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Timestamp: 2019-01-18 12:20:54+00:00

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BGH, Urteil v. 16. Juli 2003 - VIII ZR 302/02
Zentrale Probleme (s. dazu eingehend Lorenz ZGS 2003, 421 ff):
Es geht um Grundsatzfragen des Schuldrechts. Der BGH beschäftigt sich dabei nur deshalb mit dem neuen Schuldrecht, weil das Berufungsgericht fälschlicherweise bereits das neue Schuldrecht angewendet hat. Weil es dies aber auch noch falsch angewendet hatte, war die Entscheidung im Ergebnis (zufällig) richtig. Die Vorinstanz hatte aber offenbar die relevanten Fragen heillos vermengt (s. dazu bereits die Anm. zu LG Bad Kreuznach VuR 2003, 80).
Der Kläger behauptete, den bestellten Camcorder nicht erhalten zu haben und verlangte neue Lieferung. Für die Revision war davon auszugehen, dass der Camcorder auf dem Transport abhanden gekommen ist. Der BGH legt zu recht dar, dass es sich (1) um eine Gattungsschuld handelt und dass (2) der Erfüllungsort am Sitz des Verkäufers ist (§ 269 I, III BGB). Damit tritt nach § 243 II BGB mit dem Absenden der Ware Konkretisierung nach § 243 II BGB ein, d.h. die Schuld mutiert zur Stückschuld. Geht der Camcorder jetzt unter, wird der Verkäufer nach § 275 I BGB (a.F. und n.F.) frei, d.h. er muss nicht noch einmal liefern. Damit geht also die sog. Sachgefahr (gleichbedeutend: Leistungsgefahr) mit der Konkretisierung auf den Gläubiger (Käufer) über.
§ 447 BGB hat hiermit überhaupt nichts zu tun. Diese Norm regelt vielmehr die Preisgefahr (gleichbedeutend: Gegenleistungsgefahr). Es geht also um die Frage, ob, wenn die Sache auf dem Transport untergeht (und der Verk. deshalb wegen § 275 I BGB nicht noch einmal leisten muss), der Verkäufer dennoch in Abweichung von § 326 I S. 1 BGB den Kaufpreis verlangen kann (das war aber nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens - der Käufer verlangte Neulieferung!). Hier gilt seit dem 1.1.2002 im Bereich des Verbrauchsgüterkaufrechts eine Neuregelung: Nach § 474 II BGB findet u.a. § 447 BGB im Verhältnis zwischen Unternehmern und Verbrauchern keine Anwendung. Geht bei einer Schickschuld die Sache auf dem Transport unter, verliert der Verkäufer wegen der Unanwendbarkeit von § 447 BGB unter den Voraussetzungen des § 326 BGB den Gegenleistungsanspruch, die Preisgefahr geht also nicht bereits mit Versendung auf den Verbraucher über. Das ändert aber nichts am Erfüllungsort, der Konkretisierung und der Sachgefahr (s. dazu die Anm. zu LG Bad Kreuznach aaO).
S. dazu auch BGH v. 6.11.2013 - VIII ZR 353/12.
Am 6. Juni 2001 bestellte der Kläger bei der Beklagten, die in M. unter anderem einen Versandhandel mit elektronischen Geräten betreibt, per e-mail einen Camcorder DV Panasonic NV-DS 38 EG zum Preis von 1.999 DM. Der Kaufpreis wurde von der eingeschalteten Kreditbank bezahlt. Am 28. Juni 2001 übergab die Beklagte die ordnungsgemäß adressierte Sendung einem Paketdienst zum Versand an den Kläger. Der Kläger behauptet, er habe die Ka-mera bis jetzt nicht erhalten. Den im vorliegenden Rechtsstreit von der Beklagten vorgelegten Ablieferungsbeleg vom 29. Juni 2001 habe er nicht unterschrieben; bei der Unterschrift ("M. U. ") handele es sich um eine Fälschung.
I. In seiner den Anforderungen des § 540 ZPO gerade noch genügenden Entscheidung ist das Landgericht davon ausgegangen, daß es sich im vorliegenden Fall um einen Versendungskauf im Sinne des § 447 BGB handele und die Beklagte deshalb mit der Übergabe des Camcorders an den Paketdienst am 28. Juni 2001 ihren Verpflichtungen aus dem Kaufvertrag Genüge getan habe. Die Vorschrift des § 447 BGB sei auch für moderne Vertriebsformen anzuwenden, da der Gesetzgeber trotz kritischer Stimmen im Schrifttum die Reform des Kaufrechts nicht zum Anlaß genommen habe, für diese Vertriebsformen etwas anderes zu regeln.
II. Die Entscheidung des Landgerichts hält der rechtlichen Nachprüfung im Ergebnis stand.
1. Das Berufungsgericht hat die Revision gemäß § 543 Abs. 2 Ziff. 2 ZPO offensichtlich deshalb zugelassen, weil es eine Klärung der Rechtsfrage für geboten gehalten hat, ob auch nach der Reform des Kaufrechts die Bestimmung des § 447 BGB "für moderne Vertriebsformen gelten kann und soll". Diese Frage bedarf jedoch für Fälle der vorliegenden Art keiner höchstrichterlichen Klärung, da der Gesetzgeber sie durch die Einfügung des § 474 Abs. 2 BGB bereits beantwortet hat. Nach dieser Vorschrift ist die Anwendung des § 447 BGB auf Verbrauchsgüterkaufverträge - zwingend (§ 475 Abs. 1 BGB) - ausgeschlossen. Daß eine Fallgestaltung, wie sie hier gegeben ist, einen Verbrauchsgüterkauf darstellt, steht nach der gesetzlichen Definition des § 474 Abs. 1 Satz 1, 1. Halbs. BGB außer Frage. Obwohl demnach die vom Berufungsgericht formulierte Revisionszulassung ins Leere geht, ist das Revisionsgericht hieran gebunden (§ 543 Abs. 2 Satz 2 ZPO).
2. Die Begründung für die Zulassung der Revision läßt erkennen, daß das Berufungsgericht das Kaufrecht bereits in seiner neuen, am 1. Januar 2002 in Kraft getretenen Fassung anwenden wollte. Das ist zwar rechtsfehlerhaft, weil im vorliegenden Fall die Bestimmungen noch in ihrer bis zum 31. Dezember 2001 geltenden Fassung maßgeblich sind (Art. 229 § 5 Satz 1 EGBGB). Da § 447 BGB aber unverändert geblieben ist und das Landgericht die neue Ausschlußvorschrift des § 474 Abs. 2 BGB übersehen hat, bleibt der Rechtsirrtum auch insoweit ohne Folgen, als es auf die Vorschrift - vorbehaltlich der nachfolgenden Ausführungen - ankommt.
b) Leistungsort für die dem Verkäufer obliegende Verpflichtung zur Übergabe der Kaufsache an den Käufer und zur Verschaffung des Eigentums an ihr (§ 433 Abs. 1 Satz 1 BGB a.F.) ist im Zweifel der (Wohn-) Sitz des Verkäufers; allerdings gilt dies nur, wenn ein (anderer) Ort für die Leistung weder von den Beteiligten bestimmt noch aus den Umständen, insbesondere aus der Natur des Schuldverhältnisses, zu entnehmen ist (§ 269 Abs. 1 BGB). Daß die Parteien ausdrücklich oder stillschweigend einen vom Sitz der Beklagten abweichenden Erfüllungsort für die Lieferung der Kamera vereinbart haben, macht der Kläger nicht geltend und ist auch sonst nicht zu erkennen. Aus den Umständen, etwa aus der Natur des vorliegenden Kaufvertrages, ergibt sich gleichfalls nichts Derartiges. Daß es im Versandhandel typischerweise Aufgabe des Verkäufers ist, die Versendung der Kaufsache - auf eigene oder fremde Kosten - zu veranlassen, begründet für sich allein nicht die Annahme, der Empfangsort solle auch Leistungsort (Erfüllungsort) für die Lieferpflicht des Verkäufers sein (arg. § 269 Abs. 3 BGB). Es bleibt daher bei der Vermutung des § 269 Abs. 1 BGB, wonach der Sitz der Beklagten Erfüllungsort für die ihr obliegenden Verkäuferpflichten war (ebenso Bamberger/Roth/Grüneberg, § 269 Rdnr. 10, 33; Soergel/Wolf, 12. Aufl., § 269 Rdnr. 16; a.A. OLG Stuttgart, NJW-RR 1999, 1576; MünchKomm/Krüger, 4. Aufl., § 269 Rdnr. 20; Palandt/Heinrichs, 62. Aufl., § 269 Rdnr. 12).
c) Ob die Beklagte, wie sie behauptet, ihren Kunden auch die Abholung der Ware in ihren Filialgeschäften ermöglicht, kann dahinstehen (vgl. Senatsurteil vom 5. Dezember 1990 - VIII ZR 75/90, NJW 1991, 915 zur Versendung an einen anderen Ort als den Erfüllungsort). Selbst wenn sie die Ware ausschließlich im Versandhandel vertreibt, ändert dies nichts daran, daß in der Bestellung des Kunden zumindest die schlüssige Erklärung enthalten ist, die Kaufsache solle ihm an seine Wohnanschrift oder eine andere angegebene Versandadresse geliefert werden.

References: BGH 
 BGH 
 § 243
 § 243
 § 275

§ 447
 § 275
 § 326
 § 474
 § 447
 § 447
 § 326
 BGH 
 § 540
 § 447
 § 447
 § 543
 § 447
 § 474
 § 447
 § 474
 § 5
 § 447
 § 474
 § 269
 § 269
 § 269
 § 269
 § 269
 § 269