Source: http://annette-schlemm.de/hegel/hegel29.htm
Timestamp: 2018-07-23 13:32:39+00:00

Document:
"Es geht seinen dialektisch-logischen Gang..."
1. Logische "Entwicklung"
1.1. Die logische Aufeinanderfolge der Kategorien wird von Hegel in den drei Sphären der Logik unterschiedlich genannt. Im Bereich des Seins nennt er das Aufeinanderfolgen "Übergehen in Anderes", im Bereich des "Wesens" wird es "Scheinen in Anderes" und erst die Bewegung des Begriffs in der Begriffslogik ist eine "Entwicklung" (Hegel HW 8: 308, Z § 161).
1.2. Jede Negation lässt sich betrachten unter dem Blickwinkel des "Übergehen in Anderes", des "Scheinens in Anderes" und der begriffslogischen "Entwicklung".
Seinslogischer "Übergang": Der erste Zustand verschwindet, der neue entsteht Beispiel: Flüssigkeit wird zu Gas. (Verschiedenheit) Feudalismus wird durch andere Herrschaftsstrukturen gekennzeichnet als Kapitalismus.
Wesenslogische Beziehung/ Reflexion: Das Etwas und sein Anderes bleiben. Beispiel: Gasförmigkeit ist der andere Aggregatzustand, der zum Zustand der Flüssigkeit gehört. (Unterschiedlichkeit) Der Kapitalismus entstand auf Grundlage der im Feudalismus geschaffenen Grundlagen - er ist dessen Anderes.
Begriffslogische "Entwicklung": alle Daseinsformen und Momente erweisen sich als Momente der Selbstentwicklung des Begriffs. (HW 8: § 161 Z: 308 Beispiel: Es ist die "Natur" des Wassers, in unterschiedlichen (einander negierenden) Aggregatzuständen zu existieren. Es ist die Natur menschlicher Gesellschaft, in unterschiedlichen, einander negierenden konkret-historischen Formen wirklich zu sein.
(vgl. Schlemm 2008)
1.3. Die Bewegung der Kategorien in der „Wissenschaft der Logik“ begründet sich aus der übergreifenden Gesamtheit (gegenüber dieser haben alle Zwischenschritte einen Mangel, sie sind „noch nicht die Wahrheit“ und diese Differenz zum wahren Ganzen treibt das Ganze an.) Das Hegelsche System der Bewegung stellt sich deshalb dar als "Kreis von Kreisen" (Hegel HW 8: 60).
an sich -> für sich (im Begriff erfasst)
Mensch an sich vernünftig, das Baby aber noch nicht wirklich Keim der Pflanze hat den Trieb, sich zu entwickeln; im Keim ist alles "eingehüllt und ideell" enthalten (ebd.: 41)
Erwachsener ist auch wirklich vernünftig. -> "vorherbestimmtes Ende ist die Frucht" (als zweites Individuum in der Natur)
das Treibende des Fortgangs ist der Mangel, den das Endliche gegenüber seinem Begriff noch hat (vgl. HW 5: 51).
Vorgang: "das, was innerlich, an sich ist, aus sich herauszuziehen und sich gegenständlich zu werden." (HW 18: 40)
"Das Ansich regiert den Verlauf" (ebd.: 41) (Keim der Pflanze "hat den Trieb, sich zu entwickeln; er kann es nicht aushalten, nur an sich zu sein. Der Trieb setzt die Existenz heraus. " (ebd.: 41))
Hegel fasste die Philosophie als "zeitloses Begreifen" auf, das sich nicht mit der schlechten Unendlichkeit der Abfolge endlicher Dinge beschäftigt (vgl. HW 9 § 248 Z: 26).
Die "Knotenlinie von Maßen auf einer Skala des Mehr und Weniger" (HW 5: 437) behauptet kein zeitliches Nacheinander.
1.6. Alle Kritiken Hegels, die diese Kreisförmigkeit der Hegelschen Philosophie kritisieren (Schelling: "rotarischer Bewegung ... entkommen" (SW XIII: 274), Bloch: "Wunde des Panlogismus" (SO: 205)), identifizieren die logische Entwicklung fälschlicherweise mit der zeitlich-historischen Entwicklung.
1.7. Vergleiche Marx: Es wäre [...] untubar und falsch, die ökonomischen Kategorien in der Folge aufeinander folgen lassen, in der sie historisch die bestimmenden waren. Vielmehr ist ihre Reihenfolge bestimmt durch die Beziehung, die sie in der modernen bürgerlichen Gesellschaft aufeinander haben und die gerade das umgekehrte von dem ist, was als ihre naturgemäße erscheint oder der Reihe der historischen Entwicklung entspricht. (MEW 42: 41) (vgl. Schlemm 2002) 2. Zeitlich-historische Entwicklung
Wenn es um die Weltgeschichte als konkreteste Wirklichkeit des Geistes (Hegel: VLPG: 29) bzw. als "Darstellung des Geistes [...], wie er sich das Wissen dessen, was er an sich ist, erarbeitet", (ebd.: 31) geht, so geht es selbstverständlich auch um zeitliche Entwicklungen;
ebenso wie in der Geschichte der Philosophie, in welcher die menschliche Erkenntnis dem Weg der Selbsterkenntnis des absoluten Geistes folgt: "Das Verhältnis aber der früheren zu den späteren philosophischen Systemen ist im allgemeinen dasselbe wie das Verhältnis der früheren zu den späteren Stufen der logischen Idee, und zwar von der Art, daß die späteren die früheren als aufgehoben in sich enthalten." (HW 8: § 86 Z2: 184)
2.2. Obwohl es Parallelen zur logischen Entwicklung gibt (die "im allgemeinen" ebenso verläuft) ist im Fall der zeitlichen Entwicklung zu unterscheiden zwischen dieser genannten logischen Entwicklung (die der Hegelschüler Erdmann "ewige Entwicklung" nennt) und der historischen Entwicklung.
Während diese "ewige Entwicklung" mit Notwendigkeit aus dem Begriff folgt, kann der "Widerspruch, welcher die zeitliche Genesis eines Gegenstandes vermittelt, ein zufälliger wenigstens seyn" (Erdmann § 17: 9).
Das heißt: "Aeussere Umstände können einen Widerspruch dort hervorbringen, wo er in dem Gegenstande selbst gar keinen Grund hat; Verwundung eines lebendigen Organismus z.B." (ebd., Anm. 2, S. 10)
Beispiel: "Die Entstehung der Staaten hat mit ihrem Begriff nichts zu schaffen." (ebd., Anm. 3, S. 10)
Hegel selbst verweist in der "Philosophie des Rechts" dass ein "äußerliches Entstehen" nicht mit dem "Entstehen aus dem Begriff" verwechselt werden darf (HW 7: 37).
Nichtorganische Natur: "in der Natur geschieht nichts Neues unter der Sonne, und insofern führt das vielförmige Spiel ihrer Gestaltungen eine Langeweile mit sich." (HW 12: 74)
meint: es geschieht zwar vieles, aber ohne organismischen Entwicklungs-Trieb und ohne "Trieb zur Perfektibilität" (der dann im gesellschaftlichen Bereich dazu kommt)
Organische Natur:
Keim der Pflanze hat den Trieb, sich zu entwickeln; im Keim ist alles "eingehüllt und ideell" enthalten (HW 18: 41) -> "vorherbestimmtes Ende ist die Frucht" (als zweites Individuum in der Natur)
Das "Muster" für die Parallelität von Logischem und Historischem liefert Hegels "Geschichte der Philosophie" (HW 18 - HW 20).
Es geht dabei um die Geschichte des inneren Inhalts, nicht um die äußerliche Geschichte "ihres Entstehens, Verbreitens, Blühens, Verkommens, Wiederauflebens, eine Geschichte ihrer Lehrer, Beförderer, auch Bekämpfer..." (HW 18: 26)
Hier gilt: "daß die Aufeinanderfolge der Systeme der Philosophie in der Geschichte dieselbe ist als die Aufeinanderfolge in der logischen Ableitung der Begriffsbestimmungen der Idee" (ebd.: 48).
Dies ist aber keine allgemeine Methode, sondern ist für die Geschichte der Philosophie begründet mit der "besonderen Natur ihres Gegenstandes" (ebd.: 25). Hier gilt nun:
Das Historische zeigt "die unterschiedenen Stufen und Entwicklungsmomente in der Zeit, in der Weise des Geschehens, an diesen besonderen Orten, unter diesem und jenem Volke, unter diesen politischen Umständen [...] - kurz, unter dieser empirischen Form..." (ebd.: 48)
Das Logische stellt "die gedachte, erkannte Notwendigkeit der Bestimmungen" (ebd.) dar.
Die Identität von Logischem und Historischem setzt also die Entkleidung des Historischen von ihren nicht dem Begriff entsprechenden Äußerlichkeiten voraus. Das ist natürlich nur möglich, wenn wir "die Erkenntnis der Idee schon mitbringen" (ebd.: 49).
Vgl. Marx: "Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen" (MEW 42: 39).
Erste Differenz zur Organismengeschichte: Das "vorherbestimmte Ende" wird nicht in einem zweiten Individuum erreicht, sondern im selben Geist.
Zweite Differenz zur Organismengeschichte: Im Bewusstsein und im Willen spielen sich Widersprüche ab, welche die Entwicklung im Geistigen zu einem "harten und unendlichen Kampf gegen sich selbst" (HW 12: 76) machen, wobei "harte unwillige Arbeit gegen sich selbst" erforderlich ist.
2.6. Die Hauptvoraussetzung der Hegelschen Geschichtsphilosophie ist, "dass Vernunft in der Geschichte sei" (HW 10: 352; vgl. HW 12: 23).
"Der einzige Gedanke, den die Philosophie mitbringt, ist aber der einfache Gedanke der Vernunft, daß die Vernunft die Welt beherrsche, daß es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei." (HW 12: 20)
"Es hat sich also erst aus der Betrachtung der Weltgeschichte selbst zu ergeben, daß es vernünftig in ihr zugegangen sei, daß sie der vernünftige, notwendige Gang des Weltgeistes gewesen, des Geistes, dessen Natur zwar immer eine und dieselbe ist, der aber in dem Weltdasein diese seine eine Natur expliziert. Dies muß, wie gesagt, das Ergebnis der Geschichte sein. Die Geschichte aber haben wir zu nehmen, wie sie ist; wir haben historisch, empirisch zu verfahren." (HW 12: 22)
2.7. Zur Methode der "Philosophie der Geschichte"
das bedeutet explizit nicht, dass "ein Grundsatz, eine Wahrheit nur abstrakt festgehalten" werden darf (HW 12: 24)
nötig ist eine "Vereinigung des Konkreten mit dem Allgemeinen", die konkreten geschichtlichen Wege erkennen und auf das allgemeine Prinzip beziehen (ebd.: 26)
2.8. Hegel unterscheidet für die Weltgeschichte A) den Fortgang entsprechend eines leitenden Prinzips und B) zufällige Geschehnisse; Marx "geschichtliche" und "naturwüchsige" Bedingungen.
2.8.B) Geschichtsperioden, in denen aller Gewinn vernichtet wurde und wieder von vorne angefangen werden musste (ebd.: 76), sind für Hegel nur "äußerliche Zufälligkeiten". Auch Marx unterscheidet zwischen „naturwüchsigen“ und „geschichtlichen“ Momenten. Jene Momente, die der durch das Wesen bestimmten „inneren Logik“ entsprechen, nennt er „geschichtliche“; ihnen gehen die „naturwüchsigen“ voraus:
"Der Zweck der Philosophie ist [...], die Gleichgültigkeit zu verbannen und die Notwendigkeit der Dinge zu erkennen, so daß das Andere als seinem Anderen gegenüberstehend erscheint" (Hegel HW 8: § 119 Z1: 246).
"Aber das Beschränkte kann durch seine eigene Wahrheit, die in ihm liegt, angegriffen und mit dieser in Widerspruch gebracht werden; es gründet seine Herrschaft nicht auf Gewalt Besonderer gegen Besondere, sondern auf Allgemeinheit; diese Wahrheit, das Recht, die es sich vindiziert, muß ihm genommen und demjenigen Teile des Lebens, das gefordert wird, gegeben werden." (Hegel 1799/1800, Fragment "Der immer sich vergrößernde Widerspruch..." (in Kimmerle 1990: 274-277)
Schlemm, Annette (2008): Dass nichts bleibt, wie es ist...(III). Dialektik der Entwicklung. In Internet: http://www.thur.de/philo/hegel/hegelvortrag2.htm
Schlemm, Annette (2010): Zeittheorie bei Schelling und Bloch V. Kleiner Exkurs zu Schellings Kritik an Hegel, In Internet: http://philosophenstuebchen.wordpress.com/2010/05/17/zeittheorie-bei-schelling-und-bloch-v/
Zu einer Darstellung dieser Zusammenhänge (pdf)
- Diese Seite ist Bestandteil von "Annettes Philosophenstübchen" 2010 - http://www.thur.de/philo/hegel/hegel29.htm -

References: § 161
 § 161
 § 248
 § 86
 § 17
 § 119