Source: http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&zoom=&type=show_document&highlight_docid=aza%3A%2F%2F18-03-2014-8C_747-2013
Timestamp: 2016-10-23 22:12:31+00:00

Document:
8C_747/2013 (18.03.2014)
8C_747/2013 � � Urteil vom 18. M�rz 2014
Der 1962 geborene B.________ war Sachbearbeiter bei der Firma B.________ Treuhand AG und bei der Schweiz, Allgemeine Versicherungs-Aktien-Gesellschaft, heute Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft AG (nachfolgend Allianz), obligatorisch unfallversichert. Am 31. Mai 1991 erlitt er bei einem Motorradunfall ein Polytrauma, das gleichentags eine Amputation des linken Oberschenkels erforderte; seither tr�gt er eine Beinprothese. Die Allianz erbrachte Heilbehandlung und Taggeld. Ab 15. Juni 1992 arbeitete der Versicherte wieder zu 50 %. Am 5. Februar 1993 wurde die als Folge des obigen Unfalls eingesetzte Kondylenplatte am rechten Femur entfernt; am 23. M�rz 1993 erfolgte wegen einer Refraktur eine Kondylenplatten-Reosteosynthese rechts. Danach wurde der Versicherte von der Invalidenversicherung zum technischen Kaufmann mit Diplom und Treuh�nder (ohne Abschluss) umgeschult. Seit 1. August 1999 arbeitete er zu 80 %. Mit unangefochten in Rechtskraft erwachsener Verf�gung vom 11. M�rz 2003 sprach ihm die Allianz ab 1. August 1999 eine Invalidenrente bei einem Invalidit�tsgrad von 20 % zu.
Im M�rz 2003 traten bei ihm lumbale R�ckenbeschwerden auf. Mit Verf�gung vom 20. Oktober 2005 verneinte die Allianz eine Leistungspflicht f�r die Folgen der plurifokalen H�mangiome und Wirbelk�rperinfraktionen. Die Einsprache des Versicherten wies sie mit Entscheid vom 4. Juli 2006 ab. Das Versicherungsgericht des Kantons Aargau wies die Sache zu weiteren Abkl�rungen im Sinne der Erw�gungen und anschliessender Neuverf�gung an die Allianz zur�ck (Entscheid vom 19. Dezember 2007). Diese zog ein Gutachten des Prof. Dr. med. O.________, FMH Orthop�dische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, Uniklinik A.________, vom 30. November 2009 bei. Mit Verf�gung vom 12. August 2010 verneinte sie die Leistungspflicht f�r die R�ckenbeschwerden; f�r die Einschr�nkungen im linken Oberarm und in der linken Hand bestehe Anspruch auf eine zus�tzliche Integrit�tsentsch�digung bei einer 15%igen Integrit�tseinbusse. Daran hielt sie mit Einspracheentscheid vom 10. November 2010 fest. Die Vorinstanz hob diesen Entscheid auf und wies die Allianz an, dem Versicherten die gesetzlichen Leistungen gem�ss UVG zu entrichten (Entscheid vom 15. Dezember 2011). Die Beschwerde der Allianz hiess das Bundesgericht teilweise gut. Es hob den Entscheid auf und wies die Sache an die Vorinstanz zur�ck, damit sie, nach erfolgter Abkl�rung im Sinne der Erw�gungen, �ber die Beschwerde gegen den Einspracheentscheid neu entscheide; im �brigen wies es die Beschwerde ab (Urteil 8C_117/2012 vom 20. September 2012).
Die Vorinstanz stellte Prof. Dr. med. O.________ Erg�nzungsfragen, welche dieser mit Eingabe vom 14. Mai 2013 beantwortete. Hierzu nahmen die Allianz am 30. Mai 2013 und der Versicherte am 5. Juni 2013 Stellung. Mit Eingabe vom 11. Juni 2013 machte die Allianz geltend, die aufgeworfenen Fragen des Bundesgerichts harrten nach wie vor der rechtsgen�glichen Antworten, weshalb die weiteren Verfahrensschritte zu bewirken seien. Mit Verf�gung vom 24. Juni 2013 stellte die Vorinstanz Prof. Dr. med. O.________ weitere Zusatzfragen, welche dieser mit Schreiben vom 25. Juli 203 beantwortete. Dieses wurde den Parteien am 26. Juli 2013 zur Kenntnisnahme zugestellt. Mit Entscheid vom 26. September 2013 hiess die Vorinstanz die Beschwerde gut; sie hob den Einspracheentscheid auf und wies die Allianz an, dem Versicherten die ihm im Sinne der Erw�gungen zustehenden gesetzlichen Leistungen gem�ss UVG zu entrichten.
Der Versicherte schliesst auf Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. Das Bundesamt f�r Gesundheit verzichtet auf eine Vernehmlassung.
Gr�nde f�r ein Nichteintreten auf die Beschwerde sind - entgegen dem pauschalen Vorbringen des Versicherten - nicht ersichtlich.
Mit der Beschwerde kann eine Rechtsverletzung nach Art. 95 f. BGG ger�gt werden. Das Bundesgericht wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 106 Abs. 1 BGG). Dennoch pr�ft es - offensichtliche Fehler vorbehalten - nur die in seinem Verfahren beanstandeten Rechtsm�ngel (Art. 42 Abs. 1 und 2 BGG; BGE 135 II 384 E. 2.2.1 S. 389).
3.1.�Die Vorinstanz hat die Grundlagen �ber den f�r die Leistungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers erforderlichen nat�rlichen und ad�quaten Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und dem Gesundheitsschaden (BGE 134 V 109 E. 2.1 S. 111 f.), den R�ckfall und die Sp�tfolgen als besondere revisionsrechtliche Leistungstatbest�nde (Art. 11 UVV; BGE 118 V 293 E. 2c S. 296 f.; SVR 2009 UV Nr. 62 S. 217 E. 3.4 [8C_91/2009], 2005 MV Nr. 1 S. 1 E. 1.2 [M 1/02]), den Untersuchungsgrundsatz und die freie Beweisw�rdigung (Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG), den Beweisgrad der �berwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 138 V 218 E. 6 S. 221) und den Beweiswert von Arztberichten (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232). richtig dargelegt. Darauf wird verwiesen.
3.2.�Unfallbedingte Fehlbelastungen (wegen Fuss- und Beinverletzungen, Beinl�ngenverk�rzung usw.) k�nnen im Sinne indirekter Unfallfolgen zu R�ckenbeschwerden f�hren. Es liegt in der Natur solcher Fehlbelastungsbeschwerden, dass sie erst einige Zeit nach dem Unfall auftreten und nicht direkt traumatisch bedingt sind (RKUV 2003 Nr. U 487 S. 337 E. 5.2.2 [U 38/01]). Ursachen im Sinne des nat�rlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umst�nde, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in gleicher Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Es gen�gt sodann, wenn der Unfall �berwiegend wahrscheinlich zumindest eine indirekte Teilursache der gesundheitlichen Beschwerden ist (BGE 134 V 109 E. 9.5 S. 125 f.). An den Wahrscheinlichkeitsbeweis sind umso strengere Anforderungen zu stellen, je gr�sser der zeitliche Abstand zwischen Unfall und R�ckfall/Sp�tfolge ist (SVR 2010 UV Nr. 31 S. 125 E. 6 [8C_816/2009], 2005 MV Nr. 1 S. 1 E. 1.2; Urteil 8C_117/2012 E. 6.1). Die Beweislast f�r das Vorliegen eines nat�rlichen Kausalzusammenhanges zwischen dem neuen Beschwerdebild und dem Unfall obliegt dabei der versicherten Person (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 E. 3b).
3.3.�Das Bundesgericht verwendet zur Konkretisierung des Beweismasses grunds�tzlich keine Prozentwerte. Nach dem Beweismass der �berwiegenden Wahrscheinlichkeit ist ein bestimmter Sachverhalt nicht bereits dann bewiesen, wenn er bloss m�glich ist. Hingegen gen�gt es, wenn das Gericht aufgrund der W�rdigung aller relevanten Sachumst�nde, mithin nach objektiven Gesichtspunkten, zur �berzeugung gelangt, dass er der wahrscheinlichste aller in Betracht fallenden Geschehensabl�ufe - bei zwei m�glichen Sachverhaltsvarianten: die wahrscheinlichere - ist und zudem begr�ndeterweise angenommen werden darf, dass weitere Beweismassnahmen an diesem feststehenden Ergebnis nichts mehr �ndern (SVR 2012 BVG Nr. 22 S. 89 E. 5.1 [9C_541/2011]; Urteil 8C_117/2012 E. 5).
4.1.�Streitig und zu pr�fen ist, ob die vom Versicherten seit M�rz 2003 geklagten R�ckenbeschwerden in einem nat�rlichen und ad�quaten Kausalzusammenhang mit dem Unfall vom 31. Mai 1991 stehen. Im Urteil 8C_117/2012 wies dass Bundesgericht die Vorinstanz an, einen erg�nzenden Bericht des Prof. Dr. med. O.________ einzuholen und erforderlichenfalls eine weitere medizinische Begutachtung anzuordnen.
4.2.�Die Vorinstanz erwog im Wesentlichen, in der Beantwortung der Erg�nzungsfragen vom 14. Mai 2013 habe Prof. Dr. med. O.________ einerseits auf S. 18 angegeben, es m�sse in Abw�gung von zwei Wahrscheinlichkeiten klar davon ausgegangen werden, dass die beklagten R�ckenbeschwerden mit deutlich gr�sserer Wahrscheinlichkeit indirekte (teilurs�chliche) Unfallfolgen seien als nicht. Auf S. 20 sei er davon ausgegangen, die zwischenzeitlich zunehmende Coxarthrose links sei nicht an den R�ckenbeschwerden beteiligt. Weiter habe er dargelegt, aufgrund der anamnestischen Angaben des Versicherten und der radiologischen Untersuchungen k�nne ein nat�rlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und den R�ckenbeschwerden �berwiegend wahrscheinlich ausgeschlossen werden. Auf die gerichtliche Frage, wie sich diese Angaben auf S. 18 und S. 20 zueinander verhielten, habe Prof. Dr. med. O.________ am 25. Juli 2013 Folgendes geantwortet: 1. Die transfemorale Amputation habe zu den heute geklagten R�ckenbeschwerden gef�hrt (indirekte Unfallfolge); 2. Die Coxarthrosen seien an den R�ckenbeschwerden nicht beteiligt; es bestehe kein Widerspruch zwischen den Angaben auf S. 18 und S. 20. Weiter habe er den Schluss gezogen, es bestehe eine nat�rliche Kausalit�tskette zwischen dem Unfall vom 31. Mai 1991, der daraus resultierenden traumatischen Femuramputation und den (sekund�ren) R�ckenbeschwerden. Schliesslich habe er die gerichtliche Frage, ob im konkreten Fall ein nat�rlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 31. Mai 1991 und den seit dem Jahr 2003 aufgetretenen R�ckenbeschwerden bestehe, mit "Ja" beantwortet. Weiter sei hervorzuheben, dass Prof. Dr. med. O.________ im Bericht vom 14. Mai 2013 auf Studien hingewiesen habe, aus denen eine Latenzzeit von mehr als 17 Jahren hervorgehe. Zusammenfassend sei aufgrund seiner voll beweiskr�ftigen Ausf�hrungen darauf zu schliessen, dass der Unfall vom 31. Mai 1991 �berwiegend wahrscheinlich eine (sekund�re) Teilursache f�r die beim Versicherten bestehenden R�ckenschmerzen darstelle, weshalb die nat�rliche Unfallkausalit�t zu bejahen sei.
Diesem vorinstanzlichen Ergebnis ist beizupflichten. Festzuhalten ist insbesondere Folgendes:
5.1.�Im Hinblick auf die Beantwortung der vorinstanzlichen Erg�nzungsfragen veranlasste Prof. Dr. med. O.________ weitere radiologische Abkl�rungen der LWS, BWS, der H�ften sowie des Beckens und untersuchte den Versicherten erneut klinisch. Zudem nahm er eine ausf�hrlichere Analyse der medizinischen Literatur zur Frage der Pr�valenz von R�ckenschmerzen bei am Oberschenkel amputierten Personen vor. Zur externen Validierung und Absch�tzung der praktisch-klinischen Relevanz befragte er zus�tzlich KD Dr. E.________ und Prof. em. Dr. R.________, Technische Orthop�die, Uniklinik A.________ (Delphi-Methode). Prof. Dr. med. O.________ f�hrte aus, diese Institution sei im deutschsprachigen Raum mitf�hrend und verf�ge �ber eine enorm grosse Erfahrung mit diesen klinischen Problemen. Beide Kollegen h�tten unabh�ngig voneinander best�tigt, das R�ckenbeschwerden bei amputierten Patienten (insbesondere bei Oberschenkelamputation) ein h�ufiges und klinisch relevantes Problem seien (pers�nliche Mitteilungen). Aufgrund der Datenlage und der praktisch-klinischen Erfahrung gelte der Zusammenhang zwischen R�ckenschmerzen und Amputationen an den unteren Extremit�ten insbesondere bei transfemoralen Amputationen als gesichert. Gest�tzt auf diese zus�tzlichen Abkl�rungen bejahte Prof. Dr. med. O.________ die Frage, ob im konkreten Fall des Versicherten ein nat�rlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 31. Mai 1991 und den seit dem Jahr 2003 aufgetretenen R�ckenbeschwerden bestehe, wobei er von einer indirekten Teilursache (nicht n�her quantifizierbar) ausging. In diesem Lichte ist der Vorinstanz beizupflichten, dass die Einsch�tzung des Prof. Dr. med. O.________ die Anforderungen an eine rechtsgen�gliche medizinische Beurteilungsgrundlage erf�llt (vgl. E. 3.1 hievor).
5.2.�Die Allianz erhebt keine R�gen, welche die Sachverhaltsfeststellungen der Vorinstanz zur Unfallkausalit�t der R�ckenbeschwerden als unrichtig oder unvollst�ndig (Art. 97 Abs. 2 BGG) oder den angefochtenen Entscheid als rechtsfehlerhaft nach Art. 95 BGG erscheinen lassen.
Unbehelflich ist das Vorbringen der Allianz, Prof. Dr. med. O.________ habe in der Erg�nzungsexpertise vom 14. Mai 2013 ausgef�hrt, der Beginn der R�ckenschmerzen im Jahr 2003 sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die frische (n) Kompressionsfrakturen bei (vorbestehenden) H�mangiomen zur�ckzuf�hren. Denn dieser Umstand schliesst die von ihm gleichzeitig bejahte Teilurs�chlichkeit des Unfalls vom 31. Mai 1991 mit nachfolgender Oberschenkelamputation nicht aus (vgl. E. 3.2 hievor).
Weiter macht die Allianz geltend, Prof. Dr. med. O.________ habe ausgef�hrt, aufgrund der Datenlage und der praktisch-klinischen Erfahrung gelte der Zusammenhang zwischen R�ckenschmerzen und Amputationen an den unteren Extremit�ten insbesondere bei transfemoralen Amputationen als gesichert; indessen habe er selber relativiert, in der klinischen Medizin liessen sich solche Aussagen (fast ausnahmslos) nur f�r ein Kollektiv, nicht aber f�r den Einzelfall treffen. Dem ist entgegenzuhalten, dass die Einsch�tzung des Prof. Dr. med. O.________ nicht nur hierauf, sondern auch auf eingehenden Untersuchungen des Versicherten basiert.
Die unterliegende Allianz tr�gt die Verfahrenskosten (Art. 66 Abs. 1, Art. 68 Abs. 2 BGG).

References: Art. 95
 BGE 
 BGE 
 Art. 61
 Art. 95
 Art. 68