Source: http://jataka.nibbanam.com/Band_III/j423.htm
Timestamp: 2019-05-25 02:08:44+00:00

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423. Die Erzählung von den Sinnen (Indriya-Jataka)
Wenn er nun seinen Teil erhalten, ging er damit zu seiner früheren Frau. Diese nahm ihm die Almosenschale ab, begrüßte ihn erfurchtsvoll, nahm von seiner Schale die Speise weg und gab ihm gut zubereiteten sauren Schleim, Reisbrei, Suppe und Sauce. Von Lust nach Wohlgeschmack gefesselt konnte der Alte seine frühere Frau nicht aufgeben.
Da kam der Alte und trat in die Türe. Als ihn ein anderer Alter sah, sagte er ihr: „Edle, ein Thera steht an der Türe.“ „Begrüße ihn und lasse ihn ein andermal kommen“, erwiderte die Frau. Obwohl aber jener immer wieder sagte: „Kommet ein andermal, Herr“, sah er, dass der Alte nicht fortging, und er meldete der Frau: „Edle, der Thera geht nicht.“ Da kam sie herbei, hob den Vorhang in die Höhe und schaute hinaus. Sie rief: „Holla, das ist der Vater meiner Kinder“, ging hinaus, begrüßte ihn, nahm ihm die Almosenschale ab und ließ ihn ins Haus eintreten. Hier setzte sie ihm ein Mahl vor und sprach zu ihm ehrfurchtsvoll am Ende der Mahlzeit: „Herr, Ihr erreicht noch hier auf Erden die Heiligkeit. Wir sind die ganze Zeit über in kein andres Haus gegangen; in einem Hause aber, das keinen Herrn hat, kann man auf die Dauer nicht wohnen. Wir wählen jetzt ein anderes Haus; wir wollen weit auf das Land hinaus gehen. Strebet ohne Unterlass; wenn ich eine Schuld habe, so verzeiht sie mir.“
§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva durch dessen Hauspriester im Schoße von dessen Gattin seine Wiedergeburt. Am Tage seiner Geburt erglänzten in der ganzen Stadt die Waffen; daher gab man ihm den Namen „Jung-Jotipala“ [0a] (= „Glanzbewahrer“). Als er herangewachsen war und zu Takkasila alle Künste erlernt hatte, zeigte er dem Könige seine Kunst. Doch gab er seine angesehene Stellung auf, verließ, ohne jemand etwas davon wissen zu lassen, durch das Haupttor die Stadt und zog in den Wald. Hier betätigte er in der ihm vom Gott Sakka gegebenen Kavitthaka-Einsiedelei [0b] die Weltflucht der Weisen und erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse.
Während er dort weilte, scharten sich um ihn viele hundert Asketen. Es war eine große Versammlung; hundert Anführer der Schüler waren da. Von ihnen verließ ein Weiser namens Salissara die Einsiedelei Kavitthaka und wohnte im Lande Serattha an einem Flusse namens Satodika, umgeben von vielen tausend Asketen. Ein Weiser namens Mendissara wohnte im Reiche des Königs Pajaka bei einem Dorfe namens Lambaculaka, auch umgeben von vielen tausend Asketen. Der weise Pabbata wohnte in der Nähe von einer Waldgegend, umgeben von vielen tausend Asketen. Der weise Kaladevala wohnte im Avanti-Südlande [1] bei einem schattigen Berge, umgeben von vielen tausend Asketen. Der weise Kisavaccha wohnte allein bei der Stadt Kumbhavati, die dem König Dandaka gehörte, in einem Parke. Der Asket Anusista aber war der Aufwärter des Bodhisattva und blieb bei ihm wohnen.
Der Asket Narada aber, der jüngere Bruder des Kaladevala, wohnte allein im Mittellande im Aranjara-Gebirge in einer Bergkette in einer Steinhöhle. Unweit von dem Aranjara-Gebirge aber befand sich ein dicht bevölkerter Flecken. Dazwischen war ein großer Fluss, in diesen Fluss stiegen viele Menschen hinab, um zu baden; auch Dirnen von höchster Schönheit setzten sich an das Ufer dieses Flusses, um die Männer zu verlocken.
Als der Asket Narada eine von ihnen sah, verliebte er sich in sie; er verlor die Fähigkeit zur Ekstase und lag, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, ganz ausgetrocknet von seiner Leidenschaft auf seinem Lager. Als aber sein Bruder Kaladevala [2] im Geiste Umschau hielt, merkte er diese Begebenheit; er kam durch die Luft herbei und ging in die Höhle hinein. Als Narada ihn sah, fragte er: „Warum bist du gekommen, Herr?“ „Der Herr ist krank; darum bin ich gekommen, um den Herrn zu pflegen.“ Aber Narada erwiderte: „Etwas Unwahres sagst du, Herr, etwas Erlogenes und Falsches sagst du“; und er tadelte ihn wegen der Unwahrheit. Kaladevala aber dachte: „Man darf ihn nicht aufgeben“, und er brachte den Salissara, den Mendissara und den Pabbatissara herbei. Der andere aber wies auch sie zurück, weil sie die Unwahrheit gesagt hätten.
Jetzt dachte Kaladevala: „Ich will den Meister Sarabhanga herbeiholen“; er begab sich durch die Luft zu ihm hin und brachte ihn herbei. Als dieser kam und den Narada sah, merkte er, dass jener in die Gewalt der Sinne geraten sei, und fragte: „Bist du etwa in die Gewalt der Sinnlichkeit gekommen, Narada?“ Als der andere diese Worte hörte, erhob er sich, bezeigte ihm seine Ehrfurcht und sagte: „Ja, Meister.“ Da sprach dieser: „Narada, diejenigen, welche in die Gewalt der Sinnlichkeit kommen, verzehren sich in diesem Leben und stürzen dadurch ins Unglück; in ihrer nächsten Existenz aber werden sie in der Hölle wiedergeboren.“ Nach diesen Worten sprach er folgende erste Strophe:
§1. „Wer sich in die Gewalt der Sinne
durch Lust begibt, o Narada,
der geht verlustig der zwei Welten [3]
und er verdorrt noch hier im Leben.“
Als dies Narada hörte, fragte er: „Meister, den Lüsten nachgeben zu können, ist doch schön; aus welcher Erwägung bezeichnest du ein solches Glück als Unglück?“ Sarabhanga versetzte: „Höre also“, und sprach folgende zweite Strophe:
§2. „Dem Glück der Lust folgt gleich das Leid,
auf Leid jedoch folgt gleich das Glück;
du, der durch Glück zu Leid du kamst,
begehre dir das wahre Glück!“
Narada erwiderte: „Dieses Leid, Meister, ist schwer zu ertragen; ich kann es nicht aushalten.“ Doch der Bodhisattva versetzte: „Das Leid, Narada, das uns trifft, müssen wir auch aushalten“, und er sprach folgende dritte Strophe:
§3. „Wer Leid erträgt zur Zeit des Leids
und sich vom Leid nicht lässt beherrschen,
erreicht, wenn dann das Leid zu Ende,
durch seine Weisheit wahres Glück.“
Doch Narada erwiderte: „O Meister, das Glück der Sinne ist das höchste Glück; ich kann davon nicht ablassen.“ Darauf antwortete ihm der Bodhisattva: „Die Tugend darf man aus keiner Veranlassung zerstören“, und er sprach folgende vierte Strophe:
§4. „Nicht durch die Lust nach Sinnlichkeit,
nicht durch des Schlechten Unterstützung,
nicht durch Preisgabe des Erreichten
darfst du die Heiligkeit zerstören.“
Nachdem so Sarabhariga mit diesen vier Strophen die Wahrheit erklärt hatte, sprach Kaladevala, um seinen jüngeren Bruder zu ermahnen, folgende fünfte Strophe:
§5. „Gut sind der Hausbewohner Sorgen,
gut ist 's, wenn sie ihr Gut verteilen;
sie freuen sich nicht beim Gewinn
In Erinnerung an die Ermahnung des Narada durch Devala aber sprach der Meister, der völlig Erleuchtete, folgende sechste Strophe:
§6. So sprach der schwarze Devala [4a] [5]
mit solchen Worten weise Lehren;
doch gibt 's nichts Schlimmeres, als wenn
man fällt in die Gewalt der Sinne.
Darauf sagte Sarabhanga zu ihm: „Narada, höre jetzt folgendes. Denn wer das nicht tut, was er zuerst tun müsste, der kommt in Leid und Trauer wie der junge Brahmane, der in den Wald gegangen war.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit [6]:
§B2. Ehedem lebte in einem Flecken im Reiche Kasi ein junger Brahmane; der war sehr schön und war mit Stärke und Kraft ausgerüstet wie ein Elefant. Dieser dachte bei sich: „Was soll ich durch Ackerbau und ähnliche Arbeiten meine Eltern unterhalten, was soll ich mit Frau und Kindern, was soll ich Almosen geben und andere gute Werke tun? Ich will niemand mehr ernähren, kein gutes Werk mehr tun, sondern ich will in den Wald gehen, das Wild töten und mich allein ernähren.“ Mit fünffachen Waffen [7] versehen zog er nach dem Himalaya und tötete und verzehrte dort mannigfache wilde Tiere. Im Himalaya kam er am Ufer des Flusses Vidhava an ein großes Bergtal, das von Bergen rings umgeben war; dort tötete er das Wild, briet das Fleisch auf Kohlen und verzehrte es. So lebte er dort.
§8. „Als sei ich in der Hand der Feinde,
so schlecht ergeht es, Siva, mir.
Arbeit, Geschicklichkeit und Wissen,
die Ehe und der Tugend Milde,
all diese Güter gab ich auf
und büße nun für meine Taten.
§9. Wie einer, der tausend verloren,
beraubt der Freunde, ohne Zuflucht
§10. Durch Lust, die sich in Leid verwandelt,
gelangte ich in diesen Zustand
§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener unzufriedene Mönch zur Frucht der Bekehrung): „Damals war Narada der unzufriedene Mönch, Salissara war Sāriputta, Mendissara war Kassapa, Pabbata war Anuruddha, Kaladevala war Kaccana, Anusissa war Ananda, Kisavaccha war Mogallana, Sarabhanga aber war ich.“
[0a] Auf Pali: „Jotipalakumara“.
[0b] Auf Pali: „Kavitthakaassama“.
[2] Dieselben zwei Namen „Kaladevala“ und „Asita“, die beide „schwarz“ bedeuten, führt auch der Seher Asita, der im Leben des jungen Buddha eine Rolle spielt.
[4a] Auf Pali: „Asita Devala“.
[6] Da diese folgende Erzählung nicht zur Vorgeschichte gehört, sondern einen Teil des eigentlichen Jataka bildet, habe ich im Gegensatz zu Fausböll die Typen der Haupterzählung beibehalten.
[7] Bogen, Pfeile, Schwert, Speer und Keule; vgl. Jataka 55.

References: §1

§2

§3

§4

§5

§6

§8

§9

§10