Source: http://www.kuselit.de/rezension/15439/
Timestamp: 2018-04-23 11:46:58+00:00

Document:
Horst Hilpert - Das Fußballstrafrecht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)
978-3-89949-559-1
LL.M. Sascha Kische, wiss. Mitarbeiter Univ., Osnabrück
Kommentar zur Rechts- und Verfahrensordnung des Deutschen Fußball-Bundes (RuVO) nebst Erläuterungen von weiteren Rechtsbereichen des DFB, der FIFA und der UEFA, der Landesverbände
Berlin 2009. ISBN 978-3-89949-559-1
Hilperts Kommentierung der Rechts-und Verfahrensordnung (RuVO) des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und weiterer ausgewählter Rechtstexte schließt eine Lücke in der strafrechtlichen Literatur.
Schon im Vorwort macht Hilpert klar, dass Millionen Menschen in Deutschland meinten, „sie wüssten, wie die von ihnen am Fernsehen miterlebten Fußballvergehen gerecht abzuurteilen sind“ (Seite V). Dies ist wahrlich nicht weiter verwunderlich im Lande des 3-maligen Europa- und Weltmeisters sowie jüngst Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Nicht nur der mit Fußballstrafsachen befasste, sondern jeder fußballbegeisterte Jurist wird Hilpert danken, dass er die wichtigsten und wesentlichen Regelungen und ihre Zusammenhänge in einem Buch zusammengestellt und leserfreundlich aufbereitet hat. Von großem Vorteil erweist sich die Kommentierung insbesondere in Verfahrensfragen, die ansonsten weniger in den Medien zur Sprache kommen und stets formal-juristisch angeboten. Die Materie „Fußballstrafrecht“ ist zu Recht in erster Linie „Strafrecht“, in diesem Bereich gilt bekanntlich und unumstritten die Unschuldsvermutung. Insoweit dürfte recht schnell klar sein, dass dem Verfahrensrecht eine zumindest gleich bedeutende Rolle wie den materiell-rechtlichen Fragen zukommt.
Im Mittelpunkt der Kommentierung steht - wie bereits einleitend erwähnt - die RuVO des DFB. Hilpert stellt in seinem Teil I zunächst die „Rechtsprechung in Fußballsachen“ dar, wobei die Ausführungen zu den Grundregeln („Bekenntnis auf die vier Grundwerte Integrität, Loyalität, Solidarität und Fairness“, vgl. § 1 Rn. 1) den größten Platz einnehmen. Insbesondere ist zu erfahren, dass die RuVO vordergründig Strafzwecke verfolgt; sie dient dazu, „den Regeln durch die Sportrechtsprechung mit ihren Entscheidungen zum Durchbruch zu verhelfen, die Strafe im Einzelfall gerecht festzulegen und dabei auch dem Gesichtspunkt der General- und Spezialprävention Rechnung zu tragen“ (§ 1 Rn. 7). Bei genauem Lesen der Kommentierung wird dem Leser recht schnell deutlich, dass Hilpert in erster Linie den Sportbereich vertritt und diesbezüglich keine vollumfänglichen Einzelnachweise von strafgerichtlicher Rechtsprechung und strafrechtswissenschaftlichem Schrifttum liefert. Dies zeigt sich vorrangig bei dem als „ Fall Hoyzer" bekannt gewordenen Urteil des Bundesgerichtshofes vom 15. Dezember 2006 (vgl. § 1 Rn. 9 ff.). Hierin liegt - soweit man es aus strafrechtlicher Perspektive sieht - ein kleiner „Schwachpunkt“. Aus Sicht des Rezensenten wäre hilfreich, wenn eine selbsternannte Kommentierung des „Fußballstrafrechts“ die Diskussionen über das Verständnis der Tatbestandsmerkmale des Betrugsparagraphen gem. § 263 StGB (wenigstens in Teilaspekten) mit aufnimmt und Stellung bezieht.
Einen breiten Raum nehmen sodann die Ausführungen zur Strafgewalt des DFB und den einzelnen Strafarten ein, die in § 44 der Satzung des DFB statuiert sind und von Hilpert unter § 5 Rn. 53 ff. kommentiert werden (- schade ist nur, dass dieser elementar wichtige Bereich nicht schon direkt aus dem Inhaltsverzeichnis hervorgeht -). Informativ werden die Regularien und detailliert die 13 verschiedenen Strafarten erläutert, wobei Hilpert in anschaulicher Weise sowohl Parallelen als auch Unterschiede zum staatlichen Strafrecht aufzeigt und sich überdies mit Schwächen der Sportgerichtsbarkeit auseinandersetzt, bspw. bei der Strafzumessung (vgl. Seite 38) oder der Frage der „Doppelbestrafung“ durch staatliche Gerichte einerseits und Sportgerichte andererseits (vgl. Seite 46).
Das materielle Fußballstrafrecht wird von Hilpert anschließend im Teil II umfassend dargestellt. In den Vorbemerkungen erläutert Hilpert einzelne allgemeine materiell-strafrechtliche Grundsätze und geht auf ihre (Nicht-)Berücksichtigung in fußballstrafrechtsrelevanten Sachverhalten durch die Kontrollinstanzen der FIFA und des DFB näher ein. In der darauffolgenden Darstellung des Besonderen Teils des Strafrechts stehen ersichtlich die Vergehen des Dopings (§ 6), der Spielmanipulation (§ 6a) und der Strafen gegen Spieler in einzelnen Fällen (§ 8) im Vordergrund. Zum besseren Verständnis trägt in jedem Falle bei, dass Hilpert seine Kommentierung gelegentlich mit anschaulichen Originalfällen untermauert, die in der Fußball(-rechts-)geschichte unvergessen bleiben dürften.
Für den Strafjuristen nicht minder interessant sind die Bestimmungen des Verfahrensrechts des DFB (Teil III), die ebenso in der RuVO normiert sind. Unter maßgeblicher Berücksichtigung der Rechtsgedanken aus Art. 6 MRK werden die einzelnen Verfahrensvorschriften inhaltlich interpretiert und wiederum mit Originalfällen veranschaulicht. Besonderes Augenmerk wird auf Beweisgrundsätze und Reaktionsmöglichkeiten des (Sport-)Richters gerichtet und zudem mit eigenen Argumenten unterstützt. Von enormer rechtlicher Bedeutung sind aber nicht nur die erstinstanzlichen Verfahrensgrundsätze, sondern darüber hinaus auch die Berufung gegen sportgerichtliche Entscheidungen und weitere Rechtsbehelfe, namentlich die Beschwerde gegen sportgerichtliche Beschlüsse und die Wiederaufnahme des Verfahrens (§§ 24 ff.). Bemerkenswert ist, dass die Kommentierung in diesem Abschnitt keine Rechtsprechungsnachweise aufweist, was zunächst auf einen noch unbedeutenden Anwendungsbereich der Rechtsmittel in Fußballstrafsachen schließen lässt.
Die anschließenden Teile IV - VIII widmen sich fußballrelevanten Fragestellungen außerhalb der RuVO. So wird eine Bestandsaufnahme von Zuschauerausschreitungen und diesbezüglich ein Überblick über Verantwortlichkeiten und weitere rechtliche Aspekte gegeben (Teil IV), ein vertiefter Blick in das Schiedsgerichtsverfahren bei der externen Kontrolle der Vereinssanktionen vorgenommen (Teil V) und die oftmals nur schlagwortartigen Spitzenverbände der FIFA und UEFA sowie deren Gerichtsbarkeit, der Court of Arbitration for Sport (CAS), mit seinen Rechtsgrundlagen vorgestellt (Teil VI). Ein Ausblick in sonstige Bereiche (bspw. Recht der Schiedsrichter und der Trainer) und Gerechtigkeitsaspekte runden die Kommentierung ab.
Hilperts Kommentar zeigt, dass im Straf- und Verfahrensrecht des DFB in Fußballstrafsachen viele Parallelen zum staatlichen Straf- und Strafprozessrecht bestehen, die vorrangig Strafjuristen ein bekanntes und mitunter zusätzlich berufliches Betätigungsfeld bietet. Die feinen Unterschiede sind von Hilpert punktuell und anschaulich herausgearbeitet worden, so dass dieses Werk - vergleichsweise zu den (Kurz-)Kommentierungen von Fischer (StGB) Meyer-Goßner (StPO) in Strafsachen - zukünftig seinen festen Platz auf den Tischen aller Verfahrensbeteiligten in einer Fußballstrafsache finden dürfte.

References: § 1
 § 1
 § 263
 § 44
 § 5
 Art. 6