Source: https://www.alainveuve.ch/digitales-grundeinkommen-und-bedingungslose-revolution/?replytocom=13254
Timestamp: 2020-06-04 19:55:22+00:00

Document:
Digitales Grundeinkommen und bedingungslose Revolution - Alain Veuve - Perpetual Disruption, Digitale Transformation, Digitale Wirtschaft,
Digitales Grundeinkommen und bedingungslose Revolution
Vorgestern hat die ZEIT Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, zu technologischen Veränderungen und dem Verhältnis zur Arbeit interviewt. Insbesondere seine Aussage zum bedingungslosen Grundeinkommen hat zahlreiche Reaktionen in Kommentaren und Twitter hervorgebracht. Seit meinem Artikel über die Arbeit der Zukunft weiß ich, dass das Thema bedingungsloses Grundeinkommen ein heiß und oft polemisch diskutiertes Thema ist. Dabei sollten wir uns ernsthaft damit auseinandersetzen.
(Lesedauer: 7 Minuten)
Die ZEIT konnte es sich nicht verkneifen. Aus dem an sich sehr guten Interview einen Clickbait-mäßigen Teaser-Artikel zu machen, der so einiges unpräzise und zu reißerisch wiedergibt. Den findet man hier.
Man könnte durch den Teaser meinen, dass Höttges ernsthaft der Ansicht wäre, es würde langfristig weniger Arbeitsplätze geben. Das sagte er aber nicht. Er hat richtig erkannt, dass Technologie bislang immer summarisch mehr Arbeitsplätze geschaffen hat. Was er anführt ist, dass der Strukturwandel im Arbeitsmarkt Verlierer generieren wird, welche wohl nicht umgeschult werden können. Das ist nicht dasselbe.
Auch der Titel „Telekom-Chef Höttges für bedingungsloses Grundeinkommen“ suggeriert, dass es sich dabei um (s)eine gefestigte Meinung handelt. Das ist schlicht falsch. Er sagt es mit keinem Wort. Was er aber sagt und was ich außerordentlich klug finde ist:
„Deswegen müssen wir uns auch über unkonventionelle Lösungen Gedanken machen: Ein bedingungsloses Grundeinkommen kann eine Grundlage sein, um ein menschenwürdiges Leben zu führen (…) Wir dürfen solche Ideen nicht allein deshalb ablehnen, weil sie uns aus heutiger Sicht unbrauchbar scheinen“
Eine solche Haltung von einem Aufsichtsrat eines bedeutenden Unternehmens zu hören, macht mir Mut für Corporate Europa. Bislang waren wir hier nämlich vornehmlich gut darin, neue Ideen vorweg abzutun. Um dann ein paar Jahre später ins Silicon Valley zu fliegen und sich „inspirieren“ zu lassen.
Ich kann also nur raten, das Ganze Interview zu lesen. Es wäre wohl noch einiges besser und gehaltvoller geworden, hätte dieser Giovanni Di Lorenzo (Fragesteller) nicht in zwanghaft altbackener Weise versucht, den langweiligen Clash von „Technology makes vs. brakes us“ zu provozieren. Höttges scheint diesbezüglich relativ immun und hat mit seinen Antworten gut aufgezeigt, dass es eben genau darum nicht geht, sondern dass wir viel differenzierter mit den Herausforderungen umgehen müssen.
30 bis 40 Jahre für den Strukturwandel?
Höttges spricht davon, dass in den nächsten 30-40 Jahren sehr viele Arbeiten substituiert werden. Ich bin erstaunt über den Zeitraum und halte ihn für fundamental falsch, weil zu groß. Das wird viel schneller gehen, weil der technologische Fortschritt exponentiell voranschreitet. Und es werden auch viel schneller neue Jobs dazukommen.
Sehen wir 30 Jahre zurück, wurden allein in Deutschland in der Digitalwirtschaft 1 Mio. Jobs geschaffen. Wer glaubt, dass das alles nur hochqualifizierte Stellen sind, hat von der Digitalwirtschaft nicht viel Ahnung. Eine gewisse Umschulung ist möglich (bitte nicht denken, das wird freiwillig und mit Freude gemacht) – es bleiben jedoch auch ganz klar Verlierer.
Wie bewältigen wir solche Strukturwandel gesellschaftlich und wirtschaftlich?
Ein weiterer Punkt, der mich verwirrt hat ist, dass Höttges die gesellschaftlichen Folgen dieses Strukturwandels über eine Art „Innovationssteuer“ abfedern will. Dass er dabei an eine „Finanzierung durch Gewinne der Internetkonzerne“ (wie in der By-Line des Teasers geschrieben) fordern würde, ist schlichtweg falsch wiedergegeben. Höttges hat lediglich gesagt, dass der Sozialstaat aus den Einkommenssteuern heraus nicht mehr finanzierbar sein wird und das System sich stärker auf die Unternehmenssteuern konzentrieren sollte.
Was er dabei außer Acht lässt ist, dass sich das Wesen der Arbeit verändern wird. Arbeit wird heute grundlegend in Zeiteinheiten gemessen. Das war grundsätzlich gut, da mehr Investition von Zeit auch mehr Produktivität bedeutete.
Genau dieser Zusammenhang wird aber durch den Einbezug von stark verbesserter Technologie aufgeweicht und schlussendlich aufgelöst. Die Zeit, die ein Individuum für einen Beitrag an die Produktivität benötigt, wird so irrelevant. Arbeit nach Zeit zu entschädigen, wird damit falsch. Und folgerichtig wird das daraus auch die Einkommenssteuer, wie wir sie heute kennen.
Dass die Unternehmen mit der höchsten Produktivität am höchsten besteuert werden, sieht nur auf den ersten Blick richtig aus. Wenn wir wollen, dass die Unternehmen in Zukunft innovativ und (sozial) sicherer sind, kehren wir es genau um: Die Unternehmen mit den kleinsten Gewinnen zahlen die höchsten Steuern. (Den Begriff Gewinn verstehen Sie in diesem Zusammenhang bitte nicht nach IFRS, sondern als allgemeiner, definierter Beitrag zur Gesellschaft.)
Das hätte zum Resultat, dass Unternehmen alles in Bewegung setzen würden, um hohe Gewinne zu erwirtschaften und damit möglichst wenig Steuern zu bezahlen. Auf der anderen Seite würden die Unternehmen viel schneller bankrottgehen, wenn ihre Businessmodelle nicht mehr drehen.
Das wäre eine gute Sache, denn sämtlichen harten Schnitte sind sozial ein Problem. Beispiel: Wenn ein Unternehmen jedes Jahr 200 Mitarbeiter entlassen muss, kann die Wirtschaft und die Gesellschaft das besser bewältigen, als wenn nach 5 Jahren 1000 Mitarbeiter auf einen Schlag auf der Straße sitzen. Je früher also ein todgeweihtes Unternehmen zurückkrebsen muss, desto besser.
Es erstaunt mich aber auch, dass im Interview und in vielen Gesprächen mit Top-Führungsleuten noch immer die Rede von Strukturwandel ist. Als würden wir von einer Struktur in die nächste gehen. Es ist so offensichtlich wie noch nie, dass wir in ein Zeitalter des permanenten Wandels hineinlaufen. Ich habe es das Zeitalter der „Perpetual Disruption“ genannt. Diese stabilen Zeiten, wie wir sie die letzten 70 Jahren hatten, kommen nicht mehr. Können nicht mehr kommen.
Wir tun also gut daran, unsere Gesellschaft und vor allem die Unternehmen so aufzubauen, dass sie diesen permanenten Wandel antizipieren und damit umgehen können. Genau darum habe ich auch Anfang Jahr davor gewarnt, den Begriff „Digitale Transformation“ zu wörtlich zu nehmen.
Es stellt sich heraus, dass viele Entscheidungsträger aber genau das tun: Sie denken, es geht nur ums Digitale und um eine Transformation, die einmal abgeschlossen ist. Beides ist nicht der Fall. Es formiert sich z. Bsp. mit industriellem 3D Printing bereits die nächste Welle, welche Deutschlands Wirtschaft in viel stärkerem Masse verändern wird als das bisschen „Digital“.
Zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) gibt es, zumindest was die Schweiz betrifft, zu sagen, dass wir es bereits haben. Natürlich nicht offiziell und formalisiert. Aber ja Sie lesen richtig: Niemand, der in der Schweiz nicht arbeiten will, muss das. Ein würdevolles Leben ist trotzdem möglich. Die Sozialsysteme sind dermaßen gut.
Das heißt aber noch lange nicht, dass man damit ein materiell gutes Leben führt (aber sehr wohl, dass niemand hunger oder kalt oder kein Fernsehen hat). Oder, dass dieser Status gesellschaftlich akzeptiert wäre. Ersteres würde das bedingungslose Grundeinkommen nicht lösen. Zweites nach Generationen wahrscheinlich schon.
Was die Idee an sich angeht, tun die Initianten in der Schweiz nicht gut daran, so vage zu bleiben. Lesen Sie sich hier den Gesetzestext durch. Darunter versteht jeder wohl wieder etwas Anderes und zu oft was er einfach gerne hätte. Auf der Seite generation-grundeinkommen.ch kommt das sehr schön zur Geltung.
BGE als Sun, Fun and nothing to do
Ein Teil der Leute sehen das BGE als Möglichkeit, endlich gar nichts mehr zu machen. Die Initiative sieht einen Betrag von monatlich CHF 2‘500.— im Jahr 2050 vor. Schon heute ist das kein Betrag, mit welchem es sich in der Schweiz gut leben lässt. Der Lebensstandard ist viel höher und wird es auch bleiben. Dass man mit dem BGE nicht mehr arbeiten müsse, ist schlicht eine Illusion. Eine, die sicher ein paar Monate anhält, dann aber verblasst.
BGE als Schritt ins Verderben
Besonders von Mittelständlern und sogenannten Bürgerlichen höre ich oft das Argument, dass das BGE der Schritt ins totale Verderben wäre. Es ist traurig zu sehen, welches Menschenbild diese Leute haben. Das BGE würde die Leute psychologisch befreien, alles lockerer anzugehen, mehr auszuprobieren, wohl auch toleranter zu sein. Aber nichts mehr machen? Nicht mehr arbeiten? Daran glaube ich nicht. Daran kann niemand glauben, der auf den Menschen etwas hält.
Wir definieren uns doch gerade dadurch, dass wir eben immer mehr machen, als zum reinen Lebenserhalt notwendig wäre. Sonst würden wir im Wald leben. Geht nämlich noch immer gut. Musste ich sogar einmal im Studium tun. Dass das ganze Land zusammenbrechen würde, ist schlicht und einfach Quatsch.
BGE als Effizienzgewinn im sozialen Bereich
Mit manchen Leuten, welche das Thema differenzierter angehen, habe ich über das BGE als Maßnahme zum Effizienzgewinn im sozialen Bereich gesprochen. Ihre Rechnung geht folgendermaßen: Die totalen Sozialausgaben betrugen 2013 in der Schweiz 170 Mrd. CHF. Teilen wir diesen Betrag auf die Bevölkerung (alle über 15 Jahre) auf erhält jeder CHF 2.000 pro Monat.
Damit sind mir einer durchschnittlichen Jahresteuerung von 0.7 % bereits beim Äquivalent der CHF 2.500 im Jahr 2050. Das heutige Sozialsystem ist aufwändig und kompliziert und es hat sich eine Privatindustrie darum gebildet, welche der Gesamtkostenstruktur nicht zuträglich ist und zudem auf eine immer stärker werdende Lobby zählen kann.
Dieser Entwicklung könnte durch die unkomplizierte Verteilung des Geldes als BGE Einhalt geboten werden. Und unter dem Strich Effizienz für den Bürger gewonnen werden. Die Idee ist insofern reizvoll, als die Frage der Finanzierung, die ja das BGE so illusorisch erscheinen lässt, gerade zu Beginn geklärt ist.
Fehlendes Geld als Ausrede für Allerlei
Fehlendes Geld muss heute als Ausrede für allerlei verpasstes Leben herhalten. Ich werde den Verdacht nicht los, dass sich viele solche Leute sehr gut damit arrangiert haben. Das fehlende Geld erklärt, dass sie ihren Träumen nicht gefolgt sind, nicht das tun oder getan haben, was sie ursprünglich mal wollten. Folgerichtig wäre das BGE für diese Leute die Entfernung des größten Blockers, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Ich kann nicht abschätzen, welche Folgen dies gesellschaftlich hätte wenn ~ 20% der Bürger allmählich realisieren, dass das BGE diese Versprechen auf Freiheit nicht einlösen kann und, viel schlimmer, sie selber und nicht das liebe Geld der Blocker in ihrem Leben war. Ich weiß, ist ein wenig philosophisch, stelle mir das aber sehr deprimierend vor.
Nicht Pro-BGE, sondern Pro „Neue-Konzepte-Diskussion“
Ich bin noch immer nicht so richtig pro BGE. So wenig wie ich dafür bin, den Status Quo zu erhalten. Was ich aber sehr begrüße, ist die Diskussion über den Wandel im Zusammenspiel zwischen Technologie, Gesellschaft und Business. Dass eine Gesellschaft diesen Wandel aktiv versucht zu gestalten, finde ich bemerkenswert und wäre ein Novum.
Arbeiten wir daran. Die Diskussion um das BGE ist ein wertvoller Teil davon. Um es in den Worten von Höttges zu wiederholen: „Wir dürfen solche Ideen nicht allein deshalb ablehnen, weil sie uns aus heutiger Sicht unbrauchbar scheinen“.
In der Vergangenheit haben wir den Dingen (Agrarrevolution, Industrielle Revolutionen, Digitale Revolution) freien Lauf gelassen und die starken, schnellen Veränderungen haben jeweils mehr menschliches Leid generiert als notwendig.
In meinem Artikel über die Zukunft der Arbeit schrieb ich:
„Leistung muss sich lohnen, Existenz jedoch ist ein Grundrecht in der Sozialen Marktwirtschaft!“
Daran glaube ich heute mehr denn je. Wenn wir beides als gleich wichtig erachten, werden wir eine Welt schaffen, die erstmals radikalen Fortschritt mit Humanismus in Einklang bringt. Warum das nun möglich ist, ist ganz simpel: Es sind die erreichten Produktivitätszugewinne durch die stark verbesserte Technologie.
Jetzt müssen wir es nur noch schaffen, das Gesellschaftlich auf die Reihe zu bringen. Unglücklicherweise ist das bei weitem die größte Herausforderung.
5 typische Sales-Fehler in Internet-Agenturen Faraday Future – die verpasste Chance.
7 Kommentare zu Digitales Grundeinkommen und bedingungslose Revolution
Trackback: Artikelempfehlungen: Sharing Economy oder die Zukunft der Arbeit. | jacando blog
[…] EIn Begriff, der in der Diskussion um die Arbeit der Zukunft immer wieder auftaucht ist der des Bedi... blog.jacando.com/artikelempfehlungen-sharing-economy-oder-die-zukunft-der-arbeit
Bob 29/02/2016 Antworten
finde das BGE zwar ebenfalls interessant aber die Argumentation der Finanzierung finde ich auch hier nicht überzeugend. Das heutige Sozialsystem mag aufgebläht sein, ich masse mir hierzu kein Urteil an, jedoch ist unbestritten, dass bei deiner definition das BGE implizit davon ausgeht, dass jegliche Sozialleistungen gestrichen werden bzw. ersetzt werden durch das BGE. die Leistungen z.B. für Kinder, Pflegebedürftige, Alte etc. würden also auf den Betrag von 2500 gekürzt. Ich finde dies zur Zeit sehr ineffizient, da zwar alle gleich behandelt werden aber nicht alle die gleichen Chancen haben. „sollten nicht die starken in der Wirtschaft die Schwachen tragen?“
Daher finde ich nach wie vor besser, wenn Bedürftige mehr erhalten als ein Grundeinkommen, welches nicht mal an heutige Minimallöhne herankommt. Dass Leute, die spezielle Leistungen dringend benötigen nur 2500 erhalten sollen finde ich absolut nicht korrekt. Wir, die arbeiten können, sollten helfen, denen, die es nicht können, eine Stütze zu sein. Das braucht aber mehr als 2500 Franken im Monat… oder nicht?
Trackback: Jobvernichtung durch Digitalisierung? - Instaffo GmbH
[…] um zu erkennen, dass der technologische Fortschritt mittelfristig mehr Arbeit schafft. Das ist, wie ... instaffo.com/jobvernichtung-durch-digitalisierung-das-geschaft-mit-der-panikmache
Trackback: Jobvernichtung durch Digitalisierung: Das Geschäft mit der Panikmache [Kolumne] | admin
[…] Interview mit Thimotheus Höttges in der Zeit vom 30.12.2015. Der erste Satz im (unglaublich unglüc... germa2.tumblrvip.com/2016/01/27/jobvernichtung-durch-digitalisierung-das-geschaft-mit-der-panikmache-kolumne
Trackback: Jobvernichtung durch Digitalisierung: Das Geschäft mit der Panikmache [Kolumne] | t3n
[…] Interview mit Thimotheus Höttges in der Zeit vom 30.12.2015. Der erste Satz im (unglaublich unglüc... t3n.de/news/jobvernichtung-digitalisierung-674052
Thomas 14/01/2016 Antworten
Toller Artikel mit ganz wichtigen Punkte, die hoffentlich einige Menschen zum Nachdenken anregt, denn am Ende geht dieses ganze Thema jeden von uns an.
Kurt 06/01/2016 Antworten
Betrag von monatlich CHF 2‘500.— !!! Hab ich schon 2300.– für eine 70% Stelle. Bin CH, hier geboren, aufgewachsen, von Schweizer Eltern. Working Poor, 50+ ohne jegliche finanzielle Unterstützung vom Staat. Ausgesteuert halt und der Güsel des Arbeitgeberstaates Schweiz. Die verzweifelt akzeptierte „Notarbeit“ macht mich kaputt an Körper und Seele. Aber bis ihr da oben endlich mal was tut für ein Grundeinkommen und leben in Würde, bin ich durch die AHV-Rente erlöst oder sonstwie „Sozial entsorgt“.

References: BGE 
 BGE 
 BGE 

BGE 
 BGE 
 BGE 

BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE