Source: http://www.deliberationdaily.de/2013/04/kurze-satze-ernst-gucken-nix-verstehen/
Timestamp: 2019-06-27 06:21:20+00:00

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by Stefan Sasse on 30. April 2013
Man fragt sich immer wieder, wie es eigentlich möglich ist, eine so unsinnige Politik wie Kürzungsmaßnahmen bei gleichzeitiger Erwartung von Wachstum zu vetreten. Oder wie es möglich ist, dass jemand, der völlig unreflektierte Kürzungen ankündigt, dafür gefeiert wird, ganz besonders wenn er von Vernunft, Maß, Mitte, Realismus und ähnlichem quatscht. Etwa so, wie es Winfried Kretschmann und Boris Palmer im Umfeld des Grünen-Parteitags getan haben. Die beiden stehen in Baden-Württemberg für eine Finanzpolitik, die sich von der der CDU und FDP darin unterscheidet, dass SPD und Grüne sie machen. Sie lieben die Schuldenbremse, sie wollen Kürzungen in allen Bereichen („unangenehm“, „unbequem“, nur um weitere Buzzwords einzuwerfen, die ständig auftauchen), weil das irgendwie gute Politik auszeichnet. Für die meisten professionellen Beobachter der politischen Szene gilt noch immer der große Konsens, dass alles, was Budgets kürzt, gut sein muss – es sei denn, es betrifft die eigene Klientel, aber das tut es glücklicherweise selten. Es gibt einen Grund dafür, dass beide Seiten mit diesem Unsinn durchkommen, und der liegt in der Kommunikationsstrategie: kurze Sätze, ernst gucken, nix verstehen.
Paul Krugman beklagt sich über diese Schieflage in der öffentlichen Debatte schon lange. Er hat dafür eine recht einleuchtende Erklärung gefunden: die Inszenierung als „very serious people“, auf deutsch: sehr ernste Leute. Und tatsächlich scheint es die Hauptursache für die unglaubliche Attraktivität von Lippenbekenntnissen zur Austerität zu sein (wenn es an die tatsächlichen Kürzungen geht nimmt der Enthusiasmus meist ganz schnell ab, wenn er eigene Klientel betrifft), dass man so furchtbar ernst und wichtig dabei wirkt. Wenn jemand Steuererhöhungen fordert, oder eine aktive Rolle des Staates, gilt er als Fantast, als Idealist, als jemand, der keine Ahnung von der Welt da draußen hat.
Wer dagegen Kürzungen fordert und davon spricht, eine „wirtschaftsfreundliche“ Politik zu machen (auch wieder Palmer und Kretschmann), der ist ein „Realo“, jemand der ernst ist. Man sieht es auch an den Posen, in denen sie sich gerne fotografieren lassen. Nur zu gerne wird die staatsmännische Pose eingenommen, man schaut ernst, verkündet die Notwendigkeit harter Maßnahmen. Eitel wird darauf verwiesen, dass man „harte Wahrheiten“ ausspreche. Ritter im Kampf für Wahrheit und Moral! Es ist diese Lust an der staatsmännischen Pose, die jedem zugesprochen wird, der sich als großer Kürzer gebiert, die für die ungebrochene Attraktivität dieser Positionen sorgt. Es ist keinerlei Fachkenntnis dafür notwendig. Von Wirtschaft muss man nichts verstehen, solange man nur mit diesen Buzzwords um sich wirft. Genau darin liegt die Attraktivität.
In Dubio 30. April 2013, 09:33
Ich glaube, das grundsätzliche Problem liegt in einer Verwechslung. Paul Krugman verwechselt sicherlich nicht, aber die meisten anderen. Der amerikanische Nobelpreisträger ist ein Anhänger des klassischen Deficit Spending und lässt sich durch Misserfolge nicht verwirren.
Doch was ist der Unterschied zwischen Wachstums- und Konjunkturpolitik? Für die meisten keiner. Für Ökonomen ein ganz riesiger. Kapazitäten, die unterausgelastet sind, kann man besser auslasten. Kapazitäten, die gar nicht da sind, kann man durch die beste Konjunkturpolitik nicht auslasten. Griechenland produziert kaum und hat nie nennenswert produziert. Die Fabriken, die für den hellenischen Bedarf produzieren, stehen in China, Russland, Deutschland und in den umliegenden Staaten. Anscheinend fand es kaum ein in- noch ausländischer Investor interessant, seine Fabrik in Athen oder den Peleponnes aufzustellen. Die Griechen handeln, was andere produziert haben. Das kann man natürlich mit Krediten weiter anregen, das ändert aber nichts an der Malaise. In abgeschwächter Form existiert das Problem so in Spanien und insbesondere Portugal. Die alte Seefahrernation hat in den letzten 10 Jahren ein Mehrfaches an Industriearbeitsplätzen an die Billigländer Osteuropas verloren als das viel größere und teurere Deutschland.
In Griechenland arbeiten fast 800.000 Menschen für den Staat, bei einer Einwohnerzahl von gerade 11 Millionen. Staatsdiener sind in keiner Weise produktiv, sie verwalten nur. Genauso wenig wie Rentner und Transferempfänger. Dennoch ist die Regierung in Athen seit Jahren unwillig, Personal im Öffentlichen Dienst zu entlassen, selbst wenn diese sich als korrupt erwiesen haben. Seit 2010 hat der griechische Haushalt rund 200 Milliarden EUR von den europäischen Partnern erhalten. Das ist fast soviel, wie allein die 16 Millionen deutschen Rentner in einem Jahr erhalten (245 Milliarden EUR).
Nein, die Krisenländer benötigen ganz sicher keine Konjunkturpolitik. Sie müssen die Voraussetzungen schaffen, damit Entwicklung überhaupt möglich ist. Deswegen die Austeritätspolitik.
chriwi 30. April 2013, 10:30
„Deswegen die Austeritätspolitik.“
Diese Form der Politik erhöht aber nicht die Investitionsrate. Griechenland bräuchte Fabriken. Diese können nicht gebaut werden, wenn es keine Investitionen gibt. Die Austeritätspolitik zerstört das wenige an Industrie das da war und fördert es nicht.
In Dubio 30. April 2013, 11:04
Das Wenige, was an Industrie da ist, exportiert. Investoren interessiert der Rückgang von Korruption, ein gutes Steuersystem, ein verlässliches Arbeitsrecht und kooperative Gewerkschaften. Außer den riesigen Märkten USA und China gibt es kaum ein Land in der Welt – und in der Eurozone schon gar nicht – das autark produziert. In der EU gibt es mit Deutschland ein einziges Land, wohin Investoren wegen des großen Binnenmarktes gehen. Doch kein Investor siedelt sich in Lissabon an, um von dort den portugiesischen Markt aufzurollen. Daher interessieren die Investitionsbedingungen und nicht eine irgendwie stilisierte „Nachfrage“. Deswegen ist der Keynesianismus als Politikansatz in Europa gescheitert.
Stefan Sasse 30. April 2013, 11:08
Das ist genau das wovon ich rede. Anstatt dass man überlegt, welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche nicht, wird einfach eine Rasenmähermethode drübergelegt. In fünf, sechs Sätzen ist ein Bild entworfen – da die korrupten Griechen, da die substanzlose Wirtschaft – und eine Politik gefunden, die das lösen soll. Welche Konsequenzen das hat, welche Alternativen es gibt, ob man vielleicht in manchen Bereichen kürzen und in manchen investieren sollte – wozu, wenn man doch so toll eine Austeritätsansage machen kann?
Oder, bevor Dubio das bringt, als Linker einfach ein gigantisches Konjunkturprogramm fordern.
In Dubio 30. April 2013, 11:47
Das Bild der korrupten Griechen ist doch korrekt, wenn weit mehr als 2/3 der Bevölkerung sich regelmäßig davon betroffen sieht – und es sogar goutiert. Das Bild ist doch zutreffend, wenn Griechenland sich seit Jahren im Korruptionsindex ganz oben befindet. Das ist doch nicht gezeichnet.
Wer bitte soll Griechenlands Wirtschaft entwickeln? Deutschland? Brüssel? So denken die Menschen, doch so ist es nicht. Für die wesentlichen Faktoren wie Steuergesetzgebung, Strafverfolgung und Projektvergabe liegen die Kompetenzen auf nationaler Ebene. Meine in Spanien lebende Schwester hat kürzlich ihren Abschluss in der Landessprache gemacht. In der Abschlussarbeit sollte sie etwas über ihr Gastland schreiben.
Die Spanier haben kein Vertrauen in ihre Politiker und kein Vertrauen in ihr Land. Vom Staat erwarten sie sich keine Hilfe. Diese erwarten sie von der EU und von Deutschland. Frage: Warum sollen Deutschland und die EU Vertrauen in Spanien haben, wenn die Spanier sich selbst nicht vertrauen?
techniknörgler 3. Mai 2013, 19:57
„Diese Form der Politik erhöht aber nicht die Investitionsrate. Griechenland bräuchte Fabriken. Diese können nicht gebaut werden, wenn es keine Investitionen gibt. Die Austeritätspolitik zerstört das wenige an Industrie das da war und fördert es nicht.“
Sie unt so, als könne in Griechenland nur der Staat investieren, fällt ihnen das auf? Auf jeden Fall können in Griechenland um so weniger privat investieren, je mehr ihnen der Staat wegnimmt. Und der Staat geht dort ganz offensichtlich nicht besser mit dem Geld um.
Deswegen ist im Falle Griechenland ein weiteres Füttern mit Hilfsgeldern ein sehr fraglicher Weg.
Erinnert mich irgendiwe an die versickernde Entwicklungshilfe für 3.-Welt-Staaten, die lediglich Korruption aufrecht erhält. Wie habne es denn ursprünglich mal Länder ohne fremde Hilfe geschafft eine starke Wirtschaft aufzubauen.
Tom 30. April 2013, 18:46
Nur einiger Gedanken:
»Doch was ist der Unterschied zwischen Wachstums- und Konjunkturpolitik?« —…— Wachstum ist nichts anderes als ein Wert. Wachstum, positives wie negatives, ist ein zwangsläufiges Resultat wirtschaftlichen Handelns. Ansonsten ist Wachstum lediglich das Ergebnis des Vergleichs zweier Werte am Anfang und am Ende eines Geschäftsjahres. Wachstum bewirkt schlicht und einfach nix. Schon daher lohnt es sich nicht wirklich, Aufhebens um diese Sache zu machen.
»Nein, die Krisenländer benötigen ganz sicher keine Konjunkturpolitik. Sie müssen die Voraussetzungen schaffen, damit Entwicklung überhaupt möglich ist. Deswegen die Austeritätspolitik.« —…— Austeritätspolitik: 1. nichts anderes, als ein Instrument zur innenpolitischen Festigung der eigenen Machtposition (Moral und Steinzeitökonomie sind hier meist Mittel der Wahl) 2. ein Disziplinierungsinstrument, um sog. Strukturreformen durchzusetzen (beim Thema „Korruption“ ist die Moral hier sogar auf ihrer Seite) 3. ein riesiges Konjunkturprogramm für den Bankensektor (ist doch klar, oder?). Sie verdienen an der Finanzierung der Verbindlichkeiten, die sich einstmals in ihrem Besitz befanden und die Banken in die Pleite getrieben hätten, wenn diese Verbindlichkeiten nicht von den Staaten übernommen werden mußten. Tja, Undank ist der Welt Lohn. Seufz. Und daher 4. (wir erinnern uns, es ging um Austeritätspolitik) eine ziemlich miese und abfuckte Masche, Schwächere über den Tisch zu ziehen.
In Dubio 30. April 2013, 20:49
Naja, schön vorbei argumentiert. Sie wollten einen Unterschied erklären und beschreiben, was Wachstum (nicht Wachstumspolitik) für Sie bedeutet. Und was ist Konjunktur? Wenn es mit dem Wachstum rauf und runter geht?
Die Troika verlangt die Zerschlagung von Machtpositionen: die Kartelle bei den Berufen, der Kampf gegen Korruption, der konsequente Steuervollzug. Staaten die Schwächeren? Sie müssten mal mit Staatsmacht zu tun gehabt haben, als Bürger und in Unternehmen.
techniknörgler 3. Mai 2013, 20:02
„Austeritätspolitik: 1. nichts anderes, als ein Instrument zur innenpolitischen Festigung der eigenen Machtposition (Moral und Steinzeitökonomie sind hier meist Mittel der Wahl)“
Mit Austeritätspolitik macht man sich unbeliebt. Nix mit Machtfestigung.
“ 3. ein riesiges Konjunkturprogramm für den Bankensektor (ist doch klar, oder?). Sie verdienen an der Finanzierung der Verbindlichkeiten, die sich einstmals in ihrem Besitz befanden und die Banken in die Pleite getrieben hätten, wenn diese Verbindlichkeiten nicht von den Staaten übernommen werden mußten. Tja, Undank ist der Welt Lohn. Seufz.“
Nein, das ist nicht klar. Bankenrettung hat nämlich nichts, aber auch rein gar nichts mit Austeritätspolitik zu tun.
„Und daher 4. (wir erinnern uns, es ging um Austeritätspolitik) eine ziemlich miese und abfuckte Masche, Schwächere über den Tisch zu ziehen. “
Mit solche Emotionalisierungen und einem solchen, persönlich werdenden Stil wird man keine sachliche Diskussion führen können. War aber auch nicht ihr Ziel, oder?
Ariane 30. April 2013, 10:15
Gute Überschrift 🙂 Die Frage ist doch: Wer hats erfunden? Sind es wirklich die Medien, die wiederum von der herrschenden Schicht beeinflusst werden und dadurch 80% oder mehr der Deutschen einer Gehirnwäsche unterzogen haben oder wo kommt das her und ist so unerschütterlich?
Mal abgesehen davon, dass dein Kommentar wenig bis nichts mit dem eigentlichen Artikel zu tun hat. Was ist das für eine Logik, nur auf die Industrie zu gucken? Es kann doch nicht jedes Land in ganz Europa ein riesiger Industriestandort sein, wie soll denn das gehen? Wer soll den ganzen Krempel kaufen? Noch dazu in einem Land, das praktisch keine Binnenkonjunktur mehr hat – dank der Austerität. Hauptsache wir kürzen erstmal alles weg, entlassen alle, die noch da sind, und dann kommt schon jemand vorbei und baut ein paar Fabriken?
In Dubio 30. April 2013, 10:55
Man fragt sich immer wieder, wie es eigentlich möglich ist, eine so unsinnige Politik wie Kürzungsmaßnahmen bei gleichzeitiger Erwartung von Wachstum zu vetreten.
Darauf hatte ich geantwortet. Wer ständig so etwas behauptet, sollte es an der ein oder anderen Stelle auch mal konkretisieren. Die von den Geldgebern aufoktroyierten Einsparungen betreffen den öffentlichen Sektor. Bleiben wir beim Extrembeispiel Griechenland. Die Behauptung der Vulgärkeynesianer ist doch, die Sparprogramme würden die Binnenwirtschaft erdrosseln. Natürlich, wenn ich einem Kind Taschengeld gebe, wird es sich normalerweise auch etwas davon kaufen, weswegen Leute beschäftigt werden. Doch wer wird beschäftigt? Der Verkäufer? Schön. Der Händler? Gut. Der Beamte? Kein Kommentar. Alles schön und gut, doch das sind nachgelagerte Tätigkeiten, die es nicht gäbe, wäre da nicht ein Produzent. Und das ist doch das, was Linke behaupten: Unternehmen produzieren nur, wenn eine Nachfrage besteht. Es geht also um die Produktion und die findet in der Industrie statt.
Während die Zahl der Erwerbstätigen deutlich auf inzwischen 3,8 Mio. zurückgegangen ist, blieb sie im Öffentlichen Sektor konstant. Inzwischen ist mehr als jeder 5. beim Staat beschäftigt, in der Industrie dagegen nur so 17 Prozent. Der Rest verteilt sich auf Landwirtschaft (Export), Touristik und sonstige Dienstleistungen. Ein Politiker hat mal gesagt, es bringt nichts, wenn wir uns am Ende gegenseitig die Haare schneiden. So ist es. Der Tourismussektor leidet gewiss nicht unter sinkender Kaufkraft der Griechen, ganz im Gegenteil. Als Reiseland war die Ägäis längst überteuert und nicht mehr konkurrenzfähig mit der Türkei. Die Landwirtschaft ist auch nicht sonderlich betroffen, schließlich geht ein Großteil der Rohstoffe ins Ausland, nach Italien und Frankreich zwecks Weiterverarbeitung. Der Satz ist also so Schmarrn.
Der Öffentliche Sektor und damit die Umgestaltung der Wirtschaftsstruktur ist die große Herausforderung für die Athener Regierung. Das schafft man jedoch nicht, wenn die alten Strukturen konserviert werden und man „Konjunkturpolitik“ macht. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat einige interessante Fakten zusammengetragen:
Die OECD bezeichnet in ihrer neuesten Studie1 vom November 2011 den Öffentlichen Dienst Griechenlands als „riesig“, mit überaltertem Personal, und weist darauf hin, dass Ministerien nur dann miteinander kooperieren, wenn die zuständigen Minister dies anstreben.
In Athen gibt es zur Verwaltung des Landes 16 Ministerien nebst zugehöriger Bürokratie, das ungleich größere Deutschland wird mit 12 Ministerien verwaltet.
53% der Befragten halten es nicht für moralisch verwerflich, Inhabern öffentlicher Ämter Geld oder Geschenke zu überreichen, wenn dies die einzige Möglichkeit ist, um ihr Recht zu bekommen. (..) 7 von 10 Befragten empfinden, dass Korruption ihr Leben beeinflusst.
Das Phänomen der paraökonomischen Tätigkeit (Steuerhinterziehung, d.V.) stellt offensichtlich die eigentliche Besonderheit der griechischen Wirtschaft im Vergleich zu den übrigen Mitgliedsstaaten der EU dar, besonders aufgrund des außergewöhnlichen Ausmaßes, das sie mittlerweile angenommen hat. Paraökonomische Wirtschaftsbeziehungen haben in Kombination mit systematischer Steuerhinterziehung wesentlich zu den enormen öffentlichen Defiziten beigetragen.
Entschuldigung, das hat alles nichts mit „Sparpolitik“ zu tun.
Gerald Fix 30. April 2013, 11:49
@ dubio (In Athen gibt es zur Verwaltung des Landes 16 Ministerien nebst zugehöriger Bürokratie, das ungleich größere Deutschland wird mit 12 Ministerien verwaltet.)
Sorry, vielleicht ist das nur ein Neben-Kriegsschauplatz, aber die Anzahl der Ministerien ist ja nicht unbedingt ein Gradmesser für Effizienz. Im sparwütigen Deutschland kann es sich eine Regierung kaum noch erlauben, neue Ministerien zu schaffen, dabei gehen manche davon wegen ihrer schieren Größe am Stock. Ein Beispiel dafür ist das Finanzministerium, in dem die verschiedenen Arbeiten (von der Finanzaufsicht bis zur Schwarzarbeitskontrolle) kaum noch koordinierbar sind. Derzeit – man liest es ab und zu – schafft Schäuble es nicht, die KFZ-Steuer von den Ländern zu übernehmen (und er muss das tun). Offenbar funktioniert die innere Verwaltung nicht mehr gut. Wahrscheinlich wäre auch Deutschland mit 16 Ministerien besser verwaltbar als mit 12.
In Dubio 30. April 2013, 13:04
So ist es ja gerade nicht.
Die Ministerien sind nicht in der Lage, Prioritäten zu setzen und leiden unter Koordinationsproblemen. Wo koordiniert wird, findet dies ad hoc statt und ist auf persönlichem Engagement und individuellen Kenntnissen begründet und wird nicht durch die Strukturen unterstützt und auf Dauer gestellt.
Mir ist kein OECD-Land bekannt, dass bei einer überdurchschnittlichen Zahl an Ministerien effektive Regierungsarbeit leisten würde. Wir brauchen nicht zu theoretisieren, wenn wir die Praxis als Anschauungsmaterial haben.
Gerald Fix 1. Mai 2013, 07:43
Frankreich hat, z.B., 19 Ministerien und die Regierungsarbeit dürfte auch nicht schlechter sein als in Deutschland.
Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass Griechenland mit der halben Zahl von Ministerien besser dastehen würde. Die These, dass sich Deutschland besser verwalten ließe, wenn man die Verwaltung nicht nach ideologischen (Sparzwang! Sparzwang!) Gesichtspunkten organisieren würde, sondern nach sachlichen, sollte aber einleuchten.
In Dubio 1. Mai 2013, 08:32
Hust, hust. Frankreich gilt als ein weit bürokratischeres Land als Germany. Und die Entscheidungswege sind eher länger. Bürokratie – nix gut!
Gerald Fix 1. Mai 2013, 09:45
Gilt? Komisch, wenn ich mich umhöre, höre ich anderes.
Aber darum geht es ja nicht. Es geht darum, dass hier Ideologien abgearbeitet werden. Bürokratieabbau wird gefordert und den könnte man leisten. Dazu muss man sich genau anschauen, wo was falsch läuft. Aber weder der Politiker noch der Journalist noch der Blogger sind daran interessiert. Man hängt sich an ein paar Formalien auf und wenn die erledigt sind, ist die Sache erledigt. Bums, aus. Völlig wursch, ob es einen Sinn ergibt.
In Dubio 1. Mai 2013, 16:17
Hätten Sie Großbritannien genannt (18 Ministerien), hätte ich das verstanden. Das sind aber auch nur 2 mehr als das wesentlich kleinere Griechenland. Oder Irland (14). Oder Australien (19). Doch Frankreich ist einfach eine Lachnummer. Die Franzosen benötigen für einen Sachverhalt, den Deutschland in einem Gesetz regelt, deren 3. Und wir gelten schon als sehr reguliert.
Vielleicht können Sie mir erklären, warum die Griechen 150 streng regulierte Berufe benötigen bis hin zu so komplexen Tätigkeiten wie Taxifahren. Austerität sagt ja gerade eben nicht einfach sparen. Aber Griechenlands Regierung wie Ministerialbürokratie ist so unfähig, dass die Troika bis ins Detail Vorgaben machen muss, da sonst weder Ziele definiert noch erreicht würden. Die Lachnummer schlechthin war der erste Privatisierungsvorschlag der Regierung Papandreou, die einfach mal eine runde Summe von 50 Mrd. EUR Erlösen aus der Luft gegriffen hat. Dilettantismus lässt sich in Athen studieren.
Stefan Sasse 1. Mai 2013, 18:07
Ich möchte auf zwei Dinge verweisen. Erstens ist Bürokratie weder per se gut noch schlecht. Wir brauchen Bürokratie; die Frage ist nur, welche und wie viel, und da gehen die Meinungen auseinander. Bürokratie ist ein Werkzeug, ohne das der moderne Staat überhaupt nicht existieren kann und ohne den unser Leben katastrophal schlechter wäre. Ohne Bürokratie kein Rechtsstaat. Zweitens, auch die Zahl der Ministerien sagt daher nichts, aber auch gar nichts aus. Die Frage ist, ob sie effizient arbeiten oder nicht. Und das tun die griechischen sicher nicht so sehr wie die deutschen.
Stefan Sasse 30. April 2013, 15:22
Krugman hat heute auch noch was zum Thema:
http://krugman.blogs.nytimes.com/2013/04/29/inflation-nation-not/?utm_source=feedly
In Dubio 30. April 2013, 15:58
Wer ernsthaft in einer Rezessionsphase Inflation erwartet, will sein Publikum veralbern.
Stefan Sasse 30. April 2013, 16:43
Sag das denen mal. Ist das gleiche Phänomen: Inflationswarnungen kommen immer an. Sie sind ja schließlich so ernst. Dass das völlig lächerlich ist – who cares?
In Dubio 30. April 2013, 16:52
Interessant sind doch eher zwei andere Fragen, die Paul Krugman jedoch wie andere auch konstant ausspart:
(1) Die Notenbanken der USA, der Eurozone, Groß-Britanniens sowie Japans feuern seit längerem wie verrückt Liquidität auf die Märkte ohne große Effekte. Warum hat die Geldpolitik so wenig Auswirkung auf die Konjunktur?
(2) Was passiert, wenn die Konjunktur abseits Asiens wieder an Fahrt aufnimmt? Notenbanker bezweifeln inzwischen, dass sich die Liquidität so schnell wieder aus dem Markt nehmen lässt um eine deutliche Inflation zu vermeiden. Wahrscheinlich wäre das auch gar nicht gewünscht. Bei der „Dicken Bertha“ der EZB war die Laufzeit mit 2 Jahren ungewöhnlich lange. Und die japanische Zentralbank legt jetzt noch eine Schippe drauf.
Ariane 1. Mai 2013, 11:30
1) Ich glaube, das Problem ist, dass das Geld nicht „nach unten durchfließt“. Das liegt bei den Banken und Anlegern, die dann über Anlagenotstand klagen. Die Kreditvergabe läuft nicht an, große Investitionen lohnen nicht, weil die Nachfrage nicht da ist usw. Die Bevölkerung hat aber nichts von niedrigen Zinsen, wenn sie eh keinen Kredit bekommt oder irgendein kleiner Unternehmer sein Restaurant dichtmachen muss, weil keiner mehr kommt. Wenn man gegen die Rezession angehen will, wären Konjunkturprogramme wirklich sinnvoller als niedrige Zinsen.
2) Naja, ich glaube nicht, dass die Konjunktur sprunghaft ansteigen wird, sondern wenns wieder aufwärts geht, wohl eher langsam, man hätte also genug Zeit und ja, vermutlich hätte man auch nichts dagegen, wenn die Inflation eine Weile über’m Schnitt liegen würde.
In Dubio 1. Mai 2013, 16:06
Zu (1): Das ist die Theorie, die ausschließlich Leute verbreiten, die nie verantwortlich in Unternehmen gearbeitet haben und keine Ahnung haben, wie und warum Unternehmen agieren. Ihre eigene Wortwahl sagt es schon aus: Sie glauben. Glauben ist etwas für die Kirche, wenn man die Empirie hat.
Stellen Sie sich vor, Sie erhalten eine Investitionssumme von 50-100 Mio. EUR um den europäischen Markt für Ihre Gruppe zu erschließen. Eine Fabrik verlangt eine Investition von 20 Mio. EUR, Ein Logistikcenter 10 Mio. EUR und ein Sales Office ist für 1 Mio. EUR zu haben. Wie gehen Sie vor? Würden Sie konsequent bleiben, würden Sie einfach 5 Produktionsstätten in den größten Ländern errichten, wo Sie die meiste Nachfrage vermuten. Danach könnten Sie wegen Unfähigkeit Ihre Papiere holen.
Wie machen das Profis? Sie bauen eine Fabrik. Diese errichten Sie in Abhängigkeit von Ihrem Produkt, nicht dem regionalen Markt. Benötigen Sie bestimmte Fertigkeiten, gehen Sie in Länder mit hochqualifiziertem Personal. Andernfalls ist Ost-Europa eine gute Adresse, da es zudem Europarecht unterliegt. Ihr Logistikzentrum (ggf. 2) bauen Sie relativ zentral auf dem Land, also Polen, Deutschland, Frankreich oder auch GB. In den wesentlichen Absatzmärkten errichten Sie kleine Vertriebsbüros. Die laufen allerdings auch mit wenig Personal.
Das Problem mit der Liquidität ist, dass es momentan zu wenig interessante Anlageobjekte gibt. Auch billiges Geld muss zurückgezahlt werden. Asiatische und amerikanische Investoren (die größten also) haben keine Lust mehr auf Europa. Es gibt längst einen neuen Trend, den Leute wie Jens Berger aufgrund ihrer fehlenden unternehmerischen Erfahrung aber auch nicht mitbekommen haben. Zur Erhaltung ihrer europäischen Stützpunkte bei minimalem Einsatz suchen sich Investoren und Konzerne ein attraktives Land, fast ausschließlich Deutschland, und lassen von dort die kleinen Restbestände vertrieblich verwalten. Dafür verlieren die europäischen Gesellschaften ihren rechtlich selbständigen Status und mutieren zu unselbständigen Betriebsstätten mit kleinem Personal. Die meisten administrativen Sachen werden outgesourct oder zentralisiert. Panasonic Europe ist dafür ein Beispiel unter vielen. Und diesem Trend entgehen Sie nicht mit „viel Geld in den Markt pumpen“.
Konjunkturelle Aufschwünge vollziehen sich meist in einem schnellen Übergang in den Boom. Auch hier schlägt Empirie Theorie und Glaube.
Ariane 2. Mai 2013, 15:39
Immer eine Freude, mit Ihnen zu diskutieren, immerhin siezt man sich 🙂
Aber es geht doch gar nicht darum, riesige Fabriken irgendwohin zu pflanzen. In weiten Teilen Europas gibt es doch eine Nachfragekrise, deshalb werden zb auch Überkapazitäten bei Autos abgebaut. Nicht weil plötzlich die Anlageobjekte unattraktiv geworden sind. Womit wir wieder bei der alten Frage sind, wer denn den ganzen Krempel aus den riesigen Fabriken kaufen soll.
Die Kreditnachfrage betrifft auch nicht nur Großunternehmen, sondern eben auch viele Kleinunternehmer, siehe das kleine Restaurant, das keine Kunden mehr hat und vor der Pleite steht, da gibts aber keine Aussicht auf Besserung und damit auch keinen Kredit, egal wie günstig es gerade sein mag. Siehe auch: http://blog.zeit.de/open-data/2013/05/02/wenn-das-billige-geld-nicht-wirkt/
In Dubio 3. Mai 2013, 09:36
Sehe ich genauso. Ich mag Widerspruch.
Was ist Ihr Ziel? Ich dachte wir reden über eine Politik, die den Krisenländern Perspektive und mittelfristig Wachstum mit zunehmender Beschäftigung gibt. Stefan Sasse meint, Austeritätspolitik wäre ein Irrweg. Was wird an dieser Politik kritisiert? Sie habe zu steigender Arbeitslosigkeit und Rezession geführt. Man darf natürlich ein Fragezeichen setzen, ob das so stimmt. Sie empfehlen nachfrageorientierte Konjunkturpolitik. Doch Konjunkturpolitik setzt an Kapazitäten an. Wir sind beide zu dem Schluss gekommen, die Produktionskapazitäten für Griechenland sind weitgehend außerhalb der Landesgrenzen. Momentan sind die meisten im Öffentlichen Sektor beschäftigt, doch der muss von irgendetwas bezahlt werden. Da macht Konjunkturpolitik keinen Sinn. Landwirtschaft auch nicht.
Überhaupt halte ich die Nachfragepolitik für falsch. Unternehmen schaffen heute nicht mehr Arbeitsplätze an einem bestimmten Ort, um dort die Nachfrage zu befriedigen. Deswegen mein Beispiel und der Verweis auf Panasonic. Für die meisten Unternehmen ist Europa ein Markt mit leider schrecklich viel regionaler Ausgestaltung. Läuft’s gerade nicht in Griechenland, dann verkaufen wir halt mehr Flachbildfernseher in Dänemark. Irgendwo geht immer. Schauen Sie sich die Beschäftigtenzahlen an: Panasonic Europe hat mehrere Produktionsstandorte in Europa, im wesentlichen in Deutschland. Damit bedienen sie den europäischen Markt. Und vor Ort sind kleine Vertriebsbüros. Deswegen sind in Deutschland viele und in Italien wenige beschäftigt. Und nebenbei poliert das die Handelsbilanz.
Produktion ist alles, was Sie lagern können. Dazu zählen z.B. auch IT-Programme und nicht nur die von SAP. Oder die Generierung von Altmetall. Oder der Aufbau von technologischer Infrastruktur. Dafür werden die Endprodukte weniger, dafür komplexer. Das ist die wirtschaftliche Entwicklung. Mit Volkswirtschaftslehre des Jahres 1980 kann man das nicht verstehen, siehe Nachdenkseiten. Produktionsunternehmen der modernen Art beschäftigen viele Menschen zu guten Löhnen. Logistiker benötigen viele Menschen zu eher niedrigen Löhnen (Amazon in Bad Hersfeld). Und Sales Offices bezahlen gut, beschäftigen aber weniger Menschen. Wenn Sie also Prosperität in der europäischen Peripherie wollen, müssen dort High Tech-Produktionen aufgebaut werden.
Nur, wo liegt der Anreiz dafür?
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