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Timestamp: 2020-01-17 19:29:25+00:00

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Theoretische Ansätze und Faktoren zu ihrer Entstehung
von Kathrin Velten (Autor)
2. Das Phänomen der Jugendkriminalität
2.1 Zum Begriff der Kriminalität
2.2 Zum Begriff der Jugendkriminalität
3. Jugendstrafrecht
4. Kriminalitätsentwicklung im Land NRW aus dem Jahr 2008
4.1 Tatverdächtige unter 21 Jahren
4.2 Anzahl der von den unter 21- jährigen begangenen Straftaten
4.3 Gewaltkriminalität und andere Roheitsdelikte
5. Der Begriff „Jugendphase”
5.1 Abgrenzung Kindheitsalter-Jugendalter
5.2 Abgrenzung Jugendalter-Erwachsenenalter
6. Abweichendes Verhalten
6.1 Deviantes und dissoziales Verhalten
6.1.1 Devianz als Lösungsversuch von Entwicklungsaufgaben
6.1.2 Devianz als Phänomen im Jugendalter
6.1.3 Lebenslauf-persistente vs. adoleszenz-limitierte Devianz ..
6.2 Jugendtypische Delinquenz
7. Gewalt, Aggressionen und Bullying
8. Theorien, Ansätze und Faktoren zur Entstehung von Jugendkriminalität
8.1 Sozialstrukturelle Kriminalitätstheorien
8.1.1 Anomietheorie nach Merton
8.1.2 Die Bedeutung der Anomietheorie für die Soziale Arbeit
8.1.3 Labeling-Ansatz
8.1.3.1 Die Bedeutung des Labeling-Ansatzes für die Soziale Arbeit
8.1.4 Das Teufelskreis-Modell nach Quensel
8.1.4.1 Die Bedeutung des Teufelskreis-Modells für die Soziale Arbeit
8.2 Lerntheoretischer Ansatz als psychologische Kriminalitätstheorie
8.2.1 Die Bedeutung des lerntheoretischen Ansatzes für die Soziale Arbeit
8.3 Variablenorientierte Ansätze: Risiko- und Schutzfaktoren
8.3.1 Risikofaktoren und -prozesse
8.3.2 Schutz- und Vulnerabilitätsfaktoren
8.4 Sozialisationstheoretische Faktoren
8.4.1 Soziale Einflussfaktoren und -prozesse: Elterliche und familiäre Merkmale
8.4.1.1 Elterliches Erziehungsverhalten
8.4.1.2 Familienstrukturelle Bedingungen (Broken homes)
8.4.2 Soziale Einflussfaktoren und -prozesse: Die Rolle der Gleichaltrigen
8.4.2.1 Sozialisationsprozesse
8.4.2.2 Beliebtheit dissozialer Jugendlicher
8.4.3 Freizeitaktivitäten
8.4.3.1 Fernsehen / Videospiele und Devianz
8.4.4 Bedeutung für die Soziale Arbeit
9. Sozialpädagogische (Präventions-) Maßnahmen
9.1 Kinder- und Jugendarbeit / Jugendsozialarbeit
9.1.1 Individuelle Sozialpädagogische Einzelbetreuung (ISE)
9.2 Anti-Aggressivitäts-Training
9.3 (Sozialpädagogische) Maßnahmen zur Rehabilitation jugendlicher Straftäter
9.3.1 Arrest und Jugendhaft
9.3.2 Täter-Opfer-Ausgleich
„Unsere Jugend wird immer brutaler!“, „Gibt es immer mehr Straftaten durch Jugendliche?“, „Die Menschen fürchten sich vor jugendlichen Intensivtätern!“. Laut Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die Jugendkriminalität für unser Land eine der größten Herausforderungen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem solche Meldungen nicht in den Medien erscheinen. Die Rede ist von Jugendkriminalität und Jugendgewalt, welche in den letzten Jahren immer wieder kontrovers diskutiert worden ist. Dabei reichen diese Debatten von Diebstahl über Drogenkonsum bis hin zu schweren Körperverletzungen und Amokläufen. Viele der Diskussionen beinhalten Thesen über die Entstehung der Jugendkriminalität: „Die Eltern sind schuld!“, „Die Schule hat versagt!“, „Wer in dieser Wohngegend lebt, kann ja nur kriminell werden!“, „Ballerspiele machen aggressiv!“
Doch ist dies wirklich so? Was führt dazu, dass Kinder und Jugendliche delinquent werden? Welche Faktoren spielen in der Entstehung von abweichendem Verhalten eine Rolle?
Nicht nur die allgegenwärtigen Medienberichte zur Jugendkriminalität, sondern auch mein Praxissemester in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg, eine Jugendstrafanstalt, in der ich tagtäglich mit diesen Themen konfrontiert worden bin, haben mich dazu bewegt, meine Diplomarbeit über dieses gegenwärtige Thema zu schreiben. Während meines 90-tägigen Praxissemesters und dem anschließenden 36-tägigen Feldprojekt auf der hiesigen Therapievorbereitungsgruppe habe ich viele Jugendliche Straftäter und ihre Lebensgeschichten kennen gelernt. Viele der mir geschilderten „Kriminalitätskarrieren“ verliefen sehr ähnlich. In Zugangsgesprächen, die immer zu Anfang geführt werden, wenn ein Jugendlicher oder Heranwachsender in die JVA kommt, berichteten mir die Häftlinge von ihren Lebensverhältnissen vor ihrer Inhaftierung. In den meisten Fällen stammen sie aus zerrütteten Familien in denen es wenig Halt und keine klaren Strukturen gab. Auch verfügten nur die wenigsten über einen Schulabschluss. Viele konsumierten Drogen und bestritten ihren Lebensunterhalt mit der so genannten Beschaffungskriminalität. Des Weiteren wurde deutlich, dass fast ausnahmslos alle Jugendlichen und Heranwachsenden in einem kriminellen Umfeld gelebt oder delinquente Freunde gehabt haben.
Schon damals stellte ich mir die Frage, ob sich diese Aussagen verallgemeinern und sich somit auf alle kriminellen Jugendlichen beziehen lassen. Die oben aufgeführten Thesen und die Begegnungen und Erzählungen mit den Inhaftierten möchte ich in dieser Arbeit belegen bzw. widerlegen.
Die vorliegende Arbeit betrachtet die Ursachen sowie deren Besonderheiten von Jugendkriminalität und stellt, vor dem Hintergrund ausgewählter Literatur, die Ansätze und Faktoren sowie ihre Besonderheiten, die zu der gegenwärtigen Jugendkriminalität führen, dar. Zu diesem Zweck wird das Phänomen der kriminellen Abweichung im Jugendalter genauer beleuchtet und anhand gegenwartsnaher, kriminologischer Theorien auf mögliche Ursachen untersucht. Dazu werden in dieser Arbeit die grundlegenden Erklärungsansätze in den sozialstrukturellen, variablenorientierten, sozialisationstheoretischen sowie psychologischen Bereichen dargestellt.
Es wird deutlich, dass wenn in der vorliegenden Arbeit von Kriminalität die Rede ist, es sich dabei um einen äußerst weit gefächerten, wandelbaren Begriff handeln kann.
Da altersbezogene Abgrenzungen und Bezeichnungen für Menschen in der Lebensphase Jugend in den Wissenschaften variieren, sollen zur Vereinfachung und zum besseren Verständnis in den Ausführungen vorrangig die Begriffe „Jugendliche“ und „junge Menschen“ verwendet werden, wobei Heranwachsende oder junge Erwachsene, wenn nicht gesondert aufgeführt, stets mit eingeschlossen sind.
Weiter weise ich darauf hin, dass ich mich nur mit der „männlichen“ Jugendkriminalität auseinander gesetzt habe. Der Vergleich zu der „weiblichen“ Kriminalität hätte, im begrenzten Rahmen dieser Arbeit, keinen Platz gefunden.
In dieser Ausarbeitung wird zur Vereinfachung lediglich der Begriff der SozialarbeiterInnen verwendet, um gleichzeitig die weibliche und männliche Schreibweise zu berücksichtigen.
Im Folgenden wird nun der Aufbau dieser Arbeit dargelegt.
Das zweite Kapitel umfasst zunächst das Phänomen der Jugendkriminalität. Damit von ihr ein einheitliches Verständnis vorliegt, wird in diesem Kapitel der Begriff der Jugendkriminalität sowie der Kriminalität definiert.
Mit dem Jugendstrafrecht beschäftigt sich das dritte Kapitel. Hier werden die strafrechtlichen Aspekte nach dem JGG dargelegt und die Abgrenzung zum Erwachsenstrafrecht verdeutlicht.
Um einen Überblick über das Ausmaß der von jungen Menschen begangenen Straftaten zu erhalten, können kriminalstatistische Erkenntnismittel herangezogen werden. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) besitzt als ein solches Erkenntnismittel hohen öffentlichen Bekanntheitsgrad, weshalb ich mich in meinen Ausführungen im Kapitel vier ausschließlich darauf beziehen werde.
Im fünften Kapitel beschäftige ich mich mit dem Begriff der Jugendphase. Hier erläutere ich die Abgrenzung vom Kindheits- zum Jugendalter und die Abgrenzung vom Jugend- zum Erwachsenenalter.
Das sechste Kapitel umfasst Definitionen und Erklärungen zu den Themengebieten „abweichendes Verhalten“, „Devianz“ und „Delinquenz“. In Kapitel 5.1.2 wird aufgezeigt warum die Devianz gerade im Jugendalter ein Phänomen darstellt.
Gewalt, Aggressionen und das Bullying als besondere Form von Aggressionen sind Bestandteile des siebten Kapitels. Hier gebe ich einen kurzen Einblick in die Formen der Gewalt.
Entsprechend der Themenstellung dieser Arbeit, behandelt das achte Kapitel Theorien, Ansätze und Faktoren zur Entstehung von Jugendkriminalität. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Entstehungsmöglichkeiten und denkbaren Auslösern von Kriminalität sowie die immer weiter voranschreitenden Forschungen führten zu zahlreichen Anätzen und Theorien in der Kriminologie. Eine Aufzählung und Darstellung dieser in ihrer Gesamtheit wäre im Rahmen meiner Ausführungen nicht möglich. Infolgedessen sollen einige mit hohem Bekanntheitsgrad und von mir als bedeutsam erachtete grundlegende theoretische Erkenntnisse dargestellt werden. Um den Praxisbezug zu verdeutlichen, hinterfrage ich die Bedeutung der Sozialen Arbeit für den jeweiligen Ansatz bzw. Entstehungsfaktor.
Das neunte Kapitel beinhaltet sozialpädagogische (Präventions-) Maßnahmen. Hier nehme ich pädagogische Hilfen im Umgang mit Straffälligen und von Straffälligkeit bedrohten jungen Menschen in den Blick. Die Handlungsmöglichkeiten aber auch Notwendigkeiten in Form von speziellen Hilfsangeboten können zu unterschiedlichen Zeitpunkten einsetzen.
Den Schluss meiner Arbeit bildet das Fazit. An dieser Stelle fasse ich noch einmal die wichtigsten Aussagen dieser Ausarbeitung zusammen und nehme zu dem Thema kritisch Stellung.
2. Das Phänomen Jugendkriminalität
Für uns ist es heute nahezu selbstverständlich die Jugendkriminalität als einen separaten Teil der Gesamtkriminalität zu sehen. Doch was macht eigentlich das Besondere der Jugendkriminalität gegenüber der „anderen“ Kriminalität aus? In öffentlichen Diskussionen wird die Jugendkriminalität, die hauptsächlich aus der Kriminalität junger Männer besteht, nicht selten als die „typische“ Kriminalität betrachtet. Damit ein einheitliches Verständnis von Kriminalität, bzw. Jugendkriminalität vorliegt, werden im Folgenden zunächst einmal die Begriffe Kriminalität und Jugendkriminalität definiert und im späteren Verlauf der Arbeit, gemäß der Themenstellung, auf ihre Entstehungsfaktoren untersucht.
Nach Schwind (1998) werden aus juristischer Perspektive unter Kriminalität „Handlungen mit Strafrechtlichen Rechtsfolgen“1
verstanden. Ein engerer, gleichsamer und natürlicher Kriminalitätsbegriff, welcher die Kriminalität auf einen Kernbereich von Handlungen beschränkt und die auch ohne ein strafrechtlich bewehrtes Verbot als verwerflich zu bezeichnen sind, ist nach Schwind (1998) davon abzugrenzen. Hierzu zählen Vergewaltigung, Mord, schwere Körperverletzung, Raub und andere Kapitalverbrechen. Daneben erweitert der Autor aus soziologischer Sicht den Begriff der Kriminalität über den strafrechtlich relevanten Rahmen hinaus auf abweichendes Verhalten insgesamt. So wird in soziologischen Diskussionen in der Regel nicht von Kriminalität, sondern von abweichendem Verhalten gesprochen. Der Begriff des abweichenden Verhaltens ist sehr umfangreich und breit verzweigt, da sich Abweichung zum einen auf das rechtlich als abweichend bezeichnete, nämlich delinquente und kriminelle Verhalten beziehen kann, zum anderen auf die Verletzung, Enttäuschung, bzw. Nicht-Erfüllung von normativen Erwartungen einzelner Menschen beziehen kann.2
Sack (1969) ist der Ansicht,
„…dass Kriminalität nur ein abweichendes Verhalten unter vielen und sogar randständig bleibt.“3
Nach Sonnen in Diemer, Schoreit, Sonnen (1999) kennt das Strafrecht der BRD keine Strafbestände, die besonders auf Jugendliche ausgerichtet sind. In manchen Hinsichten lassen sich die Verhaltensweisen von Jugendlichen, z.B. Telefonzellenzerstörungen, Graffitimalereien, „Abzocken“ von Gegenständen, als spezifisch begreifen. Jedoch werden sie definitorisch als Kriminalität nur dann erfasst, wenn eine allgemeine Deliktumschreibung auf sie anwendbar erscheint. Hingegen dem Erwachsenenstrafrecht, welches sowohl Strafen als auch Maßregelen der Besserung und Sicherung kennt, verfügt das Jugendrecht mit dem §§5 f JGG über ein eigenes, in sich geschlossenes Sanktionssystem, welches nur einige einzelne Institute des allgemeinen Strafrechts mit beinhaltet. Jugendrechtliche Regelungen heben, gegenüber dem für Erwachsene geltenden Recht, in erster Linie nicht auf Strafe, also Jugendstrafe als Freiheitsstrafe, ab, sondern auf erzieherische Maßnahmen. Von dem Jugendkriminalitätsrecht spricht man auch aufgrund der teilweisen Abgrenzung von Strafen und der gleichzeitigen Anbindung an die strafrechtlichen Deliktbestände.4
„Dieser Begriff berücksichtigt die gemeinsame strafrechtliche Basis, die strafrechtliche Tat oder das crimen, betont sodann jedoch die gegenüber den Strafen alternativen jugendrechtlich-erzieherischen Sanktionen.“5
Die Voraussetzung für die Jugendkriminalität ist dann gegeben, wenn das Verhalten eines oder mehrerer junger Menschen unter die Merkmale eines allgemeinen Strafbestandes eingeordnet werden kann. Dies geschieht in einem komplexen sozialen Prozess mit einer Reihe von Stationen. So muss ein als Kriminalität definiertes Verhalten entdeckt und von einer anderen Person als „kriminell“ wahrgenommen werden. Im Folgenden muss dieses Verhalten einer zuständigen Behörde, der Polizei, mitgeteilt werden usw. Auch wenn wir im alltäglichen Gebrauch ganz selbstverständlich von Jugendkriminalität als einen separaten Teil der Gesamtkriminalität sprechen, soll trotzdem an dieser Stelle die Besonderheit der Jugendkriminalität gegenüber der „anderen“ Kriminalität dargestellt werden.
Das Besondere an dem Phänomen der Jugendkriminalität kann, allgemein betrachtet, in ihren speziellen Erscheinungsformen, z.B. in spontanen, unüberlegt-emotionalen Aggressionen gegenüber Gleichaltrigen, liegen. Des Weiteren ist es möglich, aufgrund des jungen Alters der kriminellen Jugendlichen, einen anderen Umgang auszuüben. Zudem können sich im Vergleich zu der Erwachsenenkriminalität bessere Chancen der Kriminalprävention ergeben.6
Dieser besondere Umgang mit den jugendlichen Delinquenten „(…) muss an jugendliche Momente anknüpfen, an personengebundene Merkmale, die zugleich - direkt oder indirekt - in dem jugendlichen Verhalten, den Taten und ihren Hintergründen wieder zu finden sind.“7
Damit die besonderen Reaktionen als folgerichtig und vernünftig beeindrucken, müssen die Taten theoretisch zu erfassen sein. Soll etwa eine erzieherische Sanktion Anwendung finden, muss in der Verhaltens- oder Tatdefinition, welche den Eingriffsgrund kennzeichnet, auch ein erzieherisches Defizit zu erkennen sein. Nur somit kann eine erzieherische Antwort als wirksam gelten.8
Das folgende Kapitel soll einen Einblick in die Gesetzesgrundlagen des Jugendgerichtsgesetz (JGG) und des Strafgesetzbuches (StGB) geben sowie die Abgrenzung vom Erwachsenenstrafrecht veranschaulichen. Somit wird noch einmal verdeutlicht, was die Jugendkriminalität, zumindest rechtlich, definiert und warum die Abgrenzung zum Erwachsenenstrafrecht so elementar ist.
Für Jugendliche gelten grundsätzlich die allgemeinen Gesetze, wie das Strafgesetzbuch und die Strafprozessordnung. Allerdings gibt es wichtige Besonderheiten, welche neben internationalen Vorschriften vor allem im Jugendgerichtsgesetz sowie den bundeseinheitlichen Richtlinien zum Jugendgerichtsgesetz geregelt sind. Das Jugendstrafrecht ist ein Sonderstrafrecht für junge Beschuldigte.
§ 1 JGG Persönlicher und sachlicher Anwendungsbereich
„(1) Dieses Gesetz gilt, wenn ein Jugendlicher oder ein Heranwachsender eine Verfehlung begeht, die nach den allgemeinen Vorschriften mit Strafe bedroht ist.“
Der Grund hierfür sind die Besonderheiten in der psychologischen Entwicklung der Jugendlichen, denn jugendliche Sozialisationsprozesse erfordern spezielle Reaktionen auf Straftaten. Straftaten sind, zumindest bis zu einem gewissen Grad, sogar Ausdruck der notwendigen Abgrenzung und Selbstfindung im Jugendalter. Auch die Normen und Werte des Freundes- und Bekanntenkreises, der so genannten "Peergroup", wirken besonders stark auf Jugendliche und junge Erwachsene ein. So führt z.B. Gruppendruck oft zu einer milderen Sanktionierung. Hingegen wirkt im allgemeinen Strafrecht gemeinschaftliches Handeln in der Regel, zum Teil aber auch erheblich, strafverschärfend. Aufgrund des jugendlichen Charakters sind zudem die Reaktionsmöglichkeiten im Jugendstrafrecht flexibler. Hierbei besteht weitestgehend die Möglichkeit, ein Verfahren ohne formelles Urteil zu beenden und stattdessen auf den Beschuldigten erzieherisch einzuwirken.
Das Ziel des Jugendstrafrechts ist nach § 2 JGG:
„(1) Die Anwendung des Jugendstrafrechts soll vor allem erneuten Straftaten eines Jugendlichen oder Heranwachsenden entgegenwirken. Um dieses Ziel zu erreichen, sind die Rechtsfolgen und unter Beachtung des elterlichen Erziehungsrechts auch das Verfahren, vorrangig am Erziehungsgedanken auszurichten.“
Bei der Beantwortung der Frage, ob und wann das Jugendstrafrecht anwendbar ist, muss klar sein, wie alt der Beschuldigte zur Zeit der Tat gewesen ist. Das Gesetz unterscheidet hierbei vier Altersstufen.
§ 19 StGB Schuldunfähigkeit des Kindes:
„Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist.“
Nach diesem Paragraphen ist das Jugendstrafrecht damit nicht anwendbar, jedoch ist das Jugendamt in der Lage Maßnahmen zu ergreifen. Im Alter zwischen vierzehn und achtzehn Jahren unterliegt der Beschuldigte dem Jugendstrafrecht. Es wird dann geprüft, ob und ggf. wie weit der Beschuldigte schon strafrechtlich verantwortlich ist.
§ 3 JGG Verantwortlichkeit:
„Ein Jugendlicher ist strafrechtlich verantwortlich, wenn er zur Zeit der Tat, nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln. Zur Erziehung eines Jugendlichen, der mangels Reife strafrechtlich nicht verantwortlich ist, kann der Richter dieselben Maßnahmen anordnen wie der Familien- oder Vormundschaftsrichter.“
Als Heranwachsender wird bezeichnet, wer zur Zeit der Tat bereits achtzehn aber unter einundzwanzig Jahren alt ist.
„(2) Jugendlicher ist, wer zur Zeit der Tat vierzehn, aber noch nicht achtzehn, Heranwachsender, wer zur Zeit der Tat achtzehn, aber noch nicht einundzwanzig Jahre alt ist.“
In § 105 JGG, Anwendung des Jugendstrafrechts auf Heranwachsende, finden sich folgende Regelungen zur Anwendung des Jugendstrafrechts auf Heranwachsende:
„(1) Begeht ein Heranwachsender eine Verfehlung, die nach den allgemeinen Vorschriften mit Strafe bedroht ist, so wendet der Richter die für einen Jugendlichen geltenden Vorschriften der §§ 4 bis 8, 9 Nr. 1, §§ 10, 11 und 13 bis 32 entsprechend an, wenn
(3) Das Höchstmaß der Jugendstrafe für Heranwachsende beträgt zehn Jahre.“
Wie aus §105 hervorgeht, bestimmen sich die Zuständigkeiten für Heranwachsende auch nach dem Jugendgerichtsgesetz. Heranwachsende gelten laut dem Gesetz grundsätzlich als strafrechtlich verantwortlich. Einschränkungen können sich aus den allgemeinen Regeln, z.B. aus den §§ 20, 21 StGB ergeben. Das Jugendstrafrecht ist grundsätzlich jedoch nicht mehr anwendbar bei Beschuldigten, die zu der Tatzeit einundzwanzig Jahre oder älter gewesen sind. Allerdings kann es angewendet werden, wenn gleichzeitig frühere Taten abgeurteilt werden.9
Die Abgrenzung vom Erwachsenenvollzug verdeutlicht, dass sich das JGG zum einen nach dem Alter, zum anderen aber auch nach dem Reifegrad der Täter richtet. Im Vordergrund steht der Erziehungsgedanke der Rechtsfolgen und des Verfahrens. Im Fall einer Bewährungsstrafe beispielsweise, können und müssen Sozialarbeiter verschiedener Institutionen (Jugendgerichtshilfe, Bewährungshilfe oder Suchthilfe etc.) dem Betroffenen Hilfe anbieten bzw. ihn in seinen Auflagen unterstützen. Diese Unterstützung bzw. Hilfe kann in Form von sozialen Trainingskursen, Anti-Aggressionstraining oder ambulanten bzw. stationären Therapien sein.
Das folgende Kapitel umfasst die Kriminalitätsentwicklung im Land NRW aus dem Jahr 2008 und bezieht seine Quellen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS).
Die PKS soll einen Einblick geben, in welche Richtung sich das Ausmaß der Jugendkriminalität momentan bewegt und ob, wie in der Einleitung erwähnt, die Jugendkriminalität tatsächlich zunimmt. Diese Zahlen und Statistiken belegen faktisch, wie der momentane Stand der Jugendkriminalität ist, jedoch kann nur ein Teilausschnitt der Kriminalitätswirklichkeit erfasst werden. Die polizeilich registrierte Kriminalität ist entscheidend vom Anzeigeverhalten der Bevölkerung abhängig.10
Für das Jahr 2008 wurden in Nordrhein-Westfalen 1.453.203 Straftaten erfasst. Gegenüber dem Jahr 2007 (1.495.333 Straftaten) bedeutet dies eine Abnahme um 42.130 bzw. 2,8 % Straftaten. 2008 kamen auf 100.000 registrierte Einwohner (Häufigkeitszahl) 8.075 Straftaten. Das sind 219 bzw. 2,6 % weniger als im Vorjahr (8294). Von den 1.453.203 Straftaten konnten 716.494 aufgeklärt werden. Dies entspricht einer Aufklärungsquote von 49,3 % (2007: 49,2 %).
Im Jahr 2008 wurden 496.172 Tatverdächtige (TV) ermittelt, das sind 16.815 bzw. 3,5 % mehr als im Vorjahr (479.357 Tatverdächtige). Dies ist die bisher höchste Tatverdächtigenanzahl seit Einführung der PKS.
Die Anzahl der unter 21-jährigen Tatverdächtigen nahm gegenüber dem Vorjahr um 2.759 Tatverdächtige bzw. 2,0 %, die der über 21 Jährigen um 14.056 bzw. 4,1% zu. Der Anteil der unter 21-jährigen Tatverdächtigen betrug 28,2 % (Jahr 2007 28,7 %).
Die Tatverdächtigen gehörten folgenden Altersgruppen an:
Insgesamt wurden im Jahr 2008 140.138 Tatverdächtige unter 21 Jahren ermittelt (2007: 137.379 Tatverdächtige). Die Anzahl nahm gegenüber dem Vorjahr um 2.759 bzw. 2,0% zu. Von diesen Tatverdächtigen waren 36.238 (25,9%) weiblich, 103.831 (74,1%) männlich. Die Anzahl der tatverdächtigen Erwachsenen erhöhte sich um 14.056 bzw. 4,1 %.
Der Anteil der unter 21-Jährigen an allen ermittelten Tatverdächtigen betrug in den Jahren 2005 bis 2007 28,7% und hat sich im Berichtsjahr geringfügig auf 28,2% verringert. Die Bevölkerungszahl der Kinder ab 8 Jahren sank 2008 gegenüber 2007 um 1,9%. Die Anzahl der tatverdächtigen Kinder ab 8 Jahren erhöhte sich um 3,6 %. Damit liegt die Tatverdächtigenbelastungszahl - TVBZ (= Ermittelte Tatverdächtige auf 100.000 der entsprechenden Bevölkerung, wobei die Kinder unter 8 Jahren unberücksichtigt bleiben)- im Berichtsjahr mit 2.080 (+ 110 oder 5,6%) über der des Jahres 2007 (1.970). Dem Anstieg der Anzahl ermittelter tatverdächtiger Jugendlicher um 754 (+ 1,2%) steht eine Bevölkerungsabnahme dieser Altersgruppe von 1,1 % gegenüber. Die TVBZ stieg dadurch von 7.456 im Jahr 2007 um 176 bzw. 2,4% auf 7.632 im Jahr 2008.
Bei den Heranwachsenden war ein Bevölkerungsanstieg von 1,0 % zu verzeichnen. Durch die Zunahme der Anzahl der Tatverdächtigen von 2,4 % stieg die TVBZ von 8.069 im Jahr 2007 auf 8.181 im Jahr 2008 (+ 112 oder 1,4%).
Insgesamt stieg die TVBZ der 8- bis unter 21-Jährigen von 5.206 im Vorjahr um 157 bzw. 3,0 % auf 5.363 im Jahr 2008.
Delikte mit einem hohen Anteil an unter 21-jährigen Tatverdächtigen
Einem Rückgang der unter 21-jährigen Tatverdächtigen bei Raubdelikten stehen leichte Anstiege bei bestimmten Diebstahlsdelikten und Sachbeschädigungen gegenüber.
4.2 Anzahl der von den unter 21-jährigen begangenen Straftaten
Für das Berichtsjahr 2008 ist es erstmals möglich, die Anzahl der aufgeklärten Straftaten nach Altersgruppen der Tatverdächtigen auszuweisen. Im Jahr 2008 wurden 220.110 Straftaten von 140.069 unter 21-Jährigen begangen. Diese kommen demnach für 30,7% aller aufgeklärten Straftaten als Tatverdächtige in Frage. Dieser Anteil liegt damit geringfügig (2,5 Prozentpunkte) über ihrem Tatverdächtigenanteil von 28,2%.
Die folgende Tabelle gibt bei ausgewählten Delikten mit einem hohen Anteil von unter 21-jährigen Tatverdächtigen die Anzahl der von ihnen begangenen Straftaten an. Sofern die Anzahl der Fälle niedriger ist als die Anzahl der Tatverdächtigen, werden diese Straftaten häufiger durch zwei oder mehr Tatverdächtige begangen.
4.3 Gewaltkriminalität und andere Rohheitsdelikte
Im Jahr 2008 wurden 52.374 Gewaltdelikte bekannt, welche folgende Delikte umfassen: Mord, Totschlag, Vergewaltigung und besonders schwere Fälle der sexuellen Nötigung, Raub und räuberische Erpressung, Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche und schwere Körperverletzung, Geiselnahme, erpresserischer Menschenraub sowie Angriff auf den Luft- und Seeverkehr.
Das bedeutet gegenüber dem Jahr 2007 (53.420 Fälle) eine Abnahme um 1.046 Fälle bzw. 2,0%. Da die Gesamtkriminalität um 2,8% sank, hat sich der Anteil der Gewaltdelikte an allen Straftaten von 3,57% im Jahr 2007 auf 3,60% im Berichtsjahr erhöht.
Im Jahr 2008 wurden insgesamt 50.405 Tatverdächtige ermittelt, die eine Gewalttat begangen hatten, davon waren 22.552 unter 21 Jahre. Der Anteil der unter 21-jährigen Tatverdächtigen betrug somit 44,7%. Das ist der bisher zweithöchste Anteil in den letzten zehn Jahren nach 2007 (46,1%).
Auf die einzelnen Altersgruppen bezogen ergibt sich folgendes Bild: Die Anzahl der gewalttätigen Kinder stieg im Jahr 1999 bis 2000 von 2.739 auf 3.161 um 422 Tatverdächtige bzw. 15,4%. Bis zum Jahr 2006 (2.514 Tatverdächtige) waren rückläufige TV-Zahlen zu verzeichnen. Seit 2007 sind Steigerungsraten von 13,9% (2.864 TV) und 5,3% (2008: 3.016 TV) zu verzeichnen.
Die Anzahl jugendlicher Tatverdächtiger bei Gewaltdelikten stieg kontinuierlich von 8.406 im Jahr 1999 bis auf 11.300 im Jahr 2007 (+ 3.112 Tatverdächtige bzw. 38,0%). Im Berichtsjahr sank die Anzahl geringfügig um 183 oder 1,6% auf 11.117 Tatverdächtige. Bei den Heranwachsenden mussten in den letzten zehn Jahren, mit Ausnahme des Jahres 2007, durchgängig steigende Tatverdächtigenzahlen registriert werden. Die Anzahl erhöhte sich von 5.665 im Jahr 1999 bis auf 8.419 im Jahr 2008 (+ 2.754 Tatverdächtige oder 48,6%). Im Berichtsjahr stieg die Anzahl der Heranwachsenden, die mit Gewalttaten auffielen, gegenüber 2007 von 7.597 um 822 bzw. 10,8% auf 8.419.11
5. Der Begriff „Jugendphase“
Das fünfte Kapitel umfasst den Begriff der Jugendphase und soll die typischen Merkmale dieser Lebensphase verdeutlichen, denn keine andere ist von so vielen Ängsten, Umbrüchen, Unsicherheiten und Grenzerfahrungen charakterisiert wie diese. Im Verlauf dieser Arbeit wird deutlich, wie wichtig dieser Einblick in die Lebensphase Jugend ist, da deviantes und delinquentes Verhalten fast ausschließlich in dieser Lebensphase auftritt. Die Abgrenzung vom Kindheits- zum Jugendalter sowie vom Jugend- zum Erwachsenenalter soll neben der Aufzeigung der Entwicklungsaufgaben die Übergänge in die jeweilige Lebensphase darlegen.
Nach Hurrelmann (2005) beginnt die Jugendzeit immer früher, da sich das Datum der Geschlechtsreife (Pubertät) im Lebenslauf nach vorn verlagert. Weil der Übergang in das Erwachsenleben und die Gründung einer eigenen Familie weit aufgeschoben oder sogar ganz ausgelassen werden, verzögert sich zugleich das Ende der Jugendzeit. Daraus entsteht eine eigenartige Mischung aus Selbst- und Fremdbestimmung, Selbstständigkeit und Abhängigkeit, die zum einen hohe Spielräume und zum anderen Zwänge für die Lebensgestaltung mit sich bringt. Der Spielraum Jugendlicher für selbstbestimmte Verhaltensweisen vor allem im Freizeit- und Konsumbereich und bei der Nutzung von Verbrauchsgütern einschließlich von Genussmitteln und Medien ist relativ groß. Auch der Bereich der unmittelbaren sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts umfasst einen großen Spielraum. Aber auch im Bereich des politischen und religiösen Handelns und Denkens besteht ein großer Handlungsraum. Hingegen wird durch die Verlängerung der Schul- und Ausbildungszeiten der Schritt zur ökonomischen Selbstständigkeit immer weiter aufgeschoben.
Zusammenfassend bedeutet dies, dass die Jugendphase heute durch die Spannung zwischen der soziokulturellen Selbstständigkeit und der sozioökonomischen Unselbstständigkeit charakterisiert ist. Jugend entwickelt sich in eine in sich gefügte eigenständige Lebensphase, welche den Widerspruch zwischen den mit dem Alter ansteigenden persönlichen Autonomiebedürfnissen und den ökonomischen Hemmnissen zur Umsetzung dieser Eigenständigkeit zu bewältigen hat. Diese Entwicklung resultiert daraus, in welchem Maße sich die Erwerbstätigkeit lebenszeitlich aufschiebt. Die betroffenen Jugendlichen finden auf der einen Seite zwar einen ökonomisch ungesicherten auf der anderen Seite jedoch soziokulturell und in den soziale Bindungen und Werteorientierungen durchaus gestaltbaren Lebensraum vor. Dieser ist nach Ende der Pflichtschulzeit oft durch den Auszug aus dem Elternhaus oder durch die flexible Einbindung in unkonventionelle Wohnformen gekennzeichnet.12
Nach Hurrelmann (2005) ist
„(…) das Jugendalter durch eine „Statusinkonsistenz“ - eine Ungleichzeitigkeit und Unausgewogenheit von sozialen Positionen und Rollen - charakterisiert.“13
Der Eintritt in die Geschlechtsreife, der Pubertät, ist aus entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischer Sicht der wichtigste Gesichtspunkt. Die Pubertät stellt einen tief greifenden Einschnitt in die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen dar, die als eine völlig neue, gegenüber der Kindheit qualitativ andersartig gestaltete, Form der Verarbeitung von psychischen, körperlichen und Umweltanforderungen eintritt.14 Nach Alasker (1997); Brooks-Gunn und Paikoff (1999); Fend (1990); Feldmann und Elliot (1990); Oerter und Dreher (1995) kommt es nach dem verhältnismäßig kontinuierlichen Wachstum der Körperfunktionen in der Kindheit durch die Geschlechtsreife zu einem heftigen Ungleichgewicht in der körperlichen Entwicklung und Dynamik in der Persönlichkeit. Da der gesamte Körper in anatomische, hormonale und physiologische Veränderungen mit einbezogen ist, folgen umfassende Auswirkungen auch auf seelischer und sozialer Ebene.15
„Es ist eine „Neuprogrammierung“ nicht nur von physiologischen, sondern auch psychologischen und sozialen Regulierungs- und Bewältigungsmustern notwendig, um auf die veränderten inneren und äußeren Bedingungen reagieren zu können.“16
Lerner und Spanier (1980) sind der Ansicht, dass im Kindesalter die psychischen Bewältigungsstrategien zur Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und den Anforderungen aus dem sozialen, biologischen sowie ökologischen Bereich ganz anders sind, als im Jugendalter. Die Jugendzeit unterscheidet sich von der Kindheit dadurch, dass eine Bewältigung nur möglich ist, wenn die Jugendlichen eine autonome Organisation der Persönlichkeit vornehmen, indem sie sich von ihren primären Bezugspersonen, in den meisten Fällen Mutter und Vater, innerlich ablösen. Die in der Kindheitsphase noch vorherrschenden psychischen Mechanismen der Identifikation und Imitation mit den Eltern, um mit den Anforderungen zu Recht zu kommen, treten im Jugendalter deutlich in den Hintergrund. Nach Lerner und Spanier (1980) sind eigenständig entwickelte Bewältigungsmechanismen die Voraussetzung für die Steuerung des persönlichen Entwicklungsprozesses nach der beginnenden psychosozialen Ablösung von den Eltern.
Um die Umsetzung von psychischen, sozialen, körperlichen sowie ökologischen Anforderungen in den einzelnen Lebensphasen in individuelle Verhaltensprogramme zu bezeichnen, hat sich nach Havighurst (1956), (1982) der Begriff der „Entwicklungsaufgabe“ durchgesetzt. Hierunter werden die sozialen und psychischen vorgegeben Erwartungen und Anforderungen verstanden, die an Personen in einem bestimmten Lebensabschnitt gestellt werden. Für jedes Individuum definieren die Entwicklungsaufgaben die vorgegebenen Anpassungs- und Bewältigungsschritte, denen sich der Mensch bei der Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Anforderungen stellen muss.17
Die 4 zentralen Entwicklungsaufgaben des Jugendalters sind:
„1. Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz, um selbstverantwortlich schulischen und anschließend beruflichen Anforderungen nachzukommen, mit dem Ziel, eine berufliche Erwerbsarbeit aufzunehmen und dadurch die eigene ökonomische Basis für die selbstständige Existenz als Erwachsene zu sichern.
2. Entwicklung des inneren Bildes von der Geschlechtszugehörigkeit, Akzeptieren der veränderten körperlichen Erscheinung, Aufbau einer sozialen Bindung zu Gleichaltrigen des eigenen und des anderen Geschlechts, Aufbau einer heterosexuellen (oder auch homosexuellen) Partnerbeziehung, die in der Regel die Basis für eine Familiengründung und die Geburt und Erziehung eigener Kinder bilden kann.
3. Entwicklung selbstständiger Handlungsmuster für die Nutzung des Konsumwarenmarktes einschließlich der Medien und Fähigkeit zum Umgang mit Geld mit dem Ziel, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln und zu einem kontrollierten und bedürfnisorientierten Umgang mit den Freizeit-Angeboten zu kommen.
4. Entwicklung eins Werte- und Normsystems und eines ethischen und politischen Bewusstseins, das mit dem eigenen Verhalten und Handeln in Übereinstimmung steht, sodass die verantwortliche Übernahme von gesellschaftlichen Partizipationsrollen als Bürger im kulturellen und politischen Raum möglich wird.“18
Nachdem die Abgrenzung vom Kindes- zum Jugendalter und somit der deutliche qualitative Sprung in der Dynamik der Persönlichkeitsentwicklung von der Kindheits- zur Jugendphase aufgezeigt worden ist, erscheint es sinnvoll, die Abgrenzung des Jugendalters zum Erwachsenenalter aufzuzeigen. Diese Abgrenzung soll verdeutlichen, in welcher schwierigen Lebensphase sich die Jugendlichen befinden und warum es gerade in dieser Zeit zu Abweichungen im Verhalten kommen kann. Im späteren Verlauf der Arbeit werden sodann die unterschiedlichen Formen von Abweichungen vorgestellt.
5.2 Abgrenzung Jugendalter - Erwachsenenalter
Wenn die oben aufgeführten vier Entwicklungsaufgaben des Jugendalters bewältigt und somit die Selbstbestimmungsfähigkeit des Jugendlichen erreicht ist, kann von einem Übergang des Jugendalters zum Erwachsenenalter gesprochen werden. Der Status des Erwachsenen wird in unserem Kulturraum meist durch die folgenden Merkmale charakterisiert:
„Es sind Persönlichkeitsmerkmale, die sich durch einen hohen Grad an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung im Ungang mit den inneren und äußeren Anforderungen auszeichnen und zugleich Verantwortlichkeit gegenüber den Belangen und Interessen anderer Menschen zum Ausdruck bringen.“19
Nach Hamburg (1980) stellt die unruhige Tast- und Suchphase ein charakteristisches Merkmal für das Erwachsensein dar, welche für alle Bereiche der sozialen, psychischen und körperlichen Entwicklung im Jugendalter bedeutend und in den meisten Fällen abgeschlossen ist. Erikson (1981) ist der Ansicht, dass das Erwachsenenalter mit der Heraustretung aus der bewegten und unruhigen, teilweise unkontrollierten und sehr dynamischen Jugendphase beginnt. Motive, Interessen und Bedürfnisse sollten in eine vorläufig persönliche Ordnung gebracht werden. Ein weiteres charakteristisches Merkmal zur Erlangung eines vorläufigen Stadiums der persönlichen Stabilität ist nach Flammer und Alasker (2002) zumeist die soziale und psychische Ablösung von den Eltern. Ein eigener stabiler Partnerkontakt kann nur aufgebaut werden, wenn ein bedachtes, neues und abgeklärtes Verhältnis zu den Eltern hergestellt ist. Wichtig hierbei ist, dass eine neue und emotionale Beziehungsfähigkeit, basierend auf Gleichberechtigung, entwickelt wurde.
Aus diesen Begriffserläuterungen lässt sich zusammenfassen, dass die Abgrenzung vom Jugend- zum Erwachsenenalter deutlich schwieriger ist, als die vom Kindheits- zum Jugendalter. Die Grenzen zum Erwachsenenalter sind fließend und es ist kaum möglich, eine für alle Menschen verbindliche und fest erwartbare Alters- und Reifeschwelle für die Passierung des Übergangspunktes zwischen den beiden Lebensphasen zu nennen. Ein Beispiel hierfür ist die Tatsache, dass bei dem Übergang von der Kindheit in das Jugendalter die Jahre um die Geschlechtsreife den Übergangspunkt markieren. Hingegen lässt sich bei dem Übergang zum Erwachsenenalter ein allgemeingültiger, an das biologische Alter gekoppelter Zeitpunkt nicht angeben.20
Der Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter liegt nach Fend (2000) in unserem Kulturkreis zwischen 18 und 21 Jahren, „(…) doch immer größere Anteile der Jugendlichenpopulation benötigen heute - auch bedingt durch die sozialstrukturellen Vorgaben (…) - erheblich mehr Zeit, um die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters abzuschließen und sich den psychischen Herausforderungen zu stellen, die typisch für das Erwachsenenleben sind.“21
Festzuhalten ist, dass Grenzerfahrungen durch Grenzüberschreitungen sowie unruhiges Umhertasten und Suchen nach dem Selbst und dem Platz in der Gesellschaft regelmäßig zum Erwachsenwerden gehören.
1 Lüdemann, Christian; Ohlemacher, Thomas:Soziologie der Kriminalität. Weinheim und München:Juventa 2002, S.9
2 Vgl. Lüdemann, Ohlenmacher:2002, S.9 f
3 Ebd. S.10
4 Vgl. Walter, Michael:Jugendkriminalität. Eine systematische Darstellung. Stuttgart, München, Hannover, Berlin, Weimar, Dresden:Boorberg Verlag:2001, S.26 f
5 Ebd. S.27
6 Vgl. Walter:2001, S.29
7 Ebd. S.29
8 Vgl. Ebd. S.29
9 Vgl. http://www.jugendstrafrecht.de/#anwendungsbereich Stand:01.09.2009
10 Vgl. Sonnen, Bernd-Rüdiger; Guter, Petra; Reiners-Kröncke, Werner:Kriminologie für Soziale Arbeit und Jugendkriminalrechtspflege. Hannover. DVJJ-Eigenverlag:2007, S.17
11 Vgl. http://www.polizei-nrw.de/lka/stepone/data/downloads/45/01/00/pks-nrw-jahresbericht- 2008.pdf Stand:05.09.2009
12 Vgl. Hurrelmann, Klaus:Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Weinheim und München:Juventa 2005, S.8
13 Ebd. S.8
14 Vgl. Ebd. S.26
15 Vgl. Hurrelmann:2005, S.26
16 Ebd. S.26
17 Vgl. Hurrelmann:2005, S.26 f
18 Ebd. S.27 f
19 Hurrelmann:2005, S.29
20 Hurrelmann:2005, S.29
21 Fend, Helmut: Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Opladen:2000, S.413
9783640786046
9783640786206
v163581
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References: § 1
 § 2

§ 19

§ 3
 § 105
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