Source: http://www.deutschestextarchiv.de/nrhz/?d=nn_nrhz237i_1849.txt.xml
Timestamp: 2018-07-20 01:25:51+00:00

Document:
Neue Rheinische Zeitung – nn_nrhz237i_1849.txt.xml
No 237. Köln, Sonntag, den 4. März. 1849.
@facs 1305
Deutschland. Köln. (Der Krieg in Ungarn. — Lassalle.) Berlin. (Die Nachwahlen. — Sitzung der 1. Kammer. — Wrangel, Hansemann und die Minister. — Kommission für die definitive Geschäftsordnung. — Ein Antrag in der „Conversationshalle.“ — Philipp's Antrag wegen der stenographischen Kammerberichte. — Die Untersuchung gegen Krackrügge. — Vermischtes) Königsberg. (Bankett zur Feier der Februar-Revolution) Wien. (Die Ungarn. — Welden. — Verurtheilungen. — Die ungarische Banknotenfrage. — Die freiwillige Handelslegion.) Dresden. (Dekret wegen Publicirung der Grundrechte) Bensheim. (Erbauliches.) Mannheim. (Willich's Erklärung auf Bekk's offizielle Lügen. — Frankreich's Polizeibüttelei.) Frankfurt. (National-Versammlung.)
Italien. Rom. (Die Konstituante.) Bologna. (Wirkung der Nachrichten aus Ferrara.) Ferrara. (Details über den Einfall der Oestreicher.) Florenz. (Aufruf an die Reichen. — Laugier und Apice.) Massa. (Laugier's Hauptquartier) Genua. (Guerrazzi. — Gioberti. — Aufregung.) Mailand. (Aufhängen in effigie mit Exekutionstruppen bestraft.) Verona. (Eine standrechtliche Proklamation.) Venedig. (Eröffnung der neuen Volksvertretung.)
Schweiz. Bern. (Skandal. — Die Schweizer in Italien. — Der Bundesrath.)
Franz. Republik Paris. (Brief und Rede Bugeaud's. — Ministerverhandlung über Italien. — Vermischtes. — National-Versammlung. — Revolutionsfeier in Lyon. — Die Provinzialpresse. — Der weiße Schrecken.)
Belgien. Lüttich. (Das demokratische Bankett in Verviers. — Eine neue Geißel Gottes.)
Polen. Krakau. (Unruhen.)
Donaufürstenthümer. Bukarest. (Die Censur der Zeitungen.)
@xml:id #ar237_001_c
Edition: [Friedrich Engels: Der Krieg in Ungarn, vorgesehen für: MEGA2, I/9. ]
[ 068 ] Köln, 3 März.
@xml:id #ar237_002_c
@facs 1306
Edition: [Karl Marx: Lassalle, vorgesehen für: MEGA2, I/9. ]
[ 068 ] Köln, 3. März.
@xml:id #ar237_003
[ X ] Berlin, 1. März.
Die Nachwahlen zur zweiten Kammer in Berlin haben folgendes Resultat gegeben:
im ersten Wahlbezirk ist unter 422 Stimmenden Heinrich Simon mit 272 Stimmen gewählt worden. Beckerath hatte 147, Paalzow 43 Stimmen;
im dritten Wahlbezirk ist
Ziegler aus Brandenburg mit 217 Stimmen
Reuter aus Johannisburg mit 209 Stimmen gewählt.
Als Gegenkandidat hatte Beckerath 62 Stimmen; auch Wrangel und Freiligrath erhielten hier jeder 1 Stimme; im vierten Wahlbezirk ist.
Jung mit 148 unter 284 Stimmen gewählt.
Bruno Bauer hatte 90, Minister Camphausen 46. Hier mußte eine engere Wahl vorgenommen werden.
Graf Schwerin betrug sich in der 5. Abtheilung gegen den Abg. Stein dergestalt, daß der Präs. Grabow ihn zur Ordnung rufen mußte. Ebenso sah sich, in einer andern Abtheilung ein Mitglied der Linken veranlaßt, dem Hrn. Stadtrichter Stolle „Knigge's Umgang mit den Menschen“ anzuempfehlen. In derselben Abtheilung versagte die conservative Majorität der Minorität sogar das Correferat.
Die Wahl Grebels in St. Goar wird lebhaft angefochten. Bei seiner Wahl wurden nämlich 23 Stimmzettel für ungültig erklärt, weil auf ihnen nur Landgerichtsrath Reichensperger geschrieben war, während es zwei L.-G.-Räthe dieses Namens gibt. Es wird nun eingewendet, daß der eine jetzt Kammerpräsident geworden sei. Er ist aber noch immer Lgrath, da man ihn nur einer Abtheilung des Gerichts vorgesetzt hat.
Die Wahl Temmes der in Ragnit mit einer Stimme Majorität gewählt wurde, ist nicht beanstandet worden.
Abg. Schaffraneck stimmt mit der Linken, scheint aber das Gelübde gethan zu haben, nicht auf dieser Seite des Hauses zu sitzen, wir erblickten ihn wenigstens bisher dort — stehend.
In der gestrigen Parteiversammlung der Linken wurde der Beschluß gefaßt für eine Adresse zu stimmen. D'Ester sprach für eine solche aus verschiedenen Nützlichkeitsgründen. Es ist zur Entwerfung einer Oppositionsadresse eine Kommission von 7 Abgeordneten ernannt, unter denen sich Waldeck, Difster, Löher und Rodbertus befinden.
In der Goldschmidtschen Kattundruckerei fanden heute Unruhen statt. Wir haben früher die Klageschrift der Kattundrucker gegeben. Es dürfte aber wenig bekannt sein, daß der Fürst Lichnowski den Streit hervorgerufen hat. Schon beim ersten vereinigten Landtag stand er mit diesen Arbeitern in Verbindung. Am 19. März traf er mit den Altgesellen zusammen, ging mit ihnen in die Herberge und machte den Kattundruckern den Vorschlag, die Maschinen sollten nie alle Farben drucken, sondern den Arbeitern die letzte als Handdruck überlassen werden.
Zweite Sitzung der 1. Kammer am 1. März.
Auf der Ministerbank ist Niemand. Wir hatten das ergötzliche Schauspiel, eines lebhaften Hahnenkampfes zwischen den Junkern auf der Rechten und den ci-devant Ministern und sonstigen Bourgeois auf der Linken.
Nach kurzer Debatte über Wahlprüfungen, erhebt sich Hansemann von der Linken. Er bedauert schmerzlich, daß keiner der Herren Minister zugegen ist, um Erläuterungen zu geben. Unter wachsendem Murren der Rechten, aufgemuntert durch das stürmische Bravo seiner (6 oder 7) Freunde auf der andern Seite, ist er tief entrüstet, daß man der Kammer keine Nachricht von der Kündigung des Waffenstillstandes gegeben habe. Er nennt das inconstitutionell, er findet es unpolitisch, vermessen, daß dieser Kammer nicht so gut wie der andern Anzeige gemacht ist.
Nachdem nun der Unterstaatssekretär Bülow herbeigeholt war, und den Wunsch des Hrn. Hansemann erfüllt hatte, schritt man zur Präsidentenwahl.
R. v. Auerswald Präsident mit 109 Stimmen
Baumstark, erster Vicepräs. mit 73 Stimmen
v. Wittgenstein, 2ter Vicep. mit 103 Stimmen
Forkenbeck, der Kandidat der Opposition hatte 12 St.
Baumstark spricht wie sein Freund Hansemann.
Wittgenstein ebenfalls und zwar einigen Unsinn, dann wird die Sitzung geschlossen.
@xml:id #ar237_004
[ # ] Berlin, 1. März.
Ein Abgeordneter schreibt uns unter diesem Datum u. A. Folgendes:
Hier ist wirklich Alles so niederträchtig rückschreitend, daß ich Wrangel fast noch für den Freisinnigsten von Allen, die jetzt hier auf den Sand gerathen sind, halten könnte.
In der 1. Kammer, wo sich die Abgeordneten mit vieler Zierlichkeit beim Eintreten gegenseitig bebücklingen, süßlich grüßen und die Hände drücken, als ob ihre leeren Köpfe auf Komplimente ein Anrecht hätten, eiferte der schlaue Fuchs Hansemann heute gewaltig dagegen, daß die Minister nicht unter ihnen erschienen, worin er eine Zurücksetzung glaubte erblicken zu dürfen. Er gebehrdete sich so, als ob er gar nicht wisse, daß die Minister in der 2. Kammer sein müssen, um, da einige zugleich Abgeordnete sind, der Reaktion die Majorität zu sichern.
@xml:id #ar237_005
[ 024 ] Berlin, 1. März.
Gestern Abend haben die meisten Abtheilungen je zwei Mitglieder zu der Kommission gewählt, welche eine definitive Geschäftsordnung ausarbeiten soll. Auch bei diesem Akt hat die ministerielle Partei, durch ihre augenblickliche unmerische Macht gesiegt.
Es wird sehr lange dauern, bis die Kommission ihren Entwurf zu einer definitiven Geschäftsordnung in die Kammer bringt, damit die, durch die Regierungspartei gestern oktroyirte, Viebahn-Riedelsche bureaukratische und gefährliche Geschäftsordnung, die zweite Kammer desto länger „regieren“ möge.
In den ersten gestrigen Sitzung der Oppositionspartei in der „Conversationshalle“ (am Dönhofsplatz) wurde mehrseitig der Antrag gestellt, man möge sich bei der Verschiedenheit der politischen Richtung in verschiedene Fraktionen theilen.
Der Antrag wurde indeß, daß er sehr lebhaften Widerspruch fand, zurückgezogen. Es steht zu erwarten, daß, gegenüber der geschlossenen und fleißigen Rechten, unter der Disciplin des Herrn von Vincke, auf die Linke als ein geschlossenes großes Ganzes beharren, und in den zunächst liegenden Hauptfragen, wegen des Belagerungszustandes, wegen der Amnestie, und gegen das Ministerium Manteuffel, einmüthig mit einander gehen werde
Die Regierungspartei ist mit der Ausarbeitung einer Adresse auf die Thronrede beschäftigt. In der Oppositionspartei ist man vielseitig gegen jede Adresse. Es soll indeß aus ihrer Mitte eine Kommission erwählt werden, um einen Adreßentwurf auszuarbeiten, den man alsdann dem der Regierungspartei, in der Kammer entgegen setzen wird.
Der Abgeordnete Phillips hat folgenden Antrag gestellt: die Kammer wolle beschließen: die Zahl der Abdrücke der stenographischen Berichte ist dergestalt zu vergrößern, daß jedem Abgeordneten, der es wünscht, bis 50 Exemplare geliefert werden. Wenn nun aber auch die zweite Kammer dies beschließen sollte, so dürfte der Zweck doch immer noch aus dem Grunde verfehlt sein, weil der Postfiskus so kleinlich handelte, daß die Portofreiheit der Abgeordneten nur auf Briefe von nicht über 2 Loth sich erstrecken soll. Ein einziger stenographischer Bericht wiegt in der Regel 2 Loth. Durch diese Bestimmung des Postfiskus ist zugleich auch das Petitionsrecht besteuert und beschränkt worden, da durch das hohe Porto viele unbemittelte Staatsbürger sich werden abschrecken lassen, Petitionen an die Abgeordneten, oder an die Kammern zu richten.
@xml:id #ar237_006
[ 302 ] Berlin, 1. März.
Die Verfolgungen wegen des sogenannten Steuerverweigerungsbeschlusses vom 15. Nov. dauern noch immer fort. Ein Beispiel von Ungesetzlichkeit und Verfassungsverletzung zeigt sich bei Verfolgung gegen den Abg. Krackrügge zu Erfurt. Dort ging die reaktionäre Unverschämtheit so weit, daß der Magistrat zu Erfurt, auf Requisition des Untersuchungsrichters beim Kammergericht zu Berlin, beziehungsweise des Inquisitoriats zu Erfurt, gegen ihn mit der Untersuchung vorschreiten wollte. Krackrügge hat indeß, wie zu erwarten stand, der Erfurter Gemeindebehörde auf die an ihn ergangene Verfügung gar nicht geantwortet. Nun ist ihm aber in Berlin folgende Vorladung insinuirt worden.
„In der gerichtlichen Voruntersuchung wider diejenigen Mitglieder der aufgelös'ten Nationalversammlung, welche am 15. Novbr. pr. den Steuer-Verweigerungs-Beschluß gefaßt, und denselben zur Ausführung zu bringen unternommen haben, kommt es, bevor der Königl. Staatsanwalt in Gemäßheit des § 49 der Verordnung vom 17. Juli 1846 — Gesetz-Sammlung 1846 S. 276 — und des Art. 83 der Verfassungs-Urkunde vom 5 Dezbr. pr., rücksichtlich Ihrer den weitern Beschluß fassen kann, nach den §. 47 und 65 der Verordnung vom 17. Juli 1846 auf Ihre Vernehmung an.
Zu diesem Behufe habe ich einen Termin auf den 1. März d. J., Nachmittags 4 Uhr, im Hausvoigteigebäude, Hausvoigteiplatz Nr. 14 auf dem ersten Hofe rechts, eine Treppe hoch, anberaumt, zu welchem Sie unter der Verwarnung hierdurch vorgeladen werden, daß Sie bei Ihrem etwaigen Ausbleiben in diesem Termine die Anberaumung eines neuen Termins auf Ihre Kosten und die Anwendung der gesetzlichen Zwangsmaßregeln zu gewärtigen haben.
Berlin, den 27. Februar 1849.
Der Untersuchungsrichter des Königlichen Kammergerichts, Kammergerichts-Rath gez. v.Bülow.
An den Kaufmann und Abgeordneten zur 2. Kammer, Herrn Goswin Krackrügge, hier.“
Der Vorgeladene hat sich nicht gestellt, vielmehr Folgendes geantwortet:
„An den Untersuchungs-Richter des Königl. Kammergerichts, Herrn Kammergerichts-Rath v. Bülow, Hochwohlgeboren hier.
Mit Beziehung auf §§ 1 und 2 des Gesetzes vom 23. Juni, und auf Artikel 83 der Verfassungs-Urkunde vom 5. December v. J. behre ich mich Ew. Hochwohlgeboren hiermit ergebenst anzuzeigen, daß ich der Vorladung von gestern nicht genügen kann, weil so wenig die zur Vereinbarung der Verfassung berufene Versammlung, deren rechtliche Auflösung ich bestreite, als auch die gegenwärtige zweite Kammer die Genehmigung dazu ertheilt hat, daß ich, für meine Abstimmung in der Sitzung der National-Versammlung vom 15. November v. J., zu einer gerichtlichen Voruntersuchung gezogen werden kann. Die Strafen und die gesetzlichen Zwangsmaßregeln, welche Ew. Hochwohlgeboren für den Fall meines Ausbleibens im morgenden Termine androhen, sind nach meiner Meinung nicht in Gemäßheit des Gesetzes.
gez. Krackrügge.
Abgeordneter zur zweiten Kammer.
Gegenüber solchen Thatsachen hat freilich die Manteufel'sche Thronrede Recht, von der unabweislichen Nothwendigkeit endlicher Wiederherstellung eines festen öffentlichen Rechtszustandes zu sprechen, damit das Vaterland sich der constitutionellen Freiheiten erfreuen könne!!
@xml:id #ar237_007
[ 027 ] Berlin, 1. März.
Die zweite Kammer hält heute keine Sitzungen, da die Kommissionen sich mit den Wahlprüfungen beschäftigen.
Ein hiesiger Bürger F. Danchelt fordert mittelst Cirkulars die hiesigen Einwohner auf, sich bei der Begründung einer Handelsgesellschaft nach Californien zu betheiligen. Er schlägt das zusammenzuschießende Kapital auf 100,000 Thlr. an, welches durch 1000 Aktien à 100 Thlrn. aufgebracht werden soll. Wie wir hören, haben schon Zeichnungen stattgefunden. Aehnliche Pläne beräth auch die hiesige Handelsgesellschaft Teutonia, in welcher es dabei aber jüngst zwischen einigen Börsen-Matadoren zu sehr lebhaften Erörterungen kam, indem Einer dem Andern vorhielt, daß es nicht auf eine Exploitirung Californiens, sondern der hiesigen Theilnehmer abgesehen zu sein scheine.
Die Oppositionsmitglieder der zweiten Kammer kommen nun jeden Abend in der Conversationshalle zusammen. Es ist der Antrag gestellt, jedoch noch nicht entschieden, wöchentlich 3 Sitzungen in diesem Lokal zu halten, zu welchem auch das Publikum Zutritt haben solle.
Die hiesigen Gewerke halten jetzt oft Generalversammlungen ab, um das provisorische Gewerbegesetz zu berathen. Sämmtliche Angehörige des Gewerkes, sowohl Zunft- wie Patentmeister werden dazu eingeladen. Im Ganzen findet sich sehr viel Widerspruch und der Versuch, das Gewerbewesen zu beleben wird als kein glücklicher bezeichnet.
Bei dem Buchhändler Löwenherz wurde dieser Tage Haussuchung nach mißliebigen Druckschriften gehalten und ein vorgefundenes Paket Exemplare der Zeitschrift „Kladderadatsch“ weggenommen.
Der bekannte Linden-Müller wurde gestern, als er sich bei der Leichenparade des Prinzen Waldemar an der Spitze eines Volkshaufens sehen ließ, von Constablern verhaftet; eben so am Tage zuvor der bereits mehrfach ausgewiesene Kandidat der Medizin Straßmann. Beide wurden nach einigen Stunden wieder freigegeben.
@xml:id #ar237_008
[ X ] Königsberg, 25. Febr.
Gestern Abends wurde der Stiftungstag der französischen Republik von etwa 150 Mitgliedern des hiesigen Arbeitervereins und des demokratischen Clubs durch ein Bankett gefeiert. Gäste waren von den Theilnehmern eingeladen, — von Arbeitern nicht die Spur. — Wie kläglich diese verkönigsbergte Demonstration ausfallen würde konnte man schon daraus vermuthen, daß die größere Zahl der Theilnehmer aus constitutionellen Bourgeoisleeleu bestand, deren heuchlerische Betheiligung an derselben keinen andern Zweck hatte, als durch Bekämpfung „maaßloser Umsturzpläne“ für sich zu retten, was zu retten ist, aus jungen Beamten, die in ihrer grenzenlosen Eitelkeit sich für die Herren der Neuzeit halten und à tout prix, gleichgültig, ob zum Vortheil oder Nachtheil der Demokratie, eine Rolle spielen wollen; aus „Jesu nacheifernden,“ versöhnungsdürftigen Schwätzern, die in ihrer Friedensprediger-Wuth selbst dem schwarz-weißen Preußenverein Lebehochs zurufen. Bei solchen Aussichten hatte sich auch die social-demokratische Partei (klein genug in unserer königl. preuß. Hauptstadt) größten Theils von diesem Bankett fern gehalten. —
Eine elende, schmutzige Spelunke, deren Profitchenswüthiger Wirth über seiner Thüre den preußischen Adler und die Aufschrift „Constitutionelle Bierhalle“ führt, war von dem Ordner zum Festlokal erkohren.
Die gehaltenen Reden bestanden bis auf zwei (über Börne und über die Stellung der Arbeiter) aus eitelem Phrasengeklingel, vielem im Leichenbitterton vorgebrachtem Gewinsel über Frühlingsblüthen der Freiheit, Herbststürmen der Reaktion, Märtyrerblut etc.
Einer von diesen redeschwiemelnden Bankett: Bourgeois trieb seine revolutionäre Begeisterung so weit, daß er uns höchst feierlich und ernsthaft aufforderte — Rathen Sie? — den Himmel um ein Wunder zur Rettung der Ungarn durch ein Gebet anzuflehen!!!“
Es wurde natürtlich auch viel getoastet: dem revolutionären, freien(!) Frankreich, dem freien, democratisch-republikanischen Italien (!!), der europäischen Republik etc. etc.
Bezeichnend waren die Toaste zweier Gäste. Ein anwesender Bruder Studio brachte ein donnerndes Vivat den Farben seiner Landsmannschaft (blau, roth, weiß,) einer für mittelalterliche Institutionen schwärmenden Studentenklique. Die Krone aber setzte dem Ganzen das gutgemeinte Geschwätz einer ehrlichen Haut auf, die neben oder sogar über die Betoasteten einzelne Persönlichkeiten der Anwesenden, meist obscure Pflanzen, stellen zu müssen glaubte, Namen die nur durch die von ihnen selbst fabrizirten Zeitungsartikel zur Kenntniß der Hauptstadt ostpreußischen Bourgeois- und Spießbürgerthums gelangt waren.
@xml:id #ar237_009
[ 61 ] Wien, 27. Febr.
Unser Athmen wird leichter, denn die Magyaren siegen, sind in der Offensive. Der Einmarsch der Russen wirkt wie ein galvanischer Schlag auf die Völker Ungarns, an welchem sich die Macht von Olmütz und Petersburg brechen wird. Mit Ausnahme der jüdisch-germanischen Race, mit deren Vermittlung die Russen in's Land gebracht wurden, die überall die Klassizität in der hohen Niederträchtigkeit zu erreichen weiß, sind selbst alle den Magyaren feindlich gegenüberstehenden Stämme des Ungarlandes über das Hereinrufen der Russen mehr oder minder entrüstet. Die in Siebenbürgen verübte jüdisch-germanische Unthat ist aber, machen wir uns darüber keine Illusionen, der offene Ausspruch der innern Stimme der gesammten deutschen Bourgeoisie. — Die Standrechts-Korrespondenten der deutschen Schandpresse von Breslau und anderwärts haben Ihnen berichtet, daß Arad entsetzt, Komorn und Peterwardein fast genommen, Bem geschlagen und getödtet, Szegedin erobert, die Magyaren bei Szenta von den Serben geschlagen worden seien u. s. w. Vielleicht wissen Sie aber in diesem Augenblicke schon, daß es lauter Lügen waren, die erfunden wurden, um das Ausland zu betrügen und das Inland im standrechtlichen Schrecken zu erhalten. Diese Lügen werden hier täglich offenkundiger, denn die allerentgegengesetztesten Thatsachen treten hervor. General Bem ist trotz der Russen Herr von Siebenbürgen geblieben, er hat am 4ten Russen und Oestreicher zusammengehauen und darauf eine feste Position bei Mühlbach bezogen, wo er die heranrückenden Szekler abwartet. Auf der andern Seite ist die Vereinigung Görgey's mit Dembinski vollständig gelungen und die entscheidendsten Resultate stehen zu erwarten, indem die magyarische Armee von allen Seiten per Post vorrückt und ihre Vorposten schon nach Hatvan, 6 Meilen von Pesth, vorgeschoben hat. Siebenbürgen ist auf diese Weise von der österreichischen Hauptarmee ganz abgeschnitten. Die zerstreuten kaiserlichen Banditenschaaren gehen dort vollends ihrer Vernichtung um so mehr entgegen, als sie, da auch Galizien sehr drohend wird, von keiner Seite mehr Sukkurs erhalten können. Der größte Theil von Ungarn ist wieder in der Gewalt der Magyaren, sie stehen von Peterwardein an jenseits der Theiß bis Szolnok, das Windischgrätz schon verlassen mußte, und von dort über Gyöngyös und Gran mit Komorn in Verbindung. Ebenso sind die Nordkomitate jenseits Leopoldstadt großentheils in ihrer Gewalt und die Honved (Landwehr) der Magyaren hat sogar in den galizischen Orten Zywiec und Alt-Sandec, wie Berichte aus Biala melden, Besuche gemacht. Oestreich hat keinen zweiten Windischgrätz und keine zweite Armee wider die Magyaren aufzustellen und, sind beide vernichtet, dann bedeuten die Russen um soweniger, als die Donauländer, ebenso wie Galizien sich nach dem magyarischen Siege erheben werden.
Wie groß die Gefahr ist, geht daraus hervor, daß Wrbna die äußersten Mittel aufbietet, die Bewohner Pesth's im Zaum zu halten und mit einem Bombardement von Ofen her gedroht hat, wofern wegen des Anrückens des Rebellenheeres Demonstrationen gemacht würden. — Die östreichische Armee hat sich in Ungarn gefangen, wie eine Maus im Sack, denn auch die diesseits Pesth nach Deutschland zu gelegenen Komitate lauern nur auf den Augenblick, um mit der Besatzung von Komorn im Verein über den ganzen Banditenschwarm herzufallen und ihm auf immer den Garaus zu machen.
Windischgrätz soll bei Weizen stehen, um dort dem von Görgey kommandirten rechten Flügel der Dembinski'schen Gesammtarmee die Spitze zu bieten, während der Verräther Jelachich, dem polnischen General Klopka gegenüber, sich hinter Szolnok verschanzt haben soll.
Sie können auf einen Hauptschlag rechnen. Die Kombination ist großartig angelegt und wird an 5 Punkten gleichzeitig ausgeführt werden, indem Bem den Russen, v. Dembinski der großen Armee die offensive Spitze bieten, die Festungen Komorn, Peterwardein und die Gesammtbevölkerung des Landes aber dazu akkompagniren werden, bis der Donner über Wien steht und das Gesammtscheusal zusammenstürzt.
Die Kossuth-Noten werden schon jetzt hier angenommen, während die Metalliques fortwährend weichen.
Die nächsten Nachrichten werden das wänstige Spießbürgerthum Europa's etwas aufrütteln.
Alle jungen Männer von 19 bis 30 Jahren werden in der ganzen Stadt zum Militär eingefangen. Dadurch wird das Volk noch mehr gereizt. Welden zittert und will schon mildere Seiten aufspannen, obwohl gestern und vorgestern noch zwei Opfer erschossen wurden. Er hat nämlich bekannt machen lassen, daß keinem etwas geschähe, der noch Waffen habe, wenn er sie freiwillig abgebe. Freilich, ein ungarisches Unglück und Waffen in Wien, das mag Herrn Welden nicht schmecken.
@xml:id #ar237_010
[ * ] Wien, 27. Febr.
Die „Wiener Zeitung“ bringt heute wieder zwei standrechtliche Verurtheilungen. J. Rogendorfer, 37 Jahr alt, Gürtler, verheirathet, hatte in einem Kaffeehause aus seinem spanischen Rohr ein verborgnes Stilet herausgezogen und vor mehrern Gästen sehen lassen. Er wurde deshalb zum Strange verurtheilt; durch die „besondere Gnade“ der k. k. Bestie Welden zu 2 jähriger Schanzarbeit in Eisen, — u. Isid. Matzko, 30 J. alt, Kutscher, wegen Verheimlichung von Pistolen und einer Quantität Munition ebenfalls zum Strang verurtheilt, allein durch die „besondere Milde“ des vorgedachten Welden „zu Pulver und Blei“ begnadigt und demnach gestern früh um 8 Uhr hierselbst erschossen.
Die ungarische Banknotenfrage ist nun plötzlich durch einen Ministerial-Erlaß zum Ruine so vieler Gewerbetreibenden gelöst worden. Nach diesem dürfen vom 24. dieses an keine ungarischen Banknoten mehr im öffentlichen Verkehr und an Zahlungsstatt erscheinen. Selbe werden allenthalben confiscirt und an die landesfürstlichen Kassen abgeliefert, welche letztere sie an die Staatscentralkasse einzusenden haben, allwo sie unbrauchbar gemacht werden.
Eine in Ungarn im vorigen Monate erlassene Proclamation des F.-M. Windischgrätz verfügte, daß vorerst die 1 Fl.- und 2 Fl.- Noten bei allen ärarischen Kassen an Zahlungsstatt angenommen und über die Noten von höhern Beträgen baldigst ein Beschluß gefaßt werden solle. Und nun sind so Viele, die dem mit unumschränkter kaiserlicher Vollmacht betrauten Feldmarschall vertrauten, durch diese Verfügung an den Bettelstab gebracht. Noch läßt sich der ungeheuere Schaden, der die Handelswelt insbesondere trifft, kaum ermessen.
Die Wiener freiwillige Handelslegion wird in ein Feldjäger Bataillon umgewandelt und zum Assentplatze ist Krems bestimmt. Die Mannschaft wird mit Sie angeredet und wer durch ein Vergehen einer Körperstrafe anheimfällt, ausgestoßen. Körperstrafen beim Militär?
@xml:id #ar237_011
[ * ] Dresden, 28. Febr.
In der heutigen Sitzung genehmigt die 2te Kammer das vom Ministerium vorgelegte Dekret in Betreff der Publizirung der Grundrechte. Das Dekret lautet:
Da Se. königl. Maj. mit den von den Kammern in der Schrift vom 24. Febr. d. J. wegen der Grundrechte des deutschen Volks gestellten Anträgen einverstanden sind, so wird mit der Publication derselben unverweilt verfahren werden. Allerhöchstd eselben setzen jedoch hierbei das Einverständniß der Kammern darüber voraus, daß bei der Publication zur Wahrnehmung der materiellen Interessen des Landes die Gültigkeit der in § 3 u. 4 enthaltenen Bestimmungen nur denjenigen deutschen Staaten gegenüber ausgesprochen wird, in denen die Grundrechte des deutschen Volks ebenfalls zur Geltung gelangen, und sehen hierüber der Erklärung der Kammern entgegen.
Dresden, den 27. Febr. 1849.
(Gegengez.) Dr. Gustav Friedrich Held.
@xml:id #ar237_012
@facs 1307
Bensheim, 25. Februar.
Seit einigen Tagen bildet unser Städtchen den Gegenstand vielfacher Besprechungen in öffentlichen Blättern. Ich erlaube mir daher, Ihnen einen kurzen Bericht über die hier stattgefundenen Vorfälle zu geben. Am Samstag vor Fastnacht zogen zwei Männer hier durch die Straßen, der eine, mit einer Schelle, mußte die Leute herbeiklingeln, während der andere eine Bekanntmachung vorlas, daß am nächsten Tage, also Fastnacht Sonntag, Nachmittags 3 Uhr, eine demokratische Versammlung wegen Oeffentlichkeit der Gemeinderathssitzungen stattfinden sollte, wozu alle Einwohner höflichst eingeladen wären. Zwei andere Männer folgten ihnen, von denen der eine eine Laterne mit brennendem Lichte, der andere einen Rechen trug und die sich dabei gebährdeten, als suchten sie Etwas. Der ganze Spaß ging ohne irgend welche Unordnungen vorüber; der Bürgermeister aber, der hinter dieser Demonstration eine Antastung seiner Amtsehre und damit zugleich ein Complott gegen die öffentliche Sicherheit wittern mochte, requirirte das Gericht zur Untersuchung, und am folgenden Tage erschien auch richtig der Assessor W. von Zwingenberg. Unter seinen Augen fand nun die angesagte Versammlung statt; eine Anzahl Leute halten unter dem Vorsitz einer den Bürgermeister vorstellenden Maske öffentliche Gemeinderathssitzung; verhandeln über Gemeindeangelegenheiten und ähnliche Gegenstände. Der diensteifrige Assessor voll edler Zornesgluth über diese Verhöhnung einer obrigkeitlichen Behörde erfüllt, läßt die Bürgermeistermaske verhaften; unterwegs gelingt es dem Arrestanten zu entkommen. Wie staunten die Bürger, als sie nun des anderen Morgens urplötzlich eine Abtheilung Soldaten in die Stadt rücken sahen, und unter dem Schutze der Bajonette die Verhaftung des bürgermeisterlichen Frevlers vorgenommen und die Untersuchung eingeleitet wurde. Umsonst suchte man gegen Kaution die Freilassung des Verhafteten zu erwirken. Es ist erklärlich, welche Erbitterung ein so empörendes Verfahren unter der Bürgerschaft hervorbringen muß; man berief auf den Markt eine Versammlung, um sich über die zu ergreifenden Schritte zu einigen. Natürlich konnte es hier nicht ohne laute Aeußerung des Unwillens und der Entrüstung abgehen. Da ließ der Hauptmann S. seine Soldaten scharf laden und die Versammlung mit dem Bajonette auseinandertreiben. Am folgenden Tage kam noch eine Abtheilung von 60 Reitern in die Stadt gerückt. Bald darauf wurde die Bürgermeistermaske unter militärischer Bedeckung, 12 Reiter vor, 12 hinter dem Wagen, an jeder Seite 8, und auf dem Wagen noch 8 weitere Mann mit geladenen Gewehren, wie der gefährlichste Verbrecher aus der Stadt transportirt. Das gleiche Schicksal widerfuhr 3 anderen Bürgern. Auf solche Weise wird hier im Großherzogthum Hessen für die „Ruhe und Ordnung“ Sorge getragen.
@xml:id #ar237_013
[ * ] Mannheim, 1. März.
Das Ministerium Bekk allarmirt seit Wochen das Land wegen eines angeblich nahe bevorstehenden Einfalls von Freischaaren. Erst noch am 20. vor. Mts. wurde aus dem Ministerium des Innern folgender Erlaß an alle großherzogl. Oberämter übersandt:
Es ist aus guter Quelle zur diesseitigen Kenntniß gekommen, daß Julius Fröbel auf seiner kürzlichen Reise in der Schweiz Handwerker in Freiburg und andern Städten aufgefordert haben soll, sich bereit zu halten und beim ersten Rufe über die Grenze zu kommen aber ohne Waffen, da sie alle über der Grenze erhalten würden. Fröbel soll geäußert haben, man habe geglaubt, es werde zwischen dem 15 und 18 d. M. losgehen, das wäre aber schwer möglich, jedoch zwischen dem 12. und 20. März d. J. werde es gewiß erfolgen u. s. w.
Auf diese und andere Lügen der Karlsruher Hofintriganten und gottbegnadeten Lakaien hat jetzt Willich in den „Seeblättern“ nachstehende Erklärung gegeben:
„Sogenannte Emissäre von mir haben an vielen Orten verkündet, ich wolle mit meiner Kolonne in Baden einfallen; diese Emissäre sind bezahlte Polizeispione. Ich ersuche Jeden, sich solcher Leute zu bemächtigen, um sie zu entlarven; die Reaktion ist es, welche in der letzten Zeit durch dergleichen Mittel Unsicherheit, Verstimmung und Mißtrauen gegen die Führer in die Reihen der für die Humanität und Civilisation streitenden Männer zu bringen suchte.
Um allen Gerüchten über mich und meine Kolonne ein Ende zu machen, theile ich hier mit, daß die jungen Männer, welche sich meiner Führung unterzogen hatten, sich bis zum 1. März nach ihren verschiedenen Geschäften zerstreut haben werden. Ich selbst warte mit Sehnsucht auf den Augenblick, wo ich nach Deutschland zurückkehren kann, um dort in Uebereinstimmung mit meinen Mitbürgern in ihren Reihen an dem großen Werke der Freiheit zu arbeiten.“
Besan#on, im Februar 1849.
August Willich.“
Man vergleiche damit folgenden Bericht aus „Straßburg vom 24. Februar,“ den die „Mannh. Ab. Ztg.“ mittheilt:
Kaum ist es mir möglich, die Feder zu ergreifen, um Ihnen Thatsachen zu berichten, die Sie fast unglaublich finden werden. Schon am Montage überbrachten zwei Herren von Karlsruhe dem hiesigen Präfekten einen Bericht, wonach die badische Regierung aus sicherer Quelle wissen will, daß Willich, Chef der deutschen Legion zu Besan#on, die im Elsasse sich befindlichen Flüchtlinge an sich zu ziehen und ins Badische einzufallen beabsichtigte, um Struve aus seiner Haft zu befreien. Dieser schändliche Lügenbericht, der alle bisher ausgestreuten Verläumdungen gegen die deutschen Republikaner übertrifft, wurde sogleich durch den Telegraphen nach Paris spedirt und hatte so günstigen Erfolg, daß schon am Mittwoch eine förmliche Hetzjagd gegen die verläumdeten Flüchtlinge angeordnot wurde
Allerorts läßt man sie durch die Gensdarmerie aufsuchen und ihnen den Befehl ertheilen, innerhalb 24 Stunden die Stadt und den Bezirk zu verlassen. Keine Entschuldigung wird angenommen; nach Verlauf obiger Frist tritt Verhaftung und Transportirung ein.
Herr Guizot antwortete früher auf die polizeilichen Anträge der preußischen und anderer deutschen Regierungen: „Frankreich macht nicht den Gensdarm des Auslandes.“ Die jetzige Regierung Frankreichs macht dagegen höchst bereitwillig den Polizeibüttel eines kläglichen Duodezstaates und seines erbärmlichen Ministeriums.
@xml:id #ar237_014
[ !!! ] Frankfurt, 1. März.
Vor Eröffnung der Sitzung legt Abg. Eisenstuck aus Chemnitz eine Riesenpetition in 9 Folianten von 325 sächsischen Städten und Dörfern auf das Bureau nieder. Die Petition ist mit 86,000 Unterschriften versehen und bittet um commercielle Einheit Deutschlands unter Anwendung eines entsprechenden Schutzzollsystems.
Die Sitzung wird um 9 Uhr eröffnet.
Tagesordnung: Fortsetzung des Wahlgesetzes (§§ 13, 14 ff.)
Präsident zeigt den Austritt des Abgeordneten Zitz aus Mainz an. (Zitz geht wie ich höre nach Amerika).
Ein Flottenbeitrag von fünfzehn Thaler zwölf Groschen (Hannover) ist eingelaufen.
Präsident Simson verkündet, daß zu den neulich von der Versammlung besprochenen Erklärungen der Einzelstaaten noch zwei neue aus Hannover und Sachsen-Altenburg beim Reichsministerium abgegeben und dem Verfassungsausschusse übergeben worden sind.
Abg Vischer aus Tübingen stellt folgende Interpellation an das Reichsministerium des Aeußern:
„In Erwägung, daß das Einrücken russischer Truppen in Siebenbürgen eine Quelle schwerer Verwicklungen werden kann, welcher das im Aufbau seiner politischen Einheit begriffene Deutschland nicht gleichgültig zusehen darf; in Erwägung, daß dieses Ereigniß, zusammengenommen mit der Anhäufung russischer Truppen an der östreichischen Gränze, ein Verhältniß Oestreichs zu einem despotischen Staat aufdeckt, wodurch das deutsche Volksgefühl mit tiefem Unwillen und Sorge für seine junge Freiheit erfüllt werden muß; in Erwägung, daß der Unwille gegen eine deutsche Regierung, vermöge einer zwar unbegründeten, aber doch zu befürchtenden Verwechselung der Subjecte, leicht die Sympathie für einen edlen deutschen Volksstamm schwächen und dadurch die Schwierigkeiten in der Errichtung eines, alle deutschen Stämme umfassenden Bundesstaates verdoppeln könnte; in Erwägung, daß die Befürchtung sehr nahe liegt, es möchten mit jener Erscheinung Konzessionen in Betreff der für die Zukunft Deutschlands so wichtigen Donauländer in Zusammenhang stehen; aus diesen Gründen stelle ich an das Ministerium des Auswärtigen die Frage: ob es in dieser Sache diejenigen Schritte zu thun gedenkt, welche geeignet sind, die verfassungsgebende deutsche Reichsversammlung und die deutsche Nation zu beruhigen?“
Der Minister ist abwesend.
Schulze von Weilburg schließt sich dieser Interpellation an, indem er hinzufügt, daß er bereits vor einem Viertel Jahr beim Ministerium die Frage wegen Sicherstellung der westlichen Gränze Deutschlands fruchtlos in Anregung gebracht.
Die Tagesordnung führt zur Fortsetzung der Diskussion über § 14 des Wahlgesetzes. (S. § 14 im vorigen Bericht).
Moritz Mohl spricht für direkte Wahlen, wünscht aber, daß zur Wahl eines Abgeordneten nur relative, nicht wie der Paragraph vorschlägt, absolute Stimmenmehrheit nöthig sei.
Nauwerk empfiehlt im Sinne der Freiheit und Popularität die direkten Wahlen. Kürzlich habe ein Redner (ich glaube Beseler oder Gagern) auf dieser Stelle ausgerufen: „ich liebe mein Volk!“ und als Kommentar zu diesem Ausruf hat er einen Antrag auf Ausschließung von drei Viertel des Volkes vom Wahlrecht gestellt.
Bei den indirekten Wahlen sei die Theilnahme nie so groß wie bei direkten, auch könne sich sehr leicht eine verfälschte Majorität ergeben, und der Bestechung sei ein ergiebigeres Feld geöffnet. Nauwerk erweist geschichtlich, daß indirekte und Censuswahlen Unruhen und Revolutionen hervorgebracht.
Dienstl aus Krems für direkte Wahlen und relative Stimmenmehrheit. (Spricht unverständlich).
Buß aus Freiburg spricht für direkte Wahlen, aber für öffentliches Stimmenabgeben. Er ist wie gewöhnlich äußerst komisch und wird wie immer ausgelacht.
Die Debatte wird geschlossen und Riesser vertheidigt für die Majorität des Ausschusses mit süßsaurem Gesicht die direkten Wahlen.
Folgt Abstimmung über die §§ 13 und 14. (S. den Wortlaut beider Paragraphen im letzten Bericht).
„Die Wahlhandlung ist öffentlich.“ (Einstimmig angenommen). „ Bei derselben sind Gemeindemitglieder zuzuziehen, welche kein Staats- oder Gemeindeamt bekleiden.“ (Angenommen).
„Das Wahlrecht muß in Person ausgeübt, die Stimme mündlich zu Protokoll abgegeben werden.“ (Dieser Satz wurde mit 239 Stimmen gegen 230 verworfen.“ [Rechts: Pfui! Links: Bravo!]
„Das Wahlrecht wird in Person durch Stimmzettel ohne Unterschrift ausgeübt. (Antrag der Minorität und der Linken wird mit 249 Stimmen gegen 218 in namentlicher Abstimmung angenommen. [Links: Bravo!])
Wieder eine Niederlage des Ministeriums Gagern. In diesem Wahlgesetz allein bereits die 5. oder 6. kolossale Niederlage. Die Oestreicher stimmten größtentheils mit der Linken, z. B. Herr Ritter Schmerling.
„Die Wahl ist direkt.“ (Dieser Satz wurde mit 264 Stimmen gegen 202 angenommen).
„Sie erfolgt durch absolute Stimmenmehrheit aller in einem Wahlkreis enthaltenen u. s. w.“ (Nach dem Verfassungsausschuß angenommen).
Hiernach vertagt man sich um 1/2 2 Uhr.
@xml:id #ar237_015
[ 068 ] Rom, 19. Febr.
Die römische Konstituante beschäftigte sich gestern mit dem Gesetz über die ministerielle Verantwortlichkeit, worauf sie folgendes Dekret, nach vorheriger Diskussion annahm:
1) Jeder Civilbeamte muß der Republik schriftlich seine Adhäsion erklären;
2) Jeder Soldat hat einen feierlichen Eid zu leisten;
3) Die Adhäsionsformel lautet: „Ich erkläre der von der Konstituante proklamirten römischen Republik anzuhängen und verspreche, ihr zum Heile des gemeinsamen Vaterlandes, Italien, treu zu dienen;“
4) Die Soldaten werden folgendes laut erklären: „Ich schwöre im Namen Gottes und des Volkes, die von der Konstituante proklamirte römische Republik anzuerkennen und ich schwöre, ihr zum Besten des gemeinsamen Vaterlandes, Italien, treu zu dienen.“ Die Präsidenten jeder Provinz und die Kommandanten der verschiedenen Korps sind mit alsbaldiger Ausführung des Dekrets beauftragt. Ein Deputirter beantragt, daß der Kriegsministee binnen 3 Tage ein übersichtliches Verzeichniß des ganzen Generalstabes der Armee vorlege.
@xml:id #ar237_016
[ 068 ] Bologna, 20. Februar.
Auf die Kunde von den Vorfällen in Ferrara schrie man von allen Seiten: Zu den Waffen! Zu den Waffen! Es bildeten sich sofort zwei Kommissionen, eine militärische und eine Sicherheits-Kommission. Der Präfekt kündigte an, daß die 300 Mann vom Bataillon Zambeccari equippirt werden sollen. Maßregeln wurden getroffen, damit keiner aus der Stadt entweichen konnte. Nur so gelang es, die aufgeregte Menge zu beruhigen.
@xml:id #ar237_017
[ XX ] Ferrara, 22. Febr.
Noch einige Details über die Besetzung Ferrara's. Der östreichische Kommandant erklärte bei seinem Einzuge in Ferrara der zu ihm gesandten Deputation von Bürgern, daß er keineswegs im Namen des Pabstes komme, daß ihn der Pabst überhaupt nichts angehe; was er speziell wolle, das sei die Vollstreckung der Verträge in Bezug auf Ferrara. Gemäß diesen Verträgen müßte das päbstliche Wappen sich an allen öffentlichen Monumenten befinden, und er verlange daher, daß dieses sogleich wieder an seine Stelle gesetzt werde. Er verlangte ferner eine Entschädigung für die den Oestreichern zugefügten Beleidigungen.
Die Stadt wollte nicht die Verantwortlichkeit tragen, den Krieg gegen die römische Republik herbeigeführt zu haben. Die Bürger Ferrara's traten demnach zusammen, um die geforderten 200,000 Thaler herbeizuschaffen. Die Summe ist halb baar, halb in Wechsel auf Triest und Mailand ausgezahlt worden.
Die Thore der Stadt sind fortwährend geschlossen. Niemand darf herein noch heraus. Von Modena aus setzt sich, wie es heißt, ein österreichisches Korps gegen Bologna in Bewegung.
@xml:id #ar237_018
[ * ] Florenz, 23. Febr.
Waffen, Geld, Menschen! das ist der allgemeine Ruf, der in ganz Toskana ertönt. Herbei, ihr Reichen, bringt Eure Gaben, ohne daß die Regierung sie Euch erst noch abverlangen muß. Geschieht das nicht, so muß die Regierung alle die unnützen Reichthümer der Klöster und heiligen Gefäße in Beschlag nehmen. Wollt ihr Reichen dies abwenden; fürchtet ihr den Bürgerkrieg, so erkauft das Heil des Vaterlandes mit Eurem Gelde. Das Volk gibt ihm sein Blut.
Seht nur hin, ihr Reichen, wie die Oestreicher verfahren. Die kleine, unglückliche, erschöpfte Stadt Ferrara hat in 24 Stunden 200,000 Thlr. für die Kroaten zusammenbringen müssen! Denkt, wenn die Barbaren erst anfingen, das reiche Florenz zu brandschatzen! Wie würde die blutbefleckte Hand des Kroaten in Euren Schätzen wühlen! Heute ist's das bedrohte Vaterland, das seine unbefleckte Hand flehend ausstreckt, und Ihr werdet helfen!
Der General de Laugier, der anfangs ungefähr 2000 Mann zusammengebracht hatte, ist von einem großen Theile seiner Soldaten verlassen worden. Der General Apia ist mit 1500 Mann entgegen gegangen, die in wenig Stunden solche Verstärkungen erhielten, daß die Truppenanzahl bis auf 6000 Mann heranwuchs. Sie langten in Lucca am 19. Febr. gegen 2 Uhr an.
Den letzten Nachrichten aus Pietra Santa, vom 20. zufolge hat Laugier diese Stadt in Belagerungszustand erklärt. Er hat nur noch 800 Mann unter seinem Kommando, von denen 400 Mann, mit 2 Stück Geschütz nach Viareggia gezogen sind, um sich den Landungsversuchen der Livorneser zu widersetzen.
Sichere Nachrichten bestätigen, daß der Oestreicher Leopold sich nach Gaeta begeben.
Heute früh um 6 Uhr sind mit der Eisenbahn circa 3000 Mann mit 11 Kanonen unter dem Kommando Baldini's nach Lucca geschafft worden, wo sie das Korps des Generals Apice verstärken sollen. In den nächsten Tagen wird das „italienische“ Bataillon mit 7 Stück Geschütz eben dahin nachfolgen.
Guerrazzi ist nach den neuesten Berichten in Camajore, das von Laugier besetzt war, ohne Widerstand eingerückt und der kleine toskanische Radetzky soll aufs piemontesische Gebiet übergetreten sein.
@xml:id #ar237_019
[ * ] Massa, 22. Febr.
Toskana — das ist jetzt einer der Hauptpunkte Italiens, und Massa-Carrara ist vor der Hand die Stadt Toskana's, wo die reaktionären Rüstungen stattfinden. Hier hat de Laugier sein Hauptquartier aufgeschlagen.
Die Gränzen sind entblößt; wir sind dem Auslande preisgegeben, und unsere einzige Furcht ist, daß die Oesterreicher den durch Laugier hervorgerufenen Bürgerkrieg sich zu Nutze machen, um von Modena aus in Toskana einzudringen.
Der Verräther de Laugier übt in seiner ganzen Strenge das Kriegsrecht aus. Er setzt Beamte ab und sucht die Bauern im Namen des Großherzogs aufzuwiegeln. Willkührliche Verhaftungen, Entwaffnungen — das sind die täglichen Vorfälle in Massa, de Laugier nimmt sich Windischgrätz zum Vorbilde.
Massa ist im Belagerungszustande; Briefe, Depeschen — Alles passirt durch die Hände Laugier's. Eine Abtheilung der Streitkräfte de Laugier's hat sich in Ponte di Sasso festgesetzt, und von da aus sind die Kanonen auf seine Brüder gerichtet, deren vorgerückte Posten am Fuße des Berges Quiesa (genannt Maccellerina) aufgepflanzt stehen.
Die Republikaner haben sich auf der Landstraße verbarrikadirt, wo sie Verstärkungen erwarten.
Guerrazi ist in Lucca; er ist selbst damit beschäftigt, die Expedition zu organisiren. Man zählt schon 5000 Freiwillige, ohne die Truppe, welche mit dem Volke gemeinsame Sache gemacht hat.
Heute, denkt man, werden die Republikaner sich in Bewegung setzen, um gegen De Laugier zu ziehen. Letzterer kann schon nicht mehr auf die Soldaten zählen, die erklärt haben, daß sie nicht auf ihre Brüder schießen werden. Uebrigens desertiren sie in Masse.
Der piemontesische General La Marmora ist in Pezzia angekommen; er hat das Kommando über 30,000 Mann übernommen, die zwischen Spezzia und Sarsana konzentrirt werden. Man sagt, daß diese Abtheilung durch Toskana nach Bologna ziehen soll; andere behaupten, daß sie auf Florenz marschiren wird.
Wir wissen übrigens ganz zuverlässig, daß die Piemonteser entschlossen sind, sich nicht gegen die Toskaner zu schlagen.
Nachschrift. Im Augenblicke, wo ich meinen Brief schließe, brechen alle Truppen, die in Massa sind, nach Pietra-Santa auf; dort hat De Laugier sein Hauptquartier. Die Artillerie ist bereits abgegangen.
@xml:id #ar237_020
[ 307 ] Genua, 24. Febr.
Der Kurier von Toskana hat die Botschaft gebracht, daß Guerrazzi in Lucca ist mit 6000 Toskanern, die alle bereit sind, sich auf Tod und Leben mit Laugier zu schlagen. Laugier soll nur noch 1200 Mann Soldaten um sich haben. Unsere Stadt ist in der größten Aufregung. Die Bewegung des Lumpenproletariats, die der Jesuit Gioberti zu seinen Gunsten hervorzurufen wußte, hat sich nach seinem Falle gegen ihn selbst gekehrt. Alle Welt ruft: Nieder mit dem Verräther Gioberti! Letzterer ist verschwunden.
Als man hier von den Versuchen Gioberti's zur Wiedereinsetzung des Großherzogs von Toskana, Kunde erhielt, kam die allgemeine Gährung in der Stadt zum Ausbruch. Die Behörden und die Civilgarde hatten die größte Mühe, das Volk zu beschwichtigen, das sich unter dem Balkon des Gouverneurs aufgestellt hatte mit dem Rufe: Gioberti ist ein Verräther!
@xml:id #ar237_021
Mailand, 25. Febr.
Gestern wurde Ingenieur Ratti, den die Regierung als Verwalter des Vermögens Litta einsetzte und der deshalb verhaßt ist, in effigie aufgehängt, d. h. man zog eine große Puppe an seinem Balkon herauf. Gestern Abends besetzte nun ein ganzes Bataillon die Straße del Durino, wo er wohnt, und in jedes Haus wurden 30-40 Mann Executionstruppen gelegt, die da bleiben sollen, bis man die Thäter angibt.
@xml:id #ar237_022
Verona, 17. Febr.
Der Commandant des zweiten Reserve-Armeekorps F. M. L. Freiherr v. Haynau, hat aus dem Hauptquartier Padua eine Proklamation erlassen, in welcher er den Einwohnern jener Provinz Undankbarkeit gegen die Regierung zum Vorwurf macht, indem von Seiten der dem Meeresufer angrenzenden Bevölkerung der Stadt Venedig alle mögliche Unterstützung gewährt wird. Dem zufolge sehe sich der Commandirende zur Kundmachung genöthigt, daß, wer immer Lebensmittel, Briefe, Geld oder sonstige dahin bestimmte Gegenstände fördert, Collekten zu Gunsten Venedigs veranstaltet oder überhaupt Einverständnisse mit dem Feinde unterhält, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen werden soll. Da ferner in letztern Tagen Waffen in größerer Menge auf dem Gebiete der venetianischen Provinzen verborgen gefunden wurden, so sollen sowohl diese im Ganzen wie in ihren Bestandtheilen, und auch etwaige Munitionsvorräthe längstens in 48 Stunden nach erfolgter Kundmachung des Befehls abgeliefert werden, da sonst die Dawiderhandelnden dem Standrechte verfallen. Nur die gesetzlich aufgestellte Sicherheitswache ist dieser Verpflichtung enthoben. Die Einwohner haben sich endlich von jeder feindseligen Demonstration gegen das Militär zu enthalten, da im Uebertretungsfalle die entsprechende Ortschaft, je nach der Schwere des Vergehens, mit einer ansehnlichen Geldbuße belegt werden würde.
@xml:id #ar237_023
[ 068 ] Venedig.
Die Volksvertreter der Republik Venedig sind am 16. Februar zusammen getreten und der Triumvir Manin hat in seiner Eröffnung sich unter Anderm in folgender Art ausgedrückt:
„Bürger-Repräsentanten!
Als im vorigen Juni die lombardisch-venetianischen Provinzen der Bildung eines Königreichs von Oberitalien beizutreten erklärten, berief die Regierung vom März die durch allgemeines Stimmrecht ernannten Deputirten der Prov. Venedig zur Entscheidung über die politische Lage des Landes. Der zwischen Oesterreich und Sardinien geschlossene Waffenstillstand annullirt die Wirkung des Beschlusses vom 4. Juli und erzeugte unsern 11 August. (Proklamirung der Republik.) Die Volksvertretung, die sich permanent erklärte, wählte am 13. August eine neue Regierung mit diktatorischer Volksmacht und diese Regierung wurde am 11. Oktober bestätigt. Frankreich und England sind für die Reorganisation und Beruhigung Italiens als Vermittler aufgetreten. Aus dieser Vermittlung muß ein Friedensvertrag oder der Krieg hervorgehen. In dem einen wie dem andern Falle hat das unabhängige Venedig das Recht, über die Bedingungen seines inneren Lebens zu diskutiren, bis daß das Schicksal der Nation entschieden und festgestellt ist.
Um jeden Zweifel über die Gränzen des Mandats, welches den Deputirten der ersten Versammlung zugestanden, zu beseitigen, hat die Regierung das Volk abermals zur Ernennung neuer Repräsentanten zusammenberufen, die bevollmächtigt sind, über alle innere und äußere Angelegenheiten des Staates zu entscheiden.
Ihr seid die Erwählten des Volks und die Regierung schätzt
sich glücklich, sich in Mitten Eurer, die Ihr vom Volk mit Ausübung seiner unverjährbaren Souveränetät beauftragt seid, zu befinden.
Bürger-Repräsentanten!
Die Aufgabe des Triumvirats bestand in der Vertheidigung Venedigs gegen die Angriffe des Feindes und in der Aufrechthaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Seine Bemühungen bei den großen vermittelnden Mächten und die brüderlichen Beziehungen zu Piemont haben die Aufhebung der Blockade von der Seeseite zur Folge gehabt. Die Vermehrung der Land- und Seemacht und die wohl vertheidigten Fortifikationen machten und machen unsern Widerstand dem Feinde furchtbarer. Die Vaterlandsliebe hat sich der erschöpften Finanzen in reichlichen Beiträgen angenommen.
Die Opfer jeder Art, welche von allen Klassen der Staatsbürger gebracht werden, hat Venedig die Bewunderung Europa's verschafft: Ganz Italien segnet Venedigs Namen. Völkerschaften und Regierungen haben uns ihre Zuneigung und ihren Beistand zu Theil werden lassen.“
@xml:id #ar237_024
@facs 1308
[ 43 ] Bern, 27. Febr.
Die Spannung und Erbitterung zwischen der radikalen und der herrschenden Partei wird hier, wie überall, von Tag zu Tag größer, und gibt sich in den heftigsten persönlichen Streitigkeiten kund. Nach der Berufung von Lohbauer wurde die Guckkastenangelegenheit von den öffentlichen Blättern mit aller Leidenschaftlichkeit besprochen. Neuerdings ist die Berner Zeitung mit schwerem Geschütz gegen Patriziat und gesinnungsverwandtes Bürgerthum aufgetreten. Aus den letzten Verhandlungen des Großen Rathes ist bekannt, wie ein gewisser Fueter, Großrath und Nationalrath, als Führer der Konservativen mit den lächerlichsten Schmähungen und Verdächtigungen die Verwaltung des sehr radikalen Finanzdirektors Stämpfli angriff. In diesen Verleumdungen warf Herr Fueter so viel mit Redlichkeit und Ehrlichkeit um sich her, daß die radikale Partei es angemessen fand, die „Ehrlichkeit“ des Herrn Fueter und seiner Partei näher zu beleuchten. Die Berner Zeitung fing diese Beleuchtung damit an, daß sie eine Menge Unterschleife aufdeckte, welche Fueter's Vater, gewesener Münzmeister des Kantons zur Zeit der Helvetik, sich zu Schulden kommen ließ, und die die Grundlage des ungeheuren Fueter'schen Vermögens bildeten. Man forderte die „Ehrlichkeit“ des Herrn Fueter auf, dem Staate die entwendeten und noch im Besitze der Familie Fueter befindlichen Summen zurückzuerstatten. Dazu fand sich aber natürlich der „Ehrliche“ nicht veranlaßt, sondern begnügte sich, Herrn Stämpfli einen „Schuft,“ einen „infamen Todtengräber“ zu nennen, der in den Eingeweiden der Gräber herumwühle. — Ein Seitenstück zu diesem Skandal gibt die heutige Berner Zeitung in einem Angriff auf Herrn von Tillier, Präsidenten des Großen Rathes. In dem Prozesse Mortier, welcher am 19. Febr. vor dem pariser Appellationshof verhandelt wurde, sprach sich Graf Mortier, früher französischer Gesandte in der Schweiz, über Tillier (nach der „Gazette des Tribunaux“) folgendermaßen aus: „Herr von Tillier ist ein alter Patrizier von angesehener Familie. Er hatte unter der revolutionären und demokratischen Regierung Dienste genommen; aber er behielt alle Vorurtheile seiner Kaste. Die, welche ihn aufgenommen hatten, betrachteten ihn als Renegaten; — — — Herr von Tillier fand es sehr übel, daß durch meine Vermittelung Frankreich der Schweiz zur Herstellung einiger Klöster nicht den Krieg mache. Will man den Beweis dafür? In mehreren Briefen vom Mai 1846 beim Beginn der Entstehung des Sonderbundes, bat mich Tillier, von Herrn Guizot die bewaffnete Intervention Frankreichs zu verlangen.“ Im Mai 1846 war Tillier noch Regierungsrath, und das Anrufen fremder Intervention war also ein doppeltes Verbrechen. Durch diese Veröffentlichung ist wiederum ein Haupt der Konservativen in den Abgrund geschleudert. Daß das Volk sich entschiedener, wie je, den Radikalen zuwendet, ist bei solchen Enthüllungen sehr erklärlich. Die neuesten Nachrichten aus Italien tragen auch dazu bei, daß patrizische und neutrale Volksverräther den Kopf bedeutend hängen lassen. In Turin ist Gioberti vom Volke, das die Sendung von 20,000 Soldaten nach Toskana erfuhr, gezwungen worden, seine Entlassung zu nehmen, und die Truppen mußten zurückkehren. Bologna hat sich auf die Nachricht vom Anrücken der österreichischen Horden in Vertheidigungszustand gesetzt und einen Sicherheitsausschuß ernannt, in welchem u. A. auch ein schweizerischer Oberst Centulus, ein Patrizier von hier, sitzt. Die römischen Schweizerregimenter haben sich mit Enthusiasmus für die Sache des römischen Volkes erklärt. General Latour, ihr Kommandant, lag krank, als man den Einmarsch der Oesterreicher erfuhr. Er ließ sich sofort von zwei Soldaten nach dem Regierungspalast tragen, um dort zu erklären, daß man über seinen Arm zur Vertheidigung des Vaterlandes gegen die Barbaren verfügen möge. Diese Nachricht hat hier unendlichen Jubel erregt. Der größte Theil des schweizerischen Volkes war darüber erbittert, daß die Schweizerregimenter von Neapel und Rom nicht wegberufen wurden; die Einen aus Sympathie für die Italiener, die Andern aus Furcht vor der Rache, welche das Nachbarvolk nach seinem Siege an ihnen nehmen würde. Die Volksvereine schickten Adressen über Adressen an den Bundesrath, um ihn zu energischen Maßregeln zu bewegen. Dieser aber erklärte unterm 23. Febr., daß die Militär-Kapitulationen nicht Sache der Bundesbehörden seien, sondern in das Gebiet der Kantonalsouveränetät fielen; trotzdem daß der Art. 11 der Bundesverfassung diese Angelegenheit dem Bunde überweis't. Der Bundesrath wird überhaupt seiner Mehrheit nach Tag für Tag feiger und niederträchtiger, und es stellt sich immer mehr die Nothwendigkeit heraus, daß die Schweizer den Herren Furrer, Ochsenbein und Consorten den längstverdienten Fußtritt geben. Die Hetzjagden, welche diese Centralpolizeibedienten Oesterreichs und ihre Agenten, der Neutralitätsvoyageur Steiger und Comp., gegen die deutschen und italienischen Flüchtlinge unternehmen, dauern noch immer fort.
Lombarden, welche mit piemontesischen Pässen kommen, werden fortgeschickt, trotzdem daß Gioberti schon mehrere Male ernstliche Protestationen gegen ein solches Verfahren, das nicht nur der Humanität, sondern sogar dem alten Völkerrecht zuwider ist, eingelegt hat. Die Herren Bundesräthe verlangen es oft gar, daß die Lombarden ihre Pässe bei'm Radetzki holen. Der deutschen Flüchtlinge gedenkt man auch mit erfreulicher Sorgsamkeit. In Schaffhausen ist ein Badenser, Namens Willmann, angesessen. Er hat sich seit dem Hecker'schen Zuge an keinem revolutionären Unternehmen betheiligt. Der Bundesrath hat seine Ausweisung verlangt, aber die Behörden des Kantons weigern sich, diesem schmachvollen Befehle nachzukommen. Für solche Bubenstreiche — denn mit einem anständigeren Namen kann man diese Plackereien und Verfolgungen nicht bezeichnen — erhält aber der Bundesrath auch die Genugthuung, daß der russische Gesandte demnächst wieder seinen Einzug in die Bundesstadt halten wird. In der That, die Schweiz mag bei Zeiten die Mehrheit des Bundesrathes und die ganze Zürcherische Politik zum Teufel schicken; sie könnte sonst schlecht fahren. Ergreift sie in dem jetzigen Entscheidungskampfe zwischen dem Westen und Osten keine revolutionäre Rolle, so darf sie sich nicht darüber wundern, wenn die Sieger die zwei und zwanzig Kantone mit den Kroaten und Slovaken in eine Klasse werfen. Die Schweiz hat dann sich ebensowenig auf ihre fünfhundertjährige Republik zu berufen, wie unsere deutschen Matthy's und anderes Unterstaatssekretariatsgesindel auf früheres liberales Benehmen, das sie vor dem Galgen gewiß nicht schützen wird. Die Schweiz mag sich daran erinnern, daß sie ein kleines, wenig bevölkertes Land ist, daß ihre Industrie auf einer sehr niedrigen Stufe steht, daß sie, was Bildung und Aufklärung anbetrifft, unendlich hinter den größern, civilisirten Nationen zurückgeblieben ist. Es bedarf großer revolutionärer Energie, will dieses Volk in dem großen Scheidungsprozesse' der Gegenwart seine Selbstständigkeit beibehalten. Schon jetzt heulen die reaktionären Blätter, wie die „Neue Schweiz“, darüber, daß die Einigkeit Italien's durch Einverleibung Tessin's das Gebiet der Schweiz verkleinern werde. Deßhalb wird dem Bundesrathe die Weisung gegeben, die römische Republik nicht anzuerkennen. Diese hat den biedern Bundesrath dagegen von ihrer Konstituirung einfach durch einen Abdruck des betreffenden Dekrets, in einen Kreuzband gepackt, benachrichtigt. Ein offenkundigerer diplomatischer Fußtritt läßt sich nicht leicht denken. Um diese Artigkeit zu vergelten, ruft die Neue Zürcher Zeitung, das Organ des Bundespräsidenten der schweizerischen Auslandspartei, zu: Nehmt Euch in Acht vor der italienischen Politik. Diese saubere Zeitung rechtfertigt die Brutalitäten gegen die italienischen Flüchtlinge damit, daß Gioberti selbst kein Republikaner sei und die piemontesische Armee nie für republikanische Neuerungen kämpfen werde!!
Das in Biel erscheinende Wochenblatt, die Evolution, von Becker redigirt, bekannt durch die Verfolgungen, mit welchen es vom Bundesrathe beehrt wurde, enthält in den letzten Nummern Artikel von Karl Heinzen, betitelt „der Mord“, welche bedenkliche Anzeichen über den Gesundheitszustand des Verfassers enthalten. Auf jeder Seite kommen viele Dutzend Male die Worte: Mord, Gift, Dolch, Blut, Vernichtung und andere kraftgeschwollene Phrasen vor. Die ganze Demokratie besteht nach Heinzen in der Mordkunst. Wörtlich äußert er sich, daß einige gutgeführte Dolchstiche und etwas Knallsilber den Gang der ganzen Weltgeschichte ändern, die ganze Welt frei und glücklich machen könnten. Man sieht, daß Heinzen sich die Sache sehr leicht macht. Dies ist wieder nun ein neuer Beweis, wenn man noch Beweise für eine allbekannte Thatsache nöthig hat, daß Heinzen die Bewegung der Gegenwart nicht im Mindesten versteht. Mit etwas Knallsilber ist die ganze soziale Frage gelöst. Schade nur, daß Heinzen seiner gewaltigen Mordlust in den badischen Aufständen, namentlich zu den Zeiten der glorreichen Republik Schusterinsel, sorgsam Zügel angelegt hat.
In Bern hat sich eine freie Gemeinde gebildet, deren Standpunkt dadurch charakterisirt ist, daß sie die religiöse Freiheit als Freiheit von aller Religion versteht. Die Schweiz ist in religiöser Beziehung so sehr zurück, daß ein solches Unternehmen, in Deutschland vormärzlich, hier noch zeitgemäß ist. Die Artikel 41 und 44 der Bundesverfassung garantiren die Ausübung des Gottesdienstes und die Bürger- und Heimathsrechte nur der „anerkannten christlichen Konfessionen.“ Deshalb wird der Bundesrath gewiß bald gegen die freie Gemeinde einschreiten.
@xml:id #ar237_025
[ 17 ] Paris, den 1. März.
In dem „Courier de la Gironde“. diesem getreuen Spiegel der Bordeauxer Kaufmannschaft, befindet sich folgende Denunciation der deutschen Demokraten: „Die Schwärmer in Berlin, Wien und andern Orten Deutschlands,“ heißt es, „verstehen sich sehr schön mit unsern französischen Gesellschaftsverheerern, aber wir hoffen, daß die respektiven Behörden der Brut jenseit wie diesseit des Rheines bald ein Ende machen werde.“ Die zarte Aufmerksamkeit des Schurkenblatts auf das was im fernen Deutschland passirt, erklärt sich zum Theil durch den Einfluß der reaktionären deutschen Kaufleute. Im lyoner „Republicain“ findet man folgende erbauliche Notiz: „Im Jahre 1793 zitterte die Bordeleser Kaufmannschaft vor Wuth und vor Angst dermaßen, daß sie allen Ernstes den Plan faßte, das Stadtgebiet nebst dem Thurme Corduan der englischen Flotte zu übergeben und nach Hamburger Vorbilde ein Separatrepubliklein mit ganz aristokratischer Wirthschaft zu machen. Hamburg war das Losungswort für diese girondinischen Vaterlandsfeinde. Die damals in der Fremde umherirrend bourbon'sche Königsfamilie sollte dies im Voraus garantiren; Gelder, um den Bürgerkrieg im Westen zu führen, fanden sich mit erfreulicher Geschwindigkeit in der Kasse der angeblich verarmten Herren Banquiers und Kaufleute. Aehnlichen Verrath sannen die Royalisten in Lyon aus, doch bekam's ihnen schlimmer als den Bordelesern; Lyon ward zum warnenden Exempel zu Boden geschmettert, Bordeaux nicht. In Bordeaux erhielt sich sogar die die ehrlose Absicht, unter Englands Kanonenschutz zu treten, dermaßen wach, daß 1814 diese Kaufmannschaft dem General Wellington die Stadt geradezu anbot; der Britte erstaunte über diese ungeheure Niederträchtigkeit und fürchtete darunter eine Falle. Endlich überzeugte er sich von der Ehrlichkeit der treffliichen Bordeleser. Im Jahre 1793 hing es an einem Härchen und diese Herren hätten die Stadt an England verkauft, wie sie Toulon wirklich verschacherten. Die Patrioten, die Jakobiner, waren zu Bordeaux in der Minderheit. Die Volksfeinde warteten nur auf eine Gelegenheit, die englischen Kriegsschiffe den Strom hinauf zu bringen. Da alle Vernunftgründe scheiterten, mußte der Konvent zur Gewalt greifen und die Deputirten Ifabeau und Baudot reisten von Paris hin, um nöthigenfalls mit diesen eigensinnigen Schacherern, die den Gang einer Weltrevolution stören wollten, umzuspringen, wie der furchtbare Collot d' Herbois mit denen Lyon's bereits verfahren hatte. Es ist nöthig, sich dieser großen Konflicte gerade jetzt zu erinnern, damit die Enkel der gewaltigen Jakobiner lernen, wie die mnthigen Väter sich benommen; die Girondiner wollen, scheint es, durchaus wieder jene Zeit heraufbeschwören.‥ Ehe die Deputirten des Nationalkonvents die Stadt in Grund und Boden schmetterten, wollten sie noch ein letztes Mal die Güte versuchen. Sie betraten ganz allein, alle Gefahr verachtend, nur mit einem Dienstboten in einer Postkutsche, die Rebellenstadt und wurden sofort unter maßlosem Drohungsgeheul und Schwenken der Messer und Säbel nach dem Stadthause geschleppt. Hier eilte Baudot sogleich auf den Präsidentenstuhl zu und rief: „Ich nehme Besitz hievon als Abgesandter des Konvents.“ Weiter konnte er nicht reden. Man riß ihn fort und in den Kerker, wo die Wache durch Singen, Fluchen und fortgesetztes Anschlagen der Gewehrkolben an die Bretterwand die beiden Gefangenen am Schlafe während der ganzen Nacht zu hindern beordert war. Am Morgen durfte ihnen Gepäck und Speise aus dem Gasthause gebracht werden; die Frau des Wirths, eines erprobten Republikaners, gab ihnen in einer Tasse Bouillon einen Zettel mit der Warnung, beim Wegreisen eine gewisse Straße zu meiden, denn in ihr würde man sie zu ermorden suchen. Vorher holte man sie nochmals aufs Stadthaus und wollte sie zur Unterzeichnung eines Befehls zwingen, der im Namen des Konvents der Stadt den Einlaß von Getreideschiffen erlaubte. Sie weigerten sich natürlich. Seltsam genug kündigte man ihnen an, daß, sie könnten abreisen. ‥ und lud sie ein, ihren bereits gepackten Postwagen, der mit 6 Pferden bespannt war, zu besteigen. Das kam ihnen verdächtig vor. Sie bestellten die Postillone an das Thor und gingen einen andern Weg zu Fuß. Alles blieb still, nur schien diese Maßregel ihre Führer sehr zu ärgern. Glücklicherweise kannten Beide selbst die Straßen der Stadt vollkommen genau und kamen bis auf einige hundert Schritte an das Thor, wo sie den Postwagen hinbeordert hatten. Da wurde heftig auf den leeren Wagen geschlossen, die republikanischen Kutscher aber jagten im Gallop weiter, die Deputirten sprangen hinein und so wurden sie durch die Schnelligkeit der Pferde und durch den Muth der Postillone gerettet, deren jeder Hieb- und Schußwunden erhalten hatte. Ja Einer dieser Braven hatte einen Säbelhieb in die Ferse bekommen, so daß sie fast vom Fuße abgetrennt war; trotz dem blieb er im Sattel und sprengte bis zum nächsten Pferdewrchsel; dort sank er nieder. Der Konvent dekretirte, daß dieser Postillon um die Republik sich verdient gemacht und fortan 400 Frs. Jahresrente zu beziehen habe. Die Abgesandten hatten sich aber auch mit Muth benommen; als z. B. Dicht am Thore das Schießen losging, hatten sie sogleich blank gezogen und zwei ihrer Begleiter am Kragen packend, mit sich fortgeschleift; hierdurch hatten sie so imponirt, daß man sie wenigstens ihre Kutsche errreichen ließ.“ Wir sehen, wie man es mit diesem reaktionären Rebellenpack zu machen hat.
Die Bankette zum Andenken der Februartage in Lyon waren sehr großartig. Man toastete auf Italien, Völkerbefreiung, Deutschland. B. Grinand: „auf den Genius der Revolution! Erhebt Euch, Söhne des alten (ja wohl!) Deutschlands, jagt fort Eure Tyrannen, brecht endlich diese Aristokratie, die Euch bedrückt mit ihren Herrenschlössern und Privilegien. Zerschlagt das dreifache Joch des Königthums, des Priesterthums, des Kapitals. Völker Italiens, gebt ein Echo der Stimme, die vom Tiberfluß bis zu dem Palmenhaine Palermo's schallt; auf und tretet nieder das Gebäu der alten Welt, laßt nicht Stein auf Stein, peitscht von hinnen die viehischen Schwertträger einer mit Infamie besudelten Staatsgewalt.… Deutsche, Italiener! schwingt Euch voran in die Bahnen der Zukunft und helft dem französischen Volke die Welt retten. Und ihr, französische Mitbürger! Muth! Muth! Muth! was vermag am Ende all dies Dräuen der Renommisten und Despotenknechte, der Donquixoten der Reaktion, (der Bugeaud und Consorten) die, sobald das Volk die Revolutionsschlacht kämpft, hurtig ausreißen und den Mann fallen lassen, der sie zu seinem Schutz bezahlt hatte Lassen wir sie bei Seite rasen, alle diese Nachahmer des Marschall Bouillé des Jahres 1792, alle diese Tieger, die ohne Mitleid die Knechtung des Vaterlandes vorbereiten. Der Tag naht, o meine lieben Mitbürger, wo der Rachegenius der Revolutionen erscheint, mit den unvergänglichen Wagschaalen in den Händen, um zu wägen die Thaten und Missethaten der Menschen; und dann wird es heißen: zurück Ihr, die Ihr vom Raube Euch mästet. ‥‥ zurück — Achtung vor der Justiz des Volks!“ Während das Ministerium das Jahresfest nur durch eine Todtenmesse begangen wissen wollte (die Pfaffen weigerten sich sogar an vielen Stellen, selbst ein Te Deum zu singen; der von Choisy war nicht dazu zu bringen, und sagte den Einwohnern, die ihn dreimal darum angingen: „der hochedle Herr Erzbischof von Paris hat uns verboten für die Revolution zu singen“ und während die Journale der bordeleser Kaufleute, mit Trauerrande erschienen, feierten die Socialdemokraten Lyon's unter den geladenen Kanonen des Gensd'armen Bugeaud-Windischgrätz ein herrliches Fest. Dörfer hatten Abgesandte geschickt; manche Bauern sprachen revolutionärer als man je gehofft. Der Marschall Bugeaud hatte 20,000 Soldaten unter's Gewehr gerufen. Die Reaktion ist in Toulouse, Agen, Auch, Uzes sehr keck, seit Herr Faucher den Freiheitspappeln daselbst die rothe Mütze abgezogen. Die Nationalgarde hat bereits in einzelnen Bataillons daselbst aufgelöst werden müssen. In dem Städtchen Uzes an der Rhone, unsern Avignon, ist, wie von uns neulich mitgetheilt ward, die Sprache der Jesuiten und Königsanbeter wahnwitzig, wie 1815, 1814 und 1795; die Resultate lassen bereits nicht auf sich warten und am Karnevalsdienstag führte ein die Republik verhöhnender Maskenzug Szenen auf, die ohne das Einschreiten dreier Bürgerwehroffiziere, obschon heftiger Legitimisten, mit dem Bartholomäusabschlachten der demokratischen Männer, Frauen, Mädchen und Knaben des Orts geendigt hätten, wie in jenen gebenedeiten Jahren des weißen Terrorismus. Die schwangere Gemahlin eines demokratischen Chefs ward furchtbar auf offener Straße, bei hellem Mittage, gemißhandelt. Ein 16jähriges Mädchen desgleichen. Das Kaffeehaus der Republikaner ward zwei Tage hintereinander von der Bande belagert, gestürmt, demolirt. Mit Billardstöcken zuerst zurückgeschlagen, kam sie alsbald mit Aexten und doppelläufigen Jagdbüchsen und Steinen wieder. Wer etwas die Dinge im Süden kennt, versteht was die Notiz der Journale sagen will: „diese 3-400 Mordgesellen, nebst ihren Weibsleuten, trugen ganz weiße Kleider“; dies beweist, daß sie zu einer religiösen Brüderschaft gehörten, und wie sie 8 Tage vorher Lieder plärrend in weißen Bußröcken Umzug gehalten, so machten sie jetzt einen Feldzug gegen die ihren Beichtvätern und Bezahlern mißliebigen Personen. Sie tanzen bereits wieder die Farandolen oder Schlangentänze, in einer ungeheuren, wilden Kette durch die ganze Stadt; und das ist seit Jahrhunderten im französischen Süden ein Vorspiel zu baldigen religiös-politischen Todtentänzen. Mit dem ausgelassensten Jubel rasen diese Brüderschaftler als Farandolisten des Morgens, und Abends stürzen sie mit dem berüchtigten Geheul „su su, saru saru“ vor die Häuser der von den legitimistischen Häuptlingen auf die Liste geschriebenen Volksfreunde, demoliren und morden. Auch stehlen sie dabei gern, zumal wenn der von Brüderchen Leon Faucher kürzlich eingesetzte Unterpräfekt an beiden Tagen fortwährend erklärt: „was soll ich dagegen thun?“ ich kann nichts;“ und wenn der Präfekt schließlich acht der am ärgsten bedrohten, verwundeten, in ihrer Habe am meisten beschädigten Demokraten, in's Loch wirft, wie dies zum sprachlosen Erstaunen der pariser Volkspresse geschehen. „Es geht in Uzes auf ein Haar jetzt wie 1815; „es ist dies wieder das Vorspiel zum Bartholomäusfest“ sagte mir eine Dame die aus dem Languedoc kommt.
In Toulouse ist, laut so eben einlaufender Depesche, nochmals Blut geflossen unter dem Rufe: „Es lebe die social-demokratische Republik.“ Die dortige Garnison hat nicht genug eingehauen, sie ist „schon vom Gift der Revolution halb angesteckt“. Die Garnison zu Paris wird wieder gewechselt, denn Changarnier erklärte gestern: das Heer werde immer schwieriger und das Mittel, die Garnisonen zu wechseln, scheine ihm kaum auf die Länge ausführbar. Viele Nationalgardenoffiziere interpelliren General Rulhieres über sein brüskes Sprengen der Toulouser, und nicht Reorganisiren der lyoner Bürgerwehr, auch ist zu erwähnen, daß die Zahl der uniformirten Bürgerwehroffiziere auf den social-demokratischen Banketten der letzten 14 Tage sehr wächst. So eben treiben 150 Soldaten vor meinen Augen 350 Blousenmänner und Frauen auf die Präfektur in den Kerker; weshalb ??? —
@xml:id #ar237_026
Paris, 1. März.
Die Posten aus Rom vom 19. und 20., Florenz vom 22. und 23., Turin vom 25. Febr. sind heute in Paris nicht eingetroffen.
Uebrigens ruft der Einfall der Oestreicher in Ferrara hier die größte Entrüstung hervor. Man erklärt ihn allgemein für einen Akt der Barbarrei, der selbst der „guten Sache“ (der Reaktion) schade.
Die indifferenten Beobachter meinen, es müsse schrecklich um die östreichischen Finanzen in Italien stehen, weil Radetzki zu solchen Prellereien seine Zuflucht nehme.

References: § 49
 Art. 83
 § 3
 § 14
 § 14
 Art. 11