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Timestamp: 2020-07-09 08:37:28+00:00

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Deutschlands erste Professur für bedingungsloses Grundeinkommen startet	KARRIERE & CAMPUS | 10.07.2019 | Till Neumann
Monatlich 1000 Euro für jeden Bürger – einfach so. Ob das funktionieren kann, wird seit Juni in Freiburg so intensiv erforscht wie nirgendwo anders in Deutschland. Möglich macht das dm-Gründer Götz Werner.
Der leidenschaftliche Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) hat der Universität dafür zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Damit soll Bernhard Neumärker zehn Jahre lang ausschließlich dazu forschen. Wird Freiburg damit zur BGE-Hauptstadt? Dem Magazin „Karriere & Campus“ erzählt der 56-Jährige, wie ein BGE funktionieren kann. Und warum man das hier perfekt testen könnte.
Ein dicker Stapel Unterlagen liegt auf dem Schreibtisch von Bernhard Neu-märker. In seinem Büro im vierten Stock des KG II füllen Bücher, Ordner und geheftete Seiten fast den gesamten Tisch. An der Wand hängt eine Zeichnung des Staatstheaters Stuttgart. „Es gibt viel zu tun“, sagt der Direktor der Abteilung für Wirtschaftspolitik und Ordnungstheorie der Universität Freiburg. Er ist seit dem 1. Juni Inhaber der in Deutschland einzigartigen Götz Werner Professur für Wirtschaftspolitik und Ordnungstheorie.
Hocherfreut ist nicht nur Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer, sondern auch Neumärker, dass der berühmte dm-Gründer Werner ihm ermöglicht, eine Dekade lang ausschließlich zu dem Thema zu arbeiten. „Es wäre unverschämt, was anderes zu machen“, sagt der Freiburger Professor und lacht. Seit vielen Jahren arbeitet er zum BGE und hat Werner über Vorträge kennengelernt. Wichtig ist ihm, trotz Förderung unabhängig zu sein: „Das ist eine Namensforschung, aber kein Auftrag für dm oder Götz Werner. In meiner Forschung bin ich frei.“
Das BGE wird seit rund 15 Jahren diskutiert. Es steht für ein festes und verlässliches Einkommen für alle. Die Zahlung ist an keinerlei Gegenleistungen geknüpft. Im Zuge der Digitalisierung mehren sich Stimmen für das Modell, um Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt gerecht zu werden. Götz Werner sagt: „Um die Herausforderungen der Zukunft meistern zu können, müssen wir Arbeit und Einkommen trennen und Arbeit als schöpferische Tätigkeit anerkennen.“ Auch Autor und Talkshow-Dauergast Richard David Precht fordert eine Summe von 1500 Euro im Monat für jeden. Neumärker macht kein Geheimnis daraus, ebenfalls an der Idee Gefallen zu finden. Er erforscht die Möglichkeiten einer monatlichen Zahlung von 1000 bis 1500 Euro. Also eine Summe, die Erwerbstätigen Anreiz bietet, etwas anderes zu tun. Und kreativ zu werden, wie Neumärker betont.
„Beim BGE geht es um Zeitsouveränität. Also die Frage, was der Mensch mit seiner Zeit macht“, erklärt Neumärker. Vieles, was bisher in der Gesellschaft unentgeltlich gemacht werde, sei eigentlich Arbeit. Ehrenamtliche Tätigkeiten beispielsweise. Als Ökonom müsse man da vieles revidieren, zum Beispiel den Freiheitsbegriff. Denn „da geht’s nur um Tauschfreiheit“. Also Arbeit gegen Geld. Mit dem BGE jedoch werde die Trennung von Arbeit und Freizeit entkoppelt.
Was ändert sich mit 1000 Euro im Monat? „Ich würde wetten, junge Leute schauen anders aufs Studium. Nicht nur rein karrieretechnisch“, sagt Neumärker. Statt BWL, Jura oder Medizin könnten Bereiche wie Kunst oder Musik stärker in den Fokus rücken. Was er selbst mit 1000 Euro tun würde? „Vielleicht eine Band gründen“, sagt der Hobbygitarrist. Der Versuch, als Musiker nebenher etwas Geld zu verdienen, würde ihn reizen. Schon jetzt nutzt er die Gitarre zur Erholung. „Wenn ich eine halbe Stunde darauf ­dilettiere, bin ich refresht.“
In der heutigen Arbeitswelt laufe vieles fremdbestimmt. „Man erträgt einen gewissen Grad der Ausbeutung“, sagt Neumärker. Freude käme in dem Modell nicht vor. „Man muss uns mit Lohn die Freizeit abkaufen. So sind wir sozialisiert.“ Das BGE könne das ändern. Denn der Mensch könne, wie Götz Werner sagt, kreativ werden. Und so nach mehr Sinn und Autonomie streben.
Genau wie Philosoph Richard David Precht geht Neumärker davon aus, dass durch die Digitalisierung viele Arbeitsplätze verloren gehen. „Piloten oder Lokführer sind mindestens so gefährdet wie Stewardessen oder Zugbegleiter.“ Chancengleichheit bringe da wenig, wenn es für 1000 Leute nur noch einen Job gebe. Er ist überzeugt: „Wir müssen dem vorbeugen.“
Das BGE könne etwa ermöglichen, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Augenhöhe agierten. Denn wer finanziell abgesichert sei, habe eine „Exit-Option“. Für Neumärker eine Erklärung, warum das Modell bei Arbeitgebern weniger Anklang findet.
Auch Arbeitsmärkte könnten sich dadurch ändern. Gäbe es keine Müllmänner mehr, könne die Bereitschaft steigen, den Job besser zu bezahlen. Denn Sauberkeit wolle jeder. „Wir können das umgewichten, der Markt für Müllmänner oder Putzfrauen funktioniert dann vielleicht erst richtig.“
Um das BGE zu finanzieren, schwebt ihm vor, beispielsweise die Arbeit von Robotern zu besteuern. Oder die Mehrwertsteuer anzuheben. Überzeugt davon, das hinzubekommen, ist er schon jetzt. Nur der Bereich Gesundheit müsse über einen Extra-Topf bezahlt werden. Wegfallen würde so die Stigmatisierung von Einzahlenden und Empfängern. Schließlich sei plötzlich jeder Empfänger. „Auch Reiche kriegen das Cash auf die Kralle“, sagt Neumärker.
Mit Beschimpfungen muss er hin und wieder leben. Erst kürzlich sei er auf einer Tagung angegangen worden: Von Kunst oder Sport kann man doch nicht leben. Er habe erwidert, dass der Markt dafür doch riesig sei. „Junge Leute können mit BGE plötzlich wie gestört bis zum 18. Lebensjahr für ihre Fußballerkarriere trainieren“, erklärt Neumärker. Denn die finanzielle Sicherheit sei da. Wer wisse, ob nicht auch aus ihm ein Regisseur geworden wäre?
Noch etwas utopisch, aber dringend nötig findet er einen BGE-Test im Dreiländereck. Hier könnten Städte in Frankreich, der Schweiz und Deutschland die Ideen im Kleinen testen. Verschiedene Länder, Milieus und Gebiete seien ideal dafür. Prüfen müsse man das nicht wie in Finnland mit Arbeitslosen, sondern auch mit Gutverdienern. Orientieren sie sich um? „Wir wissen nicht, was sich alles entwickeln wird“, sagt Neumärker. Sicher ist für ihn jedoch eins: Die Arbeitswelt wandelt sich radikal. Darauf müssen Antworten gefunden werden.
Fotos: © Uni Freiburg, iStock/Amankris

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