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Timestamp: 2019-07-16 09:23:30+00:00

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Verwaltungspraxis: Schutz älterer Arbeitnehmer rechtfertigt Ungleichbehandlung bei der Urlaubsgewährung
Schutz älterer Arbeitnehmer rechtfertigt Ungleichbehandlung bei der Urlaubsgewährung
Gewährt ein Arbeitgeber älteren Arbeitnehmern jährlich mehr Urlaubstage als den jüngeren, kann diese unterschiedliche Behandlung wegen des Alters unter dem Gesichtspunkt des Schutzes älterer Beschäftigter nach § 10 S. 3 Nr. 1 AGG zulässig sein. Die Annahme eines Erfahrungssatzes dahin gehend, dass bei körperlich belastenden Berufen das Erholungsbedürfnis im höheren Alter steigt, begegnet jedenfalls keinen Bedenken.
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Die Parteien streiten über die Höhe des jährlichen Urlaubsanspruchs. Die 1960 geborene Klägerin ist seit 1994 als Produktionsmitarbeiterin bei der Beklagten beschäftigt. Die Beklagte gewährt den Arbeitnehmern in ihrem Produktionsbetrieb nach der Vollendung des 58. Lebensjahres aufgrund ihres gesteigerten Erholungsbedürfnisses zwei weitere Urlaubstage im Kalenderjahr und bezweckt damit die Sicherstellung des Schutzes älterer Beschäftigter - ohne allerdings dieses Ziel konkret in der Regelung zu benennen. Die übrigen Beschäftigten erhalten jährlich 34 Urlaubstage. Die Klägerin meint, diese Urlaubsregelung sei altersdiskriminierend. Arbeitsgericht und Landesarbeitsgericht haben die Klage auf entsprechenden Mehrurlaub abgewiesen. Die Revision der Klägerin hat ebenfalls keinen Erfolg.
Die Urlaubsregelung bei der Beklagten ist nicht gemäß § 7 Abs. 2 AGG unwirksam und führt somit bezüglich der Dauer des Urlaubs der Klägerin nicht zu einer "Anpassung nach oben". Es liegt zwar eine unmittelbare Benachteiligung wegen des Alters iSd. § 3 Abs. 1 S. 1 AGG vor. Diese ist jedoch gemäß § 10 S. 1, 2 und S. 3 Nr. 1 AGG gerechtfertigt. Die Regelung bezweckt bei Berücksichtigung eines Gestaltungs- und Ermessensspielraums der Beklagten den in dieser Bestimmung genannten Schutz älterer Beschäftigter und ist geeignet, erforderlich und angemessen im Sinne von § 10 S. 2 AGG. Das Landesarbeitsgericht hat in Übereinstimmung mit der überwiegenden Auffassung im Schrifttum als Erfahrungssatz angenommen, dass mit zunehmendem Alter das Erholungsbedürfnis von Arbeitnehmern steigt. Auch der 9. Senat ist in seiner Entscheidung vom 20.03.2012 jedenfalls davon ausgegangen, dass ein altersbedingt gesteigertes Erholungsbedürfnis für "eher nachvollziehbar" zu halten ist (BAG, Urteil vom 20.03.2012 - 9 AZR 529/10). Diese Ansicht ist allerdings nicht unumstritten. Die Annahme eines Erfahrungssatzes dahin gehend, dass bei körperlich belastenden Berufen das Erholungsbedürfnis im höheren Alter steigt, begegnet jedenfalls keinen Bedenken - so der Senat in dieser Entscheidung. Die Regelung ist geeignet, den in § 10 S. 3 Nr. 1 AGG beschriebenen Zweck zu fördern. Insbesondere kann die Klägerin nicht mit dem Argument gehört werden, dass die Gewährung von lediglich zwei Urlaubstagen ungeeignet sei, einen altersbedingt erhöhten Erholungsbedarf auszugleichen. Die Geeignetheit ist nicht deshalb zu verneinen, weil ein gestiegener Erholungsbedarf unter Umständen nicht vollständig, sondern nur partiell ausgeglichen wird. Gerade angesichts des vom Arbeitgeber bei einer freiwilligen Leistung selbst gesetzten Dotierungsrahmens wäre die Beschränkung auf einen Teilausgleich nachvollziehbar und zulässig. Zudem haben auch die Tarifvertragsparteien angesichts der Tätigkeit eines Produktionsmitarbeiters in der Schuhbranche zwei Tage Urlaub für geeignet und ausreichend erachtet. Dass die Beklagte sich die von den Sozialpartnern ausgehandelte Regelung zu eigen macht und im Rahmen ihres Ermessensspielraums eine entsprechende Regelung trifft, ist unter dem Aspekt der Geeignetheit der Regelung nicht zu beanstanden. Die Regelung ist auch erforderlich und angemessen (§ 10 S. 2 AGG). Mildere Mittel, die in gleicher Weise den Schutz älterer Arbeitnehmer verwirklichen könnten, sind nicht ersichtlich.
Die Beklagte ist auch nicht verpflichtet, zusätzliche Urlaubstage nur nach dem individuell ermittelten Erholungsbedarf unter Einbeziehung altersunabhängiger Belastungsfaktoren zu gewähren. Zwar mag es zutreffen, dass es weitere Belastungsfaktoren gibt, die zu einem gesteigerten Erholungsbedarf führen können. Jedoch wäre eine solche individuelle Regelung in vielerlei Hinsicht praktisch nicht oder nur mit großen Schwierigkeiten handhabbar. Bereits der EuGH hat anerkannt, dass bei der Prüfung der Zulässigkeit einer Regelung im Hinblick auf das Verbot der Altersdiskriminierung zu beachten ist, dass die fragliche Regelung in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht handhabbar bleiben müsse, und deshalb nicht generell verlangt werden könne, dass immer jeder Einzelfall individuell geprüft werde (EuGH, Urteil vom 19.06.2014 - C-501/12).

References: § 10
 § 7
 § 3
 § 10
 § 10
 § 10
 EuGH