Source: http://docplayer.org/9571364-Strafrechtliche-verfolgung-von-managemententscheidungen-in-der-krise.html
Timestamp: 2019-01-20 11:14:54+00:00

Document:
Strafrechtliche Verfolgung von Managemententscheidungen in der Krise - PDF
Strafrechtliche Verfolgung von Managemententscheidungen in der Krise
Download "Strafrechtliche Verfolgung von Managemententscheidungen in der Krise"
1 4. Internationales Symposium Restrukturierung Jahreskonferenz 2015 Strafrechtliche Verfolgung von Managemententscheidungen in der Krise Priv.-Doz. Dr. Oliver Plöckinger 02. Oktober 2015
2 UNTREUE IN DER NOCH GELTENDEN FASSUNG Markante Aussage in der deutschen Lehre (Ransiek) 266 StGB passt immer. Insbesondere im Wirtschaftsstrafrecht ist das die Norm, die ganz unabhängig davon greift, um welche Spezialmaterie es sich auch immer handelt Folie 2
3 UNTREUE IN DER NOCH GELTENDEN FASSUNG 153 StGB Wer die ihm durch Gesetz, behördlichen Auftrag oder Rechtsgeschäft eingeräumte Befugnis, über fremdes Vermögen zu verfügen oder einen anderen zu verpflichten, wissentlich missbraucht und dadurch dem anderen einen Vermögensnachteil zufügt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen Folie 3
4 Gilt der Befund von Ransiek auch für das österreichische Recht? Folie 4
5 AUSGEWÄHLTE ENTSCHEIDUNGEN DES OBERSTEN GERICHTSHOFS OGH vom , 12 Os 117/12s (12 Os 118/12p) - LIBRO OGH vom , 11 Os 19/12x (11 Os 91/12k) Styrian Spirit Folie 5
6 LIBRO-AUSGANGSSACHVERHALT Ziel: LIBROdisk HandelsAG (kurz LIBRO AG) sollte an Finanzinvestoren veräußert werden Käuferin: Mittelstandsfinanzierungsgesellschaft (MFG) MFG konnte gemäß ihrer Statuten den Erwerb jedoch nicht selbst abwickeln, sondern musste dafür gemeinsam mit weiteren Investoren eine eigene Käufergesellschaft gründen (UDAG) Strafrechtliche Implikationen 6
7 LIBRO-AUSGANGSSACHVERHALT Kapital auf Seiten UDAG wurde aufgebracht durch: Eigenkapital Gesellschafterdarlehen Fremdfinanzierung (Kredit) Strafrechtliche Implikationen 7
8 LIBRO-AUSGANGSSACHVERHALT MFG Investoren UDAG Verschmelzung 100% Dividende ATS 440 Mio. LIBRO AG Strafrechtliche Implikationen 8
9 LIBRO-AUSGANGSSACHVERHALT Nach Abschluss des Erwerbsvorganges wurde entschieden, die UDAG in die LIBRO AG zu verschmelzen Damit eine solche Down-Stream -Verschmelzung realisiert werden konnte, musste die UDAG zur Vermeidung eines Verschmelzungsverlustes zuvor jedoch schuldenfrei gestellt werden dies erfolgte durch die Ausschüttung einer Dividende bei der LIBRO AG ihv ATS 440 Mio, deren Auszahlung durch Kredite finanziert wurde In weiterer Folge kam es zum Börsengang der LIBRO AG; dieser sollte zum einen den Altaktionären, darunter der MFG einen Ausstieg ermöglichen und zum anderen zusätzliches Eigenkapital der LIBRO AG zuführen Strafrechtliche Implikationen 9
10 LIBRO-AUSGANGSSACHVERHALT Neben einer phantasievollen Bewertung von Lagerbeständen und Fremdwährungskrediten resultierte ein erheblicher Teil des ausgeschütteten Bilanzgewinnes aus einer im Zusammenhang mit einer Umgründung erfolgten Aufwertung der Beteiligung an der LIBRO Deutschland, die ursprünglich aufgrund der negativen Geschäftsentwicklung sogar geschlossen werden sollte (Effekt ATS 93 Mio) Die Aufwertung wurde durch eine externe Stellungnahme eines Wirtschaftsprüfers belegt Strafrechtliche Implikationen 10
11 LIBRO-DAHINTERSTEHENDE PROBLEMATIK Strafbarkeit bei verdeckter Gewinnausschüttung/Einlagenrückgewähr wegen Untreue trotz Zustimmung der Gesellschafter/Aktionäre? OGH vom , 10 Os 170/80 zur Einmanngesellschaft Grundsätzlich ist das Gesellschaftsvermögen für den Geschäftsführer, aber auch für jeden einzelnen Gesellschafter wirtschaftlich fremd Ausnahme: Einmanngesellschaft Bei der im Wirtschaftsstrafrecht gebotenen ökonomischen Betrachtung könne nicht gesagt werden der Gesellschaftergeschäftsführer habe durch eine Schädigung der Gesellschaft wirklich einem anderen einen Vermögensnachteil zugefügt Folie 11
12 LIBRO-DAHINTERSTEHENDE PROBLEMATIK Wie verhält es sich nun mit jenen Fällen, in denen eine Gesellschaft mehrere Gesellschafter/Aktionäre hat? Ansätze in der Lehre Kapitalerhaltungsvorschrift des 82 GmbHG/rechtsgutsbezogene Betrachtungsweise BGH, Beschluss vom , 3 StR 228/11 Folie 12
13 LIBRO-DAHINTERSTEHENDE PROBLEMATIK BGH, Beschluss Einverständnis der Gesellschafter sei dann unwirksam und die Vermögensverfügung des Geschäftsführers deshalb missbräuchlich, wenn unter Verstoß gegen das Gesellschaftsrecht die wirtschaftliche Existenz der Gesellschaft gefährdet wird, etwa durch Beeinträchtigung des Stammkapitals entgegen 30 GmbHG, durch Herbeiführung oder Vertiefung einer Überschuldung oder durch Gefährdung der Liquidität Folie 13
14 LIBRO-WESENTLICHE ENTSCHEIDUNGSGRÜNDE OGH vom Nicht der mittelbare Schaden der Gesellschafter, sondern der unmittelbare Nachteil der Gesellschaft ist maßgebend Keine wirtschaftliche Identifikation von Aktionären und Aktiengesellschaft Fehlender Einfluss der Aktionäre auf den gesamten Bereich der Geschäftsführung Aktionäre können weder jede Angelegenheit der Geschäftsführung an sich ziehen, noch dem Gesellschaftswohl zuwiderlaufende Weisungen erteilen Folie 14
15 LIBRO - CONCLUSIO Aktionären kommt keine strafrechtlich zulässige Dispositionsbefugnis über das Vermögen der Aktiengesellschaft zu Aktionären bzw. den Organen der Alleinaktionärin kommt nicht die Macht zu, die Gesellschaftsinteressen und damit das Innenverhältnis zu definieren Untreuestrafbarkeit kann durch eine Zustimmung der Aktionäre oder der Alleinaktionärin grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden Folie 15
16 STYRIAN SPIRIT-AUSGANGSSACHVERHALT Inkriminiert: mehrere Kreditvergaben eines Bankinstituts an die Styrian Spirit AG Strafbarkeit der für die Kreditvergabe auf Seiten des Bankinstitutes Verantwortlichen wegen Untreue? Gutachten SV Styrian Spirit AG befand sich bekanntermaßen von ihrer Gründung an in einer äußerst kritischen finanziellen Situation, was immer wieder die Zufuhr von Eigenkapital erforderlich machte Kreditgewährung hätte nicht gänzlich ohne Sicherheiten etwa einer Haftungs- oder Patronatserklärung erfolgen dürfen, was mit Blick auf die Kreditsumme bei einem Neukunden ohnehin unüblich sei Ausfallswahrscheinlichkeit sei außerordentlich hoch gewesen Folie 16
17 STYRIAN SPIRIT-CONCLUSIO OGH Missbrauch = vorsätzlicher Fehlgebrauch einer Befugnis ein Bankangestellter missbraucht seine Befugnis, über das Vermögen des Bankinstituts durch Kreditvergabe zu verfügen, jedenfalls (vorsätzlich), wenn er trotz erkannter mangelnder Bonität und fehlender Sicherheiten zum Zeitpunkt der Kreditschuldentstehung also wirtschaftlich unvertretbar Kredit gewährt der dem Bankinstitut zugefügte Vermögensnachteil hängt von der Einbringlichkeit des Rückzahlungsanspruchs im Zeitpunkt der Kreditschuldentstehung ab Folie 17
18 STYRIAN SPIRIT-CONCLUSIO OGH Bonität und/oder ausreichende Sicherheiten lassen keinen Vermögensnachteil entstehen die wirtschaftliche Unvertretbarkeit der Kreditzuzählung führt zu einem Vermögensnachteil in der Höhe der Kreditsumme und zwar auch dann, wenn Rückzahlungen erfolgen oder später Sicherheiten bestellt werden; diese haben dann (nur) den Charakter nachträglicher Schadensminderung Aber: Vorsatzerfordernis im Hinblick auf die Zufügung eines Vermögensnachteils! Folie 18
19 STYRIAN SPIRIT-KOMMENTAR KIRCHBACHER Strafbarkeit setzt voraus, dass der Täter bei der wissentlich missbräuchlichen Kreditvergabe ernstlich für möglich hält und sich damit abfindet, dass die ausgezahlten Mittel verloren sein werden wer, mag dies auch leichtfertig sein, darauf vertraut, dass der gewährte Kredit zurückgezahlt wird, ist nicht wegen Untreue strafbar Folie 19
20 UNTREUE NEU 153 StGB (ab ) (1) Wer seine Befugnis, über fremdes Vermögen zu verfügen oder einen anderen zu verpflichten, wissentlich missbraucht und dadurch den anderen am Vermögen schädigt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen. (2) Seine Befugnis missbraucht, wer in unvertretbarer Weise gegen solche Regeln verstößt, die dem Vermögensschutz des wirtschaftlich Berechtigten dienen Folie 20
21 BUSINESS JUDGEMENT RULE ÖSTERREICH 25 Abs. 1a GmbHG sowie 84 Abs. 1a AktG Ein Geschäftsführer handelt jedenfalls im Einklang mit der Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmannes, wenn er sich bei einer unternehmerischen Entscheidung nicht von sachfremden Interessen leiten lässt und auf der Grundlage angemessener Information annehmen darf, zum Wohle der Gesellschaft zu handeln Folie 21
22 BUSINESS JUDGEMENT RULE BRD 93 Abs. 1 Satz 2 daktg Pflichtverletzung auf Vorstandsebene liegt dann nicht vor, wenn das Vorstandsmitglied bei einer unternehmerischen Entscheidung vernünftigerweise annehmen durfte, auf der Grundlage angemessener Information zum Wohle der Gesellschaft zu handeln Folie 22
23 BUSINESS JUDGEMENT RULE BRD BGH: Entwicklung des Gedankens der gravierenden Pflichtverletzung fehlende Nähe (der Spendenzahlung) zum Unternehmensgegenstand die Unangemessenheit im Hinblick auf die Ertrags- und Vermögenslage des betroffenen Unternehmens eine fehlende innerbetriebliche Transparenz sowie das Vorliegen sachwidriger Motive, namentlich die Verfolgung rein persönlicher Präferenzen (disinterested judgement) Folie 23
24 FREISPRUCH IS KOMMUNALKREDIT BERECHTIGTE HOFFNUNG? Vorwurf StA: Vergabe eines Kredits von acht Mio. EURO, den die Kommunalkredit der Cora KG zu einem Zeitpunkt gewährt habe, zu dem diese sich bereits in wirtschaftlicher Schieflage befunden habe SV: Kreditgewährung an die Cora KG sei vertretbar gewesen und seien die Konditionen marktüblich gewesen Kommentar Die Presse : In Fällen wie Hypo, Bawag oder Kommunalkredit verlangt die Öffentlichkeit gern nach einem Schuldigen, der dafür bestraft gehört. Aber nicht jeder wirtschaftliche Schaden ist auch ein Fall für das Strafrecht. Und das ist trotz des manchmal fahlen Beigeschmacks auch gut so Folie 24
25 KONTAKT Oliver Plöckinger Priv.-Doz., Dr., LL.M. Rechtsanwalt/Partner Saxinger, Chalupsky & Partner Rechtsanwälte GmbH A-4020 Linz, Böhmerwaldstraße 14 Tel Fax
Der Österreichische Rechtsanwaltskammertag (ÖRAK) dankt für die Übersendung des Initiativantrages und erstattet dazu folgende.
Parlament Dr. Karl Renner-Ring 3 1017 Wien Zl. 13/1 15/46 Antrag der Abgeordneten Mag. Michaela Steinacker, Dr. Johannes Jarolim Kolleginnen und Kollegen betreffend ein Bundesgesetz, mit dem das Strafgesetzbuch,
Strafrechtliche Informationen für Versicherungsmakler. Mag. Anna Rudel
Strafrechtliche Informationen für Versicherungsmakler Mag. Anna Rudel 1 Inhalt des Vortrages Zur Person Versicherungsmissbrauch / Betrug Untreue Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung 2 Zur Person Mag.
IM NAMEN DER REPUBLIK. 15 Os 167/09m
IM NAMEN DER REPUBLIK 15 Os 167/09m 2 15 Os 167/09m Der Oberste Gerichtshof hat am 17. Februar 2010 durch die Senatspräsidentin des Obersten Gerichtshofs Dr. Schmucker als Vorsitzende sowie durch die Hofräte

References: OGH 
 OGH 
 OGH 
 OGH 
 OGH 
 OGH