Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/handelsrecht/luftfracht-per-lkw-347406
Timestamp: 2020-08-05 08:58:20+00:00

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Luftfracht per LKW | Rechtslupe
Ein Fracht­füh­rer kann mit einem Ver­sen­der von Trans­port­gut auch dann einen ein­heit­li­chen Luft­be­för­de­rungs­ver­trag im Sin­ne von Art. 1 Abs. 1 MÜ abschlie­ßen, wenn ein nicht unwe­sent­li­cher Teil des Trans­ports im Wege einer Ober­flä­chen­be­för­de­rung per Lkw und nicht per Luft­fracht erfol­gen soll. Ist unge­klärt, ob der Ver­lust von Trans­port­gut wäh­rend der Luft­be­för­de­rung im Sin­ne von Art. 18 Abs. 1 und 3 MÜ oder wäh­rend eines Ober­flä­chen­trans­ports ein­ge­tre­ten ist, so muss der­je­ni­ge, der den Ein­tritt des Scha­dens wäh­rend der Luft­be­för­de­rung bestrei­tet, den Ver­lust des Gutes wäh­rend eines Ober­flä­chen­trans­ports bewei­sen (Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ). Damit ein Geschä­dig­ter in der Lage ist, die Ver­mu­tung gemäß Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ zu wider­le­gen, ist der Fracht­füh­rer nach Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) gehal­ten, zu den nähe­ren Umstän­den eines Ver­lus­tes soweit mög­lich und zumut­bar im Ein­zel­nen vor­zu­tra­gen. Kommt der Fracht­füh­rer der ihm oblie­gen­den sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last nicht in aus­rei­chen­dem Maße nach, ist vom Vor­trag des Anspruch­stel­lers aus­zu­ge­hen, dass der Ver­lust des Gutes wäh­rend einer Ober­flä­chen­be­för­de­rung ein­ge­tre­ten ist.
Da es sich bei der streit­ge­gen­ständ­li­chen Beför­de­rung um einen Mul­ti­modal­trans­port han­del­te – der Trans­port des Gutes von der Ver­sen­de­rin zum Emp­fän­ger soll­te mit ver­schie­den­ar­ti­gen Beför­de­rungs­mit­teln (Lkw und Flug­zeug) erfol­gen -, kommt grund­sätz­lich § 452 HGB zur Anwen­dung. Nach Satz 1 die­ser Vor­schrift unter­liegt ein der­ar­ti­ger Ver­trag den §§ 407 ff. HGB, sofern anzu­wen­den­de inter­na­tio­na­le Über­ein­kom­men nichts ande­res vor­schrei­ben. Für eine gemisch­te Beför­de­rung, die zum Teil durch Luft­fahr­zeu­ge und teil­wei­se durch ande­re Ver­kehrs­mit­tel aus­ge­führt wird, bestimmt Art. 38 Abs. 1 MÜ, dass das Über­ein­kom­men vor­be­halt­lich der Rege­lun­gen in Art. 18 Abs. 4 MÜ für die Luft­be­för­de­rung gilt. Dem­ge­mäß rich­tet sich die Haf­tung des Luft­fracht­füh­rers für Ver­lust von Trans­port­gut nach den Vor­schrif­ten des Mont­rea­ler Über­ein­kom­mens, wenn der Scha­den wäh­rend der Obhuts­zeit des Luft­fracht­füh­rers ein­ge­tre­ten ist (Art. 18 Abs. 1 und 3 MÜ). Vor­aus­set­zung für die Anwen­dung der Haf­tungs­vor­schrif­ten des Mont­rea­ler Über­ein­kom­mens ist aller­dings der Abschluss eines ein­heit­li­chen Luft­fracht­ver­trags über die gesam­te Beför­de­rung zwi­schen der Ver­sen­de­rin und der Fracht­füh­re­rin.
Ein­heit­li­cher Luft­fracht­ver­trag
Nach den Fest­stel­lun­gen hat die Ver­sen­de­rin die Fracht­füh­re­rin im Zeit­raum 2002 bis 2008 lau­fend mit der Beför­de­rung von Aus­lands­sen­dun­gen beauf­tragt. Die Trans­por­te wur­den jeweils unter Ver­wen­dung des auch im Streit­fall benutz­ten inter­na­tio­na­len Fracht­briefs abge­wi­ckelt, von dem die Ver­sen­de­rin stets meh­re­re Exem­pla­re vor­rä­tig hat­te. Das jewei­li­ge Fracht­brief­for­mu­lar wur­de vor Abho­lung einer Sen­dung durch die Fracht­füh­re­rin von der Ver­sen­de­rin aus­ge­füllt. Auf der Vor­der­sei­te des inter­na­tio­na­len Fracht­briefs fin­det sich der deut­li­che Hin­weis, dass sich ein Ver­sen­der mit den Geschäfts­be­din­gun­gen der Fracht­füh­re­rin ein­ver­stan­den erklärt, wenn die Sen­dung an die Fracht­füh­re­rin zur Beför­de­rung über­ge­ben wird. Der Hin­weis auf die All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Fracht­füh­re­rin konn­te von dem für den Waren­ver­sand ver­ant­wort­li­chen Mit­ar­bei­ter der Ver­sen­de­rin beim Aus­fül­len des Fracht­briefs ohne wei­te­res wahr­ge­nom­men wer­den. Mit der Unter­schrift ihres Mit­ar­bei­ters auf dem Fracht­brief unter dem Hin­weis hat sich die Ver­sen­de­rin jeweils mit der Gel­tung der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Fracht­füh­re­rin ein­ver­stan­den erklärt.
Nach Num­mer 2 (1) der AGB der Fracht­füh­re­rin kommt ein Beför­de­rungs­ver­trag zwi­schen der Fracht­füh­re­rin und einem Ver­sen­der in der Wei­se zustan­de, dass der Kun­de den aus­ge­füll­ten Fracht­brief wie auch im Streit­fall gesche­hen direkt an einen Abhol­fah­rer der Fracht­füh­re­rin über­gibt, der den Fracht­brief anschlie­ßend auf der Grund­la­ge der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Fracht­füh­re­rin unter­zeich­net. Da es sich bei dem Ange­bot eines Ver­sen­ders zum Abschluss eines Beför­de­rungs­ver­trags um eine emp­fangs­be­dürf­ti­ge Wil­lens­er­klä­rung han­delt, ist die­se so aus­zu­le­gen, wie sie der Erklä­rungs­emp­fän­ger nach Treu und Glau­ben unter Berück­sich­ti­gung der Ver­kehrs­sit­te ver­ste­hen muss­te [1].
Die Fracht­füh­re­rin konn­te bei der Über­ga­be des von der Ver­sen­de­rin aus­ge­füll­ten Fracht­briefs davon aus­ge­hen, dass ihr ein Ver­trags­an­ge­bot auf der Grund­la­ge ihrer All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen für inter­na­tio­na­le Fracht­be­för­de­run­gen unter­brei­tet wer­den soll­te, da die Ver­sen­de­rin auf dem über­ge­be­nen Fracht­brief­ex­em­plar kei­ne davon abwei­chen­den Erklä­run­gen ein­ge­tra­gen hat­te. Auf­grund der Rege­lun­gen in Num­mer 1 (3) der AGB muss­te die Fracht­füh­re­rin daher anneh­men, dass die Ver­sen­de­rin sie mit der Beför­de­rung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Sen­dung von Deutsch­land zu dem in den Nie­der­lan­den ansäs­si­gen Emp­fän­ger ein­heit­lich als Luft­fracht­füh­re­rin beauf­tra­gen woll­te. Die­ses Ange­bot hat die Fracht­füh­re­rin mit der Unter­zeich­nung des über­ge­be­nen Fracht­briefs sei­tens ihres Abhol­fah­rers ange­nom­men. Eine aus­drück­li­che (Num­mer 1 (3) AGB) ander­wei­ti­ge Ver­ein­ba­rung hat das Beru­fungs­ge­richt nicht fest­ge­stellt und hat die Ver­sen­de­rin auch nicht vor­ge­tra­gen.
Die­ser Beur­tei­lung steht nicht ent­ge­gen, dass ein nicht unwe­sent­li­cher Teil des Trans­ports im Wege einer Ober­flä­chen­be­för­de­rung per Lkw und nicht per Luft­fracht erfol­gen soll­te. Der vom Beru­fungs­ge­richt aus die­sem Umstand abge­lei­te­te Wider­spruch zu den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Fracht­füh­re­rin besteht nicht. Das Beru­fungs­ge­richt hat bei sei­ner Beur­tei­lung nicht genü­gend berück­sich­tigt, dass gemäß Art. 38 Abs. 1 MÜ gemisch­te Beför­de­run­gen grund­sätz­lich auch den Bestim­mun­gen des Mont­rea­ler Über­ein­kom­mens unter­fal­len. Dies wird durch den Hin­weis in Art. 38 Abs. 1 auf Art. 18 Abs. 4 MÜ klar­ge­stellt. Die Rege­lung in Art. 38 Abs. 1 MÜ, der zufol­ge das Über­ein­kom­men nur für die Luft­be­för­de­rung gilt, wird durch Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ ein­ge­schränkt, wenn eine Teil­stre­cke ver­trags­ge­mäß mit einem Luft­fahr­zeug aus­ge­führt wird und der Zubrin­ger­dienst im Sin­ne des Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ rein tat­säch­lich die­ser Luft­be­för­de­rung zuge­ord­net wer­den kann [2]. Zudem bestimmt Art. 38 Abs. 2 MÜ, dass die Ver­trags­par­tei­en durch das Über­ein­kom­men nicht gehin­dert sind, Bedin­gun­gen für die Beför­de­rung durch ande­re Ver­kehrs­mit­tel in den Luft­be­för­de­rungs­ver­trag auf­zu­neh­men, sofern hin­sicht­lich der Luft­be­för­de­rung das Mont­rea­ler Über­ein­kom­men beach­tet wird.
Haf­tung für den Ver­lust des Trans­port­guts
Die Haf­tung des Luft­fracht­füh­rers für Ver­lust von Trans­port­gut rich­tet sich nur dann nach den Vor­schrif­ten des Mont­rea­ler Über­ein­kom­mens, wenn der Scha­den wäh­rend der Obhuts­zeit des Luft­fracht­füh­rers (Art. 18 Abs. 1 und 3 MÜ) ein­ge­tre­ten ist. Nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts kann dies im Streit­fall nicht ange­nom­men wer­den. Auf der Grund­la­ge des Par­tei­vor­trags und der Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts ist viel­mehr davon aus­zu­ge­hen, dass das Gut wäh­rend einer Ober­flä­chen­be­för­de­rung per Lkw abhan­den­ge­kom­men ist.
Im vor­lie­gen­den Fall kann sich die Fracht­füh­re­rin nicht mit Erfolg auf Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ beru­fen. Dabei kann zuguns­ten der Fracht­füh­re­rin davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass sie das ver­lo­ren­ge­gan­ge­ne Paket in Kels­ter­bach an das mit der Luft­be­för­de­rung beauf­trag­te Unter­neh­men über­ge­ben hat. Eben­so kann zuguns­ten der Fracht­füh­re­rin ange­nom­men wer­den, dass es sich bei den anschlie­ßen­den Land­trans­por­ten von Kels­ter­bach zum Flug­ha­fen Frankfurt/​Main und vom Ziel­flug­ha­fen in den Nie­der­lan­den zum Emp­fän­ger der Sen­dung um Zubrin­ger­be­för­de­run­gen im Sin­ne von Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ gehan­delt hat. Die Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me von Zubrin­ger­diens­ten erfüllt sind, braucht im Streit­fall nicht abschlie­ßend ent­schie­den zu wer­den, weil nach dem Par­tei­vor­trag und dem fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt anzu­neh­men ist, dass es der Ver­sen­de­rin gelun­gen ist, die Ver­mu­tung des Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ zu wider­le­gen.
Die Vor­schrift des Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ dehnt nicht den Haf­tungs­zeit­raum des Luft­fracht­füh­rers aus, son­dern stellt nur eine wider­leg­ba­re Beweis­ver­mu­tung auf. Steht bereits fest, dass sich das scha­dens­aus­lö­sen­de Ereig­nis außer­halb der Flug­ha­fen­gren­zen ereig­net hat, ist für die Ver­mu­tung kein Raum. Der Gegen­be­weis braucht dann nicht geführt zu wer­den [3]. Steht dage­gen nicht fest, ob das scha­dens­ver­ur­sa­chen­de Ereig­nis wäh­rend der Luft­be­för­de­rung oder wäh­rend eines Ober­flä­chen­trans­ports ein­ge­tre­ten ist, muss der­je­ni­ge, der den Ein­tritt des Scha­dens wäh­rend der Luft­be­för­de­rung bestrei­tet, den Ver­lust oder die Beschä­di­gung des Gutes wäh­rend eines Ober­flä­chen­trans­ports bewei­sen [4]. Die Anfor­de­run­gen, die an den Beweis zu stel­len sind, beur­tei­len sich nach der lex fori, also nach dem Recht des ange­ru­fe­nen Gerichts.
Die Ver­sen­de­rin hat sich dar­auf beru­fen, dass der Ver­lust des Gutes nicht wäh­rend einer Luft­be­för­de­rung im Sin­ne von Art. 18 Abs. 1 und 3 MÜ, son­dern bei einer Ober­flä­chen­be­för­de­rung ein­ge­tre­ten ist. Sie sind daher grund­sätz­lich für die­sen von der Fracht­füh­re­rin bestrit­te­nen Vor­trag beweis­pflich­tig. Im Hin­blick dar­auf, dass der Ort des Ver­lus­tes nicht fest­steht, trifft die Fracht­füh­re­rin aller­dings eine sekun­dä­re Dar­le­gungs­last [5]. Der Geschä­dig­te hat in aller Regel kei­ne Kennt­nis von den Ein­zel­hei­ten der Beför­de­rung. Er ist daher im All­ge­mei­nen nicht in der Lage, den von Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ gefor­der­ten Gegen­be­weis zu füh­ren. Sofern der Trans­port ord­nungs­ge­mäß orga­ni­siert war, muss es dem Fracht­füh­rer in aller Regel mög­lich sein, den Scha­dens­ort zu loka­li­sie­ren und den Scha­dens­zeit­punkt zu benen­nen. Der Fracht­füh­rer ist daher nach Treu und Glau­ben gemäß § 242 BGB gehal­ten, soweit mög­lich und zumut­bar zu den nähe­ren Umstän­den des Ver­lus­tes vor­zu­tra­gen, damit der Geschä­dig­te die Mög­lich­keit hat, die Ver­mu­tung gemäß Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ zu wider­le­gen. Kommt der Fracht­füh­rer der ihm oblie­gen­den sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last nicht in aus­rei­chen­dem Maße nach, ist von dem Vor­trag des Anspruch­stel­lers aus­zu­ge­hen, dass der Ver­lust des Gutes wäh­rend einer Ober­flä­chen­be­för­de­rung ein­ge­tre­ten ist.
Sekun­dä­re Dar­le­gungs­last des Fracht­füh­rers
Das Beru­fungs­ge­richt hat in sei­ner Hilfs­be­grün­dung mit Recht ange­nom­men, dass die Fracht­füh­re­rin ihrer sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last nicht in aus­rei­chen­dem Maße nach­ge­kom­men ist. Die Fracht­füh­re­rin hat ledig­lich behaup­tet, sie habe das abhan­den­ge­kom­me­ne Paket in Kels­ter­bach an das mit der Luft­be­för­de­rung beauf­trag­te Unter­neh­men über­ge­ben. Ein­zel­hei­ten zur wei­te­ren Behand­lung der Sen­dung durch das Luft­fracht­un­ter­neh­men hat die Fracht­füh­re­rin nicht ein­mal ansatz­wei­se dar­ge­legt. Ins­be­son­de­re feh­len Anga­ben dazu, wann die Sen­dung wei­ter­be­för­dert wer­den soll­te und an wel­chem Ort und zu wel­cher Zeit sie das letz­te Mal regis­triert wur­de. Die Ver­sen­de­rin hat mit Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass dem Vor­trag der Fracht­füh­re­rin allen­falls ent­nom­men wer­den kön­ne, dass die Sen­dung bei der Anlie­fe­rungs­stel­le in Kels­ter­bach ange­kom­men ist. Der wei­te­re Weg des Pakets liegt voll­stän­dig im Dun­keln. Es lässt sich nicht fest­stel­len, ob das Paket noch in Kels­ter­bach oder bei der Wei­ter­be­för­de­rung zum Flug­ha­fen Frankfurt/​Main, mög­li­cher­wei­se aber auch erst am Abgangs­flug­ha­fen Frankfurt/​Main oder am Ziel­flug­ha­fen in den Nie­der­lan­den oder schließ­lich erst bei der anschlie­ßen­den Land­be­för­de­rung vom Ziel­flug­ha­fen zum Emp­fän­ger in Ver­lust gera­ten ist. Die Fracht­füh­re­rin hat auch nicht gel­tend gemacht, dass es ihr unmög­lich und nicht zumut­bar sei, zum wei­te­ren Ver­lauf der Sen­dung nach der Über­ga­be an das Luft­fracht­un­ter­neh­men vor­zu­tra­gen.
Die Nicht­er­fül­lung der sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last hat zur Fol­ge, dass von einer Wider­le­gung der Beweis­ver­mu­tung des Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ aus­zu­ge­hen ist. Der Ver­lust des Gutes ist dann nicht wäh­rend einer Luft­be­för­de­rung im Sin­ne von Art. 18 Abs. 1 und 3 MÜ ein­ge­tre­ten, so dass sich die Haf­tung der Fracht­füh­re­rin nicht nach den Vor­schrif­ten des Mont­rea­ler Über­ein­kom­mens rich­tet. Die Ver­pflich­tung der Fracht­füh­re­rin zum Scha­dens­er­satz beur­teilt sich viel­mehr nach den Haf­tungs­be­stim­mun­gen des Land­fracht­rechts.
Da der zwi­schen der Ver­sen­de­rin und der Fracht­füh­re­rin geschlos­se­ne mul­ti­moda­le Fracht­ver­trag gemäß Art. 28 Abs. 4 Satz 1 EGBGB aF dem deut­schen Sach­recht unter­liegt, kom­men auf das Ver­trags­ver­hält­nis die §§ 452, 452a HGB zur Anwen­dung. Nach § 452a HGB ist für die Haf­tung des Fracht­füh­rers das Recht maß­geb­lich, das für einen hypo­the­ti­schen Ver­trag über eine Beför­de­rung auf der Teil­stre­cke gel­ten wür­de, auf der der Scha­den ein­ge­tre­ten ist. Im vor­lie­gen­den Fall ist von einem Ver­lust des Pakets wäh­rend einer Beför­de­rung per Lkw ent­we­der in Deutsch­land oder in den Nie­der­lan­den aus­zu­ge­hen, weil die Beweis­ver­mu­tung des Art. 18 Abs. 4 Satz 2 MÜ im Hin­blick auf die Nicht­er­fül­lung der sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last durch die Fracht­füh­re­rin als wider­legt anzu­se­hen ist. Ein (hypo­the­ti­scher) Teil­stre­cken­ver­trag zwi­schen der Ver­sen­de­rin und der Fracht­füh­re­rin, der eine Stra­ßen­be­för­de­rung per Lkw zum Gegen­stand hät­te, wür­de dem deut­schen Recht unter­lie­gen. Die Anwen­dung deut­schen Rechts folgt im Streit­fall dar­aus, dass sowohl die Ver­sen­de­rin als auch die Fracht­füh­re­rin, auf deren ver­trag­li­che Bezie­hung inso­weit abzu­stel­len ist [6], ihren Sitz jeweils in Deutsch­land haben und auch nichts dafür spricht, dass ein hypo­the­ti­scher Teil­stre­cken­ver­trag enge­re Ver­bin­dun­gen mit einem ande­ren Staat auf­wei­sen könn­te [7].
Die Fracht­füh­re­rin ist im hier ent­schie­de­nen Fall nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs ihrer umfas­sen­den Ein­las­sungs­ob­lie­gen­heit nicht in aus­rei­chen­dem Maße nach­ge­kom­men: Dazu hät­te sie ins­be­son­de­re auch vor­tra­gen müs­sen, wel­che Ermitt­lungs­maß­nah­men sie hin­sicht­lich der streit­ge­gen­ständ­li­chen Sen­dung ein­ge­lei­tet hat und was ihre Nach­for­schun­gen und dabei vor allem die Befra­gung der jewei­li­gen Mit­ar­bei­ter, die mit dem Paket in Berüh­rung gekom­men sein muss­ten, erge­ben haben. Dar­über hin­aus hät­te dar­ge­legt wer­den müs­sen, wel­chen Weg das Paket nach der Über­ga­be an das Luft­fracht­un­ter­neh­men genom­men hat. Vor allem hät­te die Fracht­füh­re­rin auch im Ein­zel­nen zur Betriebs­or­ga­ni­sa­ti­on des von ihr beauf­trag­ten Luft­fracht­un­ter­neh­mens vor­tra­gen und dar­le­gen müs­sen, zu wel­chem Zeit­punkt und an wel­chem Ort die Sen­dung letzt­ma­lig regis­triert wor­den ist. Das ist nach den unan­ge­grif­fen geblie­be­nen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts nicht gesche­hen. Der detail­lier­te Vor­trag zur wei­te­ren Behand­lung des Pakets ist der Fracht­füh­re­rin nicht des­halb unzu­mut­bar, weil sie das Gut nach der Über­ga­be an das Luft­fracht­un­ter­neh­men nicht mehr in ihrer Obhut hat­te. Bei ein­ge­setz­ten Sub­un­ter­neh­mern han­delt es sich um „ande­re Leu­te“ im Sin­ne von § 428 Satz 2 HGB han­delt, deren sich der Spediteur/​Frachtführer bei Aus­füh­rung der Beför­de­rung bedient. Die Fracht­füh­re­rin muss sich des­halb so behan­deln las­sen, als ob sie an Stel­le der ihr gemäß § 428 HGB zuzu­rech­nen­den Per­so­nen selbst gehan­delt hät­te [8].
Vor­lie­gend ist die Scha­dens­ur­sa­che völ­lig unge­klärt geblie­ben. Wenn der Spediteur/​Frachtführer in einem sol­chen Fall wie hier im Hin­blick auf den in Rede ste­hen­den Trans­port kei­nen Vor­trag zu Siche­rungs­maß­nah­men in der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on und in der des von ihm beauf­trag­ten Sub­un­ter­neh­mers und zum Scha­dens­her­gang hält, recht­fer­tigt dies den Schluss auf das objek­ti­ve Tat­be­stands­merk­mal der Leicht­fer­tig­keit wie auch auf das sub­jek­ti­ve Erfor­der­nis des Bewusst­seins von der Wahr­schein­lich­keit des Scha­dens­ein­tritts [9].
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Mai 2012 – I ZR 109/​11
vgl. BGH, Urteil vom 05.10.2006 III ZR 166/​05, NJW 2006, 3777 Rn. 16[↩]
BGH, Urteil vom 24.02.2011 I ZR 91/​10, TranspR 2011, 436 Rn. 29 = VersR 2012, 205; Kol­ler, Trans­port­recht, 7. Aufl., Art. 18 WA 1955 Rn. 13 Fn. 55; MünchKomm-.HGB/Ruhwedel, 2. Aufl., Art. 38 MÜ Rn. 2; Reusch­le, Mont­rea­ler Über­ein­kom­men, 2. Aufl., Art. 38 Rn. 4[↩]
vgl. Mül­ler-Ros­tin in Giemulla/​Schmid, Frank­fur­ter Kom­men­tar zum Luft­ver­kehrs­recht, Bd. 3 Mont­rea­ler Über­ein­kom­men, Stand Juli 2011, Art. 18 Rn. 92; Reusch­le aaO Art. 18 Rn. 44[↩]
Reusch­le aaO Art. 18 Rn. 44[↩]
BGH, TranspR 2011, 436 Rn. 34[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 18.10.2007 I ZR 138/​04, TranspR 2007, 472 Rn. 16 = VersR 2008, 661[↩]
BGH, Urteil vom 18.06.2009 I ZR 140/​06, BGHZ 181, 292 Rn. 24[↩]
BGH, Urteil vom 04.03.2004 I ZR 200/​01, TranspR 2004, 460, 462; Kol­ler aaO § 428 HGB Rn. 14[↩]
BGH, Urteil vom 05.06.2003 I ZR 234/​00, TranspR 2003, 467, 470 f.; Urteil vom 02.04.2009 I ZR 60/​06, TranspR 2009, 262 Rn. 27[↩]
Luft­fracht per LKW Ein Fracht­füh­rer kann mit einem Ver­sen­der von Trans­port­gut auch dann einen ein­heit­li­chen Luft­be­för­de­rungs­ver­trag im Sin­ne von Art. 1 Abs. 1 MÜ abschlie­ßen, wenn ein nicht…
LKW- statt Luft­trans­port Führt der auf­grund eines Luft­fracht­ver­trags beauf­trag­te Fracht­füh­rer den Trans­port auf einer Teil­stre­cke mit dem LKW durch, obwohl eine Luft­be­för­de­rung tech­nisch und ver­bin­dungs­mä­ßig grund­sätz­lich mög­lich wäre,…
FrachtführerhaftungLuftfrachtMontrealer Multimodaler Transport

References: Art. 1
 Art. 18
 Art. 18
 § 452
 Art. 38
 Art. 18
 Art. 38
 Art. 38
 Art. 18
 Art. 38
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 38
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 § 242
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 28
 § 452
 Art. 18
 § 428
 § 428
 Art. 18
 Art. 38
 Art. 38
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 § 428
 Art. 1