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Timestamp: 2018-05-24 17:57:01+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 12 Sa 522/10
Akten­zeichen: 12 Sa 522/10
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Frankfurt, Urteil vom 25.02.2010, 20 Ca 7651/09
18. Ja­nu­ar 2011
Ak­ten­zei­chen: 12 Sa 522/10
(Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main: 20 Ca 7651/09)
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 18. Ja­nu­ar 2011
Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 25.02.2010 – 20 Ca 7651/09 – un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im Übri­gen teil­wei­se ab­geändert und zum bes­se­ren Verständ­nis neu ge­fasst:
Es wird fest­ge­stellt, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis we­der durch die or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 19.08.2009 noch durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 17.09.2009 auf­gelöst wor­den ist.
Von den Kos­ten des Rechts­streits hat der Kläger 2/3 und die Be­klag­te 1/3 zu tra­gen.
Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung we­gen krank­heits­be­ding­ter Fehl­zei­ten so­wie ei­ner außer­or­dent­li­chen und hilfs­wei­se or­dent­li­chen Kündi­gung we­gen Ver­let­zung der An­zeig­pflicht bei Ar­beits­unfähig­keit.
Die Be­klag­te ist ein am Flug­ha­fen A täti­ges Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men, das u.a. Flug­zeu­gin­nen­rei­ni­gung durchführt. Der am B ge­bo­re­ne, le­di­ge Kläger ist seit dem 24.05.1993 bei der Be­klag­ten beschäftigt, zu­letzt zu ei­nem Brut­to­mo­nats­lohn von 1850,00 - 1.900,00 € als Vor­ar­bei­ter in der Flug­zeu­gin­nen­rei­ni­gung. Auf das Ar­beits­verhält­nis fin­det der für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärte Rah­men­ta­rif­ver­trag für das Gebäuderei­ni­ger­hand­werk (RTV) An­wen­dung.
Die Be­klag­te kündig­te das Ar­beits­verhält­nis mit dem Kläger am 19.08.2009 we­gen sei­ner wie­der­hol­ten krank­heits­be­ding­ten Fehl­zei­ten or­dent­lich zum 31.01.2010. Am 17.09.2009 sprach sie ei­ne außer­or­dent­li­che frist­lo­se, hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung zum 28.02.2010 we­gen der Ver­let­zung von An­zei­ge­pflich­ten bei Ar­beits­unfähig­keit aus.
Der Kläger war in der Ver­gan­gen­heit, ins­be­son­de­re in den Ka­len­der­jah­ren 2006 – 2009 wie­der­holt ar­beits­unfähig er­krankt. Die Haupt­ur­sa­che der wie­der­hol­ten Er­kran­kun­gen wa­ren Be­schwer­den der Len­den­wir­belsäule.
Be­reits am 15.10.2003 (Bl. 55 d.A.) er­in­ner­te die Be­klag­te den Kläger schrift­lich an sei­ne Ver­pflich­tung, im Fal­le ei­ner Er­kran­kung die­se der Per­so­nal­dis­po­si­ti­on oder der Per­so­nal­ab­tei­lung un­verzüglich an­zu­zei­gen, nach­dem er ei­ne am 12.10.2003 ein­ge­tre­te­ne Ar­beits­unfähig­keit bis zum En­de des 13.10.2003 nicht an­ge­zeigt hat­te. In den nächs­ten Jah­ren un­ter­ließ er es am 13.12.2003, 28.09.2004, 15.09.2006, 25.07.2008, 28.07.2009 und am 1.09.2009, sei­ne Ar­beits­unfähig­keit bzw. de­ren Fort­be­stand der Be­klag­ten mit­zu­tei­len. Die Be­klag­te mahn­te das Ver­hal­ten des Klägers un­ter dem 15.12.2003, 1.10.2004, 19.09.2006 und dem 29.07.2008 (Bl. 56 – 59 d.A.) wie­der­holt ab.
Der Kläger hat sich mit sei­ner am 7.09.2009 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­reich­ten Kündi­gungs­schutz­kla­ge ge­gen die Wirk­sam­keit der Kündi­gung vom 19.08.2009 ge­wandt, den Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses im We­ge des all­ge­mei­nen
Fest­stel­lungs­an­trags gel­tend ge­macht und sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung ver­langt. Am 19.10.2009 hat er die Kündi­gungs­schutz­kla­ge auf die Kündi­gun­gen vom 17.09.2009 er­wei­tert.
We­gen des wei­te­ren erst­in­stanz­li­chen Par­tei­vor­brin­gens und der Anträge der Par­tei­en wird gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG auf den Tat­be­stand des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Frank­furt vom 25.02.2010, Az. 20 Ca 7651/09, Be­zug ge­nom­men (Bl. 100 - 104 d.A.). Das Ar­beits­ge­richt hat mit sei­nem Ur­teil die Un­wirk­sam­keit sämt­li­cher drei Kündi­gun­gen fest­ge­stellt und die Be­klag­te zur Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers als Rei­ni­gungs­kraft ver­ur­teilt. Zur Be­gründung hat es aus­geführt, dass schon nach dem Um­fang der Fehl­zei­ten kei­ne In­dizwir­kung für ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se ge­ge­ben sei, weil für die Jah­re 2006 und 2009 die für die Pro­gno­se zu berück­sich­ti­gen­den Fehl­zei­ten je­weils un­ter 30 Ar­beits­ta­gen pro Jahr lägen. Hin­sicht­lich der Kündi­gun­gen vom 17.09.2009 hat das Ar­beits­ge­richt aus­geführt, dass hier zwar von Pflicht­ver­let­zun­gen des Klägers aus­ge­gan­gen wer­den könne, dass die­sen aber nach Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen nicht das Ge­wicht zu­kom­me, um das Ar­beits­verhält­nis or­dent­lich oder gar außer­or­dent­lich kündi­gen zu können. Für die wei­te­ren Ein­zel­hei­ten der Ur­teils­be­gründung wird auf die Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils Be­zug ge­nom­men (Bl. 105 – 115 d. A).
Die Be­klag­te hat ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts, das ihr am 12.03. 2010 zu­ge­stellt wor­den ist, am 12.04.2010 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se – nach recht­zei­tig be­an­trag­ter Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 12.06.2010 - am Mon­tag, den 14.06.2010, be­gründet. Das Kla­ge­be­geh­ren des Klägers, so­weit es auf die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der or­dent­li­chen Kündi­gung vom 19.08.2009 ge­rich­tet ist, hat die Be­klag­te in der münd­li­chen Ver­hand­lung durch zu Pro­to­koll ge­ge­be­ne Erklärung an­er­kannt.
Die Be­klag­te wie­der­holt und ver­tieft ih­ren Vor­trag aus dem ers­ten Rechts­zug. Ergänzend be­haup­tet sie, dass sich die Un­zu­verlässig­keit des Klägers nicht nur im Un­ter­las­sen sei­ner An­zei­ge­pflich­ten bei Ar­beits­unfähig­keit, son­dern während fast der ge­sam­ten Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses auch in Form von ver­späte­tem Er­schei­nen am Ar­beits­platz und un­ent­schul­dig­tem Feh­len ge­zeigt ha­be. Sie führt
da­zu Vorfälle aus den Jah­ren 1994 bis 2004 aus, für de­ren Ein­zel­hei­ten auf die Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift ver­wie­sen wird (Sei­ten 4 – 6, Bl. 142 – 144 d.A.).
un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts vom 25.02.2010 zurück­zu­wei­sen.
Der Kläger ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil. Er be­haup­tet, dass er bei wei­te­ren Ar­beits­unfähig­kei­ten nach der letz­ten Ab­mah­nung vom 29.07. 2008 sei­ner An­zei­ge­pflicht nach­ge­kom­men sei und sich so nicht als un­be­lehr­bar ge­zeigt ha­be. Bei der un­ter­las­se­nen Mit­tei­lung am 1.09.2009 sei zu­dem zu berück­sich­ti­gen, dass zu­vor be­reits ei­ne Kündi­gung aus­ge­spro­chen war. Das ha­be ihn psy­chisch sehr be­trof­fen ge­macht. In Gesprächen mit dem Be­triebs­rat nach Zu­gang der Kündi­gung ha­be er auch über sei­ne Er­kran­kung und de­ren Fort­dau­er ge­spro­chen. Die an­dau­ern­de Er­kran­kung sei da­mit im Be­trieb be­kannt ge­we­sen. Zu­dem sei zu berück­sich­ti­gen, dass es sich um ei­ne Fort­set­zungs­er­kran­kung, und kei­ne Ers­ter­kran­kung, ge­han­delt ha­be. Die Be­klag­te ha­be mit ih­rer Fort­dau­er rech­nen können. Die auf die­ses Versäum­nis gestütz­ten Kündi­gun­gen sei­en da­her un­verhält­nismäßig
We­gen des wei­te­ren Be­ru­fungs­vor­brin­gens der Par­tei­en wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf die Nie­der­schrift der Be­ru­fungs­ver­hand­lung vom 18.01.2011 Be­zug ge­nom­men.
Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ist gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 2 c ArbGG statt­haft und auch im Übri­gen zulässig. Ins­be­son­de­re ist sie form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und ord­nungs­gemäß be­gründet wor­den (§§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG, 519, 520 Abs. 1 und 3 ZPO).
Die Be­ru­fung ist in der Sa­che teil­wei­se er­folg­reich. Zwar sind die or­dent­li­che Kündi­gung vom 19.08.2009 – auf­grund des An­er­kennt­nis­ses der Be­klag­ten – so­wie die frist­lo­se außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 17.09.2009 man­gels ei­nes wich­ti­gen Grun­des iSd. § 626 Abs. 1 BGB un­wirk­sam. Die ver­hal­tens­be­ding­te or­dent­li­che Kündi­gung vom 17.09.2009 ist je­doch gemäß § 1 Abs. 2 KSchG wirk­sam, weil sie so­zi­al ge­recht­fer­tigt ist. Sie hat das Ar­beits­verhält­nis zum 28.02.2010 wirk­sam be­en­det. We­gen der so ein­ge­tre­te­nen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses war der An­trag des Klägers auf Wei­ter­beschäfti­gung un­be­gründet.
1. Die von der Be­klag­ten am 19.08.2009 zum 31.01.2010 aus­ge­spro­che­ne per­so­nen­be­ding­te or­dent­li­che Kündi­gung ist un­wirk­sam, da sie gemäß § 1 Abs. 2 KSchG so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt ist. Das folgt schon al­lein aus der von der Be­klag­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung am 18.01.2011 zu Pro­to­koll ge­ge­be­nen Erklärung, das Kla­ge­be­geh­ren des Klägers in­so­weit an­zu­er­ken­nen.
2. Die von der Be­klag­ten am 17.09.2009 aus­ge­spro­che­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung ist eben­falls un­wirk­sam, da es ihr an ei­nem wich­ti­gen Grund im Sin­ne des § 626 Abs.1 BGB fehlt.
Die Prüfung des wich­ti­gen Grun­des voll­zieht sich in zwei von­ein­an­der zu tren­nen­den Schrit­ten. Zunächst muss ein be­stimm­ter Sach­ver­halt fest­ge­stellt wer­den, der an sich ge­eig­net ist, ei­nen wich­ti­gen Grund ab­zu­ge­ben. Dann ist wer­tend zu un­ter­su­chen, ob un­ter Berück­sich­ti­gung der be­son­de­ren Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen die kon­kre­te Kündi­gung ge­recht­fer­tigt ist, weil dem Kündi­gen­den die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses auch nur bis zum Ab­lauf der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist nicht mehr zu­ge­mu­tet wer­den kann (BAG 17.5.1984 in EzA zu § 626 BGB Nr.90).
Aus dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit folgt des Wei­te­ren, dass bei je­der Kündi­gung, die auf ein steu­er­ba­res Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers gestützt wird, das Ab­mah­nungs­er­for­der­nis zu prüfen ist, so­lan­ge ei­ne Wie­der­her­stel­lung des Ver­trau­ens er­war­tet wer­den kann.
Die wie­der­hol­te Ver­let­zung der Mel­de­pflicht bei Ar­beits­ver­hin­de­rung nach frucht­lo­sen Ab­mah­nun­gen ist in der Re­gel ei­ne für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te or­dent­li­che Kündi­gung ge­eig­ne­te Pflicht­ver­let­zung (s.u. Zif. 3). Als wich­ti­ger Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung ist sie nur dann ge­eig­net, wenn sie als be­harr­li­che Ar­beits­pflicht­ver­let­zung zu wer­ten oder da­durch ein er­heb­li­cher Scha­den ent­stan­den ist. Die Mit­tei­lung hat be­reits dann zu er­fol­gen, wenn der Ar­beit­neh­mer die Sym­pto­me und ih­re Aus­wir­kun­gen ver­spürt und nicht erst, wenn ein Arzt nach ei­ner Un­ter­su­chung die vor­aus­sicht­li­che Dau­er der Ar­beits­unfähig­keit mit­tei­len kann (KR/Fi­scher­mei­er § 626 BGB Rn. 426; KDZ-Zwan­zi­ger/Däubler Kündi­gungs­schutz­recht § 626 BGB Rn. 103; BAG 17.12.1988 – EzA § 1 KSchG Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 45).
In An­wen­dung die­ser Grundsätze er­weist sich die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 17.09.2009 als un­wirk­sam. Zwar können die Pflicht­ver­let­zun­gen als be­harr­li­che Ar­beits­ver­trags­ver­let­zun­gen und da­mit noch als für ei­nen wich­ti­gen Grund ge­eig­net an­ge­se­hen wer­den. Der Kläger hat sei­ne Mit­tei­lungs­pflich­ten bei Erst- und Fol­ge­er­kran­kun­gen im Zeit­raum der letz­ten sechs Jah­re vor Kündi­gungs­aus­spruch un­strei­tig sie­ben­mal schuld­haft ver­letzt, zu­letzt zwei­mal in kur­zer Fol­ge am 28.07.2009 und am 1.09.2009. Die Be­klag­te hat die­ses Ver­hal­ten in der Ver­gan­gen­heit ins­ge­samt vier­mal, zu­letzt am 29.07.2008, wirk­sam ab­ge­mahnt.
Je­doch über­wiegt im Rah­men der frist­lo­sen Kündi­gung das In­ter­es­se des Klägers an der Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses das­je­ni­ge der Be­klag­ten an sei­ner so­for­ti­gen Be­en­di­gung. Auch der sie­ben­ma­li­gen Ver­let­zung der Mit­tei­lungs­pflich­ten kommt im ei­nem Ar­beits­verhält­nis, dass zum Zeit­punkt des Kündi­gungs­aus­spruchs über sech­zehn Jah­re be­stan­den hat, nicht das Ge­wicht zu, dass es dem Ar­beit­ge­ber in­fol­ge der Pflicht­verstöße nicht zu­ge­mu­tet wer­den könn­te, das Ar­beits­verhält­nis auch nur bis zum Ab­lauf der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist noch fort­zu­set­zen. Über die Ge­samt­dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses la­gen zwi­schen den ein­zel­nen Verstößen länge­re Zeiträume und hat es zu­dem auch Krank­heits­zeiträume ge­ge­ben, in de­nen der Kläger sei­nen Ver­pflich­tun­gen nach­ge­kom­men ist. Die Be­klag­te muss al­so nicht er­war­ten, dass der Kläger
je­der­zeit wie­der sei­ne Pflich­ten miss­ach­ten wer­de. Die in kur­zer zeit­li­cher Fol­ge auf­ge­tre­te­nen bei­den letz­ten Verstöße sind le­dig­lich An­lass für die An­nah­me, dass der Kläger auf länge­re Sicht nicht als genügend zu­verlässig an­zu­se­hen ist, das be­rech­tig­te be­trieb­li­che In­ter­es­se der Be­klag­ten an ei­ner un­verzügli­chen Mit­tei­lung neu auf­ge­tre­te­ner oder sich fort­set­zen­der Er­kran­kun­gen an­zu­er­ken­nen und sei­nen Ver­pflich­tun­gen durch­ge­hend nach­zu­kom­men. Da­her ist es der Be­klag­ten zu­mut­bar, das seit über sech­zehn Jah­ren be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis noch bis zum Ab­lauf der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist fort­zu­set­zen.
3. Die or­dent­li­che Kündi­gung vom 17.09.2009 ist hin­ge­gen wirk­sam und hat das Ar­beits­verhält­nis mit Ab­lauf der ta­rif­ver­trag­li­chen or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist zum 28.02.2010 be­en­det; denn sie ist durch Gründe im Ver­hal­ten des Klägers gemäß § 1 Abs. 2 KSchG so­zi­al ge­recht­fer­tigt ist.
Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (z.B. BAG vom 11.12.2003 EzA § 1 KSchG ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 62) genügen für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung sol­che im Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen­de Umstände, die bei verständi­ger Würdi­gung in Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­par­tei­en und des Be­trie­bes die Kündi­gung als bil­li­gens­wert und an­ge­mes­sen er­schei­nen las­sen. Als ver­hal­tens­be­ding­ter Grund ist ins­be­son­de­re ei­ne rechts- oder ver­trags­wid­ri­ge Pflicht­ver­let­zung aus dem Ar­beits­verhält­nis ge­eig­net, wo­bei re­gelmäßig Ver­schul­den er­for­der­lich ist. Bei je­der Kündi­gung sind zu­dem der Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit und das Über­maßver­bot zu berück­sich­ti­gen. Dar­aus folgt u. a., dass ei­ne we­gen ver­trags­wid­ri­gen Ver­hal­tens aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung nur so­zi­al ge­recht­fer­tigt ist, wenn der Ar­beit­neh­mer vor­her ver­geb­lich ab­ge­mahnt wor­den ist (BAG AP Nr. 137 zu § 626 BGB; AP Nr. 34 zu § 1 KSchG 1969; KR-Grie­be­ling 8. Aufl. § 1 KSchG Rz. 214; 404 - 409).
Die wie­der­hol­te Ver­let­zung der Mel­de­pflicht bei Ar­beits­ver­hin­de­rung nach frucht­lo­sen Ab­mah­nun­gen ist in der Re­gel ei­ne für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te or­dent­li­che Kündi­gung ge­eig­ne­te Pflicht­ver­let­zung. Für den Fall der Ar­beits-unfähig­keit ist die­se Ne­ben­pflicht - al­ler­dings nur für den Fall der Ers­ter­kran­kung, nicht hin­ge­gen bei Fort­dau­er der Er­kran­kung - zu­dem im Ge­setz (§ 5 Abs. 1 S. 1 EFZG) aus­drück­lich ge­re­gelt. Nach weit­aus über­wie­gen­der An­sicht wird die Vor­schrift des § 5 Abs. 1 S. 1 EFZG je­doch auch auf Fälle der Ver­let­zung der An­zei­ge­pflicht bei Fol­ge­er­kran­kun­gen an­ge­wen­det (vgl. da­zu ErfK/Dörner 7. Aufl.
§ 5 EFZG Rn. 5, 13, u. 45) mit der Fol­ge, dass auch dann nach vor­he­ri­ger Ab­mah­nung ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung ge­recht­fer­tigt sein kann.
In An­wen­dung die­ser Grundsätze er­weist sich die or­dent­li­che Kündi­gung vom 17.09.2009 als wirk­sam. Der Kläger hat durch die un­strei­ti­ge sie­ben­ma­li­ge Ver­let­zung der An­zei­ge­pflich­ten bei Ar­beits­unfähig­keit, zu­letzt zwei­mal in kur­zer Fol­ge am 28.07.2009 und am 1.09.2009, sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten schuld­haft ver­letzt. Die Be­klag­te hat die­ses Ver­hal­ten in der Ver­gan­gen­heit ins­ge­samt vier­mal, zu­letzt am 29.07.2008, wirk­sam ab­ge­mahnt. Hin­sicht­lich des letz­ten Ver­s­toßes am 1.09.2009 kann sich der Kläger nicht mit Er­folg dar­auf be­ru­fen, mit dem Be­triebs­rat über sei­ne Er­kran­kung und auch über de­ren Fort­dau­er ge­spro­chen zu ha­ben. Zum ei­nen ist nicht klar, ob die­ses Gespräch vor dem 1.09.2009 statt­ge­fun­den hat, zum an­de­ren muss sich die Be­klag­te Mit­tei­lun­gen ge­genüber dem Be­triebs­rat nicht zu­rech­nen las­sen. Es kann zu­dem vom Kläger er­war­tet wer­den, auch nach dem Aus­spruch der Kündi­gung vom 19.08.2009 noch sei­nen ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten nach­zu­kom­men, ins­be­son­de­re nach­dem er auf die Be­deu­tung der Mit­tei­lungs­pflicht für sei­nen Ar­beit­ge­ber bei Erst- und Fort­set­zungs­er­kran­kun­gen vor­her durch vier Ab­mah­nun­gen hin­ge­wie­sen wor­den ist.
Auf­grund der An­zahl der Pflicht­verstöße und der auch nach vier aus­ge­spro­che­nen Ab­mah­nun­gen feh­len­den Be­reit­schaft des Klägers, sei­nen ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten durch­ge­hend nach­zu­kom­men, über­wiegt hier das In­ter­es­se der Be­klag­ten an der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­genüber dem des Klägers an sei­ner Fort­set­zung. Die Ei­gen­art der von der Be­klag­ten er­brach­ten Dienst­leis­tung, der Flug­zeu­gin­nen­rei­ni­gung, bringt es mit sich, dass sie je­weils nur in ei­nem en­gen zeit­li­chen Fens­ter er­le­digt wer­den kann. Dafür ist es zwin­gend er­for­der­lich, dass das ein­ge­teil­te Per­so­nal zu den vor­ge­ge­be­nen Zei­ten er­scheint bzw. im Ver­hin­de­rungs­fall un­verzüglich das Nich­t­er­schei­nen mit­teilt, da­mit die Be­klag­te kurz­fris­tig an­der­wei­tig den Per­so­nal­ein­satz dis­po­nie­ren kann. Dem Kläger fällt durch sei­ne Ei­gen­schaft als Vor­ar­bei­ter bei der Durchführung ei­nes Rei­ni­gungs­auf­trags zu­dem noch ei­ne her­aus­ge­ho­be­ne Rol­le zu. Die wie­der­holt aus­blei­ben­de Mit­tei­lung ei­ner Ar­beits­unfähig­keit ver­letzt die Geschäfts­in­ter­es­sen der Be­klag­ten in er­heb­li­cher Wei­se. Sie ist bei ih­rem Geschäft auf in die­ser Hin­sicht verläss­li­che Mit­ar­bei­ter an­ge­wie­sen. Wie die zwei wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zun­gen in­ner­halb kur­zer Zeit – am 28.07.2009 und am 1.09.2009 - trotz vor­an­ge­gan­ge­ner vier Ab­mah­nun­gen be­le­gen, kann sich die Be­klag­te nicht in der für ihr Geschäft
not­wen­di­gen Wei­se auf den Kläger ver­las­sen. Dem­ge­genüber schafft die zu­guns­ten des Klägers zu berück­sich­ti­gen­de langjähri­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit von über 16 Jah­ren bei Aus­spruch der Kündi­gung kein aus­rei­chen­des Ge­gen­ge­wicht, um sei­nem In­ter­es­se am Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses auch bei ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung, d.h. über den Ab­lauf der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist hin­aus, noch den Vor­rang ein­zuräum­en.
4. Da das Ar­beits­verhält­nis mit Ab­lauf des 28.02.2010 ge­en­det hat, steht dem Kläger man­gels ei­nes be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses kein An­spruch auf Wei­ter­beschäfti­gung ge­gen die Be­klag­te mehr zu.
Die Par­tei­en ha­ben gem. §§ 64 Abs.6 ArbGG, 92 ZPO die Kos­ten des Rechts­streits je­weils an­tei­lig zu tra­gen, da sie teils ge­won­nen ha­ben und teils un­ter­le­gen sind.
Ein ge­setz­lich be­gründe­ter An­lass für die Zu­las­sung der Re­vi­si­on gem. § 72 Abs. 2 ArbGG war nicht er­sicht­lich.
zur Übersicht 12 Sa 522/10

References: § 69
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 § 72