Source: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2010/02/09/die-phanomenologie-des-geistes-iii/
Timestamp: 2018-06-18 02:17:17+00:00

Document:
Die Phänomenologie des Geistes III | Philosophenstübchen-Blog
Die Phänomenologie des Geistes III
Für all jene, die heutzutage gegen vorhandene Herrschaftsformen kämpfen, entsteht die Frage, ob es ausreicht, in einer Art abstrakten Utopie zurück zu kehren zur Orientierung an den natürlichen Einzelwillen – oder welche Art freiheitlicher Allgemeinheit entwickelt werden kann. Das würde bedeuten, dass nicht wieder Einzelne gegeneinander stehen, sondern dass jeder im andern sich selbst sieht (HW 10: 226-227 § 436 Zusatz).
2.2 Gegenseitige Anerkennung – Prügel, Herr und Knecht, Staat
Bis hierher hat die Entwicklung des Selbstbewusstseins den Zustand des Begehrens nach äußeren Objekten erreicht. Weil das Objekt der Begierde gemäß ist, sieht das Subjekt „im Objekt etwas zu seinem eigenen Wesen Gehöriges und dennoch ihm Fehlendes“. (HW 10: 217 § 427 Zusatz) Der Apfel ist zum Essen geeignet und da ich Appetit auf einen Apfel habe, esse ich ihn. Beim Verzehr geht das Objekt natürlich zugrunde, denn wir befinden uns hier im Bereich des Unmittelbaren.
Was nun aber, wenn das Andere ein anderer Mensch ist? Es geht dann um „ein Selbstbewußtsein für ein Selbstbewußtsein“ (HW 3: 144). Ein „Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist“(ebd.: 145) – ist bereits der Begriff des Geistes – aber das wissen nur wir, das weiß das sich entwickelnde Selbstbewusstsein noch nicht. Was das in Wahrheit – am Ende der folgenden Entwicklung – bedeuten wird, schreibt Hegel:
„Nur so kommt die wahre Freiheit zustande; denn da diese in der Identität meiner mit dem anderen besteht, so bin ich wahrhaft frei nur dann, wenn auch der andere frei ist und von mir als frei anerkannt wird.“ (HW 10: 220)
Solange wir uns zueinander verhalten als Einzelne, als natürliche Wesen in unserer körperlichen Unmittelbarkeit – nicht in unserer menschlichen Allgemeinheit – ist jedes Selbstbewusstsein für den anderen nur ein „mit dem Charakter des Negativen bezeichneter Gegenstand“ (HW 3: 148) Auf dieser Stufe besteht die Erhaltung des Selbstbewusstseins im Kampf um Leben oder Tod mit dem Anderen.
„Das Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat, kann wohl als Person anerkannt werden; aber es hat die Wahrheit dieses Anerkennens als eines selbständigen Selbstbewußtseins nicht erreicht.“ (HW 3: 149)
Auf dieser Stufe verharren anscheinend viele Menschen im realen Leben und gerade der Mangel an höherer Anerkennung in der realen Welt wirft sie wohl auf dieses Level zurück. Die innere Widersprüchlichkeit dieses Umgangs miteinander besteht darin, dass bei einem Kampf auf Leben oder Tod auch der Übriggebliebene nicht siegen würde, denn er erhält vom Toten keine Anerkennung. Anerkennung als Selbstbewusstsein ist nur zu gewinnen in der Aufhebung der Unmittelbarkeit, im Bereich der „unorganische[n] allgemeine[n] Natur“ (HW 3: 144). Das heißt natürlich nicht, seine Natürlichkeit zu verleugnen; es bedeutet aber, sich „nicht vollständig mit seinem sinnlichen Dasein verbunden zu zeigen“ (Römpp 2008: 81), es bedeutet, mehr zu sein als „bloßes Für-Andere-Sein“ (ebd.).
Wie ist nun aber die höhere Anerkennung zu erreichen? Wenn der Andere als menschliches Wesen genommen wird, ist er nicht mehr als ein bloß Natürliches behandelt (HW 10: 220 § 431 Zusatz). Es geht darum, dass ein Verhältnis gefunden werden muss, in dem der Eine und der Andere jeweils den Anderen anerkennen. Hier erreichen wir die nächste Stufe mit dem oft zitierten „Herr-Knecht-Verhältnis“ (HW 3: 150 ff.; HW 10: 222 § 433).
Dieses ist nun keine soziologische Abhandlung über Herrschaftsverhältnisse, sondern die Bezeichnungen „Herr“ und „Knecht“ bezeichnen bestimmte Formen des Selbstbewusstseins, „zwei entgegengesetzte Gestalten des Bewußtseins“ (HW 3: 150) So steht die Bezeichnung „Knecht“ für ein Selbstbewußtsein, „welches nicht rein für sich, sondern für ein anderes, d. h. als seiendes Bewußtsein oder Bewußtsein in der Gestalt der Dingheit ist“ (ebd.). Der „Herr“ bezeichnet das Selbstbewusstsein, welches „das selbständige, welchem das Fürsichsein […] das Wesen ist“ (ebd.). Der Knecht ist definiert durch seinen Bezug zu fremdem dinglichen Sein, das er bearbeitet.
Wie beziehen diese beiden sich nun aufeinander und was entwickelt sich daraus? Der Herr bezieht sich mittelbar durch den „Knecht“ auf das Ding und auf den „Knecht“ als denjenigen, „dem die Dingheit das Wesentliche ist“ (ebd.: 150-151). Der „Knecht“ bezieht sich auf das Ding, indem er es bearbeitet, d.h. es ist selbständig gegen ihn und er kann es nicht vernichten. Der „Herr“ dagegen spürt diese Seite der Selbständigkeit des Dings nicht, er „genießt es rein“ (ebd.: 151). Allerdings ist er darin abhängig, einmal von der Bearbeitung des Dings und von demjenigen, der es bearbeitet. Darin muss er das Andere anerkennen. Der „Knecht“ wiederum muss den Anderen von vornherein anerkennen, denn „was der Knecht tut, ist eigentlich Tun des Herrn“ (ebd.: 152). Allerdings ist dieses Anerkennen „einseitig und ungleich“ (ebd.). Der Befriedigung des „Herrn“ unterliegt dem Problem, dass die selbstsüchtige Befriedigung einer Begierde nur vorübergehend sein kann und neue Begierde erzeugt (vgl. HW 10: 218 § 428 Zusatz). In der Arbeit jedoch erlebt der „Knecht“ „gehemmte Begierde, aufgehaltenes Verschwinden“, Arbeit „bildet“ (HW 3: 153). Aus der schlecht unendlichen Aufeinanderfolge von Begehr und Verzehr entsteht „die Form der Allgemeinheit in Befriedigung des Bedürfnisses“ als „ein dauerndes Mittel und eine die Zukunft berücksichtigende und sichernde Vorsorge“ (HW 10: 224). Die Bedeutung der Vorsorge unterscheidet auch die menschliche Qualität von Bedürfnissen in Unterscheidung zu rein natürlichen Bedarfszuständen. In menschlichen Gesellschaften geht es um die „vorsorgende Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen“ (Holzkamp 1983: 246).
Hegel sieht aber nicht nur diese Bedeutung von Arbeit. Der „Knecht“ jedenfalls erlebt sie als ein Bilden, bei dem das, was er schafft, nichts fremdes mehr ist es ist „ihm nicht ein Anderes“ als er selbst (HW 3: 154). “Es wird also durch dies Wiederfinden seiner durch sich selbst eigener Sinn, gerade in der Arbeit, worin es nur fremder Sinn zu sein schien.“ (ebd.) Auch in der entfremdeten Arbeit, die im Dienste anderer stattfindet, erlebt der „Knecht“ bei der Arbeit am Material seine Wirkfähigkeit. Das Fazit des Herr-Knecht-Kapitels beschreibt Ernst Bloch treffend:
„Doch wie der Knecht, indem er durch sein eigenes Tun die Dinge bildet, sich selber bildet, während der Herr des arbeitslosen Einkommens nur noch im Genuß, bestenfalls im Machtgenuß vorkommt, so wird durch Arbeit, durch dieses Formieren das Bewußtsein eigener Kraft und Tätigkeit seiner selbst inne, zunächst wenigstens als freies Denken…“ (SO: 86)
Wenn diese Erfahrung wenigstens, wenn schon nicht die höhere Freiheit, nicht einmal mehr möglich ist für eine Vielzahl von Menschen, braucht der Rückfall in die niederen Zweikämpfe auf Leben und Tod niemanden mehr zu verwundern…
Der notwendige Übergang von der Einzelheit zur Allgemeinheit jedenfalls wird vom „Knecht“ realisiert, denn dieser arbeitet nicht nur für seinen Einzel- und Eigenwillen, sondern für den Herrn. In dieser Entäußerung macht er „den Anfang der Weisheit – den Übergang zum allgemeinen Selbstbewußtsein“ (HW 10: 224 § 435).
„Jene Unterwerfung der Selbstsucht des Knechtes bildet den Beginn der wahrhaften Freiheit des Menschen.“ (ebd.: S. 225)
Hegel verwendet Begriffe wie „Zucht“ und „Gehorsam“, spricht von notwendiger „Furcht“ und „Angst“ – gemeint ist damit, dass das Selbstbewusstsein sich von seinen nur natürlichen Formen abheben muss, den Eigensinn abwerfend (HW 3: 154 f.). Daraus ergibt sich für die Geschichte eine einerseits fatalistische Sichtweise: „Erst als dieser Gehorsam Wurzel gefaßt hatte, wurde die Herrschaft […] überflüssig. […] Die Knechtschaft und die Tyrannei sind also in der Geschichte der Völker eine notwendige Stufe und somit etwas beziehungsweise Berechtigtes.“ (HW 10: 225 § 435 Zusatz) Jedoch folgt dann andererseits auch :
„… wer für die Erringung der Freiheit das Leben zu wagen den Mut nicht besitzt, der verdient, Sklave zu sein; und wenn dagegen ein Volk frei zu sein wollen sich nicht bloß einbildet, sondern wirklich den energischen Willen der Freiheit hat, wird keine menschliche Gewalt dasselbe in der Knechtschaft des bloß leidenden Regiertwerdens zurückzuhalten vermögen.“ (ebd.)
Gehorsam richtet sich gegen die „Negativität der selbstsüchtigen Einzelheit“ – aber Hegel geht es um die „positive Seite der Freiheit“ – wenn das Selbstbewußtsein „das an und für sich Vernünftige, in dessen von der Besonderheiten der Subjekte unabhängigen Allgemeinheit erfaßt…“ (HW 10: 225 § 435 Zusatz)
Für all jene, die heutzutage gegen vorhandene Herrschaftsformen kämpfen, entsteht die Frage, ob es ausreicht, in einer Art abstrakten Utopie zurück zu kehren zur Orientierung an den natürlichen Einzelwillen – oder welche Art freiheitlicher Allgemeinheit entwickelt werden kann. Das würde bedeuten, dass nicht wieder Einzelne gegeneinander stehen, sondern dass jeder im andern sich selbst sieht (HW 10: 226-227 § 436 Zusatz). Die Aktivitäten der natürlich einzelnen Individuen sind nicht aus sich heraus schon gesellschaftlich allgemein – unter welchen Bedingungen können sie es werden ohne „Unterwerfung“, „Zucht“ und „Gehorsam“? Das folgende Zitat kennzeichnet keine Tatsächlichkeit, sondern ein noch zu erreichendes Ziel.
„In dem Zustande dieser allgemeinen Freiheit bin ich, indem ich in mich reflektiert bin, unmittelbar in den anderen reflektiert, und umgekehrt beziehe ich mich, indem ich mich auf den anderen beziehe, unmittelbar auf mich selber.“ (ebd.: 227)
Für Hegel ist die Gewalt, die im Herr- Knechtschaftsverhältnis gegeben ist, der Anfang der Staaten. Dies ist aber nur ihr „äußerlicher“ Anfang, „nicht ihr substantielles Prinzip“ (HW 10: 223 § 433). Es muss dann aber ernst genommen werden, was Hegel unter dem Staat versteht:
„Im Staate sind der Geist des Volkes, die Sitte, das Gesetz das Herrschende. Da wird der Mensch als vernünftiges Wesen, als frei, als Person anerkannt und behandelt; und der Einzelne seinerseits macht sich dieser Anerkennung durchaus würdig, daß er, mit Überwindung der Natürlichkeit seines Selbstbewußtseins, einem Allgemeinen, dem an und für sich seienden Willen, dem Gesetze gehorcht, also gegen andere sich auf eine allgemeingültige Weise benimmt, sie als das anerkennt, wofür er selber gelten will, – als frei, als Person.“ (HW 10: 221-222 § 432 Zusatz).
Als Staat gilt also jene Entität, in der die höchste gegenseitige Anerkennung in Vernunft und Freiheit verwirklicht werden kann. Das hat mit dem – damals wie heute – real existierenden „Not- und Verstandesstaat“ (HW 7: 340) wenig zu tun. Es ist deshalb auch keinesfalls so, dass das Herr-Knecht-Kapitel identisch wäre mit „Hegels Interpersonalitätstheorie“ (Römpp 2008: 73); dies würde eine bei Hegel explizit als nur Übergangsphase gekennzeichnete Stufe fälschlich auszeichnen.
Februar 9, 2010 at 8:38 pm

References: § 436
 § 427
 § 431
 § 433
 § 428
 § 435
 § 435
 § 435
 § 436
 § 433
 § 432