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Timestamp: 2020-08-10 22:31:44+00:00

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BAG – 2 AZR 217/06
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 01.03.2007, 2 AZR 217/06
Die Vorschrift des § 90 Abs. 2a SGB IX gilt nicht nur für schwerbehinderte Menschen, sondern auch für ihnen nach § 68 SGB IX gleichgestellte behinderte Menschen.
Nach § 90 Abs. 2a 1. Alt. SGB IX findet der Sonderkündigungsschutz für schwerbehinderte Menschen dann keine Anwendung, wenn die Schwerbehinderung im Zeitpunkt der Kündigung nicht nachgewiesen ist.
Trotz fehlenden Nachweises bleibt der Sonderkündigungsschutz dagegen dann nach § 90 Abs. 2a 2. Alt. SGB IX bestehen, wenn das Fehlen des Nachweises nicht auf fehlender Mitwirkung des Arbeitnehmers beruht. Das Fehlen des Nachweises beruht nach dem Gesetz jedenfalls dann auf fehlender Mitwirkung des Arbeitnehmers, wenn er den Antrag auf Anerkennung oder Gleichstellung nicht mindestens drei Wochen vor der Kündigung gestellt hat. § 90 Abs. 2a 2. Alt. SGB IX enthält insoweit die Bestimmung einer Vorfrist.
2 AZR 217/06 > Rn 1
2 AZR 217/06 > Rn 2
Bruttoentgeltfortzahlung in EUR
AG-Anteile in EUR
Gesamtaufwendungen in EUR
2 AZR 217/06 > Rn 3
2 AZR 217/06 > Rn 4
2 AZR 217/06 > Rn 5
2 AZR 217/06 > Rn 6
2 AZR 217/06 > Rn 7
festzustellen, dass das Arbeitsverhältnis durch die Kündigung der Beklagten vom 6. Dezember 2004 nicht beendet worden ist,
im Falle des Obsiegens mit dem Klageantrag Ziffer 1. die Beklagte zu verurteilen, sie zu unveränderten Arbeitsbedingungen als Chemiearbeiterin weiterzubeschäftigen.
2 AZR 217/06 > Rn 8
2 AZR 217/06 > Rn 9
2 AZR 217/06 > Rn 10
2 AZR 217/06 > Rn 11
2 AZR 217/06 > Rn 12
2 AZR 217/06 > Rn 13
2 AZR 217/06 > Rn 14
2 AZR 217/06 > Rn 15
1. Das Landesarbeitsgericht ist zutreffend von den Grundsätzen ausgegangen, die der Senat zur Kündigung wegen häufiger (Kurz-) Erkrankungen entwickelt hat (zuletzt etwa 10. November 2005 – 2 AZR 44/05 – AP KSchG 1969 § 1 Krankheit Nr. 42 = EzA KSchG § 1 Krankheit Nr. 52). Danach ist zunächst – erste Stufe – eine negative Gesundheitsprognose erforderlich. Die prognostizierten Fehlzeiten sind nur dann geeignet, eine krankheitsbedingte Kündigung sozial zu rechtfertigen, wenn sie auch zu einer erheblichen Beeinträchtigung der betrieblichen Interessen führen – zweite Stufe -. Neben Betriebsablaufstörungen können auch wirtschaftliche Belastungen des Arbeitgebers, etwa durch zu erwartende erhebliche Entgeltfortzahlungskosten zu einer Beeinträchtigung betrieblicher Interessen führen. In einem dritten Prüfungsschritt ist im Rahmen der gebotenen Interessenabwägung zu prüfen, ob diese Beeinträchtigungen vom Arbeitgeber billigerweise nicht mehr hingenommen werden müssen.
2 AZR 217/06 > Rn 16
2 AZR 217/06 > Rn 17
2 AZR 217/06 > Rn 18
2 AZR 217/06 > Rn 19
2 AZR 217/06 > Rn 20
2 AZR 217/06 > Rn 21
2 AZR 217/06 > Rn 22
2 AZR 217/06 > Rn 23
2 AZR 217/06 > Rn 24
2 AZR 217/06 > Rn 25
2 AZR 217/06 > Rn 26
a) Es bedarf keiner Entscheidung, ob die Klägerin bereits deshalb gehindert ist, sich auf den Sonderkündigungsschutz eines einem schwerbehinderten Menschen Gleichgestellten zu berufen, weil sie sich gegenüber der Beklagten nach den Feststellungen des Landesarbeitsgerichts erstmals am 3. Februar 2005 auf ihren Gleichstellungsantrag berufen und damit ihren Sonderkündigungsschutz verwirkt hat (vgl. dazu Senat 1. März 2007 – 2 AZR 650/05 -) .
2 AZR 217/06 > Rn 27
2 AZR 217/06 > Rn 28
2 AZR 217/06 > Rn 29
2 AZR 217/06 > Rn 30
2 AZR 217/06 > Rn 31
(2) Nach anderer Ansicht (KR-Etzel 8. Aufl. §§ 85 – 90 SGB IX Rn. 53j; Griebeling NZA 2005, 494, 496; ders. in Hauck/Noftz SGB IX Stand Dezember 2006 § 90 Rn. 20; Kossens/von der Heide/Maaß-Kossens SGB IX 2. Aufl. § 90 Rn. 18; Grimm/Brock/Windeln DB 2005, 282, 284; Westers br 2004, 93, 96; Rolfs/Barg BB 2005, 1678, 1680 f.; Staffhorst AuA 1/2005, 35, 38; Bernhardt/Barthel AuA 8/2004, 20, 23; LAG Baden-Württemberg 14. Juni 2006 – 10 Sa 43/06 – und 8. März 2006 – 17 Sa 82/05 -) ist § 90 Abs. 2a SGB IX jedoch auf das Gleichstellungsverfahren anwendbar, weil eine Besserstellung der weniger schutzbedürftigen Gruppe der Gleichgestellten sachlich nicht zu rechtfertigen und mit dem Zweck der Regelung des § 90 Abs. 2a SGB IX nicht zu vereinbaren sei.
2 AZR 217/06 > Rn 32
2 AZR 217/06 > Rn 33
2 AZR 217/06 > Rn 34
2 AZR 217/06 > Rn 35
(c) In dieselbe Richtung weist die Entstehungsgeschichte des § 90 Abs. 2a SGB IX. Der Bundesrat strebte im Verlauf des Gesetzgebungsverfahrens zunächst an, den Sonderkündigungsschutz in den Fällen entfallen zu lassen, in denen der behinderte Mensch dem Arbeitgeber vor der Kündigung den Ausweis über die Eigenschaft als schwerbehinderter Mensch (§ 69 Abs. 5 SGB IX) oder den Gleichstellungsbescheid (§ 68 Abs. 2 SGB IX) nicht vorgelegt hat. Zur Begründung führte er an, die entsprechende Ergänzung des § 85 SGB IX sei erforderlich, um dem zunehmenden Missbrauch des Kündigungsschutzes in den Fällen entgegenzuwirken, in denen Arbeitnehmer ein von vorneherein aussichtsloses Feststellungs- oder Gleichstellungsverfahren nur mit dem Ziel in die Wege leiten, die Regelungen über den Kündigungsschutz für die Zeit dieses Verfahrens in Anspruch zu nehmen (BR-Drucks. 746/2/03 S. 23). In ähnlicher Richtung beklagte auch die Stellungnahme der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BHI) gegenüber dem Ausschuss für Gesundheit und Soziale Sicherung vom 30. Oktober 2003 (Ausschussdrucks.15/0376 S. 6) einen zunehmenden Missbrauch, wobei besonders “versierte” Anwälte sogar vorsorglich und zeitgleich einen Gleichstellungsantrag beim Arbeitsamt stellten. Damit war bereits während des Gesetzgebungsverfahrens ein Regelungsbedarf auch für die einem schwerbehinderten Menschen Gleichgestellten ersichtlich, dem der Bundestag ausweislich der Gesetzesbegründung (BT-Drucks. 15/2357 S. 24) nachkommen wollte.
2 AZR 217/06 > Rn 36
2 AZR 217/06 > Rn 37
cc) Die Voraussetzungen von § 90 Abs. 2a 1. Alt. SGB IX sind hier nicht gegeben, weil zum Zeitpunkt der Kündigung die Gleichstellung nicht nachgewiesen war. Die Frage, ob der Nachweis gegenüber dem Arbeitgeber geführt werden muss, dh. ihm der entsprechende Bescheid vor Ausspruch der Kündigung vorgelegt werden muss, um den Sonderkündigungsschutz zu erhalten (Bauer/Powietzka NZA-RR 2004, 505, 507; Cramer NZA 2004, 698, 704; Böhm ArbRB 2004, 377) , oder ob – wofür die besseren Gründe sprechen – die objektive Existenz eines geeigneten Bescheides genügt, der die Schwerbehinderung – bzw. die Gleichstellung – nachweist (Etzel FS zum 25-jährigen Bestehen der Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht im DAV 241, 248 f.; Griebeling NZA 2005, 494, 496 f.; ders. in Hauck/Noftz SGB IX Stand Dezember 2006 § 90 Rn. 22; Düwell BB 2004, 2811, 2812; Westers br 2004, 93, 95; Kossens/von der Heide/Maaß-Kossens SGB IX 2. Aufl. § 90 Rn. 20; Grimm/Brock/Windeln DB 2005, 282, 285; Westers br 2004, 93, 96; Rolfs/Barg BB 2005, 1678, 1679; Schlewing NZA 2005, 1218, 1219; Staffhorst AuA 1/2005, 35; Bernhardt/Barthel AuA 8/2004, 20, 23; Striegel FA 2005, 12, 13; Schulze AuR 2005, 252, 254) , kann dahinstehen, da im Streitfall die Gleichstellung bei Zugang der Kündigung noch nicht erfolgt war.
2 AZR 217/06 > Rn 38
2 AZR 217/06 > Rn 39
2 AZR 217/06 > Rn 40
2 AZR 217/06 > Rn 41
2 AZR 217/06 > Rn 42
2 AZR 217/06 > Rn 43
2 AZR 217/06 > Rn 44
2 AZR 217/06 > Rn 45
2 AZR 217/06 > Rn 46
für den wegen Ablaufs der Amtszeit an der Unterschrift verhinderten
ehrenamtlichen Richter Beckerle
BAGE 121, 335
gleichgestellte Personen,
Das Urteil BAG – 2 AZR 217/06 wird zitiert in:
> BAG, 22.01.2020 – 7 ABR 18/18
> BAG, 06.09.2009 – 2 AZR 324/06
> BAG, 29.11.2007 – 2 AZR 613/06

References: § 90
 § 68
 § 90
 § 90
 § 90
 § 1
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 § 90
 § 90
 § 90
 § 90
 § 90
 § 85
 § 90
 § 90
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