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Timestamp: 2017-12-13 01:14:42+00:00

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Review: Susan Geideck & Wolf-Andreas Liebert (Eds.) (2003). Sinnformeln. Linguistische und soziologische Analysen von Leitbildern, Metaphern und anderen kollektiven Orientierungsmustern [Meaning Formulas. Linguistic and Sociological Analysis of Models, Metaphors ... | Schmitt | Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research
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Volume 6, No. 3, Art. 4 – September 2005
Susan Geideck & Wolf-Andreas Liebert (Hrsg.) (2003). Sinnformeln. Linguistische und soziologische Analysen von Leitbildern, Metaphern und anderen kollektiven Orientierungsmustern. Berlin: de Gruyter, 350 Seiten, ISBN: 3-11-0117883-4 Preis, EUR 98
Zusammenfassung: Das Buch versammelt 16 Aufsätze, die sich um Begriffe der sprachlichen Vermittlung sozialen Sinns bemühen. Die Herausgeber versuchen, den neuen Begriff der "Sinnformel" als bündelnden Begriff in der Debatte zu etablieren; weitere Ansätze zu "Deutungsmuster", "Denkmuster", "Metaphern", "Leitbilder" und anderen etablierten Begriffen werden theoretisch und in konkreten Studien vorgestellt. Das Buch versteht sich als Suchbewegung und versammelt aktuelle Diskurse – und ist daher als Überblick und Einführung in eine stärker linguistisch orientierte Perspektive auch für qualitative Forschung zu empfehlen. Der Ansatz der kognitiven Linguistik ist in praktischen Studien, nicht jedoch im Theoriekapitel präsent – die Rezension trägt daher einige Zusammenhänge nach.
Keywords: Sinnformel, Denkmuster, Deutungsmuster, Leitbild, Metapher
1. Absicht und Übersicht
2. Die Aufsätze im Einzelnen
2.1.1 Denkmuster
2.1.2 Deutungsmuster
2.1.3 Topos
2.1.4 Sinnformel
2.2 Machtvolle Sinnformeln
2.2.1 Rationalisierungsleitbilder
2.2.2 Metaphernanalysen nach LAKOFF, JOHNSON
2.3 Sinnformeln in Organisationen
2.3.1 Leitbilder in empirischer Perspektive
2.3.2 Leitbildentwicklung praktisch
2.3.3 Diskurs, Leitbild, Orientierungsmuster
2.3.4 Leitbild und kommunaler Wandel
2.4 Sinnformeln crosskulturell
2.4.1 Metaphorische Szenarien I
2.4.2 Kultur, Diskurs, Deutungsmuster
2.5 Die Gegenwart der Vergangenheit
2.5.1 Metaphorische Szenarien II
2.5.2 Metaphorische Szenarien und kognitives Modell
3. Kommentar und ein Exkurs zur kognitiven Linguistik
GEIDECK und LIEBERT haben sich vorgenommen, in ihrem Buch alle Ansätze zu versammeln, die dem Thema "Sinnformeln" als einem neuen interdisziplinären Zusammenhang zwischen Linguistik und Soziologie zuarbeiten könnten; der Band dokumentiert überarbeitete Vorträge einer ersten Tagung zum Thema. Damit wird das Buch für die qualitative Forschung interessant: Taugt der neue Begriff der "Sinnformel" auch als ordnungsstiftender oder neue Einsichten verheißender Begriff sinnverstehender Forschung? Mit welchen weiteren Begriffen wird versucht, sozialen Sinn zu fassen? Welche Erhebungs- und Auswertungsmethoden zur Rekonstruktion von Sinnformeln werden entwickelt und diskutiert? Die vorliegende Rezension der sechzehn Aufsätze beschränkt sich auf diese Fragen an das dicht geschriebene und umfangreiche Buch, das zunächst im Überblick und mit einem ersten orientierenden Kommentar vorgestellt wird. [1]
Im einführenden Aufsatz entwickeln GEIDECK und LIEBERT den erwähnten Begriff der "Sinnformel" im Anschluss an Max WEBER; sie sehen damit eine Möglichkeit, unterschiedliche Begriffe sozialen Sinns aufeinander zu beziehen. Sie positionieren sich zurückhaltend und begreifen den Sammelband als Ausdruck einer ersten Suchbewegung nach einer neuen Vernetzung soziologischer und linguistischer Ansätze des Sinnverstehens. [2]
Der erste Abschnitt "Theoretische Konzepte" versammelt weitere theoretische Ansatzpunkte; die Begriffe "Denkmuster", "Deutungsmuster", "Topos" und "Metapher" werden diskutiert – hier wird eine Komplexität möglicher Begriffskontexte entfaltet, die derzeit noch nicht aufeinander zu beziehen ist. [3]
Im Kapitel "Machtvolle Sinnformeln" wird die in aller Regel nicht machtfreie Aushandlung von Sinnformeln diskutiert, als Themen finden sich Rationalisierungsleitbilder im gesellschaftlichen Kontext, die Metapher von der Universität als Unternehmen sowie die metaphorische Konzeptualisierung von betrieblichen Abläufen in Unternehmen. [4]
Machtfragen gewinnen in den folgenden Aufsätzen unter der Überschrift "Sinnformeln in Organisationen" ein stärkeres Gewicht als in den beiden Aufsätzen zuvor, denn hier wird die Formulierung von Sinnformeln in Organisationen zum Thema. Umfassender als bisher zentrieren sich die Aufsätze um den Begriff des "Leitbilds". [5]
Der Abschnitt "Sinnformeln crosskulturell" ist eher politologisch orientiert: Die beiden dort aufgeführten Aufsätze versuchen in der Gegenüberstellung der britisch-deutschen Europa-Debatte und im Vergleich der deutsch-französischen Umweltpolitik unterschiedliche Sinnmuster zu rekonstruieren. [6]
Unter der letzten Überschrift "Die Gegenwart der Vergangenheit" finden sich historische Perspektiven: eine Rekonstruktion der Diskurse um Zwangsarbeit in Deutschland und Österreich sowie um "Raubgold" in der Schweiz und, eine viel größere Zeitspanne überbrückend, die Rekonstruktion von Metaphern der Erkenntnistheorie von ARISTOTELES bis KUHN. [7]
Das Buch ist vor allem denjenigen zu empfehlen, die in der qualitativen Forschung an der aktuellen Diskussion über sprachlich vermittelte kollektive Sinnstrukturen interessiert sind. Das Buch zeigt eine Diskussion im Fluss: "Sinnformeln", "Denkmuster", "Deutungsmuster", "Topos", "Metapher", "metaphorisches Konzept", "Leitbild", "Orientierungsmuster", "Habitus", "Rahmen", "Diskurs", "Handlungsorientierungen" und "Schlüsselworte" werden explizit thematisiert, nebenbei finden sich noch "Ideologie", "Identität", "Leitideen", "Schlüsselmetaphern", "Leitmetaphern" und "Symbol". Auf den im Buchtitel genannten und als Integration angebotenen Begriff der "Sinnformel" beziehen sich nur wenige, was ein wenig schade ist. Die interdisziplinäre Anstrengung der Vermittlung von Soziologie und Linguistik führt zur begrifflichen Unübersichtlichkeit, was jedoch eher dem Stand der Diskussion und nicht dem Buch anzulasten ist. Dem Begriff der "Sinnformel" wäre jedoch Aufmerksamkeit und Ausarbeitung zu wünschen, er könnte einige andere Begriffe bündeln. Im Gegensatz zur begrifflichen Ausdifferenzierung, die in eine kommunikative Nichteinholbarkeit zu geraten droht, sind die Einzelbeispiele in ihrem materialen Gehalt oft sehr überzeugend, und auch das ist ein Grund, das Buch Interessierten zu empfehlen. Die kognitive Linguistik und die von ihr abgeleiteten Metaphernanalysen sind in den späteren Aufsätzen vertreten, nicht jedoch im einleitenden Theoriekapitel; darauf werde ich im Kommentar eingehen. [8]
GEIDECK und LIEBERT geben zunächst eine Einführung in den Begriff der "Sinnformel": Sie verstehen als "Sinnformeln" alle Antworten, die auf existenzielle Grundfragen gegeben werden: auf die Frage nach der Identität ("Wer sind wir?"), die Frage nach der Geschichte ("Woher kommen wir?"), die Frage nach der Gegenwart ("Wo stehen wir?") und die Fragen nach der Zukunft ("Wohin gehen wir?" "Was müssen wir tun?" etc.). Eine Sinnformel sei "ein symbolischer Formenkomplex, der eine komprimierte Antwort auf eine oder mehrere Grundfragen darstellt" (S.3). Mit dem Rückgriff auf Max WEBERs Begriff des sozialen Handelns zielen sie auf kollektiv geteilte Muster der Sinngebung. Sinnformeln hätten legitimierende Funktionen – wie z.B. "Effektivität" eine Sinnformel sei, die Fließbandarbeit legitimiere. Sinnformeln fänden oft eine ästhetische Resonanz, seien oft imaginativ wirksam, insbesondere, wenn sie durch Metaphern vermittelt würden. Sinnformeln sei eine eigene Dynamik inne – wenn sie diskutiert würden und hochfrequent in Dokumenten auftauchten, seien sie vielleicht weniger handlungsrelevant als in Zeiten, in denen sie unhinterfragt gelten und gelebt werden. Die AutorInnen nennen als Beispiel den Begriff der "Leistung": Er sei in den 60ern und den 90ern diskutiert worden, in den dazwischen liegenden Zeiten sei "Leistung" ein unproblematisch funktionierendes "Leitbild" gewesen – nach der Metapher der zweite Begriff, der dem der Sinnformeln subsumiert wird. Die weitere Vorstellung der Aufsätze zeigt, dass der Begriff der "Sinnformel", um es mit einer eigenen Metapher zu beschreiben, als universaler Adapter für die unterschiedlich genormten Stromsteckdosen in den Provinzen der akademischen Welt gebraucht wird: "Denkmuster", "Deutungsmuster", "Topos", "Metapher", "Leitbild", "Diskurs" etc. sollen damit angeschlossen werden. Ein ambitioniertes Unternehmen. GEIDECK und LIEBERT sind aber vorsichtig genug, den Anspruch zurückzunehmen, und beschreiben das Buch als Dokument eines Brainstormings, dem weitere Diskussionen und Ausarbeitungen folgen müssten. [9]
Die Herausgeber ordnen die Aufsätze in die Abschnitte "Theoretische Konzepte", "Machtvolle Sinnformeln", "Sinnformeln in Organisationen", "Sinnformeln crosskulturell", und "Die Gegenwart der Vergangenheit", eine Einteilung, der die Rezension folgt. [10]
Die Überschrift bündelt unterschiedliche theoretische Ansätze: SIEGEL entwickelt den Begriff "Denkmuster", KASSNER umfassend die Heterogenität der Verwendung des Konzepts der "Deutungsmuster". Eine stärker rhetorisch orientierte Herangehensweise präsentiert WENGELERs Aufsatz über Topoi. LIEBERT diskutiert die Rolle von Metaphern in der industriellen Produktentwicklung. Auf das theoretische Defizit dieses Kapitels, die fehlende Diskussion der kognitiven Linguistik, komme ich im Kommentar mit einem Vorschlag zurück. [11]
Tilla SIEGEL formuliert in ihrem Aufsatz den Begriff der "Denkmuster" aus: Sie will damit die dem diskursiven Bewusstsein entzogenen Selbstverständlichkeiten der Handlungsorientierung fassen, die sie auf einer Ebene mit "Anschauungsweise" oder "Legitimitätsglaube" bei WEBER, "Habitus" bei BOURDIEU, "Disziplinen" bei FOUCAULT und der sozialen Konstruktion der Geschlechterordnung bei BUTLER ansiedelt. Neben der Selbstverständlichkeit sieht sie vor allem "Richtig-Falsch-Vorstellungen" als Kennzeichen dieser Denkmuster, die als tiefe Sinnschicht sozialem Handeln Legitimität verleihen. Wie diese zu rekonstruieren seien, handelt sie sehr kurz ab: Es bedürfe dazu eines ethnologischen Blicks und der Distanz, methodisch verweist sie auf WEBER, eine kurze Andeutung zur Rolle von Metaphern wird nicht ausgeführt. [12]
Als beeindruckend knapp und gut geschriebenes Beispiel folgt eine Beschreibung des Denkmusters der "Rationalisierung": Anhand der Geschichte der amerikanischen Automobilindustrie mit reichen soziokulturellen Details, der neueren Leitbilder der "schlanken Produktion" und einer Geschichte von Erich KÄSTNER führt sie Geschichte und Wirkung dieses Denkmusters vor. [13]
Karsten KASSNER diskutiert in seinem Aufsatz über "soziale Deutungsmuster" einen in der qualitativen Forschung vertrauteren Begriff. Auch hier geht es explizit nicht um subjektiv gemeinten Sinn, sondern um die "wissenssoziologische Grundfrage nach der Seinsgebundenheit ... des Wissens" (S.37). Anders als vergleichbare Begriffe wie "Rahmen" und "Habitus" sei der Begriff der "Deutungsmuster" nicht bestimmten Theorieentwürfen zuzuordnen, und KASSNER nimmt dies zum Anlass, die Auffassung von Deutungsmustern in den Ansätzen von Ulrich OEVERMANN (vgl. 2001a, 2001b), Christine PLAß und Michael SCHETSCHE (vgl. 2002) sowie Carsten G. ULLRICH (vgl. 1999) zu vergleichen. [14]
Letztere würden das Verhältnis zwischen "der Konstruktion sozialer Wirklichkeit im Deutungsprozess" und "der verobjektivierten Realität sozialer Konstrukte" (KASSNER, S.40) tendenziell stärker in Richtung einer situativen Handlungstheorie auflösten, stärker ein Individuum vor die verdinglichte Welt stellten, während bei OEVERMANN soziale Struktur und Praxis wie bei BOURDIEU in eins fallen würden. Die Ansätze unterschieden sich auch darin, dass die individuellen Repräsentationen der Deutungsmuster bei OEVERMANN und ULLRICH explizit als Derivate bzw. Derivationen behandelt, bei PLAß und SCHETSCHE jedoch kaum eine Rolle spielten – diese interessierten sich für die massenmediale Repräsentation von Deutungsmustern. Diese massenmedialen Angebote enthalten milieuübergreifende Deutungsmuster; für OEVERMANN bleiben dies jedoch eher "äußerliche Deutungsangebote", für ihn spielt die Verankerung der Deutungsmuster in konkreten Milieus eine stärkere Rolle, sie haben für ihn eine stärkere Bindung an eine krisenhafte Situation, die mit Hilfe der Deutungsmuster bewältigt und routinisiert wird. Dementsprechend sind sie bei OEVERMANN am wenigsten von den Subjekten zu explizieren. [15]
Bei diesen unterschiedlichen Positionierungen verwundert nicht, dass auch die Funktion und Struktur von Deutungsmustern anders gefasst wird: Bei OEVERMANN sind Deutungsmuster eher Hintergrundtheorien, bei ULLRICH haben sie stärker eine Handlungsorientierung mit kognitiver, evaluativer und normativer Dimension. PLAß und SCHETSCHE legen die ausführlichste Beschreibung vor: Deutungsmuster hätten die Funktion, die Reaktion von Menschen auf Ereignisse und die Interaktionen zu strukturieren; dabei sehen sie vier Aufgaben der Deutungsmuster: Komplexitätsreduktion, Antizipation, Verständigung in Grenzsituationen, soziale Integration. Sie bestimmen sechs Elemente eines Deutungsmusters (Situationsmodell, Erkennungsschema, Prioritätsattribute, Wertesystem, Emotionsmuster, Handlungsanleitung). [16]
Es wundert nach dieser Rekonstruktion wenig, dass die methodischen Prozeduren, wie Deutungsmuster zu rekonstruieren seien, sich deutlich unterscheiden. PLAß und SCHETSCHE schlagen vier Schritte vor: Abschätzung der Verwendung eines bestimmten (und schon vorher benannten!) Deutungsmusters; Analyse von Zeitraum und Ursprung seiner massenmedialen Verbreitung; Rekonstruktion anhand der oben genannten Elemente (Situationsmodell etc.); und abschließend Abschätzung des Grads der Selbstverständlichkeit seiner Verwendung (mit der Hypothese: Je fragmentarisch-unausgeführter das Deutungsmuster in Texten auftaucht, desto deutlicher sei seine Wirkung, weil es zum Verständnis offenbar nicht expliziert zu werden braucht). Allerdings stehen sie vor dem Problem, dass die medienvermittelte Präsenz eines Deutungsmusters nichts über seine tatsächliche Rezeption aussagt – daher nutzen sie zur Rezeptionsanalyse ergänzend doch Interviews und Gruppendiskussionen. ULLRICH dagegen setzt auf das von ihm entwickelte "diskursive Interview", ein Interview mit deutlich konfrontativer Haltung, um Explikationen von Deutungsmustern zu provozieren. Ihn interessieren die dabei entwickelten Derivationen sozialer Deutungsmuster, letztere werden vergleichend aus den Interviews erschlossen. OEVERMANN schlägt sowohl nicht-standardisierte Interviews vor, die auch konfrontative Elemente enthalten, als auch die Nutzung nonreaktiven Materials. Er besteht darauf, keine subsumtionslogische Auswertung zu betreiben, sondern die Deutungsmuster sequenzanalytisch anhand von Inkonsistenzen, die konstitutiv für Deutungsmuster seien, zu rekonstruieren. [17]
KASSNER kommt als Folge der aufgezeigten unterschiedlichen Ansätze zu dem Fazit, "dass auch in den diskutierten neueren Arbeiten zur Analyse sozialer Deutungsmuster keine Einigkeit über den kategorialen Status und die Verwendungsweise des Konzepts hergestellt wird" (S.53).1) [18]
Martin WENGELER greift den aus der rhetorischen Analyse stammenden Begriff des Topos auf und will damit die "bei verschiedenen Fragestellungen zu Grunde liegenden und sprachlich-argumentativ hergestellten Sachverhaltszusammenhänge" (S.64) erfassen. Er grenzt dies von älteren kontextabstrakten linguistischen Analysen ab, er will über "typische Wirklichkeitskonstruktionen in thematisch bestimmten öffentlichen Debatten" etwas aussagen, und nutzt daher die (breiter dargestellten) rhetorischen Schlussregeln nur als Anregung. Sein Ziel ist eine materialhaltige Topik, also eine mittlere Ebene zwischen abstrakten rhetorischen Figuren und konkreter Argumentation. Seine Methode beschreibt er kurz als Top-Down-Recherche, die am Material dann die Topoi neu entwickelt, ausdifferenziert etc. [19]
Spannender vorgeführt werden diese Überlegungen von WENGELER an drei Debatten: Der Migrationsdebatte, der SLOTERDIJK-Debatte und der WALSER-BUBIS-Debatte. In der letzteren z.B. rekonstruiert er in Pressetexten vier Topoi:
Normierungs-Topos: Juden würden ihre Art des Umgangs mit dem Holocaust als allein gültige durchsetzen.
Aufrechnungs-Topos: Auch Juden wären an Deportationen z.B. in der Sowjetunion beteiligt gewesen, sie könnten daher nichtjüdische Deutsche nicht verurteilen.
Beschuldigungs-Topos: Wenn Juden an den Holocaust erinnern oder aktuelle Entwicklungen in Deutschland kritisieren, wollten sie die nichtjüdischen Deutschen kollektiv beschuldigen.
Nutzen-Topos: Die Anklage an Deutschland diene dem eigenen wirtschaftlichen oder politischen Nutzen. [20]
Auch die hier nicht ausgeführten Topoi der beiden anderen Debatten zeigen eine beeindruckende und gelungen wirkende Reduktion von Komplexität des massenmedialen Argumentations-Rauschens. Freilich zeigt sich, dass die Abgrenzung von Metaphern, Deutungsmustern oder Leitbildern vom Ergebnis her betrachtet nur eine unvollständige sein kann2) – in einem weiteren Sinn, als es der Autor meint, wenn er davon spricht, dass es mit dieser Methode möglich wäre, "tiefensemantisch" zu arbeiten und "Denkmuster" zu rekonstruieren (S.80). Er sieht die Angemessenheit seiner Methode vor allem für kontroverse öffentliche Debatten und plädiert für eine Mischung empirischer Erhebungsmethoden. [21]
Wolf-Andreas LIEBERT interessiert, wie "Organisationen mit Metaphern Produkte und Identitäten erfinden" (S.83) und überträgt das am Anfang genannte Konzept der Sinnformeln auf Unternehmen, die auch auf diese existenziellen Grundfragen nach dem Woher, dem Wofür, dem Wohin und der Identität reagieren müssen. Auch sie haben ihre Antworten darauf in machtstrukturierten Prozessen gewonnen, die später einfach und blind übernommen werden – was er als "Denkmuster" nach SIEGEL (s. Absatz 12f) begreift. Das Ergebnis eines reflektierten Prozesses der Neuantwort auf Grundfragen nennt er dagegen "Leitbilder". Er identifiziert auch Metaphern als Sinnformeln und führt zudem noch den Begriff des "Schlüsselworts" beiläufig ein – das Bemühen um vielfältige Anschlussfähigkeit irritiert den Rezensenten, weil hier Begriffe aus Rhetorik und Soziologie doch etwas unvermittelt und unerklärt aufeinander stoßen. [22]
Er beschränkt sich in seiner Metaphernanalyse auf eine einfache Betrachtung von Bildspender und Zielbereich, nutzt dabei nicht die neuere Metapherntheorie und -definition nach LAKOFF und JOHNSON, sondern schließt in praktischer Absicht an einen Metaphernbegriff an, wie er in der betriebswirtschaftlichen Forschung nach neuen Produkten entwickelt wurde: Mit Hilfe dieses als "Metaphernreflexion" genannten Verfahrens nach NONAKA und TAKEUCHI wird der industrielle Prozess von "Wissenskonstruktion" über "Wissenstransformation" und "Wissensrepräsentation" zur "Wissensdiffusion" beschrieben; als Beispiel dient die Autoentwicklung eines japanischen Konzerns: Das Management habe das Motto "let's gamble!" als neuen Ansatz der Entwicklung eines Autos ausgegeben, das Motto sei vom Leiter der Entwicklungsabteilung in die metaphorische Sinnformel "Autoevolution" verwandelt worden, die Ingenieure hätten die Sinnformel für sich in die "Idee" von "man maximum; machine minimum" umgesetzt, was zu einem erfolgreichen Auto geführt hätte. Er stellt dem einen älteren Metaphernfindungsprozess aus der US-amerikanischen Tradition nach GORDON gegenüber. [23]
Instruktiver sind dann die Ausführungen LIEBERTs (in Form eines kondensierten Referats) über MORGANs Analysen der Metaphern von Organisationen, auch denen der Wirtschaftswissenschaft. – Jedoch ist auch hier anzumerken, dass MORGAN mit einem anderen Metaphernbegriff operiert. Für die konkrete Metaphernproduktion zur Entwicklung neuer Produkte vergleicht er dann betrieblich Bottom-Up- und Top-Down-Richtungen der Wissensproduktion im Hinblick auf Vor- und Nachteile und schlägt für die Organisationsentwicklung eine stärkere Beteiligung der Akteure vor. Skeptisch bleibt der Rezensent bei der Einschätzung, dass der Begriff der Sinnformel sowohl die Produktentwicklungs-Metaphernstrategien und die Analyse empirisch vorhandener (Alltags-)Metaphern integrieren könne – die Differenz zwischen kreativen Prozessen im Dienste des Erfolgs der Marke einerseits und der Analyse der dabei tatsächlich zu Tage tretenden metaphorischen Muster andererseits scheint m. E. dafür zu groß zu sein; letztere bedarf dabei einer begrifflichen und methodischen Strenge, mit der erstere wohl wenig behelligt werden darf. [24]
Die Überschrift macht es deutlich: Sinnformeln werden in sozialen Kontexten mit Machtgefällen formuliert; im engeren Sinn wird jedoch nur der erste Aufsatz von AULENBACHER der Überschrift gerecht; Machtfragen werden von KLEIN und HROCH nur implizit thematisiert, dafür leisten sie einen Beitrag zur Durchsetzung eines neuen Metaphernbegriffs (der bei den theoretischen Konzepten nicht diskutiert wurde) und davon abgeleiteten Formen der Metaphernanalyse. [25]
Brigitte AULENBACHER fragt nach der Macht von Rationalisierungsleitbildern. Im Thema enger auf soziologische Technikgeneseforschung als SIEGELs o.g. Aufsatz orientiert, skizziert auch sie "Rationalisierung" als Handlungsmaxime insbesondere der Automobilproduktion des letzten Jahrhunderts, schildert die Reihenfolge ihrer Materialisationen als Leitbilder der "menschenleeren Fabrik", der "schlanken Produktion" und mittlerweile des "multikulturellen Unternehmens", von denen die ersten beiden schon halb gescheitert seien. Sie referiert zunächst die Wirkungsweise von Leitbildern aus der Sicht soziologischer Technikgeneseforschung des "Berliner Leitbild-Ansatz" (DIERKES, HOFFMANN & MARZ 1992), die von "Wissens-Kulturen" (wie Unternehmen, Gewerkschaften etc.) mit vier Dimensionen ausgingen: Reproduktion, Repräsentation, Kommunikation und Individuation des Wissens. Sie kritisiert, dass in diesem Modell die Rolle von Macht zu wenig thematisiert werde. [26]
Rationalisierungsleitbilder erzeugten darüber hinaus keinen Bruch mit bisherigen Leitbildern, sondern würden immer aus der Rationalisierung der Gesellschaft selbst hervorgebracht: Sie seien daher realitätsbezogene Machbarkeitsprojektionen und trügen dazu bei, das Rationalisierungsgeschehen zwischen den verschiedenen Wissens-Kulturen verhandlungsfähig zu gestalten. – Der Aufsatz verzichtet auf die Diskussion empirischer Methoden, wie Rationalisierungsleitbilder zu rekonstruieren wären. [27]
Josef KLEIN betrachtet in einem kurzen Aufsatz die Metapher, dass neuerdings eine Universität als ein Unternehmen betrachtet werden solle. Er entfaltet diese Metapher als metaphorisches Konzept (nach LAKOFF und JOHNSON) und weist auf wesentliche Nichtpassungen hin: Eine Universität dürfe im Gegensatz zu einem Unternehmen keinen Gewinn machen; auch passt eine Metaphorik der Finanzierung über Sponsoring und Studiengebühren nicht zu einem Unternehmen; und der Schwerpunkt des "Wettbewerbs" bei der Mittelverteilung läge wohl weniger zwischen verschiedenen Universitäten als innerhalb ihrer selbst, zwischen den Fachbereichen – ruinös für ein wirkliches Unternehmen. Und spätestens das Wort "Kunde" erweist sich als metaphorische Blähung: Mit "Kunde" sind irgendwie alle von der Universität berührten Menschen und Einrichtungen gemeint: Studierende, Arbeitgeber, "die" Gesellschaft etc. – also eine große diffuse Wolke. Metaphernanalyse wird hier zur Kritik eines gängigen Diskurses. [28]
Auch Nicole HROCH stützt sich in ihrem Aufsatz über Metaphern von Unternehmern auf den Ansatz von LAKOFF und JOHNSON, der über die Sammlung bloßer Einzelmetaphern hinaus auf die Rekonstruktion metaphorischer Konzepte zielt, und orientiert sich an einer vorliegenden Form einer systematischen Metaphernanalyse (SCHMITT 1997, vgl. 2003). Spannend sind die zwei präsentierten Fallbeispiele: In einem Fall ist das Unternehmen eine Maschine, das Erreichen von Unternehmenszielen ist Sport, Planung und Umsetzung sind Kampf. Die metaphorischen Konzepte lassen sich als Muster der Sinngebung wie Gestaltung des Lebenskontexts sowohl im Interview wie auf der Ebene der Handlungspraktiken finden – bis hin zu beklemmenden Details von Fotos auf dem Tisch des Unternehmers und einem verschleißenden Umgang mit MitarbeiterInnen. Im zweiten Beispiel metaphorisiert der Unternehmer seinen Betrieb als Organismus und als Familie, sorgt sich um deren Wohlgefühl. HROCH kann zeigen, dass jeder Unternehmer mehrere Metaphernkonzepte verwendet, die sich jedoch jeweils ergänzen; keiner verwendet wirklich sich ausschließende oder komplementäre Konzepte. Ein begrifflich klarer und materialreicher Aufsatz; ich werde im Schlusskommentar (Abschnitt 3) darauf zurückkommen. [29]
Sinnformeln entwickeln sich in aller Regel nicht im herrschaftsfreien Diskurs, sondern in Organisationen, und vor allem der erste Aufsatz von WASSERMANN zur Veränderung von Leitbildern in den Gewerkschaften zeigt den spannungsvollen Hintergrund auf. Wie alle Beteiligten bei der Leitbildentwicklung integriert werden können, demonstriert NAZARKIEWICZ. Die rhetorische Selbstorganisation der Humangenetik in ihren schwierigen Grenzziehungsprozessen wird von BOGNER nachgezeichnet, und wiederum stärker auf den Begriff des Leitbilds orientierend diskutiert GEIDECK die Reform der bundesdeutschen Kommunalverwaltungen. [30]
Petra WASSERMANN stellt institutionstheoretische Überlegungen zum Leitbildwandel in den Gewerkschaften angesichts erodierender Handlungsbedingungen an. Sie fasst "Leitbild" stärker als ziel- und veränderungsorientierte Handlungsmaxime an und grenzt sie gegen "formierte, d.h. organisational wie individuell verankerte Denk- und Handlungsmuster" ab (S.155). Zunächst schildert sie anhand einer Studie ihr Vorgehen in einer Verwaltungsstelle, die sich vor allem im Sampling an der "grounded theory" orientiert. WASSERMANN bezieht sich dann auf WEBERs Unterscheidung von transitiver (Willens-) Macht einer leitenden Person und der intransitiven Macht der Gemeinschaft, die durch symbolische Repräsentation und Gemeinsamkeit der Symbolik dargestellt werde. Dieser Aspekt der Macht fokussiert die notwendige Akzeptanz auf der Mitgliederseite – gerade für Gewerkschaften als Handlungsbasis wichtig. "Leitideen" fasst WASSERMANN als bereits durchgesetzte Ordnungsarrangements, die durchaus auch Streit um die "wahre Interpretation" der Leitbilder umfasst. Das für die Gewerkschaften einmal gültige Leitbild von Gleichheit und Fortschritt, in der Metapher der "Arbeiterbewegung" gefasst, hätte sich an einer männlich orientierten Erwerbsarbeit orientiert. Dieses Normalitäts-Paradigma (verwirrenderweise auch als "Symbol für die Leitidee" [S.168] formuliert) habe als normativer Bezugspunkt gewirkt und sei zum "Desintegrationssymbol" geworden, wenn die damit verbundenen Vorstellungen unattraktiv werden. In der untersuchten Verwaltungsstelle sieht WASSERMANN einen "Leitbildwandel auf halbem Wege": Nach "Grabenkämpfen" mit alten Betriebsratsvorsitzenden und der Kritik fehlender innergewerkschaftlicher Demokratie sei "Offenheit" als neues Leitbild entstanden; hingegen wird die neue Führungsschicht ebenfalls kritisiert, sie unterdrücke unliebsame (ältere) Positionen und lasse bei aller Offenheit Taten vermissen. "Offenheit" sei ein neues, noch nicht durchgesetztes Leitbild (für die Verwaltungsstelle), die mangelnde Verbindlichkeit sei als Verlust intransitiver, symbolischer Macht zu verstehen. [31]
Eine sehr praktische Darstellung der Praxis der Leitbildentwicklung für eine Organisation liefert Kirsten NAZARKIEWICZ, die an Elemente der Aktionsforschung erinnert (die Autorin spricht dagegen von einer "ethnolinguistischen Perspektive"). Sie präferiert einen betrieblichen Bottom-Up-Prozess der Leitbildentwicklung, weil das Leitbild die später geteilte Praxis der Kommunikationsgemeinschaft sein sollte. Sie stellt dann eine schwierige Aufgabe vor: die Leitbildentwicklung einer räumlich weit verteilten diakonischen Organisation, fachlich heterogen von der Jugendhilfe bis zur Sozialpsychiatrie, und einem breiten Bereich von Adressaten (Beschäftige, Ehrenamtliche, betroffene Zielgruppen und kooperierende Institutionen). NAZARKIEWICZ schildert einen einjährigen dreiphasigen Prozess mit speziellen Großgruppen, konsequenter Repräsentativität der MitarbeiterInnen in der mit Verantwortung ausgestatteten Steuerungsgruppe, und einer dicht organisierten Form der internen Rückmeldungen. Anhand der in den Gruppen verhandelten heiklen Themen, wie man sich von alten Asymmetrien in Bezeichnungen wie z.B. "die uns anvertrauten Menschen" lösen könne, wie stattdessen die Selbstbestimmung der (sehr unterschiedlichen) Betroffenen thematisiert, wie christliches Hilfeverständnis und wirtschaftliches Arbeiten in schwierigen Formulierungsbalancen gefasst werden könne – das ist als spannender Prozess geschildert. Die Autorin diskutiert, dass das entwickelte Leitbild mit dem Slogan "Wir stellen den Menschen in den Mittelpunkt" eigentlich banal wirke, von der Softwarefirma über eine Baufirma bis zur Diakonie gelten könne. Es wundere aber weniger, wenn ein Leitbild als Antwort auf ähnliche Bedingungen im Wettbewerb und auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklung verstanden werden würde; die Geschichte der gemeinsamen Leitbildentwicklung sei eigentlich das relevante Ereignis. Von den Auswertungsmethoden und Begriffen ist der Aufsatz für die qualitative Forschung weniger interessant, jedoch ist der Zugang zum Feld, das Schaffen von Strukturen im Feld und die Bewegung der Autorin darin höchst anregend. [32]
Alexander BOGNER interessiert sich in seinem Aufsatz über Gestaltungszwänge und professionelle Handlungsorientierungen in der Humangenetik für das "boundary work", d.h. für die rhetorische und professionelle Grenzziehung zwischen alter Eugenik und neuer Genetik, zwischen "reiner" Wissenschaft und der potenziell missbräuchlichen Praxis. Schon beim Zugang zum Feld fallen ihm Verweigerung, Kontrolle und Legitimationsdiskurse auf – ein Hinweis, dass professionelles Handeln, gesellschaftliche Diskurse und kulturelle Leitbilder in irritierender Weise sich verstören. Die Grenzziehung zwischen dem Machbaren und dem professionell Vertretbaren lässt sich vom Gegenstand her, für den der Experte von der Gesellschaft seine Anerkennung als Experte bezieht, kaum treffen: Das professionelle Handeln bedarf der Abstimmung mit gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen. In den Orientierungsmustern der befragten Professionellen ist diese Abhängigkeit von Normalitätsvorstellungen jedoch nicht präsent: Die ärztlichen Interviewteilnehmer begreifen z.B. die Selektion von Geschlecht durch pränatale Untersuchungen (wie in Indien und China Praxis) als Überformung der Wissenschaft durch eine skrupelarme Gesellschaft. Für die ÄrztInnen ist jedoch die Fahndung nach möglichen Behinderungen mit der Konsequenz eines Schwangerschaftsabbruchs nicht begründungspflichtig – die Humangenetik sieht hier "objektive", medizinisch relevante Befunde3) – diese mentale Entkontextualisierung der Pränatalmedizin ermöglicht die Nicht-Reflexion eigener Normalitätsvorstellungen. Bei näherer Analyse zeigt sich jedoch in Interviews hinter der medizinischen Argumentation das kulturelle Leitbild der Autonomie der Person, und die Humangenetik buchstabiert es auf die Frage nach der kognitiven Entwicklungsfähigkeit eines Fötus herunter. Entscheidungsrelevant wird, ob ein Fötus ein Minimum von kognitiver Autonomie erlangen kann. – Ein empirisch unterlegter Exkurs zu der Klinikkultur und internen Ethik-Kommissionen zu Entscheidungen in Zweifelsfällen verdeutlicht eine ethische und professionelle Sozialisation der angehenden ÄrztInnen, in der diese liberale Bioethik nicht nur als kulturelles Leitbild übernommen, sondern auch geschaffen und ausformuliert wird. [33]
BOGNER sieht eine Trias aus Diskursen, kulturellen Leitbildern und professionellen Handlungsorientierungen, erstere wirkten auf das professionelle Handeln normativ und kognitiv orientierend ein. Das dargestellte Feld und seine Orientierungsmuster sind mit Gewinn zu lesen, die theoretische und noch mehr die empirische Trennung zwischen Diskurs, kulturellem Leitbild und professionellen Handlungsorientierungen wird nicht immer deutlich; zudem wird "Leitbild" hier anders gefasst, nicht wie in den vorangegangenen Aufsätzen älteren Sinnmustern gegenübergestellt. [34]
Susan GEIDECK diskutiert das Verhältnis von Leitbild und organisationalem Wandel am Beispiel der Reform der bundesdeutschen Kommunalverwaltungen. Neue Leitbilder von der "Dienstleistungskommune" bis zur "Bürgerkommune" werden diskutiert, der damit gemeinte organisationale Wandel scheint mit diesen Begriffen jedoch nicht immer etwas zu tun zu haben. Zunächst bezieht sich GEIDECK in ihrem Verständnis von Leitbildern auf AULENBACHER (s. Absatz 26f) und DIERKES, HOFFMANN und MARZ (1992), sie unterscheidet jedoch von dieser "leitbildzentrierten Diskursanalyse" ihre "diskursorientierte Leitbildanalyse": Bei letzterer würde deutlicher, dass Leitbilder auch Kampfbegriffe seien. [35]
In der konkreten Diskussion arbeitet GEIDECK heraus, dass ein neues Leitbild für die Kommunalverwaltungen zwei unterschiedliche Themen vereinen muss: Bürgernähe und Effizienz. Dominant sei der öffentliche Druck, von der Behörde zum Betrieb zu werden; auch hier dominierten Rationalisierungsvorstellungen; eher in den Aushandlungsprozessen vor Ort werde Bürgerbeteiligung / Demokratie als weiteres Element des Leitbilds wichtig. Auch in anderer Hinsicht zeigten sich Leitbilder als janusköpfig: Sie gewährleisten Anschluss an Bestehendes und verheißen Reform. De facto findet durch ihre Neuinstallation eher ein Neusortieren von Effizienz und Demokratie statt: Sie haben die Funktion von Synchronisation der Beteiligten und ihre Orientierung; bei differierenden Interessen bilden sie einen "Auseinandersetzungskorridor", der andere Themen ausblendet. [36]
Diese Überlegungen werden anhand einer Fallstudie spannend vorgeführt. Das empirische Prozedere, wie Leitbilder und "Unterleitbilder" aus dem erhobenen Material zu gewinnen sind, wird jedoch nicht recht deutlich; begrifflich bezieht sich GEIDECK auch auf "Schlüsselworte", "Metaphern" und "Konzepte", deren Verhältnis zum "Leitbild" auf knappem Raum nicht elaboriert werden kann. Ihr empirisches Fazit zeigt einen doppelten Prozess: Leitbilder liefern Rationalitätskriterien als Korridor für Wahrnehmungen und als Ressource für die Spiele um ein neues Handlungssystem. Im Alltag der Organisation müssten Leitbilder aber übersetzt und konkretisiert werden; Machtverhältnisse könnten übernommen oder auch verändert werden. [37]
Die beiden Aufsätze dieses Abschnitts versuchen unterschiedliche Sinnmuster in politischen Debatten im bilateralen Vergleich von EU-Ländern und damit unterschiedlichen Kulturen zu rekonstruieren. Sie nutzen dabei unterschiedliche theoretische Werkzeuge: MUSOLFF stützt sich auf die kognitive Linguistik von LAKOFF und JOHNSON, KELLER dagegen auf GEERTZ und FOUCAULT. [38]
Andreas MUSOLFF untersucht in seinem Aufsatz metaphorische Szenarien in den politischen Diskursen in Großbritannien und Deutschland und stützt sich dabei auf die Theorie der kognitiven Linguistik von LAKOFF und JOHNSON. Anhand einer Rede von Außenminister Joschka FISCHER zur Zukunft der europäischen Integration aus dem Jahr 2000, in der dieser nahe legt, es könne auf dem "Weg" zur europäischen Integration einige Staaten geben, die schneller "vorangingen" als andere, zeigt die Weg- und die damit verbundene Geschwindigkeits-Metapher eine dominante Wirkung in den Diskursen; selbst die europaskeptische britische Presse fürchtet, auf diesem "Weg" "zurück gelassen" zu werden; vereinzelte britische konservative Politiker können offenbar nur innerhalb der gleichen Metapher versuchen, das eigene "Tempo" als angemessen zu rechtfertigen, vor "zu hoher" Geschwindigkeit und vor "Unfällen" zu warnen, damit die "Langsamkeit" zu rechtfertigen – sie sind jedoch in der Minderzahl. In der deutschen Presse wird im Gegenteil als Selbstkritik thematisiert, möglicherweise "nicht schnell genug" zu sein. So zeigt sich an diesem Beispiel die "guiding force" von Metaphern, Denken und Handeln zu leiten: Das von FISCHER imaginierte metaphorische Szenario mit der impliziten politischen Drohung, nicht auf die skeptischen Staaten zu "warten", zeigt seine Wirkung. MUSOLFF liefert reiches Material, unterscheidet unterschiedliche metaphorische Konzepte (die Reise in einem Zug, Auto, Schiff mit den jeweiligen Begleitumständen und Zielen einer Reise). Er arbeitet die metaphorischen Konzepte und ihre Differenzen nicht so sehr aus, weil er auf das konzeptübergreifende metaphorische Szenario der Reise hinaus will. Der Begriff des metaphorischen Szenarios ist jedoch in der kognitiven Linguistik nicht sehr gut entwickelt (siehe dazu Abschnitt 3), hier führt der die Nutzung dieses Konstrukts dazu, dass konkurrierende metaphorische Konzepte, die nichts mit den Metaphern der Reise zu tun haben, aus dem Blick geraten. Dennoch liegt hier ein eindringlicher Beleg für die Möglichkeiten einer Metaphernanalyse in der Diskursforschung vor. [39]
Reiner KELLER will Kulturen als Diskursfelder begreifen, und er nimmt die Politik des Umgangs mit Hausmüll in ihren Deutungsmustern im deutsch-französischen Vergleich als Material. Er beginnt mit umfangreichen theoretischen Überlegungen: Statt eines statischen Kulturbegriffs, den er überraschenderweise GEERTZ vorwirft, will er Kultur als dynamisches und wissenssoziologisches relevantes Phänomen begreifen, als "culture in action", will Deutungsmuster und Handlungsmuster an den Fluss sozialer Strukturierungsprozesse stärker anbinden. Er orientiert sich daher an BERGER und LUCKMANN, um Prozesse des interaktiven Aufbaus, gesellschaftlicher Objektivierung und subjektiver Aneignung von gesellschaftlichen Sinnordnungen als Kultur zu begreifen. Ebenso integriert er FOUCAULT, der in seiner Sicht eher die Emergenz von Sinnordnungen und die Eigendynamik sozialer Praktiken betone, d.h. Diskurse als strukturierte und strukturierende Strukturen (S.286) begreife. KELLER legt sich nicht fest, wie die theoretisch hochgesteckten Ziele zu erreichen seien; er unterscheidet sozio-kulturelle Deutungsmuster, einen "roten Faden" (story-line, plot), diskursspezifische Interpretationsrepertoires, Dispositive und Diskurseffekte als "Bausteine" seines theoretischen Zugangs. Sein Begriff der Deutungsmuster orientiert sich an LÜDERS und MEUSER, d.h. der OEVERMANNschen Tradition (s. Absätze 14-18). Neu ist seine Konstruktion, dass Diskurse aus mehreren Deutungsmustern zusammengesetzt und durch eine "story-line" verknüpft seien. [40]
Am abfallpolitischen Diskurs wird dies deutlicher: In Deutschland erscheint das Auftauchen von Abfall in der Landschaft in den 1960ern in Bildern der Chronik einer angekündigten Katastrophe, in Frankreich als Ausgangspunkt eines kommenden zivilisatorischen Sieges. In Deutschland wird die Notwendigkeit der Produktfülle und des Konsums bezweifelt, um Abfall zu vermeiden. In Frankreich wird die Abfallvermeidung zur gleichen Zeit unter der Formel der nationalen Rohstoffknappheit und als Kampf gegen Verschwendung optimistisch geführt. In Deutschland zeigt sich eine politische Spaltung: Eine strukturkonservatives Lager plädiert dafür, den Abfall eben zu beseitigen, wie er im Wohlstand anfällt, ohne durch weitere Eingriffe die Wirtschaft an den Abgrund zu bringen, im anderen politischen Lager wird der Müll als Anlass zu politisch-ökologischer Restrukturierung moralisierend genutzt, gegen "Wegwerf-Gesellschaft" die "knappe Natur" gehalten und eine neue gesellschaftliche Selbstkontrolle eingefordert. Beide Szenarien in Deutschland haben die Katastrophe im Visier, einmal eine wirtschaftliche, das andere Mal die ökologische Katastrophe. In Frankreich finden sich bei fast allen Parteien eine Beschwörung des Fortschritts in eine saubere Zukunft; Kritik, wenn diese nicht erreicht wird; nationales Interesse, technischer Fortschritt und Modernität sind durch alle Lager hindurch im hegemonialen Diskurs vereint; grüne Reformdiskurse spielen keine Rolle. [41]
Und so deutlich diese Differenzen auch sind: Beide Staaten sind durch weitgehend gleiche industrielle Entwicklung und beginnende Souveränitätsübertragung an die Europäische Gemeinschaft sehr ähnlich; dies betrifft die Zeitpunkte der Einführung von müllvermeidenden Vorschriften ebenso wie die konkreten Techniken des Recyclings. Die krasse Diskrepanz zwischen deutschen und französischen Deutungsmustern und übergeordneten Diskursen spiegelt sich nicht auf der faktischen Handlungsebene: Der französische Diskurs inszeniert sich fortschrittsgläubig, der deutsche Diskurs tradiert sein romantisches Naturempfinden und blickt ansonsten der Katastrophe ins Auge, egal, in welchem der beiden politischen Lager er stattfindet. Die Diskurse und ihre Akteure führen zur permanenten Produktion von Unterschieden, obschon sich die konkreten Abfallpolitiken und Praktiken nur graduell unterscheiden.4) Ein bedeutendes Plädoyer, neben der Analyse von Diskursen und Deutungsmustern die Wahrnehmung von Handlungen und eine entsprechende Feldkompetenz bei der Analyse von Sinnstrukturen einzufordern. [42]
Historische Bezüge sind beiden Aufsätzen gemein, die Zeitspannen und Themen sind sehr heterogen, die Bezugstheorien sind wiederum sehr ähnlich: präsentiert mit einer von LAKOFF und JOHNSON inspirierten Metaphernanalyse die Sprachmuster der Medien zur Zwangsarbeiter-Debatte, JÄKEL diskutiert metaphorische Szenarien in Theorien der Erkenntnistheoretiker. [43]
Franc WAGNER rekonstruiert Metaphernszenarien in der Kontroverse um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern in Deutschland und Österreich bzw. um "Raubgold" auf Schweizer Konten im Zweiten Weltkrieg. Dazu nutzt er die die kognitive Metapherntheorie nach LAKOFF und JOHNSON, linguistische Bewertungstheorien bzw. Überlegungen zu einer Phraseologie. Ihn interessiert, wie Bewertungen in einem großen Korpus von Pressetexten metaphorisch realisiert und welches Selbstbild eines Landes im Diskurs entworfen wird. Er schildert zunächst ein achtstufiges (!) Verfahren von Auswahlschritten: korpuslinguistische Analysen der auf CD-ROM-vorliegenden Zeitungstexte mit computergestützter Auswahl, weiterer Automatisierungen der Recherche, Stichwortsuchen, und einer manuellen Selektion der dabei gefundenen und immer noch knapp 3900 Texte (!), die einer weiteren automatischen Suche nach häufigen "Schlüsselmetaphern"5) unterzogen werden, einer Zuordnung von "Schlüsselmetaphern" zu "Urbildern" (sonst übliche Terminologie: Quellbereiche der Metaphorik), bis hin zur Rekonstruktion metaphorischer Szenarien, die eine zusammenhängende Struktur mit sich ergänzenden Rollen und ausdifferenziertem Rolleninventar zeigen. Eine beeindruckend lange Analyse-"Pipeline" – die beim Rezensenten jedoch die Frage aufkommen lässt, ob nicht in einer solch langen Analysekette das Risiko besteht, dass unvermeidliche Ungenauigkeiten auf frühen Stufen zu größeren Fehlern auf späteren Stufen kumulieren. [44]
Es zeigt sich, dass die Rolle der Protagonisten im metaphorischen Szenario und ihre Bewertung zusammenhängen: Wenn Firmen "abtauchen", "sich davon stehlen", sich "wegducken", sind sie ebenso moralisch markiert wie im Spiel-Szenario, dass den Anwälten der Betroffenen wegen der hohen und potenziell Verhandlungen blockierenden Forderungen ein "Schwarzer Peter" zukomme. Sehr differenziert wird nach den Ländern Schweiz, Österreich und Deutschland unterschieden; es fällt auf, dass in der Schweizer Tagespresse die Forderung nach Aufklärung und Vermögensübertragung einem übermächtigen ausländischen Gegner zugeschrieben wird, dem die hilflose Schweiz als Sündenbock diene, die Schweizer Wochenpresse dagegen wirkte reflektierter, Fehlverhalten der Schweizer Banken kritisierend. In Deutschland findet sich kein dominierendes Metaphernszenario, WAGNER zählt nicht weniger als 15 Szenarien auf, von denen vier sehr kurz dargestellt werden. Im Fazit sieht sich WAGNER bestätigt, dass Metaphern zu Bewertungen herangezogen werden, dass Metaphern-Szenarien geeignete Mittel zur Identifizierung von Bewertungen sind, dass das Verfahren mit vertretbarem Aufwand zu validen Ergebnissen führt. Für die Diskussion von zukünftigen Metaphernanalysen ist der Aufsatz spannend; hier steht zur Debatte, ob solche extensiven Sampling-Strategien sinnvoll sind (zu ähnlichen Überlegungen wie WAGNER sind MAASEN und WEINGART 2001 gelangt) oder ob ein sparsames, theoriegeleitetes Sampling im Sinne der "grounded theory" vielversprechender für diese Methode ist (SCHMITT 2003). WAGNER verlässt sich nicht auf den von LAKOFF und JOHNSON geprägten Begriff des metaphorischen Konzepts, sondern schlägt "Szenario", "Schlüsselmetaphern" und "Leitmetaphern" vor – ich werde im Kommentar (Abschnitt 3) noch einen Vorschlag zur begrifflichen Klärung äußern. [45]
Olaf JÄKEL zeichnet die Geschichte der Konzeptualisierung von Wissenschaft als Entwicklungsgeschichte eines metaphorischen Szenarios nach. Er bezieht sich bei seinem Begriff des Szenarios auf das von LAKOFF genannte "idealisierte kognitive Modell" und nimmt dafür folgende Bestandteile an: aktiv handelnde Wissenschaftler, Naturphänomene als Gegenstand ihres Tuns, eine bestimmte Methode, Theorien als Ergebnis der wissenschaftlichen Aktivität und einen wissenschaftlichen Fortschritt, der in der Wahl bzw. Abwahl einer Theorie bestünde. JÄKEL interessiert sich für zentrale Wissenschaftstheoretiker seit ARISTOTELES – somit ist seine Studie gleichermaßen sprachübergreifend wie historisch angelegt. Die zentralen metaphorischen Konzepte der einzelnen Protagonisten sollen in rezensionsbedingter Verkürzung skizziert werden:
ARISTOTELES metaphorisiert Wissenschaft als Sehen und Betrachten; außerhalb dieser visuellen Metaphorik und damit kaum thematisiert bleibt der Status von Ergebnissen, die Rolle alternativer Theorien und die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern.
DESCARTES bebildert Wissenschaft als aufwärts führenden Weg, den man langsam, aber stetig zu gehen habe. Man geht da los, wo Vorgänger aufgehört haben. Alternative Theorien werden von ihm nicht bedacht, obwohl in der Metapher "Scheidewege" möglich wären. Die Natur selbst kommt auch nicht vor – es dominiert die Methode, d.h. der "Weg".
Bei BACON finden sich hinter dem Gedanken, die Natur durch Wissenschaft in den Dienst der Menschheit zu stellen, eine Reihe tyrannischer Metaphern. Wissenschaft ist darin "Nötigung" der Natur, Wissenschaftler ein Gewalttäter, Inquisitor, Eindringling, potenziell die weiblich personifizierte Natur vergewaltigend. In ihrem metaphorischen Innern ist geheimes Wissen verborgen, das ihr entrissen werden soll. Wissenschaft ist in diesem Bild anstrengend, erfordert Macht und Raffinesse. – Nicht thematisierbar ist in diesem metaphorischen Konzept die Rolle von Theorien in der Wissenschaft.
KANT verfolgt eine Synthese aus den vorangegangenen empiristischen und rationalistischen Ansätzen: Für ihn ist daher Wissenschaft eine theoriereflektierende Entdeckungsreise, die von einer Wissenschaft als Gebäudebau abgeschlossen wird; nach der erkenntnistheoretischen Expedition ist der feste Ort für die Theoriearchitektur gefunden. Wissen ist das Baumaterial des Theoriegebäudes. Naturphänomene sind mit dieser Metaphorik systematisch ausgeblendet; konkurrierende Wissenschaften sind nicht mit dem (einzigen) Gebäude erfasst.
POPPER metaphorisiert Wissenschaft als bewaffneten Kampf ums Überleben der "fittesten" Theorie. Theorien sind Personen, die durch Kampf sich und ihresgleichen selektieren. Methoden sind Waffen, "naturgemäß" überleben die stärksten Theorien in dieser an DARWIN angelegten Metaphorik. – Die Naturphänomene bleiben bei diesem Kampf innerhalb der Wissenschaft unberücksichtigt.
KUHN metaphorisiert diesen Kampf anders: Für ihn ist Wissenschaft ein Glaubenskrieg um die Annahme eines bestimmten Spiels. In Friedenszeiten, wenn die Herrschaft eines charismatischen Paradigmas unbestritten ist, wird die Natur von den gläubigen Anhängern in die möglichen Kästchen des Paradigmas gesteckt; bei der Infragestellung dieses Paradigmas folgen Zeiten des Umbruchs, des Aufruhrs und der Gewalt, nach denen ein neues Paradigma herrscht. Dieses metaphorische Modell bezweifelt die Rationalität des wissenschaftlichen Fortschritts, der Machtkampf zwischen konkurrierenden Theorien ist als Machtkampf zwischen Religionsführern und ihren fanatischen Anhängern außerhalb jeder vernunftorientierten Kontrolle. [46]
JÄKEL sieht neben den aufgeführten dominierenden metaphorischen Konzepten der genannten Wissenschaftstheoretiker folgende Resultate: Auch in der metaphernskeptischen Wissenschaft ist der Diskurs alles andere als metaphernfrei. Wissenschaft wird durch mehrere Metaphernbereiche strukturiert, jedem Wissenschaftstheoretiker ist ein bestimmtes metaphorisches Konzept zu eigen – das relativiert JÄKEL später mit dem Vorkommen der Gebäude-Metapher auch bei anderen Autoren als bei KANT. Das verweist auf eine vor allem der Kürze eines Aufsatzes geschuldeten Problematik: Die inneren Brüche, Spannungen, damit auch Entwicklungsmöglichkeiten in der Metaphorik eines Autors kommen zu kurz, man vergleiche als Gegenbeispiel die Heterogenität der Metaphern Freuds, deren Differenzen zu höchst spannenden Interpretationen Anlass bieten.6) [47]
Obschon weiter unten auf Probleme des Szenario-Begriffs eingegangen wird, zeigt sich als Verdienst des Vorgehens von JÄKEL, dass mit den Elementen des Szenarios eine Tabelle entwickelt werden kann, die in frappierend übersichtlicher Form vor allem die Nicht-Thematisierungen durch die jeweilige Metaphorik sehr schön zeigt.7) [48]
Im Eingangskapitel war bereits erwähnt worden, dass die interdisziplinäre Anstrengung der Vermittlung von Soziologie und Linguistik zur begrifflichen Unübersichtlichkeit führt, in welche Verhältnisse die heterogenen Begrifflichkeiten zueinander zu sortieren wären (weshalb man für Aufsätze wie den von WILLEMS 1997, der "Rahmen", "Habitus" und "Diskurs" ins Verhältnis setzt, sehr dankbar ist). Ist das Buch nun als Aufbruch zu werten – oder als Vermehrung der Ratlosigkeit? Der Blick ins Feld zeigt, dass die Unübersichtlichkeit nicht dem Buch, sondern der Situation geschuldet ist, wenn selbst in schmalen Subdisziplinen der Soziologie die Situation droht, dass es so viele Begriffsnetze und Methoden wie Forschende gibt, die ihre Vorgehensweisen und Terminologien jeweils neu erfinden (SCHMITT 2000a). Freilich ist die Linguistik, was das Erfinden neuer Begrifflichkeiten betrifft, der Soziologie nicht wirklich unterlegen (BERTAU 1996), und man könnte in einer von KELLER (s. Absätze 40-42) angeregten moderneren Metaphorik dafür plädieren, dass im Sinne einer Ökologie des akademischen Systems und der kommunikativen Nachhaltigkeit des Publizierens bei jeder Einführung eines neuen Begriffs verpflichtend mitgeteilt werden müsste, welche alten Begriffe dafür schonend entsorgt werden sollten. Die Angabe von vermutlichen Haltbarkeitsdaten bei Theorieprodukten wäre ebenfalls ein Fortschritt, um die knappen Aufmerksamkeitsressourcen der Lesenden nicht durch spekulative Selbstüberschätzung der Publizierenden zu vergeuden. Aber, wie bereits erwähnt, das ist nicht dem Buch anzulasten, und neben dem Versuch, im Begriff der Sinnformel unterschiedliche Zugänge zu bündeln, finden sich hier hilfreiche Übersichten wie z.B. der Aufsatz von KASSNER über Deutungsmuster. In dieser Situation eine Suchbewegung zu initiieren ist sicher das Verdienst dieses Buchs. Im Folgenden will ich eine kürzere Beobachtung aus der Sicht eines qualitativ Forschenden formulieren, dann eine Überlegung skizzieren, die auf die Begriffsverwirrung im Kontext metaphernanalytischer Ansätze zielt. [49]
Aus der Sicht qualitativer Forschung fällt vor allem in den linguistisch orientierten Aufsätzen ein Methodendefizit auf: Techniken des Samplings, Strategien der konkreten Erhebung, Schritte der Auswertung, Heuristiken der Interpretationsgewinnung werden selten benannt – und daher unterbleibt durchweg die Reflexion, welche Teile des Prozederes zu validen (Zwischen-) Ergebnissen geführt haben, welche Gütekriterien eingelöst werden können. Ein Bezug zu den offenen Reflexionsprozeduren der Güte einer Analyse, wie sie z.B. STEINKE 1999 bietet (oder seit 2000 kontinuierlich in der FQS Debatte zu Qualitätsstandards qualitativer Forschung erörtert werden), fehlt immer. Man muss dem Buch zugute halten, dass es kein Methodenbuch sein will8) – aber die durchgehende Nicht-Thematisierung prüfender Kriterien fällt auf. [50]
Eine große Anzahl von AutorInnen bezieht sich mehr oder minder explizit auf Metaphern. Zum Teil geschieht dies nicht elaboriert, es wird ein vortheoretisches Verständnis von Metaphern genutzt oder das Metaphernverständnis aus speziellen Szenen, bspw. der betriebswirtschaftlichen Produktentwicklung, übernommen. Metaphern sind ein Boom-Thema, und damit vermehren sich die Nebelschwaden um diesen schwierigen Begriff – selbst in einer dem Thema etwas ferneren Disziplin wie der Psychologie wird in aller Regel Unvereinbares damit etikettiert, Metaphern sind Anlass für unsystematische Assoziationen ebenso wie für untaugliche sinnfremde Kategorisierungen (SCHMITT 2001). Besorgniserregender als einige akademische Assoziationsübungen ist jedoch die wissenschaftsgestützte manipulative Nutzung der Metaphorik in öffentlicher Kommunikation. So beabsichtigt z.B. ZALTMAN 2003 in der Marketingforschung mit Hilfe seiner Metaphernanalyse "to dig deeper into the customers' and consumers' minds" (a.a.O., S.75) und "to penetrate the mind by metaphor" (a.a.O., S.76) für Werbezwecke. Auch therapeutisch-pädagogische Ansätze vor allem aus dem Bereich des NLP ("Neurolinguistisches Programmieren") pflegen mit großen Versprechungen manipulative metaphorische Techniken anzupreisen, wie auch GANSEN 2003 kritisch anmerkt. Psychotherapie verkommt zur kunstvollen Überredung, der hermeneutische Aspekt verschwindet. [51]
Bei solchen Anzeichen, dass das Phänomen der Metaphorik zu einer Technik der Ideologieproduktion zu verkommen droht, dass mit geistes- und sozialwissenschaftlicher Unterstützung profitverheißende Verblendungszusammenhänge metaphorisch hergestellt werden, könnte man vorschlagen, auf den Begriff und das Thema der Metapher zu verzichten. Damit würde jedoch die Möglichkeit vergeben, in einem altmodisch gewordenen Sinn Aufklärung zu betreiben, zu rekonstruieren, was die Metaphern sind, die unser Denken leiten, also zu verzichten, das skeptische Potenzial einer Metaphernanalyse zu entfalten. [52]
Dieses Potenzial scheint in dem Buch vor allem in den Aufsätzen auf, die sich explizit auf die kognitive Linguistik nach LAKOFF und JOHNSON beziehen, welche eher einem rekonstruierenden oder hermeneutischem Verständnis der Metapher zuarbeiten als einer rhetorisch-instrumentellen Auffassung; in dem Band sind dies KLEIN, HROCH, MUSOLFF, WAGNER und JÄKEL. Es fällt auf, und das wurde oben schon erwähnt, dass im Theorieteil des Buches kein einführender Aufsatz der kognitiven Linguistik gewidmet ist. Dies mag seinen Grund vor allem darin haben, dass der Metaphernbegriff von LAKOFF und JOHNSON in seinen radikalen Erweiterungen (orientierende und vergegenständlichende Metaphern, später "image schemas") inkompatibel mit gängigen Metaphern-Verständnissen ist (vgl. SCHMITT 2004). [53]
Eine wesentliche Neuerung der kognitiven Linguistik besteht darin, die Verweisungszusammenhänge von Metaphern aufeinander als wesentlicher von Bedeutung aufzufassen als das Vorkommen von Einzelmetaphern. Wie diese Verweisungszusammenhänge von Metaphern jedoch gefasst werden, differiert deutlich: MUSOLFF und WAGNER stützen sich auf den Begriff des metaphorischen Szenarios, JÄKEL nutzt ihn ergänzend – und alle drei haben eine verschiedene Fassung desselben. Im Dienst empirischer Forschung sehe ich mehrere Gefahren: Bei MUSOLFF führt es dazu, alle Metaphern einem Szenario, dem der Reise, unterzuordnen, damit werden die Ränder des Konzepts unscharf, die Analyse von Spannungen zwischen konträren Metaphern unterbleibt und nicht zu dem Reise-Szenario passende Metaphern geraten aus dem Blick. WAGNER meint mit dem Begriff des Szenarios dagegen sehr viele kleinteiligere Zusammenhänge, die Rollenzuweisungen enthalten – aber nicht alle Metaphern lassen sich in Rollenbeziehungen auflösen (z.B. Licht- oder Wetter-Metaphern). Einzig JÄKEL bezieht sich explizit auf den Szenario-Begriff von LAKOFF. Hier wäre anzumerken, dass der Begriff nur von LAKOFF und dies nicht sehr ausführlich expliziert wird (LAKOFF 1987, S.397f). Bei JÄKEL besteht die Gefahr, die unterschiedlichen metaphorischen Konzepte einem einzigen Szenario unterzuordnen, das zudem eine vorgängige, nicht am Material abgeleitete Konstruktion ist und in der Auswertung einer Subsumtionslogik Vorschub leistet. Dennoch, und das ist sein Verdienst, entwickelt seine Szenario-Konstruktion eine kritische und interpretationsgenerierende Funktion, indem sie auf Thematisierungsdefizite einzelner metaphorischer Konzepte hinweist. [54]
Damit ist die schon erwähnte wesentliche Neuerung des Metaphernbegriffs der kognitiven Linguistik genannt, dass eine Vielfalt von Einzelmetaphern als metaphorisches Konzept gefasst werden können, in denen sich Hintergrundannahmen über Person und Welt verbergen; so setzt HROCH in ihrem Beitrag die einzelnen metaphorischen Äußerungen des Unternehmers, der Betrieb sei eine "gut geölte Maschine", ein Lehrling sei eines Tages ein "eingeschliffenes Zahnrädchen" oder würde "zerbrechen", ein Stresstagebuch sei ein "Tool", um wie bei einem "Kontroll-Instrument" rechtzeitig zu Veränderung in der Bedienung der Maschine zu kommen, zu dem metaphorischen Konzept zusammen: "das Unternehmen ... ist eine Maschine". Die Maschinen-Metapher wird vom Unternehmer einerseits zur Fahrzeugmetapher, andererseits zur Flugzeugmetapher ausgebaut. Mit der methodisch kontrollierten Rekonstruktion solcher Konzepte werden Überinterpretationen einzelner Metaphern vermieden, weil ein breiterer semantischer Kontext gesucht wird. Darüber hinaus macht die Rekonstruktion von metaphorischen Konzepten auf konkurrierende metaphorische Konzepte aufmerksam, und kann so Inkonsistenzen und Brüche beschreiben, damit eine umfassendere und stärker dem Gegenstand angenäherte Interpretation versuchen. [55]
Explizit wird auf den Konzept-Begriff nur bei KLEIN, HROCH und JÄKEL Bezug genommen. Das verwundert zunächst, hat aber auch eine Reihe von Gründen: Zunächst liegt es daran, dass LAKOFF und JOHNSON in ihren Publikationen metaphorische Konzepte vorführen, als seien sie gegeben, ohne die eigene hermeneutische Arbeit der Rekonstruktion metaphorischer Konzepte theoretisch fassen zu können. Dieser blinde Fleck der kognitiven Linguistik verführt bei der Rezeption zur Übernahme fertiger Konzepte oder zur Ablehnung wegen Nichtpassung der Konzepte. Die gleichermaßen hermeneutischen wie handwerklichen Schritte werden von LAKOFF und JOHNSON nicht thematisiert; aber erst mit einer solchen Methodik wird es möglich, in unterschiedlichen sozialen, kulturellen und psychologischen Kontexten die jeweiligen metaphorischen Konzepte, in denen ein Phänomen begriffen und gelebt wird, neu zu rekonstruieren. [56]
Wieder allgemeiner und auf das Gesamt des Buches bezogen: Ein weiteres Rezeptionshemmnis, welches die Nichtwahrnehmung von LAKOFF und JOHNSON im theoretischen Eingangsteil erklären könnte, mag darin begründet sein, dass mit der Selbstetikettierung als "kognitive" Linguistik in großen Teilen des sozialwissenschaftlichen Spektrums eine psychologische Verengung antizipiert wird, auch wenn LAKOFF und JOHNSON vor allem kulturell bestimmte metaphorische Sinnmuster meinen und sie andererseits "Kognition" keineswegs im Gegensatz zu "Emotion" setzen. Dagegen fehlt eine soziologische Re-Interpretation dessen, was diese Autoren mit "metaphorischem Konzept" bezeichnen. Ein Vergleich zum Begriff der "Deutungsmuster" zeigt große Übereinstimmungen, aber auch Differenzen (SCHMITT 2005). Die eigentliche linguistisch-soziologische Vermittlungsarbeit steht noch aus und damit fehlt auch eine Bestimmung, was der soziologische Gehalt der metaphorischen Konzepte sein könnte. Sie könnte anknüpfen an die Bestimmungen der Aufgaben der Wissenssoziologie, wie sie BERGER und LUCKMANN (2003) vorstellen.9) Sie zielen auf das "Alltagswissen", jene schwer zu fassende Kategorie, die sie mit Rückgriffen auf DURKHEIMs "Kollektivbewusstsein", MANNHEIMs "Seinsgebundenheit des Wissens", auf die "Wirklichkeitsordnung" der Alltagswelt nach SCHÜTZ zu beschreiben versuchen – und damit auf eine Vorstrukturierung unseres Denkens hinauswollen, die LAKOFF und JOHNSON pragmalinguistisch beschreiben. Im Einzelnen lassen sich fünf Anknüpfungspunkte nennen:
BERGERs und LUCKMANNs Aufmerksamkeit für "Typisierungen" bietet Anschlussmöglichkeiten an den Begriff des metaphorischen Konzepts. Die Tiefe der Vor-Typisierungen des Alltagswissens bleibt in den illustrierenden Alltagsbeispielen dieser Autoren jedoch etwas flach bzw. an propositionale Aussagen gebunden (x ist Element von Typus y), ihr Symbol-Begriff ist abstrakt, und sie retten sich in eine metaphorische Sprache: "Mein Alltagswissen ist wie ein Instrument, mit dem ich mir einen Pfad durch den Urwald schneide. Er wirft einen schmalen Lichtkegel auf das, was gerade vor mir liegt und mich unmittelbar umgibt." (a.a.O., S.46). BERGER und LUCKMANN reflektieren nicht diese Typisierung des Alltagswissens in Werkzeug-, Weg- und visuellen Metaphern, die sie selbst vornehmen. – Beispiele für metaphorische Denkmuster, die für die westliche Welt gängig sind (LAKOFF & JOHNSON 1980/1998).
Durch die kulturelle Weitergabe dieser (metaphorischen) Typisierungen wird die Welt "auf massivere Weise wirklich" (BERGER & LUCKMANN 2003, S.63), sie sind zu Objektivationen geworden, die als gegebene Wirklichkeit den Nachgeborenen gegenüber steht: Das Leben ist dann eben "ein Weg mit Höhen und Tiefen", bietet "Perspektiven" und "dunkle" Zeiten etc. Das Umfang dieser sprach- und denkbestimmenden Objektivationen wird neben den metaphorischen Konzepten durch die Annahme von noch allgemeineren "kinaesthetic image schemas" erweitert, die vor allem JOHNSON (1987) formuliert10).
Dass Metaphern zu dem für BERGER und LUCKMANN wichtigen Thema der Legitimation (BERGER & LUCKMANN 2003, S.98ff.) beitragen, ist in den Beiträgen des oben besprochenen Buches schon deutlich geworden: Sowohl das Ganze der gegenwärtigen Ordnung wie die biografische Ordnung müssen mit Sinn versehen werden, der in aller Regel bildlich formuliert wird. (Hier ließe sich der von GEIDECK und LIEBERT formulierte Begriff der "Sinnformel" anschließen, auch er scheint mir nicht auf eine der vier Ebenen der Legitimation nach BERGER und LUCKMANN einzugrenzen zu sein). Legitimation und Wirklichkeit werden durch metaphorische Übertragungen durchaus in einer fundamentalen Weise hergestellt, wie sie DURKHEIM und MAUSS in ihrer Beschreibung primitiver Klassifikationen erörtern.11)
Ebenfalls in hohem Maße kompatibel ist BERGERs und LUCKMANNs Insistieren, dass "das 'Hier' meines Körpers" (a.a.O., S.25, vgl. auch S.191-195) ein wissenssoziologischer Bezugspunkt sein soll, zu der Rolle, die das körperliche Erleben für metaphorische Strukturierungsprozesse bei LAKOFF und JOHNSON hat (insbes. JOHNSON 1987). Neben der Gemeinsamkeit, das leibliche Erleben als einen Referenzpunkt für Prozesse des Wissenserwerbs und der Wissensweitergabe zu begreifen, hat GUGUTZER 2002 (vgl. BERNDT 2003) auch vorgeführt, dass die Metaphernanalyse methodische Möglichkeiten bietet, leibliches Erleben in seinen sprachlichen Objektivationen empirisch zu fassen.
Hier ließe sich darüber hinausgehend die Metaphernanalyse als phänomenologische Methode der Erschließung von Objektivationen des Alltagswissens begreifen, wie sie BERGER und LUCKMANN an einer anderen Textstelle vorschwebt: eine in hohem Maße deskriptive und mit einem Minimum an Hypothesen belastete Vorgehensweise (BERGER & LUCKMANN 2003, S.22f). In dieser Hinsicht ist eine systematische Metaphernanalyse ein strenges Sammeln und Ordnen einer bestimmten Klasse von sprachlichen Phänomenen, durchgeführt bei möglichst weitgehender Hintanstellung von Interpretationen, die den Prozess des Sammelns und Ordnens beschränken oder vorzeitig beenden.12) [57]
Diese Möglichkeiten der Anknüpfung verdeutlichen, dass ein Weiterdenken von LAKOFF und JOHNSON in Richtung einer Wissenssoziologie durchaus hilfreich wäre, ihre sehr konsequente Nicht-Thematisierung soziologischer oder kulturwissenschaftlicher Theorien ein wenig zu korrigieren. Darüber hinaus könnte die Wissenssoziologie sich eine neue Ebene von Phänomenen mit Hilfe der von LAKOFF und JOHNSON abgeleiteten Forschungsmethode erschließen. Beides könnte den in diesem Buch unternommenen Versuch unterstützen, zwischen Linguistik und Soziologie neue Verbindungen zu stiften. [58]
Das von HROCH rekonstruierte metaphorische Konzept, dass das Unternehmen eine Maschine sei, besonders in der Spezifikation der Maschine zum Fahrzeug, gibt Antworten auf die zur Sinnformel gehörenden Fragen nach der Identität ("Wer sind wir?" – der Unternehmer sieht sich als Pilot), die Frage nach der Geschichte ("Woher kommen wir?" – von einem Ort, wo der Unternehmer nicht mehr sein will), die Frage nach der Gegenwart ("Wo stehen wir?" – zur Antwort dienen ihm die erwähnten "Tools" und "Instrumente") und die Fragen nach der Zukunft ("Wohin gehen wir?", "Was müssen wir tun?": Er will gewinnen und weiter als andere kommen). Ein vertieftes Verständnis von Metaphern bzw. metaphorischen Konzepten im Sinne der kognitiven Linguistik könnte den Begriff der "Sinnformel" stützen und der in diesem Buch begonnenen Suchbewegung eine vielversprechende Richtung zeigen. [59]
Für hilfreiche Anmerkungen danke ich Judith BARKFELT, Jana BERTHOLD, Juliana GOSCHLER, Nicole HROCH, Sabine MERTEL, Sebastian SCHRÖER und Heike SCHULZE.
1) Eine weitere Schwierigkeit des Deutungsmuster-Begriffs liegt in der geringen Übersetzbarkeit und damit der Nicht-Rezeption außerhalb deutschsprachiger Diskurse, vgl. den Beitrag von SCHETSCHE 2002 im Diskussionsforum von FQS: http://www.qualitative-research.net/discus/messages/36/59.html?1034946261 [Zugriff am 2.2.2005]. <zurück>
2) Auch ältere Überlegungen zur außerlinguistischen Nutzung des Topos-Begriffs verdeutlichen die Schwierigkeit, "Topos" von anderen Bestimmungen abzugrenzen und eine Methode zur Rekonstruktion von Topoi abzuleiten (vgl. BORNSCHEUER 1976, S.207ff.). <zurück>
3) Gut vereinbar mit der neutral-objektiven Rolle der Wissenschaft ist jedoch die Akzeptanz der Selbstbestimmung der Frauen in der genetischen Beratung. <zurück>
4) KELLER belegt diesen Befund sehr beeindruckend am Thema des Hausmülls. Allerdings sei hier auf die von ihm nicht erwähnte Diskussion um die Atomenergie verwiesen, in der offensichtlich unterschiedliche Deutungsmuster auch zu unterschiedlichen Praktiken geführt haben. Hier wäre anzumerken, dass HROCH (s. Absatz 29) eine hohe Übereinstimmung zwischen metaphorischen Mustern des Denkens und Handlungspraktiken beschrieben hat. Man könnte spekulieren, ob die Metaphernanalyse eine Ebene des Diskurses erreicht, die näher an elementaren Orientierungen angesiedelt ist. Zumindest zeigt sich in KELLERs Reformulierungen, dass die auf Abfall bezogene Metaphorik der "Sauberkeit" und des "Schmutzes" in Frankreich wie Deutschland gleichermaßen existiert – und dass, so meine Vermutung, jeweils andere Phänomene als "rein" und "schmutzig" etikettiert werden. <zurück>
5) Diese häufigen "Schlüsselmetaphern" werden dann auch als zentral betrachtet – worin der Rezensent ein Problem sieht: Häufigkeit und Bedeutung einer Metapher müssen nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben. <zurück>
6) So spielt HABERMAS 1970 die Metaphern, in denen FREUD Psychisches als Text metaphorisiert, gegen diejenigen aus, in denen das Phänomen naturwissenschaftlich inszeniert wird; zur Übersicht über weitere Freudsche Metaphern vgl. CARVETH 1993. <zurück>
7) Vor allem in qualitativen Studien ergeben die Thematisierungslücken eines metaphorischen Modells Interpretationsmöglichkeiten. In einer Heuristik, wie metaphorische Konzepte zu interpretieren seien, darf dieser Hinweis nicht fehlen (vgl. SCHMITT 2003). <zurück>
8) Ebenso müsste man in allen zugrunde liegenden Originalarbeiten das Vorhandensein entsprechender Reflexionen von Gütekriterien überprüfen, was im Rahmen der Rezension nicht möglich war. <zurück>
9) Hinweise auf BERGER und LUCKMANN verdanke ich Heike SCHULZE und Fritz SCHÜTZE; vgl. auch ABELS 2001, S.81-106. <zurück>
10) JOHNSON diskutiert diese vor allem als körperliche Universalien; KIMMEL (2005a, 2005b) zeigt jedoch, dass auch diese körpernäheren Schemata immer noch kulturell mitdeterminiert sind. <zurück>
11) DURKHEIM und MAUSS verhandeln die (von ihnen nicht so benannte) metaphorische Übertragung von Verwandschaftsbeziehungen auf die Erkenntnis der Welt, die sich in ihrer totemistischen Ausdifferenzierung bezieht auf Tiere und Pflanzen, Wetter und Jahreszeiten, Farben, Wasser, Erde und Feuer, Krieg und Frieden, Sonne, Mond und Sterne, später Alltagsgegenstände und Raumwahrnehmung – alles Quellbereiche elementarer Metaphorik, wie sie z.B. für eine aktuelle Metaphorik psychischer Krisen immer noch gültig sind (SCHMITT 2000b). Allerdings teile ich nicht die Überzeugung der Autoren, dass die Übertragung sozialer Beziehungsmuster sowohl Kern wie Anfang aller Klassifikationsversuche darstellen, hier haben LAKOFF und JOHNSON (1998, 1999) immer wieder auch auf die metaphernkonstituierende Rolle körperlicher Erfahrungen hingewiesen. – Den Hinweis auf die Nähe des Projekts der Metaphernanalyse zu diesen Überlegungen von DURKHEIM und MAUSS verdanke ich Fritz SCHÜTZE. <zurück>
12) Diese Art von Metaphernanalyse steht in scharfem Gegensatz zur Interpretation einzelner auffallender Metaphern in der kulturpsychologischen oder biografieanalytischen Tradition (vgl. STRAUB & SEITZ 1998; SEITZ 2004, insbes. S.274f). Nicht unzufällig wird dort ein methodisches Vorgehen durch das Können begnadeter Interpretatoren ersetzt, welche einzelne, hervorstechende Metaphern für zentral halten und damit vom heterogenen metaphorischen Konzepthintergrund isolieren. Solche Metapherninterpretationen sind oft von RICOEURs Unterscheidung zwischen "lebendigen" und "trivialen", sonst "tot" bezeichneten Metaphern inspiriert (RICOEUR 1991) – eine Unterscheidung, die m.E. eine unreflektierte metaphorische Konzeptualisierung des Gegenstands zum Ausdruck bringt. Sie lässt es angezeigt erscheinen, solche wertenden Sprachgeschmacks- Inszenierungen einer Analyse mit BOURDIEUs begrifflichen Mitteln zu unterziehen. <zurück>
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Rudolf SCHMITT, Studium von Psychologie und Germanistik in Marburg und Berlin, jeweils mehrere Jahre in Einzelfall- und Familienhilfe und Psychiatrie beschäftigt, seit 1997 Professur für Psychologie und Methoden der empirischen Forschung am FB Sozialwesen der FH Zittau-Görlitz, wissenschaftlicher Schwerpunkt: Metaphernanalyse als sozialwissenschaftliches Forschungsverfahren; siehe seine Beiträge in FQS: Skizzen zur Metaphernanalyse sowie Methode und Subjektivität in der Systematischen Metaphernanalyse. Rudolf SCHMITT hat in zurückliegenden Ausgaben von FQS Besprechungen zu Qualitative Forschung. Ein Handbuch, zu Sozialwissenschaftliche Hermeneutik. Eine Einführung zu Krankheit verstehen. Interdisziplinäre Beiträge zur Sprache in Krankheitsdarstellungen und zu Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern verfasst.
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