Source: http://doczz.nl/doc/1077510/lebenshilfe-bayern
Timestamp: 2018-04-19 21:26:02+00:00

Document:
der Lebenshilfe Bayern
Telefon: (0 91 31) 7 54 61-0
Telefax: (0 91 31) 7 54 61-90
Erarbeitet von einer Arbeitsgruppe des Ausschusses Wohnen:
Barbara Dengler (Referentin Wohnen, Lebenshilfe-Landesverband Bayern)
Colleen Duvos (Geschäftsführerin, Lebenshilfe Erding)
Wolfgang Kimmig (Geschäftsleiter Wohnen, Lebenshilfe Ostallgäu)
Martin Rihl (Leiter Förderstätte und Wohnheim, Lebenshilfe Berchtesgadener Land)
Anita Theuerl (Leiterin Ambulante Dienste, Lebenshilfe Ansbach)
Anita Sajer (Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Lebenshilfe-Landesverband Bayern)
So wollen wir heute wohnen
Gutes Wohnen und Lebensqualität
Wer wohnt unter unserem Dach?
Wohnen ist unterschiedlich – vielfältige Wege
Lebensphasen und Wohnen
Selbstbestimmen und Wohnen
Mitbestimmen und Wohnen
Begleitung und Assistenz beim Wohnen
Wohnen – Alles was recht ist
Lebenshilfe in Bayern
a) Lebenshilfe als Selbsthilfeorganisation
b) Lebenshilfe als Kooperationspartnerin
c) Lebenshilfe im sozialpolitischen Kontext
Grundsätze und Perspektiven der Lebenshilfe Bayern
Wozu Grundsätze und Perspektiven?
Die Lebenshilfe in Bayern bietet seit vielen Jahren Wohnen für Menschen mit Behinderungen
in unterschiedlichsten Formen und Facetten an. Nahezu jeder Orts- und Kreisverband hält
eigene Konzepte und Betreuungsformen vor. Die Lebenshilfe war zu ihrer Gründungszeit
eine Vereinigung, die sich nicht von den vorgegebenen gesetzlichen Rahmenbedingungen
eingrenzen ließ. Sie setzte das Recht auf Bildung bei Menschen mit Behinderungen durch,
errichtete kleinteilige Wohnangebote inmitten anderer Wohngebiete und ebnete so den
Weg in Richtung Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Leben in der Gesellschaft.
Nach der Aufbruchsstimmung der Gründerjahre haben die Orts- und Kreisvereinigungen ihre
Angebote vielfältig ausgebaut und weiterentwickelt. Lebenshilfen sind mittelständische
Unternehmen geworden. Sie sind zuverlässige Partner, Arbeitgeber und Ansprechpartner für
Menschen mit Behinderungen und deren Familien. Lebenshilfe orientiert sich an den gegebenen Rahmenbedingungen: Von Seiten der Leistungsträger der Eingliederungshilfe, also
den sieben Bezirken in Bayern, wurden sogenannte Leistungstypen für Wohnen entwickelt.
Hier als Beispiel W-E-G. Dahinter verbirgt sich eine grundlegende Finanzierungssystematik
für den Bereich „Wohnen für Erwachsene mit geistiger Behinderung“. Sie ist unter anderem
mit bestimmten Personalschlüsseln, Öffnungszeiten und Leistungskatalogen hinterlegt, die
die Wohnheimbetreiber vorhalten müssen. Dafür erhalten sie von den Kostenträgern die
verhandelten Vergütungssätze. Im Bereich Wohnen gibt es noch andere Leistungstypen: z. B.
Ambulant Begleitetes Wohnen. Innerhalb dieser Systematik spricht man auch von Wohnangeboten für Menschen, die eine Werkstatt besuchen, oder von einem Wohnheim für
Menschen, die in die Förderstätte gehen.
Die „Grundsätze und Perspektiven der Lebenshilfe Bayern“ dienen nicht dazu, die vielen
unterschiedlichen Konzepte, Wohnformen und Leistungstypen einzeln oder in Gänze aufzuzählen und vorzustellen, die es bayernweit bei den Lebenshilfen gibt. Es geht vielmehr
darum, die Lebenshilfe intern auf die Zukunft vorzubereiten. Der Blick richtet sich in diesem
Papier auf den einzelnen Menschen mit Behinderung. Ausgehend von dessen Bedarf wird
die Lebenshilfe jetzt und in der Zukunft Wohnangebote entwickeln und verhandeln. Jede
Lebenshilfe vor Ort hat andere Ansätze und Möglichkeiten aufgrund ihrer personellen
Ausstattung und räumlichen Lage, aufgrund ihrer jeweiligen Weichenstellungen und Entwicklungsphasen. Diese sollen alle genutzt werden, um sich auf den Weg in die Zukunft zu
Als der Lebenshilfe-Landesverband Bayern 1994 die „Leitsätze zur Lebenshilfe-Arbeit in
Bayern: Wohnen“ veröffentlichte, geschah dies, um den Weg zu normalisierten Lebensbedingungen von Menschen mit geistigen Behinderungen zu ebnen. Diese Zeit war geprägt
vom Paradigmenwechsel von der „fürsorglichen Rundum-Versorgung“ hin zu Integration
und Normalisierung.
Heute, 20 Jahre später, blicken wir auf sehr umfangreiche, gesamtgesellschaftliche Veränderungsprozesse zurück. In der Pädagogik begegneten uns Leitsätze wie „Vom Betreuer zum
Begleiter“ und Begriffe wie „Empowerment“, während gleichzeitig in der Gesellschaft eine
Bewegung der Individualisierung stattfand. Der Mensch will sich verstärkt als Einzelperson
wahrnehmen und erleben. Unter dem Stichwort „Inklusion“ gibt es aktuell eine völlig neue
Sichtweise auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die UN-Behindertenrechts-
konvention, die seit 2009 geltendes, bundesdeutsches Recht ist, stellt den Menschen in den
Mittelpunkt und postuliert sein Recht auf Teilhabe und Selbstbestimmung.1
Wir erleben jedoch auch, dass dieser Ansatz auf eine gesellschaftliche Realität prallt, in der
zum großen Teil noch kein Bewusstsein für eine gleichberechtigte Gemeinschaft von behinderten und nichtbehinderten Menschen vorherrscht. So wissen alle Handelnden, dass in der
Umsetzung hin zu einer inklusiven, barrierefreien Gesellschaft noch ein weiter Weg zu gehen
ist, sowohl in die Gesellschaft als auch in die Lebenshilfen hinein.
Bei der Verwirklichung der Rechte von Menschen mit Behinderungen wird der Lebenshilfe
auch in Zukunft eine tragende Rolle zukommen. Sie hat mit dem aktuellen Grundsatzprogramm eine wichtige Basis geschaffen und wird für ihre ambitionierten Ziele weiter inhaltliche Klarheit, großen Mut und auch Kreativität benötigen. Hierzu will der Ausschuss
Wohnen mit der vorliegenden Broschüre einen Beitrag leisten. Es geht im Folgenden nicht
darum, sich inhaltlich mit Begrifflichkeiten wie Sozialraumorientierung und Inklusion auseinanderzusetzen oder sich an den mitunter schwierigen Rahmenbedingungen festzuhalten.
Die Handreichung beschreibt vielmehr eine veränderte Haltung, die in den individuellen
Rechten und Bedürfnissen zum Wohnen und Leben von Menschen mit Behinderungen
„Wohnen – Grundsätze und Perspektiven der Lebenshilfe Bayern“ wurde von einer Arbeitsgruppe des Ausschusses Wohnen des Lebenshilfe-Landesverbandes Bayern erarbeitet. Im
Fachgremium Ausschuss Wohnen arbeiten Menschen mit Behinderungen, Angehörigenvertreter, Hauptamtliche und Vertreter des Landesvorstandes an verschiedenen Themen aus
dem Bereich Wohnen. Der Ausschuss konnte für das Papier auf eine breite Informationsbasis
aus den etablierten Unterarbeitskreisen der Lebenshilfe Bayern in den einzelnen Regierungsbezirken zurückgreifen.
Meinungen, Forderungen und Wünsche von Menschen mit Behinderungen wurden in einer
breit gestreuten, bayernweiten Abfrage unter einer Vielzahl von Beteiligten mit dem Titel „So
wollen wir heute wohnen“ erhoben. Die Abfragemethodik war bewusst nicht standardisiert
worden, die Ergebnisse erwiesen sich als bunt, vielfältig, überaus lebendig und kraftvoll in
ihren Grundaussagen.
Wie liest man das Papier?
An erster – und damit bewusst prominenter Stelle – findet sich eine kleine Auswahl von
zentralen Aussagen der Menschen mit Behinderungen unter dem Titel „So wollen wir heute
wohnen“. Im nächsten, grundlegenden Kapitel wird das Thema „Lebensqualität“ kurz erläutert. Da es der Lebenshilfe wichtig ist, gute Wohn- also auch Lebensqualität anzubieten, ist
auch dieser Baustein vorangestellt. Weiterhin wird „Wohnen“ insbesondere unter den
Aspekten der Zielgruppe, unterschiedlichen Angebote, Lebensphasen, Gesellschaft, Selbstbestimmung, Mitbestimmung, Begleitung und Assistenz sowie unter rechtlichen Grundlagen
und der Struktur der Lebenshilfe in Bayern beleuchtet.
Vgl. UN-Behindertenrechtskonvention: Präambel
In den einzelnen Kapiteln wird jeweils zuerst „Unser Anspruch“ formuliert, der Anspruch
den die Lebenshilfe an sich selbst hat, um weiterhin als Vorkämpferin und Vertreterin für
Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige in der Gesellschaft auftreten zu
können. Ganz bewusst wurden die hohen Ansprüche in jedem Kapitel an die erste Stelle
gesetzt, um sie dann mit dem aktuellen Ist-Stand unter der Überschrift „Wohnen aktuell“
„Unser Auftrag“ ist schließlich die dritte Unterteilung der einzelnen Kapitel. Hier werden
auch konkrete Vorschläge gemacht, die jedoch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit
erheben und als Anregung dienen, sich in die eine oder andere Richtung weiterzuentwickeln.
2. So wollen wir heute wohnen
Wie stellen sich Menschen mit Behinderungen heute Wohnen vor und welche Anforderungen haben sie dabei an die Lebenshilfe?
Der Ausschuss Wohnen der Lebenshilfe Bayern hat sich an verschiedene LebenshilfeOrts- und Kreisverbände aus ganz Bayern gewandt und darum gebeten, Menschen mit
Behinderungen zu fragen
wo sie wohnen wollen,
wie sie wohnen wollen,
mit wem sie wohnen wollen,
was gutes Wohnen für sie ausmacht,
wer sie unterstützen soll und auch
welche Wohnträume sie haben.
Menschen, die selbst nicht sprechen können, wurden von ihren Angehörigen oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gefragt und haben uns ihre übersetzte Antwort zukommen
lassen. Es kam eine Vielzahl an Antworten zurück. Manche Aussagen waren sich ähnlich,
doch die meisten waren sehr individuell. Auch handgeschriebene Beiträge und gemalte
Bilder waren dabei.
Einige Aussagen stammen auch aus der Elterntagung „Wohn(t)räume auch für mich –
Wohnen für Menschen mit hohem Hilfebedarf“ vom 17.11.2012 in Würzburg2. Hier waren
die Eltern und Angehörigen gefragt, was sie sich für ihre Kinder unter gutem Wohnen
An dieser Stelle bedankt sich der Lebenshilfe-Landesverband Bayern bei allen, die mit ihren
Aussagen mitgewirkt und dadurch die Broschüre „Wohnen – Grundsätze und Perspektiven
der Lebenshilfe Bayern“ erst möglich gemacht haben. Im Folgenden eine Auswahl der
Antworten3, gegliedert nach verschiedenen Themenbereichen:
Dokumentation der Tagung unter www.lebenshilfe-bayern.de, dort Publikationen/Allgemein/Dokumentationen von Elterntagungen
Alle Antworten einsehbar unter www.lebenshilfe-bayern.de, dort im Mitgliederbereich unter
Materialien/Landesberatungsstelle/Wohnen
Dort will ich wohnen
• Auf dem Land, in der Nähe von einem Bauernhof, wo ich mit meinem Rollstuhl auf der
Anliegerstraße fahren kann.
• In einer eigenen Wohnung in Ansbach.
• Ich hätte gerne einen eigenen Garten mit Beeten und Obstbäumen.
• Am liebsten bleibe ich im Wohnheim wohnen.
• Ich würde gerne von Freising nach Erding ziehen.
• In einem normal großen Haus mit Freunden und Familie.
• Am liebsten in L., dann wäre ich näher bei meiner Familie.
• Mitten in München. Da bin ich geboren.
• Ein kleines Haus mit zwei Bekannten wäre mein Traum.
• Ich komme von einem kleinen Dorf und möchte da wieder wohnen. Aber nicht allein,
sondern in einer kleinen gemischten Wohngruppe.
• Wenn ich sicher wäre, dass ich meinen Arbeitsplatz behalten kann, würde ich viel
näher dorthin ziehen.
• In einer kleinen Wohngemeinschaft, in der ich rund um die Uhr Unterstützung habe.
• Ich hätte gerne einen Balkon.
• Im eigenen Zimmer. Ich brauche meinen Rückzugsraum. Mit TV und Musik und mit
eigenen Möbeln.
• Ich wohne jetzt im Wohnheim und will in eine Wohngemeinschaft umziehen.
• Lärm gefällt mir nicht. Wenn ich mit vielen Menschen lebe, ist es immer sehr laut.
Lieber mit weniger Leuten.
• Wenn ich eine eigene Waschmaschine haben könnte, wäre ich froh.
• Mit einem eigenen Telefonanschluss im Zimmer. Auch für den Computer.
• Ich will Fotos und persönliche Sachen in meinem Zimmer haben.
• Es soll warm und gemütlich sein.
• Ich hätte gerne ein zweites Zimmer, so kann ich in einem Raum schlafen und im
anderen wohnen.
Zusammenwohnen möchte ich
• Wenn mit Anderen, dann nur mit Leuten, die ich mag.
• Mit Menschen, die mehr können als ich, die sprechen können und sich im Haushalt
• Ich will mit Männern und Frauen zusammenleben.
• Im Moment mit niemanden. Ich bin nicht einsam, weil ich viel im Verein und mit der
OBA mache. Zweimal in der Woche kommt die Assistentin vorbei. Und dann habe ich
auch noch meinen Freund. Früher habe ich im Wohnheim gewohnt. Da musste ich für
die anderen putzen und Wäsche waschen. Manchmal hat mir ein Mitbewohner meine
Wäsche verwaschen. Es muss sehr viel abgesprochen werden. Das brauche ich alleine
• Ich brauche ein gutes Klima untereinander.
• Am liebsten mit meiner Freundin.
• Ich will nur mit Frauen zusammenziehen.
• Mit den Menschen, mit denen ich jetzt auch wohne, mit meiner Wohngruppe vom
• Meine Mitbewohnerin ist super, mit keiner anderen möchte ich wohnen.
• Nur mit meiner Katze.
• Ohne den „M.“. Der ärgert mich so, wenn er rumschreit.
So schaut gutes Wohnen für mich aus
• Ich will in einer gemütlichen Atmosphäre leben.
• Es soll wie in einer Familie sein. Und man soll respektvoll miteinander umgehen.
• Wenn wir gemeinsam Feste feiern.
• Ich möchte meine eigene Familie gründen.
• Als ich klein war, gab es Schlafsäle. Das war schlimm.
• Der Mann, mit dem ich im Doppelzimmer schlafe, schnarcht. Außerdem schaltet seine
Fernbedienung auch meinen Fernseher um. Ich freue mich so sehr auf mein eigenes
• Wenn man nur mit meiner Erlaubnis in mein Zimmer darf.
• Wenn ich mehr Geld hätte, wäre es schöner für mich. Im Wohnheim hätte ich mehr
Geld und mehr Freizeitangebote.
• Mit Anderen gemeinsam etwas machen können.
• Ich will, dass meine Freunde bei mir übernachten können.
• Es wäre gut, wenn ich in einer ruhigeren Gruppe wohnen könnte, wo es nicht so viel
Streit gibt.
Unterstützt werden will ich von
• Menschen, die sagen, was ich kann und wo ich Verbesserungsbedarf habe. Ich will
nicht gesagt bekommen, was ich noch nicht kann.
• Mitarbeiter, die mich nicht einwickeln wollen. Sie sollen auch mal loslassen können.
• Menschen, die rund um die Uhr für mich da sind.
• Ich möchte, dass die Unterstützer nur ab und zu mal nach uns schauen.
• Mitarbeiter sollen im gleichen Haus wohnen, nur in getrennten Wohnungen.
• Netten Menschen.
• Betreuern, die mich ohne Zwang leben lassen.
• Ansprechpartnern, die bei Problemen, bei denen ich nicht weiter weiß, da sind.
• Mitarbeiter, die mehr Zeit für mich haben.
• Ich will keine Mitarbeiterwechsel mehr. Es ist schwer, sich immer wieder neu zu
• Unterstützte Kommunikation sollten die Mitarbeiter können, um meine – ich kann
nicht sprechen – Wünsche zu erfahren und auf sie eingehen zu können.
Meine Wohnträume sind
• Ein Computer, mit dem ich sprechen kann und der viele Aufgaben erfüllt.
• Ich träume von einem eigenen Koch und einer eigenen Putzfrau.
• Auf dem Traumschiff zu wohnen, stelle ich mir gut vor.
• Ich wünsche mir einen Wellness- und Entspannungsbereich.
• Ich würde bei einem Lottogewinn sofort nach Italien ziehen und gleich am Strand
• Wenn ich einen Automaten hätte, der immer mit Essen gefüllt wäre.
• Ein eigener Butler würde mir gefallen.
• Am liebsten möchte ich in einer ruhigen WG in Barcelona wohnen.
• Eine Badewanne, in der alle Platz haben, mit goldenen Wasserhähnen.
• Als Selbstversorger auf einem Hausboot zu leben.
• Ich will in einer kleinen WG wohnen, in der es auch eine Sauna gibt.
Anhand dieser vielfältigen Aussagen wird deutlich, dass Menschen mit Behinderungen in
Bayern ähnliche Anforderungen an gutes Wohnen stellen, wie Menschen ohne Behinderungen. Der einzig wirkliche Unterschied ist, dass sich die meisten Bürgerinnen und Bürger
nicht damit auseinandersetzen müssen, wie es ist, in Wohnheimen zu leben.
3. Gutes Wohnen und Lebensqualität
„Lebensqualität umfasst für Menschen mit Behinderungen dieselben Faktoren und
Beziehungen wie für jeden anderen Menschen auch.“4
Gutes Wohnen ist ein wichtiger Baustein für gute Lebensqualität.
Die im vorherigen Kapitel aufgeführten Aussagen von Menschen mit Behinderungen zum
Thema „Wie will ich heute wohnen“ belegen die wissenschaftliche Forschung zum Thema
„Lebensqualität“. Der Begriff „Lebensqualität“ wurde in den 1980er Jahren Gegenstand
einer bundesweiten Studie5, in der die Lebensbedingungen der Bevölkerung erforscht
wurden. Hier wurde bereits zwischen objektiven Lebensbedingungen und subjektiver Zufriedenheit unterschieden.
Der Amerikaner R. L. Schalock veröffentlichte 1996 eine Studie6, in der er Lebensqualität in
acht Kernbereiche unterteilte, die sowohl für Menschen mit als auch ohne Behinderungen
von gleicher Bedeutung sind. Fachliche Grundlagen für dieses Kapitel stammen hauptsächlich von Prof. Dr. Seifert7 sowie von Dr. Dworschak8, der zu diesem Thema bei der Fachtagung Wohnen „Menschen im Mittelpunkt“9 des Ausschusses Wohnen der Lebenshilfe
Bayern im Jahr 2012 referierte.
Die objektiven, also mess- oder belegbaren Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderungen können natürlich förderlich oder hinderlich sein, sind jedoch nicht allein grundlegend
für eine hohe Lebensqualität. Es handelt sich hier z. B. um personelle, bauliche oder strukturelle Aspekte, die die Wohnung oder die Unterstützungsleistung betreffen. Das subjektive
Wohlbefinden ist nach Seifert der „Gradmesser für die Qualität der Unterstützung im
Alltag“10. Prof. Beck11 schreibt hierzu: „Für die Frage, wie gut ein Mensch seinen Alltag, aber
auch Belastungen bewältigen und Zufriedenheit erlangen kann, gilt: materielle Bedingungen
wie Einkommen, Wohnungsausstattung usw. sind notwendige, aber nicht hinreichende
Bedingungen. Hier können Parallelen zu den Strukturbedingungen von Einrichtungen
gezogen werden. Den psychosozialen und natürlich auch den physiologischen Bedürfnissen,
wie denen nach Sicherheit, Schutz oder Stressreduktion, kommt der höhere Einfluss zu.
Diese Bedürfnisse aber werden weitgehend über soziale Beziehungen erfüllt und der
Forschungsstand ist, was die Bedeutung sozialer Unterstützung betrifft, eindeutig.“12
Aus: van Loon: „Aus der Großeinrichtung in den Sozialraum – Lebensqualität verbessern durch
Unterstützung“, S. 11
Glatzer und Zapf: „Lebensqualität in der Bundesrepublik“
Schalock: „Reconsidering the conceptualisation and measurement of quality of life”
Seifert: „Zielperspektive Lebensqualität“
Dworschak: „Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung“
Dokumentation der Tagung unter www.lebenshilfe-bayern, dort im Mitgliederbereich unter
Aus: Seifert: „Lebensqualität von Menschen mit schweren Behinderungen. Forschungsmethodischer
Zugang und Forschungsergebnisse“, S. 3
Professorin Dr. Iris Beck/Universität Hamburg
Aus: Beck: „Qualität in der Arbeit mit Menschen mit schweren Behinderung“, S. 7
Im Folgenden werden anhand der Grundlagen Schalocks die acht Kernbereiche, in die sich
Lebensqualität unterteilen lässt, kurz vorgestellt und Aussagen von Menschen mit Behinderungen aus der landesweiten Befragung der Lebenshilfe Bayern in Kursivschrift hinzugefügt.
Dazu zählen Freundschaften, soziale Netzwerke und soziale Aktivitäten. Das Vorhandensein von Freundschaft ist nach Dr. Metzler13 ein elementares „Urbedürfnis“14.
Nach Prof. Dr. Seifert ist die „Erfüllung der sozialen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit
und Anerkennung, nach Kommunikation und Interaktion (…) von zentraler Bedeutung. Sie sind die Basis für Entwicklung, Lebenszutrauen, Selbstbewusstsein und
emotionale Zufriedenheit und bieten Halt bei der Bewältigung von Krisen und
Konflikten.“15
„Ich brauche ein gutes Klima untereinander.“
„Es soll wie in einer Familie sein. Und man soll respektvoll miteinander umgehen.“
„Ich will, dass meine Freunde bei mir übernachten können.“
Gute Lebensqualität wird unter anderem davon beeinflusst, ob Menschen Wahlmöglichkeiten haben und eigene Entscheidungen fällen dürfen. Es ist wichtig für das
eigene Leben, persönliche Ziele zu entwickeln und größtmögliche Kontrolle darüber
haben zu können. Dafür müssen eigene Bedürfnisse erkannt und eigene Fähigkeiten
„Zusammen wohnen will ich nur mit Leuten, die ich mag.“
„Es sollte keine festen Essenszeiten geben – jeder soll essen, wenn er Hunger hat.“
„Ich will im Alter nicht umziehen müssen.“
„Gutes Wohnen ist für mich, wenn ich meine Regeln selber aufstellen kann.“
Lebensqualität hängt auch davon ab, dass ein Mensch innerhalb seiner Umgebung
und in der Gesellschaft unterschiedliche Rollen einnimmt. Er ist nicht nur der hilfebedürftige Mensch, er ist auch Kunde, Bürger oder Arbeiter. Menschen erleben es
sehr positiv, wenn sie als Individuum wahrgenommen werden, wenn sie von
anderen Bürgern gegrüßt und freundlich behandelt werden.
„Ich will von Menschen unterstützt werden, die sagen, was ich kann und wo ich
Verbesserungsbedarf habe. Ich will nicht immer gesagt bekommen, was ich nicht
„(…) eine interessierte und aufgeschlossene Nachbarschaft, um sich gegenseitig
besuchen zu können und auch miteinander zu feiern.“
„Ich will, dass gesehen wird, dass ich lebe!“
Für Menschen spielt es eine wichtige Rolle, dass sie Sicherheit erfahren dürfen und
positive Erfahrungen machen können. Angstfrei zu leben ist ein wichtiger Indikator
für Lebensqualität. Zu hoher Leistungsdruck und permanenter Stress beeinflusst das
emotionale Wohlbefinden negativ und kann sehr wohl auch das körperliche Wohl-
Dr. Heidrun Metzler/Eberhard Karls Universität Tübingen
Aus: Bezirk Mittelfranken: Besprechungsprotokoll, S. 6
Zugang und Forschungsergebnisse“, S. 12
befinden empfindlich stören. Nicht selten haben Menschen mit geistigen Behinderungen in ihrem Leben unter einer fehlenden oder häufig wechselnden Bezugsperson zu leiden. Diese ständigen deprivierenden16 Erfahrungen haben ebenfalls eine
grundlegende Auswirkung auf das emotionale Wohlbefinden. Als Folge davon
können wiederum Verhaltensauffälligkeiten auftreten, die sozusagen als Überlebensstrategien dienen.
„Lärm gefällt mir nicht. Wenn ich mit vielen Menschen lebe, ist es immer sehr laut.“
„Ich will ohne den M. wohnen. Der ärgert mich so, wenn er rumschreit.“
„Ich will in einer gemütlichen Atmosphäre leben.“
„Ich möchte mehr Ruhe und Zeit für mich.“
„Ich will keine Mitarbeiterwechsel mehr. Es ist schwer, sich immer neu zu gewöhnen.“
Hier spielen die Erfahrungen, die im Leben gemacht wurden, der Bildungsstatus und
die persönlichen Fähigkeiten eine Rolle. Ob ein Mensch positive Erinnerungen an
sein bisheriges Leben hat oder ob es von Misstrauen und Furcht geprägt war, wirkt
sich direkt auf seine Lebensqualität aus. Auch wo er gelebt hat und wie anpassungsfähig er grundsätzlich ist, spielt eine Rolle.
„Als ich klein war, gab es Schlafsäle. Das war schlimm.“
„Ich komme von einem kleinen Dorf und möchte da wieder wohnen. Aber nicht
alleine, sondern in einer kleinen Wohngruppe.“
Indikatoren dafür sind Gesundheit, Körperpflege, Ernährung und Bewegung. Auch
das Verhältnis zwischen Entspannung und körperlicher Betätigung sowie persönliche
Sicherheit wirken auf das körperliche Wohlbefinden ein. Ein weiteres Indiz für
Lebensqualität ist der Gesundheitsstand der Menschen. Ist die medizinische Versorgung ausreichend, wie ist der Ernährungszustand und haben die Menschen die
Möglichkeit, ihrem Körper das zu geben, was er benötigt?
„Ich brauche gute Unterstützung bei meiner Ernährung.“
„Nach der Arbeit ruhe ich mich am liebsten erst mal aus.“
„Wichtig wäre eine gute fachärztliche Versorgung für meinen Sohn, ein Arzt, der
sich mit geistiger Behinderung und Krankheiten auskennt. Das fehlt bei uns völlig.“
Hier spielt neben der Gleichstellung vor dem Gesetz auch die respektvolle und
würdevolle Behandlung sowie die Wertschätzung des einzelnen Menschen eine
„Die Putzfrau soll sich anmelden und nicht einfach in mein Zimmer kommen.“
„Wenn man nur mit meiner Erlaubnis in mein Zimmer darf.“
„Wir fühlen uns so oft als Bittsteller. Das ist nicht einfach für uns.“
Im letzten Kernbereich wird die finanzielle und berufliche Situation des Menschen
betrachtet, der Besitz von persönlichen Dingen, die für die Person einen bestimmten
subjektiven Wert haben. Hier lässt sich die objektive und subjektive Wahrnehmung
deprivieren: jemanden etwas entziehen/etwas (vor allem Bezugsperson) entbehren lassen
noch einmal anschaulich belegen: Es gibt Menschen, die trotz geringer oder ungesicherter finanzieller Bezüge eine hohe Lebensqualität haben, weil sie in anderen
Bereichen eine hohe Zufriedenheit erleben. Umgekehrt gibt es Personen, die in
objektivem Wohlstand leben und trotzdem unzufrieden sind.
„Wenn ich sicher wäre, dass ich meinen Arbeitsplatz behalten kann, würde ich viel
näher an meine Arbeit ziehen.“
„Ich hätte gerne ein zweites Zimmer. So kann ich in dem einen Raum wohnen und
im anderen schlafen.“
„Wenn ich mehr Geld hätte, wäre es schöner für mich. Im Wohnheim hätte ich
mehr Geld und mehr Freizeitangebote.“
„Ich brauche genügend Platz für meine Sachen.“
Aus obigen Ausführungen lassen sich nun folgende Schlüsse ziehen: Lebensqualität lässt sich
für Menschen mit und ohne Behinderungen in gleiche Bereiche untergliedern. Allein gute
Rahmenbedingungen (z. B. räumliche Ausstattung, hohe Personalschlüssel, Erfüllen
baulicher DIN-Normen) reichen nicht aus, um hohe Lebensqualität zu sichern. Die subjektiven Faktoren, wie etwas selbst bestimmen zu können, tragfähige soziale Beziehungen,
Einbindung in das öffentliche Leben, körperliches und emotionales Wohlbefinden sowie die
eigene Entwicklung spielen eine genauso schwerwiegende Rolle. Die Lebenshilfe stellt an
sich den Anspruch, gute Lebensqualität zu bieten und zu ermöglichen. In den folgenden
Kapiteln werden diese Faktoren immer wieder aufgegriffen.
4. Wer wohnt unter unserem Dach?
„Die Lebenshilfe sollte allen Personen ein Angebot machen.“17
Die Lebenshilfe in Bayern unterstützt und begleitet Menschen mit geistiger und anderer
Behinderung, unabhängig von Grad und Schwere der Behinderung oder Intensität des
Unterstützungsbedarfes. Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen, die bei der
Lebenshilfe nach einem Wohnangebot nachfragen, erhalten die individuelle, passgenaue
Unterstützung, die sie brauchen. Für Menschen, die spezielle Unterstützung und Assistenzleistungen benötigen, entwickelt die Lebenshilfe vor Ort ihre Angebote weiter. Sie will für
unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedarfen da sein. Zum Beispiel für
Menschen mit herausforderndem Verhalten,
Menschen mit sehr hohem Unterstützungsbedarf,
Menschen mit mehrfachen Behinderungen,
Menschen mit zusätzlichen körperlichen Einschränkungen,
Menschen mit zusätzlichen Sinnesbehinderungen,
Menschen mit einer Lernbehinderung,
Menschen mit psychosozialem Unterstützungsbedarf,
Menschen mit einer zusätzlichen Suchtproblematik,
Menschen mit Behinderungen, die demenzkrank sind,
Alte Menschen mit geistiger Behinderung,
Menschen mit Behinderungen und hohem Pflegebedarf,
Aus: Bundesvereinigung Lebenshilfe: „Wohnen heute“, S. 40
Kinder von Menschen mit Behinderungen,
Eltern mit Behinderungen,
Menschen mit zusätzlicher psychischer Erkrankung,
Bei der Lebenshilfe steht die einzelne Person im Mittelpunkt. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Ansprüchen beeinflusst das Angebot, das für und mit ihm entwickelt wird.
Das wird aus Sicht der Lebenshilfe Bayern unter dem Begriff „Personenzentrierung“18
Die Lebenshilfe begleitet Menschen mit Behinderungen von unterschiedlicher Herkunft,
Geschlecht und Religion. Sie ist konfessionell und parteipolitisch unabhängig. Die vielfältigen
Wohn- und Assistenzangebote stehen vorrangig Menschen mit geistigen Behinderungen zur
Einige Lebenshilfen in Bayern haben sich zusätzlich oder hauptsächlich auf andere Unterstützungsleistungen spezialisiert, z. B. für Menschen mit Hirn-Schädel-Traumata, für Menschen mit psychischer Behinderung oder für Menschen mit Beeinträchtigungen aus dem
autistischen Formenkreis.
In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass Menschen mit hohen Hilfe- und Unterstützungsbedarfen noch nicht überall in Bayern bei der Lebenshilfe Wohnangebote vorfinden.
Dies ist zum großen Teil der Tatsache geschuldet, dass die finanziellen Rahmenbedingungen
für kleinteilige Einrichtungen deutlich erschwert sind. Für ambulante Wohnangebote gilt
nach wie vor der Kostenvorbehalt19 und somit wird für diesen Personenkreis diese Wohnform bisher kaum bedacht.
Menschen mit sehr hohem Hilfebedarf werden überwiegend in speziellen Einrichtungen
unterstützt. Diese Häuser werden als „Wohnpflegeheim“ oder „Haus für Tagesförderstättengänger“ oder „Wohnstätte für Autisten“ bezeichnet. Die Konnotation lehnt sich stark an
die sogenannten Leistungstypen der Leistungsträger an. Darüber ist festgelegt, welche
Menschen in diesen Wohnstätten leben können und wer dafür geeignet ist. Bestimmte
Fähigkeiten oder Bedürfnisse werden also vorausgesetzt, um hier oder dort leben zu
können. Der Deutsche Verein schreibt hierzu: „(…) in sog. Leistungstypenkatalogen (werden)
zielgruppenorientierte, typisierende Beschreibungen von Einrichtungsleistungen (Angeboten) vorgenommen. Wenn aber nur Leistungen bewilligt werden können, für die
Leistungstypen gebildet wurden, kann dies bedeuten, dass der individuelle Bedarf nicht oder
nur begrenzt berücksichtigt wird. Selbst wenn entsprechende Leistungstypen vorhanden
sind, kann die Zuordnung des Leistungsberechtigten zu den Leistungstypen schwierig und
auch in diesem Fall die Erbringung einer bedarfsgerechten Leistung fraglich sein.“20
Vgl. Lebenshilfe-Landesverband Bayern: „Diskussionsbeitrag zum Thema Personenzentrierung“
Nach § 13 Sozialgesetzbuch (SGB) XII
Aus: Deutscher Verein: „Empfehlungen des Deutschen Vereins zur Bedarfsermittlung und Hilfeplanung in
der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen“, S. 5
Wohnen am Ort der Wahl kann bisher selten verwirklicht werden. Häufig entwickeln große
Träger solche besonderen Angebotsformen in komplexen Einrichtungen. Für kleinteilige,
gemeindenahe Lebenshilfen ist dies meistens schwierig. Bei kleinen Einheiten erschwert das
bisherige Finanzierungssystem die bedarfsgerechte Unterstützung von Menschen mit
hohem Hilfebedarf. Deshalb müssen Menschen, für die die vorgehaltenen Angebote nicht
(mehr) ausreichen, immer wieder zu anderen, größeren Anbietern wechseln.
Oftmals wohnen Menschen nicht von sich aus zusammen mit Personen, mit denen sie sich
nicht gut verstehen. Die Unterbringung erfolgt aufgrund vorgegebener Kategorien von
Leistungstypen. Dies führt im Alltag immer wieder zu schweren Konflikten unter den
Menschen, die nicht freiwillig zusammen wohnen und damit zum Verlust von Lebensqualität.
Die Lebenshilfe entwickelt seit einigen Jahren ihre Wohnangebote für alt und älter werdende
Menschen mit Behinderungen weiter. Die Räumlichkeiten werden barrierefrei ausgebaut
und unterschiedliche Angebote zur Tagesstruktur im Wohnhaus oder an einem anderen Ort
vorgehalten. Immer häufiger suchen Menschen Wohnangebote bei der Lebenshilfe, die
bisher nicht zur üblichen Zielgruppe gehören.
Die Lebenshilfe Bundesvereinigung hat 2012 einen weiteren Schritt in Richtung Öffnung des
Personenkreises gemacht und deshalb „für Menschen mit geistiger Behinderung“ aus ihrem
Namen gestrichen. Manche Eltern haben hier die Befürchtung, dass Menschen mit geistiger
Behinderung damit aus dem Blickfeld geraten. Diese Ängste werden von der Lebenshilfe
Die bayerischen Lebenshilfen machen sich auf den Weg und diskutieren die Lage vor Ort. Sie
betrachten den sich verändernden Personenkreis sowie die unterschiedlichen Anfragen
ausgehend von ihrem bisherigen Angebotsspektrum. Die Lebenshilfe nimmt die Herausforderung an, neue Angebote aufgrund der veränderten Bedürfnisse und Wünsche der anfragenden Menschen mit Behinderungen zu entwickeln. Diese und deren Angehörige werden
an diesen Prozessen beteiligt. Wenn es vor Ort gute Angebote von anderen Trägern gibt,
muss nicht unbedingt ein eigenes Angebot entwickelt werden. Die Lebenshilfe stellt ihr
großes fachliches Wissen als Kooperationspartnerin zur Verfügung.
Der Blick der Lebenshilfe auf den Menschen wandelt sich. Wohnformen für Menschen mit
Behinderungen werden nicht mehr nur aufgrund ihres gleichen Hilfebedarfes oder ähnlicher
Diagnosen entwickelt.
Lebenshilfe orientiert sich an den individuellen Bedürfnissen. Diese können sich auch im
Laufe des Lebens verändern je nach Alter und aktuellen Interessen. Es gibt auch Menschen,
die selbst nicht viel Unterstützung brauchen, aber gerne anderen helfen, oder alte
Menschen, die mit jungen zusammen leben möchten und umgekehrt. Bei den bayerischen
Lebenshilfen ist bei der Zusammensetzung der Wohngruppen nicht mehr der „vergleichbare
Hilfebedarf“ vorrangig, sondern die Komponente: „Wohnen wo und mit wem man will“.
5. Wohnen ist unterschiedlich – vielfältige Wege
„Ich bin mit meiner Wohnsituation unzufrieden. Mein Mitbewohner stört oft meine
Nachtruhe. Ich freue mich auf den Umzug in mein Einzelzimmer. Es soll gelb gestrichen
sein. Beim Anbau meiner Wandregale will ich mithelfen.“
Menschen mit Behinderungen, die Wohnangebote der Lebenshilfe wählen, leben bei der
Lebenshilfe in kleinen Wohneinheiten. Wohnen mit der Lebenshilfe findet so normal wie
möglich und mit geringem bürokratischem Aufwand statt. Menschen mit Behinderungen
wollen genau so leben wie nichtbehinderte Menschen auch. Lebenshilfen sehen sich als
Vordenker und bedenken auch bei ihren eigenen Häusern weitere Nutzungsmöglichkeiten
Es gibt viele unterschiedliche Wohnangebote bei den Lebenshilfen in Bayern. Die folgenden
Aufzählungen haben keineswegs einen Anspruch auf Vollständigkeit und sollen nur einen
Einblick in die Vielfalt des Wohnens vermitteln.
Es gibt Wohnungen, die die Lebenshilfe an Menschen mit Behinderungen vermietet.
Meistens sind hier die Menschen auch selbst Mieter und nehmen die Assistenzdienste der
Lebenshilfe in Anspruch. Das bedeutet, dass je nach Bedarf Assistenz für eine festgelegte
Anzahl an Stunden in die Wohnung kommt und Hilfestellung gibt oder berät.
Weiterhin gibt es unterschiedlich große Wohnheime. Seit vielen Jahren besteht bei der
Lebenshilfe zwar fachlicher Konsens, dass Wohnheime nicht mehr als 24 Plätze haben
sollten. Trotzdem gibt es auch Lebenshilfe-Häuser mit mehr oder auch weniger Plätzen. In
den Wohnheimen leben die Menschen in Wohngruppen mit 6 bis maximal 12 Menschen
zusammen, die sich als Gruppe selbst versorgen oder versorgt werden. Es gibt dort immer
eine Nachtbereitschaft oder einen Nachtdienst. Tagsüber ist das Personal dann anwesend,
wenn die Bewohner und Bewohnerinnen zu Hause sind.
Eine bayerische Lebenshilfe hat ein Haus zusammen mit einem Verein von Seniorinnen und
Senioren ohne Behinderungen bauen lassen und sich dort eingemietet. In diesem Haus
wohnen die älteren Menschen in einzelnen Apartments, die Menschen mit Behinderungen
in zwei Wohngruppen. Zusätzlich gibt es Räume für gemeinsame Aktivitäten.
Eine weitere bayerische Lebenshilfe hat ein Haus gebaut, in dem es einzelne Apartments
gibt. Dort können die Menschen in einer betreuten Wohngemeinschaft leben. Sie können
aber auch für sich allein wohnen und nur den ambulanten Assistenzdienst in Anspruch
nehmen. Falls sie mehr Unterstützung benötigen, ist es möglich, wieder die Unterstützung
der Wohngemeinschaft in Anspruch zu nehmen.
In einem großen Wohnhaus mitten in der Stadt hat eine Lebenshilfe einige Wohnungen
angemietet. Die anderen Wohnungen werden von Menschen ohne Behinderungen
bewohnt. Für die Menschen mit Behinderungen bietet die Lebenshilfe die kompletten
Leistungen eines Wohnheimes an, also auch eine Nachtbereitschaft. Sobald die Menschen
mit Behinderungen von der Arbeit oder Tagesstruktur in die Wohnung zurückkommen, ist
auch das Personal anwesend, das benötigt wird.
Es gibt unterschiedliche Konzepte für Schüler und Schülerinnen wie für alte und älter
werdende Menschen. Ebenso für Menschen mit hohem Hilfe- und Unterstützungsbedarf.
Ganz neu sind Genossenschaften und Gesellschaften bürgerlichen Rechts innerhalb der
Wohnbereiche der Lebenshilfen.
Die Lebenshilfe schafft in Bayern ihre Wohnangebote so kleinteilig wie möglich. Wohneinheiten über 24 Personen werden nicht mehr errichtet. Leistungsträger und staatliche Stellen
werden von den Verantwortlichen der Lebenshilfe davon überzeugt, dass Wohn- und Lebensqualität nicht in Anstalten, sondern in Wohnhäusern stattfindet. Je weniger Menschen in
einer Einheit zusammen leben, desto weniger Spannungen gibt es und desto weniger Reglementierungen sind nötig.
Lebenshilfe war viele Jahre lang Vorreiter bei der Errichtung kleiner Wohneinheiten. Nun gibt
es andere Anbieter, die ebenfalls kleine Wohnangebote inmitten der Gemeinden schaffen.
Die Lebenshilfe darf nicht stehen bleiben. Sie muss ihre Angebote so weiterentwickeln, wie
sie die Menschen wollen und brauchen.
Da Menschen in ihren verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Wohnangebote benötigen, muss die Lebenshilfe kreative Lösungen schaffen, die sich an die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort anpassen. Sie setzt Maßstäbe für das „Wohnen mittendrin“ mit Menschen
ohne Behinderungen, für Menschen mit hohen Unterstützungsbedarfen und für neue Personenkreise.
Die Ideen der Lebenshilfe dürfen sich nicht von vorhandenen Leistungstypen und Finanzierungsformen begrenzen lassen. Es gilt, selbstbewusst neue Wege mit den Leistungsträgern
zu diskutieren und diese zu begeistern, vor allem in Hinblick darauf, dass der gesellschaftliche Wandel sich bereits vollzieht und dass sie von den Menschen mit Behinderungen und
ihren Angehörigen gefordert werden.
6. Lebensphasen und Wohnen
„Ich habe eine große Wahrheit entdeckt, nämlich zu wissen, dass die Menschen wohnen,
und dass sich der Sinn der Dinge wandelt, je nach dem Sinn ihres Hauses.“
Jeder Mensch durchlebt im Laufe seines Lebens verschiedene Phasen. In jeder werden unterschiedliche Anforderungen an den Wohnraum gestellt. Die Wohnung bietet Raum für
persönliche Entwicklung. Je nach Lebensphase finden unterschiedliche Entwicklungen statt.
Die Lebenshilfe hält dafür verschiedene Angebote vor. Wohnen bedeutet für Kinder, Jugendliche und bei jungen Erwachsenen in erster Linie sich entfalten können, eigene Ressourcen
entdecken und erforschen, Lebensträume und Lebensziele wahrnehmen und entwickeln.
Das sind etwa junge Menschen, die sich vom Elternhaus ablösen, vielleicht in Wohngemeinschaften zusammenleben und sich der Erwachsenenwelt nähern.
Im mittleren Lebensalter richten sich die Menschen ein und verfolgen ihre Lebensziele. Sie
leben in Partnerschaften, gründen manchmal Familien und sind berufstätig. Ebenso kann
diese Zeit geprägt sein von Trennungen oder gar dem Tod von Eltern und Angehörigen. So
können sich Anforderungen an Wohnung und Begleitung immer wieder verändern.
Älter werdende Menschen wünschen sich häufig Sicherheit und Geborgenheit in einem
Netzwerk. Sie blicken auf einen reichen Erfahrungsschatz zurück, den sie gerne teilen
wollen. Manche wollen in ihrer vertrauten Umgebung verbleiben. Mit dem Ausscheiden aus
dem Arbeitsleben oder dem Wegfall der bisher vertrauten Tagesstruktur ist es für die
Menschen in dieser Lebensphase wichtig, ihrem Leben Sinn zu geben und nicht in ein
„Loch“ zu fallen.
Wohnen ist nicht statisch. Viele Menschen geraten im Laufe ihres Lebens immer wieder an
ihre Grenzen oder in Situationen, in denen es nicht mehr weiterzugehen scheint. Dann ist es
notwendig, neue Ausgangspunkte und Ziele zu setzen und die Grenzen nicht als Sackgasse
zu verstehen. Auch wenn eine Wohnform sich während einer Lebensphase als nicht
geeignet heraus stellt, kann sie zu einem anderen Zeitpunkt genau richtig sein.
Lebenshilfe hat beim Wohnen die Entwicklung eines Menschen und seinen Lebensrhythmus
im Blick. Unabhängig vom Hilfebedarf werden differenzierte Wohnmöglichkeiten angeboten. Wahlmöglichkeiten von Wohnort, Mitbewohnern und der Wohnform werden
geschaffen und ermöglicht. Die Wohnangebote der Lebenshilfen in Bayern sind an die unterschiedlichen Ansprüche und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen in verschiedenen Lebensphasen orientiert und angepasst.
Bei den Lebenshilfen in Bayern wohnen Paare, Familien, Freunde und Freundinnen, Zweckgemeinschaften, Singles und alte Menschen zusammen. Lebenshilfe versucht Menschen
nach deren individuellen Bedürfnissen und Entwicklungsphasen zu begleiten. Wohnen heißt
aber auch, dass Kategorien existieren, die den Bedürfnissen in den unterschiedlichen Lebensphasen zu wenig gerecht werden, z. B. die strikte Trennung zwischen ambulantem und
stationärem Wohnen. Diese Kategorien sind häufig undurchlässig und zu wenig flexibel. Das
bedeutet, dass bei plötzlichem Bedarf nur schwer zwischen den verschiedenen Leistungstypen gewechselt werden kann.
Lebenshilfe setzt sich verstärkt mit den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen in den
unterschiedlichen Lebensphasen auseinander. Die Lebenshilfen vor Ort finden heraus,
welche Vorstellungen Menschen mit Behinderungen vom Wohnen haben. Sie wenden
entsprechende Instrumente an, um die Menschen mit Behinderungen dahingehend zu
unterstützen, eigene Ideen und Vorstellungen zu entwickeln (z. B. die persönliche Zukunftsplanung21). Die Lebenshilfe will auch in Politik und Gesellschaft das Verständnis fördern,
damit die verschiedenen Bedarfe in den Lebensphasen gedeckt und somit die Übergänge
Vgl. Boban und Hinz: „Persönliche Zukunftskonferenzen“
zwischen den Wohnformen leichter werden. Sie ist als Interessensvertreterin für Menschen
mit Behinderungen und deren Familien in der Behindertenpolitik aktiv. Die Lebenshilfe ist
sich bewusst darüber, dass „Wohnen mit und bei der Lebenshilfe“ nicht immer das gleiche
Zimmer im gleichen Haus meint. Unterschiedliche Lebensphasen brauchen verschiedene
Lebenshilfe berücksichtigt beim Bauen oder Mieten die unterschiedlichen, sich verändernden Lebensphasen und -bedarfe der Menschen. Sie bezieht Betroffene und deren Angehörige und Personal in Planungen ein, um Interessen und Anforderungen aufzugreifen und
personenzentrierte Angebote machen zu können.
Lebenshilfe vernetzt sich vor Ort mit anderen Anbietern, um unterschiedlichen Entwicklungsphasen mit jeweils passenden Unterstützungsleistungen zu begegnen. Partner können
unter anderem sein Hospize, Altenhilfe, Jugendämter und Bauträger. Bei ihren Beratungstätigkeiten hat sie die sich verändernden Lebensphasen von Menschen mit Behinderungen
7. Wohnen in der Gesellschaft
„Alle Bereiche der Gesellschaft sollen so gestaltet sein, dass sie die Teilhabe von Menschen
mit Behinderungen von vorneherein ermöglichen.“22
Lebenshilfe unterstützt Menschen mit Behinderung dabei, selbst herauszufinden, was für sie
wichtig ist und demnach auch, selbst zu wählen wo und wie sie wohnen und leben wollen.
Die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Leben in der Gesellschaft ist ein vorrangiges Ziel der Lebenshilfe. Sie unterstützt dabei, eigene Meinungen zu bilden, selbstbewusst
und selbstverständlich für die eigenen Interessen einzutreten und aktives Mitglied der Gesellschaft zu sein – unabhängig vom Ausmaß der Behinderung.
Menschen mit Behinderungen werden in der Nachbarschaft und Gesellschaft als Mitbürger
und Mitbürgerinnen wahrgenommen. Sie sind Kunden in Geschäften, bei Banken und
anderen Dienstleistungsanbietern. Sie bereichern das gesellschaftliche Leben, indem sie
bürgerliche Aktivitäten in Vereinen oder ehrenamtliche Tätigkeiten wahrnehmen. Menschen
mit Behinderungen nehmen selbstverständlich an Veranstaltungen des öffentlichen und
kulturellen Lebens teil. Kommunale Entscheidungsträger nehmen Menschen mit Behinderungen als Bürgerinnen und Bürger mit Rechten und Pflichten wahr. Sie werden bei städtebaulichen Entscheidungen und zu Fragen der Barrierefreiheit als Fachleute mit einbezogen.
Menschen mit Behinderungen leben oft in homogenen „Sonderwelten“ und werden
deshalb selten in der Gemeinde wahrgenommen. Fahrdienste bringen sie zu ihren Werkstattarbeitsplätzen, spezielle Freizeitangebote in den Einrichtungen vermeiden ein gemeinsames Erleben von Menschen mit und ohne Behinderungen in den Bereichen Freizeit, Kultur,
Sport und Politik. Menschen mit Behinderungen, die in Wohneinrichtungen mit Vollversor-
Aus: Bundesvereinigung Lebenshilfe: „Grundsatzprogramm“, S. 8
gung leben, müssen nicht selbst einkaufen gehen. Damit finden aber auch keine alltäglichen
Begegnungen beim Bäcker oder in der Post statt. Sie werden in der Öffentlichkeit selten als
Kunden und Bürger wahrgenommen und haben von daher auch wenig Erfahrung mit diesen
gesellschaftlichen Rollen. Die zu geringe Mitarbeiterbesetzung im Wohn- und Gruppenalltag
macht es nicht immer möglich, Teilhabe zu verwirklichen und auch Menschen mit hohem
Unterstützungsbedarf am Leben in der Gesellschaft teilhaben und teilnehmen zu lassen. So erledigt das Personal stellvertretend z.B. Einkäufe oder lässt den Friseur ins Wohnheim kommen.
Die Lebenshilfe verhandelt und schafft inklusive Wohn- und Lebensbedingungen, unabhängig von der Schwere der Behinderung und vom erforderlichen Unterstützungs- und
Hilfebedarf. Die Lebensumstände der Menschen mit Behinderungen sollen den Lebensentwürfen von Nichtbehinderten so nahe wie möglich kommen. Jede Lebenshilfe vor Ort überprüft sich selbst dabei, wie bei ihren Wohnangeboten Teilhabe am Leben in der Gesellschaft
• In Wohneinrichtungen hat jeder Mensch mit Behinderung einen eigenen Briefkasten,
ein Klingelschild und einen Hausschlüssel.
• Die Wohneinheiten, die in Wohnsiedlungen gebaut, gemietet oder gekauft werden,
haben maximal 24 Plätze.
• Die Einrichtungen sind als Wohnhäuser, nicht als Heime erkennbar.
• Institutionelle Vorgaben, wie die Hausbezeichnung „Lebenshilfe-Heim XY“ werden
kritisch beobachtet und hinterfragt.
• Es wird überprüft, ob Menschen mit Behinderungen am Leben in der Gemeinde in
großen Gruppen teilnehmen müssen oder als einzelne Personen auftreten können
(z. B. beim Einkaufen).
• Menschen mit Behinderungen holen sich ihre Dienstleistungen bei Friseur, Arzt und
Fußpflege vor Ort ab, wie alle anderen Bürger und Bürgerinnen auch.
• Direkte Kontakte zu den Nachbarn werden aufgebaut und gepflegt.
• Das Personal ist sich bewusst, als Vertreter der Lebenshilfe wahrgenommen zu werden.
• Kontakte zu Vereinen, Geschäften, Institutionen in der näheren Umgebung werden
hergestellt. Die Menschen mit Behinderungen werden als Kunden und Bürger wahrgenommen.
• Menschen mit Behinderungen werden von den Einrichtungen oder Diensten dabei
unterstützt, eigene Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten.
Die Lebenshilfe macht immer wieder bei Politik und Verwaltungen deutlich, dass wirkliche
Teilhabe von Menschen mit Behinderung nur erreicht werden kann, wenn die Eingliederungshilfe ausreichend finanziert und personell ausgestattet wird. Weiterhin setzt die
Lebenshilfe sich dafür ein, dass Vernetzung und Sozialraumgestaltung ebenso fallspezifische
und personenzentrierte Aufgaben sind wie die direkte Unterstützung von Menschen mit
8. Selbstbestimmen und Wohnen
„Befragungen zufolge äußern Erwachsene mit Lernschwierigkeiten und mehrfacher Behinderung die gleichen Wohnbedürfnisse wie andere Menschen auch. (…) Viele von ihnen
wollen (…) eine aktive und eigenständig-verantwortliche Einflussnahme auf die Lebensgestaltung (Selbstbestimmung, Situationskontrolle) (…).“23
Die Erfahrung, selbst Einfluss auf das Geschehen nehmen zu können, stärkt das Selbstbewusstsein von Menschen. Sich als handelnde Person zu erleben, bedeutet eigene Entscheidungen zu
treffen. Das Vertrauen in das eigene Handeln zu entwickeln, ist nach Jacques Heijkoop24
der erste Behandlungsschritt bei Menschen, die herausfordernde Verhaltensweisen zeigen.
Die Stärkung von Eigenmacht und Autonomie ist ein grundlegender Faktor, der unsere
Lebensqualität beeinflusst. Von daher ist „Empowerment“ als „Anstiften zur Aneignung von
Selbstbestimmung über die Umstände des Lebens“25 zu sehen und ein herausragendes
Instrument in der Eingliederungshilfe. Theunissen spricht auch von der erlernten Bedürfnislosigkeit, die es zu überwinden gilt.
Die Lebenshilfe unterstützt Menschen mit Behinderungen dabei, eigene Bedürfnisse und
Vorstellungen zu entwickeln und zu erkennen. Sie erleben, dass sie Entscheidungen über das
eigene Leben treffen und herausfinden können, was für sie wichtig ist.
Menschen, unabhängig von Art und Schwere ihrer Behinderungen, werden dabei unterstützt, herauszufinden wie sie gerne leben möchten und was sie dazu benötigen. Alle
Menschen nähern sich ihren Zielen Schritt für Schritt an. Die Zeit spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Manche Ziele werden nicht erreicht oder zwischenzeitlich verworfen. Das ist
bei Menschen mit und ohne Behinderungen gleich und entspricht der Normalität. Menschen
mit Behinderungen treffen eigene Entscheidungen. „Nein“ sagen wird akzeptiert und ist
Ausdruck von Eigenregie.
Bei der Lebenshilfe wird nicht die Gruppe von Menschen (z. B. die „Wohngruppe“) unterstützt, sondern die einzelne Person. Dies entspricht der „(…) Individualisierung der Lebensbegleitung durch konsequente Nutzerorientierung (...)“26. Der Blick richtet sich auf die Fähigkeiten und Stärken, diese werden hervorgehoben und gefördert. Die Lebenshilfe unterstützt
und begleitet, statt zu regeln und zu betreuen. Menschen mit Behinderungen finden in der
Lebenshilfe Menschen, mit denen sie ihr Leben planen und gestalten können.
Über 3.500 Menschen mit Behinderungen wohnen bei der Lebenshilfe in Bayern in stationären Wohneinrichtungen, also in Wohnheimen. Dort sind die Häuser zumeist in Wohngruppen unterteilt. Die Gruppengrößen reichen von 6 bis 12 Personen. Um den Alltag in den
Wohngruppen zu gestalten, bedarf es Regelungen für alle Beteiligten. Das Motto „Der
Mensch im Mittelpunkt“ kann hier nicht immer umgesetzt werden.
Aus: Theunissen, Schirbort: „Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung. Zeitgemäße Wohnformen
– Soziale Netze – Unterstützungsangebote“, S. 59
Vgl. Jacques Heijkoop: „Herausforderndes Verhalten von Menschen mit geistiger Behinderung“
Aus: Deutscher Verein: „Fachlexikon der Sozialen Arbeit“, S. 232
Zugang und Forschungsergebnisse“, S. 16
Der Begriff „Empowerment“ wird häufig mit Menschen mit geringem Hilfebedarf in Verbindung gebracht. Bei Menschen mit hohem Hilfebedarf gerät die Befähigung zur Eigenregie
manchmal in den Hintergrund, weil scheinbar die pflegerische Versorgung vorrangig ist.
Die Möglichkeit, als Mensch mit Behinderung bei Neuaufnahmen mit zu entscheiden, wer
in die eigene Wohngruppe einzieht, wird immer öfter geschaffen (z. B. durch Probewohnen).
Bei Notaufnahmen, wenn etwa die Angehörigen plötzlich verstorben sind, ist dies jedoch
häufig nicht möglich. Die Hilfe- und Förderplanung27 wird zumeist mit den Nutzern erarbeitet
und umgesetzt. Da diese jedoch als Grundlage zur Finanzierung der Maßnahmepauschale28
der Einrichtung dient, steht häufig die Abbildung des Hilfebedarfs im Vordergrund. Sie hat
wenig mit der Festlegung und Erreichung eigener Ziele zu tun. „Empowerment“ ist seit
vielen Jahren in der Ausbildung der Fachkräfte verankert. Beim Thema „Empowerment“
werden Menschen mit hohem Hilfebedarf jedoch nach wie vor scheinbar vergessen.
Einige Lebenshilfen befragen Menschen mit Behinderungen, wie zufrieden sie mit den Angeboten im Bereich Wohnen sind. Die Auswertungen dienen der Verbesserung der Wohnqualität. Die persönliche Zukunftsplanung wird immer häufiger als gängige Praxis eingesetzt. Bei
dieser Methodik wird entgegen der Förder- und Hilfeplanung eine gewisse Lebensphase in
den Blick genommen. Mit der Unterstützung von Freunden, Angehörigen und gegebenenfalls auch Fachleuten wird beraten, welche Möglichkeiten sich bieten könnten und welcher
Weg eingeschlagen werden kann. Persönliche Zukunftsplanung kann z. B. eingesetzt werden, wenn das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben ansteht.
Bei der Lebenshilfe haben die Menschen Auswahlmöglichkeiten. Dies betrifft sowohl den
Alltag als auch die ganz grundlegende Entscheidung, wo und mit wem sie wohnen wollen.
Wählen und Entscheiden sind Lernvorgänge, die sich Menschen mit und ohne Behinderungen in kleinen Schritten aneignen. Hierzu muss zuerst erfahren werden, dass es unterschiedliche Alternativen gibt. Die Unterstützer benötigen vertiefte Kenntnis von Methoden,
um Menschen mit eingeschränktem Ausdruck Entscheidungsmöglichkeiten anzubieten.
Diese Instrumente werden bei Schulungen und Weiterbildungen vermittelt. Die Lebenshilfe
wendet die vorhandenen und passenden Instrumente29 an, die den Menschen mit hohem
Unterstützungsbedarfen und denen, die sich nicht eindeutig äußern können, die Möglichkeit geben, sich auszudrücken und somit ihren Willen zu bekunden.
Förderung und Weiterentwicklung kann nur stattfinden, wenn sie von der betreffenden
Person gewollt ist. Von daher wird die Hilfe- und Förderplanung konsequent mit den Betroffenen erstellt und umgesetzt. Die Unterstützung und Begleitung orientiert sich am individuellen Bedarf und am Willen des Menschen mit Behinderung.
Selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen bedarf eines größeren zeitlichen und personellen
Aufwandes, als wenn die Entscheidung von den Mitarbeitern abgenommen wird. Es dauert
natürlich viel länger, wenn ein Mensch mit hohem Unterstützungsbedarf seine Kleidung
selbst auswählt, vielleicht diese noch befühlt und daran riecht, als wenn das Personal die
Individuelle Planung angestrebter Erlebnis-, Erhaltens-, Förder- und Informationsziele des einzelnen
Menschen mit Behinderung. Vgl. PfleWoqG Art. 3 Abs. 2 Ziffer 9; Art. 6 Abs. 1 Ziffer 2 und Art. 20 Ziffer 4
Vgl. § 76 SGB XII
z.B. Unterstützte Kommunikation
Sachen einfach aus dem Schrank legt. Diese Zusammenhänge muss die Lebenshilfe gegenüber den Kostenträgern immer wieder deutlich machen. Die Lebenshilfe geht vom
Menschen mit seinen Möglichkeiten aus und beteiligt ihn bei seiner individuellen Zukunftsplanung. Unterstützer und Mitarbeitende werden durch konsequente Reflexion, Weiter- und
Fortbildung zu den Grundhaltungen „Empowerment“ und Selbstbestimmung unterstützt.
Die Leitungen der unterschiedlichen Dienste und Wohneinrichtungen fördern und fordern
diese Haltung bei Personal und bei sich selbst.
9. Mitbestimmen und Wohnen
„Mit uns – für uns“30
„Nichts über uns ohne uns“31
Menschen mit Behinderungen sind Mitbürger und Mitbürgerinnen mit gleichen Rechten und
Pflichten. Somit sind sie auch in der Gemeinde, in der sie leben, in Gremien vertreten. Auch
in der Lebenshilfe wird das Motto „Nichts über uns ohne uns“ in den bayerischen Orts- und
Kreisverbänden auf verschiedenen Gremienebenen umgesetzt. Menschen mit Behinderungen sind aktiv am Vereinsleben der Lebenshilfen beteiligt und erhalten die nötige Assistenz und Weiterbildung dafür.
Die Mitbestimmung der Bewohnervertreter in Wohnheimen ist durch die gesetzliche Verankerung seit 2008 im Pflege- und Wohnqualitätsgesetz sichergestellt. Im Alltag werden
Menschen mit Behinderungen z. B. beim Planen des Urlaubs, der jeweiligen Mahlzeiten und
beim Gestalten von Festen beteiligt. Im Ambulant Unterstützten Wohnen gibt es jedoch
bislang kaum Vertretergremien. Hier spricht jeder für sich selbst. Bei manchen Orts- und
Kreisvereinigungen sind Menschen mit Behinderungen Mitglieder im Verein oder in der
Vorstandschaft. Es gibt auch Beiratsgremien, die die Vorstandschaft beraten. Im LebenshilfeLandesverband Bayern können Menschen mit Behinderungen in den Ausschüssen mitarbeiten. Es werden Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für gelingende Ausschuss- und
Gremienarbeit für Menschen mit Behinderungen angeboten.
Die Lebenshilfen vor Ort überlegen gemeinsam mit den Menschen mit Behinderungen, wie
sich diese beteiligen können und wollen. Vertreter von Menschen mit Behinderungen sollten
bei Einstellungsgesprächen von neuem Personal im Wohnbereich anwesend sein. Sie
müssen dabei natürlich eigene Fragen stellen können, z. B. wie sich der Bewerber oder die
Bewerberin verhalten würden, wenn Menschen mit Behinderungen nicht das tun, was sie
ihrer Ansicht nach tun sollten. Die Lebenshilfe schafft und unterstützt Beiräte oder Gremien
von Menschen mit Behinderungen, die Vorstände beraten oder selbst Vorstände werden
wollen. Die nötige Assistenz für Gremienarbeit muss bei den Kostenträgern verhandelt
Aus: Bundesvereinigung Lebenshilfe: „Grundsatzprogramm“, S. 52
Motto des Europäischen Jahres für Menschen mit Behinderungen 2003
Menschen mit Behinderungen werden dabei unterstützt, für sich selbst zu sprechen und zu
handeln. Sie besuchen Schulungen oder Workshops. Die Lebenshilfen begleiten und unterstützen Menschen mit Behinderungen dabei, an Arbeitskreisen und Gremien außerhalb der
Lebenshilfen teilzunehmen.
10. Begleitung und Assistenz beim Wohnen
„Die Lebenshilfe braucht sehr gute Mitarbeiter.“32
„Die Betreuer geben sich echt Mühe, alles so hinzukriegen, wie ich es möchte.“
Begleitung und Assistenz beim Wohnen stellen den einzelnen Menschen mit seinen Rechten
und individuellen Bedürfnissen in den Mittelpunkt. Die Lebenshilfe als Eltern- und Selbsthilfeorganisation hat sehr engagiertes, gut ausgebildetes Personal mit umfangreichem Fachwissen. Das berufliche Selbstverständnis und Menschenbild orientiert sich an der UN-Behindertenrechtskonvention und dem Grundsatzprogramm der Lebenshilfe. Die immer wieder
stattfindenden Veränderungsprozesse werden aktiv vom Personal mitgetragen und weiterentwickelt wie die Umsetzung von mehr sozialraumorientierten, inklusiven Wohnangeboten
und Netzwerktätigkeiten.
Die Mitarbeiter sind mit den laufenden Veränderungen des Berufsfeldes im Wohnbereich
(hier vor allem in der Heilerziehungspflege) konfrontiert und stellen sich auf die sich
ändernden, fachlichen Anforderungen in pädagogischen und pflegerischen Bezügen ein.
Das Verhältnis zwischen den angestellten Männern und Frauen ist zahlenmäßig ausgewogen. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kennen das Grundsatzprogramm der Lebenshilfe sowie grundlegende Positionspapiere. Die Orts- und Kreisvereinigungen entwickeln
eigene Leitbilder, an denen sich alle innerhalb der Lebenshilfe orientieren. Das gesamte
Personal wird von Anfang an in diese Prozesse mit einbezogen. Die Lebenshilfe erkennt den
hohen Wert ihres gut ausgebildeten Mitarbeiterstammes und sichert eine angemessene
finanzielle Vergütung. Sie ist eine anerkannte Arbeitgeberin, die gezielte Personalentwicklung betreibt. Die Lebenshilfe ist darauf bedacht, engagiertes Personal zu fördern. Häufige
Wechsel von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen werden wenn möglich vermieden, um
konstante und tragfähige Beziehungen für die Menschen mit Behinderung zu gewährleisten.
Ehrenamtliches und freiwilliges Engagement ist in der Lebenshilfe erwünscht. Ehrenamtlich
Tätige können für Menschen mit Behinderungen weitere Sozialräume öffnen. Die Lebenshilfe als Arbeitgeberin ist sich bewusst, dass das Ehrenamt als Ergänzung im Wohnbereich
willkommen ist, es kann und soll aber kein hauptamtliches Personal ersetzen.
Die Ansprüche an Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Wohnbereich sind sehr hoch und
vielfältig. Aufgrund der behindertenpolitischen und rechtlichen Veränderungen durch die UNBehindertenrechtskonvention müssen Assistenten und Begleiter sich in noch viel größerem
Ausmaß mit dem Auftreten in der Öffentlichkeit auseinander setzen. Um Menschen mit
Behinderungen in die Gemeinde mit einzubinden und Teilhabe außerhalb der vier Wände zu
Aus: Bundesvereinigung Lebenshilfe: „Grundsatzprogramm“, S. 57
ermöglichen, bedarf es verständlicher und überzeugender Kommunikation mit den Ansprechpartnern vor Ort sowie die Bereitschaft sich zu vernetzen.
Die Einstellungen von Menschen mit Behinderungen verändern sich ebenfalls. Sie haben
andere Ansprüche an das Leben und Wohnen als die Generation vor 20 Jahren. Sie sehen
sich eher als Kunden. Auch die alten Menschen mit Behinderungen stellen neue Herausforderungen an das vorrangig pädagogische Personal. Sie haben andere Bedürfnisse wie Menschen
in den mittleren Lebensjahren33. Die pflegerischen Tätigkeiten, die eine Grundlage für Teilhabe sind, müssen intensiv geschult und trainiert werden.
Viele langjährige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stehen aktuell kurz vor der Rente. Neues,
gut ausgebildetes Personal wird händeringend gesucht. Gerade im Wohnbereich ist es sehr
schwierig, engagierte Fachkräfte zu bekommen. Andere Arbeitsplätze für Fachpersonal, z. B.
in Kindertagesstätten, unterliegen keinem Schichtbetrieb, scheinen somit attraktiver und
ziehen verstärkt Arbeitskräfte vom Wohnbereich ab. Aufgrund arbeitsrechtlicher Vorgaben
ist es außerdem mitunter schwierig, bestehende Vollzeitarbeitsplätze im Schichtbetrieb zu
erhalten. Sie müssen oft in Teilzeitarbeitsstellen umgewandelt werden. Die Arbeitsplätze im
Ambulant Unterstützten Wohnen richten sich nach dem tatsächlichen und manchmal wechselnden Bedarf der Menschen mit Behinderungen. Sie sind personenzentriert. Das heißt, die
Arbeitszeiten unterliegen starken Schwankungen, je nach Unterstützungsbedarf der Nutzer.
Das bedeutet für die Dienste, dass sie den Mitarbeitenden keine dauerhafte Beschäftigung
Die Lebenshilfe richtet ihr Augenmerk auf die Gewinnung und Ausbildung von Fach- und
Hilfskräften. Durch die eigene Ausbildung von Fach- und Hilfskräften bei der Lebenshilfe
wird das Personal an die Lebenshilfe gebunden. Hierzu muss die Lebenshilfe fachlich versierte Anleitung sowie ein auskömmliches Ausbildungsentgelt sicherstellen. Durch die Kooperation mit den Ausbildungsträgern sichert die Lebenshilfe den fachlichen Austausch in beide
Richtungen und ist verlässliche Partnerin der Fachschulen und anderer Ausbildungsstätten.
Lebenshilfe ist Arbeitgeberin für jüngere und ältere Mitarbeiter. Sie achtet auf ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen ebenso wie auf Bedarfe der Menschen mit Behinderungen. Sie setzt auf Vielfalt in ihren multiprofessionellen Arbeitsteams.
Sie unterstützt und fördert ihr Personal durch Fort- und Weiterbildung. Hohen psychischen
oder physischen Arbeitsbelastungen begegnet die Lebenshilfe mit Supervision, Beratung und
gesundheitlicher Vorsorge. Arbeits(zeit)modelle, die das Personal in deren jeweiligen Lebensphasen mit Teilzeitmodellen oder altersgemäßen Arbeitsplätzen unterstützt, werden
gemeinsam entwickelt. Perspektiven, sowohl für jüngere als auch ältere Mitarbeiter, werden
geschaffen. Die Lebenshilfe positioniert sich sozialpolitisch entsprechend und setzt sich für
eine gute Personalausstattung beim Wohnen ein.
Die Mitarbeitenden werden über behindertenpolitische und gesellschaftliche Veränderungen
informiert und „mitgenommen“. Die jeweiligen Anpassungen der Aufgabenfelder in Bereich
Assistenz beim Wohnen (z. B. „Vom Betreuer zum Begleiter“34) wird mit der Mitarbeiterschaft
Vgl. Kapitel 6 „Lebensphasen und Wohnen“
Hähner; Niehoff; Sack; Walther: „Vom Betreuer zum Begleiter“
und der gesamten Organisation vollzogen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden in die
Organisationsentwicklungen eingebunden. Paradigmenwechsel werden nicht nur auf
Leitungsebene, sondern auch mit dem Personal diskutiert und umgesetzt. Die Lebenshilfen
überlegen, in welchen Bereichen sie sich ehrenamtliches Engagement im Bereich Wohnen
vorstellen können. Ehrenamtliche müssen professionell gefördert, motiviert und begleitet
werden. Dies muss finanziell bzw. personell hinterlegt sein.
11. Wohnen – Alles was recht ist
„Immer wenn wir mit der Verwaltung zu tun haben, fühlen wir uns hilflos.
Man wird so zermürbt.“35
Die UN-Behindertenrechtskonvention wird in vollem Umfang zu Gunsten der Menschen mit
Behinderungen umgesetzt. Sie ist geltendes Recht. Menschen mit Behinderungen als
Leistungsberechtigte erhalten ihre Leistungen problemlos. Geltendes Recht wird unbürokratisch angewandt. Menschen mit Behinderungen erhalten Pflegeleistungen nach SGB XI und
SGB V innerhalb der Eingliederungshilfe. Die Möglichkeiten, die das persönliche Budget
bietet, können barrierefrei ausgeschöpft und somit gegebenenfalls bestimmte Versorgungslücken geschlossen werden. Der aktuelle Umfang der Eingliederungshilfe für Menschen mit
Behinderungen verschlechtert sich nicht. Die Unterstützungsleistungen für Menschen mit
Behinderungen sind nicht abhängig von der Finanzlage der jeweiligen Kommune. Der Finanzierungsvorbehalt nach §13 SGB XII, in dem vermerkt ist, dass der Vorrang ambulanter
Leistungen entfällt, sobald erhebliche Mehrkosten entstehen, wird aufgehoben.
Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen werden häufig als Bittsteller behandelt,
die um ihr Leistungsrecht kämpfen müssen. Sobald sich der Hilfebedarf verändert und
erhöht, entsteht ein hoher Bürokratieaufwand. Der Finanzierungsvorbehalt schränkt in vielen
Bereichen das Wunsch- und Wahlrecht ein (z. B. Ambulant Unterstütztes Wohnen für
Menschen mit hohem Hilfebedarf). Die Rechtslage ist zufriedenstellend, wird aber von den
Verwaltungen nur zögerlich umgesetzt.
Die Lebenshilfe zeigt politisches Engagement auf allen Ebenen. Sie setzt sich dafür ein, dass
Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen nicht in der Rolle der Bittsteller
gesehen werden, sondern als vollwertige Mitbürger.
Die Lebenshilfe sorgt für die Einhaltung der rechtlichen Vorgaben und unterstützt Menschen
mit Behinderungen und ihre Angehörigen, indem sie dazu fachlich berät. Sie ist ein Verein
und Elternverband, der neue, nicht vorgegebene Wege außerhalb bestehender Leistungstypen bedenken und gegebenenfalls neue Vereinbarungen mit den Leistungsträgern verhandeln muss (z. B. für eine durchgängige, ambulante wie stationäre Begleitung innerhalb einer
Zitat von Eltern eines behinderten Menschen
Wohnung, wenn der Bedarf wechselt). Die Lebenshilfe unterstützt Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen bei der Nutzung des Persönlichen Budgets.
Die Lebenshilfe engagiert sich regional, bezirks- und landesweit. Sie ist aktiv in der Verbandsarbeit und Interessensvertretung für Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige.
12. Lebenshilfe in Bayern
„Ohne die Lebenshilfe wäre die Behindertenhilfe in Bayern längst nicht so weit,
wie sie heute ist.“36
Die Lebenshilfe gestaltet die soziale Zukunft für Menschen mit Behinderungen in Bayern. Sie
sieht sich in der Verantwortung, den beschriebenen Perspektivenwechsel zu beschreiten und
die Umsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderungen maßgeblich zu unterstützen.
Vor nunmehr über 50 Jahren nahm die Lebenshilfe als Elternverband ihren Anfang. Die
Angehörigen waren es, die der Politik und Gesellschaft durch ihre moralische Präsenz vieles
erst nahebrachten, was heute so selbstverständlich erscheint wie das Recht auf Bildung und
Arbeit für ihre behinderten Kinder oder kleine Wohneinheiten direkt in der Gemeinde.
Die Lebenshilfen vor Ort sind heute auch mittlere und große soziale Dienstleistungsbetriebe.
Die Organisation in Vereinen legt zugrunde, dass ehrenamtliche Vorstände für diese Unternehmen verantwortlich sind. Diese Situation ist aufgrund der großen Verantwortungsbereiche nicht immer einfach. Von daher setzen die meisten Vereine eine hauptberufliche
Geschäftsführung ein, die mit dem Vorstand eng zusammenarbeitet.
Die Lebenshilfe muss heute und zukünftig in besonderer Weise unter Beweis stellen, dass sie
die verschiedenen Rollen als Interessensvertretung, Selbsthilfe- und Elternvereinigung,
Trägerin von Einrichtungen und Fachverband in Einklang bringen kann. Sie muss bewährte
Einrichtungen erhalten wie kleinteilige Wohnhäuser inmitten von Wohngebieten und gleichzeitig neue Konzepte und Modelle entwickeln sowie deren Umsetzung wagen. Sie muss
bereit sein, sich weiterzuentwickeln und sich je nach Bedarf der Menschen mit Behinderungen zu verändern.
Barbara Stamm, Landesvorsitzende der Lebenshilfe Bayern, auf der Jahrestagung der Lebenshilfe Bayern,
Ihr gesellschaftliches Engagement hat die Lebenshilfe stark gemacht und Menschen mit
Behinderungen und deren Angehörige vielfach zu ihren Rechten verholfen. Auch in Zukunft
soll Lebenshilfe von diesen Selbsthilfegedanken vor allem als Elternverband geprägt bleiben.
Gleichermaßen ist es notwendig, stärker noch als bisher den Selbstvertretungsgedanken für
Menschen mit Behinderungen voranzubringen. Menschen mit Behinderungen müssen
verstärkt darin unterstützt werden, ihre Belange zu erkennen und diese zu vertreten.
Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige werden über vorhandene Strukturen
hinaus auf allen Ebenen der Lebenshilfen vor Ort beteiligt. Geeignete Beteiligungsformen
werden erprobt und eingeführt.
Es ist unbedingt notwendig, die unterschiedlichen Ansprüche aller Beteiligten unter dem
Dach der Lebenshilfe zu vereinen. Die unterschiedlichen Rollen und Ziele aller Protagonisten
müssen erkannt und reflektiert werden: Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige haben unterschiedliche Auffassungen von „gutem Wohnen“. Personal und Leitung
müssen sich damit ebenso auseinandersetzen wie Vorstand und Geschäftsführung. Betriebswirtschaftliche Interessen müssen mit fachlichen Anforderungen, rechtlichen Bestimmungen
sowie den Bedürfnissen der Menschen vor Ort zusammengeführt werden, damit Lebenshilfe
lebendig bleibt.
Die Lebenshilfen in Bayern sind wegen ihrer hohen Fachlichkeit und Glaubwürdigkeit geschätzte Kooperationspartner und Ratgeber für Menschen mit Behinderungen und deren
Angehörige. Sie sind kompetente Ansprechpartner für Fachverbände, Politik und gesellschaftliche Gruppierungen.
Lebenshilfen vor Ort schließen Kooperationen mit Hospizen, der Altenhilfe und Pflege oder
den angesiedelten Sport- und Kulturvereinen. Einige Gemeinden in Bayern laden Vertreter
der Lebenshilfe zu unterschiedlichen runden Tischen mit ein. Auch innerhalb der Lebenshilfen findet auf regionaler oder Bezirksebene Austausch und Beratung statt, z. B. in den
Unterarbeitskreisen Wohnen. Aufgrund landesweiter Vernetzung von Lebenshilfen gibt es
unter anderem auch kollegiale Beratung für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die Menschen
mit herausforderndem Verhalten begleiten.
Die Lebenshilfe macht sich bewusst, dass sich Teilhabe jenseits heutiger Einrichtungskategorien vollziehen kann. Das in der UN-Behindertenrechtskonvention verbriefte Wunsch- und
Wahlrecht sowie politische und gesellschaftliche Veränderungen machen ganz unterschiedlich kombinierte Unterstützungsangebote nötig. Hierzu braucht es weitere, vielfältige und
kreative Kooperationen vor Ort. Die Lebenshilfe ist in diesem Zusammenspiel Hauptakteurin.
Sie stellt ihr Fachwissen zur Verfügung, um mit anderen Partnern Teilhabe für Menschen mit
Behinderungen noch besser und vielfältiger zu ermöglichen.
Lebenshilfe gilt in der Kommune vor Ort als fachliche Ansprechpartnerin zu Fragen der
Behindertenhilfe. Sie ist in Kontakt mit oder aktiv in den Gremien, die Themen im Sozialraum
behandeln. Lebenshilfe vertritt aber auch in Arbeitskreisen, die Positionen von Menschen mit
Behinderungen und deren Angehörigen. Sie ist verlässliche Partnerin und macht deutlich,
dass das Leben in der Gemeinde von der Lebenshilfe und den Menschen mit Behinderungen
profitieren kann wie durch das Ehrenamt von Menschen mit Behinderungen zum Wohle der
Allgemeinheit, durch Dienstleistungen oder Produkte der Lebenshilfe oder durch die Lebenshilfe als kommunale Arbeitgeberin.
Lebenshilfen in Bayern haben aufgrund ihrer dezentralen Struktur den Vorteil, dass jede
Orts- und Kreisvereinigung eigene Zugänge und Kontakte zu ihren Kommunen und lokalen
politischen Gremien hat. Dadurch können sie schnell und autonomer entscheiden.
Innerhalb der Lebenshilfe finden Zusammenschlüsse in bezirksweiten Arbeitsgruppen statt,
z. B. von Bewohnervertretern, Geschäftsführenden und Leitungen von Einrichtungen und
Diensten. In diesen Gremien werden behinderten- sowie verbandspolitische Vorgehensweisen beschlossen und verfolgt.
Der Lebenshilfe-Landesverband Bayern hat einen Gaststatus in der Freien Wohlfahrtspflege
und kann als Spitzenverband sozialpolitische Interessen vertreten.
Damit Menschen mit Behinderungen aktiv bei der Gestaltung und Weiterentwicklung ihres
Sozialraumes eingebunden werden, müssen die Lebenshilfen vor Ort aktiv Einfluss nehmen.
Die zuständigen Verwaltungen der Gemeinden haben die Menschen mit Behinderungen
nicht von vornherein im Blick, wenn es um die Weiterentwicklung der jeweiligen Aktionspläne vor Ort geht. Deshalb muss sich die Lebenshilfe an runden Tischen und inklusiven
Projekten beteiligen, um als Partnerin auf Augenhöhe im Gespräch zu bleiben.
Weiterhin ist es notwendig, sich innerhalb der jeweiligen Bezirksebene abzustimmen. Es ist
wichtig, mit einer Stimme der Lebenshilfe zu sprechen, um gemeinsam etwas durchzusetzen
und in Verhandlungen mehr Gewicht zu haben.
„Gemeinsam stark durchs Leben“ – so lautete auch das Motto zum 50-jährigen Jubiläum der
Lebenshilfe Bayern. Der Rückblick auf 50 Jahre Lebenshilfe in Bayern zeigt, dass die Lebenshilfe stolz darauf sein kann, was sie geleistet und aufgebaut hat. Er beweist auch, wie
wichtig es war, immer wieder neue Ideen zu entwickeln, sich zusammenzuschließen und
Um darin die Orts- und Kreisvereinigungen auch weiterhin zu unterstützen, hat der
Ausschuss Wohnen des Lebenshilfe-Landesverbandes Bayern die Grundsätze und Perspektiven der Lebenshilfe Bayern zum umfassenden Lebensbereich Wohnen erarbeitet. Diese
sollen den Lebenshilfen vor Ort dazu dienen, ihre aktuelle Lage zu analysieren, die Ansprüche
aller Beteiligten zu klären, ihren eigenen Auftrag festzulegen, eine gemeinsame Haltung zu
entwickeln und vielfältige Wege zu finden, um die gesellschaftliche Teilhabe der Menschen
mit Behinderung zu verwirklichen.
Auch hier müssen alle an einem Strang ziehen: Menschen mit Behinderung, Eltern, Angehörige und Freunde, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Führungs- und Leitungsebene sowie
Haupt- und Ehrenamtliche. Ihnen allen ist bewusst, dass sie sich immer wieder gemeinsam
auf den Weg machen müssen, um sich als Lebenshilfe in Hinblick auf gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Bedingungen gut aufzustellen und zu positionieren. Die Lebenshilfe Bayern wird sich auch künftig für Menschen mit Behinderungen stark machen und sich
gemeinsam mit ihnen für eine inklusive Gesellschaft einsetzen.
Iris Beck:
Vortrag: Qualität in der Arbeit mit Menschen mit schweren Behinderungen
Hamburg September 2006
Protokoll der Besprechung am 15.07.2009 zwischen der Lebenshilfe und dem Bezirk in
Mittelfranken zum H.M.B.W.-Verfahren
Ansbach Juli 2009
Ines Boban; Andreas Hinz:
Persönliche Zukunftskonferenzen. Unterstützung für individuelle Lebenswege
in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 4/5/99
Reha Druck Graz 1990
http://bidok.uibk.ac.at/library/beh4-99-konferenz.html (aufgerufen am 06.09.2013)
Das Grundsatzprogramm der Bundesvereinigung Lebenshilfe
Lebenshilfe-Verlag Marburg 2011
Leben in der Gemeinde heute. Mittendrin – Da leben, wo alle Anderen auch leben
Wohnen heute. Beispiele für selbstbestimmtes Leben. Menschen mit Behinderung
berichten, wie sie wohnen
Nomos Berlin 2011
Empfehlungen des Deutschen Vereins zur Bedarfsermittlung und Hilfeplanung in der
online verfügbar unter: http://www.deutscher-verein.de/05-empfehlungen/
empfehlungen_archiv/2009/pdf/DV%2006-09.pdf (aufgerufen am 06.09.2013)
Wolfgang Dworschak:
Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung. Theoretische Analyse, empirische
Erfassung und grundlegende Aspekte qualitativer Netzwerkanalyse
Julius Klinkhardt Verlag Bad Heilbronn 2004
Wolfgang Glatzer; Wolfgang Zapf:
Lebensqualität in der Bundesrepublik. Objektive Lebensbedingungen und subjektives
Campus Frankfurt/New York 1984
Ulrich Hähner; Ulrich Niehoff; Rudi Sack; Helmut Walther:
Vom Betreuer zum Begleiter. Eine Neuorientierung unter dem Paradigma der
Lebenshilfe-Verlag Marburg 6. Auflage 2009
Jacques Heijkoop:
Herausforderndes Verhalten von Menschen mit geistiger Behinderung.
Juventa Verlag Weinheim 2007
Lebenshilfe-Landesverband Bayern:
Diskussionsbeitrag zum Thema Personenzentrierung
www.lebenshilfe-bayern.de, dort unter Publikationen/Allgemein
(aufgerufen am 06.09.2013)
Leitsätze zur Lebenshilfe-Arbeit in Bayern: Wohnen
www.lebenshilfe-bayern.de, dort unter Publikationen/Fachpublikationen/Wohnen
Jos van Loon:
Vortrag: Aus der Großeinrichtung in den Sozialraum – Lebensqualität verbessern durch
Middelburg/Niederlande Juni 2010
Robert L. Schalock:
Quality of life – Conceptualisation and Measurement
American Association of Retardation Washington 1996
Monika Seifert; Barbara Fornefeld; Pamela Koenig:
Zielperspektive Lebensqualität. Eine Studie zur Lebenssituation von Menschen
mit schwerer Behinderung im Heim
Bethel-Verlag Bielefeld 2001
Lebensqualität von Menschen mit schweren Behinderungen. Forschungsmethodischer
Zugang und Forschungsergebnisse
in: Zeitschrift für Inklusion, Nr. 2 (2006) Beitrag 1
http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion/article/viewArticle/7/7
Georg Theunissen; Kerstin Schirbort:
Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung. Zeitgemäße Wohnformen –
Soziale Netze – Unterstützungsangebote
Kohlhammer Stuttgart 2006
online verfügbar unter: http://www.gesetze-bayern.de/jportal/portal/page/
bsbayprod.psml?showdoccase=1&doc.id=jlr-PflWoQualGBY2008rahmen&doc.part=X
(aufgerufen am 09.09.2013)
http://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbxii/1.html (aufgerufen am 06.09.2013)
UN-Behindertenrechtskonvention vom 13. Dezember 2006
http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/?id=467 (aufgerufen am 06.09.2013)
Antrag Mitgliedschaft für Menschen mit Behinderung
ErzieherInnen in Viersen gesucht
Servicekraft (m/w) auf Mini-Job-Basis
Lebenshilfe Wuppertal lädt am 2. Juli 2016 zum Sommerfest Die
Pädagogischen/Pflegerischen Mitarbeiter (m/w)
Beitrittserklärung - Lebenshilfe Rostock
Landesverband aktuell - Landesverband Rheinland

References: § 13
 Art. 3
 Art. 6
 Art. 20
 § 76
 §13