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Timestamp: 2017-01-17 15:03:12+00:00

Document:
Leonie Wichmann: OLG Schleswig - Anordnung des Wechselmodells
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Schleswig-Holsteinisches Oberlandesgericht 5. Senat für Familiensachen
15 UF 55/13
Art 6 Abs 2 GG, § 1671 BGB, § 1687 BGB
Voraussetzungen für die Anordnung des sog. Wechselmodells
1. Beibehaltung des gemeinsamen Sorgerechts mit Regelung des Aufenthalts der Kinder dergestalt, dass sich die Kinder im wöchentlichen Wechsel bei der Kindesmutter und bei dem Kindesvater aufhalten (Wechselmodell): Das gemeinsame elterliche Sorgerecht ist in der Regel nicht aufzuheben, wenn die Kinder seit vielen Monaten im Wechsel eine Woche bei dem Kindesvater und eine Woche bei der Kindesmutter wohnen und zudem gemeinsame Erziehungsgespräche durch die Kindeseltern wahrgenommen werden.
2. Wesentliches Argument für die Beibehaltung des gemeinsamen Sorgerechts mit der Regelung des Aufenthaltsbestimmungsrechts im Sinne eines hälftigen Wechselmodells ist das Bedürfnis der Kinder nach möglichst gleichberechtigter Teilhabe am Leben beider Elternteile und insbesondere der authentisch geäußerte Wunsch eines elfjährigen Kindes, die gegenwärtige Situation beizubehalten. Maßgeblich und im Einzelfall zu prüfen ist, welche Lösung dem Kindeswohl am besten entspricht. Die fehlende ausdrückliche Zustimmung eines Elternteils ist dabei von untergeordneter Bedeutung.
vorgehend AG Kiel, 12. Februar 2013, Az: 53 F 121/12
Auf die Beschwerde der Kindesmutter wird der Beschluss des Amtsgerichts – Familiengericht –
Kiel vom 12. Februar 2013 geändert:
Hinsichtlich der Schulferien wird angeordnet, dass die Kinder jeweils die erste Hälfte der
Schulferien bei der Mutter verbringen und die zweite Hälfte der Schulferien beim Vater. Der
Elternteil, bei dem sich die Kinder in der letzten Schulwoche aufhalten, bringt die Kinder am letzten Schultag um 18.00 Uhr zum anderen Elternteil. Am letzten Tag der ersten Ferienhälfte bringt dieser die Kinder zum anderen Elternteil zurück.
Die weiter gehende Beschwerde der Kindesmutter und die Beschwerde des Kindesvaters werden
Die Kosten des Beschwerdeverfahrens werden zwischen den Kindeseltern gegeneinander
Hinsichtlich der tatsächlichen Feststellungen wird auf den angefochtenen Beschluss verwiesen.
Ergänzend gilt nach dem schriftsätzlichen Vorbringen und der Anhörung durch den Senat
Die am … 2002 geschlossene Ehe der Kindeseltern wurde durch Verbundbeschluss des
Amtsgerichts - Familiengericht – Kiel im Jahr 2011 rechtskräftig geschieden. Die Trennung war …. 2007 erfolgt.
B besucht derzeit die 3. Klasse in der Grundschule ….. Nach Auskunft seiner Klassenlehrerin
gegenüber der Sachverständigen im September 2013 geht es B in der Schule gut…In seiner Freizeit klettert er gerne auf Bäume. Bei schlechtem Wetter spielt er mit Lego und interessiert sich für Star Wars. In der Zeit vom …2013 befand sich B zum Rehaaufenthalt in der Fachklinik …. Bei B besteht eine Allergie u.a. Hausstaubmilben…. In dem ärztlichen Entlassungsbericht … heißt es zum Rehabilitationsergebnis bei der Entlassung u. a.: „Während des Klinikaufenthaltes konnte B aus psychotherapeutischer Sicht durchaus stabilisiert werden. Es wurde aber auch deutlich, dass der Junge auch weiterhin (durch) Meinungsverschiedenheit und Konflikte der Eltern bedingten Belastungen ausgesetzt ist.“ …
Das Amtsgericht – Familiengericht – hat in der angefochtenen Entscheidung die elterliche Sorge für beide Kinder auf den Vater übertragen. Den Umgang der Kinder mit der Mutter hat es in der Art eines Wechselmodells dergestalt geregelt, dass die Mutter jede zweite Woche von Montag nach der Schule bis zum darauffolgenden Montag vor der Schule Umgang mit den Kindern hat und diese in der Zeit bei der Kindesmutter übernachten. Zur Begründung hat das Amtsgericht ausgeführt, dass eine Fortdauer der gemeinsamen elterlichen Sorge nicht mehr in Betracht komme. Aus den diversen streitigen Verfahren der Eltern, dem Bericht des Jugendamtes, dem Bericht des Verfahrensbeistandes und dem Sachverständigengutachten sei ersichtlich, dass den Eltern ein einvernehmliches Ausüben der elterlichen Sorge nicht mehr möglich sei. Auch die einstweilige Anordnung vom 20.07.2012 habe nicht dazu geführt, dass zwischen den Eltern Ruhe eingekehrt sei.
Vielmehr habe die Mutter durch eine Vielzahl von Telefonaten und Schriftsätzen immer wieder bereits im laufenden Verfahren versucht, eine Abänderung der Situation zu erreichen. Dies zeige, dass sie nicht bereit sei, zum Wohl der Kinder einen Streit wenigstens vorübergehend beizulegen.
Elterliche Kompetenz zur Erziehung liege bei beiden Eltern vor. Insoweit gebe es kein
Schwergewicht. Auch die Bindungen der Kinder an beide Eltern sei gleich gut ausgeprägt, was sich ebenfalls aus dem Gutachten sowie der Stellungnahme des Verfahrensbeistandes und der
richterlichen Anhörung ergebe.
Der Kontinuitätsgrundsatz und die unzureichende Bindungstoleranz der Mutter bewirkten die
Überzeugung des Gerichts, dass es dem Kindeswohl am besten entspreche, die elterliche Sorge
allein dem Vater zu übertragen. Zwar sei das Gericht mit der Sachverständigen der Meinung, dass offensichtlich der Streit der Eltern bisher nicht dazu geführt habe, dass die Kinder einseitig Partei für einen Elternteil ergreifen, sondern nach wie vor beiden Eltern gleich zugewandt seien. Dies sei nicht als ein Verdienst der Eltern zu bewerten, sondern als eine erfreuliche Leistung der Kinder. Aus dem Sachverständigengutachten, dem Bericht des Verfahrensbeistandes und auch der persönlichen Anhörung sei für das Gericht deutlich geworden, dass beide Eltern für die Kinder auch in Zukunft eine möglichst gleichgewichtige Konstante bleiben müssten. Nachdem über die elterliche Sorge habe entschieden werden müssen, sei es trotzdem wichtig, den Kindern weiter die Konstanz ihrer Beziehung zu beiden Eltern zu ermöglichen. Deshalb werde mit dem Beschluss zwar die elterliche
Sorge dem Vater allein übertragen, gleichzeitig aber ein regelmäßiger Umgang der Mutter mit den Kindern angeordnet, der im Ergebnis auf die Durchführung des sog. Wechselmodells hinauslaufe.
Es stehe zu hoffen, dass der Vater trotz seiner alleinigen Entscheidungsbefugnis die Mutter auch in Zukunft in Fragen der Erziehung einbinde. Er habe es dadurch in der Hand, seinen Kindern weiterhin die Wichtigkeit und die Richtigkeit ihrer Liebe zur Mutter zu verdeutlichen und zu ermöglichen. Es wäre für die Kinder gut, wenn beide Eltern auch nach der Gerichtsentscheidung versuchen könnten, zum einen die Empfehlungen der Sachverständigen bezüglich eigener therapeutischer Arbeiten (S. 33 des Gutachtens) ernst zu nehmen und darüber hinaus evtl. größere Fragen der elterlichen Sorge im Rahmen einer Erziehungsberatung zu bearbeiten. Wegen der Einzelheiten wird auf die angefochtene Entscheidung verwiesen (Bl. 195 – 200).
Der Kindesvater macht mit seiner Beschwerde geltend, die Regelung des Umgangs durch das
Amtsgericht im Sinne eines Wechselmodells sei dem Kindeswohl abträglich. Dies vor allem
deswegen, weil die elterliche Sorge auf Grund der erheblichen Differenzen zwischen ihnen als
Eltern auf einen Elternteil allein übertragen worden sei. Wenn nun beide Kinder hälftig durch die Mutter betreut würden, könne er nicht sicherstellen, dass die mit der elterlichen Sorge verbundenen Aufgaben und Rechte im Sinne der Kinder gewährleistet würden. Er könne die elterliche Sorge nicht ordnungsgemäß ausüben, wenn er die Kinder nur zur Hälfte betreue.
Die Kindesmutter macht mit ihrer Beschwerde geltend, die vermeintliche Kindeswohlgefährdung sei ursprünglich auf Grund der Zerstrittenheit der Eltern vom Jugendamt festgestellt worden. Die von ihr initiierten Gespräche sowohl bei der Erziehungsberatung … als auch im Rahmen einer Mediation seien nicht möglich gewesen, auch das Jugendamt habe nicht vermitteln können. Trotz nachgewiesener massiver Aggressivität des Kindesvaters ihr gegenüber (Staatsanwaltschaft …) sei sie erneut zu Gesprächen mit dem Kindesvater im Beisein der Gutachterin bereit gewesen. Die Sachverständige habe eine vermittelnde Rolle einnehmen wollen. In ihren zwei Gesprächen am …. 2012 habe sie aber immer nur Partei für den Kindesvater ergriffen.
Es sei nicht berücksichtigt worden, dass sich der Elternkonflikt auch auf anderer Ebene abspiele.
Auch wenn sie körperlich nicht mehr bedroht werde, werde der psychische Krieg fortgesetzt. Ihre Äußerungen, der Kindesvater würde sie permanent vor den Kindern diffamieren und ihren Ruf schädigen, seien ignoriert worden. Sämtliche Äußerungen des Kindesvaters seien demgegenüber unreflektiert ins Gutachten übernommen worden. Die Gutachterin habe Schlussfolgerungen aus Aussagen gezogen, die sie nicht überprüft habe.
In dem angefochtenen Beschluss werde geschlussfolgert, der Vater habe eine höhere
Bindungstoleranz als sie.
Bisher seien keinerlei Absprachen möglich gewesen im Hinblick auf die ärztliche Versorgung,
Schulangelegenheiten und Veranstaltungen sowie Ferien der Kinder. Auch bei Erkrankung der
Kinder hätte der Vater Absprachen treffen müssen, um sie nicht beruflich in Schwierigkeiten zu bringen. Statt dessen schreibe der Kindesvater ihr abends eine Email, dass er das kranke Kind am nächsten Morgen zu ihr bringe, obwohl er genau wisse, dass sie an dem Tag arbeite.
Aus der Ehezeit kenne sie noch Diagnosen betreffend den Kindesvater. Diese Diagnosen gäben aus ihrer Sicht eine Alleinerziehungsberechtigung des Vaters nicht her. Aus der Stellungnahme der Klassenlehrerin, er habe „B so auf den Stuhl gedonnert, das habe ihr allein vom Zusehen im
Rückgrat wehgetan“, kämen sehr schmerzhafte Erinnerungen hoch.
Der Senat hat am 23. Oktober 2013 A und B (jeweils getrennt), die Kindeseltern, den
Verfahrensbeistand und Vertreter des Jugendamtes angehört sowie die Sachverständige X ergänzend befragt.
Wegen des weiteren Sach- und Streitstandes wird auf die zwischen den Beteiligten gewechselten
Das den Eltern gemäß Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG verfassungsrechtlich gewährleistete Recht auf Pflege und Erziehung ihrer Kinder dient in erster Linie dem Kindeswohl, das zugleich oberste Richtschnur für die Ausübung der Elternverantwortung ist. Der Schutz des Elternrechts, der dem Vater und der Mutter gleichermaßen zukommt, erstreckt sich auf die wesentlichen Elemente des Sorgerechts.
Dabei setzt die gemeinsame Ausübung der Elternverantwortung eine tragfähige soziale Beziehung zwischen den Eltern voraus, erfordert ein Mindestmaß an Übereinstimmung zwischen ihnen und hat sich am Kindeswohl auszurichten. Fehlen die Voraussetzungen für eine gemeinsame Wahrnehmung der Elternverantwortung, darf der Gesetzgeber einem Elternteil die Hauptverantwortung für das Kind zuordnen (BVerfG, Beschluss vom 30.06.2009 – 1 BvR 1868/08 - FF 2009, 416 mwN – betreffend eine Auflösung eines Wechselmodells; vgl. BGH, Beschluss vom 12.12.2007 – XII ZB 158/05 - FamRZ 2008, Seite 592 ff; juris Rn. 15). Das regelt § 1671 BGB.
Wenn wegen der Entwicklung in der Vergangenheit die begründete Besorgnis besteht, dass die
Eltern auch in Zukunft nicht in der Lage sein werden, ihre Streitigkeiten in wesentlichen Bereichen der elterlichen Sorge konstruktiv und ohne gerichtliche Auseinandersetzungen beizulegen, ist die erzwungene Aufrechterhaltung der gemeinsamen elterlichen Sorge dem Kindeswohl nicht zuträglich. Denn ein fortgesetzter destruktiver Elternstreit führt für ein Kind zwangsläufig zu erheblichen Belastungen, und zwar unabhängig davon, welcher Elternteil die Verantwortung für die fehlende Verständigungsmöglichkeit trägt (BGH a.a.O.).
Vor diesem Hintergrund ist der Senat der Überzeugung, dass trotz der Entwicklung zwischen den Kindeseltern derzeit die Voraussetzungen für ein dem Kindeswohl dienendes gemeinsames
Sorgerecht noch vorhanden sind.
aa) Die Konflikte der Eltern bestehen im Wesentlichen im zwischenmenschlichen und teilweise organisatorischen Bereich. Sie betreffen nicht (mehr) die Grundentscheidungen über den persönlichen Umgang mit den Kindern, die zu den wesentlichen Bereichen der elterlichen Sorge und gleichzeitig zu den Angelegenheiten von erheblicher Bedeutung im Sinne von § 1687 Abs. 1
Satz 1 BGB zählen (vgl. BGH FamRZ 2008, Seite 592ff; juris Rn. 13 mwN). Die Kindeseltern
praktizieren seit vielen Monaten zum Wohle ihrer Kinder erfolgreich den Umgang, den das
Amtsgericht im Beschluss vom 12.02.2013 angeordnet hat. Das zeigt ganz erhebliche Kooperationsbereitschaft und –fähigkeit. Bezüglich des Umgangs waren sie – mit Unterstützung der Erziehungsberatung - in der Lage, Änderungen betreffend die Ferienregeln zu vereinbaren.
Einigkeit besteht zwischen ihnen auch darin, dass die Erziehungsberatung erforderlich ist und
gemeinsam fortgesetzt werden soll. Auch im Bereich „Impfungen der Kinder“ besteht
Übereinstimmung dahin, dass es angesichts der Allergieproblematik beider Söhne einer besonders sorgfältigen Abwägung bedarf, wie beide Elternteile in der Anhörung durch den Senat erklärt haben. Die Differenzen zwischen den Eltern zum Thema Impfen betreffen in erster Linie das Organisatorische. Der Kindesvater möchte inzwischen die von der Kinderärztin empfohlenen und von der Kindesmutter gewünschten Impfungen grundsätzlich vornehmen lassen, er hat dafür bisher allerdings noch keinen freien Termin gefunden. Die Sachverständige hat dazu - für den Senat nach der Anhörung des Kindesvaters nachvollziehbar – ausgeführt, der etwas umständliche Kindesvater benötige für manches Nachdenken und Entscheiden etwas länger als andere.
Neben dem übereinstimmenden Willen beider Elternteile zur Fortsetzung der eingerichteten
Erziehungsberatung zeigt auch ihre Annahme des Angebots der Mediation vor dem Güterichter des Oberlandesgerichts ihre Kooperationsbereitschaft. Dass die Mediation nicht zu einer gütlichen Regelung geführt hat, steht einer positiven Prognose für die Zukunft nicht entgegen. Der Senat hat keinen Zweifel daran, dass beide Elternteile ernsthaft das Beste für A und B wollen und nicht deren Instrumentalisierung für elterliche Zwecke. Dafür spricht, dass es den Kindeseltern bisher gelungen ist, die Kinder nicht zu instrumentalisieren, wie auch der Verfahrensbeistand in der Anhörung vor dem Senat ausgeführt hat.
Die Einwände des Kindesvaters gegen die Beibehaltung des gemeinsamen Sorgerechts und die
Umgangsregelung durch das Amtsgericht beruhen größtenteils auf Missverständnissen bezüglich
des Umfangs der Rechte des Elternteils, bei dem die Kinder aktuell in Obhut sind. Eine hälftige
Betreuung durch die Kindesmutter hindert den Kindesvater – und im umgekehrten Fall die
Kindesmutter – nicht daran, während der Zeit, die die Kinder gemäß Einwilligung des anderen
Elternteils oder Gerichtsentscheidung bei ihm verbringen, gemäß § 1687 Abs. 1 Satz 2 BGB in
Angelegenheiten des täglichen Lebens allein zu entscheiden. Nach § 1687 Abs. 1 Satz 2 BGB hat der Elternteil, bei dem sich das Kind mit Einwilligung des anderen Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung gewöhnlich aufhält, die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten des täglichen Lebens. Entscheidungen in Angelegenheiten des täglichen Lebens sind in der Regel solche, die häufig vorkommen und die keine schwer abzuändernden Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben (§ 1687 Abs. 1 Satz 3 BGB). Solange sich das Kind mit Einwilligung dieses Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung bei dem anderen Elternteil aufhält, hat dieser die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten der tatsächlichen Betreuung (Satz 4). Zu Angelegenheiten des täglichen Lebens zählen z. B. der Schulalltag samt Anmeldungen zum Nachhilfeunterricht, die Frage, wer ggf. die Kinder von der Schule abholen darf, Essensfragen, Routineerlaubnisse zu Freizeitfragen und die gewöhnliche medizinische Versorgung bei leichteren Krankheiten (Palandt/Götz, 73. Auflage 2014, § 1687 BGB Rn 7 mwN).
bb) Auch die Stellungnahmen der anderen Verfahrensbeteiligten und der Sachverständigen
veranlassen den Senat nicht, eine vollständige oder teilweise Aufhebung des gemeinsamen
Sorgerechts auszusprechen.
Die Sachverständige hat in ihrem schriftlichen Gutachten erklärt, aus psychologischer Sicht spreche normalerweise vieles dafür, das Aufenthaltsbestimmungsrecht nicht auf einen Elternteil zu verteilen; sie hat sich damals für einen Lebensmittelpunkt beim Vater ausgesprochen sowie für einen nahezu hälftigen Umgang mit der Kindesmutter. Auch ein Lebensmittelpunkt bei der Mutter wäre kindgerecht, sofern der Vater weiterhin am Alltag der Kinder teilhaben könne und die Mutter nicht weiterhin – wie damals noch erwogen – umziehen wolle (Seite 34 des Gutachtens; Bl. 185 der Gerichtsakte). Im Termin am 23.10.2013 hat sie die Auffassung vertreten, das gesamte Sorgerecht solle auf den Vater übertragen und das Wechselmodell weitergeführt werden, wenn die Eltern einverstanden seien. Der Vater sei ihres Erachtens geeigneter, auch wenn es gelegentlich zu Schwierigkeiten komme. Sie habe aus der Schilderung über die Anhörung der Kinder durch den Senat den Eindruck gewonnen, die Kindesmutter beziehe die Kinder inzwischen sehr stark in ihre
gefühlsmäßige Lage ein.
Soweit die Sachverständige den Kindesvater für geeigneter hält, teilt der Senat nicht diese
Auffassung. Diese Einschätzung haben weder der Verfahrensbeistand noch das Jugendamt in der
Anhörung am 23.10.2013 geäußert.
Unstreitig war zwischen den Eltern abgesprochen, dass die Mutter in den Herbstferien mit den
beiden Söhnen verreist. Sie hatte den Kindesvater über die Söhne gebeten, die Kinderausweise an sie für die Reise auszuhändigen. Dies hatte der Kindesvater zunächst verweigert, weil die
Kindesmutter wegen einer wiederkehrenden Erkrankung an … bis zum 2.10.2013 krank
geschrieben war. Er befürchtete, die Kindesmutter könne im Urlaub schlimmer erkranken, und er müsse die Kinder dann als Verantwortlicher aus … abholen. Nach Rücksprache mit der
Sachverständigen und seinem Verfahrensbevollmächtigten gab der Kindesvater die Ausweise
unmittelbar vor Reiseantritt heraus. Die Reise konnte wie geplant stattfinden. – Die Kindesmutter hatte kurz vor Reisebeginn A und B die ablehnende Email des Vaters gezeigt wegen der bis zuletzt bestehenden Zweifel, ob sie die Ausweispapiere erhält und die Reise durchgeführt werden kann.
Die Kinder waren über diese Ungewissheit sehr enttäuscht und konnten die Haltung des Vaters
Gewichtige Gesichtspunkte des Kindeswohls sind die Bindungen des Kindes, die Prinzipien der
Förderung (Erziehungseignung) und der Kontinuität sowie die Beachtung des Kindeswillens (BGH FamRZ 2011, 796-801; FamRZ 1990, 392, 393 mwN). Die einzelnen Kriterien stehen aber nicht wie Tatbestandsmerkmale kumulativ nebeneinander. Jedes von ihnen kann im Einzelfall mehr oder weniger bedeutsam für die Beurteilung sein, was dem Wohl des Kindes am besten entspricht (BGH, FamRZ 1990, 392, 393 mwN; FamRZ 2010, 1060). Erforderlich ist eine alle Umstände des Einzelfalls abwägende Entscheidung. Hierbei sind alle von den Verfahrensbeteiligten vorgebrachten Gesichtspunkte in tatsächlicher Hinsicht soweit wie möglich aufzuklären und unter Kindeswohlgesichtspunkten gegeneinander abzuwägen, um eine möglichst zuverlässige Grundlage für eine am Kindeswohl orientierte Entscheidung zu erlangen (vgl. BVerfG FamRZ 2009, 1897).
Die Bindungen von A und B sind zu beiden Eltern gleich stark, wie die Sachverständige, der
Verfahrensbeistand und das Jugendamt übereinstimmend ausgeführt haben. Die vom Senat
getroffene Regelung wahrt die Kontinuität. Seit der im Jahr 2007 erfolgten Trennung der Eltern sind beide bis heute im Alltag die Hauptbezugspersonen für A und B geblieben (mit Ausnahme der Monate von … 2012, in denen sich der Vater einer Rehabilitationsmaßnahme unterzog; die Kinder lebten währenddessen bei der Mutter und sahen den Vater in der Regel nur etwa alle 14 Tage zu Wochenendumgängen). Die Kindesmutter und der Kindesvater sind beide erziehungsfähig. Das bewerten die Sachverständige, der Verfahrensbeistand und das Jugendamt ebenso.
Die Nichtbeachtung des Willens des 10 ½ Jahre alten Kindes A, der auf den Senat einen sehr
verständigen und abwägenden Eindruck gemacht hat, birgt die Gefahr einer Kindeswohlschädigung. Diese könnte dadurch eintreten, dass A durch die Nichtbeachtung in seinem Selbstwertgefühl verletzt wird. Neben der Funktion zu verdeutlichen, zu welcher Person das Kind die stärksten Bindungen hat, dient die Ermittlung des Kindeswillens dazu, die Selbstbestimmung des heranwachsenden Kindes zu fördern. Je älter das Kind ist, desto mehr tritt die letztgenannte Funktion in den Vordergrund (vgl. BGH FamRZ 2011, 796). Deswegen kommt dem Willen von A, der in Sprachgewandtheit und Auftreten überdurchschnittlich entwickelt ist, zur Beibehaltung der Aufenthaltsverhältnisse eine besondere Bedeutung zu.
Bislang ist es den Kindern gelungen, sich gut zu entwickeln. Sie haben Freunde, viele Interessen, Pläne (A möchte gerne durch … reisen) und erbringen gute schulische Leistungen. Das steht vor dem Hintergrund der vorangegangenen Ausführungen einer Kindeswohlgefährdung entgegen. Soweit der Verfahrensbeistand im Termin vor dem Senat Besorgnis wegen B geäußert hat, betrifft das nicht eine aktuelle Kindeswohlgefährdung. Das hat der Verfahrensbeistand auf Nachfrage erklärt und ebenso die Sachverständige und der Mitarbeiter des Jugendamtes. Auch für den Senat war allerdings in der Anhörung zu erkennen, dass sich B im Verhältnis zu seinem Bruder deutlich zurückhaltender verhielt. Das spricht dafür, dass die Eltern bezüglich B besonders aufmerksam sein sollten.
- „unpersönliche“ Kommunikationswege:
Wenn das persönliche Gespräch miteinander schwer fällt, wählen viele Eltern schriftliche
Kommunikationswege (Email, SMS, Brief) als Informationskanal, um Informationen
auszutauschen. Zum Teil bewährt sich auch ein sog. Übergabebuch, in das die Eltern notwendige Informationen eintragen;
- Gespräche und Übergabe der Kinder trennen:
Bei einem Wechsel von einem Elternteil zum anderen ist ein schlechter Zeitpunkt zum Reden,
insbesondere über schwierige Themen. Beim Abholen/Bringen sollten die Kinder im Mittelpunkt stehen und nicht der Austausch von Informationen;
- Aufteilen von Verantwortungsbereichen:
„Kommunikationsstress“ kann reduziert werden dadurch, dass die Eltern Verantwortungsbereiche untereinander aufteilen, z.B. ist ein Elternteil für schulische Belange verantwortlich, der andere für Fragen betreffend die Gesundheit und medizinische Versorgung, für die Hobbies der Kinder, den Einkauf von Bekleidung usw.
(siehe ausführlich Sünderhauf, Vorurteile gegen das Wechselmodell: Was stimmt, was nicht? –
Argumente in der Rechtsprechung und Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung, FamRB, 2013, 290 ff., 296 f. m.w.N.).
Der Senat regt an, dass die Eltern außerdem zur Entlastung von A und B über Maßnahmen
nachdenken sollten – ggf. mit Unterstützung des Jugendamtes -, die zur Verarbeitung der
Trennungs- und Scheidungssituation geeignet sind, zum Beispiel über eine (erneute) Teilnahme der Kinder an einer Maßnahme für Trennungskinder oder an einer vergleichbaren Maßnahme.
55 dd) Die bei der Anhörung deutlich gewordene nicht insgesamt ablehnende, aber teilweise
unentschlossene Haltung des Kindesvaters zum Wechselmodell steht der Entscheidung des Senats nicht entgegen. Die Kindesmutter steht dem Wechselmodell positiv gegenüber.
In anderen Entscheidungen wird das Wechselmodell ausdrücklich gegen den Willen angeordnet
(OLG Brandenburg vom 02.06.2008 – 15 UF 95/07 – FamRZ 2009, 709; vom 31.01.2010 – 13 UF 41/09; OLG Jena vom 22.08.2011 – 2 UF 295/11; KG vom 28.02.2012 – 18 UF 184/04 – FamRZ 2012, 886; AG Erfurt vom 14.09.2012 – 36 F 141/11- veröffentlicht bei juris; umfassend zum Wechselmodell und den Streitfragen s. Sünderhauf a.a.O. m.w.N.).
Voraussetzungen für die Entziehung des Sorgerechts gemäß § 1666 BGB und die gerichtliche
Anordnung einer Amtsvormundschaft, wie vom Jugendamt und dem Verfahrensbeistand zur
Überlegung gestellt, liegen nicht vor. Es fehlt jedenfalls derzeit an einer für diesen Eingriff
erforderlichen Kindeswohlgefährdung. Eine solche liegt auch nach den Äußerungen der
Sachverständigen, des Verfahrensbeistandes und des Jugendamtes gegenwärtig nicht vor. Sie kann allerdings dann eintreten, wenn die Eltern nicht den begonnenen Weg der Erziehungsberatung fortsetzen und darüber hinaus - jeder für sich - Maßnahmen ergreifen, um das Konfliktpotential zu verringern, wie der Verfahrensbeistand und der Mitarbeiter des Jugendamtes vergleichbar ausgeführt haben. Konfliktpotential besteht bei der Kindesmutter insbesondere darin, dass sie jedenfalls in der Vergangenheit zum Teil grenzüberschreitendes Verhalten dadurch gezeigt hat, dass sie zu viele Details regeln und z. B. gegenüber Lehrkräften der Kinder telefonische Gespräche zu jeder Tageszeit (zum Beispiel unmittelbar vor Unterrichtsbeginn oder spätabends) führen wollte, wie die Klassenlehrerin von B gegenüber der Sachverständigen geäußert hat (Gutachten Seite 25; Bl. 174 der Gerichtsakte). Beim Kindesvater besteht Konfliktpotential u. a. darin, dass er die Wirkung seines Verhaltens auf die Söhne und die Kindesmutter jedenfalls teilweise nicht realistisch einschätzt und dass er aus Unsicherheit zu Missverständnissen neigt, wie das Beispiel des Vorenthaltens der Kinderausweise zeigt.
Die Kostenentscheidung folgt aus § 81 Abs. 1 Satz 1 FamFG. Die Wertfestsetzung beruht auf den
§§ 40 Abs. 1, 45 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 FamFG.
Die Zulassung der Rechtsbeschwerde beruht auf § 70 Abs. 2 Nr. 2 FamFG. Die Sicherung einer
einheitlichen Rechtsprechung zur Frage des Wechselmodells erfordert eine Entscheidung des
Rechtsbeschwerdegerichts.

References: § 1671
 § 1687
 Art. 6
 § 1671
 § 1687
 BGH 
 § 1687
 § 1687
 § 1687
 BGH 
 § 1666
 § 81
 § 70