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Timestamp: 2019-06-18 16:51:21+00:00

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Medizinwelt | Psychiatrie | Klinikleitfaden Psychiatrie | Forensische Psychiatrie
MedizinweltPsychiatrieKlinikleitfaden PsychiatrieBuchkapitelForensische Psychiatrie
B978-3-437-23149-0.00016-0
10.1016/B978-3-437-23149-0.00016-0
Wege der SexualstraftäterbehandlungSexualstraftäterbehandlung
Gutachter: Auftrag und Voraussetzungen Cornelis Stadtland508
Grundsätze der medizinischen Begutachtung der Schuldfähigkeit im Strafrecht Cornelis Stadtland508
Fragen im Strafrecht (erwachsene Täter) Cornelis Stadtland509
Einleitung509
§ 20 StGB: Schuldunfähigkeit510
§ 21 StGB: Verminderte Schuldfähigkeit510
Eingangsmerkmale (1. Stufe der Beurteilung)511
Funktionsbeeinträchtigungen (2. Stufe der Beurteilung)512
Mindestanforderungen bei Schuldfähigkeitsbegutachtung (BGH 2005)513
Ergänzende testpsychologische Persönlichkeitsdiagnostik514
Maßregelvollzug514
Kriminalprognose515
Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie Martin Rieger517
Vorbemerkungen517
Strafrechtliche Verantwortungsreife (§ 3 JGG)518
Strafrechtliche Zuweisung für Heranwachsende (18.–20. Lj.) nach § 105 JGG518
Kriminalprognose519
Begutachtung der Glaubhaftigkeit kindlicher Zeugen520
Gutachten zu Voraussetzungen von sorgerechtlichen Eingriffen520
Gutachten zur geschlossenen Unterbringung nach § 1631b BGB521
Gutachter: Auftrag und Voraussetzungen
Auftrag an Gutachter: Gutachter, psychiatrischer:AuftragForensische PsychiatrieBegutachtung, psychiatrische
Beantwortet Fragen von Gerichten und Behörden an Psychiater
Beantwortet Fragen zur Begutachtung und Behandlung Psychische Störungen:Begutachtungpsychisch kranker Rechtsbrecher
Besondere Voraussetzungen des Psychiaters als Gutachter: Gutachter, psychiatrischer:Voraussetzungen/Besonderheiten
Juristisches Denken verstehen
Gesetze und Vorschriften kennen
Juristen Fachwissen in verständlicher Weise vermitteln
Wissenschaftliche Standards beachten
Besonderheiten und rechtliche Stellung des Gutachters:
Direkte Verantwortung ggü. der Öffentlichkeit
Vertragsverhältnis zum Auftraggeber
Proband ist nicht nur Subjekt, das autonom in eine Behandlung einwilligt, sondern auch Objekt, über das Befunde erhoben und an Dritte weitergegeben werden
Verschiedene Interessenlagen von Auftraggeber und Untersuchten
Rechnungslegungsvorschriften (Justizvergütungs- und Entschädigungsgesetz)
Begutachtungspflicht
Beeidigung möglich
Haftung für fehlerhafte Gutachten
Aufklärung des Probanden über:
Rolle des Gutachters
Auftraggeber der Begutachtung
Verfahrensgang der Begutachtung
Abstrakte Konsequenzen der Begutachtung
Fehlen von Schweigepflicht und Schweigerecht für den Gutachter
Mitwirkungspflicht und Verweigerungsrecht bei der Begutachtung
Grenzen gutachterlicher Kompetenz
Grundsätze der medizinischen Begutachtung der Schuldfähigkeit im Strafrecht
Mehrstufiges Beantwortungsschema: Schuldfähigkeit:Grundsätze der BegutachtungBegutachtung, psychiatrische:Schuldfähigkeit
Psychiater benennt psychopath. Funktionseinschränkungen.
Gericht zieht die juristischen Schlussfolgerungen.
Diagnose stellen (ICD-10 oder DSM-5):
Ohne Diagnose keine Einschränkung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit (seltene Ausnahmen evtl. bei Affektdelikten)
Klin. Diagnose allein genügt nicht
Ausmaß der durch die klin. Diagnose beschriebenen Störung beschreiben: In aller Regel erst bei schwerer Ausprägung Zuordnung zu einem Eingangsmerkmal des § 20 StGB (s. u.)
Diagnose bei entsprechender Ausprägung einem juristischen Eingangsmerkmal zuordnen:
Die durch die Störung bedingte Funktionseinschränkung beschreiben
Den anzuwendenden juristischen Krankheitsbegriff mit der Störung inhaltlich ausfüllen
Erst wenn der juristische Begriff pos. ausgefüllt wird, nächste Frage beantworten
Welche durch Gesetz oder Rechtsprechung bestimmte Funktionsbeeinträchtigung wurde durch die Störung bedingt?
Entwicklung einer Hypothese über störungsbedingte Funktionsbeeinträchtigung aufgrund des klin. Erfahrungswissens
Einschätzungen haben hypothetischen Charakter
Hypothesen beruhen auf klin. Erfahrung
Beantwortung der Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit Hypothesen zutreffen
Fragen beantworten, bzgl. derer der Gutachter besonders befähigt ist
Fragen an Gericht zurückgeben, die nach allg. Menschenverstand und Einfühlungsvermögen beantwortet werden können
Begriffe wie Schuldfähigkeit, Geschäftsfähigkeit, Verhandlungs- oder Prozessfähigkeit sind juristische Termini – Feststellung gehört nicht zu den eigentlichen Aufgaben des Sachverständigen
Psychopathologie zur Tatzeit ausschlaggebend
Auch Befunde aus zurückliegenden Zeiträumen beurteilen
Meinung zu juristischen Problemen kundtun
Zu Schuld, Absicht, Rechtmäßigkeit eines Geschäfts usw. Stellung nehmen
Unscharfe Grenzen:
Übergangsbereich zwischen psychiatrischer Befunddarlegung und juristischer Urteilsbildung
Gepflogenheit des Gerichts und Selbstverständnis des Gutachters haben Einfluss
Fragen im Strafrecht (erwachsene Täter)
Med. Voraussetzungen für aufgehobene oder verminderte Schuldfähigkeit (§§ 20, 21 StGB)
Sozial- und Kriminalprognose psychisch kranker Rechtsbrecher vor Einweisung in Maßregel der Besserung und Sicherung oder vor Entlassung (§§ 63, 64, 66, 67d StGB)
Kriminalprognose bei Entlassung aus Sicherungsverwahrung, lebenslanger Haft und bestimmten Delikten mit mehrjähriger Haftstrafe (§ 57 Abs. 1 StGB)
Behandlung psychisch kranker Rechtsbrecher
§ 20 StGB: Schuldunfähigkeit
§20 StGB: Schuldunfähigkeit
SchuldunfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:SchuldunfähigkeitOhne Schuld handelt, wer bei Begehung einer Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht einer Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.
BedeutungTäter ist schuldunfähig und wird nicht zu einer Strafe verurteilt. In der Praxis relativ selten.
VoraussetzungSiehe Gesetzestext. Täter war zum Tatzeitpunkt wg. Erkr. und Eingangsmerkmal unfähig, das Unrecht einer Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, z. B. Wahn bei Schizophrenie:SchuldunfähigkeitSchizophrenie oder schwere Demenz:SchuldunfähigkeitDemenz.
Verminderte SchuldfähigkeitSchuldfähigkeit:verminderteBegutachtung, psychiatrische:SchuldfähigkeitEingangsmerkmale der Schuldunfähigkeit können auch verminderte Schuldfähigkeit bedingen.
§21 StGB: Verminderte Schuldfähigkeit
BedeutungTäter ist schuldfähig und wird i. d. R. auch zu einer Strafe verurteilt. Strafe kann gemildert werden. In der Praxis deutlich häufiger als § 20 StGB.
VoraussetzungTäter war bei Begehung der Tat in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert, z. B. massive Intox. mit psychotropen Substanzen und Enthemmung oder psychotisches Residuum mit Beeinträchtigung der Impulskontrolle.
Therapie in Haft oder im Maßregelvollzugskrankenhaus
Beispiel SexualstraftäterAbb. 16.1.
Schuldfähigkeit erhalten oder nicht ausschließbar vermindert → Haft (bzw. Bewährungsstrafe)
Schuldfähigkeit vermindert oder aufgehoben und Zusammenhang mit Tat sowie weitere Gefährlichkeit → psychiatrisches Krankenhaus
Eingangsmerkmale (1. Stufe der Beurteilung)
BeispieleKrankhafte seelische Störung, ForensikBegutachtung, psychiatrische:Eingangsmerkmale
Erkr. und Störungen, bei denen nach traditioneller Auffassung eine organische Ursache bekannt ist oder vermutet wird
Körperlich begründbare (exogene) Psychosen/psychotische Störungen:krankhafte seelische StörungPsychosen
Endogene Psychosen (schizophrene und affektive Psychosen)
Degenerative Gehirnerkr.
Durchgangssy., toxisch oder traumatisch bedingt (z. B. Alkoholrausch oder Drogen- bzw. Medikamentenintox.)
Epileptische Erkr., epileptische Dämmerzustände
Genetische Erkr., z. B. Trisomie 21 (Down-Sy.)
Tiefgreifende Bewusstseinsstörungen, ForensikBewusstseinsstörungen:tiefgreifende (Forensik)Bewusstseinsveränderungen, die bei einem ansonsten gesunden Menschen auftreten und zu einer erheblichen Beeinträchtigung seiner psychischen Funktionsfähigkeit führen. „Tiefgreifend“ = schwerste Beeinträchtigung. Selten, meist Folge starker affektiver Belastung, z. B. Wut, Angst oder Verzweiflung.
Schwachsinn, ForensikStörungen der Intelligenz, nicht auf organischen Grundlagen beruhend
Nicht darunter fallen die demenziellen Prozesse im Alter und die genetisch bedingten Formen der Intelligenzminderung (s. o. krankhafte seelische Störung)
Erst ab einer relativ ausgeprägten Minderbegabung
Anwendung hängt nicht allein vom IQ ab
Täterpersönlichkeit und Sozialisation beachten
Führt u. U. zu leichterer Verführbarkeit, verminderter Erregungskontrolle und unüberlegten Handlungen
Abartigkeit, schwere seelische (Forensik)Häufigstes und oft umstrittenes Eingangsmerkmal. Sammelbegriff für Störungen, die nicht den ersten drei Merkmalen zugeordnet werden können.
Sexuelle Verhaltensabweichungen
Chron. Missbrauchsformen, ohne körperliche Abhängigkeit
Störungen der Impulskontrolle, z. B. das path. Spielen
Quantitative Begrenzung durch das Adjektiv „schwer“
Nur bei sehr schweren Funktionsbeeinträchtigungen (Ausprägung so stark wie z. B. bei psychotischen Erkr.)
Einbußen sozialer Kompetenz müssen ähnlich ausgeprägt sein wie z. B. bei psychotischen Erkr.
Ausmaß ist nicht von Bedeutung, wenn keine Spezifität der Störung für die inkriminierte Tat vorliegt
Funktionsbeeinträchtigungen (2. Stufe der Beurteilung)
Funktionsbeeinträchtigungen (Forensik)Begutachtung, psychiatrische:FunktionsbeeinträchtigungenNormative Entscheidung, bis zu welchem Ausmaß Einsicht in das Unrecht einer Handlung erwartet werden kann und bis zu welchem Grad Steuerung von einem Menschen verlangt wird.
Es ist mit empirischen Methoden nicht möglich, retrospektiv eindeutige Aussagen über das Ausmaß psychischer Beeinträchtigungen zu treffen.
Hilfestellungen für diese normativen Entscheidungen anbieten.
Letztendliche Entscheidung ist vom Gericht zu treffen.
Einsichtsunfähigkeit
EinsichtsunfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:EinsichtsunfähigkeitKognitive Funktionen reichen nicht aus, das Unrecht eines Handelns zu erkennen.
Wenn Einsichtsunfähigkeit besteht, erübrigen sich weitere Fragen.
Wer Unrecht nicht einsehen kann, kann sich nicht entsprechend einer Rechtseinsicht steuern.
Erst wenn Einsichtsfähigkeit vorliegt, Prüfung der Steuerungsfähigkeit vornehmen.
Schwerwiegende intellektuelle Einbußen
Psychotische Realitätsverkennungen
Steuerungsunfähigkeit
SteuerungsunfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:SteuerungsunfähigkeitEinbußen voluntativer Fähigkeiten, die zu einem Handlungsentwurf beitragen
Beeinträchtigung innerer Freiheitsgrade und Handlungsspielräume
Unterbrechung der Kette zwischen antizipierender Planung, Vorbereitung und Handlung
Krankheitsbedingte Beeinträchtigung des Motivationsgefüges
Mindestanforderungen bei Schuldfähigkeitsbegutachtung (BGH 2005)
Formell: Schuldfähigkeit:Begutachtung, Mindestanforderungen
Auftraggeber und Fragestellung nennen
Ort, Zeit und Umfang der Untersuchung beschreiben
Untersuchungs- und Dokumentationsmethoden (z. B. Beobachtung durch anderes Personal, Einschaltung von Dolmetschern) erklären
Erkenntnisquellen (Akten) und subjektive Darstellung des Untersuchten sowie Beobachtung und Untersuchung exakt angeben und getrennt wiedergeben
Zusätzlich durchgeführte Untersuchungen (z. B. bildgebende Verfahren, psycholog. Zusatzuntersuchung) trennen und erläutern
Interpretierende und kommentierende Äußerungen kenntlich machen, Trennung von Wiedergabe der Informationen und Befunde
Trennung von gesichertem med. (psychiatrischem, psychopath., psycholog.) Wissen und subjektiver Meinung oder Vermutungen
Offenlegung von Unklarheiten und Schwierigkeiten und den daraus abzuleitenden Konsequenzen
Aufklärungsbedarf an Auftraggeber mitteilen
Aufgaben- und Verantwortungsbereiche der beteiligten Mitarbeiter kenntlich machen
Übliche Zitierpraxis beachten
Klar und übersichtlich gliedern
Auf Vorläufigkeit des schriftlichen Gutachtens hinweisen
Vollständigkeit der Exploration, insb. zu den delikt- und diagnosenspezif. Bereichen (z. B. ausführliche Sexualanamnese bei sexueller Devianz und Sexualdelikten, detaillierte Darlegung der Tatbegehung)
Untersuchungsmethoden benennen
Bei nicht üblichen Methoden oder Instrumenten: Erläuterung der Erkenntnismöglichkeiten und deren Grenzen
Diagnosen unter Bezug auf das zugrunde liegende Diagnosesystems (ICD-10 oder DSM-5)
Differenzialdiagnose erläutern
Funktionsbeeinträchtigungen darstellen
Ausmaß dieser Funktionsbeeinträchtigungen beim Untersuchten bei Begehung der Tat prüfen
Diagnose dem gesetzlichen Eingangsmerkmal korrekt zuordnen.
Schweregrad der Störung transparent darstellen
Tatrelevante Funktionsbeeinträchtigung unter Differenzierung zwischen Einsichts- und Steuerungsfähigkeiten beschreiben
Alternative Beurteilungsmöglichkeiten darstellen
Ergänzende testpsychologische Persönlichkeitsdiagnostik
Begutachtung, psychiatrische:Persönlichkeitsdiagnostik, testpsychologischeHypothesengeleiteter Prozess: Hypothesen aufgrund der Fragestellung und Aktenanalyse aufstellen, Hypothesen mithilfe von Testverfahren und Verhaltensbeobachtung prüfen.
Testpsycholog. Beurteilung von Persönlichkeitseigenschaften:
Allg. Täterbeschreibung; für Straftat relevante Persönlichkeitsmerkmale beschreiben (z. B. bei Körperverletzung – Erregbarkeit)
Bestimmte Persönlichkeitseigenschaften (§§ 20, 21 StGB):
z. B. Schwachsinn: bei IQ < 80 prüfen
z. B. schwere andere seelische Abartigkeit: bei schwerer sexueller Deviation prüfen
§ 63 StGB: Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus
Maßregelvollzug:nach § 63 StGB
§63 StGB: Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus
Unterbringung:strafrechtlicheUnterbringung:in psychiatrischem KrankenhausHat jemand eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit (§ 20) oder der verminderten Schuldfähigkeit (§ 21) begangen, so ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, dass von ihm infolge seines Zustands erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist.
Ist Schuldfähigkeit aufgrund einer Erkr. oder Störung aufgehoben oder erheblich vermindert, hat das Gericht zu prüfen, ob aufgrund der Störung weitere erhebliche Delikte zu erwarten sind.
Wenn §§ 20 oder 21 StGB pos. vorliegen
Wenn Störung, die zur Annahme der §§ 20/21 StGB führt, nicht nur vorübergehend besteht
Wenn Straftaten in einem engen Zusammenhang mit der Störung stehen
Wenn Straftaten erheblich sind (u. a. Straftaten gegen Leib und Leben schwere Sexualstraftaten)
Ziel der psychiatrischen Maßregel: Besserung und Sicherung:
Sicherung = Behandlung, dass eine künftige Gefährdung der Allgemeinheit vermieden wird
Auch bei ther. Erfolglosigkeit besteht Aufgabe der Sicherung
§ 64 StGB: Unterbringung in einer Entziehungsanstalt
Maßregelvollzug:nach § 64 StGB
Unterbringung:in EntziehungsanstaltHat eine Person den HangHang, alkoholische Getränke oder andere berauschende Mittel im Übermaß zu sich zu nehmen, und wird sie wegen einer rechtswidrigen Tat, die sie im Rausch begangen hat oder die auf ihren Hang zurückgeht, verurteilt oder nur deshalb nicht verurteilt, weil ihre Schuldunfähigkeit erwiesen oder nicht auszuschließen ist, so soll das Gericht die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt anordnen, wenn die Gefahr besteht, dass sie infolge seines Hangs erhebliche rechtswidrige Taten begehen wird.
Hang und Übermaß sind juristische Begriffe
Nicht abhängig von aufgehobener oder verminderten Schuldfähigkeit (§§ 20 und 21 StGB)
Auf 2 J. begrenzt
Nur wenn hinreichend konkrete Aussichten auf Erfolg der Behandlung bestehen
Konkrete Aussicht von Heilung oder Verhinderung eines Rückfalls mit dem Hang über eine erhebliche Zeit
Nur wenn Täter von erheblichen rechtswidrigen Taten abgehalten wird, die auf den Hang zurückgehen
Sonst wie bei Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus
Unterbringung:einstweiligeEinstweilige UnterbringungWenn die Voraussetzungen für die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder in einer Entziehungsanstalt nach den §§ 63 oder 64 StGB vorliegen
Anordnung durch Haftrichter aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens
Dauert bis Hauptverhandlung oder bis die Voraussetzungen entfallen
Ermöglicht frühzeitige Behandlung psychisch kranker Rechtsbrecher
Entlassung aus der Maßregel
Maßregelvollzug:EntlassungWenn keine Höchstfrist im Gesetz festgesetzt ist (2 J. bei Unterbringung nach § 64 StGB), ist die Entlassung aus den Maßregeln nur von der Rückfallprognose abhängig.
§ 67d StGB: Dauer der Unterbringung
Unterbringung:DauerIst keine Höchstfrist vorgesehen oder ist die Frist noch nicht abgelaufen, so setzt das Gericht die weitere Vollstreckung der Unterbringung zur Bewährung aus, wenn zu erwarten ist, dass der Untergebrachte außerhalb des Maßregelvollzugs keine rechtswidrigen Taten mehr begehen wird. Mit der Aussetzung tritt Führungsaufsicht ein.
Akteneinsicht des Patienten im Maßregelvollzug
Maßregelvollzug:AkteneinsichtAlle patientenbezogenen Aufzeichnungen sind dem Pat. grundsätzlich zugänglich (Bundesverfassungsgericht), auch Aufzeichnungen über hypothetische Therapiepläne, Gegenübertragungen, handschriftliche Notizen etc.
Sorgfältige Dokumentation eingedenk des neu gestärkten Rechts auf uneingeschränkte Akteneinsicht des Pat. erforderlich.
Kriminalprognose:ErwachseneBegutachtung, psychiatrische:KriminalprognoseExperimentelle Überprüfung der progn. Aussagen ist praktisch nicht möglich und in den meisten Fällen nicht zu verantworten.
Ungünstige Prognose führt meist zwangsläufig zu einer weiteren Unterbringung.
Kernfrage bei Kriminalprognosen
„Wer wird wann unter welchen Umständen mit welchem Delikt rückfällig, und wie können wir es verhindern?“
Klassische Methoden zur Risikoabschätzung
Intuitive Methode: Kriminalprognose:RisikoabschätzungBegutachtung, psychiatrische:Risikoabschätzung
Aufgrund von theoretischem Allgemeinwissen und subjektiver Erfahrung
Stark fehlerbehaftet
Stark abhängig von der Erfahrung (auch der fehlerhaften!) des Untersuchers
Statistische Methode:
Basiert auf empirischen Untersuchungen
Faktoren werden ermittelt, die statistisch mit hoher Rückfälligkeit korrelieren
Hohe Genauigkeit für Gruppenvergleiche
Oft für den individuellen Einzelfall nicht ausreichend
Klinische Methode:
Aufgrund biografischer Anamneseerhebung wird von der Vergangenheit über die derzeitige Situation auf die Zukunft extrapoliert
Stark abhängig von Erfahrung des Untersuchers
Oft sehr ungenau
Beispiele moderner Methoden zur Risikoabschätzung
Aktuarische Prognosen (engl. actuarial predictions):
Anleihen aus der Versicherungsmathematik
Weiterentwicklung der statistischen Methode
National und international validierte Prognoseinstrumente
Kriterienorientierte Vorhersagetechniken und -modelle
Aufwendigste und in vielen Untersuchungen genaueste Methode
Erfordert oft entsprechende Weiterbildung des Gutachters
Bei entsprechender Voraussetzung des Gutachters wichtiger Baustein des Gutachtens
EDV-gestützte Kombinationsansätze aus Risikofaktoren, Prognoseinstrumenten und Evaluationsmethoden:
Stark umstrittene Verfahren
Auch durch unerfahrene Gutachter anwendbar
Vorhersagegenauigkeit bisher unklar
Reliabilität und Validität kaum überprüfbar
Ein sich nur auf solche Ansätze stützendes Gutachten ist zurzeit nicht zu empfehlen
Risikofaktoren für Rückfälle bei Straftätern
Statische RisikofaktorenStraftäter, RückfallrisikoBegutachtung, psychiatrische:Rückfallrisiko
Persönlichkeitsgebundene Dispositionen
Kriminolog. Faktoren
Grundlage der aktuarischen Risikoeinschätzung
Kernfrage: „Um wen muss man sich Sorgen machen.“
Dynamische Risikofaktoren
Fixierte dynamische Risikofaktoren:
Fehlhaltungen und -einstellungen
Risikoträchtige Reaktionsmuster
Einschätzung der Behandlungsmöglichkeiten
Kernfrage: „Bei wem sind Änderungen möglich und erreichbar?“
Aktuelle, sich ändernde Risikofaktoren:
Klin. Symptomatik
Einstellung und Verhalten in verschiedenen Situationen, z. B. dissoziales Verhalten in einer Einrichtung
Beschwerden über Personal („Nicht ich bin das Problem, sondern die Institution“)
Bestreiten oder Verleugnen früherer Gewalttaten
Fehlen von Schuld und Reue
Unrealistische Zukunftspläne
Aktueller Alkoholmissbrauch
Aktuelle psychotische Symptomatik
Fehlende Compliance
Kernfrage: „Wann muss man sich Sorgen machen?“
Mindestanforderungen bei Prognosebegutachtung; Bundesgerichtshof (2006)
Prognosebegutachtung, Mindestanforderungen Zu beantwortende Fragen:
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die zu begutachtende Person erneute Straftaten begehen wird?
Welcher Art werden diese Straftaten sein, welche Häufigkeit und welchen Schweregrad werden sie haben?
Wer wird am wahrscheinlichsten das Opfer zukünftiger Straftaten sein?
Mit welchen Maßnahmen kann das Risiko zukünftiger Straftaten beherrscht oder verringert werden?
Welche Umstände können das Risiko von Straftaten steigern?
Martin RiegerKinder- und Jugendpsychiatrie:forensische
Med. Voraussetzungen für aufgehobene oder verminderte Schuldfähigkeit (§§ 20, 21 StGB); (16.3.2, 16.3.3)
Strafrechtliche Verantwortungsreife (§ 3 JGG)
Strafrechtliche Zuweisung für Heranwachsende (§ 105 JGG)
Glaubhaftigkeit kindlicher Zeugen
Voraussetzungen zu sorgerechtlichen Eingriffen
Häufige Gründe für Hinzuziehung des Sachverständigen in Strafverfahren
Psychiatrische Vorerkrankung
Sexuelle Devianz
Intoxikation zur Tat/Sucht
Schuldfähigkeit 16.3.2, 16.3.3.
Verantwortungsreife, strafrechtlicheStrafrechtliche VerantwortungsreifeBegutachtung, psychiatrische:Verantwortungsreife, strafrechtlicheEin Jugendlicher ist strafrechtlich verantwortlich, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln. Zur Erziehung eines Jugendlichen, der mangels Reife strafrechtlich nicht verantwortlich ist, kann der Richter dieselben Maßnahmen anordnen wie der Familien- oder Vormundschaftsrichter.
Bejahung: Anwendung Jugendstrafrecht.
Verneinung: keine Verurteilung, ggf. Erziehungsmaßnahmen.
Die strafrechtliche Verantwortungsreife wird im Regelfall durch das Gericht ohne Hinzuziehung eines Gutachtens entschieden. Untersuchungen durch einen Sachverständigen zu § 3 JGG erfolgen i. d. R. in Verbindung mit einer Begutachtung zur Schuldfähigkeit.
Sachverständiger benennt entwicklungspsychiatrische Funktionseinschränkungen.
Gericht zieht die juristischen Schlussfolgerungen (normenorientierte Entscheidung).
EinsichtsunfähigkeitKognitiver und werteorientierter EinsichtsunfähigkeitEntwicklungsstand reicht nicht aus, um Unrecht der Tat zu erkennen. Wenn Einsichtsunfähigkeit vorliegt, erübrigt sich Beurteilung der Handlungskompetenz.
HandlungsunfähigkeitEntwicklungsstand Handlungsunfähigkeitauf der Handlungsebene und Integration von Normen in die Handlungsentwürfe reichen nicht aus, um entsprechend der Einsicht zu handeln. Insb. entwicklungsbedingter Mangel an Verhaltenssteuerung und hemmenden Einflüssen auf die Handlungsabläufe.
Nicht aufholbare Entwicklungsdefizite (z.B. geistige Behinderung, tiefgreifende Entwicklungsstörung und Autismus) sind unter Eingangsmerkmale des §§20/21 StGB zu subsumieren (16.3.4).
Strafrechtliche Zuweisung für Heranwachsende (18.–20. Lj.) nach § 105 JGG
Strafrechtliche Zuweisung für HeranwachsendeHeranwachsende, strafrechtliche ZuweisungAnwendung des Jugendstrafrechts, wenn
die Gesamtwürdigung der Persönlichkeit des Täters bei Berücksichtigung auch der Umweltbedingungen ergibt, dass er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstand, oder
es sich nach Art, Umständen oder Beweggründen der Tat um eine Jugendverfehlung handelt.
Untersuchungsschritte:
Längs- und querschnittliche Beurteilung der Entwicklung
Einschätzung der Umweltbedingungen und insb. der sozialen Bezüge
Beurteilung des Einflusses des Entwicklungsstands auf Entstehung und Ausgestaltung der Tat
Prüfung des Entwicklungspotenzials
Empfehlenswert: Einsatz operationalisierter Skalen, z. B. Esser et al. (1991), MSchrKrim 74: 356–368
Wenn kein Entwicklungspotenzial mehr vorliegt, d.h., die Entwicklung des Heranwachsenden abgeschlossen ist, ist nach Rechtsprechung das Erwachsenenrecht anzuwenden.
Relevante Merkmale in der Beurteilung der Persönlichkeit des Probanden:
Soziale Selbstständigkeit und autonome Lebensführung
Norm/Werteorientierung
Realistische Lebensplanung
Reflexion über eigenes Handeln
Kriminalprognose:HeranwachsendeBegutachtung, psychiatrische:KriminalprognosePrognosegutachten im KJP-Bereich noch selten. Erforderlich bei Prüfung der §§ 63/64 StGB.
Methodische Aspekte der Kriminalprognose 16.3.9.
Nach Forschungsstand relevante Risikofaktoren für Rückfallkriminalität und Gewalttätigkeit von Jugendlichen: Rückfallkriminalität (Jugendliche), Risikofaktoren
Historische Faktoren:
Mehrfache Gewaltdelikte
Unterschiedliche Delikte (Versatilität)
Frühes Einsetzen der Aggression
Sozialverhaltensstörung vor 10. Lj.
Vernachlässigung/Missbrauch
Gewalt in Herkunftsfamilie
Inkonsistente Erziehung
Dynamische Faktoren:
Anschluss an dissoziale Peers
Dissoziale Einstellungen
Geringe Empathie und Reue
Impulsivität und Risikoverhalten
Nach Forschungsstand relevante Risikofaktoren für sexuelle Rückfallkriminalität Jugendlicher:
Rückfallkriminalität (Jugendliche), RisikofaktorenDeviante sexuelle Interessen
Mehrfache Übergriffe/Opfer
Einsatz deutlicher Gewalt
Übergriffe ggü. wesentlich jüngeren Kindern
Übergriffe mit männlichen Opfern
Eigene Viktimisierung
Dissoziale Orientierung
Selbstwertgefühl/Selbstbehauptung gering
Empathiedefizite
Problematische Aufwuchs-/Umgebungsbedingungen
Keine spezif. Ther.
Skalen und Checklisten zur Risikoeinschätzung bei jugendlichen Straftätern zum adjuvanten Einsatz in der Begutachtung sind zu empfehlen.
Begutachtung der Glaubhaftigkeit kindlicher Zeugen
Nur durch forensisch und klin.-ther. erfahrene Psychologen oder Kinder- und Jugendpsychiater.
Häufig als Zweitgutachten oder in Revisionsverfahren
Entwicklungspsychologisch ab Ende des 2./Anfang des 3. Lj. verwertbare Aussagen möglich, aber Berücksichtigung des Entwicklungsstands im EinzelfallGlaubhaftigkeit kindlicher ZeugenBegutachtung, psychiatrische:Glaubhaftigkeit kindlicher Zeugen
Vermeidung suggestiver Fragetechniken
Aussagepsycholog. Auswertung (Konsistenz, Detailtreue usw.) wiederholter Befragung mit Einschätzung der Evidenz
Berücksichtigung motivationaler Aspekte der Aussage
Gutachten zu Voraussetzungen von sorgerechtlichen Eingriffen
Gerichtliche Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls nach §1666 BGB
KindeswohlgefährdungGefährdung des KindeswohlsBegutachtung, psychiatrische:SorgerechtWird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen durch missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes, durch unverschuldetes Versagen der Eltern oder durch das Verhalten eines Dritten gefährdet, so hat das Familiengericht, wenn die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden, die zur Abwendung der Gefahr erforderlichen Maßnahmen zu treffen.
Ergänzend § 1666a zur Verhältnismäßigkeit: Maßnahmen, mit denen eine Trennung des Kindes von der elterlichen Familie verbunden ist, sind nur zulässig, wenn der Gefahr nicht auf andere Weise, auch nicht durch öffentliche Hilfen begegnet werden kann.
Auftrag: durch das zuständige Familiengericht
Detaillierte Einzelexploration des Kindes (relevante Aussagen möglichst wörtlich festhalten)
Exploration Eltern
Interaktionsbeobachtung Eltern-Kind
Untersuchungstermin im häuslichen Kontext
Akkurate körperliche Untersuchung (genaue und nachvollziehbare Dokumentation auffälliger Befunde, ggf. Foto)
Einbezug früherer med. Befunde (Haus-/Kinderarzt)
Sichtung/Erhebung fremdanamnestischer Daten
Wichtige Beurteilungsaspekte:
Seelischer, körperlicher und reifebezogener Entwicklungsstatus des Kindes
Bindungsverhalten des Kindes
Interaktionsverhalten der Eltern
Hinweise auf spezif. Vernachlässigungs-/Missbrauchs- und Deprivationssy.
Einschätzung des psychischen Status, der geistigen Fähigkeiten und der Persönlichkeit der Eltern/Bezugspersonen
Cave: Dissimulation bzgl. psychischer Erkr. und Sucht (ggf. Zusatzgutachten durch Erwachsenenpsychiater anregen)
Beurteilung der Erziehungskompetenz, der Ressourcen und des sozialen Umfelds
Ansätze für eine risikoadjustierte Interventionsplanung
Keine globale Einschätzung, sondern differenzierte Darstellung bzgl. jedes einzelnen Kindes und Elternteils (Umfang der Fragestellung beachten)
Erhebung akut gefährdender Momente für das Kind umgehend dem Familienrichter mitteilen, der ggf. Maßnahmen i.R. einer einstweiligen Anordnung trifft.
Gutachten zur geschlossenen Unterbringung nach § 1631b BGB
Unterbringung:geschlossene (§ 1631b BGB)Begutachtung, psychiatrische:Unterbringung, geschlosseneBetrifft geschlossene Unterbringung (GU) in Kliniken oder Jugendhilfeeinrichtungen
Familiengericht entscheidet auf Antrag der Sorgeberechtigten
Voraussetzungen: Kindeswohlgefährdung, insb. Abwendung einer erheblichen Selbst- oder Fremdgefährdung
Gutachten durch Kinder- und Jugendpsychiater oder forensisch erfahrenen Psychologen erforderlich
Gutachten erfordert eingehende psychopath. Untersuchung, ggf. ergänzt durch Testpsychologie, sowie Entwicklungsanamnese mit Berücksichtigung der sozialen Situation
Verhältnismäßigkeit beachten: niederschwelligere, insb. ambulante oder offen-stationäre Maßnahmen nicht aussichtsreich oder bereits erfolglos
Gutachten muss Dauer der voraussichtlichen Unterbringung angeben und begründen. GU Klinik meist 2–12 Wo.; GU Jugendhilfe meist 12 Wo. bis 12 Mon.
Gutachten muss benennen, ob Inhalt des Gutachtens dem Kind/Jugendlichen zur Kenntnis gebracht werden kann (i. Allg. bejahend)

References: § 20

§ 21
 § 105
 § 1631
 § 20

§ 20

§20

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 § 20

§ 63
 § 63

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 §1666
 § 1666
 § 1631