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Timestamp: 2017-09-23 17:00:40+00:00

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Moderne Heimerziehung heute. Beispiele aus der Praxis by druckfrisch medienzentrum ruhr gmbh - issuu
Moderne Heimerziehung heute Beispiele aus der Praxis
Die deutsche Bibliothek - CIP Kurztitelaufnahme Moderne Heimerziehung heute Beispiele aus der Praxis Hrsg.: Volker Rhein 2., unveränderte Aufl., 2011, FRISCHTEXTE Verlag ISBN 978-3-933059-40-6
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweiser Nachdruck oder Einspeisung, Rückgewinnung und Wiedergabe in Datenverarbeitungsanlagen aller Art sind vorbehalten.
© FRISCHTEXTE Verlag, Herne Umschlagentwurf, Layout und Satz: Agentur Steinbökk Gesamtherstellung: druckfrisch medienzentrum ruhr, herne
ISBN 978-3-933059-40-6
Vorwort des Herausgebers Die Ev. Kinderheim Jugendhilfe Herne & Wanne-Eickel gGmbH beabsichtigt, eine Reihe von Büchern herauszugeben, in denen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über Ansätze, Fragestellungen und Methoden berichten, mit denen sie ihre Arbeit in den unterschiedlichen Bereichen dieser Einrichtung gestalten und durchführen. In diesem Buch werden in Praxisbeispielen Ansätze, Fragestellungen und Methoden in der täglichen Arbeit der Heimerziehung in der angesprochenen Einrichtung geschildert. Unser Anliegen ist es vor allem, weniger bekannte oder aus unserer Sicht besonders wirksame Wege, Konzepte und Methoden sowie deren Umsetzung Praktikern der Erziehungshilfe und allen daran Interessierten näher zu bringen. Im Mittelpunkt dieses Buches steht eine Diplomarbeit von Frau Sara Anna Wirbals (päd. Mitarbeiterin im Bereich „Triangel“). Diese Diplomarbeit stellt den Herner Triangel-Ansatz, der auf der Systemischen Interaktionstherapie (SIT) basiert, vor. Hierbei verzichten wir auf die Veröffentlichung des Anhangs dieser Arbeit, da er aus unserer Sicht für die Botschaft des Buches nicht entscheidend ist. In der vorliegenden Veröffentlichung erscheint eine Arbeit von Frau Kerstin Tübing (Projektleiterin des Intensivangebotes „Deine Chance“), die als Abschlussarbeit für die Ausbildung zur Motopädagogin verfasst wurde sowie ein Aufsatz derselben Verfasserin zur gleichen Thematik, der für die Zeitschrift „Psychomotorik“ geschrieben und dort in der Ausgabe 1, 31. Jahrgang, März 2008 veröffentlicht wurde. Diese Arbeiten befassen sich mit Aspekten der Motopädagogik im Kontext der Intensivpädagogik. Frau Alexandra Leu (päd. Mitarbeiterin in der Gruppe „Via Annie“) beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Aspekten einer psychomotorischen Förderung im Intensivangebot „Via Annie“ für junge Frauen mit Esssstörungen.
Herr Norbert Meller (Projektleiter „Leben lernen“) und Herr Martin Klafke (Projektmitarbeiter „Leben lernen“) stellen in ihrem Aufsatz: „Das H.E.A.R.T.©Konzept. Gewaltprävention in einer stationären Einrichtung der Erziehungshilfe“ ein in unserem Hause entwickeltes Konzept vor, das sich mit diesem Thema in Einrichtungen der Erziehungshilfe beschäftigt. Wir hoffen, dass wir mit diesem Buch Praktikern Anregung für ihre Arbeit geben können und das Interesse in Lehre und Forschung wecken, sich mit solchen Fragestellungen und Wegen, wie sie das Ev. Kinderheim Herne beschreitet, auseinanderzusetzen. Über Rückmeldungen zu diesem ersten Versuch, über Arbeitsbereiche unseres Hauses und zu inhaltlichen Fragestellungen zu informieren, würden wir uns sehr freuen. Dies gilt sowohl für positive wie kritische Rückmeldungen. Für weitere Anregungen sind wir jederzeit offen und dankbar. Mit dieser Ausgabe liegt Band 1 der geplanten Reihe vor. Volker Rhein
DIE SYSTEMISCHE INTERAKTIONSTHERAPIE IM KONTEXT DER HEIMERZIEHUNG
Einleitung Motivation und Zielsetzung der Arbeit Aufbau und Methodik der Arbeit
Entwicklungen in der Heimerziehung „Heim“ und „Heimerziehung“: Definitionen, Verständnisweisen und Ansichten Veränderungen in der Heimerziehung Einleitende Bemerkungen Stationen des Weges der modernen Heimerziehung Heimerziehung im Kontext des KJHG Allgemeine Zielsetzung des KJHG Hilfe zur Erziehung Stationäre Unterbringung Klientel der Heimerziehung Elternarbeit und systemischer Ansatz als Konzepte der modernen Heimerziehung Elternarbeit in der Heimerziehung Der systemische Ansatz in der Heimerziehung Schlussfolgerung
Neue Wege der modernen Heimerziehung: Die Systemische InteraktionsTherapie Theoretischer Hintergrund Triangel, Eltern-Coaching, Familienaktivierung und SIT-Modell Die Entstehungsgeschichte
2.2 2.2.1 2.2.2 2.3 2.3.1 2.3.2 2.3.3 2.4 2.5 2.5.1 2.5.2 2.6 3. 3.1 3.2 3.3
18 18 18 21 21 22 24 25 27 27 33 35
3.4 3.5 3.6 3.6.1 3.6.2 3.6.3 3.7 3.7.1
Haltung und Grundannahmen des SIT-Modells Methodik des Dreiphasenprozesses Die erste Phase: Musterarbeit Der Weg vom Kampfmuster ins Kooperationsmuster Der Weg vom Abgabemuster ins Kooperationsmuster Exkurs: Arbeit an den Interaktionsmustern im „Herkunftsnetz“ Die zweite Phase: Problemtrancearbeit Trance – Bedeutung und Folgerungen für die Arbeit mit Trancezuständen Unterschied zwischen Mustertrancen und Problemtrancen Satzdiagnostik und Klärungsfragen im SIT-Modell Pacing und Leading im SIT-Modell Basisformen von Pacing und Leading Stufen von Problemtrancen Das Zielplakat Dritte Phase des SIT-Prozesses: Interaktionsinterventionen Entstehungshintergrund und Ebenen des dritten Prozessteils Grundannahmen – „Spinnennetz-Modell“ Strukturierte Arbeitsschritte – ein Ablaufschema für Rollenspiele Wie können Vorschläge für „Lösungsinteraktionen“ in Familien entwickelt werden? Lösungsorientierte Teamkommunikation Zusammenfassung
4. 4.1 4.2 4.3 4.4 4.5 4.5.1
Das Evangelische Kinderheim Herne Einleitende Bemerkung Beschreibung der Einrichtung Grundsätze und Ziele Leitbild Die Angebote des Kinderheims Herne Die Triangel-5-Tage-Wohngruppe
3.7.2 3.7.3 3.7.4 3.7.5 3.7.6 3.7.7 3.8 3.8.1 3.8.2 3.8.3 3.8.4
50 53 56 57 61 67 69 69 71 72 74 75 77 80 81 81 82 85 89 92 94 95 95 95 99 99 101 103
4.5.2 4.6 4.6.1 4.6.2
Das Eltern-Kind-Appartment Die Systemische InteraktionsTherapie im Pädagogischen Alltag Der pädagogische Alltag in der Triangel-5-Tage-Gruppe Die Systemische InteraktionsTherapie aus Sicht der Mitarbeiter
105 106 107 111
Fazit Fußnoten Literatur
MOTOPÄDAGOGISCHES ARBEITEN IM RAHMEN EINER 129 INDIVIDUALPÄDAGOGISCHEN KRISENINTERVENTION IM KONTEXT DER STATIONÄREN INTENSIVPÄDAGOGIK 1. 2. 3. 3.1 3.2
Einleitung Vorstellung der Einrichtung Vorstellung der Jugendlichen und ihr Verhalten in der Gruppe (vor der Krisenintervention) Biographischer Kontext Verhalten zum Zeitpunkt der Aufnahme bis zur Krisenintervention
Beschreibung der Indikatoren, die zur Durchführung der Maßnahme führten Ausschnittsweise Darstellung der Maßnahme unter besonderer Berücksichtigung von motopädagogischen Aspekten Resümee: Begründung und Verortung der Krisenintervention Fußnoten Literatur
136 141 144 145
ASPEKTE EINER PSYCHOMOTORISCHEN FÖRDERUNG JUNGER FRAUEN MIT ESSSTÖRUNGEN IM INTENSIVANGEBOT„VIA ANNIE” DES EV. KINDERHEIMS HERNE
Einleitung Konzeption des Intensivangebots „Via Annie“ Beschreibung der Zielgruppe des Intensivangebots „Via Annie“ Symptomatik nach den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV-TR Beschreibung der Klientel von „Via Annie“
Überlegungen zur Umsetzung eines psychomotorischen Förderangebots für „Via Annie“ Literaturrecherche zum Einsatz psychomotorischer Ansätze im Bereich Essstörungen Befragung der Klientel zum Thema Psychomotorik Rahmenbedingungen und besondere Voraussetzungen eines Förderangebots Ziele einer psychomotorischen Förderung Inhalte und Methoden einer psychomotorischen Förderung Grenzen einer psychomotorischen Förderung
Resümee Literatur
3.1 3.2 4. 4.1 4.2 4.3
154 156 157 159 160 162
DAS H.E.A.R.T.©-KONZEPT – GEWALTPRÄVENTION IN EINER STATIONÄREN EINRICHTUNG DER ERZIEHUNGSHILFE
168 168 170 173 185 186
Einleitung Die Rahmenbedingungen Entwicklungsförderung nach dem H.E.A.R.T.©-Konzept TCA als systematisches Gewaltpräventionsprogramm Fazit Literatur
BEWEGUNG = „BEWEGT SEIN“?!
Einleitung Die Intensivwohngruppe „Deine Chance“ des Evangelischen Kinderheimes Herne Darstellung der entwicklungsbezogenen Ausgangssituation der drei teilnehmenden Mädchen. Intention der Trainingsmaßnahme. Verlaufsprotokoll der Fahrradtour · Tag 1 · Tag 2 · Tag 3
Einordnung der Maßnahme Fußnoten
191 191 192 192 194 196
Sara Anna Wirbals
Die Systemische InteraktionsTherapie
ystemische InteraktionsTherapie (S.I.T.) im Kontext der Heimerziehung 11
1. Einleitung 1.1 Motivation und Zielsetzung der Arbeit Mein Interesse an der Thematik der vorliegenden Arbeit ist aus persönlichen Erfahrungen als studentische Mitarbeiterin der „Triangel-Wohngruppe“ des Evangelischen Kinderheims Herne entstanden. Die dortige Arbeit beruht auf dem Konzept der systemischen Interaktionstherapie und ermöglichte mir einen bisher unbekannten Zugang in die Heimerziehung. Aus meiner anfänglichen Verwunderung über den Umgang der Heimmitarbeiter mit den Kindern und ihren Familien entwickelte sich rasch das Bedürfnis nach Aufarbeitung. So motivierte mich die Konfrontation mit der Praxis dazu, die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit genauer zu durchleuchten. Dass das Konzept der systemischen Interaktionstherapie schließlich zum Gegenstand der vorliegenden Arbeit wurde, ist sicherlich auch meinen Kollegen des Evangelischen Kinderheims Herne zu verdanken, deren tägliches Engagement dazu beiträgt, dass dieses Konzept in der Praxis seine konsequente Umsetzung erfährt. Natürlich erhebt die vorliegende Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit im Hinblick auf das umfangreiche Gebiet der Heimerziehung. Gemäß ihrer Thematik geht es mir vielmehr darum, die Systemische Interaktionstherapie (kurz SIT) mit Rücksicht auf die ihr zugrunde liegenden Rahmenbedingungen herauszustellen und den pädagogischen Alltag vorzustellen. Die Heimerziehung hat in den letzten Jahrzehnten eine tiefgreifende Veränderung erfahren. Diese Veränderungen, die letztendlich zum Begriff „Moderne Heimerziehung“ führten, können als allgemeine Rahmenbedingungen zur Entwicklung und Etablierung neuer Konzepte der Heimerziehung angesehen werden. So werde ich mich mit den grundlegenden Stationen der modernen Heimerziehung und deren Folgen auseinandersetzen, um dem Leser1 dieser Arbeit eine Verständnisgrundlage für die folgenden Abschnitte zu bieten. In diesem Zusammenhang muss allerdings hier darauf hingewiesen werden, dass das Potenzial der modernen Heimerziehung längst nicht erschöpft erscheint. 12
So genießt die Heimerziehung in der breiten Öffentlichkeit kein gutes Ansehen, was allerdings weitgehend auf Unkenntnis zu beruhen scheint (vgl. Günder 2007, 30). Hier mag die Publikation aktueller Fallbeispiele und Praxisbelege hilfreich sein, das negative Bild der Heimerziehung positiv zu verändern. So kann diese Arbeit als Beitrag verstanden werden, einen aktualisierten Blick auf die heutige Heimerziehung und ihr Potenzial zu ermöglichen. Dabei wird die Systemische Interaktionstherapie als neuer Weg der modernen Heimerziehung verstanden, den es von den vielen anderen Wegen der Heimerziehung abzugrenzen gilt. So erfolgt die Darstellung des SIT-Konzeptes vornehmlich unter dem Aspekt, welche Besonderheiten die Systemische Interaktionstherapie im Kontext der Heimerziehung aufweist. In der Folge richtet sich der Blick auf die Umsetzung des SIT-Konzeptes im pädagogischen Alltag. Die Umsetzung wird anhand der praktizierten Arbeitsweise nach dem SIT-Ansatz des Evangelischen Kinderheims Herne vorgestellt. Da bislang keine veröffentlichte Fachliteratur zum Thema der Systemischen Interaktionstherapie existiert, kann diesbezüglich nicht gewährleistet werden, dass alle Elemente dieses Konzeptes in der vorliegenden Diplomarbeit dargestellt werden. Michael Biene, u. a. Psychologe und Familientherapeut, lehrt anhand eines Konzeptionspapiers die systemische Interaktionstherapie und bildet anhand dieses pädagogische Fachkräfte aus. Die Darstellung des SIT-Modells beruft sich daher primär auf das Konzeptionspapier von Michael Biene, das mir im Rahmen meiner „Triangel“-Ausbildung zur Verfügung gestellt wurde.
1.2 Aufbau und Methodik der Arbeit Aus der vorangestellten Motivation und Zielsetzung der Arbeit ergibt sich folgender Aufbau: Kapitel 1 enthält einleitend, wie bereits angemerkt, zum einen die Motivation und Zielsetzung der Arbeit sowie zum anderen den Aufbau der Arbeit und die methodische Vorgehensweise. 13
Um den Zusammenhang der systemischen Interaktionstherapie im Kontext der Heimerziehung darstellen zu können, beinhaltet Kapitel 2 zunächst eine Definition sowie Verständnisweisen und Ansichten der Begrifflichkeiten Heim und Heimerziehung (Kap. 2.1). Um dem Leser eine Verständnisgrundlage für die systemische Interaktionstherapie zu geben, erscheint es wichtig, grundlegende Stationen der modernen Heimerziehung aufzuzeigen (Kap. 2.2), welche als allgemeine Rahmenbedingungen zur Entwicklung und Etablierung neuer Konzepte der Heimerziehung angesehen werden. Da eine bedeutende Station in diesem Zusammenhang durch neue pädagogische Haltungen und Orientierungen geprägt ist, die insbesondere durch das Inkrafttreten des KJHG implementiert wurden, stellt die Heimerziehung im Kontext des KJHG (Kap. 2.3) einen weiteren wichtigen Grundstein in der Entwicklung einer modernen Heimerziehung dar. Ferner liefern hier die Elternarbeit sowie bestimmte methodische Vorgehensweisen in der Heimerziehung (Kap. 2.5) den theoretischen Hintergrund für die systemische Interaktionstherapie. Die theoretischen Abhandlungen der Entwicklungen in der Heimerziehung werden anhand einer umfangreichen Literaturrecherche dargestellt. Die Systemische Interaktionstherapie wird dabei als neuer Weg der modernen Heimerziehung verstanden, den es von den vielen anderen Wegen der Heimerziehung abzugrenzen gilt. Um die historische Entwicklung und die Grundideen des systemischen Arbeitens in ihren Grundzügen zu verstehen, beinhaltet Kapitel 3 zunächst wesentliche theoretische Hintergründe (Kap. 3.1), auf denen das Konzept der Systemischen Interaktionstherapie aufbaut. Darauf folgend wird der Weg zum SIT-Modell (Kap. 3.2) kurz skizziert und seine Entstehungsgeschichte dargestellt (Kap. 3.3). Im Zusammenhang des SITModells ist es von Bedeutung, sowohl die Haltung als auch die Grundannahmen (Kap. 3.4) zu ergründen. Die Basis des SIT-Modells stellt die Methodik des Dreiphasenprozesses (Kap. 3.5) dar. Da hier wesentliche Besonderheiten der Systemischen Interaktionstherapie im Kontext der Heimerziehung aufgezeigt werden, ist die Auseinandersetzung mit den einzelnen Phasen ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit. Die erste Phase (Kap. 3.6) beinhaltet insbesondere 14
die Darstellung der einzelnen Muster (Kampf- und Abgabemuster) bzw. den Weg dieser Muster in das sog. Kooperationsmuster. Die zweite Phase (Kap. 3.7) setzt sich mit der Problemtrancearbeit auseinander. Hierbei wird der Unterschied zwischen differenzierten Trancen herausgestellt sowie bedeutende Methoden (Pacing und Leading) für die Arbeit mit Trancezuständen dargestellt. Weiterhin enthält dieses Kapitel eine Vorstellung der fünf verschiedenen, meist hierarchisch aufeinander aufbauenden, Problemtrancestufen. Da für den gesamten Hilfeprozess aus der „Trance“ Zielplakate als lösungsorientierte Grundlage gesehen werden, mündet das Kapitel in eine Darstellung dieser Zielplakate. Die dritte Phase (Kap. 3.8) zeigt den Zusammenhang der Interaktionsinterventionen im SIT-Prozess auf. Dieses Kapitel beinhaltet einerseits wesentliche Grundannahmen sowie den Ablauf strukturierter Arbeitsschritte und Vorschläge für Lösungsinteraktionen in Familien. Das gesamte Kapitel wird abschließend noch einmal kurz zusammengefasst und bietet einen Überblick über wesentliche Besonderheiten und Konzeptinhalte der Systemischen Interaktionstherapie. Wie bereits vermerkt, ist dieses Kapitel auf der Grundlage eines einzigen Konzeptionspapiers entstanden, da bislang keinerlei Veröffentlichungen zu dieser speziellen Thematik vorliegen. Das Kapitel 4 stellt einen Zusammenhang der theoretischen Abhandlung des SIT-Modells und die Umsetzung des Konzeptes im pädagogischen Alltag dar, was anhand der praktizierten Arbeitsweise nach dem SIT-Ansatz des Evangelischen Kinderheims Herne erfolgt. Hierzu wird zunächst die Einrichtung beschrieben (Kap. 4.2), um dann die Grundsätze und Ziele dieser (Kap. 4.3) aufzuzeigen. Ferner werden die Angebote (Kap. 4.5) des Kinderheims Herne, insbesondere die, die den Arbeitsansatz nach dem SIT-Modell implementiert haben, skizziert. Abschließend wird die Systemische Interaktionstherapie im pädagogischen Alltag (Kap. 4.6) aus Sicht einiger Mitarbeiter erläutert. Hierbei beziehen sich die Angaben und Darstellungen aus persönlichen Prozessbeobachtungen der Heim-Mitarbeiter sowie auf die im Rahmen dieser Arbeit geführten Interviews, welche zu Sinnzusammenhängen zusammengefasst werden.
Kapitel 5 hebt abschließend noch einmal die wesentlichen Darstellungen dieser Arbeit hervor und reflektiert die gewonnen Erkenntnisse in Bezug auf die Besonderheiten der Systemischen Interaktionstherapie im Kontext der Heimerziehung.
2. Entwicklungen in der Heimerziehung 2.1 „Heim“ und „Heimerziehung“: Definitionen, Verständnisweisen und Ansichten „Heimerziehung stellt die institutionelle Form der Fremdunterbringung [Hervorh. im Orig., Anm. d. Verf.] von Kindern und Jugendlichen dar. Sie bietet einen kurz- oder langfristigen Lebensort in unterschiedlichen Formen: in Heimen oder anderen betreuten Wohnformen wie familienähnlichen Betreuungsangeboten, Wohngemeinschaften, Jugendwohnungen, aber auch Formen betreuten Einzelwohnens wie der mobilen oder flexiblen Betreuung“ (Kreft; Mielenz 2008, 421). In der Forschungsliteratur zeigt sich neben diesem Verständnis der Heimerziehung häufig die Ansicht, Heimerziehung sei eine stationäre Erziehungshilfe (vgl. Schauder 2003, 7 sowie Günder 2007, 11) und mobile bzw. flexible Betreuungsmöglichkeiten seien als Angebot zur Vermeidung einer Heimerziehung zu verstehen (vgl. Günder, 2007, 25). Der Blick in die Praxis zeigt jedoch, dass viele Kinder- und Jugendheime ihren pädagogischen Auftrag über die stationäre Erziehung hinaus begreifen, so dass Heimerziehung nicht zwingend einhergeht mit einer Unterbringung im Heim. Vielerorts existieren nicht-stationäre Erziehungshilfen für Kinder und Jugendliche und deren Familien bzw. soziales Umfeld, die als Angebot der Heimerziehung zu verstehen sind, um den Heimaufenthalt zu vermeiden (vgl. Rosenbauer 2008, 24).
Das in der Forschungsliteratur zu findende Verständnis von der Heimerziehung als stationäre Erziehungshilfe geht also von der Annahme aus, die betroffenen Kinder und Jugendliche seien Bewohner des jeweiligen Heims. Doch auch in diesem Fall scheint der Begriff „Heimerziehung“ der Praxis aufgrund der vielfältigen Angebote und Betreuungsformen nicht gerecht zu werden (vgl. Baur et al. 1998, 37). So fragt bspw. Wolf, ob die Begriffe „Heim“ und „Heimerziehung“ überhaupt noch aktuell seien oder ob es nicht sinnvoller sei, von Wohngruppen, Verbünden und/oder Wohngemeinschaften zu sprechen (vgl. Wolf 1995, 7)2. Münstermann plädiert sogar dafür, Heimerziehung als „konzeptionellen Begriff “ aufzufassen und den Ort der erzieherischen Institution nicht strikt zu definieren (vgl. Münstermann 1990, 24f.). Der Begriff „Heimerziehung“ zeigt sich demnach nicht ohne eine gewisse Problematik. Festzuhalten ist, dass der Begriff einerseits verwendet wird, um das Heim als Ort der Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu nennen und andererseits als Begriff fungiert, mit dem alle erzieherischen Hilfsangebote im Kontext der Institution Heim zu verstehen sind. Die Problematik der Begrifflichkeit zeigt sich auch noch in einer anderen Dimension, da den Bezeichnungen „Heim“ und „Heimerziehung“ ein negatives Image anzuhaften scheint. Aller Reformbemühungen und vorgenommenen Veränderungen zum Trotz verbinden Außenstehende mit den Begriffen häufig negative Vorstellungen. So besteht bspw. die Ansicht, Heime würden die Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen fördern, keinerlei Individualität ihrer Bewohner zulassen und somit keinen positiven Beitrag für deren Entwicklung leisten (vgl. Günder 2007, 14 sowie Kormann 2006, 29f.). Ob dieses Bild der Heimerziehung zu Recht oder zu Unrecht besteht, kann aufgrund des festgesetzten Rahmens dieser Arbeit sowie ihrer Thematik nicht entschieden werden. Hier kann lediglich festgestellt werden, dass das oben skizzierte Bild sich konträr zum Verständnis einer modernen Heimerziehung verhält (vgl. Kap. 2.5), welche letztendlich auf einer Reihe von neuen Sichtweisen beruht und zugleich den Boden für die Etablierung neuer Konzepte der Heimerziehung schafft, wie bspw. dem Konzept der Systemischen Interaktions17
therapie (vgl. Kap. 3). In diesem Zusammenhang erscheint es notwendig, die Stationen in der Heimerziehung zu nennen, deren Beitrag für ein modernes Verständnis der Heimerziehung als wesentlich erscheint und in deren Kontext neue Konzepte der Heimerziehung ihren Eingang finden können.
2.2 Veränderungen in der Heimerziehung 2.2.1 Einleitende Bemerkungen Moderne Heimerziehung meint in dieser Arbeit v. a. die Überwindung des Heims als totale Institution der Jugendhilfe zugunsten einer Heimerziehung, die auf einem vielfältigen Angebot sowohl stationärer, teilstationärer sowie ambulanter und flexibler Erziehungshilfen beruht. Heimerziehung ist in den letzten 25 Jahren von einschlägigen Reformen geprägt, dazu gehören vielfältige Umstrukturierungen, u. a. Dezentralisierung, Individualisierung und die Abschaffung geschlossener Unterbringung sowie neue Formen stationärer Jugendhilfe. 2.2.2 Stationen des Weges der modernen Heimerziehung Als erste Station des Weges der modernen Heimerziehung lässt sich die so genannte Heimkampagne Ende der 1960er-Jahre nennen, die im Zuge der Studentenbewegungen 1968/69 in der Diskussion um Bildungsreform und Chancengleichheit entstand. Für die Studentengruppen stellten Heimkinder und insbesondere Jugendliche in der geschlossenen Unterbringung als gesellschaftliche Randgruppe, den Beweis für das Versagen des kapitalistischen Gesellschaftssystems dar (vgl. Günder 2007, 23). Über z. T. stark medienwirksame Aktionen v. a. in hessischen Erziehungsanstalten wurden die dort herrschenden Missstände, die sich bspw. in der Verletzung grundsätzlich verankerter Rechte zeigten, publik (vgl. Bürger 2001, 635f).
„Die Offenlegung dieser Verhältnisse erzeugte Entrüstung und Proteste in verschiedensten gesellschaftlichen Gruppierungen, zumal die Enthüllungen in die Phase des Beginns einer gesellschaftspolitischen Umorientierung fielen, in der die Einforderung von gesellschaftlicher Teilhabe und Chancengleichheit für alle Gesellschaftsmitglieder, gerade auch für sozial benachteiligte Gruppen, einen zunehmenden Stellenwert einnahm. So ist es auch zu erklären, dass die Heimkampagne, obwohl die Aktionen im engeren Sinn nur wenige Monate andauerten, ausgesprochen folgenreich für die weitere Entwicklung des Praxisfeldes war“ (Bürger 2001, 636). Als unmittelbare Folge der Aktionen der Heimkampagne wurden von der Trägerschaft der Kinder- und Jugendheime Grundsatzpapiere zur Veränderung der Kinder- und Jugendheime verfasst, auf deren Grundlage Anfang der 70er-Jahre eine tiefgreifende Reformbewegung in der Heimerziehung einsetzte (vgl. Bürger 2001, 636). Als wesentliche Errungenschaften dieser Reformwelle sind die Differenzierung und Dezentralisierung der Einrichtungen in der Jugendhilfe, die deutliche Reduzierung der Gruppengröße, die Verurteilung repressiver Erziehungsmaßnahmen sowie die Professionalisierung des Heimpersonals zu nennen (vgl. Almstedt; Munkwitz 1982, 21 ff; Günder 2007, 23f.). Zahlreiche Zentraleinrichtungen wurden aufgelöst bzw. durch autonom arbeitende Wohngruppen und Jugendwohngemeinschaften ersetzt (vgl.: Bürger 2001, 637). „[...] seit Mitte der 70er-Jahre [entstanden] vermehrt Kleinstheime und Kinderhäuser, in denen engagierte Pädagoginnen – häufig vor dem Hintergrund negativer Erfahrungen mit den eigenen Arbeits- und den Lebensbedingungen der Kinder in Großeinrichtungen – alternative Formen der Heimerziehung, z. T. in familienanalogen Settings, gestalteten“ (Bürger 2001, 637).
Die im Zuge der Heimkampagne genannten Forderungen nach der z. T. radikalen Veränderung der Heimerziehung (ausführlich bei Post 1997, S. 30 ff ) wurden zwar nicht allesamt realisiert, sie ebneten jedoch den Weg für die tiefgreifende Reform der Heimerziehung in den 80er-Jahren. Diese war geprägt von einer Angebotsdifferenzierung, die bis heute anhält und dem Bild der modernen Heimerziehung entscheidende Gestalt verleiht. Neben dem Ausbau stationärer Hilfen unterschiedlichster Art kam es zur verstärkten Ausdifferenzierung mobiler bzw. ambulanter und teilstationärer Angebote (vgl. Rosenbauer 2008, 24) sowie zur erheblichen Erweiterung des Pflegekinderwesens (vgl. Günder 2007, S. 26). Mit der strukturellen Veränderung der Heimlandschaft wurden v. a. inhaltliche Qualitätsmerkmale der Erziehung in der Jugendhilfe angestrebt, die sich in neuen pädagogischen Haltungen und Orientierungen zeigen sollten. So wurde bspw. ab Ende der 70er-Jahre in der Fachliteratur verstärkt die Notwendigkeit der Elternarbeit als methodische Vorgehensweise in der Heimerziehung diskutiert (vgl. Günder 2007, 22ff ), deren praktische Durchdringung allerdings erst mit dem Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (im Folgenden abgekürzt mit KJHG) 1990/1991 an Kontur gewann. Die Verabschiedung des KJHG am 28. März 19903, mit der das bis dato geltende Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG) abgelöst wurde, kann als dritte Station des Weges der modernen Heimerziehung betrachtet werden. Als entscheidende Veränderung zum JWG zeigen sich in der gesetzlichen Neufassung der Jugendhilfe insbesondere die Konzentration der Jugendhilfetätigkeit bei den kommunalen Jugendämtern4, die umfassende Beschreibung allgemeiner Förderangebote und präventiver Hilfemaßnahmen sowie die rechtliche Verankerung des Abbaus repressiver Maßnahmen (vgl. Münder 1996, 14f.) bzw. die verstärkte Beteiligung aller Betroffenen am gesamten erzieherischen Hilfeprozess (vgl. Trede; Winkler 1995, 229). Da sich das KJHG als Leistungsgesetz des Sozialgesetzbuches versteht, garantiert es den Personenberechtigten einen Rechtsanspruch auf notwendige Hilfen. Ferner sieht das Gesetz in diesem Zusammenhang ein Wunsch- und 20
Wahlrecht für die Personenberechtigten hinsichtlich der Gestaltung der Hilfen vor. Dies ermöglicht den Erziehungshilfeempfängern eine aktive Beteiligung am Hilfeprozess bzw. Inanspruchnahme des Angebots der Jugendhilfe. Hiermit wird das KJHG der Erkenntnis gerecht, dass der Erfolg einer Heimunterbringung nur gegeben ist, wenn die Betroffenen selbst sowohl die Einrichtung aussuchen als auch an der inhaltlichen Ausgestaltung der Maßnahme durch selbstständig mitwirken können (vgl. Trede; Winkler 1995, 229).
2.3 Heimerziehung im Kontext des KJHG 2.3.1 Allgemeine Zielsetzung des KJHG Als modernes Leistungsgesetz soll das KJHG den gesamten Lebensbereich der Kinder und Jugendlichen einschließen und in seinen rechtlichen Handlungsabläufen berücksichtigen (vgl. Sünker; Swiderek o.J., 706). Die Jugendhilfe wird dabei als Interessenvertretung der Kinder und Jugendlichen verstanden, was bereits in § 1 KJHG deutlich wird, welcher unter der Überschrift „Recht auf Erziehung, Elternförderung, Jugendhilfe“ die Grundlagen und Ziele der Kinder- und Jugendhilfe zusammenfasst: „(1) Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. (2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft. (3) Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere 1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu betragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen, 21
2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen, 3. Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen, 4. dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie einer kinder- und familienfreundlichen Umwelt zu erhalten oder zu schaffen“ (§ 1 KJHG). Hiermit wird deutlich, dass die Förderung von Kindern und Jugendlichen nicht nur im Einklang zu sehen ist mit der sozialpädagogischen Unterstützung der Eltern, sondern dass der Position der Eltern bzw. dem Stellenwert der Familie im KJHG eindeutig eine zentrale Bedeutung beigemessen wird (vgl. Günder 2007, 38). 2.3.2 Hilfe zur Erziehung Das Leitmotiv der Eltern- bzw. Familienorientierung, das, wie bereits erwähnt, schon in den 80er-Jahren Bestandteil der fachlichen Diskussion in der Heimerziehung war, findet sich u. a. in § 27 Abs. 1 KJHG wieder. Hier wird die „Hilfe zur Erziehung“ folgendermaßen definiert: „Ein Personensorgeberechtigter hat bei der Erziehung eines Kindes oder Jugendlichen Anspruch auf Hilfe (Hilfe zur Erziehung), wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für eine Entwicklung geeignet und notwendig ist“ (§ 27 KJHG). Da die Angebote der erzieherischen Hilfen als Leistungsangebote zu verstehen sind, haben die Hilfeangebote einen freiwilligen Charakter und sind auf die Zusammenarbeit mit den Familien angewiesen. Hierbei ist ein Bezug zur Lebensweltorientierung gegeben, da sich Art und Umfang der Hilfe im
Einzelfall des erzieherischen Bedarfs ergibt und das engere soziale Umfeld einzubeziehen ist (vgl. Günder 2007, 40f.). Folgende Maßnahmen sind in diesem Zusammenhang zu nennen (vgl.: Günder 2007, 41): § 28: Erziehungsberatung § 30: Erziehungsbeistandschaft, Betreuungsfelder § 31: Sozialpädagogische Familienhilfe § 32: Erziehung in einer Tagesgruppe § 33: Vollzeitpflege § 34: Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform sowie § 35: Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung. Während die Paragraphen 28 bis 31 ambulante Erziehungsangebote benennen, verweist der Paragraph 32 auf eine teilstationäre Erziehungshilfe. Demgegenüber gelten Vollzeitpflege (§ 33) und Heimerziehung bzw. sonstige betreute Wohnformen (§ 34) als stationäre Erziehungshilfen und die intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (§ 35) kann sowohl in ambulanter als auch in stationärer Form wahrgenommen werden (vgl. Günder 2007, 42). „Aufgrund der Betonung des Familienbezugs im KJHG sind ambulante Erziehungshilfen den stationären dann vorzuziehen, wenn die familiären Beziehungsstrukturen und Bindungen noch einigermaßen vorhanden sind und zu erwarten ist, dass durch ambulante Hilfen die Verhältnisse wieder stabilisiert werden“ (Günder 2007, S. 42). Erscheint dies nicht möglich, so sollen die betroffenen Kinder und Jugendlichen außerhalb des Elternhauses stationär untergebracht und erzogen werden. Hierzu stehen die beiden – als gleichberechtigt geltenden – erzieherischen Formen der Familienpflege und der Heimerziehung zur Verfügung (vgl. Münder u. a. 2003, 314). 23
Da in dieser Arbeit das Konzept der systemischen Interaktion vorrangig als Angebot der stationären bzw. teilstationären Heimerziehung vorgestellt wird, wird im Folgenden auf die Darstellung der Familienpflege als stationäre Form der Fremdunterbringung zugunsten der Erläuterung der Heimerziehung als stationäres Angebot verzichtet. 2.3.3 Stationäre Unterbringung Die Grundidee der Familienorientierung findet sich insbesondere dort wieder, wo es um die Ziele der Unterbringung geht. Der Paragraph 34 KJHG bestimmt dabei die Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung über Tag und Nacht. Der Gesetzgeber spricht hier von Heimerziehung und sonstigen betreuten Wohnformen und wird damit dem Umstand gerecht, dass Heimerziehung heute in höchst unterschiedlichen Institutionen und unter differenzierten Gegebenheiten erfolgen kann (vgl. Günder 2007, 45). Heimerziehung hat die grundlegende Aufgabe, das Alltagserleben der Kinder und Jugendlichen mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten zu begleiten, sodass eine individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen erfolgen kann (vgl. Münder u. a. 2003, 319f.). Als Ziel dieser Förderung kann die Unterbringung in der Herkunftsfamilie oder einer anderen Familie bzw. die Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben angesehen werden: „[Heimerziehung] soll entsprechend dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes oder des Jugendlichen sowie den Möglichkeiten der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie 1. eine Rückkehr in die Familie zu erreichen versuchen oder 2. die Erziehung in einer anderen Familie vorbereiten oder 3. eine auf längere Zeit angelegte Lebensform bieten und auf ein selbstständiges Leben vorbereiten“ (§ 34 KJHG).
Zwei Grundannahmen sind hier auszumachen: Zum einen zeigt sich das Verständnis, Heimerziehung heute – im Gegensatz zum familienersetzenden Charakter früherer Verständnisweisen der Heimerziehung – v. a. als familienunterstützendes bzw. familienergänzendes Angebot zu betrachten. Dementsprechend soll die begleitende Unterstützung und Beratung der Familie zur Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie beitragen, sodass die Erziehung des Kindes im optimalen Fall wieder von den Eltern realisierbar ist (vgl. Trede; Winkler 1995, 229). Zum anderen zeigt sich die Konzentration auf eine Erziehung der Kinder und Jugendlichen zur Selbstständigkeit hin. So soll Heimerziehung die Kinder und Jugendlichen in allen Fragen der Lebensführung, so auch in Fragen der schulischen bzw. beruflichen Ausbildung und Beschäftigung, beraten und unterstützen (vgl. Münder u. a. 2003, 319ff ). Eine wesentliche Aufgabe der Heimerziehung ist es demnach, den Kindern und Jugendlichen einen Lebensort zu bieten, der ihre Zukunftschancen optimiert. Kinder und Jugendliche, bei denen eine stationäre Unterbringung für notwendig erachtet wird, sind mit besonderen Problemlagen belastetet, die gesellschaftlich, individuell und/oder familiär begründet sind (vgl. Günder 2007).
2.4 Klientel der Heimerziehung Kinder und Jugendliche, die in stationären Institutionen der Erziehungshilfe leben, gelten als belastet (vgl. Kormann 2006, 29). Sie weisen mehr oder weniger stark ausgeprägte Schwierigkeiten, Störungen, Auffälligkeiten und Abweichungen auf, die sich auf ihren Verhaltens- und Erlebensbereich erstrecken. Diese Probleme erfolgen meist aus den besonderen Biographien der jungen Menschen (vgl. Günder2007, 31). Das Forschungsprojekt JULE, welches in den Jahren 1995 bis 1998 am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen durchgeführt wurde5,
nennt als Hauptgründe einer Heimunterbringung u. a. folgende Ursachen (vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 1998, 11ff ): • • • • • • •
Störungen der Eltern-Kind-Beziehung (67,5%) das Kind als Opfer familiärer Kämpfe (54,3%) Vernachlässigung der Kinder (47,4%) Gewalt/Missbrauchserfahrungen (43,1) Desorientierung in Alltagssituationen/Verwahrlosung (27,4%) Zugehörigkeit zu problematischen Milieus (17,8%) Loyalitätskonflikte (14,7%) (vgl. Hamberger, 1998, 210)
Weiterhin zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche, die Erziehungshilfen benötigen, häufig aus familiären Lebensformen entstammen, die verbunden sind mit: • • • • • • • •
einer Zunahme von Familien mit nur einem Kind, einer Scheidungsratensteigerung der Eltern, einer Steigerung allein erziehender Elternteile, der Berufstätigkeit beider Elternteile, der Langzeitarbeitslosigkeit der Eltern, familiären Alkohol- und Drogenproblemen, beengten Wohnverhältnissen sowie Verarmungstendenzen bzw. dem Leben am Existenzminimum (vgl. Günder 2007, 39 sowie Trede 2001, 170)
In der Forschungsliteratur werden als Klientel der Heimerziehung i. d. R. Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien bzw. aus „schwierigen“ Familienverhältnissen genannt, die häufig mit wirtschaftlichen, sozialen und psychischen/gesundheitlichen Problemen belastet sind (vgl. Trede 2001, 170).
Bei einer solch komplexen Problemlage erscheint es nicht verwunderlich, dass die meisten Familien, die eine Heimunterbringung in Erwägung ziehen, häufig bereits einen langen Weg mit dem Jugendamt hinter sich haben und diverse Angebote der Jugendhilfe bereits in Anspruch genommen haben. In der Regel werden dabei ambulante Maßnahmen den stationären Angeboten vorgeschaltet, d. h. das Heim wird für diejenigen Kinder und Jugendlichen zum Lebensort, die vorübergehend oder langfristig nicht in der eigenen Familie leben können, da dort eine hinreichende Entwicklung nicht gewährleistet erscheint (vgl. Günder 2007, 14ff ). Als wesentlich ist in diesem Zusammenhang die Aufgabe der Heimerziehung zu sehen, nicht nur die Bewohner, also die betroffenen Kinder und Jugendlichen, als Klientel zu betrachten, sondern auch die Familie und das weitere soziale Umfeld. In der Praxis wird dieser Forderung nachgekommen, wenn Konzepte, die die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen konsequent einbeziehen, als Basis der pädagogischen Arbeit begriffen werden.
2.5 Elternarbeit und systemischer Ansatz als Konzepte der modernen Heimerziehung Da sowohl die Einbeziehung der Elternarbeit als auch der systemische Ansatz als Basis in der modernen Heimerziehung anzusehen sind und sie darüber hinaus wesentliche Grundlagen für das Konzept der systemischen Interaktionstherapie bilden, werden diese beiden Ansätze im Folgenden beschrieben. 2.5.1 Elternarbeit in der Heimerziehung Seit den 80er-Jahren hat sich das Konzept der Elternarbeit in der Heimerziehung verbreitet und wird seitdem in Fachkreisen diskutiert und weiterentwickelt. Während bis dato die Mitarbeit der Eltern in der Heimerziehung nicht erwünscht war, die „gescheiterten“ Eltern also von den „schwierigen“ oder vernachlässigten Kinder ferngehalten und für die Erziehung professionelle
In diesem Buch werden in Praxisbeispielen Ansätze, Fragestellungen und Methoden in der täglichen Arbeit der Heimerziehung in der Ev.Kinderheim, Jugendhilfe Herne & Wanne-Eickel gGmbH geschildert. Unser Anliegen ist es vor allem, weniger bekannte oder aus unserer Sicht besonders wirksame Wege, Konzepte und Methoden sowie deren Umsetzung Praktikern der Erziehungshilfe und allen daran Interessierten näher zu bringen. Im Mittelpunkt dieses Buches steht eine Diplomarbeit von Frau Sara Anna Wirbals. Diese Diplomarbeit stellt den Herner Triangel-Ansatz vor, der auf der Systemischen InteraktionsTherapie (SIT) basiert. Wir hoffen, dass wir mit diesem Buch Praktikern Anregung für Ihre Arbeit geben können und das Interesse in Lehre und Forschung wecken, sich mit solchen Fragestellungen und den Wegen auseinanderzusetzen, wie sie das Ev. Kinderheim Herne beschreitet.
Moderne Heimerziehung heute. Beispiele aus der Praxis
In diesem Buch werden in Praxisbeispielen Ansätze, Fragestellungen und Methoden in der täglichen Arbeit der Heimerziehung in der Ev.Kinderhe...

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 § 30
 § 31
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