Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/aerztlicher-kunstfehler-und-der-forderungsuebergang-an-die-pflegeversicherung-329179
Timestamp: 2019-09-16 22:17:39+00:00

Document:
Ärzt­li­cher Kunst­feh­ler und der For­de­rungs­über­gang an die Pfle­ge­ver­si­che­rung | Rechtslupe
Der Über­gang von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen nach § 1542 RVO, § 116 Abs. 1 SGB X voll­zieht sich grund­sätz­lich schon im Zeit­punkt des schä­di­gen­den Ereig­nis­ses, soweit der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger dem Geschä­dig­ten mög­li­cher­wei­se in Zukunft Leis­tun­gen zu erbrin­gen hat, die sach­lich und zeit­lich mit den Erstat­tungs­an­sprü­chen des Geschä­dig­ten kon­gru­ent sind.
Die­ser Grund­satz erfährt eine Aus­nah­me in den Fäl­len, in denen neue Leis­tungs­be­rech­ti­gun­gen erst nach dem Scha­dens­er­eig­nis auf­grund soge­nann­ter "Sys­tem­än­de­run­gen" geschaf­fen wer­den.
Die Neu­re­ge­lung des Anspruchs auf häus­li­che Pfle­ge­hil­fe in §§ 36 ff. SGB XI bedeu­tet kei­ne Sys­tem­än­de­rung, son­dern ledig­lich eine Modi­fi­zie­rung der bereits seit 1989 in §§ 53 ff. SGB V a.F. vor­ge­se­he­nen Pfle­ge­leis­tun­gen1.
Der Über­gang von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen voll­zieht sich sowohl nach § 116 Abs. 1 SGB X als auch nach dem gemäß § 120 Abs. 1 Satz 1 SGB X auf Scha­dens­er­eig­nis­se vor dem 30. Juni 1983 anwend­ba­ren § 1542 RVO grund­sätz­lich schon im Zeit­punkt des schä­di­gen­den Ereig­nis­ses, soweit der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger dem Geschä­dig­ten mög­li­cher­wei­se in Zukunft Leis­tun­gen zu erbrin­gen hat, die sach­lich und zeit­lich mit den Erstat­tungs­an­sprü­chen des Geschä­dig­ten kon­gru­ent sind. Dabei reicht selbst eine weit ent­fern­te Mög­lich­keit des Ein­tritts sol­cher Tat­sa­chen aus, auf­grund derer Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen zu erbrin­gen sein wer­den; es darf die Ent­ste­hung sol­cher Leis­tungs­pflich­ten nur nicht völ­lig unwahr­schein­lich, also gera­de­zu aus­ge­schlos­sen sein2. Die­ser frü­he Zeit­punkt ist für den For­de­rungs­über­gang auch wegen sol­cher Leis­tun­gen maß­ge­bend, deren inhalt­li­che Aus­ge­stal­tung durch Ver­än­de­run­gen im Leis­tungs­ge­fü­ge erst spä­ter erfolgt, soweit eine als Grund­la­ge für den For­de­rungs­über­gang geeig­ne­te Leis­tungs­pflicht des Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers gegen­über dem Geschä­dig­ten über­haupt in Betracht kommt3.
Die­ser Grund­satz erfährt aller­dings eine Aus­nah­me in den Fäl­len, in denen neue Leis­tungs­be­rech­ti­gun­gen erst nach dem Scha­dens­er­eig­nis auf­grund soge­nann­ter "Sys­tem­än­de­run­gen" geschaf­fen wer­den. Inso­weit fin­det ein For­de­rungs­über­gang erst mit Inkraft­tre­ten der Neu­re­ge­lung statt4. Eine Sys­tem­än­de­rung in die­sem Sin­ne liegt vor, wenn eine Leis­tungs­pflicht des Ver­si­che­rungs­trä­gers begrün­det wird, für die es bis­her an einer gesetz­li­chen Grund­la­ge gefehlt hat5, wenn also eine gesetz­li­che Neu­re­ge­lung eine Anspruchs­be­rech­ti­gung, die im bis­he­ri­gen Leis­tungs­sys­tem noch über­haupt nicht ent­hal­ten war, neu schafft6. Ent­schei­dend ist, ob einem Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger infol­ge einer Sys­tem­än­de­rung ganz neue Leis­tungs­pflich­ten auf­er­legt wor­den sind, die nach der bis­he­ri­gen gesetz­li­chen Rege­lung über­haupt nicht bestan­den7. Von einer sol­chen Sys­tem­än­de­rung sind Geset­zes­än­de­run­gen zu unter­schei­den, die nur eine Erhö­hung oder Modi­fi­zie­rung bereits gege­be­ner Ansprü­che regeln8 oder sich als Fort­ent­wick­lung von im Kern bereits ange­leg­ten sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Leis­tun­gen dar­stel­len9.
Eine Sys­tem­än­de­rung hat der Bun­des­ge­richts­hof bei­spiels­wei­se für den mit dem Gesund­heits­re­form­Ge­setz vom 20. Dezem­ber 198810 mit Wir­kung zum 1. Janu­ar 1989 ein­ge­führ­ten Anspruch auf häus­li­che Pfle­ge­hil­fe nach §§ 53 ff. SGB V a.F. ange­nom­men11. Maß­geb­lich hier­für war, dass die Neu­re­ge­lung erst­mals einen Anspruch auf Pfle­ge­leis­tun­gen gewähr­te, der vom Vor­lie­gen einer Krank­heit unab­hän­gig war und allein die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit vor­aus­setz­te. Zuvor war Pfle­ge­hil­fe nur im Rah­men einer häus­li­chen Kran­ken­pfle­ge gewährt wor­den, die eine behand­lungs­fä­hi­ge und behand­lungs­be­dürf­ti­ge Krank­heit vor­aus­setz­te. Mit der Geset­zes­än­de­rung war mit­hin eine im bis­he­ri­gen Leis­tungs­sys­tem neue und neu­ar­ti­ge Leis­tungs­pflicht geschaf­fen wor­den12.
Eine Sys­tem­än­de­rung hat der erken­nen­de Bun­des­ge­richts­hof dage­gen ver­neint für den durch Art. 1 des Pfle­ge-Ver­si­che­rungs­ge­set­zes vom 26. Mai 1994 (Pfle­geVG)13 geschaf­fe­nen Anspruch auf Bewil­li­gung eines Pfle­ge­gel­des gemäß § 37 SGB XI, soweit bereits nach §§ 53 ff. SGB V a.F. leis­tungs­be­rech­tig­te Schwer­pfle­ge­be­dürf­ti­ge betrof­fen waren14. Jeden­falls inso­weit sei­en die durch das Gesund­heits­re­form­Ge­setz vom 20.12. 1988 begrün­de­ten Ansprü­che näm­lich ledig­lich fort­ge­führt und modi­fi­ziert wor­den15.
Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze sind die mit der hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Kla­ge gel­tend gemach­ten Ansprü­che der Ver­si­cher­ten I. wegen ver­mehr­ter Bedürf­nis­se nach dem Vor­trag der Klä­ge­rin, der der revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung man­gels gegen­tei­li­ger Fest­stel­lun­gen zugrun­de zu legen ist, mit dem Inkraft­tre­ten des Gesund­heits­re­form­Ge­set­zes vom 20.12.1988 am 1. Janu­ar 1989 auf die AOK L., am 01.01.1994 auf die AOK S., am 01.04.1995 auf die Pfle­ge­kas­se bei der AOK S. und im Ver­lauf des Revi­si­ons­ver­fah­rens auf die Klä­ge­rin über­ge­gan­gen.
Da bis zur Ein­füh­rung des Anspruchs auf häus­li­che Pfle­ge­hil­fe nach §§ 53 ff. SGB V a.F. kei­ne vom Vor­lie­gen einer Krank­heit unab­hän­gi­ge Leis­tungs­pflicht der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­se wegen Pfle­ge­be­dürf­tig­keit bestand und die Neu­re­ge­lung des­halb eine Sys­tem­än­de­rung bedeu­tet16, erfass­te der grund­sätz­lich im Zeit­punkt des schä­di­gen­den Ereig­nis­ses am 22.03.1981 ein­ge­tre­te­ne Anspruchs­über­gang nach § 1542 RVO a.F. die mit der Kla­ge gel­tend gemach­ten Ersatz­an­sprü­che der Ver­si­cher­ten I. wegen ver­mehr­ter Bedürf­nis­se aus § 843 Abs. 1 BGB nicht.
Nach dem Vor­trag der Klä­ge­rin sind die­se Ansprü­che aber gemäß § 116 Abs. 1 SGB X mit dem Inkraft­tre­ten der §§ 53 ff. SGB V a.F. am 1. Janu­ar 1989 auf die AOK L. als Trä­ge­rin der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung über­ge­gan­gen. Die Leis­tun­gen zur häus­li­chen Pfle­ge­hil­fe sind sach­lich und zeit­lich kon­gru­ent mit den Ansprü­chen des Geschä­dig­ten auf Aus­gleich sei­ner ver­mehr­ten Bedürf­nis­se17.
Nach den Umstän­den des Scha­dens­fal­les war es auch nicht völ­lig unwahr­schein­lich, dass die bei der AOK L. gesetz­lich kran­ken­ver­si­cher­te I. infol­ge des bei ihrer Geburt erlit­te­nen irrever­si­blen Hirn­scha­dens in Zukunft in einem Umfang pfle­ge­be­dürf­tig wer­den wür­de, der eine Leis­tungs­pflicht der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­se gemäß §§ 53 ff. SGB V a.F. aus­ge­löst hät­te.
Der ein­ge­tre­te­ne For­de­rungs­über­gang erfass­te dem Grun­de nach die Ansprü­che der Ver­si­cher­ten I. auf Ersatz der ihr scha­dens­be­dingt ent­stan­de­nen Pfle­ge­auf­wen­dun­gen. Er war nicht auf die Ansprü­che auf Ersatz nur der­je­ni­gen Auf­wen­dun­gen beschränkt, die im Fal­le ihrer Schwer­pfle­ge­be­dürf­tig­keit im Sin­ne der §§ 53 ff. SGB V a.F. ange­fal­len wären oder waren, son­dern erstreck­te sich auch auf sol­che Ersatz­an­sprü­che, denen ledig­lich eine erheb­li­che Hilfs­be­dürf­tig­keit der Ver­si­cher­ten unter­halb der Schwel­le der Schwer­pfle­ge­be­dürf­tig­keit im Sin­ne des § 53 SGB V a.F. zugrun­de lag.
Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Ver­si­cher­te I. im Streit­fall Leis­tun­gen nicht gemäß §§ 53 ff. SGB V a.F., son­dern auf der Grund­la­ge des durch Art. 1 Pfle­geVG neu geschaf­fe­nen § 37 SGB XI bezo­gen hat. Denn ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts bedeu­tet die Neu­re­ge­lung des Anspruchs auf häus­li­che Pfle­ge­hil­fe in §§ 36 ff. SGB XI kei­nen erneu­ten Sys­tem­wech­sel, son­dern ledig­lich eine Modi­fi­zie­rung der bereits seit 1989 in §§ 53 ff. SGB V a.F. vor­ge­se­he­nen Pfle­ge­leis­tun­gen. Durch die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung wur­de nicht infol­ge einer Sys­tem­än­de­rung eine Anspruchs­be­rech­ti­gung neu geschaf­fen, die im bis­he­ri­gen Leis­tungs­sys­tem noch über­haupt nicht ent­hal­ten war. Viel­mehr wur­de eine im Kern bereits ange­leg­te sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Leis­tungs­be­rech­ti­gung ledig­lich inhalt­lich umge­stal­tet und fort­ent­wi­ckelt18. Hier­mit muss­ten der Schä­di­ger bzw. sein Ver­si­che­rer seit der Ein­füh­rung der §§ 53 ff. SGB V a.F. auch grund­sätz­lich rech­nen19.
Aller­dings kann sich das Beru­fungs­ge­richt für sei­ne abwei­chen­de Auf­fas­sung auf ober­ge­richt­li­che Recht­spre­chung und Stim­men in der Lite­ra­tur stüt­zen, die in der zum 01.04.1995 in Kraft getre­te­nen Ablö­sung der Rege­lun­gen in §§ 53 ff. SGB V a.F. durch die Vor­schrif­ten über die sozia­le Pfle­ge­ver­si­che­rung im Sozi­al­ge­setz­buch XI einen erneu­ten Sys­tem­wech­sel sehen. Begrün­det wird dies damit, dass mit der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung ein völ­lig neu­er, eigen­stän­di­ger Zweig der Sozi­al­ver­si­che­rung geschaf­fen und dabei das Leis­tungs­spek­trum sowie der leis­tungs­be­rech­tig­te Per­so­nen­kreis erwei­tert wor­den sei20.
Die­ser Auf­fas­sung ver­mag sich der Bun­des­ge­richts­hof jedoch nicht anzu­schlie­ßen.
Die §§ 53 ff. SGB V a.F. sahen als "Ein­stieg" in eine ver­si­che­rungs­recht­li­che Gesamt­lö­sung bereits von einer Krank­heit unab­hän­gi­ge, allein an die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit des Ver­si­cher­ten anknüp­fen­de Leis­tun­gen in Form der häus­li­chen Pfle­ge­hil­fe, der Leis­tun­gen bei Urlaub oder Ver­hin­de­rung der Pfle­ge­per­son und des Pfle­ge­gel­des vor21. Nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers soll­ten die §§ 53 ff. SGB V a.F. die krank­heits­un­ab­hän­gi­gen Pfle­ge­leis­tun­gen von vorn­her­ein nur vor­läu­fig bis zu einer voll­stän­di­gen Absi­che­rung der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen außer­halb der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung regeln. Es wur­den wei­te­re Schrit­te zur bes­se­ren sozia­len Absi­che­rung der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen für erfor­der­lich gehal­ten und ein Gesamt­kon­zept außer­halb der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung in Aus­sicht genom­men22. Dar­an knüpf­te der Gesetz­ge­ber bei Schaf­fung des Sozi­al­ge­setz­buchs XI an23. Dem­entspre­chend wur­den die §§ 53 bis 57 SGB V a.F. in Art. 4 Nr. 4 Pfle­geVG mit Wir­kung vom 01.04.1995 auf­ge­ho­ben und der Anspruch auf häus­li­che Pfle­ge aus geset­zes­sys­te­ma­ti­schen Grün­den in das Sozi­al­ge­setz­buch XI über­führt, weil Pfle­ge, die nicht Kran­ken­pfle­ge ist, ein Fremd­kör­per im Sozi­al­ge­setz­buch V ist24. Die Defi­ni­ti­on der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit in § 14 Abs. 1 SGB XI ent­spricht weit­ge­hend der des § 53 Abs. 1 SGB V a.F.. Sie stellt eben­falls auf den dau­ern­den krank­heits- oder behin­de­rungs­be­ding­ten Hil­fe­be­darf für die gewöhn­li­chen und regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Ver­rich­tun­gen im Ablauf des täg­li­chen Lebens ab25. Unter­schied­lich gere­gelt ist ledig­lich das anspruchs­er­heb­li­che Aus­maß der Hil­fe­be­dürf­tig­keit. Wäh­rend § 53 Abs. 1 SGB V a.F. die Hil­fe­be­dürf­tig­keit noch in sehr hohem Maße vor­aus­setz­te, genügt nach § 14 Abs. 1 SGB XI ein Hil­fe­be­darf in erheb­li­chem oder höhe­rem Maße. Die­ser Umstand ändert jedoch nichts dar­an, dass die Berech­ti­gung der Ver­si­cher­ten zum Bezug von Leis­tun­gen zur häus­li­chen Pfle­ge­hil­fe wegen Pfle­ge­be­dürf­tig­keit im Grund­satz im bis­he­ri­gen Leis­tungs­sys­tem schon ent­hal­ten war. Durch die Her­ab­set­zung des maß­geb­li­chen Aus­ma­ßes der Hil­fe­be­dürf­tig­keit ist die im Grund­satz bereits bestehen­de Leis­tungs­be­rech­ti­gung ledig­lich inhalt­lich modi­fi­ziert und fort­ent­wi­ckelt wor­den. Dies gilt umso mehr, als durch die Neu­re­ge­lung auch die Kri­te­ri­en für die Fest­stel­lung der anspruchs­er­heb­li­chen Pfle­ge­be­dürf­tig­keit modi­fi­ziert wor­den sind mit der Fol­ge, dass die Schwer­pfle­ge­be­dürf­tig­keit nach altem Recht nicht mit der Schwer­pfle­ge­be­dürf­tig­keit im Sin­ne des § 15 Abs. 1 Nr. 2 SGB XI26 gleich­ge­setzt wer­den kann und des­halb Fäl­le denk­bar sind, in denen der Ver­si­cher­te gemäß den §§ 53 ff. SGB V a.F. als Schwer­pfle­ge­be­dürf­ti­ger leis­tungs­be­rech­tigt gewe­sen wäre, nach den §§ 14, 15 SGB XI dage­gen als erheb­lich pfle­ge­be­dürf­tig anzu­se­hen ist27. Eine der­ar­ti­ge inhalt­li­che Umge­stal­tung von im Kern bereits ange­leg­ten sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Leis­tun­gen bewirkt aber kei­ne Sys­tem­än­de­rung28.
Auch der Umstand, dass mit der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung ein völ­lig neu­er, eigen­stän­di­ger Zweig der Sozi­al­ver­si­che­rung geschaf­fen und das Sozi­al­ver­si­che­rungs­ver­hält­nis zwi­schen der Ver­si­cher­ten I. und der Klä­ge­rin erst mit deren Ent­ste­hung im Jahr 1995 begrün­det wur­de, recht­fer­tigt nicht die Annah­me eines Sys­tem­wech­sels. Hier­durch wur­den ledig­lich die inhalt­li­che Aus­ge­stal­tung einer im Kern bereits ange­leg­ten Leis­tungs­be­rech­ti­gung und die Orga­ni­sa­ti­on der Leis­tungs­ge­wäh­rung, ins­be­son­de­re die Leis­tungs­zu­stän­dig­keit, ver­än­dert. Die Schaf­fung gänz­lich neu­er, im bis­he­ri­gen Sys­tem nicht bestehen­der Berech­ti­gun­gen war damit nicht ver­bun­den29.
Eine ande­re Beur­tei­lung trü­ge auch dem hin­ter § 1542 RVO (jetzt § 116 SGB X) ste­hen­den sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Anlie­gen nicht hin­rei­chend Rech­nung. Der gesetz­li­che For­de­rungs­über­gang gemäß § 1542 RVO, § 116 Abs. 1 SGB X dient dem Schutz des Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers auch im Hin­blick auf des­sen Rück­griff wegen sei­ner künf­ti­gen Leis­tun­gen; er hat zum Ziel, dem Ver­letz­ten Ver­fü­gun­gen über die künf­ti­gen Scha­dens­er­satz­an­sprü­che schon dann zu ver­weh­ren, wenn zunächst noch unge­wiss ist, ob und in wel­cher Höhe der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger Leis­tun­gen erbrin­gen wird, die ihn in Zukunft berech­ti­gen wer­den, Rech­te aus den über­ge­gan­ge­nen Ansprü­chen gel­tend zu machen30. Damit ist ein mög­lichst weit­ge­hen­der Schutz des Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers vor ander­wei­ti­gen Ver­fü­gun­gen des Geschä­dig­ten bezweckt31. Er wird nur dann erreicht, wenn in den For­de­rungs­über­gang bereits im Zeit­punkt des schä­di­gen­den Ereig­nis­ses auch Ersatz­an­sprü­che in Bezug auf sol­che Sozi­al­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen ein­be­zo­gen wer­den, die nach dem Leis­tungs­sys­tem der sozia­len Siche­rung in dem zu die­sem Zeit­punkt bestehen­den Sozi­al­ver­si­che­rungs­ver­hält­nis im Kern recht­lich schon ange­legt sind32. Dem ent­spricht es, dass der zum Schutz der Ver­si­che­rungs­trä­ger wegen künf­tig zu erbrin­gen­der Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen erfol­gen­de For­de­rungs­über­gang auch Ersatz­an­sprü­che in Bezug auf sol­che Sozi­al­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen erfasst, die in der Fol­ge­zeit wesent­lich zuguns­ten des Ver­si­cher­ten umge­stal­tet wer­den33.
Die Annah­me eines Sys­tem­wech­sels führ­te auch zu unbe­frie­di­gen­den Ergeb­nis­sen. Das Aus­maß der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit kann durch­aus Schwan­kun­gen unter­lie­gen, sei es durch Ver­än­de­run­gen des Gesund­heits­zu­stands des Ver­si­cher­ten, sei es infol­ge von medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men34. Gemäß §§ 5, 31 SGB XI haben die Pfle­ge­kas­sen nach dem Grund­satz "Reha­bi­li­ta­ti­on vor Pfle­ge" auch nach Ein­tritt der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit dar­auf hin­zu­wir­ken, dass die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit über­wun­den oder gemin­dert wird35. Bejah­te man einen Sys­tem­wech­sel und beschränk­te den For­de­rungs­über­gang gemäß § 116 Abs. 1 SGB X dem­entspre­chend auf Ansprü­che des Ver­si­cher­ten auf Ersatz der für sei­ne Ver­sor­gung als Schwer­pfle­ge­be­dürf­ti­ger im Sin­ne der §§ 53 ff. SGB V a.F. erfor­der­li­chen Auf­wen­dun­gen36, so wäre bei schwan­ken­dem Hil­fe­be­darf des Ver­si­cher­ten die Regress­be­rech­ti­gung des Trä­gers der Pfle­ge­ver­si­che­rung Wech­seln unter­wor­fen. Zugleich wären wie­der­hol­te Strei­tig­kei­ten zwi­schen dem Trä­ger der Pfle­ge­ver­si­che­rung und dem Schä­di­ger über das nur mit hohem Tat­sa­chen­auf­wand zu ermit­teln­de37 Aus­maß des jewei­li­gen Hil­fe­be­darfs des Ver­si­cher­ten vor­her­zu­se­hen.
Am 01.01.1994 sind die mit der Kla­ge gel­tend gemach­ten Ersatz­an­sprü­che aus § 843 Abs. 1 BGB gemäß § 146 Abs. 3 Satz 2 SGB V in der Fas­sung vom 20.12. 1988 von der AOK L. auf die AOK S. über­ge­gan­gen, in der die AOK L. nach Ver­ei­ni­gung gemäß § 145 SGB V auf­ge­gan­gen ist.
Mit der Begrün­dung der Leis­tungs­zu­stän­dig­keit der Pfle­ge­kas­se bei der AOK S. mit Wir­kung vom 01.04.1995 sind die Ersatz­an­sprü­che von der AOK S. als gesetz­li­cher Kran­ken­ver­si­che­rung sodann auf die bei ihr bestehen­de Pfle­ge­kas­se über­ge­gan­gen. Denn nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des erken­nen­den Bun­des­ge­richts­hofs gehen bei einem Wech­sel der ver­si­che­rungs­recht­li­chen Leis­tungs­zu­stän­dig­keit nach dem For­de­rungs­über­gang die vom zuerst ver­pflich­te­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger gemäß § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X erwor­be­nen Ersatz­an­sprü­che kraft Geset­zes auf den nun zustän­di­gen Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger über, sofern die geschul­de­ten Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen – wie im Streit­fall – gleich­ar­tig sind38.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. April 2011 – VI ZR 158/​10
Fort­ent­wick­lung zu BGH, Urtei­le vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, BGHZ 134, 381, 386; und vom 03.12.2002 – VI ZR 142/​02, VersR 2003, 267 [↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, BGHZ 134, 381, 383 f.; vom 17.04.1990 – VI ZR 276/​89, VersR 1990, 1028, 1029; vom 03.12. 2002 – VI ZR 142/​02, VersR 2003, 267, 268; vom 17.06.2008 – VI ZR 197/​07, VersR 2008, 1350 Rn. 12; vom 15.03.2011 – VI ZR 162/​10, Rn. 9, jeweils mwN; BGH, Urteil vom 10.07.1967 – III ZR 78/​66, BGHZ 48, 181, 186 [↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 30.11.1955 – VI ZR 211/​54, BGHZ 19, 177, 178 f.; vom 25.03.1953 – VI ZR 13/​52, VersR 1953, 209, 210; vom 22.10.1957 – VI ZR 222/​56, VersR 1957, 802, 804; vom 12.07.1960 – VI ZR 122/​59, VersR 1960, 830 f.; vom 17.04.1990 – VI ZR 276/​89, aaO; vom 03.12. 2002 – VI ZR 142/​02, aaO; BGH, Urteil vom 10.07.1967 – III ZR 78/​66, aaO [↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, aaO, S. 384; vom 24.03.1954 – VI ZR 24/​53, VersR 1954, 537, 538; vom 30.04.1955 – VI ZR 35/​54, VersR 1955, 393; vom 11.01.1966 – VI ZR 173/​64, VersR 1966, 233, 234; vom 04.10.1983 – VI ZR 44/​82, VersR 1984, 35, 36; vom 17.04.1990 – VI ZR 276/​89, aaO; vom 13.04.1999 – VI ZR 88/​98, VersR 1999, 1126; vom 03.12. 2002 – VI ZR 142/​02, aaO; vom 27.06.2006 – VI ZR 337/​04, VersR 2006, 1383 Rn. 19; vom 17.06.2008 – VI ZR 197/​07, aaO; BGH, Urteil vom 10.07.1967 – III ZR 78/​66, aaO [↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 24.03.1954 – VI ZR 24/​53, VersR 1954, 537, 538; vom 11.01.1966 – VI ZR 173/​64, VersR 1966, 233, 234 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 04.10.1983 – VI ZR 44/​82, VersR 1984, 35, 36; vom 17.04.1990 – VI ZR 276/​89, aaO; vom 03.12. 2002 – VI ZR 142/​02, aaO; vom 27.06.2006 – VI ZR 337/​04, aaO Rn. 20 [↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 24.03.1954 – VI ZR 24/​53, aaO; vom 11.01.1966 – VI ZR 173/​64, aaO; vom 17.04.1990 – VI ZR 276/​89, aaO; vom 27.06.2006 – VI ZR 337/​04, aaO; BGH Urteil vom 10.07.1967 – III ZR 78/​66, BGHZ 48, 181, Rn. 14 [↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, BGHZ 134, aaO S. 384; vom 12.07.1960 – VI ZR 122/​59, VersR 1960, 830 f.; vom 03.12. 2002 – VI ZR 142/​02, aaO [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 17.04.1990 – VI ZR 276/​89, aaO S. 1031 [↩]
BGBl. I 1988 S. 2477 [↩]
BGH, Urtei­le vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, aaO S. 386; vom 13.04.1999 – VI ZR 88/​98, aaO; und vom 27.06.2006 – VI ZR 337/​04, aaO Rn. 21 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, aaO S. 386 sowie Begrün­dung des Pfle­ge-Ver­si­che­rungs­ge­set­zes, BT-Drucks. 12/​5262 S. 70 [↩]
BGBl. I S. 1014 [↩]
BGH, Urteil vom 03.12.2002 – VI ZR 142/​02, aaO [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 03.12.2002 – VI ZR 142/​02, aaO [↩]
BGH, Urtei­le vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, aaO S. 386; vom 13.04.1999 – VI ZR 88/​98, aaO und vom 27.06.2006 – VI ZR 337/​04, aaO [↩]
stän­di­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, vgl. BGH, Urtei­le vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, aaO; vom 28.11.2000 – VI ZR 352/​99, BGHZ 146, 108, 110 f.; vom 08.10.1996 – VI ZR 247/​95, VersR 1996, 1565; vom 03.12. 2002 – VI ZR 142/​02, aaO; vom 27.06.2006 – VI ZR 337/​04, aaO; vom 17.06.2008 – VI ZR 197/​07, aaO Rn. 17 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 17.04.1990 – VI ZR 276/​89, aaO [↩]
vgl. zu die­sem Gesichts­punkt BGH, Urteil vom 10.07.1967 – III ZR 78/​66, aaO S. 192 f.; Geigel/​Plagemann, Der Haft­pflicht­pro­zess, 25. Aufl., § 30 Rn. 32 [↩]
vgl. OLG Koblenz, VersR 1999, 911; OLG Saar­brü­cken, OLG­Re­port 1999, 323, 324; OLG Bam­berg, OLG­Re­port 2000, 256, 257; KG, KGR Ber­lin 2002, 56, 57; Wies­ner, VersR 1995, 134, 144; Küp­pers­busch, NZV 1997, 30, 32; Budel in 35. Deut­scher Ver­kehrs­ge­richts­tag 1997, S. 269, 283 f. = r+s 1997, 133, 137 f.; Schrin­ner in 35. Deut­scher Ver­kehrs­ge­richts­tag 1997, S. 248, 254 f.; Wussow/​Schneider, Unfall­haft­pflicht­recht, 15. Aufl., Kap. 73, Rn. 21; Jahn­ke, VersR, 1996, 924, 929; Weg­mann, VersR 1995, 1288, 1289 f.; v. Wulffen/​Bieresborn, SGB X, 07. Aufl., § 116 Rn. 4c; a.A. Geigel/​Plagemann, aaO [↩]
vgl. BT-Drucks. 11/​2237, S. 145, 156, 182; Wag­ner in Hauck/​Wilde, SGB XI, K § 14 Rn. 6 – Stand: Dezem­ber 2001 [↩]
vgl. BT-Drucks. 11/​2337, S. 145, 156, 182; BGH, Urteil vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, BGHZ 134, 381 [↩]
vgl. BT-Drucks. 12/​5262, S. 80, 94 f. [↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, aaO; vom 03.12.2002 – VI ZR 142/​02, aaO; Jahn­ke, VersR 1996, 924 ff., 929 [↩]
vgl. BT-Drucks. 12/​5262, S. 80, 94 f.; Udsching/​Udsching, SGB XI, 3. Aufl., Ein­lei­tung Rn. 14; Wag­ner in Hauck/​Wilde, aaO Rn. 4; Gürt­ner in Kas­se­ler Kom­men­tar, § 14 SGB XI, Rn. 2 f. – Stand: Dezem­ber 2003 [↩]
Pfle­ge­stu­fe II [↩]
vgl. dazu aus­führ­lich Wag­ner in Hauck/​Wilde, aaO, Rn. 6 mwN; s. auch BT-Drucks. 12/​5262 S. 95 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 17.04.1990 – VI ZR 276/​89, aaO; BGH, Urteil vom 10.07.1967 – III ZR 78/​66, aaO S. 184 f. [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 18.02.1997 – VI ZR 70/​96, BGHZ 134, 381 Rn. 19 f. [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 10.07.1967 – III ZR 78/​66, aaO S. 185 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 09.01.1990 – VI ZR 86/​89, VersR 1990, 437, 438 [↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 30.11.1955 – VI ZR 211/​54, BGHZ 19, 177, 183 f.; vom 17.04.1990 – VI ZR 276/​89, aaO [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 10.07.1967 – III ZR 78/​66, aaO S. 184 f., 190 f. [↩]
vgl. BT-Drucks. 12/​5262 S. 81, 96; Wag­ner in Hauck/​Wilde, aaO Rn. 26 [↩]
vgl. BT-Drucks. 12/​5262 S. 81, 96 [↩]
vgl. dazu BGH, Urteil vom 03.12. 2002 – VI ZR 142/​02, aaO [↩]
vgl. Wag­ner in Hauck/​Wilde, aaO Rn. 21 [↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 07.12. 1982 – VI ZR 9/​81, VersR 1983, 262 f.; vom 04.11.1997 – VI ZR 375/​96, VersR 1998, 124, 125; vom 08.12. 1998 – VI ZR 318/​97, VersR 1999, 382, 383; vom 13.03.2001 – VI ZR 290/​00, VersR 2001, 1005 f.; vom 03.12. 2002 – VI ZR 142/​02, aaO; vom 17.06.2008 – VI ZR 197/​07, aaO Rn. 17, 29 [↩]
ForderungsübergangPflegeversicherungSchadensersatz

References: § 1542
 § 116
 § 116
 § 120
 § 1542
 Art. 1
 § 37
 § 1542
 § 843
 § 116
 § 53
 Art. 1
 § 37
 Art. 4
 § 14
 § 53
 § 53
 § 14
 § 15
 § 1542
 § 116
 § 1542
 § 116
 § 116
 § 843
 § 146
 § 145
 § 116
 BGH 
 § 30
 § 116
 § 14
 § 14