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Timestamp: 2020-08-08 09:06:49+00:00

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Überlange Verfahrensdauer - und die Entschädigungsklage vor Ablauf der 6-Monatsfrist | Rechtslupe
Überlange Verfahrensdauer - und die Entschädigungsklage vor Ablauf der 6-Monatsfrist
Über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er – und die Ent­schä­di­gungs­kla­ge vor Ablauf der 6‑Monatsfrist
Eine Ent­schä­di­gungs­kla­ge, die inner­halb der 6‑Monatsfrist des § 198 Abs. 5 GVG erho­ben wird, ist unzu­läs­sig.
Nach § 198 Abs. 5 Satz 1 GVG kann ein Anspruch auf Ent­schä­di­gung wegen eines über­lan­gen Gerichts­ver­fah­rens frü­hes­tens sechs Mona­te nach wirk­sa­mer Erhe­bung der Ver­zö­ge­rungs­rü­ge gericht­lich gel­tend gemacht wer­den.
Die Ein­hal­tung der gesetz­li­chen Sechs­mo­nats­frist ist eine beson­de­re Sachur­teils­vor­aus­set­zung, die in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen ist. Eine vor Frist­ab­lauf erho­be­ne Kla­ge ist unzu­läs­sig [1]. Es liegt kein heil­ba­rer Man­gel vor, daher wird sie nach Ablauf der Frist nicht zuläs­sig [2].
In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat der Klä­ger die sechs­mo­na­ti­ge War­te­frist gemäß § 198 Abs. 5 Satz 1 GVG nicht ein­ge­hal­ten. Er hat die Ver­zö­ge­rung am 7.11.2014 gerügt; die Ent­schä­di­gungs­kla­ge wur­de bereits am 3.12 2014 gemäß §§ 64 Abs. 1, 66 i.V.m. § 155 Satz 2 FGO mit dem Ein­gang der Kla­ge­schrift beim Bun­des­fi­nanz­hof ‑unab­hän­gig von ihrer Zustel­lung an den Beklag­ten- erho­ben.
Die von ande­ren Bun­des­ge­rich­ten ent­wi­ckel­ten Aus­nah­men von dem Erfor­der­nis der Sechs­mo­nats­frist des § 198 Abs. 5 Satz 1 GVG sind im Streit­fall nicht gege­ben.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann auf­grund einer teleo­lo­gi­schen Reduk­ti­on des § 198 Abs. 5 Satz 1 GVG eine Ent­schä­di­gungs­kla­ge aus­nahms­wei­se bereits vor Ablauf der Sechs­mo­nats­frist erho­ben wer­den, wenn näm­lich das betrof­fe­ne Ver­fah­ren schon vor Frist­ab­lauf been­det wor­den ist.
Der Sinn der sechs­mo­na­ti­gen War­te­frist besteht dar­in, dem Gericht des Aus­gangs­ver­fah­rens die Mög­lich­keit ein­zu­räu­men, auf eine Beschleu­ni­gung des Ver­fah­rens hin­zu­wir­ken und dadurch eine (wei­te­re) Ver­zö­ge­rung zu ver­mei­den [3].
Ein Abwar­ten der Frist wäre inso­fern im Hin­blick auf den Zweck des § 198 Abs. 5 Satz 1 GVG bei bereits been­de­ten Ver­fah­ren nicht sinn­voll. In die­sen Fäl­len ist die Fris­ten­re­ge­lung des § 198 Abs. 5 Satz 1 GVG teleo­lo­gisch dahin­ge­hend ein­zu­schrän­ken, dass eine Ent­schä­di­gungs­kla­ge bereits vom Moment des Ver­fah­rens­ab­schlus­ses an zuläs­sig ist, wenn das als ver­spä­tet gerüg­te Ver­fah­ren schon vor Ablauf der Sechs­mo­nats­frist abge­schlos­sen wur­de [4].
Das Aus­gangs­ver­fah­ren war im Streit­fall im Zeit­punkt der Erhe­bung der Ent­schä­di­gungs­kla­ge am 3.12 2014 jedoch noch nicht been­det. Die Been­di­gung trat nicht mit der Zustel­lung des finanz­ge­richt­li­chen Urteils an den Klä­ger am 2.12 2014 ein, son­dern erst mit der Über­sen­dung des BFH, Beschlus­ses vom 11.02.2015, in dem die vom Klä­ger erho­be­ne Beschwer­de wegen Zulas­sung der Revi­si­on als unzu­läs­sig ver­wor­fen wur­de.
Grund für eine teleo­lo­gi­sche Ein­schrän­kung der Sechs­mo­nats­frist des § 198 Abs. 5 Satz 1 GVG ist ‑wie gera­de dargestellt‑, dass es bei einer Been­di­gung des Rechts­streits nicht mehr sinn­voll wäre, dem Aus­gangs­ge­richt Zeit zur För­de­rung des Ver­fah­rens ein­zu­räu­men. Wird aber ledig­lich die Instanz, auf deren Dau­er das Ent­schä­di­gungs­ver­lan­gen gestützt wird und in der die Ver­zö­ge­rungs­rü­ge erho­ben wur­de, vor Ablauf von sechs Mona­ten nach Rüge­er­he­bung abge­schlos­sen, ist es noch mög­lich, das zunächst ver­zö­ger­te Ver­fah­ren in einer höhe­ren Instanz beson­ders zügig zu füh­ren, so dass die Wah­rung der Sechs­mo­nats­frist auch nach Abschluss einer Instanz sinn­voll ist. Sie gibt näm­lich dem Rechts­mit­tel­ge­richt Gele­gen­heit, eine in der Vor-instanz ein­ge­tre­te­ne Ver­zö­ge­rung zu kom­pen­sie­ren [5].
Damit ver­bleibt es im Streit­fall inso­weit bei der Unzu­läs­sig­keit der Ent­schä­di­gungs­kla­ge.
Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt räumt Ent­schä­di­gungs­klä­gern aus Grün­den des Ver­trau­ens­schut­zes rich­ter­recht­lich eine Über­gangs­frist ein, wonach ihnen die unheil­ba­re Nicht­ein­hal­tung der War­te­frist erst nach Ablauf einer am 31.12 2014 enden­den Über­gangs­zeit ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den darf [6]. Grund dafür ist ‑so das Bundessozialgericht‑, dass es in der Sozi­al­ge­richts­bar­keit durch­aus Fäl­le gebe, in denen ver­früht erho­be­ne Kla­gen durch Zeit­ab­lauf oder Nach­ho­lung von Hand­lun­gen zuläs­sig wer­den könn­ten, so dass es nicht abwe­gig gewe­sen sei, den dar­in lie­gen­den Rechts­ge­dan­ken auch auf ver­früht erho­be­ne Ent­schä­di­gungs­kla­gen anzu­wen­den.
Die­se auf die Beson­der­hei­ten der Sozi­al­ge­richts­bar­keit abstel­len­de Aus­nah­me ist auf finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren und damit auf den Streit­fall nicht anzu­wen­den. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat bereits in BFH/​NV 2013, 961, Rz 23 ent­schie­den, dass eine vor­zei­tig ein­ge­reich­te Ent­schä­di­gungs­kla­ge unzu­läs­sig ist.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 9. Juni 2015 – X K 11/​14
so auch BFH, Beschluss vom 12.03.2013 – X S 12/​13 (PKH), BFH/​NV 2013, 961, Rz 23; Stie­pel in Beermann/​Gosch, FGO § 155 Rz 120; Kissel/​Mayer, Gerichts­ver­fas­sungs­ge­setz, 7. Aufl., § 198 GVG Rz 43; Ott in Stein­beiß-Win­kel­man­n/Ott, Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren, Teil 2 A § 198 GVG Rz 247; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, Zivil­pro­zess­ord­nung, 73. Aufl., § 198 GVG Rz 46[↩]
vgl. auch BGH, Urteil vom 17.07.2014 – III ZR 228/​13, NJW 2014, 2588, unter II. 4.a, und BSG, Urteil vom 03.09.2014 B 10 ÜG 2/​14 R, SozR 4–1720 § 198 Nr. 5, unter 2.e aa[↩]
vgl. Ent­wurf eines Geset­zes über den Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren und straf­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­ren, BT-Drs. 17/​3802, 22, s. auch BGH, Urteil vom 21.05.2014 – III ZR 355/​13, NJW 2014, 2443, unter II. 3.b[↩]
so auch BGH, Urtei­le in NJW 2014, 2443, unter II. 3.b, und in NJW 2014, 2588, unter II. 4.b[↩]
so auch BGH, Urteil in NJW 2014, 2588, unter II. 4.b, m.w.N.[↩]
s. BSG, Urteil in SozR 4–1720 § 198 Nr. 5, unter 2.e cc[↩]

References: § 198
 § 198
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 § 155
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 § 155
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