Source: http://m.hensche.de/Diskriminierung_Alter_Lebensaltersstufen_Altersdiskriminierung_durch_Ueberleitung_vom_BAT_auf_TVoeD_BAG_6AZR319-09A-u_Hennigs.html
Timestamp: 2017-08-20 08:03:47+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 6 AZR 319/09 (A)
Akten­zeichen: 6 AZR 319/09 (A)
Ent­scheid­ungs­datum: 20.05.2010
Leit­sätze: 1. Falls die im Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) in­ner­halb der ein­zel­nen Vergütungs­grup­pen vor­ge­se­he­ne Vergütung nach Le­bens­al­ters­stu­fen ge­gen das aus dem Primärrecht der Eu­ropäischen Uni­on ab­ge­lei­te­te Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ver­s­toßen hätte,(Rn.15) wäre wei­ter zu klären, ob die­se Dis­kri­mi­nie­rung bei der Über­lei­tung der An­ge­stell­ten in den Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst (TVöD) be­sei­tigt wur­de oder ob sich die Dis­kri­mi­nie­rung in­fol­ge der Über­lei­tung un­ter Wah­rung des Be­sitz­stan­des der An­ge­stell­ten im neu­en Ta­rif­recht fort­setzt. 2. Dies hin­ge von der Reich­wei­te des den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auf­grund der Ta­rif­au­to­no­mie zu­ste­hen­den Ge­stal­tungs­spiel­raums ab, de­ren Be­stim­mung nicht oh­ne Vor­la­ge an den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH) durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt er­fol­gen kann.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Bonn, Urteil vom 12.06.2008, 3 Ca 3312/07
Landesarbeitsgericht Köln, Urteil von 6.02.2009, 8 Sa 1016/08
8 Sa 1016/08
be­klag­tes, be­ru­fungs­be­klag­tes und re­vi­si­ons­be­klag­tes Amt,
hat der Sechs­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 20. Mai 2010 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Fi­scher­mei­er, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Spel­ge so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Oye und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schipp be­schlos­sen:
I. Dem Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on wer­den gemäß Art. 267 des Ver­trags über die Ar­beits­wei­se der Eu­ropäischen Uni­on (AEUV) fol­gen­de Fra­gen vor­ge­legt:
1. Verstößt ei­ne ta­rif­li­che Ent­gelt­re­ge­lung für die An­ge­stell­ten im öffent­li­chen Dienst, die wie § 27 Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) in Ver­bin­dung mit dem Vergütungs­ta­rif­ver­trag Nr. 35 zum BAT die Grund­vergütun­gen in den ein­zel­nen Vergütungs­grup­pen nach Le­bens­al­ters­stu­fen be­misst, auch un­ter Berück­sich­ti­gung des primärrecht­lich gewähr­leis­te­ten Rechts der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen (jetzt Art. 28 GRC) ge­gen das primärrecht­li­che Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters (jetzt Art. 21 Abs. 1 GRC) in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78/EG?
2. Falls die Fra­ge 1. durch den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on oder auf­grund der Vor­ga­ben in der Vor­ab-ent­schei­dung des Ge­richts­hofs durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt be­jaht wird:
a) Gibt das Recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en den Ge­stal­tungs­spiel­raum, ei­ne sol­che Dis­kri­mi­nie­rung da­durch zu be­sei­ti­gen, dass sie die An­ge­stell­ten un­ter Wah­rung ih­res im al­ten Ta­rif­sys­tem er­wor­be­nen Be­sitz­stan­des in ein neu­es ta­rif­li­ches Vergütungs­sys­tem über­lei­ten, wel­ches auf die Tätig­keit, Leis­tung und Be­rufs­er­fah­rung ab­stellt?
b) Ist die Fra­ge 2. a) je­den­falls dann zu be­ja­hen, wenn die endgülti­ge Zu­ord­nung der über­ge­lei­te­ten An­ge­stell­ten zu den Stu­fen in­ner­halb ei­ner Ent­gelt­grup­pe des neu­en ta­rif­li­chen Ent­gelt­sys­tems nicht al­lein von der im al­ten Ta­rif­sys­tem er­reich­ten Le­bens­al­ters­stu­fe abhängt und wenn die in ei­ne höhe­re Stu­fe des neu­en Sys­tems ge­lang­ten An­ge­stell­ten ty­pi­scher­wei­se ei­ne größere Be­rufs­er­fah­rung auf­wei­sen als die ei­ner nied­ri­ge­ren Stu­fe zu­ge­ord­ne­ten An­ge­stell­ten?
3. Falls die Fra­gen 2. a) und b) durch den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on oder auf­grund der Vor­ga­ben in der Vor­ab­ent­schei­dung des Ge­richts­hofs durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­neint wer­den:
a) Ist die mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters des­halb ge­recht­fer­tigt, weil es sich um ein le­gi­ti­mes Ziel han­delt, so­zia­le Be­sitzstände zu wah­ren, und weil es ein an­ge­mes­se­nes und er­for­der­li­ches Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels ist, im Rah­men ei­ner Über­g­angs­re­ge­lung vorüber­ge­hend wei­ter­hin älte­re und jünge­re
Beschäftig­te un­gleich zu be­han­deln, wenn die­se Un­gleich­be­hand­lung suk­zes­si­ve ab­ge­baut wird und fak­tisch die ein­zi­ge Al­ter­na­ti­ve die Ab­sen­kung der Vergütung älte­rer Beschäftig­ter wäre?
b) Ist die Fra­ge 3. a) un­ter Berück­sich­ti­gung des Rechts auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen und der da­mit ver­bun­de­nen Ta­rif­au­to­no­mie je­den­falls dann zu be­ja­hen, wenn Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­ne sol­che Über­g­angs­re­ge­lung ver­ein­ba­ren?
4. Falls die Fra­gen 3. a) und b) durch den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on oder auf­grund der Vor­ga­ben in der Vor­ab­ent­schei­dung des Ge­richts­hofs durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­neint wer­den:
Ist der Ver­s­toß ge­gen das primärrecht­li­che Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot we­gen des Al­ters, der ein ta­rif­li­ches Ent­gelt­sys­tem prägt und es ins­ge­samt un­wirk­sam macht, auch un­ter Berück­sich­ti­gung der da­mit für die be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­ber ver­bun­de­nen Mehr­kos­ten und des Rechts der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen stets nur so zu be­sei­ti­gen, dass bis zum In­kraft­tre­ten ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Neu­re­ge­lung bei der An­wen­dung der ta­rif­ver­trag­li­chen Ent­gelt-re­ge­lun­gen je­weils die höchs­te Le­bens­al­ters­stu­fe zu­grun­de ge­legt wird?
5. Falls die Fra­ge 4. durch den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on oder auf­grund der Vor­ga­ben in der Vor­ab-ent­schei­dung des Ge­richts­hofs durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­neint wird:
Wäre es im Hin­blick auf das Recht der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen mit dem uni­ons­recht­li­chen Ver­bot ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und dem Er­for­der­nis ei­ner wirk­sa­men Sank­ti­on bei ei­nem Ver­s­toß ge­gen die­ses Ver­bot ver­ein­bar, den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zur rück­wir­ken­den Be­sei­ti­gung der Un­wirk­sam­keit des von ih­nen ver­ein­bar­ten Ent­gelt-sys­tems ei­ne über­schau­ba­re Frist (zB von sechs Mo­na­ten) ein­zuräum­en ver­bun­den mit dem Hin­weis, dass bei der An­wen­dung des Ta­rif­rechts je­weils die höchs­te Le­bens­al­ters­stu­fe zu­grun­de zu le­gen sein wird, falls in­ner­halb der Frist kei­ne uni­ons­rechts­kon­for­me Neu­re­ge­lung er­folgt, und wel­cher zeit­li­che Spiel­raum für die Rück­wir­kung der uni­ons­rechts­kon­for­men Neu­re­ge­lung könn­te ge­ge­be­nen­falls den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en da­bei zu­ge­bil­ligt wer­den?
Das Aus­gangs­ver­fah­ren be­trifft die Fra­ge, ob Vergütungs­re­ge­lun­gen im Ta­rif­recht des öffent­li­chen Diens­tes für die An­ge­stell­ten ge­gen das primärrecht­li­che Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters (jetzt Art. 21 Abs. 1 der Char­ta der Grund­rech­te [GRC] vom 12. De­zem­ber 2007 [ABl. EU Nr. C 303 vom 14. De­zem­ber 2007 S. 1]) in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie des Ra­tes zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (RL 2000/78/EG) vom 27. No­vem­ber 2000 (ABl. EG Nr. L 303 vom 2. De­zem­ber 2000 S. 16) ver­stoßen ha­ben und ob ge­ge­be­nen­falls ei­ne sol­che Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung durch ei­ne Ände­rung des Ta­rif­rechts be­sei­tigt wor­den ist. In­so­weit kommt es ins­be­son­de­re dar­auf an, wel­che Ge­stal­tungs­spielräume das Recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen und Kol­lek­tiv­maßnah­men (jetzt Art. 28 GRC) und die da­mit ver­bun­de­ne Ta­rif­au­to­no­mie, die in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land durch Art. 9 Abs. 3 des Grund­ge­set­zes (GG) (BGBl.1949 S.1) ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­tet ist, bei der Be­sei­ti­gung ei­nes al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­den Vergütungs­sys­tems eröff­nen.
I. Das bis zum 30. Sep­tem­ber 2005 maßgeb­li­che Ta­rif­recht
Im öffent­li­chen Dienst der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wird die Höhe der Vergütung der Ar­beit­neh­mer in Ta­rif­verträgen aus­ge­han­delt. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en sind da­bei durch das Grund­recht der Ko­ali­ti­ons­frei­heit in Art. 9 Abs. 3 GG geschützt. Bis zum 30. Sep­tem­ber 2005 galt für die An­ge­stell­ten der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land der Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT). De­ren Grund­vergütung rich­te­te sich nach Le­bens­al­ters­stu­fen. Die Zu­ord­nung zu den Le­bens­al­ters­stu­fen re­gel­te für den Zuständig­keits­be­reich des Bun­des und der Länder § 27 Ab­schn. A BAT wie folgt:
„(1) Im Vergütungs­ta­rif­ver­trag sind die Grund­vergütun­gen in den Vergütungs­grup­pen nach Le­bens­al­ters­stu­fen zu be­mes­sen. Die Grund­vergütung der ers­ten Le­bens­al­ters­stu­fe (An­fangs­grund­vergütung) wird vom Be­ginn des Mo­nats an ge­zahlt, in dem der An­ge­stell­te in den Vergütungs­grup­pen III bis X das 21. Le­bens­jahr, in den Vergütungs­grup­pen I bis II b das 23. Le­bens­jahr voll­endet. Nach je zwei Jah­ren erhält der An­ge­stell­te bis zum Er­rei­chen der Grund­vergütung der letz­ten Le­bens­al­ters­stu­fe (End­grund­vergütung) die Grund­vergütung der fol­gen­den Le­bens­al­ters­stu­fe.
(2) Wird der An­ge­stell­te in den Vergütungs­grup­pen III bis X spätes­tens am En­de des Mo­nats ein­ge­stellt, in dem er das 31. Le­bens­jahr voll­endet, erhält er die Grund­vergütung sei­ner Le­bens­al­ters­stu­fe. Wird der An­ge­stell­te zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt ein­ge­stellt, erhält er die Grund­vergütung der Le­bens­al­ters­stu­fe, die sich er­gibt, wenn das bei der Ein­stel­lung voll­ende­te Le­bens­al­ter um die Hälf­te der Le­bens­jah­re ver­min­dert wird, die der An­ge­stell­te seit Voll­endung des 31. Le­bens­jah­res zurück­ge­legt hat. Je­weils mit Be­ginn des Mo­nats, in dem der An­ge­stell­te ein Le­bens­jahr mit un­ge­ra­der Zahl voll­endet, erhält er bis zum Er­rei­chen der End­grund­vergütung die Grund­vergütung der fol­gen­den Le­bens­al­ters­stu­fe. Für An­ge­stell­te der Vergütungs­grup­pen I bis II b gel­ten die Sätze 1 bis 3 ent­spre­chend mit der Maßga­be, daß an die Stel­le des 31. Le­bens­jah­res das 35. Le­bens­jahr tritt.
Die Ein­zel­hei­ten der bis zu die­sem Zeit­punkt gel­ten­den Rechts­la­ge er-
ge­ben sich aus den Ausführun­gen un­ter B I im Vor­la­ge­be­schluss des Sechs­ten Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 20. Mai 2010 - 6 AZR 148/09 (A) -. Auf die­se Ausführun­gen wird zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen ver­wie­sen.
II. Das ak­tu­el­le Ta­rif­recht
Zum 1. Ok­to­ber 2005 trat der Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst (TVöD) in Kraft und er­setz­te ua. im Zuständig­keits­be­reich des Bun­des den BAT. Er sieht kei­ne Le­bens­al­ters­stu­fen und kei­nen Orts­zu­schlag mehr vor. Das Ent­gelt­sys­tem des TVöD stellt auf Tätig­keit, Be­rufs­er­fah­rung und Leis­tung ab. Es be­steht aus 15 Ent­gelt­grup­pen, bei de­nen in der Ent­gelt­grup­pe 15 der
höchs­te Ver­dienst er­zielt wird. In je­der Ent­gelt­grup­pe ist das Ent­gelt nach fünf bzw. sechs Stu­fen ge­staf­felt. Bei ih­rer Ein­stel­lung wer­den die Beschäftig­ten grundsätz­lich der Stu­fe 1 zu­ge­ord­net. Liegt ei­ne ein­schlägi­ge Be­rufs­er­fah­rung vor, kann ei­ne Zu­ord­nung zu ei­ner höhe­ren Stu­fe er­fol­gen. Die nächsthöhe­re Stu­fe wird nach Ab­lauf der im Ta­rif­ver­trag je­weils fest­ge­leg­ten Zeit er­reicht, die auch abhängig von der Leis­tung des Beschäftig­ten verkürzt oder verlängert wer­den kann.
Für die Zeit vom 1. Ok­to­ber 2005 bis zum 31. De­zem­ber 2007 war fol­gen­de Ent­gelt­ta­bel­le maßgeb­lich:
Ent­gelt- grup­pe
Grun­dent­gelt
Ent­wick­lungs­stu­fen
Stu­fe 4
Stu­fe 5
Stu­fe 6
III. Das Über­lei­tungs­recht
Zum 1. Ok­to­ber 2005 wur­den die beim Bund und den Ge­mein­den Be-
schäftig­ten in das neue Ent­gelt­sys­tem des TVöD ein­ge­glie­dert. Die Ein­zel­hei­ten der Über­lei­tung re­geln der Ta­rif­ver­trag zur Über­lei­tung der Beschäftig­ten des Bun­des in den TVöD und zur Re­ge­lung des Über­g­angs­rechts (TVÜ-Bund) vom 13. Sep­tem­ber 2005 und der Ta­rif­ver­trag zur Über­lei­tung der Beschäftig­ten der kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber in den TVöD und zur Re­ge­lung des Über­g­angs­rechts (TVÜ-VKA) vom 13. Sep­tem­ber 2005. Von die­sen Über­g­angs­re­ge­lun­gen wa­ren min­des­tens 95.000 An­ge­stell­te des Bun­des und rund 1,35 Mil­lio­nen An­ge­stell­te der Ge­mein­den be­trof­fen. Mehr als 500.000 An­ge­stell­te der Länder wur­den auf­grund ei­ner wort­glei­chen Re­ge­lung zum 1. No­vem­ber 2006 in den Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst der Länder (TV-L) über­ge­lei­tet, der hin­sicht­lich des Ent­gelt­sys­tems ver­gleich­ba­re Re­ge­lun­gen wie der TVöD enthält.
Die maßgeb­li­chen ta­rif­li­chen Be­stim­mun­gen in § 5 TVÜ-Bund lau­ten:
„§ 5 Ver­gleichs­ent­gelt
(1) Für die Zu­ord­nung zu den Stu­fen der Ent­gelt­ta­bel­le des TVöD wird für die Beschäftig­ten ... ein Ver­gleich­sent­gelt auf der Grund­la­ge der im Sep­tem­ber 2005 er­hal­te­nen Bezüge gemäß den Absätzen 2 bis 7 ge­bil­det.
(2) Bei Beschäftig­ten aus dem Gel­tungs­be­reich des BAT ... setzt sich das Ver­gleichs­ent­gelt aus Grund­vergütung, all­ge­mei­ner Zu­la­ge und Orts­zu­schlag der Stu­fe 1 oder 2 zu­sam­men. Ist auch ei­ne an­de­re Per­son im Sin­ne von § 29 Ab­schn. B Ab­satz 5 BAT ... orts­zu­schlags­be­rech­tigt oder nach be­am­ten­recht­li­chen Grundsätzen fa­mi­li­en-zu­schlags­be­rech­tigt, wird nur die Stu­fe 1 zu­grun­de ge­legt; fin­det der TVöD am 1. Ok­to­ber 2005 auch auf die an­de­re Per­son An­wen­dung, geht der je­weils in­di­vi­du­ell zu­ste­hen­de Teil des Un­ter­schieds­be­tra­ges zwi­schen den Stu­fen 1 und 2 des Orts­zu­schlags in das Ver­gleichs­ent­gelt ein. ...
Im Re­gel­fall führ­te die­se Form der Über­lei­tung da­zu, dass dem Be-
schäftig­ten Ent­gelt in der bis­he­ri­gen Höhe ge­zahlt und da­mit sein Be­sitz­stand ge­wahrt wur­de. Mit dem so be­rech­ne­ten Ver­gleichs­ent­gelt wur­de der Beschäftig­te zunächst ei­ner in­di­vi­du­el­len Zwi­schen­stu­fe zu­ge­ord­net. Erst zum 1. Ok­to­ber 2007 wur­de er der nächsthöhe­ren re­gulären Ent­gelt­stu­fe zu-
ge­ord­net. Da­zu re­gelt § 6 TVÜ-Bund:
„(1) Beschäftig­te aus dem Gel­tungs­be­reich des BAT ... wer­den ei­ner ih­rem Ver­gleichs­ent­gelt ent­spre­chen­den in­di­vi­du­el­len Zwi­schen­stu­fe der gemäß § 4 be­stimm­ten Ent­gelt­grup­pe zu­ge­ord­net. Zum 1. Ok­to­ber 2007 stei­gen die­se Beschäftig­ten in die dem Be­trag nach nächsthöhe­re re­guläre Stu­fe ih­rer Ent­gelt­grup­pe auf. ...
IV. Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz
Am 18. Au­gust 2006 ist zur Um­set­zung der RL 2000/78/EG das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) vom 14. Au­gust 2006 (BGBl. I S. 1897) in Kraft ge­tre­ten. Die­ses ver­bie­tet in § 3 in Ver­bin­dung mit § 1 und § 2 mit­tel­ba­re und un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters beim Ar­beits­ent­gelt. In § 3 und § 10 AGG heißt es:
„§ 3 Be­griffs­be­stim­mun­gen.
§ 10 Zulässi­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters.
2. die Fest­le­gung von Min­dest­an­for­de­run­gen an das Al­ter, die Be­rufs­er­fah­rung oder das Dienst­al­ter für den Zu­gang zu Beschäfti­gung oder für be­stimm­te mit der Beschäfti­gung ver­bun­de­ne Vor­tei­le,
C. Sach­ver­halt des Aus­gangs­ver­fah­rens
Die 1962 ge­bo­re­ne Kläge­rin ist seit dem 1. Fe­bru­ar 2004 als Bau­in­ge­nieu­rin bei dem be­klag­ten Amt, ei­ner mit ei­ge­ner Rechtsfähig­keit aus­ge­stat­te­ten obers­ten Bun­des­behörde, beschäftigt. Das Ar­beits­verhält­nis rich­te­te sich zunächst nach dem BAT. Die Kläge­rin war in der VergGr. IV a der An­la­ge 1a zum BAT ein­grup­piert. Die­se Vergütungs­grup­pe setz­te bei Tech­ni­schen An­ge­stell­ten wie der Kläge­rin ne­ben ei­ner be­son­de­ren tech­ni­schen Vor­bil­dung Tätig­kei­ten von be­son­de­rer Schwie­rig­keit und Be­deu­tung oder das Er­brin­gen be­son­de­rer Leis­tun­gen vor­aus. Weil sie bei ih­rer Ein­stel­lung be­reits 41 Jah­re alt war, wur­de die Kläge­rin auf­grund der Son­der­re­ge­lung in § 27 Ab­schn. A Abs. 2 BAT der Le­bens­al­ters­stu­fe 35 zu­ge­ord­net.
Bei der Über­lei­tung vom BAT in den TVöD am 1. Ok­to­ber 2005 wur­de
die Kläge­rin ta­rif­ge­recht mit ei­nem aus der Stu­fe 37 be­rech­ne­ten Ver­gleichs­ent­gelt von ins­ge­samt 3.185,33 Eu­ro brut­to in den TVöD über­ge­lei­tet. Mit die­sem Ent­gelt wur­de sie in der Ent­gelt­grup­pe 11 ei­ner in­di­vi­du­el­len Zwi­schen­stu­fe zwi­schen den Stu­fen 3 und 4 zu­ge­ord­net. Zum 1. Ok­to­ber 2007 stieg sie in die re­guläre Stu­fe 4 der Ent­gelt­grup­pe 11 auf und er­ziel­te dar­aus ei­nen Ver­dienst von 3.200,00 Eu­ro brut­to mo­nat­lich, al­so 14,67 Eu­ro brut­to mo­nat­lich mehr als zu­vor. Über die Zu­ord­nung der Kläge­rin zur neu­en Ent­gelt­grup­pe 11 TVöD be­steht kein Streit. Strei­tig ist nur ih­re Zu­ord­nung zur Stu­fe 4 oder 5 in­ner­halb die­ser Ent­gelt­grup­pe. Wäre die Kläge­rin am 1. Ok­to­ber 2007 der Stu­fe 5 statt der Stu­fe 4 ih­rer Ent­gelt­grup­pe zu­ge­ord­net wor­den, hätte sie 435,00 Eu­ro brut­to mo­nat­lich mehr ver­dient.
Die Kläge­rin ist der An­sicht, die Le­bens­al­ters­stu­fen­re­ge­lung des BAT
ha­be sie we­gen ih­res Al­ters dis­kri­mi­niert. Die­se Dis­kri­mi­nie­rung set­ze sich im TVöD fort.
Die Kläge­rin be­gehrt die Fest­stel­lung,
dass sie rück­wir­kend seit dem 1. Ok­to­ber 2007 nach der höchstmögli­chen Stu­fe 5 der Ent­gelt­grup­pe 11 TVöD zu ent­loh­nen ist.
Die Be­klag­te meint, auf ei­ne et­wai­ge Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung durch den
BAT kom­me es nach des­sen Er­set­zung durch den TVöD nicht mehr an. Die Neu­ord­nung ei­nes Ent­gelt­sys­tems sei oh­ne Be­sitz­stands­re­ge­lung nicht denk­bar.
D. Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit und Erläute­rung der Vor-
la­ge­fra­gen
I. Zu Fra­ge 1.:
1. Der An­spruch der Kläge­rin auf Vergütung nach der Ent­gelt­grup­pe 11 Stu­fe 5 TVöD ab dem 1. Ok­to­ber 2007 setzt vor­aus, dass bei der Er­mitt­lung des Ver­gleichs­ent­gelts der Kläge­rin ent­ge­gen der Re­ge­lung in § 5 TVÜ-Bund nicht die auf der Ba­sis der Le­bens­al­ters­stu­fe 37 er­rech­ne­te Grund­vergütung der Vergütungs­grup­pe IV a der An­la­ge 1a zum BAT zu­grun­de zu le­gen war. Die­se Vor­aus­set­zung ist nur dann erfüllt, wenn die in § 27 Ab­schn. A BAT an­ge­ord­ne­te Be­mes­sung der Grund­vergütun­gen nach Le­bens­al­ters­stu­fen we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung un­wirk­sam war. Die Fra­ge 1. ist da­mit ei­ne Vor­fra­ge für die von der Kläge­rin gel­tend ge­mach­te Ver­let­zung des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung durch den TVÜ-Bund. Sie be­trifft die Aus­le­gung von Uni­ons­recht, die dem Ge­richts­hof vor­be­hal­ten ist. Hin­sicht­lich der wei­te­ren Be­gründung der Fra­ge 1. wird zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen auf die Ausführun­gen un­ter D im Vor­la­ge­be­schluss des Sechs­ten Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 20. Mai 2010 - 6 AZR 148/09 (A) - ver­wie­sen.
2. Der vom Bun­des­ar­beits­ge­richt zu ent­schei­den­de Sach­ver­halt fällt in
den sach­li­chen und zeit­li­chen An­wen­dungs­be­reich der RL 2000/78/EG. Die
Kläge­rin macht gel­tend, ih­re endgülti­ge Stu­fen­zu­ord­nung nach § 6 Abs. 1 Satz 2 TVÜ-Bund am 1. Ok­to­ber 2007, die sich auf ihr Ar­beits­ent­gelt aus­wir­ke, ver­s­toße ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. Zu die­sem Zeit­punkt war die für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ua. hin­sicht­lich des Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­mals „Al­ter“ bis zum 2. De­zem­ber 2006 verlänger­te Um­set­zungs­frist ab­ge­lau­fen (vgl. EuGH 19. Ja­nu­ar 2010 - C-555/07 - [Kücükde­ve­ci] Rn. 21 f., 24 f., NZA 2010, 85). Das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung er­fasst als Kon­kre­ti­sie­rung des primärrecht­li­chen all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes (jetzt Art. 20 GRC) auch Ta­rif­verträge (vgl. für das Ge­bot der Ent­gelt­gleich­heit EuGH 8. April 1976 - Rs. 43/75 - [De­fren­ne] Rn. 39, Slg. 1976, 455).
II. Zu den Fra­gen 2. und 3.:
1. Die ta­rif­li­che Über­lei­tungs­re­ge­lung ver­letzt nach An­sicht des vor­le­gen­den Sechs­ten Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts Art. 3 GG und § 3 Abs. 2 AGG als spe­zi­al­ge­setz­li­che Aus­prägung des all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes nicht. Das Ziel, das neue Ent­gelt­sys­tem un­ter Wah­rung so­zia­ler Be­sitzstände ein­zuführen, würde bei Be­ach­tung der Ta­rif­au­to­no­mie iSv. Art. 9 Abs. 3 GG ei­ne für ei­nen be­grenz­ten Zeit­raum fort­be­ste­hen­de mit­tel­ba­re Be­vor­zu­gung älte­rer Ar­beit­neh­mer recht­fer­ti­gen. Von ei­ner nähe­ren Be­gründung wird ab­ge­se­hen, weil es dar­auf im Rah­men des Ver­fah­rens nach Art. 267 AEUV nicht an­kommt.
2. Die Fra­gen 2. und 3. zie­len dar­auf, ob und ge­ge­be­nen­falls wie die als
Grund­recht im Primärrecht der Eu­ropäischen Uni­on ver­an­ker­te Ta­rif­au­to­no­mie be­reits bei der Prüfung, ob ei­ne be­son­de­re Be­nach­tei­li­gung iSv. Art. 2 Abs. 2 Buchst. b der RL 2000/78/EG vor­liegt, zu berück­sich­ti­gen ist. Im Fal­le der Be­ja­hung ei­ner be­son­de­ren Be­nach­tei­li­gung durch den Ge­richts­hof ist fer­ner zu klären, wel­che Be­deu­tung dem Ge­dan­ken der Be­sitz­stands­wah­rung bei der Be­ur­tei­lung der Recht­fer­ti­gung der Be­nach­tei­li­gung iSv. Art. 2 Abs. 2 Buchst. b Ziff. i der RL 2000/78/EG zu­kommt und in­wie­weit da­bei die Ta­rif­au­to­no­mie ei­ne Rol­le spielt. Die Auflösung ei­ner Kol­li­si­on zwi­schen dem primärrecht­lich ge­währ­leis­te­ten all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz bzw. dem Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und dem eben­falls primärrecht­lich gewähr­leis­te­ten Recht auf
Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen so­wie der da­bei den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zu­ste­hen­den Ta­rif­au­to­no­mie ist uni­ons­recht­lich noch nicht ab­sch­ließend geklärt. Sie kann nicht durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt er­fol­gen, son­dern ist dem Ge­richts­hof vor­be­hal­ten.
a) Das Recht auf Durchführung kol­lek­ti­ver Maßnah­men ist in der Recht-
spre­chung des Ge­richts­hofs als Grund­recht an­er­kannt (EuGH 18. De­zem­ber 2007 - C-341/05 - [La­val un Part­ne­ri] Rn. 90 f., Slg. 2007, I-11767). Vor­stu­fe kol­lek­ti­ver Maßnah­men sind Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen. Zum Recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen gehört un­trenn­bar die Ta­rif­au­to­no­mie. Sie stellt si­cher, dass die Ko­ali­tio­nen in gebühren­der Un­abhängig­keit un­ter Be­ach­tung be­stimm­ter Gren­zen die Beschäfti­gungs­be­din­gun­gen aus­han­deln können (Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin Trs­ten­jak vom 14. April 2010 in der Rechts­sa­che - C-271/08 - Rn. 77 - 80, 205). Auch der Gleich­heits­satz, aus dem sich ua. das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung (Art. 21 Abs. 1 GRC) ab­lei­tet, ist seit lan­gem als Ge­mein­schafts­grund­recht an­er­kannt (EuGH 19. Ok­to­ber 1977 - Rs. 117/76 - und - Rs. 16/77 - [Ruck­de­schel] Rn. 7, Slg. 1977, 1753) und in­zwi­schen in Art. 20 der GRC ver­an­kert.
b) Der Ge­richts­hof hat bis­her le­dig­lich zur Kol­li­si­on von Grund­frei­hei­ten
und Grund­rech­ten Stel­lung ge­nom­men (EuGH 12. Ju­ni 2003 - C-112/00 - [Schmid­ber­ger] Rn. 81, Slg. 2003, I-5659; 11. De­zem­ber 2007 - C-438/05 - [In­ter­na­tio­nal Trans­port Workers’ Fe­de­ra­ti­on und Fin­nish Sea­men’s Uni­on („Vi­king Li­ne“)] Rn. 77 ff., Slg. 2007, I-10779; 18. De­zem­ber 2007- C-341/05 - [La­val un Part­ne­ri] Rn. 101, Slg. 2007, I-11767). Außer Zwei­fel steht al­ler­dings, dass die Ko­ali­tio­nen trotz Ta­rif­au­to­no­mie nicht zwin­gen­de uni­ons­recht­li­che Vor­ga­ben um­ge­hen und Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te aus­he­beln dürfen (vgl. Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin Trs­ten­jak vom 14. April 2010 in der Rechts­sa­che - C-271/08 - Rn. 225; Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts Dar­mon vom 13. No­vem­ber 1990 in der Rechts­sa­che - C-184/89 - [Nimz] Rn. 20, Slg. 1991, I-297; vgl. auch KOM [1999] 565 endg., S. 15). Nicht geklärt ist je­doch, wel­che Be­deu­tung und wel­ches Ge­wicht der Ta­rif­au­to­no­mie bei der
Prüfung der Ver­ein­bar­keit von ta­rif­li­chen Ent­gelt­re­ge­lun­gen mit dem Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung als Aus­prägung des Gleich­heits­sat­zes zu­kommt.
aa) Nach na­tio­na­lem Rechts­verständ­nis wird die Kol­li­si­on zwi­schen dem
all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG und der eben­falls grund­recht­lich gewähr­leis­te­ten Ta­rif­au­to­no­mie als be­son­de­rer Aus­prägung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit des Art. 9 Abs. 3 GG nach dem Grund­satz der prak­ti­schen Kon­kor­danz zum Aus­gleich ge­bracht. Auch die Ko­ali­tio­nen sind an den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz ge­bun­den. Ih­nen wird al­so kei­ne Re­ge­lungs­kom­pe­tenz zu­ge­bil­ligt, sach- oder gleich­heits­wid­ri­ge Grup­pen­bil­dun­gen vor­zu­neh­men. Das Grund­ge­setz geht je­doch da­von aus, dass die Ko­ali­tio­nen die je­wei­li­gen In­ter­es­sen von Beschäftig­ten und Ar­beit­ge­bern be­zo­gen auf die ma­te­ri­el­len Ar­beits­be­din­gun­gen an­ge­mes­se­ner zum Aus­gleich brin­gen als der Staat (BVerfG 27. April 1999 - 1 BvR 2203/93 - und - 1 BvR 897/95 - BVerfGE 100, 271). Den Ko­ali­tio­nen wird des­halb we­gen ih­rer Sachnähe ein Be­ur­tei­lungs- und Ge­stal­tungs­spiel­raum in Be­zug auf die ih­ren Re­ge­lun­gen zu­grun­de lie­gen­den Tat­sa­chen und In­ter­es­sen so­wie die Fol­gen ih­rer Norm­set­zung zu­ge­stan­den.
Die­se Einschätzungs­präro­ga­ti­ve führt in der Pra­xis nicht zu ei­nem Vor-
rang der Ta­rif­au­to­no­mie ge­genüber dem Gleich­heits­satz. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat ge­ra­de im Zu­sam­men­hang mit dem Über­lei­tungs­recht (TVÜ-Bund, TVÜ-VKA) wie­der­holt ent­schie­den, dass die Gren­zen der au­to­no­men Re­ge­lungs­be­fug­nis über­schrit­ten sind, und es hat den un­ge­recht­fer­tigt Be­nach­tei­lig­ten An­spruch auf die ver­sag­te Leis­tung gewährt. So hat es den Aus­schluss von ei­ner ta­rif­li­chen Be­sitz­stands­zu­la­ge we­gen der In­an­spruch­nah­me von El­tern­zeit (BAG 18. De­zem­ber 2008 - 6 AZR 287/07 - Rn. 19 ff., NZA 2009, 391) oder von ta­rif­li­chem Son­der­ur­laub zur Kin­der­be­treu­ung (BAG 18. De­zem­ber 2008 - 6 AZR 890/07 - Rn. 20 ff., ZTR 2009, 322) eben­so be­an­stan­det wie die Be­nach­tei­li­gung al­lein­er­zie­hen­der El­tern bei der Be­rech­nung des Ver­gleichs­ent­gelts we­gen der Ab­leis­tung von Wehr- oder Zi­vil­dienst ih­rer Söhne (BAG 22. April 2010 - 6 AZR 966/08 -). Den Aus­schluss gleich­ge­schlecht­li­cher ein­ge­tra­ge­ner Le­bens­part­ner von ta­rif­li­chen fa­mi­li­en­stands-be­zo­ge­nen Leis­tun­gen hat es als Ver­s­toß ge­gen den Gleich­heits­satz des Art. 3
Abs. 1 GG an­ge­se­hen (BAG 18. März 2010 - 6 AZR 434/07 - und - 6 AZR 156/09 -).
bb) Ob die­se Kon­zep­ti­on des Aus­gleichs kol­li­die­ren­der Grund­rechts-
po­si­tio­nen im na­tio­na­len Ver­fas­sungs­recht auf den Aus­gleich kol­li­die­ren­der Grund­rech­te im Uni­ons­recht über­tra­gen wer­den kann oder wie auf an­de­re Wei­se ein Aus­gleich zwi­schen Ta­rif­au­to­no­mie und Gleich­heits­satz zu fin­den ist, hat al­lein der Ge­richts­hof zu ent­schei­den (vgl. zur grundsätz­li­chen Über­trag­bar-keit von für na­tio­na­le Grund­rechts­ka­ta­lo­ge ent­wi­ckel­ten Rechts­fi­gu­ren auf die Ebe­ne der Eu­ropäischen Uni­on Münch­Kom­mEu­Wett­bR/Skou­ris/Kraus Ein­lei­tung Rn. 355; für ei­nen Aus­gleich am Maßstab des Verhält­nismäßig­keits-grund­sat­zes Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin Trs­ten­jak vom 14. April 2010 in der Rechts­sa­che - C-271/08 - Rn. 189 ff.). Eben­so ob­liegt es al­lein dem Ge­richts­hof darüber zu be­fin­den, in­wie­weit bei ei­nem sol­chen Aus­gleich der Erwägungs­grund Nr. 5 der RL 2000/78/EG zu berück­sich­ti­gen ist.
3. Die Stu­fen­zu­ord­nung am 1. Ok­to­ber 2007 durch § 6 Abs. 1 Satz 2 TVÜ-
Bund könn­te im Hin­blick auf die Ta­rif­au­to­no­mie der Ko­ali­tio­nen schon kei­ne mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung jünge­rer An­ge­stell­ter be­inhal­ten. Kon­kret geht es dar­um, ob Ta­rif­ver­trags­par­tei­en das Recht ha­ben, bei kom­pli­zier­ten, um­fang­rei­chen Sach­ver­hal­ten, die ei­ne Viel­zahl von Ar­beit­neh­mern be­tref­fen, zu pau­scha­li­sie­ren. In­halt der Fra­gen 2. a) und b) ist auch, ob Ta­rif­ver­trags­par­tei­en un­ter sol­chen Umständen ty­pi­sie­ren dürfen, dh. ob sie bei der Re­ge­lung von Mas­sen­er­schei­nun­gen von ei­nem ty­pi­schen Er­schei­nungs­bild aus­ge­hen und da­bei in Kauf neh­men dürfen, dass die Re­ge­lung nicht je­der Be­son­der­heit des Ein­zel­falls ge­recht wird.
a) Seit der Ein­glie­de­rung der An­ge­stell­ten in das Ent­gelt­sys­tem des TVöD
am 1. Ok­to­ber 2007 ist der Ent­gelt­be­stand­teil, der im ab­gelösten Vergütungs­sys­tem des BAT an das Le­bens­al­ter ge­bun­den war, nicht mehr rech­ne­risch ge­trennt zu er­mit­teln. Er ist im ein­heit­li­chen Ent­gelt des TVöD auf­ge­gan­gen. Es ist des­halb nicht möglich, die­sen frühe­ren Ent­gelt­be­stand­teil noch se­pa­rat am Maßstab des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung zu mes­sen (vgl. da­zu EuGH 17. Mai 1990 - C-262/88 - [Bar­ber] Rn. 34 f., Slg. 1990, I-1889).
b) Die Stu­fen­zu­ord­nung zu den re­gulären Stu­fen des neu­en Vergütungs-
sys­tems hing zu­dem nicht al­lein von der im al­ten Sys­tem er­reich­ten Le­bens­al­ters­stu­fe, son­dern auch vom Fa­mi­li­en­stand ab. Außer­dem konn­te die größere Sprei­zung der Stu­fen der Ent­gelt­ta­bel­le des TVöD da­zu führen, dass meh­re­re Le­bens­al­ters­stu­fen zu­sam­men­ge­fasst wur­den. So wa­ren zB in der Ent­gelt-grup­pe 11, die im Aus­gangs­ver­fah­ren maßgeb­lich ist, in der Stu­fe 4 vier Le­bens­al­ters­stu­fen der Vergütungs­grup­pe IV a BAT zu­sam­men­ge­fasst wor­den. Um­ge­kehrt konn­ten auch Beschäftig­te, die im BAT der­sel­ben Le­bens­al­ters­stu­fe ei­ner Vergütungs­grup­pe zu­ge­ord­net wa­ren, ab dem 1. Ok­to­ber 2007 un­ter­schied­li­chen Stu­fen der Ent­gelt­ta­bel­le zu­ge­ord­net sein. Seit dem 1. Ok­to­ber 2007 führ­te die nach Le­bens­al­ters­stu­fen be­mes­se­ne Grund­vergütung des BAT da­mit nicht mehr da­zu, dass Beschäftig­te bei glei­cher Tätig­keit stets al­lein we­gen ih­res un­ter­schied­li­chen Al­ters un­gleich be­han­delt wur­den (vgl. zu die­ser De­fi­ni­ti­on der un­mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters EuGH 18. Ju­ni 2009 - C-88/08 - [Hütter] Rn. 38, EzA EG-Ver­trag 1999 Richt­li­nie 2000/78 Nr. 11). Ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung lag ab die­sem Zeit­punkt nach Auf­fas­sung des vor­le­gen­den Sechs­ten Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts des­halb nicht mehr vor.
c) An­ge­sichts der im vor­he­ri­gen Ab­satz dar­ge­stell­ten Ab­kop­pe­lung der
Vergütung von den Le­bens­al­ters­stu­fen des BAT ist zwei­fel­haft, ob sich seit dem 1. Ok­to­ber 2007 die Über­lei­tungs­be­stim­mun­gen des TVÜ-Bund über­haupt noch be­son­ders zum Nach­teil jünge­rer Beschäftig­ter aus­wir­ken und die­se da­mit mit­tel­bar iSd. Art. 2 Abs. 2 Buchst. b der RL 2000/78/EG be­nach­tei­li­gen (zu die­ser Aus­le­gung des Be­griffs der mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung iSd. RL 2000/78/EG sie­he KOM [1999] 565 endg., S. 9 un­ter Be­zug auf EuGH 23. Mai 1996 - C-237/94 - [O’Flynn] Rn. 21, Slg. 1996, I-2617).
Ob die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en bei der endgülti­gen Stu­fen­zu­ord­nung in ei-
nem neu­en Ent­gelt­sys­tem im Grund­satz von den im al­ten Sys­tem er­wor­be­nen Rech­ten aus­ge­hen können, wenn sich die­se im neu­en Sys­tem nicht mehr 1 : 1 ab­bil­den und zu­dem suk­zes­si­ve mit je­dem Er­rei­chen ei­ner höhe­ren Stu­fe oder ei­ner Beförde­rung ab­ge­baut wer­den, be­darf der Be­stim­mung von In­halt und
Gren­zen des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung un­ter Berück­sich­ti­gung der Ta­rif­au­to­no­mie, die dem Ge­richts­hof vor­be­hal­ten ist. Für das Aus­gangs­ver­fah­ren ent­schei­dend ist da­bei, ob die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en in ei­ner Über­lei­tungs­si­tua­ti­on, die ei­ne Viel­zahl von An­ge­stell­ten be­traf, bei der endgülti­gen Stu­fen­zu­ord­nung pau­scha­li­sie­ren durf­ten. Ins­be­son­de­re kommt es dar­auf an, ob sie dar­auf ab­stel­len durf­ten, dass seit dem 1. Ok­to­ber 2007 ty­pi­scher­wei­se Beschäftig­te mit mehr Be­rufs­er­fah­rung ei­ner höhe­ren Stu­fe zu­ge­ord­net sind. Die Fra­gen 2. a) und b) zie­len da­mit dar­auf, ob den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ein Be­ur­tei­lungs­spiel­raum zu­steht, der auch die Möglich­keit um­fasst, auf ty­pi­sche Ge­sche­hens­abläufe ab­zu­stel­len.
4. Soll­te der Ge­richts­hof ei­ne be­son­de­re Be­nach­tei­li­gung jünge­rer Be-
schäftig­ter durch die von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en gewähl­te Art der Über­lei­tung in das Ent­gelt­sys­tem des TVöD be­ja­hen, würde sich die Fra­ge stel­len, ob ei­ne sol­che Be­nach­tei­li­gung durch das le­gi­ti­me Ziel, ei­ne et­wai­ge Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung im Ent­gelt­sys­tem des BAT un­ter Wah­rung er­dien­ter Be­sitzstände suk­zes­si­ve ab­zu­bau­en, gemäß Art. 2 Abs. 2 Buchst. b Ziff. i der RL 2000/78/EG sach­lich ge­recht­fer­tigt war. Da­mit be­fas­sen sich die Fra­gen 3. a) und b).
a) Die Über­lei­tungs­re­ge­lung in §§ 5 und 6 TVÜ-Bund ist von dem Ziel
ge­tra­gen, den älte­ren An­ge­stell­ten ih­ren Be­sitz­stand, dh. die Stel­lung, die sie im Vergütungs­sys­tem des BAT er­wor­ben hat­ten, zu be­wah­ren. In der Re­gel hat­te nämlich je­der Beschäftig­te sei­ne Stel­lung im ab­ge­schaff­ten Vergütungs­sys­tem des BAT „er­dient“, in­dem er zunächst die nied­ri­ge­re Vergütung jünge­rer An­ge­stell­ter be­zo­gen hat­te und über die Jah­re sei­ner Beschäfti­gung hin­weg in höhe­re Le­bens­al­ters­stu­fen auf­ge­stie­gen war. Die­se höhe­re Vergütung hat­te für die Be­trof­fe­nen ei­ne er­heb­li­che wirt­schaft­li­che Be­deu­tung. Das wirft die Fra­ge auf, in­wie­weit es beim Ab­bau von Dis­kri­mi­nie­run­gen ein le­gi­ti­mes Ziel ist, sol­che so­zia­len Be­sitzstände zu wah­ren und ob es ein an­ge­mes­se­nes und er­for­der­li­ches Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels ist, im Rah­men ei­ner Über­g­angs­re­ge­lung vorüber­ge­hend wei­ter­hin älte­re und jünge­re Beschäftig­te un­gleich zu be­han­deln, wenn die­se Un­gleich­be­hand­lung suk­zes­si­ve ab­ge­baut wird und fak­tisch die ein­zi­ge Al­ter­na­ti­ve ei­ne Ab­sen­kung der Vergütung älte­rer
Beschäftig­ter wäre, weil ei­ne Vergütung al­ler Beschäftig­ten nach den für die ältes­ten Beschäftig­ten maßgeb­li­chen Re­ge­lun­gen die öffent­li­chen Haus­hal­te über­for­dern würde.
b) Ei­ne sol­che Recht­fer­ti­gung der Be­nach­tei­li­gung könn­te un­ter Berück-
sich­ti­gung von Art. 28 GRC je­den­falls des­halb zu be­ja­hen sein, weil die ent­spre­chen­de Über­g­angs­re­ge­lung durch Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ver­ein­bart wur­de.
aa) Der Ge­richts­hof hat bei Verstößen von Ta­rif­nor­men ge­gen das Ge­bot
der Ent­gelt­gleich­heit in Art. 157 AEUV die na­tio­na­len Ge­rich­te ver­pflich­tet, dis­kri­mi­nie­ren­de Ta­rif­nor­men außer An­wen­dung zu las­sen (EuGH 7. Fe­bru­ar 1991 - C-184/89 - [Nimz] Rn. 18 ff., Slg. 1991, I-297; 27. Ju­ni 1990 - C-33/89 - [Ko­wals­ka] Rn. 19, Slg. 1990, I-2591). Eben­so hat er bei Verstößen ge­gen die durch Art. 45 AEUV gewähr­leis­te­te Freizügig­keit (EuGH 15. Ja­nu­ar 1998 - C-15/96 - [Schöning-Kouge­be­to­pou­lou] Rn. 31 ff., Slg. 1998, I-47) ent­schie­den.
bb) Al­ler­dings hat der Ge­richts­hof in der Ent­schei­dung vom 31. Mai 1995
(- C-400/93 - [Roy­al Copen­ha­gen] Rn. 46, Slg. 1995, I-1275) er­ken­nen las­sen, dass bei der Fra­ge der Recht­fer­ti­gung ei­ner mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung die Ta­rif­au­to­no­mie ei­ne Rol­le spie­len kann. Ob und in­wie­weit da­mit den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ein Be­ur­tei­lungs­spiel­raum bei der Prüfung, ob ein Dif­fe­ren­zie­rungs­grund vor­liegt, ein­geräumt ist, ist aber da­durch noch nicht endgültig geklärt.
cc) Der Ge­richts­hof hat sich ins­be­son­de­re noch nicht mit der Fra­ge be­fasst,
ob Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ein ge­sam­tes Ent­gelt­sys­tem, das ge­gen ein Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot wie das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung verstößt, un­verzüglich und vollständig be­sei­ti­gen müssen, al­so nicht le­dig­lich schritt­wei­se vor­ge­hen dürfen (vgl. al­ler­dings für die Um­stel­lung ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung durch ei­nen ein­zel­nen Ar­beit­ge­ber EuGH 28. Sep­tem­ber 1994 - C-408/92 - [Av­del Sys­tems] Rn. 26 f., Slg. 1994, I-4435). Für das Aus­gangs­ver­fah­ren kommt es dar­auf an, ob und in­wie­weit die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des TVöD und des TVÜ-Bund bei der Ablösung ei­nes dis­kri­mi­nie­ren­den Ent­gelt-
sys­tems an­ge­sichts der Kom­ple­xität der Auf­ga­be, ein neu­es, nicht dis­kri­mi­nie­ren­des Ent­gelt­sys­tem zu schaf­fen, für ei­nen Über­g­angs­zeit­raum den teil­wei­sen Fort­be­stand dis­kri­mi­nie­ren­der Re­ge­lun­gen in Kauf neh­men durf­ten, in­dem sie im Aus­gangs­punkt an den im al­ten Sys­tem er­wor­be­nen Be­sitz­stand an­knüpften, für die Zu­kunft aber des­sen suk­zes­si­ven Ab­bau vor­sa­hen. Da­bei kommt es auch dar­auf an, ob die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en da­bei berück­sich­ti­gen durf­ten, dass in der Re­gel je­der Beschäftig­te sei­ne Stel­lung im ab­ge­schaff­ten Vergütungs­sys­tem des BAT „er­dient“ hat­te, in­dem er zunächst die nied­ri­ge­re Vergütung jünge­rer An­ge­stell­ter be­zo­gen hat­te.
Die Fra­ge 3. b) ist des­halb eben­so wie schon die Fra­ge 2. a) auch da-
hin zu ver­ste­hen, ob das na­tio­na­le Ge­richt bei sei­ner Ent­schei­dung zu be­ach­ten hat, dass Ta­rif­ver­trags­par­tei­en we­gen der be­son­de­ren Kennt­nis­se ih­res Wirt­schafts­be­reichs, al­so ih­rer Sachnähe, die spe­zi­el­len Merk­ma­le der je­wei­li­gen Beschäfti­gungs­verhält­nis­se gebührend berück­sich­ti­gen können (vgl. zu die­ser Funk­ti­on von Ta­rif­verträgen EuGH 16. Ok­to­ber 2007 - C-411/05 - [Pa­la­ci­os de la Vil­la] Rn. 74, Slg. 2007, I-8531; zum Be­ur­tei­lungs­spiel­raum der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en sie­he auch Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin Trs­ten­jak vom 14. April 2010 in der Rechts­sa­che - C-271/08 - Rn. 211). Es kommt in­so­weit dar­auf an, ob das na­tio­na­le Ge­richt den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en je­den­falls dann, wenn es um das Aus­han­deln des Ent­gelts als zen­tra­len Be­stand­teils der im na­tio­na­len Ver­fas­sungs­recht gewähr­leis­te­ten Ta­rif­au­to­no­mie geht, ei­nen Be­ur­tei­lungs­spiel­raum hin­sicht­lich der tatsächli­chen Vor­aus­set­zun­gen der von ih­nen aus­ge­han­del­ten Nor­men und ei­nen Einschätzungs­spiel­raum bezüglich der Aus­wir­kun­gen der von ih­nen aus­ge­han­del­ten Nor­men zu­bil­li­gen darf. Auch kommt es dar­auf an, ob das na­tio­na­le Ge­richt berück­sich­ti­gen darf, dass ei­ne Ab­sen­kung der Vergütung älte­rer Ar­beit­neh­mer zum Zwe­cke der Be­sei­ti­gung der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung aus dem bis­he­ri­gen Ent­gelt­sys­tem von den Mit­glie­dern der Ge­werk­schaft nicht ak­zep­tiert wor­den wäre und des­halb von der Ar­beit­ge­ber­sei­te nicht hätte durch­ge­setzt wer­den können, dass an­de­rer­seits aber die Ar­beit­ge­ber­sei­te an­ge­sichts der Fi­nanz­la­ge der öffent­li­chen Haus­hal­te strik­te Kos­ten­neu­tra­lität des neu­en Ta­rif­sys­tems ver­langt hat­te, al­so ei­ne „An­pas­sung nach oben“ von der Ge­werk­schaft nicht hätte durch­ge­setzt wer­den
können. Letzt­lich geht es dar­um, wel­che Fol­gen es hat, wenn mit dem Ziel der Schaf­fung ei­ner dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en Re­ge­lung die Rech­te der Beschäftig­ten von bei­den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en in dem Um­fang berück­sich­tigt wor­den sind, wie es kon­sensfähig war (vgl. zur Ver­mu­tung der Berück­sich­ti­gung der Rech­te der Ar­beit­neh­mer in Ta­rif­verträgen Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin Trs­ten-jak vom 28. April 2010 in der Rechts­sa­che - C-45/09 - [Ro­sen­bladt] Rn. 121; zur Berück­sich­ti­gung des Kom­pro­miss­cha­rak­ters von Ta­rif­verträgen Schluss­an­träge der Ge­ne­ral­anwältin Trs­ten­jak vom 14. April 2010 in der Rechts­sa­che - C­271/08 - Rn. 208, 210, 212).
III. Zu Fra­ge 4.:
Die­se Fra­ge be­trifft für den Fall, dass auch die Über­lei­tungs­re­ge­lung in §§ 5 f. TVÜ-Bund das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ver­letzt, die Be­sei­ti­gung ei­ner sol­chen fort­wir­ken­den Dis­kri­mi­nie­rung. Wäre das Vergütungs­sys­tem des TVöD für aus dem BAT über­ge­lei­te­te An­ge­stell­te auf­grund ei­nes fort­wir­ken­den Ver­s­toßes ge­gen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot we­gen des Al­ters un­wirk­sam und wäre bei der Über­lei­tung al­ler Beschäftig­ten des Bun­des, der Länder und der Ge­mein­den in das neue Vergütungs­sys­tem so zu ver­fah­ren, dass bei der Er­mitt­lung des Ver­gleichs­ent­gelts stets die End­grund­vergütung in den ein­zel­nen Vergütungs­grup­pen des BAT zu­grun­de zu le­gen wäre, hätte dies an­ge­sichts der übe­r­aus großen An­zahl der im öffent­li­chen Dienst Beschäftig­ten und der teil­wei­se ganz er­heb­li­chen Vergütungs­dif­fe­renz zwi­schen den Le­bens­al­ters­stu­fen außer­gewöhn­lich ho­he Mehr­kos­ten für die be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­ber zur Fol­ge. Die Aus­wei­tung des bei den Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen zu­grun­de ge­leg­ten Kos­ten­rah­mens wäre auch nicht zeit­lich be­grenzt. Die Mehr­kos­ten fie­len bei je­der Zah­lung der Vergütung und da­mit je­den Mo­nat neu an. Dies könn­te ei­ne un­an­ge­mes­se­ne fi­nan­zi­el­le Be­las­tung sein. Der Ge­richts­hof hat zwar im Ur­teil vom 7. Fe­bru­ar 1991 (- C-184/89 - [Nimz] Slg. 1991, I-297) an­ge­nom­men, dass im Fal­le ei­ner mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung durch ei­ne Be­stim­mung ei­nes Ta­rif­ver­trags das na­tio­na­le Ge­richt ver­pflich­tet ist, die­se Be­stim­mung - oh­ne dass es ih­re vor­he­ri­ge Be­sei­ti­gung durch Ta­rif­ver­hand­lun­gen oder auf an­de­ren We­gen be­an­tra­gen oder ab­war­ten müss­te -
außer Acht zu las­sen und auf die An­gehöri­gen der durch die­se Dis­kri­mi­nie­rung be­nach­tei­lig­ten Grup­pe die glei­che Re­ge­lung wie auf die übri­gen Ar­beit­neh­mer an­zu­wen­den hat. Die­ser Vor­ga­be des Ge­richts­hofs lag al­ler­dings zu­grun­de, dass nur ei­ne klei­ne­re Beschäftig­ten­grup­pe von ei­ner begüns­ti­gen­den Norm aus­ge­nom­men wor­den ist. Wie zu ver­fah­ren ist, wenn ei­ne ta­rif­li­che Vergütungs­re­ge­lung ins­ge­samt un­wirk­sam ist, ins­be­son­de­re, ob ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Kos­ten­be­las­tung des Ar­beit­ge­bers ei­ne Be­sei­ti­gung der Dis­kri­mi­nie­rungs­fol­gen hin­dern oder je­den­falls doch be­wir­ken kann, dass dem Kos­ten­in­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers ei­ne be­grenz­te Zeit Vor­rang gebührt, ist durch die Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs nicht ab­sch­ließend geklärt.
IV. Zu Fra­ge 5.:
Die­se Fra­ge be­trifft für den Fall, dass die Fra­ge 4. zu ver­nei­nen ist, den zeit­li­chen Spiel­raum für ei­ne rück­wir­ken­de Be­sei­ti­gung der Fol­gen ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters durch die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en. Be­reits geklärt ist, dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zur Be­sei­ti­gung ei­ner sol­chen Dis­kri­mi­nie­rung ei­ne uni­ons­rechts­kon­for­me Neu­re­ge­lung tref­fen können und müssen. Al­ler­dings ist nicht ab­sch­ließend geklärt, in­wie­weit die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­ne sol­che Neu­re­ge­lung auch zu­guns­ten der bis­her Be­nach­tei­lig­ten und zu­las­ten der bis­her Begüns­tig­ten mit Rück­wir­kung ver­ein­ba­ren dürfen. In der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist an­er­kannt, dass die Nor­mun­ter­wor­fe­nen grundsätz­lich auf den Fort­be­stand der ta­rif­li­chen Ord­nung ver­trau­en dürfen und ein Ta­rif­ver­trag nur so sei­ner Auf­ga­be ge­recht wer­den und den In­di­vi­dual­par­tei­en bei­der­seits Pla­nungs­si­cher­heit gewähren kann. Die Ge­stal­tungs­frei­heit der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zur rück­wir­ken­den Ände­rung ta­rif­ver­trag­li­cher Re­ge­lun­gen ist des­halb durch den Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes be­grenzt (BAG 23. No­vem­ber 1994 - 4 AZR 879/93 - BA­GE 78, 309; 18. März 2010 - 6 AZR 434/07 -). Al­ler­dings dürf­te nach dem na­tio­na­len Rechts­verständ­nis das Ver­trau­en der älte­ren Beschäftig­ten auf ei­ne im Ver­gleich zu den jünge­ren Beschäftig­ten höhe­re Vergütung mit dem Vor­la­ge­be­schluss ent­fal­len sein, der am Tag der Verkündung im We­ge ei­ner Pres­se-
mit­tei­lung be­kannt ge­macht wur­de. Wenn man ei­ne da­von ab­wei­chen­de zeit­li­che Be­gren­zung für ei­ne im Grund­satz zulässi­ge Rück­wir­kung ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Neu­re­ge­lung für ge­bo­ten er­ach­ten würde, kämen dafür das Be­kannt­wer­den der Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin/des Ge­ne­ral­an­walts im Vor­la­ge­ver­fah­ren, der Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs oder der nach­fol­gen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts in Be­tracht. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en könn­ten be­fugt sein, mit Wir­kung ab dem Tag der Verkündung die­ses Vor­la­ge­be­schlus­ses oder ei­nem an­de­ren der vor­ge­nann­ten Zeit­punk­te die Dis­kri­mi­nie­rung durch ei­ne uni­ons­rechts­kon­for­me Neu­re­ge­lung zu be­sei­ti­gen. Ei­ne Kor­rek­tur des Ta­rif­rechts durch das vor­le­gen­de Bun­des­ar­beits­ge­richt oh­ne Be­tei­li­gung der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en wäre ein in­ten­si­ver Ein­griff in die Ta­rif­au­to­no­mie. Zur Ver­mei­dung die­ses Ein­griffs könn­te es ge­bo­ten sein, den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en den Vor­tritt zu las­sen, da­mit die­se re­geln können, auf wel­che Art und Wei­se die Dis­kri­mi­nie­rung be­sei­tigt wer­den soll. An­de­rer­seits ist es im In­ter­es­se ei­ner wirk­sa­men Sank­ti­on bei ei­nem Ver­s­toß ge­gen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot we­gen des Al­ters und im In­ter­es­se ei­nes ef­fek­ti­ven Rechts­schut­zes er­for­der­lich, die Be­fug­nis der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zu ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Neu­re­ge­lung zeit­lich zu be­gren­zen. Der Auflösung die­ses Kon­flikts dient die Fra­ge, ob den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en für ei­ne uni­ons­rechts­kon­for­me, rück­wir­ken­de Neu­re­ge­lung ei­ne über­schau­ba­re Frist ge­setzt wer­den darf.
Schipp Oye
zur Übersicht 6 AZR 319/09 (A)

References: Art. 267
 § 27
 Art. 28
 Art. 21
 Art. 21
 Art. 28
 Art. 9
 Art. 9
 § 27
 § 5
 § 29
 § 6
 § 4
 § 3
 § 1
 § 2
 § 3
 § 10

§ 10
 § 27
 § 5
 § 27
 § 6
 EuGH 
 Art. 20
 EuGH 
 Art. 3
 § 3
 Art. 9
 Art. 267
 Art. 2
 Art. 2
 Art. 20
 Art. 3
 Art. 9
 Art. 3
 § 6
 EuGH 
 EuGH 
 Art. 2
 EuGH 
 Art. 2
 Art. 28
 Art. 157
 Art. 45
 EuGH 
 EuGH