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Timestamp: 2020-05-25 04:50:59+00:00

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Die unbegründete Ablehnung eines Berufungszulassungsantrags - und die Garantie des gesetzlichen Richters | Rechtslupe
Die unbegründete Ablehnung eines Berufungszulassungsantrags - und die Garantie des gesetzlichen Richters
Letzt­in­stanz­li­che gericht­li­che Ent­schei­dun­gen, ein­ge­schlos­sen sol­che über die Nicht­zu­las­sung der Beru­fung, bedür­fen grund­sätz­lich auch von Ver­fas­sungs wegen kei­ner Begrün­dung 1. Liegt die Zulas­sung des Rechts­mit­tels aller­dings nahe, weil vie­les dafür spricht, dass die Vor­aus­set­zun­gen der Beru­fungs­zu­las­sung vor­lie­gen, so ver­langt eine die Zulas­sung den­noch ableh­nen­de Ent­schei­dung aus­nahms­wei­se eine Begrün­dung, die erken­nen lässt, dass die Rechts­auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts auf sach­ge­rech­ten Erwä­gun­gen beruht 2.
Die Begrün­dungs­ob­lie­gen­heit folgt in die­ser Kon­stel­la­ti­on aus Art.19 Abs. 4 GG oder, wenn die Nicht­er­öff­nung der wei­te­ren Instanz als Ent­zug des gesetz­li­chen Rich­ters gerügt wird, aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG.
Denn ein Beru­fungs­ge­richt, das die Beru­fung nicht zulässt, ent­schei­det, falls die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de nicht eröff­net ist, unan­fecht­bar über die Erreich­bar­keit von höher­instanz­li­chem Rechts­schutz im kon­kre­ten Fall. Nur mit­tels einer Begrün­dung sind die Betei­lig­ten und ins­be­son­de­re das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in der Lage zu über­prü­fen, ob das Gericht das von der Rechts­ord­nung nicht nur grund­sätz­lich eröff­ne­te, son­dern im kon­kre­ten Fall auch nahe­lie­gen­de Rechts­mit­tel inef­fek­tiv gemacht 3 und damit dem Recht­su­chen­den den gesetz­li­chen Rich­ter ent­zo­gen hat.
Die­sen ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­ben, die im Hin­blick auf die gegen­über § 124 Abs. 2 VwGO durch § 78 Abs. 3 AsylG bewirk­te Ein­schrän­kung der Beru­fungs­zu­las­sungs­grün­de im gericht­li­chen Asyl­ver­fah­ren von beson­de­rer Bedeu­tung sind, wur­de der durch die hier ent­schie­de­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­grif­fe­ne Beschluss des Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs 4 nicht gerecht. Das Gericht hat im vor­lie­gen­den Fall die Nicht­zu­las­sung der Beru­fung nicht mit einer auf den Ein­zel­fall bezo­ge­nen Begrün­dung ver­se­hen, obwohl die Zulas­sung der Beru­fung im Sin­ne der ein­schlä­gi­gen Recht­spre­chung im Zeit­punkt der Beschluss­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs am 3.06.2014 nahe­ge­le­gen hät­te. Die Vor­aus­set­zun­gen einer Beru­fungs­zu­las­sung gemäß § 78 Abs. 3 Nr. 1 AsylVfG (AsylG) wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung der Rechts­sa­che zeich­ne­ten sich in sol­cher Wei­se erkenn­bar ab. Auch nach den Dar­le­gun­gen der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ergibt sich eine grund­sätz­li­che Bedeu­tung der Rechts­sa­che.
Von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung im Sin­ne des – hier in Rede ste­hen­den – Zulas­sungs­grun­des nach § 78 Abs. 3 Nr. 1 AsylG ist eine Rechts­sa­che, wenn es maß­ge­bend auf eine kon­kre­te, über den Ein­zel­fall hin­aus­ge­hen­de Rechts­fra­ge ankommt, deren Klä­rung im Inter­es­se der Ein­heit oder der Fort­bil­dung des Rechts oder sei­ner ein­heit­li­chen Aus­le­gung und Anwen­dung gebo­ten erscheint 5. Vom Vor­lie­gen einer grund­sätz­li­chen Bedeu­tung ist regel­mä­ßig dann aus­zu­ge­hen, wenn eine bun­des­recht­li­che Rechts­fra­ge in der Recht­spre­chung der Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te unein­heit­lich beur­teilt wird und es an einer Klä­rung durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt fehlt 6. Bei Tat­sa­chen­fra­gen kommt es regel­mä­ßig nur auf die Klä­rung des im Instan­zen­zug über­ge­ord­ne­ten Ober­ver­wal­tungs­ge­richts an, weil wegen der Bin­dung des Revi­si­ons­ge­richts an die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts, § 137 Abs. 2 VwGO, eine wei­ter­ge­hen­de Ver­ein­heit­li­chung der Recht­spre­chung durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aus­schei­det 7.
Als in die­sem Sin­ne klä­rungs­be­dürf­tig kam vor­lie­gend die Fra­ge in Betracht, ob syri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen im Fal­le der Rück­kehr nach Syri­en allein wegen ihrer ille­ga­len Aus­rei­se, ihrem län­ge­ren Aus­lands­auf­ent­halt und der Tat­sa­che, dass sie im Aus­land einen Asyl­an­trag gestellt haben, Ver­fol­gung durch die syri­schen Sicher­heits­kräf­te droht, weil die­sen Per­so­nen eine oppo­si­tio­nel­le bezie­hungs­wei­se regi­me­feind­li­che Ein­stel­lung unter­stellt wird. Die Zulas­sung der Beru­fung unter die­sem Gesichts­punkt erscheint nach der inso­weit maß­geb­li­chen Recht­spre­chung der Fach­ge­rich­te zum Zeit­punkt der Beschluss­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs am 3.06.2014 nahe­lie­gend.
Die ober­ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung zu die­ser im zugrun­de lie­gen­den Fall ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge war unein­heit­lich:
In sei­nem Beschluss vom 07.05.2013 ver­trat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len und in Anleh­nung dar­an das hier erst­in­stanz­lich ent­schei­den­de Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richt Augs­burg 8 die Auf­fas­sung, dass unver­folgt ille­gal aus­ge­reis­te Rück­keh­rer nach Syri­en, die sich im Aus­land auf­ge­hal­ten und einen Asyl­an­trag gestellt haben, auch ange­sichts der Repres­si­on des syri­schen Staats in Bezug auf Oppo­si­tio­nel­le nicht mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit poli­tisch ver­folgt wür­den. Rück­keh­rer unter­lä­gen zwar all­ge­mein der Gefahr der Fol­ter oder unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung. Dies begrün­de aber ledig­lich einen Anspruch auf Abschie­bungs­schutz, nicht den Anspruch, als poli­tisch Ver­folg­ter aner­kannt zu wer­den 9.
Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt des Lan­des Sach­sen-Anhalt kam in sei­nem Urteil vom 18.07.2012 nach Aus­wer­tung meh­re­rer Quel­len zur abwei­chen­den Rechts­auf­fas­sung, dass der syri­sche Staat schon Hand­lun­gen wie die ille­ga­le Aus­rei­se, die Asyl­an­trag­stel­lung und den lang­jäh­ri­gen Auf­ent­halt im Aus­land als Aus­druck einer regi­me­feind­li­chen Gesin­nung auf­fas­se, wodurch Rück­keh­rer mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit in Anknüp­fung an ihre tat­säch­li­che oder jeden­falls ver­mu­te­te poli­ti­sche Über­zeu­gung mit Ver­fol­gungs­maß­nah­men zu rech­nen hät­ten 10. Auch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern 11, der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg 12 sowie das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver 13 das Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richt Mün­chen 14 teil­ten die­se Auf­fas­sung.
Der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat­te sich zu die­ser Fra­ge noch nicht rechts­grund­sätz­lich fest­ge­legt. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat in sei­nen Urteils­grün­den vom 16.04.2014 kei­ne ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung ange­führt, was aber nahe­ge­le­gen hät­te, da es sich einer der in der übri­gen ober­ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ver­tre­te­nen Auf­fas­sung zu Las­ten des Beschwer­de­füh­rers ange­schlos­sen hat. Damit stand eine bun­des­recht­li­che Rechts­fra­ge im Raum, die nicht geklärt war und sich in einer unbe­stimm­ten Viel­zahl wei­te­rer Fäl­le stel­len konn­te 15.
Gleich­wohl hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof nicht nach­voll­zieh­bar begrün­det, war­um er die Beru­fung nicht zuge­las­sen hat. Im ange­grif­fe­nen Beschluss heißt es ledig­lich, die Vor­aus­set­zun­gen für die Zulas­sung der Beru­fung nach § 78 Abs. 3, 4 AsylVfG sei­en nicht erfüllt. Die­ser Beschluss bedür­fe nach § 78 Abs. 5 Satz 1 AsylVfG kei­ner wei­te­ren Begrün­dung.
Dass die streit­ge­gen­ständ­li­che Fra­ge durch den Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zwi­schen­zeit­lich mit Urteil vom 12.12 2016 16 einer Klä­rung zuge­führt wur­de, indem er – wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len – ent­schie­den hat, dass einer Sun­ni­tin im Fal­le einer Rück­kehr nach Syri­en nicht mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit wegen (unter­stell­ter) oppo­si­tio­nel­ler Gesin­nung oder Asyl­an­trag­stel­lung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land Ver­fol­gung dro­he, ver­mag kei­ne ande­re recht­li­che Beur­tei­lung zu recht­fer­ti­gen. Da die streit­ge­gen­ständ­li­che Fra­ge zuvor unge­klärt war, stell­te die feh­len­de nach­voll­zieh­ba­re Begrün­dung der Nicht­zu­las­sung der Beru­fung durch den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof einen Ver­stoß gegen den Anspruch des Beschwer­de­füh­rers auf den gesetz­li­chen Rich­ter dar.
Der Beschluss des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs ist auf­zu­he­ben und die Sache dort­hin zurück­zu­ver­wei­sen, da nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof bei Berück­sich­ti­gung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­ga­ben zu einem ande­ren Ergeb­nis gekom­men wäre.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 10. Juli 2019 – 2 BvR 1545/​14
vgl. BVerfGK 2, 202, 204; 19, 364, 367[↩]
vgl. BVerfGK 19, 364, 367[↩]
BayVGH, Beschluss vom 03.06.2014 – 21 ZB 14.30161[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 26.01.1993 – 2 BvR 1058/​92, 2 BvR 1059/​92[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.11.2016 – 2 BvR 31/​14[↩]
BVerfG, Urteil vom 16.04.2014 – Au 6 K 14.30004[↩]
OVG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 18.07.2012 – 3 L 147/​12[↩]
OVG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Beschluss vom 24.04.2014 – 2 L 16/​13[↩]
VG Han­no­ver Urteil vom 28.05.2013 – 1 A 5409/​12[↩]
VG Mün­chen, Urteil vom 03.02.2014 – M 22 K 12.30300[↩]
vgl. in die­sem Sin­ne BVerfG, Beschluss vom 14.11.2016 – 2 BvR 31/​14[↩]
BayVGH, Urteil vom 12.12 2016 – 21 B 16.30338[↩]
AsylverfahrenBerufungszulassungEntscheidungsgründeFlüchtlingegesetzlicher Richter

References: Art.19
 Art. 101
 § 124
 § 78
 § 78
 § 78
 § 137
 § 78
 § 78