Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=IX%20ZR%20272/14
Timestamp: 2020-07-06 20:43:25+00:00

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BGH, 10.12.2015 - IX ZR 272/14 - dejure.org
https://dejure.org/2015,41527
BGH, 10.12.2015 - IX ZR 272/14 (https://dejure.org/2015,41527)
BGH, Entscheidung vom 10.12.2015 - IX ZR 272/14 (https://dejure.org/2015,41527)
BGH, Entscheidung vom 10. Dezember 2015 - IX ZR 272/14 (https://dejure.org/2015,41527)
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§ 1 Abs. 3 BORA, § 139 Abs. 1 Satz 2 ZPO
Rechtanwaltshaftung: Anwaltliche Pflicht zur substantiierten und vollständigen Darlegung der Sach- und Rechtslage im Rahmen des Prozessvortrags
Zur Verpflichtung des Rechtsanwalts, trotz der dem Gericht obliegenden Rechtsprüfung die zugunsten seiner Partei sprechenden tatsächlichen und rechtlichen Gesichtspunkte so umfassend wie möglich darzustellen
Anwalt muss auf rechtliche Beurteilung des Gerichts Einfluss nehmen
BGB § 675 ; BORA § 1 Abs. 3
Mehrere Vertragsverletzungen: Anwalt muss zu den jeweiligen Voraussetzungen substantiiert vortragen!
Pflicht des Anwalts zur umfassenden Darlegung der zu Gunsten seiner Partei sprechenden tatsächlichen und rechtlichen Gesichtspunkte
Rechtsanwalt, Sorgfaltspflichten
Wird eine Klage auf mehrere selbstständige Vertragsverletzungen (hier: fehlerhafter Transport sowie unzureichende Versicherung verschiffter Güter) gestützt, hat der Rechtsanwalt zu den jeweiligen Anspruchsvoraussetzungen substantiiert vorzutragen.
Eingabe in der Suchmaske auf der nächsten Seite: BRAK-Mitt. 2016, 62
Obwohl das Gericht das Recht kennt ("iura novit curia"), muss der Rechtsanwalt mittels Rechtsausführungen behilflich sein, das "Rechtsdickicht zu lichten"
Zu allen Anspruchsgrundlagen ist substanziiert vorzutragen! (IBR 2016, 190)
LG Frankfurt/Main, 21.03.2013 - 5 O 322/12
OLG Frankfurt, 06.11.2014 - 3 U 85/13
NJW 2016, 957
ZIP 2016, 477
MDR 2016, 392
VersR 2016, 401
AnwBl 2016, 267
AnwBl Online 2016, 159
Etwaige Versäumnisse des Gerichts schließen die Mitverantwortung für eigenes Versehen grundsätzlich nicht aus (BGH, Urteil vom 10. Dezember 2015 - IX ZR 272/14, WM 2016, 180 Rn. 8 mwN).
Mit Rücksicht auf das auch bei Richtern nur unvollkommene rechtliche Erkenntnisvermögen und die niemals auszuschließende Möglichkeit des Irrtums ist es die Pflicht des Rechtsanwalts, nach Kräften dem Aufkommen von Irrtümern und Versehen des Gerichts zu begegnen (BGH…, Urteil vom 15. November 2007 - IX ZR 44/04, BGHZ 174, 205 Rn. 15;… vom 17. September 2009 - IX ZR 74/08, WM 2009, 2138 Rn. 7; vom 10. Dezember 2015 - IX ZR 272/14, WM 2016, 180 Rn. 8).
Der Rechtsanwalt muss alles - einschließlich Rechtsausführungen - vorbringen, was die Entscheidung günstig beeinflussen kann (BGH, Urteil vom 25. Juni 1974 - VI ZR 18/73, NJW 1974, 1865, 1866; vom 10. Dezember 2015, aaO).
Dies gilt auch dann, wenn der Fehler - wie im Streitfall - darin liegt, dass das Gericht die Rechtsprüfung fehlerhaft durchgeführt hat (vgl. BGH, Urteil vom 10. Dezember 2015 - IX ZR 272/14, WM 2016, 180 Rn. 8 mwN).
vgl. BGH, Urteil vom 10.12.2015 - IX ZR 272/14 -, NJW 2016, 957 = juris, Rn. 6 ff.
Nur ausnahmsweise hat das Gericht zur materiellen Verfahrensleitung nach den unterschiedlichen Maßgaben der Absätze des § 139 ZPO einer Partei durch einen Hinweis Hilfestellung zu geben, nämlich wenn dies geboten ist, um deren Anspruch auf rechtliches Gehör und effektiven Rechtsschutz zu gewährleisten (…vgl. zur Hinweispflicht und ihren Grenzen BGHZ 185, 11, bei juris Rz. 53 - Modulgerüst II BGH, Urteil vom 10. Dezember 2015 - IX ZR 272/14, MDR 2016, 392, bei juris Rz. 14; s. auch OLG Stuttgart, Urteile vom 23. Juli 2015 - 2 U 72/14;… bei juris Rz. 51 ff.; vom 10. Juli 2014 - 2 U 78/12; und vom 02. Mai 2013 - 2 U 31/12, je m.w.N.; OLG Stuttgart…, Beschluss vom 20. Juli 2012 - 19 U 61/12, bei juris Rz. 17; s. ferner OLG München…, Urteil vom 28. April 2016 - 29 U 179/16, bei juris Rz. 17, u.H. auf BGH, Beschluss vom 16. September 2015 - V ZR 8/15, MDR 2016, 414 zu der auf Prozessökonomie ausgerichteten Sachdienlichkeit in der Ausnahmevorschrift des § 533 ZPO vgl. OLG Stuttgart…, Urteil vom 28. Juli 2014 - 5 U 146/12, bei juris Rz. 35).
Ein gerichtlicher Hinweis ist nicht erforderlich, wenn die Bedeutung eines Gesichtspunktes vom Prozessgegner konkret aufgezeigt wurde oder für die Partei auf der Hand liegen musste (BGH, Urteil vom 10. Dezember 2015 - IX ZR 272/14, MDR 2016, 392, bei juris Rz. 14; OLG Stuttgart…, Beschluss vom 20. Juli 2012 - 19 U 61/12, bei juris Rz. 17; a.A. OLG Frankfurt, Beschluss vom 21. Januar 2016 - 13 U 84/15, Nachweis bei juris zu den Grenzen der Hinweispflicht ausführlich OLG Stuttgart, Urteil vom 23. Juli 2015 - 2 U 72/14;… bei juris Rz. 51 ff.; vom 10. Juli 2014 - 2 U 78/12; und vom 02. Mai 2013 - 2 U 31/12, je m.w.N.).
Dabei ist es grundsätzlich die Pflicht des Rechtsanwalts, nach Kräften dem Aufkommen von Irrtümern und Versehen des Gerichts entgegenzuwirken, die mit Rücksicht auf das auch bei Richtern nur unvollkommene rechtliche Erkenntnisvermögen niemals auszuschließen sind (BGH, Urt. IX ZR 272/14 vom 10.12.2015; BGH NJW 1964, 2402; BGH NJW 1974, 1865).
Der durch die Klägerin mit der Prozessführung gegen die Spediteurin A GmbH beauftragte Beklagte hat hinsichtlich der fehlerhaften Versicherungseindeckung des Transports durch die A GmbH seine Pflicht zum ausreichenden Prozessvortrag verletzt und die Anforderungen an die anwaltliche Sorgfaltspflicht missachtet, indem er nach unstreitiger Eindeckung des Transport mit einer bloßen Strandungsfallversicherung unter Geltung der ICC C (a) zu der Verletzung der Pflicht der Spediteurin A GmbH zur Eindeckung des beauftragten Transports mit einer All-Risk-Versicherung unter Geltung der ICC A (b) bzw. zur Verletzung der Pflicht zum Hinweis auf unter Geltung der ICC C nicht gedeckte Schadensrisiken ( c ) nicht mit der gebotenen Deutlichkeit zum Gegenstand des Rechtsstreits gemacht hat (Urteil Bundesgerichtshof vom 10.12.2015, Az. IX ZR 272/14).
Sofern die Klage auf verschiedene rechtliche Gesichtspunkte gestützt werden kann, ist der Sachvortrag so zu gestalten, dass alle in Betracht kommenden Gründe im Rahmen der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten konkret dargelegt werden (BGH NJW 2016, 957).
Der Rechtsanwalt soll seinen Prozessvortrag vielmehr darauf ausrichten, "das Rechtsdickicht zu lichten" (BGH NJW 2016, 957 - juris-Tz. 8;… Vill a.a.O. § 2 Rnr. 54) und dem Gericht dadurch eine zutreffende rechtliche Würdigung des zur Entscheidung anstehenden Sachverhalts ermöglichen.
Die Verpflichtung des Rechtsanwalts, die zu Gunsten seiner Partei sprechenden tatsächlichen und rechtlichen Gesichtspunkte so umfassend wie möglich darzustellen, erfährt durch den Grundsatz "iura novit curia" keine Einschränkung (vgl. BGH, Urteil vom 10.12.2015 - IX ZR 272/14 - juris).
Ein Rechtsanwalt muss die zugunsten seiner Partei sprechenden tatsächlichen und rechtlichen Gesichtspunkte so umfassend wie möglich darstellen, damit sie das Gericht bei seiner Entscheidung berücksichtigen kann (BGH NJW 2016, 957 Rn. 6).

References: § 1
 § 139
 § 675
 § 1
 § 139
 § 533
 BGH 
 BGH 
 § 2