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Timestamp: 2017-07-21 04:53:49+00:00

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Broschüre "Deshalb sind wir Feministinnen" by Sozialistische Jugend Österreich - issuu
FeministinnenNeuauflagesozialistische jugendDeshalb sind wir
FeministinnenimpressumMedieninhaberin: Trotzdem Verlag GmbH
Herausgeberin: Sozialistische Jugend Österreich
Autorinnenkollektiv: Stefanie Vasold, Kati Hellwagner, Carina Altreiter,
Laura Dobusch, Denise Groschan, Romina Lercher, Kathi Luger,
Jasmin Malekpour, Raphaela Pammer, Martina Punz, Sabine Schatz,
Irini Tzaferis, Chritine Utzig, Daniela Wickenschnabel
Wir danken allen GenossInnen für die zahlreichen Anmerkungen,
Diskurse und Korrekturvorschläge. Und Anja Meulenbelt.
Alle: Amtshausgasse 4, 1050 Wien
2. Auflage 2007„Als eine Frau lesen lernte, trat die
Frauenfrage in die Welt.“
.inhaltVorwort zur 2. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
I. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
II. Die Geschichte der Frauenbewegung . . . . . . . . . . . . . 9
1. Bürgerliche Frauenbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Bürgerliche Frauenbewegung in Österreich
Radikale bürgerliche Frauenbewegung international
Bildungszugang für Frauen
2. Die proletarische Frauenbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Ein erstes Aufflackern – die Frauen der Pariser Kommune
Proletarische Frauenbewegung in Österreich
3. Der erste Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
4. Auswirkungen der russischen Revolution
auf die Frauenbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357. Zweite Republik und neue Frauenbewegung . . . . . . . . . 45
Vom Kriegstrauma in die „heilen“ 50er und 60er
Die fetzigen 60er und 70er
Der Kampf um die legale Abtreibung
Sozialistische Alleinregierung und die Rechtsreform
III. Feministische Theorien, Themen, Entwicklungen . . . 58
Theoretische Grundlagen der aktuellen
feministischen Debatte
Sprache als Thema der Frauenbewegung
IV. Aktuelle Situation und Unterdrückung von Frauen . . . 65
Unbezahlt und unsichtbar
V. Deshalb sind wir Feministinnen – Wer wir sind
und was wir wollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 695. Erste Republik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
6. Faschismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Ständestaat und Austrofaschismus
Die Rolle der Frau in der Ideologie des NS-FaschismusVI. Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
Sozialistische Jugend vor Ort
.vorwort zur 2. auflageWir stehen auf den Schultern
von Riesinnen!Diese Broschüre entstand im Rahmen der
Kampagne „Deshalb sind wir Feministinnen“,
die von den Frauen der Sozialistischen Jugend
im Jahr 2003 entwickelt wurde. Die Broschüre
rief sehr viel positives Echo inner- wie außerhalb der SJ hervor und war bald vergriffen. Von
vielen Seiten hörten wir, dass die Broschüre
als kompakter Überblick über die Geschichte der Frauenbewegung in Österreich in ganz
verschiedenen Zusammenhängen positive Verwendung erfahren hat. Aus diesem Grund haben wir uns auch entschlossen eine zweite,
leicht überarbeitete und neu gelayoutete Version der Broschüre zu produzieren.
Mittlerweile ist die Kampagne selbst Geschichte – und vielleicht auch zu einem kleinen Teil zur Geschichte der Frauenbewegung
geworden. Doch die Broschüre gibt es wieder
und richtet sich an all jene, die sich mit der Geschichte der Frauen beschäftigen wollen, mit
den Kämpfen der Generationen vor uns, deren
Erfolge so wesentlich unsere Stellung in der
Gesellschaft heute bestimmen.
Mit dem Versuch einen Teil der zahlreichen Frauen-Bewegungen aufzuschreiben
.und festzuhalten, schaffen wir uns unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zu viele
Frauen sind verschwunden durch die Geschichtsschreibung, die so lange nur von und
für Männer betrieben wurde. Geschluckt durch
die Herrschenden. Lange Zeit haben Frauen
damit zugebracht wie Paläontologinnen kleine,
verstreute Stücke einzusammeln, zusammenzusetzen, Lebensgeschichten zu rekonstruieren, Verläufe und Wandel weiblichen Wirkens
zu dokumentieren. Und das Sammeln geht
weiter. Die Geschichte der Frauenbewegung
wird jeden Tag weiter geschrieben - durch alle
Frauen, die sich und damit auch ihre Umwelt
bewegen und verändern.
In diesem Sinne hoffen wir, dass die Neuauflage der Broschüre Frauen (und Männer)
dazu anregt, sich auseinanderzusetzen, weiterzudenken, selbst einen kleinen oder größeren Schritt zu machen und damit die Geschichte der Frauenbewegung weiter zu schreiben.
Stefanie Vasold & Kati Hellwagner
Für die frauenpolitische
Kommission der SJ ÖsterreichI. Einleitung
Weil Frauenarbeit nie aufhört und unterbezahlt oder unbezahlt, langweilig und monoton ist, weil wir die Ersten sind, die entlassen
werden, weil es wichtiger ist, wie wir aussehen, als was wir können, weil es unsere Schuld
ist, wenn wir vergewaltigt werden, weil wir es
provoziert haben, wenn wir geschlagen werden, weil wir nymphomanisch sind, wenn wir
Freude beim Sex haben und frigide, wenn wir
keine haben, weil uns nur der richtige Mann
fehlt, wenn wir Frauen lieben, weil wir ungeduldig und hysterisch sind, wenn wir zu viele Fragen stellen, weil wir egoistische Rabenmütter
sind, wenn wir staatliche Kinderbetreuung fordern, weil wir aggressiv und unweiblich sind,
wenn wir für unsere Rechte kämpfen, weil wir
schwach sind, wenn wir es nicht tun und wir
Torschlusspanik haben, wenn wir heiraten
wollen, weil wir unnatürlich sind, wenn wir es
nicht wollen, weil wir gewissenlos sind, wenn
wir abtreiben und weil an atomarer Hochrüstung mehr Interesse besteht als an der Verbesserung von Verhütungsmitteln …
… deshalb und aus vielen, vielen
anderen Gründen sind wir Feministinnen!
Wie Frauen es drehen und wenden, ganz
recht können sie es nicht machen und ganz
gleichberechtigt sowieso nicht.
Konservative PolitikerInnen und Medien wollen uns glauben machen, Frauen wären mittlerweile „eh schon gleichberechtigt“:Sie hätten die gleichen Chancen und Möglichkeiten auf Selbsterfüllung wie ihre Brüder,
Freunde, Ehemänner oder Väter. Sie müssten
sich nur richtig bemühen, dann ginge es schon.
Sie bräuchten sich eigentlich überhaupt nicht
„künstlich aufzuregen“ und auch nicht gegen
die Männer an ihrer Seite zu „hetzen“.
Solche Aussagen sind nach wie vor auf der
Tagesordnung. Frauen, die sich engagieren
und sich für ihre Rechte einsetzen, Frauen,
die offen gegen Diskriminierung und Sexismus
auftreten, werden verächtlich als hysterische,
frustrierte Emanzen und radikale Feministinnen abgetan. Offensichtlich hat die „Männerdomäne Welt“ die Erschütterung, die ausgelöst wurde, als Frauen endlich gemeinsam
aufstanden, um das Menschsein dritter Klasse abzuschaffen, schwer berührt. Mit Erniedrigung und Verachtung wird denen, die aufbegehren, begegnet. Dieses Schicksal teilen
Frauen mit allen anderen in der Menschheitsgeschichte, in der, wann immer die Herrscher
ihre Machtposition in Frage gestellt oder sogar
bedroht sahen, mit Einschränkungen, Gewalt
und auch Mord reagiert wurde. Schließlich gibt
niemand gern und freiwillig Macht ab.
Feminismus an sich bezeichnet die Theorie, die der Frauenbewegung und ihren Zielen zu Grunde liegt. Feministinnen sind also,
entgegen aller negativen Assoziationen mit
Männermörderinnen, nicht die, die Herrschaft
ergreifen und alle Männer unterdrücken wol.einleitunglen, sondern Frauen, die für ihre Rechte kämpfen – Rechte, die ihnen zustehen. Mit dem
Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft, in
der Lebensentwürfe ohne die Kategorie Geschlecht stattfinden können.
Feminismus umfasst alle Lebensbereiche.
Die so genannte „Frauenfrage“ ist alles andere als ein Kapitel für sich. Sie stellt sich in
allen Bereichen unseres Lebens täglich aufs
Neue und beschränkt sich nicht auf sogenanntes „Frauenspezifisches“ allein. Jedes Aufbäumen gegen Ungerechtigkeit im Geschlechterverhältnis ist feministisch. Und jeder Kampf
gegen die Unterdrückung der Menschen, jeder Widerstand gegen systematische AusbeuWir haben es satt, mitgemeint zu sein!
Frauen werden in vielen Bereichen des täglichen Lebens
unsichtbar gemacht. Die Geschichtsschreibung wird beherrscht von großen
Männern. Überall ist die Rede von wichtigen Politikern, Malern, Architekten,
Physikern, Mathematikern und Genforschern. In kaum einem Text können wir
von Arbeiterinnen, Technikerinnen, Schülerinnen, usw. lesen. Gibt es sie etwa
nicht, die Künstlerinnen, die Ökonominnen, die Politikerinnen, die Philosophinnen? Wir meinen: Überall dort, wo von Männern die Rede ist, gibt es auch
Frauen. Sie werden uns jedoch durch eine männliche Sprache einfach vorenthalten. Denn obwohl es immer heißt, Frauen wären eh „mitgemeint“, werden
sie durch eine männliche Sprache ins Abseits gedrängt und noch weniger
wahrgenommen. Sprache schafft Bewusstsein: Durch die in dieser Broschüre
verwendete, geschlechtergerechte Sprache wollen wir Frauen ein Stück
weit aus ihrer Unsichtbarkeit befreien und ihnen einen Teil ihrer Geschichte und
ihres Anteils an der Gesellschaft zurückgeben.
Und wir wollen andere ermutigen, die Lücken zu füllen.
Im Sinne der Originalität haben wir bei Zitaten darauf verzichtet,
.tung und reines Profitinteresse zum Vorteil
von Wenigen, jedes Aufbegehren gegen undemokratische und unmenschliche Verhältnisse
muss verbunden sein mit dem grundsätzlichen
Streben nach der Gerechtigkeit für jenes Geschlecht, das durch all diese systembedingten
Umstände doppelt betroffen ist. Jeder Kampf
für die Freiheit der Menschen muss also auch
ein Kampf für die Freiheit der Frauen sein und
Die Broschüre wirft einen Blick auf die Riesinnen unserer Geschichte. Frauen, die sich
in der Vergangenheit zusammengetan und gekämpft haben. Sie haben uns den Weg geebnet. Ihr Erbe ist uns Verantwortung und Aufgabe.
In diesem Sinne soll diese Broschüre einen
weiteren kleinen Schritt hin zu einer Veränderung und Verbesserung der Verhältnisse durch
das Schaffen von Bewusstsein setzen. Wir
wollen aufzeigen, dass Unterdrückung und Benachteiligung von Frauen gesamtgesellschaftliche Ursachen haben und dass das kapitalistische System sich auf diese Unterdrückung
stützt – ebenso wie auf die Ausbeutung des
Großteils der Menschen unserer Welt.
Diese Broschüre ist nur ein Werkzeug im
Kampf für Gleichberechtigung. Schließlich ist
klar, dass das Wissen um die vorherrschenden,
undemokratischen und unmenschlichen Bedingungen allein noch keine Veränderung mit
sich bringen kann. Aber das Wissen um diese
Situation ist die Voraussetzung für das gemeinsame Auftreten gegen herrschende Strukturen und dafür, sie endgültig umzuwerfen und
eine neue Welt zu erschaffen!II. Geschichte der FrauenbewegungFrauenbewegung?Es ist anzunehmen, dass es seit je her
eine weiblich Form des Kampfes gegen Unterdrückung gab. Einzelnen Frauen gelang es
aufgrund ihrer Position, oft als Frauen oder
Töchter von einflussreichen Männern, indirekt
Macht auszuüben. Immer wieder schafften es
Frauen, sich geltenden Normen und Regeln zu
widersetzen. Nur war das lange keine Bewegung im heutigen Sinne.ist im Folgenden stark auf den deutschsprachigen Raum konzentriert und versucht, die
österreichische Frauenbewegung ins Zentrum
zu stellen. Die Broschüre kann nur einen Einstieg in das Thema und einen Überblick bieten,
aber vielleicht macht dieser Einstieg Lust zum
Weiterlesen, zum Beispiel über die Black Feminists, über frauenpolitische Initiativen in Entwicklungsländern oder in die Welt der feministischen Theorie.
Das „aufgeklärte“ WeltbildKann aber heute überhaupt von „der Frauenbewegung“ gesprochen werden? Etwas genauer nachgefragt, kann schon Verwirrung
entstehen: oftmals ist die Rede von der ersten und der zweiten Frauenbewegung, von der
bürgerlichen, der proletarischen oder der autonomen Frauenbewegung. Kämpften diese
Frauen miteinander für das gleiche Ziel? Oder
traten sie gar gegeneinander auf?
Um diese Fragen zu klären und um den
Frauen ein Stück ihrer Geschichte zurückzugeben, befasst sich der folgende Text mit der
Geschichte des Kampfes von Frauen um ihre
Rechte. Die Geschichte der FrauenbewegungDie Phase der Aufklärung mit ihrem zentralen Gedanken, dass alle Menschen gleich
sind, war ein wesentlicher Anstoß für die Frage
nach Geschlechtergleichheit und für den Beginn der organisierten Frauenbewegung. Nur
zeigte sich schon in dieser Zeit, dass gerade
jene, die für die Freiheit und Gleichheit „aller
Menschen“ eintraten, damit nicht wirklich alle
Menschen meinten. Frauen blieben von ihren
Bestrebungen ausgeschlossen.
Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), ein
französischer Aufklärer, schreibt: „Die Frau
[ist] eigens geschaffen, um dem Mann zu gefal.geschichte der frauenbewegunglen.“ Er schreibt Erziehungsromane, in denen
nachzulesen ist, wie Mädchen und Burschen
ihrer „natürlichen“ Bestimmung entsprechend
erzogen werden sollten.
Das Bild von den „natürlichen“ und „angeborenen“ Unterschieden zwischen Mann und
Frau taucht erst in dieser Zeit auf.
Bürgerliche FamilienideologieDen Begriff der „Familie“ im heutigen Sinn
gibt es erst seit dem späten 18. Jahrhundert.
Das hängt zusammen mit einem grundlegenden gesellschaftlichen Strukturwechsel
– dem Wechsel von Feudalismus zu Kapitalismus. Die vorindustrielle Familienform meinte das „ganze Haus“, also alle in einem Haus
lebenden Personen. Sie war gleichzeitig eine
Gemeinschaft der Produktion und Konsumption. Alle lebten, produzierten und arbeiteten
Es gab zwar eine Arbeitsteilung zwischen
Männern und Frauen, doch waren die Grenzen fließend und dadurch, dass der Arbeitsplatz gleichzeitig der Wohnort blieb, kam es zu
keiner örtlichen, fixen Trennung der Arbeitsbereiche.
Mit dem Übergang vom feudalen zum kapitalistischen Produktionssystem änderte sich
die Struktur grundlegend und mit ihr entstand
die bürgerliche Familie. Es kam zu einer Tren10.nung von Heim und Beruf. Mit diesem Auseinanderbrechen ging auch die geschlechtsspezifische Zuteilung einher: die außerhäusliche
Berufsphäre wurde dem Mann und die innerhäusliche Sphäre der Frau zugeteilt.
Mit dem Bruch entwickelte sich auch die
bürgerliche Familien- und Geschlechterideologie – es tauchte ein umfassender Regel- und
Pflichtenkatalog für die Frau und den Mann
auf. Zahlreiche Schriften lieferten eine Anleitung für das „richtige“ Leben gemäß den Geschlechterrollen. Dem Mann obliege alles öffentliche Wirken, gleich ob Beruf, Politik,
Wissenschaft oder das Vertreten der Familie
nach Außen. Frauen seien zuständig für Kindererziehung, Haushaltsführung und vor allem
dafür, dem Mann ein anständiges Heim zu bieten. Auch wenn es seit jeher Arbeitsteilung
zwischen den Geschlechtern gab, eröffnete
dies in zweifacher Hinsicht neue Dimensionen,
nämlich sowohl in der Legitimation als auch in
der Bewertung dieser Arbeitsteilung.
Legitimiert wurde die Arbeitsteilung nicht
mehr damit, dass es sich in der Praxis als nützlich erweist, die Arbeit in bestimmten Bereichen so oder so aufzuteilen, sondern damit,
dass gewisse Aufgabengebiete der „Natur“
des Mannes oder der der Frau entsprächen.
Der Mann zeichnete sich fortan durch Eigenschaften wie Stärke, Mut, Verstand, Härte, Aktivität und dergleichen aus. Der Fraugeschichte der frauenbewegungwurden Passivität, Schwäche, Güte, Weichheit, Geduld usw. zugeschrieben. Dies sind
Verhaltenszuschreibungen, die bis heute in
unserer Gesellschaft verwurzelt sind und von
denen uns nach wie vor gesagt wird, sie wären
„schon immer“ so gewesen. Tatsächlich sind
sie „erst“ vor 200 Jahren aufgetaucht.
Begleitet wurden sie seitdem von zahlreichen pädagogischen Schriften, wie Kinder
ihren „natürlichen Bestimmungen“ gemäß erzogen werden sollten. Damit setzte sich ein
Kreislauf in Bewegung, der ebenfalls bis heute besteht: Kinder werden geschlechtsspezifisch unterschiedlich erzogen und entwickeln
dementsprechend geschlechtsspezifisch unterschiedliche Verhaltensweisen.
Die zweite neue Dimension macht die Bewertung dieser Arbeitsteilung aus. Die geldbeschaffende Tätigkeit des Mannes wurde
höherwertig eingestuft als die „geldverbrauchende“ Tätigkeit der Frau. Nachdem diese
Tätigkeiten aber ihrer „Natur“ entsprachen,
liegt eine unterschiedliche Bewertung der Geschlechter sehr nahe.
Darauf bauten die Aktivitäten der Frauenbewegung auf. Einig waren sich die Frauen im
Kampf gegen die Ungleichbewertung. Was die
Ursachen dafür seien, welche Methoden im
Kampf angewandt werden müssten und was
Gleichberechtigung überhaupt heißt, darüber
waren die unterschiedlichen Richtungen in
der Frauenbewegung nicht immer einer Meinung.Die namenlosen Frauen (Bruni Regenbogen)
Ihr namenlosen Frauen, ihr namenlosen Frauen
Aus der Vergangenheit!
Ihr Schwestern, wie habt ihr gelebt, was wissen wir denn von euch?!
Den Heldentaten der Männer
Lauschen wir nun nicht mehr.
Wo ist die Geschichte der Frauen,
wo ist unsere Vergangenheit?
Ihr ungezählten Frauen, ihr ungezählten Frauen,
die für Frauenrechte gekämpft.
Zurück an den Herd gedrängt
Hat man stets euch, wenn ihr erwachtet.
Wenn Gewalt nicht half, half Gesetzesmacht,
um Frauenkraft zu brechen.
Und was ihr getan, wurde ausgelöscht
In den Büchern der Vergangenheit.
Ihr starken, tapferen Frauen, ihr starken, tapferen Frauen
Zu Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Habt ihr gefordert die Schwesterlichkeit!
Im Kerker und auf dem Schafott habt ihr Frauen
Für unsere Sache gelitten.
Gelöscht hat man eure Taten
Wir neu erwachten Frauen, wir neu erwachten Frauen
Suchen unsere Vergangenheit.
Zwischen Lügen und zwischen Zeilen
Sind Spuren noch zu finden.
Die Fetzen unserer Geschichte
Werden wir zusammensetzen, ja.
Denn wissen wir, was die Frauen taten,
wissen wir auch, was wir tun.
11.Delacroix 1830: „Die Freiheit führt das Volk an”
12.geschichte der frauenbewegung1. Bürgerliche FrauenbewegungFranzösische RevolutionDie bürgerliche Frauenbewegung fand ihre
Anfänge vor allem in Frankreich und England.
Wohlhabende und gebildete Frauen der Oberschicht begannen sich gegen die Ungleichbehandlung zur Wehr zu setzen. Einen der ersten prominenten Schritte unternahm Olympe
der Frau und Bürgerin
1789 wurde nach der Französischen Revolution die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ verkündet. Der Katalog forderte
gleiche Bürgerrechte für alle. Für „alle“ hieß allerdings nur für alle Männer. An eine Verbesserung der Situation von Frauen wurde nicht gedacht. Olympe de Gouges verfasste daraufhin
die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, die sie 1791 der Nationalversammlung
vorlegen wollte.
Darin forderte sie, alle von der Revolution erkämpften Rechte auch Frauen zugänglich zu machen. In der Präambel schreibt sie:
„Mann, bist du fähig, gerecht zu sein? Eine Frau„Sag mir, wer hat
dir [Mann] die selbstherrliche Macht verliehen,
mein Geschlecht zu
unterdrücken?“
Olympe de Gouges wird 1748 in Montauban nahe Toulouse als Marie
Gouze geboren, sie ist kleinbürgerlicher Herkunft. Aufgrund der Tatsache,
dass sie eine Frau ist, wird ihr keine entsprechende Bildung zuteil und so kann
sie ihr Leben lang weder besonders gut lesen noch schreiben.
Als Zwanzigjährige geht sie nach Paris und gibt sich den Namen Olympe de
Gouges. Dort versucht sie ihren großen Traum zu verwirklichen
und Schriftstellerin zu werden. Ihr erstes öffentlich aufgeführtes Stück „Zamore
und Mirza oder Der glückliche Schiffbruch“ wird vom großteils adeligen Publikum abgelehnt, weil das Thema des Werkes Kritik an der SklavInnenhaltung in
den Kolonien ist. Nach der bürgerlichen Revolution 1789 beginnt sie sich mehr
und mehr politisch zu engagieren. In der „Erklärung der Rechte der Frau und
Bürgerin“ fordert sie gleiche Rechte für die Bürgerinnen und Bürger Frankreichs. Das Privateigentum bleibt aber unangetastet. 1783 fordert sie in ihrer
Schrift „Drei Urnen“, die BürgerInnen selbst über ihre Verfassung abstimmen zu
lassen. Aufgrund dieser Forderung und der Verteidigung des
Königs kommt sie 1793 vor ein Revolutionstribunal und
wird am 3. November 1793 geköpft.
13.geschichte der frauenbewegung„… Ach Männer, Männer,
welch ein Geschlecht!
Weshalb protestiert ihr so
gegen alle Bestrebungen,
die Frauen zu einer
höheren Bildungsstufe
zu erheben? Nun gut,
wenn es nicht mit euch
sein kann, so wird es
ohne euch und trotz
euch geschehen.“
(Malvida von Meysenbug
1816–1903)stellt dir diese Frage. Dieses Recht wirst du ihr
zumindest nicht nehmen können. Sag mir, wer
hat dir die selbstherrliche Macht verliehen, mein
Geschlecht zu unterdrücken? Deine Kraft? Deine
Talente? … Suche, untersuche und unterscheide,
wenn du es kannst, die Geschlechter in der Ordnung der Natur. Überall findest du sie ohne Unterschied zusammen, überall arbeiten sie in einer
harmonischen Gemeinschaft an diesem unsterblichen Meisterwerk. Nur der Mann hat sich aus
der Ausnahme ein Prinzip zurechtgeschneidert.
Extravagant, blind, von den Wissenschaften aufgeblasen und degeneriert, will er in diesem Jahrhundert der Aufklärung und des Scharfsinns,
doch in krassester Unwissenheit, despotisch
über ein Geschlecht befehlen, das alle intellektuellen Fähigkeiten besitzt.“ 1
Neben dieser Kampfschrift schrieb de
Gouges zahlreiche andere. In einer schlug sie
vor, die BürgerInnen selbst über die Verfassung abstimmen zu lassen. Daraufhin ließen
sie die RevolutionärInnen 1793 mit dem Argument, sie sei für die Wiederherstellung der
Monarchie, köpfen.	Zwei Wochen nach ihrem Tod wurde sie in
einer Rede des Führers Chaumette anderen
Frauen als warnendes Beispiel vorgehalten:
„Erinnert Euch dieser schamlosen Olympe de
Gouges, … die die Pflichten ihres Haushaltes
vernachlässigt hat, die politisieren wollte und
Verbrechen beging. Alle solchen unmoralischen
Wesen wurden vom Rachefeuer der Gesetze„Erklärung der Rechte der Frauen und Bürgerin“ unter: www.sjoe.at/frauen1214.Courrier Républicain, 19. November 1793vernichtet … Ihr möchtet sie imitieren? Nein,
Ihr spürt wohl, dass ihr nur dann interessant
und der Achtung würdig seid, wenn Ihr das seid,
was die Natur wollte, das Ihr seid.“ 2
Bürgerliche Frauenbewegung in ÖsterreichDer „Wiener demokratische Frauenverein“
Zu organisieren begannen sich Frauen in
Österreich rund um und nach der bürgerlichen
Revolution von 1848.
In Österreich nahm Karoline von Perin
eine Pionierinnenstellung für die bürgerliche
Frauenbewegung ein. Sie gründete 1848 den
„Wiener demokratischen Frauenverein“ als
unmittelbare Reaktion auf die gewaltsame
Niederschlagung einer Arbeiterinnendemonstration – der ersten Frauendemonstration in
Der damalige Arbeitsminister Ernst Schwarzer senkte den ohnehin niedrigen Lohn für Erdarbeiterinnen. Betroffen davon waren 8.000
Frauen. In Folge dessen kam es am 21.8.1848
zu einer Frauendemonstration durch die Wiener Innenstadt. Als einige Tage später eine weitere Demonstration durch den Prater zog, wurde diese gewaltsam niedergeschlagen. Das
Resultat der so genannten „Praterschlacht“
waren 18 Tote und 282 Verwundete, darunter
Zwar gab es schon vor der Gründung des
„Wiener demokratischen Frauenvereins“ Zusammenschlüsse von Frauen, diese waren
jedoch lose Verbindungen mit dem Zweck,geschichte der frauenbewegungkaritative Arbeit zu leisten. Das lehnte Perin
ab. Politische Ziele standen im Vordergrund.
Bei der ersten Versammlung des Vereins eine Woche nach der Demonstration kamen zeitgenössischen Berichten zufolge die
„Frauen in Scharen“. Diskutiert wurden private Geldsammlungen, um die Arbeiterinnen
zu unterstützen. Die Versammlung musste allerdings abgebrochen werden, weil Männer,
die es skandalös fanden, nicht teilnehmen zu
dürfen, die Fensterscheiben eindrückten und
den Saal stürmten.
Ziel des Vereins war es „das demokratische Prinzip in allen weiblichen Kreisen zu
verbreiten“. Sie forderten die Gleichberechtigung von Frauen im Bereich der Bildung, soziale Gleichberechtigung und das allgemeine Wahlrecht. In den Statuten war festgelegt,
dass der Verein aus „wirkenden (weiblichen)
und unterstützenden männlichen und weiblichen Mitgliedern“ besteht. Männer konnten
sich dem Verein also nur als finanzielle Förderer anschließen. Bei Sitzungen waren sie nur
ausnahmsweise als „Ehrenmitglieder“ zugezogen, erhielten allerdings kein Stimmrecht. Bemerkenswert ist zusätzlich, dass in den Statuten explizit festgeschrieben stand, dass „unter
den Mitgliedern kein Standesunterschied gelten darf“ 3.
Die Öffentlichkeit reagierte sehr drastisch
auf den neuen Verein. Die Presse berichtete
vom „Treffen der Freudenmädchen“, wo sich
„hässliche“ Frauen, „die keinen Mann mehr
bekommen“ und „nicht geheiratet werden
würden“ zusammen tun.Reaktionen im Reichstag
Zur Forderung nach dem Frauenwahlrecht
gab es auch eine Diskussion in dem während
der Revolution gewählten Reichstag. In den
Protokollen ist zu lesen, dass sich der spätere
liberale Minister Rudolf Brestel zur Debatte
äußerte: „Wollte man die Weiber zulassen, weil
sie an den Staatlasten teilnehmen, so müsste
man aus dem gleichen Grunde auch Kinder und
Narren zulassen.“. Bestärkt wurde er vom liberalen Abgeordneten Adolf Fischhof 4: „ … hinsichtlich der Weiber streiten die Gesetze der
Menschen nicht gegen die Gesetze der Natur.
Eine diesfällige Weiberagitation habe noch nie
stattgefunden, sie seien in und außer der Familie vom Manne vertreten und wünschen auch
nichts anderes.“ 5
Nach der Niederwerfung der Revolution
wurde jede politische Aktivität verboten. Karoline von Perin wurde verhaftet und gefoltert.
Ihr Eigentum wurde konfisziert und man entzog
ihr das Sorgerecht über ihre Kinder. Schließlich flüchtete sie nach München. Die Rückkehr
wurde ihr nur durch die Rücknahme ihrer programmatischen Aussagen und Dementierung
jeder Beteiligung an dem Aufruhr gestattet.„Dem Mann ist
jede Waffe erlaubt,
während der Frau mit
brüderlicher Zärtlichkeit
allein eine Nähnadel in die
Hand gedrückt und gesagt
wurde: Nun wehr´
dich tapfer!“
(Hedwig Kettler, 1891)Das feine Leben einer adeligen Frau …
Nicht nur unterschiedliche Formen der Organisierung und der Zielsetzung unterschieden proletarische und bürgerliche Frauen zu
Beginn des 19. Jahrhunderts. Natürlich war
auch ihr Alltag und ihre Lebensrealität gänzlich unterschiedlich.3Hauch, Gabriella (1990)http://www.aeiou.at/
aeiou.encyclop.f/f454672.htm
45Feigl, Susanne (2000)15.geschichte der frauenbewegungRosa MayrederFür Frauen des Adels und des wohlhabenden GroßbürgerInnentums kam Lohnarbeit nicht in Frage. Gelassenes Nichtstun galt
als Beweis für die finanzielle Sicherheit, die der
Ehemann bot. Der Bereich der anstrengenden
Arbeit und ihrer gesellschaftlichen Notwendigkeit wurde von der bürgerlichen Familie tabuisiert. Arbeit bedeutete für die feinen Damen
der charmante Schmuck des Hauses zu sein,
Kinder in die Welt zu setzen und die DienstbotInnen zu koordinieren. Handarbeiten und
Klavierspielen unterbrachen den Müßiggang,
freiwilliger karitativer Einsatz und Repräsentationspflichten ergänzten ihren Alltag. Hausund Pflegearbeit wurde an DienstbotInnen
… wird jäh unterbrochen
In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts
kam es zu einer Wirtschaftskrise. Viele bürgerliche Frauen, die bis dahin vom Ehemann
versorgt wurden und dem skizzierten Bild entsprachen, begannen sich Fragen zu stellen:
Was passiert, wenn der Ehemann die Arbeit
verliert oder stirbt? Viele bangten aufgrund
der wirtschaftlichen Notsituation um die ausreichende Existenzsicherung durch den Ehemann.
Die damalige Mädchenbildung war keine geeignete Berufsvorbereitung. Aus dem Wunsch
auch für Frauen Verdienstmöglichkeiten zu
schaffen, wurde der „Wiener Frauenerwerbsverein“ gegründet. Näh- und Strickstuben,
Fortbildungsschulen und eine Frauenhandelsschule wurden errichtet. Das Berufsspektrum16.blieb begrenzt: bürgerlichen Frauen stand ein
Beruf als Erzieherin, als Kindergärtnerin oder
Krankenpflegerin zur Auswahl.
Aus diesem „Dilemma“ heraus gründete Auguste Fickert 1893 gemeinsam mit Marie Lang
und Rosa Mayreder den „Allgemeinen Österreichischen Frauenverein“. Dieser Verein hob
sich von anderen bürgerlichen Frauenvereinen
insofern ab als dass er soziale Unterschiede
zum Thema machte und die Strukturen der
Wirtschaft und Gesellschaft in Frage stellte.
Sie schufen Bibliotheken und eine Stellenvermittlung. Sie forderten absolute staatsbürgerliche Gleichstellung, die Zulassung zu allen Bildungsstätten und gleiche Berufsmöglichkeiten
für Frauen bei gleichem Lohn. Fickert setzte
sich aber auch für Prostituierte ein. Sie initiierte 1895 die erste Frauenrechtsschutzstelle
Die verschiedenen entstandenen Frauenvereine wandten sich am Ende des 19. Jahrhunderts auch mit eigenen Zeitschriften an
In dieser Zeit entstanden die „Dokumente
der Frauen“ von Fickert, Mayreder und Lang,
die „Österreichische Frauenzeitung“ der katholischen Frauenorganisation und die „Arbeiterinnen-Zeitung“ der sozialistischen Frauen.Auch wenn die Positionen zum Teil sehrgeschichte der frauenbewegungunterschiedlich waren, waren sich alle einig,
dass der Zugang zu Bildung für Frauen ein
wichtiger Schritt im Kampf um die Gleichberechtigung sein muss.
Fickert schrieb in den „Dokumenten“:
„Diese Zeitschrift (… ) ist allen kämpfenden
Frauen gewidmet. Sei es der Kampf um des Lebens Nothdurft oder der Kampf um das höchste Gute des menschlichen Daseins, das Ringen
nach Erkenntnis – er wird ohne Menschenfurcht und unermüdlich geführt werden. Alle,
die mühselig und in harter Arbeit ihr tägliches
Brot verdienen, sollen aus diesen Blättern Hoffnung und Erquickung schöpfen (… )“ 6
Einen weiteren Schritt unternahm Marianne Hainisch. Sie gründete 1902 den „Bund
Österreichischer Frauenvereine“, ein Zusammenschluss von zunächst 13 Frauenvereinen
in Österreich. Bis zur Auflösung des Bundes
durch die NSDAP traten über hundert weitere
Vereine bei.
Marianne Hainisch stammte aus einer
wohlhabenden FabrikantInnenfamilie, wurde
jedoch aufgrund der aussichtslosen finanziellen Situation einer Freundin politisch wachgerüttelt. Der Ehemann der Freundin war krank
und konnte die Familie nicht ernähren. Obwohl
die Frau mehrere Sprachen beherrschte, fand
sie keinen Beruf. „Unsere Arbeiterinnen konnten sich und ihre Kinder ernähren (… ) War-um konnten wir Bürgerlichen nichts erwerben?
(…) Nun wurde mir plötzlich klar, dass bürgerliche Mädchen für den Erwerb vorbreitet werden
müssten. Ich war tief ergriffen und wurde an
diesem Tag zur Frauen-Vorkämpferin.“ 7 So beschrieb Marianne Hai-nisch ihre eigene Politisierung. Sie hielt vor der Generalversammlung
des Bundes eine Rede „Zur Frage des Frauenunterrichts“, in der sie Mädchenklassen in Realgymnasien und eigene Mädchenschulen forderte.
In ihrer politischen Ausrichtung blieb Hainisch stets konservativ. Einmal entschuldigte
sie ihre Verspätung bei einer Versammlung mit
den Worten: „Die Anteilnahme am öffentlichen
Leben darf die Familienmutter nie und nimmer
der Pflichterfüllung gegen ihre Familie entziehen.“ 8
1929 gründete sie die „Österreichische
Frauenpartei“. Eine Partei, die sich hauptsächlich als Friedenspartei verstand und Frauen ansprach, weil die „friedfertig, sittlich und
mütterlich“ seien und deshalb die prädestinierten Trägerinnen für den Frieden darstellen würden. Auguste Fickert distanzierte sich
ausdrücklich von dieser Art des Feminismus. Aus diesem Grund trat der Allgemeine
Österreichische Frauenverein auch bereits ein
Jahr nach der Gründung des Bundes Österreichischer Frauenvereine wieder aus.
1907 wurde die Katholische Frauenorganisation gegründet. Sie sprach sich gegenVersammlung des Bundes
Frauenvereinehttp://www.onb.ac.at/
ariadne/vfb/02guinfl.htm
67Feigl, Susanne (2000)8Wiesinger, Marion (1992)17.geschichte der frauenbewegung„Empörung ist der erste
Schritt zur Veränderung“
(Margret Gottlieb)ein Frauenstimmrecht aus. Sigismund Waitz,
Weihbischof von Brixen, nahm 1917, etwas
spät, aber doch, zur Debatte Stellung. Er hielt
das Frauenwahlrecht für eine „russische Erfindung“. Die eigentliche Aufgabe der Frau, so
seine Auffassung, würde darin bestehen, ihre
Familie als ihr Heiligtum und Paradies zu betrachten und zu preisen. Man solle nicht von
Wahlrecht sprechen, sondern vom Recht der
Frau, davor bewahrt zu bleiben. Er befürchtete, dass mit dem Wahlrecht die Vermischung
der Geschlechter einhergehen würde. Damit
würden die Frauen ihrer Würde beraubt. Die
Unterordnung der Frau sei gottgewollt.
Radikale bürgerliche Frauen-	bewegung internationalIn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
kam es zu Gründungen von vielen Frauenvereinen, die später als „bürgerliche Frauenbewegung“ zusammengefasst wurden. Diese Bewegung setzte sich aber wie auch andere, aus
sehr unterschiedlichen Strömungen zusammen, mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen
Der radikale Teil der Frauenbewegung war
innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung
am linken Rand angesiedelt. Ihre Forderungen
waren sehr weitgehend. Bedingungslos forderten sie das Frauenwahlrecht und den Zugang zu Ausbildung. Darüber hinaus sahen
sie die Entwicklung der Frau lostgelöst vom
Status der Ehefrau und Mutter. Sie sprachen
sich gegen die Ächtung lediger Mütter aus und
18.fragten nach den gesellschaftlichen Ursachen
von Prostitution, prangerten sexuelle Dopelmoral an und forderten eine neue Sexualmoral. Bekanntheit erlangten die radikalen Frauen vor allem in Großbritannien.
Bis ins 17. und 18. Jahrhundert meinte die
Bezeichnung „Blaustrumpf“ VerleumderIn, PolizeidienerIn. Als diskreditierende Bezeichnung für gebildete und frauenbewegte Frauen
hat sie ihre Wurzeln in einem geistigen Zirkel
in London um 1750. Dort erschien neben einigen teilnehmenden Frauen der Botaniker Stillingfleet in blauen statt den sonst üblichen
schwarzen Strümpfen. Seit 1830 bürgerte
sich der Name als Spottbezeichnung für gebildete Frauen, vorzugsweise in Kombination mit
Flachbrüstigkeit und Hässlichkeit. Die Blaustrümpfe waren keine organisierte Bewegung,
sondern einzelne gebildete Frauen. Aber auch
das reichte schon, um dem Frauenbild zu widersprechen und Aufsehen zu erregen.
Vor allem die frühe bürgerliche Frauenbewegung Großbritanniens ist bekannt für ihre
unorthodoxen Maßnahmen zur Artikulation
ihrer Interessen. Der heute bekannte Name
„Suffragetten“ leitet sich von dem englischen
„suffrage“, also Wahlstimme, ab. Allen voran
war es die 1903 gegründete „Womens Social
and Political Union“ (WSPU), die von Christabel und Emeline Pankhurst geführt wurde, diegeschichte der frauenbewegungSuffragettenparade
in Washingtonsich durch „Taten statt Worte“ 9 Gehör für ihre
Anliegen verschaffte. Nach einigen Jahren verfügte die WSPU über mehrere Sektionen in
größeren Städten. Ihre Mitglieder setzten sich
vorwiegend aus dem BürgerInnentum und dem
Adel, aber auch aus der ArbeiterInnenschaft
zusammen. Nachdem sie festgestellt hatten,
dass das Frauenwahlrecht durch Diskussion,
Petitionen und Demonstrationen nicht zu erreichen war, änderten sie ab 1908 ihre Strategie: Sie ketteten sich vor Unter- und Oberhaus,
kappten Strom- und Telefonleitungen, traten
in Hungerstreiks und warfen Sprengsätze in
Gebäude. Das Haus eines Abgeordneten, der
sich öffentlich gegen das Frauenwahlrecht
wandte, nachdem er die WSPU zuvor unterstützt hatte, wurde niedergebrannt. Als am
18. November 1910 im britischen Parlament einem Vorschlag für ein eingeschränktes Frau-enwahlrecht nicht zugestimmt wurde, versuchten an die 300 Frauen, in das Haus einzudringen. Dabei kam es zu Zusammenstößen mit
der Polizei, die sie mit Gewalt davon abzuhalten versuchten. Mehr als 100 Frauen wurden
verhaftet, das Auto des Premierministers wurde von den Suffragetten demoliert. Dieser Tag
ging als „schwarzer Freitag“ in die Geschichte
der Frauenwahlrechtsbewegung ein und löste auf der einen Seite große Empörung, auf
der anderen aber eine Welle öffentlicher Unterstützung und regen Zulauf zur Organisation
aus.Tragischer Höhepunkt der SuffragettenBewegung war der Tod Emely Wilding-Davisons. Sie warf sich als Akt der Verzweiflung und
Aufrüttelung bei einem Pferderennen 1913 vor
9„Deeds not words“, also „Taten statt Worte“ war das Motto der radikalen WSPU
http://www.onb.ac.at/ariadne/projekte/frauen_waehlet/nebRaum11a.html19.geschichte der frauenbewegunggen mit ihren Forderungen weit über das bürgerliche Spektrum hinaus.
Bildungszugang für FrauenEmeline Pankhurst
wird verhaftetein königliches Pferd. Ihr Begräbnis wurde zu
einer gigantischen Demonstration im Zeichen
des Frauenwahlrechts. Durch das kurz danach
ausgesprochene Verbot der WSPU konnten die
Suffragetten nur mehr im Untergrund organisieren. Das tatsächliche Ende der Bewegung
kam mit dem Ersten Weltkrieg. Die WSPU stellte sich voll in den Dienst für das Vaterland.
Aber auch in Deutschland gab es rund um
Hedwig Dohm, Anita Augspurg, Lida Gustava
Heymann und Minna Cauer einen radikalen
Flügel der Frauenbewegung. In Österreich
lässt sich der radikale Flügel rund um Auguste
Fickert finden. Diese Strömungen zeichneten
sich zwar nicht durch den spektakulären Aktionismus der Britinnen aus, aber auch sie gin20.Der Zugang von Frauen zur Bildung entwickelte sich nur sehr zögerlich: das erste
Mädchengymnasium in Wien eröffnete 1892
in der Hegelgasse. Das Ministerium gestattete die Öffnung der Schule nur unter der Bedingung, dass sie nicht Gymnasium genannt würde, sondern „gymnasiale Mädchenschule“.
Vorreiterin in der Frage des Uni-Zugangs
war die Universität Zürich, wo Frauen ab 1863
inskribieren konnten. Zwischen 1870 und 1894
gewährte man in vielen Ländern Europas Frauen den Zugang zum Hochschulstudium. Ausnahmen blieben Preußen und Österreich. Hier
bot die Universitäts- und Mittelschulreform
von 1849/50 den Gegnern des Frauenstudiums eine unbeabsichtigte, aber willkommene
Handhabe: ohne Matura war ein Studium nicht
möglich. Erst 1896 wurde die gesetzliche Voraussetzung für die Ablegung der Matura für
Frauen geschaffen. Der stete Druck von Frauenvereinen und die gesellschaftliche Notwendigkeit führten schließlich dazu, dass 1897
Frauen zum Studium an der Philosophischen
Fakultät zugelassen wurden. Im Jahr 1900 wurde ihnen auch der Zugang zum medizinischen
Studium eröffnet. Erst nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1919 konnten Frauen an der juridischen Fakultät als ordentliche Hörerinnen inskribieren. 1923 an der
evangelisch-theologischen und erst ab 1946
an der katholisch-theologischen Fakultät.geschichte der frauenbewegung2. Die proletarische FrauenbewegungGanz anders betrachteten die proletarischen Frauen den Weg zur Gleichstellung.
Sie kämpften gemeinsam mit den männlichen
Genossen gegen das System, in dem sie die
Wurzel des Problems erkannten.
„Die Befreiung der Frau ist nur durch den
Sozialismus möglich, weil ein untrennbarer Zusammenhang zwischen Frauenfrage und sozialer Frage besteht. Jede Klasse hat auch ihre eigene Frauenfrage. Die proletarische Frau muss
sich deshalb auf ihre eigene Klassengrundlage
stellen und sich fest in den Kampf der Arbeiterklasse für den Sozialismus eingliedern. Die Befreiung der Arbeiterklasse von der Klassenherrschaft verbirgt deshalb auch für die Frau erst
ihre volle Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit.
Die wahre Ursache aller Unterdrückung liegt
auch für die Proletarierinnen in der Klassengesellschaft.“ 10 Clara Zetkin
Die Anfänge der proletarischen Frauenbewegung waren eng verbunden mit der Entstehung der ArbeiterInnenbewegung und dem
der sozialistischen Emanzipationstheorie. Die
Ausbreitung der kapitalistischen Arbeitsweise brachte völlig neue soziale Strukturen mit„Die bürgerliche Frauenbewegung ist
nicht Vorkämpferin, Interessenvertreterin aller befreiungssehnsüchtigen
Frauen. Sie ist und bleibt bürgerliche
Klassenbewegung.“
Clara Zetkin wird am 5. Juli als Clara Eißner in Wiederau (Sachsen) geboren. Sie
ergreift den selben Beruf wie ihr Vater - sie wird Lehrerin. Als sie aber mit der
Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Kontakt tritt, führt dies zum
Bruch mit ihrer Familie. In Paris setzt sie sich eingehend mit den Lehren des
Marxismus auseinander. Als Leiterin der Zeitung der deutschen Arbeiterinnen,
der „Gleichheit“, wird sie zur Leitfigur der proletarischen Frauenbewegung.
Als Vorsitzende des Internationalen Frauensekretariats schlägt Zetkin die
Einrichtung eines internationalen Frauentages vor.
Weil sie, so wie Rosa Luxemburg, den reformistischen Kurs ihrer Partei ablehnt,
schließt sie sich 1917 der USPD, 1919 der KPD an. Von 1921–1925 leitet sie die
Zeitschrift „Die Kommunistische Fraueninternationale“ und ist von 1925–1933
Präsidentin der Internationalen Roten Hilfe. Am 20. Juni 1933 stirbt Clara Zetkin
nach schwerer Krankheit in Archangelskoje bei Moskau.
Ihre Urne wird an der Kremlmauer beigesetzt.10weitere Informationen: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/ZetkinClara21.geschichte der frauenbewegungsich. Arbeiterinnen wurden voll in die kapitalistische Wirtschaft eingegliedert. Der Kampf
um ein menschenwürdiges Arbeitsrecht deckte sich mit den Anliegen der männlichen Genossen. Sie unterschieden sich allein dadurch
in Methoden und Zielen grundlegend von den
bürgerlichen Frauen.
Ein erstes Auff l ackern –
Die Frauen der Pariser CommuneDie Pariser Commune war der erste Versuch
einer sozialistischen Revolution. 1871 übernahmen die Pariser ArbeiterInnen für 72 Tage
die Macht in ihrer Stadt. Zahlreiche Verbesserungen für die Bevölkerung von Paris folgten.
So wurden zum Beispiel die Fabriken unter die
Kontrolle der ArbeiterInnen gestellt und die
Kirche verlor ihren Einfluss auf die Pariser Gesellschaft.
Der unmittelbare Auslöser für die Kämpfe in Paris ist bei den Frauen zu suchen: Die
Französische Armee versuchte in den Morgenstunden des 18. März 1871, die Pariser Nationalgarde zu entwaffnen und die Kanonen vom
Montmartre abzutransportieren. Die Frauen,
die bereits unterwegs waren um Nahrungsmittel zu besorgen, stellten sich vor die Kanonen.
Die Soldaten hatten Skrupel auf Frauen zu
schießen und so verblieben die Kanonen in Paris und die Armee musste unverrichteter Dinge wieder abziehen. Beeindruckt durch den
Mut der Frauen liefen Teile der französischen
Armee zur Pariser Nationalgarde über.
Ein Mitglied der Föderierten der Nationalgarde erklärte den bürgerlichen Bataillonen:
22.„Glaubt mir, ihr könnt euch nicht halten; eure
Frauen zerfließen in Tränen und unsere weinen
nicht einmal.“
Während der preußischen Belagerung im
Winter 1870/1871 hatten sich viele Kooperativen und Nachbarschaftsgruppen zur Nahrungsmittelversorgung gebildet, die Aufgaben übernahmen, die traditionellerweise von
Frauen erledigt wurden; es wurden Volksküchen (so genannte „Revolutionäre Kochtöpfe“) eingerichtet und Krankenkassen gegründet. Notsituationen führen oftmals dazu, dass
traditionelle Geschlechterrollen aufbrechen.
Der Rückzug ins Private war nicht mehr möglich, weil die Verstrickungen zwischen politischen Ereignissen – in diesem Fall der
Deutsch-Französische Krieg – und dem Alltag mit seiner Hungersnot viel zu stark geworden waren.
Ein zweiter wichtiger Punkt für die Organisierung von Frauen waren die so genannten Widerstandskomitees. Diese gründeten
sich nach dem Kriegsausbruch in ganz Paris.
Teils ausschließlich männlich – teils gemischt,
gab es auch viele, die rein weiblich waren. Das
einflussreichste dieser Komitees war das
Widerstandskomitee am Montmartre, unter
anderem gegründet von Louise Michel, Andre
Leo und Sophie Poirier.
Außerdem gab es einige Initiativen, Frauenerwerbsarbeit zu unterstützen, zum Beispiel
durch die Schneiderei-Werkstatt von Sophie
Poirier, in der zwischen 70 und 80 Arbeiterinnen beschäftigt waren.
Einige der von der Commune verabschiedeten Dekrete veränderten das Leben dergeschichte der frauenbewegungPariserinnen maßgeblich. So wurde Prostitution als „kommerzielle Ausbeutung von menschlichen Kreaturen durch menschliche Kreaturen“ abgelehnt, die Hausarbeit wurde ins
öffentliche Leben ausgelagert – also vergesellschaftet –und einseitige Scheidungen wurden
möglich gemacht, was für viele Frauen eine Erlösung aus Gewaltverhältnissen darstellte.
Nicht zu vernachlässigen ist auch die militärische Beteiligung der Frauen an den Kämpfen
um die Commune. Kämpften die Frauen vorerst nur im Hintergrund, indem sie die Männer
versorgten und sich um deren Wunden kümmerten, taten sie dies bald mit der Waffe in der
Hand an der Front.
EmanzipationstheorieDie sozialistische Emanzipationstheorie
stützt sich zu Beginn auf zwei wesentliche
Werke: August Bebels „Die Frau und der Sozialismus“ 11 und Friedrich Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und
des Staats“ 12. Bebels und Engels stützten sich
auf zwei Thesen: Erstens, dass Sexualität und
Familienform keine biologisch festgelegten
sondern geschichtlich gewachsene Institutionen sind und zweitens, dass die Befreiung der
Frau von patriarchaler Bevormundung nur im
Prozess der Emanzipation beider Geschlechter
von jeglicher Form der Ausbeutung möglich ist.
Bebel wies auf die doppelte Unterdrückung der
Frauen im Kapitalismus hin: „Das weibliche Geschlecht in seiner Masse leidet in doppelter Beziehung: Einmal leidet es unter der sozialen undgesellschaftlichen Abhängigkeit von der Männerwelt – diese wird durch formale Gleichberechtigung vor den Gesetzen und in den Rechten zwar gemildert, aber nicht beseitigt – und
durch die ökonomische Unabhängigkeit, in der
sich die Frauen im Allgemeinen und die proletarischen Frauen im Besonderen gleich der proletarischen Männerwelt befinden.“ 13
Clara Zetkin bringt den Unterschied zwischen proletarischer und bürgerlicher Frauenbewegung in einer Artikelserie in der sozialistischen Frauenzeitschrift „Gleichheit“ auf den
Punkt: „Die Frauenrechtlerinnen (die bürgerlichen Frauen, Anm.) erstreben nur einen Kampf
von Geschlecht zu Geschlecht, gegen die Männerherrschaft ihrer eigenen Klasse, gegen die
Vorrechte männlicher Privilegien, die sie auch
für sich reklamieren. Die proletarischen Frauen
dagegen zielen auf einen Kampf von ausgebeuteter zu ausbeutender Klasse, einen in enger
Ideen- und Waffengemeinschaft mit den Männern ihrer Klasse geführten Krieg gegen kapitalistische Ausbeutung“ 14
Das Leben einer ArbeiterinFrauenarbeit
Am Anfang stand innerhalb der ArbeiterInnenschaft – wie auch bei den Bürgerlichen –
die Diskussion um Frauenarbeit. Nur wurde
sie unter ganz anderen Vorzeichen geführt.
Um die Familie ernähren zu können, reichte
das Männereinkommen nicht aus. Frauen waren gezwungen, Arbeit unter schlechtesten
Bedingungen anzunehmen und oft war ein111. Auflage 1878121. Auflage 188413Bebel, August (1878)14Die Gleichheit, Nr. 8, 4. Jg.,
18.4.1894, S. 6323.geschichte der frauenbewegungzusätzliches Einkommen durch Kinderarbeit
die einzige Möglichkeit zu überleben. Nachdem
das Gehalt von Frauen nur einem Bruchteil des
durchschnittlichen Männereinkommens entsprach, wurden sie als Lohndrückerinnen eingesetzt. Viele Genossen (auch der von Ferdinand Lassalle gegründete Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein) forderten daher ein Frauenarbeitsverbot. Einerseits mit dem Argument
der Lohndrückerei, aber auch mit dem Argument, es widerspreche der weiblichen Natur.
Clara Zetkin hielt ihnen entgegen: „Die Frauenarbeit sei eine gesellschaftliche Notwendigkeit,
auf der ökonomischen Unabhängigkeit oder Abhängigkeit beruhe die Freiheit oder die soziale
Sklaverei. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit
der Frau sei die Vorraussetzung für die Beseitigung der Unterdrückung der Frau.“ 15
Zur Erwerbsarbeit …
Das Recht auf Erwerbsarbeit war für die
Arbeiterinnen in der Praxis kein Thema: Sie
mussten Geld beschaffen, auch wenn viele
ihrer männlichen Kollegen sie lieber aus der
Fabrik draußen haben wollten. Für Proletarierinnen begann die Erwerbsarbeit im Alter
zwischen 11 und 15. Der Arbeitstag hatte zwischen 11 und 18 Stunden. Die Wohnsituation
war erbärmlich. Sie teilten sich oft ihr Bett als
„Bettgeherinnen“ mit anderen Frauen, die in
einer anderen Schicht arbeiteten. Im Wohnheim am Wienerberg schliefen in einem Raum
http://dielinke.at/artikel/hintergrund/
clara-zetkin-1857-1933-vorkampferin-der-sozialistischen-frauenbewegung24.20 bis 30, in schlimmen Zeiten sogar bis zu 60
Ziegelarbeiter und -arbeiterinnen.
Ihre Arbeit in der Fabrik stand der „schweren
Männerarbeit“ um nichts nach: dort, wo Männer zuviel kosteten, rückten Frauen an deren
Stelle. Mit dem Argument, dass Frauen aufgrund ihrer schwächeren körperlichen Konstitution weniger leisten könnten und Männer
als „Familienernährer“ gesehen wurden, bekamen Frauen für die gleiche Arbeit oft nicht
einmal 40 % des männlichen Lohns. Existenzsicherung war damit nicht möglich.
In der „Gleichheit“ war ein Bericht über
die Arbeit in einer Textilfabrik zu lesen: „Wer
heute einen der großen Säle einer Wuppertaler Riemendreherei betritt, bleibt im ersten Augenblick sprachlos inmitten des ihn umtosenden Höllenlärms stehen. Zwanzig bis dreißig
im Gang befindliche, durch Dampf getriebene
Riementische verursachen ein Getöse, dass
es dem Unkundigen scheint, auch der stärkste Mann müsste davon taub werden, müsste
es auf die Dauer nicht ertragen können. Dazu
herrscht im Saale eine drückende, schwüle Atmosphäre, die Luft ist erfüllt von Wolken
voll Woll- und Baumwollfäserchen, die durcheinander wirbeln, es riecht nach Maschinenöl, nach den Ausdünstungen vieler Menschen.
Schon der bloße Aufenthalt in diesem Raume
erscheint als ungesund, um wie viel mehr muss
die langstündige, intensive Arbeit in demselben
gesundheitsschädigend sein! Und doch sind
hier zahlreiche Frauen und halbwüchsige Mädchen tagein tagaus 11 Stunden und oft länger
beschäftigt. … es braucht deshalb nicht wundern, dass die Textilarbeiterinnen meist bleichgeschichte der frauenbewegungDie harte
Lebensrealität …und blutarm sind, früh altern, an Husten, Krankheiten der Atmungsorgane leiden und sehr oft in
jungen Jahren schon von Schwindsucht dahingerafft werden. … obgleich sie schon nach wenigen Tagen ‚angelernt’ sind, müssen sie sich
doch mit Anfängerlöhnen begnügen, welche geradezu skandalös niedrig sind.“ 16
… kommt die doppelte Belastung
durch unbezahlte Hausarbeit
Waren die Arbeiterinnen einmal verheiratet,
eröffnete sich ihnen eine neue, zweite Arbeitswelt: der Haushalt. Ihm fallen vorwiegend zwei
Reproduktionsfunktionen zu: verbrauchte Arbeitskraft wieder herzustellen und den Nachwuchs für den Arbeitsmarkt zu schaffen.
Beides war (und ist) Frauensache. Nach einem
16 Stunden Tag oblag es den Frauen, Essen zu
kochen, Wäsche zu waschen und Kleidung zu
Die Kindersterblichkeitsrate war extrem
hoch. Ein Vergleich zwischen der Rate im (bürgerlichen) 1. Wiener Gemeindebezirk und dem(proletarischen) 10. Bezirk bringt die soziale
Dimension dieser Frage klar zum Ausdruck:
Währende 1908 in der Inneren Stadt 9,3 % aller Kinder im ersten Lebensjahr starben, waren es in Favoriten 29,9 % 17. Mutterschutz gab
es nicht. Arbeiterinnen verloren ihre Arbeit
von einem Tag auf den anderen. Dann mussten die Frauen Heimarbeit verrichten. Diese
fabriksmäßige Heimarbeit wurde häufig noch
durch zusätzliche Arbeiten aller Art ergänzt.
Frauen blieben Hilfsarbeiterinnen, die um
ihre Existenz bangen mussten und der Unterdrückung der Männer im Betrieb, im Haus und
in der Partei ausgeliefert waren.
Proletarische Frauenbewegung in ÖsterreichFrauen kämpfen…
Doch die proletarischen Frauen sahen diesem Ausgeliefert-Sein nicht tatenlos zu: Sowohl bei der bürgerlichen Revolution 1848
als auch bei der Verteidigung der Pariser16Die Gleichheit, Nr. 17,
4. Jg., 189417Frauenwahlrecht und
Arbeiterinnenschutz,
Verhandlungen der dritten
Frauenkonferenz in
Österreich, Wien 190825.geschichte der frauenbewegungFrüh morgens
bis spät abends…„Die Bewegung. 100 Jahre
Sozialdemokratie“,
SPÖ-Magazin Nr. 2, Feb.1989Commune spielten Frauen eine große Rolle
und kämpften bewaffnet mit. Es wurden revolutionäre Frauenclubs und eine Union der
Frauen gegründet. Diese mussten aber nach
der Zerschlagung der Revolution von 1848
Für die sozialistischen Frauen war die Befreiung der Frauen nur in einer sozialistischen
Gesellschaftsordnung vorstellbar, sie organisierten sich innerhalb der ArbeiterInnenund Gewerkschaftsbewegung und kämpften
vor allem für Verbesserungen für Arbeiterinnen. Dass sie dennoch eigene Strukturen
brauchten, stand außer Frage: „Sozialdemokratinnen haben es seit jeher als ihre Aufgabe
betrachtet, gemeinsam mit den Männern der
Partei gegen politische und wirtschaftliche Unterdrückung zu kämpfen. Gleichzeitig war ihnen
immer klar, dass dieser Kampf, und sei er auch
noch so erfolgreich, nicht automatisch auch
die Überwindung patriarchalischer Strukturen
bedeutet. Die österreichischen Sozialdemokratinnen haben den Anspruch auf eine eigene
Frauenorganisation nie aufgegeben – aus der
Überzeugung heraus, dass es in der jetzigen
Gesellschaft Problemstellungen gibt, von denen Frauen in stärkerem Maße betroffen sind
als Männer und die geschlossene Vorgangsweise von Frauen die Durchsetzung ihrer Forderungen erleichtert.“ 18breitet. Tief verwurzelt war die Ansicht, dass
es nicht die Aufgabe der Frauen war, in der
Öffentlichkeit aufzutreten und politisch aktiv zu sein. Beim Einigungsparteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Hainfeld
1988/89 waren keine weiblichen Mitglieder
zugelassen. Die einzige weibliche Delegierte, Anna Altmann, wurde abgewiesen. Später erinnerte sie sich: „Ich war damals in
Österreich die einzige Agitatorin. Im Jahre 1889
wurde der Parteitag nach Hainfeld einberufen,
und auch die Polzentaler Genossen wurden davon in Kenntnis gesetzt, mit der Aufforderung,
zu delegieren. Ich wurde als Delegierte gewählt
und erstattete nach Wien die Meldung. Die Wiener Genossen schrieben damals, dass sie einen
männlichen Delegierten wünschen, die Frauen
wären noch nicht so weit. Ich ließ es sein und
dachte, ,wir geigen wieder’.“ 19… auch innerhalb der ParteiDer Kongress stimmte Zetkin zu und verabschiedete eine Resolution, in der die sozialdemokratischen Parteien in Europa und Amerika
aufgerufen wurden, Arbeiterinnen gleichberechtigt in ihre Organisation aufzunehmen.1898, beim Gründungskongress der
II. Sozialistischen Internationalen war Clara
Zetkin eine von sechs Frauen aus 400 Delegierten. Dort hielt sie am vorletzten Tag eine
Rede zur Lage der Arbeiterinnen im Kapitalismus und die Notwendigkeit, Frauen in die
ArbeiterInnenbewegung zu integrieren. Sie
nannte die politische Aufklärung als die einzige Möglichkeit, einer Spaltung der ArbeiterInnenklasse entgegenzutreten.181926.http://www.onb.ac.at/
ariadne/vfb/
bio_ altmannanna.htmInnerhalb der Parteiorganisation hatten
es die proletarischen Frauen nicht leicht. Antifeminismus war bei den Arbeitern weit ver-geschichte der frauenbewegungAußerdem wurden gleicher Lohn für gleiche
Arbeit und gesetzliche Schutzbestimmungen
für Arbeiterinnen gefordert.
Die proletarischen Frauen arbeiteten weiter. Sie agitierten mit Flugblättern und Plakaten, in Fabriken, Betriebsversammlungen
und auf der Straße. Sie wollten ihre Rechte mit
Streiks erkämpfen.
Viele der Arbeiterinnen hatten keine Ausbildung und arbeiteten seit Kinderjahren als
ungelernte Hilfskräfte. Deshalb versuchten
die sozialistischen Frauen, ihren Mitstreiterinnen über Bildungsvereine politisches und
praktisches Wissen zu vermitteln. 1890 wurde
der Arbeiterinnen-Bildungsverein am Neubaugürtel gegründet. Dort fanden jeden Samstag
ideologische Vorträge statt. Unter der Woche unterrichteten Lehrerinnen ehrenamtlich
Themen wie Gesundheit und Schrifttum. Eine
große Bibliothek stand den Frauen zur Verfügung. 1893 wurde der Bildungsverein durch
den Lese- und Diskutierclub „Libertas“ abgelöst, der die gleiche Funktion erfüllte.
Ab 1892 erschien die Arbeiterinnenzeitung. Ihre wichtigste Autorin, Schriftleiterin
und Vorreiterin der österreichischen sozialistischen Frauen war Adelheid Popp. Mit einer nur
3-jährigen Schulbildung gelang es ihr, die erste
weibliche Angestellte in der Partei zu werden.Die Arbeiterinnenzeitung wurde nach dem
Vorbild der deutschen sozialistischen Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ gestaltet, die ab
1891 von Clara Zetkin herausgegeben wurde.
In der ersten Ausgabe der „Gleichheit“ war
zu lesen: „Die Gleichheit tritt für die volle gesellschaftliche Befreiung der Frau ein, wie sie
einzig und allein in einer im Sinne des Sozialismus umgestalteten Gesellschaft möglich ist.
Sie geht von der Überzeugung aus, dass der
letzte Grund der Jahrtausende alten, niedrigen
gesellschaftlichen Stellung des weiblichen Geschlechtes nicht in der jeweiligen ‚von Männern
gemachten’ Gesetzgebung, sondern in den
durch die wirtschaftlichen Zustände bedingten
Eigentumsverhältnissen zu suchen ist.“ 20
Eigene Frauenzeitungen waren nicht nur
Zeichen für das Erstarken an Selbstvertrauen
für die proletarischen Frauen, sondern auch
ein innerparteiliches Signal: „Wir sind hier!
Man(n) kann uns nicht übersehen!“
Am Parteitag 1891 ergänzte die Sozialdemokratische Partei in ihrem Programm die Forderung nach dem allgemeinen, gleichen und
direkten Wahlrecht durch den Zusatz „ohne
Unterschied des Geschlechts“.
Im Oktober desselben Jahres veranstaltete
Adelheid Popp die erste sozialdemokratische
Frauenrechtsversammlung in der Penzinger
Au. Es nahmen etwa 1000 Frauen daran teil.
Eine Resolution, die die Forderung nach dem
allgemeinen, gleichen Wahlrecht unabhängig
vom Geschlecht beinhaltete, wurde beschlossen. Die beiden Referentinnen der Veranstaltung, Lotte Glas (später Pohl) und Amalie
Ryba (später Seidl), mussten sich vor GerichtDie „Arbeiterinnenzeitung“, gegründet
189220Die Gleichheit,
Probenummer, 2. Jg.,
28.12.1891, S.1
27.geschichte der frauenbewegungli.: Frauenreichskomitee
mi.: 1893 – Erster Streik
von Arbeiterinnen in
Österreichverantworten. Glas wurde verurteilt, die „Ehrfurcht gegen Mitglieder des Kaiserlichen
Hauses durch Schmähungen verletzt zu haben“ und Ryba musste eine Haftstrafe wegen
„Aufreizung zum Klassenkampf“ absitzen. 21
Streik der 700re.: Popp spricht zu
arbeitslosen Frauen 1892Feigl, Susanne (2000)
Parteitagsprotokoll 1898,
S. 115, in: Fröschl, Erich (1989)
2128.1893 kam es in Gumpendorf zum ersten
von den Sozialistinnen organisierten Arbeiterinnenstreik. 700 Frauen demonstrierten
3 Wochen lang gegen die unwürdigen Arbeitsbedingungen. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit den Behörden. Zeitungen
wurden zensuriert. Eine Ausgabe der Arbeiterinnenzeitung mit leeren Blättern machte das
provokant zum Thema.
Auch der innerparteiliche Kampf der Frauen ging weiter: Am Linzer Parteitag 1898 wurde den Genossinnen eine eigenständige politische Organisation abgesprochen. Adelheid
Popp meldete sich zu Wort und machte auf die
Notwendigkeit aufmerksam, auch „Frauen des
Haushalts und die Ehefrauen“ für politischeBetätigung in der Sozialdemokratie zu gewinnen. Franz Schuhmeier, damaliger Parteisekretär, antwortete ihr: „Ich sagte schon vorhin,
dass es über die Frauenorganisationen zwei Ansichten gibt. Die ledigen Sozialdemokraten urteilen anders und die verheirateten urteilen
wieder anders. (Heiterkeit und Widerspruch im
Saal) Ich behaupte: je mehr ein Parteigenosse
in der Organisation tätig ist, desto mehr hat seine Frau zu Hause zu tun. Ich für meinen Fall erkläre ihnen, dass sie meine bessere Hälfte nicht
mehr zu organisieren brauchen, die hab ich mir
bereits selber organisiert. (Heiterkeit)“ 22
Erst 1902 erreichten die Frauen die Schaffung einer eigenen Struktur: Der „Verein sozialdemokratischer Frauen und Mädchen“ wurde
gegründet. Ihre Gründerinnen waren Adelheid
Popp, Gabriele Proft, Anna Boschek und Amalie Seidl.
Die sozialistischen Frauen setzten sich
für ein Verbot von Kinderarbeit und für diegeschichte der frauenbewegungReduzierung der Tagesarbeitszeit ein. In der
„Gleichheit“ war dazu 1903 zu lesen: „Berechtigt die Forderung: denn jede Stunde weniger,
in der die Arbeiter und Arbeiterinnen nicht der
Maschine dienen müssen, [… ] in der sie nicht
zu einem lebendigen Anhängsel des toten Räderwerks herabgewürdigt werden, ist ein Gewinn für ihr Menschtum, bringt eine Ersparnis
an Gesundheit und Lebenskraft, verleiht ein
Mehr an Bildungsmöglichkeit und Lebensglück,
macht tüchtiger zur Pflichterfüllung in der Familie, im Staate, im proletarischen Klassenkampf
für Freiheit und Kultur.“ 23
Außerdem war die Forderung nach Vergesellschaftung der Hausarbeit für die Sozialistinnen zentral. Sie erkannten in der Haus- und
Pflegarbeit eine gesellschaftliche Notwendigkeit, die nicht unbezahlt auf dem Rücken der
Frauen ausgetragen werden dürfe. Sie forderten, dass die Gesellschaft dafür gemeinschaftlich aufkommen müsse. Durch die Vergesellschaftung würden Frauen außerdem aus
ihrer innerhäuslichen Isolation gelöst, was
die Grundvoraussetzung für ihre Politisierung
wäre. Sie sprachen sich weiter für eine demokratische Gestaltung des Mutter- und Kinderschutzes aus und forderten volle politische
Rechte. Dazu gehörte die Aufhebung der frauenfeindlichen Vereins- und Versammlungsrechte. Denn laut § 30 des österreichischen
Vereinsgesetzes von 1867 war es „Ausländern, Frauenpersonen und Minderjährigen“
nicht gestattet, Mitglied eines politischen Vereins zu werden. 24
Außerdem kämpften die Sozialistinnen für
die Gleichwertigkeit von Bildung, Beruf und„Die Frauen werden erst
ihre Emanzipation erlangen,
wenn sie selbst aus eigener
Kraft darum kämpfen.“ Adelheid Popp (1869–1939)
Als fünfzehntes Kind einer Weberfamilie in Inzersdorf geboren muss sie bereits
im Alter von 9 Jahren zum Lebensunterhalt ihrer Familie beitragen - als Dienstmädchen, Weberin und Fabrikarbeiterin. Im Alter von 17 Jahren kommt sie mit
sozialistischen Ideen in Berührung. Emma Adler, die Ehefrau des Parteivorsitzenden Victor Adler, nimmt sich ihrer als Mentorin an. Als es am 3. Mai 1893
zum ersten organisierten Frauenstreik – dem „Streik der 700“ kommt, tritt
Popp dort als Rednerin auf. Der Streik der Arbeiterinnen wird nach drei Wochen
erfolgreich beendet. Immer wieder setzt sich die engagierte Sozialistin für die
Organisierung von Haus- und Ehefrauen ein, wobei sie dabei auch gegen den
Widerstand der männlichen Genossen ankämpfen muss. Sie wird die erste
weibliche Parteiangestellte. 1919 wird sie in die Nationalversammlung gewählt,
der sie bis zur Ausschaltung des Parlaments 1933 durch die Austrofaschisten
angehört. Aufgrund ihrer angegriffenen Gesundheit entgeht sie einer Verhaftung. 1939 stirbt sie an den Folgen eines Schlaganfalls.
23Die Gleichheit, Nr. 24, 190329.geschichte der frauenbewegungStreitpunkt WahlrechtKarikatur zum
Frauenwahlrecht24Feigl, Susanne (2000)„Was fordern die Arbeiterinnen Österreichs?“ Bericht
über die zweite Konferenz der
sozialdemokratischen Frauen
Österreichs, Wien, am 8.
2530.Verdienst für Frau und Mann. Sie forderten die
freie Wahl des Partners und die freiwillige Eheschließung. Sie forderten das Recht auf Abtreibung. Sie kämpften für Frieden und Abrüstung
und natürlich traten sie für das freie, gleiche
und geheime Wahlrecht, also für das Frauenwahlrecht ein. In all diesen Forderungen sahen sie die Frauenfrage jedoch nie losgelöst
von der sozialen Frage. Für sie war klar, dass
eine tatsächliche Befreiung der Frau nur im
Sozialismus möglich ist – und dafür kämpften
sie auch.Nach der Jahrhundertwende wurde der Ruf
nach dem allgemeinen Wahlrecht immer lauter. Mit ihm war die Forderung des Frauenwahlrechts nicht mehr zu überhören. Der Kampf um
das allgemeine Frauenwahlrecht brachte allerdings Konflikte innerhalb der Bewegung mit
sich, innerhalb der Frauenbewegung sowie innerhalb der Partei.
Obwohl die Forderung nach dem Frauenwahlrecht seit dem Brünner Parteitag 1891 ein
Teil des Programms der Sozialistischen Partei
war, waren viele Genossen in der Partei skeptisch. Es müsse zuerst das „allgemeine“ Wahlrecht für Männer erkämpft werden und erst
danach könne das Frauenwahlrecht gefordert
werden, so argumentierten viele.
Victor Adler kommentierte die Forderung
nach dem Frauenwahlrecht noch 1903 so: „Es
hat niemals eine Sozialdemokratie gegeben, die
nicht das Frauenwahlrecht als eine ebenso notwendige Sache angesehen hätte wie das Männerwahlrecht. Aber es fragt sich, ob die politische Lage reif ist, um einen Feldzug für das
Frauenwahlrecht zu unternehmen. Und da sage
ich Ihnen rundweg, in Ländern wie Österreich,
Belgien usw., wo das Männerwahlrecht noch
nicht einmal erkämpft ist, wo wir alle Kraft auf
diesen Punkt konzentrieren müssen, wäre es
eine politische Torheit, diesen Kampf abzulenken auf einen Punkt, der voraussichtlich erst
später zu erreichen sein wird.“ 25
Anders als die Sozialdemokraten fanden
die Christlich-Sozialen die Forderung nach
dem Frauenwahlrecht schlicht absurd. 1906geschichte der frauenbewegungschrieb Franz Martin Schieder, ein Theoretiker
der Partei, in der Publikation „Die soziale
Frage der Gegenwart vom Standpunkt des
Christentums“: „Ihre körperliche Organisation
wie ihre geistige Eigenart weisen die Frauen im
allgemeinen vom Kampfplatz des öffentlichen
Lebens ab und stellen als die natürliche
Bestimmung für ihre Lebensbetätigung klar und
unzweideutig hin das Walten im Inneren des
Hauses als Gattin und Mutter (… ) Ihr natürlicher
Mangel an wehrhafter Kraft, der Tiefe und
Besonnenheit im Urteil, der Entschiedenheit im
Wollen und der Ausdauer im Handeln (… ) legt
Protest (ein) gegen ihre völlige Gleichstellung
mit dem Manne in seiner Familie wie im
politischen Leben.“ 26
Auch innerhalb der Frauenbewegung wurde dem Frauenwahlrecht unterschiedliche Bedeutung zugemessen. Für die bürgerlichen
Frauen war mit dem Wahlrecht eines ihrer
größten Ziele erfüllt. Aber auch reformistische
Sozialdemokratinnen glaubten, dadurch die
volle Gleichberechtigung erreichen zu können.
Die revolutionären Frauen warnten vor diesem
Trugschluss, wie z.B. Rosa Luxemburg im Text
„Frauenwahlrecht und Klassenkampf“ 27. Sie
sahen das Frauenwahlrecht als zentrale Forderung und als einen wichtigen Schritt zur Mitbestimmung, das Wahlrecht allein würde aber
niemals die Befreiung der Frauen bringen.
Fraueninternationale1907 fand in Stuttgart die erste Sozialistische Internationale Frauenkonferenz statt, bei„Marxismus ist
Weltanschauung, die stets
nach neuen Erkenntnissen
ringen muß, die nichts so
verabscheut wie das Erstarren
in einmal gültigen Formen,
die am besten im geistigen
Waffengeklirr der Selbstkritik
und im geschichtlichen
Blitz und Donner ihre lebendige Kraft bewahrt.”
Sie wird am 5. März 1871 in Zamost, Polen geboren. Bereits während ihrer
Schulzeit in Warschau engagiert sie sich in illegalen politischen Zirkeln. 1889
muss sie in die Schweiz fliehen. Dort studiert sie Staatswissenschaften und
setzt sich mit Problemen der Volkswirtschaft auseinander. Zur Gründung der
Zeitschrift „Sache der Arbeiter“ verlässt sie die Schweiz für kurze Zeit, um
schließlich in Zürich zum Thema „Die industrielle Entwicklung Polens“ zu promovieren. 1898 übersiedelt sie nach Berlin und engagiert sich in der
1917 ruft sie bei einer Kundgebung zur Kriegsdienstverweigerung auf, worauf
sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wird. Bis 1918 bleibt sie in den
verschiedensten Gefängnissen in Sicherheitsverwahrung. Von der Haft entlassen, engagiert sie sich im Spartakusbund und beteiligt sich an der Gründung
der Kommunistischen Partei Deutschlands zur Jahreswende 1918/19.
Am 15. Jänner 1919 wird sie gemeinsam mit Karl Liebknecht von Soldaten
verschleppt, verhört und schließlich ermordet. Ihre Leiche wird am
31. Mai im Berliner Landwehrkanal gefunden.
27Feigl, Susanne (2000)
www.mlwerke.de/lu/lua.htm31.geschichte der frauenbewegungErste Konferenz der
sozialistischen Fraueninternationale 1907
Demo zum
Frauentag 1911
in Wien32.der es hauptsächlich um das Entwickeln von
gemeinsamen Aktionen für den Kampf um das
Frauenwahlrecht ging. Clara Zetkin wurde zur
Vorsitzenden des Internationalen Frauensekretariats gewählt. Die Österreicherinnen waren
dort mit Adelheid Popp vertreten. Sie nahm
in der Wahlrechtsdiskussion den Standpunkt
ein, es dem Ermessen der jeweiligen Länder
zu überlassen, das Frauenwahlrecht zugunsten des allgemeinen Männerwahlrechts hinten an zu stellen. Mit dieser Meinung blieb sie
aber in der Minderheit. Auf der Konferenz wurde eine Petition beschlossen, die die Sozialistischen Parteien aufrief, ihren Prinzipien gemäß
nicht erst für das Männerwahlrecht und dann
für das Frauenwahlrecht zu stimmen, sondern
für ein allgemeines Wahlrecht einzutreten, das
für Frauen ebenso wie für Männer gilt.
Im Dezember 1906 wurde eine Wahlrechtsreform, die als Zugeständnis an die immer
weiter erstarkende ArbeiterInnenbewegung
gewertet werden kann, umgesetzt. Das Ku-rienwahlrecht, das die Stimmen von Wohlhabenden stärker gewichtete als die Stimmen
von Besitzlosen, wurde durch das allgemeine, gleiche Männerwahlrecht abgelöst. Bei
den Wahlen im Mai 1907 gelang es der Sozialdemokratie so auch, erstmals als stärkste politische Kraft mit 87 von insgesamt 510
Mandaten in den Deutschen Reichstag einzuziehen. Die Frauen mussten für ihr Wahlrecht
noch 11 Jahre kämpfen.
Bei der Frauenkonferenz der II. Internationalen, die 1910 in Kopenhagen tagte,
beschlossen die Frauen auf Initiative von Clara
Zetkin, alljährlich einen Kampftag zu begehen.
Er sollte international stattfinden und in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht
dienen. Der Internationale Frauentag, der heute noch jedes Jahr am 8. März begangen wird,
war damit geboren.geschichte der frauenbewegung3. Der Erste WeltkriegEin weiterer Schwerpunkt dieser Konferenz
war der drohende 1. Weltkrieg. Die sozialistischen Frauen erkannten diesen Krieg als einen
Krieg der Herrschenden, die mit patriotischem
Geheul versuchten, die ArbeiterInnen glauben zu machen, der Krieg läge in ihrem Interesse. Die Sozialistinnen riefen zur internationalen Solidarität der ArbeiterInnen auf um den
Krieg zu verhindern. Bekanntlich waren sie damit nicht erfolgreich. Die meisten Sozialdemokratischen Parteien Europas unterstützten die
Kriegstreibereien ihrer Herrscher.
In Österreich wurde der erste Internationale Frauentag 1911 begangen. Bertha von Suttner, die 1905 für ihren Roman „Die Waffen nieder“ den Friedensnobelpreis erhielt, schrieb
über diesen ersten Frauentag: „In Wien haben die Arbeiterinnen eine Riesendemonstration zugunsten des Frauenstimmrechts veranstaltet. Zu Tausenden, aber in größter Ordnung
und Ruhe, zogen sie durch die Straßen. Im Gartenbausaal wurden Reden abgehalten. Adelheid
Popp sagte u. a.: ‚Wir wollen aber auch dagegen
kämpfen, dass Millionen verschwendet werden
für Mordzwecke und Bruderkrieg. Wir wollen,
dass die Mordrüstungen ihr Ende nehmen unddiese Millionen verwendet werden für die Bedürfnisse des Volkes!’ – Feminine Politik? Nein!
– humane Politik!“ 28
Anders sahen Teile der bürgerlichen Frauen
den bevorstehenden Krieg, wie auch Gertrud
Bäumer, eine führende Frau im „Bund deutscher Frauenvereine“. Sie schrieb zur Debatte um den 1. Weltkrieg: „ Ja, wir Frauen sind in
diesen Augusttagen wie in eine neue Welt getreten [… ]. In uns sprach, fühlte, wollte Deutschland, unsere persönliche Seele ging auf in der
Seele unseres Volkes. Aus dem Gefühl, dass
es ihm einzig von Millionen anderen beschieden ist, selbst seinem Tode noch den Adel des
Zwecks zu geben, hat zu allen Zeiten der Soldat
es süß und erhaben gefunden, für das Vaterland
zu sterben. Und das können die Frauen in tiefster Seele nachfühlen. Es ist ein mütterliches
Grunderlebnis, dass Leben und Kraft hingeopfert werden muss, damit neues Leben umso
schöner erblühen kann.“ 29
Mit Kriegsbeginn und dem Abziehen der
meisten Männer an die Kriegsfront wurden Frauen aus sämtlichen Bevölkerungsschichten mobil gemacht und an die Arbeits-28Kohlhagen, Norgar (1981)29Bäumer, Gertrud (1914)33.geschichte der frauenbewegungArbeiterinnen in einer
Munitionsfabrikfront geschickt. Arbeiten, die „männliche“
Muskelkraft, Lehre und Ausbildung erforderten, mussten nach kurzer Einweisung von
Frauen geleistet werden. Fast keine Industrie
und fast kein Berufszweig blieben ihnen verschlossen. Frauen wurden aus ihren alten Arbeitsdomänen entlassen und fanden sich in
der Metallindustrie und dem Maschinenbau,
der Chemie- und Elektroindustrie wieder – in
Arbeitsfeldern, die bisher nur Männern vorbehalten waren und für Frauen als ungeeignet, da
als „wider ihre Natur“, betrachtet wurden.
Während der Kriegsjahre war das Leben
geprägt von Hunger, Elend und Tod. Die Lebensbedingungen waren – wie in jedem Krieg
– katastrophal. Frauen wurden zwar in alten,
34.traditionellen „Männerbereichen“ eingesetzt,
ihr Lohn betrug aber nicht einmal die Hälfte des Männerlohns. Trotzdem erfuhren Frauen in dieser Zeit, dass all das, wovon man ihnen Jahrhunderte lang gesagt hatte sie wären
dafür nicht geeignet, Realität wurde. Frauen
mussten harte Arbeit leisten und sich selbstständig um das eigene Überleben und das ihrer Kinder kümmern.
Frauen waren aber nicht nur „willige Gehilfinnen“ in der Kriegsproduktion. Immer wieder
gab es Proteste und Arbeitsniederlegungen
gegen den Krieg, die von Frauen organisiert
und durchgeführt wurden. Der Internationale Frauentag 1917 stand unter dem Motto der
Russischen Revolution „Friede und Freiheit“.geschichte der frauenbewegung4. Auswirkungen der Russischen
Revolution auf die FrauenbewegungDie Oktoberrevolution 1917 hatte weit reichende Auswirkungen auf die Situation der
Frauen in Russland. Frauen waren maßgeblich
an der Revolution beteiligt. Es wurden zahlreiche Gesetze beschlossen, die das Leben
von Frauen erheblich erleichterten. Trotzdem
verschweigen fast alle Geschichtsschreiber
die Rolle der Frauen in dieser Revolution. Eine
der schillerndsten Gestalten in diesem Zusammenhang ist Alexandra Kollontai. Sie wurde
als erste weibliche Ministerin der Welt 1917
ins Zentralkomitee der Partei berufen. Als erste und wichtigste Maßnahme sah sie die Einführung der Arbeitspflicht für alle Männer und
Frauen zwischen 16 und 50 Jahren.
Frauen wurden in der Produktion gebraucht. Das Hausfrauendasein war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich, begleitend
dazu wurden zahlreiche Maßnahmen gesetzt,
um Hausarbeit in öffentliche Einrichtungen
auszulagern. Kinderkrippen und Kinderheime
wurden geschaffen, Hausarbeit wurde kommunalisiert, d.h. öffentliche Wäschereien
und Volksküchen wurden eingerichtet. In den„Ohne Sozialismus keine
Befreiung der Frau – ohne
Befreiung der Frau kein
Sozialismus!“
Alexandra Kollontai (1872–1952)
Als Tochter eines russischen Generals und einer Finnin wird Alexandra Kollontai
am 31. März 1872 in St. Petersburg geboren. Als erste Frau gehört Kollontai als
Ministerin für Soziales dem revolutionären Kabinett der sowjetischen Regierung
an und übernimmt 1919 die Leitung der Frauenabteilung des Zentralkomitees
der Partei. Sie setzt sich für Verbesserungen in vielen Bereichen im Leben von
Frauen ein. So können zum Beispiel ab diesem Zeitpunkt Ehen einseitig aufgelöst werden. Die Ehe erhält den Status eines Vertrags. Abtreibungen werden
kurzzeitig legalisiert, Hausarbeit wird in öffentliche Wäschereien und
Volksküchen ausgelagert. Kollontai gehört der ArbeiterInnenopposition an.
Sie vertritt von 1923–1946 die Sowjetunion in Mexiko, Norwegen und Schweden
und trägt maßgeblich dazu bei, Finnland den Ausstieg aus dem
2.Weltkrieg zu ermöglichen. Am 9. März 1952 stirbt sie in Moskau.35.geschichte der frauenbewegungJahren 1919/20 wurden fast 90 % der St. Petersburger Bevölkerung in Volksküchen versorgt, in Moskau waren es etwa 60 %. Kurz
gesagt war mensch bemüht, möglichst viel
Arbeit, die traditionellerweise von Frauen in
Kernfamilien verrichtet wurde und wird, in die
Öffentlichkeit auszulagern – Kollontai nannte dies „die Trennung von Küche und Ehe“.
Doch in der Durchführung ergaben sich einige
Schwierigkeiten: so entsprach der Organisationsgrad von Frauen in den Betriebskomitees
nicht dem Prozentsatz der tatsächlich dort arbeitenden Frauen. Um dieser Tatsache entgegenzuwirken, wurde 1919 in der Frauenabteilung des ZK der Beschluss gefasst, Frauen und
Männer in gleicher Weise an der betrieblichen
Demokratie zu beteiligen.
Dass Frauen und Männer gleichen Lohn für
die gleiche Arbeit bekamen, war in der Sowjetunion gesetzlich geregelt – was zu dieser
Zeit alles andere als selbstverständlich war.
Trotzdem entsprach der durchschnittliche
Frauenlohn nur etwa der Hälfte eines durchschnittlichen Männerlohns. Dies erklärt sich
vor allem dadurch, dass Frauen in den „traditionellen" Frauenberufen wie der Textilindustrie und den Volksküchen beschäftigt waren,
die schlechter bezahlt wurden. Diesem Problem versuchte die Sowjetunion durch verstärkte Ausbildung von Frauen in „frauenunty36.pischen“ Berufszweigen, wie der chemischen
Industrie, entgegenzuwirken. In den Arbeitsgesetzen wurde folgendes geregelt: Einführung
des Acht-Stunden-Tages (in gefährlichen Branchen sogar nur 6 oder 7 Stunden), Verbot von
Nachtarbeit für Frauen und ein gänzliches Verbot von Frauenarbeit in der Untertagearbeit.
Auf dem ersten allrussischen Arbeiterinnenkongress im November 1919 wurde eine Resolution beschlossen, die 16 Wochen Schwangerschaftsurlaub und staatliches Urlaubsgeld
in der Höhe des entgangenen Lohns beinhaltete. Nach der Geburt des Kindes erhielt die
Arbeiterin neun Monate lang Karenzgeld, außerdem zehn Meter Stoff und Babyausstattungsartikel. In Mütterheimen hatten schwangere Frauen die Möglichkeit, ihrem Eigenheim
zu entfliehen und sich in den ersten Monaten
ausschließlich um sich und ihr Kind zu kümmern. Danach übernahmen PädagogInnen und
PflegerInnen in Kinderclubs, Gemeindehäusern und Kinderkrippen die Betreuung der Kinder. Mahlzeiten wurden dort kostenlos zur Verfügung gestellt. So wurde auch sichergestellt,
dass keine Ehefrau in einer Gewaltbeziehung
verbleiben musste, weil die Versorgung ihrer
Kinder unabhängig vom Ehemann gewährleistet war.
Am 18. November 1920 wurde folgende Verordnung zur Legalisierung von Abtreibungengeschichte der frauenbewegungerlassen: „In den letzten Jahrzehnten wächst
sowohl im Westen als auch bei uns die Zahl der
Frauen, die zur Unterbrechung der Schwangerschaft ihre Zuflucht nehmen. Die Gesetzgebungen anderer Länder bekämpfen dieses Übel
auf dem Wege der Bestrafung [… ] Diese Methode hat nicht zu positiven Ergebnissen geführt, sondern nur die Operationen illegalisiert
und die Frauen zu Opfern gewinnsüchtiger und
oft unwissender Aborteure gemacht [… ] Als
Folge hiervon erkrankten etwa 50 % der Frauen
an Infektionen und etwa 4 % von ihnen starben
[… ] Aber solange die übereinkommenden moralischen Gewohnheiten [… ] und die schweren
wirtschaftlichen Bedingungen der Gegenwart
einen Teil der Frauen zwingen, sich zu einer
Operation zu entschließen, stimmt das Volkskommissariat für Gesundheitswesen und das
Volkskommissariat für Justiz: 1. Die unentgeltliche Durchführung von Schwangerschaftsunterbrechungen wird in den Sowjetkrankenhäusern, wo für die Operationen die größte
Sicherheit besteht, zugelassen.“
Mit neuen Wohnformen wurde versucht,
die traditionelle Kernfamilie aufzubrechen. In
Wohnkommunen wurden Wohnungen für alleinerziehende Mütter geschaffen, Brennstoff und Energie wurde kollektiv besorgt, die
Küche war gemeinschaftlich organisiert, ebenso die Kindererziehung durch Kinderkrippenund Kindergärten. Reinigungsarbeiten wurden
von bezahlten Putzkräften erledigt, eine zentrale Wäscherei besorgte das Waschen der
Wäsche. Statistisches Material aus dieser Zeit
liegt wenig vor, jedoch kann davon ausgegangen werden, dass es 1920 in Moskau insgesamt 23 000 Häuser gab – 40 % davon waren in
gemeinschaftlichen Wohnformen organisiert.
Frauenpolitik unter Stalin
Viele dieser Verbesserungen im Leben von
sowjetischen Frauen wurden von Stalin wieder
rückgängig gemacht. Durch den Zweiten Weltkrieg und dem damit verbundenen Bedarf an
„Menschenmaterial“ fand 1936 eine Revision der Ehe- und Familiengesetzgebung statt.
Scheidungen wurden erschwert und Abtreibung verboten. Das Familiengesetz, das 1944
erlassen wurde, drängte die Frau wieder in die
Rolle der Mutter – durch diverse Medaillen und
Prämien, die Erhöhung der Sozialleistungen
für Mütter und steuerliche Erleichterungen für
kinderreiche Familien wurde die Familie als
gesellschaftliche Institution gefördert.
Alexandra Kollontai, eine Kritikerin von
Stalins Politik, ging 1923 ins Ausland. In verschiedenen skandinavischen und südamerikanischen Ländern wirkte sie als Botschafterin
37.geschichte der frauenbewegung5. Erste RepublikSitzung der
Nationalversammlung30
Informationsblätter 1926,
in: Feigl, Susanne (2000)38.Das Frauenwahlrecht wurde in Österreich
erst nach dem Krieg eingeführt. Es kam erstmals 1919 zur Anwendung. Nach den Wahlen
im März 1919, bei denen die Sozialdemokratie stärkste Kraft wurde, zogen acht Frauen in
die gesetzgebende Versammlung ein: sieben
Sozialdemokratinnen – Anna Boschek, Emmy
Freundlich, Adelheid Popp, Gabriele Proft,
Therese Schlesinger, Amalie Seidel, MariaTusch – und eine Christlich-Soziale: Hildegard
Burjan. Auch nach der Erlangung des Wahlrechtes arbeiteten die Sozialdemokratinnen in
der Ersten Republik konsequent weiter für die
rechtliche Gleichstellung der Frauen.
Erfolg hatten sie mit ihrer Forderung zur
Neuregelung des Haushilfinnengesetzes 1920.
Dienstbotinnen wurden dadurch vom Züchtigungsrecht ihrer DienstgeberInnen und vom
„Dienstbüchl“, in das die „Herrschaft“ ihre
Bemerkungen über das Verhalten der Dienstbotinnen eintragen konnten, befreit. Zum ersten Mal wurden den Haushilfinnen soziale
Rechte zuteil. Außerdem wurden Frauen als
Parteienvertreterinnen vor Gericht zugelassen, eine Neuregelung des Hebammenwesens
wurde erreicht und Schutzbestimmungen für
jugendliche ArbeitnehmerInnen per Gesetz
verankert. Eine Aufwertung erfuhr auch die
Mädchenausbildung.
Bei ihren Versuchen zur Neuregelung des
Ehe- und Familienrechtes, der Einführung der
Zivilehe, der Gleichstellung von ehelichen und
unehelichen Kindern oder bei der Liberalisierung der Abtreibungsgesetze scheiterten
die Sozialdemokratinnen am Widerstand
der Christlichsozialen Partei und der Kirche.geschichte der frauenbewegungInternationales
1926Therese Schlesinger kommentierte die Debatte um Letzteres: „Die Sorge um die Volksvermehrung ist es nicht, was die Abtreibungsparagraphen in Geltung hält, die Sorge um
Leben und Gesundheit der Schwangeren ebenso wenig. Gar kein irgendwie erkennbares
und berechtigtes Interesse wird durch diese grausamen Maßnahmen geschützt. (… )
jene Strafparagraphen (heben) das Recht, das
allen Menschen zusteht, über den eigenen Leib
zu verfügen, für die Frauen teilweise auf. Einen Überrest der Leibeigenschaft der Frau und
nichts Anderes bedeuten die Abtreibungsparagraphen.“ 30 Darüber hinaus forderten die Sozialdemokratinnen gleichen Lohn für gleiche
Arbeit, unbeschränkten Zugang zu allen Bildungsmöglichkeiten und Berufen und reihenweise sozialpolitische Maßnahmen.
Innerhalb der SPÖ entwickelte sich in dieser Zeit der sozialdemokratische Mädchen-und Frauenverein weiter zu einer eigenen
Frauenorganisation. Seit 1919 existierte ein
Frauenkomitee innerhalb der Partei. Die Frauenkonferenz konnte eigenständige Beschlüsse fassen.
Ab 1920 organisierte die Partei „Frauenschulen“, um weiblichen Mitgliedern und Funktionärinnen ebenfalls Bildungsangebote zukommen zu lassen. Viele davon befassten sich
allerdings nicht mit politischen Fragen, sondern mit medizinischen und hauhalterischen
Inhalten. Nichts desto trotz gelang es den sozialistischen Frauen in diesem Zeitraum, die
Genossinnen innerhalb der Partei zu stärken
und sozialistische Männer von der Notwendigkeit des Kampfes um die Gleichberechtigung
der Geschlechter zu überzeugen. Weitgehend
fanden sich Forderungen der Frauenorganisation im „Linzer Programm“, das 1926 beschlossen wurde, wieder.„Die Funktionen der Ehe
und Mutterschaft müssen
allein und vollständig
der Wahlfreiheit der
Frau unterliegen.“
Wolstehnholme Elmy)39.geschichte der frauenbewegung6. FaschismusStändestaat und
„Keine hat das Recht
zu gehorchen“
Hannah Arendt)Mit der Ausschaltung des Parlaments im
März 1933 und der Machtübernahme Dollfuß’ endete die legale Tätigkeit der Sozialdemokratischen Partei. Im Jänner 1934 setzte
die Regierung die gewählte Vertretung der ArbeiterInnenkammern ab, verhängte über die
„Arbeiterzeitung“, die Zeitung der Partei ein
Verkaufsverbot und begann damit, ehemalige
Schutzbund-Leiter zu verhaften. Gleichzeitig
mit der Entwaffnung des Schutzbundes wurde
die austrofaschistische Heimwehr mobilisiert
und bewaffnet. Die tragische Entwicklung, die
ihren Gipfel im BürgerInnenkrieg 1934 und in
der Einrichtung einer autoritären, ständischen
Verfassung fand, ist bekannt.
Von da an spielten Frauen in der Politik keine Rolle mehr. Die katholischen Frauen forder-31
323340.Ennsmann, Brigitte (1993)Motzko, Alma: Gegenwartsprobleme in der Mädchenjugend.
In: Reichspost vom 7.6.1933, in: Feigl, Susanne (2000)Flugblatt Käthe Leichter, 1936, www.renner-institut.at/frauenakademie/
images/i_sd_frgesch/widerstand.giften zwar eine „Hauswirtschaftskammer“, die
das Recht haben sollte, Frauen in politische
Gremien zu entsenden, diese Forderung wurde aber nicht erfüllt. Ziel des Ständestaates
war es, „gute Mütter heranzuziehen, um unserem Volke gesunde und große Söhne schenken zu können und Hausfrauen, die in Küche
und Keller, Garten und Hof recht Bescheid wissen.“ 31
Alma Motzko, bis 1935 Präsidentin der Katholischen Frauenorganisation und ab 1937
Frauenreferentin der Vaterländischen Front in
Wien, befürwortete dieses Konzept. Sie sprach
davon, „das Familienmuttertum aus seiner Isolierung herauszulösen (… ) und zum Volksmuttertum empor zu heben.“ 32
Die Illegalität der Sozialdemokratie beendete auch die offene Agitation der sozialistischen Frauen. Viele Sozialistinnen beteiligten
sich aktiv im Widerstand 33 der „Revolutionären Sozialisten“. Sie verbreiteten vor allem
Agitationsmaterial und legten die verbotene
„Arbeiter-Zeitung“ wieder auf. Rudolfine Muhr,
eine spätere Wiener Gemeinderätin, erinnerte
sich an den Widerstand: „Der Prozentsatz dergeschichte der frauenbewegungFrauen war unter den Revolutionären Sozialisten verhältnismäßig hoch. Das war die einzige
Zeit, wo wir gleichberechtigt waren. Sowohl vor
dem Richter [… ] als auch innerhalb der Organisation. Da hat es oft geheißen, das oder jenes soll besser eine Frau machen.“ 34 Viele Sozialistinnen teilten in den folgenden Jahren das
Schicksal ihrer Genossen. Sie wurden verfolgt
und viele kamen in Konzentrationslagern ums
Die Rolle der Frau in der
Ideologie des NS-Faschismus	Zu Beginn ausschließlich Zuchtstute…
Das faschistische Frauenbild war (und ist)
eigentlich kein Frauen-, sondern ein Mutterbild. Die Frau galt als ein naturbestimmtes Wesen. Daher sei „die Welt der Frau die Familie,
ihr Mann, ihre Kinder, ihr Heim“ 35 . „Das Eindringen der Frau in die Welt des Mannes“ war für
die Nationalsozialisten „eine Fehlentwicklung,
die im Interesse der Frau wieder rückgängig
gemacht werden musste“.
Die „Rückführung in den natürlichen Lebens- und Arbeitsbereich“ sollte aber nicht
bedeuten, dass die Frau minderwertig sei.
Die Propaganda versuchte, genau das Gegenteil zu vermitteln, indem die traditionelle Rolle
der Frau nicht nur gutgeheißen, sondern gefördert und ideologisch überhöht wurde. „Denn
35„Alle sind uns willkommen,
die mit uns gemeinsam gegen die
erstarkenden Kräfte des Faschismus
auftreten wollen (… ) Der Kampf,
den wir führen, ist ein Kampf,
der nie zu Ende geht!“
Rosa Jochmann (1901–1994)
Geboren am 19. Juli 1901 in Wien, ist sie im ArbeiterInnenmilieu aufgewachsen.
Der frühe Tod des Vaters zwingt sie dazu, im Alter von 14 Jahren eine Stelle in
einer Fabrik anzunehmen, wodurch sie Kontakt zur Gewerkschaft knüpft. Sie
wird Sekretärin im Fachverband der ChemiearbeiterInnen, 1932 Frauensekretärin der SPÖ und 1933 Mitglied des Parteivorstands. Durch den BürgerInnenkrieg im Februar 1934, der zum Verbot aller sozialdemokratischen Organisationen und Gewerkschaften führt, wird sie gezwungen, in den Untergrund zu
gehen. Aufgrund ihrer Tätigkeit im Zentralkomitee der Revolutionären Sozialisten wird sie aber bald verhaftet und verurteilt. Von 1940 bis 1945 ist sie im KZ
Ravensbrück interniert. Dort ist sie im Lagerwiderstand aktiv und engagiert sich
nach der Befreiung für den Heimtransport der verbliebenen Frauen. Sie wird
Frauenzentralsekretärin und ist bis 1967 Bundesvorstandsmitglied der SPÖ. Bis
ins hohe Alter ist sie in zahlreichen Gesprächen bemüht, ihr Wissen in Schulen
zu vermitteln.Feigl, Susanne: Kein Flugblatt, keine Weisung. Gespräche mit Rudolfine Muhr. In: Die Frau 6/1984
Rede Hitlers am „Parteitag der Ehre“ 193641.geschichte der frauenbewegungDie Frau im Faschismus:
Mutter des „Volkskörpers“gerade ihr Muttertum, die Fähigkeit zur Mutterschaft ist es, was eine Frau dem Manne gleichberechtigt und überlegen macht“ 36 .
In den Augen der Nazis lag ihre Verantwortung im „biologischen und geistigem Bestand
des Volkes“. Und sie verbreiteten ein Uneigennützigkeitspathos, das in besonderem Maße
den Frauen galt. „Die deutsche Frau, wie wir
sie uns denken, muss, wenn es die Lage des
Volkes erfordert, verzichten können auf Luxus
und Genuss, sie muss arbeiten können, geistig
und körperlich gesund sein, und sie muss aus
dem harten Leben, das wir heute zu leben gezwungen sind, ein schönes Leben machen können“ 37 . Das Pathos gipfelte in der Forderung
nach dem „Recht des Dienendürfens“ und sah36http://projects.brg-schoren.ac.at/nationalsozialismus/ideologie.html
3742.ebd.für die Mutter in der Selbstaufopferung das
höchste Glück.
Dieses von den deutschen Faschisten propagierte Frauenbild warf die Frauen hinter
das bisher von der Frauenbewegung Erreichte
weit zurück. Die Frau wurde wieder offen unter die Herrschaft des Mannes gestellt. Eine
der ersten Maßnahmen des faschistischen
Regimes im „Deutschen Reich“ war es, durch
gezielte Weisungen an das Arbeitsamt Frauen aus dem Arbeitsmarkt zu drängen. Die Arbeitsämter sollten nach zwei Kriterien Arbeit
vergeben: Erstens durfte es keine „DoppelverdienerInnen“ mehr in Familienhaushalten
geben und zweitens kam es zu einer Bevorzugung von Männern bei der Vergabe von Arbeitsplätzen. Die Zahl der zur Universität zugelassenen Studentinnen wurde drastisch
reduziert. Es wurden kleine, massenwirksame Maßnahmen getroffen, um dieses Ziel
zu erreichen. Dazu gehörten zum Beispiel diegeschichte der frauenbewegungInstrumentalisierung des Muttertags und der
Verleihung des Mutterkreuzes ab 1938. Ein
Symbol für die Reduktion der Frau auf ihre
Fähigkeit, Kinder zu gebären und dem Staat
als kostenlose Erzieherin von „rassisch wertvollem“, einsatzfähigem und gehorsamen
„Menschenmaterials“ zu dienen.
Für das Verhältnis der Geschlechter zueinander und ihre Beurteilung galt das Prinzip
„gleichwertig, nicht gleichartig“. Hieraus leitete sich die „artgemäße“ häusliche und außerhäusliche Arbeitsteilung ab.
… und dann Arbeitspferd
Arbeitsmarktpolitisch brachte dieses Konzept nichts. Die Massenarbeitslosigkeit ging
erst zurück, als die Wirtschaft auf Kriegsproduktion umgestellt wurde. Von da an stieg
auch die Erwerbstätigkeit von Frauen wieder.
Für sie wurden vorerst „arteigene“ Berufe definiert. Diese lagen vor allem im pflegerischen
und fürsorgerischen Bereich.
Entlassene Lehrerinnen wurden umgeschult
und durften plötzlich sozialmedizinische Tätigkeiten als Krankenschwestern wieder ausüben. Wie in jedem Krieg mussten mit Kriegsausbruch wieder Frauen aus allen Bereichen
mobilisiert werden, um die Kriegsproduktion
aufrecht zu erhalten. Nach und nach wurden
immer mehr Frauen für die Rüstungsindustrie eingezogen und schufteten wieder in Bereichen, die zuvor klar als „Männerberufe“ deklariert waren.„Der faschistischen Massenbeeinflussung und ihren gefährlichen
politischen Schlagworten sollen wir unsere
Hauptagitation auf gemütlichen Frauenveranstaltungen mit Nähkursen und
Haushaltsvorschlägen entgegensetzen?
Nochmals: Auch das möge getan werden,
aber auch: in Massenveranstaltungen, Flugschriften, Betriebs- und Arbeitslosenpropaganda
dem verlogenen Dritten Reich gegenüber unser
sozialistisches Ziel entwickeln.”
Aufgewachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen besucht sie das Beamtentöchter – Lyzeum in Wien. Erst durch eine Klage erreicht sie 1914 die
Zulassung zum Studium der Staatswissenschaften. Nebenher arbeitet sie als
Erzieherin im Döblinger ProletarierInnenviertel „Krim“. Weil ihr in Wien die
Abschlussprüfungen verweigert werden, übersiedelt sie nach Heidelberg, wo
sie mit aktiven KriegsgegnerInnen in Kontakt tritt. 1918 schließt sie ihr Doktoratsstudium in Nationalökonomie bei Max Weber ab. Sie kehrt nach Wien zurück
und nimmt dort an der Rätebewegung teil. Nachdem sie Otto Bauer als Mitarbeiterin in die Staatskommission für Sozialisierung geholt hatte, wird sie 1925
mit dem Aufbau des Frauenreferats der ArbeiterInnenkammer beauftragt. Nach
dem Verbot der Sozialdemokratie 1934 arbeitet sie im Untergrund vor allem in
der Bildungsarbeit. Durch einen Spitzel verraten, wird sie 1938 verhaftet, im
Jänner 1940 ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert und 1942
im Zuge des nationalsozialistischen „Euthanasieprogramms“ in Bernburg an
der Saale ermordet. Von der Schwarz-Blauen Bundesregierung wurde der von
Johanna Dohnal geschaffene Käthe Leichter Preis für Frauenforschung seit dem
Jahr 2000 nicht mehr vergeben und erst 2006 wieder eingeführt.
43.geschichte der frauenbewegungKochwettbewerb in den 50ern
44.geschichte der frauenbewegung7. Zweite Republik &
neue FrauenbewegungVom Kriegstrauma in die
„heilen“ 50er und 60erDer Krieg hat massive Trennlinien in die
Erfahrungen der Geschlechter gezogen: Fast
alle Männer waren als Soldaten im Krieg.
Frauen hatten mit der schwierigen Situation
allein fertig zu werden. Auch nach Kriegsende
waren viele Frauen auf sich allein gestellt:
247 000 gefallene Männer, 200 000 waren
nach Kriegsende noch in Gefangenschaft,
100 000 schwerverletzte Heimkehrer 38. Die
Zahl der Alleinerzieherinnen war dementsprechend hoch. Die Tatsache, dass Frauen während des Kriegs, viele auch danach, oft alleiniges „Familienoberhaupt“ waren und für
einige Jahre die Existenz der übrig gebliebenen Familie sichern mussten, brachte nicht
nur neue Erfahrungen, sondern auch ein neues Selbstvertrauen mit sich.
Es gab ein verändertes Frauenbewusstsein, das zum Teil jedoch bewusst zurückgesteckt wurde. Viele Frauen pflegten die heimgekehrten Männer und versuchten, sie nach
dem „Frontschock“ psychisch zu stabilisieren. Die sprunghaft steigende Scheidungsrate lässt aber vermuten, dass die Erfahrungenwährend der Kriegsjahre Risse in die alten Kulissen zogen. Im ersten Halbjahr 1945 wurden
2000 Ehen geschieden, im zweiten waren es
7500. Die Traumata des Krieges auf allen Seiten, der „erzwungene“ Emanzipationsschub in
Richtung Selbstbehauptung, der Zugewinn an
Kompetenz und die Konfrontation mit neuen
Aufgaben ließ sich nur schwer in das alte Leben integrieren.
Ab 1948 kam es zu einem Mangel an Arbeitsplätzen. Wie bis heute üblich, wurden in
den ersten Entlassungswellen Frauen auf die
Straße gesetzt. Sie fanden sich als unfreiwillige Hausfrauen wieder. Auf der Basis dieser
sinkenden Frauenerwerbsquote entwickelten
sich dann auch die fünfziger und frühen sechziger Jahre. Sie werden heute oft als „Blütezeit
der Kernfamilie“ bezeichnet.
Mit dem Ausdruck „Kernfamilie“ ist ein
wohliges Heim gemeint, in dem der Mann als
Oberhaupt der Familie diese durch sein Einkommen ernährt und die Frau als Hausfrau
genug Zeit hat, sich „liebevoll“ um Mann und
Kinder zu sorgen. Für die meisten Frauen
gab es angesichts der angespannten Arbeitsmarktsituation keine Alternative, viele Frauen
zogen sich aber auch bewusst zurück. Dieser38Bauer, Ingrid (1995)45.geschichte der frauenbewegungRückzug in die Familie verdeutlicht das Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung. Beispielhaft
ein Auszug aus einer Frauenzeitschrift: „Zeigen wir uns ruhig einmal schwach, auch da, wo
wir es gar nicht sind. Fragen wir um Rat und Unterstützung, beweisen wir durch Wort und Tat,
dass wir den Mann brauchen, dass wir ja noch
das beschützenswerte Geschlecht sind - und
wie rasch wird sich der Beschützerinstinkt regen, wird der Mann seine Autorität fühlen und
sie dann im rechten Moment einzusetzen wissen.“ 39
Mit dem Babyboom der frühen Sechziger
manifestierte sich das Modell Mann als Familienernährer, Frau als Mutter und Hausfrau.	Die fetzigen 60er und 70er39
„Frau und Mutter“,
in: Bauer, Ingrid (1995)46.Eine Wende gab es erst in den Jahren von
1965 bis 1975. Das „Wirtschaftswunder“
brauchte viele neue Arbeitskräfte. Der Bedarf
an weiblichen Arbeitskräften stieg und die Erwerbstätigkeit von Frauen nahm wieder zu.
Auch wenn die ursprüngliche Motivation für
Frauen, arbeiten zu gehen in den meisten Fällen ökonomischer Zwang war, ist die Arbeit immer auch ein Schritt in die persönliche Freiheit
und Eigenständigkeit. Durch außerhäusliche
Lohnarbeit wird einerseits die „familiäre Isolation“ überwunden und andererseits auch bei
unbefriedigender Arbeit durch ein eigenes Gehalt die Vorraussetzung für ökonomische Unabhängigkeit vom Ehemann geschaffen. Die technischen Innovationen in den 1960ern
und 1970ern brachten für den Haushaltsbereich eine enorme Zeitersparung mit sich. Da-von profitierten vor allem Frauen. Die Entwicklung der Waschmaschine, des Geschirrspülers
oder auch fertiger Babynahrung erleichterte
das Leben von Frauen entscheidend. War es
früher schwer vorstellbar, neben der „ordentlich geführten“ Hausarbeit auch noch einer Erwerbsarbeit nachzugehen, so wurde mit der
technischen Entwicklung der Grundstein dafür
Die Einführung der Anti-Baby-Pille in den
1960er-Jahren kam im Bezug auf die weibliche Sexualität einer Revolution gleich. Erstmals war es für Frauen möglich, sich frei zu
entscheiden, ob sie Kinder bekommen wollen
oder eben nicht. Es oblag ihrer eigenen Kontrolle. Die Rolle der Mutter war von da an keine „automatische und natürliche“ mehr. Die
Jahrhunderte lang andauernde Angst vor eine
Schwangerschaft bei jedem Geschlechtsverkehr fand damit ihr Ende. Das erste Mal konnten Frauen ihre Sexualität ohne diese Befürchtung genießen.
1968 – Studierendenrevolte und
Während die Studierendenrevolten in Österreich eher unspektakulär ausfielen, kam es
in anderen europäischen Ländern und der USA
zu tatsächlichen Aufruhren. Vor allem in Frankreich und Deutschland kam es zu schweren
Frauen nahmen aktiv an dieser Rebellion gegen die Elterngeneration, gegen die unaufgearbeitete Nazi-Vergangenheit, gegengeschichte der frauenbewegungheuchlerische Moralvorstellungen und gegen
autoritäre Universitätsstrukturen teil. In der
generellen gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung wurden weitreichende Forderungen für
eine gerechte, eine sozialistische Gesellschaft
Obwohl die Geschlechterfrage einen wesentlichen Aspekt in dieser politischen Auseinandersetzung gegen die etablierten Institutionen ausmachte, kam es auch innerhalb der
rebellierenden Kreise zu Konflikten wegen diesem Thema. Die aktiven Frauen im SDS (Sozialistischer deutscher Studentenbund) warfen
ihren Genossen vor, dass es nicht gelänge, das
nach Außen gepredigte Geschlechterverhältnis auch selbst zu leben.
1968 kam es auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt zum Eklat: Helke Sanders meldete sich für den „Aktionsrat
zur Befreiung der Frauen“ zu Wort. Sie machte
eindeutig darauf aufmerksam, dass Politik und
Privatleben nicht getrennt voneinander verlaufen können: „Wir sprechen hier, weil wir wissen,
dass wir unsere Arbeit nur in Verbindung mit anderen progressiven Organisationen leisten können und dazu zählt unserer Meinung nach der
SDS. Die Zusammenarbeit hat jedoch zur Voraussetzung, dass der Verband die spezifische
Problematik der Frauen begreift. (… ) Wir stellen fest, dass der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher
Verhältnisse ist. Dabei macht man Anstrengungen, alles zu vermeiden, was zur Artikulierung
dieses Konfliktes zwischen Anspruch und Wirklichkeit beitragen könnte, da dies eine Neuorientierung der SDS-Politik zur Folge haben„Es war ja damals nicht vorstellbar, sich von einer
Frau ein Haus bauen zu lassen. Ich konnte es mir ja
selbst nicht vorstellen. Mein Vater hat gefragt: „Wo wirst
du denn arbeiten?” (… ) Bei meinen ersten Preisen und
Auszeichnungen wurde immer die Rationalität
meiner Entwürfe gelobt. Auch das hat man
einer Frau nicht zugetraut.”
Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000)
Als erste Frau, die in Österreich ein Architekturstudium absolviert, schreibt
sie Architekturgeschichte. Geboren 1897 in Wien besucht sie zwischen 1915
und 1919 die k. u. k. Kunstgewerbeschule gegen den Widerstand ihres Vaters
und vieler Lehrender. Doch bereits während ihres Studiums zeigt sich ihr
außergewöhnliches Können. So gewinnt sie 1920 ihren ersten Preis für eine
Schrebergartenanlage. Dies bringt sie mit der Siedlerbewegung in Kontakt.
Sie arbeitet mit Adolf Loos gemeinsam in einer Wohnbaugenossenschaft für
Kriegsinvaliden. 1926 holt sie der deutsche Architekt Ernst May nach Frankfurt,
wo sie vor allem Wäschereien, Kindergärten und spezielle Wohnungstypen für
alleinstehende Frauen konstruiert. Berühmt wird sie für die Entwicklung der
Frankfurter Küche, die als Prototyp für etwa 10 000 Wohnungen dient, weil sie
sich als besonders platzsparend und funktionell erweist.
Während des NS - Regimes arbeitet sie im Widerstand und wird 1940 von der
GESTAPO festgenommen und bleibt bis 1945 inhaftiert.
Nach 1945 erhält sie keine Aufträge in Österreich mehr, deshalb folgen zahlreiche Auslandsaufenthalte in der Sowjetunion, Kuba und der DDR.
Am 18.1.2000 stirbt sie in Wien.
47.geschichte der frauenbewegungFrauen wehren sichmüsste. Diese Artikulierung wird auf einfache
Weise vermieden. Nämlich dadurch, dass man
einen bestimmten Bereich des Lebens vom gesellschaftlichen abtrennt und ihm den Namen
Privatleben gibt. (… ) Diese Tabuisierung hat
zur Folge, dass das spezifische Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen, verdrängt wird, wodurch gewährleistet wird, dass
die Männer ihre alte, durch das Patriarchat ge-40Frick, Inge (1976)Siehe dazu: Helke Sanders Rede des Aktionsrates zu Befreiung der Frau:
http://www.glasnost.de/hist/apo/weiber3.html und Ulrike Meinhof: „Frauen im SDS“
4148.wonnene Identität noch nicht aufgeben müssen.“ 40
Das war die erste Ankündigung der „neuen Frauenbewegung“. Sanders prägt damit die
Aussage, die kennzeichnend für die Frauenbewegung nach 1945 wurde: „DAS PRIVATE IST
POLITISCH!“ 41
Die Reaktion der Genossen auf Helke Sanders Rede war höhnisch und geringschätzig.
Daraufhin beschlossen die Frauen, autonome „Weiberräte“ und Diskussionsrunden einzurichten, an denen ausschließlich Frauen teilnehmen durften. Damit wurde der Grundstein
für die autonome Frauenbewegung gelegt.geschichte der frauenbewegungDer Kampf um die legale
AbtreibungAusgehend von der Studierendenbewegung erreichte eine frauenpolitische Diskussion zu Beginn der 70er Jahre internationales
Aufsehen: die Frage um den legalen Schwangerschaftsabbruch. Diese Forderung von
Frauengruppen aus verschiedenen politischen
Strömungen wurde immer lauter.
Die gültige Gesetzeslage wurde durch den
berühmt-berüchtigten § 144 des Strafgesetzbuchs aus dem Jahr 1852 geregelt: „Eine Frauenperson, welche absichtlich was immer für
eine Handlung unternimmt, wodurch die Abtreibung ihrer Leibesfrucht verursacht oder ihre
Entbindung auf solche Art, dass das Kind tot zur
Welt kommt, bewirkt wird, macht sich eines Verbrechens schuldig.“ Das Strafmaß war durch
§ 145 geregelt: „Ist die Abtreibung versucht,
aber nicht erfolgt, so soll die Strafe auf Kerker
zwischen sechs Monaten und einem Jahr ausgemessen; die zustande gebrachte Abtreibung
mit schwerem Kerker zwischen einem und fünf
Jahren bestraft werden.“ 42
In den Jahren 1958 bis 1971 wurden pro
Jahr durchschnittlich 115 Frauen wegen Abtreibung nach § 144 zu einem bis fünf Jahren
Gefängnis verurteilt. Der Paragraph, der die
Abtreibung unter Strafe stellte, galt als „Klassenparagraph“. Der Klassencharakter zeigte
sich in der Rechtssprechung: 83 % der Verurteilten waren schlecht ausgebildet, gering
entlohnt oder Hausfrauen ohne eigenes Einkommen. Nur 6 % konnten sich einen ärztlichen Eingriff leisten, 94 % fielen „Engelma-cherInnen“ zum Opfer.43 Wohlhabende Frauen
aus der Oberschicht konnten gegen entsprechende Bezahlung das „Problem“ diskret und
sachgemäß lösen und hatten nicht mit Konsequenzen zu rechnen.
Im Jänner 1971 legte der damalige SPÖJustizminister Christian Broda einen Entwurf
für ein neues Strafgesetz zum Schwangerschaftsabbruch vor. Es enthielt eine „Indikationenlösung“. Das heißt, der Abbruch sollte
nicht prinzipiell straffrei sein, aber unter bestimmten Umständen, so genannten Indikationen, würde von einer Bestrafung Abstand genommen werden. Diese Indikationen sollten
von einem Arzt oder einer Ärztin festgestellt
Vielen Frauen war der Entwurf zu wenig
weitreichend. Gabriele Traxler, eine sozialdemokratische Gewerkschafterin, hielt dem Vorschlag entgegen: „Es ist interessant, dass in
unserer Gesellschaft zwar der Arzt für eine so
schwere Entscheidung die Verantwortung übernehmen kann, dass man aber die Frau als unmündig erklärt, diese Entscheidung selbst zu
treffen.“ 44
Der katholischen Kirche war der Gesetzesentwurf erwartungsgemäß viel zu weitreichend. Er stieß auf massive Kritik. Im Juni
gründete die Katholische Aktion ein Komitee
und startete eine Unterschriftenaktion und
zahlreiche Protestmaßnahmen.
Am Muttertag 1971 gingen in Wien rund
100 Frauen für ihr Anliegen auf die Straße.
Sie gingen mit Pfannen und Kochlöffeln über
die Mariahilferstraße und riefen Parolen wie
„Weg mit dem Familienoberhaupt – weg mit der„Mein Bauch gehört mir“42Bauer, Ingrid (1995)aus einem Flugblatt der
43Mesner, Maria:
Vom § 144 zum § 97. Eine
Reform mit Hindernissen.
In: Renner-Institut (1993)
4449.geschichte der frauenbewegungAufbegehren der Neuen
Frauenbewegung45Feigl, Susanne (2002)46
Biographie unter:
html/biografien/
vSchwarzerAlice/index.html50.Familie überhaupt“ und forderten „Selbstbestimmung über den eigenen Bauch.“ 45
Eine tragende Gruppe war der „Arbeitskreis
Emanzipation der Frau“ in der Jungen Generation der SPÖ. Sie gingen mit ihrem Anliegen
an die Öffentlichkeit. Es wurden Pressekonferenzen organisiert, Straßenaktionen veranstaltet und Unterschriften gesammelt.
Der legale Schwangerschaftsabbruch wurde nicht nur in Österreich heiß diskutiert. In
vielen Ländern formierten sich Frauengruppen, die sich intensiv mit dem Thema auseinander setzten. Sie boten praktische Hilfe,
vermittelten Adressen von ÄrztInnen, organisierten so genannte Abtreibungsfahrten in
Länder, in denen Schwangerschaftsabbrüche
bereits legalisiert waren oder richteten Beratungsstellen ein. In Österreich wurde Anfang
der 70er Jahre die „Aktion unabhängiger Frauen“ (AUF) gegründet.
Im April 1971 veröffentlichte die französische Zeitschrift „Le Nouvel Oberservateur“ein Manifest, in dem sich 343 prominente
Frauen, unter ihnen auch Simone de Beauvoir
und Catharine Deneuve, öffentlich selbst bezichtigten, Abtreibungen vorgenommen zu haben. Im Juni desselben Jahres gelang es Alice
Schwarzer 46, diese Aktion auf den deutschen
„Stern“ umzulegen: 374 deutsche Frauen, darunter auch Romy Schneider, beteiligten sich
In den anschließenden Jahren kam es immer wieder zu Demonstrationen und öffentlichen Kundgebungen für das Recht auf Selbstbestimmung.
1972 wurde auf der Konferenz der SPÖ
Frauen ein Antrag gegen die Indikationsund für die Fristenregelung beschlossen. Am
anschließenden Parteitag der SPÖ forderte sogar Justizminister Broda die Delegierten dazu
auf, dem Antrag der SPÖ-Frauen zuzustimmen.
1975 trat die Fristenregelung in Kraft. Im
Parlament wurde sie allein mit den Stimmen
der sozialdemokratischen Abgeordneten beschlossen. Alle anderen im Parlament vertretenen Parteien sprachen sich dagegen aus.
Die BewegungImmer stärker unterschied sich diese
„neue“ Frauenbewegung von der „alten“. Natürlich lässt sich das auch aus dem jeweiligen
historischen und politischen Kontext erklären:
hatten die Frauen der „alten“ Bewegung nicht
einmal das Recht, sich zu versammeln oder
ihre Stimme bei Wahlen abzugeben, so konnte die „neue“ Bewegung schon auf diesen er-geschichte der frauenbewegungreichten, formalen Rechten aufbauen und sich
anderen Themen widmen:
Mit dem Motto „Das Private ist politisch!“
erkannten sie, dass vieles, was sie als persönliche Schwierigkeiten empfanden, im Zusammenhang mit den Strukturen der Gesellschaft
stand. Sie erkannten, dass sie ein Recht darauf hatten, alles, was bis dato unter den Tisch
des „Privatlebens“ gekehrt wurde, öffentlich
zu diskutieren und Rahmenbedingungen einzufordern, die ihre Situation verbessern würden.
Sie stellten gesamtgesellschaftliche Verhältnisse in Frage, Rollenbilder sollten endlich
über Bord geworfen werden. Natürlich gab und
gibt es auch in dieser Bewegung unterschiedliche Zugänge.
Die neue Frauenbewegung geht auf die StudentInnenbewegung zurück und verstand sich
zunächst als feministische Gegenkultur. Sie
rückte Bereiche ins Blickfeld, die vorher nicht
oder kaum beachtet wurden. Kritisiert wurde
die Nichtbeachtung der unbezahlten Reproduktionsarbeit, also Haus- und Pflegearbeit.
Ihre Akteurinnen verknüpften diese Erkenntnis mit der Situation von Frauen am Arbeitsmarkt und führten sie darauf zurück, dass
Männer während des Erwerbslebens doppelt soviel verdienten wie Frauen und danach
eine doppelt so hohe Pension bezogen. Sie erkannten diese ökonomischen Bedingungen als
Rahmen, in dem Diskriminierung, Gewalt und
Abhängigkeit im privaten Bereich gedeihen
können. Sie sprachen über die Gesundheitssituation von Frauen. Sie diskutierten das Thema der weiblichen Sexualität und sprachen„Wir werden nicht als
Frauen geboren, sondern
dazu gemacht.“
In einem wohlhabenden Elternhaus geboren, verliert ihr Vater nach dem
1. Weltkrieg fast sein gesamtes Vermögen. Simone besucht ein katholisches
Mädcheninstitut, welches sie 1925 als Schulbeste abschließt. In der Pubertät
beginnt sie, das Hausfrauendasein ihrer Mutter immer mehr zu verachten. Ab
1926 studiert sie Philosophie, wo sie den Mann kennenlernt, dem sie bis an ihr
Lebensende tief verbunden sein wird – Jean Paul Sartre. Die beiden definieren
ihre Beziehung über Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmtheit.
Mit Beginn des 2. Weltkriegs wird sie zum politisch engagierten Menschen.
Ihre Lehrtätigkeit kann sie trotzdem bis 1943 fortsetzen. Ihr bekanntestes
Werk „Das andere Geschlecht“ wird 1949 veröffentlicht. Dieses Werk gilt als
Meilenstein in der Frauenbewegung, weil es eine umfassende Standortbestimmung von Frauen in einer Gesellschaft bietet, in der der Mann als Norm und das
weibliche Geschlecht immer als das „Andere“ definiert ist.
Beauvoir stirbt am 14.April 1986 in Paris.
51.geschichte der frauenbewegungDie neue Frauenbewegung
thematisiert Gewalt52.in Selbsterfahrungsgruppen über die persönlichen Schwierigkeiten und den eigenen Körper. Ohne Zweifel ist es der neuen Frauenbewegung zu verdanken, dass alte Tabus wie
Masturbation oder sexuelle Gewalt aufgebrochen wurden. Sie sprachen offen von Gewalt gegen Frauen, brachten die Situation von
Frauen in Forschung und Lehre aufs Tapet und
machten Frauen in der Kultur sichtbar. Sie widmeten sich auch der Pornographie, kreideten
sexistische Werbung an und thematisierten
Es entstanden Frauenverlage, Frauenzeitschriften, Frauenbuchläden, Frauencafes, Frauenkulturgruppen, Frauenferienhäuser, Frauen-gesundheitszentren, Frauenhäuser und Notrufe für misshandelte und vergewaltigte Frauen und Mädchen.
„Autonomie“ fand sich in unterschiedlicher
Auslegung in vielen Frauengruppen wieder. Es
wurde erkannt, dass die Organisation ohne
Männer die Voraussetzung dafür war, die eigenen Bedürfnisse und Probleme überhaupt zu
erkennen und gemeinsam besprechen zu können. So wurde die Autonomie vom männlichen
Geschlecht als notwendig für eine bestimmte
Phase der Politisierung begriffen. Andere Gruppen verweigerten die Zusammenarbeit und
das Zusammenleben mit Männern als Ganzes.
Sie proklamierten ihre Autonomie von Männern, ihre Autonomie von Parteien, ihre Autonomie von der eigenen Gruppe. Das bedeutete
für sie das Loslösen aus der patriarchalen Gesellschaft. Sie schufen Freiräume für Frauen,
zu denen Männer keinen Zutritt hatten. Sie waren der Meinung, Frauen könnten sich nur gegen die Unterdrückung wehren, wenn sie sich
vollständig von der patriarchalen Welt verabschiedeten.
Eine Front tat sich dabei auch zwischen
heterosexuellen und lesbischen Feministinnen auf. Nach dem Motto „Feminismus ist die
Theorie – Lesbianismus ist die Praxis“ warfen
manche radikale Lesben den Hetero-Frauen
vor, sie würden allein schon durch die Beziehung mit einem Mann Verrat an der Bewegung
begehen und die einzig „wahren“ Feministinnen seien lesbisch. Die neue Frauenbewegung
hat in Österreich – abseits des Kampfes um die
Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches – nie eine Massenbasis erreicht. Ein Grundgeschichte der frauenbewegungdafür dürfte sein, dass viele Forderungen ihre
Unterstützung und Umsetzung durch die sozialistische Alleinregierung fanden. Zahlreiche
Fraueninitiativen, die in dieser Zeit entstanden
sind, gibt es aber bis heute.
Die sozialistische Alleinregierung und die Rechtsreform1970 erreichte die SPÖ die relative Mehrheit bei den Parlamentswahlen. Sie bildete
eine Minderheitsregierung, die von den Freiheitlichen unterstützt wurde. Ein Jahr später
kam es nach einer mit der FPÖ verhandelten
Wahlrechtsreform zu Neuwahlen, bei denen
die SPÖ die absolute Mehrheit gewann, die
sie bis 1983 behielt. In diesen 13 Jahren SPÖAlleinregierung wurden zahlreiche Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und
Männern entwickelt und umgesetzt.
Maßgeblich dazu beigetragen hat die Frauenorganisation in der SPÖ und mit dieser namentlich Johanna Dohnal. Zu Beginn der „Ära
Kreisky“ war sie Frauensekretärin der Wiener
SPÖ, ab 1979 erste Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen und ab Jänner 1990 erste
Frauenministerin in Österreich.
Maßnahmen wie Karenzgeld oder Sondernotstandshilfe für alleinstehende oder arbeitslose Mütter zeigten neben dem sozialen
Aspekt auch die gesellschaftspolitischen Hintergründe, mit denen Politik für Frauen umgesetzt wurde. Die Gesellschaft sollte von konservativen Zwängen befreit werden. Auch
Frauen, die ohne Trauschein lebten, wurden
Rechte zugestanden, womit verschiedene„Was gehen mich
seine Knöpfe an?“
Geboren am 14. Februar in Wien als uneheliche Tochter einer Fabrikarbeiterin.
Nach Abschluss einer Lehre als Industriekauffrau wird sie Lohnverrechnerin in
einer Wiener Werkstatt, wo sie auch zur Betriebsrätin gewählt wird.
Mit 16 Jahren kommt sie zur SPÖ, wo sie bei den KinderfreundInnen aktiv ist.
1972 wird Dohnal Wiener Frauensekretärin. Unter Bruno Kreisky wird sie 1979
zur Staatssekretärin für Frauen- und Familienfragen berufen.
In ihrer Amtszeit kommt es zu zahlreichen Verbesserungen für Frauen.
So wird unter anderem das Gleichbehandlungsgesetz beschlossen, Frauen können ihre StaatsbürgerInnenschaft an ihre Kinder weitergeben, geschlechtsspezifische Stellenaussschreibungen werden verboten, die Elternkarenz eingeführt,
das Wegweiserecht tritt in Kraft,… 1991 wird sie zur Bundesministerin
für Frauenangelegenheiten berufen. Mit der Regierungsumbildung 1995 scheidet Johanna Dohnal aus der Bundespolitik aus und engagiert sich ab
diesem Zeitpunkt in zahlreichen frauenpolitischen Initiativen wie
z.B. dem Frauenvolksbegehren.
53.geschichte der frauenbewegungDemo zum FrauentagLebensformen abseits der bürgerlichen Kernfamilie staatliche Unterstützung und Akzeptanz fanden.
1975 wurde in Österreich die Familienrechtsreform verabschiedet. Damit wurde das
bis dahin rechtlich gültige patriarchalische
Versorgungs-Ehemodell durch ein partnerschaftlich -orientiertes ersetzt. Das davor gültige Recht des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches aus dem Jahr 1811 hatte eine Form
der Familie zur Rechtsnorm gemacht, die sich
um das Vermögen bzw. den Erwerb des Man54.nes konstituierte und die Leitungsgewalt und
den Führungsanspruch in der Familie dem
Mann zuteilte: „Der Mann ist das Haupt der Familie. In dieser Eigenschaft steht ihm vorzüglich
das Recht zu, das Hauswesen zu leiten; es liegt
ihm aber auch die Verbindlichkeit ob, der Ehegattin nach seinem Vermögen den anständigen
Unterhalt zu verschaffen und sie in allen Vorfällen zu vertreten.“ (ABGB § 91, Alte Fassung von
Außerdem war es bis 1976 (also bis zum Inkrafttreten der Reform) österreichisches Ge-geschichte der frauenbewegungsetz, dass „die Gattin den Namen des Mannes
erhält und die Rechte seines Standes genießt.
Sie ist verbunden, dem Mann in seinen Wohnsitz zu folgen, in der Haushaltung und Erwerbung nach Kräften beizustehen und, soweit es
die häusliche Ordnung einfordert, die von ihm
getroffenen Maßregeln sowohl Selbst zu befolgen als befolgen zu machen.“ (ABGB § 92, alte
Fassung von 1811)	Die Neuordnung der persönlichen Rechtswirkung der Ehe – die Familienrechtsreform –
geht vom Grundsatz aus, dass Mann und Frau
in der Ehe gleiche Rechte und Pflichten haben.
Der Mann war nicht länger „Haupt der Familie“ und konnte seiner Ehefrau nicht mehr verbieten, berufstätig zu sein. Hausarbeit wurde
erstmals als gleichwertiger Beitrag zum Unterhalt anerkannt und die EhepartnerInnen konnten nun erstmals auch entscheiden, ob sie den
Namen des Mannes oder der Frau als Ehenamen führen wollten. Die Fristenregelung und damit die Entkriminalisierung der Abtreibung trat 1975 in Kraft.
Im Rahmen der Regelung kann in Österreich
seit 1975 eine Schwangerschaft bis zum dritten Monat straffrei abgebrochen werden (da-nach noch aufgrund medizinischer Indikation).
Vorraussetzung für einen Schwangerschaftsabbruch ist eine vorhergehende ärztliche Beratung und die Durchführung von einem Arzt
oder einer Ärztin. Ärzte und Ärztinnen können sich aber aus Gewissensgründen weigern,
Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen.
Die tatsächliche Durchführung der Fristenregelung ist damit bis heute nicht in allen österreichischen Bundesländern gewährleistet.
Mit der Neuregelung des Kindschaftsrechts, das 1977 beschlossen und 1978 in
Kraft getreten ist, wurde die „väterliche Gewalt“ über die Kinder beseitigt. Vater und Mutter hatten fortan gleiche Rechte und gleiche
Pflichten. Auch Mütter sind seitdem berechtigt, z.B. Dokumente für ihre Kinder zu unterschreiben.
Im Zuge der Neuordnung des Güterrechts,
welches 1978 in Kraft getreten ist, wurde die
bis dahin geltende Rechtsvermutung, dass das
während der Ehe erworbene Vermögen vom
Mann stammt, eliminiert. Im Falle der Auflösung eine Ehe wird die Teilung des in der Ehe
erworbenen Vermögens vorgenommen.
55.geschichte der frauenbewegungDohnal, Albrecht,
Fast und Eypeltauer
19791979 wurde das Gesetz über die Gleichbehandlung von Mann und Frau bei der Entlohnung beschlossen und eine Gleichbehandlungskommission eingerichtet, die bis heute
1979 bildete Bruno Kreisky die Regierung
um. Er schuf vier neue Staatssekretariate,
die alle mit Frauen besetzt wurden. Eine davon war Johanna Dohnal, fortan Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen im Bundeskanzleramt. Der Frauenanteil in der Regierung
stieg damit erstmals auf über 25 %. Die Reaktionen waren heftig. Auch Genossen aus der
SPÖ reagierten auf diesen „Paukenschlag“
empört. Kreisky ließ sich nicht beirren. Er
zog seine Entscheidung durch. Rückblickend47Feigl, Susanne (2002)48
Alle frauenpolitisch relevanten Maßnahmen seit 1970 unter:
http://www.renner-institut.at/frauenakademie/sp_70er/sp_frpol.htm
Frauen in der Politik – Eine Übersicht:
http://www.demokratiezentrum.org/de/startseite/wissen/timelines/
frauen_ in_der_ politik_-_ positionsinhaberinnen_-_ institutionelle_frauenpolitik.html56.meinte er dazu einmal: „Bei der Todesstrafe
und der Emanzipation der Frau darf man die Basis nicht fragen.“ Nicht nur innerhalb der Partei war die Einsetzung der Frauen zutiefst umstritten, auch die Öffentlichkeit kommentierte
diese Besetzung höhnisch: Vom „Vier Mäderl
Haus“, von „Gehilfinnen“, von „Puppen“ oder
vom „Damenquartett“ war in den Zeitungen zu
lesen.47
In den 13 Jahren sozialdemokratischer
Frauenpolitik wurden nicht nur formal-rechtliche Gleichstellungsmaßnahmen erlangt. Es
wurden auch viele Themen enttabuisiert, die
Frauen in ihrer Realität massiv betreffen. Viele
Initiativen der autonomen Frauenbewegung
wurden unterstützt, Frauenhäuser errichtet
und Kulturprojekte gefördert.48
80er und 90er Jahre	Engagierte Feministinnen versuchten in
dieser Zeit vor allem, die Spannung zwischen
„öffentlich“ und „privat“ weiter abzubauen. Es
ging ihnen darum, „die Öffentlichkeit zu feminisieren“. Das bedeutete, auf „private“ Probleme von Frauen aufmerksam zu machen und
„öffentliche“ Verantwortung dafür zu fordern.
Eine vehemente Forderung war, die „innereheliche“ Vergewaltigung unter Strafe zu stellen.
Das geschah erst 1989.
Ein anderer wichtiger Punkt war auch das
Präsent - Machen von Frauen in und durch öffentliche Funktionen. In der Zeit der kleinen
Koalition von 1983–1986 gab es erstmals in der
Geschichte Österreichs mehr als 10 % Frauen
bei den Nationalratsabgeordneten 49. 1985geschichte der frauenbewegungbeschloss die SPÖ auf ihrem Parteitag als erste Partei in Österreich eine Quote von 25 %.
Das heißt, dass ab diesem Zeitpunkt mindestens 25 % aller Nationalratsabgeordneten der
Partei weiblich sein mussten. 1993 wurde die
Quote auf 40 % erhöht. 2007 sind 31,1 % aller
Abgeordneten zum Nationalrat Frauen. Immer
noch entspricht das keineswegs der Bevölkerungsstruktur, die der Nationalrat vertreten
Ein anderes Thema, um das sich viele Frauen in den 80er und 90er Jahren annahmen,
war die Abrüstung und Friedenspolitik. Friedensmärsche wurden organisiert und öffentliche Kundgebungen gegen Atomwaffen abgehalten.
Darüber hinaus beschäftigte sich die Frauenbewegung bis heute mit traditionellen Berufsbildern von Männer und Frauen mit dem
Ziel, diese aufzuweichen. Frauen arbeiten bis
heute eher in Dienstleistungssektoren, die traditionell schlecht bezahlt sind. Es gibt aber
zahlreiche Projekte, die versuchen, Mädchen
auch „unkonventionelle“ Berufe schmackhaft
Außerdem wurden von Frauengruppen
Frauenkultur- und Kommunikationszentren initiiert. Allerdings machten fehlendes Interesse,
grundlegende Differenzen zwischen den feministischen Gruppen und personelle Schwächen der Bewegung zu schaffen. Viele „alte“
Feministinnen festigten ihr Engagement in politischen Organisationen. Der neuen Generation schienen die Konzepte der 70er -Jahre verstaubt zu wirken.Es wurden Diskussionen über das „autonome“ Konzept geführt und dessen Richtigkeit in
Frage gestellt. Der Separatismus wurde auch
seitens anderer Feministinnen kritisiert. Viele
Frauen verstanden die Abgrenzung nicht nur
als eine von Männern, sondern auch als Abwendung von anders denkenden Frauen.
Heute stehen wir auf den Schultern von
Riesinnen. Unzählige Frauen haben in den letzten zwei Jahrhunderten jene Rechte erkämpft,
die uns jungen Frauen jetzt selbstverständlich erscheinen. Diese bewegten Frauen nahmen Schmach und Spott auf sich, ließen sich
beschimpfen und verunglimpfen. Nicht wenige
von ihnen wurden verfolgt, eingesperrt oder
haben sogar ihr Leben im Kampf für Frauenrechte gelassen. Ihre Namen sind weitgehend
aus der männlichen Geschichtsschreibung
Auch wenn wir dadurch heute in ganz anderen Verhältnissen aufwachsen und leben,
darf uns das nicht den Blick auf all jene Bereiche verstellen, in denen Frauen bis heute
nicht gleich gestellt sind. Die folgenden Seiten
beschäftigen sich mit aktuellen Debatten und
versuchen eine Bestandsaufnahme aus heutiger Sicht.
Für uns steht außer Frage, dass wir den
hier genannten Frauen und vielen darüber hinaus verantwortlich sind, unsere Finger auf alte
und neue offene Wunden zu legen und ihren
Kampf weiter zu führen. Den Kampf für eine
Gesellschaft jenseits von Geschlechterzugehörigkeit.
57.111. Feministische Theorien,
Themen, Entwicklungen …Bildung ist Befreiung …… vor allem, wenn Frauen die vermeintlich
objektive Wissenschaft – die ebenso wie alle
anderen gesellschaftlichen Bereiche von patriarchalen Strukturen durchdrungen ist – ein
wenig entzaubern.
Von 1970 bis 2007 stieg der Frauenanteil unter den StudienanfängerInnen von 26
Prozent auf etwa 55 Prozent. Insbesondere
eine Sozial- und Hochschulpolitik, die auch
Menschen aus bildungsferneren und einkommensschwachen Schichten ein Studium ermöglichte, eröffnete gerade Frauen den Zugang zur Wissenschaft. Dieser „Ansturm“
der Frauen auf die höheren Bildungseinrichtungen findet sich in den Universitätsstrukturen selbst jedoch nicht wieder. Im Jahr 2007
beträgt der Anteil an Frauen bei den AssistentInnen gerade mal 33 Prozent und bei den ProfessorInnen reduziert sich ihr Anteil auf nur
mehr 14 Prozent. Auf universitärer Leitungsebene kann von einem Frauenanteil gar keine
Rede sein. Am 1. Oktober 2007 tritt die erste
Frau in der Geschichte ihr Amt als Rektorin einer österreichischen Universität an.
58.Susanne Dermutz, Universitätsassistentin
am Institut für Erziehungswissenschaften an
der Universität Klagenfurt: „Wissenschaft und
Frau-Sein ist eine heikle, schwierige Beziehung,
weil Frau-Sein im Wissenschaftsbetrieb für
mich persönlich heißt, Widerstand gegen sehr
etablierte Theoriekonstrukte oder gegen ein
Wissenschaftsverständnis des Kontrollierens
und Disziplinierens leisten zu müssen, ohne all
das entscheidend ändern zu können.” Gegen diese vor allem gläsernen Wände ist es dennoch
gelungen, wichtige Wissenschaften zu entwickeln, die sich unter den Begriffen „Frauenforschung“, „feministische Wissenschaft“ und
„Genderforschung“ zusammenfassen lassen.
Aber nicht nur in Bezug auf die spezifisch
feministische Forschung mit all ihren Facetten ist einiges passiert. Auch in sämtlichen anderen wissenschaftlichen Disziplinen werden
Frauenaspekte berücksichtigt. Eine richtige
Durchflutung des Lehrstoffs mit geschlechtergerechten und –sensiblen Inhalten ist jedoch
nicht der Fall. Meist wird die Frage der Geschlechtergerechtigkeit als „Frauen-Thema“
abgekanzelt und separat behandelt. Ein kleines
Beispiel: Die World Health Organization (WHO)theorien, themen, entwicklungenführt die schlechtere Wirksamkeit pharmazeutischer Präparate auf den weiblichen Organismus auf die mangelnde Berücksichtigung von
Frauen im Rahmen klinischer Studien zurück.
So werden neue Medikamente in den USA und
Großbritannien fast ausschließlich an männlichen Probanden getestet.
Dieses Phänomen in der Forschung hat weniger etwas mit bewusstem Sexismus, sondern
viel mehr mit so genanntem Androzentrismus
zu tun. Dieser Begriff versucht dem Umstand,
dass Frauen erst zu Beginn des 20. Jahrhun-derts am Forschungsprozess teilnehmen durften, Rechnung zu tragen. Die deutsche Sozialpsychologin Regina Becker-Schmidt zeigt die
noch immer anhaltenden Auswirkungen männlicher Dominanz im Wissenschaftsbetrieb auf:
„Ehe sich feministische Diskurse entfalten
konnten, waren Vorstellungen von ‚Geschlecht’
und ‚Geschlechtlichkeit’ bereits aus männlicher Perspektive vorgedacht. Die Geschichte der Frauen- und Geschlechterforschung hat
also, wissenschafts- und realhistorisch gesehen, nicht voraussetzungslos begonnen.“50Becker-Schmidt, Regina
Knapp Gudrun-Axeli (2003)5059.theorien, themen, entwicklungen„Das sexuelle Geschlecht
ist eine biologische
Gegebenheit für Männer
und Frauen. Die geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen an Frauen
und Männer stellen eine
kulturabhängige Definition
von Verhalten dar, das
als den Geschlechtern in
einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit angemessen gilt.
Diese kulturspezifische
Geschlechterrollen ist
also ein historisch
bedingtes Produkt.“
(Gerda Lerner)60.Theoretische Grundlagen der
aktuellen feministischen
DebatteBesonders durch den vermehrten Zugang von
Frauen zu höheren Bildungswegen erreichte
auch die Debatte um die vermeintlichen oder
realen Geschlechterunterschiede eine neue
Qualität: „Man wird nicht als Frau geboren,
man wird dazu gemacht.“ – Simone de Beauvoir
legte Ende der 40er Jahre den Grundstein für
die sex-/gender-Debatte in der neuen Frauenbewegung.
Die englische Sprache unterscheidet zwischen „sex", dem biologischen Geschlecht,
und „gender", dem sozialen Geschlecht bzw.
der Geschlechtsidentität. Das soziale Geschlecht ergibt sich aus der Summe jener Eigenschaften, die als typisch weiblich
oder typisch männlich angesehen werden
(z.B.: Frauen sind sensibel, emotional, zurückhaltend; Männer sind aggressiver, selbstbewusst, sexhungrig etc.).
Gender beschreibt schlicht und einfach
die gesellschaftlichen Geschlechterrollen, die
Vorstellungen und Erwartungen, wie Frauen
und Männer sind bzw. sein sollen. Es sind Iden-titätskonzepte, die auf Basis des biologischen
Geschlechts zugeordnet werden. Es sind Zuschreibungen, die sich im Lauf der Zeit ändern
können und von Kultur zu Kultur unterschiedlich sind.
Die „Entdeckung“ des sozialen Geschlechts
vergrößerte den Handlungs- und Argumentationsspielraum der Frauenbewegung, die die
vorherrschenden Geschlechterrollen nicht als
naturgegeben, sondern als veränderbar ansah.
Anfang der 80er Jahre kam wieder Bewegung in die teils festgefahrenen feministischen
Konzepte: Begriffe wie Ethnie und Klasse gewannen an Bedeutung und unter den Frauen
selbst kam es zu einer Differenzierung. Es gab
nicht mehr nur eine Gruppe von unterdrückten Frauen (vornehmlich weiß, bürgerlich und
meist heterosexuell). Lesbierinnen, Migrantinnen in westlichen Ländern und vor allem
auch Frauen aus dem Süden machten auf die
teilweise anderen, teilweise auf Grund der
Ausgangssituation ähnlichen Probleme aufmerksam.
„[… ] feministische Theorie hat es heute
mit einem vielstimmigen und in sich kontroversen Diskurs zu tun. Im Singular ist feminis-theorien, themen, entwicklungentische Theorie nicht zu haben. Das interdisziplinäre Feld feministischer Theoriebildung wird
allerdings durch ein gemeinsames Band zusammengehalten: das wissenschaftlich - politische
Interesse an der Verfasstheit von Geschlechterverhältnissen und die Kritik an allen Formen
von Macht und Herrschaft, die Frauen diskriminieren und deklassieren.“ 51 zeigen die Feministinnen Knapp und Becker-Schmidt die Vielschichtigkeit feministischer Theoriearbeit auf.
Obwohl die Einteilung der Feminismen in gewisse Strömungen eine grobe Verallgmeinerung darstellt, kann sie dennoch ein nützlicher
Kompass im Dschungel unterschiedlichster feministischer Debatten sein.
Prinzipiell kann von vier Paradigmen innerhalb feministischer Theoriebildung gesprochen werden, die nachfolgend kurz skizziert
werden:wird als gegeben betrachtet. Das „Weibliche“
wird positiv besetzt und bringt ein Mehr an Erfahrungsreichtum und anderem Blickwinkel
auf die Wissenschaft. Motto: „Die Frau ist anders, aber gleichwertig“Die EgalitätstheorieDekonstruktion von GeschlechtDreh- und Angelpunkt ist die Gleichheit zwischen den Geschlechtern. Typisch „männliche“
und typisch „weibliche“ Eigenschaften werden
auf geschlechtsspezifische Sozialisation und
Aufgabenteilung zurückgeführt. Männer werden (großteils) als Referenzpunkt herangezogen, wohin sich die Gleichstellung entwickeln
soll. Ableitungen in der sozialen Praxis sind vor
allem rechtliche Gleichstellungen.Sämtliche Mechanismen der Identitätsherstellung und vor allem der Geschlechtsidentität werden auf ihre Ex- und Inklusionsmechanismen abgeklopft. Jede Abgrenzung/
Unterscheidung setzt symbolische Ordnung
und gesellschaftliche Verhältnisse voraus, die
diese Differenzen bedeutungs- und sinnvoll
machen. Der universelle Anspruch des Ordnungssystems der Zweigeschlechtlichkeit wird
hinterfragt, ebenso die herkömmliche Auffassung von Subjekt, Vernunft und Wahrheit.
Heute sind es vor allem VetreterInnen der
Dekonstruktionstheorien, die im feministischen Diskurs für Aufregung sorgen und oft-Die Differenztheorie
Die Verschiedenheit (biologisch, sozial,
psychologisch) zwischen den GeschlechternKonstruktion von Geschlecht
Es stehen nicht mehr die Folgen der Geschlechterdichotomie im Vordergrund, sondern die Frage nach der Herstellung der Kategorie Geschlecht bzw. Männlich- und
Weiblichkeit. Es geht darum „to enable us to
look at cultures’ gender-lenses rather than
trough them“. Die Eindeutigkeit biologischer
Konstanten wird in Frage gestellt und das Geschlecht als Ergebnis von permanenter Reproduktion innerhalb sozialer Interaktion ausgemacht („doing gender“).Becker-Schmidt, Regina
Knapp Gudrun-Axeli (2003)
5161.theorien, themen, entwicklungenmals auch unter dem Schlagwort „postmoderner Feminismus“ zusammengefasst werden.
Eindeutige Subjektkonzepte und „EntwederOder-Denken“ weichen einer differenzierteren bzw. dekonstruierenden Sichtweise auf
das Geschlecht und der damit einhergehenden
Identitätsbildung. Hier knüpfen unter anderem
auch jene Strömungen an, die unter Transgender und Queer Theory zusammengefasst
Gender-MainstreamingMitte der 80er Jahre verschluckten das
öffentliche Leben und die „offizielle“ Politik
die autonome Frauenbewegung: Quotenregelung, Gleichstellungsbeauftragte, staatlich finanzierte Projekte, akademischer Feminismus etc. etablierten sich. Nun sollte eine für
alle Frauen geltende Frauenpolitik durchgesetzt werden. Als beliebtes Mittel wurde hier
das Prinzip des Gender Mainstreaming herangezogen.
Der Begriff des Gender Mainstreaming kam
erstmals in den 60er Jahren auf. Aber erst
1995 erhielt er internationale Aufmerksamkeit, als er auf der Frauenkonferenz in Peking
62.thematisiert wurde. Mainstreaming bedeutet, dass ein bestimmtes Denken und Handeln
in den „Mainstream“ – in Politik und Verwaltung, Programme und Maßnahmen von Regierungen übernommen, zu einem selbstverständlichen Handlungsmuster wird und somit
ein Sonderthema zu einem Hauptthema wird.
Mainstreaming heißt, den „Mainstream“ zu
durchdringen und zu verändern. Gender mainstreaming bedeutet jedoch nicht, dass frauenspezifische Beobachtungen oder frauenfördernde Schritte gesetzt werden, sondern
lediglich, dass die Auswirkungen aller Maßnahmen auf beide Geschlechter, Frauen und
Männer, beobachtet werden.
Gender Mainstreaming hat das Ziel, die unterschiedliche Stellung von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft in allen Bereichen
und bei allen Planungs- und Entscheidungsschritten bewusst wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Tatsächlich ist diese Methode
nur eine des Beobachtens, nicht aber des aktiven Handelns.
Gender Mainstreaming umgesetzt in die
Praxis: Du willst eine SchülerInnenzeitung
nach dem Prinzip des Gender Mainstreamingtheorien, themen, entwicklungengestalten. Wichtig ist, dass die Artikel von beiden Seiten der Geschlechter zu gleichem Anteil verfasst werden. Außerdem soll ein Themenblock (z.B.: Bildungspolitik) nicht von
einem Geschlecht dominiert werden. Wie oft
kommen Frauen und Männer auf Bildern vor?
Und vor allem: Wie sind diese abgebildet –
werden dadurch die derzeit vorherrschenden
Rollenklischees verfestigt? Sind die Artikel für
beide Geschlechter gleich ansprechend? Und,
Gender Mainstreaming soll traditionelle
Sichtweisen der Frauenpolitik aufheben: Nicht
Frauen haben spezifische Probleme, sondern
gesellschaftlich hergestellte Bedingungen
versetzen Frauen in problematische Situationen. Nicht Frauen haben Defizite, die beseitigt werden müssen, sondern Defizite sind
auf Grund der gesellschaftlich definierten Geschlechterrollen auch bei Männern vorhanden – nicht auf Grund des biologischen Geschlechts. Nicht Frauen sind zuständig für die
Lösung der Geschlechterprobleme, sondern
Frauen und Männer übernehmen die Verantwortung für die Veränderung der Geschlechterverhältnisse gemeinsam.
Gender Mainstreaming ist „modern“ geworden. NGOs, private Firmen und staatliche
Einrichtungen wenden es an bzw. schreiben
sich auf die Fahnen, „gegendert“ zu arbeiten.
Allerdings werden in aktuellen Debatten von
feministischer Seite aber auch immer mehr
Stimmen laut, die vor einem Trend warnen:
Die Gefahr, dass sich Gender Mainstreamingvon einer ergänzenden hin zu einer frauenfördernde Maßnahmen ersetzenden Strategie
Richtig und auch positiv ist daher der Ansatz, dass sich Gleichstellungsanliegen durch
alle Bereiche und Maßnahmen ziehen müssen.
Klar ist jedoch, dass Gender Mainstreaming
eine konkrete Frauenförderungspolitik nicht
ersetzen, sondern lediglich ergänzen kann.
Sprache als Thema der
FrauenbewegungSprache dient den Menschen nicht nur als
Kommunikationsmittel, sondern vermittelt
auch maßgeblich unsere Weltanschauung und
trägt zur Bildung unserer sozialen und psychosozialen Identität bei.„Frauen, nichts
mehr schlucken!
Feuer spucken!“
Fraueninitiative DFI)Wie eine Sprache aufgebaut ist, wie sie
sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt, ist
nicht dem Zufall überlassen, sondern hängt
wesentlich von den sozialen Bedingungen der
Menschen, die diese Sprache sprechen, ab.
Das Verhältnis zwischen Sprache und Gesellschaft ist folglich als ein in ständiger Wechselwirkung Stehendes zu begreifen. Sprache
wird von Menschen, die in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen leben, entwickelt
und spiegelt diese gesellschaftlichen Strukturen wider. Gleichzeitig aber wirken die sprachlichen Strukturen in Form von Weltbildern
und Ideologien auf die Individuen, die sie ent
wickeln, benützen und verändern, wieder zurück.
63.theorien, themen, entwicklungenSprache stellt also einen zentralen Bereich
im Leben eines Menschen dar und ist untrennbar mit Identität verbunden. Mädchen und
Frauen erscheint es oft selbstverständlich,
von sich in der männlichen Form zu sprechen
(„Ich bin Student, Schüler, Angestellter, … “),
oder sich mitgemeint zu fühlen, wenn männliche Bezeichnungen verwendet werden. Im
Unterschied dazu ist es nahezu unvorstellbar,
ausschließlich weibliche Endungen zu verwenden, ohne dadurch mit der Empörung von
Burschen oder Männern rechnen zu müssen.
Dass das Männliche als Norm angesehen wird
und Frauen dieser Norm untergeordnet werden, wird allerdings nicht hinterfragt.
Sprache ist sexistisch, wenn sie Frauen
und ihre Leistungen ignoriert, wenn sie Frauen nur in Abhängigkeit von und Unterordnung zu Männern beschreibt, wenn sie Frauen nur in stereotypen Rollen zeigt und ihnen
so über das Stereotyp hinausgehende Interessen und Fähigkeiten abspricht und wenn
sie Frauen durch herablassende Sprache demütigt und lächerlich macht. Die nichtsexistische Sprachverwendung folgt daher zwei wesentlichen Leitgedanken: Sichtbarmachung
64.Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache bedeutet, sie ausdrücklich und in nicht abwertender Weise zu benennen, zur Bezeichnung von Frauen keine männlichen Ausdrücke
(Maskulina), sondern nur weibliche Wortformen (Feminina) zu verwenden.
Frauen müssen jederzeit eindeutig entscheiden können, ob sie gemeint sind. Deswegen wird die maskuline Form eines Wortes
nicht mehr als Oberbegriff verwendet, der
Frauen und Männer gleichermaßen bezeichnen soll.
Symmetrie bedeutet, dass Frauen dort, wo
Frauen und Männer genannt werden, sprachlich gleich behandelt werden. Sie werden in
gleicher Weise vorgestellt (das gilt besonders
für die Nennung von Namen, Titeln, Berufsund Funktionsbezeichnungen).
Sexistische Ausdrücke und Bezeichnungen,
die Frauen abwerten oder lächerlich machen,
werden nicht verwendet. Frauen werden als
aktiv Handelnde, als Eigenständige und Gleichberechtigte dargestellt, nicht stereotyp als von
Männern abhängig, ihnen untergeordnet oder
im Verhältnis zu Männern zweitrangig.1V. Aktuelle Situation &
Unterdrückung von FrauenArbeitsweltDer Anteil der beschäftigten Frauen in
Österreich ist in den letzten Jahren weiter gestiegen und beträgt heute 60,7 %. Das ist zwar
ein relativ hohes Level, liegt aber noch immer
deutlich unter den skandinavischen Ländern
und natürlich hinter der Beschäftigungsquote
der Männer, die 74,9 % beträgt.
Der Arbeitsmarkt in Österreich ist nach wie
vor stark nach Geschlechtern geteilt.
Auf der einen Seite findet eine horizontale Segregation statt, was bedeutet, dass es
eine deutliche Trennung zwischen Frauen- und
Männerberufen gibt. Klassische Frauenberufe
finden sich im Gesundheits- und Sozialwesen,
wo 77 % aller Beschäftigten Frauen sind sowie
im Bereich Unterricht, hier sind es 65 % aller
Beschäftigten. Auf der anderen Seite gibt es
eine anhaltend starke vertikale Segregation,
also das Phänomen, dass Frauen nur bis zu bestimmten Positionen in der Unternehmenshierarchie aufsteigen und nicht darüber hinaus
kommen können. Laut Frauenbericht der Arbeiterkammer sind in börsennotierten Unternehmen nur 2,9 % Frauen in Managementfunktion zu finden .Problematisch ist die Entwicklung der atypischen Beschäftigungsverhältnisse, die in
erster Linie Frauen betrifft. In Österreich sind
38,7 % der Frauen in Teilzeitjobs beschäftigt –
und dies meist nicht freiwillig. Aufgrund der
nach wie vor bestehenden Verantwortung für
die Betreuung der Kinder bzw. Familie sind
viele Frauen gezwungen, in flexiblen Beschäftigungsformen zu arbeiten, um Familie und Beruf irgendwie vereinbaren zu können.„Unrecht“, meint
Herr Keuner „gewinnt
oft Rechtscharakter
einfach dadurch, dass
es häufig vorkommt“
(Bert Brecht)In diesem Zusammenhang ist die Frage der
Kinderbetreuungsangebote zentral. Laut einer
Studie von Fuchs u.a. aus dem Jahr 2005 fehlen in Österreich rund 40 000 bis 50 000 Kinderbetreuungsplätze. Vor allem bei den unter 3-jährigen sieht die Lage nicht sehr rosig
aus. Besonders problematisch ist die Tatsache, dass die Karenzzeit bis zum 2. Geburtstag
des Kindes reicht, aber nur für 21 % der Zweijährigen ein Betreuungsplatz vorhanden ist.
Durch eine unzureichende Verfügbarkeit von
Betreuungseinrichtungen sind Frauen dazu gezwungen, entweder zu Hause zu bleiben oder
eben einen Teilzeitjob anzunehmen.
Im Hinblick auf Familienpolitik in Österreich
ist festzustellen, dass die traditionelle Famili65.66.aktuelle situationenform von Vater, Mutter und mehreren Kindern im Auflösen begriffen ist. Der Anteil der
AlleinerzieherInnen steigt, Patch-Work Familien und gleichgeschlechtliche PartnerInnenschaften werden häufiger. Die in den letzten
Jahren stark rechts-konservativ dominierte
Familienpolitik hat dieser Entwicklung allerdings kaum Rechnung getragen und baut nach
wie vor auf einem Familienbild auf, in der der
Mann der „Ernährer“ ist und das Einkommen
der Frau nur als Zuverdienst gesehen wird.vativen Kräften immer wieder als fortschrittliche Maßnahme verteidigt wird, werden
Frauen aktiv daran gehindert, möglichst früh
wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Studien zeigen, dass eine längere Bezugsdauer zu
einer erhöhten Arbeitslosigkeit und einer geringen Beschäftigung von Frauen führt. Ökonomische Sicherheit ist aber ein wesentlicher
Grundstein für Unabhängigkeit und Selbstständigkeit von Frauen.
Unbezahlt und unsichtbarArmut ist weiblichArmut ist immer noch weiblich. Obwohl
seit 2000 ein allgemein starker Anstieg der armutsgefährdeten Personen in Österreich zu
verzeichnen ist, sind nach wie vor vor allem
Frauen davon betroffen. Besonders prekär ist
die Entwicklung im Bereich der AlleinerzieherInnen: Jede dritte Person in einem allein erziehenden Haushalt ist armutsgefährdet und
es sind in erster Linie Frauen, die ihre Kinder
alleine erziehen. Im Hinblick auf Armutsprävention sind es wieder Frauen, die durch das
bestehende soziale System benachteiligt werden. Durch meist lückenhafte Erwerbsbiografien (bedingt durch Kindererziehungszeiten),
atypische Beschäftigungsverhältnisse, geringes Einkommen usw. erhalten viele Frauen nur
geringe bzw. gar keine Sozialleistungen.
In diesem Zusammenhang muss auch das
familienpolitische Instrument des Kinderbetreuungsgeldes thematisiert werden. Gerade durch die lange Bezugsdauer, die über den
Kündigungsschutz hinausgeht und von konser-Jede Gesellschaft ist abhängig von geleisteter reproduktiver Arbeit, das bedeutet, dass
Menschen versorgt, betreut, ausgebildet und
gepflegt werden müssen. Diese Arbeit ist in
unserer Gesellschaft nach wie vor ungleich
zwischen Männern und Frauen verteilt. Sie
ist unbezahlt und dabei für die Wirtschaft von
großer Wichtigkeit. Sie stellt sicher, dass die
benötigten Arbeitskräfte auch einsatztauglich
sind.Nackte Frauenkörper
omnipräsentObwohl sich die Situation auf den ersten
Blick über die letzten Jahrzehnte schrittweise verbessert hat und „nur mehr“ 57 Prozent
der Frauen angeben, dass sie überwiegend
oder ganz alleine für die Hausarbeit zuständig sind, sind wir noch weit von einer gleichberechtigten Aufteilung der unbezahlten Arbeit entfernt. Durchschnittlich wenden Frauen
in Österreich pro Woche 45,2 Stunden für Job,
Haushalt, Familie etc. auf, von denen fast zwei
Drittel auf Hausarbeit und Kinderbetreuung
entfallen. Im Vergleich dazu arbeiten Männer
67.aktuelle situationim Durchschnitt nur 35,1 Stunden pro Woche
und wenden ein Fünftel ihrer Zeit für reproduktive Tätigkeiten auf. Aber was bedeutet
das? Mehr Zeit für unbezahlte Arbeit aufwenden zu müssen, bedeutet weniger Zeit für andere Tätigkeiten wie Freizeit, Aus- und Weiterbildung zu haben. Eine Situation, die zu einer
Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern führt.
SchönheitsterrorVor allem Frauen leiden unter den Zwängen von Schönheitsidealen, die uns tagtäglich
durch Medien und Werbung vermittelt werden.
Allein in Österreich leiden 2500 der 15 bis 20
Jährigen Mädchen an Magersucht. Resultierend aus einer ständigen Unzufriedenheit
mit dem eigenen Körper hat die Hälfte aller
11-jährigen Mädchen schon mindestens einmal in ihrem Leben eine Diät gemacht, obwohl
sie medizinisch gesehen nicht übergewichtig sind. Die bestehenden gesellschaftlichen
Anforderungen und der Druck für Frauen und
Mädchen, schön und „sexy“ zu sein, zeigen
sich in Ausformungen, die von Fastenkuren
über Schönheitsoperationen bis hin zur Selbstverstümmelung und Tod reichen.
Verhütung ist Frauensache. Laut einer Studie des Österreichischen Institutes für Familienplanung halten sich 95 Prozent der Mädchen
und 93 Prozent der gesamten Jugendlichen
für gut bzw. ziemlich gut aufgeklärt. Kommt
es aber dann zu detaillierteren Kenntnissen
über Verhütung und Sexualität verändert sich
dieses Bild. Nach wie vor liegt es offensicht68.lich an den Frauen, sich um die Verhütung zu
kümmern. Es ist zwar allen Jugendlichen das
Kondom bzw. die Pille bekannt, Frauen weisen aber eine deutlich höhere Kenntnis über
verschiedene Verhütungsmethoden auf. Bei
der Frage nach dem fruchtbarsten Zeitpunkt
im Zyklus von Frauen können nur 20 Prozent
aller Befragten den richtigen Zeitpunkt angeben. Das bedeutet, dass, obwohl sich Jugendliche sehr wohl für aufgeklärt halten, oft genaue
Kenntnisse fehlen. Gleichzeitig stellen Pornohefte und -filme für 43 Prozent der Burschen
Hauptaufklärungsquellen dar, über die sie Informationen beziehen, die oft eine problematisches Bild von Sexualität vermitteln.
Die finanzielle Hürde bei Verhütungsmitteln
stellt ein weiteres Problem dar: Kondome und
die Pille werden nicht kostenlos abgegeben,
ein selbstverantwortlicher Umgang zur Verhinderung von ungewollten Schwangerschaften
und sexuell übertragbaren Krankheiten wird
dadurch zusätzlich erschwert.
Frauen und GewaltNicht zuletzt sind auch heute noch Frauen
in Österreich tagtäglich von Gewalt betroffen,
jede fünfte Frau wird Opfer von Gewalt durch
Ehemann oder Partner. Meist befinden sich
die männlichen Täter im unmittelbaren Verwandtschafts- oder Bekanntenkreis der Frau,
somit werden statistische Erfassungen des
Ausmaßes der geschlechterspezifischen Gewalt erschwert, da viele Frauen aus Angst oder
Scham schweigen und Vorfälle nicht zur Anzeige bringen.V. Deshalb sind wir
Feministinnen! –Wer wir sind und was wir wollenDie Sozialistische Jugend setzt sich für eine
gleichberechtigte, gerechte und soziale Gesellschaft ein, in der alle Menschen, gleich welchen Geschlechts, welcher Herkunft, Hautfarbe oder Sexualität die Möglichkeit haben, sich
frei zu entfalten und ein menschenwürdiges
Leben zu führen. In den vorhergehenden Kapiteln dieser Broschüre wurde aufgezeigt, wie
sich Frauen über lange Zeit Rechte und Möglichkeiten erkämpft haben, wie sich die gesellschaftliche Einstellung bezüglich des Status der Frauen dadurch verändert hat und
wie feministische Theorien und Gerechtigkeit
schaffende Maßnahmen in den letzten Jahren
Eingang in Politik, Bildung und Wissenschaft
gefunden haben. Wir haben aber auch erfahren, dass Frauen nach wie vor in vielen Bereichen benachteiligt sind und totale Gleichberechtigung auf sich warten lässt. Tatsache ist,
dass es noch immer große Unterschiede zwischen der offiziellen Gesetzgebung und der realen Situation von Frauen gibt, und das, obwohl Frauen und Männer mittlerweile rechtlich
und formal gleichgestellt sind (zumindest in so
genannten Erste–Welt-Ländern). Ob in Sprache, Familie, Ausbildung, Beruf, Medien, Politik oder Geschichtsschreibung, das Männlicheist stets das Maß aller Dinge, während das
Weibliche am Rand gedrängt steht und, wenn
überhaupt, gesondert betrachtet wird. Als logische Konsequenz all dieser Überlegungen
stellt sich nun die Frage, wie diesem Ungleichgewicht beizukommen ist bzw. woran die Benachteiligung der Frauen überhaupt liegt. Um
diese Fragen zu klären, ist es notwendig, einen
Blick auf unsere Gesellschaft, Geschichte und
deren Verlauf zu werfen.„Gebären und Stillen sind
zwar ein Naturgebot,
das Anwerfen der
Waschtrommel schon
(Eva Windmöller)Frauenunterdrückung ist kein Zufall
Die Geschichte der Menschheit ist geprägt
vom Unterschied zwischen Klassen – zwischen Unterdrückenden und Unterdrückten,
zwischen arm und reich, zwischen Lohnabhängigen und Kapitalbesitzenden. Das Spezielle
an der Geschichte der Frauen aber ist die Tatsache, dass sie die am dauerhaftesten, konsequentesten und allumfassendsten unterdrückten Menschen unserer Existenz sind. Und das,
obwohl Frauen etwas mehr als die Hälfte der
Weltbevölkerung ausmachen. Einerseits werden sie – genau wie lohnabhängige Männer –
von den Herrschenden der Gesellschaft unterdrückt, die an der Ausbeutung der Menschen
69.deshalb sind wir feministinnenNicht nur die
sondern das ganze Haus
bringen52
Erst 1989 wurde in
Österreich ein Gesetz
verabschiedet, dass innereheliche Vergewaltigung unter
Strafe stellte und somit das
offizielle Besitzverhältnis
Mann-Frau aufhob.70.zugunsten ihrer eigenen Profitsteigerung interessiert sind, andererseits sind Frauen auch
innerhalb ihrer eigenen sozialen Schicht, ihrer Klasse nicht gleichberechtigt, egal ob diese nun herrscht oder beherrscht wird. Frauen verrichten zwei Drittel aller gesellschaftlich
notwendigen Arbeit und besitzen im Gegensatz
dazu nur 0,98 Prozent des weltweiten Vermögens. Unbezahlte Hausarbeit, Erziehungs- und
Pflegearbeit ist nach wie vor fast ausschließlich weiblich dominiert und notwendig, um
das Bestehen der herrschenden Ordnung absichern zu können. Ohne die kostenlose bzw.
billige Arbeitskraft, die Frauen liefern, wäre
ein Aufrechterhalten der bestehenden Gesellschaftsordnung nicht möglich.
Während die großen Kulturen des antiken
Griechenlands oder Roms auf dem Rücken der
Sklavinnen und Sklaven aufgebaut wurden, so
wäre eine Entwicklung der fortschrittlichen
Gesellschaft, wie wir sie kennen, nicht möglich gewesen, hätte sie nicht zum Großteil auf
die kostenlose Arbeitskraft der Frau aufbauen
Die weiblichen Arbeitskräfte, genauso wie
die Fähigkeiten, die Frauen zugestanden oder
auch nicht zugestanden werden, sind, wenn wir
die Geschichte betrachten, stets nach Bedarf
eingesetzt, umgewandelt und angepasst worden. In frühen Steinzeitkulturen wäre niemand
auf die Idee gekommen, dass Frauen nicht genauso zum Bestand der Gemeinschaft beitragen dürften oder könnten. Unter den schwierigen Umständen war die Zusammenarbeit
aller Mitglieder einer Gemeinschaft Voraus-setzung für das Überleben. Es zeigt sich, dass
Frauen durchaus in der Lage sind, ebensolche
Leistungen wie ihre männlichen Gefährten zu
erbringen und tatsächlich waren Frauen auch
sehr lange für den Großteil, ca. 80 Prozent der
Nahrungsbeschaffung zuständig. Die Vorstellung des heroischen, aktiven Höhlenmannes,
der auf die Jagd geht, während seine passive
Frau in der Höhle hockt und das Feuer hütet,
ist längst als männliche Wunschvorstellung
und Fälschung der Geschichte entlarvt.
Lange war Frauen ausschließlich die Rolle der passiven Ehefrau und Mutter zugeteilt,
die nicht mehr als ein Teil des Besitzes ihres
Ehemannes 52 war und darum auch zu Hause
zu bleiben hatte. Solange, bis sich die äußeren
Umstände veränderten und Wirtschaft und Industrie Frauen als zusätzliche, billige Arbeitskräfte brauchten.
Das beste Beispiel dafür ist wohl der deutsche Faschismus und der damit verbundene
Zweite Weltkrieg. Von Anfang an propagierten die Nazis das Ideal der Hausfrau und Mutter, deren einzige Fähigkeit und Lebensaufgabe sein müsse, für Ehemann und Kinder zu
sorgen. Frauen wurde der Zugang zu höheren
Lehranstalten verweigert, Propaganda wurde
dafür betrieben, dass „der Platz der Mutter bei
ihrem Kind“ und nirgendwo sonst sei.
Doch in den letzten Jahren des Krieges kam
es zur Kehrtwende: Während zuvor strikt behauptet wurde, die naturgegebene, alleinige,
unumgängliche Bestimmung der Frau sei es,
Kinder zu bekommen und dem Mann zu dienen,deshalb sind wir feministinnenwurde seitens der Herrschenden nun plötzlich
versichert, Frauen wären genauso wie Männer dafür geeignet, einen Beruf zu ergreifen,
in der Rüstungsindustrie zu arbeiten, Straßenbahnen zu fahren, Flugzeuge zu fliegen, zu
schießen und auch zu kämpfen – mit der gleichen Kompetenz wie ihre Männer. Um Frauen
ein Vereinen von Familie und Beruf zu ermöglichen, wurden als logische Konsequenz Kinderbetreuungsplätze geschaffen und propagiert. Nicht um Gleichberechtigung zu fördern,
nicht weil erkannt wurde, dass Frauen die selben Aufgaben wie Männer genauso gut erfüllen können, nicht um ihnen die Selbstverwirklichung zu erleichtern. Allein aus ökonomischen
und wirtschaftlichen Gründen: aus Mangel an
Arbeitskräften aufgrund des so gut wie verlorenen Krieges und, was am wichtigsten war,
um die Rüstungsindustrie am Laufen halten
zu können. Hier zeigt sich, wie widersprüchlich und den jeweiligen Umständen angepasst
die „Heim und Herd“ Ideologie wirklich ist, wie
stark die Arbeitsfähigkeit der Frauen davon abhängig ist, ob sie ihnen zugestanden wird, d.h.
in einem weiteren Schritt, ob der Markt die Arbeitskraft der Frauen benötigt.
Frauen wird dann ermöglicht, einen Beruf
zu ergreifen, wenn es einen Überfluss an Arbeitsplätzen und Mangel an männlicher Arbeitskraft gibt, wie z.B. im Wiederaufbau nach
Kriegen. Sie sind die Ersten, die in Wirtschaftskrisen entlassen werden und dazu eingesetzt
werden, Verschlechterungen im Wirtschaftsund Sozialsystem im öffentlichen wie privaten
Bereich etwas abzufedern.Eine andere Welt ist nötig!
Wir leben in einem System, das voller Widersprüche ist. Während in den westlichen
Industriestaaten tagtäglich Nahrungsmittel vernichtet werden, um die Profitmaximierung einer Minderheit weiterhin zu gewährleisten, sterben jeden Tag 100 000 Menschen an
Hunger, Unterernährung und den direkten Folgen davon. Nach wie vor leiden speziell Frauen unter Armut und Hunger – der Reichtum
der 358 globalen Milliardäre entspricht dem
Gesamteinkommen der 2,3 Milliarden ärmsten Menschen, von denen wiederum 70 Prozent Frauen sind 53! Auch in den sogenannten
Sozialstaaten wie Österreich, das zu den Wohlhabendsten gehört, klafft die Schere zwischen
Arm und Reich immer mehr auseinander und
besonders Frauen sind davon betroffen. Der
Grund dafür liegt nicht in der „Natur“ der Frau
und nicht in der des Mannes. Der Grund dafür
liegt im bestehenden kapitalistischen System,
das eine ungerechte, undemokratische Verteilung der Güter und des vorhandenen Reichtums in sich trägt.
Die totale Gleichberechtigung der Frauen
kann in diesem System, das sich stark auf deren Unterdrückung und Benachteiligung stützt
und davon profitiert, nicht gewährleistet werden. Solange es Menschen gibt, die andere
Menschen unterdrücken und solange es Menschen gibt, die vom Leid anderer Menschen
profitieren – solange wird es Frauen geben,
die benachteiligt, ausgebeutet, unterdrückt
und getötet werden. Der Kampf für die Gleichberechtigung muss also in letzter KonsequenzIt's also safe to say
that the kind of feminism
we are most interested
in is the kind that not
only challenges misogyny
but also stands against
racism, homophobia, classism, imperialism etc.”
(Le Tigre)53 UNDP (United Nations
Bericht 199771.deshalb sind wir feministinnenauch ein Kampf gegen herrschende Strukturen sein – die totale Gleichberechtigung der
Frau innerhalb des kapitalistischen Systems
ist genauso wenig möglich, wie eine gerechte
Gesellschaft ohne die Gleichstellung der Frau
in allen Lebensbereichen möglich wäre. Deshalb bedeutet Kämpfen für Gleichberechtigung auch Kämpfen gegen die systematische
Unterdrückung und Ausbeutung weltweit –
und umgekehrt. In einem System, dessen Ziel
es ist, die wenigen Reichen immer reicher und
die vielen Armen immer ärmer werden zu lassen, reicht es nicht aus, zu hoffen, dass „die da
oben“ irgendwann einsehen, dass Frauen die
selben Chancen auf ein erfülltes Leben verdienen wie Männer. Genauso wenig dürfen wir uns
darauf verlassen, das eine gerechte, demokratische Verteilung der Güter und eine Demokratisierung der Lebensbereiche automatisch zur
Gleichberechtigung der Frauen führen muss
und die fortschrittlichen Männer selbstverständlich auf ihre Privilegien verzichten.
Die Diskriminierung und Benachteiligung
von Frauen zieht sich durch jeden Gesellschaftsbereich durch, hinein bis in das kleinste Element, das individuelle Bewusstsein
eines Menschen. Dieses individuelle Bewusstsein wird vor allem durch unser Sein stark geprägt (unsere Eltern, Erziehung, das gesellschaftliche, ökonomische System, in dem wir
aufwachsen mitsamt den Normen, die darin
gelten, …). Viele Rollenbilder und Klischees
werden von uns unbewusst angenommen und
durch fehlenden Anreiz selten hinterfragt. Zu
Hinterfragen, Bewusstsein zu bilden und Hintergründe aufzuzeigen sind wesentliche Be72.standteile im Kampf für Geschlechtergerechtigkeit. Doch um die Dinge tatsächlich ändern
zu können, braucht es mehr als das: Die Geschichte hat gezeigt, dass eine Veränderung
und Verbesserung der Verhältnisse erreicht
werden kann, sobald Menschen sich zusammenschließen und gemeinsam für ihre Interessen kämpfen. Alle Errungenschaften der Frauenbewegung, Recht auf Bildung, Wahlrecht,
Recht auf Abtreibung, um nur wenige Beispiele
zu nennen, wären nie erreicht worden, hätten
Frauen nicht gemeinsam dafür gekämpft!
Für uns als Sozialistische Jugend besteht
ein untrennbarer Zusammenhang zwischen
dem Kampf für eine Gesellschaft ohne Klassen und dem Kampf für eine Gesellschaft, in
der es keinen Unterschied macht, ob jemand
als Mann oder als Frau zur Welt kommt. Der
Kampf für eine gerechte Welt kann von uns
nur ernst genommen werden, wenn er die eine
Hälfte der Menschheit nicht ausschließt.
Kämpfen wir gemeinsam gegen Kapitalismus und Patriarchat! Für eine gerechte und
gleichberechtigte - für eine sozialistische Gesellschaft, denn:
Ohne Sozialismus keine Befreiung der Frau –
(Alexandra Kollontai)VI. AnhangVerwendete Literatur
Bauer, Ingrid (1995): Frauen, Männer, Beziehungen …
Sozialgeschichte der Geschlechterverhältnisse in der
zweiten Republik, in: 1945–1955, Entwicklungslinien der
zweiten Republik, BmUK, WienFrick, Inge (1976): Frauen befreien sich. Bilder zur Geschichte
der Frauenarbeit und Frauenbewegung, München
Fröschl, Erich u.a. (1989): Die Bewegung. Hundert Jahre
Sozialdemokratie in Österreich, WienBäumer, Gertrud (1914): Der Krieg und die Frau, StuttgartKohlhagen, Norgard (1981): Nicht nur dem Manne untertan.
Frauen, die die Welt veränderten, Frankfurt/MainBecker-Schmidt Regina und Gudrun-Axeli Knapp (2003):
Feministische Theorien zur Einführung. HamburgHauch, Gabriella (1990): Frau Biedermeier auf den Barrikaden.
Frauenleben in der Wiener Revolution 1848, WienBebel, August (1878): Die Frau und der Sozialismus,
Zürich-HöttingenWiesinger, Marion (1992): Land der Töchter,
150 Jahre Frauenleben in Österreich, WienRenner Institut (Hg.) (1993): Beharrlichkeit, Anpassung
und Widerstand. Die Sozialdemokratische Frauenorganisation
und ausgewählte Bereiche sozialdemokratischer
Frauenpolitik. 1945–1990, Wien 1993www.dhm.at
www.onb.ac.at/adriadne
www.mlwerke.deEnnsmann, Brigitte (1993): Frauenpolitik und Frauenarbeit im
Austrofaschismus. Diplomarbeit, Universität WienLinktippsFeigl, Susanne (2000): Politikerinnen in Wien 1848–2000, Wienwww.sjoe.at
Die Homepage der Sozialistischen Jugend ÖsterreichFeigl, Susanne (2002): Was gehen mich seine Knöpfe an?
Johanna Dohnal – eine Biographie, Wienwww.sjoe.at/frauen
Die Frauenhomepage der Sozialistischen Jugend Österreich
73.anhangInformation und BildungFeministische Forschungwww.ceiberweiber.at
Die Ceiberweiber geben uns fast täglich erfrischende
feministische Lektüre zum politischen Geschehen in Österreich.www.onb.ac.at/ariadne
Ariadne – Informations- und Dokumentationsstelle für Frauen-,
Geschlechter- und feministische Forschung, Serviceeinrichtung
der Österreichischen Nationalbibliothekwww.diestandard.at
Die Standard ist österreichweit die beste und
einzige Frauen-Tageszeitungwww.univie.ac.at/gender
Projektzentrum Frauen- und Geschlechterforschung der Uni Wienwww.auf-einefrauenzeitschrift.at
AUF-Frauenzeitschrift onlinehttp://www.vfw.or.at
Verband feministischer Wissenschafterinnenwww.frauenhetz.at
Frauenhetz – feministische Bildung, Beratung und KulturInstitutionenwww.frida.at
Verein zur Förderung und Vernetzung frauenspezifischer
Informations- und Dokumentationseinrichtungen in Österreich:
Sehr interessant für frauenpolitische Recherchen,
Auf der mädchenMACHT-Homepage findest du alles über
coole Berufe in der Informationstechnologie (IT)
und jede Menge Spiel und Spaß. Die wichtigsten Links zu
allen IT-Projekten, Schulen & Ausbildungen, Adressen
und Infos gibt es hier.
74.www.frauenring.at
Der österreichische Frauenring ist die größte Dachorganisation
österreichischer Frauenvereine. Ihm gehören Vertreterinnen
aller Parlamentsparteien, die Frauenorganisationen der Gewerkschaften und der Wirtschaft, der Katholischen und Evangelischen Kirche und Vertreterinnen autonomer Frauengruppen an
www.arbeiterkammer.com oder
www.arbeiterkammer.com/www-5249.html	Die Frauenredaktion der AK Oberösterreich bietet schnelle und
aktuelle Hintergrundinformationen zu sozialpolitischen, wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen. Von Frauen für
Frauen – aber selbstverständlich auch für interessierte Männer
http://www.frauen.spoe.at
Frauen Seite der SPÖ – Infos über die Frauenarbeit der SPÖanhanghttp://www.ams.or.at/frauen
Frauen-Bereich des ArbeitsMarktService. Online Beratung über
Wiedereinstieg, Kinderbetreuung und vieles mehr
Eine informative Seite über das Gewaltschutzgesetz, Links zu allen
österreichischen Frauenhäusern und die Möglichkeit, sich per Chat
(zum eigenen Schutz registriert) beraten und informieren zu lassen
Österreichische Frauenhäuser:
Autonome österreichische Frauenhäuser: www.aoef.at
Frauenhaus Amstetten: www.frauenhaus-amstetten.at
Frauenhaus Graz: www.frauenhaeuser.at/graz/start.htm
Frauenhaus Innviertel: www.frauenhaus-innviertel.at
Frauenhaus Linz: www.frauenhaus-linz.at
Frauenhaus Steyr: www.frauenhaus-steyr.at
Frauenhaus Vöcklabruck: www.frauenhaus-voecklabruck.at
Frauenhaus Wels: www.frauenhaus-wels.at
ARGE Oberösterreichische Frauenhäuser: www.frauenhaus.at
Frauenhaus Salzburg: www.frauenhaus-salzburg.at
Frauenhaus Innsbruck: www.fhf-tirol.at
Frauenhäuser Steiermark www.frauenhaeuser.at
Frauenhaus Kapfenberg: www.frauenhaeuser.at/kapfenberg/start.htmwww.die-abtreibung.at.tf/
Die Seiten für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen
Frauengesundheitszentrum Wien
Frauenweb – Internet von Frauen für Frauen
Frauenabteilung der Stadt Wien – digitaler Frauenstadtplan,
Telefonhelplines für Mädchen und Frauen, Publikationen,www.sexuelle-gewalt.de
Eine Seite zur Information für Opfer von sexueller Gewalt.
Österreichspezifische Informationen gibt es unter
www.sexuelle-gewalt.de/oesterreich.htmlMehr frauenspezifische Links findest du unter
75.sozialistische jugend vor ortSozialistische Jugend Österreich
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§ 145
 § 144
 § 144
 § 97
 § 91
 § 92