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Timestamp: 2019-01-24 13:18:22+00:00

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Irischer Philosoph und Theologe, der seit 1734 Bischof von Cloyne in Irland war. Berkeley vertrat einen idealistisch-spiritualistischen Sensualismus, der eine unabhängig von der Wahrnehmung bestehende Außenwelt leugnet. Gegenüber Isaac Newton hielt er die teleologische Erklärung der Naturerscheinungen aufrecht und leugnete den Gedanken der Absolutheit von Zeit, Raum und Bewegung. Er gründete die Ethik auf die Religion und vertrat die Übereinstimmung von Glauben und wissenschaftlicher Erkenntnis. Kurz: Die sinnliche Welt hat nach seiner Auffassung kein eigenständiges, unabhängiges, wirkliches Dasein, sondern befindet sich in einem »unendlichen allgegenwärtigen seelischen Wesen (infinit omnipresent spirit), das sie enthält und trägt«. Dieser »allweise Geist«, der »alles in allem bewirkt und durch den alles besteht«, erzeugt »in jedem Augenblick all die sinnlichen Eindrücke«, die der Mensch wahrnimmt. Aus der »Mannigfaltigkeit, Ordnung und Beschaffenheit« der sinnlichen Eindrücke schließt er, »dass ihr Urheber unermesslich weise, mächtig und gut ist«.
Über Gott, welcher der Urheber der Natur ist und als höchste Intelligenz und allweiser Geist alles in allem bewirkt.
Ein unendlicher allgegenwärtiger Geist enthält die sinnliche Welt, der zugleich alle sinnlichen Eindrücke hervorbringt, die der Mensch wahrnimmt
aus: Eine Abhandlung über die Prinzipien der Philosophie
§ 62. [...] Es gibt gewisse allgemeine Gesetze, die durch die ganze Kette von Naturerfolgen hindurchgehen; diese lernt man durch Beobachtung und Studium der Natur kennen und wendet sie an ebensowohl zur Bildung von Kunstprodukten zum Zweck des Nutzens und Schmuckes des Lebens wie zur Erklärung der verschiedenen Phänomene; diese Erklärung besteht nur darin, dass man die Übereinstimmung nachweist, in welcher irgendeine einzelne Erscheinung mit den allgemeinen Gesetzen der Natur steht, oder, was dasselbe ist, dass man die Gleichmäßigkeit entdeckt, mit welcher die natürlichen Wirkungen erfolgen; dies wird jedem einleuchten, der auf die verschiedenen Fälle achtet, in denen Philosophen von Naturerscheinungen Rechenschaft zu geben behaupten. Daß ein großer Nutzen in diesen regelmäßigen, konstanten Weisen des Handelns liegt, welche der höchste Wirkende beobachtet, ist in § 31 gezeigt worden. Auch ist es nicht weniger einleuchtend, dass eine bestimmte Größe, Figur, Bewegung und Anordnung von Teilen erforderlich ist, obschon nicht absolut zur Hervorbringung irgendeiner Wirkung, so doch zu ihrer Hervorbringung gemäß den beständigen mechanischen Gesetzen der Natur. So kann z. B. nicht geleugnet werden, dass Gott oder die höchste Intelligenz, welche den geordneten Lauf der Dinge aufrechterhält und beherrscht, falls er ein Wunder tun wollte, alle die Bewegungen, die über dem Zifferblatt einer Uhr erfolgen, hervorbringen könnte, auch wenn niemand das Getriebe bearbeitet und eingefügt hätte; will er aber gemäß den Gesetzen des Mechanismus handeln, die von ihm zu weisen Zwecken bei der Schöpfung begründet sind und aufrechterhalten werden, so ist es notwendig, dass jene Handlungen des Uhrmachers, die Anfertigung und angemessene Einrichtung des Getriebes, der Hervorbringung der erwähnten Bewegungen vorausgehen, ebenso wie auch, dass irgendwelche Unregelmäßigkeit in diesen Bewegungen verbunden ist mit der Wahrnehmung irgendwelcher Unordnung im Getriebe, nach deren Beseitigung alles wieder in Ordnung ist.
§ 63. Es kann in der Tat bei gewissen Anlässen erforderlich sein, dass der Urheber der Natur seine oberherrliche Macht bekunde durch Hervorbringung einer Erscheinung außerhalb der geordneten Reihe der Dinge. Solche Ausnahmen von den allgemeinen Gesetzen der Natur sind geeignet zu überraschen und die Menschen zur ehrerbietigen Anerkennung des Daseins Gottes zu bringen; aber dann darf von diesem Mittel nur selten Gebrauch gemacht werden, weil andernfalls zu erwarten steht, dass es seine Wirkung verfehlt. Zudem will Gott, so scheint es, lieber unsere Vernunft von seinen Eigenschaften durch die Werke der Natur überzeugen, die so viele Harmonie und Kunst in ihrem Bau bekunden und so deutlich die Weisheit und Güte ihres Urhebers bezeugen, als uns durch Erregung von Erstaunen mittels außerordentlicher und überraschender Ereignisse zum Glauben an sein Dasein bringen. ( S.59-61)
§ 75. Es ist ein sehr auffälliger Beweis der Stärke des Vorurteils und etwas sehr Beklagenswertes, dass der Geist der Menschen trotz aller Vernunftevidenz eine so große Vorliebe für ein stupides gedankenloses Etwas behält, durch dessen Einschiebung er sich, wenn ich so sagen darf, gegen die göttliche Vorsehung decken und Gott weiter von den Angelegenheiten der Welt entfernen möchte. Aber mögen wir auch das Äußerste tun, was wir können, um den Glauben an eine Materie zu sichern, mögen wir auch versuchen, wenn Vernunftgründe uns im Stich lassen, unsere Meinung auf die bloße Möglichkeit des Dinges zu gründen, und mögen wir dabei auch, um diese bloße Möglichkeit herauszubringen, unserer Phantasie den vollen Spielraum gestatten, den sie findet, wenn sie nicht durch die Vernunft geleitet wird, so ist doch das Endresultat nur, dass es gewisse unbekannte Ideen im Geiste Gottes gibt; denn dies, wenn überhaupt irgend etwas, ist alles, was ich als den Sinn von Veranlassung in bezug auf Gott zu verstehen vermag. Und dies heißt im Grunde nicht länger für die Sache, sondern für den Namen kämpfen.
§ 76. Ob es nun solche Ideen im Geiste Gottes gebe, und ob sie durch den Namen Materie zu bezeichnen seien, darüber werde ich nicht streiten. Aber wenn ihr festhaltet an dem Begriff einer undenkenden Substanz oder eines Trägers von Ausdehnung, Bewegung und anderen sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften, dann finde ich es offenbar unmöglich, dass ein solches Ding existiert, denn es ist ein voller Widerspruch, dass jene Eigenschaften in einer nicht perzipierenden Substanz existieren oder durch eine solche getragen werden. ( S.67-68)
§ 146. Aber obwohl es einige Dinge gibt, die uns davon überzeugen, dass die Wirksamkeit menschlicher Wesen an ihrer Hervorbringung beteiligt sei, so ist es doch einem Jeden klar, dass die Dinge, welche wir Naturprodukte nennen, d.h. der weitaus größere Teil der von uns perzipierten Ideen oder Sinneswahrnehmungen, nicht durch menschliche Willensakte hervorgebracht oder von ihnen abhängig ist. Es existiert also ein anderer Geist, der sie verursacht, da die Annahme, dass sie durch sich selbst bestehen, einen Widerspruch in sich schließen würde. (Siehe § 29.) Wenn wir aber aufmerksam jene beständige Regelmäßigkeit, Ordnung und Verkettung der Naturobjekte betrachten, die erstaunliche Pracht, Schönheit und Vollkommenheit der größeren und die höchste Kunst in der Bildung der kleineren Teile der Schöpfung, zugleich mit der genauen Übereinstimmung und dem Zusammenhang aller Teile des Ganzen, und vor Allem die niemals genug bewunderten Gesetze des Schmerzes und der Lust und die Instinkte oder Naturtriebe, Bestrebungen und Affekte der Tiere: wenn wir, sage ich, dieses alles in Betracht ziehen und gleichzeitig den Sinn und die Bedeutung der Attribute »Eins, ewig, unendlich weise, gut und vollkommen« beachten, so werden wir klar erkennen, dass sie dem vorhin erwähnten Geiste angehören, der alles in allem wirkt und durch den alles besteht.
§ 147. Hieraus leuchtet ein, dass Gott eben so gewiss und unmittelbar erkannt wird, wie irgend ein anderes psychisches Wesen oder ein Geist, welcher es auch sei, der von uns selbst verschieden ist. Wir dürfen sogar behaupten, dass die Existenz Gottes weit einleuchtender perzipiert (perceived) werde, als die Existenz von Menschen, weil die Naturwirkungen unendlich zahlreicher und beträchtlicher sind, als die, welche Menschen zugeschrieben werden. Es gibt durchaus kein Merkmal, das einen Menschen oder eine von ihm hervorgebrachte Wirkung bekundet, und das nicht noch strenger das Sein jenes Geistes erwiese, welcher der Urheber der Natur ist. Denn es leuchtet ein, dass bei der Affizierung anderer Personen der Wille eines Menschen kein anderes Objekt hat, als nur die Bewegung der Glieder seines Leibes; daß aber eine solche Bewegung von irgend einer Idee im Geiste eines Andern begleitet sei oder dieselbe hervorruft, hängt gänzlich von dem Willen des Schöpfers ab. Er allein ist der, welcher, da er alle Dinge trägt durch das Wort seiner Macht, jene Beziehung zwischen Geistern aufrecht erhält, wodurch sie fähig sind, ihre Existenz gegenseitig zu erkennen. Dieses reine und helle Licht aber, welches Jeglichen erleuchtet, ist selbst unsichtbar.
§ 148. Die Menge gedankenloser Personen scheint ganz allgemein vorzuschützen, dass man Gott nicht sehen könne. Könnten wir ihn nur sehen, sagen diese Leute, wie wir einen Menschen sehen, so würden wir glauben, dass er sei, und auf Grund dieses Glaubens seinen Geboten gehorchen. Aber ach! wir brauchen ja nur unsere Augen zu öffnen, um den Oberherrn aller Dinge in vollerem Maße und mit höherer Klarheit zu schauen, als irgend eines unserer Mitgeschöpfe. Ich stelle mir nicht vor, dass wir (wie Einige wollen) Gott durch einen direkten und unmittelbaren Anblick sehen, oder daß wir körperliche Dinge nicht durch sich selbst sehen, sondern durch das, was sie im Wesen Gottes repräsentiert, welche Lehre, wie ich bekennen muß, mir unverständlich ist. Doch ich will meine Meinung erläutern. Ein menschlicher Geist, eine menschliche Person, wird nicht sinnlich perzipiert, da er nicht eine Idee ist; sehen wir also die Farbe, Größe, Gestalt und die Bewegungen eines Menschen, so perzipieren wir nur gewisse Sinneswahrnehmungen oder Ideen in unseren eigenen Geistern, und da sich diese unserem Blick in mehreren besonderen Gruppen darstellen, so dienen sie dazu, uns die Existenz von endlichen und geschaffenen Geistern, die uns selbst ähnlich sind, anzuzeigen. Hieraus ist klar, daß wir nicht einen Menschen sehen, wenn unter Mensch etwas uns Ähnliches, das lebt, sich bewegt, wahrnimmt und denkt, verstanden wird, sondern nur einen solchen Ideenkomplex, der uns anleitet zu denken, daß ein besonderes Denk- und Bewegungsprinzip, welches uns selbst gleicht, damit zugleich vorhanden und dadurch repräsentiert ist. In derselben Weise sehen wir Gott; der ganze Unterschied liegt darin, daß, während irgend eine endliche und begrenzte Gruppe von Ideen einen einzelnen menschlichen Geist anzeigt, wir jederzeit und überall, wohin wir auch unsere Blicke richten mögen, deutliche Spuren der Gottheit erblicken, da jedes Ding, das wir sehen, hören, fühlen oder irgendwie sinnlich wahrnehmen, ein Zeichen oder eine Wirkung der göttlichen Macht ist, in eben der Weise, wie unsere Perzeptionen der von Menschen hervorgebrachten Bewegungen uns als Zeichen dienen.
§ 149. Es ist also klar, dass nichts offenbarer für jeden, der des geringsten Nachdenkens fähig ist, sein kann, als die Existenz Gottes oder eines Geistes, der unseren Geistern innerlich gegenwärtig ist, indem er in ihnen alle jene Mannigfaltigkeit von Ideen oder Sinneswahrnehmungen hervorbringt, die uns beständig affizieren, eines Geistes, von dem wir absolut und gänzlich abhängig sind, kurz, »in dem wir leben, weben und sind«. Dass zur Entdeckung dieser großen Wahrheit, die dem Geiste so nahe liegt und so zugänglich ist, nur die Vernunft so weniger gelangt, ist ein betrübender Beweis der Stumpfheit und Unaufmerksamkeit der Menschen, die, obschon sie rings umgeben sind von so klaren Selbstbezeugungen der Gottheit, doch so wenig davon ergriffen werden, daß es scheint, als seien sie gleichsam geblendet durch ein Übermaß von Licht.
§ 150. Aber, werdet ihr sagen, hat denn die Natur keinen Anteil an der Hervorbringung von Naturobjekten und müssen sie alle der unmittelbaren und alleinigen Wirksamkeit Gottes zugeschrieben werden? Ich antworte: wird unter Natur nur verstanden die sichtbare Reihe von Wirkungen oder von Sinneswahrnehmungen, welche nach gewissen feststehenden und allgemeinen Gesetzen unserem Geist eingeprägt sind: dann ist klar, daß die Natur in diesem Sinne des Wortes überhaupt nichts hervorbringen kann. Wird aber unter Natur ein sowohl von Gott als auch von den Naturgesetzen und sinnlich perzipierten Dingen verschiedenes Wesen verstanden, so muß ich gestehen, daß mir dann dieses Wort ein leerer Schall ohne irgendeine verständliche Bedeutung ist. Natur in diesem Sinne ist ein eitles Wahngebilde, welches die Heiden aufgebracht haben, die keinen richtigen Begriff von der Allgegenwart und unendlichen Vollkommenheit Gottes besaßen. Unerklärlicher aber ist, daß es Eingang finden konnte unter Christen, welche an die heilige Schrift zu glauben bekannten, die doch beständig der unmittelbaren Hand Gottes jene Wirkungen zuschreibt, welche die heidnischen Philosophen als Wirkungen der Natur zu erklären pflegen. »Der Herr zieht die Nebel auf vom Ende der Erde; er macht die Blitze im Regen und läßt den Wind kommen aus verborgenen Orten« (Jerem. X, 13). »Er macht aus der Finsternis den Morgen und aus dem Tage die finstere Nacht«(Amos V, 8). »Du suchst das Land heim und wässerst es und machst es sehr reich. Du segnest sein Gewächs, und krönst das Jahr mit deiner Güte. Die Anger sind voll Schafe, und die Auen stehen dick mit Korn« (Psalm LXV, 10—14). Obschon dies aber die beständige Sprache der Schrift ist, so haben wir doch, ich weiß nicht was für eine Abneigung zu glauben, daß Gott sich so direkt mit unseren Angelegenheiten befasse. Gern möchten wir ihn in einem großen Abstand von uns denken und eine blinde, nichtdenkende Vertretung an seine Stelle setzen, obschon (wenn wir dem hl. Paulus glauben dürfen) »er nicht fern ist von einem jeglichen unter uns«.
§ 151 Es wird ohne Zweifel entgegnet werden, die langsame und allmähliche Weise, die sich bei der Entstehung von Naturobjekten beobachten lasse, scheine zu ihrer Ursache nicht die unmittelbare Hand eines allmächtigen wirkenden Wesens zu haben. Zudem sind Monstra, unzeitige Geburten, nicht zur Entwicklung gelangte Früchte, Regen in Wüsteneien, Unglücksfälle, die das menschliche Leben treffen, ebenso viele Argumente dafür, daß der gesamte Bau der Natur nicht unmittelbar durch einen Geist von unendlicher Weisheit und Güte bewirkt und beaufsichtigt werde. Die Antwort aber auf diesen Einwurf liegt großenteils schon in § 62 vor: es ist offenbar, daß die vorerwähnten Wirkungsweisen der Natur durchaus erforderlich sind zu dem Zweck, nach den einfachsten und allgemeinsten Gesetzen und auf eine gleichförmige und beständige Weise zu wirken, was für Gottes Weisheit und Güte zeugt. Solcher Art ist die kunstvolle Einrichtung des großen Mechanismus der Natur, dass, während ihre Bewegungen und mannigfachen Erscheinungen unsere Sinnen treffen, die Hand selbst, welche das Ganze bewirkt, den Menschen aus Fleisch und Blut nicht wahrnehmbar ist. »Fürwahr« (sagt der Prophet) »Du bist ein verborgener Gott« (Jesaias XLV, 15). Aber wiewohl Gott sich den Sinnlichen und Trägen verbirgt, die sich nicht im Geringsten mit Denken bemühen wollen, so kann doch dem vorurteilslosen und aufmerksamen Geiste nichts deutlicher erkennbar sein, als die Gegenwart eines allweisen Geistes im Innersten der Dinge, der das System alles Seienden gestaltet, ordnet und aufrecht erhält. Es ist nach dem, was wir an anderen Stellen bemerkt haben, offenbar, dass das Wirken nach allgemeinen und feststehenden Gesetzen so notwendig zu unserer Leitung in den Geschäften des Lebens und Einweihung in das Geheimnis der Natur ist, dass ohne dies auch der umfassendste Verstand, aller menschliche Scharfsinn und alle Überlegung zu gar keinem Zwecke dienen könnten; es wäre sogar unmöglich, dass es solche Vermögen oder Kräfte im Geiste gäbe. Diese eine Rücksicht wiegt reichlich alle einzelnen Unzuträglichkeiten auf, die aus der Gesetzmäßigkeit hervorgehen mögen. (S.109-113)
Aus: George Berkeley: Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis (S.59-61, 67-68, 109-110-113)
Felix Meiner Verlag, Philosophische Bibliothek, Band 20
Aus dem zweiten Dialog zwischen Hylas und Philonous
Philonous: Ich bestreite, dir in den Ansichten, die zum Skeptizismus führen, zugestimmt zu haben. Du allerdings behauptetest, dass die Wirklichkeit sinnlicher Dinge in einem absoluten Dasein außerhalb des Geistes von Seelenwesen existierte oder in etwas anderem, als wie sie wahrgenommen werden. Und nach dieser Auffassung der Wirklichkeit bist du gezwungen, sinnlichen Dingen jedes wirkliche Dasein abzusprechen, d. h. nach deiner eigenen Erklärung bekennst du, ein Skeptiker zu sein. Aber weder sagte noch meinte ich, dass die Wirklichkeit sinnlicher Dinge in dieser Art erklärt werden müsse. Mir ist es aus den Gründen, mit denen du einverstanden bist, klar, dass sinnliche Dinge nicht anders als in einem Geist oder Seelenwesen existieren können. Hieraus schließe ich nicht, daß sie kein wirkliches Dasein haben, sondern in Anbetracht, daß sie nicht von meinen Gedanken abhängen und ein von meinem Wahrnehmen verschiedenes Dasein führen, dass es irgendeinen anderen Geist geben muß, in dem sie existieren. So sicher also die sinnliche Welt wirklich existiert, so sicher gibt es ein unendliches allgegenwärtiges seelisches Wesen (infinite omnipresent spirit), das sie enthält und trägt.
Hylas: Wie denn? Dies ist weiter nichts, als was ich und alle Christen behaupten; ja sogar alle anderen, die glauben, es gebe einen Gott und er kenne und begreife alle Dinge.
Philonous: Ja, aber der Unterschied liegt darin: die Menschen glauben gewöhnlich, daß Gott alle Dinge bekannt sind oder von ihm wahrgenommen werden, weil sie an das Dasein eines Gottes glauben; während ich umgekehrt auf das Dasein eines Gottes unmittelbar und notwendig schließe, weil alle sinnlichen Dinge von ihm wahrgenommen werden müssen.
Hylas: Aber solange wir alle dasselbe glauben, was liegt daran, wie wir zu diesem Glauben kommen?
Philonous: Wir teilen aber auch nicht die gleiche Meinung. Denn obwohl die Philosophen anerkennen, dass alle körperlichen Wesen von Gott wahrgenommen werden, schreiben sie ihnen dennoch ein absolutes Sein zu, das davon unterschieden sein soll, daß sie von irgendeinem Geist wahrgenommen werden; und das tue ich nicht. Gibt es denn außerdem keinen Unterschied zwischen dem Satz: Es gibt einen Gott, deshalb nimmt er alle Dinge wahr, und dem Satz: Sinnliche Dinge existieren wirklich; und wenn sie wirklich existieren, werden sie notwendig von einem unendlichen Geist wahrgenommen; also gibt es einen unendlichen Geist oder Gott? Dies liefert dir einen direkten und unmittelbaren Beweis aus einem höchst einleuchtenden Grundsatz für das Dasein eines Gottes. Theologen und Philosophen haben aus der Schönheit und Zweckmäßigkeit der verschiedenen Teile der Schöpfung unbestreitbar bewiesen, dass sie Gottes Werk ist. Dass aber — alle Hilfe der Astronomie und Naturphilosophie, alle Betrachtung der Planmäßigkeit, Anordnung und Einrichtung der Dinge beiseite gelassen — ein unendlicher Geist aus dem bloßen Dasein der sinnlichen Welt notwendig zu erschließen wäre, das ist freilich nur für diejenigen von Vorteil, die folgende leichte Überlegung angestellt haben: die sinnliche Welt ist die, welche wir durch unsere einzelnen Sinne wahrnehmen; durch die Sinne wird nichts wahrgenommen außer Vorstellungen; und keine Vorstellung noch das Urbild einer Vorstellung kann anders als in einem Geist existieren. Du kannst nun dem eifrigsten Verfechter des Atheismus ohne alles mühsame Forschen in den Wissenschaften, ohne alle Spitzfindigkeit der Vernunft oder ermüdend lange Untersuchungen entgegentreten und ihn vernichten. Jene jämmerlichen Behelfe, wo man entweder eine ewige Aufeinanderfolge ungeistiger Ursachen und Wirkungen oder ein zufälliges Zusammentreffen von Atomen annimmt, jene Ausgeburten der Phantasie eines Vanini, Hobbes, Spinoza — mit einem Wort das ganze Gebäude des Atheismus —, wird es nicht völlig über den Haufen geworfen durch die einzige Erwägung, welch ein Widersinn in der Annahme liege, daß das Ganze oder ein Teil, selbst der roheste und formloseste der sichtbaren Welt, unabhängig von einem Geist existieren könne? Laß nur einen dieser Anstifter zur Gottlosigkeit in seine eigenen Gedanken blicken und dann versuchen, ob er begreifen kann, wie auch nur ein Fels, eine Wüste, ein Chaos oder Durcheinander von Atomen, wie überhaupt irgend etwas, Sinnliches oder Erdenkbares, unabhängig von einem Geist existieren kann, und dies wird genügen, ihn von seiner Narrheit zu überzeugen. Kann man anständiger handeln, als einen Streit so entscheiden und jemandem die Probe selbst überlassen, ob er auch nur in Gedanken begreifen kann, was er tatsächlich für wahr hält, und dem in der Vorstellung Vorhandenen ein wirkliches Dasein zugestehen?
Hylas: Es lässt sich nicht leugnen, was du aufstellst, nützt der Religion in hohem Maße. Aber meinst du nicht, dass es der Auffassung einiger hervorragender neuerer Denker sehr ähnlich ist: dass wir alle Dinge in Gott sehen?
Philonous: Gern würde ich diese Ansicht kennenlernen; bitte, erkläre sie mir.
Hylas: Sie stellen sich vor, dass die Seele als etwas Immaterielles nicht imstande ist, eine Verbindung mit materiellen Dingen einzugehen, sodass sie dieselben an sich wahrnähme, aber sie nähme sie durch ihre Verbindung mit der göttlichen Substanz wahr, die als seelisch deshalb rein verstandesgemäß erkennbar oder fähig ist, der unmittelbare Gegenstand der Gedanken eines Seelenwesens zu werden. Überdies enthält das göttliche Wesen Vollkommenheiten in sich, die jedem erschaffenen Wesen entsprechen, und diese sind deshalb geeignet, solche Wesen dem Geiste zu zeigen und darzustellen.
Philonous: Ich verstehe nicht, wie unsere Vorstellungen, die durchaus leidende und untätige (inert) Dinge sind, die Wesen oder einen Teil oder etwas von einem Teil Ähnliches von dem Wesen oder der Substanz Gottes ausmachen können, der ein nichtleidendes, nichtteilbares, bloß tätiges Wesen ist. Diese Hypothese setzt sich auf den ersten Blick noch viel mehr Schwierigkeiten und Einwürfen aus, aber ich will nur hinzufügen, dass sie denselben Sinnlosigkeiten wie die gewöhnliche unterworfen ist: nämlich eine geschaffene Welt anders als in dem Geist eines Seelenwesens existieren zu lassen. Abgesehen von alledem hat sie noch diese Besonderheit an sich, daß nach ihr die materielle Welt keinem Zwecke dient. Und wenn es als ein guter Beweisgrund gegen andere wissenschaftliche Hypothesen gilt, dass sie die Natur oder göttliche Weisheit irgendwie zwecklos machen oder dies durch ein Verfahren ermüdender Umwege erreichen lassen, was auf weit leichterem und kürzerem Wege hätte ausgeführt werden können, was sollen wir von solcher Hypothese denken, die die ganze Welt umsonst geschaffen sein lässt?
Hylas: Doch sage, bist du nicht auch der Meinung, dass wir alle Dinge in Gott sehen? Wenn ich mich nicht irre, kommt deine Auffassung dem nahe.
Philonous: Wenige Leute denken, aber alle haben eine Meinung. Daher sind die Meinungen der Menschen oberflächlich und verworren. Es ist gar nicht seltsam, dass an sich noch so verschiedene Sätze nichtsdestoweniger verwechselt werden von denen, die sie nicht aufmerksam erwägen. Es wird mich also nicht überraschen, wenn manche sich einbilden, ich würde in die Schwärmerei des Malebranche hineingeraten; in Wirklichkeit jedoch bin ich weit davon entfernt. Er stützt sich auf die abstraktesten allgemeinen Vorstellungen, die ich völlig verwerfe. Er bejaht eine absolute Außenwelt, die ich verneine. Er behauptet, daß wir von unseren Sinnen getäuscht werden und nicht die wirkliche Natur oder die wahren Formen und Gestalten ausgedehnter Wesen kennen; von alledem halte ich gerade das Gegenteil aufrecht. Im ganzen gibt es keine so grundsätzlich entgegengesetzten Lehren wie seine und meine. Es ist wahr, dass ich völlig mit dem, was die Heilige Schrift sagt, übereinstimme: »dass wir in Gott leben, weben und sind«; aber dass wir Dinge in Gott sehen nach der beschriebenen Art und Weise, das zu glauben liegt mir fern. Hier in Kürze meine Meinung. — Offensichtlich sind die Dinge, die ich wahrnehme, meine eigenen Vorstellungen, und keine Vorstellung kann anders als in einem Geist existieren. Nicht weniger klar ist, dass diese Vorstellungen oder von mir wahrgenommenen Dinge, entweder sie selbst oder ihre Urbilder, unabhängig von meinem Geist existieren; weiß ich doch, dass ich selbst nicht ihr Urheber bin, da es nicht in meiner Macht steht, nach Belieben zu bestimmen, welche besonderen Vorstellungen in mir beim Öffnen meiner Augen und Ohren hervorgerufen werden sollen. Sie müssen also in einem anderen Geist existieren, dessen Wille es ist, dass sie mir gezeigt würden. Die unmittelbar wahrgenommenen Dinge, sage ich, sind Vorstellungen oder Empfindungen, nenne sie wie du magst. Aber wie kann eine Vorstellung oder Empfindung in etwas anderem als einem Geist oder Seelenwesen existieren oder von demselben hervorgebracht werden? Dies ist allerdings unbegreiflich; und etwas Unbegreifliches behaupten heißt sinnlos reden. Nicht?
Hylas: Zweifellos.
Philonous: Aber andererseits ist es sehr begreiflich, dass sie in einem Seelenwesen existieren und von ihm hervorgebracht werden sollten; denn dies ist nichts weiter, als was ich täglich in mir selbst erfahre, indem ich zahllose Vorstellungen wahrnehme, durch einen Akt meines Willens eine große Mannigfaltigkeit von ihnen bilden und sie in meine Einbildung (imagination) erheben kann; freilich sind — das muss man zugeben — diese Gebilde der Einbildungskraft (fancy) nicht ganz so deutlich, stark, lebhaft und beständig wie die mit meinen Sinnen wahrgenommenen — welche letzteren wirkliche Dinge heißen. Aus alledem schließe ich, es gibt einen Geist, der in mir in jedem Augenblick all die sinnlichen Eindrücke, die ich wahrnehme, hervorbringt. Und aus ihrer Mannigfaltigkeit, Ordnung und Beschaffenheit schließe ich, dass ihr Urheber unermesslich weise, mächtig und gut ist. Merke wohl, ich behaupte nicht: ich sehe die Dinge durch die Wahrnehmung dessen, was sie in der geistigen Substanz Gottes vorstellen. Dies verstehe ich nicht; aber ich behaupte, die von mir wahrgenommenen Dinge werden von dem Verstand eines unendlichen Seelenwesens gewusst und durch dessen Willen hervorgebracht. Und ist dies alles nicht völlig klar und einleuchtend? Enthält es doch nur das, was wir durch bloße Beobachtung unseres eigenen Geistes und dem, was in ihm vor sich geht, uns nicht nur vorstellen können, sondern zwangsläufig anerkennen müssen.
Hylas: : Ich glaube, ich begreife dich jetzt völlig und gestehe, dass der Beweis einer Gottheit, wie du ihn gibst, ebenso einleuchtet wie überrascht. Aber zugestanden, dass Gott die oberste und allgemeine Ursache aller Dinge ist — könnte es nicht doch noch eine dritte Art der Natur außer Seelenwesen und Vorstellungen geben? Können wir nicht eine untergeordnete und beschränkte Ursache unserer Vorstellungen zulassen? Mit einem Wort, kann nicht trotz alledem Materie existieren?
Philonous: Wie oft muss ich dasselbe einschärfen? Du gibst zu, dass die durch die Sinne unmittelbar wahrgenommenen Dinge nirgends unabhängig vom Geist existieren; aber nichts wird durch die Sinne anders als unmittelbar wahrgenommen; deshalb gibt es nichts Sinnliches, das unabhängig vom Geist existiert. Die Materie also, auf der du noch bestehst, ist vermutlich ein Gedankending (something intelligible), etwas durch die Vernunft und nicht durch die Sinne Erkanntes.
Hyl.: Da hast du recht.
Aus: George Berkeley: Drei Dialoge zwischen Hylas und Philnonous (S.70-76)
Felix Meiner Verlag, Philosophische Bibliothek, Band 102

References: § 62
 § 31

§ 63

§ 75

§ 76

§ 146
 § 29

§ 147

§ 148

§ 149

§ 150

§ 151
 § 62