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Timestamp: 2020-08-09 10:53:36+00:00

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norberto42: K. Tucholsky: Die Leibesfrucht - Text und Analyse
Du bist so schwer, du bist so blass –
»Ich trag in meinem Leibe ein Kind;
Lass mich schrein –!
Lass mich schrein –!«
»Frau, was wollen Sie?«
Ich will nicht, dass man für eine Nacht
Lasst mich schrein –!
»Trag es aus! Trag es aus!
und wenn ihr krepiert, dann sind wir euch los!«
Theobald Tiger, in: Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1929
ungestraft zum Abtreiber (V. 18): Wer eine Leibesfrucht (Embryo) vorsätzlich und rechtswidrig abtrieb, wurde nach § 218 StGB mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren, mindestens mit Gefängnis nicht unter 6 Monaten bestraft; wer nicht angezeigt wurde, konnte nicht bestraft werden.
Jodoform (V. 36) wurde zur Desinfektion von Wunden verwendet.
Kirchenzucht (V. 40): Sammelbegriff für Maßnahmen, in der evangelischen Kirche Ordnung und Lehre zu sichern; dazu gehören etwa die Abmahnung eines Pastors bis hin zum Ausschluss von kirchlichen Rechten, etwa der Teilnahme am Abendmahl.
Die Überschrift „Die Leibesfrucht“ ist noch dunkel, sie wird im Verlauf des Gedichtes hell. Zunächst werden Dialoge zweier verschiedener Stimmen mit einer werdenden Mutter wörtlich wiedergegeben (V. 1-21); wer das alles berichtet, ist unklar. Darauf meldet sich eine Stimme, die sich an alle Frauen wendet und sie zum „Aufwachen“ auffordert (V. 22-35). Danach wird vermutlich durch die gleiche Stimme die Situation eines neugeborenen Kindes beschrieben, das möglicherweise das Kind der zu Beginn klagenden Mutter ist und dessen Schicksal als armes unterdrücktes Wesen jetzt schon feststeht (V. 36-40). Das Fazit, ein einziger Satz, ist die letzte Strophe: „Das ist das Schicksal einer deutschen Leibesfrucht.“ (V. 41) Die Stimme ergreift Partei für die arme schwangere Frau, ruft alle Frauen zum Widerstand gegen die Kirche und die Unternehmer auf, welche vom § 218 profitieren, und beklagt das Schicksal des neugeborenen Kindes. – Der Autor Tucholsky wendet sich mit diesem Gedicht 1929 in der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ gegen den Fortbestand des § 218 StGB.
Der Rhythmus des Gedichtes ist bewegt und komplex. Das vorherrschende Versmaß ist der Knittelvers; in einigen kurzen Versen, die auch wiederholt werden (V. 2, V. 9, V. 12, V. 20), sowie zu Beginn des Unternehmerchors (V. 28-32) gibt es nur zwei Hebungen, während der Vers 8 (der Aufschrei der Mutter) fünf Hebungen aufweist. Die Kadenzen wechseln ohne System. Zu Beginn der ersten drei Strophen steht jeweils ein Kreuzreim, die anderen Reime sind Paarreime; nur V. 7 bezieht sich entweder auf V. 2/4 zurück oder greift auf „Mutter“ in V. 8 vor. Die Verse 9/10 und 20/21 könnte man als einen Vers auffassen, dann hätte man vier Hebungen und einen einzigen Reim mit dem vorhergehenden reimenden Vers. Der Satz geht gelegentlich über das Versende hinaus. Die reimenden Verse passen meist semantisch gut zusammen, zum Beispiel: ein Kind – wie seine Geschwister sind (V. 5/6); die Reichen – ungestraft zum Abtreiber schleichen (V. 17/18); mit Schreien ist nichts getan – nieder mit kirchlichem Größenwahn (V. 22/24). Die Frau spricht erregt und schnell, der Unternehmerchor langsam, die anderen Stimmen unterschiedlich.
Die erste Stimme, die sich an die Mutter wendet (V. 1-4), könnte die eines ihrer Kinder, kann aber auch eine fremde Stimme sein; sie fragt besorgt, was die Mutter hat, dass es ihr so schlecht geht. Darauf klagt die Mutter ihr Leid (V. 5-10), dass sie schwanger ist und dass es den bereits vorhandenen Kindern schlecht geht; sie zählt auf, was die alles nicht haben (V. 7), obwohl sie es brauchen. Sie schreit verzweifelt: „Ich will keine Mutter mehr sein!“ (V. 8) Das könnte heißen, dass sie insgesamt aus ihrer Situation ausbrechen will oder dass sie nicht noch einmal Mutter werden will. Und dann wiederholt sie: „Lass mich schrein –!“ (V. 9 f.)
Das Gespräch der Mutter mit der zweiten Stimme, von der sie als „Frau“ angesprochen wird, könnte ein Beratungsgespräch mit einem Arzt sein. Die Stimme fragt zweimal lapidar: „Frau, was wollen Sie?“ (V. 12 und V. 14) und gibt so der Schwangeren Gelegenheit, ihre Lebenssituation zu schildern: Die Familie hat kein Geld, ein weiteres Kind würde sie unglücklich machen; sie will „dieselben Rechte wie die Reichen, die ungestraft zum Abtreiber schleichen“ (V. 16 f.). Damit berührt sie die soziale Problematik des § 218; dieser verbietet zwar Abtreibung generell, aber mit genügend Geld konnte man ihn umgehen und die Abtreibung von einem hilfsbereiten Arzt statt von einer „Engelmacherin“ vornehmen lassen (Engelmacherin: eine nicht medizinisch ausgebildete Frau, die eine ungewollte Schwangerschaft durch einfache und meist gefährliche Methoden beendete – die toten Embryos wurden angeblich zu „Engelchen“, daher der Name; vgl. den Bericht http://de.muvs.org/topic/2007-meine-grossmutter-war-engelmacherin/). Was vom Gesetz verboten war, wurde durch die Praxis zu einem „Recht“ der Reichen – und genau dieses Recht fordert die arme Frau für sich ein. Deshalb fragt sie: „Warum will mich denn keiner [von meinem Embryo] befrein?“ (V. 19) Sie endet verzweifelt wie im vorigen Gespräch: „Lasst mich schrein – !“ (V. 20 f., diesmal im Plural)
Dieser wiederholte Ausruf schließt die beiden Gespräche ab und ist Anlass für eine Stimme, die vermutlich im Namen des Autors Tucholsky spricht: „Mit Schreien ist da nichts getan – Wacht auf ihr Frauen!“ (V. 22 f.) Warum ist da mit Schreien nichts getan? Weil Schreien nur die eigene Verzweiflung ausdrückt, aber nichts an den Verhältnissen ändert. Die Fragen des Rechts, wozu das Verbot der Abtreibung gehört, sind nämlich auch Fragen der Macht. Die Gegner der Frau in diesem Machtkampf sind laut der Stimme die Kirchen und die Unternehmer. Die kann man nur bekämpfen, wenn man aufwacht. Die Metapher „schlafen / erwachen“ ist uralt und in vielen Situationen verwendet worden, siehe meinen Aufsatz „Schlafen – erwachen – aufstehen: einMetaphernfeld“. Der erste Gegner der Frauen ist kirchlicher Größenwahn; den greift die Stimme an, weil die Kirchen im Namen Gottes und der Natur („Naturrecht“) Abtreibung verbieten und mit kirchlichen Sanktionen belegen. Der zweite Gegner sind die Unternehmer, die ohne Rücksicht auf die Schmerzen der Frauen heulend (heulen: „scharf, durchdringend tönen“, DWDS) rufen: „Trag es aus! Trag es aus!“ (V. 28 und V. 29) Die zynische Begründung dieser Forderung folgt in den Versen 30-35: Der § 218, verallgemeinert: der Staat muss bestehen bleiben, auch wenn ihr alle untergeht (schöner Reim: bleibt bestehn – ihr könnt zugrunde gehn, V. 30 f.); der zweite Grund, am § 218 festzuhalten: „Wir“ brauchen die Kinder als Arbeitskräfte und Soldaten (V. 33 f.), und wenn „ihr“ Mütter „krepiert, dann sind wir euch los“ (V. 35). In diesem Gegensatz wir/ihr sieht man die Fronten des Machtkampfes. Die zahlreichen Wiederholungen (diesmal V. 23 und V. 25, V. 28 f.) gehören ebenso wie die Aufzählung in V. 33 f. zum agitatorischen Gestus des Sprechers. Dass die Unternehmer von „fressen“ (V. 32, statt „essen“) sprechen, zeigt, wie verächtlich sie auf die Armen herabblicken, als wären es niedere Tiere.
Unvermittelt wird durch die gleiche Stimme nun beschrieben, wie die Situation eines Neugeborenen ist – als Leser denkt man sich (und der letzte Vers bestätigt es), dass die schwangere Mutter (erste beiden Strophen) ihr Kind geboren hat: ein winselndes Weinen (V. 37), als wüsste das Kind bereits, was es später zu erwarten hat, nämlich „ein mächtiges (!) Quartett: Fabrik. Finanzamt. Schwindsucht. Kirchenzucht.“ (V. 39 f.) Das Attribut „mächtig“ deutet noch einmal den Horizont an, in dem die Frage des § 218 (und nicht nur diese) gesehen werden muss: Inhaber von Interessen sichern ihre Macht durch das Recht des Staates. Wer als einfacher Arbeiter in die Fabrik geht, bringt es höchstens zur Schwindsucht; Finanzamt und Kirchenzucht sorgen dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
Die letzte Strophe ist ein einziger Vers, in dem das ganze Gedicht als Weg bzw. „Schicksal einer deutschen Leibesfrucht“ zusammengefasst wird (V. 41).
Tucholsky hat mit diesem Gedicht massiv Stellung bezogen und die politischen Aspekte des Verbots der Abtreibung angedeutet. Die psychologischen Aspekte, dass mit der Kontrolle der Sexualität „im Namen Gottes“ Macht über Menschen ausgeübt wird, werden hier nicht berücksichtigt.
Das große deutsche Drama, in dem es auch um eine Abtreibung geht, ist Goethes „Faust“. Ich könnte mir vorstellen, dass Enzensbergers Gedicht „Geburtsanzeige“ (1957) durch Tucholskys Gedicht „Die Leibesfrucht“ angeregt ist.
Marcelle Auclaire: Das tödliche Schweigen. Eine Umfrage über die Abtreibung, Walter-Verlag 1964. Nachdem ich dieses Buch vor 50 Jahren gelesen habe, ist mir die kirchliche Position in der Frage der Abtreibung fragwürdig geworden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es in Deutschland eine große Debatte um den § 218 gegeben. Dass die katholische Kirche nach wie vor Empfängsnisverhütung offiziell verbietet, sich aber auf Anordnung des Papstes Johannes Paul II. (den man sogar heiliggesprochen hat) aus der Konfliktberatung für Schwangere zurückgezogen hat, ist trotz der „frommen“ Begründung [Schwangere könnten den katholischen Beratungsschein für eine Abtreibung benutzen] an Zynismus nicht mehr zu überbieten: ‚Sollen sie zusehen, wie sie ohne uns klarkommen.‘ Jesus würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was seine Kirche alles anstellt.
https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/schwangerschaftsberatung-nach---218/81024 (Schwangerschafsberatung nach § 218)
Eingestellt von norberto42 um 17:59

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