Source: http://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-eugh-c-12-17-maria-dicu-04-10-2018-u.html
Timestamp: 2019-06-17 11:03:00+00:00

Document:
4. Ok­to­ber 2018(*)
„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - So­zi­al­po­li­tik - Ar­beits­zeit­ge­stal­tung - Richt­li­nie 2003/88/EG - An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub - Richt­li­nie 2010/18/EU - Übe­r­ar­bei­te­te Rah­men­ver­ein­ba­rung über den El­tern­ur­laub - El­tern­ur­laub, der nicht als Zeit­raum tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung an­ge­se­hen wird“
In der Rechts­sa­che C‑12/17
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht von der Cur­tea de Apel Cluj (Be­ru­fungs­ge­richts­hof Cluj, Rumänien) mit Ent­schei­dung vom 11. Ok­to­ber 2016, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 10. Ja­nu­ar 2017, in dem Ver­fah­ren
Tri­bu­nalul Bo­toşani,
Mi­nis­te­rul Jus­tiţiei
Ma­ria Di­cu,
Cur­tea de Apel Su­cea­va,
Con­si­li­ul Su­pe­ri­or al Ma­gis­tra­tu­rii,
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten K. Lena­erts, des Vi­ze­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, der Kam­mer­präsi­den­ten M. Ilešič, L. Bay Lar­sen, T. von Dan­witz und E. Le­vits (Be­richt­er­stat­ter), der Rich­ter A. Borg Bart­het, A. Ara­b­ad­jiev und F. Bilt­gen, der Rich­te­rin K. Jürimäe so­wie des Rich­ters C. Ly­cour­gos,
Kanz­ler: R. Șereș, Ver­wal­tungsrätin,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 15. Ja­nu­ar 2018,
- des Con­si­li­ul Su­pe­ri­or al Ma­gis­tra­tu­rii, ver­tre­ten durch M. Ghena als Be­vollmäch­tig­te,
- der rumäni­schen Re­gie­rung, zunächst ver­tre­ten durch R. H. Ra­du, O.‑C. Ichim, L. Liţu und E. Ga­ne, dann durch C.‑R. Canţăr O.‑C. Ichim, L. Liţu und E. Ga­ne als Be­vollmäch­tig­te,
- der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch D. Klebs und T. Hen­ze als Be­vollmäch­tig­te,
- der est­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch A. Kal­bus als Be­vollmäch­tig­te,
- der spa­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch S. Jiménez García als Be­vollmäch­tig­ten,
- der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch G. Pal­mie­ri als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von G. De So­cio, av­vo­ca­to del­lo Sta­to,
- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch M. van Beek und C. Hödl­mayr als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 20. März 2018
2 Es er­geht in ei­nem Rechts­streit zwi­schen dem Tri­bu­nalul Bo­toșani (Land­ge­richt Bo­toșani, Rumänien) und dem Mi­nis­te­rul Jus­tiției (Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, Rumänien) auf der ei­nen so­wie Ma­ria Di­cu auf der an­de­ren Sei­te we­gen der Be­rech­nung ih­rer Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für das Jahr 2015.
3 Der sechs­te Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2003/88 lau­tet:
4 In Art. 1 („Ge­gen­stand und An­wen­dungs­be­reich“) die­ser Richt­li­nie heißt es:
Art. 7 („Jah­res­ur­laub“) die­ser Richt­li­nie be­stimmt:
Art. 15 die­ser Richt­li­nie lau­tet:
Pa­ra­graf 2 Nr. 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über den El­tern­ur­laub vom 18. Ju­ni 2009 (im Fol­gen­den: Rah­men­ver­ein­ba­rung über den El­tern­ur­laub) im An­hang der Richt­li­nie 2010/18/EU des Ra­tes vom 8. März 2010 zur Durchführung der von BUSI­NESS­EU­RO­PE, UE­AP­ME, CEEP und EGB ge­schlos­se­nen übe­r­ar­bei­te­ten Rah­men­ver­ein­ba­rung über den El­tern­ur­laub und zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 96/34/EG (ABl. 2010, L 68, S. 13) sieht vor:
„Nach die­ser Ver­ein­ba­rung ha­ben Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer im Fall der Ge­burt oder Ad­op­ti­on ei­nes Kin­des ein in­di­vi­du­el­les Recht auf El­tern­ur­laub …“
Pa­ra­graf 2 Nr. 2 die­ser Rah­men­ver­ein­ba­rung lau­tet:
„Der El­tern­ur­laub wird für ei­ne Dau­er von min­des­tens vier Mo­na­ten gewährt und soll­te zur Förde­rung der Chan­cen­gleich­heit und Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en grundsätz­lich nicht über­trag­bar sein. Um ei­ne aus­ge­wo­ge­ne­re In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs durch bei­de El­tern­tei­le zu fördern ist min­des­tens ei­ner der vier Mo­na­te nicht über­trag­bar. Die Mo­da­litäten für den nicht über­trag­ba­ren Teil wer­den auf na­tio­na­ler Ebe­ne ge­setz­lich und/oder ta­rif­ver­trag­lich fest­ge­legt, wo­bei die El­tern­ur­laubs­re­ge­lun­gen, die be­reits in den Mit­glied­staa­ten be­ste­hen, berück­sich­tigt wer­den.“
In Pa­ra­graf 5 die­ser Rah­men­ver­ein­ba­rung heißt es:
Nach Pa­ra­graf 8 Nr. 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über den El­tern­ur­laub können die Mit­glied­staa­ten güns­ti­ge­re Be­stim­mun­gen an­wen­den oder einführen, als sie in die­ser Ver­ein­ba­rung vor­ge­se­hen sind.
12 Art. 10 der Le­gea nr. 53/2003 pri­vind Co­dul mun­cii (Ge­setz Nr. 53/2003 über das Ar­beits­ge­setz­buch) in sei­ner auf den Aus­gangs­rechts­streit an­wend­ba­ren Fas­sung (im Fol­gen­den: Ar­beits­ge­setz­buch) be­stimmt:
„Der In­di­vi­dual­ar­beits­ver­trag ist ein Ver­trag, durch den sich ei­ne natürli­che Per­son, der Ar­beit­neh­mer, ver­pflich­tet, für und un­ter der Wei­sung ei­nes Ar­beit­ge­bers, ei­ner natürli­chen oder ju­ris­ti­schen Per­son, für ei­ne Vergütung ge­nann­te Ge­gen­leis­tung Ar­beit zu leis­ten.“
13 Art. 49 Abs. 1, 2 und 3 des Ar­beits­ge­setz­buchs be­stimmt:
„(1) Der In­di­vi­dual­ar­beits­ver­trag kann von Rechts we­gen, im Ein­ver­neh­men der Par­tei­en oder durch ein­sei­ti­ges Rechts­geschäft ei­ner der Par­tei­en aus­ge­setzt wer­den.
(2) Die Aus­set­zung des In­di­vi­dual­ar­beits­ver­trags führt zur Aus­set­zung der Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung durch den Ar­beit­neh­mer und zur Aus­set­zung der Vergütungs­zah­lun­gen durch den Ar­beit­ge­ber.
(3) An­de­re Rech­te und Pflich­ten der Par­tei­en als die in Abs. 2 ge­nann­ten können für die Dau­er der Aus­set­zung fort­be­ste­hen, wenn sie in spe­zi­el­len Ge­set­zen, im an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag, in In­di­vi­dual­ar­beits­verträgen oder in Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen vor­ge­se­hen sind.“
14 Art. 51 Abs. 1 Buchst. a des Ar­beits­ge­setz­buchs be­stimmt:
„(1) Der In­di­vi­dual­ar­beits­ver­trag kann in fol­gen­den Fällen auf Initia­ti­ve des Ar­beit­neh­mers aus­ge­setzt wer­den:
a) El­tern­ur­laub für ein Kind im Al­ter von un­ter zwei Jah­ren …“
15 Art. 145 Abs. 4 bis 6 des Ar­beits­ge­setz­buchs lau­tet:
„(4) Bei der Fest­set­zung der Dau­er des Jah­res­ur­laubs wer­den Zei­ten vorüber­ge­hen­der Ar­beits­unfähig­keit, des Mut­ter­schafts­ur­laubs, des Ur­laubs we­gen be­son­de­rer Ri­si­ken während Schwan­ger­schaft und Still­zeit so­wie des Ur­laubs zur Pfle­ge ei­nes kran­ken Kin­des als Zeiträume tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung an­ge­se­hen.
(5) Fällt die vorüber­ge­hen­de Ar­beits­unfähig­keit, der Mut­ter­schafts­ur­laub, der Ur­laub we­gen be­son­de­rer Ri­si­ken während Schwan­ger­schaft und Still­zeit oder der Ur­laub zur Pfle­ge ei­nes kran­ken Kin­des in die Zeit ei­nes Jah­res­ur­laubs, wird die­ser un­ter­bro­chen und der Ar­beit­neh­mer nimmt die rest­li­chen Ur­laubs­ta­ge in An­spruch, wenn die [Si­tua­ti­on, die zur Un­ter­bre­chung geführt hat,] be­en­det ist; ist dies nicht möglich, wird für die nicht in An­spruch ge­nom­me­nen Ta­ge ein neu­er Ter­min fest­ge­legt.
(6) Der Ar­beit­neh­mer hat auch dann An­spruch auf Jah­res­ur­laub, wenn die vorüber­ge­hen­de Ar­beits­unfähig­keit un­ter den ge­setz­li­chen Be­din­gun­gen ein gan­zes Ka­len­der­jahr an­dau­ert; der Ar­beit­ge­ber ist dann ver­pflich­tet, den Jah­res­ur­laub in­ner­halb von 18 Mo­na­ten ab dem Jahr zu gewähren, das auf das Jahr folgt, in dem sich der Ar­beit­neh­mer im Krank­heits­ur­laub be­fun­den hat.“
16 Art. 2 Abs. 1 und 2 der Hotărârea Con­si­li­ului Su­pe­ri­or al Ma­gis­tra­tu­rii nr. 325/2005 pen­tru apro­barea Re­gu­la­men­tu­lui pri­vind con­ce­dii­le ju­decăto­rilor și pro­cu­ro­rilor (Ent­schei­dung des Obers­ten Rich­ter­rats Nr. 325/2005 zur Ge­neh­mi­gung der Ur­laubs­ord­nung für Rich­ter und Staats­anwälte) sieht vor:
„(1) Rich­ter und Staats­anwälte ha­ben jähr­lich An­spruch auf 35 Ar­beits­ta­ge be­zahl­ten Jah­res­ur­laub. Auf die­sen An­spruch kann nicht ver­zich­tet wer­den, und er kann nicht be­schränkt wer­den.
(2) Die Dau­er des in der [Ur­laubs­ord­nung für Rich­ter und Staats­anwälte] vor­ge­se­he­nen Jah­res­ur­laubs ist an die in ei­nem Ka­len­der­jahr ge­leis­te­te Ar­beit ge­bun­den. Bei der Fest­set­zung der Dau­er des Jah­res­ur­laubs wer­den Zei­ten vorüber­ge­hen­der Ar­beits­unfähig­keit, des Mut­ter­schafts­ur­laubs, des Ur­laubs we­gen be­son­de­rer Ri­si­ken während Schwan­ger­schaft und Still­zeit so­wie des Ur­laubs zur Pfle­ge ei­nes kran­ken Kin­des als Zeiträume tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung an­ge­se­hen.“
Frau Di­cu ist Rich­te­rin am Tri­bu­nalul Bo­toșani (Land­ge­richt Bo­toșani). Im Jahr 2014 nahm sie zunächst vollständig ih­ren be­zahl­ten Jah­res­ur­laub und da­nach, vom 1. Ok­to­ber 2014 bis zum 3. Fe­bru­ar 2015, Mut­ter­schafts­ur­laub. An­sch­ließend wur­de ihr vom 4. Fe­bru­ar 2015 bis zum 16. Sep­tem­ber 2015 El­tern­ur­laub gewährt; während die­ses Zeit­raums war ihr Ar­beits­verhält­nis aus­ge­setzt. Sch­ließlich nahm sie vom 17. Sep­tem­ber bis zum 17. Ok­to­ber 2015 30 Ta­ge be­zahl­ten Jah­res­ur­laub.
Auf der Grund­la­ge des rumäni­schen Rechts, das ei­nen An­spruch auf 35 Ta­ge be­zahl­ten Jah­res­ur­laub vor­sieht, be­an­trag­te Frau Di­cu beim Ge­richt ih­rer Ver­wen­dung, ihr den Rest­an­spruch von fünf Ta­gen be­zahl­tem Jah­res­ur­laub für 2015, den sie an den Ar­beits­ta­gen zwi­schen den Fei­er­ta­gen am Jah­res­en­de neh­men woll­te, zu gewähren.
19 Das Tri­bu­nalul Bo­toșani (Land­ge­richt Bo­toșani) lehn­te die­sen An­trag ab, da nach rumäni­schem Recht die Dau­er des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs an die Zeit tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung in­ner­halb des lau­fen­den Jah­res ge­bun­den sei und die Dau­er des El­tern­ur­laubs, der ihr 2015 gewährt wor­den sei, bei der Be­rech­nung der Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht als Zeit­raum tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung an­zu­se­hen sei. Das Tri­bu­nalul Bo­toșani (Land­ge­richt Bo­toșani) war außer­dem der Auf­fas­sung, dass der Frau Di­cu für 2015 gewähr­te be­zahl­te Jah­res­ur­laub vom 17. Sep­tem­ber bis zum 17. Ok­to­ber 2015 be­reits sie­ben Ta­ge des Ur­laubs für 2016 ent­hal­ten ha­be.
20 Frau Di­cu er­hob beim Tri­bu­nalul Cluj (Land­ge­richt Cluj, Rumänien) ge­gen das Tri­bu­nalul Bo­toșani (Land­ge­richt Bo­toșani), die Cur­tea de Apel Su­cea­va (Be­ru­fungs­ge­richts­hof Su­cea­va, Rumänien), das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um so­wie den Con­si­li­ul Su­pe­ri­or al Ma­gis­tra­tu­rii (Obers­ter Rat der Rich­ter und Staats­anwälte, Rumänien) Kla­ge mit dem Ziel, fest­stel­len zu las­sen, dass bei der Be­rech­nung ih­rer Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für 2015 die Dau­er ih­res El­tern­ur­laubs als Zeit­raum tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung an­zu­se­hen sei.
21 Mit Ur­teil vom 17. Mai 2016 gab das Tri­bu­nalul Cluj (Land­ge­richt Cluj) der Kla­ge von Frau Di­cu statt. Das Tri­bu­nalul Bo­toșani (Land­ge­richt Bo­toșani) und das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um leg­ten ge­gen die­ses Ur­teil Be­ru­fung beim vor­le­gen­den Ge­richt ein.
22 Vor die­sem Hin­ter­grund hat die Cur­tea de Apel Cluj (Be­ru­fungs­ge­richts­hof Cluj, Rumänien) das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:
Steht Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ei­ner Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts ent­ge­gen, nach der bei der Fest­set­zung der Dau­er des Jah­res­ur­laubs die Zeit, in der sich der Ar­beit­neh­mer im El­tern­ur­laub für ein Kind im Al­ter von un­ter zwei Jah­ren be­fun­den hat, nicht als Zeit­raum tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung berück­sich­tigt wird?
23 Mit sei­ner Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, wo­nach bei der Be­rech­nung der ei­nem Ar­beit­neh­mer durch die­sen Ar­ti­kel gewähr­leis­te­ten Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub in ei­nem Be­zugs­zeit­raum die Dau­er des von dem Ar­beit­neh­mer in die­sem Zeit­raum ge­nom­me­nen El­tern­ur­laubs nicht als Zeit­raum tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung an­ge­se­hen wird.
24 Wie sich be­reits aus dem Wort­laut von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 er­gibt, hat je­der Ar­beit­neh­mer An­spruch auf ei­nen be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen, der nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs als ein be­son­ders be­deut­sa­mer Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on an­zu­se­hen ist (Ur­teil vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 25 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
25 Die­ser je­dem Ar­beit­neh­mer zu­ste­hen­de An­spruch ist in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on, der von Art. 6 Abs. 1 EUV der glei­che recht­li­che Rang wie den Verträgen zu­er­kannt wird, aus­drück­lich ver­an­kert (Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 33 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
26 Zwar dürfen die Mit­glied­staa­ten nicht be­reits die Ent­ste­hung des sich un­mit­tel­bar aus der Richt­li­nie 2003/88 er­ge­ben­den An­spruchs auf ei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub von ir­gend­ei­ner Vor­aus­set­zung abhängig ma­chen (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 26. Ju­ni 2001, BEC­TU, C‑173/99, EU:C:2001:356, Rn. 53, vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 28, und vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 34); die vor­lie­gen­de Rechts­sa­che be­trifft je­doch die Fra­ge, ob bei der Be­rech­nung der Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ein Zeit­raum des El­tern­ur­laubs ei­nem Zeit­raum tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung gleich­zu­stel­len ist.
27 In­so­weit ist auf den Zweck des in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 je­dem Ar­beit­neh­mer gewähr­leis­te­ten An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hin­zu­wei­sen, der dar­in be­steht, es dem Ar­beit­neh­mer zu ermögli­chen, sich zum ei­nen von der Ausübung der ihm nach sei­nem Ar­beits­ver­trag ob­lie­gen­den Auf­ga­ben zu er­ho­len und zum an­de­ren über ei­nen Zeit­raum der Ent­span­nung und Frei­zeit zu verfügen (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 25, vom 22. No­vem­ber 2011, KHS, C‑214/10, EU:C:2011:761, Rn. 31, und vom 30. Ju­ni 2016, Sobc­zy­szyn, C‑178/15, EU:C:2016:502, Rn. 25).
28 Die­ser Zweck, durch den sich der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub von an­de­ren Ar­ten des Ur­laubs mit an­de­ren Zwe­cken un­ter­schei­det, be­ruht auf der Prämis­se, dass der Ar­beit­neh­mer im Lau­fe des Be­zugs­zeit­raums tatsächlich ge­ar­bei­tet hat. Das Ziel, es dem Ar­beit­neh­mer zu ermögli­chen, sich zu er­ho­len, setzt nämlich vor­aus, dass die­ser Ar­beit­neh­mer ei­ne Tätig­keit aus­geübt hat, die es zu dem in der Richt­li­nie 2003/88 vor­ge­se­he­nen Schutz sei­ner Si­cher­heit und sei­ner Ge­sund­heit recht­fer­tigt, dass er über ei­nen Zeit­raum der Er­ho­lung, der Ent­span­nung und der Frei­zeit verfügt. Da­her sind die Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub grundsätz­lich an­hand der auf der Grund­la­ge des Ar­beits­ver­trags tatsächlich ge­leis­te­ten Ar­beits­zeiträume zu be­rech­nen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 11. No­vem­ber 2015, Green­field, C‑219/14, EU:C:2015:745‚ Rn. 29).
29 Nach ständi­ger Recht­spre­chung kann zwar ein Mit­glied­staat in be­stimm­ten Fällen, in de­nen ein Ar­beit­neh­mer nicht in der La­ge ist, sei­ne Auf­ga­ben zu erfüllen, z. B. weil er we­gen ei­ner ord­nungs­gemäß be­leg­ten Krank­heit fehlt, den An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht von der Vor­aus­set­zung abhängig ma­chen, dass der Ar­beit­neh­mer tatsächlich ge­ar­bei­tet hat (vgl. u. a. Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 20 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). In Be­zug auf den An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub sind Ar­beit­neh­mer, die we­gen ei­ner Krank­schrei­bung während des Be­zugs­zeit­raums der Ar­beit fern­ge­blie­ben sind, und sol­che, die während die­ses Zeit­raums tatsächlich ge­ar­bei­tet ha­ben, so­mit gleich­ge­stellt (vgl. u. a. Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 40).
30 Dies gilt auch für Ar­beit­neh­me­rin­nen, die we­gen Mut­ter­schafts­ur­laubs ih­re Auf­ga­ben im Rah­men ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se nicht erfüllen können und de­ren Rech­te auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub im Fall die­ses Mut­ter­schafts­ur­laubs gewähr­leis­tet sein müssen und zu ei­ner an­de­ren Zeit als der ih­res Mut­ter­schafts­ur­laubs in An­spruch ge­nom­men wer­den können müssen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 18. März 2004, Me­ri­no Gómez, C‑342/01, EU:C:2004:160‚ Rn. 34, 35 und 38).
31 Die in den bei­den vor­ste­hen­den Rand­num­mern an­geführ­te Recht­spre­chung kann je­doch auf den Fall ei­nes Ar­beit­neh­mers, dem wie Frau Di­cu während des Be­zugs­zeit­raums El­tern­ur­laub gewährt wur­de, nicht sinn­gemäß an­ge­wandt wer­den.
32 Ers­tens ist nämlich das Ein­tre­ten ei­ner krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit grundsätz­lich nicht vor­her­seh­bar (Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 51) und vom Wil­len des Ar­beit­neh­mers un­abhängig (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914‚ Rn. 49). Wie der Ge­richts­hof be­reits in Rn. 38 des Ur­teils vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a. (C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18), aus­geführt hat, wer­den in Art. 5 Abs. 4 des Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on vom 24. Ju­ni 1970 über den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub (Neu­fas­sung), des­sen Grundsätze nach dem sechs­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2003/88 bei de­ren Aus­le­gung be­ach­tet wer­den müssen, Fehl­zei­ten in­fol­ge ei­ner Krank­heit den Ar­beits­versäum­nis­sen „aus Gründen, die un­abhängig vom Wil­len des be­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mers be­ste­hen“, zu­ge­ord­net, die „als Dienst­zeit an­zu­rech­nen“ sind. Dem­ge­genüber ist die In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs nicht un­vor­her­seh­bar und folgt in den meis­ten Fällen aus dem Wunsch des Ar­beit­neh­mers, sich um sein Kind zu kümmern (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 20. Sep­tem­ber 2007, Ki­iski, C‑116/06, EU:C:2007:536‚ Rn. 35).
33 Da zwei­tens der Ar­beit­neh­mer im El­tern­ur­laub un­ter kei­nen durch ei­ne Er­kran­kung her­vor­ge­ru­fe­nen phy­si­schen oder psy­chi­schen Be­schwer­den lei­det, be­fin­det er sich in ei­ner an­de­ren La­ge, als wenn er auf­grund sei­nes Ge­sund­heits­zu­stands ar­beits­unfähig wäre (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 8. No­vem­ber 2012, Hei­mann und Tolt­schin, C‑229/11 und C‑230/11, EU:C:2012:693, Rn. 29).
34 Die Si­tua­ti­on des Ar­beit­neh­mers im El­tern­ur­laub un­ter­schei­det sich glei­cher­maßen von der der Ar­beit­neh­me­rin, die ihr Recht auf Mut­ter­schafts­ur­laub in An­spruch nimmt. Der Mut­ter­schafts­ur­laub soll nämlich zum ei­nen dem Schutz der körper­li­chen Ver­fas­sung der Frau während und nach ih­rer Schwan­ger­schaft und zum an­de­ren dem Schutz der be­son­de­ren Be­zie­hung zwi­schen der Mut­ter und ih­rem Kind während der an Schwan­ger­schaft und Ent­bin­dung an­sch­ließen­den Zeit die­nen, da­mit die­se Be­zie­hung nicht durch die Dop­pel­be­las­tung in­fol­ge der gleich­zei­ti­gen Ausübung ei­nes Be­rufs gestört wird (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 18. März 2004, Me­ri­no Gómez, C‑342/01, EU:C:2004:160, Rn. 32, und vom 20. Sep­tem­ber 2007, Ki­iski, C‑116/06, EU:C:2007:536‚ Rn. 46).
35 Drit­tens bleibt zwar der Ar­beit­neh­mer im El­tern­ur­laub während die­ses Ur­laubs ein Ar­beit­neh­mer im Sin­ne des Uni­ons­rechts (Ur­teil vom 20. Sep­tem­ber 2007, Ki­iski, C‑116/06, EU:C:2007:536‚ Rn. 32). Dies ändert aber nichts dar­an, dass dann, wenn wie im vor­lie­gen­den Fall sein Ar­beits­verhält­nis auf­grund des na­tio­na­len Rechts aus­ge­setzt wor­den ist, wie dies nach Pa­ra­graf 5 Nr. 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über den El­tern­ur­laub zulässig ist, auch die ge­gen­sei­ti­gen Leis­tungs­pflich­ten des Ar­beit­ge­bers und des Ar­beit­neh­mers, ins­be­son­de­re die Pflicht des Ar­beit­neh­mers, die ihm im Rah­men die­ses Ar­beits­verhält­nis­ses ob­lie­gen­den Auf­ga­ben zu erfüllen, ent­spre­chend sus­pen­diert sind (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 8. No­vem­ber 2012, Hei­mann und Tolt­schin, C‑229/11 und C‑230/11, EU:C:2012:693, Rn. 28).
36 Folg­lich kann in ei­nem Fall wie dem des Aus­gangs­ver­fah­rens der Zeit­raum des El­tern­ur­laubs, der dem be­tref­fen­den Ar­beit­neh­mer während des Be­zugs­zeit­raums gewährt wur­de, bei der Be­rech­nung sei­ner Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub gemäß Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ei­nem Zeit­raum tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung nicht gleich­ge­stellt wer­den.
37 Fer­ner kann zwar nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ein uni­ons­recht­lich gewähr­leis­te­ter Ur­laub nicht das Recht be­ein­träch­ti­gen, ei­nen an­de­ren uni­ons­recht­lich gewähr­leis­te­ten Ur­laub zu neh­men, der ei­nen an­de­ren Zweck als der erst­ge­nann­te ver­folgt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 26 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). Aus die­ser im Zu­sam­men­hang mit Fällen der Über­schnei­dung oder des Zu­sam­men­fal­lens der Zeiträume die­ser bei­den Ur­lau­be ent­wi­ckel­ten Recht­spre­chung lässt sich je­doch nicht her­lei­ten, dass die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­tet sind, bei der Be­rech­nung der Ansprüche ei­nes Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub gemäß der Richt­li­nie 2003/88 ei­nen ihm während des Be­zugs­zeit­raums gewähr­ten Zeit­raum des El­tern­ur­laubs als Zeit­raum tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung an­zu­se­hen.
38 Nach al­le­dem ist auf die vor­ge­leg­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen nicht ent­ge­gen­steht, wo­nach bei der Be­rech­nung der ei­nem Ar­beit­neh­mer durch die­sen Ar­ti­kel gewähr­leis­te­ten Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub in ei­nem Be­zugs­zeit­raum die Dau­er ei­nes von dem Ar­beit­neh­mer in die­sem Zeit­raum ge­nom­me­nen El­tern­ur­laubs nicht als Zeit­raum tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung an­ge­se­hen wird.
Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen nicht ent­ge­gen­steht, wo­nach bei der Be­rech­nung der ei­nem Ar­beit­neh­mer durch die­sen Ar­ti­kel gewähr­leis­te­ten Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub in ei­nem Be­zugs­zeit­raum die Dau­er ei­nes von dem Ar­beit­neh­mer in die­sem Zeit­raum ge­nom­me­nen El­tern­ur­laubs nicht als Zeit­raum tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung an­ge­se­hen wird.
(*) Ver­fah­rens­spra­che: Rumänisch
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References: Art. 267
 Art. 1

Art. 7

Art. 15
 Art. 10
 Art. 49
 Art. 51
 Art. 145
 Art. 2
 Art. 7
 Art. 7
 Art. 7
 Art. 31
 Art. 6
 Art. 7
 Art. 5
 Art. 7
 Art. 7

Art.7