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Timestamp: 2020-07-09 11:38:16+00:00

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Der im EU-Ausland wohnende Elternteil - und sein vorrangiger Kindergeldanspruch | Rechtslupe
Nach Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 ist bei der Anwen­dung von Art. 67 und 68 der VO Nr. 883/​2004, ins­be­son­de­re was das Recht einer Per­son zur Erhe­bung eines Leis­tungs­an­spruchs anbe­langt, die Situa­ti­on der gesam­ten Fami­lie in einer Wei­se zu berück­sich­ti­gen, als ob alle betei­lig­ten Per­so­nen unter die Rechts­vor­schrif­ten des betref­fen­den Mit­glied­staats fie­len und dort wohn­ten. Nach Art. 67 der VO Nr. 883/​2004 hat eine Per­son auch für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen, Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten des zustän­di­gen Mit­glied­staats, als ob die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in die­sem Mit­glied­staat wohn­ten. Danach schafft Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 eine gesetz­li­che Fik­ti­on dahin, dass bei Anwen­dung der Koor­di­nie­rungs­re­ge­lun­gen der Grund­ver­ord­nung die Situa­ti­on der gesam­ten Fami­lie in einer Wei­se berück­sich­tigt wird, als ob alle betei­lig­ten Per­so­nen unter die Rechts­vor­schrif­ten des für die Gewäh­rung der Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­di­gen Mit­glied­staats fie­len und dort wohn­ten [1].
Nach dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on Trap­kow­ski vom 22.10.2015 [2] ist Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 dahin aus­zu­le­gen, dass die in die­ser Bestim­mung vor­ge­se­he­ne Fik­ti­on dazu füh­ren kann, dass der Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen einer Per­son zusteht, die nicht in dem Mit­glied­staat wohnt, der für die Gewäh­rung die­ser Leis­tun­gen zustän­dig ist, sofern alle ande­ren durch das natio­na­le Recht vor­ge­schrie­be­nen Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung erfüllt sind.
Zu den "betei­lig­ten Per­so­nen" i.S. des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 gehö­ren die "Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen" i.S. des Art. 1 Buchst. i Nr. 1 Buchst. i der VO Nr. 883/​2004. Da das Kin­der­geld­recht nach dem EStG den Begriff des Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen weder ver­wen­det noch defi­niert, sind hier­un­ter neben den Eltern­tei­len und dem Kind auch alle Per­so­nen zu ver­ste­hen, die nach natio­na­lem Recht berech­tigt sind, Anspruch auf die­se Leis­tun­gen zu erhe­ben. Daher wird hier­von nach § 62 Abs. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG auch der ande­re Eltern­teil erfasst, wobei uner­heb­lich ist, ob die Eltern­tei­le mit­ein­an­der ver­hei­ra­tet oder ‑wie im Streit­fall- von­ein­an­der geschie­den sind [3].
Aus­gangs­punkt für die Prü­fung der Anspruchs­be­rech­ti­gung der Mut­ter ist die Fra­ge, ob der Kinds­va­ter im Streit­zeit­raum die natio­na­len Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen nach § 62 i.V.m. § 63 EStG erfüll­te [4]. Uner­heb­lich ist hier­bei, dass die Toch­ter ihren Wohn­sitz in Polen hat­te (vgl. § 63 Abs. 1 Satz 3 EStG). Soll­ten sich die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen nach den natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten in der Per­son des Kinds­va­ters nicht fest­stel­len las­sen, gin­ge der feh­len­de Nach­weis nach den Regeln der objek­ti­ven Beweis­last (Fest­stel­lungs­last) zu Las­ten der Mut­ter. Denn die Fest­stel­lungs­last für anspruchs­be­grün­den­de Tat­sa­chen in Kin­der­geld­sa­chen liegt stets beim Kin­der­geld­be­rech­tig­ten [5].
Soll­te der Kinds­va­ter nach natio­na­lem Recht kin­der­geld­be­rech­tigt sein, ist wei­ter zu prü­fen, ob in Bezug auf sei­ne Per­son der Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 eröff­net und Deutsch­land danach für die Gewäh­rung von Kin­der­geld der zustän­di­ge Mit­glied­staat ist. Ist dies der Fall, wird gemäß Art. 67 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 ein Inlands­wohn­sitz der Mut­ter fin­giert [6].
Auf­grund der pol­ni­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit der Mut­ter dürf­te davon aus­zu­ge­hen sein, dass die­se eine frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­te Aus­län­de­rin ist und daher nicht vom Anwen­dungs­be­reich des § 62 Abs. 2 EStG erfasst wird. Zu den Vor­aus­set­zun­gen des Begriffs des Frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ten ver­weist der Bun­des­fi­nanz­hof inso­weit auf sei­ne Urtei­le vom 04.08.2016 [7] und vom 15.03.2017 [8].
Bei der Aus­le­gung des Kla­ge­be­geh­rens wird das Finanz­ge­richt schließ­lich zu berück­sich­ti­gen haben, dass die Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 30.11.2015 erst im Dezem­ber 2015 bekannt­ge­ge­ben wor­den sein dürf­te. Der ange­grif­fe­ne Ableh­nungs­be­scheid vom 31.07.2015 und die hier­zu ergan­ge­ne Ein­spruchs­ent­schei­dung ent­hal­ten in die­sem Fall eine das Kin­der­geld bis Dezem­ber 2015 ableh­nen­de Rege­lung [9]. Dies könn­te unter Berück­sich­ti­gung der Inter­es­sens­la­ge der Mut­ter dafür spre­chen, dass die­se Kin­der­geld für den Zeit­raum August 2011 bis Dezem­ber 2015 begehrt.
vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 04.02.2016 – III R 17/​13, BFHE 253, 134, BStBl II 2016, 612, Rz 18, m.w.N.; vom 10.03.2016 – III R 8/​13, BFH/​NV 2016, 1164, Rz 22; – III R 25/​12, BFH/​NV 2016, 1161, Rz 21; und vom 28.04.2016 – III R 68/​13, BFHE 254, 20, BStBl II 2016, 776, Rz 20[↩]
vgl. z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 253, 134, BStBl II 2016, 612, Rz 18; in BFH/​NV 2016, 1164, Rz 24; in BFH/​NV 2016, 1161, Rz 23, und in BFHE 254, 20, BStBl II 2016, 776, Rz 22, jeweils m.w.N.[↩]
vgl. z.B. BFH, Urteil in BFHE 253, 134, BStBl II 2016, 612, Rz 21[↩]
vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 253, 134, BStBl II 2016, 612, Rz 18 ff., m.w.N.; in BFH/​NV 2016, 1164, Rz 21 ff.; in BFH/​NV 2016, 1161, Rz 20 ff., und in BFHE 254, 20, BStBl II 2016, 776, Rz 19 ff.[↩]
BFH, Urteil vom 04.08.2016 – III R 10/​13, BFHE 255, 46, BStBl II 2017, 126, Rz 23, m.w.N.[↩]
vgl. z.B. BFH, Urteil vom 12.03.2015 – III R 14/​14, BFHE 249, 292, BStBl II 2015, 850, Rz 18, m.w.N.[↩]

References: Art. 60
 Art. 67
 Art. 67
 Art. 60
 Art. 60
 Art. 60
 Art. 1
 § 62
 § 63
 § 62
 § 63
 § 63
 Art. 67
 Art. 60
 § 62