Source: http://m.hensche.de/Bundesverwaltungsgericht_gesetzliche_Regelung_Beamtenstreikrecht_BVerwG_2C1-13.html
Timestamp: 2017-10-23 11:37:01+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: Bundesverwaltungsgericht mahnt gesetzliche Regelung des Beamtenstreikrechts an
Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt mahnt ge­setz­li­che Re­ge­lung des Be­am­ten­streik­rechts an
Ge­ne­rel­les Streik­ver­bot des deut­schen Be­am­ten­rechts wi­der­spricht Art.11 der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EM­RK): Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Ur­teil vom 27.02.2014, 2 C 1.13
11.03.2014. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt (BVerwG) in Leip­zig hat En­de Fe­bru­ar 2014 ei­nen vor­läu­fi­gen Schluss­strich un­ter ei­nen jah­re­lan­gen ju­ris­ti­schen Streit über die Fol­gen ei­ner Streik­be­tei­li­gung von Be­am­ten ge­zo­gen.
Ob­wohl das ge­ne­rel­le Streik­ver­bot des deut­schen Be­am­ten­rechts mit Art.11 der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EM­RK) un­ver­ein­bar ist, gilt es bis zu ei­ner ge­setz­li­chen Re­form des Be­am­ten­streik­rechts vor­läu­fig wei­ter, so das BVerwG.
Da­her ha­ben die Leip­zi­ger Rich­ter ei­ne Dis­zi­pli­nar­stra­fe, die ei­ne Be­am­tin we­gen ei­ner Streik­ak­ti­on kas­sier­te, zwar ab­ge­seg­net, den Ge­setz­ge­ber aber zu ei­ner Re­form des Be­am­ten­streik­rechts auf­ge­for­dert: BVerwG, Ur­teil vom 27.02.2014, 2 C 1.13 (Pres­se­mel­dung).
Art.33 Abs.5 Grundgesetz contra Art.11 Abs.2 Europäische Menschenrechtskonvention?
Deut­sche Be­am­te dürfen nach herr­schen­der Mei­nung in der Recht­spre­chung und ju­ris­ti­schen Li­te­ra­tur nicht strei­ken, denn ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen und Bezüge wer­den nicht per Ta­rif­ver­trag ge­re­gelt, son­dern per Ge­setz.
Da­her können sich Be­am­te zwar in ge­werk­schaft­li­chen In­ter­es­sen­verbänden or­ga­ni­sie­ren und da­mit von ih­rem Grund­recht aus Art.9 Abs.3 Satz 1 Grund­ge­setz (GG) Ge­brauch ma­chen. Ein Streik­recht gewährt die­ses Ko­ali­ti­ons­grund­recht Be­am­ten aber nicht.
Vor die­sem Hin­ter­grund gehört das Streik­ver­bot für Be­am­te zu den "her­ge­brach­ten Grundsätzen des Be­rufs­be­am­ten­tums" im Sin­ne von Art. 33 Abs.5 GG. Das Streik­ver­bot gilt nach herr­schen­der Mei­nung für al­le Be­am­ten und nicht et­wa nur für die­je­ni­gen, die in si­cher­heits­re­le­van­ten Be­rei­chen und/oder in der ei­gent­lich ho­heit­li­chen Staats­ver­wal­tung tätig sind. Ein Fi­nanz­be­am­ter oder ein ver­be­am­te­ter Leh­rer muss das Ver­bot da­her eben­so be­fol­gen wie ein Po­li­zei­be­am­ter.
Die­se in Deutsch­land be­ste­hen­de Rechts­la­ge passt aber nicht so gut mit Art.11 EM­RK zu­sam­men. Die­se Vor­schrift lau­tet:
Da Deutsch­land die EGMR ra­ti­fi­ziert hat, gel­ten de­ren Vor­schrif­ten als Be­stand­teil des Bun­des­rechts, d.h. sie sind Teil des ein­fa­chen auf Bun­des­ebe­ne gel­ten­den Ge­set­zes­rechts. "Ein­fa­ches" Ge­set­zes­recht heißt, dass die EGMR nicht Teil der Ver­fas­sung ist, son­dern im Rang der Ge­set­zes­vor­schrif­ten un­ter­halb der Ver­fas­sung, d.h. des Grund­ge­set­zes steht.
Da das Streik­recht in Art.11 EGMR nicht aus­drück­lich erwähnt wird, kommt es hier auf die Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR) an. Er hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ni­ge Ur­tei­le zu die­sem The­ma gefällt.
Was sagt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zum Streikrecht von Staatsbediensteten?
Die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit als Men­schen­recht um­fasst nach der Recht­spre­chung des EGMR auch das Recht zu Ta­rif­ver­hand­lun­gen (EGMR, Ur­teil vom 12.11.2008, 34503/97 - De­mir u. Bay­ka­ra ./. Türkei, Rn.153, 154), und außer­dem das Streik­recht, das al­ler­dings nicht "ab­so­lut" geschützt ist, son­dern An­gehöri­gen des öffent­li­chen Diens­tes ver­bo­ten wer­den kann, wenn sie im Na­men des Staa­tes Ho­heits­ge­walt ausüben (EGMR, Ur­teil vom 21.04.2009, 68959/01 - En­er­ji Ya­pi-Yol Sen ./. Türkei, Rn.32).
Außer­dem hat der EGMR ge­for­dert, dass Vor­schrif­ten über das Streik­recht bzw. über sei­ne Be­schränkung für An­gehöri­ge des öffent­li­chen Diens­tes so ein­deu­tig und so eng be­grenzt wie möglich die da­von be­trof­fe­nen Beschäftig­ten­grup­pen be­stim­men müssen (EGMR, Ur­teil vom 21.04.2009, 68959/01 - En­er­ji Ya­pi-Yol Sen ./. Türkei, Rn.32).
Auf­grund die­ser bei­den Ur­tei­le ist ziem­lich klar, dass der EGMR das Streik­recht als ein Recht an­sieht, das im Aus­gangs­punkt al­len Staats­be­diens­te­ten zu­steht, d.h. Ar­beit­neh­mern und Be­am­ten, und dass Ein­schränkun­gen des Streik­rechts nur zulässig sind, wenn sie mit Art.11 Abs.2 EM­RK zu ver­ein­ba­ren sind.
We­ni­ger klar ist, ob das in Deutsch­land für al­le Be­am­ten gel­ten­de Streik­ver­bot dem Schran­ken­vor­be­halt des Art.11 Abs.2 Satz 2 EM­RK ent­spricht oder nicht.
Hier könn­te man ar­gu­men­tie­ren, dass Be­am­te im­mer, eben weil sie Be­am­te sind und kei­ne An­ge­stell­ten, zur "Staats­ver­wal­tung" im Sin­ne von Art.11 Abs.2 Satz 2 zu zählen sind. So ge­se­hen ist das für al­le Be­am­ten in Deutsch­land gel­ten­de Streik­ver­bot mit Art.11 EM­RK und der Recht­spre­chung des EGMR zu ver­ein­ba­ren. In die­sem Sin­ne hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt (OVG) Nord­rhein-West­fa­len (NRW) im März 2012 ent­schie­den (OVG NRW, Ur­teil vom 07.03.2012, 3d A 317/11.O), und ähn­lich auch das Ver­wal­tungs­ge­richt Os­nabrück (Ur­teil vom 19.08.2011, 9 A 1/11 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/168 Streik­ver­bot für Be­am­te müssen auch Leh­rer be­ach­ten).
Die Ge­gen­mei­nung lau­tet: Die Un­ter­schei­dung zwi­schen Ar­beit­neh­mern und Be­am­ten ist für Art.11 EM­RK und für die Recht­spre­chung des EGMR un­er­heb­lich. Strei­ken dürfen im Aus­gangs­punkt al­le Beschäftig­ten des öffent­li­chen Diens­tes, und Aus­nah­men lässt der EGMR nur zu, wenn die vom Streik­recht aus­ge­schlos­se­nen Beschäftig­ten­grup­pen (An­ge­stell­te oder Be­am­te) im Na­men des Staa­tes Ho­heits­ge­walt ausüben.
Und das tun zum Bei­spiel ver­be­am­te­te Leh­rer nicht oder nur in sehr ge­rin­gem Um­fang, z.B. beim Er­tei­len von Ab­schluss­no­ten. Ver­be­am­te­te Leh­rer dürfen da­her strei­ken (so das Ver­wal­tungs­ge­richt Kas­sel, Ur­teil vom 27.07.2011, 28 K 1208/10.KS.D) oder zu­min­dest nicht für ei­ne Streik­teil­nah­me mit ei­ner Dis­zi­pli­nar­maßnah­me be­straft wer­den (so das Ver­wal­tungs­ge­richt Düssel­dorf, Ur­teil vom 15.12.2010, 31 K 3904/10.O).
Der Streitfall: Verbeamtete Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen beteiligt sich an Warnstreiks der GEW
An­fang 2009 be­tei­lig­te sich ei­ne ver­be­am­te­te Leh­re­rin, die in der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaf­ten (GEW) ak­tiv war, an drei ver­schie­de­nen Ta­gen an ei­nem Warn­streik der GEW und kas­sier­te dafür ei­ne Dis­zi­pli­nar­stra­fe in Form ei­ner Geld­buße von 1.500,00 EUR.
Das woll­te sie nicht auf sich sit­zen las­sen und zog vor das Ver­wal­tungs­ge­richt Düssel­dorf. Dort hat­te sie Er­folg: Das Ge­richt mein­te, dass die Leh­re­rin als Be­am­tin zwar an das Streik­ver­bot ge­bun­den sei, dass aber ei­ne Dis­zi­pli­nar­stra­fe we­gen der in Art.11 EM­RK auch für Be­am­te ga­ran­tier­ten Streik­frei­heit nicht rech­tens sei (Ur­teil vom 15.12.2010, 31 K 3904/10.O - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 11/110: Streik be­am­te­ter Leh­rer recht­fer­tigt kei­ne Dis­zi­pli­nar­stra­fe).
Gut ein Jahr später kam dann die kal­te Du­sche vor dem OVG NRW. Das OVG in­ter­pre­tier­te die Recht­spre­chung des EGMR lang und breit und kam zu dem Schluss, dass das für al­le Be­am­ten gel­ten­de Streik­ver­bot we­der ge­gen Art.11 EM­RK verstößt noch ge­gen die bis­he­ri­gen Ur­tei­le des EGMR (OVG NRW, Ur­teil vom 07.03.2012, 3d A 317/11.O - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/104 Streik­recht für Be­am­te?). Ob­wohl sich das OVG sei­ten­lang mit kom­pli­zier­ten Fra­gen der In­ter­pre­ta­ti­on von Art.11 EM­RK und der Recht­spre­chung des EGMR her­um­schlug und der Fall da­her of­fen­sicht­lich "grundsätz­li­che Be­deu­tung" hat­te, ließ das OVG die Re­vi­si­on zum BVerwG nicht zu.
Die­se Fehl­ent­schei­dung hat das BVerwG mit Be­schluss vom 02.01.2013 (2 B 46.12) kor­ri­giert und auf die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de der Leh­re­rin hin die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen. En­de Fe­bru­ar 2014 hat das BVerwG nun­mehr sein Ur­teil in dem Re­vi­si­ons­ver­fah­ren gefällt.
BVerwG: Das allgemeine Streikverbot des deutschen Beamtenrechts widerspricht Art.11 EMRK, gilt aber trotzdem vorerst weiter
Das BVerwG seg­ne­te die um­strit­te­ne Dis­zi­pli­nar­stra­fe ab, ver­rin­ger­te die Geld­buße aber von 1.500,00 EUR auf 300,00 EUR. So­weit der bis­her al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BVerwG zu ent­neh­men ist, be­gründet das Ge­richt sein Ur­teil mit fol­gen­den Über­le­gun­gen:
Das in Deutsch­land be­ste­hen­de Streik­ver­bot gilt für al­le Be­am­ten, d.h. auch für Be­am­te außer­halb des Be­reichs der Ho­heits­ver­wal­tung. Es gehört zu den "her­ge­brach­ten Grundsätzen des Be­rufs­be­am­ten­tums" im Sin­ne von Art. 33 Abs.5 GG. Da­mit ist das ge­ne­rel­le Be­am­ten­streik­ver­bot, so das BVerwG, Teil des deut­schen Ver­fas­sungs­rechts, d.h. es steht über den ein­fa­chen Ge­set­zen.
In Ab­wei­chung von die­ser deut­schen (Ver­fas­sungs-)Rechts­la­ge ent­nimmt der EGMR, so die Leip­zi­ger Rich­ter, Art.11 EM­RK ein Recht al­ler Staats­be­diens­te­ten auf Ta­rif­ver­hand­lun­gen und ein dar­an an­knüpfen­des Streik­recht. Das Recht auf Ta­rif­ver­hand­lun­gen und das Recht auf Streik können gemäß Art.11 Abs.2 Satz 2 EM­RK nur für An­gehöri­ge der Streit­kräfte, der Po­li­zei und der ho­heit­li­chen Staats­ver­wal­tung all­ge­mein aus­ge­schlos­sen wer­den.
Nach der Recht­spre­chung des EGMR, so wie sie das BVerwG ver­steht, gehören nur sol­che Staats­be­diens­te­te (An­ge­stell­te oder Be­am­te) der ho­heit­li­chen Staats­ver­wal­tung an, "die an der Ausübung ge­nu­in ho­heit­li­cher Be­fug­nis­se zu­min­dest be­tei­ligt" sind. Zu die­ser ho­heit­li­chen "Staats­ver­wal­tung" zählen die öffent­li­chen Schu­len in Deutsch­land und die dort un­ter­rich­ten­den Leh­rer nach An­sicht des BVerwG nicht.
Da­mit wi­der­spricht das deut­sche Be­am­ten­recht der­zeit dem Recht auf Ta­rif­ver­hand­lun­gen und dem Streik­recht der­je­ni­gen Be­am­ten, die außer­halb der ho­heit­li­chen Staats­ver­wal­tung tätig sind, so die Leip­zi­ger Rich­ter.
Die­sen Wi­der­spruch können al­ler­dings dem BVerwG zu­fol­ge nicht die Ge­rich­te auflösen, son­dern hier muss der Ge­setz­ge­ber tätig wer­den, der da­bei zwi­schen ver­schie­de­nen Möglich­kei­ten ei­ner Re­form wählen kann. Der Ge­setz­ge­ber könn­te zum Bei­spiel
"die Be­rei­che der ho­heit­li­chen Staats­ver­wal­tung, für die ein ge­ne­rel­les Streik­ver­bot gilt, be­stim­men und für die an­de­ren Be­rei­che der öffent­li­chen Ver­wal­tung die ein­sei­ti­ge Re­ge­lungs­be­fug­nis der Dienst­her­ren zu­guns­ten ei­ner er­wei­ter­ten Be­tei­li­gung der Be­rufs­verbände der Be­am­ten ein­schränken. Die Zu­er­ken­nung ei­nes Streik­rechts für die in die­sen Be­rei­chen täti­gen Be­am­ten würde ei­nen Be­darf an Ände­run­gen an­de­rer, den Be­am­ten güns­ti­ger Re­ge­lun­gen, et­wa im Be­sol­dungs­recht, nach sich zie­hen."
Sch­ließlich ist der BVerwG der Mei­nung, dass das ge­ne­rel­le Streik­ver­bot in Deutsch­land vorläufig wei­ter gilt, d.h. für die "Über­g­angs­zeit bis zu ei­ner bun­des­ge­setz­li­chen Re­ge­lung". Für die deut­schen Be­am­ten, de­nen da­mit bis auf wei­te­res ein vom EGMR an­er­kann­tes Recht ver­wei­gert wird, ist das zu­mut­bar, denn sie können auch oh­ne Streiks ver­lan­gen, dass ih­re Gehälter ent­spre­chend der Ta­rif­lohn­ent­wick­lung im öffent­li­chen Dienst an­ge­passt wer­den. Da­zu das BVerwG:
"Hierfür ist von Be­deu­tung, dass den Ta­rif­ab­schlüssen für die Ta­rif­beschäftig­ten des öffent­li­chen Diens­tes auf­grund des Ali­men­ta­ti­ons­grund­sat­zes nach Art. 33 Abs. 5 GG maßge­ben­de Be­deu­tung für die Be­am­ten­be­sol­dung zu­kommt. Die Be­sol­dungs­ge­setz­ge­ber im Bund und in den Ländern sind ver­fas­sungs­recht­lich ge­hin­dert, die Be­am­ten­be­sol­dung von der Ein­kom­mens­ent­wick­lung, die in den Ta­rif­ab­schlüssen zum Aus­druck kommt, ab­zu­kop­peln."
Die­ser Hin­weis ist ei­ne Steil­vor­la­ge für den Be­am­ten­bund, der im­mer wie­der Grund zu der Kla­ge hat, dass die Erhöhung der Be­am­ten­bezüge hin­ter den Ta­rif­loh­nerhöhun­gen im öffent­li­chen Dienst zurück­bleibt.
Jetzt sind das BVerfG und der EGMR gefragt
Ob­wohl das BVerwG den Bun­des­ge­setz­ge­ber für "be­ru­fen" hält, das deut­sche Be­am­ten­recht zu re­for­mie­ren, wird die große Ko­ali­ti­on die­ser Be­ru­fung si­cher­lich erst ein­mal nicht fol­gen, son­dern die wei­te­re Ent­wick­lung ab­war­ten. Mit ernst­ge­mein­ten Ge­setz­entwürfen ist da­her vor­erst nicht zu rech­nen.
Wahr­schein­li­cher ist, dass die Kläge­rin des Aus­gangs­ver­fah­rens mit Hil­fe der GEW Ver­fas­sungs­be­schwer­de ge­gen das Ur­teil des BVerwG ein­legt. Und soll­te auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) am Streik­ver­bot fest­hal­ten, dürf­te die Kläge­rin bzw. die GEW Kla­ge beim EGMR ein­rei­chen.
Bis da­hin, d.h. bis zu ei­ner ex­pli­zit auf deut­sche Be­am­ten­streik­recht be­zo­ge­nen Ent­schei­dung des EGMR, wer­den CDU/CSU und SPD das Pro­blem aus­sit­zen. Die­se Untätig­keit lässt sich so­gar ju­ris­tisch recht­fer­ti­gen, denn so­lan­ge nicht der EGMR über ei­nen aus Deutsch­land stam­men­den Fall des Be­am­ten­streik­rechts ent­schie­den hat, sind al­le ju­ris­ti­schen Aus­sa­gen zu den an­geb­li­chen streik­recht­li­chen Vor­ga­ben des EGMR letzt­lich spe­ku­la­tiv.
Aus Sicht der GEW ist das Ur­teil des BVerwG da­her enttäuschend, denn das ge­ne­rel­le Streik­ver­bot für al­le Be­am­ten wird wohl noch ei­ni­ge Jah­re Be­stand ha­ben.
An­de­rer­seits kann man ver­ste­hen, war­um das BVerwG da­vor zurück­scheut, ein Streik­recht für Be­am­te aus dem Richter­hut zu zie­hen. Denn man kann nicht ein­fach hin­ge­hen und das der­zeit gel­ten­de Be­am­ten­recht um ein Streik­recht ergänzen.
Denn die vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) seit den 50er Jah­ren ent­wi­ckel­ten Rechts­re­geln, die für Fra­ge der Rechtmäßig­keit von Ar­beit­neh­mer­streiks gel­ten, pas­sen nicht auf strei­ken­de Be­am­te:
Der­zeit wird die Be­sol­dung von Be­am­ten ge­setz­lich ge­re­gelt, d.h. es gibt kei­ne für Be­am­ten gel­ten­den Ta­rif­verträge. Oh­ne ein ta­rif­lich re­gel­ba­res Ziel sind Streiks (von Ar­beit­neh­mern) aber rechts­wid­rig. Sol­len künf­tig Be­am­ten­verbände für Be­am­te Ta­rif­verträge ab­sch­ließen und sol­len Be­am­te dafür strei­ken können, braucht es ent­spre­chen­de ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen.
Wer als Ar­beit­neh­mer streikt, kann für die Dau­er der Streik­teil­nah­me kei­nen Lohn be­an­spru­chen. Die­se Selbst­verständ­lich­keit gilt aber nicht für Be­am­te, denn sie wer­den ja nicht für ih­re Ar­beits­leis­tung "ent­lohnt", son­dern er­hal­ten ei­ne amts­an­ge­mes­se­ne Ali­men­ta­ti­on. Soll der An­spruch auf Ali­men­ta­ti­on für die Dau­er ei­ner Streik­teil­nah­me gekürzt wer­den, sind ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen er­for­der­lich.
Ist der Me­cha­nis­mus von Ta­rif­ver­hand­lun­gen ein­mal in Gang ge­kom­men, ist er durch Art. 9 Abs. 3 Satz 1 GG geschützt. Dann muss der Ar­beit­ge­ber aber auch in der Spur blei­ben, d.h. ein­sei­ti­ge ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen sind dann nicht mehr oh­ne wei­te­res möglich.
Vor die­sem Hin­ter­grund ist nach­voll­zieh­bar, dass es nicht Auf­ga­be der Ge­rich­te, son­dern des Ge­setz­ge­bers ist, das Be­am­ten­recht in Deutsch­land so zu re­for­mie­ren, dass nicht ho­heit­lich täti­ge Be­am­te künf­tig strei­ken dürfen.
Wann kommt das Beamtenstreikrecht?
Vie­le Be­am­te und vor al­lem die wich­tigs­te In­ter­es­sen­ver­tre­tung der Be­am­ten, der DBB Be­am­ten­bund und Ta­rif­uni­on, leh­nen ein Streik­recht für Be­am­te aus­drück­lich ab. So hat der Bun­des­vor­sit­zen­de des DBB, Klaus Dau­derstädt, das BVerwG-Ur­teil vom 27.02.2014 aus­drück­lich be­grüßt. Der DBB, so Dau­derstädt,
"hat im­mer wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Be­am­ten­streiks mit Ar­ti­kel 33 Ab­satz 5 des Grund­ge­set­zes un­ver­ein­bar sind und ein­deu­tig ge­gen die her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums ver­s­toßen."
In die­sem Sin­ne hat sich auch der Präsi­dent des Deut­schen Leh­rer­ver­ban­des, Jo­sef Kraus, geäußert. Der Leh­rer­ver­band lehnt ein Streik­recht ver­be­am­te­ter Leh­rer aus­drück­lich ab. Be­gründung:
"Wir ha­ben in Deutsch­land ei­ne Schul­pflicht, da­von ab­ge­lei­tet be­ste­hen Bil­dungs­rech­te der her­an­wach­sen­den Ge­ne­ra­ti­on. In dem Mo­ment, in dem Leh­rer strei­ken dürfen, kann die­ses Bil­dungs­recht nicht mehr ein­gelöst wer­den. Was das be­deu­tet, wis­sen wir aus Ländern, in de­nen Leh­rer­streiks im­mer wie­der vor­kom­men - dort wird oft wo­chen­lang der Bil­dungs­be­trieb und manch­mal auch der Prüfungs­be­trieb lahm­ge­legt, dies geht be­son­ders zu Las­ten der schwäche­ren Schüler."
Dem­ge­genüber setzt sich die GEW für ein Streik­recht ver­be­am­te­ter Leh­rer ein. Dem­ent­spre­chend kämp­fe­risch fiel die Re­ak­ti­on auf das BVerwG-Ur­teil aus. Die GEW be­dau­ert, "dass das BVerwG sei­ne Spielräume nicht aus­geschöpft" ha­be, meint GEW-Vor­stands­mit­glied An­dre­as Gehr­ke. Gehr­ke wei­ter:
"Wir hof­fen, dass jetzt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt das un­zeit­gemäße und vor­de­mo­kra­ti­sche Ver­bot des Be­am­ten­streiks endgültig zu Gra­be trägt."
Fa­zit: Die Einführung ei­nes Be­am­ten­streik­rechts durch Rich­ter­spruch ist un­wahr­schein­lich. Und der Ge­setz­ge­ber wird ab­war­ten, bis der EGMR ein Ur­teil zum ge­ne­rel­len Streik­ver­bot für deut­sche Be­am­te gefällt hat. Denn ers­tens ist die Rechts­la­ge un­klar, zwei­tens müss­te man das Sys­tem der Be­am­ten­be­sol­dung bei An­er­ken­nung ei­nes Be­am­ten­streik­rechts grund­le­gend ändern und drit­tens ver­tre­ten auch die be­trof­fe­nen Verbände ge­gensätz­li­che Auf­fas­sun­gen zu die­sem The­ma. Bis das Be­am­ten­streik­recht kommt, wer­den da­her vor­aus­sicht­lich noch Jah­re ver­ge­hen.
Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Be­schluss vom 02.01.2013, 2 B 46.12
DBB Be­am­ten­bund und Ta­rif­uni­on: dbb be­grüßt Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts­ur­teil ge­gen Streik­recht für Be­am­te (Pres­se­mel­dung vom 27.02.2014)
Deut­scher Leh­rer­ver­band (DL): Leh­rer­ver­band: „Streik­ver­bot für Leh­rer ga­ran­tiert Bil­dungs­recht für Schüler“ (Pres­se­mel­dung vom 27.02.2014)
Ver­wal­tungs­ge­richt Düssel­dorf (Web­sei­te)

References: Art.11
 Art.11

Art.33
 Art.11
 Art.9
 Art. 33
 Art.11
 EGMR 
 EGMR 
 Art.11
 EGMR 
 EGMR 
 EGMR 
 EGMR 
 Art.11
 Art.11
 Art.11
 Art.11
 EGMR 
 Art.11
 EGMR 
 EGMR 
 Art.11
 EGMR 
 Art.11
 EGMR 
 Art.11
 EGMR 
 Art.11
 Art. 33
 Art.11
 Art.11
 EGMR 
 Art. 33
 EGMR 
 EGMR 
 EGMR 
 EGMR 
 Art. 9
 EGMR