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Timestamp: 2017-11-19 10:21:55+00:00

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Religionsunterricht in der religiös pluralen Gesellschaft – Tagungsbericht des 49. Essener Gesprächs zum Thema Staat und Kirche 2014 | Religion – Weltanschauung – Recht [ RWR ]
Dem „Religionsunterricht in der religiös pluralen Gesellschaft“ widmete sich das 49. Essener Gespräch zum Thema Staat und Kirche in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ vom 17. bis 18.03.2014.
Religionsunterricht berührt und polarisiert. Er soll die Glaubenslehren der jeweiligen Konfession nicht nur allgemein-informativ vorstellen, sondern sie als bestehende Wahrheiten vermitteln. Vor dem Hintergrund eines grundlegenden sozialen, religiösen und nicht zuletzt demographischen Wandels in Deutschland haben sich die Rahmenbedingungen, die in einer verfassungsrechtlich einzigartigen Weise zu einem hervorgehobenen Schutz des Religionsunterrichts im Grundrechtsteil des Grundgesetzes geführt haben, zunehmend verschoben. Nicht zuletzt die rückläufige Zahl christlich geprägter Schüler, die Zunahme vor allem muslimischer oder konfessionsloser Kinder in Deutschland sowie neue (religions-)pädagogische Modelle haben das Gesicht des Religionsunterrichts verändert. Die 49. Essener Gespräche widmeten sich dem Fragenkomplex, wie diese Prozesse kirchen- und religionsverfassungsrechtlich zu würdigen sind, welche neuen religionspädagogischen Anforderungen und Zugänge für einen Religionsunterricht im 21. Jahrhundert notwendig sind und welche religionsrechtlichen aber auch religionspädagogischen Anfragen ein islamischer Religionsunterricht aufwirft.
Verfassungsrechtlicher Rahmen – Religionsunterricht als Auftrag und Kooperationsgebot
In seinem Auftaktreferat stellte Prof. Dr. iur. Stefan Korioth, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, insbesondere Kirchenrecht sowie Deutsches Staats- und Verwaltungsrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München, den „Auftrag des Religionsunterrichts nach Art. 7 Abs. 3 GG“ vor. Dem Staat obliegt gem. Art. 7 Abs. 1 GG die allgemeine Schulaufsicht. Der Religionsunterricht ist gem. Art. 7 Abs. 3 Satz 1 GG in den öffentlichen Schulen (mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen) ordentliches Lehrfach. Der säkulare Staat integriert einen konfessionellen Religionsunterricht in das öffentliche Schulwesen und verwirklicht somit ein Bildungs- und Erziehungselement, dessen Erfüllung nicht in seiner alleinigen Verantwortung liegt. Korioth würdigt die Schule als Ort der beginnenden Sozialisierung und betont die besondere Bedeutung des Religionsunterrichts für die Persönlichkeitsentwicklung, weist jedoch darauf hin, dass die ursprüngliche volkskirchliche Grundlage des Art. 7 Abs. 3 GG zunehmend erodiert. Der Religionsunterricht in seiner einst konzipierten Form gerate in mehrfacher Hinsicht in Bedrängnis: Nicht nur werde vor dem Hintergrund zunehmender religiös-weltanschaulicher Pluralität und Säkularität generell über den Platz von Religion in der Schule verstärkt reflektiert, vielmehr fördere der deutsche Föderalismus im Bildungswesen eine zunehmende Vielzahl an Vermittlungsmodellen und Schulfächern zutage, z.B. Religion, Ethik, Philosophie, LER usw. zutage. Die Diskussion um einen islamischen Religionsunterricht auf Grund der stetig steigenden Zahl muslimischer Schüler stelle zusätzliche Anfragen an das überkommene System des Religionsunterrichts.
Religionsunterricht aus religionspädagogischer Perspektive
Der zweite Teil der Essener Gespräche widmete sich anschließend der religionspädagogischen Perspektive sowie den unterschiedlichen kirchenrechtlichen Grundlagen des Religionsunterrichts.
Zunächst referierte Prof. Dr. theol. Friedrich Schweitzer, Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Religionspädagogik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen, zur „(Selbst-)Verantwortung der Kirchen für die Ausbildung eines Propriums und einer religiösen Identität für den Religionsunterricht“. Schweitzer konstatierte eine nachlassende Konfessionsbindung der Schülerschaft sowie einen zunehmend im Klassenverbund abgehaltenen Religionsunterricht. Die verfassungsrechtlich vorgesehene Mitwirkung der Kirchen bei der Gestaltung eines eigenen Religionsunterrichts sowie dessen Notwendigkeit insgesamt kollidiere zunehmend mit der religionspädagogischen und vor allem schulorganisatorischen Wirklichkeit. Schweitzer empfiehlt, die kirchliche Verantwortung für den Religionsunterricht in Bezug auf die religiöse Pluralität neu zu begründen. Die traditionelle Berufung auf religiöse Mehrheitsverhältnisse reiche nicht mehr aus. Schweitzer betonte die Notwendigkeit eines theologisch ausgewiesenen Profils. Der Religionsunterricht wolle den Menschen befähigen, kompetent zu fragen und zu hinterfragen, daher seien gerade auch umstrittene Glaubensfragen zu thematisieren und die verschiedenen Zugänge zu ethisch-religiösen Fragestellungen zu vermitteln. Ein lediglich auf ethische Fragen und Gemeinsamkeiten reduzierter Unterricht werde der religiös-weltanschaulichen Pluralität nicht gerecht. Religionsfähigkeit diene der gezielten Entwicklung einer „Pluralitätsfähigkeit“ der Schüler. Es gehe um einen prinzipienorientierten Umgang mit Religionspluralität, der einen Rückzug auf extremistische Positionen und damit Intoleranz verhindere.
Offizielle Stellungnahmen der Katholischen Kirche zum Religionsunterricht
Der Münsteraner Religionspädagoge Prof. Dr. theol. Clauß Peter Sajek nahm in der Folge zu einigen amtlichen Handreichungen und Verlautbarungen der deutschen Bischöfe Stellung. Insbesondere der Text der Würzburger Synode zum Religionsunterricht sei heute noch von besonderer Bedeutung. Darin wird die Forderung erhoben, dass der Religionsunterricht zu verantwortlichem Denken und Verhalten im Hinblick auf Religion und Glaube befähigen soll. Der Religionsunterricht helfe dem gläubigen Schüler, sich bewusster für diesen Glauben zu entscheiden und damit der Gefahr religiöser Unreife und Gleichgültigkeit zu entgehen. Mit der 2005 erschienenen Handreichung „Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen“ sei den deutschen Bischöfen eine durchdachte Neuausrichtung gelungen, die auf eine sehr positive Resonanz der Fachwissenschaft stieß. Trotz allem bemerkte Sajek, dass das Bild des konfessionellen Unterrichts insgesamt in der Krise sei: Homogenität sei kein Anliegen der Lehrer mehr, stattdessen werde zunehmend interkonfessioneller Unterricht bevorzugt.
Religionsunterricht nach Maßgabe des katholischen und evangelischen Kirchenrechts
Den „kirchenrechtlichen Rahmenbedingungen für den katholischen Religionsunterricht“ widmete sich Prof. Dr. theol. Wilhelm Rees, Universitätsprofessor für Kirchenrecht an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Nach einem einführenden Überblick in die historische Entwicklung der Abgrenzung zwischen Religionsunterricht und Katechese stellte Rees im Folgenden umfassend die derzeit gültigen kirchenrechtlichen Vorschriften zur Ausgestaltung des Religionsunterrichts vor. Bemerkenswert ist dabei vor allem die Wechselwirkung mit dem Grundrecht der Gläubigen auf eine christliche Erziehung (can. 217 CIC). Es besteht ein Anspruch der Gläubigen gegenüber der Kirche auf eine entsprechende katholische Erziehung. Die Anforderungen an die Lehrkräfte zur Abhaltung katholischen Religionsunterrichts sind dabei durchaus hoch. Can. 805 CIC verlangt, dass es für die Lehrkräfte – neben ihrer staatlich geprüften Lehrbefähigung durch universitäre und praktische Examina – einer gesonderten kirchlichen Beauftragung bedarf (sog. missio canonica), die seitens des Diözesanbischofs zu erteilen und ggf. auch wieder zu entziehen ist. Ein solcher Entzug ist allerdings nur aus religiösen Gründen denkbar, wie er etwa bei einem Verstoß gegen die Sittenlehre oder einem Kirchenaustritt gegeben sein dürfte. Insgesamt bringen die kirchenrechtlichen Vorschriften deutlich zum Ausdruck, dass die Erteilung von schulischem Religionsunterricht Teilhabe an der amtlichen Lehrverkündigung im Namen und im Auftrag der Kirche ist. Die Notwendigkeit einer unverkürzten Weitergabe der Lehre erfordert eine besondere Beobachtung durch den Diözesanbischof. Der CIC von 1983 gestaltet den Religionsunterricht eindeutig als im strengen Sinne konfessionell aus, der kirchliche Gesetzgeber hatte Formen interkonfessionellen Religionsunterrichts nachweislich nicht im Blick. Demgegenüber sei die Teilnahme konfessionsfremder Schüler am katholischen Religionsunterricht nicht ausdrücklich ausgeschlossen.
Oberkonsistorialrat Dr. iur. Martin Richter (Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) gab im Anschluss einen Überblick über die vielgestaltigen gesetzlichen Grundlagen des evangelischen Kirchenrechts zum Religionsunterricht. Solche Regelungen finden sich etwa auf Ebene der Kirchenverfassungen, der Lebensordnungen, in Vokationsordnungen wie auch im Vertragsstaatskirchenrecht. Vereinzelt gibt es auch vertragliche Absprachen zwischen Landeskirchen zur näheren Ausgestaltung des Religionsunterrichts. Richter sprach sich für eine gemeinsame Weiterentwicklung der Grundlagen des evangelischen Religionsunterrichts aus, vornehmlich im Wege vertraglicher Absprachen zwischen den Landeskirchen. Die bestehenden rechtlichen Grundlagen seien nicht selten uneinheitlich und lückenhaft. So bestünden etwa vergleichbare Vokationsordnungen in allen Landeskirchen, doch schon bei der Frage der Ausübung des Aufsichts- und Einsichtnahmerechts der kirchlichen Behörde trete eine nicht immer förderliche landeskirchliche Vielfalt auf.
Ein Rahmenthema – viele Facetten
Schwerpunkte der sich jeweils an die Vorträge anschließenden Aussprachen waren u.a. das Verhältnis von Religions- und Ethikunterricht. Beide Fächer haben grundsätzlich ein eigenständiges Profil, gelten nach staatlicher Konzeption allerdings als gleichwertige Alternativfächer zur Erreichung eines konkreten Bildungs- und Erziehungsziels. Ob und inwieweit der Ethikunterricht wirklich „gleichwertig“ sein kann, blieb in der Diskussion umstritten.
Unterschiedliche Positionen wurden auch zu der Frage vertreten, ob Art. 7 Abs. 3 GG ein Grundrecht der Eltern und Schüler enthalte. Befürwortenden Argumenten einer Stärkung der Religionsfreiheit der Schüler und des elterlichen Erziehungsrechts stand die nicht erst seit jüngerer Zeit latente Gefahr einer übermäßigen Vergrundrechtlichung religionsverfassungsrechtlicher Garantien gegenüber.
Die neu aufgekommenen konfessionell-kooperativen Unterrichtsmodelle (z.B. in Baden-Württemberg) wurden überwiegend als verfassungsrechtlich zulässig angesehen, wenngleich vereinzelt befürchtet wurde, dass der eigentliche Auftrag des Religionsunterrichts, nämlich die authentische Information über den Glauben und die Erziehung zu evangelischen/katholischen Christen, zunehmend durch interkonfessionelle Modelle und Unterrichtsformen im Klassenverband (gegen den Willen der Kirchen) zu vernebeln drohe. Aus der Perspektive des Kanonischen Rechts dürften sich manche Unterrichtsmodelle dabei in der Tat als kirchenrechtswidrig einordnen lassen.
Bedenken wurden zudem im Hinblick auf das Hamburger Modell des „Religionsunterrichts für alle“ sowie auf die Klauseln zum Religionsunterricht in den Verträgen mit den muslimischen Gemeinschaften formuliert.
Nicht verkannt wurde, dass die jüngeren innerkirchlichen und zutiefst betrüblichen Vorgänge (Missbrauchsfälle, Fragen finanzieller Transparenz etc.) und der damit einhergehende Vertrauensverlust der kirchlichen Partner langfristig auch auf den Religionsunterricht zurückwirken könnten. Es bestehe derzeit eine dominante öffentliche Wahrnehmung, nach der die Kirchen in der Ordnung ihrer weltlichen Belange Defizite aufweisen.
Islamischer Religionsunterricht – Grundlagen und Erwartungen der beteiligten Akteure
Ganz im Zeichen des islamischen Religionsunterrichts stand der zweite Tag der Essener Gespräche. In die „muslimischen Erwartungen an einen Religionsunterricht in Deutschland und ihre religionspädagogische Umsetzung“ führte Dr. phil. Ismail H. Yavuzcan, seit 2012 Gastdozent für Religionspädagogik am Zentrum für Islamische Theologie der Eberhard Karls Universität Tübingen, als Eröffnungsreferent ein. Die besondere Herausforderung für die ca. 4 Mio. hierzulande lebenden Muslime sei es, eine nähere Konturierung der Rolle des Islams außerhalb der klassischen islamischen Länder zu finden. Yavuzcan betonte, dass es „die“ Muslime als gleichsam monolithischen Block nicht gebe, wenngleich die bisweilen anzutreffenden Formulierungen vom „arabischen“ oder „türkischen“ Islam etwas anderes suggerieren könnten.
Dass die Regierungen der Bundesländer zunehmend die bestehenden Probleme bei der Einführung eines islamischen Religionsunterrichts zu überwinden suchen, stößt bei den Muslimen auf großen Zuspruch. Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern nehmen hier eine Vorreiterrolle ein. Anti-integrative Entwicklungen seien – so Yavuzcan – nicht erkennbar. Die Erwartungen der Eltern wiederum variieren je nach sozialem Hintergrund und religiöser bzw. ethnischer Orientierung: Vereinzelte Untersuchungen haben Forderungen nach einem muttersprachlichem Islamunterricht zutage gefördert ebenso wie solche nach einer engeren Zusammenarbeit mit den großen muslimischen Verbänden. Gerade deren Rolle und Stellung ist nach wie vor nicht unproblematisch, wie das Beispiel der DITIB zeige. Die Verbände fordern im Rahmen des Art. 7 Abs. 3 GG eine umfassende Beteiligung bei der Erstellung von Lehrplänen, der Erteilung einer Lehrerlaubnis und erneuern stets ihre Forderung nach einer Anerkennung als Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes.
Konsequenzen für einen islamischen Religionsunterricht
Strukturell sei eine Beteiligung der großen Verbände an einem islamischen Religionsunterricht unerlässlich. Dies entspreche nicht nur dem Willen der Eltern, sondern werde auch der derzeitigen Binnenstruktur der Muslime in Deutschland gerecht. Lehrerinnen und Lehrer müssten an deutschen Universitäten ausgebildet werden. Dies führe zur besseren Vermittlung von inhaltlichen, aber vor allem auch sprachlichen Kompetenzen, damit sich die Schüler besser auf Deutsch artikulieren können. Auch das interreligiöse Lernen müsse gefördert werden als Ausdruck und Anerkennung der kulturellen und religiösen Pluralität in der Gesellschaft. Yavuzcan beklagt, dass die konzeptionelle und inhaltliche Debatte um den islamischen Religionsunterricht insgesamt stark von der Integrationsdebatte überlagert werde.
Die Einführung islamischen Religionsunterrichts aus religions(verfassungs)srechtlicher Perspektive
Prof. Dr. iur. Janbernd Oebbecke, Inhaber einer Professur für Öffentliches Recht und Verwaltungslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Geschäftsführender Direktor des dortigen Kommunalwissenschaftlichen Instituts, referierte zum Abschluss der Tagung über „die rechtliche Ordnung des islamischen Religionsunterrichts in Deutschland – Stand und Perspektiven“.
Oebbecke würdigt die Frage nach dem Gelingen eines islamischen Religionsunterrichts als wesentlichen Bestandteil der Integration des Islam in die Gesellschaft und die deutsche Rechtsordnung. Die bisweilen diffusen organisatorischen Strukturen des Islams in Deutschland wirken dabei auch in den schulischen Bereich hinein. Die in Deutschland lebenden Muslime sind in Moscheevereinen organisiert, die sich ihrerseits zu Verbänden zusammenschließen. Die Moscheevereine spiegeln gelegentlich religiöse Unterschiede, meistens aber nur die unterschiedliche nationale und sprachliche Herkunft, bei den Muslimen mit türkischem Hintergrund gelegentlich auch (religions)politische Ausrichtungen wider. Eine eindeutige mitgliedschaftliche Zuordnung falle schwer, nicht selten seien die meisten der Moscheebesucher überhaupt nicht Vereinsmitglied. Diese Vielgestaltigkeit werfe nicht nur die grundsätzliche Frage nach den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft i.S.d. Art. 7 Abs. 3 GG auf, sondern auch die praktische Frage, ob und inwieweit Schüler am islamischen Religionsunterricht teilnehmen sollen bzw. müssen, deren Eltern gerade nicht mitgliedschaftlich an die Religionsgemeinschaft gebunden sind, welche die Grundsätze des Religionsunterrichts bestimmt.
Nach Ansicht der Rechtsprechung können die muslimischen Dachverbände unter bestimmten Voraussetzungen Religionsgemeinschaften und damit Ansprechpartner für die Etablierung eines islamischen Religionsunterrichts sein. Formen und Ausgestaltung der bislang in Deutschland erprobten Modelle eines islamischen Religionsunterrichts hängen von organisatorischen Fragen und daneben auch von der regionalen Stärke der Muslime ab. In den östlichen Bundesländern (mit Ausnahme Berlins) stelle sich in Anbetracht der überschaubaren Anzahl von Muslimen die Frage eines islamischen Religionsunterrichts schon nicht, Schleswig-Holstein biete einen Religionskundeunterricht an, andere Länder (Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen) orientieren sich in ihren Modellversuchen enger an Art. 7 Abs. 3 GG. In keinem Bundesland gebe es ein flächendeckendes Angebot über alle Schulformen hinweg, Religionsunterricht nach Maßgabe des Art. 7 Abs. 3 GG findet derzeit vereinzelt für die Aleviten und in Hessen zusätzlich für die Ahmadiyya-Angehörigen statt.
Die Frage nach den inhaltlichen Grenzen des islamischen Religionsunterrichts ist nach Oebbecke noch nicht befriedigend beantwortet, wobei die bisherigen Curricula weitgehend reibungslos verliefen. Mögliche Konflikte könnten zwischen Erziehungs- und Religionszielen bestehen. Hier müsse für einen verfassungskonformen Ausgleich Sorge getragen werden. Oebbecke sieht die derzeitige Entwicklung des islamischen Religionsunterrichts insgesamt positiv, betonte aber auch, dass das deutsche Religionsverfassungsrecht seine Legitimität verliere, wenn es nicht gelinge, den Islam zu integrieren.
Islamischer Religionsunterricht als ein Stein im Mosaik der Integration des Islam
In der abschließenden Aussprache wurde daran erinnert, dass „Islamunterricht“ einst als bewusster Gegenentwurf zu den sog. Koranschulen konzipiert werden sollte, in denen eine vermeintlich staatsgefährdende Lehre vermittelt werde. Yavuzcan kritisierte in diesem Kontext die problematische mediale Darstellung, gerade in der Folge der Ereignisse des 11. September 2001 und die aufgekommene Sicherheitsdebatte, die jede Koranschule in die Nähe zum Extremismus rückte. In den Koranschulen erfolge religiöse Katechese bzw. die primäre religiöse Sozialisation. Yavuzcan betonte, dass der Besuch einer Koranschule nach wie vor freiwillig sei.
Die verbandsmäßige Organisierung wurde grundsätzlich begrüßt, auch wenn hinsichtlich der nach wie vor bestehenden Einflussnahme der türkischen Religionsbehörde auf die DITIB Bedenken verbleiben. Der Religionswissenschaftler Mehmet Soyhun, Mitglied im Beirat für den islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen, klärte in der Diskussion über die Struktur und das Selbstverständnis der muslimischen Verbände auf. Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) verstehe sich etwa ausdrücklich nicht als sunnitische Organisation, in den Mitgliedsverbänden seien auch zahlreiche Schiiten vertreten. Nennenswerte praktische Probleme erwachsen daraus aber weniger. Yavuzcan ergänzte, dass die theologischen Unterschiede teilweise hintan gestellt werden, um muslimischen Religionsunterricht zunächst überhaupt erst einmal zu ermöglichen. Er sieht im Gesamtprozess die zunehmende Gefahr einer „Verkirchlichung der Verbände“.
Religionsunterricht in der Krise?
Insgesamt war man sich im Auditorium der deutlichen Fortschritte bei der Konzeption eines islamischen Religionsunterrichts bewusst, die gerade in den letzten Jahren erzielt worden sind. Uneins war man sich hinsichtlich der Frage, ob man gegenwärtig von einer Krise des Religionsunterrichts insgesamt sprechen könne. Schweitzer legte dabei Wert auf die Feststellung, dass dem – entgegen manch fachlicher Stellungnahme – nicht so sei. Gerade im Osten Deutschlands sei nach der Wiedervereinigung eine Menge erreicht worden. Oebbecke erwiderte, dass man dies allenfalls aus religionspädagogischer Perspektive so beurteilen könnte, juristisch betrachtet, müsse man konstatieren, dass zahlreiche heutige Formen des Religionsunterrichts nicht mehr dem verfassungsrechtlichen Leitbild entsprechen.
Ein eingehender Tagungsbericht wird in KuR 2014 Heft 1 erscheinen.
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