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Timestamp: 2019-06-18 18:56:19+00:00

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UND NACH DEM HEIMAUFENTHALT? - PDF Free Download
PERSPEKTIVEN ZUR KOMMUNALEN JUGENDHILFE ...UND NACH DEM HEIMAUFENTHALT? 09 HERAUSGEBER: STADT REGENSBURG AMT FÜR JUGEND UND FAMILIE RICHARD-WAGNE...
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PERSPEKTIVEN ZUR KOMMUNALEN JUGENDHILFE
...UND NACH DEM HEIMAUFENTHALT?
STADT REGENSBURG AMT FÜR JUGEND UND FAMILIE RICHARD-WAGNER-STRASSE 17 93055 REGENSBURG HOCHSCHULE REGENSBURG FAKULTÄT SOZIALWISSENSCHAFTEN PRÜFENINGER STRASSE 58 93049 REGENSBURG
DR. WOLFGANG BUCHHOLZ-GRAF, PROFESSOR, HSR GÜNTER TISCHLER | DR. VOLKER SGOLIK, LEITUNG DES AMTES FÜR JUGEND UND FAMILIE
UMSCHLAGGESTALTUNG: PAVEL ZVERINA, PROFESSOR, HS REGENSBURG CHRISTINA CABRALES, DANIEL MARTENS ÖFFENTLICHKEITSARBEIT DRUCK:
STADT REGENSBURG, HAUSDRUCKEREI REGENSBURG, NOVEMBER 2009
AMT FÜR JUGEND UND FAMILIE, POSTFACH 110643, 93055 REGENSBURG TEL.: 0941/507-1512, FAX.: 0941/507-4519 E-MAIL: [email protected]
WOLFGANG BUCHHOLZ-GRAF UND VOLKER SGOLIK: ... UND NACH DEM HEIMAUFENHALT? EINE KATAMNESTISCHE ERHEBUNG BEI J U G E N D L I C H E N U N D J U N G E N E R WA C H S E N E N
Inhaltsangabe _______________________________________________________________________
Inhaltsverzeichnis Buchholz-Graf, Wolfgang / Tischler, Günter Vorwort ............................................................................................... 5 1
Fragestellung/Untersuchungsinteresse ................................. 7
2 Fachlicher Hintergrund der empirischen Erhebung .............. 8 2.1 Psychosoziale Belastungen von Kindern in der stationären Jugendhilfe .................................................................................. 8 2.2 Evaluationen im Bereich der stationären Jugendhilfe ................. 9 2.3 Internationale Evaluationsstudien zur Jugendhilfe .................... 11 2.4 Wirkungsorientierte Jugendhilfe ................................................ 12 2.5 Heimerziehung aus der Perspektive der Adressaten und Adressatinnen ........................................................................... 14 2.6 Das Dresdener Projekt „Lebensbewältigung und -bewährung .. 15 2.7 Empirische Arbeiten zur stationären Jugendhilfe Erhebungen im Raum Regenburg ............................................ 18 3
Methode und Durchführung der Regensburger Heimstudie ............................................................................... 25 3.1 Anknüpfungen für Konzeption und Durchführung ..................... 25 3.2 Die Methode: Fragebogen und persönliches Interview ............. 25 3.3 Durchführung und Merkmale der Stichprobe ............................ 27 4 Ergebnisse ............................................................................... 30 4.1 Wie die ehemaligen Heimkinder heute leben (und arbeiten) .... 30 4.2 Wie sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen selber sehen ............................................................................. 34 4.3 Netzwerk Familie oder wie sich die Beziehung zur Familie verändert hat ............................................................................. 37 4.4 Netzwerkqualitäten während des Heimaufenthaltes ................. 41 4.5 Das Leben im Heim - Belastung oder Ressource für die Lebensgestaltung? .................................................................... 42 4.6 Wie die Fachkräfte der Heime bewertet werden ....................... 46 4.7 Wie die Fachkräfte des Jugendamtes bewertet werden ........... 48 5
Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse .................. 52
Literaturverzeichnis ........................................................................ 58 Anhang Fragebogen ........................................................................ 60 Anhang Aktenerhebungsbogen ....................................................... 77
Heimerziehung aus der Perspektive ehemaliger „Heimkinder“ Diese Studie, die das Amt für Jugend und Familie gemeinsam mit der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Hochschule Regensburg durchgeführt hat, thematisiert und evaluiert einen zentralen Bereich der Hilfen zur Erziehung - die Heimerziehung als einer stationären Form der Erziehungshilfen. Aufgabe der Heimerziehung ist es, Kindern und Jugendlichen einen geschützten und entwicklungsfördernden Lebensort zu bieten, der die Zukunftschancen der Betroffenen verbessert. Die Entscheidung, Kinder oder Jugendliche in einem Heim „fremd“ unterzubringen, ist zweifellos für alle Beteiligte sehr schwierig. In vielen Fällen stellt sich die grundsätzliche Frage: Kann durch intensive ambulante Maßnahmen dem Kind die Familie erhalten werden, oder muss es zumindest vorübergehend fremduntergebracht werden? Aber selbst bei klarer Indikation - in Fällen schwerster Versäumnisse und erheblichen Versagens der Eltern - wissen die Fachleute, dass die Unterbringung außerhalb der Herkunftsfamilie in aller Regel eine zusätzliche Belastung für die Kinder und Jugendlichen darstellt, die in manchen Fällen über Monate und manchmal sogar Jahre die Heimerziehung erschweren kann. Natürlich wissen die Fachleute aus Jugendamt und Heim aus ihrem beruflichen Alltag auch, wie stabilisierend, „heilsam“ und alternativlos sich die Erziehung außerhalb der Familie in vielen Fällen erwiesen hat. Und dennoch: Die fachlichen Einschätzungen, Vorgaben etc. gehen nicht eins zu eins mit den Bedürfnissen, Interessen und Problemsichten der Kinder und Jugendlichen auf. Wir benötigen für eine adäquate Entwicklung der Hilfen zur Erziehung ein systematisches Wissen aus der Perspektive der Klientel der Jugendhilfe! Mit der vorliegenden Studie wird unseres Wissens zum ersten Mal in der Regensburger Heimlandschaft der systematische Versuch unternommen, den ehemaligen „Heimkindern“ aus heutiger Sicht eine Stimme zu geben, um zu erfahren, wie die „Ehemaligen“ heute leben und wie sie im Rückblick die Heimsozialisation und das Verhältnis zu den Familien bewerten. Wir betrachten diese Studie als einen Beitrag zur Debatte um eine verbesserte Partizipation in der Jugendhilfe und würden uns freuen, wenn dadurch weitere katamnestische Erhebungen angeregt werden. Die Ergebnisse wurden bereits am 25. Juni 2009 den Heimträgern im Alten Rathaus der Stadt Regensburg zur Diskussion gestellt. Auf
Wunsch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellen wir nun einen umfassenden Bericht zur Verfügung.
Eine kleine Lesehilfe: Nach einer kurzen Darstellung von Fragehorizont und Interesse dieser Studie (Kapitel 1) bietet Kapitel 2 zentrale Ergebnisse wichtiger bundesdeutsche Studien zur stationären Jugendhilfe. In diesen Teil wurden auch Ergebnisse internationaler Evaluationsstudien eingearbeitet. Das Kapitel schließt mit vergleichsweise neueren empirischen Arbeiten im Regensburger Raum, die von Studierenden der Hochschule Regensburg als Diplomarbeiten gefertigt wurden. Kapitel 3 informiert über Projektdesign und Durchführung der aktuellen Regensburger Studie. Wer sich ausschließlich für die Ergebnisse der Regensburger Studie „… und nach dem Heimaufenthalt“ interessiert, den bzw. die verweisen wir auf Kapitel 4. Für eilige Leserinnen und Leser bietet das Kapitel 5 eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse. Obwohl einige Anregungen für die Praxis gegeben werden, haben sich die Autoren wegen des explorativen Charakters der Studie mit Vorschlägen zur Entwicklung der stationären Jugendhilfe eher zurückgehalten.
Wolfgang Buchholz-Graf
Eine katamnestische Erhebung bei ehemaligen Heimkindern _________________________________________________________________________________
… und nach dem Heimaufenthalt? Eine katamnestische Erhebung bei ehemaligen Heimkindern - Wolfgang Buchholz-Graf und Volker Sgolik -
Fragestellung / Untersuchungsinteresse
Die vorliegende explorative Studie, die die Hochschule Regensburg in Kooperation mit dem Amt für Jugend und Familie durchgeführt hat, fokussiert das (heutige) Leben von ehemaligen Heimkindern aus dem Raum Regensburg1. Die Fragestellung ist aus der alltäglichen fachlichen Arbeit des Jugendamtes entstanden. Den Fachkräften im Jugendamt kommt eine hohe Verantwortung in der Hilfeplanung zu. Zwar werden die Betroffenen bei der Entscheidung einer „Hilfe zur Erziehung“ einbezogen, aber die Steuerungskompetenz für den gesamten Prozess der Hilfe liegt in den Händen der Fachkräfte. Gerade bei Entscheidungen einer stationären Unterbringung werden für die zukünftige Lebensplanung und die Lebenschancen dieser Kinder Weichen gestellt. Im Falle einer Unterbringung finden zwar über die regelmäßig stattfindenden Hilfeplangespräche Kontakte zu den Kindern und Jugendlichen statt, und selbstverständlich wird auch das Jugendamt regelmäßig von den Trägern der Maßnahme über den Entwicklungsfortgang des Kindes oder Jugendlichen informiert, aber gerade nach Beendigung der stationären Hilfe zur Erziehung fehlt den Fachkräften ein systematisches Wissen über den Lebensweg der ehemaligen Heimkinder. Die zentrale Fragestellung lautet: „Wie leben die Heimkinder nach Beendigung des Heimaufenthaltes und wie bewerten sie ihren Lebensverlauf?“
Wir danken ganz herzlich dem Leiter des Amtes für Jugend und Familie in Regensburg, Herrn Günter Tischler. Ohne seine engagierte Unterstützung in Planung, Durchführung und Transfer wäre diese Studie nicht möglich gewesen.
… und nach dem Heimaufenthalt?
Wolfgang Buchholz-Graf & Volker Sgolik: _________________________________________________________________________________
Auf folgende Fragebereiche sollen Antworten gefunden werden: (1) Wie sind die jungen Menschen schulisch / beruflich integriert? (2) Wie sind die jungen Menschen sozial integriert? (3) Wie sehen und bewerten die jungen Menschen ihre Lebenssituation? (4) Wie sehen und bewerten die jungen Menschen ihre (Heim-) Vergangenheit? (5) Wie bewerten die jungen Menschen die Unterstützung und Hilfe, die sie im Heim erfahren haben für die zukünftige Lebensgestaltung? (6) Wie bewerten die jungen Menschen die Professionellen in Heim und Jugendamt? Mit dieser Katamnese oder Nachuntersuchung werden erstmals in systematischer Weise ehemalige Heimbewohner aus dem Raum Regensburg befragt. Die Evaluation einer der wichtigsten Jugendhilfemaßnahmen erfolgt aus der Perspektive der Betroffenen. Von besonderem Interesse ist, wie die ehemaligen Heimkinder die Zeit im Heim wahrnehmen, und vor allem wie sie die Sozialisation im Heim für ihr heutiges Leben werten. Damit soll eine Antwort gefunden werden auf die Frage: Wird das Leben im Heim als Ressource oder Belastung erlebt?
Fachlicher Hintergrund der empirischen Erhebung
Im Folgenden stellen wir zunächst einige ausgewählte Ergebnisse bundesdeutscher und internationaler Studien und Projekte dar, die den aktuellen Stand der Evaluationsforschung in der stationären Jugendhilfe dokumentieren. Sie sind der Hintergrund, vor dem unsere regionale Erhebung zu werten ist. Zugleich liefern diese Studien wichtige Anregungen und Anknüpfungsmöglichkeiten für unsere Untersuchung in und um Regensburg.
2.1 Psychosoziale Belastungen von Kindern in der stationären Jugendhilfe Kinder und Jugendliche aus stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sind in ihren Herkunftsfamilien oftmals extremen psychosozialen Belastungen ausgesetzt. Dazu gehören z.B. Traumatisierungen und Deprivationen, chronisch belastete Familienverhältnisse und Tren-
nungen, erzieherisches Versagen, psychische Störungen und Suchtkrankheiten der Eltern. Mehr als 60 % der Kinder und Jugendlichen in Heimen haben Missbrauchs-, Misshandlungs- oder Vernachlässigungserfahrungen (Schmid 2007). Zusätzliche prekäre Lebenslagen der Herkunftsfamilien (z.B. Armut, beengte Wohnverhältnisse) und ihre Folgen sind Belastungen, deren Bewältigung die Kinder oftmals überfordern. Vor dem Hintergrund seiner Studie zur „Psychischen Gesundheit von Heimkindern“ spricht Marco Schmid von Kindern und Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe dann auch als einer „Hochrisikopopulation“. Der Autor untersuchte 689 stationär in der Jugendhilfe untergebrachte Kinder und Jugendliche aus Baden-Württemberg (Altersdurchschnitt 14,4 Jahre) mit psychiatrischen Diagnose-Instrumenten auf ihre psychische Gesundheit. Es zeigte sich eine sehr hohe Prävalenz von psychischen Störungen in der Stichprobe: 60 % der Kinder und Jugendlichen erfüllten die Diagnosekriterien für eine psychische Störung und 37,7 % die Diagnosekriterien für mehrere psychische Störungen. „30 % der Stichprobe erreichten (…) einen derart extremauffälligen Wert, wie ihn nur 2 % der Allgemeinbevölkerung erreichen.“ (Schmid 2007, S. 180) Wenn auch die ausschließliche Betrachtung der Kinder und Jugendlichen aus der Symptom-Perspektive in dieser Studie problematisch erscheint - erinnern Design und methodische Umsetzung doch sehr an das traditionelle medizinische Paradigma, das unterschlägt, dass Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit (vgl. das Salutogenesemodell von Antonowsky) - so unterstreichen die Ergebnisse noch einmal die leidhaften Erfahrungen von Heimkindern und deren Bedeutung für die Entwicklung im Lebenslauf. Auch machen sie eindringlich die höchst anspruchsvollen Aufgaben deutlich, die sich den Professionellen in der stationären Jugendhilfe stellen.
2.2 Evaluationen im Bereich der stationären Jugendhilfe Es gibt nach 1991 (also dem Jahr der Einführung des neuen KJHG) eine Reihe von Studien, die die Erfolge und Leistungen der Jugendhilfe im allgemeinen und der Heimerziehung im besonderen untersucht haben. Einen recht guten Überblick bietet die Metaanalyse von elf Studien von Gabriel u.a. (2007). Die bekanntesten Untersuchungen sind zweifellos die sogenannte JULEStudie und die sogenannte JES-Studie, die beide im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt (BMFSFJ) wurden und an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung gebracht werden sollen. … und nach dem Heimaufenthalt?
BMFSFJ 1998: Leistungen und Grenzen der Heimerziehung (JULEStudie) Repräsentativ angelegte Studie der Evaluation von Hilfeverläufen in der stationären und teilstationären Jugendhilfe. Methoden: Aktenanalyse (n=284, für den Heimbereich n=197), ergänzt mit Leitfadeninterviews (n=45) mit betroffenen jungen Menschen und deren Eltern (n=11). Zentrale Ergebnisse: • In der Gesamtbilanz war die Entwicklung der jungen Menschen positiv in 57,2 % der Fälle und in Ansätzen positiv in 16,4 % der Fälle; das sind zusammen 73,6 %. • Im Betreuten Jugendwohnen werden sogar 80 % als positive Fälle gewertet. • Für das Gelingen wesentlich verantwortlich war die Aufenthaltsdauer: Ein Heimaufenthalt von weniger als einem Jahr ergab einen Erfolgswert von nur 36,7 %. • Grundsätzlich wurde festgestellt, dass die Chance einer effektiven Hilfe sechsmal höher ist, wenn die fachlichen Standards gemäß BMJFFG (1990) berücksichtigt werden. • Legalverhalten: 31 % der Jugendlichen sind vor und während der Hilfe offiziell verfolgt worden (verurteilt 15,9 %). • Kritisch wurde festgehalten, dass lediglich in 37 % aller stationären Einrichtungen Formen der Elternarbeit genannt wurden, die sich bei genauerer Analyse als punktuell, wenig intensiv und unverbindlich erwiesen. BMFSFJ 2002: Effekte erzieherischer Hilfen (JES-Studie) Prospektive Längsschnittstudie (n=233) von Beginn der Hilfe bis zu drei Jahren nach Abschluss der Hilfe. Einbezogen waren ambulante, teilstationäre und stationäre Hilfen zur Erziehung. Methoden: Messinstrumente zur Erhebung der Gesamtauffälligkeit des Kindes, der psychosozialen Belastungen und des psychosozialen Funktionsniveaus. Zentrale Ergebnisse für die Heimerziehung (n=49): • Gesamtauffälligkeit des Kindes: Insgesamt erzielte die Heimerziehung nach Abschluss der Hilfe eine Verbesserung von 46 % gegenüber der Ausgangssituation. • Psychosoziale Belastung im Umfeld (z.B. in den Herkunftsfamilien): Hier hat die Heimerziehung vergleichsweise geringe Wirkungen erzielt. Der Verbesserungseffekt liegt bei nur 19 %. • Psychosoziales Funktionsniveau: In diesem Bereich erreicht die Heimerziehung von den untersuchten Hilfen zur Erziehung die besten Werte: Der Verbesserungseffekt liegt bei 38 %. 10
So erfreulich die Ergebnisse dieser beiden Studien gewertet werden können - sieht man einmal von den geringen Wirkungen in den Herkunftsfamilien ab - so sollen Studien nicht übersehen werden, die zu eher ernüchternden Ergebnissen kommen. Eine der wenigen uns bekannten Untersuchungen, die die Langzeitwirkung von Heimerziehung untersucht, ist die katamnestische Erhebung von Renate Stohler (2005). Sie befragte ehemalige Züricher Heimkinder bis zu 10 Jahre (!) nach Beendigung der Hilfe (n=37). Nur 11 % der Befragten konnten als vollständig sozial integriert bewertet werden, nur 30 % waren voll in den ersten Arbeitsmarkt integriert, lediglich 3 % erreichten ein Durchschnittseinkommen. Müssen wir mit ähnlichen Ergebnissen rechnen, wenn die Erhebungen sehr viel später nach Beendigung des Heimaufenthaltes durchgeführt werden? Oder sind diese Ergebnisse lediglich regional zu werten, da sie sich auf eine Einrichtung in Zürich beziehen und damit als singulär angesehen werden können? Wir wollen an dieser Stelle auch auf eine Problematik hinweisen, die die Evaluation von Heimerziehung grundsätzlich betrifft. Die Ergebnisse und damit die Erfolgs- oder Wirksamkeitsangaben nachinstitutioneller Erhebungen sind immer an den Zeitpunkt der Analyse gebunden. Ein bereits festgestellter Erfolg der Heimerziehung kann sich zu einem späteren Zeitpunkt als nichtig erweisen (vice versa). „Erfolg“ ist häufig von biografischen Diskontinuitäten geprägt, die nur begrenzt und indirekt von den Institutionen der Jugendhilfe beeinflusst werden können. So kann beispielsweise ein Milieuwechsel im nachinstitutionellen Lebensverlauf zuvor festgestellte Erfolge zunichte machen.
2.3 Internationale Evaluationsstudien zur Jugendhilfe Evaluationsstudien aus dem englischsprachigen Ausland kommen insgesamt zu dem Ergebnis: Soziale Arbeit wirkt! Schrödter & Ziegler (2007) haben internationale Studien zur Wirkung der Kinder- und Jugendhilfe (youth welfare) zusammengestellt und analysiert. Sie stellen fest: „Bezüglich der Wirksamkeit von Interventionen der Sozialen Arbeit im Allgemeinen und der Jugendhilfe im Besonderen lässt sich (…) insgesamt feststellen, dass methodisch anspruchsvolle Untersuchungen in Großbritannien, den USA, Australien und anderen englischsprachigen Ländern zu dem Ergebnis kommen: Soziale Arbeit hilft ihren AdressatInnen.“ (S. 7) Einige Experten und Expertinnen der Jugendhilfe haben resignative Tendenzen in der Heimerziehung ausgemacht: „In der Heimerziehung ist ei… und nach dem Heimaufenthalt?
ne Ernüchterung nach dem Reformwillen der 60er und 70er Jahre feststellbar. So ist der mangelhafte ‘Glaube‘ an die positiven Effekte des eigenen Handelns kennzeichnend für die aktuelle Situation in vielen Teilen der Praxis.“ (Gabriel 2006, S.14) Wir hoffen, dass die Ergebnisse solcher Studien diesen Tendenzen fachlicher Resignation entgegen wirken. Reid, Fortune und Kenaley (2002) beispielsweise resümieren in ihrem systematischen Review, dass fast 90 % der evaluierten Studien den Interventionen der Sozialen Arbeit klar positive Wirkungen attestieren. „Ein ausgezeichneter Wert für eine Profession, die lange Zeit ebenso gerne wie voreilig bezichtigt wurde bzw. sich selbst bezichtigt hat, wirkungslos zu sein.“ (Schrödter & Ziegler, 2007, S. 7) Andere Reviews erbringen ähnliche Ergebnisse, wobei kein Wert unter 75 % positiver Wirkung liegt. Die Autoren zeigen weiter, dass Soziale Arbeit mindestens genauso erfolgreich ist wie ihre professionelle Konkurrenz (namentlich Psychologinnen und Psychologen sowie Psychiaterinnen und Psychiater), wenn man als Kriterium für die Wirkung Steigerungen von Lebensqualität, Selbstachtung und Selbstbewusstsein heranzieht.
2.4 Wirkungsorientierte Jugendhilfe Die Frage nach Qualität und Erfolg von Maßnahmen der Jugendhilfe ist jüngst in einem Modellprogramm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter dem Titel „Wirkungsorientierung der Jugendhilfe“ neu formuliert worden. Da sich soziale Dienstleistungen wie die Hilfen zur Erziehung letztlich über die Wirkung legitimieren, die sie bei den Leistungsempfängern und -empfängerinnen erzielen, richtet sich der „Fokus dieses Modellvorhabens konsequent auf die Realisierung der intendierten Wirkung der Hilfen“. Karl-Heinz Struzyna (2006) - einer der Initiatoren des Modellprogramms - schreibt: „Pädagogischer Erfolg wird nicht etwa finanziell belohnt, sondern eine erfolgreich abgeschlossene Hilfe führt zu einem unbelegten Platz und damit zu einem wirtschaftlichen Risiko für den Leistungserbringer. Erfolgreiche Arbeit wird geradezu bestraft! Der wirtschaftliche Anreiz liegt eher in der Fortsetzung der Hilfe als in ihrer erfolgreichen Beendigung. Solche falsch gesetzten Anreize können dazu beitragen, dass Hilfen länger als notwendig aufrechterhalten werden.“ (S. 7) Oft genug beschränken sich Maßnahmen der Qualitätssicherung in der stationären Jugendhilfe auf eine Verbesserung der Struktur- und Prozessqualität. „Zugespitzt ausgedrückt: Die Kinder- und Jugendhilfe beschäftigt sich ausgiebig mit Strukturqualität, weniger gerne mit Prozess12
qualität und möglichst gar nicht mit Ergebnisqualität. Für den Hilfeempfänger und im Hinblick auf den gesellschaftlichen und gesetzlichen Auftrag ist diese Fokussierung fatal und muss dringend vom Kopf auf die Füße gestellt werden.“ (S. 6) So wichtig auch gut ausgebildete Fachkräfte, ein angemessener Personalschlüssel etc. (Strukturqualität) oder Maßnahmen zur Verbesserung der Beziehung zwischen den Fachkräften und den Heimkindern (Prozessqualität) für eine fachlich ausgewiesene Soziale Arbeit sind, letztlich rechtfertigt nur das Ergebnis den Aufwand der Hilfe. Struktur- und Prozessqualität können Mittel zum Zweck, aber niemals Selbstzweck sein. Und noch einmal Karl-Heinz Struzyna (2006): „Ist es gewissenhaft, auf einer so unzureichenden vertraglichen Grundlage Kinder betreuen, erziehen und fördern zu lassen? Übertrüge man das Fehlen zentraler Vertragsinhalte auf eine ohne Nutzerbeteiligung zu erbringende Alltagsdienstleistung, würden wir zögern: Wer würde etwa einer Autowerkstatt sein Fahrzeug anvertrauen, die versichert, mit dem für den Auftrag zu zahlenden Entgelt einen Meister, drei Monteure und eine Sekretärin zu beschäftigen und ein ausgedehntes Betriebsgelände zu unterhalten, die Frage nach dem zu erwartenden Ergebnis ihrer Bemühungen oder gar nach dem Abholtermin aber schlichtweg ignoriert?“ (S. 5) An elf Standorten in Deutschland sollen die teilnehmenden Institutionen den pädagogischen Auftrag und die Finanzierungsstruktur der Hilfen zur Erziehung so miteinander in Einklang bringen, dass die Leistungserbringung und deren Qualität auf die intendierte Wirkung der Hilfe ausgerichtet sind. Ziel des Programms ist also die Verbesserung der Wirkung erzieherischer Hilfen, die auf der Grundlage der §§ 27 ff SGB VIII erbracht werden. Hintergrund dieses Modellprogramms ist die Abkehr von dem bisher üblichen Finanzierungsprinzip der selbstkostendeckenden Pflegesätze (vgl. die §§ 78a-g SGB VIII). Abgelöst werden soll diese Finanzierungspraxis durch prospektive, transparente und an begründeten Qualitätskriterien orientierten Leistungsentgelten. „Leistungsträger (die Jugendämter) und Leistungserbringer (Träger der Jugendhilfe) sind seitdem aufgefordert, Vereinbarungen abzuschließen, mittels derer sie sich verbindlich über Leistungen, Entgelte und die Qualitätsentwicklung der entsprechenden erzieherischen Hilfen verständigen.“ (Nüsken 2006, 2) Um diese neue Finanzierungspraxis fachgerecht und vor allem im Interesse der Adressaten und Adressatinnen der Jugendhilfe umzusetzen, wurden im Modellprogramm bis zum Ende des Jahres 2006 Vereinbarungen nach den §§ 78a ff SGB VIII ausgehandelt und ab 2007 in den teilnehmenden Institutionen der Modellstandorte erprobt. Die wissenschaftliche Begleitung bzw. die Evaluation der neuen wirkungsorien… und nach dem Heimaufenthalt?
tierten Finanzierungspraxis wurde von der Universität Bielefeld vorgenommen. Die Ergebnisse wurden jüngst (am 13. Mai 2009) der Fachöffentlichkeit vorgestellt und liegen in einer von dem Institut für Soziale Arbeit (ISAMünster) herausgegebenen Schriftenreihe „Wirkungsorientierte Jugendhilfe“ in neun Bänden vor. Entscheidend für die Zukunft einer wirkungsorientierten Jugendhilfe ist allerdings die Entwicklung überzeugender Wirkungsindikatoren. Unter Wirkungsindikatoren werden Maße bezeichnet, die den Grad der Zielerreichung eines Prozesses beschreiben, auf die sich die beteiligten Fachleute und Institutionen einigen können. Außerdem sind sich die meisten Autoren darüber einig, dass Wirkungsindikatoren dazu beitragen müssen, die Interessen der Nutzer und Nutzerinnen der Sozialen Arbeit zu stärken. Mark Schrödter & Holger Ziegler (2007) haben eine Reihe empirisch überprüfter Wirkungsindikatoren für die Hilfen zur Erziehung vorgestellt, gleichzeitig aber auch vor einer durch Wirkungsforschung informierten Praxis der Leistungserbringung gewarnt: „Was Albert Einstein mit Blick auf die Physik wusste, scheint für die immanent mit politischen und Gerechtigkeitsfragen konfrontierte Praxis der Kinder- und Jugendhilfe umso treffender zu sein: Not everything that counts can be counted, and not everything that can be counted counts” - “Nicht alles was zählt ist messbar, und nicht alles was messbar ist zählt.“ (S.42)
2.5 Heimerziehung aus der Perspektive der Adressaten und Adressatinnen Wir haben bereits mehrmals darauf hingewiesen, dass Evaluierung, Maßnahmen der Qualitätssicherung oder Wirkungsorientierung letztlich vom Ergebnis für die Adressaten und Adressatinnen geleitet werden müssen - einem Ergebnis, welches Lebenschancen eröffnet. Oft genug aber bleibt die Wirkung oder der Erfolg sehr stark in der Perspektive der Institution, z.B. in der Perspektive des öffentlichen Trägers verhaftet. Selbstverständlich ist es wichtig, welche Erfolgs- und Misserfolgseinschätzungen der öffentliche Träger hat. Auch Ziele im konkreten Falle vorzugeben, ist eine Aufgabe, die sich der öffentlichen Jugendhilfe stellt, allerdings gehen diese fachlichen Einschätzungen, Vorgaben etc. nicht eins zu eins mit den Bedürfnissen, Interessen und Problemsichten der Kinder und Jugendlichen auf, bzw. - um mit Hans Thiersch zu sprechen ihr Eigensinn und die Komplexität ihrer Lebensbedingungen erfordern geradezu eine verstärkte Partizipation der Kinder und Jugendlichen. Dass Hilfe zur Erziehung als Dienstleistung ohne die Beteiligung der Ad14
ressaten und Adressatinnen gar nicht funktioniert, ist ja auch im Kinderund Jugendhilfegesetz (z.B. Hilfeplan) entsprechend berücksichtigt. Viele Studien zeichnen sich durch eine starke Dominanz einer expertenbezogenen Perspektive in den Forschungskonzepten und einer übergreifend eher geringen Beachtung der Klientenperspektive aus (vgl. Gabriel 2006, S. 33). Beispielsweise sollte die Anwendung so genannter objektiver Tests bzw. Schätzskalen und Expertenurteile, die z.B. die Symptombelastung oder das psychosoziale Funktionsniveau der Heimkinder „messen“, nicht mit Adressatenorientierung verwechselt werden (vgl. etwa die bereits erwähnten Studien von Marc Schmid 2007 oder auch die Jugendhilfeeffekte-Studie 2002). So nützlich in einzelnen Fällen Veränderungen in der Symptombelastung sein können, so sind sie doch zunächst einmal von den Fachkräften vorgegebene Wirkungsindikatoren, die allenfalls als ein Teilaspekt im Gesamt der Aufgaben, die das Leben stellt, bedeutsam sind. Anders formuliert: Ein vergleichsweise niedriger Wert für „psychische Gesundheit“ kann durchaus mit Empowerment und Lebensbewährung einhergehen (vice versa). Viele Fachleute fordern daher eine verstärkte Einbeziehung der Perspektive der Nutzer und Nutzerinnen bei der Evaluation und Wirkungsanalyse stationärer Jugendhilfe. Hören wir Chantal Munsch (2006) stellvertretend für die Experten und Expertinnen: „AdressatInnen reden nicht von Wirkung und denken nicht in Bezug auf investierte Mittel - sie reden davon, was in ihrem Leben und in Bezug auf die Herausforderungen, die sie bewältigen müssen, geholfen hat.“ (S. 41) Sie erinnert daran, dass Wirkungen von Hilfe zur Erziehung nur im Zusammenhang der Lebensgeschichte der Adressatinnen und Adressaten verstanden werden und somit auch nur mit deren Hilfe definiert werden können.
2.6 Das Dresdener Projekt „Lebensbewältigung und -bewährung Beispielhaft für eines der wenigen Projekte (vgl. z.B. auch die Studien von Gehres 1997, Normann 2003)2, die die Adressatinnen und Adressaten in den Fokus der Analyse rücken, ist das Forschungsprojekt „Lebensbewältigung und –bewährung", das im Jahre 2002 in Zusammenarbeit der TU Dresden mit dem Jugendamt Dresden entstand. Lothar Böhnisch u.a. (2002): „Anliegen des Projektes ist es, im Sinne einer ermög2
Eine österreichische Studie der Fachhochschule Linz (2009) untersuchte mit qualitativen Interviews, was aus den Kindern von 25 ehemaligen Heimkindern geworden ist. Auf ein recht interessantes Ergebnis soll hier hingewiesen werden: Von den 59 Kindern lebten 44 (knapp 75 %) in der Stammfamilie. Im Heim oder „Fremdfamilien“ waren 23 % der Kinder untergebracht.
lichenden Jugendhilfe [Hervorhebung von den Autoren] den Beitrag von Institutionen der Jugendhilfe (Jugendamt / Heim) und ihrer professionell Tätigen für die Entwicklung und Stabilisierung der Biografien von Kindern und Jugendlichen aufzuschließen. Im Mittelpunkt steht dabei die Analyse der biografischen Erfahrungsaufschichtung, d.h. der Art und Weise wie Kinder und Jugendliche seit dem Übergang von der Herkunftsfamilie in die Fremdplatzierung die damit verbundenen Lebenskonstellationen subjektiv bewältigt haben, und in welcher Beziehung dieses Bewältigungsverhalten zur Intervention der Jugendhilfe gestanden ist.“ (S. 6) Die Erfahrungen in den Herkunftsfamilien und die Fremdunterbringung selbst sind für die Kinder und Jugendlichen nicht nur ein kritischer Lebensereigniskomplex mit weit reichenden Folgen im Lebenslauf, sondern werden häufig als eine existentielle Bedrohung der sozialen Integration und der Person selbst erlebt: „So machen die jungen Erwachsenen in den biografischen Interviews, die wir mit ihnen geführt haben, immer wieder deutlich, dass ihre biografischen Erfahrungen in Herkunftsfamilie und außerfamilialer Unterbringung häufig von Bindungsunsicherheiten, Vertrauensenttäuschungen und subjektiv empfundenen Betrugserfahrungen als zentrale lebensgeschichtliche Wahrnehmungen geprägt sind. Infragestellung und Bedrohung von biografischer Handlungsfähigkeit und sozialer Integration haben damit unmittelbare Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, die sozialen Orientierungschancen und -bereitschaft, den sozialen Rückhalt und die individuelle Handlungsfähigkeit – also auf die aktuelle und zukünftige biografische Entwicklung von Individuen.“ (S. 9) Mit dem Begriff einer „ermöglichenden Jugendhilfe“ soll deutlich gemacht werden, dass die Fachkräfte in der Jugendhilfe vor der Aufgabe stehen, „mit ihrem spezifisch eigenen Potential Kinder und Jugendliche bei ihrer Identitätsfindung sowie ihrer Suche nach Normalität zu unterstützen und zu begleiten.“ (S. 11). Die Autoren legen Wert darauf, dass die stationäre Jugendhilfe weniger eine Familien ersetzende Instanz als vielmehr eine „begleitende und persönliche Entwicklung ermöglichende Instanz der Gestaltung und Wertung kindlicher und jugendlicher Lebensentwürfe“ (S. 9) ist. Mit diesem biografieorientierten Ansatz wird also der Charakter der Jugendhilfe als Sozialisationsinstanz eigener Prägung in den Vordergrund gerückt und ihr Beitrag für die Entwicklung und Stabilisierung der Biografien von Kindern und Jugendlichen untersucht.
Methode: Die Biografien der Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden mit Fragebögen (n=98) und ergänzenden narrativen und leitfadengestützten Interviews (n=11) rekonstruiert. Zusätzlich wurden Interviews und Gruppendiskussionen mit Fachkräften geführt. Der Rücklauf liegt allerdings nur bei ca. 20 %, wobei vornehmlich weibliche Personen (fast 70 %) bereit waren, den Fragebogen auszufüllen. Die letzte Unterbringung lag bei 40,8 % der Stichprobe zwischen 3 und 5 Jahren, bei 26,4 % zwischen 6 bis 18 Jahre zurück. Einige ausgewählte Ergebnisse: • 80,6 % gaben an, dass die außerfamiliale Unterbringung zumeist positiv und hilfreich für die eigene Entwicklung gewesen sei (z.B. in schulischer Bildung, beruflicher Entwicklung, Alltagsbewältigung und Auseinandersetzung mit der Herkunftsfamilie). • Die Existenz persönlicher Beziehungen zu einer der Fachkräfte (Vertrauensperson) hatte einen großen Einfluss auf eine positive Schlussbilanz der jungen Erwachsenen. • Die Vertrauensperson war dann besonders wichtig, wenn diese nicht nur bereit war, sich auf die Lebensgeschichte, die biografischen Erfahrungen und Handlungsmuster einzulassen, sondern auch bereit war, über die Lebensgestaltung und Zukunftsperspektiven des Kindes / Jugendlichen zu sprechen und den Lebensentwurf als ein realistisches Konzept anzuerkennen. • Allerdings galt für einen Teil der interviewten Erwachsenen das Umfeld der jeweiligen Institution als „riskantes soziales Umfeld“ (Drogen, hierarchische Strukturen unter den Kindern / Jugendlichen). • Die meisten jungen Erwachsenen hatten sich in der Zeit der Fremdunterbringung zu wenig als gleichberechtigter und ernst genommener Partner in Entscheidungsprozessen von Jugendamt und Institution wahrgenommen und hatten sich zugleich gewünscht, intensiver und kontinuierlicher über ihre Rechte und Partizipationsmöglichkeiten aufgeklärt worden zu sein. • Für 76,5 % hatte die Herkunftsfamilie eine große, wenn auch ambivalente Bedeutung für das Selbstwertgefühl - und das, obwohl der Kontakt meist nicht wunschgemäß regelmäßig stattfand. Für ein Drittel (32,2 %) hatte sich die Situation in der Familie eher verbessert, für ein weiteres Drittel (29,9 %) eher verschlechtert. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand zur Unterbringungszeit wurde die außerfamiliale Unterbringung positiver beurteilt (a.a.O., S. 29f).
2.7 Empirische Arbeiten zur stationären Jugendhilfe - Erhebungen im Raum Regenburg In den letzten Jahren entstand an der Hochschule Regensburg - Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften unter Betreuung eines der beiden Autoren (Buchholz-Graf) ein Zyklus von Diplomarbeiten zu verschiedenen Themen der stationären Hilfen zur Erziehung (vgl. Bindl 2005, Dolch 2006, Lorek 2005 und Ott 2006). Während die Arbeiten von Karin Bindl und Linda Lorek methodisch die geplante katamnestische Untersuchung im Raum Regensburg vorzubereiten halfen (vgl. S. 23ff), stellten die Arbeiten von Christiane Dolch und Lisa Ott bereits empirische Erhebungen dar, die wegen ihrer Bedeutung für die stationäre Jugendhilfe im Raum Regensburg an dieser Stelle etwas ausführlicher vorgestellt werden.
Projekt: Heimerziehung im Raum Regensburg - Analyse der gegenwärtigen Situation (Lisa Ott) Da der Begriff Heimerziehung in Deutschland heute inhaltlich und formal höchst unterschiedliche Praxiskonzepte umfasst, wurde eine Analyse der Regensburger Situation durchgeführt. Fragestellung und Zielsetzung: Die verschiedenen Formen der Heimerziehung im Raum Regensburg mit ihren jeweiligen Konzepten, Zugangsvorrausetzungen, organisatorischen Merkmalen, Pflegesätzen etc. wurden rekonstruiert: „Durch die regionale Bestandsaufnahme soll ein gut gegliederter Katalog entstehen, der sowohl den Mitarbeitern im Jugendamt als auch den verschiedenen Einrichtungen Aufschluss über die derzeitige Angebotsstruktur der Hilfe gibt.“ (S. 7) Die Vielfalt und Ausdifferenzierung der Gruppenformen sollte das Ergebnis dieser Arbeit sein. Methode: • Gespräche mit den Fachkräften im Jugendamt • Leitfadengestützte Interviews mit den Fachkräften in den Einrichtungen der stationären Jugendhilfe • Analyse der Konzepte von Einrichtungen der stationären Jugendhilfe
• Vergleichende statistische Auswertung von Daten des Amtes für Jugend und Familie in Regensburg sowie des Statistischen Landesamtes Bayern
Einige ausgewählte Ergebnisse (Ott 2006, S.117-119): •
Heimerziehung in der Region Regensburg
In Regensburg und Umgebung bieten sechs freie Träger der Jugendhilfe stationäre Einrichtungen der Erziehungshilfe an: Kinderzentrum St. Vincent, Sozialpädagogisches Zentrum St. Leonhard, Thomas Wiser Haus Regenstauf, Heilpädagogisches Kinderheim Kallmünz, Katholisches Kinderheim Hemau, Heilpädagogisches Kinderheim St. Josef Parsberg •
Sonstige betreute Wohnformen in der Region Regensburg
Neben dem betreuten Wohnen in Kinderheimen, das meist für interne Jugendliche als Verselbständigungsmaßnahme vorgehalten wird, bieten weitere fünf Träger in der Region dieses als gesondertes Hilfeangebot an. Ein öffentlicher sowie vier freie Träger halten das Angebot des Betreuten Wohnens vor - Stadt Regensburg: Betreutes Wohnen am Ostentor, Diakonisches Werk Regensburg e.V.: Betreute Wohngruppen, Don Bosco Zentrum: Betreutes Einzelwohnen, Bayerische Gesellschaft für psychische Gesundheit e.V.: Betreutes Einzelwohnen, Heilpädagogisches Heim Weiden: Betreute Wohngruppen Bernhardswald. •
Formen von Heimerziehung in der Region Regensburg
Das differenzierte Angebot von Heimerziehung stellt sich in unserer Region in folgenden Formen dar (ausführliche konzeptionelle Differenzierungen können an dieser Stelle nicht erfolgen und sind der Arbeit von Lisa Ott zu entnehmen). Die Anzahl der Plätze wurde aktualisiert (Stand 01.08.2009):       
21 heilpädagogische Kinderwohngruppen 4 therapeutische Kinderwohngruppen 4 Fünf-Tage-Gruppen 3 sozialpädagogische Kinderwohngruppen 8 heilpädagogische Jugendwohngruppen 2 therapeutische Jugendwohngruppen 1 sozialpädagogische Jugendwohngruppe
  •
Das Betreute Wohnen wird dann noch einmal differenziert in Betreutes Innenwohnen (55 Plätze), Betreutes Außenwohnen / Einzelwohnen (12 Plätze) 1 Clearing-Stelle mit 3 offenen und 4 geschlossenen Plätzen Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe Regensburg 2002 - 2005
Ambulante Formen der Hilfe zur Erziehung, ausgenommen § 28 Institutionelle Beratung, konnten in den letzten Jahren einen regen Zuwachs von 55,32 % verzeichnen. Stationäre Erziehungshilfen wurden hingegen um 20,27 % weniger vermittelt, Heimerziehung und betreute Wohnformen nahmen in der Region Regensburg somit stetig ab. Die teilstationären Tagesgruppen erreichten 2004 ihren Höchststand, gingen 2005 jedoch ebenfalls leicht zurück. Im Vergleich zu Bayern und Deutschland ist das Angebot an Tagesgruppen in Regensburg jedoch relativ stark ausgebaut, nimmt es doch 2005 einen Anteil von ca. 17 % der Hilfen zur Erziehung ein. •
Entwicklungen der Kinder- und Jugendhilfe Bayern 2002 - 2004
Während in Bayern die teilstationären und stationären Hilfen im Zeitraum 2002 bis 2004 nahezu gleich blieben und nur leichte Schwankungen zu verzeichnen hatten, lässt sich bei den begonnenen ambulanten Hilfen eine rasante Entwicklung erkennen. Soziale Gruppenarbeit, Erziehungsbeistandschaft / Betreuungshelfer und Sozialpädagogische Familienhilfe stiegen von 2002 bis 2004 um 48,42 %. •
Entwicklungen der Kinder- und Jugendhilfe Deutschland 2002 - 2004:
Im gesamten Bundesgebiet war ebenfalls ein Anstieg der ambulanten Hilfen zu verzeichnen, hier allerdings lediglich um 17,25 % im Vergleich zu 2002. Stationäre Maßnahmen nahmen in den vergangenen Jahren leicht ab. Hier lässt sich jedoch nicht von einer signifikant hohen Abnahme sprechen. Teilstationäre Gruppen machten mit knapp 9 % (2004) den geringsten Anteil der Erziehungshilfen aus. •
Altersstruktur der Hilfe gemäß § 34 SGB VIII
Die stärkste Altersgruppe stellten die 15- bis 18-Jährigen dar (entspricht auch den Zahlen auf Bundesebene). Sie waren als Neuzugänge 2002, 2003 und 2004 am meisten in Heimen und betreuten Wohnformen der Region vertreten. 20
Während 2002 noch die 6- bis 9-Jährigen den zweithöchsten Anteil der Zugänge in Heimen darstellten, verlagerte sich dies 2003 und 2004 auf das Alter von 12 bis 15 Jahren. 2004 ist ein reger Zuwachs von Kindern unter 9 Jahren zu erkennen. •
Geschlechterverteilung innerhalb der Hilfen zur Erziehung
In Regensburg stellt sich der Anteil von Jungen und Mädchen, die 2004 Hilfen zur Erziehung erhielten, wie folgt dar:  Soziale Gruppenarbeit: 73,7 % Jungen und 26,3 % Mädchen  Erziehungsbeistand / Betreuungshelfer: 67,1 % Jungen und 32,9 % Mädchen  Sozialpädagogische Familienhilfe: keine Angaben  Erziehung in einer Tagesgruppe: 83,1 % Jungen und 16,9 % Mädchen  Heim / sonstige betreute Wohnform: 58,7 % Jungen und 41,3 % Mädchen  Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung: 42,9 % Jungen und 57,1 % Mädchen. Signifikant höher zeigt sich der Jungenanteil damit in der Hilfeform der Tagesgruppen. Innerhalb der Heimerziehung ist die Geschlechterverteilung nahezu ausgeglichen. Lediglich Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung nehmen mehr Mädchen als Jungen in Anspruch. •
Verteilung innerhalb § 34 SGB VIII
2004 erhielten insgesamt 143 Kinder und Jugendliche Hilfe zur Erziehung in Form von Heimerziehung / sonstige betreute Wohnformen. Davon lebten 85 % in Kinderheimen, 9 % in einer Wohngruppe und 6 % im Betreuten Einzelwohnen. •
Ausländeranteil der Hilfe gemäß § 34 SGB VIII in Bayern
In Bayern begann 2004 für 2647 junge Menschen eine Erziehungshilfe nach § 34. Davon hatten 12,3 % nicht die deutsche Staatsangehörigkeit.
Projekt: Vor- und Nachgeschichten von Heimkarrieren - Aktenanalyse im Amt für Jugend und Familie Regensburg (Christiane Dolch) Fragestellung und Zielsetzung: Es handelt sich um eine Studie, die den Verlauf der Unterbringung von der Aufnahme der Kinder und Jugendlichen in das Heim bis zur Beendigung der Maßnahme rekonstruiert. Methode: Christiane Dolch führte eine Aktenanalyse im Amt für Jugend und Familie (Regensburg) durch. Um keine Verzerrungen durch eine Fallauswahl zu erhalten, war die Untersuchung als Totalerhebung angelegt. Aus verschiedenen technischen Gründen umfasste die Stichprobe 54 Akten, das sind 63,0 % aller im Jahr 2004 beendeten Fälle. Für die Aktenanalyse wurde ein Aktenerhebungsbogen erstellt, mit dem der Verlauf der Hilfe systematisch erfasst werden konnte. Der Aktenerhebungsbogen wird im Anhang vorgestellt. Das zentrale Ergebnis: „In der Gesamtbilanz können über 80 % der Hilfeverläufe als gelungen gewertet werden. Keine maßgeblichen Veränderungen zeichnen sich bei 16,1 % der Hilfen ab und nur 3,2 % der Entwicklungen verlaufen eindeutig negativ.“ (Dolch 2006, S. 11) Einige ausgewählte Ergebnisse im Detail: • Die Kinder und Jugendlichen sind bei Hilfebeginn zwischen 6 und 18 Jahren, über 40,6 % davon sind älter als 15 Jahre. Der Anteil der Mädchen liegt mit 43,7 % etwas niedriger als der Anteil der Jungen. Die meisten Adressatinnen und Adressaten sind Deutsche. Bei Betrachtung der schulischen Situation fällt die geringe Zahl der Realschülerinnen / Realschüler und Gymnasiastinnen / Gymnasiasten sowie ein sehr hoher Anteil an Förderschülern auf (15,6 %). • Ressourcen werden relativ selten erwähnt. Wenn sie genannt werden: sportliche Interessen, Interesse an Schule bzw. Ausbildung, Kontaktfähigkeit, lebenspraktische und musisch-kreative Fähigkeiten sowie Perspektiven / Lebensplanung.
Zu den typischen problematischen Erfahrungen zählen: Gestörte ElternKind-Beziehungen, Gewalterfahrungen, Traumatisierung und Vernachlässigung. Die jungen Menschen reagieren auf diese und andere Probleme am häufigsten mit Auffälligkeiten in sozialen Beziehungen (83,3 %), psychischen Auffälligkeiten und Entwicklungsrückständen. In zwei Drittel der untersuchten Hilfen spielen zudem Schulprobleme wie Lern- und Leistungsrückstände und das Fernbleiben von Schule bzw. Ausbildungsplatz eine Rolle. • Zu Beginn der Hilfe lebt die Hälfte der Kinder und Jugendlichen bei einem allein erziehenden Elternteil und 31,2 % in einer Stieffamilie. Nur 18,8 % der Adressaten kommen aus ihrer vollständigen Ursprungsfamilie in das Heim. Überdurchschnittlich häufig stammen Heimkinder aus kinderreichen Familien. Familiale Ressourcen werden in weniger als ein Drittel der Fälle benannt, Probleme und Belastungen dagegen in allen Fällen. Hauptproblematik ist die Überforderung der jeweiligen Erziehenden. Häufige Belastungen sind zudem: psychische Probleme oder Suchtprobleme eines Elternteils, Konflikte sowie Trennung und Scheidung. Besonders auffällig sind schwierige sozioökonomische Verhältnisse (keine Erwerbstätigkeit der Eltern, geringes Einkommen, problematische Wohnverhältnisse, hohe Verschuldung). • Über 90 % der Kinder und Jugendlichen erhalten vor der Aufnahme in das Heim ein oder mehrere überwiegend ambulante Hilfeangebote. • Häufig in den Akten verwendete Beschreibungen für den Anlass der Unterbringung sind: Überforderung der Erziehenden, Erziehungsschwierigkeiten und auffälliges Verhalten des Kindes. Als Begründung für die Wahl einer Heimunterbringung wird häufig angeführt, dass Vollzeitpflege nicht möglich oder ambulante Hilfe nicht ausreichend ist. Ausschlaggebend sind weiterhin der Wunsch der jungen Menschen sowie Sicherstellung von Unterkunft, Versorgung, Erziehung, etc.. Die Initiative für die Heimunterbringung geht in 35,5 % von den Eltern und in 22,6 % von dem jungen Menschen selbst aus. Zur Vorbereitung auf die Maßnahme werden in vielen Fällen Gespräche geführt und zum Teil die Einrichtungen besucht. Allerdings sind die Vorbereitungen nicht systematisch dokumentiert. In fast 25 % der Fälle sind keine Hinweise darauf zu finden.
An erster Stelle der Ziele und Aufgaben, die im Rahmen der Heimerziehung angestrebt werden, steht mit 84,4 % die schulische Förderung. Es folgen die Förderung von Sozialverhalten und Selbstständigkeit sowie Beziehungsförderung /-klärung mit den Eltern und Aufarbeitung belastender Erfahrungen. • 40,6 % der jungen Menschen leben im Betreuten Wohnen, 28,1 % in heilpädagogisch-therapeutischen Heimen und 21,9 % in Wohngruppen von Heimen. In den meisten Akten ist Elternarbeit erkennbar. Aber es wird nicht geschildert, in welcher Form Elternarbeit stattfindet. In über 90 % der Fälle kooperieren Heim und Schule bzw. Ausbildungsstelle des jungen Menschen. • Die durchschnittliche Verweildauer in Heimen und sonstigen betreuten Wohnformen liegt bei 32 Monaten. Eine Beteiligung aller Betroffenen bei der Hilfeplanung ist in fast 70 % der Unterbringungen erkennbar. In etwa 40 % findet im Schnitt ein Hilfeplangespräch pro Jahr statt, in den übrigen Fällen zwei oder mehr. • Bei Beendigung der Hilfe sind über 70 % der Hilfeempfänger älter als 15 Jahre. Der Altersanstieg führt zu Verschiebungen im schulischen Bereich. So sind zum Zeitpunkt der Entlassung keine Kinder mehr in der Grundschule und deutlich mehr Jugendliche in Berufsschule, Ausbildung und sonstigen berufsbildenden Maßnahmen. Die Zahl der Förderschüler reduziert sich auf 12,5 %, der Anteil der Schüler an weiterführenden Schulen nimmt zu. In den Fällen, in denen keine Fortführung der Hilfe stattfindet, kehren die jungen Menschen zu einem großen Teil zu ihren Eltern oder einem Elternteil zurück. Dementsprechend wird der Lebensunterhalt der jungen Menschen überwiegend von den Eltern finanziert. 29 % haben bereits ein eigenes Arbeitseinkommen. 21,9 % der Beendigungen werden ausdrücklich als erfolgreicher Abschluss der Hilfe beschrieben. In ebenso vielen Fällen scheitert die Hilfe. In 56,2 % findet eine Überleitung in eine ambulante Hilfe, in Pflegefamilien, in Hilfe für junge Volljährige oder den Zuständigkeitsbereich eines anderen Jugendamtes statt (vgl. Dolch 2006, S. 9-11).
Methode und Durchführung der Regensburger Heimstudie
3.1 Anknüpfungen für Konzeption und Durchführung Mit der zentralen Fragestellung „Wie leben die Heimkinder nach Beendigung des Heimaufenthaltes und wie bewerten sie ihren Lebensverlauf?“ greifen wir zum einen Forderungen nach einer „Wirkungsorientierten Kinder- und Jugendhilfe auf“ (Struzyna u.a. 2006), und zum zweiten geben wir durch eine konsequente Orientierung an den Betroffenen ehemaligen Heimbewohnern und -bewohnerinnen eine Stimme im öffentlichen Raum. Wir fokussieren also nicht die Perspektive der Öffentlichkeit oder die der Professionellen oder die der Administration oder die der Eltern, sondern ausschließlich die Perspektive der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Das schränkt natürlich die Aussagekraft der Ergebnisse ein, wenn auch mit der Wahl der Adressatenperspektive die Gruppe gewürdigt wird, deren Einschätzungen und Bewertungen, deren Interessen und Bedürfnisse immer berücksichtigt werden sollten, solange sie nicht in Widerspruch zu begründeten langfristigen Entwicklungszielen stehen. Methodisch knüpfen wir an die Dresdener Studie „Lebensbewältigung und -bewährung“ an. Diese Arbeit war für die Regensburger Untersuchung in Zielsetzung und Methodik insofern „vorbildlich“ als sie die Perspektive der Jugendlichen sehr stark gewichtet.
3.2 Die Erhebungsmethoden: Fragebogen und persönliches Interview In leicht abgewandelter Form wurde auf den Fragebogen der Dresdener Kolleginnen und Kollegen zurückgegriffen (der Fragebogen liegt im Anhang dieses Fachheftes vor). Damit haben wir auch die Möglichkeit, bei der Auswertung und Interpretation unsere Ergebnisse mit denen der Dresdener Untersuchung zu vergleichen. Folgende Erhebungsbereiche waren im Fragebogen vorgesehen:
• Informationen zur Heimunterbringung der Befragten • Die sozialen Beziehungen während des Heimaufenthaltes • Die Beziehung zu den Familien und ihre Veränderungen • Die aktuelle Wohnsituation und die schulische / berufliche Situation • Die Bewertung der Fachkräfte in den Heimen durch die Befragten • Die Bewertung der Fachkräfte im Jugendamt • Die Bewertung des Heimes für das Leben der ehemaligen Heimkinder heute Im Zentrum unseres Interesses stehen die persönliche Entwicklung und die aktuelle Lebenssituation der von uns befragten ehemaligen Heimkinder. Für die persönliche Entwicklung sollten vor allem folgende Bereiche im Interview thematisiert werden, die recht übersichtlich als die 5 C positiver Jugendentwicklung in der Abbildung 1 dargestellt werden (Abb.1 wurde dem 13. Kinder- und Jugendbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend entnommen, 2009, S. 46).
Abb. 1: Die „5 C“ positiver Jugendentwicklung (Lerner u.a. 2007)
Wir haben uns allerdings (im Unterschied zu der Dresdener Studie) dafür entschieden, die Erhebung im persönlichen Kontakt durchzuführen. Diesen erhöhten Aufwand im Vergleich zu einer schriftlichen Befragung nahmen wir in Kauf, weil wir uns so validere und verlässlichere Informationen versprachen - freilich nur dann, wenn es den Interviewerinnen gelang, einen guten (und motivierenden) Kontakt zu den ehemaligen Heimkindern herzustellen. Die Interviews wurden von (ausschließlich weiblichen) Studierenden im 7. Semester durchgeführt. Alle wiesen praktische Erfahrungen entweder im Jugendamt oder in der Heimerziehung auf. Mit den Interviewerinnen wurden sowohl ein vorbereitendes Training als auch begleitende Besprechungen während der Erhebungsphase durchgeführt. Die Interviewerinnen hatten über die Befragung hinaus die Aufgabe, eine Bewertung der Interviewsituation vorzunehmen. Für jede befragte Person wurde also ein Postskriptum erstellt, in dem Verlässlichkeit und Authentizität des Interviews eingeschätzt wurden. Übrigens gelang es, in fast allen Interviews so viel Vertrauen herzustellen, dass nur in einem Interview die Ergebnisse als relativ oberflächlich und sozial erwünscht bewertet wurden.
3.3 Durchführung und Beschreibung der Stichprobe Es wurden vom Amt für Jugend und Familie insgesamt 246 Personen angeschrieben, deren Heimaufenthalt in den Jahren 2002 bis 2007 endete. Wenn die angesprochenen Personen über Mail oder SMS, telefonisch oder schriftlich ihr Einverständnis zur Teilnahme erklärten, setzte sich eine Interviewerin mit ihnen in Verbindung, um Ort und Zeit für das Interview auszuhandeln. Die Interviewerinnen führten die Interviews grundsätzlich im öffentlichen Raum durch (z.B. an der Hochschule oder in einem öffentlichen Cafe).3 Für ein persönliches Interview waren 37 junge Frauen und Männer bereit, und in allen 37 Fällen kamen die Interviews auch zustande. Das entspricht einem Rücklauf von 15,04 %. Allerdings konnte in 72 Fällen die Person per Post nicht erreicht werden, („Empfänger unbekannt“), so dass der um diese Zahl bereinigte Rücklauf 21,26 % beträgt.
Die Interviews wurden von den Studentinnen Ina Buchinger, Luzia Büchli, Karin Dachsberger, Sandra Höpfner-Clauß, Simone Klatt, Johanna Irlesberger und Gabriele Merkl durchgeführt.
Beschreibung der Stichprobe: • Das Alter variiert von 14 bis 27 Jahre. • Fast die Hälfte ist über 19 Jahre und älter (48,6 %). • Die Geschlechter sind in etwa gleichverteilt (45,9 % männlich). • Die Staatsangehörigkeit ist fast ausnahmslos deutsch (97,3 %). • Über 80 % haben Geschwister (81,1%), von denen jedes 3. Kind ebenfalls vollzeitig untergebracht ist / war. • Verheiratet ist lediglich eine Person. • Keine der befragten Personen gibt an, eigene Kinder zu haben. In die Stichprobe nahmen wir ausschließlich Kinder, Jugendliche und junge Heranwachsende auf, die auf der Rechtgrundlage des § 34 SGB VIII (Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform) oder des § 41 SGB VIII (Hilfe für junge Volljährige, Nachbetreuung) vollstationär untergebracht waren. Da die Daten des Beginns und auch des Endes der jeweiligen Hilfe vorlagen, konnte problemlos die durchschnittliche Verweildauer für den jeweiligen Unterbringungsort errechnet werden. So zeigte sich, dass 72 % der befragten Kinder und jungen Menschen in einem Kinderund Jugendheim untergebracht waren und dort durchschnittlich 28,6 Monate blieben, wobei in unserer Studie der kürzeste Heimaufenthalt bei sieben Monaten lag und sich der längste Aufenthalt über zehn Jahre hinweg erstreckte. Auffällig ist die relativ hohe Verweildauer im Betreuten Wohnen mit durchschnittlich 46,1 Monaten. Betreutes Wohnen findet häufig im Anschluss an eine Unterbringung in einem Kinder- und Jugendheim statt. Das angegebene Maximum mit 168 Monaten ist erklärbar, wenn der junge Mensch seine Aufenthaltsdauer im Heim und Betreuten Wohnen addiert hat, denn manchmal wird das Betreute Wohnen als veränderte Wohnform in derselben Einrichtung durchgeführt. Beim Alter der Kinder und Jugendlichen zum Zeitpunkt der Unterbringung gibt es keine gravierenden Abweichungen gegenüber anderen Untersuchungen. Die Mädchen, die vom Amt für Jugend und Familie Regensburg untergebracht wurden, waren zum Zeitpunkt ihrer Unterbringung im Durchschnitt 12,6 Jahre alt, die Jungen 13,2 Jahre alt. Das jüngste Kind wurde im Alter von 4 Jahren untergebracht, 64,9 % aller Befragten waren zum Zeitpunkt der Unterbringung 14 Jahre alt und älter.
Erfreulich ist in unserer Studie die große Zahl von jungen Männern, die erreicht werden konnte (45,9 %). Obwohl das männliche Geschlecht in der stationären Unterbringung deutlich überwiegt, betrug etwa in der Dresdener Studie der (erreichte) Männeranteil lediglich 30,6 %. Unbefriedigend ist die Altersverteilung der Befragten: Die Hälfte ist 18 Jahre und jünger, so dass sich während der Untersuchung ein großer Teil noch in der Schulausbildung befand oder aber nach der Heimunterbringung noch im Betreuten Wohnen untergebracht war. Es muss allerdings bedacht werden, dass mit steigendem Alter der Personen auch Probleme der Erreichbarkeit wachsen (z.B. fehlende aktuelle Adressen). Wir hätten uns natürlich einen höheren Rücklauf (21,3 %) gewünscht. Aber im Unterschied zu katamnestischen Klientenbefragungen in der ambulanten Jugendhilfe (hier sind Rücklaufquoten von 30 bis 60 % üblich), ist es in diesem Bereich ungleich schwerer, auf eine Bereitschaft zur Teilnahme zu treffen bzw. diese herzustellen. In der Dresdener Studie war der Rücklauf übrigens ähnlich niedrig (24 %). Es muss offen bleiben, ob sich die kleine Differenz durch die unterschiedliche Art der Befragung erklärt. Die Dresdener hatten sich für eine schriftliche Fragebogenerhebung entschieden, wohingegen in dieser Studie die Erhebung im persönlichen Kontakt erfolgte. Jedenfalls können wir bei diesem bescheidenen Rücklauf nicht von einer repräsentativen Stichprobe ausgehen, sondern müssen bei der Bewertung der Ergebnisse Verzerrungen der Stichprobe annehmen. Obwohl es bei der Auswertung mit dem statistischen Verarbeitungsprogramm SPSS ohne zusätzlichen Aufwand möglich ist, Signifikanzprüfungen durchzuführen, haben wir hierauf verzichtet. Inferenzstatistische Folgerungen (Übertragung der Stichprobenergebnisse auf die Gesamtpopulation) sind wegen der vermuteten Verzerrung nicht sinnvoll. Die Ergebnisse erreichen somit nur die Qualität einer ersten explorativen Studie.
4.1 Wie die ehemaligen Heimkinder heute leben (und arbeiten) Einer der wichtigsten Lebensorte nach der Heimunterbringung ist das Elternhaus oder besser die mütterliche Wohnung, da 35,1 % (wieder) bei ihrer leiblichen Mutter leben. Dieses Ergebnis verdankt sich im wesentlichen dem Alter der Stichprobe. Bis zum Alter von 18 Jahren sind die Jugendlichen entweder bei ihren Müttern oder in weiteren Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht (in der Regel im Betreuten Wohnen). Interessanterweise spielen Väter und Stiefväter als Wohnpartner nur eine sehr geringe Rolle. Sie sind offenbar im Alltag für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen kaum greifbar. Nur eine (!) Person lebt heute in der „klassischen“ Familienkonstellation mit leiblicher Mutter und leiblichem Vater. Die älteren Befragten (ab 19 Jahre) leben nur noch vereinzelt bei Mutter oder Vater. Sie leben entweder allein in eigener Wohnung (44,4 %) oder aber mit einem Lebenspartner oder einer Lebenspartnerin zusammen (33,3 %). Angesichts der Tatsache, dass sich der Verbleib im Elternhaus z.B. durch verlängerte Ausbildungszeiten für Jugendliche und junge Erwachsene heute verlängert hat (Stichwort „Nesthocker“), dürften die Ergebnisse dafür sprechen, dass ehemalige Heimkinder frühzeitiger ein eigenständiges Leben führen (müssen). Tabelle 1: Lebensorte der Befragten nach Altersgruppen (n=37) (Mehrfachnennungen) Altersgruppen 14 bis 18 Jahre
19 bis 27 Jahre
Vater Stiefvater/ Lebenspartner der Mutter
Geschwister Ehepartner(in)/ Lebenspartner(in)
andere Personen alleine lebend/ eigene Wohnung lebe noch in einer Einrichtung der Jugendhilfe
Da sich fast die Hälfte der Befragten in der Altersgruppe bis 18 Jahre befindet, ist es nicht weiter verwunderlich, dass insgesamt 35,1 % noch Schüler sind (Tab. 2). Auffallend ist in der Altersgruppe ab 19 Jahre der vergleichsweise große Prozentsatz von Kindern, die ein Abitur (27,8 %) aufweisen. Tabelle 2: Schulabschluss nach Altersgruppen (n=37) Altersgruppen
trifft nicht zu, noch Schüler
Qualifizierenden Hauptschulabschluss (Quali)
Realschule (mittlere Reife)
Die Zahl von 27,8 % liegt deutlich über der bayernweiten Zahl von Abschlüssen (19 %) - bezogen auf die Altersgruppe in Bayern im Jahr 2003/2004. So erfreulich dieses Ergebnis ist, so zeigt es aber auch, dass unsere Stichprobe eine Verzerrung zu Personen mit höherer Schulbildung aufweist. Insgesamt 18,9 % haben keinen Schulabschluss erreicht. Leider können wir nur begrenzt einen Vergleich zu den Abschlusszahlen an bayerischen Schulen herstellen, da uns keine Zahlen zum Schulabschluss für Personen bis zum Alter von 27 Jahren vorliegen. Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung ermittelt lediglich die Schulabschlüsse pro Jahrgang. So sind (bezogen auf das Schuljahr 2003/2004) 5,4 % der Schüler ohne Abschluss geblieben (Bildungsberichterstattung 2006). Weiterhin zeigt sich, dass die Personen, die längerfristig im Heim untergebracht waren (2 bis 15 Jahre), im Unterschied zu den kurzfristig untergebrachten (weniger als 2 Jahre) deutlich höhere Schulabschlüsse aufzuweisen haben. … und nach dem Heimaufenthalt?
Die Tabelle 3 zeigt die Erwerbstätigkeit der Befragten. Wenn wir die Altersgruppe 19 Jahre und älter betrachten, so ist ein knappes Drittel erwerbstätig (27,8 %) und fast jede(r) Zehnte arbeitslos (11,1 %). Auffallend ist wieder der große Anteil derer, die ein Studium aufgenommen haben. Bis auf ca. 8 % sind alle Befragten in der Ausbildung oder haben einen Arbeitsplatz. Bemerkenswert ist der hohe Anteil von Personen in einem der verschiedenen Ausbildungsbereiche (über 70 %!).
Tabelle 3: Erwerbstätigkeit nach Altersgruppen (n=37) Altersgruppen
Schüler/Berufsvorbereitende Maßnahme
in einer Ausbildung/ Umschulung
in einer Weiterbildung/Studium
55 % der Befragten haben einen Beruf erlernt oder sind dabei, einen zu erlernen (inkl. Studium).
Beispiele für Nennungen: Sozialbetreuerin, Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau, Einzelhandel, Gesangsausbildung, Handelsfach, Heilerziehungspfleger, Kauffrau für Bürokommunikation, Kaufmann für Bürokommunikation, Medizinische Angestellte, Rettungssanitäter, Sozialpädagogin, Studentin, Ausbildung im Metallbereich etc.
Da sich ein großer Teil der Personen noch in Ausbildung befindet, verfügen nur wenige über ein eigenes Nettoeinkommen von mehr als 600 € im Monat: Das sind 13,9 % aller Befragten oder knapp 30 % der Älteren. Tabelle 4: Einkommen nach Altersgruppen (n=37) Altersgruppen 14 bis 18 Jahre
601 € bis 900 €
901 € bis 1200 €
1201 € bis 1600 €
kein eigenes Einkommen monatliches Nettoeinkommen
Über Schulbildung und Ausbildung hinaus ist auch die gesellschaftliche Teilhabe ein wichtiger Indikator für die gesellschaftliche Integration (Tabelle 5). Wir möchten ein Ergebnis herausheben: Jede(r) Fünfte sagt, dass er / sie ehrenamtlich tätig ist. Die Zahl entspricht der des bayernweiten Surveys über ehrenamtliche Tätigkeit für diese Altersgruppen. Tabelle 5: Gesellschaftliche Teilhabe in verschiedenen Bereichen (Mehrfachnennungen) N
Schauen bzw. hören Sie regelmäßig Nachrichten?
Haben Sie Interesse an aktuellen öffentlichen Ereignissen?
Nehmen Sie an Bürger-, Stadtteil-, Straßenfesten teil?
Haben Sie Interesse an Kino/Theater/Museum?
Sind Sie Mitglied in einem Verein/Organisation/Gewerkschaft? Sind Sie ehrenamtlich tätig?
4.2 Wie sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen selber sehen Bildungsabschlüsse und Berufsausbildung als wesentliche Merkmale der objektiven Lebenslage sind natürlich für die Stellung in der Gesellschaft wichtig. Bedeutsam sind aber auch die Bewertungen des bisher Erreichten durch die jungen Erwachsenen selber. Die subjektiven Bilder über sich selbst und den Lebenslauf sind letztlich entscheidend für Zufriedenheit und Zuversicht in die Zukunft. Tab. 6: 6: Beruflich/schulische Zufriedenheit nach Aufenthaltsdauer (n=37) Tabelle Berufliche/schulische Zufriedenheit nach Aufenthaltsdauer (n=37) Gesamtdauer Heimaufenthalt
Sind Sie mit Ihrer beruflichen/schulischen Situation zufrieden? Gesamt
25-180 Monate
Zunächst einmal wollen wir festhalten, dass doch fast 80 % der Befragten zumindest „eher zufrieden“ mit ihrer beruflichen / schulischen Ausbildung sind (vgl. Tabelle 6). Auffallend ist, dass die Zufriedenheit mit dem Erreichten davon abhängt, wie lange die Befragten im Heim gelebt haben. Die über zwei Jahre im Heim untergebrachten Personen weisen höhere Zufriedenheitszahlen auf (84,2 % gegenüber 71,4 %). Fragt man noch allgemeiner nach der Lebenszufriedenheit, so ist nur noch jede(r) zweite (54,1 %) zumindest „eher zufrieden“. Angesichts der teilweise schweren Belastungen in jungen Lebensjahren erklärt sich dieser verringerte Zufriedenheitswert. Interessanterweise zeigt sich auch bei dieser Frage, dass Personen mit einem längeren Heimaufenthalt deutlich zufriedener sind als die mit einer kürzeren Verweildauer (vgl. Abb. 2). Fasst man die Gruppe der „Zufriedenen“ und die der „eher Zufriedenen“ zusammen, so erhält man 63,2 % gegenüber nur 46,7 % . Wir vermuten, dass die länger im Heim untergebrachten Kinder und Jugendlichen bessere Möglichkeiten für ihre Stabilisierung hatten. Wie die Lebenszufriedenheit doch von negativen Ereignissen in der Vergangenheit beeinflusst wird, zeigt das Ergebnis auf die Frage, ob es Ereignisse gibt, die das Leben entscheidend beeinflusst haben. Obwohl die Frage offen 34
Gesamtdauer Heimaufenthalt 7-24 Monate 25-180 Monate
20 % 33,3%
20,0% 15,8% 10,5%
eher zufrieden eher nicht zufrieden
Abb. 2: Zufriedenheit mit dem bisherigen Leben und Gesamtdauer des Heimaufenthaltes (n=37)
für positiv oder negativ bewertete Ereignisse war, werden von den Befragten nur negative Ereignisse, die mit negativen Konnotationen einhergehen, genannt (Sucht, Parasuizid, Misshandlung, psychische Krankheit, schlechte Erfahrung mit Homosexualität, etc.). Positive Erfahrungen scheinen den Personen im Interview jedenfalls nicht in den Sinn zu kommen. Das ist natürlich nicht leicht zu interpretieren. Will man einem gesellschaftlichen Bild entsprechen, das die Vergangenheit eines Heimkindes ausschließlich unter negativen Vorzeichen sieht? Ohne die negativen Erfahrungen dieser Kinder bagatellisieren zu wollen, stellt sich doch die Frage, ob Heimkinder ihr Selbstbild nicht sehr einseitig auf negative Erfahrungen aufbauen, ohne dass mögliche positive Erfahrungen in die Identität integriert werden. Wenn dem so ist, könnten Methoden der Biografiearbeit für die Sozialisation von Heimkindern nützlich sein. Tabelle 7 zeigt, wie sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in verschiedenen Kompetenzbereichen der Lebensbewältigung selbst einschätzen. In der folgenden Tabelle sind die prozentualen Zustimmungen („stimmt“ und stimmt „teilweise“) festgehalten. Das Selbstbild der Befragten ist insgesamt erfreulich positiv. Allerdings muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass durch die persönliche Befragung von teil… und nach dem Heimaufenthalt?
weise unwesentlich älteren Studentinnen Beschönigungen und Idealisierungen durch „soziale Erwünschtheit“ auf keinen Fall auszuschließen sind. Tabelle 7: Wie sich die Befragten selber sehen - Zustimmungen differenziert nach Alter bei der Heimaufnahme (n=37)
Keine Probleme neue Freunde kennen zu lernen
Bin ausdauernd bei selbstgesetzten Zielen
Keine Probleme bei Arbeit in der Gruppe
Ich habe viele positive Eigenschaften
Ich kann mich erfolgreich wehren
Kann Menschen mit anderer Meinung akzeptieren
Bei Widerständen kann ich mich durchsetzen
Keine Schwierigkeit, Ziele zu verwirklichen
Unerwartete Situationen bereiten keine Probleme
Schwierigkeiten sehe ich gelassen
Ich werde schon klarkommen
Vergleicht man die Gruppe, deren Aufnahmealter zwischen 4 und 12 Jahren war, mit der Gruppe eines Aufnahmealters zwischen 13 und 20 Jahren, so zeigen sich doch fast durchgängig Unterschiede (die größten Differenzen sind durch Fettdruck markiert). Je jünger die Kinder / Jugendlichen bei der Aufnahme in das Heim waren, umso positiver das Selbstbild. In die gleiche Richtung geht der Vergleich der Gruppen mit kürzerer und längerer Verweildauer: Je länger die Verweildauer, desto deutlicher ist das positive Selbstbild der Befragten.
4.3 Netzwerk Familie oder wie sich die Beziehung zur Familie verändert hat Obwohl Probleme in und um die Herkunftsfamilie die Ausgangssituation sind, die eine stationäre Erziehungshilfe notwendig machen, sind mögliche Veränderungen während des Heimaufenthaltes und nach dessen Beendigung wichtig. Ist doch die Familie als Teil des persönlichen Netzwerkes wesentlich für die Identität der ehemaligen Heimkinder. Wir wollten also wissen, welche Bedeutung aus der Perspektive der Betroffenen der Familie im Verlauf des Heimaufenthaltes beigemessen wird. Zunächst einmal lebten zum Zeitpunkt der Unterbringung die meisten Kinder / Jugendlichen bei ihren Müttern (86,1%), mit beiden Elternteilen lebte jedes 3. Kind (36,1 %). Da nur 16,7 % der Mütter mit einem neuen Partner lebten, zeigt sich auch in unserer Stichprobe sehr deutlich, dass die alleinerziehende Mutter fast in jedem 2. Fall „die Wohnsituation“ ist, die vor der Unterbringung gegeben ist. Stiefmütter bzw. Lebenspartnerinnen der Väter spielten als Lebensort keine Rolle (0 %). Jede zweite der befragten Personen (51,4 %) gibt an, die Familie während des Heimaufenthaltes vermisst zu haben (Tabelle 8). Tabelle 8: Sehnsucht nach der Familie nach Alter bei Aufnahme Alter bei Heimaufnahme
Haben Sie während dieser Zeit Ihre Herkunftsfamilie vermisst?
Berücksichtigt man das Alter bei der Aufnahme in das Heim, sagen zwei von drei der heute jungen Erwachsenen, die Eltern (Mütter) vermisst zu haben (64,7 %). Auch heute noch äußert fast jede zweite befragte Person, dass sie während des Heimaufenthaltes den Wunsch hatte, in die Familie zurückzukehren.
Auch wenn man berücksichtigt, dass von den jüngeren Kindern immerhin jedes Dritte die Familie nicht vermisst hat, weist dieses Ergebnis doch nachdrücklich auf die große Bedeutung der Herkunftsfamilien für viele Heimkinder hin. Tabelle 9 zeigt, wie die Qualität des Kontaktes zu der Familie eingeschätzt wird. Der Kontakt zu den Müttern ist während des Heimaufenthaltes in fast jedem Fall gegeben und wird von 88,2 % als zumindest „eher gut“ bewertet. In fast jedem dritten Fall besteht kein Kontakt zum Vater / Stiefvater. Nimmt man die Personen heraus, bei denen kein Kontakt zum (Stief-) Vater besteht, dann wird auch der Kontakt zu den Vätern in 73,9 % der Fälle als „eher gut“ bezeichnet. Übrigens sind auch die Großeltern während des Heimaufenthaltes in 29,0 % der Fälle nicht verfügbar! Tabelle 9: Kontakt zur Herkunftsfamilie während der Unterbringung (n=37) keinen Kontakt
Vater/Stiefvater
26,1 &
Das heutige Verhältnis zur Herkunftsfamilie bewerten zwei Drittel der Befragten (64,9 %) als zumindest „gut“, wobei die Gruppe der Jüngeren (bis 18 Jahre) sogar auf fast 80 % kommt. Das ist erfreulich, da gerade die Jüngeren auch nach dem Heimaufenthalt noch auf die Eltern (Mütter) besonders angewiesen sind. Tabelle 10: Einschätzen des heutigen Verhältnisses zur Herkunftsfamilie (n=37)
Gültige Prozente
Kumulierte Prozente
es gibt keinerlei Kontakt mehr
Fragt man die ehemaligen Heimkinder, mit wem aus dem persönlichen Netzwerk sie über Probleme reden können, so zeigt Tabelle 11 die überragende Rolle von Freunden (82,9 %) und Müttern (74,3 %) als Gesprächspartner. Was die Väter anbelangt, so kann man nur wieder konstatieren: Sie haben für die Befragten kaum eine Bedeutung in wichtigen Angelegenheiten! Tabelle 11: Mit wem können Sie über Probleme reden? (Mehrfachantworten) N
Prozent der Fälle N
008,1 %
025,7 %
74,3 % 008,6 %
mit Stief-/Pflegevater
023,4 % 002,7 %
002,9 %
mit Lebenspartner
009,0 %
028,6 %
026,1 %
037,1 %
022,9 %
010,8 %
034,3 %
mit Großeltern mit anderen Verwandten Gesamt
Diesem Ergebnis entsprechen auch die Zahlen, die die Frage nach der Wichtigkeit von Personen im persönlichen Netzwerk betrifft. „Bester Freund / beste Freundin“ wird in 93,8 % der Fälle benannt, dann folgen die Mütter (80,0 %) noch vor der Freundesgruppe (76,7 %). Die Väter, wenn sie denn überhaupt verfügbar sind, rangieren mit 42,3 % noch hinter den Großeltern (58,3 %). Umgekehrt werten 57,7 % die Väter als eine „weniger wichtige“ Person. Wie bereits erwähnt, bezeichnen zwei Drittel aller Befragten das Verhältnis zu den Eltern(teilen) nach Beendigung des Heimaufenthaltes zumindest als „gut“. Werden aber auch aus heutiger Sicht der jungen Erwachsenen Veränderungen im Verhältnis wahrgenommen? Verbesserungen gegenüber der Zeit vor der Unterbringung sehen 62,2 % aller Befragten. Das ist angesichts der eingeschränkten Möglichkeiten einer kontinuierlichen, systematischen und konzeptionell fundierten Eltern- und Familienarbeit doch sehr erfreulich. Interessanterweise sehen besonders viele Befragte, die vergleichsweise spät stationäre Erziehungshilfe erhielten (vgl. Abb. 3), eine Verbesserung in der Beziehung zu den Elternteilen. Dasselbe gilt übrigens für die
Gruppe mit einem vergleichsweise kurzen Heimaufenthalt (unter 2 Jahren). Man darf vermuten, dass es für einen Teil der früher und längerfristig untergebrachten Kinder (und Elternteile) zu schwierig ist, während
Alter bei Heimaufnahme 4-12 Jahre 13-20 Jahre
40 % 70,0%
52,9% 47,1%
20 % 30,0%
0% hat sich verschlechtert
Abb. 3: Veränderung des Verhältnisses zu den Eltern (n=37) von vor der Unterbringung bis heute differenziert nach Alter bei Heimaufnahme
des (langen und frühzeitigen) Heimaufenthaltes die Beziehungen zu verbessern. Möglicherweise liegen aber auch gerade für diese Kinder besondere strukturelle Probleme der Familie vor. Teilt man die Befragten nach denen auf, die mit ihrem „bisherigen Leben zufrieden“ sind, und denen, die „unzufrieden“ sind, so unterscheiden sich die Gruppen vor allem im Verhältnis zu ihren Familien. Die „Unzufriedenen“ wollten zu 58,8 % (gegenüber 35,0 % für die Gruppe der „Zufriedenen“) in ihre Familien zurückkehren. Den Kontakt zu ihren Müttern bezeichnen sie zu 100 % als „eher gut“ (gegenüber 74,7 %), sie haben zu 64,7 % (gegenüber 40,0 %) die Familie vermisst, und 52,9 % (gegenüber 25,0 %) sagen, das Verhältnis zu ihren Familien war vor der Unterbringung besser als heute. Diese Daten bestärken uns in der These, dass ein großer Teil der „Unzufriedenen“ das Verhältnis zu ihren Familien nicht verarbeitet hat und die Herausnahme aus ihren Familien nicht nachvollziehen kann. Dem ent40
spricht auch, dass nur 47,1 % (gegenüber 65,0 %) sagen, dass die Herausnahme ihrem eigenen Wunsch entsprach. Insgesamt scheint die Familie sowohl während als auch nach dem Heimaufenthalt eine sehr große Bedeutung für die Kinder / Jugendlichen zu haben. Während und nach dem Heimaufenthalt wird die überragende Bedeutung der Mutter für die Befragten deutlich. Sie ist neben den Freunden die Gesprächspartnerin bei persönlichen Angelegenheiten. Für viele sind Väter überhaupt nicht vorhanden. Wo sie noch gegenwärtig sind, spielen sie offenbar für die meisten kaum eine Rolle. Zwei Drittel aller Befragten bezeichnen das Verhältnis zu den Eltern(teilen) nach Beendigung des Heimaufenthaltes zumindest als „gut“. Verbesserungen sehen vor allem die heute jungen Erwachsenen (70 %), die später in das Heim kamen und einen kürzeren Aufenthalt hatten.
4.4 Netzwerkqualitäten während des Heimaufenthaltes In diesem Kapitel betrachten wir die Netzwerke der Befragten während des Heimaufenthaltes. Gerade für Heimkinder, die ihre Familien im Alltag nicht verfügbar haben, kommt einem gut geknüpften persönlichen Netzwerk eine große Bedeutung zu. Eindeutig sind Freunde außerhalb des Heimes zahlenmäßig und von ihrer Bedeutung her für die Kinder / Jugendlichen wichtiger als Freunde im Heimalltag. 89,2 % geben an, „wichtige Beziehungen“ zu Kindern / Jugendlichen außerhalb des Heimes / Ausbildungsstätte zu pflegen, gegenüber 64,9 %, die wichtige Beziehungen zu anderen Kindern / Jugendlichen im Heim angeben. Bemerkenswert ist die Stabilität der Beziehungen zu Peers im Heim. Auch nach der Beendigung der Maßnahme bestehen in zwei von drei Fällen (62,5 %) die Beziehungen weiter. In ihrer Bedeutung für „persönliche Fragen“, rangieren die Fachkräfte in den Einrichtungen an dritter Stelle. Addiert man die Prozentzahlen für „sehr wichtig“ und „wichtig“, dann erhalten Fachkräfte den Wert von 58 % gegenüber Eltern von 64,7 % und Freunden außerhalb des Heimes von 81,3 %. Freunden innerhalb der Einrichtung wird nur in 42,0 % der Fälle Wichtigkeit zugesprochen (vgl. Tabelle 12).
Tabelle 12: Mit wem konnten persönliche Fragen geklärt werden? (Die Wichtigkeitsbeurteilungen beziehen sich ausschließlich auf die Befragten, die auch Kontakte zu der jeweiligen Personengruppe haben) sehr wichtig
Fachkräfte der Einrichtung Fachkräfte Jugendamt Vormund/Pfleger Kinder/Jugendliche innerhalb Freunde außerhalb
Wir nehmen an, dass - ähnlich wie in der Familie - mit dem Heranwachsen „frei gewählte“ Beziehungen bedeutsamer werden, und dass vor allem auch Beziehungen wichtig werden, die frei von den alltäglichen Abläufen im Heim sind. Insgesamt ergibt sich, dass die meisten Befragten während des Heimaufenthaltes über ein verlässliches soziales Netz verfügen. Zukünftig wäre die These zu prüfen, ob gute und als wichtig eingeschätzte Kontakte nach außen eine wesentliche Voraussetzung für die Stabilisierung und zukünftige (soziale) Entwicklung der Kinder / Jugendlichen sind.
4.5 Das Leben im Heim Belastung oder Ressource für die Lebensgestaltung Wir gehen davon aus, dass die Wertung des gesamten Heimaufenthaltes entscheidend für die zukünftige Lebensgestaltung und -bewältigung ist. Heimkinder, die in ihrer Selbstwahrnehmung ausschließlich in einer Opferrolle verbleiben und / oder ihr bisheriges Leben vornehmlich als „Unfall“ betrachten, werden es vermutlich schwer haben, aus einer passiven Rolle herauszukommen und selbstbestimmt und selbstverantwortlich ihr Leben zu gestalten. Die Arbeiten zur Salutogenese (vgl. auch den 42
13. Kinder- und Jugendbericht) machen deutlich, wie wichtig die Erfahrung von Selbstwirksamkeit für die Problemlösung im Alltag und damit auch für die Gesundheit ist. Trotz aller Belastungen und Traumata, die diese Kinder erlebt haben, wird eine gelingende Sozialisation in der Institution Heim den Kindern Möglichkeitsräume für Erfahrungen verschaffen, die der Selbstwerterhöhung dienen, und die es ihnen leichter macht auch bei eigenen Fehlern und eigenem Versagen - Verantwortung zu übernehmen. Sehen wir uns die Ergebnisse dieser Zuschreibungen ehemaliger Heimkinder an. Zunächst einmal ist es nicht weiter überraschend, dass 75 % aller Befragten den Einfluss auf ihr heutiges Leben als zumindest „eher hoch“ einschätzen. Vergessen werden sollte dabei nicht, dass bei dieser Frage (und deren Beantwortung) natürlich weitere Bereiche anklingen, wie z.B. auch die Hintergründe für die Heimeinweisung (vgl. Abb. 4).
41,7% 33,3%
0,0% hohen eher hoch Einfluss
Abb. 4: Einfluss des Aufenthaltes auf das heutige Leben insgesamt? (n=37)
Fragt man danach, ob dieser Einfluss hilfreich für das heutige Leben ist, so sind die Ergebnisse eindeutig: 86,5 % stimmen dieser Frage zu. Die Zahl der Zustimmungen ist in der Gruppe der Älteren (94,4 %) und auch der Personen, die mehr als zwei Jahre im Heim untergebracht waren (94,7 %), besonders hoch. Tabelle 13: Einschätzung des Heimaufenthaltes nach Aufenthaltsdauer im Heim (n=37) Altersgruppen
War aus Ihrer Sicht die Unterbringung hilfreich für Ihr heutiges Leben?
Die folgende Tabelle zeigt die Bereiche, für die die Heimunterbringung als besonders bedeutsam eingeschätzt wurde: Tabelle 14: Für welche Bereiche war die Unterbringung hilfreich? (Mehrfachnennungen)
Auseinandersetzung mit Ihrer Familie
Sonstiges Gesamt
Besonders in der Beziehungsgestaltung (65,6 %), der schulischen Bildung (56,3 %) und in der Alltagsbewältigung wird das Heim in der Retrospektive als hilfreich erlebt. Immerhin wertet auch jede(r) Dritte das Heim für den familiären Bereich als positiv. Insgesamt lehnen 78,3 % der Befragten die Aussage „Das Heim ist für mich keine gute Erinnerung“ ab. Umgekehrt findet jede(r) 5. Befragte, dass diese Aussage „eher zutrifft“ (vgl. Abb. 5).
16,2% 5,4%
0,0% trifft nicht zu
Abb. 5: Einfluss des Aufenthaltes auf das heutige Leben: Keine gute Erinnerung?
Wir haben auch ganz global danach gefragt, wie die jungen Erwachsenen ihre Kindheit insgesamt erlebt haben. Immerhin sagen 64,9 %, dass die Kindheit „eher glücklich“ verlaufen ist. Bemerkenswert ist, dass diese Einschätzung vor allem von denen getroffen wird, die vergleichsweise früh (4 - 12 Jahre) aus den Familien herausgenommen wurden (82,4 %). Die Personen, die später ins Heim aufgenommen wurden (13 Jahre und älter), erreichen 50,0 %. Dieser Befund deckt sich mit dem, dass vergleichsweise länger im Heim untergebrachte Befragte in ähnlichem Ausmaß von einer „eher glücklichen Kindheit“ sprechen. Offenbar ist heute das Setting „Heim“ durchaus ein Lebensort, das mehr als einen sicheren Aufenthalt bietet. Es ist ein Ort, der für Erfahrungen sorgen kann, an die sich die ehemaligen Heimkinder gerne erinnern und die ihnen als Ressourcen für die heutige Lebensgestaltung und -bewältigung dienen.
Tabelle 15: Einschätzung der Jugendzeit nach Aufnahmealter Alter bei Heimaufnahme 4 bis 12 13 bis 20 Jahre Jahre Wie haben Sie – aus heutiger Sicht – Ihre Jugend erlebt?
eher unglücklich
unglücklich Gesamt
4.6 Wie die Fachkräfte der Heime bewertet werden Die Fachkräfte in den Heimen sind die Personen, die täglich mit den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in vollstationären Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht sind, leben und pädagogisch arbeiten. Diese Fachkräfte, so unsere Annahme, haben wichtigen Einfluss auf die persönliche Entwicklung der jungen Menschen. Die Beziehungsarbeit in der Heimerziehung darf man wohl als den bedeutendsten Teil der pädagogischen Arbeit Professioneller in Heimen bezeichnen. In unserer Studie wollten wir genau wissen, wie die Beziehung zwischen Heimkind und Erziehungspersonal aus Sicht der betroffenen jungen Menschen erlebt wird. Tabelle 16: Bedeutung der Fachkräfte für die Befragten (Mehrfachnennungen) Antworten
Die Befragten sehen in der Fachkraft überwiegend den „Betreuer“ (64,9 %) und „Unterstützer“ (48,6 %). Wenn auch zwischen professioneller Unterstützung und der emotionalen Qualität der Beziehung ein ausgewogenes Verhältnis bestehen muss, so sieht doch nur jede(r) vierte Befragte ein freundschaftliches Verhältnis zur Fachkraft. Übrigens ergab die Dresdener Studie ein völlig anderes Ergebnis: Dort wertete fast jede(r) 2. die Beziehung zur Fachkraft als „freundschaftlich“ (44,7 %). An zweiter Stelle wurde dann die Funktion „Betreuer“ genannt (42,6 %). Identische Ergebnisse erhielten wir bei den Fragen nach dem Wohlfühlen im Heim und nach der Frage, ob man sich von den Mitarbeitern im Heim ernst genommen fühlte. In beiden Fällen bestätigten 75,7 % diese Aussage, was aber auch bedeutet, dass 24,3 % der befragten jungen Menschen sich nicht im Heim wohl fühlten und sich von den Fachkräften im Heim nicht ernst genommen fühlten. Zudem konnte sich etwa jede 4. Person (24,3 %) nicht daran erinnern, vom Heimpersonal nach dem Wohlbefinden im Heim gefragt worden zu sein. Von allen befragten Personen bestätigten 73 % das Vorhandensein wichtiger Beziehungen zu Mitarbeitern der Einrichtung. Hervorhebenswert ist, dass in dieser Gruppe der Personen, die wichtige Beziehungen zu mindestens einer Fachkraft im Heim aufgebaut haben, diese Beziehung in jedem zweiten Fall (55,56 %) über die Beendigung der Jugendhilfemaßnahme hinaus besteht. Tabelle 17: Zusammenhang zwischen Aufenthaltsdauer und positiver Erinnerung an den Heimaufenthalt (n=37) Gesamtdauer Heimaufenthalt 7 bis 24 36 bis 180 Monate Monate trifft nicht zu „Ich erinnere mich gerne an den Aufenthalt in der Einrichtung“
Es ist aus unserer Sicht erfreulich, wenn zwei Drittel aller Befragten angaben, positive Erinnerungen zu haben, wenn sie an die Zeit im Heim zurückdenken. Auch Tabelle 17 geht in die gleiche Richtung: Wenn auch 57,1 % der Personen mit bis zu zwei Jahren Aufenthalt positive Erinnerungen haben, so erinnern sich sehr viel mehr langzeitiger untergebrachte Personen (73,6 %).
4.7 Wie die Fachkräfte des Jugendamtes bewertet werden Über die Rolle des Jugendamtes und insbesondere über die Wirkung der Fachkraft des Jugendamtes auf die Kinder und Jugendlichen, die in einer vollstationären Jugendhilfeeinrichtung untergebracht werden, gibt es in den Jugendämtern immer wieder intensive Diskussionen. Diese Diskussionen entstehen z.B. dann, wenn es um Zuständigkeitswechsel aufgrund von Änderungen des Wohnortes der Eltern innerhalb einer Stadt geht. Denn hier stellt sich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendämtern die Frage, ob man den Fall an eine Kollegin oder einen Kollegen abgibt oder man selbst zuständig bleibt, weil man doch schon ein so gutes Vertrauensverhältnis zu dem jungen Menschen aufgebaut habe. In unserer Studie wollten wir dies genauer wissen und baten die ehemaligen „Heimkinder“ um eine Bewertung der sozialpädagogischen Fachkräfte4 des Jugendamtes. In fast allen Items bestätigten etwa ¾ aller Befragten die Vorgaben mit den Aussagen „trifft eher zu“ oder „trifft völlig zu“. Das ist vor dem Hintergrund einer vergleichsweise geringen Kontakthäufigkeit ein durchaus erfreuliches Ergebnis für die Fachkräfte im Jugendamt. Deutlich fällt allerdings in dieser Bewertung die Frage nach dem Vertrauen ab: 42,9 % der Interviewpartner äußerten, dass sie kein Vertrauen zu der Fachkraft des Jugendamtes aufbauen konnten. Dieser Wert mag sich durch die, in der Tat, relativ geringen Kontakte zwischen Kind oder Jugendlichen und Fachkraft des Jugendamtes erklären.
Im Amt für Jugend und Familie sind im Sozialpädagogischen Fachdienst, also in dem Sachgebiet, das mit den Aufgaben der Heimunterbringung befasst ist, ausschließlich Diplom-Sozialpädagoginnen und Diplom-Sozialpädagogen beschäftigt.
Tabelle 18: Bewertung der Fachkraft im Jugendamt (n=37)
Fachkraft nahm sich genügend Zeit
Fachkraft sorgte für störungsfreies Umfeld
Fachkraft war fachlich kompetent
konnte Vertrauen zur Fachkraft aufbauen
über meine Anliegen konnte ich mit Fachkraft reden
42,9, %
wurde von Fachkraft ernst genommen
Im Amt für Jugend und Familie der Stadt Regensburg sind halbjährlich stattfindende Hilfeplangespräche, unter Beteiligung des jungen Menschen, als Standard definiert. Auf die Frage, ob Hilfeplangespräche regelmäßig durchgeführt wurden, antworteten 75,7 % mit „ja“, 13,5 % antworteten mit „weiß nicht“. Bemerkenswert sind in diesem Kontext noch die Ergebnisse der Kreuztabellenabfrage nach dem Zusammenhang von Dauer der Unterbringung, Alter des jungen Menschen bei der Heimunterbringung und der Bewertung der Fachkraft des Jugendamtes. Es zeigte sich, dass die Bewertungen der Personen mit langzeitigem Heimaufenthalt deutlich kritischer sind als die mit einem eher kurzzeitigen Verbleib im Heim, und auch die Personen, die vergleichsweise früh ins Heim kamen, sehen die Fachkräfte kritischer als die Personen mit einer Aufnahme vom Lebensalter 13 Jahre an. Wir nehmen an, dass die Fachkräfte für die vergleichsweise kurzzeitig und vor allem die später Untergebrachten präsenter sind.
Tabelle 19: Zusammenhang zwischen Aufenthaltsdauer und Bewertung der Fachkraft im Jugendamt („trifft eher zu“ + „trifft völlig zu“) Alter bei Heimaufnahme % Zustimmung
Gesamtdauer Heimaufenthalt % Zustimmung
36-180 Monate
nahm sich genügend Zeit
sorgte für störungsfreie Situation
68, 8 %
92, 3 %
war fachlich kompetent
konnte Vertrauen aufbauen
persönliche Dinge bereden
wurde ernst genommen
In der Bewertung der Fachkräfte des Jugendamtes konnten wir keine geschlechtsspezifischen Unterschiede feststellen. Laut Gesetzestext sind die Betroffenen am Hilfeplanverfahren zu beteiligen: „Ist Hilfe außerhalb der eigenen Familie erforderlich, so sind die in Satz 1 genannten Personen bei der Auswahl der Einrichtung oder der Pflegestelle zu beteiligen.“ (§ 36 Abs. 1 Satz 3 SGB VIII). Unsere Studie zeigt, dass sich immerhin 36,1 % der Befragten nicht an ein Mitspracherecht bei der Entscheidung über die eigene Unterbringung erinnern können. Da die Befragung nur retrospektiv möglich war, lässt sich sagen: Je jünger die Kinder waren, als sie ins Heim kamen, desto weniger konnten sie sich erinnern, ob sie im Hinblick auf ihre Unterbringung ein Mitspracherecht hatten. Die Beteiligung der Betroffenen soll während der gesamten Dauer erfolgen - und selbstverständlich auch, wenn es um die Frage der Beendigung der Hilfe geht. So bestätigten 72,7 % der befragten jungen Menschen, ein Mitspracherecht bei der Beendigung der Hilfe erhalten zu haben. Eine Erklärungsmöglichkeit für die Personen, die sich nicht an ein Mitspracherecht bei der Beendigung der Hilfe erinnern konnten, könnte in plötzlichen Abbrüchen der Hilfe liegen.
Tabelle 20: Alter bei Heimaufnahme und Mitspracherecht (n=37) Alter bei Heimaufnahme 4 bis 12 13 bis 20 Jahre Jahre Mitspracherecht bei Entscheidung über Ihre Unterbringung?
Von den 72,7 % der Interviewpartner äußerte fast jede(r) Dritte (29,2 %) auf unsere Frage, wer noch an der Entscheidung über die Beendigung der Hilfe beteiligt war, dass es sein / ihr alleiniger Wunsch war, die Hilfe zu beenden. Fast jeder zweite Person (45,8 %), welche die Hilfe auf eigenen Wunsch beendete, sah die Beendigung der Hilfe als gemeinsame Entscheidung von sich selbst, den Eltern und dem jeweils zuständigen Jugendamt. Tabelle 21: Wenn eigener Wunsch (nach Beendigung der Hilfe), wer war noch beteiligt? (n=37) Prozente
Ihr alleiniger Wunsch
Gemeinsamer Wunsch mit Eltern
Gemeinsame Entscheidung von Ihnen, Eltern und Jugendamt
Gemeinsame Entscheidung von Ihnen, Vormund/Pfleger, Jugendamt
Diese explorative Studie fokussiert die Perspektive ehemaliger Heimkinder nach Beendigung des Heimaufenthaltes. Zentrale Fragestellung ist, ob die Jugendlichen und jungen Erwachsenen ihre Heimbiografie als Belastung oder als Ressource wahrnehmen. Die Untersuchung war als Totalerhebung der zwischen 2002 und 2007 beendeten Fälle angelegt. Es konnten allerdings nur 21,3 % (bereinigter Rücklauf) der vom Amt für Jugend und Familie angeschriebenen Personen erreicht werden. Es kann also nicht von einer repräsentativen Stichprobe ausgegangen werden - vor allem wurden vermehrt junge Erwachsene erreicht, die höhere Schulabschlüsse aufweisen. Rückschlüsse von der Stichprobe auf die Population sind daher nur in einzelnen Bereichen eingeschränkt möglich. Trotz der Schwierigkeit, die ehemaligen Heimkinder heute noch zu erreichen, benötigen wir katamnestische Studien mit ehemaligen Heimkindern mindestens drei bis fünf Jahre nach Beendigung der Maßnahme. Wir haben den Zugang zu den Heimkindern ausschließlich mit den Möglichkeiten des Amtes für Jugend und Familie der Stadt Regensburg durchgeführt, meinen aber, dass für eine zukünftige umfassendere Erhebung die Heimträger mit einbezogen werden sollten, um einen besseren Rücklauf und damit noch aussagekräftigere Ergebnisse zu erzielen.
Wie die ehemaligen Heimkinder heute leben (und arbeiten) Die meisten ehemaligen Heimkinder sind in Ausbildung / Schule und Arbeitswelt integriert. Die Älteren (19-27 Jahre) leben zu einem hohen Prozentsatz in eigener Wohnung. Die Jüngeren wohnen in überwiegender Zahl mit ihren Müttern zusammen. • Alle Befragten sind bis auf 8 % entweder in der Ausbildung oder haben einen Arbeitsplatz. • Die Hälfte der Befragten befindet sich in der Altersgruppe 14 bis 18 Jahre, so dass es nicht verwunderlich ist, dass insgesamt 35,1 % noch Schüler sind. • Auffallend ist, dass in der Altersgruppe ab 19 Jahre 27,8 % (!) ein Abitur / Fachabitur aufweisen (wir haben ja bereits mehrfach auf die Verzerrung der Stichprobe in Richtung höhere Schulabschlüsse hingewiesen).
• Personen, die längerfristig im Heim untergebracht waren (2 bis 15 Jahre), haben im Unterschied zu den kurzfristig untergebrachten (weniger als 2 Jahre) deutlich höhere Schulabschlüsse aufzuweisen. • Fast 80 % der älteren Befragten (19-27 Jahre) lebt allein in eigener Wohnung oder mit einem Lebenspartner oder einer -partnerin zusammen. • Fast zwei Drittel der Jüngeren (14-18 Jahre) leben (wieder) bei ihrer Mutter. • Väter sind offenbar für viele im Alltag nicht präsent. Nur eine Person lebt heute in der „klassischen“ Familienkonstellation mit leiblicher Mutter und leiblichem Vater.
Wie sehen sich die Jugendlichen / jungen Erwachsenen heute und wie bewerten sie ihre Heimbiografie? Die subjektiven Bilder über sich selbst und die eigene Biografie sind entscheidend dafür, wo die ehemaligen Heimkinder heute stehen und wie die zukünftige Lebensgestaltung verläuft. Trotz aller Belastungen und Traumata, die diese Kinder erlebt haben, wird eine gelingende Sozialisation in der Institution Heim den Kindern Möglichkeitsräume für Erfahrungen verschaffen, die der Selbstwerterhöhung dienen, und die es ihnen leichter macht - auch bei eigenen Fehlern und eigenem Versagen - Verantwortung zu übernehmen. Wir sehen in den Methoden von Biografiearbeit eine gute Möglichkeit, die Sozialisation von Heimkindern zu unterstützen.5 Im Einzelnen halten wir fest: • 75,0 % sind mit der schulischen / beruflichen Situation „zufrieden“. • Das Selbstbild der Befragten ist insgesamt erfreulich positiv. Je jünger die Kinder bei Aufnahme in das Heim waren, desto positiver das Selbstbild. • 54,1 % sind mit dem bisherigen Leben „zufrieden“. • 64,9 % betrachten den Verlauf ihrer Jugend zumindest als „eher glücklich“. 5
Das Fachheft Nr. 6 der Perspektiven bietet eine Einführung in die Praxis der Biografiearbeit (Baierl, 2008).
• 86,5 % bewerten den Heimaufenthalt als hilfreich für das heutige Leben. • Besonders für die Beziehungsgestaltung, die schulische Bildung und die Alltagsbewältigung wird das Heim in der Retrospektive als hilfreich angesehen. • Vier von fünf Befragten lehnen die Aussage „Das Heim ist für mich keine gute Erinnerung“ ab.
Netzwerkqualitäten während des Heimaufenthaltes Gerade für Heimkinder, die ihre Familien im Alltag nicht verfügbar haben, kommt einem reichhaltigen persönlichen Netzwerk eine große Bedeutung zu. Insgesamt scheinen die Netzwerke für fast alle der befragten Personen gut geknüpft. Interessanterweise spielen die Mütter und Freunde außerhalb der Einrichtungen die wichtigste Rolle. • Wenn auch die Fachkräfte im Heim während des Heimaufenthaltes wichtige Netzwerkpersonen sind, so rangieren sie für die Befragten doch erst an dritter Stelle: Für die meisten sind bei „persönlichen Fragen“ Freunde außerhalb der Einrichtungen am Wichtigsten, an zweiter Stelle folgen die Eltern. • Freunde außerhalb des Heimes sind zahlenmäßig und von ihrer Bedeutung her für die Kinder/ Jugendlichen wichtiger als Freunde im Heimalltag. • Heute und während der Unterbringung wird die überragende Bedeutung der Mütter deutlich: z.B. benennen 80,0 % die Mutter als Gesprächspartnerin bei problematischen Themen. • Das soziale Netz ist aber keineswegs ausschließlich auf die Mutter zentriert, denn 82,9 % geben Freunde / Freundinnen als wichtige Gesprächspartner an. • Für fast ein Drittel sind Väter überhaupt nicht vorhanden („Kein Kontakt“). Wo noch Kontakte gegeben sind, spielen die Väter aber in wichtigen Angelegenheiten („Mit wem können Sie über Probleme reden?“) gegenüber den Müttern eine deutlich untergeordnete Rolle.
Die große Bedeutung der Herkunftsfamilie Die Ergebnisse zur Netzwerkqualität haben ja bereits die große Bedeutung gezeigt, die der Familie (vor allem den Müttern) sowohl während als auch nach dem Heimaufenthalt zukommt. Wie wichtig eine konzeptionell entwickelte und systematische Elternarbeit während des Heimaufenthaltes ist, bestätigen auch die folgenden Ergebnisse: • Jede zweite befragte Person sagt auch heute noch, dass sie während der Zeit im Heim ihre Herkunftsfamilie vermisst hat. • Zwei Drittel der Befragten bezeichnen das Verhältnis zu den Eltern(teilen) heute als „gut“. • Ähnlich groß ist die Zahl derer, die gegenüber der Zeit der Unterbringung sogar eine Verbesserung im Verhältnis zu den Eltern sehen. • Teilt man die Befragten nach denen auf, die mit ihrem „bisherigen Leben zufrieden“ sind und denen die „unzufrieden“ sind, so unterscheiden sich die Gruppen vor allem im Verhältnis zu ihren Familien. Die „Unzufriedenen“ haben ihre Familien vermisst und wollten eher als die „Zufriedenen“ in ihre Familien zurückkehren. Viele betrachten auch das Verhältnis zu ihren Familien heute als schlechter als vor der Unterbringung. Diese Daten bestärken uns in der These, dass ein großer Teil der „Unzufriedenen“ das Verhältnis zu ihren Familien nicht verarbeitet hat, und die Herausnahme aus ihren Familien damals auch heute nicht nachvollziehen kann. Uns erscheint es - trotz vieler Verbesserungen der Elternarbeit in den letzten Jahren - nach wie vor sehr wichtig, die Elternarbeit zu intensivieren. Es sollte selbstverständlich sein, dass für jedes aufgenommene Kind eine individuell zugeschnittene Elternarbeit konzipiert und im Verlauf der Hilfe weiter entwickelt wird.
Wie die Fachkräfte bewertet werden Den Fachkräften im Heim kommt selbstverständlich eine zentrale Rolle im Alltagsleben der Heimkinder zu, wohingegen die Fachkräfte im Jugendamt eher eine Steuerungsfunktion für die stationäre Erziehungshilfe ausüben. Gerade die Fachkräfte im Heim müssen eine sehr schwierige Aufgabe bewältigen. Zum einen haben sie vor dem Hintergrund hochproblematischer Familienerfahrungen mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die sich oftmals mit einem Verhalten schützen, das als bindungsscheu bezeichnet werden kann. Zum anderen besteht die Schwierigkeit darin, Professionalität mit einer wachsenden emotionalen Beziehung zu verbinden. Hier die wichtigsten Ergebnisse: • Drei von vier Befragten (73,0 %) bestätigen, dass sie wichtige Beziehungen zu Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen im Heim hatten, von denen bei jedem zweiten die Beziehungen auch heute noch bestehen. • 75,7 % fühlten sich während ihres Lebens im Heim von den Fachkräften ernst genommen. • Genau so groß ist die Zustimmung zu dem Item „Ich habe mich im
Heim wohl gefühlt“. • Ähnlich ist die Zustimmung bei der Frage „Ich erinnere mich gerne an
den Aufenthalt in der Einrichtung“. Allerdings ist die Zustimmung bei Personen mit einem vergleichsweise kurzen Aufenthalt erheblich geringer (57,1 %). • Insgesamt werten ca. drei von vier Personen die Fachkräfte und die
Einrichtung positiv, und es gibt eine Tendenz, dass die Personen mit einem vergleichsweise langen Aufenthalt zufriedener sind als die mit einem Aufenthalt unter zwei Jahren. Ähnlich ist die Zustimmung für die Fachkräfte im Jugendamt. Drei von vier Personen bezeichnen diese als fachlich kompetent, fühlten sich ernst genommen und hatten den Eindruck, „Persönliches mit ihnen bereden zu können“. • Im Unterschied zu den Fachkräften in den Heimen war allerdings das
„Vertrauen“ nur in jedem zweiten Fall gegeben (57,1 %). • Interessanterweise geben diejenigen dem Jugendamt schlechtere No-
ten, die in jungen Jahren und vergleichsweise langzeitig untergebracht waren. Wir nehmen an, dass die geringere Kontakthäufigkeit der Fachkräfte im Jugendamt besonders bei den Langzeitfällen zum Tragen kommt. 56
Ein letztes Ergebnis: Ein Mitspracherecht bei der Heimaufnahme nimmt nur jede zweite befragte Person wahr (50,0 %), wobei das Erleben von Mitsprache altersabhängig ist. Ab 13 Jahre sagen 75 %, dass sie ein Mitspracherecht hatten. Da die Beteiligung bei der Auswahl der für den Einzelfall angemessenen Hilfe zur Erziehung nach dem SGB VIII rechtlich normiert ist, vermuten wir, dass die Realisierung einer formellen Mitsprache nicht automatisch das subjektive Erleben von Mitsprache bei den Kindern /Jugendlichen nach sich zieht. Zweifellos sind zukünftig in der Hilfeplanung - aber auch während der Durchführung der Hilfe insgesamt - Settings zu gestalten und Methoden zu entwickeln, die das partizipative Erleben und Handeln von Kindern / Jugendlichen möglich machen. Verdichtet man die Ergebnisse für alle Interviewbereiche, so können wir festhalten, dass - grob gesagt - drei Viertel der ehemaligen Heimkinder auf einem guten Weg zu sein scheinen. Dieses Gesamtergebnis entspricht in etwa den Ergebnissen der JULE-, der JES- und der Dresdener Studie. Umgekehrt ist bei ca. 25 % die Lebenssituation nach wie vor von den Ereignissen in den Familien überschattet. In dieser Gruppe finden sich vor allem Personen, die vergleichsweise kurz im Heim untergebracht waren (unter 2 Jahren) und die relativ spät in das Heim aufgenommen wurden (älter als 13 Jahre). Wir vermuten, dass sich bei diesen Personen die familiären Probleme kumuliert haben und / oder der (familiäre) Anlass für die Unterbringung noch aktuell und gegenwärtig ist. In dieser Gruppe befinden sich auch vermehrt die jungen Erwachsenen, die die Herausnahme aus den Familien unzureichend verarbeitet haben.
Literatur Baierl, Michaela (2008). Biografiearbeit in der Schule. Eine Methode zur Förderung der Identitätsentwicklung bei Kindern. Perspektiven zur Kommunalen Jugendhilfe. Heft 6. Regensburg Bindl, Karin (2005). Evaluation der Heimerziehung - Auswertung von Evaluationsstudien. Regensburg (Diplomarbeit an der Hochschule Regenburg) Böhnisch, L., Stecklina, G., Marthaler, T., Köhler, J., Rohr, P. und Funk, S. (2002). Lebensbewältigung und Bewährung. Dresden: Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1998). Leistungen und Grenzen der Heimerziehung. Stuttgart Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2002). Effekte erzieherischer Hilfen und ihre Hintergründe. Stuttgart Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2009). Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistung der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. 13. Kinder- und Jugendbericht. Download: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/128/1612860.pdf Dolch, Christiane (2006). Heimerziehung im Raum Regensburg - Vorund Nachgeschichten von Heimkarrieren. (Diplomarbeit an der Hochschule Regenburg) Gabriel, Thomas (2007). Wirkungen erzieherischer Hilfen - Metanalyse ausgewählter Studien. In. Wirkungsorientierte Jugendhilfe. Band 3. Münster: ISA Gehres, W. (1997). Das zweite Zuhause. Lebensgeschichte und Persönlichkeitsentwicklung von Heimkindern. Opladen Hansen, G. (1994). Die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern in Erziehungsheimen. Ein empirischer Beitrag zur Sozialisation durch Institutionen der öffentlichen Erziehung. Weinheim Lorek, Linda (2005). Evaluation von Heimerziehung - Entwicklung von Erhebungsinstrumenten. (Diplomarbeit an der Hochschule Regenburg)
Munsch, Chantal (2006). Wirkungen erzieherischer Hilfen aus Nutzersicht. In. ISA (Hg.). Wirkungsorientierte Jugendhilfe. Band 1. Münster: ISA ,41-48 Normann, Edina (2003). Erziehungshilfen in biografischen Reflexionen. Heimkinder erinnern sich. Weinheim u.a.: BeltzVotum Nüsken, Dirk (2006). Wirkungsorientierung von erzieherischen Hilfen. In. ISA (Hg.). Wirkungsorientierte Jugendhilfe. Band 1. Münster: ISA , S. 2-4 Ott, Lisa (2006). Heimerziehung im Raum Regensburg - Analyse der gegenwärtigen Situation. Regensburg (Diplomarbeit an der Hochschule Regenburg) Schauder, Thomas (2003). Heimkinderschicksale. Weinheim: Beltz Schmid, Marc (2007). Psychische Gesundheit von Heimkindern. Eine Studie zur Prävalenz psychischer Störungen in der stationären Jugendhilfe. Freiburg: Juventa Schrödter, Mark & Ziegler, Holger (2007). Was wirkt in der Kinder- und Jugendhilfe? Internationaler Überblick und Entwurf eines Indikatorensystemes von Verwirklichungschancen. Wirkungsorientierte Jugendhilfe. Band 2. Münster: ISA Sozialpädagogisches Institut des SOS-Kinderdorf e.V. (Hg.) (2005). Wohin steuert die stationäre Erziehungshilfe? Dokumentation zur Fachtagung am 26.10.-27.10.2005. München: Eigenverlag Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (2006). Bildungsberichterstattung 2006. München Struzyna, K.-H. u.a. (2006). Beiträge zur Wirkungsorientierung von erzieherischen Hilfen. In. ISA (Hg.). Wirkungsorientierte Jugendhilfe. Band 1. Münster: ISA ,5 -13 Stohler, Renate (2006). Berufliche und soziale Integration ehemaliger Klientinnen und Klienten in der Lernstatt Känguruh. (http://paed-services.uzh.ch/user_downloads/392/)
Anhang: Fragebogen „Katamnese stationäre Erziehungshilfe“1 Zunächst möchten wir Sie bitten, einige Angaben zu Ihrer aktuellen Lebenssituation zu machen. 1.
Sind Sie männlich 
weiblich 
____________ Jahre
Können Sie mit Ihrem monatlichen Nettoeinkommen Ihren Lebensunterhalt problemlos bestreiten? Ja
und zwar _______________________
Der Fragebogen verdankt sich dem Projekt „Lebensbewährung und -bewältigung“ der TU Dresden (Böhnisch u.a. 2005). Er ist in großen Teilen mit dem in der Dresdener Studie entwickelten Fragebogen identisch.
Fragebogen „Katamnese stationäre Erziehungshilfe“
Mit wem wohnen Sie zusammen? (Mehrere Antworten sind möglich!) Mutter
Stiefvater / Lebenspartner der Mutter
Stiefmutter / Lebenspartner des Vaters
Ehepartner(in) / Lebenspartner(in)
Freunden / Wohngemeinschaft
alleine lebend / eigene Wohnung
lebe noch in einer Einrichtung der Jugendhilfe
welche, Art? ____________________________________ Die folgenden Antworten beziehen sich auf die Einrichtung, in welcher Sie zuvor (hauptsächlich) untergebracht waren.
Ihr derzeitiger Familienstand? ledig
Haben Sie Geschwister (leibliche und sonstige)? Keine 1 2 3 4 5 und mehr
Wenn Sie Geschwister (leibliche oder sonstige) haben, waren bzw. sind diese auch fremduntergebracht? Ja
10. Welchen Schulabschluss haben Sie? trifft nicht zu, noch Schüler
11. Welchen Beruf haben Sie erlernt bzw. erlernen Sie derzeit? ............................................................................................................................... 12. Sind Sie zur Zeit ...
nie berufstätig gewesen
Schüler/ Berufsvorbereitende Maßnahme
bei Bundeswehr/ Zivildienst
in einer Weiterbildung/ Studium
 Fragebogen „Katamnese stationäre Erziehungshilfe“
13. Sind Sie mit Ihrer beruflichen / schulischen Situation zufrieden? zufrieden
14. Welche Ziele und Aufgaben haben Sie sich für die nächsten drei Jahre vorgenommen? Im Hinblick auf: trifft überhaupt trifft eher nicht trifft eher zu nicht zu
Ausbildung/ Beruf z.B. Weiterbildung, Firma wechseln, ...
Familie/ Partnerschaft z.B. Heirat, Kinder, ...
Wohnsituation z.B. Umzug, Hausbau, ...
Ideelle Ziele z.B. Zufriedenheit, Glück, Erfolg, ...
Materielle Ziele z.B. Geld sparen,
Schulden abbezahlen, ... Gesundheit z.B. gesünder ernähren, mit dem Rauchen aufhören, ... Sonstiges
15. Nehmen Sie am gesellschaftlichen Geschehen teil, also ... trifft zu
sind Sie Mitglied in einem Verein/Organisation/Gewerkschaft
sind Sie ehrenamtlich tätig
lesen Sie regelmäßig Zeitung
schauen bzw. hören Sie regelmäßig Nachrichten
haben Sie Interesse an aktuellen öffentlichen Ereignissen
nehmen Sie an Bürger-, Stadtteil-, Straßenfesten teil
haben Sie Interesse an Kino/Theater/Museum
16. Wie sehen Sie sich selbst? Neue Freunde kennen zu lernen, bereitet mir keine Probleme. stimmt nicht
Bei Zielen, die ich mir vornehme, kann ich Ausdauer zeigen, diese zu erreichen. stimmt nicht
Die Arbeit in einer Gruppe stellt für mich kein Problem dar. stimmt nicht
Ich finde, dass ich viele positive Eigenschaften habe. stimmt nicht
Wenn meine Rechte verletzt werden, kann ich mich erfolgreich dagegen wehren. stimmt nicht
Ich kann Menschen akzeptieren, die eine andere Meinung haben.
Ich bin in der Lage, mein Leben eigenständig zu meistern. stimmt nicht
Wenn sich Widerstände auftun, finde ich Mittel und Wege, mich durchzusetzen. stimmt nicht
Die Lösung schwieriger Probleme gelingt mir immer, wenn ich mich darum bemühe. stimmt nicht
Es bereitet mir keine Schwierigkeiten, meine Absichten und Ziele zu verwirklichen. stimmt nicht
In unerwarteten Situationen weiß ich immer, wie ich mich verhalten soll. stimmt nicht
Auch bei überraschenden Ereignissen glaube ich, dass ich gut mit ihnen zurechtkommen kann. stimmt nicht
Schwierigkeiten sehe ich gelassen entgegen, weil ich meinen Fähigkeiten immer vertrauen kann. stimmt nicht
Was auch immer passiert, ich werde schon klarkommen. stimmt nicht
Für jedes Problem kann ich eine Lösung finden. stimmt nicht
Wenn eine neue Sache auf mich zukommt, weiß ich, wie ich damit umgehen kann. stimmt nicht
Wenn ein Problem auftaucht, kann ich es aus eigner Kraft meistern.
17. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem bisherigen Leben? zufrieden
Gibt es in Ihrem Leben wichtige Ereignisse, die Ihre Entwicklung entscheidend beeinflusst haben? (Bitte benennen Sie diese!)
19. Wie haben Sie - aus heutiger Sicht - ihre Jugend erlebt? glücklich
Im Folgenden möchten wir ein paar Fragen zu Ihrem außerfamiliären Aufenthalt in einer Heimeinrichtung stellen. Wenn Sie sich zurückerinnern 20. Wie alt waren Sie, als Sie ins Heim kamen? ________________ Jahre
21. In welcher Art von Einrichtung der Jugendhilfe haben Sie wie lange gelebt? (Mehrfachnennungen sind möglich!) Einrichtung
Zeiträume von Monat/Jahr bis Monat/Jahr
Kinder- oder Jugendheim
22. Hatten Sie damals einen Vormund oder Pfleger? Ja
23. Kam die außerfamiliäre Unterbringung auf Ihren Wunsch hin zustande? Ja
24. Gab es in der Einrichtung für Sie wichtige Beziehungen zu anderen Kindern oder Jugendlichen? Ja
Wenn ja, zu wie vielen Kindern oder Jugendlichen bestanden solche Beziehungen? zu einer Person
25. Bestanden oder bestehen Beziehungen zu anderen Kindern oder Jugendlichen auch über Ihre Zeit in der Einrichtung hinaus? Ja
Wenn ja, wie dauerhaft waren / sind diese Beziehungen Ihrer Meinung nach? (Mehrere Antworten sind möglich!)
26. Hatten Sie während der Zeit der außerfamiliären Unterbringung einen Freundeskreis außerhalb der Schule / Ausbildungsstätte und der Jugendhilfeeinrichtung? Ja
27. Haben Sie Mitarbeiter während der Heimunterbringung danach gefragt, ob Sie sich in der Einrichtung wohl fühlen? Ja
Wenn ja, geschah dies... regelmäßig
28. Hatten Sie das Gefühl, dass Sie von den Mitarbeitern in der Einrichtung ernst genommen wurden? Ja
29. Gab es für Sie wichtige Beziehungen zu Mitarbeitern der Einrichtung? Ja
Wenn ja, zu wem? (Bezeichnung) ........................................................................................................................................ ........................................................................................................................................
30. Bestanden oder bestehen Beziehungen zu Mitarbeitern auch über Ihre Zeit in der Einrichtung hinaus? Ja
31. Welche Bedeutung hatten die Mitarbeiter für Sie?
eher Unterstützer eher Berater eher Freund eher Betreuer eher Mutter / Vater sonstige
32. War es Ihr Wunsch, dass die Unterbringung beendet wird? Ja
Wenn ja, war es ...
Wenn nein, war es die Entscheidung ...
Ihr gemeinsamer Wunsch mit Ihren Eltern
Ihrer Eltern oder Ihres Vormundes bzw.
Pflegers eine gemeinsame Entscheidung von
von Jugendamt und Ihren Eltern
Ihnen, Ihren Eltern und dem Jugendamt eine gemeinsame Entscheidung von Ihnen, Ihren Vormund bzw. Pfleger und dem Jugendamt
33. Waren Sie bei Beendigung der Unterbringung volljährig? Ja
34. Wenn Sie zurückblicken: Welchen Einfluss hatte dieser Aufenthalt auf Ihr Leben bis heute? Ich erinnere mich gerne an den Aufenthalt in der Einrichtung. trifft nicht zu
Ich habe an den Aufenthalt in der Einrichtung keine positiven Erinnerungen.
35. Insgesamt gesehen, welchen Einfluss hat nach Ihrer Einschätzung die Zeit in der Einrichtung auf Ihr heutiges Leben? hohen Einfluss
36. War aus Ihrer Sicht die Unterbringung hilfreich für Ihr heutiges Leben? Ja
Wenn ja, würden Sie sagen, dass sie hilfreich war ... (Mehrere Antworten sind möglich!) für Ihre schulische Bildung?
für Ihre berufliche Entwicklung?
für den Umgang mit anderen Menschen und die Gestaltung von Beziehungen? –
Konflikte austragen – auf andere zugehen – andere mit ihren Gefühlen/ Bedürfnissen verstehen – die Beziehung zu evtl. nun eigenen Kindern für Fragen der Alltagsbewältigung?
in Bezug auf die Auseinandersetzung mit Ihrer (Herkunfts-)Familie?
Wenn nein, warum nicht? ...................................................................................................................................... ......................................................................................................................................
Wir bitten Sie nun, nachfolgend einige Fragen bezüglich Ihrer Familie zu beantworten. 37. Wie wichtig sind die folgenden Personen heute für Sie?
Vater Stiefvater/ Pflegevater Mutter Stiefmutter / Pflegemutter Geschwister Großeltern eigene Kinder / eigenes Kind Ehepartner Schulfreunde bester Freund/ beste Freundin Freundesgruppe / Clique
          
andere ...............................................................................................................................
38. Mit wem können Sie über Ihre Probleme reden (Mehrere Antworten sind möglich!) mit meinem Vater mit meiner Mutter mit meinen Stiefvater/ Pflegevater mit meiner Stiefmutter/ Pflegemutter mit meinem Ehepartner mit meinem Lebenspartner mit meinen Freunden mit meinen Geschwistern mit meinen Großeltern mit anderen Verwandten mit dem Sorgentelefon mit niemandem
           
39. Wie schätzen Sie Ihr momentanes Verhältnis zu Ihrer Herkunftsfamilie ein? sehr gut
es gibt keinerlei Kontakte mehr
40. War das Verhältnis zu Ihrer Herkunftsfamilie aus Ihrer heutigen Sicht vor der außerfamiliären Unterbringung eher besser oder schlechter?
41. Wenn Sie heute so an die Zeit vor der Heimunterbringung denken, mit wem lebten Sie damals zusammen? (Mehrere Antworten sind möglich!) Mutter
Stiefvater/Lebenspartner der Mutter
Stiefmutter/Lebenspartnerin des Vaters
Geschwister (leibliche und sonstige)
42. Was hat Ihrer Meinung nach dazu geführt, dass Sie außerfamiliär untergebracht wurden? ...................................................................................................................................... ...................................................................................................................................... 43. Haben Sie während dieser Zeit Ihre Herkunftsfamilie vermisst? eher ja
44. Wie schätzen Sie den Kontakt zu Ihrer Herkunftsfamilie während der Zeit der außerfamiliären Unterbringung ein? sehr gut
es gab keine Kontakte
Vater/ Stiefvater
Mutter/ Stiefmutter
45. Hatten Sie damals den Wunsch, wieder in Ihre Familie zurück zu kehren? Ja
46. Mit wem konnten Sie sich während der Zeit der Unterbringung über Ereignisse / Entwicklungen in Ihrer Herkunftsfamilie bzw. persönliche Fragen offen unterhalten? (Bitte in jeder Zeile ankreuzen!) sehr wichtig
weniger wich-
Mitarbeitern der Einrichtung
Anderen Kindern/ Jugend-
Mitarbeitern des Jugendamtes
anderen Verwandte
Freunden außerhalb der
lichen in der Einrichtung
Einrichtung sonstigen
47. Würden Sie sagen, dass eine frühere außerfamiliäre Unterbringung für Sie besser gewesen wäre? Ja
Wenn ja, aus welchem Grund? ............................................................................................................................... ................................................................................ ..............................................
Auch die Rolle des Jugendamtes bei Ihrer Heimunterbringung möchten wir abschließend mit ein paar Fragen an Sie noch genauer betrachten. 48. Sind der stationären Aufnahme in die Heimeinrichtung andere Hilfen vom Jugendamt vorausgegangen? Ja
Wenn ja, welche? .............................................................................................................................. .............................................................................................................................. 49. Hatten Sie bei Mitspracherecht? Ja
50. Fanden regelmäßige Hilfeplangespräche statt (mindestens zweimal im Jahr)? Ja  Nein
51. Wurde Ihres Wissens während Ihrer Unterbringung ein Hilfeplan erstellt?  Ja Nein
kann ich nicht mehr sagen
52. Wie beurteilen Sie die Arbeit bzw. das Verhalten des für sie damals zuständigen Jugendamtmitarbeiters im Hinblick auf folgende Aspekte: trifft überhaupt trifft eher nicht trifft eher zu nicht zu
er/ sie nahm sich genügend Zeit
er/ sie sorgte bei wichtigen Gesprächen
er/ sie war fachlich kompetent
ich konnte Vertrauen zu ihm / ihr
für ein störungsfreies Umfeld
aufbauen über meine Anliegen konnte ich mit ihm / ihr reden Ich hatte das Gefühl von ihm/ ihr ernst genommen zu werden
53. Schlossen sich der Unterbringung in einer Einrichtung der Jugendhilfe andere Hilfen an? Ja  Nein  Wenn ja, welche? ........................................................................................................................................ ........................................................................................................................................
AKTENERHEBUNGSBOGEN 1. Daten zur Vorgeschichte: Die Ausgangssituation 1.1. Personenbezogene und soziographische Daten der jungen Menschen _________
1.1.2. Geschlecht:  männlich  weiblich
1.1.1. Geburtsjahr: 1.1.3. Nationalität:  deutsch 1.1.4. Personensorge:
andere _______  keine Angaben
Eltern  Elternteil  Pfleger/Vormund  keine Angaben
1.1.5. Letzter Aufenthaltsort vor der Hilfe:  bei Eltern/Elternteil  in einer Einrichtung _______________  in eigener Wohnung  auf der Straße  _______________  keine Angaben _________________________________________________________________ 1.2. Soziographische Daten zur Familie 1.2.1. Familiensituation:  vollständig  keine Angaben  Stieffamilie 1.2.2. Nationalität: Vater  deutsch Mutter  deutsch
Alleinerziehende(r)  Vollwaise
andere ___________ keine Angaben  andere ___________ keine Angaben
1.2.3. Beschäftigung des Vaters zu Beginn der Hilfe:  Vollzeit als _____________________________________________  Teilzeit als _____________________________________________  ____________________________________  keine Angaben 1.2.4. Beschäftigung der Mutter zu Beginn der Hilfe:  Vollzeit als _____________________________________________  Teilzeit als _____________________________________________  ____________________________________  keine Angaben 1.2.5. Individuelle Problemlagen der Eltern, familiale Belastungen:  Geringes Einkommen  Problemat. Wohnverhältnisse  Arbeitslosigkeit  Wohnung in soz. Brennpunkt  Hohe Verschuldung  Wechselnde Familienmitglieder  Trennung/Scheidung  Soziale Isolation der Familie  Überforderung der Eltern  Suchtprobleme  Langfristige Krankheit  Psychische Probleme  Gefängnisaufenthalt  Gewalt  Ethn./kult./rel. Problematik  Tod  Besondere Unglücksfälle/Notlagen __________________________ 1.2.6. Beschreibung des Familienklimas: __________________________________________________________ __________________________________________________________ ____________________________________________________  keine Angaben
Nr. 1.2.7. Geschwisteranzahl: Davon ____ zu Hause
_______ _____ in Unterbringung  keine Angaben
1.2.8. Familiale und soziale Ressourcen  Aktiver Familienzusammenhalt  Kontaktfähigkeit/soziale Offenheit  _________________________________
Selbstsicherheit  Soziale Integration  keine Angaben
_________________________________________________________________ 1.3. Daten zur Beschreibung der Lebenslage des Kindes bzw. Jugendlichen 1.3.1. Ressourcen, Stärken und Interessen des Kindes:  Lebenspraktische Fähigkeiten  musisch-kreative Fähigkeiten  sportliche Interessen  technische Interessen  Soziale Integration in Gleichaltrigengruppe  Selbstsicherheit  Interesse an Schule/Ausbildung  Kontaktfähigkeit/Offenheit  Perspektiven/Lebensplanung  _____________________  stabile Freundschaften  keine Angaben 1.3.2. Auffälligkeiten und Bewältigungsstrategien, die als Gründe für die Heimerziehung aufgeführt sind:  Aggressives Verhalten  Hyperaktivität  Autoaggressives Verhalten  Psychische Auffälligkeiten  Behinderungen  Entwicklungsrückstände  Suchtproblematik  Auffälligkeiten in soz. Beziehungen  problematischer Umgang  Auffälligkeiten in sex. Beziehungen  illegales Verhalten:___________________________________________  __________________________________________________________ 1.3.3. Aktuelle und längerfristige belastende Ereignisse/Erfahrungen im Leben des Kindes:  Störung der Eltern-Kind-Beziehungen  Vernachlässigung  Kind als Opfer familiärer Kämpfe  Gewalterfahrungen  Loyalitätskonflikte  Drohende Verwahrlosung  Sexueller Missbrauch  _____________________  _______________________  _____________________ 1.3.4. Schulische/berufliche Situation und Qualifikation:  Schule/Ausbildung/Beruf: _____________________________________  Fernbleiben von Schule/Ausbildung  Massives Stören des Unterrichts  Lern-/Leistungsrückstände  keine Angaben  Dramatischer Leistungsabfall  __________________________  Gravierende Konzentrations- und/oder Motivationsprobleme _________________________________________________________________ A2
Nr. 1.4. Daten zu vorangehenden Hilfen 1.4.1. Kontakte mit dem Jugendamt:  ja  nein  keine Angaben 1.4.2. Hilfeangebote im Vorfeld:  Ambulante Beratung (länger als zwei Monate:  ja  nein)  Tages-/Wochenpflege § 23 SGB VIII  Erziehungsberatungsstelle § 28 SGB VIII  Soziale Gruppenarbeit § 29 SGB VIII  Erziehungsbeistandschaft/Betreuungshelfer § 30 SGB VIII  Sozialpädagogische Familienhilfe § 31 SGB VIII  Betreuung in einer Tagesgruppe § 32 SGB VIII  Vollzeitpflege § 33 SGB VIII  Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung § 35 SGB VIII  Krisenintervention/vorläufige Schutzmaßnahme § 42 SGB VIII  Kinder- und Jugendpsychiatrie  Jugendgerichtshilfe  Heilpädagogische/therapeutische Angebote  Sonstige Maßnahmen________________________________________  keine Angaben 1.4.3. Gründe für die Beendigung dieser Hilfen:
_____________________________________________________ _____________________________________________________ ________________________________  keine Angaben _________________________________________________________________
2. Der Prozess der Hilfegewährung und -entscheidung 2.1. Daten zum Unterbringungsprozess 2.1.1. Anlass der Entscheidung für die Unterbringung:  keine Angaben ____________________________________________________________ 2.1.2. Initiative zur Hilfe:  von den Eltern  vom Jugendamt  keine Angaben  vom Kind/Jugendlichen  _______________ 2.1.3. Begründung für die Wahl der Hilfeform: ____________________________________________________________ __________________________________________  keine Angaben 2.1.4. Beteiligung der Betroffenen:
nein  ja – Eltern  ja - Kind/Jugendlicher Anzahl der Hilfeplangespräche:_____  keine Angaben
2.1.5. Vorbereitungsmaßnahmen:  Gespräche mit Mitarbeitern des Jugendamtes  Gespräche mit Mitarbeitern der Einrichtung  Besuch der Einrichtung  Probewohnen  _______________________________________  keine Angaben
Nr. 2.1.6. Festgelegte Aufgaben und Ziele:  Rückkehr in Familie vorbereiten  auf selbstständ. Leben vorbereiten  Suchtprobleme bewältigen  Schutzraum gewährleisten  Schulische Förderung  Sozialverhalten fördern  Hilfe bei der Alltagsbewältigung  Hilfe bei der Freizeitgestaltung  Ressourcenerhalt und -ausbau fördern  Beziehungsförderung/-klärung mit den Eltern  Aufarbeitung belastender Erfahrungen  Förderung der Persönlichkeitsentwicklung  Drohender Verwahrlosung entgegenwirken  Förderung von Eigenverantwortung/Selbstständigkeit  Therapeutische/heilpädagogisch/sprachliche Förderung  Emotionale Zuwendung/tragfähiges Beziehungsangebot  Klaren Orientierungsrahmen bieten  Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie  Erziehung in anderer Familie vorbereiten  Krisenintervention/Situationsklärung  Zielsetzung noch unklar - Perspektive soll erarbeitet werden  Entwicklungsrückstände aufholen  keine Angaben 2.1.7. Zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen: ____________________________________________________________  keine Angaben _________________________________________________________________
3. Verlauf und Gestaltung der Heimerziehung gem. §34 SGB VIII 3.1. Daten zum Hilfeverlauf 3.1.1. Gesamtaufenthaltsdauer:  Bis 6 Monate  bis 1Jahr  1-2 Jahre  3-5 Jahre  5-7 Jahre  7-10 Jahre  keine Angaben
2-3 Jahre  über 10 Jahre
3.1.2. Anzahl der Wechsel zwischen verschiedenen Einrichtungen: ______  keine Angaben 3.1.3. Art der letzten Einrichtung:  Wohngruppe  Außenwohngruppe eines Heimes  betreutes Wohnen  familienähnliche Wohnform  Erziehungsstelle  heilpädagogisch-therapeutisches Heim  keine Angaben  ____________________________________ 3.1.4. 3.1.5. 3.1.6. 3.1.7.
Anzahl der jungen Menschen pro Gruppe: _______ keine Angaben therapeutisches Angebot:  ja  nein  keine Angaben Elternarbeit:  ja  nein  keine Angaben Vernetzung/Kooperation mit Schule/Ausbildung:  ja  nein  keine Angaben
3.1.8. Vorliegen von Zwischenbewertungen:
_________________________________________________________________ _________________________________________________________________ A4
4. Daten zur Beendigung 4.1. Situation der jungen Menschen zum Zeitpunkt der Entlassung  keine Angaben  eigene Wohnung  Ursprungsfamilie  bei Elternteil mit Partner  bei Elternteil  in einer Pflegefamilie  Psychiatrie  Wohngemeinschaft  _____________  keine Angaben 4.1.3. Beruf bzw. Schule:________________________________________ 4.1.4. Lebensunterhalt:  eigenes Arbeitseinkommen  Sozialhilfe  durch Eltern/-teil  andere Leistungen (BaföG)  keine Angaben _________________________________________________________________ 4.1.1. Alter: _____ 4.1.2. Wohnsituation:
4.2. Der Beendigungsprozess 4.2.1. Gründe für die Beendigung:  Erfolgreicher Abschluss  Überleitung in andere Hilfe wegen_______________________________  Umzug der Eltern/eines Elternteils  institutionelle/strukturelle Gründe  keine Angaben Vorzeitige Beendigung wegen:  mangelnder Kooperation d. Kindes/Jugendlichen  auf Veranlassung der Einrichtung  auf Veranlassung des JA  auf Veranlassung der Sorgeberechtigten  _____________________  auf Veranlassung des jungen Volljährigen  keine Angaben 4.2.2. Akzeptanz der Beendigung durch den jungen Menschen:  ja  nein  keine Angaben _________________________________________________________________ 4.3. Abschlussbewertung liegt vor:
ja ¨ Ergebnisse:
4.3.1. Gesamteinschätzung:  positiv  in Ansätzen positiv  negativ  keine Angaben  keine maßgebliche Veränderung  Bewertung nicht möglich _________________________________________________________________ 4.3.2. Entwicklung im Bereich der familialen Belastungen und Problemlagen  positiv  in Ansätzen positiv  negativ  keine Angaben  keine maßgebliche Veränderung  Bewertung nicht möglich _________________________________________________________________ 4.3.3. Individuelle Problemlagen:  keine Angaben  Zunahme von Problemen: _____________________________________  keine Veränderungen von Problemen: ___________________________  Abnahme von Problemen: _____________________________________ ____________________________________________________________ A5
4.3.4. Entwicklung der Persönlichkeit  positiv  in Ansätzen positiv  keine maßgebliche Veränderung
Nr.  negativ  keine Angaben  Bewertung nicht möglich
_________________________________________________________________ 4.3.5. Entwicklung in der Alltagsbewältigung  positiv  in Ansätzen positiv  negativ  keine Angaben  keine maßgebliche Veränderung  Bewertung nicht möglich _________________________________________________________________ 4.3.6. Entwicklung in der Gestaltung sozialer Beziehungen  positiv  in Ansätzen positiv  negativ  keine Angaben  keine maßgebliche Veränderung  Bewertung nicht möglich _________________________________________________________________ 4.3.7. Entwicklung in Schule und Ausbildung:  positiv  in Ansätzen positiv  negativ  keine Angaben  keine maßgebliche Veränderung  Bewertung nicht möglich _________________________________________________________________ 4.3.8. Legalverhalten:  Abnahme von Straftaten  Zunahme von Straftaten  konstant hohe Delinquenz  konstant niedrige Delinquenz  keine Straftaten vor und während der Hilfe  keine Angaben Belastung mit Sanktionen:  vorher ja  nachher ja  nein Erläuterungen: • Die freien Zeilen am Ende jedes Abschnitts bieten Platz für andere/zusätzliche Angaben. • Ergänzende Angaben auf ___: E=Eltern, V=Vater, M=Mutter • Änderungen im Untersuchungsverlauf: • Frage nach Migrationshintergrund:  ja  nein • Frage 3.1.1. Erhebung der Dauer auf Jahre genau, um Angaben zu Hilfeplangesprächen Frage 2.1.4. pro Jahr machen zu können
Für die Erstellung des Aktenanalyserasters verwendete Literatur: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.). Leistungen und Grenzen von Heimerziehung (JULE-Studie). Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1998 Schauder, Thomas. Heimkinderschicksale. Beltz Verlag, Weinheim 2003 Sozialgesetzbuch. 31., vollständig überarbeitete Auflage. Stand: 4.März 2004 Sonderausgabe des Deutschen Taschenbuchverlages, München 2004
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Report UND NACH DEM HEIMAUFENTHALT?

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