Source: https://www.fabian-schicker.de/?p=67
Timestamp: 2019-08-22 08:03:50+00:00

Document:
Meine Einstellung zum Bedingungslosen Grundeinkommen – Fabian Schicker
Veröffentlicht vonFabian Schicker	 5. Oktober 2013 2 Kommentare zu Meine Einstellung zum Bedingungslosen Grundeinkommen
Habe ich das mit meinen bescheidenen Volkswirtschafts-Kenntnissen einfach nicht verstanden, oder ist dieses Konzept in sich unlogisch? Bedinungsloses Grundeinkommen in der Schweiz
„Für ihn ist das Grundeinkommen eine Idee, die eben noch weitergedacht werden muss.“ Aber Hauptsache nen Volksentscheid fordern…
Fabian Schicker:
Ich finde es absolut nicht unlogisch. Nur ist das Bild von Arbeit und die angestrebte Gesellschaft, die damit verbunden sind, eben komplett anders, als was wir aktuell haben. Würde mich freuen, wenn die Schweizer da mit guten Beispiel voran gehen würden 🙂
Naja Geld ist an sich ein Tauschmittel… Jeder benutzt es im Vertrauen das es dann auch später im Tausch gegen andere Objekte angenommen wird…
Sprich Geld sollte im optimal Fall also im Tausch gegen Arbeitskraft (Arbeitszeit) erhalten werden! Ein Tauschmittel ohne Gegenleistung (nur in der Hoffnung auf eine zufällige spontane spätere Leistung) zu bekommen würde ein solches Konzept ad absurdum führen und meiner Meinung nach das Vertrauen in eine Währung schwächen…
a) Auch Tauschmittel kann man verschenken 🙂
b) Mit meinen Rudimentären Kentnissen von Wirtschaft würde ich sagen, dass das Vertrauen in eine Währung nicht davon abhängt, wofür man es bekommt, sondern was man dafür bekommt, und ich sehe nicht, dass da ein (trivialer) Zusammenhang ist.
c) Genau das was du als „optimal“ emfindest, sehe ich komplett anders. Bezahlte Arbeit ist für mich in keinem Fall das non plus ultra, ergo bin ich der Meinung, dass man auch ohne Erwerbsarbeit einen gewissen Grundstock verpflichtend zur verfügung haben muss. Das ist ja mit Hartz IV sogar jetzt schon so, die Menschenwürde ist unantastbar. Ich bin der Meinung, solche Leistungen müssen deutlich über das absolute Minimum hinausgehen – egal, ob die Empfänger es verwenden, um ihre Chancen auf Erwerbsarbeit zu erhöhen (nochmal in die Schule/Uni obwohl man schon eine Familie hat, Selbstständig werden ohne Risiko auf sozialen Absturz, …), die Zeit in unbezahlte Arbeit zu stecken (Ehrenämter) oder, das schließe ich explizit mit ein, „die Füße hochzulegen“. Natürlich steck da ein Menschenbild dahinter, das davon ausgeht, dass Menschen eben nicht zum Großteil nichts machen wollen sondern im Gegenteil die gewonnene Freiheit im wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Sinne gut nutzen werden.
d) Abgesehen davon ist das aktuelle System von „Geld gegen Arbeit“ extrem ungerecht, denn die Bezahlung korreliert kaum mit der gesellschaftlichen Wichtigkeit einer Arbeit. Ein BGE ist zwar kein Allheilmittel dafür, aber zumindest in den unterbezahlten Jobs ist es vielleicht eine Möglichkeit, Gerechtigkeit herzustellen: Wenn keiner mehr einen bestimmten Job für einen Hungerlohn machen will, muss man eben entweder die Stelle abschaffen oder wenn das nicht geht mehr zahlen – Marktwirtschaft pur sozusagen, nur dass ein BGE den Hebel der potentiellen Arbeitnehmer im Vergleich zu der aktuellen Situation vergrößert
bevor ich Anfange die obigen Punkte abzuarbeiten folgende Fragen zu einem BGE die mir schwer im Magen liegen:
– Durch ein BGE würde der Zuwanderungsdruck aus dem Ausland um ein Vielfaches zu nehmen und leider auch viele unqualifizierte Arbeitskräfte mit sich bringen die ein Wirtschafssystem bzw ein Sozialsystem überproportional stark belasten… Verschärft man die Zuwanderungsgesetze? wo fängt man an zu selektieren? Führt das nicht zu extremem Neid und Missgunst?
– Arbeiten die die Mehrheit auch ohne überproportionalen Lernaufwand bewältigen können, sind momentan eher im unteren Lohnsektor angesiedelt… Sie verlieren durch ein BGE ein Attraktivität, es steigen also hier zwangsläufig die Lohnkosten oder diese Arbeiten werden nicht erledigt… Durch diese steigenden (vorher niedrigen) Lohnkosten müssen auch die Lohnkosten in oberen Lohnsektor anziehen, da sie sonst an Attraktivität verlieren… Es muss irgendwo das erhöhte Lohnaufkommen hergenommen werden also steigen die Preise…
=> es erhöht sich die Inflation, Sparaufkommen werden aufgebraucht, ohne Sparer gibt es kein Investitionsvolumen
zu a ) natürlich kann man Tauschmittel verschenken dafür müssen sie aber erworben werden (Verschenkst du etwa Geschenke weiter)
zu b) nicht direkt wenn mir plötzlich jemand 2000 Euro in die Hand drückt ohne eine Gegenleistung zu erwarten dann schmälert das mein Vertrauen in die Echtheit dieses Geldes doch extrem… Was ist geschenktes Geld wert…? wie verhalten sich Preise wenn der Wert von Geld sich verändert?
Jeder merkt dass das Taschengeld schneller ausgegeben ist als wenn ich dafür 10 Stunden in der Nachtschicht am Fließband gearbeitet habe!
zu d) Das stimmt! Eine Bezahlung muss auch nicht in Relation zu einer „gesellschaftlichen Wichtigkeit“ stehen…
Selbst ein Preis für ein Produkt steht nicht in Relation zu seinen Herstellungskosten! Der Preis muss nur dem Wert entsprechen, was das Produkt, dem Käufer wert ist! Und ob der Käufer ein ähnliches Produkt günstiger erwerben kann beziehungsweise überhaupt erwerben möchte!
Ähnlich verhält es sich mit dem Lohn. Niemand kann den „Wert“ von Arbeit von sich aus bestimmen… Hier wird kalkuliert was ist mir die Arbeitsleistung dieser Person wert…? Und arbeitet diese Person dann auch für diesen Lohn für mich! Und wir steht dieser Kostenfaktor zur Rentabilität meines Gewerbes…
Und gerechten Lohn zu verordnen zeugt von klarem Übermut einer Gesellschaft
Was die „höher bezahlten Jobs“ angeht, zwei Gedanken:
a) Gerade diese Jobs werden oft nicht gemacht, weil sie viel Geld bringen. Wer wirklich nur Geld will, kann dies auf andere Arten erreichen als viel Zeit und Energie in ein Studium zu stecken. Natürlich spielt Geld eine Rolle, aber aus meiner Erfahrung werden die meisten Berufe im höheren Segment aus Interesse oder sogar Leidenschaft ergriffen, nicht aus Notwendigkeit (wie im unteren Lohnsegment oft). Ich sehe also hier nicht, dass eine relativ zur unteren Lohngruppe „sinkende“ entlohnung etwas ändert. Schon heute gibt es Berufe, bei denen Leute mit gleicher Qualifikation anderswo mehr und teilweise auch leichter Geld verdienen können. Ein Beispiel, das ich als Physikstudent persönlich kenne: Die meisten Physiker haben super Chancen auf einen gut bezahlten, sicheren Arbeitsplatz in der Industrie – trotzdem fangen nicht wenige eine Laufbahn in der Universitären Forschung an, obwohl diese riskanter und schlechter bezahlt ist.
b) Zu einem anderen Teil der höherbezahlten Jobs verweise ich einfach mal auf einen Artikel, dem ich nur zustimmen kann: http://libcom.org/…/phenomenon-bullshit-jobs-david-graeber
– Thema Einwanderung: Sehe ich nicht kritisch, da ich wie gesagt der Meinung bin, dass die meisten Menschen langfristig irgend etwas tun werden, dass der Gesellschaft einen irgendwie gearteten Vorteil bringt. (Wie Beispielsweise hier unter Punkt 4 genannt: http://www.sueddeutsche.de/…)
Dann zu deinen Antworten auf meine Punkte:
a) Heutige Sozialleistungen machen doch auch nichts anderes: Sie verteilen Geld um, nehmen es von den einen und „schenken“ es anderen. Die Idee dahinter ist, dass jeder nach seinen Möglichkeiten in das System investiert und dafür die Sicherheit hat, im Notfall aufgefangen zu werden. Das BGE ist grundsätzlich das selbe, im Prinzip nur in einem Punkt unterschiedlich: Es verneint die Notwendigkeit zu überprüfen, wofür die Sozialleistungen ausgegeben werden (im Gegensatz zu ALGII-Sanktionen beispielsweise, aber auch beim Bafög, den Antrag zu stellen kostet leicht mal ein paar Stunden) und zahlt es deshalb unbürokratisch an alle aus, bedingungslos eben.
b) Der Staat ist ja nun nicht irgendwer, dieses Geld ist quasi „per definition“ echt. Wie sich die Wirtschaft dadurch verändert, ist natürlich eine Frage. Allerdings ist Wirtschaft einfach zu komplex um eindeutige Antworten zu geben. Für beide Seiten gibt es Befürworter und Gegner in der Forschung. Man kann diese Entscheidung niemals auf gesicherten Fakten basierend treffen, höchstens auf gut Argumentierten Indizien. Am Ende ist es eine politische Entscheidung – sind uns die Chanchen es wert, Risiken in Kauf zu nehmen. Ich finde: das sollten sie.
Was das mit dem Taschengeld/selbstverdientes Geld angeht, Zitiere ich mal einen weiteren Artikel (http://www.sueddeutsche.de/…): „Der erste Zahltag endete in einem Saufgelage. Doch dann begannen die Menschen zu investieren.“. Kurzfristig mag deine Aussage stimmen, langfristig glaube ich widerspricht sie der menschlichen Natur.
d) Das sehe ich komplett anders. Kapitalismus ist für mich eine Notlösung, weil es schlicht nichts besseres gibt, das der Menschlichen Natur entspricht und nicht einfach mit Gewalt versucht, alle gleich zu machen. Aber ich bin der Meinung, genau das was du sagst, sollten wir soweit es geht ändern. Natürlich kann man eine Arbeit nicht objektiv „bewerten“. Aber man kann durchaus die Gesetze von Angebot und Nachfrage darauf anwenden. Ich denke beispielsweise, wenn plötzlich keiner mehr Frisör werden will, dann bezahlen schnell viele Menschen lieber mal 10€ mehr pro Haarschnitt und kaufen dafür ein bisschen weniger Luxusgüter. Aber solange Menschen keine Wahl haben, wird dieser Fall nie eintreten. In diesem Sinne bewirkt ein BGE praktisch eine Liberalisierung des Marktes – der Endpreis eines Produkt spiegelt wieder den Wert für den Käufer wieder, nicht das Ergebnis maximalen Lohndumpings.
Ceterum censeo: Wir leben in einer extrem reichen Nation. Unser Lebenstandard ist bei den meisten weit jenseits von dem, was für ein angenehmes und würdevolles Leben notwendig ist, und damit meine ich nicht nur Topmanager. Ein bisschen Verzicht zum Wohle derer, die am Minimum leben, ist mehr Ärgernis als Zumutung.
Das obere Ziel „Wirtschaftswachstum“ halte ich für verfehlt. Ziel sollte immer eine verbesserung des sozialen Miteinanders sein. Natürlich kann eine starke Wirtschaft hier nicht unwesentlich beitragen, indem sie die Mitte generiert. Aber weder ist sie das Allheilmittel, noch der einzige Weg. Ich habe lieber ein Land mit schwacher Wirtschaft, in der die Wohnungen etwas kleiner sind, die Autos etwas weniger PS haben und die Smartphones etwas länger halten müssen, wenn dafür jeder einzelne ein freies, selbstbestimmtes Leben führen kann, dass nicht abhängig ist von Erwerbsarbeit oder dem Wohlwollen bürokratischer Monster abhängig ist. Wärend ich glaube, dass dies mit einem BGE nicht einmal eintreten würde, finde ich, wir sollten diese Risiken eingehen.
Nun, ich denke, wir können feststellen, dass unsere jeweiligen Ansichten zu unterschiedlich sind, um diese Diskussion sinnvoll weiterführen zu können 😉
Aber noch dazu @Person B: Wäre es OK, wenn ich diese Diskussion in meinem Blog veröffenliche, mit deinen Posts (anonymisiert, wenn du möchtest)? Ich wollte zu dem Thema schon länger mal etwas schreiben, und da ich jetzt hier schon einen längeren Text dazu geschrieben habe, müsste ich es nicht noch einmal tun 😀 Selbe Frage würden dann auch an Person A mit seinem Eingangspost gehen.
Kein Problem. Meinetwegen darfst du den Post veröffentlichen, allerdings käme mir eine Anonymisierung entgegen. Und ich möchte mich bei euch beiden, Fabian und B für die tolle sachliche Diskussion bedanken. Es hat Spaß gemacht, mitzulesen. 🙂
PS: Es ist gut zu sehen, dass man auch in sozialen Netzwerken gesittet diskutieren kann 🙂
PPS: Weiß zufälligerweise jemand von denen, die es bis hier unten geschafft haben, wie man in WordPress solche Konversationen schöner darstellen kann?
Veröffentlicht vonFabian Schicker 5. Oktober 2013 Veröffentlicht inpolitischesSchlagwörter: BGE, Piraten, Politik
Interessante Ansichten und gute Argumentationen. Aufjedenfall sehr lesenswert!
Nur eine Sache: Zitat: „Ich habe lieber ein Land mit schwacher Wirtschaft, in der die Wohnungen etwas kleiner sind, die Autos etwas weniger PS haben und die Smartphones etwas länger halten müssen, wenn dafür jeder einzelne ein freies, selbstbestimmtes Leben führen kann, dass nicht abhängig ist von Erwerbsarbeit oder dem Wohlwollen bürokratischer Monster abhängig ist.“
Es ist edel das du so denkst – nur wird (fast) keiner diesem Ethos folgen und für Menschen die das berühmte Hartz-4-Klischee erfüllen auf irgendeinen Wohlstand verzichten wollen nur „weil man das so macht“.
Fabian Schicker sagt:
6. Oktober 2013 um 08:54
Nun, deshalb bin ich ja in einer Partei, um Leute für politische Ideen zu gewinnen 😀 Und dass es funktioniert, zeigt ja alleine, dass die Schweizer überhaupt die Unterschriften-Hürde genommen haben!
Du hast zwar recht, dass es momentan nicht einmal eine halwegs große Minderheit ist, die sich dafür begeistern lässt, aber ich glaube, das kann sich ändern 🙂

References: BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE