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Timestamp: 2018-07-18 12:29:27+00:00

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Hans Heiß, Helen A. Castellanos: Die gemeinsame Sorge und das Kindeswohl
Hans Heiß, Helen A. Castellanos: Die gemeinsame Sorge und das Kindeswohl. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. 262 Seiten. ISBN 978-3-8487-0134-6. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
Gemeinsame elterliche Sorge aus rechtlicher und sozialwissenschaftlicher Perspektive.
Dr. Hans Heiß ist Richter am Familiengericht am AG Altötting und Dr. Helen A. Castellanos ist Dipl. Psychologin, betreibt eine psychologische Praxis in Laufen/a.d. Salzach und ist als psychologische Sachverständige u.a. am AG Altötting tätig.
Das Buch greift die aktuelle Diskussion um die elterliche Sorge von Vätern nichtehelich geborener Kinder auf und erscheint „pünktlich“ zum Inkrafttreten der gesetzlichen Neuregelungen im Mai 2013.
Das Buch beginnt mit fünf skizzierten Fallbeispielen. Diese sollen die unterschiedlichen familiären Konstellationen typisieren, die zu einem Sorgerechtsverfahren führen können (§ 1). Am Ende des Buches werden die „Lösungen“ für diese Fälle aus Sachverständigensicht dargestellt (§ 4).
Im Hauptteil wird ausführlich auf ca. 200 Seiten und systematisch die Rechtslage nach den Reformgesetzen dargestellt (§ 2); danach auf nur 20 Seiten die psychologische Sicht auf das gemeinsame Sorgerecht von Mutter und Vater (§ 3). Die §§ 1, 3 und 4 sind von Castellanos, § 2 ist von Heiß bearbeitet.
Der Rechtsteil (§ 2). Zunächst werden die aktuellen Änderungen im Recht der elterlichen Sorge durch die Reformgesetze dargestellt (A.) Es folgt eine Darstellung der drei Möglichkeiten der Erlangung gemeinsamer elterlicher Sorge nach § 1626a BGB für nicht miteinander verheiratete Eltern (Sorgeerklärung, Heirat der Eltern und Übertragung durch das Familiengericht) (B.). Die neu eingeführte Möglichkeit, dem Vater des nichtehelich geborenen Kindes durch das Familiengericht die gemeinsame elterliche Sorge einzuräumen, wird überwiegend anhand der Begründung des Regierungsentwurfs und vereinzelter Stimmen in der Literatur erläutert, unter Auslassung der rechtpolitisch vorangegangenen Diskussion. Die materiellrechtlichen Voraussetzungen sowie das familiengerichtliche Verfahren werden dargestellt (C.). Es folgen die Voraussetzungen der Übertragung der Alleinsorge auf einen Elternteil nach § 1671 BGB (D.). Sorgerechtsentscheidungen und gerichtliche Maßnahmen bei Kindeswohlgefährdung nach §§ 1666 f. BGB (E.), die Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII. (F.) und freiheitsentziehende Unterbringung von Kindern (G.) bilden jeweils eigene Kapitel. Abschließend werden drei „aktuelle Einzelprobleme“ aufgegriffen (H.), nämlich erstens die Auswanderungsabsicht eines Elternteils, zweitens die gleichberechtigte abwechselnde Betreuung des Kindes im sog. Wechselmodell und drittens die Betreuung von Mutter und Kind in einer Einrichtung nach § 19 SGB VIII (sog. „Mutter-Kind-Heim“) als Alternative zum Sorgerechtsentzug. Der Rechtsteil endet mit knappen Hinweisen zu grenzüberschreitenden Sorgerechtsfällen (I.).
In allen Kapiteln werden übersichtlich und strukturiert die Anspruchsvoraussetzungen aufgelistet. Eine über die Nennung einschlägiger Gerichtsurteile hinausgehende Begründung der vertretenen Positionen anhand sozialwissenschaftlicher Forschungserkenntnisse erfolgt jedoch an keiner Stelle.
Am Ende der Kapitel sind jeweils „Antragsmuster“ als Vorlage für Schreiben an das Familiengericht abgedruckt.
Der Psychologieteil (§ 3). Castellanos beginnt mit allgemeinen Ausführungen zu den geänderten Rollen von Müttern und Vätern (A.), um dann auf 10 Seiten die Indikation und Kontraindikation gemeinsamer elterlicher Sorge im Bezug auf das Kindeswohl in Sorgerechtsstreitigkeiten darzustellen (B.). Es folgen eine Skizzierung des diagnostischen Vorgehens bei der Begutachtung (C.) und Anmerkungen zu möglichen Interventionen und Lösungsvorschlägen (D.).
Die von Heiß zuvor aufgeworfenen „aktuellen Einzelprobleme“ (Auswanderungsabsicht eines Elternteils, Wechselmodell, Mutter-Kind-Einrichtung der Jugendhilfe) werden von Castellanos aus psychologischer Sicht nicht systematisch aufgegriffen.
Die Beispiels-Fälle (§§ 1 und 4). Die Fallbeispiele skizzieren fünf Sorgerechtskonfliktlagen: Elternschaft nach „flüchtiger Bekanntschaft“ (I.), nach einer „langjährigen Partnerschaft“ (II.), in einer „chronischen Streitbeziehung“ (III.), nach einer „außerehelichen Beziehung“ (IV.) und in Fällen der „Kindeswohlgefährdung“ (V.).
Man erhält bei Lektüre des Buches den Eindruck, dass der Autor und die Autorin den vom Gesetzgeber gewollten „Paradigmenwechsel“ hin zum Grundsatz der gemeinsamen elterlichen Sorge nur halbherzig – wenn überhaupt – mitgehen.
Teil Recht (§ 2)
So sind beispielsweise die Ausführungen bei Heiß zur negativen Kindeswohlprüfung in sich widersprüchlich (S. 44 ff.): Einerseits betont er (BVerfG 107, 150, 155 folgend), wie wichtig die Vorbildfunktion von zwei Elternteilen sei, und wie wichtig es sei, dass beide Eltern Verantwortung für ihr Kind tragen. Kurzum, wie wichtig die gemeinsame elterliche Sorge für die Entwicklung des Kindes sei. Im selben Atemzug erklärt er gemeinsame elterliche Verantwortung als nicht tragbar, wenn ein Elternteil dies ablehne (in den meisten Fällen dürfte dies die Mutter sein, die den Vater nicht als Co-Elternteil sehen möchte) und perpetuiert so die jahrelang geübte Rechtsprechung, die die mangelnde Kooperationsbereitschaft „belohnt“. So werden auf S. 45 (Rz. 65) Gründe aufgeführt, wie „fehlende Übereinstimmung der Eltern“ (was soll das konkret bedeuten?) oder „mangelnder Kooperationswillen“.
Bei der Diskussion des Kindeswohlbegriffs wird unter dem Punkt „Bindung des Kindes“ (S. 48, Rn. 72) mit keiner Silbe die entwicklungspsychologische Bedeutung der Bindung des Kindes an seinen Vater erwähnt. Es wird nur diskutiert, ob die gemeinsame elterliche Sorge die Bindung des Kindes an die Mutter gefährden könnte, was den Fokus in eine falsche – da einseitige – Richtung lenkt.
Auch unter dem Stichwort „Bindungstoleranz“ wird nicht erörtert, ob die Ablehnung der gemeinsamen elterliche Sorge mit dem Vater ein Zeichen mangelnder Bindungstoleranz der Mutter sein könnte. Es wird nur davor gewarnt, dass der Vater die gemeinsame elterliche Sorge missbrauchen könnte, um das Kind gegen seine Mutter aufzuhetzen (S. 50, Rn. 78).
Unter dem besonders heiklen Punkt “Kommunikationsprobleme/Ablehnung durch die Kindesmutter“ wird einerseits an alt hergebrachten Meinungen aus früheren Gerichtsurteilen festgehalten (z.B. die Bereitschaft, mit dem anderen Elternteil nur noch über Rechtsanwälte zu verkehren, lasse eine gemeinsame elterliche Sorge kontraindiziert erscheinen), andererseits wird das Gegenteil proklamiert, nämlich dass beide Eltern aufgerufen seien, “zu lernen, ihre persönlichen Konflikte, die auf der Paarebene zwischen ihnen bestehen mögen, beiseite zu lassen und um das Wohls ihres Kindeswillens sachlich, soweit das Kind betroffen ist, konstruktiv miteinander umzugehen“ (S. 51, Rz. 80).
An diesen Positionen zeigt sich beispielhaft, dass das neue Paradigma zwar gesehen wird, die Umsetzung aber noch durch das Festhalten an althergebrachten Formeln scheitert. Hier würde man sich wünschen, dass die juristischen Formeln durch psychologisches Fachwissen gefüllt würden, ein Anspruch, den das Buch leider nicht einlöst. Zwei weitere Beispiele:
Beispiel Wechselmodell: Die Ausführungen zum Wechselmodell, einem hoch aktuellen sorgerechtlichen Thema, entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Die Ergebnisse aus 30 Jahren psychologischer Forschung zu den Auswirkungen der Betreuung von Kindern im Wechselmodell und dessen Voraussetzungen fehlt (vgl. Sünderhauf 2013). Stattdessen werden die ebenso wenig begründeten, sich widersprechenden und in vielen Aussagen aus psychologischer Sicht falschen Annahmen aufgelistet, die in der Rechtsprechung zum Wechselmodell seit Jahren perpetuiert werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Rechtsprechung findet nicht statt. Teilweise werden falsche Aussagen getroffen, z.B. „Bei einer Aufteilung von ca. 1/3 zu 2/3 [der Betreuungszeit] liegt kein Wechselmodell mehr vor.“ (Rn. 527) Dazu wird der BGH zitiert, der jedoch gar nicht definiert hat, wann von Wechselmodell zu sprechen ist (die Definition obliegt auch nicht einer gerichtlichen Instanz sondern den Sozialwissenschaften, und diese haben in internationaler Übereinstimmung eine Definition für das Wechselmodell gefunden, die bei 1/3 zu 2/3 durchaus noch ein solches annimmt, vgl. Sünderhauf 2013). Der BGH hatte in dieser Entscheidung lediglich festgestellt, dass bei einer 1/3 zu 2/3-Betreuungszeitverteilung keine unterhaltsrechtlichen Konsequenzen eintreten (die bei einer 1/2 zu 1/2-Betreuungszeitverteilung hingegen vom BGH gesehen werden). Die getroffene Aussage ist also schlicht falsch und nicht etwa Auslegungssache.
Beispiel Suchterkrankung und Sorgerechtsentzug: Auch die für die Praxis hoch brisante Thematik der Beeinträchtigung der elterlichen Sorge durch Vorliegen einer Suchterkrankung bei einem Elternteil oder beiden Elternteilen erfordert Bezugnahme auf die aktuellen sozialwissenschaftlichen Forschungserkenntnisse im Hinblick auf den Einfluss von Suchterkrankungen auf die Erziehungsfähigkeit des betroffenen Elternteils. Unberücksichtigt bleibt auch die Darstellung der (Langzeit-)Folgen für die psychische Entwicklung der Kinder (vgl. z.B. Forrester & Harwin 2011; Cleaver, Unell & Aldgate 2011) um daraus Schlussfolgerungen für die Rechtsprechung zu begründen. Stattdessen liest man Mutmaßungen (z.B. dass die Unterstützung seitens des Sozialdienstes die negativen Folgen durch den suchtkranken Elternteil abmildern könne) und Alltagsplausibilitäten (z.B. aus einem über 30 Jahre zurückliegenden Urteil des LG Berlin 1980, das festgestellt haben will, dass mit Sucht meist chaotische Wohnverhältnisse einhergehen).
Dem Rechtsteil ist zwar zugute zu halten, dass alle Sorgerechtsthemen detailliert angesprochen werden, so dass man einen guten Überblick erhält und dass die vorhandene Rechtsprechung umfangreich einbezogen wurde. An den zuvor skizzierten grundlegenden sachlichen „Fehlstellungen“ ändert dies aber nichts.
Teil Psychologie (§ 3)
Der Teil zu den psychologischen Grundlagen enttäuscht in mehrfacher Hinsicht: Oberflächlichkeit, fehlende kritische Auseinandersetzung mit psychologischen Annahmen in der Rechtsprechung, mangelhafte wissenschaftliche Fundierung, unangemessene Kürze und fehlende Systematik.
Der zentralen Frage, nämlich nach den psychologischen Forschungserkenntnissen zum „Kindeswohl bei Sorgerechtsstreitigkeiten“ (B.) werden nur 10 Seiten gewidmet. In diesem Rahmen ist keine vertiefte Darstellung der Forschungsergebnisse, deren kritische Betrachtung und Zusammenführung der sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse mit den Fragenstellungen familienrechtlicher Verfahren möglich.
Die Behauptung, es gäbe „kaum ausreichend empirische und nach wissenschaftlichen Kriterien valide Forschung zu den Auswirkungen der unterschiedlichen Sorgerechtsarrangements auf die kindliche Entwicklung (…) zumal die unterschiedlichen Modelle erst seit relativ kurzer Zeit existieren (…)“ (S. 231, Rn. 605) ist nicht richtig, denn es liegen international viele Studien dazu vor. Die ältesten reichen ca. 35 Jahre zurück. Die Diskussion über Sorgerechtsmodelle wird bereits seit den 70er Jahren geführt. Die Metaanalyse von Bauserman (2002) wird zwar zitiert, die von ihm analysierten 33 psychologischen Forschungsstudien zu den Auswirkungen unterschiedlicher Betreuungsmodelle auf die kindliche Entwicklung werden von der Autorin jedoch nicht rezipiert. Die reichhaltige Literatur zu den Sorgerechtsmodellen seit 2002 bis heute wird überhaupt nicht rezipiert.
Im Psychologieteil des Buches fehlen die wissenschaftlichen Begründungen für zentrale Behauptungen. Zum Beispiel heißt es auf S. 229 (Rn. 597): „… zwischen Kindern, die bei der Mutter leben und solchen, die im Wechselmodell von beiden Eltern betreut werden, scheint es langfristig keine wesentlichen Unterschiede zu geben.“ Erstens darf eine so weitreichende Behauptung nicht ohne wissenschaftlichen Nachweis bleiben, den bleibt die Autorin jedoch schuldig; zweitens gibt es durch empirische psychologische Studien mehrfach den Nachweis des Gegenteils (vgl. Sünderhauf 2013). Weiter schreibt Castellanos (a.a.O.): „So veränderte sich in einer amerikanischen Studie die ursprüngliche gerichtliche Vereinbarung in etwa einem Drittel des Fälle nach Abschluss des Gerichtsverfahrens in den Folgejahren“. Auf welche amerikanische Studie sich die Autorin bezieht, bleibt offen, so dass die getroffene Aussage nicht überprüfbar ist und Wissenschaftlichkeit nur suggeriert wird.
Die Autorin trennt auch nicht im gebotenen Maße zwischen gemeinsamer rechtlicher elterlicher Sorge und gemeinsamer (abwechselnder) praktischer Erziehung des Kindes (z.B. im Wechselmodell), wenn sie auf S. 234 (Rn. 618) schreibt, gegen die gemeinsame Sorgerechtsausübung könne sprechen, dass „chronische Konflikte zwischen den Eltern verstärkt und die Kinder mit Gewalt konfrontiert werden. Eltern können sich gegenseitig in ihren Erziehungszielen und Methoden unterminieren, was zur Folge hat, dass beide in den Augen des Kindes an Autorität und Glaubwürdigkeit verlieren …“. Es wird im Folgenden nicht erörtert und beantwortet, inwiefern dies Probleme seien, die bei gemeinsamer rechtlicher elterlicher Sorge verstärkt auftreten. Weder tritt Gewalt in Abhängigkeit von der sorgerechtlichen Regelung mehr oder weniger häufig auf, noch wirken sich unterschiedliche Erziehungsziele und -methoden bei rechtlicher Alleinsorge anders aus, als bei gemeinsamer elterlicher Sorge (vgl. Sünderhauf 2013). Im Übrigen differieren Erziehungsziele und -methoden auch bei zusammenlebenden Eltern sehr häufig, ohne dass dies den Kindern schadet. An dieser Stelle werden unsinnige Aussagen unhinterfragt wiederholt, die aus der Rechtsprechung teilweise bekannt sind.
Praktische Fälle (§§ 1 und 4)
Die fünf Eingangsfälle, die am Ende des Buches beantwortet werden, sind holzschnittartig und plakativ. Sie sollen wohl der Veranschaulichung oder dem Praxisbezug des Buches dienen, sind aber wegen ihrer klischeehaften Schwarz-Weiß-Zeichnung für eine Abbildung der Realität kaum geeignet. Einem Rechtsbuch nach klassischem Strickmuster (und das ist der dominierende Rechtsteil in § 2) kann auch durch diese „Einrahmung“ kein erhöhter Praxisbezug oder Anschaulichkeit vermittelt werden.
Haarsträubend ist, zu welchen Schlussfolgerungen die Sachverständige Castellanos angesichts dieser Klischeefälle kommt.
Beispiel: In „Fall IV“ ist das Kind aus einer kurzen außerehelichen Beziehung hervorgegangen. Der mit einer anderen Frau verheiratete Vater wendet sich von der Geliebten ab. Diese fordert seine Beteiligung an der elterlichen Verantwortung durch Forderung von Kindesunterhalt, gemeinsamer elterlicher Sorge und Umgangskontakten, „da sie der Ansicht sei, dass das Kind für ein gesundes Aufwachsen den Vater benötige“ (S. 26). Nach neuem Recht würde sie also u.a. einen Antrag auf gemeinsame elterliche Sorge stellen, nach § 1626 a Abs. 1 Nr. 3 BGB. Dafür spricht (Überlegungen von H.S.), dass es für das Kindeswohl in der Regel förderlich ist, wenn es zwei Verantwortung tragende Elternteile gibt. Weiter ist empirisch erwiesen, dass eine gute ökonomische Ausgangssituation das Kindeswohl fördert, und dass es für die Identitätsentwicklung und eine gesunde psychische Entwicklung von Kindern vorteilhaft ist, den Vater erstens zu kennen, zweitens eine dauerhafte regelmäßige Beziehung zu ihm zu haben und drittens eine stabile Eltern-Kind-Bindung aufbauen zu können. Nicht so sieht das Castellanos: Sie sieht „keine Gründe für eine gemeinsame Sorgerechtsausübung“ (S. 252), jedoch einige, die dagegen sprechen, u.a. dass kein Kontakt zwischen Vater und Kind bestünde (Erwiderung H.S.: diesen Kontakt will die Mutter durch ihre Anträge ja aber gerade herstellen bzw. fördern!) und „die Anträge von Frau F wurden offensichtlich nur gestellt, um die Ehe von Herrn H zu gefährden und nicht aufgrund tatsächlicher Bedürfnisse des Kindes“ (a.a.O.). Hierauf ließe sich erwidern, dass zum einen die Ehe von Herrn H. durch dessen außereheliche Beziehung gefährdet wurde, also durch ein alleine von ihm zu verantwortendes Handeln und nicht durch die Anträge der Kindsmutter. Auch ist die Annahme, es ginge der Mutter des Kindes um die Störung der Ehe, eine Unterstellung, für die es im Sachverhalt keinen einzigen Anhaltspunkt gibt. Im Gegenteil, die Mutter hat kindeswohlbezogene stichhaltige Gründe vorgetragen, denn sie wünscht einen Kontakt zwischen Vater und Kind und damit die Möglichkeit eines Bindungsaufbaus. Auf die Bedürfnisse und Rechte (!) des Kindes geht Castellanos mit keinem Wort ein. Die Betrachtungen von Castellanos gipfeln in der abschließenden Empfehlung der Sachverständigen: das Verfahren um die elterliche Sorge sei einzustellen, es werde „aber ein Verfahren zur Überprüfung der Erziehungsfähigkeit von Frau H in die Wege geleitet“ (S. 253).
Ähnlich irritierend sind die Ausführungen in den übrigen vier Fällen. Wenn Gutachter(innen) tatsächlich so arbeiten, muss einem angst und bange werden.
Im Übrigen wird in den Überschriften der §§ 1 und 4 Tolstoi zitiert (bzw. ärgerlicherweise eben nicht zitiert, da die Quellenangabe fehlt). Das Zitat lautet: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ (Leo Tolstoi: Anna Karenina, erster Satz des Romans).
Recht-Psychologie-Verknüpfung
Eine inhaltliche Zusammenarbeit des Juristen Heiß mit der Psychologin Castellanos, die auf den ersten Blick eine interessante Synergie verspricht, ist in den Ausführungen wenig oder gar nicht erkennbar. Die Abschnitte des Buches sind von Heiß und Castellanos in unabhängiger Autorenschaft bearbeitet worden, ein inhaltlicher Austausch oder ein aufeinander Beziehen ist nicht erkennbar. Es fällt auf, dass der rechtliche und der psychologische Teile sogar gesonderte Literaturverzeichnisse führen, was unüblich ist. Das führt zum nächsten Thema:
Verwertung wissenschaftlicher Literatur
Die Literaturverzeichnisse entsprechen nicht wissenschaftlichen Ansprüchen und lassen Rückschlüsse auf die wissenschaftliche Arbeitsweise des Verfassers und der Verfasserin zu. Es werden separate Literaturverzeichnisse geführt, die formal uneinheitlich gestaltet sind und zu Doppelnennungen führen. Sie weisen außerdem Lücken und Fehler auf. So werden Altauflagen genannt, wo es neuere gibt (z.B. wird ein für Castellanos zentrales Werk zu „Familienpsychologischen Gutachten“ von Salzgeber in der 4. Aufl. von 2005 zitiert, obwohl seit 2011 die 5. Auflage vorliegt; Amendt wird mit der 1. Aufl. 2006 zitiert, obwohl es eine 2. Aufl. 2010 gibt; Heiß zitiert ein Buch von Zenz 1979, das in 2. Auflage 1981 erschienen ist u.s.w.). Die Angaben sind zudem unvollständig und wechselhaft: mal wird die Auflage genannt, mal nicht. Essentialia wie Erscheinungsort und Verlag fehlen bei vielen Werken völlig (z.B. bei Coester, Longino; Völker & Clausius etc.).
Die Literatur ist nicht vollständig und objektiv ausgewählt. So fehlen wichtige Standardwerke zur Scheidungsfolgenforschung, z.B. zentrale Metaanalysen zum Wohlbefinden von Kindern (und Eltern) nach Trennung/Scheidung (etwa Amato 2001; Amato & Keith 1991;); dafür wird ein der antifeministischen Männerrechtsbewegung zugehörender und wissenschaftlich äußerst umstrittener Autor (Amendt: „Scheidungsväter“) zitiert. Obwohl die überwiegende Anzahl wissenschaftlicher psychologischer Studien im englischsprachigen Raum zu finden ist, hat sich Castellanos ganz überwiegend auf deutschsprachige psychologische Publikationen beschränkt, die jedoch nicht den von ihr in Aussicht gestellten „Stand der Forschung verdeutlicht […], mit dem psychologische Sachverständige arbeiten und der ihren Empfehlungen zugrunde liegt.“ (S. 222, Rn. 570).
Schon im Vorwort wird darauf verwiesen, dass die gemeinsame elterliche Sorge zwar dem neuen gesetzlichen Leitbild entspricht, das Buch jedoch „ausführlich alle Fragen [behandelt], unter welchen Umständen die gemeinsame elterliche Sorge kontraindiziert ist, weil sie dem Kind schadet“ (S. 5). Diese rückwärts gerichtete Grundhaltung der Autorin und des Autors zieht sich durch das gesamte Werk.
Wer eine durch psychologische Forschungserkenntnisse begründete kritische Stellungnahme zu den neuen und alten Fragen der elterlichen Sorge sucht, wird in diesem Buch keine Antworten finden. Für Jurist(inn)en und Angehörige der anderen am familiengerichtlichen Verfahren beteiligten Professionen, die sich einen Überblick über die Regelungslage der elterlichen Sorge nach aktuellem Recht verschaffen wollen, ist der Rechtsteil von Heiß (§ 2) eine geeignete Lektüre. Die Ausführungen zur psychologischen Sicht auf das gemeinsame Sorgerecht sind marginal, die fünf praktischen Fälle ein Ärgernis. Für betroffene Eltern, die nicht Jurist(inn)en sind, dürfte das Buch weitgehend ungeeignet sein.
Amato, P. & Keith, B. (1991a):Parental Divorce and the Well-Being of Children: A Meta-Analysis. Psychological Bulletin, Vol. 110(1), 26-46.
Amato, P. & Keith, B. (1991b): Parental Divorce and Adult Well-being. A Meta-Analysis. Journal of Marriage and the Family, Vol. 53, 43-58.
Amato, P. (2001): Children of Divorce in the 1990s: An Update of the Amato and Keith (1991) Meta-Analysis. Journal of Family Psychology, Vol. 15(3), 355-370.
Bauserman, R. (2002): Child Adjustment in Joint-Custody Versus Sole-Custody Arrangements: A Meta-Analytic Review. Journal of Family Psychology, Vol. 16(1), 91-102.
Cleaver, H.; Unell, I. & Aldgate J. (2011): Childrens needs and parents capacity. 2. Aufl. London: TSO.
Forrester, D. & Harwin, J. (2011): Parents who misuse Drugs and Alcohol: Effective Interventions in Social Work and Child Protection. Chichester: Wiley-Blackwell.
Sünderhauf, H. (2013): Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis. Wiesbaden: Springer VS.
Homepage www.evfh-nuernberg.de
Alle 1 Rezensionen von Hildegund Sünderhauf-Kravets anzeigen.
Hildegund Sünderhauf-Kravets. Rezension vom 04.06.2013 zu: Hans Heiß, Helen A. Castellanos: Die gemeinsame Sorge und das Kindeswohl. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. ISBN 978-3-8487-0134-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14927.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.

References: § 2
 § 1626
 § 1671
 § 42
 § 19
 BGH 
 BGH 
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 § 2
 § 1626