Source: http://oeffingerfreidenker.blogspot.com/2013/02/eurokrise-und-austeritat-woruber.html
Timestamp: 2017-10-23 04:09:42+00:00

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Oeffinger Freidenker: Eurokrise und Austerität - worüber streiten wir? (Teil 1 - Basics)
1. Wie finanzieren sich Staaten?
Staaten finanzieren den Anteil, den sie nicht mit ihren Steuereinnahmen decken können, über den sogenannten Kapital-/Finanzmarkt, d.h. über Kredite von Banken und durch Ausgabe von Staatsanleihen an Banken und private Investoren (Anleger über ihre Banken, und etwa Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds). Aber nicht direkt über ihre nationalen Notenbanken (= Zentralbanken), was bei uns extra auf Veranlassung Deutschlands im EU-Recht verankert wurde und gelegentlich beklagt wird. Der Verkauf (= die Ausgabe, Emission) von (befristeten) Staatsanleihen erfolgt sowohl ans In- als auch Ausland, über Angebot und Nachfrage etwa im Bietverfahren. Dabei ergeben sich die vom Staat zu zahlenden Zinsen. Je unwahrscheinlicher die Rückzahlung durch die Staaten wird, umso niedriger die Nachfrage und höher die Zinsen. Ob und wann ein Staat überhaupt bankrottgehen kann, ist eine andere Frage, die uns sicher bald praktisch beschäftigen wird, aber hier dahingestellt sei - denn eigentlich kann ein Staat über seine Zentralbank, je nach gesetzlichen Vorgaben, "Geld drucken" lassen, indem die Zentralbank existierende Staatsanleihen aufkauft (am sog. Sekundärmarkt), also quasi verfrüht anstelle des Staates zahlt.
Je höher die Zinsen, desto unsicherer die Lage und umso schneller können die Zinsen noch höher ausschlagen, so im Falle Griechenlands. Zinsen für lang- und kurzfristige Staatsanleihen variieren teils stark. Griechenland ist langfristig vom Kapitalmarkt weg, aber kurzfristig wird die Ausfallwahrscheinlichkeit mitunter gering gesehen, weil eben EU-Rettungshilfen für die nächsten paar Monate sicher sind. Manche Euro-Krisenländer wie Irland, Spanien, Portugal und Zypern haben die Wahl: hohe Kapitalmarkt-Zinsen oder das Schlüpfen unter den Euro-Rettungsschirm ESM mit seinen Auflagen. Surreal ist es, wenn wie in Spanien und aktuell in Zypern schon den eigenen nationalen Banken der Bankrott droht (etwa wegen uneinbringlicher Forderungen aus vergebenen Immobilienkrediten und Spekulationsgeschäften), zu deren Rettung sich der Staat verpflichtet fühlt (weil sonst angeblich die ganze Wirtschaft zusammenbräche), aber über die sich ja der Staat auch schon selber mitfinanzierte, denn die Banken kauften Staatsanleihen für ihre Kunden und sich selber.
2. Krisenerklärung - warum stiegen die Zinsen für Staatsanleihen der Krisenländer?
Weil die Ausfallwahrscheinlichkeit größer wurde. Warum? Durch die US-Finanzkrise, das Platzen der Immobilienblase, offenbarte sich ein aufgeblähter Finanzmarkt, in den auch europäische Banken verwoben sind, die nun mit Forderungsausfällen zu kämpfen hatten. Danach änderte sich die Risikoeinschätzung des Kapitalmarkts für die Situation in der Eurozone. Der Euro hatte die Zinsen für Staatsanleihen aller Euroländer auf tiefem Niveau angeglichen. Korrespondierend fielen die Zinsen für Unternehmens- und Privatkredite - die EZB legt einen einheitlichen sog. Leitzins fest, zu dem sich Banken Geld bei ihren nationalen Notenbanken (bei uns Bundesbank) leihen können, mittels dessen sie Kredite an den Privatsektor vergeben ... inwiefern Ersparnisse hierfür eine Rolle spielen und ob das überhaupt wichtig ist, ist im übrigen ein heiß umkämpftes Minenfeld, es ist eine der zwei zentralen Fragen unseres bzw. eines funktionierenden Geld- und Wirtschaftssystems (die andere Frage, die aber damit zusammenhängt, ist, ob die Angebots- oder Nachfrageseite die Wirtschaft antreibt, und welche Wirtschaftspolitik man dementsprechend verfolgen muss bzw. es dem Markt überlassen kann).
Ausgehend von den für viele Länder plötzlich niedrigen Zinsen verschuldeten sich Staat und der Privatsektor (Unternehmen / Haushalte), sie konsumierten / investierten, trieben Löhne und Preise an, was dort die Wirtschaft zum Boomen brachte, wichtig: die Binnenwirtschaft boomte und einhergehend die Importe. Und wichtig: das geschah über Kapitalströme (der genaue Mechanismus ist unter Angebots- und Nachfragetheoretikern wieder umstritten), insb. floss deutsches Kapital / Ersparnisse in den Süden, während es bei uns für Kredite / Konsum / Investitionen "fehlte". In diesem Zusammenhang ist das sog. Target-Problem relevant.
Plötzlich stiegen die Zinsen. Wichtig: sie stiegen während, genauer: wegen des wirtschaftlichen Wachstums. Warum? Weil es nicht tragfähig war. Warum? Weil es ein nachfrage- und schuldengetriebenes Binnenwachstum war, das die Preise auf Kosten der Exporte antrieb. Abzulesen an der Entwicklung der Leistungsbilanzen (Export minus Import), deren jeweiliger Saldo bekanntlich etwa in Deutschland im Plus wuchs (Leistungsbilanzüberschuss) und in den Krisenländern im Minus (Leistungsbilanzdefizit). Auf Dauer konnte das nicht mit niedrigen Zinsen so weiterlaufen, weil im Notfall die Möglichkeit der sonst üblichen und relativ einfachen Abwertung der nationalen Währung über den Wechselkurs (etwa über die Senkung des Leitzinses oder Ver/käufe von Währungen durch die Notenbank) nicht mehr zur Verfügung stand, denn alle haben nur den Euro. Sowohl für Staat als auch Unternehmen / Haushalte des jeweiligen Landes wurde die Ausfallwahrscheinlichkeit ihrer / neuer Schulden immer höher.
Gründe für den Anstieg der Zinsen sind nicht ins Letzte ergründbar. (Zur "Spekulation" siehe später in Teil 2.) Die Krisenerklärung der Politik ist widersprüchlich und undurchschaubar. Der durch Krisenmaßnahmen plötzliche Schuldenanstieg (in absoluten Zahlen) oder der Verschuldungsgrad an sich (relativ zum BIP) können nicht alleinige Ursache sein. Zwingend kommt das "Geschäftsmodell" des Staates zur Beurteilung der Ausfallwahrscheinlichkeit hinzu, insb. die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, die für den Staat Steuern erwirtschaften. Auch die EU erwähnt die Bedeutung von Ungleichgewichten für die Zinsentwicklung, kann sie aber in keinen konsistenten Zusammenhang bringen. In 2011 beschloss die EU ein Frühwarnsystem "zur Vermeidung und Korrektur makroökonomischer Ungleichgewichte" und will zwischen tragfähigen und schädlichen Ungleichgewichten unterscheiden. Die Auseinanderentwicklung von etwa Deutschland und den Krisenländern sieht man als unschädlich an.
Das von der (Export-)Industrie mitfinanzierte IW Köln bestreitet ebenfalls weitgehend einen entscheidenden Zusammenhang zwischen preislicher Wettbewerbsfähigkeit, der deutschen Lohn- und Preisentwicklung und Ungleichgewichten, während dies für das ifo-Institut und Hans-Werner Sinn - selbstredend auch für linke Ökonomen - die Haupterklärung der Krise ist. Spanien wird als vermeintlicher Beleg für die schwache Relevanz von Preisen diskutiert.
3. Der Weg zurück zum Kapitalmarkt
Was ist das aktuelle Problem der Krisenländer? Ihr Staatssektor ist mehr oder weniger vom Kapitalmarkt getrennt, sie sind also quasi bankrott. In jedem Falle ist das bei Griechenland der Fall - Griechenland ist faktisch bankrott, es wird ausschließlich und auf nicht absehbare Zeit durch Hilfsmaßnahmen und ESM finanziert. Wie kommen die Krisenländer wieder zu annehmbaren Zinsen? Müssen sie ihre Staatsschulden abbauen / die Staatschuldenquote senken? Dazu vorausgehend Wachstum erzeugen? Oder müssen sie erst wettbewerbsfähiger werden, um langfristig eine wie-auch-immer große Staatsschuldenquote halten zu können? Hier beginnt das Phänomen. Auf der einen Seite ist die Politik: sie erweckt den Anschein, dass wir primär ein Staatsschuldenproblem hätten, aber betreibt "krisenverschärfende" Austeritätsmaßnahmen, die das Schuldenproblem (zunächst) vergrößern. Auf der anderen Seite sind die Kritiker / Linken, die primär die unterschiedliche Entwicklung der preislichen Wettbewerbsfähigkeiten brandmarken, aber grundsätzlich Maßnahmen durchsetzen wollen, die die Wettbewerbsschwäche der Krisenländer zementieren würden (ich überspitze). Wie ist das alles aufzulösen?
Austerität heißt praktisch: Ausgabenkürzungen (und Steuererhöhungen). Wir richten den Fokus auf Ausgabenkürzungen. Ich hatte es in der Staatsausgaben-Debatte erwähnt, man ist sich im Mainstream, in der kundigen Politik, unter Ökonomen und Linken praktisch einig, dass Ausgabenkürzungen die Wirtschaft kurz- bis sogar mittelfristig einbrechen lassen - jedenfalls wenn Kürzungen groß genug sind und man ohnehin in einem Abschwung ist. Das steht auch nicht im Widerspruch zu den Austrians, die Deflation in jeder Situation gutheißen (ich überspitze wieder).
Unter Politikern mag es zwei Typen geben: einerseits diejenigen, die tatsächlich an eine reine "Staatsschuldenkrise" glauben und denken mit Austerität würden die Finanzmärkte von allein beruhigt, bzw. diejenigen, die kein Problem in preislicher Wettbewerbsschwäche sehen. All solche wundern sich dann, dass es wenig Fortschritte bei Investitionen gibt, die Wirtschaft nicht wächst oder die Zinsen für Staaten nicht sinken. Dazu fordern sie Konjunkturprogramme, die die Austerität "abfedern" oder "begleiten" (was ein Widerspruch in sich ist), und vielleicht noch strukturelle Verbesserungen nach Vorbild unserer Agenda. Dieser Politikertyp ist tragischerweise der häufigere.
Andererseits gibt es diejenigen Politiker und Ökonomen, die davon ausgehen, dass sich die preisliche Wettbewerbsungleichheit abschwächen muss / müsste, bevor wieder investiert wird und die Zinsen sinken. Dies geht aber nur über einen vorgeschalteten Wirtschaftseinbruch. Das ist das relevante Szenario, von dem ich nachfolgend ausgehe und dem sich auch Linke stellen müssen. Die Politik nennt die Krise eine "Staatsschuldenkrise", aber erwähnt in Gesetzeswerken sowohl Schulden als auch makroökonomische Ungleichheiten nebeneinander als Krisenursachen. Eine Präzisierung ist nicht bekannt. Es ist anzunehmen, dass man sich scheut der Bevölkerung reinen Wein einzuschenken und das Erfordernis einer Rezession lieber verschweigt.
Der Weg zu höheren Preise war: Zinsangleichung durch den Euro -> Anstieg der Kredite -> Löhne -> Preise. Ceteris paribus, also alle anderen Umstände als gleich unterstellt, müssen die Krisenländer im Vergleich zu Konkurrenten in ihren Löhnen und Preisen zurückbleiben - entweder sinken ihre Preise oder sie steigen weniger stark als die der Konkurrenten. Eine Preissenkung ist genau das, was am Ende von durchgezogener Austerität steht. Man kann nicht extern über Wechselkurse abwerten, also muss man intern über Löhne und Preise abwerten. Weniger Ausgaben -> schwächere Nachfrage -> Wirtschaft schrumpft -> Löhne geraten unter Druck und sinken -> Preise sinken. Damit wird das Kernproblem gelöst. Zur Wiederholung: das Kernproblem sind nicht die Staatsschulden und nicht das Schrumpfen der Wirtschaft. Das (unvermeidliche) Schrumpfen der Wirtschaft ist ein Zwischenerfolg der Austerität. Wachstum ist Gift in der Situation der Krisenländer. Man bräuchte Exportwachstum und Importschrumpfen, aber das kann man nicht ohne sinkende Löhne und Preise organisieren. Wachsen können die Krisenländer erst wieder, wenn die Talsohle der Rezession erreicht ist und langsam wieder angefangen wird zu investieren, die Bonität des Staates steigt und die Zinsen wieder sinken. Die Abwärtsspirale erreicht dann ihr immanentes Ende (trotz sich zuvor nachfrageseitig selbstverstärkender Abwärtseffekte - die sind hier irrelevant, denn eine Wirtschaft wächst und schrumpft immer "elliptisch" und nie linear). Dann, und erst dann, kann das Spiel auf Wunsch wieder von vorne beginnen: der Staat bekommt Kredit, verschuldet sich schrittweise und treibt über Ausgabenpolitik die Löhne und Preise an, befeuert wieder den Wachstumszyklus, bis zum nächsten Crash. Wachstum, das über Rettungshilfen finanziert würde, lindert die aktuelle Not, aber zementiert die preisliche Wettbewerbsschwäche und kann nur insoweit die Zinsen senken als Rettungsgelder dafür bürgen. Mit diesem Wachstum hätte man nichts gewonnen.
Zur Klarstellung: die beschriebene interne Abwertung im nötigen Umfang ist ein leidvoller Weg - noch leidvoller und länger als ein Bankrott bzw. Euro-Austritt und wird daher auch von mir nicht favorisiert. Der Erfolg dieser Austeritätspolitik, falls sie die Bevölkerung bis zum Ende mitmacht, hat massive Begleiterscheinungen: Wachstumseinbruch, Massenarbeitslosigkeit und unliebsame politische Implikationen. Wir sind uns hier einig. Trotzdem wehren sich Linke gegen diese nüchterne Betrachtung mit Händen und Füßen, indem man etwa - getragen von Wunschdenken - Argumentationen und Krisenerklärungen heillos durcheinander wirft.
Weiter geht's voraussichtlich morgen im 2. Teil, mit dem Durchleuchten einiger Missverständnisse, Widersprüche, insb. bezüglich Keynes, und (vermeintlichen) Alternativen zu Austerität.
Jonas Stephan Dienstag, 26. Februar 2013 um 07:52:00 MEZ
Warum MUSS das Leistungsbilanzdefizit über Preissenkungen (oben 'Wettbewerbsfähigkeit genannt) abgebaut werden? Warum ist das alternativlos?
Tobias Fuentes Dienstag, 26. Februar 2013 um 15:30:00 MEZ
Am einfachsten ist der Bankrott, dann der Euro-Austritt. Aber im Euro ist der einfachste Weg eben die Kehrtwende: Austerität. Danach käme die Inflation durch die Konkurrenten der Krisenländer, aber die ist utopisch und bringt dort wieder Verwerfungen, sie ist nicht spiegelbildlich, denn wir hatten einen Grund für unsere schwächere Lohnentwicklung und diktierte Lohnerhöhungen kosten uns wieder dauerhaft Arbeitsplätze, unterm Strich hätten wir nichts gewonnen (siehe mein Comment bei Nicolai unten). Als nächste Möglichkeit gibt es das Umgehen der Preisebene, indem man versucht an Innovation und Exportumfang zuzulegen, etwa durch Strukturreformen, oder theoretisch über Produktivitätssteigerungen, was auch Löhne sinken lassen kann. Sowas will man teil-finanzieren über den Finanzmarkt, indem man hofft durch Schuldenabbau würden die Zinsen auch schon etwas sinken. Man will sich also herausmogeln und die Korrektur der Leistungsbilanzen in die Länge ziehen, weil man die Nebenwirkungen von Austerität vermeiden, auf andere finanziell abwalzen will. Für die lange Übergangszeit müssen andere die Krisenländer finanzieren, das ist also keine äquivalente Alternative.
endless.good.news Dienstag, 26. Februar 2013 um 08:13:00 MEZ
2 Dinge kommen mir zu kurz.
1. Die Leitzinsen der EZB fielen erst nach der Krise 2007. Viele der Außenhandelsdefizite in Griechenland wurden vorher aufgebaut.
2. Die Rettung der Banken wird kein bisschen erwähnt. In Irland und Spanien hatte das einen großen Einfluss. Hier war die Verschuldung deutlich geringer als in Deutschland. Dennoch stiegen die Zinsen an, da niemand daran glaubte, dass die Garantien für die Banken bedient werden könnten.
"Wachstum ist Gift in der Situation der Krisenländer."
Kein Land hat sich bisher aus Schulden gespart, sondern hat sie entweder gestrichen oder ist aus ihnen herausgewachsen (Gegenbeispiele sind willkommen.). Warum sollte Wachstum Gift sein? In Griechenland gibt es teilweise keine medizinische Versorgung mehr. Das sind Folgen der Sparprogramme.
"Man bräuchte Exportwachstum und Importschrumpfen, aber das kann man nicht ohne sinkende Löhne und Preise organisieren."
Importschrumpfen kriegt man durch die Zerstörung der Wirtschaft hin. Da gehe ich mit. Aber wieso sollten die Exporte steigen? Sie verbrennen ihre Fabrik, damit sie dann mehr in dieser Fabrik produzieren können? Gehen wir das mal logisch durch. Sie sparen die Wirtschaft kaputt. Jeder der irgendwie qualifiziert und flexibel ist, wird das Land verlassen. Das heißt die Produktivität wird direkt mit gesenkt. Viele Unternehmen gehen pleite und müssen ihre Anlagen verkaufen. Wieder sinkt die Produktivität.
Warum nicht einfach auf der anderen Seite in Deutschland die Löhne erhöhen? Das sorgt dafür, dass die Produkte teuerer werden (Importe in Griechenland gehen zurück) und mehr exportiert werden kann (Kaufkraft in Deutschland steigt). Das ist genau so möglich wie der von Ihnen vorgestellte Weg Herr Fuentes. Einen Unterschied gibt es aber. Ihr Vorschlag sorgt für Verelendung, meiner versucht wenigstens diese zu verhindern.
Hin und wieder sollte man die Modellebene verlassen und sich in die Realität begeben.
Tobias Fuentes Dienstag, 26. Februar 2013 um 23:05:00 MEZ
Man fängt auf niedrigem Niveau wieder an, mit dem was übrig geblieben hat, hart formuliert, anders geht's nicht. Normalerweise sucht man sich die interne Abwertung ja nicht aus. Brüning hat das auch nicht aus Überschwang gemacht, er war gezwungen. Ähnlich Griechenland. Das Drama ist, dass Griechenland es noch weniger mitmachen müsste wie Brüning. Die Alternative, Bankrott oder Euro-Austritt, müssen die Griechen wählen. Dass wir das abfedern müssten und würden, sollte keine Frage sein. Aber man siecht lieber jahrelang dank der Rettungsmaßnahmen dahin, als sich der Angst eines Bankrotts zu stellen.
endless.good.news Mittwoch, 27. Februar 2013 um 09:56:00 MEZ
"Die Alternative, Bankrott oder Euro-Austritt, müssen die Griechen wählen."
Diese Alternativen + die Alternative das die Eurozone eine gemeinsame Wirtschaftspolitik durchführt, welche nicht Austerität beruht, werden nicht diskutiert.
Christian Dienstag, 26. Februar 2013 um 09:03:00 MEZ
Danke für diesen Beitrag. Dann kann man sich jetzt immerhin über die Annahmen streiten, die zu den jeweiligen (je nach Ansicht) merkwürdigen Schlussfolgerungen führen.
Es bringt ja quasi nichts, sich mit seinen gewonnen Schlussfolgerungen zu duellieren, wenn man nicht erklärt, wie man zu diesen gelangt ist.
Nicolai Hähnle Dienstag, 26. Februar 2013 um 11:10:00 MEZ
Es fehlt die Einsicht, dass es einen Unterschied zwischen monetär souveränen und nicht monetär souveränen Staaten gibt. Die Erfahrung zeigt, dass monetär souveräne Staaten de facto so agieren, als würden sie sich über die Zentralbank finanzieren, auch wenn sie das explizit nicht tun. Das liegt daran, dass die Anleger keine echten Ausweichmöglichkeiten haben.
Für einen monetär souveränen Staat werden beim "Vertrauensverlust" durch die "Bond Vigilantes" nicht die Zinsen ansteigen, sondern der Wechselkurs wird reagieren. Ein sinkender Wechselkurs fördert dann aber via Exporte bzw. reduzierte Importe die Nachfrage und wirkt deswegen expansiv. Krugmans Analyse trifft den Kern der Sache z.B. hier: http://krugman.blogs.nytimes.com/2012/12/24/bond-vigilantes-and-the-power-of-three/
Für die Diskussion ist das deshalb relevant weil sich für die Eurozone dann die natürliche Frage stellt, ob man das Problem nicht einfach lösen sollte, indem man monetäre Souveränität wieder herstellt - entweder durch Auflösung der Eurozone, oder durch Einführung einer Bundesregierung oder zumindest einer abgeschwächten Form von Finanzierung auf Bundesebene.
Das ist die Diskussion, die wir eigentlich haben müssten. Aber dafür muss Tobias Fuentes zunächst einmal anerkennen, dass die oben zitierte Analyse korrekt ist - oder zumindest erklären, warum er sie nicht anerkennt.
In Dubio Dienstag, 26. Februar 2013 um 14:39:00 MEZ
Die Erfahrung zeigt, dass monetär souveräne Staaten de facto so agieren, als würden sie sich über die Zentralbank finanzieren, auch wenn sie das explizit nicht tun. Das liegt daran, dass die Anleger keine echten Ausweichmöglichkeiten haben.
Gesetzt den Fall, das stimmt (was so nicht zutreffend ist), wäre eine Frage, ob dies wünschenswert ist? Ist es wünschenswert, dass Anleger ein Angebot annehmen müssen, weil Staaten, aus welchen Gründen auch immer, sich nicht ausschließlich über Steuern finanzieren wollen?
Nicolai Hähnle Dienstag, 26. Februar 2013 um 15:10:00 MEZ
Ja, es ist wünschenswert, denn der Witz an der Sache ist der: Es besteht kein Zwang für Individuen!
Als Individuum kann ich immer meine Anlagen in eine andere Währung übertragen. Aber auch wenn ich das mache, es gibt _immer_ irgendjemanden, für den es _profitabel_ ist, sein Geld in Staatsanleihen zu stecken. Im Zweifelsfall sind das die Banken, für die Staatsanleihen profitabler sind als Zentralbankgeld.
Mit Zwang kannst du an dieser Stelle also nicht argumentieren, weil es keinen Zwang gibt.
In Dubio Dienstag, 26. Februar 2013 um 16:19:00 MEZ
Dann macht der Satz von den fehlenden Ausweichmöglichkeiten keinen Sinn. Der Staat mischt sich aber - unzulässig - in die private Dispositionsfreiheit ein, in dem er durch nur von ihm zu erlassenden Gesetze Staatsanleihen bei der Hinterlegung bei der Zentralbank begünstigt oder großen Kapitalsammelstellen wie Lebensversicherern Vorschriften über ihr Anlageverhalten macht.
Die Bürger, die institutionellen Anleger machen nun Gebrauch von ihrer Freiheit und verzichten im Zweifel auf den Kauf von Staatsanleihen. Genau das stellt die Staaten nun vor große Probleme. Allein die großen Staaten der Eurozone benötigen dieses Jahr frisches Kapital von über 1 Billion EUR. Ansonsten sind sie bankrott.
Nicolai Hähnle Dienstag, 26. Februar 2013 um 11:19:00 MEZ
Noch ein konkreter Beitrag zu der Diskussion von Preissenkungen. Im Gegensatz zu dem, was Tobias Fuentes behauptet, berücksichtigen linke Ökonomen wie z.B. Flassbeck die dargestellte Situation durchaus. Sie erkennen aber, dass es einen weiteren Ausweg gibt, nämlich Lohnsteigerungen in Deutschland und evtl. in geringerem Ausmaß in anderen Euroländern, die von der Krise nicht bzw. nur schwach betroffen sind.
Der Hintergrund ist, dass Preise nie eine absolute, sondern immer eine relative Angelegenheit sind. Und im einen Land die Löhne steigen zu lassen hat auf den Außenhandel den gleichen Effekt, wie im anderen Land die Löhne sinken zu lassen, ist aber für den Binnenhandel gleichzeitig besser.
Die Abwertung der Südländer läuft in diesem Szenario also zweigleisig: Gegenüber der Rest-Eurozone wird abgewertet, indem die Rest-Eurozone aufwertet. Gegenüber dem Rest der Welt wird abgewertet, indem der Euro abwertet.
Auch hier gilt: Für eine sinnvolle Diskussion müsste Tobias Fuentes zumindest anerkennen, dass dies für viele Linke die bevorzugte Lösung ist. Ansonsten reden wir hier nur über Strohmann-Argumente.
Stefan Sasse Dienstag, 26. Februar 2013 um 11:52:00 MEZ
Ich glaube das erkennt er an.
In Dubio Dienstag, 26. Februar 2013 um 14:44:00 MEZ
[Linke Ökonomen] erkennen aber, dass es einen weiteren Ausweg gibt, nämlich Lohnsteigerungen in Deutschland und evtl. in geringerem Ausmaß in anderen Euroländern, die von der Krise nicht bzw. nur schwach betroffen sind.
Wieso sollte Deutschland die Löhne im Gemeinschaftsraum berücksichtigen, zumal in Deutschland traditionell und durchaus erfolgreich, die Löhne nicht zentral festgelegt werden, sondern herunterverhandelt bis in kleine Unternhehmen bestimmt werden? Deutschland macht gut 40% seines Exportumsatzes mit den Eurostaaten, Tendenz seit vielen Jahren fallend. Angesichts der fortgesetzten Eurokrise wird sich dieser Trend eher sogar beschleunigen, jedenfalls ziehen sich in großem Umfang internationale Investoren aus Europa zurück. Deutschland muss also bei seiner Lohnpolitik nicht insbesondere das Lohnniveau im Euroraum, sondern die globalen Bedingungen berücksichtigen.
Deswegen liegen Flassbeck und die Linken falsch.
Tobias Fuentes Dienstag, 26. Februar 2013 um 15:08:00 MEZ
Die MMT / Staatsfinanzierung über Zentralbank ist eingangs im Beitrag angesprochen, ich wollt's nicht durch noch mehr Schachtelsätze vertiefen und verwirren. Mit der MMT liebäugeln ja auch Spiegelfechter und Flassbeck. Für sone Grundsatzdiskussion fehlt der Rahmen. Vllt. erwähn ichs im 2. Teil. Die MMT ist ein Systemwechsel und insofern eben keine Lösung unseres Problems. Wichtig ist eine Lösung in unserem System, die es natürlich geben muss, auch wenn sie unbeliebt ist.
Dass andere inflationieren 'könnten', hab ich auch erwähnt, und auf diese Forderung hinzuweisen ist mir gerade wichtig. Dazu die ceteris-paribus-Annahme. Dass wir und andere im nötigen Umfang inflationieren, ist derzeit utopisch. Dazu muss man ausholen, warum wir überhaupt eine schwächere Lohnentwicklung hatten (eben als notwendige Reaktion auf Expansion zuvor), und man hat den Streit, dass/ob von oben erzwungene Lohnerhöhungen anders wirken (Stagflation etc) als 'regulär' nachfrageinduzierte. Würd ich vllt. auch im 2. Teil erwähnen. Aber mir ist es wichtig aufzuzeigen, dass man nicht Austerität als gescheitert ansehen kann, wenn man Lohnerhöhungen für D fordert. Lohnsteigerungen sind eben nicht alternativlos. Die Alternative ist denklogisch zwingend Austerität ... ceteris paribus.
Nicolai Hähnle Dienstag, 26. Februar 2013 um 15:18:00 MEZ
Tobias: Okay, danke. Weitere Gedanken dazu im zweiten Teil wären durchaus interessant. MMT ist allerdings kein Systemwechsel, sondern beschreibt lediglich den Status Quo, der dem Geldwesen in monetär souveränen Staaten zugrunde liegt. Insofern ist die Bezeichnung etwas irreführend, wenn auch Marketing-wirksam.
Du schreibst in deinem Kommentar, dass man nicht gleichzeitig Lohnerhöhungen für D fordern kann während man Austerität als gescheitert betrachtet. Ich bin gespannt, was deine Argumente für diese Position sind - bis jetzt erkenne ich nämlich noch keine (es sei denn, dir ginge es um Lohnanpassungen auf Teufel komm raus, und die realwirtschaftlichen Kollateralschäden sind dir egal - dann erklärt sich die Meinungsverschiedenheit durch unterschiedliche Zielsetzung).
Nicolai Hähnle Dienstag, 26. Februar 2013 um 15:24:00 MEZ
Wieso sollte Deutschland die Löhne im Gemeinschaftsraum berücksichtigen, zumal in Deutschland traditionell und durchaus erfolgreich, die Löhne nicht zentral festgelegt werden, sondern herunterverhandelt bis in kleine Unternhehmen bestimmt werden?
Der Glaube, man könne eine gemeinsame Währung ohne eine gemeinsame Wirtschaftspolitik haben, ist irrsinnig. Das wurde übrigens bei der Euro-Einführung auch nicht geglaubt. Damals war der öffentliche Konsens, dass der Euro zu einer Zusammenführung auch bei der Wirtschaftspolitik führen würde.
Im Übrigen: Die von dir genannten Verhandlungen geschehen immer im Kontext der politischen und medialen Landschaft. De facto war das Lohndumping der letzten 15 Jahre eben nicht individuell ausgehandelt, sondern zumindest zu großen Teilen die Folge von weitgehend zentral gesteuerter Meinungsmache. Politische Entscheidungen z.B. zur Leiharbeit haben ebenfalls ihren Teil beigetragen.
In Dubio Dienstag, 26. Februar 2013 um 16:13:00 MEZ
So, jetzt geht es wild durcheinander. Die Lohnpolitik ist ein Teil der Arbeitsmarktpolitik, Wirtschaftspolitik wiederum ist etwas anderes. In keinem großen Währungsraum sind die Löhne gleich, in der Gegend um Milan und Turin ist das Lohnniveau vergleichbar mit München und Stuttgart, während Sizilien sich eher an Griechenland orientiert. Welches Lohnniveau nun zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen nun sinnvoll ist, kann also niemals zentral festgelegt werden. Ich dachte, diese Zeiten wären überwunden.
Genauso werfen Linke gerne Konjunktur- und Wachstumspolitik durcheinander. Wachstumspolitik ist auf die Verbesserung und Erhöhung des Produktionspotentials gerichtet, darunter fallen eine Erhöhung des Kapitalstocks durch langfristige Unternehmensinvestitionen sowie die Bildungspolitik zur Verbesserung des Human Capital. Eine solche Politik stellt die Frage nach ausgeglichenen öffentlichen Haushalten wie nach dem allgemeinen Steuerniveau.
Konjunkturpolitik ist auf die gleichmäßige Auslastung des vorhandenen Kapitalstocks ausgerichtet, um Spitzen und Tiefen auszugleichen. Dazu zählen insbesondere die kurzfristige Stimmulierung der Nachfrage durch Ausweitung der Staatsverschuldung. Das Wachstumsproblem der Südländer lässt sich nun keineswegs durch kurzfristige Stimmulierung der Konjunktur lösen, ihre Probleme sind grundsätzlicher Natur. Eine ineffiziente öffentliche Administration, abschreckende Investitionsbedingungen seit mehreren Dekaden, ein überbordender Staatshaushalt mitsamt strukturellem Defizit sind hier nur Stichworte.
Deswegen muss die Politik sich entscheiden, versucht sie mit den kurzfristigen Instrumenten, die die Krise entscheidend verursacht haben, die Symptome zu bekämpfen oder schafft man eine solide Basis für Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand.
epikur Dienstag, 26. Februar 2013 um 17:27:00 MEZ
sowie die Bildungspolitik zur Verbesserung des Human Capital.
Humankapital ist das Unwort des Jahres 2004. Begründet wurde die Auszeichnung damit, dass der Begriff den Menschen auf eine Ware und eine rein ökonomische Größe reduziere und damit menschenverachtend sei. Normen und Werte, persönliche Lebensentwürfe sowie Erfahrungen eines Menschen spielen bei der Definition des Schlagwortes nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig sei demnach vor allem, die Verwertbarkeit des Menschen, seines Wissens und seiner Fähigkeiten, für Unternehmen und Wirtschaft.
endless.good.news Dienstag, 26. Februar 2013 um 18:30:00 MEZ
"Deutschland muss also bei seiner Lohnpolitik nicht insbesondere das Lohnniveau im Euroraum, sondern die globalen Bedingungen berücksichtigen.
Deswegen liegen Flassbeck und die Linken falsch."
Das stimmt sogar, da Deutschland von der Schwäche der anderen Euroländer profitiert. Sie sorgt dafür, dass der Euro faktisch nicht aufwertet. So oder so, sollte sich Deutschland überlegen ob es sinnvoll ist hohe Exportüberschüsse zu haben.
Bei der Lohnpolitik glaube ich schon, dass die Politik Einfluss darauf hat. Sie kann zum Beispiel Mindestlöhne einführen und/oder die Zahl der Mitarbeiter im öffentlichen Dienst erhöhen (welche dann gut bezahlt werden müssen). Möglicherweise kann man auch etwas über Gesetze machen. Die Möglichkeiten sind da. Man müsste nur darüber nachdenken und darüber diskutieren.
In Dubio Dienstag, 26. Februar 2013 um 21:04:00 MEZ
Humankapital ist das Unwort des Jahres 2004.
Und? Ist damit das Argument falsch, weil ein paar Political-Correctness-Kritiker ein international sehr gebräuchlichen Begriff auf den Index gehoben haben?
In Dubio Dienstag, 26. Februar 2013 um 21:16:00 MEZ
Das stimmt sogar, da Deutschland von der Schwäche der anderen Euroländer profitiert. Sie sorgt dafür, dass der Euro faktisch nicht aufwertet.
Das stimmt und der Vorteil ist nichtmal irrelevant. Nur ist es nicht Sinn von Wettbewerb, diesen über über Wechselkurse auszutragen, wie der stete politische Zank zwischen Staaten genau über dieses Thema zeigt. Zweitens hat dies gravierende (langfristige) Nachteile für das abwertende Land. Nur verkaufen sich viele deutsche Produkte zu einem weit geringeren Teil über den Preis als französische oder italienische. Ein Anzug von Hugo Boss ist in amerikanischen Läden weit teurer als hierzulande. Für Kleidung von Benetton gilt das nicht.
Entweder ist der Mindestlohn niedrig genug, um keine beschäftigungsschädlichen Wirkungen zu entfalten. Dann ist der Effekt auf das allgemeine Lohnniveau praktisch Null. Oder er ist es nicht, dann kann das, siehe Frankreich, durchaus zu sehr negativen Folgen führen. Und ja, Einstellungen im Öffentlichen Dienst haben auch einen Effekt auf das Lohnniveau. Sie drücken nämlich die Nettoeinkommen, da die vom Arbeitsmarkt entkoppelten Gehälter durch die im Privatsektor Beschäftigten über höhere Steuern bezahlt werden müssen. Dazu empfiehlt sich ein Blick nach Ostdeutschland und Griechenland: dort liegen die Löhne beim Staat jeweils über dem allgemeinen Lohnniveau und die Arbeitslosigkeit der Übrigen überdurchschnittlich hoch. Die neuen Bundesländer haben sich dafür, trotzdem sie am Tropf des Westens hängen, in Rekordtempo verschuldet. Positive Effekte sind nicht zu erkennen. Eine sehr untauglich Strategie also.
endless.good.news Mittwoch, 27. Februar 2013 um 08:00:00 MEZ
"Nur ist es nicht Sinn von Wettbewerb, diesen über über Wechselkurse auszutragen, wie der stete politische Zank zwischen Staaten genau über dieses Thema zeigt."
Ich gebe Ihnen Recht, aber politisch motivierte Lohn- und Steuersenkungen sind dann auch nicht in Ordnung?
Davon abgesehen sollte es das Ziel sein möglichst viele Güter ins Land zu holen und das für einen möglichst geringen Aufwand. Das wird vergessen, wenn man in Geldeinheiten denkt. Allerdings ist Geld dafür da Güter zu kaufen.
Was sagen sie zu dieser aktuellen Studie?
"Sie drücken nämlich die Nettoeinkommen, da die vom Arbeitsmarkt entkoppelten Gehälter durch die im Privatsektor Beschäftigten über höhere Steuern bezahlt werden müssen. "
Warum ist das ein Muss? Man kann Unternehmen, Kapitaleinkünfte, Vermögen, Spitzeneinkommen, Erbschaften ebenfalls höher besteuern. Dann sinkt das Mediannettoeinkommen nicht.
Ein Blick nach Ostdeutschland lohnt sich in diesem Fall nicht wirklich, da sie Ursache und Wirkung vertauschen. Die Löhne im Osten sind niedrig, weil die große Teile der DDR Wirtschaft während der Wendezeit durch falsche Politik zerstört wurde. Die Löhne im öffentlichen Dienst wurden an das Westniveau angeglichen. So kommt es zu dem Unterschied.
Die restlichen Ausführungen sind in meinen Augen deutlich zu kurz gegriffen, sprengen aber den Rahmen. Nur so viel, wenn ihre These stimmen würde, warum haben die skandinavischen Länder einen deutlich größeren funktionierenden öffentlichen Sektor? Ich denke selbst wenn die Löhne dort etwas geringer sind als in der Privatwirtschaft sorgt die höhere Arbeitsplatzsicherheit und der geringere Stress dafür, dass die Unternehmen etwas bei den Löhnen oder Arbeitsverträgen tun müssen.
So oder so, waren es nur Ansätze wie man etwas ändern kann. In Deutschland stagnieren die Löhne seit 10 Jahren. In anderen mit Deutschland vergleichbaren europäischen Ländern war das nicht der Fall. Der wesentliche Unterschied war die Politik. Wenn man Löhne senken kann, dann kann man sie auch wiede erhöhen.
In Dubio Mittwoch, 27. Februar 2013 um 09:36:00 MEZ
Aber politisch motivierte Lohn- und Steuersenkungen sind dann auch nicht in Ordnung?
Politisch motivierte Lohn- und Steuersenkungen? Was ist das denn? Steuersenkungen sind immer politisch motiviert, da die Politik alleine über die Steuern befindet. Anders verhält es sich mit Löhnen.
In einer Marktwirtschaft wird über den Preis konkurriert, er ist das zentrale Verteilungskriterium. Dazu gehören natürlich auch Löhne und Steuern, anders als Wechselkurse. Während erstere immer Kosten sind, ändern wirken sich Wechselkurse unterschiedlich aus. Ein hohes Lohnniveau rechtfertigt sich nur über Qualifikation und Produktivität, in geringem Umfang auch durch Umwelt. Aber selbst Paul Krugman hat in einem seiner früheren Bücher darauf hingewiesen, dass Löhne auch fallen können müssen, wobei Inflation hilfreich sei.
Und kann man mit Linken noch über den Mechanismus von Löhnen streiten, so sollte unstrittig sein, dass Steuern niemals erstrebenswert hoch sein sollten.
Ja, so wird immer argumentiert. Funktionieren tut es anders und das schon deswegen, weil die Kosten für einen aufgeblähten Staat so hoch sind, dass es niemals genügend Reiche gibt, dass diese das allein stemmen. Wir können übrigens auch Italien oder Frankreich nehmen, wo der öffentliche Sektor eben auch nicht die Lokomotivfunktion hat, wie Sie sie beschreiben.
Wir haben fast zweieinhalb Jahrzehnte nach der Wende, in einem solchen Zeitraum haben sich Staaten wie Südkorea oder China zu Wachstumsmaschinen entwickelt. Das Argument greift nicht.
Wenn ich dem Statistischen Bundesamt sowie den aktuellen Tarifforderungen glauben kann, so sind wir seit 2012 in einer Phase stärkerer Lohnerhöhungen. Also Gemach.
Zu der Studie habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben.
endless.good.news Mittwoch, 27. Februar 2013 um 10:12:00 MEZ
"In einer Marktwirtschaft wird über den Preis konkurriert, er ist das zentrale Verteilungskriterium. Dazu gehören natürlich auch Löhne und Steuern, anders als Wechselkurse."
Ganz so einfach ist es nicht. Auf dem Binnenmarkt sind Löhne und Steuern Kosten, aber über Umwege eben auch Einnahmen für Unternehmen.
Beim Außenhandel interessiert es den Importeur wenig, ob die Preise aus den Löhnen oder aus dem geringen Wechelkurs kommt. Wenn es keinen Wechselkurs gibt, wie in der Eurozone, dann kann man durch Steuer- und/oder Lohnsenkungen (durch die Politik) die Preise reduzieren. Das führt ähnlich wie bei den Wechselkursen zur Einflussnahme durch die Staaten.
Lohnsenkungen können dadurch erreicht werden, indem man Leiharbeit zulässt, den Kündigungsschutz reduziert, Kombilohnmodelle entwickelt, die soziale Absicherung reduziert. Die Arbeitnehmer haben eine schwächere Verhandlungsposition gegenüber den Unternehmen und geben sich bei gleicher Produktivität mit weniger Lohn zufrieden.
"Ein hohes Lohnniveau rechtfertigt sich nur über Qualifikation und Produktivität"
Nicht in jedem Fall. Ist ein Busfahrer in Deutschland x mal produktiver als ein Busfahrer in Indien? Ein hohes Lohnniveau wird auch über Zugangsbeschränkungen am Arbeitsmarkt erzeugt. Nicht jeder Mensch darf einwandern.
"so sollte unstrittig sein, dass Steuern niemals erstrebenswert hoch sein sollten."
Was ist hoch. Das ist sehr subjektiv. Man sollte die Leistungen gegenüber stellen.
"Wir haben fast zweieinhalb Jahrzehnte nach der Wende, in einem solchen Zeitraum haben sich Staaten wie Südkorea oder China zu Wachstumsmaschinen entwickelt."
Doch kann man. Denn heute ist die Folge der fehlerhaften Politik. In China und Südkorea war vielleicht die Wirtschaftspolitik besser gestaltet. Vor allem ist die staatliche gesteuerte Wirtschaftspolitik anders gestaltet als bei uns.
"so sind wir seit 2012"
Wir haben 2013. Vielleicht sollte man die Zeiträume etwas längerfristig sehen.
Theophil Mittwoch, 27. Februar 2013 um 11:14:00 MEZ
"So oder so, waren es nur Ansätze wie man etwas ändern kann. In Deutschland stagnieren die Löhne seit 10 Jahren. In anderen mit Deutschland vergleichbaren europäischen Ländern war das nicht der Fall. Der wesentliche Unterschied war die Politik. Wenn man Löhne senken kann, dann kann man sie auch wiede erhöhen."
Die Löhne stagnieren seit ca. 10 Jahren. Die Arbeitslosigkeit ist aber tatsächlich gesunken. Das kann man nicht beides haben.
Es stagniert übrigens auch das Bildungsniveau. Auch das ist ein Problem für den Arbeitsmarkt.
""Ein hohes Lohnniveau rechtfertigt sich nur über Qualifikation und Produktivität"
Nicht in jedem Fall. Ist ein Busfahrer in Deutschland x mal produktiver als ein Busfahrer in Indien?"
Als Busfahrer nicht. Aber er könnte auch in der Industrie arbeiten, dann wäre er es. Deshalb verdient auch der Busfahrer in Deutschland mehr als in Indien. Seine Opportunitätskosten sind höher. Das ist der Grund, warum auch Arbeiter von steigender Produktivität profitieren, die selbst gar nicht produktiver geworden sind.
Und schließlich darf man bei der Diskussion um die dt Löhne nicht vergessen, dass die weltweiten Löhne und die weltweite Einkommensungleichheit rapide sinkt. Auch Chinas Löhne erreichen schon das Niveau von Rumänien, Bulgarien und Mexiko. Die Stagnation deutscher Löhne ist auch ein Resultat der internationalen Angleichung, die gut ist. Mit zunehmender weltweiter Angleichung sinkt auch der Konkurrenzdruck in Deutschland (weil Lohnkosten nicht alles sind und Deutschland viele andere Vorteile hat)
In Dubio Mittwoch, 27. Februar 2013 um 11:33:00 MEZ
Auf dem Binnenmarkt sind Löhne und Steuern Kosten, aber über Umwege eben auch Einnahmen für Unternehmen.
Nein. Spielen Sie mal Unternehmer und nicht Politiker. Sie sind Geschäftsführer der XY GmbH mit 100 Beschäftigten, die Elektrospulen für den Weltmarkt produziert (Exportanteil: 65%). Zeigen Sie, wie für diesen Unternehmer die Verdoppelung der Lohnkosten zu Einnahmen bei ihm führen.
Beim Außenhandel interessiert es den Importeur wenig, ob die Preise aus den Löhnen oder aus dem geringen Wechelkurs kommt.
Nein. Gegen schwankende Wechselkurse kann ich mich am Finanzmarkt absichern. Gegen steigende Löhne nicht.
Lohnsenkungen können dadurch erreicht werden, indem man Leiharbeit zulässt, den Kündigungsschutz reduziert, Kombilohnmodelle entwickelt, die soziale Absicherung reduziert.
Nein. Australien oder die Schweiz haben eine weit geringere soziale Absicherung und keinen Kündigungsschutz. Dennoch ist dort das Lohn- und Einkommensniveau weit höher. Die Hälfte der Leiharbeiter kommen aus der Arbeitslosigkeit, zu einem wesentlichen Teil waren diese Personen länger arbeitslos. Arbeitslosigkeit verursacht hohe gesellschaftliche Kosten. Dies auf Kosten höherer Löhne für eine kleinere Gruppe von Beschäftigten macht keinen Sinn. Schauen Sie dazu nach Italien oder Frankreich.
Für das mittlere und obere Management sowie für Fachspezialisten gelten oft kein Kündigungsschutz. Dennoch beeinflusst dies nicht ihre Verhandlungsposition, im Gegenteil. Wer auf Kündigungsschutz verzichtet, kann oft höhere Gehälter durchsetzen.
Hohe Steuern waren in Relation zur öffentlichen Leistung gemeint. Fast alle OECD-Staaten verschulden sich permanent und das seit fast 40 Jahren. D.h. nichts anderes, als dass die Bürger nicht bereits sind, Steuern in der Höhe zu zahlen wie sie öffentliche Leistungen in Anspruch nehmen. Dazu gilt der Wirtschaftlichkeitsgrundsatz: In (gegebenes) Niveau an staatlichen Leistungen sollte mit einem Minimum an Steueraufwand finanziert werden.
techniknörgler Mittwoch, 27. Februar 2013 um 14:28:00 MEZ
"The weight of that evidence points to little or no employment
response to modest
increases in the minimum wage."
- http://www.cepr.net/documents/publications/min-wage-2013-02.pdf
Der Titel führt in die Irre, es geht um "moderate Mindestlohnerhöhungen". Die Betonung liegt auf "moderat".
Es wurde ja schon oben geschrieben, ein niedriger Mindestlohn ist so harmlos wie überflüssig. Eine kleine Erhöhung richtet kaum Schaden an, nützt aber auch kaum etwas. Viele kleine Erhöhungen ergeben aber zusammen eine große Erhöhung. Und dann gibt es einen Schaden.
techniknörgler Mittwoch, 27. Februar 2013 um 14:31:00 MEZ
"Warum ist das ein Muss? Man kann Unternehmen, Kapitaleinkünfte, Vermögen, Spitzeneinkommen, Erbschaften ebenfalls höher besteuern. Dann sinkt das Mediannettoeinkommen nicht."
Aber natürlich sinkt dann das Mediannettoeinkommen. Außer bei den Vermögensbesteuerungen, da geht man an dies Substanz, auch wenn kein Einkommen daraus erwirtschaftet wird.
In Dubio Dienstag, 26. Februar 2013 um 14:49:00 MEZ
Spanien hatte noch vor rund 15 Jahren eine durchaus gesunde Wirtschaftsstruktur. Erst seit der Jahrtausendwende hat der Bausektor stark angezogen und ist auf ein völlig überdimensioniertes Niveau von 25% angeschwollen. Als "gesund" lassen sich für entwickelte Industriestaaten 12-15 Prozent bezeichnen.
Obwohl meine Schwester in Spanien lebt, konnte auch sie mir keine Erklärung für diese einseitige Entwicklung geben.
Generell: warum ist eigentlich eine Finanzierung der Staatshaushalte über die Notenbanken nicht sinnvoll? Vielleicht beschäftigt sich ein Artikel auch mit dieser Frage.
Theophil Dienstag, 26. Februar 2013 um 16:03:00 MEZ
Gesunde Wirtschaftsstruktur? Nach welchem Maß denn?
Die Arbeitslosigkeit erreichte doch Ende der 80er schon 15% und fiel erst in den 2000ern wieder.
Für mich sieht es doch deutlich so aus, dass die Immobilienblase seit Anfang der 2000ern die Probleme eines überregulierten Arbeitsmarkts und wenig innovativer Firmen nur überdeckt hat. Die Probleme existieren nachwievor, aber jetzt kommen noch die angehäuften Schulden dazu.
Tobias Fuentes Dienstag, 26. Februar 2013 um 21:13:00 MEZ
In Spanien hatte man deutlichen Nachholbedarf an Immobilien, Immobilienkrediten und Bauinvestitionen. In der Analyse vom IW Köln (Ungleichgewichte in der Eurozone) sieht man auf S. 47, dass der Anteil der Bauinvestitionen an allen Bruttoanlageinvestitionen in Spanien um 10 Punkte geringer war als in GRE und POR, bei 51% vor Euro-Einführung. Während sie in GRE und POR dann stagnierten oder fielen, steigerte sie Spanien auf knapp 60% auf gleiches Niveau. Gründe liefert HW Sinn in der Target-Falle, S. 96 - Spanien kannte keine langfristigen Hypothekenkredite mit festen Zinsen, dazu waren Bauzinsen extrem hoch (17% in 1991), Baufinanzierung war also ein Risiko und ohnehin teuer. So stiegen dann mit dem Euro Kredite und Immobilienpreise neben Irland am schnellsten und höchsten.
Direktfinanzierung über Notenbanken, ja vllt. kann man das später mal noch konkreter aufgreifen. Auf mises http://mises.org/daily/5260 setzt sich hier etwa Bob Murphy näher mit der MTT auseinander.
Christian Mittwoch, 27. Februar 2013 um 09:00:00 MEZ
Es tut mir leid dich enttäuschen zu müssen, aber wenn du dich wirklich mit MMT auseinandersetzen möchtest, würde ich nicht gerade auf Bob Murphy verweisen. Siehe z.B. die Kommentare von Pilkington unter dem Blog Eintrag.
Ein Anfang wäre z.B. eher Seven Deadly Innocent Frauds, von Warren Mosler. Oder so ziemlich alle Blog Beiträge von Bill Mitchell auf dem billy blog.
Direktfinanzierung über Notenbanken wäre möglich und sinnvoll. Vor allem würde dann dieses elende Diskutieren über die Staatsschuldenquote innerhalb von einigen Jahren von ganz alleine abnehmen ;)
In Dubio Mittwoch, 27. Februar 2013 um 09:39:00 MEZ
... nichts ist ohne Nebenwirkungen... Und je besser etwas auf den ersten Blick scheint, desto heftiger sind die negativen Folgen. Lebenserfahrung.
Theophil Dienstag, 26. Februar 2013 um 17:13:00 MEZ
Sind wir uns eigentlich alle einig, dass die Einführung des Euro im Nachhinein ein großer Fehler war?
Ich bin inzwischen (leider) der Meinung.
Sehr aufschlussreich heute: Ein historischer Abriss von Paul Krugmans Meinung zu Frankreich.
"There is, however, something special about the way the French political class discusses economics. In no other advanced country is the elite so willing to let fine phrases overrule hard thinking, to reject the lessons of experience in favor of delusions of grandeur."
Das bezieht sich insbesondere auf die Einstellung zur Einführung des Euro.
Tobias Fuentes Dienstag, 26. Februar 2013 um 22:46:00 MEZ
Ja, unter gegebenen Bedingungen war der Euro ein Fehler. Und diese Bedingungen sind die politischen Fesseln, die eine schnelle Anpassung verhindern, sowohl die alten Fesseln unflexibler Märkte und die neuen durch den Rettungszirkus, der die Krisenländer im Schwebezustand hält. Man will nicht loslassen. Welche Fiat-Währung man überhaupt hat, ob verschiedene oder eine gemeinsame, ist so lange irrelevant wie man notwendige Anpassungen zuließe. Abwertungen, der Vorteil von Einzelwährungen, sind auch nur Armutszeugnisse einer Wirtschaft.
Christian Mittwoch, 27. Februar 2013 um 09:01:00 MEZ
Damit sind Aufwertungen also Superduperzeugnisse für eine Wirtschaft? Frag mal die Schweizer...
In Dubio Mittwoch, 27. Februar 2013 um 10:12:00 MEZ
Ich denke, das Ziel ist schon richtig, große Währungsräume anzustreben. Nur sind im Euro Volkswirtschaften zusammengebunden worden, die wenig miteinander vergleichbar und konkurrenzfähig sind.
Das Ziel eines "Nord-Euro" finde ich daher nicht schlecht, zu dem dann sogar die Skandinavier und eventuell Schweizer beitreten könnten.
Theophil Mittwoch, 27. Februar 2013 um 11:02:00 MEZ
Auch bei einem Nord-Euro stehen wir vor dem Problem, dass es eine Währungsunion ohne Bankenunion und dann am Ende eben auch einer gemeinsamen Ausgabe von Staatsschulden eben nicht geben kann.
Auch innerhalb ähnlicher Staaten verstärkt eine gemeinsame Währung die Ungleichgewichte. Es müssten sich schon alle extrem wie Deutschland entwickeln & verhalten, was auf lange Sicht nicht wahrscheinlich ist.
Auch innerhalb dieser Staaten integriert eine gemeinsame Währung die Finanzmärkte -- was ja auch das Ziel des Ganzen ist -- aber dann muss man auch die Bankensicherung vereinheitlichen. Und dann muss man im Prinzip auch schon gemeinsame Schulden ausgeben.
Es gibt also genau die gleichen Probleme, vielleicht etwas später, aber das hat man beim jetzigen Euro auch schon gedacht.
@Tobias Die flexiblen Märkte, die eine Abwertung unnötig machen würden -- weil alle gleichzeitig die Löhne senken -- sind mMn unrealistisch. Die Flexibilität selbst ist unrealistisch, aber selbst wenn es die Flexibilität im Prinzip gäbe, bliebe das Koordinationsproblem: Wer die Löhne als erster senkt, verliert als erster Kaufkraft.
Eine Abwertung durch eine eigene Währung ist deshalb nicht ein Armutszeugnis, sondern die einzige Möglichkeit gleichzeitig abzuwerten.
In Dubio Mittwoch, 27. Februar 2013 um 12:46:00 MEZ
Der amerikanische Währungsraum funktioniert auch trotz größerer Ungleichgewichte. Und es ist ebenfalls kein Naturgesetz, dass sich Regionen dabei auseinanderentwickeln müssten oder gemeinsame Anleihen herausgegeben werden müssten.
Zumal Staatsverschuldung ebenfalls kein Naturgesetz ist. Einige skandinavische Staaten können seit mehreren Jahren Überschüsse einfahren, ohne dass dies ihrem Wachstumspotential geschadet hätte. Auch die USA konnten Mitte der 1990er Jahre ihre Schulden zurückführen, während gleichzeitig die Wirtschaft prosperierte. Staatsverschuldung befördert nicht Prosperität, eher umgekehrt.
Nehmen wir also Deutschland, die Skandinavier, Österreich und die Schweiz zu einem Währungsraum, so haben wir hier Staaten, die auf Staatsverschuldung verzichten oder sich dazu verpflichtet haben. Das Thema "Anleihen" ist damit weitgehend obsolet.
Theophil Mittwoch, 27. Februar 2013 um 12:57:00 MEZ
Da stimme ich nicht zu. Natürlich sind die USA ein großer Währungsraum. Die Ungleichgewichte gibt es dort aber sehr wohl und es gibt auch lokale Blasen und lokale Krisen.
Dem begegnen die USA auf die klassische Art und Weise:
1. Durch finanziellen Ausgleich durch vom Bund finanzierte Infrastrukturprojekte, militärische Investitionen, oder durch das vom Bund finanzierte Soziale Sicherungssystem.
2. Durch eine hohe Mobilität.
1. will die EU nicht, 2. haben wir in dem Maße wie die USA nicht und werden wir auch nicht bekommen
Manche Staaten haben ihre Finanzen gut im Griff, klar. In guten Zeiten bräuchte es dann keine gemeinsame Verschuldung. Mein Argument war aber, dass ein integrierter Finanzmarkt aufgrund seiner Größe eine integrierte Bankensicherung benötigt und wenn dann eine Bankenkrise ansteht (die auch Skandinavien schon ereilt hat) *dann* muss man sich gemeinsam verschulden, weil es keine primär nationalen Banken mehr gibt.
In Dubio Mittwoch, 27. Februar 2013 um 13:16:00 MEZ
Die Ungleichgewichte in den US-Bundesstaaten sind weit größer als in den von mir genannten "Nord-Euro-Staaten". Die lokalen Blasen haben nichts mit der Währungsunion zu tun.
Eine gemeinsame Infrastrukturpolitik betreibt auch die EU, genauso sind Ansätze einer Industriepolitik zu erkennen. Und die soziale Sicherheit ist in weiten Teilen Sache der Bundesstaaten.
Der Unterschied zwischen dem Dollar-Raum und der Eurozone liegt in der unterschiedlichen Haftungsausgestaltung. Euroländer, die sich exzessiv verschulden, haften für die Konsequenzen nicht alleine. In den USA sind die Bundesstaaten für ihre Haushaltspolitik allein verantwortlich mit dem Risiko eines Staatsbankrotts. Und: die buchhalterischen Salden der Zentralbanken müssen einmal jährlich in harten Anleihen ausgeglichen werden.
Theophil Mittwoch, 27. Februar 2013 um 13:53:00 MEZ
Insofern als das lokale Blasen durch die Zentralbankzinsen nicht gebremst werden können, haben sie schon etwas mit der Währungsunion zu tun, genau wie die Blasen in Spanien & Irland.
Retirement benefits, Unemployment benefits, Temporary Assistance to Needy Families, Medicare, Medicaid sind oder enthalten Bundestransfers.
Die Haftungsausgestaltung ist unterschiedlich, das stimmt. Nachdem die US Bundesregierung im 19Jhd einmal einen Bailout gemacht hat, und klargestellt hat, dass es der letzte sein wird.
Das funktioniert aber nur, weil eben z.B. die Krankenhäuser nicht zusammenbrechen, wenn ein Bundesstaat eine Haushaltskrise hat.
techniknörgler Mittwoch, 27. Februar 2013 um 14:44:00 MEZ
"Auch innerhalb dieser Staaten integriert eine gemeinsame Währung die Finanzmärkte -- was ja auch das Ziel des Ganzen ist -- aber dann muss man auch die Bankensicherung vereinheitlichen. Und dann muss man im Prinzip auch schon gemeinsame Schulden ausgeben. "
Das mit der gemeinsamen Bankensicherung kann ich ja noch nachvollziehen, aber warum gemeinsame Schulden? Klingt so, als funktioniere ein Währungsraum nur mit Staatsschulden, die von einer den ganzen Währungsraum umfassenden Instanz mit Gewaltmonopol und der Möglichkeit im gesamten Währungsraum Steuern zu erheben ausgegeben werden. Warum?
Theophil Mittwoch, 27. Februar 2013 um 15:00:00 MEZ
Wenn in einer Bankenunion alle gemeinsam haften, aber jeder Staat eigene Anleihen ausgibt, ist die ganze Union wieder nur so stabil wie das schwächste Glied. Wenn einer wackelt, geht wieder die Kettenreaktion los, wie jetzt in der Eurozone.
satch Mittwoch, 27. Februar 2013 um 09:48:00 MEZ
Hmmm, wenigstens werden andere Positionen im Artikel verlinkt. Dafür Danke.
Ich störe mich schon an diesem Satz:
"Ausgehend von den für viele Länder plötzlich niedrigen Zinsen verschuldeten sich Staat und der Privatsektor..."
Außer Griechenland verschuldeten sich die Krisenstaaten eben nicht übermäßig, bis die Krise begann. Bestes Beispiel Spanien: http://www.querschuesse.de/spanien-weiter-enorm-unter-druck/
Auf die Alternative der höheren Gehälter in D. ist schon hingewiesen worden. Warum das nicht möglich sein soll, ist mir schleierhaft.
Noch kurz zu den steigenden Preisen, auch wenn auch das schon bekannt ist. Inflationsziel in der Eurozone waren 2%. Daran hat sich nur Frankreich gehalten. Wenn die einen mehr und die anderen weniger haben, geht das natürlich auf Dauer nicht gut.
PS: Dass in D. die Politik keinen Einfluss auf die Lohnentwicklung hätte, ist absurd. Was war denn die Agenda 2010, wenn nicht ein bundesweites Lohnsenkungsprogramm?
Tobias Fuentes Donnerstag, 28. Februar 2013 um 04:37:00 MEZ
ja, ich wollte das Spanien auch nicht unterstellen, dort hat sich der Privatsektor eben übermäßig verschuldet. Bei GRE und POR aber der Staat. Und Italien mogelte sich so durch, inflationierte aber mehr als Frankreich. Gleich, wer sich verschuldet, beides ließ Löhne und Preise inflationieren. Zu höheren deutschen Löhnen siehe im 2. Beitrag. Das Flassbeck'sche "Inflationsziel" ist aber de facto nur eine Obergrenze, kein Ziel für alle. Dass es Unterschiede geben musste, war klar und bereut niemand an sich. Die schwachen Wirtschaften mussten in ihrem Aufholprozess mehr inflationieren als wir (Samuelson-Effekt). Es wurde nur übertrieben, aus anderem Grund: sie inflationierten durch Kapitalwanderung ohnehin auch nur, weil wir deswegen nicht so stark inflationierten konnten.

References: In Dubio
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