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Timestamp: 2018-02-22 14:58:59+00:00

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2. Kapitel: Die heutige Bedeutung der privaten Burgen und Schlösser in Bayern
2.1 Denkmalpflege als Gebot der Stunde
2.1.1 Was ist ein Denkmal?
a) Badisches Denkmalschutzgesetz von 1894
Der Begriff des Denkmals ist nicht genau zu definieren, da er sich im Verlauf der letzten 100 Jahre in seiner Bedeutung gewandelt hat.
Im badischen Denkmalschutzgesetz von 1884 wurde der Sinn eines Denkmals so erklärt: "Alle unbeweglichen und beweglichen Gegenstände, die aus einer abgelaufenen Kulturperiode herstammen und als charakteristische Wahrzeichen ihrer Entstehungszeit für das Verständnis der Kunst und Kunstindustrie und ihrer geschichtlichen Entwicklung, für die Kenntnis des Altertums und für die geschichtliche Forschung überhaupt sowie für die Erhaltung der Erinnerung an Vorgänge von hervorragendem historischen Interesse eine besondere Bedeutung haben, sind Denkmäler im Sinne dieses Gesetzes"[21].
b) Preussisches Denkmalschutzgesetz von 1904
20 Jahre später, 1904, wurde der Begriff "Denkmal" in Preußen durch einen Runderlass des Kultusministeriums so gedeutet: "Da der Begriff ‘Denkmal’ nicht immer feststeht und auch nicht alle wichtigeren, namentlich nicht alle aus jüngerer Zeit stammenden Denkmäler in den von der Provinzialverwaltung herausgegebenen Denkmälerverzeichnissen aufgeführt sind, so ist zu beachten, daß zu den Denkmälern alle Reste vergangener Kunstperioden gehören, wenn sie entweder rein geschichtlich (wie z.B. Inschrifttafeln) oder zum Verständnis der Kultur und der Kunstauffassung vergangener Zeitläufe wichtig sind (vorgeschichtliche Gräber, Waffen usw.) ebenso auch, wenn sie von malerischer Bedeutung sind für das Bild eines Ortes oder einer Landschaft ( Türme, Tore usw.) oder wenn sie für das Schaffen der Gegenwart auf dem Gebiet der bildenden Kunst, der Technik und des Handwerks vorbildlich erscheinen. Der Wert eines Denkmals liegt nicht immer in seiner Bedeutung für die Kunst oder die Geschichte des ganzen Landes, sondern nicht selten in der Bedeutung für einen enger begrenzten Landesteil oder für den Ort, an dem es errichtet ist"[22].
Während die badische Erklärung noch dem hervorragenden Interesse und der besonderen Bedeutung einen Wert beimißt, geht die preußische viel weiter und nimmt auch jene Erzeugnisse der Vergangenheit in den Kreis der Denkmäler auf, die eine örtliche Bedeutung haben. Gerade dieser neue Punkt ist wichtig für die Burgen und Schlösser, die in erster Linie das Gesicht einer bestimmten Landschaft prägen und sich harmonisch in sie einfügen. Was wäre wohl die fränkische Schweiz ohne Ihre Burgen?
Wohin wir in der Kulturlandschaft schauen, überall stoßen wir auf einzelne Bauten, wobei man immer wieder feststellen kann, daß die älteren Gebäude sich dem landschaftlichen Bilde wesentlich besser anpassen, es sogar reizvoller gestalten, während moderne Bauten seinen Charakter meist nur stören. Man denke nur an die häßlichen Hochhäuser, die ohne Rücksicht auf das Landschaftsbild überall, sogar am Rande kleinerer Ortschaften aus dem Boden schießen, nur damit der kostbare Grund bis aufs Letzte ausgenützt werden kann. Aber nicht in der Größe der Bauten läßt sich ohne weiteres der Fehler suchen, denn auch viele Burgen und Schlösser sind wuchtig. Der tiefere Grund ist wohl der, daß die früheren Baumeister aus dem Geiste der Landschaft schufen, während man heute aus dem Geiste des Profits und der Rationalität baut!
c) Bayerisches Denkmalschutzgesetz von 1973
Im neuen Bayerischen Denkmalschutzgesetz, das am 1.10.1973 in Kraft trat, ist die Begriffsbestimmung des Denkmals im wesentlichen die gleiche. "Denkmäler sind von Menschen geschaffene Sachen oder Teile davon aus vergangener Zeit, deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen künstlerischen, städtebaulichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt. Baudenkmäler sind bauliche Anlagen oder Teile davon aus vergangener Zeit ..."[23]. Sie müssen also aus abgeschlossenen, historisch gewordenen Epochen stammen. Wann ist aber eine Epoche als "abgeschlossen" zu betrachten? Als Stichjahr gilt allgemein das Jahr 1914. Für Schloß Burgrain würde dies bedeuten, daß außer den Gebäuden, die vor 1803 entstanden sind, auch das Bräuhaus und der "Wittelsbacher Bau" - gebaut 1910 - unter Denkmalschutz stehen müßten. An diesen Gebäuden ist aber wirklich nichts, was eines "Schutzes" würdig wäre, denn sie tragen weder "zum Kunstverständnis vergangener Zeiten" bei noch sind sie von "malerischer Bedeutung" für die Landschaft. Da Burgrain keine Familientradition hatte, und im letzten Jahrhundert wie bereits beschrieben von Hand zu Hand ging, und jeder nur Profit machen wollte, wurde es durch bauliche Umgestaltung unvorteilhaft verändert. Mittelalter und Neuzeit stehen unausgeglichen nebeneinander. Historische Substanz wurde durch die Veränderungen zerstört, und demzufolge steht Schloß Burgrain heute nur zum Teil unter Denkmalschutz. Dazu gehören: Der Südbau, mit Kapelle, dem Rest des Bergfrieds, dem Kuhstall und dem darüberliegenden Heuboden; der Ostflügel, den wir in allen drei Etagen bewohnen; der Nordbau. Alle Gebäude, außer der Kapelle und dem Ostbau, sind ungenutzt und stehen leer.
Liest man in den Erläuterungen zu Artikel 1 weiter, so steht unter drittens: "Die Erhaltung der Sachen muß im Interesse der Allgemeinheit liegen". Die "Allgemeinheit" wird einschränkend dahingehend definiert, daß man sich darunter die Bevölkerungsschicht des Gebietes vorzustellen hat, in dem sich die Sache befindet. Spricht sich ein Großteil dieser Leute für die Erhaltung der Sache aus, so ist sie unter Denkmalschutz zu stellen.
Wie reagierten nun die rund 500 Einwohner des Dorfes Burgrain, die fast alle Einheimische sind, wenn das Schloß abgerissen oder verfallen würde? Wie ich aus Gesprächen mit Burgrainern erfuhr werden sie mit Sicherheit dagegen protestieren, denn keiner kann sich das Dorf und die reizvolle Landschaft des Isentales ohne die beherrschende Burg vorstellen.
So ist auch allgemein ein Trend vom Lebensstandard zur Lebensqualität hin zu verzeichnen, d.h. man strebt nicht mehr nur nach nüchternen materiellen Bedürfnissen, sondern gleichzeitig nach ideellen Werten. Auch hier könnte man von einer Art "Nostalgie" sprechen, die alle Bevölkerungsschichten in einer gewissen Weise ergriffen hat.
2.1.2 Die Entwicklung der Denkmalpflege
Wann begann man erstmals sich über die Erhaltung der Denkmäler Gedanken zu machen?
Freiherr vom Stein gründete 1819 in Frankfurt am Main den Verein für ältere deutsche Geschichtskunde, dessen Aufgabe darin bestand, die Quellen zur deutschen Geschichte, die Monumenta Germanicae historica zu sammeln und herauszugeben[24]. Dies war der Anlaß zur Bildung von historischen Vereinen im übrigen Deutschland. Neben der Quellenforschung bestand ihre Aufgabe auch darin, die monumentalen Belege zu den geschichtlichen Quellen zu sammeln und zu erhalten. Die Rettung vieler Burgen haben wir Romantikern wie Moritz von Schwind und Ludwig Richter zu verdanken, die im vergangenen Jahrhundert die Schönheit der Burgen wiederentdeckten und sie in einer Zeit festhielten, als noch keine Telegraphenmasten und lieblos hingestellte Zweckbauten sie verstellten und entstellten. Bei Dichtern wie Platen und Thiek wurden sie zu Schauplätzen von Sagen und Legenden. Einer der eifrigsten Anhänger der Burgen in Bayern war König Ludwig I. Er schuf die ersten Verordnungen zur Erhaltung dieser mittelalterlichen Baudenkmäler.
Wenn historische Vereine einen großen Teil der Denkmalpflege dadurch übernahmen, daß sie die beweglichen Denkmäler in Museen sammelten und vor dem Verderben bewahrten, so konnten sie doch nicht alle unbeweglichen Bauten gegen die Zerstörungswut der Menschen schützen. Hier mußte der Staat mit seinen Mitteln eingreifen. "Das Recht und die Pflicht des Staates für die öffentliche Wohlfahrt zu sorgen, umschließt das Recht und die Pflicht, wertvolle Güter dem nationalen Besitze zu erhalten, zu diesen wertvollen Gütern gehören die Denkmäler der Kunst und Kultur, welche uns die Vergangenheit hinterlassen hat. Diese Denkmäler zu erhalten, sie vor Schaden zu bewahren und sie möglichst zu überliefern, ist Zweck und Ziel der Denkmalpflege"[25].
2.1.3 Die Aufgaben der Denkmalpflege
a) Schutz und Erhalt der historischen Substanz
Um die Aufgaben wahrnehmen zu können, wurde jetzt auch in Bayern ein Denkmalschutzgesetz erlassen. Landeskonservator Dr. A. Gebeßler begründete in einer Informationsschrift vom Mai 1973 diesen Erlaß so: "Wir verzeichnen in Bayern jährlich den Abbruch von 200 - 300 historischen Gebäuden, bei denen denkmalpflegerische Belange gegeben sind. Eine erschreckende Bilanz, die der eigentliche Anlaß ist für den gegenwärtig neuen Anlauf zu einen Denkmalschutzgesetz, und zugleich die Hauptursache für das wachsende öffentliche Interesse am Thema Denkmalschutz und Denkmalpflege."
Das Aufgabenspektrum der Denkmalpflege umfaßt aber speziell in bezug auf Baudenkmäler noch mehr als wie allgemein angenommen nur den Denkmalschutz und Erhaltungszwang, den man jetzt auch mit neuen Paragraphen, also durch "hoheitliche Gewalt" (S-71) zu festigen sucht.
Dazu Art.4: Erhaltung von Baudenkmälern:
(2) Die in Abs. 1 genannten Personen können verpflichtet werden, bestimmte Erhaltungsmaßnahmen ganz oder zum Teil durchzuführen, soweit ihnen das insbesondere unter Berücksichtigung Ihrer sonstigen Aufgaben und Verpflichtungen zumutbar ist; soweit sie die Maßnahmen nicht selbst durchzuführen haben, können sie zur Duldung der Maßnahmen verpflichtet werden. Entscheidungen, durch die der Bund oder die Länder verpflichtet werden sollen, bedürfen der vorherigen Zustimmung der Obersten Denkmalschutzbehörde.
In der Denkmalpflege oder dem pflegenden Erhalten versucht man den historischen Gebäuden in unserer modernen Zeit eine realistische und erhaltende Sanierung und Nutzung einzuräumen. Die Aufgaben der Denkmalpflege bestehen ebenso in der Erhaltung der historischen Substanz wie in der Entwicklung neuer Konservierungs- und Restaurierungsmethoden, die dafür notwendig sind.
b) Gewährung von Zuschüssen
Auch die Gewährung von Zuschüssen zur Erhaltung von Denkmälern fällt unter den Begriff der Denkmalpflege.
Dazu heißt es im Denkmalschutzgesetz Art. 22 Leistungen:
Die Höhe der Beteiligung richtet sich nach der Bedeutung und der Dringlichkeit des Falles und nach der Leistungsfähigkeit des Eigentümers.
(2) Die kommunalen Gebietskörperschaften beteiligen sich im Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit in angemessenem Umfang an den Kosten.
Das Landesamt für Denkmalpflege (LfD) entscheidet jeweils nach eigenem Ermessen wie hoch die zu gewährenden Zuschüsse im Einzelfall sind. Es besteht anders als auf Enteignungsentschädigung kein Rechtsanspruch auf Zuschüsse. Eine weiter ins einzelne gehende Regelung besteht nicht, da die einzelnen Fälle nach Bedeutung und Schwierigkeit ganz verschieden gelagert sind. Das LfD, das für die Gewährung der Zuschüsse zuständig ist, achtet aber darauf, daß Fälle gleicher Bedeutung jeweils gleich behandelt werden.
c) Erstellung einer Denkmalliste
Eine weitere Aufgabe des LfD ist die Erstellung einer Denkmalliste, d.h. Bau- und Bodendenkmäler werden im "Benehmen" mit der Gemeinde in ein Verzeichnis aufgenommen. Die Denkmalliste ist nur Orientierungs- und Entscheidungshilfe und kann von jedem eingesehen werden. Die Inventarisation dagegen ist eine Veröffentlichung mit wissenschaftlichem Anspruch. Darin werden Denkmäler beschrieben und durch Abbildungen und Pläne erläutert. Das LfD hat neben der Erstellung der Inventare auch deren Fortführung, also ihre Anpassung an den neuesten Stand der Entwicklung und der Erkenntnisse zu betreiben.
In allen Angelegenheiten des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege hat das LfD die Aufgabe der fachlichen Beratung und Erstattung von Gutachten. (S-77) Zur fachlichen Beratung kann ein Vorschlag über die Nutzung eines Baudenkmals oder die Empfehlung, in einem bestimmten Fall nur einen Putz von bestimmter chemischer Zusammensetzung zu nehmen, gehören.
Durch einen besseren Informationsdienst will man nun auch genaue Auskunft über die Tätigkeiten des LfD geben, um das Interesse und das Verständnis einer breiteren Öffentlichkeit zu wecken. Daneben werden die Berichte als Jahrbuch der Denkmalpflege weitergeführt. Professor Dr. T. Gebhard meint dazu: "So wichtig auch die Geld- und Personalfragen wie auch die gesetzlichen Grundlagen für eine wirksame Arbeit der staatlichen Denkmalpflege sind, so kommt es letztlich auf die Grundeinstellung der Bevölkerung zu den Aufgaben der Denkmalpflege an, eine Erkenntnis, die schon im 19. Jahrhundert kleineren Kreisen geläufig war, die aber jetzt erst, so hoffen wir, für immer Boden gewinnt."(aus LfD-Informationen Mai 1973)
Auf Initiative des Europarates wurde das Jahr 1975 unter dem Slogan "Eine Zukunft für unsere Vergangenheit" zum Europäischen Jahr des Denkmalschutzes erklärt. Dank dieser Bemühungen auf internationaler Ebene, erfährt die Denkmalpflege dadurch auch in der BRD endlich eine stärkere Beachtung. Eine vorbereitende Generalversammlung von Delegierten aus allen Ländern Europas - ICOMOS - International Concil of Monuments and Sites - fand am 4.7.1973 in Zürich statt. Die "Kampagne" soll sofort beginnen und 1975 ihren Höhepunkt erreichen. Hauptsitz der Tagung 1975 wird Rothenburg o. d. T. sein. Von dort aus werden die ca. 300-400 Teilnehmer wissenschaftliche Exkursionen in die mittelfränkische Umgebung unternehmen. Mit Sicherheit wird durch die verschiedensten Veranstaltungen und vor allem durch Unterstützung der Massenmedien sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei Behörden und Parlamentariern das Verständnis für die Dringlichkeit der Erhaltung und Neubelebung der historischen Bauwerke und Stadtbilder auf eine breite Basis gestellt werden. Die deutsche Burgenvereinigung, die bisher mit dem Deutschen Heimatbund und seinen Landesverbänden, dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz und wenigen anderen neben den personell und finanziell ebenso schlecht ausgestatteten Landesämtern für Denkmalpflege einem sehr unterentwickelten Denkmalverständnis der breiten Öffentlichkeit und vieler Behörden gegenübersteht, ist dem Europarat für seine Initiative dankbar und wird nach besten Kräften zum Gelingen des Denkmalschutzjahres beitragen. (aus der Zeitschrift: "Burgen und Schlösser" 1973)
2.1.4 Kritische Anmerkungen zum Bayerischen Denkmalschutzgesetz
Seit das Bayerische Denkmalschutzgesetz in Kraft ist, hat das Interesse in der Öffentlichkeit beträchtlich zugenommen, aber bedauerlicherweise weniger im positiven Sinne. Worin liegen die Ursachen?
In einem Zeitungsartikel vom 30.3.74 mit der Schlagzeile, "Geht der Denkmalschutz an den Bürgern vorbei?" heißt es: "Als Anno 1827 König Ludwig eine Verordnung erließ, wonach in Bayern alle Kunstdenkmäler zu erfassen seien, reagierten seine Untertanen recht ungehorsam: Die Liste wurde nie fertiggestellt. Knapp eineinhalb Jahrhunderte später, am 1.10.1973, nahm wieder eine bayerische Staatsregierung die Aufgabe in Angriff. Kraft Denkmalschutzgesetz soll es in den weißblauen Landen keinen historisch wertvollen Stein mehr auf einem anderen geben, der nicht inventarisiert worden ist. Aber als das Landesamt für Denkmalpflege (LfD) an die Durchführung des Auftrages ging, mußte man feststellen: Aus dem stillen Ungehorsam war lautstarker Widerstand geworden. Denn Bürger und Gemeinden fühlen sich übergangen, klagen über zu große Macht des LfD, können nicht einsehen, was etwa an einem abbruchreifen Stall noch schützenswert sein soll. Und quer durch den Freistaat erklingt die bange Frage: Wer schützt uns vor den Denkmalschützern?"
Warum setzen nun die Bürger, mit denen vor allem die Denkmalbesitzer gemeint sind, und die Gemeinden dieser Denkmalliste soviel Widerstand entgegen? Was die Erstgenannten betrifft, so fühlen sie sich an ihre zum Teil abbruchreifen Gebäude gebunden und können nicht mehr frei über sie bestimmen. So erfuhr z.B. ein Hausbesitzer erst durch ein Photo im Münchner Merkur, daß sein Gebäude offenbar wertvoll sei und auf der Liste stehe. Er war ganz verzweifelt, denn soeben hatte er begonnen, das Haus abzureißen.
Wer aber glaubt, durch die bisher gerne geübte Praxis, durch Überbelegung oder einfach Verfallenlassen zur gewünschten Baufälligkeit und damit auch zur Abbruchgenehmigung zu gelangen, der kann mit einer Strafe bis zu 250000 DM rechnen. Aber kann man es einem Altbaubesitzer verübeln, wenn er sein unrentables Haus abreißen und statt dessen auf dem meist wertvollen Grundstück einen gewinnbringenderen Neubau hinstellen will? Sogar bauliche Veränderungen in der Nähe eines geschützten Denkmals müssen vom LfD genehmigt werden. Dazu Art.6 Veränderungsverbote: Wer in der Nähe von Baudenkmälern Anlagen errichten, verändern oder beseitigen will, bedarf der Erlaubnis.
Minderbemittelte Denkmalbesitzer können mit finanzieller Hilfe rechnen, wenn ihre Anwesen reparaturbedürftig sind, aber jeder muß - eventuell sogar gegen seinen Willen Maßnahmen zur Erhaltung des Bestandes seines Baudenkmals dulden. Das Gesetz sieht hier die Möglichkeit zu Zwangsreparaturen vor, mehr noch, der Besitzer kann notfalls enteignet werden.
Auch bei der Nutzung von Baudenkmälern will das LfD ein Wörtchen mitreden. Art.5 Nutzung von Baudenkmälern: ... Die Eigentümer und die sonst dinglich oder obligatorisch zur Nutzung Berechtigten können bei Vorliegen der Voraussetzungen des Art.4 Abs. 2 verpflichtet werden, eine bestimmte Nutzungsart durchzuführen;...
So nachteilig dieses neue Gesetz für Denkmalbesitzer ist, so nützlich ist es doch zum Schutze der Denkmäler gegen Baugesellschaften, Großkonzerne und Kaufhausgesellschaften, die bevorzugterweise nur in historischen Stadtvierteln und dort mit modernen Gebäuden auf Kosten der Altbauten expandieren, indem sie alte Häuser aufkaufen, abreißen und moderne Betonkästen hinbauen. Beispiele dafür gibt es genug und zeigen, wie notwendig dieses Gesetz vor allem für die Erhaltung der historischen Stadtbilder ist. Man denke nur an die vielkritisierte Kaufhoffassade am Marienplatz in München.
Sogar für millionenschwere Baukonzerne ist eine Abbruchstrafe von 500 000 DM kaum mehr in die Baukosten einzukalkulieren. Auch eine Genehmigung zum Abbruch ist nicht attraktiv, denn um ein zustimmendes Gutachten des LfD zu erhalten ist in der Regel mit 2 Jahren Bearbeitungszeit zu rechnen. Bei der personellen Situation des LfD - 1973 hatte es drei Beamte für Oberbayern, einschließlich München, für ganz Oberfranken nur einen einzigen- dürften kürzere Bearbeitungsfristen kaum zu erwarten sein. Die heutigen Preissteigerungen wirken sich bei diesen Wartezeiten zusätzlich abbruch- bzw. baulustdämpfend aus. Wird so profitgierigem Bauen ein Riegel vorgeschoben, hat dies gleichzeitig für Privatleute, die ihr Denkmal reparieren lassen müssen große Nachteile. Zeit ist Geld, und je länger die Bearbeitungsfrist dauert, desto teurer wird die Renovierung.
Für eine Renovierung der Stützmauern, wie sie am Ostflügel und am Nordtrakt unseres Schlosses dieses Jahr nötig ist, (vgl. Abb. 17 muß laut Kostenvoranschlag eine mittlere fünfstellige Summe aufgebracht werden. Auf solche Beträge wirkt sich die kleinste Teuerung im Bausektor natürlich nachteilig aus. Ein Zuschuß vom LfD ist für das Jahr 1974 außerdem nicht mehr zu erwarten, da bereits im Januar, so erklärte mir Konservator Dr. Benker, alle finanziellen Hilfen bereits restlos vergeben waren.
Dies ist kein Wunder bei einem jährlichen Etat von 3 Mill. DM, einer freiwilligen Leistung, mit der sich der Staat - wie schon seit Jahren - an den Kosten des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege beteiligt. Rechnet man den Betrag allein auf die große Zahl der Bau- und Bodendenkmäler um, die laut neuer Denkmalliste etwa 40 000 in Bayern beträgt, so bleiben pro Bauwerk und Jahr 75 DM. Wäre es da nicht viel sinnvoller, wenige bedeutende Denkmäler "richtig" zu schützen und zu erhalten, als viele nur ein bißchen?
Eine neue anerkennende Errungenschaft des Denkmalschutzgesetzes ist die Bereitstellung eines Entschädigungsfonds, der vom Freistaat Bayern und von den Gemeinden gemeinsam mit je 10 Mill. DM jährlich getragen wird, wobei eine Steigerungsrate von 5% für jedes weitere Jahr festgesetzt wurde. Dies dürfte bei einer schätzungsweise jährlich zunehmenden Teuerung auf den Bausektor von durchschnittlich 10% jedoch nicht ausreichend sein. Dadurch wird zwar der Schutz der Denkmäler erhöht, eine Unterstützung der Besitzer ist dieser Fond jedoch kaum, in Gegenteil, für sie hat er oft nur Bedeutung im Falle einer Enteignung.
Kritisch zu beleuchten ist auch die ungenügende Information der Eigentümer. Viele wußten noch nicht einmal, daß sie auf der Denkmalliste stehen und erfahren es wie in dem einen, oben erwähnten Fall erst aus der Zeitung. Professor Gebhard nennt es ein technisches Problem, und man werde dies, sobald die Listen fertig sind, nachholen. Jedermann könne dann die Listen einsehen. Und zum Trost für diejenigen Hausbesitzer, die ihr Denkmal allzu sehr drückt, weil sie vielleicht tief dafür in die Tasche greifen müssen, verweist der Generalkonservator auf einen ganz besonderen Aspekt: "Steht man in der Liste, hat man das Recht auf kostenlose Beratung durch das LfD bei der Instandsetzung seines Hauses."(Artikel vom 30.3.74) Im übrigen gilt der Satz: Eigentum verpflichtet (Grundgesetz Art.14). Wird ein Zuschuß vom LfD gewährt, erlaubt sich das LfD aus der kostenlosen Beratung eine Vorschrift zu machen. So müssen z.B. ein bestimmter Putz oder besondere Dachziegel verwendet werden.
Diese Erfahrung machte auch mein Vater, als er 1957 die Schloßdächer des Ostbaues mit einer Fläche von ca. 500 qm neu eindecken ließ. Der ursprüngliche Plan des LfD, die Dächer mit "Mönch und Nonne" einzudecken war aus zwei Gründen nicht realisierbar: Erstens hätten die alten Dachstühle das hohe Gewicht nicht getragen, zweitens wären die Kosten unverhältnismäßig hoch gewesen. So einigte man sich auf Vorschlag meines Vaters auf gewöhnliche Falzziegel, und ein Zuschuß von 10% wurde ihm zugesichert. Da die ursprüngliche Dachdeckung infolge der Witterungseinflüsse beinahe schwarz war, und mein Vater darauf bedacht war, das alte gewohnte Bild wiederherzustellen, begann man mit schwarzen Ziegeln zu decken. Als der Gutachter des LfD dies bei einem Kontrollbesuch sah, erklärte er, daß die Behörde lieber rote Dachziegel hätte und stellte die Alternative: "Entweder sie nehmen die roten Ziegel oder sie können keine finanzielle Hilfe erwarten!" Von dem schon fast eingedeckten Ostbau wurden also alle Platten wieder abgenommen und durch rote ersetzt. Die Ziegelei Meindl in Isen zeigte sich zum Glück großzügig, nahm die schwarzen Dachplatten wieder zurück und tauschte sie gegen die gewünschten roten ein. Als eine kurze Zusammenfassung meiner Ausführungen zu Punkt 4 könnte man Art. 24 des Denkmalschutzgesetzes zitieren: Grundrechtseinschränkung: Die Grundrechte der Unverletzlichkeit der Wohnung, der freien Entfaltung der Persönlichkeit und des Eigentums werden durch dieses Gesetz eingeschränkt.
Wenn ich hier hauptsächlich die möglichen Auswirkungen des neuen Denkmalschutzgesetzes aus der Sicht der Denkmalbesitzer beschreibe, so ist es verständlich, daß diese "kritischen Anmerkungen" nicht immer objektiv sein können. Das Denkmalschutzgesetz ermöglicht dem LfD gegen den Raubbau, den man mit den historisch wertvollen Denkmälern treibt, einzuschreiten. Der Denkmalschutz kann damit erst wirksam betrieben werden.
Dennoch darf das Gesetz nicht einseitig auf Verbote- und Zwangsparagraphen aufgebaut werden, die sich, wie es scheint, nachteilig für die Eigentümer auswirken. Gleichzeitig müßte es ihnen großzügigere steuerliche Vergünstigungen und Subventionen als bisher garantieren, um so den sicherlich bestehenden Wunsch der meisten Besitzer zu unterstützen, ihr Gut zu erhalten und zu pflegen. Gerade für die BRD, der als sog. Wirtschaftswunderland die größte Wohlstandsentwicklung seit der Währungsreform zugeschrieben wird, dürfte eine angemessene finanzielle Unterstützung wertvoller Kulturgüter nicht zu problematisch sein.
2.2 Probleme der Erhaltung und Nutzung der Denkmäler
Wie nun die Eigentümer mit den Problemen der Erhaltung und Nutzung ihrer Burgen und Schlösser fertig werden, möchte ich hier, wiederum aus der Sicht der Schloßbesitzer schildern. Sollten dabei meine Ausführungen etwas ironisch gefärbt sein, so fasse man dies als eine Art Galgenhumor auf. Einige dieser Probleme möchte ich auch an Hand von Zeitungsartikeln veranschaulichen.
In unserer heutigen sozialen Wohlstandsgesellschaft erhebt sich die Frage, wie es sich im Zeitalter der hochrationalisierten Wohn- und Lebensweise und der Verknappung aller Haushaltskräfte in den weitläufigen Burgen und Schlössern leben läßt, wie bei den hochgestiegenen und immer noch steigenden Baupreisen und den sich rarmachenden Handwerksleuten die altersschwachen Tore, Türme und Mauern instandgesetzt werden sollen, wo schon die Erhaltung eines Eigenheimes genug Mühe und Geld kostet! Diese Frage ruft keinen Neid und keine Schadenfreude der Außenstehenden mehr hervor, denn jeder weiß hinreichend aus Zeitung und Illustrierten, daß viele Schlösser verfallen oder verschenkt werden, wenn sie nur einen Abnehmer fänden.
Wir haben dieses Problem, unser Schloß "loszuwerden" seit 18 Jahren genossen, und da es auf der Liste der zum Verkauf stehenden Schlösser steht, hat es uns an Kauflustigen nie gefehlt. Die Interessentengruppe reichte von reichen Amerikaner über Showstars und religiösen Sekten bis hin zur Hippiegruppe. Aber nach einigen neugierigen Blicken und auch abfälligen Bemerkungen suchten sie schnell das Weite. Ein gewitzter Zeitungsreporter putschte alles auf, verdrehte die Sache etwas, und plötzlich wurde unser Schloß durch die AZ mit der Schlagzeile: "Wollen Sie ein Schloß geschenkt?" in ganz München berühmt (vgl. Artikel 1, Artikel 2a und Artikel 2b) .
Nutzungskonzepte und Rentabilität - Beispiele
Aber nicht nur uns geht es so, sondern auch der Staat möchte Schlösser, die ihm unrentabel erscheinen abstoßen (vgl. Artikel 3) . Nicht in jedem Fall findet man eine glückliche Lösung, indem man ein Schloß in ein Rathaus umfunktioniert (vgl. Artikel 4) .
Kaum ein Mensch wünscht sich heute mehr in einer unter Denkmalschutz stehenden Ritterburg zu wohnen. Der Fiskus läßt dem Privaten nur geringe Mittel, solche an allen Seiten abrutschenden und bröckelnden Felsennester zu erhalten. In rapider Weise verlieren die wenigen, noch erhaltenen Burgen ihre ursprünglichen Besitzer. An die Stelle der privaten Hand treten manchmal zahlungskräftige Organisationen: Ein städtischer Ausschuß erbarmt sich eines solchen Verkaufsobjektes für die Unterbringung von Ferienkindern oder alten Leuten. Auch für ein Hotel oder Restaurant kommt es hie und da in Frage, aber nur für denjenigen mit dicker Brieftasche, der es erst mit hohen finanziellen Aufwendungen modern ausbaut, denn kein Gast möchte auf ein Zimmer mit Bad und WC verzichten (vgl. Artikel 5) . Dann wird die Werbetrommel gerührt und die Gäste erhalten eine billige Vorstellung vom romantischen Raubritterleben (vgl. Artikel 6) . Dr. Kunstmann berichtet von 36 Schlössern, die zu Ferienhotels umgebaut wurden. Heute dürfte die Zahl bereits höher sein. "Die Gäste erleben hier eine Burgenromantik, die an sich nie bestanden hat, denn welche Burg ist heute noch in ihrem ursprünglichen Zustande erhalten? Außerdem wird jetzt den Besuchern ein Komfort geboten, den es - auf mittelalterliche Zeiten übertragen - bestenfalls auf einem Fürstenschloß gegeben hat."[26] Sitzt aber wirklich noch eine alte Familie in einem Schloß, das von Bedeutung ist und auch einige historische Kunstschätze vorzuweisen hat - was für Burgrain nicht zutrifft - so ist sie längst von der Touristik bis in die innersten Räume zurückgedrängt und muß sich die Neugier gefallen lassen, die die Fremden für den schaurigen Käuzchenschrei bereit haben, der noch irgendwo in den morschen Gemäuern haust. Eine glückliche Lösung ist mir bei Freiherr von Wintzigerode bekannt, der die Burg Pottenstein in der fränkischen Schweiz in 20 Jahren mühseliger Arbeit in ein gutbesuchtes Museum verwandelt hat. Dazu hatte er seinen Beruf aufgegeben, um sich ganz seiner Burg widmen zu können. Um seiner Ausstellung noch einen besonderen Reiz zu geben, hat er in dem ehemaligen Zeughaus ein burgkundliches Museum eingerichtet. Die Besucher erhalten so eine Vorstellung von dem früheren Leben auf einer Burg und auch von einigen Techniken, wie Feinde eine Burg oft mit Erfolg belagern und einzunehmen pflegten. Die Negative für diese Bildersammlung wurden ihm freundlicherweise von Dr. Werner Mayer, dem Burgenforscher zur Verfügung gestellt.
Unbequemes, teures Wohnen
Was hält die Burgenbewohner in ihren Gemäuern, daß sie wider aller Fortschritte modernen Wohnens die Unbequemlichkeit kalter Steinpaläste auf sich nehmen, krank werden und ihre Ersparnisse dem unaufhaltsamen Verfall opfern? Selbst eine Zentralheizung, die wie bei uns fast das ganze Jahr in Betrieb ist, um den Modergeruch in der Diele nicht aufsteigen zu lassen und dafür 20 000 Liter teures Heizöl verschlingt, kann die dicken alten Mauern kaum erwärmen. Nach wie vor sind die Gänge kalt und das Fenster des Badezimmers im Winter mit Eisblumen geschmückt. Die Fußböden sind so uneben, daß man für eine empfindliche Stereoanlage erst mit Hilfe einer Wasserwaage eine waagrechte Stellfläche schaffen muß, für die schiefen Wände kann man sich eine hübsche Tapete aus dem Kopf schlagen, wenn man Ärger mit nicht übereinstimmenden Mustern vermeiden will. Bei heftigen nächtlichen Gewittergüssen höre ich meinen Vater oft auf dem Speicher Unterstellwannen hin und her schieben die an den undichten Stellen wenigstens notdürftig das Wasser auffangen sollen. Bei jedem neuen elektrischen Gerät fragen wir uns, ob dies die alten Leitungen noch verkraften können und die Sicherung hält. Allein die Arbeit, 50 Fenster zu putzen, ist nicht zu verachten.
Dennoch könnten wir auf unsere großzügige Wohnung mit 11 Zimmer und den langen Gängen kaum verzichten. Wo sollten wir allein mit den vielen alten Möbelstücken und unzähligen Bildern hin, die zwar kaum als historisch wertvoll zu bezeichnen sind, uns aber doch am Herzen liegen, und wir uns von ihnen nicht gerne trennen möchten. Außerdem hat man von jedem Zimmer aus einen herrlichen Blick in das Isental, und die Ruhe ist unbezahlbar, vor allem dann, wenn man aus dem 40 km entfernten hektischen München kommt. Die günstige Lage zu München, die herrliche Landschaft und die absolute Ruhe machen Burgrain attraktiv, nicht nur für Sonntagsausflügler, sondern auch für unsere Verwandten und Bekannten, die sich oft für ein paar Tage hier erholen wollen und uns mit Ihrem Besuch "beglücken". Die wenigsten sehen dabei den Verfall, der sich in den unbewohnten Gebäuden allmählich breit macht. Im soliden Palas, der auch die Zwangseinquartierung nach dem Krieg verhältnismäßig gut überstanden hat, nagt außer dem Holzwurm noch kein "Zahn der Zeit", während in dem schlecht erbauten Wittelsbacher Bau die Zimmerdecken als Folge der Feuchtigkeit einstürzen, und an den Wänden "Pilzkulturen" entstehen. Das Bräuhaus, während der Landwirtschaft noch Getreidespeicher, beherbergt nun Mäuse und im Gebälk sitzt der Schwamm.
Wie viele Burgenbesitzer hat mein Vater die meisten Wälder und viel Grund verkauft, damit wenigstens die notwendigsten Reparaturen durchgeführt werden konnten. Außerdem stellen die Zinsen des Vermögens unseren Lebensunterhalt dar. Die meisten Burgenbesitzer scheuen keine Kosten und keine Unannehmlichkeiten, nur um alles zu erhalten und darin weiterleben zu können. Sie sind wohl alle vom Geiste jenes Ritters infiziert, den der Dichter Cervantes in Don Quijote verewigt hat, denn sie lieben ihre bröckelnden Burgen wie eine Prinzessin, obwohl sie ihnen das Geld aus der Tasche zieht, nicht anders wie Don Quijote seine Dulcinea als die herrlichste aller Frauen anbetete, die doch nur eine betrügerische Bauernmagd war.
So von allen guten Geistern verlassen sind die Burgenbesitzer wieder nicht, daß sie zwecks Erhaltung ihrer Burgen nicht alles Erdenkliche getan hätten. Die einen haben sich als Gastronom versucht, eine Wendung um 180 Grad also, denn wer hätte je gedacht, die hohe Tugend der Gastlichkeit plötzlich mit kommerziellen Vorteilen zu verbinden? Dieser salto-mortale wird aber meist nur über harte Schläge und Rückschläge erlernt. Mag es wohl eine erfreuliche Bereicherung durch Bekanntschaft mit vielerlei Menschen geben, es bleibt das Wütchen nicht erspart, in der Bedienerrolle gelegentlich zusehen zu müssen, wie in den ehrwürdigen Räumen der Ahnen eine Touristenhorde grölt und in Hosenträgern am Tisch sitzt.
Krafft Freiherr von Crailsheim, Besitzer von Schloß Amerang, weiß sein Schloß mit viel Initiative und Ideenreichtum zu erhalten. Wohl in ganz Bayern berühmt sind seine Schloßkonzerte, die er seit 10 Jahren jeden Sommer in dem schönen Renaissance-Arkadenhof - erbaut von den Scaligern im 16. Jahrhundert - veranstaltet. Dieser Hof ist für Konzerte akustisch wie geschaffen, aber die wenigsten Schlösser eignen sich dafür (vgl. Artikel 7-Teil1 und 7-Tei2) . Außerdem stellt der Baron die Räumlichkeiten seines Schlosses für Tagungen und Hochzeiten zur Verfügung, wobei sich die Baronin nicht scheut, selbst die Bedienung der Gäste zu übernehmen. Eine weitere Geldquelle ist die Dackelzucht des Barons, für die er geschäftstüchtig an Konzertabenden wirbt, indem er die herumtollenden Welpen mit Flutlicht bestrahlt und kein Besucher ohne ein entzücktes "Nein, wie süß" an ihnen vorbeikommt. Ein renovierter Saal beherbergt Ausstellungen von Rosenheimer Künstlern, die während der Konzertpausen zu besichtigen sind, wie auch das übrige Schloß den Gästen zur Besichtigung geöffnet ist.
Doch nicht jeder Burgbesitzer verträgt soviel Rummel und manch einer hat sich - wie in früheren Belagerungszeiten in das Nebenhaus zurückgezogen, um die Haupträume, oft auch Garten und Park, der Besichtigung freizugeben. Selten schätzen jedoch die aufgestellten Schilder "Privatgrund, Zutritt verboten" vor den wißbegierigen Besuchern, um das Gefühl "my home is my castle" noch genießen zu können, wie jeder Eigentumsbesitzer dies für sich in Anspruch nehmen kann. Außer von dem Schloßgespenst, das "Verfall" heißt, ist von keinem weiteren Schloßgeist etwas zu berichten. Sicherlich sind solche noch vorhanden, denn sie spuken in dem Gehirn der Leute so stark, daß selbst ehrbare Christen aus lauter Furcht vor ihnen zu keinem Nachtrundgang im Schloß zu bewegen sind. Doch je mehr Spukgeschichten eine Burg aufzuweisen hat, desto interessanter ist sie für Besucher, und um so höher steigen die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern. Die obligatorischen Burgverliese wurden dem Schauerverlangen der Gäste entsprechend mit alten Knochen garniert und schwere Ketten mit Fußschellen in die Wände eingelassen.
Am schwersten zu tragen dürfte ein Schloß wohl für Erbengemeinschaften sein. Die Mitbesitzer haben sich oft durch Generationen hindurch auseinandergelebt. So zerbricht jeder Opfersinn an der mangelnden Einigkeit und jede Einigkeit an den zahlreichen Ärgernissen, die das enge Aufeinanderwohnen mit sich bringt, da keine abgeschlossenen Wohnungen vorhanden sind. Oder die Besitzer sind aus beruflichen Gründen nicht in der Lage, das Schloß zu bewohnen. Sie kommen mit ihren Familien nur über die Ferien und wollen sich dann erholen und nichts von einer fälligen Reparatur wissen. Keiner fühlt sich recht verantwortlich für den alten Familienbesitz. Die kostbaren Möbel und Bilder vergammeln in den feuchten Gängen. Ab und zu wird ein wertvolles Stück an ein Museum verkauft, um mit dem Erlös den Unterhalt der Burg zu garantieren. Oft ist so ein alter Besitz dann nur eine Last, die eben aus Traditionsbewußtsein mitgeschleppt wird.
Sollten wir Schloß Burgrain behalten, um die erst 55 Jahre alte Tradition fortzuführen, so werden auch meine beiden Brüder und ich später eine Erbengemeinschaft bilden. Dies erscheint uns günstiger, denn die Verantwortung und die finanzielle Belastung zusätzlich zu einem Beruf läßt sich von drei leichter tragen als von einem.
Wir glauben, daß es sich auch heute noch lohnt, trotz aller Stufen des inneren und äußeren Verfalls, aus dem Bewußtsein einer höheren Verpflichtung für die Erhaltung einer Familienburg einzutreten.
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References: Art.4
 Art. 22
 Art.6
 Art.5
 Art.4
 Art.14
 Art. 24