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Timestamp: 2018-05-26 08:08:47+00:00

Document:
BGH, 3 StR 569/08: BGH (stgb, unterbringung, anordnung, sicherungsverwahrung, wahrscheinlichkeit, therapie, sucht, wohnung, beschränkung, aufhebung)
Urteil des BGH vom 12.02.2009, 3 StR 569/08
3 StR 569/08
BGH (stgb, unterbringung, anordnung, sicherungsverwahrung, wahrscheinlichkeit, therapie, sucht, wohnung, beschränkung, aufhebung)
Stgb, Unterbringung, Anordnung, Sicherungsverwahrung, Wahrscheinlichkeit, Therapie, Sucht, Wohnung, Beschränkung, Aufhebung
Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 12. Februar
Auf die Revision der Staatsanwaltschaft wird das Urteil des Landgerichts Mönchengladbach vom 16. Juni 2008 im Maßregelausspruch mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben, auch soweit die Anordnung der Unterbringung des Angeklagten H. in
der Sicherungsverwahrung unterblieben ist.
1Das Landgericht hat den Angeklagten wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sowie wegen schweren Raubes zu
einer Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt, die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet und bestimmt, dass fünf Jahre Freiheitsstrafe vor der Unterbringung zu vollziehen sind. Die Staatsanwaltschaft wendet sich
mit ihrer auf sachlichrechtliche Beanstandungen gestützten Revision gegen das
Urteil, soweit die Anordnung der Sicherungsverwahrung unterblieben ist. Das
Rechtsmittel führt zur Aufhebung des gesamten Maßregelausspruchs.
2Nach den Feststellungen des Landgerichts verübte der vielfältig suchtkranke Angeklagte im November 2007 einen Überfall auf eine Apotheke, um
Benzodiazepine zu erlangen. Unter Vorhalt einer geladenen Gaspistole erzwang er die Herausgabe von Medikamenten. Anfang Dezember 2007 überfiel
er zusammen mit seiner ebenfalls drogenabhängigen Lebensgefährtin, der Mitangeklagten S. , einen ihnen bekannten Drogenhändler in dessen
Wohnung. Sie wollten ihm gewaltsam Heroin wegnehmen. Um den Widerstand
des ihnen körperlich überlegenen Opfers auszuschalten, nahmen sie ein Messer mit, mit dem der Angeklagte dem ahnungslosen Opfer unmittelbar nach Betreten der Wohnung unvermittelt in die Brust stach und dabei dessen Tod zumindest billigend in Kauf nahm. Obwohl durch einen Stich in die Herzgegend
lebensgefährlich verletzt, gelang es dem Überfallenen, dem Angeklagten das
Messer zu entwinden, worauf beide Angeklagte flüchteten.
3Das Landgericht hat nicht ausschließen können, dass die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten bei dem Raub aus Angst vor unmittelbar bevorstehenden Entzugserscheinungen sowie bei dem Mordversuch wegen einer akuten
Intoxikation erheblich vermindert war. Es hat deshalb einen minder schweren
Fall des Raubes angenommen und eine Einzelfreiheitsstrafe von sechs Jahren
sowie wegen des Mordversuchs aus dem zweifach gemilderten Strafrahmen
des § 211 StGB eine Einzelfreiheitsstrafe von acht Jahren verhängt. Daraus hat
es die Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Jahren gebildet.
4Wegen des Hangs des Angeklagten zum Betäubungsmittelmissbrauch,
auf dem die verfahrensgegenständlichen Taten beruhen und der mit allergrößter, nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit zu weiteren erheblichen Taten des Angeklagten führen wird, hat das Landgericht die Unterbringung in der
Entziehungsanstalt (§ 64 Satz 1 StGB) angeordnet. Deren Erfolgsaussicht (§ 64
Satz 2 StGB) hat es angesichts der Therapiemotivation des Angeklagten als
günstig angesehen.
5Die Anordnung der Sicherungsverwahrung hat das Landgericht im Hinblick auf § 72 Abs. 1 StGB abgelehnt und dies damit begründet, dass nach den
Ausführungen des gehörten Sachverständigen, denen es sich angeschlossen
hat, "mit höchster Wahrscheinlichkeit davon auszugehen" sei, die Unterbringung in der Entziehungsanstalt sei ausreichend, um die von dem Angeklagten
ausgehende Gefahr zu beseitigen. Dass der Angeklagte in der Vergangenheit
mehrfach Therapien auf der Grundlage von § 35 BtMG abgebrochen habe, stehe dem nicht entgegen, da diese nicht unter Rahmenbedingungen stattfänden,
die für eine erfolgreiche Behandlung des Angeklagten erforderlich seien. Die
Möglichkeit, eine Therapie leicht und jederzeit abzubrechen, bestehe bei einer
Unterbringung nach § 64 StGB nicht.
61. Die Beschränkung des Rechtsmittels auf die Nichtanordnung der Sicherungsverwahrung ist unwirksam. Vorliegend kann die Anordnung der Maßregel nach § 66 StGB nicht getrennt von derjenigen nach § 64 StGB geprüft
werden, denn nach den Gründen des angefochtenen Urteils liegt es mehr als
nahe, dass allein die vom Landgericht angenommene hohe Wahrscheinlichkeit
des Therapieerfolgs der Unterbringung nach § 64 StGB der Anordnung der Sicherungsverwahrung gegen den Angeklagten entgegenstand. Die Revision erfasst deshalb den Maßregelausspruch insgesamt. Darüber hinaus bestehen
gegen die Beschränkung indes keine Rechtsbedenken; denn eine Abhängigkeit
der Strafhöhe vom Maßregelausspruch ist hier zu verneinen (vgl. BGHR StGB §
66 Strafausspruch 1).
72. Die Anordnung der Unterbringung des Angeklagten in einer Entziehungsanstalt nach § 64 StGB hält rechtlicher Nachprüfung nicht stand. Sie ist
nur zulässig, wenn eine hinreichend konkrete Aussicht besteht, den Angeklagten durch die Behandlung zu heilen oder eine erhebliche Zeit vor dem Rückfall
in den Hang zu bewahren und von der Begehung erheblicher rechtswidriger
Taten abzuhalten, die auf seinen Hang zurückgehen. Das Landgericht hat seine
Überzeugung von der Erfolgsaussicht auf den gehörten Sachverständigen gestützt. Dieser hat ausgeführt, der Angeklagte sei in der Lage, "eine Therapie mit
der Zielsetzung einer dauerhaft abstinenten Lebensführung oder zumindest in
Bezug auf Suchtmittelkonsum streng kontrollierten Lebensführung unter Vermeidung eines unkontrollierten und anhaltenden Suchtmittelkonsums zu bewältigen". Er sei "nicht intellektuell beeinträchtigt und weise, abgesehen von seiner
Sucht, keine persönlichen Strukturdefizite entsprechend einer Persönlichkeitsveränderung auf" (UA S. 59 f.). Dies widerspricht den Darlegungen des Landgerichts zur erheblich verminderten Steuerungsfähigkeit des Angeklagten zum
Zeitpunkt des Mordversuchs. Insoweit hat das Landgericht - ebenfalls den Darlegungen des Sachverständigen folgend - ausgeführt, die Polytoxikomanie des
Angeklagten habe zu einer "Persönlichkeitsveränderung" geführt. Der "langjährige Drogenkonsum habe die Lebenssituation des Angeklagten erheblich geprägt und beeinflusst." Dieser befinde sich "seit Jahrzehnten in den Stadien einer Drogenbindung und Drogenkonditionierung." Bei ihm sei aufgrund von "Epilepsieanfällen bei Benzodiazepinentzug … von einer Hirnschädigung auszugehen." Zudem bestehe bei ihm "ein erhebliches persönliches Strukturdefizit" (UA
8Der Widerspruch entzieht der Feststellung einer Erfolgsaussicht im Sinne
von § 64 Satz 2 StGB die Grundlage. Über die Verhängung dieser Maßregel ist
neu zu entscheiden. Der Wegfall der Unterbringung nach § 64 StGB führt dazu,
dass auch über die Frage einer Anordnung der Sicherungsverwahrung nochmals entschieden werden muss (s. oben 1.).
93. Sollte der neue Tatrichter nach Beratung durch einen - sinnvollerweise
anderen - Sachverständigen (vgl. § 246 a StPO) erneut zur Anordnung der Unterbringung nach § 64 StGB kommen, wird er zu prüfen haben, ob auch die
Voraussetzungen der Unterbringung in der Sicherungsverwahrung vorliegen.
Diese sind vom Landgericht bislang nicht ausdrücklich festgestellt worden, indes - wie ausgeführt - naheliegend. Das Absehen von der Anordnung der Sicherungsverwahrung im Hinblick auf die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt würde ein hohes Maß an prognostischer Sicherheit voraussetzen, dass
allein mit der Maßregel nach § 64 StGB die vom Angeklagten ausgehende Gefahr beseitigt werden kann (BGH NStZ 2000, 587 [1 StR 263/00]; 2007, 328
[3 StR 360/06]; NStZ-RR 2008, 336 [4 StR 152/08]). Dabei werden nicht nur die
vielfachen Therapieabbrüche in der Vergangenheit (nach den bisherigen Feststellungen mindestens acht), sondern auch der Umstand zu beachten sein,
dass der Angeklagte, soweit dies im Urteil mitgeteilt wird, auch mehrfach wegen
anderer, mit seiner Polytoxikomanie nicht erkennbar in Zusammenhang stehender Straftaten verurteilt worden und es deswegen als möglich erscheint,
dass die Gefährlichkeit des Angeklagten auch von Umständen jenseits seiner
Sucht ausgeht.
10Sofern erneut eine Entscheidung nach § 67 Abs. 2 StGB zu treffen sein
wird, verweist der Senat insoweit auf die Gründe seines heutigen, auf die Revision des Angeklagten ergangenen Beschlusses.

References: BGH 
 BGH 

BGH 
 § 211
 § 72
 § 35
 § 64
 § 66
 § 64
 § 64
 §
66
 § 64
 § 64
 § 64
 § 246
 § 64
 § 64
 § 67