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Timestamp: 2020-08-12 15:48:50+00:00

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Wirkungsloser Verzicht auf mündliche Verhandlung vor dem Finanzgericht | Rechtslupe
Wir­kungs­lo­ser Ver­zicht auf münd­li­che Ver­hand­lung vor dem Finanz­ge­richt
Ein vom Klä­ger erklär­ter Ver­zicht auf münd­li­che Ver­hand­lung wird wir­kungs­los, wenn das FG gleich­wohl eine münd­li­che Ver­hand­lung anbe­raumt. Das FG darf danach nur dann ohne münd­li­che Ver­hand­lung ent­schei­den, wenn die Betei­lig­ten erneut dar­auf ver­zich­ten.
Eine ohne erneu­te Ein­wil­li­gung ohne münd­li­che Ver­hand­lung getrof­fe­ne Ent­schei­dung ver­letzt den Anspruch der Klä­ger auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) und stellt eine Rechts­ver­let­zung im Sin­ne von § 119 Nr. 3 und Nr. 4 FGO dar.
Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist ein Ver­fah­rens­man­gel im Sin­ne der vor­ge­nann­ten Vor­schrift u.a. dann anzu­neh­men, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ent­schei­dung des FG ohne münd­li­che Ver­hand­lung nach § 90 Abs. 1 und Abs. 2 FGO nicht gege­ben sind [1].
Das Feh­len die­ser Vor­aus­set­zun­gen haben die Klä­ger im hier ent­schie­de­nen Streit­fall nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs zu Recht gel­tend gemacht. Denn das Finanz­ge­richt konn­te im Zeit­punkt sei­ner Ent­schei­dung nicht mehr von einem Ver­zicht der Klä­ger auf münd­li­che Ver­hand­lung auf der Grund­la­ge ihres vor­be­halt­los erklär­ten Ein­ver­ständ­nis­ses vom 11. Mai 2010 aus­ge­hen.
Die­ses Ein­ver­ständ­nis hat­te näm­lich durch die Anbe­raumung der münd­li­chen Ver­hand­lung sei­ne pro­zess­recht­li­che Wir­kung ver­lo­ren. Eine Ver­zichts­er­klä­rung wird wir­kungs­los, wenn das Gericht selbst den Betei­lig­ten gegen­über zum Aus­druck bringt, dass es eine Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung allein durch den frü­her erklär­ten Ver­zicht nicht mehr für hin­rei­chend legi­ti­miert ansieht. So ver­braucht sich der erklär­te Ver­zicht durch eine erneu­te Anfra­ge des Gerichts und deren Ableh­nung durch die Betei­lig­ten [2] eben­so wie durch einen sich an einen frü­he­ren Ver­zicht anschlie­ßen­den Auf­la­ge­be­schluss [3] oder durch die Anbe­raumung eines Erör­te­rungs­ter­mins unter Anord­nung des per­sön­li­chen Erschei­nens der Betei­lig­ten [4].
Die­se ein­schrän­ken­de Aus­le­gung der Ver­zichts­er­klä­rung und die Beschrän­kung ihrer Wir­kung bis zur nächs­ten eine Sach­ent­schei­dung vor­be­rei­ten­den Ent­schei­dung des Finanz­ge­richts –wie hier der Anbe­raumung einer münd­li­chen Ver­hand­lung– ist auf­grund der beson­de­ren Inter­es­sen­la­ge der Betei­lig­ten gebo­ten [5]. Denn der Ver­zicht hat für die Betei­lig­ten weit­rei­chen­de Fol­gen, weil er als Pro­zess­hand­lung nach der Recht­spre­chung des BFH nicht wegen Irr­tums anfecht­bar und auch nicht frei wider­ruf­bar ist [6].
Danach ist die Ein­ver­ständ­nis- oder Ver­zichts­er­klä­rung nur auf die nächs­te Sach­ent­schei­dung durch den Spruch­kör­per zu bezie­hen [7]. Für das wei­ter gehen­de Ver­fah­ren ist dann zum Schutz der Pro­zess­be­tei­lig­ten ent­we­der ein wei­te­rer Ver­zicht auf die Durch­füh­rung der münd­li­chen Ver­hand­lung ein­zu­ho­len oder eine münd­li­che Ver­hand­lung anzu­be­rau­men [8].
Ist eine Ver­zichts­er­klä­rung nach den vor­ste­hen­den Maß­stä­ben wir­kungs­los gewor­den, ist eine gleich­wohl ohne münd­li­che Ver­hand­lung erge­hen­de Ent­schei­dung als ver­fah­rens­feh­ler­haft i.S. des § 119 Nr. 4 FGO auf­zu­he­ben [9].
Im Übri­gen weist der Bun­des­fi­nanz­hof dar­auf hin, dass im Streit­fall die Vor­aus­set­zun­gen einer Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung nach § 94a FGO nicht vor­ge­le­gen haben. Nach Satz 2 die­ser Vor­schrift muss auch in den Fäl­len, in denen der Streit­wert bei einer auf Geld­leis­tung gerich­te­ten Kla­ge 500 € nicht über­steigt, auf Antrag eines Betei­lig­ten münd­lich ver­han­delt wer­den. Der Antrag kann sowohl aus­drück­lich als auch kon­klu­dent gestellt wer­den [10]. Hat ein Betei­lig­ter –wie hier die Klä­ger– die Ver­le­gung einer münd­li­chen Ver­hand­lung bean­tragt, ist dies zugleich ein kon­klu­den­ter Antrag auf Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung (zu einem ande­ren Zeit­punkt).
Auf­grund des Ver­fah­rens­feh­lers ist das ange­foch­te­ne Urteil auf­zu­he­ben und die Sache an das FG zurück­zu­ver­wei­sen. Der Ver­fah­rens­feh­ler ist ein abso­lu­ter Revi­si­ons­grund, bei dem gemäß § 119 Nr. 4 FGO davon aus­zu­ge­hen ist, dass das ange­foch­te­ne Urteil auf der Ver­let­zung von Bun­des­recht beruht. Eine Sach­ent­schei­dung ist dem Bun­des­fi­nanz­hof ver­wehrt [11]. Im Hin­blick dar­auf kann der Bun­des­fi­nanz­hof dahin­ste­hen las­sen, ob die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung im Übri­gen ver­fah­rens­feh­ler­frei ist.
Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 10. März 2011 – VI B 147/​10
vgl. BFH, Urtei­le vom 04.11.1992 – X R 7/​92, BFH/​NV 1993, 372; vom 05.07.1995 – X R 39/​93, BFHE 178, 301, BStBl II 1995, 842; und vom 31.08.2010 – VIII R 36/​08, BFHE 231, 1, BStBl II 2011, 126; jeweils m.w.N.[↩]
BFH, Urteil in BFHE 231, 1, BStBl II 2011, 126[↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 09.08.1996 – VI R 37/​96, BFHE 181, 115, BStBl II 1997, 77; und in BFHE 231, 1, BStBl II 2011, 126[↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 20.06.1967 – II 73/​63, BFHE 90, 82, BStBl III 1967, 794; vom 26.11.1970 – IV R 131/​69, BFHE 101, 61, BStBl II 1971, 241; vom 04.04.1974 – V R 161/​72, BFHE 112, 316, BStBl II 1974, 532; BFH, Beschluss vom 07.02.1990 – III R 101/​87, BFH/​NV 1991, 402; für eine Zuläs­sig­keit des Wider­rufs bei wesent­li­cher Ände­rung der Pro­zess­la­ge: BFH, Urteil vom 06.04.1990 – III R 62/​89, BFHE 160, 405, BStBl II 1990, 744[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 181, 115, BStBl II 1997, 77; vgl. auch Stein/​Jonas/​Leipold, ZPO, 22. Aufl., § 128 Rz 60; Ortloff/​Riese in Scho­ch­/­Schmidt-Aßman­n/­Pietz­ner, VwGO § 101 Rz 11; Röß­ler, Deut­sche Steu­er-Zei­tung 1996, 190, 191[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 10.03.2005 – X B 182/​03, BFH/​NV 2005, 1068, m.w.N.; ande­rer Ansicht –kein Ver­brauch des Ver­zichts– Schall­mo­ser in Hübschmann/​Hepp/​Spi­ta­ler, § 90 FGO Rz 64; Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 90 FGO Rz 11 ff.; Gräber/​Koch, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 90 Rz 15[↩]
BFH, Urteil in BFHE 231, 1, BStBl II 2011, 126, m.w.N.[↩]
BFH, Urteil vom 22.09.1999 – XI R 24/​99, BFHE 190, 17, BStBl II 2000, 32, m.w.N.[↩]
sie­he BFH, Urtei­le vom 05.11.1991 – VII R 64/​90, BFHE 166, 415, BStBl II 1992, 425; vom 09.01.1997 – VII R 17/​96, BFH/​NV 1997, 507; und vom 18.02.1999 – I R 127–129/97, BFH/​NV 1999, 1464[↩]
Das Finanz­ge­richt und die Bin­dung an das Kla­ge­be­geh­ren Aus § 96 Abs. 1 Satz 2 FGO folgt, dass das Gericht der Klä­ge­rin weder etwas zuspre­chen darf, was die­se nicht bean­tragt hat („ne ultra…
„Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge“ – und die bei einem Detail ertapp­te… In einer Kon­stel­la­ti­on, in der „Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge“ steht und außer der Aus­sa­ge des ein­zi­gen Belas­tungs­zeu­gen kei­ne wei­te­ren belas­ten­den Indi­zi­en vor­lie­gen, muss sich der Tatrich­ter…

References: § 119
 § 90
 § 119
 § 94
 § 119
 § 128
 § 101
 § 90
 § 90
 § 90
 § 96