Source: https://www.bag-urteil.com/26-09-2017-1-abr-27-16/
Timestamp: 2019-01-20 01:12:44+00:00

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BAG – 1 ABR 27/16
NZA 2018, 108	DB 2018, 71
Auf die Rechtsbeschwerde der Arbeitgeberin wird der Beschluss des Landesarbeitsgerichts Schleswig-Holstein vom 9. Februar 2016 – 1 TaBV 43/15 – aufgehoben.
Auf die Beschwerde der Arbeitgeberin wird der Beschluss des Arbeitsgerichts Elmshorn vom 3. Juni 2015 – 1 BV 10 e/15 – abgeändert:
1 ABR 27/16 > Rn 1
1 ABR 27/16 > Rn 2
1 ABR 27/16 > Rn 3
Mit Schreiben vom 29. Januar 2015 verlangte der Betriebsrat Einsicht in Listen über die Bruttolöhne und -gehälter sämtlicher Arbeitnehmer des Unternehmens um nachvollziehen zu können, ob die Arbeitgeberin den unternehmenseinheitlichen Gleichbehandlungsgrundsatz beachte und die von ihm repräsentierte Belegschaft nicht benachteilige. Nachdem die Arbeitgeberin sich lediglich bereit erklärte, Einsichtnahme in eine betriebsbezogene Bruttoentgeltliste zu gewähren, hat der Betriebsrat – soweit für die Rechtsbeschwerde von Bedeutung – beantragt,
1 ABR 27/16 > Rn 4
1 ABR 27/16 > Rn 5
1 ABR 27/16 > Rn 6
1 ABR 27/16 > Rn 7
1 ABR 27/16 > Rn 8
1 ABR 27/16 > Rn 9
2. Der Antrag genügt den Anforderungen des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Ob der Betriebsrat vergangenheits- und unbeschränkt zukunftsbezogen Einsicht nehmen kann, ist eine Frage der Begründetheit und nicht – wie die Arbeitgeberin meint – der Bestimmtheit. Ein auf künftige Leistung gerichteter Antrag ist nach dem im Beschlussverfahren anwendbaren § 259 ZPO zulässig, wenn nach den Umständen die Besorgnis gerechtfertigt ist, der Arbeitgeber werde sich der rechtzeitigen Leistung entziehen (BAG 14. Januar 2014 – 1 ABR 54/12 – Rn. 16). Diese Voraussetzung ist vorliegend erfüllt. Die Arbeitgeberin hat sich bisher geweigert, die begehrte Einsichtnahme zu ermöglichen. Es ist daher zu besorgen, sie werde dem Begehren auch in Zukunft nicht nachkommen. Ihre Bereitschaft, dem Betriebsrat Einblick in betriebsbezogene Bruttoentgeltlisten des S Betriebs zu gewähren, steht dem nicht entgegen. Auf solche Listen ist der Antrag nicht gerichtet.
1 ABR 27/16 > Rn 10
II. Zu Recht haben die Vorinstanzen von weiteren Beteiligungen abgesehen. Nach § 83 Abs. 3 ArbGG haben in einem Beschlussverfahren neben dem Antragsteller diejenigen Stellen ein Recht auf Anhörung, die durch die begehrte Entscheidung in ihrer betriebsverfassungsrechtlichen Stellung unmittelbar betroffen sind (BAG 13. Dezember 2016 – 1 ABR 7/15 – Rn. 13, BAGE 157, 220). Der Gesamtbetriebsrat ist von einer Entscheidung im vorliegenden Verfahren nicht betroffen. Dem antragstellenden Betriebsrat geht es nicht um die Wahrnehmung eines Mitbestimmungsrechts nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG zur Aufstellung überbetrieblicher Entlohnungsgrundsätze, sondern um die Wahrnehmung eines innerbetrieblichen Überwachungsrechts. Entgegen der Auffassung der Arbeitgeberin ist auch der Betriebsrat des Betriebs B in einer betriebsverfassungsrechtlichen Position nicht ernsthaft berührt. Sein angekündigtes Begehren, die Arbeitgeberin habe es zu unterlassen, dem Betriebsrat des S Betriebs die Einsichtnahme in Entgeltlisten zu gestatten, in denen auch die Arbeitnehmer seines Betriebs aufgeführt seien, birgt nicht die ernsthafte Gefahr widerstreitender Entscheidungen. Ein solcher Anspruch findet im Betriebsverfassungsrecht keine Grundlage.
1 ABR 27/16 > Rn 11
1 ABR 27/16 > Rn 12
1. Nach § 80 Abs. 2 Satz 2 Halbs. 1 BetrVG sind dem Betriebsrat auf Verlangen jederzeit die zur Durchführung seiner Aufgaben erforderlichen Unterlagen zur Verfügung zu stellen. In diesem Rahmen ist der Betriebsausschuss berechtigt, in die Listen über die Bruttolöhne und -gehälter Einblick zu nehmen. Das Einsichtsrecht nach § 80 Abs. 2 Satz 2 Halbs. 2 BetrVG unterliegt aber den Grenzen der allgemeinen Regelung des § 80 Abs. 2 Satz 2 Halbs. 1 BetrVG. Danach setzt das Einsichtsrecht voraus, dass es zur Durchführung einer Aufgabe des Betriebsrats erforderlich ist. Ein solcher Aufgabenbezug ist regelmäßig schon deshalb gegeben, weil der Betriebsrat nach § 80 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG darüber zu wachen hat, dass die zugunsten der Arbeitnehmer geltenden Gesetze und Tarifverträge durchgeführt werden. Hierzu gehört auch die sich aus § 75 Abs. 1 BetrVG ergebende Verpflichtung des Arbeitgebers zur Beachtung des allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatzes (BAG 14. Januar 2014 – 1 ABR 54/12 – Rn. 23). Dieser findet allerdings unternehmensweit Anwendung, wenn eine verteilende Entscheidung des Arbeitgebers nicht auf einzelne Betriebe beschränkt ist, sondern sich auf alle oder mehrere Betriebe des Unternehmens bezieht (BAG 3. Dezember 2008 – 5 AZR 74/08 – Rn. 16, BAGE 128, 342).
1 ABR 27/16 > Rn 13
2. Aufgabe des Betriebsrats ist es aber, auf die Herstellung innerbetrieblicher Lohngerechtigkeit hinzuwirken. Dazu benötigt er die Kenntnis effektiv gezahlter Vergütungen, um sich ein Urteil darüber bilden zu können, ob insoweit ein Zustand innerbetrieblicher Lohngerechtigkeit existiert oder nur durch eine andere betriebliche Lohngestaltung erreicht werden kann. Ein Einsichtsrecht besteht deshalb auch dann, wenn der Betriebsrat gerade feststellen will, welche Arbeitnehmer welche Entgeltbestandteile erhalten und wie hoch diese sind. Grenzen des Einsichtsrechts liegen aber dort, wo ein Beteiligungsrecht oder eine sonstige Aufgabe offensichtlich nicht in Betracht kommt (BAG 23. Februar 2007 – 1 ABR 14/06 – Rn. 23 ff., BAGE 121, 139).
1 ABR 27/16 > Rn 14
1 ABR 27/16 > Rn 15
a) Der arbeitsrechtliche Gleichbehandlungsgrundsatz verpflichtet den Arbeitgeber in Bezug auf die bei ihm beschäftigten Arbeitnehmer. Dieser hat eine Gleichbehandlung auch betriebsübergreifend zu gewährleisten, wenn seine verteilende Entscheidung nicht auf den einzelnen Betrieb begrenzt ist, sondern sich auf alle oder mehrere Betriebe des Unternehmens bezieht. Dabei sind die Besonderheiten des Unternehmens und die seiner Betriebe zu berücksichtigen (BAG 3. Dezember 2008 – 5 AZR 74/08 – Rn. 16, BAGE 128, 342). Der unternehmensbezogene Gleichbehandlungsgrundsatz betrifft danach nicht die innerbetriebliche, sondern die überbetriebliche Lohngerechtigkeit und deren Gestaltung, für die ein Mitbestimmungsrecht nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG an den vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellten finanziellen Mitteln dem Gesamtbetriebsrat und nicht den örtlichen Betriebsräten zusteht. Das schließt eine darauf gerichtete Aufgabe des Betriebsrats aus.
1 ABR 27/16 > Rn 16
1 ABR 27/16 > Rn 17
1 ABR 27/16 > Rn 18
bb) Ein betriebsübergreifendes Einsichtsrecht folgt entgegen der Auffassung des Landesarbeitsgerichts auch nicht aus der Pflicht eines Arbeitgebers, den Betriebsrat über den betrieblichen Einsatz von Fremdpersonal oder freien Mitarbeitern zu informieren. Auch ein solcher Informationsanspruch verlangt, dass ein Beteiligungsrecht nicht offensichtlich ausgeschlossen ist (vgl. BAG 15. Dezember 1998 – 1 ABR 9/98 – zu B II 1 der Gründe, BAGE 90, 288).
Fasbender T. Klebe
Einsichtsrecht des örtlichen Betriebsrats in unternehmensweite Bruttoentgeltlisten,
NZA 2018, 108
DB 2018, 71

References: § 253
 § 259
 § 83
 § 87
 § 80
 § 80
 § 80
 § 80
 § 75
 § 87