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Timestamp: 2017-02-26 07:43:41+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 2 AZR 582/13
Häufi­ge Kurz­er­kran­kun­gen können ein Dau­er­tat­be­stand sein, der den Lauf der Frist des § 626 Abs. 2 BGB ständig neu in Gang setzt, so­bald und so­lan­ge wie sie den Schluss auf ei­ne dau­er­haf­te Krank­heits­anfällig­keit zu­las­sen und da­mit ei­ne ne­ga­ti­ve Ge­sund­heits­pro­gno­se be­gründen.
Arbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 9.11.2012 - 14 Ca 214/12Landesarbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 16.4.2013 - 2 Sa 107/12
2 AZR 582/13 2 Sa 107/12Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg Im Na­men des Vol­kes!
hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 23. Ja­nu­ar 2014 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Kreft, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt Ra­chor und Dr. Rinck so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Be­cker­le und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schipp für Recht er­kannt: - 2 - Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ham­burg vom 16. April 2013 - 2 Sa 107/12 - wird auf ih­re Kos­ten zurück­ge­wie­sen.
Mit Schrei­ben vom 9. De­zem­ber 2011 teil­te die Be­klag­te der Kläge­rin mit, dass sie nun­mehr ab­sch­ließend ent­schie­den ha­be, das Ar­beits­verhält­nis zu kündi­gen; der Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­de sei be­reits vor­ab in­for­miert wor­den. - 3 - Gleich­zei­tig un­ter­brei­te­te sie ihr ein An­ge­bot zum Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags. Die­ses hal­te sie bis zum 6. Ja­nu­ar 2012 auf­recht. Die Kläge­rin nahm das An­ge­bot nicht an.
Die Kläge­rin hat be­an­tragt 1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung vom 28. März 2012 nicht be­en­det wor­den ist;
- 4 - - die Be­klag­te - Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall in Höhe von 34.432,82 Eu­ro ge­leis­tet. Sie ha­be von ei­ner ne­ga­ti­ven Pro­gno­se aus­ge­hen dürfen, die auch wei­ter­hin außer­or­dent­lich ho­he wirt­schaft­li­che Be­las­tun­gen und mas­si­ve Be­triebs­ab­laufstörun­gen er­war­ten las­se. Zu ih­ren Guns­ten sei zu berück­sich­ti­gen, dass sie durch Kran­ken­gespräche und Um­set­zun­gen der Kläge­rin ver­sucht ha­be, de­ren Fehl­zei­ten zu re­du­zie­ren. Die Frist des § 626 Abs. 2 BGB ha­be sie ge­wahrt. Kündi­gungs­grund sei die Ge­samt­heit der Krank­hei­ten der ver­gan­ge­nen mehr als zehn Jah­re und die sich dar­aus er­ge­ben­de - fort­be­ste­hen­de - Anfällig­keit für Kurz­er­kran­kun­gen. Da­bei han­de­le es sich um ei­nen Dau­er­tat­be­stand. Die Vor­in­stan­zen ha­ben der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Mit der Re­vi­si­on ver­folgt die Be­klag­te ihr Be­geh­ren wei­ter, die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
- 5 - schränkt gilt dies bei in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den, vollständig ab­ge­schlos­se­nen Kündi­gungs­sach­ver­hal­ten, mögen die­se auch - et­wa als Ver­trau­ens­ver­lust - noch fort­wir­ken. Bei Dau­er­tat­beständen, die da­durch ge­kenn­zeich­net sind, dass sich der Kündi­gungs­sach­ver­halt und sei­ne be­trieb­li­chen Aus­wir­kun­gen fortwährend neu ver­wirk­li­chen, lässt sich der Frist­be­ginn nach § 626 Abs. 2 BGB nicht ein­deu­tig fi­xie­ren. Liegt ein sol­cher Tat­be­stand vor, reicht es zur Frist­wah­rung aus, dass die Umstände, auf die der Ar­beit­ge­ber die Kündi­gung stützt, auch noch bis min­des­tens zwei Wo­chen vor Zu­gang der Kündi­gung ge­ge­ben wa­ren (BAG 26. No­vem­ber 2009 - 2 AZR 272/08 - Rn. 15, BA­GE 132, 299; 25. März 2004 - 2 AZR 399/03 - zu C II 2 der Gründe).
aa) Kündi­gungs­grund ist da­bei - wie im Fall ei­ner lang an­dau­ern­den Er­kran­kung - nicht die Er­kran­kung als sol­che, son­dern die ne­ga­ti­ve Ge­sund­heits­pro­gno­se und ei­ne dar­aus re­sul­tie­ren­de er­heb­li­che Be­ein­träch­ti­gung der be­trieb­li­chen In­ter­es­sen. Sie kann so­wohl auf ei­ner ein­heit­li­chen Krank­heits­ur­sa­che als auch auf un­ter­schied­li­chen pro­gno­sefähi­gen Er­kran­kun­gen be­ru­hen. Die ver­schie­de­nen Er­kran­kun­gen können den Schluss auf ei­ne dau­er­haf­te Krank­heits­anfällig­keit des Ar­beit­neh­mers zu­las­sen und da­mit ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se be­gründen (BAG 10. No­vem­ber 2005 - 2 AZR 44/05 - Rn. 24 f.). Der Dau­er­tat­be­stand be­ginnt in dem Zeit­punkt, zu wel­chem die bis da­hin auf­ge­t­re- - 6 - te­nen Kurz­er­kran­kun­gen ei­nen sol­chen Schluss zum ers­ten Mal zu­las­sen. Er en­det in dem Zeit­punkt, zu wel­chem die zurück­lie­gen­den Kurz­er­kran­kun­gen zum ers­ten Mal ei­ne ent­spre­chen­de ne­ga­ti­ve Pro­gno­se nicht mehr stützen, die Ver­gan­gen­heit al­so nicht mehr als Pro­gno­se­grund­la­ge taugt - et­wa weil die letz­te Er­kran­kung und Ar­beits­unfähig­keit so lan­ge zurück­liegt, dass von dau­er­haf­ter, durch­ge­hen­der Krank­heits­anfällig­keit nicht mehr die Re­de sein kann. Das En­de des Dau­er­tat­be­stands tritt folg­lich nicht schon - gleich­sam re­tro­spek­tiv - mit dem En­de der letz­ten Ar­beits­unfähig­keit ein, an die sich ein ent­spre­chend lan­ger Zeit­raum oh­ne Ausfälle an­sch­ließt. Es tritt erst mit dem Er­rei­chen ei­ner aus­rei­chen­den Länge eben die­ses Zeit­raums ein, weil erst die­ser die Pro­gno­se­taug­lich­keit der Ver­gan­gen­heit be­en­det.
d) Da der Ar­beit­neh­mer in den Fällen häufi­ger Kurz­er­kran­kun­gen ty­pi­scher­wei­se über ei­nen länge­ren Zeit­raum hin­weg teil­wei­se ge­sund, teil­wei­se ar­beits­unfähig er­krankt ist, kommt es für die Wah­rung der Frist des § 626 - 7 - Abs. 2 BGB nicht dar­auf an, ob der Ar­beit­neh­mer bis min­des­tens zwei Wo­chen vor Zu­gang der Kündi­gung - zufällig - ar­beits­unfähig war. Maßge­bend ist viel-mehr al­lein, ob der Kündi­gungs­grund, dh. die auf der fort­be­ste­hen­den Krank­heits­anfällig­keit be­ru­hen­de ne­ga­ti­ve Pro­gno­se so­wie die sich dar­aus er­ge­ben­de er­heb­li­che Be­ein­träch­ti­gung be­trieb­li­cher In­ter­es­sen, noch bis min­des­tens zwei Wo­chen vor Zu­gang der Kündi­gung fort­be­stan­den hat. Ei­ne Un­ter­bre­chung der Ar­beits­unfähig­keit steht dem nicht zwangsläufig ent­ge­gen. Der Dau­er­tat­be­stand en­det erst, wenn der Kündi­gungs­grund als sol­cher entfällt.
bb) Sinn und Zweck von § 626 Abs. 2 BGB ste­hen dem nicht ent­ge­gen. Die Vor­schrift ist ein ge­setz­lich kon­kre­ti­sier­ter Ver­wir­kungs­tat­be­stand. Ihr Ziel ist es, dem Ar­beit­neh­mer rasch Klar­heit darüber zu ver­schaf­fen, ob der Kündi­gungs-be­rech­tig­te ei­nen be­stimm­ten Sach­ver­halt zum An­lass für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung nimmt (BAG 25. No­vem­ber 2010 - 2 AZR 171/09 - Rn. 15; 26. Ju­ni 2008 - 2 AZR 190/07 - Rn. 23). In Fällen krank­heits­be­ding­ter Fehl­zei- - 8 - ten be­steht ein sol­ches In­ter­es­se an schnel­ler Klärung nicht. Im Ge­gen­teil dient es den Be­lan­gen des Ar­beit­neh­mers, wenn der Ar­beit­ge­ber die wei­te­re Ent­wick­lung be­ob­ach­tet und mit ei­ner mögli­chen Kündi­gung noch zu­war­tet, um die Chan­ce ei­ner Pro­gno­seände­rung of­fen zu hal­ten (vgl. KR/Fi­scher­mei­er 10. Aufl. § 626 BGB Rn. 327). Der Ar­beit­neh­mer hat in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on kei­nen be­rech­tig­ten An­lass zu der An­nah­me, der Ar­beit­ge­ber wer­de aus der an­dau­ern­den ne­ga­ti­ven Pro­gno­se und den fort­be­ste­hen­den be­trieb­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen auch künf­tig kei­ne ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quen­zen her­lei­ten.
2. Die Re­vi­si­on ist gleich­wohl zurück­zu­wei­sen. Die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts stellt sich aus an­de­ren Gründen als rich­tig dar (§ 561 - 9 - ZPO). Die Kündi­gung ist un­wirk­sam, da es selbst auf der Grund­la­ge des als wahr un­ter­stell­ten Vor­trags der Be­klag­ten an ei­nem wich­ti­gen Grund iSv. § 626 Abs. 1 BGB fehlt.
- 10 - 18. Ja­nu­ar 2001 - 2 AZR 616/99 - zu II 4 b der Gründe). Die pro­gnos­ti­zier­ten Fehl­zei­ten und die sich aus ih­nen er­ge­ben­de Be­ein­träch­ti­gung der be­trieb­li­chen In­ter­es­sen müssen deut­lich über das Maß hin­aus­ge­hen, wel­ches ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung so­zi­al zu recht­fer­ti­gen vermöch­te. Es be­darf ei­nes gra­vie­ren­den Miss­verhält­nis­ses zwi­schen Leis­tung und Ge­gen­leis­tung. Ein sol­ches ist ge­ge­ben, wenn zu er­war­ten steht, dass der Ar­beit­ge­ber bei Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses - ggf. über Jah­re hin­weg - er­heb­li­che Ent­gelt­zah­lun­gen zu er­brin­gen hätte, oh­ne dass dem ei­ne nen­nens­wer­te Ar­beits­leis­tung ge­genüberstände (vgl. BAG 12. Ja­nu­ar 2006 - 2 AZR 242/05 - Rn. 27; 18. Ja­nu­ar 2001 - 2 AZR 616/99 - zu II 4 c cc der Gründe). Auch können Häufig­keit und Dau­er der krank­heits­be­ding­ten Fehl­zei­ten im Ein­zel­fall da­zu führen, dass ein Ein­satz des Ar­beit­neh­mers nicht mehr sinn­voll und verläss­lich ge­plant wer­den kann und die­ser da­mit zur Förde­rung des Be­triebs­zwecks fak­tisch nicht mehr beiträgt (vgl. BAG 18. Ja­nu­ar 2001 - 2 AZR 616/99 - zu II 4 c bb der Gründe). Die Auf­recht­er­hal­tung ei­nes sol­cher­maßen „sinn­ent­leer­ten“ Ar­beits­verhält­nis­ses kann dem Ar­beit­ge­ber auch im Fal­le ei­nes or­dent­lich nicht künd­ba­ren Ar­beit­neh­mers un­zu­mut­bar sein (vgl. BAG 12. Ja­nu­ar 2006 - 2 AZR 242/05 - Rn. 27; 18. Ja­nu­ar 2001 - 2 AZR 616/99 - zu II 4 c cc der Gründe).
aa) Die Be­klag­te hat vor­ge­tra­gen, auf­grund der - im Ein­zel­nen be­zeich­ne­ten - er­heb­li­chen krank­heits­be­ding­ten Fehl­zei­ten in den ver­gan­ge­nen mehr als zehn Jah­ren sei auch in Zu­kunft da­mit zu rech­nen, dass die Kläge­rin in er­heb­li­chem Maße krank­heits­be­dingt feh­len wer­de. Die den Fehl­zei­ten in der Ver­gan­gen­heit zu­grun­de lie­gen­den Er­kran­kun­gen sei­en nicht aus­ge­heilt. Je­den­falls be­ste­he ei­ne „ge­ne­rel­le Anfällig­keit“ der Kläge­rin für be­stimm­te Er­kran­kun­gen. In den Jah­ren von 2006 bis 2011 ha­be sie - die Be­klag­te - ins­ge­samt mehr als 34.000,00 Eu­ro an Ent­gelt­fort­zah­lung ge­leis­tet. Die Fehl­zei­ten der Kläge­rin hätten über­dies zu Be­triebs­ab­laufstörun­gen geführt. Auf­grund der Un­ge­wiss­heit, ob und wie lan­ge die Kläge­rin krank­heits­be­dingt aus­fal­len würde, ha­be sie kei­ne Ver­tre­tungs­kräfte ein­stel­len können. Die Ver­tre­tung ha­be von den übri­gen - 11 -
- 12 - lohn­sum­me auf Sei­ten der Be­klag­ten steht nach wie vor ei­ne nen­nens­wer­te Ar­beits­leis­tung auf Sei­ten der Kläge­rin ge­genüber. Das gilt nicht nur mit Blick auf mögli­che Fehl­zei­ten von 11,75 Wo­chen pro Jahr. Das Ar­beits­verhält­nis wäre auch dann noch nicht „sinn­ent­leert“, wenn künf­tig Fehl­zei­ten in dem von der Be­klag­ten pro­gnos­ti­zier­ten Um­fang von jähr­lich 18,81 Wo­chen ein­träten. Auch in die­sem Fall wäre die Kläge­rin noch zu fast zwei Drit­teln ih­rer Jah­res­ar­beits­zeit ar­beitsfähig. Der Vor­trag der Be­klag­ten lässt zu­dem nicht er­ken­nen, dass die pro­gnos­ti­zier­ten Fehl­zei­ten zu nicht mehr hin­nehm­ba­ren Be­triebs­ab­laufstörun­gen führen wer­den. Die Kläge­rin kann den weit­aus größeren Teil des Jah­res sinn­voll ein­ge­setzt wer­den. Der Um­stand, dass die mögli­chen Aus­fall­zei­ten zu Ver­tre­tungs­be­darf und ggf. zu Verzöge­run­gen im Be­triebs­ab­lauf führen, ist nicht außer­gewöhn­lich. Dies liegt in der Na­tur der Sa­che und macht als sol­ches der Be­klag­ten die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht un­zu­mut­bar.
3. Ob die Kündi­gung nicht nur man­gels wich­ti­gen Grun­des, son­dern auch auf­grund von Mängeln in der Be­tei­li­gung des Per­so­nal­rats un­wirk­sam ist, be­darf kei­ner Ent­schei­dung. - 13 - II. Der An­trag auf Wei­ter­beschäfti­gung ist dem Se­nat nicht zur Ent­schei­dung an­ge­fal­len. Er ist als An­trag auf Wei­ter­beschäfti­gung bis zur Er­le­di­gung des Rechts­streits zu ver­ste­hen. Das Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren ist rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen.
Kreft Ra­chor Frau Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Rinck ist krank­heits­hal­ber nicht in der La­ge, ih­re Un­ter­schrift bei­zufügen. Kreft
Be­cker­le B. Schipp	m.hensche.de
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