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Timestamp: 2019-12-06 23:31:23+00:00

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Edmund König - Über den Substanzbegriff bei Locke und Hume [1/4]
W. Enoch S. Levi H. Ruin A. Eddington F. Paulsen MFK
Über den Substanzbegriff
bei Locke und Hume (1)
"Das zwingende Motiv zum Kritizismus, sowohl bei historischer wie auch bei einer logischer Betrachtungsweise, liegt in den abstrakten Begriffen. Dieselben sind schon vor der Tätigkeit des Philosophen im gemeinen Bewußtsein faktisch da; mit ihnen frischweg zu operieren ist ein Verfahren, welches den Dogmatismus kennzeichnet. Über die Erfolglosigkeit seines Unternehmens hat man genug Klagen gehört und kann sie auch gegenwärtig noch vernehmen, da er auch heute noch das Gespenst ist, mit dem viele Gegner der Philosophie überflüssigerweise kämpfen."
"In jeder Erkenntnis werden in letzter Linie nur Vorstellungen verknüpft; die Erkenntnis eines Zusammenhangs zwischen Vorstellung und Nicht-Vorstellung ist prinzipiell unmöglich."
"Es ist uns schlechterdings nichts von den Objekten gegeben, alles Erkennen gründet sich auf und bewegt sich in Vorstellungen."
"Die perception trägt bei Hume den Charakter eines empirischen (psychologischen) Begriffs, seine Behauptung, daß wir nichts kennen als unsere Vorstellungen, schränkt daher das Bewußtsein ein, indem sie seinem Bereich den Gegenstand, das notwendige Korrelat der Vorstellung entzieht, während für Kant das Bewußtsein alle Gegenstände als seine Erscheinungen umschlingt; Erscheinung ist, nach der Intention Kants, ein absoluter und kein korrelater Begriff."
"Der Grundsatz, daß die Ideen genaue Kopien der Eindrücke sind, enthält das Todesurteil für die Begriffe als psychische Phänomene; dazu genügt die Bemerkung, daß jeder Eindruck individuell durch Qualität und Quantität bestimmt ist, Bestimmungen, von denen gerade in den universalen Begriffen, abstrahiert wird."
Mit Recht wendet sich gegenwärtig ein ziemlich allgemeines und reges Interesse in der philosophischen Welt der ersten Gestaltung einer kritischen Erkenntnislehre zu, wie sie bei LOCKE und HUME und ihrem älteren Anhang erscheint. Denn abgesehen davon, daß es für den Historiker anziehend sein muß, die fast übereinstimmend in ihrer hohen Bedeutung anerkannten erkenntnistheoretischen Fragen nach ihrem Ursprung zu verfolgen und die ersten Lösungsversuche kennenzulernen, gewinnen diese letzteren auch für den Selbstdenker keine geringe Wichtigkeit dadurch, daß sie noch jetzt in der lebenden Philosophie eine bedeutsame Rolle spielen. Mag man es dahingestellt sein lassen, ob LOCKE und HUME nicht überwunden sind, so sind ihre Werke jedenfalls noch nicht tote Zeichen der Vergangenheit (2); eine ausgebreitete und nicht zu unterschätzende Richtung in unserem modernen Philosophieren stützt sich auf dieselben und pocht auf ihre Entdeckungen, so daß selbst die Gegner dieser Partei bei einer gründlichen Auseinandersetzung jene Stammväter und Heroen derselben nicht ignorieren dürfen.
Für den aufmerksamen Beobachter lassen sich die mannigfaltigen Gestaltungen des philosophischen Tageslebens auf zwei Haupttriebkräfte zurückführen: Transzendentalismus und Naturalismus. Der erstere Name soll das Prinzip bezeichnen, welches KANT entdeckte und zuerst anwandte, aufgrund dessen nach ihm die letzte befriedigende Auflösung aller philosophischen Fragen allein möglich ist (Kritik der reinen Vernunft, § 17. Nur an dieser einen Stelle hat er übrigens diese Forderung einigermaßen bestimmt ausgesprochen, während sie sich in der Tat im ganzen Charakter seiner Untersuchungen realisiert findet. Dieser dem früheren Philosophieren fremde Gedanke hat sich wie mancher andere in der Umwälzung, welche KANT vollzog, noch nicht zu einer klaren Gestaltung durchgerungen. SCHOPENHAUER drückt denselben drastisch gleich in den Eingangsworten seines Hauptwerkes aus: Die Welt ist meine Vorstellung, d. h. alle Dinge müssen in letzter Linie als Gegenstände des Bewußtseins betrachtet werden, in welchem sie befaßt sind; jedes Objekt verlangt ein Subjekt, für welches und in welchem es erst Objekt wird (in der synthetischen Einheit der Apperzeption nach KANTs Terminologie); aller gegenständliche Zusammenhang verlangt ein zusammenhaltendes Bewußtsein. Hier kommen wir jedoch schon in die Resultate der kantischen Untersuchungen, welche das System des transzendentalen Idealismus ausmachen, ein Lehrbegrif, der vielleicht die notwendige Konsequenz unseres Prinzips, aber doch von ihm zu trennen ist. Dasselbe konstatiert in einem einfachen Akt der Selbstbesinnung nur dieses, daß alle Gegenstände des Erkennens als solche Erscheinungen des Bewußtseins sind, d. h. für Mich sind, wobei man zwischen dem Bewußtsein des Ich als Korrelat aller Erscheinungen und dem in der Erscheinungswelt enthaltenen individuellen Ich zu unterscheiden hat. Diese Unterscheidung charakterisiert vielleicht am besten den Transzendentalismus als Gegensatz zum Naturalismus. Während jenem die ganze Natur, sofern sie in die Erkenntnis kommt, Phänomen für mein Bewußtsein ist, das dem Naturganzen als seinem Objekt gegenübersteht, ist diesem das Ich die Bezeichnung einer individuellen Seele, geknüpft an einen Organismus, der als Teil der Natur existiert und sich in den Zusammenhang des Naturganzen einfügt. Das Bewußtsein ist das komplizierte Resultat eines Seelenlebens, welches sich, parallel laufend mit den physiologischen Vorgängen im Körper, bewegt durch äußere Antriebe, entwickelt und erst allmählich zur Höhe eines Selbstbewußtseins aufsteigt.
Man bemerkt, daß der Naturalismus seine Wurzel in der Psychologie hat, der Transzendentalismus in der Logik. Die erstere denkt sich die Seele als ein aus dem Zusammentreten von Elementen sich Entwickelndes, während die Logik das Ich als jeder Erkenntnis zugrunde liegend betrachten muß.
So wird man keinem dieser beiden anscheinend kontradikatorischen Prinzipien den tatsächlichen Grund absprechen können: eben deshalb ist gewiß die Auflösung ihrer Antinomie ein wichtiges Problem für die Philosophie der Gegenwart. In der Tat, ist es nicht ein Zeichen der universalen Bedeutung dieser Aufgabe, daß sie sich in besonderer Form auf dem einen wie auf dem anderen Standpunkt entgegenstellt? Der Transzendentalismus hat sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, daß das Ich, das Subjekt der Erkenntnis, zugleich Gefühle, das ganze Gemütsleben auf sich bezieht, welches rein naturmäßig verläuft, und auf der niedersten Stufe des sinnlichen Gefühls unmittelbar zu körperlichen Vorgängen in Beziehung steht. Der Naturalismus seinerseits muß bei tieferer Untersuchung doch dem Transzendentalismus ein Zugeständnis machen, das ihm zur verhängnisvollen Klippe wird. Er kommt psychologisch auf den Begriff der Synthesis der Apperzeption, durch welche erst die Vorstellungsbilder der Gegenstände zustande kommen, und, wie z. B. die Sinnestäuschungen ihm beweisen, sind es jene Bilder allein, welche in die Erkenntnis eingehen. So muß er anerkennen, daß im Einzelnen das Prius im logischen Sinn das Ding im Bewußtsein oder die Erscheinung ist, was er im Ganzen, d. h. allgemein behauptet, leugnet. So gerät der Naturalismus bei strenger Durchführung in den Widerspruch, daß einerseits das Bewußtseins als Erscheinung objektiv bedingt ist, andererseits aber alle Objekte erst im Bewußtsein erkannt werden, Erscheinungen desselben sind.
So läßt sich hier trotz der nur oberflächlichen Skizzierung des Gegenstandes das Urteil nicht zurückhalten, daß der Naturalismus, gehörig entwickelt, sich selbst vernichtet (natürlich nur als letztes Prinzip), welches zugleich den im Folgenden eingenommenen Standpunkt bestimmt.
Allerdings hat dieses Prinzip das Recht der Anciennität [Dienstalter - wp] und der Majorität für sich. Denn das ursprüngliche Denken, wie es noch jetzt das tägliche Denken beherrscht, ist durchaus naturalistisch, aber es ist zugleich naiv, d. h. es betrachtet die ihm gegebenen Gegenstände, darunter auch den Menschen, in einer objektiv gesetzlichen Verknüpfung, und auch nur so. Der von uns gemeinte ist der reflektierte Naturalismus. Derselbe ist zur kritischen Selbstbesinnung über das Erkennen gelangt, betrachtet nun aber dieses selbst noch wie ein Naturphänomen an einem Naturgegenstand, dem Menschen. Dies ist der Standpunkt, auf dem sich die Erkenntnislehre bei LOCKE bewegt. Schon die Form der immer wiederholten Losung seiner Richtung gibt das zu erkennen: Das Erkenntnisvermögen selbst zu untersuchen, seine Wirkungsweise und seinen Umfang kennenzulernen. LOCKE vergleicht den Verstand mit dem Auge, welches sich aber selbst nicht sehen kann, weshalb es der Kunst bedarf, um ihn zum Objekt seiner eigenen Untersuchung zu machen, ein Bild das die Bedenken COMTEs gegen die Selbsterkenntnis des Subjekts selbst im psychologischen Sinn nur zu berechtigt erscheinen läßt (3). In demselben Sinn schreibt auch HUME über sein erstes Werk: "Ein Versuch, die experimentelle Methode des Denkens in philosophische Gegenstände einzuführen", und spricht ausführlich und mit Zuversicht über die Untersuchung der menschlichen Natur als Fundamentierung aller Wissenschaft (4). Selbst bei KANT finden sich ähnliche naturalistisch gefärbte Ausdrücke. Bei HUME erfolgt aber auch schon der Einsturz des so hoffnungsvoll aufgerichteten Gebäudes. Die folgende Untersuchung wird zeigen, wie HUMEs Skeptizismus gerade auf dem vorhin hervvorgehobenen Widerspruch beruth. Damit war eigentlich die Unzulänglichkeit des Standpunkts entschieden und die Erhebung auf einen höheren zur Notwendigkeit gemacht. KANT glaubte denselben im Transzendentalismus gefunden zu haben; aber der Naturalismus ist dadurch nicht überwunden worden. Die exakten Wissenschaften sind es, aus denen er seine Kraft zieht. Unser Wissen vom Menschen als Naturwesen hat sich durch die biologische, physiologische und psychophysische Forschungen nicht unbeträchtlich bereichert; kein Wunder, daß sich die Meinung befestigt, daß alles, was das Bewußtsein enthält, sich von außen, von der Naturseite her vollkommen und so allein vollkommen verstehen läßt; insbesondere die evolutionistische Auffassung glaubt die letzten und tiefsten Antworten geben zu können. Trotzdem können wir diese bei der oben gegebenen Ansicht der Sache für das Erkenntnisproblem nicht als zureichend erkennen, denn die Naturseite des Menschen ist doch selbst nur eine Erscheinung im Bewußtseins, und dadurch wird der Transzendentalismus als der höhere Standpunkt dokumentiert. Er muß aber, wenn er diesen Rang unangefochten behaupten will, eine Antwort auf die Frage geben, wie es kommt, daß das Bewußtsein, auf welches sich als Erscheinung in ihm alles bezieht, selbst wieder innerhalb der Erscheinungswelt bedingt ist durch die Vermittlung eines Körpers, den es als sein bezeichnet. Diese Antwort steht bis jetzt noch aus, und solange dies der Fall ist, wird auch der Naturalismus seine Geltung behalten, indem er das Recht wohlbegründeter Tatsachen vertritt.
Diese Bemerkungen mögen genügen, um im allgemeinen zu orientieren und aus weiteren Kreisen an den speziellen Gegenstand der folgenden Betrachtungen heranzuleiten. Denselben bildet der Substanzbegriff in seiner Entwicklung von LOCKE zu HUME. Das Wort ist natürlich hier nicht im fixen Sinn eines Systems zu nehmen, sondern nur als approximative Bezeichnung gewisser Fragen, über deren realen Ausgangspunkt kein Zweifel besteht. Gerade diese sind es, in welche LOCKEs Untersuchung am tiefsten eindringt, weil sie, das vorzugsweise Objekt der früheren Forschungen, die lebendigste Bedeutung für ihn hatten. Nach ihm wendet sich allerdings das Hauptinteresse von denselben an, so daß sie bei HUME in der ersten Hauptschrift, dem Treatise, zwar noch einigen Raum einnehmen, in der späteren Inquiry dagegen fast nicht berührt werden; dennoch erscheinen sie implizit an vielen Punkten und im Charakter des Ganzen. In der Tat hängen die systematischen Begriffe des Idealismus und Realismus und überhaupt alle ontologischen Ansichten sehr nahe mit dem Substanzbegriff zusammen und führen auf ihn zurück.
Bevor wir aber dem Gegenstand näher treten, wird es nötig sein, unsere Aufmerksamkeit einigen der Grundprinzipien zuzuwenden, wewlche für alle einzelnen Lehren bestimmend sind.
Wir haben das transzendentale Prinzip als die eigentümliche Entdeckung KANTs bezeichnet. In der Tat verdient den Namen des Kritizismus, der gemeinhin mit dem KANTs verbunden wird, ein weit älteres, das bei CARTESIUS wurzelt und seit LOCKE bereits die fruchtbarste Anwendung gefunden hat. Der Kritizismus ist die bewußte Selbstbesinnung, in welcher die Gegenstände des Erkennens als solche betrachtet werden (5), er forscht den Gründen seiner Erkenntnisse und Begriffe nach, um zu den Wurzeln derselben zu gelangen, und verfährt also regressiv analysierend. Das zwingende Motiv zum Kritizismus, sowohl bei historischer wie auch bei einer logischer Betrachtungsweise, liegt in den abstrakten Begriffen. Dieselben sind schon vor der Tätigkeit des Philosophen im gemeinen Bewußtsein faktisch da; mit ihnen frischweg zu operieren ist ein Verfahren, welches den Dogmatismus kennzeichnet. Über die Erfolglosigkeit seines Unternehmens hat man genug Klagen gehört und kann sie auch gegenwärtig noch vernehmen, da er auch heute noch das Gespenst ist, mit dem viele Gegner der Philosophie überflüssigerweise kämpfen. In der Tat haben die abstrakten, inhaltsarmen und deshalb schwankenden Vorstellungen fast nichts Greifbares oder Anschauliches mehr an sich als das Wort (Schriftzeichen und Sprachlaut), das doch Zeichen für den Gegenstand sein soll. Alles unbesonnene Operieren mit denselben ist deshalb nicht viel anders als ein Spiel mit Worten, dessen Verächtlichkeit LOCKE z. B. nicht spöttisch genug darstellen kann. Was nun der Kritizismus in seiner einfachsten Anwendung hier sucht, sind die einfachen, anschaulichen, d. h. intuitiv deutlichen Bestandteile oder Grundlagen der Begriffe (6); und damit haben wir gleich das große Prinzip desselben: In der Anschauung wurzelt alles Erkennen, denn es muß ein ursprüngliches Datum, ein Objekt haben, worauf es sich bezieht; daher der Grundsatz alles kritisch besonnenen Denkens: die Begriffe auf ihre anschaulichen Elemente zurückzuführen, "auf ihre wahre Bedeutung zu bringen", wie KANT sich ausdrückt (Prolegomena § 49), und die eine solche Zurückführung nicht erlauben, aus dem Gebiet des Wissens als nichtig zu entfernen. Jede anschauliche Vorstellung ist eine Reproduktion aus der Wahrnehmung; so wird diese und die Erkenntnis aus derselben oder die Erfahrung der feste Grund, auf welchen die spontane Vorstellungsbildung, das Denken, sich stützen muß. Alles Erkennen bezieht sich auf die Erfahrung, das ist das bedeutungsvolle Axiom des Kritizismus, in dessen Anerkennung alle kritischen Richtungen einig sind. Sie determinieren allerdings den unbestimmten Begriff der Beziehung in der mannigfachsten Weise. Das Nächstliegende ist der Grundsatz des Empirismus, mit dem LOCKE sein Werk inauguriert (Essay, Bd. II, 1 § 2): aus der Erfahrung entsteht alles Erkennen; LOCKEs Empirismus ist aber in gewisser Weise noch naiv, er sucht, mit KANT zu reden, in der Erfahrung nur die Gelegenheitsursache der Entstehung, aber nicht das Prinzip der Möglichkeit unserer Vorstellungen (7). Was überhaupt für jene Determination ausschlaggebend sein muß, ist offenbar die Untersuchung der Wahrnehmung und Erfahrung selbst. Der strikte Naturalismus macht die reine Empfindung zum dominierenden Element der Wahrnehmung und wird so der Vater des Sensualismus, dessen konsequente Entwicklung erst nach LOCKE fällt.
An dieser Stelle haben wir nun die Unterscheidung einfacher und zusammengesetzter Vorstellungen zu erwähnen, die LOCKE und HUME gleicherweise machen. Sie ruht auf der Beobachtung, daß, welche Komplikationen das Denken auch hervorbringen mag, es doch immer eine Anzahl einfacher Elemente hat, worin alle seine Produkte auflösbar sind, eben die einzelnen Data der Anschauung, welche dem Denken das Material liefert.
Den letzten Grund der spezifischen Eigentümlichkeiten von LOCKEs und HUMEs Erkenntnislehre, zugleich den Grund ihres Mißlingens hat man in der naturalistischen Unterscheidung zwischen Vorstellungen (ideas) und Gegenständen (external objects) zu suchen (8). THOMAS REID sah dies zuerst ein und gab dieser Lehre daher den Namen Vorstellungsphilosophie (the ideal system) (9). Dieselbe stammt von CARTESIUS (nous ne pouvons avoir aucune connaissance des choses que par l'entremisme des idées que nous en concevons [Wir können keine Kenntnis von den Dingen haben, wenn wir sie nicht mit Ideen vermischen. - wp])und lebt bis auf den heutigen Tag, indem sie auf der Nebeneinanderstellung äußerer Gegenstände im Raum und einer lokalisierten Seele ruht: Da wir von äußeren Gegenständen wissen, so müssen us diese, wird geschlossen, bei der Wahrnehmung Bilder geben. Beispiele einer bloß seelischen, idealen Existenz hat man ja in den Gedächtnis- und Phantasiebildern, welche vom naiven Denken des gewöhnlichen Lebens deutlich von den im Raum beharrenden Objekten unterschieden werden, die sie dem Bewußtsein darstellen können, auch wenn dieselben weit außerhalb des Bereichs der Wahrnehmung liegen. Dagegen unterscheidet der gemeine Verstand bei der Wahrnehmung selbst nicht zwischen dem Gegenstand und dem Bild in der Seele, sondern glaubt unmittelbar die Dinge vor sich zu haben; der Philosoph trennt auch hier, indem er die Erscheinungen der Sinnestäuschung anführen kann, zum Beweis, daß die Wahrnehmung unter subjektiven Bedingungen steht.
Gegenstand und Vorstellung, die philosophisch zugespitzten Gegensätze des subjektiven Seelenlebens und der objektiv räumlichen Wirklichkeit, sind die beiden Ufer, deren Überbrückung die Aufgabe jeder naturalistischen Erkenntnislehre ausmachen wird. In demselben Geist wird das Erkenntnisproblem gedacht, wenn es, wie häufig, im Verhältnis zwischen Denken und Sein gesucht wird; (10) es liegt dabei die Vorstellung zugrunde, daß sich jede Erkenntnis als Urteilsakt in den Zusammenhang des seelischen Geschehens einfügt, aber dabei einem ganz außerhalb dieses Zusammenhangs stehenden Gegenständlichen äquivalent zu sein beansprucht. Für die noch mehr naiv naturalistische Denkweise LOCKEs gibt die Wahrnehmung den Zusammenhang zwischen Gegenstand und Vorstellung desselben, indem einfach eine ursächliche Verknüpfung beider mittels der Sinnesorgane des Leibes statuiert wird (Essay II, 8 § 12, 13). In diesem Fall gewinnen auch die einfachen Vorstellungen noch eine besondere Bedeutung als die verschiedenen einfachen Wirkungen der Gegenstände auf die Seele, bei deren Aufnahme sich der Geist rein passiv verhlt (Essay II 12, § 1). Dies gilt zunächst freilich nur von den äußeren sinnlichen Empfindungen; jedenfalls aber sind diese das Einzige, was auf dem Weg der Sinneswahrnehmung von den Gegenständen gegeben wird, und sie haben den Vorzug primärer Elemente des Seelenlebens; denn erst indem die Seele sie bearbeitet, entwickeln sich Tätigkeiten derselben, aus deren Wahrnehmung die sekundären Ideen der Reflexion entspringen (Essay II 1 § 2). Die von innen heraus gehende Analyse zeigt freilich noch viele andere einfache Bestandteile der Vorstellungen; man weiß aber, welche Schwierigkeiten auch vom Standpunkt LOCKEs in den letzteren (z. B. Kraft, Existenz) liegen, bei deren Entstehung psychische Funktionen mit ins Spiel treten. Wenn nun LOCKE auch die Vorstellung realiter aus dem Gegenstand entstehen läßt, so muß er doch die erstere als das ursprüngliche Datum für das erkennende Bewußtsein anerkennen. Um den Übergang zu den Dingen zu vermitteln, ist er daher genötigt, einen Schluß zu Hilfe zu nehmen. Er bezeichnet diesen Schlußakt als eine sensitive Erkenntnis, und man bemerkt, daß es ihn einigermaßen in Verlegenheit versetzt, die Gewißheit derselben zu begründen. Er muß zugestehen, daß wir von der Art, wie eine Vorstellung in uns entsteht, keine Idee haben (Essay IV 11 § 2), und kann daher der sensitiven Erkenntnis keinen so hohen Grad der Sicherheit beimessen, als anderen Arten (IV 11 § 3); so sieht er sich schließlich genötigt, auf die unmittelbare Evidenz der Wahrnehmung zu rekurrieren, die ja Niemand wird anzweifeln können, aber vom Philosophen mußte man die Angabe der Prämissen verlangen, aufgrund deren hier geschlossen werden kann. Zudem kommt man hier mit seiner Auffassung der Erkenntnis als einer Vergleichung zweier Ideen in die Enge, da das eine Glied im fraglichen Erkenntnisakt eben der Gegenstand und nicht die Idee sein soll. Diesen letzten Irrtum erkannten die Nachfolger LOCKEs schon sehr scharf, BERKELEY, und aufgrund neuer und schlagender Argumente HUME (11). In jeder Erkenntnis werden in letzter Linie nur Vorstellungen verknüpft; die Erkenntnis eines Zusammenhangs zwischen Vorstellung und Nicht-Vorstellung ist prinzipiell unmöglich.
So nimmt also HUME in der Beurteilung des fraglichen Verhältnisses eine andere Stellung ein. Bei LOCKE sollten sich in der Wahrnehmung die Gegenstände mit dem Bewußtsein in einem einfachen Erkenntnisakt verbinden, so daß sie gewissermaßen selbst in dasselbe hineinreichen; der Wahrnehmungsinhalt wird großenteils von ihm als identisch mit den Bestimmungen der Objekte betrachtet, so daß die Wahrnehmungsvorstellung gewissermaßen mit dem Wahrnehmungsobjekt eins ist. Das Motiv zu einer Modifikation dieser Anschauung lag aber zugleich schon in dem Satz, daß gewisse Bestandteile des Wahrnehmungsinhaltes mit den Objekten nicht kongruieren [übereinstimmen - wp]. BERKELEY brachte dann den Satz zur inneren Evidenz, daß alles, worauf sich unsere Gedanken richten, vom Bewußtsein erfaßt und insofern Vorstellung sein muß; daß also das dem Bewußtsein als selbständige Existenz Gegenüberstehende aus demselben auch schlechterdings ausgeschlossen ist. Hier folgte HUME BERKELEY: es ist uns schlechterdings nichts von den Objekten gegeben, alles Erkennen gründet sich auf und bewegt sich in Vorstellungen (perceptions) (Treatise II 6, Seite 97).
Dadurch wird nun eine Einteilung der perceptions nötig, welche ebenfalls BERKELEY (Principles, Teil 1, 1) schon angedeutet hatte: in impressions und ideas, so daß idea die Vorstellung im gewöhnlichen Sinn, impression dagegen die Wahrnehmungsvorstellung ist, welche er übereinstimmend mit LOCKE teils auf die innere (reflection), teils auf die äußere Wahrnehmung (sensation) bezieht (12). Während so bei LOCKE die Wahrnehmung des Objekts von der bloßen Vorstellung sozusagen der Art nach verschieden gedacht wurde, reduziert HUME die innere Differenz zwischen idea und impression auf eine quantitative in der Lebhaftigkeit des Vorstellens, so daß zwischen der Phantasievorstellung und der Wahrnehmung unendlich viele Zwischenstufen möglich sind. Das Wort perception ist bei HUME der universale Ausdruck für alle Gegenstände des Wissens und erinnert insofern an den kantischen Begriff der Erscheinung, ist aber übrigens von demselben getrennt zu halten; die "perception" trägt den Charakter eines empirischen (psychologischen) Begriffs, die Behauptung, daß wir nichts kennen als unsere Vorstellungen, schränkt daher das Bewußtsein ein, indem sie seinem Bereich den Gegenstand, das notwendige Korrelat der Vorstellung entzieht, während für KANT das Bewußtsein alle Gegenstände als seine Erscheinungen umschlingt; "Erscheinung" ist, nach der Intention KANTs, ein absoluter und kein korrelater Begriff (13).
Durch die veränderte Auffassung der Wahrnehmung gewinnt nun hier auch der Grundsatz LOCKEs: Alle Vorstellungen entspringen aus der Wahrnehmung, eine andere Gestalt. An die Stelle der einer Wahrnehmung unterliegenden Gegenstände setzen sich die impressiven Vorstellungen; nimmt man dazu das Axiom von den zusammengesetzten Vorstellungen, so ergibt sich der Fundamentalsatz HUMEs, daß alle Ideen aus einfachen Eindrücken hervorgehen, zunächst die komplexen Eindrücke, dann aber auch alle Ideen durch kompliziertere Prozesse (Treatise I, 2, Seite 18). Dieser Satz, in der Bestimmtheit des Sinnes den entsprechenden LOCKEs weit überragend, trägt die Hauptverantwortung für alle Resultate von HUMEs Philosophieren; an vielen Stellen kehrt er als Voraussetzung wieder, obwohl HUME seine Bestätigung als eine wesentliche Aufgabe seines Werkes bezeichnet (14). In der Tat wird er am Eingang angeblich vollkommen zureichend durch eine Induktion begründet, die aber kaum vollständig genannt werden kann, wenn man sieht, wie für viele sehr bedeutungsvolle ideas später mit größter Mühe erst die impressions gesucht werden unter der Voraussetzung, daß sie vorhanden sein müssen.
Wenn wir den Inhalt der einfachen Eindrücke (simple impressions) selbst ins Auge fassen, so werden zu ihnen die einfachen Sinnesempfindungen, die Gefühle und Triebe gerechnet, die naturmäßigen, der Spontaneität des Denkens schlechterdings nur als Data gegenüberstehenden Phänomene der Seele (Treatise I, 1).
Der Begriff des Gegebenen in der Wahrnehmung ist freilich, wie die verschiedenen psychologischen Theorien zeigen, ein höchst unbestimmter, selbst auf dem verhältnismäßig einfachen Gebiet der äußeren Wahrnehmung. So hat der Begriff der Sinnesempfindung historisch nicht unbeträchtliche Veränderungen erfahren, und es ist mit den Sensationen gar keine so einfache Sache, wie die Sensualisten vorgeben. Auch den impressions und simple impressions HUMEs haftet eine Unbestimmtheit an, sowohl in Bezug auf den Umfang des Gegebenen wie auch in Bezug auf das Verhältnis des Einfachen und Zusammengesetzten. Wie konstituieren einfache Eindrücke einen zusammengesetzten? so fragt man sich, ohne eine Antwort zu finden. Nach dieser Seite stellte erst REID seine interessanten psychologischen Untersuchungen an, wobei sich ihm die Unterscheidung zwischen sensation, dem Komplex des Gegebenen in einer Wahrnehmung und perception, der Wahrnehmungsvorstellung, und hieraus der wichtige Begriff der natural signs ergab, der sich in der spezielleren Form der Lokalzeichen erhalten hat. (15)
Die simple impressions sind also bei HUME eigentlich in einem zweifachen Sinn elementar: einmal als analytische Elemente der komplexen Eindrücke, andererseits aber, und diese Seite kommt vorwiegend zur Geltung, als genetische Elemente aller Vorstellungen. In dieser letzteren Hinsicht kommt aber die elementare Natur nicht allen in gleicher Weise zu. Primär sind äußere Empfindungen etwas, über deren Auftreten in der Seele sich schlechterdings keine weitere Rechenschaft geben läßt (Treatise III 5). Dagegen sind die Eindrücke der inneren Wahrnehmung nur sekundärer Natur, indem sie bei Gelegenheit der aus äußeren Eindrücken hervorgegangenen Ideen entstehen (Treatise I 3). In ähnlicher Weise stellte LOCKE die Sensation vor die Reflexion, nur daß er noch vor die erstere die Objekte stellte, während bei HUME mit den Eindrücken der Sinne die Reihe abbricht, oder zumindest unverfolgbar wird, wenngleich der Eindruck beiHUME selbst noch die Vorstellung eines Bedingtseins erweckt.
In der Art, sich den eigentlichen Prozeß der Vorstellungsbildung zu denken, weichen beide sehr wesentlich voneinander ab; und wie sehr HUME den LOCKE im Punkt der Exaktheit hinter sich läßt, so bleibt dieser doch, in den Formen des populären Denkens vielfach befangen, deshalb auch der Wahrheit näher. So viel Gewicht auch LOCKE auf die Einsicht legt, daß in Anbetracht seines Inhaltes sich das Bewußtsein rein rezeptiv verhält, auf die unveränderlichen Materialien angewiesen ist, welche ihm die Sensation und Reflexion liefert, so gesteht er ihm doch die zweckmäßige Disposition über dieselben, das logische Denken im allgemeinsten Sinn dieses Wortes zu, indem er vorzüglich der klaren Unterscheidung des Einzelnen (judgement, II. 11. § 2) eine spezifische Bedeutung für das rein Verstandesmäßige beimißt, gegenüber dem Spiel des Witzes und der von Assoziationen beherrschten Phantasie. Als Hauptfunktionen des Verstandes nennt er (Essay II. 12. § 1)
1) die Vergleichung,
2) die Zusammensetzung der Vorstellungen und
3) die Abstraktion.
Man bemerke nur, daß streng genommen die Abstraktion die zweite Tätigkeit voraussetzt, weil sie an zusammengesetzten Vorstellungen ausgeübt wird, unter zusammengesetzten Vorstellungen versteht LOCKE aber stets nur die zusammengesetzten Ideen HUMEs, während er über die zusammengesetzten Eindrücke, an denen sich die Reflexion betätigt, keinen Aufschluß gibt. Kurz: die Spontaneität des Bewußtseins, welches seine Funktionen an den ihm gegebenen Materialien ausübt, ist ihm ein wesentlicher Faktor in den komplizierten Vorstellungsprozessen. Bei HUME müssen wir hier zum geraden Gegenteil überspringen, seine Lehre ist ein Alogismus als konsequenter Naturalismus. Das normale Vorstellen entwickelt sich als reiner Naturprozeß, der zwar als psychisch in das Bewußtsein hineinreicht, aber doch nicht in ihm wurzelt; dasselbe ist gewissermaßen nur der Ort dieses Geschehens, aber nicht ein Faktor desselben, es hat bloß aufzunehmen, nicht zu funktionieren.
So verliert das Denken, zum bloßen Vorstellungsmechanismus gemacht, seine spezifische Bedeutung.
Nun müssen wir aber hier eine Unterscheidung beachten, die bei HUME eine große Rolle spielt und immer wieder hervortritt, zwischen dem natürlichen, normalen Denken und der künstlichen philosophischen Reflexion, die wir an die Worte belief und reason anknüpfen können. Die Blüten des natürlichen Vorstellungsverlaufs sind mit unmittelbarer Gewißheit verknüpfte Überzeugungen, etwa zu vergleichen mit der doxa [Behauptung - wp] des PLATON, welche ohne besondere Bemühung, wie von selbst, im Verlauf des Lebens einem jeden sich ergeben und die praktische Lebenserfahrung desselben konstituieren. Das Wort belief als Verbum bezeichnet diese überzeugte Annahme eines Wahren ohne Bewußtsein des Grundes (Treatise IV. 1, Seite 240). Das wissenschaftliche Denken seinerseits, dessen höchste formale Entwicklungsform die philosophische Reflexion ist, trägt den Charakter der Absichtlichkeit, des Suchens; der Gegenstand dieses Suchens ist der Grund; alle Erkenntnis durch eine fortgesetzte Begründung auf Prinzipien zurückzuführen, ist das treibende Motiv der Wissenschaft; die Form derselben ist der Schluß.
Diese Distinktion [Unterscheidung - wp] die wir etwas schärfer zu charakterisieren gesucht haben, ist gewiß eine richtige und für das Verständnis des Erkennens bedeutsame (16), das vielfach nur einseitig in der Form des wissenschaftlichen Denkens untersucht wird; ein Vorwurf, den man selbst KANT gemacht hat. HUME steht auf dem entgegengesetzten Extrem, und darin liegt mit der Grund seiner im Resultat so großen Abweichung von jenem, bei aller Ähnlichkeit einiger Hauptintentionen.
Das Schließen (reasoning) wird von HUME als solches anerkannt, wozu die einfache Selbstbesinnung über das eigene Philosophieren zwingt (Treatise IV. 7), ist aber als bloßer Prozeß oder als Naturphänomen unmöglich zu verstehen. So ist die Rolle, welche der Begriff des Räsonnements (reasoning) spielt, eine äußerst bedenkliche. Ein ganzer Abschnitt des Treatise (IV. 1) weist nach, wie die Vernunft (reason) außerstande ist, eine Überzeugung zu bewirken, sondern in sich haltlos in den Abgrund des Skeptizismus hinabzieht. Sie untergräbt die natürlichen Überzeugungen, wenn sie auch nicht imstande ist sie zu vernichten, da ihnen die Natur doch immer wieder Überzeugungskraft im Bewußtsein verleiht, während die Reflexion mit ihren Ansprüchen bald wieder durch die Macht natürlicher Motive verdrängt wird (17). Der Schlußabschnitt der ersten Hälfte des Treatise bietet ein lehrreiches Bild des Kampfes zwischen diesem Eindringling und den autochthonen Naturkräften des gesamten Seelenlebens.
Überhaupt liegt im Widerstreit dieser Prinzipien, der meistens zu wenig gewürdigt wird, ein skeptisches Hauptmotiv bei HUME, dessen Skeptizismus als tiefsten Kern die Antinomie [Widerspruch - wp] zwischen der Naturseite des Menschen und der Spontaneität des erkennenden Bewußtseins hat, deren Widerstreit wohl eine Hauptquelle des Interesses ist, welches gewiß noch lange jeden Denkenden beim Studium HUMEs fesseln kann. Hier haben wir nur die Absicht, das tatsächliche Eingreifen des logischen Elements zu konstatieren und zu charakterisieren, gegen welches sich HUME doch im Prinzip ablehnend verhält.
Der Boden des natürlichen Vorstellungsverlaufs ist nun die imagination, Einbildung oder Phantasie, welche Ideen nach den korrespondierenden Eindrücken reproduziert. Impression und imagination sind die zureichenden Erklärungsgründe für die einfachen ideas, zur Bildung und zum Verständnis der komplexen ist noch ein weiteres Prinzip erforderlich, welches die Verbindung herstellt. Dieses verknüpfende (bond of union) ist die assoziative Verwandtschaft in den bekannten Formen der Ähnlichkeit, der Berührung und der Bewirkung, nach denen eine Idee auf naturgemäßem Weg eine andere einführt. Man hat hier LOCKE gegenüber einen Fortschritt schon in der Frage nach einem verknüpfenden Prinzip und der Aufstellung eines solchen zu konstatieren, ein Begrifff, der bei jenem nur gelegentlich auftritt (Essay II. 22. § 4). Er glaubte denselben nur da nötig zu haben, wo das Denken sich über die in der Natur, d. h. subjektiv in der Wahrnehmung gegebenen Verknüpfungen erhebt, also vorzüglich bei den modis. Hier spricht er ziemlich unbestimmt von einem verknüpfenden Akt des Geistes, wogegen bei HUME die Verknüpfung ohne Zutun der Seele als Resultat einer Art Attraktion unter den Vorstellungen entsteht. Da ist aber leicht zu sehen, daß für das beobachtende Bewußtsein hiermit nur eine Verkettung der Bilder, wie im Traum, aber keine eigentliche Verknüpfung gegeben ist, wie sie z. B. in der Einheit der Eigenschaften im Ding erscheint. LOCKE unterscheidet, wenn auch nicht ausdrücklich, zwischen beiden Arten der Verbindung, bei HUME ist es wohl das wissenschaftliche Streben, das Seelenleben als monogenen [aus einer einmaligen Ursache entstanden - wp] Prozeß zu begreifen, das ihn einseitig macht und zwar gemäß seiner ganzen Stellung zur Sache zugunsten des Phänomens, indem er die ganze Vorstellungsbewegung rein phänonomenologisch als Zeitreihe von Bildern betrachtet, eine Voraussetzung, unter der in der Tat kein anderes Band des Gegebenen gedacht werden kann, als die Assoziation.
In derselben Konsequenz ergibt sich auch die Auffassung der allgemeinen Begriffe. LOCKE läßt dieselben einfach aus der Abstraktion entspringen, d. h. durch die Herausnahme mehrerer Merkmale aus ähnlichen Vorstellungen und der Vereinigung derselben zu einer komplexen Idee mit Hilfe eines Sprachzeichens (Essay II. 11. § 9). Gegen die von ihm vorausgesetzte psychische Realität solcher Ideen erhob schon BERKELEY seine Einwendungen (Principles, Introduction, Seite X), denen HUME die tiefere Begründung gab. In der Tat, der Grundsatz, daß die Ideen genaue Kopien der Eindrücke sind, enthält das Todesurteil für die Begriffe als psychische Phänomene; dazu genügt die Bemerkung, daß jeder Eindruck individuell durch Qualität und Quantität bestimmt ist (Treatise I, 7), Bestimmungen, von denen gerade in den universalen Begriffen, abstrahiert wird. Mit Recht betrachtet man es als ein wissenschaftliches Verdienst HUMEs, daneben noch positiv aufgrund seiner Prinzipien den wahren Vorgang in der Imagination aufgewiesen zu haben, der bei der sogenannten Abstraktion stattfindet. Dieser besteht in der Attraktion der Ideen nach Ähnlichkeit, jedem Begriff korrespondiert eine Reihe von Ideen individueller Art, welche der Geist im Zusammenhang überblickt (18).
Das Hauptphänomen des Vorstellens ist aber das in der Form des Urteils hervortretende Erkennen. HUME ist wohl prinzipiell nicht im Zweifel, auch diesen Vorgang nach seinen Grundprinzipien aufzufassen (z. B. Treatise IV. 1), doch wendet er dieselben nicht bestimmt und direkt an, und man bleibt im Unklaren, wie auf einmal der Übergang von einer Idee zur anderen diese eigentümliche Form annimmt, in die noch dazu manche und keineswegs alle Verbindungen der Imagination treten, denn an einer Stelle wird unterschieden zwischen "trivial suggestions of the fancy" [triviale Vorschläge der Phantasie - wp] und den "general and more established properties of the imagination" [allgemeine und etabliertere Gewohnheiten der Vorstellungskraft - wp] (Treatise, conclusion, Seite 339), von denen wir gesehen haben, daß sie das "understanding" ausmachen. Wenn es gestattet ist, heutige Auffassungen zum besseren Verständnis heranzuziehen, so ist man wohl darin einig, daß dem Urteil psychologisch Assoziationen zugrunde liegen, aber zum Urteil ist noch ein Faktor nötig, ein Akt apperzeptiver Verknüpfung; die Apperzeption ist nun aber gerade das, was der psychologischen Beobachtung HUMEs entging. Immerhin hat er diesen zu den Assoziationen hinzutretenden Faktor zumindest in einigen Fällen, wenn auch nicht richtig erkannt,, so doch nicht vollständig verkannt: bei den Erkenntnissen des Tatsächlichen, welche sein Hauptproblem bilden. Am ausführlichsten hat er bekanntlich die Erkenntnisse kausaler Verknüpfungen verfolgt. Man bemerkt nun, daß ihm ein Umstand hierbei die größten Schwierigkeiten bereitet, das was er mit belief bezeichnet. Die Wahrnehmung der Ursache zieht die Idee der Wirkung durch Assoziation nach sich, die Erwartung derselben im Wahrnehmungsbereich aber, der Schritt zum Wahrnehmungsurteil, verlangt noch den belief, wodurch die bloße Idee in das Gebiet der Realität versetzt wird. Der belief wird als ein ganz selbständiges Prinzip in der Seele statuiert, aber schließlich doch, um keine Ausnahme zuzulassen, auf alle assoziativen Verbindungen bezogen (Treatise III. 8). Zudem kann man Bedenken haben, ob es im angezogenen Fall ein zureichender Erklärungsgrund ist, indem der belief nicht genügend scharf vom Grad der Lebhaftigkeit unterschieden ist, welche die Vorstellung als bloßes Phänomen besitzt, da es den Ideen keine neue materielle Bestimmung geben soll, und der einzige dann noch mögliche Unterschied ein gradueller bleibt (19). So bleibt HUME im Ganzen bei den psychologischen Präliminar[Vorbereitungs- | wp]prozessen des Urteils stehen, dessen Charakteristikum er vergebens in den psychischen Phänomenen aufsucht.
Auf die zweite Hauptklasse der Erkenntnisse, welche sich auf die bloßen Verhältnisse der Ideen bezieht, hat er seine Prinzipien gar nicht angewandt; er ist hier ganz unbefangen rationalistisch, wie man schon bei der Aufzählung der verschiedenen Vergleichspunte zweier Ideen (philosophical relations, Treatise I. 5) ersieht, wo er ganz wie LOCKE von einer willkürlichen Vergleichung zweier Ideen redet und damit also schon die Konsequenz in der Leugnung der eigentlichen logischen Operationen bricht. Dazu gehört in psychologischer Hinsicht das etwas bedenktliche Zugeständnis, daß die Imagination nicht strikt durch die Assoziationsregeln gebunden ist, sondern nur eine sanfte Bestimmung durch sie erfährt, so daß eine nach anderen Gesetzen erfolgende Vorstellungsbewegung nicht unmöglich erscheint (Treatise I. 4). LITERATUR - Edmund König, Über den Substanzbegriff bei Locke und Hume, Philosophische Studien, Hg. Wilhelm Wundt, Bd. 1, Leipzig 1883
1) Zugrunde gelegt wurde: LOCKE, An essay concerning human understanding, London 1741 (zwölfte Ausgabe); HUME, Philosophical Works, Edinburgh 1826, Bd. IV.
2) So sagt HUTCHINSON STIRLING in "The secret of Hegel" von seiner Zeit: "Hume is our politics, Hume is our trade, Hume is our philosophy, Hume is our religion." (Bei MASSON, "Recent British Philosophy", Seite 9)
3) COMTE, Cours de philosophie positive, Bd. I, Seite 32.
4) HUME, Treatise, Introduction, Seite 7.
5) KANT definiert in einem ähnlichen Sinn das Wort transzendental (Kr. d. r. V., Einleitung, Seite VII), doch weiß man, daß der Gebrauch desselben bei ihm einigermaßen schwankend ist.
6) In anderen Worten drückt KANT diese Aufgabe in Kr. d. r. V., Methodenlehre I, 1. (KIRCHMANN-Ausgabe, Seite 571) aus.
7) Kr. d. r. V., Kirchmann-Ausgabe, Seite 130.
8) HUME, Treatise I, 6, Seite 97; LOCKE, Essay II 22, § 25.
9) REID, Inquiry into the human mind, Edinburgh 1814, Seite 42
10) zum Beispiel noch bei EDUARD von HARTMANN, Kritische Grundlegung des transzendentalen Realismus.
11) BERKELEY, Principles of human knowledge, Works I, London 1874) Nr. 86. HUME, Treatise IV 2, Seite 274.
12) Man kann daher PFLEIDERER keineswegs zustimmen, wenn er in "Empirismus und Skepsis" (Seite 113) sagt, daß HUMEs Einteilung in impression und idea LOCKEs Zweigliederung von sensation und reflection verbessernd ersetzen sollte.
13) Oft drückt sich übrigens derselbe auch mit einem ganz naturalistischen Anstrich aus, wenn er Erscheinungen als "bloße Vorstellungen in uns" bezeichnet, "welche nur im Gemüt angetroffen werden." (Kr. d. r. V., Antinomien, Abschnitt 6, Kirchmann-Ausgabe, Seite 407f.
14) "the full examination of this question is the subject of the present treatise." [Die umfassende Prüfung dieser Frage ist das Thema dieser Untersuchung. - wp]
15) HUME, Inquiry, Seite 359.
16) Von den Späteren hat derselben wieder VICTOR COUSIN [hg] eine hervorragende Wichtigkeit (raison spontanée und réfléchie). Vgl. dessen Introduction á l'histoire de la philosophie (Oeuvres, Teil I) lec. 6.
17) Das Verständnis zwischen reason und understanding ist nicht recht klar; nach einer Stelle (VI, 1) ist reason identisch mit understanding, andererseits wird das "understanding" auf die imagination zurückgeführt (IV 7, Seite 336), zu der der "reason" im Gegensatz steht.
18) vgl. hierzu MEINONG, Humestudien, Wien 1877
19) Treatise III, 7. Andererseits wird es auch wieder unbestimmter, aber doch als ein besonderes Gefühl bezeichnet (Seite 134, 329).

References: § 17
 § 49
 § 2
 § 12
 § 1
 § 2
 § 2
 § 3
 § 2
 § 1
 § 4
 § 9
 § 25