Source: https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2006/01/rs20060117_1bvr054102.html
Timestamp: 2018-10-24 05:44:04+00:00

Document:
Bundesverfassungsgericht - Entscheidungen - Zu dem aus GG Art 19 Abs 4 folgenden fachgerichtlichen Rechtsschutz gegen untergesetzliche Rechtssätze
StartseiteEntscheidungen Beschluss vom 17. Januar 2006 - 1 BvR 541/02
zum Beschluss des Ersten Senats vom 17. Januar 2006
- 1 BvR 541/02 -
- 1 BvR 542/02 -
1 BvR 541/02 -
1 BvR 542/02 -
1. des Herrn B ...,
Rechtsanwälte Meisterernst Düsing Manstetten,
gegen a) den Beschluss des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom 15. Februar 2002 - 10 LA 1330/01 -,
b) das Urteil des Verwaltungsgerichts Oldenburg vom 6. Februar 2001 - 12 A 2154/99 -,
c) den Widerspruchsbescheid der Bezirksregierung Weser-Ems vom 30. April 1999 - 508.b-60161 w -,
d) den Bescheid des Amtes für Agrarstruktur Aurich vom 19. November 1997 - 457 007 0056 6097 -,
e) den Bescheid des Amtes für Agrarstruktur Aurich vom 21. November 1996 - 457 007 0056 6096 -,
f) den Bescheid des Amtes für Agrarstruktur Aurich vom 30. November 1995 - 457 007 0056 6095 -,
g) den Bescheid des Amtes für Agrarstruktur Aurich vom 18. November 1994 - 457 007 0056 036094 -,
h) den Bescheid des Amtes für Agrarstruktur Aurich vom 19. November 1993 - 457 007 0056 036093 –
- 1 BvR 541/02 -,
gegen a) den Beschluss des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom 18. Februar 2002 - 10 LA 1331/01 -,
b) das Urteil des Verwaltungsgerichts Oldenburg vom 6. Februar 2001 - 12 A 2150/99 -,
d) den Bescheid des Amtes für Agrarstruktur Aurich vom 21. November 1996 - 457 004 0014 6096 -,
e) den Bescheid des Amtes für Agrarstruktur Aurich vom 30. November 1995 - 457 004 0014 6095 -,
f) den Bescheid des Amtes für Agrarstruktur Aurich vom 18. November 1994 - 457 004 0014 036094 -,
g) den Bescheid des Amtes für Agrarstruktur Aurich vom 19. November 1993 - 457 004 0014 036093 -
am 17. Januar 2006 beschlossen:
Die Beschwerdeführer bewirtschaften landwirtschaftliche Betriebe in Niedersachsen. Ihre Verfassungsbeschwerden richten sich unmittelbar gegen Bescheide des in den Ausgangsverfahren beklagten Amtes für Agrarstruktur über die Gewährung von Ausgleichszahlungen für Getreide, die jeweiligen Widerspruchsbescheide der Bezirksregierung und die diese Bescheide bestätigenden verwaltungsgerichtlichen Entscheidungen. Mittelbar richten sie sich gegen die Verordnung über eine Stützungsregelung für Erzeuger bestimmter landwirtschaftlicher Kulturpflanzen (Kulturpflanzen-Ausgleichszahlungs-Verordnung) des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in der Fassung der Bekanntmachung vom 27. November 1995 (BGBl I S. 1561), im hier relevanten Zeitraum zuletzt geändert durch Verordnung vom 12. Dezember 1996 (BGBl I S. 1875).
1. Die Beschwerdeführer haben zwar in der von ihnen gewählten verwaltungsgerichtlichen Verfahrensart den Rechtsweg erschöpft, wie es § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG verlangt. Der Grundsatz der Subsidiarität erfordert jedoch, dass ein Beschwerdeführer über das Gebot der Rechtswegerschöpfung im engeren Sinne hinaus alle ihm zur Verfügung stehenden prozessualen Möglichkeiten ergreift, um eine Korrektur der geltend gemachten Verfassungsverletzung zu erwirken oder eine Grundrechtsverletzung zu verhindern (vgl. BVerfGE 74, 102 <113> m.w.N.; 104, 65 <70>; stRspr).
So hätten die Beschwerdeführer vor den Verwaltungsgerichten eine Feststellungsklage nach § 43 Abs. 1 VwGO unmittelbar gegen die Bundesrepublik Deutschland richten können mit dem Ziel festzustellen, dass sie durch die Kulturpflanzen-Ausgleichszahlungs-Verordnung in ihren subjektiven Rechten, nämlich ihrem Grundrecht aus Art. 3 Abs. 1 GG, verletzt worden sind. Diese Überprüfung der Rechtmäßigkeit untergesetzlicher Rechtssätze mit Hilfe der Feststellungsklage ist nach der fachgerichtlichen Rechtsprechung möglich (vgl. BVerwGE 111, 276 <278 f.>; BSGE 72, 15 <17 ff.>). Die Anerkennung einer solchen Feststellungsklage mit einem derartigen Klageziel stellt keinen Bruch mit dem System des Rechtsschutzes in der Verwaltungsgerichtsordnung dar und führt insbesondere nicht zur Einführung einer der Verwaltungsgerichtsordnung bisher nicht bekannten Klageart. Sie rechtfertigt sich im Hinblick auf die Rechtsschutzgarantie des Art. 19 Abs. 4 GG daraus, dass Streitgegenstand die Anwendung der Rechtsnorm auf einen bestimmten Sachverhalt ist, so dass die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Norm lediglich als - wenn auch streitentscheidende – Vorfrage aufgeworfen wird (vgl. BVerwG, a.a.O.). Es handelt sich daher bei einer solchen, auf Feststellung einer Rechtsverletzung gerichteten Klage gegen den Normgeber nicht um eine Umgehung der in § 47 VwGO nur für Landesrechtsverordnungen vorgesehenen prinzipalen Normenkontrolle. § 47 VwGO entfaltet gegenüber der Überprüfung der Rechtmäßigkeit einer Rechtsverordnung im Wege der Feststellungsklage keine Sperrwirkung (vgl. BVerwG, a.a.O., S. 278). Dem System des verwaltungsgerichtlichen Rechtsschutzes kann nicht entnommen werden, dass außerhalb des § 47 VwGO die Überprüfung von Rechtsetzungsakten ausgeschlossen sein soll (vgl. BVerwG, Urteil vom 9. Dezember 1982 - BVerwG 5 C 103.81 -, Buchholz 310 § 43 VwGO Nr. 78).
Papier Haas Der Richter Hömig ist aus dem Amt ausgeschieden und deshalb an der Unterschrift gehindert
ECLI:DE:BVerfG:2006:rs20060117.1bvr054102
BVerfG, Beschluss des Ersten Senats vom 17. Januar 2006
- 1 BvR 541/02 - Rn. (1-55),
http://www.bverfg.de/e/rs20060117_1bvr054102.html
Nr. 45/2006 vom 2. Juni 2006
BVerfGE 115, 81 - 97

References: § 90
 § 43
 Art. 3
 Art. 19
 § 47
 § 47
 § 47
 § 43