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Timestamp: 2018-02-25 23:21:15+00:00

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Mike Sandbothe: Pragmatische Medienphilosophie und das Internet
Quelle: http://www.sandbothe.net/44.html
erschienen in: Subjektivität und Öffentlichkeit. Kulturwissenschaftliche Grundlagenprobleme virtueller Welten, hrsg. von Winfried Marotzki und Mike Sandbothe, Köln: Herbert von Halem Verlag 2000.
auch in: Über Medien. Geistes- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, hrsg. von Sybille Krämer, Berlin: 1998, S. 95 - 110.
Pragmatische Medienphilosophie und das Internet
Die Aufmerksamkeit auf die medialen Verflechtungsverhältnisse, die zwischen unseren technischen Verbreitungsmedien (Buchdruck, Radio, Fernsehen, Internet), unseren symbolischen Verständigungsmedien (Bild, Sprache, Schrift, Musik) und unseren sinnlichen Wahrnehmungsmedien (Raum, Zeit) bestehen, hat sich in der philosophischen Moderne im Ausgang des 19. und in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts zunehmend verstärkt.1 Die Etablierung medienphilosophischer Fragestellungen steht in engem Zusammenhang mit einer Neuorientierung der modernen Philosophie, die ich im Anschluß an Richard Rorty als "pragmatische Wende" (Rorty, 1987, S. 168) bezeichnen möchte. Damit ist der Übergang zu einem Philosophieren gemeint, in dessen Zentrum nicht mehr die repräsentationalistische Frage nach dem (abbildenden oder konstruierenden) Wirklichkeitsbezug unserer Theorien mit Blick auf ihren Erkenntnis- und Wahrheitswert, sondern statt dessen die anti-repräsentationalistische Frage nach der Nützlichkeit unseres Denkens im Rahmen konkreter, historisch kontingenter, politisch und sozial zu bestimmender Handlungskontexte steht.
Rortys Gegenüberstellung von Repräsentationalismus und Anti-Repräsentationalismus, von der ich soeben Gebrauch gemacht habe, ist deutlich von der auf Michael Dummett zurückgehenden Unterscheidung zwischen Realismus und Anti-Realismus abzugrenzen (Dummett, 1978).2 Viele Mißverständnisse in der aktuellen Pragmatismusdebatte sind daraus entstanden, daß jene Gegenüberstellung ohne weiteres mit dieser Unterscheidung gleichgesetzt wurde. Da die Opposition Repräsentationalismus/Anti-Repräsentationalismus den folgenden Überlegungen als operative Terminologie zugrunde liegt, stelle ich meinen Ausführungen eine kurze Erläuterung dieser Opposition in Abgrenzung von der Differenz Realismus/Anti-Realismus voran.
In Rortys Verwendung dient die Unterscheidung zwischen realistischen Abbildtheorien und anti-realistischen Konstruktionstheorien der Erkenntnis nicht als Synonym der Opposition Repräsentationalismus/Anti-Repräsentationalismus, sondern als eine Binnendifferenz, die ihre Unterscheidungsarbeit innerhalb des Bereichs der repräsentationalistischen Positionen verrichtet. Das hebt Rorty in seinen neueren Publikationen explizit hervor, wenn er schreibt: "I claim that the representationalism-vs.-antirepresentationalism issue is distinct from the realism-vs.-antirealism one, because the latter issue arises only for representationalists" (Rorty, 1991a, S. 2). Rorty selbst hat jedoch in früheren Arbeiten insbesondere durch die Verwendung der Spiegelmetaphorik in seinem Buch Der Spiegel der Natur dazu beigetragen, daß seine Kritik des Repräsentationalismus nicht im weiten Sinn als Kritik jeder "allgemeine[n] Theorie der Darstellung" (Rorty, 1987, S. 13), sondern im engen Sinn als Kritik allein am abbildungstheoretischen Paradigma verstanden worden ist. So hat etwa Wolfgang Welsch gegen Rortys Kritik der Philosophie im Spiegel der Natur eingewendet, daß "die neuzeitliche Philosophie seit dem 17. Jahrhundert (...) das Erkennen (...) gerade nicht nach dem Modell des Spiegels verstanden hat. (...). Der Erkenntnisbegriff der Neuzeit war von seinem Ansatz her nicht abbildend, sondern konstruktivistisch ausgerichtet" (Welsch, 1995, S. 213f ).
Diese Kritik hat ein gewisses Recht, ist zugleich aber auch ein Stück weit zu relativieren. Zwar tritt im Spiegel der Natur der erkenntnistheoretische Konstruktivismus, den Welsch für Descartes und Kant reklamiert (Welsch, 1995, S. 214), hinter die Vorstellung zurück, das Spezifikum der neuzeitlichen Erkenntnistheorie bestehe in dem Sachverhalt, daß Descartes, Locke und Kant meinten, der Mensch könne die Natur nur dann angemessen spiegeln, wenn der verzerrungsgefährdete Spiegel des menschlichen Bewußtseins regelmäßig erkenntnistheoretisch aufpoliert würde. Zugleich jedoch ist Rorty gegen Welschs Einwand insofern zu verteidigen, als schon im Spiegel der Natur das neuzeitliche Aufpolieren des Bewußtseinsspiegels seinen Kulminationspunkt in der "Kopernikanische[n] Wende" (Rorty, 1987, S. 156) zum Konstruktivismus hat, die für Rorty - nicht anders als für Welsch - darin besteht, daß "Kant die Gesamtheit unserer Aussagen zu Aussagen über etwas [machte], das wir selbst konstituiert hatten" (Rorty, 1987, S. 157).3
In neueren Publikationen verwendet Rorty anstelle der Spiegelmetapher als zentrales Charakteristikum des Repräsentationalismus die seinen beiden Varianten zugrundeliegende [p.96] Korrespondenztheorie der Wahrheit: "Auseinandersetzungen zwischen Realismus und Antirealismus sind witzlos, denn solche Auseinandersetzungen setzen den inhaltsleeren und irreführenden Gedanken voraus, daß Überzeugungen 'wahr gemacht werden'" (Rorty, 1990a, S. 59; vgl. ebd., S. 92). Die Vorstellung, daß menschliches Erkennen primär darauf zielt, eine adäquate Darstellung der Wirklichkeit zu geben, bestimmt sowohl abbildungstheoretische als auch konstruktivistische Epistemologien. Abbildungstheorie und Konstruktivismus legen zwar unterschiedliche Adäquanzkritierien an und setzen unterschiedliche Wirklichkeitsbegriffe voraus, bleiben aber beide im Paradigma einer auf Korrespondenz zielenden Repräsentation. Während die Adäquanz einer Darstellung abbildungstheoretisch durch ihren Bezug auf einen darstellungstranszendenten Gegenstand bestimmt wird, ist das konstruktivistische Korrespondenzkriterium darstellungsimmanent definiert. Die entscheidende Frage ist hier, ob die konstruktivistisch verstandene Darstellung eines Sachverhaltes den als Bedingungen der Möglichkeit von Darstellung überhaupt aufgefaßten Regeln der Konstruktion von etwas als etwas formal korrespondiert.4
Den repräsentationalistischen Erkenntnismodellen setzt Rorty die anti-repräsentationalistische Auffassung entgegen, daß Erkenntnis nicht durch ihren korrespondenztheoretischen Wirklichkeitsbezug, sondern als in Nützlichkeitszusammenhänge eingebundenes Handlungselement beschrieben werden sollte. Erkenntnisvollzüge werden unter anti-repräsentationalistischen Vorzeichen nicht als konstruierende oder abbildende Darstellung von Wirklichkeit, sondern als pragmatische Werkzeuge zur Veränderung von Wirklichkeit aufgefaßt. Vollzieht man die mit dem Anti-Repräsentationalismus verbundende pragmatische Wende, wird die repräsentationalistische Unterscheidung zwischen Erkenntnis als realistischem "Entdecken" von Wirklichkeit und Erkenntnis als konstruktivistischem "Machen" von Wirklichkeit irrelevant. Das stellt Rorty in seinem Aufsatz Relativismus: Finden und Machen besonders deutlich heraus, wenn er schreibt: "Wenn man Überzeugungen nicht als Repräsentationen, sondern als Verhaltensweisen und Wörter nicht als Repräsentationen, sondern als Werkzeuge behandelt, wird es sinnlos zu fragen: 'Ist das, was ich tue, Entdecken oder Erfinden, Finden oder Machen?' Es hat keinen Sinn, die Wechselwirkung zwischen Organismen und ihrer Umwelt auf diese Art und Weise einzuteilen."5
Der bisher aus systematischer Perspektive beschriebene Übergang vom antipragmatischen Repräsentationalismus zum pragmatischen Anti-Repräsentationalismus ist Rorty zufolge philosophiehistorisch bereits am Ende des 19. und in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts vollzogen worden: "(...) nach meiner Auffassung wurde der fruchtlose metaphysische Streit zwischen Idealismus und Physikalismus in den Anfangsjahren dieses Jahrhunderts überwunden durch einen metaphilosophischen Streit zwischen den Pragmatisten (...) und den Antipragmatisten. Dieser letztere Streit liegt jenseits von Realismus und Antirealismus" (Rorty, 1990a, S. 94). Die darin zum Ausdruck kommende pragmatische Wende der modernen Philosophie wurde Rorty zufolge in Amerika von den Vertretern des klassischen Pragmatismus Charles Sanders Peirce, William James und John Dewey und in Europa von pragmatisch denkenden Philosophen wie Nietzsche, dem frühen Heidegger und dem späten Wittgenstein vollzogen.6 Das zentrale Anliegen der pragmatischen Philosophen bestand in dem Versuch, die bereits im Denken von Bacon und Descartes sowie von Kant und Hegel angelegte metaphilosophische Kontroverse über die Frage, ob das Zentrum der modernen Philosophie in der theoretisch-kontemplativen Ausrichtung auf die Erkenntnis des Vergangenen oder in der praktisch-aktiven Orientierung an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu sehen ist, zugunsten der letztgenannten Alternative zu entscheiden. In diesem Sinn formuliert Rorty: "Sofern der Pragmatismus überhaupt etwas Spezifisches an sich hat, dann dies: daß er die Begriffe der Realität, der Vernunft und des Wesens durch den Begriff der besseren menschlichen Zukunft ersetzt" (Rorty, 1994, S. 15f, vgl. hierzu auch Rorty, 1998a). Eine ähnliche Pragmatismus-Charakterisierung findet sich bei Hilary Putnam, der "die Betonung des Vorrangs der Praxis" als "eine zentrale - vielleicht die zentrale - Schwerpunktsetzung [des] Pragmatismus" (Putnam, 1995, S. 61) bezeichnet (vgl. hierzu auch Nagl, 1998).
Meine Ausführungen gliedern sich in drei Teile. Im ersten Teil führe ich im Rekurs auf die drei Begründer des klassischen Pragmatismus - Peirce, James und Dewey - einige Grundzüge der pragmatischen Wende der modernen Philosophie vor Augen und expliziere auf dieser Grundlage den pragmatischen Medienbegriff. Im zweiten Teil werden im Rekurs auf Nietzsche und den späten Wittgenstein vier Leitmaximen einer pragmatischen Medienphilosophie entwickelt. Im Schlußteil wende ich diese Leitmaximen auf die sich aktuell vollziehende [p.97] Medientransformation an, indem ich mit ihrer Hilfe die sich im Internet vollziehende Pragmatisierung unseres Zeichengebrauch zu analysieren versuche.
1) Pragmatische Wende und pragmatischer Medienbegriff
Als Gründungsdokument des amerikanischen Pragmatismus gilt Charles Sanders Peirces berühmter Aufsatz von 1878 Über die Klarheit unserer Gedanken. Den Grundzug der sich in der modernen Philosophie vollziehenden pragmatischen Wende hat Peirce in diesem Text in Gestalt der von ihm sogenannten "pragmatische[n] Maxime" (Peirce, 1985, S. 47) antizipiert. Sie lautet: "Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Bezüge haben könnten, wir dem Gegenstand unseres Begriffs in Gedanken zukommen lassen. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen das Ganze unseres Begriffs des Gegenstandes" (Peirce, 1985, S. 63).
Peirce, dessen Denken eigenem Bekunden zufolge seinen Ausgang von der kantischen Transzendentalphilosophie nahm7, hat die pragmatische Maxime im Sinn eines evolutionär konzipierten transzendentalen Universalismus ausbuchstabiert. Peirce zufolge gilt nicht nur, "daß die ganze Funktion des Denkens die ist, Gewohnheiten des Handelns zu erzeugen" (Peirce, 1985, S. 59). Er bestimmt vielmehr die "Identität einer Gewohnheit" (Peirce, 1985, S. 59) darüber hinaus in transzendentalphilosophischer Manier mit Blick darauf, "wie sie uns handeln lassen könnte, nicht nur unter solchen Umständen, wie sie wahrscheinlich entstehen, sondern unter solchen, die überhaupt möglicherweise auftreten können, gleichgültig, wie unwahrscheinlich sie sein mögen" (Peirce, 1985, S. 59).
William James hat Peirces Maxime 1898 in seinem Aufsatz Philosophical Conceptions and Practical Results (James, 1975) aufgegriffen und zusammen mit dem ebenfalls von Peirce vorgeschlagenen Begriff des Pragmatismus international kurrent gemacht worden. James darf dabei zugleich als der gegenüber Peirce konsequentere Pragmatist gelten. Beschränkt er sich doch bewußt auf die konkreten und bestimmten, d.h. die besonderen, situativ mitbedingten Konsequenzen eines Begriffs, die dessen Bedeutung konstituieren. So stellt James heraus: "I think myself that it [the principle of pragmatism - M.S.] should be expressed more broadly than Mr. Peirce expresses it. The ultimate test for us of what a truth means is indeed the conduct it dictates or inspires. But it inspires that conduct because it first foretells some particular turn to our experience which shall call for just that conduct from us. (...); the point lying rather in the fact that the experience must be particular (...)" (James, 1975, S. 259).8
Eine systematische Ausformulierung des philosophischen Pragmatismus ist im Anschluß an Peirce und James von John Dewey vorgelegt worden. In seinem 1927 erschienenen Hauptwerk Die Suche nach Gewißheit9 erläutert Dewey Peirces pragmatische Maxime wie folgt: "Peirce hält fest, daß die einzige Bedeutung der Idee eines Gegenstandes in den Konsequenzen besteht, die sich ergeben, wenn in einer bestimmten Weise auf den Gegenstand eingewirkt wird" (Dewey, 1998, S. 114, Anm. 2). Und Dewey fährt fort: "Es ist nicht Aufgabe des Denkens, sich den Merkmalen anzupassen, welche die Gegenstände schon besitzen, oder sie zu reproduzieren, sondern sie als Möglichkeiten dessen zu beurteilen, was sie durch eine angezeigte Operation werden. Dieses Prinzip gilt vom einfachsten bis zum kompliziertesten Fall" (Dewey, 1998, S. 140). Für einen einfachen Fall gibt Dewey das folgende Beispiel: "Wenn man urteilt, dieses Objekt sei süß, das heißt, wenn man die Idee oder Bedeutung 'süß' darauf bezieht, ohne tatsächliche Süße zu erfahren, sagt man voraus, daß dann, wenn es geschmeckt wird - das heißt, wenn es einer spezifizierten Operation unterzogen wird -, eine bestimmte Konsequenz folgen wird" (Dewey, 1998, S. 140).
Wendet man die pragmatische Maxime auf den Medienbegriff an, kommen zwei unterschiedliche Weisen in den Blick, wie sich ein Wort als Medium auffassen bzw. verwenden läßt (Sandbothe, 1998b). Zum einen können wir Wörter aus repräsentationalistischer Perspektive als gleichsam magische Erkenntnismedien und Vermittlungsinstanzen auffassen, durch die hindurch sich uns die Wahrheit des Seins oder die Wahrheit der Erscheinungen erschließt. Das ist die traditionelle Bedeutungstheorie der Sprache, die - sowohl unter vorkantisch-realistischen als auch unter kantisch-konstruktivistischen Vorzeichen - mit der Korrespondenztheorie der Wahrheit auf enge Weise verbunden ist. Zum andern können wir Wörter aus pragmatischer Perspektive als Medien in einem handwerklichen Sinn verstehen, indem wir sie - ich zitiere James - als ein "Programm für neue Arbeit" (James, 1977, S. 33) und als Mittel im Sinn von Werkzeugen gebrauchen, "durch welche existierende Realitäten verändert werden können" (James, 1977, S. 33). [p.98]
Die in den beiden unterschiedlichen Verwendungsweisen zum Ausdruck kommende Doppeldeutigkeit des Medienbegriffs ist dem Wort 'Medium' bereits etymologisch eingeschrieben (Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion, 1963, S. 431). Während das lateinische 'medius' noch primär das in einem räumlichen Sinn 'in der Mitte Befindliche', 'Dazwischenliegende' bezeichnet, entwickelt das seit dem 17. Jahrhundert in der deutschen Sprache nachweisbare Fremdwort zwei unterschiedliche Bedeutungsfelder. Innerhalb des ersten Bedeutungsfeldes bezeichnet 'Medium' 'das zwischen zwei Dingen Vermittelnde', d.h. 'Medium' wird im Sinn von 'Mitte', 'Mittler', 'Mittelglied', und 'vermittelndes Element' gebraucht (Chemie, Grammatik). Innerhalb des zweiten Bedeutungsfeldes, das sich aus dem ersten ableitet und dann verselbstständigt, fungiert 'Medium' als Wort zur Bezeichnung für 'das, was zur Erreichung eines Zweckes dient', d.h. 'Medium' wird hier im Sinn von 'Mittel', 'Hilfsmittel' und 'Werkzeug' verwendet. Diese Doppeldeutigkeit spiegelt sich bis in die sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts etablierende Bedeutung von 'Medien' und 'Massenmedien' als 'Kommunikationsmittel' bzw. als 'Informationsvermittler, Information vermittelnde Einrichtungen' (Carstensen & Busse, 1994, S. 884f, 892f).
Aus der strukturellen Binnendifferenzierung des Medienbegriffs, die querläuft zu seiner typologischen Ausdifferenzierung in Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Verbreitungsmedien, lassen sich vier Leitmaximen pragmatischer Medienphilosophie entnehmen. Sie werden im folgenden mit Blick auf medienphilosophische Überlegungen vor Augen geführt, die sich in den Werken von Friedrich Nietzsche und Ludwig Wittgenstein finden.
2) Vier Leitmaximen der pragmatischen Medienphilosophie im Rekurs auf Nietzsche und Wittgenstein
Die erste Leitmaxime artikuliert den Ratschlag, daß die pragmatische Medienphilosophie es vermeiden sollte, die Wörter 'Medium' und 'Medien' als magische Kultwörter aufzubauen, mit denen sich die ewigen Rätsel der philosophischen Tradition nun endlich doch noch lösen lassen, und statt dessen auf den konkreten Gebrauch zu achten, den wir von Medien in bestimmten Handlungskontexten machen oder nicht machen. Im Rahmen der impliziten Medienphilosophien, die sich im Denken von Nietzsche und Wittgenstein freilegen lassen, finden sich explizite Äußerungen dazu, daß es ihnen nicht darum geht, neue philosophische Kultwörter zu kreieren, sondern vielmehr darum, die konkrete Praxis einer dezidiert pragmatischen Sprach- und Medienkritik zu etablieren, in deren Rahmen diejenigen Verwirrungen zum Verschwinden gebracht werden sollen, welche die klassischen Probleme der Philosophie hervorgebracht haben.
Die philosophischen Verwirrungen, so der Grundgedanke von Wittgensteins Spätphilosophie, lassen sich entlarven, indem wir den konkreten Gebrauch in den Blick bringen, den wir von bestimmten Wörtern und Sätzen im Rahmen von unterschiedlichen "Sprachspiele[n]" (Wittgenstein, 1984a, §7, S. 241 u.ö.) machen. Mit Sprachspielen sind bei Wittgenstein mehr oder weniger ritualisierte Handlungszusammenhänge gemeint, die sowohl sprachliche als auch außer-sprachliche Elemente enthalten und in umgreifende kulturelle Lebensformen eingebettet sind.10 Die in seiner Aufmerksamkeit für die Verflechtungen, die zwischen Sprachspielen und Lebensformen bestehen, zum Ausdruck kommende pragmatische Wende bringt Wittgenstein auf den Begriff, wenn er im gleichen Kontext fordert: "Die Betrachtung muß gedreht werden, aber um unser eigentliches Bedürfnis als Angelpunkt" (Wittgenstein, 1984a, §108, S. 298).11
An die Stelle der traditionellen Auffassung, die Geist und Bedeutung als Agens des Denkens ansetzt, und Sprache als Medium des Ausdrucks von Bedeutungen konzipiert, die ihrerseits als Vermittlungsmedien zwischen Wort und Gegenstand gedacht sind, setzt Wittgenstein die Achtsamkeit auf unseren faktischen Zeichengebrauch in konkreten Handlungszusammenhängen: "Eine Sprache verstehen, heißt, eine Technik beherrschen" (Wittgenstein, 1984a, §199, S. 344). Die philosophische Frage lautet dann nicht mehr: "Was bedeutet dieses Zeichen?", sondern "Wie wird dieses Zeichen verwendet? Was wird damit gemacht?" Wittgenstein schlägt vor, Zeichen nicht mehr als Medien im Sinne von reinen Mittelwesen, d.h. von geistigen Vermittlungsinstanzen oder idealen Erkenntnissphären zu verstehen. Statt dessen gilt es Wittgenstein zufolge, sie als Mittel im Sinne von Werkzeugen, die zu bestimmten Zwecken dienen, pragmatisch aufzufassen. Der einfache Ratschlag, den Wittgenstein in der elften Bemerkung der Philosophischen Untersuchungen gibt, lautet: "Denk [p.99] an die Werkzeuge in einem Werkzeugkasten: es ist da ein Hammer, eine Zange, eine Säge, ein Schraubenzieher, ein Maßstab, ein Leimtopf, Leim, Nägel und Schrauben. - So verschieden die Funktionen dieser Gegenstände, so verschieden sind die Funktionen der Wörter. (Und es gibt Ähnlichkeiten hier und dort.)" (Wittgenstein, 1984a, §11, S. 243)
Wittgenstein fordert dazu auf, auch und gerade unseren philosophischen Gebrauch von Wörtern pragmatisch auf die Sprachspiele hin rückzubinden, in denen die entsprechenden Wörter in der Alltagssprache eine Rolle spielen. In der Bemerkung Nr. 116 der Philosophischen Untersuchungen heißt es: "Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück" (Wittgenstein, 1984a, §116, S. 300). Und mit Blick auf die Rolle, die das Wort 'Sprache' in philosophischen Vokabularen spielt, stellt Wittgenstein kritisch heraus: "Wir sind in der Täuschung, das Besondere, Tiefe, das uns Wesentliche unserer Untersuchung liege darin, daß sie das unvergleichliche Wesen der Sprache zu begreifen trachtet. D.i., die Ordnung, die zwischen den Begriffen des Satzes, Wortes, Schließens, der Wahrheit, der Erfahrung, usw. besteht. Diese Ordnung ist eine Über-Ordnung zwischen - sozusagen - Über-Begriffen. Während doch die Worte 'Sprache', 'Erfahrung', 'Welt', wenn sie eine Verwendung haben, eine so niedrige haben müssen, wie die Worte 'Tisch', 'Lampe', 'Tür'." (Wittgenstein, 1984a, §97, S. 295)
Über die Herkunft der philosophischen Sprachkrankheit, die er therapeutisch in seinem Spätwerk zu bekämpfen versucht, gibt Wittgenstein gleich zu Beginn der Philosophischen Untersuchungen - und zwar wiederum in der Bemerkung Nr. 11 - Auskunft. Indem er das tut, formuliert er zugleich die zweite Leitmaxime einer pragmatischen Medienphilosophie. Wittgensteins medienphilosophische Antwort auf die Frage nach der Ätiologie lautet: "Freilich, was uns verwirrt ist die Gleichförmigkeit ihrer Erscheinung, wenn die Wörter uns gesprochen, oder in der Schrift und im Druck entgegentreten. Denn ihre Verwendung steht nicht so deutlich vor uns. Besonders nicht, wenn wir philosophieren!" (Wittgenstein, 1984a, §11, S. 243) Eine ganz ähnliche Ätiologie für eine ganz ähnliche Diagnose gibt Nietzsche, wenn er in einem nachgelassenen Fragment aus der Zeit zwischen Herbst 1885 und Frühjahr 1886 schreibt: "Die Worte bleiben: die Menschen glauben, auch die damit bezeichneten Begriffe!" (Nietzsche, 1980, Bd. 12, §1[98], S. 34) Und bereits im Februar 1882 bemerkt Nietzsche in einem mit Schreibmaschine getippten Brief an Heinrich Köselitz: "[...] unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken" (Nietzsche, 1986, Bd. 6, S. 172). Bevor ich auf die Frage nach der Ätiologie näher eingehe, möchte ich Nietzsches Version der Diagnose, d.h. seine Ausformulierung der ersten Leitmaxime einer pragmatischen Medienphilosophie nachtragen.
Ähnlich wie Wittgenstein ist auch Nietzsche als Begründer der modernen Sprachphilosophie rezipiert und systematisch ausgedeutet worden. Und ähnlich wie die sprachphilosophische Wittgenstein-Rezeption beruht auch die sprachphilosophische Nietzsche-Rezeption auf einem Mißverständnis. Genausowenig wie Wittgenstein geht es Nietzsche um eine systematische Theorie der Sprache. Auch Nietzsche unterläuft die repräsentationalistische Auffassung von Sprache, Wahrheit und Erkenntnis im pragmatischen Rekurs auf Nützlichkeitsbestimmungen und Interessenverhältnisse. So stellt er in der Fröhlichen Wissenschaft mit Blick auf Wahrheit und Erkenntnis heraus: "Wir haben eben gar kein Organ für das Erkennen, für die 'Wahrheit': wir 'wissen' (oder glauben oder bilden uns ein) gerade so viel als es im Interesse der Menschen-Heerde, der Gattung, nützlich sein mag (...)" (Nietzsche, 1980, Bd. 3, §354, S. 593). Die damit verbundende Degradierung der Sprache, die traditionell als ausgezeichnetes Erkenntnisorgan und Wahrheitsmedium figurierte, zu einem pragmatischen Werkzeug im Dienste von Machtinteressen wird explizit, wenn Nietzsche in der Genealogie der Moral zur Beantwortung der Frage nach dem Ursprung der Sprache den folgenden Vorschlag macht: "Das Herrenrecht, Namen zu geben, geht so weit, dass man sich erlauben sollte, den Ursprung der Sprache selbst als Machtäusserung der Herrschenden zu fassen: sie sagen 'das ist das und das', sie siegeln jegliches Ding und Geschehen mit einem Laute ab und nehmen es dadurch gleichsam in Besitz" (Nietzsche, 1980, Bd. 5, § 2, S. 260).12
Vor diesem Hintergrund versteht Nietzsche die Zeichensysteme von von Bild, Sprache, Schrift und Musik als mediale Machtwerkzeuge, die es in ihren genealogisch zu rekonstruierenden Arbeitszusammenhängen aufzusuchen und als materiale Werkzeuge des Willens zur Macht nicht nur zu analysieren, sondern zugleich zu eigenen Zwecken zu instrumentalisieren gilt. Das kommt auch in der Art und Weise zum Ausdruck, wie sich die zweite Leitmaxime einer pragmatischen Medienphilosophie bei Nietzsche ausprägt. Sie stellt den Zusammenhang her zwischen den philosophischen Verwirrungen, die aus einem repräsentationalistischen [p.100] Medien-Mißverständnis hervorgehen, und der modernen Kultur des Buchdrucks. Nietzsches medienphilosophische Ätiologie der philosophischen Krankheit weist dabei freilich noch weiter zurück: nämlich bis in die Antike. In seinen im Wintersemester 1874/75 gehaltenen Basler Vorlesungen zur Geschichte der griechischen Litteratur (Nietzsche, 1995) hat Nietzsche Havelocks Frage nach The Literate Revolution in Greece and its Cultural Consequences (Havelock, 1982) vorweggenommen. Die Konsequenzen, welche sich im antiken Griechenland mit der schrittweisen Einführung und zunehmenden Ausbreitung der phonetischen Alphabetschrift verbanden, beschreibt der junge Basler Philologie-Professor als Verlust einer ursprünglich auf Oralität und Interaktion beruhenden Kultur: "Also in doppelter Weise verkannte man später die griech. Kunstwerke der Sprache: 1 man löste sie vom speziellen Anlaß, speziellen Publikum los u. nahm sie als ob sie für ein unbestimmtes Publik. verfaßt seien. 2. man trennte sie von den zugehörigen Künsten u. nahm sie als verfaßt für Leser" (Nietzsche, 1995, S. 278). Das "Stadium des Übergangs" (Nietzsche, 1995, S. 279) setzt Nietzsche in der Zeit des Aristoteles an, der von seinem Lehrer Platon nicht zufällig den "Scherznamen 'anagnostes'" (Nietzsche, 1995, S. 283) - 'der Leser' - erhalten habe.
Explizit stellt und beantwortet der frühe Nietzsche die ätiologische Frage in seiner Vorlesung wie folgt: "Woher nun die spätere Schätzung der Schrift? die so hoch wird, daß allmählich die Bildung eine litterarische wird. Am meisten [aber] wurde die Achtung vor der Schrift befördert durch die rein wissenschaftl. Menschen Mathem. Astronom. Ärzte Naturforscher usw., die sich ihrer bedienten: ihnen kam es darauf an, den Gedanken möglichst rein darzustellen, das Gemüth den Affekt bei Seite zu lassen. (...) Je mehr die Lust am Logischen, am Wissenschaftl. zunimmt, um so geachteter wird auch die Schrift, als Organ dafür" (Nietzsche, 1995, S. 282f)). Und zugleich konturiert Nietzsche auf dem Hintergrund seiner Antike-Studien den Fragehorizont einer modernen Medienphilosophie, wenn er in sein Vorlesungsmanuskript mit Blick auf den Unterschied zwischen Oralität und Literalität schreibt: "Der Unterschied ist ungeheuer, nicht tief genug zu fassen, es giebt immer noch keine Psychologie des Schriftstellers" (Nietzsche, 1995, S. 279).
Es ist der Aspekt der Theoretisierung und Dekontextualisierung der Sprache durch ihre Fixierung im vermeintlich neutralen Medium der Schrift, den Nietzsche auch in seiner Kritik der Buchkultur des 19. Jahrhunderts in den Vordergrund stellt. Vom 19. Jahrhundert spricht er in einem nachgelassenen Fragment aus dem Sommer 1883 als von einem "zerschriebenen Zeitalter" (Nietzsche, 1980, Bd. 10, 8 [20], S. 341), in dem sich die theoretische Kultur via Massenmedien auf alle Bevölkerungsschichten ausdehne. In der zweiten der Unzeitgemässen Betrachtungen beschreibt Nietzsche die Selbstparalyse und Handlungslethargie einer von Buchdruck, Wissenschaft und Journalismus bestimmten Welt folgendermaßen: "Nirgends kommt es zu einer Wirkung, sondern immer nur wieder zu einer 'Kritik'; und die Kritik selbst macht wieder keine Wirkung, sondern erfährt nur wieder Kritik. (...). Die historische Bildung unserer Kritiker erlaubt gar nicht mehr, dass es zu einer Wirkung im eigentlichen Verstande, nämlich zu einer Wirkung auf Leben und Handeln komme (...)" (Nietzsche, 1980, Bd. 1, S. 284f). Und 1882 zieht Nietzsche in einem nachgelassenen Fragment daraus den Schluß:"Noch ein Jahrhundert Zeitungen und alle Worte stinken" (Nietzsche, 1980, Bd. 10, 3[1] 168, S. 73).
Im Unterschied zu James und Dewey, die einen exoterischen und demokratischen Pragmatismus entwickelt haben, buchstabiert Nietzsche seinen Pragmatismus des Willens zur Macht elitaristisch und anti-demokratisch. Das schlägt sich sowohl in seiner Medienphilosophie als auch in seiner eigenen Medienpraxis nieder. James ist in seinen Pragmatismus-Vorlesungen explizit darum bemüht, "die Philosophie zu popularisieren" (James, 1977, S. 2). Er wendet sich direkt an den Common Man und spielt gleich in der ersten Vorlesung den journalistischen Realismus einiger von dem anarchistischen Schriftsteller Morrison J. Swift gesammelten "Zeitungsnotizen (über Selbstmorde, Todesfälle durch Verhungern und ähnliches)" (James, 1977, S. 17) gegen den philosophischen Optimismus eines Leibniz aus. Ganz anders Nietzsche. In einem Brief An Malwida von Meysenbug in Rom aus der ersten Juniwoche 1884 läßt er diese wissen: "Mit Zeitungen, selbst den wohlgemeintesten, kann und darf ich mich nicht einlassen: - ein Attentat auf das gesamte moderne Preßwesen liegt in dem Bereiche meiner zukünftigen Aufgaben" (Nietzsche, 1986, Bd. 6, Nr. 516, S. 510).
Das von ihm bis in seinen Schreibstil hinein praktizierte "Pathos der Distanz" (Nietzsche, 1980, Bd. 5, §257, S. 205) versteht Nietzsche als eine pragmatische Methode, um das Medium des Buches aus seiner Lethargie zu erwecken und Bücher als Werkzeuge nutzbar zu machen, die auf Handlungen zielen. Der Preis, den Nietzsche für die von ihm versuchte [p.101] esoterische Pragmatisierung des Mediums Buches zu zahlen bereit ist, besteht in der Beschränkung auf einen ausgewählten und bewußt begrenzten Rezipientenkreis. Mit Blick auf die von ihm selbst allerdings nie als Buch publizierte Vortragssammlung Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten schreibt Nietzsche 1872 in einer Vorrede: "Für die ruhigen Leser ist das Buch bestimmt, für Menschen, welche noch nicht in die schwindelnde Hast unseres rollenden Zeitalters hineingerissen sind und welche noch nicht ein götzendienerisches Vergnügen daran empfinden, von seinen Rädern zermalmt zu werden - das heißt für wenige Menschen!" (Nietzsche, 1980, Bd. 1, S. 649) Und die wenigen Auserwählten, an die sich Nietzsches Schreiben richtet, fordert er auf: "Seid (...) Leser dieses Buchs, um es nachher, durch eure That, zu vernichten und vergessen zu machen!" (Nietzsche, 1980, Bd. 1, S. 650) Der darin zum Ausdruck kommende Versuch, das Buch als geistiges Werkzeug für den Aufbruch in eine neu zu gestaltende Zukunft zu instrumentalisieren, wird von Nietzsche mit Blick auf die Fröhliche Wissenschaft im Nachlaß des Jahres 1882 in Gestalt eines Gedichts formuliert:
"Dies ist kein Buch: was liegt an Büchern!
Es lacht das Meer, das Ungeheuer -"
(Nietzsche, 1980, Bd. 10, 1 [21], S. 14)
In Nietzsches Denken, das macht vor allem das militärische Finale des Gedichts deutlich, ist hier zugleich ein Punkt erreicht, an dem sein esoterischer Pragmatismus in einen unberechenbaren Aktivismus umzuschlagen droht, der politisch vielfältig ausmünzbar ist. Die nationalsozialistische Nietzsche-Rezeption hat - einmal abgesehen von den Verzerrungen, die Nietzsches Schwester mit ihrer Edition des vermeintlichen Hauptwerks Der Wille zur Macht verschuldet hat - in Nietzsches Militär-Metaphorik und in seinen diffusen Äußerungen über "blonde Bestie[n]" (Nietzsche, 1980, Bd. 4, §11, S. 275 u.ö.) und "Übermenschen" (Nietzsche, 1980, Bd. 4, §3, S. 14 u.ö.) willkommene Ansatzpunkte finden können. Rorty hat auf diesem Hintergrund den Vorschlag gemacht, den Unterschied zwischen James' exoterischem und Nietzsches esoterischem Pragmatismus als Unterschied zwischen zwei unterschiedlichen Aufgabenbestimmungen der Philosophie auszubuchstabieren.13
James' exoterischer Pragmatismus sieht die Philosophie als Beitrag zum öffentlichen Projekt der politisch-demokratischen Aufklärung. Er bestimmt den Handlungshorizont pragmatischer Philosophie im Rekurs auf die historisch kontingenten, darum aber nicht minder verbindlichen Ideale einer zunehmenden Vermehrung von Solidarität und einer schrittweisen Verminderung von Grausamkeiten und Demütigungen im Zusammenleben der Menschen. Nietzsches esoterischer Pragmatismus, so Rortys Vorschlag, ist demgegenüber als Beitrag zu dem privaten Projekt individueller Selbsterschaffung zu verstehen. Liest man Nietzsche als politischen Philosophen, dann ist er gefährlich. Versteht man ihn als Privatier, dann kann er uns helfen, ironische Neubeschreibungen unseres privaten Selbst hervorzubringen und unerwartete Dekonstruktionen derjenigen Medien zu initiieren, in denen wir diese Neubeschreibungen vollziehen.
Die dritte Leitmaxime besagt, daß erst, wenn wir uns in einem Medium bewegen, daß von seiner Struktur her den pragmatischen Charakter unseres Zeichengebrauchs deutlich werden läßt, sowohl die Philosophie als auch der Common Sense aus den repräsentationalistischen Verwirrungen befreit werden können, in die sie sich unter den medialen Bedingungen der Buchkultur verfangen haben. Wir haben bereits gesehen, wie Nietzsches Schreiben in gewisser Weise eine implosive Strategie verfolgt. Nietzsche versucht im Medium des Buches selbst den buchmäßigen Schreibstil zu überwinden. Gegen die von ihm in aller Schärfe gegeißelte "Gelehrten-Manier des Büchermachens" (Nietzsche, 1980, B. 8, 23 [122], S. 446) setzt Nietzsche seinen aphoristischen Schreibstil, den er in der Götzen-Dämmerung folgendermaßen preist: "Der Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der Erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der 'Ewigkeit'; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder Andre in einem Buche sagt, - was jeder Andre in einem Buche nicht sagt ..." (Nietzsche, 1980, Bd. 6, §51, S. 153). [p.102] Die in seinem Schreiben angelegte Strategie, über das Medium des Buches hinaus auf Zukünftiges hinzudeuten, macht Nietzsche in der Fröhlichen Wissenschaft explizit, wenn er fragt: "Bücher. - Was ist an einem Buche gelegen, das uns nicht einmal über alle Bücher hinweg trägt?" (Nietzsche, 1980, Bd. 3, §248, S. 515) Und ganz in diesem Sinn betont Nietzsche bereits 1877, daß das Ziel seines Schreibens darin bestehe, "aus einem Sterbezimmer heraus bis in die Geburtskammer neuer Freiheiten des Geistes ein elektrisches Band über ein Jahrhundert hin zu spannen" (Nietzsche, 1980, Bd. 8, 24 [10], S. 480).
Weniger polemisch, visionär und überspitzt, aber in der Sache auf eine ähnliche Strategie hinauslaufend, äußert sich Wittgenstein im 1945 verfassten Vorwort zu den Philosophischen Untersuchungen. Über das aus einem Patchwork von immer wieder in einzelne Elemente zerschnittenen und auf verschiedene Weise neu zusammengeklebten Typoskripten bestehende Material, das den 1953 posthum publizierten Philosophischen Untersuchungen zugrundelag, schreibt er: "Meine Absicht war es von Anfang, alles dies einmal in einem Buche zusammenzufassen (...). Nach manchen mißglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammenzuschweißen, sah ich ein, daß mir dies nie gelingen würde. (...). Und dies hing freilich mit der Natur der Untersuchung selbst zusammen. Sie nämlich zwingt uns, ein weites Gedankengebiet, kreuz und quer, nach allen Richtungen hin zu durchreisen" (Wittgenstein, 1984a, S. 231f). Die Analogie, die zwischen Wittgensteins und Nietzsches philosophischer Schreibpraxis besteht, wird noch deutlicher, wenn Wittgenstein in den Vermischten Bemerkungen bekennt: "Wenn ich für mich denke, ohne ein Buch schreiben zu wollen, so springe ich um das Thema herum; das ist die einzige mir natürliche Denkweise. In einer Reihe gezwungen, fortzudenken, ist mir eine Qual. Soll ich es nun ueberhaupt probieren?? Ich verschwende unsägliche Mühe auf ein Anordnen der Gedanken, das vielleicht gar keinen Wert hat" (Wittgenstein, 1984b, S. 489).
Sowohl Nietzsche als auch Wittgenstein experimentieren mit Schreibstrategien, die über die Ordnung des klassischen Buches hinausweisen. Aber zugleich bleibt ihr Publizieren an das technische Medium des Buchdrucks gebunden. Als vierte Leitmaxime einer pragmatischen Medienphilosophie ergibt sich daraus für die Aufgabenbestimmung der Philosophie das Projekt der aktiven Mitgestaltung eines medialen Environments, daß die Fesseln der repräsentationalistischen Buchkultur zu überwinden erlaubt. Die von mir exponierten Leitmaximen einer pragmatischen Medienphilosophie sind durch die Erfahrung des sich derzeit vollziehenden Medienwandels geprägt. Mehr noch: Sie steuern ihrer Intention nach gezielt auf die Frage zu, ob und inwiefern sich in den digitalen Zeichenwelten der interaktiven Datennetze eine Pragmatisierung unseres Medienumgangs vollzieht. Ich denke dabei an Fragen, die sich mit der Möglichkeit verbinden, eine Art aphoristisches und kollaboratives Schreiben unter Hypertextbedingungen als breitenwirksame, exoterische und zugleich intelligente und anspruchsvolle Kulturtechnik im Internet zu etablieren. Hypertext also als eine Chance, das von Nietzsche elitaristisch ausbuchstabierte Konzept aphoristischen Schreibens zu demokratisieren. Aber die pragmatischen Aspekte des Internet haben noch tieferliegende Wurzeln. Was ich dabei im Blick habe, möchte ich im abschließenden Teil meiner Ausführungen skizzieren.
3) Die Pragmatisierung unseres Mediengebrauchs im Internet
Auf den inneren Zusammenhang, der zwischen einigen neueren Entwicklungen in der Gegenwartsphilosophie und dem aktuellen Medienwandel besteht, haben Peter Koch und Sybille Krämer in der Einleitung zu dem von ihnen 1997 herausgegebenen Band Schrift, Medien, Kognition hingewiesen. Sie schreiben: "Die um den Computer zentrierten Neuen Medien legen eine reflexive Distanz gegenüber den überkommenen Kategorien des sprachtheoretisch fixierten Diskurses nahe. Der Übergang von der sprachkritischen zur medienkritischen Wende findet in der neuen Medientechnik sein materielles Substrat" (Koch/Krämer, 1997a, S. 20).14 Was die beiden dabei im Blick haben, wird von ihnen im Rahmen der zitierten Einleitung in Gestalt dreier Fragen konkretisiert.
Die erste Frage bezieht sich auf die dem Computer zugrundeliegende digitale Programmierungstechnologie und lautet: "Kann die Bindung der Schrift an die Visualisierung von Sprache noch aufrechterhalten werden, wenn die 'unaussprechliche' Schrift des Binäralphabets zum neuen 'Universalmedium' avanciert?" (Koch/Krämer, 1997a, S. 20) Die zweite Frage bezieht sich direkt auf das Internet und hier speziell auf den lineartextuellen Bereich der interaktiven Kommunikationsdienste. Sie lautet: "Bleibt die Differenz von [p.103] Mündlichkeit und Schriftlichkeit als Unterscheidung zweier Kommunikationsmodalitäten, der Kommunikation unter Anwesenheit und der Kommunikation unter Abwesenheit der Kommunizierenden, noch aussagekräftig angesichts der durch das Internet eröffneten schriftlichen, jedoch interaktiven Telekommunikation?" (Koch/Krämer, 1997a, S. 20) Die dritte Frage schließlich zielt auf die hypertextuelle Verfassung des World Wide Web und lautet: "Ist die Idee des Textes als abgeschlossener Sinngestalt noch aufrechtzuerhalten, wenn Hypertexte intertextuelle Bezüge den Texten selbst implementieren?" (Koch/Krämer, 1997a, S. 20)
Zur Explikation meiner Pragmatisierungsthese orientiere ich mich an den drei von Koch und Krämer gestellten Fragen. Ich beginne mit der ersten Frage, die sich auf den digitalen Code des Binäralphabets, d.h. die technologische Basis des Funktionierens von Computern bezieht. Damit ist der Sachverhalt gemeint, daß alle digital prozessierten Daten, Befehle und Adressen rechnerintern als Folgen von 0 und 1 verschlüsselt werden. Koch und Krämer sprechen von der digitalen Codeschrift als einem "neuen Universalmedium" (Koch/Krämer, 1997a, S. 20), d.h. einem Medium, das alle anderen Medien - Sprache, phonetische Schrift, Bild, Musik und Audiovision - zu umgreifen, zu reproduzieren und miteinander zu verflechten erlaubt. Mit Blick auf die Pragmatisierungsthese sind hier zwei Aspekte von Bedeutsamkeit:
Erstens: Die Möglichkeit, heterogene Mediensorten via Digitalisierung miteinander in Beziehung zu setzen und zu verknüpfen, hat selbst bereits eine spezifisch pragmatische Dimension. So stellt Dewey in Die Suche nach Gewißheit die seiner Sicht zufolge genuin pragmatische Verfassung der modernen Naturwissenschaften heraus, wenn er schreibt: "Das Alltagswissen kann hier und da Dinge als Zeichen und bezeichnetes Ding in Gestalt isolierter Paare verknüpfen. Aber es ist außerstande, sie so miteinander zu verbinden, daß wir vom einen zum anderen übergehen können. Die Homogenität wissenschaftlicher Gegenstände durch die Formulierung in Begriffen von Relationen von Raum, Zeit und Bewegung ist genau das Mittel, das dieses unbestimmt breite und flexible Schema von Übergängen möglich macht. (...). Ideen von Gegenständen, die auf der Basis der Beziehungen formuliert sind, in denen Veränderungen zueinander stehen, haben gemeinsame Maße, schaffen breite, glatte Bahnen, mit deren Hilfe wir von dem Gedanken des einen Teils der Natur zu dem jedes anderen reisen können. Im Idealfall zumindest können wir von jeder Bedeutung - oder Relation - , die wir irgendwo in der Natur finden, zu jeder überall sonst zu erwartenden Bedeutung reisen" (Dewey, 1998, S. 136).
Eine analoge Beschreibung liefert Friedrich Kittler in seinem Beitrag zu Schrift, Medien, Kognition für die transversalen Verflechtungsleistungen der digitalen Technologie. Im Unterschied zum mathematisch-quantifizierenden Wissenscode der modernen Naturwissenschaften ermöglicht der digitale Maschinencode der modernen Computertechnologie nicht nur die symbolische Verbindung von einzelnen Wissensinhalten, sondern die technische Vernetzung der Medien selbst, in denen verschiedene Formen des Wissens gespeichert sind und via Digitalisierung unterschiedlichen Modi des Handelns und Bearbeitens zugänglich gemacht werden können. Kittler schreibt: "Weil in Digitalsystemen Daten, Adressen und Befehle ihre materielle Existenz allesamt an Binärzahlen haben, kann jedes Element eineindeutig in jedes andere Element überführt werden" (Kittler, 1997, S. 188). Und das bedeutet, so weiter Kittler, daß die "drei Funktionen der Verarbeitung, der Übertragung und der Speicherung" (Kittler, 1997, S. 188) flexibel ineinander überführbar werden.
Damit hängt der zweite Aspekt des digitalen Codes zusammen, der für die von mir verfolgte Pragmatisierungsthese von besonderer Bedeutung ist. Ihn hat Kittler in einem anderen Aufsatz, nämlich in dem Text Es gibt keine Software, der 1993 in Kittlers Buch Draculas Vermächtnis. Technische Schriften erschienen ist, am Beispiel einer DOS-Version des Textverarbeitungsprogramms Word Perfect verdeutlicht. Kittler untersucht unseren Umgang mit diesem Programm unter dem Stichwort "postmodernes Schreiben" (Kittler, 1993, S. 230) und stellt dabei heraus, daß "unaussprechliche, von Vokalen tunlichst befreite Abkürzungen und Akronyme (...) dem Alphabet erstmals seit seiner Erfindung wieder magische Kräfte zuzuführen (scheinen)" (Kittler, 1993, S. 230). Was er damit meint, erläutert Kittler, indem er den sich im postmodernen Schreiben vollziehenden Übergang von der theoretischen Repräsentation von abstraktem Sinn zur praktischen Abarbeitung von konkreten Arbeitsaufgaben wie folgt in den Blick bringt: "Das Kürzel WP nämlich tut, was es sagt. Im Unterschied nicht nur zum Wort Word Perfect, sondern auch zu leeren alteuropäischen [p.104] Wörtern wie Geist oder Wort umfassen ausführbare Computerdateien alle Routinen und Daten, die zu ihrer Realisierung notwendig sind. Der Schreibakt, auf einer AT-Konsole die Tasten W,P und Enter anzutippen, macht zwar das Wort nicht vollkommen, startet aber doch einen aktuellen Lauf von Word Perfect" (Kittler, 1993, S. 230).
Interessant an der von Kittler hier in den Blick gebrachten performativen Verwendung von Schrift ist der Sachverhalt, daß Schrift in diesem Beispiel nicht länger primär als Abbildung einer auf Repräsentation zielenden Lautsprache fungiert. Statt dessen arbeitet Schrift in der Logik des digitalen Codes als ein Werkzeug, das zur Durchführung praktischer Aufgaben in den Programmwelten des Computers dient. Darin kommt auf einer sehr basalen Ebene die pragmatische Grundsignatur der digitalen Computertechnologie zum Ausdruck. Der Umgang mit der digitalen Schrift führt uns unmittelbar vor Augen, daß Zeichen nicht nur und nicht in erster Linie dazu da sind, nicht-zeichenhafte Bedeutungen zu repräsentieren, sondern vielmehr vorrangig dazu dienen, Zeichen mit anderen Zeichen in Verbindung zu setzen und konkrete Handlungen, auf die via Zeichenverweisung verwiesen wird, auszulösen bzw. zu koordinieren. Was ich damit meine, läßt sich verdeutlichen, wenn man die Idee einer basalen Pragmatisierung unseres Zeichenumgangs, die ich im Anschluß an Kittler am Beispiel des digitalen Codes entwickelt habe, auf das Internet überträgt. Dies werde ich versuchen, indem ich zugleich zu den internetspezifischen Fragen 2 und 3 von Koch und Krämer übergehe.
Die Frage 2 richtet sich auf den spezifischen Status des interaktiven Schreibens, das für die Kommunikation im IRC, in den MUDs und MOOs charakteristisch ist. Wie läßt sich dieses Schreiben in die traditionelle Opposition von Oralität und Literalität eintragen? - Die dem Schriftmedium des Buches eigene Anonymität verbindet sich in der Pseudonymität des "On-line Chat" ein Stück weit mit der synchronen Interaktivität und der aktuellen Präsenz der Gesprächspartner, die als charakteristisch für die gesprochene Sprache in der face-to-face-Kommunikation gilt. In der "Computer Mediated Communication" verflechten sich Merkmale, die bisher als Differenzkriterien zur Unterscheidung von Sprache und Schrift dienten. Die traditionelle Auszeichnung der gesprochenen Sprache als Medium der Präsenz wird durch die 'appräsente Präsenz' der Teilnehmer im geschriebenen Gespräch des On-line Chat unterlaufen. Es ist dieses performative Schreiben eines Gesprächs, in dem Sprache interaktiv geschrieben statt gesprochen wird, das ich an anderer Stelle als "Verschriftlichung der Sprache" (Sandbothe, 1998a, S. 70) bezeichnet habe.
Das gleiche Phänomen läßt sich aus anderer Perspektive auch als "Versprachlichung der Schrift" (Sandbothe, 1998a, S. 70) beschreiben. Das Medium der Schrift wird unter Buchdruckbedingungen als eine Verbreitungstechnologie genutzt, welche die unmittelbare Interaktion zwischen Sender und Empfänger ausschließt. Das Internet eröffnet demgegenüber Nutzungsmöglichkeiten, durch welche die Schrift als ein Medium einsetzbar wird, das den permanenten Wechsel zwischen Sender- und Empfängerposition ähnlich flexibel zu gestalten erlaubt, wie es im gesprochenen Gespräch der Fall ist. Diese sprachanaloge, d.h. reziproke Nutzungsform einer im Gesprächsmodus interaktiv verwendeten Schrift macht die pragmatische Dimension explizit und bewußt, die unserem Gebrauch von Schriftzeichen zugrunde liegt. Die sich in den Kommunikationsdiensten des Internet vollziehende Pragmatisierung unseres Schriftgebrauchs hat zwei unterschiedliche Aspekte.
Erstens: Die Rückbindung der Schrift an die synchrone Gesprächssituation in der one-to-one oder many-to-many-Kommunikation führt in den MUDs und MOOs zu einer pragmatischen Rekontextualisierung des Schriftzeichengebrauchs. Mithilfe geschriebener Zeichen werden in MUDs und MOOs zwischenmenschliche Sprechakte vollzogen, die in einem Buch oder einer Zeitung, die sich an eine diffuse Öffentlichkeit richten, nur sehr schwer, weil im Regelfall nur im asynchronen Modus durch Zwischenschaltung von Briefverkehr oder Telefon durchgeführt werden können: Menschen verlieben sich ineinander, geben sich wechselseitig Versprechen, streiten miteinander und versöhnen sich wieder, lachen, weinen, kokettieren miteinander und tun all das, was wir auch in der face-to-face-Kommunikation oder am Telefon in unmittelbarer Reziprozität tun können. Schrift dient in der synchronen interpersonalen Kommunikationssituation, die für MUDs und MOOs charakteristisch ist, nicht primär oder gar ausschließlich dazu, Aussagen über etwas zu machen. Sie wird vielmehr gezielt als Instrument zur Koordination und Durchführung gemeinsamer sozialer Handlungen eingesetzt.
Das gilt auch für die wissenschaftliche Kommunikation. Wenn ich mich im Media MOO des MIT Media Lab mit jemandem über Medienphilosophie unterhalte, tragen wir uns nicht nur gegenseitig unsere Gedanken vor. Wir lernen uns vielmehr zugleich auch als Personen kennen, [p.105] d.h. vollziehen soziale Sprechakte, beginnen zum Beispiel zu streiten oder uns über diesen oder jenen Sachverhalt gemeinsam zu amüsieren. Dadurch wird unser Wissen sozial situiert, mit unsern Überzeugungen, Wünschen, Zielen und Hoffnungen in Beziehung gesetzt und auf diesem Weg seiner vermeintlich rein theoretischen Signatur entkleidet, d.h. pragmatisch eingebunden und auf unsere individuellen Handlungs- und Lebensziele hin konkretisiert.
Zweitens: Auch diejenigen Handlungen, bei denen es sich nicht um Sprechakte im klassischen Sinn, sondern um Handlungen handelt, die wir IRL15 als nicht-sprachliche Handlungen auffassen würden, werden in MUDs und MOOs im Modus der Schrift durchgeführt. Das liegt daran, daß in der auf das Medium der Schrift beschränkten Kommunikationsform des interaktiven Schreibens, nur kommunikative Realität erlangt, was als Sprech- bzw. Schreibakt vollzogen wird. Mein Lächeln wird in einem MUD oder MOO nur dann präsent, wenn ich den Satz 'Mike lächelt' schreibe. Das gleiche gilt, wenn ich in einer virtuellen Bar ein Bier trinke oder mich im virtuellen Arbeitszimmer einer Kollegin vom MIT auf den Schreibtisch setze. In all diesen Fällen ist es irrelevant, ob durch die von mir eingetippten Schriftzeichen eine Realität abgebildet bzw. konstruiert wird. Es geht nicht darum, ob ich wirklich lächle, ob ich wirklich ein Bier trinke oder wirklich auf dem Schreibtisch sitze oder dies nur konstruiere. Sondern es geht darum, daß ich, indem ich diese Sätze formuliere, Handlungen vollziehe, d.h. die Gesprächssituation in dem jeweiligen MUD oder MOO durch meine Aktionen verändere.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die basale Pragmatisierung des Zeichengebrauchs, die wir uns mit Kittler anhand des digitalen Codes vor Augen geführt haben, im interaktiven Schreiben der MUDs und MOOs auf der Ebene der phonetischen Schrift nachvollzogen wird. Nicht nur der digitale Code, mit dem ich als normaler Nutzer ja nur sehr selten in Berührung komme, sondern auch die phonetische Schrift erfährt im Internet eine charakteristische Pragmatisierung ihrer Verwendungsweise. An die Stelle des isolierten Schreibens ohne direkten Adressatenbezug, das wir vom Buchdruck her kennen, tritt eine im Modus der Schrift vollzogene personale Interaktion, die es ermöglicht, phonetische Schriftzeichen über ihre Repräsentationsfunktion hinaus als direkte Agenten sozialer Handlungen im Kontext synchroner Kommunikationssituationen zu nutzen. Die sich im Internet vollziehende Pragmatisierung unseres Zeichengebrauchs wird noch deutlicher, wenn wir uns der hypertextuellen Verfassung des World Wide Web zuwenden. Damit gehe ich zur dritten der von Koch und Krämer aufgeworfenen Fragen über.
Sie bezieht sich auf den Sachverhalt, daß Hypertexte auf ihre intertextuellen Bezüge nicht nur im Modus von Fußnoten verweisen, sondern diese Bezüge durch aktive Links zum Bestandteil ihrer selbst machen. Die Vorstellung von einem geschlossenen Sinngehalt, die sich bereits auf der materiellen Ebene durch die abgeschlossene Einheit des zwischen zwei Buchdeckeln eingebundenen Manuskripts nahelegt, wird durch die hypertextuelle Verfassung der im Internet präsentierten und miteinander transversal vernetzten Textbausteine problematisch. Die positive Seite dieser Veränderung besteht in der mit der Hypertextualität verbundenen expliziten und technisch-manifesten Öffnung des Zeichengebrauchs auf andere Zeichen und virtuelle sowie reale Handlungen hin.
Im hypertextuellen World Wide Web werden Schrift- und Bildzeichen als Icons, d.h. als Signifikanten programmierbar, die auf der pragmatischen Ebene via Mausklick eine nicht mehr nur symbolische, sondern reale Verbindung zu dem herstellen, was sie bezeichnen. So führt mich beispielsweise in einem philosophischen Hypertext ein Mausklick auf die als Link programmierte Wortsequenz "Wittgensteins 'Philosophische Untersuchungen'" unmittelbar in Wittgensteins Text oder das als Link programmierte Bild von Ludwig Wittgenstein bringt mich via Mausklick unmittelbar auf eine Webseite mit Informationen zur Biographie des Philosophen. Das gleiche gilt im kommerziellen Bereich, in dem die Verbindung zu realen Handlungen zumeist noch unmittelbarer hergestellt wird. So reicht in der digitalen Buchhandlung Amazon.com ein Klick auf den Button mit der Aufschrift "Buy 1 Now With 1 Click", und ich erhalte - vorausgesetzt, daß ich als Kunde mit Adresse und Kreditkartennummer im Server archiviert bin - umgehend die folgende Antwort: "Thank you for your 1-Click order! (Yes, it was that easy.) One copy of the book you ordered will be sent to you as soon as possible."
Selbstverständlich ist der Sachverhalt, daß wir durch den Austausch von Schriftzeichen Bücher bestellen können, kein ausgezeichnetes Charakteristikum des World Wide Web. Wir können einen solchen Bestellvorgang ja auch per Briefpost oder Fax durchführen. Das Besondere liegt darin, daß durch das Web die pragmatische Dimension unseres Schriftgebrauchs durch die [p.106] unmittelbare Antwort, die unsere Bestellung in einem interaktiven System erfährt, explizit und bewußt gemacht wird. Das bringt mich auf einen wichtigen Punkt, den ich bisher vielleicht nicht deutlich genug herausgestellt habe: Fast für alle Eigenschaften, die den Zeichengebrauch im Internet im Verhältnis zu unseren alltäglichen, nicht-digitalen Zeichenverwendungen als etwas Besonderes auszeichnen, gilt, daß diese Eigenschaften keinesfalls radikale Neuheiten sind, sondern einfach Dinge explizit und bewußt werden lassen, die im alltäglichen Zeichengebrauch implizit und unbewußt geschehen. Das gilt auch für die Art und Weise, wie wir Hypertexte lesen.
Unsere Lektüre verändert sich, die hermeneutische Sensibilität wird gestärkt, unsere Rezeption von Texten wird intertextueller, assoziativer und offener, weil wir uns darin üben, den Sinn von Zeichen generell am Leitfaden ihrer internen Verweisungsfunktionen zu interpretieren, die uns paradigmatisch durch die als Link programmierten Zeichen bewußt gemacht werden. Wir gehen dabei zunehmend dazu über, jedes Zeichen als einen potentiellen Link zu lesen und beginnen zugleich das mögliche Spektrum von Links intellektuell auszudifferenzieren. Mit Blick auf die vielfältigen Lektürepfade, die durch einen guten Hypertext eröffnet werden können, wäre dabei statt von Nicht-Linearität korrekter von Poly-Linearität zu sprechen. Denn jeder Lektürepfad ist ja als faktisch beschrittener Leseweg eine lineare Abfolge. Im Unterschied zum gedruckten Buch, bei dem man sich andere Linearitäten als die durch die Paginierung vorgegebene mühsam übers Inhalts- und Stichwortverzeichnis erschließen muß, ist der Hypertext so strukturiert, daß er bereits von seiner medialen Präsentation her dem Leser eine Vielzahl möglicher Linearitäten zur individuellen Auswahl bzw. zur eigenständigen Konstruktion anbietet. Er kommt damit Qualitäten nahe, die an die aphoristischen Gedankennetzwerke von Nietzsche und Wittgenstein erinnern. In ihnen wird ein Thema nicht hierarchisch strukturiert und systematisch Punkt für Punkt abgearbeitet, sondern in seiner pragmatischen Verflochtenheit mit einer Vielzahl von anderen Themen und Problemfeldern vor Augen geführt.
Wittgenstein hat die Selektions- und Vernetzungsarbeit, die der Abfassung seiner Philosophischen Untersuchungen zugrunde liegt, wie folgt beschrieben: "Die gleichen Punkte, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem von verschiedenen Richtungen her berührt und immer neue Bilder entworfen. Eine Unzahl dieser war verzeichnet, oder uncharakteristisch, mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet. Und wenn man diese ausschied, blieb eine Anzahl halbwegser übrig, die nun so angeordnet, oftmals beschnitten, werden mußten, daß sie dem Betrachter ein Bild der Landschaft geben konnten" (Wittgenstein, 1984a, S. 231f). Und Wittgenstein schließt: "So ist also dieses Buch eigentlich nur ein Album" (Wittgenstein, 1984a, S. 232). Hinter dieser Geste der Bescheidenheit verbirgt sich bei Wittgenstein freilich das kunstvolle Projekt einer komplexen Gedankendramaturgie, in der nichts dem Zufall überlassen bleibt. Dem Autor der Philosophischen Untersuchungen ging es darum, durch intelligente Vernetzung wohl komponierter und in sich stimmiger Gedankenszenen mehrere Bücher in einem Buch zu schreiben, das heißt die pluralen Linearitäten, vielfältigen Pfade und komplexen Verzweigungen, die uns im Denken voran bringen, auch im Schreiben realisierbar zu machen.
Legt man philosophische Maßstäbe an die moderne Schreibtechnologie des Hypertextes an, dann ist die Effizienz des digitalen writing space nicht zuletzt an den von Nietzsche und Wittgenstein vorgegebenen Standards zu messen. Daß gerade in dieser Hinsicht die im Netz eingesetzte Strukturierungssprache HTML noch viel zu wünschen übrig läßt, ist offensichtlich. Vergleicht man die HTML-Hypertexte des World Wide Web mit den anspruchsvolleren Vernetzungsmöglichkeiten, die von Hypertextprogrammen wie Storyspace, HyperCard oder Toolbook für Stand-Alone-Geräte angeboten werden, dann bleibt hier noch viel zu tun. Das gleiche gilt für die Ausbildung einer anspruchsvollen Medienkompetenz im hypertextuellen Schreiben sowie für die dringend notwendige Entwicklung einer nicht nur bestimmenden, sondern auch reflektierenden Urteilskraft, die auf Seiten der Nutzerinnen und Nutzer die wesentliche Voraussetzung dafür ist, daß hypertextuelle Erzeugnisse auf niveauvolle Weise rezipiert werden (Sandbothe, 1998c).
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1 Zur typologischen Ausdifferenzierung des Medienbegriffs aus philosophischer Sicht vgl. Sandbothe, 1997, S. 56ff. Siehe auch die von Niklas Luhmann vorgeschlagenen Unterscheidungen in Luhmann, 1997, Bd. 1, Kapitel 2, S. 190-412.
2 Zur Realismus/Anti-Realismus-Debatte vgl. auch Forum für Philosophie Bad Homburg, 1992. Zu Rortys Gegenüberstellung von Repräsentationalismus und Anti-Repräsentationalismus exemplarisch: Rorty, 1990b; 1991a, S. 1-17 u. 151-161; 1997.
3 Vgl. hierzu auch die Abschnitte 3 und 4 des dritten Kapitels von Der Spiegel der Natur [p.110] (Rorty, 1987), in deren Rahmen Rorty Kants Konstruktivismus herausarbeitet, indem er vor Augen führt, daß Kant "der erste [war], der sich die Fundamente der Erkenntnis nicht als Gegenstände, sondern als Propositionen dachte. Vor Kant war eine 'Untersuchung der Natur und des Ursprungs der Erkenntnis' die Suche nach privilegierten inneren Darstellungen gewesen. Mit Kant wurde sie zur Suche nach den Regeln, die der Geist sich selbst gegeben hat (...)" (Rorty, 1987, S. 180).
4 Auf den Sachverhalt, daß "durch die Kopernikanische Wendung (...) der 'alte' Wahrheitsbegriff im Sinne der 'Angleichung' (adaequatio) der Erkenntnis an das Seiende so wenig erschüttert [wird], daß sie ihn gerade voraussetzt, ja ihn allererst begründet" (Heidegger, 1973, S. 13), hat bereits Heidegger in aller Deutlichkeit hingewiesen. Seine Rekonstruktion des kantischen Arguments lautet: "An Seiendes ('Gegenstände') kann sich ontische Erkenntnis nur angleichen, wenn dieses Seiende als Seiendes zuvor schon offenbar, d.h. in seiner Seinsverfassung erkannt ist. Nach dieser letzten Erkenntnis müssen sich die Gegenstände, d.h. ihre ontische Bestimmbarkeit, richten" (Heidegger, ebd.).
5 Rorty, 1997, S. 19.
6 Vgl. hierzu auch Rortys Buch Kontingenz, Ironie und Solidarität (Rorty, 1989), in dessen erstem Teil Wittgenstein, Nietzsche und Dewey als Philosophen firmieren, welche die für den Pragmatismus zentralen Kontingenzen von Sprache, Selbst und Gemeinwesen herausgearbeitet haben: die "Wittgensteinsche Denkweise" (Rorty, 1989, S. 40) steht für die "Kontingenz der Sprache" (Kapitel 1), "Nietzsches Pragmatismus" (Rorty, 1989, S. 68) für die "Kontingenz des Selbst" (Kapitel 2) und Deweys pragmatischer Liberalismus für die "Kontingenz des Gemeinwesens" (Kapitel 3). Zur pragmatischen Wende bei Heidegger siehe Rorty, 1982, 1991b und Okrent, 1988.
7 Peirce bezeichnet sich selbst als "jemanden, der Philosophie durch Kant lernte" (Peirce, 1991, S. 429).
8 Zur Differenz zwischen Peirce und James in diesem Punkt vgl. bereits Dewey, 1988, S. 6ff.
9 Zum späten Erscheinen der ersten deutschen Übersetzung dieses Grundwerks des amerikanischen Pragmatismus siehe die Rezension von Jürgen Habermas (Habermas, 1998).
10 Zur Konkretisierung vgl. die Liste, die Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen gibt (Wittgenstein, 1984a, §23, S. 250).
11 Zur pragmatischen Wende bei Wittgenstein: Haack, 1982; Welsch, 1995, S. 396-424, insbes. 401-403; 853-908, insbes. 860-867.
12 Auf die in Nietzsches pragmatischer Naturalisierung der Sprache liegenden medienphilosophischen Implikationen hat Friedrich Kittler hingewiesen. Im Nietzsche-Kapitel von Aufschreibesysteme 1800/1900 schreibt Kittler: "Sprache, von der Wahrsagerei moralischer, wenn nicht gar bildender Stimmen entkoppelt, ist nicht mehr Übersetzung vorsprachlicher Bedeutungen, sondern ein Medium unter Medien" (Kittler, 1995, S. 234). Eine Untersuchung zu Nietzsches Medienphilosophie, die allerdings deren pragmatischen Aspekt unterbelichtet, hat Rudolf Fietz (Fietz, 1992) vorgelegt.
13 Zu Rortys Unterscheidung zwischen der privaten und der öffentlichen Aufgabenbestimmung von Philosophie vgl. Rorty, 1989. Eine explizite Gegenüberstellung von Nietzsches "aristrocratic project" und James' "democratic [project]" findet sich in: Rorty, 1996, insbes. S. 7-9. Vgl. hierzu auch Rorty, 1998b.
14 Für eine detaillierte Ausarbeitung dieser These vgl. Krämer, 1998.
15 "IRL" ist die im Internet übliche Abkürzung für "in real life".

References: §7
 §108
 §199
 §11
 §116
 §97
 §11
 §1
 §354
 § 2
 §257
 §11
 §3
 §51
 §248
 §23