Source: https://www3.hhu.de/duesseldorfer-archiv/?p=7689
Timestamp: 2019-06-17 14:35:37+00:00

Document:
4c O 10/18 – Fulvestrant | Düsseldorfer Entscheidungen
4c O 10/18 – Fulvestrant
Düsseldorfer Entscheidungsnummer: 2785
Urteil vom 05. Juli 2018, Az. 4c O 10/18
I. Der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung vom 20. Februar 2018 wird zurückgewiesen.
Die Verfügungsklägerin ist die eingetragene Inhaberin des europäischen Patents EP 1 272 XXX B1 (nachfolgend: Verfügungspatent, Anlage HE 2, deutsche Übersetzung Anlage HE 2a). Sie nimmt die Verfügungsbeklagte aus dessen deutschem Teil, der beim Deutschen Patent- und Markenamt unter dem Aktenzeichen DE 601 13 XXX T2 geführt wird, im einstweiligen Verfügungsverfahren auf Unterlassung in Anspruch.
Das Verfügungspatent wurde am 2. April 2001 unter Inanspruchnahme der Priorität der GB 0008XXX vom 5. April 2000 in englischer Verfahrenssprache angemeldet. Die Offenlegung der Patentanmeldung erfolgte am 8. Januar 2003. Der Hinweis auf die Erteilung des Verfügungspatentes wurde am 12. Oktober 2005 veröffentlicht. Nach-dem von dritter Seite gegen die Erteilung des Verfügungspatentes Einspruch erhoben wurde, hielt die Einspruchsabteilung des Europäischen Patentamts das Verfügungs-patent im Umfang der ursprünglich erteilten Ansprüche 1 und 3 bis 6 aufrecht. Auf die hiergegen eingelegte Beschwerde der Patentinhaberin hin bestätigte die Technische Beschwerdekammer das Verfügungspatent im ursprünglich erteilten Umfang. Die Be-schwerde der Einsprechenden, mit welcher der Widerruf des Verfügungspatentes in vollem Umfang beantragt worden war, wurde von der Technischen Beschwerdekam-mer demgegenüber zurückgewiesen. Hinsichtlich des vollständigen Inhalts der Ent-scheidung der Technischen Beschwerdekammer vom 14. Februar 2013 wird auf die Anlagen HE 4/HE 4a Bezug genommen. Der deutsche Teil des Verfügungspatentes ist in Kraft.
Das Verfügungspatent betrifft die „Verwendung von Fulvestrant in der Behandlung von resistentem Brustkrebs („Use of Fulvestrant in the treatment of resistant breast cancer“). Sein Patentanspruch 1 ist wie folgt gefasst:
Mit ihrem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung wendet sich die Verfü-gungsklägerin gegen das Anbieten und Inverkehrbringen des Arzneimittels „Fulvest-rant C 250 ml Injektionslösung in einer Fertigspritze“ (nachfolgend: angegriffene Aus-führungsform) zur therapeutischen Verwendung für die beanspruchte Patientinnen-gruppe. Die A UK ist Inhaberin der Marktzulassung betreffend das Referenzarzneimit-tel der angegriffenen Ausführungsform, B®, welches nach der als Anlage AR 4 aus dem Parallelverfahren 4c O 47/17 vorgelegten Fachinformation (Stand August 2017) folgendes Anwendungsgebiet ausweist:
• mit Rezidiv während oder nach adjuvanter Antiöstrogen-Therapie oder bei Pro-gression der Erkrankung unter Antiöstrogen-Therapie.“
Die angegriffene Ausführungsform wurde am 15. Februar 2018 in der Lauer-Taxe ge-listet.
In der die angegriffene Ausführungsform betreffenden „Gebrauchsinformation: Infor-mationen für Anwender“ (Anlage HE 6) findet sich folgender Hinweis:
„Fulvestrant C enthält den Wirkstoff Fulvestrant, der zu der Gruppe der Östrogen-Blocker gehört. Östrogene gehören zu den weiblichen Geschlechtshormonen und können in be-stimmten Fällen am Wachstum von Brustkrebs beteiligt sein.
Fulvestrant C wird zur Behandlung von fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs bei Frauen nach der Menopause angewendet.“
In der veröffentlichten „Fachinformation“ (Stand November 2017, Anlage HE 5) findet sich nachfolgender Hinweis:
Fulvestrant D ist angezeigt zur Behandlung von postmenopausalen Frauen mit Östrogen-rezeptorpositivem lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Mammakarzinom bei Re-zidiv während oder nach adjuvanter Antiöstrogen-Therapie oder bei Progression der Er-krankung unter der Behandlung mit einem Antiöstrogen.“
Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten der vorgenannten Gebrauchs- und Fachinfor-mation wird auf die genannten Anlagen Bezug genommen.
Mit Schriftsatz vom 20. Februar 2018, eingegangen bei Gericht am 20. Februar 2018, beantragte die Verfügungsklägerin den Erlass einer einstweiligen Verfügung betref-fend die Verletzung des Verfügungspatentes.
Die Verfügungsklägerin ist der Ansicht, dass das Verfügungspatent unter einem Fehl-schlagen einer vorausgegangenen Behandlung mit Tamoxifen und einem Aromatas-einhibitor nicht die Behandlung eines manifesten Tumors voraussetze, sondern gene-rell die Behandlung der Brustkrebserkrankung umfasse. Gehe man von einem sol-chen Verständnis aus, würden Fulvestrant-Arzneimittel in Deutschland in etwa der Hälfte der Fälle nach einem Fehlschlagen der Behandlung mit Tamoxifen und zusätz-lich einem Aromataseinhibitor zum Einsatz kommen. Patientinnen, die zusätzlich zu der in der Fachinformation vorausgesetzten Antiöstrogen-Therapie einen Aromatas-einhibitor erhalten hätten, bevor der Brustkrebs wieder aufgetreten oder fortgeschritten sei, würden daher einen ganz erheblichen Anteil der gemäß der Fach- und Ge-brauchsinformation mit Fulvestrant behandelten Patientinnen ausmachen. Somit sei die Herrichtung der angegriffenen Ausführungsform zwar nicht darauf beschränkt, (nur) zur Behandlung der beanspruchten Patientengruppe verwendet zu werden, sondern erfasse grundsätzlich eine breiter definierte Patientengruppe, innerhalb derer die beanspruchte Patientengruppe allerdings einen erheblichen Anteil von etwa der Hälfte der Patientinnen ausmache. Überdies sei die angegriffene Ausführungsform auch tauglich für die patentgemäße Verwendung.
Die Verfügungsklägerin beantragt zuletzt, nachdem sie in Ziffer I.1. das Wort „insbe-sondere“ durch „indem“ ersetzt hat,
I. der Verfügungsbeklagten im Wege der einstweiligen Verfügung zu untersagen,
Fulvestrant-Arzneimittel, insbesondere Fulvestrant C,
Fulvestrant-Arzneimittel, insbesondere Fulvestrant C, in der Bundesrepublik Deutschland anzubieten, in Verkehr zu bringen oder zu gebrauchen oder zu den ge-nannten Zwecken einzuführen oder zu besitzen, ohne auszuschließen, dass sie zur Behandlung einer Brustkrebspatientin verwendet werden, bei der die vorangegange-ne Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen fehlschlug,
(a) in Ziffer 4.1 der Fachinformation und Ziffer 1, 2. Absatz der Gebrauchsinformation von Fulvestrant C einen Ausschluss der Verwendung für den Fall aufnehmen lässt, dass die vorangegangene Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen fehlschlug;
(b) in sämtlichen Werbe- und Informationsmaterialien zu Fulvestrant C, insbesondere auch auf den Internetseiten der Verfügungsbeklagten, einen ausdrücklichen, gut er-kennbaren Warnhinweis aufnimmt, dass Fulvestrant C nicht zur Behandlung von Pa-tientinnen verwendet werden darf, bei denen die vorangegangene Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen fehlschlug;
(c) die folgenden Adressaten, mit Kopie an die Prozessbevollmächtigten der Verfü-gungsklägerin, anschreibt und (i) darauf hinweist, dass Fulvestrant C nicht zur Be-handlung von Patientinnen verwendet werden darf, bei denen die vorangegangene Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen fehlschlug; und (ii) diese auffordert, ihre Mitglieder entsprechend zu informieren, dass zur Vermeidung von Patentrechtsverstößen für die Patientinnenpopulation B® unter Ausschluss der aut-idem Substitution verschrieben werden muss:
• L / M, und
(d) die gesetzlichen Krankenkassen, mit Kopie an die Prozessbevollmächtigten der Ver-fügungsklägerin, anschreibt und darauf hinweist, dass Fulvestrant C nicht zur Be-handlung von Patientinnen verwendet werden darf, bei denen die vorangegangene Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen fehlschlug;
2. der Verfügungsbeklagten für jeden Fall der Zuwiderhandlung gegen das gerichtliche Verbot als Zwangsvollstreckungsmaßnahme ein Ordnungsgeld bis zu 250.000,- EUR, ersatzweise Ordnungshaft, oder eine Ordnungshaft bis zu sechs Monaten, im Falle wiederholter Zuwiderhandlung bis zu insgesamt zwei Jahren, zu vollstrecken an ihrem gesetzlichen Vertretungsberechtigten, anzudrohen.
II. der Verfügungsbeklagten im Wege der einstweiligen Verfügung zu untersagen,
Fulvestrant-Arzneimittel, insbesondere Fulvestrant N,
welche geeignet sind zur Behandlung von Brustkrebspatientinnen, bei der die voran-gegangene Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen fehlschlug,
Abnehmern in der Bundesrepublik Deutschland anzubieten und/oder an solche zu lie-fern,
(a) in Ziffer 4.1 der Fachinformation und Ziffer 1, 2. Absatz der Gebrauchsinformation von Fulvestrant N einen Ausschluss der Verwendung für den Fall aufnehmen lässt, dass die vorangegangene Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen fehlschlug;
(b) in sämtlichen Werbe- und Informationsmaterialien zu Fulvestrant N, insbesondere auch auf den Internetseiten der Verfügungsbeklagten, einen ausdrücklichen, gut er-kennbaren Warnhinweis aufnimmt, dass Fulvestrant N nicht zur Behandlung von Pa-tientinnen verwendet werden darf, bei denen die vorangegangene Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen fehlschlug;
(c) die folgenden Adressaten, mit Kopie an die Prozessbevollmächtigten der Verfü-gungsklägerin, anschreibt und (i) darauf hinweist, dass Fulvestrant N nicht zur Be-handlung von Patientinnen verwendet werden darf, bei denen die vorangegangene Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen fehlschlug; und (ii) diese auffordert, ihre Mitglieder entsprechend zu informieren, dass zur Vermeidung von Patentrechtsverstößen für die Patientinnenpopulation B® unter Ausschluss der aut-idem Substitution verschrieben werden muss:
(d) die gesetzlichen Krankenkassen, mit Kopie an die Prozessbevollmächtigten der Ver-fügungsklägerin, anschreibt und darauf hinweist, dass Fulvestrant N nicht zur Be-handlung von Patientinnen verwendet werden darf, bei denen die vorangegangene Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen fehlschlug;
den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung vom 20. Februar 2018 zurückzuwei-sen.
Die Verfügungsbeklagte vertritt die Ansicht, ein Verfügungsanspruch liege nicht vor. Denn das Verfügungspatent werde durch die angegriffene Ausführungsform nicht verletzt. Zum einen sei die angegriffene Ausführungsform für die patentgemäße Ver-wendung als Third-Line-Therapie nicht tauglich, da das Originalpräparat der Verfü-gungsklägerin, B®, nicht über eine Zulassung für die erfindungsgemäße Verwendung verfüge. Die mangelnde Tauglichkeit werde überdies durch die vorgelegten Privatgut-achten der Parteien, die Leitlinien und zuletzt auch durch den Umstand, dass B® eine Zulassung für diese Indikation mangels Wirksamkeit versagt geblieben sei, bestätigt.
Überdies müsse das Verfügungspatent dahingehend verstanden werden, dass ein Fehlschlagen nur dann vorliege, wenn der Behandlung eines manifesten Tumors mit-tels Tamoxifen und einem Aromataseinhibitor der Erfolg versagt geblieben sei. Gehe man von einem solchen Verständnis aus, liege ein hinreichender Verwendungsum-fang nicht vor, wenn man die Sonderauswertung der O zugrunde lege.
Ungeachtet dessen seien die Zahlen nicht aussagekräftig, da die der Studie zugrun-deliegende Erhebung im Juni 2016 geendet habe und seit dieser Zeit erhebliche Ver-änderungen eingetreten seien. So sei eine neue Wirkstoffklasse zugelassen worden, die CDK4/6-Inhibitoren, welche sich als erfolgversprechend gerade auch in Kombina-tion mit Fulvestrant darstellen würden. Auch könne den Leitlinien keine Empfehlung in Richtung einer Therapie mit Fulvestrant nach einer Behandlung mit Tamoxifen und einem Aromataseinhibitor entnommen werden.
Das Begehren der Verfügungsklägerin, die Aufnahme eines Ausschlusses der pa-tentgemäßen Verwendung in die Fach- und Gebrauchsinformation, sei rechtlich un-möglich, jedenfalls sei die Rechtslage hinsichtlich der Zulässigkeit eines solchen Ausschlusses unsicher, was nicht zu Lasten der Verfügungsbeklagten gehen dürfe. Die Anbringung eines Warnhinweises in Werbe- und Informationsmaterialien sei vor dem Hintergrund der Regelungen des HWG unzulässig und wettbewerbsrechtlich irre-führend. Eine Anspruchsgrundlage für das Begehren der Verfügungsklägerin, Mit-glieder und die gesetzlichen Krankenkassen anzuschreiben, sei nicht zu erkennen.
Letztlich fehle es auch an einem Verfügungsgrund. Das Verfügungspatent werde sich im Rahmen des Nichtigkeitsverfahrens als nicht rechtsbeständig erweisen.
Wegen des weiteren Sach- und Streitstandes wird auf die zwischen den Parteien ge-wechselten Schriftsätze nebst Anlagen Bezug genommen.
Der zulässige Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung ist unbegründet. Die Verfügungsklägerin vermochte einen Verfügungsanspruch nicht glaubhaft zu ma-chen. Die Kammer vermag eine Verletzung des Verfügungspatentes durch die ange-griffene Ausführungsform nicht festzustellen.
Das Verfügungspatent betrifft die Verwendung von Fulvestrant bei der Behandlung von Brustkrebs bei Patientinnen, die zuvor mit Tamoxifen und einem Aromataseinhi-bitor behandelt wurden.
Wie das Verfügungspatent zum Hintergrund ausführt, stellt Brustkrebs die häufigste bösartige Erkrankung bei Frauen dar und macht 18 % der bei Frauen auftretenden Krebserkrankungen aus. Weltweit ist die Erkrankungshäufigkeit im Anstieg begriffen und jährlich werden mehr als eine Viertelmillion Todesfälle in Folge von Brustkrebs verzeichnet. Jährlich werden mehr als eine halbe Million neuer Fälle diagnostiziert, davon etwa die Hälfte der Fälle in Nordamerika und Westeuropa.
Seit langem besteht die Erkenntnis, dass viele Mammakarzinome hormonabhängig sind und ein Eingriff in den Hormonhaushalt das Fortschreiten der Erkrankung zu be-einflussen vermag. Insbesondere wirken Östrogene als endokrine Wachstumsfaktoren bei mindestens einem Drittel der Brustkrebserkrankungen; dem Tumor den Stimulus zu entziehen stellt eine anerkannte Therapie für die Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium dar. Erzielbar ist dies bei prämenopausalen Frauen mittels operativer, strah-lentherapeutischer oder medikamentöser Ausschaltung der ovariellen Funktion, bei postmenopausalen Frauen durch den Einsatz von Aromataseinhibitoren. Alternativ zum Ansatz des Östrogenentzugs können Antiöstrogene zur Antagonisierung von Öst-rogen eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um Arzneimittel, die kompetitiv an Öst-rogenrezeptoren binden, die in östrogenempfindlichem Gewebe vorliegen. Herkömmli-che nichtsteroidale Antiöstrogene wie Tamoxifen konkurrieren effektiv um die Östro-genrezeptorbindung, jedoch wird ihre Wirksamkeit häufig durch deren partiellen Ago-nismus eingeschränkt, was zu einer unvollständigen Blockade der östrogenvermittel-ten Wirksamkeit führt.
In Abfolge durchgeführte Hormonbehandlung stellt einen etablierten Behandlungs-ansatz bei hormonsensitivem fortgeschrittenem Brustkrebs dar. Bei postmenopausalen Frauen mit Brustkrebs, bei denen nach der Behandlung mit Tamoxifen, einem selek-tiven Östrogenrezeptor-Modulator, die Krankheit fortschritt, sind die nichtsteroidalen Aromataseinhibitoren der dritten Generation wie Anastrozol und Letrozol das Mittel der Wahl. Von besonderem Interesse erweist sich weiterhin, so das Verfügungspatent, die Problematik der Behandlung nach Versagen der nichtsteroidalen Aromataseinhibito-ren der dritten Generation.
Das Verfügungspatent führt weiter aus, dass ein spezifisches Antiöstrogen mit hoher Affinität zu Östrogenrezeptoren und keinen agonistischen Wirkungen gegenüber her-kömmlichen nichtsteroidalen Antiöstrogen bei der Behandlung östrogenabhängiger Erkrankungen Vorteile aufweisen kann. Bei der Suche nach einem derartigen Arz-neimittel fiel die Suche auf Fulvestrant. Fulvestrant, ein reines Antiöstrogen und ohne partiell agonistische, östrogenähnliche Wirksamkeit, erwies sich in einer Phase-II-Studie an Frauen, deren Brustkrebs nach Tamoxifen-Therapie wuchs, als wirksam. Studien haben gezeigt, dass nach Langzeitbehandlung mit Tamoxifen weiterwach-sende Tamoxifen-resistente MCF-7-Tuomore gegenüber Fulvestrantbehandlung emp-findlich bleiben und das Wachstum etablierter MCF-7-Tumoren doppelt so lange un-terdrückte wie die Behandlung mit Tamoxifen.
Das Verfügungspatent schildert – ohne eine spezifische Aufgabe zu formulieren –, dass überraschenderweise gefunden wurde, dass bei Patientinnen nach vorange-gangener – fehlgeschlagener – Behandlung sowohl mit einem Aromataseinhibitor als auch Tamoxifen der Brustkrebs gegenüber der Weiterbehandlung mit Fulvestrant emp-findlich ist.
Das Verfügungspatent schlägt nunmehr in seinem Patentanspruch 1 folgendes vor:
Bei dem durch diese Merkmale gekennzeichneten Patentanspruch 1 des Verfügungs-patents handelt es sich um einen Herstellungsverwendungsanspruch nach Schwei-zer Vorbild („Swiss type claim“).
Nach der Rechtsprechung des OLG Düsseldorf ist ein solcher Herstellungsverwen-dungsanspruch wie ein „gewöhnlicher“ Verwendungsanspruch zu behandeln. Ver-wendungspatente, bei denen die Verwendung eines (vorbekannten) Stoffs oder einer (vorbekannten) Sache für einen neuen, erfinderischen Zweck unter Schutz gestellt ist, erfassen nicht nur diejenigen Handlungen, die unmittelbar die Anwendung betreffen, sondern darüber hinaus auch solche Handlungen, bei denen der Stoff oder die Sache zu der betreffenden Verwendung sinnfällig hergerichtet wird (vgl. BGHZ 68, 156, 161 = NJW 1977, 1104 – Benzolsulfonylharnstoff; BGHZ 101, 159 = GRUR 1987, 794 – Anti-virusmittel; BGH, GRUR 1982, 548, 549 – Sitosterylglykoside; GRUR 1990, 505, 506 f. – Geschlitzte Abdeckfolie; GRUR 1992, 305, 307 – Heliumeinspeisung; GRUR 2001, 730 – Trigonellin; GRUR 2005, 845, 847 – Abgasreinigungsverfahren; GRUR 2016, 257 Rn. 55 – Glasfasern II; OLG Düsseldorf, Urt. v. 01.03.2018, I- 2 U 30/17; Urt. v. 11.09.2008 – I-2 U 10/07; Urt. v. 31.03.2014 – I-2 U 54/11, BeckRS 2013, 11782 – Cistus Incanus; Urt. v. 07.08.2014 – I-2 U 8/14, BeckRS 2014, 21947; OLG Karlsruhe, GRUR 2014, 764; LG Düsseldorf, Mitt. 1999, 155, 157; GRUR-RR 2004, 193, 194 – Ribavirin; Benkard/Scharen, PatG, 11. Aufl., § 9 Rn. 50; Busse/Keukenschrijver, PatG, 8. Aufl., § 9 Rn. 116; Kühnen, Hdb. d. Patentverletzung, 10. Aufl., Kap. A Rn. 330). Die Wirkung eines Verwendungspatents erstreckt sich mithin nicht nur auf die patentge-schützte Verwendung als solche, sondern erfasst bereits im Vorfeld liegende Hand-lungen, mit denen die betreffende Sache zu der geschützten Verwendung sinnfällig hergerichtet und anschließend zur Verfügung gestellt wird. Die Vorverlagerung des Patentschutzes bei Verwendungspatenten trägt dem Umstand Rechnung, dass die gewerbliche Tätigkeit oftmals nicht bei der eigentlichen Verwendung der Sache statt-findet, sondern zuvor bei der Bereitstellung einer Sache, die von einem Dritten in be-stimmter Weise gebraucht werden soll. Um den Schutzrechtsinhaber in einer solchen Konstellation nicht schutzlos zu stellen, ist es gefestigte Rechtsprechung, dass nicht erst die eigentliche Verwendung der Sache patentverletzend ist, sondern dass bereits die ihr vorhergehende sinnfällige Herrichtung der Sache einen unmittelbaren Schutz-bereichseingriff darstellt, wenn infolge der Herrichtungsmaßnahme Gewähr dafür ge-boten ist, dass es im weiteren Verlauf mit der hergerichteten Sache zu der patentge-schützten Verwendung kommt. Entsprechendes gilt schon nach der bisherigen Rechtsprechung des OLG Düsseldorf (Urt. v. 07.08.2014 – I-2 U 8/14, BeckRS 2014, 21947) für einen Herstellungsverwendungsanspruch nach Schweizer Vorbild, wie er den Gegenstand des vorliegenden Rechtsstreits bildet. Insoweit entspricht es der Spruchpraxis des OLG Düsseldorf, dass auch bei einem solchen Anspruch nicht nur der unmittelbare Einsatz des Stoffs zur Behandlung der bestimmten Erkrankung, son-dern bereits jede Handlung, durch welche der zu der betreffenden therapeutischen Verwendung sinnfällig hergerichtete Stoff in Verkehr gebracht wird (BGH, GRUR 1983, 729 – Hydropyridin), patentverletzend sein kann. Im Ergebnis bedeutet dies, dass ein solcher Anspruch seinem Inhaber – wie ein Verwendungsanspruch – einen zweckgebundenen Stoffschutz vermittelt.
Das steht im Einklang mit der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs. Danach ist Gegenstand eines auf die Verwendung eines Stoffs zur Behandlung einer Krankheit gerichteten Patentanspruchs die Eignung des Stoffes für einen bestimmten medizini-schen Einsatzzweck und damit letztlich eine dem Stoff innewohnende Eigenschaft (BGHZ 164, 220 = GRUR 2006, 135 – Arzneimittelgebrauchsmuster). In der Sache ent-spricht dies einem zweckgebundenen Stoffschutz, wie ihn § 3 Abs. 4 PatG und Art. 54 Abs. 5 EPÜ in der seit 13. Dezember 2007 geltenden Fassung ausdrücklich vorsehen. Dies gilt nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung unabhängig davon, ob der Pa-tentanspruch seinem Wortlaut nach auf zweckgebundenen Stoffschutz, auf die Ver-wendung des Medikaments oder auf dessen Herrichtung zu einem bestimmten Ver-wendungszweck gerichtet ist (BGH, GRUR 2014, 461 Rn. 17 – Kollagenase I; GRUR 2016, 921 Rn. 83 – Pemetrexed). Für Ansprüche, die – wie der Verfügungspatentan-spruch – entsprechend der früheren Rechtspraxis des Europäischen Patentamtes auf die Verwendung des Stoffes zur Herstellung eines Medikaments gerichtet sind, gilt nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (GRUR 2016, 921 Rn. 84 – Pemetrexed) nichts anderes. Diese Anspruchsfassung trug dem Umstand Rechnung, dass die Verwendung eines Stoffs zur Behandlung einer Krankheit nach Auffassung des Europäischen Patentamtes der Patentierung nicht zugänglich war. Die stattdes-sen gewählte Lösung, den Schutz auf die Verwendung zur Herstellung eines Medi-kaments zu richten, ändert nichts daran, dass der Sache nach eine besondere Eigen-schaft des Stoffes geschützt ist, die auch dem hergestellten Medikament innewohnt (BGH, GRUR 2016, 921 Rn. 84 – Pemetrexed). Völlig unabhängig von der konkreten Anspruchsformulierung, die für den auf die weitere medizinische Indikation gerichte-ten Patentschutz gewählt worden ist oder wegen der zur Zeit der Patenterteilung gel-tenden Rechtslage gewählt werden musste, geht die höchstrichterliche Rechtspre-chung damit davon aus, dass sich der Patentschutz auf die Eignung des bekannten Wirkstoffs für den bestimmten medizinischen Einsatzzweck und damit letztlich auf ei-ne dem Wirkstoff innewohnende Eigenschaft bezieht (Kühnen, a.a.O., Kap. A Rn. 342).
Aus der Qualifikation von Arzneimittelverwendungs- und Arzneimittelherstellungsver-wendungspatenten als „zweckgebundene Stoffschutzpatente“ folgt, dass für sie – wie für jedes andere Sachpatent – die Vorschrift des § 9 Nr. 1 PatG gilt, wonach, wenn Ge-genstand des Patents ein Erzeugnis ist, es jedem Dritten verboten ist, dieses Erzeug-nis herzustellen, anzubieten, in den Verkehr zu bringen oder zu gebrauchen oder zu den genannten Zwecken entweder einzuführen oder zu besitzen. Im Unterschied zu „regulären“ Stoffpatenten, die ihrem Inhaber absoluten Sachschutz vermitteln und deshalb völlig unabhängig davon eingreifen, zu welchem konkreten Zweck die pa-tentgeschützte Sache angeboten oder vertrieben wird, besteht die Besonderheit zweckgebundener Stoffpatente darin, dass – als zwangsläufige Folge der Zweckbin-dung des gewährten Sachschutzes – die in § 9 Nr. 1 PatG genannten Handlungen zur Herbeiführung eines ganz bestimmten therapeutischen Zwecks erfolgen müssen. Zweckgebundene Stoffpatente (auch in der Form von Herstellungsverwendungspa-tenten) erlegen daher jedem Dritten das Verbot auf, den geschützten Wirkstoff für den patentgeschützten Zweck (sic: die patentgemäße medizinische Indikation) anzubieten und/oder zu vertreiben. Bei dieser Klassifizierung findet die eigentliche Benutzungs-handlung nicht mehr bei der schlussendlichen therapeutischen Verwendung der Sa-che (als verfahrensähnlichem Akt) statt, sondern bei dessen Übermittlung in den Ge-schäftsverkehr durch Angebot und Vertrieb, die eben nur nicht unter allen Umständen verboten ist, sondern – eingeschränkt – bloß dann, wenn sie für den bestimmten, pa-tentgeschützten Therapiezweck geschieht. Wegen des durch die Zweckbindung be-grenzten Stoffschutzes liegt eine unmittelbare Benutzung des Verwendungspa-tents/zweckgebundenen Stoffpatents daher nur vor, wenn der angebotenen oder ver-triebenen Sache die erforderliche therapeutische Zweckrichtung, auf die der Patent-schutz beschränkt ist, eigen ist (OLG Düsseldorf, Urt. v. 01.03.2018, I-2 U 30/17; Be-schl. v. 05.05.2017, I-2 W 6/17, GRUR 2017, 1107 Rn. 38 – Östrogenblocker; Kühnen, a.a.O., Kap. A Rn. 342).
Dies kann – entsprechend der bisherigen Rechtsprechung (siehe oben) – zunächst aktiv dadurch bewerkstelligt werden, dass die Arzneimittelzusammensetzung vor ihrem Vertrieb eigens sinnfällig für den patentgemäßen Einsatzzweck hergerichtet, nämlich so aufbereitet wird, dass es mit ihr absehbar zu dem geschützten therapeutischen Ge-brauch kommt. Solches kann durch eine auf den speziellen Verwendungszweck ab-gestellte Formulierung und Konfektionierung des Arzneimittels sowie durch seine Do-sierung, aber auch z.B. durch Beifügung einer Gebrauchsanleitung in Form eines Beipackzettels oder einen Hinweis auf der Umverpackung geschehen (vgl. OLG Düs-seldorf, GRUR 2017, 1107 Rn. 39; vgl. auch OLG Düsseldorf, Urt. v. 31.03.2014 – I-2 U 54/11, BeckRS 2013, 11782; Urt. v. 07.08.2014 – I-2 U 8/14, BeckRS 2014, 21947 m. w. Nachw.). Da nach Auffassung des Bundesgerichtshofs im Zentrum des durch ein Herstellungsverwendungspatent vermittelten Schutzes die objektive Eignung des be-treffenden Arzneimittels für die patentgemäße Verwendung steht, ist eine Haftung des Präparatevertreibers aber auch ohne eigene sinnfällige Herrichtungsmaßnahme denkbar, also auch dann, wenn das Produkt nicht nach herkömmlichen Maßstäben sinnfällig hergerichtet ist (OLG Düsseldorf, Urt. v. 01.03.2018, I-2 U 30/17; GRUR 2017, 1107 Rn. 39; zustimmend Neuhaus in seiner Anmerkung zum vorbezeichneten Urteil in GRUR 2017, 1111, 1112; Kühnen, a.a.O., Kap. A Rn. 349). Mit Rücksicht auf den nicht allumfassenden, sondern eingeschränkten, nämlich zweckgebundenen Stoffschutz müssen lediglich Bedingungen erfüllt sein, die auf andere Weise die ge-forderte Zweckbindung für den geschützten Wirkstoff sicherstellen: Erstens muss das Produkt für den patentgemäßen Zweck tauglich sein und Zweitens muss sich der Ver-treiber Umstände zunutze machen, die – in ähnlicher Weise wie eine aktive sinnfällige Herrichtung durch ihn – dafür sorgen, dass es mit dem angebotenen oder vertriebenen Präparat zu dem zweckgebundenen therapeutischen Gebrauch kommt. Letzteres ver-langt einen hinreichenden, nicht bloß vereinzelten Verwendungsumfang nach Maß-gabe des Verfügungspatents sowie ein dahingehendes Wissen oder zumindest ein treuwidriges Verschließen des Lieferanten vor der diesbezüglichen Kenntnisnahme. Wo die äußeren Rahmenbedingungen für das Angebot und den Vertrieb eines Er-zeugnisses bereits auf dessen patentgeschützten Therapieeinsatz hinauslaufen, er-übrigt sich eine gesonderte Herrichtung durch den Lieferanten, weshalb in ihr auch nicht der entscheidende Haftungsgesichtspunkt gesehen werden kann. Ihn zu for-dern, besteht auch vor dem Hintergrund dessen kein vernünftiger Anlass, dass sich der Patentschutz nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs – unabhängig von der konkreten Anspruchsformulierung – „auf die Eignung des bekannten Wirk-stoffs für den bestimmten medizinischen Einsatzzweck und damit letztlich auf eine dem Wirkstoff innewohnende Eigenschaft“ bezieht. Angesichts eines so verstandenen Patentschutzes liegt es geradezu neben der Sache, die Haftungsvoraussetzungen für die Inanspruchnahme aus einem Herstellungsverwendungspatent auf Konstellatio-nen zu beschränken, bei denen sich der fragliche therapeutische Einsatz aufgrund einer aktiven Herrichtungsmaßnahme des Vertreibers einstellt, einen Patentschutz jedoch zu versagen, wenn es bei gleicher Eignung der Sache deshalb zu dem besag-ten patentgeschützten Therapiegebrauch kommt, weil andere Umstände ihn herbei-führen (OLG Düsseldorf, GRUR 2017, 1107 Rn. 39). Die besagten Anforderungen können in der Praxis vor allem bei einem so genannten cross-label-use gegeben sein (OLG Düsseldorf, GRUR 2017, 1107 Rn. 39), der sich dadurch auszeichnet, dass ein Arzneimittel zwar erklärtermaßen für die patentfreie Indikation vertrieben wird, der Ge-brauch in nennenswertem Umfang tatsächlich jedoch, meist aufgrund entsprechender ärztlicher Verordnung, in der patentgeschützten Indikation erfolgt (Kühnen, a.a.O., Kap. A Rn. 350). Wenn dem Generikaunternehmen in einem solchen Fall die ihm günstige Verschreibungspraxis geläufig ist oder jedenfalls hätte bekannt sein müssen und es diese Praxis durch Belieferung seiner Großhändler dennoch für sich ausnutzt, ist es gerechtfertigt und angemessen, den Generikahersteller auch dafür in die patent-rechtliche Pflicht zu nehmen (Kühnen, a.a.O., Kap. A Rn. 350).
Unabhängig von der zwischen den Parteien streitigen Frage, ob die angegriffene Aus-führungsform die für den patentgemäßen Zweck erforderliche Tauglichkeit aufweist, vermag die Kammer nicht festzustellen, dass die Verfügungsbeklagte unter Anwen-dung der vorgenannten Rechtsgrundsätze das Verfügungspatent durch den Vertrieb der angegriffenen Ausführungsform verletzt.
Vor dem Hintergrund des Streits der Parteien bedarf es zunächst näherer Darlegun-gen zum Schutzbereich des Verfügungspatentes und insbesondere zum Verständnis des Merkmals 4).
Das Verfügungspatent verlangt gemäß Merkmal 4) ein Fehlschlagen einer vorausge-gangenen Behandlung einer Brustkrebspatientin mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen. Nach dem Verständnis des Verfügungspatentes liegt ein Fehlschlagen einer vorausgegangenen Behandlung einer Brustkrebspatientin mit einem Aromatas-einhibitor und Tamoxifen vor, wenn der vorausgegangenen Behandlung mit Tamoxi-fen und einem Aromataseinhibitor der Erfolg versagt geblieben ist, ohne dass es da-rauf ankommt, ob die vorhergehende Behandlung einen manifesten Tumor betraf oder adjuvant erfolgte.
Ein entsprechendes Verständnis ergibt sich für einen Fachmann aus dem Patentan-spruch, der Beschreibung und dem allgemeinen Fachverständnis. Im Einzelnen:
Der Begriff des Fehlschlagens einer vorangegangenen Behandlung im Patentan-spruch ist bei einer rein philologischen Betrachtung zunächst weit gefasst. Danach ist jedes Misslingen einer vorausgegangenen Behandlung umfasst, ohne dass es auf das Vorliegen einer bestimmten Situation – Vorhandensein eines Tumors oder nicht – ankommt.
Auch der Beschreibung der Erfindung nach dem Verfügungspatent und insbesondere dem Abs. [0018] lässt sich kein anderes Verständnis entnehmen. In Abs. [0018] wird der Begriff des Fehlschlags in der maßgeblichen englischen Verfahrenssprache wie folgt definiert:
„Mit dem Begriff „fehlgeschlagen“ meinen wir, dass das Wachstum des Brust-krebs nicht länger eingedämmt wird durch die Behandlung mit einem Aromatas-einhibitor, oder Tamoxifen, oder sowohl einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen zusammen.“
Soweit es in der als Anlage HE 2a eingereichten deutschen Übersetzung des Verfü-gungspatentes in Abs. [0018] heißt, dass „das Wachstum des Mammakarzinoms“ durch die Behandlung nicht länger eingedämmt wird, handelt es sich um eine unge-naue Übersetzung des Begriffs „breast cancer“, was daran deutlich wird, dass an an-deren Stellen der Patentschrift, in welchen von „breast cancer“ gesprochen wird, die-ser Begriff ganz überwiegend mit Brustkrebs übersetzt wurde (vgl. nur Titel, Abs. [0001], [0002]). Zwar wurde auch an anderen Stellen der Verfügungspatentschrift (vgl. Abs. [0003]) der Begriff des „breast cancer“ mit „Mammakarzinom“ übersetzt. Diese Un-terscheidung ist indes nicht gerechtfertigt. Denn in der maßgeblichen englischen Ver-fahrenssprache findet sich durchgehend die Bezeichnung „breast cancer“.
Ein Fehlschlag liegt nach Abs. [0018] der Verfügungspatentschrift danach dann vor, wenn der Brustkrebs nicht zu einem Stillstand gebracht ist. Weder der Patentanspruch 1 noch der genannte Abs. [0018] nennen Gründe für das Fehlschlagen. Insbesondere wird offen gelassen, ob die Behandlung mit Tamoxifen und dem Aromataseinhibitor zunächst angeschlagen hat. Es ergeben sich auch keine Anhaltspunkte, ob die vor-hergehende Behandlung mit Tamoxifen und Aromataseinhibitor zum Zeitpunkt des Fehlschlagens andauert oder ob sie bereits gemäß den Therapieempfehlungen für das spezifische Stadium des behandelten Brustkrebses zu einem früheren Zeitpunkt abgesetzt wurde und das erneute Krebswachstum erst einige Zeit später wieder auftritt. In beiden Fällen erkennt der Fachmann ein Versagen bzw. Fehlschlagen der vorheri-gen Therapie, das sich in einem erneuten Krebswachstum manifestiert. Insofern ist es daher anspruchsgemäß ohne Relevanz, ob die vorangegangenen Tamoxifen- und Aromataseinhibitor-Behandlungen adjuvant oder palliativ erfolgten. Maßgeblich ist allein, dass trotz erfolgter Vorbehandlung das Wachstum des Brustkrebses („growth of the breast cancer“) nicht länger eingedämmt werden kann. Bei einem solchen Befund hat diese Vorbehandlung nicht zu einer Heilung bzw. Stabilisierung der Krankheit Brustkrebs geführt und schlug deswegen fehl.
Deutlich gemacht wird dieses Verständnis dem Fachmann durch die durchgängige Verwendung des Begriffs „Brustkrebs“, worunter die generelle Erkrankung zu verste-hen ist und nicht zwingend ein manifester Tumor, was durch den Umstand verdeut-licht wird, dass in Abs. [0011] und [0012] im Gegensatz zur vorherigen Begriffsverwen-dung „Brustkrebs“ von MCF-7-Brustkrebszellen und MCF-7-Tumoren die Rede ist. Ge-rade die unterschiedliche Begriffswahl zeigt, dass das Verfügungspatent unter dem Begriff des Brustkrebses nicht zwingend das Vorhandensein eines Tumors voraus-setzt, sondern vielmehr die generelle Erkrankung versteht. Etwas anderes folgt auch nicht aus der Verwendung des bestimmten Artikels „der“ bzw. „the“ in der englischen Verfahrenssprache in Abs. [0018]. Denn die Verwendung des bestimmten Artikels nimmt insoweit lediglich Bezug auf die Brustkrebserkrankung, welche auch vorhan-den ist, wenn akut kein manifester Tumor feststellbar ist.
Das vorstehende geschilderte Verständnis findet der Fachmann in der weiteren Be-schreibung der Erfindung nach dem Verfügungspatent bestätigt. Ab Abs. [0028]ff. be-schreibt das Verfügungspatent einen klinischen Prüfplan. Unter dem Stichwort „Stu-diendesign“ werden verschiedene Patientinnengruppen beschrieben und in der Pati-entinnengruppe C Patientinnen erfasst, welche Anastrozol, Letrozol oder Aminoglute-thimid als adjuvante Therapie erhalten haben, was deutlich macht, dass auch eine adjuvante – fehlgeschlagene – Vorbehandlung für eine Studienteilnahme als ausrei-chend erachtet wird. Soweit die Technische Beschwerdekammer des Europäischen Patentamtes deutlich gemacht hat, dass der Studienvorschlag die in den Ansprüchen definierte Erfindung nicht in die Praxis umsetzt, und daher nicht als Grundlage für ei-ne ausreichende Offenbarung dienen kann (vgl. Anlage HE 10/10a, Seite 10, Ziffer 2.2.2), ist diese Einschätzung für die Frage des Schutzumfangs des Verfügungspaten-tes ohne Relevanz.
Soweit die Verfügungsbeklagte darauf verweist, dass sich der vom Verfügungspatent geschilderte Stand der Technik stets auf das Fehlschlagen im Zusammenhang mit einem Tumor beziehe, in Abs. [0007] von fortgeschrittenem Brustkrebs die Rede sei und ein solcher nicht vorliegen würde, wenn lediglich von der generellen Brustkrebs-erkrankung die Rede wäre, kann dem kein anderes Verständnis entnommen werden. Denn jedenfalls zum Zeitpunkt der Behandlung mit Fulvestrant ist ein manifester Tu-mor vorhanden, zu diesem Zeitpunkt ist die Brustkrebserkrankung mit Bildung eines Tumors fortgeschritten. Dies hat jedoch nicht zur Folge, dass auch bei Behandlung mit Tamoxifen und/oder einem Aromataseinhibitor ein entsprechendes Fortschreiten der Brustkrebsbehandlung im Sinne eines manifesten Tumors vorhanden sein muss.
Bestätigung für diese Verständnis findet der Fachmann ferner durch den vom Verfü-gungspatent in Abs. [0027] unter anderem in Bezug genommenen Stand der Technik von Howell A. et al., Pharmacokinetics, pharmacological and anti-tumour effects of the specific anti-oestrogen ICI 182780 in women with advanced breast cancer, British Journal of Cancer (1996) 74, 300-308 (Anlage AG 7/7a). Auf Seite 301 wird unter der Überschrift “Patients and methods” und der Unterüberschrift “Patients“ ausgeführt, dass sowohl Patienten in die Studie zur Behandlung mit Tamoxifen aufgenommen wurden, welche mit Tamoxifen adjuvant für zwei Jahre behandelt wurden und einen Rückfall erlitten, als auch Patienten, welche bei fortgeschrittener Erkrankung mit Tamoxifen behandelt wurden und die Erkrankung während der Einnahme von Tamoxifen fortschritt. Entsprechend wird auf Seite 305 unter der Überschrift „Discussi-on“ unterschiedslos im Hinblick auf die Patientengruppen von dem Tamoxifenfehl-schlag („tamoxifen failure“) gesprochen.
Diesem Verständnis stehen auch nicht die Ausführungen der Technischen Be-schwerdekammer des Europäischen Patentamtes entgegen. Diese geht bei der Frage der erfinderischen Tätigkeit davon aus, dass ein Tumor nach dem Stand der Technik als second-line-Therapie mit Fulvestrant behandelt wurde (Ziffer 2.4 der Anlage HE 10/10a mit Bezug auf die Druckschrift D 2: G. England et al., Pure Antiestrogens as a New Therapy for Breast Cancer, Oncology Research 1997, 9, 397-402, Anlage HE 14/14a). Unter Ziffer 2.4.6 wird weiter ausgeführt, dass mit jeder neuen Resistenz der Tumor bösartiger und schwerer zu behandeln ist. Entsprechend wird zwischen einem Tumor, der nur mit Tamoxifen behandelt wurde und bei dem die Behandlung fehlge-schlagen ist, und einem Tumor, der sowohl mit Tamoxifen als auch mit einem Aroma-taseinhibitor behandelt worden ist, unterschieden. Im Rahmen dieser Betrachtung wird stets von einem konkreten Tumor ausgegangen. Diese Ausführungen schließen je-doch eine vorherige fehlgeschlagene adjuvante Behandlung mit Tamoxifen und/oder einem Aromataseinhibitor nicht aus. Denn zu dieser Frage hat die Technische Be-schwerdekammer keine Stellung bezogen und es ist von den Parteien auch nicht vor-getragen worden, dass die Frage im Einspruchs- bzw. Einspruchsbeschwerdeverfah-ren überhaupt diskutiert wurde.
Dementsprechend können auch die Ausführungen der Verfügungsklägerin im Ertei-lungsverfahren, welche zusammengefasst als Anlage AR 41 im Parallelverfahren 4c O 47/17 vorgelegt wurden, dem vorstehend dargestellten Verständnis der Erfindung nach dem Verfügungspatent nicht entgegenstehen, da den vorgelegten Schriftstü-cken nicht entnommen werden kann, dass die Frage einer adjuvanten Vorbehandlung der Brustkrebspatientin mit Tamoxifen und einem Aromataseinhibitor Gegenstand der Diskussion der Verfügungsklägerin mit dem Europäischen Patentamt war. Aus der Verwendung des Begriffs „third-line-treatment“ durch die Patentinhaberin im Ertei-lungsverfahren kann dies nicht gefolgert werden, da augenscheinlich kein einheitli-cher Standard für eine Zählung der Therapielinien – adjuvant oder palliativ – existiert. Die Verwendung erfolgt, wie auch der vorliegenden Gerichtsakte entnommen werden kann, uneinheitlich, wie insbesondere in den Gutachten der Privatsachverständigen der Parteien deutlich wird. Der Privatsachverständige der Verfügungsklägerin, Prof. P, spricht auf Seite 3 seines ersten Gutachtens vom 15. Februar 2018 (Anlage HE 8) da-von, dass eine first-line-Therapie mit Fulvestrant vorliege, wenn im Rahmen einer ad-juvanten Therapie ein Tumor aufgetreten sei. Der Privatsachverständige des Parallel-verfahrens 4c O 47/17, Prof. Dr. Q, vertritt in seinem ersten Gutachten vom 6. Oktober 2017 (Anlage AR 3 des Verfahrens 4c O 47/17) unter Ziffer 16 die Ansicht, dass es nach seinem Verständnis unüblich sei, eine adjuvante endokrine Therapie als Thera-pie einer definierten Linie zu bezeichnen. Die Zählung „first line“, „second line“ bezie-he sich auf die Zählung eines manifesten Tumors (Ziffer 14 der Anlage AR 3 des Ver-fahrens 4c O 47/17). Der Privatsachverständige der Verfügungsbeklagten des Paral-lelverfahrens 4c O 46/17, Prof. Dr. R, spricht hingegen auf Seite 2 seines ersten Gut-achtens (Anlage AG 19) von einer „third-line-therapy“ trotz vorhergehender adjuvanter Behandlung mit Tamoxifen und einem Aromataseinhibitor, was nach Ansicht der Ver-fügungsbeklagten einer first-line-Therapie entsprechen müsste.
Entsprechend uneinheitlich verwendet auch die Technische Beschwerdekammer die Zählung der Therapielinien in ihrer Beschwerdebegründung vom 14. Februar 2013 (Anlage HE 10/10a). Unter Ziffer 2.4.2 wird Bezug genommen auf die Druckschrift G. England et al., Pure Antiestrogens as a New Therapy for Breast Cancer, Oncology Re-search, 1997, 9, 397-402 (Anlage HE 14/14a) und ausgeführt, dass dort die Verwen-dung von Fulvestrant für die Zweitlinienbehandlung („second-line treatment“, Anlage HE 10/10a) von Brustkrebs offenbart wird. England et al. beschreiben jedoch auch die Verwendung von Fulvestrant nach einer adjuvanten Behandlung mit Tamoxifen (Seite 399, Qe Spalte unten „long-term adjuvant tamoxifen therapy“), so dass es sich, die Auf-fassung der Verfügungsbeklagten zugrundelegend, um eine Erstlinienbehandlung handeln müsste. Die Technische Beschwerdekammer bezeichnet jedoch auch diese Behandlungssituation als „second-line treatment“ (vgl. Anlage HE 10/10a Ziffer 2.4.2).
Das vorgenannte Verständnis des Begriffs des Fehlschlagens einer vorangegange-nen Behandlung mit einem Aromataseinhibitor und Tamoxifen entspricht auch dem fachmännischen Verständnis. Dies wird von dem Privatgutachter der Verfügungsklä-gerin Prof. Dr. med. P (Anlage HE 8 und HE 23) bestätigt. Sowohl in seinen Ausfüh-rungen vom 15. Februar 2018 (Anlage HE 8) wie auch 25. Mai 2018 (Anlage HE 23) macht er deutlich, dass aus fachmännischer Sicht auch eine adjuvante Therapie fehl-schlagen kann. Der Privatgutachter führt insoweit aus, dass von einem „therapy failu-re“ dann gesprochen wird, wenn bei Patientinnen während oder nach einer adjuvan-ten Behandlung ein Rezidiv beobachtet wird, d.h. ein Wiederauftreten der Erkrankung. Die Patientin befindet sich dann im Krankheitsstadium des metastasierten Mammakar-zinoms und erhält eine „first line therapy“ mit einem anderen Wirkstoff. In seinem Gut-achten vom 25. Mai 2018 (Anlage HE 20) führt er erneut aus, dass eine adjuvante The-rapie fehlschlagen könne und begründet dies damit, dass der Sinn der adjuvanten und lokalen Therapie der Brustkrebserkrankung die Heilung sei. Somit sei jeder Rück-fall als ein Versagen der systemischen adjuvanten Therapie anzusehen. Denn die adjuvante Therapie werde gerade mit dem Ziel verabreicht, diese Metastasierung zu vermeiden. Es entspreche daher dem medizinischen Sprachgebrauch, von einem Fehlschlagen einer adjuvanten Therapie zu sprechen, wenn während oder nach En-de der adjuvanten Behandlung erneut Tumorwachstum als ein Rückfall auftritt.
Die von der Verfügungsbeklagten zur Begründung des gegenteiligen fachmänni-schen Verständnisses angeführten Gutachten des Privatgutachters Prof. Dr. Q aus dem Parallelverfahren 4c O 47/17 (Anlagen AR 3 und AR 20 des Verfahrens 4c O 47/17) führen zu keiner anderen Sichtweise. Zwar hat Prof. Q in seinem ersten Gut-achten vom 6. Oktober 2017 (Anlage AR 3 des Verfahrens 4c O 47/17) deutlich ge-macht, dass das Wachstum eines Brustkrebses nur dann nicht mehr länger angehal-ten werden kann, wenn ein Brustkrebs vorhanden ist, der in einer ersten Stufe entwe-der mit Tamoxifen oder einem Aromataseinhibitor behandelt wurde und weiter ge-wachsen ist und in einer zweiten Stufe mit dem jeweils anderen Wirkstoff behandelt wurde und auch unter dieser Behandlung weiter gewachsen ist. Auch in seinem zwei-ten Gutachten vom 10. April 2018 (Anlage AR 20 des Verfahrens 4c O 47/17) bestätigt er, dass eine adjuvante Therapie nicht fehlschlagen könne. Diese Sichtweise verkennt jedoch, dass die generelle Erkrankung Brustkrebs auch noch vorhanden ist, wenn der Tumor operativ entfernt wurde und nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich noch Tumorzellen in anderen Geweben oder in der Blutbahn befinden. Überdies wird weiter verkannt, dass der Einsatz von Fulvestrant erfindungsgemäß auch erst zum Tragen kommen soll, wenn ein manifester Tumor vorhanden ist, mithin ein Fehlschla-gen der vorangegangenen Therapie erfolgt ist.
Legt man das vorstehende Verständnis zugrunde, liegen die von der zuvor erläuterten Rechtsprechung vom OLG Düsseldorf aufgestellten Voraussetzungen für eine Benut-zung eines swiss-type-claim außerhalb einer sinnfälligen Herrichtung nicht vor. Es kann nicht festgestellt werden, dass die angegriffene Ausführungsform in hinreichen-dem Umfang bei einer palliativen Therapie nach Fehlschlagen einer Behandlung mit Tamoxifen und Fehlschlagen einer Behandlung mit einem Aromataseinhibitor ver-wendet wird.
Die Verfügungsklägerin hat zum Nachweis des Verwendungsumfangs als Anlage HE 7 eine Sonderauswertung „Endokrine Vorbehandlung von Patientinnen mit Fulvest-rant-Therapie“ der O AG vorgelegt. Die dort gemachten Angaben können einen hinrei-chenden Verwendungsumfang der angegriffenen Ausführungsform nicht begründen. Weder erscheinen die ausgewerteten Zahlen als hinreichend aussagekräftig für einen hinreichenden Verwendungsumfang, noch kann nicht ausgeschlossen werden, dass im Zeitpunkt der mündlichen Verhandlung keine Änderung der Verwendungspraxis eingetreten ist. Im Einzelnen:
Der Sonderauswertung liegt ausschließlich Zahlenmaterial bis 31. Oktober 2016 zu-grunde. Patientinnen mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Mammakarzinom in palliativer Therapieintention wurden von Juni 2007 bis Juni 2016 rekrutiert. Insge-samt waren bei Datenschluss 31. Oktober 2016 über den genannten Zeitraum von Ju-ni 2007 bis Juni 2016 nur 444 Behandlungen mit Fulvestrant dokumentiert. 203 Pati-entinnen waren sowohl mit Tamoxifen als auch mit einem Aromataseinhibitor vorbe-handelt worden, was eine Zahl von 20 Patientinnen pro Jahr im Durchschnitt bedeu-tet. Dabei sind die Zahlen, wie der Tabelle 1 der Anlage HE 7 entnommen werden kann, seit Beginn der Erhebung stark rückläufig. Während im Zeitraum von 2007 bis 2009 noch 50 % der Patientinnen sowohl mit Tamoxifen und einem Aromataseinhi-bitor vorbehandelt wurden, waren es 2015/2016 gerade einmal 36,5 %. Insoweit kann daher nicht mit der gebotenen Sicherheit festgestellt werden, dass auch heute noch eine entsprechende Verwendung erfolgt, was von der Verfügungsbeklagten bestritten wurde. Im Einklang hiermit macht auch die gutachterliche Stellungnahme von Frau Dr. S (Anlage HE 28), welche bei der O AG tätig ist, auf Seite 4 am Ende deutlich, dass die Fallzahlen in den Jahressubgruppen für zu gering erachtet werden, um mit ausrei-chender Schätzgenauigkeit die vergleichende Fragestellung zu beantworten, ob sich die Art der Vorbehandlung über den Projektzeitraum verändert hat. Überdies ist frag-lich, ob eine Patentinnenanzahl von 444, also diejenige Zahl, welche nach der Son-derauswertung überhaupt mit Fulvestrant behandelt wurden, ein repräsentatives Bild des Verwendungsumfangs der angegriffenen Ausführungsform geben kann. Insoweit fehlen Zahlen, dass die genannten 444 Patientinnen überhaupt einen repräsentati-ven Querschnitt bilden, was vor dem Hintergrund der vom Verfügungspatent selbst geschilderten gestiegenen Brustkrebserkrankungen zweifelhaft erscheint.
Hinzukommt, dass nach den Angaben in der Sonderauswertung unter der Überschrift „Methodik“ 140 Zentren zu der Rekrutierung aktiv beigetragen haben. Um beurteilen zu können, ob es sich hierbei um eine aussagekräftige Anzahl von Zentren handelt, hätte es nach Ansicht der Kammer einer Angabe bedurft, dass es sich hierbei um eine Anzahl an Zentren handelt, welche tatsächlich repräsentative Aussagen treffen kön-nen. Dies wird zwar in der gutachterlichen Stellungnahme von Frau Dr. S (Anlage HE 28, Seite 2 Ziffer 3) bestätigt. Eine Zahlengrundlage wird für diese Ansicht hingegen nicht gegeben, vielmehr stützt Frau Dr. S ihre Ansicht auf die Begründung, dass keine Anhaltspunkte bestünden für eine Beeinflussbarkeit der der Erhebung zugrunde lie-genden Daten.
Der Umstand, dass der Gutachter der Verfügungsklägerin, Prof. Dr. med. P, in seiner ersten Stellungnahme äußert, dass er die in der genannten Sonderauswertung der O genannte Zahl von 46 % für plausibel erachte und dies mit Kenntnissen aus Gesprä-chen mit anderen Ärzten herleitet, kann dies die Zweifel an der Repräsentativität des Zahlenmaterials nicht ausräumen. Denn die genannte Aussage wird ohne nähere Tatsachengrundlage gemacht. Prof. Dr. med. R, Gutachter der Verfügungsbeklagten im Parallelverfahren 4c O 46/17, trifft im Gegenzug keine Aussage über etwaige Zah-len. Er stellt in seiner ersten Stellungnahme (Anlage AG 19) vielmehr heraus, dass nur in Ausnahmefällen Patientinnen Fulvestrant verabreicht wird, bei denen eine Behand-lung mit Tamoxifen und einem Aromataseinhibitor fehlgeschlagen ist. Diese Verwen-dung finde nur in sehr geringem Umfang statt, da bei den Patientinnen der zweiten Gruppe, also denjenigen Patientinnen bei denen ein Tumor inoperabel ist, nach dem Fehlschlagen des „second line treatment“ in aller Regel direkt eine Chemotherapie erfolge. Bei Patientinnen der ersten Gruppe, also bei denjenigen, bei welchen der Tu-mor operativ entfernt wird und anschließend eine medikamentöse Behandlung erfolgt, wird hingegen – nach Aussage von Prof. Dr. med. R – als Drittbehandlung Fulvestrant eingesetzt. Zum Umfang eines solchen Einsatzes macht der Gutachter hingegen kei-ne Aussage.
Ungeachtet der vorstehend genannten erheblichen Zweifel an der Repräsentativität der Zahlen spricht gegen eine übertragbare Einsatzhäufigkeit von Fulvestrant nach einer Vorbehandlung mit Tamoxifen und einem Aromataseinhibitor zum heutigen Zeitpunkt, dass im September 2017 eine neue Wirkstoffklasse zur Behandlung von Brustkrebs in Europa zugelassen wurde, nämlich CDK4/6-Inhibitoren, wie von der Ver-fügungsbeklagten in der mündlichen Verhandlung vorgetragen wurde und was von der Verfügungsklägerin ebenso wie der Einsatz in der Therapie nicht bestritten wurde. CDK4/6 sind in Kombination mit ihrem Regulatorprotein Cyclin D, das wiederum in den HR-Signalweg eingebunden ist, wichtige Regulatoren des Zellzyklus. CDK4/6-Cyclin D treibt die Zellproliferation an. Eine Überexpression von CDK4/6 gilt als Schlüsselfaktor für die Resistenzbildung gegen eine endokrine Therapie. Werden die-se Proteinkinasen durch die neuen Wirkstoffe Ribociclib und Palbociclib (Kinase 4 und 6) gehemmt, wird die Zellproliferation gehemmt.
Mit dem Eintritt der CDK4/6-Inhibitoren haben sich auch die Leitlinienempfehlungen für die Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms (Anlage HE 20/20a, Stand Dezember 2017) geändert. Auf Seite 211 wird deutlich ge-macht, dass nunmehr auch die Kombination von Letrozol oder Fulvestrant mit Palboci-clib oder die von Exestan und Everolismus eingesetzt werden kann. Insoweit wird im Text weiter ausgeführt, dass die Gabe einer Kombination des CDK4/6-Inibitors Palbociclib als Erstlinientherapie mit Letrozol oder nach Versagen einer vorherigen endokrinen Therapie in Kombination mit Fulvestrant zu einer signifikanten und rele-vanten Verlängerung des progressionsfreien Überlebens im Vergleich zur alleinigen endokrinen Therapie führt. Damit wird deutlich gemacht, dass gerade eine Therapie des CDK4/6-Inibitors Palbociclib mit Fulvestrant nach Versagen einer vorherigen en-dokrinen Therapie erfolgversprechend ist. Dies zeigt auch die von der Verfügungsklä-gerin als Anlage HE 24 vorgelegte PALOMA-3-Studie, eine Phase III Untersuchung von Fulvestrant mit/ohne Palbociclib. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass Palbociclib in Kombination mit Fulvestrant die progressionsfreie Überlebensrate im Vergleich zu einer alleinigen Gabe von Fulvestrant verbessert. Entsprechend führt auch Prof. Dr. med. P in seiner Stellungnahme vom 25. Mai 2018 (Anlage HE 23) auf Seite 9 mit Verweis auf die 2018er Fassung der AGO-Leitlinien aus, dass neben der rein endokri-nen Therapie beim fortgeschrittenen bzw. metastasierten Mammakarzinom inzwischen auch eine auf einer endokrinen Therapie aufbauende Kombinationstherapie mit wei-teren Wirkstoffen wie Everolismus und CDK4/6-Inhibitoren zugelassen ist und – auch in Kombination mit Fulvestrant – mit positiven Ergebnissen getestet worden ist. In die-sem Zusammenhang werden von ihm auch die vorstehend genannten S3-Leitlinien (Anlage HE 20/20a) angeführt.
Letztlich begründet auch die Tatsache, dass B®, das Präparat der Verfügungsklägerin, eine neue sowie eine weitere Indikation erhalten hat, nämlich sowohl der Einsatz von Fulvestrant als Monotherapie als auch als Kombinationstherapie in Kombination mit Palbociclib, einen Anhaltspunkt, dass in der medizinischen Praxis eine Abkehr von einer gestuften endokrinen Therapie zu einer Kombinationstherapie mit einem weite-ren Wirkstoff erfolgen könnte/erfolgt ist. Dem „Summary of Opinion“ der European Me-dicines Angency (Anlage B 13 des Verfahrens 4c O 46/17) lässt sich gerade entneh-men, dass eine Kombinationstherapie mit Palbociclib empfohlen wird. Diese Änderun-gen der Indikation des Originalproduktes der Verfügungsklägerin verdeutlichen, dass damit möglicherweise auch eine Abkehr von der bisherigen Einsatzpraxis erfolgt, wel-che Zweifel an einer hinreichenden patentgemäßen Verwendung begründet.
Zusammenfassend kann daher festgestellt werden, dass erhebliche Zweifel bestehen, dass die angegriffene Ausführungsform in einem hinreichenden Umfang für die pa-tentgemäße Verwendung eingesetzt wird. Das ohnedies geringe Zahlenmaterial der Anlage HE 7 bietet für den Zeitraum ab September 2017 keine für die Feststellung ei-ner hinreichenden Verwendung notwenige Aussagekraft, so dass die Kammer auf dieser Grundlage daher keine unmittelbare Patentverletzung feststellen kann.
Auch eine mittelbare Patentverletzung scheidet vorliegend mangels Erwartung einer hinreichenden therapeutischen Verwendung aus. Das gilt schon deshalb, weil das, was als unmittelbare Patentverletzung anzusehen ist bzw. werden kann, keine bloß mittelbare Patentbenutzung sein kann, die sich definitionsgemäß gerade im Vorfeld der unmittelbaren Benutzung und diese vorbereitend abspielt. Für die mittelbare Pa-tentverletzung ohne eigene sinnfällige Herrichtung besteht vielmehr nur dann Raum, wenn eine neutrale Wirkstoffkomponente angeboten oder geliefert wird, aus der das patentierte Erzeugnis gefertigt werden soll, wenn dessen indikationsgerechte thera-peutische Verwendung zu erwarten ist (vgl. OLG Düsseldorf, Urt. v. 01.03.2018, I-2 U 30/17; Kühnen, a.a.O. Kap. A Rn. 354 ff.). Letzteres kann entsprechend der vorstehen-den Ausführungen nicht festgestellt werden.
Da mithin die Kammer weder eine unmittelbare noch eine mittelbare Patentverletzung festzustellen vermag, mit der Folge, dass ein Verfügungsanspruch nicht glaubhaft gemacht ist, kommt es für die Entscheidung auf die weiteren zwischen den Parteien diskutierten Streitpunkte mit Blick auf die Antragsfassungen und die Frage des Verfü-gungsgrundes nicht an, so dass sich hierzu Ausführungen erübrigen.
Die Entscheidung zur vorläufigen Vollstreckbarkeit findet ihre Grundlage in § 708 Nr. 6 ZPO.
← Vorheriger Beitrag 4c O 47/17 – Fulvestrant II →

References: § 9
 § 9
 § 3
 Art. 54
 § 9
 § 9
 § 708