Source: http://m.hensche.de/Abfindung_Elternzeit_Entlassungsentschaedigung_Elternurlaub_EuGH_C-588/12_Rogiers_u.html
Timestamp: 2018-03-23 03:07:47+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: C-588/12
Schlag­worte: Elternzeit, Teilzeit, Elternzeit: Abfindung, Elternzeit: Teilzeit, Abfindung: Diskriminierung
Akten­zeichen: C-588/12
Ent­scheid­ungs­datum: 27.02.2014
Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der am 14. De­zem­ber 1995 ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über den El­tern­ur­laub im An­hang der Richt­li­nie 96/34/EG des Ra­tes vom 3. Ju­ni 1996 zu der von UN­ICE, CEEP und EGB ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über den El­tern­ur­laub in der durch die Richt­li­nie 97/75/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 geänder­ten Fas­sung ist im Licht der mit die­ser Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­folg­ten Zie­le und der Nr. 6 die­ses Pa­ra­gra­fen da­hin aus­zu­le­gen, dass er nicht zulässt, dass die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, die ei­nem un­be­fris­tet und auf Voll­zeit­ba­sis an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer, der El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis ge­nom­men hat, bei ei­ner ein­sei­ti­gen Be­en­di­gung sei­nes Ver­trags durch den Ar­beit­ge­ber oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund zu­steht, auf der Grund­la­ge des gekürz­ten Ge­halts be­rech­net wird, das die­ser Ar­beit­neh­mer zum Zeit­punkt sei­ner Ent­las­sung be­zog.
Vor­ins­tan­zen: Arbeidshof te Antwerpen (Belgien), Entscheidung vom 10.12.2012
27. Fe­bru­ar 2014(*)
„So­zi­al­po­li­tik - Richt­li­nie 96/34/EG - Rah­men­ver­ein­ba­rung über El­tern­ur­laub - Pa­ra­gra­fen 1 und 2 Nr. 4 - El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis - Ent­las­sung des Ar­beit­neh­mers oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund - Pau­scha­le Schutz­entschädi­gung we­gen der In­an­spruch­nah­me von El­tern­ur­laub - Be­rech­nungs­grund­la­ge für die Entschädi­gung“
In der Rechts­sa­che C-588/12
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Ar­beids­hof te Ant­wer­pen (Bel­gi­en) mit Ent­schei­dung vom 10. De­zem­ber 2012, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 14. De­zem­ber 2012, in dem Ver­fah­ren
Ly­re­co Bel­gi­um NV
So­phie Ro­giers
un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten M. Ileðiè, der Rich­ter C. G. Fern­lund und A. Ó Cao­imh (Be­richt­er­stat­ter), der Rich­te­rin C. Toa­der und des Rich­ters E. Ja­raðiûnas,
- der Ly­re­co Bel­gi­um NV, ver­tre­ten durch E. Lie­vens, ad­vo­caat,
- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch C. Gheor­ghiu und M. van Beek als Be­vollmäch­tig­te,
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Pa­ra­gra­fen 1 und 2 Nr. 4 der am 14. De­zem­ber 1995 ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über El­tern­ur­laub (im Fol­gen­den: Rah­men­ver­ein­ba­rung) im An­hang der Richt­li­nie 96/34/EG des Ra­tes vom 3. Ju­ni 1996 zu der von UN­ICE, CEEP und EGB ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über El­tern­ur­laub (ABl. L 145, S. 4) in der durch die Richt­li­nie 97/75/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 (ABl. 1998, L 10, S. 24) geänder­ten Fas­sung (im Fol­gen­den: Richt­li­nie 96/34).
2 Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der Ly­re­co Bel­gi­um NV (im Fol­gen­den: Ly­re­co) und Frau Ro­giers über die Be­rech­nung der pau­scha­len Schutz­entschädi­gung, die Frau Ro­giers we­gen ih­rer rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung während ei­nes El­tern­ur­laubs auf Teil­zeit­ba­sis zu­steht.
3 Im ers­ten Ab­satz der Präam­bel der Rah­men­ver­ein­ba­rung heißt es:
„Die nach­ste­hen­de Rah­men­ver­ein­ba­rung stellt ein En­ga­ge­ment von UN­ICE [Uni­on der eu­ropäischen In­dus­trie- und Ar­beit­ge­ber­verbände], CEEP [Eu­ropäischer Zen­tral­ver­band der öffent­li­chen Wirt­schaft] und EGB [Eu­ropäischer Ge­werk­schafts­bund] im Hin­blick auf Min­dest­vor­schrif­ten für den El­tern­ur­laub und für das Fern­blei­ben von der Ar­beit aus Gründen höhe­rer Ge­walt dar, weil sie dies als ein wich­ti­ges Mit­tel an­se­hen, Be­rufs- und Fa­mi­li­en­le­ben zu ver­ein­ba­ren und Chan­cen­gleich­heit und Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en zu fördern.“
4 In den Nrn. 4 bis 6 der All­ge­mei­nen Erwägun­gen der Rah­men­ver­ein­ba­rung heißt es:
„4. Die [auf der Ta­gung des Eu­ropäischen Ra­tes in Straßburg am 9. De­zem­ber 1989 an­ge­nom­me­ne] Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer for­dert un­ter Num­mer 16 über die Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en die Ent­wick­lung von Maßnah­men, die es Männern und Frau­en ermögli­chen, ih­ren be­ruf­li­chen und fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen glei­cher­maßen nach­zu­kom­men.
5. Die Ent­schließung des Ra­tes vom 6. De­zem­ber 1994 er­kennt an, dass ei­ne ef­fi­zi­en­te Chan­cen­gleich­heits­po­li­tik ei­ne glo­ba­le und in­te­grier­te Stra­te­gie ver­langt, die ei­ne bes­se­re Or­ga­ni­sa­ti­on der Ar­beits­zeit so­wie ei­ne größere Fle­xi­bi­lität eben­so wie ei­ne leich­te­re Rück­kehr ins Be­rufs­le­ben ermöglicht; in der Ent­schließung wird die wich­ti­ge Rol­le berück­sich­tigt, die den So­zi­al­part­nern in die­sem Be­reich auch dann zu­kommt, wenn es dar­um geht, Männern und Frau­en ei­ne Ge­le­gen­heit zu bie­ten, ih­re be­ruf­li­che Ver­ant­wor­tung so­wie ih­re fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen mit­ein­an­der zu ver­ein­ba­ren.
6. Maßnah­men zur Ver­ein­bar­keit von Be­rufs- und Fa­mi­li­en­le­ben soll­ten die Einführung neu­er und fle­xi­bler Ar­ten der Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on und der Zeit­ein­tei­lung fördern, die den sich ändern­den Bedürf­nis­sen der Ge­sell­schaft bes­ser an­ge­passt sind und die so­wohl die Bedürf­nis­se der Un­ter­neh­men als auch die der Ar­beit­neh­mer berück­sich­ti­gen soll­ten.“
5 Pa­ra­graf 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung sieht vor:
6 Pa­ra­graf 2 („El­tern­ur­laub“) der Rah­men­ver­ein­ba­rung be­stimmt:
3. Die Vor­aus­set­zun­gen und die Mo­da­litäten für die In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs wer­den in den Mit­glied­staa­ten ge­setz­lich und/oder ta­rif­ver­trag­lich un­ter Ein­hal­tung der Min­dest­an­for­de­run­gen die­ser Ver­ein­ba­rung ge­re­gelt. Die Mit­glied­staa­ten und/oder die So­zi­al­part­ner können ins­be­son­de­re
a) ent­schei­den, ob der El­tern­ur­laub auf Voll­zeit- oder Teil­zeit­ba­sis, in Tei­len oder in Form von ‚Kre­dit­stun­den‘ gewährt wird;
b) das Recht auf El­tern­ur­laub von ei­ner be­stimm­ten Beschäfti­gungs­dau­er und/oder Be­triebs­zu­gehörig­keit (höchs­tens ein Jahr) abhängig ma­chen;
4. Um si­cher­zu­stel­len, dass die Ar­beit­neh­mer ihr Recht auf El­tern­ur­laub wahr­neh­men können, tref­fen die Mit­glied­staa­ten und/oder die So­zi­al­part­ner gemäß den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträgen oder Ge­pflo­gen­hei­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men zum Schutz der Ar­beit­neh­mer ge­gen Ent­las­sun­gen, die auf ei­nem An­trag auf El­tern­ur­laub oder auf der In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs be­ru­hen.
6. Die Rech­te, die der Ar­beit­neh­mer zu Be­ginn des El­tern­ur­laubs er­wor­ben hat­te oder da­bei war zu er­wer­ben, blei­ben bis zum En­de des El­tern­ur­laubs be­ste­hen. Im An­schluss an den El­tern­ur­laub fin­den die­se Rech­te mit den Ände­run­gen An­wen­dung, die sich aus ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträgen oder Ge­pflo­gen­hei­ten er­ge­ben.
Bel­gi­sches Recht
7 In Bel­gi­en wur­de die Richt­li­nie 96/34 für die im Pri­vat­sek­tor Beschäftig­ten mit dem König­li­chen Er­lass zur Einführung ei­nes Rechts auf El­tern­ur­laub im Rah­men der Lauf­bahn­un­ter­bre­chung (ko­nin­k­li­jk bes­luit tot in­voering van een recht op ou­der­sch­aps­ver­lof in het ka­der van de on­der­b­re­king van de be­ro­eps­loop­ba­an) vom 29. Ok­to­ber 1997 (Bel­gisch Staats­blad, 7. No­vem­ber 1997, S. 29930) in sei­ner auf den Aus­gangs­rechts­streit an­wend­ba­ren Fas­sung (im Fol­gen­den: König­li­cher Er­lass von 1997) und mit be­stimm­ten Vor­schrif­ten in Ka­pi­tel IV Ab­schnitt 5 („Un­ter­bre­chung der Be­rufs­lauf­bahn“) des Sa­nie­rungs­ge­set­zes zur Fest­le­gung so­zia­ler Be­stim­mun­gen (her­stel­wet hou­den­de so­cia­le be­pa­lin­gen) vom 22. Ja­nu­ar 1985 (Bel­gisch Staats­blad, 24. Ja­nu­ar 1985, S. 6999, im Fol­gen­den: Sa­nie­rungs­ge­setz) um­ge­setzt.
Gemäß Art. 2 § 1 des König­li­chen Er­las­ses von 1997 in Ver­bin­dung mit den Art. 100 und 102 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes hat ein Ar­beit­neh­mer das Recht, El­tern­ur­laub auf ei­ne der fol­gen­den Ar­ten zu neh­men:
- ent­we­der setzt er die Erfüllung sei­nes Ar­beits­ver­trags für ei­nen Zeit­raum von drei Mo­na­ten aus (Art. 100 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes), oder
- er setzt sei­ne Ar­beits­leis­tun­gen für ei­nen Zeit­raum von sechs oder 15 Mo­na­ten in Teil­zeit, und zwar in Form ei­ner Halb­zeit­beschäfti­gung oder un­ter Verkürzung der Ar­beits­zeit um ein Fünf­tel der nor­ma­len An­zahl Ar­beits­stun­den ei­ner Voll­zeit­stel­le (Art. 102 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes), fort.
9 Nach Art. 6 § 1 des König­li­chen Er­las­ses von 1997 muss der Ar­beit­neh­mer, der das Recht auf El­tern­ur­laub aus­zuüben wünscht, dies sei­nem Ar­beit­ge­ber min­des­tens zwei Mo­na­te und höchs­tens drei Mo­na­te im Vor­aus mit­tei­len. Die­se Frist kann im ge­mein­sa­men Ein­ver­neh­men zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer verkürzt wer­den.
10 Nach Art. 4 des König­li­chen Er­las­ses von 1997 kann der Ar­beit­neh­mer das Recht auf El­tern­ur­laub je­doch nur dann in An­spruch neh­men, wenn er in den 15 Mo­na­ten, die der schrift­li­chen Mit­tei­lung an den Ar­beit­ge­ber vor­aus­ge­hen, min­des­tens zwölf Mo­na­te durch ei­nen Ar­beits­ver­trag an den Ar­beit­ge­ber ge­bun­den war.
11 Mit Art. 101 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes ist ei­ne Re­ge­lung zum Schutz ge­gen Ent­las­sung ein­geführt wor­den, die u. a. für den El­tern­ur­laub gilt. Die­se Be­stim­mung sieht vor:
„Wenn die Erfüllung des Ar­beits­ver­trags … aus­ge­setzt wird oder wenn die Ar­beits­leis­tun­gen in An­wen­dung der Ar­ti­kel 102 § 1 … verkürzt wer­den, darf der Ar­beit­ge­ber kei­ne Hand­lung vor­neh­men, die dar­auf ab­zielt, das Ar­beits­verhält­nis ein­sei­tig zu be­en­den, außer aus ei­nem schwer­wie­gen­den Grund im Sin­ne von Art. 35 des Ge­set­zes vom 3. Ju­li 1978 über die Ar­beits­verträge [wet be­tref­fen­de de ar­beids­overeen­koms­ten, Bel­gisch Staats­blad, 22. Au­gust 1978, S. 9277, im Fol­gen­den: Ge­setz von 1978] oder aus ei­nem aus­rei­chen­den Grund.
Aus­rei­chend ist ein Grund, der als sol­cher vom Rich­ter an­er­kannt wor­den ist und des­sen Art und Ur­sprung nicht mit der in den Ar­ti­keln 100 und 100bis erwähn­ten Aus­set­zung oder der in den Ar­ti­keln 102 und 102bis erwähn­ten Verkürzung zu­sam­menhängen.
Ar­beit­ge­ber, die trotz der Be­stim­mun­gen von Ab­satz 1 den Ar­beits­ver­trag oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund be­en­den, müssen Ar­beit­neh­mern ei­ne [pau­scha­le Schutz­entschädi­gung] zah­len, die der Ent­loh­nung von sechs Mo­na­ten ent­spricht, un­be­scha­det der Entschädi­gun­gen, die den Ar­beit­neh­mern im Fall ei­nes Bruchs des Ar­beits­ver­trags zu­ste­hen.“
Aus den Ak­ten er­gibt sich, dass zu die­sen letzt­ge­nann­ten Entschädi­gun­gen ins­be­son­de­re die in Art. 39 des Ge­set­zes von 1978 vor­ge­se­he­ne „Ent­las­sungs­entschädi­gung“ gehört. In Art. 39 heißt es:
„Ist der Ver­trag auf un­be­stimm­te Zeit ab­ge­schlos­sen wor­den, ist die Par­tei, die den Ver­trag oh­ne schwer­wie­gen­den Grund oder oh­ne Ein­hal­tung der in den Ar­ti­keln 59, 82, 83, 84 und 115 [die­ses Ge­set­zes] fest­ge­leg­ten Kündi­gungs­frist kündigt, da­zu ver­pflich­tet, der an­de­ren Par­tei ei­ne Entschädi­gung in Höhe der lau­fen­den Ent­loh­nung zu zah­len, die ent­we­der der gan­zen oder der rest­li­chen Dau­er der Kündi­gungs­frist ent­spricht.
Die Ent­las­sungs­entschädi­gung um­fasst nicht nur die lau­fen­de Ent­loh­nung, son­dern auch die auf­grund des Ver­trags er­wor­be­nen Vor­tei­le.“
13 Art. 103 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes sieht vor:
„Bei ein­sei­ti­ger Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­trags sei­tens des Ar­beit­ge­bers wird die Kündi­gungs­frist, die dem Ar­beit­neh­mer no­ti­fi­ziert wird, der sei­ne Leis­tun­gen gemäß Ar­ti­kel 102 (und 102bis) verkürzt hat, so be­rech­net, als hätte er sei­ne Leis­tun­gen nicht verkürzt. Die­sel­be Kündi­gungs­frist ist eben­falls bei der Be­stim­mung der in Ar­ti­kel 39 des Ge­set­zes [von 1978] vor­ge­se­he­nen [Ent­las­sungse]ntschädi­gung zu berück­sich­ti­gen.“
14 Aus den Ak­ten geht wei­ter her­vor, dass Art. 105 § 3 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes auf das Ur­teil des Ge­richts­hofs vom 22. Ok­to­ber 2009, Meerts (C-116/08, Slg. 2009, I-10063), hin geändert wur­de und nun­mehr lau­tet:
„Wenn der Ar­beits­ver­trag während ei­nes Zeit­raums der Verkürzung der Ar­beits­leis­tun­gen im Rah­men ei­nes in Ausführung des vor­lie­gen­den Ab­schnitts ge­nom­me­nen El­tern­schafts­ur­laubs be­en­det wird, ist un­ter ‚lau­fen­der Ent­loh­nung‘ im Sin­ne von Ar­ti­kel 39 des Ge­set­zes [von 1978] die Ent­loh­nung zu ver­ste­hen, auf die der Ar­beit­neh­mer auf­grund sei­nes Ar­beits­ver­trags An­recht ge­habt hätte, wenn er sei­ne Leis­tun­gen nicht verkürzt hätte.“
15 Nach den Ausführun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts sind „die Rechts­vor­schrif­ten über die [pau­scha­le] Schutz­entschädi­gung“ nicht geändert wor­den.
16 Frau Ro­giers ar­bei­te­te seit dem 3. Ja­nu­ar 2005 mit ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag als Voll­zeit­beschäftig­te bei Ly­re­co.
17 Die­ser Ar­beits­ver­trag ruh­te während des Mut­ter­schafts­ur­laubs von Frau Ro­giers vom 9. Ja­nu­ar 2009 bis zum 26. April 2009.
18 Ab dem 27. April 2009 soll­te Frau Ro­giers ih­re Ar­beit auf Teil­zeit­ba­sis im Rah­men ei­nes El­tern­ur­laubs wie­der auf­neh­men, der ihr für vier Mo­na­te gewährt wor­den war.
19 Mit Ein­schrei­ben vom 27. April 2009 be­en­de­te Ly­re­co das Ar­beits­verhält­nis von Frau Ro­giers un­ter Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist von fünf Mo­na­ten zum 1. Mai 2009. Der Vor­la­ge­ent­schei­dung zu­fol­ge en­de­te der Ar­beits­ver­trag am 31. Au­gust 2009.
20 Frau Ro­giers klag­te ge­gen ih­re Ent­las­sung bei der Ar­beids­recht­bank te Ant­wer­pen (Ar­beits­ge­richt Ant­wer­pen) und be­stritt die von Ly­re­co an­geführ­ten Ent­las­sungs­gründe. Ly­re­co hat­te im We­sent­li­chen gel­tend ge­macht, dass es ihr man­gels Ar­beit nicht möglich sei, Frau Ro­giers wei­ter­zu­beschäfti­gen, und dass die­se die Stel­len ab­ge­lehnt ha­be, die ihr nach der Strei­chung ih­rer Stel­le als „Re­cruit­ment Ma­na­ger“, die sie vor ih­rem El­tern­ur­laub in­ne­ge­habt ha­be, an­ge­bo­ten wor­den sei­en.
21 Mit Ur­teil vom 21. Sep­tem­ber 2011 ver­ur­teil­te die­ses Ge­richt Ly­re­co zur Zah­lung der in Art. 101 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes vor­ge­se­he­nen pau­scha­len Schutz­entschädi­gung in Höhe von sechs Mo­nats­gehältern, weil sie den Ar­beits­ver­trag mit Frau Ro­giers oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund während des El­tern­ur­laubs ein­sei­tig be­en­det ha­be. Die­sem Ur­teil zu­fol­ge war die Entschädi­gung auf der Grund­la­ge des Ge­halts zu be­rech­nen, das Frau Ro­giers zum Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung, d. h. am 27. April 2009, ge­zahlt wur­de, al­so des Ge­halts, das ih­rer we­gen des Teil­zeit-El­tern­ur­laubs aus­geübten Halb­zeit­beschäfti­gung ent­sprach.
22 Am 14. De­zem­ber 2011 leg­te Ly­re­co beim Ar­beids­hof te Ant­wer­pen (Ar­beits­ge­richts­hof Ant­wer­pen) Rechts­mit­tel ge­gen die­ses Ur­teil ein. Frau Ro­giers leg­te bei die­sem Ge­richt ein An­schluss­rechts­mit­tel ein, mit dem sie be­an­trag­te, die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, zu de­ren Zah­lung Ly­re­co ver­ur­teilt wor­den war, auf der Grund­la­ge des Ge­halts für die Ar­beits­leis­tun­gen auf Voll­zeit­ba­sis zu be­rech­nen.
23 Mit Ur­teil vom 10. De­zem­ber 2012 bestätig­te der Ar­beids­hof te Ant­wer­pen, dass Frau Ro­giers oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund während ih­res El­tern­ur­laubs ent­las­sen wor­den sei und da­her An­spruch auf ei­ne pau­scha­le Schutz­entschädi­gung in Höhe von sechs Mo­nats­gehältern ha­be.
24 Er schloss sich darüber hin­aus der ihm vor­ge­leg­ten Stel­lung­nah­me der Staats­an­walt­schaft an, die u. a. das Sys­tem der Be­rech­nung der Frau Ro­giers zu­ste­hen­den Entschädi­gung, wie es im Ur­teil vom 21. Sep­tem­ber 2011 an­ge­wandt wor­den war, als „ab­surd“ qua­li­fi­ziert hat­te, da die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung nach der Lo­gik die­ses Ur­teils bei ei­nem Voll­zeit-El­tern­ur­laub, der ei­ne Verkürzung der Ar­beits­leis­tun­gen um 100 % be­deu­te, auf der Grund­la­ge ei­nes Ge­halts von null zu be­rech­nen wäre, was kei­nen Sinn er­ge­be. In An­be­tracht des­sen ist der Ar­beids­hof te Ant­wer­pen der An­sicht, dass die Ausführun­gen im Ur­teil Meerts zur Ent­las­sungs­ab­fin­dung nach Art. 39 des Ge­set­zes von 1978 nicht un­be­dingt auf die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung über­tra­gen wer­den könn­ten, um die es in dem bei ihm anhängi­gen Rechts­streit ge­he.
25 Un­ter die­sen Umständen hat der Ar­beids­hof te Ant­wer­pen be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
Ste­hen die Pa­ra­gra­fen 1 und 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung dem ent­ge­gen, dass die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, die dem Ar­beit­neh­mer zu zah­len ist, der mit sei­nem Ar­beit­ge­ber durch ei­nen un­be­fris­te­ten Voll­zeit­ar­beits­ver­trag ver­bun­den war und des­sen Ar­beits­ver­trag durch die­sen Ar­beit­ge­ber oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund während ei­ner Zeit der verkürz­ten Leis­tun­gen we­gen der In­an­spruch­nah­me ei­nes 20%- bzw. 50%igen El­tern­ur­laubs ein­sei­tig be­en­det wird, an­hand des während die­ses Verkürzungs­zeit­raums ge­schul­de­ten Ge­halts be­rech­net wird, wo­hin­ge­gen der­sel­be Ar­beit­neh­mer ei­ne Schutz­entschädi­gung in Höhe des Voll­zeit­ge­halts be­an­spru­chen könn­te, wenn er sei­ne Leis­tun­gen um 100 % verkürzt hätte?
26 In Be­ant­wor­tung ei­nes Er­su­chens um Klar­stel­lung, das der Ge­richts­hof gemäß Art. 101 sei­ner Ver­fah­rens­ord­nung an den Ar­beids­hof te Ant­wer­pen ge­rich­tet hat, hat die­ser erläutert, dass das vom Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof am 15. Fe­bru­ar 2010 er­las­se­ne Ur­teil, das die bel­gi­sche Re­gie­rung in ih­ren im Rah­men des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens ein­ge­reich­ten schrift­li­chen Erklärun­gen an­geführt hat­te, kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Be­hand­lung der Vor­ab­ent­schei­dungs­fra­ge ha­ben könne, da es nicht die in Art. 101 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes vor­ge­se­he­ne pau­scha­le Schutz­entschädi­gung be­tref­fe.
27 Vor­ab ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der vom vor­le­gen­den Ge­richt in sei­ner Fra­ge erwähn­te Pa­ra­graf 1 Nr. 2 der Rah­men­ver­ein­ba­rung le­dig­lich de­ren An­wen­dungs­be­reich de­fi­niert, in­dem er be­stimmt, dass die Rah­men­ver­ein­ba­rung für al­le Ar­beit­neh­mer, Männer und Frau­en, gilt, die nach den Rechts­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträgen oder Ge­pflo­gen­hei­ten in dem je­wei­li­gen Mit­glied­staat über ei­nen Ar­beits­ver­trag verfügen oder in ei­nem Ar­beits­verhält­nis ste­hen.
28 Es steht fest, dass dies bei ei­ner Per­son in der La­ge von Frau Ro­giers im Aus­gangs­rechts­streit der Fall war, so dass sie vom An­wen­dungs­be­reich der Rah­men­ver­ein­ba­rung er­fasst wird.
29 Da­her ist da­von aus­zu­ge­hen, dass das vor­le­gen­de Ge­richt mit sei­ner Fra­ge Auf­schluss darüber ge­win­nen möch­te, ob Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er nicht zulässt, dass die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, die ei­nem un­be­fris­tet und auf Voll­zeit­ba­sis an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer, der El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis ge­nom­men hat, bei ei­ner ein­sei­ti­gen Be­en­di­gung sei­nes Ver­trags durch den Ar­beit­ge­ber oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund zu­steht, auf der Grund­la­ge des gekürz­ten Ge­halts be­rech­net wird, das die­ser Ar­beit­neh­mer zum Zeit­punkt sei­ner Ent­las­sung be­zog.
30 Wie sich so­wohl aus dem ers­ten Ab­satz der Präam­bel als auch aus den Nrn. 4 und 5 der All­ge­mei­nen Erwägun­gen der Rah­men­ver­ein­ba­rung so­wie de­ren Pa­ra­graf 1 Nr. 1 er­gibt, stellt die­se Rah­men­ver­ein­ba­rung ein En­ga­ge­ment der So­zi­al­part­ner dar, im We­ge von Min­dest­vor­schrif­ten Maßnah­men zu schaf­fen, die es Männern und Frau­en ermögli­chen, ih­ren be­ruf­li­chen und fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen glei­cher­maßen nach­zu­kom­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Meerts, Rn. 35, vom 16. Sep­tem­ber 2010, Chat­zi, C-149/10, Slg. 2010, I-8489, Rn. 56, so­wie vom 20. Ju­ni 2013, Rieþnie­ce, C-7/12, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rn. 31).
31 Aus Nr. 6 der All­ge­mei­nen Erwägun­gen die­ser Rah­men­ver­ein­ba­rung geht fer­ner her­vor, dass die Maßnah­men zur Ver­ein­bar­keit von Be­rufs- und Fa­mi­li­en­le­ben die Einführung neu­er und fle­xi­bler Ar­ten der Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on und der Zeit­ein­tei­lung in den Mit­glied­staa­ten fördern soll­ten, die den sich ändern­den Bedürf­nis­sen der Ge­sell­schaft un­ter Berück­sich­ti­gung der Bedürf­nis­se so­wohl der Un­ter­neh­men als auch der Ar­beit­neh­mer bes­ser an­ge­passt sind (Ur­teil Meerts, Rn. 36).
32 Die Rah­men­ver­ein­ba­rung ist da­mit an den so­zia­len Grund­rech­ten aus­ge­rich­tet, die in der die Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en be­tref­fen­den Nr. 16 der Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer, auf die in der Rah­men­ver­ein­ba­rung, ins­be­son­de­re in Nr. 4 der All­ge­mei­nen Erwägun­gen, ver­wie­sen wird und die auch in Art. 151 Abs. 1 AEUV erwähnt wer­den, fest­ge­schrie­ben sind und im Zu­sam­men­hang mit der Ver­bes­se­rung der Le­bens- und Ar­beits­be­din­gun­gen so­wie dem Vor­han­den­sein ei­nes an­ge­mes­se­nen so­zia­len Schut­zes der Ar­beit­neh­mer ste­hen, hier der­je­ni­gen, die El­tern­ur­laub be­an­tragt oder ge­nom­men ha­ben (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Meerts, Rn. 37, vom 22. April 2010, Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, C-486/08, Slg. 2010, I-3527, Rn. 52, und Chat­zi, Rn. 36).
33 Im Hin­blick dar­auf ermöglicht es die Rah­men­ver­ein­ba­rung nach Pa­ra­graf 2 Nr. 1 Per­so­nen, die ge­ra­de El­tern ge­wor­den sind, ih­re Be­rufstätig­keit zu un­ter­bre­chen, um sich ih­ren fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen zu wid­men, und gewähr­leis­tet ih­nen in Pa­ra­graf 2 Nr. 5 grundsätz­lich die Rück­kehr an ih­ren Ar­beits­platz im An­schluss an die­sen El­tern­ur­laub (vgl. Ur­tei­le Chat­zi, Rn. 57, und Rieþnie­ce, Rn. 32).
34 Um si­cher­zu­stel­len, dass die Ar­beit­neh­mer die­ses in der Rah­men­ver­ein­ba­rung vor­ge­se­he­ne Recht auf El­tern­ur­laub tatsächlich wahr­neh­men können, gibt Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung den Mit­glied­staa­ten und/oder So­zi­al­part­nern auf, gemäß den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträgen oder Ge­pflo­gen­hei­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men zum Schutz der Ar­beit­neh­mer ge­gen Ent­las­sun­gen zu tref­fen, die auf ei­nem An­trag auf El­tern­ur­laub oder auf der In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs be­ru­hen.
35 Die­se Be­stim­mung be­zweckt da­her nach ih­rem Wort­laut, die Ar­beit­neh­mer ge­gen Ent­las­sun­gen zu schützen, die auf ei­nem An­trag auf El­tern­ur­laub oder auf der In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs be­ru­hen (vgl. Ur­tei­le Meerts, Rn. 33, und Rieþnie­ce, Rn. 34).
36 In An­be­tracht des in den Rn. 30 und 31 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Ziels der Rah­men­ver­ein­ba­rung, nämlich Männern und Frau­en zu ermögli­chen, ih­ren be­ruf­li­chen und fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen glei­cher­maßen nach­zu­kom­men, ist Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung als Aus­druck ei­nes so­zia­len Grund­rechts der Uni­on zu ver­ste­hen, dem be­son­de­re Be­deu­tung zu­kommt, und darf des­halb nicht re­strik­tiv aus­ge­legt wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Meerts, Rn. 42 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung, so­wie Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rn. 54).
37 Ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung, die für den Fall, dass - wie im Aus­gangs­ver­fah­ren - ein Ar­beit­ge­ber den Ver­trag ei­nes un­be­fris­tet und in Voll­zeit an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mers oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund ein­sei­tig be­en­det, ob­wohl sich die­ser im El­tern­ur­laub be­fin­det, die­sem Ar­beit­neh­mer zusätz­lich zur Entschädi­gung we­gen Ver­trags­bruchs ei­ne pau­scha­le Schutz­entschädi­gung in Höhe von sechs Mo­nats­gehältern gewährt, kann un­ter die „er­for­der­li­chen Maßnah­men zum Schutz der Ar­beit­neh­mer ge­gen Ent­las­sun­gen, die auf ei­nem An­trag auf El­tern­ur­laub oder auf der In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs be­ru­hen“, im Sin­ne von Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung fal­len.
38 Ei­ner sol­chen Schutz­maßnah­me würde je­doch ein großer Teil ih­rer prak­ti­schen Wirk­sam­keit ge­nom­men, wenn die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, die ein Ar­beit­neh­mer, der - wie Frau Ro­giers im Aus­gangs­ver­fah­ren - un­be­fris­tet und in Voll­zeit an­ge­stellt ist, be­an­spru­chen kann, wenn er während ei­nes El­tern­ur­laubs auf Teil­zeit­ba­sis rechts­wid­rig ent­las­sen wird, nicht auf der Grund­la­ge sei­nes ar­beits­ver­trag­li­chen Voll­zeit­ge­halts, son­dern auf der sei­nes während des Teil­zeit-El­tern­ur­laubs gekürz­ten Ge­halts be­rech­net würde. Denn bei ei­ner sol­chen Me­tho­de zur Be­rech­nung die­ser pau­scha­len Entschädi­gung ist zu er­war­ten, dass sie kei­ne hin­rei­chend ab­schre­cken­de Wir­kung hat, um die Ent­las­sung von Ar­beit­neh­mern zu ver­hin­dern, die sich in ei­nem El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis be­fin­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Meerts, Rn. 46 und 47).
39 Ein sol­ches Er­geb­nis würde un­ter Ver­s­toß ge­gen ei­nes der mit der Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­folg­ten Zie­le, das in Rn. 32 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführt ist und in der Gewähr­leis­tung ei­nes an­ge­mes­se­nen so­zia­len Schut­zes der Ar­beit­neh­mer be­steht, da­zu führen, dass die Un­si­cher­heit der Beschäfti­gungs­verhält­nis­se von Ar­beit­neh­mern, die sich für ei­nen El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis ent­schie­den ha­ben, erhöht und da­mit die mit Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung ein­geführ­te Schutz­re­ge­lung teil­wei­se aus­gehöhlt wird, und so ei­nen Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on, dem be­son­de­re Be­deu­tung zu­kommt, ernst­lich be­ein­träch­ti­gen.
40 Darüber hin­aus könn­te ei­ne sol­che Me­tho­de zur Be­rech­nung der pau­scha­len Entschädi­gung, da sie be­stimm­te Ar­beit­neh­mer da­von ab­hal­ten könn­te, El­tern­ur­laub zu neh­men, auch dem Ziel der Rah­men­ver­ein­ba­rung in­so­weit ent­ge­gen­wir­ken, als die­se, wie in Rn. 30 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, zu ei­ner bes­se­ren Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­li­en­le­ben und Be­rufs­le­ben führen soll (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Meerts, Rn. 47).
41 Da schließlich ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che den Ar­beit­neh­mern gemäß Pa­ra­graf 2 Nr. 3 Buchst. a der Rah­men­ver­ein­ba­rung die Möglich­keit einräumt, zwi­schen ei­nem El­tern­ur­laub auf Voll­zeit­ba­sis und ei­nem sol­chen auf Teil­zeit­ba­sis zu wählen, und zum Schutz der Ar­beit­neh­mer ge­gen ei­ne rechts­wid­ri­ge Ent­las­sung während ei­nes sol­chen Ur­laubs ei­ne Sank­ti­ons­re­ge­lung in Form ei­ner be­son­de­ren Entschädi­gung vor­sieht, dürfen Ar­beit­neh­mer, die sich ent­schie­den ha­ben, El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis statt auf Voll­zeit­ba­sis zu neh­men, nicht be­nach­tei­ligt wer­den, soll nicht das mit der Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­folg­te Ziel der Fle­xi­bi­lität, wie es in Rn. 31 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführt ist, be­ein­träch­tigt wer­den.
42 Im Übri­gen wird die­se Aus­le­gung der Rah­men­ver­ein­ba­rung, wie die bel­gi­sche Re­gie­rung und die Eu­ropäische Kom­mis­si­on aus­geführt ha­ben, durch Pa­ra­graf 2 Nr. 6 der Rah­men­ver­ein­ba­rung bestätigt, wo­nach die Rech­te, die der Ar­beit­neh­mer zu Be­ginn des El­tern­ur­laubs er­wor­ben hat­te oder da­bei war zu er­wer­ben, bis zum En­de des El­tern­ur­laubs be­ste­hen blei­ben.
43 Wie der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den hat, er­gibt sich so­wohl aus dem Wort­laut die­ses Pa­ra­gra­fen als auch aus dem Kon­text, in den er sich einfügt, dass der Zweck die­ser Be­stim­mung dar­in be­steht, zu ver­hin­dern, dass aus dem Ar­beits­verhält­nis ab­ge­lei­te­te Rech­te, die der Ar­beit­neh­mer er­wor­ben hat oder da­bei ist zu er­wer­ben und über die er zum Zeit­punkt des An­tritts ei­nes El­tern­ur­laubs verfügt, ver­lo­ren ge­hen oder verkürzt wer­den, und zu gewähr­leis­ten, dass sich der Ar­beit­neh­mer im An­schluss an den El­tern­ur­laub im Hin­blick auf die­se Rech­te in der­sel­ben Si­tua­ti­on be­fin­det wie vor die­sem Ur­laub (vgl. Ur­tei­le Meerts, Rn. 39, und Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rn. 51).
44 Aus den in den Rn. 30 bis 32 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Zie­len der Rah­men­ver­ein­ba­rung er­gibt sich, dass die Wen­dung „Rech­te, die der Ar­beit­neh­mer … er­wor­ben hat­te oder da­bei war zu er­wer­ben“ im Sin­ne von Pa­ra­graf 2 Nr. 6 der Rah­men­ver­ein­ba­rung al­le un­mit­tel­bar oder mit­tel­bar aus dem Ar­beits­verhält­nis ab­ge­lei­te­ten Rech­te und Vor­tei­le hin­sicht­lich Bar- oder Sach­leis­tun­gen er­fasst, auf die der Ar­beit­neh­mer bei An­tritt des El­tern­ur­laubs ei­nen An­spruch ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber hat (vgl. Ur­tei­le Meerts, Rn. 43, und Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rn. 53.
45 Zu die­sen Rech­ten und Vor­tei­len gehören die­je­ni­gen, die mit den Beschäfti­gungs­be­din­gun­gen zu­sam­menhängen, wie der An­spruch ei­nes mit ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag auf Voll­zeit­ba­sis an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mers, der El­tern­ur­laub ge­nom­men hat, auf ei­ne pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, wenn der Ar­beit­ge­ber die­sen Ver­trag oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund ein­sei­tig be­en­det. Denn die­se Entschädi­gung, de­ren Höhe sich nach dem ar­beits­ver­trag­li­chen Ge­halt rich­tet und die die­sen Ar­beit­neh­mer ge­gen ei­ne Ent­las­sung schützen soll, die auf ei­nem An­trag auf El­tern­ur­laub oder auf der In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs be­ruht, wird dem Ar­beit­neh­mer auf­grund der Stel­le ge­zahlt, die er in­ne­ge­habt hat­te und wei­ter in­ne­ge­habt hätte, wäre er nicht rechts­wid­rig ent­las­sen wor­den (vgl. ent­spre­chend Ur­tei­le vom 27. Ju­ni 1990, Ko­wals­ka, C-33/89, Slg. 1990, I-2591, Rn. 10 und 11, vom 9. Fe­bru­ar 1999, Sey­mour-Smith und Pe­rez, C-167/97, Slg. 1999, I-623, Rn. 23 bis 28, und Meerts, Rn. 44).
46 So steht im Aus­gangs­ver­fah­ren fest, dass ein Ar­beit­neh­mer wie Frau Ro­giers, der für sei­nen Ar­beit­ge­ber im Rah­men ei­nes Ar­beits­ver­trags über ei­nen be­stimm­ten Zeit­raum ge­ar­bei­tet hat und nach den Vor­schrif­ten des na­tio­na­len Rechts An­recht auf El­tern­ur­laub hat, sich mit Be­ginn des El­tern­ur­laubs auf sei­nen An­spruch auf die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung gemäß Art. 101 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes be­ru­fen kann. Dass der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer die­sen An­spruch nur dann tatsächlich gel­tend ma­chen kann, wenn sein Ar­beit­ge­ber ihn später während des El­tern­ur­laubs rechts­wid­rig entlässt, ist in die­sem Zu­sam­men­hang oh­ne Be­lang.
48 Ist, wie im Aus­gangs­ver­fah­ren, ein mit ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag auf Voll­zeit­ba­sis an­ge­stell­ter Ar­beit­neh­mer während sei­nes El­tern­ur­laubs auf Teil­zeit­ba­sis rechts­wid­rig ent­las­sen wor­den, ent­spricht ei­ne pau­scha­le Schutz­entschädi­gung wie die im bel­gi­schen Recht vor­ge­se­he­ne folg­lich nur dann den An­for­de­run­gen der Rah­men­ver­ein­ba­rung, wenn sie auf der Grund­la­ge des Ge­halts für die Voll­zeit­ar­beits­leis­tun­gen die­ses Ar­beit­neh­mers be­rech­net wird.
48 Nach al­le­dem ist auf die Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung im An­hang der Richt­li­nie 96/34 im Licht der mit die­ser Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­folg­ten Zie­le und der Nr. 6 die­ses Pa­ra­gra­fen da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er nicht zulässt, dass die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, die ei­nem un­be­fris­tet und auf Voll­zeit­ba­sis an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer, der El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis ge­nom­men hat, bei ei­ner ein­sei­ti­gen Be­en­di­gung sei­nes Ver­trags durch den Ar­beit­ge­ber oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund zu­steht, auf der Grund­la­ge des gekürz­ten Ge­halts be­rech­net wird, das die­ser Ar­beit­neh­mer zum Zeit­punkt sei­ner Ent­las­sung be­zog.
49 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.
* Ver­fah­rens­spra­che: Nie­derländisch.
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References: Art. 267
 Art. 2
 § 1
 Art. 100
 Art. 6
 § 1
 Art. 4
 Art. 101
 § 1
 Art. 35
 Art. 39
 Art. 39
 Art. 103
 Art. 105
 § 3
 Art. 101
 Art. 39
 Art. 101
 Art. 101
 Art. 151
 Art. 101