Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/die-rechtliche-verhinderung-eines-betriebsratsmitglieds-373059
Timestamp: 2020-08-05 08:53:57+00:00

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Die rechtliche Verhinderung eines Betriebsratsmitglieds | Rechtslupe
Die recht­li­che Ver­hin­de­rung eines Betriebs­rats­mit­glieds
Beschlüs­se des Betriebs­rats wer­den – abge­se­hen von beson­de­ren, im Gesetz gere­gel­ten Fäl­len – mit der Mehr­heit der Stim­men der anwe­sen­den Mit­glie­der gefasst (§ 33 Abs. 1 Satz 1 BetrVG). Der Betriebs­rat ist beschluss­fä­hig, wenn min­des­tens die Hälf­te der Betriebs­rats­mit­glie­der an der Beschluss­fas­sung teil­nimmt; Stell­ver­tre­tung durch Ersatz­mit­glie­der ist zuläs­sig (§ 33 Abs. 2 BetrVG). Der Betriebs­rats­vor­sit­zen­de hat die Mit­glie­der des Betriebs­rats zu den Sit­zun­gen recht­zei­tig unter Mit­tei­lung der Tages­ord­nung zu laden, § 29 Abs. 2 Satz 3 BetrVG. Er hat nach § 29 Abs. 2 Satz 6 BetrVG ua. für ein ver­hin­der­tes Betriebs­rats­mit­glied das Ersatz­mit­glied zu laden. Die zeit­wei­li­ge Ver­hin­de­rung eines Mit­glieds des Betriebs­rats iSv. § 25 Abs. 1 Satz 2 BetrVG setzt nicht zwin­gend des­sen tat­säch­li­che Ver­hin­de­rung vor­aus. Viel­mehr kann ein Betriebs­rats­mit­glied auch aus recht­li­chen Grün­den zeit­wei­lig an der Wahr­neh­mung sei­nes Amts ver­hin­dert sein [1].
Um eine sol­che „recht­li­che Ver­hin­de­rung“ han­delt es sich bei Maß­nah­men und Rege­lun­gen, die das Betriebs­rats­mit­glied indi­vi­du­ell und unmit­tel­bar betref­fen [2]. Wird für ein – und sei es aus recht­li­chen Grün­den – zeit­wei­lig ver­hin­der­tes Betriebs­rats­mit­glied ein vor­han­de­nes Ersatz­mit­glied nicht gela­den, ist der Betriebs­rat nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts an einer wirk­sa­men Beschluss­fas­sung gehin­dert [3].
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat es dabei im vor­lie­gen­den Fall offen gelas­sen, ob unein­ge­schränkt an der im Beschluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 24.04.2013 [4] zum Aus­druck kom­men­den Beur­tei­lung fest­zu­hal­ten ist, wonach die Mit­wir­kung eines recht­lich ver­hin­der­ten Betriebs­rats­mit­glieds – stets, zur Unwirk­sam­keit des unter sei­ner Betei­li­gung gefass­ten Betriebs­rats­be­schlus­ses führt. Hier­ge­gen könn­te die – gene­rel­le – Über­le­gung spre­chen, dass nicht jeder Ver­stoß gegen die for­mel­len Anfor­de­run­gen einer ord­nungs­ge­mä­ßen Betriebs­rats­sit­zung die Unwirk­sam­keit eines dar­in gefass­ten Beschlus­ses bewirkt, son­dern nur ein sol­cher, der so schwer­wie­gend ist, dass der Fort­be­stand des Beschlus­ses von der Rechts­ord­nung nicht hin­ge­nom­men wer­den kann [5]. Hin­sicht­lich der weit­rei­chen­den Rechts­fol­ge der Unwirk­sam­keit des Betriebs­rats­be­schlus­ses wegen der Mit­wir­kung eines „befan­ge­nen“ Betriebs­rats­mit­glieds wäre ggf. auch zu beden­ken, dass das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz – anders als etwa in § 49 ArbGG oder § 41 ff. ZPO gere­gelt – kein (Zwischen)Verfahren zur Fest­stel­lung der Befan­gen­heit von Betriebs­rats­mit­glie­dern kennt und die ent­spre­chen­den Beur­tei­lun­gen typi­scher­wei­se schwie­ri­ge Wer­tungs­fra­gen beinhal­ten. Im vor­lie­gen­den Fall war das Betriebs­rats­mit­glied S aber ohne­hin nicht aus recht­li­chen Grün­den ver­hin­dert, am Beschluss vom „23.09.2011“ mit­zu­wir­ken. Der Beschluss ist mit­hin nicht ver­fah­rens­feh­ler­haft zustan­de gekom­men.
Ein Betriebs­rats­mit­glied ist grund­sätz­lich von sei­ner Organ­tä­tig­keit aus­ge­schlos­sen bei Maß­nah­men und Rege­lun­gen, die es indi­vi­du­ell und unmit­tel­bar betref­fen [6]. Als Teil der vom Betriebs­rat reprä­sen­tier­ten Beleg­schaft sind die Betriebs­rats­mit­glie­der indes häu­fig von den vom Betriebs­rat im Rah­men sei­ner Mit­be­stim­mung zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen mehr oder weni­ger auch selbst betrof­fen. Von ihnen wird daher erwar­tet, dass sie sich als von der Beleg­schaft gewähl­te Amts­in­ha­ber bei die­sen Ent­schei­dun­gen nicht von per­sön­li­chen Inter­es­sen lei­ten las­sen. Ein Aus­schluss von der Aus­übung ihres Amts ist dem­nach auch aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit und der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Betriebs­rats nur dann gebo­ten und gerecht­fer­tigt, wenn typi­scher­wei­se davon aus­ge­gan­gen wer­den muss, dass das Betriebs­rats­mit­glied sein Amt wegen sei­ner per­sön­li­chen Inter­es­sen nicht mehr mit der erfor­der­li­chen Unab­hän­gig­keit wahr­neh­men kann. Hier­von ist in den Fäl­len der indi­vi­du­el­len und unmit­tel­ba­ren Betrof­fen­heit des Betriebs­rats­mit­glieds aus­zu­ge­hen [7]. An einer indi­vi­du­el­len Betrof­fen­heit fehlt es, wenn das Betriebs­rats­mit­glied ledig­lich als Ange­hö­ri­ger eines aus meh­re­ren Per­so­nen bestehen­den Teils der Beleg­schaft betrof­fen ist. Eine unmit­tel­ba­re Betrof­fen­heit liegt nicht vor, wenn mit der Maß­nah­me oder Rege­lung nur mit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen oder Refle­xe ver­bun­den sind. Für die Mit­be­stim­mung des Betriebs­rats bei per­so­nel­len Ein­zel­maß­nah­men nach § 99 BetrVG bedeu­tet dies, dass von einer unmit­tel­ba­ren und indi­vi­du­el­len Betrof­fen­heit des Betriebs­rats­mit­glieds regel­mä­ßig nur dann gespro­chen wer­den kann, wenn das Betriebs­rats­mit­glied gera­de die Per­son ist, auf die sich ein Zustim­mungs­er­su­chen des Arbeit­ge­bers unmit­tel­bar rich­tet [8]. Ist dage­gen strei­tig, ob es sich bei einem bestimm­ten Akt oder bei einer bestimm­ten Sach­ver­halts­kon­stel­la­ti­on über­haupt um eine der Mit­be­stim­mung nach § 99 BetrVG unter­lie­gen­de per­so­nel­le Maß­nah­me han­delt, geht es gera­de nicht um ein „per­so­na­li­sier­tes“ Zustim­mungs­er­su­chen, son­dern um die Klä­rung oder – so bei einem Ver­fah­ren nach § 101 BetrVG – die Siche­rung des gre­mi­en­be­zo­ge­nen Betei­li­gungs­rechts. Für sich gese­hen genügt dies regel­mä­ßig nicht, das Betriebs­rats­mit­glied als von sei­ner Amts­aus­übung aus­ge­schlos­sen anzu­se­hen.
Bun­des­ar­beits­ge­richt – Beschluss vom 6. Novem­ber 2013 – 7 ABR 84/​11
vgl. BAG 24.04.2013 – 7 ABR 82/​11, Rn. 15; 10.11.2009 – 1 ABR 64/​08, Rn. 22; 3.08.1999 – 1 ABR 30/​98, zu B II 2 b der Grün­de, BAGE 92, 162[↩]
vgl. BAG 24.04.2013 – 7 ABR 82/​11 – aaO; 10.11.2009 – 1 ABR 64/​08 – aaO; 3.08.1999 – 1 ABR 30/​98, zu B II 1 der Grün­de, aaO[↩]
vgl. zuletzt BAG 24.04.2013 – 7 ABR 82/​11, Rn. 14 mwN[↩]
BAG 24.04.2013 – 7 ABR 82/​11[↩]
vgl. dazu BAG 9.07.2013 – 1 ABR 2/​13 (A), Rn. 38 f.[↩]
BAG 24.04.2013 – 7 ABR 82/​11, Rn. 15; 10.11.2009 – 1 ABR 64/​08, Rn. 22; 3.08.1999 – 1 ABR 30/​98, zu B II 1 der Grün­de, BAGE 92, 162[↩]
BAG 24.04.2013 – 7 ABR 82/​11 – aaO[↩]
vgl. BAG 24.04.2013 – 7 ABR 82/​11, Rn. 16[↩]
Betriebs­rats­wahl – und die Grö­ße des Wahl­vor­stan­des § 16 Abs. 1Satz 2 BetrVG erlaubt dem Betriebs­rat unter Beach­tung von S. 3 ohne Fest­le­gung einer Höchst­gren­ze auch eine nach­träg­li­che Erhö­hung der Zahl der…
BeschlussfassungBetriebsratBetriebsverfassungrechtliche Verhinderung

References: § 29
 § 29
 § 25
 § 49
 § 41
 § 99
 § 99
 § 101
 § 16