Source: https://www.art5drei.de/artikel.cfm?kat=21&aid=1557
Timestamp: 2019-07-22 21:40:08+00:00

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Zum 35. Mal jährt sich heuer das Bestehen der Bayerischen Theatertage - ein guter Grund, Hof in der Zeit vom 29. April bis zum 15. Mai einen (oder mehrere) Besuch(e) abzustatten und sich vom einzigartigen Programm des Theaterfestivals zu überzeugen. Nachdem die BTT am 29.04. um 19.30 Uhr mit der Vorstellung „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ des Münchener Residenztheaters eröffnet werden, präsentieren die gastierenden Schauspielhäuser ein vielfältiges Angebot, das sich mehr denn je auch an ein junges Publikum richtet. Wir haben uns vorab mit dem organisatorischen Leiter der diesjährigen BTT, Kristoffer Keudel, zum Gespräch verabredet.
ART. 5|III: Herr Keudel, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview nehmen, obwohl Sie gewiss sehr in die Vorbereitungen der 35. Bayerischen Theatertage eingebunden sind. Sind die Planungen momentan in vollem Gange oder ist Vieles bereits abgeschlossen?
Kristoffer Keudel: Die Vorbereitungen sind in vollem Gange! Sie sind bereits im vergangenen Jahr gestartet, eigentlich schon in der vergangenen Spielzeit, 2015 haben wir die ersten Planungsgespräche geführt. Und jetzt sind wir in der Phase, in der das Programm der 35. Bayerischen Theatertage steht. So widmen wir uns nun vor allem dem bühnentechnischen Machbarkeitscheck. Da bin ich aber zuversichtlich, dass alles gut klappen wird.
ART. 5|III: 1983 feierten die BTT Premiere in Nürnberg, damals mit elf Inszenierungen von elf Theatern, letztes Jahr konnte Regensburg 35 Theater mit über 50 Inszenierungen begrüßen. Was erwartet die Zuschauer dieses Jahr in Hof?
Kristoffer Keudel: Die Bayerischen Theatertage haben immer einen anderen Charakter, je nach der ausrichtenden Stadt. Es ist ein Wanderfestival, das jedes Jahr in einer anderen Stadt und demnächst sogar nur alle zwei Jahre in einer anderen Stadt gastiert. 2003 war beispielsweise das letzte Mal, dass die Bayerischen Theatertage in Hof stattfanden. Aber ich denke nicht, dass das Festival immer größer und umfangreicher werden sollte, sondern ich sehe den Sinn vielmehr darin, die Vielfalt der Bayerischen Theaterlandschaft auf diese Weise umfassend zu präsentieren.
Sehr wichtig ist es, auf die jeweiligen Gegebenheiten zu achten und zu hinterfragen: In welcher Stadt, in welchem Haus wird das Festival ausgerichtet? Denn so eine Veranstaltung muss primär vor Ort funktionieren und da haben wir in Hof andere Voraussetzungen als z.B. in Nürnberg oder Regensburg. Hof ist eine wesentlich kleinere Stadt mit weniger als 50.000 Einwohnern, die jedoch sehr theaterinteressiert sind. Wir haben ein tolles Theater, was aber „nur“ zwei feste Spielstätten hat. Da haben die Regensburger im vergangenen Jahr weit mehr Spielstätten zur Verfügung gehabt. Nichtsdestotrotz ist es uns gelungen, ein Programm zu stricken, bei dem sich viele Theater präsentieren können und das eine vielseitige Stückauswahl bietet. Nach heutigem Stand nehmen an den 35. Bayerischen Theatertagen über 30 Theater teil und bringen über 40 Inszenierungen mit. Folglich sind es sehr intensive 17 Tage, die uns erwarten. Und das Publikum wird auch mit viel Mühe leider nicht alles sehen können, weil einige Vorstellungen parallel stattfinden. Da sollte man schon im Vorfeld heraussuchen, welche Stücke man sehen möchte.
ART. 5|III: Sie haben es selbst benannt, die BTT sind ein Wanderfestival und fanden als ein solches bereits in zahlreichen Städten Bayerns statt. Welche Vorteile sehen Sie in den wechselnden Standorten?
Kristoffer Keudel: Der große Vorteil ist, dass sich der Charakter des Festivals wandelt und die Gäste die Gelegenheit haben, auf diese Weise unterschiedliche Häuser kennenzulernen. Natürlich steht das Publikum bei solchen Überlegungen im Vordergrund, aber es ist auch für die Involvierten eine gute Möglichkeit, in einem befreundeten Haus in einer anderen Stadt zu spielen und Kollegen zu treffen. Es gibt etliche Theater, die Gastspiel-Fahrten gewohnt sind, aber auch Häuser, die dies kaum tun. Dazu bieten die BTT eine herrliche Gelegenheit. Bisweilen ist es nicht ganz einfach, die eigenen Stücke an die jeweiligen Bühnengegebenheiten anzupassen, dazu ist viel Planung notwendig, aber das ist es allemal wert!
ART. 5|III: Sie selbst sind seit 2012 Regie-Assistent, Abendspielleiter und Darsteller am Theater Hof, wie kam es dazu, dass Sie die Leitung der BTT übernahmen?
Kristoffer Keudel: Wie Sie sagen, ich war in den vergangenen Jahren Spielleiter der Sparte Schauspiel und war selbst auf drei Bayerischen Theatertagen vertreten. In Nürnberg als Darsteller und in Erlangen und Regensburg mit eigenen Inszenierungen. So konnte ich bereits BTT-Luft schnuppern. Am Theater Hof bin ich ferner in viele organisatorische Punkte eingebunden, sodass ich schließlich von der Theaterleitung gefragt wurde, ob ich die Organisationsleitung der BTT übernehmen möchte, und da habe ich sehr gerne zugesagt.
ART. 5|III: Haben Sie als diesjähriger organisatorischer Leiter ganz persönliche Änderungen eingebracht?
Kristoffer Keudel: Einige Schwerpunkte haben wir definitiv gesetzt. Ein Punkt, der mir persönlich sehr wichtig ist, ist die Stärkung des Kinder- und Jugendtheaters. Ich würde sagen, dass der Anteil der Vorstellungen, die sich explizit an Kinder und Jugendliche richten, höher als in den vergangenen Jahren ist. Ich stimme unserem Intendant völlig zu, der sagte: Kinder sind nicht das Publikum von morgen, sondern von heute. Dem versuchen wir, mit unserem Programm Rechnung zu tragen. Ein weiterer Punkt ist, dass die BTT zum zweiten Mal unter einem Motto stehen. Dieses lautet in unserem Fall „Schichtwechsel“ und thematisch spielen Arbeit und Macht eine große Rolle. Dieses Motto suchen wir, durch unser Programm widerzuspiegeln. Passend dazu habe ich im vergangenen Jahr eine Kooperation mit dem Designcampus Münchberg angestoßen, der zur Hochschule Hof gehört. So haben die Studierenden im letzten Semester unter der Leitung von Prof. Claudia Siegel und Prof. Michael Zöllner die komplette Kampagne der Bayerischen Theatertage entworfen. Diese Zusammenarbeit freut mich sehr, da dabei einerseits tolle Ideen entstanden sind und die Studierenden andererseits bereits im Studium Gelegenheit bekommen, eigene Ideen in die Realität umzusetzen, was nicht alle Tage vorkommt.
ART. 5|III: Schöne Idee! Und um noch einmal auf das Motto zurückzukommen: “Schichtwechsel“. Wie kam es zustande, gibt es aktuelle Bezüge?
Kristoffer Keudel: Aktuelle Bezüge sind auf jeden Fall gegeben. Es hat auch eine gewisse Schnittmenge mit unserem aktuellen Spielzeitmotto am Theater Hof: „Arbeiter. Glücksritter. Tyrannen.“ Bei Diskussionen innerhalb unseres Hauses kristallisierten sich schließlich die zwei inhaltlichen Schwerpunkte Arbeit und Macht heraus, die derzeit sowohl politisch und gesellschaftlich relevant sind. Auf der Suche nach einem Oberbegriff, der diese Aspekte etwas weiter und poetischer, aber dennoch griffig fasst, kamen wir auf „Schichtwechsel“.
ART. 5|III: Bedeutet dies, dass zu einem Großteil zeitgenössisches Theater auf den Bühnen Hofs zu sehen sein wird oder können unsere Leser sich auch auf die eine oder andere traditionelle Aufführung mit klassischen Kostümen und einem pompösen Bühnenbild freuen?
Kristoffer Keudel: Es wird in jedem Fall sehr vielfältig. Natürlich haben wir einen Schauspielschwerpunkt, es wird aber auch Aufführungen mit Musik und Tanz geben. Die Inszenierungen stammen aus dem laufenden Repertoire der teilnehmenden Häuser bzw. sind wirklich brandneu, so dass sie erst kurz vor den BTT ihre Premiere feiern. Die Stücke und Stoffe sind sehr bunt gemischt: Zeitgenössische Stücke, klassische Stücke, Stücke der klassischen Moderne. Es sind auch Stücke dabei, die aus guten Gründen etliche Jahre immer wieder gespielt werden, weil sie gut oder relevant sind oder beides.
Die künstlerische Umsetzung liegt allerdings stets in der Verantwortung des jeweiligen Hauses und der entsprechenden Regisseure. Aber ich kann Ihnen sagen, dass es da auch eine große Gestaltungsbandbreite gibt. Und ich glaube, dass es für das Publikum sehr spannend sein wird, diese ganz unterschiedlichen Handschriften zu erleben und zu vergleichen, ohne zwingend zu sagen, dass das Eine besser oder das Andere schlechter ist, sondern in dem Sinne: „Aha, so kann es auch funktionieren“.
ART. 5|III: Bekommt das Publikum auch die Möglichkeit, persönliche Highlights zu wählen, wird es Publikumspreise geben?
Kristoffer Keudel: Wir haben uns nach langen Überlegungen entschieden, dieses Jahr keine Publikumspreise zu vergeben. Zum einen, weil selbst der fleißigste Theatergänger wegen des umfangreichen Programms nicht alles sehen kann, zum anderen, weil ich persönlich der Meinung bin, dass man dadurch angehalten wird, Dinge miteinander zu vergleichen, die sich nur schwer vergleichen lassen. Und dies läuft dem Gedanken eines Festivals der Vielfalt zuwider. Deswegen haben wir mit voller Überzeugung davon Abstand genommen und hoffen, dass das Publikum unser Programm rege annimmt. Es wird sich dann unweigerlich einstellen, dass einem etwas subjektiv besser gefällt als das andere. Aber das ist das Tolle an Theater: Man kann etwas sehen, sich überraschen lassen, man kann auch kontrovers darüber diskutieren. Das alles möchten wir gerne, aber wir möchten nicht ein oder vielleicht eine kleine Anzahl von Inszenierungen herausgreifen und über die anderen stellen.
ART. 5|III: Wird das Publikum anderweitig einbezogen, in Form eines Rahmenprogramms?
Kristoffer Keudel: Wir planen mit allen gastierenden Theatern Stückeinführungen und Nachgespräche. Ansonsten liegt es uns am Herzen, den Begegnungsaspekt der kommenden BTT zu stärken. Da wir ein sehr kompaktes und intensives Programm bieten, haben wir uns darüber verständigt, kein opulentes Rahmenprogramm zu gestalten, bei dem man nur passiv etwas aufnimmt und die Begegnungen dadurch zu kurz kommen. Ich selbst habe im Rahmen verschiedener Theatertage die Erfahrung gemacht, dass man anreist, aufbaut, seine Vorstellung spielt und wieder abreist, was sehr schade ist. In Hof haben wir die Situation, dass viele der gastierenden Theater aufgrund der geographischen Lage Hofs eine weitere Anreise haben, so dass wir mit vergleichsweise mehr Übernachtungen rechnen. Hierin sehen wir die Chance eines Experimentes, das auch eine Besonderheit der diesjährigen Bayerischen Theatertage darstellt: Wir wollen versuchen, den Begegnungsaspekt zu stärken, indem wir eine sogenannte „Künstler- oder Kollegencouch“ anbieten. Das heißt, dass wir die Hofer Bevölkerung darum bitten, ihre Couch oder ihr Gästezimmer gratis zur Verfügung zu stellen, um unseren Gästen einen verlängerten Aufenthalt zu ermöglichen. So können sich die Teilnehmer auch andere Vorstellungen ansehen als die eigene und mit uns und den Kollegen der anderen Häuser ins Gespräch kommen und sich austauschen.
Einige Kollegen sind natürlich auch in anderen Produktionen eingebunden und müssen schnell wieder zurück, aber vielleicht klappt es dennoch.
ART. 5|III: Wir drücken die Daumen! Und nun zur abschließenden Frage: Weshalb sollten unsere Leser die 35. BTT unbedingt besuchen?
Kristoffer Keudel: Ich würde sagen, das ist eine der ganz seltenen Gelegenheiten, bei denen man ein so vielfältiges Programm von so vielen unterschiedlichen Theatern in einer Stadt geboten bekommt. Man müsste sehr viel reisen, um das ohne Bayerische Theatertage zu machen. Ich kann alle nur einladen, diese Gelegenheit zu nutzen.
ART. 5|III: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und den teilnehmenden Häusern auf jeden Fall erfolgreiche Tage und, wie sagt man in Schauspielkreisen, toi toi toi?
Kristoffer Keudel: Genau, und man darf sich nach altem Aberglauben dafür nicht bedanken, dafür aber für das nette Gespräch. Auf bald in Hof!
Der Spielplan der 35. Bayerischen Theatertage ist an der Theaterkasse des Theaters Hof erhältlich oder online unter www.theater-hof.de/bayerische-theatertage/ abrufbar.
Neben Einzeltickets sind auch die BTT-Card 100 (95 €), die ausnahmslos für alle Vorstellungen gilt, sowie die BTT-Card 50 (45 €) online oder an der Theaterkasse erhältlich.
Theater Hof, Eingangsbereich, Foto © Harald Dietz

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