Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Feststellung_der_Tarifunfaehigkeit_CGZP_durch_BVerfG_1BvR2314-12_u.html
Timestamp: 2019-11-15 03:18:15+00:00

Document:
BVerfG, Beschluss vom 15.04.2015, 1 BvR 2314/12 - HENSCHE Arbeitsrecht
BVerfG, Be­schluss vom 15.04.2015, 1 BvR 2314/12
Schlagworte: CGZP, Tarifunfähigkeit, Rechtsstaatsprinzip
Aktenzeichen: 1 BvR 2314/12
Vorinstanzen: Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 09.01.2012, 24 TaBV 1285/11
Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 22.05.2012, 1 ABN 27/12
Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 23.05.2012, 1 AZB 58/11
- 1 BvR 2314/12 -
1. der W... GmbH,
ver­tre­ten durch den Geschäftsführer,
2. der P... GmbH,
3. der S... GmbH,
ver­tre­ten durch die Geschäftsführe­rin,
4. der F... GmbH,
5. der S... GmbH,
6. der P... GmbH,
7. der G... GmbH,
8. der S... GmbH,
9. der M... GmbH,
10. der Z... GmbH,
11. der N... GmbH,
12. der C... GmbH,
13. der H... GmbH,
14. der K... GmbH,
15. der A... GmbH,
16. der W... GmbH,
17. der U... GmbH,
18. der S... GmbH,
Prof. Dr. Vol­ker Rieb­le,
Des­tou­ch­es­s­traße 68, 80796 München -
ge­gen 1. den Be­schluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts
vom 23. Mai 2012 - 1 AZB 58/11 -,
2. a) den Be­schluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 22. Mai 2012 - 1 ABN 27/12 -,
b) den Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts
Ber­lin-Bran­den­burg vom 9. Ja­nu­ar 2012 -
24 TaBV 1285/11 u. a. -
am 25. April 2015 ein­stim­mig be­schlos­sen:
Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de rich­tet sich ge­gen die Rück­wir­kung der ar­beits­ge­richt­li­chen Fest­stel­lung, dass die Ta­rif­ge­mein­schaft Christ­li­cher Ge­werk­schaf­ten für Zeit­ar­beit und Per­so­nal­ser­vice­agen­tu­ren (CG­ZP) nicht ta­riffähig ist. Die Be­schwer­deführe­rin­nen ma­chen ei­ne Ver­let­zung des Rück­wir­kungs­ver­bots so­wie des An­spruchs auf recht­li­ches Gehör gel­tend.
1. In ei­nem fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren, das nicht Ge­gen­stand der vor­lie­gen­den Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist, hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt mit Be­schluss vom 14. De­zem­ber 2010 - 1 ABR 19/10 - ge­gen­warts­be­zo­gen fest­ge­stellt, dass die CG­ZP nicht ta­riffähig ist und da­mit kei­ne wirk­sa­men Ta­rif­verträge ab­sch­ließen kann.
2. Die vor­lie­gend an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen be­tref­fen die Fra­ge, wel­che Fol­gen sich hier­aus im Blick auf ei­ne Rück­wir­kung die­ser Recht­spre­chung er­ge­ben.
a) Ge­gen­stand des ers­ten Aus­gangs­ver­fah­rens ist ein An­trag auf Fest­stel­lung, dass die CG­ZP auch ver­gan­gen­heits­be­zo­gen nicht ta­riffähig war. Die in­so­weit an­ge­grif­fe­nen Be­schlüsse des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 9. Ja­nu­ar 2012 - 24 TaBV 1285/11 u. a. - und des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 22. Mai 2012 - 1 ABN 27/12 - be­tref­fen die Ta­riffähig­keit der CG­ZP am 29. No­vem­ber 2004, 19. Ju­ni 2006 und 9. Ju­li 2008.
Das Lan­des­ar­beits­ge­richt stell­te fest, dass die CG­ZP auch zu den zurück­lie­gen­den Zeit­punk­ten nicht ta­riffähig ge­we­sen sei. Zur Be­gründung führ­te es un­ter weit­ge­hen­der Be­zug­nah­me auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 14. De­zem­ber 2010 - 1 ABR 19/10 - aus, die CG­ZP sei nicht nach § 2 Abs. 3 TVG als Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on ta­riffähig ge­we­sen. Ih­re Mit­glieds­verbände hätten der CG­ZP ih­re Ta­riffähig­keit nicht vollständig ver­mit­telt und ihr Or­ga­ni­sa­ti­ons­be­reich ge­he über den ih­rer Mit­glie­der hin­aus.
Die­ser Aus­le­gung des § 2 Abs. 3 TVG und der dar­aus re­sul­tie­ren­den Fest­stel­lung der Ta­rif­unfähig­keit der CG­ZP zu den in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Zeit­punk­ten ste­he das Rück­wir­kungs­ver­bot nicht ent­ge­gen. So­gar die Ände­rung ei­ner ständi­gen höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung gel­te un­ter dem Ge­sichts­punkt des Ver­trau­ens­schut­zes grundsätz­lich dann als un­be­denk­lich, wenn sie hin­rei­chend
be­gründet sei und sich im Rah­men ei­ner vor­her­seh­ba­ren Ent­wick­lung hal­te. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ha­be mit dem Be­schluss vom 14. De­zem­ber 2010 sei­ne Recht­spre­chung aber nicht ein­mal geändert. Es ha­be viel­mehr die Fra­ge der Ab­lei­tung der Ta­riffähig­keit ei­ner Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on von der Ta­riffähig­keit ih­rer Mit­glieds­verbände erst­mals ent­schie­den und da­mit of­fe­ne Rechts­fra­gen geklärt.
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt wies die Be­schwer­den ge­gen die Nicht­zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de mit Be­schluss vom 22. Mai 2012 - 1 ABN 27/12 - zurück. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be die grundsätz­li­che Be­deu­tung ei­ner ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­ge nicht ver­kannt. Die Rechts­fra­ge des Ver­trau­ens­schut­zes sei viel­mehr geklärt. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ha­be sei­ne Recht­spre­chung zur Ta­riffähig­keit ei­ner Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on be­reits mit Be­schluss vom 14. De­zem­ber 2010 - 1 ABR 19/10 - auf ei­nen vor der Verkündung der Ent­schei­dung lie­gen­den Sach­ver­halt an­ge­wandt. Es ha­be dort ent­schie­den, dass die CG­ZP im zeit­li­chen Gel­tungs­be­reich ih­rer am 8. Ok­to­ber 2009 geänder­ten Sat­zung nicht nach § 2 Abs. 3 TVG als Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on ta­riffähig sei.
b) Ge­gen­stand des zwei­ten Aus­gangs­ver­fah­rens war ei­ne Kla­ge auf Dif­fe­renz­lohn gemäß § 10 Abs. 4 AÜG. Die dort Be­klag­te ist im vor­lie­gen­den Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren als Be­schwer­deführe­rin zu 18) be­tei­ligt. Das Ar­beits­ge­richt setz­te die­ses Ver­fah­ren nach § 97 Abs. 5 ArbGG bis zur Klärung der Ta­riffähig­keit der CG­ZP am 13. Ok­to­ber 2003, 24. Mai 2005 und 12. De­zem­ber 2006 aus. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wies die so­for­ti­ge Be­schwer­de des Klägers ge­gen die Aus­set­zung zurück. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt sah die Rechts­be­schwer­de mit dem vor­lie­gend an­ge­grif­fe­nen Be­schluss vom 23. Mai 2012 - 1 AZB 58/11 - als be­gründet an. Es be­ste­he kein Grund mehr für die Aus­set­zung des „equal-pay-Ver­fah­rens“ und es bedürfe kei­ner aus­drück­li­chen Ent­schei­dung über die Ta­riffähig­keit der CG­ZP zu den im Aus­set­zungs­be­schluss kon­kret auf­geführ­ten Zeit­punk­ten. Auf­grund der Be­schlüsse des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 9. Ja­nu­ar 2012 - 24 TaBV 1285/11 u. a. - und des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 22. Mai 2012 - 1 ABN 27/12 - ste­he die feh­len­de Ta­riffähig­keit der CG­ZP auch für die vom Ar­beits­ge­richt im Aus­set­zungs­be­schluss als ent­schei­dungs­er­heb­lich an­ge­se­he­nen Zeit­punk­te rechts­kräftig fest. Der Streit­ge­gen­stand und da­mit die Reich­wei­te der Rechts­kraft rich­te­ten sich nach dem Kla­ge­ziel und dem zu­gehöri­gen Le­bens­sach­ver­halt als Kla­ge­grund; die Rechts­kraft­wir­kung be­mes­se sich ne­ben der Ur­teils­for­mel aus dem Tat­be­stand und den Ent­schei­dungs­gründen. Da die Ta­rif­unfähig­keit mit Sat­zungsmängeln be­gründet wor­den sei, er­fas­se ih­re Fest­stel­lung den ge­sam­ten Gel­tungs­zeit­raum die­ser Sat­zun­gen. Da­mit er­stre­cke sich die Fest­stel­lung auch auf die im Aus­set­zungs­ver­fah­ren maßgeb­li­chen Zeit­punk­te.
3. Die Be­schwer­deführe­rin­nen rügen ei­ne Ver­let­zung des Rück­wir­kungs­ver­bots, weil das Bun­des­ar­beits­ge­richt den im Be­schluss vom 14. De­zem­ber 2010 - 1 ABR 19/10 - for­mu­lier­ten neu­en An­for­de­run­gen an die Ta­riffähig­keit von Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen ei­ne un­zulässi­ge Rück­wir­kung ver­lei­he. Dies sei ein Fall ech­ter Rück­wir­kung. An die ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schlüsse zur Ta­riffähig­keit der CG­ZP sei­en die­sel­ben An­for­de­run­gen zu stel­len wie an rück­wir­ken­de Ge­set­ze, denn die Fest­stel­lung der Ta­riffähig­keit wir­ke er­ga om­nes . Auch bei An­wen­dung der für Richter­recht gel­ten­den Grundsätze han­de­le es sich um ei­ne un­zulässi­ge Rück­wir­kung. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt leh­ne zwar zu Recht je­den gu­ten Glau­ben an die Ta­riffähig­keit ab. Dies be­zie­he sich je­doch nur auf die un­si­che­re Fest­stel­lung von Tat­be­stands­merk­ma­len, nicht da­ge­gen auf ei­ne Recht­spre­chungsände­rung zu den An­for­de­run­gen an die Ta­riffähig­keit. Das vom Bun­des­ar­beits­ge­richt neu er­fun­de­ne Er­for­der­nis der „Voll­de­le­ga­ti­on“ sei in Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur zu­vor nicht dis­ku­tiert wor­den. So würden erst­mals verschärf­te An­for­de­run­gen an die Ta­riffähig­keit ei­ner Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on for­mu­liert. Die Be­schwer­deführe­rin­nen hätten sich in ei­nem Di­lem­ma be­fun­den, da der Ge­setz­ge­ber in § 2 Abs. 2 und 3 TVG Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen zu­las­se, die Vor­aus­set­zun­gen an de­ren Ta­riffähig­keit je­doch nicht nor­miert sei­en. In die­ser Si­tua­ti­on ha­be den Be­schwer­deführe­rin­nen nicht an­ge­son­nen wer­den können, „im Zwei­fel“ kei­ne Ta­rif­verträge mit der CG­ZP ab­zu­sch­ließen. Im Übri­gen ha­be auch staat­li­ches Han­deln das Ver­trau­en in die Wirk­sam­keit der mit der CG­ZP ge­schlos­se­nen Ta­rif­verträge be­gründet. So hätten So­zi­al­ver­si­che­rungs­träger die Bei­trags­einzüge auf der Grund­la­ge der CG­ZP-Ta­rif­verträge durch­geführt; die Agen­tur für Ar­beit ha­be die An­wen­dung der CG­ZP-Ta­rif­verträge nicht be­an­stan­det. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt selbst ha­be in der Ent­schei­dung vom 24. März 2004 - 5 AZR 303/03 - die CG­ZP-Ta­rif­verträge zu der Fra­ge in Be­zug ge­nom­men, wel­che Vergütung in der Bran­che üblich sei.
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ha­be auch den An­spruch der Be­schwer­deführe­rin zu 18) auf recht­li­ches Gehör aus Art.103 Abs. 1 GG ver­letzt. Es ha­be nicht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es die Fest­stel­lung der
Ta­rif­unfähig­keit der CG­ZP auf an­de­re als die im Te­nor ge­nann­ten Zeit­punk­te zu er­stre­cken be­ab­sich­ti­ge. Ihr hätte Ge­le­gen­heit ge­ge­ben wer­den müssen, zur Dau­er der Rechts­kraft von Ent­schei­dun­gen über die Ta­rif­unfähig­keit der CG­ZP vor­zu­tra­gen.
Die Vor­aus­set­zun­gen für die An­nah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de lie­gen nicht vor. Sie hat kei­ne 11 grundsätz­li­che ver­fas­sungs­recht­li­che Be­deu­tung (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be a BVerfGG) und ih­re An­nah­me er­scheint auch nicht zur Durch­set­zung von Grund­rech­ten oder grund­rechts­glei­chen Rech­ten der Be­schwer­deführe­rin­nen an­ge­zeigt (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG). Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat kei­ne Aus­sicht auf Er­folg, weil sie of­fen­sicht­lich un­be­gründet ist.
1. Die Fest­stel­lung der Ta­rif­unfähig­keit der CG­ZP mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit genügt den An­for­de­run­gen an den im Rechts­staats­prin­zip aus Art. 20 Abs. 3 GG ver­an­ker­ten Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes in sei­ner Aus­prägung als Rück­wir­kungs­ver­bot.
a) Im Rechts­staats­prin­zip sind die Ge­bo­te der Rechts­si­cher­heit und des Ver­trau­ens­schut­zes ver­fas­sungs­kräftig ver­an­kert (vgl. BVerfGE 30, 392 <403>). Die Rechts­si­cher­heit soll ver­hin­dern, dass die Rechts­un­ter­wor­fe­nen durch die rück­wir­ken­de Be­sei­ti­gung er­wor­be­ner Rech­te über die Verläss­lich­keit der Rechts­ord­nung getäuscht wer­den (vgl. BVerfGE 105, 48 <57>). Rechts­si­cher­heit und Ver­trau­ens­schutz gewähr­leis­ten im Zu­sam­men­wir­ken mit den Grund­rech­ten die Verläss­lich­keit der Rechts­ord­nung als we­sent­li­che Vor­aus­set­zung für die Selbst­be­stim­mung (BVerfGE 133, 143 <158 Rn. 41>). Ei­ne ech­te Rück­wir­kung von Ge­set­zen ist ver­fas­sungs­recht­lich grundsätz­lich un­zulässig. Sie liegt vor, wenn ein Ge­setz nachträglich ändernd in ab­ge­wi­ckel­te, der Ver­gan­gen­heit an­gehören­de Tat­bestände ein­greift (vgl. BVerfGE 11, 139 <145 f.>; 101, 239 <263>). Höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung ist je­doch kein Ge­set­zes­recht und er­zeugt kei­ne ver­gleich­ba­re Rechts­bin­dung (vgl. BVerfGE 122, 248 <277>; 131, 20 <42>). Die über den Ein­zel­fall hin­aus­rei­chen­de Gel­tung fach­ge­richt­li­cher Ge­set­zes­aus­le­gung be­ruht al­lein auf der Über­zeu­gungs­kraft ih­rer Gründe so­wie der Au­to­rität und den Kom­pe­ten­zen des Ge­richts. Es be­darf nicht des Nach­wei­ses we­sent­li­cher Ände­run­gen der Verhält­nis­se oder der all­ge­mei­nen An­schau­un­gen, da­mit ein Ge­richt oh­ne Ver­s­toß ge­gen Art. 20 Abs. 3 GG von sei­ner frühe­ren Recht­spre­chung ab­wei­chen kann. Die Ände­rung ei­ner ständi­gen höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ist un­ter dem Ge­sichts­punkt des Ver­trau­ens­schut­zes grundsätz­lich dann un­be­denk­lich, wenn sie hin­rei­chend be­gründet ist und sich im Rah­men ei­ner vor­her­seh­ba­ren Ent­wick­lung hält (vgl. BVerfGE 84, 212 <227 f.>; 122, 248 <277>). Schutzwürdi­ges Ver­trau­en in ei­ne be­stimm­te Rechts­la­ge auf­grund höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung kann da­her in der Re­gel nur bei Hin­zu­tre­ten wei­te­rer Umstände, ins­be­son­de­re bei ei­ner ge­fes­tig­ten und langjähri­gen Recht­spre­chung ent­ste­hen (vgl. BVerfGE 126, 369 <395>; 131, 20 <42>).
b) Da­von aus­ge­hend konn­ten die Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen die Ta­rif­unfähig­keit der CG­ZP mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit fest­stel­len, oh­ne ge­gen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes zu ver­s­toßen. Maßge­bend sind die für die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung gel­ten­den Grundsätze. Et­was an­de­res er­gibt sich nicht aus dem Um­stand, dass die Fest­stel­lung der Ta­rif­unfähig­keit ei­ner Ver­ei­ni­gung nicht nur zwi­schen den Par­tei­en, son­dern für und ge­gen al­le wirkt. Die Ent­schei­dung be­trifft den­noch im Ein­zel­fall die Ta­riffähig­keit ei­ner be­stimm­ten Ver­ei­ni­gung zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt oder in­ner­halb ei­nes be­stimm­ten Zeit­raums. Ei­ne über den Ein­zel­fall hin­aus­rei­chen­de Gel­tung der fach­ge­richt­li­chen Rechts­an­wen­dung kann sich wie auch an­de­re höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung le­dig­lich auf die Über­zeu­gungs­kraft ih­rer Be­gründung stützen.
Die be­son­de­ren Vor­aus­set­zun­gen, un­ter de­nen aus­nahms­wei­se auch ei­ne Ände­rung der Recht­spre­chung den im Rechts­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 3 GG ver­an­ker­ten Ver­trau­ens­schutz ver­let­zen kann, lie­gen nicht vor. Es fehlt an ei­nem aus­rei­chen­den An­knüpfungs­punkt für das von den Be­schwer­deführe­rin­nen gel­tend ge­mach­te Ver­trau­en.
Die Be­schwer­deführe­rin­nen konn­ten nicht auf höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung ver­trau­en, denn ei­ne sol­che lag zum Zeit­punkt der an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen nicht vor. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat in dem Be­schluss vom 14. De­zem­ber 2010 - 1 ABR 19/10 - erst­mals aus­geführt, dass Ge­werk­schaf­ten ei­ner Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on im Sin­ne des § 2 Abs. 2 und 3 TVG ih­re Ta­riffähig­keit vollständig ver­mit­teln müssen. Das ent­sprach nicht dem, was die Be­schwer­deführe­rin­nen für rich­tig hiel­ten. Die bloße
Er­war­tung, ein obers­tes Bun­des­ge­richt wer­de ei­ne un­geklärte Rechts­fra­ge in ei­nem be­stimm­ten Sin­ne be­ant­wor­ten, be­gründet je­doch kein ver­fas­sungs­recht­lich in Art. 20 Abs. 3 GG geschütz­tes Ver­trau­en (vgl. BAG, Ur­teil vom 13. März 2013 - 5 AZR 954/11 -, ju­ris, Rn. 24).
Die Be­schwer­deführe­rin­nen muss­ten da­mit rech­nen, dass der CG­ZP die Ta­riffähig­keit fehl­te. An der Ta­riffähig­keit der CG­ZP be­stan­den von An­fang an er­heb­li­che Zwei­fel (vgl. Böhm, NZA 2003, S. 828 <829>; Rei­pen NZS 2005, S. 407 <408 f.>; Schüren, in: Schüren/Ha­mann, Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ge­setz, 3. Aufl. 2007, § 9 AÜG Rn. 115). Gleich­wohl ha­ben die Be­schwer­deführe­rin­nen die Ta­rif­verträge der CG­ZP an­ge­wen­det und ka­men da­mit in den Ge­nuss be­son­ders nied­ri­ger Vergütungssätze. Mit den an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen hat sich das er­kenn­ba­re Ri­si­ko rea­li­siert, dass später in ei­nem Ver­fah­ren nach § 2a Abs. 1 Nr. 4 in Ver­bin­dung mit § 97 ArbGG die Ta­rif­unfähig­keit der CG­ZP fest­ge­stellt wer­den könn­te. Al­lein der Um­stand, dass die ge­naue Be­gründung des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht oh­ne wei­te­res vor­her­seh­bar war, be­gründet kei­nen ver­fas­sungs­recht­lich zu berück­sich­ti­gen­den Ver­trau­ens­schutz. Dies gilt um­so mehr, als die von An­fang an dis­ku­tier­ten Be­den­ken ge­genüber der Ta­riffähig­keit der CG­ZP der Be­gründung des Bun­des­ar­beits­ge­richts durch­aus na­he­kom­men. So wur­den von An­fang an Zwei­fel an der aus­rei­chen­den Mäch­tig­keit der CG­ZP geäußert (vgl. Böhm, NZA 2003, S. 828 <829>). Das Bun­des­ar­beits­ge­richt stellt im Be­schluss vom 14. De­zem­ber 2010 - 1 ABR 19/10 - eben­falls auf den Ge­sichts­punkt der feh­len­den so­zia­len Mäch­tig­keit ab, in­dem es das Er­for­der­nis ei­ner Voll­de­le­ga­ti­on da­mit be­gründet, dass an­sons­ten zwei­fel­haft sein könne, ob die Spit­zen­ver­ei­ni­gung in den ihr über­tra­ge­nen Or­ga­ni­sa­ti­ons­be­rei­chen die not­wen­di­ge Durch­set­zungsfähig­keit be­sit­ze (vgl. BAG, Be­schluss vom 14. De­zem­ber 2010 - 1 ABR 19/10 -, ju­ris, Rn. 83).
Ein schutzwürdi­ges Ver­trau­en der Be­schwer­deführe­rin­nen in die Wirk­sam­keit der CG­ZP-Ta­rif­verträge lässt sich nicht mit dem Ver­hal­ten der So­zi­al­ver­si­che­rungs­träger und der Bun­des­agen­tur für Ar­beit so­wie der Her­an­zie­hung die­ser Ta­rif­verträge durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt bei der Er­mitt­lung der bran­chenübli­chen Vergütung be­gründen. Die Ent­schei­dung über die Ta­riffähig­keit ei­ner Ver­ei­ni­gung ob­liegt al­lein den Ge­rich­ten für Ar­beits­sa­chen in dem in § 2a Abs. 1 Nr. 4 in Ver­bin­dung mit § 97 ArbGG ge­re­gel­ten Be­schluss­ver­fah­ren. Das Han­deln an­de­rer Stel­len so­wie die Be­zug­nah­me auf die­se Ta­rif­verträge in ei­nem gänz­lich an­ders ge­la­ger­ten Rechts­streit wa­ren auch vor dem Hin­ter­grund der be­reits da­mals um­strit­te­nen Ta­riffähig­keit der CG­ZP nicht ge­eig­net, ein schutzwürdi­ges Ver­trau­en zu be­gründen.
2. So­weit die Be­schwer­deführe­rin zu 18) darüber hin­aus ei­ne Ver­let­zung ih­res An­spruchs auf recht­li­ches Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG rügt, ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de of­fen­sicht­lich un­be­gründet. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt war ver­fas­sungs­recht­lich nicht ver­pflich­tet, sie auf ei­ne mögli­che zeit­li­che Aus­deh­nung der Fest­stel­lung über die Ta­rif­unfähig­keit hin­zu­wei­sen.
a) Ei­ne dem ver­fas­sungs­recht­li­chen An­spruch genügen­de Gewährung recht­li­chen Gehörs setzt vor­aus, dass Ver­fah­rens­be­tei­lig­te bei An­wen­dung der von ih­nen zu ver­lan­gen­den Sorg­falt zu er­ken­nen vermögen, auf wel­chen Tat­sa­chen­vor­trag es für die Ent­schei­dung an­kom­men kann (vgl. BVerfGE 84, 188 <190>). Zwar er­gibt sich aus Art. 103 Abs. 1 GG kei­ne all­ge­mei­ne Fra­ge- und Aufklärungs­pflicht des Ge­richts. Ein Ge­richt verstößt aber dann ge­gen Art. 103 Abs. 1 GG und das Ge­bot ei­nes fai­ren Ver­fah­rens, wenn es oh­ne vor­he­ri­gen Hin­weis auf recht­li­che Ge­sichts­punk­te ab­stellt, mit de­nen auch ge­wis­sen­haf­te und kun­di­ge Pro­zess­be­tei­lig­te nach dem bis­he­ri­gen Pro­zess­ver­lauf nicht zu rech­nen brauch­ten (vgl. BVerfGE 84, 188 <190>; 86, 133 <144 f.>).
b) Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat nicht auf der­art über­ra­schen­de recht­li­che Ge­sichts­punk­te ab­ge­stellt. Die zeit­li­che Rück­wir­kung der Rechts­kraft­wir­kung ist be­reits im An­schluss an die ers­te Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zur Ta­riffähig­keit der CG­ZP vom 14. De­zem­ber 2010 - 1 ABR 19/10 - in der In­stanz­recht­spre­chung und Li­te­ra­tur um­fas­send dis­ku­tiert wor­den (vgl. Neef, NZA 2011, S. 615 <618> zur Rück­wir­kung bis zur letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der letz­ten Tat­sa­chen­in­stanz; Lembke, NZA 2011, S. 1062 <1066> zur Rück­wir­kung bis zur letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der Rechts­be­schwer­de beim Bun­des­ar­beits­ge­richt; zur Ent­behr­lich­keit ei­ner Aus­set­zung LAG Hamm, Ur­teil vom 30. Ju­ni 2011 - 8 Sa 387/11 -, ju­ris, Rn. 23; LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 20. Sep­tem­ber 2011 - 7 Sa 1318/11 -, ju­ris, Rn. 34; a. A. Löwisch/Rieb­le, Ta­rif­ver­trags­ge­setz, 3. Aufl. 2012, § 2 Rn. 502). Ge­wis­sen­haf­te und kun­di­ge Pro­zess­be­tei­lig­te hätten die Möglich­keit der dann ge­trof­fe­nen Ent­schei­dung al­so auch oh­ne ge­son­der­ten recht­li­chen Hin­weis in Erwägung ge­zo­gen.
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References: § 2
 § 2
 § 2
 § 10
 § 97
 § 2
 Art.103
 Art. 20
 Art. 20
 Art. 20
 § 2
 Art. 20
 § 9
 § 2
 § 97
 § 2
 § 97
 Art. 103
 Art. 103
 Art. 103
 § 2