Source: http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/beseler_kommentar_1851?p=202
Timestamp: 2020-02-27 09:09:42+00:00

Document:
Th. I. Bestrafung etc. Tit. IV. Ausschließung oder Milderung d. Strafe.
merken, daß Französische Juristen, ohne in dem Gesetz hierfür einen
Anhalt zu haben, der Fristbestimmung wegen der Bestrafung jugend-
licher Verbrecher nur die Bedeutung einer gesetzlichen Vermuthung bei-
legen, so daß sie annehmen, der Richter könne auch dann freisprechen,
wenn er finde, daß der Angeschuldigte, welcher bereits das sechszehnte
Lebensjahr zurückgelegt, ohne Unterscheidungsvermögen gehandelt hat. s)
Bei der Revision des Strafrechts entschied man sich für dasjenige
System, welches die anderen Deutschen Gesetzgebungen angenommen
haben. Im Staatsrath wurde namentlich nach einer ausführlichen Ver-
handlung beschlossen: daß zwei feste Termine in Beziehung auf die Kri-
minalmündigkeit bestimmt werden sollten; daß der erste Termin, bis zu
welchem eine völlige Unzurechnungsfähigkeit stattfindet, auf das voll-
endete zwölfte Lebensjahr, der zweite, mit welchem die volle Zurechnungs-
fähigkeit eintritt, auf das vollendete sechszehnte Lebensjahr festgesetzt
werden sollte. t)
Nach diesen Beschlüssen wurde der Entwurf von 1843. §. 79. 112.
113. redigirt, dessen Inhalt sich im Wesentlichen im Entwurf von 1847.
§. 51. "Wegen jugendlichen Alters sind Personen, welche das
zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, ohne Ausnahme für zu-
rechnungsunfähig zu achten. Bei Personen, welche das zwölfte, aber
noch nicht das sechszehnte Lebensjahr vollendet haben, ist in jedem ein-
zelnen Falle besonders zu ermessen, ob dieselben bereits für zurechnungs-
fähig zu achten sind oder nicht."
§. 52. "Die wegen jugendlichen Alters für zurechnungsunfähig
geachteten Personen (§. 51.) sind der häuslichen oder vormundschaft-
lichen Zucht zu überlassen, oder in einer Besserungsanstalt unterzubrin-
can ou du banissement, il sera condamne a etre enferme, d'un an a cinq
ans, dans une maison de correction. -- Art. 68. Dans aucun des cas pre-
vus par l'article precedent, le condamne ne subira l'exposition publique.
-- Art. 69. handelt von den Strafen der Vergehen.
s) Chauveau et Helie Faustin, I. c. chap. XII. p. 189. 190. -- A la
verite, les presomptions etablies par la loi, relativement a l'age de l'ac-
cuse, n'enlevent point aux juges le droit de proclamer que l'accuse a agi
sans discernement, et de l'absoudre quel que soit son age; mais il faut
reconnaeitre que l'opinion du legislateur exerce une grave influence sur
l'esprit des juges et des jures. Ils seront naturellement portes a appliquer
a l'accuse qui a depasse seize ans la presomption defavorable etablie par
la loi; ils seront moins disposes a faire une appreciation particuliere du
discernement qui a guide l'action de l'accuse.
t) Protokolle des Staatsraths, Sitzung vom 10. Jan. 1840.
Th. I. Beſtrafung ꝛc. Tit. IV. Ausſchließung oder Milderung d. Strafe.
merken, daß Franzöſiſche Juriſten, ohne in dem Geſetz hierfür einen
Anhalt zu haben, der Friſtbeſtimmung wegen der Beſtrafung jugend-
licher Verbrecher nur die Bedeutung einer geſetzlichen Vermuthung bei-
legen, ſo daß ſie annehmen, der Richter könne auch dann freiſprechen,
wenn er finde, daß der Angeſchuldigte, welcher bereits das ſechszehnte
Lebensjahr zurückgelegt, ohne Unterſcheidungsvermögen gehandelt hat. s)
Bei der Reviſion des Strafrechts entſchied man ſich für dasjenige
Syſtem, welches die anderen Deutſchen Geſetzgebungen angenommen
handlung beſchloſſen: daß zwei feſte Termine in Beziehung auf die Kri-
minalmündigkeit beſtimmt werden ſollten; daß der erſte Termin, bis zu
welchem eine völlige Unzurechnungsfähigkeit ſtattfindet, auf das voll-
fähigkeit eintritt, auf das vollendete ſechszehnte Lebensjahr feſtgeſetzt
werden ſollte. t)
Nach dieſen Beſchlüſſen wurde der Entwurf von 1843. §. 79. 112.
113. redigirt, deſſen Inhalt ſich im Weſentlichen im Entwurf von 1847.
§. 51. „Wegen jugendlichen Alters ſind Perſonen, welche das
rechnungsunfähig zu achten. Bei Perſonen, welche das zwölfte, aber
noch nicht das ſechszehnte Lebensjahr vollendet haben, iſt in jedem ein-
zelnen Falle beſonders zu ermeſſen, ob dieſelben bereits für zurechnungs-
fähig zu achten ſind oder nicht.“
§. 52. „Die wegen jugendlichen Alters für zurechnungsunfähig
geachteten Perſonen (§. 51.) ſind der häuslichen oder vormundſchaft-
lichen Zucht zu überlaſſen, oder in einer Beſſerungsanſtalt unterzubrin-
can ou du banissement, il sera condamné à être enfermé, d'un an à cinq
ans, dans une maison de correction. — Art. 68. Dans aucun des cas pré-
vus par l'article précédent, le condamné ne subira l'exposition publique.
— Art. 69. handelt von den Strafen der Vergehen.
s) Chauveau et Hélie Faustin, I. c. chap. XII. p. 189. 190. — A la
vérité, les présomptions établies par la loi, relativement à l'àge de l'ac-
cusé, n'enlèvent point aux juges le droit de proclamer que l'accusé a agi
sans discernement, et de l'absoudre quel que soit son âge; mais il faut
reconnaître que l'opinion du législateur exerce une grave influence sur
l'esprit des juges et des jurés. Ils seront naturellement portés à appliquer
à l'accusé qui a depassé seize ans la présomption défavorable établie par
la loi; ils seront moins disposés à faire une appréciation particulière du
discernement qui a guidé l'action de l'accusé.
<p><pb facs="#f0202" n="192"/><fw place="top" type="header">Th. I. Be&#x017F;trafung &#xA75B;c. Tit. IV.          Aus&#x017F;chließung oder Milderung d. Strafe.</fw><lb/>
merken, daß         Franzö&#x017F;i&#x017F;che Juri&#x017F;ten, ohne in dem Ge&#x017F;etz         hierfür einen<lb/>
Anhalt zu haben, der Fri&#x017F;tbe&#x017F;timmung wegen der         Be&#x017F;trafung jugend-<lb/>
licher Verbrecher nur die Bedeutung einer         ge&#x017F;etzlichen Vermuthung bei-<lb/>
legen, &#x017F;o daß &#x017F;ie         annehmen, der Richter könne auch dann frei&#x017F;prechen,<lb/>
wenn er finde, daß der         Ange&#x017F;chuldigte, welcher bereits das &#x017F;echszehnte<lb/>
Lebensjahr         zurückgelegt, ohne Unter&#x017F;cheidungsvermögen gehandelt hat. <note place="foot" n="s)"><hi rendition="#aq"><hi rendition="#g">Chauveau et Hélie Faustin</hi>, I. c.           chap. XII. p. 189. 190. &#x2014; A la<lb/>
vérité, les           présomptions établies par la loi, relativement à           l'àge de l'ac-<lb/>
cusé, n'enlèvent point aux juges le           droit de proclamer que l'accusé a agi<lb/>
sans discernement, et de l'absoudre           quel que soit son âge; mais il faut<lb/>
reconnaître que l'opinion           du législateur exerce une grave influence sur<lb/>
l'esprit des juges et des           jurés. Ils seront naturellement portés à appliquer<lb/>
à l'accusé qui a depassé seize ans la           présomption défavorable établie par<lb/>
la loi; ils           seront moins disposés à faire une appréciation           particulière du<lb/>
discernement qui a guidé l'action de           l'accusé.</hi></note>        </p>
<p>Bei der Revi&#x017F;ion des Strafrechts ent&#x017F;chied man &#x017F;ich für         dasjenige<lb/>
Sy&#x017F;tem, welches die anderen Deut&#x017F;chen         Ge&#x017F;etzgebungen angenommen<lb/>
haben. Im Staatsrath wurde namentlich nach einer         ausführlichen Ver-<lb/>
handlung be&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en: daß zwei         fe&#x017F;te Termine in Beziehung auf die Kri-<lb/>
minalmündigkeit be&#x017F;timmt         werden &#x017F;ollten; daß der er&#x017F;te Termin, bis zu<lb/>
welchem eine völlige         Unzurechnungsfähigkeit &#x017F;tattfindet, auf das voll-<lb/>
endete zwölfte Lebensjahr,         der zweite, mit welchem die volle Zurechnungs-<lb/>
fähigkeit eintritt, auf das vollendete         &#x017F;echszehnte Lebensjahr fe&#x017F;tge&#x017F;etzt<lb/>
werden         &#x017F;ollte. <note place="foot" n="t)"><hi rendition="#g">Protokolle des           Staatsraths</hi>, Sitzung vom 10. Jan. 1840.</note>        </p><lb/>
<p>Nach die&#x017F;en Be&#x017F;chlü&#x017F;&#x017F;en wurde der Entwurf von         1843. §. 79. 112.<lb/>
113. redigirt, de&#x017F;&#x017F;en Inhalt &#x017F;ich im         We&#x017F;entlichen im Entwurf von 1847.<lb/>
wieder findet.</p><lb/>
<p>§. 51. &#x201E;Wegen jugendlichen Alters &#x017F;ind Per&#x017F;onen, welche         das<lb/>
zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, ohne Ausnahme für         zu-<lb/>
rechnungsunfähig zu achten. Bei Per&#x017F;onen, welche das zwölfte,         aber<lb/>
noch nicht das &#x017F;echszehnte Lebensjahr vollendet haben, i&#x017F;t in         jedem ein-<lb/>
zelnen Falle be&#x017F;onders zu erme&#x017F;&#x017F;en, ob         die&#x017F;elben bereits für zurechnungs-<lb/>
fähig zu achten &#x017F;ind oder         nicht.&#x201C;</p><lb/>
<p>§. 52. &#x201E;Die wegen jugendlichen Alters für zurechnungsunfähig<lb/>
geachteten         Per&#x017F;onen (§. 51.) &#x017F;ind der häuslichen oder         vormund&#x017F;chaft-<lb/>
lichen Zucht zu überla&#x017F;&#x017F;en, oder in         einer Be&#x017F;&#x017F;erungsan&#x017F;talt unterzubrin-<lb/><note xml:id="note-0202" prev="#note-0201" place="foot" n="r)"><hi rendition="#aq">can ou du banissement, il sera            condamné à être enfermé, d'un an à            cinq<lb/>
ans, dans une maison de correction. &#x2014; <hi rendition="#g">Art.</hi> 68. Dans aucun des cas pré-<lb/>
vus par l'article            précédent, le condamné ne subira l'exposition            publique.</hi><lb/>
&#x2014; <hi rendition="#g">Art.</hi> 69. handelt von den Strafen           der Vergehen.</note><lb/></p>
[192/0202] Th. I. Beſtrafung ꝛc. Tit. IV. Ausſchließung oder Milderung d. Strafe. merken, daß Franzöſiſche Juriſten, ohne in dem Geſetz hierfür einen Anhalt zu haben, der Friſtbeſtimmung wegen der Beſtrafung jugend- licher Verbrecher nur die Bedeutung einer geſetzlichen Vermuthung bei- legen, ſo daß ſie annehmen, der Richter könne auch dann freiſprechen, wenn er finde, daß der Angeſchuldigte, welcher bereits das ſechszehnte Lebensjahr zurückgelegt, ohne Unterſcheidungsvermögen gehandelt hat. s) Bei der Reviſion des Strafrechts entſchied man ſich für dasjenige Syſtem, welches die anderen Deutſchen Geſetzgebungen angenommen haben. Im Staatsrath wurde namentlich nach einer ausführlichen Ver- handlung beſchloſſen: daß zwei feſte Termine in Beziehung auf die Kri- minalmündigkeit beſtimmt werden ſollten; daß der erſte Termin, bis zu welchem eine völlige Unzurechnungsfähigkeit ſtattfindet, auf das voll- endete zwölfte Lebensjahr, der zweite, mit welchem die volle Zurechnungs- fähigkeit eintritt, auf das vollendete ſechszehnte Lebensjahr feſtgeſetzt werden ſollte. t) Nach dieſen Beſchlüſſen wurde der Entwurf von 1843. §. 79. 112. 113. redigirt, deſſen Inhalt ſich im Weſentlichen im Entwurf von 1847. wieder findet. §. 51. „Wegen jugendlichen Alters ſind Perſonen, welche das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, ohne Ausnahme für zu- rechnungsunfähig zu achten. Bei Perſonen, welche das zwölfte, aber noch nicht das ſechszehnte Lebensjahr vollendet haben, iſt in jedem ein- zelnen Falle beſonders zu ermeſſen, ob dieſelben bereits für zurechnungs- fähig zu achten ſind oder nicht.“ §. 52. „Die wegen jugendlichen Alters für zurechnungsunfähig geachteten Perſonen (§. 51.) ſind der häuslichen oder vormundſchaft- lichen Zucht zu überlaſſen, oder in einer Beſſerungsanſtalt unterzubrin- r) s) Chauveau et Hélie Faustin, I. c. chap. XII. p. 189. 190. — A la vérité, les présomptions établies par la loi, relativement à l'àge de l'ac- cusé, n'enlèvent point aux juges le droit de proclamer que l'accusé a agi sans discernement, et de l'absoudre quel que soit son âge; mais il faut reconnaître que l'opinion du législateur exerce une grave influence sur l'esprit des juges et des jurés. Ils seront naturellement portés à appliquer à l'accusé qui a depassé seize ans la présomption défavorable établie par la loi; ils seront moins disposés à faire une appréciation particulière du discernement qui a guidé l'action de l'accusé. t) Protokolle des Staatsraths, Sitzung vom 10. Jan. 1840. r) can ou du banissement, il sera condamné à être enfermé, d'un an à cinq ans, dans une maison de correction. — Art. 68. Dans aucun des cas pré- vus par l'article précédent, le condamné ne subira l'exposition publique. — Art. 69. handelt von den Strafen der Vergehen.
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/beseler_kommentar_1851/202
Zitationshilfe: Beseler, Georg: Kommentar über das Strafgesetzbuch für die Preußischen Staaten. Leipzig, 1851, S. 192. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/beseler_kommentar_1851/202>, abgerufen am 27.02.2020.

References: Art. 68
 Art. 69
 Art. 68
 Art. 69
 Art. 68
 Art. 69