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Timestamp: 2019-09-21 01:59:41+00:00

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Anselm Strauss, Adele Clarke and the Feminist Gretchen Question: On the Relationship Between Grounded Theory Methodology and Situational Analysis | Offenberger | Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research
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Volume 20, No. 2, Art. 6 – Mai 2019
Anselm Strauss, Adele Clarke und die feministische Gretchenfrage. Zum Verhältnis von Grounded-Theory-Methodologie und Situationsanalyse
Zusammenfassung: Neuere Studien zu Prozessen der Wissenskonstruktion in der qualitativen Forschung zeigen, dass sich Leitorientierungen in der Praxis empirischer Sozialforschung in Europa und Nord-Amerika unterscheiden. Demzufolge sind nordamerikanische Orientierungen von einer spezifischen Lesart des Pragmatismus geprägt, bei der die Nähe zwischen Forschung und gesellschaftspolitischer Intervention betont wird. Vor diesem Hintergrund analysiere ich aktuelle US-amerikanische Debatten zum Generationenwechsel im Feld der Grounded-Theory-Methodologie (GTM) als Kontroverse um die "feministische Gretchenfrage", die besonders prononciert im Entwurf der Situationsanalyse von Adele CLARKE zum Ausdruck kommt. Ich zeige Implikationen für situationsanalytische Vorgehensweisen auf, beleuchte deren Verhältnis zur GTM und identifiziere abschließend synchrone und diachrone Geflechte, in denen sich die Situationsanalyse weiter methodologisch verorten lässt.
Keywords: Pragmatismus; Feminismus; Rezeptionsgeschichte; Grounded-Theory-Methodologie; Situationsanalyse; Chicago School
1. Einleitung: Wissenschaftskulturen und Rezeptionstraditionen
2. GTM im Generationenwechsel: soziale Ungleichheit und das Problem der Emergenz
3. Konsequenzen für die Situationsanalyse
4. Schlussbemerkung: synchrone und diachrone Geflechte
Aktuell werden unter dem Schlagwort der "empirischen Reflexivität" (BETHMANN & NIERMANN 2015, §40) Prozesse der Wissenskonstruktion in der qualitativen Forschung untersucht, die die Perspektiven und Methoden der Wissens-, Wissenschafts- und Arbeitssoziologie einer Selbstanwendung unterziehen, um den jeweiligen Erzeugungsprinzipien und Konstruktionsmodi sozialwissenschaftlichen Wissens auf die Spur zu kommen. Mit einem solchen Erkenntnisinteresse haben Stephanie BETHMANN und Deborah NIERMANN in einer früheren FQS-Ausgabe einen transatlantischen Vergleich von Praktiken qualitativer Sozialforschung vorgenommen. Dabei arbeiteten sie mit den Begriffen engaging und observing die Idealtypen zweier Forschungsstile heraus, bei denen Nähe und Distanz zum Forschungsgegenstand auf unterschiedliche Weise erzeugt und als Ergebnisse von Arbeitspraktiken verstanden werden, die in nationale Forschungskonventionen, Rahmenbedingungen und Epistemologien eingebunden sind. [1]
Als engaging bezeichnen sie "Interaktionsmuster, die Nähe zwischen Forschenden und ihrem Gegenstand herstellen und diese Nähe auch als elementaren Teil der Erkenntnisproduktion sichtbar machen" (§11). Unterschieden wird dabei zwischen "engagement als gesellschaftspolitische Intervention durch Forschung" (a.a.O.) und "engagement als Involvierung ins Untersuchungsfeld im Vollzug der Forschung" (a.a.O.). Sie begründen diesen spezifisch US-amerikanischen Idealtypus qualitativer Forschung mit einer Rezeption von Pragmatismus und Chicago School, die die Gestaltung und Verbesserung der Lebenswelt durch Forschung zum zentralen Anliegen einer Sozialforschung machen. Rollenvorbilder seien dabei vor allem John DEWEY, George Herbert MEAD und Jane ADDAMS: Mit ihren Aktivitäten an der Universität von Chicago sowie rund um Hull House, einem der "wichtigen Forschungsinstitute" (MIETHE 2012, S.113) der frühen US-amerikanischen Sozialarbeitsforschung im Umfeld der Universität, zielten sie darauf ab, die großstädtische soziale Wirklichkeit in ihrer Umgebung zugleich zu erforschen und sozialpolitisch zu gestalten (BETHMANN & NIERMANN 2015, §12). [2]
Auch wenn die mit einer solchen engagierten Forschung verbundene Einnahme eines moralischen Standpunktes seit Robert PARK und Ernst BURGESS umstritten und in Teilen der US-Sozialforschung dem Ideal des "interesselosen Interesses" gewichen ist (LINDNER 1990, S.13), sei die leiblich-persönliche Involvierung ins Feld (der Chicago Touch), so BETHMANN und NIERMANN (2015, §13ff), weiterhin Ausdruck eines Ideals von größtmöglicher Nähe zwischen Forschenden und den von ihnen untersuchten Lebenszusammenhängen, mit dem Geltungsansprüche von US-amerikanischen Forschungsarbeiten zentral untermauert würden. [3]
Dem Idealtypus des engaging stellen BETHMANN und NIERMANN den des observing gegenüber, dessen Leitorientierung methodologische Strenge und analytische Distanz ausmache und der das Ergebnis einer stärkeren Sequenzierung des Forschungsprozesses in Datengewinnung und Datenanalyse sei (ob nun im Namen einer "Methodenpolizei" oder von "Gütesicherung", wie es die Gegenüberstellung von REICHERTZ 2019 nahelegt). Insbesondere in Deutschland entwickelte methodische Schulen definieren sich, so BETHMANN und NIERMANN (2015), stark über "die Kanonisierung von Auswertungsprozeduren, die strikt reglementiert und langwierig sind" (§25), wodurch observing im Vergleich zu engaging die stärkere Leitorientierung deutschsprachiger qualitativer Sozialforschung darstelle. [4]
Weiter weisen die Autorinnen darauf hin, dass mit diesen verschiedenen Maximen unterschiedliche Bezugnahmen auf das theoretische Erbe des Pragmatismus einhergingen. Die deutschsprachige Rezeption zeichne sich dadurch aus, dass in ihr die gesellschaftspolitischen Ziele des amerikanischen Pragmatismus weitgehend ausgeblendet blieben, während in den USA die Verwobenheit zwischen Wissenschaft und praktischen Lebenszusammenhängen zentraler Maßstab aller Wissensproduktion sei. Sie schlussfolgern: "Gelebte Demokratie und wissenschaftliche Erkenntnis sind für DEWEY und seine ErbInnen ein simultanes Projekt. Eine so stark interventionistische Positionierung wäre für deutsche SozialforscherInnen mehr als ungewöhnlich" (§31; vgl. jedoch auch die kritische Auseinandersetzung mit DEWEY bei RIEGER-LADICH 2019, Kap. 4, unter Bezug auf RETTER 2018a, 2018b). [5]
Im Folgenden nehme ich die Unterscheidung von engaging und observing als differente Leitorientierungen empirischer Forschungspraxis zum Ausgangspunkt, um zur deutschsprachigen Rezeption aktueller US-amerikanischer Methodendebatten auf eine Weise beizutragen, die deren spezifischem Entstehungszusammenhang stärker als bisher Rechnung trägt. Im Mittelpunkt steht dabei die von Adele CLARKE (2005) als Weiterentwicklung der Grounded-Theory-Methodologie (GTM) konzipierte Situationsanalyse (siehe auch CLARKE, FRIESE & WASHBURN 2015a, 2018). Kaum explizit zur Kenntnis genommen wurde in der bisherigen deutschsprachigen Debatte, dass CLARKEs Entwurf der Situationsanalyse einen dezidiert vom Leitmotiv des engaging und einer entsprechenden Lesart des Pragmatismus geprägten Entwurf für die Praxis qualitativer Sozialforschung darstellt. Forschung wird dabei als Beitrag zur Bewältigung praktischer Probleme gesellschaftlichen Zusammenlebens begriffen, wie es insbesondere in CLARKEs Emphase von sozialer Gerechtigkeit und der Bedeutung von Forschung als Beitrag zur Verringerung von sozialer Ungleichheit zum Ausdruck kommt. CLARKE untermauert dieses gesellschaftspolitische Movens für Sozialforschung durch eine Verbindung von Pragmatismus und Feminismus – und genau hierin liegt einer der zentralen Unterschiede zwischen den Grounded-Theory-Versionen von Anselm STRAUSS oder Barney GLASER einerseits und der situationsanalytischen GTM von Adele CLARKE andererseits. [6]
Dieses Verhältnis wird im Folgenden in den Blick genommen, weil es in der bisherigen deutschsprachigen Rezeption der Situationsanalyse keine Beachtung gefunden hat. Stattdessen galt die Aufmerksamkeit bis jetzt vor allem ihrer Bemühung, die beiden "Megaparadigmen" von Pragmatismus und Strukturalismus zu vereinen (DIAZ-BONE 2013a, 2013b). Eine entsprechende Fokussierung war nicht zuletzt ein Effekt davon, dass die deutsche Übersetzung (CLARKE 2012) in der Reihe "Interdisziplinäre Diskursforschung" erschienen, von Rainer KELLER herausgegeben und von ihm mit einem Vorwort versehen worden ist (vgl. auch die Konversation zwischen CLARKE und KELLER 2014 sowie KELLER 2013). Darüber hinaus lag der bisherige Rezeptionsschwerpunkt in CLARKEs Bemühen, der von STRAUSS ausgearbeiteten Theorie sozialer Welten und Arenen neue Bedeutung zu verschaffen, und Mapping-Strategien als forschungspraktische Ergänzung zu den bisherigen Grounded-Theory-Vorgehensweisen zu etablieren (STRÜBING 2013, 2014). So zentral diese methodologischen, sozialtheoretischen und forschungspraktischen Bezugnahmen für die Situationsanalyse sind, so sehr zeichnen sie sich dadurch aus, dass über sie die Bezüge CLARKEs auf feministische Erkenntnistheorie, Wissenschaftskritik und Ungleichheitsforschung in Vergessenheit geraten. Genau hierin liegt aber ein zentraler Impetus der Situationsanalyse, mit dem CLARKE auch einen Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Generation von US-Grounded Theorists postuliert. [7]
Ich bezeichne diesen Unterschied als Kontroversen um die "feministische Gretchenfrage" und situiere sie im Folgenden in der nordamerikanischen Debatte um den Generationenwechsel von Vertreterinnen und Vertretern der GTM (Abschnitt 2). Darauf aufbauend nehme ich die Implikationen für die situationsanalytische GTM in den Blick: Wesentliche Akzentverschiebungen der Situationsanalyse ergeben sich dabei hinsichtlich 1. methodischer Hilfsmittel zur Analyse von Machtverhältnissen, 2. theoretischer Sensibilität, 3. theoretischen Samplings bzw. des Forschungsdesigns und 4. der Rolle der Forschenden und erweiterten Anforderungen an Reflexivität (Abschnitt 3). Ich schließe mit Überlegungen sowohl zum gegenwärtigen Stand der Rezeption der Situationsanalyse im deutschsprachigen Raum als auch zu weitergehenden Verbindungen von Pragmatismus und Feminismus in den Anfängen der Chicago School (Abschnitt 4). [8]
Im September 2007 fand in Banff im kanadischen Alberta ein Symposium statt, bei dem sich Vertreterinnen der "2. Generation" von Grounded Theorists trafen, um über Entwicklungen, Kontroversen und Ausprägungen der GTM zu diskutieren. Die Organisatorinnen nannten das Treffen "Bash" – eine große Feier. In ihrem Beitrag zu dem infolge des Symposiums herausgegebenen Sammelband äußert Adele CLARKE ihre Sorge, dass aus dem "bash" ein "bashing" werden würde und räumt ihr Unbehagen an der GLASER-STRAUSS-Kontroverse ein: An einem "'discipling' of this or that version of GTM" (CLARKE 2015a, S.84) sei ihr nie gelegen gewesen, stattdessen bevorzuge und begrüße sie produktivere Formen der Auseinandersetzung und eine Ausdifferenzierung der GTM-basierten Zugänge. [9]
Durch das Symposium und den Sammelband (MORSE, NOERAGER STERN et al. 2009) stellen sich die Autorinnen als second generation vor, als Teil einer Gruppe von Personen, die direkt mit GLASER und STRAUSS zusammengearbeitet, sich forschungspraktisch und theoretisch mit der GTM auseinandergesetzt und sie dabei spezifisch weiterentwickelt haben. Adele CLARKEs Auseinandersetzung mit Anselm STRAUSS' Werk kommt dabei aufgrund seines umfassenden Anspruchs einer Neuausrichtung der GTM eine besondere Bedeutung zu. Ihr Entwurf der Situationsanalyse liefert einen Schlüssel für das Verständnis der Generationenfolge von "Vätern" und "Töchtern" der ersten und zweiten Generation von US-Grounded Theorists, ein Schlüssel, der CLARKE zufolge in dem liegt, was ich die "feministische Gretchenfrage" nenne. [10]
Als ehemalige Studentin, Kollegin und Nachfolgerin auf dessen Lehrstuhl an der Universität von San Francisco hat sich Adele CLARKE eingehend mit dem Werk von Anselm STRAUSS befasst. Sie hat dabei sozialtheoretische, methodologische und methodische Anregungen aufgegriffen und sie in einem eigenständigen Werk weiterentwickelt. Ihre Auseinandersetzung mit STRAUSS ist dabei eingelassen in eine langjährige Freundschaft mit ihm, und CLARKE betont stets STRAUSS' intellektuelle Großzügigkeit und ermutigend-förderliche Haltung. Vor diesem Hintergrund und unter Rückgriff auf die Figur des Generationenwechsels benennt sie einen wesentlichen Unterschied zwischen STRAUSS und anderen VertreterInnen der ersten Generation von Grounded Theorists und sich selbst sowie anderen VertreterInnen der zweiten Generation, nämlich unterschiedliche Positionierungen gegenüber feministischen Anliegen (MORSE, CLARKE et al. 2009, S.237). [11]
Dieser Unterschied habe zu Kontroversen mit der "Vätergeneration" geführt: "Both Glaser and Strauss, as well as Schatzman, had serious problems with the explicit feminist approaches to knowledge production that began circulating in the 1970s" (CLARKE 2015b, S.129). Sowohl GLASER als auch STRAUSS, an dessen Kursen und Analysegruppen CLARKE in den 1980er Jahren teilnahm, hätten darauf bestanden, dass "soziale Aspekte wie Rasse, Klasse, Geschlecht, Behinderung und so weiter sich erst 'ihren Platz in der Analyse verdienen' müssten, indem sie sich 'aus den Daten ergeben', anstatt von vornherein als bedeutsam oder signifikant aufgefasst zu werden" (CLARKE 2012a, S.116). [12]
Auffallend an diesen Formulierungen ist, dass ihnen die Position eines naiven Induktivismus zugrunde liegt, also die Idee, dass Ergebnisse, Befunde oder Theorien "wie von selbst" aus den Daten emergieren könnten. Diese Position wiederum bildet ein zentrales Element der GLASER-STRAUSS-Kontroverse, deren erkenntnistheoretische Seite ausführlich und nicht selten polarisierend diskutiert worden ist (z.B. KELLE 2011). Vor diesem Hintergrund ist es überraschend, dass die scheinbare Einigkeit bzw. fehlende Kontroverse von GLASER und STRAUSS über Fragen sozialer Ungleichheit bisher so wenig in den Blick genommen und gerade auch in der deutschsprachigen Diskussion bislang weitestgehend vernachlässigt worden ist. [13]
Insbesondere die Haltung von Anselm STRAUSS zu Fragen von sex/gender und race/ethnicity stellt für Adele CLARKE einen ebenso "kuriosen Fall" dar, wie es Antony BRYANT (2009) mit Blick auf STRAUSS' Schweigen in den Debatten um Induktion, den Status von Daten und die Rolle der Forschenden verzeichnet. Angesichts des lebenslangen Engagements von Anselms Ehefrau Frances STRAUSS für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung und angesichts von Auseinandersetzungen etwa von Herbert BLUMER und anderer interaktionistischer KollegInnen mit Fragen von race und ethnicity fragt CLARKE, weshalb STRAUSS Geschlecht und Ethnizität nicht explizit zum Gegenstand seiner sozialtheoretischen Überlegungen gemacht habe. Hinsichtlich der in erster Linie legitimatorischen Frühschriften argumentiert sie, ein Einbezug von sex/gender und race habe damals nicht nahegelegen, zumal diese Kategorien zu jenem Zeitpunkt noch kaum in sozialwissenschaftlichen Debatten firmierten. Mit Blick auf seine späteren Arbeiten drückt sie jedoch durchaus ihre Verwunderung darüber aus, dass STRAUSS damals aktuelle Theorieentwicklungen nicht stärker einbezogen habe, um insbesondere den Stellenwert von Geschlecht, Klasse und race für Fragen der formalen Theoriebildung zu berücksichtigen. Diese Unterlassung sei vor dem Hintergrund seines persönlichen Engagements für Wissenschaftskarrieren von Frauen umso bemerkenswerter: "He worked with and promoted women scholars and their scholarship so routinely and extensively that the absence of an ambitious gender analysis in his work became more glaring" (CLARKE 2008, S.169f.). [14]
Adele CLARKEs Ambivalenz gegenüber diesem Befund wird deutlich, ebenso deutlich wird jedoch die Behutsamkeit, mit der der Konflikt beschrieben und erklärt wird. Ihre Argumentation kreist zentral um Veränderungen der sozialwissenschaftlichen Theorielandschaft seit den 1970er Jahren, wodurch soziale Ungleichheitskategorien erst zu einem legitimen und normalisierten soziologischen Theoriebaustein geworden seien. Weder GLASERs noch STRAUSS' Versionen formaler Sozialtheorie hätten sex/gender oder race/ethnicity integrieren können, ohne sich den Vorwurf eines bias einzuhandeln, denn mit einem solchen Nimbus seien diese Kategorien in der US-Mainstream-Soziologie der Jahrhundertmitte behaftet gewesen. Angestoßen durch soziale Bewegungen seit den 1970er Jahren, hielten Ungleichheitskategorien erst später Einzug in die sozialwissenschaftliche Theoriebildung: "They had to be made sociological" (CLARKE 2015b, S.130). Demgegenüber stellt sie fest, dass soziale Ungleichheitskategorien, -dynamiken sowie deren komplexe Relationierungen und Überschneidungen inzwischen zu einem integralen und notwendigen Bestandteil sozialwissenschaftlicher Theoriearbeit geworden seien: "Today, they are viewed as fundamental aspects of social organization and stratification, not only integral to but requisite for adequate theorizing – nationally and transnationally" (a.a.O.). [15]
Mit dieser Argumentation verortet CLARKE den Generationenkonflikt um die "feministische Gretchenfrage" wissenschafts- und theoriehistorisch. Sie geht dabei von veränderten Theoriegrundlagen für die empirische Sozialforschung aus und beruft sich gleichermaßen auf feministische, postkoloniale, antirassistische und andere kritische Wissenschaftsprojekte, die sie in den größeren Zusammenhang interpretativer, postmoderner und poststrukturalistischer Wenden der Sozialforschung stellt (vgl. auch CLARKE, FRIESE & WASHBURN 2015b). Dabei verweist sie auf den Einfluss, den soziale Bewegungen wie die Bürgerrechts-, die Antikriegs- und die feministische bzw. Frauenbewegung auf Entwicklungen wie diejenigen der Cultural Studies, der kritischen Theorie und der Women/Gender Studies ausgeübt haben: Die politischen Anliegen der jeweiligen Bewegungen wurden dabei zum Ausgangspunkt genommen, um die eigenen Praktiken der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion auf ihre Verstrickung in Ungleichheitsregime hin zu befragen, und normative Konzeptionen von sozialer Ungleichheit fanden Eingang in die entsprechenden Programmatiken von Sozialforschung. [16]
Durch diese Betonung erfährt CLARKEs Ausrichtung der GTM im Vergleich zu den Schriften von GLASER und STRAUSS eine Erweiterung in der sozialtheoretischen Fundierung. Denn obwohl deren wichtigste gemeinsame empirische Arbeit über Sterbeprozesse in Krankenhäusern durchaus Fragen sozialer Ungleichheit betraf, wie sie etwa mit der Kategorie des "social loss" (GLASER & STRAUSS 1964) verbunden sind, führen sie soziale Ungleichheit nirgendwo als zentrale analytische und heuristische Kategorie ein. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil beide Autoren in ihren methodologischen Ausführungen immer wieder Bezüge zu verschiedenen Theorietraditionen herstellen, und weil nicht zuletzt die Nähe (insbesondere von STRAUSS) zur Chicago School und zum symbolischen Interaktionismus differenz- bzw. ungleichheitstheoretische Anschlüsse ermöglicht hätte (man denke nur an die entsprechende Devianzforschung oder die Studien zur Entstehung sozialer Probleme). Insofern nimmt CLARKE hier eine wichtige Ergänzung vor. Allerdings ist ihre Argumentation, dass soziale Ungleichheit erst seit den 1970er Jahren zu einem normalisierten Bestandteil sozialwissenschaftlicher Theoriebildung geworden sei, insofern etwas unscharf, als sie früher aus der Chicago School heraus entwickelte Konzepte sozialer Ungleichheit unerwähnt lässt wie beispielsweise die Überlegungen von Robert PARK (1969 [1928]) und von dessen Schüler Everett STONEQUIST (1937) zum marginal man. Erklären lässt sich diese Schieflage zum einen damit, dass CLARKE um eine (mitunter apologetische) Erklärung von STRAUSS' fehlendem sozialtheoretischen Interesse für Ungleichheitsfragen ringt, und zum anderen damit, dass ihr eigenes Interesse der durch neue soziale Bewegungen angestoßenen Wissenschaftskritik und damit verbundenen starken Ungleichheitsbeschreibungen gilt, wie sie in den Konzepten von race, class und gender zum Ausdruck kommen.1) [17]
Wenn CLARKE im Unterschied zu GLASER und STRAUSS (aber in Linie mit anderen Grounded Theorists wie etwa CHARMAZ [2014] oder OLESEN [2007]), programmatisch macht, was ich hier die "feministische Gretchenfrage" nenne, so wird allerdings deutlich, dass es sich um einen Platzhalter handelt, für den bei CLARKE recht verschiedene Elemente stehen, die unter dem weiten Dach einer machtkritischen und emanzipatorischen Agenda zusammengefasst werden können. Ihr Feminismusverständnis basiert ebenso auf der Annahme intersektionaler Differenzierungen und deren Wechselwirkungen, wie sie eine Antwort zu liefern versucht auf Krisen wissenschaftlicher Wissensproduktion und der damit verbundenen Suche nach "a fertile ontological space and ethical practice" (LATHER 2007; zit. n. CLARKE 2015b, S.142). Dabei schreibt sie feministisch inspirierter Forschung das Potenzial zu, tradierte Konventionen disziplinärer Grenzziehungen hinter sich zu lassen und zu größerer epistemischer Vielfalt ("epistemic diversity", a.a.O.) beizutragen. Deutlich wird hierin CLARKEs Bemühung um weitere Sichtbar- und Fruchtbarmachung der Verdienste feministischer Sozialforschung, was nicht zuletzt mit ihrer eigenen biografischen Situiertheit und politischen Prägung erklärt werden kann (vgl. hierzu CLARKE 2012b, insbes. S.81ff. und 94). [18]
Welche Konsequenzen für die Situationsanalyse zieht nun CLARKE aus ihrem Hinweis auf die Bedeutung sozialer Ungleichheit? Zunächst betont sie den wechselseitigen Verweisungszusammenhang zwischen Theorie und Methode, indem sie unter Verweis auf die Arbeiten von STAR (1989) und FUJIMURA (1996) die GTM und den symbolischen Interaktionismus als Theorie-Methoden-Paket (CLARKE 2012a, S.44) bezeichnet, worunter eine entsprechende erkenntnistheoretische und ontologische Verankerung der GTM zu verstehen ist. Diese ist demnach eine "Methode unter vielen, Interaktionismus 'darzustellen' bzw. 'aufzuführen' (...) oder 'durchzuführen' (im Sinne eines 'doing') (...)" (S.46). Mit Blick auf diesen performativen Charakter von Methode spricht CLARKE unter Verweis auf JENKS (1995) von Methode nicht als Dienerin, sondern als Begründerin von Theorie. Die zentralen Arbeitsschritte der GTM (und CLARKE schließt hierbei an STRAUSS und CORBIN sowie an CHARMAZ an) werden in der Situationsanalyse um dreierlei Arten von Maps bzw. Karten ergänzt, die zusammengenommen "a relational ecology of the situation" (CLARKE et al. 2018, S.104) bilden und damit Folgendes bezwecken:
"The main work they do is to provide what Park (1952) called 'the big picture' or 'the big news' about the situation under study. They portray the assemblage of elements and the ecology of relations among them, major collective actors and fundamental issues and debates in the broad situation you have chosen to study" (a.a.O.; vgl. auch CLARKE 2012a, S.123). [19]
Situations-Maps und die damit verbundenen, für die empirische Analyse zentralen relationalen Maps und Memos sollen alle Elemente einer Situation und ihre Beziehung untereinander spezifizieren. Soziale-Welten-/Arenen-Maps basieren auf der von Anselm STRAUSS (1978) ausgearbeiteten Theorie sozialer Welten und Arenen, einer organisationstheoretischen Perspektive zur Analyse kollektiver Verpflichtungen und "going concerns" (HUGHES 1984 [1971]) verschiedener sozialer Welten, zentraler Handlungsschauplätze und den in solchen Arenen ausagierten Kontroversen und Debatten. In der dritten Kartierungstechnik, den Positions-Maps, wird die Handlungssituation nach in Diskursen zur Sprache und nicht zur Sprache gebrachten Positionen geordnet. [20]
Derart erzeugte Situationsanalysen sind explizit darauf ausgerichtet, Analysen von Macht zu ermöglichen (CLARKE 2005). CLARKE verknüpft zu diesem Zweck die Theorie sozialer Welten und Arenen bzw. allgemeiner das interaktionistische Projekt mit den Arbeiten von Michel FOUCAULT. Dabei werden der Fokus auf implizierte oder stumme AkteurInnen oder Aktanten sowie die Frage nach den "positions not taken in the data" (CLARKE et al. 2018, S.172), nach den Orten des Schweigens im Diskurs, zu zwei zentralen situations- und machtanalytischen Vorgehensweisen, mit denen Adele CLARKE, Carrie FRIESE und Rachel WASHBURN methodisch den von ihnen aufgeführten Veränderungen der sozialwissenschaftlichen Theorielandschaft seit den 1970er Jahren gerecht zu werden versuchen. Als implizierte oder stumme AkteurInnen oder Aktanten gelten solche menschlichen oder nichtmenschlichen Bestandteile von Situationen, die nicht aktiv in Aushandlungsprozesse einbezogen, sondern zum Gegenstand von diskursiven Konstruktionen anderer AkteurInnengruppen werden (etwa in Form von Stereotypisierungen). In solche diskursiven Konstruktionen fließen die Ziele und Absichten der KonstrukteurInnen ein, die sich nicht mit den je eigenen Perspektiven der implizierten AkteurInnen decken müssen, die aber vor allem dann für Situationen verhältnismäßig bedeutsam werden können, wenn diese eigenen Perspektiven gar nicht artikuliert werden (können). Die Aufmerksamkeit darauf, wer wie spricht und wer nicht, macht die Kategorie der implizierten AkteurInnen zu einem hilfreichen Mittel – einem sensibilisierenden Konzept –, um Hierarchisierungen analytisch in den Blick zu nehmen. Denn diese etablieren sich ja häufig gerade dadurch, dass die Chance, die eigene Deutung als die richtige oder die gültige durchzusetzen, ungleich verteilt ist. [21]
Mit der Heuristik der positions not taken in the data richtet sich die Aufmerksamkeit nicht darauf, wer (nicht) spricht, sondern darauf, was nicht gesagt wird oder nicht sagbar ist, weil die Bedingungen der Möglichkeit dazu nicht gegeben sind. Ein Beispiel hierfür sind Tabuisierungen oder der sprichwörtliche elephant in the room: Manches konstituiert sich eben dadurch, dass beharrlich darüber geschwiegen wird. Eine solche Perspektive lädt zunächst zu weiterem theoretischen Sampling ein und ermöglicht bei hinreichender theoretischer Sättigung die Analyse machtvoller Bedeutungskonstitutionen durch diskursive Ein- und Ausschlüsse (CLARKE et al. 2018, S.172ff.). Eingelassen in die verschiedenen Kartierungsstrategien leisten die beiden Heuristiken wesentliche Beiträge, um empirische Befunde über Macht als Effekt von Praktiken des Organisierens in und durch soziale(n) Welten und Arenen zu erarbeiten, und um damit auch soziale Ungleichheitsdynamiken zum Gegenstand von Theoriebildung zu machen. Mit Blick auf diese Vorschläge identifiziert Rainer DIAZ-BONE (2013a) Ähnlichkeiten zwischen der Herangehensweise von CLARKE und der BOURDIEUschen Feldanalyse sowie der strukturalen Semantik von Algirdas GREIMAS (1971). [22]
Mit diesen methodologisch-sozialtheoretisch begründeten und methoden- und forschungspraktisch verankerten Vorschlägen zur Analyse von Machtverhältnissen bezieht CLARKE eine eigene, von der ersten Generation der US-Grounded Theorists unterschiedene Position in der Debatte um die Emergenz von sozialer Ungleichheit, wie ich sie oben ausgeführt habe. Explizit kritisiert sie die Anfälligkeit des Emergenz-Postulats von sozialer Ungleichheit für eine stillschweigende Komplizenschaft mit herrschenden Ungleichheitsstrukturen. Daraus leitet sie Konsequenzen sowohl für die Kultivierung theoretischer Sensibilität als auch für die Gestaltung von Forschungsdesigns ab. Zum einen betont sie, "theoretisch vorinformierte und -gebildete Forschung (sei) nicht unschuldig oder naiv und (befinde) sich keineswegs außerhalb der hochpolitischen oder sogar politisierten Arenen der Wissensproduktion, die für das 21. Jahrhundert so charakteristisch sind" (CLARKE 2012a, S.116). Mit dieser zentralen situationsanalytischen Annahme, dass die Forschenden selbst Teil der Forschungssituation sind, fordert sie zum anderen, dass diesem Umstand im Forschungsdesign reflexiv Rechnung getragen werden müsse. [23]
Ganz dem MEADschen Diktum verpflichtet, dass Fakten nicht einfach herumlägen und lediglich aufgesammelt werden müssten2), fordert sie hinsichtlich möglicher Dynamiken der Entstehung sozialer Ungleichheit ein bewusstes Ausgestalten des Forschungsdesigns, insbesondere mit Blick auf die Formulierung von Forschungsfragen sowie auf das theoretische Sampling. Damit solle sichergestellt werden, dass solche Daten (bzw. Fakten, vgl. Anmerkung 2) gesammelt werden, die "die Bedeutung oder die fehlende Bedeutung einer dieser Aspekte für die erforschte Situation explizit berücksichtigen können" (CLARKE 2012a, S.116). Indem CLARKE auch die fehlende Bedeutung von Ungleichheitsdynamiken nicht ausschließt, überlässt sie die Antwort auf die Frage nach deren Relevanz der empirischen Analyse. Das ist deshalb wichtig zu betonen, weil es verdeutlicht, dass die Situationsanalyse nicht grundsätzlich mehr apriorisches Wissen an den Forschungsgegenstand heranträgt als andere Ausprägungen der GTM. Trotzdem beinhaltet ihre Position keine (naive) Emergenzerwartung. Denn CLARKE betont, dass die Anlage des Forschungsdesigns nicht von vornherein ausschließen solle, dass entsprechende Dynamiken auf dem Analysehorizont erscheinen. Politische Verantwortung im Sinne einer Aufmerksamkeit für soziale Ungleichheitsfragen kommt Forschenden demzufolge nicht nur zu mit Blick auf die Entwicklung von theoretischer Sensibilität, sondern auch angesichts der Gestaltung von Samplingprozeduren und dem dadurch prozessierenden Erkenntnisinteresse. Indem das theoretische Sampling also nicht nur, aber auch an Ungleichheitskategorien ausgerichtet werden soll, wird einerseits mit deren Relevanz gerechnet und andererseits gefordert, dass das Ob und Wie möglicher Ungleichheitsdynamiken Gegenstand sorgfältiger empirischer Analyse wird. [24]
All diese Elemente – Umsicht bei der Entwicklung theoretischer Sensibilität, bei der Gestaltung des Samplings und des Forschungsdesigns sowie ein damit verbundenes Bewusstsein davon, dass die Forschenden selbst Teil der Forschungssituation sind – werden von CLARKE et al. (2015b) unter dem Begriff der Reflexivität gefasst. Erhöhte Reflexivität der Forschenden im Sinne einer reflektierten Subjektivität wird entsprechend als eines der drei Elemente ausgewiesen (neben einer erhöhten Aufmerksamkeit für Heterogenität sowie für nichtmenschliche Entitäten), die die Akzentverschiebung der Situationsanalyse im Vergleich zur GTM ausmachen:
"By acknowledging researchers' own embodiment and situatedness in the research project per se, the researcher's own positionality in terms of background and potential privilege (or disadvantage) is clarified and can more easily be taken into account. That is, analyzing the possible consequences of the researcher's position and perspectives is a fundamental aspect of reflexivity that SA emphasizes" (S.21).3) [25]
Perspektivität und Situiertheit als reflexionsbedürftige Bedingungen von Forschungshandeln: Mit diesem Postulat verbindet CLARKE feministische Wissenschaftskritik (insbesondere das Konzept von "situated knowledge", HARAWAY 1991) mit dem pragmatistischen Fundament der GTM. Sie verweist dabei insbesondere auf die MEADsche Konzeption der Perspektive (1926, 1987 [1927]), die Partialität, Situiertheit und Vielfältigkeit impliziere, und infolge derer eine allwissende, ort- und körperlose ErzählerInnenposition zu einer epistemologischen Unmöglichkeit geworden sei. Daraus leitet sie die Forderung ab, die eigene Positionalität im Forschungsfeld zu explizieren und offenzulegen, womit die Hoffnung verbunden wird, eine Hegemonie der Repräsentation zu durchbrechen, die in der Regel manche privilegiere und andere unsichtbar mache (CLARKE 2012a, S.125). Mit dieser feministisch inspirierten Politisierung und dem damit verbundenen Selbstanwendungspostulat des Perspektivenbegriffs argumentiert CLARKE, dass die GTM aufgrund ihrer Verwurzelung in einer pragmatistischen Epistemologie immer schon implizit feministisch gewesen sei; das Verhältnis pragmatistischer und feministischer Perspektiven gilt ihr als eines der Wahlverwandtschaft. [26]
Denn was den symbolischen Interaktionismus und Pragmatismus auszeichne – nämlich insbesondere 1. die Bedeutung, die gelebter Erfahrung ("lived doingness of social life", CLARKE 2015b, S.124) zukäme, 2. die Berücksichtigung der Körperlichkeit (nicht-) menschlichen Lebens und von Materie, 3. der analytische Modus der Dekonstruktion, der impliziere, dass es mehrere Lesarten und Interpretationen sozialer Wirklichkeit gebe und 4. das Interesse an Variation –, gelten ihr ebenso als zentrale Merkmale feministisch informierter Perspektiven auf soziale Wirklichkeit. CLARKEs Verständnis von Feminismus fußt dabei zentral auf den poststrukturalistisch-methodologischen Arbeiten von Patricia LATHER (z.B. 2007). Feministische Forschung gilt CLARKE als eine Forschung, die sich um die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen bemüht, die aber auch darüber hinaus auf die Herstellung sozialer Gerechtigkeit abzielt. Dabei räumt sie der Verschränkung verschiedener Ungleichheitskategorien zentralen Stellenwert ein und präzisiert:
"Feminisms here are approaches fundamentally provoking research toward improving the heterogeneous situations of women and promoting social justice. The feminisms I have been involved in seek to elucidate the dynamics of sexism, racial and ethnic discrimination, classism, homo- and queer-phobias, discrimination against the disabled, lookism, and ageism—and their complex interrelations are often theorized as intersectionality" (2015b, S.120). [27]
Mit dieser Agenda, die GTM für die politischen Anliegen sozialer Bewegungen zu öffnen und die Forschungspraxis explizit an der Förderung sozialer Gerechtigkeit zu orientieren, ist Adele CLARKE in der US-Methodenlandschaft nicht allein. Auch das Werk von Kathy CHARMAZ (z.B. 2011, 2012, 2014) ist explizit feministisch und gerechtigkeitstheoretisch fundiert.4) Ebenfalls setzt Virginia OLESEN (z.B. 2007, siehe auch DEEGAN 1991), die der Generation von STRAUSS, GLASER und SCHATZMAN angehört, die GTM mit feministisch inspirierter Forschung in Beziehung. Dieser Umstand wirft die Frage auf, ob der Konflikt um die "feministische Gretchenfrage" nicht eher ein Geschlechter- als ein Generationenkonflikt ist, zumal am Banff-Symposium und dem daraus entstandenen gemeinsamen Buch über die zweite Generation (MORSE, NOERAGER STERN et al. 2009) keine männlichen Vertreter beteiligt sind. Ungeachtet dessen sollte jedoch im Vorangegangenen deutlich geworden sein, dass die Situationsanalyse einen gesellschaftspolitischen Impetus enthält, der sich nur aus der Kenntnis der US-Debatte heraus verstehen lässt, und der beachtet sein will, um die Situationsanalyse in eine andere Debattenlandschaft wie die deutschsprachige hinein zu rezipieren. Ebenso wird an dieser Emphase deutlich, dass ihr eine Orientierung am eingangs erwähnten Leitmotiv des engaging zugrunde liegt, welches einerseits dem gesellschaftspolitischen Movens von Sozialforschung vergleichsweise hohe Priorität einräumt und andererseits von der Akademisierung des Feminismus insbesondere seit den 1970er Jahren zeugt (vgl. z.B. HARK 2005). [28]
Die Debatte um die zweite Generation von Grounded Theorists und die damit verbundene "feministische Gretchenfrage", auf die ich in diesem Beitrag fokussiert habe, ist eine US-amerikanische Debatte, die ihre Ursprünge in den 1970er Jahren hat. Sie wurde vor allem durch Adele CLARKE prononciert und findet ihren Niederschlag in der Akzentverschiebung von der GTM hin zur Situationsanalyse. Unter Berücksichtigung auch dieser Wurzel der Situationsanalyse rücken einige methodologische sowie forschungspraktische Implikationen in den Blick. Im letzten Teil meines Beitrags frage ich nach synchronen Geflechten, wie sie durch die Rezeption der Situationsanalyse im deutschsprachigen Raum entstehen, und identifiziere Anschlüsse an aktuelle Debatten in der hiesigen Methodenlandschaft. Mit Blick auf mögliche weitere diachrone Verflechtungen situationsanalytischer Programmatiken und Forschungsstrategien wird abschließend auf bestehende Traditionslinien einer Verbindung von Pragmatismus und Feminismus hingewiesen, die zukünftiger Untersuchungen wert sind. [29]
Auch im deutschen Sprachraum entstanden infolge der von feministischer und poststrukturalistischer Wissenschaftskritik informierten Debatte um Methodologie sowie um die Praxis (qualitativ-) empirischer Sozialforschung unterschiedliche Ansätze, die Situiertheit und Positionalität der Forschenden selbst für die Forschung produktiv werden zu lassen (so etwa die methodischen Postulate von MIES 1978, s. auch MÜLLER 2008). Aktuelle Anknüpfungen an solche Debatten finden teilweise unter dem Sammelbegriff der partizipativen Forschung statt (BERGOLD & THOMAS 2012; VON UNGER 2014). Hier werden Ansätze einer explizit wertebasierten und sich politisch verstehenden Forschung praktiziert, die sich in Traditionen von Aktionsforschung einschreiben und bemüht sind, auch die eigenen Grundannahmen zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung zu machen (wie es z.B. von WOHLRAB-SAHR 1993 mit Blick auf Aktionsforschung und insbesondere auf die methodischen Postulate von MIES gefordert wurde). Aufgrund ihrer ähnlichen erkenntnistheoretischen Grundlagen liegen in diesen Debattenfeldern wichtige Anknüpfungspunkte für weitere synchrone Verflechtungen zu dem Debattenhorizont, aus dem die Situationsanalyse kommt. Bill GENAT (2015) zeigt Möglichkeiten zur Konstruktion lokal situierten Wissens durch partizipative Forschungspraktiken und unter Rückgriff auf Bestände aus dem Repertoire der Situationsanalyse auf. [30]
Mit seinem Plädoyer, "dass qualitative Forschung biografisch, kritisch und interventionistisch orientiert sein sollte" (WINTER 2011, §41), bemüht sich auch Rainer WINTER um transatlantische Verbindungen. Mit Blick auf den nordamerikanischen Debattenraum stellt er fest, dass
"die Krise der Repräsentation – anders als im deutschsprachigen Raum – die qualitative Forschung grundlegend verändert [hat]. Die damit verbundene Rezeption des Poststrukturalismus hat zu einer kritischen, ethisch engagierten und politisch orientierten Forschung geführt, die sich als ein neues Paradigma begreifen lässt" (§24). [31]
Als Beispiele für entsprechend fundierte Forschungsstile nennt er den interpretativen Interaktionismus (DENZIN 1989), die Autoethnografie (ELLIS, ADAMS & BOCHNER 2011) und die performance ethnography (CONQUERGOOD 2006 [1991]; DENZIN 2003). Die vorangegangenen Ausführungen zum Generationenwechsel von VertreterInnen der GTM sollten verdeutlicht haben, dass sich die Situationsanalyse ebenfalls im Fahrwasser eines kritischen Poststrukturalismus befindet, auch wenn sie im Vergleich mit den drei genannten Richtungen teilweise andere Akzente setzt. So betont etwa auch CLARKE, dass der Situiertheit der Forschenden in der Forschungssituation Rechnung getragen werden müsse. Für die forschungspraktische Umsetzung rückt die Situationsanalyse autobio- bzw. autoethnografische Zugänge nicht ins Zentrum, sondern setzt auf die oben erwähnten Kartierungsverfahren, die auch eine Reflexion über die Situiertheit der Forschenden selbst ermöglichen sollen. [32]
CLARKEs Hinweis auf die Notwendigkeit von mehr Reflexivität lässt mit Blick auf die deutschsprachige GTM-Landschaft die Frage aufkommen, wie sich Situationsanalyse und Reflexive GTM zueinander verhalten. Dabei fällt auf, dass Franz BREUER, Petra MUCKEL und Barbara DIERIS (2017) ihr Verständnis und die forschungspraktischen Konsequenzen von Reflexivität stärker spezifizieren als CLARKE, und sich dabei dezidiert in die im deutschen Sprachraum ausgearbeitete Methodentradition der hermeneutischen Interpretationsverfahren einschreiben. Im Vergleich zu CLARKE findet eine stärkere Einengung auf ein Verständnis von Reflexivität als reflektierte Subjektivität statt. Sie schlagen vor, Selbstreflexivität als Erkenntnisfenster und als epistemische Inspiration zu nutzen und dabei insbesondere drei Aspekte in den Blick zu nehmen: 1. Forschende als fachlich sozialisierte Mitglieder einer Institution, einer Arbeitsorganisation, eines disziplinären (Gruppen-) Kontextes, 2. Forschende mit ihrer Lebensgeschichte und ihren persönlich-idiosynkratischen Charakteristika und 3. Forschende als mit Leib und Seele in Interaktion mit ihrem Forschungsgegenstand und dem Forschungsfeld verwickelte Subjekte. Ähnlich wie in der Situationsanalyse wird auch hier ein reflexiver Einbezug dieser und weiterer Relationen in Sampling und fortschreitende Analyse vorgeschlagen. Damit wird konkretisiert, was CLARKE (2012a, S.123) als "geistige Tapete" bezeichnet oder als "stillschweigende Hintergrundannahmen, die manchmal hinter unserem Rücken den Forschungsprozess beeinflussen". Diese sollen Eingang finden in Situations-Maps, wo sie dann "in Hinblick auf Nutzen, Partialität, theoretisches Sampling und andere Kriterien weiter behandelt werden" können (a.a.O.). Nicht zuletzt aufgrund der stärkeren forschungspraktischen "Erdung" des Reflexivitätsbegriffs, wie er im Umfeld von Franz BREUER entfaltet wird, halte ich es für sinnvoll, für Situationsanalysen Anleihen aus dem Werkzeugkasten der "Reflexiven Grounded Theory" zu nehmen. [33]
Ebenso enthalten die Ausführungen von Katja MRUCK und Günter MEY (2007, 2019) Vorschläge zur Bedeutung von Reflexivität in verschiedenen Stadien des Forschungsprozesses und zu hilfreichen Techniken. Konzeptuell stützen sich BREUER, MUCKEL, DIERIS, MRUCK und MEY dabei auf die anthropologisch-ethnopsychologischen Ausführungen von Georges DEVEREUX (1992 [1967]), der durch die Begriffe der Gegenübertragung und des Reizwertes die Beziehungen zwischen Forschenden und Beforschten (nicht nur) während der Feldforschung als fundamental wechselseitig konzipiert. Außerdem fassen MRUCK und MEY den Forschungsalltag unter Verweis auf Thomas KUHN (1967 [1962]) und Ludwik FLECK (1994 [1935]) als situiert in "Denkkollektiven", aus welchen spezifische "Denkstile" hervorgehen, die erst durch Krisenerfahrungen in ihrer Selbstverständlichkeit brüchig werden. Diese Bezugnahmen ergänzen diejenigen von CLARKE ebenso wie die Vorschläge zur Gestaltung von Forschungsdesigns, Datengewinnung, -analyse und Schreibprozessen, wie sie aus Debatten zu Reflexivität in der qualitativen Forschung im Allgemeinen und zu Reflexivität und GTM im Besonderen erwachsen sind (z.B. MRUCK, ROTH & BREUER 2002; ROTH, BREUER & MRUCK 2003). [34]
Für ähnlich gewinnbringend halte ich es, den Entwurf von Günter MEY und Paul Sebastian RUPPEL (2016) für eine narrativitätstheoretische Ausdifferenzierung der GTM daraufhin zu befragen, welche Implikationen möglicherweise für die Situationsanalyse damit verbunden sind (und vice versa). MEY und RUPPEL zeigen Perspektiven für eine erzähltheoretische Fundierung von GTM auf, die eine Hinwendung zu "Handlung als Erzählung" implizieren und regen an, dass Narrativität systematischer als bisher in die Kodierpraxis und Kategorienbildung einbezogen wird. Einer ihrer Vorschläge, in denen sie die einzelnen Kodierverfahren sowie das Kodierparadigma auf erzähltheoretische Bezüge hin befragen, bezieht sich auf die Nutzung der innerhalb der narrativen Forschung entwickelten Positionierungsanalyse für Grounded-Theory-Arbeiten, mit der diejenigen diskursiven Praktiken erforscht werden, "mit denen Menschen sich selbst und andere in sprachlichen Interaktionen aufeinander bezogen als Personen her- und darstellen" (LUCIUS-HOENE & DEPPERMANN 2004, S.168). Ein solcher Blick auf Positionierungen kann, so MEY und RUPPEL, "die Narrationen als situative, kontextualisierte und ko-konstruierte Errungenschaften, durchtränkt von multiplen Perspektiven, verorten" (2016, S.283) – und damit das Reflexivitätspostulat auch der Situationsanalyse um eine weitere Ebene anreichern. Allerdings müsste für eine Verbindung der Vorschläge von MEY und RUPPEL mit denjenigen von CLARKE, FRIESE und WASHBURN berücksichtigt werden, dass die Situationsanalyse das Kodierparadigma ebenso aufgibt wie eine handlungstheoretische Fundierung. An deren Stelle treten die Situationsmatrix und eine sozialtheoretische Vermittlung von Interaktions- und Diskurstheorie. Insofern wäre bei einer entsprechenden transatlantischen Zusammenschau zu fragen, wie sich die jeweils aufgerufenen Begriffe von Narration und Diskurs zueinander verhalten, und welche auswertungspraktischen Konsequenzen im Umgang mit verschiedenem Datenmaterial mit den jeweiligen begrifflichen Instrumentarien verbunden sind. Dies könnte nicht zuletzt zur weiteren Klärung der Frage beitragen, welche Rolle den Kodierverfahren der GTM für situationsanalytische Praxen der Datenanalyse zukommt, denn bislang nehmen CLARKE et al. hierzu nicht dezidiert Stellung. Sie schließen den Rückgriff auf die Kodierverfahren der GTM weder aus, noch schreiben sie ihn vor, und weisen lediglich auf den Mehrwert des Memoschreibens hin: "If you are doing GT coding of your data, memoing as you code is also an excellent strategy" (2018, S.107). [35]
Neben diesen verschiedenen synchronen Verflechtungen und Vergleichen möchte ich abschließend einen Blick auf diachrone Verflechtungen werfen, die in besonderer Weise dazu angetan sind, neue (bzw. nicht dominante) Perspektiven auf den US-Pragmatismus und die Anfänge der empirischen Sozialforschung in den USA zu entwickeln. CLARKEs Hinweis auf Wahlverwandtschaften zwischen feministischen und pragmatistischen Perspektiven lädt dazu ein, genauer auf die Gründungsjahre der US-Soziologie zu blicken, in deren Zeit auch die Entstehung der Chicago School fällt. Denn es gibt in der Chicago School selbst bereits eine Tradition der Verbindung von Pragmatismus und Feminismus, die sich um die "Chicago Women's School of Sociology" bildete und zentral mit der Person Jane ADDAMS und dem Ort Hull House verbunden war (vgl. hierzu DEEGAN 1988 sowie LENGERMANN & NIEBRUGGE-BRANTLEY 1998). Hierin kristallisierte sich eine Lebens-, Arbeits- und Denkform, die mit dem Begriff des "kritischen Pragmatismus" (DEEGAN 1988, S.247ff.) in Verbindung gebracht wird, und die in Jane ADDAMS' "radical extensions of the tenets of pragmatism developed by the Chicago School of Pragmatism" (DEEGAN 1988, S.248) zum Ausdruck komme, insbesondere in ihrer tiefen Skepsis gegenüber offiziellen Bildungsinstitutionen und einem Demokratieverständnis, das ökonomischer und sozialer Gleichheit ebenso zentrale Bedeutung beimisst wie den politischen Dimensionen des Zusammenlebens. In dieser "unique combination of American thought with radical emancipatory practice and goals" (S.266) habe sich ADDAMS in geistiger Nähe und freundschaftlicher Verbundenheit zu George Herbert MEAD und zu John DEWEY und deren pragmatischem Verständnis von Wissen befunden: DEWEY zufolge hat Sozialwissenschaft dem Ziel zu dienen, "(to bring) a desired state of society into existence" (1939, S.954, zit.n. DEEGAN 1988, S.250). Die Klärung der Frage, ob und ggf. welche Traditionslinien hier zwischen den jeweiligen Verständnissen einer sozialreformerisch engagierten Forschungs- und Arbeitspraxis zu Beginn des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts gezogen werden können, erlaubt eine präzisere Einschätzung darüber, ob sich CLARKEs Programmatik der Situationsanalyse auch als eine Wiederbelebung und Weiterentwicklung frühpragmatistischer Ideale und Praktiken verstehen lässt, wie sie in der Zusammenarbeit von Jane ADDAMS, John DEWEY und George Herbert MEAD zum Ausdruck kamen. Die enge Kopplung zwischen der Gestaltung sozialen Zusammenlebens, etwa im Hull House, und dessen philosophisch-pädagogisch-sozialpsychologisch-soziologischer Erforschung war der Haltung von ADDAMS, MEAD und DEWEY geschuldet, die "ihre eigenen philosophischen Überlegungen nur dann als sinnhaft begriffen, wenn sie zu praktischen Konsequenzen führten, deren Realisierung sie selbst als Personen vorantrieben" (BETHMANN & NIERMANN 2015, §12). [36]
Nun betrieb und betreibt Adele CLARKE kein Hull House oder eine diesem unmittelbar ähnliche Einrichtung, und der Vergleich mit ADDAMS mutet zunächst doch reicht weit hergeholt an. Während die Sozialforschungspraxis von Hull House sich mit Blick auf die eingangs eingeführte Unterscheidung von BETHMANN und NIERMANN (2015) eher als "engagement als Involvierung ins Untersuchungsfeld im Vollzug der Forschung" (§11) charakterisieren lässt, liegt der Situationsanalyse ein Verständnis von "engagement als gesellschaftspolitische Intervention durch Forschung" (a.a.O.) zugrunde. Der Engagement-Begriff der Situationsanalyse ist somit zunächst auf die Wahl des Forschungsgegenstandes, auf die Forschungsfrage und auf das Erkenntnisinteresse bezogen und impliziert eine Sensibilität für mögliche Ungleichheitsdynamiken oder Marginalisierungen. Weil sich aber Ursachen und Verflechtungen solcher Dynamiken ebenso wie die "hochpolitischen oder sogar politisierten Arenen der Wissensproduktion, die für das 21. Jahrhundert so charakteristisch sind" (CLARKE 2012a, S.116) und von denen einige sie in ihrer Forschung zur Entstehung der Reproduktionsmedizin untersucht (CLARKE 1998), nicht (mehr) ohne weiteres an einem einzigen Ort lokalisieren lassen, verändert sich auch die mögliche Rolle von Forschenden, die sich dem Projekt eines kritischen Pragmatismus verbunden fühlen. Insofern verweist der Vergleich auch auf veränderte Bedeutungen von feministisch inspirierter wissenschaftlicher Wissensproduktion im Verlauf des 20. und des 21. Jahrhunderts und insbesondere auf die Akademisierung feministischer Perspektiven und Selbstverständnisse. Der Vergleich zeigt aber auch, dass Pragmatismus-Feminismus-Kopplungen zu Resonanzverstärkern für das gesellschaftspolitische Moment des Pragmatismus werden. Solche und andere Vergleiche zu ziehen und nach spezifischen, historisch situierten Feminismus-Pragmatismus-Kopplungen zu fragen, würde CLARKEs Anliegen Rechnung tragen, feministischen Beiträgen zu wissenschaftlicher Wissensproduktion Sichtbarkeit zu verleihen und ihre Bedeutung anzuerkennen (vgl. für die Philosophie bspw. GREGORATTO 2018). [37]
Nicht zuletzt aus diesem Grund scheint mir abschließend ein Hinweis angebracht, der sich auf die für die Situationsanalyse zentralen Mapping-Techniken bezieht. CLARKE schreibt sich damit in die Sozialforschungspraxis der Chicago School ein, bei der die sozialräumliche Kartierung von Lebensverhältnissen verschiedener Stadtteile zentraler Bestandteil der Methodenpraxis war. Dabei lässt CLARKE selbst einen Aspekt außen vor, der vor allem durch die geschlechtersensible Forschung zu den Anfängen der Chicago School herausgearbeitet worden ist. Unter der Federführung von Jane ADDAMS und Florence KELLEY haben die Bewohnerinnen von Hull House in einer von 1892 bis 1894 durchgeführten Studie die "Hull House Maps and Papers" erarbeitet (HULL HOUSE RESIDENTS 1895), in denen sie die Methode der Kartierung zur sozialräumlichen Erforschung sozialer Lebensverhältnisse aus dem Umfeld der Londoner Toynbee Hall übernommen haben (REINDERS 1982). Thematisch setzten sie damit die Agenda der späteren Stadtforschung der Chicago School. Aus diesem Grund bezeichnet Mary Jo DEEGAN (1988, S.55ff) die "Hull House Maps and Papers" als Geburtsstunde der Chicagoer Soziologie und schreibt ihnen den Rang eines soziologischen Klassikers zu, allerdings einem, der aus den Annalen der Mainstream-Soziologie getilgt worden sei. DEEGAN argumentiert, dass der Aufbau der Studie mit ihren Hauptkapiteln über Einwanderung, Armut und Berufsstrukturen die wichtigsten Themen der späteren Chicagoer Soziologie vorwegnahm und die Chicagoer Tradition der Erforschung der Stadt und ihrer Bewohnenden etablierte. Die dabei verwendete Methode der Kartierung demografischer Informationen über städtische Bevölkerungsgruppen und ihre sozialräumlich-geographische Verteilung auf die Stadt gilt heute als einer der zentralen Beiträge der Chicagoer Soziologie der 1920er und 30er Jahre. Dass diese Methode maßgeblich in der Sozialforschung rund um Hull House zur Anwendung kam, ist in Folge der akademischen Ausdifferenzierung von Soziologie und Sozialer Arbeit einem sozial strukturierten Vergessen anheimgefallen, wobei das weibliche Personal und dessen Beitrag zur empirischen Sozialforschung auf die "vermeintlich 'niederen' Disziplinen des Engagements, also der Sozialarbeit und des 'settlement' verwiesen wurden" (KELLER 2012, S.30f.). Dieser vergeschlechtlichte Prozess der Disziplingenese wirkt dann fort, wenn in der Geschichtsschreibung der Fächer der damals noch nicht vorhandenen Trennung des Feldes (vgl. hierzu BROMBERG, HOFF & MIETHE 2012, S.9f.) keine Rechnung getragen und stattdessen von einer bereits vollzogenen Trennung von Soziologie, Sozialarbeit, Sozialforschung und Sozialreform ausgegangen wird. Eine von der Situationsanalyse und der darin angelegten Kopplung feministischer und pragmatistischer Perspektiven geschärfte Wahrnehmung für Dynamiken der "Veranderung" bzw. des Othering und von Ein- und Ausschlüssen hat das Potenzial, auch die (Methoden-) Geschichtsschreibung der Soziologie (als Disziplin, in der CLARKE sich schwerpunktmäßig verortet) einer kritischen Relektüre zu unterziehen: Dabei wird sie auch nach vergessenen Traditionslinien, nach Orten des Schweigens im Diskurs und nach dem Beitrag von solchen Personen zur empirischen Sozialforschung suchen, die sich von der Subjektposition des "great white man" unterscheiden. [38]
Mein herzlicher Dank für Rückmeldungen zu früheren Versionen dieses Textes gilt Katja MRUCK und Florian MUHLE, den anonymen GutachterInnen dieses Artikels, den OrganisatorInnen und Teilnehmenden der Ad-hoc-Gruppe zur Situationsanalyse des Göttinger Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im September 2018 sowie den Teilnehmenden der Tagung "100 Jahre – Wie weiter mit Anselm Strauss?" im März 2017 in Magdeburg. Außerdem danke ich Jörg STRÜBING und Carrie FRIESE für mündlichen Austausch. Franz BREUER und Adele CLARKE danke ich für Mail-Konversationen.
1) An dieser Stelle (und stellvertretend für weitere Abschnitte) danke ich den beiden anonymen GutachterInnen für präzisierende Hinweise. <zurück>
2) George Herbert MEAD schreibt in seinem Essay über "History and the Experimental Method": "But facts are not there to be picked up. They have to be dissected out, and data are the most difficult of abstractions in any field" (1938, S.98). Vergegenwärtigt man sich die lateinischen Wurzeln beider Wörter, wird deutlich, dass mit facta "das Gemachte" bezeichnet wird, während data "das Gegebene" meint. Der Konstruktionscharakter empirischer Befunde, auf den MEAD hier abzielt, gerät also mit der Etymologie des Faktenbegriffs besser in den Blick, während "Daten" aus dieser Perspektive als das Ergebnis von "Fakten" erscheinen. Heutige alltagssprachliche Verwendungsweisen beider Begriffe lassen im Gegensatz dazu in der Regel Daten als das Gemachte und Fakten als das Gegebene erscheinen. <zurück>
3) In der deutschen Ausgabe der "Situational Analysis" verallgemeinert CLARKE die gestiegene Anforderung an Reflexivität: "In der neueren Forschung zu qualitativen Methoden und verwandten Feldern [wird] der Standpunkt vertreten, die Wissenden seien immer und unweigerlich verkörpert, ungeachtet der Leugnungsstrategien. […] Diese Verkörperung schlägt sich im produzierten Wissen nieder, trotz der Objektivitätsansprüche. Das so lang verleugnete Embodiment ist daher heute umso augenfälliger und muss in Zukunft stärker und reflexiv berücksichtigt werden" (CLARKE 2012a, S.64). <zurück>
4) CLARKE und CHARMAZ betonen dabei sowohl ihre große persönliche und fachliche Nähe zueinander als auch ihre Anerkennung für die Leistung der je anderen. CHARMAZ hat das Vorwort zum Sammelband "Situational Analysis in Practice" (CLARKE et al. 2015a) geschrieben, und beide haben zusammen ein vierbändiges (und leider sündhaft teures) Werk "Grounded Theory and Situational Analysis" herausgegeben (CLARKE & CHARMAZ 2014). <zurück>
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Ursula OFFENBERGER ist als Juniorprofessorin mit Schwerpunkt Lehre am Methodenzentrum der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Tübingen tätig. Sie studierte in Tübingen und Berlin Soziologie, Gender Studies und Skandinavistik und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Organisationspsychologie der Universität St. Gallen.
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