Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/die-verfassungsmaessigkeit-des-sokasig2-3175863
Timestamp: 2020-06-01 04:37:50+00:00

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Die Verfassungsmäßigkeit des SokaSiG2 | Rechtslupe
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hält es für ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, dass § 15 Abs. 1 SokaSiG2 den Tarif­ver­trag über das Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren im Gerüst­bau­er­hand­werk vom 20.01.1994, zuletzt geän­dert durch Tarif­ver­trag vom 11.06.2002, rück­wir­kend auf nicht tarif­ge­bun­de­ne Arbeit­ge­ber erstreckt.
Eine Vor­la­ge nach Art. 100 Abs. 1 GG kommt daher für das Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht in Betracht.
§ 15 Abs. 1 SokaSiG2 ord­net die Wir­kung des VTV-Gerüst­bau für den Zeit­raum vom 01.01.2006 bis zum 31.10.2015 in der aus der Anla­ge 46 zum SokaSiG2 ersicht­li­chen Fas­sung "für alle Arbeit­ge­ber" an. § 41 Abs. 1 SokaSiG2 stellt klar, dass die­se Rechts­nor­men unab­hän­gig davon gel­ten, ob die Tarif­ver­trä­ge wirk­sam abge­schlos­sen wur­den. Die All­ge­mein­ver­bind­lich­keit tarif­ver­trag­li­cher Rechts­nor­men nach dem Tarif­ver­trags­ge­setz bleibt unbe­rührt (§ 42 SokaSiG2, vgl. BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 43).
Gegen die for­mel­le Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit von § 15 Abs. 1 SokaSiG2 bestehen kei­ne Beden­ken. Die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Bun­des ergibt sich aus Art. 70 Abs. 2, Art. 72 Abs. 1, Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG [1]. Der Kom­pe­tenz­ti­tel "Arbeits­recht" begrün­det eine umfas­sen­de Zustän­dig­keit des Bun­des für pri­vat­recht­li­che und auch öffent­lich-recht­li­che Bestim­mun­gen über die Rechts­be­zie­hun­gen im Arbeits­ver­hält­nis [2]. Er umfasst neben dem Recht der Indi­vi­du­al­ar­beits­ver­trä­ge auch das Tarif­ver­trags­recht, ohne dem Vor­be­halt der Erfor­der­lich­keit des Art. 72 Abs. 2 GG zu unter­lie­gen [3].
§ 15 Abs. 1 SokaSiG2 ist mit Art. 9 Abs. 3 GG ver­ein­bar.
Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist das Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG in ers­ter Linie ein Frei­heits­recht auf spe­zi­fisch koali­ti­ons­ge­mä­ße Betä­ti­gung [4]. Es umfasst ins­be­son­de­re die Tarif­au­to­no­mie, die im Zen­trum der den Koali­tio­nen ein­ge­räum­ten Mög­lich­kei­ten steht, ihre Zwe­cke zu ver­fol­gen. Das Aus­han­deln von Tarif­ver­trä­gen ist ein wesent­li­cher Zweck der Koali­tio­nen. Geschützt ist daher vor allem der Abschluss von Tarif­ver­trä­gen. Das schließt den Bestand und die Anwen­dung abge­schlos­se­ner Tarif­ver­trä­ge ein [5].
Die vor­be­halt­los gewähr­leis­te­te Koali­ti­ons­frei­heit ver­wehrt dem Gesetz­ge­ber jedoch nicht jede Rege­lung im Schutz­be­reich die­ses Grund­rechts. Art. 9 Abs. 3 GG ver­schafft den Tarif­ver­trags­par­tei­en in dem für tarif­ver­trag­li­che Rege­lun­gen offen­ste­hen­den Bereich kein Norm­set­zungs­mo­no­pol [6]. Gesetz­li­che Rege­lun­gen, die eine Beein­träch­ti­gung von Art. 9 Abs. 3 GG bewir­ken, kön­nen zuguns­ten der Grund­rech­te Drit­ter sowie sons­ti­ger mit Ver­fas­sungs­rang aus­ge­stat­te­ter Rech­te und Gemein­wohl­be­lan­ge gerecht­fer­tigt wer­den. Sol­len sie die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Sys­tems der Tarif­au­to­no­mie her­stel­len und sichern, ver­fol­gen sie einen legi­ti­men Zweck. Der Gesetz­ge­ber hat eine ent­spre­chen­de Aus­ge­stal­tungs­be­fug­nis. Er hat die Rechts­in­sti­tu­te und Nor­men­kom­ple­xe zu set­zen, die dem Han­deln der Koali­tio­nen und ins­be­son­de­re der Tarif­au­to­no­mie Gel­tung ver­schaf­fen [7]. Er darf ins­be­son­de­re die Ord­nungs­funk­ti­on der Tarif­ver­trä­ge unter­stüt­zen, indem er Rege­lun­gen schafft, die bewir­ken, dass die von den Tarif­ver­trags­par­tei­en aus­ge­han­del­ten Löh­ne und Gehäl­ter auch für Nicht­ver­bands­mit­glie­der mit­tel­bar zur Anwen­dung kom­men [8].
§ 15 Abs. 1 SokaSiG2 ver­folgt einen legi­ti­men Zweck. Die Norm dient der Siche­rung der Tarif­au­to­no­mie. Sie sichert den Fort­be­stand des von den Tarif­ver­trags­par­tei­en des Gerüst­bau­er­hand­werks geschaf­fe­nen Sozi­al­kas­sen­sys­tems, indem sie die Anwen­dung der seit dem 1.01.2006 gel­ten­den Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­ge auf Nicht­ver­bands­mit­glie­der aus­dehnt [9]. Dadurch wer­den weder die koali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Ver­hal­tens­wei­sen der Tarif­ver­trags­par­tei­en ver­letzt, noch wird der mate­ri­el­le Inhalt der tarif­li­chen Rege­lun­gen berührt [10].
Neben dem gemein­nüt­zi­gen Sozi­al­kas­sen­sys­tem im Bau­ge­wer­be exis­tie­ren in ver­schie­de­nen ande­ren Bran­chen Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren, die auf für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Tarif­ver­trä­gen beru­hen. Das sind neben dem Gerüst­bau­er­hand­werk das Maler- und Lackie­rer­hand­werk, das Dach­de­cker­hand­werk, das Stein­metz- und Stein­bild­hau­er­hand­werk, das Betonstein­ge­wer­be, die Stei­ne- und Erden-Indus­trie nebst Beton­stein­hand­werk und Zie­gel­in­dus­trie, das Bäcker­hand­werk, die Brot- und Back­wa­ren­in­dus­trie, der Gar­ten, Land­schafts- und Sport­platz­bau, die Land- und Forst­wirt­schaft sowie der Bereich der Redak­teu­rin­nen und Redak­teu­re von Tages­zei­tun­gen [11]. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en haben in die­sen Bran­chen gemein­sa­me Ein­rich­tun­gen errich­tet, von deren Leis­tun­gen eine Viel­zahl von Arbeit­neh­mern, Aus­zu­bil­den­den und Rent­nern pro­fi­tiert. Die Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren in die­sen Bran­chen set­zen eben­so wie im Bau­ge­wer­be vor­aus, dass die Las­ten von den Arbeit­ge­bern gemein­sam und soli­da­risch – unab­hän­gig von der Tarif­bin­dung des Arbeit­ge­bers – getra­gen wer­den. Sie stre­ben nach all­ge­mei­ner Gel­tung [12]. Des­halb wur­den die Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­ge in die­sen Bran­chen – eben­so wie im Bau­ge­wer­be – bis­her regel­mä­ßig nach § 5 TVG für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt.
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung ver­schie­de­ner Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­ge für das Bau­ge­wer­be für unwirk­sam erklärt [13]. Die betei­lig­ten Rechts­krei­se hat­ten das nicht erwar­tet [14]. Die Ent­schei­dun­gen wur­den über­wie­gend als Gefähr­dung des Fort­be­stands der Sozi­al­kas­sen gewer­tet [15]. Dabei war ersicht­lich, dass von den Aus­wir­kun­gen die­ser Ent­schei­dun­gen mit­tel­bar auch die Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren in ande­ren Bran­chen betrof­fen sein könn­ten [16]. Der Gesetz­ge­ber muss­te nicht zuwar­ten, ob die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen der ein­zel­nen Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­ge für unwirk­sam erklärt wer­den wür­den, son­dern konn­te bereits im Vor­griff han­deln. Dem Gesetz­ge­ber kommt ein Ein­schät­zungs- und Pro­gno­se­spiel­raum bei der Beur­tei­lung einer Bedro­hungs­la­ge für ein Gemein­schafts­gut zu [17].
Die Tarif­ver­trags­par­tei­en erfül­len mit der Schaf­fung von Tarif­nor­men, die der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung zugäng­lich sind, in beson­de­rem Maß die ihnen durch Art. 9 Abs. 3 GG zuge­wie­se­ne öffent­li­che Auf­ga­be, die Arbeits­be­din­gun­gen und Wirt­schafts­be­din­gun­gen in eige­ner Ver­ant­wor­tung und im Wesent­li­chen ohne staat­li­che Ein­fluss­nah­me zu gestal­ten [18]. §§ 1 bis 38 SokaSiG2 ord­nen die Gel­tungs­er­stre­ckung der Tarif­nor­men an und kor­ri­gie­ren damit etwai­ge "Feh­ler" des Norm­ge­bers der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen der ver­schie­de­nen in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trä­ge. Nicht tarif­ge­bun­de­ne Gerüst­bau­er beru­fen sich ver­geb­lich dar­auf, die "Erset­zung" der unwirk­sa­men All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV-Gerüst­bau durch eine gesetz­li­che Rege­lung sei nicht vor­her­seh­bar gewe­sen. Dem Gesetz­ge­ber steht die Wahl einer ande­ren Rechts­form als der in § 5 TVG gere­gel­ten All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung für die Erstre­ckung eines Tarif­ver­trags auf Außen­sei­ter frei. Die Rechts­form ändert nichts an Inhalt und Ergeb­nis der Erwä­gun­gen zu der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung von Tarif­ver­trä­gen [19].
Die Gel­tungs­er­stre­ckung der Tarif­nor­men durch das SokaSiG2 geht nicht über die­sen legi­ti­men Zweck hin­aus. Ins­be­son­de­re wer­den den tarif­frei­en Arbeit­ge­bern kei­ne neu­en, bis­her nicht vor­han­de­nen finan­zi­el­len oder sons­ti­gen Belas­tun­gen auf­er­legt. Durch die gesetz­li­che Gel­tungs­an­ord­nung wer­den sie weder zwangs­wei­se Mit­glied eines der tarif­ver­trags­schlie­ßen­den Ver­bän­de, noch wird es ihnen ver­wehrt, sich ander­wei­tig als Koali­ti­on iSv. Art. 9 Abs. 3 GG zusam­men­zu­schlie­ßen. Soweit die gesetz­li­che Gel­tungs­er­stre­ckung des VTV-Gerüst­bau einen mit­tel­ba­ren Druck erzeu­gen soll­te, um der grö­ße­ren Ein­fluss­mög­lich­keit wil­len Mit­glied einer der tarif­ver­trags­schlie­ßen­den Par­tei­en zu wer­den, ist die­ser Druck jeden­falls nicht so erheb­lich, dass die nega­ti­ve Koali­ti­ons­frei­heit ver­letzt wür­de [20]. Das hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung von Sozi­al­kas­sen­ta­rif­ver­trä­gen des Bau­ge­wer­bes bereits mehr­fach ent­schie­den [21]. Auch der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te hat fest­ge­stellt, dass die Ver­pflich­tung eines Bau­un­ter­neh­mens zur Abfüh­rung von Sozi­al­kas­sen­bei­trä­gen kei­nen Ein­griff in des­sen Recht dar­stellt, nicht gegen sei­nen Wil­len einer Ver­ei­ni­gung bei­tre­ten zu müs­sen [22].
§ 15 Abs. 1 SokaSiG2 ver­stößt nicht gegen die durch Art. 12 GG geschütz­te Berufs­frei­heit. Die Rechts­nor­men, deren Gel­tung § 15 Abs. 1 SokaSiG2 anord­net, ent­hal­ten kei­ne Berufs­zu­gangs­re­geln. Sie bin­den die Berufs­auf­nah­me nicht an per­sön­li­che Eigen­schaf­ten, Fähig­kei­ten oder Leis­tungs­nach­wei­se. Indem der VTV-Gerüst­bau in der Fas­sung, auf die § 15 Abs. 1 SokaSiG2 ver­weist, den Betrie­ben des Gerüst­bau­er­hand­werks Zah­lungs­pflich­ten auf­er­legt, greift er nicht als Berufs­aus­übungs­re­ge­lung in die durch Art. 12 Abs. 1 GG geschütz­te unter­neh­me­ri­sche Betä­ti­gungs­frei­heit der ver­pflich­te­ten Arbeit­ge­ber ein. Die durch die Bei­trags­pflicht bezweck­te Umla­ge­fi­nan­zie­rung des Urlaubs­kas­sen­ver­fah­rens, der Berufs­bil­dung und der zusätz­li­chen Alters­ver­sor­gung im Gerüst­bau­er­hand­werk betrifft ledig­lich den Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen den bran­chen­zu­ge­hö­ri­gen Arbeit­ge­bern unter­ein­an­der und zu den Arbeit­neh­mern auf über­ta­rif­li­cher Ebe­ne [23].
GG wird durch § 15 Abs. 1 SokaSiG2 nicht ver­letzt. Unter den Schutz der Eigen­tums­ga­ran­tie nach Art. 14 Abs. 1 GG fal­len auch schuld­recht­li­che Ansprü­che, die im Gel­tungs­be­reich des Grund­ge­set­zes erwor­ben wor­den sind, soweit sie bereits bestehen [24]. Es kann dahin­ste­hen, ob nicht ori­gi­när tarif­ge­bun­de­ne Arbeit­ge­ber auf­grund einer mög­li­cher­wei­se unwirk­sa­men All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV-Gerüst­bau ohne die Gel­tungs­er­stre­ckung nach § 15 Abs. 1 SokaSiG2 gegen die Sozi­al­kas­se schuld­recht­li­che Ansprü­che auf Bei­trags­rück­erstat­tung haben könn­ten. Selbst wenn eine rück­wir­ken­de Besei­ti­gung von Bei­trags­er­stat­tungs­an­sprü­chen als Ein­griff in Art. 14 Abs. 1 GG betrach­tet wür­de, genüg­te die­ser Ein­griff in jedem Fall den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen. Die mit § 15 Abs. 1 SokaSiG2 bezweck­te Siche­rung des Sozi­al­kas­sen­ver­fah­rens im Gerüst­bau­ge­wer­be ist als legi­ti­mes Gemein­wohl­ziel geeig­net, einen mög­li­chen Ein­griff in Art. 14 Abs. 1 GG zu recht­fer­ti­gen [25].
§ 15 Abs. 1 SokaSiG2 ver­stößt nicht gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG.
Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz ist ver­letzt, wenn eine Grup­pe von Normadres­sa­ten anders behan­delt wird als eine ande­re, obwohl zwi­schen den Grup­pen kei­ne Unter­schie­de von sol­chem Gewicht bestehen, dass sie eine Ungleich­be­hand­lung recht­fer­ti­gen kön­nen [26].
§ 15 Abs. 1 SokaSiG2 führt nicht zu einer Ungleich­be­hand­lung, son­dern zu einer Gleich­be­hand­lung aller Gerüst­bau­be­trie­be, die unter den räum­li­chen und fach­li­chen Gel­tungs­be­reich des VTV-Gerüst­bau fal­len, unab­hän­gig von einer etwa bestehen­den Ver­bands­mit­glied­schaft. Die tarif­ge­bun­de­nen Betrie­be müs­sen die­sel­ben Bei­trä­ge leis­ten wie die Nicht­mit­glie­der. Sie genie­ßen ihnen gegen­über auch kei­ne sons­ti­gen Pri­vi­le­gi­en. Die Grup­pen der Mit­glie­der und der Nicht­mit­glie­der sind ver­gleich­bar [27].
Der Gesetz­ge­ber hat die nor­ma­ti­ve Erstre­ckung nicht auf das Gerüst­bau­ge­wer­be beschränkt, son­dern in §§ 1 bis 38 SokaSiG2 die­je­ni­gen Bran­chen ein­be­zo­gen, in denen Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren bestehen, die auf für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Tarif­ver­trä­gen beru­hen [11]. Damit bezie­hen sich die Rege­lun­gen des SokaSiG2 auf die­je­ni­gen Bran­chen, deren Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren auf­grund der Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 21.09.2016 und 25.01.2017 nach § 98 ArbGG zu den Vor­aus­set­zun­gen von wirk­sa­men All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen gefähr­det sein könn­ten [28]. Die­se Abgren­zung ist nach dem Maß­stab des Art. 3 Abs. 1 GG nicht zu bean­stan­den.
§ 15 Abs. 1 SokaSiG2 ver­letzt aus Sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht das durch Art. 2 Abs. 1 iVm. Art.20 Abs. 3 GG geschütz­te Ver­trau­en tarif­frei­er Arbeit­ge­ber, von rück­wir­ken­den Geset­zen nicht in unzu­läs­si­ger Wei­se belas­tet zu wer­den.
Das grund­sätz­li­che Ver­bot rück­wir­ken­der belas­ten­der Geset­ze beruht auf den Prin­zi­pi­en der Rechts­si­cher­heit und des Ver­trau­ens­schut­zes. Es schützt das Ver­trau­en in die Ver­läss­lich­keit und Bere­chen­bar­keit der unter der Gel­tung des Grund­ge­set­zes geschaf­fe­nen Rechts­ord­nung und der auf ihrer Grund­la­ge erwor­be­nen Rech­te [29]. Nor­men mit ech­ter Rück­wir­kung ("Rück­be­wir­kung von Rechts­fol­gen") sind danach grund­sätz­lich ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­sig, sofern eine Durch­bre­chung die­ses Ver­bots nicht aus­nahms­wei­se durch zwin­gen­de Belan­ge des Gemein­wohls oder ein nicht – oder nicht mehr – vor­han­de­nes schutz­be­dürf­ti­ges Ver­trau­en des Ein­zel­nen gestat­tet wird [30].
Eine Rechts­norm ent­fal­tet ech­te Rück­wir­kung, wenn sie nach­träg­lich in einen abge­schlos­se­nen Sach­ver­halt ändernd ein­greift. Das ist ins­be­son­de­re anzu­neh­men, wenn ihre Rechts­fol­ge mit belas­ten­der Wir­kung schon vor dem Zeit­punkt ihrer Ver­kün­dung für bereits abge­schlos­se­ne Tat­be­stän­de gel­ten soll [31]. Ein rück­wir­ken­der belas­ten­der Ein­griff ist aus­nahms­wei­se zuläs­sig, wenn ein Ver­trau­en des Bür­gers auf den Fort­be­stand einer bestimm­ten Rechts­la­ge sach­lich nicht gerecht­fer­tigt und daher nicht schutz­wür­dig war [32]. Das kann etwa der Fall sein, wenn die Rechts­un­ter­wor­fe­nen schon in dem Zeit­punkt, auf den die Rück­wir­kung bezo­gen wird, nicht auf den Fort­be­stand einer gesetz­li­chen Rege­lung ver­trau­en durf­ten, son­dern mit ihrer Ände­rung rech­nen muss­ten [33]. Zudem kann sich der Bür­ger nicht immer auf den durch eine ungül­ti­ge Norm erzeug­ten Rechts­schein ver­las­sen. Er kann mit ande­ren Wor­ten wegen des auch von einer letzt­lich als ungül­tig erkann­ten Norm regel­mä­ßig aus­ge­hen­den Rechts­scheins ihrer Wirk­sam­keit und mit Rück­sicht auf den in ihr zum Aus­druck gekom­me­nen Recht­set­zungs­wil­len des Norm­ge­bers nicht stets dar­auf ver­trau­en, von einer ent­spre­chen­den Rege­lung jeden­falls für den Zeit­raum die­ses Rechts­scheins ver­schont zu blei­ben. Der Gesetz­ge­ber kann eine nich­ti­ge Bestim­mung des­halb unter Umstän­den rück­wir­kend durch eine recht­lich nicht zu bean­stan­den­de Norm erset­zen [34].
Das SokaSiG2 trat nicht for­mell rück­wir­kend in Kraft, son­dern nach Art. 3 des Geset­zes zur Siche­rung der tarif­ver­trag­li­chen Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren und zur Ände­rung des Arbeits­ge­richts­ge­set­zes am Tag nach der Ver­kün­dung. Gleich­wohl ent­fal­tet die Rege­lung in § 15 Abs. 1 SokaSiG2 mate­ri­ell "ech­ten" rück­wir­ken­den Cha­rak­ter [35]. Die Norm schafft für alle Arbeit­ge­ber, die dem Gel­tungs­be­reich des VTV-Gerüst­bau in der aus der Anla­ge 46 zum SokaSiG2 ersicht­li­chen Fas­sung unter­fal­len, für den bereits abge­wi­ckel­ten, der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren­den Zeit­raum vom 01.01.2006 bis zum 31.12 2015 rück­wir­kend einen wei­te­ren Gel­tungs­grund.
Die in § 15 Abs. 1 SokaSiG2 ange­ord­ne­te ech­te Rück­wir­kung begeg­net aus Sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts jedoch kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Bei den nicht ori­gi­när tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­bern konn­te sich kein hin­rei­chend gefes­tig­tes und damit schutz­wür­di­ges Ver­trau­en dar­auf bil­den, von Bei­trags­zah­lun­gen ver­schont zu blei­ben oder Bei­trä­ge erstat­tet zu bekom­men.
Bis zum 20.09.2016 bestand kei­ne Grund­la­ge für ein Ver­trau­en auf die Unwirk­sam­keit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV-Gerüst­bau.
Die Arbeit­ge­ber muss­ten viel­mehr vom Gegen­teil aus­ge­hen und ihre wirt­schaft­li­chen Dis­po­si­tio­nen auf die voll­stän­di­ge Erfül­lung der in den ver­schie­de­nen Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­gen gere­gel­ten Pflich­ten ein­rich­ten. Das gilt für den unmit­tel­bar von den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 21.09.2016 [36] betrof­fe­nen Bereich des Bau­ge­wer­bes [37]. Noch am 22.06.2016 war das Bun­des­ar­beits­ge­richt von der Wirk­sam­keit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen der Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­ge in der Bau­bran­che aus den Jah­ren 2006 und 2008 aus­ge­gan­gen [38].
Eben­so wenig konn­te sich bis zu die­sem Zeit­punkt im Bereich des Gerüst­bau­ge­wer­bes ein Ver­trau­en dar­auf bil­den, die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV-Gerüst­bau sei unwirk­sam. Das dama­li­ge Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Arbeit hat­te den VTV-Gerüst­bau nach § 5 TVG aF für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt. Bis zum Zeit­punkt der Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 21.09.2016 [39] ent­sprach es der weit über­wie­gen­den Rechts­an­sicht, dass sowohl die ver­schie­de­nen Fas­sun­gen der Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­ge im Bau­ge­wer­be als auch die­je­ni­gen in ande­ren Bran­chen wirk­sam für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wor­den waren. Nach der dama­li­gen Rechts­la­ge war die Wirk­sam­keit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung eines Tarif­ver­trags durch die Gerich­te für Arbeits­sa­chen grund­sätz­lich (inzi­den­ter) von Amts wegen zu prü­fen, soweit es ent­schei­dungs­er­heb­lich auf sie ankam. Dabei gin­gen die Gerich­te stets davon aus, dass der ers­te Anschein für die Recht­mä­ßig­keit einer All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung sprach. Es wur­de grund­sätz­lich ange­nom­men, das zustän­di­ge Bun­des­mi­nis­te­ri­um neh­me die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung eines Tarif­ver­trags nur unter Beach­tung der gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen vor. Bestand zwi­schen den Par­tei­en über die Wirk­sam­keit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung kein Streit und waren auch von Amts wegen kei­ne ernst­haf­ten Zwei­fel gerecht­fer­tigt, war ihre gericht­li­che Über­prü­fung ent­behr­lich. Ent­ge­gen­ste­hen­de Recht­spre­chung der bis zum 15.08.2014 für die Ent­schei­dung über die Wirk­sam­keit einer All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung nach § 5 TVG aF zustän­di­gen Ver­wal­tungs­ge­rich­te lag nicht vor [40]. Noch am 17.10.2012 hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt inzi­dent die Wirk­sam­keit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV-Gerüst­bau ange­nom­men [41].
Die nicht ver­bands­zu­ge­hö­ri­gen Arbeit­ge­ber des Gerüst­bau­er­hand­werks konn­ten auch nach den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 21.09.2016 [42] nicht dar­auf ver­trau­en, nicht mehr zu Bei­trä­gen zum Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren her­an­ge­zo­gen zu wer­den oder bereits geleis­te­te Zah­lun­gen zurück­er­stat­tet zu erhal­ten. Auf­grund der Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 21.09.2016 stand nicht fest, ob auch die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV-Gerüst­bau in einem Ver­fah­ren nach § 98 ArbGG für unwirk­sam erklärt wer­den wür­de.
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen des VTV-Bau aus den Jah­ren 2008, 2010 und 2014 für unwirk­sam gehal­ten, weil nicht fest­ge­stellt wer­den konn­te, dass die tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­ber bei Erlass der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung nicht weni­ger als 50 vH der unter den Gel­tungs­be­reich des VTV-Bau fal­len­den Arbeit­neh­mer beschäf­tig­ten (§ 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 TVG aF, soge­nann­te 50 %-Quo­te) [43].
Das Ver­hält­nis der orga­ni­sier­ten zu den nicht orga­ni­sier­ten Arbeit­neh­mern im Gerüst­bau­ge­wer­be kann jedoch grund­le­gend von dem ent­spre­chen­den Ver­hält­nis in der Bau­bran­che abwei­chen. Im Übri­gen erge­ben sich für die Ermitt­lung der Quo­te im Bau­be­reich Beson­der­hei­ten gegen­über dem Gerüst­bau­ge­wer­be: Zur Fest­stel­lung der Quo­te ist zunächst die Gro­ße Zahl zu ermit­teln, dh. die Gesamt­zahl der Arbeit­neh­mer, die unter den Gel­tungs­be­reich des Tarif­ver­trags fal­len, unab­hän­gig davon, ob Tarif­bin­dung besteht oder nicht. Für die Ermitt­lung der Gro­ßen Zahl kommt es dar­auf an, wie vie­le Arbeit­neh­mer ins­ge­samt unter den räum­li­chen, fach­li­chen und per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich des für all­ge­mein­ver­bind­lich zu erklä­ren­den Tarif­ver­trags fal­len. Für die Ermitt­lung der Gro­ßen Zahl ist es dage­gen uner­heb­lich, ob die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung mit Ein­schrän­kun­gen hin­sicht­lich des betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reichs ergan­gen ist. Viel­mehr ist auch im Fall eines bereits ein­ge­schränk­ten Antrags auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung oder einer Ein­schrän­kung der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung ohne Antrag durch das zustän­di­ge Minis­te­ri­um auf den tarif­li­chen Gel­tungs­be­reich abzu­stel­len [44]. Des­we­gen war das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les für das Bau­ge­wer­be bei der Bestim­mung der Quo­te nach § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 TVG aF von einer fal­schen, also unge­eig­ne­ten Schätz­grund­la­ge für die Bestim­mung der Gro­ßen Zahl aus­ge­gan­gen. Es hat­te vor der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung nicht ermit­telt, wie vie­le Arbeit­neh­mer unter den Gel­tungs­be­reich des VTV-Bau fie­len. Viel­mehr hat­te es die Zah­len zugrun­de gelegt, aus denen sich nur ergab, wie vie­le Arbeit­neh­mer im Gel­tungs­be­reich des VTV-Bau unter Berück­sich­ti­gung der Gro­ßen Ein­schrän­kungs­klau­sel zu der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung beschäf­tigt wur­den [45].
Für den Anwen­dungs­be­reich des VTV-Gerüst­bau besteht eine ent­spre­chen­de Pro­ble­ma­tik nicht. Die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV-Gerüst­bau ist ohne eine ver­gleich­ba­re Gro­ße Ein­schrän­kungs­klau­sel ergan­gen. Es bestand daher kei­ne aus­rei­chen­de Grund­la­ge dafür, dar­auf zu ver­trau­en, die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV-Gerüst­bau wer­de aus die­sem Grund für unwirk­sam erklärt.
Die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen des VTV-Bau aus den Jah­ren 2008 und 2010 erwie­sen sich auch als unwirk­sam, weil sich der zustän­di­ge Minis­ter bzw. die zustän­di­ge Minis­te­rin oder der zustän­di­ge Staats­se­kre­tär bzw. die zustän­di­ge Staats­se­kre­tä­rin nicht mit ihnen befasst hat­ten [46]. Die­se Pro­ble­ma­tik könn­te sich auch in Bezug auf die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV-Gerüst­bau stel­len. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat mit Ver­fü­gung vom 10.11.2016 dar­auf hin­ge­wie­sen, aus­weis­lich der Infor­ma­tio­nen aus frei zugäng­li­chen Quel­len sei die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung nur mit "Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les" unter­zeich­net gewe­sen. Hier­aus ergibt sich jedoch kein Hin­weis, ob sich der Minis­ter oder die Minis­te­rin bzw. ein Staats­se­kre­tär oder eine Staats­se­kre­tä­rin per­sön­lich mit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung befasst hat. Es war daher nicht abseh­bar, ob in einem Ver­fah­ren nach § 98 ArbGG fest­ge­stellt wer­den wür­de, dass die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV-Gerüst­bau aus die­sem Grund unwirk­sam ist.
Der Gesetz­ge­ber hat mit § 15 Abs. 1 SokaSiG2 auch kei­ne – ver­fas­sungs­recht­lich grund­sätz­lich unzu­läs­si­ge – rück­wir­ken­de "Klar­stel­lung" der Rechts­la­ge in dem Sinn vor­ge­nom­men, dass er nach­träg­lich einer höchst­rich­ter­lich geklär­ten Aus­le­gung des Geset­zes den Boden ent­zo­gen hät­te [47]. Der Gesetz­ge­ber hat sich nicht die "ver­bind­li­che" Inter­pre­ta­ti­on des § 5 Abs. 1 Satz 1 TVG aF ange­maßt. Viel­mehr hat er eine gesetz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dung in einer beson­de­ren Situa­ti­on getrof­fen, in der er sich einer mit nicht abseh­ba­ren und weit­rei­chen­den Fol­gen ver­bun­de­nen Neu­aus­rich­tung der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung gegen­über der zuvor gefes­tig­ten Rechts­pra­xis kon­fron­tiert sah [48]. Mit der gesetz­li­chen Erstre­ckungs­an­ord­nung woll­te der Gesetz­ge­ber – letzt­lich mit Rück­sicht auf die For­de­run­gen der Rechts­staat­lich­keit und der Rechts­si­cher­heit – statt anfecht­ba­ren Rechts unan­fecht­ba­res Recht set­zen. Er hat dabei die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht "kas­siert" [49]. Dies ergibt sich für das SokaSiG2 bereits aus dem Umstand, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt kei­ne All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung von Sozi­al­kas­sen­ta­rif­ver­trä­gen aus die­sem Bereich für unwirk­sam erklärt hat. Der Gesetz­ge­ber durf­te vor­sorg­lich eine mög­li­cher­wei­se unwirk­sa­me Erstre­ckung der Norm­wir­kung des VTV durch eine wirk­sa­me – gesetz­li­che – Erstre­ckungs­an­ord­nung ergän­zen.
§ 15 Abs. 1 SokaSiG2 ist kein nach Art.19 Abs. 1 Satz 1 GG unzu­läs­si­ges Ein­zel­fall­ge­setz. Art.19 Abs. 1 Satz 1 GG ent­hält letzt­lich eine Kon­kre­ti­sie­rung des all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes. Danach ist es dem Gesetz­ge­ber ver­bo­ten, aus einer Rei­he gleich­ge­la­ger­ter Sach­ver­hal­te einen Fall her­aus­zu­grei­fen und zum Gegen­stand einer Son­der­re­gel zu machen [50]. Die Vor­ga­ben des SokaSiG2 gel­ten für die Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­ge der exis­tie­ren­den Sozi­al­kas­sen, die auf für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Tarif­ver­trä­gen beru­hen. Ziel war es, die­je­ni­gen Bran­chen zu erfas­sen, die von den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 21.09.2016 [36] und 25.01.2017 [51] mit­tel­bar betrof­fen sein könn­ten. Damit greift das SokaSiG2 nicht aus einer Viel­zahl gleich­ge­la­ger­ter Fäl­le einen ein­zel­nen Fall oder eine bestimm­te Grup­pe her­aus. Es trifft viel­mehr eine Rege­lung für die­je­ni­gen Sozi­al­kas­sen, bei denen die Nor­mer­stre­ckung der Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­ge auf Außen­sei­ter nach Auf­fas­sung des Gesetz­ge­bers gefähr­det war. Die Will­kür einer gesetz­li­chen Ein­zel­fall­re­ge­lung, vor der Art.19 Abs. 1 Satz 1 GG schüt­zen will, ist hier nicht gege­ben [52].
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 27. März 2019 – 10 AZR 211/​18
BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 44[↩]
BVerfG 11.07.2017 – 1 BvR 1571/​15, 1 BvR 1588/​15, 1 BvR 2883/​15, 1 BvR 1043/​16, 1 BvR 1477/​16, Rn. 126, BVerfGE 146, 71; BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18 – aaO[↩]
BVerfG 11.07.2017 – 1 BvR 1571/​15, 1 BvR 1588/​15, 1 BvR 2883/​15, 1 BvR 1043/​16, 1 BvR 1477/​16 ‑Rn. 130 f., BVerfGE 146, 71[↩]
BT-Drs. 18/​12827 S. 1 f. und S. 5 f.[↩]
vgl. BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 48[↩]
BT-Drs. 18/​12827 S. 1 f.[↩][↩]
vgl. BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 49[↩]
zB BAG 21.09.2016 – 10 ABR 33/​15, Rn. 138 ff., BAGE 156, 213; 21.09.2016 – 10 ABR 48/​15, Rn. 169 ff., BAGE 156, 289[↩]
vgl. Thü­s­ing NZA-Bei­la­ge 1/​2017, 3: "Pau­ken­schlag"[↩]
vgl. nur Bay­reu­ther AS-Drs. 18(11)1097 S. 38 f.[↩]
vgl. BT-Drs. 18/​12827 S. 1 f.[↩]
vgl. BVerfG 8.06.2010 – 1 BvR 2011/​07, 1 BvR 2959/​07, Rn. 96, BVerfGE 126, 112[↩]
BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18 ‑Rn. 51[↩]
vgl. BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 52[↩]
EGMR 2.06.2016 – 23646/​09 – [Geo­tech Kan­cev GmbH/​Deutschland] Rn. 53 ff.[↩]
vgl. BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 55[↩]
vgl. BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 58 ff.[↩]
vgl. BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 65[↩]
BVerfG 10.04.2018 – 1 BvR 1236/​11, Rn. 133[↩]
BVerfG 16.12 2015 – 2 BvR 1958/​13, Rn. 43, BVerfGE 141, 56; BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 69[↩]
BVerfG 3.09.2009 – 1 BvR 2384/​08, Rn.19, BVerfGK 16, 162; BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 70[↩]
Bay­reu­ther AS-Drs. 18(11)1097 S. 38[↩]
BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 77 ff.[↩]
BAG 21.09.2016 – 10 ABR 33/​15, BAGE 156, 213; und – 10 ABR 48/​15, BAGE 156, 289[↩]
BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 78[↩]
BAG 17.10.2012 – 10 AZR 629/​11, Rn. 8 ff.[↩]
BAG 21.09.2016 – 10 ABR 33/​15, BAGE 156, 213; und 10 ABR 48/​15, BAGE 156, 289[↩]
BAG 21.09.2016 – 10 ABR 33/​15, Rn. 185 ff., BAGE 156, 213; 21.09.2016 – 10 ABR 48/​15, Rn. 169 ff., BAGE 156, 289[↩]
BAG 21.09.2016 – 10 ABR 33/​15, Rn. 186 ff., BAGE 156, 213[↩]
BAG 21.09.2016 – 10 ABR 33/​15, Rn.201 f., BAGE 156, 213; 21.09.2016 – 10 ABR 48/​15, Rn. 185 ff., BAGE 156, 289[↩]
BAG 21.09.2016 – 10 ABR 33/​15, Rn. 138 ff., BAGE 156, 213[↩]
vgl. BVerfG 17.12 2013 – 1 BvL 5/​08, Rn. 52 ff., BVerfGE 135, 1; BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 92 ff.[↩]
vgl. BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 92[↩]
vgl. BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 93[↩]
BVerfG 6.12 2016 – 1 BvR 2821/​11, 1 BvR 321/​12, 1 BvR 1456/​12, Rn. 394 mwN, BVerfGE 143, 246; BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 106[↩]
vgl. BAG 20.11.2018 – 10 AZR 121/​18, Rn. 107[↩]
GerüstbauerSozialkasseSozialkassenbeiträgeSozialkassenverfahrenUrlaubs- und Lohnausgleichskasse

References: § 15
 Art. 100

§ 15
 § 41
 § 15
 Art. 70
 Art. 72
 Art. 74
 Art. 72

§ 15
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9

§ 15
 § 5
 Art. 9
 § 5
 Art. 9

§ 15
 Art. 12
 § 15
 § 15
 Art. 12
 § 15
 Art. 14
 § 15
 Art. 14
 § 15
 Art. 14

§ 15
 Art. 3

§ 15
 § 98
 Art. 3

§ 15
 Art. 2
 Art.20
 Art. 3
 § 15
 § 15
 § 5
 § 5
 § 98
 § 5
 § 98
 § 15
 § 5

§ 15
 Art.19
 Art.19
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