Source: https://radverkehrspolitik.de/2013/06/page/2/
Timestamp: 2019-07-22 04:08:39+00:00

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Juni 2013 — Seite 2 von 3 — Radverkehrspolitik
Gezwungen auf öffentlichen Straßen zu fahren
Das wichtigste zuerst: Richterin Dr. Christine von Milczewski ist offenbar kein Mitglied des 7. Zivilsenates am Oberlandesgericht Schleswig, hat also mit dem eigentlichen Fahrradhelm-Urteil erst einmal nichts zu tun. Sie ist „nur“ die Pressesprecherin und hatte das Vergnügen, gegenüber Radio Hamburg zu der Sache Stellung zu nehmen. Die Radiosendung gibt’s noch als MP3-Datei zum Anhören, ab Minute 1:35 geht’s um das Urteil.
Der Nachrichtensprecher gibt einen groben Überblick über das Urteil und fragt dann bezüglich der Argumentationslinie des Gerichtes, dass die geschädigte Radfahrerin einen Teil ihrer Kosten in Ermangelung eines Fahrradhelmes selbst zahlen muss:
Weil es an vielen Orten auch keine Fahrradwege gibt, sind sie gezwungen, auf öffentlichen Straßen zu fahren und es besteht die zumutbare Möglichkeit, einen Helm zu tragen um sich selber zu schützen. Und das Urteil sagt eben auch: Du musst das auch machen, wenn du von der anderen Seite im vollen Umfang Schadensersatz haben willst.
Nun gut, der hintere Teil der Antwort ist ja noch halbwegs nachvollziehbar, der vordere krankt alleine schon an den entsprechenden Fachbegriffen. Was soll denn nun ausgerechnet eine „öffentliche Straße“ sein, was eine „normale Straße“ nicht ist? Reitet man nun zu sehr auf der falschen Wortwahl herum, hat man den Job eines Pressesprechers nicht verstanden: Es ist nicht von Milczewskis Aufgabe, jetzt mit Fahrbahnen, Rad- und Gehwegen zu hantieren, sondern eine Antwort zu geben, die der normale Radiohörer auch kapiert. Das ist andersherum wieder lästig, denn gerade die Differenzierung zwischen den einzelnen Straßenteilen ermöglicht erst einen klaren Blick durch die Straßenverkehrs-Ordnung, wenn beispielsweise die Sicherheitsaspekte von Hochbordradwegen, Gehwegen, Schutzstreifen, Radfahrstreifen und Fahrbahn nicht pauschal durcheinandergewirbelt werden, indem sämtliche Radverkehrsanlagen unter dem Schlagwort „Radweg“ verbucht werden.
Das spielt nun aber auch keine große Rolle, denn eigentlich möchte von Milczewski wahrscheinlich ausdrücken, dass das Radfahren abseits der Radwege recht gefährlich wäre und deshalb ein Helm getragen werden sollte. Dass sie damit die nun wirklich recht eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten fünfzehn Jahre ignoriert, ist umso verwunderlicher, weil es in dem besagten Urteil mit ähnlicher Vehemenz bezüglich der Sicherheit um die von verständigen Menschen nicht anzweifelbare Schutzwirkung eines Fahrradhelmes ging.
Und warum gilt das nicht für Fußgänger?
Bei Fußgängern ist es so, dass diese sich meistens nicht im öffentlichen Verkehrsraum bewegen, mit öffentlichem Verkehrsraum meine ich die Straße, und dann ist es auch so, dass bei Fußgängern die Sturzgefahr nicht so hoch ist. Also, der Fußgänger bringt nicht so viel Eigenbewegung mit.
Leider die falsche Antwort.
Erst behauptet von Milczewski, Fußgänger wären nicht im öffentlichen Verkehrsraum unterwegs, definiert dann aber rückwirtend die Straße als öffentlichen Verkehrsraum und vergisst, dass sich nicht nur formal der Gehweg zur Straße zählt, sondern auch praktisch Fußgänger Berührungspunkte mit anderen Verkehrsteilnehmern haben, indem sie Radwege und Fahrbahnen überqueren und durchaus auch mal angefahren werden können. Ein gewisses Risiko geht nunmal mit der Teilnahme am Straßenverkehr einher, auch wenn man nur auf den eigenen zwei Füßen unterwegs ist.
Von Milczewski zitiert dann allerdings vermutlich aus dem Urteil und meint, es wären keine Schutzmaßnahmen erforderlich, weil Fußgänger nicht so tief fielen. Das ist zwar richtig, ein Fußgänger fliegt selten nach einer Kollision ein paar Meter durch die Luft, wenn er nicht gerade von einem schnell fahrenden Kraftfahrzeug mitgenommen wird. Die meisten Unfälle spielen sich tatsächlich mit „nicht so viel Eigenbewegung“ ab. Darum geht es im Urteil allerdings nicht primär, es geht darum, dass im Sinne von § 254 BGB Schutzmaßnahmen für Fußgänger weder verhältnismäßig noch verbreitet sind. Es ist durchaus üblich, zum Radfahren, Reiten und Skifahren einen geeigneten Helm zu tragen, für Fußgänger ist das aber genauso unüblich wie für Kraftfahrer oder Treppensteiger. Das macht einfach niemand. Und das verlangt einfach auch niemand, weil es sich im gesellschaftlichen Bewusstsein nunmal nicht durchgesetzt hat.
Davon abgesehen: Körperlich eingeschränkte Personen, die tendenziell häufiger stürzen, tragen durchaus einen Kopfschutz, wenn auch nicht gerade einen Helm.
Veröffentlicht am 20. Juni 2013 Autor MalteKategorien Allgemein, PressespiegelSchlagwörter Fahrradhelm, Fahrradhelm-Urteil, Helmpflicht, Radio Hamburg, Schleswig-Holsteinisches Oberlandesgericht, Unfall, Urteil2 Kommentare zu Gezwungen auf öffentlichen Straßen zu fahren
Kurz korrigiert: Fehlender Helm begründet keine Mitschuld am Unfall
Der stern schreibt über das Urteil das Oberlandesgerichtes Schleswig: Radfahrer ohne Helm tragen bei Unfällen eine Mitschuld
Noch gibt es keine Helmpflicht, doch Radfahrer ohne Kopfschutz werden künftig härter rangenommen. Sie tragen bei einem Unfall Mitschuld, wenn ein Helm ihre Kopfverletzungen hätte vermeiden können.
Das ist in dieser Verkürzung nicht korrekt. Das Oberlandesgericht Schleswig hat nicht entschieden, dass ein unbehelmter Radfahrer bei einem Unfall in irgendeiner Weise mitschuldig an diesem Unfall ist, nur weil er keinen Helm trug. Ganz im Gegenteil, die Schuld der Kraftfahrerin am eigentlichen Unfall stand bereits vorher fest und überhaupt nicht zur Diskussion. Es ging lediglich darum, ob die geschädigte Radfahrerin einen gewissen Teil ihrer Behandlungskosten selber zahlen muss, weil ein Helm in der besagten Situation die Verletzungen gemindert hätte.
Und Radfahrer ohne Kopfschutz werden in Zukunft allenfalls wegen der fehlerhaften Berichterstattung härter rangenommen, wenn sich im Straßenverkehr weiterhin Halbwahrheiten verbreiten. Auch wenn hier ein Oberlandesgericht urteilte, ist dadurch weder eine Helmpflicht in ein Gesetz gegossen worden noch müssen sich andere Gerichte der Schleswiger Meinung anschließen. Letzteres ist weder besonders wahrscheinlich noch besonders abwegig, weil die bisherige Rechtsprechung zu diesem Thema in gänzlich verschiedene Richtungen differenziert.
Veröffentlicht am 20. Juni 2013 Autor MalteKategorien Allgemein, Fahrradfahren, Helmpflicht, Pressespiegel, VerkehrspolitikSchlagwörter Fahrradhelm, Fahrradhelm-Urteil, Helmpflicht, Schleswig-Holsteinisches Oberlandesgericht, stern, Unfall, UrteilSchreibe einen Kommentar zu Kurz korrigiert: Fehlender Helm begründet keine Mitschuld am Unfall
OLG Schleswig: Fahrradhelmpflicht durch die Hintertür?
Eigentlich war seit ein paar Tagen ein Beitrag zu diesem Artikel bei SPIEGEL ONLINE überfällig: Reine Kopfsache
Muss jeder Radfahrer einen Helm tragen? Seit Jahren streiten Experten über die gesetzliche Helmpflicht. Eine neue Studie belegt: Sie könnte insgesamt eher schädlich für die Gesundheit sein.
Wohlgemerkt: Holger Dambeck schreibt über die Helmpflicht, nicht über den Fahrradhelm als einzelne Schutzmaßnahme, über deren Schutzwirkung man allerdings auch nicht gerade einer Meinung ist; siehe dazu diesen Aufsatz von Dr. Ingo Keck und den von Dr. Adolf Müller. Gegenstand von Dambecks Artikels ist eine kanadische Studie, die offenbar ganz überraschend feststellte, dass eine Fahrradhelmpflicht keineswegs die Anzahl der in Krankenhäusern behandelten Kopfverletzungen verringert. Und während Dambeck gleich im ersten Absatz seines Textes aus den hochemotionalen Debatten zu diesem Thema warnt, wächst ebenjene Debatte in den Kommentaren heran.
Dort fallen auch unsachlichste Argumente auf fruchtbaren Boden. Der immerblöde Vorschlag, fahrlässige Radfahrer sollten ihre Krankenhausrechnung aus eigener Tasche bezahlen, weil Fahrradfahren gefährlich wäre, wird gekontert mit Rauchern, Fettleibigen und Extremsportlern, die sich meistens im vollen Bewusstsein gefährlichen Tätigkeiten aussetzen und sich trotzdem auf Kosten der Allgemeinheit reparieren lassen dürfen. Die Helmpflicht für Fußgänger, Hausfrauen und Kraftfahrer wird ebenso diskutiert wie tausende Bekannte, die jemanden kennen, der schon mal nach einem Unfall fünfzig Meter durch die Luft geflogen und direkt auf dem harten Kantstein gelandet ist und ohne Helm tot wäre aber dank des Helmes quicklebendig und unverletzt aufgestanden ist.
So richtige Erkenntnisse sind in so einem Thread also nicht zu erwarten.
Für weitere Diskussionen ist schon gesorgt: Das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht lastete einer verunfallten Radfahrerin zwanzig Prozent ihres entstandenen Schadens an, weil sie keinen Fahrradhelm trug (Az. 7 U 11/12). Die Radfahrerin kollidierte mit einer plötzlich geöffneten Autotür und lag anschließend zwei Monate lang mit einer Schädel-Hirn-Verletzung im Krankenhaus. Die Urteilsbegründung liegt momentan noch nicht vor, für Gesprächsstoff sorgt derweil die Pressemitteilung: Fahrradunfall ohne Helm – Mitverschulden an der Kopfverletzung?
Das Gericht erkennt eine Mitschuld am entstandenen Schaden, weil die Geschädigte keinen Helm getragen und damit Schutzmaßnahmen zu ihrer eigenen Sicherheit unterlassen habe, wobei es sich implizit auf § 254 BGB beziehen dürfte. Das Eigenverschulden der Geschädigten wird mit zwanzig Prozent bemessen: Einerseits habe ein Fahrradhelm den Schaden nur verringern, aber nicht verhindern können, andererseits überwiege das grob fahrlässige Öffnen der Autotür ganz erheblich.
Der 7. Zivilsenat erkennt zwar an, dass es in Deutschland momentan noch keine Pflicht zum Tragen eines Fahrradhelmes gibt, begründet sein Urteil allerdings einigermaßen abenteuerlich:
Fahrradfahrer sind heutzutage jedoch im täglichen Straßenverkehr einem besonderen Verletzungsrisiko ausgesetzt. Der gegenwärtige Straßenverkehr ist besonders dicht, wobei motorisierte Fahrzeuge dominieren und Radfahrer von Kraftfahrern oftmals nur als störende Hindernisse im frei fließenden Verkehr empfunden werden.
Das spielt vermutlich ein wenig auf den so genannten Krieg auf der Straße an. Erstaunlich ist an dieser Stelle, dass die Schleswiger Richter den Radverkehr in einer Art Opferrolle sehen und sich nicht zu Bundesverkehrsminister Ramsauer Beobachtungen der verrohenden Sitten der Radfahrer gesellen mögen. Dieser Absatz hätte auch ganz anders lauten können, beispielsweise hätten die Richter auf ihrem Weg zur Arbeit erkennen können, dass für Radfahrer offenbar Narrenfreiheit, aber keine Straßenverkehrs-Ordnung gelte und sie sich auf diese Weise nicht nur einem besonderen, sondern einem ganz erheblichen Verletzungsrisiko aussetzen.
Allerdings irren die Richter nur ein paar Sätze weiter:
Aufgrund der Fallhöhe, der fehlenden Möglichkeit, sich abzustützen (die Hände stützen sich auf den Lenker, der keinen Halt bietet) und ihrer höheren Geschwindigkeit, z.B. gegenüber Fußgängern, sind Radfahrer besonders gefährdet, Kopfverletzungen zu erleiden. Gerade dagegen soll der Helm schützen. Dass der Helm diesen Schutz auch bewirkt, entspricht der einmütigen Einschätzung der Sicherheitsexperten und wird auch nicht ernsthaft angezweifelt.
Die Schutzwirkung eines Fahrradhelmes wird durchaus angezweifelt, beispielsweise unter dem oben verlinkten Aufsatz. Nun ist die Radfahrerin bei diesem Unfall offensichtlich auf den Hinterkopf gestürzt, so dass ein Fahrradhelm womöglich tatsächlich eine gewisse Schutzwirkung gezeigt haben könnte. Viele andere Unfälle gehen trotz Fahrradhelm mit einer ungewissen Schutzwirkung einher, wenn der Radfahrer mit dem Kinn zuerst oder seitlich aufschlägt. Überhaupt steht bezüglich der Schutzwirkung eines Fahrradhelmes nur soviel fest, dass sie von viel zu vielen Faktoren abhängig ist, als dass sich ebenjene Schutzwirkung nicht ernsthaft anzweifeln ließe.
Die Anschaffung eines Schutzhelms ist darüber hinaus wirtschaftlich zumutbar. Daher kann nach dem heutigen Erkenntnisstand grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass ein verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens beim Radfahren einen Helm tragen wird, soweit er sich in den öffentlichen Straßenverkehr mit dem dargestellten besonderen Verletzungsrisiko begibt.
Zuerst einmal: Man muss diesem Absatz nicht zustimmen. Und den übrigen Absätzen sowieso nicht und dem Urteil schon gar nicht. Hier wird wohl die Brücke geschlagen zu § 254 BGB, wobei die Richter interpretieren, dass der Fahrradhelm ein anerkanntes und generell übliches Schutzwerkzeug zur Vermeidung von Kopfverletzungen wäre. Das Gerangel um die Anerkennung des Helmes umgeht das Gericht mit den Sicherheitsexperten, die dessen Schutzwirkung nicht ernsthaft anzweifeln. Es ist allerdings fraglich, ob angesichts einer Tragequote von fünf bis zehn Prozent von einem allgemeinen Schutzwerkzeug ausgegangen werden kann — das ist allerdings durchaus elementar, denn ansonsten wird’s ganz blöde: Die Schutzwirkung eines Integralhelms beim Fensterputzen wird sicherlich auch kein Experte in Abrede stellen, aber der Integralhelm ist so unüblich, dass kein Richter den zwei Stockwerke tiefer zerschellten Fensterputzer auf diesen Helm hinweisen wird.
Überhaupt hält sich dieser Bestandteil von § 254 BGB die ganzen lustigen Vergleiche vom Leibe, warum denn Fußgänger, Kraftfahrer, Hausfrauen und Lampen-auf-dem-Drehstuhl-Wechsler keinen Helm tragen müssen: Weil es eben unüblich ist. Und im Gegensatz zu weiter entwickelten Fahrradnationen wie Dänemark oder den Niederlanden kommt man in Deutschland nicht umhin festzustellen, dass der Fahrradhelm für Radfahrer wissenschaftlich zwar umstritten sein mag, aber gesellschaftlich und medial mehr als anerkannt wird. Diesen Umstand würdigen die Richter offenbar durchaus in ihrer Begründung, zumindest liest sich die Pressemitteilung zwischen den Zeilen so; weiter oben wurde bereits auf das reichlich vergiftete Klima im deutschen Straßenverkehr hingewiesen, wodurch entsprechende Vergleiche auf unsere beiden velophilen Nachbarländer unterbunden werden: In den Niederlanden und in Dänemark mögen Helme unüblich sein, weil das Fahrrad dort einen ganz anderen Stellenwert genießt und Kraftfahrer vermutlich beim Öffnen einer Tür hinreichend aufpassen, niemanden vom Ross zu stoßen.
Die von der Empörung über dieses Urteil befeuerten Vergleiche, die momentan unter anderem in den einschlägigen sozialen Netzwerken die Runde machen, scheinen allerdings nicht unbedingt zielführend. Der Helm beim Skifahren ist inzwischen ebenso übliche wie die zwar nicht vorgeschriebene, aber nach einem Unfall ähnlich wie der fehlende Helm berücksichtigte Schutzkleidung beim Motorradfahren. Wer beim Indoor-Klettern ohne Schutzausrüstung von der Wand plumpst wird sich ähnliches vorhalten lassen müssen und ganz fernab vom Thema wird die Gefährlichkeit eines Kraftfahrzeuges in vielen Unfallsituationen pauschal mit mindestens 25 Prozent versteuert; da heißt es dann auch: Hätte er nicht das Auto genommen, wäre das nicht vorgekommen — sogar dann, wenn der Kraftfahrer an dem Unfall komplett unschuldig war abgesehen davon, dass er mit seinem Kraftfahrzeug ein potenziell gefährliches Gerät in den Straßenverkehr eingeführt hat.
Womöglich, genaueres wird man ja erst mit der Veröffentlichung der kompletten Urteilsbegründung wissen, hat sich das Oberlandesgericht von der Feststellung führen lassen, dass im deutschen Straßenverkehr der Helm als anerkannte Schutzmaßnahme gilt, die nur von einigen renitenten Radfahrern in Zweifel gezogen wird. Das klingt sicherlich für unsereins erstmal unverständlich, entspricht aber insofern der Auslegung der einschlägigen Gesetze. Der Knackpunkt dürfte drum ebenjene Feststellung darstellen, nach der dieser Unfall mit behelmten Kopf einen anderen, nicht so schlimmen Verlauf genommen hätte. Dabei berücksichtigen die Richter momentan schon die nicht ganz eindeutige Schutzwirkung des Helmes, was immerhin eine höhere Mitschuld der Radfahrerin verhinderte, doch trotzdem macht es sich das Gericht an dieser Stelle zu leicht.
Insofern bleibt natürlich ein fader Beigeschmack, gerade weil das Radfahren in ebenjenen Nachbarländern auch ohne Helm funktioniert. Die Einführung einer Helmpflicht durch die Hintertür stellt dieses Urteil allerdings noch lange nicht dar: Andere Gerichte, auch andere Oberlandesgerichte, sind nicht an die Entscheidung des Schleswiger Zivilsenates gebunden. Die Rechtsprechung zeigt sich bezüglich des Fahrradhelm-Themas erstaunlich pluralistisch, was durchaus zu begrüßen ist, da diese unterschiedlichen Entscheidungen deutlich machen, dass auch bei unbequemen Urteilen jeweils eine Würdigung des Einzelfalles gegeben ist.
Das Landgericht München II sieht beispielsweise bei einem Alltagsradler, der sein Fahrrad nicht zur sportlichen Ertüchtigung nutzt, kein Mitverschulden bei einem Unfall, wenn kein Helm getragen wurde (Az.: 5 O 1837/09). Das Landgericht Koblenz meint, auch ein Rennradfahrer, der sich mit moderater Geschwindigkeit innerhalb der Straßenverkehrs-Ordnung bewegt, brauche sich nach einem Unfall den fehlenden Helm nicht anrechnen zu lassen (Az.: 5 O 349/09). Das Oberlandesgericht Brandenburg befindet, ein Radfahrer, der über ein Schlagloch stürzt, dürfe trotz des fehlenden Helmes seine Ansprüche geltend machen (Az.: 2 U 34/08). Das Oberlandesgericht Saarbrücken sieht einen Radfahrer erst bei einer sehr sportlichen und dementsprechend riskanten Fahrweise zu einem Fahrradhelm verpflichtet und verneint diese Pflicht gegenüber einer Alltagsradlerin (Az.: 4 U 80/07). Und das Oberlandesgericht Düsseldorf sieht aufgrund der fehlenden Überzeugung einer Schutzwirkung ebenfalls keine Helmpflicht für einen Alltagsradler als gegeben an (Az.: I-1 U 278/06); das Oberlandesgericht Hamm teilt diese Meinung in einem anderen älteren Urteil (Az.: 27 U 93/00). Hingegen sieht das OLG München durchaus ein Mitverschulden, wenn ein unbehelmter Rennradfahrer auf einem Feldweg mit einem Personenkraftwagen kollidiert (Az.: 24 U 384/10), das Oberlandesgericht Düsseldorf stellt sogar die Betriebsgefahr des gegnerischen Kraftfahrzeuges hinter dem fehlenden Fahrradhelm zurück (Az.: I-1 U 182/06).
Alle diese Urteile beziehen sich an mehreren Stellen an § 254 BGB — insofern wird auch künftig richtungsweisend sein, inwiefern sich der Fahrradhelm in Deutschland für Alltags- oder Rennradfahrer als Schutzwerkzeug durchsetzt. Die Gefahr einer Helmpflicht durch die Hintertür scheint bis dahin allerdings noch nicht gegeben.
Interessant wäre allerdings auch zu wissen, ob den Richtern die physische Präsenz eines Fahrradhelmes genügt oder ob denn künftig Berücksichtigung finden wird, ob der Helm ordnungsgemäß getragen wird — ein Großteil der behelmten Radfahrer bummelt sich die Schale irgendwie so auf den Kopf, dass eine Schutzwirkung zumindest unwahrscheinlich scheint.
OLG Schleswig: Ohne Fahrradhelm Mitverschulden an unfallbedingter Kopferverletzung
Kollidiert ein Radfahrer im öffentlichen Straßenverkehr mit einem anderen sich verkehrswidrig verhaltenden Verkehrsteilnehmer und erleidet er infolge des unfallbedingten Sturzes Kopfverletzungen, die ein Fahrradhelm verhindert oder gemindert hätte, muss er sich grundsätzlich ein Mitverschulden wegen Nichttragens eines Fahrradhelms anrechnen lassen. Dies hat – trotz Fehlens einer allgemeinen Helmpflicht für Radfahrer – das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht entschieden. Im konkreten Fall ging es von einem Mitverschuldensanteil von 20% aus (Urteil vom 05.06.2013, Az.: 7 U 11/12).
Urteil: Mitschuld bei Unfall ohne Fahrradhelm
Eine generelle Helmpflicht für Radfahrer gibt es zwar nicht – aber bei einem Sturz tragen Radler automatisch eine Mitschuld an möglichen Kopfverletzungen, wenn ein Helm diese verhindert oder gemindert hätte. Das hat das Oberlandesgericht Schleswig in einem Urteil vom 5. Juni (Aktenzeichen 7 U 11/12) entschieden, wie am Montag bekannt wurde. Dies gilt demnach sogar dann, wenn sich der Unfallgegner verkehrswidrig verhalten hat.
Fahrradfahrerin ohne Helm trägt Mitschuld an Unfall
Veröffentlicht am 17. Juni 2013 Autor MalteKategorien Allgemein, Fahrradfahren, Helmpflicht, Pressespiegel, VerkehrspolitikSchlagwörter Fahrradhelm, Fahrradhelm-Urteil, Helmpflicht, Schleswig-Holsteinisches Oberlandesgericht, Unfall, Urteil34 Kommentare zu OLG Schleswig: Fahrradhelmpflicht durch die Hintertür?
Veröffentlicht am 13. Juni 2013 Autor MalteKategorien Allgemein, FahrradfahrenSchlagwörter Fahrradroutenplanung, Hamburg, HVV2 Kommentare zu In Ruhe ans Ziel mit den HVV-Fahrradrouten
Wien: Im Slalom um die Touris
Holger Dambeck schreibt in SPIEGEL ONLINE über die Wiener Bemühungen der Radverkehrsförderung: Radlfahrer verzweifelt gesucht
Ampeln auf Dauergrün und Radparkplätze vor der Wohnungstür: Wien will mit kreativen Ideen und positiven Slogans den Anteil der Fahrradfahrer in der Stadt verdoppeln. Vorbild dafür ist ausgerechnet eine deutsche Metropole.
Die Ausgangssituation scheint wohl vergleichbar mit einer normalen deutschen Großstadt, nur wird das Fahrrad bei unseren südlichen Nachbarn offensichtlich ernster genommen. Andrea Reidl schreibt dazu im Velophil-Blog: Wie Wien mehr Leute aufs Rad bringen will
Veröffentlicht am 13. Juni 2013 Autor MalteKategorien Allgemein, Fahrradfahren, Pressespiegel, VerkehrspolitikSchlagwörter Mobilitätswandel, Radverkehrsförderung, Verkehrspolitik, WienSchreibe einen Kommentar zu Wien: Im Slalom um die Touris
Total lustig: Radfahrerin bei Fahradunfall schwer verletzt
Die Unfallberichte der Polizei lassen sich, sofern es denn um Fahrradunfälle geht, nur mit guten Nerven konsumieren. Nicht bloß, dass einige Unfallbeschreibungen schon stark ans Gemüt gehen, nein, es ist auch besonders interessant zu lesen, was die Polizei bei einem Unfall für wichtig hielt.
Bei den Unfallmeldungen, die — leider — täglich durchs Netz strömen, lässt sich generell ein gewisses Unverständnis gegenüber dem Radverkehr erkennen. Bis noch vor ein paar Monaten war der Hinweis auf einen Fahrradhelm geradezu obligatorisch, was mitunter ganz seltsame Phrasen trieb, wenn nach einem absolut glimpflich und ohne Bodenkontakt verlaufenden Unfall der Radfahrer ohne Helm angeblich gestorben wäre. Mit § 2 Abs. 4 StVO kann sich ebenfalls nicht jeder Autor arrangieren, wenn zwischen den Zeilen das Unverständnis plätschert, warum denn ein vorhandener Radweg nicht befahren wurde.
Interessant sind vor allem Unfallberichte, bei denen die Vorfahrt eine Rolle spielte: Nimmt der Radfahrer seine Vorfahrt wahr, wird ihm vorgeworfen, nicht auf seine Vorfahrt verzichtet oder sie gar erzwungen zu haben. Hatte das Kraftfahrzeug Vorfahrt, habe der Radfahrer dessen Vorfahrt missachtet. Letzteres ist ein bisschen bitter, weil der umgekehrte Fall nicht gilt: Fährt ein abbiegendes Kraftfahrzeug einen Radfahrer um, wurde der lediglich übersehen. Radfahrer missachten, Kraftfahrer übersehen: So einprägsam einfach kann es sein.
Immerhin kommt dieser Bochumer Unfallbericht ohne solche Formulierungen aus — dafür ist aber schon die Überschrift recht denkwürdig: Auf dem Radweg „geschnibbelt“ – Radfahrerin stürzt und verletzt sich schwer – Zeugen gesucht!
Es bleibt leider unklar, ob die verletzte Radfahrerin auch so über den Unfall lachen kann. Statt „geschnibbelt“ hätte auch ein weniger witziges Attribut eingetippt werden können. Schließlich wickeln sich auch keine Kraftfahrzeuge um den Baum, sondern kollidieren. Offenbar ist der Radverkehr ja ganz witzig, wenn so fröhliches Vokabular zum Einsatz kommen kann.
Veröffentlicht am 11. Juni 2013 Autor MalteKategorien Allgemein, Fahrradfahren, PressespiegelSchlagwörter Polizei, Unfall1 Kommentar zu Total lustig: Radfahrerin bei Fahradunfall schwer verletzt
Polizeikontrollen: München wird endlich wieder autofreundlich
Zugegebenermaßen ist es relativ kompliziert, die Ankündigung einer Fahrradkontrolle derart zu formulieren, dass bei Radverkehrspolitik nicht sofort wieder die Empörungsmaschinerie auf Betriebstemperatur getreten wird. Allerdings konnte in den letzten beiden Jahren kaum eine Kontrollaktion auch nur ansatzweise überzeugen — meistens war es Augenzeugenberichten zufolge eher eine Qual.
In München ist es angesichts der sommerlichen Temperaturen endlich wieder einmal an der Zeit: Radler-Polizei soll Unfallzahlen senken
In den vergangenen Tagen ist die Zahl der verunglückten Radfahrer deutlich gestiegen. Von Montag an kontrollieren mehr Beamte als sonst, ob alle Verkehrsteilnehmer die Regeln beachten. Bei Verstößen wird ein Bußgeld fällig.
Immerhin hat sich die Sprache mittlerweile etwas verbessert: Früher wurden quasi automatisch angesichts der Tabellen in der Unfallstatistik repressive Maßnahmen angekündigt. Das trieb mitunter ganz witzig anzusehende Blüten, wenn an einem Unfallschwerpunkt die Beleuchtung und Bremsanlage der Radlinge kontrolliert wurde, zwei Meter weiter nebenan auf der Fahrbahn ganz in Ruhe und unbehelligt ohne Schulterblick abgebogen werden konnte. Vielleicht ging man davon aus, die am Tage meistens vorschriftsmäßig ausgeschaltete Beleuchtung am Fahrrad wäre ursächlich dafür, hinter parkenden Kraftfahrzeugen, Hecken, Liftfaßsäulen und ähnlichen Straßenimmobilien pedalierende Kampfradler beim Abbiegen zu übersehen (womöglich schlugen die beinahe angefahrenden Radfahrer dann auch noch auf die Motorhaube!).
Nun hat sich die Wortwahl etwas geändert, aber leider wirklich nur etwas:
Die Polizei wird sich zum Beispiel an Ampeln entlang der Leopoldstraße postieren und dort Bußgeld verlangen, wenn Radler das Rotlicht missachten. Aber auch Autofahrer, die zum Beispiel beim Abbiegen nicht auf Radler achten, werde man ansprechen und gegebenenfalls verwarnen oder auch Anzeigen schreiben. Die Polizei werde dabei aber „mit Augenmaß“ vorgehen, kündigte Kopp an.
Unabhängig über die Diskussion über das womöglich sicherere Queren von Kreuzungen bei rotem Licht, die auch hier schon hinlänglich geführt wurde, ist das ja ganz okay, bei rotem Licht fahrende Radfahrer anzuhalten. Die große Frage in den nächsten Wochen wird dann wohl tatsächlich sein, ob die Münchener Polizei sich tatsächlich dazu durchringen kann, auch verträumte Kraftfahrer anzuhalten und wie sich das angekündigte Augenmaß auswirken wird, also ob tatsächlich nach Ende des Aktionszeitraumes einige Verwarnungen von Kraftfahrern zu verbuchen sind.
Tatsächlich ist das unachtsame Abbiegen in der Unfallstatistik viel weiter oben vertreten als die radfahrende Missachtung einer roten Lichtzeichenanlage. Da täuscht auch gerne der Eindruck im Verkehrsalltag, denn Rotlichtverstöße auf zwei Rädern werden hinter der Windschutzscheibe gerne zur Kenntnis genommen und in jeglichen Diskussionen über Sicherheit im Straßenverkehr gleich zuerst angeführt. Das unachtsame Abbiegen hingegen lässt sich aus dem Kraftfahrzeug heraus nur schwer erkennen und ist bei derartigen Diskussionen selten präsent.
Theoretisch wäre die Frage angebracht, ob die Polizei denn nicht auch mit soviel Augenmaß vorgehen müsste, sämtliche Rotlichtverstöße ohne Gefährdungspotenzial überhaupt nicht zu verfolgen. Radfahrer sind trotz vieler Radverkehrsförderungsmaßnahmen noch oft genug gehalten, die Lichtzeichen für Fußgänger zu Fuß Gehende zu beachten, so dass mitunter eine halbe Minute lang am Pfosten gewartet wird, während der parallel fließende Kraftverkehr noch grünes Licht bekommt und die Querung mit dem Rad durchaus innerhalb des Möglichen liegt.
Allerdings würde damit auch die Kampfradler-Quote sinken. Man kann es eben nicht jedem Recht machen.
Veröffentlicht am 9. Juni 2013 Autor MalteKategorien Allgemein, Pressespiegel, VerkehrspolitikSchlagwörter Kontrolle, Polizei, Radverkehrsförderung, Sicherheit9 Kommentare zu Polizeikontrollen: München wird endlich wieder autofreundlich
Das Kampfradler-Virus greift weiter um sich
Knapp ein Jahr ist es her, dass in einem bayerischen Dienstwagen das Kampfradler-Virus ausbrach. Gefährdet sind vor allem Kraftfahrer, die Symptome eindeutig: Jeder nicht-motorisierte Zweiradfahrer gleicht plötzlich einem furchterregenden Kampfradler, der locker das Bügelschloss in der Hand schwingend die Außenspiegel von parkenden Kraftfahrzeugen schlägt, über rote Ampeln mitten durch den rollenden Querverkehr fährt und auf Gehwegen vorzugsweise Senioren verklingelt.
Besonders ansteckend ist dieses Virus in Zeitungs- oder Online-Nachrichten: Wurden Radfahrer noch vor einigen Monaten als solche bezeichnet, gibt es heutzutage nur noch rabiate Rüpel-Radler, kämpfende Kampf-Radler oder pedalierende Pedal-Ritter. Der einfache Radfahrer, der sich womöglich auch noch an die Verkehrsregeln hält, ist weder ausgestorben noch plattgefahren, sondern einfach bloß der Wahrnehmung des Autors und seiner zitierten Quellen entwichen.
Und das ist lästig.
Es lässt sich kaum verleugnen, dass es im deutschen Straßenverkehr Probleme gibt und insbesondere die Beziehung zwischen Kraft- und Radfahrern nicht gerade harmonisch verläuft. Aber indem Radfahrer pauschal zu marodierenden Minderbemittelten mit bemitleidenswerter Kenntnis der Verkehrsregeln stilisiert werden, wird eine unvoreingenommene Diskussion gar unmöglich. Und spätestens wenn geradezu zwanghaft versucht wird, einem unschuldigen Unfallopfer etwas anzuhängen, sei es der fehlende Helm oder lustige Kriegs-Attribute, sind die Resultate mehr als unverschämt.
Nun ist eigentlich eine Analyse der Unfallstatistik eine recht nüchterne Sache, gerade wenn sie im offiziellen Internetportal einer Stadt stattfindet — man sollte meinen, dass wenigstens dort noch behördliche Sachlichkeit herrscht. Von wegen, schon die Schlagzeile kachelt los: Rabiate Radler und erheblich mehr Diebstähle
Polizei Wedel stellte Jahresstatistik 2012 vor
Hier ist nicht klar, wer den Rüpel-Radler eingesetzt hat: Schon direkt der zitierte Beamte? Oder später die schmückende Feder des Autors?
Nach Angaben der Polizei haben Unfallbeteiligungen von Radfahren ein „erschreckend hohes Niveau“ (Timm) erreicht. Aus diesem Grund werden Radler in nächster Zeit unter besonderer Beobachtung stehen.
Das ist erst einmal nichts neues, denn Repressalien gegen Radfahrer sind die ganz normale Reaktion der Polizei auf eine gestiegene Unfallbeteiligung von Zweiradfahrern. Da wird plötzlich an Unfallschwerpunkten die vorgeschriebene Ausstattung der Fahrräder kontrolliert, obwohl nur drei Meter entfernt unfallursächlich eher mangelnde Schulterblicke der abbiegenden Kraftfahrer in Kombination mit einer schlechten Radverkehrsinfrastruktur waren.
„Leider ist es so, dass Fahrradfahrer nicht oft genug verzichten, auch wenn sie mal Vorrecht haben. Defensives Fahren wäre manchmal besser.“
Ja: Bevor es denn kracht, sollte der Radfahrer lieber abbremsen. Und wenn er merkt, der Radfahrer, dass der von links anrollende Kraftfahrer nichts von Vorfahrtsregeln hält, stürzt man sich nicht mutig vor die Motorhaube. Aber wenn doch Radfahrer über den Haufen gefahren werden, wenn sie ihre Vorrechte wahrnehmen: Sollte dann nicht statt der Fahrradbeleuchtung eher das Verhalten der Kraftfahrer kontrolliert werden, die offenbar ja ein ganz großes Problem mit der Präsenz von Radfahrern im Straßenverkehr haben, wenn Radfahrer so häufig auf ihre Rechte verzichten müssen?
Er berichtete von Radfahrern, die ihre Vorfahrt erzwingen und dann im Vorbeifahren auch schon mal mit der Faust auf Motorhauben von Autos hauen.
Hier stellt schon wieder die Frage nach dem direkten Zusammenhang: Schlagen die Radfahrer aus Spaß an der Kampfradelei auf die Motorhauben? Oder erst nachdem in Ermangelung eines Schulterblickes am Steuerrad eine gefährliche Situation beim Abbiegen entstanden ist? Schade, dass hier noch einmal versucht wird, den Radfahrer als das potenzielle Opfer des Abbiegeunfalls in Misskredit zu reden. Natürlich ist die Frage, ob Schläge auf die Motorhaube sein müssen, andersherum gefragt: Ist das denn nicht wenigstens eine halbwegs nachvollziehbare Reaktion auf eine Gefährdungssituation in Form von einer Tonne Metall beim unkontrollierten Abbiegen?
Und einer geht noch:
Timm nannte Beispiel aus der Uetersener Klosterkoppel, wo es öfter zu beobachten sei, dass Fahrradfahrer Autos dann noch umkurven, die bereits mit der Fahrzeugfront schon an der Fahrbahnkante stehen. „Sie weichen sogar auf die Fahrbahn aus, um noch vorbeizukommen“, so Timm.
Es ist vollkommen sinnlos, sich an solchen Sätzen abzuarbeiten. Wie wäre es denn andersherum: Nicht nur in Uetersen, sondern in der gesamten Bundesrepublik fahren Kraftfahrzeuge über den Radweg bis zur Fahrbahnkante, obwohl sich von links auf dem Radweg ein vorfahrtsberechtigtes Fahrrad nähert.
Und noch viel schlimmer: In dieser Situation kann man es auf dem Sattel kaum jemandem Recht machen. Fährt man vorne oder hinten um das Fahrzeug herum, landet man als Kampfradler im nächsten Artikel über die Unfallstatistik. Bleibt man stehen, kostet das nicht nur mehrmals pro Kilometer Zeit, sondern provoziert entsprechende Reaktionen aus dem Cockpit: Der Kraftfahrer fühlt sich dann nämlich plötzlich unter Druck gesetzt, versucht dann entweder nach vorne oder hinten auszuweichen, was ja erstmal sehr nett ist, aber insbesondere beim Rangieren nach hinten schon mal schiefgeht, wenn da schon ein Wagen steht oder sich ein Radfahrer vorbeischleicht, oder es werden plötzlich als letzter Versuch, diesen Schauplatz als Sieger zu verlassen, Mittelfinger durchs Fenster gezeigt.
Die Empörung sollte doch eigentlich eher darauf zielen, warum denn ständig Kraftfahrzeuge auf dem Radweg herumstehen. Aber so wie sich das liest, müsste wohl als nächstes Beispiel der Kampfradler erwähnt werden, der in Notwehr einen Angreifer abwehrt, der ihm nach einem Unfall mehrmals mit der Faust auf die Nase geben wollte. Unerhört, sowas!
Zum Glück habe Timm das so nicht gesagt, oder wenigstens nicht in diesem Zusammenhang. Und zwar nicht nur das konstruierte Beispiel aus dem letzten Satz, sondern den gesamten Abschnitt über die Kampfradler. Ein paar Tage später fand sich ein weiterer Artikel auf der Internetseite der Stadt Wedel: Der Radfahrer das agressive Wesen?
Die Bemerkung „Radfahrer würden auch schon mal mit der Faust auf die Motorhaube hauen“ sein nie gefallen, so Revierleiter Reino Timm. Der Bericht über die Unfallstatistik mit Radfahrerbeteiligung sei weitgehend aus dem Zusammenhang gerissen worden.
Die Frage ist natürlich, warum solche Einlassungen trotzdem den Weg in einen Artikel finden, der immerhin nicht bloß in irgendeiner Lokalzeitung auf der vorletzten Seite, sondern unter anderem auf der Startseite der Webseite der Stadt Wedel veröffentlicht wird. Was tatsächlich von der Pressekonferenz übrig bleibt, lässt sich auch sehr viel objektiver beschreiben: Wedel: Radunfälle auf hohem Niveau
Verkehrsteilnehmer lebten 2012 offenkundig gefährlicher als noch im Jahr zuvor: Sowohl bei der Gesamtzahl der Verkehrsunfälle mit Verletzten als auch bei Unfällen mit Fußgängern und Radfahrern musste Wedels Polizei eine Zunahme verzeichnen. Dies zeigt die Unfallstatistik für die Rolandstadt, die Marcel Kretschmer, Leiter des Ermittlungsdienstes, und Wedels stellvertretender Revierleiter Reino Timm vorgestellt haben.
Und der Artikel kommt erfrischenderweise ganz ohne Kampfradler aus.
Veröffentlicht am 6. Juni 2013 Autor MalteKategorien Allgemein, Fahrradfahren, Pressespiegel, VerkehrspolitikSchlagwörter Aggression, Polizei, Regelkenntnis, Sicherheit, Unfall, Wedel2 Kommentare zu Das Kampfradler-Virus greift weiter um sich

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