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Timestamp: 2016-10-28 06:30:52+00:00

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9C_611/2014 � � Urteil vom 19. Februar 2015
A.________ arbeitet seit 1991 in der Kabelkonfektionierung der Firma B.________ AG. Am 3. Februar 2011 meldete sie sich unter Hinweis auf ein psychiatrisches Krankheitsbild und Heuschnupfen sowie eine seit dem 12. August 2010 bestehende Arbeitsunf�higkeit verschiedenen Ausmasses bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an. Die IV-Stelle Bern t�tigte beruflich-erwerbliche sowie medizinische Abkl�rungen. Sie veranlasste ein bidisziplin�res psychiatrisch-neuropsychologisches Gutachten (Dr. med. C.________, Spezialarzt Psychiatrie und Psychotherapie FMH und lic. phil. D.________, Fachpsychologe f�r Neuropsychologie FSP, vom 28. Februar 2013 und 17. September 2012). Die Experten diagnostizierten im Vordergrund stehend eine �ngstliche (vermeidende) Pers�nlichkeitsst�rung (ICD-10: F60.6) sowie eine Entwicklungsst�rung mit kognitiven Funktionsbeeintr�chtigungen (ICD-10: F89), ferner eine depressiven St�rung, gegenw�rtig remittiert (ICD-10: F32.4/F33.4). In einem Intelligenztest mit mehreren Untertests wurde ein Gesamt-Intelligenzquotient (Gesamt-IQ) von 73 Punkten ermittelt. Die Minderung der Leistungsf�higkeit sch�tzten die Experten auf insgesamt 35 %. Sie gaben an, eine entsprechende Arbeitsunf�higkeit sei seit dem Eintritt ins Erwerbsleben anzunehmen. Mit Vorbescheid vom 4. Dezember 2013 und Verf�gung vom 18. Februar 2014 wies die IV-Stelle das Leistungsgesuch ab (Invalidit�tsgrad von 35 %).
Die von A.________ gegen die Verf�gung vom 18. Februar 2014 eingereichte Beschwerde wies das Verwaltungsgericht des Kantons Bern mit Entscheid vom 19. Juni 2014 ab. Es erwog, die Versicherte habe die Anlehre zur Coiffeuse abgeschlossen. Ein zwischen 70 und 84 Punkten liegender IQ sei zwar unterdurchschnittlich, liege aber noch im Normbereich. Erst bei einem unter dem Normbereich liegenden IQ werde gem�ss ICD-10 von einer Intelligenzminderung gesprochen, welche die Arbeitsf�higkeit der Betroffenen in der freien Wirtschaft herabsetzen k�nne. Somit komme im vorliegenden Fall die Berechnung des Valideneinkommens nach der Bestimmung �ber die Fr�hinvalidit�t nicht in Betracht.
A.________ l�sst Beschwerde in �ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten f�hren. Sie beantragt, der kantonale Entscheid sei aufzuheben und es sei ihr eine Dreiviertelsrente auszurichten; eventualiter sei die Beschwerdesache zur Abkl�rung bez�glich Fr�hinvalidit�t an die IV-Stelle zur�ckzuweisen.
Wie die Vorinstanz richtig erwogen hat, erf�llen die Gutachten C.________ und D.________ die von der Rechtsprechung (vgl. BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 323 mit Hinweis) aufgestellten Anforderungen und sind beweiskr�ftig. Es kann auf sie abgestellt werden. Ihre Ergebnisse sind nicht (mehr) umstritten. Bei der Beschwerdef�hrerin steht im Vordergrund eine �ngstliche (vermeidende) Pers�nlichkeitsst�rung sowie eine Entwicklungsst�rung mit kognitiven Funktionsbeeintr�chtigungen mit einer Minderung der Leistungsf�higkeit von insgesamt 35 % seit dem Eintritt ins Erwerbsleben. Der Gesamt-IQ betr�gt 73 Punkte.
Streitig und zu pr�fen ist einzig, ob die Beschwerdef�hrerin nach Art. 26 Abs. 1 IVV als Fr�hinvalide zu betrachten ist, was im Einkommensvergleich eine Aufwertung des Valideneinkommens zur Folge h�tte.
3.1.�F�r Versicherte ohne Ausbildung sieht Art. 26 Abs. 1 IVV vor: Konnte die versicherte Person wegen der Invalidit�t keine zureichenden beruflichen Kenntnisse erwerben, entspricht das Erwerbseinkommen, das sie als Nichtinvalide erzielen k�nnte, den folgenden nach Alter abgestuften Prozents�tzen des j�hrlich aktualisierten Medianwertes gem�ss der Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes f�r Statistik (LSE) :
vor dem 21. Geburtstag�������70 %
ab dem 21. bis zum 25. Geburtstag�������80 %
ab dem 25. bis zum 30. Geburtstag�������90 %
ab dem 30. Geburtstag�������100 %
3.2.�Gem�ss Ziff. 3035 des Kreisschreibens �ber Invalidit�t und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH) des BSV sind Fr�hinvalide Versicherte, die seit ihrer Kindheit einen Gesundheitsschaden aufweisen und deshalb keine zureichenden beruflichen Kenntnisse erwerben konnten. Dazu geh�ren Versicherte, welche zwar eine Berufsausbildung beginnen und allenfalls auch abschliessen, zu Beginn der Ausbildung jedoch bereits invalid sind und mit dieser Ausbildung nicht dieselben Verdienstm�glichkeiten realisieren k�nnen wie eine nichtbehinderte Person mit derselben Ausbildung. Nach Ziff. 3037 KSIH ist als "Erwerb von zureichenden beruflichen Kenntnissen" die abgeschlossene Berufsausbildung zu betrachten. Dazu geh�ren auch Anlehren, wenn sie auf einem besonderen, der Invalidit�t angepassten Bildungsweg ungef�hr die gleichen Kenntnisse vermitteln wie eine eigentliche Lehre oder ordentliche Ausbildung und den Versicherten in Bezug auf den sp�teren Verdienst praktisch die gleichen M�glichkeiten er�ffnen. Der j�hrlich aktualisierte Medianwert gem�ss der Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes f�r Statistik (LSE) wird den Versicherern mit IV-Rundschreiben des Bundesamtes f�r Sozialversicherungen mitgeteilt.
4.1.�F�r die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunf�higkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeintr�chtigung zu ber�cksichtigen.
4.2.�Aus den letztinstanzlich nachgereichten Ausbildungsberichten, wozu der angefochtene Entscheid Anlass gegeben hat, geht hervor, dass der Einstieg in die Ausbildung von der Beschwerdef�hrerin nur mit M�he bew�ltigt wurde. Noch am Ende des vierten Semesters brachte der Bewerter (E.________) die Bemerkung an, die Beschwerdef�hrerin arbeite langsam. Aus den Unterlagen geht nicht direkt hervor, warum die Ausbildung nicht mit einem Diplom abschlossen wurde, doch ist davon auszugehen, dass die Langsamkeit zumindest eine erhebliche Rolle spielte. Daf�r finden sich Ankn�pfungspunkte im Gutachten C.________, in dem ein verlangsamtes Arbeitstempo seit der Jugendzeit geschildert worden ist. Die bisherige sehr einfache T�tigkeit als ungelernte Fabrikarbeiterin sei sehr gut an das kognitive Leistungsprofil der Versicherten�
und�an ihre Pers�nlichkeitsst�rung angepasst. Aus neuropsychologischer�
und�aus psychiatrisch-psychotherapeutischer Sicht sei die bisherige T�tigkeit zeitlich uneingeschr�nkt zumutbar. Es bestehe eine�
gesamthafte�Minderung der Leistungsf�higkeit von 35 % von 100 % (Hervorhebungen im Original). Eine entsprechende Arbeitsunf�higkeit sei seit dem Eintritt ins Erwerbsleben anzunehmen. Krankheitsfremde Gesichtspunkte seien abgegrenzt worden und gingen nicht in die Beurteilung der medizinisch-theoretischen Zumutbarkeit einer allf�lligen T�tigkeit ein.
4.3.�Als Erwerb von zureichenden beruflichen Kenntnissen im Sinne von Art. 26 Abs. 1 IVV ist der Abschluss einer Berufsausbildung zu betrachten. Dazu geh�ren auch Anlehren, wenn sie auf einem besonderen, der Invalidit�t angepassten Bildungsweg ungef�hr die gleichen Kenntnisse vermitteln wie eine eigentliche Lehre oder ordentliche Ausbildung und den Versicherten in Bezug auf den sp�teren Verdienst praktisch die gleichen M�glichkeiten er�ffnen (ZAK 1974 S. 548 [Urteil I 320/73 vom 8. April 1974] und Rz. 3037 KSIH). Die Beschwerdef�hrerin verf�gt �ber eine Anlehre als Coiffeuse, welche heute einer 2-j�hrigen Ausbildung mit Berufsattest entspricht. Die Liste mit Berufen, f�r die auch eine 2-j�hrige Lehre mit Berufsattest resp. Anlehre angeboten wird, ist lang. Es gibt verschiedene Berufsfelder, die f�r Jugendliche, die haupts�chlich praktisch begabt sind, bewusst auf eine einfachere Berufsausbildung setzen. W�rde im Rahmen von Ziff. 3037 KSIH als Erwerb von zureichenden beruflichen Kenntnissen ausschliesslich ein ordentlicher Lehrabschluss anerkannt, so erschiene dies im Einzelfall vorteilhaft (er). Es w�rde aber ausser Acht lassen, dass die Invalidenversicherung Erwerbsunf�higkeit und nicht Berufsunf�higkeit versichert. Darum stellt sich nicht die Frage, warum die Beschwerdef�hrerin keine Berufslehre geschafft hat, sondern in Anlehnung an ZAK 1974 S. 548 und Rz. 3037 KSIH vielmehr, ob die Beschwerdef�hrerin ihre absolvierte Anlehre, durch die sie offensichtlich zureichende berufliche Kenntnisse erworben hat, auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt "umm�nzen" kann. Ob die Anlehre auf einem besonderen oder auf dem "normalen" Bildungsweg gemacht wurde, kann mit Blick auf das IV-Ziel nicht entscheidend sein.
5.1.�Bei der Beurteilung der Frage nach dem Vorliegen einer Fr�hinvalidit�t kommt es nicht nur auf den Intelligenzquotienten an, welcher hier mit 73 Punkten knapp im Normbereich liegt. Vielmehr ist die Gesamtheit der gesundheitlichen Beeintr�chtigungen massgebend (ZAK 1982 S. 456 E. 1c in fine). Gem�ss verbindlicher Feststellung leidet die Beschwerdef�hrerin an kognitiven Funktionsbeeintr�chtigungen im Grenzbereich zwischen mittelschwer und leicht bis mittelschwer, wobei die
einfache�T�tigkeit als�
ungelernte�Fabrikarbeiterin "sehr gut an das kognitive Leistungsprofil angepasst ist". Daraus ergibt sich e contrario, dass die qualifizierte T�tigkeit als angelernte Coiffeuse eine unangepasste T�tigkeit darstellt. Dazu kommt, dass die medizinisch begr�ndete Arbeitsunf�higkeit seit Eintritt ins Erwerbsleben besteht, mithin sich schon bei der Aufnahme der (An-) Lehre manifestiert hat. Es f�llt auf, dass der Beschwerdef�hrerin vor allem ihre Langsamkeit vorgehalten wurde, was Teil der kognitiven Defizite ist. Bei dieser Sachlage ist es �berwiegend wahrscheinlich, dass die Beschwerdef�hrerin ihre erworbenen Fachkenntnisse als Coiffeuse wirtschaftlich nicht gleichermassen wie andere Berufskolleginnen verwerten konnte. Dies wird durch das eingeholte psychiatrisch-fachpsychologische Gutachten C.________/D.________ einwandfrei ausgewiesen, wonach die gesundheitliche Beeintr�chtigung in einer Entwicklungsst�rung mit kognitiven Funktionsbeeintr�chtigungen und einer �ngstlichen (vermeidenden) Pers�nlichkeitsst�rung besteht. Diese Beeintr�chtigungen bestanden bei der Beschwerdef�hrerin seit je. Dementsprechend gaben die Experten denn auch eine Minderung der Leistungsf�higkeit ab Eintritt ins Erwerbsleben an.
5.2.�Die Beschwerdef�hrerin ist somit als Fr�hinvalide zu betrachten und hat Anrecht darauf, dass dem Einkommensvergleich der nach dem Alter abgestufte Tabellenlohn nach Art. 26 Abs. 1 IVV zugrunde gelegt wird. Im Zeitpunkt des Verf�gungserlasses war die Versicherte �ber 30 Jahre alt (47-j�hrig) und hat demnach Anspruch auf Ber�cksichtigung des 100-prozentigen LSE-Erwerbseinkommens als Validenlohn. Gem�ss dem IV-Rundschreiben Nr. 294 des Bundesamtes f�r Sozialversicherungen betrug der Tabellenlohn 2011 Fr. 75'000.- pro Jahr und wurde auf den 1. Januar 2012 auf Fr. 77'000.- festgesetzt (IV-Rundschreiben Nr. 303 vom 7. Dezember 2011). Bei einem massgeblichen Invalideneinkommen von Fr. 32'245.90 gem�ss zutreffender vorinstanzlicher Erw�gung 4.6.2 f�hrt dies zu einem Invalidit�tsgrad von 57 % bis 31. Dezember 2011 und 58 % ab 1. Januar 2012 und damit zum Anspruch auf eine halbe Invalidenrente. Da der Rentenanspruch nach Art. 29 Abs. 1 IVG fr�hestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs - mithin der Anmeldung am 3. Februar 2011 beim zust�ndigen Versicherungstr�ger (Art. 29 Abs. 1 ATSG) - eintritt, besteht er ab 1. August 2011.
Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind die Gerichtskosten der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG). Diese hat der Beschwerdef�hrerin eine Parteientsch�digung zu bezahlen (Art. 68 Abs. 2 BGG).
Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen. Der Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern, Sozialversicherungsrechtliche Abteilung, vom 19. Juni 2014 und die Verf�gung der IV-Stelle Bern vom 18. Februar 2014 werden aufgehoben. Die Beschwerdef�hrerin hat Anspruch auf eine halbe Invalidenrente ab 1. August 2011.

References: BGE 
 Art. 26
 Art. 26
 Art. 7
 Art. 26
in fine
e contrario
 Art. 26
 Art. 29