Source: http://m.hensche.de/Mindestlohn_AEntG_Arbeitgeberleistung_Erfuellung_Mindestlohn_AEntG_BAG_4AZR139-10_4AZR168-10.html
Timestamp: 2017-01-24 05:06:37+00:00

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20.04.2012. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat vor­ges­tern über zwei Ham­bur­ger Streit­fäl­le ent­schie­den, in de­nen es um die Fra­ge ging, wel­che Ar­beit­ge­ber­leis­tun­gen im Rei­ni­gungs­ge­wer­be als Er­fül­lung ei­nes Min­dest­lohn­an­spruchs nach dem Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz (AEntG) zäh­len. Hin­ter­grund der bei­den Pro­zes­se war, dass der vom Ar­beit­ge­ber ge­währ­te Grund­stun­den­lohn zwar un­ter dem Min­dest­stun­den­lohn ge­mäß den zwin­gen­den Ge­bäu­de­rei­ni­ger-Ta­rif­ver­trä­gen lag, er da­für aber an­de­re, in den Ge­bäu­de­rei­ni­ger-Ta­rif­ver­trä­gen nicht vor­ge­se­he­ne Zah­lun­gen leis­te­te, z.B. ei­ne lau­fen­de Zu­la­ge, Ein­mal­zah­lun­gen, ein Ur­laubs­geld und ver­mö­gens­wirk­sa­me Leis­tun­gen.
Wen schützt das Arbeitnehmer-Entsendegesetz (AEntG) und wie macht es das?
Das Ge­setz über zwin­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen für grenzüber­schrei­tend ent­sand­te und für re­gelmäßig im In­land beschäftig­te Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­neh­me­rin­nen (Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz - AEntG) schreibt ausländi­schen Un­ter­neh­men vor, be­stimm­te in Deutsch­land gel­ten­de ar­beits­recht­li­che Min­dest­stan­dards zu be­ach­ten, wenn sie in Deutsch­land Dienst­leis­tun­gen er­brin­gen und da­bei Ar­beit­neh­mer beschäfti­gen (§ 3, § 8 AEntG). Die­ser Schutz nach dem AEntG setzt vor­aus, dass der Ar­beit­ge­ber Leis­tun­gen er­bringt, die zu den im AEntG aus­drück­lich ge­nann­ten Bran­chen gehören, al­so z.B. zum Bau­haupt­ge­wer­be, zur Gebäuderei­ni­gung oder zu den Brief­dienst­leis­tun­gen (§ 4 AEntG). Außer­dem muss es für die im AEntG ge­nann­ten Bran­chen ei­nen all­ge­mein­ver­bind­li­chen Ta­rif­ver­trag ge­ben oder (falls es ei­nen sol­chen Ta­rif­ver­trag nicht gibt) ei­ne Rechts­ver­ord­nung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ar­beit und So­zi­al­ord­nung (BMAS) gemäß § 7 AEntG, d.h. ei­ne sog. Er­stre­ckungs­ver­ord­nung. Ei­ne Er­stre­ckungs­ver­ord­nung schreibt vor, dass ein Ta­rif­ver­trag un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen (ähn­lich wie bei ei­ner All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung) auf al­le un­ter sei­nen Gel­tungs­be­reich fal­len­den Ar­beits­verhält­nis­se an­zu­wen­den ist.
Zwei Hamburger Streitfälle: Gebäudereiniger klagen auf Mindestlohn nach dem AEntG, der Arbeitgeber beruft sich auf Sonderleistungen
Die Ar­beits­verhält­nis­se zwei­er Ham­bur­ger Gebäuderei­ni­ger rich­te­ten sich im strei­ti­gen Zeit­raum (01.07.2007 bis 30.06.2008) nach den all­ge­mein­ver­bind­li­chen Ta­rif­verträgen des Gebäuderei­ni­ger­hand­werks so­wie nach der (am 01.04.2008 in Kraft ge­tre­te­nen) Ver­ord­nung über zwin­gen­de Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen im Gebäuderei­ni­ger­hand­werk nach § 1 Abs. 3a AEntG 2007 (heu­te: § 7 AEntG neue Fas­sung). Der zum Deut­sche-Bahn-Kon­zern gehören­de Ar­beit­ge­ber be­zahl­te die bei­den Gebäuderei­ni­ger nach ei­nem kon­zern­ei­ge­nen Ta­rif­ver­trags­sys­tem. Die auf die­ser Grund­la­ge ge­zahl­ten Grund­stun­denlöhne la­gen zwar un­ter­halb der je­wei­li­gen Min­destlöhne der Gebäuderei­ni­ger­ta­rif­verträge, doch zahl­te der Ar­beit­ge­ber ne­ben den St­un­denlöhnen ver­schie­de­ne Zu­schläge, Ein­mal­zah­lun­gen, Ur­laubs­gel­der und vermögens­wirk­sa­me Leis­tun­gen. Um­strit­ten war nun, ob die­se Son­der­zah­lun­gen auf die von den Gebäuderei­ni­gern ein­ge­klag­ten Min­destlöhne an­ge­rech­net wer­den konn­ten. Die­ser Mei­nung war der Ar­beit­ge­ber, der sich da­bei auf die herr­schen­de ar­beits­recht­li­che Kom­men­tar­li­te­ra­tur be­rief. Die Gebäuderei­ni­ger da­ge­gen wa­ren der An­sicht, die­se Zah­lun­gen könn­ten nicht auf die Min­destlöhne an­ge­rech­net wer­den, so dass der Ar­beit­ge­ber trotz der Son­der­zah­lun­gen wei­ter­hin da­zu ver­pflich­tet sei, die Dif­fe­renz zwi­schen den DB-ta­rif­ver­trag­li­chen Grund­stun­denlöhnen und den höhe­ren St­un­denlöhnen nach den Gebäuderei­ni­ger-Min­dest­lohn­ta­ri­fen zu zah­len.
BAG: Eine laufend gezahlte Verkehrsmittelzulage ist auf den Mindestlohn anzurechnen
An­ders ge­sagt: Da die Rei­ni­gung von Ver­kehrs­mit­teln zur ta­rif­li­chen "Nor­mal­leis­tung" ei­nes Gebäuderei­ni­gers nach dem AEntG-Gebäuderei­ni­ger­ta­rif­verträgen gehört, ist die auf an­de­rer ta­rif­li­cher Grund­la­ge lau­fend ge­zahl­te Ver­kehrs­mit­tel­zu­la­ge auf den Min­dest­lohn an­zu­rech­nen. Denn mit der Zu­la­ge wird die übli­che bzw. "nor­ma­le" Ar­beit des kla­gen­den Gebäuderei­ni­gers be­zahlt. BAG: Ob auch vermögenswirksame Leistungen auf den Mindestlohn angerechnet werden können, soll der EuGH entscheiden
In dem an­de­ren Streit­fall war dem Gebäuderei­ni­ger ei­ne Ver­kehrs­mit­tel­zu­la­ge nicht ge­zahlt wor­den. Hier kam es da­her dar­auf an, ob ei­ne außer der Rei­he gewähr­te Ein­mal­zah­lung, ein Ur­laubs­geld und vermögens­wirk­sa­me Leis­tun­gen auf den Min­dest­lohn an­zu­rech­nen sind. Die­ser Mei­nung wa­ren das Ar­beits­ge­richt Ham­burg (Ur­teil vom 17.02.2009, 19 Ca 279/08) und das LAG Ham­burg (Ur­teil vom 06.01.2010, 5 Sa 33/09), die da­her die Kla­ge ab­wie­sen. Da­ge­gen hat­te der Ar­beit­ge­ber "nach der vorläufi­gen Einschätzung" des BAG den Vergütungs­dif­fe­renz­an­spruch des Klägers auf der Grund­la­ge des na­tio­na­len (Ta­rif­rechts-)Verständ­nis­ses "zu­min­dest nicht vollständig" erfüllt (BAG, Be­schluss vom 18.04.2012, 4 AZR 168/10). Denn je­den­falls die vermögens­wirk­sa­men Leis­tun­gen sind hier­nach nicht als Erfüllung des Min­dest­lohns an­zu­se­hen, so das BAG. Denn sie sind nicht mit dem Grund­stun­den­lohn der Gebäuderei­ni­ger-Lohn­ta­rif­verträge funk­tio­nal gleich­wer­tig, son­dern erfüllen (un­abhängig von der Art und Ent­loh­nung der zu leis­ten­den Ar­beit) die Funk­ti­on ei­ner Vermögens­bil­dung in Ar­beit­neh­mer­hand. Außer­dem ste­hen vermögens­wirk­sa­me Leis­tun­gen dem Ar­beit­neh­mer nicht wie lau­fen­der Ar­beits­lohn zur Verfügung. Ob­wohl der vor­lie­gen­de Streit­fall kei­nen grenzüber­schrei­ten­den Be­zug hat­te, ent­schied sich das BAG zur Si­che­rung ei­ner ein­heit­li­chen Rechts­an­wen­dung da­zu, dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof (EuGH) die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen, was un­ter dem Be­griff der "Min­dest­lohnsätze" in Art. 3 Abs. 1 Buchst. c) der Richt­li­nie 96/71/EG zu ver­ste­hen ist und ob die Richt­li­nie 96/71/EG mit dem deut­schen Verständ­nis von Min­dest­lohn zu ver­ein­ba­ren ist, dem zu­fol­ge vermögens­wirk­sa­me Leis­tun­gen nicht an­re­chen­bar sind.
Fa­zit: Für die Fra­ge, ob und in­wie­weit der Ar­beit­ge­ber die­sen An­spruch durch an­der­wei­ti­ge Leis­tun­gen erfüllt hat, kommt es dar­auf an, wel­chen Zweck die an­de­ren Leis­tun­gen ha­ben. Sie sind dann als "funk­tio­nal gleich­wer­tig" zum Min­dest­lohn an­zu­se­hen, wenn sie da­zu die­nen, die nach dem all­ge­mein­ver­bind­li­chen Ta­rif­ver­trag vor­aus­ge­setz­te „Nor­mal­leis­tung“ ab­zu­gel­ten, so das BAG. An­ders ist es da­ge­gen, wenn an­der­wei­ti­ge Leis­tun­gen da­zu die­nen, Über­stun­den oder un­ter be­son­de­ren Er­schwer­nis­sen ge­leis­te­te Ar­beit ge­son­dert zu vergüten. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/049 Neue Mehr­heit im Bun­des­rat - 8,50 Eu­ro Min­dest­lohn be­schlos­sen Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/042 DGB-Chef: Min­dest­lohn-Kom­pro­miss zwi­schen SPD und CDU möglich

References: § 8
 § 7
 § 1
 § 7
 EuGH 
 Art. 3