Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Elternzeit_vorzeitige_Beendigung_der_Elternzeit_BAG_9AZR391-08.html
Timestamp: 2017-01-24 19:15:00+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 9 AZR 391/08
1. Lehnt der Ar­beit­ge­ber die vor­zei­ti­ge Be­en­di­gung der El­tern­zeit gemäß § 16 Abs. 3 Satz 2 BErzGG nicht form- oder frist­ge­recht oder nicht aus drin­gen­den be­trieb­li­chen Gründen ab, wird die El­tern­zeit auf­grund der Ge­stal­tungs­erklärung des Ar­beit­neh­mers be­en­det. Ei­ne Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers zur vor­zei­ti­gen Be­en­di­gung ist nicht er­for­der­lich. Ei­ne den An­for­de­run­gen des § 16 Abs. 3 Satz 2 BErzGG nicht ent­spre­chen­de Ab­leh­nung des Ar­beit­ge­bers ist un­be­acht­lich.
2. Der Ar­beit­neh­mer kann die ursprüng­lich fest­ge­leg­te, aber we­gen der vor­zei­ti­gen Be­en­di­gung nicht ver­brauch­te Re­s­t­el­tern­zeit gemäß § 15 Abs. 2 Satz 4 1. Halbs. BErzGG (nun­mehr § 15 Abs. 2 Satz 4 1. Halbs. BEEG) mit ei­nem An­teil von bis zu zwölf Mo­na­ten mit Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers auf die Zeit nach Voll­endung des drit­ten bis zur Voll­endung des ach­ten Le­bens­jah­res des Kin­des über­tra­gen. Der Ar­beit­ge­ber hat sei­ne Ent­schei­dung über die Zu­stim­mung zur Über­tra­gung nach bil­li­gem Er­mes­sen zu tref­fen, § 315 Abs. 3 BGB.
Arbeitsgericht München, Urteil vom 4.10.2007, 6 Ca 1279/07
9 AZR 391/08 7 Sa 1115/07Lan­des­ar­beits­ge­richt München Im Na­men des Vol­kes!
hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 21. April 2009 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Düwell, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Rei­ne­cke, den - 2 - Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Fal­tyn und Bros­sardt für Recht er­kannt:
Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, der Über­tra­gung der El­tern­zeit für das Kind K auf den Zeit­raum 23. Ju­li 2009 bis 10. Mai 2010 zu­zu­stim­men. Im Übri­gen wird die Re­vi­si­on zurück­ge­wie­sen.
Mit wei­te­rem Schrei­ben vom 16. Au­gust 2006, der Be­klag­ten am 18. Au­gust 2006 zu­ge­gan­gen, über­sand­te die Kläge­rin der Be­klag­ten für ih­ren - 3 - Sohn ei­nen von der Be­klag­ten vor­for­mu­lier­ten „An­trag auf El­tern­zeit gem. §§ 15, 16 des BErzGG“. Dort „be­an­trag­te“ sie El­tern­zeit für die Zeit vom 19. Sep­tem­ber 2006 bis 22. Ju­li 2009. In dem Schrei­ben heißt es wei­ter:
Die Kläge­rin hat be­an­tragt, die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ih­re Zu­stim­mung zur Über­tra­gung der El­tern­zeit für das Kind K der Kläge­rin auf den Zeit­raum vom 23. Ju­li 2009 bis zum 4. Ju­li 2010 zu erklären.
Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, § 16 Abs. 3 Satz 1 BErzGG ver­lan­ge in je­dem Fall ei­ne Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers für die vor­zei­ti­ge Be­en­di­gung der El­tern­zeit. Das gel­te auch für die vor­zei­ti­ge Be­en­di­gung we­gen der Ge­burt ei­nes wei­te­ren Kin­des gemäß § 16 Abs. 3 Satz 2 BErzGG. Die Ar­beit­neh­me­rin müsse des­halb nach frucht­lo­sem Ab­lauf der vierwöchi­gen Frist des § 16 Abs. 3 Satz 2 BErzGG - 4 - Kla­ge auf Zu­stim­mung er­he­ben. Zu­dem be­wir­ke die vor­zei­ti­ge Be­en­di­gung nicht, dass die da­durch tatsächlich nicht ge­nutz­te El­tern­zeit als Re­s­t­el­tern­zeit für ei­ne Über­tra­gung zur Verfügung ste­he. Die El­tern­zeit erlösche. Im Übri­gen sei ei­ne Über­tra­gung der El­tern­zeit grundsätz­lich nicht zu­mut­bar. Nach all­ge­mei­ner Le­bens­er­fah­rung nähmen die Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten ei­nes Mit­ar­bei­ters pro­por­tio­nal zur Dau­er der El­tern­zeit ab. Käme es zu ei­ner Verlänge­rung der El­tern­zeit, so würden an­ge­sichts der sich ste­tig ändern­den Ar­beits­welt die Schwie­rig­kei­ten, die Ar­beit nach En­de der El­tern­zeit wie­der auf­zu­neh­men, verschärft. Darüber hin­aus müsse für den Über­tra­gungs­zeit­raum er­neut ei­ne ge­eig­ne­te Ver­tre­tung ge­schult wer­den. Das erhöhe die Pla­nungs­un­si­cher­heit.
- 5 - laut wäre auf das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin als Mut­ter der Kin­der der Zwei­te Ab­schnitt des BEEG an­zu­wen­den. Dem­ent­spre­chend ist nach Art. 3 Abs. 2 des Einführungs­ge­set­zes vom 5. De­zem­ber 2006 der Zwei­te Ab­schnitt des BErzGG am 31. De­zem­ber 2006 außer Kraft ge­tre­ten. Da­mit ist je­doch kei­ne Re­ge­lung ge­trof­fen wor­den, nach der auf die zum In­kraft­tre­ten am 1. Ja­nu­ar 2007 ab­ge­schlos­se­nen Sach­ver­hal­te mit Rück­wir­kung neu­es Recht an­ge­wandt wer­den soll. Nur so­weit nach dem 31. De­zem­ber 2006 Tat­sa­chen ent­ste­hen, die für die im Zwei­ten Ab­schnitt ge­trof­fe­nen Be­stim­mun­gen maßgeb­lich sind, soll neu­es Recht An­wen­dung fin­den. Für die hier zu be­ur­tei­len­den Fra­gen der vor­zei­ti­gen Be­en­di­gung der El­tern­zeit und de­ren Über­tra­gung, die mit Schrei­ben vom 3. Au­gust 2006 und vom 16. Au­gust 2006 gel­tend ge­macht wur­den, ist noch das al­te Recht in Form der §§ 15, 16 BErzGG an­zu­wen­den. Im Übri­gen be­steht für den Streit­fall kein in­halt­li­cher Un­ter­schied hin­sicht­lich der An­wen­dung von §§ 15, 16 BErzGG oder §§ 15, 16 BEEG.
- 6 - nom­me­ne El­tern­zeit vor­zei­tig be­en­det wur­de. Nur dann steht der Kläge­rin der von der ursprüng­li­chen Fest­le­gung frei ge­wor­de­ne Zeit­raum als über­trag­bar zur Verfügung.
- 7 - ver­letzt wur­den, ge­gen Denk­ge­set­ze oder all­ge­mei­ne Er­fah­rungssätze ver­s­toßen wur­de oder Umstände, die für die Aus­le­gung von Be­deu­tung sein könn­ten, außer Be­tracht ge­las­sen wor­den sind (Se­nat 19. April 2005 - 9 AZR 233/04 - zu II 2 b der Gründe, BA­GE 114, 206).
aa) § 16 Abs. 3 Satz 1 BErzGG re­gelt den Fall, dass kei­ne be­son­ders schwer­wie­gen­den Gründe vor­lie­gen. Dann ist ei­ne vor­zei­ti­ge Be­en­di­gung der El­tern­zeit nur möglich, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­nem ent­spre­chen­den An­trag der Ar­beit­neh­me­rin zu­stimmt. Auf die­se Zu­stim­mung hat die Ar­beit­neh­me­rin grundsätz­lich kei­nen Rechts­an­spruch (Buch­ner/Be­cker Mut­ter­schutz­ge­setz und Bun­des­el­tern­geld- und El­tern­teil­zeit­ge­setz 8. Aufl. § 16 BEEG Rn. 21). Denn die be­rech­tig­ten In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers, ins­be­son­de­re sei­ne für die El­tern­zeit ge­trof­fe­nen Dis­po­si­tio­nen ste­hen ei­ner vor­zei­ti­gen Be­en­di­gung der El­tern­zeit oh­ne sei­ne Zu­stim­mung grundsätz­lich ent­ge­gen (BT-Drucks. 14/3553 S. 23). - 8 - bb) Dem­ge­genüber hat die Ar­beit­neh­me­rin nach § 16 Abs. 3 Satz 2 BErzGG außer im Fall ei­ner exis­ten­zi­el­len Härte auch bei der Ge­burt ei­nes wei­te­ren Kin­des das Recht, durch ein­sei­ti­ge Erklärung ih­re El­tern­zeit vor­zei­tig zu be­en­den, wenn der Ar­beit­ge­ber dies nicht schrift­lich in­ner­halb von vier Wo­chen we­gen be­rech­tig­ter drin­gen­der be­trieb­li­cher Gründe ab­lehnt.
- 9 - fas­ser aus­drück­lich für die dort ge­nann­ten Son­derfälle das Recht der El­tern auf vor­zei­ti­ge Be­en­di­gung des Er­zie­hungs­ur­laubs be­gründen. Dem Ar­beit­ge­ber soll­te nur ein Ab­leh­nungs­recht zu­ste­hen (BT-Drucks. 14/3118 S. 2 und S. 22). Das schließt ei­ne Bin­dung an die Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers aus.
bb) Die Be­klag­te bestätig­te der Kläge­rin mit Schrei­ben vom 21. Sep­tem­ber 2006 die Be­en­di­gung der dreijähri­gen El­tern­zeit für bei­de Kin­der zum 22. Ju­li 2009. Da­mit lehnt sie ei­ne Über­tra­gung der nicht ver­brauch­ten El­tern­zeit für die - 10 - erst­ge­bo­re­ne Toch­ter der Kläge­rin auf die Zeit nach En­de der El­tern­zeit für ih­ren Sohn kon­klu­dent ab.
- 11 - (b) Die Ab­leh­nung der Be­klag­ten er­folg­te selbst dann nicht frist­ge­recht, wenn zu ih­ren Guns­ten un­ter­stellt wird, dass ihr Ab­leh­nungs­schrei­ben vom 21. Sep­tem­ber 2006 der Kläge­rin be­reits am 22. Sep­tem­ber zu­ge­gan­gen ist.
a) Die vor­zei­ti­ge Be­en­di­gung der El­tern­zeit führt re­gelmäßig da­zu, dass das Ru­hen der ar­beits­ver­trag­li­chen Haupt­leis­tungs­pflich­ten be­sei­tigt wird. Die Ar­beit­neh­me­rin muss grundsätz­lich an ih­ren Ar­beits­platz zurück­keh­ren (vgl. Zmarz­lik/Zip­pe­rer/Vie­then Mut­ter­schutz­ge­setz, Mut­ter­schafts­leis­tun­gen, Bun­des­er­zie­hungs­geld­ge­setz 8. Aufl. § 16 BErzGG Rn. 13). Da­mit geht der noch - 12 - nicht ver­brauch­te An­teil der El­tern­zeit nicht un­ter. Ei­ne sol­che Rechts­fol­ge enthält § 16 Abs. 3 BErzGG nicht. Das Recht zur vor­zei­ti­gen Be­en­di­gung soll le­dig­lich die Bin­dungs­wir­kung der be­reits fest­ge­leg­ten El­tern­zeit für be­son­de­re Fälle auf­he­ben.
- 13 - d) Die vor­zei­ti­ge Be­en­di­gung der ers­ten El­tern­zeit kann des­halb auch da­zu die­nen, mit der wie­der verfügba­ren Re­s­t­el­tern­zeit die El­tern­zeit für das zwei­te Kind zu verlängern. Das ent­spricht der Ab­sicht des par­la­men­ta­ri­schen Ge­setz­ge­bers (vgl. BT-Drucks. 14/3553 S. 23). Da­nach soll § 16 Abs. 3 Satz 2 BErzGG mit Rück­sicht auf die geänder­te Le­bens­si­tua­ti­on der El­tern die Bin­dungs­wir­kung der in An­spruch ge­nom­me­nen El­tern­zeit lo­ckern. Die Ar­beit­neh­me­rin kann die­sen An­teil er­neut un­ter den Vor­aus­set­zun­gen der §§ 15 und 16 BErzGG in An­spruch neh­men und des­halb auch gemäß § 15 Abs. 2 Satz 4 BErzGG über­tra­gen las­sen.
a) Nach § 15 Abs. 2 Satz 4 BErzGG ist die Über­tra­gung der El­tern­zeit von bis zu zwölf Mo­na­ten nur mit Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers möglich. Das Ge­setz schweigt darüber, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Ar­beit­ge­ber die Zu­stim­mung ver­wei­gern darf oder er­tei­len muss. An­ders als in § 15 Abs. 4 Satz 4 BErzGG und in § 15 Abs. 7 Satz 1 Nr. 4 BErzGG sieht § 15 Abs. 2 Satz 4 BErzGG nicht vor, dass die Er­tei­lung der Zu­stim­mung nur aus drin­gen­den be­trieb­li­chen Gründen ab­ge­lehnt wer­den darf. Hier­aus folgt nicht, dass die Ent­schei­dung über die Zu­stim­mung im frei­en Be­lie­ben des Ar­beit­ge­bers steht (Lin­de­mann/Si­mon NJW 2001, 258, 259). Aus­ge­hend vom Ge­set­zes­zweck setzt die Ab­leh­nung ei­ne In­ter­es­sen­abwägung gemäß § 315 Abs. 3 Satz 1 BGB vor­aus. Die fle­xi­bi­li­sier­te El­tern­zeit soll nach dem Wil­len des Ge­setz­ge­bers zur bes­se­ren Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf bei­tra­gen und - 14 - die be­ruf­li­che Mo­ti­va­ti­on jun­ger El­tern erhöhen. Al­ler­dings ist ge­se­hen wor­den, dass die Über­tra­gung auf ei­nen späte­ren Zeit­raum nach der Voll­endung des drit­ten Le­bens­jah­res des Kin­des mit be­trieb­li­chen In­ter­es­sen kol­li­die­ren kann (BT-Drucks. 14/3553 S. 21). Der Ge­setz­ge­ber hat des­halb durch das Zu­stim­mungs­er­for­der­nis si­cher­stel­len wol­len, dass die bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen an­ge­mes­sen berück­sich­tigt wer­den. Das schließt ein un­ge­bun­de­nes, frei­es Er­mes­sen aus. Der Ar­beit­ge­ber hat viel­mehr bei sei­ner Ent­schei­dung auch das In­ter­es­se der El­tern an der Be­treu­ung ih­rer Klein­kin­der zu berück­sich­ti­gen.
2. Das hält ei­ner re­vi­si­ons­recht­li­chen Prüfung nicht stand. a) Zu­tref­fend ist nur der Be­ginn des Über­tra­gungs­zeit­raums. Da er sich nach dem An­trag der Kläge­rin an das En­de der El­tern­zeit für den zweit-ge­bo­re­nen Sohn am 22. Ju­li 2009 an­sch­ließen soll, be­ginnt die zu über­tra­gen­de El­tern­zeit für die Toch­ter am 23. Ju­li 2009. - 16 - b) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat al­ler­dings die Dau­er und da­mit das En­de der zu über­tra­gen­den El­tern­zeit falsch be­rech­net. Da die Kläge­rin erst mit Schrei­ben vom 16. Au­gust 2006 die vor­zei­ti­ge Be­en­di­gung der El­tern­zeit für ih­re Toch­ter und die Über­tra­gung der da­durch ent­ste­hen­den Re­s­t­el­tern­zeit ge­genüber der Be­klag­ten be­an­trag­te, er­rech­net sich die Dau­er der da­durch nicht ver­brauch­ten El­tern­zeit aus dem Zeit­raum be­gin­nend vier Wo­chen nach Zu­gang die­ses Schrei­bens bei der Be­klag­ten am 18. Au­gust 2006 bis zur Voll­endung des drit­ten Le­bens­jah­res der Toch­ter am 4. Ju­li 2007. Die vier Wo­chen verzögern den Be­ginn des Über­tra­gungs­zeit­raums, da­mit dem Ar­beit­ge­ber die Über­le­gungs­zeit gemäß § 16 Abs. 3 Satz 2 BErzGG ein­geräumt bleibt. Die über­tra­ge­ne El­tern­zeit für die Toch­ter en­det des­halb am 10. Mai 2010.
B. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 92 Abs. 2 Nr. 1 ZPO. Düwell Ver­merk: Ri am BAG Rei­ne­cke ist in­fol­ge des Er­rei­chens der Al­ters­gren­ze aus dem Rich­ter­dienst aus­ge­schie­den. Düwell
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