Source: http://palikanon.de/khuddaka/jataka/j406.htm
Timestamp: 2018-10-21 23:22:17+00:00

Document:
406 Gandhara-Jataka
406. Die Erzählung von Gandhara (Gandhara-Jataka)
§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Lehrvorschrift betreffs des Aufspeicherns von Heilmitteln.
§B. Ehedem war der Bodhisattva im Reiche Gandhara der Sohn des Königs von Gandhara; nach dem Tode seines Vaters bestieg er den Thron und führte in Gerechtigkeit die Regierung. In der mittleren Gegend aber [3], im Reiche Videha, regierte ein König namens Videha. Diese beiden Könige waren Freunde geworden, ohne einander noch gesehen zu haben, und besaßen festes Vertrauen zueinander. Damals aber hatten die Menschen ein langes Leben; sie lebten dreißigtausend Jahre.
Einstmals nun begab sich der König von Gandhara am Vollmond-Uposatha-Tage, nachdem er die Beobachtung der Gebote gelobt hatte [4], in seiner Thronhalle nach dem geschmückten herrlichen Polster; und indem er durch das geöffnete Fenster nach der östlichen Himmelsgegend blickte, erklärte er beim Sitzen seinen Ministern, was in geistlichen und weltlichen Dingen passend sei. In diesem Augenblick verdunkelte Rahu [5] die volle Mondscheibe, die sich gerade über die Fläche des Himmels bewegte. Der Glanz des Mondes verschwand. Als die Minister den Mond nicht mehr sehen konnten, teilten sie dem Könige mit, dass der Mond von Rahu geraubt sei.
Der König betrachtete den Mond und dachte dabei: „Dieser Mond ist glanzlos geworden, weil er von einer in jemand aufsteigenden Begierde befleckt wurde. Auch für mich ist dieser königliche Hofhalt eine Befleckung. Doch ist es nicht passend für mich, dass ich gleich dem Monde, den Rahu geraubt, meinen Glanz verliere. Wie die Mondscheibe an der klaren Himmelsfläche erstrahlt, so will ich meine Königsherrschaft aufgeben und die Welt verlassen. Von meiner Familie und meinem Gefolge werde ich mich frei machen und unter eigener Leitung leben. Dies ist passend für mich.“ Darauf übergab er seinen Ministern die Regierung mit den Worten: „Was ihr wollt, das tut.“ So legte er die Regierung über die beiden Königreiche Kasmira und Gandhara [6] nieder und betätigte die Weltflucht der Weisen. Er erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse und nahm seinen Aufenthalt im Himalaya-Gebirge, der Wonne der Ekstase sich hingebend.
Als einmal die beiden an einem Vollmondstage am Fuße eines Baumes sitzend ein Gespräch über Wahrheit und Recht führten, verfinsterte Rahu die Mondscheibe, die an der Fläche des Himmels leuchtete. Der Asket Videha dachte: „Ist denn der Glanz des Mondes verschwunden?“, und schaute auf. Da sah er, dass Rahu den Mond hinweggenommen habe, und fragte: „Wer hat denn, o Lehrer, den Mond verfinstert und glanzlos gemacht?“ Der andere erwiderte: „Mein Schüler, dieser Rahu ist eine Belästigung für den Mond; er lässt ihn nicht leuchten. Auch ich dachte einst, als ich die von Rahu berührte Mondscheibe sah: ‘Diese so klare Mondscheibe ist durch die Belästigung eines Fremden glanzlos geworden. Auch für mich ist dies Königreich eine Belästigung. Damit aber, wie Rahu diese Mondscheibe verdunkelt, dies mich nicht glanzlos mache, darum will ich die Welt verlassen.’ So machte ich die von Rahu erfasste Mondscheibe zum Ausgangspunkt meines Entschlusses, warf mein großes Königreich von mir und wurde Asket.“
§1. „Nachdem auf sechzehntausend Dörfer,
§2. „Du hast Gandharas Reich verlassen,
§3. „Die Wahrheit lehr ich, Videha,
befleck ich mich doch nicht mit Sünde [7]!“
§4. „Sei es auf welche Art auch immer:
§5. „Mag er verletzt sein oder nicht,
§6. „Wenn er nicht selbst die Einsicht hätte
§7. Weil aber hier doch manche sind,
durch ihre Disziplin gebändigt [10].“
§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war Videha Ananda, der König von Gandhara aber war ich.“
[1] Die Geschichte ist erzählt im Mahavagga VI, 15.1.
[2] Die Vorschrift, die sich im Mahavagga VI, 15.10 findet, lautet: Alles, was für kranke Mönche geschenkt wird, muss innerhalb sieben Tagen verbraucht werden.
[3] D. h. in Zentral-Indien.
[4] An den Usopatha-Tagen hielten auch die Laien die Gebote, die sonst nur für die Mönche und Nonnen verbindlich waren; vgl. Jataka 1 Anm. 13.
[5] Ein Dämon, der nach der Volkssage Mond und Sonne dadurch unsichtbar macht, dass er sie in den Mund nimmt; vgl. Jataka 25 Anm. 5.
[6] Kaschmir bildete also ein Reich mit dem westlich gelegenen Gandhara (heute Kandahar), das durch die dort gefundenen buddhistischen Skulpturen mit griechischem Typus besonders bekannt ist.
[7] Zur Erklärung führt der Kommentator die Strophen 76 und 77 des Dhammapadam an.
[Triffst einen du, der dir die Fehler aufweist,
als ob verborgnen Schatz er dir enthüllte,
der weise ist und mahnend dich zurechtweist,
mit solchen Weisen mögst du Umgang pflegen;
denn einem, der mit solchen Menschen umgeht,
gereicht es zum Guten, nicht zum Schlechten.
Ermahne, unterweise du,
von bösen Dingen halt zurück;
so bist bei Guten du belebt,
bei Bösen aber unbeliebt.]
[8] Ananda ist, wie aus der Schlussbemerkung des Jataka hervorgeht, mit dem König Videha in dieser Erzählung identifiziert.
[9] D. h. so wie es Buddha selbst zu machen pflegte.
[9a] Ich interpretiere das Gleichnis folgendermaßen: Der Töpfer schlägt immer wieder an den noch nicht fertig gebrannten Topf, um am Klang zu prüfen, ob der Topf fertig gebrannt ist. Erst wenn dies der Fall ist, ist der Topf perfekt und braucht nicht mehr angeschlagen zu werden.
[10] Der Kommentator fügt folgende Strophe aus dem Khuddaka-Patha zur Erklärung bei:
„Wenn tiefe Weisheit, großes Wissen
und Disziplin man hat gelernt
und dazu wohlgesetzt kann reden,
dies ist die äußerste Vollendung.“

References: §1

§2

§3

§4

§5

§6

§7