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Timestamp: 2019-10-17 13:15:23+00:00

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Versand gegen Vorort-Apotheke. Strukturelle Veränderungen in ... | Hausarbeiten publizieren
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2.1. Der deutsche Apothekenmarkt
2.1.1. Rechtsgrundlage zum Betrieb einer Apotheke
2.1.2. Aktuelle Strukturdaten der Apothekenbranche
2.1.3. Die besonderen Charakteristika der Arzneimittel - Arzneimittel als Vertrauensgut
2.1.4. Der demografische Wandel und der Einfluss auf den Apothekenmarkt
2.2. Die Liberalisierung des Apothekenmarktes
2.2.1. Überblick zum Gesundheitsmodernisierungsgesetz
2.2.2. Neuregelung zum Fremd- und Mehrbesitzverbot
2.2.2.1. Gesetzliche Veränderungen
2.2.2.2. Resultierende Veränderungen durch die Neuregelung
2.2.3. Der Medikamentenversandhandel in Deutschland
2.2.3.1. Gesetzliche Veränderungen
2.2.3.2. Die Entwicklung des Versandhandels in Deutschland und die Auswirkungen für das Vor-Ort-Geschäft
2.2.3.3. Angesprochene Kundengruppen des Versandhandels
4.1. Chancen und Herausforderungen für das Vor-Ort-Geschäft
4.1.1. Chancen für das Vor-Ort-Geschäft
4.1.2. Herausforderungen für das Vor-Ort-Geschäft
4.2. Chancen und Herausforderungen für den Versandhandel
4.2.1. Chancen für Versandhandel
4.2.2. Herausforderungen für den Versandhandel
5.3. Handlungsempfehlung
5.3.1. Handlungsempfehlung für das Vor-Ort-Geschäft
5.3.2. Handlungsempfehlung für den Versandhandel
Der Apothekenmarkt war für einen langen Zeitraum einer der am meist regulierten und reglementieren Wirtschaftszweige in Deutschland. Für die am Ende des Jahres 20001 knapp 21.600 Apotheken in Deutschland (vgl. abda, 2014a) gab es dabei nur eingeschränkt wirtschaftlichen und politischen Gestaltungsraum, da die rechtlichen Grundlagen für die Apotheken in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend vorgegeben waren und unverändert blieben (vgl. Neukirchen, 2012, S. 58 ff.).
Die Kunden wenden sich nun jedoch nicht mehr nur ausschließlich im Krankheitsfall an die Apotheke. Die Einstellung und das Interesse für eine gesunde Lebensführung sowie die Krankheitsprävention hat innerhalb der Bevölkerung an Relevanz gewonnen. Um dieser Lebensführung Rechnung zu tragen, nimmt die Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse durch die Apotheke einen hohen Stellenwert ein (vgl. Schramm, 2013, S. 3).
Im Gesundheitswesen müssen alle Akteure wie die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) aber auch die Apotheken dem demografischen Wandel gerecht werden (vgl. Schramm, 2013, S. 2). In den letzen Jahren wurden aus diesem Grund einige tiefgreifende Veränderungen im Bereich der Apothekenbranche unternommen, um der Entwicklung des demografischen Wandels in Richtung einer immer älter werdenden Bevölkerung in Deutschland gerecht zu werden (vgl. BMI, 2011, S. 149 ff.). Vor allem das Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG) aus dem Jahr 2004 hat zu nachhaltigen Veränderungen in der Apothekenbranche geführt. Es entstand eine neue Ausrichtung des Apothekensektors mit neuen Möglichkeiten für die Kunden aber auch neuen Chancen und vor allem neuen Herausforderungen für die betroffenen Akteuere der Apothekenbranche.
Ziel der Arbeit ist es, die Chancen und Herausforderungen die sich für das Vor-Ort-Geschäft und dem Versandhandel durch die gesetzlichen Veränderungen entsprechend des GMG ergeben, zu untersuchen. Weiterhin soll die gesetzliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung durch das GMG, die alle zur Veränderung der Apothekenbranche in Deutschland führen, aufgezeigt, die beschriebenen Folgen in Form von Chancen und Herausforderungen analysiert sowie anhand der bereits absehbaren Entwicklungen die Zukunft des Marktes in Deutschland untersucht werden.
Dabei wird die Forschungsfrage beantwortet: "Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich aus den Veränderungen des GMG von 2004 für die Vor-Ort-Apotheken und dem Versandhandel?"
Als Resultat der Arbeit wird eine Handlungsempfehlung sowohl für das Vor-Ort-Geschäft als auch eine für den Versandhandel abgeleitet, die Möglichkeiten aufzeigt, wie sie den Herausforderungen gerecht werden können die sich aus der Einführung des GMG ergeben.
Die Apothekenbranche in Deutschland wird reglementiert von einem Geflecht aus Gesetzen und Vorschriften. Diese werden durch Gesetzesänderungen jedoch immer wieder an die veränderten Umweltbedingungen angepasst. In diesem Kapitel wird zunächst ein Überblick über die rechtliche Grundlage und die Einflüsse, welche auf den Markt einwirken, gegeben. Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels wird auf die Liberalisierung der Apothekenbranche durch das Gesundheitsmodernisierungsgesetz eingegangen, die Veränderungen beschrieben und die Folgen für den Markt erläutert.
Im ersten Abschnitt wird ein Überblick über die rechtliche Grundlage und den Strukturdaten des Apothekenmarktes gegeben. Des Weiteren wird die besondere Stellung der Arzneimittel und der Einfluss des demografischen Wandels auf den Apothekenmarkt beschrieben.
Das Apothekenrecht in Deutschland blickt auf eine Jahrhunderte andauernde geschichtliche Entwicklung zurück. Über den gesamten Zeitraum, bis in die die heutige Zeit, war der Betrieb an eine Genehmigung zur Führung einer Apotheke gekoppelt (vgl. Neukirchen, 2012, S. 56 ff).
Das Apothekenrecht in seiner heutigen Form geht auf den 11. Juni 1958 zurück. An diesem Tag hat das Bundesverfassungsgericht die Niederlassungsfreiheit der Apotheker im Grundgesetz verankert, wodurch alle anderen Bestimmungen des bis dato geltenden Apothekenbetriebsrechtes hinfällig wurden. Ein für alle Bundesländer gültiges Gesetz wurde 1960 in Form des Apothekengesetzes (ApoG) erlassen (vgl. Nagel, 2012, S. 329).
Die seit jeher geltende besondere Stellung der Apotheken im Gesundheitswesen erschließt sich aus dem Versorgungsauftrag, welcher allen Apotheken vorsteht. Entsprechend § 1 Abs. 1 ApoG obliegt es dem Apotheker, eine ordnungsgemäße Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sicherzustellen (vgl. § 1 Abs. 1 ApoG).
Die 5 Eckpfeiler des Apothekenbetriebsrechtes waren dabei die Niederlassungsfreiheit, die öffentliche Aufgabe und Kontrolle, die persönliche Leitung der Apotheke sowie das Fremd2 - und Mehrbesitzverbot3 (vgl. Neukirchen, 2012, S. 56 ff). Erst durch das GMG welches am 01. Januar 2004 in Kraft trat, wurde dieses Fundament zum Teil gelockert.
Die rechtlichen Rahmenbedingungen für das deutsche Apothekenwesen bilden vor allem das ApoG und die Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO).
Das ApoG bildet die rechtliche Grundlage für den Betrieb einer Apotheke. Demnach verfolgen Apotheken die Aufgabe einer ordnungsgemäßen Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln (vgl. § 1 Abs 1, ApoG). Des Weiteren bildet der erste Abschnitt die Grundlage der Verpachtung und der Verwaltung von Apotheken. Darüber hinaus stellt dieser seit der Einführung des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes im Jahr 2004 4 die Basis für die Anforderungen an den Medikamentenversandhandel sowie die Grundlagen für die Heimversorgung dar (vgl. § 11a Abs. 1-3, ApoG).
Detaillierte Regelungen für den Betrieb einer Apotheke sind in der Apothekenbetriebsordnung enthalten. Dabei wird festgehalten „wie die ordnungsgemäße Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln und apothekenpflichtigen Medizinprodukten sicherzustellen ist.“ (§ 1 Abs. 1 ApBetrO). Die Apotheke hat somit die Aufgabe die Gesundheit der Bevölkerung sicherzustellen, wodurch ein Handel mit Arzneimitteln welche § 2 Abs. 1 oder Abs. 2 Nr. 1 entsprechen, außerhalb von Apotheken nicht zulässig ist (vgl. § 43 Abs. 1 AMG).
Im folgenden wird die Entwicklung der Apothekenzahl aus den Jahren 2000 bis 20135 betrachtet:
Die Gesamtzahl der Apotheken belief sich im Jahr 2000 auf 21.5926 und verzeichnete bis in das Jahr 2013 einen Rückgang auf 20.662 (vgl. abda, 2009 sowie abda, 2014a)7.
Entwicklung der Apothekenzahl inklusive Filialapotheken
Eine nähere Betrachtung der Apothekenzahl erfolgt seit dem Jahr 2004 und der damit verbundenen Einführung des GMG. Das GMG hatte neben einer Lockerung des Mehrbesitzverbotes, wodurch es den Apothekern ermöglicht wird neben einer Hauptapotheke bis zu drei Filialapotheken zu betreiben, auch die Einführung des Versandhandels mit Medikamenten zur Folge (vgl. § 1 Abs. 2 sowie § 11a AMG).
Die Apothekenzahl (inkl. Filialapotheken) stieg von 21.392 im Jahr 2004 zunächst auf 21.602 im Jahr 2008 an. In dem Zeitraum von 2009 bis 2013 sank die Zahl der Apotheken von 21.548 auf 20.662 (vgl. abda, 2009 sowie abda, 2014a). Demgegenüber stieg die Zahl der Filialapotheken im Zeitraum zwischen 2004 und 2013 von 632 auf 4.001 an (vgl. abda, 2009 sowie abda, 2014a)8.
Entwicklung der Apothekenschließungen
Die Zahl der Apothekenschließungen im Jahr 2000 belief sich auf 190. Am Ende des Jahres 2004 belief sich die Zahl der Apothekenschließungen auf 256. Nach dem Jahr 2004 lässt sich eine sehr unregelmäßig steigende Anzahl von Apothekenschließungen feststellen. Die höchste Zahl an Apothekenschließungen gab es im Jahr 2012 mit 501 Apothekenaufgaben. Seit dem ist die Anzahl der Schließungen rückläufig (vgl. abda, 2009 sowie abda, 2014a)9.
Zusammenfassung der Apothekenzahlen
Somit lässt sich schlussfolgern, dass sich der Apothekenmarkt in Deutschland in den letzten Jahren durch eine verhältnismäßig konstante Apothekenzahl ausgezeichnet hat. Nicht rentable Apotheken mussten aus dem Markt austreten und seit 2004 stieg durch die Lockerung des Mehrbesitzverbotes die Zahl der Filialapotheken kontinuierlich an. Veränderungen in der Struktur sind vor allem durch die geänderten rechtlichen Grundlagen zu erklären. Als treibender Indikator für die Zunahme an Eröffnungen und Schließungen ist die Lockerung des Mehrbesitzverbotes im Jahre 2004 durch das GMG anzusehen.
Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, die durch die Anwendung im oder am menschlichen oder tierischen Körper Krankheiten heilen, lindern, oder vorbeugen sollen (vgl. § 2 Abs. 1 AMG).
Unterschieden werden Arzneimittel in freiverkäufliche -, freiverkäufliche apothekenpflichtige - und verschreibungspflichtige Arzneimittel. Freiverkäufliche Arzneimittel können auch außerhalb von Apotheken (zum Beispiel in Drogeriemärkten) erworben werden, während freiverkäufliche aber apothekenpflichtige Arzneimittel ausschließlich in Apotheken vertrieben werden dürfen. Verschreibungspflichtige Arzneimittel dürfen in Apotheken ausschließlich mit einer ärztlichen Verordnung abgegeben werden (vgl. Preusker, 2013, S. 30 ff.). Ein Ziel dieser Beschränkung besteht in der Vorbeugung des Medikamentenmissbrauchs (vgl. Schöffski, 1995, S. 38). Bei unsachgemäßer Einnahme vom Arzneimitteln und fehlender Beratung Seitens des Fachpersonals über die Einnahme können für den Verbraucher schwerwiegende Nebenwirkungen, bis hin zum Tod, auftreten. Aus diesem Grund werden Medikamente als verschreibungspflichtig oder apothekenpflichtig deklariert.
Arzneimittel gelten als Vertrauensgut da dem Patienten gegenüber dem Arzt und den Pharmafirmen über Qualitätseigenschaften kaum Informationen zur Verfügung stehen und er sich deshalb sowohl auf den verschreibenden Arzt als auch auf die herstellende Firma verlassen muss (vgl. Samwer, 2008, S. 3). Vertrauensgüter werden dadurch gekennzeichnet, dass der Verbraucher die Eigenschaften des Produkts (in diesem Fall des Medikaments) auch nach dem Gebrauch nicht ohne fremde Hilfe feststellen kann (vgl. Darbi; Karni, 1973, S. 67-88).
Besonders bedeutsam sind diese Vertrauenseigenschaften bei Medikamenten anzusehen da der Informationsmangel bei Arzneimitteln im extremen Maße ausgeprägt ist (vgl. Coenen et al., 2012, S. 23). Auf Grund der ungleichen Verteilung von Informationen über Arzneimittel zwischen Kunde und Arzt beziehungsweise zwischen Kunde und Apotheker sind eine Vielzahl von Regularien bei der Abgabe von Medikamenten nötig. Eine der wichtigsten Regeln ist in der Verschreibungspflicht und Apothekenpflicht von Medikamenten zu sehen. Die Mehrheit der Medikamente dürfen nur mit einer ärztlichen Verschreibung eingenommen werden. Das heißt, der Patient muss zunächst einen Arzt konsultieren und sich untersuchen lassen bevor er ein Rezept ausgestellt bekommt. Darüber hinaus ist aus diesem Grund auch das Inverkehrbringen von Arzneimitteln und der Betrieb einer Apotheke gesetzlich streng organisiert (vgl. Coenen et al., 2012, S. 23).
Der Apothekenumsatz betrug im Jahr 2013 insgesamt 44,6 Milliarden Euro. 40,5 Milliarden Euro wurden dabei mit (verschreibungsfreien und verschreibungspflichtigen) Arzneimitteln umgesetzt. Davon fielen 35,8 Milliarden Euro auf verschreibungspflichtige - und 4,4 Milliarden Euro auf apothekenpflichtige jedoch nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel. Die restlichen 4,1 Milliarden Euro verteilen sich auf Apothekenübliches Ergänzungssortiment, Krankenpflege und medizinischer Bedarf und freiverkäufliche Arzneimittel (vgl. abda, 2014e)10. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass für die große Mehrheit an abgegebenen Medikamenten eine ärztliche Verordnung und damit verbunden eine ärztliche Konsultation nötig ist.
Der demografische Wandel hat auf der einen Seite zur Folge, dass im Jahr 2030 nur noch 77 Millionen Menschen in Deutschland leben werden. Auf der anderen Seite liegt ein Wandel der Altersstruktur in Deutschland zu Grunde. Der Anteil der unter 20-jährigen wird von 15,6 Millionen im Jahr 2008 auf nur noch 12,9 Millionen im Jahr 2030 sinken. Dem gegenüber wird die Altersgruppe der 65-jährigen und älteren Personen von 16,7 Millionen im Jahr 2008 auf 22,3 Millionen Personen im Jahr 2030 ansteigen (vgl. destatis, 2011, S. 8)11.
Die Entwicklung des demografischen Wandels hat ebenfalls Auswirkungen auf den Apothekenmarkt. Das größte Klientel einer Apotheke wird mit 28 Prozent von den 70-jährigen und älteren Kunden gestellt. Die 60- bis 69-jährigen Kunden bilden mit 26 Prozent den zweitgrößten Anteil aller Kunden (vgl. Riegl, 2009, S. 24).
Der Anstieg der älteren Bevölkerung hat somit auch einen Anstieg der Apothekenkunden in den kommenden Jahren zur Folge. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit und Aufgabe der Apotheken, mittels geeigneter und zielgruppengerichteter Kundengewinnungsmaßnahmen das sich bietende Potenzial zu nutzen und neue Kunden zu gewinnen. In dieser Entwicklung muss jedoch auch die zunehmende Nutzung des Internets durch die Best Ager12 Generation berücksichtigt werden (vgl. Pompe, 2012, S. 26).
Das Internet verzeichnet bei der Genration 50 Plus ein großes Wachstumspotenzial. Dabei nehmen Themen wie Gesundheit und Arzneimittel eine immer größere Bedeutung ein (vgl. Pompe, 2012, S. 76).
Die wachsende Bedeutung des Internets verdeutlichen ebenfalls folgende Zahlen:
- 40 Prozent der 50 bis 59 jährigen kaufen regelmäßig Waren im Internet,
- 72 Prozent der 50- bis 59-jährigen und 50 Prozent der Generation der 60-jährigen und älteren nutzen regelmäßig das Internet,
- 30 Prozent dieser Personen nutzen dabei auch das Internet zum Kauf von Waren (vgl. Pompe, 2012, S. 76).
Ein zentrales Thema der Politik stellt der im Kapitel 2.3. vorgestellte demografische Wandel, hin zu einer immer älter werdenden Bevölkerung, dar. Der medizinische Fortschritt und die steigende Zahl älterer Menschen führt zu einem Anstieg der Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Die Einnahmen der GKV steigen jedoch nicht weiter an und bleiben hinter dieser Entwicklung zurück (vgl. Gesetzesentwurf, 2003, S. 1). Dies hat zur Folge, dass auch im Gesundheitswesen Veränderungen im Bereich der Leistungserbringung sowie der Angebots- und Versorgungsstruktur durch die gesetzlichen Krankenkassen, Pharmagroßhändler aber vor allem auch der Apotheken nötig ist (vgl. Kaapke et al., 2007, S. 5). Im Zuge des im Jahr 2003 verabschiedeten und im Jahr 2004 in Kraft tretenden Gesundheitsmodernisierungsgesetzes wurde unter anderem das Mehrbesitzverbot gelockert, aber auch eine rechtliche Basis für den Versand mit Arzneimitteln geschaffen (vgl. § 11a Abs. 1-3 ApoG). Im folgenden Abschnitt wird zunächst ein Überblick über das Gesundheitsmodernisierungsgesetz gegeben, sowie im Verlauf auf die Punkte Fremd- beziehungsweise Mehrbesitzverbot und den Versandhandel näher eingegangen.
Das Gesundheitsmodernisierungsgesetz ist eine von der Bundesregierung im Jahr 2003 erlassene Reform des deutschen Gesundheitswesens. Sie wurde mit dem Ziel verordnet, die Grundprinzipien der gesetzlichen Krankenkassen13 zu stärken und eine lückenlose medizinische Betreuung sicher zustellen (vgl. Gesetzesentwurf, 2003, Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung, S. 1).
Die Kernpunkte des GMG betrafen verschiedene Akteure des Gesundheitswesens. Dazu zählen neben den Patienten, die Ärzte und Krankenkassen auch der Apothekensektor.
Die Schwerpunkte des GKV wurden dabei in den Bereichen:
- Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen,
- Neugestaltung der Vergütung im ambulanten Bereich,
- Neuordnung der Versorgung mit Arznei- und Hilfsmitteln,
- Reform der Organisationsstrukturen,
- Neuordnung der Versorgung mit Zahnersatz,
- Neuordnung der Finanzierung
gelegt (vgl. Gesetzesentwurf, 2003, Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung, S. 2).
Ziel war eine weitreichende strukturelle Reform und eine finanzielle Neuausrichtung des Gesundheitswesens. Die Qualität, Wirtschaftlichkeit und Transparenz der gesundheitlichen Versorgung sollten durch die eingeleiteten Maßnahmen profitieren und die finanzielle Basis der GKV gesichert werden (vgl. Gesetzesentwurf, 2003, Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung, S. 2).
Im Apothekensektor wurde dabei folgende Veränderungen vorgenommen:
- Einführung einer neuen Arzneimittelpreisverordnung,
- Einführung von Festbeträgen für Analogpräparate,
- Neuregelung der Preise von OTC-Artikel,
- Aufhebung des Mehrbesitzverbotes,
- Erlaubnis für den Versandhandel mit Medikamenten.
(vgl. Bundesgesetzblatt, Jahrgang 2003, Teil I Nr. 55, Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenkassen, S. 2249-2257).
Im Zuge des GMG kam es zu einer Lockerung des Mehrbesitzverbotes für Apotheken. Das Fremdbesitzverbot blieb davon jedoch unberührt und hat auch über die gesetzlichen Veränderungen hin Gültigkeit.
Der deutsche Apothekenmarkt war bis zum Eintritt des GMG im Jahr 2004 durch das Fremdund Mehrbesitzverbot gekennzeichnet.
Das Fremdbesitzverbot erlaubt nur approbierten Apothekern eine Apotheke selbstständig und eigenverantwortlich zu leiten (vgl. § 1 Abs. 3 ApoG). Dies soll verhindern, dass Kapitalgesellschaften in den Markt dringen und Apotheken oder Apothekenketten betreiben können (vgl. Preusker, 2013, S. 177 f.). Dadurch wird die Gefahr unterbunden, dass eine Apotheke unter kaufmännischen Kriterien und nicht mehr mit dem Ziel der Sicherstellung des Gemeinwohls betrieben wird. Dieses Verbot wurde durch das GMG nicht berührt und blieb weiterhin bestehen.
Das Apothekengesetz untersagte den Apothekern durch das Mehrbesitzverbot außerdem den Besitz von mehr als einer Apotheke (vgl. Preusker, 2013, S. 337 f.). Durch das Gesundheitsmodernisierungsgesetz wurde dieses Verbot zum Teil gelockert. Seit dem ist es Apothekern gestattet, neben einer Hauptfiliale bis zu drei Filialapotheken zu betreiben. Die Filialapotheken müssen sich jedoch im selben Kreis, derselben kreisfreien Stadt oder im Nachbarkreis der Hauptapotheke befinden und technisch genauso ausgestattet sein wie die Hauptapotheke (vgl. § 2 Abs. 4 ApoG).
Die technische Ausstattung, vor allem in Bezug auf die Rezeptur, führen jedoch zu einem starken finanziellen Mehraufwand. Die Kosten für eine Laborausstattung betragen zwischen 30.000 Euro bis 40.000 Euro, die der Rezeptur aufgrund von anfallenden Erneuerungen bis zu 10.000 Euro für jede einzelne Filiale (vgl. Coenen et al., 2012, S. 29).
Die Apothekenlandschaft in Deutschland hat sich seit der Lockerung nicht gravierend verändert. Der Großteil der Apotheken (13.690 Ende 2013) sind Einzelapotheken ohne Filialen. Lediglich 2971 Apotheken betrieben Ende des Jahres 2013 eine oder mehrere Filiale (vgl. abda, 2014c).
Daraus lässt sich ableiten, dass die Marktteilnehmer (Apotheker) zwar auf die Veränderungen durch das GMG reagiert und die Möglichkeit der Wettbewerbssteigerung durch die Eröffnung von Filialapotheken genutzt haben. Jedoch führt die Vorschrift, dass jede Filialapotheke den gleichen technischen Standard entsprechen muss wie die Hauptapotheke sowohl zu Markteintrittsbarrieren, zu einer Vermehrfachung der Ausstattung und somit auch zu höheren Kosten. In Folge dessen, können viele Apotheker gehemmt sein, zusätzliche Filialapotheken zu betreiben.
Der Medikamentenversandhandel in Deutschland bekam erstmals durch das Gesundheitsmodernisierungsgesetz im Jahr 2004 eine rechtliche Grundlage. Dieses ermöglicht es Apotheken, apothekenpflichtige und verschreibungspflichtige Medikamente zu verschicken (vgl. Große, 2013, S. 3). Die Bestellung kann dabei elektronisch, telefonisch oder schriftlich erfolgen. In Deutschland gibt es derzeit 3.010 zugelassene Versandapotheken (vgl. BVDVA, 2014).
Wie eingangs erwähnt, wurde durch das GMG 2004 das in Deutschland bislang geltende Versandhandelsverbot außer Kraft gesetzt und die Voraussetzung zum Verkauf von Arzneimitteln über den Versandweg geschaffen. Die rechtliche Grundlage für den Versandhandel mit Medikamenten bildet das Arzneimittel- und Apothekengesetz. Im Zuge des GMG wurden die § 11 a und § 11 b im Apothekengesetz eingeführt. Der § 11 a regelt die Anforderungen an die Apotheke für die Erlaubnis zum Versand und § 11 b legt den Widerruf der Versandhandelserlaubnis fest (vgl. § 11 a Abs. 1-3 ApoG und § 11 b Abs. 1-3 ApoG).
Im Wesentlichen sind folgende Voraussetzungen zu erfüllen:
- Die Lieferung muss innerhalb von 2 Arbeitstagen garantiert werden und alle bestellten Arzneimittel, soweit sie in den Verkehr gebracht werden dürfen, umfassen.
- Bei Komplikationen wird der Patient darauf hingewiesen, den behandelnden Arzt aufzusuchen.
- Die Qualität und Wirksamkeit wird durch die Verpackung und den Versand nicht beeinträchtigt.
- Die Medikamente werden an die angegebene Person ausgeliefert.
- Es ist sicherzustellen, dass eine kostenfreie Zweitzustellung veranlasst wird.
- Eine Beratung ist in deutscher Sprache durch pharmazeutisches Personal möglich.
- Eine Transportversicherung muss abgeschlossen werden und ein System zur Sendungsverfolgung vorliegen.
(vgl. § 11 a Abs. 2-3 ApoG)
Die Erlaubnis für den Versandhandel mit Medikamenten können durch alle Inhaber einer Apotheke entsprechend § 2 ApoG bei der zuständigen Behörde14 beantragt werden.
Für das Versandgeschäft aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union berechtigt § 73 Abs.
1 den Versandhandel mit Medikamenten nach Deutschland.
Für eine vollständige Betrachtung der Entwicklung des Versandhandels und derer Auswirkungen auf das Vor-Ort-Geschäft muss die Entwicklung der Apothekenkennzahlen seit der Legalisierung des Versandhandels im Jahr 2004 betrachtet werden. Untersucht werden dabei die Apothekenzahl der Jahre 2004 bis 2013 sowie die aktuellen Umsatzzahlen.
Im Jahr der Einführung des Versandhandels gab es zu Beginn circa 21.300 Apotheken. Trotz der neuen Konkurrenz durch den Versandhandel stieg die Anzahl der Apotheken bis zum Ende Jahres 2008 auf 21.602 an (vgl. abda, 2012). Dies zeigt, dass trotz des neuen Wettbewerbs die Apothekenzahlen zunächst weiter angestiegen sind. Erst danach ist ein Abfall der Apothekenzahlen auf 20.662 im Jahr 2013 zu verzeichnen (vgl. abda, 2014a). Ob diese Entwicklung am wachsenden Druck der Versandhändler zu erklären ist, oder auch im Zusammenhang mit der Lockerung des bereits beschriebenen Mehrbesitzverbotes steht, lässt sich nicht eindeutig klären. Im gleichen Zeitraum (2004 - 2013) gab es bekanntermaßen zusätzlich eine Veränderung in der Apothekenlandschaft durch die zusätzliche Möglichkeit der Filialeröffnung. Diese hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Apothekenmarkt15.
Seit der Zulassung des Versandhandels in Deutschland haben bisher 3.010 Apotheken eine Zulassung für den Versandhandel erhalten (vgl. BVDVA, 2014).
Die positive Entwicklung des Versandhandels zeigt auch die Umfrage im Auftrag des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM). Entsprechend dieser Umfrage haben im Jahr 2012 16 Millionen Menschen frei verkäufliche, apothekenpflichtige oder verschreibungspflichtige Arzneimittel über den Versandhandel bezogen. Gegenüber dem Jahr 2011 entspricht dies einem Anstieg von 7 Millionen Menschen (vgl. BITKOM, 2013, S.1).
Der Gesamtumsatz aller Apotheken belief sich im Jahr 2013 auf insgesamt 44,6 Milliarden Euro (vgl. abda, 2014e). Davon haben Versandapotheken im Jahr 2013 lediglich 1,4 Milliarden Euro erwirtschaftet (vgl. BVDVA, 2014)16. Das bedeutet, dass lediglich 3 Prozent des Umsatzes dem Versandhandel zuzumessen sind und der größte Teil, 97 Prozent, durch das Präsenzgeschäft generiert wird. Das verdeutlicht, dass auch 10 Jahre nach der Zulassung des Versandhandels der Hauptumsatz bei den Vor-Ort-Apotheken liegt.
Bis zum Jahr 2020 wird dem Versandhandel ein Umsatzanstieg von 110 Prozent prognostiziert (vgl. BVDVA, 2014). Dieser Anstieg basiert auf dem Preisvorteil von Versandapotheken gegenüber Präsenzapotheken, dem leicht wachsenden Anteil des gesamten Online-Handels und bezogen auf den gesamtwirtschaftlichen Ausblick (vgl. Kopperschmidt; Wilhelm, 2012, Folie 38). Welche Auswirkungen dies auf das Vor-Ort-Geschäft hat, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht 100 prozentig prognostizieren. Die Entwicklung der bisherigen Kennzahlen (Apothekenzahl, Umsatzentwicklung) zeigt, dass auch die Apotheken vor Ort einen unverzichtbaren Beitrag zur Medikamentenversorgung leisten, welcher allein durch den Versandhandel nicht zu sichern wäre.
Der Beitrag für eine zeit- und ortsnahe Versorgung mit Arzneimitteln wurde bisher besonders durch das Netz an Präsenzapotheken gewährleistet. Dies ist jedoch nicht mit einer Existenzsicherung aller bisher bestehenden Apotheken gleich zusetzen. Lediglich die Versorgung mit Medikamenten für die Kunden muss auch in Zukunft gewährleistet sein. Eine weitere Liberalisierung des Gesundheitsmarktes und vor allem des Apothekenmarktes, insbesondere unter der Berücksichtigung einer möglichen Einführung des elektronischen Rezeptes (e-Rezeptes)17, können das Wachstum der Versandapotheken weiter beschleunigen.
2.2.3.3. Angesprochene Kundengruppen des Versandhandels Kundengruppen des Versandhandels
Von den Vorteilen der Versandapotheke profitieren vor allem chronisch kranke Patienten, welche ihren Medikamentenverbrauch über einen längeren Zeitraum planen können.
1 In diesem Jahr wurde der Apothekenmarkt durch die Gründung der Versandapotheke DocMorris entscheidend verändert (vgl. DocMorris, 2014).
2 Das Fremdbesitzverbot beschreibt das Verbot, dass eine Apotheke eigenverantwortlich und ohne fremden wirtschaftlichen Einfluss durch einen Apotheker betrieben werden muss.
3 Unter Mehrbesitzverbot wird das Verbot, dass ein Apotheker nicht mehrere Apotheken betreiben darf verstanden. Diese wurde jedoch durch GMG teilweise aufgehoben, vgl. Abschnitt 2.2
4 detaillierte Ausführung des GMG vgl. Punkt 2.2. Die Liberalisierung des Apothekenmarktes
5 Dieser Zeitraum wurde ausgewählt, um eine Entwicklung bis zur Einführung des GMG und die Entwicklung mit den entsprechenden Folgen nach der Einführung zu verdeutlichen.
6 Diese und im weiteren Verlauf folgenden Angaben, beziehen sich auf die Gesamtzahl zum jeweiligen Jahresende.
7 siehe hierzu auch Anhang B Abbildung 1 Seite 24 Entwicklung der Apothekenzahl von 2000 - 2013
8 siehe hierzu auch Anhang B Abbildung 2 Seite 24 Entwicklung der Filialapotheken von 2004 - 2013
9 siehe hierzu auch Anhang B Abbildung 3 Seite 25 Entwicklung der Apothekenneueröffnungen und - schließungen
10 siehe hierzu auch Anhang B Abbildung 4 Seite 25 Umsatzverteilung des Apothekensortiments
11 siehe hierzu auch Anhang B Abbildung 5 Seite 26 Entwicklung des Altersaufbaus der Bevölkerung in Deutschland
12 Der Begriff Best Ager bezeichnet die Generation im fortgeschrittenen Lebensalter, meist über 50 Jahre (vgl. Pompe, 2012, S. 19).
13 Die Grundprinzipien sind der gesetzlichen Krankenversicherung sind Solidarität, Subsidiarität und Selbstverwaltung.
14 Die für die Genehmigung zuständige Behörde ist je nach Bundesland unterschiedlich. Verantwortlich kann zum Beispiel das Landesamt für Gesundheit oder das Landratsamt sein.
15 vgl. hier auch den Punkt 2.2.2. Neuregelung zum Fremd- und Mehrbesitzverbot
16 siehe hierzu auch Anhang B Abbildung 6 Seite 26 Umsatzverteilung des Apothekensortiments
17 Das e-Rezept wurde bisher noch nicht eingeführt und wird zur Zeit noch von verschiedenen Seiten unterschiedlich betrachtet. Ärzte sprechen sich zur Zeit gegen die Einführung aus. Die Apothekenverbände befürworten die Einführung. Eine Realisierung dieses Vorhabens ist jedoch in den nächsten Jahren möglich (vgl. Gießen, 2014, S. 16 - 21 sowie Franke, 2010, S. 42).
Marcel Schaffrath (Autor)
V349794
9783668370555
versand vorort-apotheke strukturelle veränderungen apothekenbranche einführung versandapotheken
Marcel Schaffrath (Autor), 2015, Versand gegen Vorort-Apotheke. Strukturelle Veränderungen in der deutschen Apothekenbranche seit Einführung der Versandapotheken, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/349794
Veränderungen in Unternehmen. Einführung in den organisationalen Wa...
Beschreibung und Ergänzung eines bestehenden Geschäftsmodells. Die ...

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