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Timestamp: 2018-06-18 15:06:39+00:00

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LAG Köln, Urteil vom 08.07.2016, 9 Sa 14/16 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Köln, Ur­teil vom 08.07.2016, 9 Sa 14/16
Aktenzeichen: 9 Sa 14/16
Entscheidungsdatum: 08.07.2016
Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 9 Sa 14/16
1. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Sieg­burg vom 19.11.2014 – 4 Ca 981/14 – wird zurück­ge­wie­sen.
2 Der Kläger be­gehrt von dem Be­klag­ten die Zu­stim­mung zur Kündi­gung ei­nes Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges.
3 Die Be­klag­te ent­wi­ckelt und pro­du­ziert Kunst­stoff-Sys­te­me für Kraft­fahr­zeu­ge. Der ge­bo­re­ne Kläger ist seit dem 01.09.1986 bei der Be­klag­ten beschäftigt. Im Jahr 2000 schloss der Kläger bei der A AG ei­ne Le­bens­ver­si­che­rung ab.
4 Gemäß Ver­ein­ba­rung vom 13.03.2001 wur­de der An­spruch des Klägers auf Bar­lohn in Höhe ei­nes Be­trags von 2.000,- DM jähr­lich in ei­nen An­spruch auf Ver­schaf­fung von Ver­si­che­rungs­schutz um­ge­wan­delt. Die Be­klag­te ver­pflich­te­te sich, den um­ge­wan­del­ten Be­trag in die Di­rekt­ver­si­che­rung bei der A Le­bens­ver­si­che­rung AG zu zah­len.
5 Un­ter dem 14.05.2001 teil­ten die Par­tei­en der A AG mit, dass die Be­klag­te nun­mehr die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin der vom Kläger ab­ge­schlos­se­nen Le­bens­ver­si­che­rung sein sol­le. En­de 2009 wur­de der Ver­trag ru­hend ge­stellt. Aus­weis­lich der Wert­mit­tei­lun­gen der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft vom De­zem­ber 2012 be­trug der Ver­trags­wert am 01.12.2012 4.528,58 € und am 01.12.2014 6.417,00 €.
6 Nach­dem der Kläger in ei­nen fi­nan­zi­el­len Eng­pass ge­kom­men war, kündig­te er mit Schrei­ben vom 10.01.2013 den Ver­si­che­rungs­ver­trag. Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft bat die Be­klag­te dar­auf­hin um Mit­tei­lung, ob sie der Kündi­gung zu­stim­me, da an­sons­ten ei­ne Kündi­gung des Ver­tra­ges nicht möglich sei. Die Be­klag­te ver­wei­gert die Zu­stim­mung.
7 Mit sei­ner am 18.03.2014 bei dem Ar­beits­ge­richt Sieg­burg ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge be­gehrt der Kläger die Zu­stim­mung der Be­klag­ten zur Kündi­gung der Le­bens­ver­si­che­rung und um Über­sen­dung der Ver­si­che­rungs­po­li­ce an die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft. Der Kläger hat be­haup­tet, er sei auf die Aus­zah­lung des Ver­trags­werts (Stand 01.12.2015: 6.932,82 €) auf­grund ei­ner fi­nan­zi­el­len Not­la­ge an­ge­wie­sen. Zum 06.03.2014 sei er bei sei­ner Bau­fi­nan­zie­rung mit ei­nem Be­trag in Höhe von 6.827,15 € im Rück­stand ge­we­sen. Bezüglich ei­nes Be­tra­ges von 4.000,- € ha­be er ein an­de­res Dar­le­hen auf­neh­men können. Es sei je­doch noch ein Be­trag in Höhe von 1.775,75 € of­fen. Die­sen Be­trag benöti­ge er, um ei­ne Kündi­gung sei­ner Bau­fi­nan­zie­rung zu ver­hin­dern. Die Be­klag­te ha­be die­se fi­nan­zi­el­le Not­la­ge teil­wei­se selbst ver­ur­sacht, da er, der Kläger, zur Durch­set­zung sei­ner Ent­gelt­ansprüche Rechts­strei­te ge­gen die Be­klag­te ha­be führen müssen. Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die Be­klag­te auf­grund ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Pflicht ge­hal­ten sei, die Zu­stim­mung zur Kündi­gung zu er­tei­len.
8 Der Kläger hat be­an­tragt,
10 1. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die bei der A AG, Kun­den­ser­vice Di­rek­ti­on K , , K be­ste­hen­den Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­trag Deut­sche Fond­po­li­ce mit der Ver­si­che­rungs­schein­num­mer , bei dem er ver­si­cher­te Per­son ist, zu kündi­gen;
11 2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die in ih­rem Be­sitz be­find­li­che Ori­gi­nal-Ver­si­che­rungs­po­li­ce vom 09.01.2001 des fonds­ge­bun­de­nen Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges Deut­sche Fond­po­li­ce mit der Ver­si­che­rungs­schein­num­mer an die A AG Kun­den­ser­vice Di­rek­ti­on K , , K zu über­sen­den.
14 die Kla­ge ab­zu­wei­sen
15 Sie hat ei­ne Not­la­ge des Klägers be­strit­ten und die Auf­fas­sung ver­tre­ten, auf­grund der §§ 3, 4 Be­trAVG an der Zu­stim­mung zur Kündi­gung ge­hin­dert zu sein.
16 Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge mit Ur­teil vom 19.11.2014 als un­be­gründet ab­ge­wie­sen, da ei­ner Auflösung des Al­ters­ver­sor­gungs­ver­tra­ges der Schutz­ge­dan­ke der §§ 3, 4 Be­trAVG ent­ge­gen­ste­he.
17 Das Ur­teil ist dem Kläger am 07.01.2015 zu­ge­stellt wor­den. Sei­ne da­ge­gen ge­rich­te­te Be­ru­fung ist am 23.01.2015 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen und nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 09.04.2015 mit ei­nem an die­sem Tag ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet wor­den.
18 Un­ter Ver­tie­fung sei­nes Tat­sa­chen­vor­brin­gens macht der gel­tend, dass die Be­klag­te auf­grund ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Ne­ben­pflicht zur Zu­stim­mung zur Kündi­gung ver­pflich­tet sei. Die §§ 3, 4 Be­trAVG stünden der Kündi­gung nicht ent­ge­gen.
19 Der Kläger be­an­tragt,
20 un­ter Abände­rung des am 19.11.2001verkünde­ten Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Sieg­burg, Az. 4 Ca981/14,
22 1. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die bei der A AG, Kun­den­ser­vice Di­rek­ti­on K , , K be­ste­hen­den Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­trag Deut­sche Fond­po­li­ce mit der Ver­si­che­rungs­schein­num­mer , bei dem er ver­si­cher­te Per­son ist, zu kündi­gen;
23 2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die in ih­rem Be­sitz be­find­li­che Ori­gi­nal-Ver­si­che­rungs­po­li­ce vom 09.01.2001 des fonds­ge­bun­de­nen Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges Deut­sche Fond­po­li­ce mit der Ver­si­che­rungs­schein­num­mer an die A AG Kun­den­ser­vice Di­rek­ti­on K , , K zu über­sen­den.
25 Die Be­klag­te be­an­tragt,
27 Sie ver­tei­digt die Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts und be­haup­tet, in den Jah­ren 2001 bis 2009 auf­grund des Ta­rif­ver­trags über Ein­mal­zah­lun­gen und Al­ters­vor­sor­ge der che­mi­schen In­dus­trie (TEA) ins­ge­samt 5.592,57 € als Ar­beit­ge­berförde­rung in die be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung des Klägers ge­zahlt zu ha­ben. Sie ist der An­sicht, dass der Kläger die­sen Be­trag bei ei­ner vor­zei­ti­gen Auflösung des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges an sie zurück­zah­len müsse. Zu­dem sei in dem Ver­si­che­rungs­ver­trag ei­ne Be­rufs­unfähig­keits­zu­satz­ver­si­che­rung ent­hal­ten, für die die Beiträge an­tei­lig ver­wen­det wor­den sei­en.
28 We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf die erst­in­stanz­lich ge­wech­sel­ten Schriftsätze, den Tat­be­stand des an­ge­foch­te­nen Ur­teils, die im Be­ru­fungs­ver­fah­ren ge­wech­sel­ten Schriftsätze, die ein­ge­reich­ten Un­ter­la­gen so­wie die Sit­zungs­nie­der­schrif­ten Be­zug ge­nom­men.
29 Ent­schei­dungs­gründe
30 Die Be­ru­fung ist un­be­gründet. Der Kläger hat ge­gen die Be­klag­te kei­nen An­spruch auf Zu­stim­mung zur Kündi­gung des Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­trags und zur Über­sen­dung der Ver­si­che­rungs­po­li­ce an die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft.
31 1.) Al­ler­dings ste­hen §§ 3, 4 Be­trAVG dem Be­geh­ren des Klägers nicht ent­ge­gen. § 3 ist nur auf Ver­ein­ba­run­gen an­zu­wen­den, die im Zu­sam­men­hang mit der Be­en­di­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses ge­trof­fen wer­den (BAG, Ur­teil vom 14. Au­gust 1990 – 3 AZR 301/89 –, BA­GE 65, 341-347, Rn. 17), was hier nicht der Fall wäre. Viel­mehr kann ein Ar­beit­neh­mer im lau­fen­den Ar­beits­verhält­nis auf er­dien­te - ver­fall­ba­re und un­ver­fall­ba­re - An­wart­schaf­ten wirk­sam ver­zich­ten (BAG, Ur­teil vom 21. Ja­nu­ar 2003 – 3 AZR 30/02 –, Rn. 24, ju­ris; Lan­des­ar­beits­ge­richt Bre­men, Ur­teil vom 22. Ju­ni 2011 – 2 Sa 76/10 –, Rn. 72, ju­ris). § 4 Be­trAVG re­gelt nur die Über­tra­gung von Ver­sor­gungs­zu­sa­gen auf ei­nen neu­en Ar­beit­ge­ber und setzt eben­falls ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vor­aus. Die Ver­wer­tungs­ver­bo­te der nach § 2 Abs. 2 Satz 4 und 5 Be­trAVG grei­fen hier eben­falls nicht, da sie Fol­gen der Un­ver­fall­bar­keit für den Fall der – hier nicht be­ab­sich­tig­ten - Be­en­di­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses re­geln (Lan­des­ar­beits­ge­richt Bre­men, Ur­teil vom 22. Ju­ni 2011 – 2 Sa 76/10 –, Rn. 71, ju­ris).
32 2.) Der Kläger hat kei­nen An­spruch auf Kündi­gung des Ver­si­che­rungs­ver­trags durch die Be­klag­te. Die­se ist Ver­si­che­rungs­neh­me­rin und da­mit die Ver­trags­part­ne­rin der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft. Die Ent­schei­dung über die Kündi­gung des Ver­tra­ges ist da­her ihr zu­ge­wie­sen.
3.) Der Kläger hat auch un­ter Fürsor­ge­ge­sichts­punk­ten kei­nen An­spruch aus dar­auf, dass die Be­klag­te den Ver­si­che­rungs­ver­trag kündigt.
34 a) Die Vor­aus­set­zun­gen und der Um­fang von ver­trag­li­chen Ne­ben­pflich­ten be­ru­hen auf den be­son­de­ren Umständen des Ein­zel­fal­les und sind das Er­geb­nis ei­ner um­fas­sen­den In­ter­es­sen­abwägung (BAG, Ur­teil vom 29. Sep­tem­ber 2005 – 8 AZR 571/04 –, BA­GE 116, 78-85, Rn. 11). Nach § 241 Abs. 2 BGB ist je­de Par­tei des Ar­beits­ver­tra­ges zur Rück­sicht­nah­me auf die Rech­te, Rechtsgüter und In­ter­es­sen ih­res Ver­trags­part­ners ver­pflich­tet. Dies dient dem Schutz und der Förde­rung des Ver­trags­zwecks (BAG, Ur­teil vom 16. Fe­bru­ar 2012 – 8 AZR 242/11 –, Rn. 58, ju­ris zu Hin­weis- und Aufklärungs­pflich­ten). Der Ar­beit­ge­ber ist da­her auf­grund ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Ne­ben­pflicht ge­hal­ten, die im Zu­sam­men­hang mit dem Ar­beits­verhält­nis ste­hen­den In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers so zu wah­ren, wie dies un­ter Berück­sich­ti­gung der In­ter­es­sen und Be­lan­ge bei­der Ver­trags­par­tei­en nach Treu und Glau­ben ver­langt wer­den kann. Die Schutz- und Rück­sicht­nah­me­pflicht des Ar­beit­ge­bers gilt auch für die Vermögens­in­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer (BAG, Ur­teil vom 21. Ja­nu­ar 2014 – 3 AZR 807/11 –, BA­GE 147, 155-161, Rn. 15). Hin­ge­gen be­steht kei­ne all­ge­mei­ne Pflicht des Ar­beit­ge­bers, den Ar­beit­neh­mer vor pri­va­ten Vermögens­nach­tei­len zu be­wah­ren (Ul­brich/Britz, An­spruch auf vor­zei­ti­ge Aus­zah­lung ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung we­gen fi­nan­zi­el­le Not­la­ge des Ar­beit­neh­mers, DB 2015, 247, 249). Die Pflicht je­des Ver­trags­part­ners, auf die Rech­te, Rechtsgüter und In­ter­es­sen des an­de­ren Teils Rück­sicht zu neh­men (§ 241 Abs. 2 BGB), kann da­her re­gelmäßig nur dann zu ei­ner Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers führen, bei der Wah­rung oder Ent­ste­hung von Ansprüchen sei­ner Ar­beit­neh­mer mit­zu­wir­ken, die die­se ge­genüber Drit­ten, et­wa ei­nem pri­va­ten Ver­si­che­rungs­träger, ha­ben (BAG, Ur­teil vom 24. Sep­tem­ber 2009 – 8 AZR 444/08 –, Rn. 14, ju­ris), wenn dies un­ter Berück­sich­ti­gung der In­ter­es­sen und Be­lan­ge bei­der Ver­trags­part­ner so­wie der an­de­ren Ar­beit­neh­mer nach Treu und Glau­ben ver­langt wer­den kann (BAG, Ur­teil vom 16. Fe­bru­ar 2012 – 8 AZR 242/11 –, Rn. 58, ju­ris).
35 b) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf hat ei­nen auf die Grundsätze von Treu und Glau­ben gestütz­ten An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf Zu­stim­mung zur Auflösung ei­nes Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges ab­ge­lehnt, da des­sen persönli­chen Verhält­nis­se für ein dem Ar­beit­ge­ber zu­re­chen­ba­res Han­deln nicht ergäben (Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf, Ur­teil vom 13. Ju­ni 1989 – 3 Sa 449/89 –, Be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung 1990, 179, 180). Hin­ge­gen kann ein Ar­beit­neh­mer nach Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Bre­men vom Ar­beit­ge­ber im lau­fen­den Ar­beits­verhält­nis ver­lan­gen, dass die­ser die Kündi­gung des zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers ab­ge­schlos­se­nen Ver­si­che­rungs­ver­trags mit dem In­halt ei­ner Ent­gelt­um­wand­lung in Beiträge an ei­ne Pen­si­ons­kas­se erklärt (Lan­des­ar­beits­ge­richt Bre­men, Ur­teil vom 22. Ju­ni 2011 – 2 Sa 76/10 –, Ls. 2, ju­ris). Die Kam­mer kann of­fen las­sen, ob die An­sicht des LAG Bre­men in vol­lem Um­fang zu tei­len ist. Denn auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt Bre­men be­jaht ei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers zur Kündi­gung ei­ner Ver­si­che­rung aus § 241 Abs. 2 BGB den Ar­beit­ge­ber (nur) dann, wenn es ihm möglich sei, oh­ne Be­ein­träch­ti­gung ei­ge­ner In­ter­es­sen ei­nen ihm mögli­chen Bei­trag zu leis­ten, um dem In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers ent­ge­gen­zu­kom­men (Lan­des­ar­beits­ge­richt Bre­men, Ur­teil vom 22. Ju­ni 2011 – 2 Sa 76/10 –, Rn. 63, ju­ris).
36 c) Im vor­lie­gen­den Fall wären die In­ter­es­sen der Be­klag­ten durch die vom Kläger gewünsch­te Kündi­gung aber in ei­nem so er­heb­li­chen Maße be­ein­träch­tigt, dass die ge­for­der­te In­ter­es­sen­abwägung zu Las­ten des Klägers aus­geht.
37 aa) Da­bei kann die Kam­mer trotz der von der Be­klag­ten geäußer­ten Zwei­fel un­ter­stel­len, dass sich der Kläger tatsächlich in ei­nem fi­nan­zi­el­len Eng­pass be­fin­det. Auch wenn der Kläger dies nicht im Ein­zel­nen dar­ge­legt hat, kann die Kam­mer fer­ner da­von aus­ge­hen, dass die Be­klag­te ih­ren Ent­gelt- und Ent­gelt­fort­zah­lungs­ver­pflich­tun­gen nicht im­mer un­verzüglich und teil­wei­se erst nach ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Kläger nach­ge­kom­men ist, und dass dies zu der Not­la­ge des Klägers bei­ge­tra­gen hat. Dies ist auch not­wen­dig, da die Fürsor­ge­pflicht des Ar­beit­ge­bers nach zu­tref­fen­der An­sicht dann nicht ei­ne Ver­pflich­tung zur Mit­wir­kung an der Auflösung des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges be­gründen kann, wenn die fi­nan­zi­el­le Not­la­ge ih­ren Grund aus­sch­ließlich in der Pri­vat­sphäre des Ar­beit­neh­mers hat und kei­nen Zu­sam­men­hang zum Ar­beits­verhält­nis be­steht (Ul­brich/Britz, An­spruch auf vor­zei­ti­ge Aus­zah­lung ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung we­gen fi­nan­zi­el­le Not­la­ge des Ar­beit­neh­mers, DB 2015, 247, 249).
38 bb) Gleich­wohl über­wie­gen die In­ter­es­sen der Be­klag­ten, die Ver­si­che­rung nicht zu kündi­gen, die In­ter­es­sen des Klägers an der Auflösung des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges.
39 (1) Zunächst ist zu berück­sich­ti­gen dass die Not­la­ge des Klägers nicht gra­vie­rend ist. Nach sei­ner Dar­le­gung geht es nur um ei­nen of­fe­nen Be­trag in Höhe von 1.775,75 €. Ei­ne Kündi­gung sei­ner Bau­fi­nan­zie­rung ist trotz der nicht un­er­heb­li­chen Pro­zess­dau­er bis­lang nicht er­folgt. Für die Kam­mer ist nicht er­sicht­lich, dass sich we­gen ei­nes verhält­nismäßig klei­nen Rest­be­trags von 1.775,75 € kei­ne an­de­re Lösung fin­den lässt, um die­sen Eng­pass zu über­win­den. Zu den­ken wäre et­wa an ei­ne Be­lei­hung der Le­bens­ver­si­che­rung. Zu den­ken wäre auch an ein zins­lo­ses Ar­beit­ge­ber­dar­le­hen, das der Kläger in der münd­li­chen Be­ru­fungs­ver­hand­lung je­doch ab­ge­lehnt hat, oh­ne dass sich die Be­klag­te zu dem ent­spre­chen­den ge­richt­li­chen Vor­schlag ab­sch­ließend geäußert hat.
40 (2) Wei­ter ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Kündi­gung der Ver­si­che­rung dem­ge­genüber zur Ver­schleu­de­rung ei­nes nicht un­er­heb­li­chen Vermögens­werts führen würde. Denn der Kläger würde von dem Ver­si­che­rungs­wert, wenn über­haupt, nur ei­nen Bruch­teil er­hal­ten. In­so­weit ist zu be­ach­ten, dass die im We­ge der Ent­gelt­um­wand­lung ein­ge­zahl­ten Beiträge gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 4 und 9 der Ver­ord­nung über die so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Be­ur­tei­lung von Zu­wen­dun­gen des Ar­beit­ge­bers als Ar­beits­ent­gelt (SvEV) nicht mit So­zi­al­ab­ga­ben be­las­tet wa­ren. Fer­ner un­ter­la­gen die­se um­ge­wan­del­ten Beträge gemäß § 3 Nr. 63 EStG nicht der Ein­kom­men­steu­er. Fer­ner be­stand die Möglich­keit ei­ner Pau­schal­be­steue­rung nach § 40b EStG für Beiträge zu ei­ner Di­rekt­ver­si­che­rung, die vor dem 01.01.2005 ab­ge­schlos­sen wur­de. Wird der Ver­trag zur be­trieb­li­chen Al­ters­vor­sor­ge al­so zum Rück­kaufs­wert vor dem 60. Le­bens­jahr gekündigt, müssen die ge­sam­ten ein­ge­spar­ten So­zi­al­ab­ga­ben auf die Bei­trags­sum­me nach­ge­zahlt wer­den. Darüber hin­aus droht al­lein schon we­gen der rech­nungs- und außer­rech­nungsmäßigen Zin­sen ei­ne steu­er­li­che Nach­ver­an­la­gung (§§ 20 Abs. 1 Nr. 6, 22 Nr. 5 EStG).
41 (3) Fer­ner ist da­von aus­zu­ge­hen, dass die Be­klag­te die Al­ters­ver­sor­gung des Klägers mit ei­ge­nen Mit­teln gefördert hat. Nach § 19 TEA erhöhte sich die ka­len­derjähr­li­che Ein­mal­zah­lung zur Ent­gelt­um­wand­lung um ei­ne so­ge­nann­te Che­mie­ta­rifförde­rung. Die­se hat die Be­klag­te ge­leis­tet. Das Be­strei­ten des Klägers mit Nicht­wis­sen ist in­so­weit un­be­acht­lich. Die Be­klag­te hat ent­spre­chen­de Ab­rech­nun­gen vor­ge­legt und der Kläger hätte sich bei der Ver­si­che­rung er­kun­di­gen können, in wel­cher Höhe Gel­der in die Ver­si­che­rung ge­flos­sen sind. Dass der Ver­si­che­rungs­wert ge­rin­ger ist, steht dem nicht ent­ge­gen. Die Rück­kaufs­wer­te lie­gen häufig un­ter der Sum­me der bis zur Kündi­gung ge­zahl­ten Beiträge. Denn die Beiträge die Prämi­en in der Le­bens­ver­si­che­rung müssen nach § 138 Abs. 1 Satz 1 Ver­si­che­rungs­auf­sichts­ge­setz un­ter Zu­grun­de­le­gung an­ge­mes­se­ner ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­scher An­nah­men kal­ku­liert wer­den und so hoch sein, dass das Le­bens­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men al­len sei­nen Ver­pflich­tun­gen nach­kom­men und ins­be­son­de­re für die ein­zel­nen Verträge aus­rei­chen­de De­ckungsrück­stel­lun­gen bil­den kann. Den Ver­si­che­run­gen lie­gen da­her re­gelmäßig „ge­zill­mer­te“ Ta­ri­fe zu­grun­de, bei de­nen die Bei­trags­zah­lun­gen zunächst der De­ckung der Pro­vi­si­ons- und Ab­schluss­kos­ten die­nen. Würde der Rück­kauf­wert dem Kläger nach Ab­zug al­ler Steu­ern und Ab­ga­ben al­lein zu­fließen, würde die Be­klag­te an der Ver­schleu­de­rung ei­nes von ihr mit auf­ge­bau­ten Vermögens mit­wir­ken müssen. Wäre der Kläger, wie die Be­klag­te meint, Rück­for­de­rungs­ansprüchen der Be­klag­ten we­gen der von ihr ge­zahl­ten Auf­sto­ckungs­beiträge aus­ge­setzt, wäre sein Nut­zen aus der Kündi­gung so­gar noch ge­rin­ger.
42 (4) Un­abhängig da­von würde die Kündi­gung der Le­bens­ver­si­che­rung für die Be­klag­te zu ei­nem ho­hen Ver­wal­tungs­auf­wand führen, der im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung eben­falls Berück­sich­ti­gung fin­den muss (Ul­brich/Britz, An­spruch auf vor­zei­ti­ge Aus­zah­lung ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung we­gen fi­nan­zi­el­le Not­la­ge des Ar­beit­neh­mers, DB 2015, 247, 250). Darüber hin­aus würde sich die Be­klag­te an­ge­sichts der Viel­zahl an so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen und steu­er­recht­li­chen Pro­ble­me ei­nem erhöhten Haf­tungs­ri­si­ko aus­set­zen. Die­ses Ri­si­ko kann sich so­wohl in Be­zug auf den Kläger als auch ge­genüber den So­zi­al­ver­si­che­rungs­trägern oder dem Fi­nanz­amt stel­len. Selbst die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft hat in ih­rem vom Kläger selbst vor­ge­leg­ten Schrei­ben vom 25.02.2013 (Bl. 37 der Ak­te) mit­tei­len können, ob und in wel­cher Form die bis­he­ri­ge Pau­schal­steu­er aus­zu­glei­chen sei. Dies zu ent­schei­den sei Sa­che des zuständi­gen Fi­nanz­amts und könne von Fall zu Fall an­ders sein.
43 (5) Sch­ließlich spre­chen so­zi­al­po­li­ti­sche As­pek­te ge­gen ei­ne Ver­pflich­tung der Be­klag­ten zur Kündi­gung der Le­bens­ver­si­che­rung. Die be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung als zwei­te Säule der Al­ters­ver­sor­gung be­deu­tet mehr als ei­nen je­der­zeit künd­ba­ren Spar­vor­gang. Sie dient der Un­terstützung in exis­ten­zi­el­len Ver­sor­gungsfällen und nicht dem Aus­gleich kurz­fris­ti­ger fi­nan­zi­el­ler Engpässe (Ul­brich/Britz, An­spruch auf vor­zei­ti­ge Aus­zah­lung ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung we­gen fi­nan­zi­el­le Not­la­ge des Ar­beit­neh­mers, DB 2015, 247, 251). Ei­nen Ver­sor­gungs­an­spruch we­gen ei­nes al­len­falls be­schei­de­nen Li­qui­ditäts­zu­wach­ses auf­zu­ge­ben, er­scheint der Kam­mer nicht nur in ho­hem Maße un­vernünf­tig, son­dern wi­der­spricht auch dem Grund­ge­dan­ken der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung.
44 Die Kos­ten­ent­schei­dung er­gibt sich aus § 97 ZPO. Die Kam­mer hat die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen, weil sie den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­gen grundsätz­li­che Be­deu­tung i.S.d. § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG bei­misst.
45 RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG
46 Ge­gen die­ses Ur­teil kann von der kla­gen­den Par­tei
47 R E V I S I O N
48 ein­ge­legt wer­den.
49 Für die be­klag­te Par­tei ist ge­gen die­ses Ur­teil kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben.
50 Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Not­frist* von ei­nem Mo­nat schrift­lich oder in elek­tro­ni­scher Form beim
51 Bun­des­ar­beits­ge­richt
52 Hu­go-Preuß-Platz 1
53 99084 Er­furt
54 Fax: 0361-2636 2000
55 ein­ge­legt wer­den.
56 Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.
57 Die Re­vi­si­ons­schrift muss von ei­nem Be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:
59 1. Rechts­anwälte,
60 2. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
61 3. Ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der in Num­mer 2 be­zeich­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­rer Mit­glie­der oder an­de­rer Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt, und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.
62 In den Fällen der Zif­fern 2 und 3 müssen die Per­so­nen, die die Re­vi­si­ons­schrift un­ter­zeich­nen, die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.
63 Ei­ne Par­tei, die als Be­vollmäch­tig­ter zu­ge­las­sen ist, kann sich selbst ver­tre­ten.
64 Bezüglich der Möglich­keit elek­tro­ni­scher Ein­le­gung der Re­vi­si­on wird auf die Ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr beim Bun­des­ar­beits­ge­richt vom 09.03.2006 (BGBl. I Sei­te 519) ver­wie­sen.
65 * ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.
zur Übersicht 9 Sa 14/16

References: § 3
 § 4
 § 2
 § 241
 § 241
 § 1
 § 3
 § 40
 § 19
 § 138
 § 97
 § 72