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Timestamp: 2020-07-02 06:33:14+00:00

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socialnet Lexikon: Hermaphroditismus | socialnet.de
Etymologie: Zusammensetzung aus den Namen der griech. Gottheiten Hermes und Aphrodite
weitere Bezeichnungen: Zwittertum, Zwittrigkeit
Hermaphroditismus gilt als ältester Begriff, der zur Bezeichnung von weiblichen und männlichen geschlechtlichen Merkmalen bei ein- und demselben Menschen benutzt wird.
1 Griechische Mythologie
2 Antike und Mittelalter
3 Frühe Neuzeit und europäische Moderne
4 20. und 21. Jahrhundert
Aus Zypern kommend breitete sich im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ein religiöser Kult in Griechenland aus, in dem Hermaphroditos verehrt wurde. Der griechischen Sage nach war Hermaphroditos der Sohn der beiden Gottheiten Hermes und Aphrodite. Als er auf Wanderschaft war, badete er bei Halikarnassos in einer Quelle. Die Nymphe Salmakis sah und verliebte sich in ihn. Aber er erwiderte ihre Liebe nicht. So rief sie die Götter an, dass sie und er miteinander vereinigt werden – das geschah. Sie verschmolzen und es entstand ein „Zwitterwesen“ (vgl. Groneberg 2008; Voß 2010, S. 50–51).
Neben dem religiösen Kult existierte in der Antike auch eine gesellschaftliche Praxis, in der Hermaphroditen ertränkt wurden, weil sie als „Unheil bringend“ angesehen wurden (vgl. Brisson 2002, S. 24–29; Voß 2010, S. 50–51). Mit dem Kanonischen Recht (Kirchenrecht) – mit Reichweite insbesondere ab dem 14. Jahrhundert, nachdem sich die Kirche konsolidiert hatte – wurde juristisch die Möglichkeit eingeführt, dass sich ein hermaphroditischer Mensch, bei dem kein eindeutiges weibliches oder männliches Geschlecht festgestellt werden konnte, einmalig bei Volljährigkeit für eines beider Geschlechter entscheiden sollte (vgl. ausführlich: Klöppel 2010).
Beispiele für Rechtsvorschriften
Im Codex Maximilianeus Bavaricus Civilis (1756) heißt es in Kapitel 3, § 2: „Hermaphroditen werden 2. dem Geschlecht beygezehlt, welches nach Rath und Meinung deren Verständigen vordringt, falls sich aber die Gleichheit hierin bezeigt, sollen sie selbst eins erwählen, und von dem Erwählten sub Poena Falsi nicht abweichen. [...]“ (Wacke 1989, S. 883; Hirschauer 1999 (1993), S. 71).
Im Preußischen Allgemeinen Landrecht (1794) heißt es in Teil 1, Titel 1: „der Zwitter § 19. Wenn Zwitter geboren worden, so bestimmen die Aeltern, zu welchem Geschlechte sie erzogen werden sollen. § 20. Jedoch steht einem solchen Menschen, nach zurückgelegtem achtzehnten Jahre, die Wahl frey, zu welchem Geschlecht er sich halten wolle. § 21. Nach dieser Wahl werden seine Rechte künftig beurtheilt. § 22. Sind aber Rechte eines Dritten von dem Geschlecht eines vermeintlichen Zwitters abhängig, so kann ersterer auf Untersuchung durch Sachverständige antragen. § 23. Der Befund der Sachverständigen entscheidet, auch gegen die Wahl des Zwitters, und seiner Aeltern“ (Wacke, 1989 S. 887; Hirschauer, 1999 (1993), S. 71).
Bei späterer Änderung war er mit der Verurteilung wegen Sodomie bedroht (vgl. u.a. Foucault 2003 [1975]; Daston 1985). Im alltäglichen Leben scheinen geschlechtliche Mischungen oder ‚Uneindeutigkeiten‘ im Mittelalter kaum problematisiert worden zu sein, wie aktuelle Arbeiten der Mediavistik nahelegen (vgl. Rolker 2013; Cadden 1993). Christof Rolker arbeitet in seinen Forschungen an der Universität Konstanz aktuell heraus, dass zwar nicht von „allzu viel Toleranz und Wahlfreiheit“ für das Mittelalter auszugehen sei, es aber keinen einzigen Beleg dafür gebe, dass „Hermaphroditen im Mittelalter regelmäßig verfolgt und verbrannt worden seien“ (Rolker 2013, S. 23).
Sind zum Mittelalter weitere Forschungen nötig, zeigt sich für die Zeit ab der frühen Neuzeit und für die europäische Moderne, wie dort Geschlechtlichkeit zunehmend problematisiert wurde. Es kam direkt zu Verfolgungswellen gegen Sodomie. Mit der Biologie und Medizin der europäischen Moderne wurden bestimmte Merkmale als geschlechtlich und sexuell definiert, an Hand derer dann Geschlecht medizinisch klassifiziert wurde. Bestimmte Merkmalsausprägungen wurden als „nicht typisch“ erklärt und genaueren Untersuchungen unterzogen. So entstanden im 19. Jahrhundert unter dem Begriff Hermaphroditismus Klassifikationssysteme und zielten die Forschenden auch auf die praktische Anwendung zur Auslöschung geschlechtlich „nicht typischer“ Merkmale. Es galt das „wahre Geschlecht“ – also „weiblich“ oder „männlich“ – der Menschen, bei denen das Geschlecht als „nicht typisch“ schien, zu erkennen. Menschen wurden zu diesem Zweck Untersuchungen ausgesetzt und es wurde auf Behandlungen orientiert. Ein regelmäßiges Behandlungsprogramm, das routinemäßig auf eine Vereindeutigung des Geschlechts bei Hermaphroditismus zielt(e), kam hingegen in den 1950er Jahren auf, vgl. Intersexualität (vgl. Klöppel 2010; Voß 2010, S. 188–232).
Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch wurde der Begriff Hermaphroditismus zentral in der medizinischen Nomenklatur verwendet, um „nicht typische“ Entwicklungen des Genitaltraktes zu beschreiben. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich zusätzlich Intersexualität (Intergeschlechtlichkeit) als Bezeichnung durch. Beide Begriffe werden seit den 1990er Jahren auch von Menschen, die dem medizinischen Behandlungsprogramm unterzogen wurden, selbstbewusst eingesetzt, insbesondere um gegen den gesellschaftlichen und medizinischen Umgang mit Hermaphroditen bzw. Intersexuellen zu streiten. Damit sind diese Bezeichnungen heute auch mit emanzipatorischen, politischen Kämpfen verbunden.
Brisson, Luc, 2002. Sexual Ambivalence – Androgyny and Hermaphroditism in Graeco-Roman Antiquity. Translation by J. Lloyd. Berkley u.a.: University of California Press. ISBN 0-520-23148-1
Cadden, Joan, 1993. Meanings of Sex Difference in the Middle Ages – Medicine, science and culture. Cambridge: Cambridge University Press. ISBN 0-521-34363-1
Daston, Lorraine und Katharine Park, 1985. Hermaphrodites in Renaissance France. In: Critical matrix. 1 (5). S. 1–19. ISSN 1066-288X
Foucault, Michel, 2003 (1975; frz. Erstdruck 1999). Vorlesung vom 22. Januar 1975. In: Michel Foucault. Die Anormalen – Vorlesungen am Collège de France (1974-1975). Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 76–107. ISBN 3-518-58323-9
Groneberg, Michael, 2008. Mythen und Wissen zur Intersexualität – Eine Analyse relevanter Begriffe, Vorstellungen und Diskurse. In: Michael Groneberg und Kathrin Zehnder, Hrsg. „Intersex“ – Geschlechtsanpassung zum Wohl des Kindes? Erfahrungen und Analysen. Fribourg: Akad. Press. S. 83–145. ISBN 978-3-7278-1506-5
Hirschauer, Stefan, 1999 (Erstauflage 1993). Die soziale Konstruktion der Transsexualität. Frankfurt/Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-28645-6
Klöppel, Ulrike, 2010. XX0XY ungelöst: Hermaphroditismus, Sex und Gender in der deutschen Medizin. Eine historische Studie zur Intersexualität. Bielefeld: Transcript Verlag. ISBN 978-3-8376-1343-8
Rolker, Christof, 2013. Der Hermaphrodit und seine Frau: Körper, Sexualität und Geschlecht im Spätmittelalter [online]. In: Historische Zeitschrift [online]. 17.12.2013 [Zugriff am 05.02.2018]. Verfügbar unter: https://dx.doi.org/10.1515/hzhz.2013.0508
Voß, Heinz-Jürgen, 2010. Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive [online]. Bielefeld: Transcript Verlag, Juni 2015 [Zugriff am 05.02.2018]. S. 188–232. Verfügbar unter: http://dx.doi.org/10.14361/9783839413296. ISBN 978-3-8394-1329-6
Wacke, Andreas, 1989. Vom Hermaphroditen zum Transsexuellen – Zur Stellung von Zwittern in der Rechtsgeschichte. In: Heinz Eyrich, Hrsg. Festschrift für Kurt Rebmann zum 65. Geburtstag. München: C. H. Beck. S. 861–903. ISBN 978-3-406-33811-3
Es gibt 2 Lexikonartikel von Heinz-Jürgen Voß.
Voß, Heinz-Jürgen, 2018. Hermaphroditismus [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 06.02.2018 [Zugriff am: 02.07.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Hermaphroditismus

References: § 2
 § 19
 § 20
 § 21
 § 22
 § 23