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Timestamp: 2018-10-18 12:07:05+00:00

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Melchior Palágyi: Kant und Bolzano - ein kritische Parallele [3/5]
Liebmann - Kant und die Epigonen Hamann - Metakritik
"Wenn wir absehen von aller Erkenntnis, die wir den Gegenständen entlehnen müssen und lediglich auf unseren Verstandesgebrauch überhaupt reflektieren, dann entdecken wir jene Regeln unseres Verstandes, die unangesehen aller Gegenstände schlechthin notwendig sind und ohne die wir gar nicht denken könnten, die also a priori d. i. unabhängig von jeder Erfahrung eingesehen werden können. Die Wissenschaft von diesen Regeln a priori ist die Logik, sie geht also lediglich auf die Form und keineswegs auf die Materie der Erkenntnis. - Er nennt die Logik auch "eine Selbsterkenntnis des Verstandes und der Vernunft, aber nicht nach den Vermögen derselben in Ansehung der Objekte, sondern lediglich der Form nach."
"Die Logik ist eine Vernunftwissenschaft nicht der Materie, sondern der bloßen Form nach; eine Wissenschaft a priori von den notwendigen Gesetzen des Denkens, aber nicht in Ansehung besonderer Gegenstände, sondern aller Gegenstände überhaupt; - also eine Wissenschaft des richtigen Verstandes- und Vernunftgebrauches überhaupt, aber nicht subjektiv, d. h. nach empirischen (psychologischen) Prinzipien, wie der Verstand denkt, sondern objektiv, d. i nach Prinzipien a priori, wie er denken soll."
"Die Forscher, welche der Ansicht sind, daß die Logik von der Materie der Gedanken absehe und bloß ihre Form beachte, scheinen doch immer von der stillschweigenden Voraussetzung auszugehen, daß alle Gegenstände, mit den sich die Logik befaßt, unter den Begriff eines Gedankens fallen müßten. Wie aber, wenn diese sehr allgemein gemachte Voraussetzung nicht ganz richtig wäre?"
§ 3. Die Aufgabe der Logik
Im Sinne KANTs ist die allgemeine Logik eine formale Wissenschaft, d. i sie abstrahiert von jeglichem Gegenstand, von jeglichem Inhalt der Erkenntnis und hat mit nichts als mit der Form unseres Denkens oder unserer Erkenntnis zu tun. KANT drückt diese Auffassung der Logik in mancherlei Wendungen aus; so sagt er z. B. (in der von JÄSCHE herausgegebenen Logik), daß wenn wir absehen von aller Erkenntnis, die wir den Gegenständen entlehnen müssen und lediglich auf unseren Verstandesgebrauch überhaupt reflektieren, dann entdecken wir jene Regeln unseres Verstandes, die unangesehen aller Gegenstände schlechthin notwendig sind und ohne die wir gar nicht denken könnten, die also a priori d. i. unabhängig von jeder Erfahrung eingesehen werden können. Die Wissenschaft von diesen Regeln a priori ist die Logik, sie geht also lediglich auf die Form und keineswegs auf die Materie der Erkenntnis. - Er nennt die Logik auch "eine Selbsterkenntnis des Verstandes und der Vernunft, aber nicht nach den Vermögen derselben in Ansehung der Objekte, sondern lediglich der Form nach."
Ähnliche Erklärungen findet man bei allen Kantianern. So bei L. H. JAKOB in seinem Grundriß der allgemeinen Logik (§62). "Da die Logik von allem Unterschied der Gegenstände abstrahiert und bloß die Art und Weise betrachtet, wie der Verstand Gegenstände denke und denken muß, so ist sie eine bloß formale Wissenschaft." - HOFBAUER erklärt in seiner Logik (§ 11), was man unter Materie und Form eines Gedankens zu verstehen habe: "Die Materie eines Gedankens ist dasjenige, was ihm im Gedachten entspricht; seine Form dasjenige, was in demselben durch das Denken erzeugt ist. Materie des Denkens sind die Vorstellungen, aus welchen Gedanken erzeugt werden können und die Form des Denkens die Art und Weise, wie das geschieht." (Als ob Vorstellungen nicht auch schon Erzeugnisse des Denkens wären!) - METZ erklärt die Form des Denkens als dasjenige, "wodurch das Vorstellen ein Denken wird und dies ist die Bestimmung gegebener Vorstellungen durch die Einheit des Bewußtseins". KRUG aber findet den formalen Charakter des Denkens darin, "daß die Vorstellungen nur aufeinander selbst bezogen werden, ohne weiter auf den Gegenstand, worauf sie sich außerdem noch beziehen mögen, Rücksicht zu nehmen". (Fundamentallehre, Seite 332).
Wenn KANT die Logik als eine formale Wissenschaft hinstellt, so hängt das innigster Weise mit seiner Auffassung zusammen, daß die Logik kein Organon der Wissenschaften sei. Die Logik wäre nämlich dann ein Organon der Wissenschaften, wenn sie Anweisungen geben würde, wie die Wissenschaften zustande gebracht werden sollen. Das würde aber eine genaue Kenntnis jener Wissenschaften, ihrer Gegenstände und Quellen voraussetzen; wohingegen die Logik eine von der Erfahrung unabhängige, bloß auf die Denkformen ausgehende Propädeutik [Vorschule, wp] allen Verstandesgebrauchs sein muß, wenn sie im kantischen Sinne überhaupt eine Wissenschaft sein soll. Sie muß sich wohl hüten, die Materie der Erkenntnis, welche durch andere Wissenschaft gegeben wird, antizipieren zu wollen, denn nicht die Erweiterung, sondern die Beurteilung und Berichtigung unserer Erkenntnis kann ihre Aufgabe sein. Sie ist kurz gesagt ein Kanon des Verstandes und der Vernunft, d. h. sie lehrt die notwendigen Gesetze des Denkens, ohne welche gar kein richtiger Gebrauch des Verstandes und der Vernunft stattfindet. Als ein solcher Kanon darf sie ihre Prinzipien weder aus der Erfahrung noch auch aus einer anderen Wissenschaft, wie etwa die Psychologie ist, entleihen. Denn würde man die Prinzipien der Logik aus Beobachtungen über den Verstand also aus der Psychologie entnehmen, dann könnte man bloß erfahren, wie sich das Denken und mancherlei subjektiven Bedingungen und Hindernissen betätigt, d. h. bloß die zufälligen Gesetze des Denkens finden. Nun hat aber die Logik nicht die zufälligen, sondern die notwendigen Regeln des Verstandesgebrauchs zu lehren: sie hat es nicht damit zu tun, wie jemand unter gewissen Bedingungen wirklich denkt, sondern wie man überhaupt denken soll. Dementsprechend lautet die kantische Definition der Logik wie folgt:
Im vollen Einklang mit dieser Erklärung steht, wenn KANT sagt, daß die allgemeine Logik eine "kurze und trockene" Wissenschaft sei, die seit ARISTOTELES Zeiten keinen wesentlichen Fortschritt gemacht hat und die der neuen Erfindungen auch gar nicht bedarf, weil sie es bloß mit der Form des Denkens zu tun hat.
Kaum braucht es gesagt zu werden, daß BOLZANO in allen diesen Auffassungen eine mehr oder minder tiefe Schädigung des Ideals einer wissenschaftlichen Logik erblickt. Sein Auge ist auf die Gesamtheit des menschlichen Wissens gerichtet, er will der Logik eine leitende Rolle im Reich aller Spezialwissenschaften zusichern. Denken wir uns - sagt er - alle Wahrheiten, die nur je ein Mensch erkannt hat, in ein einziges Buch zusammengefaßt, so übersteigt diese Summe des ganzen menschlichen Wissens, so klein sie auch im Vergleich zum unermeßlichen Gebiet der Wahrheit sein mag, doch die Fassungskraft eines jeden einzelnen noch so begabten Kopfes; es bleibt also nichts übrig, als sich zu einer Teilung des wahrhaft Wissenswerten zu verstehen und die verwandten Wahrheiten in einzelne Disziplinen zu ordnen. Drängt sich da nicht die Idee einer Wissenschaftslehre auf, deren Aufgabe es wäre, zu zeigen, wie das gesamte Gebiet der Wahrheit in einzelne Wissenschaften zerlegt und wie jede derselben bearbeitet und dargestellt werden solle, um nicht ein Haufen von Kenntnissen, sondern ein Ganzes von Sätzen zu sein, so geordnet und so verbunden, wie es dem Zweck der leichtesten Auffassung und der eindringlichsten überzeugenden Kraft entspricht. Kurz BOLZANO faßt die Logik als eine Art von Organon der Wissenschaften und beklagt sich darüber, wie es unter dem Einfluß KANTs den Verdacht des Mangels an Scharfsinn erregte und es beinahe eine gefährliche Sache war, so etwas verlauten zu lassen, daß die Logik als Organon aufgefaßt werden dürfte. Freilich verwahrt er sich auch dagegen, als ob ein solches Organon die Grundsätze aller einzelnen Wissenschaften in sich fassen müßte, denn welchen Sinn, fragt er, hätte es, die Grundsätze der verschiedenartigsten Disziplinen nebeneinander zusammenzustellen ohne die Folgerungen, die sich aus ihnen ergeben, zu ziehen. Nich von Grundsätzen, die jeder Einzelwissenschaft als solcher zugrunde liegen, handelt die Logik, sondern vom Verfahren, das man zu befolgen hat, um zu einer echt wissenschaftlichen Darstellung einer jeden Disziplin gelangen zu können.
Charakteristisch für den Geist der Wissenschaftslehre BOLZANOs ist es, daß ein Abschnitt derselben sich mit der "Erfindungskunst" beschäftigt, d. h. mit den Regeln, welche beim Nachdenken zu beobachten sind, wenn man auf die Entdeckung von Wahrheiten ausgeht. So lange sich nämlich keine eigene Wissenschaft des Erfindens konstituiert, meint BOLZANO, daß es Pflicht der Logik wäre, ihr eine Unterkunft zu geben. Man ersieht aus diesen Bestrebungen des eigentümlichen Denkers, daß er die Logik geradezu in den Dienst aller übrigen Wissenschaften stellt und ihr zur Aufgabe macht, gewissermaßen die Pflegerin des wahrhaft wissenschaftlichen Forschergeistes in allen übrigen Fächern zu sein.
Daß ein Forscher, der ganz durchdrungen war vom exakten und erfinderischen Geist der Mathematik, es als eine unerträgliche Einschränkung der Logik empfinden mußte, diese als sogenannte "formale" Wissenschaft im Sinne KANTs aufzufassen, ist nur allzu begreiflich. Je mannigfachere Versuche KANT und seine Anhänger machen, zu erklären, was sie von der Form der Erkenntnisse im Gegensatz zu ihrer Materie verstehen, desto mehr Undeutlichkeit findet BOLZANO in ihren diesfälligen Begriffsbestimmungen. Allerdings, sagt er, betrachtet die Logik Sätze nicht ihrem vollen Inhalt nach, so ist z. B. der Satz: "Einige Menschen haben eine weiße Hautfarbe" kein Gegenstand irgendeines Lehrsatzes der Logik und nur der allgemeine Ausdruck der Gattung dieser Sätze (einige A sind B), wird in der Logik einer Betrachtung unterworfen. Will man solche Gattungen von Sätzen Satzformen nennen, so kann dies ja zugegeben werden, obwohl nicht diese Gattung von Sätzen selbst, sondern bloß ihre mündliche oder schriftliche Bezeichnung, wie: einige A sind B, eine Form genannt werden sollte. Will man ferner in einer solchen Form wie: einige A sind B, diejenigen Teile, welche unbestimmt bleiben, nämlich A und B, die Materie des Satzes nennen, so könnte man auch zugeben, daß sich die Logik nur mit der Form und nicht mit der Materie der Sätze befasse. Was für eiinen Sinn hat es aber zu sagen, daß die Logik von allem Unterschied der Gegenstände abstrahieren solle; da es doch zweifellos ist, daß die Logik auf diesen Unterschied wenigstens insoweit reflektieren müßte, als es eben notwendig ist, um brauchbare Regeln für das Nachdenken über die Gegenstände aufzustellen. Denn wie soll man noch überhaupt etwas von Sätzen ausmachen können, wenn man gar keine Rücksicht mehr darauf nimmt, was sie besagen? Also müßte der Begriff der Form irgendwie eingeengt werden, so daß nur gewisse Bestandteile des Satzes, zur Form gehörig, andere hinwieder zur Materie gehörig betrachtet werden. Wie das aber durchgeführt werden soll, ist unerfindlich. So heißt es z. B., daß die Einteilung der Sätze in bejahende und verneinende, bloß die Form derselben betreffe, weil man nicht den ganzen Satz, sondern bloß einen Bestandteil desselben (man pflegt dabei an die Kopula zu denken) zu kennen brauche, um den bejahenden oder verneinenden Charakter des Satzes entscheiden zu können. Dagegen die Einteilung in Sätze a priori und a posteriori erklärt man für material, weil man erst nach Kenntnisnahme vom vollen Inhalt des Satzes entscheiden könne, ob er a priorischen oder a posteriorischen Charakter habe. Wie unhaltbar jedoch diese Auffassung ist, geht daraus hervor, daß man nunmehr von Sätzen a priori und a posteriori in der Logik gar nicht mehr reden dürfte, weil diese Unterscheidung nicht die Form, sondern die Materie der Sätze betrifft. Manche Denker scheinen den formalen Charakter der Logik sogar darin zu suchen, daß sie bloß analytische Urteile enthalte; so sagt FRIES (System der Metaphysik, § 9), die Logik sei ein System der analytischen Urteile; dem gegenber muß aber betont werden, daß weder die Logik noch irgendeine Wissenschaft Lehrsätze analytischen Charakters aufstelle. Wer würde z. B. die Geometrie mit solchen Sätzen anfüllen wollen, wie z. B. "Ein gleichseitiges Dreieck ist ein Dreieck", oder "Ein rechtwinkliges Dreieck ist eine rechtwinklige Figur?"
Überhaupt meint BOLZANO, daß es den Anschein hat, als ob sich manche Gelehrte des unbestimmten Ausdrucks, daß in der Logik von aller Materie des Denkens abstrahiert werden müsse, nur deshalb bedienten, um sich hinter ihn zu verstecken, wenn sie irgendeine ihnen beschwerliche Untersuchung ablehnen wollten. (Wissenschaftslehre I, § 50). Müßte man in der Logik von aller Materie des Denkens absehen, dann wäre es auch begreiflich, daß die Logik gar keine Fortschritte machen könne. Der Ausspruch KANTs, daß die Logik keiner Fortschritte bedürfe, scheint BOLZANO besonders tief gekränkt zu haben. Der so höchst objektive und konziliante Denker drückt sich hier gegen KANT gewendet in einer scharfen Weise aus, wie sonst bei keiner Gelegenheit: "Darum deucht es mir eine von KANTs literarischen Sünden zu sein, daß er versuchte, uns diesen heilsamen Glauben (an der Fortschrittsfähigkeit der Logik) durch die Aufstellung jener der menschlichen Trägheit so willkommenen Behauptung zu rauben, die Logik sei eine seit ARISTOTELES Zeiten bereits vollendete und geschlossene Wissenschaft. Statt dessen dächte ich, sollte man vielmehr den Glauben an die Möglichkeit einer steten Vervollkommnung nicht nur der Logik, sondern aller Wissenschaften als eine Art von praktischem Postulat für die Menschheit aufstellen. Und was ist es wohl im Grunde anderes, als Stolz, der uns verleiten will, zu behaupten, daß eine Wissenschaft in alle Zukunft nicht besser und vollständiger werde dargestellt werden können, als es in unserer Zeit (etwa durch uns selbst) geschehen ist? (Wissenschaftslehre I, §9, Seite 40)
BOLZANO beruft sich auch auf LEIBNIZ, der von der Möglichkeit der Vervollkommnung der Logik überzeugt war und in den Nouv. Ess. (B. 4, K. 17, §9) sagt: "Gebe Gott, daß man die Logik noch zu etwas mehr mache, als sie jetzt ist, damit wir darin jene wahren Hilfsmittel der Vernunft finden können, von denen HOOKER sprach, welche die Menschen über ihren gegenwärtigen Zustand hinaus heben würde." - Übrigens sei schon hier bemerkt, was später deutlich hervortreten wird, daß BOLZANO ein Schüler des LEIBNIZ ist und vielleicht auch als einer der bedeutendsten Repräsentanten der LEIBNIZschen Denkrichtung in der deutschen Philosophie betrachtet werden darf.
§ 4. Der logische Objektivismus Bolzanos
Wir haben gesehen, wie BOLZANO die formalistische Auffassung der Logik bekämpft; aber es bleibt noch übrig die eigentliche Triebfeder seiner Opposition bloßzulegen. Was er im Schilde führt, ist eine gründliche Reform der Logik, durch welche sie erst zu einer wirklichen Wissenschaft werden soll. Die Forscher, meint er, welche der Ansicht sind, daß die Logik von der Materie der Gedanken absehe und bloß ihre Form beachte, scheinen doch immer von der stillschweigenden Voraussetzung auszugehen, daß alle Gegenstände, mit den sich die Logik befaßt, unter den Begriff eines Gedankens fallen müßten. Wie aber, wenn diese sehr allgemein gemachte Voraussetzung nicht ganz richtig wäre? Die Geschichte der Wissenschaften zeigt ja der Beispiele genug, daß eine Wissenschaft im Verlauf ihrer Entwicklung ihr Gebiet erweitert; so wurde z. B. die Geometrie, die anfangs nur eine Lehre von der Ausmessung der Länder war, eine Wissenschaft vom Raum überhaupt. Wie nun, wenn die Logik nicht nur von gedachten Sätzen, sondern auch von "Sätzen an sich" handeln müßte, d. h. von Sätzen, bei denen man absieht, ob sie nun gedacht oder nicht gedacht sein mögen. Dann würde man ihr Gebiet zu eng begrenzt haben und man müßte es nunmehr erweitern.
Hier bietet sich uns Gelegenheit, einen tieferen Einblick in das geschichtliche Verhältnis unserer beiden Denker zu gewinnen. KANT faßt nämlich die Erfahrungserkenntnis als ein Zusammengesetztes auf: einesteils aus dem, was wir durch die Eindrücke empfangen (Materie der Erkenntnis), anderenteils aus dem, was unser eigenes Erkenntnisvermögen aus sich selbst hergibt (Form der Erkenntnis). Obwohl es BOLZANO vermeidet, sich über diesen Punkt der kantischen Theorie der Erfahrung ausdrücklich vernehmen zu lassen, weil er Auffassungen, die eine sozusagen mathematische Art der Diskussion nicht zulassen, aus dem Weg geht: so tritt doch aus seinem ganzen System der Logik nichts deutlicher hervor, als daß er jene Zusammensetzung der Erfahrung aus Stoff und Form von Grund auf verwirft. Wir müssen also hier in seinem Gedankengang gewissermaßen ergänzend eingreifen, um zu erklären, weshalb er an jener Theorie der Erfahrung so großen Anstoß nimmt. Augenscheinlich erblickt er in den Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes - trotzdem KANT sie als die Bedingungen der Objektivität unserer Erkenntnis hinstellt - nur etwas, was im Subjekt liegt, mithin selbst subjektiv ist. Er scheint zu denken, daß diese Formen in mir von anderer Natur sein könnten, als in dir oder in irgendeinem anderen denkenden Wesen; kurz er erblickt in solchen Formen gar keine Gewährleistung dafür daß unsere Erkenntnis wirklich objektiv sein könne oder sein müsse. Was nützt es, wenn die Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes unabhängig sind von aller Erfahrung: sind sie doch immer in uns, in unserer Sinnlichkeit, in unserem Verstand und könnten dann für jedes Individuum oder wenigstens für jede Gattung von Individuen verschiedenartig sein, so daß für ein Individuum oder wenigstens für eine Gattung die "Objektivität" der Erkenntnis eine wesentlich andere Bedeutung hätte, als für ein anderes Individuum oder eine andere Gattung. So wäre es z. B. nicht ausgeschlossen, daß es denkende Wesen gebe, deren Raumanschauungsform so beschaffen wäre, daß sie die Welt in weniger oder gar in mehr Dimensionen als wir erblickten; und was stünde dem inm Wege, daß bei gewissen Wesen die Zeitanschauungsform nicht ein- sondern zweidimensional wäre, trotzdem dies uns völlig widersinnig erscheint. Nicht minder könnten die Formen des a priori des Verstandes bei verschiedenen Gattungen von Wesen so beschaffen sein, daß was uns für wahr erscheint, ihnen notwendig für falsch erscheinen würde und umgekehrt. Mit anderen Worten, BOLZANO scheint zu denken, daß die ganze Art und Weise, wie KANT die Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit unserer Erkenntnisse durch Formen a priori der Sinnlichkeit und des Verstandes sichern will, eine bloße Selbsttäuschung sei, da jene Formen, wenn sie auch unabhängig sind, von aller Erfahrung doch bei verschiedenen Wesen verschiedene Beschaffenheiten haben könnten.
Daß BOLZANO so gedacht haben muß, geht daraus hervor, daß er unsere Erkenntnistätigkeit in ihrem Ganzen, so wie in allen ihren Momenten und Phasen als ein durchaus subjektives Tun oder Geschehen auffaßt und die Garantie der Objektivität dieser Tätigkeit nur darin erblickt, daß sie auf die "Wahrheit an sich" gerichtet ist, welche unabhängig davon gültig bleibt, ob nun irgendeine Erkenntnistätigkeit auf sie gerichtet oder nicht gerichtet ist. Um in einem Bild zu sprechen, müßte ich sagen, BOLZANO baut sich einen objektiven Himmelsbogen voll Wahrheitssternen, welche ewig strahlen, wenn auch kein geistiges Auge auf sie gerichtet ist. Und um das Bild noch fortzusetzen, so ist unsere ganze Denktätigkeit ein durchaus niedriges oder irdisches Treiben (d. h. durchaus subjektiv), welches sich erst dadurch aus dem Staub aufrichtet und einen überirdischen Glanz erlangt, daß es jene ewigen Wahrheitssterne widerspiegelt. - Also im objektiven Wahrheitshimme, nicht aber in irgendwelchen Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes liegt es begründet, daß eine objektive Erkenntnis möglich ist. (1)
Der Kenner von BOLZANOs Lehren wird es mir nicht verargen, wenn ich zu solchen Gleichnissen Zuflucht nehme, um die ungewöhnliche Denkweise dieses vereinsamten Philosophen dem Leser irgendwie näher zu rücken. Wir sind alle gewöhnt, die Begriffe Wahr und Falsch stets mit einer Denktätigkeit in Verbindung zu bringen, sodaß wir unter der Logik immer eine Wissenschaft verstehen, die um das Wahre vom Falschen zu scheiden, nie mit etwas anderem als mit der Untersuchung unserer Denktätigkeit beschäftigt ist. Nun kommt der Logiker und sagt uns, daß die Logik es nicht mit unserem Denken allein, sondern noch weit mehr mit den "Sätzen an sich" speziell mit den wahren Sätzen an sich zu tun hat; denn die Wahrheit sei nicht deshalb eine Wahrheit, weil wie sie denken, sondern sie sei deshalb eine Wahrheit, weil sie auch ungedachter Weise eine solche ist. Muß eine solche beinahe wunderliche Lehre nicht irgendwie auch durch Verbildlichung dem Verständnis näher gebracht werden?
Aber ganz besonders ist der Kritizismus dazu geeignet, das Eindringen in die Logik BOLZANOs zu erleichtern. KANT fordert von der Logik, daß sie von allen Gegenständen, von aller Materie des Denkens absehe; BOLZANO geht weiter und sagt, nicht nur von der Materie, sondern auch von der Form des Denkens, kurz von allem Denken überhaupt muß in der Logik abgesehen werden, weil alles Denken eine subjektive Tätigkeit ist und die Logik es mit der objektiven Wahrheit zu tun hat, deren Gültigkeit absolut unabhängig davon ist, ob sie im Geiste irgendeines Wesens auftaucht.
Wenn die Logik, sagt er, vorgibt, daß sie es nur mit Gesetzen des Denkens zu tun hat, also mit Sätzen, insofern sie im Gemüt eines denkenden Wesens erscheinen, so erweckt sie ja den Wahn, daß ihre Lehren nur von diesen Erscheinungen, nicht aber von den Wahrheiten an sich gelten wollen. Wer wollte die Syllogistik so auslegen, daß sie bloß für das menschliche Denken, nicht aber an sich geltend wäre. Soll man etwa den Kanon, "daß sich aus zwei ganz verneinenden Prämissen keine Konklusion ergebe", so deuten, daß es bloß an der Unfähigkeit unseres Denkens liegt, wenn ein Schluß aus verneinenden Prämissen nicht gezogen werden könne? Ist es nicht vielmehr der Sinn jenes Kanon, daß aus jenen Prämissen an und für sich gar nichts folge. Nur weil dieser Kanon objektive Geltung hat, muß er für die Denktätigkeit der Menschen und beliebiger anderer Wesen (so auch für Gott) gelten. Ähnlich verhält es sich mit allen sogenannten Denkgesetzen, d. h. sie gelten an und für sich, abgesehen von jeder Denktätigkeit irgendwelcher Wesen. Es ist also eine irreleitende Benennung, wenn man sie die Gesetze des Denkens nennt, denn sie sind in erster Linie Bedingungen der Wahrheit an sich und nur weil sie objektive Bedingungen der Wahrheit selbst sind, haben sie auch für das Denken irgendwelcher vernünftiger Wesen Geltung.
Man sieht, BOLZANO ist ein durchaus aktueller Philosoph. Es wird in unseren Tagen viel darüber gestritten, ob die sogenannten Denkgesetze bloß für uns Menschen Geltung haben oder ob ihnen bindende Kraft für alle vernünftigen Wesen überhaupt zukommt. Relatistische Denker meinen, das Denken irgendeiner Gattung von Wesen müsse von der Organisation dieser Gattung abhängen; eine anders geartete Organisation hätte also eine anders geartete Logik und eine anders geartete Wahrheit zur Folge. Das führt aber, ob es eingestanden wird oder nicht, zu einer Zersetzung des Wahrheitsbegriffes. Denn es könnte ja der Fall sein, daß eine Gattung von Wesen vermöge ihrer Organisation eben dasselbe für wahr hält, was die andere für falsch erachtet. So mündet die subjektivistische Logik in einen völligen Skeptizismus.
BOLZANO betrachtet auch den Kritizismus als eine solche Lehre, die wahrhaft konsequent verfolgt in den Subjektivismus und Skeptizismus münde. Er setzt sich zur Aufgabe allen Skeptizismus, - der in seinem Sinn der Krebsschaden der Wissenschaft ist - zu bekämpfen; und ich gehe vielleicht nicht irre, wenn ich seine Lehre deshalb einen logischen Objektivismus nenne. Es ist unmöglich, die Parallele zwischen dem Kritizismus und diesem Objektivismus weiter fortzusetzen, wenn wir uns nicht vor allem mit den Grundlehren der BOLZANOschen Logik bekannt machen. Wie vorauszusehen, handelt es sich in ihnen um einen Feldzug gegen jedweden Skeptizismus.
1) Das Bild ist auch dazu geeignet, die Einseitigkeit des BOLZANOschen Denkens fühlen zu lassen, denn unser Denken muß doch, trotz seines subjektiven Charakters, solche Einrichtungen enthalten, daß es der objektiven Wahrheit teilhaft zu werden vermag.

References: § 3
 § 9
 § 50
 §9
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§ 4