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Timestamp: 2019-12-12 18:44:05+00:00

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LSG Niedersachsen-Bremen, L 2 U 45/01: LSG Nsb: schwerhörigkeit, berufskrankheit, halle, lärm, hörschaden, rohbau, türkisch, kausalität, messung, unfallversicherung
Urteil des LSG Niedersachsen-Bremen vom 13.12.2001, L 2 U 45/01
Aktenzeichen: L 2 U 45/01
LSG Nsb: schwerhörigkeit, berufskrankheit, halle, lärm, hörschaden, rohbau, türkisch, kausalität, messung, unfallversicherung
Sozialgericht Bremen S 18 U 85/00
Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen L 2 U 45/01
Die Berufung des Klägers gegen den Gerichts- bescheid des Sozialgerichts Bremen vom 2. Mai 2001 wird zurückgewiesen. Außergerichtliche Kosten sind nicht zu erstatten. Die Revision wird nicht zugelassen.
Streitig ist die Zahlung einer Verletztenrente wegen einer Berufskrankheit nach Nr. 2301 der Anlage zur Berufskrankheiten-Verordnung (BKVO) – Lärmschwer-hörigkeit -.
Der am 18. Juli 1940 geborene Kläger ist seit 1969 bei der H. (früher I., jetzt J.), als Presser und Bandarbeiter beschäftigt.
Am 2. Juni 1999 erstattete der Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. med. K. eine "Ärzt-liche Anzeige über eine Berufskrankheit” wegen einer Schwerhörigkeit, die der Kläger auf die Einwirkung von Lärm am Arbeitsplatz zurückführt. Dr. med. K. fügte Au-diogramme vom 31. Mai 1999 bei.
Die Beklagte zog vom Werksärztlichen Dienst der L. Unterlagen über Vorsorge-untersuchungen "Lärm” bei (Untersuchungsberichte mit Ton-audiogrammen vom 10. Oktober 1980, 9. Oktober 1981, 16. Oktober 1981, 11. Oktober 1990, 13. Januar 1994, 25. Januar 1994, 12. Oktober 1998, 29. Februar 1999 und 31. Mai 1999). Ferner holte sie eine Auskunft über Mitgliedschafts- und Erkran-kungszeiten des Klägers von der Betriebskrankenkasse (BKK) M. vom 2. Juli 1999 ein. Die Allgemeinärzte Dres. N. er-statteten einen Befundbericht vom 8. Juli 1999, in dem angegeben ist, der Kläger sei 1990 wegen Schwindelanfällen be-handelt und zum Ohrenarzt überwiesen worden; er leide u.a. an einer arteriellen und essentiellen Hypertonie. Sie fügten einen Arztbrief des Facharztes für Hals-Nasen- Ohren-Krankheiten Dr. med. O. vom 3. Mai 1990 bei, in dem es heißt, aufgrund der gemessenen Blutdruckwerte handele es sich wohl am ehesten um orthostatische Dysregulationen mit Schwindel.
Die L. teilte der Beklagten in einer Auskunft vom 14. Juli 1999 mit, der Kläger sei am 28. November 1969 bei der P. als Mitarbeiter eingetreten und sei bei der H. zunächst 6 Jahre im Presswerk der Halle 4 eingesetzt worden, wo er innerhalb der Pressenstraßen 1 + 3 als Einleger von Teilen an Großwerkzeugpressen tätig gewesen sei. Anschließend habe er als Schweißer, Punktschweißer, Schleifer und Putzer im Rohbau der Halle 3 am Montage- und Verputzverband sowie zur Rück-wandtürfertigung am Reparaturplatz gearbeitet. Von 1977 bis 1987 habe er im Rohbau der Halle 2 vergleichbare Arbeiten am ZB-Boden, Rahmen und Unterbau verrichtet. Seit 1987 arbeite er ausschließlich im Rohbau der Halle 7 im angel-ernten Tätigkeitsbereich. Sie fügte Schallpegelmeßblätter bei.
Der Präventionsbezirk (PB) Bremen der Beklagten erstattete unter dem 29. Juli 1999 einen Untersuchungsbericht Schwerhörigkeit. Darin heißt es, der Kläger sei von November 1969 bis 1975 bei seiner Tätigkeit im Werk Bremen der L. einem personenbezogenen Beurteilungspegel (durch Messung ermittelt) von 96 dB, von 1976 bis 1977 von 95 dB, von 1977 bis 1987 von 95 dB und seit 1987 von 83 dB ausgesetzt gewesen bzw. noch ausgesetzt. Es handele sich um Betriebsmessun-gen mit einer Ermittlungsunsicherheit von +/- 3 dB.
Die Beklagte holte ein Gutachten von dem Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. med. Q. vom 18. November 1999 ein. Er kam darin zusammenfassend zu dem Ergebnis, daß bei dem Kläger eine Lärmschwerhörigkeit mit einer MdE von 15 v.H. vorliege. Der Berufsanamnese sei zu entnehmen, daß der Kläger in den Jahren 1969 bis 1987 zum Teil erheblichen berufsbedingten Lärmbelastungen ausgesetzt gewe-sen sei, daß jedoch seit 1987 die Beurteilungspegel bei 83 dB (A) und somit unter dem Grenzschallpegel lägen. Die Entwicklung der Schwerhörigkeit zeige, daß bereits 1980 eine geringgradige Hörstörung vom sensorischen Typ registriert worden sei und daß der entscheidende Anteil der Hörstörung in den Jahren zwi-schen 1980 und 1985 entstanden sei. Die Untersuchungsergebnisse sprächen im wesentlichen für das Vorliegen einer sensorischen Hörstörung, bei der das Er-gebnis des SISI-Tests in diesem Zusammenhang wegen der Sprachverständi-gungsschwierigkeiten nicht als einziges negatives Recruitment- Phänomen im Sinne einer neuralen Komponente der Schwerhörigkeit ausgelegt werden könne. Die Festlegung des Grades der Schwerhörigkeit richte sich nach den Empfehlun-gen des Königssteiner Merkblattes (KM). Bei Berechnung
des prozentualen Hör-verlustes aus dem Tonaudiogramm (Tabelle Röser 1980) ergebe sich bei einem Tonhörverlust von 30 dB bei 1000 Hz rechts und 35 dB bei 1000 Hz links und der Summe der Hörverluste von 100 dB bei 2000 und 3000 Hz rechts bzw. 110 dB links für das rechte Ohr ein Hörverlust von 30 v.H. und für das linke Ohr von 40 v.H. Dies entspreche nach der Tabelle von Feldmann einer geringgradigen Schwerhörigkeit beiderseits mit einer MdE von 15 v.H. Bei Ermittlung des pro-zentualen Hörverlustes aus dem Sprachaudiogramm (Tabelle Boenning-haus/Röser 1973) ergebe sich bei einem Hörverlust für Zahlen von 35 dB (A1-Wert) und einem Gesamtwortverstehen von 150 rechts und 160 links ein prozen-tualer Hörverlust von 40 v.H., was wiederum nach der Tabelle von Feldmann einer MdE von 15 v.H. entspreche. Unter Anwendung des "Gewichteten Gesamtwort-verstehens” sei unter Zugrundelegung der entsprechenden Meßdaten bei einem Hörverlust für Zahlen von 35 dB und einem "Gewichteten Gesamtwortverstehen” von 112,5 rechts und 120 links ein prozentualer Hörverlust von 50 v.H. zu ermit-teln, was einer mittelgradigen Schwerhörigkeit entspreche. Unter Berücksichtigung der genannten Tabellen sei daher die Gesamt- MdE auf 15 v.H. festzusetzen. Da der Kläger die Frage nach Ohrgeräuschen nur im Sinne einer "Drucksymptomatik” beantwortet habe, sei insoweit keine besondere Berücksichtigung vorzunehmen. Mit einer weiteren durch berufsbedingten Lärm verursachten Hörstörung sei nicht mehr zu rechnen.
Die Beklagte legte das Gutachten zur Auswertung dem Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten Dr. med. R. vor, der sich in einer Stellungnahme vom 14. Dezember 1999 den Ausführungen von Dr. med. Q. nicht anschloß. Er führte aus, nach Auswertung der Tonaudiogramme, die seit 1980 abgeleitet worden seien, sei es im Zeitraum 1969 bis 1981 trotz erheblicher Lärmexposition nicht zu einer wesentlichen Beeinträchtigung des Hörvermögens gekommen (das Tonau-diogramm vom 9. Oktober 1981, das einen Hörverlust von 25 v.H. rechts und links ergebe, sei als Fehlmessung zu werten). Entgegen der Auffassung von Dr. med. Q. habe sich die Hörstörung im wesentlichen – wie tonschwellenaudiometrisch dokumentiert – erst nach 1990 entwickelt, obwohl zu dieser Zeit die Lärmexpositi-on grenzwertig gewesen und Gehörschutz getragen worden sei. Wenn trotz des ungewöhnlichen Verlaufs der Hörstörung sie insgesamt als Lärmschwerhörigkeit gewertet werde (wie Dr. med. Q. dies angenommen habe), sei bei der Einschät-zung der MdE nach der Tabelle von Feldmann bei einem beidseitigen Hörverlust von 40 v.H. eine MdE von 20 v.H. festzulegen. Die MdE durch berufliche Lärm-schwerhörigkeit im Jahre 1987 sei unter Berücksichtigung der tonschwellenau-diometrischen Untersuchungsergebnisse vom 16. Oktober 1981 mit prozentualen Hörverlustwerten von beiderseits 0 v.H. und vom 11. Oktober 1990 mit prozentu-alen Hörverlustwerten von rechts 25 v.H. und links 10 v.H. auf unter 10 v.H. ein-zuschätzen. Erst die weitere, möglicherweise nicht lärmbedingte Schädigung des Hörorgans rechtfertige zum 12. Oktober 1998 eine MdE von 20 v.H.; von 1990 bis 1999 sei es zu einer erheblichen Verschlechterung des Hörvermögens beiderseits gekommen.
Nach Einholung einer Stellungnahme der Landesgewerbeärztin S. vom 10. Januar 2000, in der sie ausführte, bei dem Kläger lägen ausreichende Hinweise für eine Hörstörung im Sinne einer Lärmschwerhörigkeit vor und zusätzlich bestünden Zeichen einer nicht berufsbedingt erworbenen Komponente der Schwerhörigkeit nach Ende der erhöhten Lärmexposition im Jahre 1987, erkannte die Beklagte mit Bescheid vom 27. Januar 2000 eine Berufskrankheit nach Nr. 2301 der Anlage zur BKVO an, lehnte jedoch die Zahlung einer Verletztenrente mangels Vorliegens einer rentenberechtigenden MdE ab. Als Folge der Berufskrankheit erkannte sie an: Beginnende berufsbedingte Hochtoninnen-ohrschwerhörigkeit mit einem Hör-verlust, der jedoch das Ausmaß einer knapp geringgradigen Schwerhörigkeit noch nicht erreicht. Sie führte ferner aus, der Kläger leide daneben auch an beidseiti-gen Hörverlusten, die über das Ausmaß einer beginnenden Schwerhörigkeit hi-nausgingen, jedoch nach Beendigung der gehörschädigenden Tätigkeit ab 1987 eingetreten und daher versicherungsrechtlich als Nachschaden zu werten und auf die Höhe der MdE keinen Einfluß hätten. Sie stützte sich auf die Ermittlungen ihres PB und die eingeholten ärztlichen Äußerungen.
Gegen diesen Bescheid legte der Kläger am 25. Februar 2000 Widerspruch ein, mit dem er sich im wesentlichen auf das Gutachten von Dr. med. Q. vom 18. November 1999 bezog, nach dessen Ausführungen jedoch die MdE auf 20 v.H. einzuschätzen sei, wie dies Dr. med. R. in seiner Stellungnahme vom 14. Dezember 1999 angenommen habe. – Der Widerspruch blieb erfolglos (Wi-derspruchsbescheid vom 7. April 2000, auf den verwiesen wird, Blatt 128/129 Verwaltungsakte).
Der Kläger hat am 8. Mai 2000 beim Sozialgericht (SG) Bremen Klage erhoben und die Zahlung einer Verletztenrente begehrt. Er hat geltend gemacht, die MdE betrage 20 v.H., wie dies Dr. med. R. unter Auswertung des Gutachtens von Dr. med. Q. angenommen habe. Unzutreffend sei, daß seit 1987 in der Halle 7 der L. nur ein Lärmschallpegel von 83 dB geherrscht habe.
Die Beklagte hat sich auf die im Verwaltungsverfahren getroffenen Feststellungen bezogen und Stellungnahmen ihres PB Bremen vom 28. September 2000 und 20. Oktober 2000 über die Lärmexposition seit 1987 in der Halle 7 des Werkes Bremen der L. überreicht. Darin heißt es, nach einer Messung des Betriebes vom 20. September 2000 betrage der Meßwert 83,9 dB (A); zu berücksichtigen sei jedoch, daß im Jahr 2000 erhebliche Änderungen der betrieblichen Einrichtungen vorgenommen worden seien, so daß für die Zeit von 1987 bis 1999 die Meßwerte von 1995 weiterhin Gültigkeit hätten.
Das SG hat ein Gutachten des Hals-Nasen-Ohren-Facharztes Dr. med. T. vom 21. Februar 2001 eingeholt. Er hat zusammenfassend dargelegt, wenn überhaupt, könne lediglich das Hörverlustniveau, das durch das Audiogramm aus
dem Jahre 1990 dokumentiert sei, als denkbar lärmverursacht gesehen werden. Seit 1987 sei keine haftungsbegründende Kausalität mehr gegeben gewesen, so daß weitere Verschlechterungen als Nachschaden angesehen werden müßten. Es gebe gute Gründe, den gesamten Hörschaden als nicht lärminduziert zu interpretieren, was nicht ausschließe, daß aus medizinischer Sicht im vorliegenden Hörschaden Lärmschwerhörigkeitsanteile verborgen seien. Die Gründe seien folgende: Bereits frühzeitig seien die tiefen Frequenzen in die Hörverlustsituation einbezogen gewe-sen, die Konfiguration der Hörverluste im Tief-frequenzbereich sei kuppenförmig, die Hörleistung habe sich nach Sistieren potentiell gehörschädigender Lärmarbeit deutlich verschlechtert, und aus den Dokumentationen des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften ergebe sich, daß in einer Größenordnung von etwa 350.000 Fällen der Verdacht auf Vorliegen einer Lärmschwerhörigkeit bei gegebener haftungsbegründender Kausalität geäußert worden sei, von denen jedoch etwa 2 v.H. anerkannte Lärmschwerhörigkeiten seien, von denen wieder-um nur 0,6 v.H. ein rentenbezugsberechtigendes Maß erreichten.
Mit Gerichtsbescheid vom 2. Mai 2001 hat das SG die Klage abgewiesen. Es hat sich im wesentlichen dem Gutachten von Dr. med. T. vom 21. Februar 2000 an-geschlossen und es als widerspruchsfrei und insgesamt überzeugend bezeichnet. Wegen der Begründung im einzelnen wird auf den Gerichtsbescheid (Blatt 59 – 68 Prozeßakte) Bezug genommen.
Der Kläger hat gegen den ihm am 29. Juni 2001 zugestellten Gerichtsbescheid am 26. Juli 2001 schriftlich beim Landessozialgericht (LSG) Bremen Berufung ein-gelegt. Er macht geltend, unzutreffend sei, daß lediglich bis 1987 die arbeitstech-nischen Voraussetzungen für die Anerkennung der Berufskrankheit erfüllt gewe-sen seien, denn der zuletzt gemessene Lärmpegel in der Halle 7 von 83,9 dB sei grenzwertig und trage zumindest zur Verschlimmerung einer Schwerhörigkeit bei. Zudem habe Dr. med. T. bei der Ermittlung der MdE zu Unrecht nicht das Sprachaudiogramm berücksichtigt, sondern das Tonaudiogramm, obwohl er zutreffend ausgeführt habe, das entscheidende Meßverfahren bei der Berechnung des pro-zentualen Hörverlustes sei das Sprachaudiogramm. Die bei ihm nach dem Sprachaudiogramm gemessenen Hörverluste seien größer als die, die mit dem Tonaudiogramm abgeleitet worden seien. Von Amts wegen sei ein weiteres HNO-fachärztliches Sachverständigengutachten einzuholen, das von einem türkisch sprechenden Sachverständigen zu erstellen sei.
den Gerichtsbescheid des Sozialgerichts Bremen vom 2. Mai 2001 aufzuheben und die Beklagte unter Änderung ihres Bescheides vom 27. Januar 2000 in der Gestalt des Wider- spruchsbescheides vom 7. April 2000 zu verurteilen, ihm eine Verletztenrente in Höhe von mindestens 20 v.H. der Vollrente zu zahlen.
Die Beklagte wiederholt ihr bisheriges Vorbringen und weist darauf hin, daß der gemessene Geräuschpegel seit 1987 unter dem Grenzwert von 85 dB liege und der Kläger zudem den Hörschutz verwende. Aufgrund dieser Gegebenheiten sei eine Exposition zu verneinen. Da sie eine Berufskrankheit anerkannt habe, sehe sie davon ab, die von Dr. med. T. aufgeworfene Frage, ob bei dem Kläger über-haupt eine Lärmschwerhörigkeit vorliege, weiter zu erörtern. Diese anerkannte Lärmschwerhörigkeit begründe jedoch keine Entschädigungspflicht.
Das Gericht hat die Verwaltungsakte der Beklagten (Az. BKS 3.17865.997) bei-gezogen. Diese Akte und die Prozeßakte (Az. L 2 U 45/01, ist 18 U 85/00) sind Gegenstand der mündlichen Verhandlung gewesen.
Die form- und fristgerecht (§§ 151 Abs. 1, 105 Abs. 2 Sozialgerichtsgesetz – SGG –) eingelegte Berufung ist statthaft (§§ 143, 105 Abs. 2 SGG). Sie ist nicht begründet.
Das SG hat die Klage zu Recht abgewiesen, denn der angefochtene Bescheid der Beklagten ist rechtmäßig. Der Kläger hat keinen Anspruch auf Zahlung einer Verletztenrente wegen der anerkannten Lärmschwerhörigkeit.
Im vorliegenden Fall kann es dahinstehen, ob die Reichsversicherungsordnung (RVO) oder das am 1. Januar 1997 in Kraft getretene Sozialgesetzbuch Siebtes Buch – Gesetzliche Unfallversicherung – (SGB VII) anzuwenden ist, denn nach den Vorschriften sowohl der RVO als auch des SGB VII ist ein Rentenanspruch nicht gegeben.
Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung (§ 547 RVO, § 26 Abs. 1 SGB VII) sind dann zu gewähren, wenn ein Versicherter einen Arbeitsunfall im Sinne der § 548 ff RVO erlitten hat bzw. ein Versicherungsfall eingetreten ist (§ 7 SGB VII). Nach § 551 Abs. 1 Satz 1 RVO gilt als Arbeitsunfall auch eine Berufs-krankheit; Versicherungsfälle sind nach § 7 Abs. 1 SGB VII Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten. Berufskrankheiten sind die Krankheiten, welche die Bundes-regierung durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates bezeichnet und die ein Versicherter bei
den in den § 539, 540 und 543 – 545 RVO bzw. § 2, 3 oder 6 SGB VII genannten Tätigkeiten erleidet. (§ 551 Abs. 1 Satz 2 RVO; § 9 Abs. 1 Satz 1 SGB VII). Die Bundesregierung ist ermächtigt worden, in der Rechtsverordnung solche Krankheiten zu bezeichnen, die nach den Erkenntnis-sen der medizinischen Wissenschaft durch besondere Einwirkungen verursacht sind, denen bestimmte Personengruppen durch ihre Arbeit in erheblich höherem Grade als die übrige Bevölkerung ausgesetzt sind (§ 551 Abs. 1 Satz 3 RVO; § 9 Abs. 1 Satz 1 SGB VII). Für die Berufskrankheiten gelten die für Arbeitsunfälle maßgeblichen Vorschriften entsprechend (§ 551 Abs. 3 RVO). Nach Nr. 2301 der Anlage 1 zur BKVO ist eine Lärmschwerhörigkeit eine Berufskrankheit.
Die Beklagte hat in ihrem Bescheid vom 24. September 1999 anerkannt, daß bei dem Kläger eine Berufskrankheit nach Nr. 2301 der Anlage 1 zur BKVO vorliegt. Zu Recht hat sie jedoch die Zahlung einer Verletztenrente abgelehnt, denn die Berufskrankheit bedingt keine rentenberechtigende MdE. Eine Verletztenrente wird nur gewährt, solange die Erwerbsfähigkeit des Verletzten infolge der Be-rufskrankheit um wenigstens ein Fünftel oder die Erwerbsfähigkeit infolge meh-rerer Arbeitsunfälle/Berufskrankheiten jeweils um mindestens 10 v.H. gemindert ist und die Summe der durch die einzelnen Unfälle/Berufskrankheiten verur-sachten MdE wenigstens 20 v.H. beträgt (§ 580 Abs. 1 und 3 RVO, § 56 Abs. 1 SGB VII). Diese Voraussetzungen liegen nicht vor.
Die quantitative Bestimmung der Hörverluste hat vorrangig aufgrund der sprach-audiometrischen Untersuchungsergebnisse zu erfolgen (vgl. KM, Ziff. 4.2, 4. Aufl., 1996; ferner Feldmann, Das Gutachten des Hals- Nasen-Ohren-Arztes, 2. Aufl.,S. 80 f., 148). Nach dem KM ist bei der Ermittlung des sprachaudiometri-schen Befundes der Freiburger Sprachtest zugrunde zu legen, der neben dem Verlust für Zahlwörter auch das Verständnis von Einsilbern bei den Schallpegeln 60 dB, 80 dB und 100 dB prüft. Die Feststellung des Hörverlustes hat zunächst immer nach der Methode des "Gewichteten Gesamtwortverstehens" (nach Feldmann) zu erfolgen (vgl. KM, Ziff. 4.2.1); in bestimmten Fällen (Hörverlust von 20 v.H. bis 40 v.H.) ist der so ermittelte Wert für die Schätzung der MdE maßgeblich. Wenn die Berechnung des prozentualen Hörverlustes nach dem Sprachaudiogramm unter Verwendung des "Gewichteten Gesamtwortverste-hens" einen Wert von weniger als 20 v.H. ergibt, ist noch das Tonaudiogramm unter Anwendung der Tabelle Röser (1980) heranzuziehen (KM, Ziff. 4.2.1, Buchstabe d).
Für Personen, die die deutsche Sprache nur unvollkommen beherrschen, ist Ziff. 4.2.2 des KM zu beachten. Danach kann, wenn die sprachaudiometrische Untersuchung keine verläßlichen Werte ergeben hat, z.B. weil der Versicherte nur über geringe Deutschkenntnisse verfügt oder bei einem Aktengutachten ein verläßliches Sprachaudiogramm nicht vorliegt, der prozentuale Hörverlust hilfs-weise auch aus dem Tonaudiogramm nach der 3-Frequenz-Tabelle (Röser 1980) ermittelt werden. Dabei ist u.a. zu berücksichtigen, daß sich bei Anwen-dung dieser Tabelle zumeist ein etwas höherer prozentualer Hörverlust als aus dem Sprachaudiogramm ergibt. In dieser Ziffer des KM ist ferner die Tabelle Rö-ser 1980 (als Tabelle 2) abgedruckt.
Da – wie Dr. med. Q. und Dr. med. T. übereinstimmend an-gemerkt haben – der Kläger die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrscht, ist für die Ermittlung des Hörverlustes das Tonaudiogramm heranzuziehen. Entgegen der Auffassung des Klägers ist es nicht erforderlich, ein Gutachten von einem türkisch spre-chenden Sachverständigen einzuholen. Offenbar meint er, der türkisch spre-chende Sachverständige habe im Rahmen dieses Gutachtens ein Sprachaudio-gramm in türkischer Sprache abzuleiten. Diese Auffassung des Klägers ist je-doch unzutreffend. Der Sprachtest wird mit Hilfe der Zahlwörter und der Einsilber des Freiburger Tests gemäß DIN 45621 durchgeführt; für eine regelmäßige Ka-librierung des Sprachaudiometers nach DIN 45626 ist Sorge zu tragen. Der Hör-verlust für Zahlwörter (in dB) orientiert sich nach dem 50%-igen Verständnis ge-mäß DIN 45624 (vgl. KM, Ziff. 3.6). Hieraus wird deutlich, daß der Sprachtest nach den Vorgaben in DIN-Vorschriften durchzuführen ist. Natur-gemäß gibt es keinen Sprachtest in türkischer Sprache nach DIN-Vorschriften. Daher ist bei nicht ausreichend deutsch sprechenden Personen maßgeblich für die Ermittlung des prozentualen Hörverlustes das Tonaudiogramm, bei dem das Hörvermögen für Töne geprüft wird. Hieraus errechnet sich, wie Dr. med. T. in seinem Gut-achten dargelegt hat, ein beidseitiger 30%-iger Hörverlust mit einer MdE von 15 v.H. Dieser errechnet sich nach der Tabelle Röser (1980) unter Berücksichti-gung der Tonhörverluste bei 1000 Hz und der Summe der Tonhörverluste bei 2.000 und 3.000 Hz.
Darüber hinaus haben Dr. med. R. und Dr. med. T. in ihren Gutachten zutreffend darauf hingewiesen, daß seit 1987 die haftungsbegründende Kausalität nicht mehr gegeben sei. Die schädliche Schwelle, bei deren Überschreiten der Lärm-einwirkung eine Schädigung möglich erscheint, wird in der medizinischen Wis-senschaft bei 85 dB (A) angenommen (vgl. LSG Bremen, Urteil vom 19. Juni 1986, Az. L 2 U 15/83, abgedruckt in Breithaupt 1987, Seite 454 ff). Diese Schwelle ist seit 1987 nicht mehr erreicht worden, denn der Lärmschallpegel be-trug ausweislich der Meßberichte 83 dB und beträgt seit 1999 83,9 dB. Die Lärmeinwirkung kann daher auch nicht dazu führen, daß sich ein bisher einge-tretener Hörschaden verschlimmert. Im vorliegenden Fall ist die Verschlimme-rung des Hörverlustes auf lärmunabhängige Faktoren zurückzuführen, wie dies Dr. med. T. in seinem Gutachten plausibel dargelegt hat.
Da der Sachverhalt somit aufgeklärt ist, ist die Einholung eines weiteren Gut-achtens nicht erforderlich.
L 2 U 45/01
Schwerhörigkeit, Berufskrankheit, Halle, Lärm, Hörschaden, Rohbau, Türkisch, Kausalität, Messung, Unfallversicherung

References: § 26
 § 548
 § 551
 § 7
 § 539
 § 2
 § 9
 § 9
 § 56