Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/kindergeld-hartz-iv-3127202
Timestamp: 2020-07-12 07:11:18+00:00

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Kindergeld bei Hartz IV-Bezug - und der im EU-Ausland arbeitende Elternteil | Rechtslupe
Bezieht der im Inland woh­nen­de Eltern­teil nur Arbeits­lo­sen­geld II, nicht aber Arbeits­lo­sen­geld I, besteht im Inland kein Kin­der­geld­an­spruch, wenn der ande­re Eltern­teil im EU-Aus­land erwerbs­tä­tig ist und dort Kin­der­geld erhält.
Die posi­ti­ve Ent­schei­dung, mit der die zustän­di­ge aus­län­di­sche Behör­de einen Kin­der­geld­an­spruch nach ihrem natio­na­len Recht bejaht hat, ist für die Fami­li­en­kas­se bin­dend, soweit die Aus­le­gung von Uni­ons­recht nicht betrof­fen ist.
Die Bin­dungs­wir­kung hat zur Fol­ge, dass die Fami­li­en­kas­sen und die Finanz­ge­rich­te nicht befugt sind, die Rich­tig­keit die­ser Ent­schei­dung zu über­prü­fen und selbst das aus­län­di­sche Recht fest­zu­stel­len und anzu­wen­den. Nach den Grund­sät­zen der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit (Art. 4 Abs. 3 EUV) ist davon aus­zu­ge­hen, dass die inlän­di­sche Fami­li­en­kas­se von der Ver­pflich­tung und Berech­ti­gung ent­ho­ben wer­den soll, die Fra­ge nach dem tat­säch­li­chen Vor­lie­gen des mate­ri­el­len Anspruchs im ande­ren Mit­glied­staat selbst zu beant­wor­ten.
Für die im Rah­men der Kon­kur­renz­re­ge­lung des Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 zu prü­fen­de Fra­ge, was die Ansprü­che aus­löst, ist nicht auf die natio­na­len Rege­lun­gen nach §§ 62 ff. EStG, son­dern auf die Vor­schrif­ten der Art. 11 bis 16 der VO Nr. 883/​2004 abzu­stel­len.
Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts für Arbeits­su­chen­de nach dem SGB II sind weder Leis­tun­gen nach Art. 11 Abs. 2 noch nach Art. 11 Abs. 3 Buchst. c, son­dern Leis­tun­gen gemäß Art. 11 Abs. 3 Buchst. e der VO Nr. 883/​2004.
In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall wohn­te die Mut­ter mit ihrer min­der­jäh­ri­gen Toch­ter seit Juli 2013 in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (Deutsch­land). Sie erhielt Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen für erwerbs­fä­hi­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te nach §§ 7 Abs. 1, 19 Abs. 1 SGB II (Arbeits­lo­sen­geld II), nicht aber anwart­schafts­be­zo­ge­ne Leis­tun­gen nach §§ 118, 142, 143 SGB III (Arbeits­lo­sen­geld I). Der Kinds­va­ter wohn­te in Frank­reich und war dort erwerbs­tä­tig. Er erhielt eine dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re höhe­re fran­zö­si­sche Fami­li­en­leis­tung. Die Fami­li­en­kas­se hob daher die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des auf.
Das Säch­si­sche Finanz­ge­richt gab der Kla­ge der Mut­ter statt [1], da zum einen der Kinds­va­ter nach dem vom Finanz­ge­richt über­prüf­ba­ren fran­zö­si­schen Recht kei­nen Anspruch auf Kin­der­geld gehabt habe. Zudem wür­de selbst ein Kin­der­geld­an­spruch des Vaters nach fran­zö­si­schem Recht den Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld nach Art. 68 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit, der § 65 EStG vor­geht, nicht aus­schlie­ßen. Der Bun­des­fi­nanz­hof hob nun jedoch das finanz­ge­richt­li­che Urteil auf und wies die Kla­ge ab:
Die posi­ti­ve Ent­schei­dung, mit der die zustän­di­ge aus­län­di­sche (hier: fran­zö­si­sche) Behör­de einen Kin­der­geld­an­spruch nach ihrem Recht bejaht hat, ist für die Fami­li­en­kas­se bin­dend, soweit die Aus­le­gung von Uni­ons­recht nicht betrof­fen ist. Die Fami­li­en­kas­se und das Finanz­ge­richt sind daher nicht befugt, die Rich­tig­keit die­ser posi­ti­ven aus­län­di­schen Ent­schei­dung zu über­prü­fen und selbst das aus­län­di­sche Recht fest­zu­stel­len und anzu­wen­den.
Ist der per­sön­li­che und sach­li­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 eröff­net, dann rich­tet sich die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach den §§ 62 ff. EStG und die Anspruchs­kon­kur­renz zwi­schen dem deut­schen Kin­der­geld­an­spruch und der aus­län­di­schen Fami­li­en­leis­tung nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004. Die­se Prio­ri­täts­re­ge­lung ist gegen­über § 65 EStG grund­sätz­lich vor­ran­gig [2].
Gemäß Art. 68 Abs. 2 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 wer­den beim Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen die Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schif­ten gewährt, die nach Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 Vor­rang haben. Im vor­lie­gen­den Fall tref­fen die Ansprü­che der Mut­ter auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach deut­schem Recht und die Ansprü­che des Kinds­va­ters nach fran­zö­si­schem Recht für das­sel­be Kind und den­sel­ben Zeit­raum auf­ein­an­der. Der fran­zö­si­sche Trä­ger (CAF) hat mit Bin­dungs­wir­kung für den deut­schen Trä­ger (die Fami­li­en­kas­se) einen aus­län­di­schen Kin­der­geld­an­spruch für den Streit­zeit­raum fest­ge­stellt.
Für die Fra­ge, ob ein Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen auf Fami­li­en­leis­tun­gen vor­liegt, ist im Grund­satz aus­rei­chend, dass ein mate­ri­ell-recht­li­cher Anspruch auf die ent­spre­chen­de Leis­tung nach deut­schem und aus­län­di­schem Recht besteht. Dabei hat die Prü­fung eines mate­ri­ell-recht­li­chen Anspruchs nach aus­län­di­schem Recht zu unter­blei­ben, wenn hier­über bereits eine aus­län­di­sche Behör­de für den Streit­zeit­raum ent­schie­den hat und die­ser Ent­schei­dung Bin­dungs­wir­kung für die deut­schen Behör­den und Gerich­te zukommt [3].
Der Bun­des­fi­nanz­hof hat bis­lang offen­ge­las­sen, ob der Ent­schei­dung einer aus­län­di­schen Behör­de über das Bestehen eines Anspruchs auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach natio­na­lem Recht Bin­dungs­wir­kung zukommt mit der Fol­ge, dass die Fami­li­en­kas­sen und die Finanz­ge­rich­te nicht befugt sind, die Rich­tig­keit die­ser Ent­schei­dung zu über­prü­fen und selbst das aus­län­di­sche Recht fest­zu­stel­len und anzu­wen­den [4].
Der Bun­des­fi­nanz­hof beant­wor­tet nun die­se Fra­ge dahin­ge­hend, dass eine der­ar­ti­ge Bin­dungs­wir­kung besteht [5].
Beschei­ni­gun­gen einer Behör­de im EU-Aus­land über das Bestehen von Ansprü­chen auf aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen sind für inlän­di­sche Behör­den und Gerich­te, soweit die Aus­le­gung von Uni­ons­recht nicht betrof­fen ist, bin­dend. Bei der Prü­fung, ob ein dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­rer Anspruch auf aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen besteht, wird schon seit der Vor­gän­ger­re­ge­lung zu Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 (Art. 76 der VO Nr. 1408/​71) in allen Mit­glied­staa­ten der EU der Vor­druck E 411 ver­wen­det [6]. Er dient der Über­prü­fung, ob ein Zusam­men­tref­fen von Fami­li­en­leis­tun­gen vor­liegt. Der Grund­satz der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit nach Art. 4 Abs. 3 des Ver­trags über die Euro­päi­sche Uni­on ver­pflich­tet den aus­stel­len­den Trä­ger, den Sach­ver­halt, der für den Inhalt sei­ner Erklä­rung nach sei­nen eige­nen Rechts­vor­schrif­ten maß­ge­bend ist, ord­nungs­ge­mäß zu beur­tei­len und damit die Rich­tig­keit der in der Beschei­ni­gung auf­ge­führ­ten Anga­ben zu gewähr­leis­ten [7]. Damit ver­folgt der Vor­druck E 411 auch den Zweck, die Trä­ger der Mit­glied­staa­ten, die die Anwend­bar­keit der in Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 getrof­fe­nen Koor­di­nie­rungs­re­ge­lung über­prü­fen, von der Ver­pflich­tung und Berech­ti­gung zu ent­he­ben, die Fra­ge nach dem tat­säch­li­chen Bestehen eines mate­ri­el­len Anspruchs im ande­ren Mit­glied­staat zu beant­wor­ten. Jede ande­re Lösung wür­de den Grund­satz, dass ein Zusam­men­tref­fen von Fami­li­en­leis­tun­gen glei­cher Art ver­hin­dert wer­den soll, beein­träch­ti­gen [8]. Solan­ge daher eine Beschei­ni­gung E 411 nicht zurück­ge­zo­gen oder für ungül­tig erklärt wird (vgl. Art. 5 Abs. 2 bis 4 der VO Nr. 987/​2009), hat der zustän­di­ge Trä­ger des Mit­glied­staats, der nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 über­prüft, ob neben dem inlän­di­schen Kin­der­geld­an­spruch ein ver­gleich­ba­rer aus­län­di­scher Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen besteht, den Inhalt der Bestä­ti­gung zu beach­ten [9].
Die Anspruchs­ku­mu­lie­rung ist nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 auf­zu­lö­sen. Danach sind zur Ver­mei­dung grenz­über­schrei­ten­der Dop­pel­leis­tun­gen kon­kur­rie­ren­de Kin­der­geld­an­sprü­che wie folgt zu prio­ri­sie­ren: Sind für den­sel­ben Zeit­raum und für die­sel­ben Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen Leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten meh­re­rer EU-Mit­glied­staa­ten zu gewäh­ren, so ste­hen nach Art. 68 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004 an ers­ter Stel­le die durch eine Beschäf­ti­gung oder eine selb­stän­di­ge Erwerbs­tä­tig­keit aus­ge­lös­ten Ansprü­che. Hier­nach fol­gen die durch den Bezug einer Ren­te und schließ­lich die durch den Wohn­ort aus­ge­lös­ten Ansprü­che. Sind Leis­tun­gen von meh­re­ren Mit­glied­staa­ten aus den­sel­ben Grün­den zu gewäh­ren, so rich­tet sich die Rang­fol­ge nach den fol­gen­den sub­si­diä­ren Kri­te­ri­en: Bei Ansprü­chen, die durch eine Beschäf­ti­gung oder eine selbst­stän­di­ge Erwerbs­tä­tig­keit aus­ge­löst wer­den, ist der Wohn­ort der Kin­der maß­geb­lich (Art. 68 Abs. 1 Buchst. b Ziff. i der VO Nr. 883/​2004).
Für die Fra­ge, was die Ansprü­che i.S. des Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 aus­löst, ist dar­auf abzu­stel­len, auf­grund wel­chen Tat­be­stands die berech­tig­te Per­son den Rechts­vor­schrif­ten des betref­fen­den Mit­glied­staats nach Art. 11 bis 16 der VO Nr. 883/​2004 unter­stellt ist [10].
Der Emp­fän­ger von Arbeits­lo­sen­geld II erhält sei­ne Leis­tung aber ‑im Gegen­satz zum Arbeits­lo­sen­geld I nach dem SGB III- nicht auf­grund oder infol­ge sei­ner vor­he­ri­gen Beschäf­ti­gung. Vor­aus­set­zun­gen für sei­nen Leis­tungs­an­spruch sind ledig­lich, dass er die Anfor­de­run­gen des § 7 Abs. 1 SGB II erfüllt (Alters­gren­ze, Erwerbs­fä­hig­keit, Hil­fe­be­dürf­tig­keit und gewöhn­li­cher Auf­ent­halt in Deutsch­land). Ein Zusam­men­hang mit einer vor­he­ri­gen Beschäf­ti­gung besteht nicht. Das Arbeits­lo­sen­geld II ist viel­mehr eine beson­de­re bei­trags­un­ab­hän­gi­ge Geld­leis­tung i.S. des Art. 70 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Anhang X zur VO Nr. 883/​2004, Deutsch­land Buchst. b [11]. Man­gels Bezug zu einer frü­he­ren Erwerbs­tä­tig­keit hat das Arbeits­lo­sen­geld II kei­ne an den bis­he­ri­gen Ver­dienst anknüp­fen­de Ent­gel­tersatz­funk­ti­on [12].
Dar­über hin­aus ergibt sich auch aus der Bemes­sungs­grund­la­ge für das Arbeits­lo­sen­geld I (§§ 149 ff. SGB III), dass die­ses auf einen Ent­gel­tersatz für eine vor­he­ri­ge Beschäf­ti­gung gerich­tet ist. Inso­weit wird das Arbeits­lo­sen­geld I infol­ge oder auf­grund einer Beschäf­ti­gung gezahlt. Damit stellt das Arbeits­lo­sen­geld II ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Säch­si­schen Finanz­ge­richt- auch kei­ne Leis­tung i.S. des Art. 11 Abs. 3 Buchst. c der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 65 der VO Nr. 883/​2004 dar. Dar­über hin­aus setzt Art. 65 der VO Nr. 883/​2004 ein Aus­ein­an­der­fal­len von Wohn­staat und (vor­he­ri­gem) Beschäf­ti­gungs­staat in der Per­son des Arbeits­lo­sen vor­aus [13]. Der in Art. 65 der VO Nr. 883/​2004 gere­gel­te Fall liegt im Streit­fall nicht vor.
Für die Bezie­her von Arbeits­lo­sen­geld II ist somit Art. 11 Abs. 2 Buchst. e der VO Nr. 883/​2004 ein­schlä­gig, nach der jede ande­re Per­son, die nicht unter die Buchst. a bis d fällt, den Rechts­vor­schrif­ten des Wohn­mit­glied­staats unter­liegt [14].
vgl. BSG Beschluss (EUGH-Vor­la­ge) vom 12.12 2013 – B 4 AS 9/​13 R, NDV-RD 2014, 86, Rz 33[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 26.07.2012 – III R 97/​08, BFHE 238, 120, BStBl II 2013, 24, Rz 16; vgl. BSG, Urtei­le vom 18.01.2011 B 4 AS 14/​10 R, BSGE 107, 206, Rz 15; vom 16.12 2015 B AS 15/​14 R, Sozi­al­recht 4 – 4200 § 7 Nr. 48, Rz 35[↩]
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References: Art. 68
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 68
 § 65
 Art. 68
 § 65
 Art. 68
 Art. 68
 Art. 68
 Art. 4
 Art. 68
 Art. 5
 Art. 68
 Art. 68
 Art. 68
 Art. 68
 Art. 11
 § 7
 Art. 70
 Art. 11
 Art. 65
 Art. 65
 Art. 65
 Art. 11
 § 7