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Timestamp: 2018-05-28 08:06:22+00:00

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RE: Martin Heidegger - 4
in Sachen gibt's - Sachbuch 23.10.2011 16:45
Hallo werter Martinus,
na, da habe ich dich ja mal wieder ordentlich durcheinandergebracht.
Wenn ich sage, nichts davon ist bei Heidegger gemeint, so sage ich nicht, dass es sich nicht um Tatsachen handelt, also Voraussetzungen, wie die Welt erscheint. Natürlich gibt es meine und deine Welt in einer gemeinsamen Welt, die uns wiederum als unsere Welten verschieden erscheint.
Ich meinte damit nur, dass Heidegger darauf erst einmal gar nicht hinauswill, dass all das ein "in der Welt" voraussetzt, darum auch nicht "Welt" näher definieren kann.
Das Werk also, das mit dem Zeug hergestellt wird, wird betrachtet. Man nennt es "das Zuhandene". Also dieses weist daraufhin, was die Welt ist? Ich komme da nicht ganz mit. Vielleicht klärt sich das noch (oder ich weiß nicht...)
Dass das Werk betrachtet wird, statt das Zeug, das gibt noch nicht Aufschluss über die Welt, aber dass wir unbewusst das Zeug nutzen, statt es erst zu definieren, es in seinem Gebrauch verwenden, während wir das Werk anstreben, ... dass uns erst das Zeug wieder bewusst wird oder auffällt, wenn es fehlt oder an falscher Stelle liegt (oder in ähnlicher Weise), damit dann auch unsere Handlung und der Raum, in dem wir uns befinden, wieder sichtbar werden, ... dass Zeug auch immer auf sein Davor, seine Natur und damit "die Natur" verweist, die der Mensch sich zunutze macht, dass also eine Ganzheit hinter dem Erkennbaren liegt, all das deutet darauf hin, dass uns auch die Welt erst einmal nicht erscheint, sondern zunächst als Bedingung verborgen liegt, damit eine "Welt" ist, in der die Umwelt eingebettet liegt*. (Als kleines Beispiel: Die Welt ist also nicht schon das, was uns als ein Außen erscheint.) Erst, wenn wir sie uns bewusst machen, wird sie uns sichtbar. (Heidegger wird noch Auffälligkeit, Aufdringlichkeit und Aufsässigkeit definieren, bei denen "das Zuhandene in gewisser Weise seiner Zuhandenheit verlustig geht". Er wird auch darauf hinweisen, dass Unauffälligkeit, Unaufdringlichkeit, Unaufsässigkeit positiv zu verstehen sind, da sie den Lauf „Welt“ nicht unterbrechen.)
Aber keine Sorge, dazu kommen wir natürlich noch. Wie gesagt, ich habe leicht vorgegriffen und schon wirbelt alles durcheinander. Gehen wir also Schritt für Schritt vorwärts.
* (Überhaupt verweist jede Welt auf eine nächste Welt, die wiederum jenseits dieser Welt liegt, die jedoch immer mit der vorherigen Welt verwurzelt ist.)
zuletzt bearbeitet 23.10.2011 18:20 | nach oben springen
in Sachen gibt's - Sachbuch 23.10.2011 17:30
Nein, nein. Es ist nur Heidegger, der mich in meiner Begriffstutzigkeit zur Verzweiflung bringt (seit §1).
in Sachen gibt's - Sachbuch 23.10.2011 17:31
Es ist eben doch ein sehr langsames Entwirren.
(Wäre schön, wenn es noch einen in der Leserunde gäbe, der alle Gedanken ordnet und auf Denkfehler hinweist oder auf die Richtigkeit. Eine Art Über-Heidegger-Leser, der ihn so verinnerlicht hat, dass er aus dem FF auf all das Zusammengefasste und Vereinfachte eingehen kann, um dieses notfalls noch ein Stück weit mehr zu entknoten und zu vereinfachen...
Ich bin ja schon froh, wenn ich glaube, etwas verstanden zu haben... Das heißt ja noch nix. )
zuletzt bearbeitet 23.10.2011 17:41 | nach oben springen
in Sachen gibt's - Sachbuch 23.10.2011 21:39
Ich glaube, ihr seht das alles viel komplizierter, als es eigentlich ist ...
Ich bezweifle sehr, dass ihr je in einer eigenen Welt lebt, denn dann könnten wir nicht kommunizieren. Dann wärt ihr in eurer Welt allein.
Ihr müsst euch die Welt ganz konkret alltäglich vorstellen und nicht als abstrakte philosophische Hirnfickerei. Welt ist das, worin ich konkret im Alltag bin. Es gibt darin Zeug wie diesen Tisch und Mitwesen wie die Katze neben mir und diesen Computer, über den ich mit euch Mit-Daseienden kommunizieren kann.
Mit Überlegungen, ob und wie die Welt für andere Menschen anders ist, verlassen wir das Prinzip der Jemeinigkeit. Es geht in Heideggers Philosophie nicht um "den Menschen", es geht um das Dasein und das ist je meines. Damit ist auch die Welt je meine. Alle Spekulationen, wie die Welt denn für andere sei, sind in diesem Zusammenhang unwichtig.
Das Werk also, das mit dem Zeug hergestellt wird, wird betrachtet. Man nennt es "das Zuhandene". Also dieses weist daraufhin, was die Welt ist? Ich komme da nicht ganz mit.
Nicht (nur) das Werk ist das Zuhandene. Zuhanden ist alles Zeug, das "zur Hand" ist. "Das Werk trägt die Verweisungsganzheit, innerhalb derer das Zeug begegnet." (S. 70) Mal angenommen, du willst ein Bild aufhängen. Dann holst du erst alles Zeug zusammen, was du dafür benötigst, also Hammer, Nägel, Wasserwaage, Bleistift ... Das legst du alles so hin, dass du es "zur Hand" hast. Warum tust du das? Weil du was bestimmtes damit vorhast, eben ein "Werk" (Bild aufhängen). Das ganze Zeug, das du geholt hast, verweist auf dieses Werk (deshalb trägt das Werk die "Verweisungsganzheit").
In solchem alltäglichen Besorgen zeigt sich der Umgang mit der Welt.
in Sachen gibt's - Sachbuch 24.10.2011 10:44
Ihr müsst euch die Welt ganz konkret alltäglich vorstellen und nicht als abstrakte philosophische Hirnfickerei. Welt ist das, worin ich konkret im Alltag bin. Es gibt darin Zeug wie diesen Tisch und Mitwesen wie die Katze neben mir und diesen Computer, über den ich mit euch Mit-Daseienden kommunizieren.
Ja, so ist es. Das liegt auch daran, dass mir die Begriffe zu theoretisch dahergekommen sind, sodass ich immer grübeln musste, wovon redet Heidegger eigentlich. So kam es, dass ich mich in Abstraktheiten verknotete, und die Praxisbezogenheit des Textes aus den Augen verlor. Wenn es mir aber gelingt die Alltäglichkeit und Praxisbezogenheit des Textes nicht aus den Augen zu verlieren, habe ich vielleicht größere Chancen, Heidegger zu folgen. Es ist nämlich so, die praktischen Beispiele, die in unserer Diskussion schon gefallen sind, haben mir immer zum Verständnis des Textes am meisten beigetragen. Heideggers Text selbst, wird wohl eine Herausforderung bleiben. Also, gerne immer Beispiele aus dem Alltag.
Weiterhin halte ich es für meine Orientierung wichtig, dass wir die Paragrahenangaben benennen. Dann verliere ich nicht den Überblick. Heute in der Frühe habe ich erst §15 gelesen. Die Sache mit dem Zeug, über das Vorhandene, Verweisungsganzheit. Dabei ist mir folgendes aufgefallen. Taxine hat schon über den Zusammenhang zwischen Zeug und Welt hingewiesen. Auf Seite 70f erzählt Heidegger davon. Um Zeug zu haben, muss das Zeug, also Hammer oder Stuhl, erstmal hergestellt werden. Den Rohstoff holen wir uns aus der Natur. Als Beispiel nehme ich den Stuhl. Der Stuhl ist aus Holz. Er war zuvor ein Baum, der gefällt wurde, in einer Fabrik bearbeitet wurde, vom Tischler o.ä. zusammengebaut wurde, lackiert und dann verkauft wurde. Der Herstellungsweg hat in der Natur begonnen. In § 14 sprach Heidegger vom „Sein der Naturdinge“ , die Natur ist „erst aus dem Weltbegriff, d.h. der Analytik des Daseins her ontologisch fassbar.“
Das Zeug hat also durchaus mit der Welt was zu tun. Die Natur, der Gebrauch des Stuhls im Arbeitszimmer, er ist in der „häuslichen Welt“ zuhanden. Das Werk ist aber auch in der „öffentlichen Welt“ zuhanden. Die Armbanduhr ist zwar nur für mich da, sie zeigt mir aber auch den Stand der Sonne, demnach ist die Uhr auch in der öffentlichen Welt mit einbezogen. Auf diese Weise schafft Heidegger im §15 eine Verbindung zwischen Zeug und Welt, Privatwelt, Umwelt usw.
in Sachen gibt's - Sachbuch 25.10.2011 13:50
... philosophische Hirnfickerei - schön gesagt. Das trifft den Nagel auf den Kopf, in diesem Fall auch ... in den Kopf.
Heidegger ist auch gar nicht so schwer, aber z. B. die Seiten 60 bis 70, die ich mehrmals las, verknoteten sich auf einmal, bis ich nicht mehr sicher war, ob ich ihn nun verstanden oder nicht verstanden habe. Irgendwo gelingt diesem Philosophen ein sehr abstraktes Bild von sehr einfachen Bedingungen, die aber durch jene Vertiefung eben erst genauer erkannt werden können. Entwirren muss man dennoch trotzdem. Die darauf folgenden Seiten waren dann wiederum einfacher zu verstehen, als ob man seinen eigenen Schädel mehrmals zurechtrücken muss, um wieder klar zu sehen. (Das mit der eigenen Welt, die nicht existiert, sehe ich entgegen Heidegger (für den es ja kein Subjekt gibt) allerdings doch etwas anders, womit keine Trennung zwischen Welten gesagt sein soll, sondern eine eigene Welt, die immer über sich hinausreicht... Aber, das ließe sich gerne in einem anderen Ordner oder zu einem anderen Zeitpunkt vertiefen. Ich glaube nämlich nicht, dass wir immer tatsächlich kommunizieren. )
Was die Paragraphen-Angaben betrifft, so stimme ich dir zu, werter Martinus. Ich bin jetzt im § 15 und § 16:
Man kann hier also erst einmal festhalten: Dasein ist mit dem, worin es sich versteht, vertraut. Sobald, um auf den Alltag zurückzukommen, ein Handwerker sein Werk angeht, denkt er nicht an seine Tätigkeit, wie oder warum er jetzt mit dem Hammer die Nägel einschlägt, sondern daran, das Werk fertigzubekommen, vielleicht, in der Routine des Alltags, nicht einmal daran. Sein Werk verweist darüber hinaus auch auf den Auftraggeber, der den Auftrag für das Werk gegeben hat. Erst, wenn die Nägel am falschen Platz liegen oder der Hammer nicht zur Hand ist, tritt ihm seine Tätigkeit wieder vor Augen, damit auch der Raum, in dem er sich befindet, das Werk, für das er arbeitet. Dies ist dann z. B. so etwas wie Auffälligkeit, Aufdringlichkeit oder Aufsässigkeit, weil damit der Charakter der Vorhandenheit wieder zum Vorschein kommt. Der Hammer wird ganz kurz, da er nicht am richtigen Platz liegt, zum Gegenstand und damit als Ding (also als bloß vorhanden) sichtbar. Ansonsten verweist die Struktur allen Zuhandenen und Seienden immer auf etwas nächstes oder aufeinander. Ist dieses Verweisen durch Abweichung blockiert, tritt der Werkzusammenhang vor Augen, die Werkstatt wird sichtbar usw.
Jeder Gegenstand der Um-Welt verweist auf Gebrauch, Mitmenschen, Werk, Natur, also auf das Ganze. Heidegger sagt: Mit dem Ganzen meldet sich die Welt. Die Vollständigkeit all dieser Beziehungen zueinander, ist das, was ist und die von vorneherein gegeben ist. Die Welt ist also nicht eine physikalisch oder mathematisch berechenbare „Fläche“, keine bloße oder zufällige Ansammlung von Dingen. Alle Gegenstände und alles Seiende verweist aufeinander.
Und natürlich, wie du auch schon sagst, Martinus, dient Zeug einem Wozu. Damit enthält es den Verweis auf seine Materialien, auf ein Davor. Der Schrank ist aus Holz, Holz stammt von Bäumen im Wald, diese wurden gepflanzt, um Holz zu erhalten, nähren sich von Wasser usw. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Natur im Zeug enthalten ist. Im Gebrauch ist daher die Natur mitentdeckt, weil der Mensch sich die Natur immer zunutze macht. So ist auch eine Wohnung kein Raum mit vier Wänden, sondern da, um darin zu leben, Möbel aufzustellen, sich einzurichten. (Hier wird deutlich, was Roquairol über das sich immer wieder vor Augen führen der Jemeinigkeit und des konkreten Alltags gesagt hat. Alles ist vorhanden, damit der Mensch es sich zuhanden macht.)
Wer die Umwelt entdeckt, entdeckt damit also auch gleichzeitig die Natur der Dinge und den Gebrauch.
Somit verweist selbst das, was wir errichten, erbauen, auf die Natur seines Seins. Brücken sind zum Überqueren von Gewässern gedacht, Straßenlampen, um die Dunkelheit in Helligkeit zu verwandeln, Wege, um beschritten zu werden… usw. Begegnen wir diesen Bauten, wissen wir genau, wozu sie gemacht sind, auch wenn wir sie nicht selbst erbaut oder angelegt haben. Alles, was wir erschaffen, verweist darauf, wozu es erschaffen ist. Das macht Zuhandenheit aus.
Über diese Bedingungen wird auch die Umwelt sichtbarer und damit das Weltphänomen. Alles verweist auf etwas anderes. Welt, sagt Heidegger, ist selbst nicht innerweltlich Seiendes, und doch bestimmt sie dieses Seiende so sehr, dass es nur begegnen und entdecktes Seiendes in seinem Sein sich zeigen kann, sofern es Welt „gibt“. (Anfang § 16, S. 72)
Erst Unbrauchbarkeit stört das Dazu und Um-zu, damit den Verweis auf etwas anderes. Das Wofür wird erst sichtbar, wenn ein Bruch in den Verweisungszusammenhängen auftritt. Alles ist für das andere jeweils schon erschlossen, darum heißt „Erschlossenheit“ bei Heidegger auch nicht, einen Schluss aus etwas ziehen, sondern tatsächlich etwas aufschließen, die nächste Ebene enthaltend.
zuletzt bearbeitet 25.10.2011 23:15 | nach oben springen
in Sachen gibt's - Sachbuch 25.10.2011 17:39
Ihr müsst euch die Welt ganz konkret alltäglich vorstellen und nicht als abstrakte philosophische Hirnfickerei.
Sehr geil & richtig.
in Sachen gibt's - Sachbuch 25.10.2011 22:05
Am Rande möchte ich bemerken, dass in § 15 ganz leise die Technikkritik aus Heideggers Spätwerk anklingt. (Dort heißt es dann noch viel deutlicher, dass das Wesen eines Flusses verlorengeht, wenn man ihn nur als etwas betrachtet, das der Energiegewinnung dienen kann.)
zu § 16: Welt meldet sich gerade in bestimmten Situationen, in der sich Zeug als unverwendbar erweist. Heidegger unterscheidet in diesem Zusammenhang: Auffälligkeit (der Umsicht fällt auf, daß das Zeug beschädigt und unbrauchbar ist), Aufdringlichkeit (ein dringlich benötigtes Zeug ist nicht da) und Aufsässigkeit (unerledigtes Zeug liegt im Weg).
Aber warum soll sich gerade hierin "Welt" melden? - Weil in den genannten Situationen der Zeugzusammenhang gestört ist. Durch die Störung wird der Zeugzusammenhang sichtbar, der ansonsten von der Umsicht immer schon vorausgesetzt wird, aber nicht bewußt in die Sicht kommt. "Mit diesem Ganzen (dem Zeugzusammenhang) aber meldet sich die Welt."
Der zentrale, zusammenfassende Satz von § 16:
"In-der-Welt-sein besagt nach der bisherigen Interpretation: das unthematische, umsichtige Aufgehen in den für die Zuhandenheit des Zeugganzen konstitutiven Verweisungen."
In der alten Leserunde hatte ein Teilnehmer besondere Verständnisprobleme mit diesem Satz:
…um sich jedoch wieder in die Zuhandenheit des Besorgten, d.h. des in der Wiederinstandsetzung Befindlichen, zurückzuziehen. (S. 73)
Das Zeug fällt auf durch eine Beschädigung - es ist mir plötzlich nicht mehr "zur Hand", sondern verweigert seinen Dienst. Dadurch ist es nicht mehr "zuhanden", sondern es meldet sich als etwas rein Vorhandenes. Dennoch kann dieses Zeug für mich nicht einfach ein gleichgültiges Nur-Vorhandenes werden, denn ich brauche es ja, und ich brauche es als Zuhandenes. Also muß ich nun Sorge tragen ("besorgen"), das Zeug wiederinstandzusetzen - oder falls dies nicht mehr möglich ist, muß ich es entsorgen (kein heideggerscher Terminus ... ) und mir ein neues brauchbares Zeug besorgen. Es ergäbe auf jeden Fall keinen Sinn, das unbrauchbare Zeug als ein einfach nur vorhandenes Ding im Weg herumliegen zu lassen.
in Sachen gibt's - Sachbuch 26.10.2011 16:10
Wie kann dieser Satz erklärt werden? Heißt das, dass die Zeuge insgesamt dorthin verwiesen werden, wo sie gebraucht werden und das dieses dann "in der Welt sein" genannt wird? Anders gesagt, jedes Zeug hat in der Welt seinen rechten Platz. Liege ich da richtig?
in Sachen gibt's - Sachbuch 26.10.2011 23:23
Zeug gibt es nicht als ein einzelnes Zeug, sondern jedes Zeug verweist auf anderes Zeug: Nagel, Hammer, Wasserwaage usw. bilden einen Verweisungs-Zusammenhang. Dies sind die "für die Zuhandenheit des Zeugganzen konstitutiven Verweisungen". In-der-Welt-sein bedeutet nun, in diesen Verweisungen aufzugehen, und zwar "unthematisch", d.h. die Welt meldet sich nicht in den von Heidegger genannten Weisen der Auffälligkeit, Aufdringlichkeit und Aufsässigkeit, und "umsichtig", also im Sinne der Umsicht. Umsicht ist die Sicht beim Umgang mit dem zuhandenen Zeug (s. S. 69).
Mehr oder weniger dasselbe sagt auch der Satz:
"Der Zeugzusammenhang leuchtet auf nicht als ein noch nie gesehenes, sondern in der Umsicht ständig im vorhinein schon gesichtetes Ganzes. Mit diesem Ganzen aber meldet sich die Welt." (S. 75)
in Sachen gibt's - Sachbuch 29.10.2011 15:14
§ 17 enthält Heideggers Zeichentheorie - ein wichtiger Paragraph.
Auch ein Zeichen gehört zum "Zeug". Es dient zum Zeigen. Zunächst nähert sich Heidegger dem Zeichen auf formale Weise und ordnet es dem "Verweisen" zu (aber nicht jedes Verweisen ist ein Zeichen), und das Verweisen ist wiederum eine Beziehung (aber nicht jede Beziehung ist ein Verweisen). Zugleich macht er aber deutlich, daß von dieser formalen Herangehensweise nicht viel zu erwarten ist.
Heidegger wählt ein für ihn erstaunlich modernes Beispiel aus dem Straßenverkehr, eine Vorform des Blinkers. Der Blinker verweist auf etwas, nämlich auf die Absicht des Fahrers, die Fahrtrichtung zu ändern. Er ist zuhanden nicht nur für den Fahrer, sondern noch mehr für die anderen Verkehrsteilnehmer.
Das Verweisen hat einerseits eine ontologisch-kategoriale Bestimmtheit und andererseits eine ontische Konkretion. Die ontologisch-kategoriale Bestimmtheit ist die "Dienlichkeit zu"; die ontische Konkretion ist das Zeigen.
Das Zeichen hat im Umgang eine vorzügliche Verwendung. Heidegger will nun klären, warum dies so ist.
Das Zeichen hebt die "Umsicht" zu einer "Übersicht". Das Zeichen nur in der Umsicht zu sehen würde bedeuten, den Blinker als Blinker anzustarren, oder einen Pfeil anzustarren, anstatt dorthin zu blicken, wohin der Pfeil zeigt (z.B. zum Ausgang). "Übersicht" bedeutet nun, nicht das Zuhandene zu erfassen, sondern "eine Orientierung innerhalb der Umwelt" zu gewinnen.
Ein Zeichen ist nicht einfach ein Ding, das zu einem anderen Ding zeigt, sondern "ein Zeug, das ein Zeugganzes ausdrücklich in die Umsicht hebt, so daß sich in eins damit die Weltmäßigkeit des Zuhandenen meldet". Wenn die Umsicht zur Übersicht wird, kommt damit über die einzelnen Dinge hinaus das Ganze der Welt in den Blick.
in Sachen gibt's - Sachbuch 29.10.2011 15:41
In der alten Leserunde kam hier die Frage, was denn das Besondere des Zeichens sei, der Unterschied zu anderem Zeug wie dem Hammer. Dazu schrieb ich:
Mir fällt als Beispiel ein Satz aus dem Zen ein: Man soll nicht auf den Finger starren, der auf den Mond zeigt. Wer auf den Finger starrt, anstatt den Mond zu betrachten, begreift die Zeichenfunktion des Fingers nicht und nimmt den Finger als etwas rein "Zuhandenes". Wenn wir aber das Zeichen verstehen und zum Mond blicken, ist es nicht so, daß wir einfach nur die Blickrichtung ändern (wie Kafkas Maus die Laufrichtung ...) - vielmehr sehen und verstehen wir einen Zusammenhang: Den Finger, seine Zeichenfunktion, und den Mond, gleichzeitig. Dies meint Heidegger mit dem "Zeugganzen" und seiner "Weltmäßigkeit". Welt besteht nicht aus einzelnem Zeug, sondern es kommt auf die Verweiszusammenhänge dazwischen an.
In diesem Fall ist die Orientierung räumlich, aber es gibt vielerlei Zeichen, sie können abstrakte Bedeutungen haben, wie die Zeichen der Mathematik, oder sogar religiöse.
in Sachen gibt's - Sachbuch 29.10.2011 16:24
Heidegger erläutert das Zeichen-stiften und Zum-Zeichen-nehmen. Die umsichtige Vor-Sicht kann ein Zeichen stiften (im Sinne von herstellen, erfinden u.ä.), wobei vor allem auf die Auffälligkeit des verwendeten Zeugs zu achten ist. Es kann aber auch schon Zuhandenes zum Zeichen genommen werden, z.B. Südwind als Zeichen für Regen.
Heidegger kommt auch auf den Zeichengebrauch bei primitiven Kulturen zu sprechen: Fetisch und Zauber sind keine Zeichen in dem erläuterten Sinn, denn hier werden Zeichen und Gezeigtes direkt miteinander identifiziert.
Wichtig ist noch der letzte Absatz. Heidegger betont hier noch einmal, daß die Zeichen-Interpretation in § 17 nur dazu diente, den "phänomenalen Anhalt für die Charakteristik der Verweisung" zu bieten. - "Zeichen ist ein ontisch Zuhandenes, das als dieses bestimmte Zeug zugleich als etwas fungiert, was die ontologische Struktur der Zuhandenheit, Verweisungsganzheit und Weltlichkeit anzeigt."
In § 18 soll dann gezeigt werden, wie die Verweisung die Weltlichkeit konstituiert.
in Sachen gibt's - Sachbuch 30.10.2011 18:29
zum §17:
Um die Thematik weiter zu vertiefen, was Welt ist, kommt Heidegger im §17 zu den Zeichen. In der Welt stehen wir mit anderem in Beziehung, wir sind ja nicht alleine, darum wir Menschen Zeichen und Verweisungen deuten. Dieses machen wir meist automatisch. Zeichen sind, so sagt Heidegger, selber ein Zeug, deren „Zeugcharakter im Zeigen besteht“. Da ich am Wochenende mit Katzen zu tun hatte, fällt mir hierzu folgendes ein: Katzen verstehen nicht unbedingt Zeichen. Wenn ich mit dem Finger irgendwo hin zeige, und einer Katze sage, sie solle dorthin gehen, sieht sie nur den Finger an. kann aber das Zeichen nicht deuten. Das Zeichen gibt eine Verweisung, dessen Deutung Katzen nicht verstehen.
Dazu sagt Heidegger:
"Eigentlich >>erfaßt<< wird das Zeichen gerade dann nicht, wenn wir es anstarren, als vorkommendes Zeitding feststellen."
Uns Menschen eröffnet eine Verweisung die Beziehung zu unserer Umwelt. Aus diesem Grunde Zeichen und Verweisung notwendig sind, um die Welt zu verstehen. Die Deutung der Zeichen , die auf eine Verweisungen zielen, uns zum Handeln bewegen, bezeugt uns die „Seinstruktur des Zuhandenseins“, denn wir machen jetzt was. Die Welt würde, sagen wir mal, für die Katz sein, wenn wir Zeichen nicht deuten könnten.
Taxine sagte kürzlich folgendes:
Ich glaube nämlich nicht, dass wir immer tatsächlich kommunizieren.
Dazu meine Gedanken in Bezug auf §17:
Wenn wir einen Menschen begegnen, signalisieren wir ihm durch unsere Körpersprache (=Zeichen), dass wir mit ihm reden wollen oder wir wollen nicht.
Das Zeigen des Zeichens gehört als Zeugcharakter eines Zuhandenen zu einer Zeugganzheit, zu einem Verweisungszusammenhang.
Das ist ja fast schon eine Definition von Welt. Zeichen sind etwas ontisches Zuhandenes, wie Heidegger sinngemäß sagt, deswegen wird durch Zeichen die ontologische Struktur der Zuhandenheit, der Verweisungsganzheit und Weltlichkeit angezeigt. Zeichen haben mit Weltlichkeit etwas zu tun, weil außerdem Zeichen sich auf unsere Umwelt beziehen und nicht nur für unseres inneres Dasein fungieren. Unsere Erfahrung von Welt bedeutet auch Umwelt, darum wir mit unserer Umwelt auch kommunizieren. Roquairol sagte auch folgendes:
Wenn die Umsicht zur Übersicht wird, kommt damit über die einzelnen Dinge hinaus das Ganze der Welt in den Blick.
zuletzt bearbeitet 31.10.2011 21:23 | nach oben springen
in Sachen gibt's - Sachbuch 31.10.2011 21:41
Welt besteht nicht aus einzelnem Zeug, sondern es kommt auf die Verweiszusammenhänge dazwischen an.
Mir fällt gerade ein Buch des Neurologen Oliver Sacks ein: Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte. Wenn wir Verweisungszusammenhänge nicht mehr erkennen können, z.B. aufgrund eines neurologischen Ausfalls oder Dinge einfach verwechseln, können wir keine Verweisungszusammenhänge mehr richtig deuten. Ohne Verweisungszusammenhänge können wir die Welt im Sinne Heideggers gar nicht mehr verstehen. Sie würde quasi auseinanderbrechen.
Gibt es eigentlich Verweisungszusammenhänge zwischen Holons? Ein Ganzes ist ja ein Teil eines größeren Ganzen.
zuletzt bearbeitet 31.10.2011 21:48 | nach oben springen

References: §1
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 §15
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 § 16
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 § 18
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