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Timestamp: 2018-03-20 23:02:16+00:00

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Im Juni 2004 beschlossen die Kultusminister, den vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission mit einigen Änderungen und Ergänzungen anzunehmen. Der volle Umfang dieser ersten amtlichen Revision (nach mehreren inoffiziellen, durch Absprachen mit Duden und Bertelsmann in die Wörterbücher eingeführten) war zunächst nur aus dem Ende August 2004 erschienenen neuen Duden abzulesen oder doch zu erahnen – denn es kam noch zu einigen Überraschungen. Die Neufassung der amtlichen Regeln samt neuem Wörterverzeichnis erschien Ende November auf der Internet-Seite der Kommission, erst im Februar 2005 erschien die Buchfassung (Verlag Gunter Narr). Den Kultusministern hat sie, wie der Generalsekretär der KMK bestätigt, nicht noch einmal zur Billigung vorgelegen. Wie die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien am 17.12.2004 brieflich mitteilen ließ, soll die revidierte Fassung wiederum im Bundesanzeiger veröffentlicht werden, was jedoch angesichts der bevorstehenden Änderungen durch den neuen “Rat für deutsche Rechtschreibung” fraglich scheint.
Über Inhalt und Reichweite der jüngsten Revision bestehen in der interessierten Öffentlichkeit kaum zutreffende Vorstellungen, was bei der zurückhaltenden Informationspolitik der Reformer auch nicht verwundert.
Wie sich bereits im vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission abzeichnete, werden in die Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung die Kriterien der Betonung und der Bedeutung eingeführt, von denen die gesamte Neuregelung eigentlich nichts wissen wollte. Nach langem Widerstand gibt sie nun den Kritikern und dem normalen Sprachgefühl recht.
Dieses unbefriedigende Ergebnis führte schon 1997 dazu, daß die Kommission Änderungen für “unumgänglich notwendig” hielt. Sie wurden jedoch von der KMK untersagt.
“Partikeln (Präpositionen, Adverbien), Adjektive oder Substantive können als Verbzusatz mit Verben trennbare Zusammensetzungen bilden. [...] Der Verbzusatz trägt den Hauptakzent.” [§ 34] “Kennzeichnend für den Gebrauch als Adverbial ist, dass es nicht den Hauptakzent trägt und zwischen Adverbial und Verb weitere Satzbestandteile stehen können.” [§ 34 (1) E1]
Auch nach diesen Kriterien, die beide aus der Reformkritik übernommen wurden, ist die Getrenntschreibung bei fertigstellen usw. nicht gerechtfertigt, sie bleibt eine Ausnahmeregel. Dasselbe gilt aber auch für anders gebaute Verbzusätze. Das amtliche Wörterverzeichnis und der neue Duden sehen ausdrücklich vor, daß lahm legen getrennt geschrieben wird. Der Zusatz lahm trägt den Hauptakzent und ist nicht durch weitere Satzbestandteile vom Verb zu trennen. Außerdem ist er aber auch nicht steiger- oder erweiterbar, denn in Wendungen wie völlig lahmlegen – woran die Reformer gedacht haben mögen – bezieht sich die Intensivierung auf den gesamten Komplex. Man kann nicht fragen: “Wie hat er den Verkehr gelegt? Lahm.” Und schon gar nicht: “Wie lahm hat er den Verkehr gelegt?”
Folglich spricht hier und in zahllosen ähnlichen Fällen alles für die bisher übliche Zusammenschreibung. Sie wäre sogar über den Duden von 1991 hinaus noch auszuweiten, um der tatsächlichen Sprachpraxis gerecht zu werden: ernstnehmen usw.
“Bei Verbindungen aus Einzelwort und adjektivisch gebrauchtem Partizip ist neben der Getrenntschreibung nach § 36 E1(1) auch Zusammenschreibung möglich, wenn die Verbindung der beiden Wörter als Einheit aufgefasst werden soll.” [E2(2)]
Damit wird die Grundregel gemäß § 36, wonach partizipale Verbindungen ebenso getrennt geschrieben werden wie das zugrunde liegende Verb, praktisch aufgehoben. Die Neufassung fällt aber immer noch hinter den alten Duden zurück; sie ist insofern unhaltbar, als sie die syntaktischen Bedingungen, unter denen Getrennt- bzw. Zusammenschreibung angebracht sind, nicht spezifiziert. Im vierten Bericht war immerhin schon erkannt worden, daß prädikative Verwendung des verbal konstruierten partizipialen Gefüges nicht zulässig ist: *Sie ist allein erziehend. *Der Plan ist viel versprechend. Diese Einsicht ist inzwischen wieder abhanden gekommen. Statt dessen findet man den Hinweis auf “adjektivischen” Gebrauch des Partizips, woraus im Wörterverzeichnis schlicht der adjektivische Gebrauch des gesamten Gefüges wird, ebenso im neuen Duden. Das ist verwirrend. Und warum darf man schwer verletzt wieder zusammenschreiben, wenn das Partizip “adjektivisch gebraucht” ist, schwer krank aber nicht, obwohl hier ein genuines Adjektiv vorliegt? Ebenso: allgemeinbildend ist wieder zulässig, allgemeingültig aber nicht. Auch dieser Widerspruch muß beseitigt werden., ganz zu schweigen von der Paradoxie, daß die Substantivierung dann fakultativ doch wieder zusammengeschrieben wird: der Schwerkranke.
Auf Anfrage teilte der Generalsekretär der KMK, Prof. Dr. Erich Thies, am 10.1.2005 mit, daß es zu den Aufgaben des neuen “Rates für deutsche Rechtschreibung” gehören werde, den Sinn des Begriffs “adjektivisch” in der neuformulierten Regel und im Wörterverzeichnis zu klären.
Im neuen amtlichen Wörterverzeichnis, aber noch nicht im neuen Duden steht auch das wiederhergestellte zurückgewesen. Damit wäre die Zusammenschreibung auch mit Formen von sein wieder zulässig, entgegen § 34, wo es immer noch heißt: “Verbindungen mit sein gelten nicht als Zusammensetzung. Dementsprechend schreibt man stets getrennt.”
Neben die grammatisch falsche Neuschreibung Leid tun tritt als neue Variante leidtun; nur das bisher übliche leid tun ist nicht mehr zulässig. Das entspricht der Maxime des zweiten Berichts, “lediglich als Zugeständnis an das Hergebrachte, Altgewohnte zu verstehende Schreibungen nicht zuzulassen”.
Etwa 90mal wird die Zusammenschreibung von Komposita mit präpositionalem Kern ausdrücklich wieder zugelassen unter Hinweis auf den “adjektivischen” Charakter (s.o.).
“achtfach § 36(2), 8fach § 41 E, 8-fach § 40(3); das Achtfache, das 8fache, das 8-Fache, um das Achtfache [größer] § 57(1)”
“K 30 3. Der Wortbestandteil »-fach« kann mit oder ohne Bindestrich an die Ziffer angehängt werden.
– 8fach oder 8-fach, 8,5fach oder 8,5-fach
– das 8fache oder 8-Fache (aber: die 8fache oder 8-fache Menge)”
Es ist nicht einzusehen, warum derselbe Bindestrich nicht z. B. auch bei 80-er usw. stehen und warum er bei 8-mal nicht ebenfalls fakultativ sein soll. Laut Erörterung im vierten Bericht “ist der Wortbestandteil <fach> einer Grauzone zwischen unselbstständigem Grundmorphem und Suffix zuzuordnen.” Dasselbe ließe sich aber auch von -jährig, -äugig und vielen anderen Bestandteilen sagen.
In den exklusiven Beratungsgesprächen zwischen der Kommission und den beiden führenden Wörterbuchredaktionen war vereinbart worden, daß neben der Maß auch die süddeutsche Mass zulässig sein sollte; im Duden 2000 taucht sie zum erstenmal auf. Das neue Wörterverzeichnis weiß nichts davon. Statt dessen führt es den Spass ein, als österreichische Variante, die zwar im ÖWB (und bei Bertelsmann) bereits verzeichnet, durch die Neuregelung aber nicht gedeckt war und auch in den Berichten der Kommission nicht diskutiert ist.
Die korrekte Schreibweise von Hohe(r)priester, Hohe(s)lied ist nicht mehr feststellbar, weil der Eintrag aus dem Wörterverzeichnis gestrichen wurde. Zuletzt war dieses Problem im dritten Bericht der Kommission erörtert worden, aber nicht mehr im vierten Bericht. Langeweile fehlt weiterhin, weshalb die Wörterbücher bis heute zu verschiedenen Angaben kommen (Duden: aus langer Weile; Bertelsmann: aus Langerweile usw.). Wir werden nie erfahren, welche Lösung der inzwischen aufgelösten Kommission vorschwebte.
Dieser Text wurde freundlicherweise von Herrn Prof. Dr. Theodor Ickler Ende März 2005 zur Verfügung gestellt und kann nachfolgend als .pdf-Datei heruntergeladen werden. Zusätzlich kann der Text ‘Das unmögliche Wörterbuch’ heruntergeladen werden.
Zur Revision der Neuregelung seit Juni 2004 (20,0 Kb)
Das unmögliche Wörterbuch (54,8 Kb)

References: § 36
 § 36
 § 34
 § 36
 § 41
 § 40
 § 57