Source: https://www.steinbeis-wrs.de/2019/05/26/bestellung-vs-zertifizierung/
Timestamp: 2019-07-19 23:41:57+00:00

Document:
Bestellung vs. Zertifizierung - Steinbeis-WRS
Die nachfolgende Problembeschreibung bezieht sich insbesondere auf die Bearbeitung von Sachverständigengutachten im Sachschadenbereich, also Brand-, Sturm-, Leitungswasserschäden etc., bei denen Sachversicherungen bzw. Versicherungsnehmer Auftraggeber der Sachverständigen sein können.
Es soll hier der Frage nachgegangen werden, welche Nachweise der besonderen Fachkenntnisse sowohl für die Auftraggeber wie für die Sachverständigen unter Einhaltung der bestehenden Bestellungs- und Zertifizierungsvorschriften geeignet sind.
Im sogenannten Berater- oder Beiratsverfahren ist der Sachverständige oft für den Versicherer allein tätig; sein Gutachten ist dann meist die Basis für die Schadenregulierung.
Hier ist auffallend, dass Versicherer gerne Sachverständige beauftragen, die eine öffentliche Bestellung vorweisen können; öffentliche Bestellungen wirken bei Versicherungsnehmern vertrauenerweckend.
Viele Versicherungsnehmer sind durch größere Sachschadenereignisse mit der Einschätzung ihres Schadens oft überfordert; eine Schadendarstellung mit entsprechender Bepreisung und einem Stempel des „öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen“ wirkt als objektive und unumstößliche Tatsache.
Schön wäre es, wenn in diesen Gutachten von den Sachverständigen klar gestellt würde, dass es sich um Parteigutachten handelt und der Versicherungsnehmer durch Hinzuziehung eines eigenen Sachverständigen seines Vertrauens und evtl. durch Durchführung eines Sachverständigenverfahrens auch andere Ergebnisse erhalten kann.
Dass die vorgelegten Gutachten von Kollegen mit -aber auch ohne- einer öffentlichen Bestellung nicht unbedingt einer Überprüfung Stand halten, beweisen Sachverständigenverfahren, bei denen das Ergebnis häufig 30-50% höher liegt als das zuerst vorgelegte Gutachten.
Für das Arbeitsgebiet Sachschäden wäre dies bei einer öffentlichen Bestellung das Bestellungsgebiet
Bewertung von Brand-, Explosions-, Sturm- und Leitungswasserschäden in und an Gebäuden
Im Sachverständigenverzeichnis der bestellenden Kammern (IHK´s, Architekten- und Ingenieurkammern etc.) https://svv.ihk.de/svv sind derzeit 48 Kollegen verzeichnet. Wenn man die Kollegen abzieht, die für Schadstoffe bestellt und in der Liste aufgeführt sind, reduziert sich die Summe auf 42 Sachverständige mit dem o.g. zu bestellenden Sachgebiet bundesweit.
Bei der Suche nach Sachverständigen für
werden derzeit 958 Sachverständige verzeichnet, also mehr als das 20-fache.
Sehr häufig werden im Sachschadenbereich Gutachten von Sachverständigen vorgelegt mit einer öffentlichen Bestellung für Schäden an Gebäuden oder auch für Immobilienbewertung von Immobilien.
Das hört sich ja auch nicht ganz verkehrt an, sind doch die Bestellungsbezeichnungen nicht ganz sinnfällig gewählt. Bei "Schäden an Gebäuden" hat man es z.B. meist mit Mängeln oder Mangelfolgeschäden zu tun.
Versicherungsnehmer haben auch oft das Problem, dass z.B. bei der Ermittlung der Schadenursache (z.B. Brandursache) öffentlich bestellte Sachverständige eingesetzt werden, die als angestellte Experten in versicherungsnahen Unternehmen angestellt sind. Diese Expertisen führen häufig zu Ablehnungen des Versicherungsschutzes, zum Nachteil der Versicherungsnehmer.
Zur Klärung der Frage, wer eigentlich der passende Sachverständige ist, lohnt es sich, in die Mustersachverständigen-Ordnung zu sehen.
Öbuv Sachverständige im Arbeits- oder Dienstverhältnis
Im Zusammenhang mit §9 (4) darf der bestellte Sachverständige im Arbeits- oder Dienstverhältnis insbesondere nicht
Die Frage muss zugelassen sein, warum öffentlich bestellte Sachverständige im Arbeits- oder Dienstverhältnis überhaupt Parteigutachten erstellen sollen. Anders verhält es sich, wenn der Arbeitgeber wie in §3 (3) c) lediglich den Mitarbeiter für seine Tätigkeit freistellt, die Tätigkeit also nicht im Namen und im Auftrag des Arbeitgebers erfolgt. Dies ist entspricht allerdings nicht der gängigen Praxis.
§3 (3) Ein Sachverständiger, der in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis steht, kann nur öffentlich bestellt werden, wenn er die Voraussetzungen des Abs. 2 erfüllt und zusätzlich nachweist, dass
b) er bei seiner Sachverständigentätigkeit im Einzelfall keinen fachlichen Weisungen unterliegt und seine Leistungen gemäß § 13 als von ihm selbst erstellt kennzeichnen kann;
c) ihn sein Arbeitgeber im erforderlichen Umfang für die Sachverständigentätigkeit freistellt
§ 9 Unabhängige, weisungsfreie, gewissenhafte und unparteiische
Persönliche Aufgabenerfüllung und Beschäftigung von Hilfskräften
Die öffentliche Bestellung scheint auch nicht geeignet für die Bearbeitung von großen Schäden und Schäden in hoher Anzahl: ein kleines Team von Mitarbeitern um den öffentlich bestellten Sachverständigen, deren Mitarbeit dieser ordnungsgemäß überwachen soll, wird kaum konkurrenzfähig auf dem Markt sein.
Der öffentlich bestellte Sachverständige arbeitet mit dem Dilemma, dass er eine persönliche Aufgabenerfüllung schuldet, Hilfskräfte nur bedingt einsetzen kann und dies auch in den Gutachten kenntlich machen muss.
Große Sachverständigenbüros, bei denen der Inhaber öffentlich bestellt ist, tun sich schwer mit diesen Vorschriften.
Bei einer Arbeitsteilung mit qualifiziertem Personal hilft dem bestellten Sachverständigen gerade der § 11, Verpflichtung zur Gutachtenerstattung: bei "anderen" Auftraggebern als z.B. Gerichte, kann der öbuv Sachverständige den Auftrag in dieser Form verweigern, aber mit seinem Büro ohne Bezug auf die öffentliche Bestellung den Auftrag natürlich bearbeiten.
Leider wird in der Praxis selten davon Gebrauch gemacht. Häufiger findet man Gutachten, die vom öbuv Inhaber unterschrieben und gestempelt sind, der gleich mehrere Niederlassungen betreibt, die Sachschäden aber nachweislich nie gesehen hat; ein Mitarbeiter ist im Büro verantwortlich für die Begutachtung des Schadens.
§ 10 Persönliche Aufgabenerfüllung und Beschäftigung von Hilfskräften
(2) Der Sachverständige darf Hilfskräfte nur zur Vorbereitung seiner Leistung und nur insoweit beschäftigen, als er ihre Mitarbeit ordnungsgemäß überwachen kann; der Umfang der Tätigkeit der Hilfskraft ist kenntlich zu machen, soweit es sich nicht um Hilfsdienste von untergeordneter Bedeutung handelt.
§ 11 Verpflichtung zur Gutachtenerstattung
Öffentlich bestellte Sachverständige sollen nach den Prozessordnungen in Gerichtsverfahren vorrangig herangezogen werden (§ 404 Abs. 2 ZPO, § 73 Abs. 2 StPO, § 173 VwGO), was ganz klar den Schwerpunkt der Tätigkeiten der öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen beschreibt.
Hinweise auf öffentliche Bestellung
Leider kumuliert das eben beschriebene Problem "Hilfskräfte" dadurch, dass von den Büroinhabern eine öffentliche Bestellung anderer Sachgebiete angeführt wird, die nicht die Sachschadenproblematik abdecken.
§ 13 Bezeichnung als „öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger“
(2) Unter die in Absatz 1 genannten Leistungen darf der Sachverständige nur seine Unterschrift und seinen Rundstempel setzen. …
(3) Bei Sachverständigenleistungen auf anderen Sachgebieten darf der Sachverständige nicht in wettbewerbswidriger Weise auf seine öffentliche Bestellung hinweisen oder hinweisen lassen
Hier könnte der geneigte Leser, insbesondere die vom Sachschaden betroffenen Versicherungsnehmer, die diesbezüglich Laien sind, eine Großzügigkeit walten lassen, die aber nicht der sonst sehr akkuraten Bearbeitung der Bestellungsbehörden entsprechen kann.
Hier hilft das Studium von drei Dokumenten:
Sachgebietseinteilung im Bauwesen
6300 Schäden an Gebäuden - Fachliche Bestellungsvoraussetzungen
6320 Brand-, Explosions-, Sturm- und Leitungswasserschäden in und an Gebäuden
- Fachliche Bestellungsvoraussetzungen
Um es kurz zu machen: die Bestellungsvoraussetzungen für Sachschäden (Brand-, ...) sind nicht in den Bestellungsvoraussetzungen für Schäden an Gebäuden integriert.
Bei der Bestellung von SV für Schäden an Gebäuden sind Erfahrungen im Sachschadenbereich nicht erforderlich, das Wissen wird nicht geprüft.
Die Durchfallquoten bei den Sachkundeprüfungen bei den Bestellungen zu Sachschäden sollen sehr hoch sein, was ein Hinweis auf ein komplexes Wissensgebiet sein kann.
Es könnte ja üblich sein, dass bestellte Sachverständige für Schäden an Gebäuden sich das Spezialwissen Sachschäden ebenfalls aneignen und so ihr Sachgebiet erweitern.
Das dürfte von den bestellenden Kammern sicherlich nicht goutiert werden, wäre doch die Spezialbestellung in Frage gestellt, wenn doch, würde man es ja nach außen sichtbar gestalten für den Verbraucher.
Bleibt eigentlich die Feststellung, dass eine öffentlich Bestellung und Vereidigung für Schäden an Gebäuden nicht das Sachgebiet auf Sachschäden beinhaltet und somit nicht für die Bearbeitung derartiger Gutachten zulässig ist.
Das Fachwissen vorausgesetzt ist eine Bearbeitung ohne Hinweise auf die anderen Bestellungen natürlich möglich.
Wenn man auf die Kundenzufriedenheit der Auftraggeber, in diesem Fall in erster Linie der Versicherungswirtschaft, aber auch den betroffenen Versicherungsnehmern eingeht, scheint bei dieser Art der Sachverständigentätigkeiten die öffentliche Bestellung ein überholtes Modell zu sein. Durch die Globalisierung des Versicherungs-Schadengeschäftes sind schlagkräftige Sachverständigenteams mit einem möglichst flächendeckendem Niederlassungsnetz gefragt, die schnelle Lösungen anbieten können.
Für diese Tätigkeit bietet sich das Instrument der Personenzertifizierung nach DIN EN ISO/IEC 17024 an.
Unser Steinbeis-Beratungszentrum bietet eine Zertifizierung für folgendes Sachgebiet an:
Das Sachgebiet dieser Zertifizierung beinhaltet auch die fachlichen Bestellungsvoraussetzungen
6320 Brand-, Explosions-, Sturm- und Leitungswasserschäden in und an Gebäuden und stellt darüber hinaus Anforderungen an die Sachverständigen für den Bereich Versicherungswertermittlungen.
Dem Büroinhaber bleibt es überlassen ein Zertifizierung für sich alleine oder für sich und den verantwortlichen Mitarbeitern anzustreben.
Das Modell der Personenzertifizierung ist noch verhältnismäßig neu, man muss leider auch Auswüchse auf dem Markt feststellen, richtig umgesetzt ist es allerdings nachhaltig brauchbar.
Eine kritische Betrachtung folgt demnächst in diesem Blog.
Berlin den 28.5.2019
neugefasst aufgrund des Beschlusses des Arbeitskreises Sachverständigenwesen vom 24. Juni 2015
Muster_SVO_DIHK_06-2015-1.pdf
© Hrsg. Institut für Sachverständigenwesen e.V.
Sachgebietseinteilung_Bauwesen.pdf
- Erläuterungen zu den fachlichen Bestellungsvoraussetzungen
- Mindestanforderungen an Gutachten
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References: §9
 §3

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 § 13

§ 9
 § 11

§ 10

§ 11
 § 73
 § 173

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