Source: https://www.grundeinkommen.de/09/04/2012/interaktive-hinfuehrung-zum-grundeinkommen-ist-online.html
Timestamp: 2020-02-17 21:06:23+00:00

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Interaktive Hinführung zum Grundeinkommen ist online – Netzwerk Grundeinkommen
Interaktive Hinführung zum Grundeinkommen ist online
Herbert Wilkens – 09.04.2012 – Druckversion
45 Fragen rund um das bedingungslose Grundeinkommen werden von vielen Interviewpartnern beantwortet. Das Ergebnis sind 45 kurze Videos. Ein Kaleidoskop von Meinungen, das zum Nachdenken über das Grundeinkommen anregt.
Zwischen zwei und fünf Minuten dauern die Videostreifen, in denen die Antworten auf 45 Fragen zusammengeschnitten sind. Die Fragen handeln ein weites Spektrum von Aspekten ab, die in der Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) immer wieder genannt werden. Die Autoren beschreiben sich selbst als „eine Gruppe von Freunden, die im Bereich Kunst, Design, Film und Politik tätig sind“. Sie richteten ihre Fragen an zahlreiche Menschen in Deutschland und in der Schweiz – überwiegend Befürworter des Grundeinkommens, aber auch einige, die der Idee skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen. Zu den prominenten Namen zählen Götz Werner, Werner Rätz, Susanne Wiest, Claus Offe, Daniel Häni, Enno Schmidt, Adrienne Göhler, Thomas Poreski und Ralph Boes, um nur einige wenige zu nennen.
Die Form der Präsentation ist interessant und reizt zum Ausprobieren: Aus dem Tableau der 45 Fragen kann man sich diejenige aussuchen, die gerade besonders interessiert. Man erhält das Kurzvideo mit den Stellungnahmen einer Handvoll von Interviewpartnern. Die Statements sind in der Regel nach einem einheitlichen Muster geordnet:. Es beginnt mit einer Kurzeinführung in die jeweilige Problematik – oft auch vorgetragen von Skeptikern oder Interviewten, die sich die Idee des Grundeinkommens noch nicht voll erarbeitet haben. Dann folgen meist grundsätzliche Überlegungen zu den speziellen Vorteilen, die das Grundeinkommen bieten würde bzw. zu den individuellen oder gesellschaftlichen Auffassungen, die mit dem jeweiligen Aspekt des Grundeinkommens verbunden sind. Am Ende der oft witzig präsentierten Gedankenkette steht – mit wenigen Ausnahmen – ein im Sinne des BGE optimistisch stimmender Ausblick.
Man kann die Arbeit somit als eine Einführung und Hinführung zum bedingungslosen Grundeinkommen bezeichnen. Allerdings sollte der Betrachter nicht übersehen, dass die Auswahl der Interviewpartner in zweierlei Hinsicht einseitig ist.
Die Kritiker des Grundeinkommens zählen nicht zu den stärksten. Es handelt sich zum einen um Hilmar Schneider, einen Arbeitsökonomen, der am Institut zur Zukunft der Arbeit, einem neoliberalen Forschungsinstitut, tätig und völlig in der bisherigen Struktur der Arbeitsmarkt- und Sozialsysteme befangen ist. Zum anderen antwortet Alexandra Scheele, Soziologin, Politologin und Gender-Forscherin an der Technischen Universität Cottbus. Sie ist in der Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen bisher nicht aufgefallen und hat dessen Grundprinzipien offensichtlich noch nicht verstanden. Besonders deutlich wird dies in ihrem Eingangsstatement bei der Frage nach der Höhe des BGE. Fundiertere Kritik, die hätte weiter führen können, wäre wünschenswert gewesen.
In den Antworten auf die Fragen, die durchaus universellen Charakter haben, werden nur zwei der vielen Denkrichtungen hinreichend berücksichtigt, die in der aktuellen Grundeinkommensdiskussion eine Rolle spielen: Einerseits ist es der von Götz Werner vertretene Ansatz. Neben Götz Werner selbst kommen in diesem Sinne zahlreiche überzeugte und gut argumentierende Exponenten dieser Idee zu Wort (Enno Schmidt, Daniel Häni, Ralph Boes, Susanne Wiest und andere). Zum anderen erfährt man Einzelheiten über das partielle Grundeinkommen, wie es von Grünen in Baden-Württemberg und auch bundesweit vertreten wird. Die Interviewpartner hierzu sind Thomas Poreski und Beate Müller-Gemmeke. Es fehlen somit wichtige Modelle eines BGE, die eher dem linken politischen Spektrum zuzurechnen wären, z.B. der Existenzgeld-Vorschlag der Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfe-Initiativen, die Vorschläge aus der Partei DIE LINKE und des SPD-Kreisverbandes Rhein-Erft, der Gewerkschafterdialog Grundeinkommen. Zwar sind auch Werner Rätz (attac) und Claus Offe (Hertie School of Governance) vertreten, doch sind ihre Überlegungen – soweit sie in die veröffentlichten Videos Eingang fanden – zwar wichtig, aber doch eher allgemein. Wer sich über die wichtigsten Modelle und Ansätze für ein BGE informieren will, findet auf der Website des Netzwerks Grundeinkommen eine vergleichende Übersicht.
Die eingeschränkte Sicht auf einige der Probleme, die bei der Einführung des BGE zu lösen sind, zeigt sich besonders deutlich bei der Diskussion des Mindestlohns. Es gibt nun einmal mehrere Grundeinkommensmodelle, die auch langfristig darauf setzen, dass ein Mindestlohn gesellschaftspolitisch erforderlich ist. Noch wichtiger sind Machtfragen. Bei dem Video zu der Frage „Gäbe es eine Machtverschiebung?“ stellen Götz Werner und die nachfolgenden Interviewpartner auf die individuelle Machtverteilung zwischen dem Arbeitgeber und einem Arbeitnehmer ab, der auch ein Grundeinkommen bezieht. Natürlich wird die Position der bisher Unterprivilegierten durch das BGE gestärkt. Bei den höher qualifizierten Mitarbeitern ist die Bilanz schon fraglich, aber das bleibt unerwähnt. Mit keinem Wort wird auf das gesamtgesellschaftliche Problem eingegangen, dass z. B. der Ansatz von Götz Werner und seinen Anhängern die krasse Ungleichverteilung bei Einkommen und Vermögen unangetastet lässt oder sogar noch verstärkt. Die Folgen kennen wir alle: Reichtum bedeutet auch politische Macht, die sich vorbei an den demokratischen Rechten der Unvermögenden durchsetzt.
Insgesamt ist die interaktive Videopräsentation sehr zu begrüßen. Sie führt auf unterhaltsame Weise an die Kernfragen der Grundeinkommensidee heran. Sie fördert somit den für die tatsächliche Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens erforderlichen Bewusstseinswandel. Die Schwächen der Arbeit sind zwar bedauerlich, aber alle, die durch diese interaktive Website einen Zugang zum bedingungslosen Grundeinkommen finden, können die Lücken durch weitere Arbeit an dem Thema leicht schließen.
W. Heimann schrieb am 12.04.2012, 16:52 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Mit keinem Wort wird auf das gesamtgesellschaftliche Problem eingegangen, dass z. B. der Ansatz von Götz Werner und seinen Anhängern die krasse Ungleichverteilung bei Einkommen und Vermögen unangetastet lässt oder sogar noch verstärkt. Einen Einblick in die Tragweite der Konsumsteuer zeigt der Bericht zum Vortrag "Schuldenfalle Steuersystem" am 2.April 2012 in Hamburg: http://www.grundeinkommen-hamburg.de/journal/geschehen/Schuldenfalle_Steuersystem.php. In diesem Vortrag wurde der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang von Steuern und Abgaben vorgestellt. Die problematischen Seiten unseres Einkommensteuer- und Abgabensystems wurden dabei deutlich. Bei dieser Problematik ist es unerheblich, ob nur noch die Gutverdienenden Einkommensteuer zahlen. Es kommt auf die Summe der abzuführenden Steuern und Abgaben während der Produktionskette an. Und die bleibt gleich, da die Gesellschaft das Geld für öffentliche Aufgaben benötigt.
eeditha schrieb am 15.04.2012, 18:47 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Erschreckend finde ich, dass ja die Kosten für den derzeitigen „Sozialstaat“ die Kosten für das bedingungslose Grundeinkommen für jeden decken würden. Man bedenke, dass z.B. die Ein-Euro-Jobber einen ganzen Industriezweig am Leben erhalten und das mit ihrer Würde bezahlen. Gleiches gilt für die Hartz-IV-Aufstocker, bei denen der Staat auf Kosten der Würde des Aufstockers dem Arbeitgeber die Arbeitskräfte bezahlt. DAS IST EIN BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN IN DIE FALSCH RICHTUNG. Sozial heißt für mich, dass jeder gesund arbeiten soll, so wie er kann und will, ohne an Existenzängsten zu erkranken. Die Pflicht zur Arbeit ohne eine reelle Chance für jeden, dieser auch nachzukommen, wird sich daher mit dem bedingungslosen Grundeinkommen in ein Recht auf Arbeit umwandeln, wodurch sich die in der Arbeitswelt vergessenen Werte wie Respekt und Selbstbewusstsein durchsetzen werden. Das bekommt der Wirtschaft sowohl qualitativ als auch kommerziell sehr gut. Man hätte dann die altbewährte Win-Win-Situation und nicht mehr das alte Spiel von Kopf oder Zahl, bei dem ich bei Kopf gewinne und bei Zahl du verlierst.
Veit schrieb am 24.04.2012, 18:23 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Mehr Fragen zum Grundeinkommen als mir alleine jemals einfielen! Ich habe mir alle Videos angeschaut. Wohlwollend bis skeptisch, nie ablehnend, werden Fragen verbunden mit dem BGE beantwortet, soweit es die heutige Realität zulässt. Man kann die Videos sogar mit englischen Untertiteln gucken. Eignet sich diese Website namens bge-interaktiv.de nicht geradezu ideal dafür, sie auf Infozettel und Flyer zur weiterführenden Information zu drucken? Interessenten wie Skeptiker fänden dort so ziemlich alle Fragen bzw. Bedenken, die sie haben können.
NTegge schrieb am 14.06.2012, 22:28 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Das BGE würde ich "sozialgesichertes Grundeinkommen" (SGGE) nennen. Pro Mensch 1500 Euro. Also für Mann, Frau, Kind gleich. Das Kindergeld, Wohngeld und Rente streichen. Schon unter Kohl war die Rente nicht mehr ausreichend. Sämtliche Subventionen streichen. Viele denken, dass nur das ALG I bzw. II wegfallen würde. Sie vergessen aber die vielen Prozesse gegen Arge Jobcenter (Steuerzahler tragen Gerichtskosten), gegen DRV, oder BGs oder gar GKV. Viele neue (alte) Berufe würden wieder entstehen. Die Kaufkraftbelebung käme gerade auch den kleinen und mittleren Unternehmen zugute. Landwirte könnten endlich frei wieder auf Bioanbau umsteigen. Ich glaube, viele wissen gar nicht, was für ein Potential dieses Grundeinkommen hat. Alle gleich. Dazu natürlich die Gesundheitskasse (wo alle Menschen einzahlen), wo Allgemeinmediziner den Fachärzten wieder gleichgestellt werden (natürlich bessere Qualifizierung vorausgesetzt). Wo die asiatische, germanische Heilmedizin in die Schulmedizin eingegliedert wird. Warum nicht schon 2013?

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