Source: https://issuu.com/hosiwien/docs/ln309
Timestamp: 2017-07-25 08:08:36+00:00

Document:
LAMBDA-Nachrichten 3.2009 by Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien - issuu
Europa-Wahlennachr ich t enDeine Entscheidung
Leidvolles LebenMai/Juni · Nr. 129, 31. Jahrg. · € 0,503.2009Bruno VogelRegenbogenparade 2009Valerie auf der Celebration
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Haidlmayr
Kaufm채nnischeLife Ball OrganisatorMitarbeiterinENGAGEMENT VERBINDET MENSCHEN.SPONSOR DES LIFE BALLS.FOTO: DIGITALIMAGE.ATTL e i t a r t ik
Gudrun HauerInhalt
gudrun@lambdanachrichten.atWir wollen heiraten!
Gesellschaftspolitische Reformen in Österreich werden meist im Schneckentempo durchgezogen – insbesondere wenn sie
der ÖVP überhaupt nicht in den politischen
Kram passen. Und die VertreterInnen der
SPÖ spielen dabei leider oft mit – ganz so,
als gelte es, eine tollwütige Bestie nicht
zum Angriff zu reizen. Die beste Taktik
scheint hier das allzu beredte Schweigen
zu sein, eine beliebte Vorgangsweise im
Lande Ludwig Wittgensteins, denn worüber man nicht sprechen kann, sollte man
besser schweigen.
Ganz in diesem Sinne verhalten sich die
Damen und Herren PolitikerInnen derzeit
zum Thema Homosexuellen-Ehe. „Unbeteiligte“ BeobachterInnen müssen da inzwischen den Eindruck bekommen, dieses
Thema würde gar nicht mehr existieren –
so still ist es um dieses zentrale Anliegen
der Bewegung in der breiten Öffentlichkeit
geworden. Von den vielen einschlägigen Aktivitäten von Lesben- und Schwulenorganisationen, etwa der HOSI Wien, wie Stellungnahmen, Gesprächstermine bei PolitikerInnen etc. erfährt ja meist nur das lesbisch-schwule „Fachpublikum“. Sollte die
Sache hinter den Kulissen auf Schiene sein
und der von allen Seite genannte Termin
1.1.2010 für die Einführung der Eingetragenen Partnerschaft halten, müsste uns die
fehlende öffentliche Diskussion in dieser
Phase nicht weiter beunruhigen, ist doch
ohnehin in den letzten 20 Jahren dazu alles
schon tausendfach gesagt worden. Wenn
die ÖVP das Projekt lieber „schweigsam“
und ohne große Diskussion erledigen will,
kann man ihr den Gefallen ruhig machen.
Allerdings ist es aufgrund unserer Erfahrung schwer, den ÖVP-PolitikerInnen hierüber den Weg zu trauen, insbesondere da
sie sich auch im Gespräch mit den VertreterInnen der Bewegung bedeckt halten,
wie sie sich die konkrete Ausgestaltung
des Gesetzes und den Umfang der Rechte, die den gleichgeschlechtlichen Paaren damit zugestanden werden sollen,
nun eigentlich wirklich vorstellen. Hier
ist gesunde Skepsis angebracht. Der ÖVP
muss man es zutrauen, dass sie im letzten Augenblick einen total abgespeckten Gesetzesvorschlag – womöglich ohne
Standesamt! – vorlegt, den man dann nur
rundweg ablehnen kann. Und hoffentlich
legt es die ÖVP nicht von vornherein darauf an, das Projekt scheitern zu lassen
oder auf Zeit zu spielen. Vielleicht ist innerparteilich nur eine für uns inakzeptable Mini-Version durchsetzbar, weil diese Partei nicht über die Schatten ihrer
eigenen gesellschafts- und insbesondere familienpolitischen Leitbilder springen
kann – und will.
Blöd würde dann allerdings einmal mehr
die SPÖ dastehen, die sich offenbar wieder einmal darauf verlässt, dass die ÖVP
ihre Versprechen und Zusagen auch einhält, ohne dass sie selbst entsprechend
Druck ausüben muss. Dann würde sich bitter rächen, dass sie im Vorfeld und in der
jetzigen Phase keine laufende, umfassende und öffentliche Debatte über dieses
Projekt geführt hat, wodurch alle, die Zeitung lesen und fernsehen, mitbekommen
würden, wer wofür eintritt und wer dann
was verhindert hat. Und dann würde die
SPÖ einmal mehr nur wieder als Umfallerpartei dastehen, die zu schwach ist,
sich gegen die ÖVP durchzusetzen. Lange sollte sich die SPÖ dieses Image aber
nicht mehr leisten!Leitartikel: Wir wollen heiraten!3Editorial4Impressum4HOSI intern6Durch die rosa Brille:
Unser Stonewall7Regenbogenparade 20098Gleichgeschlechtliche Partnerschaften:
Lobbying bei der ÖVP geht weiter12Aus dem Hohen Haus:
Vorwärts, Europa!13Aus lesbischer Sicht:
Die Guten in den schlechten Zeiten14LAMBDA Sport-News15Autonome Trutschn:
Die Krise mit den Unterhosen16Gentherapie und HIV18Mehr Rechte für Homosexuelle gefordert 19
ILGA-Europa-Kampagne zur EP-Wahl22Que(e)rschuss:
EP-Wahl: Ulrike, wen sonst?20Aus aller Welt23Die Pride-Saison 2009 ist eröffnet27Das leidvolle Leben des Bruno Vogel30LN-Discothek34ESC 2009: Österreich im Schmollwinkerl35LN-Bibliothek36Sexualität und Liebe38Einwurf:
Ein trauriges Schicksal39LN-Videothek40Life Ball 2009: Im Zeichen des Wassers41Kurt Krickler zum 50. Geburtstag42Blitzlichter44nachr
Immer als PDF komplett im Internet:www.lambdanachrichten.at3
nachr ich t enE d i t o r ia
zum Bericht über die Affäre Wagner
(„Karrierehemmnis Homophobie“), LN 2/09
Ihren Beitrag möchte ich doch ein wenig, wie
soll ich sagen, von der rosaroten Brille befreien, dekonstruieren und desillusionieren. Ich
bin lesbische Feministin, Theologin und Philosophin – und leider mit der katholischen Kirche schmerzhaft „vertraut“. Dass Weihbischof
„Mitzi“, wie wir Wagner nannten, nun doch
nicht Weihbischof geworden ist, liegt nicht daran, dass die röm.-kath. Kirche auf einmal ihre
Homophobie einsehen würde oder dass in der
Kirche ein so breiter Strom von SympathisantInnen lebendig und aktiv wäre. Das Hauptärgernis für die Dechanten, Kardinäle und engagierten ChristInnen bestand darin – und das selbstverständlich zu Recht –, dass einfach von Rom
ein Weihbischof auf absolutistische, totalitäre
Weise nominiert worden ist, ohne mit den in
den zuständigen Ortskirchen Tätigen oder auch
den österreichischen Kardinälen und Dechanten zu sprechen. Schönborn hat sich z. B. ext-rem übergangen gefühlt, weshalb auch er auf
die Barrikaden stieg.
Und speziell in Linz haben der von Rom übergangene Klerus und die engagierten Laien entschieden Protest angemeldet. Zu meinen, dass
die Empörung über die Homophobie der „Mitzi“ den Ausschlag gegeben hätte, ist leider eine
zu positive Sicht auf diese Kirche. Es waren vielmehr ganz andere Anliegen.
Die römisch-katholische Kirche ist eine hierarchisch und autoritär geführte Institution, frauenverachtend, menschenverachtend, sich mit
der Anerkennung der Menschenrechte schwertuend, homophob, obrigkeitshörig etc. Sie haben meiner Einschätzung nach ein zu freundliches Bild von dieser Institution. Ich weiß nicht,
ob Sie wirklich davon überzeugt sind, dass die
Empörung innerhalb der Kirche über Wagners
homophobe Äußerungen letztlich seine Amtseinsetzung verhindert hat.
MAG. BRIGITTE BUCHHAMMER
WienDurch Vermittlung und Unterstützung der
HOSI Wien war Erwin eines von – vermutlich nicht mehr als – drei NS-Opfern, die
wegen Verfolgung aufgrund ihrer sexuellen
Orientierung eine Entschädigung nach dem
Nationalfondsgesetz 1995 erhalten haben.
Erwin war indes nie in einem Konzentrationslager, sondern verbüßte seine Haftstrafe in verschiedenen Gefängnissen ab. Seine Vorstrafe trug ihm nach dem Krieg ein431. Jahrgang, 3. Nummer
Laufende Nummer: 129
Erscheinungsdatum: 8. 5. 2009
Mitgliedsorganisation der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans
Högl, Helga Pankratz, Jan Feddersen,
Jean-François Cerf, Judith Götz,
Mag. Martin Weber, Mag. Martin
Viehhauser, Dr. Péter Baksy, Raimund
Wolfert M. A., Mag. Ulrike Lunacek
Christian Högl (www.creativbox.at)FOTO: KURT KRICKLERErwin Widschwenter gestorben
Eineinhalb Monate vor seinem 101. Geburtstag ist Erwin Widschwenter am 14.
März 2009 in einem Linzer Seniorenheim
verstorben. LN-LeserInnen ist Erwin durch
mehrere Berichte bekannt, zuletzt anlässlich seines 100. Geburtstags im Vorjahr (LN
# 3/08, S. 20), insbesondere aber durch ein
längeres Porträt in der Sonderausgabe # 88
zur Ausstellung „Aus dem Leben – Die nationalsozialistische Verfolgung der Homosexuellen in Wien 1938-45“ (S. 45) im Juni
2001 (siehe auch: www.ausdemleben.at).ImpressumAnzeigen
Versandgebühr für 6 Ausgaben € 15,–Berufsverbot im öffentlichen Dienst ein,
er verlor seine Stellung als Finanzbeamter.
Noch bis ins hohe Alter hatte sich Erwin
mehrfach als Zeitzeuge für Zeitungsinterviews zur Verfügung gestellt und wurde u.
a. für den Film Homosexualität von Angelika Schuster und Tristan Sindelgruber in
deren siebenteiliger Reihe über „Vergessene Opfer“ (2002) interviewt.Konto
Nummer: 16. Juli 2009
Redaktionsschluss: 1. 7. 2009H O S I iin
nternAm 21. März 2009 hielt die HOSI
Wien ihre 30. ordentliche Generalversammlung ab. Die FunktionärInnen des Vereins legten Rechenschaft über das abgelaufene
Vereinsjahr ab, das wohl das arbeits- und erfolgreichste der Vereinsgeschichte war. Gründe dafür
waren neben den – zur alljährlichen
Routine zählenden – Höhepunkten,
wie HOSIsters-Aufführung, Regenbogenparade und Regenbogenball
in erster Linie die beiden – im Sinne der Vereinsaktivitäten „außertourlich“ stattgefundenen – Tagungen des ILGA-Europa- bzw. des ILGA-Weltverbands, für die die HOSI
Wien im Herbst Gastgeberin und
Mitorganisatorin war.
Die Generalversammlung wählte auch einen neuen Vorstand:
Die bisherige Kassierin Jona Solomon wurde nunmehr zur Obfrau
gewählt, der langjährige Obmann
Christian Högl in seiner Funktion
bestätigt. Als Schriftführer wurden mit Alfred Holler und Franz
Repnegg zwei Personen bestellt,
die bisher keine von der Generalversammlung gewählte Vorstandsfunktion innehatten. Mit Gerhard
Liedl als Kassier wurde indes ein
weiteres altgedientes Vorstandsmitglied wiedergewählt. Zu den
beiden RechnungsprüferInnen wurden neuerlich Daniela Turić und
Thomas Lehner bestellt.
Auf die Verabschiedung der traditionellen Resolution zu einem aktuellen Thema wurde dieses Jahr
verzichtet. Statt dessen wurde das
30-Jahr-Bestandsjubiläum der HOSI
Wien zum Anlass genommen, in einer ausführlichen Aussendung am
Tag nach der Generalversammlung
nochmals die Gründungsgeschichte zu erzählen (vgl. LN 2/09, S. 6
f) sowie die wichtigsten Tätigkeits-6FOTO: RENÉ HAMPLGeneralversammlungebenfalls bis heute unbedankt –
war auch die um- und weitsichtige Reaktion der HOSI Wien Anfang
der 1980er Jahre auf die AIDS-Krise, als die HOSI Wien sich an vorderster Front an der Gründung der
AIDS-Hilfe beteiligte und die österreichische AIDS-Politik entscheidend beeinflusste.“Mitgliedsbeiträge ab 2010
Rechnungsprüferin Daniela Turić und der neue Vorstand: Schriftführer Alfred Holler, Obfrau Jona Solomon, Obmann Christian
Högl, Kassier Gerhard Liedl und Schriftführer Franz Repnegg
felder, Erfolge und Errungenschaften des Vereins Revue passieren zu
lassen. Solomon äußerte sich dazu
voller Stolz: „Nach 30 Jahren können wir eine äußerst erfolgreiche
Bilanz ziehen: Die gesellschaftliche Lage von Lesben und Schwulen
hat sich gewaltig verbessert, wozu
wir mit unserer politischen Lobby-,
aber auch konsequenten Medienund Öffentlichkeitsarbeit sicherlich nicht unwesentlich beigetragen haben.“ Und sie kündigte an:
„Diesen runden Geburtstag werden wir heuer natürlich das ganze Jahr über gebührend feiern.“
Und Högl betonte in besagter Aussendung: „In all ihren Tätigkeitsbereichen, die sich bald herauskristallisierten und im Lauf der Zeit immer vielfältiger und umfassender
wurden, hat die HOSI Wien in all
den 30 Jahren ohne bezahlte Angestellte oder Basisförderung gearbeitet. Öffentliche Subventionen
haben wir nur für konkrete Projekte und auch da in erster Linie für
Sachkosten erhalten. Vielleicht ist
ja auch diese finanzielle Unabhängigkeit ein Grund dafür, warum die
HOSI Wien immer noch besteht.“
„In rechtlicher Hinsicht haben wir
die strafrechtliche Entkriminalisie-rung, die Anerkennung der homosexuellen NS-Opfer im Opferfürsorgegesetz, Anti-Diskriminierungsbestimmungen in der Arbeitswelt
und die gesetzliche Gleichstellung
von homo- mit heterosexuellen
Lebensgemeinschaften erreicht“,
unterstrich Solomon weiters. „Als
letztes großes Projekt steht noch
die Eingetragene Partnerschaft an,
für die wir seit 20 Jahren ebenfalls
federführend kämpfen. Vielleicht
bekommen wir sie ja heuer noch
als Geburtstagsgeschenk zu unserem Jubiläum. Höchste Zeit für
eine Anerkennung oder ein Zeichen
des Dankes durch das offizielle Österreich für das 30 Jahre währende gesellschaftliche Engagement
der HOSI Wien wäre es allemal.“
„Gerade die soziale Funktion des
Vereins sollte nicht unterschätzt
werden“, hob Högl hervor: „Seit
1983 trifft sich jeden Donnerstag
etwa die Jugendgruppe im HOSIZentrum, die unschätzbare Hilfe
beim persönlichen Coming-out von
jungen Lesben und Schwulen leistet. In all den Jahren haben hier
viele hunderte junge Menschen
Unterstützung bei Problemen erfahren, und auch der eine oder andere Selbstmord konnte wohl verhindert werden. Vorbildlich – aberZwar wurde beschlossen, die Mitgliedsbeiträge nicht zu erhöhen,
aber der Rabatt für die Zahlung
des Beitrags zu Jahres- oder Quartalsbeginn wird ab nächstem Jahr
entfallen. Ursache: Viele Mitglieder zahlen den verminderten Beitrag fürs ganze Jahr auch dann noch
ein, wenn der Jänner schon längst
vorbei ist. In diesen Fällen müssten wir dann eigentlich entsprechende Nachforderungen an diese Mitglieder stellen, was aber einfach viel zu viel Aufwand darstellt.
Die Generalversammlung hat daher den Vorschlag des Vorstandes
angenommen, diesen Rabatt abzuschaffen.
Der Mitgliedsbeitrag ab 2010 beträgt daher einheitlich € 6,50 pro
Monat unabhängig vom Zeitpunkt
der Zahlung bzw. vom Zeitraum,
für den der Beitrag bezahlt wird.
Es wird weiterhin einen um die
Hälfte ermäßigten Beitrag (€ 3,25
pro Monat) für Erwerbslose, Studierende sowie Präsenz- bzw. Zivildiener geben. Natürlich gibt es
weiterhin die Möglichkeit, einen
Förderbeitrag von € 10,– pro Monat oder freiwillig einen anderen
monatlichen Beitrag zu bezahlen,
der höher als € 6,50 ist. Wir ersuchen jedenfalls schon jetzt alle
Mitglieder, die neue Regelung ab
2010 zu beachten und gegebenenfalls ihren Dauerauftrag entsprechend zu ändern.FOTO: DIGITALIMAGE.ATTDur
Christian Höglchristian@lambdanachrichten.atZwei große Jubiliäen gibt es in diesem Jahr für uns zu feiern: Erstens
wird die HOSI Wien 30 Jahre (unsere Schwesterorganisation in Innsbruck übrigens 25 Jahre – wir gratulieren), und zweitens begehen
wir 40 Jahre Stonewall.
So lange ist es nämlich her, dass
sich am Freitag, den 27. Juni 1969
die BesucherInnen des New Yorker Szenelokals „Stonewall Inn“
in der Christopher Street gegen die
polizeiliche Willkür zur Wehr setzten. Damals waren Razzien, Schikanen und Demütigungen durch
die Polizei an der Tagesordnung.
Der Druck war unerträglich geworden, und Lesben und Schwule begehrten an diesem Tag erstmals
dagegen auf. Das gilt gemeinhin
als die Geburtsstunde der modernen Lesben- und Schwulenbewegung. Auf der ganzen Welt wird
dieser Feiertag jedes Jahr im Sommer mit CSD-Paraden und anderen Veranstaltungen begangen.
In den vier Jahrzehnten, die seit
diesem historischen Ereignis ver-Unser Stonewall
strichen sind, hat die Lesben- und
Schwulenbewegung viel erreicht.
Homosexualität gilt nicht mehr als
Krankheit (auch wenn sich das
vielleicht noch nicht bis zu jedem
Bischof durchgesprochen hat), wir
werden gesellschaftlich akzeptiert, genießen in manchen Bereichen rechtlichen Schutz vor Diskriminierung und können heiraten –
man glaubt es kaum: bald sogar
auch in Österreich.den, dann wird einem rasch klar,
wie wichtig diese Demonstrationen sind.Also alles paletti. Wozu das ganze dann? Haben die CSDs und die
Regenbogenparade ihre Aufgabe
nicht längst erfüllt? Sind sie heute
nicht nur mehr ein Freizeitevent,
ein Kommerzfaktor oder eine in
die Jahre gekommene Tradition?Religiöse Fanatiker sind in ihrem
Kampf gegen angebliche Widernatürlichkeit keinen rationalen Argumenten zugänglich. Boulevardmedien schüren gerne mit simplen Mustern Emotionen, um ihre
Auflagen bzw. Quoten zu steigern.
Politische Hetzer brauchen immer
wieder neue/alte Feindbilder – gerade in Krisenzeiten kann sich das
Klima unversehens radikalisieren
und die öffentliche Meinung kippen. Das heißt, wir müssen immer wachsam bleiben!Wenn man sich vor Augen hält,
unter welchen gefährlichen Bedingungen CSD-Umzüge bei unseren östlichen Nachbarn vonstatten gehen, oder wenn man sich
vergegenwärtigt, dass gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte
weltweit noch in über 90 Staaten strafrechtlich verfolgt wer-barWir sind und bleiben eine Minderheit. Unsere Geschichte (und
Gegenwart) ist eine der Demütigung und Verfolgung. Nur weil wir
heute in manchen Teilen der Welt
Rechte erkämpft haben, dürfen
wir nicht darauf vertrauen, dass
das immer so bleibt.Paraden sind daher eine sehr bedeutende Manifestation der Sichtbarkeit. In diesem Zusammenhang hat der Christopher Street
Day auch eine äußerst wichtige
Funktion beim Coming-out vieler junger Lesben und Schwuler.
Tausende andere Menschen zu sehen, die auch „so“ sind und die
sich in einer beeindruckenden
Vielfalt zeigen: jung, alt, schrill,
schlicht, Tunte, Macho, Butch,
Femme, Normalo – alle so „anders“ wie man selbst. Das ist ein
schöner Anschub fürs Selbstbewusstsein – selbst wenn man sein
Coming-out schon lange hinter
sich hat…Zwar sind wir eine Minderheit,
aber beileibe keine kleine. DieDie Paraden sind sehr wichtig.
Auch und gerade 40 Jahre „danach“. In diesem Sinne sehen
wir uns hoffentlich zahlreich am
Samstag, den 4. Juli auf der Ringstraße und am Schwarzenbergplatz, um gemeinsam – Lesben,
Schwule, Transgenders, Heteros
und Heteras – dieses großartige CSD-Ereignis in Wien zu feiern: unsere Regenbogenparade!restaurantcaféwillendorfwww.cafe-willendorf.at
täglich von 18 bis 2, küche bis 24 uhr · im sommer gastgartennachr ich
en7R eg
egenbogenparade 2009Zwei runde Jubiläen laden zum Feiern ein40 Jahre Stonewall – 30 Jahre HOSI Wien
Die diesjährige Regenbogenparade am 4. Juli wird
ganz im Zeichen zweier runder Jubiläen stehen: Da ist einerseits der
40. Jahrestag des „Stonewall-Aufstands“ in der New Yorker Christopher Street, an den wohl heuer
CSD-Veranstaltungen in aller Welt
besonders erinnern werden; und
natürlich wird die HOSI Wien als
Veranstalterin der Regenbogenparade andererseits auch ihren eigenen runden Geburtstag entsprechend würdigen – hat sie sich doch
zehn Jahre nach den New Yorker
Ereignissen gegründet.
Da das Donauinselfest heuer doch
wieder von September auf Juni
zurückverlegt worden ist – und
zwar ausgerechnet auf das letzte
Wochenende im Juni, an dem die
Parade meistens stattfand –, haben wir uns entschlossen, die Parade auf den ersten Samstag im
Juli zu legen, wiewohl der 27. Juni
natürlich symbolträchtiger gewesen wäre. Bekanntlich wurden ja
sowohl Donauinselfest als auch
Parade im Vorjahr durch die Fußball-EM von ihren angestammten
Terminen verdrängt.8Vienna Pride
Bereits am 6. Juni startet wieder
Vienna Pride: vier Wochen vollgepackt mit interessanten Veranstaltungen der LSBT-Szene. Um
einen Überblick über alle Veranstaltungen zu geben, ist ab
Ende Mai in den Szenelokalen
und bei der HOSI Wien der Pride
Guide 2009 mit Hintergrundinformationen sowie den Terminen aller Veranstaltungen erhältlich. Darüber hinaus sind alle Lokale, Gruppen und Vereine eingeladen, als „Partner of Vienna
Pride 2009“ den Pride-Monat zu
unterstützen und zugleich sich
Pride Guide sowie Bannerschaltungen auf der Regenbogenparaden-Homepage zu promoten.15. Juni bis 12. Juli 2009, also in
den drei Wochen vor und in der
Woche nach der Parade, in Wien
unterwegs sein werden. Wir freuen uns, dass die Wiener Linien
diese einzigartige Aktion wieder
ermöglichen werden. Zur Finanzierung der Aktion werden noch
PatInnen für Straßenbahnen gesucht. Die Patenschaft für eine
Linie kostet € 210,– (eine Aufteilung auf zwei Personen à €
die Celebration am Schwarzenbergplatz (zwei Tickets pro Pa-tenschaft), werden in der JuliAusgabe der LAMBDA-Nachrichten
auf www.regenbogenparade.at.Pride-Girls & Pride-Boys
Die Idee eines Pride-Paares mit
Bodypaintings in Regenbogenfarben wurde im Jahr 2006 geboren und geriet zu einem vollen Erfolg – die Pride-Paare zäh-Du willst mitarbeiten?
Parade den mobilen Vienna Pride-Infostand betreuen.Straßenbahnbeflaggung
Auf die Regenbogenparade aufmerksam machen werden dieses
Jahr einmal mehr die mit Regenbogenfahnen geschmückten Straßenbahnen-Garnituren, die vonWeiters gibt es natürlich vor allem am Paradentag selbst viel zu
Telefonnummer an: pride09@hosiwien.at.und Schaulustigen als Gesamtkunstwerk fotografiert.Auch heuer wird es wieder ein
Girl- und ein Boy-Paar geben.
Aus diesem Grund werden jeweils
zwei interessierte Frauen sowie
zwei Männer gesucht, welche die
Parade als Pride-Girls und PrideBoys anführen möchten. Die vier
erwartet ein tolles Bodypainting
in den Regenbogenfarben, sie
marschieren an der Spitze des
Paradenzugs mit und werden von
Presseleuten, TeilnehmerInnenSie haben dadurch auch Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen dieses großartigen Events
zu werfen. Sie erhalten Zutritt
zum Backstage-Bereich der Celebration am Schwarzenbergplatz
und werden am Beginn des Programms einen kurzen Bühnenauftritt haben. Als Dankeschön
gibt’s Freikarten für Events in der
Paradennacht.RingturmFOTO: HANNES HOCHMUTHlen zu den begehrtesten und beliebtesten Bildmotiven.Die Pride-Girls und Pride-Boys werden die Parade anführen.Die Route führt vom Stadtpark
fast um den ganzen Ring bis
zum Schwarzenbergplatz.Voraussetzungen für eine Bewerbung sind ein gepflegtes Äußeres und die Bereitschaft, das Bodypainting während des gesamten Events zu zeigen. Bewerbungen werden bis 20. Juni auf www.
regenbogenparade.at entgegengenommen.BörseStart um 14 Uhr
UniversitätUrania
BurgtheaterParlamentStartHeldenplatzStadtpark
OperZiel
SchwarzenbergplatzWie jedes Jahr sind die teilnehmenden motorisierten Gruppen
schon ab den frühen Morgenstunden fleißig und verladen Musikanlagen, schmücken Trucks und bereiten den Start vor. Eine Neuerung für die teilnehmenden Gruppen ist der Ort: Anstelle des nicht
mehr zur Verfügung stehenden
Areals am Schlachthof St. Marx
wird nun ein großer Parkplatz bei
der Messe Wien (gleich bei der U2Station Krieau) genutzt werden.
Die Parade wird wieder um 14
Uhr beim Stadtpark starten. Wir
ziehen dann – andersrum zur regulären Fahrtrichtung – um den
Ring: also Stadtpark – Urania –
Schwedenplatz – Kai – Ringturm
– Börse – Universität – Rathaus –
Parlament – Oper bis zum Schwarzenbergplatz. Um 16 Uhr gibt es,
wie jedes Jahr, einen „Moment
des Gedenkens“ an die Opfer
von HIV/AIDS und von homo-9
nachr ich t enphober und transgenderfeindlicher Gewalt.
Da der Heldenplatz heuer – und
vermutlich auf einige Jahre hinaus wegen des Baus des Tiefspeichers der Nationalbibliothek – für
Veranstaltungen nicht zur Verfügung steht, wird die Schlusskundgebung wie vor zwei Jahren wieder am Schwarzenbergplatz gefeiert. Das bedeutet einerseits,
dass es wieder die „lange“ Routegibt und wir somit fast komplett
um den ganzen Ring marschieren werden, und andererseits,
dass bei der Schlusskundgebung
mehr Publikum dabei sein wird.
Der Schwarzenbergplatz ist nicht
so abgeschlossen wie der Heldenplatz mit seinem „Nadelöhr“
Heldentor, und die Parade zieht
praktisch direkt an der Bühne
vorbei. Einer riesigen Open-AirParty mit besonders großem Publikum steht somit nichts im Wege.Celebration
Auf der Bühne erwartet die BesucherInnen ein vielfältiges Spektrum an KünstlerInnen. Das Programm stand bei Redaktionsschluss dieser LAMBDA-Nachrichten noch nicht komplett fest. Auftreten werden Valerie, Friek, gudrun und My Sister’s Name is Frank
und weitere Bands. Auch die beliebten DJs Sonic und Junior Sonic
werden für guten Sound sorgen.ValerieDurch das Programm wird in altbewährter Manier Miss Candy führen.
Bis 22 Uhr wird am Schwarzenbergplatz gefeiert – den Abschluss der
Celebration bildet, wie es ebenfalls
fixe Tradition ist, der Donauwalzer. Danach geht das Fest weiter
bei der offiziellen Pride Night sowie in den diversen Wiener Clubs,
wo die Regenbogenparade mit fulminanten Partys und Specials ausklingen wird.
CHRISTIAN HÖGLDJ Sonic & DJ Junior SonicDie beiden DJs sind in der Wiener Szene und international sehr gefragt. Junior Sonic sagt: „House
ist eine Emotion, eine Leidenschaft und vor allem eine treue Freundschaft. Für mich ist House
Music wie eine Droge, ich bin abhängig davon,
und der Entzug ist hoffnungslos.“
Valerie Sajdik ist Popchanteuse, Texterin und Moderatorin, sie hat im Fach „Jazzgesang“ diplomiert – und auch das Studium der Rechtswissenschaften abgeschlossen. Aufgewachsen ist sie in Moskau und Wien mit Zwischenstationen in den USA
und Paris. Derzeit lebt und arbeitet Valerie in Wien und Südfrankreich.
Mit 14 Jahren hatte sie ihren ersten Plattenvertrag, seit 1998 – damals mit ihrer
ersten Band C-Bra – ist sie regelmäßig in den österreichischen Charts vertreten,
zuletzt über 29 Wochen mit ihrem Hit Regen.
Ihre wichtigsten Kooperationen waren bisher jene mit Elektronik-Künstler Klaus
Waldeck (Saint Privat, www.saintprivat.com) und David Bronner (Soloalbum Picknick). Ihr neues Soloalbum wird übrigens im September 2009 erscheinen.
Valerie bedient sich verschiedener musikalischer Genres, wobei sie Jazz und Chanson am meisten geprägt haben, insbesondere Kurt Weill und Hildegard Knef. Als
Sound bevorzugt sie jenen der 60er Jahre. Valerie bezeichnet ihren Stil als „Popchanson“ und sich selbst als „Frau mit Unterhaltungswert“. Livekonzerte sind ihr
Lebenselixier. In den Medien wird sie immer wieder als „die schönste Stimme Österreichs“ bezeichnet.
Ihre humorvollen, ironischen, poetischen und auch nachdenklichen Texte sind in ihrer spielerischen Art durchaus gesellschaftskritisch und erregen mitunter so manch
hitzige Diskussion – zuletzt um das ewige Thema Frau und Mann. Aktuell widmen
sich ihre Texte der Wirtschaftskrise.10My Sister’s Name is Frank
My Sister’s Name is Frank ist eine junge Rockband aus Ostösterreich – die noch nicht wirklich
viel aussagekräftiges Promotionmaterial über
sich verbreitet hat. Wer sie also nicht kennt,
findet Fotos und Kurzbiografien der Bandmitglieder bzw. kann ihre Musik probehören auf:
www.mysistersnameisfrank.comgudrunFriekDie vier VokalkünstlerInnen
waren der Geheimtipp am
Regenbogenball, wo sie in
der Sissy-Bar
faszinier ten.
Stimmen, die
die Szene derzeit zu bieten
hat, und einem
Computer bewaffnet, definieren gudrun den Begriff „a cappella“
neu und präsentieren eine Show, die von leisen, berührenden Augenblicken bis zum entfesselten Klang-Gewitter alles zu bieten hat.
Mit Hilfe eines neuartigen Loop-Systems, das Stimmen aufzeichnet
und, wenn erwünscht, bis in die Unendlichkeit wiederholt, werden
aus vier Stimmen schnell acht Stimmen, aus acht zwölf, und so weiter. Wenn diese Stimmen mit Hilfe modernster computergenerierter Audio-Effekte dann auch noch zu Gitarren, Schlagzeug, Mandolinen oder Dudelsäcken werden, entsteht ein Sound, dessen schiere Wucht so manche Zehn-Mann-Band in Ehrfurcht erstarren ließe.Die vier Musiker samt Frontfrau Luisa Thum
begeisterten bereits im Vorjahr
bei der Celebration das Publikum
am Heldenplatz.
Die Band wird
auch heuer wieder auf der Bühne am Schwarzenbergplatz ihren spaßigen, zugleich kantigen,
ehrlichen, rotzfrechen, selbstironischen, tanz- und hüpfbaren, aber auch melancholischen und
gefühlvollen Poprock mit einer Prise ironisch funkelndem Punkaugenzwinkern servieren. Getragen von fetten Gitarren, groovigen Basslines, einem treibenden Schlagzeug und dem richtigen
Adrenalinpegel singt Luisa ihre schrägen Texte voller Wortspielereien über die kleinen Finessen des Alltags.40 Jahre CSD:
HOSI Zentrums in Linz
mit einem StraßenfestSamstag, 27. Juni 2009
vor und im neuen
Zentrum der HOSI Linz
Fabrikstraße 18, 4020 Linzsparty
Sa 27.06Programm:
Zaubershow & StraßenkünstlerInnen & Bodypainting
CapoeiratänzerInnen
„Ritva“ – Rock & Soul live
Moderation: Thomas Pohlwww.hosilinz.at11
nachr ich t enIInnenpoli
n n e n p o llii t ikGleichgeschlechtliche PartnerschaftenAn einer Grundprämisse
hat sich ja seit Jahren und
Jahrzehnten nichts geändert: Es
ist offensichtlich, dass es in erster Linie von der ÖVP abhängt,
wann das Gesetz über die Eingetragene Partnerschaft (EP) verabschiedet und wie ein solches
ausgestaltet sein wird. Daher ist
es natürlich besonders wichtig,
mit maßgeblichen ÖVP-PolitikerInnen Gespräche zu führen. Und
so setzte die HOSI Wien ihren Besuchsreigen im März und April in
diesem Sinne fort (vgl. auch LN
2/09, S. 20 ff).Die HOSI-Wien-Obleute Jona Solomon und Christian Högl im
Gespräch mit ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf und seinem
Mitarbeiter Helmut Epp
sicht bestätigt habe. Außerdem
hatte sie am 13. März im Bundesrat zu dieser Frage Stellung
genommen und bei dieser Gelegenheit eine umfassende Lösung in Aussicht gestellt. Konkrete Aussagen zu Details oder
den rechtlichen Umfang des Gesetzes oder eventuelle Einschränkungen waren Kopf indes nicht
zu entlocken. So diente das Ge-spräch wohl vor allem einem ersten gegenseitigen Kennenlernen
und auch dazu, dem ÖVP-Klubobmann unsere Anliegen aus erster Hand zu erläutern, wiewohl
sein Mitarbeiter Helmut Epp, der
stellvertretender Klubdirektor ist,
schon lange im ÖVP-Klub tätig ist
und seit Jahrzehnten mit der HOSI
Wien zu tun hat.
FOTO: BIANCA PÖRNERÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf
empfing das bewährte Besuchstrio am 25. März im Parlament.
Dieser gab sich – wie schon zuvor
ÖVP-Generalsekretär Fritz Kaltenegger – zuversichtlich, dass dieses Vorhaben bis Jahresende in
die Tat umgesetzt werde. Kopf
berichtete, dass Justizministerin
Claudia Bandion-Ortner ihm gegenüber ihre diesbezügliche Ab-FOTO: KURT KRICKLERLobbying bei der ÖVP geht weiter
Am 30. April gab es dann ein weiteres Gespräch, und zwar mit Innenministerin Maria Fekter, die
ja gemeinsam mit Bandion-Ortner und SP-Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek der Regierungsarbeitsgruppe zur EP angehört, deren Einsetzung die Koalitionsparteien in ihrem Regierungsübereinkommen im Vorjahr vereinbart haben (vgl. LN 6/08, S.
20 f, und LN 1/09, S. 6).
Der Gedankenaustausch mit Fekter über die EP fand in sehr lockerer und entspannter Atmosphäre
statt. Wir waren überrascht, dass
sich die Ansichten der Ministerin von unseren Forderungen gar
nicht so wesentlich unterscheiden. Dass die ÖVP bei der Adoption
und Fortpflanzungsmedizin einer
Gleichstellung nicht zustimmen
wird, war ja von Anfang an klar.
Bei nicht dogmatischer, sondern
pragmatischer Herangehensweise könnte am Ende durchaus ein
für Lesben und Schwule befriedigendes Ergebnis herauskommen.
Als Zeithorizont für die Verabschiedung des Gesetzes nannte Fekter
den kommenden Herbst. Auch die
Innenministerin hält den 1. 1. 2010
als Termin für das Inkrafttreten der
Eingetragenen Partnerschaft für
möglich und realistisch.
Justizministerin Bandion-Ortner
hat VertreterInnen der Lesbenund Schwulenbewegung übrigens
zu einem Gesprächstermin am 9.
Juni eingeladen.
Innenministerin Maria Fekter empfing Christian Högl und Kurt Krickler zu einem Gespräch über
die Eingetragene Partnerschaft.12KURT KRICKLERFOTO: PETER RIGAUDAus dem hohen Haus
Ulrike LunacekFünfzehn Jahre ist es her, dass das
Europäische Parlament in einer
Entschließung zur Achtung der
Menschenrechte in der Europäischen Union alle Mitgliedsstaaten
zur umfassenden Gleichstellung
und Antidiskriminierung aufgefordert hat. Diese fortschrittliche
Haltung des Europäischen Parlaments, an der die Grünen mindestens seit dem bahnbrechenden Bericht der späteren Fraktionsvorsitzenden Claudia Roth im
Jahr 1994 einen beträchtlichen
Anteil haben, zeigt auf, woran
es liegt, dass es auch in Österreich immer noch Diskriminierungen gibt: an den Regierungen der Mitgliedsstaaten, auch
der österreichischen! Diese verhindern nämlich in den europäischen Ministerräten und regelmäßig auch in ihren eigenen Ländern
die Umsetzung der Aufforderungen des Europaparlaments in nationale Gesetzgebung.
Aktuelles Beispiel: eine neue Antidiskriminierungsrichtlinie, die
die EU-Kommission im Juli 2008
vorgeschlagen hat (vgl. LN 4/08,
S. 24 f). Mit dieser Richtlinie soll
die Hierarchie beim Schutz vor
Diskriminierung außerhalb der
Arbeitswelt, die durch EU-Richtlinien aus dem Jahr 2000 etabliert
wurde, wieder beseitigt werden.
Während einige Mitgliedsstaaten
diese neue Richtlinie verhindern
wollen, hat das Europa-Parlament
Anfang April 2009 durch die Verabschiedung des Berichts der niederländischen Grünen Kathalijne
Buitenweg (gegen die Stimmen
u. a. der ÖVP-Abgeordneten) eineVorwärts, Europa!
umfassende Gleichstellung – auch
für das Diskriminierungsmerkmal
„sexuelle Orientierung“ – gefordert. Allerdings hat die Stellungnahme des Parlaments nur politischen, aber nicht mitentschei-und polnischen – für eine umfassende Regelung einzusetzen: Es
ist höchste Zeit, dass Lesben und
Schwule nicht mehr aus Kaffeehäusern und Schwimmbädern
verwiesen werden dürfen, nur
FOTO: GRÜNE ANDERSRUMulrike.lunacek@gruene.atGemeinsam mit NGOs protestierten die Grünen vor der türkischen
Botschaft gegen das drohende Verbot von Lambdaistanbul, das
schließlich verhindert werden konnte.
denden Charakter: Die definitive
Entscheidung liegt bei den Regierungen der Mitgliedsstaaten, die
den Kommissionsvorschlag im Rat
einstimmig annehmen müssen.
Das heißt, ein einziges Mitgliedsland kann sein Veto einlegen und
die Verabschiedung der Richtlinie – und damit die umfassende Gleichstellung – verhindern.Brief an Minister
In einem Offenen Brief habe ich
daher den in Österreich zuständigen Sozialminister Rudolf Hundstorfer aufgefordert, sich auch
gegenüber anderen Regierungen – wie etwa der im Vorfeld
mehr als skeptischen deutschenweil sie geschmust oder Händchen gehalten haben – was ja
heterosexuelle Paare ständig in
der Öffentlichkeit tun, ohne solche Konsequenzen befürchten
Apropos Polen: Die erzreaktionäre PiS-Partei der KaczyńskiBrüder will nun eine Resolution
des Parlaments gegen die „Einmischung“ der EU verabschieden
– weil nämlich die Europäische
Union die Anerkennung von in
anderen Ländern geschlossenen
PartnerInnenschaften durchsetzen will. Ich baue darauf, dass
die Parlamentsmehrheit sogar
in Polen derartige Ansinnen zurückweisen wird – die polnische Zivilgesellschaft wird sich
zu wehren wissen!Widerstand setzt es derzeit weltweit auch gegen die Hassmorde
an acht Schwulen und fünf Transgender-Personen in den letzten zehn Monaten in der Türkei
sowie gegen das drohende gerichtliche Verbot einer der wichtigsten türkischen LGBT-Gruppen, nämlich von Lambdaistanbul. Am 29. April, als vor der türkischen Botschaft in Wien eine
Kundgebung stattfand, habe ich
dem türkischen Botschafter einen Protestbrief und die Petition der NGOs überreicht. Schließlich muss die Türkei im Rahmen
der Beitrittsverhandlungen zur
EU die Kopenhagener Kriterien
erfüllen. Und da sind der Schutz
von Minderheiten und die Antidiskriminierung essentielle
Bestandteile: Ohne Organisationsfreiheit für LGBT-Vereine und
ohne Schutz gegen Hassmorde
wird es keinen Beitritt der Türkei zur EU geben. Und das sage
ich als eine, die die Beitrittsbestrebungen als Reformmotor gerade im Menschenrechtsbereich
sieht und die deshalb auch verlangt, dass das Ziel des Beitritts
erhalten bleiben muss. Ob es
gegen Ende des nächsten Jahrzehnts tatsächlich dazu kommt,
ist heute nicht vorherzusehen.
Ungesühnte Morde an Schwulen und Transgenders und das
Verbieten von LGBT-Organisationen darf es dann jedenfalls
NR-Abg. Ulrike Lunacek ist Spitzenkandidatin der Grünen für die
Europawahl und Vorsitzende der
Europäischen Grünen.13
nachr ich t enAu
Helga Pankratzhelga@lambdanachrichten.atWie regelmäßige LeserInnen dieser Kolumne vielleicht mitbekommen haben, hatte ich Anfang Februar meinen 50. Geburtstag. Kurz
davor gab es einige Ereignisse auf
der großen Bühne der internationalen Politik, die mich von Herzen freuten. Barack Obama wurde
als US-Präsident vereidigt. Und ich
hörte mir – zu kritischer Rezeption
durchaus bereit – seine Rede an.
Sie wissen ja nicht, wie ich Radio
höre! Nun ja, da rufe ich schon öfters aus „Du Bopscherl, du!“ und
tippe mir an die Stirn, wenn die
direkte oder indirekte Rede von
Leuten wiedergegeben wird, die
offenkundig etwas tendenziös
Blödsinniges von sich geben. Zuletzt zum Beispiel, als in stündlichen Nachrichten der O-Ton einer
frommen Frau wiederholt wurde,
dass „heuer das jüdische PessachFest zeitlich mit den katholischen
Ostern“ zusammenfalle. „Wieso
katholisch?“ konnte man mich –
stündlich – spontan diese Nachricht kommentieren hören: „Ostern ist doch christlich und nicht
katholisch, Du omnipräpotent römisch-katholisches Bopscherl.“Die Guten in den
Jetzt können Sie sich vielleicht
vorstellen, dass ich auch den neuen US-Präsidenten gewiss beispielsweise ein „liberal-populistisches Trotterl“ geheißen hätte,
wenn er mir Anlass dazu gegeben
hätte. Stimmt: Irgendwann habe
ich eh die Lippen gekräuselt, als
er etwas martialisch Klingendes
sagte. Vor allem aber habe ich erfreut gelächelt: „Thank you, Mr
President.“ Als er nämlich in seiner Aufzählung diverser Richtungen der in Glaubensdingen sehr
bunt gemischten US-Gesellschaft
auch jene Leute erwähnte, die gar
nicht an Gott glauben. – Dass mich
das so freut, kann nur verstehen,
wer weiß, wie ich mich jedes Mal
bei lebendigem Leib für nichtexistent erklärt fühle, wenn jemand
im Brustton der Überzeugung einen Satz der Art von sich gibt,
dass ja „jeder Mensch an irgendwas“ glaube.
Schlimmer als das ist für mich
nur die – zuletzt zur Zeit des Erinnerns an die Novemberpogrome in einer evangelischen Kirche gehörte – Aufforderung, sich
in „unsere Vorfahren“, einzufüh-Ängste? Depressionen?
PartnerInnenkonflikte?Mag.a Jutta Zinnecker
Diplompsychologin, Lebens- und SozialberaterinIch biete psychologische Beratung und kontinuierliche
Telefon: (01) 522 54 9014Jóhanna Sigurðardóttir, die offen
lesbische ÜbergangsPremierministerin
Islands, wird nach
dem überwältigenden Wahlsieg
ihrer sozialdemokratischen Partei
bei den Parlamentswahlen am 25. April
des krisengebeutelten Inselstaats
bleiben.len und „nicht den ersten Stein
zu werfen“: Weil sie angeblich
alle „damals nicht anders konnten“, als hitlertreu und antisemitisch zu sein.
Das ist für mich, als ob man die
in dieser Art von Rede heraufbeschworenen Steine direkt und
mit voller Wucht auf das Angedenken meiner sämtlichen vier
überzeugt marxistischen Großeltern würfe; man sie nachträglich noch mundtot machen, für
nichtexistent erklären wollte.
Nachdem sie als aufrechte AntifaschistInnen zuerst den Austrofaschismus und dann den NSStaat überlebt haben. – Ein paar
dieser Steine treffen – über die
Generationen hinweg – mich mitten in die Seele. Verbale Ohrfeigen für die Nachgeborenen der
Linken von damals.
Jetzt bin ich aber weit abgeschweift von Obama, von dem
ich mir keine Wunder erwarte.
Er ist auch nur ein Mensch in ei-ner Maschinerie. Zu seiner frisch
begonnenen Regierungszeit denke ich mir jedenfalls etwas sehr
Ähnliches wie zur in schwul-lesbischen Medien zuletzt so gefeierten isländischen Premierministerin, deren Name nicht nur
meine Fähigkeit, die richtigen
Sonderzeichenfunktionen zu finden, überfordert. Beim Versuch,
ihn korrekt im Gedächtnis abzuspeichern, geraten sogar meine grauen Zellen ins Stottern:
Jóhanna Sigurðardóttir. (Danke,
LN-Redaktion! Ihr schreibt das
ohne Stottern!)
Der Schwarze dort. Die Lesbe da.
Wann kommen sie in ihren jeweiligen Ländern ans Ruder? –
Nicht in den guten Zeiten, wo
Wohlstand gerechter zu verteilen wäre. Sondern während größter Krisen oder nach dem Staatsbankrott. Jedenfalls konnte Sigurðardóttir bei den Parlamentswahlen in Island am 25. April
einen grandiosen Wahlsieg einfahren.L A M B D A S p o r tt -N
News]sjDB ax }X +
Ernst Varga und Paul Molecz
nahmen im März am Multisportturnier Wild Wild South
Stuttgart 2009 teil, das vom
Verein Abseitz Stuttgart veranstaltet wurde. Der Schwimmbewerb war diesmal als „AchtStunden-Schwimmen“ ausgeschrieben: Es ging dabei darum, innerhalb von acht Stunden mit individuellen Pausen
eine möglichst weite Schwimmstrecke zurückzulegen. Die beiden Österreicher von den Kraulquappen Wien schnitten dabei
sehr gut ab. Ernst Varga belegte mit einer Gesamtstrecke von
17,5 Kilometern (!) den hervorragenden 2. Platz in seiner Al-FOTO: KRAULQUAPPENDie acht Stunden von Stuttgart
tersklasse (35–49) und den 3.
Molecz, der als „Goldener Paul“
schon seit mehr als einem Jahrzehnt einen fixen Spitzenplatz
im österreichischen lesbischschwulen Schwimmsport innehat, wollte einmal mehr seine „Grenzen ausloten“ und
schwamm als einziger des Feldes die acht Stunden ganz einfach ohne Unterbrechung durch.
Er erzielte mit dieser Marathonmethode eine Gesamtstrecke
von 22,5 Kilometern und den
1. Rang sowohl in seiner hohen
Altersklasse (50 plus) als auch
Platz 1 in der Gesamtwertung.Die Sieger unmittelbar nach dem 8-Stunden-Wettkampf – und
entsprechend mitgenommen: Ernst (links) und Paul (Mitte)
„Mir tut jetzt noch alles weh“,
sagte „Marathon-Mann“ Paul
einige Tage nach dem Bewerbgegenüber LN-Sport: „Ich bin
zwar halbtot, aber sehr zufrieden.“Am 26. September 2009 werden sich wieder rund 70 internationale gleichgeschlechtliche
Tanzpaare am Parkett des Vienna Dance Contest (VDC) tummeln. Wie schon in den Vorjahren, wird es ein großartiger, aufregender und glamouröser Tag
und Abend werden. Die Wiener
lesbisch-schwule Tanzcommunity
lädt ein, braucht jedoch wie jedes
Jahr HelferInnen, die vorher und
vor Ort dieses Event mittragen.
Zum Kennenlernen des Teams
2009 fand Anfang April schon
ein Kick-off-Treffen im Wiener
Café Standard statt.FOTO: PEZ HEJDUKLet’s dance!
Während des Turniers und bei
der anschließenden Pink Dance
Night werden MitarbeiterInnen
gebraucht, die sich um Eintritte oder Startnummernvergabe
kümmern oder als Security tätig sind. Roswitha Wetschka vom
Verein Sista Dance leitet die Vorbereitung des VDC 2009. Mithilfeangebote sind sehr willkommen.
Interessierte schicken bitte eine
Mail unter Angabe ihrer Handynummer an:
helferInnenVDC@hotmail.com.
HELGA PANKRATZUnterstützerInnen sind gesucht
fürs Plakateaufhängen und Flyerverteilen, für Platzierung von
PR-Texten in Online- und Printmedien und im Bereich Sponsoring.15
nachr ich t enFOTO: DIGITALIMAGE.ATA u t o n o m e Tr
Die Präsidentinnentrutschn@lambdanachrichten.atIn den letzten Wochen ist man
verstärkt an uns herangetreten,
um uns einerseits um ein Eingreifen in den ins Stocken geratenen
Wirtschaftsmotor zu ersuchen und
um uns andererseits händeringend um Aufklärung zu bitten, wie
es zu so einer miesen Wirtschaftslage kommen konnte, wo doch
kein gescheiter Zukunftsforscher
auch nur im Ansatz davor warnte,
und was Trutsche nun angesichts
fehlender Aufträge und schwindender Arbeitsplätze zu tun gedenke. Gleich vorweg: Wir wären
keine echten Trutschn, hätten wir
nicht gegen jede Sorge ein passendes Mittel, gegen jeden üblen
Trend eine heilende Tinktur und
gegen jede eiternde Entwicklung
das richtige Pflaster. Uns ist der
Friede auf der Welt das höchste
Gut, knapp gefolgt von der Überzeugung, dass Bildung dem Volke
mehr nützt als schadet und dass
ein ordentliches Outfit unter Bedachtnahme des persönlichen Jahreszeiten-Typs und unter Anwendung des kategorischen Farbpasses ein Grundrecht darstellt. Und
somit wollen wir uns auch diesen
Bitten nicht verschließen.16Die Krise mit den Unterhosen
Trotz all des Optimismus, den Präsidentin Marlene erst jüngst beim
Treffen der Rogen-ZüchterInnen
auf Rügen versprühte (es muss
doch immer Kaviar sein!), und all
des Bemühens meinerseits, mein
gesamtes Barvermögen in das
heimische Huthandwerk zu pumpen, um diesen wunderbaren Beruf vor dem Aussterben zu bewahren (ich habe bekanntlich ein ausgesprochenes Hutgesicht!), müssen wir leider zugeben, dass unser Wirken Grenzen hat und auch
wir von der Krise betroffen sind.
Die Redaktion der LN nötigt uns
aus Sparzwängen dazu, mehr zu
arbeiten und in Zukunft in bernhardscher Manier längere Sätze zu
schreiben, die gleich mehrere Zeilen füllen, ohne dass ein Punkt,
ein Rufzeichen oder gar ein Fragezeichen dem Satz ein Ende bereitet und Spielraum gibt, über eben
das, was gerade dargelegt wurde, nachzudenken. Wie es heute
so üblich ist, werden auch wir gezwungen, die Form über den Inhalt zu stellen, und müssen daher um Verständnis bitten, dass
die Sätze ab sofort etwas län-ger ausfallen werden, als
Sie dies von den literarisch einwandfreien,
stilistisch ausgefeilten Beiträgen Ihrer
Präsidentinnen ge-wohnt sind. Unserr Einwand, dass dies wohl keine
Sparmaßnahme an sich darstelstel
le, wurde freundlich, aber bestimmt mit dem Hinweis vom
Tisch gefegt, dass die Streichung
der schulautonomen Tage auf den
ersten Blick auch nichts fürs Budget bringe, aber dennoch zumindest ein Zeichen sei, das man sich
auch von den Autonomen Trutschn
in solch einer prekären Lage erwarten dürfe, ganz abgesehen
vom Bildungsauftrag, den man
doch auch immer für sich reklamiere. Wir geben uns geschlagen.
Fürwahr, die Krise bringt Kurioses
ans Licht, und manch eine wundert sich vielleicht auch noch darüber, aber wir sind so hartgesotten, dass sich selbst die härtesten Kerle noch fürchten. Sie haben
den Faden verloren? Hier sind wir
bei der zweiten Sparmaßnahme.
Wir müssen ab sofort die Themen
zweier Kolumnen in eine reinpressen. Alsdann! Auf ORF online war
jüngst zu lesen: Bringt die Wirtschaftskrise das Comeback des
Slips? Eine an sich berechtigte Frage, der in diesem Beitrag auf den
Grund gegangen wird und eine
erstaunliche, bislang noch vollkommen unbeachtete Facette der
Wirtschaftspolitik beleuchtet: Die
Verkaufszahlen von Männerunterhosen werden von Alan Greenspan, dem ehemaligen US-No-tenbankbankchef, als
Indikator für die Wirtschaftslage
tschaftslage
herangezogen. Die Greenspansche Unterhosentheorie besagt,
dass man sich nur die Verkaufszahlen der Höschen anzusehen
brauche, um zu wissen, wie es
um die Wirtschaft bestellt sei. Laut
Greenspan ist bereits ein geringfügiger Rückgang ein sicheres Zeichen dafür, dass die Krise bei den
Menschen angekommen ist. Man
geht jedoch davon aus, dass die
wenigsten gänzlich auf (den Kauf
von) Unterhosen verzichten werden. Es wird eher die Lebensdauer einer Hose verlängert, zu einem Totalverzicht kommt es aber
nicht. Eine weitere Folge der Krise: Der Slip kommt zurück. Weg
mit den Shorts, den Pantys! Mann
besinnt sich wieder der Tradition.
Doppelfeinripp is back. Müssen
wir uns aufgrund solcher Prognosen Sorgen machen? Solange
es so weise Männer gibt, wohl
kaum. Was uns auch beruhigt,
ist der Umstand, dass die Männer trotz Krise weiterhin Unterhosen tragen, auch wenn diese
nicht mehr so neu sind. Bleibt
nur zu hoffen, dass die längere
Lebensdauer auch mit einem häufigeren Waschvorgang verbunden
ist. Sonst sehen wir eher gelb und
braun, äh... schwarz!+HZ^PZZLUZJOHM[SPJOL7(9:/077YPUaPW
gay-PARSHIP ist
ofﬁzieller Sponsor
der 8. Gay Games
in Köln.É3PLILPZ[UPLTHSZ
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1L[a[RVZ[LUSVZHUTLSKLU\U[LY
^^^NH`WHYZOPWH[>LYWHZZ[a\0OULU&atGesundheitEin junges Forschungsgebiet birgt HoffnungGentherapie und HIV1993 wurde die Gentherapie definiert als „der Transfer von neuem genetischem Material in
ZZellen eines Individuums mit einem ressultierenden therapeutischen Effekt für dieses
I n d i v i d u u m “.
Die Idee ist, defekte Funktionen
einer betroffenen
Zelle wieder herzustellen, indem neue funktionelle Gene eingebracht werden, um
den Schaden auszugleichen. Viele angeborene Krankheiten, aber
auch z. B. Krebserkrankungen beruhen auf einer Störung der Funktion bestimmter Gene. Eine Gentherapie könnte in solchen Fällen
helfen. Im Vergleich zu den etablierten medizinischen Methoden
ist die Gentherapie ein sehr junges
Gebiet und befindet sich noch in
der Entwicklungsphase. Eine Vielzahl an Aspekten muss bei dieser
Methode berücksichtigt werden.
Zunächst muss das neue gesunde
(therapeutische) Gen in die defekte Zelle gelangen. Dabei dürfen weder andere gesunde Zellen
beeinträchtigt noch das neue Gen
beschädigt oder verändert werden.
Dann muss das neue Gen ins Erbgut (DNA) der Zelle eingebaut werden, damit es abgelesen und aktiv18werden kann. Hier muss sichergestellt sein, dass die restliche DNA
der Zelle nicht zerstört wird. Auch
die Menge des eingebauten neuen Gens sollte steuerbar sein, um
die Therapie sinnvoll einsetzen zu
können. Und all diese Schritte dürfen keinerlei Einfluss auf die Gesundheit der PatientInnen haben.
Dies sind selbstverständlich nur ein
paar Beispiele der zu bedenkenden Aspekte, von ethischen und
moralischen Bedenken ganz zu
schweigen. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine vielversprechende und sicher zukunftsweisende Therapiemethode.
Es gibt generell zwei Varianten
dieser Therapie. Beim sogenannten „ex vivo“-Weg werden den
PatientInnen Zellen entnommen,
im Labor genetisch verändert und
anschließend wieder eingesetzt.
Die zweite Möglichkeit ist der „in
vivo“-Weg. Wie der Name schon
verrät, wird in diesem Fall das therapeutische Genmaterial direkt appliziert. Hier muss allerdings eine
Art Transportsystem benutzt werden, damit das Gen die betroffenen Zellen sicher und effizient
erreicht. Kann dies gewährleistet werden, stellt diese Therapie
wesentlich weniger Aufwand dar
(auch für die PatientInnen) und
wird daher als optimaler Weg gehandelt.
An dieser Stelle kommt nun HIV ins
Spiel. Denn einige Viren haben sich
wegen ihrer Eigenschaften als ein
solches Transport-System für die
Gentherapie qualifiziert.
Und insbesondere Retroviren
wie HIVbesitzen aufgrund
ihres Aufbaus und
ihrer Vermehrungsart viele Vorteile für
Bei der Herstellung solcher Transportvehikel
werden die ursprünglichen
Gene der Viren ausgeschnitten
und durch das therapeutische Gen
ersetzt. Nur einzelne Fragmente müssen erhalten bleiben, um
auf dem Weg bis in die Zielzelle
wichtige Aufgaben zu bewerkstelligen. So wird die neue Information quasi über den natürlichen Infektionsweg der Viren in die Zellen transportiert. Diese genetisch
veränderten Viren nennt man „virale Vektoren“. Sie enthalten keine essentiellen viralen Gene mehr,
eine Rückverwandlung in funktionale Viren ist daher nicht möglich.
Es liegt auf der Hand, dass es alles
andere als trivial ist, einen solchen
retroviralen Vektor zu entwickeln,
der allen sicherheitstechnischen,
wissenschaftlichen und ethischen
Bedenken standhält. Aber mit dieser neuen Technik wird es eventuell möglich sein, bestimmte genetisch bedingte Erkrankungen eines
Tages in den Griff zu bekommen.
Wenn man also in diesem Zusammenhang HIV und Therapie nebeneinander stellt, kann man dem Virus durchaus etwas Positives abgewinnen: die Möglichkeit, sich dessen Prinzipien und Funktionsweisen zunutze zu machen, um neue
Wege zu beschreiten.
Noch spannender ist
Idee, retrovi-rale Vektoren zur Gentherapie gegen HIV/
AIDS selbst einzusetzen. In ersten
Tests konnten interessante Ergebnisse erzielt werden. Menschliche
Immunzellen wurden im Labor mittels eines auf HIV basierenden retroviralen Vektors genetisch verändert. Das Ziel dabei ist, eine Resistenz der Zellen gegen HIV zu bewirken. Dadurch könnte eine Vermehrung und Ausbreitung der Viren innerhalb der Immunzellen
von HIV-PatientInnen unterbunden werden.
Es mag absurd klingen, eine HIVInfektion ausgerechnet mit Hilfe der HI-Viren zu bekämpfen,
aber das Konzept ist spannend
und könnte neue Therapiemöglichkeiten bieten. Natürlich befinden sich diese Ansätze alle noch im
Stadium der Grundlagenforschung.
Es werden daher noch viele Jahre vergehen, bis sie sich zu einer
praktikablen Methode entwickelt
haben – wobei noch nicht abzuschätzen ist, ob und wann PatientInnen tatsächlich einen therapeutischen Nutzen daraus ziehen könnten.
AIDS-Hilfen ÖsterreichsFOTO: ISTOCKPHOTOFallen die Wörter HIV und
Therapie gemeinsam in einem Satz, assoziiert man damit zuerst die antiretrovirale Kombinationstherapie. Darum möchte ich
den Blick einmal auf eine ganz andere Seite lenken: HIV und seine
Rolle in der Gentherapie.Eu
u r o p ä iis
s c h e U n io nGrundrechtsagentur und Europa-ParlamentMehr Rechte für Homosexuelle gefordert
Wie berichtet, hat die in
Wien ansässige Agentur
der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) Homophobie und deren Bekämpfung zu einem ihrer
Schwerpunkte gemacht. Am 31.
März 2009 präsentierte die FRA
ihren Bericht Homophobie und
Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität in den EU-Mitgliedsstaaten – Teil II: Die soziale Situation. Der erste Teil, eine
rechtliche Analyse, ist ja bereits
im Juni 2008 veröffentlicht worden (vgl. LN 4/08, S. 24 ff).
In einer Medienaussendung am
selben Tag begrüßte die HOSI Wien
dieses Engagement. Jetzt müsse
es aber darum gehen, dass alle
27 Mitgliedsstaaten – inklusive
Österreich – die entsprechenden
Schlussfolgerungen für sich ziehen
und die Empfehlungen der Grundrechtsagentur konsequent umsetzen“, betonte HOSI-Wien-Obmann
Christian Högl bei dieser Gelegenheit. „Homophobie bzw. Transphobie kann ja in sehr vielfältiger
Form zum Ausdruck kommen, von
Mobbing (Bullying) in der Schule
über tätliche Angriffe auf Lesben,
Schwule und Transgender-Personen im öffentlichen Raum bis hin
zur Nichtgenehmigung von GayPride-Paraden, wie dies auch in
EU-Mitgliedsstaaten der Fall war.“
Österreich liege in diesem Bereich
– wie so oft – im Mittelfeld, ergänzte der Autor dieser Zeilen, der gemeinsam mit seiner LN-Chefredaktionskollegin Gudrun Hauer
den Österreich-Part für den zweiten Teil dieses Projekts verfasst
hat. „Einerseits sind in Österreichdurch Homophobie motivierte gewalttätige Übergriffe kein massives Problem wie in anderen Ländern, und mit der jährlich in Wien
stattfindenden Regenbogenparade setzen wir auch ein deutliches
Zeichen der Sichtbarkeit, das generell sehr positiv aufgenommen
wird. Andererseits zählt Österreich
zu jenen Ländern, in denen Homophobie von den Behörden und
der Gesellschaft noch nicht wirklich als Problem aufgefasst und –
auch vorbeugend – bekämpft wird.
Es gibt auch kaum wissenschaftliche Untersuchungen darüber und
daher kaum brauchbare verlässliche Daten. Gerade in diesen Bereichen kann und sollte sich Österreich noch sehr viel von anderen Ländern abschauen.“
Und auch Kirchenvertreter und
reaktionäre PolitikerInnen, die
homophobe Äußerungen tätigen, müssten verstärkt dafür zur
Verantwortung gezogen werden,
denn derartige Hassreden würden
natürlich den Boden in der Gesellschaft für Homophobie und in der
Folge für mögliche Gewalttätigkeiten gegen einzelne Personen
aufbereiten.EP-Unterstützung für
neue AD-Richtlinie
Auch eines der wichtigsten EU-Projekte der letzten Jahre mit starkem
LSBT-Bezug – nämlich die Beseitigung der bestehenden Hierarchie
beim EU-rechtlichen Schutz vor
Diskriminierung – ist weiter vorangekommen. Bekanntlich haben
die diesbezüglichen EU-Richtlinien
aus dem Jahr 2000 eine Diskrimi-lative Entschließung“ zum „Vorschlag für eine Richtlinie des Rates zur Anwendung des Grundsatzes der Gleichbehandlung ungeachtet der Religion oder der Weltanschauung, einer Behinderung,
des Alters oder der sexuellen Ausrichtung“. Im wesentlichen unterstützt das EP damit den Kommissionsvorschlag vom 2. Juli 2008
(vgl. LN 4/08, S. 24 ff) und verbesserte ihn durch die Annahme
diverser Abänderungsvorschläge.
Die Grundrechtsagentur
veröffentlichte einen Bericht
zur Homophobie.
nierung ausgerechnet beim Schutz
vor Diskriminierung geschaffen.
Leider haben etliche Mitgliedsstaaten nur die von der EU vorgegebenen Mindeststandards in
nationales Recht umgesetzt. Und
so besteht in Österreich ein rechtlicher Schutz vor Diskriminierung
aufgrund der sexuellen Orientierung nur in Beschäftigung und Beruf – im Gegensatz zur Diskriminierung aufgrund von ethnischer
Zugehörigkeit, Behinderung und
Geschlecht. Für diese Gründe besteht ein Diskriminierungsverbot
auch in Bereichen wie Zugang zu
Waren und Dienstleistungen, Sozialschutz, einschließlich der sozialen Sicherheit und der Gesundheitsdienste, soziale Vergünstigungen sowie Bildung. Mit der
geplanten Richtlinie will die EUKommission nun ein einheitliches
EU-weites Schutzniveau schaffen.
Am 2. April verabschiedete das Europäische Parlament auf Grundlage des Berichts der niederländischen grünen Abgeordneten Kathalijne Buitenweg ihre „legis-Irreführende Berichte
Was allerdings damit keineswegs
erfolgte, war die Verabschiedung
einer neuen Antidiskriminierungsrichtlinie – wie dies auf einschlägigen LSBT-Onlinemedien bzw. in
Printmedien zu lesen ist. Es ist
wirklich sagenhaft, welchen unglaublichen Unsinn inkompetente Amateurjournalisten hier verbreiten! Das Europa-Parlament hat
in dieser Frage (Beschlussfassung
über gesetzliche Maßnahmen auf
Basis des Artikels 13 EG-Vertrag)
auch gar kein Mitentscheidungsrecht, sondern darf nur seine Meinung im Rahmen des sogenannten „Verfahrens der Konsultation“ abgeben. Der Rat kann diese Meinung berücksichtigen, darf
sie aber auch völlig ignorieren und
das beschließen, was er will. Erschwerend kommt aber bei der
vorgeschlagenen neuen Richtlinie hinzu, dass der Rat sie einstimmig beschließen muss. Das heißt:
Alle 27 Mitgliedsstaaten müssen
zustimmen. Legt sich auch nur ein
Mitgliedsland quer, ist die Sache
gestorben. Allerdings müssen die
Mitgliedsstaaten nicht auf eine19
nachr ich t enFOTO: DIGITALIMAGE.ATQue(e)rschuss
Kurt Kricklerkurt@lambdanachrichten.atJa, in der Tat: Wen sonst außer
Ulrike Lunacek von den Grünen
sollte bzw. könnte man bei den
Wahlen zum Europäischen Parlament am 7. Juni ernsthafterweise
wählen? Mir zumindest fällt beim
besten Willen niemand sonst ein.
Ulrike ist zweifellos und nachgewiesenermaßen eine der engagiertesten, kompetentesten und
integersten unter den österreichischen KandidatInnen, die zur
EP-Wahl antreten. Und dass sie
offen lesbisch ist, sollte ihr gerade bei Lesben und Schwulen
nicht zum Nachteil gereichen, sondern vielmehr ein weiterer Grund
sein, sie zu wählen. Und da es bei
dieser Wahl nicht darum geht,
eine schwarz-grüne (Koalitions-)
Mehrheit zu verhindern, spricht
auch Ulrikes Parteizugehörigkeit
nicht gegen eine Stimmenabgabe für sie.
Die einzige Widersprüchlichkeit,
die mir natürlich bei dieser meiner
Wahlentscheidung bewusst ist, ist
der Umstand, dass ich als bekennender EU-Gegner (vgl. LN 4/03,
Special, S. VI f), der 1994 bei der
Volksabstimmung gegen einen
EU-Beitritt Österreichs gestimmt
hat und der bei einem diesbezüglichen Referendum sofort für den
Austritt stimmen würde, eine ausgewiesene Pro-EU-Partei wählen
werde, die tatsächlich die EU noch
für positiv reformierbar hält. Aber
da ist meine Haltung ganz einfach: Die Grünen zu stärken kann
auf jeden Fall keinen Schaden anrichten. Früher habe ich ja immer
gesagt, in 25 Jahren gibt es diese EU ohnehin nicht mehr – dass20EP-Wahl: Ulrike, wen sonst?
es jetzt, so wie es aussieht, vermutlich gar nicht so lange dauern
wird, überrascht ja sogar mich.
Meine Überlegung ist daher folgende: Geht die EU den Bach runter, werden auch die Grünen das
letztlich nicht verhindern können.
Wird das Ruder jedoch – wider Erwarten – noch einmal herumgerissen, dann ist es jedenfalls wichtig,
dass die Grünen einen festen Griff
an diesem Steuer haben.
Außerdem sehe ich weit und breit
keine Alternative in Österreich.
Die reaktionären Ungustln von
FPÖ und BZÖ? Kotz, nein! Den aus
der politischen Versenkung zurückgeholten Unsympathler Ernst
Strasser von der ÖVP? Nicht wirklich! Außerdem wäre eine Stimme für diese Parteien eine masochistische Selbstbestrafung,
denn wie das Abstimmungsverhalten bei wichtigen Berichten
und Entschließungen im Europäischen Parlament in der letzten
Gesetzgebungsperiode wieder gezeigt hat, haben die Abgeordneten von ÖVP und FPÖ regelmäßig gegen die Anliegen von Lesben und Schwulen votiert (siehe
Bericht ab S. 19). Oder den Egomanen Hans-Peter Martin? Nein,
danke, wiewohl er in der Regel
Lesben- und Schwulenrechte unterstützt hat.Brandstifter,
nicht Feuerwehr!
Und die Sozialdemokratie? Gewiss, auch sie hat Lesben- und
Schwulenanliegen stets konse-quent vertreten. Doch ansonsten konnte man sie in den letzten zwei Jahrzehnten nur mehr
als kleineres Übel wählen – aber
diese Überlegung fällt ja bei dieser Wahl weg. Und viel schwerer
wiegt ja, dass die ideologische
Krise der europäischen Linken und
Sozialdemokratie ja hauptverantwortlich dafür ist, dass die EU diesen neoliberalen Kurs nehmen
konnte, der geradewegs in das
nunmehrige wirtschaftliche Desaster geführt hat. Man darf ja
nicht vergessen, dass dieser fatale Kurs immerhin unter einer sozialdemokratisch dominierten EUKommission zu einer Zeit eingeschlagen wurde, als die Mehrheit
der Regierungen in den damals
noch 15 Mitgliedsstaaten sozialdemokratisch geführt war! Wenn
sich die Sozialdemokratie jetzt als
Kämpferin gegen den Neoliberalismus geriert, ist das genauso
lachhaft und unglaubwürdig wie
die derzeit populäre Darstellung
der EU als Bollwerk gegen die
Auswirkungen der neoliberalen
Katastrophe in Europa – an der
die EU ja die Hauptschuld trägt.
Hier spielen sich einmal mehr die
Brandstifter als Feuerwehr auf.
Gehen wir dieser Propaganda also
bitte nicht auf den Leim!
Es erfüllt mich übrigens mit großer
Genugtuung, dass meine vor fast
einem Jahr an dieser Stelle geübte
Kritik am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg (mein Que(e)
rschuss „Auslaufmodell EU?“ in
den LN 4/08, S. 27) mittlerweile auch vom Mainstream geteilt
wird. Ich hatte damals geschrie-ben, der EuGH versuche durch abstruse und willkürliche Entscheidungen immer mehr Zuständigkeiten der Mitgliedsstaaten auf
die EU-Ebene zu ziehen. Nicht nur
von Hans-Peter Martin tönt es inzwischen ähnlich (er bezeichnete den EuGH im ZiB 2-Interview
am 27. April als „Skandal-Gerichtshof“), sondern selbst die
Wiener Zeitung, die ja kaum im
Verdacht blindwütiger EU-Kritik
steht, kommt zum selben Befund.
Am 25. April 2009 war dort von
den „Brüsseler Tricks zur Kompetenzausweitung auf Kosten der
Mitgliedsstaaten“ zu lesen – und
darüber, wie der EuGH dabei als
„willfähriger Erfüllungsgehilfe“
der EU-Kommission agiert. Was
die Sache so schlimm macht, ist
der Umstand, dass hier die EURegeln von einem Haufen demokratisch nicht legitimierter EuGH-RichterInnen bewusst – und in
der Tat mit üblen Tricks – gebeugt
werden, denn meist ist der Wille
der Mitgliedsstaaten und auch des
EU-Parlaments in den jeweiligen
Fragen eindeutig. Es besteht also
auf der EU-Ebene keine Notwendigkeit, den EuGH Politik machen
zu lassen. Dort ist das nicht nötig
– im Gegensatz zu Österreich, wo
man leider die durch und durch
verwerfliche Praxis gewöhnt ist,
dass die Politik politische Entscheidungen gerne an die Höchstgerichte abschiebt, weil sie selber zu unwillig oder unfähig ist,
diese zu treffen.
Natürlich muss man diese inakzeptable Vorgangsweise des
EuGH aus prinzipiellen Erwägun-gen auch dann kritisieren, wenn
seine Entscheidungen im Einzelfall
für die eigenen Anliegen opportun und positiv sind – wie in den
Rechtssachen Maruko oder Metock. Konsequenterweise müssen
egoistische Partikularinteressen
dann natürlich ebenfalls in den
Hintergrund treten. Wie also die
einzelnen Mitgliedsstaaten etwa
ihre jeweiligen Gesetze über die
Eingetragene Partnerschaft ausgestalten, muss allein ihnen überlassen bleiben – denn die EU verfügt beim Familienrecht über keinerlei Zuständigkeit. Da sollte sich
daher der EuGH völlig raushalten
und in keiner – und auch nicht für
Lesben und Schwule positiven –
Weise einmischen.Konservative Mehrheit
Eine bürgerlich-konservative
Mehrheit wird sich wohl auch
diesmal im EU-Parlament nicht
verhindern lassen, selbst wenn
die sozialdemokratische Fraktion die stärkste werden sollte. Für
wird es dennoch – wie schon jetzt
– immer wieder fortschrittliche
Mehrheiten geben – dank der großen liberalen Fraktion. In wirtschaftlichen Fragen stimmen die
Liberalen jedoch leider meist mit
den konservativen Kräften.
Zu befürchten steht allerdings,
dass reaktionäre und nationalistische Parteien in vielen Ländern
starke Stimmengewinne erzielen
und für böse Überraschungen in
Brüssel und Straßburg sorgen werden. Ein Hauch von Weimarer Republik könnte also bald durch das
Europäische Parlament wehen.
dass 26 Jahre rechte Mehrheit im
Nationalrat und 23 Jahre ÖVP in
der Bundesregierung genug sind.EU-Richtlinie warten: Sie können jederzeit diese Hierarchie
durch nationale Gesetze beseitigen. Etliche Staaten haben bei
der Umsetzung der früheren Antidiskriminierungsrichtlinien in
nationales Recht von vornherein ein einheitliches Schutzniveau geschaffen – für sie brächte die neue Richtlinie daher gar
keine Neuerungen.
Übrigens hat das Europäische
Parlament in der abgelaufenen
Legislaturperiode überhaupt keine Entschließungen oder Berichte mit Anknüpfungspunkten zu
LSBT-Anliegen verabschiedet,
die über einen rein empfehlenden Charakter hinausgegangen
wären. Es gab keine einschlägigen Gesetzesinitiativen, in denen
das Europa-Parlament ein Mitentscheidungsrecht gehabt hätte.Barroso verhindern
Dennoch darf man die Rolle des
Europa-Parlaments nicht unterschätzen – es ist der wichtigste Verbündete der LSBT-Bewegung im Kampf gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung. Und das neue EU-Parlament wird ja auch die nächste
EU-Kommission wählen. Und allein aus diesem Grund ist dessen Zusammensetzung von größter Bedeutung. Eine fortschrittliche Mehrheit ist etwa die Voraussetzung dafür, dass homophobe
und frauenfeindliche Personen
keine Chance auf einen Posten
in der EU-Kommission haben. Im
Oktober vor fünf Jahren konnte
das Parlament bekanntlich verhindern, dass mit dem Italiener
Rocco Buttiglione, für den Homosexualität Sünde ist, eine katholische Marionette des Vatikans Mitglied der EU-Kommission wurde (vgl. LN 1/05, S. 26 f).Aber abgesehen von der Verhinderung homophober EU-KommissarInnen geht es bei diesen
Wahlen natürlich in erster Linie
um eine völlige politische NeuAusrichtung dieses Gremiums.
Will die EU eine Chance haben,
tatsächlich die vielbeschworene
„soziale Union“ zu werden, und
sich damit überhaupt als politisches Projekt eine echte Überlebenschance bewahren, muss
eine zweite Amtsperiode von
Kommissionspräsident José Manuel Durão Barroso unbedingt
verhindert werden. Ohne fortschrittliche Kräfte an der Spitze
der EU-Kommission – wie etwa
Poul Nyrup Rasmussen, den sozialdemokratischen Ex-Premier
aus Dänemark, oder den grünen deutschen Ex-Außenminister
Joschka Fischer, die ja als mögliche Nachfolger Barrosos kolportiert werden – wird die Zustimmung zur EU weiter schwinden.
Daher war es noch nie so wichtig wie jetzt, bei der EP-Wahl zu
den Urnen zu gehen und für einen fortschrittlichen Wandel zu
stimmen (siehe nebenstehenden
Que(e)rschuss und den Aufruf auf
der folgenden Seite).Apropos ButtiglioneEine zweite Amtsperiode
des konservativen Kommissionspräsidenten Barroso
sich unwillkürlich, ob es bloßer
Zufall war, dass Die Presse am 4.
April 2009 diese fast fünf Jahre
alte Geschichte über die Verhinderung Buttigliones prominent
aufwärmte. Martin Leidenfrost
widmete der Angelegenheit seine Kolumne Brüssel zartherb und
polemisierte darin einseitig gegen die ILGA-Europa (nachzulesen online unter: www.diepresse.com – „Der Fall Rocco“ in die
Suchmaschine eingeben). Ein Leserbrief des Autors dieser Zeilen,
in dem die Tatsachen zurückgerückt wurden, wurde bezeichnenderweise nicht veröffentlicht.
So stellte ich etwa richtig, dass
es bei der Verhinderung Buttigliones nicht nur um dessen homophobe Aussagen, sondern auch
homophobe Taten gegangen sei.Angesichts dieser bevorstehenden Entscheidungen fragt manKURT KRICKLERCrew
Donnerstag 17.30-19 Uhr im HOSI-Zentrum21
nachr ich t enILGA-Europa-Kampagne zur EP-Wahl„Es geht auch dich ’was an!“Anlässlich der Wahl zum Europäischen Parlament am 7. Juni
hat der europäische Lesben- und
Schwulenverband ILGA-Europa
die Kampagne „Be Bothered“
ins Leben gerufen. Die ILGA-Europa hat ein 10-Punkte-Programm
mit ihren Kernanliegen im Kampf
gegen die Diskriminierung und
für die Gleichberechtigung von
Lesben, Schwulen und Transgender-Personen zusammengestellt
und die KandidatInnen zur EPWahl in allen 27 EU-Staaten auf-gerufen, sich durch ihre Unterschrift zu verpflichten, sich – im
Falle ihrer Wahl – für diese Anliegen einzusetzen. Zu schreibender
Stunde (3. Mai) haben vier KandidatInnen aus Österreich diese
„Verpflichtungserklärung“ unterzeichnet: Christa Prets, Hermann
Zemlicka und Josef Weidenholzer von der SPÖ sowie Ulrike Lunacek von den Grünen. Der volle Wortlaut dieser zehn Punkte
sowie eine ständig aktualisierte
Liste der UnterzeichnerInnen finden sich auf der entsprechenden
Unterabteilung „Be Bothered“
des ILGA-Europa-Website unter
Aber nicht nur das: ILGA-Europa hat auf ihren InternetseitenSeit 10 Jahren
Österreichs größter Gay-Chatauch für LSBT-Anliegen wichtige Entschließungen, die in der
nun zu Ende gehenden Gesetzgebungsperiode seit 2004 vom
Europa-Parlament angenommen
worden sind, samt den dazugehörigen Protokollen der namentlichen Abstimmung zusammengestellt. In diesen Protokollen
kann jede/r ganz leicht das Abstimmungsverhalten der einzelnen Abgeordneten nachprüfen.
Die Protokolle sind nach Ja- und
Nein-Stimmen sowie Enthaltungen geordnet – innerhalb dieser
Kategorien sind die Namen der
Abgeordneten nach Fraktionen
alphabetisch aufgelistet.Österreichs Abgeordnete
Was Österreichs Abgeordnete angeht, zeigt sich dabei ein ganz
einfaches Schema: Für LSBT-Anliegen gestimmt haben, sofern
sie bei der Abstimmung anwesend waren, stets die Abgeordneten der SPÖ (Berger, Bösch, Bulfon [rückte Berger nach, als diese Justizministerin wurde], Ettl,
Leichtfried, Prets, Scheele [schied
für Berger aus, als diese im De-22zember 2008 ins EP zurückkehrte], Swoboda – Fraktion PSE) und
der Grünen (Lichtenberger, Voggenhuber – Fraktion Verts/ALE)
sowie Karin Resetarits, die sich
den Liberalen (Fraktion ALDE) anschloss, und Hans-Peter Martin,
der in den Abstimmungsprotokollen in der Kategorie „Fraktionslose“ (NI) aufscheint. Gegen LSBTRechte gestimmt haben immer
die Abgeordneten der ÖVP (Karas, Pirker [rückte am 1.2.06 für
Ursula Stenzel nach], Rack, Rübig, Schierhuber, Seeber – Fraktion PPE-DE) und FPÖ, wobei Andreas Mölzer ebenfalls als Fraktionsloser (NI) im EP sitzt.
Wer das Kreuzchen am 7. Juni
also nicht bei der SPÖ, den Grünen oder Hans-Peter Martins Liste, sondern womöglich bei ÖVP,
FPÖ oder BZÖ macht oder gar
nicht wählen geht, darf sich dann
nachher nicht darüber aufregen,
sollten LSBT-Rechte im neugewählten Europa-Parlament in
den nächsten fünf Jahren nicht
ausreichend berücksichtigt werden – siehe auch Que(e)rschuss
auf S. 20.
KKIn t e r n a t io
nalAus aller Welt
Aktuelle MeldungenGRIECHENLANDTumult in der
Einen regelrechten Tumult löste
die Aufführung der Oper Rusalka
von Antonín Dvořák an der griechischen Nationaloper (Εθνικη
Λυρικη Σκηνη) in Athen Anfang
März aus, weil die französische
Regisseurin Marion Wassermann
bei dieser Ko-Produktion mit der
Opéra de Nice den Einfall hatte,
die Nixe Rusalka auch das unterdrückte homosexuelle Verlangen
des Prinzen, in den sie sich verliebt, darstellen zu lassen. An einer Stelle küsst der Prinz einen
Mann, wobei es sich ohnehin bloß
um sein eigenes Spiegelbild handelt. Diese unschuldige Szene genügte jedoch, um die Gemüter
der Orchestermitglieder derma-ßen zu erregen, dass sie gar die
Streichung dieser Szene durchzusetzen versuchten.
Bei der Generalprobe wurde die
Szene tatsächlich gestrichen, weil
Schulkinder anwesend waren. Bei
der Premiere am 6. März ging die
Kuss-Szene problemlos über die
Bühne, beim Schlussapplaus wurde die Regisseurin jedoch heftig
ausgebuht. Vor der Vorstellung
hatte das Orchester Flugblätter
verteilen lassen, auf denen dagegen protestiert wurde, dass ein
harmloses Märchen durch solche
extreme homosexuelle Symbolik
in den Schmutz gezogen werde.
Am nächsten Abend stürmten
dann AktivistInnen der Lesbenund Schwulenorganisation OLKE
den Zuschauerraum, um gegen
diese Zensuranwandlungen zuHomosexuelle Symbolik in der Inszenierung der Oper Rusalka
führte im Athener Opernhaus zu Handgreiflichkeiten zwischen
Orchester und Schwulenaktivisten.protestieren. Sie schwenkten
Regenbogenfahnen und wollten
eine Erklärung vor der Vorstellung
verlesen. Erboste Mitglieder des
Orchesters wurden handgreiflich,
und es kam zu einem regelrechten Tumult im Saal. Ein Video des
unglaublichen Vorfalls wurde ins
Internet gestellt:
www.tvxs.gr/v6901VEREINIGTES KÖNIGREICHKöniglich-lesbische HofdichterinSERBIENAD-Gesetz doch
Am 26. März 2009 wurde das
kontroversielle Antidiskriminierungsgesetz im zweiten Anlauf vom Parlament in Belgrad
schließlich verabschiedet. Zuvor
war der schon eingebrachte Entwurf auf Druck verschiedener
Glaubensgemeinschaften von
der Regierung wieder zurückgezogen worden (vgl. LN 2/09, S.
28). „Sexuelle Orientierung“ ist
als vor Diskriminierung zu schützendes Merkmal im Gesetz enthalten. Die serbische LSBT-Bewegung feierte die Verabschiedung des Gesetzes als Sieg und
Erfolg. Nicht zuletzt der Gegendruck der NGOs sowie internationaler Organisationen bewegten die Regierung dazu, ihren
Entwurf ohne wesentliche Änderungen dem Parlament neuerlich zur Beschlussfassung vorzulegen und für eine Verabschiedung des Gesetzes zu sorgen.Carol Ann Duffy
Am 1. Mai 2009 trat die 53-jährige Schriftstellerin Carol Ann Duffy ihr Amt als königlich-britische
Hofdichterin – oder wie es genau
heißt: als Poet Laureate des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland – an. Sie
ist die erste Frau in dieser Funktion, die seit 1599 besteht (Vorläufer dieser Position gab es bereits
im mittelalterlichen England). Sie
ist außerdem die erste Person aus
Schottland, die dieses Amt innehat. Und außerdem die erste offen
homosexuelle Person. Ihre Homosexualität soll auch der Grund gewesen sein, dass sie vor zehn Jahren bei der Auswahl übergangen
worden und ihr damals Andrew
Motion, den sie nun abgelöst hat,
vorgezogen worden sei. Angeblich wollte Tony Blair der Königin
und ihren Untertanen eine lesbische Hofdichterin nicht zumuten...23
nachr ich t enFOTO: LINA ALRIKSSONHeiratssachen
SCHWEDENEhe geöffnet
Am 1. April 2009 verabschiedete der schwedische Reichstag
mit großer Mehrheit ein Gesetz,
mit dem die Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet
wurde. Da sechs der sieben im
Parlament vertretenen Parteien das Gesetzesvorhaben unterstützten, ergab sich eine große
Mehrheit von 261 Ja- gegen 22
Nein-Stimmen bei 16 Enthaltungen. Die einzige Partei, die geschlossen gegen das Gesetz auftrat, war die kleinste – Kristdemokraterna – der vier bürgerlichen Koalitionsparteien. Wobei
es in Schweden – was im österreichischen Parlamentarismus
hingegen in der Regel unvorstellbar ist – durchaus gängiger
Praxis entspricht, dass Koalitionsparteien bzw. ein Teil ihrer
Abgeordneten sich für bestimmte Gesetzesvorhaben außerhalb
der Regierungslinie mit den Oppositionsparteien zusammentun.
Auf diese Art kam übrigens 1994
im Reichstag – ebenfalls unter
einer bürgerlichen Regierung –
der Beschluss des Gesetzes über
(EP) zustande, das am 1. Jän-ner 1995 in Kraft trat. Schweden war damals das dritte Land
der Welt, das dieses Rechtsinstitut einführte, das nunmehr
mit Inkrafttreten der Zivilehe
für gleichgeschlechtliche Paare am 1. Mai 2009 ausgelaufen
ist. Eingetragene Paare können
– wie in Norwegen nach Öffnung
der Zivilehe im Vorjahr (vgl. LN
4/08, S. 26) – ihren Status einfach beibehalten, von den Behörden in eine Ehe umwandeln
lassen oder noch einmal richtig heiraten.
Mehr Rechte bekommen sie allerdings dadurch nicht, denn
schon bisher gab es keine Unterschiede mehr zwischen EP und
Ehe. Die neue Regelung hat daher rein symbolischen Charakter, aber keine praktische Bedeutung. Eingetragene Paare haben seit 2002 die – theoretische
– Möglichkeit, auch fremde Kinder und aus dem Ausland zu adoptieren, und lesbische Paare
hatten ebenfalls bisher schon
Zugang zur Fortpflanzungsmedizin. Der einzige Unterschied,
der noch bestanden hat, ist indes
geblieben: Eine kirchliche Trau-SOZIALDIENST
SCHWULE BETREUEN SCHWULEw w w.g anymed -sozial.atRuf an! Tel. 01 54 82 880
24Johan Lundqvist (30) und Alf Karlsson (37) nutzen gleich am
ersten Tag die neue Heiratsmöglichkeit und gaben sich im
Stockholmer Rathaus das Ja-Wort.
ung bleibt gleichgeschlechtlichen
Paaren auch weiterhin verwehrt.
Dass dies von einigen als Diskriminierung aufgefasst wird, hat
einen historischen Hintergrund.
Bis 2000 war Svenska kyrkan, die
lutherische schwedische Kirche,
auch Staatskirche, die jahrhundertelang – gemeinsam mit den
anderen anerkannten Religionsgemeinschaften – die Kirchenbücher geführt, also Geburts- und
Heiratsurkunden ausgestellt hat;
eine kirchlich geschlossene Ehe
gilt daher auch gegenüber dem
Staat. Diese Tradition wurde 2000
nicht beendet. Der Staat kann –
und soll natürlich – die Religionsgemeinschaften nicht dazu zwingen, jetzt auch gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Eine Mehrheit der Bischöfe der Svenska kyrka hat sich konsequenterweise
schon im Februar dafür ausgesprochen, diese „standesamtliche“ Aufgabe endgültig an den
Staat zurückzugeben und auch
für heterosexuelle Paare nur
mehr rein kirchliche Trauungen
durchzuführen – wie sich dies
für einen demokratischen, laizistischen und säkularen Staat
ohnehin gehören würde.DÄNEMARKAdoption soll ermöglicht werden
Eine ähnliche freie Mehrheitsbildung wie in Schweden ermöglichte es am 17. März 2009 im dänischen Folketing, einen Beschluss
herbeizuführen, durch den die
Regierung verpflichtet wird, dem
Parlament einen Vorschlag für ein
Gesetz vorzulegen, das eingetragenen gleichgeschlechtlichen
Paaren den Zugang zu gemeinsamer Fremdkindadoption ermöglichen soll. Eine Stiefkindadoption ist in Dänemark schon bisher möglich.
Einige Abgeordnete der rechtsliberalen Partei des Regierungschefs hatten mit der Opposition für diesen Beschluss gestimmt, worüber insbesondere
die rechtspopulistische dänische
Volkspartei schäumte, die mit ihren Abgeordneten die bürgerliche
Minderheitsregierung im Parlament stützt.
KKEP erneut vom
Gleich nachdem der ungarische
Verfassungsgerichtshof das bereits
2007 beschlossene Gesetz über
(LN 1/08, S. 28 ff) kurz vor dem
geplanten Inkrafttreten aufgehoben hatte (LN 1/09, S. 22 ff), veranlasste Ministerpräsident Ferenc
Gyurcsány die Ausarbeitung eines
revidierten Gesetzesentwurfs –
nunmehr nur für gleichgeschlechtliche Paare. Es war dies die logische Antwort auf die Entscheidung
des Verfassungsgerichtshofs, der
das größte Problem darin sah, dass
das Gesetz für heterosexuelle Paare eine Alternative zur klassischen
und von der Verfassung geschützten Ehe geschaffen hätte.len forderte. Bei Neuwahlen drohen den Sozialisten jedoch herbe
Verluste, ja selbst eine Zweidrittelmehrheit der konservativen FIDESZ
scheint nach den Umfragen derzeit
nicht ausgeschlossen. Eine rechte Mehrheit im Parlament würde
indes das Ende der Bemühungen
um eine EP bedeuten – und das
auf viele Jahre hinaus.
Man muss daher fast dankbar sein,
dass die liberalen Freidemokraten,
die früher sogar die Öffnung der
Ehe für homosexuelle Paare gefordert hatten, vorgezogene Wahlen
ebenfalls nicht riskieren können,
da sie laut Meinungsforschern den
Wiedereinzug ins Parlament derzeit nicht schaffen würden. Daher mussten letztendlich auch sie
einem der sozialistischen Kandidaten zustimmen: Gordon Bajnai
heißt der neue Regierungschef.Zitterpartie
Nur als unverbesserlicher Optimist
konnte man aber tatsächlich hoffen, dass sich die sozialistische
Minderheitsregierung in Zeiten
von Finanz- und Regierungskrise
und weniger als ein Jahr vor den
nächsten Parlamentswahlen ernsthaft mit dem Thema Homo-Partnerschaft beschäftigen und tatsächlich rasch einen neuen Gesetzesentwurf vorlegen würde.
In den ungarischen Medien wurde aber schon im Februar berichtet, dass eine neue, auf gleichgeschlechtliche Paare beschränkte Version bald dem Parlament
vorgelegt werde (LN 2/09, S. 29).
Dann trat jedoch Gyurcsány zurück, und es kam zu einer fieberhaften Suche nach einem Nachfolger. Mehrere Namen waren im
Gespräch, doch alle Kandidaten
scheiterten, woraufhin die konservative Opposition immer lauter vorgezogene Parlamentswah-Nach der Angelobung von Ministerpräsident Bajnai war noch dieFOTO: LAJOS SOÓS/APUNGARNUngarns neuer sozialistischer
Premier Gordon Bajnai
rettete das Gesetz über die
Frage offen, ob Justizminister Tibor Draskovics, der den Gesetzesentwurf im Parlament eingebracht
hatte, in der Regierung verbleiben
bzw. ob ein allfälliger Nachfolger
dieses Anliegen weiterverfolgen
würde. Draskovics ist geblieben,
und das Gesetz über die Eingetragene Lebenspartnerschaft wurde
am 20. April 2009 – kurz nach Ernennung der neuen Regierungsmitglieder – mit den Stimmen der
Sozialisten und der Liberalen im
Parlament angenommen. DiesmalPro Stockwerk beﬁndet sich ein 160 m2
Luxusloft mit riesigen Wellnessoasen
und Sonnenterrassen.
Ebenso ist jede der Wohnungen einzigartig
durch architektonische Highlights.haben alle abstimmenden Sozialisten und Liberalen mit Ja gestimmt,
die konservativen „Jungdemokraten“ (FIDESZ) und Christdemokraten (KDNP) mit Nein; die Mitglieder des ebenfalls konservativen
Ungarischen Demokratischen Forums haben sich der Stimme enthalten. In allen Fraktionen gaben
es Abgeordnete, die an der Abstimmung nicht teilgenommen haben, darunter bei den Sozialisten
auch Gyurcsány. Das ist nur deshalb erwähnenswert, weil er im
Dezember 2007, damals noch als
Regierungschef, von seinem Abgeordnetenmandat Gebrauch gemacht und mit seiner Stimme den
damals vorliegenden Gesetzesentwurf unterstützt hatte. Es war ja
auch Gyurcsánys eigener, für Personalfragen zuständiger Staatssekretär Gábor Szetey gewesen, der
sich nach seinem öffentlichen Coming-out im Sommer 2007 sehr für
die Einführung der Eingetragenen
Partnerschaft eingesetzt hat. Szetey hat sowohl die Regierung als
auch Ungarn inzwischen verlassen und kann die ungarischen Ent-LUXUS UND
DISKRETION!Die Adresse ist nicht nur zentral zum
1. und zum 19. Bezirk, sondern bietet auch
noch den Luxus Laufen im Grünen am
gerne Frau Karin Nadler, Geschäftsführende Gesellschafterin, unter
01/ 313 94 DW 12 zur Verfügung.Ing. G. Prand
Immobilien GmbHwww.ingprand.at25
nachr ich t enwicklungen nun aus dem – auch
aus Sicht der Rechte der Homosexuellen – viel sonnigeren Spanien verfolgen.Weitgehend eheähnlich
Das von der 2007 beschlossenen
Version nur wenig abweichende
neue Gesetz sieht für homosexuelle Paare der Ehe weitgehend ähnliche Rechte vor. Das Gesetz enthält weiterhin die Bestimmung,
dass die Eingetragene Partnerschaft dieselben Rechtsfolgen bewirkt wie eine Ehe, wenn im Gesetz nicht ausdrücklich anderes
bestimmt wird. Gleichstellung mit
der Ehe gibt es u. a. im Erbrecht,
bei den Witwen- bzw. Witwerpensionen, bei der Familienzulage und
bei der Eintragung am Standesamt. Eingetragene Paare können
aber weiterhin keine Kinder gemeinsam adoptieren, und eine EP
kann erst ab dem 18. Lebensjahr26geschlossen werden. Auch mit ihrem Wunsch, das Führen eines gemeinsamen Namens für eingetragene Paare zu ermöglichen, konnten sich die LSBT-Organisationen
nicht durchsetzen. Zu diesem Aspekt haben aber sowohl die Verfassungsrichter in ihrer Entscheidung vom Dezember 2008 als auch
der Staatsekretär des Justizministeriums im Rahmen des nunmehrigen parlamentarischen Verfahrens festgehalten, dass nach ungarischem Recht Namensänderungen ja möglich seien (und man als
Paar auf diesem Weg zum selben
Namen kommen könne).
Viel wichtiger ist indes ein Lobbying-Erfolg der LSBT-Organisationen: Durch gleichsam in letzter
Minute im Parlament eingebrachte Abänderungsanträge ist die Eintragung einer EP mit einem/einer
ausländische/n Partner/in leichter gemacht worden, als es im Entwurf vorgesehen war. Das Justiz-ministerium wollte ursprünglich
eine EP mit einem/einer ausländischen Partner/in nur dann ermöglichen, wenn es im Heimatrecht des ausländischen Partners
ebenfalls eine entsprechende Regelung gibt. In der vom Parlament
nun verabschiedeten Endversion
wurde diese Frage so geregelt,
dass der/die ausländische Partner/in bloß ein Ehefähigkeitszeugnis vorzulegen braucht. Außerdem muss eine/r der PartnerInnen ungarische/r Staatsbürger/
in oder in Ungarn wohnhaft sein.
Ein weiterer Erfolg ist die neue
Regelung, wonach auf allen Formularen, in denen der Familienstand anzugeben ist, für „Ehe“
und „Eingetragene Partnerschaft“
nur eine einzige Rubrik vorzusehen ist. Auf diese Weise werden
eingetragene PartnerInnen nicht
ständig gezwungen, sich zu outen.
Der frühere Verfassungsrichter und
nunmehrige Staatspräsident Lász-ló Sólyom hat nach Erhalt des vom
Parlament beschlossenen Gesetzes 15 Tage Zeit zu entscheiden,
ob er das Gesetz unterzeichnet
oder es dem Parlament zur erneuten Behandlung zurückschickt
oder beim Verfassungsgericht ein
Normenkontrollverfahren beantragt. Um genau letzteres haben
ihn die Christdemokraten (KDNP)
ersucht, da sie weiterhin von der
Verfassungswidrigkeit der Regelung überzeugt sind. Im Dezember 2007 unterzeichnete Sólyom
die damalige Version des Gesetzes ohne weiteres, und die Hoffnung lebt, dass er sich auch diesmal weder vom neuerlichen Aufschrei der katholischen Bischöfe noch von der KDNP beeindrucken lassen wird. Das Gesetz über
die standesamtlich Eingetragene
Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare könnte daher mit 1. Juli
2009 in Kraft treten.
PÉTER BAKSYIn t e r n a t io
nalCSD-Veranstaltungen in ganz EuropaDie Pride-Saison 2009 ist eröffnet
Die südpolnische Metropole Krakau hat auch heuer wieder den
europäischen Reigen der CSDVeranstaltungen eingeläutet,
und zwar mit der sechsten Auflage des Festivals „Kultur für Toleranz“, das vom 16. bis 19. April
stattfand. Im Gegensatz zu den
Vorjahren gab es dieses Mal keine Parade durch die Stadt. Darauf
hatten die FestivalorganisatorInnen bewusst verzichtet, weil sie
sich einerseits auf das Festival
konzentrieren wollten und andererseits meinten, ihr Publikum sei
ohnehin ein ganz anderes als jenes, das an einer CSD-Demo teilnehmen würde. Außerdem wollte man die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit nicht vom
Kulturfestival ab- und auf mögliche unproduktive Konfrontationen mit homophoben ParadengegnerInnen umlenken.
Wegen der instabilen politischen
nach den jüngsten Parlamentswahlen am 5. April 2009 – gegen
den Wahlsieg der Kommunistischen Partei (PCRM) von Präsident Vladimir Voronin hatten tausende Menschen demonstriert,
das Parlamentsgebäude wurde
gestürmt und in Brand gesetzt –
hat die moldauische Lesben- und
Schwulenorganisation GenderDocM es im letzten Moment vorgezogen, die Demonstration bzw. Blumenniederlegung an einem Denkmal abzusagen, die sie eigentlich
im Rahmen ihres Pride-Festivals
„Curcubeul peste Nistru“ (Der Regenbogen über dem Dnister) vom
7. bis 9. Mai wieder geplant hatte.Den GenderDocM-AktivistInnen
sitzen noch die traumatischen Erfahrungen vom Vorjahr in den Knochen: Damals, am 11. Mai 2008,
wurde ihr Bus, mit dem sie zum
Ort der Kundgebung gefahren waren, von einer homophoben Meute
umzingelt. Fast eine Stunde wurden die rund 60 Personen belagert
und am Aussteigen gehindert. Die
Polizei machte keine Anstalten,
einzuschreiten, obwohl der Mob
homophobe Parolen skandierte,
die Situation sehr bedrohlich war
und Gewalttätigkeiten befürchtet werden mussten. Erst nachdem alle mitgeführten Materialien wie Spruchtafeln, Luftballons
usw. zwei Rädelsführern des Mobs
ausgehändigt worden waren, durfte der Bus mit den verhinderten
Pride-DemonstrantInnen wegfahren (vgl. LN 3/08, S. 25). Das PrideFestival in der Hauptstadt Chişinău
findet heuer übrigens bereits zum
achten Mal statt.EuroPride in
Schon seit 2. Mai läuft in Zürich
der diesjährige EuroPride. Das
vielfältige Kultur-, Party-, Showund Sportprogramm – das Sportwochenende findet vom 29. Mai
bis 1. Juni statt – dauert über
ein Monat und wird am PrideWochenende vom 5. bis 7. Juni
mit einem Stadtfest und der großen Parade am 6. Juni kulminieren. Unter den politischen RednerInnen auf der Parade werden der grüne EU-Politiker Daniel Cohn-Bendit, die sozialdemokratische Bürgermeisterin Corine
Mauch sowie die moldauische
Menschenrechtsaktivistin Mihaela Copot erwartet. Die offen
lesbische Corine Mauch wurde
erst vergangenen März zur neuen Zürcher Stadtpräsidentin, wie
die Bürgermeisterin dort heißt,
gewählt.Alle Infos zu EuroPride 09 unter:
www.europride09.euWarmer Frühling
Auch in unserem nördlichen
Nachbarland Tschechien hat die
Pride-Saison bereits begonnen.
In Brünn findet seit 5. Mai das
einmonatige Festival Teplé jaro
– „Warmer Frühling“ – statt und
wird noch bis 6. Juni dauern.
Am Samstag, den 20. Juni 2009,
wird dann die diesjährige tschechische Pride-Parade in Tábor, einer Kleinstadt an der Franz-JosefsBahn auf halbem Weg zwischen
Gmünd und Prag, stattfinden. Daher sind gerade ÖsterreicherInnen
nicht nur herzlich eingeladen, sondern ausdrücklich aufgerufen, die
böhmischen Brüder und Schwestern bei ihrer Parade in Tábor zu
besuchen und gemeinsam mit ihnen queer pride zu feiern. Auch in
Tábor wird die Parade in ein Festival eingebettet sein.Die offen lesbische Zürcher Stadtpräsidentin Corine MauchNähere Infos unter:
www.queerprideparadetabor.cz
www.cesta.cz27
nachr ich t enPride-Versuch
Nummer 4 in
Spannend wird es am 16. Mai
auch wieder in der russischen
Hauptstadt werden. Paraden-Aktivist Nikolaj Aleksejew ist wild
entschlossen, wieder eine CSDDemo anzumelden – und diesmal
gleich als „Slawischen Pride“;
zu diesem Zweck ist man eine
Kooperation mit weißrussischen
AktivistInnen aus Minsk eingegangen. Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow hat indes bereits angekündigt, dass er – wie
schon in den Vorjahren – auf keinen Fall eine CSD-Demo genehmigen werde. Schon dreimal sind
Aleksejews diesbezügliche Versuche gescheitert – und jedes Mal
haben nichtstaatliche AkteurInnen als GegendemonstrantInnen
im Verein mit den Polizeikräftenjeden Versammlungsversuch –
unter Anwendung von Gewalt –
im Keim erstickt (vgl. LN 4/06,
S. 25 f, LN 4/07, S. 26 f, und LN
4/08, S. 28).
Dieses Jahr möchte Aleksejew
den Umstand nutzen, dass am
selben Tag das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in der
russischen Metropole stattfinden
wird. Das garantiert nicht nur verstärkte internationale Medienpräsenz, sondern – zumindest theoretisch – viele potentielle CSDTeilnehmer aus dem Ausland,
denn 95 Prozent der tausenden
internationalen Tifosi im ESC-Tross
sind wohl schwul. Doch vermutlich haben diese an dem Tag etwas anderes zu tun, etwa die Generalprobe am Nachmittag zu besuchen oder vorzuschlafen, denn
das große Finale beginnt ja wegen des Zeitunterschieds zu Westeuropa erst um 23 Uhr Ortszeit.Auf jeden Fall ist schon jetzt eine
Rechnung nicht aufgegangen: Wer
geglaubt hat, die russischen Politiker würden ihre harte Gangart in
Sachen Versammlungs- und Meinungsfreiheit zurückfahren, weil
die Blicke der ganzen Welt wegen des ESC auf Moskau gerichtet sind, hat sich gründlich ge-täuscht. Einmal mehr hat die russische Politik deutlichgemacht,
dass ihr das Ansehen Russlands im
Ausland scheißegal ist. Das zeigte
sich schon an einer Lappalie: Völlig humorlos und ohne Rücksicht
auf Imageverluste setzte Russland
gegenüber der ESC-Veranstalterin,
der Europäischen Rundfunkunion
(EBU), durch, dass das georgische
Liedchen mit dem zweideutigen
Titel und Refrain We don’t wanna
put in disqualifiziert wurde – sah
man darin doch eine Beleidigung
von Regierungschef Wladimir Putin. Und da die Russen ja gewohnt
sind, dass die Europäer sowieso
ihren Schwanz immer gleich einziehen, mussten sie die konfliktscheuen Feiglinge in der EBU gar
nicht lange bearbeiten, um einen
Ausschluss Georgiens wegen dieses harmlosen Scherzes zu erwirken. Im übrigen ließ man vorsorglich die russische Volksseele gleich
einmal kochen, und so gab es öffentliche Proteste gegen die georgische „Provokation“. Ja, wenn es
der Regierung dient, dann dürfen
die Leute auf der Straße demonstrieren, aber nur dann! Jedenfalls
peinlich für alle Beteiligten, die
Russen und die EBU, die sich damit erst recht zum weltweiten Gespött gemacht haben.
www.gayrussia.ru/en28Weitere CSDHotspots
Gleichzeitig mit Moskau wird vom
15. bis 17. Mai in Riga der „Baltische Pride“ stattfinden. Auch
im Baltikum will man die Kräfte durch länderübergreifende
Zusammenarbeit bündeln. Und
so beteiligen sich die LSBT-Bewegungen Lettlands, Litauens
und Estlands am gemeinsamen
Pride-Festival, das darüber hinaus besonders von Amnesty International und schwedischen
Stellen unterstützt wird. Am 16.
Mai wird es im Rahmen des Festivals eine öffentliche, allerdings
statische Kundgebung, nämlich
wieder in einem eingezäunten
Areal im Parkgelände Ve¯rmanes
da¯rzs geben. Der gemeinsame
Pride der drei baltischen Länder
soll dann 2010 nach Wilna und
2011 in die zweitgrößte estnische Stadt Tartu, das frühere Dorpat, weiterziehen. Weitere Infos
und detailliertes Programm unter:
www.balticpride.eu.Unterstützt
Eine Woche nach der Regenbogenparade in Wien soll in der
ungarischen Hauptstadt zum 13.
Mal eine CSD-Kundgebung stattfinden. Nach den Ausschreitungen rechtsradikaler Randalierer,
die wahrscheinlich heuer extra
frustriert sein werden, weil die
sozialistische Regierung immer
noch nicht gestürzt, dafür aber
das neue Partnerschaftsgesetz
verabschiedet ist und bis zur Parade vermutlich sogar in Kraft getreten sein wird (vgl. Bericht auf
S. 25), brauchen unsere ungarischen FreundInnen dieses Jahr
ganz besonders internationale
Unterstützung. Wir rufen daherauf, am 11. Juli an der Parade in
Budapest teilzunehmen – so sie
nicht im letzten Moment doch
noch abgesagt wird. Es muss ja
nicht immer Berlin, Köln, London, Paris oder Madrid sein! Allerdings: Seid vorsichtig! Am besten, ihr fährt nicht allein, sondern
in Gruppen, was ja ohnehin auch
viel mehr Spaß macht. Auch in
Budapest wird es übrigens in Verbindung mit der Parade ein einwöchiges LSBT-Festival geben (7.–
12. Juli) – das mittlerweile 14. –,
was auch Anlass für einen längeren Aufenthalt sein könnte. Nähere Informationen unter:
www.budapestpride.hu/2009Outgames Kopenhagen 2009
Auch den ganzen Sommer über
wird die Pride-Saison andauern.
In Kopenhagen wird die Paradenwoche zeitlich mit den Outgames 2009 zusammenfallen,
die am 27. Juli pompös eröffnet
werden. Eine ganze Woche über
wird es in der dänischen Hauptstadt nicht nur sportliche, sondern jede Menge anderer Aktivitäten geben: Wie schon bei den
ersten Outgames vor drei Jahren in Montréal (vgl. LN 5/06,
S. 22 f) wird eine internationale
LSBT-Menschenrechtskonferenz
mit hochkarätigem Programm
abgehalten (27.–29. Juli). Unter
den kulturellen Höhepunkten
sind ein internationales Chorund ein Tango-Festival zu nennen. Und die skandinavischen
Ledermänner SLM organisieren
eine Fetischwoche „Out in Leather“. Am 1. August werden dann
die Outgames und die Pride-Woche mit der obligaten prunkvollen Abschlusszeremonie bzw. der
Parade beendet.Rosa Welle schwappt erneut über den Wörthersee
Der große Erfolg des ersten
Pink Wave Festivals in Pörtschach am Wörthersee im September 2008 (vgl. LN 3/08, S.
28) hat die Veranstalter zu einer Neuauflage motiviert. Der
Wörthersee-Tourismus beziffert
den wirtschaftlichen Erfolg mit
2000 Übernachtungen und einer Wertschöpfung von mehr
als € 250.000 Euro.
Die zweite rosa Welle – jetzt
unter dem europaweit geschützten Namen „Pink Lake“
– vom 10. bis 13. September
2009 soll daher über die Grenzen Pörtschachs hinaus über
die ganze Wörthersee-Region
schwappen. Die Hauptzutatendes bunten Veranstaltungscocktails bleiben im Wesentlichen unverändert, wobei die
Partys und das gesamte Programm noch abwechslungsreicher und mit neuen Überraschungen garniert sein sollen. Die im Vorjahr restlos ausgebuchte Bootsparty wird auf
bis zu drei Wörthersee-Schiffe
ausgeweitet.Zudem wird es heuer ein Komplettpaket – bestehend aus
Übernachtungen, Verpflegung
sowie allen Eintritten und einer Welcome-Tasche – geben.
Das Event-Kombiticket (Eintritt
für alle Veranstaltungen) gibt es
im Vorverkauf bis 31. August um
günstige 20 Euro.
Weitere Infos: www.pinklake.at
große CSD-Parade stattfinden
wird. Und wenn man schon im
Norden unterwegs ist, drängt sich
fast ein kurzer Abstecher nach Island auf, wo eine Woche später,
am 8. August, in Reykjavík die
Pride-Parade stattfinden wird,
die sich mittlerweile zum größten
alljährlichen Event auf der Nordmeerinsel überhaupt entwickelt
hat. Gerade heuer mit der abgestürzten isländischen Währung ist
die Insel zwar immer noch kein
Billigreiseziel, aber immerhin erschwinglicher denn je.
KKWer zu diesem Zeitpunkt schon
genug von Kopenhagen hat, was
indes kaum vorstellbar ist, kannalternativ zum Pride nach Stockholm weiterfahren, wo ebenfalls
am Samstag, den 1. August die29
nachr ich t enPortrait„,La vie continue‘ heißt die Umschreibung unserer Niederlage.“Das leidvolle Leben des Bruno Vogel
Mit seinem Antikriegsroman Alf aus dem Jahre
1929 hat sich der Leipziger Schriftsteller Bruno Vogel (1898–1987)
einen prominenten Platz in der
schwulen Literaturgeschichte erworben. „Vogels Alf ist ungeheuer
lebensecht, ein tiefes, gedankenreiches Buch. Es sollte von jedem
Menschen, vor allem jungen Menschen, gelesen werden“, schrieb
Walter Schönstedt (1909–1961) Anfang 1930 enthusiastisch in den
Mitteilungen des Wissenschaftlichhumanitären Komitees. 1977 erschien das Buch in Deutschland in
seiner dritten Auflage, und noch
2003 gab die britische Gay Men’s
Press eine englischsprachige Übersetzung des Alf in ihrer Reihe Gay
Modern Classics heraus.
Der Roman, den Vogel selbst als
„Skizze“ untertitelte, schildert die
Liebe zweier Gymnasiasten, die in
der Tragödie endet. Es ist die Zeit
des Ersten Weltkriegs: Als Felix er-Bruno Vogels Roman Alf
erschien 1929 im anarchistisch-syndikalistischen
ASY-Verlag und in der Gilde
freiheitlicher Bücherfreunde.30kennt, dass die Gefühle, die er und
Alf füreinander empfinden, gegen
die Moral ihrer Umwelt verstoßen und schwuler Sex als Sittlichkeitsverbrechen unter Strafe steht,
zieht er sich tief verunsichert von
seinem Freund zurück. Der meldet
sich in seinem Schmerz freiwillig
zum Dienst an der Waffe, und kurz
vor dem Versöhnung bringenden
Heimaturlaub stirbt er den „Heldentod“ an der Front. Die Briefe,
die Alf während seiner Zeit als Soldat schrieb, sind das einzige, was
Felix bleibt. Voller Schuldgefühle
und Reue schwört er dem toten
Freund, er wolle fortan „mitkämpfen gegen Bosheit und Dummheit,
mithelfen, dass andere Menschen
nicht, wie wir beide, aus Unwissenheit so Schweres durchmachen
Bruno Vogels Alf ist ein Buch gegen den Krieg, das ohne Kompromisse mit der gesellschaftlichen Ordnung im Wilhelminischen
Deutschland abrechnet. Angriffsfläche bieten vor allem die Schule
und die Kirche. Der Roman ist aber
auch eine Kampfschrift gegen den
„Schwulenparagraphen“ § 175,
der erst 1994 im Zuge des deutschen Vereinigungsprozesses abgeschafft wurde. Der Strafgesetzänderung vorausgegangen war
ein fast hundertjähriger Kampf der
homosexuellen deutschen Bürgerrechtsbewegung, angefangen
von Magnus Hirschfelds Petition
an den deutschen Reichstag von
1897 bis hin zu den Aktionen der
neueren Schwulen- und Lesbenbewegung, die nach 1971 erstarkte.
Bruno Vogel lebte bis 1987 in Lon-don, wohin er 1953 gezogen war.
Noch in seinen späten Jahren wurde er von Vertretern der noch jungen schwul-lesbischen Geschichtsforschung aufgesucht und nach
seinen Erfahrungen und Erlebnissen aus der Zeit der Weimarer Republik befragt. Auch trägt sein Roman Alf unverkennbar autobiographische Züge. Trotzdem war bis
vor kurzem über Vogels Lebensweg nur wenig bekannt. Im englischsprachigen Raum hält sich
gar die Auffassung, Vogel sei gar
nicht schwul gewesen, sondern
habe mit einer Frau zusammengelebt. Das ist eindeutig falsch,
denn schon ein flüchtiger Blick in
Vogels autobiographische Notizen
belehrt eines Besseren – ganz zu
schweigen von den Erkenntnissen, die jüngste Forschungen erzielt haben.Für das Vaterland
Geboren wurde Bruno Vogel am
29. September 1898 als Sohn des
Tierpflegers Emil Bruno Vogel und
dessen Frau Adelheid Josephine
(geb. Jarolimek) in Leipzig. Die
ersten Kindheitsjahre verbrachte
er allerdings in Böhmen. Er vermutete später, deshalb nie eine
enge Beziehung zu seinem Vaterland Deutschland entwickelt
zu haben. Nach dem Besuch des
Realgymnasiums im sächsischen
Glauchau sowie des humanistischen Nikolaigymnasiums in seiner Geburtsstadt Leipzig wurde
er 1916 im Alter von 18 Jahren
zum Kriegsdienst eingezogen. Er
kämpfte zunächst an der Ostgren-ze der österreichisch-ungarischen
Doppelmonarchie, dann im Baltikum und Ende 1917 in Flandern.
Seine Erfahrungen aus dem Ersten
Weltkrieg schlugen sich in zahlreichen antimilitaristischen Erzählungen nieder. Sie erschienen 1925
und 1928 in Buchform unter den
Titeln Es lebe der Krieg! und Ein
Gulasch und andere Skizzen. Wie
in Alf spielt Homosexualität in drei
der sieben Erzählungen in Ein Gulasch eine nachhaltige Rolle.
Vogels Erstlingswerk beschäftigte
bald die Gerichte. Unter dem Vorwurf der „Unzucht“ und „Gotteslästerung“ wurde der Verfasser
von Es lebe der Krieg! vor dem
Leipziger Gemeinsamen Schöffengericht im Januar 1926 zunächst
zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, in der folgenden Berufungsverhandlung allerdings freigesprochen. Dennoch blieb sein Buch in
der Weimarer Republik verboten
und erschien nur noch in „kastrierten“ Auflagen. Auch Alf konnte
in der zweiten Auflage von 1931
nur stark zensiert erscheinen.
Da lebte Vogel bereits nicht mehr
in Deutschland, sondern in Österreich. 1922 hatte er die Leipziger
Homosexuellenorganisation Gemeinschaft Wir gegründet, zu der
ihn kein Geringerer als der Berliner Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868–1935) ermutigt hatte. Satzungsgemäß sollte
die Gruppe denn auch im Sinne
des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) im Leipziger
Raum wirken. Zur gleichen Zeit
geriet Vogel wegen seiner Homosexualität in Konflikt mit sei-Bis 1928 war Vogel Mitglied der
SPD. Er trat jedoch aus der Partei aus, als diese dem Panzerkreuzerbau zustimmte. Im selben Jahr wurde er Obmann des
WhK Hirschfelds. Er erhielt nach
eigenen Worten für einige Monate „eine bemerkenswert untergeordnete und uninteressante Anstellung“ am Berliner Institut für Sexualwissenschaft, und im
November 1929 wurde er als dritter Beisitzer in den Vorstand des
WhK gewählt. Für die Mitteilungen
des Wissenschaftlich-humanitären
Komitees schrieb er um 1930 zahlreiche Rezensionen. Später sollte
er mit seiner Berliner Zeit allerdings wenig Positives verbinden;
„brrrh, war das eine miese Periode“, schrieb er 1949 in einem
Brief an Kurt Hiller.Von der Sittengeschichte
zu Fantômas
Bruno Vogel verließ Deutschland
im Sommer 1931 in Richtung Wien,
wo sein Freund Otto Böhlmann
(1911–1987) angefangen hatte,
Medizin zu studieren. Die beiden
Männer kannten sich aus Berlin.
Vogel bezog ein Zimmer bei Berta
Kirchsteiger an der Adresse Sulzweg 74 und begann, für den Verleger Karl Schusdek (1894–1973)
zu arbeiten. Nachdem er noch in
Berlin an Magnus Hirschfelds Sit-FOTOS: SAMMLUNG WOLFERTnem Elternhaus. Die Eltern hatten
ihn mit einem Freund im Bett erwischt und auf die Straße geworfen. Auf Anregung Hirschfelds zog
Vogel Mitte der zwanziger Jahre
nach Berlin. Hier gründete er zusammen mit dem Publizisten Kurt
Hiller (1885–1972) und einigen anderen die Gruppe Revolutionärer
Pazifisten (GRP), die sich noch im
Dezember 1932 gegen die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland aussprach.Otto Böhlmann zog bereits Ende
1934 weiter nach England, während Bruno Vogel in Norwegen
blieb, obwohl er keine Arbeitserlaubnis für das Land hatte. Das
deutsche Konsulat in Bergen hielt
seinen zur Verlängerung eingereichten Reisepass zurück, denn
die Berliner Gestapo hatte im September 1935 eine Pass-Sperre gegen ihn verhängt. Seine drei publizierten Bücher waren auf der
Liste 1 des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ mit
dem Zusatz „und alle weiteren
Schriften“ aufgeführt und damit
im Deutschen Reich verboten. Vogel arbeitete in Tromsø als Sprachlehrer und verdiente sich durch gelegentliche Artikel für deutschsprachige und norwegische Zeitungen ein wenig Geld. Die Übersetzungen seiner Texte erledigte offenbar der junge Norweger
Gudmund Sørem (1917–2001), den
Vogel 1934 kennengelernt hatte.„Oh, wäre er weniger
verheiratet“Das älteste bekannte Bild Bruno Vogels, aufgenommen 1917
im Leipziger Rosental. Der spätere Kriegsgegner als Soldat.
tengeschichte der Nachkriegszeit
mitgearbeitet hatte, übersetzte er
nun französische Kriminalromane
wie Fantômas und Mord in Monte
Carlo. Offenbar fühlten Vogel und
Böhlmann sich wohl in Österreich,
doch nur kurze Zeit nach dem Berliner Reichstagsbrand gingen die
beiden Freunde in die Schweiz.
Ihre Briefe an den Wiener Bibliothekar und anarchistischen Publizisten Leopold Spitzegger (1895–
1957) zeichneten sie von nun an
mit den Worten „Deine zwei Salmannsdorfer“.Über Zürich und das Wallis zogen Vogel und Böhlmann weiter
nach Paris und gelangten bereits
im Oktober 1933 nach Norwegen.
Im Jänner 1934 ließen sie sich in
Tromsø nördlich des Polarkreises
nieder, wo sie eine nur schlecht
beheizbare Sommerhütte mieteten. Die Lebensumstände im äußersten Norden waren für die zwei
Freunde äußerst schwierig. Sie litten unter Geldmangel und fehlenden Arbeitsmöglichkeiten, und Vogel hatte immer wieder ernstliche gesundheitliche Beschwerden.Durch Vermittlung des norwegischen Außenministers Halvdan
Koht erhielt er um den Jahreswechsel 1936/1937 schließlich
neue Reisepapiere, und am 27.
Januar 1937 verließ er Tromsø in
Richtung London, um von da weiter nach Südafrika zu gelangen.
Dorthin war auch Otto Böhlmann
bereits gezogen. Gudmund Sørem
sollte Vogel und Böhlmann 1938
von Norwegen aus folgen. Über
die Art der Beziehung zwischen
den drei Freunden kann heute nur
spekuliert werden. Während Vogel selbsterklärt als Homosexueller lebte, haben sowohl Böhlmann als auch Sørem später geheiratet und Familien gegründet.
Sørem bekam 1947 eine Tochter,
und Böhlmann wurde sogar fünffacher Vater. Gleichwohl hat Bru-31
nachr ich t enno Vogel die Freundschaft mit ihnen über alle Länder- und Kontinentgrenzen bis an sein Lebensende aufrechterhalten. Im südafrikanischen Benoni lebte er sogar
zeitweise mit der Familie Böhlmanns unter einem Dach – und
war offenbar von Eifersucht zu
Ottos Frau Maria Susanna (1918–
1999) geplagt. „Oh, wäre er weniger verheiratet“, klagte er 1945
in einem Brief an Kurt Hiller über
Böhlmann. Zu Sørem, der in der
Zwischenzeit längst wieder nach
Europa zurückgekehrt war, vermerkte er zwei Jahre später: „Gudmund, der Ärmste, hat sich verheiraten müssen – er hat eine abscheuliche Periode hinter sich.“Corinna Waffender
D 2009, 271 S., Broschur
€ 13,26»Es gibt Geheimnisse, die nur Schaden anrichten,
wenn sie gelüftet werden.« – Der erste lesbische Band
aus der neuen Krimi-Reihe »Quer Criminal«32Bruno Vogel brachte sich in Südafrika zunächst mittels Schreibmaschinenarbeiten und Sprachunterricht leidlich durch, während Otto
Böhlmann als Reisender für Bürsten, Staubsauger und Bodenwischer von Ort zu Ort zog. Dies war
auch der Broterwerb Gudmund
Sørems. Nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf sein Heimatland Norwegen meldete Sørem
sich jedoch freiwillig in die südafrikanische Armee, und Anfang
1942 folgte Vogel seinem Beispiel.
Zum zweiten Mal in seinem Leben
leistete der erklärte Pazifist Vogel
Kriegsdienst, bis er 1944 aus medizinischen Gründen aus dem Heeresdienst entlassen wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er als Reporter für den Forward zu berichten, auch schrieb er
gelegentliche Buchbesprechungen
für andere Blätter wie den Common Sense und die Jewish Affairs.
Gesundheitlich ging es ihm nach
wie vor schlecht, er war von Magen-Darm-Problemen geplagt und
nervlich angeschlagen. Als die Lebensbedingungen im „sonnigen
Sadistan“, wie er den Apartheidstaat Südafrika nannte, für ihnimmer schlimmer wurden, emigrierte er um den Jahreswechsel
1952/53 ein zweites Mal und ließ
sich in London nieder. Hier erneuerte er die Kontakte zu Kurt Hiller und fand für einige Jahre eine
Anstellung an der Wiener Library, danach arbeitete er bis etwa
1960 für den deutschen Publizisten und Exilforscher Wilhelm
Sternfeld (1888–1973).
Auch viele Jahre nach seiner Rückkehr nach Europa hat Vogel Südafrika noch am ehesten als sein
Heimatland empfunden. So ließ er
sich auch nicht von Hiller überreden, nach Deutschland zurückzukehren, um als Sekretär der neu
gegründeten Homosexuellenorganisation Internationale Freundschaftsloge (IFLO) in Bremen zu arbeiten, sondern engagierte sich
von England aus in der Anti-Apartheid-Bewegung. In Briefen an Hiller schrieb er, dass ihm „die Magnes ie“, wie er die schwul-lesbischen Emanzipationsbestrebungen
in Anlehnung an den Namen Magnus Hirschfelds nannte, nach wie
vor am Herzen liege. Doch seine
wahren Interessen galten – so Vogel im Februar 1963 – dem südlichen „Afrika. (In dem bald die
Nazis, deutsche sowohl wie weniger deutsche, Schlimmeres anzurichten beabsichtigen werden
[...] als sie im Lande der Dichter
und Denker und östlich davon taten.)“ Aus finanziellen Gründen
hatte er schon 1946 eine Zusammenarbeit mit der Schweizer Homosexuellenzeitschrift Der Kreis
abgelehnt: „,Der Kreis‘ kommt
für mich zurzeit nicht in Frage: Ich
könnte nichts schreiben, was mir
nicht wenigstens die Aussicht auf
Bezahlung gäbe; mir geht es ökonomisch so.“ Seit 1966 versuchte
er vergeblich, einen Verleger für
seinen in Englisch verfassten Roman Mashango zu finden. In ihm
behandelte er die Geschichte ei-Alf. Vogel selbst schrieb ein autobiographisches Nachwort zur
Neuauflage des Buches, in dem
sich immer wieder sein Sprachwitz geltend machte.ner Freundschaft zwischen einem
jungen Bantuneger und einem älteren Weißen. Offensichtlich hatte
der Roman kein Happy-End, Vogel
bezeichnete ihn in Briefen mehrfach als seine „Doppelmordgeschichte“. Auch die Sammlung mit
Kurzgeschichten Slegs vir Blankes
(Afrikaans: „Nur für Weiße“) blieb
unveröffentlicht. Beide Buchmanuskripte müssen heute als verschollen gelten.Traum und Irrtum
Bruno Vogel litt zeit seines Lebens an schwacher Gesundheit,
und Klagen über seine Gebrechen und Äußerungen wie „Ich
bin dumm, dumpf, stumpf. Müde
und verdrossen“ oder „Hier ist
alles mir widrig, und das meiste
davon auch widerlich“ in seinen
Briefen an Kurt Hiller sind Legion. Dennoch wurde Bruno Vogel
recht alt. Er starb am 5. April 1987
im Londoner Royal Free Hospital.
Seine Beerdigung erfolgte durch
die sozialen Dienste des Stadtbezirks Camden. Die letzten Jahre
seines Lebens hatte er in finanziell prekären Verhältnissen und
unter der Last von Altersdepressionen verbracht. Über sein persönliches Umfeld und seine Londoner Freunde zu dieser Zeit ist
heute kaum etwas bekannt. Eine
gewisse Befriedigung dürfte ihm
allerdings das wachsende Interesse an seiner Person als Zeuge
der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zur Zeit des
aufziehenden Faschismus bereitet haben.
Schon 1966 nahm der DDR-Autor und Herausgeber Wolfgang U.
Schütte (*1940) Kontakt zu Bruno
Vogel auf. Der langjährige Briefwechsel der beiden führte dazu,
dass 1986 im Ost-Berliner Verlag
Tribüne ein Band mit ErzählungenZum zweiten Mal in seinem Leben leistete der Kriegsgegner
Bruno Vogel von Februar 1942 bis November 1944 Militärdienst.
Das Bild zeigt ihn in der Uniform der südafrikanischen Armee.
Vogels unter dem Titel Ein junger
Rebell. Erzählungen und Skizzen
aus der Weimarer Republik erschien. Vogel besuchte Schütte
und mit diesem seine Geburtsstadt Leipzig im Oktober 1973 ein
erstes und letztes Mal seit seiner
Emigration Anfang der dreißiger
Jahre. Doch erschwerten die DDRBehörden dem britischen Staatsbürger den Aufenthalt in der al-ten Heimat gehörig. Sie quartierten ihn im teuren Devisenhotel
Deutschland im Stadtzentrum ein,
wodurch ihm schon nach wenigen Tagen das Geld ausging. Im
Sommer 1977 suchte der WestBerliner Historiker Manfred Herzer (*1949) Vogel in London auf
und veranlasste noch im selben
Jahr eine neue Ausgabe des homoerotischen AntikriegsromansOstern 1976: Die letzten beiden Jahrzehnte seines Lebens
verbrachte Bruno Vogel im Londoner Stadtteil Camden.Auch die Sexualwissenschaftlerin und Schriftstellerin Charlotte Wolff (1897–1986) fuhr Anfang der achtziger Jahre zu Vogel und interviewte ihn zu seinen Beziehungen und Erfahrungen mit Magnus Hirschfeld und
anderen Vorkämpfern für die Sache der Homosexuellen. So war
er trotz der literarischen Misserfolge der Nachkriegszeit wenigstens nicht ganz vergessen.
Doch bezeichnenderweise hielt
Wolff fest, es sei für Vogel charakteristisch, dass er seine eigenen Fähigkeiten und Leistungen stets abwerte. Stolz auf ein
bewegtes und aufrechtes Leben
erfüllte ihn im Rückblick offensichtlich nicht. „La vie continue“,
hatte Bruno Vogel schon im August 1946 in einem Brief an Kurt
Hiller geschrieben, so heiße die
„Umschreibung unserer Niederlage“. Physisch hat er die Zeit der
nationalsozialistischen Barbarei
und größten Not in der erzwungenen Emigration überlebt, doch
es scheint, es ist ihm nach dem
Ende des Zweiten Weltkriegs nie
so recht gelungen, im Leben wieder Fuß zu fassen. Seine bleibenden Werke hat er vor 1930 geschaffen. „Zeiten der Hoffnung
waren das: Vielleicht war es doch
möglich – es mußte möglich sein,
durch Wort und Werk den wirren
Wahnsinn irrationaler Aggression
zu wandeln in lebensfreundliche,
lustfrohe Vernunft...“, schrieb er
später. Angesichts der doppelten
Erfahrung von Krieg und Exil hat
sich diese Hoffnung für den Pazifisten Bruno Vogel als Traum und
Irrtum erwiesen.
RAIMUND WOLFERT33
nachr ich t enCDsLN-Discothek
Ohne großes
Risiko, aber
echte musikalische Überraschung melden sich die Pet Shop
Boys mit einem neuen Album,
Yes, zurück: „Ja – aber was?“ ist
man zu fragen geneigt. Ein „Ja“
zum Erfolg (yes, we can) oder ein
programmatisches „Ja“ zur Absicht, ihren eigenen Stil des synthetischen Pop nochmals für den
Dance Floor zu verwerten? The
Way It Used To Be und Vulnerable tönen ziemlich weinerlich, aber
King of Rome und Legacy retten
das Album vor totaler Langeweile
und dem Gefühl, das Ganze schon
einmal gehört zu haben.Süß und bitter
Marissa Nadler verschönt
uns das Dasein mit ihren zeitlosen,
sehnsüchtigen und coolen Balladen. Auf ihrer CD Little Hellsversammelt sie Folk-, Countryund Elektro-Lieder. Bei der USSängerin hat jede Stimmungslage und jede Jahreszeit ihren
musikalischen Reiz; ihr Song River of Dirt erinnert an die musikalische Stimmung der Cocteau
Twins der 80er Jahre.Ein Gentleman
kam Leonard
Cohen nach
15 Jahren Absenz mit neun
Musikern wieder auf die Bühne
zurück. Die Welttournee im letzten Jahr war erfolgreich und ausverkauft. Wer den kanadischen
Dichtersänger dabei verpasst hat,
kann sich mit seinen zwei neuen CDs bzw. mit der DVD Live in
London trösten.
Mit seinen 73 Jahren hat Cohen
nichts von seiner stattlichen Erscheinung und seine tiefe Baritonstimme nichts von ihrem
Charme verloren. Live in London mit seiner Abfolge unvergesslicher Hymnen und Lieder istauf jeden Fall besser als jede Zusammenstellung seiner „greatest
hits“. Der großväterliche Dandy
mit dem schwarzen Hut verführt
immer noch sein Publikum – mit
Nostalgie, natürlicher Eleganz und
Energie. Suzanne, So Long, Marianne, Tower Of Song, Bird On The
Wire, Hallelujah, Sisters Of Mercy – alle bekannten Ohrwürmer
sind da wieder vereint. Leider
fehlt aber Famous Blue Raincoat.der Leichtigkeit und dem Charme
ihrer Lieder – und als wäre das
nicht genug, sieht die Sängerin
auch noch verdammt gut aus. Und
warum der Künstlername Berry?
Keine Ahnung, aber so heißt jedenfalls eine Landschaft in Zentralfrankreich, in der übrigens die
französische Schriftstellerin George Sand geboren wurde.Samtig
Charme à la
Das mittlerweile vergoldete Album
Berry alias Élise Pottier ist eine
veritable Entdeckung. Ihr Gesang ist wie Malerei – ihre Stimme changiert zwischen all den
Pastelltönen, beherrscht aber
die ganze Farbpalette bis hin zu
den schwarzen Nuancen. Egal
ob melancholisch oder fröhlich,
mit ihren Popchansons ist sie äußerst erfolgreich. Man spürt ihr
Talent, man ist hingerissen vonJay-Jay Johansons achtes Album Self-Portrait ist zarter,
sanfter und
gefälliger als seine früheren. Der
androgyne schwedische Sänger
aus Trollhättan geht auf Distanz
zum Trip-hop-Sound und lässt – in
einer Art chronischer Schwermut
– Klavier und Geige weinen. Obwohl mittlerweile 40, fühlt sich
der musikalische Dandy offenbar
immer noch wohl in einer Wattebausch-Atmosphäre, wobei er
den Einfluss des Jazz auf seine
Musik nicht verleugnet.
airport bookstoresVIENNA AIRPORT TRANSIT34city bookstores
T +43-316-832 324M u s iik
kEurovision Song Contest 2009Österreich im Schmollwinkerl
Schon wieder seid ihr nicht
dabei, ihr Ösis, Fast-Immer-Verlierer des Eurovision Song
Contest (ESC). Wie lange wollt ihr
euch noch auf den Lorbeeren von
Udo Jürgens ausruhen? – Dieser
Ruhm ist doch längst unter euren
beleidigten Hintern zerbröselt!
Warum nehmt ihr schon wieder
nicht teil? Erst dicke Geschäfte
mit dem postsozialistischen Osteuropa machen und dann kneifen, wenn es an echte Televotings geht? Seid doch einfach mal
gute Verlierer und stellt euch! So
wie Tschechien, das seit kurzem
dabei ist und auch noch keinen
Blumentopf gewonnen hat. Oder
die Slowakei, die dieses Jahr nach
elf Jahren Pause wegen dreima-wäre so, als zeigte man von einer Eiskunstlauf-EM nur die Bewertung durch die PunkterichterInnen, nicht aber die Kürdarbietungen der SportlerInnen selbst.
Darf man das so absurd nennen
wie die urösterreichische Idee,
eigentlich das einzige Land von
Gottes Schöpfung zu sein, bloß
dass die Welt das leider noch
nicht eingesehen hat?
Der Rest Europas freut sich jedenfalls. 110 Millionen ZuschauerInnen erwartet die Europäische
Rundfunkunion EBU, wie deren
ESC-Sprecher Svante Stockselius
stolz verkündet. 42 Länder sind in
Moskau im Mai mit von der Partie. Der Unterschied zu früheren„Alex Swings Oscar Sings“: Der offen schwule Oscar Loya singt
mit Alex Christensen für Deutschland.
liger Erfolglosigkeit wieder mit
von der Partie ist. Nehmt euch
die als Beispiel: Die Teilnahme
ist größer, als jeder Sieg bei einem ESC sein kann.
Und jetzt zu den echt relevanten
Nachrichten: Österreich wird das
ESC-Finale erst übertragen, wenn
es zum Voting geht. Darüber lacht
natürlich halb Europa – denn dasJahren: Das Televoting gilt zwar
weiterhin für die Semifinale, aber
im Finale gilt es nur zur Hälfte,
die andere Hälfte der Punkte vergeben ausgewählte ExpertInnen,
die in den jeweiligen Ländern
Jurys bilden. Leider werden deren Wertungen danach nicht bekanntgegeben. Wie dem auch sei:
Es könnte sein, dass dieses Jahr
nicht wieder so krass viele post-Ein süßes Bubi (Alexander Rybak) singt, begleitet von akrobatischer Tanzeinlage, ein fetziges Lied für Norwegen.
sowjetische Länder unter den Top
10 platziert sein werden.Norwegen ist Favorit
Favorisiert wird dieses Jahr eindeutig Norwegen. Alexander
Rybak, der als Vierjähriger mit
seinen Eltern aus Weißrussland
an den skandinavischen Atlantik emigrierte, singt von einem
Märchen, Fairytale. Es ist mitreißend, frisch und absolut ergreifend vorgetragen von diesem jungen Mann. Frankreichs Patricia
Kaas wird barfuß singen und damit – man verzeihe mir den Kalauer – in die Fußstapfen Sandie
Shaws treten, aber das Tempo ihres Liedes unterscheidet sich von
Puppet On A String diametral: ein
schleppendes Chanson, das sich,
recht verstanden, um eine vergebliche Liebe dreht. Sehr schön,
sehr alte Schule, sehr französisch,
sehr chancenlos.
Russland ist auch mit einer tragödischen Ballade vertreten, ebenso Zypern, Estland und Polen.
Deutschland bietet Swing undglaubt nach all den Pleiten der
vergangenen Jahre an die Wiederauferstehung kurz vor dem
diesjährigen Himmelfahrtsfest.
Ich finde, das ist gut so, das kann
nicht scheitern. Alex Christensen
und Oscar Loya – hetero-homo
gemischt – stellen sich jedenfalls
im Gegensatz zu Österreich dem
Die ARD überträgt im Übrigen direkt – vorher gibt es eine GrandPrix-Party, danach ebenfalls, mit
Liveschaltungen aus Moskau. Für
Österreich ebenfalls interessant:
In richtiger Reihenfolge und komplett – also erst die Lieder, dann
die Wertungen – wird der ESC
auch in den Nachbarländern Slowakei, Schweiz, Ungarn und Slowenien ausgestrahlt. Euch allen
stilles Trauern um die Mutlosigkeit des ORF: Lang lebe Merci,
chérie, noch länger Falter im
Wind, Heute in Jerusalem, Musik
oder Boom boom bommerang
... Österreich gibt sich depressiv zurückgezogen. Wir trauern
mit euch! Und ihr bitte mit uns!
JAN FEDDERSEN35
nachr ich t enBücherLN-Bibliothek
RisseLiebe, Krieg und MagieAndere RealitätNein, Wohlgefühl kommt nicht auf, wenn Sönke mit Thomas seine Mutter besucht, auch
wenn ein flüchtiges Bekenntnis oder ein klares Wort alles gut machen könnte. Wenig Worte findet auch Martin für die Beziehung, in
die er zu Silvester in Schweden stolpert. Und
wenn Steffen aus der Welt tritt, wohin driftet
er dann ab? Die Figuren erklären sich nicht,
sondern tun, was sie tun müssen. Gerade in
dieser Unbedingtheit werden sie uns nahe.England 1215 und 1216, Regierungszeit von King
John und Unterzeichnung der Magna Charta. Die
wunderschöne und hochintelligente Lady Isabelle muss notgedrungen den abstoßenden Bösewicht Lord Brian heiraten. Am Tag ihrer Verlobung verliebt sie sich in den wappenlosen
Ritter Sir Ross, den bekanntesten Feind ihres
zukünftigen Ehemannes. Dieser entpuppt sich
sehr schnell als Lady Rose, dessen verhasste
Schwester. Als ein Amulett, Erbstück von Isabelles früh verstorbener Mutter Eleanor, gestohlen wird, überstürzen sich die Ereignisse,
und eine abenteuerliche Handlung setzt ein, in
der weiße und schwarze Magie, mutterrechtliche Amazonen auf einer einsamen irischen Insel, schamanistische Rituale usw. eine wichtige Rolle spielen.Der Roman Der andere Schlaf des französischen
Schriftstellers mit amerikanischen Wurzeln Julien Green (1900–1998) erschien zuerst 1931.
Die von Peter Handke für eine deutsche Ausgabe erstellte Übersetzung wurde 1990 im CarlHanser-Verlag veröffentlicht und ist nun in einer Neuausgabe wieder zugänglich.Die stärksten Kurzgeschichten im Band Weit
raus sind die, in denen Uwe Jahn alles in
Schwebe lässt und nicht versucht, viele Worte für Erklärungen aufzuwenden oder dramatische Momente zu skizzieren, um eine
Handlung vor die sensiblen Stimmungsbilder
zu schieben. Seine Protagonisten sind allesamt Zweifler. Risse gehen nicht nur durch
ihre Beziehungen, sondern auch durch ihre
ganze Persönlichkeit. Ob sie nun am Wendepunkt stehen oder diesem ausweichen,
macht keinen Unterschied; der Autor vermittelt ein Gefühl von Verunsicherung, das sich
klar auf das Thema Beziehung konzentriert.
Nachempfinden kann man das in den Texten,
die Spielraum geben oder die in ihrer Pointiertheit das Unaussprechliche zum quälenden Inhalt haben. Brillant ist etwa der wenige Seiten kurze Text über die vielsagende
Sprachlosigkeit zum Thema „Henri hat AIDS“.
Es bleibt zu hoffen, dass Jahn seinen Stil konsequent in diese Richtung weiterentwickelt.
Dann wäre wohl ein Band möglich, in dem es
neben einigen großartigen Texten keine anderen mehr gibt, die qualitativ klar abfallen.
Uwe Jahn: Weit raus. Männerschwarm-Verlag, Hamburg
2008.36Die deutsche Psychotherapeutin Hanna Friedrich richtet in ihrem Erstlingsroman Das Erbe
der Eleanor zwar die Ingredienzien der im Mittelalter spielenden, ins Lesbische gewendeten
Romance Fantasy an und garniert diese mit etwas sword and sorcery, doch das Ergebnis ist
leider mehr als enttäuschend: Liebhaberinnen
dieser Literaturgattung wissen schon zur Hälfte der Lektüre, wie die Handlung enden wird,
die Lesespannung kann somit nur mühsam aufrechterhalten werden. Die Figuren sind mit Ausnahme von Lady Rose/Sir Ross allzu blass und
konventionell gezeichnet und tun das, was die
Leserinnen von ihnen erwarten. Die Sprache
ist gestelzt und konventionell und überschreitet, etwa bei den Liebes- und Sexszenen, nicht
selten die Grenze zum Kitsch. Allenfalls als Literatur für müßige Strandstunden geeignet.Es handelt sich um eine kurze, intensive und
verstörende Coming-out-Geschichte, die sich
über die Jugendjahre des Ich-Erzählers Denis erstreckt. Er ist ein empfindsamer Junge,
der mit seinen Eltern und seinem etwas älteren Cousin, dem Waisenkind Claude, lebt. Die
Schilderung beginnt mit eigenartig bedrohlichen, gewaltvollen, aber von einer gewissen
Faszination getragenen Kindheitsszenen zwischen Denis und Claude. Bald rückt Claude in
den Ersten Weltkrieg ein und ist für Jahre abwesend. Die Jugendjahre von Denis werden
markiert durch den Selbstmord seines ungeliebten Vaters und, einige Jahre später, durch
den plötzlichen Tod der ebenso entfremdeten
Mutter. Dies wird aber der Moment sein, an
dem Claude wieder zurückkehrt. In der kurzen Zeit ihrer erneuten Begegnung schafft es
Denis, sein Begehren zu erkennen und zu artikulieren. Von seinen familiären Wurzeln befreit, ergeben sich neue Lebensperspektiven
für den Helden, der von jeher seinen Existenzort nicht in der gemeinsam geteilten Realität
hatte. Vielleicht, heißt es gegen Ende des Romans, war das ganze Treiben um uns herum
nur nichts als ein Schlaf, ein anderer Schlaf,
der, statt uns die Lider zu schließen, uns mit
offenen Armen träumen ließ.GUDRUN HAUERMARTIN VIEHHAUSERHanna Friedrich: Das Erbe der
Lady Eleanor. Roman. Verlag
Krug & Schadenberg, Berlin
2008.Julien Green: Der andere
Schlaf. Roman. Übersetzt von
Peter Handke. Neuauflage.
München 2008.Fiktion und RealitätLiebe oder Obsession?Leeres GeschwätzMarcel Proust (1871–1922) ist einer der Schriftsteller des Fin-de-Siècle, die ihr Leben und das
Leben im Allgemeinen in der Dichtung verdoppelten, gleichsam als Schöpfer eines anderen
Ortes, der, wenngleich fiktional, nicht minder
die Realität widerspiegelt. Sein Hauptwerk ist
der mehrbändige Romanzyklus Auf der Suche
nach der verlorenen Zeit, der vierte Teil ist der
für die schwul-lesbische Literaturgeschichte
höchst bedeutsame Roman Sodom und Gomorrha, der explizit die Homosexualität thematisiert. Proust schreibt an seinem Werk bis an
sein Lebensende, und dessen Abschluss geht
auch mit Prousts Tod einher.Regina Nössler erzählt in Die Kerzenschein-Phobie die Liebesgeschichte zwischen den beiden
Studentinnen Sabine und Constanze. Aus anfänglicher Schwärmerei der schüchternen Sabine entwickelt sich rasch eine berauschende
Liebesgeschichte, in der jedoch bald Besitzansprüche Constanzes deutlich werden. Die anfängliche vorsichtige Verliebtheit, Schüchternheit und sexuelle wie auch emotionale große
Liebe werden zunehmend von Kontrolle, Bedrängnis und Obsession überschattet. Romantische Kerzenscheinabende zu zweit stellen den
Hintergrund der aufkommenden Gefahr symbiotischer Verschmelzungstendenzen dar, die
nicht nur zu einer Katastrophe in der Beziehung
führen, sondern diese letztendlich auch scheitern lassen. Auf beklemmende Art und Weise
zeigt sich, wie der Wunsch nach Nähe zu einem Kontrollwahn der dominanten Constanze
über Sabines Leben ausartet. Mit zahlreichen
Spannungsmomenten und auf eindringliche
Weise beschreibt Nössler nicht nur die negativen Facetten von Beziehungsdynamiken, sondern verdeutlicht auch die schmale Grenze zwischen einer romantischen Liebesbeziehung und
dominanten Besitzansprüchen, die der jungen
Sabine kaum noch Raum lassen und sie auch
in ihrem späteren Leben verfolgen. Dass Sabine die Beziehung nämlich noch nicht aufgearbeitet hat, zeigt sich insbesondere, als viele
Jahre später eine neue Liebe, Anna, in ihr Leben tritt: Ihre Beziehung liegt Jahre, mehr als
zwei Jahrzehnte gar, zurück, doch überschattet
sie bis heute Sabines Leben. Dass sie alle Kerzen aus ihrem Heim verbannt, die geschenkten Leuchter entsorgt und die Vasen zerschlagen hat, konnte daran rein gar nichts ändern.
Doch nun taucht Anna in Sabines Leben auf und
fragt ausgerechnet nach Kerzen...Am Buchdeckel wird Luzifer von Connie Palmer als Thriller, Künstlerdrama und als Roman
über das Wesen der Kunst angekündigt. Aha.
Eigentlich klingt ja auch die Story ganz spannend: Während eines Urlaubs in Griechenland
stürzt die Frau eines exzentrischen niederländischen Komponisten in einen Abgrund, woraufhin zahlreiche Gerüchte über diesen seltsamen Tod die Runde machen. Palmer dient
dieser Aufhänger aber nur dazu, eine Anzahl
von Künstlerpersönlichkeiten vorzuführen, die
sich Gedanken über diesen Tod machen. Das
könnte spannend sein, wenn sie es schaffte,
den Figuren Leben einzuhauchen, doch die bleiben so blass, dass es schwierig ist, sie voneinander zu unterscheiden. Wortreich werden
die Charaktere beschrieben, aber in den Kern
ihrer Figuren dringt Palmer nicht vor. Und die
seitenlangen Diskussionen über die Kunst sind
derart banal, dass es stellenweise wehtut. Für
alle, die sich wiederum eine Lösung erwarten,
bietet das Ende eine herbe Enttäuschung. Die
Nicht-Auflösung ist leider kein Kunstgriff, sondern strotzt vor Verlegenheit.Jean-Yves Tadié hat dem Autor eines monumentalen Werkes eine monumentale, nach
über zehnjähriger Übersetzungsarbeit nun auf
Deutsch erschienene Biografie gewidmet. Er
zeichnet das Leben des Schriftstellers gelehrt
und detailverliebt nach. Sein Zugang beschreibt
folgende Frage: „Was heißt es, um 1890 Schriftsteller, Homosexueller, Kranker oder Arzt zu
sein?“ Tadié ist vor allem an den Verknüpfungen zwischen dem Werk und den Lebensereignissen und -umständen, dem kulturellen Milieu,
den inneren Befindlichkeiten interessiert. Die
Rolle der Homosexualität wird in diesem Kontext gewürdigt, auch wenn sie bisweilen seltsam distanziert und lapidar geschildert wird.
Sie soll bei Proust nur in der Verehrung „viriler“ Männer bestanden haben. Denn in seinem
Sexualleben ist die Onanie wohl bis zu seinem
Lebensende Prousts wichtigste sexuelle Praxis geblieben. In bezug auf die große Leidenschaft Prousts für seinen Sekretär und Chauffeur Agostinelli ist es aber aufschlussreich zu
sehen, in welchem Maß sie Proust in seinem
realen wie dichterischen Leben beeinflusste.
Tadiés Biografie beeindruckt insgesamt durch
ihre imaginative Kraft, die es erlaubt, sich in
Prousts tragisches Leben, das ein poetisches
Werk ist, einzufühlen.
Jean-Yves Tadié: Marcel Proust.
Biografie. Übersetzt von Max
Looser. Suhrkamp-Verlag,
Frankfurt/Main 2008.Ein spannender Psycho- oder Beziehungsthriller, der jedoch auch die schönen Momente von
Liebesbeziehungen nicht zu kurz kommen lässt.Wozu also so viele Worte über den Roman verlieren? Weil auch die Art, wie Homosexualität behandelt wird, staunen lässt. Sie ist nicht
viel mehr als ein schillerndes Charakteristikum
des Malers, ein Mitgrund für das seltsame Verhalten gegenüber seiner Frau. Am wohlsten
fühlt sich Palmer, wenn sie über Homosexualität als Zwischengeschlechtlichkeit referieren
lässt oder wenn Tschaikowskys Homosexualität als Opernstoff präsentiert wird; unwohler
fühlt sie sich, wenn es um Schwule aus Fleisch
und Blut geht: Da wird dann aus einem Lederkerl in einer düsteren Unterwelt von Männern
in Leder, die mit ihren Ketten rasseln ein tätowierter Wüstling. Das passt zum Rest. Vielleicht sollte sich Frau Palmer mit dem Wesen
der Kunst auseinandersetzen, bevor sie einen
Roman darüber schreibt.JUDITH GÖTZMARTIN WEBERRegina Nössler: Die
Kerzenschein-Phobie. Roman.
Konkursbuchverlag, Tübingen
2008.Connie Palmen: Luzifer. Roman.
Übersetzt von Hanni Ehlers.
Diogenes-Verlag, Zürich 2008.37
nachr ich t enBücherSexualität und Liebe
LeserInnen, die sich einerseits
für aktuelle Beiträge zur psychoanalytischen Theoriebildung
interessieren und andererseits
Neues aus der sozialwissenschaftlichen und kulturtheoretischen Sexualwissenschaft erfahren wollen, sei in erster Linie das Programm des Gießener
Psychosozial-Verlags empfohlen. Einige ausgewählte, auch
für lesbische und schwule LeserInnen interessante Neuerscheinungen werden hier vorgestellt.
2007 beschäftigte sich die
Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) auf ihrer Jahrestagung mit Sexualitäten, einem Zentralthema psychoanalytischer Theoriebildung und
Praxis. Die Beiträge sind im
gleichnamigen, sehr informativen Sammelband nachlesbar,
der umfassend zeigt, dass sich
auch deutsche AnalytikerInnen
immer intensiver mit Genderfragen beschäftigen und dass
nicht alle aktuell wichtigen
Schulen der Psychoanalyse den
Paradigmenwechsel zur Entsexualisierung und somit zur weitgehenden Beseitigung der Trieb-theorie vollzogen haben. So
stellt etwa Hertha Richter-Appelt wichtige Überlegungen zu
sexuellen Wünschen und Phantasien bei Intersexuellen vor;
Friedemann Pfäfflin beschäftigt
sich mit transsexuellem Begehren. Besonders lesenswert sind
weiters die Aufsätze zum psychoanalytischen Setting, insbesondere zu Übertragung und Gegenübertragung.
Lust-voller Schmerz titelt sich
der von Andreas Hill, Peer Briken und Wolfgang Berner herausgegebene Sammelband über
Sadomasochismus, der dieses
Phänomen aus interdisziplinären Perspektiven analysiert und
auf die alleinige Konzentration
auf die klinische Betrachtungsweise verzichtet. So werden
auch sehr ausführlich nicht nur
heterosexuelle, sondern auch
lesbische, schwule und queere
sadomasochistische Lebenswelten und Szenen vorgestellt. Estela V. Welldon plädiert anhand
ihrer therapeutischen Analysen
entschieden für die Unterschiede zwischen weiblichem und
männlichem Sadomasochismus,
wobei sie insbesondere bei Frauen auf Traumatisierungserfah-Ihr Leben
◗ rechtliche Absicherungwww.progay.at38rungen schon in der frühen Kindheit verweist. Besonders spannend lesen sich die Beiträge
über genitale Schönheitschirurgie (Ulrike Brandenburg) sowie
zur Chirurgie bei Geschlechtsangleichungen (Susanne Krege),
die die Frage nach der Selbstschädigung von Körpern auch
unter dem Gesichtspunkt des
schwierigen Balanceakts zwischen Selbstbestimmung und
Fremddefinition zu beantworten versuchen.
scheinen zwei miteinander unvereinbare Phänomene zu sein,
wie die HerausgeberInnen Hans
Joachim Busch und Angelika
Ebrecht vordergründig in Liebe
im Kapitalismus suggerieren. Genau hingesehen und gelesen,
handelt es sich in diesem Sammelband um historische und kulturwissenschaftliche Analysen,
die gesellschaftliche Veränderungsprozesse dieses scheinbar
intimsten und ursprünglichsten
Gefühls nachzeichnen und auf
die prekäre Balance zwischen
Liebe und Sexualität verweisen.
Besonders ärgerlich ist in diesem Band jedoch die fast durchwegs vertretene Gleichsetzung
von Liebe mit Heterosexualität,
wobei die hier nicht gestellte
Frage nach romantischen Liebesidealen bei Lesben bzw. bei
Schwulen sowie deren Umsetzung durchaus spannend gewesen wäre.
Positiv anders ist dagegen
der von Elmar Brähler und Hermann J. Berberich herausgegebene Sammelband Sexualität
und Partnerschaft im Alter, der
gründlich und sehr fundiert mitAnne Springer/
Karsten Münch/
(Hg.): Sexualitäten.
Gießen 2008.
Andreas Hill/Peer
Briken/Wolfgang
Berner (Hg.):
Lust-voller Schmerz.
Perspektiven. PsychosozialVerlag, Gießen 2008.
Busch/Angelika
Ebrecht (Hg.): Liebe
Elmar Brähler/
Berberich (Hg.):
Partnerschaft im
Alter. Psychosozial-Verlag,
Gießen 2009.dem Tabu Alterssexualität aufräumt. Liebe und Sexualität sind
keineswegs ein Privileg jüngerer Frauen und Männer, sondern
auch für ältere und alte Menschen unverzichtbare Lebensbereiche – so die wichtige Botschaft dieses sehr lesenswerten
Buches. Kirsten Plötz fasst für
dieses Buch die Ergebnisse ihrer sozialwissenschaftlichen Studie Lesbische ALTERnativen nochmals zusammen; Michael Bochow liefert hiezu das schwule
Pendant. Die Lektüre ist nicht
nur für ältere und alte LeserInnen von Interesse, sondern auch
allen, die privat und beruflich
mit alten Menschen zu tun haben, sehr zu empfehlen.
GUDRUN HAUERFOTO: THOMAS MÜLLERE in
Jan FeddersenGolo Mann war das dritte Kind
des deutschen Großschriftstellers Thomas Mann – und aus verstehbaren Gründen zählte er sich
selbst, das Kind, zu den Aussätzigen seines Clans. Eine famose
Biographie Tillmann Lahmes ist
jüngst im S.-Fischer-Verlag über
diesen Golo Mann erschienen, einen schwulen Mann, wie es sein
älterer, vom Vater viel mehr geliebter Bruder Klaus ebenfalls war
– so schwul, wie es der Vater zu
sein nie vermochte.
Wie oft bei Kindern von mächtigen Patriarchen (und nicht minder
mächtigen Matriarchinnen, wie
sie nämlich Mutter Katia Mann
eine war) hatte auch Golo keine
gute Chance, es dem Vater recht
zu machen, es ihm gleich zu tun,
ihn gar wenigstens ein bisschen
zu übertreffen. Wie hätte dies
auch sein können? Thomas Mann,
egomanischer Großschriftsteller,
reputationswütig im bürgerlichsten Sinne, Nobelpreisträger der
Literatur ... und Camoufleur in jeder Hinsicht, was das sexuelle Begehren in eigener Sache betraf:
Wie hätte da ein Kind eine echte
Chance gehabt, ihm zu genügen?
Dies ist aber hier nicht der Grund,
sich mit einem Mann zu beschäftigen, der am Ende seiner Tage gut
von den Tantiemen seines Vaters
leben konnte, hauptsächlich aber
aus dem Diskussionsgeschäft im
deutschsprachigen Raum flog,
weil er allzu kauzig war und politisch ohnehin immer reaktionärer wurde. Fakt ist indes: GoloEin trauriges Schicksal
FOTO: FISCHER-VERLAGjan@lambdanachrichten.atMann hat auf seine Weise schwul
gelebt – aber nie einen Partner
des Herzens gefunden. Wie im
Übrigen so viele seiner Generation: Sie durften nicht schwul
sein, eine bürgerlich-öffentliche
Existenz als Homosexueller war
im Rollenangebot des Gutgesellschaftlichen nicht vorgesehen.
Wichtig zu wissen ist, wichtig zu
erfahren war mir, dass Golo Mann
Ende der Fünfzigerjahre faktisch
Opfer einer Intrige linker Säulenheiliger wurde. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Köpfe
und Protagonisten der Kritischen
Theorie an der Universität Frankfurt am Main, heimgekehrte jüdische Exildeutsche nach dem Nationalsozialismus, denunzierten
Golo Mann, als dieser sich um
eine Geschichtsprofessur an deren Universität bewarb, als Homosexuellen und gaben den Offiziellen der Hochschule zu verstehen, dass sie es für bedenklich hielten, dass so einer einen
Lehrstuhl erhalte, denn er könne die Jugend gefährden. Davon
abgesehen, dass die beiden Spitzenintellektuellen nur in der Vorstellungswelt ihrer (krass heterosexuellen) Zeit operierten, stößt
auf, dass auch Linke, wenn sie
nicht anders können, auf Argumente des „gesunden Volksempfindens“ setzen.
Selbst wenn man annimmt, dass
Adorno gegen Golo Mann anderes vorzubringen gehabt hätte –
das antihomosexuelle Argument
schien ihm am schlagkräftigsten,Golo Mann wurde Opfer einer Intrige.
um das eigene Interesse zu bedienen. Das nämlich, Golo Mann
unmöglich zu machen. Man kennt
diese Strategie von Linken aus
den Dreißigerjahren. Ernst Röhm,
Nationalsozialist der homoerotischen Sorte, wurde von Kommunisten als Vorbild genommen.
Schlagt die Homosexuellen, so
das kommunistische Diktum, und
ihr schlagt den Faschismus. Und:
Kommunisten verhinderten jahrzehntelang, dass zu den Opfern
des braunen Regimes auch Homosexuelle gezählt werden durften
– diese sollten weiter entehrt und
entrechtet bleiben. Adorno wurde
in der Rezeption der Golo-MannBiographie in Schutz genommen:
Er habe doch öffentlich gegen
den damaligen Schandparagraphen 175 Stellung genommen.
Mag sein, gut so oder nicht. Aber
weniger wichtig ist, was Leute –
und seien es Intellektuelle der
prominentesten Art – öffentlich
sagen, sondern zu welchen Mit-teln des Streits sie greifen, um effektiv zu sein. Und Adorno, wie
so viele, auch wie so viele Linke, mochte Schwule nicht – und
er mochte Golo Mann nicht. Vielfältiger Umstände wegen – auch
homophober – musste sich Golo
Mann psychotherapeutisch behandeln lassen. Adorno machte
ihn zu einem labilen, psychisch
unberechenbaren Schwulen. Man
könnte zynisch werden ob solcher Bürgermoral auch bei Remigrierten.
Es ist gut, wenn Grüne, Linke und
Liberale bürgerrechtliche Anliegen Homosexueller unterstützen.
Auf sie verlassen kann man sich
im Zweifelsfall oft nicht. Wir sollten daher stets wachsam bleiben!Jan Feddersen ist Publizist und
Jahre homopolitisch aktiv.39
nachr ich t enDVDs
zusammengestellt vonLN-Videothekw w w.loewenherz.atLesbenliebe während der Apartheid
Unter dem Apartheid-Regime ist es eigentlich gegen das Gesetz: Amina, eine junge Frau indischer Abstammung, eröffnet
in Pretoria zusammen mit einem Farbigen
das Location Café. Dort wird niemandem
wegen seiner Hautfarbe das Essen verweigert. Und frau ist freundlich zu allen – egal
ob schwarz oder weiß. Das ist natürlich der
rassistischen Obrigkeit ein Dorn im Auge.
Für Aminas Großmutter ist jedoch das größere Problem, dass Amina keine Anstalten macht, sich zu verheiraten.
Die umtriebige alte Dame beginnt nun alle Fäden zu ziehen, um ihre
Enkelin endlich unter die Haube zu bringen. Womit sie offensichtlich
nicht gerechnet hat, ist die Tatsache, dass Amina ein Dickschädel ist
und sich nicht einfach einen fremden Willen aufzwingen lässt. Dage-gen ist Miriam ganz anders gestrickt: Die fügsame, ebenfalls indischstämmige Ehefrau lebt mit Mann und Kindern in einem alten Farmhaus
außerhalb Pretorias. Für sie scheint die Zukunft keinerlei Überraschung
bereitzuhalten. Dann tritt Amina als strahlende Abwechslung in ihr Leben. Anfangs zaghaft, doch dann immer gewagter beginnen die beiden grundverschiedenen Frauen, einander zu umwerben. Ein waghalsiges Unternehmen im Südafrika der 50er Jahre.
Mit Die verborgene Welt hat die Drehbuchautorin und Regisseurin
Shamim Sarif ihren gleichnamigen Debütroman gleich selbst verfilmt. Der Film ist eine gelungene Gratwanderung: Zwischen Humor, Romantik und dramatischen Entwicklungen macht er eine Gesellschaftsordnung und eine Epoche lebendig, die selbst ZeitgenossInnen außerhalb Südafrikas weitgehend unbekannt gewesen sein
dürfte. Der Soundtrack mit Jazzklassikern aus der Zeit unterstreicht
das gut getroffene Zeitgefühl.Die verborgene Welt – The World Unseen. ZA/GB 2007, OF, dt. UT, 93 Min. Regie: Shamim Sarif.Irrungen des GeschlechtsSchwules Paar auf der FluchtAlex kam sowohl mit männlichen als auch
weiblichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt.
Sie hatte es nie leicht. Und als sie mit 15
mitten in der Pubertät steckt, hat sie nicht
nur mit den üblichen Pubertätsproblemen
zu kämpfen, sondern sieht sich auch Anfeindungen ihrer Umgebung ausgesetzt. Um
dem Tratsch der Nachbarn zu entgehen, hat
sich die Familie an einen einsamen Küstenstreifen hinter den Dünen zurückgezogen.
Eines Tages bekommt Alex’ Familie Besuch von einem befreundeten
Arzt. Er spricht über die Möglichkeiten einer Operation – damit aus Alex
ein richtiges Mädchen werden soll. Während Alex’ Eltern einem solchen Eingriff eher positiv gegenüberstehen, bleibt Alex skeptisch. Sie
möchte eigentlich in Ruhe gelassen werden. Doch sie muss sich der
existenziellen Entscheidung stellen. Da kommt ihr der 16-jährige Alvaro gerade recht: Ist er der Richtige fürs erste Mal? Ein schöner und anspruchsvoller Film, über Intersexualität und schwules Coming-out. Die
Argentinierin Lucía Puenzo behandelt in ihrem Spielfilm-Regiedebüt
einen schmerzlichen Selbstfindungsprozess. Dabei nähert sie sich behutsam und subtil den Schwierigkeiten ihrer Protagonistin an.Der schwule Klassiker aus dem Jahr 1988
ist jetzt endlich als DVD erhältlich. Liverpool unter Margaret Thatcher: Die Schwulen haben ein Refugium im Nachtclub Fruit
Machine gefunden. Die beiden 17-jährigen
Burschen Eddie und Michael sind ein Paar
und treiben sich ganz gern in der schwulen Diskothek herum. Michael ist mit allen
Wassern gewaschen, eindeutig der frechere der beiden. Eddie dagegen ist noch unschuldig und muss ständig von Michael behütet werden. Eines Nachts
werden die beiden Zeugen eines Mordes in der Fruit Machine. Der
Besitzer des Clubs wird brutal umgebracht. Der Killer entdeckt die
beiden, kann ihrer aber nicht habhaft werden. Nun müssen sie Hals
über Kopf fliehen. Der Killer heftet sich sofort auf ihre Fersen. Doch
Eddie und Michael können ihm immer wieder knapp entkommen und
finden bei einem Opernsänger provisorischen Unterschlupf. Sie fahren mit diesem nach Brighton in der Hoffnung, den Killer endgültig
abgeschüttelt zu haben. Doch der Killer ist ihnen nach wie vor auf
der Spur. Im Delphinarium von Brighton kommt es dann zum Showdown mit dem Killer.XXY – Die Natur macht uns zu Mann oder Frau … oder beidem zugleich. E/F/
RA 2007, OF, frz. SF, dt. SF, dt. UT, frz. UT, 87 Min. Regie: Lucía Puenzo.The Fruit Machine – Rendezvous mit einem Killer. GB 1988, OF, dt. SF, keine
UT, 103 Min. Regie: Philip Saville.40Even
entLife Ball 2009: Let Love Flow!Im Zeichen des Wassers
Am 16. Mai 2009 wird der 17. Life Ball
im Wiener Rathaus und auf dem Platz
davor über die Bühne gehen. Er stellt den
Beginn eines Vier-Jahres-Zyklus dar: Die Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer stehen
dabei metaphorisch und in ihrer künstlerischen Umsetzung für die zentralen Symbole des Lebens.
Zeigte sich der Life Ball in den letzten Jahren jeweils thematisch sehr konträr, so entschied sich das Team rund um Gery Keszler
heuer, ein Konzept zu entwickeln, das für die
nächsten vier Jahre – beginnend beim 17. Life
Ball und krönend abgeschlossen mit dem 20.
Ball 2012 – Gültigkeit besitzt. Im Mittelpunkt
der künstlerischen Umsetzung stehen dabei
die Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer,
die in ihrer wuchtigen Symbolik archaisch,
in ihrer aktuellen Wertigkeit aber zugleich
enorm fortschrittlich sind.
Denn noch immer sind es diese vier Grundelemente, welche die Weltbevölkerung ernähren, das ökologische Gleichgewicht stützen, für die Gesundheit eine lebensnotwendige Rolle einnehmen und der wirtschaftlichen Entwicklung dienen – schlichtweg Leben
erst ermöglichen. Wasser – das Element 2009
– ist der Beginn allen Lebens und der Evolution. Die Erde ernährt uns. Luft lässt uns atmen und trägt uns über die Kontinente. Und
die Entdeckung des Feuers war überhaupt
der Beginn der Zivilisation.Der Zyklus beginnt jetzt
Den Anfang dieses Zyklus macht daher 2009
das Element Wasser – als zentrales Symbol
des Lebens. Sauberes Wasser ist die Basis
menschlichen Daseins, es regelt den Kreislauf der Natur, ist zentrale Notwendigkeit
wirtschaftlichen Fortkommens. Die Unterversorgung mit Wasser birgt Hunger, Krankheit und Not. Und gerade in jenen Ländern,
die am stärksten von HIV/AIDS betroffen sindDie Style Bible zeigt sehr kunstvolle mögliche Outfits für den Ball.
und in denen der Life Ball im Rahmen internationaler Projekte aktiv ist, herrscht extremer Mangel an Wasser.
Ist Wasser jedoch im Überfluss vorhanden,
kann es selbst Wüsten zum Blühen bringen.
Diesem markanten Sinnbild der Gegensätze
in unserer Welt widmet der Life Ball 2009
seine ganz besondere Aufmerksamkeit.Das Publikum erwartet heuer eine Vielzahl
an opulenten Überraschungen – ein großer
Teil der Eröffnungsinszenierung wird sich zum
Beispiel auf, an und im Wasser abspielen – in
einem riesigen Becken vor dem Rathaus. So
werden in der Show vor dem Wiener Rathaus
die Urkraft des Wassers und dessen zentraler Wert für das Leben eindringlich verdeutlicht. Getreu dem Motto 2009: Let Love Flow!41
nachr ich t enL a u d a t ioKurt Krickler zum 50. Geburtstag„Einer, der unbeirrt seinen Weg geht“
Am 7. April 2009 wurde
unser Chefredakteur und
die „Seele der HOSI Wien“, Kurt
Krickler, 50 Jahre alt. Dieser Anlass wurde an diesem Tag mit einem Fest im HOSI-Zentrum begangen. Über 50 Gäste hatten
sich eingefunden, die HOSIsters
und die Autonome Trutsche Marlene von D. brachten Ständchen
dar, und Dieter Schmutzer, Gründungsmitglied und früherer langjähriger Obmann, hielt folgende Ansprache, die wir hier (hinter dem Rücken unseres Chefredakteurs ins Blatt geschummelt) unserer geschätzen LeserInnenschaft zur Kenntnis bringen möchten:Lieber Kurt,
es ist einfach nicht zu fassen – du
wirst heute 50! Normalerweise
sagt man ja, man merkt an den
Kindern, wie bzw. dass man älter wird – ich merke es an den
Freunden. Und daran, dass man irgendwann einmal beginnt, immer
öfter von der Vergangenheit zu
sprechen: „Erinnerst du dich...“,
„Damals...“
Ja, damals. Wir kennen uns nun
seit genau 30 Jahren – es war
bei einem der ersten Treffen im
Frühjahr 1979, die in der Folge
zur Gründung der HOSI Wien führten, als wir einander das erste
Mal begegnet sind. Eine Gruppeplanet°zeitung der grünen bildungswerkstatthttp://planet.gruene.at
planet@gruene.at– zumeist – junger, engagierter
schwuler Männer (Frauen kamen
ja erst später dazu). Und einer von
ihnen, einer der jüngsten, warst
du. Seit damals haben sich unsere Wege nie wieder getrennt, sind
über weite Strecken sogar ziemlich
parallel verlaufen. Über die HOSI
natürlich, und dann, einige Jahre
später, auch über die Österreichische AIDS-Hilfe, in der wir ja beide
in der Geschäftsführung mit- und
nebeneinander gearbeitet haben.
Für alle, die den Kurt noch nicht
so lange kennen – vielleicht erst
10 oder 20 Jahre – muss ich jetzt
ein bisserl was erzählen: Er hatte
damals, anno ‘79, langes, wallendes Haar, der Bart war auch länger, und er trug mit Vorliebe ein
Palästinensertuch.
Sowohl in der HOSI als auch in
der AIDS-Hilfe gab es – unabhängig von den Inhalten – so etwas
wie eine Aufgabenteilung. Der
Förster war der ruhige, besonnene Intellektuelle; der Brandstätter der eloquente, charmante Politiker; der Schmutzer der
freundliche, ausgleichende Mediator; der Krickler, das war der
kompromisslose, kämpferische,
aktionistische Agitator.
Ich will jetzt gar nicht näher auf
die vielen Bereiche eingehen, wo
du, Kurti, federführend, bahnbrechend gewirkt hast. National und
international. In der HOSI, bei den
LN, in der Österreichischen AIDSHilfe, bei der ILGA, im europäischen AIDS-Bereich…
Egal, wo und was es war: Du bist
einer, der unbeirrt seinen Weg ge-42gangen ist. Und überdies so fleißig, dass es fast schon an Masochismus grenzt.
Manche AktivistInnen der frühen
Jahre haben sich zurückgezogen;
einige gibt es nicht mehr; andere
sind einfach ruhiger, älter geworden. Nicht der Kurt! Der ist genauso unbestechlich und so gar nicht
stromlinienförmig geblieben wie
anno dazumal. Eckt an, ist unbequem, trägt sein Herz auf der Zunge (und die ist manchmal ebenso
spitz wie seine Feder) und macht
sich damit nicht nur Freunde. Viel
Feind, viel Ehr‘, heißt es bekanntlich – und wie wir wissen, manche ärgern sich ja nur, weil sie sich
selber manches nicht trauen…
Aber genau dafür, lieber Kurt,
schätzen dich auch viele. Und
genau dafür mag ich dich ganz
Mit großem Vergnügen denke ich
z. B. an geoutete Bischöfe; an besetzte Büros hilfloser Ministerinnen; an eine indignierte ebensolche (wir erinnern uns an den
schönen Slogan: „Die ÖVP hat Blut
an den Händen“), deren gräflicher
Gatte soeben erst aus der U-Haft
entlassen wurde; an beleidigte
ParlamentarierInnen, die dann
vor Höchstgerichten den Kürzeren zogen ... und manchmal halt
auch an irritierte MitstreiterInnen.
Mittelmaß ist definitiv nicht deine
Sache. Und das ist gut so!
Den Kurt auf seine politischen
Aktivitäten zu reduzieren, wäre
jedoch ein riesiger Fehler. Er ist
nämlich auch ein Freund, ein
ganz besonderer. Und auch daran möchte ich heute erinnern.Ein Mensch mit einem übergroßen Herzen; das weiß jeder, der
ihn erlebt hat, als er seinerzeit
den Reinhardt gepflegt hat, und
sich später dann auch um den Peter gekümmert hat.
Einer, der immer ein offenes Ohr
und ein offenes Haus und Zeit für
FreundInnen hat.
Ein ganz liebevoll Verspielter:
So viele Streicheleinheiten wie
die seinerzeitige LAMBDA-Nachrichten-Redaktionskatze im Hause Brandstätter-Krickler kriegen
manche Menschen ihr Leben lang
nicht. Ein hinreißender Gastgeber,
der zum Abendessen – vorzugsweise kaltes Buffet – die Damasttischdecke und das feine Porzellan und das Tafelsilber und die geschliffenen Kristallgläser hervorholt und immer viel zu viel eingekauft hat.Das alles und noch viel mehr bist
du, Kurt. Ein Weggefährte und ein
Freund. Und wenn sich auch weitere 50 Jahre vielleicht nicht mehr
ausgehen – eines wünsche ich mir
sehr. Dass du so ein „junger Wilder“ bleibst – und nach weiteren 30 Jahren unserer Bekanntschaft unterhalten wir uns dann
darüber, ob wir deinen Hunderter auch noch angehen.
FOTOS: GUDRUN STOCKINGER
STOCKINGEEREiner, der – man glaubt diesen
Hang zum Banalen ja kaum – zu
den aboluten Hard-Core-Fans
des Eurovisions-Song-Contests
gehört. Schon damals, als diesernoch „Grand Prix d’Eurovision dee
la Chanson“ hieß. Einer, mit dem
man einfach sitzen und tratschenn
und lachen und blödeln und ande-re Leut‘ ausrichten kann. Ein Glo-betrotter mit ausgeprägtem Hangg
zu Skandinavien, der nicht nur im
politischen Auftrag durch die hal-be Welt reist und vorzugsweisee
auf seiner Maschin‘ auf den Stra-ßen zwischen Gloggnitz und dem
Nordkap unterwegs ist; und derr
schon vor Jahrzehnten Urlaub inn
Albanien gemacht hat – mit sei-ner Großmutter.Die HOSIsters und Marlene von D. (rechts unten) gratulierten musikalisch.43
nachr ich t enBL
Rpowered byWer, wann & wo mit wemgayboy.atDie Szene-Fotografen zückten wieder bei allen wichtigen Events der
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 § 175