Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bverwg/bverwg_2-WD-7-08
Timestamp: 2019-06-17 15:14:23+00:00

Document:
BVerwG, 2 WD 7.08: Soldat, Dienstverhältnis, Zahlstelle, Bargeld
Urteil des BVerwG vom 25.06.2009, 2 WD 7.08
2 WD 7.08
Soldat, Dienstverhältnis, Zahlstelle, Bargeld
Soldat, Dienstverhältnis, Zahlstelle, Bargeld, Strafurteil, Mildernde Umstände, Verfügung, Materialien, Datum, Erfüllung
BVerwG 2 WD 7.08 TDG S 5 VL 24/06
Herrn Hauptmann …,
hat der 2. Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichts in der nichtöffentlichen Hauptverhandlung am 25. Juni 2009, an der teilgenommen haben:
Vorsitzender Richter am Bundesverwaltungsgericht Golze, Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Müller, Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Deiseroth, ehrenamtlicher Richter Oberstleutnant Auer und ehrenamtlicher Richter Hauptmann Timpe,
Auf die Berufung der Wehrdisziplinaranwaltschaft wird das Urteil der 5. Kammer des Truppendienstgerichts Süd vom 24. Oktober 2007 im Ausspruch über die Disziplinarmaßnahme geändert.
Der Soldat wird aus dem Dienstverhältnis entfernt.
Die Gewährung des Unterhaltsbeitrags wird auf einen Zeitraum von 12 Monaten verlängert.
1Der jetzt 50 Jahre alte Soldat, der seine gymnasiale Ausbildung nach Beendigung der Klasse 12 vorzeitig abgebrochen hatte, war am 2. Januar 1980 als
Wehrpflichtiger zur Bundeswehr eingezogen worden. Aufgrund seiner Verpflichtungserklärung wurde er am 16. Juni 1980 in das Dienstverhältnis eines Soldaten auf Zeit berufen. Nachdem seine Dienstzeit mehrfach verlängert worden
war, erfolgte am 6. Juni 1989 seine Ernennung zum Berufssoldaten.
2Der zunächst regelmäßig beförderte Soldat wurde mit Wirkung vom 1. Oktober
1989 zum Hauptmann ernannt. Nachdem er wegen eines im September 1999
begangenen außerdienstlichen Betruges mit Urteil des Truppendienstgerichts
Süd vom 9. Oktober 2001 zum Oberleutnant degradiert worden war - seine dagegen eingelegte Berufung wurde vom Senat mit Urteil vom 11. Juli 2002
(BVerwG 2 WD 3.02) zurückgewiesen -, wurde er am 5. August 2004 erneut
zum Hauptmann befördert.
3Nach verschiedenen Vorverwendungen leistete der Soldat seit dem 1. Oktober
1996 Dienst als S 4- und Umweltschutzoffizier beim Stab …regiment … (seit
1. Januar 2003 Stab/…zentrum …) in D., bis er am 7. November 2005 mit Einleitung des vorliegenden gerichtlichen Disziplinarverfahrens vorläufig des
Dienstes enthoben und ein Uniformtrageverbot gegen ihn ausgesprochen wur-
de; der dagegen vom Soldaten eingelegte Rechtsbehelf blieb ohne Erfolg. Mit
Verfügung vom 17. Dezember 2007 - nach Zustellung des erstinstanzlichen
Urteils in dieser Sache - wurden die Anordnungen der vorläufigen Dienstenthebung und des Uniformtrageverbots aufgehoben. Zum 1. Januar 2008 wurde der
Soldat zum …regiment … nach D. versetzt, wo er derzeit als Leiter des
…lagers N. eingesetzt wird.
4Ausweislich des Auszugs aus dem Disziplinarbuch vom 3. Juni 2009 wurde
dem Soldaten in den Jahren 1996 und 1998 jeweils eine förmliche Anerkennung wegen vorbildlicher Pflichterfüllung ausgesprochen. In der letzten planmäßigen Beurteilung vom 25. März 2002 erhielt er im Bereich „F. Leistungen im
Beurteilungszeitraum“ siebenmal die Wertung „5“, sechsmal die Wertung „6“
und in den Bereichen „Zusammenarbeit“, „Fachwissen“ und „Praktisches Können“ jeweils die Wertung „7“. Ergänzend zu den mit „7“ bewerteten herausragenden Einzelmerkmalen führte der beurteilende Regimentskommandeur des
…regiments … zusammenfassend aus, dass sich der Soldat mit ganzer Kraft in
den Stab des Regiments einbringe. Schnell und unbürokratisch helfe er besonders in prekären Situationen und kümmere sich dann vorrangig um die Beschaffung dringend benötigter, aber schwer beschaffbarer Versorgungsartikel. Er sei
ein Mann der Praxis. In der Sonderbeurteilung des stellvertretenden Kommandeurs …regiment … vom 22. Februar 2008 erhielt der Soldat nach dem neuen
Beurteilungssystem im Bereich „Aufgabenerfüllung auf dem Dienstposten“ im
Durchschnittswert die Note „4,44“.
5Der Soldat ist seit 1981 verheiratet. Aus der Ehe sind eine jetzt 26-jährige Tochter und zwei jetzt 24- und 20-jährige Söhne hervorgegangen. Die beiden ältesten Kinder sind berufstätig; der jüngste Sohn lebt noch im elterlichen Haushalt.
6Die wirtschaftlichen Verhältnisse des Soldaten sind seit Jahren sehr angespannt. Seine Schulden belaufen sich derzeit auf etwa 100 000 €; es werden
von ihm nur Zinszahlungen erbracht. Die Schulden beruhen auf Anschaffungen
(Wohnungseinrichtung, Auto) und einer vor 20 Jahren von Gläubigern in Anspruch genommenen Bürgschaft in Höhe von 40 000 DM für das elterliche Ledergeschäft. Beim Sozialdienst der Bundeswehr hat sich der Soldat zuletzt im
Jahr 1993 beraten lassen, wie er in der Hauptverhandlung vor dem Senat angegeben hat. Wegen seines geregelten Einkommens sei bisher ein Privatinsolvenzverfahren nicht in Betracht gekommen. Im Oktober 2001 hat der Soldat die
eidesstattliche Versicherung abgegeben. Seine Ehefrau ist nicht berufstätig. Da
die monatlichen Dienstbezüge bis zur Pfändungsfreigrenze einbehalten werden,
verbleiben der Familie im Monat ca. 800 bis 900 € zum Leben; dies reiche nach
Einlassung des Soldaten einigermaßen aus.
71. In dem durch Verfügung vom 7. November 2005, dem Soldaten ausgehändigt am 11. November 2005, ordnungsgemäß eingeleiteten gerichtlichen Disziplinarverfahren hat die Wehrdisziplinaranwaltschaft für den Bereich des Wehrbereichskommando … dem Soldaten mit Anschuldigungsschrift vom 2. Oktober
2006 in der Fassung der Nachtragsanschuldigungsschrift vom 7. Mai 2007 folgende Sachverhalte als schuldhafte Verletzungen seiner Dienstpflichten gemäß
§§ 7, 13 Abs. 1, § 17 Abs. 2 Satz 1 Alt. 2 i.V.m. § 10 Abs. 1 SG zur Last gelegt:
„1. In der Zeit zwischen dem 15.12.2003 und Mai 2005 erstellte der Soldat in seiner Funktion als S 4-Offizier des …zentrums … in D. in insgesamt 116 Fällen Rechnungen bzw. Lieferscheine der Firma K. in N. über Handkaufaufträge, die den Bedarf von Büromaterialien zum Inhalt hatten, legte diese der Zahlstelle der Truppenverwaltung D. vor, welche er jeweils mit dem Vermerk ‚sachlich richtig’ versehen hatte und ließ sich den Rechnungsbetrag jeweils in bar durch die Zahlstelle der Truppenverwaltung D. ausbezahlen, obwohl er die entsprechenden Einkäufe für die Dienststelle zu keinem Zeitpunkt getätigt hatte.
Zur Tatausführung benutzte der Soldat jeweils eine von insgesamt vier unterschiedlichen Rechnungen bzw. Lieferscheinen der Firma K., die er im Kopierverfahren vervielfältigt und handschriftlich mit einem neuen Datum versehen hatte.
Im Vertrauen auf die Richtigkeit seiner Angaben wurden dem Soldaten die ausgewiesenen Rechnungsbeträge jeweils in bar durch die Zahlstelle der Truppenverwaltung D. ausbezahlt. Im Einzelnen handelte es sich um folgende Fälle:
LfdNr. Betrag Datum der Datum der Aus- EUR Rechnung/Lieferschein zahlungsanordnung
1 207,45 Dez.03 15.12.2003 2 207,45 19.02.2004 04.05.2004 3 207,45 27.05.2004 08.06.2004 4 207,45 15.06.2004 28.06.2004 5 207,45 02.07.2004 27.07.2004 6 207,45 07.08.2004 10.08.2004 7 207,45 16.08.2004 19.08.2004 8 207,45 24.08.2004 30.08.2004 9 207,45 22.09.2004 23.09.2004 10 207,45 04.10.2004 05.10.2004 11 207,45 14.10.2004 19.10.2004 12 207,45 22.10.2004 04.11.2004 13 207,45 16.11.2004 18.11.2004 14 207,45 08.11.2004 11.11.2004 15 207,45 18.11.2004 25.11.2004 16 207,45 29.11.2004 30.11.2004 17 207,45 10.12.2004 17.12.2004 18 207,45 14.12.2004 16.12.2004 19 214,00 31.03.2004 06.05.2004 20 214,00 22.04.2004 12.05.2004 21 214,00 07.06.2004 11.06.2004 22 214,00 15.06.2004 21.06.2004 23 214,00 21.06.2004 28.06.2004 24 214,00 09.08.2004 10.08.2004 25 214,00 16.08.2004 19.08.2004 26 214,00 25.08.2004 30.08.2004 27 214,00 22.09.2004 23.09.2004 28 214,00 04.10.2004 05.10.2004 29 214,00 06.10.2004 11.10.2004 30 214,00 12.10.2004 19.10.2004 31 214,00 20.10.2004 28.10.2004 32 214,00 09.11.2004 11.11.2004 33 214,00 15.11.2004 25.11.2004 34 214,00 19.11.2004 30.11.2004 35 214,00 Dez. 04 16.12.2004 36 214,00 13.12.2004 17.12.2004 37 195,87 26.04.2004 06.05.2004 38 195,87 01.03.2004 12.05.2004 39 195,87 07.06.2004 11.06.2004 40 195,87 Juni 2004 21.06.2004 41 195,87 22.06.2004 28.06.2004 42 195,87 21.07.2004 27.07.2004 43 195,87 Aug. 04 16.08.2004 44 195,87 Aug. 04 19.08.2004 45 195,87 23.09.2004 27.09.2004 46 195,87 04.10.2004 05.10.2004 47 195,87 06.10.2004 11.10.2004 48 195,87 12.10.2004 19.10.2004 49 195,87 20.10.2004 28.10.2004 50 195,87 09.11.2004 11.11.2004 51 195,87 22.11.204 25.11.2004 52 195,87 12.11.2004 22.11.2004 53 195,87 14.12.2004 16.12.2004 54 154,30 30.03.2004 12.05.2004 55 154,30 07.06.2004 11.06.2004 56 154,30 30.07.2004 03.08.2004 57 154,30 Aug. 04 16.08.2004
58 154,30 21.09.2004 27.09.2004 59 154,30 28.09.2004 05.10.2004 60 154,30 01.10.2004 11.10.2004 61 154,30 28.10.2004 04.11.2004 62 154,30 24.11.2004 30.11.2004 63 154,30 14.12.2004 16.12.2004 64 154,30 13.12.2004 17.12.2004 65 214,00 19.01.2005 28.01.2005 66 214,00 04.03.2005 09.03.2005 67 214,00 16.03.2005 22.03.2005 68 214,00 Apr. 05 11.04.2005 69 214,00 20.04.2005 25.04.2005 70 214,00 12.05.2005 23.05.2005 71 214,00 28.01.2005 11.02.2005 72 214,00 14.02.2005 21.02.2005 73 214,00 23.02.2005 28.02.2005 74 214,00 11.03.2005 17.03.2005 75 214,00 24.03.2005 01.04.2005 76 214,00 11.04.2005 18.04.2005 77 195,87 13.04.2005 18.04.2005 78 195,87 07.03.2005 09.03.2005 79 195,87 10.03.2005 22.03.2005 80 195,87 21.04.2005 25.04.2005 81 195,87 17.01.2005 18.01.2005 82 195,87 28.01.2005 11.02.2005 83 195,87 17.02.2005 21.02.2005 84 195,87 24.03.2005 11.04.2005 85 195,87 10.05.2005 23.05.2005 86 195,87 19.01.2005 28.01.2005 87 195,87 24.02.2005 28.02.2005 88 195,87 10.03.2005 17.03.2005 89 195,87 18.03.2005 01.04.2005 90 195,87 27.04.2005 10.05.2005 91 195,87 Mai 05 23.05.2005 92 207,45 21.02.2005 28.02.2005 93 207,45 09.03.2005 17.03.2005 94 207,45 21.03.2005 01.04.2005 95 207,45 15.04.2005 18.04.2005 96 207,45 22.04.2005 10.05.2005 97 207,45 17.05.2005 23.05.2005 98 207,45 14.01.2005 18.01.2005 99 207,45 27.01.2005 11.02.2005 100 207,45 01.03.2005 09.03.2005 101 207,45 17.03.2005 22.03.2005 102 207,45 04.04.2005 11.04.2005 103 207,45 18.04.2005 25.04.2005 104 207,45 09.05.2005 23.05.2005 105 154,30 März 05 09.03.2005 106 154,30 16.03.2005 22.03.2005 107 154,30 Apr. 05 11.04.2005 108 154,30 08.04.2005 25.04.2005 109 154,30 11.05.2005 23.05.2005 110 154,30 Feb. 05 21.02.2005 111 154,30 21.02.2005 28.02.2005 112 154,30 11.03.2005 17.03.2005 113 154,30 23.03.2005 01.04.2005 114 154,30 18.04.2005 18.04.2005 115 154,30 Mai 05 10.05.2005 116 154,30 19.05.2005 23.05.2005
2. Am 18.05., 20.05. und 24.05.2005 ließ sich der Soldat von der Zahlstelle der Truppenverwaltung D. wiederum Bargeld unter dem wahrheitswidrigen Vorbringen auszahlen, er habe Handkäufe für die Dienststelle zu erledigen. Eine anschließende Abrechnung mit der Zahlstelle erfolgte hierbei nicht. Im Einzelnen handelte es sich um folgende Bargeldauszahlungen:
a) am 18.05.2005: 200 Euro für Toner 200 Euro für Kartuschen und Patronen
b) am 20.05.2005: 200 Euro für Büromaterial 200 Euro für weiteres Büromaterial 200 Euro für Patronen
c) am 24.05.2005 200 Euro für Toner 200 Euro für Büromaterial 200 Euro für Kartuschen und Patronen 200 Euro für weiteres Büromaterial
In der Folgezeit behielt der Soldat in allen Fällen das ausgezahlte Geld für sich, ohne die Einkäufe zu tätigen bzw. die Beträge ordnungsgemäß abzurechnen, wodurch der Bundeswehr ein Gesamtschaden in Höhe von mindestens 11 000 Euro entstanden ist.“
8Mit Nachtragsanschuldigungsschrift vom 7. Mai 2007 ergänzte die Wehrdisziplinaranwaltschaft ihre bisherigen Vorwürfe:
„Das zu den Anschuldigungspunkten 1 und 2 erlangte Bargeld verwendete der Soldat zum größten Teil nicht - wie in den Gründen des Urteils des Amtsgerichts U. vom 12.01.2006 (Az.: 6 …) angegeben - zur Beschaffung von Gegenständen für verschiedene Bereiche der Bundeswehr sowie für Organisationen, die der Bundeswehr nahe stehen, wie die Gemeinschaft katholischer Soldaten, die Kriegsgräberfürsorge oder die Offizierheimgesellschaft in D., die über keine eigenen Haushaltstitel verfügten oder für die die Anschaffung der gewünschten Gegenstände nicht vorgesehen war.“
9In den Gründen der Nachtragsanschuldigungsschrift ist dazu ausgeführt, weitergehende Ermittlungen hätten ergeben, dass der Soldat keinerlei Gelder an
die im Strafurteil genannten gemeinnützigen oder ähnlichen Einrichtungen ab-
geführt, die ihm von der Truppenverwaltung ausgehändigten Gelder vielmehr
ausschließlich seinem Vermögen einverleibt habe. Insoweit werde angeregt,
dass sich die Truppendienstkammer von den betreffenden Feststellungen des
Strafgerichts löse.
102. In dem sachgleichen rechtskräftigen Strafurteil des Amtsgerichts
- Schöffengericht - U. vom 12. Januar 2006 war der Soldat wegen Betruges in
119 tatmehrheitlichen Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von neun Monaten
verurteilt worden, deren Vollstreckung auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt
wurde; die Bewährungszeit ist inzwischen abgelaufen. Über die in der Anschuldigungsschrift vom 2. Oktober 2006 hinaus aufgeführten tatsächlichen Feststellungen des Strafgerichts enthalten dessen Urteilsgründe am Ende noch folgende, in der Nachtragsanschuldigungsschrift erwähnte Tatfeststellungen:
„Das auf diese Weise erlangte Bargeld verwendete der Angeklagte zum größten Teil zur Beschaffung von Gegenständen für verschiedenste Bereiche der Bundeswehr sowie für Organisationen, die der Bundeswehr nahe stehen, wie die Gemeinschaft katholischer Soldaten, die Kriegsgräberfürsorge oder die Offizierheimgesellschaft, die über keine eigenen Haushaltstitel verfügten oder für die die Anschaffung der gewünschten Gegenstände nicht vorgesehen war.“
113. Die 5. Kammer des Truppendienstgerichts Süd hat mit Urteil vom
24. Oktober 2007 entschieden, dass der Soldat in den Dienstgrad eines Leutnants herabgesetzt wird. Aufgrund der bindenden Feststellungen im Strafurteil,
die hinsichtlich des objektiven Geschehensablaufs vom Soldaten eingeräumt
würden, stehe zwar fest, dass der Soldat in 119 Fällen durch Vorlage gefälschter Rechnungen bzw. Lieferscheine von der Truppenverwaltung insgesamt
24 467,69 € Bargeld erlangt habe. Er habe aber der Bundeswehr sowie ihr nahestehenden Organisationen Materialien zur Verfügung gestellt, die mit dem
Geld gekauft worden seien. Beweis dafür, dass sich der Soldat mit dem Geld
selbst bereichert habe, lägen nicht vor. Die Kammer habe diesen - insoweit vom
Strafurteil abweichenden - Sachverhalt auch feststellen dürfen, weil sie sich
zuvor von den tatsächlichen Feststellungen im insoweit sachgleichen, aber widersprüchlichen Strafurteil gelöst habe. Da keine Selbstbereicherung vorliege,
bleibe nur die strafrechtlich ebenfalls sanktionierte Herstellung und Benutzung
falscher Urkunden zur Täuschung im Rechtsverkehr übrig. Nach Abwägung
aller be- und entlastender Umstände mache dieses schwere, einheitliche
Dienstvergehen (§§ 7, 11 Abs. 2, § 13 Abs. 1, § 17 Abs. 2 Satz 1 i.V.m. § 10
Abs. 1 SG) die Degradierung des disziplinarisch vorbelasteten Soldaten zum
Leutnant erforderlich.
124. Gegen das der Wehrdisziplinaranwaltschaft am 23. November 2007 zugestellte Urteil hat diese am 13. Dezember 2007 zu Ungunsten des Soldaten Berufung eingelegt. Sie beantragt, den Soldaten aus dem Dienstverhältnis zu entfernen. Zur Begründung macht sie im Wesentlichen geltend:
13Die von der Truppendienstkammer in ihrem Urteil vorgenommene Beweiswürdigung hinsichtlich der Frage, ob der Soldat die erlangten Gelder in Höhe von
24 467,69 € für sich selbst behalten oder überwiegend uneigennützig zu Gunsten der Bundeswehr bzw. ihr nahestehender Organisationen verwendet habe,
sei in mehrfacher Hinsicht unzureichend vorgenommen worden und daher fehlerhaft. Aus der Urteilsbegründung sei nicht ersichtlich, wie die Kammer zu dem
Ergebnis gekommen sei, der Soldat habe die erlangten Gelder überwiegend
uneigennützig verwendet. Diese von der Kammer getroffene Feststellung entbehre jeglicher nachvollziehbaren Tatsachengrundlage. Es fehle insbesondere
an einer Darstellung der einzelnen Zeugenaussagen sowie deren Glaubhaftigkeit. Die Kammer verkenne in ihrem Urteil, dass es dem Soldaten nicht gelungen sei, den Gegenbeweis für eine uneigennützige Verwendung der Gelder zu
14Auch die Maßnahmebemessung sei zu beanstanden. Das Vertrauensverhältnis
zwischen dem Dienstherrn und dem Soldaten sei durch die über einen längeren
Zeitraum mit hoher krimineller Energie durchgeführte Erschleichung von dienstlichen Geldern zum Zwecke eigennütziger Verwendung angesichts der dienstlichen Stellung des Soldaten als S 4-Versorgungsoffizier und angesichts der Höhe des eingetretenen Schadens für den Bund unwiederbringlich zerstört worden. Dies mache die Entfernung des Soldaten aus dem Dienstverhältnis erforderlich.
15Die gemäß § 115 Abs. 1, § 116 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 WDO form- und fristgerecht eingelegte Berufung der Wehrdisziplinaranwaltschaft zu Ungunsten des
Soldaten hat Erfolg und führt bei diesem zur Entfernung aus dem Dienstverhältnis.
161. Das Rechtsmittel ist in vollem Umfang eingelegt worden. Mit der Berufungsbegründung werden sowohl die erstinstanzliche Schuldfeststellung als auch die
Maßnahmebemessung angegriffen. Der Senat hat daher im Rahmen der Anschuldigung (§ 107 Abs. 1 i.V.m. § 123 Satz 3 WDO) eigene Tat- und Schuldfeststellungen zu treffen, diese rechtlich zu würdigen und gegebenenfalls über
172. Die Berufung der Wehrdisziplinaranwaltschaft ist begründet. Der Soldat hat
ein schweres Dienstvergehen begangen und dadurch das in ihn gesetzte Vertrauen seines Dienstherrn endgültig zerstört, sodass diesem bei der gebotenen
objektiven Betrachtungsweise eine Fortsetzung des Dienstverhältnisses nicht
mehr zugemutet werden kann (vgl. die ständige Rechtsprechung des Senats,
zuletzt Urteil vom 14. November 2007 - BVerwG 2 WD 29.06 - Buchholz 450.2
§ 84 WDO 2002 Nr. 4 m.w.N.). Dies hat gemäß § 63 WDO die Entfernung des
Soldaten aus dem Dienstverhältnis zur Folge.
18a) Tatsächliche Feststellungen
Mit Anschuldigungsschrift vom 2. Oktober 2006 in der Fassung der Nachtragsanschuldigungsschrift vom 7. Mai 2007 wird dem Soldaten im Wesentlichen zur
Last gelegt, als S 4-Versorgungsoffizier im Zeitraum 15. Dezember 2003 bis
24. Mai 2005 in insgesamt 119 Fällen das von der Truppenverwaltung betrügerisch erlangte Bargeld - in der Summe 24 467,69 € - für sich behalten, d.h. endgültig seinem Vermögen einverleibt zu haben. Dieser Anschuldigungssachverhalt ist bis auf den Vorwurf, der Soldat habe das gesamte Geld endgültig für
sich behalten, erwiesen:
19aa) Hinsichtlich des unmittelbaren Tatablaufs hat der Senat gemäß § 84 Abs. 1
Satz 1 WDO von dem im sachgleichen rechtskräftigen Strafurteil des Amtsgerichts U. vom 12. Januar 2006 bindend festgestellten und vom Soldaten auch
eingeräumten Sachverhalt auszugehen, der sich nach der in der Berufungshauptverhandlung ergänzend durchgeführten Beweisaufnahme im Wesentlichen wie folgt darstellt:
20In der Zeit zwischen dem 15. Dezember 2003 und dem 24. Mai 2005 legte der
Soldat als S 4-Versorgungsoffizier des …zentrums … in D. in insgesamt 116
Fällen Rechnungen bzw. Lieferscheine der Firma K. in N. über Handkäufe von
Materialien für die Bundeswehr - jeweils von ihm unterschriftlich mit dem Vermerk „sachlich richtig“ versehen - der Zahlstelle der Truppenverwaltung vor. Zur
Tatausführung nutzte der Soldat insgesamt vier unterschiedliche Rechnungen
bzw. Lieferscheine der Firma über 154,30 €, 195,87 €, 207,45 € und 214 €, die
er im Kopierverfahren vervielfältigt und handschriftlich mit einem neuen Datum
versehen hatte. Obwohl die Einkäufe für die Bundeswehr tatsächlich nicht stattgefunden hatten, vertraute die Truppenverwaltung auf die Richtigkeit der Angaben des Soldaten und zahlte ihm in den 116 Fällen insgesamt 22 667,69 € bar
21Am 18. Mai, 20. Mai und 24. Mai 2005 ließ sich der Soldat von der Zahlstelle
der Truppenverwaltung unter dem Vorwand, er habe Handkäufe für die Bundeswehr (Toner, Kartuschen und Patronen, sonstiges Büromaterial) zu tätigen,
Vorschüsse über 400 €, 600 € und 800 €, insgesamt 1 800 €, bar auszahlen.
Ohne die Einkäufe vorzunehmen oder das Geld zurückzugeben, behielt der
Soldat die Geldbeträge zunächst für sich. Erst am 8. Juni 2005, d.h. nach Entdeckung seines Fehlverhaltens - die erste Vernehmung des Soldaten in dieser
Sache war am 30. Mai 2005 erfolgt - zahlte dieser die 1 800 € der Truppenverwaltung zurück.
22Den ergänzenden, geständigen Einlassungen des Soldaten zufolge, zuletzt in
der Hauptverhandlung vor dem Senat, hatte der Soldat in seinem Spind für
Sondervorhaben eine „schwarze Kasse“ angelegt; es habe sich dort immer Bar-
geld befunden. Er wisse, dass sein Verhalten nicht richtig gewesen sei. Er habe
die Beschaffung „entbürokratisieren“ wollen, was der Soldat in der Berufungshauptverhandlung an Beispielen erläutert hat. Sein „unbürokratisches Handeln“
sei im Interesse des Dienstbetriebes gewesen. Er habe helfen wollen. Es sei ja
Geld da gewesen, aber für andere Zwecke. Deshalb habe er auch die tatsächlichen Rechnungen und Kaufbelege der Zahlstelle nicht vorlegen können.
23bb) Ob der Soldat - wie angeschuldigt - das in 116 Fällen betrügerisch erlangte
Bargeld, insgesamt 22 667,69 €, endgültig für sich behalten hat, bedarf keiner
abschließenden Klärung. Der Soldat hat sich vor dem Amts- und Truppendienstgericht im Wesentlichen dahin eingelassen, er habe keinen Cent privat
behalten. Er habe auch niemandem Geld gegeben, sondern bei Bedarf Material
beschafft und im Bereich der Bundeswehr, z.B. der Kantine, Truppenverwaltung
sowie der Bundeswehr nahestehenden Organisationen, z.B. der Offizierheimgesellschaft, Kriegsgräberfürsorge, zukommen lassen. Dies sei aber schwierig
zu beweisen; es gebe keine Belege mehr.
24In der Berufungshauptverhandlung hat der Soldat ergänzend vorgebracht, er
habe verschiedenen Bereichen der Bundeswehr oder ihr nahestehenden Organisationen ohne eigenen Titel im Bundeswehrhaushalt (Gemeinschaft katholischer Soldaten, Panzerkameradschaft, Kriegsgräberfürsorge etc.) auf Wunsch
Dinge besorgt, auf die sie eigentlich keinen Anspruch gehabt hätten. Etwa ein
Drittel der Gesamtsumme sei an solche privatrechtlichen Organisationen geflossen. In der Hauptverhandlung vor dem Truppendienstgericht hätten nicht
alle Personen, die von ihm beschafftes Material bekommen hätten, als Zeugen
ausgesagt. U.a. habe eine Mitarbeiterin der Truppenverwaltung von ihm, entgegen den Ausstattungsvorschriften, einen Flachbildschirm bekommen. Von den
im April und Mai 2005 insgesamt erhaltenen ca. 6 700 € habe er 1 800 € Anfang Juni zurückerstattet. Von dem Restbetrag (etwa 4 900 €) habe er u.a. für
den S 6 eine Beamerbirne (ca. 800 €), Brenner, Laufwerke, Patchkabel und
Programme besorgt.
25Abweichend vom Vorbringen des Soldaten hatte das Amtsgericht U. in seinem
rechtskräftigen Strafurteil vom 12. Januar 2006 festgestellt, der Soldat habe das
erlangte Bargeld (nur) „zum größten Teil“ zur Beschaffung von Gegen-ständen
für einzelne Bereiche der Bundeswehr sowie für ihr nahestehende Organisationen verwendet, die über keine eigenen Haushaltstitel verfügt hätten oder für die
die Anschaffung der gewünschten Gegenstände nicht vorgesehen gewesen sei.
26Der Senat hat - anders als das Truppendienstgericht - davon abgesehen, sich
insoweit gemäß § 84 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 123 Satz 3 WDO von den Feststellungen im Strafurteil des Amtsgerichts U. zu lösen und dann eigene
- gegebenenfalls abweichende - Feststellungen zur tatsächlichen Verwendung
der vom Soldaten betrügerisch erlangten Gelder zu treffen. Dabei kann offenbleiben, ob hier überhaupt die Voraussetzungen für einen solchen Lösungsbeschluss vorgelegen hätten (vgl. dazu z.B. Urteil vom 7. November 2007
- BVerwG 2 WD 1.07 - BVerwGE 130, 12 <15 ff.> m.w.N.). Denn jedenfalls sind
Sachverhaltsaufklärungen zum tatsächlichen Verwendungszweck der Gelder
weder für die Feststellung des Dienstvergehens noch für die Bestimmung der
angemessenen Disziplinarmaßnahme entscheidungserheblich. Selbst wenn zu
Gunsten des Soldaten davon auszugehen sein sollte, dass dieser die durch
Betrug erlangten Gelder in Höhe von 22 667,69 € letztlich für Einrichtungen der
Bundeswehr oder bundeswehrnahe Organisationen ausgegeben hat, hat der
Soldat die Verhängung der disziplinarischen Höchstmaßnahme verwirkt; dies
wird nachfolgend ausgeführt.
27b) Disziplinarrechtliche Würdigung
Durch das von den Anschuldigungspunkten 1 und 2 erfasste und für den Senat
bindend festgestellte innerdienstliche Fehlverhalten hat der Soldat als
S 4-Versorgungsoffizier, zuständig für Beschaffung, wiederholt seine Pflicht, der
Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen (§ 7 SG) in Gestalt der Vermögenswahrungspflicht gegenüber dem Dienstherrn (vgl. dazu z.B. Urteil vom
§ 107 WDO 2002 Nr. 1 = NZWehrr 2004, 31 m.w.N.) sowie in ihrer Ausprägung
als Pflicht zur Loyalität gegenüber der geltenden Rechtsordnung, vor allem zur
Beachtung der Strafgesetze (vgl. dazu z.B. Urteil vom 11. Juni 2008 - BVerwG
2 WD 11.07 - Buchholz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr. 26 m.w.N.) vorsätzlich ver-
letzt. Durch sein Fehlverhalten beging er in 119 tatmehrheitlichen Fällen Straftaten nach § 263 Abs. 1 StGB (Betrug). Dafür wurde er zu einer Freiheitsstrafe
rechtskräftig verurteilt. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz hat der Soldat
aber keine Urkundendelikte im Sinne des § 267 Abs. 1 StGB begangen. Insoweit wurde weder eine unechte Urkunde hergestellt noch eine echte Urkunde
verfälscht noch eine unechte oder verfälschte Urkunde zur Täuschung im
Rechtsverkehr gebraucht. Die von dem Soldaten bei der Zahlstelle der Truppenverwaltung eingereichten Handkaufnachweise waren als Kopien von Originalschreiben von der Truppenverwaltungsbeamtin N. als solche erkannt und
- im Tatzeitraum - akzeptiert worden. Die Kopien stammten vom Soldaten, der
jeweils ein neues Datum, den Vermerk „sachlich richtig“ und seine Unterschrift
hinzugefügt hatte. Es handelte sich nicht um Identitätstäuschungen, sondern
um „schriftliche Lügen“.
28Mit seinem Fehlverhalten hat der Soldat zugleich auch jeweils bewusst und gewollt, d.h. vorsätzlich gegen seine Pflicht nach § 13 Abs. 1 SG verstoßen, in
dienstlichen Angelegenheiten die Wahrheit zu sagen. Seine von ihm mittels der
kopierten, inhaltlich unrichtigen Nachweise abgegebenen Erklärungen mit dem
Inhalt, er habe ordnungsgemäß und berechtigt im dienstlichen Auftrag Handkäufe getätigt, für die Erstattungsansprüche bestünden, waren objektiv unwahr,
was er wusste. Ebenso wusste der Soldat in den letzten drei Fällen der Annahme von Vorschussgeldern (Anschuldigungspunkt 2) bereits im Zeitpunkt der
Antragstellung, dass er die angegebenen Handkäufe nicht tätigen werde.
Gleichwohl hat er in diesem Bewusstsein jeweils die objektiv unwahren Erklärungen abgegeben.
29Darüber hinaus hat der Soldat durch seine Betrügereien gegenüber dem
Dienstherrn auch seine Pflicht zu achtungs- und vertrauenswürdigem Verhalten
im Dienst (§ 17 Abs. 2 Satz 1 SG) vorsätzlich verletzt. Diese Vorschrift findet im
Ansehens- oder Vertrauensschädigung innewohnen. Die Vorschrift stellt allein
auf diese Eignung ab. Achtungs- und Vertrauenswürdigkeit eines Soldaten können durch sein Verhalten aber schon dann Schaden nehmen, wenn dieses
- BVerwG 2 WD 6.07 - Buchholz 449 § 10 SG Nr. 59 = NZWehrr 2009, 33
m.w.N., stRspr). Letzteres ist hier der Fall. Der Soldat hat in der herausgehobenen Position eines Hauptmanns und S 4-Versorgungsoffiziers über eineinhalb
Jahre wiederholt bewusst und gewollt in krimineller Weise das Vermögen der
Bundeswehr geschädigt.
30c) Bemessung der Disziplinarmaßnahme
Durch die vorsätzliche Verletzung seiner Dienstpflichten gemäß § 7 SG i.V.m.
§ 263 Abs. 1 StGB, § 13 Abs. 1 und § 17 Abs. 2 Satz 1 SG hat der Soldat ein
sehr schweres Dienstvergehen im Sinne des § 23 Abs. 1 SG begangen, das
den Ausspruch der disziplinarischen Höchstmaßnahme - Entfernung aus dem
Dienstverhältnis - erforderlich macht.
31Bei der Bemessung der Disziplinarmaßnahme ist von der von Verfassungs wegen allein zulässigen Zwecksetzung des Wehrdisziplinarrechts auszugehen.
Dienstbetrieb wiederherzustellen und/oder aufrechtzuerhalten („Wiederherstellung und Sicherung der Integrität, des Ansehens und der Disziplin in der Bundeswehr“, vgl. dazu Urteil vom 11. Juni 2008 a.a.O. m.w.N.). Bei Art und Maß
32aa) Eigenart und Schwere eines Dienstvergehens bestimmen sich nach dem
Unrechtsgehalt der Verfehlung, d.h. nach der Bedeutung der verletzten Dienstpflichten. Danach wiegt das Dienstvergehen des Soldaten sehr schwer.
Der Schwerpunkt seiner Verfehlung liegt in der Verletzung seiner Pflicht zum
treuen Dienen (§ 7 SG). Der besondere Unrechtsgehalt des Dienstvergehens
ergibt sich vor allem daraus, dass der Soldat in seiner Funktion als S 4-
Versorgungsoffizier im Rahmen seiner dienstlichen Kernpflichten kriminelles
Unrecht im Sinne des § 263 Abs. 1 StGB begangen und wegen Betruges in 119
tatmehrheitlichen Fällen rechtskräftig zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von neun
Monaten verurteilt worden ist. Die Pflicht zum treuen Dienen (§ 7 SG) ist gerade
auch bei solchen dienstlichen Vorgängen, die erfahrungsgemäß schwer kontrolliert werden können, von besonderer Bedeutung. Beim Umgang mit Geld und
Gut ist die Bundeswehr auf die Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit ihrer Soldaten in
hohem Maße angewiesen. Dies gilt gerade auch für das Beschaffungswesen
der Streitkräfte, das wie jede Ausgabentätigkeit der Verwaltung zudem vom
Grundsatz der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit geprägt ist (vgl. dazu § 34
Abs. 2 Satz 1 BHO). Erfüllt ein S 4-Versorgungsoffizier im Kernbereich seines
Dienstpostens diese zentralen dienstlichen Pflichten nicht, so erschüttert er das
Vertrauensverhältnis zu seinem Dienstherrn nachhaltig und begründet schwerste Zweifel an seiner Zuverlässigkeit und persönlichen Integrität. Ein solches
Fehlverhalten, für das auch die Allgemeinheit kein Verständnis hat, bedarf einer
nachdrücklichen, nach außen sichtbaren Disziplinarmaßnahme (vgl. dazu auch
Urteil vom 11. Juni 2008 a.a.O.).
34Der Dienstposten des Soldaten beinhaltete zentrale Funktionen auf dem Gebiet
der Material- und Bestandsnachweisführung sowie der dezentralen Beschaffung. Beschaffungsmaßnahmen gehörten zu seinen Kernaufgaben als S 4-
Versorgungsoffizier. In diesem Kernbereich hat der Soldat immer wieder elementare Grundsätze des Haushalts- und Beschaffungswesens - die Unantastbarkeit und jederzeitige Nachweisbarkeit dienstlich verausgabter Gelder - vorsätzlich verletzt. Zudem hat er insoweit einen schweren Haushaltsverstoß begangen, als er eine „schwarze Kasse“ eingerichtet hat. Durch das Anlegen einer
„schwarzen Kasse“ werden öffentliche Mittel der geordneten Haushaltsführung
und -kontrolle vorenthalten, was zur „Verschleuderung von Steuergeldern“ beiträgt. Ein solches Fehlverhalten ist, insbesondere bei erhöhter haushaltsrechtlicher Verantwortung, von besonderem Gewicht. Dabei ist es nicht entscheidend,
ob die Gelder der „schwarzen Kasse“ für bereits vorhandene oder erst künftig
erwartete Bedürfnisse eingesetzt werden. Eine eigennützige Verfügung über
Mittel in einer „schwarzen Kasse“, die aus Geldern des Dienstherrn gebildet
worden ist, führt - schon für sich gesehen - regelmäßig zur Entfernung aus dem
Dienstverhältnis (vgl. für das Beamtendisziplinarrecht, Urteil vom 6. September
1989 - BVerwG 1 D 50.88 - NVwZ-RR 1990, 152 f.).
35Eigenart und Schwere des vorliegenden Dienstvergehens sind zudem dadurch
gekennzeichnet, dass es sich nicht nur um ein einmaliges Fehlverhalten gehandelt hat, sondern der Soldat über eineinhalb Jahre in 116 Fällen der Truppenverwaltung bewusst inhaltlich unrichtige Nachweise vorgelegt und in drei
weiteren Fällen unwahre Angaben gemacht hat, um so fortlaufend vermögensschädigende Auszahlungen zu bewirken. Ein Soldat, der gegenüber Vorgesetzten und Dienststellen der Bundeswehr in dienstlichen Angelegenheiten unwahre
Erklärungen abgibt, büßt hierdurch allgemein seine Glaubwürdigkeit ein (vgl.
dazu u.a. Urteil vom 11. Juni 2008 a.a.O. m.w.N.) und beschädigt diese schwerwiegend. Die Bedeutung der Wahrheitspflicht (§ 13 Abs. 1 SG) kommt schon
darin zum Ausdruck, dass diese - anders als z.B. bei Bundesbeamten - für Soldaten gesetzlich ausdrücklich geregelt ist. Eine militärische Einheit kann nicht
ordnungsgemäß geführt werden, wenn sich die Führung und die Vorgesetzten
nicht auf die Richtigkeit abgegebener Meldungen, Erklärungen und Aussagen
Untergebener verlassen können. Denn auf ihrer Grundlage müssen im Frieden
und erst recht im Einsatzfalle gegebenenfalls Entschlüsse von erheblicher
Tragweite gefasst werden (stRspr, vgl. u.a. Urteil vom 11. Juni 2008 a.a.O.
m.w.N.). Wer als S 4-Versorgungsoffizier in Erklärungen gegenüber der Truppenverwaltung, also in dienstlichem Zusammenhang, vorsätzlich unrichtige Angaben macht, lässt unmissverständlich erkennen, dass seine Bereitschaft zur
Verwendungsfähigkeit des Soldaten.
36Auch die Verletzung der Pflicht zu achtungs- und vertrauenswürdigem Verhalten im Dienst (§ 17 Abs. 2 Satz 1 SG) wiegt schwer. Die Pflicht zur Wahrung
von Achtung und Vertrauen ist kein Selbstzweck, sondern hat funktionalen Be-
zug zur Erfüllung des grundgesetzmäßigen Auftrages der Streitkräfte und zur
Gewährleistung des militärischen Dienstbetriebs. Ein Soldat, insbesondere ein
es nicht darauf an, ob gegebenenfalls eine ernsthafte Beeinträchtigung der Achtungs- und Vertrauenswürdigkeit tatsächlich eingetreten ist, sondern nur darauf,
ob das festgestellte Verhalten dazu geeignet war (stRspr, z.B. Urteil vom
19. April 2007 - BVerwG 2 WD 7.06 - Buchholz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr. 21).
37Eigenart und Schwere des Dienstvergehens werden im vorliegenden Fall
schließlich auch dadurch bestimmt, dass der Soldat aufgrund seines Dienstgrades als Hauptmann in einem Vorgesetztenverhältnis stand (§ 1 Abs. 5 SG a.F.
i.V.m. § 4 Abs. 2 und Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 sowie Abs. 3 VorgV). Soldaten in Vorgesetztenstellung obliegt eine erhöhte Verantwortung für die Wahrung dienstlicher Interessen (stRspr, vgl. u.a. Urteil vom 16. Oktober 2002 - BVerwG 2 WD
23.01, 32.02 - BVerwGE 117, 117 = Buchholz 236.1 § 13 SG Nr. 9). Wegen seiner herausgehobenen Stellung ist ein Vorgesetzter in besonderem Maße für die
damit im Falle einer Pflichtverletzung einer verschärften Haftung, da Vorgesetzte in ihrer Haltung und Pflichterfüllung ein Beispiel geben sollen (§ 10
Abs. 1 SG). Dabei ist nicht erforderlich, dass es der Soldat bei seinem Fehlverhalten innerhalb eines konkreten Vorgesetztenverhältnisses an Beispielhaftigkeit hat fehlen lassen. Es reicht das Innehaben einer Vorgesetztenstellung aufgrund des Dienstgrades aus.
38bb) Die Auswirkungen des Fehlverhaltens für den dienstlichen Bereich belasten
den Soldaten in mehrfacher Hinsicht erheblich. Durch sein Dienstvergehen war
der Bundeswehr vorübergehend ein hoher Vermögensschaden von über
24 000 € entstanden. Nur ein Teilbetrag von 1 800 € ist bislang erstattet worden; erst jetzt - nach rechtskräftigem Abschluss des Disziplinarverfahrens - wird
geprüft werden, in welchem Umfang der Soldat zum Schadenersatz herangezogen werden kann. Ein Schadensausgleich ist auch nicht dadurch eingetreten,
dass der Soldat von dem Bargeld teilweise Materialien beschafft hat, die mittel-
bar der Bundeswehr wieder zugute gekommen sind. Die Stärke- und Ausrüstungsnachweisung (StAN) der Bundeswehr bestimmt unter anderem, welches
Material (z.B. Fahrzeuge, Ausrüstungen und Verbrauchsmaterialien) in den
Dienststellen, Einheiten und Verbänden als planmäßige Ausstattung festgelegt
ist. Durch die einschlägigen Haushaltsvorschriften, nach denen zu beschaffende Materialien in den StAN-Listen vorgesehen sein müssen, hat der Dienstherr
zugleich zum Ausdruck gebracht, dass weiteres Material für die Aufrechterhaltung des Dienstbetriebes nicht zur Verfügung gestellt werden soll. Der Soldat
war nicht befugt, sich im vermeintlichen dienstlichen Interesse über diese Anordnungen nach eigenem Gutdünken hinwegzusetzen.
39Ferner hatte das Fehlverhalten für die Personalplanung und -führung insoweit
negative Auswirkungen, als der Soldat als Hauptmann und S 4-Offizier mit Verfügung vom 7. November 2005 vorläufig des Dienstes enthoben wurde und bis
zur Aufhebung der Verfügung am 17. Dezember 2007 insgesamt über zwei
Jahre keinen Dienst leistete. Die damit verbundenen nachteiligen Folgen für
den Dienstbetrieb muss sich der Soldat zurechnen lassen. Auch das Bekanntwerden seiner Verfehlungen bei den mit der Strafverfolgung und Durchführung
des Strafverfahrens befassten Personen ist zu seinen Lasten zu berücksichtigen, da der Vorfall bei Außenstehenden ein schlechtes Licht auf den Ruf der
Bundeswehr und ihrer Angehörigen geworfen hat.
40cc) Da zu Gunsten des Soldaten - entsprechend seinen Einlassungen - davon
ausgegangen wird, dass dieser mit dem betrügerisch erlangten Bargeld Materialien für den Bundeswehrbereich und für bundeswehrnahe privatrechtliche Organisationen besorgt hat, war sein Handeln maßgebend davon bestimmt, sich
selbst den Dienst zu erleichtern - „Entbürokratisierung“ der Beschaffung - und
sein Ansehen und seinen Ruf als „Organisationstalent“ bei Vorgesetzten, Kameraden und Dritten zu steigern. Er handelte damit - zumindest ideell - eigennützig. Soweit er meint, dabei letztlich immer „im dienstlichen Interesse“ gehandelt zu haben, ist dies rechtsirrig. Sein Verhalten entsprach jedenfalls nicht der
objektiv vorgegebenen Ausstattungs- und Haushaltslage und verletzte seine
dienstlichen Kernpflichten.
41dd) Das Maß der Schuld des Soldaten wird vor allem dadurch bestimmt, dass
er vorsätzlich gehandelt hat. Hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass er zur
42Milderungsgründe in den Umständen der Tat, die die Schuld des Soldaten mindern könnten, sind ebenfalls nicht erkennbar. Sie wären nach der ständigen
Senat in seiner gefestigten Rechtsprechung verschiedene - nicht abschließende - Fallgruppen entwickelt, z.B. ein Handeln in einer ausweglos erscheinenden, unverschuldeten wirtschaftlichen Notlage, die auf andere Weise nicht zu
beheben war, ein Handeln unter schockartig ausgelöstem psychischen Zwang
oder unter Umständen, die es als unbedachte, im Grunde persönlichkeitsfremde Augenblickstat eines ansonsten tadelfreien und im Dienst bewährten Soldaten erscheinen lassen, sowie ein Handeln in einer körperlichen oder seelischen
Ausnahmesituation (vgl. u.a. Urteil vom 23. September 2008 a.a.O. m.w.N.,
43Ausreichende Anhaltspunkte dafür, dass die Voraussetzungen eines solchen
Milderungsgrundes im Tatzeitraum (Dezember 2003 bis Mai 2005) vorgelegen
haben, sind nicht ersichtlich. Dies gilt insbesondere für ein mögliches Handeln
in einer wirtschaftlichen Notlage. Zwar war der Soldat schon damals mit
ca. 100 000 € hoch verschuldet und hatte zum Leben monatlich nur ca. 800 bis
900 € zur Verfügung. Nach eigenen Angaben kam und kommt er damit aber
einigermaßen aus. Im Übrigen macht der Soldat ein Handeln in wirtschaftlicher
Notlage auch nicht geltend. Dies ist insoweit folgerichtig, als er bestreitet, sich
Geld der Truppenverwaltung privat zugeeignet zu haben.
44Der Soldat kann sich auch nicht mit Erfolg auf andere, von der Rechtsprechung
über die drei genannten „klassischen Milderungsgründe“ hinaus entwickelte
mildernde Umstände berufen. So sah sich der Soldat bei seinem Fehlverhalten
nicht unverschuldet einer außergewöhnlichen situationsgebundenen Erschwernis gegenüber (vgl. dazu z.B. Urteil vom 17. September 2003 - BVerwG 2 WD
49.02 - Buchholz 235.01 § 38 WDO 2002 Nr. 12 m.w.N.). Eine solche „Erschwernislage“ kann insbesondere nicht darin gesehen werden, dass der Soldat - wie er vorträgt - von Vorgesetzten und/oder anderen Kameraden immer
wieder gebeten worden sein soll, Materialien zu beschaffen, die nach den
Haushaltsbestimmungen und der StAN nicht zur planmäßigen Ausstattung der
Dienststellen, Einheiten und Verbände gehörten. Gerade in seiner Funktion als
S 4-Versorgungsoffizier war der Soldat verpflichtet, sich an die Beschaffungsvorschriften zu halten und ihnen widersprechenden Anforderungen und Wünschen, auch soweit sie von Vorgesetzten geäußert worden sein sollten, entschieden entgegenzutreten. Dies war ihm aufgrund seiner Dienststellung als
S 4-Offizier im Rang eines Hauptmanns auch möglich und zumutbar.
45Zudem gibt es auch keine hinreichenden Anhaltspunkte für ein den Soldaten
entlastendes Mitverschulden von Vorgesetzten, etwa im Hinblick auf eine möglicherweise unzureichende Wahrnehmung der Dienstaufsicht (vgl. dazu z.B. Urteil vom 17. September 2003 a.a.O. m.w.N.). Zwar hat sich der Soldat in der
Hauptverhandlung vor dem Senat u.a. dahin eingelassen, „man“ habe seine
Vorgehensweise geduldet. Bei der monatlichen Prüfung hätte es auffallen müssen, dass er über den Titel „Büromaterial“ Geräte abgerechnet habe, die dort
nicht hineingepasst hätten. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass der Soldat
gerade keine Rechnungen und/oder Lieferscheine vorgelegt hat, aus denen
sich ergeben hätte, was er tatsächlich jeweils angeschafft hatte. Dessen ungeachtet vermag sich der Soldat auf ein mögliches Mitverschulden von Vorgesetzten wegen fehlender oder ungenügender Kontrollmaßnahmen auch deshalb
nicht zu berufen, weil er die Lage zielgerichtet ausgenutzt hat (vgl. dazu Urteil
vom 13. Februar 2008 - BVerwG 2 WD 9.07 - Buchholz 450.2 § 58 WDO 2002
Nr. 4; Wilhelm, ZBR 2009, 158 <159>). Mittels seiner besonderen Kenntnisse
und Befugnisse als S 4-Versorgungsoffizier legte er über einen Zeitraum von
etwa eineinhalb Jahren in 116 Fällen bewusst unwahre Handkaufnachweise bei
der Zahlstelle der Truppenverwaltung vor und ließ sich in drei weiteren Fällen
zu Unrecht Vorschüsse auszahlen. Zudem richtete er eine „schwarze Kasse“
ein. Er handelte wohlüberlegt und planmäßig mit dem Ziel, die Beschaffung zu
„entbürokratisieren“. Er bedurfte insoweit keiner Aufklärung über die ihm obliegenden Dienstpflichten. Auch wenn sein Fehlverhalten bei einer gründlicheren
Kontrolle schon zu einem früheren Zeitpunkt hätte auffallen müssen, kann dieser Umstand den Soldaten nicht entlasten. Die Truppenverwaltung konnte und
musste grundsätzlich davon ausgehen, dass er als Hauptmann und S 4-Offizier
wahrheitsgemäße Angaben macht, d.h. gegenüber seinem Dienstherrn insoweit
nicht straffällig wird.
46Schließlich kommt dem Soldaten auch nicht der Milderungsgrund der freiwilligen Wiedergutmachung des Schadens vor Tatentdeckung zugute. Nach ständiger Rechtsprechung des Senats (vgl. z.B. Urteil vom 6. Mai 2003 - BVerwG
NZWehrr 2004, 31) kann zwar die freiwillige, vor Entdeckung der Tat erfolgte,
nicht durch die Furcht vor konkreter Entdeckung bestimmte Wiedergutmachung
des durch das Fehlverhalten eines bisher unbescholtenen Soldaten dem
Dienstherrn zugefügten materiellen Schadens einen Milderungsgrund darstellen. Diese Voraussetzungen sind hier jedoch aus mehreren Gründen nicht erfüllt. Der bereits disziplinarisch vorbelastete Soldat ist nicht unbescholten. Es
fehlt auch an einer Schadenswiedergutmachung vor Tatentdeckung. Die erste
Vernehmung des Soldaten in dieser Sache war am 30. Mai 2005 erfolgt; zur
Sache hat er damals nicht ausgesagt. Erst am 8. Juni 2005 hat der Soldat die
offenen Handkäufe vom 18., 20. und 24. Mai 2005 (Anschuldigungspunkt 2)
durch Erstattung der 1 800 € ausgeglichen. Ein weiterer Schadensausgleich ist
bislang nicht erfolgt. Aber selbst wenn man in der Verwendung von etwa zwei
Dritteln der Gelder für „Bundeswehr-Zwecke“ eine rechtzeitige Schadenswiedergutmachung sehen sollte, fehlte es insoweit jedenfalls am Merkmal der
Freiwilligkeit. Nach der ständigen Rechtsprechung des Senats (vgl. z.B. Urteil
vom 9. März 1995 - BVerwG 2 WD 1.95 - BVerwGE 103, 217 <218> = Buchholz 236.1 § 7 SG Nr. 2 = NZWehrr 1995, 161) liegt eine freiwillige Schadenswiedergutmachung nur dann vor, wenn sie ohne äußeren oder inneren zwingenden Anlass erfolgt und wenn das Verhalten des Soldaten erkennbar von
Einsicht und Reue bestimmt ist, sodass deswegen das an sich zerstörte Vertrauen des Dienstherrn in die Zuverlässigkeit und Treuebereitschaft des Solda-
ten wiederhergestellt werden kann (objektiv nachträgliche Prognose). Ein solcher Fall ist hier aber gerade nicht gegeben. Die Anschaffungen erfolgten nicht
aus Einsicht und Reue. Sie gehörten vielmehr zum System des Soldaten „entbürokratisierter Beschaffung“.
47ee) Die vom Soldaten erbrachten dienstlichen Leistungen lagen ausweislich der
vom Senat anhand der bei den Akten befindlichen und in die Berufungshauptverhandlung eingeführten dienstlichen Beurteilungen (zuletzt vom 25. März
2002 und 22. Februar 2008) leicht oberhalb des mittleren Bereichs. Der derzeitige, in der Hauptverhandlung vor dem Senat angehörte Disziplinarvorgesetzte
des Soldaten, Oberstleutnant R., hat den Soldaten allerdings als „die Stütze
schlechthin“ bezeichnet; er erbringe eine beeindruckende exzellente Leistung.
Der Leumundszeuge hat auch den sehr positiven Beurteilungsbeitrag des
Kommandanten …depot N., Oberstleutnant N., vom 18./22. September 2008 -
vom Soldaten in der Hauptverhandlung überreicht -, bestätigt. In diesem Beurteilungsbeitrag wird dem Soldaten ein sehr hoher Durchschnittswert der Aufgabenerfüllung („6,80“) zuerkannt.
48Allerdings lassen frühere Beurteilungen des Soldaten indirekt erkennen, dass er
es mit der Einhaltung dienstlicher Vorschriften bereits damals nicht immer sehr
genau nahm. So kommt etwa in der Beurteilung vom 25. März 2002 zum Ausdruck, dass sich der Soldat „schnell“ und „unbürokratisch“ besonders in prekären Situationen vorrangig um die Beschaffung „schwer beschaffbarer“ Versorgungsartikel kümmere. Er sei ein „Mann der Praxis“. Diesen Eindruck vom Persönlichkeitsbild des Soldaten hat Oberstleutnant Rü., damals Stellvertreter des
Leiters des …zentrums in D. und Vorgesetzter des Soldaten, als Zeuge in der
Berufungshauptverhandlung bestätigt. Der Soldat sei ein „guter S 4“ gewesen,
der „besorgt und beschafft“ habe. Das „Organisationstalent“ des Soldaten war
erkennbar mit seiner ungenügend ausgeprägten Bereitschaft verbunden, „unzulässigen Beschaffungswünschen“ entschieden entgegenzugetreten und erforderlichenfalls gegenüber unzulässigen Beschaffungsbegehren auch nein zu
sagen. Das muss von einem S 4-Versorgungsoffizier und Hauptmann aber verlangt werden, auch wenn er deshalb - zu Unrecht - vielleicht abwertend als „Bedenkenträger“ oder „Formalist“ bezeichnet wird. Diese entscheidende
Schwachstelle im Persönlichkeitsbild des Soldaten ist auch in der Aussage des
Leumundszeugen Oberst M., damals Disziplinarvorgesetzter des Soldaten,
deutlich geworden. Der Zeuge hat vor dem Senat wiederholt zu erkennen gegeben, dass der damalige Kommandeur des …regiments …, Oberst K., der den
Soldaten als S 4-Offizier sehr geschätzt habe, oft sehr „fordernd“ aufgetreten
sei. Er, der Zeuge, könne sich vorstellen, dass der Soldat dem Kommandeur
nicht habe die „Stirn bieten“ können.
49Den Soldaten belastet ferner erheblich, dass er sich die disziplinargerichtliche
Degradierung zum Oberleutnant (2001/2002) wegen eines außerdienstlichen
Betruges nicht hat zur Warnung dienen lassen. In seinem Berufungsurteil vom
11. Juli 2002 (Urteilsabdruck Seite 24) hatte der Senat den Soldaten zudem
ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, er müsse sich bewusst sein, „dass
er bei einem schwerwiegenden Verstoß gegen seine Dienstpflichten unter Umständen seinen Dienstgrad und seine Dienststellung in der Bundeswehr sowie
die Höhe der Alimentation aufs Spiel setzt“. Dieser Hinweis hat den Soldaten
offensichtlich nicht sehr beeindruckt. Bereits knapp 17 Monate später, im Dezember 2003 begann er als S 4-Versorgungsoffizier mit seinem betrügerischen
Handeln gegenüber der Zahlstelle der Truppenverwaltung, das Gegenstand des
vorliegenden Verfahrens ist.
50ff) Aufgrund der gebotenen Gesamtwürdigung des schuldhaften Fehlverhaltens
des Soldaten und der dafür erforderlichen Abwägung aller be- und entlastenden
Umstände ist im Hinblick auf Eigenart und Schwere des Dienstvergehens, das
nach Auffassung des Senats der Ausspruch seiner Entfernung aus dem Dienstverhältnis unabweislich.
51(1) Die Verhängung der disziplinarischen Höchstmaßnahme in Gestalt der Entfernung aus dem Dienstverhältnis (§ 63 WDO) ist dann geboten, wenn der Soldat durch ein schweres Dienstvergehen das in ihn gesetzte Vertrauen seines
Dienstherrn endgültig verloren hat, sodass diesem bei objektiver Betrachtung
eine Fortsetzung des Dienstverhältnisses nicht mehr zugemutet werden kann.
Die Frage nach der erforderlichen fortbestehenden Vertrauenswürdigkeit eines
Soldaten beantwortet sich dabei schon aus Gründen der Gleichbehandlung
(Art. 3 Abs. 1 GG) sowie im Interesse der rechtsstaatlich gebotenen Voraussehbarkeit der Disziplinarmaßnahme ausschließlich nach den vom Wehrdienstgericht festgestellten objektiven Bemessungsgesichtspunkten, hängt also z.B.
nicht von den Erwägungen der Einleitungsbehörde oder der mitunter eher
pragmatischen Einschätzung der unmittelbaren oder früheren Disziplinarvorgesetzten ab. Ob das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und persönliche Integrität
des betroffenen Soldaten erschüttert oder gar zerstört ist, ist allein nach einem
objektiven Maßstab, also aus der Perspektive eines objektiv und vorurteilsfrei
den Sachverhalt betrachtenden Dritten, nach der Sach- und Rechtslage im Zeitpunkt der wehrdienstgerichtlichen Entscheidung zu beurteilen (stRspr, vgl. dazu
insgesamt z.B. Urteile vom 14. November 2007 - BVerwG 2 WD 29.06 - Buchholz 450.2 § 84 WDO 2002 Nr. 4 und vom 4. März 2009 - BVerwG 2 WD
10.08 - Veröffentlichung in Buchholz vorgesehen>, jeweils m.w.N.). Auf die
Äußerungen der Leumundszeugen Oberst M. und Oberstleutnant R. in der Berufungshauptverhandlung zum ihrer Meinung nach fortbestehenden Vertrauen
in den Soldaten kommt es folglich nicht entscheidend an.
52Nach den genannten Grundsätzen ist die Entfernung des Soldaten aus dem
Dienstverhältnis Ausgangspunkt der Zumessungserwägungen:
53Vergreift sich ein Soldat in Vorgesetztenstellung vorsätzlich an Eigentum oder
nach der neueren Senatsrechtsprechung (vgl. z.B. Urteil vom 13. Februar 2008
a.a.O. m.w.N.) regelmäßig eine Dienstgradherabsetzung. Diese erste Einstufung des Dienstvergehens gilt auch bei vorsätzlich versuchter oder vollendeter
Schädigung bzw. Gefährdung des Vermögens des Dienstherrn durch Betrug
(vgl. z.B. Urteil vom 11. Juni 2008 - BVerwG 2 WD 11.07 - Buchholz 450.2 § 38
WDO 2002 Nr. 26 m.w.N.). Erfolgt jedoch der vorsätzliche Zugriff im Bereich
der dienstlichen Kernpflichten des Soldaten (z.B. Entwendung „anvertrauten“
dienstlichen Geldes

References: § 17
 § 10
 § 13
 § 17
 § 10
 § 115
 § 116
 § 123

§ 84
 § 63
 § 84
 § 84
 § 123

§ 107
 § 38
 § 263
 § 267
 § 13
 § 10
 § 7

§ 263
 § 13
 § 17
 § 23
 § 263
 § 34
 § 38
 § 4
 § 13
 § 38
 § 58
 § 7
 § 84
 § 38