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Timestamp: 2017-07-24 00:38:40+00:00

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No. 8Die Anzeigen erscheinen wöchentlich zweimal.Dienstags und FreitagsSchönberg, den 27. Januar 1888achtundfünfzigster JahrgangPreis vierteljährlich 20 jährlich 1 32. Startseite
<< Ausgabe vorher>> Ausgabe danach[ => Original lesen: 1888 Nr. 8 Seite 1] Auf Antrag der Hamburgischen Baugewerks=Berufsgenossenschaft vom 4. d. Mts. werden hierdurch folgende Bestimmungen bekannt gemacht:
A. aus dem ersten Nachtrag zum Statut der Berufsgenossenschaft.
Gewerbetreibende, welche nicht regelmäßig wenigstens einen Lohnarbeiter beschäftigen.
Die im § 1, des Unfallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 und im § 1 Absatz 1 und 2 des Bauunfallversicherungsgesetzes vom 11. Juli 1887 begründete Versicherungspflicht wird auf alle Baugewerbetreibenden ausgedehnt, welche nicht regelmäßig wenigstens einen Lohnarbeiter beschäftigen.
Die Gewerbetreibenden dieser Art haben bei der Anmeldung (vergleiche Nebenstatut § 5) ihren Jahresarbeitsverdienst anzugeben.
Erreicht der angegebene Jahresarbeitsverdienst nicht das Dreihundertfache des von der höheren Verwaltungsbehörde für Erwachsene festgesetzten ortsüblichen Tagelohnes gewöhnlicher Tagearbeiter (im Fürstenthum Ratzeburg für männliche Personen 1,70 M. für weibliche 1,20 M.), so ist dieser Betrag als Jahresarbeitsverdienst anzunehmen.
Dem Genossenschaftsvorstande steht frei, den angemeldeten Jahresarbeitsverdienst bis auf den Betrag des Jahresarbeitsverdienstes, welchen ein Arbeiter des Betriebszweiges des Gewerbetreibenden in dessen Wohnortsbezirk oder in einem benachbarten Bezirk durchschnittlich bezieht, zu erhöhen oder zu ermäßigen.
Macht der Genossenschaftsvorstand von dieser Befugniß Gebrauch, so tritt die Erhöhung bezw. die Ermäßigung des Jahresarbeitsverdienstes mit der Zustellung des Beschlusses an den Gewerbetreibenden in Kraft.
Anmerkung: Als Baugewerbetreibende, welche nicht regelmäßig wenigstens einen Lohnarbeiter beschäftigen, werden diejenigen angesehen, welche weniger als 250 Tagelöhne (Tagschichten) im Jahre bezahlen, beziehungsweise, welche einen Arbeiter an weniger als 250 Tagen beschäftigen.
Die durch § 48 und § 48a begründete Selbstversicherung der selbstständigen Gewerbetreibenden bezw. der Genossenschaftsmitglieder, sowie die Versicherung anderer von diesen bei der Bauausführung beschäftigten, nach § 1 des Bauunfallversicherungsgesetzes nicht versicherten Personen erfolgt bei der Versicherungsanstalt (Bauunfallversicherungsgesetz § 16 Absatz 3).
B. aus dem Nebenstatut:
II. Ausdehnung der Versicherung.
Baugewerbetreibende, welche nicht regelmäßig wenigstens einen Lohnarbeiter beschäftigen, haben sich innerhalb vier Wochen nach Inkrafttreten des Bauunfallversicherungsgesetzes (nach dem 1. Januar 1888) bei dem Genossenschaftsvorstande unter Angabe des Gegenstandes ihres Betriebes und ihres Jahresarbeitsverdienstes anzumelden.
Für Unternehmer dieser Art, welche erst später ihren Gewerbebetrieb beginnen oder die regelmäßige Beschäftigung wenigstens eines Lohnarbeiters aufgeben, nimmt die Anmeldungsfrist mit diesem Zeitpunkte ihren Anfang.
Wegen der nicht rechtzeitigen Anmeldung wird auf die Strafbestimmungen der §§ 103 ff. des Unfallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 Bezug genommen.
Wird die Anmeldung von dem Gewerbetreibenden nicht rechtzeitig oder nicht vollständig, oder nicht der Wahrheit gemäß gemacht, so ist dieselbe von dem Vertrauensmanne nach seiner Kenntniß der Verhältnisse zu ergänzen.
Wenn die Verhältnisse, welche die Versicherungspflicht begründen, in Wegfall kommen, so hat sich der Gewerbetreibende unter Angabe des Grundes des Erlöschens der Versicherungspflicht bei dem Vorstande abzumelden. Die Prämien sind bis zum Ablauf desjenigen Monats zu zahlen, in welchem die Abmeldung erfolgt. (Vergleiche §§ 48a und 48b des Statuts.).
[ => Original lesen: 1888 Nr. 8 Seite 2] Die Ortsvorstände werden antragsmäßig aufgefordert, fortdauernd auf die Befolgung dieser Bestimmungen hinzuwirken und Unterlassungen dem Genossenschaftsvorstande in Hamburg mitzutheilen.
Die Errichtung des Deutschen Reiches hat nicht nur in der Politik, sondern nach allen Richtungen hin gewaltigen Einfluß gehabt. Seit dieser Gründung spielt nicht mehr, wie früher, London und Paris, sondern Berlin die leitende Rolle auf dem europäischen Kapitalmarkt. Rußland, Frankreich und England geben sich schon seit längerer Zeit im Stillen die größte Mühe, den Schwerpunkt großer finanzieller Geschäfte und Spekulationen von Berlin wieder nach London zu verschieben, es wird ihnen aber schwer gelingen, so lange sich Deutschland die herrschende Rolle in Europa zu wahren versteht.
Die einmaligen Ausgaben zur Durchführung des neuen Militärgesetzes sollen nach einer Andeutung des Kriegsministers einen Zinsaufwand von jährlich 8 Millionen Mark erheischen, was ungefähr einer Kapitalsaufwendung von 230 Millionen Mark entsprechen würde.
Die Berliner "Poat" schreibt: In der Presse haben die Angaben über die Höhe der in Aussicht stehenden Anleihe für militärische Zwecke gewechselt. Neuerdings wird dieselbe mehrseitig auf 230 Millionen Mk. angegeben. Wir glauben annehmen zu dürfen, daß die inzwischen wohl voraussichtlich dem Bundesrath zugegangene Vorlage den Bedarf noch um 30 bis 35 Millionen Mk. höher beziffert. Demnach auf 260 bis 265 Millionen Mk.
Das preußische Abgeordnetenhaus hat am Montag die Berathung des Etats fortgesetzt und den Etat der Lotterieverwaltung und der Seehandlung genehmigt, nachdem der Finanzminister v. Scholz beide Institute energisch vertheidigt hatte. Die Verdoppelung der Lotterieloose habe auch noch nicht ausgereicht, die Loose seien alle vergriffen, die neuen Kollekteure vor der Hand nur "auf Widerruf" angestellt.
Hasenclever ist durch seine Geisteskrankheit aus dem Reichstag und der Oeffentlichkeit ausgeschieden. Er war der Gutmüthigste unter den Führern der Sozialdemokratie, hatte eine gewisse Höflichkeit des Herzens, und es ließ sich mit ihm sprechen und leben. In Arnsberg im Sauerlande (1837) geboren, brachte er ein gutes Stück naturwüchsiger Schlauheit und viel Humor mit in sein öffentliches Leben und beide halfen ihm über mancherlei Fährlichkeiten hinüber. Seines Zeichens war er gelernter Gerber und leitete einige Jahre eine Lohgerberei in Halver und wurde dann Redakteur der "Volkszeitung" in Hagen und von Lassalle für die Sozialdemokratie gewonnen. In den Reichstag wurde er zuerst in Duisburg gewählt, später in Altona, Breslau und Berlin. In den Berliner Arbeiterkreisen genoß er große Verehrung.
In München ist es seit einigen Tagen den einjährig=freiwilligen Aerzten, Apothekern, sowie den Degenfähnrichen gestattet, die Pickelhaube zu tragen.
Der österreichische Kriegsminister, Graf Byland=Rheydt, hat sich wegen eines Bruchleidens einer Operation unterziehen müssen. In Folge seines Alters ist sein Zustand nicht günstig und man hegt für sein Leben ernste Besorgnisse.
Russen und Franzosen ist das Bündniß Deutschlands, Oesterreichs und Italiens ein scharfer Dorn im Auge und sie sind heimlich und öffentlich eifrig darauf aus, das Bündniß zu lockern und zu sprengen. Da an Bismarck alle solche Versuche abprallen, so versuchen sie ihr Glück bei Oesterreich. Ein französischer Stabsoffizier, Oberstlieutenant Hennebert, fordert in einer Flugschrift: "Oesterreich im Jahre 1888" Oesterreich rund heraus auf, sich von Deutschland loszusagen und sich mit Frankreich und Rußland zu verbünden. Er sucht Oesterreich einzureden, Bismarck meine es nicht ehrlich mit Oesterreich und werde es bei guter Gelegenheit im Stich lassen und stellt ihm die angeblichen Vortheile eines Bundes mit Frankreich und Rußland vor, kurz er spielt die Rolle des Fuchses in der Fabel. Die Lockungen aber scheinen in Wien, obgleich es dort einflußreiche Franzosenfreunde giebt, nicht zu verfangen, und die Ungarn vollends, die in der Schrift Henneberts gewaltig lächerlich gemacht werden, sind entschiedene Gegner der russisch=französischen Spekulationen. Sehr auffallend ist es, daß auch die englische "Times" starken Anlauf nimmt, Oesterreich gegen Deutschland mißtrauisch zu machen und zu verhetzen. Sie verdächtigen den österreichischen Minister Kalnoky, daß er ganz von Bismarck abhänge und sagt, daß Graf Andrassy ein ganz anderer Minister sein und viel bessere Politik treiben werde.
Mit Italien ist Frankreich wieder einig. Der Florentiner Zwischenfall ist beigelegt und der Prätor Tosini, der mit Gewalt in das französische Konsulat eingedrungen war, wird versetzt werden. Die Erbschaft Husseins, über die der ganze Krakehl entstanden war, soll nach den Bestimmungen des italienisch=tunesischen Vertrags vom Jahr 1868 geregelt werden, der von Frankreich niemals bestritten worden ist. Damit scheint man in Frankreich zufrieden zu sein, und die Gestalt Bismarcks, die man von Frankreich aus hinter dem Ministerpräsidenten Crispi hatte sehen wollen, wird nun wohl auch wieder verschwinden.
In Frankreich wird augenblicklich wieder nach alter bekannter Melodie getanzt! Die Zerfahrenheit der Parteien ist grenzenlos, daß die Mitglieder des Kabinets Tirard so sachte daran denken, ihre Koffer zum Auszuge aus ihren Ministerhotels zu packen.
Neuerdings weilt wieder ein bekannter russischer Finanzagent in der Reichshauptstadt; doch wird er sich in seinen Unterhaltungen mit unsern Geldmännern wohl schnell überzeugen, daß für die russischen Geldbedürfnisse deutsche Kapitalien nicht mehr ausreichend zu haben sind.
- Schönberg. In dem spaltenlangen Verzeichnisse der am Krönungs= und Ordensfeste am Sonntag den 22. Januar zu Berlin verliehene Orden und Ehrenzeichen findet sich unter den Aufgeführten auch ein Schönberger, der Dr. Marung, Stabsarzt der Landwehr a. D., zuletzt im 2. Bataillon (Neustrelitz) 1. Großherzoglich Mecklenburgischen Landwehr=Regiments Nr. 89, dem der Königl. preuß. rothe Adler=Orden vierter Klasse vom Kaiser verliehen wurde.
- Neustrelitz, 25. Jan. Am Donnerstag traf zum Besuche am hiesigen Hofe der Herzog Georg Alexander zu Mecklenburg ein. Derselbe gedenkt längere Zeit hier Aufenthalt zu nehmen. Am Montag langten die Herzogin von Anhalt mit der Prinzessin Alexandra und der verwittweten Erbprinzessin Elisabeth von Anhalt dort an. Der Prinz Eduard von Anhalt wird einige Tage später erwartet.
- Güstrow. Am Sonnabend wurde vor der hiesigen Strafkammer gegen den Mühlenpächter Lange aus Teterow wegen Vermischens des Mehls mit Sand und Kleie verhandelt. Durch des Sachverständigen=Gutachten wurde festgestellt, daß sich in dem Mehl 11 1/2 Prozent Sand befanden. Lange wurde zu 6 Monaten Gefängniß und 2 Jahren Ehrenverlust, ein Müllergeselle wegen Beihülfe zu 2 Wochen Gefängniß, ein Müllerlehrling zu 2 Wochen Gefängniß und ein zweiter Lehrling zu 15 M. Geldstrafe verurtheilt.
Um Stanley's Schicksal ist man in Brüssel jetzt ernstlich besorgt. Die letzte Kongopost, welche am 15. Dezember Banana verlassen hat, bringt keinerlei Nachricht über Stanley's Expedition. Man glaubt immer mehr an eine Katastrophe.
- Bezüglich des Schicksals Stanleys wird in den Kreisen der Kongoregierung befürchtet, daß Stanley im Mabodilande sammt seinen Begleitern an Entbehrungen zu Grunde ging. Wie dort bekannt wurde, herrschte Anfangs Juli daselbst eine schreckliche Hungersnoth, weshalb Stanley den Vormarsch in das Innere nur in der Hoffnung antrat, Tippo Tipp oder der belgische Major Bartelot werde ihm Proviant nachführen. Weder Tippo Tipp noch Major
[ => Original lesen: 1888 Nr. 8 Seite 3]Bartelot führten diesen Auftrag aus. Tippo Tipp ist überhaupt vollständig verschwunden. Die Kongoregierung weiß nicht, wo er sich befindet; derselbe spielte offenbar die Verrätherrolle. Die Hoffnung, daß Stanley doch das Ziel erreichte, wird hier als ganz gering bezeichnet.
- Sehr möglich, daß der Zar wieder einmal erfährt, wie's in seinem Land zugeht. Das Schiff, das er mit Lebensmitteln für die hungernden Montenegriner abgeschickt hat, ist noch immer nicht angekommen und ist spurlos verschwunden; ob untergegangen? In Rußland glaubt man eher, daß es gar nicht abgegangen, sondern von ungetreuen Beamten als gute Prise behandelt worden ist.
- Die Zerstreutheit von zwei Apothekergehülfen in Messina hatte dieser Tage verhängnißvolle Folgen. Zwei Schwestern, hübsche Mädchen von 18 und 16 Jahren kamen in die Apotheke und verlangten einige Körner Santonin, die ihnen gereicht, dabei aber auch tüchtig geschäkert und der Hof gemacht wurde. Wenige Minuten darauf lagen die beiden Unglücklichen in Krämpfen am Boden und verschieden in einer Viertelstunde. Die verliebten Apothekergehülfen hatten Körner von Arsenik gegeben, welches furchtbare Gift die blühenden Leben trotz aller Gegenmittel mit entsetzlicher Schnelligkeit zerstörte.
- Der Transport der größten und längsten Bauholz=Stämme von Neu=Schottland nach den verschiedensten Städten der vereinigten Staaten von Nordamerika hat stets beträchtliche Schwierigkeiten erwachsen lassen. Die den Verkehr vermittelnden Schiffe konnten nur Balken von höchstens 65 Fuß Länge mitnehmen, die größeren mußten per Eisenbahn transportirt werden, eine kostspielige Geschichte, da 3 bis 4 Waggons zum Transport eines Balkens nöthig sind. Daher kam ein New=Yorker James D. Leary auf den Gedanken, es zu versuchen, ein zu erbauendes Riesenfloß aus dem größten Bauholz von Port Joggins nach dem New=Yorker Hafen bugsiren zu lassen. Dies Floß wurde am 15. Nov. bei Taw Rivers in Neu=Schottland zu Wasser gebracht. Es enthielt 25,000 Stämme Fichten= und Föhrenholz von 35 bis 95 Fuß Länge, ferner viel Buchen, Birken und Zuckerahorn; die Dimensionen waren 585 Fuß Länge, 62 Breite, 37 Höhe. Die Gesammtmasse war sorgfältig mit starken Ketten zu einer Form verbunden. Die Kosten welche die Erbauung des Floßes verursacht hatte, beliefen sich auf ca. Mk. 130 000 (rechnet man den Werth des Holzes hinzu, so kommen über Mk. 600 000 heraus), und eine Fracht für den Transport bis New=York von Mk. 14 000 war ausbedungen worden. Ein mächtiger Dampfer von 1500 Tons Tragfähigkeit, die "Miranda", sollte das Floß bugsiren, und zwar mittels einer 15zölligen Trosse, welche an der Mittelkette befestigt wurde, außerdem liefen noch zwei 10zöllige Trossen nach den beiden Seiten. Das Floß wurde 1000 Fuß vom Hinterbord des Steamers bugsirt. Am 18. November ging der Dampfer ab und bis zum 18. December ging alles gut; da aber brach der Sturm los, zerriß die Trossen, und der Dampfer verlor das Floß aus Sicht. Da letzteres wahrscheinlich in den Cours der Ozeandampfer treiben würde, ward ein Regierungsdampfer "Entreprise" abgesandt, um das gefährliche Schifffahrtshinderniß aufzusuchen. Es scheint jedoch, als ob das Floß auseinander gegangen sei, denn Theile desselben wurden 350 Meilen südwestlich von Saudy Hook, 135 Meilen vom Fleck, wo es sich losriß, aufgefunden. Alle Stämme trieben einzeln, über eine große Fläche der See verbreitet. Uebrigens wurden sie nicht im Cours der Packetdampfer gefunden und daher als verhältnißmäßig unschädlich betrachtet. Manche Schiffskapitäne theilen jedoch diese Ansicht nicht und halten so große treibende Stämme für die mögliche Ursache beträchtlicher Havarien.
In das hiesige Handelsregister Fol. XLIX Nr. 62 ist heute eingetragen:
Handelsfirma: Gebr. Ladendorf.
Name und Wohnort des Inhabers der Gesellschafter: Die Gesellschafter sind der Viehhändler Heinrich Ladendorf in Schönberg und der Viehhändler Johann Ladendorf in Schönberg.
Rechtsverhältnisse der Gesellschaft: Die Gesellschaft ist eine offene Handelsgesellschaft und besteht seit dem 1. Januar 1888.
den 26. Januar 1888.
am Dienstag, den 31. Januar 1888
Versammlung Morgens 9 Uhr im Holzwärterhause.
Rehna, den 23. Januar 1888.
Am Mittwoch, den 1. Februar Morgens 10 Uhr sollen beim Gastwirth Lenschow zu Selmsdorf nachstehende Holzsortimente meistbietend bei freier Concurrenz verkauft werden.
Palinger und Lauer Tannen:
ca. 940 Rmet. kiefern Kluft u. Knüppel,
ca. 22 Fuder kiefern Durchforstholz von Schleetstärke.
Schönberg, den 22. Januar 1888.
Am Donnerstag, den 2. Februar Morgens 10 Uhr sollen beim Gastwirth Spolert auf der Bäck nachstehende Holzsortimente meistbietend verkauft werden.
Aus dem Seebruch Steinort und Hasselholz.
4 buchen Nutzholzblöcke,
212 Rmet. buchen Kluft I. Cl.,
323 Rmet. buchen Kluft II. Cl., Olm u. Knüppel,
8 Rmet. ellern Knüppel.
ca. 40 Fuder buchen Pollholz.
Am Freitag, den 3. Februar Morgens 10 Uhr sollen beim Gastwirth Jabs zu Schlagresdorf nachstehende Holzsortimente meistbietend verkauft werden.
a. Aus dem Thandorfer Zuschlag:
15 Fuder eichen Durchforstholz I. Cl.,
2 Fuder aspen Wadelholz (Kiepenholz),
[ => Original lesen: 1888 Nr. 8 Seite 4] 1 Fuder Hegenholz.
b. Aus dem Hasselbüschen:
21 Fuder buchen Durchforstholz I. u. II. Cl.,
c. Aus dem Steinbrink:
2 Fuder buchen Durchforstholz 1 Cl.
d. Aus dem Bahlen:
63 Rmet. buchen Kluft II. Cl. und Olm,
24 Fuder buchen Pollholz,
6 Fuder fichten Durchforstholz.
Am Morgens 10 Uhr sollen beim Gastwirth Kreutzfeld zu Carlow nachstehende Holzsortimente meistbietend verkauft werden:
Vierte Fremden=Abonnements=Vorstellung für die Abtheilung II
am Dienstag, den 31. Januar 1888.
Margarethe, Oper mit Tanz in 5 Akten von Gounod.
Anfang 6 Uhr - Ende gegen 9 1/2 Uhr.
am Freitag, den 3. Februar 1888,
ladet ergebenst ein Gastwirth=Wittwe Lohse
Emil Hempel. Zum 1. Februar: Ein ordentl. sauberes Mädchen
Zu Ostern suche ich einen Lehrling
Schönberg, den 23. Januar 1888. Gesucht zu Ostern:
Schlagsdorf bei Ratzeburg. Zahnschmerzen aller Art werden selbst wenn die Zähne angestockt sind, augenblicklich durch den berühmten Indischen Extract beseitigt. Dieses Mittel hat sich seiner Unübertrefflichkeit wegen einen Weltruf erworben und sollte daher in keiner Familie fehlend. In Fl. à 50 Pfg. im Alleindepot für Schönberg bei
Hierzu eine Beilageund Illustrirtes Beiblatt Nr. 4.
Redigirt, gedruckt und verlegt von L. Bicker in Schönberg. [ => Original lesen: 1888 Nr. 8 Seite 5]Beilage
Schönberg, den 27. Januar 1888.
- In Eberswalde sammelte man für die Reisekosten, um den Kronprinzen in San Remo am 25. Januar durch ein Doppelquartett einen Sängergruß aus der brandenburgischen Heimath darzubringen.
- Die vier ältesten Adelsgeschlechter Europas, deren Nachkommen noch zahlreich leben, sind 1) die römische Familie Colonna, welche ihre Ahnen bis zum römischen Kaiser Julian verfolgen kann. Der jüngste Sproß derselben hat sich mit der durchaus nicht adeligen, aber ungeheuer reichen Amerikanerin, Tochter des Silberminen=Krösus Mackay, verheiratet. 2) Die Vandales, eine Familie, welche ihren Ursprung von einem Anführer der Vandalen herleitet, und deren gegenwärtiges Oberhaupt der Fürst Arenberg de Vandale ist. 3) Die Familie Bucey, welche von einem fränkischen Häuptling, welcher in Gallien einfiel und sich daselbst niederließ, abstammt. Jetziger Vertreter des Hauses ist der Marquis Rehault de Lonquerile de Bucey. 4) Die Rohans, welche sich von den letzten burgundischen Königen ableiten und in verschiedene Zweige theilen.
- Im Zeichen der Göttin der Schönheit hat sich das erste Ballfest im Wintergarten des Berliner Centralhotels abgespielt. Es ging schon stark auf den Morgen zu, als Frau Venus, verkörpert in der preisgekrönten Schönheit von Fräulein Martens, umgeben von einem glänzenden Hofstaat unter den Klängen des Tannhäusermarsches ihren Ein= und Umzug in dem Saal hielt und mit Befriedigung von hoher Bahre herab die Menge überblickte, die gekommen war, ihren mit dem Parquet des Ballsaales vertrauten Priesterinnen zu huldigen. Ihre Schönheit, welche das griechische Gewand günstig hob, erntete begeisterten Beifall. Dem Einfluß der "schaumentstiegenen Göttin" ist es wohl auch zuzuschreiben, daß der Champagner mächtig in den Gläsern schäumte. Nicht wenige als 17,000 Mark sollen in diesem edlen Naß und 11,000 Mark in verschiedenen anderen Weinen angelegt worden sein. Gegen 4200 Personen haben den Ball besucht und da hört man noch immer über die schlechten Zeiten klagen.
- Toll hat's der Arbeiter Siebert in der großen Fabrik des Geh. Kommerzienrath Schwarzkopff in Berlin getrieben. Er zeigte sich jahrelang so anstellig, zuverlässig und treu, daß ihm sein Chef den Vertrauensposten als Hausdiener gab und ihn in seinem eigenen Comptoir beschäftigte mit bedeutender Erhöhung seines Gehalts. Siebert benutzte diese Stellung dazu, um von den Schlössern der Geldschränke Wachsabdrücke zu nehmen, Nachschlüssel zu machen und monatlich die Privatkasse seines Prinzipals, über welche dieser selten Buch führte, zu bestehlen. Endlich vermißte er aber doch 3000 Mark, die er sich notiert hatte, und stellte Siebert zur Rede, versprach ihm auch, ihm das Geld zu lassen, wenn er gestehe. Siebert leugnete hartnäckig im Beisein von Zeugen. Aus der Tasche fielen ihm aber Rollen Gold, und aus der Seitentasche guckte ein 1000 Mark=Schein heraus. Auch jetzt leugnete er noch, die herbeigerufene Polizei fand in seinem Pult ganze Packete Kassenscheine und Werthpapiere im Gesammtbetrag von 25 000 Mark. Nun wurde er dem Gerichte übergeben, das ihn zu 6 Jahren Zuchthaus verurtheilte.
- Erfahrene Landleute prophezeien einen gelinden Nachwinter, weil der Igel bereits wieder herumläuft und seiner Nahrung nachgeht, anstatt tief in der Erde seinen Winterschlaf abzuhalten. Wollen's abwarten. Vorigen Freitag hatten wir übrigens bereits "Fabian Sebastian", der läßt bekanntlich den Saft in die Bäume gah'n.
- Das Landgericht in Güstrow hatte neulich in einer Kußangelegenheit zu entscheiden. Der Vater eines unbescholtenen Mädchens hatte gegen einen Herrn Klage erhoben, weil letzterer das Mädchen zu einem Kuß gezwungen hatte. Der Angeklagte wurde zu 150 Mark Geldbuße verurtheilt.
- In Dresden war wegen Nahrungsmittel=Verfälschung der Gutsbesitzer Feist aus Groß=Luga bei Pirna und dessen Wirthschafterin angeklagt. Die Angeklagten waren beschuldigt, verdünnte Milch in den Handel gebracht zu haben, indem das Spülwasser, mit welchem die Milchgefäße gereinigt und von den anhaftenden Milchresten befreit wurden, der zu verkaufenden Milch beigefügt wurde. Das Urtheil lautete gegen Feist auf einen Monat Gefängniß und 800 Mark Geldstrafe, während die mitangeklagte Wirthschafterin zu 14 Tagen Gefängniß verurtheilt wurde.
- Bei Meisdorf im Harz (Selkethal) hatte sich vor einigen Tagen in einem Fangeisen, das zum Fangen von Mardern ausgelegt war, eine wilde Katze gefangen, welche vom Kopfe bis zum Schwanze eine Länge von 90 Centimeter hatte.
- In Obercunewalde bei Bautzen liegen jetzt 106 Personen an der Trichinosis darnieder, von denen 6 bereits gestorben sind. Der betr. Schlachter hatte 5 Schweine geschlachtet, von diesen hatte er aber nur 3 untersuchen lassen. Er selbst befindet sich unter den Schwererkrankten.
- Fortwährend kommen aus Ungarn neue Berichte über arge Gräuelscenen, hervorgerufen durch hungrige Wölfe, welche infolge der strengen Kälte bis in die Dörfer vordringen. So wurde kürzlich ein Richter auf dem Heimwege von Groß=Wardein von einem Rudel Wölfe angefallen, stürzte aus dem Schlitten und wurde sofort von den Bestien zerrissen. An denselben Tage warf ein Bauer, um sich selbst vor einer Menge Wölfe zu retten, seinen 13jähr. Sohn aus dem Schlitten, der dann auch sofort zerrissen wurde. Der Bauer entkam, stellte sich aber von Gewissensbissen getrieben, dem Gericht.
- Louise Michel ist angeschossen worden! Ein gewisser Lucas hat in Havre in einer Anarchisten=Versammlung am Sonntag Abend von hinten her 2 Revolverschüsse auf die "bittere Louise" abgefeuert und sie schwer verwundet. Eine Kugel drang in den Hinterkopf die andere in den Unterleib; beide Kugeln wurden jedoch alsbald von den Aerzten wieder entfernt. Lucas wurde von der Menge halb todt geprügelt und fast zerrissen.
- Die A. D. E. Ztg. theilt mit, daß vor kurzem an der schwarzen Tafel eines aus Frankreich nach Dortmund gekommenen Güterwagens angeschrieben war: Un jour je viendrai à Berlin pour nettoyer (vertreiben) tous le Prussiens. Fait à Paris, 4. Sept. 1887. Die Wagenschieber in Dortmund blieben aber die Antwort nicht schuldig. Als der Wagen nach Frankreich zurückging, stand an der Tafel: "Maul halten, sonst giebt's Keile."
- Ein heirathslustiger Junggeselle in Frankfurt suchte durch eine Annonce in einer größeren illustrierten Zeitung eine Lebensgefährtin. Durch Versehen des Setzers war das Alter nicht richtig mit 37, sondern mit "87" angegeben. Deutlich aber war dort zu lesen: "Ein vermögender Junggeselle" und siehe da: es liefen nicht weniger als 147 Offerten aus allen Theilen Deutschlands, aus Oesterreich und England ein. Durchweg versprachen die Heirathslustigen, dem "alten Herrn" einen recht glücklichen Lebensabend bereiten zu wollen. Die jüngste Bewerberin zählte 17 1/2 und die älteste 65 Jahre, nur bei sehr wenigen war zu lesen, daß auch sie einiges Vermögen besitzen.
- Der Erlöser. In einein oberbayerischen Ort sitzt der Herr Pfarrer am Schreibtisch und schreibt emsig an seiner Predigt. Es klopft. "Herein!" Ein lediges Pfarrkind, stark in den Dreißigern, tritt ein. Der Herr Pfarrer schreibt weiter. "Na, was ist denn, Annamirl? fragt er endlich. "Z-u d-a Brautprüafung k-aam' i', hei-rath'n taat' i'. " Der Herr Pfarrer nimmt das zur Kenntniß und schreibt weiter. Plötzlich fällt ihm die Prüfung ein und er fragt: "Na, Annamirl, sag' mir einmal,
[ => Original lesen: 1888 Nr. 8 Seite 6]wer hat Dich denn erlöst?" "A Tegernseer", sagt's Annamirl und erröthet verschämt.
- Lord Byron, geb. 22. Januar 1788, gestorben 1824, war nach Shakespeare der größte englische Dichter. Zu seinem hundertsten Geburtstag veröffentlicht die Leipziger Illustrierte Zeitung Nr. 2325 sein Bild und um ihn herum die vielen interessanten Frauengestalten, die in seinem Leben eine große Rolle gespielt haben, seine Frau, das Mädchen von Saragossa, das Mädchen von Athen, Miß Mary, Chaworth, Lady Charlotte Harleig, Margarite Cogni, Gräfin Therese Guiccioli, Lady Karoline Lamb und Gräfin Sara Sophia Fane Jersey.
- Am Eingang des Hydepark, so wird aus London berichtet, stand vor einigen Tagen ein gutes, gebeugtes Weiblein und bot den Vorübergehenden grünes Vogelfutter zum Kauf an. Niemand achtete ihrer, die Arme schauerte vor Frost zusammen und kauerte sich neben ihrem Körbchen auf den Boden. Unter den Promenierenden befanden sich auch die Töchter des Prinzen von Wales; eine derselben wurde der alten Frau ansichtig, und die jungen Damen beriethen nun, was man für die Arme thun könnte. Kurz entschlossen eilte Prinzessin Maud zur alten Frau, nahm das Körbchen auf. Stellte sich neben die Frau und bot das Futter den Vorübergehenden zum Kauf an. Das Geschäft ging nun glänzend und bald war der Vorrath zu Ende, ja, es kamen sogar Geldstücke herangeflogen, mit welchen man Anzahlungen auf Futterlieferungen, die erst in den nächsten Tagen effektuiert werden sollten, leistete. Als die Prinzessin schon eine hübsche Summe beisammen hatte, legte sie noch eine Banknote aus Eigenem ins Körbchen, dann lief das liebliche Mädchen seelenvergnügt zu ihren Schwestern.
- An Sonntagen wird in London und in England überhaupt zwar keine Musik gemacht, daß aber trotzdem Alt=England auf musikalische Genüsse nicht verzichtet, das zeigen folgende Angaben: In London giebt es zwischen 550 und 600 Vergnügungslokale, worunter sich mehr als 450 sogenannte Music-halls oder Café chantants befinden. Die Zahl der Vergnügungslokale in den Provinzen übersteigt 1600, und davon sind etwa 160 "Musikhallen". In London existieren 50 Theater, in den Provinzen etwa 200. London verfügt ferner über etwa 30 Konzertsäle und Vergnügungspaläste, während im ganzen Land nahezu 1000 solcher Lokale vorhanden sind. Das in Londoner Vergnügungslokalen angelegte Kapital beziffert sich, ausschließlich solcher Lokale wie der Krystallpalast, die Alberthalle etc. auf gegen 4 000 000 Pfd. St. Direkte Beschäftigung ist etwa 150 000 Personen gegeben. Die Londoner Theater, Musikhallen und Konzertsäle haben Raum für etwa eine halbe Million Leute. Das in ähnlichen Vergnügungslokalen in etwa 550 Städten Großbritaniens (ausschließlich Irland, die Insel Man und die Kanal=Inseln) angelegte Kapital beträgt mehr als 6 000 000 Pfd. St. Diese Lokale geben etwa 350 000 Personen direkte Beschäftigung und Raum für nahezu l 250 000 Zuschauer.
- Kasernenblüthe. Unteroffizier: Müller, machen Sie's Maul zu, sonst könnt' Ihr Vordermann hineinfallen!
Aus dem im "Schützen=Liesl" in Nürnberg ausliegenden Buche.
Der Uebel größtes sind die - Schulden.
(Darunter schreibt ein Zweiter.)
Die Schulden sind der Uebel größtes nicht,
Ein größ'res ist die - Zahlungspflicht.
(Ein Dritter schreibt darunter.)
Die Zahlungspflicht ist der Uebel größtes nicht,
Das größere, wer zahlen soll und - kann es nicht.
(Ein Vierter schließt.)
Nicht zahlen können ist der Uebel größtes nicht,
Ein größtes ist, wer zu fordern hat und - kriegt es nicht.
Die Hinrichtung in Hamburg.
- Die Hinrichtung des am 22. Oktober v. J. zum Tode verurtheilten früheren Schlossers, späteren Kellners Karl August Winkler, geboren 1865 zu Mohrungen, fand Sonnabend Morgen statt. Derselbe hatte bekanntlich in der Nacht vom 8. auf den 9. August v. J. seinen ehemaligen Kollegen, den Kellner Christian Türck aus Rothenburg in der Postkantine ermordet und beraubt. - Ueber die letzten Stunden des Verurtheilten wird Folgendes bekannt: Freitag Nachmittag, nachdem der Vertheidiger denselben verlassen, beschäftigte sich der Gefängnißprediger Herr Pastor Ebert mit Winkler. Derselbe hörte den Geistlichen mit Ruhe und Ergebung an. Winkler seufzte einmal tief auf und gab dann zu, die That verübt zu haben; jedoch wollte er die Absicht, den Türck zu ermorden, nicht gehabt haben. Er habe ihm nur einen Denkzettel geben wollen. Das Anerbieten, sich Speise und Trank auszuwählen, wies er traurig zurück; er nahm nur etwas Brot und Milch zu sich. Gegen 9 Uhr Abends nahm er das heil. Abendmahl und äußerte dem Geistlichen gegenüber, daß er noch eine Pflicht erfüllen müsse. Auf die Frage, welche Pflicht das sei, entgegnete Winkler ungefähr Folgendes: "Mein ehemaliger Prinzipal Herr Dammaschk und Frau waren stets so gut gegen mich, daß ich mich ihnen zum größten Dank verpflichtet fühle. Welches Ungemach habe er ihnen bereitet! Er möchte beide so gern noch einmal sehen, ihnen danken und sie um Verzeihung bitten." Selbstverständlich wurde dieser Wunsch erfüllt. Herr Dammaschk und Frau beeilten sich zu kommen. Als sie die Zelle des Winkler betraten, kam er ihnen thränenden Auges entgegen, dankte ihnen für alles Gute und bat um Verzeihung für die seinen Wohlthätern bereiteten sorgenvollen und bangen Stunden. - Bis gegen 11 Uhr verbrachte er im Gebet mit dem Geistlichen Herrn Pastor Ebert. Dann wurde Winkler müde und äußerte den Wunsch, zu schlafen. Nach kurzer Zeit lag er im tiefen Schlummer, aus dem er erst nach 3 Stunden wieder erwachte. Ersichtlich gestärkt, erhob er sich von seinem Lager. Obgleich ihn nur noch wenige Stunden von seinem furchtbaren Ende trennte, war er gefaßt und ruhig. Er machte den Eindruck eines mit seinem Gott versöhnten Menschen und dankte auch dem Geistlichen wiederholt für den ihm gespendeten Trost. Den übrigen Theil der Nacht verbrachte Winkler ebenfalls ruhig. Um 6 Uhr begab sich der Oberinspektor des Untersuchungsgefängnisses in die Zelle des Gefangenen und unterhielt sich trostsprechend mit ihm. Um 6 1/2 Uhr traf der Vertheidiger ein. Auch diesem sprach Winkler wiederum seinen Dank aus. Gegen 7 Uhr nahm er eine Tasse Kaffee zu sich. Obgleich seine letzte Stunde immer näher rückte, blieb Winkler wunderbar gefaßt. Präzise 8 Uhr wurde er von dem Oberinspektor, Pastor Ebert und dem Vertheidiger Dr. Oppenheimer aus der Zelle geführt. Da er beim Erheben etwas zu schwanken begann, veranlaßte ihn der Vertheidiger, einen Cognac zu trinken, welcher auch seine Wirkung that. Winkler richtete sich erfrischt auf und ging festen Schrittes zum Hofplatz. Hier war die Guillotine aufgerichtet, neben welcher der Scharfrichter Herr Otto Birck und seine vier Gehülfen standen, ersterer im Frack, weißer Binde und im Cylinder. Selbst der Anblick der Maschine erschütterte Winkler nicht. Bei dem traurigen Akt waren 25 Personen anwesend. Nachdem Winkler auf den Hof geführt worden war, wurden ihm vom Oberstaatsanwalt nochmals das Urtheil und der die Begnadigung ablehnende Spruch des Senates verlesen. Beides hörte Winkler mit Ruhe an. Hierauf übergab der Oberstaatsanwalt den Verurtheilten dem Scharfrichter mit der Weisung, seine Pflicht zu erfüllen. Noch einmal dankte Winkler allen Denen, welche ihm seine Gefängnißhaft erleichtert und ihm in seinen letzten Stunden beigestanden, und ging dann festen Schrittes auf den Scharfrichter zu. Ohne jeden Widerstand ließ er sich auf das Brett schnallen. Dasselbe wurde in die Maschine geschoben, es ertönte ein Schlag und - der Gerechtigkeit war Genüge geschehen. Der ganze Akt vom Herausführen aus der Zelle bis zur vollzogenen Hinrichtung hatte nur wenige Minuten in Anspruch genommen. Mit tiefem Ernst verließen die Anwesenden den Gefängnißhof. - Eine so große Gefaßtheit eines zum Tode gehenden Verurtheilten dürfte entschieden zu den Seltenheiten gehören. Dieselbe erschien um so rätselhafter als Winkler, wie schon erwähnt, bis zur Verkündigung des abweisenden Senatsdekrets vollständig der Hoffnung lebte, begnadigt zu werden.

References: § 1
 § 1
 § 5
 § 48
 § 48
 § 1
 § 16