Source: https://dr-effertz.de/der-apotheker-ist-tot-lang-lebe-der-apotheker/
Timestamp: 2020-05-28 18:47:21+00:00

Document:
Der Apotheker ist tot – lang lebe der Apotheker - Dr. Effertz
Categories Gesundheitspolitik
Date Dezember 21, 2018
Der Apo­the­ker als system(ir)relevante Siche­rungs­red­un­danz
Die aktu­el­len Dis­kus­sio­nen zum »Sys­tem Apo­the­ke« täu­schen über die Not­wen­dig­keit hin­weg, die grund­le­gen­den Fra­gen nach der zukünf­ti­gen Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung in Deutsch­land zu stel­len. Es han­delt sich der­zeit ledig­lich um einen typi­schen Ver­tei­lungs­kampf zwi­schen den Betei­lig­ten in einem Gesund­heits­sys­tem mit end­li­chen Res­sour­cen. Dabei wären bereits ohne die Ein­flüs­se der Digi­ta­li­sie­rung auf unser Gesund­heits­we­sen grund­le­gen­de Fra­gen zur Rol­le des Apo­the­kers zu beant­wor­ten, da die Abgren­zung zwi­schen ärzt­li­chen und apo­the­ker­li­chen Pflich­ten im Rah­men der Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung nicht mehr so deut­lich ist, wie es seit jeher ange­nom­men wird. Denn der moder­ne Apo­the­ker hat sich von der rei­nen Funk­ti­on als Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler und Dis­tri­bu­tor ent­fernt und übt in der täg­li­chen Ver­sor­gungs­rea­li­tät ori­gi­nä­re ärzt­li­che Tätig­kei­ten aus, so dass man ent­we­der von inef­fi­zi­en­ten Siche­rungs­red­un­dan­zen oder womög­lich von einer sinn­vol­len Arbeits­tei­lung in einer Behand­lungs­ge­mein­schaft spre­chen kann. Die Beant­wor­tung die­ser Fra­ge wird kriegs­ent­schei­dend für das deut­sche Apo­the­ken­we­sen sein, denn Inef­fi­zi­en­zen sind die Ein­tritts­kar­te der digi­ta­len Dis­rupto­ren in das Gesund­heits­sys­tem.
Das deut­sche »Sys­tem Apo­the­ke« ist höchst kom­ple­xer Natur und in das noch kom­ple­xe­re – weil stark regu­lier­te — deut­sche Gesund­heits­sys­tem ein­ge­bet­tet. Jedoch ist die der­zei­ti­ge Aus­gangs­la­ge schnell umris­sen. Auf der einen Sei­te stre­ben durch die Digi­ta­li­sie­rung wie­der­erstark­te Libe­ra­li­sie­rungs­kräf­te danach die Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung zu über­neh­men und auf der ande­ren Sei­te ver­su­chen regu­lie­ren­de Tra­di­tio­na­lis­ten juris­ti­sche Mau­ern zum Schutz des bestehen­den Sys­tems um die inha­ber­ge­führ­ten Apo­the­ken her­um zu erbau­en. Ins­be­son­de­re durch den bereits im Jahr 2004 zuge­las­se­nen Ver­sand­han­del mit ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln sehen die Apo­the­ker die Zukunft des »Sys­tems Apo­the­ke« in sei­ner Exis­tenz bedroht, wäh­rend die finanz­star­ken Kon­zer­ne den Rück­griff auf ehe­mals abge­lös­te Markt­zu­gangs­be­schrän­kun­gen zu ver­hin­dern ver­su­chen. Die Kos­ten­trä­ger­sei­te unter­stützt die Libe­ra­li­sie­rungs­po­si­ti­on, da ihr urei­ge­nes Inter­es­se eine ver­meint­lich kos­ten­güns­ti­ge Ver­sor­gung ist.
Bemer­kens­wert ist, dass die heiß geführ­te Dis­kus­si­on ein Ver­sor­gungs­mo­dell zum Gegen­stand hat, wel­ches 1% des Markt­seg­men­tes (ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel) nicht über­steigt (Stand 2017)[1]. Dies wirkt zunächst eben­so ver­wun­der­lich, wie die aggres­si­ve Kom­mu­ni­ka­ti­on bzgl. des aktu­el­len Hono­rar­gut­ach­tens des BMWi des­sen öffent­li­che Inter­pre­ta­ti­on durch den GKV-SV sich die ABDA vehe­ment ver­bie­tet („Scheib­tisch­stra­te­gen, Ideo­lo­gen und Erb­sen­zäh­ler“, „öko­no­mi­sche Klug­schei­ße­rei“)[2]. Die Tak­tik der ABDA als Stan­des­ver­tre­tung der Apo­the­ker scheint zu sein: Besitz­stands­wah­rung durch den Bau von Mau­ern. Wäh­rend pro­tek­tio­nis­ti­sches Agie­ren auf welt­po­li­ti­scher Büh­ne scharf kri­ti­siert wird, scheint es berufs­po­li­tisch in Ord­nung zu sein. Etwa man­gels ernst­haf­ter Alter­na­ti­ven? Oder im Wis­sen, dass es außer Zeit nichts mehr zu gewin­nen gibt? Oder doch bloß als tak­ti­sches Mit­tel zur Erhö­hung mög­li­cher kom­pen­sa­to­ri­scher Finanz­sprit­zen durch den Gesetz­ge­ber wie es das aktu­el­le Maß­nah­men­pa­ket aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums ver­mu­ten las­sen könn­te.
Der Apo­the­ker als Siche­rungs­red­un­danz
Wei­tet man den Blick über das (berufs-)politische Geplän­kel hin­aus, wird schnell deut­lich, dass sich die Apo­the­ker­schaft in einem Ent­schei­dungs­krieg befin­det. Denn die Digi­ta­li­sie­rung schrei­tet vor­an und wird einen ent­schei­den­den Wett­be­werbs­nach­teil ins­be­son­de­re der aus­län­di­schen Ver­sand­apo­the­ken eli­mi­nie­ren. Durch die nun abseh­ba­re Ein­füh­rung der elek­tro­ni­schen Ver­ord­nung wird der Traum von einer unmit­tel­ba­ren Belie­fe­rung der Pati­en­ten bald Wirk­lich­keit — ohne Ver­fah­ren­s­er­schwer­nis­se wie Frei­um­schlä­ge für ana­chro­nis­ti­sche Papier­re­zep­te. Damit schwin­det der Zeit­vor­teil der Prä­sen­zapo­the­ken dra­ma­tisch; auch kön­nen Selek­tiv­ver­trä­ge zwi­schen (güns­ti­gen) Ver­sen­dern und Kos­ten­trä­gern per­spek­ti­visch nicht mehr aus­ge­schlos­sen wer­den. Rezept­bo­ni, Bestell­au­to­ma­ten in der Nähe der sich mehr und mehr aggre­gie­ren­den ärzt­li­chen Ver­sor­gung sowie kom­for­ta­ble Bestel­lapps wer­den den Strom der Pati­en­ten in die digi­ta­le Welt abseh­bar flan­kie­ren. Heu­te noch futu­ris­tisch wir­ken­de Vor­stel­lun­gen von droh­nen­ge­stütz­ter Echt­zeit­lie­fe­rung sind gar nicht erfor­der­lich, um zu erken­nen, was die Stun­de geschla­gen hat.
Den­noch begin­nen jeg­li­che Über­le­gun­gen zur Anfäl­lig­keit eines Mark­tes für digi­ta­le Dis­rup­ti­on mit der Suche nach inef­fi­zi­en­ten Struk­tu­ren und sys­tem­be­ding­ten Red­un­dan­zen sowie Kun­den­un­freund­lich­keit, die dem Dis­ruptor den Markt­zu­gang erst ermög­li­chen. Denn der Kun­de folgt immer dem größt­mög­li­chen Nut­zen — Sicher­heits­aspek­te flan­kie­ren die­se Ent­schei­dung bes­ten­falls. Somit ist eine Ana­ly­se des umstrit­te­nen Rx-Mark­tes erfor­der­lich – der OTC-Markt scheint auf­grund der deut­li­chen Kos­ten­vor­tei­le für den End­ver­brau­cher für die Vor-Ort-Apo­the­ke ohne­hin bereits ver­lo­ren.
Inef­fi­zi­enz oder Siche­rungs­red­un­danz?
Der Apo­the­ker über­nimmt neben der dis­tri­bu­ti­ven Funk­ti­on für Arz­nei­mit­tel eine bera­ten­de Rol­le im Rah­men der (Rx-) Arz­nei­mit­tel­the­ra­pie. Die ent­schei­den­de Fra­ge für „digi­ta­le Angrei­fer“ lau­tet also: Las­sen sich die Tätig­kei­ten des Apo­the­kers wir­kungs­gleich sub­sti­tu­ie­ren?
Der Abga­be­pro­zess von Arz­nei­mit­teln star­tet mit der for­ma­len Prü­fung der ärzt­li­chen Ver­ord­nung, also nicht pati­en­ten­ge­wandt, son­dern — ver­wal­tungs­recht­lich bedingt — papier­ori­en­tiert. Leicht erkenn­bar und abseh­bar ist die Tat­sa­che, dass eine elek­tro­ni­sche Ver­ord­nung eine for­ma­le Prü­fung abseh­bar ent­behr­lich machen wird. Denn hin­ter der for­ma­len Prü­fung ver­ber­gen sich die Prü­fung auf die Ein­hal­tung der ver­wal­tungs­recht­li­chen Vor­schrif­ten der Arz­nei­mit­tel­ver­schrei­bungs­ver­ord­nung (AMVV), Betäu­bungs­mit­tel­ver­schrei­bungs­ver­ord­nung (BtMVV) sowie der sozi­al­recht­lich-ver­trag­li­chen Vor­ga­ben. Die Über­prü­fung, ob alle Vor­schrif­ten erfüllt sind, dient somit der Haf­tungs­prä­ven­ti­on – eine nicht ord­nungs­ge­mä­ße Ver­ord­nung ist kei­ne gül­ti­ge Ver­ord­nung und die Belie­fe­rung damit straf­be­wehrt – sowie der Siche­rung der eige­nen Ver­gü­tung. Inso­fern das Mus­ter 16 als Vor­druck für zu Las­ten der GKV abrech­nungs­fä­hi­ge Arz­nei­mit­tel­ver­ord­nun­gen durch eine eVer­ord­nung ersetzt wird, kann es for­mal ungül­ti­ge Ver­ord­nun­gen nicht mehr geben. Tech­ni­sche Grund­be­din­gung für die Über­mitt­lung eines eRx-Daten­sat­zes an die Apo­the­ke wird sei­ne seman­ti­sche und syn­tak­ti­sche Kor­rekt­heit i. V. m. einer digi­ta­len Signa­tur des Arz­tes sein. For­ma­le Ver­ord­nungs­feh­ler wer­den jeden­falls auf ein Mini­mum redu­ziert.
Sofern man die Ein­füh­rung der eVer­ord­nung man­gels Ver­trau­en in die Ver­ant­wort­li­chen gedank­lich in die Zukunft ver­schie­ben will, kann der Auf­ga­ben­be­reich der for­ma­len Ver­ord­nungs­prü­fung nicht als Recht­fer­ti­gungs­grund­la­ge für die Exis­tenz des Apo­the­kers die­nen. Denn die­se Pro­zes­se sind für den indi­vi­du­el­len Pati­en­ten ohne jeg­li­chen Nut­zen und erfor­dern kei­ne aka­de­mi­sche Aus­bil­dung. Viel­mehr ist es mit Auf­wand und Ärger für den Pati­en­ten ver­bun­den, wenn Feh­ler iden­ti­fi­ziert wer­den, da die­se regel­haft eine Kor­rek­tur beim Arzt erfor­dern. Man wird davon aus­ge­hen kön­nen, dass der Pati­ent sich damit dem Bezugs­weg bedie­nen wird, der ihm am wenigs­ten die­ser unnö­ti­gen Mehr­ar­beit zumu­tet.
Die inhalt­li­chen Prü­fun­gen sowie die gesetz­li­chen Bera­tungs- und Infor­ma­ti­ons­pflich­ten wer­den im Apo­the­ker-Pati­en­ten-Gespräch erfüllt, wäh­rend die sozi­al­recht­li­chen Aus­tausch­re­ge­lun­gen bereits heu­te IT-tech­nisch gelei­tet wer­den. Wenn­gleich die Bera­tungs­pflich­ten des Apo­the­kers nach § 20 ApBe­trO umfäng­lich sind, wirkt ihr Stel­len­wert in Zei­ten des Ver­sand­han­dels for­mal über­be­wer­tet. Mit der Frei­ga­be des Ver­sand­han­dels mit Arz­nei­mit­teln im Jahr 2004 haben die­se Bera­tungs­pflich­ten fak­tisch an Bedeu­tung ver­lo­ren. Denn die nor­mier­ten Vor­schrif­ten z. B. zur Bera­tung durch das phar­ma­zeu­ti­sche Per­so­nal beim Ver­sand der Arz­nei­mit­tel in deut­scher Spra­che[3] oder die Kon­kre­ti­sie­run­gen nach § 17 Abs. 2a Nr. 7 ApBe­trO in Hin­blick auf § 20 ApBe­trO, dass die Infor­ma­ti­on und Bera­tung bei der Abga­be der Arz­nei­mit­tel auch beim Ver­sand der Arz­nei­mit­tel sicher­zu­stel­len ist, beschrän­ken sich in der Rea­li­tät auf die Ana­lo­gie zu § 20 Abs. 2 Satz 3 ApBe­trO wonach zumin­dest die Pflicht besteht, fest­zu­stel­len, ob Bera­tungs­be­darf beim Pati­en­ten besteht. Die­ser Ver­pflich­tung wird im Ver­sand­han­del mit Infor­ma­ti­ons­bei­la­gen und Tele­fon-Hot­lines nach­ge­kom­men. Dass die­ses ana­lo­ge Ange­bot von „Online-Kun­den“ regel­haft in Anspruch genom­men wird, darf trotz feh­len­der Erhe­bun­gen bezwei­felt wer­den.
Somit drängt sich gedank­lich ein Zwei-Klas­sen-Modell bzgl. des Sicher­heits­le­vels für den Pati­en­ten auf, über das er durch die Wahl der Ver­sor­gungs­form sel­ber ent­schei­den kann. Der Gesetz­ge­ber hat dem Pati­en­ten fak­tisch einen alter­na­ti­ven Bezugs­weg mit zumeist güns­ti­ge­ren Prei­sen zu Las­ten des Bera­tungs- und Sicher­heits­ni­veaus geöff­net. Die Kom­bi­na­ti­on aus den Pati­en­ten­in­for­ma­tio­nen (Packungs­bei­la­ge nach § 11 AMG) und einem Apo­the­ker „bei Bedarf“ scheint dem Gesetz­ge­ber genü­gen zu wol­len. Ande­ren­falls hät­te der Ver­sand­han­del nie­mals erlaubt wer­den kön­nen. Anzei­chen für ein Feh­ler­be­wusst­sein des Gesetz­ge­bers sind der­zeit nicht erkenn­bar, wes­halb die The­se zwar pro­vo­ka­tiv wir­ken mag, jedoch durch die Untä­tig­keit der Gesetz­ge­bung mit jedem Tag an dem das apo­the­ker­sei­tig gefor­der­te Rx-Ver­sand­han­dels­ver­bot nicht ein­ge­führt wird, bestä­tigt wird.
Mög­li­cher­wei­se ist die ableh­nen­de Hal­tung der Regie­rung einem Ver­sand­han­dels­ver­bot gegen­über – neben ver­fas­sungs- und euro­pa­recht­li­chen Beden­ken — auch gar nicht zu bean­stan­den. Denn durch die im Rx-Bereich vor­han­de­ne Ein­bin­dung des Arz­tes in den Ver­sor­gungs­pro­zess sind Siche­rungs­red­un­dan­zen im Tätig­keits­feld des Apo­the­kers erkenn­bar. Neben der Packungs­bei­la­ge nach § 11 AMG die bereits alle wesent­li­chen Infor­ma­tio­nen zum Arz­nei­mit­tel ent­hal­ten muss, sind vom Pati­en­ten bereits alle Stu­fen der Heil­be­hand­lung im Rah­men des Behand­lungs­ver­tra­ges nach § 630a ff BGB durch­lau­fen wor­den. Denn eine Ver­ord­nung als nie­der­ge­schrie­be­ne The­ra­pie­an­wei­sung kann es ohne vor­he­ri­ge Dia­gno­se, Auf­klä­rung und The­ra­pie­ent­schei­dung nicht behand­lungs­feh­ler­frei bzw. ohne Ver­let­zung der behand­lungs­ver­trag­li­chen Pflich­ten geben. Dabei sind ins­be­son­de­re die Anfor­de­run­gen an die The­ra­pie­auf­klä­rung nach § 630e BGB und die Infor­ma­ti­ons­pflich­ten nach § 630c Abs. 2 BGB weit­rei­chend und umfas­send.
Die Eigen­schaft als The­ra­pie dürf­te bei einem Arz­nei­mit­tel nicht bestrit­ten wer­den kön­nen. Damit ist über die Arz­nei­mit­tel­the­ra­pie grund­sätz­lich bereits auf ärzt­li­cher Sei­te auf­zu­klä­ren[4]. Die Risi­ko- und The­ra­pie­auf­klä­rung umfas­sen hier­bei bereits Infor­ma­ti­on über die Dring­lich­keit, Anwen­dung, Nut­zen sowie mög­li­che Neben­wir­kun­gen. Sofern sich kei­ne pati­en­ten­in­di­vi­du­el­len Beson­der­hei­ten bei der Anwen­dung gän­gi­ger Arz­nei­mit­tel erge­ben, genügt i. d. R. der Ver­weis auf die Gebrauchs­in­for­ma­ti­on[5]. Im Umkehr­schluss hat der Arzt im begrün­de­ten Ein­zel­fall aus­führ­lich auf­zu­klä­ren. Rele­vant sind jeden­falls regel­mä­ßig die bekann­ten schwe­ren Neben­wir­kun­gen einer Arz­nei­mit­tel­the­ra­pie im Rah­men der Risi­ko­auf­klä­rung, wenn­gleich sie zusätz­lich in der Packungs­bei­la­ge abge­druckt sind[6]. Die Pati­en­ten­in­for­ma­ti­on und ‑auf­klä­rung obliegt bei allen ärzt­li­chen Maß­nah­men gemäß §§ 630c Abs. 2 S. 1, 630e Abs. 1, Abs. 2 S. 1 Nr. 1 BGB aus­schließ­lich einem Arzt, der über die für die zur Durch­füh­rung der Behand­lung not­wen­di­ge Aus­bil­dung ver­fügt.
Der Schluss ist an die­ser Stel­le ein­deu­tig. Bei der apo­the­ker­li­chen Bera­tungs- und Infor­ma­ti­ons­pflicht zum ärzt­li­chen ver­ord­ne­ten Mit­tel han­delt es sich aus objek­ti­ver Sicht — mit Aus­nah­me der Infor­ma­tio­nen zur Lage­rung und Ent­sor­gung des Arz­nei­mit­tels — um eine Siche­rungs­red­un­danz. Denn die Vor­stel­lung, dass der Arzt sei­ne Pflich­ten an den Apo­the­ker dele­giert haben könn­te, schei­tert man­gels Dele­ga­ti­ons­fä­hig­keit die­ser Leis­tung[7]. Ob die­ser Sach­ver­halt in der Ver­sor­gungs­pra­xis abwei­chend ablau­fen mag, z. B. in dem der Arzt im Ein­zel­fall unzu­läs­sig auf die apo­the­ker­li­che Bera­tung und/oder den Bei­pack­zet­tel ver­weist, taugt allen­falls als ein Indiz für einen ärzt­li­chen Behand­lungs­feh­ler, nicht jedoch für eine Wider­le­gung der The­se. Denn ohne eine ord­nungs­ge­mä­ße Auf­klä­rung ist eine Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten stets unwirk­sam[8]. Somit wäre die ärzt­li­che The­ra­pie in die­sem Sze­na­rio sogar als Kör­per­ver­let­zung zu wer­ten[9]. In die­sem Zusam­men­hang ist auch die oft­mals bemüh­te Unter­schei­dung zwi­schen Arz­nei­mit­tel­si­cher­heit und Arz­nei­mit­tel­the­ra­pie­si­cher­heit (AMTS) als Rechts­fer­ti­gungs­ar­gu­ment abzu­leh­nen. Denn inso­fern der Arzt pati­en­ten­in­di­vi­du­el­le Beson­der­hei­ten aus­ge­schlos­sen hat und somit ledig­lich auf die Gebrauchs­in­for­ma­ti­on zur Wah­rung der Arz­nei­mit­tel­si­cher­heit ver­weist, müss­te der Apo­the­ker über eine eige­ne Ana­mne­se zu einem ande­ren Schluss gelan­gen, um indi­vi­du­el­le AMTS-Fak­to­ren zu iden­ti­fi­zie­ren. Die Not­wen­dig­keit der apo­the­ker­li­chen Inter­ven­ti­on wür­de den ärzt­li­chen Feh­ler in die­sem Augen­blick ent­we­der offen­ba­ren, oder aber sie war über­flüs­sig. Aber­mals wäre die Funk­ti­on als blo­ßes Siche­rungs­netz anzu­se­hen.
Ein zum Schei­tern ver­ur­teil­tes Argu­ment aus dem Apo­the­ker­la­ger, stellt auch die Vor­stel­lung dar, allei­nig über die benö­tig­te Arz­nei­mit­tel­ex­per­ti­se zu ver­fü­gen. Der Glau­be oder die Über­zeu­gung in der Ver­sor­gungs­rea­li­tät dem Pati­en­ten eine Bera­tung zukom­men las­sen zu kön­nen, zu der der Arzt nicht in der Lage wäre, wür­de zu weit­rei­chen­den recht­li­chen Pro­ble­men füh­ren. Denn der Arzt darf nur The­ra­pien ver­an­las­sen zu deren Durch­füh­rung – inkl. Auf­klä­rung – er in der Lage ist. Ande­ren­falls wür­de er sich auf­grund eines Über­nah­me­ver­schul­dens haft­bar machen[10].
Letzt­lich sehen wir uns der ent­schei­den­den Fra­ge aus­ge­setzt, ob Ärz­te regel­haft Behand­lungs­feh­ler i. S. d. Über­nah­me­ver­schul­dens oder Auf­klä­rungs-/In­for­ma­ti­ons­pflicht­ver­let­zung bege­hen, oder die apo­the­ker­li­che Bera­tung ledig­lich eine (Siche­rungs-) Red­un­danz im Sys­tem dar­stellt, für die es einer gesund­heits­po­li­ti­schen und gesund­heits­öko­no­mi­schen Recht­fer­ti­gung bedarf. Ande­ren­falls könn­te man schnell von einer Ent­behr­lich­keit des Apo­the­kers aus­ge­hen, solan­ge der Wert der apo­the­ker­li­chen Leis­tung nicht mess­bar gemacht wird.
Damit sind bereits ohne einen digi­ta­len Dis­ruptor umfäng­li­che Ver­än­de­run­gen im Teil­seg­ment der Ver­sor­gung mit ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln grund­sätz­lich mög­lich, so z. B. das regel­mä­ßig gefor­der­te ärzt­li­che Dis­pen­sier­recht durch Auf­he­bung des Apo­the­ken­mo­no­pols. Alt­her­ge­brach­te Argu­men­te wie die zwin­gen­de Tren­nung der ärzt­li­chen Heil­be­hand­lung von der Gewinn­erzie­lung durch den Arz­nei­mit­tel­ver­kauf allei­ne dürf­ten kaum aus­rei­chen, um Denk­ver­bo­te in die­se Rich­tung auf­zu­stel­len. Viel­mehr wir­ken sie wie ein ver­zwei­fel­ter Ver­such ein 800 Jah­re altes Sys­tem zu bewah­ren. Denn wo wäre das Pro­blem eines elek­tro­nisch ver­wal­te­ten Arz­nei­mit­tel­de­pots des Ein­zel­han­dels, aus dem sich der Arzt ohne Gewinn­be­tei­li­gung bedie­nen kann? Jeden­falls wäre die­ser Schritt ins­be­son­de­re im Not­dienst bequem und auf­grund des Weg­falls der zusätz­li­chen Fahrt zur Not­dienstapo­the­ke sinn­voll, son­dern aus Sicht der Pati­en­ten­si­cher­heit i. S. d. der Haf­tungs­fra­ge ohne Nach­tei­le mög­lich. Denn ein Ver­stoß gegen ein aus­rei­chen­des Maß an Auf­klä­rung wäre ein Behand­lungs­feh­ler, aus dem im gro­ben Fall sogar eine beweis­recht­li­che Bes­ser­stel­lung des Pati­en­ten im Arzt­haf­tungs­pro­zess erwächst (vgl. § 630h BGB). Im Gegen­satz dazu genießt der Pati­ent beim gro­ben (Bera­tungs-) Feh­ler des Apo­the­kers heu­te noch kei­ne Beweis­erleich­te­rung durch die Beweis­last­um­kehr, da der Behand­lungs­ver­trag man­gels Behand­lungs­be­fug­nis des Apo­the­kers nicht ange­wen­det wird. Ob die Ärz­te­schaft für den zusätz­li­chen Auf­wand zusätz­lich ent­lohnt wer­den müss­te, ist eine die­ser Grund­satz­dis­kus­si­on nach­ge­la­ger­te Fra­ge­stel­lung.
Mehr­wert durch Digi­ta­li­sie­rung
Wei­ter­ge­dacht von dem Aus­gangs­punkt, dass der Arzt dem Pati­en­ten bereits alle für die Arz­nei­mit­tel­the­ra­pie erfor­der­li­chen Infor­ma­tio­nen geben müss­te, scheint die völ­li­ge Sub­sti­tu­ti­on des Apo­the­kers im Sys­tem Apo­the­ke dann auch durch eine digi­ta­le Bestell­platt­form oder den Ein­zel­han­del als Alter­na­ti­ve zum ärzt­li­chen Dis­pen­sier­recht nicht weit. Sofern man den­noch Wert auf phar­ma­zeu­ti­sche Bera­tung legen mag, erscheint aber­mals ein (Tele-) Apo­the­ker „bei Bedarf“ wie bereits heu­te im Ver­sand­han­del genü­gen zu kön­nen. Denn die Vor­stel­lung, dass Ama­zon — als bei­spiel­haf­ter Ver­tre­ter digi­ta­ler Inno­va­to­ren — durch Anstel­lung von Tele-Apo­the­kern nicht die­sel­be „Bera­tungs­qua­li­tät“ wie der Ver­sand­han­del schon heu­te bie­ten kann, wirkt arg kon­stru­iert. Bei der per­spek­ti­vi­schen Mög­lich­keit, die­se Tätig­keit durch digi­ta­le Assis­ten­ten zu erset­zen, wäre Ama­zon tech­nisch sogar bereits bes­ser auf­ge­stellt als die nie­der­län­di­sche Ver­sand­kon­kur­renz.
Die Sub­sti­tu­ti­on des Apo­the­kers im Bereich der Abga­be ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel scheint umso wahr­schein­li­cher, sofern man die Mög­lich­kei­ten zur Erhö­hung der Pati­en­ten­si­cher­heit im Bereich der Digi­ta­li­sie­rung betrach­tet. So ist es zwei­fels­oh­ne denk­bar, digi­ta­le Assis­ten­ten als Arz­nei­mit­tel­ma­na­ger der Pati­en­ten ein­zu­set­zen. Sowohl Bestän­de und Ein­nah­me­zeit­punk­te könn­ten pro­blem­los ver­wal­tet und der Pati­ent ent­spre­chend an Ein­nah­me und auto­ma­ti­sier­te Beschaf­fung (inkl. Ver­ord­nungs­an­for­de­rung beim Arzt und Über­mitt­lung an den Arz­nei­mit­tel­lie­fe­ran­ten) erin­nert wer­den. Die Imple­men­tie­rung von Ver­träg­lich­keits­prü­fun­gen (Interaktionen/Wechselwirkungen) wäre bereits heu­te mög­lich, da sol­che Modu­le bereits für Apo­the­ken- und die ärzt­li­che Ver­ord­nungs­soft­ware ent­wi­ckelt wur­den. Das Pro­blem der feh­len­den Medi­ka­ti­ons­über­sicht auf­grund meh­re­rer Bezugs­quel­len wür­de durch die Kana­li­sie­rung über den Assis­ten­ten ent­fal­len.
Erneut offen­ba­ren sich eini­ge für einen Pati­en­ten als End­ver­brau­cher bequem erschei­nen­de Mehr­wer­te, die gleich­zei­tig die Arz­nei­mit­tel­the­ra­pie­si­cher­heit und die Com­pli­an­ce ver­bes­sern kön­nen. Sie sind zwar heu­te noch theo­re­ti­scher Natur, doch dies gilt eben­falls für den oft als Arbeits­nach­weis durch Apo­the­ker ange­brach­te Ver­weis auf ver­mie­de­ne arz­nei­mit­tel­be­zo­ge­ne Pro­ble­me. Ohne die­se dezi­diert zu ana­ly­sie­ren, stellt sich dabei stets die Fra­ge nach dem tat­säch­li­chen Nut­zen, da nicht jeder Feh­ler einen Scha­den bedingt hät­te. Auch wer­den gän­gi­ge Feh­ler­quel­len der Ver­ord­nungs­er­stel­lung auf­grund der eVer­ord­nung künf­tig ent­fal­len. Eben­so gibt es Bei­spie­le, bei denen die sys­tem­sei­tig ein­ge­bau­te Sicher­heits­red­un­danz der Apo­the­ker auf­grund gra­vie­ren­der Ver­nach­läs­si­gung der Sorg­falts­pflich­ten einen Scha­den eben nicht ver­hin­dern konn­te. Die Recht­spre­chung hat hier­bei das bereits ange­spro­che­ne Pro­blem der unter­schied­li­chen beweis­recht­li­chen Stel­lung von Arzt und Apo­the­ker in die­sem Zusam­men­hang unlängst kri­ti­siert und eine dog­ma­ti­sche Her­lei­tung für die Gleich­be­hand­lung gesucht, ohne dabei jedoch den Behand­lungs­ver­trag anzu­wen­den[11].
Letzt­lich sind es die beque­men Mehr­wer­te der Digi­ta­li­sie­rung, die die Eli­mi­nie­rung der Sys­tem­red­un­danz „Apo­the­ker“ in sei­ner heu­ti­gen Funk­ti­on ledig­lich als eine Fra­ge der Zeit erschei­nen las­sen. Am Ende des Tages wäre das Aus­ster­ben eines Beru­fes auch nicht neu. Das hat es immer gege­ben – davor schützt auch kei­ne aka­de­mi­sche Aus­bil­dung. Es sei denn, dass die Berufs­grup­pe end­lich einen klar erkenn­ba­ren Nut­zen aus Pati­en­ten- und Kos­ten­trä­ger­sicht gene­riert. Nur so kann das Fest­hal­ten am Sta­tus quo i. S. d. Apo­the­ken­mo­no­pols zur erfolg­rei­chen Stra­te­gie wer­den. Ande­ren­falls wer­den Libe­ra­li­sie­rungs­kräf­te über kurz oder lang den Markt – dann berech­tig­ter­wei­se — revo­lu­tio­nie­ren und der Pati­ent wird fol­gen. Damit erschei­nen die bis­he­ri­gen Bemü­hun­gen der Berufs­po­li­tik zur Zemen­tie­rung des Sta­tus quo über ledig­lich gebets­müh­len­ar­ti­ges Wie­der­ho­len der so wich­ti­gen (Beratungs-)Leistungen der Apo­the­ker wenig ziel­füh­rend.
Die ®Evo­lu­ti­on des Apo­the­kers
Da der gefor­der­te Wirk­nach­weis seit Jah­ren ver­glich gesucht wird, ist es an der Zeit anders zu den­ken. Man­gels des Mutes das Sys­tem radi­kal zu hin­ter­fra­gen, dre­hen sich die Dis­kus­sio­nen seit Jah­ren um die müs­si­ge Fra­ge, wie ein in Bezug auf den Nut­zen schlecht quan­ti­fi­zier­ba­re Leis­tung adäquat ver­gü­tet wer­den soll­te. Die Zukunft der Rol­le des Apo­the­kers kann daher nicht in der blo­ßen Arz­nei­mit­tel­dis­tri­bu­ti­on und –bera­tung lie­gen, wie es heu­te ver­stan­den wird.
Will man dem Apo­the­ker wei­ter­hin eine Bedeu­tung in der Ver­sor­gung der Pati­en­ten ein­räu­men, so dürf­te der Anknüp­fungs­punkt in der Heil­kun­de des Apo­the­kers und nicht in der vehe­ment ver­tei­dig­ten Dis­tri­bu­ti­on der Arz­nei­mit­tel lie­gen. Denn die schon heu­te deut­lich her­vor­tre­ten­den behand­lungs­recht­li­chen Ele­men­te bei der ord­nungs­ge­mä­ßen Pflicht­er­fül­lung in der Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung sind zu lan­ge geleug­net wor­den. Bereits die auf­ge­zeig­te Red­un­danz zum ärzt­li­chen Tun im Rah­men des Behand­lungs­ver­tra­ges ver­deut­licht, dass es sich bei den apo­the­ker­li­chen Pflich­ten um einen – wenn auch der­zeit red­un­dan­ten — Teil der ärzt­lich bestimm­ten (Arz­nei­mit­tel-) Heil­be­hand­lung han­delt. Spä­tes­tens der Blick auf die Heil­kun­de­de­fi­ni­tio­nen beweist die­se The­se, wenn­gleich die­se Wahr­heit unbe­quem für alle Akteue­re ist, da sie die Gren­zen zwi­schen den schein­bar so klar getrenn­ten Kom­pe­tenz­ge­bie­ten von Arzt und Apo­the­ker auf­löst. Denn die Heil­kun­de ist „[…jede berufs- oder gewerbs­mä­ßig vor­ge­nom­me­ne Tätig­keit zur Fest­stel­lung, Hei­lung oder Lin­de­rung von Krank­hei­ten, Lei­den oder Kör­per­schä­den bei Men­schen, auch wenn sie im Diens­te von ande­ren aus­ge­übt wird.“[12] In der Rechts­li­te­ra­tur wur­de jüngst auf­ge­zeigt, dass das apo­the­ker­li­che Wir­ken ein­deu­tig unter die­se Defi­ni­ti­on zu sub­su­mie­ren ist, was in letz­ter Kon­se­quenz täg­lich zur Rechts­kol­li­si­on zwi­schen der ord­nungs­ge­mä­ßen Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung und dem – für Apo­the­ker berufs­recht­lich red­un­dant nor­mier­ten — Heil­kun­de­ver­bot außer­halb der Berufs­grup­pen der Ärz­te und Heil­prak­ti­ker führt[13]. Damit läuft jeg­li­che (Gesetzes-)Begründung zur Nicht­an­wen­dung des Behand­lungs­ver­tra­ges auf den Apo­the­ker, da er nicht zur Behand­lung befugt sei, ins Lee­re.
Die­ses zunächst rechts­theo­re­tisch anmu­ten­de Gedan­ken­spiel gewinnt haf­tungs­tech­nisch auf­grund des ins­be­son­de­re dem Ärz­te­man­gel geschul­de­ten Trends zur Über­tra­gung von ärzt­li­chen Auf­ga­ben auf ande­re Heil­be­ru­fe zuneh­mend an Bedeu­tung und offen­bart eine sinn­vol­le Stoß­rich­tung für die Wei­ter­ent­wick­lung des Berufs­stan­des der Apo­the­ker. Die­se Betrach­tungs­wei­se öff­net die Tür zur Anwen­dung des Behand­lungs­ver­tra­ges auf den Apo­the­ker nur noch wei­ter, was eine dog­ma­tisch rich­ti­ge und haf­tungs­recht­lich für den Pati­en­ten mehr­wert­stif­ten­de Legi­ti­ma­ti­on dar­stellt.
Mit dem Apo­the­ker als Behan­deln­der nach § 630a BGB wür­de sich die Dyna­mik im gesam­ten Ver­sor­gungs­pro­zess in eine sinn­vol­le Rich­tung i. S. d. ursprüng­li­chen aka­de­mi­schen Aus­bil­dung von Arzt und Apo­the­ker ver­än­dern[14]. Die Arz­nei­mit­tel­the­ra­pie könn­te somit das (unein­ge­schränk­te) Hoheits­ge­biet der Apo­the­ker­schaft wer­den – sie bean­sprucht den Sta­tus als allei­ni­ger Arz­nei­mit­tel­ex­per­te ohne­hin für sich – und den Arzt fach­lich, orga­ni­sa­to­risch und haf­tungs­recht­lich ent­las­ten. Dies ergä­be sich unmit­tel­bar aus dem Behand­lungs­ver­trag. Denn nach §§ 630d und 630e BGB benö­tigt die Ein­wil­li­gung auf Grund­la­ge der ord­nungs­ge­mä­ßen Auf­klä­rung, der Behan­deln­de. Dabei wird bereits heu­te in unter­schied­li­chen The­ra­pie­schrit­ten und –maß­nah­men unter­schie­den, so dass jeder Fach­arzt einer (z. B. ope­ra­ti­ven) Behand­lungs­ket­te einer pati­en­ten­sei­ti­gen Ein­wil­li­gung bedarf. Sofern der Apo­the­ker nun als Behan­deln­der auf­trä­te, wür­de er eben­falls einer sol­che Auf­klä­rungs- und Ein­wil­li­gungs­kau­sa­li­tät bedür­fen.
In einem arbeits­tei­li­gen Sze­na­rio der Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung hät­te sich der Arzt ledig­lich auf die The­ra­pie­aus­wahl auf eine abs­trak­te Ebe­ne auf Grund­la­ge sei­ner Dia­gno­se zu beschrän­ken, was ihm die dezi­dier­te Auf­klä­rung zum indi­vi­du­el­len Arz­nei­mit­tel erspa­ren wür­de. So könn­te er z. B. die The­ra­pie mit einem Anti­bio­ti­kum auf­grund einer bak­te­ri­el­len Infek­ti­on einer spe­zi­fi­schen Aus­prä­gung anord­nen. Die indi­vi­du­el­le The­ra­pie­ent­schei­dung unter Berück­sich­ti­gung von pati­en­ten­in­di­vi­du­el­len Fak­to­ren wie Alter, Grö­ße, Gewicht und Arz­nei­mit­te­l­un­ver­träg­lich­kei­ten oder Hand­ha­bungs- und Com­pli­an­ce-Aspek­ten sowie die dazu gehö­ri­gen Auf­klä­rungs- und Infor­ma­ti­ons­pflich­ten trä­fen fol­gend den Apo­the­ker auf Grund­la­ge sei­ner eige­nen Erwä­gun­gen.
So revo­lu­tio­när der Ansatz zunächst klin­gen mag, wäre ein sol­cher Weg kei­nes­wegs. So for­dert bereits das Lan­des­par­la­ment für nie­der­säch­si­sche Kran­ken­häu­ser die ver­bind­li­che Ein­stel­lung von Sta­ti­ons­apo­the­kern, die in den Medi­ka­ti­ons­pro­zess ein­ge­bun­den wer­den sol­len[15]. Die­ser Gedan­ke fin­det im Bun­des­rat der­zeit gro­ße Zustim­mung. Auch hat der Gesetz­ge­ber mit Ein­füh­rung des Medi­ka­ti­ons­ma­nage­ments als phar­ma­zeu­ti­sche Tätig­keit eine enge­re Ein­bin­dung – bis­her aller­dings ledig­lich auf Vor­schlags­ebe­ne für den Arzt — bereits nor­miert[16] und reicht der Apo­the­ker­schaft der­zeit erneut die Hand, indem er phar­ma­zeu­ti­sche Dienst­leis­tun­gen im Sozi­al­recht ver­an­kern will. Die kom­plet­te Auto­no­mie des Apo­the­kers in der Arz­nei­mit­tel­the­ra­pie wäre nur eine kon­se­quen­te Wei­ter­ent­wick­lung die­ses Gedan­kens. Im Übri­gen hat die­se Vor­stel­lung der Arbeits­tei­lung aus­ge­rech­net im so oft auf­grund der Büro­kra­tie in der Apo­the­ker­schaft ver­hass­ten GKV-Sys­tem durch die sozi­al­recht­li­che Kom­pe­tenz­ver­tei­lung zwi­schen Arzt und Apo­the­ker mit jeweils eige­nen Hoheits­ge­bie­ten sei­nen Ursprung[17], der vie­le wei­te­re Mög­lich­kei­ten zur Ver­bes­se­rung der Pati­en­ten­ver­sor­gung in sich birgt. Denn die ins­be­son­de­re in Bezug auf die Arz­nei­mit­tel­sub­sti­tu­ti­on bestehen­den Ver­trags­pflich­ten for­dern dem Apo­the­ker bereits heu­te regel­mä­ßig eigen­stän­di­ge, dem Arzt nicht zugäng­li­che, The­ra­pie­ent­schei­dun­gen ab. So kann der Apo­the­ker eigen­mäch­tig den Rah­men­vor­ga­ben ent­spre­chen­de Arz­nei­mit­tel aus­wäh­len, oder die Sub­sti­tu­ti­ons­pflicht zuguns­ten sog. phar­ma­zeu­ti­scher Beden­ken im begrün­de­ten Ein­zel­fall ver­mei­den[18]. Dar­über hin­aus sind zuletzt klas­si­sche ärzt­li­chen Auf­ga­ben auf den Apo­the­ker über­ge­gan­gen. Bei­spiels­wei­se sei­en hier die rezept­freie Abgabe(-verweigerung) der Pil­le danach i. V. m. den dazu­ge­hö­ri­gen Bera­tungs­pflich­ten sowie die Über­wa­chung des Sicht­be­zugs in der Sub­sti­tu­ti­ons­the­ra­pie nach § 5 Abs. 10 S. 2 Nr. 2 BTMVV genannt. Die­se The­ra­pie­frei­hei­ten und Ver­ant­wort­lich­kei­ten des Apo­the­ker wür­de im o. G. Sze­na­rio ledig­lich erwei­tert wer­den.
Die Mehr­wer­te für die Pati­en­ten­ver­sor­gung durch eine Neu­ord­nung der Trenn­li­nie zwi­schen Arzt und Apo­the­ker sind viel­sei­tig. So könn­ten dem Apo­the­ker als Behan­deln­den wei­te­re Kom­pe­ten­zen in der Not­ver­sor­gung und der Anschluss­ver­sor­gung von chro­ni­schen Kran­ken ein­ge­räumt wer­den. Zu nen­nen sind hier ins­be­son­de­re der Not­dienst, bei dem er exakt zu defi­nie­ren­de ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel im Rah­men sei­ner Heil­kun­de abge­ben kön­nen dürf­te, wie es für Heil­prak­ti­ker und Heb­am­men lan­ge nor­miert ist[19]. Dies wür­de die über­las­te­ten Ambu­lan­zen um die Fäl­le ent­las­ten, bei denen den Pati­en­ten bereits vor ihrer Inan­spruch­nah­me klar ist, dass sie ledig­lich for­mal auf den Arzt als Ver­ord­ner des benö­tig­ten Arz­nei­mit­tels ange­wie­sen sind. In Kom­bi­na­ti­on mit einer Libe­ra­li­sie­rung des Boten­diens­tes kann der Apo­the­ker dem Pati­en­ten letzt­lich sogar den Weg zur Apo­the­ke erspa­ren und durch die tele­phar­ma­zeu­ti­sche Bewer­tung der Not­si­tua­ti­on ziel­füh­ren­de Hil­fe leis­ten. Hier sind ins­be­son­de­re Fäl­le zu nen­nen, bei denen das bis­he­ri­ge Sys­tem den Pati­en­ten vor immense orga­ni­sa­to­ri­sche Her­aus­for­de­run­gen stellt. Bei­spiels­wei­se sei an die Mut­ter gedacht, der abends der Anti­bio­ti­ka­s­aft für Ihr Kind her­un­ter­ge­fal­len ist. der auf­ge­zeig­te Vor­schlag wür­de es ihr erspa­ren, das kran­ke, wei­nen­de Kind aus dem Bett zu zer­ren, warm anzu­zie­hen, um in die Ambu­lanz zu fah­ren, dort auf die Ver­ord­nung zu war­ten und die nächs­te Not­dienstapo­the­ke zu suchen. Im Anschuss dürf­te das Kind krän­ker sein als zuvor. Das Prin­zip der Abkür­zung der Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung über den Apo­the­ker in beson­de­ren Situa­tio­nen ent­sprä­che dem der Selbst­me­di­ka­ti­on zugrun­de lie­gen­den Gedan­ken des Apo­the­kers in der Gate­kee­per-Funk­ti­on der über die Not­wen­dig­keit eines Arzt­be­su­ches ent­schei­det. Wei­ter­hin könn­te die, bei­spiels­wei­se auf die chro­ni­schen Volks­krank­hei­ten zu beschrän­ken­de, Ermäch­ti­gung der Apo­the­ker­schaft zur Aus­stel­lung von Fol­ge­ver­ord­nun­gen das Haus­arzt­sys­tem nach­hal­tig ent­las­ten. Denn wenn der­zeit über die tele­me­di­zi­ni­sche Ver­ord­nung für chro­nisch Kran­ke dis­ku­tiert wird, muss auch die weit­ge­hen­de Sub­sti­tu­ti­on des Arz­tes – unge­ach­tet not­wen­di­ger Kon­troll­un­ter­su­chun­gen – ange­dacht wer­den dür­fen, um Pati­en­ten und Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­te­me zu ent­las­ten.
Sol­che Mög­lich­kei­ten soll­ten jedoch auch von der ärzt­li­chen Sei­te her betrach­tet wer­den. So kann das bereits ange­spro­che­ne und auch durch einen Apo­the­ker admi­nis­trier­te Arz­nei­mit­tel­de­pot in der Not­dienst­pra­xis bzw. ‑ambu­lanz den Pati­en­ten unnö­ti­ge Wege erspa­ren. Sol­che Über­le­gun­gen zu pati­en­ten­op­ti­mier­ten Lösun­gen stel­len den Pati­en­ten in den Fokus und tarie­ren die Neu­ord­nung der Heil­be­rufs­gren­zen zwi­schen den Betei­li­gen womög­lich aus.[20]
Es gibt wenig Hoff­nung für das Sys­tem Apo­the­ke in sei­ner heu­ti­gen Form, da der Mehr­wert der Leis­tung des Apo­the­kers im Rah­men der Arz­nei­mit­tel­ab­ga­be über eine Siche­rungs­red­un­danz hin­aus nicht greif­bar ist. Der gesun­de Men­schen­ver­stand und die Macht der Gewohn­heit mögen für sei­ne Bei­be­hal­tung spre­chen, jedoch feh­len gute recht­li­che und öko­no­misch wider­spruchs­freie Grün­de wei­test­ge­hend. Eben sol­che Aus­gangs­si­tua­tio­nen bie­ten idea­le Angriffs­punk­te für die digi­ta­le Dis­rup­ti­on und wer­den den Apo­the­ker in sei­nem heu­ti­gen Selbst­ver­ständ­nis ablö­sen. Aber es gibt Hoff­nung:
Die Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung bie­tet dem Apo­the­ker Chan­cen sich wei­ter zu ent­wi­ckeln. Die aus recht­li­cher Sicht ohne­hin über­fäl­li­ge Betrach­tung des Apo­the­kers als Behan­deln­der ist eine sol­che Chan­ce. Denn die­se Über­le­gung führt zu jeweils eige­nen fach­li­chen Hoheits­ge­bie­ten von Arzt und Apo­the­ker — wie bei Fach­ärz­ten unter­ein­an­der — und eine durch­gän­gi­ge haf­tungs- und beweis­recht­li­che Gleich­stel­lung ins­be­son­de­re gegen­über dem Pati­en­ten. Im Ergeb­nis steht eine ver­bes­ser­te Rechts­si­cher­heit sowie die Mög­lich­keit die Ver­sor­gung ins­be­son­de­re in (Ver­sor­gungs-) Not­si­tua­tio­nen sub­stan­zi­ell zu ver­bes­sern.
Die betei­lig­ten Heil­be­ru­fe soll­ten nicht län­ger dog­ma­tisch auf die jewei­li­gen Gren­zen pochen, son­dern sich auf die Bewer­tung der zu ver­bes­sern­den Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on im Ein­zel­fall ein­las­sen. Dies wür­de zu einer pati­en­ten­zen­trier­ten und –opti­mier­ten Ver­sor­gung füh­ren. Letzt­lich geht es nicht um die Zemen­tie­rung der eige­nen Pfrün­de, son­dern um den Pati­en­ten als Bean­spru­cher der Leis­tun­gen. Damit wür­de mit Nich­ten die eige­ne Posi­ti­on gefähr­det. Denn die digi­ta­le Dis­rup­ti­on schlägt ins­be­son­de­re dort zu, wo kun­den­sei­ti­ge Unzu­frie­den­heit und sys­tem­sei­ti­ge Inef­fi­zi­en­zen exis­tie­ren. Die his­to­risch stol­zen Berufs­grup­pen wür­den somit nicht ver­lie­ren, son­dern gewin­nen.
Das zöger­li­che Ver­hal­ten ins­be­son­de­re der Stan­des­ver­tre­tung der Apo­the­ker in Bezug auf neue phar­ma­zeu­ti­sche Leis­tun­gen wie das Imp­fen oder Fol­ge­ver­ord­nun­gen ist in die­sem Zusam­men­hang eben­so kon­tra­pro­duk­tiv zu bewer­ten, wie das ärz­te­sei­ti­ge Tot­schla­gen von Ideen der Kom­pe­tenz­über­tra­gung. Denn die Angst vor mehr Ver­ant­wor­tung und Haf­tung auf der einen Sei­te und die Ver­tei­di­gung des Heil­kun­de­mo­no­pols auf der ande­ren Sei­te ver­stel­len heu­te den Weg zur Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung der Zukunft.
[1] ABDA, in: Die Apo­the­ke: Zah­len – Daten – Fak­ten, 2017.
[2] Schmidt, auf dem Deut­schen Apo­the­ker Tag 2018.
[3] vgl. z. B. § 11a Nr. 2 Buchst. d ApoG.
[4] So auch: LÄKBW, in: Merk­blatt Die Auf­klä­rungs- und Infor­ma­ti­ons­pflich­ten des Arz­tes, S. 9, 2016.
[5] Hal­be, in: Dtsch Art­ze­blt, 2017; 114(19): A‑962 / B‑802 / C‑784.
[6] vgl. BGH vom 15.03.2005 – VI ZR 289/03.
[7] Jung, in: Hand­buch Medi­zin­recht, Kap. 31, Rn. 275.
[8] BGH, Urt. v. 7.11.2006 — VI ZR 206/05, GesR 2007, 108 = NJW-RR 2007, 310.
[9] Schmidt, in: Hand­buch Medi­zin­recht, Kap. 15, Rn. 22–23.
[10] Jung, in: Hand­buch Medi­zin­recht, Kap. 13, Rn. 44.
[11] OLG Köln, Urt. v. 07.08.2013 — 5 U 92/12.
[12] Vgl. § 1 Abs. 2 Heil­prG.
[13] Effertz, in: Der Apo­the­ker als Behan­deln­der ohne Behand­lungs­be­fug­nis, GesR 2019, 15–21
[14] Bei­spiels­wei­se 3 Semes­ter Phar­ma­ko­lo­gie in Phar­ma­zie vs. 1 Semes­ter in Medi­zin sowie deut­li­cher Wis­sens­vor­sprung in den Berei­chen Arz­nei­for­men­leh­re und Gale­nik für Apo­the­ker.
[15] Ent­wurf eines Geset­zes zur Ände­rung des Nie­der­säch­si­schen Kran­ken­haus­ge­set­zes und wei­te­rer Vor­schrif­ten, Druck­sa­che 18/908.
[16] Vgl.§ 1a Abs. 3 Nr. 6 ApBe­trO.
[17] Vgl. BSG, Urt. v. 17.1.1996, Az.: 3 RK 26/94, Rn. 44.
[18] Vgl. § 3 Abs. 4 S. 2 Rah­men­ver­trag nach § 129 SGB V.
[19] Z. B. Lido­cain nach Anla­ge 1 der AMVV.
[20] Z. B. über ledig­lich situa­ti­ves Dis­pen­sier­recht für Ärz­te und situa­ti­ves „Ver­ord­nungs­recht“ für Apo­the­ker.
Tag:Apotheker, Digitalisierung, Disruption, Heilkunde, Versandhandel

References: § 20
 § 17
 § 20
 § 20
 § 11
 § 11
 § 630
 § 630
 § 630
 § 630
 § 630
 § 5
 § 11
 BGH 
 § 1
 § 3
 § 129