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Timestamp: 2018-12-14 10:01:22+00:00

Document:
Schwulissimo - Stolperstein zum Gedenken an Joseph Völker
Stolperstein zum Gedenken an Joseph Völker
27.01.2013 - 10:00 - Merowinger Straße 31 - Düsseldorf
Joseph Völker, geboren am 3. Juli 1913 in Bochum, kaufmännischer Angestellter, lebte bis zu seiner Verhaftung in Düsseldorf, Merowingerstraße 31. 1932 wird er wg. "unzüchtigen Verhaltens" nach § 175 verurteilt (Haft in Bautzen). 1937 wird ihm die Reichsangehörigkeit wg. Vergehens nach §§ 175 und 175e aberkannt. 1938 wird er wegen sexueller Handlungen mit einem 16jährigen durch das Landgericht Salzburg zu einem Jahr "schweren Kerker" verurteilt. 1939 wird Joseph Völker nach Düsseldorf überführt und 1940 aus dem Gefängnis entlassen. Weil er als Homosexueller mehr als eine Person in homosexueller Hinsicht zur Unsittlichkeit verführt hat, wird er im Juni 1941 in Vorbeugehaft genommen und kommt am 10.07.1941 ins Konzentrationslager Neuengamme. Im Oktober 1942 ist er im Konzentrationslager Dachau. Zurück in Neuengamme wird Joseph Völker am 09.01.1943 im Alter von 29 Jahren getötet.
Joseph Völker hinterließ einen sehr eindringlichen Brief, den er seinen Eltern aus Dachau schrieb. Dieser Brief ist eine beeindruckende Schilderung der KZ-Verhältnisse und ein letzter Hilfeschrei.
Joseph Völker kam am 3. Juli 1913 in Bochum zur Welt. Die Eltern waren Amandus Völker, Betriebsleiter bei der Feuerwehr, katholisch, (Ecklingerode 1886 bis Düsseldorf 1970) und die Hausfrau Aloysia (Luise) Völker, geborene Kötte, katholisch, (Gelsenkirchen 1887 bis Düsseldorf 1961). Aus der Ehe ging ein zweiter Sohn hervor, Willy Völker, katholisch, geboren am 17.08.1919 in Bochum, gestorben am 12.06.1944 in Düsseldorf.
Aus Bochum kommend zog die Familie in die Wupperstrasse 5 in Düsseldorf und anschließend in die Merowingerstrasse 31 in Düsseldorf-Bilk. Dies ist der letzte gemeldete Wohnsitz aller vier Familienangehörigen.
Joseph Völker, katholisch, ist seit seinem 13. Lebensjahr in Jugendbünden aktiv. 1928 ist er dem N.S.-Schülerbund beigetreten (schreibt später von "Knebelung durch Neuheidentum").
1929 schloß er sich dem Nerother Wandervogelbund an und wurde
1933 Ordenskanzler (1933 Auflösung Nerother Wandervogelbund).
1932 wg. "unzüchtigen Verhaltens" nach § 175 verurteilt (Haft in Bautzen, lt. Protokoll des Polizeiverhörs denunziert er Düsseldorfer Pfadfindergruppen als "schwul").
1931/1932 scheidet aus der Hitlerjugend aus als man ein Führungszeugnis verlangt.
1934/35: Mitglied des Rheinischen Jugendburgbundes.
1934: Reisen nach Ungarn, Holland, Belgien (meist alleine).
14.09.1936: Steckbrieflich gesucht wg. Verbreitung von Gräuelpropaganda und Tragen einer holländischen Uniform.
1936: Luxemburg (außerdem: Frankreich, Spanien, Jugoslawien, …).
4.2.1937: Verurteilung in Gossa/Schweiz wg. grob unsittlicher Handlungen mit Unmündigen zu 3 Monaten Arbeitshaus und 250 Fr. Geldstrafe.
1937: Strafhaft im Düsseldorfer Gerichtsgefängnis (unsicher).
1937: Flucht nach Österreich und Sizilien/Italien.
06.08.1937: Antrag auf Aberkennung der Reichsangehörigkeit wg. Vergehens nach §§ 175 und 175e (Bekanntmachung: 07.12.1937).
Januar 1938: Verhaftung in Salzburg, wegen sexueller Handlungen mit einem 16jährigen.
02.09.1938: Verurteilung durch das Landgericht Salzburg zu einem Jahr "schweren Kerker".
1939: Überführung nach Düsseldorf, nun mit dem Vorwurf: Verbrechen nach §175a und Vergehen gegen das "Heimtückegesetz".
23.12.1940: Entlassung aus dem Gefängnis.
10.06.1941: Vorbeugehaft, "weil er als Homosexueller mehr als 1 Person in homosexueller Hinsicht zur Unsittlichkeit verführt hat."
12.06.1941: bietet sich als "Vertrauensmann" an wg. Beziehungen zu führenden Kreisen der K.A. (Katholische Amtskirche??).
10.07.1941: Ankunft im Konzentrationslager Neuengamme.
Oktober 1942: Konzentrationslager Dachau (Brief an Eltern befindet sich in den Akten der Landesgeschichtskommission der VVN, Düsseldorf Nr. 4961). Rückkehr nach Neuengamme.
09.01.1943 getötet in Neuengamme im Alter von 29 Jahren (Standesamt Hamburg-Neuengamme 139/1943).
Schätzungen gehen von 5 bis 15 Tausend ermordeten Homosexuellen in den Konzentrationslagern aus. Außerdem wurden mehr als 50.000 Männer mittels des von den Nationalsozialisten verschärften § 175 verurteilt. Auch nach 1945 setzte sich die juristische Verfolgung bis 1969 unvermindert fort, denn viel zu spät wurde erst 1969 (!!) die nationalsozialistische Fassung des §175 entschärft, damit einvernehmliche Beziehungen zwischen erwachsenen Männern straffrei. Erst im Jahr 1994 wurde der § 175 im Zuge der Wiedervereinigung insgesamt aufgehoben. Während jedoch die Urteile nach §175, die in der NS-Zeit bis Mai 1945 verhängt worden waren, im Jahr 2002 aufgehoben und die verurteilten Männer damit meist posthum rehabilitiert wurden, weigern sich Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger und die CDU-CSU-FDP-Regierung bis heute, diejenigen Urteile aufzuheben, die zwischen 1945 und 1969 nach demselben Naziparagraphen 175 gefällt wurden. Viele Verurteilte sind inzwischen verstorben, zahlreiche leben aber heute noch hochbetagt. Bis heute hat es für sie weder eine moralische noch finanzielle Wiedergutmachung gegeben. Dies lässt nur den Schluss zu, dass es im Lager der konservativ-liberalen Politiker immer noch starke Kräfte gibt, die eine eindeutige Abgrenzung und Distanzierung von nationalsozialistischem Denken und Handeln und von der NS-Ideologie in Bezug auf Homosexualität verhindern.
Der Stolperstein für Joseph Völker, von dem Künstler Gunter Demnig verlegt, liegt ab Sonntag, den 27. Januar 2013, vor dem Wohnhaus Merowinger Straße 31 in Düsseldorf. Weitere Stolpersteine in Bochum, Essen, Duisburg, Wuppertal, Remscheid zur Erinnerung an die homosexuellen Opfer sind bereits verlegt worden oder werden in den nächsten Jahren folgen. Initiative, Recherchen und Bericht zum Leben und Tod von Joseph Völker stammen von Jürgen Wenke, ehrenamtlicher Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins Rosa Strippe e.V., Beratungsstelle für Lesben, Schwule und deren Familien sowie Marco Grober, Mitarbeiter der Aidshilfe Düsseldorf e.V. Die Patenschaft zu dem Stolperstein hat das Forum Düsseldorfer Lesben- und Schwulengruppen übernommen.

References: § 175
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