Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/dublin-ii-verordnung-und-systemische-maengel-im-asylverfahren-378666
Timestamp: 2020-02-27 14:48:20+00:00

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Dub­lin-II-Ver­ord­nung – und sys­te­mi­sche Män­gel im Asyl­ver­fah­ren | Rechtslupe
Ein Asyl­be­wer­ber kann der Über­stel­lung in den nach der Dub­lin-II-Ver­ord­nung für ihn zustän­di­gen Mit­glied­staat nur mit dem Ein­wand sys­te­mi­scher Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber ent­ge­gen­tre­ten. Es kommt hin­ge­gen nicht dar­auf an, ob es unter­halb der Schwel­le sys­te­mi­scher Män­gel in Ein­zel­fäl­len zu einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne von Art. 4 GR-Char­ta bzw. Art. 3 EMRK kom­men kann und ob ein Antrag­stel­ler dem in der Ver­gan­gen­heit schon ein­mal aus­ge­setzt war 1.
Gemäß Art. 3 Abs. 1 Satz 2 der im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren (noch) maß­geb­li­chen Ver­ord­nung Nr. 343/​2003 des Rates vom 18.02.2003 zur Fest­le­gung der Kri­te­ri­en und Ver­fah­ren zur Bestim­mung des Mit­glied­staats, der für die Prü­fung eines von einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen in einem Mit­glied­staat gestell­ten Asyl­an­trags zustän­dig ist 2 – Dub­lin-II-Ver­ord­nung – wird ein Asyl­an­trag von einem ein­zi­gen Mit­glied­staat geprüft, der nach den Kri­te­ri­en des Kapi­tels III als zustän­di­ger Staat bestimmt wird. Wie sich aus ihren Erwä­gungs­grün­den 3 und 4 ergibt, besteht einer der Haupt­zwe­cke der Dub­lin-II-Ver­ord­nung in der Schaf­fung einer kla­ren und prak­ti­ka­blen For­mel für die Bestim­mung des für die Prü­fung eines Asyl­an­trags zustän­di­gen Mit­glied­staats, um den effek­ti­ven Zugang zu den Ver­fah­ren zur Bestim­mung der Flücht­lings­ei­gen­schaft und eine zügi­ge Bear­bei­tung der Asyl­an­trä­ge zu gewähr­leis­ten. Das Gemein­sa­me Euro­päi­sche Asyl­sys­tem grün­det sich auf das Prin­zip gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens, dass alle dar­an betei­lig­ten Staa­ten die Grund­rech­te sowie die Rech­te beach­ten, die ihre Grund­la­ge in der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und dem Pro­to­koll von 1967 sowie in der EMRK fin­den 3. Dar­aus hat der Uni­ons­ge­richts­hof die Ver­mu­tung abge­lei­tet, dass die Behand­lung der Asyl­be­wer­ber in jedem Mit­glied­staat in Ein­klang mit den Erfor­der­nis­sen der Grund­rech­te-Char­ta (GR-Char­ta) sowie mit der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und der EMRK steht 4.
Dabei hat der Uni­ons­ge­richts­hof nicht ver­kannt, dass die­ses Sys­tem in der Pra­xis auf grö­ße­re Funk­ti­ons­stö­run­gen in einem bestimm­ten Mit­glied­staat sto­ßen kann, so dass die ernst­zu­neh­men­de Gefahr besteht, dass Asyl­be­wer­ber bei einer Über­stel­lung an den nach Uni­ons­recht zustän­di­gen Mit­glied­staat auf unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Wei­se behan­delt wer­den. Des­halb geht er davon aus, dass die Ver­mu­tung, die Rech­te der Asyl­be­wer­ber aus der Grund­rech­te-Char­ta, der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on wür­den in jedem Mit­glied­staat beach­tet, wider­legt wer­den kann 5. Eine Wider­le­gung der Ver­mu­tung hat er aber wegen der gewich­ti­gen Zwe­cke des Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tems an hohe Hür­den geknüpft: Nicht jede dro­hen­de Grund­rechts­ver­let­zung oder gerings­te Ver­stö­ße gegen die Richt­li­ni­en 2003/​9, 2004/​83 oder 2005/​85 genü­gen, um die Über­stel­lung eines Asyl­be­wer­bers an den nor­ma­ler­wei­se zustän­di­gen Mit­glied­staat zu ver­ei­teln 6. Ist hin­ge­gen ernst­haft zu befürch­ten, dass das Asyl­ver­fah­ren und die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber im zustän­di­gen Mit­glied­staat sys­te­mi­sche Män­gel auf­wei­sen, die eine unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung der an die­sen Mit­glied­staat über­stell­ten Asyl­be­wer­ber im Sin­ne von Art. 4 GR-Char­ta zur Fol­ge haben, ist eine Über­stel­lung mit die­ser Bestim­mung unver­ein­bar 7.
Der Uni­ons­ge­richts­hof hat sei­ne Über­le­gun­gen dahin­ge­hend zusam­men­ge­fasst, dass es den Mit­glied­staa­ten ein­schließ­lich der natio­na­len Gerich­te obliegt, einen Asyl­be­wer­ber nicht an den ‚zustän­di­gen Mit­glied­staat’ im Sin­ne der Dub­lin-II-Ver­ord­nung zu über­stel­len, wenn ihnen nicht unbe­kannt sein kann, dass die sys­te­mi­schen Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in die­sem Mit­glied­staat ernst­haf­te und durch Tat­sa­chen bestä­tig­te Grün­de für die Annah­me dar­stel­len, dass der Antrag­stel­ler tat­säch­lich Gefahr läuft, einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne des Art. 4 GR-Char­ta aus­ge­setzt zu wer­den 8. Schließ­lich hat er für den Fall, dass der zustän­di­ge Mit­glied­staat der Auf­nah­me zustimmt, ent­schie­den, dass der Asyl­be­wer­ber mit dem in Art.19 Abs. 2 der Dub­lin-II-Ver­ord­nung vor­ge­se­he­nen Rechts­be­helf gegen die Über­stel­lung der Her­an­zie­hung des in Art. 10 Abs. 1 der Ver­ord­nung nie­der­ge­leg­ten Zustän­dig­keits­kri­te­ri­ums nur mit dem o.g. Ein­wand sys­te­mi­scher Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber ent­ge­gen­tre­ten kann 9. Die­se Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hof liegt auch Art. 3 Abs. 2 der Neu­fas­sung der Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 vom 26.06.2013 10 – Dub­lin-III-Ver­ord­nung – zugrun­de.
Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te hat der­ar­ti­ge sys­te­mi­sche Män­gel für das Asyl­ver­fah­ren wie für die Auf­nah­me­be­din­gun­gen der Asyl­be­wer­ber in Grie­chen­land in Fäl­len der Über­stel­lung von Asyl­be­wer­bern im Rah­men des Dub­lin-Sys­tems der Sache nach bejaht 11 und in Fol­ge­ent­schei­dun­gen inso­weit aus­drück­lich auf das Kri­te­ri­um des sys­te­mi­schen Ver­sa­gens ("sys­temic fail­u­re") abge­stellt 12.
Für das in Deutsch­land – im Unter­schied zu ande­ren Rechts­sys­te­men – durch den Unter­su­chungs­grund­satz (§ 86 Abs. 1 VwGO) gepräg­te ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Ver­fah­ren hat das Kri­te­ri­um der sys­te­mi­schen Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on Bedeu­tung für die Gefah­ren­pro­gno­se im Rah­men des Art. 4 GR-Char­ta bzw. Art. 3 EMRK. Der Tatrich­ter muss sich zur Wider­le­gung der auf dem Prin­zip gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens unter den Mit­glied­staa­ten grün­den­den Ver­mu­tung, die Behand­lung der Asyl­be­wer­ber ste­he in jedem Mit­glied­staat in Ein­klang mit den Erfor­der­nis­sen der Grund­rech­te-Char­ta sowie mit der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und der EMRK, die Über­zeu­gungs­ge­wiss­heit (§ 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO) ver­schaf­fen, dass der Asyl­be­wer­ber wegen sys­te­mi­scher Män­gel des Asyl­ver­fah­rens oder der Auf­nah­me­be­din­gun­gen in dem eigent­lich zustän­di­gen Mit­glied­staat mit beacht­li­cher, d.h. über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit 13 einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung aus­ge­setzt wird. Die Fokus­sie­rung der Pro­gno­se auf sys­te­mi­sche Män­gel ist dabei, wie sich aus den Erwä­gun­gen des Uni­ons­ge­richts­hof zur Erkenn­bar­keit der Män­gel für ande­re Mit­glied­staa­ten ergibt 14, Aus­druck der Vor­her­seh­bar­keit sol­cher Defi­zi­te, weil sie im Rechts­sys­tem des zustän­di­gen Mit­glied­staa­tes ange­legt sind oder des­sen Voll­zugs­pra­xis struk­tu­rell prä­gen. Sol­che Män­gel tref­fen den Ein­zel­nen in dem zustän­di­gen Mit­glied­staat nicht unvor­her­seh­bar oder schick­sal­haft, son­dern las­sen sich aus Sicht der deut­schen Behör­den und Gerich­te wegen ihrer sys­tem­im­ma­nen­ten Regel­haf­tig­keit ver­läss­lich pro­gnos­ti­zie­ren. Die Wider­le­gung der o.g. Ver­mu­tung auf­grund sys­te­mi­scher Män­gel setzt des­halb vor­aus, dass das Asyl­ver­fah­ren oder die Auf­nah­me­be­din­gun­gen im zustän­di­gen Mit­glied­staat auf­grund grö­ße­rer Funk­ti­ons­stö­run­gen regel­haft so defi­zi­tär sind, dass anzu­neh­men ist, dass dort auch dem Asyl­be­wer­ber im kon­kret zu ent­schei­den­den Ein­zel­fall mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit eine unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung droht. Dann schei­det eine Über­stel­lung an den nach der Dub­lin-II-Ver­ord­nung zustän­di­gen Mit­glied­staat aus 15.
Aus der zitier­ten Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ergibt sich, dass ein Asyl­be­wer­ber der Über­stel­lung in den nach der Dub­lin-II-Ver­ord­nung für ihn zustän­di­gen Mit­glied­staat mit Blick auf unzu­rei­chen­de Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber nur mit dem Ein­wand sys­te­mi­scher Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen ent­ge­gen­tre­ten kann und es nicht dar­auf ankommt, ob es unter­halb der Schwel­le sys­te­mi­scher Män­gel in Ein­zel­fäl­len zu einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne von Art. 4 GR-Char­ta bzw. Art. 3 EMRK kom­men kann und ob ein Antrag­stel­ler dem in der Ver­gan­gen­heit schon ein­mal aus­ge­setzt war. Das Beru­fungs­ge­richt hat mit Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der­ar­ti­ge indi­vi­du­el­le Erfah­run­gen viel­mehr in die Gesamt­wür­di­gung ein­zu­be­zie­hen sind, ob sys­te­mi­sche Män­gel im Ziel­land der Abschie­bung des Antrag­stel­lers (hier: Ita­li­en) vor­lie­gen. In die­sem begrenz­ten Umfang sind indi­vi­du­el­le Erfah­run­gen des Betrof­fe­nen zu berück­sich­ti­gen. Dabei ist aller­dings zu beach­ten, dass per­sön­li­che Erleb­nis­se Betrof­fe­ner, die – wie hier – eini­ge Jah­re zurück­lie­gen, durch neue­re Ent­wick­lun­gen im betref­fen­den Staat über­holt sein kön­nen. Indi­vi­du­el­le Erfah­run­gen einer gegen Art. 4 GR-Char­ta ver­sto­ßen­den Behand­lung füh­ren hin­ge­gen nicht zu einer Beweis­last­um­kehr für die Fra­ge des Vor­lie­gens sys­te­mi­scher Män­gel.
Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Juni 2014 – 10 B 35.2014 -
Befris­te­te Arbeits­ver­hält­nis­se – die Ent­fris­tungs­kla­ge… Das im Inter­es­se des Klä­gers als unei­gent­li­cher Hilfs­an­trag aus­zu­le­gen­de vor­läu­fi­ge Wei­ter­be­schäf­ti­gungs­be­geh­ren ist mit dem Erfolg des Ent­fris­tungs­an­trags zur Ent­schei­dung ange­fal­len. Es ist bei einem Erfolg…
Sys­te­mi­sche Män­gel des unga­ri­schen Asyl­ver­fah­rens Im Hin­blick auf die 16 ist der­zeit ernst­haft zu befürch­ten, dass Asyl­be­wer­ber auf­grund sys­te­mi­scher Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und…
im Anschluss an BVerwG, Beschluss vom 19.03.2014 – 10 B 6.14[↩]
EuGH – Gro­ße Kam­mer, Urteil vom 21.12 2011 – C‑411/​10 und C‑493/​10, N.S. u.a., Slg. 2011, I‑13905 Rn. 78 f. = NVwZ 2012, 417[↩]
EuGH, Urteil vom 21.12 2011 – C‑411/​10 und C‑493/​10 – a.a.O. Rn. 88 bis 94[↩]
vgl. zu vor­ste­hen­dem: BVerwG, Beschluss vom 19.03.2014 – 10 B 6.14[↩]

References: Art. 4
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 4
 Art.19
 Art. 10
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 3
 Art. 4

EuGH