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Timestamp: 2017-06-23 23:58:01+00:00

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EuGH und Vorratsdatenspeicherung: Emergenz eines Grundrechts auf Sicherheit? | Verfassungsblog
Sebastian LeuschnerMi 9 Apr 2014	Sebastian Leuschner ist Doktorand am Alexander von Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft und Mitglied des Kompetenznetzwerks für die Recht der zivilen Sicherheit in Europa (KORSE) und Rechtsreferendar am Kammergericht Berlin.
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Es ist wieder da: Der EuGH bestätigt das Grundrecht auf Sicherheit
Mit seinem gestrigen Urteil zur Nichtigkeit der Vorratsdatenspeicherungsrichtlinie (Rs. C-293/12 und C-594/12) hat der EuGH den Nerv der Zeit getroffen. Die anlasslose Speicherung sämtlicher Kommunikationsdaten steht außer Verhältnis zu den mit der Richtlinie neben der Verwirklichung des Binnenmarktes verfolgten Zielen – nämlich die „Bekämpfung des internationalen Terrorismus zur Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“ sowie die „Bekämpfung schwerer Kriminalität zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit“ (RNr. 42).
Sodann verweist der EuGH aber „im Übrigen“ auf Art. 6 GRCh, nach dem „jeder Mensch nicht nur das Recht auf Freiheit, sondern auch auf Sicherheit hat“. Diese Feststellung ist bemerkenswert, war sich die bisher ganz überwiegende Meinung im Schrifttum doch einig, dass Schutzgut der Vorschrift lediglich die körperliche Bewegungsfreiheit sei. Der Freiheitsbegriff definiere das Schutzgut, der Erwähnung der „Sicherheit“ komme keine eigenständige Bedeutung zu. Sie solle vielmehr nur den Zweck der Vorschrift, den Schutz vor unwillkürlichen Verhaftungen, verdeutlichen. Danach wäre die Sicherheit gewissermaßen nur als Annex zum Begriff der Freiheit zu verstehen.
Diese Lesart speist sich aus dem Umstand, dass Art. 6 GRCh dem Art. 5 EMRK exakt nachgebildet ist. Dies ist auch in den Erläuterungen zur GRCh, die gem. Art. 52 Abs. 7 GRCh und Art. 6 Abs. 1 Uabs. 3 EUV gebührend zu berücksichtigen sind, noch einmal hervorgehoben. Konsequent wird dort auch die Schrankenregelung des Art. 5 EMRK wiederholt. Aus Art. 5 EMRK hat der EGMR aber bisher lediglich ein Recht auf Schutz der körperlichen Bewegungsfreiheit deduziert und dem Begriff der Sicherheit keine eigenständige Bedeutung beigemessen. Gem. Art. 52 Abs. 3 GRCh haben die Charta-Rechte die gleiche Tragweite und Bedeutung wie die korrespondierenden Rechte der EMRK.
Wenn der EuGH nun von einem Recht „nicht nur auf Freiheit, sondern auch auf Sicherheit“ spricht, nimmt er gerade eine explizite Unterscheidung beider Begriffe vor. Wie anders als die Etablierung eines eigenständigen Rechts auf Sicherheit soll dies verstanden werden? Freilich erwähnt er dieses Recht lediglich im Rahmen der Bestimmung der legitimen Ziele der Terrorismus- und Kriminalitätsbekämpfung. Gleichwohl scheint es nun nicht mehr ausgeschlossen, sich in künftigen Verfahren auf eben dieses Recht auf Sicherheit zu berufen.
Auffällig ist, dass der Gerichtshof im Rahmen der weiteren Verhältnismäßigkeitsprüfung nicht weiter auf Art. 6 GRCh eingeht und insofern eine möglicherweise bestehende Grundrechtskollision mit Art. 7 und 8 GRCh nicht diskutiert. Darum ist die zuvor angesprochene Passage auch mit Vorsicht zu genießen.
Nimmt man die Formulierung aber ernst, wäre es künftig durchaus denkbar, sich auf eben dieses Grundrecht auf Sicherheit zu berufen. Was würde dies konkret bedeuten? Auf jeden Fall wären zum einen sicherheitspolitische Maßnahmen im Rahmen der Verhältnismäßigkeit in Bezug auf damit einhergehende Grundrechtseingriffe wegen etwaiger Grundrechtskollisionen einfacher zu rechtfertigen. Hätten Individuen zum anderen, weiter gedacht, Anspruch auf die Vornahme bestimmter Sicherheitsmaßnahmen durch die Europäische Union? Wurde hier also der Grundstein für künftige mögliche subjektiv-grundrechtliche Schutzpflichten auf europäischer Ebene gelegt? Oder erwächst aus diesem Grundrecht zumindest eine objektiv- aber dennoch explizit grundrechtliche Pflicht der EU zur Vornahme von Sicherheitsmaßnahmen? Wäre es, provokant gefragt, gar denkbar, die Schaffung einer neuen Vorratsdatenspeicherungsrichtlinie, die den Anforderungen des EuGH genügt, grundrechtlich zu begründen?
Für all diese Annahmen liefert das gestrige Urteil allenfalls ein Indiz. Gleichwohl lohnt es sich, die künftige Rechtsprechung des EuGH in diesem Bereich aufmerksam zu verfolgen.
SUGGESTED CITATION Leuschner, Sebastian: EuGH und Vorratsdatenspeicherung: Emergenz eines Grundrechts auf Sicherheit?, VerfBlog, 2014/4/09, http://verfassungsblog.de/eugh-und-vorratsdatenspeicherung-emergenz-eines-grundrechts-auf-sicherheit/.	0 Comments	Pingback: Wider die Mär vom Grundrechtsblinden: EuGH zur Vorratsdatenspeicherung
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Mangold at its limits: Horizontal effect of EU fundamental rights
Who Controls the Digital Frankenstein? The Future of the Data Retention Directive
In its judgment on the data retention directive (C‑293/12 and C‑594/12), the ECJ caught the spirit of the age.
The storage of all communication data is disproportionate to the objectives of the directive, which include, apart from the completion of the internal market, “the fight against international terrorism in order to maintain international peace and security” as well as “the fight against serious crime in order to ensure public security” (recital 42).
Thereafter, the ECJ refers “furthermore” to Art. 6 of the Charter of fundamental rights of the EU, according to which ”the right of any person not only to liberty, but also to security” is provided. This finding is remarkable, as the prevalent opinion in literature so far agreed on the physical freedom of movement being the sole legally protected good of the provision. The concept of freedom defined the protected good, the mention of “security” had no separate significance besides that. Rather, it was supposed to only clarify the purpose of the provision – the protection against arbitrary arrest. Accordingly, security was practically understood as a mere appendix to the concept of freedom.
This reading is based on the circumstance that Art. 6 of the Charter is patterned exactly on Art. 5 ECHR. What’s more, it is again emphasized in the explanations of the Charter, which have to be taken due account of according to Art. 52 (7) of the Charter and Art. 6 (1), 3. TFEU.
Systematically, the limiting provision of Art. 5 ECHR is repeated there, too. Up to now, the ECtHR only deduced from Art 5 ECHR a right to protection of the freedom of movement and did not attach independent significance. In line with Art 52 (3) of the Charter, the rights of the Charter have the same scope and meaning as the corresponding rights of the ECHR.
By mentioning now a right of any person not only to liberty, but also to security, the ECJ makes an explicit distinction between the two concepts. Can this wording not clearly be understood as the establishment of separate right to security? Certainly, it mentions the right only within the definition of legitimate aims of the fight against terrorism and crime. Nevertheless, it does not appear impossible anymore to rely on just this right in future proceedings.
Strikingly, neither does the court go into details of Art. 6 of the Charter as part of the broader analysis of proportionality in general, nor does it discuss a possible conflict of fundamental rights between Art. 7 and 8 and Art. 6 of the Charter in particular. That is why the passage mentioned above has to be treated with caution.
But if the wording was taken seriously, it would be possible to rely on this fundamental right to security in future proceedings. What would that mean? Firstly, security measures interfering with fundamental rights could be justified easier with regard to the proportionality principle as security would now be understood as a competing fundamental right.
Secondly, looking even further, would individuals even have the right to demand for security measures to be taken by the European Union? Did the ECJ even lay the foundation for possible positive obligations, which can be deduced from the individual fundamental right acknowledged here, assumed that the EU has a competence to act and that the member states would not be able to protect fundamental rights efficiently? Or, alternatively, does it constitute at least an objective duty of the EU, which was nevertheless still explicitly based on fundamental rights? Frankly, would it even be conceivable to justify the creation of a new directive on data retention sufficient to the conditions laid down by the ECJ with regard to fundamental rights?
At best, for all these assumptions the judgment provides evidence only. Anyhow, it is worth monitoring closely the jurisdiction of the ECJ in this area, henceforth.
SUGGESTED CITATION Leuschner, Sebastian: ECJ and Data Retention: Emergence of a Right to Security?, VerfBlog, 2014/4/09, http://verfassungsblog.de/eugh-und-vorratsdatenspeicherung-emergenz-eines-grundrechts-auf-sicherheit/.	WRITE A COMMENT Antworten abbrechen	Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.Kommentar Name * E-Mail * Website REGIONDeutschland
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 EuGH 
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 Art. 6
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 Art. 5
 Art. 52
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 EGMR 
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 EuGH 
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