Source: http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&zoom=&type=show_document&highlight_docid=aza%3A%2F%2F21-11-2014-8C_620-2014
Timestamp: 2016-10-26 11:24:10+00:00

Document:
8C_620/2014 � � Urteil vom 21. November 2014
Die 1955 geborene A.________ ist seit August 2010 bei der Stiftung B.________ als Internatsleiterin t�tig und dadurch bei der Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft AG unfallversichert. Am 22. Juli 2013 verletzte sie sich beim Versuch, auf einer Wiese ein Rad zu schlagen. Mit dem Verdacht auf einen Muskelfaserriss der Adduktoren blieb sie vom 22. Juli bis 26. Juli 2013 hospitalisiert. Nach erfolgloser Therapie ergab eine haus�rztlicherseits veranlasste MRI-Untersuchung einen kompletten Abriss der linksseitigen hinteren Oberschenkelmuskulatur (Bericht der Klinik C.________ vom 6. August 2013). W�hrend ihrer erneuten Hospitalisation (vom 12. bis 28. August 2013) erfolgte am Spital D.________ operativ eine Refixation der ischiocruralen Muskulatur (Austrittsbericht vom 22. August 2013). Die Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft AG lehnte nach Durchf�hrung der erforderlichen Abkl�rungen ihre Leistungspflicht ab, weil kein Unfall im Rechtssinne vorliege (Verf�gung vom 24. September 2013), woran sie mit Einspracheentscheid vom 1. November 2013 festhielt.
Eine gegen diesen Einspracheentscheid erhobene Beschwerde hiess das Kantonsgericht Luzern mit Entscheid vom 31. Juli 2014 gut und verpflichtete die Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft AG, der Versicherten f�r die Folgen der am 22. Juli 2013 erlittenen unfall�hnlichen K�rpersch�digung die gesetzlichen Leistungen zu erbringen.
Die Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft AG f�hrt Beschwerde in �ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten mit dem Antrag, der vorinstanzliche Entscheid sei aufzuheben und der Einspracheentscheid zu best�tigen.
W�hrend das Bundesamt f�r Gesundheit auf eine Vernehmlassung verzichtet, beantragt A.________ Abweisung der Beschwerde.
2.1.�Die Parteien sind sich darin einig, dass die Beschwerdegegnerin am 22. Juli 2013 keinen eigentlichen Unfall nach Art. 4 ATSG (in Verbindung mit Art. 6 Abs. 1 und 3 sowie Art. 7 und 8 UVG) erlitt, da es an der Ungew�hnlichkeit des �usseren Faktors fehlt. Eine Leistungspflicht des Unfallversicherers f�llt deshalb nur in Betracht, wenn das Ereignis als eine unfall�hnliche K�rpersch�digung im Sinne von Art. 9 Abs. 2 UVV (in Verbindung mit Art. 6 Abs. 2 UVG) zu qualifizieren ist. Dabei zu Recht nicht infrage gestellt wurde, dass der totale Abriss der linken hinteren Oberschenkelmuskulatur unter die in Art. 9 Abs. 2 lit. a bis h UVV aufgelisteten unfall�hnlichen K�rpersch�digungen f�llt.
2.2.�Bei unfall�hnlichen K�rpersch�digungen nach Art. 9 Abs. 2 UVV m�ssen zur Begr�ndung der Leistungspflicht des Unfallversicherers - wie die Vorinstanz zutreffend darlegte - mit Ausnahme der Ungew�hnlichkeit die �brigen Tatbestandsmerkmale des Unfalls erf�llt sein. Besondere Bedeutung kommt hierbei der Voraussetzung des �usseren Ereignisses zu, d.h. eines ausserhalb des K�rpers liegenden, objektiv feststellbaren, sinnf�lligen, eben unfall�hnlichen Vorfalles (BGE 129 V 466 E. 2.2 S. 467). Die sch�digende �ussere Einwirkung kann in einer k�rpereigenen Bewegung bestehen (BGE 129 V 466 E. 4.1 S. 468 mit Hinweisen; vgl. auch BGE 139 V 327 E. 3.3.1 S. 329). Das Auftreten von Schmerzen allein gilt noch nicht als �usserer Faktor im Sinne der Rechtsprechung zu Art. 9 Abs. 2 UVV, ein solcher ist also nicht gegeben, wenn die versicherte Person einzig das (erstmalige) Auftreten von Schmerzen angibt, aber keine gleichzeitig mitwirkende �ussere Komponente zu benennen vermag (BGE 129 V 466 E. 4.2.1 S. 469). Auch ist das Erfordernis eines �usseren sch�digenden Faktors nicht erf�llt, wenn das Auftreten von Schmerzen bloss mit einem von der versicherten Person beschriebenen gew�hnlichen Bewegungsablauf einhergeht. Verlangt wird vielmehr ein Geschehen, welchem ein gesteigertes Gef�hrdungspotenzial innewohnt, was zutrifft, wenn die als Schmerzausl�ser angegebene Bet�tigung im Rahmen einer allgemein gesteigerten Gefahrenlage vorgenommen wird, wie dies bei vielen sportlichen Aktivit�ten der Fall ist. Ein �usserer Faktor mit erheblichem Sch�digungspotenzial liegt nach der Rechtsprechung vor, wenn die zur Diskussion stehende Bet�tigung mit einer mehr als physiologisch normalen und psychologisch beherrschten Beanspruchung des K�rpers, insbesondere seiner Gliedmassen, verbunden ist (BGE 139 V 327 E. 3.3.1 S. 329). Schmerzen als Symptome einer Sch�digung nach Art. 9 Abs. 2 UVV fallen deshalb als massgebender �usserer Faktor nicht in Betracht, wenn sie bei einer allt�glichen Lebensverrichtung auftreten, ohne dass ein davon unterscheidbares �usseres Moment mitspielen w�rde. Wer also etwa beim blossen Aufstehen, Absitzen, Abliegen, bei Bewegungen im Raum, Handreichungen usw. einen einschiessenden Schmerz versp�rt, kann allein deswegen noch keine unfall�hnliche K�rpersch�digung geltend machen. Nur die physiologische Beanspruchung des Skeletts, der Gelenke, Muskeln, Sehnen und B�nder stellt keinen �usseren Faktor dar, dem ein gegen�ber der gewohnten, �blichen k�rperlichen Belastung gesteigertes Gef�hrdungspotenzial innewohnen w�rde (BGE 129 V 466 E. 4.2.2. S. 470). Erf�llt ist das Erfordernis des �usseren sch�digenden Faktors demgegen�ber bei �nderungen der K�rperlage, die nach unfallmedizinischer Erfahrung h�ufig zu k�rpereigenen Traumen f�hren k�nnen, so etwa beim pl�tzlichen Aufstehen aus der Hocke, bei heftigen belastenden Bewegungen oder bei einer wegen �usserer Einfl�sse unkontrollierbar gewordenen Positions�nderung (BGE 129 V 466 E. 4.2.3 S. 470). F�r die Bejahung eines �usseren Faktors ist demnach ein gesteigertes Sch�digungspotenzial vonn�ten, sei es zufolge einer allgemein gesteigerten Gefahrenlage, sei es durch Hinzutreten eines zur Unkontrollierbarkeit einer an sich allt�glichen Verrichtung f�hrenden Elementes (BGE 139 V 327 E. 3.3.1 S. 329, 129 V 466 E. 4.3 S. 471 f.; vgl. Urteil 8C_40/2014 vom 8. Mai 2014 E. 2.2.3).
3.1.�Mit Blick auf den Sachverhalt ist ebenfalls unbestritten, dass sich die Versicherte beim Versuch, auf einer Wiese ein Rad zu schlagen, worin sie unge�bt war, verletzte. Etwas Besonderes, Unvorhergesehenes hat sich dabei nicht ereignet (Frageblatt zur Verletzung vom 11. August 2013).
Die Vorinstanz gelangte zum Schluss, dass das Radschlagen ein Vorw�rtsbewegen des ganzen K�rpers erfordere, weshalb das Gewicht - anders als bei einem blossen Ausfallschritt - verlagert werde. Mit dem Standbein erfolge zudem eine Abstossbewegung, bei welcher das andere Bein in die Luft gebracht werde. Ob die Beschwerdegegnerin beim geh�rten "Knall" bereits beide Beine in der Luft gehabt habe oder das linke Bein als Standbein noch am Abstossen war, sei dabei ebenso unerheblich wie die Frage, wie genau die �bung abgeschlossen wurde. Es k�nne ferner nicht von einer blossen Lebensverrichtung gesprochen werden. Die Beschwerdegegnerin habe eine Turn�bung ausgef�hrt, wobei bei einer unge�bten Turnerin dem Radschlagen ein gesteigertes Gef�hrdungspotenzial innewohne, indem sie eine nicht allt�gliche Bewegung m�glichst kraftvoll, mit Belastung der Oberschenkelmuskulatur, auszuf�hren versuchte.
3.2.�Die Beschwerdef�hrerin wendet dagegen ein, es sei beim Abstossen vom Boden zu einem Schmerz in der linken dorsalen Oberschenkelmuskulatur gekommen. Es handle sich dabei um einen gew�hnlichen Ausfallschritt. Die Beschwerdegegnerin habe innerhalb einer allt�glichen Lebensverrichtung eine k�rpereigene Bewegung vollzogen. Es sei dabei weder etwas Ungew�hnliches noch etwas Besonderes vorgefallen, womit sich die Vorinstanz in Verletzung von Bundesrecht nicht auseinandergesetzt habe. �berdies verneine das kantonale Gericht das Vorliegen eines gesteigerten Gef�hrdungspotenzials und einer Sinnf�lligkeit. In Widerspruch dazu sei es dennoch von einer unfall�hnlichen K�rpersch�digung ausgegangen. Der Entscheid sei in willk�rlicher Beweisw�rdigung ergangen. Ferner habe es die Rechtsprechung zu Sportverletzungen unbeachtet gelassen, wonach bei sportlichen T�tigkeiten ein Unfall im Rechtssinne dann anzunehmen sei, wenn die sportliche �bung anders verlaufe als geplant. Dies sei beispielsweise der Fall bei einer Turnerin, die einen Hechtsprung nicht in korrekter Weise abschliessen k�nne und sich dabei im Bereich des Kn�chels verletze (vgl. RKUV 1992 Nr. U 156 S. 258). Bei einer unge�bten Turnerin liege bei einem schlechten �bungsabschluss daher kein ungew�hnliches Ereignis vor. Es habe sich hier gerade das in dieser Sportart inh�rente Risiko f�r Unge�bte verwirklicht.
3.3.1.�Zu wiederholen ist, dass hier nicht im Raum steht, ob die Versicherte einen Unfall im Rechtssinne erlitt. Zu beurteilen ist einzig, ob eine unfall�hnliche K�rpersch�digung vorliegt, weshalb die Voraussetzung der Einwirkung eines ungew�hnlichen �usseren Faktors nicht erf�llt zu sein braucht (E. 2.2 hiervor). Damit ist die von der Beschwerdef�hrerin aufgef�hrte Rechtsprechung zu Sportverletzungen (BGE 130 V 118; RKUV 2004 Nr. U 502 S. 183, U 322/02, 1992 Nr. U 156 S. 258, U 43/92) insoweit nicht zielf�hrend, als diese sich auf das Merkmal der Ungew�hnlichkeit bezieht.
3.3.2.�Laut BGE 129 V 466 E. 2.2 S. 467 und E. 4.2 S. 469 f. ist tatbestandsm�ssig ein ausserhalb des K�rpers liegender, objektiv feststellbarer, sinnf�lliger, eben unfall�hnlicher Vorfall mit hinreichender Wahrscheinlichkeit gegeben, wenn dem �usseren Faktor ein gesteigertes Sch�digungspotenzial zukommt (E. 2.2 hiervor). Ein �usseres Ereignis bejahte die Vorinstanz - entgegen den Darlegungen in der Beschwerde - im Sinne dieser allgemein gesteigerten Gefahrenlage, welche sie in der nicht allt�glichen Bewegung mit Verlagerung des ganzen Gewichts auf das vordere Bein und der Abstossbewegung sah. Damit hat die Vorinstanz der Begr�ndungspflicht Gen�ge getan; ein willk�rliches, gegen Art. 9 BV verstossendes Verhalten kann ihr nicht vorgeworfen werden. Ohne Bundesrecht zu verletzen, durfte das kantonale Gericht daher auch auf eine n�here Auseinandersetzung mit der Frage, ob sich beim Geschehen etwas Besonderes, Unvorhergesehenes ereignete, ebenso verzichten wie auf Weiterungen zum Hinzutreten eines zur Unkontrollierbarkeit der Vornahme der allt�glichen Lebensverrichtung f�hrenden Faktors, indem es die gesteigerte Gefahrenlage bejahte.
3.3.3.�Diesbez�glich hat das Bundesgericht j�ngst entschieden (Urteil 8C_147/2014 vom 16. Juli 2014 E.3.3), dass die sportliche Aktivit�t allein als Anlass des f�r die Verletzung angeblich urs�chlichen Bewegungsablaufs nicht f�r die Bejahung des hinsichtlich des �usseren Faktors erforderlichen gesteigerten Gefahrenpotenzials gen�gt. Zu beurteilen ist demzufolge hier, ob die zur Diskussion stehende Bet�tigung mit einer mehr als physiologisch normalen und psychologisch beherrschten Beanspruchung des K�rpers, insbesondere der Gliedmassen, verbunden ist. Das Rad (auch Handst�tz�berschlag) gilt als Bodenturn�bung, die Kraft, Geschwindigkeit und Gleichgewicht erfordert (akrobatische Turn�bung). Auch wenn das st�rkere Bein dabei in eine Ausfallschrittposition gebracht wird bevor die beiden H�nde nacheinander mit gestreckten Armen in einer Linie auf den Boden gest�tzt werden, ist ein gewisser Schwung mit gleichzeitiger K�rperspannung unerl�sslich. Es erfolgt eine Abstossbewegung vom Boden und kurz �ber dem Boden wird der Oberk�rper gedreht und �ber den Handstand mit gespreizten Beinen die Bewegungsfolge abgeschlossen. Hieraus ergibt sich, dass zu Beginn der Turn�bung gleichzeitig mit der Gewichtsverlagerung auf das vordere Bein der Oberk�rper frontal abgesenkt wird und anschliessend verschiedene Rotationsbewegungen nacheinander ausgef�hrt werden, da der K�rper um 360� um die jeweiligen Drehachsen der St�tzkontakte Fuss-Boden und Hand-Boden rotiert (vgl. Wikipedia, Die freie Enzyklop�die, http://de.wikipedia.org/wiki/Radschlag). Insbesondere mit Blick auf die Komplexit�t des Bewegungsablaufs, der, wie beschrieben, Schwung, K�rperspannung und eine kr�ftige Abstossbewegung ben�tigt, liegt dem Radschlag kein allt�glicher Bewegungsablauf zugrunde und dieser ist demnach mit einer mehr als physiologisch normalen und psychologisch beherrschten Beanspruchung des K�rpers, insbesondere seiner Gliedmassen, verbunden. Es liegt ein erh�htes Gef�hrdungspotenzial vor, weshalb die Vorinstanz zu Recht in Bejahung eines mitwirkenden �usseren Faktors von einer unfall�hnlichen K�rpersch�digung ausging.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten von der Beschwerdef�hrerin zu tragen (Art. 66 Abs. 1 BGG). Sie schuldet dem anwaltlich vertretenen Beschwerdegegner �berdies eine Parteientsch�digung (Art. 68 Abs. 2 BGG).

References: Art. 4
 Art. 6
 Art. 7
 Art. 9
 Art. 6
 Art. 9
 Art. 9
 BGE 
 Art. 9
 Art. 9
 BGE 
 Art. 9