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Timestamp: 2018-11-13 23:09:15+00:00

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DAS URANTIA BUCH, Schrift 97. Die Evolution des : Gotteskonzeptes bei den Hebräern
DAS URANTIA BUCH - Schrift 97. Die Evolution des : Gotteskonzeptes bei den Hebräern
Schrift 97. Die Evolution des : Gotteskonzeptes bei den Hebräern
§ 1. Samuel — der erste der hebräischen Propheten
§ 2. Elia und Elisa
§ 3. Jahve und Baal
§ 4. Amos und Hosea
§ 5. Der erste Jesaja
§ 6. Der furchtlose Jeremia
§ 7. Der zweite Jesaja
§ 8. Heilige und weltliche Geschichte
§ 9. Die hebräische Geschichte
§ 10. Die hebräische Religion
97:0.1 (1062.1) DIE geistigen Führer der Hebräer taten, was keinen anderen vor ihnen je gelungen war — sie nahmen ihrem Gotteskonzept die menschlichen Züge, ohne es indessen in eine nur Philosophen verständliche Gottheitsabstraktion zu verwandeln. Auch gewöhnliche Leute waren imstande, dieses gereifte Konzept Jahves als eines Vaters — wenn auch nicht des Einzelnen, so doch wenigstens der Rasse — zu erfassen.
1. Samuel — der erste der hebräischen Propheten
97:1.1 (1062.3) Der feindliche Druck der Palästina umringenden Völkerschaften lehrte die hebräischen Scheichs bald einmal, dass sie keine Überlebenschance hatten, sofern sie ihre Stammesorganisatio-nen nicht zu einem Bund mit zentraler Regierung zusammenschlossen. Und diese Zentralisierung der Verwaltungsautorität bot Samuel eine bessere Gelegenheit für sein Wirken als Lehrer und Reformator.
97:1.4 (1063.1) Aber der große Beitrag, den Samuel zur Entwicklung des Gottheitskonzeptes leistete, war die Aufsehen erregende Erklärung, dass Jahve unveränderlich sei, für ewig dieselbe Verkörperung unfehlbarer Vollkommenheit und Göttlichkeit. In diesen Zeiten stellte man sich Jahve als einen launenhaften Gott mit Eifersuchtsanfällen vor, der immer bereute, dieses und jenes getan zu haben. Aber jetzt hörten die Hebräer zum ersten Mal seit ihrem Auszug aus Ägypten diese erstaunlichen Worte: „Die Kraft Israels wird weder lügen noch etwas bereuen, denn er ist kein Mensch, der etwas zu bereuen hätte.“ Im Umgang mit der Göttlichkeit wurde jetzt Stabilität verkündet. Samuel kam immer wieder auf den Bund Melchisedeks mit Abraham zurück und erklärte, der Herr Gott Israels sei die Quelle aller Wahrheit, Stabilität und Beständigkeit. Die Hebräer hatten ihren Gott immer als einen Menschen, einen Übermenschen oder erhöhten Geist unbekannten Ursprungs angesehen; aber jetzt vernahmen sie, wie der einstige Geist des Horebs zu einem unveränderlichen Gott mit der Vollkommenheit eines Schöpfers emporgehoben wurde. Samuel half dem sich entwickelnden Gottes-konzept, zu Höhen aufzusteigen, die über den veränderlichen Zuständen des menschlichen Gemüts und den Wechselfällen der irdischen Existenz lagen. Unter dem Einfluss seines Lehrens begann der Gott der Hebräer seinen Aufstieg von einer Idee in der Art der Stammesgötter zum Ideal eines allmächtigen und unveränderlichen Schöpfers und Überwachers der gesamten Schöpfung.
97:1.6 (1063.3) Bis dahin waren die Hebräer der Ansicht gewesen, Jahves Gunst äußere sich hauptsächlich in materiellem Wohlstand. Es war ein großer Schock für Israel und hätte Samuel beinahe das Leben gekostet, als er zu verkünden wagte: „Der Herr schickt Reichtum und Armut; er erniedrigt und erhöht. Er zieht die Armen aus dem Staub und hebt die Bettler auf, um sie unter die Fürsten zu setzen und ihnen den Thron der Herrlichkeit zum Erbe zu geben.“ Nie seit Moses waren den bescheidenen und weniger begüterten Menschen so trostreiche Versprechen verkündet worden, und unter den Armen begannen Tausende von Verzweifelnden Hoffnung zu schöpfen, sie könnten ihren geistigen Rang verbessern.
97:1.8 (1063.5) Als er in die Jahre kam, machte der ergraute alte Führer in seinem Gottesverständnis Fortschritte, denn er erklärte: „Der Herr ist ein wissender Gott, und die Handlungen werden von ihm gewogen. Der Herr wird die Enden der Welt richten, und er wird sich der Barmherzigen erbarmen, und mit dem geraden Mann wird er auch gerade verfahren.“ Eben hier dämmert Barmherzigkeit herauf, obwohl sie sich auf die Barmherzigen beschränkt. Später ging er noch einen Schritt weiter, als er sein Volk, das sich in Not befand, aufforderte: „Lassen wir uns jetzt in die Hände des Herrn fallen, denn sein Erbarmen ist groß.“ „Nichts hindert den Herrn daran, viele oder wenige zu retten.“
97:3.1 (1064.5) Die sich lange hinziehende Auseinandersetzung zwischen den Jahvegläubigen und den Anhängern Baals war vielmehr ein sozioökonomischer, ideologischer Zusammenprall als ein religiöser Glaubensstreit.
97:3.2 (1064.6) Die Bewohner Palästinas hatten eine verschiedene Einstellung zum Privatbesitz. Die südlichen oder wandernden arabischen Stämme (die Jahveiten) betrachteten das Land als etwas Unveräußerliches — als ein Geschenk Gottes an den Klan. Sie waren der Ansicht, dass Land weder verkauft noch verpfändet werden könne. „Jahve sprach: ‚Das Land darf nicht verkauft werden, denn das Land gehört mir.‘“
97:3.3 (1064.7) Die nördlichen und sesshafteren Kanaaniten (die Baaliten) kauften, verkauften und verpfändeten ihren Boden bedenkenlos. Das Wort Baal heißt Besitzer. Der Baalkult fußte auf zwei Hauptideen: erstens auf der Gültigkeit von Besitzesaustausch, Verträgen und Abkommen — auf dem Recht, Land zu kaufen und zu verkaufen. Zweitens galt Baal als Regenbringer — er war ein Gott der Fruchtbarkeit des Bodens. Eine gute Ernte hing von der Gunst Baals ab. Der Kult betraf weitgehend den Boden, dessen Besitz und Fruchtbarkeit.
97:3.5 (1065.2) Aus dieser grundverschiedenen Einstellung zum Land entwickelten sich die erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den von Kanaaniten und Hebräern eingenommenen sozialen, wirtschaftlichen, sittlichen und religiösen Haltungen. Diese sozioökonomische Kontroverse wurde erst zur Zeit Elias zu einer eindeutig religiösen Angelegenheit. Von den Tagen dieses dynamischen Propheten an wurde der Kampf ausgesprochener nach religiösen Gesichtspunkten geführt — Jahve contra Baal — und er endete mit dem Sieg Jahves und der nachfolgenden Tendenz zum Monotheismus.
97:3.6 (1065.3) Elia verlagerte die Jahve-Baal-Kontroverse von der Bodenfrage nach dem religiösen Aspekt der hebräischen und kanaanitischen Ideologien hin. Als Ahab Nabot und seine Söhne umbringen ließ, um sich ihr Land anzueignen, machte Elia aus den alten Bodengepflogenheiten eine sittliche Angelegenheit und löste seinen kraftvollen Feldzug gegen die Baaliten aus. Dies war auch ein Kampf des Landvolks gegen die Beherrschung durch die Städte. Es geschah hauptsächlich unter Elia, dass Jahve zu Elohim wurde. Der Prophet begann als Agrarreformer und endete als Verherrlicher der Gottheit. Der Baals waren viele, aber es gab nur einen Jahve — der Monotheismus siegte über den Polytheismus.
97:4.1 (1065.4) Den großen Schritt im Übergang vom Stammesgott — dem Gott, dem so lange mit Opfern und Zeremonien gedient worden war, dem Jahve der früheren Hebräer — zu einem Gott, der Verbrechen und Unsittlichkeit sogar bei seinem eigenen Volk bestrafte, tat Amos, der von den Bergen des Südens herkam, um Kriminalität, Trunksucht, Unterdrückung und Unsittlichkeit der nördlichen Stämme anzuprangern. Nie seit den Zeiten Mose waren in Palästina mit so machtvoller Stimme verkündete Wahrheiten erschallt.
97:5.3 (1066.7) Indem er sich an die furchtgeplagten Hebräer und ihre hungrigen Seelen wandte, sagte dieser Prophet: „Erhebt euch und strahlt, denn euer Licht ist gekommen und die Herrlichkeit des Herrn ist über euch aufgegangen.“ „Der Geist des Herrn ist über mir, denn er hat mich gesalbt, um den Sanftmütigen die gute Nachricht zu predigen; er hat mich gesandt, um die Wunden derer zu verbinden, die gebrochenen Herzens sind, um den Gefangenen Freiheit und den Gebundenen die Öffnung ihres Kerkers zu verkünden. „Ich will mich grenzenlos freuen im Herrn, meine Seele soll jauchzen in meinem Gott, denn er hat mich in die Gewänder des Heils gekleidet und in den Talar seiner Rechtschaffenheit gehüllt.“ „In all ihrer Betrübnis war er betrübt, und der Engel seiner Gegenwart rettete sie. In seiner Liebe und in seinem Erbarmen erlöste er sie.“
97:6.1 (1067.4) Während mehrere Lehrer fortfuhren, das Evangelium Jesajas auszulegen, blieb es Jeremia vorbehalten, den nächsten kühnen Schritt auf die Internationalisierung Jahves, des Gottes der Hebräer, hin zu tun.
97:6.2 (1067.5) Jeremia erklärte unerschrocken, dass Jahve in ihren militärischen Auseinandersetzungen mit anderen Nationen nicht auf der Seite der Hebräer stehe. Er versicherte, dass Jahve der Gott der ganzen Erde, aller Nationen und aller Völker sei. Jeremias Lehre war ein Crescendo in der Welle wachsender Internationalisierung des Gottes Israels; endgültig, ein für allemal verkündigte dieser unerschrockene Prediger, dass Jahve der Gott aller Nationen sei und dass es weder einen Osiris für die Ägypter oder einen Bel für die Babylonier, noch einen Assur für die Assyrer oder einen Dagon für die Philister gäbe. Und so machte die Religion der Hebräer die um diese Zeit und danach weltweit stattfindende Renaissance des Monotheismus mit; endlich hatte das Jahvekonzept ein Gottheitsniveau planetarischen, wenn nicht kosmischen Ranges erklommen. Aber manchen von Jeremias Gefährten fiel es schwer, sich Jahve losgelöst von der hebräischen Nation vorzustellen.
97:7.1 (1068.1) Die Vernichtung ihrer Nation und die Gefangenschaft der Hebräer in Mesopotamien hätten sich für ihre aufstrebende Theologie als große Wohltat erwiesen, wäre da nicht das entschlossene Handeln ihrer Priesterschaft gewesen. Ihre Nation war den Armeen Babylons unterlegen, und ihr nationalistischer Jahve hatte unter der internationalen Predigt der geistigen Führer gelitten. Es war der Groll über den Verlust ihres nationalen Gottes, der die jüdischen Priester in der Erfindung von Legenden und in der Vermehrung von anscheinend wunderbaren Geschehnissen der hebräischen Geschichte so weit gehen ließ, und all dies im Bemühen, die Juden in der Rolle des auserwählten Volkes auch angesichts dieser neuen und erweiterten Idee von einem internationalisierten Gott aller Nationen wiederherzustellen.
97:7.3 (1068.3) Diese hebräischen Priester und Schriftgelehrten hatten nur eine einzige Idee im Sinn, und das war die Rehabilitierung der jüdischen Nation, die Glorifizierung der hebräischen Traditionen und die Verherrlichung der Geschichte ihrer Rasse. Wenn ob der Tatsache Groll aufkommen sollte, dass diese Priester ihre irrigen Ideen einem so großen Teil der westlichen Welt mitgegeben haben, sollte doch daran erinnert werden, dass sie dies nicht absichtlich taten; sie behaupteten nicht, unter Inspiration zu schreiben; sie erhoben nicht den Anspruch, ein heiliges Buch zu schreiben. Sie stellten nur eine Textsammlung zusammen, die bestimmt war, den schwindenden Mut ihrer Brüder in der Gefangenschaft neu zu beleben. Sie verfolgten entschieden das Ziel, den nationalen Geist und die Moral ihrer Landsleute zu heben. Es blieb Menschen späterer Zeiten vorbehalten, diese und andere Schriften in einem Führer mit angeblich unfehlbaren Lehren zu vereinigen.
97:7.4 (1068.4) Nach der Gefangenschaft machte die jüdische Priesterschaft ausgiebigen Gebrauch von diesen Schriften, aber in ihrem Einfluss auf ihre Mitgefangenen wurde sie stark gestört durch die Gegenwart eines jungen und unbezähmbaren Propheten, des zweiten Jesaja, der voll zum Gott der Gerechtigkeit, Liebe, Rechtschaffenheit und Barmherzigkeit des älteren Jesaja bekehrt war. Und mit Jeremia glaubte er, dass Jahve der Gott aller Nationen geworden war. Er predigte diese Theorien über die Natur Gottes so eindrücklich und wirkungsvoll, dass er sowohl unter den Juden als auch unter denen, die sie gefangen hielten, Menschen bekehrte. Und der junge Prediger hinterließ seine Lehren schriftlich. Zwischen diesen und ihm selber suchten die ihm feindlichen, unversöhnlichen Priester jeden Zusammenhang zu tilgen, obwohl bloßer Respekt vor ihrer Schönheit und Erhabenheit dafür sorgte, dass sie den Schriften des früheren Jesaja einverleibt wurden. Und so findet man jetzt die Schriften des zweiten Jesaja im Buch dieses Namens, wo sie Kapitel vierzig bis und mit fünfundfünfzig umfassen.
97:7.5 (1068.5) Von Machiventa bis zurzeit Jesu erreichte kein Prophet oder religiöser Lehrer das hohe Gotteskonzept, das der zweite Jesaja in diesen Tagen der Gefangenschaft verkündete. Es war kein kleiner, anthropomorpher, von Menschen geschaffener Gott, den dieser geistige Führer verkündete. „Seht, er hebt die Inseln auf, als wären sie winzige Dinger.“ „Denn soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken höher als eure Gedanken.“
97:7.6 (1069.1) Endlich konnte Machiventa Melchisedek menschliche Lehrer erblicken, die den Sterblichen einen wirklichen Gott verkündeten. Wie der erste Jesaja predigte dieser Führer einen Gott universaler Schöpfung und Aufrechterhaltung. „Ich habe die Erde gemacht und den Menschen auf sie gestellt. Ich habe sie nicht umsonst erschaffen; ich habe sie gebildet, auf dass sie bewohnt werde.“ „Ich bin der erste und der letzte; es gibt keinen Gott außer mir.“ Im Namen des Herrn Gottes Israels sprechend, sagte dieser neue Prophet: „Die Himmel mögen vergehen und die Erde altern, aber meine Rechtschaffenheit wird ewig währen und mein Heil von Generation zu Generation dauern.“ „Fürchtet euch nicht, denn ich bin mit euch; seid unbeirrt, denn ich bin euer Gott.“ „Außer mir — einem gerechten Gott und Retter — gibt es keinen Gott.“
97:7.12 (1070.1) Und dieser Prediger eines himmlischen Gottes wurde nicht müde, diesen Gott der Liebe zu ver-künden. „Ich wohne an einer hohen und heiligen Stätte, aber auch bei dem, der reuevollen und demütigen Geistes ist.“ Und dieser große Lehrer sprach noch mehr Worte des Trostes zu seinen Zeitgenossen: „Und der Herr wird euch beständig führen und eure Seele zufrieden stellen. Und ihr werdet wie ein bewässerter Garten sein und wie ein Springquell, dessen Wasser nie versiegen. Und sollte der Feind wie eine Flut heranstürmen, so wird der Geist des Herrn gegen ihn eine Schranke errichten.“ Und das Furcht zerstörende Evangelium Melchisedeks und die Vertrauen gebärende Religion von Salem leuchteten einmal mehr weithin zum Segen der Menschheit.
97:7.13 (1070.2) Der weit blickende und mutige Jesaja verdunkelte mit Erfolg den nationalistischen Jahve durch seine sublime Darstellung der Majestät und universalen Allmacht des höchsten Jahve, des Gottes der Liebe, des Lenkers des Universums und liebenden Vaters der ganzen Menschheit. Seit jenen denkwürdigen Tagen waren im höchsten Gotteskonzept des Abendlandes stets universale Gerechtigkeit, göttliche Barmherzigkeit und ewige Rechtschaffenheit mit eingeschlossen. In wunderbarer Sprache und mit unvergleichlichem Zauber schilderte dieser große Lehrer den allmächtigen Schöpfer als allliebenden Vater.
97:7.14 (1070.3) Dieser Prophet der Gefangenschaft predigte zu den Angehörigen seines Volkes und vieler Nationen, die ihm am Fluss in Babylon lauschten. Und der zweite Jesaja tat viel, um den vielen falschen und rassisch egoistischen Vorstellungen von der Sendung des versprochenen Messias entgegenzuwirken. Aber bei diesem Bemühen war er nicht ganz erfolgreich. Hätten die Priester sich nicht der Aufgabe verschrieben, einen falsch verstandenen Nationalismus aufzubauen, dann hätten die Lehren der beiden Jesajas den Weg für die Anerkennung und Annahme des versprochenen Messias geebnet.
97:8.1 (1070.4) Die Gewohnheit, die Berichte über die Erfahrungen der Hebräer als heilige Geschichte und die Geschehnisse der restlichen Welt als profane Geschichte zu betrachten, ist für einen guten Teil der Verwirrung verantwortlich, die im menschlichen Gemüt hinsichtlich der Interpretation der Geschichte herrscht. Und diese Schwierigkeit entsteht, weil es keine weltliche Geschichte der Juden gibt. Nachdem die Priester im babylonischen Exil ihre neue Version vom angeblich mirakulösen Umgang Gottes mit den Hebräern fertig gestellt hatten — die heilige Geschichte Israels, wie sie im Alten Testament dargestellt wird — zerstörten sie die existierenden Berichte über die hebräischen Angelegenheiten sorgfältig und vollständig — Bücher wie „Die Taten der Könige Israels“ und „Die Taten der Könige Judas“ nebst mehreren anderen mehr oder weniger genauen Beschreibungen der hebräischen Geschichte.
97:8.3 (1071.1) Aber fünfhundert Jahre fremder Oberherrschaft waren selbst für die geduldigen und langmütigen Juden zu viel. Die Propheten und Priester begannen auszurufen: „Wie lange, oh Herr, wie lange noch?“ Wenn ein ehrlicher Jude die Schriften durchforschte, wurde seine Verwirrung nur noch schlimmer. Ein alter Seher hatte versprochen, dass Gott sein „auserwähltes Volk“ beschützen und befreien werde. Amos hatte gedroht, dass Gott Israel verlassen werde, wenn es nicht zu seinen Kriterien nationaler Rechtschaffenheit zurückkehre. Der Verfasser des Deuteronomiums hatte das Bild der Großen Wahl entworfen — zwischen Gut und Böse, zwischen Segen und Fluch. Der erste Jesaja hatte einen wohltätigen Befreier-König gepredigt. Jeremia hatte eine Ära innerer Rechtschaffenheit verkündet — den auf die Tafeln des Herzens geschriebenen Bund. Der zweite Jesaja sprach vom Heil durch Opfer und Erlösung. Hesekiel verkündete Befreiung durch hingebungsvollen Dienst, und Esra versprach Wohlstand durch Gesetzestreue. Aber trotz alledem schmachteten sie weiter in Sklaverei, und die Befreiung schob sich hinaus. Da entrollte Daniel sein Drama von der unmittelbar bevorstehenden „Krise“– die Zerschmetterung der großen Statue und unverzügliche Errichtung der ewigen Herrschaft der Rechtschaffenheit, des messianischen Königreichs.
97:8.4 (1071.2) Und all diese falschen Hoffnungen führten zu einem derartigen Grad rassischer Enttäuschung und Frustration, dass die Führer der Juden in ihrer großen Verwirrung die Sendung und das Wirken eines göttlichen Sohnes des Paradieses verkannten und zurückwiesen, als dieser in Men-schengestalt — inkarniert als der Menschensohn — auf sie zukam.
97:8.7 (1071.5) Eine kurze Darstellung der Hauptpunkte der hebräischen Geschichte soll illustrieren, wie die jüdischen Priester in Babylon die schriftlich überlieferten Tatsachen so abänderten, dass sich die alltägliche weltliche Geschichte ihres Volkes in eine fiktive heilige Geschichte verwandelte.
9. Die hebräische Geschichte
97:9.1 (1071.6) Es hat nie zwölf Israelitenstämme gegeben — nur drei oder vier in Palästina sesshafte Stämme. Die hebräische Nation entstand infolge der Vereinigung der so genannten Israeliten mit den Kanaaniten. „Und die Kinder Israels wohnten unter den Kanaaniten. Und sie nahmen deren Töchter zu Frauen und gaben ihre Töchter den Söhnen der Kanaaniten.“ Die Hebräer verjagten die Kanaaniten nie aus Palästina, obwohl die Priesterberichte ohne zu zögern das Gegenteil behaupteten.
97:9.3 (1072.1) Die anmaßende hebräische Geschichte beginnt damit, dass Saul die nördlichen Klane um sich schart, um sich einem Angriff der Ammoniten auf ihre Stammesfreunde — die Gileaditen — im Osten des Jordans zu widersetzen. Mit einer Armee von etwas mehr als dreitausend Mann schlug er den Feind, und diese Kriegstat bewegte die Gebirgsstämme, ihn zum König zu machen. Als die exilierten Priester diese Geschichte neu schrieben, erhöhten sie Sauls Armee auf 330 000 Mann und fügten der Liste der an der Schlacht beteiligten Stämme „Juda“ an.
97:9.5 (1072.3) Die größte aller Verdrehungen der jüdischen Geschichte geschah im Zusammenhang mit David. Nach Sauls Sieg über die Ammoniten (den er Jahve zuschrieb) gerieten die Philister in Harnisch und begannen, die nördlichen Klane anzugreifen. David und Saul konnten sich nie vertragen. David, der sechshundert Mann befehligte, schloss mit den Philistern ein Bündnis und marschierte der Küste entlang hinauf nach Esdraelon. Bei Gat befahlen die Philister David, das Schlachtfeld zu verlassen, da sie befürchteten, er könnte zu Saul übergehen. David zog sich zurück; die Philister gingen zum Angriff über und bereiteten Saul eine Niederlage. Sie wären dazu nicht fähig gewesen, wenn David Israel treu geblieben wäre. Davids Armee war eine vielsprachige Ansammlung Unzufriedener, die zum größten Teil aus sozialen Außenseitern und solchen, die vor der Justiz flohen, bestand.
97:9.7 (1072.5) Mit seiner kleinen Armee errichtete David sein Hauptquartier in der nichthebräischen Stadt Hebron. Bald riefen ihn seine Landsleute zum König des neuen Königtums Juda aus. Juda bestand zum größten Teil aus nichthebräischen Elementen — aus Keniten, Kalebiten, Jebusiten und anderen Kanaaniten. Es waren Nomaden — Hirten — sie hingen also der hebräischen Idee über Landbesitz an. Sie besaßen die Ideologien der Wüstenklane.
97:9.9 (1072.6) So oft versäumten es die Priester, nachdem sie ihre fiktiven Erzählungen über Gottes mirakulösen Umgang mit Israel ausgearbeitet hatten, die klaren und prosaischen Aussagen, die sich bereits in den Annalen befanden, völlig auszumerzen.
97:9.10 (1072.7) David ging daran, sich politisch zu festigen, indem er zuerst Sauls Tochter heiratete, darauf die Witwe Nabals, des reichen Edomiten, und danach die Tochter Talmais, des Königs von Gesur. Er nahm sich sechs Gattinnen unter den Frauen von Jebus, ganz zu schweigen von Batseba, der Frau des Hetiters.
97:9.13 (1073.3) David erklärte Sauls Niederlage bei Gilboa damit, dass Saul eine kanaanitische Stadt, Gibeon, angegriffen hatte, deren Einwohner mit den Ephraimiten einen Friedensvertrag abge-schlossen hatten. Aus diesem Grunde habe Jahve ihn verlassen. Schon zu Sauls Lebzeiten hatte David die kanaanitische Stadt Keila gegen die Philister verteidigt, und dann errichtete er seine Hauptstadt in einer kanaanitischen Stadt. Getreu seiner Politik der Kompromisse mit den Kanaaniten lieferte David sieben Nachkommen Sauls an die Gibeoniten aus, damit sie sie erhängten.
97:9.14 (1073.4) Nach der Niederlage der Philister gelangte David in den Besitz der „Lade Jahves“, brachte sie nach Jerusalem und machte die Verehrung Jahves zum offiziellen Kult seines Königreichs. Als Nächstes auferlegte er den Nachbarstämmen — den Edomiten, Moabiten, Ammoniten und Syrern — schwere Tribute.
97:9.15 (1073.5) Davids korrupter politischer Apparat begann, sich in Verletzung der hebräischen Sitten im Norden persönlichen Landbesitz anzueignen, und legte bald Hand auf die Zollgebühren für die Karawanen, die zuvor von den Philistern erhoben worden waren. Und dann folgte eine Serie von Abscheulichkeiten, die in der Ermordung Urias gipfelten. Alle Justizappelle wurden in Jerusalem entschieden; „die Ältesten“ durften nicht mehr Recht sprechen. Kein Wunder, dass eine Rebellion ausbrach. Heute würde man Absolom wohl einen Demagogen nennen; seine Mutter war eine Kanaanitin. Es gab ein halbes Dutzend Thronanwärter nebst dem Sohn Batsebas — Salomo.
97:9.18 (1073.8) Es gab Höhen und Tiefen — Kriege zwischen Israel und Juda. Nach vier Jahren Bürgerkrieg und drei Dynastien fiel Israel unter die Herrschaft von Städtedespoten, die begannen, mit Land zu handeln. Sogar König Omri versuchte, die Besitzung Semers zu kaufen. Aber das Ende nahte rasch, als Salmanassar III sich entschloss, die Mittelmeerküste zu kontrollieren. König Ahab von Ephraim scharte noch zehn andere Gruppen um sich und stellte sich ihm bei Karkar entgegen; die Schlacht endete mit einem Unentschieden. Der Assyrer wurde zwar aufgehalten, aber die Verbündeten wurden stark dezimiert. Diese gewaltige Schlacht findet im Alten Testament nicht einmal Erwähnung.
97:9.19 (1074.1) Neue Wirren begannen, als König Ahab von Nabot Land kaufen wollte. Seine phönizische Gattin fälschte Ahabs Namen auf Schreiben, welche die Konfiskation des Landes Nabots aufgrund der Anklage befahlen, Nabot habe die Namen „Elohims und des Königs“ geschmäht. Nabot und seine Söhne wurden auf der Stelle hingerichtet. Da trat der kraftvolle Elia auf und klagte Ahab des Mordes an der Familie Nabots an. So begann Elia, einer der größten Propheten, seine Lehrtätigkeit als Verteidiger der alten Bodensitten gegen die den Landverkauf befürwortende Einstellung der Baalisten, gegen den Versuch der Städte, das Land zu beherrschen. Aber die Reform hatte erst Erfolg, als der ländliche Gutsbesitzer Jehu seine Kräfte mit denen des Zigeunerchefs Jonadab verband, um in Samaria die Propheten Baals (Grundstückmakler) umzubringen.
97:9.21 (1074.3) Aber das nördliche Königreich verschwand erst aus der Geschichte, als der König von Israel sich mit dem König von Ägypten verschwor und sich weigerte, Assyrien weiterhin Tribut zu zahlen. Da begann eine dreijährige Belagerung, die mit der völligen Auflösung des nördlichen Königreichs endete. So ging Ephraim (Israel) unter. In Juda — bei den Juden, dem „Rest Israels“ — hatte die Landkonzentration in den Händen einiger weniger begonnen, indem diese — mit den Worten Jesajas — „Haus zu Haus und Feld zu Feld fügten“. Bald stand in Jerusalem neben dem Tempel Jahves ein Tempel Baals. Diese Schreckensherrschaft wurde durch einen monotheistischen Aufstand unter Führung des Knabenkönigs Joasch beendet, der fünfunddreißig Jahre lang für Jahve kämpfte.
97:9.22 (1074.4) Der nächste König, Amazja, bekam Schwierigkeiten mit den sich erhebenden steuerpflichtigen Edomiten und ihren Nachbarn. Nach einem eklatanten Sieg wandte er sich gegen seine nördlichen Nachbarn und erlebte eine ebenso eklatante Niederlage. Darauf erhoben sich die Landbewohner; ermordeten den König und setzten seinen sechzehn Jahre alten Sohn auf den Thron. Das war Asarja, den Jesaja Usja nannte. Nach Usja verschlimmerte sich die Lage immer mehr, und Juda existierte hundert Jahre lang, indem es den Königen von Assyrien Tribut bezahl- te. Der erste Jesaja sagte seinen Zuhörern, dass Jerusalem — die Stadt Jahves — nie fallen werde. Aber Jeremia zögerte nicht, seinen Untergang anzukündigen.
97:9.23 (1074.5) Der eigentliche Ruin Judas wurde durch einen korrupten und reichen Politikerkreis herbeigeführt, der unter der Regierung eines Knabenkönigs, Manasse, wirkte. Ein wirtschaftlicher Umschwung begünstigte die Rückkehr des Baalkultes, dessen privater Handel mit Land der Ideologie Jahves zuwiderlief. Der Fall Assyriens und der Aufstieg Ägyptens brachten Juda eine Zeitlang Befreiung, und die Landbevölkerung übernahm die Macht. Unter Josja beseitigte sie den korrupten Politikerring Jerusalems.
97:9.24 (1074.6) Aber diese Ära nahm ein tragisches Ende, als sich Josja unterfing, der mächtigen Armee Nechos entgegenzuziehen und ihr den Weg abzuschneiden, als sie von Ägypten her die Küste entlang her-aufzog, um Assyrien gegen Babylon zu Hilfe zu eilen. Er wurde vernichtend geschlagen, und Juda wurde Ägypten gegenüber tributpflichtig. Die politische Baalpartei gelangte in Jerusalem wiederum an die Macht, und die wirkliche ägyptische Versklavung begann jetzt. Darauf folgte eine Periode, während welcher die Baal-Politiker das Rechtswesen und die Priesterschaft beherrschten. Der Baalkult war ein wirtschaftliches und gesellschaftliches System, das ebenso sehr mit Besitzrechten wie mit Bodenfruchtbarkeit zu tun hatte.
97:9.26 (1075.2) Und damit kam das jähe Ende Judas. Die Stadt wurde zerstört und die Menschen wurden nach Babylon verschleppt. Der Kampf zwischen Jahve und Baal endete in der Gefangenschaft. Und der Schock der Gefangenschaft trieb den Rest Israels in den Monotheismus.
97:9.27 (1075.3) In Babylon kamen die Juden zu der Überzeugung, dass sie als kleine Gruppe mit ihren besonderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gepflogenheiten in Palästina nicht existieren konnten und dass sie, sollten sich ihre Ideologien behaupten, die Nichtjuden bekehren mussten. So entstand die neue Vorstellung von ihrer Bestimmung — die Idee, dass die Juden die auserwählten Diener Jahves werden mussten. Die jüdische Religion des Alten Testamentes entwickelte sich ganz eigentlich in der babylonischen Gefangenschaft.
97:10.2 (1075.7) Als die Juden von den Persern freigelassen wurden, kehrten sie nach Palästina zurück, nur um sich in die Knechtschaft ihrer eigenen, ihnen von den Priestern aufgezwungenen Gesetzessamm-lungen, Opfer und Rituale zu begeben. Und gleich wie die hebräischen Klane die wundervolle Geschichte Gottes in der Abschiedsrede des Moses für die Opfer- und Bußrituale zurückgewiesen hatten, so wiesen auch diese Reste der hebräischen Nation das großartige Konzept des zweiten Jesaja für die Gesetze, Regelungen und Rituale ihrer wachsenden Priesterschaft zurück.
97:10.3 (1075.8) Nationale Eigensucht, das trügerische Vertrauen in einen falsch verstandenen versprochenen Messias und wachsende Knechtung durch die tyrannische Priesterschaft brachten die Stimmen der geistigen Führer (mit Ausnahme Daniels, Hesekiels, Haggais und Maleachis) für immer zum Verstummen; und von diesem Tag an bis zur Zeit von Johannes dem Täufer machte ganz Israel eine zunehmende geistige Regression durch. Aber nie verloren die Juden das Konzept des Universalen Vaters aus den Augen; selbst bis ins zwanzigste Jahrhundert nach Christus haben sie stets an dieser Vorstellung von der Gottheit festgehalten.
97:10.4 (1076.1) Von Moses bis zu Johannes dem Täufer erstreckt sich eine ununterbrochene Kette treuer Leh-rer, die die Fackel des monotheistischen Lichts von einer Generation zur anderen weitergaben, während sie ohne Unterlass skrupellose Herrscher in die Schranken wiesen, geschäftstüchtige Priester anprangerten und das Volk unermüdlich aufforderten, sich der Verehrung des höchsten Jahve, des Herrn Gottes Israels, zuzuwenden.
97:10.5 (1076.2) Die Juden haben schließlich ihre politische Identität als eine Nation verloren, aber die hebräische Religion des aufrichtigen Glaubens an den einen und universalen Gott lebt in den Herzen der versprengten Exilierten weiter. Und diese Religion überlebt, weil sie in wirksamer Weise dafür gesorgt hat, die höchsten Werte ihrer Anhänger zu erhalten. Die jüdische Religion hat die Ideale eines Volkes bewahrt, aber sie hat es unterlassen, den Fortschritt zu begünstigen und philosophische schöpferische Entdeckungen in den Reichen der Wahrheit zu ermutigen. Die jüdische Religion hatte viele Fehler — es mangelte ihr an Philosophie und sie entbehrte ästhetischer Qualitäten fast völlig — aber sie bewahrte sittliche Werte; deshalb hat sie überdauert. Der höchste Jahve war im Vergleich zu anderen Gottheitskonzepten scharf umrissen, lebendig, persönlich und sittlich.
97:10.6 (1076.3) Die Juden liebten Gerechtigkeit, Weisheit, Wahrheit und Rechtschaffenheit wie nur wenige Völker, aber sie haben von allen Völkern am wenigsten zum intellektuellen Erfassen und geistigen Verständnis dieser göttlichen Qualitäten beigesteuert. Obwohl die hebräische Theologie sich eine Erweiterung verwehrte, spielte sie eine wichtige Rolle in der Entwicklung zweier anderer Weltreligionen — des Christentums und des Mohammedanismus.

References: § 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6

§ 7

§ 8

§ 9

§ 10