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Timestamp: 2019-07-20 22:55:45+00:00

Document:
BVerwG, 2 WDB 5.12: Soldat, Recht auf Akteneinsicht, Mangel des Verfahrens, Rechtliches Gehör
Urteil des BVerwG vom 30.09.2013, 2 WDB 5.12
2 WDB 5.12
Soldat, Recht auf Akteneinsicht, Mangel des Verfahrens, Rechtliches Gehör
Soldat, Recht auf Akteneinsicht, Mangel des Verfahrens, Rechtliches Gehör, Anhörung, Disziplinarverfahren, Rechtsbeistand, Einsichtnahme, Begriff, Anschuldigung
BVerwG 2 WDB 5.12 TDG S 5 (neu) VL 21/12
des Herrn Oberleutnant …, …,
- Verteidiger: Rechtsanwalt …, …, … -
am 30. September 2013 beschlossen:
Auf die Beschwerde des Wehrdisziplinaranwalts wird der Beschluss des Vorsitzenden der 5. Kammer des Truppendienstgerichts Süd vom 6. November 2012 aufgehoben.
Die Kosten des Beschwerdeverfahrens einschließlich der dem Soldaten darin erwachsenen notwendigen Auslagen werden dem Bund auferlegt.
1Dem seit 1. Juli 1994 in der Bundeswehr Dienst leistenden 43 Jahre alten Soldaten wurde mit Wirkung vom 1. Oktober 2006 die Eigenschaft eines Berufssoldaten verliehen verbunden mit der Ernennung zum Leutnant. Mit Wirkung
vom 1. April 2009 wurde er zum Oberleutnant ernannt. Seit 1. Juli 2009 wird er
als Lehroffizier in der Ausbildungsgruppe … in K. verwendet. Seine Dienstzeit
endet voraussichtlich am 31. März 2026.
2Am 2. Mai 2011 wurde der Soldat zu einer ihm zur Last gelegten Pflichtverletzung vernommen. Auf die Frage, ob er aussagen wolle, erklärte er: „Ja, ich
werde mich zu dieser Sache erklären in Absprache mit meinem Rechtsbeistand. Hier - zum jetzigen Zeitpunkt - jedoch nicht, sondern erst nach Bekanntgabe der vom Wehrdisziplinaranwalt erhobenen Vorwürfe.“ Der Soldat widersprach der Anhörung seiner Vertrauensperson. Mit Schreiben vom 11. Mai
2011 gab der Disziplinarvorgesetzte des Soldaten gemäß § 41 WDO den Vorgang an die Einleitungsbehörde ab. Mit Schreiben vom 8. August 2011 teilte die
Wehrdisziplinaranwaltschaft für die Bereiche Luftwaffenführungskommando,
Luftwaffenamt, Luftwaffenausbildungskommando und Waffensystemkommando
der Luftwaffe dem Disziplinarvorgesetzten des Soldaten mit, dass sie beabsichtige, ein gerichtliches Disziplinarverfahren gegen den Soldaten einzuleiten, und
bat ihn, den Soldaten gemäß § 93 Abs. 1 Satz 2 WDO anzuhören. Mit einem
am 18. August 2011 beim Rechtsberaterzentrum der Luftwaffe eingegangenen
Schreiben vom 17. August 2011 teilte der Verteidiger des Soldaten unter Vorlage einer Vollmacht mit, dass sich der Soldat nach der hiermit beantragten Akteneinsicht zur Sache äußern werde. In seiner Vernehmung vom 18. August
2011 äußerte der Soldat auf die Frage, ob er aussagen wolle: „Ja, ich werde
aussagen, aber nicht hier, sondern nach Akteneinsichtnahme durch meinen
Rechtsbeistand und im Beisein des Wehrdisziplinaranwalts.“
3Mit Verfügung vom 24. Oktober 2011, die dem Soldaten am 11. Januar 2012
übergeben wurde, leitete der Kommandeur … gegen den Soldaten ein gerichtliches Disziplinarverfahren ein. Unter dem 13. März 2012 wurde die Ermittlungsakte dem Verteidiger des Soldaten zur Einsichtnahme übersandt. In seiner
Schlussanhörung gemäß § 97 Abs. 3 WDO bei der Wehrdisziplinaranwaltschaft
ließ sich der Soldat, der mit seinem Verteidiger erschienen war, umfassend zur
Sache ein. Aufgrund dieser Einlassung wurde ein Zeuge erneut vernommen.
Die Niederschrift über diese Vernehmung wurde offenbar dem Verteidiger übersandt, denn mit Schreiben vom 13. August 2012 legte der Verteidiger eine Stellungnahme des Soldaten zu der Vernehmungsniederschrift des Zeugen vor.
4Die Anschuldigungsschrift der Wehrdisziplinaranwaltschaft vom 4. September
2012 ging am 5. September 2012 beim Truppendienstgericht Süd ein und wurde dem Soldaten am 2. Oktober 2012, dem Verteidiger am 1. Oktober 2012,
zugestellt. Nach Anhörung der Beteiligten stellte der Vorsitzende der
5. Kammer des Truppendienstgerichts Süd mit Beschluss vom 6. November
2012 das Verfahren gemäß § 108 Abs. 4 WDO ein, weil ein Verfahrenshindernis bestehe. Das gerichtliche Disziplinarverfahren sei nicht wirksam eingeleitet
worden, weil der Soldat vor Erlass der Einleitungsverfügung nicht angehört
worden sei. Das stelle einen schweren Verfahrensfehler dar, der nach Zugang
der Anschuldigungsschrift beim Truppendienstgericht nicht mehr heilbar sei.
5Dagegen richtet sich die Beschwerde der Wehrdisziplinaranwaltschaft, mit der
sie sich gegen die Einstellung wendet und die Fortsetzung des gerichtlichen
Disziplinarverfahrens beantragt.
Selbst wenn man mit dem Truppendienstgericht davon ausgehe, dass die Anhörung vor Einleitung fehlerhaft gewesen sei, so sei sie doch durch die Gewährung des Schlussgehörs und die anschließende Entscheidung der Einleitungsbehörde, das Verfahren zur Anschuldigung beim Truppendienstgericht zu bringen, geheilt.
6Der Soldat hat sich im Beschwerdeverfahren nicht geäußert.
7Der Bundeswehrdisziplinaranwalt hält die Beschwerde für zulässig und begründet. Der Soldat habe bei der Schlussanhörung in Gegenwart seines Verteidigers Gelegenheit gehabt, sich zu allen Fragestellungen, die das Verfahren aufwerfen könne, umfassend zu äußern und habe davon Gebrauch gemacht. Wie
auch im angefochtenen Beschluss unterstellt, sei der Entwurf der Anschuldigungsschrift vor der Einreichung beim Truppendienstgericht der Einleitungsbehörde zusammen mit sämtlichen bis dahin entstandenen Vorgängen einschließlich aller aktenkundig gewordenen Äußerungen des Soldaten zur Entscheidung
über den Fortgang des Verfahrens nach § 99 Abs. 1 Satz 1 WDO vorgelegt
worden. Sodann habe die Einleitungsbehörde entschieden, das Verfahren
durch die Anschuldigung bei Gericht fortzuführen. Damit bestehe kein fortdauerndes Verfahrenshindernis im Sinne des § 108 Abs. 4 WDO.
8Die Beschwerde des Wehrdisziplinaranwalts hat Erfolg.
91. Sie ist statthaft sowie form- und fristgerecht erhoben und vom Vorsitzenden
der Truppendienstkammer dem Senat ohne Abhilfegewährung ordnungsgemäß
zur Entscheidung vorgelegt worden (§ 114 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Satz 1 und
Abs. 3 Satz 2 WDO).
102. Sie ist auch begründet. Die gesetzlichen Voraussetzungen für die Einstellung
des gerichtlichen Disziplinarverfahrens nach § 108 Abs. 4 WDO liegen nicht
vor, da ein Verfahrenshindernis nicht besteht.
11Der Begriff eines Verfahrenshindernisses ist in § 108 Abs. 3 Satz 1, Abs. 4
WDO nicht näher definiert. Nach der Rechtsprechung fallen unter diesen Begriff
alle Umstände, die der Fortführung des gerichtlichen Disziplinarverfahrens von
Rechts wegen entgegen stehen, also diese verhindern. Dazu zählen fehlende
allgemeine Verfahrensvoraussetzungen (z.B. die Verfolgbarkeit von Täter und
Tat), sowie schwere Mängel des Verfahrens, die nicht auf andere Weise geheilt
werden können (vgl. Beschlüsse vom 22. Juli 2004 - BVerwG 2 WDB 4.03 -
Buchholz 235.01 § 93 WDO 2002 Nr. 3 und vom 4. September 2013 - BVerwG
2 WDB 4.12 - Rn. 14). Hier liegt zwar ein Mangel des Verfahrens vor, er steht
der Fortsetzung des Verfahrens aber nicht entgegen.
12Bei Einleitung des gerichtlichen Disziplinarverfahrens müssen alle Voraussetzungen vorliegen, unter denen nach dem Gesetz die disziplinare Verfolgung
des Soldaten und des Dienstvergehens zulässig ist. Dazu gehört eine wirksame
Einleitungsverfügung, die als Prozesshandlung Bestandteil eines einheitlichen,
gesetzlich geregelten Verfahrens ist. Nach der Regelung des § 93 Abs. 1 Satz 3
WDO wird die Einleitung mit der Zustellung an den Soldaten wirksam. Gemäß
§ 93 Abs. 1 Satz 2 WDO ist der Soldat vorher, also vor Ergehen der Einleitungsverfügung, zu hören. Die Vorschrift schreibt die Anhörung vor Ergehen der
Einleitungsverfügung verbindlich vor und stellt sie nicht in das Ermessen der
Einleitungsbehörde (stRspr, vgl. Urteil vom 16. März 2004 - BVerwG 2 WD
3.04 - BVerwGE 120, 193 <197> und Beschluss vom 22. Juli 2004 a.a.O.
13Zu Recht ist der Vorsitzende der Truppendienstkammer davon ausgegangen,
dass vorliegend die Einleitungsbehörde den Soldaten entgegen § 93 Abs. 1
Satz 2 WDO vor Ergehen der Einleitungsverfügung vom 24. Oktober 2011 nicht
ordnungsgemäß angehört hat. Denn die Einleitungsbehörde hat ihm keine hinreichende Gelegenheit gegeben, auf der Grundlage der von ihm beantragten
Einsichtnahme in die Verfahrensakten gerade zu der von ihr beabsichtigten Einleitungsentscheidung Stellung zu nehmen und hierauf einzuwirken. Sie versagte ihm die Möglichkeit, in Kenntnis des Inhalts der Verfahrensakte alles vorzutragen, was aus seiner Sicht für die Ermessensentscheidung der Einleitungsbehörde über die Einleitung des gerichtlichen Disziplinarverfahrens von Relevanz
14Zwar ist der Soldat am 18. August 2011 im Auftrag der Wehrdisziplinaranwaltschaft zu den Vorwürfen vernommen worden. Er hat dabei erklärt, aussagen zu
wollen, aber hinzugefügt, dass er erst nach Akteneinsichtnahme durch seinen
Rechtsbeistand und im Beisein des Wehrdisziplinaranwalts aussagen werde. In
dieser Einlassung kann keine ordnungsgemäße und ausreichende Anhörung
gesehen werden. Denn die von seinem Verteidiger am 18. August 2011 beantragte Akteneinsicht wurde erst am 13. März 2012 durch Übersendung der Akten gewährt.
15Das Recht, Einsicht in die Akten zu nehmen, steht sowohl dem Soldaten (§ 3
WDO) als auch dem Verteidiger (§ 90 Abs. 3 WDO) zu. Es ist ein gesetzlicher
Anspruch und Teil der Gewährung rechtlichen Gehörs. Es bedarf keiner besonderen Genehmigung durch die Akteneinsicht gewährende Stelle. Diese bestimmt lediglich Ort, Zeit sowie Art und Weise der Akteneinsicht. Der Anspruch
auf Akteneinsicht kann geltend gemacht werden, sobald die Ermittlungen aufgenommen wurden, deren Ergebnis Eingang in Akten oder sonstige Unterlagen
gefunden hat. Der Einsicht unterliegen alle anlässlich der Ermittlungen entstandenen und für diesen Zweck beigezogenen Akten (vgl. Beschluss vom 22. Juli
2004 a.a.O.). Vor Ergehen der Einleitungsverfügung vom 24. Oktober 2011 ist
dem Soldaten und seinem Verteidiger dieses Recht auf Akteneinsicht und damit
auf rechtliches Gehör vorenthalten worden, sodass es an einer hinreichenden
Anhörung vor Ergehen der Einleitungsverfügung fehlt. Denn sein Begehren,
erst nach Akteneinsicht aussagen zu wollen, war nicht zu beanstanden.
16Der darin liegende Verfahrensfehler hat weder die Unwirksamkeit der Einleitungsverfügung zur Folge, noch stellt er ein Verfahrenshindernis im Sinne des
§ 108 Abs. 4 WDO dar. Denn nach der Rechtsprechung des Senats konnte die
vor Ergehen der Einleitungsverfügung entgegen § 93 Abs. 1 Satz 2 WDO unterbliebene Anhörung des Soldaten durch die Einleitungsbehörde bis zur Vorlage der Anschuldigungsschrift beim Truppendienstgericht am 5. September 2012
nachgeholt werden (vgl. Urteil vom 16. März 2004 - BVerwG 2 WD 3.04 - a.a.O.
S. 200 und Beschluss vom 22. Juli 2004 - a.a.O. S. 13). Das ist hier geschehen.
Aufgrund der mit Schreiben vom 13. März 2012 erfolgten Übersendung der Verfahrensakte durch den Wehrdisziplinaranwalt konnte der Verteidiger des Soldaten in die Ermittlungsakten Einsicht nehmen. Im Schlussgehör gemäß § 97
Abs. 3 WDO beim Wehrdisziplinaranwalt hat der Soldat in Gegenwart seines
Verteidigers sich umfassend zu den Vorwürfen eingelassen. Die Niederschrift
über die aufgrund dieser Einlassung erforderlich gewordene erneute Zeugeneinvernahme wurde dem Verteidiger und dem Soldaten zur Kenntnis gegeben
und der Soldat hat sich dazu erneut ausführlich geäußert. Diese Stellungnahme
hat sein Verteidiger dem Wehrdisziplinaranwalt am 13. August 2012 vorgelegt.
17Zwar hätte die Stellungnahme des Soldaten der Einleitungsbehörde als Teil der
Grundlage ihrer Entscheidung über die Einleitung eines gerichtlichen Disziplinarverfahrens dienen sollen, um ihm die Möglichkeit zu geben, auf Gesichtspunkte zu verweisen, die für die Einleitungsbehörde bei der Entscheidung über
das weitere Vorgehen maßgeblich sein könnten. Wenn dies erst im Rahmen
des Schlussgehörs nach § 97 Abs. 3 WDO erfolgt, ist dem Sinn und Zweck der
Regelung des § 93 Abs. 1 Satz 2 WDO aber gleichwohl Rechnung getragen.
Denn die Einleitungsbehörde ist vor der Entscheidung über die Einreichung der
Anschuldigungsschrift beim zuständigen Truppendienstgericht nochmals zu
beteiligen, um über den Fortgang des Verfahrens zu entscheiden. Sie hat damit
die Möglichkeit, die Einlassung des Soldaten zu berücksichtigen und auf dieser
Basis eine Entscheidung darüber zu treffen, ob an der ursprünglichen Entscheidung über die Einleitung eines gerichtlichen Disziplinarverfahrens festgehalten
wird (vgl. Urteil vom 8. Dezember 2010 - BVerwG 2 WD 24.09 - BVerwGE 138,
263 = Buchholz 449.7 § 27 SBG Nr. 4, jeweils Rn. 22 und Beschluss vom
4. September 2013 - BVerwG 2 WDB 4.12 - Rn. 18).
18Nach den vom Soldaten nicht bestrittenen Angaben des Wehrdisziplinaranwalts, die auch das Truppendienstgericht zugrunde gelegt hat, ist der Entwurf
der Anschuldigungsschrift vor der Einreichung beim Truppendienstgericht am
28. August 2012 der Einleitungsbehörde zusammen mit der Handakte der
Wehrdisziplinaranwaltschaft zur Entscheidung vorgelegt worden. Der Kommandeur Luftwaffenausbildungskommando hat der Vorlage der Anschuldigungsschrift am 30. August 2012 zugestimmt. Dies wird durch die vom Bundeswehrdisziplinaranwalt nachgereichten Unterlagen dokumentiert. Damit bestand trotz
der fehlerhaften Gestaltung der zeitlichen Abläufe des Verfahrens eine Möglichkeit des Soldaten, alles aus seiner Sicht Relevante in die Entscheidung der Einleitungsbehörde über die Fortsetzung des Verfahrens einzubringen.
19Sonstige schwere Verfahrensmängel, die ein Verfahrenshindernis im Sinne des
§ 108 Abs. 4 WDO darstellen könnten, sind vom Truppendienstgericht nicht
angeführt und auch nicht ersichtlich. Der angefochtene Einstellungsbeschluss
vom 6. November 2012 kann deshalb keinen Bestand haben. Nach Aufhebung
des verfahrensfehlerhaften Einstellungsbeschlusses ist das Verfahren erneut
bei der 5. Kammer des Truppendienstgerichts Süd anhängig.
20Die Kostenentscheidung beruht auf § 139 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 2 WDO, die
Entscheidung über die Tragung der notwendigen Auslagen des Soldaten auf
§ 140 Abs. 3 Satz 3 WDO. Obwohl das zu Ungunsten des Soldaten eingelegte
Rechtsmittel des Wehrdisziplinaranwalts erfolgreich war, wäre es unbillig, den
Soldaten mit den Verfahrenskosten zu belasten. Denn der Soldat hat weder
durch sein Verhalten noch durch dasjenige seines Verteidigers Veranlassung
zu der vom Vorsitzenden der Truppendienstkammer beschlossenen Einstellung
des gerichtlichen Verfahrens nach § 108 Abs. 4 WDO gegeben. Ebenso wenig
hat er die Verfahrensmängel zu vertreten, die dem Vorsitzenden der Truppendienstkammer Anlass für den Einstellungsbeschluss gaben.

References: § 41
 § 93
 § 97
 § 108
 § 99
 § 108
 § 108
 § 108
 § 93
 § 93

§ 93
 § 93

§ 108
 § 93
 § 97
 § 97
 § 93
 § 27

§ 108
 § 139

§ 140
 § 108