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1 der lichtblick2 Inhalt der lichtblick konfisziert 4 Stress in Tegel 8 Privatinsolvenz 12 Eine Krähe Essen als Risikofaktor 16 Pressespiegel 20 Mittelseite 22 Recht 24 Chorabend 26 Finsterbusch-Trio 27 Kunst und Knast 28 Lesung und Chorabend 30 Der Horatier 31 Leserbriefe 34 Fundgrube 40 Knackis Adressbuch 43 Unsere Bilder Die Gestaltung eines Titelblatts ist sicherlich eine Kunst. Was aber jeder einzelne Betrachter in ein solches Kunstwerk hinein interpretiert oder glaubt, herauslesen zu können, entzieht sich dem Einfluss des Verfassers. So ist der Betrachter und nur er allein für seine ureigenste Interpretations- und Auslegungsweise verantwortlich. Unser Titelbild nimmt Bezug auf die Probleme, die mit der Veröffentlichung unserer diesjährigen ersten Ausgabe verbunden waren. Die Rückseite ist eine Montage, passend zu den Vorkommnissen in der TA III. Die Bilder von der Jubiläumsfeier und der Theateraufführung sowie das Mittelbild stammen von Dietmar Bührer. Ihm und den Mitarbeitern der Buchbinderei, Druckerei und Setzerei gilt unser Dank für ihre Hilfe und Unterstützung. In eigener Sache Fremdbeiträge werden namentlich oder mit Kürzel gekennzeichnet und müssen nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wiedergeben. Die mit einem abgeschlossenen Artikel sind Beiträge der Redaktion und werden daher auch inhaltlich von der gesamten Redaktion getragen. Redaktionsschluss: Seite 4 Justiz verbietet Knast-Zeitung schrieb der Tagesspiegel. Wie frei darf eine Gefangenenzeitung sein? Einige haben die lichtblick-ausgabe 1/2006 schon Mitte Februar in Händen gehalten. Ab 24.Februar wurde die Auslieferung abrupt verboten und die komplette Ausgabe konfisziert. Nein, kein richterlicher Beschluss war die Ursache sondern eine Anweisung der Anstaltsleitung. Ein bisher wohl einmaliger Vorgang, den der Rechtsanwalt Dr. Zieger für uns einer juristischen Analyse unterzieht. Stressabbau auf Tegeler Art. Viele von uns haben bereits in Moabit erleben müssen, wie sich die Beamten daran ergötzen, wenn sie Inhaftierte auf ihre Art disziplinieren können. Im Haus I der JVA Tegel sollen Gefangene von Justizbeamten verprügelt worden sein ein unglaublicher Vorfall, wenn man den Inhaftierten Glauben schenken möchte. Fast zeitgleich demonstrierten Gefangene im Haus III für bessere Haftbedingungen. Was ist los in Tegel? Seite 12 Schulden und wie komme ich da raus? Auch in dieser Ausgabe hat uns Rechtsanwältin Blum wieder mit wertvollen Tipps zur Seite gestanden. Diesmal zum Thema schuldenfrei durch Privatinsolvenz. Schulden sind ein Thema, über welches keiner gerne spricht, auch ein Grund dafür, dass sich bei vielen die Schulden anhäufen. Professionelle Hilfe kann hier aber Abhilfe schaffen. Ein Weg ist die Privatinsolvenz. Die folgenden acht Seiten sind der Kultur gewidmet. So trat im Oktober der Chor einer Christlichen Gemeinde auf und das Finsterbusch-Trio gab in alter Tradition im Dezember ein Konzert. Im Pavillon der TA V hat Wolf Wondratschek aus seinem Buch Im Dickicht der Fäuste gelesen mit anschließender Diskussion. Der Verein Kunst und Knast e.v. feierte fünfzehnjähriges Jubiläum und am Abend vor Weihnachten erfreute uns der Chor der Tichvinskaja Kirche Moskau. Seite 31 Viele Leserbriefe sind bei uns eingegangen, diese rege Beteiligung hat uns sehr gefreut. So gibt es Kritiken zur Theateraufführung, Post aus dem KMV und aus Bayern und Kommentare zu Berichten in unserer letzten Ausgabe. Aber auch Lesermeinungen zu dem seit Monaten anhaltenen Baulärm in den Häusern 2+3 und zu den Methoden der AG Drogen lassen nichts an Deutlichkeit vermissen. Seite 8 Seite 26 Horatier 1 Eine Theateraufführung in der JVA Tegel. Eine besondere Leistung aller Beteiligten mit schauspielerischem Engagement der Inhaftierten, geringsten finanziellen Mitteln und inszeniert mit hingebungsvollem Einsatz der Organisatoren, der Gruppe aufbruch. Überhäuft mit vielfältigem Lob und unterschiedlichster Kritik aus den eigenen Reihen, den Zuschauern und dem lichtblick. Seite 34 2 d e r l i c h t b l i c k 1 / 20063 Justiz verbietet Knast Zeitung in Tegel Schlagzeile des Tagesspiegel vom Schwierige Zeiten liegen hinter uns, an denen sogar die Medien außerhalb der Anstalt Anteil nahmen. Der lichtblick wurde erstmalig in seiner 38- jährigen Geschichte gestoppt, zensiert und die Ausgabe 1/2006 komplett eingestampft. Nur wenige Exemplare der beanstandeten Ausgabe fanden den Weg in die Freiheit (raus aus der JVA Tegel). Auf den folgenden Seiten 4-6 hat der Rechtsanwalt, Dr. Zieger, eine juristische Bewertung dieses einmaligen Vorgangs vorgenommen. Der Vorfall hat dazu geführt, dass diese Ausgabe 1/2006 nach kompletter Überarbeitung nochmals gedruckt werden musste. Dies ist auch der Grund für den verspäteten Versand. Die Redakteure des lichtblick werden in dieser Ausgabe keine Stellungnahme zu diesem Vorgang abgeben, da von dem Landesvorsitzenden der Gewerkschaft der Beamten im Strafvollzug, Herrn Udo Schwarze, Strafanzeige und Strafantrag gegen die Redakteure gestellt wurde. Natürlich gibt es auch noch andere, unangenehme Vorfälle. Anfang Dezember sollen sechs Beamte in der TA I einen Gefangenen verprügelt und einen weiteren geschlagen haben. Wir konnten nicht umhin, die Angelegenheit ordentlich zu recherchieren und darüber zu berichten. Auch in der TA III brannte kurzzeitig die Luft. Mehrere Gefangene beschwerten sich auf ihre Weise über die Haftbedingungen in ihrer Teilanstalt. Bezeichnend ist, wie die Anstalt in beiden Fällen damit umgegangen ist und vor allem, wie der Presse suggeriert wird, dass doch alles in Ordnung sei in Tegel. Ein weiteres Thema ist die Baustelle Tegel. In den Häusern II und III wird zur Zeit gebaut, was das Zeug hält. Über die subjektiven Empfindungen der dem Baulärm ausgesetzten Gefangenen haben wir zwei Berichte. Kurz nach Redaktionsschluss ereilte uns noch die Nachricht vom Tod des Gefangenen Michael M. aus der TA II. Zu oft mussten wir schon über solche Vorfälle schreiben. Es ist immer wieder erschreckend, wie oft der Eindruck entstehen konnte, dass bei professioneller Hilfe der ein oder andere vielleicht noch zu retten gewesen wäre. Auch diesmal bleibt ein fader Beigeschmack, zumal in dieser Angelegenheit noch ermittelt wird. Natürlich gibt es auch wieder Kulturberichte. Es gab Chor- und Konzertabende, eine Lesung, KuK feierte sein 15-jähriges Bestehen und aufbruch führte den Horatier auf. Leserbriefe gibt es zu vielen Themen. Wir wünschen wieder viel Spaß beim Lesen. Wir, das Redaktionsteam, möchten an dieser Stelle jenen Menschen danken, die uns in dieser turbulenten und schwierigen Situation mit fachlichem Rat, Kompetenz und Engagement zur Seite gestanden sind und sich für die Interessen des lichtblick eingesetzt haben. Unser besonderer Dank gilt: Herrn RA Dr. Matthias Zieger, für seine Rechtsberatung und als juristischer Beistand im Schlichtungsgespräch sowie seinen Artikel in dieser Ausgabe, Herrn RA Dr. Olaf Heischel als beratenden Vertreter des Berliner Vollzugsbeirats, Herrn Dietrich Schildknecht vom Anstaltsbeirat für sein unermüdliches Engagement als Mittler zwischen Anstaltsleitung und lichtblick - Redaktion, Herrn RA Stefan Willmerdinger für seinen 31-seitigen Entwurf einer Klageschrift gegen die JVA Tegel, Herrn RA Peter Scheibe für seine interne, presserechtliche Beratung und Stellungnahme, Frau Stephanie Schliepack als Vertreterin des lichtblick - Fördervereins für die Koordinierung und Akquise, Kanzlei Ehrig und Wieland für die Bereitschaft zur Übernahme des Mandats im Strafprozess gegen die lichtblick-redakteu re. IMPRESSUM Herausgeber: Insassen der JVA Berlin-Tegel Redaktion: Dirk Stephan, Andreas Werner Ehrenamtlicher Redakteur: Pascal Pontow Verantw. Redakteur: Andreas Werner (V.i.S.d.P. P) Druck: der lichtblick Postanschrift: Redaktionsgemeinschaft der lichtblick Seidelstraße 39, Berlin, Telefon/Fax: (0 30) der lichtblick im Internet: + gsbeirat.de Spendenkonten: sbh -Sonderkonto: der lichtblick Berliner Bank AG, Kto.Nr.: , BLZ: Auflage: Exemplare Allgemeines: Die Arbeit der Redaktionsgemeinschaft bestimmt sich nach Maßgabe des Statuts der Redaktionsgemeinschaft der lichtblick vom 1. Juni In dieser Ausgabe 1/2006 fand eine Zensur statt! der lichtblick erscheint sechsmal im Jahr. Der Bezug ist kostenfrei. Spenden zu Gunsten des Gefangenenmagazins der lichtblick sind als gemeinnützig anerkannt und steuerlich absetzbar. Wichtig: Reproduktion des Inhalts (ganz oder teilweise) nur mit schriftlicher Erlaubnis der Redaktion und gegen Zusendung eines Belegexemplares. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Bei eingesandten Manuskripten und Leserbriefen setzen wir das Einverständnis zum honorarfreien Abdruck und zur sinnwahrenden Kürzung voraus. Eigentumsvorbehalt: Das Druck-Erzeugnis bleibt Eigentum des Absenders, bis es dem Gefangenen persönlich ausgehändigt wird; auf 31 Abs. 3 StVollzG wird besonders hingewiesen. Hiernach kann der Anstaltsleiter Schreiben anhalten, wenn sie grob unrichtige oder erheblich entstellende Darstellungen von Anstaltsverhältnissen enthalten. Das Abo gilt nur für das laufende Jahr!!! Die Verlängerung kann fernmündlich und schriftlich erfolgen. d e r l i c h t b l i c k 1 /4 Wie frei darf eine Gefangenenzeitschrift sein? Juristische Anmerkungen zu Turbulenzen um der lichtblick, Ausgabe Nr. 1/2006 von Dr.Matthias Zieger Die vorliegende Ausgabe des Lichtblicks kommt spät und in etwas anderer Fassung als ursprünglich geplant. Die Gewerkschaft Strafvollzug BSBD frohlockt in einem Faltblatt von März 06: Personalrat stoppt aktuelle Ausgabe der lichtblick. Bedienstete seien beleidigt, diffamiert und der Begehung von Straftaten beschuldigt worden. Was ist wirklich passiert und warum ist es geschehen? Am Freitag, , betrat gegen Uhr ein Beamter die Redaktionsräume und forderte die beiden anwesenden Redaktionsmitglieder Dirk Stephan und Michael Schmidt auf, die Räume zu verlassen. Zunächst erhielten beide keine andere Auskunft als die, dass der lichtblick auf Anweisung der Anstaltleitung nicht weiter verteilt und ausgeliefert werden dürfe. Am Montag werde entschieden. Das war so noch nicht vorgekommen: Ein Eingriff in die Pressefreiheit? Zensur? Und das alles ohne Begründung im Vorgriff auf eine noch gar nicht getroffene Entscheidung? Die Vorsitzende des lichtblick-fördervereins protestierte noch am gleichen Tag per Fax bei der Anstaltsleitung gegen den Eingriff in die Rechte der Redaktionsgemeinschaft, der Vorsitzende des Berliner Vollzugsbeirats schaltete sogar den Deutschen Presserat ein. Am kam die schriftliche Begründung durch den Anstaltsleiter: Er sehe sich verpflichtet, Strafftaten zu unterbinden, die aus dem Vollzug heraus begangen werden ( 2 S. 2 StVollzG). Titelbild und Passagen in fünf einzeln aufgeführten Beiträgen würden Justizvollzugsbeamte generell verunglimpfen. Strafanzeige sei erstattet worden. Mildere Maßnahmen, z.b. Schwärzung einzelner Sätze, seien nicht ausreichend, die ganze Ausgabe müsse angehalten werden. Nun war auch Rechtsrat gefragt, ein Anwalt wurde eingeschaltet: Wie frei ist eine Gefangenenzeitung, welche Befugnisse hat der Anstaltsleiter? Nach Art. 5 Grundgesetz und 1 Landespressegesetz ist die Meinungs- und Pressefreiheit geschützt, eine Zensur findet nicht statt, der Pressefreiheit sind Schranken nur gesetzt durch die allgemeinen Gesetze, die Bestimmungen des Jugendschutzes und das Recht der persönlichen Ehre. Wegen der Bedeutung der Meinungsfreiheit müssen diese einschränkenden Gesetze wiederum so ausgelegt werden, dass sie die Pressefreiheit möglichst weitgehend erhalten. (1). Die Pressefreiheit gilt grundsätzlich auch für Zeitungen in rechtlich besonders ausgestalteten Einrichtungen, z.b. für Werks- oder Schüler- oder Gefangenenzeitungen (2). Im Redaktionsstatut des lichtblick wird die Zeitschrift als unabhängig und unzensiert bezeichnet. Form, Inhalt und Gestaltung werden von der Redaktionsgemeinschaft bestimmt. Herausgeber des lichtblick ist ein aus Gefangenen der Strafanstalt Tegel gebildete Re- daktionsgemeinschaft. Sie betreibt eigenverantwortlich den Vertrieb des lichtblick. In der Begleitverfügung des Anstaltleiters zum Redaktionsstatut heißt es: Die Anstaltleitung enthält sich der Kontrolle über Form, Inhalt und Gestaltung des lichtblick. (3) Danach scheint klar zu sein, dass es dem Anstaltsleiter nicht erlaubt ist, sich als Zeitungskontrolleur zu betätigen. Also auf zur Strafvollstreckungskammer mit einem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung (Aufhebung des Auslieferungsverbots)? Das Ergebnis der Durchsicht der wenigen Entscheidungen und Kommentarstimmen zur Rechtsstellung von Gefangenenzeitschriften rät aber zur Vorsicht: Entgegen dem ersten Eindruck ist es nicht sicher, dass die gerichtliche Auseinandersetzung gewonnen wird. Vielmehr droht ein jahrelanger kostspieliger Gang durch die Instanzen bis hin zum Bundesverfassungsgericht. Man ist sich unter den Juristen zunächst einig, dass immer dann, wenn der Anstaltsleiter die Zeitschrift herausgibt und die Gefangenen nur mit der Gestaltung beauftragt sind, sich das Problem der Pressefreiheit gar nicht stellt, denn auch in der Presse außerhalb der Anstaltsmauern bestimmt der Herausgeber die Ausrichtung seiner Zeitung, er ist Träger der Pressefreiheit, interne Maßnahmen gegenüber angestellten Redakteuren oder Journalisten fallen nicht in den Schutzbereich des Art. 5 GG (4). der lichtblick wird in der JVA Tegel aber von Gefangenen herausgegeben und erfreut sich deshalb bei seinen Lesern auch einer viel größeren Akzeptanz als eine von vornherein durch den Anstaltsleiter als Herausgeber auf Hofberichterstattung eingestimmte Zeitung (5). 4 d e r l i c h t b l i c k 1 / 20065 Aber auch den echten Gefangenenzeitschriften wird zum Teil deshalb, weil sie im Bereich der Gesamtverantwortung des Anstaltsleiters ( 156 StVollzG) erstellt werden und Teil der Gefangenenmitverantwortung sein sollen, deren genaue Gestaltung wiederum im Ermessen des Anstaltsleiters steht ( 160 StVollzG), die Pressefreiheit abgestritten (6): Es darf nach dieser Auffassung keinen von der Anstaltsleitung unkontrollierten Freiraum in der Haftanstalt geben (7). Diese Auffassung ist verfassungsrechtlich schwer haltbar. Eine Verantwortlichkeit des Anstaltsleiters für die Wahrnehmung von Grundrechten enthält 156 StVollzG gerade nicht, eine Ermächtigung zur Einschränkung von Grundrechten von Gefangenen lässt sich aus dieser Vorschrift auch nicht herleiten, vielmehr darf der Anstaltsleiter seine Verantwortung nur unter Beachtung der Grundrechte, der allgemeinen Gesetze und der speziell den Strafvollzug regelnden Gesetze ausüben. Die Vorschrift des 160 StVollzG soll den Gefangenen Mitwirkungsrechte eröffnen, ohne dass diese im einzelnen festgelegt oder festgeschrieben werden. Diese Vorschrift taugt deshalb erst recht nicht als Grundlage für eine sonst nicht zu rechtfertigende Grundrechtsbeschränkung. Das Strafvollzugsgesetz enthält Vorschriften, die Grundrechte der Gefangenen einschränken. Deshalb wird zum Teil die Auffassung vertreten, dass sich eine Kontrollbefugnis des Anstaltsleiters über Inhalt und Gestaltung von Gefangenenzeitungen aus 4 Abs. 2 S. 2 StVollzG ergibt. Nach dieser Vorschrift dürfen Gefangenen außerhalb von speziellen Regelungen nur solche Beschränkungen auferlegt werden, die zur Aufrechterhaltung der Sicherheit oder zu Abwendung einer schwerwiegenden Störung der Ordnung der Anstalt unerlässlich sind. Eine solche Störung soll insbesondere dann Eingriffe in den Inhalt von Gefangenenzeitschriften rechtfertigen, wenn anonyme unbewiesene belastende Aussagen über Justizvollzugsbeamte abgedruckt werden (8). Auch dieser Ansatz ist aber problematisch: Grundrechtsbeschränkungen bedürfen eines eindeutigen, klaren Gesetzes; Generalklauseln wie 4 Abs. 2 S. 2 reichen dafür nicht aus (9). Im übrigen gehört es nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Pressefreiheit, gerade auch überzogene, ja sogar unsägliche Meinungsäußerungen zu gestatten, solange sie nicht Strafgesetze und die persönliche Ehre verletzen (10). Deshalb darf der Anstaltsleiter nur dann eingreifen, wenn Beiträge in der Zeitschrift die Grenzen überschreiten, die entweder direkt in Art. 5 Abs. 2 GG oder in speziellen Vorschriften des Strafvollzugsgesetzes gezogen werden. Nun werden Gefangenenzeitschriften im Strafvollzugsgesetz gar nicht erwähnt und somit auch nicht geregelt. Möglich erscheint aber die vorsichtige Analogie zu 31, 68 Abs. 2 StVollzG (Kontrolle von Schreiben in und aus der Haft, Ausschluss vom Zeitungsbezug). Diese Vorschriften weisen eine Nähe zu dem Vertrieb und dem Bezug von Gefangenenzeitungen aus, auch diese Vorschriften konkretisieren den Bereich freier Meinungsäußerung im Gefängnis, sie gehören zu den allgemeinen Gesetzen im Sinne des Art. 5 Abs. 2 GG (11). Das bedeutet, dass Beiträge angehalten werden dürfen, wenn sie einen strafbaren Inhalt haben, wenn sie grob unrichtige oder grob entstellende Darstellungen von Anstaltsverhältnissen oder grobe Beleidigungen enthalten oder einen anderen Gefangenen (z. B. durch Bloßstellung oder Stigmatisierung) und sein späteres Leben (Eingliederung in die Gesellschaft) gefährden. Wenn in 68 Abs. 2 dann allerdings wieder eine Generalklausel Eingriffe in den Zeitungsbezug rechtfertigen soll (Gefahren für das Ziel des Vollzuges und die Sicherheit und Ordnung der Anstalt), gilt für diese Generalklausel das bereits Gesagte: So unbestimmte Klauseln sind nicht geeignet, verfassungsrechtlich wirksam Grundrechte einzuschränken. Sicher wird es zulässig sein, Beiträge, die Hinweise auf Fluchtmöglichkeiten enthalten, anzuhalten (Verstoß gegen die Sicherheit der Anstalt), aber allein die Berufung auf eine unbestimmte Ordnung der Anstalt reicht wegen der Bedeutung der Pressefreiheit nicht aus, einen Beitrag zu untersagen. Neben diesen allgemeinen, sich aus Art. 5 GG und dem Strafvollzugsgesetz ergebenden Schranken haben Redakteure einer Gefangenenzeitschrift natürlich das zu beachten, was sie mit dem Anstaltsleiter vereinbart haben, in der JVA Tegel also den Inhalt des Redaktionsstatuts (13). Dieses ist eine Art vertragliche Grundlage dafür, dass es den Gefangenen gestattet wird, unter Nutzung von Räumlichkeiten und Material der JVA Tegel teilweise hauptamtlich die Zeitschrift zu gestalten. In dem Redaktionsstatut heißt es, dass es Aufgabe des lichtblicks ist, die Öffentlichkeit mit den vielfältigen Problemen des Strafvollzugs bekannt zu machen und durch konstruktive Kritik an der Beseitigung vermeidbarer Missstände in sachlichen und zwischenmenschlichen Bereichen mitzuwirken. Allerdings ist die Kritik nur berechtigt, wenn sie nicht auf Einzelpersonen bezogen ist (12), eine schwierige Einschränkung, denn wie soll Zwischenmenschliches aufgearbeitet werden, wenn man nicht auch Einzelpersonen kritisieren darf? Diese Balance zwischen allgemeiner Pressefreiheit und den für den lichtblick geltenden vollzugsrechtlichen Beschränkungen ist wegen der darin enthaltenen Abwägung zwischen verschiedenen Prinzipien nur beschränkt geeignet, in Konfliktfällen klare Antworten auf die Frage zu geben, was zulässig ist und was nicht. Schon deshalb bot sich an, vor einer gerichtlichen Auseinandersetzung um die Ausgabe Nr. 1/2006 zum einen die grundlegenden Rechtsfragen mit der Anstaltleitung zu diskutieren, zum anderen die einzelnen vom Anstaltsleiter erhobenen Beanstandungen. Das geschah am mit anwaltlichem Beistand und in Anwesenheit der Vorsitzenden des lichtblick-fördervereins und eines Anstaltsbeirats. Erfreulicherweise gab es rasch weitgehende Übereinstimmung in den oben dargestellten rechtlichen Grundlagen. 5 d e r l i c h t b l i c k 1 / 20066 Dagegen wurde zwei Stunden lang über die Beiträge und dann vor allem über das Titelblatt diskutiert, das eine brutale Prügelszene aus einem Videofilm vor einem Gefängnisgitter, wie es für amerikanische Zellen typisch ist, zeigt. Der neue Chefredakteur Andreas Werner wies darauf hin, dass damit allgemein gegen weltweit zunehmende Gewalt gegen Gefangene, gegen Folter und Verschleppung (Stichworte: Abu Ghraib, Guantanamo, Verschleppung und Folterung deutscher Staatsangehörige durch fremde Geheimdienste) protestiert werden soll. Die Anstaltsleitung bezog das Titelblatt aber auf einen Artikel, wo über Ermittlungen gegen Justizbedienstete der JVA Tegel wegen Verdachts der Körperverletzung im Amt berichtet wurde. Zwar sei zuzugestehen, dass ein solcher Zusammenhang in dem Beitrag nicht hergestellt werde, da aber der lichtblick auch von vielen einfachen Lesern gelesen werde und diese sicher diesen Zusammenhang herstellen würden, bestehe die Gefahr, dass das Titelbild dahin verstanden wird, dass allgemein den Justizbediensteten in der JVA Tegel eine Neigung zu brutaler Gewalt nachgesagt wird. Bei den Wortbeiträgen wurden teilweise redaktionelle Ungenauigkeiten oder Einseitigkeiten festgestellt, so wenn von feststehenden Tatsachen statt von Verdacht gesprochen wird oder bei streitigen Vorfällen unbewiesene einseitige Darstellungen von anonym bleibenden Zeugen so präsentiert werden, als ob nur dies die Wahrheit sein könne. Es kam im Ergebnis zu einer Einigung: Statt jahrelanger Prozesse sollten die Artikel in bezug auf festgestellte redaktionelle Unzulänglichkeiten in einigen kurzen Passagen überarbeitet und bei einem Vorfall der Anstaltsleitung Gelegenheit zu einem kurzen Kommentar gegeben werden. An dem ohnehin sehr heftigen Titelbild hielt die Redaktion angesichts der Gefahr der Fehldeutung nicht mehr fest. Die Ausgabe Nr. 1/2006 des lichtblicks war gerettet. Sie konnte nun unter Nutzung der vorhandenen Anstaltskapazitäten mit den besprochenen Änderungen alsbald hergestellt werden. Nur einer war etwas unzufrieden über den Kompromiss: Der Anwalt hätte diesen Konflikt mit seiner grundsätzlichen Bedeutung gern bis zum Bundesverfassungsgericht gebracht, um grundsätzlich klären zu lassen, wie frei Gefängniszeitungen wirklich sind. Vielleicht helfen aber die aus Anlass dieses Falles angestellten juristischen Überlegungen, in Zukunft Turbulenzen dieser Art von vornherein zu vermeiden? Dr. Matthias Zieger Rechtsanwalt Die lichtblick-redaktion dankt Herrn Dr. Zieger für die juristische Beratung und seinen engagierten Einsatz, eine für alle Parteien akzeptierbare Lösung herbeizuführen und für seine Artikel mit der Bewertung dieses Vorfalls aus juristischer Sicht. Anmerkungen und Quellenangaben zum vorangegangen Artikel: (1) sog. Wechselwirkungslehre, BVerfGE 7, 198; 71, 161; Jarass/Pieroth, Grundgesetz, 2004, 57f zu Art. 5 GG (2) Jarass/Pieroth, aao, 39a vor Art.1, zu Art. 5 GG: Besondere Gewaltverhältnisse (z.b. Gefängnisse) legitimieren als solche keine Legitimation Grundrechtseingriffe. BVerfGE 33, 1: Eingriffe in Grundrechte der Strafgefangenen bedürfen einer gesetzlichen Grundlage. Die Pressefreiheit in allen Einordnungsverhältnissen auch im Strafvollzug, bejaht Löffler, Presserecht, 1983, 331ff zu 1 LPG und im Grundsatz auch OLG Stuttgart, ZfStrVo 80, 60 (Jugendstrafvollzug); a.a. KG Berlin, Beschluss vom , 5 Ws 50/88 Vollz, betreffend die Ablösung eines Redakteurs durch den Anstaltsleiter, teilweise abgedruckt bei Bungert, NStZ 89, 429: Auch für eine allein von Gefangenen herausgegebene Zeitschrift bleibt der Anstaltsleiter nach 156, 160 StVollzG verantwortlich, er hat die Stellung wie ein Verleger gegenüber Redakteuren (3) vgl. Nr. 1.1., 1.3, 2.1., 2.2. des Redaktionsstatut und Nr. 2 der Begleitverfügung vom (4) allgemein: Jarass/Pieroth, aao, 85 zu Art. 5 GG; zu einer vom Anstaltsleiter herausgegebenen Gefangenenzeitschrift: LG Hamburg, NStZ 87, 383 (5) vgl. zur Akzeptanz Rotthaus, Meinungsfreiheit für Gefangenenzeitungen, ZfStrVo 01, 171 (6) KG Berlin,; ebenso Calliess/Müller-Dietz, Strafvollzugsgesetz, 2005, 5 zu 160 StVollzG; Kamann, Handbuch für die Strafvollstreckung und den Strafvollzug, 2002, RN 764; zweifelnd Boetticher in AK-StVollzG, 2001, 22 zu 67 StVollzG; Rotthaus/Wydra in Schwind/Böhm/Jehle, Strafvollzugsgesetz, 2005, 13 zu 160 StVollzG (7) so auch BayObLG, ZfStrVo 82 57, zur Gründung eines von der Anstaltsleitung unabhängigen freien Gefangenenvereins (8) Rotthaus, aao; so für den Jugendvollzug auch OLG Stuttgart, aao (9) Aus dem Rechtsstaatsprinzip folgt, dass der Gesetzgeber selbst Voraussetzungen und Umfang eines Eingriffs in Grundrechte regeln muss und dies nicht der Exekutive überlassen darf, sog. Gesetzesvorbehalt, vgl. Jarass/Pieroth, aao, 44ff, 54ff zu Art. 20 GG. Das Gesetz muss also ausreichend bestimmt bzw. genau sein, vgl. BVerfGE 57,295; 83, 130; 95, 267; 98, 218. Zweifel an der Anwendbarkeit der sog. Angstklausel in 4 Abs. 2 S. 2 StVollzG auf sonst nicht erlaubte Grundrechtseingriffe und Beschränkung auf extreme Ausnahmefälle deshalb auch bei Calliess/Müller-Dietz, zu 4 StVollzG; Feest/Lesting in AK-StVollzG, 9ff zu 4 StVollzG; Beaucamp, Zeitungen im Gefängnis zwischen Pressefreiheit und Anstaltsordnung, ZfStrVo 99, 206; (10) Das BVerfG hat z.b. den Satz Soldaten sind Mörder dem Schutz der Meinungsfreiheit unterstellt, weil dieser Satz nicht notwendig dahin auszulegen ist, dass alle Soldaten der Welt als Mörder beschimpft werden, sondern dass damit plakativ generell das tödliche Kriegshandwerk kritisiert werden soll (BVerfG, NJW 95, 3303) (11) Beaucamp, aao; zu 68 Abs. 2 StVollzG Ausschluss des Zeitungsbezugs) vgl. OLG Jena, NStZ-RR 04, 317 (12) Nr und 1.3. Redaktionsstatut (13) KG Berlin, aao; zur Einklagbarkeit von im Rahmen der Gesetze den Gefangenen eingeräumten Handlungsmöglichkeiten aufgrund von Selbstbindung der Anstaltsleitung: Calliess/Müller-Dietz, 5 zu 160 StVollzG; Feest in AK- StVollzG, 9 zu d e r l i c h t b l i c k 1 / 20067 27-jähriger Häftling in der TA II verstorben Das neue Jahr fing schon mit einem Drama an. In der Teilanstalt II ist am Neujahrsmorgen unser Mitinhaftierter Michael M. verstorben. Die Ursachen müssen durch eine Obduktion noch geklärt werden. Die Umstände, wie er gefunden wurde und was danach geschah, allerdings auch! Uns liegt es fern, den Tod eines Mitinhaftierten als Mittel zu verwenden, auf der Anstalt herumzuhacken. Aber was an diesem Tag passiert ist und wie die öffentliche Darstellung lautet, das sind wieder einmal zwei verschiedene Schuhe. Im Kurier stand:...wärter versuchten sofort zu helfen erfolglos. Alle Wiederbelebungsversuche brachten nichts. Anzeige Innerhalb der Tegeler Anstalt haben Mithäftlinge jedoch einen ganz anderen Eindruck von dem Vorfall gewonnen. Zum Sachverhalt äußert sich ein beteiligter Inhaftierter so: Am Neujahrstag, dem , wurden die Hafträume auf der Station A 1 in der TA II der JVA Tegel, wie immer sonntags, um 8 30 Uhr aufgeschlossen Lebendkontrolle durch Ansprechen fand nicht statt. Der diensthabende Beamte schloss lediglich die Türen auf, ohne nach den Insassen durch Öffnen der Tür zu sehen und ohne sie kurz anzusprechen. Gegen 8 40 Uhr betrat der Gefangene Heiko W. den Haftraum des Michael M. auf der Station A 1. Er kam sofort wieder heraus und sprach mich mit den Worten: Ich glaub, der Michael ist tot. gezielt an, da er wusste, dass ich ausgebildeter Rettungssanitäter bin. Ich ging in den Haftraum und stellte keinen Puls aber noch Körperwärme des Insassen M. fest. Eine Leichenstarre war noch nicht eingetreten, sodass Reanimation in jedem Fall als Versuch angezeigt war. Der Gefangene W. alarmierte umgehend den Staionsbediensteten und bat ihn, mir bei den Animationsmassnahmen zu helfen und so- fort den Notarzt anzufordern. Der Beamte ließ eine Animation nicht zu, verwies mich mit dem Hinweis aus dem Raum, dass dieses Sache des Notarztes wäre. Bis der Notarzt dann eintraf verging eine geraume Zeit. Schon aus meiner Sanitäterausbildung heraus kann ich mich mit dieser gleichgültigen Unterlassung nicht zufrieden geben. Ob dem Gefangenen noch hätte geholfen werden können, entzieht sich meiner Kenntnis, aber den Versuch nicht zu unternehmen und sogar noch zu verhindern, ist nicht nur grob fahrlässig sondern sollte strafrechtlich verfolgt werden. Mit diesem Sachverhalt muss sich jetzt auch die SenJust, der Petiti- onsausschuss, die Kripo und vor allem aber die Anstalt auseinandersetzen. Die Eltern von Michael M. sollen eine Strafanzeige gestellt haben. Dem Michael wird es nicht mehr helfen. Vielleicht kann aber erreicht werden, dass in Zukunft besser agiert wird. Wir finden, dass nicht oft genug gerade in solchen besonderen Situationen auf die damit verbundenen Umstände hingewiesen werden muss. Nur so ist es möglich, dass Fehler künftig vermieden werden. d e r l i c h t b l i c k 1 /8 Stressabbau auf Tegeler Art Gleich zwei Schlagzeilen beschäftigten zum Jahresende die Tegeler Gefangenen genauso wie die Anstaltsleitung: Im Haus I sollen Gefangene von Justizbeamten verprügelt worden sein und im Haus III kämpft en Gefangene auf ihre Art für die Verbesserung der Haftbedingungen in ihrem Haus. Was ist los in Tegel? Wir sind der Sache auf den Grund gegangen und haben versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Keine einfache Aufgabe, denn wie immer in solchen Dingen werden auch wir bei direkten Fragen abgeblockt und es gibt höchstens die offiziellen Statements. Natürlich soll auf kleiner Flamme gekocht werden, wem gefallen schon solche Schlagzeilen. Bis diese Zeilen hier im lichtblick gelesen werden, sind aber ohnehin schon wieder zwei Monate vergangen. Für die Verantwortlichen ist das Grund genug zu der Annahme, dass über die Sache bereits Gras gewachsen ist. Falsch! Es ist zwar möglich, dass sich der Sachstand schon wieder weiter entwickelt hat, damit müssen wir alle leben, aber an der Sache an sich hat sich nichts geändert. Was ist also geschehen? Anfang Dezember erhielten wir die Nachricht, dass in der TA I ein Gefangener angeblich von sechs Bediensteten massiv verprügelt und ein weiterer Gefangener zumindest geschlagen worden sein soll. Wir horchten also erst einmal rum und versuchten herauszubekommen, ob an der Sache was dran ist und wenn ja, um wen es sich dabei handelt. Unabhängig von diesem Vorfall weigerten sich einen Tag später Gefangene der TA III, nach der Freistunde wieder ins Haus einzurücken. Die Tagespresse berichtete auch schon darüber. Redakteure anderer Zeitungen riefen bei uns an und fragten, ob wir etwas zu den Vorfällen sagen können. Wir konnten nicht. Aber sie fa nden andere Quellen. Und hier begann der Auftritt des Vorsitzenden des Landesverbandes der Berliner Justizbediensteten, Udo Schwarze. Schwarze lässt keine Gelegenheit aus, um für seine schwache Personaldecke ins Horn zu blasen. Eigentlich legitim, wenn nicht der bittere Beigeschmack wäre, der sich einstellt, sobald man seinen Ausführungen zuhört seine Statements waren schon des öfteren Anlass für eine Berichterstattung im lichtblick. Schwarze hatte bei der Morgenpost angerufen und, wie auch schon in anderen Interviews, gleich den Teufel an die Wand gemalt : Die Beamten müssen sich doch schützen vor den gefährlichen Verbrechern, man hätte ja kaum noch die Kontrolle. Während der Teilanstaltsleiter davon sprach, dass bewusst kein anstaltsübergreifender Alarm ausgelöst wurde, weil die Situation als so überblicklich eingeschätzt wurde, dass sie von den hauseigenen Kräften in Griff zu kriegen sei, beklagte sich Schwarze darüber, dass nicht mehr genügend Personal zur Verfügung stünde, um handfest eingreifen und die Gefangenen überwältigen zu können. In der Berliner Morgenpost vom war das Folgende zu lesen: Kaum Kontrolle über Häftlinge Personalnot: Justizbedienstete warnen vor kritischen Situationen Protestierende Gefangene mit Mühe beruhigt Von Michael Mielke Der Vorsitzende des Landesverbandes der Berliner Justizbediensteten, Udo Schwarze, warnt vor der angespannten Situation in den Berliner Justizvollzugsanstalten. Durch den seit Jahren praktizierten Personalabbau gebe es eine Entwicklung, die sehr schnell zu dramatischen Ereignissen führen könne. Als Beispiel nannte Schwarze einen Vorfall, der sich am vergangenen Freitag im Haus III der Justizvollzugsanstalt Tegel ereignete. 39 zumeist zu lebenslänglichen oder sehr hohen Gefängnisstrafen verurteilte Strafgefangene hatten sich geweigert, nach der sogenannten Freistunde wieder ins Haus zu gehen. Das habe sich, so Schwarze, von bis Uhr hingezogen. Die Gefangenen hätten durch diese Aktion eine Art Plattform für eine Diskussion erreichen wollen. Der Leiter der Teilanstalt III habe die Situation jedoch mit Fingerspitzengefühl beruhigen können. Er hat den Leuten klar gemacht, daß sie sich wegen Gefangenmeuterei strafbar machen, wenn sie nicht umgehend zurück in die Zellen gehen, sagt Schwarze, das hat dann auch sofort funktioniert. Letztlich sei diese Drohung aber zumindest für die aktuelle Situation auch die Ultimo Ratio gewesen: Vor Jahren, so Schwarze, hatten wir noch genügend Personal vor Ort, um gegebenenfalls auch handfest eingreifen und die Strafgefangenen überwältigen zu können. Das sei heute jedoch nicht mehr der Fall. Die Besetzung in Tegel reicht nicht einmal aus, um regelmäßig die Zellen nach verbotenen Gegenständen durchsuchen zu können. Sporadisch würde es diese Kontrollen natürlich dennoch weiterhin geben. Als sachlich und menschlich nicht nachvollziehbar wertete Schwarze eine Meldung, nach der am vergangenen Donnerstag abend in der Justizvollzugsanstalt Tegel ein Gefangener von sechs Bediensteten brutal zusammengeschlagen worden sei. Einen kleinen Aufruhr, so Schwarze, habe es an jenem Tag tatsächlich in dem vor allem für Täter von Drogendelikten vorgesehenen 8 d e r l i c h t b l i c k 1 / 20069 Haus gegeben. Anlaß sei eine Störung der zentralen TV- Empfangsanlage gewesen, was die Insassen zur üblichen Protestaktion verleitet habe. Die meisten, so Schwarze, hätten sich jedoch mit der sachlichen Erklärung der Ursache beruhigen lassen. Ein offenbar unter Drogeneinfluß stehender Gefangener habe dennoch weiter geklopft und geschrien und sei deswegen von Bediensteten angesprochen worden. Was sich anschließend ereignete, wird derzeit von der Kriminalpolizei untersucht. Merkwürdig sei indes, so Schwarze, daß der Gefangene am nächsten Tag zunächst Mitgefangene beschuldigte, ihn geschlagen zu haben. Erst nach seinem Transport ins Gefängniskrankenhaus Moabit habe er behauptet, sechs Bedienstete seien die Täter gewesen. Der Gefangene habe keinerlei sichtbare Hämatome oder andersartige Verletzungen gehabt. Auch Röntgenaufnahmen und die Untersuchung durch einen Chirurgen hätten keinen Befund ergeben. Schwarze vermutet in der Anschuldigung die Not, der Verfolgung durch Mitgefangene zu entgehen. In den vergangenen Monaten hätten Informationen über Gefangene, die von Mithäftlingen genötigt, beleidigt und mißhandelt werden, die Schulden durch sexuelle Handlungen abzahlen müssen oder die sogar Selbstmord begehen wollten, dramatisch zugenommen. Ursache, so Schwarze, sei die extreme Überbelegung und damit die verbundene Überbelastung der Beteiligten. Die Redaktion: Das können wir so nicht stehen lassen. Also machten wir uns ins Haus I auf und fa nden einen Gefangenen, der nach diesem Vorfall mit dem Opfer Kontakt hatte. Aber nicht nur das, er hat die Schwellungen in dessen Gesicht gesehen und sich von ihm erzählen lassen, was genau geschehen ist. Bevor wir mit weiteren Recherchen unter den Gefangenen beginnen, bitten wir ihn um einen Leserbrief zu dem Vorfall, den wir hier gekürzt wiedergeben wollen: Ein gründlich missratener Fernsehabend Am Donnerstag, dem , einem Abend mit langem Riegel also dem Verschluss jedes Einzelnen in seiner Zelle um Uhr gab es gegen Uhr einen Totalausfall des Fernsehempfangs. Daraufhin äußerten mehrere Gefangene in ihren Zellen lautstark ihren Unmut durch Schlagen gegen die Zellentüren und lautes Rufen. So auch auf den Stationen B2 und C2. Dieses wurde von einigen Beamten der Spätschicht als Provokation und auch als illegale Kontaktauf- nahme ausgelegt. Krawall jedweder Art kann und wird kein Mittel zur Lösung bestimmter hier rein technischer Probleme sein. Es ist für alle Insassen wie auch für die jeweils diensthabenden Beamten immer wieder nervig, wenn einzelne Gefangene aus welchen für sie subjektiv bedeutsamen Gründen auch immer durch pure Lautstärke versuchen, etwas geregelt zu bekommen. Und unangenehm auch, wenn das bei so manchem Gefangenen vorhandene Anspruchsdenken wie etwa für mein TV habe ich doch bezahlt einher geht mit einer Mentalität, bestimmte Gelegenheiten willig zur Radaumache auszunutzen. Was aber an jenem Abend dann geschah, muss über jedwedes Abwägen der Angemessenheit einer Reaktion (seitens der Beamten) auf die Aktion der Gefangenen weit hinausgeführt haben. Es liegt in der Natur der Sache des langen Riegels, dass es für das Folgende außer den selbst Beteiligten keine Augenzeugen gegeben haben kann. Dafür aber sehr wohl Ohrenzeugen. Was genau wirklich weiter gewesen ist, vermag auch ich (wie viele andere Gefangene, auch selber Gefahr laufend, Opfer der brodelnden Gerüchteküche zu werden) nicht zu sagen. Da war die Rede von mehreren Stimmen seitens der Beamten, den obligatorischen Schließ ßgeräu schen, einem Stimmengewirr im hallenden Flur und relativ lautstarkem Frage-Antwort-Gespräch. Und dann von Aufforderungen da raus zu kommen und Ähnlichem mehr. Und weiter von sehr unangenehm klingenden, klatschenden Geräuschen und einmal so, als wäre der mit dem Kopf auf dem Boden geknallt. Keiner der Ohrenzeugen stellte sich mir namentlich zur Verfügung. Auf viele der sich ergebenden Fragen konnte ich keine Antwort erwarten oder gar fordern auch die Betroffenen sind mir aus Gründen, die noch zu nennen sein werden, nicht mehr zugänglich. Fakt ist, dass sich der Gefangene 1 am nächsten Morgen in der AGSt I einfand. Er hatte eine dicke Schwellung im Gesicht, den sichtbaren Beginn eines Veilchens um die Augen und nach eigener Angabe überall blaue Flecken, in der Fachsprache Hämatome am ganzen Körper. Nun sind die Beschäftigten der AGSt nicht gerade dafür bekannt, dass sie allen Gefangenen etwa vorschnell eine Behandlungsbedürftigkeit attestieren. Da muss man manchmal schon mit was Richtigem kommen. Hier aber wurde der Zustand des Erkrankten sehr wohl sofort erkannt und eine ärztliche Untersuchung ergab sogar eine Relevanz zur Anzeige- und Meldepflicht des Falls. Der andere Gefangene, der namentlich nicht erwähnt werden will, stand tagelang sichtlich unter Schock. Mir gegenüber sagte er auch, er hätte gar keinen Krach gemacht, er sei nur auf die Fahne (Zellensignal) gegangen. Doch solche Details ob und selbst wenn sie in beiden Fällen den richtigen erwischt haben, sind eigentlich nebensächlich. Grund ist also vielmehr eine ganze Reihe sich zu diesemvorfall ergebener Fragen. Denn die darf und muss! man doch wohl (auch oder gerade) als Mitinsasse derselben Haftanstalt stellen? Zuerst einmal die: Was sind denn das für Helden vom Dienst, die sich zu fünft oder sechst ihre (vermutlichen) Deliquenten auf solche Weise einzeln vornehmen? (vielleicht, sich der augenzeugenfreien Situation ganz bewusst)! Aber auch: wie kommt es, dass nicht nur die Nerven einiger Gefangener, sondern offenbar auch z.t. die der Beamten blank liegen? Was sind das für Maßnahmen, die aus einem Inhaftierten einen Patienten der AGSt machen? Es liegt mir fern, aus dieser Sache unbedingt ein Politi- kum machen zu wollen, aber einige relevante Überlegungen dazu resultieren unmittelbar aus den Fragen, welche genau in Richtung der Verantwortlichkeit für die Zustände d e r l i c h t b l i c k 1 /10 in der Anstalt und die Haftbedingungen der Inhaftierten sowie die Arbeitsbedingungen der hier dienstlich Tätigen zielen. Vom Sozialarbeiter, der viel zu viele Gefangene zu betreuen hat (und die Zahlen sind dahingehend, dass sie nicht mehr regelkonform sein können) über die Beamten, welche im Schichtdienst tätig sind, die sich z.b. angesichts angekündigter staatlicher Überlegungen, wie Personalabbau und Kürzung ihres Weihnachtsgeldes etc., einfach auch mal mehr offi zielle Anerkennung und Gesten der Würdigung wünschen, bis hin zu den Gefangenen, die unmittelbar unter der chronischen Überbelegung zu leiden haben sie alle sind die Betroffenen. Sie alle sitzen nicht willentlich aber trotzdem gemeinsam in einem Kessel herum, dessen partiell wachsender Überdruck schon mal ein Ventil zum Entladen sucht. Es ist die Summe solcher Kleinigkeiten und viel größerer Probleme, die die Situation manchmal milde gesagt schwierig werden lassen. Die Probleme, die da namentlich heißen: Überbelegung der Knäste, erreichte und überschrittene Grenzen der Vollzugskapazitäten, teilweise Überalterung bestimmter Gebäude und ihrer Einrichtungen und daraus entstehende Folgeproblematiken, wie mangelnde Zellengrößen und die hygienischen Zustände in denselben, sowie verspätete Maßnahmen zur Vollzugsplanung und Resozialisierung der einzelnen Gefangenen etc. pp.. Einem unbedarften Beobachter der Situation von draußen stellt sich auch angesichts der Medienpräsentation immer wieder die Frage, warum ausgerechnet Gesetzesbrecher, jene die selbst nicht in der Lage waren sich an gelten- des Recht zu halten, immer nach ihren Rechten rufen? Die in diesem Zusammenhang zu stellende Gegenfrage lautet dann aber auch: sind denn nicht gerade die im Dienst stehenden Beamten besonders in der Pfl icht, sich an die gegebenen Gesetze und Regeln und ihre Durchführungsvorschriften zu halten? Welche fatale Vorbildwirkung können Verstöße dieser Art gegen geltenes Recht gerade auch auf die Gefangenen haben? Welches unzureichende Bild vermitteln dann Artikel wie der des Tagesspiegels: In den Zellen wächst die Wut, wenn die nennen wir es hier Unbeherrschtheit einzelner Beamten so sehr gewachsen ist? Krach und Lärm seitens der Gefangenen sind sicherlich inadäquates Reagieren auf teilweises oder völliges Ausfallen des TV-Empfangs. Weit schlimmer und weit mehr gefehlt ist dann aber das unangemessene Verhalten der Beamten zu bewerten. Der betreffende Gefangene 1 wurde am in einer Art Blitzaktion in die Haftanstalt Plötzensee verlegt. Der andere Inhaftierte wurde in das Haus III verlegt. Und last but not least laut Tagesspiegel vom hat die Anstalt von sich aus Strafanzeige gestellt sagte Baer-Henney, die Justizsprecherin. Keine Auskunft gab sie darüber, ob das Wachpersonal tatsächlich vom Dienst suspendiert worden ist. Am Freitag, dem wurde der Aufschluss der für den Betrieb des Hauses I nicht unmittelbar notwendigen Gefangenen verweigert. Grund: für diesen Tag waren nicht genügend Beamte im Dienst. Wenn einerseits die JVA selbst Anzeige erstattet hat als angemessene Reaktion auf den Vorfall vom , so ist aber fragwürdig, ob es ebenso dazugehörig und adäquat ist, dass Gefangene schon wieder über angedeutete Repressalien munkeln, wenn sie zum bezeichneten Vorfall etwas sagen würden. Der zu I. Genannte soll, so wird es dargestellt, eine Prügelei mit Mitgefangenen gehabt haben und daher sollen seine Verletzungen stammen. Abends zur fraglichen Zeit habe er, um einen Arztbesuch zu erzwingen, während des langen Riegels aus Frust in seiner Zelle randaliert. Da erscheint seine Blitzverlegung schon als seltsame Folgereaktion der Anstalt. Was die Medien betrifft, so wünsche ich mir, auch im Hin- blick auf die mögliche künftige Berichterstattung über die Verhältnisse in Tegalien, allen einen ungestörten Fernsehempfang. Name der Redaktion bekannt. Durch den Leserbrief ermuntert, wollten wir es jetzt wissen. Hatten doch die Medien eine ganz andere Darstellung der Dinge wiedergegeben: von übertrieben bis falsch war ja wieder mal alles dabei. Also machten wir uns wieder auf ins Haus I. Es war erstaunlich, wie viele Gefangene abblockten. Zu offensichtlich kam zutage, dass sie irgend welche Repressalien befürchteten, wenn sie über die Vorfälle redeten. Dennoch fanden sich einige Gefangene, die sich nicht einschüchtern ließen und uns erzählten, was sie an besagtem Tag mitbekamen. Es gibt eben auch noch Gefangene, die Eier in der Hose haben. So formte sich langsam ein Bild, dass weit von dem offiziellen abwich und an Deutlichkeit nichts vermissen ließ. Während im vorangegangenen Leserbrief keine Informationen enthalten sind, was denn nun wirklich passiert ist, wurde nun im Detail über die Vorkommnisse berichtet. Die Gefangenen waren entsetzt, wie hier mit einem der Ihren umgegangen wurde und auch darüber, wie wenige bereit sind, das Geschehene zu bezeugen. Was hier erzählt wurde, erfüllt eindeutig den Straftatbestand der Körperverletzung und darf nicht in der berühmten Art und Weise unter den Tisch gekehrt werden. Weitere Paragrafen des Strafgesetzbuches dürften hier wohl auch noch zum Tragen kommen. So ist es zwar richtig, dass der Mitgefangene Mehmet E. nach dem Fersehsender-Ausfall laut gegen seine Tür bum- merte, dieses ist aber noch lange kein Grund dafür, im Sechserpack anzurücken und den Gefangenen zusammen zu schlagen. Es war zu hören, wie E. noch darum bat, nicht ins Gesicht zu schlagen, weil er erst kurz zuvor am Kiefer genäht wurde. Darauf sollen die Beamten aber keine Rücksicht genommen haben, die Geräusche waren unverkennbar. Am nächsten Tag rieten ihm seine Mitgefangenen, zur AGSt zu gehen, aber nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und erst einmal nichts von Prügel durch Beamte zu erzählen. Der Grund ist so simpel wie schlau: Von einer übereifrigen Behandlung und Bestätigung der Hämatome durch das medizinische Personal war keiner überzeugt, wenn vorher bekannt ist, das Beamte am Werk waren. E. ließ sich also erst untersuchen und die Verletzungen feststellen und stellte dann Strafantrag gegen die beteiligten Beamten. 10 d e r l i c h t b l i c k 1 / 200611 Wir wollten es noch genauer wissen, nur mit E. zu reden war vorerst nicht möglich. Er wurde ja bereits in eine andere Haftanstalt verlegt. Also kontaktierten wir unsere Leute in der Lehrter Strasse und baten sie darum, E. ausfindig zu machen, damit er sich bei uns meldet. Volltreffer: E. rief uns an. Er bestätigte uns die massiven Übergriffe der Bediensteten, blieb sachlich und klar und erzählte uns, was weiter passierte. So gab er an, dass er nach seiner Untersuchung zur Teilanstaltsleiterin gerufen wurde. Auch jene war entsetzt über solche Übergriffe und wollte ihn bei seiner Strafanzeige wegen Körperverletzung und Beleidigung unterstützen. Seine Sozialarbeiterin von C 2 habe ebenfalls sein zerschlagenes Gesicht gesehen und weiß über die Vorfälle Bescheid. Er gab uns auch noch die Namen derjenigen, die seines Wissens bereit sind, als Zeuge auszusagen. Danach habe er dann drei Briefe mit der genauen Darstellung der Vorfälle an seine Familie geschickt. Unter Zeugen habe er die Post bei seinem Stationer (auch dessen Namen nannte er uns) abgegeben. Die Post ist bei seiner Familie nie angekommen. Wenn E. da in der Morgenpost die Darstellung des Personalratsvorsitzenden liest, schießt ihm das Blut in den Kopf. Formulierungen wie: Ein offenbar unter Drogeneinfluß stehender Gefangener... und...sei deswegen von Be- diensteten angesprochen worden. oder Der Gefangene habe keine sichtbaren Hämatome... machen ihn einfach nur wütend. Dass Schwarze in seiner öffentlichen Darstellung darauf verweist, dass wahrscheinlich Mitgefangene die Täter waren, zeigt mehr als deutlich, mit wieviel Ignoranz über das einzelne Schicksal seitens der Anstalt hinweggegangen wird. Ohne weitere Begründung wurde E. in die JVA Plötzensee (Haus 3, Lehrter Str.) verlegt. So hat man ihn erst einmal aus dem Schussfeld und die Sache würde sich schon beruhigen. Aber ohne E., er hat jetzt einen Anwalt mit der Durchsetzung seiner Interessen beauftragt. Die Strafanzeige läuft unter der Vorgangsnummer: Wir bleiben an der Sache dran. Auch die weitere Kommentierung von Schwarze die zu den Vorkommnissen in der TA III lässt zu wünschen übrig. Er spricht hier von der leider fehlenden Möglichkeit, die Gefangenen überwältigen zu können, nicht aber davon, was die Gefangenen dazu bewogen hat, diesen Schritt zu wählen. Schuld sei für ihn die Überbelegung. Nur hat er hier noch einige wesentliche Details vergessen. Die Gefangenen der TA III haben nicht auf die Überbelegung aufmerksam machen wollen, sondern auf die für sie unmöglichen Umstände in ihrem Haus. Und für alles jetzt die Überbelegung vorzuschieben, ist ein bisschen zu einfach gestrickt. Hier kommen nähmlich noch eine ganze Menge anderer Faktoren ins Spiel. Die Forderungen waren (speziell auf die TA III bezogen): die mangelnde Umsetzung des Resozialisierungsanspruches: - keine Langzeitsprecher für Langstrafer (besonders Lebenslängliche); - keine Meetings (wie in der TA V); - kaum Gruppenangebote (Freizeitaktivitäten); - Lockerungen (Ausführungen und Ausgänge) gibt es nicht; - keinerlei Entlassungsvorbereitungen werden gewährt; - Vollzugspläne werden floskelhaft verfasst und finden auch nicht pünktlich statt. Vollzugsplankonferenzen werden nur noch negativ beschieden, womit eine vorzeitige Entlassung unmöglich wird;. - Gruppenleiter werden angehalten, die Gefangenen darauf hinzuweisen, dass sie besser ihre gesetzlich vorgeschriebenen ⅔-Anhörungen im Vorfeld abzulehnen haben, da die Anstalt sowieso eine negative Stellungnahme dazu abgeben würde (davon sind zumeist Ausländer betroffen, da man auf deren freiwillige Bereitschaft zur Abschiebung abzielt). Natürlich wurden auch noch weitere Dinge wie z.b. die Hafträume, die Küchen, der Baulärm, Fernsehempfang, Telefonkosten etc. angesprochen, jedoch waren dies nur sekundäre Punkte. Verwundert waren wir, dass sämtliche Medien von dem kleinen Vorfall berichteten, jedoch nur die sekundären Themen verwendeten, was im Nachhinein der einseitigen Informationsbereitschaft von Seiten der JVA Tegel geschuldet sein dürfte. Es ist ganz klar, worauf hingezielt werden sollte: nämlich auf die Gewaltbereitschaft der Gefangenen unter Zuhilfenahme von lächerlichen Themen, um vom eigenen Versagen abzulenken. Gegen die beteiligten Gefangenen wurde vorsorglich Strafantrag gestellt, alle wurden zur Strafe von der Arbeit abgelöst und einige wurden sicherheitshalber erst einmal in andere Häuser verlegt. Ein Gefangener landete in der Absonderung auf B 1. Wir wollten ihn da auf seinen Wunsch hin besuchen. Ein Vormelder, den er uns schrieb, der Leser wird s erraten, ist verschwunden. Die Beamten ließen uns nicht zu ihm. Also wollten wir uns die Genehmigung vom TAL holen. Dieser musste sich erst beim Anstaltsleiter versichern und kam mit der Nachricht, dass keine Genehmigung erteilt wird. Da wird mal schnell eine Order erlassen, wie sie so bisher nicht praktiziert wurde. Plötzlich dürfen die lichtblicker keinen Gefangenen mehr besuchen, der sich in Absonderung befindet. Wie praktisch! Trotz allem war der TAL bereit, sich mit uns über die Vorkommnisse zu unterhalten. Von den Forderungen, wie sie uns bekannt sind, ist bei ihm nichts angekommen. Außer zu den Themen: Duschen, Baumaßnahmen, schlechtes Essen und Fernsehsender war auf dem Hof nichts Konkretes zu vernehmen. Im Zuge der Disziplinarmaßnahmen habe er mit jedem einzelnen Gefangenen gesprochen und auch zu diesem Zeitpunkt habe keiner die Gelegenheit genutzt, konkrete Forderungen zu formulieren. Wir waren bei diesen Gesprächen nicht dabei, sind aber doch sehr verwundert. Trotz alledem stellt sich uns die Frage, welche Gedanken sich die Anstalt macht, über eine so rege Beteiligung. Udo Schwarze wird sicherlich weiter um mehr Personal kämpfen, damit seine Kollegen in Zukunft der Gefahr besser begegnen können. d e r l i c h t b l i c k 1 /12 Schuldenfrei durch Privatinsolvenz In unserer Gesellschaft ist es zur Normalität geworden, jegliche Art von Konsumgütern durch die Aufnahme eines Kredits zu finanzieren. Dazu gehört der Ratenkaufvertrag bei einem Versandhaus genauso wie ein Einrichtungsdarlehen oder der Überziehungskredit bei der Bank. Kredite und Darlehen bereiten keine Probleme, solange man seinen Rückzahlungsverpflichtungen termingerecht nachkommt. Ein sehr großer Teil der Inhaftierten ist von einer Verschuldung betroffen. Manche haben ihren Schuldenberg schon vor der Inhaftierung gehabt, bei anderen ist durch die Inhaftierung die Rückzahlung von Krediten unmöglich geworden. Die Einnahmen decken nicht mehr die Ausgaben! Eine anfängliche Verschuldung schlägt in eine Überschuldung um. Letztendlich steht der Gerichtsvollzieher vor der Tür und der findet zum Pfänden sogar den Weg in die Vollzugsanstalt. der lichtblick hatte für die vorige Ausgabe mit der Rechtsanwältin Diana Blum ein Interview zu dem Thema Arbeitslosengeld für Inhaftierte geführt. Da viele Inhaftierte mit Schulden belastet und mit Pfändung bedroht sind, haben wir sie gebeten, uns in kurzer und leicht verständlicher Form einige Informationen zum Thema Privatinsolvenz zu geben. Wir glauben, dass das Thema so manchen interessieren wird und darüber hinaus sind die Informationen sicherlich auch für Überschuldete von Interesse, die sich nicht in Haft befinden. Diana Blum arbeitet unter anderem im Bereich Strafrecht, Strafvollzugsrecht, Jugendstrafrecht und Verbraucherinsolvenzrecht Schuldenfrei durch Privatinsolvenz Laut Statistischem Landesamt haben immer mehr Berliner mit Schulden zu kämpfen. Die Ursachen für Schulden sind vielfältig: Vielleicht haben Sie einen Kredit aufgenommen und danach Ihre Arbeit verloren und können nun die Raten nicht mehr abbezahlen. Eventuell waren Sie früher selbständig und Ihr Geschäft hat sich negativ entwickelt. Möglicherweise haben Sie einfach nur den Überblick über Ihre Finanzen verloren. Wie auch immer es zu den Schulden gekommen ist, es gilt: Sind Schulden erst einmal angehäuft, kommt es zu einem Kreislauf, dem man kaum noch entfliehen kann. 12 d e r l i c h t b l i c k 1 / 200613 Aber: Schulden sind kein Schande kein Makel mit dem man sich verkriechen muss. Forderungen lösen sich nicht in Luft auf, wenn man Mahnschreiben ignoriert. Im Gegenteil: indem man Post unbeantwortet lässt, auf Mahnschreiben (oder gar auf Mahn- und Vollstreckungsbescheide) nicht reagiert, sorgt man dafür, dass zusätzliche Kosten entstehen und der Schuldenberg beständig anwächst. Wenn Schulden zu einem Problem werden, sollte jeder schnellstmöglich versuchen, das Problem zu lösen, denn das Problem ist lösbar. Nach Ablauf der 6 Jahre werden dann in der Regel die noch bestehenden Schulden erlassen. Dies gilt grundsätzlich für alle Arten von Schulden; ausgenommen sind allerdings Schulden, die aus einer wie der Jurist es nennt unerlaubten Handlung herrühren. Unerlaubt ist eine Handlung einfach gesagt jedenfalls dann, wenn die Handlung auch strafbar ist. Sprich: Wenn ich jemandem Schadensersatz schulde, weil ich ihm seine Wohnung angezündet habe, kann ich von dieser Schuld nicht durch die Restschuldbefreiung loskommen, wenn der Geschädigte sich darauf beruft. Klar? Ein Weg führt über das private Insolvenzverfahren. Für Inhaftierte besonders interessant ist: Der missliche Umstand inhaftiert zu sein, steht der Möglichkeit der Stellung eines Insolvenzantrages nicht entgegen! Nur die wenigsten schaffen es, ihr Schuldenproblem ohne fremde Hilfe anzugehen. Viele Betroffene sind schon damit überfordert, Ordnung in ihr Schuldenchaos zu bringen. Wie funktioniert das? Zunächst muss sich der Schuldner eine Übersicht über alle seine Schulden verschaffen. Dann muss versucht werden, eine außergerichtliche Einigung mit den Gläubigern herbeizuführen. Der Versuch einer solchen Einigung muss durch eine anerkannte Schuldnerberatungsstelle (sog. geeignete Stelle zu finden in den Gelben Seiten) oder durch einen Rechtsanwalt bestätigt werden. Wenn eine Einigung nicht zustande kommt, kann beim zuständigen Amtsgericht Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt werden. Wird das Verfahren eröffnet, steht man für die Dauer von 6 Jahren ( Wohlverhaltensperiode ) unter der Aufsicht eines Treuhänders. Dessen Aufgabe ist es vor allem, dafür zu sorgen, dass regelmäßig der pfändbare Betrag des Einkommens eingezogen und an die Gläubiger verteilt wird. Speziell für Inhaftierte (Insassen einer JVA) ist wichtig zu wissen, dass nach der Rechtsprechung das Eigengeld ( 52 StVollzG) grundsätzlich in vollem Umfang pfändbar ist. Ein Pfändungsschutz besteht nur ausnahmsweise dann, wenn das Überbrückungsgeld ( 51 StVollzG) noch nicht vollständig angespart ist. Dann ist der Teil des Eigengeldes, der den noch fehlenden Betrag beim Überbrückungsgeld bilden soll, nicht pfändbar. Ebenfalls unpfändbar ist das Überbrückungsgeld selbst. Zur Frage der Pfändbarkeit des Hausgeldes ( 47 StVollzG) sind die Juristen noch unterschiedlicher Meinung. Die Tendenz scheint jedoch dahin zu gehen, das Hausgeld als nicht pfändbar zu behandeln. Aus diesem Grund sollten Sie die professionelle Hilfe einer Schuldnerberatungsstelle oder eines Rechtsanwalts in Anspruch nehmen. Leider sind die Schuldnerberatungsstellen dem großen Andrang oftmals nicht mehr gewachsen. Wartezeiten von bis zu einem Jahr für einen Termin sind keine Seltenheit. Hinzu kommt, dass die Schuldnerberatungsstellen oft nicht die Kapazität haben, dem verschuldeten Bürger bei allen mit seiner Verschuldung zusammenhängenden Problemen zu helfen. Sich mit ihren Schulden an einen Anwalt zu wenden, trauen sich viele nicht. Grund ist meist die Annahme, der Anwalt wäre zu teuer. Dies ist falsch. Bei nur geringem Einkommen übernimmt nämlich der Staat die Anwaltskosten. Wenn Sie dem Anwalt einen Beratungsschein vorlegen, kann der Anwalt seine Kosten direkt beim Gericht abrechnen. Sie müssen lediglich 10,- Beratungsgebühr an den Anwalt zahlen. Einen solchen Beratungsschein bekommen Sie bei dem Amtsgericht Ihres Wohnsitzes. Da dieser Weg einem Inhaftierten meist verwehrt sein wird, kann der Rechtsanwalt auch noch nach der ersten Kontaktierung einen schriftlichen Antrag auf Bewilligung der Beratungshilfe durch das Amtsgericht stellen. Näheres wird Ihnen Ihr Anwalt gern erklären. Diana Blum d e r l i c h t b l i c k 1 /14 Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus In der Ausgabe 2/2005 habt ihr auf Seite 8 über die Machenschaften und das Versagen der Anstalt und des Gruppenleiters K. aus der TA III berichtet. Als betroffener Gefangener habe ich das weitere Vorgehen in dieser Sache verfolgt. Hier nun die Fortsetzung: Der gesamte Vorgang wurde an die Senatsverwaltung weitergeleitet, welche dann die Anstalt zur Stellungnahme aufforderte. Im Namen des Anstaltsleiters wurde die Sache wie folgt dargestellt und für erledigt erklärt: Der Betroffene GL Hr. K. wurde zur Sache befragt und ließ durchblicken, dass er pflichtbewusst mit jedem einzelnen Gefangenen gesprochen habe. Und natürlich haben die Gefangenen die Sache dann für erledigt erklärt. Der Vorgang sei dann angeblich am schwarzen Brett des C-Flügels ausgehängt worden, damit auch ja jeder informiert werde. Tatsächlich? Natürlich nicht! Wie sich jeder denken kann, wurde natürlich nicht mit jedem Gefangenen darüber gesprochen. Im Gegenteil, es fanden weder Gespräche über die Angelegenheit statt, noch wurde der Vorgang publik gemacht. Anzeige Straffälligen- und Bewährungshilfe Berlin e.v. (Gefangenen-Fürsorgeverein Berlin von 1827) Bundesallee Berlin Fon: Fax: Sie wollen... Wohnen plus eine eigene Wohnung und Ihr Leben auf die Reihe bringen Wir können... informieren, beraten und unterstützen Ihnen eine Wohnung anbieten Ihre AnsprechpartnerInnen... in unserer Geschäftsstelle Barbara Peperkorn, Klaus Erz, Ines Hedke, Eckhardt Witting in der JVA (per Vormelder) Barbara Peperkorn, Gabi Kaiser, Thomas Grünig, Ute Geßner Unsere zusätzlichen Gruppenangebote... Konfliktlösung Schuldenregulierung Schwierigkeiten mit Alkohol Internet- und EDV-Schulungen Klingt ja auch kurios. Seit wann werden solcherlei Vorgänge öffentlich ausgehängt? Das gab es noch nie und wird es auch nie geben! Dieser Tatsache bewusst reagierten die betroffenen Gefangenen entsprechend. Schließlich ging man sehr weit bis zu diesem Punkt, da konnte man doch nicht einfach die Flinte ins Korn werfen und die Sache im Sinne der Obrigkeit für erledigt erklären. Also wurde rasch eine zweite Unterschriftensammlung ins Leben gerufen, in der mehrheitlich alle vormals Betroffenen erneut ihre Unterschrift gaben. In einem Brief an die Senatsverwaltung wurde eine weitere Beschwerde über den offensichtlichen Verschleierungsversuch verfasst, diesmal allerdings in etwas drastischerer Form mit Hinweis auf die Menschenrechte. Bis heute ist dieser Vorgang nicht beschieden worden, was aber auch nicht weiter wild ist, denn etwas ganz anderes ist zwischenzeitlich passiert. Der GL Hr. K. ist nicht mehr länger ein GL. Er wurde vor kurzer Zeit durch einen anderen, hoffentlich fähigeren, Gruppenleiter ersetzt, der auf den ersten Blick einen wesentlich freundlicheren und angenehmeren Eindruck hinterlassen hat. Die Frage, die nicht zwangsläufig gestellt werden muss, weil die Wahrscheinlichkeit einer wahrheitsgemäßen Antwort eh nicht gegeben ist, muss lauten: Warum wurde er seines Amtes enthoben? Hat er sich etwa besonders verdient gemacht und wurde im Sinne des normalen Karriereablaufs nach oben versetzt? Wohl kaum! Oder hat er etwa selber die Segel gestrichen? Auch nicht wahrscheinlich, wer macht das schon! Die denkbarste Möglichkeit ist die der Strafversetzung wegen erwiesener Unfähigkeit im Amt. Wenngleich die Wahrheit wohl nie ans Tageslicht kommen wird, was im Grunde ja auch völlig Wurscht ist, erscheint das Endergebnis um so erfreulicher. Der Mann ist weg, und das ist auch gut so. Schade nur, dass solch unfähige Menschen nicht einfach so entlassen werden können, da sie keine Straftat oder ähnliches begangen haben. Vielmehr werden Menschen wie diese einfach nach oben gelobt, wo sie nur noch mehr Schaden anrichten können. Hoffen wir also, dass der Beschwerdevorgang für die Ablösung gesorgt hat. Und die Moral von der Geschichte? Beschweren lohnt sich doch. Lasst euch nicht beeindrucken oder einschüchtern. Wir sind zwar im Gefängnis, doch haben wir Rechte, die mit ausreichend Enthusiasmus und Durchhaltevermögen, auch nach langer Durststrecke noch als solche erkannt werden. Das sollte Hoffnung machen. Verf. d. Red. bek. 14 d e r l i c h t b l i c k 1 / 200615 Infoveranstaltung der Berliner Aidshilfe Anzeige Im Pavillon der TA VI fand am eine Informa tionsveranstaltung zum Thema Gesundheit in Haft Hepatitis und andere Infek ektionskrank- heiten statt. Dazu hatte die Berliner Aidshilfe, vertreten durch Frau Claudia Rey, geladen. Neben Herrn Peter Wiessner von der Münchner Aidshilfe war als Referent Herr Dr. Stephan Dressler (Arzt) anwesend. Vor Beginn der zweistündigen Gesprächsrunde wurden die Beamten, welche die rund 15 Insassen begleitet haben, nett aber bestimmt aufgefordert, den Raum zu verlassen. Dadurch konnte sich jeder Gefangene offen äußern. Dr. Dressler begann seine Ausführungen mit dem Aufzählen der verschiedenen Hepatitisformen, deren Infektionswege, die Erscheinungsbilder und Symptome, chronischen Verläufen, sowie mit den Behandlungs- und Vorsorgemöglichkeiten. Während des Vortrags konnte jeder seine Fragen stellen, die sofort fachlich beantwortet wurden. Auch wurde die Notwendigkeit, eine Impfung zu erhalten und eine entsprechende Blutuntersuchung zu unternehmen, deutlich. Einige Insassen haben ihre Erfahrungen mit den einheitlichen Ablehnungstaktiken der Ärzte in der JVA Tegel beschrieben. Herr Wiessner und Dr. Dressler stellten sich allen Gegenargumenten, die die Insassen schon in den AGSts zu hören bekommen haben. Die Frage der entstehenden Kosten für eine Impfung (die von der Justiz zu tragen sind!) und auch für eine Blutuntersuchung, wurde sachlich erörtert. Es war eine sehr informelle Veranstaltung, die sehr schwach besucht wurde. Schade! Aber diejenigen, die anwesend waren, waren tatsächlich interessiert und beteiligten sich rege an der Diskussion. Diese Veranstaltung fand im Rahmen der Medizinischen Rundreise der Deutschen Aids Hilfe e.v., einen Tag vor dem Welt-Aids-Tag statt. Für den Fall, dass euch die Schutzimpfung verwehrt wird, bitten wir euch um eine kurze Information. Wir versuchen euch dann umgehend zu kontaktieren. d e r l i c h t b l i c k 1 /16 Strafvollzug Ländersache? Nun ist es fast soweit pünktlich zur neuen Regierungskoalition haben sich auch wieder die Föderalismusreformer an einen Tisch gesetzt und haben sich geeinigt. Ziel der ganzen Geschichte ist der lichtblick hat berichtet die Gesetzgebung zwischen Bund und Ländern neu zu ordnen. Ganz ausgereift ist die ganze Geschichte noch nicht. Der Bundesrat muss auch noch zustimmen. Aber alle Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten: Der Strafvollzug ist zur Verhandlungsmasse geworden. Sollte, wie geplant, der Strafvollzug Ländersache werden, kann das lang erkämpfte StVollzG zu den Akten gelegt werden. Die Länder können dann, je nach Bedarf, ihre Gesetzgebung selbst gestalten. SPD-Politiker nennen das eine Katastrophe für den Rechtsstaat und befürchten, dass jedes Bundesland einfach in Eigenregie Gesetze verschärfen kann. Auch der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Volker Ratzmann, befürchtet, dass sich der Strafvollzug dann nur noch an den fiskalischen Gegebenheiten der einzelnen Länder ausrichtet. Und: Ein Gefangener in Berlin muss genauso resozialisiert werden wie anderswo. Anwaltskammer, Richterbund, Vereinigungen der Vollzugsbediensteten und Anstaltsleiter sowie etliche Vereinigungen und Personen des öffentlichen Lebens haben vor dem Rückfall in die Kleinstaaterei gewarnt. Von Wettbewerb um den schärfsten Strafvollzug, die schäbigsten Haftbedingungen und die absurdesten Ideen zur Kostensenkung ist die Rede. Einige Uniunspolitiker klatschen schon vor Freude in die Hände. Beispiel Hessen: Hier wurde kürzlich die neue JVA Hünfeld eingeweiht. Es handelt sich um die erste teilprivatisierte Haftanstalt Deutschlands. Der ehemalige Justizminister Wagner versprach schon 1999, den härtesten Knast durchzusetzen, scheinbar ganz im Sinne von Hessens Ministerpräsidenten Koch. Spärliche Zellenaustattung ohne fließend warmes Wasser sind nur zwei der vielen Rückschritte. Im Vordergrund stehen die Absagen an das bestehende StVollzG. So ist schon heute kaum noch von Vollzugslockerungen die Rede. Ausführungen oder Ausgänge sind zur Ausnahme geworden. Resozialisierung als vorrangigen Auftrag an den Vollzug zu verstehen, passt nicht in das Denkschema der hessischen Landesregierung. Sollte die Gesetzgebungskompetenz für den Strafvollzug an die Länder übergehen, ist von einheitlichem Strafvollzug keine Rede mehr. Sein Recht als Inhaftierter bei den Strafvollstreckungskammern durchzusetzen, wird dann schon fast aussichtslos, weil es kein einheitliches Recht mehr gibt. Den Hardlinern sind nicht mehr die Hände gebunden und sie können schalten und walten wie sie wollen. Es wird sich so Einiges ändern. Nur, wer kann das noch verhindern? Essen als Risikofaktor Anstaltskostformen der JVA-Tegel Der unterschätzte Killer in der JVA Tegel heißt Anstaltskost. Auf den Speiseplänen dieser Anstalt stehen regelmäßig wohlklingende Gerichte. Beim genaueren Hinsehen entpuppen sich diese Gerichte meist als Nährschlammvariationen und Assi-Produkte übelster (und wohl auch billigster) Sorte fast immer getarnt durch die missbräuchliche Verwendung international üblicher Menü- und Produktbezeichnungen. Die Öffentlichkeit und zwar nicht nur Harz IV-Empfänger würde sich ganz furchtbar echauffieren, wenn sie Einblick in diese Speisepläne hätte. Dort stehen manchmal Menüs mit recht exotischen Kompositionen oder exklusiv anmutenden Kreationen wie Hirschgulasch mit Apfelrotkohl und Klößchen oder Truthahnroulade mit Blumenkohl, Reis und Soße. Wer würde schon vermuten, dass das Hirschgulasch überwiegend aus nicht verzehrbaren Knorpelstücken besteht, der Apfelrotkohl einen undefinierbaren Geruch ausstrahlt und nicht mal nach dem Auswaschen im Sieb genießbar erscheint, und die Fertigklöße völlig geschmacklos sind, eher Ähnlichkeit mit feinem Zellulose-Pappmasche haben. Im Entenragut war gar keine Ente drin und die Truthahnroulade ließ sich mit dem Anstaltsmesser nicht schneiden. Was nicht gut schmeckt, kann sich trotzdem gut anhören. Die Beilagen zum Abendbrot gleich, ob verpackter Käse, Quarknäpfe, Joghurt- oder Puddingbecher sind oft mit Aufschriften versehen, die nicht exotische Beilagen versprechen, sondern exotische Herkunftsländer vermuten lassen, die sich weder an das deutsche Reinheitsgebot, noch an andere für Nahrungshersteller vorgeschriebene Normen und Gesetzte halten müssen. Krass wird es, wenn man nicht mal mehr an den bunten Bildaufdrucken auf der Verpackung erahnen kann, was da verpackt ist. Noch krasser wird es, wenn man nach dem ersten Kosten den Inhalt immer noch nicht erraten kann. Was einem etwas später dann bekannt vorkommt, ist einzig und allein das Sodbrennen. Keinem der hier Inhaftierten ist die wahre Flut von Billigprodukten entgangen. Selbiges trifft für sämtliche in Anstaltsküchen selbstgebastelte Salate zu. Wer hat den leichtsinnigen Verzehr solcher Salate in blindem Vertrauen nicht selbst schon mit Magen- Darmdrücken und mit einem anschließenden explossionsartigen Durchfall bezahlt? Allein die Diabetiker (Dia) sind mit ihrer Kostform (K5) auf der richtigen Seite, was schnell erklärt ist, da Diabetiker sterben können, wenn sie sich falsch und fernab der Richtlinien ernähren würden. Der Rest ist nicht ganz so ernährungssensibel und kann schon so einige Dinge, sprich: so einigen Dreck ab. Was wohl die Küchenplaner auch zum Experimentieren verleitet, wofür sie täglich Beweise liefern! Bei der ersatzlosen Streichung der Krankenkostform cholesterinarm (K7) wurde den Betroffenen alternativ die leichte Vollkost (LVK) sowie die vegetarische Kostform angeboten. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass unabhängig von der Kostformeinstufung (außer für die Diabetiker) allen Kostformen die zulässigen Richtwerte nicht zu erfüllen scheinen. Die Folge sind zum Teil kurzfristige aber dafür schnell eintretende Schäden wie 16 d e r l i c h t b l i c k 1 / 200617 Durchfall, Magen- Darmkrämpfe und Sodbrennen sowie Langzeitschäden, wie Fettsucht und Fettleibigkeit pp, um nur die Schädigungen zu benennen, die wir selbst erfahren und an uns selbst sehen können. Wir werden förmlich zum Dreckfressen konditioniert. Wer kennt sie nicht, die Assi-Äpfel, die außen gewachst und polliert glänzen und den Anschein vom leckeren Obst ausstrahlen, innen aber schon braun angefault sind, die Orangen mit den milchig weichen Druckstellen und leicht bitterem Geschmack und die vor sich hin suppenden Weintrauben-Schalen. Ein Mitarbeiter vom Fruchthof Berlin erklärt mir auf telefonische Anfrage, dass derartige Produkte wohl durch falsche Lagerung Frost bekommen haben und in der Regel kostenlos oder enorm kostengünstig an Grossverbraucher abgegeben werden. Wollen wir mal hoffen, dass das Obst wirklich nur falsch gelagert wurde, welches wir hier vorgesetzt bekommen. Andernfalls wäre der Zustand nur durch genetische Fehlprogrammierung erklärbar. Ich kann aber noch mehr Beispiele aufzählen. Wer von den Inhaftierten kennt nicht den Kochschinken, der vor lauter Wasser- und Gelatineanteil beim Braten aus der Pfanne springt. Oder das Bonsai-Lederhühnchen von neulich, welches auf Grund der lederähnlichen Konsistenz eine geschätzte Haltbarkeit bis 2020 gehabt haben dürfte. Das sind jedoch nicht die Lebensmittel, die uns wirklich schaden, da das Hardcore-Geflügel ja keiner verzehren konnte und es dadurch nicht in unseren Organismus gelangen konnte. Gefährlich hingegen bleiben Lebensmittel und Produkte, die optisch den Anschein erwecken, welche zu sein, es aber objektiv nicht sind und von uns in Unkenntnis und blindem Vertrauen verbraucht werden. Die Ostblock-Desserts in Form von Pudding, Joghurt oder Früchtequark haben nicht einmal innerhalb der selben Charge eine einheitliche Konsistenz. Beschriftungen, soweit überhaupt vorhanden, enthalten meist keinerlei verbindliche Bestandteilangaben und wenn doch, dann in einer nicht verständlichen Sprache, sodass Allergiker und Gefangene mit schon vorhandenen gesundheitlichen Beschränkungen, gewohnte Werteerhebungen (Fett/ Eiweiß/ Kohlehydrate in %) weder übernehmen noch berücksichtigen können. Da derartige Produkte in der Regel weder den gesetzlichen Bestimmungen zu entsprechen scheinen, noch den neuesten ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen und offiziell vom Deutschen Markt verbannt sind, verstecken sie sich nun allzu gerne in Anstalten und stattlichen Einrichtungen, dessen Klientel in der Regel nicht so anspruchsvoll, in Unkenntnis und auch aus Wehrlosigkeit alle Restposten oder Transportirrläufer an sich verfüttern lässt. Gemeint sind Altersheime und Massenverwahr-Einrichtungen wie JVAs, wo einerseits kostengünstig gewirtschaftet werden muss und andererseits kaum mit ernstzunehmenden Widerständen gerechnet werden muss, da das betroffene Klientel entweder zu alt und durch Alterssanftmut gleichgültig geworden oder durch Unwissenheit und devotem Haftschaden dümmlich schmatzend alles in Demut ißt, was auf den Tisch kommt. Dass es in Haftanstalten primär um schlichte Lebenserhaltung und nicht um Lebensqualität geht, ist kein Geheimnis. Okay, liquide Altersheimklientel entzieht sich der Verfütterungspraxis durch externen Konsum auf eigene Rechnung, sofern noch mündig und klar. Ein Gefängnisinsasse ohne Arbeit und ohne Einkommen kann die Ernährungsfehlleistungen der JVA (sofern er sie erkennt) mit 30 Euro Taschengeld pro Monat nicht kompensieren. Fazit: Die vorgesetzte Kost der Anstalt, das betrifft alle Kostformen (ausser Dia), ist zu fett (meist über 40% Fettanteil) und viel zu süß (dem Kristallzuckeranteilen sind da kaum Grenzen gesetzt). Außerdem sind alle Soßen und die meisten Gemüsebeilagen mit hellem Mehl angedickt, (wer kennt sie nicht, die rotzigen Saucen). Gesundheitschädigender geht s nimmer! Tips zur Selbstverteidigung : Wir verfügen fast alle über uns schützende Instinkte, welche sich in tausenden Jahren Evolution perfektioniert haben. Prüft mit allen euch zur Verfügung stehenden Sinnen (Aussehen, Geruch, Konsistenz, Geschmack), was euch vorgesetzt wird und wenn euch da die Nackenhaare aufsteigen, Gänsehaut oder ähnliche körpereigene Warnsignale auftreten, dann solltet ihr euch selbst blind Vertrauen und alles völlig schmerzfrei entsorgen. Dazu gehört zum Beispiel Majonäse, die Blasen wirft; Reis, der staubig und stumpf schmeckt; Gulasch, der abartig säuerlich schmeckt; Gemüsebeilagen, die derart massiv angedickt sind, dass sie sich nur mit Kraftanstrengung aus den Vorratsbehältern entnehmen lassen; Kräuterquark, der nach frisch Erbrochenem stinkt. Solche Beispiele gibt es zur Genüge, jeder von den Inhaftierten weiß, wovon ich spreche. Also Hände weg von dem Zeug! Ihr müsst es nicht in euch hineinstopfen. Eine oder mehrere ausgelassene Mahlzeiten bringen niemanden um. Verf. d. Red. bek. d e r l i c h t b l i c k 1 /18 Anzeige FREIE HILFE BERLIN e. V. Verwaltung Vorstand Geschäftsführung Gefährdeten- und Straffälligenhilfe eingetragener, gemeinnütziger Verein Mitglied im DPWV Bildung Beschäftigung Wohnen Beratung Freizeit Ehrenamt XENOS Sozial-integratives Training mit PC-Schulung Brunnenstrasse Berlin Tel.: Computerprojekt Brunnenstrasse Berlin Tel.: Integration durch Arbeit Brunnenstrasse Berlin Tel.: Arbeit statt Strafe Brunnenstrasse Berlin Tel.: Beratungsstelle für deutsche und ausländische Straffällige und deren Angehörige Brunnenstrasse Berlin Tel.: Freiwillige Mitarbeit im und nach dem Justizvollzug Brunnenstrasse Berlin Tel.: Betreutes Einzelwohnen Brunnenstrasse Berlin Tel.: Betreutes Gruppenwohnen Lückstrasse Berlin Tel.: Ambulante Wohnhilfe Wohnungserhalt und Wohnungserlangung Brunnenstrasse Berlin Tel.: Werkstatt-Galerie Brunnenstrasse Berlin Tel.: Geschäftsstelle: Brunnenstrasse 28, Berlin, Telefon: (030) Telefax: (030) Vereinsregister: Nz Amtsgericht Charlottenburg Bankverbindung: Bank für Sozialwirtschaft Berlin, Kontonummer: , BLZ: Anzeige Die << Alkoholiker- Strafgefangenen- Hilfe e.v. >> - kurz ASH - besteht als Initiative von Suchtkranken seit Frühjahr Der Verein siet seine primäre Aufgabe darin, Strafgefangenen und entlassenen Strafgefangenen, aber auch anderen Menschen mit Alkoholproblemen, Beratung und Hilfe anzubieten. Suchtkranken Gefangenen soll es mit unserer Hilfe ermöglicht werden, den oft typischen Kreislauf Alkohol - Straftat - Haft - Alkohol... zu durch- brechen. Alkoholiker- Strafgefangenen- Hilfe e.v. Dazu machen wir folgende Angebote: Betroffene Strafgefangene über Suchtkrankheiten zu informieren und Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten Einzelgespräche und Gruppen in den Vollzugsanstalten Einzelgespräche und Gruppen in der Beratungsstelle Beratung und Hilfe bei sozialen Problemen (Wohnung bzw. Unterkunft nach der Haft, Schulden, Anträge bei Ämtern etc.) Vermittlung von gemeinützigen Arbeiten Briefkontakte Freizeitaktivitäten Beratung von Angehörigen Unterstützung bei den Justizbehörden Termine (Beratungsstelle) Sprechstunde Montag - Freitag Gruppenangebot Montag Gesprächsgruppe* Dienstag Gesprächsgruppe* Donnerstag Gesprächsgruppe* Samstag Offener Treff Freizeitgruppe * Für die Teilnahme ist ein Vorgespräch nötig. Sonstige Termine nach schriftlicher oder telefonischer Vereinbarung. Mitarbeiterinnen in den Hatfanstalten: JVA Moabit FrauWamcke Herr Preuße MITGLIED IM PARITÄTISCHEN WOHLFAHRTS- VERBAND Mitglied in der Landesstelle Berlin gegen die Suchtgefahren e.v. Kontakte zur Bewährungshilfe und zu den Sozialarbeiterinnen in den Anstalten Anlaufstelle nach der Haftentlassung JVA Tegel (TA III, TA VI) (TA V) JVA Charlottenburg Frau Klefke - Bieder Herr Preuße Frau Klefke - Bieder Kontakt nach schriftlicher oder telefinscher Vereinbarung, oder - im Strafvollzug - über Vormelder beim GL Alkoholiker-Strafgefangenen-Hilfe e.v., Erasmusstr. 17, Berlin, Tel.: d e r l i c h t b l i c k 1 / 200619 Tragische Ereignisse erfordern dramatische Aktionen, da kann man, ja muss man schon mal über bestehende Gesetze hinwegsehen meint zumindest die JVA Tegel. Die im Allgemeinen gut funktionierende Gerüchteküche munkelt, dass uns der aktuelle Krankheitsfall des inhaftierten Mitbürgers B. die zweifelhafte Freude des Einbaus von Gegensprechanlagen (sowie Mehrfachsteckdosen) beschert hat, wäre er doch in Ermangelung eines Notrufsystems beinahe von der Schippe gesprungen. Wie dem auch sei, Fakt ist, dass seit Spätsommer `05 in der Teilanstalt II der Bohrhammer geschwungen, das Mauerwerk durchdrungen und lautstark gesungen wird. Der A-Flügel kam als erstes in den Genuss von Baulärm und Staub satt. Die Hausarbeiter jenes Flügels erfreuen sich noch heute an den Reststaubbeständen der Tegeler Bauwut. Warum in aller Welt wurden diese, zugegeben notwendigen, Baumaßnahmen nicht bereits mit dem Einsetzen der neuen Fenster verbunden? Welche Pappnasen planen denn solche unkoordinierten Aktionen? Gehaltskürzungen und Weihnachtsgeldverzicht erscheinen mir noch die geringsten Disziplinarmaßnahmen. Um nun die Zellen frei zu bekommen fast schon ein Wunder, dass nicht bei belegten Zellen umgebaut wurde richte- te die Teilanstaltsleitung auf dem B-Flügel eine Acht-Mann- Zelle ein. Dass diese Art der Unterbringung gesetzeswidrig ist, stört hier allerdings niemanden, zunächst jedenfalls nicht. Das Gemaule unter den Gefangenen war zwar groß aber letztendlich ließen sich alle mit der Aussicht auf drei! Steckdosen und TV-Antennenbuchse ködern und ruhigstellen. Der A-Flügel war fast fertig, da bemerkten pfiffige Gefangene reges Treiben auf Station 9 des C-Flügels. Etagenbetten wurden aufgestellt, die Vorankündigung von Doppelbelegungen während der Baumaßnahmen auf C. Natürlich soll alles nur auf freiwilliger Basis geschehen! Die Helden der Station rebellierten leise, um sich kurze Zeit später zu überlegen, mit wem sie denn auf Doppelbelegung gehen würden. Der Inhaftierte K. war damit aber nicht einverstanden. Der ganze bevorstehende Dreck; Feinstaubpartikel, die sich in der Zelle, auf dem Essen, in der Nase ungehindert absetzen, waren nun überhaupt nicht nach seinem Geschmack UND DER LÄRM! Schon das Ausstämmen für die Sicherungskästen bescherte ihm endlose Stunden mit Kopfhörern und lauter Musik. Kurzerhand beanstandete er die Baumaßnahmen und die Mehrfachbelegung bei der Anstaltsleitung. Parallel informierte er die Senatsverwaltung für Justiz und sein Anwalt sollte die Baumaßnahmen auf ihre Rechtmäßigkeit überprüfen lassen. Tage später: Die Gruppenleiterin, Frau D., rief ihn zu sich ins Büro. Auch sie müsse sich den ganzen Tag diesem Baulärm und Dreck aussetzen aber das geht ja vorbei. Eine Verlegung sei nicht möglich, hier ist doch kein Wunschkonzert! Tage später: die Gruppenleiterin an der Zellentür. Offenbar hatte sich die Senatsverwaltung gemeldet, denn plötzlich versteht sie, dass K. keine Mehrfachbelegung will und verspricht: bevor der Trubel auf dem C-Flügel beginnt, könne K. auf den A-Flügel umziehen natürlich nur, wenn die Angelegenheit damit erledigt sei K. nickte. Tage später: Station 12 auf dem C-Flügel hüllt sich in Folie. K. zieht um. Alles wird gut. Alles?... Waren da nicht noch die Mitgefangenen auf dem C-Flügel? Lässt K. sie einfach im Stich mit Gehörschaden und Staublunge? Und zum Schluss... Aus der Konzeption für die Teilanstalt II:... Die Gefangenen sollen während der Unterbringung im Vollzug der Teilanstalt II zudem zur Eigenverantwortung, Sauberkeit und Gesundheitsvorsorge angeleitet werden... Aus dem Strafvollzugsgesetz ( 3 Satz 2): Schädlichen Folgen des Freiheitsentzuges ist entgegenzuwirken. Aus dem Grundgesetz (Artikel 2 Satz 2): Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit... Verf. d. Red. bek. d e r l i c h t b l i c k 1 /20 Miss-Wahl hinter Gittern Zuchthäuser in Brasilien fördern Modelkarriere SAO PAULO Wie bei jedem Schönheitswettbewerb erhofft sich auch Caroline Goncalves von einem Sieg den Kick für eine Model-Karriere. Allerdings wäre sie auch schon zufrieden, wenn er ihr eine Haftverkürzung einbrächte. Es würde mich der Freiheit ein bisschen näher bringen, glaubt die 25-Jährige, während eine Stylistin ihre langen blonden Haare kämmt. Die Hitze im brasilianischen Carandiru-Frauengefängnis wird durch die Trockenhauben noch unerträglicher. Aber die 40 Teilnehmerinnen aus zehn Haftanstalten aus dem Großraum Sao Paulo scheint es nicht zu stören. Die Frauen verurteilt wegen Raubes, Drogenschmuggels oder anderer Delikte kämpfen um den Titel der Miss Zuchthaus Dafür gibt es 135 Euro. Und danach werden wir für die Modemagazine interessant, sagt Concalves, die wegen bewaffneten Überfalls viereinhalb Jahre absitzt. Nach mehr als sechs Stunden steht die Siegerin fest: Angelica Macua, eine Angolanerin, die wegen Drogenschmuggels zu fünf Jahren verurteilt wurde. Die anderen haben gesagt, ich sei so groß, ich hätte bestimmt eine Chance, sagt sie. Die Gefängnisleitung kam im vergangenen Jahr auf die Idee mit dem Schönheitswettbewerb. Er sollte nicht nur den grauen Anstaltsalltag hinter Gittern kurzweiliger machen, er sollte den Teilnehmerinnen auch Selbstvertrauen geben, damit sie in Freiheit besser zurechtkommen. AP Tsp. vom Anm. d. Red.: Die Idee finden wir toll. Vielleicht kann sich unsere Gefängnisleitung mit solch einem Gedanken anfreunden, einen Schönheitswettbewerb für die Inhaftierten der JVA Frauen in unserem Kultursaal zu inzenieren. Eine außerordentlich gute Kritik (zumindest vom lichtblick) wäre ihr garantiert und die Sozialpädagogische Abteilung, repräsentiert von Herrn Hoffmann, könnte mit einer überdurchschnittlichen Zuschauerbeteiligung aufwarten, (sogar ohne die Ausrichtung eines kalten Buffets!) Prügelnder Partner musste in U-Haft Gericht setzte Wohnungsverbot konsequent durch. Nachdem er seine Frau gut 40 mal geschlagen, bedroht und beleidigt hatte, wurde einem 32-jährigen Spandauer gerichtlich verboten, sich der 29-jährigen anzunähern. Doch der Mann ignorierte das Verbot, worauf die Justiz jetzt mit seltener Härte reagiert hat: Auf Antrag der Amtsanwaltschaft erließ das Amtsgericht Tiergarten einen Haftbefehl. Seit Mittwoch sitzt der Mann in Untersuchungshaft. Die 29-jährige, die mit der gemeinsamen fünfjährigen Tochter zusammen wohnt, hatte gegen den früheren Partner am 24. September 2004 eine einstweilige Verfügung nach dem Gewaltschutzgesetz erwirkt. Das bedeutet: der Mann durfte sich der Frau nicht mehr nähern. Die Zahl der Fälle, in denen Polizei oder Gerichte prügelnde Männer aus den Wohnungen ihrer Frauen oder Freundinnen verbannen, ist in den vergangenen Jahren gestiegen wurde die Berliner Polizei mal wegen häuslicher Gewalt gerufen. In 1175 Fällen sprachen Polizisten so genannte Wegweisungen aus, 2003 im ersten Jahr der entsprechenden Gesetzesänderung waren es Diese von der Polizei verfügten Rausschmisse sind auf zwei Wochen begrenzt. In dieser Zeit kann sich die betroffene Frau bei den Familiengerichten Pankow- Weißensee und Tempelhof-Schöneberg um einen dauerhaften Gerichtsbeschluss nach dem Gewaltschutzgesetz bemühen. Auch diese Zahl steigt: 1947 Anträge gab es 2004, 1486 bis September diesen Jahres. Laut Polizeistatistik wurden vergangenes Jahr 1363 Frauen von ihren Partnern verletzt, 155 wurden vergewaltigt. Fünf Männer versuchten, ihre Frauen zu ermorden, fünf taten es. Zahlen für 2005 liegen noch nicht vor. Die gestiegene Zahl angezeigter Fälle erklärt die Polizei mit einem gestiegenen Anzeigeverhalten das Thema sei nicht mehr tabu. Nach Angaben der Interventionszentrale bei häuslicher Gewalt (BIG) erlebt jede vierte Frau in Deutschland körperliche Angriffe. Dem Verein ist es in den vergangenen zehn Jahren gelungen, die Zusammenarbeit zwischen Frauenprojekten, Senatsverwaltungen, Polizei und Justiz zu koordinieren, um so die Opfer besser schützen zu können. Am morgigen Montag feiert BIG den zehnten Geburtstag, gemeinsam mit Polizeipräsident Glietsch will der Verein an diesem Tag seine Arbeit präsentieren. Ha Informationen unter: oder Telefon (9-24 Uhr) Tsp. vom (Auszug) 20 d e r l i c h t b l i c k 1 / 2006 Mehr anzeigen
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