Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/formelle-anforderungen-an-die-namensliste-in-einem-interessenausgleich-322963
Timestamp: 2020-08-06 10:09:56+00:00

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Formelle Anforderungen an die Namensliste in einem Interessenausgleich | Rechtslupe
For­mel­le Anfor­de­run­gen an die Namens­lis­te in einem Inter­es­sen­aus­gleich
Sind bei einer Betriebs­än­de­rung nach § 111 BetrVG die Arbeit­neh­mer, denen gekün­digt wer­den soll, in einem Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen Arbeit­ge­ber und Betriebs­rat nament­lich bezeich­net, so wird nach § 1 Abs. 5 Satz 1 KSchG zum einen ver­mu­tet, dass die Kün­di­gung durch drin­gen­de betrieb­li­che Erfor­der­nis­se im Sin­ne von § 1 Abs. 2 KSchG bedingt ist. Zum ande­ren kann die sozia­le Aus­wahl nur noch auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit über­prüft wer­den. Dass eine Betriebs­än­de­rung nach § 111 BetrVG vor­liegt, die für die Kün­di­gung des Arbeit­neh­mers kau­sal ist, und der Arbeit­neh­mer in dem Inter­es­sen­aus­gleich ord­nungs­ge­mäß benannt wur­de, hat der Arbeit­ge­ber sub­stan­ti­iert dar­zu­le­gen und ggf. zu bewei­sen [1].
Nach § 112 Abs. 1 Satz 1 BetrVG ist ein Inter­es­sen­aus­gleich über eine geplan­te Betriebs­än­de­rung schrift­lich nie­der­zu­le­gen und vom Unter­neh­mer und vom Betriebs­rat zu unter­schrei­ben. Auf das gesetz­li­che Schrift­form­erfor­der­nis sind die §§ 125, 126 BGB anwend­bar. Nach § 126 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 BGB muss bei einem Ver­trag die Unter­zeich­nung der Par­tei­en eigen­hän­dig durch Namens­un­ter­schrift auf der­sel­ben Urkun­de erfol­gen. Da § 1 Abs. 5 KSchG ver­langt, dass die zu ent­las­sen­den Arbeit­neh­mer „in einem Inter­es­sen­aus­gleich nament­lich bezeich­net“ wer­den, erstreckt sich das Schrift­form­erfor­der­nis auch auf die Namens­lis­te. Ihm wird ohne Wei­te­res Genü­ge getan, wenn die Namens­lis­te zwar nicht im Inter­es­sen­aus­gleich selbst, son­dern in einer Anla­ge ent­hal­ten ist, und Inter­es­sen­aus­gleich und Namens­lis­te eine ein­heit­li­che Urkun­de bil­den [2]. Eine ein­heit­li­che Urkun­de liegt unzwei­fel­haft vor, wenn sowohl Inter­es­sen­aus­gleich als auch Namens­lis­te unter­schrie­ben und von Anfang an kör­per­lich mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Eine ein­heit­li­che Urkun­de kann aber selbst dann vor­lie­gen, wenn die Namens­lis­te getrennt vom Inter­es­sen­aus­gleich erstellt wor­den ist. Vor­aus­set­zung ist, dass im Inter­es­sen­aus­gleich auf die zu erstel­len­de Namens­lis­te ver­wie­sen wird, die erstell­te Namens­lis­te – eben­so wie zuvor der Inter­es­sen­aus­gleich – von den Betriebs­par­tei­en unter­schrie­ben wor­den ist und die Lis­te ihrer­seits ein­deu­tig auf den Inter­es­sen­aus­gleich Bezug nimmt [3]. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat fer­ner ange­nom­men, dass sogar eine nicht unter­schrie­be­ne Namens­lis­te als Anla­ge die Schrift­form noch wahrt, wenn die Unter­schrift unter dem Inter­es­sen­aus­gleich sie als des­sen Teil noch deckt. Das ist der Fall, wenn der Inter­es­sen­aus­gleich selbst unter­schrie­ben ist, in ihm auf die Anla­ge aus­drück­lich Bezug genom­men wird und Inter­es­sen­aus­gleich und Anla­ge schon bei des­sen Unter­zeich­nung mit einer Heft­ma­schi­ne kör­per­lich der­art mit­ein­an­der ver­bun­den waren, dass eine Lösung nur durch Gewalt­an­wen­dung (Lösen der Heft­klam­mer) mög­lich war [4].
Durch die Ver­wei­sung auf eine Anla­ge in dem Inter­es­sen­aus­gleich und die Para­phie­rung der Anla­ge wird die Schrift­form nicht gewahrt.
Es kann dahin­ste­hen, ob die Form­vor­schrif­ten schon des­halb ver­letzt sind, weil die Anla­ge nicht mit vol­len Namen, son­dern ledig­lich mit Para­phen unter­zeich­net wor­den ist. Para­phen kön­nen aus­rei­chend sein, um den Form­erfor­der­nis­sen zu genü­gen und die Ein­heit zwi­schen Hauptur­kun­de und Anla­ge zu doku­men­tie­ren [5]. Sie haben grund­sätz­lich die glei­che Kenn­zeich­nungs­wir­kung wie Unter­schrif­ten [6]. Ob dies auch gilt, wenn das gesetz­li­che Schrift­form­erfor­der­nis der unzwei­deu­ti­gen Wil­lens­kund­ga­be der Par­tei­en und der Gewiss­heit über den Inhalt einer Abre­de dient, die unmit­tel­ba­re und „qua­si-nor­ma­ti­ve“ Rechts­wir­kun­gen für Drit­te her­bei­führt, erscheint den­noch frag­lich.
Die Schrift­form ist hier des­halb nicht gewahrt, weil in der Namens­lis­te eine Rück­ver­wei­sung auf den Inter­es­sen­aus­gleich fehlt. Ohne eine sol­che Rück­ver­wei­sung stel­len Inter­es­sen­aus­gleich und Namens­lis­te kei­ne ein­heit­li­che Urkun­de dar.
Das Schrift­form­erfor­der­nis in § 112 Abs. 1 BetrVG dient pri­mär der Nor­men­klar­heit und weni­ger dem Über­ei­lungs­schutz oder Beweis­zwe­cken. Die Schrift­form soll Zwei­fel am Zustan­de­kom­men und am Inhalt der ver­ein­bar­ten Kol­lek­tiv­re­ge­lung aus­schlie­ßen [7]. Die­ser Zweck erfor­dert beim Feh­len einer schon anfäng­lich fes­ten kör­per­li­chen Ver­bin­dung von Inter­es­sen­aus­gleich und Namens­lis­te eine wech­sel­sei­ti­ge Inbe­zug­nah­me der bei­den Schrift­stü­cke. Andern­falls ist die Inten­ti­on der frag­li­chen Namens­lis­te nicht zwei­fels­frei zu erken­nen. Die­se muss unmiss­ver­ständ­lich dar­auf gerich­tet sein, die inhalt­li­che Ergän­zung und damit den Bestand­teil eines ganz bestimm­ten Inter­es­sen­aus­gleichs für eine ganz bestimm­te Betriebs­än­de­rung im Sin­ne von § 111 BetrVG, § 1 Abs. 5 KSchG zu bil­den. Um dies anneh­men zu kön­nen, ist nicht nur eine Ver­wei­sung im Inter­es­sen­aus­gleich auf eine (noch zu erstel­len­de) Namens­lis­te, son­dern auch ein text­li­cher Rück­be­zug in der (zeit­nah erstell­ten) Namens­lis­te auf den betref­fen­den Inter­es­sen­aus­gleich unver­zicht­bar. Nur so ist für den Fall, dass bei­de Schrift­stü­cke nicht schon von Beginn an kör­per­lich mit­ein­an­der ver­bun­den waren, die erfor­der­li­che Ein­heit­lich­keit der Urkun­de her­zu­stel­len und zu garan­tie­ren.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urtei­le vom 12. Mai 2010 – 2 AZR 551/​08, 2 AZR 586/​08 und 2 AZR 731/​08
BAG 06.07.2006 – 2 AZR 520/​05, Rn. 27, AP KSchG 1969 § 1 Nr. 80 = EzA KSchG § 1 Sozia­le Aus­wahl Nr. 68; 07.05.1998 – 2 AZR 536/​97, BAGE 88, 363; 07.05.1998 – 2 AZR 55/​98, BAGE 88, 375[↩]
st. Rspr., BAG 06.07.2006 – 2 AZR 520/​05, AP KSchG 1969 § 1 Nr. 80 = EzA KSchG § 1 Sozia­le Aus­wahl Nr. 68; 07.05.1998 – 2 AZR 55/​88, BAGE 88, 375[↩]
vgl. BAG 22.01.2004 – 2 AZR 111/​02, AP BetrVG 1972 § 112 Namens­lis­te Nr. 1 = EzA KSchG § 1 Inter­es­sen­aus­gleich Nr. 11; 06.07.2006 – 2 AZR 520/​05, aaO[↩]
BAG 06.07.2006 – 2 AZR 520/​05, Rn. 33, 37, aaO; 06.12.2001 – 2 AZR 422/​00, EzA KSchG § 1 Inter­es­sen­aus­gleich Nr. 9[↩]
vgl. BGH 29.09.1999 – XII ZR 313/​98, NJW 2000, 354, 358[↩]
vgl. ins­bes. BGH 10.10.2001 – XII ZR 307/​98, BGH-Report 2002, 225[↩]
vgl. BAG 14.11.2006 – 1 AZR 40/​06, Rn. 17, BAGE 120, 173; Fit­ting 25. Aufl. §§ 112, 112a Rn. 24[↩]
Alters­grup­pen­bil­dung beim Inter­es­sen­aus­gleich Eine Alters­grup­pen­bil­dung ist zur Erhal­tung der Alters­struk­tur der Beleg­schaft nur geeig­net, wenn sie dazu führt, dass die bestehen­de Struk­tur bewahrt bleibt. Sind meh­re­re Grup­pen ver­gleich­ba­rer…
Betriebsbedingte KündigungInteressenausgleich

References: § 111
 § 1
 § 1
 § 111
 § 112
 § 126
 § 1
 § 112
 § 111
 § 1
 § 1
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 § 1
 § 1
 § 112
 § 1
 § 1
 BGH 
 BGH