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Timestamp: 2020-08-05 08:49:24+00:00

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Das ausgebrannte und rekonstruierte Baudenkmal | Rechtslupe
Das ausgebrannte und rekonstruierte Baudenkmal
Auch ein nach einem Brand teil­wei­se rekon­stru­ier­tes Gebäu­de kann wei­ter­hin ein Bau­denk­mal gemäß § 3 Abs. 2 NDSchG dar­stel­len; das gilt auch, wenn die Rekon­struk­ti­on als sol­che offen­sicht­lich ist.
Dies gilt für das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ins­be­son­de­re dann, wenn sowohl sei­ne geschicht­li­che als auch sei­ne städ­te­bau­li­che Bedeu­tung für sei­nen Erhalt spre­chen.
Gemäß § 3 Abs. 1 NDSchG sind Kul­tur­denk­ma­le im Sin­ne des Nie­der­säch­si­schen Denk­mal­schutz­ge­set­zes Bau­denk­ma­le, Boden­denk­ma­le, beweg­li­che Denk­ma­le und Denk­ma­le der Erd­ge­schich­te. Bau­denk­ma­le sind gemäß § 3 Abs. 2 NDSchG bau­li­che Anla­gen (§ 2 Abs. 1 NBauO), Tei­le bau­li­cher Anla­gen, Grün­an­la­gen und Fried­hofs­an­la­gen, an deren Erhal­tung wegen ihrer geschicht­li­chen, künst­le­ri­schen, wis­sen­schaft­li­chen oder städ­te­bau­li­chen Bedeu­tung ein öffent­li­ches Inter­es­se besteht; die­se Vor­schrift beschreibt das Ein­zel­denk­mal.
Geschicht­li­che Bedeu­tung hat ein Bau­werk, wenn es in irgend­ei­ner Wei­se his­to­ri­sche Ereig­nis­se und Ent­wick­lun­gen heu­te und für künf­ti­ge Genera­tio­nen anschau­lich macht, dem Bau­werk also ein Aus­sa­ge­wert zukommt. Die geschicht­li­che Bedeu­tung eines Bau­wer­kes kann inso­fern dar­in lie­gen, dass ihm als Wir­kungs­stät­te nam­haf­ter Per­so­nen oder Schau­platz his­to­ri­scher Ereig­nis­se ein Erin­ne­rungs­wert zukommt oder aber es sich im Bewusst­sein der Bevöl­ke­rung mit bestimm­ten poli­ti­schen, kul­tu­rel­len oder sozia­len Ver­hält­nis­sen sei­ner Zeit ver­bin­det und damit einen Asso­zia­ti­ons­wert hat [1].
Hier stellt die Hof­an­la­ge K.-stra­ße 1 ein anschau­li­ches Bei­spiel für einen Gul­f­hof eines wohl­ha­ben­den Land­wirts auf einer Rund­warft dar, der das bäu­er­li­che Leben dort vor rund 150 Jah­ren erleb­bar macht. Das Gul­f­haus selbst ist – der typi­schen Bau­art ent­spre­chend – mit sei­nem Wohn­teil zur Mit­te der Dorf­warft und mit sei­nem Wirt­schafts­teil zur frei­en Marsch­land­schaft hin aus­ge­rich­tet. Wäh­rend also der Wohn­teil im höher­ge­le­ge­nen Teil der Warft ange­ord­net ist, grenzt der Wirt­schafts­teil an die land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen der Mar­schen. Die tra­di­tio­nel­le Lebens- und Wirt­schafts­wei­se kommt dar­in zum Aus­druck; die­se Struk­tur besteht zudem fort, obwohl das Gul­f­haus selbst auf­grund des Bran­des nur noch teil­wei­se in sei­ner his­to­ri­schen Gestalt erhal­ten ist. Zum einen besteht mit dem Wohn­teil ein wesent­li­cher über­kom­me­ner Gebäu­de­teil fort, der trotz eini­ger nach­tei­li­ger Ver­än­de­run­gen – etwa Kunst­stoff­fens­tern mit Schein­spros­sen im 1. Stock in der Nord­fas­sa­de – wei­ter­hin im Wesent­li­chen das Erschei­nungs­bild des Jah­res 1851 ver­mit­telt. Zum ande­ren ist auf­grund der äuße­ren Rekon­struk­ti­on des Wirt­schafts­teils nach dem Brand der Gesamt­ein­druck des Gul­f­hau­ses erhal­ten geblie­ben. Anhand der Kuba­tur des Gebäu­des, der Anord­nung der Türen und Fens­ter sowie der Dach­ge­stal­tung ist trotz der ins­be­son­de­re nach Süden hin moder­nen Aus­füh­rung der Türen und Fens­ter gut erkenn­bar, in wel­cher Wei­se der Hof vor­mals bewirt­schaf­tet wur­de.
Neben sei­ner geschicht­li­chen Bedeu­tung als Bei­spiel für das bäu­er­li­che Leben auf einem Gul­f­hof kommt dem Bau­werk eine städ­te­bau­li­che Bedeu­tung zu. Das ist der Fall, wenn ein Bau­werk an sei­nem Stand­ort das Stadt, Orts- oder Land­schafts­bild in einer cha­rak­te­ris­ti­schen Wei­se prägt. Dabei muss die Prä­gung gera­de aus sei­ner geschicht­li­chen oder künst­le­ri­schen Bedeu­tung, also sei­nem Alters, Erin­ne­rungs- und Gestal­tungs­wert her­rüh­ren, auch wenn die­se für sich genom­men die Denk­mal­fä­hig­keit nicht begrün­den kann. Dass ein Gebäu­de aus ande­ren Grün­den das Stadt­bild prägt, ist nicht aus­rei­chend [2].
Vor die­sem Hin­ter­grund liegt die städ­te­bau­li­che Bedeu­tung der Hof­an­la­ge dar­in, dass es gemein­sam mit den drei wei­te­ren, nach Süden ori­en­tier­ten Hof­an­la­gen den Cha­rak­ter des Orts­teils G. nach­hal­tig prägt. Die­se Wir­kung ist den Licht­bil­dern mit dem Blick auf den Orts­teil deut­lich zu ent­neh­men; sie bestä­tigt sich aber auch im Nah­be­reich sowie im Ort selbst. Gemein­sam mit den wei­te­ren Gul­f­häu­sern ver­mit­telt das Gul­f­haus K.-straße 1 den Ein­druck von G. als altes Bau­ern­dorf der Mar­schen. Es han­delt sich mit­hin um eine land­schafts- bzw. orts­bild­prä­gen­de Wir­kung; in der Hof­an­la­ge kommt zugleich die his­to­ri­sche Sied­lungs­struk­tur deut­lich zum Aus­druck.
Der Erhalt des Gul­f­hau­ses liegt schließ­lich im öffent­li­chen Inter­es­se, sodass Denk­mal­wür­dig­keit besteht. Dabei ist von der Wer­tung des Gesetz­ge­bers aus­zu­ge­hen, dass nicht jedes denk­mal­fä­hi­ge Bau­werk zugleich denk­mal­wür­dig ist. Es bedarf mit­hin einer Bewer­tung des Gewichts der für die Beja­hung der Denk­mal­fä­hig­keit maß­geb­li­chen Grün­de, nicht aber einer Abwä­gung mit gegen­läu­fi­gen Inter­es­sen Drit­ter; die­se Abwä­gung fin­det viel­mehr auf der Ebe­ne der §§ 7, 10 NDSchG statt [3]. Von Bedeu­tung sind im Hin­blick auf die geschicht­li­che Bedeu­tung Alter und Sel­ten­heit des Bau­werks, sei­ne Ori­gi­na­li­tät, sein Erhal­tungs­zu­stand, im Hin­blick auf die städ­te­bau­li­che Bedeu­tung vor allem Art und Aus­maß der prä­gen­den Wir­kung.
Nach die­sen Maß­ga­ben ist das Gul­f­haus denk­mal­wür­dig. Der Wohn­teil ist in einem guten und zudem ori­gi­na­len Erhal­tungs­zu­stand, was ihn von den wei­te­ren Gul­f­häu­sern abhebt. Hin­zu kommt, dass die Struk­tur eines Gul­f­ho­fes ange­sichts der eben­falls noch vor­han­de­nen Hof­flä­che und des in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts errich­te­ten Alten­tei­lers noch gut ables­bar ist. Bei­des unter­streicht die geschicht­li­che Bedeu­tung. Hin­zu tritt die städ­te­bau­li­che Wir­kung am Süd­rand der Rund­warft, die das Erschei­nungs­bild von G. weit­hin prägt.
Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 15. Juli 2014 – 1 LB 133/​13
vgl. Schmaltz/​Wiechert, NDSchG, 2. Aufl.2012, § 3 Rn. 21; ähn­lich Klei­ne-Teb­be/­Mar­tin, Denk­mal­recht Nie­der­sach­sen, 2013, § 3 Nr. 4.03.1[↩]
vgl. auch Schmaltz/​Wiechert, NDSchG, 2. Aufl.2012, § 3 Rn. 29 ff.; Klei­ne-Teb­be/­Mar­tin, Denk­mal­recht Nie­der­sach­sen, 2013, § 3 Nr. 4.05.1[↩]
vgl. Klei­ne-Teb­be/­Mar­tin, Denk­mal­recht Nie­der­sach­sen, 2013, § 3 Nr. 5.02.01.2; anders aber Schmaltz/​Wiechert, NDSchG, 2. Aufl.2012, § 3 Rn. 37[↩]

References: § 3
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