Source: https://rewis.io/urteile/urteil/pqr-17-12-2018-8-b-8818/
Timestamp: 2020-01-22 01:40:04+00:00

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Schleswig-Holsteinisches Verwaltungsgericht: 8 B 88/18
Schleswig-Holsteinisches Verwaltungsgericht : 8 B 88/18
8 B 88/18
Der am 12. Oktober 2018 gestellte Antrag,
die aufschiebende Wirkung der Klage des Antragstellers (Az.: 8 A 124/18) gegen die Baugenehmigung der Antragsgegnerin vom 15. Dezember 2017 in Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 21. Juni 2018 anzuordnen,
Der Bauvorbescheid vom 15. Mai 2017 ist ohne Rücksicht darauf, ob es dasjenige Vorhaben abbildet, welches mit der Baugenehmigung vom 15. Dezember 2017 genehmigt worden ist, gegenüber dem Antragsteller nicht bestandskräftig geworden, weil er mit Schreiben vom 5. Dezember 2018 hiergegen Widerspruch erhoben hat. Da die Antragsgegnerin nicht dargelegt hat, wann der Bauvorbescheid dem Antragsteller gegenüber bekanntgegeben worden ist, ist frühestens mit Zugang des Schreibens der Antragsgegnerin vom 23. November 2018 von einer Kenntnisnahme des Antragstellers auszugehen.
Nach § 212a Abs. 1 BauGB haben Widerspruch und Anfechtungsklage eines Dritten gegen die bauaufsichtliche Genehmigung eines Vorhabens keine aufschiebende Wirkung. Erhebt ein Dritter gegen die einem anderen erteilte und diesen begünstigende Baugenehmigung Widerspruch oder Anfechtungsklage, so kann das Gericht auf Antrag gemäß § 80 a Abs. 3 S. 2 VwGO in entsprechender Anwendung von § 80 Abs. 5 S. 1 Alt. 1 VwGO die bundesgesetzlich gemäß § 212a Abs. 1 BauGB ausgeschlossene aufschiebende Wirkung des Widerspruchs oder der Anfechtungsklage ganz oder teilweise anordnen. Hierbei trifft das Gericht eine eigene Ermessensentscheidung darüber, welche Interessen höher zu bewerten sind – die für einen sofortigen Vollzug des angefochtenen Verwaltungsakts oder die für die Anordnung der aufschiebenden Wirkung streitenden.
Einen Anspruch auf Aufhebung der dem Nachbar erteilten Baugenehmigung hat der Antragsteller als Nachbar nicht schon dann, wenn die Baugenehmigung objektiv rechtswidrig ist. Vielmehr kann der Antrag nur dann Erfolg haben, wenn die Genehmigung über die objektive Rechtswidrigkeit hinaus geschützte Nachbarrechte des Antragstellers verletzt. Dies ist nur dann der Fall, wenn durch die Baugenehmigung eine Rechtsnorm verletzt worden ist, die zumindest auch dem Schutz des Nachbarn dient und somit drittschützende Wirkung entfaltet. Die Vorschriften des öffentlichen Baurechts entfalten dann eine drittschützende Wirkung, wenn sie nicht nur im Interesse der Allgemeinheit erlassen worden sind, sondern auch der Rücksichtnahme auf individuelle Interessen und deren Ausgleich untereinander dienen (Oberverwaltungsgericht für das Land Schleswig-Holstein, Beschluss vom 08. September 1992 – 1 M 45/92 –, Rn. 32, juris). Dabei ist für die Beurteilung der Verletzung von öffentlich-rechtlich geschützten Nachbarrechten durch eine Baugenehmigung allein der Regelungsinhalt der Genehmigungsentscheidung maßgeblich. Eine hiervon abweichende Ausführung kann die Aufhebung der baurechtlichen Zulassung demgegenüber nicht rechtfertigen.
Bei der im Verfahren nach §§ 80 a Abs. 3 S. 2, 80 Abs. 5 S. 1 Var. 1 VwGO vorzunehmenden Interessenabwägung zwischen dem Interesse der Beigeladenen, die ihr erteilte Baugenehmigung auszunutzen, und dem Interesse der Antragstellerin, von der Vollziehung der Baugenehmigung bis zur Entscheidung in der Hauptsache verschont zu bleiben, überwiegt das Interesse der Beigeladenen. Bei der in diesem Verfahren gebotenen summarischen Prüfung der Sach- und Rechtslage lässt sich nicht mit hinreichender, d.h. überwiegender Wahrscheinlichkeit feststellen, dass die angefochtene Baugenehmigung vom 15. Dezember 2017 gegen Nachbarrechte des Antragstellers verstößt; insbesondere verletzt es weder den vom Antragsteller geltend gemachten Gebietserhaltungsanspruch noch das bauplanungsrechtliche Rücksichtnahmegebot.
Der Antragsteller kann sich gegen das streitgegenständliche Bauvorhaben – eine Kindertagesstätte mit 84 Plätzen – zunächst nicht mit Erfolg auf den allgemeinen bauplanungsrechtlichen Gebietserhaltungsanspruch berufen. Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts besteht in einem sogenannten faktischen Baugebiet im Sinne von § 34 Abs. 2 BauGB hinsichtlich der Art der baulichen Nutzung ein Abwehranspruch gegen solche Nutzungen, die nach der Art der baulichen Nutzung in dem faktischen Baugebiet in Anwendung der Regelungen der Baunutzungsverordnung (BauNVO) nicht zulässig sind und durch deren Zulassung also eine Verfremdung des Gebietes eingeleitet wird (BVerwG, Urteil vom 16. September 1993 – 4 C 28.91 –, Rn. 13, juris). Dieser Abwehranspruch beruht auf dem Gedanken des wechselseitigen Austauschverhältnisses. Weil und soweit der Eigentümer eines Grundstückes in dessen Ausnutzung hinsichtlich der Art der baulichen Nutzung öffentlich-rechtlichen Beschränkungen unterworfen ist, kann er deren Beachtung grundsätzlich auch im Verhältnis zum Nachbarn durchsetzen. Entspricht die Eigenart der näheren Umgebung einem der in der BauNVO bezeichneten Baugebiete, braucht der Nachbar keine gebietsfremde Nutzung zu dulden (BVerwG, Urteil vom 23. August 1996 – 4 C 13.94 –, Rn. 48 ff., juris; Oberverwaltungsgericht für das Land Schleswig-Holstein, Urteil vom 04. September 1997 – 1 L 139/96 –, Rn. 103, juris).
Nach den oben dargestellten Maßstäben und nach Auswertung der im Internet allgemein zugänglichen Satellitenbilder (Digitaler Altas Nord, bing und google-maps) sowie der hier nur summarisch möglichen Prüfung entspricht die nähere Umgebung am ehesten einem faktisch allgemeinen Wohngebiet im Sinne des § 34 Abs. 2 BauGB i.V.m. § 4 BauNVO. Es handelt sich entgegen der Ansicht des Antragstellers und der Antragsgegnerin jedenfalls nicht um ein reines Wohngebiet im Sinne von § 3 BauNVO.
Die Frage, wo die Grenze des die Eigenart der näheren Umgebung ausmachenden Baugebietes zu ziehen ist, ist anhand der konkreten städtebaulichen Situation zu klären und zu beurteilen. Der als „nähere Umgebung“ maßgebende Bereich reicht so weit, wie sich das zur Genehmigung gestellte Vorhaben auswirken kann und wie die Umgebung ihrerseits den bodenrechtlichen Charakter des Baugrundstücks prägt. Maßgebend sind insoweit die tatsächlich vorhandenen Nutzungsstrukturen, aber auch topographische und verkehrliche Verhältnisse, denen je nach Sachlage verbindende oder trennende Wirkung zukommen kann (BVerwG, Beschluss vom 10. Juni 1991 – 4 B 88.91 –, Rn. 3, juris; Beschluss vom 29. April 1997 – 4 B 67.97 –, Rn. 4, juris).
Zu der hier relevanten näheren Umgebung gehören die Grundstücke Barkauer Straße 7-30 und die Nebenstraßen Poppenkamp, Hofkamp, Sösslingspott und Bergkoppel. Nicht einzubeziehen ist die Nutzung oberhalb des Poppenbrügger Weges, da dem Poppenbrügger Weg insoweit eine trennende Wirkung zukommt. Gleiches gilt für die Bebauung westlich der Bundesstraße 404. Nicht mehr in den Blick zu nehmen sind auch die Nutzungen südlich des Grundstücks Barkauer Straße 30, da diese so weit entfernt vom Vorhabengrundstück liegen, dass sie die nähere Umgebung nicht mehr prägen. Die Nutzung am Reesenberg bleibt ebenfalls außer Betracht. Mag diese auch von der reinen Distanz her nicht weit vom Vorhabengrundstück entfernt liegen, so erweckt die dortige Bebauung den Eindruck eines von der übrigen Bebauung losgelösten, in sich geschlossenen Wohngebiets.
Vorliegend entspricht die Eigenart der näheren Umgebung des Grundstücks des Antragstellers und des Beigeladenen am ehesten einem allgemeinen Wohngebiet im Sinne des § 4 BauNVO. Der Wohncharakter des vorliegend umrissenen Gebiets ist hier noch erkennbar, weil die Gebäude mit Wohnnutzung zahlenmäßig überwiegen (vgl. Oberverwaltungsgericht für das Land Schleswig-Holstein, Beschluss vom 22. April 2009 – 1 MB 5/09 –, Rn. 9, juris). An beiden Straßenseiten der Barkauer Straße und den Nebenstraßen (Poppenkamp, Hofkamp, Sösslingspott und Bergkoppel) befinden sich – soweit für das Gericht erkennbar – überwiegend Wohnhäuser. Allerdings befindet sich in dieser Umgebung auch eine – nicht mehr zu vernachlässigende – Anzahl von Grundstücken, die Nutzungen im Sinne des § 3 Abs. 3 und § 4 Abs. 2 und 3 BauNVO aufweisen. Hierzu gehören im Einzelnen das Fahrradgeschäft („Andre Meinlschmidt – Der Fahrradpartner“) auf dem Eckgrundstück Kieler Weg 182, das gleichzeitig an der Barkauer Straße liegt, und die Buchhandlung Barz (Barkauer Straße 8), die beide als nicht störende Betriebe im Sinne des § 4 Abs. 3 Nr. 2 BauNVO zu qualifizieren sind. Es handelt sich hierbei unzweifelhaft nicht um Läden oder Handwerksbetriebe, die zur Deckung des täglichen Bedarfs (nur) für die Bewohner des Gebietes dienen. Bei der Zahnarztpraxis (Poppenbrügger Weg 2) und der Gemeinschaftspraxis (Barkauer Straße 15) handelt es sich hingegen um Anlagen für gesundheitliche Zwecke, die in einem reinen Wohngebiet ausnahmsweise und im allgemeinen Wohngebiet generell zulässig sind. Die Schule für Schauspiel (Poppenkamp 2) ist als Anlage für kulturelle Zwecke und die Kreuzkirchengemeine (Barkauer Straße 11a) ist als Anlage für religiöse Zwecke zu qualifizieren. Die zuletzt genannten Nutzungen sind im reinen Wohngebiet ebenfalls nur ausnahmsweise zulässig. Die Anzahl der in diesem streitgegenständlichen Gebiet vorhandenen und nach §§ 3 Abs. 3, 4 Abs. 3 BauNVO nur ausnahmsweise zulässigen Nutzungen spricht daher gegen die Annahme eines reinen Wohngebietes.
Eine Verletzung des von dem Antragsteller geltend gemachten Gebietserhaltungsanspruchs liegt somit nicht vor, weil das streitbefangene Bauvorhaben der Beigeladenen als Anlage für soziale Zwecke in einem allgemeinen Wohngebiet gemäß § 4 Abs. 2 Nr. 3 BauNVO generell zulässig ist (vgl. Stock, in: Ernst/Zinkahn/Bielenberg/Krautzberger, BauNVO, 130. EL August 2018, § 4 Rn. 3). Insofern kann auch die weitere, zwischen den Beteiligten streitige Frage, ob es sich bei der genehmigten Kindertagesstätte um eine Nutzung im Sinne des § 3 Abs. 2 Nr. 2 BauNVO handelt, dahingestellt bleiben. Auch die Einordnung des sog. „Elterncafés“ als Schank- und Speisewirtschaft kann offenbleiben, weil diese Art der Nutzung – unterstellt die Tatbestandsvoraussetzungen lägen vor – in einem allgemeinen Wohngebiet nach § 4 Abs. 2 Nr. 2 BauNVO generell zulässig wäre.
Die vom Beigeladenen geplante Kindertagesstätte verstößt auch nicht gegen das Gebot der Rücksichtnahme. Ob das Vorhaben der Beigeladenen sich gemäß § 34 Abs. 1 BauGB in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt, bedarf keiner eingehenden Überprüfung. Diese Vorschrift ist nämlich nicht stets und generell drittschützend (BVerwG, Urteil vom 13. Juni 1969 – IV C 234.65 –, Rn. 15, juris; Oberverwaltungsgericht für das Land Schleswig-Holstein, Beschluss vom 17. Januar 2012 – 1 MB 33/11 –, Rn. 3, juris). Drittschützende Wirkung kommt dieser Vorschrift nur dann zu, wenn das Gebot der Rücksichtnahme, das Bestandteil des Einfügungsgebots ist, verletzt wird. Nach der Rechtsprechung der Kammer scheidet die Verletzung des bauplanungsrechtlichen Rücksichtnahmegebots im Regelfall aus, soweit nicht offensichtlich ist, dass ein Bauvorhaben die landesrechtlichen Abstandsvorschriften nicht einhält (Schleswig-Holsteinisches Verwaltungsgericht, Beschluss vom 7. September 2012 – 8 B 40/12 –; Beschluss vom 12. Juli 2012 – 8 B 36/16 –; Beschluss vom 8. November 2016 – 8 B 41/16 –). Welche Anforderungen das Rücksichtnahmegebot begründet, hängt wesentlich von den Umständen des Einzelfalles ab. Je empfindlicher und schutzwürdiger die Stellung derer ist, denen die Rücksichtnahme im gegebenen Zusammenhang zugutekommt, umso mehr kann an Rücksichtnahme verlangt werden. Je verständlicher und unabweisbarer die mit dem Vorhaben verfolgten Interessen sind, desto weniger braucht derjenige, der das Vorhaben verwirklichen will, Rücksicht zu üben. Bei diesem Ansatz kommt es für die sachgerechte Beurteilung des Einzelfalles wesentlich auf eine Abwägung zwischen dem an, was einer dem Rücksichtnahmebegünstigten und andererseits dem Rücksichtnahmepflichtigen nach Lage der Dinge zuzumuten ist (BVerwG, Urteil vom 25. Februar 1977 – IV C 22.75 –, BVerwGE 52, 122-131, Rn. 22). Eine gegen dieses Gebot der Rücksichtnahme verstoßende optisch bedrängende Wirkung wird in der Rechtsprechung angenommen, wenn dem Bauvorhaben wegen seiner Höhe und Breite gegenüber dem Nachbargrundstück eine „erdrückende“ Wirkung zukommt (BVerwG, Urteil vom 13. März 1981 – 4 C 1.78 –, Rn. 38, juris). Diese Voraussetzungen werden insbesondere dann angenommen, wenn die baulichen Dimensionen des „erdrückenden“ Gebäudes aufgrund der Besonderheiten des Einzelfalles derart übermächtig sind, dass das „erdrückte“ Gebäude oder Grundstück nur noch überwiegend wie eine von einem herrschenden Gebäude dominierte Fläche ohne eigene baurechtliche Charakteristik wahrgenommen wird oder das Bauvorhaben das Nachbargrundstück regelrecht abriegelt, d.h. dort das Gefühl des „Eingemauert Seins“ oder eine „gefängnishofähnliche Situation“ hervorruft (vgl. Schleswig-Holsteinisches Verwaltungsgericht, Beschluss vom 27. Januar 2014 – 2 B 4/14 –).
Gemessen an diesen Grundsätzen und nach Auswertung der im Internet allgemein zugänglichen Satellitenbilder (Digitaler Altas Nord, bing und google-maps) sowie der eingereichten Lage- und Baupläne lässt sich die oben beschriebene „schwerwiegende“ Verletzung des Rücksichtnahmegebots nicht feststellen. Hierfür spricht in erster Linie, dass der nach § 6 LBO erforderliche Abstand eingehalten worden ist. Das Bauvorhaben der Beigeladenen ist zudem auch nicht höher als das Gebäude des Antragstellers.
Auch sind Anhaltspunkte für einen von dem Regelfall des § 22 Abs. 1a S. 1 BImSchG abweichenden Sonderfall weder vorgetragen noch erkennbar. Die Kindertagesstätte ist nur werktags und nicht während der besonders ruhebedürftigen Abend-, Nacht- und Wochenendzeiten geöffnet ist. Der mit der Kindertagesstätte zwangsläufig verbundene Verkehrslärm ist von den Nachbarn grundsätzlich hinzunehmen. Sonstige Anhaltspunkte, die eine andere Beurteilung rechtfertigen könnten, sind nicht ersichtlich.
Die Entscheidung über die Kosten folgt aus § 154 Abs. 1 und 3 VwGO. Die außergerichtlichen Kosten des Beigeladenen sind nicht erstattungsfähig, da dieser keinen Antrag gestellt hat.
Die Streitwertfestsetzung beruht auf §§ 52 Abs. 1, 53 Abs. 2 Nr. 2, 63 Abs. 2 GKG. Der Streitwert beträgt für das Hauptsacheverfahren (bei einer Nachbarklage, mit der die Beeinträchtigung einer Reihenhausscheibe geltend gemacht wird) 15.000,00 €. Der für das Hauptsacheverfahren anzusetzende Betrag wurde der ständigen Spruchpraxis der Kammer folgend für das vorläufige Rechtsschutzverfahren halbiert, was einen Streitwert von 7.500,00 € ergab.
5 L 1465/18.NW ()
M 9 SN 18.2593 ()
Au 5 K 17.1464 ()
2 B 284/12 ()
5 K 811/17.NW ()

References: § 212
 § 80
 § 80
 § 212
 § 34
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 § 4
 § 3
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 § 3
 § 4
 § 34
 § 6
 § 22
 § 154