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Timestamp: 2018-02-22 19:08:08+00:00

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unalex Entscheidungen OGH (AT) 03.04.2003 - 6 Nc 10/03b
unalex. Entscheidungen Entscheidung AT-26
Entscheidung AT-26
OGH (AT) 03.04.2003 - 6 Nc 10/03b
Eine Klage, mit der ein Verbraucher in dem Vertragsstaat, in dessen Hoheitsgebiet er seinen Wohnsitz hat, nach dem Recht dieses Staats von einer in einem anderen Vertragsstaat niedergelassenen Versandhandelsgesellschaft die Herausgabe eines Gewinns verlangt, ist als Klage aus einem Vertrag nach Art. 13 Abs. 1 Nr. 3 EuGVÜ bzw. Art. 15 Abs. 1 lit. c Brüssel I-VO zu qualifizieren, wenn er von dieser Gesellschaft eine an ihn persönlich adressierte Zusendung erhalten hat, die den Eindruck erweckt, dass er einen Preis erhalten werde, sofern er für einen bestimmten Betrag Waren bestellt, und er tatsächlich eine solche Bestellung aufgegeben hat, ohne diesen Gewinn zu erhalten.
Die in Österreich wohnhafte Klägerin verklagte die Beklagte, eine Versandhandelsgesellschaft mit Sitz in Deutschland, vor einem österreichischen Gericht auf Zahlung. Zur Begründung führt sie aus, sie habe von der Beklagten eine an sie persönlich adressierte Zusendung einschließlich einer Gewinnzusage erhalten. Nach Rücksendung des Gewinnzertifikats nebst Testbestellung sei der Gewinn nicht ausgezahlt worden. Die Klägerin beantragte, die Klage dem OGH (AT) zur Bestimmung des örtlich zuständigen Gerichts vorzulegen.
Der OGH (AT) weist den Ordinationsantrag als unbegründet ab, da ein Gerichtsstand im Inland (Österreich) gegeben ist. Unter Zugrundelegung der Rechtsprechung des EuGH zu Art. 13 Abs. 1 Nr. 3 EuGVÜ (Rs C-96/00, Rudolf Gabriel), der Art. 15 Abs. 1 c Brüssel I-VO inhaltlich entspricht, sei die Klage als eine solche aus einem Vertrag zu qualifizieren. Die Klägerin verlange als Verbraucherin vor den Gerichten ihres Wohnsitzstaats nach dem Recht dieses Staats von der in einem anderen Vertragsstaat ansässigen Versandhandelsgesellschaft die Herausgabe eines Gewinns aufgrund einer an sie adressierten Zusendung. Diese erwecke den Eindruck, dass sie einen Preis erhalten werde, sofern sie für einen bestimmten Betrag Waren bestellt. Die Klägerin habe tatsächlich eine solche Bestellung aufgegeben, ohne den Gewinn zu erhalten. Der Begriff der Verbrauchersache ist autonom auszulegen. Von der erforderlichen Privatbezogenheit sei nach den Angaben der Klägerin auszugehen, so dass eine Verbrauchersache i.S.v. Art. 15 Brüssel I-VO vorliege. Gem. Art. 16 Abs. 1 Brüssel I-VO kann die Klägerin als Verbraucher die Klage vor dem Gericht des Ortes, an dem sie ihren Wohnsitz hat, erheben. Da Art. 16 Abs. 1 mit dem Verweis auf "das Gericht des Ortes, an dem der Verbraucher seinen Wohnsitz hat" auch die örtliche Zuständigkeit regelt, sei eine Ordination nicht mehr erforderlich.
Die in Österreich wohnhafte Klägerin begehrt mit der am 7. 3. 2003 beim Handelsgericht Wien zu 25 Cg 16/03y eingelangten Klage von der beklagten Gesellschaft mbH mit Sitz in Deutschland Zahlung von 21.365,81 EUR samt Anhang. Sie sei Verbraucherin und habe von der beklagten Partei, die einen Warenversandhandel betreibe, eine an sie persönlich gerichtete Zusendung erhalten, die eine Gewinnzusage im Sinn des § 5j KSchG enthalten habe. Aufgrund der Gestaltung und des Inhalts dieser Gewinnzusage habe sie nach sorgfältigen Studium den Eindruck gehabt, tatsächlich 294.000 ATS gewonnen zu haben, wenn sie das Gewinnzertifikat rechtzeitig zurückschicke. Dies habe sie gemacht und gleichzeitig eine Testbestellung vorgenommen. Laut Auszahlungsbescheid habe sie zwischen monatlichen Zahlungen a 4.900 ATS oder einer Einmalauszahlung in Höhe von 294.000 ATS wählen können. In diesem Fall hätte die Gesamtsumme am 1. 1. 2001 ausgezahlt werden sollen. Sie habe sich für die Einmalauszahlung entschieden. Die Gewinnausschüttung sei jedoch nicht erfolgt.
Mit Schriftsatz vom 17. 3. 2003 beantragte die Klägerin, die Klage dem Obersten Gerichtshof zur Bestimmung des zuständigen Gerichts vorzulegen.
Sind für eine bürgerliche Rechtssache die Voraussetzungen für die örtliche Zuständigkeit eines inländischen Gerichts im Sinne dieses Gesetzes oder einer anderen Rechtsvorschrift nicht gegeben oder nicht zu ermitteln, so hat der Oberste Gerichtshof aus den sachlich zuständigen Gerichten eines zu bestimmen, welches für diese Rechtssache als örtlich zuständig zu gelten hat, wenn – soweit hier relevant – Österreich auf Grund eines völkerrechtlichen Vertrags zur Ausübung von Gerichtsbarkeit verpflichtet ist (§ 28 Abs. 1 Z 1 JN). Prämisse einer Ordination ist sohin das Fehlen eines Gerichtsstands im Inland, was der ordinierende Gerichtshof – in sinngemäßer Anwendung des § 41 Abs. 1 und 2 JN – von Amts wegen auf Grund der Angaben des Antragstellers bzw auf Grund der Aktenlage zu prüfen hat (9 Nc 110/02d; Matscher in Fasching2 I § 28 JN Rn. 11 mwN). Am 1. 3. 2002 trat die Verordnung (EG) Nr. 44/2001 des Rates vom 22. Dezember 2000 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen (EuGVVO [Brüssel I-Verordnung]) in Kraft. Sie ist in allen ihren Teilen verbindlich und gilt gemäß dem Vertrag zur Gründung der europäischen Gemeinschaft unmittelbar in den Mitgliedstaaten (Art. 76). In dieser Verordnung bedeutet der Begriff „Mitgliedstaat“ jeden Mitgliedstaat mit Ausnahme des Königreichs Dänemark (Art. 1 Abs. 3). Die EuGVVO ist in Zivil- und Handelssachen anzuwenden, ohne dass es auf die Art der Gerichtsbarkeit ankommt (Art. 1 Abs. 1). Die Vorschriften dieser Verordnung sind auf Klagen anzuwenden, die nach dem Inkrafttreten der Verordnung erhoben worden sind. Die EuGVVO tritt nach ihrem Art. 68 Abs. 1 im Verhältnis zwischen den Mitgliedstaaten an die Stelle des Brüsseler Übereinkommens (EuGVÜ). Gemäß Art. 15 Abs. 1 lit. c EuGVVO bestimmt sich für Klagen aus einem Vertrag, den eine Person, der Verbraucher, zu einem Zweck geschlossen hat, der nicht der beruflichen oder gewerblichen Tätigkeit dieser Person zugerechnet werden kann, die Zuständigkeit unbeschadet des Art. 4 und Art. 5 Z 5 – nach dem 4. Abschnitt dieser Verordnung („Zuständigkeit bei Verbrauchersachen“), wenn der andere Vertragspartner dieses Vertrags in dem Mitgliedstaat, in dessen Hoheitsgebiet der Verbraucher seinen Wohnsitz hat, eine berufliche oder gewerbliche Tätigkeit ausübt oder eine solche auf irgend einem Wege auf diesen Mitgliedstaat oder auf mehrere Staaten, einschließlich dieses Mitgliedstaats, ausrichtet und der Vertrag in den Bereich dieser Tätigkeit fällt.
Zu dem Art. 15 Abs. 1 lit. c EuGVVO inhaltlich entsprechenden Art. 13 Abs. 1 Nr. 3 EuGVÜ hat der Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften in seinem Urteil vom 11. Juli 2002, Rs C-96/00, Rudolf Gabriel, erkannt, dass eine Klage, mit der ein Verbraucher in dem Vertragsstaat, in dessen Hoheitsgebiet er seinen Wohnsitz hat, nach dem Recht dieses Staats von einer in einem anderen Vertragsstaat niedergelassenen Versandhandelsgesellschaft die Herausgabe eines Gewinns verlangt, wenn er von dieser Gesellschaft eine an ihn persönlich adressierte Zusendung erhalten hat, die den Eindruck erweckt, das er einen Preis erhalten werde, sofern er für einen bestimmten Betrag Waren bestellt, und er tatsächlich eine solche Bestellung aufgegeben hat, ohne diesen Gewinn zu erhalten, als Klage aus einem Vertrag nach Art. 13 Abs. 1 Z 3 EuGVÜ zu qualifizieren ist.
Der Begriff des Verbrauchers ist vertragsautonom zu bestimmen (9 Nc 110/02d; 8 Nd 508/01 ua). Von der erforderlichen Privatbezogenheit ist nach den hier maßgeblichen (§ 41 Abs. 2 JN) Angaben der Klägerin auszugehen. Da nach diesen Angaben auch die weiteren in der genannten Entscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften angeführten Kriterien erfüllt sind, liegt eine Verbrauchersache im Sinne des Art. 15 EuGVVO vor.
Art. 16 Abs. 1 EuGVVO lässt dem Verbraucher die Wahl. Er kann die Klage gegen den anderen Vertragspartner entweder vor den Gerichten des Mitgliedstaats erheben, in dessen Hoheitsgebiet dieser Vertragspartner seinen Wohnsitz hat, oder vor dem Gericht des Ortes, an dem der Verbraucher seinen Wohnsitz hat. Da Art. 16 Abs. 1 EuGVVO mit dem Verweis auf „das Gericht des Ortes, an dem der Verbraucher seinen Wohnsitz hat“ auch die örtliche Zuständigkeit regelt, ist eine Ordination gemäß § 28 JN nicht mehr erforderlich (9 Nd 502/02; 2 Nd 505/02; 9 Nc 110/02d).
Da somit ein Gerichtsstand im Inland vorliegt, ist der Ordinationsantrag als unbegründet abzuweisen (Matscher aaO § 28 JN Rn. 12 mwN).

References: OGH 

OGH 
 Art. 13
 Art. 15
 OGH 
 OGH 
 EuGH 
 Art. 13
 Art. 15
 Art. 15
 Art. 16
 Art. 16
 § 5
 § 41
 § 28
 Art. 68
 Art. 15
 Art. 4
 Art. 5
 Art. 15
 Art. 13
 Art. 13
 Art. 15

Art. 16
 Art. 16
 § 28
 § 28