Source: https://datenbank.nwb.de/Dokument/Anzeigen/303122/
Timestamp: 2020-08-11 01:41:02+00:00

Document:
BFH, Urteil v. 29.04.2008 - VIII R 75/05 - NWB Urteile
BFH v. 29.04.2008 - VIII R 75/05
BFH Urteil v. 29.04.2008 - VIII R 75/05 BStBl 2008 II S. 817
1. Dem Steuerpflichtigen steht kein Wahlrecht zu, ob er die „normale” Ansparrücklage nach § 7g Abs. 3 EStG oder die Existenzgründerrücklage gemäß § 7g Abs. 7 EStG in Anspruch nehmen will.
Gesetze: AO § 85AO § 164 Abs. 1 und 2BGB § 709 Abs. 1BGB § 714EStG § 2 Abs. 1 und 7EStG § 7g Abs. 3 bis 7FGO § 48 Abs. 1 Nr. 1GG Art. 20 Abs. 3
Instanzenzug: Sächsisches FG vom 25. Januar 2005 1 K 1489/04 (EFG 2005, 941) BFH VIII R 75/05 (Verfahrensverlauf), BFH - VIII R 75/05, Verfahrensverlauf , BFH - VIII R 75/05, Verfahrensverlauf
Der Gesellschafter hatte neben Einkünften aus nichtselbstständiger Tätigkeit auch in den Vorjahren —nebenberufliche— Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit, und zwar in Höhe von 1 915 DM (1992), ./. 11 004 DM (1993) und 4 094 DM (1994).
Im Jahr 1998 löste sie die im Jahr 1996 gebildete Ansparabschreibung auf. Der Beklagte und Revisionsbeklagte (das Finanzamt —FA—) erließ zunächst unter dem Vorbehalt der Nachprüfung erklärungsgemäß einheitliche und gesonderte Gewinnfeststellungsbescheide für die Jahre 1996 bis 1998. In der Anlage zum Feststellungsbescheid 1997 vom 12. April 1999 wurde die Auflösung der im Jahr 1995 nach § 7g Abs. 2 EStG gebildeten Ansparabschreibungen erläutert und eine Bildung der „Ansparrücklage” im Jahr 1997 nach § 7g Abs. 7 EStG festgehalten.
Im Rahmen einer die Feststellungszeiträume 1998 bis 2000 umfassenden Außenprüfung bei der Klägerin (Bp-Bericht vom 3. Oktober 2003 ) gelangten die Prüfer zu der Auffassung, der Gesellschafter sei kein Existenzgründer, so dass die Ansparabschreibungen nach § 7g Abs. 3 bis 5 EStG kurzzeitiger aufzulösen seien.
Mit der —vom FG zugelassenen— Revision rügt die Klägerin die Verletzung materiellen Rechts (§ 7g Abs. 7 EStG).
2. Der Gesetzgeber habe den Begriff der Betriebseröffnung nicht definiert. Das FG habe mit dem Hinweis auf die Wendung „Wirtschaftsjahr der Betriebseröffnung” nicht begründet, weshalb dieser ausschließlich zeitpunktbezogen zu verstehen sei. Vielmehr erfordere er einen bestimmten Vorbereitungszeitraum. Im Streitfall sei dieser mit dem Vorhandensein der wesentlichen Betriebsgrundlagen abgeschlossen gewesen. Erst zum 1. Januar 1995 habe die Arbeitskraft des Gesellschafters zur Existenzgründung zur Verfügung gestanden. Ein derartiger Vorbereitungszeitraum verdeutliche das Ziel einer dauerhaften und ernsthaft gewollten Existenzgründung.
Unerheblich ist insoweit, ob die Gesellschafter nur einzeln oder gemeinschaftlich vertretungsbefugt sind, wie es dem Regelstatut nach § 709 Abs. 1, § 714 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) entspricht (vgl. Urteile des Bundesfinanzhofs —BFH— vom 19. April 2007 IV R 28/05 , BFHE 218, 75, BStBl II 2007, 704; vom 6. Oktober 2004 IX R 68/01, BFHE 207, 24, BStBl II 2005, 324; BFH-Beschluss vom 11. Dezember 2006 VIII B 82/06 , BFH/NV 2007, 453, m.w.N.; ferner zur Berichtigung noch im Revisionsverfahren BFH-Urteil vom 31. Mai 2007 IV R 25/06 , BFH/NV 2007, 2086, m.w.N.).
Bei der Ansparabschreibung und der Existenzgründerabschreibung handelt es sich um eine betriebsbezogene und nicht um eine personenbezogene Steuervergünstigung (vgl. BTDrucks 12/4158, S. 33; FG München, Urteil vom 30. August 2007 15 K 2297/04 , EFG 2007, 1865, m.w.N.).
Eine —zusätzliche— subjektive Klagebefugnis der Gesellschafter nach § 48 FGO scheidet mithin aus.
Nach § 7g Abs. 6 EStG sind bei Steuerpflichtigen, die ihren Gewinn nach § 4 Abs. 3 EStG ermitteln, die Abs. 3 bis 5 mit Ausnahme von Abs. 3 Nr. 1 mit der Maßgabe entsprechend anzuwenden, dass die Bildung der Rücklage als Betriebsausgabe (Abzug) und ihre Auflösung als Betriebseinnahme (Zuschlag) zu behandeln ist ( BFH–Urteil vom 6. März 2003 IV R 23/01 , BFHE 202, 250, BStBl II 2004, 187).
Der Senat schließt sich der Auffassung des XI. Senats des BFH sowohl hinsichtlich des Ergebnisses als auch dessen Begründung an. Im Bereich der Eingriffsverwaltung kommt dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz eine andere Bedeutung zu, als im Bereich der Leistungsverwaltung. Der Gesetzgeber darf die Gewährung staatlicher Leistungen an enge und auch genau ausgestaltete, jeweils besondere Voraussetzungen knüpfen, um die Verwirklichung des Subventionszwecks möglich sicher zu stellen (so zu Recht Wendt, Finanz-Rundschau —FR— 2007, 33, 34).
Zutreffend hat das FG ein Wahlrecht des Steuerpflichtigen ausgeschlossen, ob er die „normale” Rücklage nach Abs. 3 oder die Existenzgründerrücklage gemäß Abs. 7 in Anspruch nehmen will. Die im Gründungszeitraum zulässig gebildete Rücklage fällt danach zwingend in den Anwendungsbereich des Abs. 7, sofern dessen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, jedoch unter Abs. 3 des § 7g EStG (vgl. B. Meyer in Herrmann/Heuer/Raupach, § 7g EStG Rz 138, m.w.N.; Meyer/Ball, FR 2004, 984; Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen —BMF— vom 25. Februar 2004 IV A 6 -S 2183b- 1/04, BStBl I 2004, 337, Tz. 40; ferner Anmerkung von Pfützenreuter in EFG 2007, 1145, 1146; a.A. Handzik in Littmann/Bitz/Pust, Das Einkommensteuerrecht, Kommentar, § 7g Rz 149).
Aus dem Urteil des BFH vom 16. November 2005 X R 19/04 (BFH/NV 2006, 535) kann nichts Gegenteiliges entnommen werden. Das Urteil betrifft den mit dem Streitfall nicht vergleichbaren Sachverhalt, dass eine vor dem 1. Januar 1997 gebildete Ansparrücklage nach § 7g Abs. 3 und 6 EStG nicht in eine erstmals für Wirtschaftsjahre nach dem 31. Dezember 1996 gemäß § 52 Abs. 11 Satz 4 EStG 1997 geschaffene Existenzgründerrücklage „transformiert” werden darf.
c) Die Bildung einer Ansparrücklage gemäß § 7g Abs. 3 EStG ist auch außerhalb des Anwendungsbereiches des Abs. 7 bereits möglich, bevor die Betriebseröffnung vollendet ist ( BFH-Urteil vom 25. April 2002 IV R 30/00 , BFHE 199, 170, BStBl II 2004, 182; BFH–Beschluss vom 28. November 2003 III B 65/03 , BFH/NV 2004, 632). Allerdings reicht es für die Annahme eines Betriebes i.S. des § 7g Abs. 3 EStG nicht aus, wenn lediglich erste Vorbereitungshandlungen getroffen worden sind (vgl. BFH-Urteile in BFHE 218, 75, BStBl II 2007, 704; in BFHE 199, 170, BStBl II 2004, 182).
Im Streitfall geht es nicht um die Korrektur einer zu Unrecht gebildeten Ansparrücklage (vgl. dazu und zu den Korrekturzeiträumen BFH-Urteil vom 28. April 2005 IV R 30/04 , BFHE 209, 496, BStBl II 2005, 704; ferner Beschluss des FG Hamburg vom 4. August 2004 III 264/04 , EFG 2005, 183), sondern um die für normale Ansparrücklagen vorgeschriebene reguläre Auflösung.
Nach ständiger Rechtsprechung kann das gesetzte Recht durch den Grundsatz von Treu und Glauben nur in besonders gelagerten Fällen, in denen das Vertrauen des Steuerpflichtigen in ein bestimmtes Verhalten der Verwaltung nach allgemeinem Rechtsgefühl in einem so hohen Maße schutzwürdig ist, das demgegenüber der Grundsatz der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung zurücktreten müsste, verdrängt werden ( BFH-Urteile vom 5. September 2000 IX R 33/97 , BFHE 192, 559, BStBl II 2000, 676; vom 30. September 1997 IX R 80/94, BFHE 184, 406, BStBl II 1998, 771; BFH-Beschluss vom 26. November 2001 V B 88/00 , BFH/NV 2002, 551).
Ein unter dem Vorbehalt der Nachprüfung stehender Bescheid vermag insoweit einen Vertrauenstatbestand grundsätzlich nicht zu schaffen, weil es sich insoweit lediglich um eine vorläufige Beurteilung der Finanzverwaltung handelt, die einer späteren abweichenden Beurteilung nicht entgegensteht (vgl. BFH-Urteil vom 5. Juni 2003 III R 26/00 , BFH/NV 2003, 1529; BFH-Beschlüsse vom 6. September 2005 III R 32/04, BFH/NV 2006, 371, m.w.N.; vom 2. August 2004 IX B 41/04, BFH/NV 2005, 68; vom 4. Mai 2005 XI B 224/03, BFH/NV 2005, 1483; vom 14. Oktober 2004 III B 54/04, juris; vom 28. August 2002 V B 71/02, BFH/NV 2003, 4, m.w.N.).
Fehlt es daran, so gebieten es die Grundsätze der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung (Art. 20 Abs. 3 des Grundgesetzes —GG—, § 85 AO) und die Gleichmäßigkeit der Besteuerung, dass die Finanzbehörde eine als falsch erkannte Auffassung zum frühestmöglichen Zeitpunkt aufgibt, selbst wenn der Steuerpflichtige auf sie vertraut haben sollte.
Diese Verpflichtung besteht selbst dann, wenn die Finanzbehörde die fehlerhafte, für den Steuerpflichtigen günstige Auffassung über eine längere Zeitspanne vertreten und der Steuerpflichtige im Vertrauen darauf disponiert haben sollte ( BFH-Urteil vom 30. Oktober 1997 IV R 76/96 , BFH/NV 1998, 578, m.w.N.; BFH-Beschlüsse vom 7. Dezember 2007 XI B 61/07, BFH/NV 2008, 592; in BFH/NV 2005, 68, m.w.N.).
BFH 6.9.2011 - VIII R 38/09
FG Hamburg 23.11.2010 - 2 K 58/10
BFH 6.2.2009 - IV B 125/08
BStBl 2008 II Seite 817
AO-StB 2008 S. 235 Nr. 9
BB 2008 S. 1721 Nr. 32
BB 2008 S. 1782 Nr. 33
BBK-Kurznachricht Nr. 16/2008 S. 836
BFH/NV 2008 S. 1585 Nr. 9
BFH/PR 2008 S. 414 Nr. 10
BStBl II 2008 S. 817 Nr. 18
DB 2008 S. 1718 Nr. 32
DStRE 2008 S. 1228 Nr. 19
FR 2009 S. 32 Nr. 1
HFR 2008 S. 917 Nr. 9
NWB-Eilnachricht Nr. 32/2008 S. 2973
SJ 2008 S. 30 Nr. 16
StC 2008 S. 10 Nr. 11
StuB-Bilanzreport Nr. 16/2008 S. 645
StuB-Bilanzreport Nr. 18/2008 S. 721
LAAAC-86068
Kratzsch, Kein Wahlrecht zwischen Existenzgründerrücklage und normaler Ansparabschreibung, KSR 10/2008 S. 2

References: § 7
 § 7
 § 85
 § 164
 § 709
 § 714
 § 2
 § 7
 § 48
 Art. 20
 § 7
 § 7
 § 7
 § 709
 § 714
 § 48
 § 7
 § 4
 § 7
 § 7
 § 7
 § 7
 § 52
 § 7
 § 7
 § 85