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Timestamp: 2018-01-23 07:49:18+00:00

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BVerwG, Urteil vom 29.11.2011, 2 C 37.10 - HENSCHE Arbeitsrecht
BVerwG, Ur­teil vom 29.11.2011, 2 C 37.10
Schlagworte: Mehrarbeit, Freizeitausgleich
Aktenzeichen: 2 C 37.10
Vorinstanzen: Verwaltungsgericht Minden, Urteil vom 25.07.2007, 4 K 2665/06
Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 07.05.2009, 1 A 2654/07
Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 06.07.2010, 2 B 67.09
hat der 2. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 29. Sep­tem­ber 2011 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Her­bert und die Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Heitz, Dr. Mai­dow­ski, Dr. Har­tung und Dr. von der Wei­den
Die Be­klag­te wird ver­pflich­tet, dem Kläger für die Zeit vom 1. Fe­bru­ar 2002 bis zum 31. De­zem­ber 2006 ei­nen Frei­zeit­aus­gleich im Um­fang von wei­te­ren 4,89 St­un­den je Ka­len­der­mo­nat zu gewähren. Die Ur­tei­le des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len vom 7. Mai 2009 und des Ver­wal­tungs­ge­richts Min­den vom 25. Ju­li 2007 so­wie der Be­scheid der Be­klag­ten vom 8. De­zem­ber 2003 in der Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­scheids vom 26. Ju­li 2006 wer­den auf­ge­ho­ben, so­weit sie die­ser Ver­pflich­tung ent­ge­gen­ste­hen.
Der Kläger ist städti­scher Be­am­ter auf Le­bens­zeit und als Ober­brand­meis­ter bei der Be­rufs­feu­er­wehr der Be­klag­ten beschäftigt. Er will Frei­zeit­aus­gleich für die Über­schrei­tung der höchs­tens zulässi­gen Wo­chen­ar­beits­zeit in dem Zeit­raum von Fe­bru­ar 2002 bis En­de 2006 er­hal­ten. In die­sem Zeit­raum be­trug sei­ne re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit 56 St­un­den. Da­von ent­fie­len 31 Stun-
den auf Be­reit­schafts­dienst; zwei St­un­den wur­den je­weils durch Frei­zeit aus­ge­gli­chen.
Im Ja­nu­ar 2002 be­an­trag­te der Kläger, ab dem 1. Fe­bru­ar 2002 bei der Ge­stal­tung der Dienst­pläne zu be­ach­ten, dass nach eu­ropäischem Ge­mein­schafts­recht höchs­tens 48 Wo­chen­stun­den ge­ar­bei­tet wer­den dürfen. Sei­ner Kla­ge, ihm Frei­zeit­aus­gleich im Um­fang von 17 St­un­den pro Mo­nat zu gewähren, hat das Ver­wal­tungs­ge­richt im Um­fang von 7 St­un­den pro Mo­nat für die Zeit ab Ja­nu­ar 2006 statt­ge­ge­ben. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Be­klag­te ver­pflich­tet, ins­ge­samt 12,11 St­un­den pro Mo­nat für die Zeit vom 1. Fe­bru­ar 2002 bis zum 31. De­zem­ber 2006 aus­zu­glei­chen. Zur Be­gründung hat es im We­sent­li­chen aus­geführt:
die Be­klag­te zu ver­pflich­ten, dem Kläger für die Zeit vom 1. Fe­bru­ar 2002 bis zum 31. De­zem­ber 2006 Frei­zeit­aus­gleich von wei­te­ren 4,89 St­un­den je Ka­len­der­mo­nat zu gewähren, so­wie die Ur­tei­le des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len vom 7. Mai 2009 und des Ver­wal­tungs­ge­richts Min­den vom 25. Ju­li 2007 und den Be­scheid der Be­klag­ten vom 8. De­zem­ber 2003 in der Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­scheids vom 26. Ju­li 2006 auf­zu­he­ben, so­weit sie die­ser Ver­pflich­tung ent­ge­gen­ste­hen.
Die Re­vi­si­on des Klägers ist be­gründet. Er kann ei­nen zeit­li­chen Aus­gleich für zu­viel ge­leis­te­ten Dienst in dem von ihm be­an­trag­ten Um­fang von ins­ge­samt 17 St­un­den pro Mo­nat für die Zeit vom 1. Fe­bru­ar 2002 bis zum 31. De­zem­ber 2006 be­an­spru­chen. So­weit das Ur­teil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts den gel­tend ge­mach­ten An­spruch im Um­fang von 4,89 St­un­den im Mo­nat ab­ge­wie­sen hat, ver­letzt es re­vi­si­bles Recht (§ 127 Nr. 2 BRRG, § 63 Abs. 3 Satz 2 Be­am­tStG).
Mehr­ar­beit erfüllt sind, so ist die­se In­an­spruch­nah­me rechts­wid­rig (Zu­viel­ar­beit). So­weit das je­weils maßgeb­li­che Bun­des- oder Lan­des­be­am­ten­recht kei­ne Re­ge­lung da­zu enthält, ob und in wel­chem Um­fang ei­ne sol­che In­an­spruch­nah­me aus­zu­glei­chen ist, be­deu­tet dies je­doch nicht, dass der­ar­ti­ge Zu­viel­ar­beit fol­gen­los bleibt. Viel­mehr ist die im Ein­zel­fall ein­schlägi­ge Vor­schrift - im vor­lie­gen­den Fall § 78a Abs. 1 Satz 2 LBG NRW a.F. - nach Treu und Glau­ben in ei­ner Wei­se zu ergänzen, die die In­ter­es­sen des Be­am­ten und des Dienst­herrn auch bei ei­ner rechts­wid­ri­gen In­an­spruch­nah­me des Be­am­ten zu ei­nem bil­li­gen Aus­gleich bringt und da­bei dem Sinn und Zweck der Ar­beits­zeit­re­ge­lung ge­recht wird. Be­am­te, die von Zu­viel­ar­beit be­trof­fen sind, ha­ben des­halb ei­nen An­spruch auf an­ge­mes­se­ne Dienst­be­frei­ung (vgl. Ur­teil vom 28. Mai 2003 - BVerwG 2 C 28.02 - Buch­holz 232 § 72 BBG Nr. 38 S. 6 f. und Be­schluss vom 10. Ju­ni 2009 - BVerwG 2 B 26.09 - ju­ris Rn. 5 ff.).
Im vor­lie­gen­den Fall ist der gel­tend ge­mach­te An­spruch ge­ge­ben. Ein Fall der Zu­viel­ar­beit über die Gren­ze der höchs­tens zulässi­gen Wo­chen­ar­beits­zeit hin­aus liegt vor. Der Kläger hat im Zeit­raum von Fe­bru­ar 2002 bis ein­sch­ließlich 2006 - ab­ge­se­hen von zwei wei­te­ren St­un­den, für die Frei­zeit­aus­gleich be­reits gewährt wor­den ist - re­gelmäßig an­stel­le der uni­ons­recht­lich zulässi­gen 48 Wo­chen­stun­den 54 St­un­den Dienst ge­leis­tet. Die­se Zu­viel­ar­beit von sechs St­un­den wöchent­lich er­gibt bei pau­scha­lier­ter Berück­sich­ti­gung von Ur­laubs­zei­ten ei­nen Um­fang von 24 St­un­den im Mo­nat.
Nach Art. 6 Buchst. b EGRL 2003/88, der Art. 6 Nr. 2 der in­so­weit in­halts­glei­chen Richt­li­nie 93/104/EG des Ra­tes vom 23. No­vem­ber 1993 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl L 307 vom 13. De­zem­ber 1993, S. 18) er­setzt, darf die wöchent­li­che Ar­beits­zeit ein­sch­ließlich der Über­stun­den ei­nen Um­fang von 48 St­un­den nicht über­schrei­ten. Un­ter Ar­beits­zeit ist nach Art. 2 Nr. 1 EGRL 2003/88 je­de Zeit­span­ne zu ver­ste­hen, während der ein Ar­beit­neh­mer gemäß den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder Ge­pflo­gen­hei­ten ar­bei­tet, dem Ar­beit­ge­ber zur Verfügung steht und sei­ne Tätig­keit ausübt oder Auf­ga­ben wahr­nimmt. Nach die­ser Be­griffs­be­stim­mung zählen auch Zei­ten des Be­reit­schafts­diens­tes - ein­sch­ließlich der „in­ak­ti­ven Zei­ten“ - oh­ne Ab­stri­che als Ar­beits­zeit, wenn der Be­am­te sie an ei­nem vom Dienst­herrn be­stimm­ten Ort außer­halb des Pri­vat­be­reichs leis­tet und sich zu ei­nem je­der­zei­ti­gen un­verzügli­chen Ein­satz be­reithält, und wenn er­fah­rungs­gemäß mit ei­ner dienst­li­chen In­an­spruch­nah­me zu rech­nen ist (Ur­tei­le vom 29. April 2004 - BVerwG 2 C 9.03 - Buch­holz 240 § 48 BBesG Nr. 8 Rn. 17 und vom 22. Ja­nu­ar 2009 - BVerwG 2 C 90.07 - Buch­holz 240.1 BBe­sO Nr. 31; EuGH, Ur­tei­le vom 3. Ok­to­ber 2000 - Rs. C-303/98, Si­map - Slg. 2000, I-7963 und vom 9. Sep­tem­ber 2003 - Rs. C-151/02, Jäger - Slg. 2003, I- 8389, stRspr). Dar­aus folgt, dass Be­reit­schafts­dienst in die Be­rech­nung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit in vol­lem Um­fang ein­zu­be­zie­hen ist. Die vom Kläger re­gelmäßig ge­leis­te­ten 31 St­un­den Be­reit­schafts­dienst zählen da­her als Vol­l­ar­beits­zeit, da die Be­am­ten in der Dienst­stel­le an­we­send sein muss­ten und je­der­zeit in ei­nen Ein­satz be­ru­fen wer­den konn­ten (vgl. § 2 Abs. 1 und 2 AZ­VO­Feu).
Die uni­ons­recht­li­che Ar­beits­zeit­richt­li­nie (EGRL 2003/88) gilt auch für Feu­er-
Dies ist mit der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on (Ur­teil vom 25. No­vem­ber 2010 a.a.O. Rn. 71 ff.) ver­ein­bar. Zwar darf die Ausübung der Rech­te, die dem Ein­zel­nen aus den un­mit­tel­bar an­wend­ba­ren Vor­schrif­ten des Uni­ons­rechts er­wach­sen, nicht durch die Aus­ge­stal­tung des in­ner­staat­li­chen Ver­fah­rens­rechts unmöglich ge­macht oder übermäßig er­schwert wer­den. Ins­be­son­de­re darf der An­spruch ei­nes Be­am­ten auf Er­satz des Scha­dens, der ihm durch den Ver­s­toß der Behörden ge­gen Art. 6 Buchst. b der Richt­li­nie 2003/88 ent­stan­den ist, nicht da­von abhängig ge­macht wer­den, dass zu­vor ein An­trag auf Ein­hal­tung die­ser uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mung bei sei­nem Dienst­herrn ge­stellt wur­de (EuGH, Ur­teil vom 25. No­vem­ber 2010 a.a.O. Rn. 90). Denn das Recht der Eu­ropäischen Uni­on ist von den Behörden und Ge­rich­ten der Mit­glied­staa­ten un­abhängig da­von an­zu­wen­den, ob sei­ne An­wen­dung aus­drück­lich be­an­tragt wor­den ist oder nicht. Dies steht je­doch dem Er­for­der­nis ei­nes An­trags auf Gewährung von zeit­li­chem Aus­gleich für die Zu­kunft nicht ent­ge­gen. Oh­ne ei­nen der­ar­ti­gen An­trag muss der Dienst­herr nicht da­von aus­ge­hen, je­der Be­am­te wer­de die Über­schrei­tung der zulässi­gen Ar­beits­zeit be­an­stan­den, zu­mal ihn zunächst die Pflicht trifft, die von ihm ver­lang­te Zu­viel­ar­beit zu leis­ten. Der An­trag ist viel­mehr er­for­der­lich, ei­ne Prüfung mit dem Ziel her­bei­zuführen, die Be­lan­ge des Be­am­ten zu berück­sich­ti­gen und die Dienst­pläne ent­spre­chend an­zu­pas­sen. Ei­ne übermäßige Er­schwe­rung der Durch­set­zung von Uni­ons­recht liegt dar­in eben­so we­nig wie bei­spiels­wei­se in der nor­ma­ti­ven Fest­set­zung an­ge­mes­se­ner Aus­schluss- und Verjährungs­fris­ten (vgl. zu § 15 Abs. 4 AGG EuGH, Ur­teil vom 8. Ju­li 2010 - Rs. C-246/09, Buli­cke - NZA 2010, 869).
Nach die­sen Maßstäben ist der vom Kläger gel­tend ge­mach­te An­spruch in vol-
dar­aus, dass der Kläger sei­nen An­trag auf die­sen Um­fang be­schränkt hat. Der Kläger hat auch den er­for­der­li­chen An­trag recht­zei­tig, nämlich im Ja­nu­ar 2002 mit Wir­kung für die Zeit ab Fe­bru­ar des­sel­ben Jah­res, ge­stellt.
Dr. Mai­dow­ski
Dr. Har­tung
zur Übersicht 2 C 37.10

References: § 63
 § 78
 § 72
 Art. 6
 Art. 6
 Art. 2
 § 48
 § 2
 Art. 6
 § 15