Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/767e0bfd5d71a1d264bcc42d38792ff3362f6cddcacd4fafa1704c4ad74435d5
Timestamp: 2019-08-24 16:40:28+00:00

Document:
BGH, I ZB 6/98: Likörflasche Leitsatzentscheidung
Urteil des BGH vom 13.04.2000, I ZB 6/98
I ZB 6/98
Likörflasche Leitsatzentscheidung
Unterscheidungskraft, Bundespatentgericht, Form, Marke, Verkehr, Dreidimensionale marke, Anmeldung, Gestaltung, Ware, Spirituosen
I ZB 6/98 Verkündet am: 13. April 2000 Walz Justizamtsinspektor als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle
betreffend die Markenanmeldung Nr. 395 22 700.3
Zur Frage der Unterscheidungskraft einer dreidimensionalen Marke, die in der
Form einer Flasche besteht, für die Waren "Weine, Spirituosen und Liköre".
BGH, Beschluß vom 13. April 2000 - I ZB 6/98 - Bundespatentgericht
Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Verhandlung vom 13. April 2000 durch den Vorsitzenden Richter Prof.
26. Senats (Marken-Beschwerdesenats) des Bundespatentgerichts vom 26. November 1997 aufgehoben.
Die hiergegen gerichtete Beschwerde, mit der die Anmelderin hilfsweise
erklärt hat, sie beschränke die Anmeldung auf die Farben "Milchweiß" und
"Schwarz", ist ohne Erfolg geblieben (BPatGE 39, 132 = BPatG GRUR 1998,
Mit der (zugelassenen) Rechtsbeschwerde verfolgt die Anmelderin ihr
Nach § 3 Abs. 1 MarkenG seien dreidimensionale Gestaltungen markenfähig. Das gelte grundsätzlich auch für Flaschen auf dem Getränkesektor.
Der angemeldeten Marke fehle jedoch für die beanspruchten Waren jegliche
Die dreidimensionale Flasche habe keine so originelle Gestalt, daß sie
geeignet wäre, die Waren eines Unternehmens von denjenigen anderer Unternehmen zu unterscheiden. Maßgebend sei das Verständnis der angesprochenen Verbraucherkreise, mit dem sie Flaschenformen begegneten und als Herkunftshinweis werteten. Sie orientierten sich insoweit nur bei einer ganz besonders auffälligen, vom Gängigen abweichenden Gestaltung an der Flaschenform. Anderenfalls dienten die auf den Flaschen befindlichen Etiketten
als Erkennungszeichen. Der Verbraucher beachte beim Erwerb von Getränken
die Flaschenform nicht bewußt als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Getränken; die Besonderheit müßte ihm schon ins Auge springen.
Die Gestaltung der angemeldeten Flasche sei nicht so signifikant, daß
dies eine hinreichende Unterscheidungskraft begründen könne, auch wenn die
Anforderungen hierbei nicht überzogen werden dürften, da für nicht genormte
Flaschenformen in der Regel - wie bei Bildzeichen - kein Freihaltungsbedürfnis
bestehe. Flaschen stellten für Getränke lediglich das Behältnis dar; einem solchen fehle in der Regel die Unterscheidungskraft. Die Anforderungen an die
Unterscheidungskraft könne nur eine eigentümliche und originelle Form erfüllen. Diesen Erfordernissen entspreche die angemeldete Marke nicht. Der langgezogene Halsansatz sei wenig einprägsam, die zylindrische Form begegne
dem Verkehr oft. Insgesamt handele es sich nicht um eine ungebräuchliche,
sondern um eine typische Gestaltungsform.
Der Hilfsantrag der Anmelderin sei unzulässig. Eine Marke, die ohne
Farbangabe angemeldet sei, werde durch die Angabe bestimmter Farben unzulässig abgeändert, da die nachträgliche Farbangabe den Schutzumfang einerseits beschränke, andererseits aber um die konkret beanspruchte Farbkombination erweitere.
III. Die Rechtsbeschwerde hat Erfolg. Die Annahme des Bundespatentgerichts, dem angemeldeten Zeichen fehle jede Unterscheidungskraft, hält der
1. Zutreffend ist das Bundespatentgericht davon ausgegangen, daß die
als Formmarke angemeldete Flasche abstrakt geeignet ist, Waren eines Unternehmens von solchen anderer Unternehmen zu unterscheiden; sie ist damit
markenfähig im Sinne von § 3 Abs. 1 MarkenG. Gründe, die die Selbständigkeit
der - aus einer Verpackungsform bestehenden - Marke von der Ware in Frage
stellen könnten, sind nicht ersichtlich; ebensowenig Anhaltspunkte für das Vorliegen von Ausschlußgründen i.S. des § 3 Abs. 2 MarkenG, die nicht nur bei
Warenformen, sondern auch bei Verpackungsformen in Betracht zu ziehen
sind (vgl. Fezer, Markenrecht, 2. Aufl., § 3 Rdn. 234; Ingerl/Rohnke, Markengesetz, § 3 Rdn. 38; a.A. Eichmann/v. Falckenstein, Geschmacksmustergesetz,
Allg. Rdn. 28).
2. Die Beurteilung des Bundespatentgerichts, der angemeldeten Marke
fehle für die beanspruchten Waren die (konkrete) Unterscheidungskraft im Sinne von § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG, ist dagegen nicht frei von Rechtsfehlern.
In nicht zu beanstandender Weise ist das Bundespatentgericht bei der
Beurteilung der konkreten Unterscheidungseignung davon ausgegangen, daß
hierfür das Verständnis der mit den angemeldeten Waren angesprochenen
Verbraucherkreise maßgebend ist (BGH, Beschl. v. 8.12.1999 - I ZB 25/97,
GRUR 2000, 502, 503 = WRP 2000, 520 - St. Pauli Girl, m.w.N.).
Nicht beigetreten werden kann dem Bundespatentgericht jedoch in seiner Meinung, die Anforderungen an die Unterscheidungskraft könne nur eine
eigentümliche und originelle Form erfüllen, weil sich der Verkehr nur bei einer
ganz besonders auffälligen, vom Gängigen abweichenden Gestaltung bezüglich der Herkunft der in ihr enthaltenen Getränke an der Flaschenform orientiere. Damit hat das Bundespatentgericht die Anforderungen an die Unterscheidungskraft bei Formmarken überspannt.
Unterscheidungskraft im Sinne der vorgenannten Vorschrift ist die einer
Marke innewohnende (konkrete) Eignung, vom Verkehr als Unterscheidungsmittel für die der Anmeldung zugrunde liegenden Waren eines Unternehmens
gegenüber solchen anderer Unternehmen aufgefaßt zu werden. Hierbei ist ein
großzügiger Maßstab anzulegen, d.h. jede auch noch so geringe Unterscheidungskraft reicht aus, um das Schutzhindernis zu überwinden (vgl. Begründung
zum Regierungsentwurf, BT-Drucks. 12/6581, S. 70 = BlPMZ 1994, Sonderheft
S. 64).
Davon ausgehend hat der Bundesgerichtshof in ständiger Rechtsprechung für Wortmarken einschließlich Slogans den Grundsatz entwickelt, daß
ihnen, sofern der Marke kein für die in Frage stehenden Waren im Vordergrund
auch sonst weder um ein so gebräuchliches Wort der deutschen oder einer
sonst im Inland geläufigen Sprache handelt, so daß es vom Verkehr stets nur
als solches und nicht als Unterscheidungsmittel verstanden wird (BGH, Beschl.
v. 15.7.1999 - I ZB 16/97, WRP 1999, 1167, 1168 f. = MarkenR 1999, 349
- YES, m.w.N; Beschl. v. 8.12.1999 - I ZB 2/97, WRP 2000, 298, 299 =
MarkenR 2000, 48 - Radio von hier; Beschl. v. 8.12.1999 - I ZB 21/97, WRP
2000, 300, 301 = MarkenR 2000, 50 - Partner with the Best), die Unterscheidungskraft nicht abgesprochen werden kann.
Entsprechend geht der Bundesgerichtshof bei Bildmarken davon aus,
daß ihnen nur dann jegliche Unterscheidungskraft fehlt, wenn es sich bei dem
Bild - etwa weil es die Ware selbst abbildet - um eine warenbeschreibende Angabe oder um eine ganz einfache geometrische Form oder um sonstige einfache grafische Gestaltungselemente handelt, die in der Werbung aber auch auf
Warenverpackungen oder sonst üblicherweise in bloß ornamentaler, schmükkender Form verwendet werden (BGH, Beschl. v. 10.4.1997 - I ZB 1/95, GRUR
1997, 527, 529 = WRP 1997, 755 - Autofelge; Beschl. v. 5.11.1998
- I ZB 12/96, GRUR 1999, 495, 496 = WRP 1999, 526 - Etiketten, m.w.N.;
GRUR 2000, 502, 503 - St. Pauli Girl).
Nichts anderes kann im Ausgangspunkt für eine als Marke angemeldete
dreidimensionale Form gelten, die die Verpackung der Ware darstellt. Auch
hier ist regelmäßig zu prüfen, ob die Form einen im Vordergrund stehenden
beschreibenden Begriffsinhalt verkörpert oder ob sie aus sonstigen Gründen
nur als solche und nicht als Herkunftshinweis verstanden wird.
Besteht eine angemeldete Marke in einer dreidimensionalen Verpakkung, ist nach der Lebenserfahrung grundsätzlich davon auszugehen, daß der
Verkehr ihr - anders als bei Wort- oder Bildzeichen - nicht in erster Linie einen
Herkunftshinweis für die in ihr enthaltenen Waren entnehmen wird; sie stellt
sich vielmehr regelmäßig als bloßes Behältnis dar, dem der Verkehr keine
weiteren Funktionen beimißt. Das gilt insbesondere - worum es im Streitfall
geht - auch für Flaschen, die sich, wie das Bundespatentgericht zutreffend
ausgeführt hat, dem Verkehr in erster Linie in ihrer Eigenschaft als Behältnisse
etwa für Weine, Spirituosen und Liköre und nicht als Herkunftshinweis für die
in ihnen enthaltenen Waren gegenübertreten.
Mit dieser Feststellung ist jedoch nichts darüber ausgesagt, ob nicht
- etwa durch Gewöhnung - bei Getränken überhaupt oder bei bestimmten, insbesondere den im Warenverzeichnis enthaltenen alkoholischen Getränken der
Verkehr daran gewöhnt ist, daß sie von bestimmten Herstellern in Flaschen
bestimmter Form vertrieben werden. Enthält nämlich die äußere Form einer
Flasche keinen durch Norm oder Üblichkeit bestimmten mittelbar beschreibenden Hinweis auf ihren Inhalt - wie die übliche Bierflasche den Hinweis auf Bier,
die übliche (Rot- oder Weiß-)Weinflasche den Hinweis auf (Rot- oder
Weiß-)Wein u.ä -, kann sie, sofern es sich nicht um eine ganz einfache, bloß
werbemäßig schmückende Form handelt, auch als Herkunftshinweis verstanden werden (vgl. z.B. die Coca-Cola-Flasche). Angesichts der erfahrungsgemäß weiten Verbreitung besonderer, von genormten oder üblichen Formen
abweichender Flaschenformen für verschiedene Getränke, insbesondere für
solche des Warenverzeichnisses der Anmeldung, muß davon ausgegangen
werden, daß sich der Verkehr grundsätzlich hinsichtlich der Herkunft des Inhalts auch an der Flaschenform herkunftshinweisend orientiert.
Jegliche Unterscheidungskraft der angemeldeten Formmarke könnte
deshalb nur dann verneint werden, wenn die Form der Flasche lediglich einen
Hinweis auf ihren Inhalt gäbe oder durch ganz einfache geometrische Formen
("Flasche an sich") oder sonst bloß schmückende Elemente bestimmt wäre
(vgl. BGHZ 41, 187, 190 - Palmolive). Dahingehende Feststellungen hat das
Bundespatentgericht bisher nicht getroffen.
Das Bundespatentgericht hat maßgebend darauf abgestellt, daß die
Anforderungen an die Unterscheidungskraft nur eine eigentümliche und originelle Form erfüllen könne. Dem kann nicht beigetreten werden. Der vom Bundespatentgericht insoweit angeführten "Autofelge"-Entscheidung des Bundesgerichtshofes (GRUR 1997, 527, 529) in der es - anders als hier - um eine die
Ware selbst darstellende Bildmarke ging, läßt sich dies nicht entnehmen. Eigentümlichkeit (eine im Geschmacksmusterrecht vorgesehene Schutzvoraus-
setzung) und Originalität sind kein zwingendes Erfordernis für das Vorliegen
von Unterscheidungskraft und können deshalb auch nicht zum selbständigen
Prüfungsmaßstab erhoben werden (vgl. BGH, Beschl. v. 24.2.2000
- I ZB 13/98, WRP 2000, 741, 742 - LOGO). Dies schließt es freilich nicht aus,
daß eine gewisse Originalität - neben anderen - ein Indiz für die Eignung sein
kann, die konkret angemeldeten Waren eines bestimmten Anbieters von denen
anderer zu unterscheiden (vgl. BGH WRP 2000, 298, 299 - Radio von hier;
WRP 2000, 300, 301 - Partner with the Best). Maßgebend ist - wie bei jeder
anderen Markenform - auch bei der Formmarke allein, daß der Verkehr - aus
welchen Gründen auch immer - in dem angemeldeten Zeichen einen Herkunftshinweis erblickt. Eine derartige Annahme hat das Bundespatentgericht
zwar mit der Erwägung verneint, der Verkehr orientiere sich nur bei einer ganz
besonders auffälligen, vom Gängigen abweichenden Gestaltung an der Flaschenform; der Verbraucher betrachte beim Erwerb von Getränken die Flaschenform nicht bewußt auf Unterschiede zu anderen Getränkeflaschen, ihre
Besonderheit müßte ihm ins Auge springen. Es ist nicht ersichtlich, worauf sich
diese Annahme stützt. Aus der allgemeinen Lebenserfahrung läßt sich ein Erfahrungssatz in der vom Bundespatentgericht angeführten Allgemeinheit nicht
ableiten. Die Rechtsbeschwerde (S. 7) rügt überdies mit Erfolg, daß das Bundespatentgericht sich nicht hinreichend mit der gestalterischen Besonderheit
der angemeldeten Flaschenform auseinandergesetzt hat.
Das Bundespatentgericht hätte demnach im Streitfall Feststellungen
treffen müssen, ob auf dem in Frage stehenden Warengebiet die angemeldete
Flaschenform infolge Verwendung durch mehrere Hersteller üblich ist, oder ob
sie von der üblichen Gestaltung so abweicht, daß ihr eine Herkunftsfunktion
nicht abgesprochen werden kann. Hieran fehlt es in dem angefochtenen Beschluß, so daß dieser keinen Bestand haben kann.
IV. Danach war auf die Rechtsbeschwerde der Anmelderin der angefochtene Beschluß aufzuheben und die Sache zur anderweitigen Verhandlung
und Entscheidung an das Bundespatentgericht zurückzuverweisen (§ 89 Abs. 4

References: BGH 
 § 3
 § 3
 § 3
 § 3
 § 3
 § 8
 BGH