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Timestamp: 2017-10-18 16:21:53+00:00

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Der Industrie-Pionier und Finanzier Theodor von Cramer-Klett | Texte zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
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23. Mai 2012 2 Kommentare
Freiherr Theodor von Cramer-Klett (geb. 1817, gest. 1884) war einer der führenden Pioniere der Industrialisierung in Bayern und zugleich ein bedeutender Finanzier. Zwei der mit seiner Hilfe begründeten Unternehmen existieren nicht nur heute noch, sondern gehören als DAX-Unternehmen zu den größten der BRD, die MAN und die Munich Re. Andere spielen ebenfalls weiterhin eine wichtige Rolle im deutschen Finanzleben, z. B. die Privatbank Merck, Finck & Co., die 1990 an die Barcleys Bank verkauft und 1999 wiederum von der Kredietbank S.A. Luxembourgeoise (KBL) übernommen wurde, aber immer noch mit mehreren Filialen existiert.[1] Dennoch wird Cramer-Klett in der wirtschaftshistorischen bzw. unternehmensgeschichtlichen Literatur meist nur am Rande erwähnt, i. d. R., wenn es um eines seiner Unternehmen geht.[2] Zwar gibt es einige Skizzen in biographischen Handbüchern[3] sowie in regionalgeschichtlichen Werken[4] und im Internet einen WIKIPEDIA-Artikel.[5] Allerdings existiert bis heute nur eine alte, wegen ihrer Auswertung inzwischen teilweise nicht mehr zugänglicher Quellen jedoch unverzichtbare Biographie dieses Mannes, die 1922 als wirtschaftshistorische Dissertation veröffentlicht wurde.[6]
Da ich mich im Zuge der Recherchen zu dem Juristen Hermann Pemsel, dem langjährigem Generalbevollmächtigten und Vertrauten Cramer-Kletts, ausgiebig mit letzterem beschäftigen musste, erscheint mir die verfügbare Informationsbasis zu diesem herausragenden Unternehmer unzulänglich, vor allem sehr verstreut, unvollständig und teilweise verzerrt. Deshalb habe ich den folgenden knappen Abriss seines Lebens und Werks verfasst, der die vorliegende einschlägige Literatur zusammenfasst und an einigen Punkten um eigene Archivstudien ergänzt. Dabei handelt es sich zum größten Teil um eine überarbeitete Version einiger Kapitel aus meiner Biographie Hermann Pemsels.[7]
Der junge Cramer-Klett
Theodor Cramer wurde 1817 in Nürnberg als vierter von fünf Söhnen des Kaufmanns Albert Johann Cramer geboren. „Das Geschäft, das die Einfuhr und den Großverkauf von Kolonial- und Textilwaren, insbesondere holländischen Tuchen zum Gegenstand hatte, besaß eine Filiale in Amsterdam“[8], die ein Bruder des Vaters betrieb. Das mäßige Niveau wirtschaftlicher Aktivität in Nürnberg während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts ließ auch das Cramersche Geschäft scheitern. Hinzu kam eine Fehlspekulation: „Seine großen Investitionen in das Gelände des Schmausenbuck bei Nürnberg, wo er in den bewaldeten Hängen und kleinen Tälern einen Ausflugspark anlegen wollte, wurden ein Fehlschlag. Die Nürnberger Bürger waren damals im Grunde zufrieden mit ihrem traditionellen Spaziergang entlang der Stadtmauer; der Drang, aus der Stadt in die Natur >auszubrechen<, hatte sie noch nicht erfasst.“[9] Der Vater musste am 4. 1. 1834 mit einem Schuldenstand von rd. 241.000 fl. liquidieren und siedelte nach Wien über. Selbst sein Schwager, der damalige Marktvorsteher Georg Zacharias Platner, Inhaber eines bedeutenden Handelshauses, das mit einer quasi monopolartigen Stellung im Indigohandel ein großes Vermögen erworben hatte und auf dieser Basis auch Bank- und Wechselgeschäfte betrieb,[10] konnte die Liquidation nicht verhindern. Platner hatte zu dem Zeitpunkt bedeutende Summen in die Gründung und den Bau der ersten deutschen Eisenbahn, der Ludwigs-Bahn von Nürnberg nach Fürth, investiert.[11] In Wien beteiligte sich Albert Johann Cramer erfolgreich an einer Seifenfabrik.
Wie während des 19. Jahrhunderts viele Söhne aus dem Wirtschaftsbürgertum hatte Theodor Cramer in Nürnberg zwar ein Humanistisches Gymnasium besucht, dies jedoch nur bis zur Untertertia, um anschließend eine kaufmännische Lehre im Geschäft des Vaters zu beginnen. In Wien vertiefte er diese, indem er einige Kurse an der Handels-Akademie besuchte.[12] Nach einem weiteren praktischen Ausbildungsjahr in Prag, wo Theodor Cramer im befreundeten Bankhaus Lämel erste, für sein weiteres Leben äußerst wichtige Einblicke in das Bankgeschäft erhielt, zog es den unruhigen jungen Mann 1838 mit 21 Jahren nach München. Er war hochintelligent und zugleich äußerst wissbegierig, was sich während des Jahrs in München darin äußerte, dass er naturwissenschaftliche und philosophische Vorlesungen an der Universität bei Liebig und Schelling besuchte. Besonders die Einführung in die Chemie sollte für ihn von Nutzen sein, denn schon Ende 1839 musste er nach Wien zurückkehren, um dem kränkelnden Vater in der Seifenfabrik mit seinen kaufmännischen und chemischen Kenntnissen zu helfen.
Doch bereits ein Jahr darauf übersiedelte er nach Genf, wo er erneut in einem Bankhaus arbeitete und für dieses auch Reisen nach Italien und Frankreich unternahm. Die soliden Kenntnisse des Bankgeschäfts sollten ihm bei seinen späteren Finanzengagements sehr hilfreich sein. „Zugleich erwarb er sich in kurzer Zeit ein, wenn auch bescheidenes Vermögen, das ihm später die selbständige Niederlassung in Nürnberg erlaubte.“[13] Der Aufenthalt in der Schweiz bedeutete jedoch vor allem die Bekanntschaft mit radikalen liberalen Persönlichkeiten, denn viele politische Aktivisten und Intellektuelle waren während der Reaktionszeit aus deutschen Staaten in die Schweiz geflüchtet. Unter diesem Einfluss beschäftigte sich Cramer intensiv mit liberal-demokratischen sowie frühsozialistischen Ideen.[14] Das prägte seine politische Entwicklung so nachhaltig, dass er 1843 nach Nürnberg zurückkehrte, um dort eine Verlagsbuchhandlung zu eröffnen. Damit war die Absicht verbunden, auch solche Werke und Broschüren zu verlegen, „welche die staatlichen, sozialen und bürgerlichen Verhältnisse nach den Grundsätzen der wahren fortschreitenden Aufklärung beleuchten.“[15] Seine weltanschaulichen Grundüberzeugungen waren sicher die Basis der innigen Freundschaft mit dem Theologie- und Religionskritiker Ludwig Andreas Feuerbach. Er verlegte einige der Schriften Feuerbachs und unterstützte den 1836 aus dem universitären Leben, weil chancenlos, ausgeschiedenen und nach dem Bankrott der Porzellanfabrik seiner Ehefrau 1860 verarmten Philosophen bis zu dessen Lebensende 1872 finanziell.[16]
Cramer erwarb die Verlagsbuchhandlung Bäumler und gliederte ihr 1844 eine Zeitung, den „Nürnberger Kurier“[17] an, u. a. um sich mit eigenen liberal-demokratischen Stellungnahmen in die politische Debatte einzubringen. Bezeichnend war z. B. seine Artikelserie „Von der Öffentlichkeit“ im Jg. 1847, Nr. 97ff., in der er sich u. a. für die Öffentlichkeit des Gerichtsverfahrens und der Gemeindeverwaltung, besonders aber für eine zensurfreie Presse einsetzte.[18] Er wurde während der Revolutionsjahre politisch aktiv, indem er sich im Herbst 1848 zum Gemeindebevollmächtigten wählen ließ und zahlreiche politische Aufrufe unterzeichnete, die die Regierung als nicht loyal einstufte.[19] So gehörte er Ende April 1849 zu einer nach München entsandten Deputation der Gemeindebevollmächtigten, „die den König doch noch zur Annahme der Reichsverfassung bewegen sollte“.[20] Das Nürnberger Stadtkommissariat setzte ihn deshalb auf die Vorlage für eine „schwarze Liste“ der politisch unzuverlässigen Personen. Doch wurde Cramer-Klett (wie er sich seit der Heirat mit der Tochter des Maschinenfabrikanten Klett nannte) letztlich nicht in diese Liste aufgenommen. Er hat sich in den Folgejahren ganz aus der aktiven Politik zurückgezogen und galt deshalb 1854, als ihm nach dem Bau des Glaspalastes für die Allgemeine Münchener Gewerbeausstellung wegen seiner Verdienste um das Königshaus und die Wirtschaft Bayerns der Kronenorden verliehen werden sollte, „nicht mehr als politisch belastet. Der Regierungspräsident sprach in seinem Gutachten dessen Verhalten während der Revolutionsjahre zwar an, verwies jedoch darauf, dass Cramer-Klett schon damals >großen und guten Einfluß< auf seine Arbeiter genommen habe; jetzt sei er >zu den conservativsten Bürgern< Nürnbergs zu zählen. >In seinem großen Etablissement als Autokrat befehlend< habe er >einsehen gelernt, dass auch bey dem Staat das monarchische Prinzip als Bedingung einiger, energischer und ersprießlicher Regierung erscheint<“.[21]
Cramer hat somit eine unsystematische, aber breite Ausbildung erhalten, die sowohl praktische Erfahrungen im kaufmännischen und Bankgeschäft als auch gewisse, allerdings rudimentäre wissenschaftlich-theoretische Kenntnisse in Chemie und Philosophie umfasste. Seine vielseitigen Interessen und liberal-demokratischen Grundüberzeugungen veranlassten ihn, sich u. a. an einem „Komitee für die Familie List“ zu beteiligen, das sich nach dem Selbstmord Friedrich Lists im November 1846 um die Versorgung der völlig mittellos zurückgebliebenen Familie bemühte.[22] In dem Komitee trafen sich die politischen Interessen Cramers mit denen des ihm seit längerem bekannten Fabrikanten und überzeugten Liberalen Johann Friedrich Klett. Dieser betrieb neben einem florierenden Handel mit Nürnberger und Fürther Manufakturwaren seit 1836 eine kleine mechanische (Reparatur-)Werkstatt, die sich seit 1838 vor allem in der Herstellung von Material für den Eisenbahnbau engagierte und zur Maschinenfabrik samt Eisengießerei entwickelte. Sie beschäftigte 1842 immerhin 70 Arbeiter. Das technische Know-How für den Dampfmaschinen- und Dampfkesselbau sicherte sich der Kaufmann Klett, indem er englische Techniker in die Firma aufnahm, die im Zusammenhang mit dem Bau der Eisenbahn Nürnberg-Fürth nach Nürnberg gekommen und dort geblieben waren.[23]
„Enge Beziehungen zwischen den Familien Cramer und Klett waren allerdings schon seit mehreren Jahren vorhanden. In seinem Testament aus dem Jahre 1824 hatte Klett den Vater von Cramer zum Vormund-Stellvertreter seiner einzigen Tochter bestellt. Gleichzeitig vermachte er seine kleine Werkstatt an einen der Söhne von Cramer, den dieser bestimmen konnte. Als Theodor Cramer 1843 nach Nürnberg zurückkehrte, ließ Klett auf seinen Namen einen Kredit für Cramer in Höhe von 5000 Gulden eröffnen, ohne dass der Kreditgeber genannte werden durfte. Bereits 1843 änderte Klett sein Testament endgültig zugunsten von Theodor Cramer und setzte ihn, falls die eigene Tochter sterben sollte, zum Alleinerben der Maschinenfabrik ein. Seit 1846 war Cramer bei verschiedenen geschäftlichen Angelegenheit in … (der; R. S.) Leitung der Maschinenfabrik tätig.“[24]
Klett starb überraschend am 21. 4. 1847 an einem Schlaganfall. Wenige Tage nach seinem Tod heiratete Cramer dessen Tochter Emilie am 2. 5. 1847, mit der ihn zuvor bereits eine innige Freundschaft verbunden hatte.[25] Die noch vor Kletts Tod mit diesem vereinbarte Heirat machte Cramer zugleich zum Eigentümer der Firma J. F. Klett & Co. Wie von Klett verlangt, gab Cramer dafür die Verlagsbuchhandlung auf und nahm zugleich, den verstorbenen Schwiegervater ehrend, dessen Namen als Zusatz an.[26]
Cramer-Klett, wie er sich nun nannte, hatte zwar keine Erfahrungen mit industrieller Betätigung, demonstrierte jedoch vom ersten Moment der Geschäftsübernahme an seine unternehmerische Begabung. Das Manufakturwarengeschäft brachte er in die Großhandlungsfirma Johann Friedrich Klett ein, deren Betrieb er im Wesentlichen dem bisherigen Geschäftsführer und Gesellschafter Karl Fuchs überließ. Er selbst widmete sich primär der Fabrik, in der er sich die alleinige Geschäftsführung durch Auszahlung der seinerzeit von Klett angeworbenen englischen Mitgesellschafter sicherte. Andererseits holte er den nunmehr fehlenden technischen Sachverstand in die Firma zurück, indem er den hervorragenden Eisenbahnfachmann und genialen Konstrukteur Ludwig Werder von der Leitung der staatseigenen Konkurrenz, der Kgl. Wagenbauwerkstätte in Nürnberg, abwarb.[27] Zu seinen sich frühzeitig einstellenden Erfolgen trug neben diesen organisatorischen Maßnahmen zweifellos auch bei, dass er nicht nur von aller Welt als sehr gebildet, scharfsinnig und vielseitig wahrgenommen wurde, sondern seine Interessen durch auffallend liebenswürdiges Auftreten äußerst wirksam zu vertreten wusste.[28] Außerdem war ihm der Gewinn eines Loses der österreichischen Staatslotterie in Höhe von 300.000 fl.[29] natürlich eine große Hilfe. Sein Onkel Platner soll ihm andererseits einen Kredit versagt haben, da dieser den Standort Nürnberg für eine Maschinenfabrik ungeeignet erachtete: zu weit von Kohlen- und Eisenerzlagern entfernt, was zu hohe Transportkosten verursachen würde.[30]
Das Eisenbahn-Geschäft
Während der ersten Jahre unter Cramer-Kletts Leitung profitierte die Fabrik vor allem vom Eisenbahnbau, den sie mit Waggons und Dampfmaschinen belieferte.[31] Bald wurden aber auch Dampfmaschinen für Textilfabriken und andere Verwendungen gebaut. Eine Drahtstiftenfabrik, die Werder begründet hatte, gliederte Cramer-Klett 1850 seinem Unternehmen ein und löste damit die zumindest in Bayern noch weit verbreitete handwerkliche Nagelherstellung ab. Ihre Vielseitigkeit bewies jedoch die Firma mit dem Bau der 430m langen Schrannenhalle in München 1851-1853 (nach zwischenzeitlichem Abriss von 2003-2005 wieder errichtet und 2010 zum zweiten Mal neu eröffnet)[32], des Königlichen Wintergartens an der Residenz 1853 und vor allem mit dem Bau des Glaspalastes für die Allgemeine Münchener Gewerbeausstellung 1854.[33] Mit diesem Nachbau des Londoner Kristallpalastes, in 100 Tagen ausgeführt, „ein damals unerhörtes Unternehmen“[34], wurde Cramer-Klett weit über die Grenzen Bayerns und Deutschlands hinaus schnell berühmt. Er erhielt dafür 1855 den Zivildienstorden der bayerischen Krone und wurde auf diese Weise in den persönlichen Adelsstand erhoben.[35] Weitere Großbauten, wie der der Würzburger Bahnhofshalle 1856, der Großhesseloher Brücke über die Isar 1857, der Rheinbrücke von Mainz nach Kastel 1859-62[36] und schließlich der Bahnhofshalle in Zürich 1867-1869, folgten. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass all diese (und weitere, noch zu erwähnende Projekte) die große unternehmerische Leistung Cramer-Kletts belegen können, die jedoch nur in enger Verbindung mit dem genialen Ingenieur Ludwig Werder möglich war. 1857 beschäftigte Cramer-Klett bereits 2.300 Arbeiter[37] und war zum bedeutendsten Industriellen Bayerns geworden. Das Unternehmen hatte einen Ruf als leistungsstarker Zulieferer von Eisenbahnmaterial, besonders Waggons (keine Lokomotiven), aber auch von Schrauben, Muttern und Nägeln, und zugleich als Erbauer von Großkonstruktionen in Eisen und Glas, hier vor allem Bahnhofshallen und Brücken, erworben.
Der wichtigste Geschäftszweig blieb allerdings der Bau von Eisenbahn-Material. Cramer-Klett realisierte nicht nur Innovationen in der Produktion (z. B. die standardisierte Massenfertigung), sondern erprobte auch neue Wege der Finanzierung. Seit 1856 verband er sich mit zahlreichen Eisenbahngesellschaften, beginnend mit dem Eintritt in den Verwaltungsrat der bayerischen Ostbahn, dem Beteiligungen an mehreren österreichischen und ungarischen Eisenbahnen folgten.[38] Ein wichtiges Prinzip seiner Eisenbahn-Beteiligungen war, „die Kapitaleinlagen nicht in bar, sondern durch Materiallieferungen seiner Unternehmen“ zu begleichen. Dadurch sicherte er sich „Aufträge und zugleich Liquidität“.[39] Voraussetzung für das Engagement bei der Ostbahn war, dass sich der bayerische Staat zu der Zeit aus finanziellen und politischen Gründen von der Idee eines Staatsbahnen-Netzes, die man in den 1830er und 1840er Jahren verfolgt hatte, wieder zurückzog. So existierten 1861 nur drei größere Staatsbahnlinien von insgesamt 125,5 Meilen Länge, die den Westen und die Mitte Bayerns erschlossen und diese Regionen mit dem Südwesten und dem Norden Deutschlands verbanden. Der gesamte Osten und damit die Verbindungen nach Österreich und Böhmen fehlten. Vor allem aber besaßen die während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für den Aufbau einer Eisen schaffenden und verarbeitenden Industrie in Bayern viel versprechenden Ansätze in der Oberpfalz keine leistungsfähige Verkehrsanbindung an die industriellen Zentren um Nürnberg und Augsburg. Dies Manko war nur durch privaten Eisenbahnbau zu beheben. An die Spitze der entsprechenden Initiative stellte sich der Advokat Gustav Schlör aus Weiden/ Oberpfalz, der im Übrigen 1848 mit nur 28 Jahren in das Paulskirchen-Parlament gewählt worden war. Für den Bau der Ostbahn konnte Schlör Cramer-Klett sowie die Münchener Bankiers Karl von Eichthal und Joseph von Hirsch gewinnen. Auch die Darmstädter Bank für Handel und Industrie[40] beteiligte sich mit einer geringen Kapitaleinlage, und der bayerische Staat garantierte für 35 Jahre eine Verzinsung von mind. 4,5%.[41]
Die Darmstädter Bank war die erste große deutsche Geschäftsbank auf Aktienbasis. Sie wurde 1853 primär von Kölner Privatbankiers, an der Spitze der Bankier und Eisenbahnunternehmer Gustav von Mevissen,[42] wegen des Widerstands der preußischen Regierung gegen private Aktienbanken außerhalb der preußischen Grenzen gegründet. Zu ihr unterhielt Cramer-Klett seit dem Gründungsjahr eine enge Verbindung und war viele Jahre in ihrem Aufsichtsrat tätig.[43] In der Deutschen Biographischen Enzyklopädie heißt es dazu sogar: „1853 trat er in Verbindung zur Bank für Handel und Industrie in Darmstadt und lieferte damit einen entscheidenden Beitrag zur Förderung der künftigen Zusammenarbeit von Banken und Industrie.“[44] Diese Formulierung wirkt etwas übertrieben, denn speziell im rheinischen Raum hatte man schon viele Jahre zuvor Erfahrungen mit engen Beziehungen zwischen Banken und Industrie sowie vor allem Eisenbahnen gemacht – man denke nur an den Schaafhausenschen Bankverein in Köln, der 1848 in der konjunkturellen Flaute gerade wegen seiner Beteiligungen an verschiedenen Industrieunternehmen fast zusammenbrach.[45]
Für Cramer-Klett war die Tätigkeit im Verwaltungsrat der Ostbahn, die erst 1873 mit seinem Austritt endete, bedeutsam weil er einerseits seiner Maschinenfabrik Aufträge beim Eisenbahnbau sichern konnte. Andererseits trat er dadurch in engen Kontakt und machte wichtige Erfahrungen mit Personen, mit denen er in den Folgejahren immer wieder größere Transaktionen durchführte, nicht zuletzt gestützt auf das Vertrauen, das er diesen ihm auch zunehmend freundschaftlich verbundenen Menschen entgegen brachte. Hervorzuheben ist hier Gustav Schlör, 1862 zweiter, ab 1863 erster Direktor der Ostbahn, und von 1866 bis 1871 (bis zur Auflösung des Ministeriums) bayerischer Handelsminister, seit 1873 Teilhaber der Firma Klett & Co. Zu den Direktoren der kooperierenden Banken hatte Cramer-Klett ebenfalls ein enges, oft freundschaftliches Verhältnis, so zu Dr. August Parcus und Franz Dülberg von der Darmstädter Bank wie auch zu Alexander Peez und Theodor von Hornbostel von der Österreichischen Kreditanstalt.[46] Persönlich gewonnenes und bewährtes Vertrauen sowie Freundschaft (häufig auch Verwandtschaft) waren die beiden Wege, auf denen Cramer-Klett – wie viele Unternehmer in damaliger Zeit, als man noch nicht auf Headhunter oder Unternehmensberater zurückgreifen konnte – das so genannte Principal-Agent-Problem löste, das Problem, geeignete Personen für die Realisierung seiner Geschäftsideen zu finden. Typisch für die Geschäftspolitik Cramer-Kletts war auch, dass er sich bei allen Eisenbahn-Projekten nicht mit gutachterlichen Meinungsäußerungen von Banken begnügte, sondern die Projekte stets durch befreundete Experten prüfen ließ.[47]
Cramer-Klett konnte als Referent des Verwaltungsrats der Königl. Privilegierten Aktiengesellschaft der bayerischen Ostbahnen erstmalig seinen fortan durchgehaltenen Grundsatz verwirklichen, die im Zuge des Bahnbaus anfallenden Aufträge möglichst ausschließlich an bayerische Firmen zu vergeben, dabei natürlich auch an die eigenen. Im Bau gerade dieser Eisenbahnstrecken kann man außerdem einen wertvollen Beitrag zur wirtschaftlichen Erschließung des bayerischen Ostens sehen. Z. B. wurde die Anlage von neuen rentablen Eisenerzgruben im Raum Sulzbach-Rosenberg und die Verarbeitung der Erze in der Maffeischen Maximilianshütte ebenso erst durch diese Bahnen ermöglicht wie die Modernisierung und Erweiterung des traditionellen Erzbergbaus im Raum Amberg. „Die Maxhütte betrieb das Hochofenwerk Rosenberg mit Koks, der auf der Ostbahn angefahren wurde.“[48] Das führte zur Verbilligung des in der Fabrik Cramer-Kletts weiter verarbeiteten Roh- bzw. Walzeisens, zugleich stärkte wiederum die Erhöhung des Frachtaufkommens die Rentabilität der Ostbahn.
Cramer-Klett resümierte seine Überlegungen in einem Gutachten an den Verwaltungsrat der Ostbahn, das eine Strategie zur Förderung der Industrialisierung Bayerns durch Vergabe von Eisenbahnbau-Aufträgen (von denen er selbst, aber auch andere profitierten) darstellt: „Wir besitzen nun aber (in Bayern) alle Bedingungen einer naturwüchsigen Industrie, daher wäre es offenbar (…) verfehlt, unsere Consumtion an das Ausland zu verweisen und jene uns von der Natur gebotenen Vorteile am Wege liegen zu lassen. Bis aber die entsprechende Ausbeutung derselben erfolgen kann, hat doch der Staat offenbar das größte Interesse, die glücklichen Anfänge unserer Eisen- und Maschinen-Industrie mit aller Achtsamkeit zu pflegen und zu erhalten.“[49] Die Chancen dieser jungen Industrien, zu denen Cramer-Klett seine eigene Fabrik ebenso rechnete wie die Unternehmungen von Maffei, Reichenbach und Spaeth, verlangten seiner Meinung nach zugleich eine klare Spezialisierung, um Konkurrenzfähigkeit mit dem Ausland zu gewährleisten, d. h., die einheimische Industrie sollte keineswegs um jeden Preis gefördert werden. Diese Spezialisierung wurde u. a. in der Form realisiert, dass Maffei nur Lokomotiven produzierte, Cramer-Klett Dampfmaschinen, Waggons, Räder, Laschen, Bolzen und anderes Eisenbahnmaterial, Spaeth Drehscheiben und Reichenbach Turbinen, Transmissionen etc.
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang die Erörterung des eigenen Anteils an den bewussten Geschäften, der keineswegs verschwiegen wird. So heißt es in dem Gutachten u. a.: „Dass der Unterzeichnete bei Erörterung dieses Gegenstandes seiner eigenen Fabrikation gedachte, konnte und wollte nicht vermieden werden; weil in dem Maße, wie er auf die höheren Anforderungen des öffentlichen Wohles in erster Reihe Bedacht genommen wissen will, er auch durch geeignete Konkurrenz oder Vereinbarung die möglichen Ausschreitungen des privaten Interesses abzuhalten und somit ganz besonders den Privatvorteil der Gesellschaft zu wahren wünscht.“[50] Die Eisenbahngesellschaft soll durch ihre Art der Auftragsvergabe die rasche Entwicklung einer großen Industrie in Bayern fördern, weil diese der Eisenbahn die Vorleistung „alsbald mit hundertfältigen Zinsen wieder erstattet“.[51] Im Übrigen legte Cramer-Klett hier Zusammenhänge dar, die in der neueren wirtschaftshistorischen Forschung auf makroökonomischer Ebene fundiert herausgearbeitet wurden: die Eisenbahnen als Motor und in der Verbindung mit der Schwerindustrie als Leitsektor der Industrialisierung in Deutschland, die sich zuvor trotz beachtlicher Anläufe wegen der geringen Massenkaufkraft nicht entfalten konnte.[52] Cramer-Klett erweist sich zudem mit diesen Ausführungen als klassischer Liberaler, der das längerfristige Gedeihen privater Profitinteressen stets in Wechselwirkung mit dem und in Abhängigkeit vom Aufblühen der Gesamtwirtschaft sieht, dies wiederum in Abstimmung mit staatlichen Rahmensetzungen.
Darüber hinaus realisierte Cramer-Klett im Zusammenhang mit seinen Beteiligungen an Eisenbahngesellschaften eine innovative Form der Industriefinanzierung. In den 1850er Jahren wurden zwar viele neue Unternehmen gegründet, die als Nachfrager nach Eisenbahnmaterial am Markt auftraten, jedoch verlangten diese wegen ihrer notorischen Unterkapitalisierung regelmäßig Lieferung auf Kredit. Angesichts des Fehlens von kapitalstarken Banken in Deutschland, besonders in Bayern, die bereit und in der Lage gewesen wären, größere industrielle Unternehmungen und Investitionen mit Krediten zu unterstützen, hätte sich Cramer-Klett wie seine Konkurrenten auf Zug-um-Zug-Geschäfte beschränken müssen und neue Aufträge erst hereinnehmen bzw. in Angriff nehmen dürfen, wenn die alten finanziell abgewickelt waren. Diese Beschränkung umging er auf zweierlei Weise: Einerseits hatte er stets auf größte Liquidität geachtet und Kapitalien in Reserve gehalten, um auch langfristige Lieferantenkredite gewähren zu können.[53] Andererseits suchte er die kapitalmäßige Beteiligung an privaten Bahngesellschaften sowohl mit Aktien wie mit Obligationen, bemühte sich dabei allerdings darum, wie dargestellt, die Kapitalanlage nicht bar, sondern durch Materiallieferungen zu begleichen. Letzten Endes entwickelte sich Cramer-Klett vom Eisenbahnzulieferer zum Erbauer ganzer Strecken, dies vor allem als Generalunternehmer. Zu diesem Zweck gründete er 1872 zusammen mit der Österreichischen Kreditanstalt und der Bank für Handel und Industrie sowie den beiden Münchener Ingenieuren Hügel und Sager, mit denen er bereits mehrfach zufrieden stellend kooperiert hatte, die in der Folgezeit sehr erfolgreiche „General-Unternehmung Hügel & Sager“ und beteiligte sich maßgeblich an deren Kapital.[54]
Cramer-Klett als Finanzier
Wie Biensfeldt bemerkt, führte die Art der Transaktionen Cramer-Kletts schon frühzeitig „ohne weiteres aus dem reinen Industriegeschäft in das Bank- und Börsengeschäft hinüber.“[55] Dies war wohl doch seine eigentliche Leidenschaft, denn die Abwicklung der eingeworbenen Aufträge im Eisenbahngeschäft wie im Brücken- und Hochbau überließ er den vertrauten, zuverlässigen Direktoren seiner Fabriken, besonders Werder[56] in der Maschinenbaufabrik und dem genialen Ingenieur Gerber[57], der seit 1863 die im Jahr zuvor gegründete Brückenbauanstalt in Gustavsburg[58] leitete. Die Firma Klett & Co. machte er dagegen schon in den 1850er Jahren mehr und mehr zu einer Holding, die „vollkommen die Merkmale einer Handels- und Industriebank aufwies.“[59] Angesichts des spätestens zu Beginn der 1860er Jahre erreichten Geschäftsvolumens der Maschinenfabrik mit ihren angelagerten Spezialbetrieben, die zwischen 1.500 und 1.700 Arbeiter beschäftigte[60], benötigte Cramer-Klett in der Leitung allerdings starke Entlastung. Deshalb gründete er 1865 die Maschinenfabrik um in die offene Handelsgesellschaft Maschinenbau-Gesellschaft Nürnberg Klett & Co. Bei der Gelegenheit nahm er den bisherigen Direktor der hessischen Ludwigsbahnen Johannes (Jean) Kempf als Teilhaber und kaufmännischen Direktor in die Maschinenfabrik auf, den langjährigen leitenden Mitarbeiter Ludwig Werder als Teilhaber und technischen Direktor. In beiden Fällen behielt sich Cramer-Klett vertraglich vor, alleiniger Inhaber der Firma zu bleiben. Die Herren Kempf und Werder wurden wegen ihrer für ihn wertvollen Fähigkeiten und Kenntnisse als Teilhaber aufgenommen, jeweils mit ganz spezifischen Aufgabenbereichen, doch sollten sie keinen bestimmenden Einfluss auf die Geschäftspolitik des Unternehmens haben.
Die erwähnte Holding und damit seine Finanzgeschäfte betrieb Cramer-Klett unter der Firma Klett & Co.[61] Nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst, 1872, nahm er Schlör (der inzwischen geadelt worden war), als Teilhaber in die Holding auf, „um den Geschäftsumfang der letzteren (…) auf Eisenbahn-Unternehmungen aller Art auszudehnen.“[62] Auch in diesem Fall wurde im Vertrag betont, Cramer-Klett bleibe alleiniger Inhaber der Firma Klett & Co. Hier deuten sich erste Fehleinschätzungen der wirtschaftlichen Entwicklung an. Cramer-Klett erkannte nicht, daß sich der Ausbau des Eisenbahnwesens stark verlangsamen würde, da eine Sättigung eingetreten war: Alle wichtigen größeren Strecken waren gebaut, Deutschland mit einem dichten Eisenbahn-Netz überzogen. Was nun folgen sollte, war der Bau von Nebenstrecken, Industrieanschlüssen, Anlage von Doppelgleisen, Ersatzbedarf. Das addierte sich, von der konjunkturellen Krise 1873-1879 abgesehen, zu einer durchaus noch beachtlichen Nachfrage nach Eisenbahn-Material, aber mit geringen Steigerungsraten, und die Konkurrenz in Deutschland wie im Ausland war enorm gewachsen. Auf den weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes als Grundlage für die Maschinenbau-Firma zu setzen, erwies sich als nicht tragfähig. Schlör seinerseits hing ebenfalls einem hoffnungslosen Projekt nach, dem Betrieb eines Hochofens und Eisenhammers in Plankenhammer bei Neustadt an der Waldnab – ein Werk, das jedoch niemals reüssierte und 1883 aufgegeben werden musste; wenig darauf starb Gustav von Schlör.[63]
Anfang der 1870er Jahre jedoch, auf dem Höhepunkte der Entwicklung, stellte sich der Geschäftsumfang der Holding wie folgt dar:
„Bank- und Holdinggesellschaft“ Klett & Co., Anfang der 1870er Jahre
Industrie Banken/ Versicherungen Eisenbahnen
Maschinenbau AG, NürnbergAK 2,7 Mio. M.umgegründet 1873 Beteiligung an Kommanditen der Bank für Handel und Industrie AG, Darmstadt:a) Wien (1867),Anteil 85.700 M.b) Stuttgart (1869),Anteil: 171.400 M.
c) München (1870),
Anteil: 471.350 M.
d) Kassel (1873),
Anteil: 154.260 M.
e) Mailand (1873) Beteiligungen ana) Buschtehrader Eisenbahn (1855)b) Bayerische Ostbahn (1856)c) Neumark-Ried-Braunauer Eisenbahn AG (1865)d) Elisabeth Westbahn
e) Barcs-Fünfkirchner-Bahn (1868)
f) Dux-Bodenbacher-Bahn (1869)
g) Alföld-Bahn (1869)
h) Arad-Temesvar-Bahn (1869)
Süddeutsche Brückenbau AG, MünchenAK 0,6 Mio. M.gegründet 1873
Drahtstiftenfabrik Klett & Co., Nürnbergumgegründet 1873
Eisenwerk J. Tafel & Co., NürnbergAnteil 110.000 M. umgegründet 1876
Wasserwerks-Gesellschaft in Frankfurt/ Main AGAK 7,5 Mio. M.Anteil 510.000 M.gegründet 1871 Süddeutsche Bodencreditbank AG, MünchenGegründet 1871AK 24 Mio. M.mehrheitl. bei Cramer-Klett General-Bauunternehmung Hügel & SagerAnteil: 172.000 M.gegründet 1872
Süddeutsche Immobiliengesellschaft AG, Mainzgegründet 1871AK 30 Mio. M.mehrheitl. bei Cramer-Klett
nach Eibert, G.: Unternehmenspolitik Nürnberger Maschinenbauer (1835-1914). Stuttgart 1979, S. 78
Der Finanzierungsbedarf der großen Eisenbahn- und Brückenprojekte legte nahe, sich mit starken Partnern zu verbinden. Das tat Cramer-Klett vor allem in Form der Kooperation mit der Bank für Handel und Industrie. Die Kooperation beschränkte sich jedoch keineswegs auf Eisenbahn- und Brückenprojekte, sondern schloss Finanztransaktionen mit ein. „Bei den meisten größeren Operationen der Darmstädter Bank in österreichischen und bayerischen Staatspapieren war Cramer-Klett beteiligt.“[64] Dagegen hielt er sich von den oft riskanten Beteiligungen der Bank an Industrieunternehmungen fern. Im Hinblick auf die Eisenbahn- und Finanztransaktionen in Österreich bestand ein enges Verhältnis zur Österreichischen Kreditanstalt in Wien. Mit beiden Banken ging Cramer-Klett größere Konsortialbeteiligungen ein.
Hervorzuheben sind die zusammen mit der Darmstädter Bank seit den späten 1860er Jahren gegründeten Kommanditen, die teilweise langfristig sehr erfolgreich waren. „Meist traten ortseingesessene Bankiers als persönlich haftende Gesellschafter auf, während die Darmstädter Bank und ihre Unterbeteiligten als Kommanditisten zur Seite standen. Cramer-Klett gründete mit der Darmstädter Bank 1867 die Firma Dutschka & Cie. in Wien, 1869 die Firma Pflaum & Cie. in Stuttgart. Besonderes Interesse hatte er an einer Niederlassung in München, da in Bayern Ende der sechziger Jahre ein für seine Geschäfte geeignetes Bankunternehmen immer noch fehlte. So kam es am 27. April 1870 zu dem Vertrag über die Kommanditgesellschaft Merck, Christian & Co. Ihr Kapital wurde auf 700.000 fl. festgesetzt, von dem Dr. Heinrich Merck 75.000 fl., Adolf Christian 25.000 fl., die Darmstädter Bank 325.000 fl. und Cramer-Klett, diesmal nicht als Unterbeteiligter der Darmstädter Bank, sondern offen 275.000 fl. übernahmen.“ [65] Da Merck der juristische Experte, Christian wiederum zwar erfahrener Bankier, aber kränkelnd war, lag das Geschäft von Anfang an im Wesentlichen in den Händen des erst 22jährigen Prokuristen Wilhelm Finck, eines gelernten Bankkaufmanns. Diesen, in einschlägigen Kreisen frühzeitig als großes Talent erkannten jungen Mann hatte man auf Empfehlung des Aufsichtsrats der Darmstädter Bank, Schmidt-Polex, von der Londoner Filiale der im Import von Farbwaren, vor allem Indigo, tätigen Handelsfirma Nestle, Andreae & Co. angeworben, bei der er sich nicht sonderlich wohl fühlte.[66] Finck wurde aufgrund seiner Tüchtigkeit schon 1871 als Gesellschafter an der Bank beteiligt mit einer Einlage in Höhe von 25.000 fl., die der von Christian entsprach.[67] Die zielstrebige und erfolgreiche Dynamik, mit der er sich in der Bank engagierte, lässt sich gut daran erkennen, dass er bereits 1873 seine Einlage mit Hilfe eines väterlichen Kredits auf 75.000 fl. erhöhte, während die Einlagen der übrigen Teilhaber unverändert blieben.[68]
Als weitere gemeinsame Kommanditen mit der Darmstädter Bank wurden über längere Zeit auch Banken in Kassel und Mailand betrieben, die jedoch nicht florierten.[69] Die 1873 unter dem Namen Finck & Scherbius gegründete Mailänder Kommandite von Cramer-Klett und Darmstädter Bank leitete Wilhelm Fincks Bruder August. Sie erwies sich als wenig erfolgreich. Da andererseits in München dringender Bedarf an einer weiteren Führungspersönlichkeit bestand, die Wilhelm Finck entlasten konnte, zog Cramer-Klett im Jahre 1879 August Finck aus Mailand ab, nachdem die dortige Kommandite ohne Verlust aufgelöst worden war, und nahm ihn als Teilhaber in die Münchener Kommandite auf. Die aus der Gründungsphase stammenden Beteiligungsverhältnisse an der „Münchner Commandite“ (so noch bis Ende des Jahrhunderts die Bezeichnung in den Abrechnungen, die das Bankhaus Merck, Finck & Co. dem Teilhaber Cramer-Klett jun. halbjährlich bzw. semesterweise zukommen ließ)[70] änderten sich mit dem krankheitsbedingten Ausscheiden Christians und dem Eintritt von August Finck als Teilhaber 1879. In diesem Zusammenhang wurde das Institut auch umbenannt in Merck, Finck & Co. Das Geschäftskapital, bei der Gründung 1,6 Mio. fl. oder 2,750 Mio. M., erhöhte sich mit der Einlage von August Finck auf 3 Mio. M. „Die Einlage der drei Teilhaber Dr. Merck, Wilhelm und August Finck betrug nun je 250.000 M., die Kommanditeinlage von Cramer-Klett 962.500 M., die der Darmstädter Bank 1.287.500 M.“[71]
Über die Aufteilung des Gewinns und insofern die Beteiligungsverhältnisse in späterer Zeit informieren die Gewinn- und Verlustrechnungen von Merck, Finck & Co. Die erste einsehbare Gewinn- und Verlustrechnung für das Jahr 1888 weist folgende Aufteilung des Gewinns von 279.373,34 M. aus, die den Beteiligungsverhältnissen zu diesem Zeitpunkt entsprechen dürfte: Präcipuum (Vorausabzug) in Höhe von 37,5% an Wilhelm Finck; der verbleibende Gewinn ging zu 12/28 an Finck, 11/28 an die Bank für Handel und Industrie, Darmstadt, und zu 5/28 an Cramer-Klett jun.[72] Der Kapitalanteil Cramer-Kletts ist in der Anfangsphase 1870 ff. erheblich größer gewesen: 1870 rd. 39%, 1879 noch 32%. Er wurde bis 1888 jedoch prozentual dadurch verringert, dass Wilhelm Finck seinen Anteil stetig erhöhte. Andererseits kann man wohl davon ausgehen, dass die Bank für Handel und Industrie sowie Cramer-Klett ihre Einlagen absolut unverändert gelassen haben, die Anteilsverringerung also allein durch die Kapitalerhöhungen von Seiten Wilhelm Fincks zustande gekommen sind. Dafür spricht das recht hohe Präcipuum und die Tatsache, dass bis zur letzten einsehbaren Gewinn- und Verlustrechnung aus dem Jahre 1897 eine weitere relative Verringerung der Anteile der Darmstädter Bank und Cramer-Kletts erfolgten. Die Aufteilung des Gewinns nach Abzug des unveränderten Präcipuums wurde nunmehr im Verhältnis 16/32 für Finck, 11/32 für die Bank und 5/32 für Cramer-Klett vorgenommen.[73] 1897 erfolgte dann die von Wilhelm Finck schon Jahre zuvor angestrebte und nur aus Rücksicht auf den unmündigen Sohn Cramer-Kletts, der erst 1895 die Volljährigkeit erlangte, aufgeschobene Lösung der Kommanditverhältnisse: Die Kommanditisten Darmstädter Bank und Cramer-Klett wurden ausgezahlt. „So wurde das Haus Merck, Finck & Co. am 1. Juli 1897 offene Handelsgesellschaft. Teilhaber waren Wilhelm Finck und sein Bruder August. Stillbeteiligte blieben (…) die Herren Dr. Merck und Adolf Christian mit ihren bisherigen Einlagen.“[74] Im Übrigen fungierte auch 1897 noch die Firma Klett & Co. als Bank und Holding der Familie Cramer-Klett, denn der Gewinnanteil wurde dem Konto der Firma gutgeschrieben.
Die Süddeutsche Bodenkreditbank, mit der Cramer-Klett den Wohnungsbau für die Arbeiterbevölkerung vorantreiben wollte, gründete er 1871 zunächst allein, zog dann aber auch für dies Engagement die Darmstädter Bank sowie seine Kommandite Merck, Christian & Co. hinzu. Die von ihr in Umlauf gebrachten Pfandbriefe erreichten schon 1874 ein Volumen von fast 70 Mio. M., was im wesentlichen eine Leistung der Bank Merck, Christian & Co., war, die das weit verzweigte Vertriebsnetz für die Pfandbriefe ausbaute und „auch auf kleinste Provinzplätze erstreckte“.[75] Schon 1880 war die Süddeutsche Bodencreditbank nach der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank das zweitgrößte Hypothekeninstitut Deutschlands. Insofern war diese Gründung ein weiterer großer Erfolg Cramer-Kletts.
Von den vielen weiteren finanziellen Unternehmungen, an denen Cramer-Klett beteiligt war, die er oft selbst angestoßen und vorangetrieben hatte, sei noch die 1880 erfolgte Gründung der Münchener Rückversicherungs Gesellschaft genannt, die innerhalb weniger Jahre zum Weltmarktführer heranwuchs; dazu unten noch mehr. Zu erwähnen sind natürlich noch die umfangreichen und höchst verdienstvollen gemeinnützigen Aktivitäten und Leistungen Cramer-Kletts, sowohl im Sinne sozialer Einrichtungen innerhalb seiner Unternehmen als auch im öffentlichen Raum.[76] Stellvertretend sei auf die Bemühungen um das Nürnberger Gewerbemuseum eingegangen, die zugleich den Kontakt mit seinem späteren Generalbevollmächtigten Hermann Pemsel herstellten.
Das Nürnberger Gewerbemuseum
Cramer-Klett bemühte sich im Jahre 1869 um die Gründung eines Gewerbemuseums in Nürnberg.[77] 1868 war seine Initiative gescheitert, die 1822 von privater Seite errichtete und 1833 staatlich anerkannte „polytechnische Schule“ in Nürnberg zu halten, obwohl Cramer-Klett eine Stipendien-Stiftung von 100.000 fl. zur Verfügung gestellt hatte. Der Staat privilegierte jedoch mit einer Verordnung über das Industrieschulwesen vom 3. 9. 1868 die polytechnische Schule in München, aus der die Technische Hochschule hervorging.[78] Daraufhin entstand die Idee, in Nürnberg ein Gewerbemuseum nach dem Vorbild des Pariser Conservatoire des arts et des métiers bzw. des Londoner Kensington Museums zu gründen, das durch Ausstellung von besonders gelungenen, vor allem auch hervorragend gestalteten gewerblichen Erzeugnissen eine Anregungsfunktion wahrnehmen konnte. Musterlager und Versuchslaboratorien sollten den Lehrzweck unterstützen. Dies erschien Cramer-Klett umso notwendiger, als das für Nürnberg typische Kleingewerbe im 18. und frühen 19. Jahrhundert einen fortschreitenden Niedergang erlebt hatte. Von dem im Mittelalter erworbenen Glanz der Nürnberger Gewerbe war nichts geblieben. Es zeugt von dem ausgesprochen philantropischen Zug im Charakter Cramer-Kletts, dass er als einer der wenigen modernen Industriellen Nürnbergs dies Projekt im Interesse der breiten Masse der Bürger vorantrieb. Zusammen mit dem Reichsrat Lothar von Faber, einem weiteren der wenigen erfolgreichen Unternehmer in der Stadt, richtete er ein Schreiben an den Bürgermeister, in dem er das Projekt darstellte und anfragte, ob die Stadt bereit sei, „im Verein mit den bayerischen und insbesondere den Nürnberger Industriellen ein solches Institut ins Leben zu rufen.“[79]
Nach längeren Vorverhandlungen mit dem äußerst zögerlichen und dem Projekt nur halbherzig zuneigenden Stadtmagistrat konstituierte sich am 28. 1. 1869 das Gründungskomitee, das verschiedene Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens und politische Vertreter der Stadt Nürnberg versammelte. „Zugleich wurde ein Subkomitee aus den Reichsräten Marx und Haller von Hallerstein, Dr. Merck und Magistratsrat Kugler gebildet“[80], das „diejenigen intellektuellen und materiellen Kapazitäten aus ganz Bayern“ bezeichnen sollte, die für den Beitritt zum Gründungskomitee zu gewinnen waren. Außerdem galt es, eine Persönlichkeit zu finden, „die die technische Geschäftsleitung für das Komitee“ leisten könnte. Dazu schreibt Biensfeldt: „Letztere war alsbald in der Person des Rechtsbeistandes Cramer-Kletts, Dr. Pemsel, gefunden, der damals noch als Konzipient mit Rechtsanwalt Dr. Merck zusammen arbeitete und für seine Tätigkeit im Komitee von Cramer-Klett persönlich honoriert wurde.“[81] Die Bestellung Hermann Pemsels hatte auch sofort günstige Auswirkungen auf das Schicksal des Projekts, denn dies war, wegen der zögerlichen Haltung der Stadt, in Gefahr geraten. Die Staatsregierung hatte deshalb zwischenzeitlich die Idee erwogen, das Gewerbemuseum in München anzusiedeln. Den Verhandlungen der Reichsräte von Cramer-Klett und von Faber, „ferner auch Dr. Pemsels, war es jedoch zu verdanken, daß die Regierung von dem Münchner Projekt abkam und im Gegenteil seine (ihre; R. S.) Beteiligung an dem Nürnberger Unternehmen zusagte.“[82] Pemsel hatte sich also bei dieser ersten größeren Aktivität im Interesse Cramer-Kletts sogleich als geschickter Unterhändler bewährt, eine Fähigkeit, die er später noch oft in verschiedenen Funktionen unter Beweis stellen konnte. Nachdem am 28. 4. 1869 die konstituierende Sitzung des Gründungskomitees unter Beteiligung aller wichtigen bayerischen Städte, der Vertreter der Industrie und der Staatsregierung stattgefunden und man einen Verwaltungsausschuß gebildet hatte, war es in der Folgezeit Pemsels wichtigste Aufgabe, das Gründungs- und Betriebskapital aufzubringen. „Die umfangreiche Werbetätigkeit durch Wort und Schrift wurde hauptsächlich von Dr. Pemsel ausgeführt“[83], vor allem in Form von Presseartikeln, aber auch von ihm entworfenen Bittschreiben und Eingaben, während einige Honoratioren vermögende potenzielle Unterstützer persönlich aufsuchten. Im Übrigen reiste Pemsel auf Veranlassung Cramer-Kletts 1871 nach Wien, um zusammen mit dem Direktor des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie, den man als Sachverständigen gewonnen hatte, unter 26 Bewerbern den Leiter für das neue Nürnberger Gewerbemuseum auszuwählen, der per 1. 1. 1872 seine Tätigkeit aufnahm.[84]
Gemäß der Darstellung Biensfeldts kam die Zusammenarbeit Hermann Pemsels mit Cramer-Klett also dadurch zustande, dass er als Konzipient des Cramer-Klettschen Freundes und Rechtsbeistands Merck für die Geschäftsführung des Gründungskomitees vorgeschlagen wurde. Das klingt stimmig, doch ist diese Zusammenhangsbehauptung irrig: Pemsel war bis Ende Januar 1869 Staatsanwalts-Substitut in München und trat am 1. 2. 1869 seine Tätigkeit als Konzipient in der Kanzlei seines Vaters in Erlangen an – wie eindeutig aus der entsprechenden Anzeige Pemsels an das Kgl. Bezirksgericht in Fürth hervorgeht.[85] Es bleibt demnach im Dunkeln, wie die Verbindung zustande kam. Vermutlich war Dr. Merck durchaus der Verbindungsmann. Er dürfte Pemsel am Nürnberger Gericht erlebt haben, wo dieser sich vor allem in den Jahren 1866/67 einen sehr guten Ruf erworben hatte. Merck und Pemsel sind sich aber möglicherweise auch während der folgenden Jahre in München bei Gericht begegnet, denn Merck war für Cramer-Klett dort des Öfteren tätig. Darüber hinaus könnte Pemsels Engagement in der Kampagne zur Freigabe der Advokatur bei den beiden Altliberalen, Cramer-Klett und Merck[86], auf viel Zustimmung gestoßen sein und ihn sozusagen empfohlen haben. Ausschlaggebend war jedoch, dass Merck auf Veranlassung Cramer-Kletts 1870 seine Advokatenstelle in Nürnberg aufgab, um nach München überzusiedeln und in die erwähnte, neu gegründete Bank einzutreten, so dass ein Nachfolger als Rechtsvertreter Cramer-Kletts gefunden werden musste. Die Wahl fiel auf Pemsel, der zu dem Zeitpunkt bereits erfolgreich als Geschäftsführer des Komitees für die Gründung eines Gewerbemuseums in Nürnberg fungierte. Am 12. 4. 1870 geruhte das Justizministerium, die am 1. 3. 1870 durch Verzicht des Advokaten Heinrich Merck in Nürnberg frei gewordene Stelle dem „geprüften Rechtspraktikanten und Advokatenkonzipienten Dr. Hermann Pemsel in Erlangen zu verleihen“.[87] Damit begann Pemsels Tätigkeit in Nürnberg und hier vor allem für den Freiherrn von Cramer-Klett.
Es sei jedoch nicht verschwiegen, dass Cramer-Klett keineswegs immer erfolgreich operierte. Z. B. blieb die Bankgründung in Mailand gewinnlos, wie oben schon erwähnt, die in Kassel wurde sogar ein großes Verlustgeschäft. Andere Misserfolge könnten ergänzt werden, so das auch für die Bank für Handel und Industrie sehr verlustreiche Guanogeschäft während der späten 1860er und frühen 1870er Jahre[88], die bald wieder aufgegebene Beteiligung an der Wasserwerks-Gesellschaft in Frankfurt a. Main AG[89] oder an der Aktiengesellschaft für Bergbau-, Eisen- und Stahlindustrie des Berliner Bankiers und betrügerischen Bankrotteurs Paul Kuczynski.[90]
Während diese geschäftlichen Pleiten hinreichend in der von Biensfeldt verfassten Biographie dokumentiert sind, fehlt dort eine interessante Überlegung, die vor einiger Zeit von Eibert im Hinblick auf die Finanz- und Investitionspolitik Cramer-Kletts während der so genannten Gründerkrise von 1873-1879 vorgelegt wurde. Er zeigt, dass die von Cramer-Klett angesichts der Krise formulierte Geschäftsmaxime, nachzulesen schon im ersten Geschäftsbericht des 1873 zur Maschinenbau AG umgegründeten Stammhauses in Nürnberg, das Unternehmen im Wettbewerb entschieden zurück warf. Sie zielte darauf, nicht nur Erweiterungsinvestitionen zu unterlassen, die sich angesichts der im Eisenbahnbau erreichten Marktsättigung auf Jahre hinaus zweifellos nicht amortisiert haben würden, sondern auch die Ersatz- und vor allem Rationalisierungs- sowie Modernisierungsinvestitionen drastisch zu beschränken.[91] „Dass die junge AG im folgenden Jahrzehnt bis zum Tode Cramer-Kletts keine besonderen geschäftlichen Fortschritte mehr erzielte, sondern im Gegenteil auf … (ihren; R. S.) wichtigsten Märkten empfindliche Einbußen hinnehmen musste, weil es (sie; R. S.) an Konkurrenzfähigkeit verlor, war hauptsächlich diesem, ihr von Cramer-Klett auferlegten Grundsatz einer herabgeminderten Investitionsbereitschaft zuzuschreiben.“[92]
Die Durchführung von Investitionen allein vom Kalkül rascher Amortisation und damit von kurzfristiger Rentabilität abhängig zu machen, erinnert fatal an die Krisen der BRD zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Während jedoch gegenwärtig ein einseitig interpretiertes Shareholder- Value-Interesse für fehlende Innovations- und Risikobereitschaft verantwortlich zu machen ist, waren es im Fall Cramer-Kletts wohl das zunehmende Alter und die wachsende Kränklichkeit, die ihn zögerlich und in gewissem Maße unflexibel werden ließen. Rupieper geht in seiner Beurteilung der Entwicklungen ab 1873, also seit der Umwandlung in eine AG, noch weiter, indem er eine Verlagerung der Aufmerksamkeit und des Interesses von Cramer-Klett an der Maschinenbau AG zugunsten „der Beteiligung an Banken, Immobiliengeschäften und Versicherungen“ unterstellt. „Damit fehlte dem Untenehmen in einer äußerst schwierigen Phase eine tatkräftige Leitung, die den Betrieb durch eine innovatorische Tätigkeit aus der Krise hätte führen können.“[93] Eine solche, die einseitige Abhängigkeit vom Eisenbahnbau und von Staatsaufträgen abmildernde Innovation hätte z. B. der Einstieg in die Produktion von Linde-Kühlmaschinen sein können, wie es seit 1876 die Maschinenfabrik Augsburg praktizierte, die 1873 von Dr. Linde das Patent erworben hatte.[94] Die Maschinenfabrik Nürnberg bzw. Cramer-Klett lehnten dagegen die Übernahme der Fertigung in Lizenz ab.[95]
Das lenkt den Blick, im Gegensatz zur Bewertung durch Eibert, auf eine andere Dimension: Als problematisch erwies sich während der gesamten Entwicklung der Maschinenfabrik bis in die 1890er Jahre weniger das Nachlassen der Investitionstätigkeit seit 1873, sondern die einseitige Ausrichtung des Produktionsprogramms auf Eisenbahnwagen- und Brückenbau. Dieser Geschäftszweig dominierte bis in die 1890er Jahre mit meist über 70% am Umsatz eindeutig, hatte das Unternehmen aber ganz von der Eisenbahnkonjunktur abhängig gemacht, die stets starken Schwankungen unterworfen gewesen war,[96] und nicht zuletzt auch von typischerweise unregelmäßig auftretenden Staatsaufträgen. Dadurch waren zwar immer wieder Phasen sehr rascher Expansion ermöglicht, aber auch starke Beschäftigungsrückgänge verursacht worden, also ein insgesamt sehr unstetes Unternehmenswachstum, viel stärker fluktuierend als z. B. das der vergleichbaren Maschinenfabrik Augsburg, die ein stärker diversifiziertes Produktionsprogramm besaß.[97] Die weitgehende Ausrichtung auf den Eisenbahnwagenbau hatte im Übrigen auch ermöglicht, dass man schon seit 1857 zum „Princip der detaillierten Massenproduction“[98], also zur standardisierten industriellen Massenfertigung, übergegangen war. Die Konsequenzen waren allerdings ambivalent: Cramer-Klett konnte frühzeitig in großem Umfang Kosten sparen, indem er überwiegend unqualifizierte Arbeitskräfte beschäftigte zu entsprechend relativ niedrigen Löhnen.[99] Andererseits erschwerte ihm das aber auch die flexible Annahme von Aufträgen zur Herstellung unterschiedlicher oder auch neuartiger Maschinen- und Anlagentypen, schränkte also die Anpassungsfähigkeit des Unternehmens an veränderte Nachfragestrukturen erheblich ein.
Man sollte jedoch bei der Suche nach einer Erklärung für die, wie man im Nachhinein sagen kann, übermäßig vorsichtige und dabei kurzsichtige Unternehmenspolitik nicht Cramer-Klett allein im Auge haben. Offenbar kamen ja aus dem Vorstand der AG, also vor allem von Hensolt und Kempf, keine überzeugenden Ideen zur Umstrukturierung des Produktionsprogramms; ebenso wenig aus dem Aufsichtsrat. Auch diese Herren waren schon betagter und Jahrzehnte lang im Eisenbahngeschäft engagiert, was ihnen vielleicht den Blick über den Tellerrrand erschwerte.[100] Dass nämlich Cramer-Klett auch in den späten 1870er Jahren für die Anregungen überzeugend auftretender jüngerer Männer durchaus offen und dabei auch finanzielle Risiken einzugehen bereit war, demonstrierte er ja mit der Gründung der Münchener Rückversicherungsgesellschaft im Frühjahr 1880. Insofern waren die Rückschläge bzw. die Stagnation der Maschinenfabrik Nürnberg eher einer gewissen Sklerotisierung der Firmenleitung insgesamt zuzuschreiben, die erst 1888 durch den Wechsel des jungen und dynamischen Anton Rieppel, damals 36 Jahre alt, aus der Leitung der Brückenbauanstalt Gustavsburg in den Vorstand der Maschinenfabrik überwunden wurde.[101] 1892 zum alleinigen Vorstand ernannt, führte er das Unternehmen in der Folgezeit auf Expansionskurs und zu neuen Erfolgen. Dafür diversifizierte er das Produktionsprogramm stark, so dass der Anteil der problematischen Aufträge für den Waggonbau bis 1913/14 auf etwa 30% zurückging, der für Brücken- und Eisenbahnhochbauten auf rd. 15%, während der Anteil des allgemeinen Maschinenbaus (inkl. Kühlmaschinen und Dieselmotoren) auf 40% anstieg.[102]
Die Gründung der Münchener Rückversicherung
Wie schon erwähnt, hat sich bei der Gründung der Münchener Rückversicherung deutlich gezeigt, dass Cramer-Klett Ende der 1870er Jahre keineswegs grundsätzlich risikoscheu und innovativen Geschäftsideen gegenüber verschlossen war. Angesichts der bis heute anhaltenden Bedeutung dieses Unternehmens, das schon wenige Jahre nach seiner Gründung zum Weltmarktführer aufgestiegen war und diese Position auch nach zwei verheerenden Kriegen stets wieder erobert hat, sei hier kurz auf die Gründungsgeschichte eingegangen.[103] Neben den beiden Vertrauten Cramer-Kletts, Wilhelm Finck und Hermann Pemsel, spielte dabei der damalige General-Agent der Thuringia-Versicherung, Carl Thieme, eine wichtige Rolle. Allerdings stellt es eine von der Münchener Rückversicherung seit mehr als 100 Jahren gepflegte Legende dar, Carl Thieme zum Gründer der Gesellschaft zu stilisieren.
Im Frühjahr/ Sommer 1879 hatte Carl Thieme mit einer Stimmband-Entzündung zu kämpfen,[104] für deren Behandlung Bad Ems mit seinen speziellen Heilquellen der geeignetste Ort war. Hier traf er Cramer-Klett und trug ihm bei der Gelegenheit seine Idee der Gründung einer Hagelversicherung vor. Dies Projekt verfolgte Thieme offenbar schon seit längerem – auch gegen die klar geäußerte Meinung des in Versicherungsfragen sehr versierten Vaters, immerhin Vorstandsmitglied der Thuringia AG, der ihm ausdrücklich von der Gründung eines selbständigen Unternehmens in dieser Branche abriet: „Was Dein eigenes Hagelproject anbetrifft, so würde ich dasselbe nicht weiter verfolgen resp. mich dabei mit dem möglichst kleinsten Betrage beteiligen. An Deiner Stelle würde ich es vorziehen, die Vertretung einer guten, bereits bestehenden Hagelversicherungsgesellschaft zur erlangen (was Dir nicht schwer werden dürfte), die Dir besondere Opfer nicht auferlegt.“[105]
Das Zusammentreffen mit Cramer-Klett in Bad Ems verlief insofern für Carl Thieme positiv, als der Freiherr einen sehr guten Eindruck von den versicherungstechnischen Kenntnissen und Fähigkeiten Thiemes gewann.[106] Zwar verwarf Cramer-Klett das Projekt der Neugründung einer Hagelversicherung – vor allem mit Rücksicht auf die bereits in Bayern existierende Konkurrenz, zog jedoch Carl Thieme während der kommenden Monate zu Beratungen über ein anderes Projekt hinzu, die Gründung einer Mobiliar-Feuer-Versicherung, eine Idee, die laut Biensfeldt der Freund Cramer-Kletts, Friedrich von Schauss, in Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Direktor der Süddeutschen Bodenkreditbank, bekanntlich eines der Unternehmen Cramer-Kletts, entwickelt haben soll. Die von Thieme eingebrachten Informationen führten dazu, dass Cramer-Klett dies Projekt ebenfalls ablehnte.[107]
Nachdem seine Lieblingsidee, Gründung einer Hagelversicherung, von Cramer-Klett verworfen worden war, entwickelte Carl Thieme ein neues Projekt, Gründung einer Rückversicherungs-Gesellschaft, und trug dies im Winter 1879/ 80 dem Freiherrn vor. Das nachgereichte Projekt einer Rückversicherung überzeugte Cramer-Klett und seine Berater, hier vor allem Finck.[108] Wie Hermann Pemsel anlässlich des 25jährigen Bestehens der Münchener Rückversicherung in der Allgemeinen Tageszeitung schrieb, machte Thieme auf die Tatsache aufmerksam, „dass die Entwicklung des Rückversicherungsgeschäftes in Deutschland nicht gleichen Schritt gehalten habe mit der zunehmenden Ausdehnung des direkten deutschen Geschäftes. Mit Ausnahme einer einzigen größeren waren nur wenige, mit geringem Kapital dotierte, zum Teil ausschließlich von bestimmten direkten Gesellschaften abhängige Rückversicherungsgesellschaften in Deutschland tätig. Der Schwerpunkt der Rückdeckung fast für das gesamte deutsche Geschäft – damals kam beinahe nur die Feuerbranche in Betracht – lag bei großen englischen und französischen Gesellschaften. Durch eine einzige Berliner Agentur wurden damals jährlich etwa 20-25 Millionen Mark deutscher Prämiengelder behufs Rückdeckung nach England weitergegeben.“[109] Man schätzte, dass zu der Zeit jährlich mehr als 30 Mio. M. Rückversicherungsprämie ins Ausland gingen, an denen das neue Unternehmen partizipieren sollte, während bis dahin bei deutschen Gesellschaften nur rd. 13 Mio. verblieben.[110]
Obwohl aus diesen Zahlen das große Potenzial des Rückversicherungsgeschäfts ersichtlich wird, sollte man doch nicht ignorieren, dass die bisherige Entwicklung deutscher Rückversicherer einschließlich der wichtigsten Konkurrenten, der Kölnischen sowie der Schweizer Rückversicherungs-Gesellschaft, keineswegs für ein problemloses Vorhaben sprach. Die Mehrzahl der vor 1880 gegründeten Rückversicherungs-Gesellschaften hatte jeweils nach wenigen Jahren aufgegeben, während die erwähnten überlebenden Konkurrenten schwere Rückschläge verkraften mussten.[111] Vielmehr hat Thieme die nüchternen und erfahrenen Berater Cramer-Kletts sowie diesen selbst offenbar durch präzise Analyse auf solider Informationsbasis und gleichzeitig aber auch durch eine ausgeprägte persönliche Überzeugungskraft für das Projekt gewonnen.
Als Rechtsberater und Generalbevollmächtigter[112] sowie in dieser Sache als Vertreter des damals schon deutlich von seinen Krankheiten gezeichneten Cramer-Klett[113] spielte Hermann Pemsel bei der Gründung der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft eine wichtige Rolle. Er arbeitete in Absprache mit Wilhelm Finck ihre Statuten aus und beantragte zusammen mit diesem am 6. 3. 1880 ihre Konzessionierung durch die bayerische Regierung, die nach denkbar kürzester Prüfung bereits am 15. 3. 1880 erteilt wurde.[114] Die Ursache für die ungewöhnlich schnelle Konzessionserteilung dürfte die Zusammensetzung des Gründerkreises gewesen sein, sämtlich Persönlichkeiten mit klangvollen Namen in der bayerischen Wirtschaft und Politik. Zugleich waren alle seit vielen Jahren geschäftlich eng mit Cramer-Klett verbunden und teilweise seine persönlichen Freunde.
Die Münchener Rückversicherung konstituierte sich am 3. 4. 1880 in den Räumen des Bankhauses Merck, Finck & Co. in der Pfandhausstraße. Laut Niederschrift des kgl. Notars Dr. Hausmann waren folgende Personen anwesend:
„1. Herr Wilhelm Finck, Banquier und offener Gesellschafter der offenen und Commanditgesellschaft Merck, Finck & Co. dahier, handelnd für sich und Namens der ebengenannten Firma, sowie als Bevollmächtigter a) des Rentiers Philipp Schmidt-Polex zu Frankfurt am Main (…), b) der Bank für Handel und Industrie zu Berlin und Darmstadt (…).
2. Herr Dr. Hermann Pemsel, königlicher Advokat und Rechtsanwalt, handelnd für sich persönlich und Namens des Herrn Reichsraths Dr. Theodor Freiherr von Cramer-Klett, Fabrikbesitzer in München (…): für sich und Namens der hiesigen Firma Klett & Co. (…).
3. Herr Dr. Friedrich von Schauss, Direktor der Süddeutschen Bodencreditbank in München, handelnd für sich.
4. Herr Karl Thieme, General-Agent, handelnd für sich.
Die Herren Erschienenen produzierten mir dem Notar das Original einer Entschließung des königlich bayerischen Staatsministeriums des Innern, Abteilung für Landwirthschaft Gewerbe und Handel vom 15. März 1880 wonach dem Bankhaus Merck, Finck & Co. in München (…) [und; R. S.] dem königlichen Advokaten Dr. Hermann Pemsel daselbst zur Errichtung einer Aktiengesellschaft mit dem Sitze in München und mit einem Grundkapital von vorläufig drei Millionen Mark, welche den Zweck hat Rückversicherung auf die von Gesellschaften Vereinen Anstalten und singulären Personen abgeschlossenen Feuer- Lebens- Transport- und Hagel-Versicherungen zu gewähren, auf Grund der vorgelegten Statuten die Genehmigung erteilt wird.“[115]
Nach Übergabe und notarieller Bestätigung der Statuten ersuchten die anwesenden vier Herren um Beurkundung folgender Entschließung:
„I. Die Eingangs erwähnten Herren und die dort bezeichneten Vollmachtgeber errichten hiermit auf Grund und nach Maßgabe des von ihnen übergebenen und hier beigehefteten Statuts eine Aktiengesellschaft unter der Firma Münchener Rückversicherungsgesellschaft mit dem Sitze in München. (…)
III. Das statutenmäßige Grundkapital von drei Millionen Mark ist von den Erschienenen und ihren Vollmachtgebern wie hiermit allseitig anerkannt wird, durch schriftliche Erklärung vollständig gezeichnet und zwar
M. 100.000 oder 100 Stück Aktien durch Herrn Wilhelm Finck
M. 500.000 oder 500 Stück Aktien durch die Firma Merck Finck & Co.
M. 100.000 oder 100 Stück Aktien durch Herrn Philipp Schmidt-Polex
M. 1.000.000 oder 1.000 Stück Aktien durch die Bank für Handel und Industrie zu Berlin und Darmstadt
M. 100.000 oder 100 Stück Aktien durch Herrn Dr. Hermann Pemsel
M. 1.000.000 oder 1.000 Stück Aktien durch Herrn Reichsrath Freiherr von Cramer-Klett für die Firma Klett & Co. hier
M. 100.000 oder 100 Stück Aktien durch Herrn Dr. von Schauss
M. 100.000 oder 100 Stück Aktien durch Herrn Carl Thieme
Sonach in Summe
M. 3.000.000 oder 3.000 Stück Aktien (…).“[116]
Zwei Banken und die Finanzholding von Cramer-Klett, Klett & Co., waren also die maßgeblichen Kapitalgeber bei der Gründung der Münchener Rückversicherung, was neben den Namen der Gründer von vornherein die Bonität des Unternehmens verbürgte. Im Protokoll festgehalten wurde auch, dass das Grundkapital zu 40% beim Bankhaus Merck, Finck & Co. eingezahlt worden war. Darauf konstituierten sich die vier anwesenden Gründer unter Bezug auf § 20 der Statuten sogleich als Generalversammlung. Dieser legte Wilhelm Finck das Kontokorrentbuch als Beleg für die erfolgte Einzahlung des Betrags von 1,2 Mio. M. oder 40% des Grundkapitals der Gesellschaft vor. Anschließend wählten die vier Anwesenden als Generalversammlung den gemäß § 21 der Statuten aus 5 Personen bestehenden Aufsichtsrat, und zwar Wilhelm Finck, Geheimrat Franz Dülberg, Direktor der Bank für Handel und Industrie, Philipp Schmidt-Polex, Hermann Pemsel und Friedrich von Schauss.[117] Gemäß § 35 der Statuten wurde Carl Thieme zum Direktor (Vorstand) der Gesellschaft („mit allen gegen seine eigene Stimme“[118]) gewählt. Schließlich bestellte man gemäß § 20 Wilhelm Finck und Hermann Pemsel zu Bevollmächtigten der Gesellschaft, die alle Handlungen vornehmen sollten, einschließlich etwaiger Statutenänderungen, die erforderlich werden könnten, um die Eintragung in das Handelsregister zu erreichen.[119]
Erstaunlich erscheint, dass noch nach erfolgter Gründung der Münchener Rückversicherung als AG von Thieme der Versuch unternommen wurde, diese in eine gemeinsame Gesellschaft mit der Thuringia einzubringen. Zwar dementierte er die Absicht in einer Stellungnahme, die in Wallmann’s Versicherungs-Zeitschrift am 10. 4. 1880 veröffentlicht wurde. Er betont, „dass die ‚Thuringia’ mit der Gründung der qu. Rückversicherungs-Gesellschaft Nichts zu thun hat. Dieselbe wird sich vielmehr in keinerlei gleichsam töchterlichen Beziehungen zu einer directen Gesellschaft setzen, sondern bereit sein, mit jeder soliden deutschen Anstalt in ein Rückversicherungs-Verhältnis zu treten.“[120] Dennoch verfolgte er offenbar in diese Richtung gehende Pläne, denn an eben dem Tag, an dem das Dementi veröffentlich wurde, tagte der Verwaltungsrat der Thuringia und beriet über das Projekt, das er schließlich verwarf. Darüber informiert ein Brief von Julius Thieme an seinen Sohn Carl, aus dem hier ausführlicher zitiert sei: „Mein gestern Abend unmittelbar nach der Verwaltungsrathssitzung an Dich abgeschicktes Telegramm: „Gründung einstimmig abgelehnt“ bestätigend, theile ich Dir mit, dass Deine beiden Depeschen in derselben Zeit in meine Hände gelangten, wo über die Frage: „ob Gründung oder nicht“ discutirt wurde und sich schon überblicken ließ, dass die Frage verneint werden würde. Ich befand mich deshalb in der glücklichen Lage, von Deinen Anerbietungen keinen Gebrauch machen zu brauchen. Nachdem H. v. W. (von Waldow; R. S.) einige einleitende Worte zur Sache gesprochen und im Uebrigen auf das in seinem Expose Gesagte hingewiesen hatte, trug der Präsident erläuternd vor, aus welcher Veranlassung die gn. Frage überhaupt auf die Tagesordnung gekommen wäre, las dann einen Theil Deines letzten, an ihn gerichteten Briefes vor und eröffnete hiermit die Discussion. Zuerst nahm Bernhard Hoffmann – Stürcke’s Stellvertreter in der Stadtverordneten Versammlung und auch dort sein Adjutant – das Wort, hob hervor, dass er in der Gründung einer Tochteranstalt keinen Nutzen für die Actionäre erblicken könne und nicht dazu rathe, hierin dem Beispiel anderer Gesellschaften zu folgen. Die in der Letztzeit entstandenen Gründungen wären wohl weniger aus Bedürfnis, sondern von den Directoren der betr. Gesellschaften in erster Linie mit zu dem Zwecke vorgerufen worden, sich eine erkleckliche Nebeneinnahme zu verschaffen, da der Director der Mutteranstalt überall Director der Tochteranstalt geworden wäre pp. Hiermit ergriff Herr v. Aldershausen das Wort, sprach sich ebenfalls gegen die Gründung aus und betonte u. A., dass er in einer Betheiligung der Actionäre der Th. an der zu gründenden Rückversicherungsgesellschaft keine besonderen Vortheile für dieselben erblicken könne. (…) Stürcke hob hervor, dass das für die zu begründende Tochteranstalt in Aussicht genommene Grundkapital mit einer Einzahlung von nur 300,000 M. ihm zu gering erschien, namentlich da die Tochteranstalt nur auf eine Alimentierung der Th. rechnen könne und die Prämieneinnahmen bescheidene bleiben würden, wenn sie nicht möglichst hohe Beträge übernehme, dies sei aber bei einem geringen Grundkapital riskant. Anders lägen die Verhältnisse bei einer Gesellschaft, die sich frei bewege u. vielseitige Verbindungen anknüpfen könne. Hier käme sehr das Gesetz der großen Zahlen und die dadurch herbeigeführte Ausgleichung zur Geltung pp. Nachdem sich noch verschiedene andere Herrn, darunter auch Günther (v. W. hielt sich ganz indifferent) gegen die Gründung einer Tochteranstalt ausgesprochen hatten und Niemand für eine solche das Wort nahm, wurde die Discussion über den Gegenstand geschlossen u. die Gründung einstimmig abgelehnt.“[121]
In der Festschrift der Thuringia heißt es dazu: „Man hat, wie wir hörten, 1866 das Rückversicherungsgeschäft aufgegeben, weil es infolge der Zeitläufe Verlust gebracht hatte. (…) Aber nun gründete Anfang 1880 einer der besten Generalagenten der Thuringia, Sohn eines ihrer Direktoren, in München eine Rückversicherungsgesellschaft. (…) Der Gründer wollte seine alte Gesellschaft an seinem Unternehmen beteiligen, eine enge Verbindung zwischen beiden Gesellschaften herstellen, weil er noch klarer als seinerzeit schon Wehle (1853 Gründer der Thuringia; R. S.) erkannte, dass nichts dem Rückversicherungsgeschäft förderlicher ist, als enge Beziehungen zu einem starken Direktversicherer. Es kam nicht dazu!“[122]
Bei den zitierten Formulierungen handelt es sich zwar um einen aus der Rückschau des Jahres 1953, als die Festschrift verfasst wurde, nachvollziehbaren Mythos, Thieme zum Gründer und allein entscheidenden Leiter der Münchener Rückversicherung zu erklären. Das ist angesichts der dargestellten Kapitalverhältnisse sowie der überragenden Bedeutung Cramer-Kletts und seiner Vertrauten bei der Gründung und anschließend im Aufsichtsrat schlicht irreführend. Beachtlicher erscheint jedoch die Tatsache, dass Thiemes Interesse an der Verbindung mit einem Direktversicherer schon früh, lange vor der Gründung der Allianz, ausgeprägt gewesen war. Offensichtlich verweigerte sich jedoch die Thuringia einer solchen Kooperation. Insofern ist Herzog zu widersprechen, der Thiemes Dementi eines Zusammengehens mit der Thuringia und sein angeblich völliges Desinteresse an einer solchen Verbindung für bare Münze nimmt.[123] Eine ganz andere Frage ist die, ob Thieme mit seinen Avancen gegenüber der Thuringia nicht eigenmächtig, über die Köpfe der anderen Gründer hinweg, gehandelt hat. Viel spricht dafür, dass diese letztlich für die Ausrichtung des Unternehmens entscheidenden Personen, an erster Stelle Cramer-Klett, Pemsel und Finck, mit Thiemes Plan nicht einverstanden waren, besonders wenn man die späteren Diskussionen um die Gründung der Allianz berücksichtigt. Insofern dürfte das Dementi primär eine Willenserklärung der Gründer – gegen Thiemes Wünsche – gewesen sein, die eine öffentliche Klarstellung verlangt hatten, da sie die Verbindung mit einem Erstversicherer als schädlich für die Gewinnung von Rückversicherungsverträgen betrachteten.[124] Hinsichtlich der damals bereits weit entwickelten und für das Rückversicherungsgeschäft deshalb besonders attraktiven Feuerversicherungs-Branche scheinen sich diese Bedenken auch bestätigt zu haben, denn bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg konnte kein größerer deutscher Feuerversicherer als Kunde gewonnen werden. Kluge äußert in diesem Zusammenhang die Vermutung, dass Thiemes bis 1886 weiterhin aufrecht erhaltene Tätigkeit als General-Agent für die Thuringia das Dementi einer engen Verbindung wohl für viele Erstversicherer unglaubwürdig gemacht haben wird.[125]
Der Aufsichtsrat trat erstmals am 23. 4. 1880 zusammen und wählte Wilhelm Finck zu seinem Vorsitzenden sowie Hermann Pemsel zum Schriftführer bzw. Stellvertreter.[126] Zugleich kooptierte man als weitere Mitglieder den Reichsrat und Fabrikanten Hugo Ritter von Maffei, München, sowie den Kommerzienrat Hermann Stürcke, Bankier und Vorsitzender des Aufsichtsrats der Thuringia, und verstärkte sich auf diese Weise noch einmal deutlich.[127] Nicht zuletzt folgte dem schon kurze Zeit später der erste Rückversicherungsvertrag mit der Thuringia.[128]
Offenbar hat jedoch die Wahl der Vorsitzenden, obwohl vorher mit allen Beteiligten abgesprochen, Friedrich von Schauss verstimmt, denn er legte sein Aufsichtsrats-Mandat am nächsten Tag demonstrativ nieder, wie Hoffmann schreibt.[129] Wilhelm Finck bemerkte zu dem Zwischenfall: „Welche Schritte ihn zu einem solchen beleidigenden Schritt bestimmen, weiß ich nicht und kann sie nur vermuten … Herr Dr. Pemsel, gegen den er noch mehr gereizt zu sein scheint, als gegen meine Person, hat ihm heute ein paar Zeilen nach Berlin geschrieben. Ich habe es unterlassen und werde es unterlassen. Eines Unrechts bin ich mir nicht bewusst, ich habe nur der Sache gedient und werde nur ihr dienen, jedoch abtreten, wenn man mich eines Fehlers zeihen kann.“[130] Wahrscheinlich fühlte sich Schauss als Vertreter einer bedeutenden Bank und einflussreicher Politiker sowie nicht zuletzt als langjähriger Freund Cramer-Kletts zurückgesetzt, obwohl er die Wahl vorab nicht beanstandet hatte. Ein vermittelnder Brief von Pemsel an Schauss sowie ein im Anschluss daran erfolgendes persönliches Gespräch zwischen Dülberg und Schauss in Berlin[131] holten den Grollenden aber wieder in den Aufsichtsrat zurück, dem er dann bis zu seinem Tode 1893 angehörte. Andererseits macht der Zwischenfall deutlich, welche Schlüsselrolle Pemsel neben Wilhelm Finck bei der Gründung und weiteren Entwicklung der Münchener Rückversicherung nicht zuletzt von Cramer-Klett zugedacht war, der angesichts seiner eigenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen diese beiden Vertrauten an der Spitze des Aufsichtsrats sehen wollte.
Um die Bedeutung der Position zu ermessen, ist es notwendig, auf einige Besonderheiten der Statuten einzugehen. Diese wiesen dem Aufsichtsrat wichtige Befugnisse zu, vor allem auch gegenüber dem Vorstand. Grundlage dafür war die Tatsache, dass das Aktienrecht von 1870 nur wenige Vorschriften über die Rechte und Pflichten des Vorstands enthielt, die sich im wesentlichen auf das Vertretungsrecht, die Verpflichtung zur ordnungsgemäßen Buchführung und die Erstellung des Jahresabschlusses beschränkten. „Im übrigen überließ der Gesetzgeber dem Gesellschaftsvertrag weitgehende Gestaltungsmöglichkeiten“[132], von denen Pemsel bei der Ausarbeitung der Statuten in Absprache mit Cramer-Klett und Finck ausgiebig Gebrauch gemacht hatte. So ist gemäß § 36 die Direktion, die vom Aufsichtsrat bestellt wird, diesem und der Gesellschaft „nach Maßgabe der gesetzlichen und statutarischen Bestimmungen, ihres Dienstvertrags und der ihr vom Aufsichtsrathe besonders erteilten Instruktionen verantwortlich. In gleichem Maße sind der Gesellschaft gegenüber ihre Befugnisse begrenzt.“[133]
Hier wird deutlich, dass sich der Aufsichtsrat in erheblich stärkerem Maße als allgemein üblich in das laufende Geschäft einschalten und den Vorstand sozusagen an der kurzen Leine führen wollte.[134] In § 29 heißt es entsprechend: „Der Aufsichtsrath (…) übt die Oberaufsicht über alle geschäftlichen Angelegenheiten der Gesellschaft und deren Vollzugs-Organen (aus). Er beschließt in allen Angelegenheiten der Gesellschaft, deren Erledigung nicht zufolge ausdrücklicher gesetzlicher oder statutarischer Bestimmungen der Generalversammlung zusteht.“ Gemäß § 30 behielt sich der Aufsichtsrat u. a. ausdrücklich vor: den Abschluss von Dienstverträgen mit der Direktion und anderem Leitungspersonal; die Festsetzung des Einkommens der Direktion; die Verwendung, Anlage und Sicherstellung vorhandener Gelder; die Dotierung des Reservefonds; die Beschlussfassung über Anleihen und den Erwerb oder die Veräußerung von Grundstücken sowie, was in der Praxis später eine große Rolle spielen sollte, „die Feststellung der erforderlichen Geschäfts-Instructionen, der generellen Bestimmungen der einzugehenden Rückversicherungs-Verbindungen und die Bewilligung von Abweichungen von denselben“.[135] Letzteres bedeutete im Selbstverständnis des Aufsichtsrats, dass er sich alle von der Direktion eingeworbenen Rückversicherungs-Verträge einzeln zur Genehmigung vorlegen ließ. Im Übrigen erscheint bemerkenswert, dass Thieme in seinem zunächst als „Uebereinkommen zwischen den Herren Merck, Finck § Cie., dann dem kgl. Advokaten Dr. Pemsel zu München als Concessionären der ‚Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft’ und dem Generalagenten Herrn Carl Thieme zu München“[136] abgeschlossenen Dienstvertrag eine durchaus knapp bemessene Pauschale zur Begleichung der Geschäftskosten bewilligt wurde. Auch äußerlich trat das Unternehmen mit nur zwei angemieteten Geschäftsräumen für vier Beschäftigte in der Maffeistr. 1 zunächst sehr bescheiden auf.
Einerseits ist Herzog beizupflichten, der schreibt: „Die sehr weitgehenden Genehmigungsvorbehalte und Entscheidungsbefugnisse, die die ersten Statuten und Thiemes Dienstvertrag zu Gunsten des Aufsichtsrates vorsahen, können ein Indiz dafür sein, dass die Gründer sich des mit diesem Unternehmen eingegangenen Risikos bewusst waren.“[137] Andererseits mag das aber auch Ausfluss des starken Kontrollbedürfnisses von Persönlichkeiten wie Wilhelm Finck und Hermann Pemsel gewesen sein, die ihre Aufgaben stets ganz ungewöhnlich ernst nahmen. So wird von Finck berichtet, er habe bis zu seinem Tode im Jahre 1924 alle Sitzungen des Aufsichtsrates vorbereitet und wahrgenommen, obwohl dieser oft bis zu fünf Mal im Jahr tagte.[138] Von Pemsel lässt sich dasselbe sagen. Den Entwurf der eigentlichen Geschäftsinstruktionen überließ man dem „genialen Versicherer“ Thieme, der laut Dienstvertrag verpflichtet wurde, dem Aufsichtsrat binnen drei Monaten einen entsprechenden Entwurf vorzulegen.
Die besondere Arbeitsweise der Münchener Rückversicherung war von Beginn an geprägt durch eine eher für mittelständische Unternehmen als für Aktiengesellschaften typische Kongruenz zwischen Verantwortung und Teilhabe am Unternehmenserfolg.[139] Einerseits wirkten die Eigentümer entweder als Vorstand oder als Mitglieder des Aufsichtsrats im Tagesgeschäft mit, andererseits partizipierten sie großzügig am Gewinn. Die Statuten sahen in § 26 vor, dass mindestens ein Teil des Einkommens der Direktion von der Höhe des Betriebsergebnisses abhängig sein müsse.[140] Für die Verteilung des Rohgewinns galten nach den §§ 41 und 42 folgende Regeln: Zunächst müssten etwa angefallene Verluste aus den Vorjahren ausgeglichen werden, die den Reservefonds aufgezehrt und das Grundkapitel angegriffen hätten. Soweit das nicht erforderlich sei, solle eine Verzinsung von 4% auf das eingezahlte Aktienkapital an die Aktionäre ausgeschüttet werden. „Von dem hienach bleibenden Gewinn-Ueberschuss werden
a. auf Bestimmung des Aufsichtsraths mindestens 10 und höchstens 20% zum Reservefond zurückgelegt;
b. an die Mitglieder des Aufsichtsrathes 7 ½%;
c. an die Directoren und die Beamten der Gesellschaft die vertragsmäßig zustehenden Tantiemen abgeführt.
Der Rest wird auf Vorschlag des Aufsichtsraths als Superdividende an die Aktionäre vertheilt.“[141] Die Sicherung der Reserven und das leistungsfördernde Element der Erfolgsbeteiligung für die im Unternehmen Aktiven hatten demnach eindeutig Vorrang vor den Interessen der Shareholder.
Der Erfolg gab den Schöpfern der Statuten Recht. Hatte man bei Gründung noch die bescheidene Erwartung gehegt, „es in einigen Jahren auf eine Prämieneinnahme von 2 Mill. M. und im Laufe der Zeit wohl auf eine solche von 5 Mill. M. zu bringen“[142], erreichte man tatsächlich bereits 1882/83 eine Bruttoprämie von 2,8 Mio. M., eine von 5,1 Mio. 1885/86 und hatte das ursprüngliche Fernziel schon 1889/90 mit 10,4 Mio. M. verdoppelt; bis zum letzten Vorkriegsgeschäftsjahr stieg die Bruttoprämien-Einnahme auf die sagenhafte Höhe von rd. 204 Mio. M. Zu dem Zeitpunkt lagen die beiden wichtigsten Konkurrenten im deutschsprachigen Raum, die Schweizer Rückversicherung und die Kölnische Rückversicherung, bei jeweils etwa 41 Mio. M. Bruttoprämie.[143] Die Münchener Rückversicherung war schon seit längerem die größte deutsche Rückversicherung geworden, inzwischen aber auch Weltmarktführer.[144] Das war einerseits der rastlosen und geschickten Akquise durch Thieme und seine Mitarbeiter zu verdanken, die bereits im ersten Geschäftsjahr 33 Rückversicherungsverträge abschließen konnten, und der dabei zielstrebig verfolgten Politik einer möglichst breiten Streuung der Risiken über die Versicherungssparten, zugleich über Staaten und Regionen hinweg. Von Beginn an betrieb Thieme erfolgreich die Internationalisierung des Geschäfts. Andererseits trug aber auch die eben bis in das Tagesgeschäft hinein reichende Mitwirkung des Aufsichtsrats zum Erfolg bei, indem bei strategischen Entscheidungen zur Vorsicht angehalten und stets peinlich auf Solidität und Sicherheit geachtet wurde.
Um den mit der Prüfung aller abzuschließenden Rückversicherungs-Verbindungen anfallenden Arbeitsaufwand bewältigen zu können, machte man in der Sitzung am 24. 3. 1881 von der in § 31 der Statuten vorgesehenen Möglichkeit Gebrauch, diese Aufgabe an die in München ansässigen Mitglieder zu delegieren. Finck, Maffei, Pemsel und Schauss bildeten den Ausschuss, der also eine gegenüber den auswärtigen Mitgliedern des Aufsichtsrats deutlich erhöhte Belastung schulterte. Die Hälfte der in der Folge stattgefundenen vier bis fünf Sitzungen des Aufsichtsrats pro Jahr waren solche dieses Ausschusses.[145] Alle vier Ausschussmitglieder brachten als Bankiers (Finck und Schauss), als Industrieller (Maffei) oder als Experte für Handelsrecht (Pemsel) die erforderlichen Kenntnisse mit, um die bewussten Prüfungen der Verträge und der diesen zugrunde liegenden Dokumente (Bilanzen etc.) sachverständig vornehmen zu können. Dem Ausschuss oblag auch in der Regel die Prüfung des Jahresabschlusses (eine Aufgabe die heutzutage Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften übernehmen), was oft mehrere Tage in Anspruch nahm und meist den Sonntag einschloss.[146]
Kluge kommt im Hinblick auf den raschen Erfolg der Münchener Rückversicherung zu dem Fazit: „Sowohl die vom Aufsichtsrat aufgestellten Geschäftsprinzipien als auch ihre Durchführung machen deutlich, dass nichts an der Tätigkeit der ‚Münchener Rück’ in dieser Gründungsphase ‚revolutionär’ war oder auf die Thieme’sche ‚Genialität’ hinwies, mit der sein Wirken später so oft bedacht wurde. (…) Die entscheidende Rolle (…) spielten bei der Durchführung des Gründungskonzepts offensichtlich klassische ‚Sekundärtugenden’: solide kaufmännische Kenntnisse und Erfahrungen, Hingabe an die Sache, Fleiß, Gewissenhaftigkeit und Sparsamkeit.“[147] Wie schon oben angemerkt, standen besonders Wilhelm Finck und Hermann Pemsel für diese ‚klassischen Sekundärtugenden’.
Soweit diese Skizze der Frühgeschichte der Münchener Rückversicherung, mit deren Gründung Cramer-Klett durchaus erhebliche Risiken eingegangen, aber letztlich sehr erfolgreich war. Um den Menschen Cramer-Klett näher zu charakterisieren, sei zunächst festgehalten, dass er als liberaler Demokrat rasch zum bedeutendsten Industriellen Bayerns aufstieg, dessen Leistungen nicht zuletzt auch in der erfolgreichen Zusammenführung von Banken und Industrieunternehmungen zu sehen sind. Schon 1855 geadelt, wurde Cramer-Klett 1866 zum lebenslangen Mitglied des Reichsrats der bayerischen Krone und 1878 zum erblichen Reichsrat ernannt, nachdem ihn 1876 der bayerische König in den erblichen Freiherrenstand erhoben hatte.[148] Die Universität München verlieh ihm 1872 den Titel eines Ehrendoktors der Staatswissenschaften. Er blieb jedoch trotz der schon frühzeitig hergestellten sehr engen Beziehungen zur bayerischen Regierung und zur Krone seiner liberalen Grundüberzeugung treu. Z. B. kandidierte er bei den Wahlen zum Zollparlament von 1867/68 für die Nationalliberale Partei – allerdings vergeblich, denn es setzte sich der Spiegelfabrikant Karl Craemer von der Fortschrittspartei durch.[149] Wie die beiden anderen zu Reichsräten berufenen Unternehmer, v. Maffei und v. Faber, huldigte er einem gemäßigten politischen Liberalismus, der sich von den gelegentlich radikalen Bestrebungen der liberalen Fortschrittspartei vor allem durch stärkere Bindung an die Monarchie abhob.
Cramer-Klett vermied es stets, mit politischen Stellungnahmen an die Öffentlichkeit zu treten. „Im allgemeinen stand er den Bestrebungen der durch Schauss und Schlör für ihn vertretenen nationalliberalen Richtung seiner Zeit nahe.“[150] So setzte er sich auch in der Kammer der Reichsräte bei der Beratung der Gewerbegesetzgebung Ende der 1860er Jahre stets entschieden sowohl für die Gewerbefreiheit wie für die Freiheit des Handels mit literarischen Erzeugnissen ein.[151] Bei den im selben Jahr stattfindenden Beratungen der Novelle zur Armengesetzgebung vertrat Cramer-Klett eine liberale Haltung mit sozialer Komponente. Er und die beiden ihm freundschaftlich verbundenen Industriellen v. Maffei und v. Faber unterstützten in den Abstimmungen gegen den Entwurf der Konservativen „eine großzügigere, öffentlich geregelte Armenpflege, waren gegen eine Übertragung von Sorgepflichten der Gemeinden auf private Wohltätigkeitsvereine (…), aber für die Gewährung der notwendigsten Hilfe auch an Arbeitslose.“[152] Er war, wie sein Sohn es in seinen Lebenserinnerungen formulierte, „ein Liberaler der alten Schule und alles, was in unserem Hause verkehrte, hatte die gleiche Färbung.“[153]
Obwohl Cramer-Klett keinen großen Wert auf Repräsentation legte, pflegte er doch einen Lebensstil, in dem sich großbürgerliche und adelige Elemente vermengten, dies besonders während seiner letzten Lebensjahre. So verlegte er 1877 seinen Wohnsitz nach München, nicht zuletzt um bequemer an den Sitzungen des Reichsrats teilnehmen zu können, und erwarb das Palais Schönborn in der Ottostraße. Hier gab er öfter größere Gesellschaften, bei denen sich einflussreiche Politiker und herausgehobene Regierungsbeamte mit erfolgreichen Vertretern des bayerischen Wirtschaftsbürgertums, aber stets auch mit Künstlern und Vertretern des Geisteslebens mischten.[154] Biensfeldt betont die geradezu demonstrative Bescheidenheit Cramer-Kletts, z. B. im Zusammenhang mit der von ihm abgelehnten Ehrung durch ein öffentlich auszustellendes Porträt eines berühmten zeitgenössischen Künstlers, das seine Heimatstadt Nürnberg anfertigen lassen wollte.[155] Sein Sohn berichtet, dass er die in Aussicht genommene Ernennung zum Reichsrat durch Ludwig II. abwenden wollte: Er „bat seinen königlichen Herrn unter ehrerbietigstem Dank für so grosse zugedachte Ehre, doch von einer Berufung absehen zu wollen.“[156] Vor allem scheute er die Notwendigkeit, in der Öffentlichkeit reden zu müssen – das lag ihm gar nicht.
Cramer-Klett lebte nach Möglichkeit eher zurückgezogen und gemäß bildungsbürgerlichen Idealen.[157] Dazu gehörten regelmäßige Gespräche mit einem kleinen Kreis enger Freunde, tägliche Morgenspaziergänge mit Vertrauten, abendliche Lektüre gehaltvoller, nicht zuletzt auch wissenschaftlicher (z. B. theologischer, philosophischer und biologischer) Literatur sowie der Genuss anspruchsvoller Musik.[158] Ruppert bezeichnet in seiner Abhandlung über die Fabrikanten in Nürnberg den Kreis um Cramer-Klett als geradezu beispielhaft für die „Kongruenz von Besitz- und Bildungsbürgertum, verbunden mit kulturellen Leitwerten.“[159] Die darüber hinaus gehenden, besonders auch auf Beziehungen zum Adel bzw. zum Hof und zur Regierung zielenden Sozialkontakte scheinen primär durch geschäftliche Interessen motiviert gewesen zu sein. Speziell zum Hof und zu der ihn umgebenden Adelsgesellschaft blieb Cramer-Klett eher auf Distanz. Ein Indiz dafür mag sein, dass die Gattin des Staatsrats von Kobell, Luise von Kobell, in ihren Lebenserinnerungen zwar die Erhebung von Cramer-Klett in den erblichen Freiherrenstand erwähnt, zugleich aber anmerkt: „Ich kannte diesen vielgeschätzten Mann nicht, aber in späteren Jahren habe ich seine edle, schöne Witwe kennen gelernt, die mir viel von ihm erzählte.“[160]
Hesselmann hebt im Gegensatz dazu in seiner Untersuchung des bayerischen Wirtschaftsbürgertums dessen Aufstiegsstreben sowie Repräsentations- und Geltungsbedürfnis hervor und zitiert mehrfach Cramer-Klett als einen typischen Vertreter dieser auf Angleichung oder sogar Verschmelzung mit dem Adel bedachten sozialen Schicht.[161] Dieser Fehleinschätzung ist vor allem entgegen zu halten, dass der bereits wirtschaftlich äußerst erfolgreiche Cramer-Klett 1866, als seine geliebte, aber ein Leben lang kränkelnde Frau Emilie starb, keineswegs nach einer adeligen Verbindung strebte. Vielmehr heiratete er in zweiter Ehe die Tochter des Apothekers Curtze, Elisabeth, aus Worms, die er im Haus ihres Schwagers Jean Kempf kennen gelernt hatte.[162] Mit Kempf, zuvor Direktor der Hessischen Ludwigsbahn, aber 1865 von Cramer-Klett in die Leitung seiner Maschinenfabrik in Nürnberg berufen, verband ihn eine – wie wohl überwiegend im Leben Cramer-Kletts – an den Geschäftsbeziehungen entlang entstandene Freundschaft. Diese drückte sich u. a. darin aus, dass das Ehepaar Cramer-Klett während der späten 1850er und frühen 1860er Jahre häufiger Kempf in Mainz besucht hatte. Als weiteres Beispiel für den keineswegs an adeligen Vorbildern orientierten Lebensstil Cramer-Kletts mag gelten, dass er zwar viele Geschäftsreisen unternahm, weil er Verhandlungen mit auswärtigen Partnern möglichst im persönlichen Gespräch führte, aber kaum eine Vergnügungs- oder Bildungsreise nach dem adeligen Muster.[163] Die erste Vergnügungsreise überhaupt soll die Hochzeitsreise nach Paris 1866 mit seiner zweiten Ehefrau gewesen sein, der sich im Frühjahr 1867 (nach Teilnahme an der Session des Landtags als neu ernannter Reichsrat) eine Fortsetzung nach Rom anschloss.[164] Erst im Herbst 1870 folgte eine dritte Vergnügungs- und Bildungsreise, wiederum nach Rom.[165] In der Folgezeit unternahm Cramer-Klett offenbar kaum noch derartige Reisen, vielmehr wurden immer häufiger Aufenthalte in Heil- und Kurbädern innerhalb Mitteleuropas notwendig.[166]
Schließlich sprechen für den großbürgerlichen, aber nicht an adeligen Vorbildern orientierten Lebensstil Cramer-Kletts weitere Tatsachen. Nachdem ihm seine zweite Ehefrau Elisabeth unverhofft am 18. 8. 1874 einen Sohn geboren hatte, hielt er es für sinnvoll, diesem ein bleibendes, nach den Maßstäben der damaligen Zeit solides Erbe zu schaffen. Das schien, nicht zuletzt angesichts des gerade im Vorjahr eingetretenen Börsenkrachs und der seither sich ständig verschärfenden Wirtschaftskrise, unter der auch die Cramer-Klettschen Unternehmungen stark litten, in industriellen und Finanzanlagen nicht gegeben zu sein. Landbesitz galt dagegen immer noch als sicherstes und ehrenvollstes Vermögen. Deshalb erwarb Cramer-Klett 1875 von der mit ihrem Hammerwerk in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Gewerkschaft Achthal-Hammerau die umfangreiche Herrschaft Hohenaschau im Chiemgau.[167] Hier tat sich ein größeres Tätigkeitsgebiet von Pemsel im Auftrag Cramer-Kletts auf, denn es galt über Jahre hin, diesen Besitz durch Zukäufe von Almen und Forsten sowie weiterer Güter zu arrondieren. Das war überwiegend Pemsels Aufgabe. Obwohl Cramer-Klett sich fortan oft und gern in Aschau aufhielt, bezog er jedoch nicht das zu den Besitzungen gehörende Schloß Hohenaschau, sondern blieb mit der Familie am Fuß des Schloßberges im ehemaligen Forsthaus wohnen.[168]
Cramer-Kletts ambivalente Einstellung zur Erhebung in den erblichen Adelsstand durch Ludwig II. (in Anerkennung seiner wirtschaftlichen Leistungen und der Bemühungen um die Wohlfahrt der Arbeiter) im Jahre 1876 kam in dem Dankesbrief zum Ausdruck, den er über den Staatsrat von Kobell an den König richtete: „Hochgeehrter Herr Staatsrat! Seine Majestät, mein allergnädigster König und Herr, haben durch Allerhöchstes Handschreiben vom 8. d. Mts. mich in höchster Gnade zu beglücken und zu überraschen geruht. Wenn ich auch den Wunsch hegte, im Interesse meines Sohnes die Vorbedingung für die möglichste Sicherstellung seiner Zukunft durch Bildung eines Fideikommisses erfüllt zu sehen, so würde ich es doch nie gewagt haben, den mir von Sr. Königlichen Majestät aus Allerhöchst Derem eigenen Initiative allergnädigst verliehenen Rang anzustreben.
Der Rückblick auf meine Vergangenheit gibt mir das befriedigende Bewußtsein auf industriellem Gebiete mit redlichem Streben und all’ meinen Kräften an der Lösung der mir gestellten Aufgabe mitgewirkt zu haben; der Erfolg industrieller Thätigkeit ist jedoch wesentlich beeinflußt von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage des Landes.
Das Bestreben, das Wohl der Arbeiter zu fördern, kann nur dann gedeihen, wenn die Arbeiter selbst dem Arbeitgeber in gleichem Sinn entgegenkommen.
In beiden Richtungen hat die Allerhöchste Gnade Seiner Majestät meine Thätigkeit in unverdientem Maße belohnt.“[169]
Der Wunsch Cramer-Kletts, durch die Erhebung in den erblichen Freiherrenstand die Voraussetzung für die Begründung eines Fideikomiß zu schaffen, mit dem Ehefrau und Sohn dauerhaft abgesichert würden, kommt in dem Dankesbrief klar zum Ausdruck. Schumann interpretiert den Vorgang recht offensiv, indem er behauptet, Cramer-Klett habe selbst den Anstoß zur Standeserhöhung geliefert, „jedoch (…) in versteckter Form und mit dem Ziel, nach außen hin den Monarchen als Initiator erscheinen zu lassen.“[170] Das sei belegt, schreibt er, nennt diese Belege aber nicht. Andererseits äußert sich Cramer-Klett jr. in seinen Memoiren ähnlich, wenn er schreibt, der Staatsrat von Pfistermeister habe dem König die Bitte Cramer-Kletts unterbreitet, ein Fideikomiß errichten zu dürfen, was die Erhebung in den erblichen Freiherrnstand erforderlich machte, eine Bitte, „die gnädig aufgenommen wurde. Ja, Se. Majestät erhob sogar meinen Vater motu priprio in den Freiherrnstand“.[171] Allerdings gibt es hier keinen Hinweis darauf, dass diese Bitte kaschiert werden sollte.
Zur Verleihung der Freiherrn-Würde merkt sein Sohn an: „Es kostete den Beliehenen große Überwindung, in diese höhere Stufe sich einzufügen. Er war gewöhnt, einfach als Herr von Cramer-Klett zu leben und behandelt zu werden und ein höherer Adelsgrad widerstrebte ihm förmlich, wie er es auch nach allen Seiten sein Leben lang beharrlich ablehnte, als Freiherr im gewöhnlichen Verkehr betitelt zu werden. Allein die Rücksicht darauf, daß diese Erhöhung im Adelsgrade ja auch seinem Sohne und der von ihm so innig geliebten Gattin zu Nutzen käme, ließ ihn auf das innere Widerstreben der Bescheidenheit verzichten.“[172] Insofern scheint die von Siegl gewählte Kapitelüberschrift „Die Familie Cramer-Klett: Zwischen Bürgertum und Adel“[173] mehr zu bezeichnen als den gesellschaftlichen Aufstieg, vielmehr eine seinerzeit häufig im Großbürgertum anzutreffende Bemühung um eine bewusste Balance zwischen bürgerlichen und aristokratischen Werten und Lebensformen. Schumann bestätigt in seiner Untersuchung zu den Nobilitierungen, Titel- und Ordensverleihungen diese Sichtweise, indem er ganz allgemein für das Unternehmertum in Bayern vor dem Ersten Weltkrieg feststellt, es habe sich stärker an der Ministerialbürokratie orientiert als am Adel. Als Grund nennt er: „In Bayern lag die politische Macht wesentlich in den Händen der Bürokratie, einer Bürokratie zumal, die weitaus weniger als in Preußen vom Adel bestimmt war.“[174]
Bereits Ende der 1870er Jahre hatte Cramer-Klett mehrere Schlaganfälle erlitten, was ihn nicht hinderte, noch ein so großes Projekt zu starten wie die Gründung der Münchener Rückversicherung. Auch unternahm er weiterhin Reisen, u. a. eine größere Reise durch Frankreich nach Paris im Jahre 1881. Doch verstärkten sich die Beeinträchtigungen in der Folgezeit erheblich. Pemsel meldete z. B. Anfang Mai 1882 an seine Frau Sophie nach Karlsbad, wo Cramer-Kletts in den nächsten Tagen eintreffen würden, der Zustand des Freiherrn sei sehr schlecht. Ein erneuter Schlaganfall im Frühjahr 1883 lähmte Cramer-Klett. Sophie Pemsel berichtete im März 1883 an Hermann, dass er nicht mehr gehen könne und nur noch wirres Zeug rede.[175] Er musste sich von allen Geschäften zurückziehen und war ganz auf die Pflege durch seine Frau und zwei Barmherzige Brüder angewiesen. Wie sein Sohn in seinen Lebenserinnerungen schreibt, reagierte er „auf keine Anrede und auf keine Frage mehr.“[176]
Das lange Siechtum von Cramer-Klett warf zahlreiche Probleme auf, nicht zuletzt, da einerseits noch zu seinen Lebzeiten die üblichen Anweisungen und Vorgaben ausblieben, andererseits sich frühzeitig andeutete, dass seine Frau die bisherige Geschäftspolitik nicht bruchlos fortführen wollte. In dieser Hinsicht aufschlussreich der Brief des bewährten, langjährigen Direktors der Nürnberger Maschinenfabrik, Friedrich Hensolt, an Pemsel: „Ich empfing Ihren lieben Brief von gestern mit dem Schriftstück über die Aktienabgabe. Ich brauche dasselbe zu meiner Deckung nicht u. werde es Herrn Hagen zum Aufheben schicken. Da es sich nur um eine formgerechte Sicherung des Fortbestehens der hiesigen Fabrik als Aktiengesellschaft handelt, so nehme ich allein die Verantwortung auf mich. Als Bevollmächtigter der v. Cramer-Klett Ehegatten würde ich auch viel weitergehende Verpflichtungen eingegangen sein, wenn Sie als Rechtsbeistand derselben dies als nötig gehalten hätten.
Auf den Rat und Beistand unseres verehrten Herrn v. Cramer-Klett werden wir für die Folge zu verzichten haben, ich eben halte mich verpflichtet so lange mitzutun als ich in seinem Sinn wirken kann. Dank seiner Vorsorge liegen die hiesigen Verhältnisse so klar, dass dieselben mir wenigstens keine Schmerzen machen. Die Erben werden dazu kommen, Nürnberg schätzen zu lernen und werden für die Folge bei der nackten Wahrheit bleiben. Es wird sich zeigen, dass dies der allein richtige Weg. Privatansichten und Geschmack sind indessen verschieden. Diese mögen ihre eigenen Wege gehen auf denen nur jene zu folgen haben, die zufällig gleiche Neigungen besitzen. Vorerst und so lange es Herrn v. Cramer-Klett bestimmt ist unter uns zu weilen, werde ich meine verschiedenen Stellungen, die er mir angewiesen hat, nach bestem Ermessen zur Anwendung bringen. Aus Pietät für ihn werde ich nach keiner Seite hin Anstoß erregen und ich hoffe auch allseits unterstützt zu werden. Gestalten sich die Verhältnisse einmal anders, dann rechne ich und jeder andere mit neuen Faktoren und lasse ich mir dann auch gefallen, daß meine Machtgrenzen gezogen werden Zu tun gibt es für alle und ist garniemand zuviel.“[177]
Die Beobachtungen der Nahestehenden waren deprimierend. So schrieb Friedrich von Schauss im Juni 1883 aus Aschau: „Das Befinden von Herrn v. Cramer ist körperlich nicht schlecht, allein geistig kann ich keinen Fortschritt versprechen.“[178] Cramer-Kletts enger Vertrauter Gustav von Schlör berichtete zwei Wochen später aus Plankenhammer: „Über Herrn Reichsrat lauten alle Nachrichten übereinstimmend: ‘Körperliches Befinden besser und befriedigend – Teilnahmslosigkeit unverändert!‘ Für den verehrten Patienten scheint der Zustand ziemlich erträglich da er weder Schmerzen noch sonstige unangenehme Empfindungen zu haben scheint. Für die Umgebung freilich ist die Situation geradezu verzweiflungsvoll und betrachte ich es wirklich als ein Glück, dass die Frau Baronin noch immer auf Wiederkehr der geistigen Tätigkeit ihres Herrn Gemahls hofft. Den längeren Aufenthalt des v. Schauss‘schen Ehepaares in Hohenaschau halte ich für sehr erwünscht, da die Herrschaften gewiss dazu beitragen werden, die Stimmung im Herrenhause zu bessern. Wahrscheinlich werden bald andere Gäste ihre Stellung einnehmen, da mir eine längere Reise noch immer sehr unbequem ist. So wünsche ich, dass ein Anlass, mich nach Hohenaschau zu zitieren, noch recht lange nicht gegeben sein möge.“[179]
Zwei Monate später ergänzte Schlör seine düstere Einschätzung der Entwicklungen, indem er auf das Verhalten der Freifrau hinwies. „In hohem Grad bedrückt bin ich über den Eindruck, den Sie bei Ihrer letzten Reise nach Aschau empfangen haben. Den Zustand des armen Patienten erachte ich längst als hoffnungslos. Der einzige Trost für den Patienten ist die Bewußtlosigkeit, die freilich für die Umgebung umso schmerzlicher ist. Wie sich die Zukunft gestalten wird, darüber habe ich mir schon manchmal trübe Gedanken gemacht. Gewiss ist es trotz den glänzenden Verhältnissen ein Unglück, wenn die Frau Baronin es fertig bringt, alle jene sich zu entfremden welche in der Lage sind, ihr Rat leisten zu können.“[180] Demnach deutete sich schon vor dem Tode Cramer-Kletts die wachsende Distanz zwischen seiner Frau und seinen alten Vertrauten und Helfern an, die während der Zeit der Vormundschaft noch zu unangenehmen Spannungen und Konflikten führte.
Ein Jahr später, am 5. 4. 1884, verstarb Cramer-Klett.[181] Sein Sohn war zu dem Zeitpunkt noch keine 10 Jahre alt. Dieser bedurfte wie die im Geschäftsleben weitgehend unerfahrene Witwe des fachkundigen, zuverlässigen Beistandes. Offenbar hatte Cramer-Klett eine solche Notlage frühzeitig für möglich gehalten. Im gemeinschaftlich mit seiner Ehefrau unterzeichneten Testament vom 18. 4. 1879 sind detaillierte Bestimmungen hinsichtlich der Vermögensverwaltung enthalten, die vor allem bezweckten, die verschiedenen Vermögensteile unbedingt zusammen zu halten, ihren Ertrag zu sichern sowie das „adelige Familienfideikomiß“, das ihm ja besonders am Herzen lag, möglichst zu vergrößern.[182] Dazu sollte auch die Verfügung beitragen, wonach im Normalfall ein Drittel des Ertrags aus dem Allodialvermögen stets zu thesaurieren sei.[183] Es fällt auf, dass Cramer-Klett bereits 1879, also mit erst 62 Jahren, die Situation für wahrscheinlich hielt, sein Sohn, der Alleinerbe seines gesamten Vermögens, könnte beim Ableben des Vaters noch minderjährig sein. Denn in § 8 des Testaments war von vornherein eine noch genauer zu bestimmende Vermögensverwaltung vorgesehen.
Diese Vermögensverwaltung wurde in einem am 20. 4. 1879 aufgesetzten Nachtrag zum Testament konkretisiert. Sie sollte aus der Ehefrau, solange sie lebte, und folgenden Personen bestehen:
„1. Herrn Wilhelm Finck, Associé von Merck, Christian & Co. in München;
2. Herrn Director Friedrich Hensolt in Nürnberg;
3. Herrn Geheim. Commerzienrath Jean Kempf in Nürnberg;
4. Herrn Rechtsanwalt Dr. Pemsel in München;
5. Herrn Staatsrath Gustav von Schlör in München.“[184]
Wichtige Fragen sollten die Vormünder möglichst im persönlichen Kontakt erledigen, wobei Mehrheitsentscheidungen zugelassen wurden; bei Stimmengleichheit sollte die Stimme der Ehefrau den Ausschlag geben. Aber auch zwei Vormünder konnten mit Genehmigung durch die Ehefrau oder drei Vormünder sogar ohne diese rechtswirksame Entscheidungen im Rahmen der Vormundschaft treffen.[185]
Als „Organ“ für die Vermögensverwaltung wurde die oben bereits als Quasi-Bank bezeichnete Firma Klett & Co. bestimmt, deren Alleininhaber der Sohn werden sollte. „Für diesen zeichnen während seiner Minderjährigkeit als seine gesetzlichen Vertreter (…) zwei der in München wohnhaften Vormünder, nämlich entweder meine Frau und einer der Vormünder oder zwei der letzteren.“[186] In einem weiteren Nachtrag zum Testament wurde schließlich für den Fall, dass der Sohn gestorben sein sollte, verfügt, die vorgenannten Regelungen hätten auch dann zu gelten.[187] Sollte die Firma Klett & Co. nicht mehr existieren, sei unter dem Namen Klett’sche Vermögensverwaltung zu handeln – „ganz nach denselben Normen und in denselben Formen (…) als ob die Firma Klett & Co. fortbestünde“.[188]
Ein so relativ großes und mit so hervorragenden Fachleuten bestücktes Gremium für die Vormundschaft und die Vermögensverwaltung vorzusehen, erscheint nicht selbstverständlich. Vorstellbar ist doch auch, dass der in diesem Rahmen mit weit reichenden Befugnissen ausgestatteten Ehefrau nur ein oder zwei sachverständige Freunde bzw. Vertraute zur Seite gestellt worden wären. Auf diese Weise wurde jedoch ganz unterschiedliche Expertise gebündelt, wobei Kompetenzstreitigkeiten zwischen den fünf familienfremden Vormündern sowie zwischen diesen und der Witwe von Cramer-Klett offenbar für unwahrscheinlich gehalten wurden, jedoch angesichts der höchst unterschiedlichen Temperamente und Interessenlagen der Beteiligten nahe liegend sind. Dies besonders im Verhältnis zur Freifrau von Cramer-Klett, denn immerhin sollten ja in Vermögensfragen gegebenenfalls auch zwei der in München wohnhaften Vormünder ohne Beteiligung der Witwe Entscheidungen treffen können, das waren nach dem Tode Schlörs also Finck und Pemsel. Zum anderen fällt auf, dass zwar die Ehefrau sehr großzügig aus dem Vermögen bedacht wurde [sie sollte neben dem gemäß Ehevertrag „vorbehaltenen besonders gebuchten Privatvermögen den Betrag von: Eine Million funfhundert tausend Mark (M. 1.500.000) zur völlig freien Verfügung“[189] erhalten, zudem das große Gartengrundstück bei Wöhrd (Nürnberg) sowie das Münchener Palais in der Ottostr. 9 lebenslang nutzen dürfen], doch wurde ihr die Möglichkeit verweigert, das Fideikomiß aufzulösen oder durch Vermögenstransaktionen auch nur im Bestand zu gefährden. Erhalt und Mehrung des Fideikomißvermögens hatten eindeutig oberste Priorität – so sahen es auch die Vormünder. Angesichts der Verschiedenartigkeit der Geschäftsfelder, über die sich das Vermögen erstreckte, von Land- und Forstwirtschaft über Maschinenbau und andere Formen des Eisen verarbeitenden Gewerbes bis zur Beteiligung an Banken und Versicherungen, hielt es Cramer-Klett für sinnvoll, Persönlichkeiten mit der Vermögensverwaltung zu betrauen, deren Expertenwissen entsprechend diversifiziert war.
Dem trugen die Vormünder Rechnung, indem sie nach der am 10. 4. 1884 erfolgten Testamentsöffnung am 20. 4. 1884 beschlossen, die Mobilienverzeichnisse für die zum Fideikomiß gehörenden Besitzungen anzulegen und dabei die Aufgaben untereinander aufzuteilen. Für München und Hohenaschau wurde Pemsel eingesetzt.[190] Um ihre praktische Arbeit zu erleichtern, beschlossen die Vormünder gemeinsam mit der Freifrau von Cramer-Klett bei einer nächsten Zusammenkunft am 10. 6. 1884 folgende Regelung:
– Alle Vorgänge und Maßnahmen von erheblicher Bedeutung sollten weiterhin mitgeteilt und zur Zustimmung unterbreitet werden, sei es per Zirkular, sei es in einer gemeinsamen Konferenz.
– Für die laufenden Geschäfte dagegen sollte genügen,
bei Nürnberger Angelegenheiten die Mitwirkung von Hensolt und Kempf
bei Angelegenheiten der Firma Klett und der übrigen durch Hagen geführten Geschäfte die Mitwirkung von Finck
bei Fideikomißangelegenheiten die Mitwirkung von Pemsel,
jeweils im Einverständnis mit Freifrau von Cramer-Klett.[191]
Demnach war Pemsel für die laufenden Geschäfte bezüglich des Fideikomisses zuständig, nicht jedoch für die industriellen und die bankmäßigen Unternehmen. Als Geschäftsführer fungierten in Nürnberg der Ingenieur Flüggen und der Hausmeister Wolff, in München der Prokurist Hagen und der Ingenieur Günthner, in Hohenaschau der Verwalter Groetsch und der Oberförster Jaeger.
Nach dem Tode Cramer-Kletts nahmen die Vormünder ihre Arbeit unverzüglich auf. Ihre Beschlüsse betrafen z. B. die testamentarisch vorgesehene Ausscheidung eines Privatvermögens in Höhe von 1,5 Mio. M. für die Freifrau von Cramer-Klett aus dem Gesamtvermögen (vollzogen in Form von bayerischen vierprozentigen Obligationen zum Parikurs[192]), aber auch menschlich etwas diffizilere Angelegenheiten wie die Zustimmung zu einigen Immobiliengeschäften, die die Freifrau inzwischen getätigt hatte und sich genehmigen lassen musste. Interessant erscheint die per 30. 4. 1884 vorgenommene Vermögensübersicht, die der Prokurist der Firma Klett & Co., Hagen, aufgrund der Bücher angefertigt hatte. Er ermittelte Aktiva in Höhe von 14,1 Mio. M., denen Passiva in Höhe von 1,2 Mio. M, gegenüber standen, also ein Reinvermögen von 12,9 Mio. M.[193] Auch in diesem Zusammenhang wird wiederum die etwas prekäre Position der Witwe, der Freifrau von Cramer-Klett, deutlich, die sich einerseits Zuwendungen an wohltätige Stiftungen in der doch außergewöhnlichen Höhe von 223.000 M. genehmigen lassen musste[194], andererseits Mittel in Höhe von 230.000 M. für den Ausbau bzw. die Renovierung des Palais in der Ottostraße. Sie argumentierte, dass das Palais zum Fideikomiß gehöre und Umbau- oder Renovierungsmaßnahmen deshalb nicht aus ihrem Privatvermögen finanziert werden müssten. Sie fand dafür die Zustimmung der Vormünder, die beschlossen, eine entsprechende Empfehlung an das Amtsgericht München zu richten. Das Fideikomißvermögen und alle diesbezüglichen Verfügungen bedurften der so genannten kuratelamtlichen Überprüfung durch das Gericht.
Über die weitere Tätigkeit der Nachlassverwalter und Vormünder des Sohns von Cramer-Klett ist hier nicht zu berichten.[195] Erwähnt sei nur, dass Camer-Klett jr. große Distanz zu den industriellen sowie finanziellen Unternehmungen seines Vaters pflegte. Er zog sich aus vielen Engagements zurück, statt sie vorwärts zu treiben, und huldigte eher romantisierend verklärten, zunehmend anachronistisch wirkenden Idealen eines adeligen Lebens. Für dies und seine religiösen Ideale (im Gegensatz zu dem protestantischen Vater konvertierte er nicht nur zum Katholizismus , sondern galt im frühen 20. Jahrhundert als einer seiner Vorkämpfer) opferte er große Teile seines Privatvermögens. So gesehen, trat er die Nachfolge seines Vaters als Industrie- und Finanzpionier nicht an. Wohl auch deshalb verlor der Name Cramer-Klett im 20. Jahrhundert rasch seinen Glanz.
[1] Vgl. im Internet http://de.wikipedia.org/wiki/Merck_Finck_%26_Co; (Stand: 14. 5. 2012).
[2] Vgl. vor allem Eibert, G.: Unternehmenspolitik Nürnberger Maschinenbauer (1835-1914). Stuttgart 1979, S. 72-80 u. passim; Rupieper, H.-J.: Arbeiter und Angestellte im Zeitalter der Industrialisierung. Eine sozialgeschichtliche Studie am Beispiel der Maschinenfabriken Augsburg und Nürnberg (MAN) 1837-1914. Frankfurt/ M. u. New York 1982, S. 31-36 u. passim; auch Matschoß, C.: Geschichte der Maschinenfabrik Nürnberg. Die Begründung und Entwicklung der Werke Nürnberg und Gustavsburg der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg A. G. (M.A.N.). In: Beiträge zur Geschichte der Technik und Industrie. Jahrbuch des Vereines Deutscher Ingenieure, Bd. 5, Berlin 1913, S. 253-284.
[3] Vgl. z. B. die Einträge in: Deutsche Biographische Enzyklopädie. Bd. 2, München usw. 1995, S. 391; Bosls Bayerische Biographie. Regenburg 1983, S. 120; Neue Deutsche Biographie, Bd. 3, Berlin 1957, S. 394.
[4] Vgl. Hotzelt W.: Dr. Freiherr Theodor von Cramer-Klett, Großindustrieller, 1817-1884. In: Chroust, A.: Lebensläufe in Franken. Bd. 3, Würzburg 1927, S. 36-46; N.N.: Theodor von Cramer-Klett, Großindustrieller, 1817-1884. In: Imhoff, C. v. (Hg.): Berühmte Nürnberger aus neun Jahrhunderten. 2. Aufl., Nürnberg 1989, S. 283ff.; Hesselmann, H.: Das Wirtschaftsbürgertum in Bayern 1890-1914. Wiesbaden 1985, passim; Ruppert, W.: Theodor von Cramer-Klett. Industrieherr. In: Industriekultur in Nürnberg. Eine deutsche Stadt im Maschinenzeitalter. 2. Aufl., München 1983, S. 87; Siegl, M.: Die Cramer-Klett’s, eine Industriellen-Familie und ihre Bedeutung für das Priental. (Chronik Aschau i. Ch., Quellenband III), Aschau 1998, passim (Grammatikfehler im Original; R. S.).
[5] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_von_Cramer-Klett, (Stand: 12. 5. 2012). Dieser Artikel wurde zwar auch von mir ergänzt, bleibt aber doch notwendigerweise an der Oberfläche.
[6] Biensfeldt, J.: Freiherr Dr. Th. von Cramer-Klett erblicher Reichsrat der Krone Bayern. Sein Leben und Werk, ein Beitrag zur bayrischen Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Leipzig u. Erlangen o. J. (1922). Biensfeldt konnte u. a. auf Quellen zurück greifen, die mit dem Palais der Cramer-Kletts in der Ottostraße in München während des Zweiten Weltkriegs zerstört worden sind.
[7] Vgl. Spree, R.: Eine bürgerliche Karriere im deutschen Kaiserreich. Der Aufstieg des Advokaten Dr. jur. Hermann Pemsel in Wirtschaftselite und Adel Bayerns. Aachen 2007, bes. S. 167-189 u. 251-263.
[8] Biensfeldt, S. 4.
[9] Ruppert, S. 87.
[10] Vgl. Killinger, G.: Georg Zacharias Platner in Nürnberg und die Freiherrn Theodor von Cramer-Klett. Familiengeschichtliche Studie. Augsburg o. J. (maschinenschriftl. MS; Historisches Archiv der MAN AG Augsburg), S. 10f..
[11] Das Handelshaus Platner trat bei der Gründung der Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft am 18. 11. 1833 als Emissionshaus für die Aktien in Höhe von 132.000 fl. auf und hatte sich verpflichtet, alle nicht platzierten Aktien selbst zu übernehmen; außerdem hatte es alle Vorspesen des Eisenbahnunternehmens aus eigenen Mitteln getragen, befand sich also finanziell in angespannter Lage. Vgl. Killinger, S. 13 u. 27.
[12] Vgl. – auch zum Folgenden – vor allem Biensfeldt, S. 5ff.
[13] Ebda., S. 6.
[14] So soll er Übersetzer und Herausgeber der Schriften des französischen Frühsozialisten Louis Blanc gewesen sein. Vgl. Ebda., S. 12, u.. Killinger, S. 30.
[15] So eine Aussage Cramers, zitiert nach Biensfeldt, S. 8 (ohne Quellenangabe).
[16] Vgl. Ebda., S. 12, bes. auch Fn. 1.
[17] Zunächst „Friedens- und Kriegskurier“, später auch „Fränkischer Kurier“ genannt.
[18] Vgl. Biensfeldt, S. 13-16. 1849 radikalisierte sich die Zeitung, die er inzwischen an seinen Freund Dr. Feust übergeben hatte, und musste nach einem politischen Prozess eingestellt werden.
[19] Schumann, D.: Bayerns Unternehmer in Gesellschaft und Staat 1834-1914. Fallstudien zu Herkunft und Familie, politischer Partizipation und staatlichen Auszeichnungen. Göttingen 1992, S. 129f.
[20] Ebda., S. 301, Fn. 48.
[21] Ebda., S. 139. (Grammatikfehler offenbar in der Quelle).
[22] Vgl. Biensfeldt, S. 18.
[23] Vgl. Ebda., S. 24.
[24] Rupieper, S. 34. Diese aufschlussreichen Details der Beziehungen zwischen Cramer und Klett werden hier im Wortlaut zitiert, da Biensfeldt sie nicht erwähnt. Sie dürften auf Auskünften des Archivars der MAN Nürnberg, Werkmann, basieren, auf die sich Rupieper in Fn. 40 beruft. Allerdings wurde die Mechanische Werkstatt erst 1836 gegründet, sie kann also nicht bereits 1824 im ersten Testament von Klett erwähnt worden sein.
[25] Vgl. die Lebensbeschreibung eines Jugendfreundes von Cramer-Klett, Schulheiss, Kirchendiener in St. Lorenzen zu Nürnberg, der ausführlich die Romanze zwischen Emilie und Cramer-Klett schildert; zitiert nach dem Abdruck in den Memoiren des Herrn Theodor Freiherrn von Cramer-Klett jr., T. 1, „Die Eltern“, S. 36-40. Familienarchiv Cramer-Klett, Aschau. Hier und im Folgenden wird nach der Abschrift zitiert, bei der die Seitenzählung nicht immer folgerichtig, aber mit Hilfe der Kapitelüberschriften nachvollziehbar ist.
[26] Vgl. Biensfeldt, S. 28ff.
[27] Vgl. Ebda., S. 35-38.
[28] Vgl. Ebda., S. 31.
[29] Vgl. Ebda., S. 31, Fn. 1.
[30] Vgl. Killinger, S. 30.
[31] Ein Licht auf die rückständigen, dem Zunftdenken verhafteten Verhältnisse in der Stadt Nürnberg um die Mitte des 19. Jahrhunderts wirft die Tatsache, dass der Übergang zur Waggonbau-Fabrik zunächst auf den heftigen Widerstand der „ehrbaren Nürnberger Wagnerinnung“ stieß, „die gegen den Bau von Wagen durch eine Maschinenbauanstalt Einspruch erhoben hatte.“ (Biensfeldt, S. 67). Dieser wurde schließlich durch den Magistrat verworfen.
[32] Vgl. im Internet http://www.schrannenhalle.de/ sowie http://de.wikipedia.org/wiki/Schrannenhalle_%28M%C3%BCnchen%29 (Stand: 14. 5. 2012). In beiden (und weiteren) Internet-Einträgen zur Schrannenhalle wird stets der Architekt Franz Karl Muffat genannt, meist verbunden mit dem irreführenden Hinweis, er habe die Schrannenhalle „errichtet“; die ausführende Firma, die damit ihren Ruf im Eisen-Glas-Hochbau begründete, war jedoch Cramer-Klett, was im Internet unerwähnt bleibt. Vgl. als Nachweis u. a. Hotzelt, S. 39. Mit nicht eindeutigem Bezug auch Matschoß, S. 264.
[33] Vgl. technische Details sowie besonders auch die Abbildungen dieses 1931 durch einen Brand zerstörten Monuments bei Matschoß, S. 264f. Dazu auch im Internet http://de.wikipedia.org/wiki/Glaspalast_%28M%C3%BCnchen%29 (Stand: 14. 5. 2012). Dieser Wikipedia-Artikel ist insofern etwas zuverlässiger als der zur Schrannenhalle, als immerhin die Bauausführung durch Cramer-Klett erwähnt wird. Falsch ist dagegen die Behauptung, Cramer-Klett habe zuvor beim Bau der Großhesseloher Brücke die notwendigen Erfahrungen mit den weit tragenden Gusseisen-Konstruktionen gesammelt; die Brücke wurde erst drei Jahre später gebaut; vgl. auch dazu die technischen Details und Abbildungen bei Matschoß, S. 266ff.
[34] Hotzelt, S. 39.
[35] Vgl. Biensfeldt, S. 61f., sowie Neue Deutsche Biographie, Bd. 3, Berlin 1957, S. 394.
[36] Vgl. u. a. Hotzelt, S. 41.
[37] Vgl. Hotzelt, S. 40.
[38] Vgl. die Details bei Biensfeldt, S. 108-121.
[39] http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_von_Cramer-Klett; (Stand: 15. 5. 2012).
[40] Im Folgenden wird, dem allgemeinen Sprachgebrauch in der Literatur folgend, die Bank für Handel und Industrie gelegentlich auch einfach als Darmstädter Bank bezeichnet.
[41] Vgl. Biensfeldt, S. 82ff.
[42] An der Gründung der Bank für Handel und Industrie beteiligten sich 1853 neben Gustav von Mevissen u. a. die rheinischen Bankiers Oppenheim, Deichmann und Wendelstadt sowie die Frankfurter Privatbankiers Bethmann und Goldschmidt, nicht zuletzt aber auch die berühmte französische Industriebank Crédit Mobilier. Vgl. zur Gründungsphase ausführlicher Hansen, J.: Gustav von Mevissen. Ein rheinisches Lebensbild 1815-1899. Bd. 1, Berlin 1906, S. 645-658. 1922 erfolgte der Zusammenschluß mit der Nationalbank für Deutschland zur DANAT-Bank. Diese brach 1931 in der Bankenkrise zusammen und wurde zwangsweise mit der Dresdner Bank vereinigt.
[43] 1878 trat Cramer-Klett, nicht zuletzt wegen einiger für ihn unbefriedigender Erfahrungen mit der Bank für Handel und Industrie, so im Konsortialgeschäft während der „Gründerkrise“ 1873-1979 und im so genannten Guano-Geschäft, aus dem Aufsichtsrat der Bank zurück; vgl. Biensfeldt, S. 178f.
[44] Deutsche Biographische Enzyklopädie, Bd. 2, S. 391.
[45] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/A._Schaaffhausen%E2%80%99scher_Bankverein; (Stand: 20. 5. 2012).
[46] Vgl. Biensfeldt, S. 98 u. 112. Parcus war zugleich ein Jugendfreund von Jean Kempf, den Cramer-Klett 1865 als Teilhaber und Direktor in die Maschinenbaufabrik aufgenommen hatte.
[47] Vgl. Ebda., S. 119.
[48] Ebda., S. 79.
[49] Bösch, H.: Geschichte der Maschinenbau-Aktiengesellschaft Nürnberg (…). Nürnberg 1895, S. 35; hier zitiert nach Biensfeldt, S. 86.
[50] Ebda.
[51] Das Gutachten erscheint Biensfeldt – zu Recht – beachtlich, weil Cramer-Klett „selbst den Grundsatz darlegt, den er auch bei allen späteren Eisenbahnunternehmungen, insbesondere in Österreich, befolgte, dass nämlich die Industrie, welche den Bau der Eisenbahn besorgt, später zugleich durch ihre Frachten (…) die Rente der Eisenbahn mit sichern soll.“ Ebda., S. 87.
[52] Vgl. vor allem Fremdling, R.: Eisenbahnen und deutsches Wirtschaftswachstum 1840-1879. Dortmund 1975; hierzu auch der Artikel „Die Industrialisierung Deutschlands im 19. Jh.“ auf meiner Homepage.
[53] Vgl. Biensfeldt, S. 80.
[54] Vgl. Ebda., S. 120.
[55] Ebda., S. 81. Auch noch in den späten 1860er und frühen 1870er Jahren ging Cramer-Klett in dieser Weise vor; vgl. z. B. Ebda., S. 112.
[56] Vgl. Ebda., S. 39-66, der Werder ein ganzes Kapitel widmet.
[57] Vgl. Ebda., S. 91-95; vgl. zu Gerbers Leistungen besonders Matschoß, S. 269ff.
[58] Sie wurde 1873 in eine Aktiengesellschaft, die Süddeutsche Brückenbau-Aktiengesellschaft mit Sitz in München, umgewandelt; vgl. Biensfeldt, S. 145. „1884 löste man die Süddeutsche Brückenbau A.-G. wieder auf und führte die Firma als Filiale von Nürnberg weiter.“ Matschoß, S. 280.
[59] Biensfeldt, S. 97. Diese Charakterisierung erscheint nicht übertrieben. So ist auch in der Arbeit von Knips über die Bank für Handel und Industrie, bezogen auf das Jahr 1868, die Rede von „dem Bankhaus von Cramer-Klett in München“; Knips, F. L.: Entwicklung und Tätigkeit der Bank für Handel und Industrie. Phil. Diss. Heidelberg 1911, Leipzig 1912, S. 165.
[60] Vgl. Rupieper, Tab. 6, S. 258.
[61] Vgl. Biensfeldt, S. 98f.
[62] Ebda., S. 104.
[63] Vgl. Ebda., S.104-107. Schlör verstarb am 25. 9. 1883; vgl. Abschrift eines Briefs von Hermann Pemsel v. 19. 12. 1884; Historisches Archiv MAN, Augsburg, Bestand Cramer-Klett, Nr. 121/6.
[64] Biensfeldt, S. 122.
[65] Hoffmann, B.: Wilhelm von Finck 1848-1924. Lebensbild eines deutschen Bankiers. München 1953, S. 15.
[66] Vgl. die Details bei Ebda., S. 5ff.
[67] 1873 berief ihn Cramer-Klett in den Aufsichtsrat der in eine AG umgegründeten Maschinenfabrik Nürnberg. Seitdem war er Cramer-Kletts wichtigster Berater in allen Finanzfragen.
[68] Vgl. Hoffmann, S. 18f. Diesen Kredit des Vaters in Höhe von 50.000 fl. konnte er schon ein Jahr später zurück zahlen!
[69] Vgl. Biensfeldt, S. 122-131.
[70] Vgl. die Berichte und Bilanzen von 1889-1897 unter dem Sigel „Münchner Kommandite“ im Familienarchiv Cramer-Klett, Aschau.
[71] Hoffmann, S. 37.
[72] Vgl. Münchner Commandite, Gewinn & Verlust-Conto pro Dezember 1888; Familienarchiv Cramer-Klett, Aschau.
[73] Vgl. Münchner Commandite, Gewinn & Verlust-Conto pro Dezember 1897; Familienarchiv Cramer-Klett, Aschau.
[74] Hoffmann, S. 97f.
[75] Ebda., S. 22.
[76] Vgl. dazu ausführlich Biensfeldt, S. 182-218. Als Beispiel der weniger auffälligen sozialen Aktivitäten sei erwähnt, dass der junge Rudolf Diesel für sein Studium an der Technischen Hochschule in München ein Stipendium Cramer-Kletts in Anspruch nehmen konnte; vgl. Hesselmann, S. 315.
[77] Vgl. Biensfeldt, S. 194-218.
[78] Vgl. Ebda., S. 195f.
[79] Ebda., S. 200.
[80] Ebda., S. 210.
[81] Ebda.
[82] Ebda.
[83] Ebda., S. 211.
[84] Vgl. Ebda., S. 213.
[85] Vgl. BayHStA, MJu 21570, Nr. 30.
[86] In einem Nachruf auf den 1907 gestorbenen Heinrich Merck heißt es: „Einer der verdienstvollsten liberalen Politiker der früheren Jahre, eine markante Münchner Persönlichkeit, die jahrzehntelang im Vordertreffen stand, wenn es galt, liberale Ideen wirksam zu vertreten und das Ansehen Münchens zu fördern, ist heute gestorben.“ U. a. war Merck 1848 Schriftführer der Frankfurter Nationalversammlung. StadtA München, Fotokopie eines Zeitungsartikels ohne Vermerk der Zeitung. Zu Pemsels Engagement in der Kampagne zur Freigabe der Advokatur vgl. Spree: Eine bürgerliche Karriere im deutschen Kaiserreich, S. 123-131.
[87] BayHSta MJu, 21570, Nr. 34.
[88] Vgl. dazu ausführlicher Biensfeldt, S. 129ff.
[89] Vgl. Ebda., S. 177f.
[90] Vgl. Ebda., S. 132.
[91] Vgl. Eibert, S. 77ff.
[92] Ebda., S. 79.
[93] Rupieper, S. 24.
[94] Vgl. Ebda., S. 22.
[95] Vgl. Ebda., S. 24.
[96] Vgl. Spree, R.: Die Wachstumszyklen der deutschen Wirtschaft von 1840 bis 1880. Berlin 1977, S. 261-316.
[97] Vgl. Rupieper, S. 22f.
[98] Büchner, F.: Hundert Jahre Geschichte der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg. O. O. (Augsburg) 1940, S. 87, der sich hier auf einen älteren Zeitungsbericht über die Cramer-Klettschen Unternehmen bezieht. Vgl. auch Eibert, G.: M.A.N. In: Industriekultur in Nürnberg, S. 63.
[99] Vgl. Rupieper, S. 70 u. 109ff., bes. Schaubild 1, S. 114.
[100] Vgl. in diesem Sinne auch Eibert: M. A. N., S. 63.
[101] Vgl. Büchner, S. 94.
[102] Vgl. Rupieper, S. 24.
[103] Vgl. ausführlicher Spree, R.: Two Chapters on early history of the Munich Reinsurance Company: The Foundation/ The San Francisco Earthquake. Zwei Kapitel aus der Frühgeschichte der Münchener Rückversicherung. Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge (VWL) 2010-11; im Internet: http://epub.ub.uni-muenchen.de/11336/ (Stand: 21. 5. 2012). Im Folgenden übernehme ich einige Passagen aus meinem eben genannten Aufsatz. Vgl. darüber hinaus Kluge, H.: Gründer und Erben. Die „Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft“ (1880-2007). München 2009 (unveröff. MS). Dabei handelt es sich um die erste größere wissenschaftliche Darstellung der Geschichte der Münchener Rückversicherung.
[104] Vgl. Brief von Julius Thieme an Marie Thieme vom 26. 5. 1879. Die im Folgenden zitierten Briefe aus dem familiären Umfeld von Carl Thieme befinden sich bei den verschiedenen Nachfahren. Allerdings habe ich Transkriptionen anfertigen lassen und vor vielen Jahren dem Archiv der Münchener Rückversicherung übergeben.
[105] Brief von Julius Thieme an Sohn Carl v. 5. 1. 1879.
[106] Vgl. Biensfeldt, S. 179 f.
[107] Vgl. Ebda., S. 180.
[108] Vgl. Hoffmann, S. 50 f.
[109] Zum 25jährigen Bestehen der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft. In: Allgemeine Tageszeitung, v. 29. 12. 1905, 2. Blatt, Nr. 596, S. 5 f. Der Artikel ist nur mit H. P. gezeichnet, stammt aber mit Sicherheit von Hermann Pemsel; vgl. Brief von Hermann Pemsel an Sohn Wilhelm v. 13. 1. 1906. Die im Folgenden zitierten Briefe von und an Hermann Pemsel befinden sich in der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek München, Sign. Ana 586, Nachlass Pemsel.
[110] Vgl. Meuschel, W.: Geschichte der Münchener Rück. (Erw. Niederschrift eines Referats, geh. am 21. 5. 1963; vervielf. Maschinenskript; Bibliothek der Münchener Rückversicherung), T. 1, S. 15.
[111] Vgl. dazu bes. Meuschel, Bd. 1, S. 17-20, u. Kluge, H.: Der Einfluss des Geschäfts der „Allianz“ auf die Entwicklung der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft in deren ersten fünfzig Jahren (1880-1930). In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, (2006/ 2), S. 220ff.
[112] Vgl. die Generalvollmacht für Hermann Pemsel vom 1. 6. 1872 sowie einige Ergänzungen aus dem Jahre 1873, in: Familienarchiv Cramer-Klett, Aschau, Mappe „Pemsel“.
[113] Seit Ende der 1870er Jahre hatte Cramer-Klett mehrere Schlaganfälle erlitten, die ihn zunehmend beeinträchtigten. Ein erneuter Schlag im Frühjahr 1883 lähmte ihn, so dass er sich von allen Geschäften zurückziehen musste. Vgl. Spree: Eine bürgerliche Karriere, S. 251ff.
[114] In der Mitteilung des Staatsministeriums heißt es: „Das Bankhaus Merck, Finck & Co., dann der k. Advokat Dr. H. Pemsel in München beabsichtigen (…) eine Aktiengesellschaft (…) zu gründen, welche den Zweck hat, Rückversicherung auf die von Gesellschaften, Vereinen, Anstalten und einzelnen Personen abgeschlossenen Feuer-, Lebens-, Transport- und Hagelversicherungen zu gewähren. Zur Errichtung dieser Rückversicherungsgesellschaft wird den Genannten auf Grund der vorgelegten Statuten die erbetene Genehmigung (…) hiermit in stets widerruflicher Weise erteilt.“ Abschrift des Briefs des K. Bayerischen Staatsministeriums des Innern, Betreff: Gründung einer Rückversicherungs-Gesellschaft in München, v. 15. 3. 1880; Archiv der Münchener Rückversicherung. Vgl. auch Gesellschaftsvertrag und Constituierung der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft mit dem Sitz in München, errichtet von dem kgl. Notar Dr. Hausmann in München am 3. 4. 1880, S. 2. Das Dokument enthält zudem die Statuten der Münchener Rückversicherung; Original im Archiv der Münchener Rückversicherung. Dazu ebenfalls Herzog M.: Was Dokumente erzählen können – Zur Geschichte der Münchener Rück. (Typoskript, o. O., o. J., Bibliothek der Münchener Rückversicherung), Bd. 1, S. 27.
[115] Gesellschaftsvertrag, S. 2f.
[116] Ebda., S. 5f.
[117] Vgl. Gesellschaftsvertrag, S. 8f.
[118] Ebda., S. 9.
[119] Vgl. ebda., S. 9f.
[120] Hier zitiert nach Herzog, Bd. 1, S. 26. Offenbar wurde diese Erklärung etwa zeitgleich auch in zwei anderen einschlägigen Zeitschriften veröffentlicht; vgl. Herzog, Bd. 1, Fn. 93.
[121] Brief von Julius Thieme an Sohn Carl v. 11. 4. 1880.
[122] Thuringia. 100 Jahre, S. 82.
[123] Vgl. Herzog, Bd. 1, S. 26.
[124] Es ist deshalb unverständlich, warum Kluge die strikte Trennung von Rückversicherungs- und Erstversicherungsaktivitäten einen „Thiemeschen Grundsatz“ nennt. Gerade Thieme war ja von diesem Grundsatz nicht überzeugt, der ihm vielmehr von seinem Aufsichtsrat vorgegeben wurde. Vgl. Kluge: Gründer und Erben, S. 63.
[125] Vgl. Kluge, Der Einfluss, S. 223f., bes. Fn. 17 u. 23; sowie Ders.: Gründer und Erben, S. 53, und – verallgemeinert – S. 112.
[126] Vgl. Herzog, Bd. 1, S. 38.
[127] Vgl. ebda., Bd. 1, S. 39.
[128] Vgl. Brief von Julius Thieme an Sohn Carl v. 16. 5. 1880.
[129] Vgl. Hoffmann, S. 51. Hoffmann nennt keinen Namen, doch lässt sich aus einem Brief von Dülberg an Hermann Pemsel v. 14. 6. 1880 schließen, dass es sich um Schauss handelte. Dülberg schrieb: „Ich habe (…) zu meiner aufrichtigen Freude ersehen, dass Sie sich mit Herrn von Schauss bezüglich der bekannten Differenzen in befriedigender Weise auseinandergesetzt haben. Ihren Andeutungen entsprechend habe ich heute Veranlassung genommen, diserhalb Herrn Schauss gegenüber meine Befriedigung und die bestimmte Hoffnung auszusprechen, dass er unserem neuen Unternehmen auch fernerhin angehören solle.“ Abschrift des Briefs von Franz Dülberg an Hermann Pemsel v. 14. 5. 1880; Archiv der Münchener Rückversicherung, Akte „Personalia Dr. Carl v. Thieme“. Auch die Anmerkung Hoffmanns, dass der Missgestimmte wesentlich älter als Finck gewesen sei, spricht für Schauss, der schon 1832 geboren worden ist, also 16 Jahre älter als Finck war.
[130] Zitiert bei Hoffmann, S. 51; Quelle ungenannt. Pemsel schrieb an Schauss nach Berlin, weil dieser von 1871 bis 1881 als Abgeordneter für die Nationalliberale Partei im Reichstag saß und sich vermutlich deshalb Anfang Mai in Berlin aufhielt.
[131] Vgl. den oben schon zitierten Brief von Dülberg an Hermann Pemsel v. 14. 6. 1880.
[132] Herzog, Bd. 1, S. 32
[133] Gesellschaftsvertrag, S. 18.
[134] Vgl. ausführlicher, mit instruktiven Beispielen aus der Arbeit des Aufsichtsrats Kluge: Gründer und Erben, S. 55-60.
[135] Gesellschaftsvertrag , S. 15.
[136] Uebereinkommen, v. 18. 6. 1880, vom Aufsichtsrat bestätigt am 26. 1. 1881; dem liegt ein „Provisorisches Uebereinkommen“ mit fast identischem Inhalt v. 29. 3. 1880 zugrunde; alles im Archiv der Münchener Rückversicherung.
[137] Herzog, Bd. 1, S. 38.
[138] Vgl. Hoffmann, S. 63.
[139] Vgl. Kluge: Gründer und Erben, S. 50 f.
[140] Vgl. Gesellschaftsvertrag, S. 18.
[141] Ebda., S. 21 f.
[142] Pemsel, H.: Zum 25jährigen Bestehen der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, S. 5.
[143] Nach Kluge: Der Einfluss, Tab. 1, S. 238.
[144] Vgl. ebda., S. 230.
[145] Vgl. Kluge: Gründer und Erben, 57.
[146] Vgl. ebda., S. 58.
[147] Ebda., S. 60.
[148] Vgl. Biensfeldt, S. 111 und 221f.
[149] Vgl. Schumann, S. 133.
[150] Biensfeldt, S. 223.
[151] Vgl. Hesse, H.: Die sogenannte Sozialgesetzgebung Bayerns Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Strukturanalyse der bürgerlichen Gesellschaft. Phil. Diss. Universität München 1971, S. 109.
[152] Ebda., S. 116.
[153] Theodor von Cramer-Klett jun.: Autobiographische Notizen, Konversionsbericht; abgedruckt in Siegl, Anhang XVI, S. 302.
[154] Vgl. Biensfeldt, S. 221f..
[155] Vgl. Ebda., S. 224; das Bildnis wurde zwei Jahre nach Cramer-Kletts Tod von Lenbach ausgeführt und der Stadt Nürnberg übergeben.
[156] Memoiren des Freiherrn Theodor Freiherrn von Cramer-Klett jr., T. 1, „Die Vorfahren“, S. 117.
[157] Sein Mäzenatentum beschränkte sich nicht auf die oben behandelte Initiative zur Gründung des Gewerbemuseums, vielmehr rief er auch die Albrecht-Dürer-Haus-Stiftung ins Leben und unterstützte die Einrichtung eines Künstlerhauses mit 30.000 M. Vgl. Ruppert: Theodor von Cramer-Klett, S. 88.
[158] Vgl. Biensfeldt, S. 220.
[159] Ruppert, W.: Fabrikanten. In: Industriekultur in Nürnberg, S. 83.
[160] Kobell, L. v.: Unter den vier ersten Königen Bayerns. Nach Briefen und eigenen Erinnerungen. Bd. 2, München 1894, S. 232.
[161] Vgl. Hesselmann, S. 61f.
[162] Vgl. Biensfeldt, S. 220. Elisabeth Curtze wurde 1844 geboren und starb 1913; vgl. Art. Cramer-Klett, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 3, Berlin 1957, S. 394.
[163] Vgl. Biensfeldt, S. 222f.
[164] Vgl. Memoiren des Herrn Theodor Freiherrn von Cramer-Klett jr., T. 1, „Die Vorfahren“, S. 109.
[165] Vgl. Ebda., S. 128. Der Sohn knüpft daran die interessante Bemerkung, dass damals, in den 1870er Jahren, eine ein- oder zweimalige Rom-Reise „ein Ereignis für das ganze Leben“ war; erst seit der Jahrhundertwende wurden solche Fernreisen regelmäßiger.
[166] Vgl. u. a. Ebda., S. 140f.
[167] Vgl. Siegl, S. 54f.
[168] Vgl. Biensfeldt, S. 224f.
[169] Abgedruckt bei v. Kobell, S. 231f.
[170] Schumann, S. 255.
[171] Memoiren des Herrn Theodor Freiherrn von Cramer-Klett jr., T. 1, „Die Vorfahren“, S. 152.
[172] Material zum Entwurf eines Lebensbildes weiland des erblichen Reichsrathes der Krone Bayern Dr. Theodor Freiherrn v. Cramer-Klett; PA; zitiert nach Siegl, S. 57.
[173] Siegl, S. 19.
[174] Schumann, S. 271.
[175] Vgl. Briefe von Sophie Pemsel an Hermann v. 15. und 16. 3. 1883.
[176] Memoiren des Herrn Theodor Freiherrn von Cramer-Klett jr., T. 1, „Jugendzeit“, S. 59.
[177] Brief von Fr. Hensolt an Hermann Pemsel v. 20.6.1883.
[178] Brief von Friedrich von Schauss an Hermann Pemsel v. 22. 6. 1883. Mit demselben Tenor drei Wochen später der Gutsverwalter Groetsch; vgl. Brief von Carl Groetsch an Hermann Pemsel v. 14. 7. 1883.
[179] Brief von Gustav von Schlör an Herrmann Pemsel v. 4. 7. 1883.
[180] Brief von Schlör an Hermann Pemsel v. 29. 8. 1883.
[181] Vgl. Biensfeldt, S. 225. Vgl. auch die Todesanzeige durch die Freifrau Elisabeth von Cramer-Klett v. 5. 4. 1884; Hess. StA Darmstadt, Bestand O.59 Kempf, Nr. 8.
[182] Vgl. Testament des Freiherrn Theodor von Cramer-Klett u. seiner Ehefrau Elisabeth v. 18. 4. 1879, bezeugt von Gustav v. Schlör u. Hermann Pemsel; Historisches Archiv MAN AG, Augsburg, Bestand Cramer-Klett, Nr. 121; abgedruckt bei Siegl, S. 285-290.
[183] Davon sollte nur abgewichen werden dürfen, wenn die Rente aus dem Grundvermögen den Betrag von 360.000 M. im Jahr unterschreitet; vgl. § 10 des Testaments..
[184] Nachtrag zum Testament v. 20. 4. 1879; abgedruckt bei Siegl, S. 295f.
[185] Dabei ist beachtlich, daß Gustav von Schlör bereits am 25. 9. 1883 verstorben war, also für die Praxis der Vormundschaft nach dem Tode Cramer-Kletts nicht mehr in Betracht kam.
[186] Nachtrag zum Testament v. 20. 4. 1879; abgedruckt bei Siegl, S. 295.
[187] Nachtrag zum Testament vom 9. 9. 1882.
[188] Ebda.
[189] Testament vom 18. 4. 1879, § 12.
[190] Vgl. den vormundschaftlichen Beschluss v. 20. 4. 1884. Historisches Archiv MAN AG, Augsburg, Bestand Cramer-Klett, Nr. 121/14.
[191] Vgl. Historisches Archiv MAN AG, Augsburg, Bestand Cramer-Klett, Nr. 121/ 10: Betreff Freifrau von Cramer-Klett’sche Kuratel.
[192] Vgl. Beschluss der Vormünder v. 10. 6. 1884; Historisches Archiv MAN, Augsburg, Bestand Cramer-Klett, Nr. 121/ 10.
[193] Feststellung des Vermögensbestandes v. 10. 6. 1884; Historisches Archiv MAN, Augsburg, Bestand Cramer-Klett, Nr. 121/22.
[194] Vgl. die Auflistung der Zuwendungen und ihrer Zweckbestimmungen im undatierten Beschluss der Vormünder; abgedruckt bei Siegl, S. 96ff.
[195] Vgl. dazu Spree: Eine bürgerliche Karriere, S. 251-263, sowie Siegl, passim.
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