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Timestamp: 2019-09-23 03:49:47+00:00

Document:
Herbert Kubicek: 09.07.2019
Kann ein Projekt sein Ziel verfehlen und trotzdem erfolgreich sein?
Zur Zwischenevaluation der Bremer Herbsthelfer
Die ifib consult war 2018 von der Senatorin für Finanzen der Freien Hansestadt Bremen beauftragt worden, das Vorhaben „Herbsthelfer – Bremer Verbund für Seniorendienstleistungen“ zu begleiten und zu evaluieren. Der Verbund vereinigte insgesamt sechs Teilprojekte mit unterschiedlichen Partnern und unterschiedlicher Finanzierung.
Lotsendienst in vier Stadtteilen mit jeweils
einem DLZ (Kampagne 1 und 2)
SfF mit AWO, Caritas, DRK und Paritätische Gesellschaft als Träger je eines beteiligten Dienstleistungszentrums
Mediendienst der Stadtbibliothek mit ausgewählten Standorten der Heimstiftung
Stadtbibliothek und Bremer Heimstiftung
Formulardienst des Bürgertelefons Bremen (115)
Performa Nord und dieSenatorin für Finanzen
Ummeldeservice vor Ort in
ausgewählten Standorten der Heimstiftung
Bürgeramt und Bremer Heimstiftung
Deutsche Post mit Johanniter Unfallhilfe
Bargelddienst der Sparkasse Bremen
Sparkasse Bremen und Deutsche Post
Der Bericht der Zwischenevaluation kann auf der Homepage des Herbsthelfer-Verbundes (https://www.finanzen.bremen.de/organisation/herbsthelfer-61017) heruntergeladen werden. Dort sind auch alle Teilprojekte kurz beschrieben. Systematisch evaluiert wurden der Lotsendienst und der Mediendienst. Da in der Berichterstattung der lokalen Presse zwischen dem Lotsendienst und dem Angebot „Post persönlich“ teilweise nicht genau unterschieden wurde, soll hier Klarheit geschaffen werden. Zumal das Scheitern von „Post Persönlich“ auch mit Fragen zur Finanzierung aus öffentlichen Mitteln verknüpft wurde. Dabei geht es vor allem um die Frage, nach welchen Kriterien beurteilt werden sollte, ob ein Pilotprojekt gescheitert ist oder nicht.
Ausgangspunkt für das Lotsenprojekt war die Feststellung, dass Bremen mit seinen 17 Dienstleistungszentren eine in Deutschland einmalige quartiersbezogene Altenhilfe bietet. In jedem Stadtteil gibt es ein Dienstleistungszentrum (DLZ), das älteren Menschen unentgeltliche Beratung in allen Fragen des Älterwerdens und die Vermittlung ehrenamtlicher Nachbarschaftshilfe anbietet. Bisher nehmen nur drei bis fünf Prozent der älteren Menschen in den Stadtteilen dieses Angebot wahr. Der derzeitige Pool von rund 3.000 ehrenamtlichen Nachbarschaftshelfer*innen reicht allerdings nicht immer, um selbst diese relativ geringe Nachfrage decken zu können. Da frühzeitige Beratung die Chance bietet, dass ältere Menschen mit entsprechender Unterstützung länger selbstbestimmt in ihrer eigenen Wohnung bleiben können, ergibt sich daraus ein doppelter Handlungsbedarf: Zum einen muss das Beratungs- und Vermittlungsangebot besser bekannt gemacht werden und zum anderen müssen, um die dann höhere Nachfrage bewältigen zu können, mehr ehrenamtliche Nachbarschaftshelfer*innen gewonnen werden.
Bisher haben die Dienstleistungszentren mit nur geringem Erfolg versucht, bei beiden Zielgruppen mit unterschiedlichen Flyern und Plakaten zu werben. In einer vorgeschalteten Machbarkeitsstudie, die die ifib consult im Auftrag der Deutschen Post AG durchgeführt hatte, war untersucht worden, ob die Zusteller*innen der Deutschen Post die Resonanz auf solche Werbemaßnahmen verbessern können, wenn sie einen Flyer oder eine Postkarte nicht einfach in den Briefkasten werfen, sondern die Adressaten individuell ansprechen und das jeweilige Anliegen erläutern. Dies kann gelingen, wenn die Zusteller*innen in ihrem jeweiligen Zustellbereich potenzielle Nachbarschaftshelfer*innen und ältere Menschen mit einem potenziellen Beratungsbedarf (er)kennen und ihnen als Vertrauensperson eine Postkarte mit den richtigen Worten übergeben und zur Kontaktaufnahme mit dem jeweiligen DLZ motivieren. In der Machbarkeitsstudie zeigten sich in zwei Fokusgruppen Briefzusteller*innen überzeugt, dass sie dies leisten können. Auf der Seite der DLZ und anderer Akteure in der Altenhilfe waren die Meinungen gespalten, je nachdem, ob man an Stammzusteller*innen dachte, die seit Jahren im selben Bezirk unterwegs sind, oder man den Eindruck hatte, dass zu oft gestresste Aushilfskräfte unterwegs sind.
Letztlich kann diese Frage aber nicht in Fokusgruppen und Experteninterviews geklärt werden, sondern nur durch einen Praxistest. Daher wurde vorgeschlagen, beide Ziele in zwei aufeinander folgenden Kampagnen zunächst nur mit jeweils einem DLZ der vier Träger zu erproben. Die Erfahrungen sollten dann ausgewertet werden, um sie anschließend mit jeweils einem weiteren DLZ in einem anderen Stadtteil mit den eventuell erkannten Verbesserungsmöglichkeiten umzusetzen oder im Falle des Scheiterns den Versuch auch abzubrechen.
Im Rahmen des Projektes wurde dementsprechend von den vier beteiligten DLZ in Findorff, Horn, Mitte und Neustadt eine Postkarte mit Informationen über das bezahlte Ehrenamt als Nachbarschaftshelfer*in und eine zweite Karte mit den Beratungsangeboten erarbeitet. Die Zusteller*innen in den entsprechenden Zustellbezirken wurden in diesen neuen Auftrag eingewiesen. Von April bis Oktober 2018 wurden die beiden Kampagnen durchgeführt. Im Rahmen der Evaluation haben die DLZ berichtet, wie viele Ehrenamtliche sich auf die Postkarten hin gemeldet haben und wie viele Beratungsgespräche aufgrund der anderen Postkarte stattgefunden haben. Das Ergebnis war in allen vier Stadtteilen und beiden Kampagnen sehr gering und bliebt unter den zu Beginn des Projektes getroffenen Zielwerten. Andere parallel genutzte Kommunikationskanäle durch die DLZ, wie eigene Kartenverteilung, aber auch Kleinanzeigen, hatten eine deutlich höhere Resonanz. Insgesamt wurden mehr als 6.000 Karten übergeben oder eingeworfen. Die Deutsche Post hat das Projekt mit eigenen Mitteln sowie der Bereitstellung von Personal und Logistik unterstützt.
In dem Evaluationsbericht werden die Ursachen gründlich untersucht. In den regelmäßig stattfindenden Projektbesprechungen mit SfF, Deutscher Post, den vier DLZ und ifib consult wurden schon während der Laufzeit beider Kampagnen Korrekturen vorgenommen. Im November 2018 wurde beschlossen, das Projekt zu beenden und auf die vorgesehene zweite Phase für 2019 mit neuen DLZ in anderen Stadtteilen zu verzichten.
Bei der Beurteilung, ob das Projekt gescheitert ist, muss man zwischen dem Output der Aktivitäten im Projekt (der Anzahl der gewonnen Ehrenamtlichen und der zusätzlichen Beratungsgespräche) auf der einen Ebene und dem Erkenntnisgewinn zu einem neuen Weg einer motivierenden Bürgerinformation auf der anderen Ebene unterscheiden. Die Resonanz war gering und konnte durch Korrekturen innerhalb dieser Kooperation auch nicht erhöht werden. Insofern hat das Projekt sein angestrebtes operatives Ziel nicht erreicht. Das heißt aber nicht, dass das Projektziel verfehlt wurde. Denn das übergeordnete Ziel war die Gewinnung praktischer Erkenntnisse und Evidenz zu einer strittigen Frage. Die Analyse der Gründe hat gezeigt, dass eine durchaus plausible Idee aus strukturellen Gründen von der Deutschen Post nicht flächendeckend umgesetzt werden kann. Diejenigen, die von Anfang an skeptisch waren, mögen argumentieren, dass man das Ergebnis gewusst habe. Doch das ist nicht der Fall. Erwartungen und subjektive Einschätzungen, die sich auf selektive Beobachtungen beziehen, sind kein Wissen. Klarheit konnte nur durch einen Praxistest gewonnen werden. Durch die zeitliche und räumliche Aufteilung in zwei Phasen wurde dabei ein Sollbruchstelle geschaffen, die dann auch nach der Bewertung der ersten Phase zum Tragen gekommen ist. Dadurch wurde der Aufwand in einem vertretbaren Rahmen gehalten. Und der ist nach meiner Auffassung voll und ganz zu rechtfertigen.
Es ist ein ungelöstes Problem, dass bei der motivierenden, auf Verhaltensänderungen zielenden Bürger- oder Verbraucherinformation, ob zu Fragen der Altenhilfe, zu Klimaschutz oder Ernährung, zur Gesundheitsvorsorge und vielen anderen Themen, gedruckte Flyer und Postkarten einen hohen Streuverlust aufweisen und nur geringe Resonanz erzielen. Die Option einer ansprechenden Übergabe solcher Informationsmittel durch die Zusteller*innen der Deutschen Post, die jeden Tag in den Quartieren unterwegs sind, könnte auch bei diesen anderen Themen ins Spiel gebracht werden. Der Evaluationsbericht dieses Praxistests belegt, dass dies mit der derzeitigen Betriebs- und Personalstruktur der Deutschen Post auch bei anderen Themen nicht gelingen kann. Dies ist eine durchaus wertvolle Erkenntnis für die gesamte Bremer Verwaltung und darüber hinaus.
Etwas anders stellt sich die Frage nach dem Scheitern des Projekts „Post persönlich“ dar, an dem die FHB weder inhaltlich noch finanziell beteiligt war. Dieses Projekt wurde zwischen der Deutschen Post und dem Hausnotrufdienst der Johanniter Unfallhilfe bilateral ausgestaltet und gemeinsam im Stadtteil Schwachhausen angeboten. Die Zusteller*innen sollten drei- oder fünf Mal in der Woche bei den Kund*innen klingeln und sich erkundigen, ob alles in Ordnung ist. Bei Auffälligkeiten sollten sie den Hausnotrufdienst rufen, der dann den Fall übernimmt. Die Deutsche Post hatte mit einem ähnlichen Angebot schon einmal im Ruhrgebiet wenig Erfolg. Aus Frankreich wird hingegen über ein durchaus erfolgreiches Projekt der französischen Post berichtet. Weder die SfF noch ifib consult sind mit den Einzelheiten des konkreten Angebots und den insgesamt ergriffenen Werbemaßnahmen vertraut. Auch hier gilt, dass die Grundidee für einen Praxistest durchaus tragfähig ist, es hier aber sehr viel Spielraum für die Ausgestaltung des Diensteangebots und der Kooperation zwischen den Partnern gibt, die noch nicht ausgeschöpft sind. Zudem gab es neben den kritischen Stimmen in der lokalen Presse durchaus auch positive Resonanz aus der Fachöffentlichkeit. Die Diskussion über die zunehmende Einsamkeit älterer Menschen, über deren gesundheitliche Folgen und gesellschaftliche Kosten sowie geeigneter Maßnahmen, dieser entgegenzuwirken beginnt gerade erst. Daher ist nach meiner Überzeugung aus diesem Piloten noch kein abschließendes Urteil zulässig.
Irina Zakharova: 01.07.2019
MAL-Projekt im ZeMKI-Forschungsbericht 2018
Im neuen Forschungsbericht des Zentrums für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) erschien ein Beitrag über das Projekt "Multimodal Algebra Lernen" - kurz MAL, das im Lab "Informationsmanagement und Medientechnologie" des ZeMKI angesiedelt ist. In ihrem Beitrag beschreiben Prof. Dr. Andreas Breiter und Irina Zakahrova ihre Forschung zu ethischen, sozialen und rechtlichen Implikationen (ELSI) der Technologieentwicklung in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung und Datafizierung. Sie stellen Forschungsfragen aus dem Projekt vor, die sich mit der digitalen Spaltung, Gebrauchtauglichkeit (Usability), Inklusion und Barreirefreiheit sowie den rechtlichen Aspekten wie der Datensicherheit beschäftigen. Anschließend beschreiben sie ihren Forschungsansatz ELSI by Design (ELSI durch Technikgestaltung). Dieser Ansatz ermöglicht es, analog zu dem Prinzip von Privacy-by-Design (Datenschutz durch Technikgestaltung), Anforderungen der Nutzer*innen und ihre Erwartungen an ethisch und sozial vertretbare sowie -akzeptable Technologieentwicklung bereits in frühen Entwicklungsphasen zu berücksichtigen. Das Ergbnis nach drei Jahren der Projektlaufzeit ist ein Lehr-/Lernsystem für den Mathematikunterricht, das Schüler*innen beim Erlernen der Algebra durch verkörperlichte Verständnis algebraischer Gleichungen unterstützt und die Lehrer*innen im differenzierten Unterricht entlastet. Dabei spiegelt es Werte und Einstellungen diverser künftiger Nutzer*innen wider und berücksichtigt ethische und rechtliche Herausforderungen für den Systemeinsatz in Schulen.
Weitere Beiträge zum Thema: Datifizierung • Neue Medien und Schulentwicklung • Multimodal Algebra Lernen (MAL)
Zuordnung: Projekte • Veröffentlichungen
Julia Finken:
Änderungen in der Barrierefreiheit
Durch die Herausgabe der EU-Richtlinie 2016/2102 über den barrierefreien Zugang zu Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen vom 02.12.2016 wurden auf EU-Ebene Änderungen für den Bereich Barrierefreiheit angestoßen, die sich jetzt auch in der BITV wiederfinden. Die EU-Richtlinie musste bis zum 23.09.2018 in nationales Recht umgesetzt werden, was in Deutschland auf Bundesebene zu einer Überarbeitung des BGG (Juli 2018) und der BITV (Mai 2019) führte.
Die EU-Richtlinie gilt für Websites und mobile Anwendungen öffentlicher Stellen. Sie beinhaltet folgende Punkte:
Bereitstellen einer Online-Erklärung über den Barrierefreiheitsgrad der Angebote
Die Integration eines Feedbackmechanismus
Einen Bericht der Mitgliedsstaaten an die Kommission zum Umsetzungsstatus (alle drei Jahre)
Die Vorsehung eines Durchsetzungsverfahrens zur Einhaltung von Anforderungen
Öffentliche Stellen des Bundes sind nicht nur die Einrichtungen der Bundesverwaltung, sondern auch die Stellen, die das Vergaberecht anzuwenden haben und dem Bund zuzurechnen sind (siehe: § 12 BGG). Auf Landesebene sind die Bundesländer für öffentliche Stellen zuständig.
Laut BGG müssen Websites (inklusive Intranets und Extranets), Apps sowie elektronische Verwaltungsabläufe (z. B. Verfahren zur elektronischen Vorgangsbearbeitung und elektronischen Aktenführung, elektronische Zeiterfassung, …) barrierefrei gestaltet werden (vgl. § 12a Absatz 1 BGG). Hiervon betroffen sind laut BITV 2.0 auch rein intern genutzte Apps. Es gibt somit bei der barrierefreien Gestaltung keinen Unterschied mehr zwischen Internet und Intranet, sowie ebenso wenig zwischen öffentlich und nicht-öffentlich zugänglichen mobilen Anwendungen. Die Umsetzungen im deutschen Recht sind hierbei strenger, als von der EU-Richtlinie gefordert.
Laut BITV 2.0 sind diejenigen Inhalte auf Websites und in Apps von einer barrierefreien Gestaltung ausgenommen, für die auch die EU-Richtlinie Ausnahmen zugelassen hat (vgl. § 2 Absatz 2). Das betrifft:
In bestimmten Fällen die Reproduktion von Stücken aus Kulturerbesammlungen
Digitale Archive, deren Inhalte für aktive Verwaltungsverfahren nicht benötigt werden, und die nicht nach dem 23. September 2019 aktualisiert oder überarbeitet wurden
Websites und mobile Anwendungen einer Rundfunkanstalt des Bundesrechts wie der Deutschen Welle.
Zudem kann für den Erhalt der Einsatzfähigkeit der Streitkräfte die Bundesministerin oder der Bundesminister der Verteidigung weitere Ausnahmen von der BITV 2.0 festlegen (§ 2 Absatz 3).
Zu der elektronischen Vorgangsbearbeitung zählen laut BITV 2.0 unter anderem (§2a Absatz 4):
die Zuweisung und der Transport von Dokumenten an bearbeitende Personen,
die Bearbeitung dieser Dokumente,
die Darstellung von Prozessen, Organigrammen und Verantwortlichkeiten,
die Terminplanung und
die Protokollierung.
Elektronische Aktenführung im Sinne der BITV 2.0 ist die systematische und programmgestützte Vorhaltung und Nutzung von Dokumenten in elektronischer Form, beispielsweise mittels Dokumentenmanagementsystemen (vgl. §2a Absatz 5).
Eine weitere große Änderung in der BITV 2.0 ist die Streichung der bisher enthaltenen Anlage 1 und somit der enthaltenen Prinzipien. In der neuen Fassung wird auf harmonisierte europäische Normen sowie den „Stand der Technik“ verwiesen. Hierbei wird vermutet, dass Anwendungen barrierefrei sind, wenn sie diesen Normen oder Teilen der Normen entsprechen und diese wiederum im Amtsblatt der EU genannt wurden. Unter Stand der Technik wird verstanden, was technisch möglich ist, und nicht, was sich schon durchgesetzt hat.
Als Norm wird in der EU-Richtlinie die EN 301 549 in der Version V2.1.2 (2018-08) angegeben. Diese folgt weitestgehend den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1, kennt aber das dort beschriebene Level AAA nicht. Bei zentralen Navigations- und Einstiegsangeboten sowie Formularen und anderen interaktiven Prozessen auf Websites muss ein noch höheres Maß an Barrierefreiheit (vgl. § 3 Absatz 4) eingehalten werden, welches dem Level AAA der WCAG 2.1 entsprechen dürfte.
Ebenfalls schreibt die neue BITV 2.0 vor (siehe §7), dass die (jährlich zu aktualisierende) Erklärung über die Barrierefreiheit einer Website von der Startseite und jeder Seite dieser Website aus erreichbar sein muss. Bei mobilen Anwendungen ist die Erklärung an der Stelle, wo die Anwendung heruntergeladen werden kann, oder auf der Website der betreffenden öffentlichen Stelle zu veröffentlichen. Die wesentlichen Inhalte dieser Erklärung müssen auch in Deutscher Gebärdensprache (DGS) und in Leichter Sprache zur Verfügung gestellt werden. Daneben sind auch die schon bisher vorgeschriebenen Inhalte in DGS und Leichte Sprache zu übertragen. Diese sind: Informationen zu den wesentlichen Inhalten der Website, Hinweise zur Navigation sowie ein Hinweis auf ggf. weitere Informationen in DGS oder Leichter Sprache, die auf der Website oder in der App verfügbar sind. Ebenso wie die Erklärung muss auch der Feedback-Mechanismus von jeder Seite einer Website unmittelbar erreichbar sein, bei Apps genügt die Integration in die Navigation.
Seit der Überarbeitung des BGG gibt es für alle digitalen Anwendungen eine Ausnahmeregelung (§ 12a Absatz 6 BGG), falls die barrierefreie Gestaltung zu einer unverhältnismäßigen Belastung führen würde. Diese ist aber nur in Ausnahmefällen, nach Abwägung verschiedener Kriterien (teils durch die EU-Richtlinie vorgegeben) anwendbar. Keine Gründe für eine Ausnahmeregelung sind: Mangelnde Priorität; fehlende Zeit; fehlende Kenntnis; die Annahme, dass bestimmte Inhalte Menschen mit Behinderungen nicht treffen würden. Und selbst bei Anwendbarkeit der Ausnahmeregelung kann nicht auf eine barrierefreie Gestaltung verzichtet werden, sondern nur der Umfang ist zu reduzieren.
Weiterhin gibt es auch Neuerungen, die die Wirtschaft betreffen. So wurde am 17.04.2019 die EU-Richtlinie 2019/882 über die Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte (Hardware, Betriebssysteme, E-Book-Lesegeräte oder Selbstbedienungsterminals, …) und (webbasierte) Dienstleistungen (elektronischer Handel, Online-Bankwesen, audiovisuelle Mediendienste, E-Books, …) verabschiedet. Zukünftig müssen jetzt auch diese barrierefrei in den Verkehr gebracht werden, um den Handel zwischen den Staaten zu vereinfachen. Die Richtlinie muss bis zum 28.06.2022 in den Mitgliedsstaaten in nationales Recht umgesetzt werden.
Nach der Veröffentlichung des Referentenentwurfs der neuen BITV 2.0 gab es bereits Kritik. Einerseits bezieht sich diese auf die Streichung der Anlage 1 und die fehlenden Benennungen der relevanten Normen und Kriterienkataloge in der BITV 2.0 selbst (siehe z.B. die Stellungnahme des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V.). Ein relevanter Aspekt dabei ist, dass sowohl die EN 301 549 als auch die WCAG 2.1 nur in englischer Sprache vorliegen, was den Geltungsbereich im deutschsprachigen Raum einschränken könnte.
Es bleibt spannend, abzuwarten, wie die Umsetzung der neuen Vorschriften in der Realität aussieht. Ob es die Barrierefreiheit voran- oder nur mehr Unklarheiten hervorbringt, muss sich erst noch herausstellen.
Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung - BITV 2.0)
Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (Behindertengleichstellungsgesetz - BGG) $12a
BIK für Alle: Weltweiter Standard: Web Content Accessibility Guidelines
Stellungnahme des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten zum Vorentwurf zur Änderung der BITV 2.0
Weitere Beiträge zum Thema: Barrierefreiheit und Usability

References: § 12
 § 12
 § 2
 §2
 § 3
 §7