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Timestamp: 2019-11-19 21:37:27+00:00

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﻿ ﻿ BAG – 3 AZR 306/16 | bag-urteil.com
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.12.2017, 3 AZR 306/16
Auf die Revision des Klägers wird – unter Zurückweisung der Revision im Übrigen – das Urteil des Hessischen Landesarbeitsgerichts vom 9. Dezember 2015 – 6 Sa 1617/14 – im Kostenpunkt insgesamt und insoweit aufgehoben, als es die Berufung des Klägers gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Frankfurt am Main vom 11. Juni 2014 – 15 Ca 1983/13 – hinsichtlich der Zahlung rückständiger Betriebsrente für die Zeit vom 1. Januar 2010 bis zum 31. Dezember 2012 iHv. insgesamt 693,72 Euro brutto zzgl. Zinsen sowie ab Januar 2013 hinsichtlich einer über 428,19 Euro brutto hinausgehenden weiteren Zahlung iHv. 28,72 Euro brutto monatlich zurückgewiesen hat.
3 AZR 306/16 > Rn 1
3 AZR 306/16 > Rn 2
3 AZR 306/16 > Rn 3
Der Kläger, der die britische Staatsangehörigkeit hat, war bei der Beklagten vom 2. Februar 1970 bis zum 31. März 1986 in England und vom 1. April 1986 bis zum 31. März 2007 aufgrund des Änderungsvertrags vom 24./26. März 1986 zuletzt als Customer Service Manager am Flughafen Frankfurt am Main beschäftigt. Die Beklagte gewährt ihren weltweit tätigen Mitarbeitern Altersversorgungen nach verschiedenen Pensionsplänen. Für den Kläger gilt aufgrund arbeitsvertraglicher Bezugnahme die A Versorgungsordnung Deutschland (im Folgenden VO Deutschland). Die VO Deutschland enthält – in deutscher Übersetzung – ua. folgende Regelung:
3 AZR 306/16 > Rn 4
3 AZR 306/16 > Rn 5
Der Kläger bezieht seit dem 1. April 2007 ua. eine Betriebsrente nach der VO Deutschland. Diese betrug vom 1. April 2007 bis zum 31. Dezember 2010 monatlich 422,65 Euro brutto. Zum 1. Januar 2011 erhöhte die Beklagte die Betriebsrente des Klägers um 1,31 vH auf 428,19 Euro brutto. Über die Anpassung zum 1. Januar 2011 informierte sie den Kläger mit Schreiben vom 2. Dezember 2010 und teilte mit, dass die Erhöhung der „Steigerungsrate der allgemeinen Lebenshaltungskosten im Vergleich Oktober 2009 zu Oktober 2010“ entspreche. In den Jahren 2010, 2012 und 2013 passte die Beklagte die Betriebsrenten der deutschen Versorgungsempfänger – so auch die des Klägers – nicht an. Die unter den Pensionsplan „U.K. and Ireland“ fallenden Betriebsrentner erhielten dagegen zum 1. Januar 2014 eine Erhöhung ihrer Betriebsrenten um 3,2 vH und zum 31. Mai 2006 um 2,5 vH.
3 AZR 306/16 > Rn 6
3 AZR 306/16 > Rn 7
Mit seiner Klage hat der Kläger – zuletzt – eine Erhöhung seiner Ausgangsrente zum 1. Januar 2010 um monatlich 19,27 Euro brutto, zum 1. Januar 2011 um monatlich 21,11 Euro brutto, zum 1. Januar 2012 um monatlich 30,55 Euro brutto und zum 1. Januar 2013 um monatlich 40,00 Euro brutto begehrt. Er hat geltend gemacht, ihm stehe aus betrieblicher Übung ein Anspruch auf eine jährliche Betriebsrentenanpassung an den Kaufkraftverlust ungeachtet der wirtschaftlichen Lage der Beklagten zu. Zudem stehe die wirtschaftliche Lage der Beklagten einer Anpassung seiner Betriebsrente nach § 16 Abs. 1 BetrAVG nicht entgegen. Die guten finanziellen Ergebnisse der Beklagten in den Jahren 2013 und 2014 seien in der Presse verlautbart worden. Auch habe die Beklagte die Gehälter der Mitarbeiter in Frankfurt am Main in den Jahren 2012 und 2013 sowie die Renten der Versorgungsempfänger in Großbritannien zum 1. Januar 2014 erhöht. Die unternehmensweiten Gewinnbeteiligungen der Arbeitnehmer sowie die umfangreichen Bestellungen von Flugzeugen und die Sicherung von Kaufrechten und -optionen in den Jahren 2013 und 2014 belegten ebenfalls die ausgezeichnete wirtschaftliche Lage der Beklagten.
3 AZR 306/16 > Rn 8
– aus jeweils 19,27 Euro brutto seit dem 2. Januar 2010, 2. Februar 2010, 2. März 2010, 2. April 2010, 2. Mai 2010, 2. Juni 2010, 2. Juli 2010, 2. August 2010, 2. September 2010, 2. Oktober 2010, 2. November 2010 und 2. Dezember 2010,
– aus jeweils 21,11 Euro brutto seit dem 2. Januar 2011, 2. Februar 2011, 2. März 2011, 2. April 2011, 2. Mai 2011, 2. Juni 2011, 2. Juli 2011, 2. August 2011, 2. September 2011, 2. Oktober 2011, 2. November 2011 und 2. Dezember 2011,
– aus jeweils 30,55 Euro brutto seit dem 2. Januar 2012, 2. Februar 2012, 2. März 2012, 2. April 2012, 2. Mai 2012, 2. Juni 2012, 2. Juli 2012, 2. August 2012, 2. September 2012, 2. Oktober 2012, 2. November 2012 und 2. Dezember 2012
3 AZR 306/16 > Rn 9
3 AZR 306/16 > Rn 10
3 AZR 306/16 > Rn 11
3 AZR 306/16 > Rn 12
3 AZR 306/16 > Rn 13
3 AZR 306/16 > Rn 14
3 AZR 306/16 > Rn 15
3 AZR 306/16 > Rn 16
3 AZR 306/16 > Rn 17
3 AZR 306/16 > Rn 18
3 AZR 306/16 > Rn 19
bb) Soweit das Landesarbeitsgericht einen auf eine betriebliche Übung gestützten Anspruch verneint hat, macht die Revision geltend, das Landesarbeitsgericht habe nicht berücksichtigt, dass die Beklagte die Betriebsrente zum 1. Januar 2009 und zum 1. Januar 2011 angepasst habe, obwohl ihr Eigenkapital ausweislich der IFRS-Abschlüsse negativ gewesen sei. Zudem habe das Landesarbeitsgericht, ohne dass es den Vortrag des Klägers zu den mit den kanadischen Gewerkschaften getroffenen Vereinbarungen hinreichend gewürdigt habe, unterstellt, die Beklagte habe – ggf. irrtümlich – eine Anpassungspflicht angenommen, sodass ein die betriebliche Übung ausschließender Normenvollzug vorliege. Diese Ausführungen lassen sowohl die Richtung der Revisionsangriffe als auch die von der Revision angenommenen Rechtsfehler des Landesarbeitsgerichts ausreichend deutlich erkennen. Sie sind im Fall ihrer Berechtigung geeignet, eine abweichende Entscheidung als möglich erscheinen zu lassen.
3 AZR 306/16 > Rn 20
3 AZR 306/16 > Rn 21
3 AZR 306/16 > Rn 22
3 AZR 306/16 > Rn 23
Für das seit dem 19. März 2013 anhängige Verfahren ist nach Art. 66 Abs. 2 Verordnung (EU) Nr. 1215/2012 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. Dezember 2012 (ABl. EU L 351 vom 20. Dezember 2012 S. 1, zuletzt geändert durch Art. 1 ÄndVO (EU) 2015/281 vom 26. November 2014, ABl. EU L 54 vom 25. Februar 2015 S. 1) noch die Verordnung (EG) Nr. 44/2001 des Rates vom 22. Dezember 2000 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen (EuGVVO, ABl. EG L 12 vom 16. Januar 2001 S. 1) anwendbar. Ob sich die Zuständigkeit der deutschen Gerichte aus Art. 19 Nr. 1 iVm. Art. 18 Abs. 2 EuGVVO ergibt, kann dahinstehen. Selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, richtete sich die internationale Zuständigkeit – in Ermangelung vorrangiger Regelungen in internationalen Verträgen oder Übereinkommen zwischen Deutschland und Kanada – gemäß Art. 4 EuGVVO nach nationalem, also deutschem Recht und daher nach der örtlichen Zuständigkeit (vgl. BAG 15. Dezember 2016 – 6 AZR 430/15 – Rn. 20; vgl. zu einem Beklagten mit Wohnsitz in Kanada BGH 24. April 1996 – IV ZR 263/95 – zu I der Gründe mwN). Damit sind die deutschen Gerichte zumindest deshalb zuständig, weil der Kläger seine Arbeit als Customer Service Manager gewöhnlich am Flughafen Frankfurt am Main und damit in Deutschland verrichtet hat (§ 48 Abs. 1a ArbGG).
3 AZR 306/16 > Rn 24
3 AZR 306/16 > Rn 25
3 AZR 306/16 > Rn 26
3 AZR 306/16 > Rn 27
aa) Das auf das Arbeitsverhältnis der Parteien anwendbare materielle Recht bestimmt sich nach Art. 27 ff. EGBGB (idF der Bekanntmachung vom 21. September 1994, BGBl. I S. 2494, berichtigt am 5. Mai 1997, BGBl. I S. 1061, aufgehoben durch Gesetz vom 25. Juni 2009, BGBl. I S. 1574; im Folgenden EGBGB aF). Die Verordnung (EG) Nr. 593/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. Juni 2008 über das auf vertragliche Schuldverhältnisse anzuwendende Recht (Rom I) findet gemäß ihrem Art. 28 keine Anwendung. Der Änderungsvertrag der Parteien wurde am 24./26. März 1986 und somit vor dem 17. Dezember 2009 geschlossen. Altverträge unterstehen weiter dem bisherigen Recht (vgl. BAG 19. März 2014 – 5 AZR 252/12 (B) – Rn. 18 mwN, BAGE 147, 342; 25. Juni 2013 – 3 AZR 138/11 – Rn. 37 mwN).
3 AZR 306/16 > Rn 28
3 AZR 306/16 > Rn 29
3 AZR 306/16 > Rn 30
3 AZR 306/16 > Rn 31
3 AZR 306/16 > Rn 32
3 AZR 306/16 > Rn 33
3 AZR 306/16 > Rn 34
3 AZR 306/16 > Rn 35
3 AZR 306/16 > Rn 36
3 AZR 306/16 > Rn 37
(2) Damit ergeben sich für den Kläger nach § 16 Abs. 1 BetrAVG lediglich der 1. Januar 2010 und der 1. Januar 2013 als Anpassungsprüfungsstichtage. Die Beklagte hat die bei ihr anfallenden Prüfungstermine für die Betriebsrentner zum 1. Januar eines jeden Kalenderjahres gebündelt. Der Kläger bezieht seit dem 1. April 2007 eine Betriebsrente. Daraus würde als erster Anpassungsstichtag der 1. Januar 2011 folgen. Durch diesen Anpassungsstichtag verzögerte sich die erste Anpassungsprüfung nach § 16 BetrAVG bei dem Kläger um mehr als sechs Monate. Dies verstößt gegen § 16 Abs. 1 BetrAVG. Die Beklagte muss die erste Anpassung der Betriebsrente des Klägers bereits zum 1. Januar 2010 und davon ausgehend wieder zum 1. Januar 2013 prüfen (vgl. hierzu BAG 8. Dezember 2015 – 3 AZR 475/14 – Rn. 18).
3 AZR 306/16 > Rn 38
bb) Der Kläger kann sein Klagebegehren insoweit auch nicht mit Erfolg auf die Regel 24 VO Deutschland stützen. Nach dieser Bestimmung sind laufende Rentenzahlungen nicht jährlich, sondern lediglich alle drei Jahre zu überprüfen und nach – freiem – Ermessen gemäß den deutschen Rentenbestimmungen anzupassen. Wie die Formulierung „gemäß den deutschen Rentenbestimmungen“ und Satz 2 der Regel 24 VO Deutschland zeigen, wird auf die Vorgaben des § 16 Abs. 1 BetrAVG Bezug genommen. Damit bestimmt die Regel 24 VO Deutschland für eine Betriebsrentenanpassung keine von § 16 Abs. 1 BetrAVG abweichenden Anforderungen.
3 AZR 306/16 > Rn 39
3 AZR 306/16 > Rn 40
3 AZR 306/16 > Rn 41
3 AZR 306/16 > Rn 42
3 AZR 306/16 > Rn 43
3 AZR 306/16 > Rn 44
3 AZR 306/16 > Rn 45
3 AZR 306/16 > Rn 46
3 AZR 306/16 > Rn 47
3 AZR 306/16 > Rn 48
3 AZR 306/16 > Rn 49
3 AZR 306/16 > Rn 50
3 AZR 306/16 > Rn 51
3 AZR 306/16 > Rn 52
3 AZR 306/16 > Rn 53
3. Dieser Rechtsfehler führt zur Zurückverweisung des Rechtsstreits an das Landesarbeitsgericht zur neuen Verhandlung und Entscheidung. Das Landesarbeitsgericht wird unter Berücksichtigung der vom Senat entwickelten Grundsätze zu prüfen haben, ob die wirtschaftliche Lage der Beklagten einer Anpassung der Betriebsrente des Klägers an den Kaufkraftverlust zum 1. Januar 2010 und zum 1. Januar 2013 entgegenstand (vgl. etwa BAG 21. Februar 2017 – 3 AZR 455/15 – BAGE 158, 165). Für das weitere Verfahren gibt der Senat folgende Hinweise:
3 AZR 306/16 > Rn 54
3 AZR 306/16 > Rn 55
b) Bei der Prüfung, ob die wirtschaftliche Lage dem Arbeitgeber erlaubt, eine Anpassung der Betriebsrenten abzulehnen, ist ein für alle Arbeitgeber einheitlich geltender Maßstab anzulegen, der die wirtschaftliche Lage objektiv wiedergibt. Demgemäß ist zum einen von Abschlüssen auszugehen, über die jeder Arbeitgeber verfügt; zum anderen müssen diese Abschlüsse nach Rechnungslegungsregeln aufgestellt worden sein, die ein den tatsächlichen wirtschaftlichen Bedingungen entsprechendes Bild der wirtschaftlichen Lage des Arbeitgebers geben. Dies ist bei den nach den Rechnungslegungsregeln des Handelsgesetzbuches erstellten Jahresabschlüssen gewährleistet. Demgegenüber haben die nach den Rechnungslegungsregeln der IFRS bzw. IAS erstellten Abschlüsse nicht für alle, sondern nur für kapitalmarktorientierte Unternehmen Bedeutung. Diese Abschlüsse dienen – anders als die handelsrechtlichen Abschlüsse – nicht dem Gläubigerschutz, sondern haben eine andere Funktion. Sie sollen kapitalmarktbezogene Informationen liefern und primär den Investoren oder Anteilseignern entscheidungsrelevante Erkenntnisse darüber vermitteln, ob ein Investment in einer Gesellschaft gestartet, gehalten, erhöht oder vermindert werden soll. Dadurch unterscheiden sich die internationalen Rechnungslegungsregeln grundsätzlich vom deutschen Bilanzrecht, das neben der Informationsfunktion die Zahlungsbemessungsfunktion betont (vgl. BAG 21. Februar 2017 – 3 AZR 455/15 – Rn. 37 mwN, BAGE 158, 165; 21. August 2012 – 3 AZR 20/10 – Rn. 40). Dies gilt auch nach dem Inkrafttreten des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes am 29. Mai 2009 (BGBl. I S. 1102). Durch dieses Gesetz wird das bisherige System der Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung nicht aufgegeben (vgl. BT-Drs. 16/12407 S. 1).
3 AZR 306/16 > Rn 56
3 AZR 306/16 > Rn 57
3 AZR 306/16 > Rn 58
3 AZR 306/16 > Rn 59
d) Sollte das Landesarbeitsgericht zu dem Ergebnis kommen, dass die Beklagte verpflichtet ist, die Betriebsrente des Klägers zu den Stichtagen 1. Januar 2010 und 1. Januar 2013 nach § 16 Abs. 1 BetrAVG anzupassen, wird es bei seiner Berechnung zu berücksichtigen haben, dass der für die Anpassung maßgebliche Prüfungszeitraum vom Rentenbeginn bis zum jeweiligen Anpassungsstichtag reicht und nicht auf die letzten drei Jahre vor dem Anpassungsstichtag – dem 1. Januar 2010 und dem 1. Januar 2013 – beschränkt ist. Nur so kann der Wert der zugesagten Betriebsrente beibehalten oder wiederhergestellt werden (vgl. hierzu ausführlich: BAG 20. August 2013 – 3 AZR 750/11 – Rn. 19 mwN; 19. Juni 2012 – 3 AZR 464/11 – Rn. 23 mwN, BAGE 142, 116; 25. April 2006 – 3 AZR 159/05 – Rn. 25 mwN).
3 AZR 306/16 > Rn 60
Das Urteil BAG – 3 AZR 306/16 wird zitiert in:
> BAG, 13.11.2018 – 3 AZR 103/17
> BAG, 13.11.2018 – 3 AZR 483/16

References: § 16
 Art. 66
 Art. 1
 Art. 19
 Art. 18
 Art. 4
 BGH 
 Art. 27
 Art. 28
 § 16
 § 16
 § 16
 § 16
 § 16
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