Source: https://www.vvb-koeln.de/?id=925
Timestamp: 2020-01-23 08:34:43+00:00

Document:
VVB - Vereinigung der Versicherungs-Betriebswirte e.V. Bericht 01/2019-5 | www.vvb-koeln.de
VVB Tapas » Bericht 01/2019-5
Tapas aus dem VVBmagazin 01/2019
von Heinz Nettesheim (85)
Die Referenten v. l.: Frederick Maaßen, Dr. Eberhard Faust, Ralf Berg, Stephan Schwegat
Nach der Eröffnung durch Thomas Elleser (EURO Transation Solutions GmbH) beleuchtet Frederick Maaßen einige rechtliche Deckungsfragen der Elementarschadenversicherung. Dies war auch deshalb bemerkenswert, weil mit Maaßen ein frisch gebackener Absolvent (Master of Laws (LL.M)) des ivwKöln als Referent gewonnen werden konnte. In den von ihm präsentierten Schadenfällen zeigte sich sehr schnell, dass auch die anwesenden Praktiker die Rechtslage nicht immer einheitlich bewerten.
Zunächst ging es um die Frage der versicherten Gefahren der Elementarschadendeckung:
ÜberschwemmungRückstau
Fall 1: Überschwemmung – „Grund und Boden“
Definition Überschwemmung:
Bedingungswortlaut z. B. verankert in:
§ 3 Nr. 1 BWE 2010 oder § 4 Nr. 3 a) VGB 2010 (A)
OLG Hamm, Beschluss vom 28.01.2015 – 20 U 216/14
Die Ansammlung von Wasser auf einer versiegelten Fläche stellt keine bedingungsgemäße Überschwemmung dar.
Die Anstauung von Wassermassen auf Flachdächern, Terrassen oder Balkonen gilt nicht als Grund und Boden.Es werden solche Schäden umfasst, die dadurch hervorgerufen werden, dass der Grund und Boden außerhalb des Gebäudes überflutet wird, also das Wasser über die Erdoberfläche hinaus austritt oder über sie geleitet wird.
Nach dem Verständnis eines durchschnittlichen VN ist eine Überschwemmung ein Zustand, bei dem normalerweise trockenliegende Bodenflächen von Wasser bedeckt sind.
Versicherungsschutz besteht, wenn Niederschlagswasser sich zuerst auf einer unbebauten Grundstücksoberfläche ansammelt, sich im zweiten Schritt auf eine Geländeoberfläche ergießt (hier die Terrasse) und dieses Wasser im dritten Schritt Schäden am Gebäude verursacht.
Fall 2: Überschwemmung – „erhebliche Mengen“
AG Kiel, Urteil vom 7. 6. 2007 - 118 C 20/07
LG Kiel, Hinweisbeschluss vom 24. 4. 2008 - 10 S 40/07
Ansammlung von Regenwasser im Kellerniedergang auf einer Fläche in Höhe von 50 cm bis 60 cm stellt keine Ansammlung von erheblichen Wassermengen auf der Geländeoberfläche dar.
Ebenfalls reicht eine Ansammlung von Wassermengen auf einer 40 qm großen Terrasse nicht aus.
Kennzeichnend ist, dass sich erhebliche Wassermengen auf der Oberfläche des Geländes ansammeln, die nicht mehr erdgebunden sind.
Gesamtes Versicherungsgrundstück muss nicht überflutet werden.
Überschwemmungsanteil von 10 % erscheint sachgerecht.
Fall 3: Rückstau
§ 3 Nr. 2 BWE 2010 oder § 4 Nr. 3 b) VGB 2010 (A)
„Rückstau liegt vor, wenn Wasser durch Ausuferung von oberirdischen (stehenden oder fließenden) Gewässern oder durch Witterungsniederschläge bestimmungswidrig aus den gebäudeeigenen Ableitungsrohren oder damit verbundenen Einrichtungen in das Gebäude eindringt“.
OLG Hamm, Beschluss vom 15.07.2015 – 20 U 89/15:
Rückstau ist nach allgemeinem Sprachverständnis eine Stauung des Wassers und ein Zurückfließen entgegen der vorgesehenen Fließrichtung.
Wenn sich Wasser im Erdreich ansammelt und von dort in das Gebäude eindringt, kann von einer Aufstauung entgegen der Fließrichtung keine Rede sein.
Infolge von versicherten Ursachen (Ausuferung von oberirdischen Gewässern oder Witterungsniederschlägen) muss das Wasser bestimmungswidrig aus den Ableitungsrohren des versicherten Gebäudes austreten.
Wasser muss zuvor in das Ableitungsrohr hineingelangen.
Somit nicht versichert, wenn Oberflächenwasser nicht abfließen kann, wenn ein Kanalisationsnetz keine Wassermengen mehr aufnehmen kann.
Nur versichert, wenn sich ansammelndes Niederschlagswasser in erheblichen Mengen in die Kanalisation gelangt und von dort nicht mehr in der vorgesehenen Weise abgeführt werden kann.
Fall 4: Erdsenkung
§ 5 BWE 2010 oder § 4 Nr. 3 d) VGB 2010 (A)
„Erdsenkung ist eine naturbedingte Absenkung des Erdbodens über naturbedingten Hohlräumen“
LG Nürnberg-Fürth, Urteil vom 15. 11. 2006 - 8 O 6517/05
OLG Nürnberg, Urteil vom 18. 06. 2007 - 8 U 2837/06
Unter natürlichen Hohlräumen sind nur solche Räume zu verstehen, die von Erdreich völlig umschlossen sind und nach oben mit einer natürlichen Decke aus einer Erdschicht enden.
Ein seitliches Zusammenziehen des Erdreichs ist nicht mit erfasst.
Für Versicherungsschutz muss ein natürlicher Einsturz der Decke eines umschlossenen Raumes unterhalb der Erdoberfläche vorliegen.
Wenn der Boden sukzessive porös geworden ist, sodass kleine Risse und Spalten entstanden sind, handelt es sich um ein allmähliches Verlagern von Bodenbestandteilen (= nicht versichert).
Ein allmähliches Lösen und Verlagerung von Bodenbestandteilen reicht nicht aus.
Kein natürlicher Hohlraum liegt vor, wenn sich ein solcher Hohlraum nach oben ausweitet und eine künstliche Konstruktion die Decke bildet.
Anschließend beleuchtete Ralf-Dietmar Berg (EUROASSEKURANZ Versicherungsmakler AG) zunächst die derzeit schwierige Situation der Industriellen Sachversicherung in Deutschland, dies insbesondere vor dem Hintergrund der Schadenentwicklung.
Danach ging er auf die Herausforderungen bei der Gestaltung der Deckung von Elementarschäden aus Sicht von Kunden und Maklern ein:
Festlegung von Höchstentschädigungen.
Dabei können bauliche und räumliche Trennungen überwunden werden.
Zu beachten sind hierbei auch die Aspekte der Betriebsunterbrechung.
Derzeit werden die einzelnen Elementargefahren in separaten Bausteinen mit unterschiedlichen Entschädigungsgrenzen und Selbstbehalten versichert. Berg plädierte hier für einen umfassenden Baustein „Unwetter“ mit einem einheitlichen Selbstbehalt und einer gemeinsamen Höchstentschädigung für alle Elementarschadenereignisse.
Schwierig ist aus Sicht der Kunden aber nicht nur die Festlegung einer Höchstentschädigung für den einzelnen Schaden, hinzu kommt noch die Problematik der Jahreshöchstentschädigung. Hier bietet sich auch für die Kunden eine professionelle Naturgefahrenanalyse/-modellierung an. Allerdings ist der so ermittelte Versicherungsbedarf oftmals sehr teuer oder nur schwierig zu beschaffen.
Nachdem die Sicht von Kunden und Makler gewürdigt wurde, schilderte Stephan Schwegat (Sparkassen-Versicherung) am Beispiel seines Arbeitgebers die Abläufe vor, während und nach einem Naturgefahren-Ereignis.
Dabei zeigte er auch eindrucksvoll die Zunahme von Naturgefahrenereignissen (Grafik 1):
1. Vor der Naturkatastrophe
Die SV SparkassenVersicherung pflegt schon seit vielen Jahren eine sehr intensive Zusammenarbeit mit dem Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM), einer interdisziplinären Forschungseinrichtung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) im Bereich Naturgefahrenforschung. Die Kooperation zwischen dem KIT und der SVG beziehen sich auf die Naturgefahren Erdbeben, Hagel und Überschwemmung. Ziel der Kooperation ist es, ein besseres Verständnis des Naturgefahrenrisikos durch die Entwicklung von spezifischen Risikomodellen für das Geschäftsgebiet der SV SparkassenVersicherung zu erhalten. Dabei wird versucht, eine vollständige geophysikalische Simulation der schadenverursachenden Naturgefahren in einem Modell abzubilden.
In einem weiteren Projekt im Rahmen des Verbandes öffentlicher Versicherer wird die vorhandene Wetter-App WIND weiterentwickelt. Stand bislang nur die Warnung vor einem Unwetter im Vordergrund, so soll diese nun um konkrete Handlungsanweisungen für den VN ergänzt werden. In einem weiteren Schritt werden Vertriebsimpulse zur Verbesserung des bestehenden Versicherungsschutzes gegeben. Zieht ein Sturm auf, wird der Kunde nicht nur vor dem herannahenden Unwetter gewarnt, sondern er erhält auch gleichzeitig wertvolle Hinweise, wie er zum Beispiel sein Haus „wetterfest“ machen kann: Sind alle Fenster geschlossen? Ist die Terrassenmarkise eingefahren? Usw. Der Kunde wird auch gefragt, ob sein Versicherungsschutz ausreichend ist. Eine schnelle Online-Abschlussstrecke für eine entsprechende Elementarschaden-Deckung kann ebenfalls integriert werden. (Grafik 2)
2. Während der Naturkatastrophe
Der Hagelsturm aus 2013 in der Region Reutlingen/Tübingen, dem größten Schadenereignis in der Geschichte der SV SparkassenVersicherung, zeigte deutlich, wie wichtig es ist, auf derartige Kumulszenarien als Versicherer vorbereitet zu sein. Mit mobilen Schadenbüros und unseren Sparkassen vor Ort sowie eingespielten Dienstleisternetzwerken, exklusiven Kooperationen und Rahmenverträgen, zum Beispiel mit den regionalen Handwerkern und deren Verbänden, konnte die SV SparkassenVersicherung bei dem Hagelereignis über 70.000 Schäden zeitnah abwickeln.
Die digitale Schadenregulierung mit unserem Tool ProfClaim direkt am Schadenort schafft eine hohe Kundenzufriedenheit und beschleunigt die Schadenabwicklung enorm. Sofortige Teilauszahlungen zu den Schäden mit dem InterCard-System runden den Service vor Ort ab.
Mit Katwarn gibt es einen weiteren Dienst aus dem Hause der SV SparkassenVersicherung, mit denen Kommunen und Firmen die Öffentlichkeit bzw. ihre Mitarbeiter vor aktuellen Gefahren warnen können. Mit Katwarn wird zum Beispiel im Gefahrenfall auch auf der Münchener Wies´n gewarnt. (Grafik 3)
3. Nach der Naturkatastrophe
Alle im Rahmen der Schadenereignisse gesammelten Informationen fließen in die Systeme der SV SparkassenVersicherung wieder ein. Sie beeinflussen z.B. die weiteren Prämienkalkulationen und geben gute Hinweise für weitere Schadenpräventionen. Schaut man einmal ins benachbarte Ausland, z.B. nach Österreich oder in die Schweiz, so gibt es dort zum Beispiel Hagelregister, die hagelgeprüfte Bauteile für die Schadenprävention vorschlagen.
Der Vortrag zeigt, wie aus einer Vielzahl von Einzelaktivitäten zur Bewältigung von Naturkatastrophen, ein geschlossenes System entsteht.
Abschließend beschäftigte sich Dr. Eberhard Faust mit dem Thema „Änderungsrisiko Klimawandel in der Versicherungswirtschaft – wo stehen wir?“. Es ging also um die Frage, ob nur der Eindruck von häufigeren und stärkeren Naturgefahren-Ereignissen gegeben ist oder ob sich dies auch wissenschaftlich belegen lässt.
Gleich zu Beginn stellte er hierzu klar, der Klimawandel findet statt. Die globale Mitteltemperatur ist seit der vorindustriellen Zeit bis heute nach in etwa übereinstimmenden Daten der fünf weltweit führenden Institute um etwa 1 Grad angestiegen. (Grafik 4)
Auch zeigt eine Analyse der im Kohlendioxid der Atmosphäre enthaltenen Kohlenstoffisotope, dass mit Beginn des industriellen Zeitalters im Verhältnis zum Isotop C12 immer weniger des schweren Isotops C13 im Kohlendioxid der Luft enthalten ist – ein Fingerabdruck des zunehmenden Ursprungs der CO2-Moleküle in anthropogenen Verbrennungsprozessen fossiler Energieträger, bei denen einfach weniger C13 entsteht. (Grafik 5)
Für bestimmte Regionen und spezifische Gefahren spiegelt sich die Änderung klimatischer Bedingungen bereits in den jährlich aggregierten Schadenhöhen, die auf das Niveau heute zerstörbarer Werte normalisiert wurden. Diesen Effekt zeigen nach unserer Auffassung Schwergewittergefahren in den USA und in Europa, wobei hier der anthropogene Klimawandel als deutlich beitragender Treiber sehr nahe liegt, da die Änderungen vor allem durch zunehmende Feuchtegehalte angetrieben werden. Diese sind eine Konsequenz höherer ozeanischer Verdunstungsraten in einer wärmeren Welt. Bei der meteorologischen Beobachtung von Wetterereignissen zeigen sich deutliche Zunahmen von Hitze und in südlichen Regionen Europas auch von Trockenheit, eine Zunahme von Starkniederschlägen in vielen Regionen inklusive Teilen Europas, Zunahmen extremer Niederschläge auch an Küsten, die von tropischen Wirbelstürmen getroffen werden. Viele dieser Änderungen konnten bereits kausal mit dem Klimawandel verbunden werden. Erste Indizien für Zirkulationsänderungen, die im Sommerhalbjahr vermehrt lange anhaltende Wetterlagen und daraus resultierende Hitzeepisoden oder Niederschlagsepisoden mit Überschwemmungsfolge erzeugen können, bestehen. Für die Zukunft werden bei tropischen Wirbelstürmen nach den besten, räumlich hoch auflösenden Modellen etwas weniger Stürme insgesamt erwartet, allerdings sollen die sehr intensiven (cat3 -cat5) in den meisten Ozeanbecken noch zunehmen. Ebenfalls werden für Schwergewitter (großer Hagel, Starkwind, Sturzflut) Zunahmen für Europa und Nordamerika projiziert. Auch eine Zunahme von Winterstürmen in Teilen Europas wird für die fernere Zukunft erwartet. Im Einzelnen bestehen bei den Modellprojektionen freilich noch substanzielle Unsicherheiten.
Für Hitze-, Dürre-und Niederschlagsereignisse, Ozeanparameter, und Stürme gibt es bereits viele regionale Studien, die einen Einfluss des Klimawandels im Sinne veränderter Wahrscheinlichkeiten extremer Ausprägungen gezeigt haben (insbesondere bei Hitze und Niederschlag): Bei 131 in dem Fachjournal BAMS seit 2011 untersuchten Ereignissen zeigen 68% bereits einen Einfluss des Klimawandels auf die jeweilige Überschreitungswahrscheinlichkeit. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass der Klimawandel bereits heute vielfach extreme Ereignisausprägungen beeinflusst.
Für die Sachversicherung ist das heute bereits bei den Themen Starkniederschlag und Überschwemmung, Schwergewittergefahren wie Hagel und Gewittersturm, oder Hitze mit erhöhter Waldbrandgefahr (z.B. Kalifornien) von aktueller Relevanz.
Am Ende dieser sehr gehaltvollen und intensiven Veranstaltung gab es dann wieder eine rege Diskussion und ausreichend Gelegenheit zum Austausch. An dieser Stelle gilt es dann noch einmal, nicht nur den Referenten sondern auch der EUROASSEKURANZ Versicherungsmakler AG für die Gastfreundschaft zu danken.

References: § 3
 § 4

§ 3
 § 4

§ 5
 § 4