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Timestamp: 2018-02-25 23:29:28+00:00

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Abtei Kornelimünster - „Erst nur flüchtig und zivil, dann mit Andacht und Gefühl.“ Die Pflichtzivilehe in Deutschland
„Erst nur flüchtig und zivil, dann mit Andacht und Gefühl.“ Die Pflichtzivilehe in Deutschland
3. Die Einführung der Pflichtzivilehe im Deutschen Kaiserreich 1875
4. Die Pflichtzivilehe in Deutschland heute
„Bald so wird es laut verkündet
Knopp hat eh'lich sich verbündet.
Erst nur flüchtig und zivil,
dann mit Andacht und Gefühl.“1
Ein Jahr nach der Einführung der Pflichtzivilehe in Deutschland dichtete Wilhelm Busch in seinen „Abenteuer eines Junggesellen“ was bis heute viele Brautpaare nachempfinden. Geheiratet wird „zweimal“. Einmal „zivil“ auf dem Standesamt, eine juristische Formalität ohne großen Aufwand, dann „mit Andacht und Gefühl“ feierlich in der Kirche. Die Pflichtzivilehe ist der Grund für diese „doppelte“ Hochzeit. Staatlich anerkannt wird eine Eheschließung in Deutschland grundsätzlich nur, wenn sie vor dem Standesbeamten erfolgt. Eine rein kirchliche Eheschließung ist zwar seit 2009 rechtlich möglich, hat aber keine zivilen Rechtsfolgen. 1
„Die innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe in der Ehe, vom Schöpfer begründet und mit eigenen Gesetzen geschützt, wird durch den Ehebund, d.h. durch ein unwiderrufliches personales Einverständnis, gestiftet. So entsteht durch den personal freien Akt, in dem sich die Eheleute gegenseitig schenken und annehmen, eine nach göttlicher Ordnung feste Institution, und zwar auch gegenüber der Gesellschaft. Dieses heilige Band unterliegt im Hinblick auf das Wohl der Gatten und der Nachkommenschaft sowie auf das Wohl der Gesellschaft nicht mehr menschlicher Willkür. Gott selbst ist Urheber der Ehe, die mit verschiedenen Gütern und Zielen ausgestattet ist.“2
Dieses Zitat aus der Konstitution »Gaudium et spes« des Zweiten Vatikanischen Konzils drückt das kirchliche Verständnis von Ehe aus. Die Ehe ist Sakrament, von Gott selbst begründet, durch göttliches Gesetz geschützt und damit menschlichem Eingriff entzogen. Seit der Antike nahm die Kirche daher für sich in Anspruch, die Eheangelegenheiten ihrer Mitglieder zu ordnen. Im Laufe der Geschichte konnte sie diesen Anspruch in unterschiedlichem Maße durchsetzen.
In der Alten Kirche galt zunächst für die Eheschließung das staatliche römische Recht. Doch entwickelten sich bald eigene kirchliche Bestimmungen, da das römische Recht dem kirchlichen Eheverständnis mitunter zuwiderlief. So schreibt Ignatius von Antiochien († 2. Jhd.), dass die Brautleute die Ehe nur mit Zustimmung des Bischofs eingehen sollen, denn es gehöre sich, „daß Bräutigam und Braut mit Gutheißen des Bischofs die Verbindung eingehen, damit die Ehe sei im Sinne Gottes und nicht nach sinnlicher Begierde. Alles geschehe zu Gottes Ehre.“3 Tertullian († um 230) spricht sich neutestamentlicher Überlieferung entsprechend (vgl. Mk 10,2-12 parr.) gegen die Ehescheidung aus, die nach römischem Recht möglich war, denn „was Gott zusammengefügt hat, darf der Mensch nicht trennen, nämlich um nicht gegen Gott zu handeln.“4 Papst Calixtus I. († 3.Jhd.) erlaubte die Ehe einer adeligen Frau mit einem Sklaven, die nach römischem Recht verboten war. Auf verschiedenen Konzilen wurden Ehehindernisse aufgestellt, darunter auch das Verbot der Ehe eines Christen mit einem Nicht-Christen. So entwickelte sich eine eigene kirchliche Ehegesetzgebung, die mitunter im Widerspruch zum staatlichen Recht stand.
Im Frühmittelalter setzte sich das kirchliche Eherecht in den zum Christentum konvertierten Germanenstämmen Mitteleuropas langsam gegen die germanischen Bräuche durch. Zunächst war germanischem Brauch entsprechend eine Eheschließung Sache der Familie und die Anwesenheit eines Priesters nicht unbedingt erforderlich. Karl der Große († 814) verfügte zu Beginn des 9. Jahrhunderts für das Frankenreich, dass die Brautleute ihre Heiratsabsicht rechtzeitig dem Priester melden müssen. Dieser musste dann prüfen, ob Ehehindernisse vorlagen und, wenn das nicht der Fall war, die Trauung vornehmen. Ab dem 13.Jahrhundert hat sich im Heiligen Römischen Reich die kirchliche Ehegesetzgebung endgültig durchgesetzt. Bis in die Neuzeit hinein waren alle Personenstandsangelegenheiten, und damit auch Eheangelegenheiten, Sache der Kirche. Taufe und Tod wurden kirchlich beurkundet, und die vor einem Geistlichen geschlossene Ehe wurde staatlich anerkannt. Die Personenstandsregister wurden in den Pfarrämtern geführt.
Martin Luther (1483-1546) ordnete die Ehe grundsätzlich dem sakralen Bereich zu, sprach der Ehe aber den sakramentalen Charakter ab. Kirchliche Ehegesetze lehnte er ab, denn es „gebührt uns Geistlichen und Kirchendienern, nichts darinn zu ordnen oder regieren, sondern lassen ein iglichen Stadt und Land hierinn ihren Brauch und Gewohnheit“,5 schreibt er in seinem Traubüchlein für die einfältigen Pfarrherrn. Damit legte Luther die Ordnung der Eheangelegenheiten in die Hand des Staates. In den Ländern der Reformation fanden Hochzeiten aber weiterhin in der Kirche statt, wobei der Geistliche der Eheschließung nach staatlichem Recht vorstand und die neugeschlossene Ehe anschließend kirchlich segnete. Ehescheidung und Wiederheirat waren möglich, wenn das staatliche Recht dies vorsah. Die katholische Kirche hingegen bestätigte auf dem Konzil von Trient (1545-1563) den sakramentalen Charakter und die Unauflöslichkeit der Ehe sowie das Recht der Kirche Ehehindernisse aufzustellen und in Ehestreitigkeiten Recht zu sprechen.
Auf die Einführung der Pflichtzivilehe in Deutschland hatte das reformatorische Eheverständnis keinen wesentlichen Einfluss. Von wesentlicher Bedeutung indes waren die Französische Revolution und die Gedanken des Gallikanismus und der Aufklärung. Einer der Grundgedanken des Gallikanismus war es, Frankreich Unabhängigkeit von den Entscheidungen des Papstes zu sichern. So traten die eherechtlichen Bestimmungen des Konzils von Trient in Frankreich erst nach Genehmigung durch den französischen König in Kraft, jedoch nur mit Änderungen, unter anderem was die Ehehindernisse betraf. Die Aufklärung hob die Ehe ganz aus dem religiösen Bereich heraus. Die Ehe wurde als zivilrechtlicher Vertrag zwischen den Brautleuten angesehen, und daher komme es allein dem Staat zu, Eheangelegenheiten zu ordnen, und geschlossen werden könne die Ehe allein vor einem staatlichen Beamten. Am 03.09.1791 wurde in Frankreich die Pflichtzivilehe eingeführt. Um staatlich anerkannt zu werden, musste die Ehe in Frankreich fortan im Gemeindehaus vor einem staatlichen Beamten geschlossen werden. Unter Napoleon wurde die Pflichtzivilehe 1810 in das französische Zivilgesetzbuch, den Code civil, aufgenommen. Durch französische Eroberungen kam der Code civil und damit auch die Pflichtzivilehe in einigen deutschen Ländern in Geltung.
Zur Zeit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 gab es in den deutschen Ländern keine einheitliche Ehegesetzgebung. Die von der Frankfurter Nationalversammlung 1848/1849 ausgearbeitete Verfassung sah die Pflichtzivilehe vor. Die Verfassung ist zwar nie in Kraft getreten, jedoch führten einige deutsche Länder in Anlehnung daran die Pflichtzivilehe ein. In anderen deutschen Ländern, darunter im Rheinland, in Hessen und in Baden, galt auch nach der Niederlage Napoleons und dem Rückzug Frankreichs aus den besetzten deutschen Ländern der Code civil weiter und damit auch die Pflichtzivilehe. Das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten sah als Regelfall die Eheschließung vor einem Geistlichen vor. In Preußen kam die Zivilehe erst durch die Verfassungsurkunde für den Preußischen Staat von 1850 in Geltung. Art. 19 schrieb die Einführung der Zivilehe und ziviler Personenstandsregister durch ein neu zu erlassendes Gesetz vor:
„Die Einführung der Civilehe erfolgt nach Maaßgabe eines besonderen Gesetzes, was auch die Führung der Civilstandsregister regelt.“6
Damit war für Preußen der Kurs hin zur Einführung der Zivilehe gesetzt. Die politische Diskussion drehte sich in der Folgezeit um die Frage, in welcher Form dies geschehen solle. Es gibt drei Grundmodelle. Bei der Notzivilehe ist die kirchliche Eheschließung der Normalfall und wird staatlich anerkannt. Eine staatliche Eheschließung ist die Ausnahme und findet nur statt, wenn eine kirchliche Eheschließung nicht möglich ist. Bei der Wahlzivilehe stehen kirchliche und staatliche Eheschließung gleichberechtigt nebeneinander. Die Brautleute können wählen, in welcher Form sie die Ehe schließen möchten. Eine kirchliche Eheschließung wird staatlich anerkannt. Bei der Pflichtzivilehe wird nur die staatliche Eheschließung zivilrechtlich anerkannt. Eine kirchliche Eheschließung hat keine zivilen Rechtsfolgen.
Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) und Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898) sprachen sich gegen die Einführung der Pflichtzivilehe aus. Bismarck befürchtete, eine verpflichtende zivile Eheschließung würde die Ehe ihres sakralen Charakters entkleiden und zu einem rein bürgerlichen Vertrag herabstufen. Die preußische Regierung beabsichtigte daher zunächst nicht die Einführung der Pflichtzivilehe. Erst im Kulturkampf schwenke Bismarck um und ließ einen Gesetzesentwurf zur Einführung der Pflichtzivilehe ausarbeiten, in der er ein geeignetes Mittel in der Auseinandersetzung des preußischen Staates mit der katholischen Kirche sah. Doch musste Bismarck einiges an Überzeugungsarbeit leisten, um den Kaiser und die konservativen Parteien für sein Vorhaben zu gewinnen. Der preußische Kultusminister Adalbert Falk (1827-1900), ein überzeugter Befürworter der Pflichtzivilehe, arbeitete den Gesetzesentwurf aus. Nach Falk ist die Ehe ein rein bürgerlicher Vertrag zwischen den Brautleuten, und die Ordnung der Eheangelegenheiten kommt allein dem Staat zu. Die Kirchen haben das Recht Ehen zu schließen nur, weil es ihnen vom Staat übertragen wurde. Die Wahlzivilehe lehnte Falk mit der Begründung ab, dass dadruch die Autorität des Staates, alle Eheangelegenheiten aus eigener Machtvollkommenheit zu regeln, angetastet würde, und bei einer Wahlmöglichkeit in den Augen der Bevölkerung eine rein zivil geschlossene Ehe gegenüber einer kirchlich geschlossenen als minderwertig gelten würde. Diese Auffassung widersprach dem katholischen Eheverständnis, doch konnten die katholischen Abgeordneten ihre Vorstellungen nicht durchsetzen. Auf evangelischer Seite gab es keine einheitliche Position. Es gab Stimmen, die die Gesetzesvorlage befürworteten und dem Staat die alleinige Kompetenz in der Regelung von Eheangelegenheiten zugestanden. Andere Stimmen befürchteten, der Staat wolle Ehe- und Familienangelegenheiten aus dem Bereich der Kirchen in den staatlichen Bereich holen. Der Preußische Landtag verabschiedete das Gesetz am 25. Februar 1874. Kaiser Wilhelm I., der bis zuletzt gegen das Gesetz war, es jedoch nicht verhindern konnte, fertigte es am 9. März 1874 aus. Das preußische Personenstandsgesetz wurde mit wenigen Änderungen Vorbild für das „Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung“ (kurz: Personenstandsgesetz - PStG), das am 25. Januar 1875 vom Deutschen Reichstag verabschiedet wurde und am 9. Februar 1875 in Kraft trat.7
§ 1 PStG überstellt das gesamte Personenstandswesen, und damit auch Eheschließungen, in den Zuständigkeitsbereich des Staates:
Nach § 67 PStG begeht ein Geistlicher, der eine religiöse Trauung ohne vorherige zivile Eheschließung vornimmt, eine Straftat:
„Ein Geistlicher oder anderer Religionsdiener, welcher zu den religiösen Feierlichkeiten einer Eheschließung schreitet, bevor ihm nachgewiesen worden ist, daß die Ehe vor dem Standesbeamten geschlossen sei, wird mit Geldstrafe bis zu dreihundert Mark oder mit Gefängniß bis zu drei Monaten bestraft.“
§ 82PStG hat klarstellenden Charakter:
„Die kirchlichen Verpflichtungen in Beziehung auf Taufe und Trauung werden durch dieses Gesetz nicht berührt.“
Diese Vorschrift wird als „Kaiserparagraph“ bezeichnet. Vermutlich wurde sie auf Initiative Kaiser Wilhelms I. ins PStG aufgenommen. Sie stellt fest, dass das PStG nur den bürgerlichen Bereich der Ehe regelt und nicht in das kirchliche Eherecht eingreift. Damit steht diese Vorschrift im Widerspruch zu § 67 PStG, der eine kirchliche Eheschließung staatlicherseits an Bedingungen knüpft.
In der politischen Diskussion im Zuge der Erarbeitung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) kamen 1896 nochmals Stimmen auf, die Pflichtzivilehe zugunsten der Wahlzivilehe abzuschaffen, die sich jedoch nicht durchsetzen konnten. Die Pflichtzivilehe blieb in Kraft und wurde ins BGB übernommen. § 1310 Abs.1 S.1 BGB schreibt vor:
„Die Ehe wird nur dadurch geschlossen, dass die Eheschließenden vor dem Standesbeamten erklären, die Ehe miteinander eingehen zu wollen.“
Der Kaiserparagraph wurde bezogen auf Eheangelegenheiten in § 1588 BGB aufgenommen:
„Die kirchlichen Verpflichtungen in Ansehung der Ehe werden durch die Vorschriften dieses Abschnitts nicht berührt.“
Die Gründe für die Einführung der Pflichtzivilehe in Deutschland waren vielschichtig. Die Einführung der Zivilehe in Deutschland war eine Anpassung an die veränderten Zeitverhältnisse. Es gab keine einheitliche Staatsreligion mehr. Konfessionsverschiedene Ehen und Ehen mit oder unter Nicht-Christen waren ebenso üblich wie Scheidung und Wiederheirat. In deutschen Ländern, in denen die Ehe vor einem Geistlichen geschlossen wurde, kam es immer wieder vor, dass ein katholischer Priester eine Eheschließung ablehnte, die nach staatlichem, aber nicht nach kirchlichem Recht möglich war. Dass die Zivilehe in Form der Zwangszivilehe und nicht in Form der Wahlzivilehe eingeführt wurde, lag nicht daran, dass sich die Reichsregierung unter Reichskanzler Bismarck die vor allem im liberalen Bürgertum verbreitete Idee der Trennung von Kirche und Staat zu eigen gemacht hätte, sondern lag im Kulturkampf begründet. Bismarck sah in der Pflichtzivilehe ein Mittel der Auseinandersetzung des Staates mit der katholischen Kirche. Daher ist die Pflichtzivilehe in Deutschland ein echtes Kind des Kulturkampfes.
Bis heute sind die §§1 PStG und 1310 BGB inhaltlich unverändert geblieben. Auch heute fällt das Personenstandswesen in die Zuständigkeit des Staates und die Ehe kann zivilrechtlich gültig nur vor dem Standesbeamten geschlossen werden. § 67 PStG indes wurde mehrfach geändert. Das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 legte in Art. 26 als Ausnahmen vom Voraustrauungsverbot fest, dass
„im Falle einer lebensgefährlichen, einen Aufschub nicht gestattenden Erkrankung eines Verlobten, auch im Falle schweren sittlichen Notstandes, dessen Vorhandensein durch die zuständige bischöfliche Behörde bestätigt sein muß, die kirchliche Einsegnung der Ehe vor der Ziviltrauung vorgenommen werden darf.“8
Diese Ausnahmen wurden in die Neufassung des PStG vom 3. November 1937 in § 67 Abs. 2 übernommen.9
Im Zuge der Neufassung des PStG vom 18. Mai 195710 wurde § 67 ein weiteres Mal geändert. Ein Geistlicher, der eine religiöse Trauung ohne vorherige zivile Trauung vornahm, beging keine Straftat mehr, sondern eine Ordnungswidrigkeit:
„Wer eine kirchliche Trauung oder die religiösen Feierlichkeiten einer Eheschließung vornimmt, ohne daß zuvor die Verlobten vor dem Standesamt erklärt haben, die Ehe miteinander eingehen zu wollen, begeht eine Ordnungswidrigkeit.“
In dieser Fassung beschränkt sich § 67 PStG darauf festzustellen, dass eine Ordnungswidrigkeit vorliegt ohne Sanktionen festzulegen; eine Geldbuße wird nicht festgesetzt. Damit ist die Vorschrift strafrechtlich gegenstandslos geworden. Auch zivilrechtlich ist die Vorschrift entbehrlich. § 1310 BGB regelt eindeutig, dass staatlicherseits ausschließlich die zivile Eheschließung anerkannt wird. Im Gesetzesentwurf zur Reform des Personenstandsrechts der Bundesregierung vom 15. Juni 2006 heißt es:
„§ 67 PStG wird für entbehrlich gehalten und ist daher im Entwurf nicht mehr vorgesehen. Die ursprünglich zur Durchsetzung der 1876 eingeführten obligatorischen Zivilehe und zur Sicherung ihres zeitlichen Vorrangs gegenüber der kirchlichen Trauung mit einer Strafvorschrift (heute: Ordnungswidrigkeit) versehene Regelung hat heute - zumindest im Verhältnis zu den beiden großen Kirchen - keine praktische Bedeutung mehr. Die eindeutige Aussage der Eheschließungsvorschrift in § 1310 BGB lässt keinen Zweifel daran, dass nur die standesamtliche Eheschließung eine Ehe im Rechtssinne begründen kann und damit Vorrang vor einer kirchlichen Trauung oder sonstigen religiösen Eheschließungsfeierlichkeiten hat.“11
In der Neufassung des PStG vom 19. Februar 2007, die zum 1. Januar 2009 in Kraft getreten ist,12 wurde § 67 daher gestrichen. Seit 2009 sind in Deutschland somit rein kirchliche Eheschließungen ohne vorherige standesamtliche Trauung möglich, jedoch haben solche Eheschließungen zivilrechtlich keine Rechtskraft; eine zivilrechtlich gültige Ehe kann auch weiterhin nur vor dem Standesbeamten geschlossen werden.
Für die beiden großen Kirchen in Deutschland hat diese Neuregelung unterschiedliche Folgen. In der evangelischen Kirche wird es auch weiterhin keine rein kirchlichen Eheschließungen geben. Nach reformatorischem Verständnis fällt die Ordnung der Eheangelegenheiten in den Aufgabenbereich des Staates. Die evangelische kirchliche Eheschließung versteht sich als eine kirchliche Segnung der zivilrechtlichen Trauung. Die EKD hat klargestellt:
„Eine Trauung ohne vorangegangene standesamtliche Eheschließung entspricht [...] nicht dem evangelischen Verständnis. Daher sollte man von der Funktionsteilung zwischen Kirche und Staat nicht abweichen und im kirchlichen Traurecht auf die Voraussetzung einer zivilrechtlichen Eheschließung nicht verzichten.“13
Anders verhält es sich in der katholischen Kirche. Nach katholischen Verständnis ist die Ehe ein Sakrament, und die katholische Kirche beansprucht für sich das Recht, Eheangelegenheiten ihrer Mitglieder selbständig zu ordnen. Eine katholische rein kirchliche Eheschließung ist daher möglich, entfaltet in Deutschland jedoch keine zivilrechtlichen Wirkungen. Mit dieser Problematik hat sich die Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 2008 beschäftigt. In einer vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenen Presseerklärung heißt es dazu:
„Mit Inkrafttreten des neuen Personenstandsrechts am 01.01.2009 steht die Kirche vor der Aufgabe, das Verhältnis zwischen kirchlicher und ziviler Eheschließung neu zu bestimmen. Grundsätzlich sind die Bischöfe weiterhin an einem engen Zusammenhalt interessiert, weil das Eheversprechen ohne die bürgerlichen Rechtsfolgen nur schwer eingelöst werden kann. So würden beispielsweise Eheleute, die nur kirchlich getraut sind, nach staatlichem Recht weiterhin als unverheiratet gelten, sie würden keinen gemeinsamen Familiennamen führen dürfen, gemeinsame Kinder würden als Kinder unverheirateter Eltern gelten und die Ehepartner hätten gegenseitig keine gesetzlichen Unterhaltsansprüche und Rentenansprüche. Die Vollversammlung hat sich nach intensiver Diskussion dazu entschieden, im Rahmen der kirchlichen Ehevorbereitung ein »Nihil obstat« für Brautpaare einzuführen, die vor der kirchlichen Trauung nicht bürgerlich heiraten. Das Ehevorbereitungsprotokoll und eine Erklärung der Brautleute, dass sie über das Fehlen rechtlicher Wirkungen einer kirchlichen Trauung im staatlichen Bereich belehrt worden seien, werden sodann dem (Erz-)Bischöflichen Ordinariat zur Erteilung des »Nihil obstat« zugeleitet.“14
Bei rein kirchlich geschlossenen Ehen, die zivilrechtlich nicht anerkannt werden, hätten die Eheleute Nachteile in vielen Lebensbereichen in Kauf zu nehmen. Insbesondere würden sie im Steuer-, Erb-, Unterhalts- und Sozialversicherungsrecht nicht wie Ehegatten behandelt, hätten kein Aussageverweigerungsrecht und dürften keinen gemeinsamen Familiennamen führen. Als Leitlinie für den Umgang mit Fällen, in denen Brautleute um eine rein kirchliche Eheschließung bitten, hat die Deutsche Bischofskonferenz daher die oben zitierte besondere Vorgehensweise beschlossen. So müssen die Brautleute insbesondere darüber belehrt werden, dass eine rein kirchliche Eheschließung staatlicherseits keine Rechtsfolgen nach sich zieht. Außerdem ist das nihil obstat des Ortsordinarius erforderlich (vgl. auch Can. 1071 § 1 Nr. 2 CIC). Sinnvoll sind rein kirchliche Eheschließungen nur in Ausnahmefällen, beispielsweise dann, wenn mindestens einer der Brautleute verwitwet ist und bei einer staatlich anerkannten Eheschließung Rentenansprüche aus seiner früheren Ehe verlieren würde, die Beziehung aber trotzdem kirchlich legitimieren möchte. Im Regelfall wird es auch weiterhin bei der alten Praxis bleiben, dass die standesamtliche Eheschließung der kirchlichen vorausgeht.
In unserer heutigen pluralistischen Gesellschaft, in der nicht nur gemischtkonfessionelle Ehen, sondern auch Ehen zwischen Christen und Nicht-Christen ebenso üblich sind wie Scheidung und Wiederheirat, ist die Zivilehe eine sinnvolle Einrichtung. Vor fast anderthalb Jahrhunderten wurde sie in Form der Pflichtzivilehe im Rahmen des Kulturkampfes aus vorwiegend antikirchlichen Gründen eingeführt. Doch hat sie sich als gangbar bewährt. Sicher wäre auch die Wahlzivilehe in Deutschland denkbar, jedoch ist die Pflichtzivilehe hierzulande historisch gewachsen. Heute hat sie keinen antikirchlichen Hintergrund mehr, sondern spiegelt das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat nach dem biblischen Grundsatz wider: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! (Mt 22,21 parr.) Da der Staat die Ehe unter seinen besonderen Schutz stellt und Eheleuten in vielen Lebensbereichen Vorteile einräumt, hat der Staat ein nachvollziehbares Interesse daran, Eheangelegenheiten selbst zu ordnen. Die katholische Kirche sieht in der Ehe ein Sakrament und beansprucht daher ihrerseits, Eheangelegenheiten ihrer Mitglieder zu ordnen. In diesen Bereich greift der Staat dem Grundsatz der Religionsfreiheit entsprechend nicht ein, und es steht allen Brautleuten frei, die Ehe den kirchenrechtlichen Bestimmungen entsprechend auch oder seit des Wegfall des kirchlichen Voraustrauungsverbots ausschließlich kirchlich einzugehen. Es widerspricht dem Grundsatz der Religionsfreiheit nicht, dass eine kirchlich geschlossene Ehe keine zivilen Rechtsfolgen hat. So ist die Pflichtzivilehe ein gangbarer Mittelweg, der unserer heutigen gesellschaftlichen Situation in Deutschland Rechnung trägt und die Interessen des Staates wie der Kirche wahrt.
Hermann Conrad: Zur Einführung der Zwangszivilehe in Preußen und im Reich (1874/75). In: Hans Carl Nipperdey (Hrsg.): Das deutsche Privatrecht in der Mitte des 20. Jahrhunderts. 4 Bde. (FS Heinrich Lehmann.) Berlin 1956, 113-130.
Inken Fuhrmann: Die Diskussion über die Einführung der fakultativen Zivilehe in Deutschland und Österreich seit Mitte des 19. Jahrhunderts. (Rechtshistorische Reihe 177.) Frankfurt 1998.
Carl Holböck: Die Zivilehe. Die staatliche Ehegesetzgebung und die Kirche. Innsbruck, Wien 1950.
Werner Schubert: Preußen und die Zivilehe in der Nachmärzzeit. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 104 (1987), 216-246.
—: Zur Vorgeschichte und Entstehung der Personenstandsgesetze Preußens und des Deutschen Reiches (1869-1875). In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 97 (1980), 43-93.
1Wilhelm Busch: Abenteuer eines Junggesellen. Herr und Frau Knopp. Julchen. Hamburg 1957, 94.
2Zweites Vatikanisches Konzil: Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute »Gaudium et spes«, Nr. 48. In: Karl Rahner, Herbert Vorgrimmler (Hrsg.): Kleines Konzilskompendium. Freiburg i.Br., Basel, Wien 1966, 497f.
3Ignatius von Antiochien: Ignatius an Polykarp, 5. In: Die Apostolischen Väter. Übers. v. Franz Zeller. (Bibliothek der Kirchenväter 1/35.) München 1918, 154.
4Tertullian: Über die Monogamie. De monogamia, 9. In: Karl Adam Heinrich Kellner (Hrsg.): Tertullians sämtliche Schriften. Köln 1882.
5Joahnn Konrad Irmischer (Hrsg.): Martin Luthers katechetische deutsche Schriften. Erlangen 1838, 208.
6Ludwig von Rönne (Hrsg.): Die Verfassungsurkunde für den Preußischen Staat vom 31. Januar 1850. Berlin 1850, 45.
7Das „Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung“ wurde verkündet in: RGBl I 1875/4 S. 23-40. Textausgabe: Wilhelm Wohlers (Hrsg.): Das Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung. Berlin 31886.
8RGBl II 1933/38 S. 679-688, hier 686.
9Die Neufassung des PStG vom 3. November 1937 wurde verkündet in: RGBl I 1937/119 S. 1146-1152. Textausgabe: Ernst Brandis, Franz Maßfeller (Hrsg.): Das neue Personenstandsgesetz vom 3. Nov. 1937. Mit Einführung, amtlicher Begründung, kurzen Bemerkungen und einer vergleichenden Zusammenstellung der alten und neuen Vorschriften. Frankfurt, Berlin 1937.
10Die Neufassung des PStG vom 18. Mai 1957 wurde verkündet in: BGBl I 1957/44 S. 1125-1138. Textausgabe: Erich Quester, Rudolf Büchner, Heinrich Bornhofen (Hrsg.): Personenstandgesetz. Frankfurt, Berlin 61994.
11Drucksache des Deutschen Bundestages 16/1831 vom 15.06.2006, 33.
12Die Neufassung des PStG vom 19. Februar 2007 wurde verkündet in: BGBl I 2007/5 S. 122-148. Textausgabe: Heribert Schmitz, Heinrich Bornhofen (Hrsg.): Personenstandgesetz. Frankfurt, Berlin 132010.
13Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.): Soll es künftig kirchlich geschlossene Ehen geben, die nicht zugleich Ehen im bürgerlichrechtlichen Sinne sind? Zum evangelischen Verständnis von Ehe und Eheschließung. Eine gutachtliche Äußerung. (EKD-Texte 101.) Hannover 2009, 18.
14Sekretariat der Deutsche Bischofskonferenz (Hrsg.): Pressebericht des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, im Anschluss an die Herbst-Vollversammlung vom 22. bis 25. September 2008 in Fulda. (Pressemitteilung Nr. 50 vom 26.09.2008.) URL: http://www.dbk.de/presse/details/?presseid=898.
Zitiervorschlag: Daniel Tibi: „Erst nur flüchtig und zivil, dann mit Andacht und Gefühl.“ Die Pflichtzivilehe in Deutschland. URL: abtei-kornelimuenster.de/spirituelles/weitere-impulse/1002-pflichtzivilehe.html. Rn. 1–17.
Titelbild: „Hochzeit“ von Blixxmagger | piqs.de (CC-Lizenz BY 2.0 <creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de>)
Dieser Text „‚Erst nur flüchtig und zivil, dann mit Andacht und Gefühl.‘ Die Pflichtzivilehe in Deutschland“ von Daniel Tibi OSB steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz.

References: Art. 19

§ 1
 § 67

§ 82
 § 67
 § 1310
 § 1588
 § 67
 Art. 26
 § 67
 § 67
 § 67
 § 1310
 § 1310
 § 67
 § 1