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Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung
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1 Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung Andreas Binder Prof. Dr. iur. et lic. oec., Rechtsanwalt, Honorarprofessor an der Universität St. Gallen Meinrad Vetter Dr. iur., Rechtsanwalt, LL.M., Stv. des Präsidenten und Vizepräsidenten des Handelsgerichts des Kantons Aargau, Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen Sonderdruck aus «Innovatives Recht». Festschrift für Ivo Schwander Herausgegeben von Franco Lorandi und Daniel Staehelin DIKE Zürich/St. Gallen 20112 3 Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung ANDREAS BINDER / MEINRAD VETTER Inhaltsübersicht I. Einführung 275 II. Erfindung der Praxis 276 III. Gesetzliche Regelung von A. Grundsätzliche Gleichstellung mit der Aktie 278 B. Voraussetzungen 279 C. Umfang und Schranken 280 D. Rechtsstellung des Partizipanten 281 IV. Tatsächliches Vorkommen 283 A. Kotierte Gesellschaften 283 B. Private Gesellschaften 285 C. Fazit: Der Partizipationsschein existiert 286 V. Rechtsvergleich 286 A. Rechtslage in 19 Ländern 286 B. Vorkommen von stimmrechtslosen Aktien in diesen 19 Ländern 288 VI. Kollision mit dem Grundsatz der Proportionalität von Kapitalbeteiligung und Stimmrecht 289 A. Grundsatz 289 B. Ausnahmen 289 C. Das rechte Mass 291 VII. Regelung des Partizipationsscheins de lege ferenda 292 A. Ausgangspunkt: Vertrags- und Organisationsfreiheit 292 B. Öffentliches Interesse an Rechtssicherheit und Transparenz 293 C. Suche nach einem Ausgleich zwischen Proportionalitätsprinzip und Organisationsfreiheit 294 I. Einführung Der Partizipationsschein als «Aktie ohne Stimmrecht» ist ein Kind der Praxis 1. In der Lehre fristet er ein Schattendasein, neuere Publikationen zum Partizipationsschein 1 Statt vieler: ARTHUR MEIER-HAYOZ/PETER FORSTMOSER, Schweizerisches Gesellschaftsrecht, 10. Aufl. Bern 2007, 16 N 330 ff.; zur Qualifikation als «Aktie ohne Stimmrecht» vgl. Kap. III.A. 2754 Andreas Binder / Meinrad Vetter sind rar. Aufgrund der vom Bundesrat in der laufenden Aktienrechtsrevision vorgeschlagenen Abschaffung der Obergrenze des Partizipationskapitals für börsenkotierte Partizipationsscheine 2 gelangt er neuerdings wieder etwas stärker in den Fokus der Lehre 3. Ziel dieses Aufsatzes ist es, einen Blick auf die Stellung des Partizipationsscheins im System der Aktiengesellschaft zu werfen. Zu diesem Zweck wird zunächst die Entstehungsgeschichte des Partizipationsscheins nachgezeichnet und die heutige gesetzliche Regelung dargestellt. In rechtstatsächlicher Hinsicht wird sodann der Frage nachgegangen, wie weit der Partizipationsschein in der Praxis der über 189'000 Aktiengesellschaften 4 Eingang gefunden hat. Nach einer rechtsvergleichenden Tour d'horizon wird aufgezeigt, dass der Partizipationsschein als Eigenkapitalpapier ohne Stimmrecht gegen die kapitalgesellschaftliche Grundregel der Proportionalität von Kapitalbeteiligung und Stimmrecht («one share one vote») verstösst und wie dieser Verstoss einzuordnen ist. Schliesslich werden einige Postulate de lege ferenda gestellt. Es wäre erfreulich und vermutlich auch im Sinne des Jubilars, wenn das eine oder andere Postulat noch in die laufende Aktienrechtsrevision einfliessen würde. II. Erfindung der Praxis Als Mittel der Kapitalbeschaffung wurden Partizipationsscheine in den 1960er Jahren bekannt. Die auf die Förderung von Erdöl und Erdgas in der Schweiz spezialisierte Swisspetrol Holding AG emittierte 1960 zwecks Kapitalbeschaffung 300'000 Genussscheine zu einem Ausgabepreis von je CHF Der Genussschein war vom Gesetzgeber als Kapitalersatzmittel geschaffen worden für Personen, «die mit dem Unternehmen durch frühere Kapitalbeteiligung, Aktienbesitz, Gläubigeranspruch oder durch ähnliche Gründe verbunden sind» (Art. 657 Abs. 1 aor), und wurde bis anhin vor allem als Sanierungspapier gegen Forderungsverzichte von Gläubigern 2 Art. 656b Abs. 1 E-OR; Botschaft zur Änderung des Obligationenrechts (Aktienrecht und Rechnungslegungsrecht sowie Anpassungen im Recht der Kollektiv- und der Kommanditgesellschaft, im GmbH-Recht, Genossenschafts-, Handelsregister- sowie Firmenrecht) vom 21. Dezember 2007, in: BBl 2008, S (zit.: Botschaft 2007). 3 Vgl. TILL SPILLMANN, Partizipationsscheine, in: GesKR Sondernummer 2008, S. 45 ff. (zit.: Partizipationsscheine). 4 Vgl. Handelsregister-Statistik 2010 des Eidgenössischen Amts für das Handelsregister (EHRA), <http://www.zefix.ch>, Suchfunktion «Statistiken», besucht am 29. Mai 2011 (zit.: EHRA- Statistik 2010). 5 CHRISTOPH HOFFMANN, Der Partizipationsschein oder die stimmrechtslose Aktie, Diessenhofen 1976, S. 3; PETER BÖCKLI, Schweizer Aktienrecht, 4. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2009, 5 N5 Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung eingesetzt 6. Die neue Art seiner Verwendung löste in der Literatur die Frage aus, ob der Genussschein auch zur Kapitalbeschaffung eingesetzt werden durfte 7. Rasch setzte sich dabei die Meinung durch, dass dieser erweiterte Verwendungszweck des Genussscheins rechtmässig war 8. Auch das Bundesgericht bejahte die Zulässigkeit des Partizipationsscheins als Sonderart des Genussscheins, obwohl dieser mit seinem Zweck der Kapitalbeschaffung vom Wortlaut des Art. 657 Abs. 1 aor nicht abgedeckt war 9. Den Begriff «Partizipationsschein» für solche Kapitalbeschaffungs-Genussscheine führte 1963 die Gebrüder Sulzer AG ein 10. Diese Bezeichnung fand rasch Akzeptanz 11. Damit war der Partizipationsschein als Sonderform des Genussscheins terminologisch vom Genussschein im klassischen Sinn als Ersatz für verlorene Rechte oder nicht honorierte Leistungen abgegrenzt 12. Nach seiner ersten Verwendung fand der Partizipationsschein schnell grosse Verbreitung 13. So wurde er mehr und mehr als Ausweichpapier für ausländische Investoren eingesetzt, da diesen der Erwerb von Aktien angesichts der verbreitet eingesetzten strengen Vinkulierungsvorschriften vielerorts verwehrt war. Denn aus Angst vor Überfremdung hatten nach dem Zweiten Weltkrieg viele Gesellschaften ausländischen natürlichen und juristischen Personen die Eintragung ins Aktienbuch verweigert, was nach damaligem Recht (Art. 686 Abs. 2 aor) noch «ohne Angabe von Gründen» möglich war 14. Zusätzlich erlaubte es der Partizipationsschein, den damals hohen Mindestnennwert der Aktie von CHF (Art. 622 Abs. 4 aor) zu umgehen. Mangels gesetzlicher Vorschriften wurde sogar gelegentlich statutarisch bestimmt, dass der Verwaltungsrat der emittierenden Gesellschaft die Partizipationsscheine jederzeit wieder zurückkaufen konnte, und zwar in unbegrenzter Höhe Vgl. statt vieler CHRISTOPH VON GREYERZ, Die Aktiengesellschaft, in: Schweizerisches Privatrecht VIII/2, Basel/Frankfurt a.m. 1982, S. 264 f. 7 HOFFMANN (Fn. 5), S. 3 mit Verweis auf den Disput in der Lehre. 8 HOFFMANN (Fn. 5), S. 104 ff., m.w.n.; ANDREAS BINDER, Die Verfassung der Aktiengesellschaft, Grüsch 1988, S. 123, m.w.n. 9 BGE 113 II 528 E. 3, m.w.n. 10 HOFFMANN (Fn. 5), S. 3. Die Gebrüder Sulzer AG war auch die erste Gesellschaft, welche Partizipationsscheine an der Börse kotieren liess; BÖCKLI (Fn. 5), 5 N Zwischenbericht des Präsidenten und des Sekretärs der Arbeitsgruppe Tschopp für die Überprüfung des Aktienrechts zum Vorschlag für eine Teilrevision des Aktienrechts, Lausanne/Bern 1972, S Botschaft über die Revision des Aktienrechts vom 23. Februar 1983, BBl 1983 II, S. 799 (zit.: Botschaft 1983). 13 Vgl. zu dieser Entwicklung ROLF BÄR, Der Kapitalbeschaffungsgenussschein, in: ZBJV 1965, S. 201 ff. 14 BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 7; HOFFMANN (Fn. 5), S. 107 f. 15 BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 8; HOFFMANN (Fn. 5), S. 109 ff. 2776 Andreas Binder / Meinrad Vetter Schliesslich wurde der Partizipationsschein auch zur Kapitalbeteiligung der eigenen Mitarbeiter eingesetzt 16. Im Rahmen der Vernehmlassung zur Aktienrechtsrevision 1992 war unbestritten, dass der Partizipationsschein gesetzlich geregelt werden musste 17. Der Bundesrat vertrat die Auffassung, der Partizipant sei völlig ungeschützt, was zwar bisher zu keinen Missbräuchen geführt habe, doch gelte es, die Gefahren rechtzeitig zu beseitigen 18. Dabei stellte sich die Frage, ob das Aktienrecht den Partizipationsschein als solchen regeln oder konsequenterweise direkt die stimmrechtslose Aktie einführen sollte 19. Aus praktischen und dogmatischen Gründen 20 entschied sich der Gesetzgeber weitgehend für eine «Kodifizierung dessen, was man nach Landesbrauch ohnehin schon gemacht hatte» 21. III. Gesetzliche Regelung von 1992 A. Grundsätzliche Gleichstellung mit der Aktie Das Aktienrecht von 1992 regelt den Partizipationsschein in den Art. 656a-656g OR relativ ausführlich. Wesensmerkmale des Partizipationsscheins sind gemäss Art. 656a Abs. 1 OR der Nennwert, die Ausgabe gegen Einlage sowie das Fehlen des Stimmrechts. Formell sind Partizipationsscheine keine Aktien. Materiell werden sie aber in fast jeder Hinsicht nach dem Leitbild der stimmrechtslosen Aktien geregelt 22. Partizipationsscheine können daher als «Aktien ohne Stimmrecht» bezeichnet werden BÖCKLI (Fn. 5), 5 N Botschaft 1983 (Fn. 12), S Vgl. dazu auch den Bericht von PETER JÄGGI an die Arbeitsgruppe von Greyerz mit dem Titel Der Partizipationsschein (PS), in: Probleme der Aktienrechtsrevision, Berner Tage für die juristische Praxis 1972, S. 10 ff. Ein weiterer Abdruck findet sich in: Peter Jäggi, Privatrecht und Staat, Gesammelte Aufsätze, Zürich 1976, S. 419 ff. 18 Botschaft 1983 (Fn. 12), S Botschaft 1983 (Fn. 12), S Vgl. dazu Botschaft 1983 (Fn. 12), S BÖCKLI (Fn. 5), 5 N BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 13; HANS CASPAR VON DER CRONE/NINA REISER/EVGENY PLAKSEN, Stimmrechtsaktien: Eine juristische und ökonomische Analyse, in: SZW 2010, S. 103; Botschaft 1983 (Fn. 12), S. 771, 775 und 799 ff. 23 PETER FORSTMOSER, Zur Revision des schweizerischen Aktienrechts (Erweiterte Fassung eines Vortrages, gehalten am 1. Februar 1973 vor der Gesellschaft der Notar-Stellvertreter des Kantons Zürich), in: ZBGR 54 (1973), S. 91; vgl. auch Botschaft 1983 (Fn. 12), S. 771 und7 Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung Art. 656a Abs. 2 OR enthält den Grundsatz der Gleichstellung des Partizipationsscheins mit der Aktie. Danach gelten die Bestimmungen über das Aktienkapital, die Aktie und den Aktionär auch für das Partizipationskapital, den Partizipationsschein und den Partizipanten, soweit das Gesetz keine andere Regelung enthält 24. Der Partizipationsschein ist damit weitgehend dem Recht der Aktie unterstellt 25. Folglich können im geltenden Aktienrecht mit Partizipationsscheinen weder die aktienrechtlichen Vorschriften zum Nennwert noch diejenigen zum Rückkauf eigener Aktien 26 umgangen werden 27. B. Voraussetzungen Die Schaffung von Partizipationskapital bedarf einer ausdrücklich statutarischen Grundlage (Art. 627 Ziff. 9 sowie Art. 656a Abs. 1 OR). Bei ihrer Einführung sind neben den erforderlichen Beschlussquoren der Generalversammlung immer auch die allgemeinen Grundsätze der Mitgliedschaft zu beachten, namentlich das Gleichbehandlungsprinzip (Art. 717 Abs. 2 OR), das Sachlichkeitsgebot (Art. 706 Abs. 2 Ziff. 2 OR) und das Prinzip der schonenden Rechtsausübung (Art. 706 Abs. 2 Ziff. 2 OR) 28. Partizipationsscheine können bei der Gründung einer Aktiengesellschaft ausgegeben werden 29. Gemäss Art. 656a Abs. 2 i.v.m. Art. 629 Abs. 1 OR müssen diesfalls die Gründer anlässlich des Gründungsakts die Bestimmungen über die Partizipationsscheine in den Statuten festlegen, womit die Einführung von Partizipationsscheinen bei der Gründung dem Einstimmigkeitsprinzip unterliegt 30. Oft werden Partizipationsscheine im Verfahren der Kapitalerhöhung gemäss Art. 650 ff. OR eingeführt. Dazu kommen alle drei Arten der Kapitalerhöhung in Frage, die ordentliche, die genehmigte und die bedingte. Die Möglichkeit der ordentlichen Kapitalerhöhung wird von Art. 656b Abs. 5 OR zwar nicht erwähnt, doch wird 24 BSK OR II-HESS/RAMPINI/SPILLMANN, 3. Aufl. Basel 2008, N 5 zu Art. 656a OR. 25 Botschaft 1983 (Fn. 12), S. 801; BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 13; BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 5 zu Art. 656a OR. Für eine erschöpfende Aufzählung der auf die Partizipationsscheine anwendbaren aktienrechtlichen Bestimmungen vgl. BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 5 zu Art. 656a OR. Zum Grundsatz der Gleichstellung vgl. auch Botschaft 1983 (Fn. 12), S. 801 ff. 26 BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 17 mit Ausführungen zu den «redeemable non-voting shares» gemäss USamerikanischer Praxis; BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 6 zu Art. 656a OR. 27 Vgl. zu diesen im alten Aktienrecht mittels Partizipationsscheinen praktizierten Umgehungsmöglichkeiten Kap. II. 28 Zum Sachlichkeitsgebot und zum Prinzip der schonender Rechtsausübung vgl. statt vieler PETER FORSTMOSER/ARTHUR MEIER-HAYOZ/PETER NOBEL, Schweizerisches Aktienrecht, Bern 1996, 39 N 87 ff. und N 95 ff.; MARTIN LIEBI, Vorzugsaktien, Zürich/St. Gallen 2008, S. 94 ff., m.w.n. 29 BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 4 zu Art. 656b OR. 30 MARC BAUEN/ROBERT BERNET, Schweizer Aktiengesellschaft, Zürich/Basel/Genf 2007, N8 Andreas Binder / Meinrad Vetter diese einhellig als selbstverständlich erachtet 31. Für die Einführung von Partizipationsscheinen mittels genehmigter oder bedingter Kapitalerhöhung ist gemäss Art. 704 Abs. 1 Ziff. 4 OR stets ein qualifizierter Generalversammlungsbeschluss erforderlich, der mindestens zwei Drittel der vertretenen Stimmen und die absolute Mehrheit der vertretenen Aktiennennwerte auf sich vereinigt. Bei der ordentlichen Kapitalerhöhung reicht grundsätzlich das einfache Mehr (Art. 703 OR), es sei denn, es handle sich um eine Kapitalerhöhung aus Eigenkapital, gegen Sacheinlage oder zwecks Sachübernahme, es würden besondere Vorteile gewährt oder es liege eine Einschränkung oder Aufhebung des Bezugsrechts vor (Art. 704 Abs. 1 Ziff. 5 und 6 OR) 32. Partizipationsscheine sind gemäss Art. 656a Abs. 3 OR ausdrücklich als solche zu bezeichnen. Dieser Bezeichnungszwang soll jede Verwirrung ausschliessen und insbesondere die Partizipationsscheine von den Genussscheinen abgrenzen 33. Letztere dürfen gemäss Art. 657 Abs. 3 OR weder Partizipationsscheine genannt noch gegen Einlagen ausgegeben werden. C. Umfang und Schranken Gemäss Art. 656b Abs. 2 OR finden die Bestimmungen über das Mindestkapital und über die Mindestgesamteinlage für das Partizipationskapital keine Anwendung. In Abweichung zum Prinzip der Gleichbehandlung mit der Aktie darf das Partizipationskapital das für das Aktienkapital geltende Mindestkapital von CHF 100'000 (Art. 621 OR) unterschreiten, und die Gesamteinlage muss entgegen Art. 632 Abs. 2 OR nicht mindestens CHF 50'000 betragen 34. Weil der Mindestnennwert auch für Partizipationsscheine gilt (Art. 656a Abs. 2 OR), muss der Nennwert eines Partizipationsscheins mindestens einen Rappen betragen (Art. 622 Abs. 4 OR). Ebenso müssen mindestens 20% des Partizipationskapitals liberiert sein (Art. 632 Abs. 1 OR) 35. Gemäss ausdrücklicher Regelung von Art. 656b Abs. 1 OR darf das Partizipationskapital das Doppelte des Aktienkapitals nicht übersteigen. Für diese Begrenzung spielt es keine Rolle, ob das Partizipationskapital im Rahmen der Gründung oder später durch 31 BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 21; BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 5 zu Art. 656b OR; OFK- BURKHALTER, 2. Aufl. Zürich 2009, N 4 zu Art. 656b OR. 32 OFK-LAMBERT/GERICKE (Fn. 31), N 3 zu Art. 650 OR. 33 Botschaft 1983 (Fn. 12), S. 804; BÖCKLI (Fn. 5), 5 N BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 31; OFK-BURKHALTER (Fn. 31), N 2 zu Art. 656b OR; BSK-HESS/RAMPINI/ SPILLMANN (Fn. 24), N 2 zu Art. 656b OR. 35 BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 31; OFK-BURKHALTER (Fn. 31), N 2 zu Art. 656b OR; BSK-HESS/RAMPINI/ SPILLMANN (Fn. 24), N 2 zu Art. 656b OR. 2809 Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung ordentliche, genehmigte oder bedingte Kapitalerhöhung geschaffen wird 36 sie kommt in allen diesen Fällen zum Tragen. Eine Ausnahme zu dieser Begrenzung soll gemäss BÖCKLI dann gelten, wenn das Aktienkapital herabgesetzt wird. Aufgrund des Stichtagsprinzips müsse in diesem Fall das Partizipationskapital nicht parallel zum Aktienkapital herabgesetzt werden, weshalb es möglich sei, dass das einst auf 200% des Aktienkapitals limitierte Partizipationskapital im Zuge von Aktienkapitalherabsetzungen diesen Plafond übersteigt 37. Diese Lehrmeinung findet nach unserer Auffassung keine Stütze im Gesetzeswortlaut des Art. 656b Abs. 1 OR und ist auch vom Sinn und Zweck dieser Bestimmung (Verhinderung eines allzu starken Auseinanderklaffens von Kapitalbeteiligung und Stimmrecht; vgl. die nachfolgenden Ausführungen sowie Kap. VI) nicht gedeckt 38. Die bundesrätliche Botschaft sah noch vor, dass das Partizipationskapital das Aktienkapital nicht übersteigen dürfe, «da sonst ein Missverhältnis zwischen Risikokapitalien mit und ohne Stimmrecht entsteht. Es darf nicht zugelassen werden, dass Personen mit ihrem Stimmrecht die Gesellschaft beherrschen, ohne sich wesentlich an der Aufbringung des Wagniskapitals zu beteiligen.» 39 Die heutige gesetzliche Regelung von Art. 656b Abs. 1 OR gründet auf einem Kompromiss zwischen dem Nationalrat, welcher für Gesellschaften mit börsenkotierten Aktien oder Partizipationsscheinen jegliche Begrenzung streichen wollte, und dem Ständerat, der am bundesrätlichen Vorschlag festhalten wollte 40. D. Rechtsstellung des Partizipanten Die Rechtsstellung des Partizipanten wird in den Art. 656c-656g OR geregelt. Verschiedene Mitwirkungsrechte stehen den Partizipanten gemäss Art. 656c Abs. 3 und Art. 656d OR zwingend zu: Die Orientierung über die Einberufung der Generalversammlung mit Angabe der Traktanden und Anträge, das Auskunfts- und das Einsichtsrecht, das Antragsrecht auf Einleitung einer Sonderprüfung, die Orientierung über die von den Aktionären gefassten Beschlüsse sowie die Klagerechte wie Anfech- 36 OFK-BURKHALTER (Fn. 31), N 1 zu Art. 656b OR; BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 1 zu Art. 656b OR. 37 BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 42; vgl. auch OFK-BURKHALTER (Fn. 31), N 1 zu Art. 656b OR. 38 Vgl. auch Botschaft 1983 (Fn. 12), S. 802 und S. 876, wonach das Partizipationskapital das Aktienkapital niemals übersteigen dürfe (der Bundesrat hatte ein maximales Verhältnis von 1:1 vorgeschlagen), sowie Art. 2 Abs. 2 Satz 4 SchlB zum 26. Titel des OR vom 4. Oktober 1991: «Gesellschaften, deren Partizipationskapital am 1. Januar 1985 das Doppelte des Aktienkapitals überstieg, sind von dessen Anpassung an die gesetzliche Begrenzung ausgenommen». 39 Botschaft 1983 (Fn. 12), S BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 42, m.w.n. 28110 Andreas Binder / Meinrad Vetter tungs-, Verantwortlichkeits- oder Auflösungsklage 41. Im Übrigen lässt das Gesetz den Gesellschaften viel Gestaltungsraum, indem diese statutarisch den Partizipanten weitere Mitwirkungsrechte wie das Recht zur Einberufung einer Generalversammlung, das Teilnahmerecht an der Generalversammlung, das generelle Recht zur Stellung von Anträgen (Art. 656c Abs. 1 und 2 OR) 42 oder einen Anspruch auf Vertretung im Verwaltungsrat (Art. 656e OR) 43 einräumen können. Hingegen bestimmt Art. 656c Abs. 1 OR, dass die Partizipanten kein Stimmrecht haben. Der Ausschluss des Stimmrechts ist zwingend 44, Statutenbestimmungen, die den Partizipanten in der Generalversammlung ein Stimmrecht einräumen, sind nichtig 45. Vorbehalten bleibt das Stimmrecht in der Partizipantenversammlung als Sonderversammlung, welche gestützt auf Art. 656f Abs. 4 OR einzuberufen ist, falls den Partizipanten nachträglich Vorrechte oder statutarisch eingeräumte Mitwirkungsrechte entzogen werden sollen 46. Vermögensrechtlich sind die Partizipanten mit den Aktionären gleichgestellt 47. Art. 656f Abs. 1 OR hält ausdrücklich fest, dass die Statuten die Partizipanten bei der Verteilung des Bilanzgewinns und des Liquidationsergebnisses sowie beim Bezug neuer Aktien nicht schlechter stellen dürfen als die Aktionäre. Diesbezüglich besteht zwischen Aktionären und Partizipanten eine Schicksalsgemeinschaft 48. Diese Schicksalsgemeinschaft manifestiert sich auch im Bezugsrecht der Partizipanten. Gemäss Art. 656g Abs. 2 und 3 OR werden die Partizipanten bei einer Erhöhung von Partizipations- und/oder Aktienkapital vor einer Verwässerung ihrer Vermögensrechte gleich wie die Aktionäre geschützt 49. Allerdings geht das Prinzip der Gleichbehandlung der Partizipanten mit den Aktionären gemäss Art. 656f Abs. 2 OR nur so weit, als dass die Partizipationsscheine zumindest der am wenigsten bevorzugten Aktienkategorie gleichzustellen sind; es ist dagegen zulässig, neben Partizipationsscheinen Vorzugsaktien mit weitergehenden Vermögensrechten zu schaffen Vgl. statt vieler BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 52 ff., m.w.n. 42 Vgl. statt vieler BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 1 f. zu Art. 656c OR, m.w.n. 43 Vgl. statt vieler BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 1 f. zu Art. 656e OR, m.w.n. 44 BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 1 zu Art. 656c OR. 45 BÖCKLI (Fn. 5), 5 N BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 45; BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 1 zu Art. 656c OR und N 5 zu Art. 656g OR. 47 MAJA R. BAUMANN, Die Familienholding, Zürich 2005, S BAUMANN (Fn. 47), S. 133; BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 1 zu Art. 656f OR. 49 Vgl. BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 1 zu Art. 656g OR. Zum Bezugsrecht der Partizipanten vgl. statt vieler BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 65, m.w.n. 50 BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 19; BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 3 zu Art. 656f OR. 28211 Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung IV. Tatsächliches Vorkommen A. Kotierte Gesellschaften Es grenzt an Ironie, dass sich der Partizipationsschein während dreissig Jahren, zu einer Zeit, als er gesetzlich nicht geregelt war, einer recht grossen Beliebtheit in der Praxis börsenkotierter Gesellschaften erfreut hat, dass in der Folge aber praktisch gleichzeitig mit dem Inkrafttreten des revidierten Aktienrechts mit den neuen Art. 656a ff. OR der Niedergang des kotierten Partizipationsscheins begann 51. Denn inzwischen hatte man entdeckt, dass das Stimmrecht, anders als bisher vermutet, auch in kotierten Gesellschaften mit breit gestreutem Aktionariat durchaus einen ökonomischen Wert hat, wenn nur genügend Stimmrechte gepoolt werden 52. Und mit dem gegen Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre aufkommenden Markt für Unternehmenskontrolle gab es tatsächlich mehr und mehr Beispiele, bei denen mittels öffentlicher Übernahmeangebote solche zersplitterten Stimmrechte zusammengefasst wurden. Der Partizipationsschein als stimmrechtslose Aktie verlor als Eigenkapitalpapier für Kapitalgeber und damit auch für die Emittenten an Attraktivität, wurde er doch regelmässig mit einem Abschlag zur stimmberechtigten Aktie gehandelt 53. Hinzu kam als weiteres ökonomisches Element das Interesse der Emittenten an einem möglichst liquiden Markt für ihre Beteiligungspapiere; die Unterteilung des Eigenkapitals in zwei oder gar drei verschiedene Papiere führte zu einer künstlichen Verknappung der Liquidität in den Titeln und damit ebenfalls zu einem mittlerweile unerwünschten Kursabschlag 54. Beide Elemente, der aufkommende Markt für Unternehmenskontrolle ebenso wie der Trend zur Einheitsaktie, führten 51 Vgl. BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 1 und 11 ff. 52 Zum ökonomischen Wert des Stimmrechts vgl. Till SPILLMANN, Institutionelle Investoren im Recht der Publikumsgesellschaften, Zürich 2004, S. 83 Fn. 468 (zit.: Institutionelle Investoren); ROGER M. KUNZ, Shareholder Value durch Financial Engineering Stimmrechte, Einheitsaktien und Aktiensplits, Bern/Stuttgart/Wien 1998, S. 65; CHRISTIAN VON BALLMOOS/PASCAL PERNET, Welchen Marktwert haben Stimmrechte?, NZZ Nr. 103 vom 14. Mai 1999, S. 33; GION GIGER, Corporate Governance als neues Element im schweizerischen Aktienrecht, Zürich 2003, S. 181 f.; MAR- KUS RUFFNER, Die ökonomischen Grundlagen eines Rechts der Publikumsgesellschaften, Zürich 2000, S. 193 f. 53 PETER BÖCKLI/CLAIRE HUGUENIN/FRANÇOIS DESSEMONTET, Expertenbericht der Arbeitsgruppe «Corporate Governance» zur Teilrevision des Aktienrechts vom 30. September 2003, Bundesamt für Justiz (Hrsg.), Bern 2003, auch in: Schriften zum Aktienrecht 21, Zürich 2004, S. 155; ROLF WAT- TER/CORRADO RAMPINI, Proxy Fights, in: Rudolf Tschäni (Hrsg.), Mergers & Acquisitions III, Zürich 2001, S. 2 Fn. 1; VON BALLMOOS/PERNET (Fn. 52), S. 33; KUNZ (Fn. 52), S BÖCKLI/HUGUENIN/DESSEMONTET (Fn. 53), S. 155; KUNZ (Fn. 52), S. 63 f. 28312 Andreas Binder / Meinrad Vetter dazu, dass kotierte Gesellschaften ihre Partizipationsscheine zunehmend in Aktien umwandelten 55. Gesellschaft Chocoladefabriken Lindt & Sprüngli Aktiengesellschaft Grundkapital (in Mio. CHF) Aktienkapital (in Mio. CHF) Der Partizipationsschein ist allerdings nicht vollends von den Kurstableaus verschwunden. Im elektronischen Aktienführer der FINANZ UND WIRTSCHAFT 56, in welchem alle wichtigen an der Schweizer Börse kotierten Gesellschaften aufgeführt sind, weisen aktuell von 238 Gesellschaften deren sieben ein Partizipationskapital auf, wovon fünf in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft 57. Es handelt sich um folgende Aktiengesellschaften: Partizipationskapital (in Mio. CHF) Verhältnis Partizipationszu Aktienkapital % Loeb Holding AG % Perrot Duval Holding SA % Repower AG % Schindler Holding AG % 55 BÖCKLI/HUGUENIN/DESSEMONTET (Fn. 53), S. 154; BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 1a zu Art. 656a OR; RETO SANWALD, Bedeutung und Zukunft der Inhaberaktien in der Schweiz, in: Reprax 2000/2, S. 22 ff. 56 FINANZ UND WIRTSCHAFT, Elektronischer Aktienführer, <http://www.fuw.ch/de/aktienfuehrer. html>; alle nachfolgenden Angaben in diesem Kapitel zu den einzelnen Gesellschaften stammen aus einem Besuch dieser Website am 15. Mai 2011 und wurden anhand der elektronischen Handelsregisterauszüge dieser Gesellschaften verifiziert. 57 Die Basler Kantonalbank und die Graubündner Kantonalbank sind öffentlich-rechtliche Körperschaften, weshalb die Ausgestaltung ihrer Partizipationsscheine auf öffentlichem Recht und nicht auf Art. 656a ff. OR beruht. 58 CHF 0.74 Mio. Stammaktien und CHF 0.76 Mio. Stimmrechtsaktien mit einem Hebel von 10:1. 59 CHF 3.4 Mio. Stammaktien und CHF 0.75 Mio. Stimmrechtsaktien mit einem Hebel von 5:1. 28413 Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung Zusätzlich zu beachten sind die altrechtlichen Genussscheine der Roche Holding AG, welche ebenfalls kein Stimmrecht gewähren: Gemäss 3 und 4 der Statuten 60 verfügt die Roche Holding AG über 160 Mio. Aktien à nominal CHF 1 sowie Mio. Genussscheine, welche keinen Bestandteil des Aktienkapitals bilden und kein Stimmrecht haben, aber den gleichen Anteil am Bilanzgewinn vermitteln wie die Aktien. Das Verhältnis Genussscheine zu Aktien beträgt somit 439%. Abgesehen von den altrechtlichen Genussscheinen der Roche Holding AG lässt sich feststellen, dass das Verhältnis des Partizipations- zum Aktienkapital bei allen Gesellschaften mit zwischen 23% und 107% deutlich unter der gesetzlichen Maximalgrenze von 200% gemäss Art. 656b Abs. 1 OR (vgl. Kap. III.C) liegt. B. Private Gesellschaften Eine rechtstatsächliche Übersicht über das Vorkommen der Partizipationsscheine bei den ca. 189'000 nicht-kotierten Aktiengesellschaften ist weit schwieriger zu erlangen. Das Eidgenössische Handelsregisteramt verfügt über keine entsprechenden Statistiken. Eine Online-Untersuchung der Zahlen einiger repräsentativer Kantone zeigt folgendes Bild 61 : Im Kanton Zürich gibt es Aktiengesellschaften, die ein Partizipationskapital aufweisen, im Kanton Zug 71, im Kanton Bern 44 63, im Kanton Aargau 29 und im Kanton Basel-Stadt 18. Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Aktiengesellschaften in diesen Kantonen, so zeigt sich, dass ungefähr 0.3 bis 0.4% aller nicht-kotierten Aktiengesellschaften über Partizipationsscheine verfügen 64. Aus eigenen praktischen Erfahrungen wissen wir, dass Partizipationsscheine gelegentlich als Instrument bei Nachfolgeplanungen in Familienunternehmen eingesetzt werden, ermöglichen sie doch die Beteiligung aller Nachkommen am Vermögen der Gesellschaft unter gleichzeitiger klarer Zuweisung der Stimmenherrschaft an einen oder einzelne Nachfolger. In der Regel ist dieses Ziel aber auch über den weniger einschneidenden Weg der Schaffung von Stimmrechtsaktien erreichbar, welche einen maximalen Stimmrechtshebel von 10:1 (Art. 693 Abs. 2 OR) und 60 Statuten der Roche Holding AG vom 1. März Zahlen jeweils Stand 10. Mai 2011; alle kantonalen Daten am 10. Mai 2011 abgerufen auf der jeweiligen Website des kantonalen Handelsregisteramts, Suchfunktion «Diverse», Suche nach Begriff «Partizipationsschein», Typ der Eintragung «Aktienstückelung», Suche in «aktuellen Eintragungen» und «aktiven Firmen». 62 Darunter die oben erfasste Chocoladefabriken Lindt & Sprüngli Aktiengesellschaft. 63 Darunter die oben erfasste Loeb Holding AG. 64 Kanton Zürich 104 von 30'897 = 0.34%; Kanton Zug 71 von 17'063 = 0.42%; Kanton Aargau 29 von 9'503 = 0.31%; Kanton Bern 44 von = 0.29%; Kanton Basel-Stadt 18 von 4'595 = 0.39%; Gesamtzahl der Aktiengesellschaften je Kanton jeweils Stand 31. Dezember 2010; vgl. EHRA-Statistik 2010 (Fn. 4). 28514 Andreas Binder / Meinrad Vetter nicht wie bei Partizipationsscheinen von unendlich ermöglichen. Partizipationsscheine können ferner ein Instrument zur Realisierung steueroptimierter Strukturen bei privaten Gesellschaften darstellen 65. Gelegentlich werden sie auch bei Sanierungen eingesetzt 66. C. Fazit: Der Partizipationsschein existiert Es ergibt sich, dass der Partizipationsschein heute bei einer Handvoll teilweise grosser Publikumsgesellschaften und bei hochgerechnet etwa 500 bis privaten Aktiengesellschaften vorkommt. In rechtstatsächlicher Hinsicht kann damit festgehalten werden, dass in der Praxis gelegentlich das Bedürfnis nach diesem Eigenkapitalpapier besteht. V. Rechtsvergleich A. Rechtslage in 19 Ländern Wir haben in Kap. III.A festgestellt, dass der Partizipationsschein des schweizerischen Rechts in materieller Hinsicht weitestgehend eine stimmrechtslose Aktie ist 68. Ein Rechtsvergleich mit dem Ausland zeigt, dass verschiedene Länder eine solche stimmrechtslose Aktie kennen, wobei diese typischerweise in zwei Formen vorkommt: Als stimmrechtslose Aktie mit Vorzugsrecht oder als stimmrechtslose Aktie ohne Vorzugsrecht. Die Ausführungen in diesem Kapitel basieren auf einer im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführten umfangreichen Analyse von insgesamt 13 Abweichungen vom Grundsatz «one share one vote» (sog. Control Enhancing Mechanisms, CEMs) in 19 verschiedenen Ländern, nämlich den 16 EU-Mitgliedsländern Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Grossbritan- 65 Wir haben solche Strukturen in der Praxis umgesetzt. 66 Vgl. auch CHRISTOPH B. BÜHLER, Aussergerichtliche Sanierung der Aktiengesellschaft, in: ST 2010, S. 449 ff bis 0.4% der gesamten Aktiengesellschaften in der Schweiz von 189'515 (Stand ); vgl. EHRA-Statistik 2010 (Fn. 4). 68 Vgl. BÖCKLI (Fn. 5), 5 N 13 ff; BSK-HESS/RAMPINI/SPILLMANN (Fn. 24), N 5 zu Art. 656a OR. 28615 Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung nien, Holland, Irland, Italien, Luxemburg, Polen, Schweden, Spanien und Ungarn sowie den USA, Japan und Australien 69. Die stimmrechtslose Aktie mit Vorzugsrecht ist in 16 der 19 untersuchten Länder zulässig, wobei häufig Restriktionen bestehen, insbesondere bezüglich des maximalen Verhältnisses zwischen stimmrechtslosen und stimmberechtigten Aktien oder bezüglich der zwingenden Einräumung resp. Aktivierung des Stimmrechts in bestimmten Fällen, so bei Abstimmungen über besonders wichtige Themen oder im Falle eines Dividendenverzichts. Vereinzelt gewähren die Rechtsordnungen den Inhabern der stimmrechtslosen Aktien das Recht, einen Vertreter in das oberste Führungsoder Kontrollorgan zu delegieren. Im Einzelnen präsentiert sich die Rechtslage gemäss der erwähnten Analyse von 16 Ländern der EU sowie den USA, von Japan und Australien wie folgt 70 : Die stimmrechtlose Aktie mit Gewährung von Vorzugsrechten ist zulässig in Belgien (maximal 33.3% des Aktienkapitals), Deutschland (maximal 50% des Aktienkapitals), Estland (maximal 33.3% des Aktienkapitals), Frankreich (maximal 25% des Aktienkapitals), Griechenland (maximal 40% des Aktienkapitals), Italien (maximal 50% des Aktienkapitals), Luxemburg (maximal 50% des Aktienkapitals), Spanien (maximal 50% des Aktienkapitals), Ungarn (maximal 50% des Aktienkapitals), Japan (maximal 50% des Aktienkapitals) sowie ohne Begrenzung in Finnland, Grossbritannien, Irland, Polen, USA und Australien. Nicht zugelassen ist die stimmrechtslose Aktie mit Vorzugsrecht in den untersuchten Ländern einzig in Dänemark, Holland und Schweden. In Belgien, Deutschland, Estland, Luxemburg, Spanien, Ungarn und Australien werden die Stimmrechte aktiviert, falls während einer gewissen Zeit (je nach Land ein bis drei Jahre) keine Dividende ausbezahlt wurde. In Belgien, Estland, Luxemburg und Australien werden den grundsätzlich stimmrechtslosen Aktien zudem Stimmrechte für bestimmte Entscheidungen, beispielsweise zur Änderung des Gesellschaftszwecks oder zu Aktienrückkaufprogrammen, gewährt. In den USA erhalten die Inhaber der stimmrechtslosen Aktien in der Regel bei zweimaligem Dividendenausfall das Recht, zwei oder mehr Directors zu wählen. 69 INSTITUTIONAL SHAREHOLDER SERVICES EUROPE (ISS EUROPE)/SHERMAN & STERLING LLP (S&S)/EUROPEAN CORPORATE GOVERNANCE INSTITUTE (ECGI), Report on the Proportionality Principle in the European Union, Proportionality between Ownership and Control in: EU Listed Companies, External Study commissioned by the European Commission, 2007 (zit.: Proportionality Principle Report). In dieser Studie wurden neben den stimmrechtslosen Aktien unter anderem die folgenden Abweichungen vom Proportionalitätsprinzip untersucht: Aktien mit Mehrfachstimmrechten, Vorzugsaktien, Stimmrechtsbegrenzungen, Eigentumsbegrenzungen an Aktien, Pyramidenstrukturen, Kreuzbeteiligungen und Aktionärbindungsverträge. Bei den grossen kotierten Gesellschaften kommen dabei als Abweichungen zum Proportionalitätsgrundsatz am häufigsten Pyramidenstrukturen und Mehrfachstimmrechte vor; vgl. Proportionality Principle Report, S Proportionality Principle Report (Fn. 69), S. 15 und16 Andreas Binder / Meinrad Vetter Die stimmrechtslose Aktie ohne Vorzugsrecht, mithin das Äquivalent zum Partizipationsschein schweizerischer Prägung, ist dagegen nur in acht der untersuchten 19 Länder zulässig. Es bestehen zudem häufig gleiche oder ähnliche Restriktionen wie bei stimmrechtslosen Aktien mit Vorzugsrechten, so bezüglich des maximalen Verhältnisses zwischen stimmrechtslosen und stimmberechtigten Aktien, der zwingenden Einräumung resp. Aktivierung des Stimmrechts in bestimmten Fällen oder des Rechts, einen Vertreter in das oberste Führungs- oder Kontrollorgan zu delegieren. Im Einzelnen präsentiert sich die Rechtslage gemäss der besagten Länderanalyse wie folgt 71 : Die stimmrechtslose Aktie ohne Gewährung von Vorzugsrechten ist zulässig in Frankreich (maximal 25% des Aktienkapitals), Italien (maximal 50% des Aktienkapitals), Japan (maximal 50% des Aktienkapitals) sowie ohne Begrenzung in Finnland, Grossbritannien, Irland, USA und Australien. Nicht zugelassen ist die stimmrechtslose Aktie ohne Vorzugsrechte dagegen in Belgien, Dänemark 72, Deutschland, Estland, Griechenland, Holland, Luxemburg, Polen, Schweden, Spanien und Ungarn. B. Vorkommen von stimmrechtslosen Aktien in diesen 19 Ländern Obwohl in vielen Ländern in der einen oder andern Form zulässig, sind stimmrechtslose Aktien bei den im tatsächlichen Teil der besagten Untersuchung analysierten 464 europäischen börsenkotierten Gesellschaften relativ selten anzutreffen 73. So haben nur zwei oder 0.5% der grösseren Publikumsgesellschaften in Europa stimmrechtslose Aktien ohne Vorzugsrechte, je eine mit Sitz in Dänemark resp. Irland. Stimmrechtslose Aktien mit Vorzugsrechten haben immerhin 29 oder 6% der untersuchten Publikumsgesellschaften, wobei die meisten dieser Gesellschaften ihren Sitz in Grossbritannien, Irland oder Italien haben; diese Gesellschaften kompensieren das fehlende Stimmrecht mit einer Vorzugsdividende Proportionality Principle Report (Fn. 69), S. 15 und In Dänemark sind stimmrechtslose Aktien ohne Vorzugsrechte ebenso wie solche mit Vorzugsrechten seit 1974 nicht mehr zulässig; auf altrechtlicher Basis kommen sie in der Praxis vereinzelt vor (vgl. Kap. V.B); vgl. Proportionality Principle Report (Fn. 69), S. 19 und 39 sowie Exhibit C.I, S. 65 f. 73 In der Analyse wurden total 464 börsenkotierte EU-Gesellschaften analysiert: 311 grosse Gesellschaften (die 20 grössten Gesellschaften in jedem der 16 untersuchten EU-Länder mit einer Marktkapitalisierung von max. 2 Mia. [Stand 31. Dezember 2005], bereinigt um 9 Spezialsituationen) sowie 153 kleinere, kürzlich kotierte Gesellschaften; vgl. Proportionality Principle Report (Fn. 69), S. 19, 23 und 97 f. 74 Proportionality Principle Report (Fn. 69), S17 Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung Was das Vorkommen der stimmrechtslosen Aktien bei privaten Gesellschaften betrifft, sind uns keine empirischen Daten aus den EU-Mitgliedsländern bekannt. In den USA soll ein erheblicher Anteil nicht-kotierter Gesellschaften über stimmrechtslose Aktien verfügen 75. VI. Kollision mit dem Grundsatz der Proportionalität von Kapitalbeteiligung und Stimmrecht A. Grundsatz Gemäss Art. 692 Abs. 1 OR üben die Aktionäre «ihr Stimmrecht in der Generalversammlung nach Verhältnis des gesamten Nennwerts der ihnen gehörenden Aktien aus». Damit gilt im schweizerischen Aktienrecht der Grundsatz der Proportionalität von Kapitalbeteiligung und Stimmrecht, das heisst, die Stimmkraft der Aktionäre und somit ihr Einfluss auf die Aktiengesellschaft bestimmt sich nach der relativen Höhe ihrer Kapitalanteile 76. In der Lehre wird für dieses Proportionalitätsprinzip regelmässig der Ausdruck «one share one vote» verwendet 77. Für die Ausübung des Stimmrechts ist der gesamte Nennwert der dem Aktionär gehörenden Aktien massgebend, unabhängig von deren Liberierung 78. B. Ausnahmen Zu diesem Grundsatz enthält das schweizerische Recht allerdings gewichtige Ausnahmen: So lässt es gemäss Art. 693 OR Stimmrechtsaktien zu, sie dürfen einen maximalen Hebel von 10:1 zu den Stammaktien aufweisen. Art. 692 Abs. 2 OR gestattet es, mittels Statutenbestimmung die Stimmenzahl der Besitzer mehrerer Aktien zu beschränken und auf diese Weise vom Proportionalitätsprinzip abzuweichen. Eine ähnliche Wirkung haben statutarische Vinkulierungsbestimmungen bei kotierten 75 VON DER CRONE/REISER/PLAKSEN (Fn. 22), S SPILLMANN, Partizipationsscheine (Fn. 3), S. 47; SPILLMANN, Institutionelle Investoren (Fn. 52), S. 163 f.; CAROLE LEA GEHRER, Statutarische Abwehrmassnahmen gegen Übernahmen, Zürich 2003, S BÖCKLI (Fn. 5), 12 N 467; GEHRER (Fn. 76), S. 146; BAUMANN (Fn. 47), S. 133; VON DER CRONE/ REISER/PLAKSEN (Fn. 22), S. 94, 103 und 105 ff.; MIKE BURKART/SAMUEL LEE, The One Share One Vote Debate: A Theoretical Perspective, in: ECGI Working Paper Series in Finance No. 176/2007 May 2007, <http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=987486>, besucht am 29. Mai BSK-LÄNZLINGER (Fn. 24), N 3 zu Art. 692 OR, m.w.n. 28918 Andreas Binder / Meinrad Vetter Aktien, führen diese doch zu einem Auseinanderfallen der Eigentums- und Vermögensrechte an den Aktien einerseits und der Stimmrechte welche ruhen anderseits (Art. 685d und 685f OR). Schliesslich führt auch das Phänomen der Dispoaktien zu einem Auseinanderfallen von Stimmrecht und wirtschaftlichem Eigentum 79. Die in Kap. V erwähnte rechtsvergleichende Studie zeigt, dass der Grundsatz «one share one vote» auch im Ausland nicht konsequent umgesetzt ist: Jedes der 19 untersuchten Länder kennt in seiner Gesetzgebung zwischen fünf und elf Abweichungen vom Proportionalitätsprinzip 80. Der Grund liegt darin, dass der Grundsatz «one share one vote» mit einem anderen fundamentalen Prinzip des Gesellschaftsrechts kollidiert: dem Prinzip der Vertrags- und Organisationsfreiheit (inherent right to self organisation principle) 81. Die vor geraumer Zeit auf EU-Ebene herrschende Idee, den Grundsatz «one share one vote» zu etablieren, scheint heute nicht mehr aktuell zu sein 82, und auch in den USA, dem Ursprungsland dieses Grundsatzes, gilt er heute lediglich noch als Grundregel Eine börsenkotierte Namenaktie mutiert zu einer sog. Dispoaktie, wenn sich deren Eigentümer nach dem Erwerb über die Börse nicht im Aktienbuch eintragen lässt. Der Erwerber erwirbt diesfalls wohl zwar nicht rechtlich, aber faktisch das wirtschaftliche Substrat der Aktie, das Stimmrecht ruht dagegen. Dispoaktien sind damit Aktien ohne Stimmrecht. Vgl. zum Ganzen HANS CASPAR VON DER CRONE/MARTINA ISLER, Dispoaktien, in: GesKR Sondernummer 2008, S. 76 f.; HANS CASPAR VON DER CRONE/TIFFANY ENDER, Dispoaktien und Nominee-Modell in: Rolf Watter (Hrsg.), Die «grosse» Schweizer Aktienrechtsrevision, Zürich/St. Gallen 2010, S. 136 f.; BÖCKLI (Fn. 5), 6 N 152 ff.; Botschaft 2007 (Fn. 2), S Proportionality Principle Report (Fn. 69), S Vgl. Kap. VII.A; Proportionality Principle Report (Fn. 69), S Der EU-Bericht der High Level Group of Company Law Experts on issues related to Takeover Bids aus dem Jahr 2002 enthielt ein starkes Plädoyer für die Berücksichtigung des Grundsatzes der Proportionalität zwischen ökonomischem Risiko und Stimmrecht: Im Normalfall solle nur Eigenkapital Mitwirkungsrechte haben, und zwar proportional zum getragenen Risiko, da es den Inhabern das unbegrenzte Recht auf den Gewinn und den Residualwert bei der Liquidation gewährt; die Inhaber dieser Rechte seien am Besten legitimiert, über die Geschäfte der Gesellschaft zu entscheiden, da sie auch die Auswirkungen ihrer Entscheide zu tragen hätten (vgl. Report of the High Level Group of Company Law Experts on issues related to Takeover Bids vom 10. Januar 2002, S. 3); EU-Kommission, Impact Assessment on the Proportionality between Capital and Control in Listed Companies, 12. Dezember 2007, S. 4 ff. (zit.: EU-Kommission, Impact Assessment); Vorschlag für eine 5. gesellschaftsrechtliche EU-Richtlinie (Strukturrichtlinie), KOM (1972), 887, nie verabschiedet und schliesslich zurückgezogen mit KOM (2001) 763, S. 22; OECD Steering Group on Corporate Governance, Lack of Proportionality between Ownership and Control: Overview and Issues for Discussion, Dezember 2007; CLAIRE HUGUENIN/BEATRICE GROB, Schutz der Kapitalmehrheit, Entscheid des Schweizerischen Bundesgerichts vom 3. August 2006 (4C.165/2006), BGE 132 III 707, i.s. A. AG (Beklagte und Berufungsklägerin) gegen B.C. und C.C. (Kläger und Berufungsbeklagte), in: SZW 2007, S. 95; KARL HOFSTETTER, Corporate Governance in der Schweiz, Begleitbericht zum Swiss Code of Best Practice for Corporate Governance, economiesuisse (Hrsg.), Zürich 2002, S. 25; vgl. auch BURKART/LEE (Fn. 77), S. 1 ff. 83 VON DER CRONE/REISER/PLAKSEN (Fn. 22), S. 94 und 104 ff.; HOFSTETTER (Fn. 82), S19 Der Partizipationsschein eine Auslegeordnung Eine fundamental neue und extreme Ausprägung der Abweichung vom Proportionalitätsprinzip stellt das sogenannte Empty Voting dar. Unter Empty Voting versteht man das Phänomen der Entkoppelung von ökonomischem und rechtlichem Eigentum an Aktien (decoupling of economic ownership and voting power) mittels neuartiger derivativer Finanzinstrumente sowie des Instituts der Wertschriftenleihe. Diese ermöglichen es Investoren, Stimmrechte in der Generalversammlung einer Gesellschaft auszuüben unter gleichzeitigem Einsatz von weniger, im Extremfall unter Einsatz von null oder gar negativem ökonomischem Interesse 84. Das Empty Voting ist in höchstem Masse problematisch, da es im Gegensatz zu den andern Abweichungen vom Grundsatz «one share one vote» nicht auf der Basis eines bewussten Entscheides der Aktionäre der Gesellschaft beruht, ohne jegliche Transparenz erfolgt, extreme Abweichungen vom Proportionalitätsprinzip von gegen 1:10'000 zulässt und damit grundsätzliche Governance-fragen aufwirft 85. C. Das rechte Mass Als stimmrechtslose Aktie kollidiert der Partizipationsschein in besonders krasser Weise mit dem Grundsatz der Proportionalität von Kapitalbeteiligung und Stimmrecht 86, haben die Partizipanten doch überhaupt kein Stimmrecht, auch kein unterproportionales, während auf der andern Seite das Stimmrecht der Aktionäre überproportional zu dem von ihnen eingesetzten Kapital ist. Im abschliessenden Kap. VII soll versucht werden, diese extreme Abweichung vom Proportionalitätsprinzip einzuordnen, das Prinzip der Vertrags- und Organisationsfreiheit und das Proportionalitätsprinzip bezogen auf den Partizipationsschein in eine Harmonie zu bringen und daraus Postulate de lege ferenda abzuleiten. 84 Vgl. HENRY T.C. HU/BERNARD BLACK, The New Vote Buying: Empty Voting and Hidden (Morphable) Ownership, in: Southern California Law Review 2006, S. 811 ff.; HENRY T.C. HU/BERNARD BLACK, Equity and Debt Decoupling and Empty Voting II: Importance and Extensions, in: University of Pennsylvania Law Review 2008, S. 625 ff. 85 Vgl. ANDREAS BINDER, M&A-Rechtsentwicklungen Blicke zurück und nach vorn, in: Günter Müller-Stewens/Sven Kunisch/Andreas Binder (Hrsg.), Mergers & Acquisitions: Analysen, Trends und Best Practices, Stuttgart 2010, S. 502 f., auch publiziert in GesKR Online 3/2010, S. 13, <http://www.geskr.ch>, besucht am 29. Mai 2011; ANDREAS BINDER, Corporate Governance vor einem Paradigmawechsel? Neue Rolle des Aktionärs im Corporate Governance-System, Referat am 1. St. Galler Corporate Management Forum vom 5. November 2010, legal.ch/publikationen.html, besucht am 29. Mai 2011; ROLF WATTER/ANDREAS HINSEN, Empty Voting und verwandte Taktiken, in: Rudolf Tschäni (Hrsg.), Mergers & Acquisitions XI, Zürich 2009, S. 1 ff., m.w.n.; Paper of the European Corporate Governance Forum Working Group on Proportionality, Juni 2007, S. 23; EU-Kommission, Impact Assessment (Fn. 82), S. 24 und Vgl. VON DER CRONE/REISER/PLAKSEN (Fn. 22), S20 Andreas Binder / Meinrad Vetter VII. Regelung des Partizipationsscheins de lege ferenda A. Ausgangspunkt: Vertrags- und Organisationsfreiheit Die schweizerische Wirtschaftsverfassung ist geprägt vom Grundrecht der Wirtschaftsfreiheit (Art. 27 und 94 Abs. 1 BV) sowie von der Eigentumsgarantie (Art. 26 BV) 87. Die Privatautonomie und die aus dieser abgeleitete Vertragsfreiheit sind Grundprinzipien der Privatrechtsordnung und «gehören zum unantastbaren Kern der Wirtschaftsfreiheit» 88. Gemäss Bundesgericht gehört das in Art. 1 und 19 OR und damit auf Gesetzesstufe formulierte Prinzip der Vertragsfreiheit zum integrierenden Bestandteil der verfassungsmässigen Wirtschaftsfreiheit 89. Art. 94 Abs. 3 BV verpflichtet Bund und Kantone, im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für günstige Rahmenbedingungen für die private Wirtschaft zu sorgen. Als Gesetzgeber konkretisiert der Bund, namentlich mit Mitteln des Privatrechts, den verfassungsmässigen Grundentscheid für eine wettbewerbskoordinierte Privatwirtschaft 90. Art. 5 BV steckt den Rahmen staatlichen Handelns ab. Gemäss dessen Abs. 2 muss staatliches Handeln im öffentlichen Interesse liegen und verhältnismässig sein. Art. 36 BV regelt die Voraussetzungen für die Einschränkung von Grundrechten und stellt klar, dass der Bund diese grundlegenden Prinzipien auch im Rahmen seiner verfassungsmässigen Regelungskompetenz im Bereich des Zivilrechts gemäss Art. 122 BV beachten muss. Das Verhältnismässigkeitsprinzip verlangt, dass «eine staatliche Massnahme in der Rechtsetzung oder Rechtsanwendung geeignet und erforderlich sein muss und dass die angestrebte Wirkung nicht in einem Missverhältnis zu anderen zu beachtenden Interessen stehen darf» 91. Gesellschaften sind Verträge (Art. 530 Abs. 1 OR) und geniessen damit den Schutz der Vertragsfreiheit 92, im gesellschaftsrechtlichen Kontext auch Organisationsfreiheit genannt 93. Jede zwingende Regelung im Bereich des Gesellschaftsrechts setzt als Ein- 87 KLAUS A. VALLENDER, St. Galler Kommentar zur Bundesverfassung, 2. Aufl. Zürich/St. Gallen 2008, N 37 zu Art 27 BV. 88 VALLENDER, St. Galler Kommentar (Fn. 87), N 38 zu Art 27 BV; KLAUS A. VALLENDER/PETER HETTICH/ JENS LEHNE, Wirtschaftsfreiheit und begrenzte Staatsverantwortung, 4. Aufl. Bern 2006, 5 N 58 f. und 113; REGINA KIENER/WALTER KÄLIN, Grundrechte, Bern 2007, S. 303; vgl. auch JÖRG PAUL MÜLLER/MARKUS SCHEFER, Grundrechte in der Schweiz, 4. Aufl. Bern 2008, S BGE 131 I 333 E VALLENDER, St. Galler Kommentar (Fn. 87), N 12 zu Art 94 BV. 91 YVO HANGARTNER, St. Galler Kommentar (Fn. 87), N 36 zu Art. 5 BV; zum öffentlichen Interesse und zum Verhältnismässigkeitsprinzip vgl. auch KIENER/KÄLIN (Fn. 88), S. 319 ff. 92 Daran ändert nichts, dass Aktiengesellschaften (gemäss Art. 625 OR) und GmbHs (gemäss Art. 775 OR) neuerdings auch von einer einzigen Person gegründet werden können. 93 Vgl. PETER BADURA, Mitbestimmung und Gesellschaftsrecht Verfassungsrechtliches Korollarium zur Rolle des Privatrechts in der Rechtsordnung, in: Manfred Löwitsch/Christian Schmidt- 292 Mehr anzeigen
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 Art. 629
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 Art. 704
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