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Timestamp: 2017-08-22 13:10:25+00:00

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Otto Schmitz-Dumont - Theorie der Begriffebildung [1/2]
Cornelius Rapoport M. Schießl Mauthner Leclair
"Die hier vorgezeichnete strenge Definition der Wörter, die ihrerseits eine allgemeine Begriffsanalyse, und dieser vorhergehend den synthetischen Aufbau derjenigen Begriffe erfordert, welche sich speziell auf die Denktätigkeit, die geistige Verarbeitung des empirisch Wahrgenommenen, beziehen - also der Begriffe, welche allen Wissenschaften, allem Denken gemeinsam sind, und eben deshalb, von den übrigen Wissenschaften schon vorausgesetzt, nicht weiter erörtert werden - sollte die Hauptaufgabe der Logik nach unserer Auffassung sein."
"Bei jeder Wahrnehmung muß eine denkende (ordnende) Tätigkeit wirksam sein, bei der einfachsten so gut wie bei der kompliziertesten; denn auch beim Eintauchen der Hand in kaltes Wasser, vorausgesetzt wir haben dabei nur die eine Empfindung kalt, nehmen also diese Empfindung wahr, zerlegen wir sprechend oder sprachlos diese Empfindung schon logisch in Gefühl und Sinneseindruck, d. h. in einen Eindruck auf unser Ich, eine Veränderung unseres Zumuteseins, und eine Eigenschaft der Außenwelt, des kalten Wassers, dem wir die Ursache unseres veränderten Zumuteseins zuschreiben."
"Weil Bewußtsein die Vereinigung von Denken - Empfinden bedeutet, deshalb kann nicht ein Einzelmoment dieser Vereinigung bewußt genannt werden; noch viel weniger können die Einzelmomente, in welchen wir das Denken zu logischen Zwecken auflösen, als solche bewußt sein, sondern wir werden uns nur eines Gedankens bewußt, den wir an einer Tatsache des Bewußtseins illustrieren."
Grundlagen logischer Untersuchungen
§ 1. Sprache und Verständnis
Die wissenschaftliche Behandlung aller geistigen Tätigkeit geschieht durch die Sprache; auch das stille Denken bedient sich im wesentlichen der Formen, welche in den Wörtern der Sprache ausgeprägt sind. Wollte man auch ein Denken annehmen, welches verschieden wäre von der Form der lautlosen inneren Sprache, so würde doch eine jede Mitteilung der Einzelstadien sowie der Resultate solchen Denkens nur durch Sprache oder deren Zeichensymbole, die Schrift, stattfinden können. Unaussprechliche Erlebnisse und Errungenschaften haben nur Bedeutung für das betreffende Individuum, bleiben unnütz für Mit- und Nachwelt. Die Forderung, welche an ein solches allgemeines Medium der Mitteilbarkeit zu stellen ist, muß zweifelsohne sein, daß das Gesagte verständlich und bestimmt ist. Die unerlässliche Bedingung einer solchen Bestimmtheit ist aber, daß jedes Einzelwort eine bestimmte, d. h. nur eine einzige Bedeutung hat, wie ein Einzelbuchstabe oder ein einfaches Operationszeichen in mathematischen Formeln. Ebenso müßte eine Verbindung vieler Wörter unter denselben Umständen gleichfalls nur eine einzige Bedeutung haben.
Diese Worteindeutigkeit ist nun in keienr Sprache anzutreffen, weil sie ein historisch sich entwickelndes Produkt ist, welches auch zu anderen Zwecken dienen soll, als den wissenschaftlichen. Aber eine erfüllbare Forderung ist es, daß die Sprache durch die grammatische Verbindungsart der nun einmal vorgefundenen Wörter eine Eindeutigkeit des Sinnes einer Aussage herstellt, auch, wenn durchaus notwendig, zu diesem Zweck die Ausprägung neuer Wörter zugelassen ist.
Überblick man die Diskussionen irgendeiner streitigen Frage, so findet man bald, daß ein großer Teil allen Streites daher rührt, daß die Leute sich gegenseitig nicht verstehen. Daher die Klagen über Mißverständnisse bei Einzelwörtern und ganzen Sätzen. Je abstrakter die gebrauchten Begriffe, desto mehr häufen sich solche Mißverständnisse. Trotzdem ist es in philosophischen Schriften noch nicht Mode geworden - allerdings meisten in Folge des Unvermögens -, an den Anfang der Diskussion die Definition der streitigen Wörter nach dem Sinn des Schreibers aufzustellen, sondern eine weitere Erörterung werden Gott, Willensfreiheit, Wesen, Immaterialität, Transzendenz etc. gebraucht, als wenn dies allbekannte greifbare Dinge wären. In unserer Periode philosophierender Geistreichigkeit ist sogar die Definition überhaupt als Schulzopf verpönt, weil man dann nicht mehr so rasch geistreich scheinende Sprünge machen kann. Im äußersten Fall wird auf einige geläufige Schablonen der hergebrachten Schullogik verwiesen, und hier kommt es dann heraus, daß bei den Elementen jeden Denkens und jeder Tatsache schon die Differenzen der Auffassung, die Mehrdeutigkeit der Wörter, bzw. die Unbestimmtheit der Begriffe beginnt. All die gerühmte Sicherheit der Mathematik, philosophischen Forschungen gegenüber, beruth ausschließlich auf der Bestimmtheit ihrer Begriffe und der Unmißverständlichkeit der Kombinationen aus solchen. Erfordert aber einmal ein Problem die Zerlegung mathematischer Begriffe in ihre letzten Elemente, wie z. B. bei den sogenantenn meta-mathematischen Spekulationen der Neuzeit die Begriffe "Richtung, Bewegung, Raum etc.", so stellt sich mit der Unklarheit dieser Analyse eine Vieldeutigkeit solcher Wörter ein, infolge welcher auf diesem Gebiet von Mathematiker ebenso sonderliche Absurditäten produziert worden sind, wie von den verrufenen metaphysischen Naturphilosophen.
Man könnte nun der Sprache den Mangel an Bestimmtheit schuldgeben, welche diese Irrungen veranlaßt. Aber die Aufgabe aller Wissenschaft besteht eben in der Klarlegung der Begriffe des betreffenden Gebietes. Die Sprache dagegen hat sich mit der Entwicklung der Erkenntnis gebildet, und muß als ein historisches Produkt zum Zweck des allgemeinen Gebrauchs, nicht speziell des wissenschaftlichen, respektiert werden. Unklarheiten und Irrungen der sich fortbildenden Erkenntnis werden von der Sprache mitgeschleppt; sie zeigt uns nur ,was schon zum Gemeingut aller geworden ist. Verkehrt ist es demnach, wenn man die Sprache als Vermächtinis einer höheren Welt betrachtet und gewisse Wörter als unfehlbare Satzungen ansieht, welche ohne weiteres zum Ausgangspunkt philosophischer Erörterungen dienen könnten. Da wir uns nun einmal der Sprache bedienen müssen, uns zwar im allgemeinen der von uns vorgefundenen Entwicklungsstufe der Sprache, so ist es unsere Aufgabe, den Sinn der gebrauchten Wörter unzweideutig festzustellen. Bei diesem Bestreben wird sich zeigen, ob der Sprachgebrauch schon genügt oder ob zu den wissenschaftlichen Zwecken eine Einschränkung oder Zusatzbestimmung notwendig ist, um das Beabsichtigte in jenen Wörtern auszudrücken.
Die hier vorgezeichnete strenge Definition der Wörter, die ihrerseits eine allgemeine Begriffsanalyse, und dieser vorhergehend den synthetischen Aufbau derjenigen Begriffe erfordert, welche sich speziell auf die Denktätigkeit, die geistige Verarbeitung des empirisch Wahrgenommenen, beziehen - also der Begriffe, welche allen Wissenschaften, allem Denken gemeinsam sind, und eben deshalb, von den übrigen Wissenschaften schon vorausgesetzt, nicht weiter erörtert werden - sollte die Hauptaufgabe der Logik nach unserer Auffassung sein; wogegen sich die hergebrachte Logik größtenteils mit formalen bzw. grammatischen Betrachtungen beschäftigt über die Art und Weise diesen Inhalt zu besprechen.
Wir denken also nicht im mindesten daran, hier etwa ein neues philosophisches System aufzubauen, sondern bemühen uns vorab, nur die Grundlage aller Verständigungsmöglichkeit festzustellen; vornehmlich aber zu beweisen, daß eine solche unwandelbare Grundlage existiert. Hieraus werden allerdings Konsequenzen entstehen, die durch ihre Verschiedenheit von vielen bisher gewohnten Auffassungen die Gestalt eines zusammenhängenden erkenntnistheoretischen Systems gewinnen. Alle diese Konsequenzen stellen sich aber ungesucht ein.
§ 2. Der Ausgangspunkt.
Das absolut Gewisse.
Die meisten philosophischen Systeme kennzeichnen sich schon durch ihren Ausgangspunkt; meist ein Begriff, welcher als etwas Selbstverständliches, für vernünftige Wesen oder denkende Menschen, wie man sagt, keiner weiteren Erörterung bedürftig vorausgesetzt wird. Dergleichen sind: Vernunft, Intelligenz, Wesen, Gott, Allsein, abstraktes Sein etc. Die Tatsache, daß über die Bedeutung dieser Wörter verschiedene Meinungen herrschen, machen dieselben schon für einen Ausgangspunkt unserer Untersuchungen unmöglich, einerlei, was sie oder jene davon ausgehenden Systeme wert sind. Aberb auch Sätze wie: "ich bin", "ich denke", "etwas existiert" etc. haben, wenn auch zulässig, als Ausgangspunkt logischer Untersuchungen insofern ihr Mißliches, als solche Aussagen zu abstrakt sind, und die dabei auftretenden Begriffe "ich", "denken", "existieren" schon gleich streitige Punkte enthalten. Der beste Anfangssatz wird derjenige sein, welcher trotz durchaus konkretem Inhalt einen Streit oder Anzweiflung gar nicht zuläßt; als ein solcher diene: "Aussagen (Äußerungen, die etwas bedeuten) werden gemacht." Ob man diesen Satz bejaht, bezweifelt oder verneint, bleibt ganz einerlei; denn auch die Bezweiflung oder Verneinung bejaht ihn, läßt seinen Inhalt unangefochten. Wir haben also einen absolut sicheren, gemeinverständlichen Ausgangspunkt gewonnen.
§ 3. Analyse des absolut gewissen Satzes.
Bedingungen, unter welchen einen Sinn
habende Aussagen möglich sind.
Die Analyse unseres unanfechtbaren Ausgangssatzes wird zeigen, daß in derselben schon ein Vieles enthalten ist, daß also das Denken auch in einem einfachst möglichen Akt als eine Einheit im Vielen auftritt. Da erörtert werden soll, welche Teilbestandteile bei Aussagen überhaupt, also Aussagen von jedem möglichen Inhalt, vorgefunden werden, so handelt es sich offenbar nur um die Form der Aussage, oder, gemeinverständlicher gesprochen, um die Form der Sprache, die grammatikalischen Elemente einer jeden möglichen Sprache.
In diesem einfachsten Fall korrespondieren die Elemente des Denkens mit den durch die Grammatik hervorgehobenen Hauptteilen des Satzes, Subjekt - Prädikat; in den später zu untersuchenden Einzelfällen, den Sätzen von einem spezifischen Inhalt, findet häufig eine solche Übereinstimmung durchaus nicht statt.
Konstatieren wir also, daß hier am Anfang der Erörterung schon die Begriffe LT_inhalt1.htmlInhalt - Form (Letzteres nicht zu verwechseln mit Gestalt) auftreten, ohne welche ein Sprechen nicht stattfinden kann.
Daß Aussagen gemacht werden, ist der Inhalt des Satzes; wie sie gemacht werden, ob in einem oder vielen Wörtern, denkend, sprechend, schreibend, in dieser oder jener Sprache etc., ist die Form. Wir haben uns hier nicht mit dem Menschen, oder der Psyche, oder der Materie zu beschäftigen, zu untersuchen, wie jene Begriffe historisch oder psychologisch zustande kommen, ob nicht etwa sogenannte körperliche Atome ohne jene Begriffe denken oder handeln, sondern konstatieren lediglich, daß Aussagen überhaupt nicht möglich sind, ohne daß durch sie die denkende Betrachtung der Aussagen zur Bildung jenes Begriffspaares Inhalt - Form gezwungen wird.
Ein anderes Begriffspaar, dem eben genannten in Bezug auf die vorliegende Untersuchung gleichwertig, ist Besonderes - Allgemeines. Eine jede Aussage hat etwas Besonderes (ihr eigenes) als Inhalt, alle aber haben insofern ein allgemeines, als sie eine gemeinsame Form besitzen, nämlich in jedem Fall eine grammatikalische.
Der Grammatiker benutzt zu seinen Zwecken das Wortpaar Subjekt - Prädikat, welches aber in diesem Anfangsstadium, der abstrakten ganz allgemeinen Aussage, keinen anderen Begriff ausdrückt, als die genannten, Inhalt - Form, Besonderes - Allgemeines, z. B. "Eisen ist schwer." Subjekt ist hier das als Besonderes bezeichnete Eisen, Prädikat das allgemeine schwer, die sogenannte Eigenschaft, welche jenem einzelnen Subjekt beigelegt wird.
Gleicherweise ist in unserem Anfangssatz "Aussagen" das Einzelne, Besondere, worum es sich hier handelt, das "gemacht werden" ein Allgemeines, welches vielem Anderen auch noch zukommt.
Wir sagten, daß dieses Begriffspaar ebensowohl in unserem Anfangssatz, wie in jeder anderen Aussage anzutreffen ist, mag es ausdrücklich durch verschiedene Wörter verdeutlicht oder, wie in den Impersonalien mancher Sprachen implizit enthalten sein. Lebende Wesen stoßen zuweilen Interjektionen [Hey, hoppla, oha, nanu - wp] aus, an welchen Einzelteile nicht zu unterscheiden sind; aber dergleichen sind keine Repräsentanten unseres Ausgangspunktes, sondern unmittelbar nur Naturgeräusche, wie das Knarren eines Baumes, Rauschen des Wassers, denen eine Bedeutung im Sinne unserer Aussage nicht zukommt. Wenn wir aber solche Äußerungen, wie: o, oho, au - zuweilen eine Bedeutung beilegen, so rührt das daher, daß wir ihnen durch Gewohnheit oder Übereinkunft eine satzmäßige Aussage unterschieben; wir verstehen darunter: wie kann so etwas vorkommen - o, das tut weh. Die hierbei vom Denken vollführte Interpretation ist dieselbe, als wenn das Baumgeknarre verwandelt wird in die Aussage: "der Baum knarrt".
Daß in jedem der unpersönlichen Zeitworte jene zwei Begriffe stecken, auch wenn die Sprache ein solches nicht durch zwei Wörter kennzeichnet, braucht wohl nicht lang erörtert zu werden. "Es regnet" steht anstelle von "Regen fällt", ist also eine sprachliche Abbreviatur [Abkürzung - wp] einerlei, ob dabei ein (pluit [es regnet - wp]) oder zwei Wörter verwendet werden. Eine Bedeutung haben solche Verschiedenheiten nur für die Bestimmtheit der Aussage, also die Erkenntnisstufe des Aussagenden, insofern das eine Mal ein unbestimmtes Subjekt - es, d. h. irgendeine unbekanntes oder nicht näher bestimmtes Etwas, Himmel, Wolke etc., das andere Mal das bestimmte - "Regen" vorgeführt wird. - Die Anzahl und Art der logischen Elemente der Aussage überhaupt werden damit nicht verändert.
Dasselbe gilt auch für die Behauptung: jedes einzelne Wort, wie "blau, kalt, halt, vorwärts", sei schon eine Aussage und habe eine Bedeutung. Dergleichen Einzelwörter haben nur eine Bedeutung, wenn sie anstelle von Sätzen stehen, wie: das ist blau, ich empfinde blau, blau ist ein Wort des Wörterbuches, blau ist etwas anderes als grün, sauer, dick etc. Auf diesen letzten Satz soll besonders aufmerksam gemacht werden, da die Lehre von der logischen Synthese hieran anknüpft. Ohne diese deutende Auslegung jener Wörter sind es nur Geräusche, die in ihrer Vereinzelung gar keine Bedeutung haben können.
Ein anderer von der Grammatik hervorgehobener Bestandteil der Aussage ist die Kopula. Dieselbe besagt, daß zwei Begriffe als "Subjekt - Prädikat" verbunden werden sollen. Das versteht sich eigentlich von selbst, denn ohne die Absicht, eine Verbindung herzustellen, hat es keinen Sinn, zwei Einzelteile zusammenzusetzen. Diese Selbstverständlichkeit der Kopula ist auch der Grund, daß viele Sprachen ihrer ganz entbehren, sie weder als gesondertes Wort, noch als Flexion kennen, und dennoch ebenso verständliche Sprachen sind, wie jene, welche sich diesen Luxus gestatten. Bei Ineinanderschachtelung vieler Sätze ist es allerdings gut, wenn Kopula, bzw. Hilfszeitwörter die einzelnen Sätze abschließen, und in dieser Hinsicht haben die neueren Sprachen mit einem richtigen Gefühl zur Erzielung größerer logischer Schärfen den Gebrauch derselben wieder eingeführt, sich von der schön sein sollenden Satzverwirrung der klassischen Sprachen abgewandt.
In logischer Hinsicht ist demnach ein einzelnes Wort nicht einfacher, als ein ganzer Satz. Die grammatisch verschiedenen Ausdrucksweisen, als Substantiv, Adjektiv, Zeitwort und Satz, haben ein und denselben sachlichen Wert. Licht, leuchtend, es leuchtet, ich empfinde Helligkeit, besagen ein und dasselbe, und jedes Einzelwort sagt überhaupt nur etwas, insofern es anstelle einer Verbindung von Subjekt und Prädikat steht. Aus diesem Gesichtspunkt zeigt sich die häufig erörterte Frage, ob Adjektiv, Subjektiv oder Zeitwort das zuerst bei der Sprachbildung Auftretende ist, als eine durchaus falsche Frage.
Als Resultat ergibt sich demnach:
Die rein formale Betrachtung der "Aussagen" oder die Behauptung, "Aussagen werden gemacht", findet in dieser Behauptung zwei verschiedenartige Bestandteile, welche hinsichtlich ihrer grammatischen Stellung als Subjekt - Prädikat, hinsichtlich der dabei auftretenden Beziehung als Besonderes - Allgemeines, hinsichtlich der Sachbedeutung als Inhalt - Form zu unterscheiden sind. Der wesentliche Charakter dieser Begriffe, die auch noch durch andere in den entwickelteren Sprachen vorhandene Wörter ersetzt werden können, ohne daß damit Neues gesagt würde, ist, daß es eben zueinander gehörige Paare sind, zweigliedrige Einheiten, in welchen die Verschiedenheit der Einzelglieder ganz allgemein durch Besonderes - Allgemeines ausgedrückt wird. Die eingehendere Untersuchung dieses Verhältnisses findet in der Lehre vom Gegensatz ihre Stelle (siehe diese Zeitschrift, Bd. 9, Heft 4).
Das hier gewonnene Resultat, daß jede Aussage, die Kategorien Inhalt - Form (Besonderes - Allgemeines) gebrauchen muß, haben wir hier als eine Tatsache konstatiert, die eben das Wesen des Denkprozesses charakterisiert. Diese Tatsache apriorisch begründen oder metaphysisch erklären zu wollen, etwa aus dem Wesen des Geistes, oder ähnlichen undefinierten Phrasen - ja ein solches Verlangen überhaupt zu stellen, ist schon deshalb sinnlos, weil alles Erklären, Begründen etc. nicht anders geschehen kann, als durch Repetition dieser Tatsache selber. Aber umgekehrt führt die Analyse, bzw. einheitliche Zusammenfassung (Übersicht) jenes unmittelbar Gewissen und Gewußten, zum Verständnis dessen, was wir Geist benennen.
Aus didaktischen Gründen müssen wir uns jetzt über die genaue Bedeutung verschiedener bisher gebrauchter Wörter, unter anderem besonders über das Wort Begriff, verständigen. Dies geschieht am besten dadurch, daß wir an konkreten Beispielen zeigen, was alles für handgreifliche bzw. allgemeinverständliche Sachen Inhalt und Form sein können, woher und auf welche Weise diese Begriffe gewonnen wurden, die nun einmal der Mensch, welcher Sätze wie unser Ausgangspunkt aufstellt, oder als unanfechtbar anerkennt, ohne jede Reflexion, sozusagen durch die Naturnotwendigkeit des Denkens unbewußt und unwillkürlich gezwungen, beständig gebraucht.
§ 4. Inhalt der Wörter
Wenn wir uns Rechenschaft geben wollen vom Wert oder Unwert der Wörter, die wir sprechend oder denkend gebrauchen, so versteht es sich von selbst, daß wir jedem Wort eine Bedeutung, und zwar eine bestimmte unveränderliche zuschreiben, einerlei wan und wo wir uns dieses Wortes bedienen. So trivial dies auch klingt, so liegt in dieser selbstverständlichen Regel doch das einzig Richtige, was in den vielbesprochenen und bestrittenen Denkgesetzen oder Sätzen der Identität oder des Widerspruchs sachlich enthalten ist. Wir können die psychologische Frage stellen: Auf welche Weise kommen wir dazu jenen Sprachklängen eine bestimmte Bedeutung unterzulegen? Treten wir aus einem Nichts hervor, sprechen und denken ursachlos, und haben dabei ein unmittelbares Wissen von jenen Wortbedeutungen, oder läßt sich eine Kette von Erscheinungen, Zuständen, Geschehnissen nachweisen, welche jedem Sprechen vorhergehen?
Bei dieser Untersuchung gehen wir von der Tatsache des Daseins denkender sprechender Menschen aus. Wer uns vorwerfen wollte, daß dies nichts Einfaches ist, daß deshalb ein Begriff von Sein - Nichtsein, Allwesen, Intelligenz usw. ein besserer Ausgangspunkt vom theoretischen Standpunkt abgibt, den müßten wir vorerst darauf aufmerksam machen, daß eben über die Bedeutung solcher Begriffe die verschiedensten Ansichten herrschen, aber alle Ansichten darin übereinstimmen, daß sprechende Menschen solche Wörter gebrauchen, und angeblich etwas dabei denken. Sodann aber ist ganz gleichgültig, ob unser Ausgangspunkt in Worten etwas Einfaches und Kompliziertes, sofern es nur etwas allgemein Verständliches und Unbezweifelbares ist. Daß unser Ausgangspunkt diesen Bedingungen entspricht, wird durch eine jede Behauptung, Verneinung, Bezweiflung, Frage etc. konstatiert; denn all dies wird nur durch sprechende Menschen ins Dasein gebracht.
Um jetzt dahinter zu kommen, woher wir den Inhalt unserer Wörter gewinnen, können wir zwei Wege einschlagen:
entweder einen subjektiven, indem wir uns der Bedeutung einfachster Sprachelemente erinnern, und ihrer Entstehung in uns selbst nachspüren, oder
den objektiven Weg, indem wir die uns ähnlichen Organismen in Gegenwart und Vergangenheit beobachten.
Beide Methoden werden sich gegenseitig unterstützen und ergänzen.
Die objektive Methode benutzt entweder die Geschichte der Sprachen, oder beobachtet die Sprachentwicklung bei Kindern. Besonders bei letzteren zeigt es sich augenscheinlich, daß dieselben in dem Maße zu einem geistigen Leben und späteren Sprechen erwachen, als
a) Äußeres auf dieselben eingewirkt hat;
b) dieselben sich dieser Einwirkungen bewußt geworden sind;
c) sie sich solcher gehabter Wahrnehmungen zu erinnern vermögen.
Sagen wir also überhaupt dadurch, daß sie bewußt gewordene Einwirkungen, d. h. Empfindungen, als einen subjektiven Besitz ansammeln. Empfindungen, nach dieser unserer Definition, sind also eine notwendige Bedingung alles späteren geistigen Lebens, allen Denkens und Sprechens.
Es gibt keinen deutbaren Sprachteil, welcher nicht darauf hinweist, daß Empfindungen erlebt worden sind. Alle Interjektionen sind eine unwillkürliche Resonanz eines erlebten Gefühls. Wer eine bestimmte Empfindung nicht erlebt hat, wie z. B. der Blindgeborene die Farbe, kann sich nie der Sache bei einem Wort bewußt werden, oder besser gesagt, sie sich vorstellen. Alle Wörter, deren Bedeutung eine rein formelle ist, wie "Einheit", "Allgemeinheit" etc. sind Bildungen, die nur dadurch ermöglicht wurden und eine Bedeutung gewinnen, daß bei verschiedenen Empfindungen von deren spezieller Art abstrahiert wurde, so daß nur die Form jenes Empfindungsinhaltes übrig blieb; aber Empfindungen mußten vorerst erlebt werden, ehe das Denken eine solche Abstraktionsform aufstellen konnte.
Man hat zwar auch von sogenannten angeborenen Ideen gesprochen, einem Wissen, welches von unseren speziellen Erlebnissen unabhängig sein sollte. Aber, wenn so etwas nachgewiesen werden könnte, so würde ihr Inhalt doch immer Empfindungen, bzw. Gefühle voraussetzen, wenn es auch nicht die von uns speziell erlebten zu sein brauchen. Versuchen wir nun einmal, uns Wörter ohne Empfindungsinhalt zu denken: Wahrheit, Unsterblichkeit, Einheit - so wird man bald merken, daß bei dem Bestreben, hier allen Empfindungsinhalt wegzudenken, schließlich noch ein Phantasiespiel gewisser Empfindungen zurückbleibt, und nach dessen Eliminierung das reine Nichts. Bewußtsein haben ist im Allgemeinen gleichbedeutend mit Empfindungen haben. Unbewußte Empfindungen haben ist eine contradictio in ajecto [Widerspruch in sich - wp]; diese tadelnswerte Wortzusammenstellung ist von Philosophen verübt worden, welche aus einer wirklichen Tatsache falsche Folgerungen zogen, und bei denen ein exakte Definition der Begriffe nicht gerade eine starke Seite ihrer Darstellung war. Im Folgenden wir hierauf zurückgekommen.
Empfindungen sind demnach das uns unmittelbar bewußte und absolut Gewisse. Ob zur Empfindung ein äußerer Reiz notwendig, oder ob sie selbsttätig von der Seele produziert wird, ist gleichgültig. Wir wissen unmittelbar was grün, kalt, sauer, stinkend ect. ist, einerlei was ihre Ursache. Erklärt zu werden braucht deshalb keine Empfindung, damit wir wissen, was sie ist, aber erlebt müssen wir sie haben, und jedesmal wenn wir sie erleben, wissen wir genau, was sie ist.
Empfindungen können einfach sein, wie grün, blau etc. oder auch zusammengesetzt, sofern der Organismus fähig ist, sich einer Vielheit heterogener Empfindungen gleichzeitig bewußt zu werden.
Empfindung = Sinneseindruck + Gefühl.
Am Bewußtseinsinhalt, den wir Empfindung nannten, sind zwei Momente zu unterscheiden, Sinneseindruck und Gefühl. Sinneseindruck nennen wir die Empfindung, sofern wir dadurch eine Kunde von etwas erhalten, dessen Existenz uns gleichgültig sein kann. Rot, kalt, nass, hart etc. sind solche Sinneseindrücke, die wir in Folge der später zu definierenden Denktätigkeit als Eigenschaften gewissen Dingen zuschreiben. Dieselben werden von der Erinnerung als Zustände des Bewußtseins notiert wie von einer photographischen Platte, ohne daß das Eine ein größeres Interesse als das Andere, ja überhaupt ein Interesse für uns hätte. Dem gegenüber nennen wir Gefühl (nicht in Übereinstimmung mit allem, was andere Schriftsteller so nennen) den Zustand unserer Persönlichkeit, der sich als Lust - Unlust kundgibt, also die Empfindung, insofern sie einen Wert hat für unser persönliches Wohlempfinden. Ein Sinneseindruck verhält sich demnach zum Gefühl wie objektiv zu subjektiv (ein wesentlich vom grammatischen Subjekt - Prädikat verschiedenes Begriffspaar), und kurz können wir sagen: sie sind das objektive und subjektive Moment der Empfindung. Beide Momente treten in der Wirklichkeit notwendigerweise zusammen auf, wenn sich auch die Betrachtung zuweilen mehr dem einen oder dem anderen zuwendet, vom anderen zur Zeit abstrahiert. Eine Persönlichkeit, welche zu einer gewissen Zeit gar kein Gefühl, bzw. Gefühle hätte, wüßte eben von einem Dasein als Ich nichts, wäre bewußtlos. Ebensowenig ist eine Persönlichkeit mit reinen Gefühlen ohne Sinneseindrücke, seien dies auch nur innere Muskelempfindungen, denkbar. Hiermit haben wir die beiden Momente nicht a priori konstruiert oder aus einer philosophischen Hypothese deduziert, sondern einfach aus der Erfahrung entnommen, indem wir eine Empfindung nach dem Begriffspaar Objekt - Subjekt bestimmten und diese Bestimmungen als dem Wirklichen entsprechende Momente anerkannten.
Im Anschluß an das Vorige müssen wir sofort die Definition von Vorstellung geben, ein Wort, welches exakt zu definieren man selten für nötig hält, infolgedessen wird es sogar von ein und demselben Autor häufig in sehr verschiedener Bedeutung gebraucht.
Vorstellung nennen wir die von der Seele selbsttätig reproduzierte Empfindung. Die Vorstellung hat also denselben sinnlichen Inhalt wie die Empfindung, nur gewöhnlich in einem geringeren Grad der Intensität. Die Vorstellung einer einfachen Empfindung hat deshalb ebensowenig etwas mit dem Denken zu tun wie letztere, sondern sie ist ein neues Aufleuchten gehabter Empfindungen. Bezieht sich die Vorstellung dagegen auf kombinierte Empfindungen (siehe Wahrnehmungen), so enthält sie Elemente der Denktätigkeit, weil geordnete Empfindungen ohne Denken nicht zustande kommen.
Vorstellungen werden ebensowenig vererbt wie Empfindungen. Keine Phantasie kann eine Empfindung produzieren, die nicht erlebt worden ist; Traumgestalten treten deshal nie in anderen Farben auf als in den uns bekannten, obgleich die objektive Existenz solcher ganz anderer Farben nicht bestritten werden kann. Der Blindgeborene träumt nie von Farben, der Taube nicht von Tönen. Man könnte nach dem Grund dieser Vererbungsunfähigkeit fragen und würde hierin ein neues Argument gegen die materialistische Metaphysik finden, wenn dergleichen überhaupt noch notwendig wäre. Dies zu verfolgen, ist hier nicht unseres Amtes. Bei dieser unserer Definition von Vorstellung mit ihren Begleitbegriffen betonen wir wiederum, daß wir dabei keine Tatsache deduziert und als notwendig erwiesen haben, sondern daß wir sie eben vorfanden und demnach unsere Definition von Vorstellung einrichteten, was eben gewöhnlich verabsäumt wird. Wie die Seele es macht, um zu empfinden, wodurch es möglich wird, daß sie sich einer gehabten Empfindung erinnert, sind Fragen der Psychologie, vielleicht ganz unbeantwortbare; das hinderte aber durchaus nicht, daß ihre Bedeutung in exakter Weise definiert werden konnte.
§ 5. Denken = Ordnen der Empfindungen
Jede, auch die einfachste Aussage, setzt einen Aussagenden voraus, der mehrere Empfindungen hat. Eine Persönlichkeit, welche von einer einzigen unwandelbaren Empfindung besessen wäre, käme nie zum Bewußtsein, weder einer Außenwelt, noch seiner selbst. Jeder Zustand bewußten Lebens besteht deshalb aus einer veränderlichen Vielheit von Empfindungen. Wenn von denselben etwas auszusagen ist, oder ausgesagt wird, so ist es eine unumgängliche Vorbedingung:
1. Daß diese Empfindungen voneinander unterschieden werden, daß sie nicht im Subjekt chaotisch durcheinander liegen, wie ein undefinierbares mixtum compositum, sondern durch ihr gegenseitiges Verhalten eine gewisse Ordnung zueinander haben, und eben dadurch eine bestimmte Gesamtempfindung bilden.
2. Daß in den Worten oder sonstigen Mitteln der Verständigung diese Ordnung, bzw. die Verhältnisse der Empfindungselemente zueinander, getreu nachgebildet und dadurch zum ewigen Gedächtnis, der beständigen Kontrolle zum Wissen überliefert wird.
Dieses Benennen der Einzelheiten des Bewußtseinsinhaltes in Wörtern, das spontane Zusammenstellen derselbe in der Erinnerung, das Ordnen der Wörter auf solche Art und Weise, daß darin der tatsächlich erlebte Zusammenhang der Empfindungen treulich nachgebildet wird, oder auch freitätig gebildete Kombinationen aus jenen erlebten Elementen, - dies nennen wir Denken. Denken ist demnach die Tätigkeit des Ordnens, ob dies nun unwillkürlich (unbewußt) oder nach einem bewußten Plan stattfindet, und es verhält sich zum Empfinden wie die Formung der Einzelteile in ein Totalbild zur bewußten Aufnahme jener Einzelteile, welche den Inhalt desselben ausmachen; also kurz wie die Formung zur Aufnahme des Inhaltes.
Ebenso wie die Sprache sich der Einzelworte, bedient sich der Maler gewisser Farben als Material zum Ausdruck seiner Empfindungen, denn er beschäftigt sich eben nur mit Gesichtsempfindungen. Die Ordnung dieser Farben zu einem Gemälde formt aus den zusammen vorhandenen Einzelempfindungen das Abbild einer bestimmten Gesamtwahrnehmung, wie die denkend zusammengefaßte Ordnung der von einem Gegenstand verursachten Sinneseindrücke die Bedeutung des Wortes, womit man jenen Gegenstand in der Sprache bezeichnet. Bei jedem Denkakt konstatieren wir demnach
1. das Dasein von Empfindungen;
2. das Dasein von einem identisch bleibenden Ich;
3. den beständigen Zusammenhang dieses konstanten Einen mit dem ihm heterogenen Vielen, wobei dieser Zusammenhang dadurch bekundet wird, daß jenes Ich das Viele zu einer Einheit zusammenfaßt.
Diese Bedingungen, in welchen man unsere der Analyse des Ausgangssatzes entnommenen Begriffspaare wiederfindet, lassen sich als Begriffe aufstellen und damit zu einer etwas ausführlicheren Definition des Denkens als die vorhin gegebene verwenden. Wir würden dann sagen: Denken ist die Aufstellung eines Gegensatzes von Ich und Nicht-Ich und die Zusammenfassung dieses Gegensatzes zu einer Einheit.
Für die Gemeinsprache, als Ausdruck sachlich und sinnlich gemeinverständlicher Bilder (konkreter Anschauungen), ist es zweckmäßig, jenes Ich zu einem Ding, Seele, zu machen, zu sagen: die Seele denkt und empfindet.
Jenes Denken in einfachster Gestalt ist insofern eine unbewußt ausgeübte Tätigkeit, als sie unwillkürlich ohne zielbewußte Absicht auftritt, bei Mensch sowohl als bei Tier, überall wo eine Empfindung konstatiert werden kann; wogegen man bei dem vorzugsweise "Denken" genannten Aneinanderreihen solcher einzelner Denkakte (schließen, folgern, urteilen) der höheren oder entwickelteren Organismen meistens ein Bewußtsein vom Ziel voraussetzt, welches durch diese Tätigkeit angestrebt werden soll. Dieses Schließen, Folgern, Urteilen etc. sind keine verschiedenen neuen Prozesse, wie die übliche Logik meint, sondern einfache Wiederholungen des analysierten Elementardenkaktes. Hierüber ausführlich in Kapitel II.
§ 6. Wahrnehmungen
Wenn wir einen Gegenstand wahrnehmen, z. B. einen Baum sehen, so ist die naive Auffassung geneigt, dies für einen einzigen unteilbaren Akt der Seele zu halten. Der Physiologe sagt: In dem Augenblick, wo das Auge auf den Baum gerichtet ist, erscheint ein genaues Abbild desselben auf der Netzhaut in unserem Körper; wir besitzen also sein Bild in uns und nehmen auch wahr, daß alle Teile desselben zugleich erscheinen. Es ist aber nur nötig einen weniger einfachen oder bekannten Gegenstand zu nehmen, etwa einen bunten Teppich oder eine Arabeskenfigur, um sogleich zu merken, daß wir zuerst nur eine gemischte Farbenempfindung haben, dann das Auge erst einige Zeit auf demselben umherirren muß, ehe wir wissen, was wir sehen, d. h. wahrgenommen haben, wo und in welcher Ordnung die verschiedenen Farben liegen, erkennen wir Figuren, d. h. die Formen, nach welchen sich jene Empfindungselemente, die Farben, zu einem Ganzen vereinigen. Dasselbe gilt für jeden einfachsten Gegenstand. Von einem Sterndreieck wissen wir erst, daß es drei und nicht zwei oder vier Sterne sind, wenn wir sie gezählt und damit die denkende Tätigkeit ausgeübt haben. Allerdings geschieht dies beim entwickelten Menschen in unglaublich kurzer Zeit, weil er seine im Kindesalter langsam gebildeten Wahrnehmungen als fertige Urteile in den Erinnerungsbildern (Vorstellungen) aufbewahrt. Viele haben deshalb, im Gegensatz zur naiven Auffassung, geglaubt, daß die Seele nur fähig ist, in ein und demselben Augenblick auch nur einen Sinneseindruck in sich aufzunehmen. Dies ist nicht richtig, denn dann könnte die Seele gar nicht zwei Empfindungen vergleichen, d. h. ihren Unterschied feststellen. Um dies zu vermögen, müssen ihr beide Empfindungen gegenwärtig, beide müssen im Bewußtsein zusammen vorhanden sein. Aber jede vollständige Wahrnehmung, die eines Baumes, findet jedenfalls so statt, ist nur dadurch eine vollständige und genaue, daß jeder Einzelfleck des Baumes, bzw. die ihm entsprechenden Einzelempfindungen, einmal jede für sich, unsere Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, auf uns eingewirkt, von uns als Elemente erkannt, und dann erst durch ihre gegenseitigen Verhältnisse, wie Farbenabstufung, Helligkeitsgrade, verschiedene Lage etc. zu einem Bild, d. h. einem in bestimmter Weise geordneten Ganzen denkend verbunden worden sind. Ohne diese ordnende Gestaltung der Einzelempfindungen würde die Seele kein Bild, sondern ein wüstes Durcheinander von Empfindungen haben. Hat die Seele dann einmal dieses Bild als Besitz gewonnen, so kann es durch die Vorstellung auch später in seiner Gesamtheit gegenwärtig werden; bei dieser Neubelebung, der Vorstellung, sind die Elemente derselben gleichzeitig in der Seele vorhanden.
Dieser Vorgang kann beim Rechnen deutlich verfolgt werden. Der Anfänger muß bei der Aufgabe 2 · 3 erst zählen, sich deutlich machen, daß als Resultat 6 herauskommt. Erblickt er später die Formel 2 · 3, so ist ihm das gleichbedeutend mit 6, und er schließt hieraus weiter in seiner Rechnung, ohne sich auch nur bewußt zu werden, daß er nicht 6, sondern 2 · 3 gesehen hat.
Man glaube nur nicht, daß etwa die Ansichten über Ideenassoziation oder die HERBARTschen Hemmungs- bzw. Beförderungslehren der Vorstellungen irgendeine dieser Fragen beantworten; das ist höchstens Statuierung von Begleiterscheinungen, aber keine Erklärung.
Bei der Wahrnehmung üben wir die Ordnung der Empfindungen, den logischen Prozeß, vollständig bewußt aus. Erst hinterher muß das Bewußtsein bei der Analyse der unabsichtlich zustande gekommenen Wahrnehmung von sich sagen, daß es eine solche Tätigkeit, genannt Denken, ausüben hat müssen, damit das Resultat "Wahrnehmung" zustande kommen konnte.
Wie es dabei zugeht, daß eine Wahrnehmung aus dem Bewußtsein verschwindet, und doch als ein Besitz der Seele verbleibt, wie dieselbe dann, durch andere Eindrücke veranlaßt oder spontan von der Seele gewollt, plötzlich als Vorstellung wieder ins Bewußtsein treten kann, das sind bisher noch ungelöste Fragen der Psychologie, welche die Logik weiter nichts angehen.
Unser Resultat ist, daß bei jeder Wahrnehmung eine denkende (ordnende) Tätigkeit wirksam sein muß, bei der einfachsten so gut wie bei der kompliziertesten; denn auch beim Eintauchen der Hand in kaltes Wasser, vorausgesetzt wir haben dabei nur die eine Empfindung kalt, nehmen also diese Empfindung wahr, zerlegen wir sprechend oder sprachlos diese Empfindung schon logisch in Gefühl und Sinneseindruck, d. h. in einen Eindruck auf unser Ich, eine Veränderung unseres Zumuteseins, und eine Eigenschaft der Außenwelt, des kalten Wassers, dem wir die Ursache unseres veränderten Zumuteseins zuschreiben. Diese logische Zerlegung der Empfindung ist eine unwillkürliche, absichtslos, unbewußt ausgeübte Tätigkeit, welche vom reflektierenden Bewußtsein mit den Begriffen Ich, Nicht-Ich, Ursache etc. beschrieben wird. Bei jedem Denken wir bei jeder Empfindung ist natürlich ein Bewußtsein vorhanden, denn Bewußtsein besteht aus Denken und Empfinden, und aus nichts anderem. Aber der Prozeß des Denkens, mit seiner Zerlegung in Begriffe bei der logischen Analyse, braucht nicht als ein solcher gewußt zu werden; das tritt erst ein bei der Reflexion, welche mit einer bestimmten Absicht diesen Prozeß untersucht und seine Einzelteile begrifflich im Bewußtsein fixiert. Man möge doch einmal versuchen einen Gedanken zu statuieren, zu dessen Bildung keine Empfindungen mitgewirkt haben; daß reine Empfindungen nie zu Wahrnehmungen werden können ohne jene Denktätigkeit, ist noch klarer.
Wenn wir also den Denkprozeß einen unbewußten nennen, so ist das nicht im Sinne einer Philosophie des Unbewußten, welche aus diesem als einem absolut Daseienden alles Mögliche und auch das Denken hervorzaubert. Weil Bewußtsein die Vereinigung von Denken - Empfinden bedeutet, deshalb kann nicht ein Einzelmoment dieser Vereinigung bewußt genannt werden; noch viel weniger können die Einzelmomente, in welchen wir das Denken zu logischen Zwecken auflösen, als solche bewußt sein, sondern wir werden uns nur eines Gedankens bewußt, den wir an einer Tatsache des Bewußtseins illustrieren; wenn diese Tatsache nicht im Bewußtsein zur Zeit jener Reflexion lebendig ist, dann wissen wir auch nichts von jenem durch die Reflexion ausgesonderten abstrakten Begriff.
Das Denken in diesem einfachsten Stadium ist also eine seines Grundes und Zweckes vollkommen unbewußte Tätigkeit. es ist aber sogar eine gezwungene Tätigkeit, denn die Seele kann nicht sagen, jetzt will ich eine Wahrnehmung haben oder auch nicht; sie kann sich derselben nicht erwehren, wenn von ihr unabhängige Umstände eine solche herbeiführen. Ebensowenig kann sie sich der komplizierten Akte, welche wir urteilen, schließen, folgern nennen, erwehren; wenn sie hinreichend lebendige Vorstellungsbilder in ihrem Besitz hat, dann muß sie sich innerlich sagen: "Die Sache ist so und so", mag ihr eine solche Folgerung auch so unangenehm sein wie das böse Gewissen. Was wir dem gegenüber bewußtes Denken nennen, bezieht sich auf den Inhalt, welcher durch den Denkprozeß zustande kommt. Also nicht das Denken, sondern die Gedanken sind es, die bewußt werden. Wollte man korrekt sprechen, so könnte man sagen: das reine Denken als ordnende Tätigkeit geschieht unbewußt und ebenso das reine Empfinden; Bewußtsein entsteht erst durch die Verbindung von Denken - Empfinden; oder: dieses reine Denken, bzw. Empfinden existiert gar nicht, es sind nur logische Abstraktionen, welche zu wissenschaftlichen Zwecken gebildet werden, ähnlich wie die geometrische Linie das Punktatom etc. Was tatsächlich existiert, das ist eben ihre Verbindung als Bewußtsein. Ebensowenig existiert ein Subjekt ohne Objekt, ein Ich ohne ein Nicht-Ich, ein Kreis ohne Mittelpunkt. Solange man nicht verstand, die Wahrnehmungen in Empfindungen und Denkakte aufzulösen, mußte man außer jenen beiden Tätigkeiten noch ein roh-sinnliches Anschauungsvermögen der Seele annehmen, was aber nach unserer Analyse eine vollständig überflüssige Hypothese wird. (1)
§ 7. Der Begriff
Begriff nennen wir jeden (eine Einheit bildenden) Inhalt unseres Bewußtseins, sofern er als denkende Setzung, als Tat des Denkens, aufgefaßt wird. Wenn z. B. die grüne Farbe nicht lediglich als eine spezifische Empfindung des Auges existiert, sondern als ein bestimmtes Geschehen, als Gegenstand für die Denktätigkeit festgehalten werden soll, so stempeln wir hiermit grün als Begriff zu einem Baustein des Denkens, ganz einerlei, ob wir die mit jenem Wort bezeichnete Empfindung je erlebt oder nur davon gehört, oder sie als eine möglicherweise vorkommende hypostasiert [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] haben. Daß jenes Wort eine bestimmte Bedeutung haben soll, ist die einzig notwendige Bedingung für ihren Charakter als Begriff. Es ist deshalb auch einerlei, ob wir jenen Begriff durch die Worte grün oder durch 1/2000 Wellenlänge oder durch 500 Billionen Schwinungen des Lichtäthers ausdrücken. Ebenso gleichgültig ist es bei den beiden letzteren Fassungen, ob jene Ätherhypothese falsch oder richtig ist; wenn nur durch jene Worthilf etwas Bestimmtes ausgesagt ist, dann ist auch der betreffende Begriff fixiert.
Ebenso gleichgültig ist es, ob ein solcher Begriff einem wirklichen Gegenstand oder nur einem möglichen, oder gar einem unmöglichen Gegenstand, einem Phantasiespiel, entspricht. Die meilenlange Seeschlange ebensogut wie der feurige Cherubin sind denkende Setzungen, Gedankenbildung irgendeines Individuums oder ganzen Volkes, und dadurch existieren dieselben bei jedem, der davon spricht, als Begriff ebensogut wie Brot und Wasser. Wir sprechen deshal nur in Begriffen, denn jedes Sprechen über einen Gegenstand erfordert dessen denkende Setzung.
Deshalb gibt es ebensogut Individual- wie Allgemeinbegriffe, d. h. ein Einzelnes kann ebensogut als denkende Setzung (Element der Denkoperationen, Baustein der Denkgebild) aufgestellt werden wie ein Allgemeines. Ein einzelner Körper, sofern wir ihn sehen, greifen, ist eine Wahrnehmung bzw. die Wahrnehmung eines Körpers; insofern wir uns seiner Gestalt und sonstigen von ihm verursachten Sinneseindrücke erinnern, eine Vorstellung jenes Körpers; insofern wir ihn aber als Einzelposten in unseren Gedankenkombinationen fixieren, ist der Begriff jenes Körpers ebensogut ein reines Gedankending wie der allgemeinste Begriff. Was wir bei einem Wort, bei der Nennung jenes Körpers, beim Sprechen des Begriffs etwa fühlen, das ist Empfindung; aber ob eine solche Empfindung bzw. Vorstellung bei seiner Nennung in uns lebendig wird, ist ganz gleichgültig für unsere logischen Operationen, oder soll es weingstens für den sein, der wahrhaft logisch urteilen will. Dem Gefühl wenig zugängliche Menschen, trockene Juristen und Mathematiker, können deshalb doch die scharfsinnigsten richtigsten Kombinationen bilden, weil ihre Begriffe nicht durch begleitende Vorstellungen gestört werden.
Das Wort ist Sprachsymbol der Begriffe, und durch ein Verständnis dieser Begriffe können Empfindungen in uns erregt werden. Jedes selbständige Wort enthält mindestens einen Begriff, gewöhnlich aber eine große Zahl von Einzelbegriffen, in einer Einheit, einem Gesamtbegriff, zusammengeschweißt. Flickwörter wie und, oder etc. machen davon keine Ausnahme, denn sie haben eine grammatische Bedeutung und bezeichnen als solche eine denkende Tätigkeit; z. B. bezeichnen die angefhrten eine verbindende Tätigkeit.
Die Aufgabe aller Wissenschaft besteht darin, die Geschehnisse der Welt begrifflich zu fixieren, und die Verhältnisse dieser hierzu nötigen vielen Begriffe zueinander genau zu bestimmen.
Diese Aufgabe teilt sich in:
a) Ausmerzung der falschen Begriffe, welche im Entwicklungsgang der Erkenntnis gebildet werden, z. B. in den Mythologien und Philosophien nicht weniger als in den sogenannten exakten Wissenschaften. Ein falscher Begriff ist ein solcher, welcher unvereinbare oder gegenseitig sich zerstörende Teile enthält, z. B. der viereckige Kreis, das unendlich Kleine, die eiskalt glühende Hölle, das ausgedehnte Atom, die elektirschen Fluida etc.
b) in der richtigen Anwendung der richtigen (logisch zulässigen) Begriffe, z. B. bewegt sich die Erde oder die Sonne? oder umgekehrt?
Nach unserer Definition gibt es also Begriffe von Empfindungen (Wahrnehmungen) von Dingen, von Tätigkeiten etc. Aber es gibt keine Empfindung oder Vorstellung von Begriffen. Wohl aber werden Vorstellungen in einem empfindenden Wesen durch Begriffe angeregt, ins Leben gerufen.
Durch diese Begriffsdefinition ergänzt oder vereinfacht sich unsere Analyse der Denktätigkeit zu dem Satz: Denken besteht in der Begriffsbildung, sei dies nun die einfachste Setzung von Elementarempfindungen oder eine Kombinierung solcher Bildungen weitverzweigter Art.
Einfache und zusammengesetzte Begriffe
Wir haben keine Veranlassung hier von einem Gegensatz von Denken - Sein zu sprechen, wobei man unter Sein gewöhnlich ein wirkliches tatsächliches Dasein versteht, dem das Denken wie ein Schemen oder Phantasma gegenüberstände, ein Vorgang, welcher häufig den verhängnisvollen Anfang einer Logik bildet, die sich in eine zweifelhafte Metaphysik oder Mystik verliert, sondern wir sprechen von und in Begriffen unserer Definition, weil etwas anderes eben nicht verhandelt und gedacht werden kann.
Begriffe sind entweder elementare, nicht weiter zerlegbare Setzungen, oder sie bestehen aus einer Vereinigung solcher Elementarsetzungen; ebenso wie jeder andere Gegenstand, welcher als existierend auftritt. Nennen wir die Gegenstände das Objekt unseres Empfindens bzw. Wahrnehmens, so sind analogerweise die Begriffe das Objekt unserer Denktätigkeit; um über Gegenstände urteilen zu können, müssen wir sie sozusagen erst in Begriffe verwandeln - besser gesagt, anstelle der Anschauung ihren Begriff setzen - denn nur Begriffe können wir denkend behandeln. Könnten wir Gegenstände, bzw. Anschauungen direkt denkend behandeln, dann könnten wir sie auch erzeugen, zumindest neue dergleichen konstruieren. Somit liegt der ganze Fehler einer aus Begriffen angeblich deduzierenden Philosophie an einer falschen Auffassung des Wesens vom Begriff, und jede genaue Definition desselben die allerdings von solchen Philosophien nie fertig gebracht, ja kaum versucht wurde - hätte diesen Fehler erkennen lassen.
Damit nun der zusammengesetzte Begriff unserer Definition gemäß ein eindeutig bestimmter sein kann, muß auch die Art jener Zusammensetzung eine bestimmte sein. Wir symbolisieren diese Bedingung in der Formel
A = φ (a, b, c, d ...)
ganz in der Weise, wie der Mathematiker diese Formel spricht: A ist eine Funktion von a, b ...; die Bedeutung von A ist abhängig von derjenigen des a, b, c ... Die Mathematik ist eben nur ein beschränkter Teil der Logik, nämlich der Teil, welcher sich auf die Begriffe Ausdehnung und Zahl beschränkt. Die obige Formel enthält, wie jede Aussage, die Begriffspaare, Inhalt - Form (Besonderes - Allgemeines). Die Art und Weise der Symbolisierung durch Zeichen in ihrer Verschiedenheit von der Wortbeschreibung soll aber etwas näher betrachtet werden können. Der Inhalt des Begriffs, in seine Einzelteile zerlegt, erscheint in der Klammer. Die Art und Weise, wie die Einzelteile miteinander vereinigt werden sollen, wird durch φ bezeichnet. Damit A ein bestimmter Begriff sein kann, genügt es nämlich nicht, daß er gewisse Einzelteile entält - wie viele Logiker annehmen, welche einen Begriff aus einer Summe von Merkmalen konstruieren und deshalb Inhalt - Umfang als die beiden Momente des Begriffs anführen (2) - sondern das φ muß eine eindeutig bestimmte Funktion sein und bedeutet in der Mehrzahl von Fällen etwas ganz anderes als Summierung. Ein Tier besteht nicht allein aus Knochen, Fleisch, Haut etc., sondern diese Einzelteile müssen in seiner bestimmten Art und Weise vereinigt sein, wenn nicht etwa statt Tier eine Brühwurst bei einer solchen Logik herauskommen soll. Die hiermit angedeutete Bestimmung der Formarten der Begriffsbildung wird eine unserer nächsten Aufgaben sein (Kapitel II).
Vorläufig machen wir aufmerksam auf die drei möglichen Klassen der Begriffe hinsichtlich ihres Inhaltes.
Die drei Begriffsklassen
Wie dargelegt, können Begriffe ihren Inhalt nur aus der Erfahrung entnehmen, weil die Elemente der Erfahrung in Empfindungen bestehen, oder umgekehrt. Weil Empfindungen erfahren (erlebt) werden müssen, damit wir sie kennen lernen, so erhalten wir dem Begriffspaar Empfinden - Denken entsprechend:
1. Empfindungsbegriffe, die sich teilen in:
a) objektive Empfindungsbegriffe (Benennungen der Sinneseindrücke) wir rot, sauer, weich, kalt etc.,
b) subjektive Empfindungsbegriffe (Bennenung der Gefühle) wohl, wehe, freudig, traurig etc.
Diese Empfindungen erleben wir nie in vollständiger Vereinzelung (elementares Vorkommen). Aufgabe der Psychologie ist es, die tatsächlich erlebten Empfindungen aufzulösen und in Elementarbegriffen zu beschreiben. die hierbei gebrauchten Begriffe auf Widerspruchsfreiheit und Anwendbarkeit zu prüfen bleibt dabei Aufgabe der Logik.
2. Denkbegriffe (Formbegriffe), unter denen all diejenigen vorkommen, welche gemeiniglich apriorische Kategorien genannt werden. Wie jedes andere Geschehnis kann auch jede formende Tätigkeit begrifflich fixiert werden. An den Empfindungen werden wir natürlich erst das Auftreten einer denkenden Tätigkeit gewahren. Betrachten wir diese denkende Tätigkeit als Gegenstand, dann lassen wir jene Empfindungen, die vereint mit dem Denken als wirkliches Geschehnis auftreten, außer Acht (abstrahieren davon), wir sprechen von einem "Denken, Setzen, Vereinigen, Trennen etc." Als Inhalt dieser Begriffe figuriert dann die denkende Tätigkeit als solche, der Denkakt. Weil die reine Form hierbei als einziger Inhalt gesetzt wird, deshalb sind diese Begriffe leer von aller Wirklichkeit, und keine tatsächliche Existenz kann aus ihnen abgeleitet werden. Die vollständige Tafel dieser Formbegriffe aufzustellen ist die spezielle Aufgabe der Logik, denn sie beziehen sich nicht auf spezielle Erfahrungen, sondern auf die Verhältnisse aller Erfahrungen unter sich, und damit auf die Bedingungen, unter denen Erfahrung durch denkende Wesen möglich ist. Bei der Aufstellung dieser Tafel werden auch die sogenannten Schranken der Erfahrung bestimmt, was aber nicht im Sinne KANTs und anderer zu verstehen ist, als wenn es Schranken gäbe, jenseits welcher eine übermenschliche bzw. überirdische Erfahrung, höhere Intelligenz etc. anfängt, sondern Grenzen, die eben kein Jenseits haben. Dieselben sind die Bestimmungen, denen gemäß sich jedes Denken verhalten muß, sofern nicht Unvernünftiges herauskommen soll; das Jenseits dieser Schranken des Denkens wäre also nicht etwa ein höherer Sinn, sondern der Unsinn.
3. Kombinbationsbegriffe aus den beiden Klassen 1. und 2. Hierzu gehören alle Begriffe, welche sich auf Wahrnehmungen beziehen; denn diese sind nur möglich durch Empfinden und Denken, wie vorhin auseinandergesetzt.
Unsere Forderung bei jeder philosophischen und deshalb speziell bei logischen Untersuchungen war, daß ein jeder nur im geringsten streitige Begriff genau definiert werden muß. Es obliegt uns deshalb, unsere Anforderung an eine solche Definition etwas zu präzisieren. Das gewöhnliche "Zurückführen des Unbekannten auf Bekannteres" genügt uns nicht, sondern wir fordern eine Zurückführung auf absolut Bekanntes. Was ist uns nun absolut bekannt? Wie im Folgenden näher auszuführen, sind nur die Elementarempfindungen und der reine Denkakt als solcher hierzu zu zählen. Die Definition eines Begriffs erfordert demnach die Auflösung derselben in diese Elemente, und den genauen Nachweis ihres Verhältnisses zueinander. Daß auch die einfachsten Formbegriffe, die sogenannten Stammbegriffe des Denkens, definiert werden können - was gewöhnlich mit Hinweis auf ihre Einfachheit bestritten wird - soll bei der aufzustellenden Kategorientafel gezeigt werden. LITERATUR - Otto Schmitz-Dumont, Theorie der Begriffebildung, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 10, Leipzig 1886
1) Daß diese logischen Abstraktionen denken - empfinden (worin das Sachliche von KANTs Spontaneität und Rezeptivität der Seele enthalten ist) als Einzelne gar nicht möglich sind, sondern nur vereint in der Wirklichkeit auftreten, vereint die Wirklichkeit des Bewußtseins bilden, das glaubte KANT als eine spezifische Einrichtung unserer tellurischen Seele auffassen zu müssen und hypostasierte deshalb einen reinen Intellekt. Aus demselben Grund mußte er auch seiner "reinen Vernunft" am Schluß ein so schwaches Zeugnis ausstellen und eine praktische Vernunft zu Hilfe rufen. Jene "reine Vernunft" war eine arme Abstraktion, die als wirklich isolierbare Tätigkeit lebensunfähig ist. HEGEL hatte dagegen einen so großen Respekt vor dem Denken, daß er verworrenderweise alles unter diesen Begriff einzuregistrieren versuchte, Empfinden ein niederes Denken nannte, Gefühl eine Stufe höher, und so war es kein Wunder, daß schließlich der abstrakte Begriff zum Weltding wurde.
2) Daß diese Bestimmung nach Inhalt - Umfang gerade das wichtigste Moment in der Begriffsbildung übersieht und dadurch zu den undurchführbaren Künsteleien von Determination, Limitation, Separation etc. als vermeintlich neuen logischen Operationen verleitet, wird in Kapitel II ersichtlich.

References: § 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6

§ 7