Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/die-im-klageverfahren-vollbeendete-personengesellschaft-369476
Timestamp: 2020-07-02 10:19:51+00:00

Document:
Die im Klageverfahren vollbeendete Personengesellschaft | Rechtslupe
Die im Kla­ge­ver­fah­ren voll­be­en­de­te Per­so­nen­ge­sell­schaft
Pro­zes­sua­le Rechts­nach­fol­ge einer erst im finanz­ge­richt­li­chen Kla­ge­ver­fah­ren voll­be­en­de­ten Per­so­nen­ge­sell­schaft sind die ehe­ma­li­gen Gesell­schaf­ter.
Erlischt eine Per­so­nen­ge­sell­schaft durch Voll­be­en­di­gung ohne Abwick­lung, kann nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ein Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid nur noch von den frü­he­ren Gesell­schaf­tern ange­foch­ten wer­den, deren Mit­glied­schaft die Zeit berührt, die der anzu­fech­ten­de Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid betrifft. Die Befug­nis der Per­so­nen­ge­sell­schaft, in Pro­zess­stand­schaft für ihre Gesell­schaf­ter Rechts­be­hel­fe gegen die Gewinn­fest­stel­lungs­be­schei­de ein­zu­le­gen, ist mit deren Voll­be­en­di­gung daher erlo­schen [1]. Inso­weit lebt die bis zum Zeit­punkt der Voll­be­en­di­gung über­la­ger­te Kla­ge­be­fug­nis der ein­zel­nen Gesell­schaf­ter wie­der auf. Die Kla­ge­be­fug­nis geht des­halb auch nicht auf den Gesamt­rechts­nach­fol­ger der Per­so­nen­ge­sell­schaft über [2].
Tritt die Voll­be­en­di­gung wäh­rend des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens ein, sind grund­sätz­lich die durch den ange­foch­te­nen Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid beschwer­ten Gesell­schaf­ter, die im Streit­zeit­raum an der Per­so­nen­ge­sell­schaft betei­ligt waren, als deren pro­zes­sua­le Rechts­nach­fol­ger anzu­se­hen [3]. Dabei erstreckt sich die pro­zes­sua­le Rechts­nach­fol­ge nicht auf sol­che Gesell­schaf­ter, die bereits vor Kla­ge­er­he­bung aus der Gesell­schaft aus­ge­schie­den sind. Dies gilt auch dann, wenn ein sol­cher Gesell­schaf­ter gemäß § 60 Abs. 3 Satz 1 FGO zum Ver­fah­ren bei­ge­la­den wor­den ist [4]. Grund­la­ge dafür ist, dass sich die Kla­ge­be­fug­nis der Gesell­schaft gemäß § 48 Abs. 1 Nr. 1 FGO nicht auf aus­ge­schie­de­ne Gesell­schaf­ter erstreckt [5], da die­se durch­ge­hend über eine eige­ne Kla­ge­be­fug­nis gemäß § 48 Abs. 1 Nr. 3 FGO ver­fü­gen. Wenn die Gesell­schaft somit in gesetz­li­cher Pro­zess­stand­schaft nur für die im Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung noch an der Per­so­nen­ge­sell­schaft betei­lig­ten, nicht aber auch für die bereits aus­ge­schie­de­nen Gesell­schaf­ter zur Kla­ge­er­he­bung befugt ist, dann kann nach Erlö­schen der Gesell­schaft das Pro­zess­füh­rungs­recht den­knot­wen­dig auch nur auf sol­che Gesell­schaf­ter zurück­fal­len, deren Inter­es­sen bis­lang von der kla­ge­be­fug­ten Gesell­schaft im Pro­zess ver­tre­ten wur­den. Nur zuguns­ten die­ser Gesell­schaf­ter muss die Tat­sa­che der Voll­be­en­di­gung der Per­so­nen­ge­sell­schaft im Pro­zess zwin­gend berück­sich­tigt wer­den, weil deren eigen­stän­di­ge Kla­ge­be­fug­nis bis­lang durch die Kla­ge­be­fug­nis der Gesell­schaft gemäß § 48 Abs. 1 Nr. 1 FGO aus­ge­schlos­sen war, jetzt aber im Zuge des Erlö­schens der Gesell­schaft wie­der auf­lebt [6].
Der Ein­tritt der ehe­ma­li­gen Gesell­schaf­ter ist ver­fah­rens­recht­lich wie ein Fall der Gesamt­rechts­nach­fol­ge i.S. von § 239 ZPO i.V.m. § 155 FGO zu beur­tei­len [7].
War die Per­so­nen­ge­sell­schaft durch einen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­ten, so greift inso­weit aller­dings § 246 ZPO ein. Danach tritt in den Fäl­len des § 239 ZPO eine Unter­bre­chung des Ver­fah­rens nicht ein, wenn ein pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­ger Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter bestellt war und die­ser und der Pro­zess­geg­ner kei­nen Antrag auf Aus­set­zung des Ver­fah­rens gemäß § 246 Abs. 1 ZPO stel­len [8].
Nach § 86 ZPO i.V.m. § 155 FGO wird die Voll­macht durch den Weg­fall des Voll­macht­ge­bers nicht auf­ge­ho­ben. Die Voll­macht behält im Ver­hält­nis zu den Rechts­nach­fol­gern, die anstel­le des Voll­macht­ge­bers Klä­ger gewor­den sind, ihre Wir­kung [8].
§ 86 ZPO gilt ent­spre­chend bei einem Weg­fall der gesetz­li­chen Pro­zess­stand­schaft. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te kann in den Fäl­len des § 239 ZPO eine Aus­set­zung des Ver­fah­rens bean­tra­gen (§ 246 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 2 ZPO i.V.m. § 155 FGO). Macht er von die­ser Mög­lich­keit kei­nen Gebrauch, so müs­sen die pro­zes­sua­len Rechts­nach­fol­ger der ursprüng­li­chen Klä­ge­rin die Pro­zess­hand­lun­gen des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten auch dann gegen sich gel­ten las­sen, wenn sie den Bevoll­mäch­tig­ten nicht selbst mit ihrer Ver­tre­tung beauf­tragt haben [8].
Die Befug­nis der Gesell­schaf­te­rin, gegen den hier strei­ti­gen Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid zu kla­gen, rich­tet sich, auch nach­dem sie sich als pro­zes­sua­le Rechts­nach­fol­ge­rin der Per­so­nen­ge­sell­schaft am Ver­fah­ren betei­ligt hat bzw. betei­ligt wor­den ist, nach § 48 Abs. 1 Nr. 2 FGO. Auch wenn die Vor­schrift –gleich § 48 Abs. 1 Nr. 3 FGO (betref­fend aus­ge­schie­de­ne Gesell­schaf­ter)– nach ihrem Wort­laut ledig­lich vor­aus­setzt, dass gegen den Gesell­schaf­ter ein Fest­stel­lungs­be­scheid ergan­gen ist oder zu erge­hen hät­te, ver­mit­telt § 48 Abs. 1 Nr. 2 FGO –eben­so wie § 48 Abs. 1 Nr. 3 FGO– nur ein beschränk­tes Kla­ge­recht, wes­halb der Gesell­schaf­ter nur die Fest­stel­lun­gen angrei­fen kann, die ihn selbst betref­fen und –ihre Rechts­wid­rig­keit unter­stellt– ihn in sei­nen eige­nen Rech­ten (§ 40 Abs. 2 FGO) ver­let­zen [9].
Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 17. Okto­ber 2013 – IV R 25/​10
BFH, Urtei­le vom 23.04.2009 – IV R 87/​05, BFH/​NV 2009, 1650; vom 27.07.2005 – II R 35/​04, BFH/​NV 2006, 18; vom 19.11.1985 – VIII R 25/​85, BFHE 146, 32, BStBl II 1986, 520, und BFH, Beschluss vom 23.01.2009 – IV B 149/​07[↩]
BFH, Urteil vom 25.04.2006 – VIII R 52/​04, BFHE 214, 40, BStBl II 2006, 847, m.w.N. zur Recht­spre­chung[↩]
vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 214, 40, BStBl II 2006, 847, und vom 28.10.2008 – VIII R 71/​06[↩]
BFH, Urteil vom 28.10.2008 – VIII R 71/​06[↩]
BFH, Urteil vom 26.10.1989 – IV R 23/​89, BFHE 159, 15, BStBl II 1990, 333[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 214, 40, BStBl II 2006, 847[↩]
grund­le­gend BFH, Urteil vom 22.11.1988 – VIII R 90/​84, BFHE 155, 250, BStBl II 1989, 326[↩]
BFH, Urteil in BFHE 214, 40, BStBl II 2006, 847[↩][↩][↩]
BFH, Urteil vom 19.03.2009 – IV R 20/​08, BFHE 225, 292, BStBl II 2010, 528[↩]
Die im Kla­ge­ver­fah­ren voll­be­en­de­te… Pro­zes­sua­le Rechts­nach­fol­ge einer erst im finanz­ge­richt­li­chen Kla­ge­ver­fah­ren voll­be­en­de­ten Per­so­nen­ge­sell­schaft sind die ehe­ma­li­gen Gesell­schaf­ter. Erlischt eine Per­so­nen­ge­sell­schaft durch Voll­be­en­di­gung ohne Abwick­lung, kann nach stän­di­ger Recht­spre­chung des…
FinanzgerichtsverfahrenPersonengesellschaftRechtsnachfolgeVollbeendigung

References: § 60
 § 48
 § 48
 § 48
 § 239
 § 155
 § 246
 § 239
 § 246
 § 86
 § 155

§ 86
 § 239
 § 155
 § 48
 § 48
 § 48
 § 48