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Timestamp: 2017-02-21 02:58:44+00:00

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BAG 6 AZR 236/93: Arbeitszeit Gleitzeit Dienst WäHrend Arbeitsbefreiung Arztbesuche
Ein Angestellter hat keinen Anspruch auf Arbeitsbefreiung zur Ausübung öffentlicher Ehrenämter gemäß § 52 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. b BAT, wenn diese Angelegenheit bei gleitender Arbeitszeit in die Gleitzeit fällt.
BAG, Urteil vom 16. Dezember 1993 - 6 AZR 236/93 – Landesarbeitsgericht Düsseldorf
Der Sechste Senat des Bundesarbeitsgerichts hat aufgrund der mündlichen Verhandlung vom 16. Dezember 1993 für Recht erkannt:
1. Die Revision des Klägers gegen das Urteil des Landesarbeitsgerichts Düsseldorf vom 3. Februar 1993 - 4 Sa 1481/92 - wird zurückgewiesen.
Die Parteien streiten, ob die Beklagte verpflichtet ist, dem Kläger für die Ausübung eines öffentlichen Ehrenamtes während der Gleitzeit Arbeitsbefreiung zu gewähren.
Der Kläger ist bei der Beklagten als Angestellter beschäftigt. Auf das Arbeitsverhältnis findet der Bundes-Angestelltentarifvertrag (BAT) Anwendung. Bei der Beklagten gilt die Dienstvereinbarung über die Arbeitszeit bei den rheinischen landwirtschaftlichen Sozialversicherungsträgern (Dienstvereinbarung). In ihr ist für Angestellte die gleitende Arbeitszeit geregelt. Nach § 4 Abs. 3 der Dienstvereinbarung kann der Dienst in der Zeit von 6.45 Uhr bis 8.30 Uhr begonnen und in der Zeit von 15.15 Uhr bis 17.30 Uhr, freitags von 12.00 Uhr bis 15.30 Uhr, beendet werden (Gleitzeit). In der Zeit von 8.30 Uhr bis 15.15 Uhr, freitags von 8.30 Uhr bis 12.00 Uhr, müssen nach § 4 Abs. 4 der Dienstvereinbarung alle Mitarbeiter anwesend sein (Kernarbeitszeit). § 11 der Dienstvereinbarung lautet:
„Dienstbefreiung
(1) Persönliche Angelegenheiten sind nach Möglichkeit außerhalb der Arbeitszeit zu erledigen. Ist dies nicht möglich, kann Dienstbefreiung gewährt werden. Diese Dienstbefreiungen werden bis zu drei Stunden monatlich auf die Arbeitszeit angerechnet (F-Zeiten). Unaufschiebbare Arztbesuche (K-Zeiten) werden nicht auf die Zeit von drei Stunden angerechnet.
(2) Darüber hinaus ist eine Dienstbefreiung zur Erledigung persönlicher Angelegenheiten ohne Anrechnung auf die Arbeitszeit (N-Zeiten) bis zu vier Stunden möglich, wenn dienstliche Gründe nicht entgegenstehen.
Eine weitergehende Dienstbefreiung ohne Anrechnung auf die Arbeitszeit wird nur in begründeten Ausnahmefällen genehmigt.
(6) Beschäftigte mit gleitender Arbeitszeit sollen persönliche Angelegenheiten in der Gleitzeit erledigen. Ist dies aus besonderen Gründen nicht möglich, gelten die Absätze 1 bis 5.“
Der Kläger ist Mitglied des Rates der Stadt B	und nimmt in dieser Eigenschaft an Rats-, Fraktions- und Ausschußsitzungen teil. Zu diesem Zweck muß der Kläger seinen Arbeitsplatz gelegentlich vor 17.30 Uhr verlassen. Für Zeiträume, die nicht in die Kernarbeitszeit fallen, lehnt die Beklagte die Freistellung von der Arbeit ab.
Der Kläger hat die Auffassung vertreten, ihm sei nach § 52 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. b BAT auch während der Gleitzeit Arbeitsbefreiung zu gewähren, wenn dies für die Ausübung seines Mandats erforderlich sei.
festzustellen, daß die Beklagte nicht berechtigt ist, den Kläger an den Tagen, an denen er wegen seiner Teilnahme an Rats-, Fraktions- oder Ausschußsitzungen verhindert ist, nur insoweit freizustellen, als hiervon seine Kernarbeitszeit betroffen ist.
Die Beklagte hat die Auffassung vertreten, der Kläger habe während der Gleitzeit eigenverantwortlich seine Arbeitszeit so zu gestalten, daß eine Kollision zwischen Arbeit und Mandatsausübung vermieden werde.
Das Arbeitsgericht hat der Klage stattgegeben. Das Landesarbeitsgericht hat sie abgewiesen. Mit der Revision verfolgt der Kläger sein Klagebegehren weiter. Die Beklagte bittet um Zurückweisung der Revision.
I. Das Landesarbeitsgericht hat einen Anspruch des Klägers, während der Gleitzeit für kommunalpolitische ehrenamtliche Tätigkeiten von der Arbeit bei der Beklagten freigestellt zu werden, für nicht erforderlich angesehen, weil die Ausübung dieses öffentlichen Ehrenamtes außerhalb der Arbeitszeit erledigt werden könne. Dies ist im Ergebnis revisionsrechtlich nicht zu beanstanden.
II. Der Kläger kann von der Beklagten keine Freistellung von der Arbeit verlangen, soweit er sein Ratsmandat, ein öffentliches Ehrenamt, während der Gleitzeit gemäß § 4 Abs. 3 der Dienstvereinbarung ausüben muß.
1. a) Es besteht kein tariflicher Anspruch auf Arbeitsbefreiung gemäß § 52 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. b BAT. Danach wird der Angestellte von der Arbeit freigestellt, soweit nicht die Angelegenheit außerhalb der Arbeitszeit erledigt werden kann. Soweit der Kläger sein Mandat während der Gleitzeit ausübt, geschieht dies tarifrechtlich außerhalb der Arbeitszeit. Eine Freistellung von der Arbeit ist daher nicht möglich.
Als Arbeitszeit wird nach § 18 Abs. 1 BAT die durch Festlegung von Beginn und Ende vorgegebene Zeit der abzuleistenden Arbeit bestimmt. Dieser Begriff gilt auch für § 52 Abs. 1 BAT, wie sich aus der in § 18 Abs. 1 Satz 2 BAT enthaltenen Bezugnahme auf § 52 BAT ergibt. Damit nehmen die Tarifvertragsparteien auf die zeitliche Lage der Arbeit Bezug, die an dem Tag, auf den der Freistellungsgrund nach § 52 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. b BAT fällt, durch die wirksame dienstvertragliche Regelung über Beginn und Ende der Arbeitszeit bestimmt wird. Sinn und Zweck der Regelung des § 52 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. b BAT ist es deshalb, das zeitliche Zusammentreffen einer zeitlich festgelegten Verpflichtung zur Arbeitsleistung mit einer zeitlich festgelegten Pflicht zur Ausübung des öffentlichen Ehrenamtes dahingehend zu regeln, daß der Angestellte bei einer solchen Kollision von der Arbeit freizustellen ist. Einer solchen Regelung bedarf es deshalb, weil der Angestellte in beiden Fällen die zeitliche Lage seines Tätigwerdens nicht selbst bestimmen kann, sondern den Dispositionen Dritter unterliegt. Bei fremdbestimmter zeitlicher Kollision soll ausnahmsweise die Arbeitspflicht weichen, damit das öffentliche Ehrenamt ungehindert ausgeübt werden kann. Diese rechtliche Ausgangslage des § 52 Abs. 1 BAT ist jedoch während der Gleitzeit nicht gegeben. Zwar bleibt der Angestellte auch über die Kernarbeitszeit hinaus während der Gleitzeit zur Arbeitsleistung verpflichtet, damit er die Zahl der im Rahmen der regelmäßigen Arbeitszeit für die Woche festgesetzten Arbeitsstunden erreicht. Insoweit ist jedoch nur der Umfang der geschuldeten Arbeitsleistung festgelegt. Die zeitliche Lage der Arbeitsleistung bestimmt der Angestellte selbst. Die Regelung über die gleitende Arbeitszeit verfolgt nämlich, soweit sie nicht die Kernarbeitszeit betrifft, den Zweck, innerhalb der in der Dienstvereinbarung festgelegten Gleitzeit dem Angestellten zu ermöglichen, die zeitliche Lage der Arbeitsleistung in freier Selbstbestimmung nach seinen Bedürfnissen und Wünschen festzulegen. Damit ist es dem Arbeitgeber letztlich unmöglich, den Angestellten während der Gleitzeit von der zeitlichen Lage der Arbeitspflicht zu befreien, so daß es an den Voraussetzungen für eine Arbeitsbefreiung nach § 52 Abs. 1 BAT fehlt. « vorherige Seite | 1 | 2 | nächste Seite »Volltext
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