Source: https://notpfote.de/allgemein/die-kastration-des-hundes-eine-juristische-betrachtung/
Timestamp: 2018-07-20 01:25:47+00:00

Document:
Die Kastration des Hundes – eine juristische Betrachtung – Notpfote Animal Rescue e.V.
Tom Terveer 25. Oktober 2014 Aktuelles, Allgemein, HowTo's, MindBits Gesetzgebung, Hund, intakt, Kastration, Körperverletzung, Recht, Recht & Ordnung, Rüden, Sterilisation
So wichtig die Kastration/Sterilisation im großen Stil in vielen Ländern auch ist (und bleibt!), in Deutschland darf ein Aspekt nicht vergessen werden: das deutsche Recht des Hundes auf Unversehrtheit. So denn der Halter gewährleisten kann, sein Tier jederzeit(!) zu 100% unter Kontrolle zu haben, bekommen die folgenden Betrachtungen unserer Lieblings-Hunderechtsanwältin Susan Beaucamp auch das nötige Gewicht.
1) § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 lit. a : bei gebotener tierärztlicher Indikation
2) § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 Alt.1 : zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung
3) § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 Alt.2 : zur weiteren Nutzung und Haltung des Tieres
(Metzger, in: Lorz/Metzger (Hrsg.), Tierschutzgesetz, Kommentar, 6. Auflage, München 2008, §6 Rn. 10;
Die Ausnahmeregelung zielt jedoch in erster Linie auf die Arbeitswilligkeit, Mastfähigkeit und Fleischqualität von Nutztieren (Metzger, in: Lorz/Metzger (Hrsg.), Tierschutzgesetz, Kommentar, 6. Auflage, München 2008, §6 Rn.38).
II. Grenzen der Ausnahmeregelung
Wie oben gezeigt gibt es Ausnahmeregelungen, nach denen die Kastration des Hundes erlaubt sein könnte.
Hierbei ist allerdings § 1 S. 2 TierSchG zu beachten. Danach darf keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden.
Bei der Kastration wird dem Hund ein irreversibler Schaden, nämlich der endgültige Verlust seiner Fruchtbarkeit, zugefügt. Bei der operativen Entfernung empfindet der Hund zudem Wundschmerzen und ist leidensfähig. Und wenn man sich einmal mit den aktuellen Studien zur Kastration auseinandergesetzt hat, so z.B in Kastration und Verhalten des Hundes, Gansloßer und Strodtbeck, dann weiß man, was die Kastration einem Hund „antun“ kann. Die möglichen Nebenwirkungen der Kastration, insbesondere der Frühkastration gehen weit über Gewichtszunahme, Inkontinenz und Fellveränderung hinaus
Folglich muss bei allen Ausnahmeregelungen i.S.d. § 6 Abs. 1 S.2 TierSchG beachtet werden, dass die Kastration des Tieres jedoch nur erlaubt ist, sofern hierfür ein vernünftiger Grund vorliegt.
Vernünftig ist der Grund also dann, wenn gewichtige menschliche Interessen vorliegen, zu dessen Durchsetzung das Wohl der Tiere zurücktreten muss.
Da der Gesetzgeber durch § 1 S. 1 TierSchG allerdings auch das Wohlbefinden des Tieres als schützenswert einstuft, kann nicht jedes übergeordnetes menschliche Interesse gleich eine vernünftige Begründung darstellen.
Häufig angeführte Gründe der Hundehalter für eine Kastration sind ausgeglichenes Verhalten, verbesserter Gehorsam, verminderte Aggressivität und Pflegeerleichterung (https://www.tierklinik.de/medizin/andrologie/kastration-des-rueden).
Bei diesen und ähnlichen Begründungen äußert der Hundehalter sein menschliches Interesse an größtmöglicher Bequemlichkeit.
Dagegen steht allerdings das „Recht“ des Hundes auf körperliche Integrität.
Dem Hundehalter, der sich ein Hund aus reiner Liebhaberei anschafft, sind alternative Maßnahmen größtenteils zumutbar, da solche Anstrengungen vor dem Kauf eines Hundes kalkuliert werden können und mit dem Hobby der Tierhaltung einhergehen.
Alternative Maßnahmen sind vor allem die artgerechte Erziehung seines Hundes, während der Läufigkeit seiner Hündin in Rüdenarmen Gegenden spazieren zu gehen, seine Hündin an der Leine zu führen und achtsam mit ihrer Fruchtbarkeit umzugehen.
Ja, auch Hundehaltung ist anstrengend und nicht immer bequem.
Die Kastration eines Hundes ist somit nach der Einschränkung aller Ausnahmenormen des § 6 Abs. 1 S. 2 TierSchG bei der üblichen Tierhaltung in Deutschland in nur in wirklich wenigen Fällen erlaubt.
Dies sollte jedem Hundehalter bewusst sein.
mit freundlicher Genehmigung von (und Dank an) www.kanzlei-sbeaucamp.de

References: § 6
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