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Timestamp: 2020-06-06 20:04:53+00:00

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Vollstreckungsverjährung eines Ordnungsgeldbeschlusses | Rechtslupe
Die Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hin­sicht­lich eines Ord­nungs­geld­be­schlus­ses zur Durch­set­zung einer Unter­las­sungs­ver­pflich­tung ruht nicht wäh­rend der Dau­er des Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­rens hin­sicht­lich des Ord­nungs­geld­be­schlus­ses in einem ande­ren Mit­glied­staat. Ob die Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung in die­sem Mit­glied­staat gehemmt ist oder ruht, ist von den Gerich­ten die­ses Mit­glied­staa­tes nach ihrem Recht zu beur­tei­len.
Der Ord­nungs­geld­be­schluss dient gemäß § 890 Abs. 1 ZPO der Erzwin­gung von zivil­recht­li­chen Unter­las­sungs­an­sprü­chen. Das danach fest­ge­setz­te Ord­nungs­geld wird nach § 1 Abs. 1 Nr. 3, § 2 Abs. 1 JBeitrO bei­ge­trie­ben [1].
Für die Ver­jäh­rung gilt Art. 9 EGStGB, näm­lich für die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung Art. 9 Abs. 1 EGStGB, für die hier allein in Fra­ge ste­hen­de Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung Art. 9 Abs. 2 EGStGB. Nach der erfolg­ten Fest­set­zung des Ord­nungs­gel­des kommt nur noch die Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung in Betracht [2].
Wird unter­stellt, dass gemäß Art. 9 Abs. 2 EGStGB Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung ein­ge­tre­ten ist, bewirkt dies aller­dings nicht, dass das beklag­te Land aus dem Ord­nungs­geld­be­schluss kei­ne Ansprü­che mehr hät­te. Zivil­recht­lich führt die Ver­jäh­rung nicht zum Erlö­schen des Anspruchs, son­dern ledig­lich zur Begrün­dung eines dau­ern­den Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­rechts nach § 214 Abs. 1 BGB [3].
Straf­recht­lich führt die Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung nach § 79 Abs. 1 StGB eben­falls ledig­lich dazu, dass die Stra­fe nicht mehr voll­streckt wer­den kann [4]. Ihre Wir­kung ist auf das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren beschränkt, schafft also ein Voll­stre­ckungs­hin­der­nis. Der Ver­ur­teil­te bleibt jedoch ver­ur­teilt [5]. Dem­entspre­chend ist auch nach Art. 9 Abs. 2 EGStGB vor­ge­se­hen, dass nach Ein­tritt der (Vollstreckungs-)Verjährung (ledig­lich) die Voll­stre­ckung des Ord­nungs­gel­des aus­ge­schlos­sen ist.
Gleich, ob zivil- oder straf­recht­li­che Grund­sät­ze zugrun­de zu legen sind, ist das Ord­nungs­geld wei­ter­hin rechts­kräf­tig fest­ge­setzt. Es kann nur nicht mehr voll­streckt wer­den. Eine Fest­stel­lung, dass kein Anspruch gegen die Klä­ge­rin aus dem Ord­nungs­geld­be­schluss besteht, kann folg­lich nicht getrof­fen wer­den.
Hin­sicht­lich der Voll­streck­bar­keit in Deutsch­land ist wegen des Ord­nungs­geld­be­schlus­ses Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung nach Art. 9 Abs. 2 EGStGB ein­ge­tre­ten, sofern nicht ein Ruhen der Ver­jäh­rung anzu­neh­men ist. Die zwei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rung beginnt gemäß Art. 9 Abs. 2 Satz 3 EGStGB, sobald das Ord­nungs­geld voll­streck­bar ist. Ein Ord­nungs­mit­tel­be­schluss nach § 890 ZPO ist trotz einer mög­li­chen auf­schie­ben­den Wir­kung der sofor­ti­gen Beschwer­de mit sei­nem Wirk­sam­wer­den bezie­hungs­wei­se der Zustel­lung gemäß § 794 Abs. 1 Nr. 3, §§ 793, 570 ZPO grund­sätz­lich voll­streck­bar [6].
Die Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung hat vor­lie­gend nicht gemäß Art. 9 Abs. 2 Satz 4 Nr. 1 und 2 EGStGB für die Voll­stre­ckung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land geruht. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land stand der Voll­stre­ckung nichts ent­ge­gen. Die Voll­stre­ckung war hier weder aus­ge­setzt (Nr. 2) noch konn­te hier mit der Voll­stre­ckung nicht begon­nen oder die Voll­stre­ckung nicht fort­ge­setzt wer­den (Nr. 1). Der Umstand, dass in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land tat­säch­lich nicht voll­streckt wer­den konn­te, weil hier kein zugriffs­fä­hi­ges Ver­mö­gen vor­han­den war oder fest­ge­stellt wer­den konn­te, änder­te an der Voll­streck­bar­keit nichts. Ins­be­son­de­re führ­te das Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren in den Nie­der­lan­den nicht dazu, dass in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die Voll­stre­ckung aus­ge­setzt gewe­sen wäre oder nicht hät­te begon­nen oder fort­ge­setzt wer­den kön­nen.
Dem Antrag der Klä­ge­rin fest­zu­stel­len, dass ein Anspruch des beklag­ten Lan­des gegen die Klä­ge­rin aus dem Ord­nungs­geld­be­schluss nicht mehr voll­streck­bar sei, ist danach für das Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land statt­zu­ge­ben.
Soweit die Klä­ge­rin dar­über hin­aus begehrt fest­zu­stel­len, dass der Beschluss gene­rell nicht mehr voll­streck­bar ist, also auch nicht in den Nie­der­lan­den, ist die Kla­ge unbe­grün­det. Die Fra­ge, ob der Ord­nungs­geld­be­schluss in den Nie­der­lan­den voll­streck­bar ist, ist der Beur­tei­lung durch die nie­der­län­di­schen Gerich­te nach nie­der­län­di­schem Recht vor­be­hal­ten.
Nach dem Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs vom 18.10.2011 kann der Ord­nungs­geld­be­schlus­sin den Nie­der­lan­den nach Art. 38 ff EuGV­VO für voll­streck­bar erklärt wer­den, weil der Begriff der "Zivil- und Han­dels­sa­che" in Art. 1 EuGV­VO dahin aus­zu­le­gen ist, dass die­se Ver­ord­nung auf die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung einer Ent­schei­dung eines Gerichts anzu­wen­den ist, die eine Ver­ur­tei­lung zur Zah­lung eines Ord­nungs­gel­des umfasst, um eine gericht­li­che Ent­schei­dung in einer Zivil- und Han­dels­sa­che durch­zu­set­zen [7].
Vor­aus­set­zung der Voll­streck­bar­er­klä­rung in den Nie­der­lan­den ist gemäß Art. 38 Abs. 1 EuGV­VO, dass der Ord­nungs­geld­be­schluss des Land­ge­richts Düs­sel­dorf in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land voll­streck­bar ist. Die­se Voll­streck­bar­keit ist trotz Ein­tritts der Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung in Deutsch­land gege­ben. Wie sich aus der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs ergibt, betrifft der Begriff der Voll­streck­bar­keit im Urteils­staat gemäß Art. 38 Abs. 1 EuGV­VO ledig­lich die Voll­streck­bar­keit in for­mel­ler Hin­sicht, nicht aber die Vor­aus­set­zun­gen, unter denen die Ent­schei­dung im Urteils­staat tat­säch­lich voll­streckt wer­den kann [8].
Die Voll­streck­bar­keit im Sin­ne des Art. 38 EuGV­VO ergibt sich letzt­lich ver­bind­lich aus der offi­zi­el­len Beschei­ni­gung gemäß Art. 53 Abs. 2, Art. 54 EuGV­VO in Ver­bin­dung mit dem Anhang V der Ver­ord­nung [9]. Die­se Beschei­ni­gung ist hier nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts erteilt wor­den.
Die Fra­ge, ob der Voll­stre­ckung in den Nie­der­lan­den die Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung ent­ge­gen­steht, rich­tet sich nach nie­der­län­di­schem Recht. Die EuGV­VO regelt nur das Ver­fah­ren zur Zulas­sung der Zwangs­voll­stre­ckung aus aus­län­di­schen voll­streck­ba­ren Titeln und lässt die eigent­li­che Zwangs­voll­stre­ckung unbe­rührt, die dem natio­na­len Recht des Voll­stre­ckungs­staa­tes unter­liegt [10]. Dem nie­der­län­di­schen Gericht ist es dem­ge­mäß vor­be­hal­ten zu ent­schei­den, ob in den Nie­der­lan­den Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung nach nie­der­län­di­schem Recht ein­ge­tre­ten ist oder ob eine sol­che Ver­jäh­rung infol­ge des Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­rens gehemmt war oder geruht hat.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. März 2013 – IX ZR 123/​12
Stur­hahn in Schuschke/​Walker, aaO § 890 Rn. 51; Prütting/​Gehrlein/​Olzen, aaO § 890 Rn. 24; Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., § 890 Rn. 23[↩]
BGH, Beschluss vom 05.11.2004 – IXa ZB 18/​04, BGHZ 161, 60, 63 ff[↩]
BGH, Urteil vom 27.01.2010 – VIII ZR 58/​09, NJW 2010, 2422 Rn. 27 mwN; Palandt/​Ellenberger, BGB, 72. Aufl., § 214 Rn. 1 f[↩]
Rosen­au in Satzger/​Schmitt/​Widmaier, StGB, § 79 Rn. 1 f[↩]
Münch­Komm-StGB/­Mitsch, 2. Aufl., § 79 Rn. 1[↩]
BGH, Beschluss vom 05.11.2004 – IXa ZB 18/​04, BGHZ 161, 60, 65[↩]
EuGH, Urteil vom 18.10.2011 – C‑406/​09, ZIP 2012, 344, Rn. 35 ff[↩]
EuGH, Urteil vom 02.07.1985 – C-148/​84, Deut­sche Genos­sen­schafts­bank, Slg. 1985, 1981 Rn. 18; vom 04.02.1988 – C-145/​86, Hoff­mann, Slg. 1988, 645 Rn. 27; vom 29.04.1999 – C‑267/​97, Coursier/​Fortis Bank, Slg. 1999, I 2543 Rn. 24 ff; BGH, Beschluss vom 22.01.2009 – IX ZB 42/​06, NJW-RR 2009, 565 Rn. 10; Kropholler/​von Hein, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess­recht, 9. Aufl., Art. 38 EuGVO Rn. 6[↩]
EuGH, Urteil vom 28.04.2009 – C‑420/​07 Apos­to­li­des, Slg. 2009, 3571 Rn. 63 ff; Kropholler/​von Hein, aaO Art. 38 EuGVO Rn. 6[↩]
EuGH, Urteil vom 02.07.1985, aaO Rn. 18; vom 03.10.1985 – C-119/​84, Capel­lo­ni und Aqui­li­ni, Slg. 1985, 3147 Rn. 16; vom 04.02.1988, aaO Rn. 27; vom 29.04.1999, aaO Rn. 28; vom 28.04.2009, aaO Rn. 69; BGH, Beschluss vom 14.03.2007 – XII ZB 174/​04, BGHZ 171, 310 Rn. 31; Kropholler/​von Hein, aaO Art. 38 EuGVO Rn. 9; vgl. auch BGH, Beschluss vom 05.06.2012 – IX ZB 31/​10, ZIP 2012, 1371 Rn. 7[↩]

References: § 890
 § 1
 § 2
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 § 214
 § 79
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 § 890
 § 794
 Art. 9
 Art. 38
 Art. 1
 Art. 38
 Art. 38
 Art. 38
 Art. 53
 Art. 54
 § 890
 § 890
 § 890
 § 214
 § 79
 § 79
 Art. 38
 Art. 38
 Art. 38