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Timestamp: 2020-04-02 00:11:49+00:00

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Kin­der­geld­pro­zess – und das Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht der voll­jäh­ri­gen Kin­der | Rechtslupe
In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall ging es dar­um, ob im Fal­le geschie­de­ner Eltern der Vater oder die Mut­ter das Kin­der­geld für das gemein­sa­me Kind bean­spru­chen konn­ten. Der Vater hat­te bean­tragt, das Kin­der­geld zu sei­nen Guns­ten fest­zu­set­zen, weil das Kind S nicht mehr bei der Mut­ter lebe und er den höhe­ren Unter­halts­bei­trag leis­te. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Hes­si­sche Finanz­ge­richt wies die Kla­ge des Vaters mit der Begrün­dung ab, das Kind lebe wei­ter­hin im Haus­halt der Mut­ter 1. Es stütz­te sich dazu auf ein Schrei­ben des Kin­des an die Kin­der­geld­kas­se, wonach es sich jedes zwei­te Wochen­en­de in der Woh­nung der Mut­ter auf­ge­hal­ten und auch die Som­mer­fe­ri­en dort ver­bracht habe. Das Hes­si­sche Finanz­ge­richt ver­zich­te­te auf eine wei­te­re Sach­ver­halts­auf­klä­rung durch Ver­neh­mung des Soh­nes, weil die­ser erklärt hat­te, von sei­nem Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht Gebrauch zu machen.
Das Finanz­ge­richt hat­te gemäß § 76 Abs. 1 FGO den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt ‑die Haus­halts­auf­nah­me durch die Mut­ter- so voll­stän­dig wie mög­lich und bis zur Gren­ze des Zumut­ba­ren, d.h. unter Aus­nut­zung aller ver­füg­ba­ren Beweis­mit­tel, auf­zu­klä­ren 2.
Von den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ange­bo­te­ne Bewei­se muss das Finanz­ge­richt grund­sätz­lich erhe­ben, wenn es einen Ver­fah­rens­man­gel ver­mei­den will. Auf eine bean­trag­te Beweis­erhe­bung kann es im Regel­fall nur ver­zich­ten, wenn das Beweis­mit­tel für die zu tref­fen­de Ent­schei­dung uner­heb­lich ist, wenn die in Fra­ge ste­hen­de Tat­sa­che zuguns­ten des Beweis­füh­ren­den als wahr unter­stellt wer­den kann, das Beweis­mit­tel uner­reich­bar, unzu­läs­sig oder abso­lut untaug­lich ist 3.
Unab­hän­gig von den Beweis­an­trä­gen der Betei­lig­ten (§ 76 Abs. 1 Satz 5 FGO) hat das Finanz­ge­richt im Zwei­fel auch von sich aus Bewei­se zu erhe­ben. Das Finanz­ge­richt ver­letzt sei­ne Sach­auf­klä­rungs­pflicht jeden­falls dann, wenn es Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel außer Acht lässt, deren Ermitt­lun­gen sich ihm hät­ten auf­drän­gen müs­sen 4.
Das Finanz­ge­richt, Urteil folgt der Ansicht des Finanz­ge­richt Müns­ter 5, dass der durch § 68 Abs. 1 Satz 2 EStG ange­ord­ne­te Aus­schluss des Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­rechts eines voll­jäh­ri­gen Kin­des sich auf das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren beschrän­ke und im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren nicht gel­te. Denn die Beweis­auf­nah­me im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren wer­de durch die §§ 81 bis 89 FGO gere­gelt. Dort ent­hal­te § 84 FGO einen unein­ge­schränk­ten Ver­weis auf § 101 AO, d.h. ohne des­sen Ein­schrän­kung durch § 68 Abs. 1 Satz 2 Halb­satz 2 EStG. Dies sei sach­ge­recht und mög­li­cher­wei­se sogar ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten, weil die Aus­sa­ge­de­lik­te der §§ 153 bis 163 des Straf­ge­setz­buchs (StGB) im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren unein­ge­schränkt anzu­wen­den sei­en, die für vor­sätz­li­che ‑und im Fall der Ver­ei­di­gung sogar für fahr­läs­si­ge- Falsch­aus­sa­gen emp­find­li­che Stra­fen androh­ten. Da die Aus­sa­ge­de­lik­te der §§ 153 bis 163 StGB eine gericht­li­che Falsch­aus­sa­ge vor­aus­setz­ten, set­ze sich das gegen­über der Fami­li­en­kas­se zur Mit­wir­kung ver­pflich­te­te Kind dort nicht dem Risi­ko der Bestra­fung aus.
Die­se Auf­fas­sung wird geteilt von Pust 6, Nie­werth 7, Rosen­ke 8 und Stie­pel 9.
Der Bun­des­fi­nanz­hof folgt indes­sen der Ansicht von Seer 10, Schall­mo­ser 11 und Wendl 12, dass die Mit­wir­kungs­pflicht des § 68 Abs. 1 Satz 2 EStG sich auch auf das finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren erstreckt.
Die­se Auf­fas­sung steht im Ein­klang mit der Geset­zes­sys­te­ma­tik, denn § 84 FGO ver­weist hin­sicht­lich des Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­rechts nicht auf die Rege­lung in §§ 383 bis 385 ZPO, son­dern auf §§ 101 bis 103 AO, um die Ein­heit­lich­keit des Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­rechts für das Steu­er­ver­wal­tungs­ver­fah­ren und das Gerichts­ver­fah­ren zu gewähr­leis­ten 13.
Dem steht nicht ent­ge­gen, dass § 84 Abs. 1 FGO nur auf § 101 AO und nicht auch auf § 68 Abs. 1 Satz 2 EStG ver­weist. Denn der Ver­weis in § 84 FGO auf §§ 101 bis 103 AO ist nicht abschlie­ßend; so sind z.B. an ande­rer Stel­le gere­gel­te Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­rech­te ‑z.B. des Bun­des­prä­si­den­ten (§ 82 FGO i.V.m. § 376 ZPO)- auch im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren anwend­bar 14. Der Wort­laut ver­bie­tet umge­kehrt auch nicht die Annah­me, dass § 84 FGO auf den durch § 68 Abs. 1 Satz 2 EStG spe­zi­al­ge­setz­lich ein­ge­schränk­ten § 101 AO ver­weist.
Das Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht für Ange­hö­ri­ge dient der Ver­mei­dung einer Kon­flikt­si­tua­ti­on inner­halb der Fami­lie 15 und soll inne­re Kon­flik­te zwi­schen der Wahr­heits­pflicht und der Bezie­hung zu Ange­hö­ri­gen ver­mei­den 16. Die­sen Zweck kann ein Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht voll­jäh­ri­ger Kin­der in sie betref­fen­den finanz­ge­richt­li­chen Kin­der­geld­sa­chen jedoch nicht erfül­len, da der Kon­flikt auf­grund der im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren bestehen­den Mit­wir­kungs­pflicht bereits zuta­ge getre­ten ist.
Dem Finanz­ge­richt ist zuzu­stim­men, dass die Straf­bar­keit einer fal­schen uneid­li­chen Aus­sa­ge gemäß § 153 StGB vor­aus­setzt, dass sie vor Gericht oder vor einer ande­ren zur eid­li­chen Ver­neh­mung von Zeu­gen oder Sach­ver­stän­di­gen zustän­di­gen Stel­le gemacht wird 17 und Finanz­be­hör­den ‑wie hier eine Fami­li­en­kas­se- nicht dar­un­ter fal­len. Die Annah­me eines Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­rech­tes wür­de ein Kind jedoch nicht vom Risi­ko einer Bestra­fung wegen fal­scher Anga­ben befrei­en, denn auch wahr­heits­wid­ri­ge Anga­ben im Rah­men einer pflicht­ge­mä­ßen Mit­wir­kung im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren kön­nen eine Bestra­fung wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung (§ 370 AO) oder, wenn ‑wie hier- nicht die Berück­sich­ti­gung des Kin­des, son­dern die vor­ran­gi­ge Berech­ti­gung wegen Haus­halts­auf­nah­me strei­tig ist, eine Bestra­fung wegen fremd­nüt­zi­gen Betru­ges (§ 263 StGB) nach sich zie­hen.
Die Mit­wir­kungs­pflicht des voll­jäh­ri­gen Kin­des nach § 68 Abs. 1 Satz 2 EStG besteht ‑über den Wort­laut der Vor­schrift hin­aus- auch dann, wenn die Auf­for­de­rung zur Mit­wir­kung nicht von der Fami­li­en­kas­se, son­dern vom Vor­sit­zen­den oder Bericht­erstat­ter des zustän­di­gen Finanz­ge­richt-Bun­des­fi­nanz­hofs aus­ge­spro­chen wird 18.
Der Rechts­streit ist nicht ent­schei­dungs­reif. Das Finanz­ge­richt wird im zwei­ten Rechts­gang ‑u.a. nach Ver­neh­mung des Soh­nes S- ent­schei­den, ob die­ser im Streit­zeit­raum wei­ter­hin dem Haus­halt der Mut­ter ange­hör­te und ‑falls dies nicht zutrifft- ermit­teln, ob der Vater die höhe­re Unter­halts­ren­te gezahlt hat 19.
z.B. BFH, Urtei­le vom 03.12.2009 – VI R 58/​07, BFHE 227, 365, BSt­Bl II 2010, 531; vom 15.12.1999 – X R 151/​97, BFH/​NV 2000, 1097; BFH, Beschlüs­se vom 02.09.2016 – IX B 66/​16, BFH/​NV 2017, 52; vom 02.12.2009 – VI B 124/​08, BFH/​NV 2010, 638[↩]
stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Urteil in BFHE 227, 365, BSt­Bl II 2010, 531, m.w.N.[↩]
vgl. dazu das BFH, Urteil vom 11.10.2018 – III R 45/​17, BFHE 263, 141, BSt­Bl II 2019, 323[↩]

References: § 76
 § 68
 § 84
 § 101
 § 68
 § 68
 § 84
 § 84
 § 101
 § 68
 § 84
 § 376
 § 84
 § 68
 § 101
 § 153
 § 68