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Timestamp: 2020-07-05 21:05:35+00:00

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BAG, Urteil vom 19.06.2012, 9 AZR 652/10 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 19.06.2012, 9 AZR 652/10
Leitsätze: Der Anspruch auf Abgeltung des Urlaubs ist auch für den Fall der Arbeitsfähigkeit des aus dem Arbeitsverhältnis ausscheidenden Arbeitnehmers ein reiner Geldanspruch. Er unterfällt deshalb nicht dem Fristenregime des BUrlG (vollständige Aufgabe der Surrogatstheorie).
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 3.6.2009 - 44 Ca 2253/09
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 25.3.2010 - 14 Sa 2333/09
hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 19. Ju­ni 2012 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer und Klo­se so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Fur­che und Heil­mann für Recht er­kannt:
1. Auf die Re­vi­si­on des Klägers wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 25. März 2010 - 14 Sa 2333/09 - auf­ge­ho­ben.
Die Par­tei­en führ­ten vor dem Ar­beits­ge­richt ei­nen Kündi­gungs­rechts­streit we­gen der vom Be­klag­ten aus­ge­spro­che­nen Kündi­gun­gen vom 27. Mai
2008 zum 30. Ju­ni 2008 und vom 17. Ju­ni 2008 zum 15. Ju­li 2008. Das Ar­beits­ge­richt stell­te mit Ur­teil vom 27. No­vem­ber 2008 rechts­kräftig fest, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 17. Ju­ni 2008 erst zum 31. Ju­li 2008 ge­en­det hat.
den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 3.692,32 Eu­ro brut­to abzüglich 1.188,64 Eu­ro nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 16. Ja­nu­ar 2009 zu zah­len.
a) Die frühe­re Recht­spre­chung hat an­ge­nom­men, der Ab­gel­tungs­an­spruch sei ab­ge­se­hen von dem Tat­be­stands­merk­mal der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses an die glei­chen Vor­aus­set­zun­gen ge­bun­den wie der Ur­laubs­an­spruch. Er set­ze als Erfüllungs­sur­ro­gat des Ur­laubs­an­spruchs vor­aus, dass der Ur­laub noch gewährt wer­den könne, wenn das Ar­beits­verhält­nis noch bestände (erst­mals BAG 6. Ju­ni 1968 - 5 AZR 410/67 - zu 4 der Gründe, AP BUrlG § 3 Rechts­miss­brauch Nr. 5 = EzA BUrlG § 1 Nr. 5: „von den­sel­ben recht­li­chen Fak­to­ren abhängig wie die des Frei­zeit­an­spruchs“; fer­ner 28. Ju­ni 1984 - 6 AZR 521/81 - zu 2 der Gründe, BA­GE 46, 224; 7. März 1985 - 6 AZR 334/82 - zu 3 b der Gründe, BA­GE 48, 186; 7. De­zem­ber 1993 - 9 AZR 683/92 - zu I 4 der Gründe, BA­GE 75, 171; 17. Ja­nu­ar 1995 - 9 AZR 263/92 - zu I 1 der Gründe). Da der Ur­laubs­an­spruch auf das Ka­len­der­jahr be­fris­tet sei, müsse auch der ihn er­set­zen­de Ab­gel­tungs­an­spruch bis zum En­de des Ka­len­der­jah­res gel­tend ge­macht und erfüllt wer­den. An­de­ren­falls ge­he er eben­so wie der Ur­laubs­an­spruch er­satz­los un­ter (zB BAG 17. Ja­nu­ar 1995 - 9 AZR 664/93 - zu I 1 c aa der Gründe, BA­GE 79, 92). Da­nach wäre der Ab­gel­tungs­an­spruch des Klägers am 31. De­zem­ber 2008 gemäß § 7 Abs. 3 Satz 1 BUrlG ver­fal­len.
aa) An­lass der Sur­ro­gats­recht­spre­chung wa­ren die Ansprüche auf Ur­laubs­ab­gel­tung von fort­dau­ernd ar­beits­unfähig er­krank­ten Ar­beit­neh­mern. Die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts woll­te aus­sch­ließen, dass ar­beits-unfähig aus­schei­den­de Ar­beit­neh­mer bes­ser­ge­stellt wer­den als die im Ar­beits­verhält­nis ver­blei­ben­den ar­beits­unfähi­gen Ar­beit­neh­mer (BAG 17. Ja­nu­ar 1995 - 9 AZR 436/93 - zu I 1 b der Gründe). Nach der mitt­ler­wei­le über­hol­ten Recht­spre­chung wären die Ur­laubs­ansprüche der ar­beits­unfähi­gen im Ar­beits­verhält-
nis ver­blei­ben­den Ar­beit­neh­mer zum 31. März des dem Ur­laubs­jahr fol­gen­den Jah­res gemäß § 7 Abs. 3 BUrlG ver­fal­len. Dem­ge­genüber hätte der Ab­gel­tungs­an­spruch, wäre er nicht Erfüllungs­sur­ro­gat des Ur­laubs­an­spruchs, als rei­ner Geld­an­spruch trotz fort­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses erfüllt wer­den müssen. Wei­ter­hin nahm die Recht­spre­chung zur Be­gründung der Sur­ro­gats­theo­rie ei­ne Zweck­iden­tität von Ur­laubs-und Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüchen an. Der Ar­beit­neh­mer er­hal­te trotz der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses als Ur­laubs­ab­gel­tung das Ar­beits­ent­gelt für ei­ne fik­ti­ve Ar­beits­zeit wei­ter, die der ihm als Ur­laub zu gewähren­den Frei­zeit ent­spre­che (BAG 7. No­vem­ber 1985 - 6 AZR 202/83 - zu 3 der Gründe, BA­GE 50, 107). Er soll­te nach § 7 Abs. 4 BUrlG so ge­stellt wer­den, als würde die Ar­beits­pflicht durch Gewährung des Ur­laubs sus­pen­diert wer­den können. Nur des­we­gen ha­be er den Ab­gel­tungs­an­spruch. Die­ser be­ste­he dem­nach nur in der Bin­dung an die als fort­be­ste­hend zu be­han­deln­de Ar­beits­pflicht (BAG 7. März 1985 - 6 AZR 334/82 - zu 3 b der Gründe, BA­GE 48, 186). Er die­ne der glei­chen Funk­ti­on wie der Ur­laubs­an­spruch selbst (BAG 23. Ju­ni 1983 - 6 AZR 180/80 - zu 3 der Gründe, BA­GE 44, 75). Der Ar­beit­neh­mer soll­te trotz der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses fi­nan­zi­ell in die La­ge ver­setzt wer­den, Frei­zeit zur Er­ho­lung zu neh­men (BAG 23. Ju­ni 1983 - 6 AZR 180/80 - aaO).
bb) Die­se Ar­gu­men­te tra­gen nicht mehr.
(1) Die Sur­ro­gats­theo­rie konn­te für Ab­gel­tungs­ansprüche bei fort­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit bis zum En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums in der Fol­ge der Schultz-Hoff-Ent­schei­dung des EuGH vom 20. Ja­nu­ar 2009 (- C-350/06 und C-520/06 - Slg. 2009, I-179) nicht auf­recht­er­hal­ten wer­den (BAG 13. De­zem­ber 2011 - 9 AZR 399/10 - Rn. 15, EzA BUrlG § 7 Ab­gel­tung Nr. 20). Da­mit ist aber zu­gleich auch ihr tra­gen­des Fun­da­ment ent­fal­len, krank­heits­be­dingt ar­beits­unfähi­ge und aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­schei­den­de Ar­beit­neh­mer nicht bes­ser zu stel­len als im Ar­beits­verhält­nis ver­blei­ben­de ar­beits­unfähi­ge Ar­beit­neh­mer. Dies wirkt sich auf den Ab­gel­tungs­an­spruch ins­ge­samt aus. Er ist nach § 7 Abs. 4 BUrlG in sei­ner Rechts­qua­lität ein ein­heit­li­cher An­spruch. Die Vor­schrift
dif­fe­ren­ziert nicht zwi­schen ar­beits­unfähi­gen und ar­beitsfähi­gen Ar­beit­neh­mern. Das ver­bie­tet es, die Sur­ro­gats­theo­rie nur für Ab­gel­tungs­ansprüche fort­dau­ernd ar­beits­unfähig er­krank­ter Ar­beit­neh­mer auf­zu­ge­ben.
cc) Der Sur­ro­gatscha­rak­ter des Ab­gel­tungs­an­spruchs ist zu­dem im Ge­set­zes­wort­laut nicht aus­drück­lich an­ge­legt und dem Ge­set­zes­zu­sam­men­hang nicht in ei­ner Wei­se zu ent­neh­men, die je­de an­de­re Aus­le­gung aus­sch­ließt (vgl. BAG 24. März 2009 - 9 AZR 983/07 - Rn. 62, BA­GE 130, 119). In § 7 Abs. 4 BUrlG selbst ist kein Ver­fall des Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs ver­an­kert. Zu­dem macht der Wort­laut des § 7 Abs. 4 BUrlG die Ab­gel­tung auch nicht von ei­ner Gel­tend­ma­chung, son­dern al­lein von der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses abhängig. Auch § 7 Abs. 3 BUrlG nor­miert sei­nem Wort­laut und Sinn nach al­lein die zeit­li­che Bin­dung und Über­tra­gung des Ur­laubs als Frei­zeit­an­spruch (so be­reits die vor­ma­li­ge Recht­spre­chung, vgl. BAG 21. Ju­li 1978 - 6 AZR 1/77 - zu 4 der Gründe, AP BUrlG § 13 Un­ab­ding­bar­keit Nr. 5 = EzA BUrlG § 7 Nr. 20).
dd) Zu­dem dient das Fris­ten­re­gime des § 7 Abs. 3 BUrlG dem auch im In­ter­es­se der All­ge­mein­heit lie­gen­den Zweck, ei­nen ei­ni­ger­maßen re­gelmäßigen Rhyth­mus für ei­ne mögli­che Frei­zeit­nah­me zur selbst­be­stimm­ten Er­ho­lung zu gewähr­leis­ten. Die Re­ge­lung soll ei­ner nicht ge­woll­ten Ur­laubs­hor­tung ent­ge­gen­wir­ken (Schütz/Hauck Ge­setz­li­ches und ta­rif­li­ches Ur­laubs­recht Rn. 483). Die­se Ge­sichts­punk­te pas­sen nicht zum Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch und las­sen sich nicht auf die­sen über­tra­gen. Ins­be­son­de­re be­steht hin­sicht­lich des Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs von vorn­her­ein nicht die Ge­fahr der Hor­tung, da die­ser An­spruch erst mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­steht und nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne ab­zu­gel­ten­den Ur­laubs­ansprüche mehr ent­ste­hen können.
gilt eben­so für den aus Art. 7 Abs. 2 der Ar­beits­richt­li­nie fol­gen­den An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung. Art. 7 Abs. 2 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie soll le­dig­lich ver­hin­dern, dass dem Ar­beit­neh­mer we­gen der Unmöglich­keit der Ur­laubs­nah­me auf­grund der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses je­der Ge­nuss des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs, sei es auch nur in fi­nan­zi­el­ler Form, ver­wehrt wird (vgl. EuGH 20. Ja­nu­ar 2009 - C-350/06 und C-520/06 - [Schultz-Hoff] Rn. 56, Slg. 2009, I-179). Die­sem Zweck ste­hen na­tio­na­le Re­ge­lun­gen über Ausübungs­mo­da­litäten, selbst wenn sie bei Nicht­be­ach­tung zum Ver­lust des An­spruchs führen können, so­lan­ge nicht ent­ge­gen, wie der Ar­beit­neh­mer tatsächlich die Möglich­keit behält, das ihm mit der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ver­lie­he-ne Recht auf Ur­laubs­ab­gel­tung aus­zuüben (vgl. EuGH 20. Ja­nu­ar 2009 - C-350/06 und C-520/06 - [Schultz-Hoff] Rn. 46, 56, 62, aaO). Es ist grundsätz­lich nicht nur dem ar­beits­unfähi­gen Ar­beit­neh­mer, son­dern erst recht auch dem ar­beitsfähig aus­ge­schie­de­nen Ar­beit­neh­mer re­gelmäßig un­schwer tatsächlich möglich, sei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch zur Wah­rung von Aus­schluss­fris­ten gel­tend zu ma­chen.
det ist und sich im Rah­men ei­ner vor­her­seh­ba­ren Ent­wick­lung hält (vgl. für die st. Rspr.: BVerfG 15. Ja­nu­ar 2009 - 2 BvR 2044/07 - Rn. 85, BVerfGE 122, 248; BAG 23. März 2010 - 9 AZR 128/09 - Rn. 100 mwN, BA­GE 134, 1).
ei­ne Viel­zahl von Fällen und da­mit um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen iSd. § 305 Abs. 1 BGB. Der Ver­trag ist all­ge­mein ge­fasst und enthält nur we­ni­ge auf das Ar­beits­verhält­nis des Klägers be­zo­ge­ne Da­ten, die an den hierfür vor­ge­se­he­nen aus­zufüllen­den Lücken ein­gefügt wur­den. Auch die Re­ge­lung zur Ver­wir­kung von Ansprüchen in § 12 des schrift­li­chen Ar­beits­ver­trags selbst be­legt ih­ren ge­ne­rel­len Cha­rak­ter, in dem es dort aus­drück­lich heißt: „Der/die Mit­ar­bei­ter/in“. Im Übri­gen gilt die Ver­trags­klau­sel auch nach § 310 Abs. 3 Nr. 1 BGB als vom Be­klag­ten ge­stellt, da ein Ar­beits­ver­trag ei­nen Ver­brau­cher­ver­trag iSd. §§ 13, 310 Abs. 3 BGB dar­stellt (vgl. BAG 25. Mai 2005 - 5 AZR 572/04 - zu V 1 der Gründe, BA­GE 115, 19; BT-Drucks. 14/7052 S. 190). Selbst bei un­ter­stell­ter ein­ma­li­ger Ver­wen­dung des vor­lie­gen­den Ver­trags­mus­ters fin­det nach § 310 Abs. 3 Nr. 2 BGB ei­ne In­halts­kon­trol­le nach § 307 BGB statt.
II. Dem Kläger ste­hen die be­an­spruch­ten Ver­zugs­zin­sen gemäß § 286 Abs. 2 Nr. 3, § 288 Abs. 1 BGB zu.
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References: § 3
 § 1
 § 7
 § 7
 § 7
 EuGH 
 § 7
 § 7
 § 7
 § 7
 § 7
 § 13
 § 7
 § 7
 Art. 7
 Art. 7
 EuGH 
 EuGH 
 § 305
 § 12
 § 310
 § 310
 § 307
 § 286
 § 288