Source: https://mittiweb.wordpress.com/
Timestamp: 2017-11-24 12:36:18+00:00

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Vom Po zum Paragraph oder Warum ich Sexist bin
Vom Po zum Paragraph
Warum ich Sexist bin
Der Schweinebraten war zu groß und deswegen noch nicht fertig, obwohl er schon 2 Stunden im Rohr war. Also musste sich die kleine Runde bestehend aus 3 Männern und 3 Frauen vorerst mit Bier und Wein begnügen. Als das Bier leer war, fing einer der 3 Männer an die leere Bierflasche anzublasen und dadurch Töne zu produzieren, und er brachte das Kunststück fertig, die Flasche so anzublasen, dass 2 Töne gleichzeitig zu hören waren. Allgemeines Erstaunen, Mann Nr.2 (das bin ich) probiert es auch, schafft es aber nicht, zumindest nicht den 2.Ton. Dann endlich Schweinebraten, großes Gelage. Anschließend gehen die Frauen relativ schnell mit der Erklärung sie seien heute sehr müde und wollten ins Bett.
Warum ich die Geschichte erzähle, ganz einfach. Das war sexuelle Belästigung, nur dass die Männer nichts davon gewusst haben. 2 Wochen später waren wir bei den Frauen eingeladen und meine Freunde (ich war verhindert) sind rausgeschmissen worden. Nach dem was letztes Mal passiert ist, sei das ja wohl klar!
Wir wissen bis heute nicht, was eigentlich los war. Wir vermuten das auf der Flasche blasen ist als Aufforderung zum Oralsex verstanden worden. Dabei ist den ganzen Abend kein einziges Wort in dieser Richtung gefallen und kein einziges Wort des Missfallens seitens der Frauen. Vielleicht waren es auch nicht die Flaschen, vielleicht habe ich erotisch mit den Ohren gewackelt und habe es nicht gemerkt, ich weiß es nicht.
Damals (vor ca. 25 Jahren) ist ein ganzer Freundeskreis zerbrochen wegen eines Missverständnisses und einer hysterischen Überreaktion.
Würde sich die Geschichte heute ereignen, könnte es mir passieren dass ich auf Grund des frevelhaften Verbrechens des Flasche blasens (oder Ohren wackelns) wegen sexueller Belästigung verurteilt werde, vorbestraft bin und meine berufliche Karriere ruiniert wird.
Das zu Grunde liegende Gesetz (Po-Grapsch-Paragraph § 218), das 2017 geändert wurde, halte ich für einen ziemlichen Unfug.
Bei dem Gesetz gibt es 2 grundlegende Probleme: Erstens ist hierbei die Befindlichkeit einer feministischen Selbstfindungsgruppe also einer gesellschaftlichen Randgruppe zum Verhaltensstandart einer ganzen Gesellschaft gemacht worden. Und zweitens ist das Gesetz so schwammig formuliert, dass kein Mensch mehr weiß, was er eigentlich tun darf und was nicht. Wird man angeklagt hängt das Urteil von der Einstellung des Richters ab. Ist es eine frustrierte Emanze, wird man für nix verurteilt, ist es ein frauenfeindlicher Chauvinist, wird man trotz übler Handlungen freigesprochen. Das ist kein Rechtsstaat sondern feministische Justizlotterie.
Es gibt Handlungen, die sind eindeutig kriminell. Das sind einerseits Nötigung und Vergewaltigung andererseits Verleumdung, also das Behaupten dieser Straftaten obwohl sie nicht stattgefunden haben. Da gibt es einen gesamtgesellschaftlichen Konsens.
Dazwischen gibt es einen weiten Bereich von Handlungen und Äußerungen, die sowohl von Männern als auch Frauen völlig unterschiedlich bewertet werden. Es gibt Frauen die Altherrenwitze unmöglich finden, es gibt Frauen, die sich darüber köstlich amüsieren. Von manchen wird plumpe Anmache als üble Belästigung gesehen, manche stört es nicht, manche finden es nicht in Ordnung, sehen darin aber kein Problem, wenn mit „Nein“ die Sache erledigt ist, manche freuen sich, zumindest wenn der Richtige anmacht. Ich kenne eine Frau, die sich über so was freut, weil es ihr das Gefühl gibt, Macht über Männer zu besitzen.
Es kann auch ein und dieselbe Handlung in verschiedenen Situationen unterschiedlich bewertet werden. An den Po fassen kann Belästigung sein, wenn der Typ unsympathisch ist, beim eigenen Freund ist es zumeist erwünscht, und will man jemanden verführen, provoziert man es sogar.
Auch kann es passieren, dass ein und dieselbe Person sich in gleichen Situationen völlig anders verhält. Bei Frauen, die einen bekannterweise wechselhaften Hormonspiegel haben, ist dieses Phänomen sogar typisch.
Mit dem Po-Grapsch-Paragraf wird nun eine bestimmte Extremposition als das einzig Richtige definiert, mit dem Ergebnis, dass der Rest der Gesellschaft kriminalisiert wird, also alle mit nicht feministischen Umgangsformen (und das gilt sowohl für Männer als auch Frauen). Natürlich hat es das Gesetz auch vorher schon gegeben. Wenn aber die Tendenz darin besteht, jede Banalität als sexuelle Handlung zu definieren und strafrechtlich zu verfolgen, dann wird das Gesetz gefährlich.
Die Deutschen gehen da den besseren Weg. Das Nein als Rechtsgrundlage ist vernünftiger weil klare Grenzlinien gezogen werden, d.h. es herrscht Rechtssicherheit. Ich würde es, wenn ich selbst entscheiden könnte folgendermaßen regeln.
Mann sollte abseits der eindeutig kriminellen Handlungen alles tun dürfen solange Frau es wünscht, gut heißt oder nicht stört.
Wenn es Frau stört muss sie Nein sagen oder anders ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen. Am besten man hat einen eindeutigen Kodex, den jeder kennt, sodass Missverständnisse ausgeschlossen sind.
Wenn Frau Nein sagt, muss das für Mann Gesetz sein, d.h. er muss sich bedingungslos daran halten. Tut er es nicht, betritt er in diesem Moment strafrechtlich relevanten Boden.
Diese einfachen Regeln können von jedermann verstanden und praktiziert werden. Man kann das jedem Mädchen und jedem Burschen in 10 Minuten beibringen. Sie funktionieren in der feministischen Selbstfindungsgruppe genauso wie bei den Hells Angels und ein Richter weiß was er zu beurteilen hat, nämlich:
Hat sie Nein gesagt?
Hat er das Nein missachtet?
Dass Vorfälle unter 4 Augen oder hinter verschlossenen Türen damit nicht beurteilt werden können und dass damit keine Vergewaltigungen verhindert werden können ist mir klar, aber das geht mit dem jetzigen Gesetz auch nicht. Und einfach Leute verurteilen (sei es gerichtlich oder per Internet) weil Frau etwas behauptet bzw. Glaubwürdigkeitsurteile zu fällen ohne Schuldbeweis halte ich für extrem fragwürdig, die Fälle der jüngsten Vergangenheit zeigen was man damit anrichten kann. Schwammige Gesetze sind dafür geradezu eine Einladung.
Meine Meinung ist eindeutig. Je schneller dieses Gesetz geändert wird umso besser.
Der Artikel hat einen konkreten Anlass. Die „Metoo“-Diskussion hat einen eigenartigen Charakter angenommen, der aber in gewisser Weise der jetzigen Allgemeinsituation entspricht. Einerseits ist es gut, dass über diese Dinge geredet wird, viel zu lange ist viel zu vieles tot geschwiegen worden. Andererseits habe ich wie so oft in letzter Zeit das Gefühl, dass die öffentliche Diskussion sich meilenweit von den Menschen entfernt hat. Da wird diskutiert, ob ein Kompliment Ausdruck sexualisierter Gewalt ist. In meiner Umgebung schütteln die Leute über sowas nur den Kopf. Die Radikalen bzw. die, die am lautesten schreien, repräsentieren nicht immer die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung.
Mich erinnert das an etwas. In meiner Studentenzeit hat es keine Studentengruppe gegeben, die autoritärer, intoleranter und gehässiger war, wie die Feminist/inn/en (zumindest ein Teil davon). Rückblickend habe ich den Eindruck, dass das genau die Menschen waren, bei denen mir faschistoides Denken begegnet ist. Ich habe mir nicht nur einmal gedacht: Von denen möchte ich nicht regiert werden. Das war auch einer von mehreren Gründen, warum ich die Genderschreibweise nie übernommen habe (außer beim Wort Feministin). Sozusagen stiller Protest gegen autoritäres Denken. Heute 25 Jahre später scheint genau diese Gruppe die öffentliche Meinungsführerschaft übernommen zu haben, bei SPÖ und Grünen jedenfalls.
Dabei muss ich für die Feminist/inn/en eine Lanze brechen. Will man verkrustete Strukturen aufbrechen, dann braucht es manchmal ein gewisses Maß an Radikalität. Da haben die Feminist/inn/en sehr viel Positives bewirkt. Und da die Gleichwertigkeit von Mann und Frau in unserer Gesellschaft noch keineswegs hergestellt ist, braucht es sie immer noch. Man muss um den richtigen Mittelweg zu finden auch manchmal übers Ziel hinaus schießen. Manchmal merkt man erst dann, wenn man zu weit gegangen ist, dass es zu weit ist. Das gilt fürs Leben wie für die Politik. Außerdem braucht man für den richtigen Mittelweg einen Gegenpol zu den rückständigen Chauvinisten, die es immer noch gibt. Denen geschehen die Feminist/inn/en gerade recht, die haben sich gegenseitig verdient (ich muss jetzt aufpassen, ich werd grad ziemlich schadenfroh).
Trotzdem sollten SPÖ und Grüne tunlichst vermeiden, rein feministische Politik zu machen. Revolutionäre sind meistens schlechte Politiker. Und mit gehässigen Extrempositionen vertreibt man Menschen. Ich kenne immer mehr Frauen, die für Gleichberechtigung sind aber gegen Feminismus und gegen Emanzipation, diese beiden Begriffe sind in der „Normalbevölkerung“ zunehmend negativ belegt. Frauenpolitik ja, unbedingt, aber mit Vernunft und Hausverstand und nicht mit feministischen Radikalpositionen. Was dabei rauskommt, sieht man an der Po-Grapsch-Gesetzgebung.
Dann noch etwas: Wenn es sich um Fehlhandlungen handelt, die nicht eindeutig strafrechtlich relevant sind, muss es auch möglich sein, sich zu entschuldigen und die Sache im Guten zu bereinigen. Wir sind alle Menschen, niemand ist perfekt. Es gibt im Christentum, dem ich nicht angehöre, ein paar gute Sprüche, einer der besten lautet: Wer von euch frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein. Mir waren Christen, die Nächstenliebe predigen, aber beim Steine schmeißen in der ersten Reihe stehen, immer besonders unsympathisch. Im Moment habe ich das Gefühl die Feminist/inn/en sind beim Steine schmeißen besser als die Katholiken, wobei es in beiden Gruppen auch andere gibt, muss man fairerweise anmerken.
Ich bin ein Kind der sexuellen Revolution. Ich liebe es in einer liberal-demokratischen Welt zu leben, in der Sexualität nicht verpönt sondern etwas Normales ist. Wir Menschen sind nun einmal sexuelle Lebewesen. Jede Begegnung mit dem anderen Geschlecht ist sexuell geprägt, ob wir wollen oder nicht. Und das kann man nicht abschalten, so wie einen Fernseher. Es gibt für uns Menschen einfach nicht die richtige Fernbedienung. Und es ist besser das zu akzeptieren und zu lernen damit vernünftig umzugehen, als es zu dämonisieren oder zu kriminalisieren. Natürlich hat die Sache auch negative Seiten. Der Trieb ist stark und aggressiv und verleitet Menschen manchmal dazu Übles anzurichten. Aber durch engstirnige Regeln und Lynchmentalität macht man es nicht besser. Außerdem ist es auch etwas Schönes und sexuell zu sein heißt ja nicht, dass man dem anderen Geschlecht nicht mit Respekt und Achtung begegnen kann. Es ist besser es auszusprechen, damit zu spielen, der Sache mit Humor zu begegnen und darüber zu lachen als verkrampft und verbissen jeden Beistrich und jede Geste auf die Waagschale zu legen. Oder anders: Ich bin überzeugter Sexist. In einer feministischen Spießerdiktatur will ich nicht leben. Nein Danke!!
Autor mittiwebVeröffentlicht am 20. November 2017 Schreibe einen Kommentar zu Vom Po zum Paragraph oder Warum ich Sexist bin
Vom Anfang bis zum Ende oder Es ist alles Bio
Es ist alles Bio
Ich wollte eigentlich gar nicht über die Entstehung des Lebens nachdenken, es war ein reines Nebenprodukt, so wie vieles, es hat sich einfach so ergeben. Aber wenn man damit angefangen hat darüber nachzudenken, kann man nicht mehr aufhören, es ist, wie schon Commander Spock gemeint hat, faszinierend!
Ich bin nach 35 Jahren Grübeln davon überzeugt, dass Leben nichts Besonderes ist, sondern eine Grundeigenschaft der Materie. Da Lebensprozesse anderen chemischen Reaktionen überlegen sind, wird unter geeigneten Bedingungen immer Leben entstehen. Um höheres Leben entstehen zu lassen sind daher nur 2 Voraussetzungen notwendig, 1. ein geeigneter Lebensraum der 2. über einen langen Zeitraum erhalten bleibt. Evolution braucht Zeit. Die Erde hat beides. Die Erde hat den idealen Abstand zur Sonne für Wasserleben, und sie hat einen Mond, der die Achse der Erdrotation stabilisiert und damit für einigermaßen stabile Klimaverhältnisse sorgt. Die Erdrotation wird durch den Mond gebremst, was gemeinsam mit den radioaktiven Substanzen des Erdmaterials zur Erwärmung des Erdinneren führt und Vulkanismus zur Folge hat. Vulkanismus und Sonne führen zu kontinuierlicher Energiezufuhr und der Vulkanismus zusätzlich zu stetigem Nachschub von Mineralien aus dem Erdinneren an die Oberfläche. Und diese Verhältnisse herrschen auf der Erde seit hunderten Millionen vielleicht sogar einigen Milliarden Jahren, und das wird noch lange so bleiben, vermutlich.
In unserem Sonnensystem gibt es 100 Milliarden Sonnen. Wenn in einem von 10000 Sonnensystemen ähnliche Bedingungen herrschen, haben wir 10 Millionen ähnliche Systeme alleine in der Milchstraße. Wenn wir den Weltraum erobern, und das werden wir, ist es also nur ein Frage der Zeit, bis wir auf anderes Leben treffen. Die Frage ist eher, ob wir finden, oder gefunden werden, und was dann? Wenn wir gefunden werden und unsere Finder sind genauso lieb wie wir, dann Gnade uns Gott. Da ich an den Typ nicht glaube, wird das möglicherweise unser Schicksal besiegeln, aber dann bin ich nicht mehr am Leben, vermutlich.
Eine weitere Erkenntnis ist, dass Leben ein viel grundlegenderer Prozess ist, als gemeinhin angenommen. Die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich Leben abspielt, gelten keineswegs nur für die Dinge, die wir selbstverständlicherweise als lebendig ansehen würden, wie z.B. Menschen, Heringe, Kolibris, Heuschrecken, Pilze, Bakterien und Gänseblümchen. Nein, sie gelten für jede Art von vermehrungs- und entwicklungsfähiger Struktur oder Information wie z.B. Sportvereine, Bücher, Fake-News, wissenschaftliche Daten, Gerüchte, technische Fähigkeiten, Kochrezepte, Nationen oder auch ökonomische Güter. Mein Verständnis von Staaten aber auch Prozessen wie der Marktwirtschaft ist von biologischen Grundprinzipien geprägt. Es ist alles Bio!! Aber davon später mehr.
Das Gerücht von Paul Weber. Das Bild hat zu meinen Vorstellungen von menschlichen oder kulturellen Informationen als Lebewesen beigetragen.
Wie stelle ich mir die Entstehung des Lebens vor? Man muss einfach die Aussagen der letzten Artikel zusammenfügen. Im Urmeer hat es Wasser, einen stetigen Mineraliennachschub und 2 Energiequellen gegeben. Da Leben etwas Generelles ist, vermute ich nicht eine Initialzündung sondern das Entstehen lebendiger Strukturen an verschiedenen Orten gleichzeitig, wobei die Wasseroberfläche und der unterseeische Vulkanismus die wahrscheinlichsten Orte sind. Am Anfang dürften sich biochemische Moleküle durch autokatalytische Reproduktion angereichert haben. Diese haben sich durch die Ausbildung chemischer Syntheseketten weiterentwickelt. Parallel dazu dürften chemische Synthesenetzwerke entstanden sein mit mehrfachen katalytischen Reaktionen durch die die Reproduktionsgeschwindigkeit erhöht worden ist. Der nächste Schritt ist die räumliche Symbiose mit Aneinanderlagerung hydrophober Moleküle bzw. Molekülteile, dadurch entstehen Mizellen und Liposome, die Vorläufer der Zellen.
Die Zellwand der Liposomen, eine Doppellipidschicht, entspricht denen der heutigen Zellen. Die Aneinanderlagerung erfolgt automatisch, muss also nicht gesteuert werden. Mizellen und Liposome haben einen Innenraum, der als Speicher und Reaktionsraum genutzt werden kann. In die Wand der Liposome können sich biochemische Moleküle einlagern, die alle möglichen Funktionen ausüben können. Die geschilderten Mechanismen haben schließlich zur Ausbildung der ersten Zellen geführt und schlussendlich zur Entwicklung eines Erbgutes. In diesem Moment beginnt die Weiterentwicklung durch Mutationen und zwar zuerst durch Genmutationen später durch sexuelle Mutationen, die Sexualität entsteht. Zuerst dürfte die Parasexualität entstanden sein, wobei Bakterien Gene durch kleine Kanäle austauschen, später die echte Sexualität mit Verbindung zweier Genome und Bildung komplett neuer Genkombinationen so wie wir es heute kennen. Durch Symbiose von Zellen entstehen Mehrzeller und durch Spezialisierung einzelner Zellen entstehen Vielzeller mit Geweben und Organen. Einzelne Zellen spezialisieren sich auf die Steuerung von Funktionen und die Aufnahme und Übertragung von Reizen was zur Entstehung des Nervensystems führt, das im weiteren Verlauf zur Informationsverarbeitungszentrale wird. Die Vielzeller bilden symbiotische Gesellschaften mit Kommunikation und Sozialverhalten. Die Lebewesen mit den höchsten neurologische Fähigkeiten beginnen Werkzeuge zu entwickeln, was beim Menschen zur Ausbildung unserer Kultur führt. Heute entstehen viele Informationen, Strukturen bzw. Lebewesen nicht mehr von selbst, sondern durch gezielte Planung durch den Menschen.
Voila, aus meiner Sicht eine logische Kette vom Anfang bis zum Ende. Man muss nur noch die Einzelschritte beweisen.
Autor mittiwebVeröffentlicht am 12. November 2017 Schreibe einen Kommentar zu Vom Anfang bis zum Ende oder Es ist alles Bio
Darwins Irrtum und Die mindestens vier Methoden der Evolution
Die mindestens vier Methoden der Evolution
Es gibt ein Buch mit dem Namen Darwins Irrtum. Geschrieben wurde es von einem deutschen Kreationisten also einem Vertreter einer christlichen Extremposition, der in diesem Buch behauptet, es gäbe nur Mikroevolution, aber die Tierarten seien alle von Gott geschaffen worden. Das kann man zwar nicht widerlegen, das Widerlegen eines allmächtigen Gottes ist so eine Sache, aber da ich es für unwahrscheinlich halte, dass all die Dinosaurierskelette von Gott nur deswegen ins Gestein gepflanzt wurden, um uns Menschen in die Irre zu führen, halte ich das für nicht sehr wahrscheinlich. Die Evolutionstheorie, nach der sich die Lebewesen durch Mutation und Selektion entwickelt haben ist da wesentlich plausibler, vor allem kann man damit erklären, verstehen und nachprüfen und nicht nur behaupten oder glauben.
Ich bin aber der Ansicht, dass sich Charles Darwin sehr wohl geirrt hat, oder dass seine Ansichten zumindest unvollständig waren. Aber fangen wir von vorne an.
Dieser Artikel schließt an den letzten an (Die Revolution der Zahnbürsten, Art.21). Dort habe ich ein hypothetisches Lebewesen definiert (das AB´chen), dass ich in einer chemischen Reaktion aus den Reaktionspartnern A und B habe entstehen lassen.
A + B <=> AB
Als Vermehrungsmechanismus habe ich eine positive Rückkoppelung durch einen autokatalytischen Prozess angenommen, d.h. AB fördert die Entstehung von AB durch Beschleunigung der Reaktion, in der AB entsteht.
Mir ist dabei folgendes aufgefallen. Das AB´chen hat kein Erbgut. Der Weiterentwicklungsmechanismus kann daher am Anfang der Entstehung des Lebens unmöglich die Mutation gewesen sein, da Mutationen das Vorhandensein eines Erbgutes als Voraussetzung haben. Darwin hat zwar noch nicht gewusst, was ein Erbgut ist, hat aber die Auswirkungen der Erbgut-mutation beschrieben, nämlich dass Nachkommen ihren Eltern zwar ähnlich sind und deren Eigenschaften haben, sich aber von diesen und auch von anderen Nachkommen unterscheiden also verändert (mutiert) sind. Es wird dadurch biologische Vielfalt erzeugt, die besten überleben, wodurch sich Lebewesen weiterentwickeln.
Diese Mutationen entstehen durch Veränderungen des Erbgutes, wobei es 2 Varianten gibt. Bei der sexuellen Mutation (so nenne ich das) werden Gene neu gemischt oder kombiniert, ähnlich den Karten eines Kartenspiels, die beim Ausgeben auch immer wieder neu zusammengestellt werden. Den biochemischen Mechanismus, der das bewerkstelligt, nennt man Sexualität. Deswegen schauen Kinder beiden Eltern mehr oder weniger ähnlich, weil deren Gene zufällig neu zusammengewürfelt sind. Bei der Gen-Mutation (mir ist nichts Besseres eingefallen) werden die einzelnen Gene selbst durch äußere Einflüsse (z.B.: Chemische zumeist krebserregende Substanzen, ionisierende Strahlen, Viren) verändert, was oft unbemerkt bleibt, manchmal Krankheiten verursacht aber auch positive Veränderungen mit sich bringen kann.
Beides ist beim AB´chen nicht möglich, was heißt, es muss am Anfang andere Weiterentwicklungsmöglichkeiten gegeben haben. Und da gibt es 2, die für mich offensichtlich sind. Schreiben wir die Reaktion einmal anders an.
Hier wird A in B umgewandelt. Wenn B die Reaktion von A nach B katalysiert, haben wir nach meiner Vorstellung eine biologische Vermehrung. Wenn B weiter zu C, D, E usw. umgewandelt wird, dann hat sich B weiterentwickelt und ist daher ein Lebewesen.
A <=> B <=> C <=> D <=> E
Voraussetzung ist, dass irgendeine Reaktion dieser Kette autokatalysiert wird, es muss nicht die letzte sein, es kann auch eine davor sein. Eine Katalyse macht nämlich nur dann Sinn, wenn eine Reaktion langsam abläuft, Reaktionen, die spontan schnell ablaufen brauchen das nicht. Es können auch mehrere katalytische Rückkoppelungen gleichzeitig existieren. Z.B. könnte E die Reaktion von B nach C und D die von C nach D katalysieren. Ergebnis ist eine biochemische Synthesekette, die in der Anhäufung von E mündet. Der menschliche Organismus ist voll von solchen Synthesewegen, die durch hochentwickelte Enzyme (= Biokatalysatoren) gesteuert und beschleunigt werden. Diesen Prozess nenne ich die Bildung chemischer Syntheseketten und der dürfte am Anfang der Entwicklung gestanden haben.
Der nächste Mechanismus ist die Symbiose, der meines Erachtens wichtigste Weiterentwicklungsmechanismus überhaupt. Aber wie kann das bei chemischen Substanzen funktionieren? Da gibt es 2 Varianten. Nehmen wir eine 2. Synthesekette:
Wenn z.B. e die Reaktion von A nach B katalysiert und C die Reaktion von d nach e, dann helfen sich die beiden Reaktionsketten gegenseitig, chemische Symbiose. Es entsteht ein Synthesenetzwerk, wer einmal ein Buch über Biochemie gelesen hat, der kennt solche Netzwerke.
Die andere Variante ist die räumliche Symbiose. Im Urmeer waren viele der Substanzen gelöst und frei beweglich. Dadurch waren die Reaktionspartner oft weit voneinander entfernt, Lebensprozesse haben daher nur stattgefunden, wenn sich Reaktionspartner zufällig begegnet sind. Es sei denn sie lagern sich aneinander und bilden Konglomerate. Das Aneinanderlagern muss man sich als hydrophoben Effekt vorstellen. Es gibt hydrophile und hydrophobe Substanzen (hydro = Wasser, phil = mag ich, phob = mag ich nicht). Hydrophile Substanzen sind geladen wie Wasser und sind daher wasserlöslich. Hydrophobe Substanzen sind nicht geladen und werden von Wasser abgestoßen. Solche Substanzen verhalten sich wie Fett oder ÖL d.h. die hydrophoben Moleküle lagern sich aneinander, z.B. wie Fetttröpfchen auf einer Rindssuppe. Bestehen nun Moleküle aus einem hydrophilen und einem hydrophoben Anteil so können sich die hydrophoben fettigen Anteile aneinander lagern ohne sich chemisch zu verbinden. Diese räumliche Aneinanderlagerung kann eine ganze Reihe von Vorteilen mit sich bringen, daher räumliche Symbiose. Die Zellmembranen aller höherer Lebewesen funktionieren so.
Der vierte Mechanismus, der mir aufgefallen ist, ist die menschliche teilweise auch tierische Kultur, durch die Informationen geschaffen werden, die sich ebenfalls wie Lebewesen verhalten. Autos und Zahnbürsten sind menschliche Produkte (siehe Art. 14 und 21). Der Mensch ist sogar imstande mittels Gentechnik Gene zu verändern und dadurch Mutationen zu erzeugen.
Die vier Weiterentwicklungsmechanismen sind daher:
Die Bildung chemischer Syntheseketten
Die vier Mechanismen dürften, so vermute ich, in genau dieser Reihenfolge aufgetreten sein. Bei der Symbiose und der Mutation gibt es wie beschrieben unterschiedliche Varianten. Ich erhebe dabei keinen Anspruch darauf, dass die Liste der Mechanismen und deren Varianten vollständig ist. Darwins Liste, die nur aus der Mutation bestanden hat, war noch viel kürzer.
Autor mittiwebVeröffentlicht am 6. November 2017 6. November 2017 Schreibe einen Kommentar zu Darwins Irrtum und Die mindestens vier Methoden der Evolution
Die Revolution der Zahnbürsten oder Das AB´chen und seine vielen Kinder
Die Revolution der Zahnbürsten
Das AB´chen und seine vielen Kinder
Viele meiner Ansichten sind 20 – 30 Jahre alt, der Inhalt dieses Artikels ist jünger, maximal 5-8 Jahre. Manchmal hat man Fragen, die einem viele Jahre durch den Hinterkopf gehen und plötzlich fügen sich die Dinge zusammen oft in völlig unerwarteten Momenten.
Der Artikel beginnt in Hohenweiler an einem Sontag morgen. Ich studierte damals noch Physik und las gerade eine Einführung in die Quantentheorie als mir wieder die Sache mit der Symbiose durch den Kopf ging. Abschweifen ist einer meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Man kann einen Staat als Symbiose von Menschen betrachten, einen Menschen als Symbiose von Organen, ein Organ als Symbiose von Geweben, ein Gewebe als Symbiose von Zellen, eine Zelle als Symbiose von Zellorganellen und eine Zellorganelle als Symbiose von Molekülen. Ich könnte jetzt noch weiter auf Atome und Elementarteilchen fortsetzen, aber das lasse ich vorerst.
An diesem Tag hatte ich plötzlich folgende Idee: Wäre es möglich, dass das Leben genau so entstanden ist? Dass Leben eine sich aneinanderreihende Kette von Symbiosen ist, die sich durch Auslese immer höher entwickelt? Die Idee hat mich augenblicklich fasziniert und zwar aus einem einfachen und logischen Grund. Wenn ja, dann wäre es möglich, dass die ersten Lebewesen dieser Erde nicht ausgestorben sind, sondern immer noch existieren möglicherweise sogar als Bestandteile unseres eigenen Organismus!
Aber welche Bestandteile könnten das sein? Mein Verdacht fiel auf die üblichen Verdächtigen, Aminosäuren. Diese Moleküle haben 2 Bindungsstellen, die Aminogruppe und die Carboxygruppe und über diese Bindungsstellen können sie sich verbinden und Peptide, Polypeptide und Proteine bilden also komplizierte Strukuren, die aus Ketten von Aminosäuren bestehen. Aus diesen Proteinen ist unser Körper aufgebaut. Ein Lebewesen muss sich vermehren und weiterentwickeln können, die Fähigkeit zur Weiterentwicklung ist damit gegeben. Aber wie könnten sich Aminosäuren vermehren?
Machen wir es ganz einfach. Nehmen wir an wir haben 2 nicht lebendige Elemente A und B und aus diesen entsteht das Lebewesen AB (Spitzname AB´chen). Ich nenne diesen Prozess elementare Symbiose. Man hat dann folgende Reaktion:
Wie schafft es AB sich aus A und B zu vermehren? Es kann natürlich zufällig passieren, aber das ist keine Vermehrung, Menschen oder Kakteen entstehen ja auch nicht zufällig.
Wie machen das eigentlich Zahnbürsten? Jawohl Zahnbürsten! Fragt mich nicht wie ich gerade auf die gekommen bin, aber irgendein Beispiel habe ich ja gebraucht und Zahnbürsten geht. Zahnbürsten können sich vermehren, in Zahnbürstenfabriken (Externe kulturelle Vermehrung, siehe Art.14, Facebook MittiPress). Und sie können sich auch weiterentwickeln. Man könnte problemlos einen Stammbaum der Zahnbürsten zeichnen, der die Entwicklung der Zahnbürsten darstellt. Eine Zahnbürste beinhaltet eine Information und es gibt eine Umwelt, die menschliche Gesellschaft, in der sich das Ganze abspielt, damit sind alle meine Kriterien für ein Lebewesen erfüllt (Information, Vermehrung, Weiterentwicklung, geeignete Umwelt, siehe Art.14). Die Zahnbürsten leben mit uns Menschen in einer Schicksalsgemeinschaft (siehe Art.13), d.h. sie sind von uns Menschen abhängig, ohne Menschen keine Zahnbürsten, ohne Menschen würden sie glatt aussterben. Aus diesem Grund wird es auch nie eine Revolution der Zahnbürsten geben, da es für die Zahnbürsten gar keinen Sinn machen würde uns auszurotten. Könnten sich Zahnbürsten selbst vermehren wäre das anders, dann würde eine Revolution Sinn machen, sozusagen Zahnbürsten-Terminator. Ich weiß, das klingt schräg, aber schräge Beispiele sind oft am besten, wenn es darum geht, allgemeine Prinzipien zu erkennen.
Ich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, was das entscheidende bei einer biologischen Vermehrung ist. Wo ist der Unterschied zwischen einer Vermehrung und einer Vervielfältigung? Wenn Steine von einem Berg abbrechen, ist das eine Vermehrung von Steinen, ein Vervielfältigung oder weder noch? Kopiert man eine Seite Papier mit irgendeiner Information, was ist das, biologische Vermehrung, technische Vervielfältigung, und wenn wo ist der Unterschied, wo ist die Grenze, und welche Mechanismen wirken?
Wie schaffen es z.B. Zahnbürsten, den Menschen dazu zu bringen, die Zahnbürsten zu vermehren?
Ganz einfach, sie haben einen Nutzen. Zahnbürsten nützen dem Menschen, deswegen produziert er sie. Entscheidend ist dabei interessanterweise die Informationsweitergabe. Nutzt ein Mensch eine Zahnbürste, profitiert er davon. Diese Info gibt er weiter, wodurch andere Menschen ebenfalls eine Zahnbürste haben wollen. Dadurch werden welche produziert, was wieder zu Nutzen führt, was wieder berichtet wird, wodurch wieder andere Leute Zahnbürsten haben wollen. Eine solche Situation nennt man positive Rückkoppelung. Positive Rückkoppelungen waren mir aus der Medizin bestens bekannt. Betrachtet man die Vermehrung verschiedener Lebewesen, so wird man feststellen, dass sich jedes Lebewesen durch irgendeine Art von positiver Rückkoppelung vermehrt.
Das entscheidende Charakteristikum einer biologischen Vermehrung ist die positive Rückkoppelung.
Die deutsche Formulierung: „Ich vermehre mich“, bringt es auf den Punkt. Biologische Vermehrung bedeutet also, dass das Lebewesen etwas tut, was die eigene Vermehrung fördert. Auch hier gilt wieder das 1.Grundprinzip des Lebens (Es ist alles erlaubt, Hauptsache es funktioniert, siehe Art.5), was heißt, es ist egal, wie die Rückkoppelung funktioniert, Hauptsache es gibt eine, die wirkt.
Feuer und Kernfusion bzw. Kernspaltung sind für mich lebensähnliche Prozesse. Auch hier erfolgt der Prozess durch eine positive Rückkoppelung. Feuer und Kernspaltung führen aber zur Zerlegung von Stoffen, keine Weiterentwicklung, die Kernfusion hingegen führt zur Bildung komplizierterer Strukturen und könnte daher als Lebensprozess betrachtet werden. Die Steine, die sich von einem Berg ablösen beeinflussen den Berg nicht mehr, keine Rückkoppelung, also keine biologische Vermehrung. Anders schaut es aus beim Kopieren einer Information. Wenn diese nützlich ist, gibt es eine positive Rückkoppelung, also biologische Vermehrung
Wie aber kann das AB´chen A und B so beeinflussen, dass die Entstehung von AB durch ein positive Rückkoppelung gefördert wird. Es gibt eine einfache Möglichkeit, AB müsste ein Katalysator sein, der obige Reaktion beschleunigt.
Das war der Moment, wo ich mich an den Computer gesetzt und im Internet recherchiert habe und tatsächlich: Einzelne Aminosäuren haben eine katalytische Wirkung, d.h. sie können bestimmte Reaktionen katalysieren also die Geschwindigkeit mit der diese Reaktionen ablaufen beschleunigen.
Das wiederum weckte mein allgemeines Interesse an Katalysatoren. Ein Katalysator beschleunigt chemische Reaktionen durch die Erniedrigung der Aktivierungsenergie. Das ist die Energie, die benötigt wird, um einen chemischen Prozess in Gang zu bringen. Den Vorgang kann man sich folgendermaßen vorstellen. Ein Katalysator gibt zum Beispiel ein Elektron ab, das in einer chemischen Reaktion verwendet wird, sodass diese schneller abläuft. Anschließend wird das Elektron wieder an den Katalysator abgegeben, der Katalysator bleibt also unverändert. Das geht aber nur dann, wenn das Elektron nicht zu stark an den Katalysator gebunden ist, also leicht abgegeben und wieder aufgenommen werden kann. Es müssen nicht unbedingt Elektronen sein, auch Protonen können abgegeben werden oder Moleküle. Oder es kann ein Reaktionspartner vorübergehend an den Katalysator gebunden, dadurch die chemische Reaktion begünstigt und anschließend die Bindung wieder gelöst werden. Es müsste daher, so meine Schlussfolgerung, jede chemische Substanz, die Elektronen, Protonen oder Moleküle leicht binden und wieder abgeben kann, ein potentieller Katalysator sein.
Jede chemische Substanz, die Elektronen, Protonen oder Moleküle leicht binden und abgeben kann ist ein potentieller Katalysator.
Und hier half der Zufall. Durch eine Änderung der Studienordnung konnte ich mein Physikstudium an der Open University nicht mehr zeitgerecht beenden. Also habe ich auf einen Open Degree gewechselt also ein naturwissenschaftliches Studium ohne bestimmten Inhalt und habe statt der Diplomarbeit in Physik einen Kurs über Katalysatorchemie belegt. Und tatsächlich, Industriekatalysatoren verwenden Metalle, welche die Eigenschaft haben Elektronen leicht abzugeben und wieder aufzunehmen. Witzigerweise lief der Kurs in etwa zur Zeit des VW-Diesel-Skandals. Ich habe Dieselkatalysatoren gelernt und gerechnet und mit diesem Wissen den Skandal in den Medien verfolgt. Viele Enzyme also Biokatalysatoren sind so aufgebaut, dass in einem Protein (einer zumeist kugelig angeordneten Aminosäurenkette) ein Metall als aktives Zentrum sitzt. D.h. auch unser Körper verwendet Metalle ähnlich den Dieselkatalysatoren.
Aminosäuren haben wie gesagt eine Carboxy- und eine Aminogruppe, beide Gruppen sind bei unterschiedlichem pH fähig Protonen abzugeben bzw. aufzunehmen. Aminosäuren könnten daher Protonenkatalysatoren sein. Dass beide Gruppen auch Bindungen eingehen können habe ich bereits erwähnt. Wenn man beweisen könnte, dass Aminosäuren sich selbst durch Katalyse vermehren können (den Prozess nenne ich Autokatalyse), wäre der Beweis erbracht, dass Aminosäuren chemische Lebewesen sind.
Beim Schreiben des Artikels bin ich auf die Idee gekommen „Autokatalyse“ in Google einzutippen – Überraschung. Den Begriff Autokatalyse gibt es bereits und zwar mit genau der gleichen Bedeutung, schade, ich bin schon wieder nicht der Erste. Das ist mir schon oft passiert! Macht nichts, da weiß man wenigstens, dass man auf dem richtigen Weg ist.
Zurück zum AB´chen. Nehmen wir an AB hat tatsächlich eine katalytische Wirkung und beschleunigt die Reaktion, bei der AB aus A und B entsteht, und nehmen wir an, wir haben einen Reaktionsraum mit (durch zufällige Entstehung) genau einem AB´chen. Die zufällige Entstehung von Aminosäuren ist in einem inzwischen berühmten Versuch bereits bewiesen worden (1953 Stanley Miller und Harold C. Urey). Dann haben wir am Anfang genau 1 katalytisch wirksames Molekül. Läuft die Reaktion einmal ab, haben wir danach 2 AB´chen also 2 katalytische Moleküle, nach der nächsten Reaktion 4, dann 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512, 1024, 2048 usw. Das sind 11 Schritte. Eine solche Vermehrung nennt man exponentiell und das ist ein weiteres Charakteristikum der biologischen Vermehrung.
Alle Lebewesen haben die Fähigkeit zur exponentiellen Vermehrung.
Das gilt nur bei idealen Bedingungen. Stört irgendetwas die Vermehrung läuft sie langsamer ab, dann sind nach 11 Schritten weniger als 2048 AB´chen vorhanden.
Will man die autokatalytische Vermehrung von Aminosäuren beweisen, muss man zeigen, dass sich Aminosäuren in einem Reaktionsraum, in dem keine anderen Lebewesen vorhanden sind, exponentiell vermehren können, d.h. die Konzentration muss exponentiell zunehmen. Kann man in einem 2.Schritt beweisen, dass Peptide oder Proteine also Aminosäurenketten sich sowohl zufällig als auch autokatalytisch aus Aminosäuren bilden können, hat man meines Erachtens die spontane Entwicklung von Leben aus nicht lebenden anorganischen Substanzen bewiesen. Damit wäre die Entstehung von Leben prinzipiell geklärt.
Wenn diese Annahmen stimmen, dann wäre das Ab´chen ein sich vermehrender Katalysator, was heißt, das sich nicht nur eine Information sondern auch der Vermehrungsmechanismus vermehrt, und das ist meines Erachtens eine weitere typische Eigenschaft der biologischen Vermehrung.
Ein Lebewesen ist ein sich vermehrender Vermehrungsmechanismus.
Zurück zu der Zahlenkette. Nehmen wir an, wir haben am Anfang 100 AB´chen in einem Reaktionsraum und es kommen in der Zeit, in der es im vorigen Beispiel zu einer Verdoppelung kommt, zu einem Zuwachs von 100 Stück, dann haben wir folgende zweite Zahlenkette 100, 200, 300, 400, 500, 600, 700, 800, 900, 1000, 1100, 1200 usw. (ebenfalls 11 Schritte). Das ist eine lineare Vermehrung, wie sie bei allen kontinuirlich ablaufenden Prozessen vorkommt. Man sieht, dass obwohl in diesem Beispiel beim kontinuirlichen Prozess am Anfang 100 mal mehr AB´chen vorhanden sind, nach 11 Zyklen die exponentielle Vermehrung überwiegt (2048 gegenüber 1200). Stehen ein exponentieller Prozess und ein linearer Prozess in Konkurrenz, dann setzt sich der exponentielle Prozess also die biologische Vermehrung durch. Dies führt zu einem Verdrängungsprozess, bei dem sich Lebewesen gegenüber anderen chemischen Reaktionen in sämtlichen besiedelbaren Bereichen durchsetzen.
Die biologische (exponentielle) Vermehrung ist im Konkurrenzkampf linearen Prozessen überlegen.
Wenn das nicht der Fall wäre, hätte sich das Leben nicht in der heutigen Form entwickelt, vielleicht sogar überhaupt nicht.
Ich fasse zusammen: Eine biologische Vermehrung wird durch eine positive Rückkoppelung bewirkt, mit dem Ergebnis, dass sich sowohl die Information als auch der Vermehrungsmechanismus des Lebewesens vermehren. Dies führt zur exponentiellen Vermehrung, die linearen Reaktionen überlegen ist. Dadurch werden im Konkurrenzkampf lineare Reaktionen durch „Lebewesen“ verdrängt. Bei biologischen Lebewesen wird die positive Rückkoppelung hauptsächlich durch Katalysatoren bewirkt (Autokatalyse).
Da die Überlegungen zur Vermehrung für biologische Prozesse genauso anwendbar sind wie für Kettenreaktionen wie Feuer oder Kernfusion aber auch für wirtschaftliche Prozesse (Die Rückkoppelung bei den Zahnbürsten ist eigentlich ein ökonomischer Prozess), habe ich den Eindruck, dass Leben nicht etwas Besonderes ist sondern etwas Normales.
Die Fähigkeit lebende Strukturen zu bilden, ist eine Grundeigenschaft der Materie.
Außerdem habe ich den Eindruck, dass es viel mehr katalytische Reaktionen gibt, als bisher bekannt, vor allem Katalysatoren mit geringer katalytischer Wirkung, die nicht sofort erkennbar sind. Daher glaube ich, dass unter geeigneten Bedingungen die Entstehung von Leben nicht die Ausnahme ist sondern die Regel. Wie oben beschrieben braucht es nur ein einziges AB´chen, um eine Reaktion zu starten, die sich gegenüber der Umwelt durchsetzt.
Mir ist klar, dass die hier getätigten Aussagen nicht vollständig bewiesen sind, aber es gibt ein logisches Gesamtbild. Und es war die Idee mit den Zahnbürsten, die schlussendlich zu diesem Gesamtbild geführt hat.
Autor mittiwebVeröffentlicht am 26. Oktober 2017 15. November 2017 Schreibe einen Kommentar zu Die Revolution der Zahnbürsten oder Das AB´chen und seine vielen Kinder
Uns sind alle scheißegal oder Die Krise des Pazifismus
Uns sind alle scheißegal
Die Krise des Pazifismus
Der Artikel beginnt vor etwa 25 Jahren im Hutterheim in Innsbruck. Das war ein Baracken-ähnlicher Bau mit einer kleinen Veranstaltungshalle in der Höttinger Au. Heute steht dort das Jugendzentrum am Inn, der alte Bau ist längst abgerissen. In diesem Hutterheim hat der VSSTÖ Innsbruck damals ein Wahlkampffest veranstaltet. Das Fest war ein voller Erfolg, bis auf einen kleinen Zwischenfall. 2 leicht angetrunkene Gäste haben einen Streit angefangen und haben sich immer lauter und aggressiver gegenseitig angepöbelt und bedroht. Die Situation entwickelte sich eindeutig Richtung Schlägerei. Wir mussten etwas tun.
Ich bin zum VSSTÖ ohne zu wissen, was das ist. Die Leute haben mir gefallen und im Prinzip waren auch die Ansichten o.k., auch wenn zum Teil übertrieben und verideologisert. So bin ich geblieben. Bei meiner ersten Jahreshauptversammlung hat man dann zu meiner Überraschung am Ende die Internationale gesungen. Ich, das Bürgersöhnchen mit erhobener Faust: „Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“. Ich bin mir ziemlich komisch vorgekommen.
Genau die Leute, die ums Menschenrecht kämpfen wollten, haben sich jetzt an das Ende des Ganges vor die Klotüre verkrochen, und die Dinge mit denen sie kämpften waren ihre Fassung und die Tastatur des Handys, um so schnell als möglich die (böse) Polizei zu rufen. Währenddessen waren ich und ein zweiter (interessanterweise der Rechte und der Linke in der Truppe) damit beschäftigt, die Streithähne auseinander zu halten. War ziemlich haarig, ich weiß nicht mehr ob da schon eine abgebrochene Bierflasche im Spiel war, aber es war jedenfalls riskant. Beim Eintreffen der Polizei war die Situation schon wieder relativ ruhig und hat sich dann schnell endgültig entspannt.
Ich habe damals verstanden, dass es eine Sache ist, von Frieden und Menschenrechten zu reden, aber etwas anderes Frieden herzustellen und zu bewahren.
Bei den Grünen war es genau dasselbe. Ich war auch bei der Kritischen Medizin Innsbruck KMI überwiegend Grüne (ich bin beides, rot und grün), selbe Situation, selbes Problem. Wir haben zur Zeitungsfinanzierung ein Fest in der neuen Mensa veranstaltet („Triebfest“, vielleicht erinnert sich noch jemand), war lässig, die neue Mensa knallvoll, wahrscheinlich über 1000 Gäste. Davor Sicherheitsdiskussion, keiner will Sicherheitsdienst machen. Also hat man sich eine Sicherheitstruppe engagiert. Die Typen sind mir vorgekommen, wie eine kleine GESTAPO-Truppe. Im Nachhinein war es das Beste. Wir hätten für den Sicherheitsdienst mehr Leute gebraucht. Trotzdem war es seltsam. Die Männer bei der KMI waren im Schnitt 1,80 m groß und breitschultrig, das hätten wir selber machen können. Die Leute wollten einfach nicht, weil sie sich die Hände nicht schmutzig machen wollten und kein Risiko.
So hat meine damals pazifistische Einstellung den ersten Knackser abbekommen. Gleichzeitig ist das Ansehen der Polizei bei mir drastisch gestiegen. Die kümmern sich um genau die Dinge bei denen andere kneifen oder vor dem Klo telefonieren.
Der nächste Knackser waren die Jugoslawienkriege. Da haben sich die Menschen quasi vor unserer eigenen Haustüre gegenseitig massakriert. Über 100000 Tote, zahllose Vergewaltigungen, Folter, Massenmord und über 1 Mill. Vertriebene. Europa hätte diesen Krieg jederzeit beenden können. Stattdessen hat man gewartet und zugeschaut. Am besten war die SPÖ, damals in der Regierung. Man war entrüstet und erschüttert, das kommt immer gut. Und um das Problem in den Griff zu bekommen oder um sein Gewissen zu beruhigen, hat man Decken und Medikamente nach Jugoslawien geschickt. Ansonsten hat man auf die Neutralität verwiesen, da sind einem ja die Hände gebunden. Stellt euch einmal vor ihr seid gefangen und werdet gerade von einer Truppe Soldaten vergewaltigt. Was würdet ihr von einer Partei halten, die Decken und Medikamente schickt? Es gibt ein wunderschönes deutsches Wort für so etwas, Heuchelei!
Ich habe mir damals gedacht, man müsste für die SPÖ und die Grünen die Internationale umschreiben. Statt:
Uns sind alle scheißegal,
denn wir sind feige und neutral.
Das einzige wofür die Herren und Damen Funktionäre kämpfen, ist der beste Platz am Buffet, hatte ich jedenfalls den Eindruck.
Neutralität ist eigentlich nichts Schlechtes. Beim Fußballspielen identifiziere ich mich oft nicht mit einer Mannschaft sondern mit dem Schiedsrichter. Der ist auch neutral oder unparteiisch. Aber dem Schiedsrichter ist nicht egal, was auf dem Spielfeld passiert. Es gibt Regeln, die auf Fairness basieren und der Schiedsrichter weiß zwischen fair und unfair zu unterscheiden, und er schreitet ein und zieht Konsequenzen, wenn unfair gespielt wird. Diese Form der Neutralität nenne ich daher Schiedsrichterneutralität, die ist mir absolut sympathisch. Die österreichische Neutralität ist das Gegenteil davon insbesondere bei der SPÖ und den Grünen. Es ist ein Alibi, um sich vor der Verantwortung zu drücken. Das nenne ich Drückebergerneutralität.
Das Problem ist daher nicht die Neutralität, sondern wie sie gelebt oder interpretiert wird.
Was ich am allerwenigsten verstehe, ist, dass gerade die Österreicher sich so verhalten. Österreich hat seine Demokratie nicht selbst erkämpft, sondern ist befreit worden und zwar von den Amerikanern, den Briten und den Franzosen. Diesen 3 Ländern haben wir es zu verdanken, dass die Nazi-Diktatur beendet wurde und wir nicht in einer kommunistischen Diktatur gelandet sind, so wie unsere Nachbarländer. Viele Soldaten haben für unsere Freiheit mit ihrem Leben oder ihrer Gesundheit bezahlt. Wir danken es ihnen, indem wir in ähnlichen Situationen die Menschen im Stich lassen und uns hinter der Neutralität verstecken. Ich finde das einfach nur schäbig! So lernt Österreich aus der Geschichte!
Die Geschichte in Jugoslawien hat sich mehrere Male wiederholt. In Ruanda, Syrien, Libyen, Somalia etc. hat man zugeschaut, wie Bürgerkriege das Land überziehen und hat nichts dagegen getan. Der Pazifismus hat in all diesen Fällen immer wieder das gleiche negative Ergebnis gebracht. Da man den demokratischen Kräften die militärische Unterstützung verweigert hat (Waffen liefern in Kriegsgebiete, das geht garnicht, besser man liefert sie an Diktaturen!), haben die Radikalen die Oberhand gewonnen und diese Länder in Schutt und Asche gelegt bzw. grausame Diktaturen errichtet. Der islamische Staat ist das Paradebeispiel für das Scheitern dieser pazifistischen Vorgangsweise. Es müssen immer erst ein paar hunderttausend Menschen sterben und Flüchtlingskatastrophen passieren, damit man etwas unternimmt. Und vor allem ist das zu lösende Problem dann um ein vielfaches größer und schwieriger. Wenn durch Mord, Folter, Vergewaltigung und Vertreibung die Menschen radikalisiert sind und sich in abgrundtiefem Hass gegenüberstehen, ist eine friedliche Lösung oft für Jahrzehnte unmöglich.
Es gibt einen Spruch aus der Friedensbewegung, der das Problem treffend schildert:
Stellt euch vor, es ist Krieg,
Dann würde die Welt von denen regiert,
die sich nicht an diesen Spruch halten,
weil ihnen Krieg Spaß macht.
Und genau von denen will ich nicht regiert werden!
Man muss für die Zukunft die Taktik ändern. Anstatt zu warten bis alles in Schutt und Asche liegt, sollt man frühzeitig eingreifen, um genau das zu verhindern. Natürlich geht man bei so einer Vorgehensweise ein Risiko ein. Wir sind beim Fest im Hutterheim auch ein Risiko eingegangen, wir hätten zwischen die Fronten geraten und verletzt werden können. Damals ist bei einer ähnlichen Situation ein Student mit einer abgebrochenen Bierflasche verletzt worden und gestorben. Die Polizisten machen das jeden Tag. Friedenspolitik hat eben nichts mit Kaffeekränzchen und netten Diskussionen zu tun, die Realität ist anders. Man muss sich also genau überlegen, was man tut, Hurra ist die falsche Einstellung.
Ich bin kein Kriegstreiber, hoffe ich jedenfalls nicht. Ich liebe den Frieden und ich hasse den Krieg. Zu meinen größten politischen Vorbildern gehören Leute wie Mahatma Ghandi, Nelson Mandela und Martin Luther King also die Ikonen des zivilen friedlichen Widerstandes. Aber es haben alle 3 eine glückliche Gemeinsamkeit gehabt, einen politischen Gegner, der ein Mindestmaß an zivilisierten Grundwerten besessen hat. Solange das gegeben ist, ist diese Art von Widerstand am besten. Die friedliche Lösung ist immer die beste Lösung, wenn es denn eine gibt. Das Problem beginnt in dem Moment, wo man Gegner hat, die skrupellose Psychopathen sind oder die von blindem Hass geleitet werden. Solche Leute schrecken vor keiner Art von Gewalt zurück um ihre Ziele zu erreichen. Bei solchen Leuten führt Wehrlosigkeit zu Gewalt. Mit solchen Leuten kann man nur dann vernünftig reden, wenn man selbst Gewalt anwenden kann. Wenn sie wissen, dass sie im Krieg draufzahlen, werden sie es sich überlegen. Ich glaube daher weder an die wehrlose Demokratie noch an den hilflosen Frieden. Plötzlich sind wir bei dem amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt, der vor 108 Jahren seinen Nachfolgern einen Rat gab:
„Sprich mit sanfter Stimme, und trage einen dicken Knüppel bei dir!“
Das Ganze ist auch ein grundsätzliches demokratisches Problem. Es hat immer schon Versuche gegeben, demokratische bzw. gerechte Gesellschaften zu errichten. Bis ins 18.Jhr sind alle Versuche gescheitert. Demokratische Gesellschaften sind immer wieder an dem Problem gescheitert, ihre Freiheit im Krieg gegen Diktaturen zu verteidigen. Der erste Staat, der das zu Stande gebracht hat, waren die Vereinigten Staaten von Amerika. Die haben sich ihre Freiheit im Krieg erkämpft und waren daher von vornherein militaristisch also wehrhaft. Dazu kommen die enorme Größe und Wirtschaftskraft der USA. Dadurch sind die USA trotz aller negativer Dinge, die man über sie zu Recht sagen kann, zum demokratischen Motor geworden. Stellt euch einfach vor, der Hitler hätte den Krieg gewonnen z.B. weil er die Atombombe vor den Amerikanern gehabt hätte. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie die Welt heute ausschauen würde. Es wäre ein unvorstellbares Gemetzel geworden. Die Fähigkeit Krieg zu führen und zu gewinnen ist daher der Schlüssel zur demokratischen Gesellschaft. Ich weiß, dass das viele nicht hören wollen, mir ist es selber unsympathisch, aber ich bin nun einmal Realist.
Mir ist vollkommen klar, dass Österreich ein sehr kleines Land ist. Allein kann dieses Land nichts bewirken. Aber wenn andere Staaten sich zusammentun, um Krieg und Mord zu beenden, dann könnte man helfen. Ach so, geht nicht, wir sind ja neutral!
Die österreichische Neutralität hat ein weiteres Problem. Die EU entwickelt sich langsam aber unaufhaltsam zu den Vereinigten Staaten von Europa. Finde ich sehr gut, nicht nur aus Idealismus sondern aus vielen praktischen Gründen. Einer besteht darin, dass ein europäisches Heer genau die Möglichkeiten hätte, die man braucht, um in Konflikten Frieden zu stiften. Die Neutralität verbietet das. Wir werden früher oder später vor die Wahl gestellt werden, entweder Europa oder Neutralität. Man kann sich in einer Gemeinschaft nicht die Rosinen herauspicken und kneifen, wenn es ungemütlich wird.
Der langen Rede kurzer Sinn: Ich bin kein Pazifist mehr. Er funktioniert einfach nicht bzw. er funktioniert genau dann nicht wenn es darauf ankommt. Ich bin von den Pazifisten zu den Bienen gewechselt, friedlich aber wehrhaft. Das funktioniert besser.
Bei meinen kurzen Recherchen zum Pazifismus bin ich auf den heiligen Augustinus und die Lehre vom gerechten Krieg gestoßen. Ich bin zwar kein Christ aber manchmal haben die Christen gute Sprüche:
Sein Kriegsbefehl darf nicht gegen Gottes Gebot verstoßen: Der Soldat muss ihn als Dienst am Frieden einsehen und ausführen können.
Augustinus hat von 354 bis 430 gelebt, von dem könnten die Sozialdemokraten und die Grünen noch was lernen. In etwas modernere Form gebracht könnte man das übernehmen. Und wenn man Gottes Gebot durch Menschenrechte ersetzt, die durch einen neutralen Schiedsrichter bewertet werden, könnte man das auch in eine andere Form der Neutralität einbinden.
Die pazifistische Grundeinstellung der Grünen und der SPÖ lehne ich inzwischen völlig ab. Zu behaupten, auf der Seite der Schwächeren zu stehen, aber die Leute im Stich lassen und sich hinter Pazifismus und Neutralität verstecken, wenn es drauf ankommt, ist nicht meine Grundeinstellung. Mit sozialer Demokratie hat das nichts zu tun! Und wenn es Leute gibt, die das anders sehen, dann sollen sie aufhören die Internationale zu singen!
www.welt.de/debatte/kommentare/article153862512/Kaessmanns-Pazifismus-ist-vor-allem-eines-nicht-christlich.html
de.wikipedia.org/wiki/Augustinus_von_Hippo#Die_Lehre_vom_gerechten_Krieg
Autor mittiwebVeröffentlicht am 10. Oktober 2017 Schreibe einen Kommentar zu Uns sind alle scheißegal oder Die Krise des Pazifismus
Das Treffen der toten Piloten
Ich war ca. 15, als ich dieses Buch über Atomenergie in die Hände bekommen habe. Darin wurde die Atomenergie als saubere und sichere Energiegewinnungsmethode gepriesen. Vor allem, und daran erinnere ich mich am deutlichsten, wurde darin behauptet, dass ein Reaktor gar nicht explodieren kann, weil er so gebaut ist, dass das von vornherein nicht möglich ist. Würde mich interessieren, was der Autor zu den Aufnahmen des explodierenden Kernkraftwerkes in Fukushima sagen würde. Das waren zwar meines Wissens keine Atomexplosionen, aber zur Zerstörung des Kraftwerkes hat es gelangt.
Entweder der Autor hat gelogen oder er hat keine Ahnung gehabt, oder er hat die Sache zumindest so einseitig bzw. unvollständig dargestellt, dass ein falsches Bild entstanden ist. Auch Kernreaktoren können explodieren, in Tschernobyl ist genau das passiert. Aber was ist eigentlich passiert, und welche Konsequenzen hat es gehabt?
Ich bin inzwischen Arzt, genauer Radiologe, ich habe schon vor 20 Jahren Strahlenschutz unterrichtet und habe auch schon mit radioaktiven Substanzen gearbeitet. Ich habe zudem ein Zweitstudium der Naturwissenschaften (überwiegend Physik) absolviert. Ich bin sicherlich kein Kernphysiker oder Spezialist auf dem Gebiet, aber ganz planlos bin ich nicht. Und je länger ich mich für die Sache interessiere, umso mehr widersprechen die Berichte meinem Wissensstand.
Angefangen hat meine Skepsis gegenüber journalistischen Berichten bei Hiroshima. Es kommen immer wieder Berichte über die Folgen der Atombombenabwürfe bei denen auch Opfer gezeigt werden. Besonders eindrucksvoll sind natürlich Bilder von noch lebenden Opfern insbesondere wenn sie nach vielen Jahren an Krebs unheilbar erkrankt sind. Und genau da beginnt das Problem. Krebs nach Bestrahlung ist ein stochastischer Schaden. D.h. ab einer gewissen Bestrahlungsdosis steigt die Wahrscheinlichkeit später an Krebs zu erkranken. Man kann aber im Einzelfall nicht sagen ob der Krebs tatsächlich von der Bombe kommt oder nicht. Man kann nur bestrahlte und nicht bestrahlte Bevölkerungsgruppen vergleichen, und dann die Differenz als strahlungsbedingt annehmen. Bei den Hiroshimaopfern ist die Krebsrate (Ausnahmen sind Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Leukämie) nach 25 Jahren angestiegen und zwar so, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Krebserkrankung tatsächlich von der Bombe kommt bei ca. 5% liegt. Insgesamt hat es bei den Opfern der Atombombenabwürfe bis zum heutigen Tag ca. 9000 Krebstote gegeben, davon ca. 400 durch die Bombe der Rest durch natürliche Ursachen. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Journalist ein krebskrankes Atombombenopfer zeigt und der Vollständigkeit halber erwähnt, dass der Krebs mit 95%iger Wahrscheinlichkeit nicht von der Bombe kommt. Es wird immer so dargestellt als ob die Krankheit eine direkte Folge der Strahlung ist. Diese Unvollständigkeitslüge ist im Journalismus zum Standard geworden, jedenfalls habe ich diesen Eindruck. Mit einer korrekten und vollständigen Berichterstattung hat das meines Erachtens nichts zu tun. Natürlich sind auch Journalisten nicht fehlerlos, aber dass allen Journalisten immer wieder der gleiche Fehler passiert, ist (wahrscheinlich!) kein Zufall.
Bei Hiroshima und Nagasaki ist die Sache für den Beobachter noch relativ gut abschätzbar. Die meisten Toten waren Folge der Explosionen und der direkten Auswirkungen wie z.B. der Feuersbrunst und des Fall out mit der daraus entstehenden akuten Strahlenkrankheit. Die Anzahl der Todesopfer liegt über 100000 bei Hiroshima und etwa 50000 bei Nagasaki, die genauen Zahlen kennt niemand aber die Größenordnungen sind klar.
Bei Tschernobyl ist nichts klar nicht einmal bei den Größenordnungen! Und die journalistische Berichterstattung ist zum Teil haarsträubend!
Ein Beispiel ist der unten angeführte Artikel dessen Link mit http://www.welt.de beginnt. Hier wird berichtet, dass bis 2005, also in den ersten 19 Jahren nach dem Reaktorunfall von 830000 Liquidatoren (= Leute, die nach dem Unfall mit Aufräumarbeiten beschäftigt waren) bereits 125000 gestorben sind. Auch die häufigsten Krankheiten werden angeführt, Krebs, hirnorganische Schäden, Bluthochdruck, Magen-Darmerkrankungen, Bluthochdruck. Dem Leser wird vermittelt, dass die Leute an Folgen der Strahlung gestorben sind und dass die Krankheiten durch die Verstrahlung verursacht worden sind. Das ist aber gar nicht möglich. Die Lebenserwartung in der Ukraine beträgt ca. 70 Jahre, ohne wesentliche Veränderung in den letzten Jahrzehnten. Nach 19 Jahren müssten also 27% gestorben sein also ca. 225000 und zwar an Alterskrankheiten. Oder anders, die Liquidatoren müssten im Schnitt ca. 126 Jahre alt werden. Die Bestrahlung in Tschernobyl scheint einen ausgeprägten lebensverlängernden Effekt zu haben. Man kann die geringere Zahl an Toten natürlich damit erklären, dass unter den Liquidatoren keine sehr alten Leute waren, aber auch wenn man ein Durchschnittsalter von 35 mit einer gewissen Verteilung annimmt, müsste nach 19 Jahren ein guter Teil an natürlichen Ursachen gestorben sein. Die als Strahlenkrankheiten beschriebenen Erkrankungen sind typische Alterskrankheiten. Die Zahlen belegen, wenn überhaupt, dass die Ukrainer eine normale Lebenserwartung haben und an normalen Alterserkrankungen sterben. Im Artikel werden die Zahlen aber so verdreht, dass der Leser den Eindruck gewinnt, hier wären 125000 Menschen an der Strahlung verstorben und alle Alterskrankheiten seien strahlungsbedingt. Diese Vorgangsweise nenne ich Verdrehungslüge. Ganz ähnliche Verdrehungslügen habe ich, wenn ich mich recht erinnere, bereits mehrere Male beim ORF und auf vol.at beobachtet, nur mit etwas anderen Zahlen.
Eine andere Vorgansweise zeigt der unten angeführte Artikel der Kronenzeitung, in dem mit 40000 Krebstoten in Westeuropa gerechnet wird. Es gibt unterschiedlichste Berechnungen und Prognosen bezüglich der tatsächlichen Auswirkungen und die Daten sind auf viele verschiedene Arten interpretierbar. Um ein seriöses Bild zu erstellen müsste man die verschiedenen Varianten darstellen und die Herkunft der einzelnen Studien mitteilen. Da viele Organisationen ein Interesse haben, die Atomkraft entweder zu verharmlosen oder sie als katastrophal darzustellen, werden von unterschiedlichen Interessensgruppen alle nur erdenklichen groß oder klein gerechneten Zahlen verwendet. Ich habe oft den Eindruck, dass manche Medien sich immer genau der Interpretation bedienen, die entweder der eigenen politischen Meinung entspricht oder mit denen man die besten Schlagzeilen machen kann. Diese Vorgangsweise nenne ich Interpretationslüge.
Die 40000 sind grundsätzlich eine fragwürdige Zahl und zwar wegen dem Problem der kleinen Strahlendosen. Es weiß nämlich niemand, wie kleine Strahlendosen tatsächlich wirken. Alle Abschätzungen sind heruntergerechnet von den Ergebnissen der Hiroshimastudie. Das Problem: Es gibt natürliche Umgebungsstrahlung, die sehr unterschiedlich sein kann (z.B. Faktor 100 höher oder niedriger) trotzdem führt dies nicht zu unterschiedlichen Krebsraten. Man vermutet daher, dass es unterhalb einer gewissen Schwelle nicht zu einer erhöhten Krebsrate kommt. Ursache könnten Reperaturmechanismen sein, die Krebs solange verhindern, wie sie nicht überlastet sind. Jedenfalls ist der Effekt so klein, dass er nicht gemessen werden kann. Niemand weiß, ob z.B. ein Lungenröntgen gesundheitsschädlich ist. Prinzipiell wäre es sogar möglich, dass kleine Strahlendosen gesund sind, da das Immunsystem aktiviert wird. Das ist zwar auch nicht bewiesen, aber möglich wäre es. Es ist extrem unseriös irgendwelche Zahlen zu verwenden, wenn man schlicht und ergreifend nicht weiß, was Sache ist.
Eine andere Vorgangsweise ist die einseitige Berichterstattung. Das beste Beispiel ist die Willkommenskultur. Am Anfang war tatsächlich die Mehrheit der Deutschen dafür. Aber eine große Minderheit war dagegen. Die ist vom öffentlich rechtlichen Fernsehen einfach tot geschwiegen worden. Einseitige Berichterstattung als objektiver Journalismus, ich nenne es Einseitigkeitslüge. Bei der Atomkraft ist es schon lange so. Es gibt kein für und wider, nur noch einseitige Propaganda und das auch noch von öffentlichen Sendern, die von allen mit Steuergeld bezahlt werden.
Ich bin weder Befürworter noch Gegner sondern Skeptiker. Das beste Atomkraftwerk ist das, das man nicht braucht. Ich habe aber Verständnis dafür, dass andere Länder in anderen Situationen anders denken. Im Dunkeln sitzen und frieren ist auch nicht besonders romantisch. Gerade deswegen lege ich großen Wert auf seriöse Information, damit man sich ein umfassendes und korrektes Bild machen kann.
Die skurrilste Geschichte rund um Tschernobyl ist aber die Sache mit den Hubschrauberpiloten. Es gibt eine preisgekrönte Dokumentation über den Reaktorunfall, die vor einigen Jahren, ich glaube zum 25.Jahrestag im ORF ausgestrahlt wurde. Darin wurde behauptet, dass die 600 Hubschrauberpiloten, die an der notdürftigen Versiegelung des Reaktors beteiligt waren, alle an den Folgen der Verstrahlung gestorben seien. Ich habe mir sofort gedacht, dass da etwas nicht stimmen kann.
Es hat Liquidatoren gegeben, die haben auf dem Dach gearbeitet, die durften nur ca. 1 min auf dem Dach bleiben, um möglichst keine akute Strahlenkrankheit zu bekommen. Der Abstand zum hochradioaktiven Material hat da nur ca. 1 m betragen (Schaufel!). Von diesen Liquidatoren haben meines Wissens viele überlebt. Wenn ein Hubschrauber in 50 m über der gleichen Stelle schwebt hätte er 50 x 50 = 250 min Zeit (Abstandsquadratgesetz) bis zur selben Strahlendosis. Auch wenn ein Pilot mehrere Male fliegt kriegt er das nicht zusammen. Natürlich ist das nur eine grobe Abschätzung, aber dass alle Piloten sterben, das klingt einfach unlogisch.
Das war der Moment, wo ich angefangen habe, privat ein bisschen zu recherchieren. Als erstes habe ich den Unfallbericht der IAEA, der internationalen Atomenergiebehörde im Internet heruntergeladen (erster Link unten). Dort werden weniger als 100 Akut-Tote angeführt, die Hubschrauberpiloten fehlen, werden nicht einmal erwähnt. Natürlich kann man sagen, die stehen der Atomlobby nahe. Aber kann eine internationale Organisation, die unter ständiger Beobachtung steht, es sich wirklich leisten, 600 tote Piloten zu verschweigen?
Ich habe angesichts des 30-Jahr Jubiläum des Unfalles noch einmal versucht, im Internet etwas über die 600 Piloten herauszufinden, das Ergebnis ist kurios. Alle 600 tot, alle 600 haben überlebt, einige bei einem Hubschrauberunfall gestorben, überlebt aber krank, viele tot usw. . Probiert es selber einmal, da kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Am besten war ein englischer Journalist, der ein Treffen einiger Hubschrauberpiloten organisiert hat, das „Treffen der toten Piloten“ (Unterster Link).
Eine Form der Lüge habe ich übrigens noch nicht erwähnt. Es ist zur Unsitte geworden, dass Leute, die kritische Fragen stellen oder Meinungen äußern, die nicht einer akzeptierten Einheitsmoral entsprechen (z.B. Anti-Atom), automatisch in ein bestimmtes politisches Eck gestellt werden, um sie unglaubwürdig zu machen. Manche Journalisten sind Weltmeister, wenn es darum geht, bestimmte Leute in seriös aufgemachten Dokumentationen von vornherein als die Bösen zu diffamieren, um ihre Meinung als minderwertig darzustellen. Ich nenne das die Diffamierungslüge. Wahrscheinlich muss ich jetzt Angst haben, von irgendjemandem als Spion der Atomlobby entlarvt zu werden. Mich wundert es nicht, wenn am Straßenrand Leute stehen, die Schilder mit der Aufschrift „Lügenpresse“ halten“.
Ich habe von Journalisten eine besonders hohe Meinung. Ich finde das einen spannenden und enorm wichtigen Beruf. Ich habe mich in meiner Studienzeit immer als Fraktionsjournalist gesehen und es hat mir Spaß gemacht zu recherchieren und zu schreiben. Ich verbinde mit diesem Beruf (für mich ist es nur ein Hobby) einen gewissen Berufsethos, vielleicht ist es auch eine Art Idealisierung. Aber gerade deswegen ärgert es mich, wie manche Journalisten mit Informationen umgehen.
Dass Privatzeitungen, die Schlagzeilen brauchen mit Infos nicht immer perfekt umgehen, das kann ich ja verstehen. Aber dass öffentlich rechtliche Sender sich derartiger Methoden bedienen finde ich sehr unsympathisch. Sender wie ORF, ARD, ZDF etc. sollten umfassend und korrekt berichterstatten und sich allen Menschen gegenüber in der gleichen Art und Weise fair verhalten, auch denen, die eine andere dem Journalisten unangenehme Meinung vertreten. Bei manchen Journalisten hat man eher das Gefühl, sie haben den Unterschied zwischen Journalismus und Propaganda nicht richtig verstanden. In Ostdeutschland gibt es meines Wissens Regionen, wo große Teile der Bevölkerung mit Journalisten gar nicht mehr reden. Wenn das passiert muss man als Journalist wissen, dass da etwas falsch gelaufen ist.
Zurück zur Atomenergie. Die Sache ist zu Recht extrem umstritten. Den Fanatikern auf beiden Seiten scheint jedes Mittel recht zu sein um Stimmung in eigener Sache zu machen. Und gerade deswegen sollte man sich da darauf verlassen können, seriös informiert zu werden, zumindest von den öffentlichen Sendern. Bei den toten Piloten ist das nicht gelungen!
P.S.: Die Links unten sind nur einige von vielen. Wenn ihr Lust auf erstaunliche Widersprüche habt, lesen ist erlaubt!
www.iaea.org/sites/default/files/chernobyl.pdf
https://de.wikipedia.org/wiki/Liquidator_(Tschernobyl)
www.welt.de/gesundheit/article13115769/Tschernobyl-Bis-zu-125-000-Liquidatoren-tot.html
http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=210044
www.planet-schule.de/wissenspool/tschernobyl/inhalt/sendungen/die-schlacht-von-tschernobyl.html
http://www.krone.at/wissen/studie-rechnet-mit-40000-krebstoten-in-westeuropa-tschernobyl-folgen-story-499562
books.google.at/books?id=zhaCBgAAQBAJ&pg=PT138&lpg=PT138&dq=tschernobyl+600+hubschrauberpiloten&source=bl&ots=PdE1Lvo35v&sig=U4MaJb_RCwAAw-defGnRHK_COQc&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjC-fv0otDWAhUBLBoKHW3HDwkQ6AEISzAI#v=onepage&q=tschernobyl 600 hubschrauberpiloten&f=false
Autor mittiwebVeröffentlicht am 2. Oktober 2017 Schreibe einen Kommentar zu Das Treffen der toten Piloten
Dieser Artikel geht auf die Tendenzen in der SPÖ zurück, mehrheitsfördernde Wahlsysteme vorzuschlagen. Ausschlaggebend waren sicherlich auch die Erfahrungen in der großen Koalition, in der man sich ständig gegenseitig blockiert hat, wobei natürlich, wie könnte es auch anders sein, für beide immer die andere Seite schuld war. Seit die Umfragen immer schlechter werden und eine eigene Mehrheit in immer weitere Ferne rückt, hört man immer weniger von solchen Ideen. Jetzt ist es plötzlich die ÖVP, die möglichst viel Macht für den Kanzler wünscht. Jede Partei glaubt, dass es dem Staat am besten geht, wenn die eigene Partei möglichst viel Macht besitzt. Dass Macht auch negative Seiten hat, gerät im Wahlkampf in Vergessenheit.
Vor allem scheint bei einer Wahl das Wesen der Demokratie in den Hintergrund zu rücken. Gewinnen ist das Wichtigste, ist es aber nicht!
Demokratie ist ein anderes Wort für Gemeinschaft
, das ist die Lehre aus Art. Nr.18 (Der süße kleine Itaka). Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn die Menschen demokratisch zusammenleben wollen. Andernfalls ist eine demokratische Verfassung praktisch nicht zum Funktionieren zu bringen. Wie auch immer die Strukturen eines Landes ausschauen, am Zusammenarbeiten und am Kompromisse schließen führt kein Weg vorbei. Daraus lässt sich ein meines Erachtens wichtiger Grundsatz für alle demokratischen Gesellschaften ableiten.
Eine demokratische Verfassung sollte immer von einer großen Mehrheit beschlossen werden.
Das ist sogar wichtiger als die konkrete Struktur einer Verfassung. Natürlich kann man bei einer Verfassung auch Fehler machen, doch innerhalb vernünftiger Grenzen gibt es zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten. Wichtig ist dabei der gesellschaftliche Konsens. Gibt es diesen, kann eine Verfassung funktionieren, gibt es ihn nicht, kann die gleiche Verfassung scheitern.
Ein Paradebeispiel ist der Staat Israel. Allgemein wird angenommen, dass in Bedrohungssituationen Verfassungen mit stärkerer Machtkonzentration und daher mit mehrheitsfördernden Wahlsystemen von Vorteil sind, weil ohne große Diskussionen schnell und effizient entschieden und gehandelt werden kann. Israel hat gezeigt, dass auch das Gegenteil funktionieren kann. Die Israelis haben ein ausgesprochen minderheitenfreundliches Wahlrecht, was die Regierungsbildung oft zur Nervenprobe werden lässt. Trotzdem haben die Israelis in den letzten Jahrzehnten schwierigste Situationen auch mit zahlreichen Kriegshandlungen überlebt. Der Wille zum gemeinsamen Überleben war schlussendlich stärker und das ist der entscheidende Punkt.
Das grundsätzliche Problem bleibt aber. Zersplitterte Parlamente sind oft handlungsunfähig oder träge. Eine zu große Machtkonzentration ist hingegen demokratiegefährdend, außerdem neigen Politiker, die sich oft für unfehlbar halten, dazu übers Ziel hinaus zu schießen. Dieses Problem war auch den Vätern der amerikanischen Verfassung bewusst, was zum berühmten Prinzip der „checks and balances“ geführt hat. Ein starker Präsident, der von einem starken Parlament kontrolliert wird. Allgemein gilt die Regel:
Je höher die Machtkonzentration umso wichtiger die Kontroll- und Schutzmechanismen.
Werden Verfassungsgesetze mit einfacher Mehrheit beschlossen, wird oft der gemeinsame Konsens verlassen, was schlimmstenfalls in der Entstehung einer Diktatur münden kann. Das gilt auch für Volksabstimmungen. Beispiele hierfür sind die verfassungsgebende Volksabstimmung in Ägypten, die in einer Militärdiktatur geendet hat und die Abstimmung zum Präsidialsystem in der Türkei, die de facto eine islamisch konservative Diktatur eingeführt hat.
Aus diesen Gründen lehne ich Verfassungsänderungen mit einfacher Mehrheit per Volksabstimmung prinzipiell ab.
Ausnahmen könnten Situationen sein, in denen eine große Mehrheit eines Parlamentes beschließt, eine umstrittene Frage per Volksabstimmung entscheiden zu lassen. Dann ist nämlich klar, dass beide Seiten mit beiden Ergebnissen leben können. Beispiel ist die Volksabstimmung über die Wehrpflicht in Österreich.
In den meisten Demokratien müssen daher Verfassungsgesetze mit 2/3 Mehrheit oder ähnlich großen Mehrheiten beschlossen werden.
Doch auch das kann problematisch sein, wenn man ein stark mehrheitsförderndes Wahlsystem hat. Das relative Mehrheitswahlrecht (Der Kandidat mit den meisten Stimmen im Wahlkreis gewinnt den Parlamentssitz, auch wenn er nicht die absolute Mehrheit hat) kann Parteien mit 30 – 40% Stimmenanteil mit sehr großen Mehrheiten in einem Parlament ausstatten. Dieses Übermaß an Macht ist demokratiegefährdend. Ein Beispiel ist Ungarn, wo eine Partei (Fidesz) praktisch ihr Parteiprogramm in die Verfassung geschrieben hat und zunehmend demokratische Grundwerte nach eigenem Gutdünken und zum eigenen Vorteil demontiert.
Mehrheitsfördernde Wahlsysteme, die einzelne Parteien mit verfassungsgebenden Mehrheiten ausstatten, sind daher problematisch und sollten vermieden werden. Ebenso sollte es nicht möglich sein mit einfacher Mehrheit die Pressefreiheit einzuschränken oder die Gerichtsbarkeit insbesondere den Verfassungsgerichthof der Parteipolitik zu unterstellen, wie das in Ungarn, Polen, Russland und der Türkei geschieht. Dies führt zur gelenkten Demokratie einer Übergangsstufe in Richtung diktatorisches System.
Eine Lösung des Problems ist ein 2-Kammernsystem, von denen eine mit Verhältniswahlrecht die andere mehrheitsfördernd gewählt wird. Wenn die Verfassung mit 2/3 Mehrheit in beiden Kammern beschlossen werden muss, ist die Verhältniskammer eine Art Verfassungsschutz. Für einfache Gesetze kann man beide Kammern zusammenlegen und hat klare Mehrheiten.
Ein weiteres Problem ist die demokratische Gerechtigkeit. Eine 5%-Klausel hat den Effekt, dass alle, die zu kleine Parteien gewählt haben, keine Vertretung haben. Beim Mehrheitswahlrecht auch beim absoluten Mehrheitswahlrecht (Kandidat im Wahlkreis braucht absolute Mehrheit) ist dieser Effekt noch viel ausgeprägter. Beim relativen Mehrheitswahlrecht ist es sogar möglich, dass Personen gewählt werden, die von der Mehrheit abgelehnt werden, ein Klassiker ist der amerikanische Präsident Trump. Auch hier gibt es Lösungen. Eine Möglichkeit sind Reservestimmen auf Wahlzetteln oder Stimmübertragungen von wahlwerbenden Gruppen. Beim Persönlichkeitswahlrecht kann man mehrere Kandidaten pro Wahlkreis wählen lassen oder einfacher Listen- und Persönlichkeitsstimmen zusammenzählen. Ein kompletter Unfug sind Wahlsysteme bei denen die stärkste Partei einen Bonus bekommt. Hier wird die demokratische Ungerechtigkeit bewusst auf die Spitze getrieben. Von solchen Ideen sollten Sozialdemokraten und Grüne die Finger lassen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie man soziale Gerechtigkeit und demokratische Ungerechtigkeit unter einen Hut bringen kann. Außerdem können auch hier links- oder rechtsradikale Parteien Mehrheiten erlangen, Beispiel ist Syriza in Griechenland.
Was ich mit diesen Überlegungen zum Ausdruck bringen will ist folgendes: Mit der demokratischen Verfassung eines Landes spielt oder experimentiert man nicht! Sowas muss man sich in Ruhe und gemeinsam überlegen. Verfassungsänderungen in Wahlzeiten vorschlagen nur um parteipolitische Ziele zu erreichen, ist für mich Ausdruck von mangelndem Demokratieverständnis! Also Hände weg von der Verfassung! Und das sollte eigentlich für alle gelten, jedenfalls für alle, die sich Demokraten nennen!
Autor mittiwebVeröffentlicht am 24. September 2017 Schreibe einen Kommentar zu Die große Mehrheit
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