Source: http://www.deliberationdaily.de/2015/05/die-rettende-schnapsidee/?replytocom=33078
Timestamp: 2019-03-25 21:57:28+00:00

Document:
Die rettende Schnapsidee
by Ariane on 17. Mai 2015
Als vor kurzem im Mittelmeer über 700 Menschen an einem Tag ertranken, war die Bestürzung groß. Zwar ist es mittlerweile traurige Routine, dass Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, aber ab einer gewissen Größenordnung kann auch die Politik dies nicht mehr ignorieren. Statt die Flüchtlinge in den Mittelpunkt der Überlegungen zu stellen, will die EU lieber Krieg gegen die Schleuser spielen.
Selbst de Maizière, der noch kurz vorher Wasserleichen als wirksame Abschreckung für weitere Flüchtlinge bezeichnet hatte, sprach sich nun dafür aus, irgendetwas zu tun.
Also traf man sich auf einem Gipfel, sogar einem Sondergipfel, um Handlungsmöglichkeiten zu erörtern. Dabei kamen viele alte Schläuche wieder aufs Tableau: Seenotrettung à la Mare Nostrum, das Italien letztes Jahr allein finanziert hatte und das jetzt ausgelaufen ist, ebenso wie eine bessere Verteilung der Flüchtlinge oder die Schaffung von legalen Möglichkeiten nach Europa.
Wirklich voran ging es aber nicht, zwar wurden einige weitere Schiffe für die Seenotrettung abgestellt, bei Verteilung und Schaffung von legalen Einreisemöglichkeiten blieb es aber bei Ideen für einige kärgliche Pilotprojekte.
Alles in allem hatte man auf diesem Gipfel eigentlich nicht viel vorzuweisen. Bis…ja bis jemand auf die rettende Idee kam: Ich hab’s: die Schleuser sind doch die Bösen, da müssen wir was tun!
Endlich war etwas gefunden, mit dem die EU sich moralisch einwandfrei engagieren könnte, ohne irgendwo mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Eventuell kämen damit sogar wenige Flüchtlinge über das Mittelmeer. Die würden dann zwar vermutlich statt im Meer in Libyen sterben, aber da schaut ja niemand so genau hin.
Dass die EU-Staaten die Schleuserbekämpfungsidee aus dem Hut zaubert, um ihren Gipfel doch noch als Erfolg zu verkaufen, ist ja verständlich. Mittlerweile arbeitet man aber mit beeindruckender Effektivität daran, diese Idee auch wirklich umzusetzen. Dies beinhaltet soviele verrückte Gedankengänge, dass man sich eigentlich nur an den Kopf fassen kann.
Zunächst wurde die Außenbeauftragte Mogherini nach New York entsandt, um zu versuchen, ein UN-Mandat für eine Militäroperation gegen die Schleuserbanden zu bekommen. Also steht die gute Dame nun allen Ernstes und mit aller Chuzpe in New York und bezeichnet die ausgemergelten Gestalten auf ihren Schlauchbooten als Bedrohung des Weltfriedens und Gefahr für die internationale Sicherheit. Darauf muss man erstmal kommen. Mogherini wird dafür nicht schallend ausgelacht, sondern ihr Anliegen könnte durchaus Erfolg haben. Präzedenzfälle gibt es jedenfalls. Völkerrecht, was ist nur aus dir geworden?
Ein UN-Mandat hätte den Vorteil, dass man sich nicht mehr mit der libyschen Souveränität abplagen müsste, denn dort lauern weitere Hindernisse. Dummerweise ist Libyen nämlich gerade ein halb zerfallener und im Bürgerkrieg befindlicher Staat. Es gibt zwei konkurrierende Regierungen, eine anerkannte, die allerdings kaum Macht hat, und eine islamisch geprägte nicht anerkannte. Zudem toben sich noch etliche Milizen im Land aus, die vermutlich auch mit den Schleuserbanden paktieren. Zwar bemüht sich die EU um die Erlaubnis beider Regierungen, um an Land und/oder zu Wasser Militäroperationen durchführen zu dürfen, ob es diese Erlaubnisse bekommt und das überhaupt etwas nützt, darf bezweifelt werden.
Neben der völkerrechtlichen Probleme bleibt natürlich noch das größte Rätsel bestehen: die Frage nach der Durchführung. Auch hier kursieren solch aberwitzige Ideen, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.
Hauptziel des EU-Militäreinsatzes soll es sein, von Schleuserbanden genutzte Schiffe zu zerstören, bevor sie zum Transport von Flüchtlingen genutzt werden können.
Da die Flüchtlinge nicht auf großen, gekennzeichneten Schiffen reisen, sondern mit kleinen, altersschwachen Kähnen oder sogar Schlauchbooten bleibt es ein Rätsel, wie man diese denn rechtzeitig als Schleuserschiff identifizieren und dann auch noch zerstören könnte. Also wird mittlerweile auch schon über Bodentruppen diskutiert, die dann direkt an der libyschen Küste die Schleuserboote zerstören soll und/oder die Schleuser festsetzen könnte. Man kann sich leicht ausrechnen, welche Masse an Soldaten nötig ist, um tatsächlich effektiv gegen Schleuser vorzugehen. Mal abgesehen davon, dass Libyen sicher nicht glücklich damit sein wird, soviele Bodentruppen auf seinem Gebiet zu haben und es zudem noch wahrscheinlich ist, dass NATO-Soldaten in Gefechte mit der Miliz verwickelt werden.
Um es kurz zu machen: die ganze Idee einer Militäroperation gegen Schleuserbanden mag für die EU imagetechnisch ein Segen sein. Man kann sich auf die Fahne malen, dass man irgendwie gegen das Flüchtlingselend ankämpft und muss dafür nicht mal weitere Flüchtlinge ins Land holen. In der Praxis aber, ist das ganze an Wahnwitz eigentlich nur schwer zu überbieten. Wie es momentan aussieht, könnte eventuell schon im Juni mit den ersten Militäroperationen zu rechnen sein. Sollten wirklich alle Pläne inklusive Bodentruppen eingesetzt werden, hätte man alleine von den Kosten vermutlich leicht ganz Libyen aufnehmen können anstatt die unsinnigste Militäraktion seit jeher zu starten.
In Dubio 17. Mai 2015, 17:12
Schön, Du weißt, was Du abzulehnen hast. In welche Richtung Du jedoch politisch tendierst, lässt Du mit keinem Wort erkennen. Ein Kommentar ohne Position?
Kning 17. Mai 2015, 20:14
Ich habe auch meine Probleme mit dieser Schleuser-Belämpfungsmission. Wie soll das praktisch funktionieren? Überwachen wir künftig sämtlichen Schiffsverkehr von Libyen ausgehend und bringen die erforderlichen Schiffe auf? Oder zerstören wir mittels Luftschlägen irgendwelche Kähne in den Häfen von Tripoli bis Benghazi?
Aus meiner Sicht muss man sich die Hintermänner schnappen, irgendwer muss ja am Ende durch die Schlepperei verdienen – mit geheimdienstlichen Mitteln gepaart mit entsprechenden militärischen Operationen wird man diesen Organisationen sicherlich mehr schaden können, wie eine Schiffe versenken Mission der EU / NATO.
Ariane 17. Mai 2015, 21:05
Na der Artikel beschäftigt sich vornehmlich mit den Militärplänen, da sollte meine Position doch deutlich geworden sein. Ansonsten wäre es mir – in guter liberaler Tradition – am liebsten, jeder könnte dahin reisen, wo er möchte.
Ich weiß aber, dass es nicht so einfach ist, mit legalen Einreisemöglichkeiten und einer besseren Verteilung wäre ich auch schon zufrieden. Der Mann meiner Cousine kam in den 70ern aus dem Senegal nach Europa und heute klingt es aberwitzig, wenn er davon erzählt. Er war kein Flüchtling, wollte wollte nur ein besseres Leben, er konnte problemlos und mit einem normalen Boot einreisen und Aufenthaltsgenehmigungen waren nie ein Problem (mittlerweile ist er längst deutscher Staatsbürger). So wie wir einfach nur wahnsinniges Glück hatten, im richtigen Land geboren worden zu sein, hatte er das Glück in der richtigen Zeit geboren zu sein.
Jep, an der Küste sind ja auch nicht nur Schlepper unterwegs, da gibts ja auch noch normale Fischerboote und so. Die NATO müsste wohl die ganze Küste abriegeln und das geht schlecht. Ich glaube aber generell nicht, dass man da militärisch etwas erreicht. Libyen ist voll mit Flüchtlingen, vermutlich reicht schon ein kleines Schlauchboot, um als Schlepper Geld zu verdienen. Selbst wenn man alle Hintermänner „mal eben“ aus dem Weg räumt, kommen genausoviele nach.
Stefan Pietsch 18. Mai 2015, 05:44
In wieviel Prozent passiert dies? Das ist und war nie die normale Geschichte. Wie hast Du mir vor ein paar Tagen vorgehalten? Verallgemeinere nicht Deine Erfahrungen. Und meinst Du, wenn wir die Besten hier aufnehmen – wie Deinen Bekannten aus dem Senegal – würde es auf Dauer den Menschen in Afrika besser gehen? Weil sie Chancen haben, die ihre Landsleute nicht haben?
Anläßlich der Urlaubsplanung 2016 bekam ich die Weltkarte eines großen Touristikkonzerns. Überall auf der Welt ist rege Aktivität. Überall? Nein, Afrika ist ein einziger, dunkler Fleck. Und so sieht es auf jedem Gebiet aus. Das willst Du also dadurch ändern, dass Du es den Befähigtsten ermöglichst bzw. leichter machst, das Land zu verlassen. Das finde ich eine durchdachte Entwicklungspolitik.
Ariane 18. Mai 2015, 10:19
Achso, wir riegeln also unsere Grenzen aus reiner Menschenfreundlichkeit ab?
Natürlich ist die eigentliche Lösung Stabilität und bessere Lebensbedingungen in den afrikanischen Ländern. Aber das ist ein Fernziel und nicht gerade einfach. Du wirst mir sicherlich zustimmen, dass einfach ein bisschen mehr Entwicklungshilfe nicht der große Durchbruch sein wird. Zudem kommen momentan die meisten Flüchtlinge aus Syrien, Somalia und Eritrea, da sind die Probleme erst recht nicht mit Entwicklungshilfe zu lösen.
Wenn wir einfach nur unsere Grenzen immer strikter abriegeln, bleiben auch nicht mehr Menschen in ihren Heimatländern und „tun dort Gutes“. Sie sterben halt nur auf dem Mittelmeer oder in Libyen. Die Leute sind doch nicht blöd, die wissen, dass sie ihr Leben damit aufs Spiel setzen und trotzdem wagen sie es, weil es in ihren Heimatländern noch schlimmer ist.
In Dubio 18. Mai 2015, 10:43
… und wenn wir die Grenzen hoch die Tor weiter aufmachen, löst Du auch kein Problem. Es werden viele kommen und die, welche sich den Flieger nicht leisten können, werden sich Dubiosen anvertrauen. Das ist ein unendliches Spiel, Ariane. Dann werden halt die einen nicht sterben, sondern die anderen. Ihr tut immer so, als gäbe es keine empirischen Erfahrungen. Das macht mich in einer Debatte wahnsinnig. Vor 15 Jahren legalisierte die rot-grüne Bundesregierung die Prostitution mit dem Ziel, Frauen nicht länger Zuhältern auszuliefern. Nun gibt es zwar immer noch Zuhälter, aber auch fleißigen Zuzug aus Osteuropa, wo die Frauen nicht wenig ausgebeutet werden. Hoch die Tor hat am Problem gar nichts verändert.
Bessere Lebensbedingungen auf dem afrikanischen Kontinent stehen auf der Agenda, seit ich politisch denken kann. Seit dem haben sich China und andere asiatische Staaten von Entwicklungsländern zu boomenden Regionen gemausert, nicht jedoch die afrikanischen Staaten.
Ohne Nation- und Staatsbildung bleibt das hoffnungslos. Nur, um einen Staat zu bauen, ist der ständige Braindrain tödlich. Ihr Linken seid gegen alles: Bürgerkriegskonflikte mit Hilfe externen Militärs lösen, um die Voraussetzung zur Staatsbildung zu schaffen. Okay. Die Menschen dazu zu bringen, in ihrem Land einen Staat zu bauen? Geht auch nicht. Die Lösung für Euch Linke ist stets: sollen sie doch ihren Staat hier bauen. Die Frage, die Ihr in diesem Wohlfühlbad nicht stellt: was passiert eigentlich mit denen, die zurückbleiben? Fernziel, klar. Wann ist eigentlich das, was irgendwann mal fern war?
Soweit Du auf Fairness stehst, müsste das Mehr an Einwanderern nach Großbritannien, Irland, Polen und andere Staaten gehen. Verträgt sich das mit Deinem guten Gewissen oder mit der Vorstellung von Fairness? Von einem Prinzip wirst Du Dich verabschieden müssen. Linke verzichten in der Mehrheit lieber auf Fairness als auf das gute Gewissen…
Ariane 18. Mai 2015, 11:30
Es geht mir auch erstmal nicht darum, ein Problem zu lösen, sondern den Menschen zu helfen. Und so eine naive Sicht bin ich von dir gar nicht gewohnt: meinst du denn, wenn die Syrer und Somalier zu Hause geblieben wären, würden ihre Heimatstaaten nun nicht total kaputt sein, sondern aufstrebende Nationen?
Und wirf doch nicht immer alle Linken in einen Topf, ich bin nicht antimilitaristisch. Wenn wir über militärische Lösungen diskutieren, wäre ich viel eher dafür in Syrien einzugreifen, statt auf Schlepperfang zu gehen oder statt in Somalia nur Piraten zu fangen, umfangreicher einzugreifen. Das wäre zwar teuer und riskant und man müsste endlich anfangen, militärische und politische Lösungen besser miteinander zu verknüpfen, aber womöglich effektiver als das Militär auf die Symptome zu jagen.
Und ja, dann kämen eben mehr Einwanderer nach Deutschland, GB oder Polen. Wir heulen doch immer rum, dass wir aussterben und hier niemand mehr Altenpfleger oder LKW-Fahrerin werden will. Diese Wanderungen sind auch ganz normal, früher gingen die Polen ins Ruhrgebiet und die Iren in die USA, heute eben Afrikaner nach Europa. Warum konnte denn mein Bekannter so einfach vom Senegal nach Frankreich & Deutschland reisen und bekam Aufenthaltsgenehmigungen? Weil Arbeitskräfte gefragt waren.
Das ist politisch schwierig, weil die Leute Angst vor Fremden haben, aber hier ist auch die Politik gefragt, dagegen zu steuern und kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen.
In Dubio 18. Mai 2015, 12:51
Wir wollen den Menschen seit der Äthiopien-Hilfe und „Last Christmas“ helfen und später Probleme lösen. Das ist über 30 Jahre her. Anscheinend ist der Erfolg überschaubar. Wann willst Du mit dem Problemlösen anfangen? Zwischenzeitlich haben wir die Abschaffung der Apartheid gehabt und das scheint Südafrika auch nicht gerade gut getan zu haben. Ariane, wir können uns nicht Jahrzehnte Zeit nehmen, um mit dem Problemlösen anzufangen und zwischenzeitlich halt einfach „Menschen helfen“. Ich weiß, dass ist der Linken liebste Beschäftigung, am liebsten mit dem Geld anderer Leute und auf dem Rücken anderer.
Eine Banalität: Somalier sind keine Polen. Wären die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent vergleichbar zu Westeuropäern oder Nordamerikanern ausgebildet, wäre Statebuilding wahrscheinlich nicht das größte Problem. Du importierst die Stammesprobleme aus Afrika nach Europa, das hört sich für mich nicht nach einer gescheiten Strategie an.
Was meinst Du, warum in Frankreich seit Jahrzehnten der Front National eine bestimmende Größe der Politik ist? Weil ein nicht unwesentlicher Teil der Franzosen nicht verstanden hat, das Schwarze Menschen wie Du und ich sind? Frankreich ist aufgrund des hohen Staatsanteils eine egalistischere Gesellschaft als Deutschland – und eine rassistischere. Welche Probleme Menschen aus anderen Kulturkreisen verursachen, wissen wir Deutsche doch auch. Wir haben kein Problem mit Zuwanderern aus Spanien oder Italien, wohl jedoch gravierende aus dem moslemischen und arabischen Raum.
Leider kommen nicht die Menschen, die wir bräuchten. Diese ziehen andere Staaten vor. Es ist keine Alternative, stattdessen Menschen immigrieren zu lassen, wo die kulturellen Probleme größer sind als das Potential. Und vielleicht kannst Du mir den Vorteil eines Sozialarbeiters – zu dem Beruf gehört immerhin auch eine gewisse Eignung und Neigung! – erklären, der sein wichtigstes Kommunikationsmittel, die Sprache, nur bedingt einsetzen kann, da er Jahre gezieltes Lernen (und Lernbereitschaft) benötigt, sich verständigen zu können?
Überhaupt: Du magst keine unangenehmen Fragen, Du deckst lieber alles Unangenehme zu. Das ist tatsächlich keine Lösungsstrategie. Wie war das nochmal bei Deiner Entscheidung zwischen Fairness (andere Staaten müssen sich bei der Aufnahme erst angemessen beteiligen) und gutem Gewissen („Ich will Menschen helfen, als erstes durch Aufnahme in Deutschland“)? Und welche Menschen willst Du retten und wieso glaubst Du, dann würden weniger Flüchtlinge sterben? Farbe bekennen, nicht ausweichen!
Ariane 18. Mai 2015, 14:06
Stammesprobleme importieren, kulturelle Probleme, Apartheid war supi -> merkst du eigentlich noch, was du da schreibst? Oo
Ich rede nicht von ein bisschen Last-Christmas-Hilfe, die Entwicklungshilfe bräuchte eine komplette Umstrukturierung und auch das kann nur bedingt helfen, wenn die Länder im Bürgerkrieg versinken. Das Mittelmeer wie momentan als Massengrab zu belassen, halte ich für nicht vertretbar – schon gar nicht von einer EU, die gerade freudestrahlend den Friedensnobelpreis angenommen hat.
Du machst es dir ebenfalls einfach, du erwartest irgendeine allumfassende Speziallösung, und dass währenddessen Menschen draufgehen ist halt Pech und kümmert dich nicht weiter. Das ist ebenfalls eine sehr einfache Sicht und lässt dich mit reinem Gewissen zurück, also brachst du mir das nicht vorwerfen.
Und wer bestimmt denn, welche Menschen wir bräuchten und warum wollen die wohl nicht zu uns? Ich sprach auch nicht von Sozialarbeitern, sondern von Altenpflegern und LKW-Fahrerinnen, momentan sind es übrigens gerade die Hochgebildeten, die nach Deutschland kommen und mit ihrem Doktortitel dann in einem Flüchtlingsheim sitzen und nicht mal ne Straße kehren dürften. Das ist doch absurd. Legale Einreisemöglichkeiten, Sprach- und Weiterbildungskurse wären doch schon mal ein Fortschritt. Die Flüchtlinge als vertrottelte und gefährliche Mitesser anzusehen ist auf jeden Fall nicht zielführend.
In Dubio 18. Mai 2015, 15:33
Ist irgendetwas daran falsch, was ich schreibe, außer, dass es politisch nicht korrekt ist?
Ich kann nicht einfach nach Kanada, USA oder Australien einwandern, ich muss etwas vorweisen. Du vermischt gezielte Einwanderungspolitik mit Flüchtlingspolitik. Etwas typisch Linkes: bastle aus mehreren Problemfeldern eine Lösung. Flüchtlinge sind nicht automatisch diejenigen, die wir auf dem deutschen Arbeitsmarkt brauchen. Dazu bräuchtest Du nicht mich, sondern einen offenen Blick auf die bundesrepublikanische Migrationsgeschichte. Welches Land käme auf so eine geniale Idee, wie Du sie formulierst? Du hast noch nichts davon gehört, dass es Deutsche mit Migrationshintergrund Türkei oder aus dem arabischen Raum besonders schwer auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben (oder es sich schwer machen)? Ach so, das liegt am Namen? Na, da sollen sich die ignoranten Unternehmen mal zusammenreißen und dem jungen Türkischstämmigen mit radebrechendem Deutsch eine Chance geben! Oder zumindest noch Sprachkurse und Weiterbildungsmaßnahmen spendieren!
Weißt Du, wir benötigen 12 Schuljahre plus ein paar Studienjahre, um in Westeuropa eine Auslese hervorzubringen, die Potential für Karrieren hat. Mir ist nicht bekannt, dass eine einzige Universität auf dem schwarz-afrikanischen Kontinent einen Ruf genießt, der mit einer europäischen oder nordamerikanischen Hochschule konkurrieren könnte. Und glaubst Du, darunter sieht es besser aus? Es ist schon kaum möglich, die Schulabschlüsse Afrikas mit Europa vergleichbar zu machen, trotzdem reden Linke so gerne von „gut ausgebildeten Fachkräften“. Woher sie das ohne Vergleich wissen? Ach so, Linke brauchen keinen Vergleich. Was ich sagen will: bei Migranten aus diesen Weltregionen darfst Du getrost einige Jahre Weiterbildung drauf packen und bekommst doch ein gesichertes Ergebnis. Bekanntlich lernen Menschen im Kindes- und Jugendalter am schnellsten, die Flüchtlinge sind jedoch mehrheitlich zwischen 20 und 40 Jahren. Hier soll die Gesellschaft ein Rieseninvestment stemmen mit höchst unsicherer Rendite – vorsichtig ausgedrückt. Wenn’s schief geht, bekommst Du Verhältnisse wie in Frankreichs Großstädten oder den amerikanischen Ballungsräumen. Diese Kosten muss eine Gesellschaft mitberücksichtigen.
Handel und Touristik als wichtige Quelle für Auslandsinvestitionen fallen in Afrika weitgehend aus wegen der grassierenden Piraterie. Aber die, so habe ich von Dir gelernt, ist ja nicht so ein großes Problem. Liebe Ariane, das sind keine Errol Flynn-Typen und mit „Fluch der Karibik“ Flair hat das auch nichts zu tun.
Ich habe Altenpfleger unter dem Oberbegriff „Sozialarbeiter“ subsummiert. Und dass wir einen erhöhten Bedarf an LKW-Fahrern, gerne auch in der weiblichen Form, hätten, wäre mir neu. Ich dachte, dass Speditionsgewerbe wird weitgehend in osteuropäische Staaten ausgelagert? Daneben: weißt Du, wie lange Du für einen LKW-Führerschein benötigst? Immerhin, eine lustige Idee.
In Dubio 18. Mai 2015, 15:52
Du glaubst also, das Mittelmeer würde als Massengrab trocken gelegt, bekäme nur jeder Afrikaner die Möglichkeit, per Flugticket in München einen Asylantrag zu stellen oder Duldung erhalten, bis alle Probleme in Nigeria oder Mosambik gelöst seien? Nochmal, die Frage scheint bei Dir nicht angekommen zu sein: hat die Legalisierung der Prostitution in Deutschland irgendetwas am Elend osteuropäischer oder afrikanischer Prostituierten geändert? Wenn nicht, was lässt sich daraus für die europäische Flüchtlingspolitik lernen?
Ich setze Deinem, vorsichtig ausgedrückt, naiven Glauben eben die These entgegen, dass es durch eine Lockerung der Visa-Vergaben nicht weniger Tote gäbe, sondern eben nur andere.
Warum bekommen die Europäer Revolutionen hin und Afrikaner enden im Bürgerkrieg? Und wenn wir so nächstenliebend sind, warum ziehen wir den Schutz aus Afghanistan ab, wohlwissend, dass das Land danach zum Bürgerkrieg zurückkehrt?
Ich beschäftige mich mit solchen Fragen unter verschiedenen Aspekten, auch meines christlichen Glaubens. Soweit wir der Überlieferung glauben, hat Christus es nicht befürwortet, dass Menschen vor Problemen in ihrem Umfeld davonlaufen. Und er maß begüterten Menschen – und jene, die kommen, gehören in ihrem Herkunftsland eher zu den besser Gestellten – eine besondere Verantwortung für ihre Mitmenschen zu. Wenn nicht Menschen mit besserer Bildung und höherer Intelligenz zum Aufbau eines Staates und Führung eines Landes wie Unternehmen bestimmt sind, wer dann, Ariane? Natürlich, menschlich ist es zu verstehen, dass diese Menschen fliehen. Aber genauso verständlich ist es, dass Nationen aus völlig anderen Kulturkreisen zurückhaltend sind oder sich sogar weigern, sich alle Probleme dieser Welt auf den Rücken zu klemmen.
Stefan Sasse 18. Mai 2015, 17:22
Stefan, das Problem ist nicht deine politische Unkorrektheit, sondern schlichtweg dein mangelndes Fachwissen. Und das ist in dem Fall auch nichts, das sich eben mit einer Managment-Anekdote überspielen lässt. Du hast im Grundgedanken völlig Recht, dass das eigentliche Problem die mangelnde Entwicklung in den afrikanischen Staaten ist und dass die Erfolge der klassischen Entwicklungshilfe sehr übersichtlich sind. Gleichzeitig aber hat Ariane Recht wenn sie sagt, dass diese Problematik zu erkennen und zu benennen an der Flüchtlingsproblematik nichts ändert. Einem somalischen Arzt zu sagen, dass er zuhause, wo irgendwelche islamistischen Milizen ihn jederzeit um die Ecke bringen dringend gebraucht werden würde ist, gelinde gesagt, nicht zielführend. Natürlich ist das so. Aber die Leute im Mittelmeer ersaufen zu lassen baut auch keine Staaten auf, und solange es in diesen Ländern so aussieht, ist das Risiko zu ertrinken deutlich geringer als das, beim Marktbesuch gesprengt oder erschossen zu werden.
Jede Lösung des Problems, sofern man überhaupt eine unternehmen will, kann daher nur zweigleisig erfolgen: humanitäre Hilfen für die Flüchtlinge jetzt, und nachhaltige Entwicklung mittel- und langfristig. Für jeweils nur eine der beiden Lösungen zu argumentieren ist aber schlichtweg Unfug. Außerdem ist es nicht so, dass eine Dialektik zwischen ersaufen lassen und permanenter Einwanderung besteht. Deutschland hat in der Vergangenheit Flüchtlinge aus anderen Krisenregionen aufgenommen, die wieder zurückgekehrt sind als es die Lage erlaubte. Warum dies für Afrika nicht auch funktionieren soll erschließt sich so nicht.
In Dubio 18. Mai 2015, 19:14
Ich habe weder geschrieben noch implizit gemeint, man solle die Menschen im Meer ersaufen lassen. Wenn jemand aus seiner Heimat flieht, wird er triftige Gründe haben. Aber es ist das eine, Verständnis und Mitgefühl zu haben. Etwas anderes ist es jedoch, daraus den Schluss zu ziehen, man müsse es Flüchtlingswilligen aufgrund der Umstände nur möglichst einfach machen, ihr Umfeld hinter sich zu lassen, um eine bessere Welt zu schaffen. Es wird, so legal Du die Geschichte auch gestaltest, immer wieder Menschen geben, die versuchen, illegal nach Europa zu kommen und dabei große Risiken in Kauf nehmen. Das ist das, was ich nun dreimal geschrieben habe und wo weder Du noch Ariane eine Antwort – geschweige denn eine überzeugende – findet. Entweder Ihr lest meine Argumentation nicht, oder Ihr wollt Euch nicht mit dem Kern auseinandersetzen.
Und auch mit dem zweiten Punkt weigert Ihr Euch beharrlich, darauf einzugehen: soweit sich Europa entschließt, die Bedingungen zu lockern, müssten erst einige andere Staaten Kontingente anbieten und tausende Flüchtlinge aufnehmen, bevor Deutschland in der Pflicht wäre und hier mehr Syrer zuwandern könnten.
Es ist das eine, ein Argument einmal zu ignorieren. Spätestens, wenn es ein zweites Mal gebracht wird, bedarf es einer Erwiderung.
Deutschland hat Anfang bis Mitte der 1990er Jahre viele Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien aufgenommen, da in deren Heimatland ein Bürgerkrieg tobte. Europa hatte es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Krieg mit friedlichen Mitteln zu beenden – und scheiterte mit furchtbaren Ergebnissen. Als der Bürgerkrieg zu Ende war, gab es hier zahlreiche Initiativen, welche eine Rückführung von Menschen, die 8 – 10 Jahre außerhalb ihres ursprünglichen Kulturkreises gelebt hatten, als menschenunwürdig betrachteten. Dass die Rückführung tatsächlich nicht so problemlos funktionierte, kannst Du an beispielsweise an den vielen Fußballern mit kroatischen und bosnischen Wurzeln im Alter von 20-30 Jahren ermessen, welche heute die Liga bereichern. Und auch der Täter im Falle Tugce ist eine Folge der damaligen Flüchtlingspolitik.
Die Pointe: die Rückführung der Bürgerkriegsflüchtlinge konnte erst beginnen, nachdem die USA den Konflikt gewaltsam beendet hatten, während Europas friedfertige Mittel das Leid eher vergrößert hatten.
Stefan Sasse 18. Mai 2015, 20:07
Ich argumentiere auch nicht für die Schaffung einer besseren Welt hier.
Zum zweiten Punkt: ja, von mir aus. Das hat doch auch gar keiner in Abrede gestellt.
Ralf 18. Mai 2015, 18:34
Jede Lösung des Problems, sofern man überhaupt eine unternehmen will, kann daher nur zweigleisig erfolgen: humanitäre Hilfen für die Flüchtlinge jetzt, und nachhaltige Entwicklung mittel- und langfristig.
Bedauerlicherweise wird es beides nicht geben. Wirkliche Hilfe fuer die Fluechtlinge wuerde die Aufnahme in Europa bedeuten und man muesste den Fluechtlingen eine echte Chance geben sich hier ein neues Leben aufzubauen. Dafuer gibt es aber keine politischen Mehrheiten. Es gibt dafuer auch keine Mehrheiten im Volk, wo zwar Traenen vergossen werden, wenn mal wieder 700 Menschen im Mittelmeer versinken, waehrend man gleichzeitig gegen das Asylbewerberheim im eigenen Stadtteil demonstriert.
Und die nachhaltige Entwicklungsloesung in Afrika ist ebenfalls extrem unrealistisch. Wer’s noch nicht gelesen hat, dem empfehle ich zum Thema Peter Scholl-Latours „Afrikanische Totenklage“. Afrika zu befrieden wuerde bedeuten den maechtigsten Staaten der Welt sowie globalen Grosskonzernen entgegenzutreten, die dort ihre Interessen verteidigen. Wie wahrscheinlich es ist, dass das passieren wird, koennen wir uns alle an zwei Fingern abzaehlen.
Wer das anzweifelt, der sollte uebrigens eine einleuchtende Antwort parat haben, weshalb es eigentlich nicht schon seit Jahren Frieden und Wohlstand in Afrika gibt. Offensichtlich ist es eben nicht genug zu Weihnachten ein paar Brotkrumen dorthin zig schicken, waehrend man gleichzeitig „nuetzliche“ Diktatoren und ihren Cliquen stuetzt …
lemmy caution 18. Mai 2015, 20:00
In IT-Projekten ist es relativ normal mit gutausgebildeten Leuten aus Entwicklungsländern zusammenzuarbeiten. Pakistani, Inder, Palästinenser, Marokkaner, Tunesier sind in meinem Umfeld eher schon normal, aber auch Kamerun kommt vor. Das sind teilweise Leute, die in ihrer Kindheit zur Schule 1 Stunde durch irgendwelche sicher sehr idyllischen Berglandschaften latschen mussten oder ihre ersten von der Arbeit ersparten 70.000 Euro nicht in die Anzahlung in ein Haus stecken sondern in die Gesundheitskosten der letztlich dann doch gestorbenen Mutter. Auf dieser Ebene der Einzelschicksale halte ich die brain drain Argumentation für nicht mehr haltbar. „Gehe hin und missioniere die deinigen, dass sie das Licht der persönlichen Produktivität sehen“…
Nation Building würd ich als die Schaffung einer hinreichend kooperativen Gesellschaft mit einem Mindestmass an zuverlässig allgemeinverbindlichen Regeln definieren. Und das ist verdammt schwierig. Ein Individuum muss sich an die lokalen Gegebenheiten anpassen, um nicht unterzugehen. Die wirken sich sehr negativ auf die persönliche Produktivität aus.
Auf der anderen Seite erschweren alle Gesellschaften, denen es ein wenig besser geht, den Zuzug von nicht absolut top ausgebildeten Immigranten aus Nachbarländern mit schwierigeren (Über) Lebensbedingungen. Da unterscheidet sich Europa oder die USA nicht wirklich von Ländern wie Chile oder Malaysia.
In Dubio 18. Mai 2015, 20:45
Das ist durchaus richtig, auch ich habe in Unternehmen mit 40 – 60 Prozent Ausländeranteil gearbeitet. Nur kam keiner aus Schwarz-Afrika.
Nation Building kann nicht von der Völkergemeinschaft verordnet werden, sie muss aus der Region selbst kommen. Die Entwicklungshilfeprojekte, die vor 20, 30 Jahren als modern galten („Brunnen bauen“) jedenfalls haben ihre Ziele nicht erreicht.
Next post: Arbeitsrecht zur politischen Hexenjagd?
Previous post: Streikende Klassenkämpfer – planwirtschaftlich organisiert

References: In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio