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Timestamp: 2020-07-03 11:27:24+00:00

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Aggiornamento als unverzichtbarer Bestandteil für die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche
Aggiornamento als unverzichtbarer Bestandteil
für die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche
Die katholische Kirche – das auf dem Weg befindliche Volk Gottes – muss immer wieder gemeinsam über den einzuschlagenden Weg neu reflektieren. Ein Rückblick auf 2000 Jahre Kirchengeschichte ist ein lebendiger Beweis für diese Aussage. Immer wieder gilt es die Frage nach einem „Heutig-werden" zu aktualisieren; die unaufgebbare jesuanische Botschaft verlangt immer wieder nach einer kreativen Neuübersetzung in die Sprache der jeweiligen Gegenwart. Ein „aggiornamento" ist und bleibt unverzichtbar – nicht nur im Bereich der Sprache, sondern auch im Bereich der geistlich-liturgischen Vollzüge. Das Wort „aggiornamento" bedeutet keineswegs Anpassung, wie es gelegentlich fälschlicherweise übersetzt wird, sondern das Bemühen, die Kirche so auf die „Höhe des Tages" zu bringen, dass die Botschaft des Evangeliums die Menschen unserer Zeit erreicht.
Aus der Sicht Johannes` XXIII. standen Kirche und Welt am Beginn seines Pontifikats vor gewaltigen Herausforderungen, die Gefahren und Chancen beinhalten, aber insgesamt hoffnungsvolle Perspektiven eröffnen könnten. Zu einer sich in einem rasanten Wandel befindlichen Welt musste die Kirche ihr Verhältnis neu bestimmen. Sie konnte nicht einfach in der Abwehrhaltung verharren wie bisher. Sie musste mit der Welt in einen Dialog kommen, und auch selbst einen Beitrag zur Lösung der Probleme der Moderne leisten, musste der Menschheit bei ihrer Suche nach Frieden, Gerechtigkeit und Einheit dienen und gleichzeitig neue Wege einer glaubwürdigen Verkündigung des Evangeliums finden.
Das Schlüsselwort Johannes` XXIII. dazu hieß „aggiornamento". Johannes XXIII. sah die Kirche nicht primär als eine festgefügte, dem Wandel der Zeiten enthobene Institution, sondern als eine lebendige Gemeinschaft, die immer neu auf die Erfordernisse der Gegenwart, die „Zeichen der Zeit", wie er es nannte, zu achten hat. Kein Museum sei die Kirche, so betonte er immer wieder, sondern ein lebendiger Garten. Was Johannes XXIII. vor Augen schwebte, war also eine Erneuerung der Kirche in der Besinnung auf das Evangelium und im Blick auf die Fragen unserer Zeit und der Beginn eines Dialogs mit der modernen Welt.
Von zentraler Bedeutung war dann die Ansprache Johannes` XXIII. bei der Konzilseröffnung am 11. Oktober 1962. Es wurde klar, dass dem Papst ein Konzil völlig neuer Art vorschwebte. Das Zweite Vatikanum sollte nicht einfach die geltende Lehre bekräftigen und auf keinen Fall Irrtümer verurteilen, sondern „mutig und furchtlos" in einem großen „Sprung nach vorn" „im Licht der modernen Forschungen und in der Sprache des heutigen Denkens" eine Antwort auf die „veränderte Situation und die neuen Lebensformen" der Gegenwart suchen. Das war neu. Noch niemals hatte ein Konzil das Ziel, die zeitgenössische Welt und ihre Probleme in den Blick zu nehmen, das Verhältnis der Kirche zu dieser Welt grundlegend zu überprüfen.
So wurde das Zweite Vatikanische Konzil ein Reformkonzil, und zwar Reform nicht als Wiederherstellung eines früheren Zustands, sondern in Sinn einer Selbsterneuerung der Kirche im Geist des Evangeliums und im Blick auf die Welt von heute. An erster Stelle also das Evangelium.
Grundsätzliche Bereitschaft zur Erneuerung
Im Unterschied zu allen früheren Konzilien nahm jedoch das Zweite Vatikanum auch die menschliche Erfahrung in den Blick, also die Entwicklungen der Gesellschaft, die Fragen, Hoffnungen und Probleme der Menschen der Gegenwart, und im Blick darauf fragte es, was in der Kirche geändert werden muss, damit sie das Evangelium in unserer Zeit glaubwürdig bezeugen und verkündigen kann.
Dabei sollte diese Reform kein einmaliger Akt sein, dessen Ergebnisse wiederum für alle Zukunft festgeschrieben würden, so dass nach der Durchführung der Konzilsbeschlüsse wieder eine Epoche begänne, in der sich nichts mehr ändert. Das Konzil wollte vielmehr eine grundsätzliche Bereitschaft zur Erneuerung wecken, die die Herausforderungen der sich ständig ändernden Welt zur Kenntnis nimmt und sich ihnen stellt. So heißt es in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute: Die Kirche soll sich „unter der Führung des Heiligen Geistes unaufhörlich erneuern" (GS 21). Sie hat „die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten" (GS 4).
Auch im Verhältnis zur heutigen Gesellschaft gilt als Grundprinzip der Dialog. Das Konzil wollte nicht von oben herab, gleichsam von der hohen Warte eines der Zeit entrückten Lehramts, Prinzipien verkünden und alle Zuwiderhandelnden tadeln. Es bemühte sich vielmehr, in einer grundlegenden Solidarität die Sachverhalte und die Probleme der Gegenwart zur Kenntnis zu nehmen und in einem offenen Dialog einen Beitrag zur Bewältigung dieser Probleme zu leisten. Dialog bedeutet aber immer Geben und Nehmen.
Daher betont das Konzil, dass die Kirche „von der Welt, sei es von einzelnen Menschen, sei es von der menschlichen Gesellschaft, durch deren Möglichkeiten und Bemühungen viele und mannigfaltige Hilfe zur Wegbereitung für das Evangelium erfahren kann" (GS 40), dass sie „der Geschichte und Entwicklung der Menschheit" vieles „verdankt", und dass sie „durch die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens" eine wirkliche „Bereicherung" erfährt (GS 44).
Daraus ergibt sich auch, dass das Konzil die Moderne nicht durchweg negativ, als Verfallsprozess, beurteilt, wie es so lange der Fall war, sondern dass es darin viel Positives findet, das die Kirche nicht verwerfen darf. Die Devise heißt daher nicht mehr wie vorher Widerstand und Abgrenzung, sondern Öffnung und Dialog. Die Kirche des Konzils will nicht als Machtfaktor und nicht in der Pose des allwissenden Lehrers auftreten, sondern als Gesprächspartner, der gemeinsam mit allen anderen um die Lösung der großen Probleme der jeweiligen Gegenwart ringt – nicht befehlend, belehrend oder fordernd, sondern argumentierend und sich um Verständigung bemühend. Das alles war als Aussage des höchsten kirchlichen Lehramts völlig neu.
Dieses neue auf die Welt zugehende Denken und Schauen ließ es als unverzichtbar erscheinen, ein neues Verständnis bzw. Verhältnis zur Tradition zu gewinnen. Tradition – so wurde vielen Konzilsvätern deutlich bewusst - ist ein lebendiger Prozess, in dem gewissermaßen zwei Horizonte miteinander verschmelzen, nämlich der Horizont der Botschaft Jesu und der Horizont der jeweiligen Lebenserfahrungen und Lebensverhältnisse der Menschen. Für manche Konzilsväter trug ein solches Verständnis bereits den Verdacht eines Verrats gegenüber der Kirchengeschichte in sich. Festzuhalten bleibt jedoch, dass ein versteinertes, nur nach rückwärts gewandtes Traditionsverständnis einen Verrat an der Tradition darstellt.
Für das neue Verständnis von Tradition spricht die Aussage im Artikel 8 der Offenbarungskonstitution „Dei Verbum", in dem es heißt:
„Die(se) apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt: es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte..., die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen" (Dei Verbum Art.8). Sie, die Kirche, das heißt, das ganze Volk Gottes, strebt unter dem Beistand des Heiligen Geistes der ganzen Wahrheit entgegen. Wer ihr entgegenstrebt, Kirche in der Spannung zwischen Vergangenheit und Zukunft befindet sich in einem Prozess, er hat nicht alles schon in der Hand. Wer hingegen meint, ein bestimmter Punkt in der Geschichte der Kirche, etwa das in der Etappe des Konzils von Trient im 16. Jahrhundert Erreichte, sei unveränderbar für alle Zeiten zu perpetuieren, und nur so sei mit der Tradition richtig umgegangen, der irrt.
Der Begriff der ´Zeichen der Zeit´ wurde ein für das Konzil zentraler Begriff. Johannes XXIII. hatte ihn ins Spiel gebracht. Er verstand unter den „Zeichen der Zeit" Hauptfaktoren einer Epoche und die sich daraus ergebenden Handlungsnotwendigkeiten. So sah er es zum Beispiel als „Zeichen der Zeit" an, wie er in seiner Konzilseröffnungsrede darlegte, „die Substanz der alten Lehre des Glaubenssatzes von der Formulierung ihrer sprachlichen Einkleidung (zu) unterscheiden."
In den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils begegnet der Begriff der „Zeichen der Zeit" an verschiedenen Stellen und in verschiedenen Zusammenhängen. Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes betont die grundsätzliche Pflicht, „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten" (GS Art. 4). Das Dekret über Dienst und Leben der Priester, Presbyterorum ordinis, hebt hervor, dass die Zeichen der Zeit zu deuten eine von Priestern und Laien gemeinsam zu übernehmende Aufgabe ist (PO Art. 9). Das Dekret über das Apostolat der Laien, Apostolicam actuositatem, stellt die Solidarität unter den Völkern als Zeichen der Zeit heraus (AA Art. 14) und das Dekret über den Ökumenismus, Unitatis redintegratio, sieht in der Aufgabe der Ökumene ein Zeichen der Zeit (UR Art. 4). Dabei hat man den Eindruck, dass sich das Konzil erst allmählich der Sprengkraft des Begriffs der „Zeichen der Zeit" bewusst wurde, der im Übrigen erst in der nachkonziliaren Diskussion klarere Konturen annahm.
„Zeichen der Zeit" „sind solche Vorgänge, die aus unterschiedlichen Antrieben und Motivationen herstammend, von der Kirche als geistgewirkt anerkannt werden. Weil die Kirche in ihnen das Wirken des Geistes erkennt, ist sie gehalten, diese Tendenzen und Vorgänge aufzunehmen und zu befördern. Johannes XXIII. nennt in solchem Kontext etwa die die Aufhebung der Benachteiligung der Frauen auf Grund ihres Geschlechtes in der modernen Gesellschaft. Auch hier gilt, dass die tiefsten Wurzeln der Frauenemanzipation im Ratschluss Gottes und im Zeugnis der Schrift entdeckt und durch allgemeine Vernunftgründe bekräftigt wurden, wenngleich der moderne Feminismus sich auch aus vielen anderen Quellen speiste. So gilt auch von den Zeichen der Zeit, dass das Evangelium bei gleichzeitiger Leugnung der Zeichen der Zeit nicht glaubwürdig verkündet werden kann." Hünermann – In: Heft Werbick/Unterburger : S.164
Die Pastoralkonstitution hatte zum Ausdruck gebracht (s.o), die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten. Das stellte ein erstes Herantasten dar. In Artikel 44 wird die Pastoralkonstitution gewissermaßen mutiger, indem sie, ohne den Begriff der „Zeichen der Zeit" ausdrücklich zu nennen, sagt:
„Es ist(jedoch) Aufgabe des ganzen Gottesvolkes, vor allem auch der Seelsorger und Theologen, unter dem Beistand des Heiligen Geistes auf die verschiedenen Sprachen unserer Zeit zu hören, sie zu unterscheiden, zu deuten und im Licht des Gotteswortes zu beurteilen, damit die geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfasst, besser verstanden und passender verkündet werden kann" (GS Art. 44).
Auffallend an diesem Text ist, dass hier ist die Rede von den „Sprachen unserer Zeit" ist. Darunter darf man in einem weiteren Sinn den Wahrnehmungshorizont, oder im Plural, die Wahrnehmungshorizonte der Menschen unserer Zeit verstehen. Über den Wortlaut dieser Stelle hinaus, der sich ja immer noch „vor allem" an die Seelsorger und Theologen richtet, wird in der nachkonziliaren Diskussion noch deutlicher, dass die „Zeichen der Zeit" wahrzunehmen, sie gewissermaßen in die Nase zu bekommen, ohne dabei schon zu einer abschließenden Deutung zu kommen, vor allem in die Kompetenz der einfachen Leute, der Menschen an der Basis, an der kirchlichen Basis, falle. Man bezeichnete diese Basiskompetenz als die „theologale Erfahrung" der Menschen. Deshalb hatte ja schon Gaudium et spes von dieser Aufgabe als der Aufgabe des ganzen Gottesvolkes gesprochen und das ganze Gottesvolk betont an den Satzanfang gestellt, bevor dann eine Differenzierung erfolgte.
Die kontroversen Auseinandersetzungen über die Ausgestaltung eines „Heute-Werden" der Kirche begannen bereits während des Konzils und ziehen sich seit dieser Zeit wie ein „roter Faden" durch die Kirchengeschichte der letzten fünfzig Jahre. Während die Skeptiker gegenüber einem „aggiornamento" fürchten, dass das Auseinanderbrechen von Kirche, Glaube und Religion eine zunehmende und zerstörerische Tendenz entwickeln werde, berufen sich die Anhänger eines „aggiornamento" auf das 2. Vatikanische Konzil, das die Kirche als eine „ecclesia semper reformanda" bezeichnet. Die Befürworter dieser Richtung berufen sich auf Johannes XXIII., der zur Eröffnung des Konzils am 11. Oktober 1962 u.a. ausführte:
„In der täglichen Ausübung Unseres apostolischen Hirtenamtes geschieht es oft, dass bisweilen Stimmen solcher Personen unser Ohr betrüben, die zwar von religiösem Eifer brennen, aber nicht genügend Sinn für die rechte Beurteilung der Dinge noch ein kluges Urteil walten lassen. Sie meinen nämlich, in den heutigen Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft nur Untergang und Unheil zu erkennen. Sie reden unablässig davon, dass unsere Zeit im Vergleich zur Vergangenheit dauernd zum Schlechteren abgeglitten sei. Sie benehmen sich so, als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt, die eine Lehrmeisterin des Lebens ist, und als sei in den Zeiten früherer Konzilien, was die christliche Lehre, die Sitten und die Freiheit der Kirche betrifft, alles sauber und recht, zugegangen. Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergange stünde.
In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse, durch welche die Menschheit in eine neue Ordnung einzutreten scheint, muss man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung anerkennen. Dieser verfolgt mit dem Ablauf der Zeiten, durch die Werke der Menschen und meist über ihre Erwartungen hinaus sein eigenes Ziel, und alles, auch die entgegen gesetzten menschlichen Interessen, lenkt er weise zum Heil der Kirche."
Wie mit ihren Traditionen umgehen?
Die katholische Kirche am Beginn des 3. Jahrtausends wird der Frage nicht ausweichen können, wie sie mit ihren Traditionen umzugehen gedenkt. Wollen wir diese Traditionen nicht einer veränderten Welt preisgeben, müssen wir sie mutig neu interpretieren.
Gewiss darf Kirche seine in der Vergangenheit gemachten Gotteserfahrungen nie in Vergessenheit geraten lassen. Doch es wäre ein grobes Missverständnis, Gottes Wirken auf eine in der Vergangenheit abgeschlossene Periode zu reduzieren und der Meinung zu verfallen, dass all das, was Gott den Menschen zu sagen hatte, ausschließlich und endgültig als ein in der Vergangenheit liegendes und nicht mehr zu erweiterndes oder ergänzendes Geschenk Gottes an die Menschen zu betrachten wäre. Gottes Evidenz in dieser Welt ist jedoch auch immer wieder von Unverständlichkeiten, Brüchen und Diskontinuitäten geprägt. In Zeiten des Wandels und rascher Veränderungen gilt es einerseits am Unaufgebbaren christliches Glaubensverstehens festzuhalten, aber andererseits auch sich zu öffnen für das von Gott den Menschen angebotene Neue, Überraschende, Ungewohnte. Die Pastoralkonstitution ‚Gaudium et spes' spricht in Ziffer 11 das Bemühen des Volkes Gottes an, „in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin Zeichen der Gegenwart oder der Absicht Gottes sind." Die Zeichen der Zeit verlangen es der Kirche ab, sich so zu wandeln, dass sie die Botschaft aufnehmen kann, die sie in diesen Zeichen erreichen soll. Das tief in der Bibel verankerte Motiv des „Exodus" muss immer wieder neu für die Gegenwart durchdekliniert werden. Umbruchsituationen verlangen Aufbrüche, stellen Herausforderungen für das Volk Gottes dar, sich in der Erinnerung an die Exodus-Erfahrung auf neue Wege einzulassen – im Vertrauen darauf, dass Gottes Geist sein Volk leiten und zu neuen Ufern führen wird. Kleinmut und Verzagtheit gilt es abzuschütteln und den uns von Gott geschenkten neuen Wegen mutig und vom Heiligen Geist begleitet anzuvertrauen. Gott wird seine Leben und Erlösung spendende Hand ausstrecken – auch in der Gegenwart – und das im Vertrauen auf seine Führung sich einlassende Volk zu neuen und zwar fremden, aber Heil und Segen bringenden Gestaden führen; genau so, wie er das in der Knechtschaft Ägyptens darbende Volk in das Land geführt hat, in dem „Milch und Honig fließen".
Papst Johannes war von diesem Gott, der im Aufbruch uns Menschen von heute leiten und segnen möchte, überzeugt: „Dieser (Gott) verfolgt mit dem Ablauf der Zeiten, durch die Werke der Menschen und meist über ihre Erwartungen hinaus sein eigenes Ziel, und alles, auch die entgegen gesetzten menschlichen Interessen, lenkt er weise zum Heil der Kirche." Dieses Vertrauen bietet uns Gott immer wieder neu an – wir müssen nur bereit sein, in aktiver Mitgestaltungsbereitschaft uns ihm demütig anzuvertrauen.
Christliches Selbstverständnis und christlicher Glaube basieren nicht ausschließlich auf einem „regressiven Identitätsgedächtnis" (Werbick). Kirche darf ihren „Honig" nicht nur aus Vergangenheitserinnerungen saugen, sondern es gilt deutlich zu machen, dass Gott seine segnende und heilende Begegnung in jeder Gegenwart seinem Volk aufs Neue macht; Gott widerfährt seinem Volk immer wieder neu. Es muss also – wie der in El Salvador lebende Jesuit und Befreiungstheologe Jon Sobrino formuliert - immer wieder daran erinnert werden, dass „Gott ein ‚Heute' hat, nicht nur ein bereits bekanntes und interpretiertes ‚Gestern', weil er mit der Gegenwart seiner Schöpfung eine Absicht verbindet, nicht nur in der Vergangenheit."
Sich Gottes Heute und Morgen zu stellen, macht es erforderlich, Überliefertes, Vertrautes und Gelerntes auch hinter sich lassen zu müssen, ohne jedoch die Erinnerung in Vergessenheit geraten zu lassen, in der Kirche sich ihrer Identität und Sendung immer wieder aufs Neue bewusst macht und machen muss. Jedoch – und das zeigt die Geschichte immer wieder, realisiert sich Identität vor allem nicht in bewusster Wiederholung des angeblich immer so Dagewesenen, sondern bedeutsam und als eigentliche Quelle für Identität erweist sich die Vermittlung Kontinuität und Diskontinuität ; Kontinuität impliziert auch Diskontinuität, denn aus dem Entwicklungsprozess geht das Andere, das Neue, das für die Gegenwart und Zukunft Bedeutsame hervor. Die Wandlung ermöglicht eine neue Erfahrung dahingehend, dass man sich genau in ihr selbst treu bleibt bzw. erst sich in ihr wieder neu entdeckt. Biblische Erfahrungen und Vorbilder fordern gerade zu einem auch in der Gegenwart unverzichtbaren „Exodus" heraus.
Zeiten, in den Diskontinuitäten und Umbrüche sich vollziehen, schaffen jedoch nicht nur Zufriedenheit und Harmonie. Vielen Menschen sitzt die Angst tief im Nacken vor dem Zusammenbruch des bisher so Gewohnten und persönliche Sicherheit Vermittelnden. Bohrende und zugleich an sich zweifelnde Fragen hinsichtlich des eigenen Verhaltens in der Vergangenheit („Es kann doch nicht alles falsch gewesen sein, woran ich bisher geglaubt und wofür ich eingetreten bin!") rufen eine Mischung von Trotz und Resignation hervor. Die Angst vor Erneuerungen und Reformen verschließt häufig die Ohren für eine Argumentation, die darauf hinweist, dass diejenigen, die der Kraft des Hl. Geistes misstrauen und eigene Sicherheitsgewohnheiten nicht abzulegen bereit sind, die Kirche im Hier und Heute schon für tot erklärt haben. Johannes XXIII. wusste, dass viel Altgewohntes auf der Strecke bleiben würde; dennoch war er beseelt von der Erkenntnis, dass die Fenster der Kirche weit geöffnet werden sollten, um den Startschuss für eine Runderneuerung der Kirche zu geben; oder, um es mit den Worten des Konzils zu sagen, die Kirche als eine „ecclesia semper reformanda" zu verstehen.
Für Sobrino ist es eine ekklesiologisch entscheidende Frage, wie Kirche mit dem Angebot Gottes für das ‚Heute' umgeht. Für Sobrino steht außer Zweifel, „dass Gott heute immer noch sprechen kann, und zwar in der Weise der Neuheit Gottes, die sich nicht einfach aus dem, was wir schon von ihm wissen, deduzieren oder extrapolieren lässt. Es bedeutet demnach prinzipiell und methodologisch, sich vieler Dinge zu entledigen, auch wenn die Kirche meint, sie besäße schon viel von Gott. Es bedeutet, das Nichtwissen zu akzeptieren, um von Gott und von seinem Willen heute etwas erfahren zu können."

References: Art.8
 Art. 4
 Art. 9
 Art. 14
 Art. 4
 Art. 44