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Timestamp: 2017-06-25 15:09:54+00:00

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Amatom29 by IPPNW - issuu
amatom29
Herausgegeben von der IPPNW Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung | Ausgabe 2017 | Spende 1 Euroein Magazin von kritischen, jungen Mediziner*innenI PPNWHer mit dem guten Leben…
Konsequenzen sozialer
Ungleichheit in der WeltThemen: EU-Abschottungspolitik und Verschärfung
AsylbLG – Fluchtbericht und Hilfstransport Balkanroute – Effektiver Altruismus – Organhandel Iran –
Menschen mit Behinderung in Kambodscha – u.v.m.Inhalt
2	Festung EuropaDie Abschottungspolitik der EU und ihre menschenrechtlichen Konsequenzen5	Verrohung von Sprache und Verschärfung von Gesetzen
7	Hinter dem Zaun Ein Bericht über Lebensbedingungen in einer Aufnahmeeinrichtung
für Asylsuchende und die Frage nach dem Verbleib unserer Werte9	Ein unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter in Deutschland
12	Zwischen humanitärer Hilfeleistung und Handlungsohnmacht
Ein Erfahrungsbericht des Dresdner Support Convoy über Idomi15	Der TagEine Fluchtgeschichte16	Worte wie MedizinVon Therapeutischer Kommunikation und Beziehung18	Der Kranke: Arzt.Ärztinnen und Ärzte mit (chronischen) Erkrankungen20	Zu Besuch bei der Inselärztin von Pellworm
21	Reflections on sustainability and our health-care system
22	Gutes Besser Tun
Effektiver Altruismus24	Eine Niere für 900€Das iranische Modell zur Lebendorganspende25	Psychiatrie und Menschenerechte
27	Was jeder Arzt und jede Ärztin gegen steigende
Medikamentenpreise unternehmen kann
29	Evidence based medicine?
Warum täglich Studiendaten verschwinden30	Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichtenDer schwierige Zugang zur Gesundheitsversorgung für Menschen mit Behinderung in Kambodscha33	famulieren&engagieren
Auslandsberichte35	Aktivitäten der Ippnw-Studigruppen
37 Ansprechpartner*innen und Kontaktadressen
IPPNW-Lokalgruppen an fast allen UnisImpressum
Redaktion: Ewald Feige (Berlin), Svenja Langenberg (Bremen), Antonia Neuberger (Mainz), Michael Rietsche (Mainz), Julia Weber (Ludwigsburg), Lara Weibezahl (Göttingen).
Anschrift: der amatom, c/o IPPNW, Körtestraße 10, 10967 Berlin, Tel. 030/698 074-0, Fax 030/693 81 66. Verleger: Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/
Ärzte in sozialer Verantwortung e. V., Körtestraße 10, 10967 Berlin. Bankverbindung: Bank für Sozialwirtschaft, IBAN DE39 1002 0500 0002 2222 10, BIC BFSWDE33BER
Gestaltung und Satz: Tim Jech. Bilder: Titelfoto: Antonia Neuberger, Tim Jech; S. 2: Svenja Langenberg; S. 5/6: Conrad Matthes Medinetz Gießen; S. 7/8: Fiene Wolf; S. 9/10: Mustafa
und eine seiner Ehrenamtlichen (Foto von Annegret); S.12–14: SupportConvoy e.V.; S.17: Cartoon von Medilearn; S.18/19: Andreas Strehl; S. 20: Dr. Regine Ecker; S. 21: Julia Weber,
Svenja Langenberg; S. 23: Antonia Neuberger; S. 24: Andreas Strehl; S. 25, S. 27, S. 29: Svenja Langenberg; S. 30/31: Epic Arts: Phnom Penh Post, Street Art: Antonia Neuberger; S. 33–35: f&e-Teilnehmer*innen. Nicht gekennzeichnete: privat oder IPPNW-Archiv. Druck: ddl-berlin.de, Druckerei Dienst Leistungen, Berlin. Papier: Circle matt, Recycling &
FSC. Auflage: 6.000, erscheint jährlich, für studentische Mitglieder der IPPNW kostenlos. Nachdrucke bedürfen der schriftlichen Genehmigung. V.i.S.d.P.: Ewald FeigeEditorialEditorial
Fremdenfeindliche und rechts motivierte Gewalt gegen Asylbewerber und ihre Unterkünfte
nahmen im Verlaufe des letzten und diesen Jahres stark zu. Und auch der AfD kommt durch
die dauernde mediale Berichterstattung eine Bedeutung zu, die sie nicht verdient. Es kann
nicht sein, dass wir Menschen das Feld überlassen, die mit tumben Parolen die Angst und
Bereitschaft anderer Menschen zu ungerechtfertigten Schuldzuweisungen nutzen und die
ein Bedürfnis nach absurd vereinfachenden Erklärungen bedienen.
Währenddessen werden Menschen wie Tarek, der uns von seiner Reise nach Deutschland
e­ rzählt, mit rechtlichem Kalkül und emotionsloser Bürokratie schikaniert, behandelt wie
­Menschen zweiter Klasse. Was dies bedeuten kann, zeigt uns Felix in seinem Artikel zu den
Änderungen des Asylbewerberleistungsgesetzes auf. Der beschwerliche Weg nach Europa wird durch
Antonias Artikel zur Abschottungspolitik der EU und dem Bericht Florians über die Hilfstransporte auf den
Balkan, die er begleitete, und seine Arbeit vor Ort, beispielsweise in Idomeni, näher beleuchtet. Angesichts
der Gefahren und existenziellen Herausforderungen bis hin zu Traumatisierungen kann man sich nicht vorstellen, dass Menschen einen solchen Weg ohne triftigen Grund auf sich nehmen. Solange es einen wie heutzutage ­vorherrschenden Gradienten zwischen dem Lebensstandard im reichen Europa und den ärmeren Staaten
aus Afrika und Asien gibt, solange werden die Menschen ihre Chance auf ein würdiges Leben suchen, solange
werden sie weiter nach Gerechtigkeit streben und – solange wird die Migration in die EU stark sein.
Soziale Ungleichheit existiert überall und sie macht krank. Als Mediziner*In werden wir tagtäglich mit
diesem Phänomen und seinen Auswirkungen konfrontiert und es ist unsere Pflicht diese aufzufangen so weit
wir können. Um das zu erkennen, muss man kein Gutmensch sein – es würde schon reichen, nicht einfach
wegzuschauen. Ein internationales Beispiel aus Kambodscha illustriert die Barrieren, die Menschen mit
Behinderung beim Z­ ugang zum Gesundheitssystem überwinden müssen. Doch auch in Deutschland muss man
sich immer wieder mit den menschenrechtlichen Konsequenzen ärztlichen Handelns auseinandersetzen, wie
Leas Artikel zum Thema ­Psychiatrie und Menschenrechte deutlich macht. Nichtsdestotrotz sollte man auf
sich selbst achtgeben und sich nicht in seinen Idealen verlieren. Michaels Artikel über Ärzt*Innen und deren
Umgang mit Stress und chronischen Krankheiten zeigt hierbei besorgniserweckende Defizite auf. Im hektischen Klinikalltag kann jedoch nicht nur die Sorge um die eigene Gesundheit untergehen, es erfolgt auch
eine kognitive Gleich­schaltung und Ausbildung einer unkritischen Haltung, die teilweise schon im Studium
beginnt. Laras Artikel zu der Einflussnahme der Pharma­konzerne auf Ärzt*Innen durch gezielte und oft subtil
praktizierte Werbemaßnahmen veranschaulicht dies in besonderem Maße.
Auch wenn eine eigene kritische Haltung zu entwickeln nicht Teil des Lehrplans ist, ist sie dringend notwendig in einem System, in dem etablierte Werte und Verhaltensmuster so eindrucksvoll tradiert und starr sind,
wie in der Medizin. Eine Metaanalyse aus den USA stellte fest, dass Medizinstudierende nach ihrem Studium
weniger empathisch sind als vorher. Dem gilt es entgegenzusteuern und wir hoffen, mit dem Inhalt des diesjährigen Amatom einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können.
wünscht Euer Dr. Amatom12Flucht und MigrationFestung Europa
Die Abschottungspolitik der EU und ihre menschenrechtlichen Konsequenzen
»Migration ist eine Tendenz zum Ausgleich, auch darin
ähnelt sie Wasser im Fluss. Sie ist eine egalisierende Bewegung. Und solange die Aussichten auf eine Existenz,
eine Perspektive vor und hinter Europas Toren so ungleich
verteilt sind, so lange wird die Migration stark sein.«
(Christian Jakob, taz)1nach Italien wurde unter Strafe gestellt und
Internierungslager für TransitmigrantInnen
eingerichtet. Diesmal wichen die MigrantInnen noch weiter nach Osten aus, kamen
über die Ägäisregion in Griechenland an.
Die Türkei schaute dabei meistens nur zu –
selbst frustrierte Anwärterin auf einen EUBeitritt, sah sie die Migration damals wohlEntwicklung der Fluchtrouten
Wenn man sich das Bild eines Stromes
vorstellt – auch wenn es in vielerlei Hinsicht
der Zuwanderung von Menschen nach Europa nicht gerecht werden kann – so wird
doch recht schnell klar, warum eine durch
Grenzkontrollen, Zäune und andere Abwehrmaßnahmen verstärkte „Festung Europa“ nicht realisierbar bleiben wird. Nichts
zeigt dies deutlicher als die Entwicklung
der Migrationsbewegungen, die seit jeher
nach Europa hinein und innerhalb Europas
stattgefunden haben. Erst die Öffnung der
inneren Grenzen durch das Schengen-Abkommen verschärfte die Abschottung nach
außen. Beispiel Spanien: In den spanischen
Exklaven Melilla und Ceuta grenzt Europa
unmittelbar an Afrika, lange gab es dort
nur einen Grenzstein. Inzwischen sind beide
Städte umzäunt, von EU-Geldern mitfinanziert, wurden zum Extremfall einer „Gated
Community“. Zudem unterzeichnete Marokko ein Rückabnahmeabkommen. Der Weg
von den Stränden der West-Sahara auf die
Kanareninseln wurde ebenfalls auf Druck
von Spanien durch Marokko unterbunden
– schließlich sollten bitte keine ertrunkenen
Menschen dort stranden, wo andere Urlaub
machen. Die Route verlängerte sich, über Mauretanien bis hin nach Senegal.
Mauretanien insbesondere
kam Spanien mit einem
sehr entgegen: Es nahm jeden Menschen auf – egal,
woher er stammte, solange
nur der Verdacht bestand,
dass dieser Mensch nach
Spanien wollte – steckte
Antonia Neuberger ihn in ein Auffanglager
Medizinstudentin (das bekannteste in Nouaaus Mainz dhibou wurde mit spaniantonia.neuberger@ schem Geld bezahlt und
web.de war bekannt unter demÄgäis-Route (Quelle: FRONTEX)Spitznamen „Guantanamito“) und lud die
Geflüchteten zuhauf an der malischen Grenze, am Südrand der Sahara, ab. Malis Bedeutung stieg in den Augen Spaniens und
der EU: Das Transitland sollte die Migration aus Zentralafrika Richtung Europa unterbinden helfen, im Ausgleich bot die EU
finanzielle Unterstützung und Visa. 2009
kamen jedoch nur ganze 29 der 14 Millionen Einwohner Malis nach Europa – als
Saisonarbeiter auf den Kanaren. Nicht das
einzige Abkommen dieser Art, mit ähnlich
fraglichen Vorteilen für die Nicht-EU-Vertragspartner. Höhepunkt war 2012 ein
Abkommen mit Nigeria, einem „wichtigen
Partner bei der Entwicklung eines integrierten Grenzschutzes“ (Frontex, 2012)2 –
einem Land, das über 3.000 km entfernt
von der Schengen-Zone liegt. Nachdem die
westliche Mittelmeerroute durch diese Anstrengungen zu gefährlich geworden war,
wurde in der zweiten Hälfte des letzten
Jahrzehntes die zentrale Mittelmeerroute
(über Libyen und Tunesien nach Italien) bei
MigrantInnen beliebter, auch wenn hierzu
die Sahara an ihrer breitesten Stelle durchquert werden musste. Es folgten Abkommen mit Libyens Diktator Gaddafi und Tunesiens Machthaber Ben Ali – die Überfahrtnoch eher als „Problem der Anderen“ an.
2011 brachte den „Arabischen Frühling“,
der zur Absetzung der Machthaber in Tunis
und Tripolis führte und eine kurze Öffnung
der durch diese Länder verlaufenden Migrationsroute bedeutete. Diese währte jedoch
nur kurz: Die EU brachte Libyen und Tunesien schnell dazu, die Strände wieder dichtzumachen – in Libyen wurde den Rebellen
dieses Versprechen schon vor dem Sturz
Gaddafis abgenommen. Seine Gefängnisse
betrieben sie einfach weiter. Inzwischen machen die unsicheren staatlichen Strukturen
Libyen zu einem Mekka des Menschenhandels – laut einem Bericht der europäischen
Anti-Schlepper-Mission beläuft sich das Jahreseinkommen der Schleuser auf 250–300
Millionen Euro.3 2013 kam es zum ersten
Rückabnahmeabkommen mit der ­Türkei –
Hilfe bei der Grenzüberwachung im Tausch
gegen Visa-Erleichterungen. Dieses hielt allerdings nur bis 2015, als die Türkei erneut
ihre Grenzen öffnete. Daraufhin explodierten
die Zahlen der über die Balkanroute nach
Europa drängenden Menschen (Frontex) 4.
Dies kann auch damit zusammenhängen,
dass das UN-Ernährungsprogramm im Dezember 2014 wegen Geldmangels Projekte
in den Flüchtlingslagern im Libanon und Jor-Flucht und MigrationBürgerwehren, die sich mit der Rückführung
illegalisierter MigrantInnen brüsten, öffentliche Stimmungsmache gegen Geflüchtete
durch hohe staatliche Würdenträger und repressive Gesetze sind nur einige Beispiele.7Westafrika-Routedanien kürzte oder ganz strich.5 Konsekutiv
bauten die Länder auf der Balkanroute die
Grenzüberwachung aus oder schützten ihre
Grenzen durch Mauerbau. Seit dem Bau eines Grenzzaunes in Mazedonien im Februar
2016 gilt die Balkanroute als geschlossen,
auch wenn natürlich immer noch Menschen
diesen Weg nehmen. Eine Verlagerung auf
die zentrale Mittelmeerroute wird von vielen
erwartet. Auch im Norden wird inzwischen
gebaut: Zwischen Norwegen und Russland
soll es bald ebenfalls einen Zaun geben,
um die illegale Migration einzudämmen. Im
letzten Jahr kamen 5.500 Geflüchtete über
diesen Weg nach Norwegen.6Krise in Europa?
Nach der Schließung der Grenzen kam
es in Griechenland zur Bildung nicht-legaler
Camps. In Idomeni, einem kleinen Dorf an
der mazedonischen Grenze, welches einen
wichtigen Grenzbahnhof beherbergt, kamen
zuletzt immer mehr Geflüchtete an, die aufgrund der Grenzschließung dort strandeten.
Auch wenn deren Zahl fluktuierte, kann man
von ungefähr 10.000–19.000 Geflüchteten
ausgehen, die sich dort zeitweise aufhielten.
Grenzgänger wurden von der mazedonischen Polizei, oft verbunden mit physischer
Gewalt, aufgehalten und abgeschoben. Am
24. Mai 2016 wurde von den griechischen
Behörden damit begonnen das Lager,
das zu diesem Zeitpunkt ungefähr 9.000
­Geflüchtete beherbergte, zu räumen. Die
Geflüchteten sollten in staatlich organisierte
Camps gebracht werden.
Griechenland selbst ist ein Staat mit
massiven ökonomischen und sozialen Problemen und kaum in der Lage, die hohe
Anzahl an Geflüchteten aufnehmen undversorgen zu können. Darüber hinaus gibt
es in Griechenland kein funktionierendes
Asylrecht, da das Land bis zur Grenzschließung vor allem zum Transit genutzt wurde.
Nun stellen aber immer mehr Geflüchtete
aus Angst vor der Rückführung in die Türkei einen Asylantrag. Die Versorgung der
Geflüchteten in Idomeni beispielsweise war
größtenteils von Nichtregierungsorganisationen (wie Ärzte ohne Grenzen), sowie den
Anwohnern vor Ort organisiert. Aufgrund
der schlechten Versorgungssituation und
Lebensstandards, der Lagersituation und
nicht zuletzt des oppressiven Verhaltens
der mazedonischen Grenzpolizei kam es
immer wieder zu Auseinandersetzungen
und gewaltsamen Ausschreitungen. Inzwischen spricht man bereits von Idomenis
Nachfolgern, die sich an der ungarisch-serbischen Grenze bilden. Dort werden am Tag
ungefähr 30 Menschen durchgelassen, um
Asyl zu beantragen – ein Hoffnungsschimmer für die Menschen, die von Serbien
kommen, da es den momentan einzigen legalen Weg für viele Menschen nach Europa
bedeutet. Nichtsdestotrotz ist die „Willkommenskultur“ in Ungarn eher abschreckend:Balkan-RouteInnerhalb der EU stellt die Flüchtlingskrise eine Zerreißprobe dar. Länder wie Italien
und Griechenland fühlen sich überfordert
und alleingelassen. Auch wenn der Europäische Ministerrat letzten Herbst beschlossen
hat, innerhalb von zwei Jahren 160.000
Geflüchtete aus diesen beiden Ländern auf
die anderen EU-Staaten zu verteilen, so
geschah dies nur im Fall von 4.000 Menschen.8 Fremdenfeindliche Ressentiments
sind in Europa salonfähig geworden. Allein
im Jahr 2015 gab es in Deutschland schon
500 Angriffe gegen Geflüchtete und ihre
Unterkünfte.9Pakt mit den Bösen?
Zwischen allen 28 EU-Staats- und Regierungschefs und der Türkei besteht seit dem
18. März eine Vereinbarung, die die „Flüchtlingskrise“ in Europa lösen soll. Seit dem
20. März werden alle irregulären MigrantInnen, die neu in Griechenland eintreffen, in
die Türkei rückgeführt. So soll den Geflüchteten die Motivation genommen werden,
die gefährliche Reise über die Balkanroute
anzutreten. Zudem soll das lukrative Geschäft der Schlepper unterbunden werden.
Im Gegenzug will die EU sogenannte „europäische Kontingente“ (limitiert auf insgesamt 72.000 Menschen) aus der Türkei
aufnehmen – für jede*n rückgeführte*n Geflüchtete*n wird ein syrischer Geflüchteter
aus der Türkei in die EU aufgenommen.
Einen Verteilungsschlüssel auf die Länder
der EU gibt es bislang nicht. Im Lichte der
jüngsten Entwicklungen in der Türkei steht
diese Abmachung immer mehr in der Kritik.34Flucht und Migration„Flüchtlingsstrom“ an unsere eigene Haustür geschwemmt. Das Problem liegt auch
in unserer Antwort begründet. Wie es die
Chefin von MSF (Médecins sans frontières
– Ärzte ohne Grenzen) in einem Interview
so treffend formulierte: „Die Krisen der Welt
werden zunehmend durch die Brille nationaler Sicherheitsinteressen gesehen.“ 13
Dies kann aber nicht die Antwort sein. Vielmehr sollte die menschenrechtsverletzende
Abschottungspolitik durch eine humanistische und von gegenseitiger Unterstützung
geprägte Migrationspolitik abgelöst werden
– und das bitte schon vorgestern.Zentrale MittelmeerrouteMerkel spricht von Afrika als zentralem
Problem der europäischen Migrationspolitik sowie von der geografisch komplizierten
Lage Europas.10 Die Digitalisierung mache
es zudem möglich, dass Menschen aus afrikanischen Ländern sehr gut über die Wohlstandsunterschiede zwischen ihnen und
den Menschen in Europa informiert seien.
Von daher sei es nicht verwunderlich, dass
die EU über Investitionen versucht, gezielt
die Fluchtursachen vor Ort, insbesondere
in wirtschaftlicher Hinsicht, zu bekämpfen.
So lautet der Vorschlag der Europäischen
Investitionsbank, über einen Zeitraum von
fünf Jahren sechs Milliarden mehr zu investieren, in Infrastrukturprojekte (Bildung,
Wasserversorgung und Gesundheit) in
Ägypten, den Maghreb-Staaten, Jordanien
und dem Libanon, aber auch Serbien und
Albanien. Dies soll damit insbesondere Ländern zugutekommen, die schon sehr viele
Geflüchtete aufgenommen haben.11
Doch auch in anderer Hinsicht wird man
aktiv. Deutschland unterstützt die neue Einheitsregierung in Libyen in der Hoffnung, die
illegale Migration über das Land weiter eindämmen zu können. Zudem ist die EU seit
Sommer letzten Jahres militärisch vor Ort
präsent. Hintergrund: Von Libyen bis Italien
sind es nur wenige hundert Seemeilen, die
immer wieder von Geflüchteten überquert
werden, oft mit Hilfe von Schlepperbanden
und in teilweise maroden oder kaum seetüchtigen Booten. Auch in Mauretanien fließen Entwicklungshilfegelder vornehmlich in
die Grenzsicherung: In die Ausbildung der
Polizei, die Ausstattung des Flughafens
oder etwa den Aufbau von Grenzschutzanlagen etc. Nutznießer der Entwicklungshilfe
sind demnach nicht die Bevölkerung, sondern der sie unterdrückende Staatsapparat.
Grenzen, die zuvor keine Bedeutung hatten, da innerhalb Westafrikas Freizügigkeitherrschte, wurden aufgerüstet. Dadurch
wurde aus dem Transitland Mauretanien
eine Endstation für viele der Menschen,
die sich oft illegal in dem Land aufhalten
(weil sie sich die 85 Euro für die seit 2012
verlangte Aufenthaltsgenehmigung nicht
leisten können) und die zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt sind. In Niger werden die aufgegriffenen MigrantInnen in sogenannten „Willkommenszentren“ über die
Gefahren der Migration nach Europa und
die dortigen schlechten Lebensbedingungen aufgeklärt – durch Erlebnisberichte von
gescheiterten Flüchtenden mit dem Ziel der
Abschreckung. In Eritrea und dem Sudan,
deren Regime selbst schwerste Menschenrechtsverletzungen begangen haben, soll es
mit Unterstützung der GIZ (Gesellschaft für
internationale Zusammenarbeit, dem offiziellen Entwicklungshilfeorgan des deutschen
Staates) ein Programm zur Ausbildung von
Grenzwächterinnen und -wächtern und zur
Errichtung von Aufnahmelagern inklusive
Hafträumen für Geflüchtete geben.12
Auch wenn es einem so vorkommen mag:
Die Krisen dieser Welt sind nicht unbedingt
mehr geworden, sie sind uns aber näher gerückt und werden durch den sogenanntenWestliche MittelmeerrouteQuellen:
Christian Jakob (taz.de),„Fluchtrouten verändern
sich“, 11.04.2016
Frontex (frontex.europa.eu), „Frontex signs working
agreement with Nigeria“, 19.01.2012
M. Bewarder, F. Flade (welt.de), „In Libyen harren sie
aus bis der Frühling kommt“, 21.02.2016
Frontex (frontex.europa.eu), Western Balkan Route,
Zeit.de, „UN setzen Nahrungsmittelhilfe für SyrienFlüchtlinge aus“, 01.12.2014
3	The New York Times, „Norway Will Build a Fence at
Its Arctic Border With Russia“, 24.08.20166	Matthias Meisner (tagesspiegel.de),
„Horgos – das neue Idomeni?“, 16.08.20167Zeit.de, „Griechenland beklagt fehlende
­Unterstützung durch die EU“, 23.08.20168		Paul Middelhoff (zeit.de), „Karte der Gewalt“,
26.08.20159	Sueddeutsche.de, „Merkel: ‚Afrika ist das zentrale
Problem‘“, 22.06.201610	Alexander Mühlauer (sueddeutsche.de), „EU-Investitionen sollen Menschen von Flucht nach Europa
abhalten“, 22.06.201611	Ramona Lenz (medico), „Jagd auf Migranten in Afrika“, 18.05.2016 und Zeit.de, „GIZ hilft Diktatoren in
Afrika beim Grenzschutz“, 14.05.201612	Philipp Faigle (zeit.de), „Ein Menschenleben ist billig
geworden“, 22.08.201613Flucht und MigrationVerrohung von Sprache und
»Das Wort, dem gewissenlosen Demagogen ausgeliefert, dem
puren Taktiker, dem Opportunisten, es kann zur ­Todesursache
für Millionen werden […]; eine beliebig zu klassifizierende
Gruppe von Mitbürgern kann durch Worte dem Verderben
ausgeliefert werden.« 
Heinrich Böll, 1958
Der Anlass für diesen Beitrag waren die
wiederholten Verschärfungen im Asyl- und
Aufenthaltsrecht seit Herbst 2015, die Brüche internationalen Rechts an den europäischen Grenzen, sowie das Erstarken rechtsnationaler Parteien und Argumentationen in
Hinzu kommen eigene Erlebnisse. Im
Winter bin ich, wie viele tausend Andere,
den Menschen auf der Balkanroute mit solidarischer Hilfe begegnet. Freunde von mir
sind umgekehrt denselben Weg als sogenannte „Flüchtlinge“ gegangen. Sie wurden
dazu gezwungen, weil sie woanders geboren wurden.Die Würde des Menschen ist
nicht relativierbar
Obwohl Wohlfahrtsverbände, Ärzt*innen-,
Menschenrechts- und Anwaltsorganisationen sich in detaillierten Stellungnahmen
dagegen ausgesprochen haben, wurden
sogenannte Asylpakete beschlossen, die
Lösungen in der „Flüchtlingskrise“ bringen
sollten. Es ging darin um beschleunigte
Asylverfahren, um Abschiebungen kranker
Menschen, Aussetzen des Familiennachzugs für Menschen, die nur subsidiären
Schutz zugesprochen bekommen und weitere Einschränkungen des in der deutschenVerfassung festgeschriebenen Rechts auf
Asyl.1
Seit den 1980er Jahren versuchen die
Regierungen der Bundesrepublik Deutschland Sozialleistungen für Menschen abzusenken, die um Asyl bitten. Mit dem
(AsylbLG),
das 1993 eingeführt wurde, gilt für die betroffenen Personen ein Sondergesetz, das
ihren Anspruch auf Gesundheitsversorgung
und Sozialleistungen regelt. Das Bundesverfassungsgericht stellte dazu in einem
Urteil vom 18. Juli 2012 fest: „Die in Art.
1 Abs. 1 GG [Grundgesetz, Anm. d. Verf.]
garantierte Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren.“ 2 Das Gericht
beanstandete damals als verfassungswidrig, dass das AsylbLG, im Vergleich zu deutschen Staatsangehörigen, unbegründet
verminderte Geldleistungen vorsah. Das
Gesetz wurde im März 2015 dahin gehend
geändert, dass die Geldleistungen an das
Niveau des Arbeitslosengelds II angeglichen wurden, welches aber nicht erreicht
wird.3 Noch immer gilt für Menschen, die
in Deutschland Asyl beantragen und Monate bis Jahre auf eine Entscheidung warten
und für alle, die mit dem Aufenthaltsstatus der Duldung leben müssen (d.h. Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wurde,
die aber aus verschiedenen Gründen nicht
abgeschoben werden können) ein Sonder-gesetz, nach dem sie nur ein Recht auf Sozialleistungen unter dem Existenzminimum
und eine unzureichende medizinische Versorgung haben. Hinzu kommt, dass sie in
speziellen Einrichtungen wohnen müssen,
der Residenzpflicht unterliegen und ihnen
untersagt ist zu arbeiten oder die Arbeitssuche erschwert wird. Die Vereinten Nationen
riefen die Bundesrepublik u.a. im Jahr 2011
dazu auf, die Ungleichbehandlung beim
Zugang zu Sozialleistungen, Gesundheitsversorgung und zum Arbeitsmarkt aufzuheben.4Sprachliche Abgrenzung
legitimiert Ungleichheit
Menschen, die in die Bundesrepublik
Deutschland einreisen wollen, weil ein Leben in ihrem Herkunftsland nicht mehr
möglich ist, haben seit Jahren so gut wie
keine Möglichkeit, dies auf legalem Weg
und selbstbestimmt zu tun. Stattdessen
bestimmt über Monate bis Jahre das komplizierte, zunehmend chaotische Asylverfahren über den Rhythmus ihres Lebens. Die
Entscheidungspraxis ist undurchsichtig und
abhängig von den politischen Vorstellungen
der aktuellen Regierung.5 Die psychischen
Folgen dieses unsicheren und entwürdigenden Zustands sind erheblich.
Seitdem im letzten Jahr die Themen
Migration und Flucht in die Schlagzeilen und
alltägliche Debatte vordrangen, gibt es die
„Flüchtlingsdebatte“, das „Flüchtlingsproblem“, die „Flüchtlingskrise“, und vor allem
„die Flüchtlinge“. Und die staatliche, wie die
nichtstaatliche Gewalt gegen diese Gruppe
haben seitdem drastisch zugenommen.
In der europäischen Öffentlichkeit werden
offen wirtschaftspolitische Überlegungen
und Menschenrechte gegeneinander abgewogen. Gewalt gegenüber Schutzsuchenden und der Tod tausender Menschen an
der europäischen Grenze sind Bestandteile
der Gegenwart geworden. Die aktuelle Bundesregierung schließt Verträge mit der Türkei, Marokko und dem Sudan. Es werden
Abkommen mit Ägypten, Afghanistan und
Pakistan forciert. Entwicklungshilfe soll an
die Rücknahme von abgeschobenen Menschen und die Abschottung der Länder in
Richtung Europa gekoppelt werden.656Flucht und MigrationDie Klassifizierung von Menschen anhand
der Staatsbürgerschaft, der Religion, der
Herkunft, der Farbe ihrer Haut oder der Art
des Aufenthaltsstatus, ist die Grundbedingung für gruppenbezogene Gewaltverbrechen. Die Einteilung in ein Wir und ein Sie
ruft diese Gewalt hervor und erleichtert die
Gewöhnung daran. Wenn Menschen nicht
zum konstruierten Wir gehören, können sie
anders behandelt werden. Wenn Menschen
medizinische Versorgung oder Nahrung
verweigert wird, sie gezwungen werden, auf
überfüllte Boote zu steigen oder in Lagern
festsitzen, werden sie aus dem Wir ausgestoßen. Diese menschenunwürdigen Bedingungen nehmen ihnen die
Menschlichkeit.Rechte zugesprochen werden, weil sie in
verschiedenen Gegenden der Erde geboren wurden. Das klingt selbstverständlich
und die Gleichwertigkeit der Menschen wird
wörtlich nicht von der Regierung der Großen Koalition in Frage gestellt. Aber ihre Gesetze und ihr Handeln tun es. Sie stützt sich
dabei auf einen vermeintlichen gesellschaftlichen Konsens, der Grenzsicherung und die
Einschränkungen der Bewegungsfreiheit als
notwendig erachtet, der Menschen in Deutsche und Ausländer unterteilt, in „echte
Flüchtlinge“ und „(Armuts-)Migranten“, um
Letzteren ihre Rechte vorzuenthalten.Menschlichkeit und auch Armut ist ein politischer Fluchtgrund. Die maßgebliche ökonomische Ideologie dieser Staaten verschärft
das Gefälle des materiellen Wohlstandes,
zerstört Sozialstaaten und verstärkt die
Ausbeutung natürlicher Ressourcen, auf
Kosten vor allem derer, die sie an den Grenzen einsperren lassen.Grenzen und Ungleichheit
überwindenDiese Entmenschlichung
und sprachliche Unterscheidung mit Worten
wie „Flüchtling“, „Flüchtlingsfamilie“, „Flüchtlingsmädchen“ usw. macht es
leichter, sich an Bilder von
ertrunkenen Familien zu
gewöhnen. Diese Personen
als grundlegend anders,
Felix Ahls weniger menschlich zu
PJ Universität Düsseldorf, betrachten, ist ein Schutz
Medinetz Düsseldorf, vor der Ohnmacht und der
Felix-ahls@web.de
Trauer, die das Leid der
Mitmenschen hervorruft.
Die Unterteilung in Gruppen und eine Argumentation anhand von Vorurteilen dienen
der Vereinfachung einer chaotischen Realität. Darüber hinaus erzeugt die sprachliche
und physische Ungleichbehandlung selbst
die Gruppenzugehörigkeiten, mit denen sie
begründet wird.Unsere Gegenwart, in der viele tausend
Menschen in Europa aufgrund von Gesetzen sterben und in Lagern und Gefängnissen erniedrigt werden, macht es für uns
notwendig, diesen Konsens aufzubrechen
und zu entkräften.Hunderttausende haben im letzten Jahr
die entwürdigenden Grenzen vieler Staaten
überwunden. Ebenso müssen die Grenzziehungen in der Sprache und zwischen uns
Menschen geschobene Identitäten überwunden werden.Sie sind zudem politisch gewollt von Regierungen und nutzen Gesellschaften, zu
deren Grundlagen die wirtschaftliche Ungleichheit und der Nationalstaat gehören.
Unabhängig davon, auf welchem Merkmal
Rassismen und Klassenzugehörigkeiten beruhen, wurden und werden sie genutzt, um
bestehende politische und ökonomische
Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren und
aufrechtzuerhalten. Durch Ausgrenzung der
einen Gruppe soll das Privileg des materiellen Wohlstands der anderen gesichert
werden. Das geschieht durch das Errichten
von Stacheldraht und das Patrouillieren von
Militärschiffen und Hubschraubern an den
Es ist eine Beleidigung der viel zitierten
Aufklärung, dass Menschen verschiedeneDie Klassifizierung von Menschen in illegale und legale Migranten, Flüchtlinge oder
Asylbewerber ist ein Baustein der ungerechten und verrohten Gegenwart. Wir sollten uns nicht darauf einlassen.Quellen:
h ttp://anwaltverein.de/de/newsroom/
sn-4-16-zum-gesetzentwurf-der-bundesregierung-zur-einfuehrung-beschleunigter-asylverfahren-339811Es beleidigt meine Freunde und mich,
dass die Regierungen Europas entscheiden,
dass ich in einem Flugzeug reisen darf und
sie in überfüllte Schlauchboote steigen und
ihr Leben riskieren müssen.
Es beleidigt alle, für die die Gleichheit der
Menschen unbezweifelbar und universell
ist, wenn Menschen in Gruppen eingeteilt
und ihnen unterschiedliche Rechte zugesprochen werden.
Während die Menschen in Lagern unsichtbar gemacht werden, bestehen die Ursachen für ihren Verlust und ihren Schmerz
im Exil weiter und die Politik der europäischen Regierungen verschärft diese Situation, indem ihnen ihre Rechte zunehmend
abgesprochen werden. Die eskalierende
Abschottungspolitik der wohlhabendsten Staaten ist ein Verbrechen gegen die	„ Die Bundesregierung war in den Jahren 1990
bis 1993 in erster Linie bemüht, die Zahl der nach
Deutschland einreisenden Asylbewerber zu begrenzen und die Kosten für ihre Aufnahme und allgemeine Versorgung gering zu halten (vgl. BTDrucks
12/4451, S. 1 und 5). Diese Erwägungen stehen
auch hinter den Regelungen zu Leistungen nach
dem Asylbewerberleistungsgesetz.“ ;
SharedDocs/Entscheidungen/DE/2012/07/
ls20120718_1bvl001010.html23	http://www.fluechtlingsinfo-berlin.de/fr/asylblg/
BVerfG-AsylbLG-Novelle-2014.html4	h ttp://www2.ohchr.org/english/bodies/cescr/docs/
E.C.12.DEU.CO.5-ENG.doc
https://www.proasyl.de/news/immer-weniger-­
fluechtlingsschutz-fuer-menschen-aus-syrien-irakeritrea-afghanistan/5 	http://www.ardmediathek.de/tv/Monitor/Monitor-vom-04-02-2016-mit-Geb%C3%A4rdenspra/
Das-Erste/Video?6Flucht und MigrationHinter dem Zaun
Ein Bericht über Lebensbedingungen in einer Aufnahmeeinrichtung für Asylsuchende
und die Frage nach dem Verbleib unserer WerteDer Blick ist ins Leere gerichtet. Scheinbar bedächtig wippt Samir 1 im Schneidersitz vor und
zurück. Er ist neun Jahre alt, wirkt allerdings deutlich jünger. Seine längliche Augenform
und die scheinbar zu große Zunge in seinem kleinen Mund erzählen von seinem 21. Chromosom, das drei- anstatt, wie bei den meisten Menschen, zweifach ausgebildet ist. Samir hat
Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt. Es ist die Behinderung, die häufig als Beispiel
dafür genommen wird, dass Menschen auch mit geistiger Behinderung ein glückliches Leben
führen können. Plötzlich kommt ein lautes Kreischen aus Samirs Mund. Er dreht die Augen
nach oben, scheint etwas an der Decke zu suchen. Er nimmt seine Beine und positioniert sie
wie ein Schlangenmensch hinter seinen Kopf. Dann fällt er wieder zurück in seine wippende
Ausgangsposition.Seine Heimat war eigentlich mal Mazedonien. Da hat man aber nichts für ihn tun
können. Man hat nicht einmal eine genetische Untersuchung durchgeführt und die
Eltern über die Behinderung aufgeklärt.
Sogar ihr Haus und ihr Auto hätten sie verkauft, berichtet der Vater Herr Maznov. In
der Hoffnung, dass sie mit dem Geld in Privatkliniken Hilfe erhalten. In der Hoffnung,
dem Verständnis davon, was mit ihrem
Sohn los ist und was er braucht, ein Stückchen näher zu kommen. Aber alle Untersuchungsansätze sind im Sand verlaufen.
Maznov kann nicht einmal sagen, ob die
Krankenhäuser in Mazedonien überhaupt in
der Lage sind, seinen Sohn zu untersuchen
und zu behandeln oder worin das Problem
sonst begründet gewesen sein könnte. Und
es ist auch nicht das, was ihn jetzt noch beschäftigt, denn Mazedonien liegt zwei Jahre
und einen langen Fluchtweg zurück.
Samir sitzt nun auf einem Bett in einer
deutschen Erstaufnahmeeinrichtung für
Asylbegehrende. Seit elf Monaten sitzt er
hier. Oder auf dem Boden. Oder auf dem
Stuhl. Mehr hat das karge Zimmer nicht zu
bieten und einen anderen Ort gibt es in der
Einrichtung für Samir nicht. Die hauseigene
Spielstube kann nur einen Bruchteil der vielen hier lebenden Kinder aufnehmen und ist
zudem nicht auf Kinder mit Behinderung
eingestellt. Ebenso wie die hausinterne
„Schule“, in der für Kinder ein paar Stunden
in der Woche Deutschunterricht angeboten
In der Einrichtung leben derzeit rund 600
Bewohner. Ein umzäuntes Gelände, ein kleiner Spielplatz, eine große Containeranlageund alte Häuserzeilen prägen das Erscheinungsbild. Die Menschen leben auf engstem Raum – manchmal bis zu 16 Personen
in einem Zimmer. Das führt zu einem großen Lärm- und Stresspegel, Auseinandersetzungen und soziale Spannungen sind an
der Tagesordnung, die Polizei ist fast täglich
im Einsatz. Dies ist eigentlich kein Ort für
Kinder. Dennoch wuseln den ganzen Tag
zahlreiche unbetreute Kinder in den Gängen
herum. Unter ihnen auch die drei jüngeren
Schwestern von Samir. Eine von ihnen ist
im schulfähigen Alter, hat aber seit einem
Jahr keine reguläre Schule gesehen. Sie
spielen auf den Fluren und strolchen ­hinter
den Häusern herum. Oft sind sie auf sich
allein gestellt, weil ein Elternteil alltäglichen
Erledigungen nachgehen und sich das andere um Samir kümmern muss.ke auf den Fluren. Und das Essen. Samir
kann nicht richtig schlucken und ist auf
breiartige Nahrung angewiesen. Diese aber
ist in der Verpflegung der Einrichtung nicht
­vorgesehen.Samir kann nicht sprechen, sich nicht
waschen, ankleiden oder auf Toilette gehen. Manchmal beißt und kratzt er um sich,
hinterlässt Spuren auf den Armen seiner
Eltern. Das Laufen fällt ihm schwer. Wenn
Samir mit anderen Kindern spielt, läuft er
Gefahr, sie zu verletzen, weil er sie so fest
drückt. Deswegen muss immer ein Elternteil bei ihm sein. Weil Samir sich mehrfach
am Tag einkotet und er zu groß für die Reinigung mit Feuchttüchern ist, muss er jeden
Tag geduscht werden. Die Prozedur gleicht
einer Tortur, denn es gibt in der Einrichtung keine Schläuche, sondern nur Duschbrausen weit oben an der Wand, was das
gezielte Reinigen schwer macht. Manchmal
schwankt die Warmwasserzufuhr, so dass
Samir dann mit kaltem Wasser gewaschen
werden muss und zusätzlich in Stress gerät. Stress bereitet ihm auch die Lautstär-Das Essen, das von einem Caterer geliefert wird, ist ohnehin Grund ständiger Beschwerden der Bewohner. Die Menge von
400g zum Mittagessen reicht einigen nicht
aus und das Angebot ist wenig abwechslungsreich; es gibt fast jeden Tag Reis mit
Soße und Joghurt. Wasser müssen die Bewohner aus den Wasserhähnen der häufig
verdreckten Sanitäranlagen trinken. Da viele direkt mit dem Mund an den Wasserhahn
gehen, besteht die Gefahr der Infektion.
Aus Angst vor Krankheiten schleppt Herr
Maznov für seine Familie Wasser aus dem
1,5 km entfernten Supermarkt heran. Allerdings reicht das kleine Taschengeld pro Woche (28,50 € pro Person und ca. 18 € pro
Kind) kaum aus, um zusätzlich gesondertes
Essen und Wasser zu finanzieren. Familie
Maznov ist daher auf Spenden von NGOs
angewiesen.Fiene Wolf ist
Verfahrensberaterin der
Diakonie Hessen in der
Landeseinrichtung für
Asylbegehrende in Ingelheim.
Wer Familie Maznov
mit dem Verein „Zentrum
behinderter Menschen,
Mainz e.V.“ in Kontakt treten:
j.schweizer@zsl-mainz.de.7von drei auf sechs Monate hochgesetzt.
Während sie zuvor in der Regel nur wenige
Wochen in den Aufnahmeeinrichtung verweilten, und mit anschließendem Transfer
in die Kommunen auf bessere Lebensbedingungen hoffen durften, halten sich nun
viele monatelang und einige ohne zeitliche
Obergrenze in den Einrichtungen auf. Dabei
bleiben ihnen viele grundlegende Rechte
verwehrt.Mitarbeiter der Einrichtung reagierten
nur minimal auf die besondere Situation
der 6-köpfigen Familie mit ihrem behinderten Kind. Es dauerte zwei Monate, bis die
Eltern passende Windeln für ihren Sohn und
einen Pürierstab zur Zubereitung seines Essens erhielten. Nach sechs Monaten stellte
man ihnen ein zweites Zimmer zur Verfügung, wodurch nun ein Elternteil in der Lage
ist nachts zu schlafen, während das andere
bei dem autoagressiven Samir wacht. Nach
neun Monaten ermöglichte man der Familie
angesichts der benötigten Sondernahrung
für Samir ein Extra-Taschengeld.
Der gesundheitliche Zustand von Samir
wurde allgemeinärztlich untersucht und
bis auf eine kardiologische Abklärung seines angeborenen Herzfehlers fanden keine
weiteren Untersuchungen statt. Die durch
einen Zungenbiss entstandene Wunde, die
Samir sich bei einem Sturz zuzog, wurde
genäht. Das fällt unter Akutversorgung und
in das Selbstverständnis des einrichtungsinternen medizinischen Dienstes. Fast ein
halbes Jahr hingegen dauerte es, bis die
bei Samir viel zu großen Polypen entfernt
wurden, die ihn beim Schlucken und Atmen
behinderten. Eine Erforschung, an welchen
Formen von Behinderung und welchen neurologischen Störungen Samir eigentlich leidet, wurde nicht eingeleitet. Ebenso wurde
weder der Verdacht auf Taubheit abgeklärt
noch die Pflegestufe und der Grad der Behinderung festgestellt.
Problematisch ist das nicht nur, weil der
Junge damit unbehandelt bleibt und sich
sein Zustand womöglich verschlechtern
könnte. Auch kann der zuständige Sozialdienst nicht prüfen, ob die Unterbringung
des Jungens in der Einrichtung überhaupt
vertretbar oder nicht vielmehr gesundheitsgefährdend ist. Problematisch ist zudem,dass somit auch wichtige Erkenntnisse für
das Asylverfahren fehlen. Das Bundesamt
für Migration und Flüchtlinge hatte bei der
Prüfung des Asylantrags festgestellt, dass
„keine Gefahrenlage“ für Samir bei einer
Rückkehr in seinen Heimatstaat vorläge. Es
sei nicht erkenntlich, dass sich in Mazedonien sein „Gesundheitszustand wesentlich
oder gar lebensbedrohlich verändern würde“, oder er „alsbald nach seiner Rückkehr
[…] in diese Lage käme, weil er auf die dortigen unzureichenden Möglichkeiten der Behandlung seines Leidens angewiesen wäre“.
Der zuständige Entscheider legte dieser
Beurteilung die nur unzureichend vorliegenden medizinischen Befunde zugrunde und
entschied entgegen des Sachvortrags der
Eltern in der Anhörung negativ.
Wie kann eine Familie darlegen, wie
schwer erkrankt ihr Kind ist und welche Folgen bei einer Nichtbehandlung auf das Kind
zukämen, wenn es niemand untersucht und
eine fachkundliche Einschätzung vornimmt?
Wenn die Eltern selbst nicht wissen, in
welcher Gefahrenlage sich ihr Kind befindet? Und wie soll eine abschiebungswillige
Ausländerbehörde sicherstellen, dass der
Prozess des Rückführens nicht schwere gesundheitliche Folgen für den Jungen hätte
und somit eigentlich inlandsbezogene Vollstreckungshindernisse vorliegen?
Die dramatische Situation der Familie
Maznov hat ihre Ursache vor allem in einer
Gesetzesänderung im Zuge des Asylpakets
I: Seit Oktober 2015 sind Asylbewerber aus
den sogenannten Sicheren Herkunftsstaaten verpflichtet, in den Aufnahmeeinrichtungen zu wohnen (§47 Abs. 1a AsylG), außer
ihre Asylanträge würden wider Erwarten
positiv beschieden.2 Auch für Asylsuchende aus anderen Staaten wurde die maximale Aufenthaltsdauer in der EinrichtungDer Zugang zu Bildung hat einen hohen
Stellenwert in Deutschland 3. Eine Beschulung ist für Kinder in Aufnahmeeinrichtungen nach der EU-Aufnahmerichtlinie spätestens nach drei Monaten zu gewährleisten
(Art.14 Abs. 2 2013/33/EU). Wenn die
Erstaufnahmeeinrichtung ihrer ursprünglichen Benennung nach tatsächlich nur eine
erste Durchlaufstation für ein paar Wochen darstellen würde, wäre die faktische
Ungleichbehandlung bei Nichtbeschulung
aus praktischen Gründen vertretbar, denn
bestehende Rechte benötigen auch Zeit für
ihre Umsetzung. Samir und seine Geschwister halten sich nun aber seit bald einem
Jahr in Deutschland auf - legal, gemeldet
und schutzsuchend – ohne dass eine Beschulung stattgefunden hätte.
Auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist als Menschenrecht von
Deutschland anerkannt und in verschiedenen Regelwerken bekräftigt worden. Asylbewerbern sollen nicht nur die erforderlichen
ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen (§4 Abs.1 AsylbLG), sondern auch alle
sonstigen zur Gesundheit unerlässlichen
Leistungen gewährleistet werden (§6 Abs.
1 AsylbLG). Dennoch agierte der medizinische Dienst bei Samir nur im Sinne einer
Akutversorgung und zeigt, dass kein Umdenken hin zu einer vollen medizinischen
Versorgungsleistung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz stattgefunden hat.
Was für ein Rechtsraum herrscht eigentlich hinter dem Zaun einer solchen Aufnahmeeinrichtung? Und was bedeutet das
für uns als Teil der Mehrheitsgesellschaft?
Sind es nicht auch unsere Werte, die dort
verfallen? Wer gewährleistet Samir und seinen Geschwistern einen „der körperlichen,
geistigen, seelischen, sittlichen und sozialen
Entwicklung des Kindes angemessenen
Lebensstandard“, wie es die EU-Aufnahmerichtlinie vorsieht (Art. 23 Abs. 1 2013/33/
EU)? Welchen Gehalt tragen unsere Werte,
wenn sie nicht dort Anwendung finden, wo
sie am ehesten gebraucht werden, nämlichFlucht und Migrationbei den Schwächsten unserer Gesellschaft
– bei den Erkrankten, den körperlich und
geistig Beeinträchtigten, den Erschöpften
und Traumatisierten, den Kindern?
Familie Maznov blieb der Gehalt unserer Werte verborgen. Vor ein paar Wochen
haben sie erfahren, dass bei Samir neben
der Trisomie 21 auch noch ein Autismus
vorliegt. Eine externe Psychologin, die sich
auf Bitten von Unterstützern bereit erklärt
hatte, Samir unentgeltlich zu untersuchen,
stellte die schwerwiegende Diagnose. Es ist
unklar, was das für die Lebensqualität und
die Lebensdauer von Samir bedeutet. Ob
er jemals umfassend untersucht und thera-piert wird, hängt wohl vor allem von dem
Einsatz von Ehrenamtlichen ab. Weil Samir
ein Kind von Eltern aus einem sogenannten
Sicheren Herkunftsstaat ist. Weil er dazu
verdammt ist, hinter einem Zaun in einer
Einrichtung zu leben, in der Menschen nicht
als gleichwertig angesehen werden.
Samir fällt wieder in sein eigentümliches
Kreischen. Wackelnd läuft er zu seinem Vater, drückt sich an ihn und lässt sich von
ihm auf den Schoß nehmen. Große Arme
umgreifen ihn von hinten, wirken warm und
beruhigend. Samir verstummt für einen
Moment. Der Blick seines Vaters schweift
traurig und erschöpft ins Leere.1Alle Namen sind geändert.2 avon sind vor allem Asylsuchende aus Albanien,
Serbien, Mazedonien, Kosovo sowie Bosnien und
Herzegowina betroffen; gelistet nach Zahl der Folgeanträge im Juni 2016 (Bundesamt für Migration
und Flüchtlinge: Aktuelle Zahlen zu Asyl. Juni 2016.
S.5, abgerufen am 30.08.2016 unter <www.bamf.
de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/
Statistik/Asyl/aktuelle-zahlen-zu-asyl-juni-2016.html?nn=7952222>).3S o ergibt sich das Recht auf Bildung bereits aus dem
Grundgesetz (Art. 1 Abs. 1 u. Art. 2 Abs.1 i.V.m. Art.
3 Abs.1) und ist zum Beispiel im „Internationaler Pakt
über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte“
(Art. 13), im „Übereinkommen über die Rechte des
Kindes“ (Art. 28) und in der „Charta der Grundrechte
der Europäischen Union“ (Art. 14) verankert.Ein unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter
in DeutschlandImmer wieder liest man von Minderjährigen, die alleine nach Deutschland fliehen, um sich hier
ein neues Leben aufzubauen. Mustafa ist einer von ihnen. Er ist 17 Jahre alt, kommt aus Afgha­
nistan und lebt seit Dezember 2015 bei einem deutschen Ehepaar, Annegret (63) und Eberhardt
(69). Bisher ist Mustafa in Deutschland noch nicht als Flüchtling anerkannt, weshalb wir seinen
wirklichen Namen ebenso wenig wie den Nachnamen seiner neuen Eltern drucken. Auch auf dem
Foto ist er deshalb nur von hinten zu sehen. Am Tag der ersten Kontaktaufnahme mit Annegret
griff ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in einem Regionalzug in der Nähe von Würzburg
mehrere Menschen an. Über ihn hat man in den folgenden Tagen viel gehört, sehr viel mehr als über
die Jugendlichen, die sich nicht radikalisieren. Auch gerade deshalb ist dieses Interview so wichtig.Annegret erzählt
Amatom: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen UMF (unbegleiteten minderjährigen Flüchtling) aufzunehmen?
Annegret: Wir hatten in der Zeitung gelesen, dass Flüchtlinge unterwegs sind, auch
Jugendliche. Und erstens: Wir haben freie
Räume. Zweitens: Wir haben Söhne und
wenn die in die Situation kommen würden,
das Land verlassen zu müssen, dann hätte ich es auch gut gefunden, wenn jemand
für sie sorgt. Insofern war das eine naheliegende Überlegung. Welche Eltern möchten
nicht gerne, dass ihre Kinder eine gute Betreuung haben? Außerdem hatten wir schon
häufiger Pflegekinder in der Vergangenheit
und auch das verstärkte den Gedanken.Amatom: An wen habt ihr euch gewandt
als ihr beschlossen hattet, jemanden aufzunehmen?
Annegret: Das Jugendamt hat in der Lokalzeitung einen Aufruf abdrucken lassen,
dass sich bitte Menschen, die bereit wären
jemanden aufzunehmen, melden sollten.
Das haben wir gemacht. Der Leiter des Jugendamtes, mit dem ich telefoniert habe,
sagte: „Auf Leute wie Sie haben wir gewartet!“ Das war ganz nett, weil wir zunächst
einmal dachten, wir wären zu alt. Aber es
geht ja nicht um ganz junge Geflüchtete,
denn sie sind ja auch schon älter und haben schon einiges an Erfahrung hinter sich.
Deshalb waren auch Pflegeeltern älteren
Datums willkommen.
Amatom: Musstet ihr irgendetwas vor­
weisen?Annegret: Das weiß ich jetzt gar nicht,
ob das bei anderen Eltern so war, aber wir
mussten nichts vorweisen. Wir waren ja
sozusagen schon bewährt als Pflegeeltern
und dem Jugendamt bekannt. Es gab ein
Gespräch und da wurde dann auch gefragt:
Warum wollen Sie das machen, welche Gegebenheiten sind vorhanden? Also wenn
beide den ganzen Tag berufstätig sind, dann
sind das keine guten Voraussetzungen.
Amatom: Und wie wurde entschieden,
dass Mustafa1 zu euch kommt?
Annegret: Es gab eine Gruppe von Jugendlichen, die hier waren. Sie wohnten
in einer Übergangsunterkunft und hatten
schon ersten Deutschunterricht. Zunächst
wurden die Jugendlichen gefragt, ob sie
lieber in einer betreuten Wohngemeinschaft
wohnen wollen oder lieber in einer Familie
und wenn ja, alleine oder zu zweit. Wir hat-910Flucht und Migrationten uns entschieden, einen Jugendlichen
aufzunehmen, weil wir dachten, für das Erlernen der Sprache sei das besser und auch
Amatom: ­Und wie habt ihr euch vorbereitet?
Annegret: Es gab ein Treffen beim Jugendamt, bei dem wir uns kurz kennen
lernten und beide Seiten hätten „ja“ oder
„nein“ sagen können. Darüber hinaus gab
es ein ausführliches Gespräch mit dem Jugendamt, das ganz hilfreich war. Dort wurde
gesagt, dass es wichtig sei, am ersten Tag
nicht übermäßig Tamtam zu machen. Denn
was will man sagen mit eingeschränkten
Deutschkenntnissen! Daraufhin haben wir
uns überlegt, wir besorgen noch gar nichts
für ihn, sondern fahren mit ihm gemeinsam
zum Einkaufen und besorgen ihm ein Bett
und alles, was er braucht, mit ihm gemeinsam. Das war auch ganz gut, weil er zum
Beispiel einen Wunsch hatte: Das Bett war
ihm eigentlich egal, es sollte nur so hoch
wie möglich sein…
Amatom: Aha, warum das?
Annegret: … und das fand ich ganz spannend. Wir haben uns dann natürlich darüber
unterhalten und er konnte es uns damals
noch gar nicht ganz erklären. Später erfuhren wir: Zu Hause hatte er auf dem Boden
geschlafen. Und Bett in Europa bedeutet
einfach: hoch und weit weg vom Boden.
Amatom: Und wie verständigt ihr euch?
Annegret: Auf Deutsch.
Amatom: Von Anfang an?Annegret: Ja es gibt gar keine Alternative.
Und das ist auch gut. Er hat – das finde
ich sehr erleichternd – Lesen und Schreiben
gelernt in seiner Sprache. Das erleichtert
natürlich das Lernen in einer anderen Sprache, weil es dann immer Übersetzungshilfen gibt. Das ist alles sehr viel komplizierter
wenn sie Analphabeten sind.Ländern. Das ist so eine Art Ehrerbietung,
wie „Tante“ vielleicht. Außerdem hat das
den Vorteil, dass man sich den Namen nicht
merken muss (lacht).Amatom: Und wie sieht euer Alltag aus?Annegret: Offen zu sein. Mit möglichst wenig Unvoreingenommenheit. Sich bewusst
zu sein, dass das gestandene Jugendliche
sind, die schon viel erlebt haben. Ihnen Freiheiten zu gestatten. Und dass es gleichzeitig auch noch Kinder sind. Gelassen zu sein,
auch wenn es schwierig wird. In schwierigen Situationen nicht in Panik zu verfallen.
Ich glaube, das ist hilfreich.Annegret: Jetzt in den Ferien schläft
Mustafa überwiegend lange, da unterscheidet er sich nicht von anderen Jugendlichen.
Er hat Freunde, mit denen er sich trifft.
Er ist hier auf die Hauptschule gegangen
nach der ersten Deutschlernphase, das war
überwiegend auf ehrenamtlicher Basis. Zunächst habe ich die Aufnahme in die Hauptschule sehr begrüßt, dann war ich sehr enttäuscht, weil dort gar keine Einbindung in
die normalen Klassen stattgefunden hat. Es
gab eine Extraklasse, in der im Grunde der
Sprachlernunterricht fortgeführt worden ist
und nicht mal Unterrichtsfächer wie z. B,
Sport hat mit den anderen Schülern stattgefunden. Außerdem war dann noch unglücklicherweise die Lehrerin langzeitkrank, sie
war nur drei Wochen im gesamten Schuljahr
da. Somit war das sehr rudimentär. Jetzt ist
er angemeldet an der BWS (Berufsbildende
Schulen), da bin ich sehr gespannt.
Amatom: Wie hat sich Mustafa denn mit
dem hier üblichen Essen arrangiert?
Annegret: Sehr gut. Er sagt auch allen seine „Mama“ könne gut kochen. Er sagt übrigens „Mama“ und „Papa“, was aber glaube ich nicht unserem „Mama“ und „Papa“
entspricht, sondern das kenne ich auch
von anderen jüngeren Leuten aus anderen„Mustafa“ mit einer seiner Ehrenamtlichen, die ihm Mathematik beibringt.Amatom: Was würdet ihr jemandem empfehlen, der überlegt, einen UMF aufzunehmen?Amatom: Was meinst du mit „Schwierig“?
Annegret: Er ist sehr liebenswürdig, sehr
zuvorkommend. Dann gab es aber auch
Situationen, in denen er sich sehr zurückgezogen hat und einfach andere Vorstellungen
hatte als wir. Das ist dann meine persönliche Macke, dass ich es nicht gut aushalte,
wenn man nicht mit mir spricht. Wir mussten klären, dass er sich zurückziehen kann,
aber nicht als Abbruch, sondern dann brauche ich eine kurze Information.
Ein anderes Thema ist, dass er eben ­einen
anderen kulturellen Hintergrund hat. Er
hat eine Verlobte. Wenn er zu ihr fährt,
dann setzt er sein ganzes Taschengeld in
Form von Geschenken für die Familie um.
Dafür hatte ich zunächst überhaupt gar
kein Verständnis. Dann hat der Übersetzer
eben auch gesagt, das sei aber so. Diese
Verlobung ist ohne den Anspruch auf einen
Brautpreis zustande gekommen. Das bedeutet aber, dass er Geschenke machen
muss. Das ist sozusagen landestypisch.
Was aber zusätzlich immer noch bedeutet,
dass er dem Vater dankbar sein muss, dass
er ihm die Tochter gibt, ohne den Brautpreis zu verlangen. Das ist für uns irgendwie
etwas… nun ja… gewöhnungsbedürftig.
Und er ist eben jemand der nicht aus Kabul
kommt, also nicht sehr viel mit westlicher
Zivilisation in Berührung gekommen ist. Er
ist aus dem Norden von Afghanistan, einer
sehr ländlichen Region, aber man könnte
auch denken er ist Student und kommt
aus… ich weiß nicht woher. Er ist das sehr
anpassungsfähig. Das finde ich erstaunlich.
Er lernt sehr schnell, ich finde es ist eine
Ressourcenverschwendung, was da getrieben wird mit diesen Leuten, die begabt
sind und nicht lernen können. Es gibt einenFlucht und MigrationJugendlichen, der hier auf das Gymnasium
geht. Er hat zwei Jahre Koranschule gehabt
und er kommt da mit. Das muss man sich
mal vorstellen! Er ist hier in die achte Klasse
gekommen. Das finde ich… also es ist mir
Insofern bin ich sehr zuversichtlich, dass
auch Mustafa seinen Weg gehen wird, eine
Ausbildung machen kann und sich dadurch
dann selbst gut ernähren kann und irgendwann auch ins Sozialsystem der Bundesrepublik einzahlen wird.
Mir wäre noch wichtig zu sagen, dass wir
beide finden, dass Mustafa für uns eine Bereicherung ist, einfach weil er so ein liebenswürdiger und netter Mensch ist und auch,
weil durch ihn ein Einblick in eine ganz eigene Kultur möglich ist, die wir sonst so intensiv nicht erlebt hätten. Ich finde es immer
gut, wenn man über den eigenen Tellerrand
hinaus etwas erfährt.hatten das Gefühl, sie würden auch vor der
Nutzung von Pistolen und Gewehre nicht
zurückschrecken.Amatom: Worüber hast du dich am meisten gefreut? Was war am schönsten? Am
besten?Amatom: (Pause) Dann danke, Annegret.Mustafa: Diese Familie möchte ich bleiben.
Mama und Baba bleiben.Mustafa2 erzähltAnnegret: Soll ich ihn dir noch einmal geben?Amatom: Und was ist schön? Was magst
du?Amatom: Ja!
Mustafa: Hallo
Amatom: Hallo. Kannst du mir von deinem
Weg hierher erzählen?Mustafa: Bleiben…eine Ausbildung machen.
Amatom: Hast du ein Hobby?
Mustafa: Nein, noch nicht (lacht).Mustafa: … Berge zwischen Iran und Afghanistan. Fuß von meiner Mutter wie sagt
man?Amatom: Möchtest du etwas Bestimmtes
machen?Annegret (in Hintergrund, scheint eine
Geste zu beschreiben): Umgeknickt.Mustafa: Tischler… aber zuerst muss ich
Deutsch lernen.Amatom: Warum hast du deine Heimat
verlassen?Mustafa: Ja umgeknickt. Meine Mutter ist
einen Monat lang in einem Krankenhaus in
Iran geblieben. Dann Richtung Türkei, in
Türkei…Amatom: Was würdest du einer Familie in
Deutschland sagen, die sagt, sie möchte
auch jemanden aufnehmen?Mustafa: Ich kann nicht… Wie soll ich erklären?Annegret (im Hintergrund): An der
Grenze…Amatom: Wenn du etwas nicht sagen
möchtest, ist das ok!Mustafa: Ja, an der Grenze, sie sagen zwei
Gruppen. Eine Gruppe da lang und dann in
Türkei, alle zusammen, und du kannst dann
deine Mutter sehen. Und in Türkei ich habe
meine Schulter…(nach einigen Versuchen „übersetzt“ Annegret diese Frage in einfacheres Deutsch)
Mustafa: (lacht) äähm. Was soll ich sagen?Mustafa: Nein, nein, ich kann alles sagen,
aber ich kann nicht erklären.
Amatom: Ok, willst du es versuchen? Ein
Mustafa: Meine Mutter kann erklären…
Annegret: Hallo…
Amatom: Hallo Annegret. Wir waren gerade an dem Punkt, warum Mustafa aus
Afghanistan geflohen ist und er sagt, du
könnest das besser erklären.
Annegret: Es gab innerfamiliäre Konflikte, weil der Onkel, der Bruder der Mutter,
in eine Talibanfamilie eingeheiratet hat und
selber Taliban ist. Er hat fünf Söhne und die
haben Druck ausgeübt, dass Mustafa, seine Mutter und sein Bruder sich auch den
Taliban anschließen sollen. Sie sind auch
bewaffnet, das ist man eben in Afghanistan
und sie hatten Angst, dass sie auch… sie
haben sie geschlagen, sowohl die Mutter
als auch Mustafa und seinen Bruder und sieAnnegret: Ausgekugelt…
Mustafa:…ausgekugelt und dann ich habe
ein Tag oder zwei Tage geblieben und dann
meine Mutter nicht da und ich habe gegangen nach Griechenland und in Griechenland
viel Polizei. Viele Leute und mit Polizei ich
dann nach Deutschland.
Amatom: Wie fühlst du dich hier in
Mustafa: Was für eine Frage… gut!Annegret: (lacht auch)… du kannst sagen… du kannst sagen, sie soll zweimal
am Tag mit dem Jugendlichen Deutschunterricht machen. (lacht)
Mustafa: (lacht auch) Ich muss sagen, ich
kann nicht Deutsch lesen und Annegret
jeden Tag mit mir eine Stunde Deutsch
lesen… lernen…und ich kann sagen, ich
kann jetzt auch schon lesen.
Amatom: Das waren alle Fragen, die ich
dir stellen wollte. Möchtest du noch etwas
Mustafa: Meine Mama hat gesagt, das ist
ein Interview. Und ich habe das nicht verstanden. Was ist ein Interview?Amatom: Gab es auch etwas, das schwierig für dich war?
Mustafa: (bestimmt) Nein!
Amatom: Wie ist es für dich, in einer neuen Familie zu wohnen?
Mustafa: Diese Familie ist ganz gut.1Name von der Redaktion geändert2 nmerkung der Redaktion: Noch ist Mustafa nicht
als Geflüchteter anerkannt. Sein Vormund bat uns
deshalb, seine Anonymität zu wahren.1112Flucht und MigrationZwischen humanitärer Hilfeleistung
und Handlungsohnmacht
Ein Erfahrungsbericht des Dresdner Support Convoy über IdomeniDas Camp für Menschen auf der Flucht im Grenzort Idomeni war ursprünglich für wenige
tausend Menschen angedacht, die von dort aus die Grenze zu Mazedonien überqueren
sollten, um nach wenigen Tagen Aufenthalt auf dem direkten Weg mit dem Zug in die
nächsten Durchgangscamps in Serbien zu gelangen. Um die Anzahl zu regulieren, wurden
regelmäßig Busse, die zumeist aus Athen kamen, an der ca. 20 km entfernten EKO-Tankstelle oft tagelang festgehalten. Bis auf eine unabhängige, selbstorganisierte Küche gab es
dort vorerst keine Versorgungsstruktur (ausgenommen des Shops in der Tankstelle). Teils
hunderte, teils weit über tausende Menschen warteten hier darauf, das Camp in Idomeni
zu erreichen.Mit der sukzessiven Grenzschließung, beginnend in Österreich und sich entlang der
Balkanroute bis nach Mazedonien ziehend,
änderte sich die Situation erheblich. Immer
weniger Menschen wurden pro Tag über die
Grenze gelassen, sodass sich die Anzahl
der an der Tankstelle gezwungenermaßen
lebenden Menschen bis auf 2.500 ausweitete. Vermehrt fanden die Flüchtenden nun
selbstständig einen Weg nach Idomeni, ob
mit Taxi oder zu Fuß. Teils machten sich
hunderte Menschen gleichzeitig in der griechischen Mittagssonne auf den Weg über
die Autobahn an die Grenze. In Idomeni
selbst stieg die Zahl der Menschen rapide.
Jeden Tag konnten neue Zelte gezählt werden und für mindestens zwei Wochen war
nicht abzusehen, wie groß dieses Camp,
das sich nun zu einem eher permanenten
und informellen entwickelte, noch werden
würde. Gleichzeitig entstanden rund um
Idomeni weitere informelle Strukturen. Vor
allem als es in Nordgriechenland einen ein-wöchigen, dauerhaften Regenfall gab, zogen es einige Menschen vor, ihre Zelte auf
einem versiegelten Untergrund des nahegelegenen Hotel Haras aufzustellen, statt auf
den Feldern Idomenis, die mehr und mehr
einem riesigen Schlammsee glichen.
In dieser Zeit waren die offiziellen Hilfsstrukturen überlastet. Es fehlte an Grundnahrungsmitteln, Decken, Zelten, Medikamenten, einfach an allem. Es waren vor
allem unabhängig agierende, selbstorganisierte Freiwillige, die versuchten einige
Löcher zu stopfen, in dem sie selbstständig Spenden-, Essens-, und Teeausgaben
koordinierten. Gleichzeitig war das Camp
ein Dauerthema in den Medien. Es gingen
Bilder und Videos von den katastrophalen
Zuständen für die Menschen durch die Welt
und nahezu täglich kamen Interviewanfragen von unterschiedlichsten Medien. Die
massive Medienpräsenz im Camp führte
sukzessive zu einer Erhöhung der Spenden,als auch der Anzahl von Freiwilligen aus der
ganzen Welt, was auch direkten Einfluss auf
unsere Arbeit hatte.
Angekommen sind wir in Idomeni mit
einer Gulaschkanone und dem Ziel in den
noch sehr kalten Nächten im Febrauar/
März süßen Chai auszuschenken und die
in Dresden gesammelten Spenden, insbesondere Decken und Zelte, auszugeben.
Sehr schnell kamen wir jedoch an unsere
Kapazitätsgrenzen. Der Chai war alle, der
Bedarf danach jedoch bei weitem nicht
gedeckt. Wir entschieden uns, mit der
größten Küche aus den Niederlanden, „Aid
Delivery Mission“, und dem Projekt „Solidaritea“ eine dauerhafte Chaiküche im Camp
zu errichten, um von morgens 8 Uhr bis 2
Uhr in der Nacht den süßen Tee anzubieten. Mit täglich 250 kg Zucker und bis zu
10 kg Schwarztee konnten, nur durch ein
erhebliches Spendenaufgebot und der
Zusammenarbeit dieser drei selbstorganisierten Strukturen, ca. 10.000 Becher Chai
am Tag ausgegeben werden. Immer wieder
standen wir kurz vor finanziellen Engpässen. Immer wieder waren wir kurz davor
das Zelt schließen zu müssen und immer
wieder kamen uns andere Organisationen
im letzten Augenblick zur Hilfe. Es waren
Zucker-, Becher- oder Finanzspenden ohne
die das Projekt nicht hätte am Leben gehalten werden können.
Mit dem explodierenden Camp wuchsen jedoch auch unsere Fragen zum Sinn
unserer Arbeit. Regelmäßig durchschlich
uns das Gefühl, dass wir mit zunehmender
Symptombekämpfung den Ursachen derSituationen für Menschen auf der Flucht
nichts entgegen zu setzen haben. Vielmehr
manifestierten wir im Einklang mit anderen Organisationen diskriminierende und
menschenunwürdige Zustände indem wir
sie „erträglicher“ machten und dauerhafte
Strukturen aufbauten.
Uns ist bewusst, dass ein Großteil der
Menschen vor Krieg flüchtet. Bilder und
Videos der vielen neuen Freund_innen, die
wir jeden Abend gewannen, verdeutlichten
dies beinahe zu sehr für unsere Gemüter.
Die Waffen kamen und kommen noch immer auch aus Deutschland. Es ist jedoch
vor allem auch der alltägliche Konsum der
reichen Welt auf Kosten der Schätze anderer Nationen, die Auswirkungen des Klimawandels und die Manifestation der Unterscheidung in „wir und die anderen“, die
uns nachdenklich stimmten. Wir sahen uns
immer als Teil einer solidarischen Utopie
und wollten diese verkörpern, gleichzeitig
sind wir aber immer auch Teil der realen
Dystopie und reproduzieren diese täglich.
Innerhalb kürzester Zeit haben wir angefangen unsere Prinzipien von Nachhaltigkeit aufzugeben. Wir verteilten Tonnen an
Plastikflaschen, die, entlang der Straßen
liegend, eine eigene Geschichte erzählen.
Schlafsäcke, Decken und Kleidung wurden
so lange benutzt, bis sie auf den langen
Fußwegen zu schwer wurden oder unnütz
erschienen und waren ebenso im Wald,
den Camps oder an den Straßen zu finden. Die Menschen bekommen im nächsten Zwischenziel (hoffentlich) Neues. Der
Überfluss, mit dem wir groß werden, ist für
die Menschen auf der Flucht definitiv eine
Hilfe. Insgesamt wurde uns jedoch deutlicher als zuvor vor Augen geführt, dass wir
handlungsohnmächtig sind, hier vor Ort daran zu wirken. Den Tee, selten aus fairem
Handel, servierten wir in Wegwerfbechern.
Ebenso das Essen. Bioprodukte waren in
diesen Mengen nicht bezahlbar. Es erschien
schwer umsetzbar für über zehntausend
Menschen Mehrweggeschirr zu stellen,
dieses beisammen zu halten und abzuwaschen. So produzierten wir Tag ein, Tag aus
unseren Beitrag zur Kernproblematik ökologischer Nachhaltigkeit und reproduzierten
Die akute Situation, die Not, all dies ließ
uns verstehen, dass es keine Verneinung
schneller, problemloser Hilfeleistungen
geben darf. Dennoch wirkt es fragwürdig,
wie die großen, offiziellen NGOs im struk-turellen Rad der Grenzen und Nationen fest
stecken. Es manifestierte sich in dem Camp
ein „Wir“ und ein „Anders“, ohne dass dies
vielleicht gewollt war. Tausende Menschen
standen für ein einziges Sandwich am Tag
an. Es ging die Menschlichkeit, das liebevolle Element, verloren. Alles wirkte wie
­Abarbeiten.
In diesen Worten steckt keine Kritik an
den Menschen, die jeden Tag aufs Neue
bis zur Belastungsgrenze halfen. Es ist eine
strukturelle Problematik, die wir hier an-sprechen. Menschen werden eingeteilt. Es
werden Menschen mit einem „Darf“-Stempel geboren. Sie dürfen den Wohlstand
der Nationen auskosten. Und es gibt welche, die diesen Stempel nicht per Geburt
erhalten. Diese Struktur ist so umfassend
und scheinbar selbsterklärend, dass sich
Menschen, die dieses System direkt vor
Ort erhalten, nicht trauen (können/wollen)
„nein“ zu sagen. Polizei und andere Exekutivorgane schützen es wie selbstverständlich.
In Idomeni wurde Tränengas eingesetzt.
Gegen Menschen, die Schutz suchen!Grundlegendes zum Convoy:
Alle zwei bis drei Wochen fahren freiwillige HelferInnen mit unserem Support Convoy in
Flüchtlingscamps, wo wir den Menschen auf ihrer lebensbedrohlichen Flucht trockene
Kleidung, Decken und Zelte zur Verfügung stellen und gemeinsam mit ihnen wärmende
Getränke und Essen zubereiten. Entstanden ist unsere Initiative als Reaktion auf die humanitäre Katastrophe auf den Flüchtlingsrouten, die die erste Gruppe von Freiwilligen
im November 2015 dazu bewog an die serbisch-mazedonische Grenze zu fahren, um
gegen die beißende Kälte des Winters anzukämpfen. Auf unseren Webseiten berichten
wir täglich von unseren Tätigkeiten und über die Lage vor Ort.
Im Zuge der verschärften Flüchtlingspolitik haben wir Hilfsstrukturen in verschiedenen Einsatzorten aufgebaut. So waren wir in Serbien und auf den griechischen Inseln
Lesbos und Chios. Momentan sind wir an verschiedenen Orten in Griechenland und
werden bald nach Sizilien aufbrechen.
Weiteres unter https://www.facebook.com/support.convoy/
Florian Höntsch, M. Sc. Raumentwicklung und Naturressourcenmanagement, seit
­Februar in Zusammenarbeit mit dem Convoy wiederholt als Freiwilliger in Griechenland
unterwegs, u.a. verantwortlich für die Umsetzung des Teeprojekts in IdomeniGleichzeitig wurde aus der Flucht ein Geschäft. Eine Tankstelle spezialisierte sich
scheinbar auf die Illegalisierten, die versuchten ihre Flucht durch den Wald und die
Berge fortzusetzen. Es konnten Pullover,
Rucksäcke und ähnliche Produkte gekauft
werden. Taxifahrer verdienten sich eine goldene Nase an der Ahnungs- und Hilflosigkeit der Menschen auf der Flucht. Makaber
trifft es wohl am besten. An so vielen Stellen
gab und gibt es Korruption und Abzocke.
Wir suchten hier vergebens das solidarische
Europa. Menschen scheinen dazu erzogen
zu werden, an sich selbst zu denken. Jeder
tut das Beste für sich, dann ist es insgesamt das Beste für alle. Schon immer war
uns dieser Individualismus suspekt, aber so
praktisch und diskriminierend wie in Idomeni wurde er uns noch nie aufgezeigt.
Rückblickend betrachtet, stellen wir fest,
dass wir unsere Arbeit in Idomeni sehr naivbegonnen haben. Wir wollten einfach nur
helfen und haben zu selten unsere Arbeit
reflektiert. Nun betrachten wir die Zeit differenzierter. Reine humanitäre Hilfeleistung
erscheint uns noch immer wichtig und sinnvoll, doch möchten wir die strukturellen Problematiken nicht einfach akzeptieren. So ist
eine dauerhafte Öffentlichkeitsarbeit, die
den Fokus auf die Hintergründe und Verantwortlichkeiten für die Flucht von Menschen
im Allgemeinen, sowie die aktuelle Situation
legt und versucht den medialen Diskurs zu
beeinflussen, um nicht immer nur von den
„armen Menschen in Not und ihrer schrecklichen Situation“ zu berichten, ein weiteres
Aufgabengebiet. Letztendlich schafft es
nur ein Wandel der öffentlichen Meinung
politische Entscheidungen zu beeinflussen,
damit die Vision der Bewegungsfreiheit
für alle irgendwann einmal Realität werden
kann. Um uns von unserer paternalistischen
Perspektive lösen zu können, müssen wires darüber hinaus schaffen, Menschen auf
der Flucht selbstorganisierten Frei-/Wohnraum zu bieten und sie in die Hilfsstrukturen einzubinden. Sie haben eine eigene
Stimme, treffen eigene Entscheidungen und
können Plattformen nutzen, diese zu verbreiten, wenn sie den Zugang dazu bekommen. Weg von dem „Wir für Sie“-Ansatz hin
zu gemeinsamen, kooperativen Strukturen
der Hilfeleistung. Das alles trifft jedoch nicht
den dringlichsten Wunsch nach Schutz und
einem Leben mit Perspektive und Würde.
Bei allen Schwierigkeiten sollten wir auch
immer daran denken, dass Menschen direkte Unterstützung bei ihrer Flucht benötigen,
je schwieriger und illegalisierter die Flucht
nach Europa auch wird. Doch solange die
Ursachen nicht angegangen wurden, werden Menschen nicht aufhören Schutz in
­Europa zu suchen.Hibakusha weltweit
Eine Ausstellung der IPPNW50 Orte, an denen die Atomwirtschaft ihre Spuren hinterlassen hat – 50 Poster berichten von den
schrecklichen Folgen für Menschen und Umwelt – mit großer Übersichts-Weltkarte.
Auszuleihen bei der IPPNW-Geschäftsstelle in Berlin.Hibakusha – so nennt man in Japan die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki. Aber auch
andernorts gibt es Menschen, deren Leben die Atomindustrie zerstört hat: Vom Atomwaffentestgelände in Nevada bis zum Super-GAU von Fukushima, von der Atomkatastrophe von Majak bis
zum Uranbergbau in Australien – diese Ausstellung ist den Hibakusha in aller Welt gewidmet.Informationen
undwww.hibakusha-weltweit.de
Ausleihe unter: www.hibakusha-weltweit.de
Ausleihe unter:Flucht und Migration15Der Tag
Es war ein normaler Tag. Um 06:30 bin
ich müde aufgestanden, nachdem ich wie
alle Syrer durch die Nacht alle meine Albträume durchgeblättert hatte, anstatt ein
Langsam habe ich mich unter die Dusche
begeben. Das Geräusch des auf meinen
Körper fallenden Wassertropfens ängstigte
mich für einen Augenblick. Es hörte sich wie
ein Luftangriff an.
Wie es jedem Rechtsanwalt üblich ist,
hatte ich meinen dunkelblauen, gut gebügelten Anzug an. Mit geübten Händen habe
ich schnell die Krawatte geknotet, damit
wurde mir auch die Freiheit, normal zu atmen, entzogen.
Meine Mutter wartete mit einer Kanne
Kaffee auf mich. Zusammen haben wir
unseren Kaffee genossen. Ich durfte erst
gehen, nachdem sie mir das Versprechen
abgenommen hatte, rechtzeitig zum Mittagessen zu kommen.
Halten konnte ich mein Versprechen
„Du musst sofort los, die Entscheidung
wurde getroffen, du bist ab sofort verfolgt.“,
sagte ein Freund von mir hektisch am Telefon.
Ich war im Amtsgericht. Die Statue von
Justitia stand da, jedoch die Gerechtigkeit
nicht. Ich habe meine Krawatte entknotet und bis heute nie wieder geknotet. Ich
habe sichergestellt, dass ich meinen Pass
dabeihabe. Schnell bin ich in mein Auto
eingestiegen und gen Libanon gefahren.
Auf dem Weg dorthin habe ich schweigend
von allen Gesichtern, Gebäuden, Geräuschen und Gerüchen Abschied genommen.
Dort, wo ich meine Freundin zum ersten
Mal geküsst habe, bin ich vorbeigefahren.
Ich wusste nicht, wann ich ihre Lippen noch
einmal genießen werde. Ich habe mich nicht
getraut, zu meiner Mutter zu fahren, die bis
heute zuversichtlich auf mich wartet.
Nach langem Hin und Her an der Grenze konnte ich es schaffen, die Grenze zu
überqueren. Als ich Beirut erreichte, fühlte
ich mich erleichtert, jedoch verschwanden
Ich bin hier nicht willkommen. Das habe
ich sofort festgestellt. Keiner will mir seine
Wohnung vermieten. Die Absage bekam ich
direkt nachdem der Vermieter meinen syrischen Dialekt erkannt hat.
Zu jener Zeit merkte ich, dass das Geld
gar keinen Wert hat. Es kann mir die Würde
Bei einem Freund habe ich zwei Wochen
übernachtet. Mit ihm und seiner Frau in ei-nem kleinem Zimmer. Meinetwegen sind sie
zwei Wochen lang voneinander ferngeblieben. Lautlos habe ich jede Nacht geweint.
Danach konnte ich ein kleines Zimmer in
einem kirchlichen Wohnheim mieten. In
diesem Zimmer, das für mich allein eng
war, habe ich drei andere syrische Jungen
empfangen, die der Krieg in den Libanon
Kurz danach wurde für die Syrer von
18:00 bis 06:00 eine Ausgangsperre verhängt. Jeder, der die syrischen Schilder
meines Autos gesehen hat, hat mich beschimpft und versucht, mich einzuschüchtern.
In Syrien wurde meine Mutter ständig wegen mir von den Geheimdiensten belästigt,
und auf mich wartete der Tod. Im Libanon
wurde ich wegen meiner Staatsangehörigkeit diskriminiert und entwürdigt. Meine
Träume von einem wundervollen Leben
habe ich im Libanon begraben und mich
entschieden auszuwandern. Nach einem
Jahr Wartezeit und mehr als zehn Visa-Ablehnungen von verschiedenen Botschaften,
habe ich mithilfe meines Bruders ein Visum
für Deutschland bekommen.
Wegen der Verpflichtungserklärung, die
mein Bruder mir ausstellte, durfte ich keine Leistungen von der Stadt beziehen. Zwei
Wochen nach meiner Ankunft konnte ich
ignorieren, dass ich Rechtsanwalt bin und
fing an, neben der Sprachschule bei McDonalds die Toiletten zu putzen. In fünf Monaten konnte ich die B1-Stufe der deutschen
Sprache erreichen, was mich dazu berechtigte, eine Zulassung von der Uni-Mainz zu
Nach Mainz bin ich gezogen und in einem
Studentenwohnheim habe ich gewohnt, wo
ich nette Leute kennengelernt habe. Dank
ihnen konnte ich die Sprache schnell beherrschen.
Mein Studium habe ich zuerst durch die
Arbeit in einer Shishabar finanziert. Vom
Trinkgeld habe ich gelebt. Sobald ich gut
Deutsch konnte, habe ich mich freiwillig
als Dolmetscher bei einer Flüchtlingshilfsorganisation gemeldet. Ich war froh, dass
ich meinen Leuten helfen konnte. Zwischen
dem Studium, der Arbeit und der ehrenamtlichen Tätigkeit hatte ich kaum Zeit etwas
anderes zu tun als zu schlafen. Trotzdem
war diese Phase die beste Zeit, die ich nach
meiner Flucht erlebt habe.
Am Anfang 2016 wurde ich als Werkstudent bei ebenjener Hilfsorganisation angestellt. Die Kolleginnen und Kollegen dort
waren für mich wie eine Familie und sindimmer noch so. Mainz gab mir das Gefühl,
dass ich daheim bin. Leider hat das nicht
Mainz hat mich zwei Mal abgelehnt. Einmal beruflich, als die Organisation, die ich
fleißig bedient habe, es verweigert hat,
mich fest anzustellen. Und einmal emotional, als ein Mädchen, das ich wirklich mochte, mich abgelehnt hat. Das kann jedem
passieren, ich weiß, aber ich wurde früher
nie abgelehnt, weder beruflich noch emotional. In Syrien war ich die Person, mit der
alle Mädels befreundet sein möchten. Die
Person, der alle Arbeitgeber eine Stelle geben wollen. Mainz hat mich aufgeweckt und
mir die Realität klargemacht, dass Tarek
Bashour hier nicht existiert. Hier bin ich nur
einer von vielen Syrern, die nur zu bedauern
sind. Ich habe mir danach versprochen, Tarek Bashour hier wieder zu erschaffen.
Ich habe eine Zusage für eine Stelle in
Leipzig bekommen und bin hingezogen.
Jetzt und während ich
am Karl-Heine-Kanal sitze
und diese Wörter schreibe, ist ein Kind gestürzt
und hat seine Knie leicht
verletzt. Alle Leute und
ich sind zu ihm gerannt
und haben ihm geholfen.
Kurz danach ist mir ein
Video eingefallen, in dem
vor ein paar Tagen einem
Kind in Aleppo der Kopf
abgehackt wurde. Es ist
schwer zu glauben, dass Tarek Bashour
diese beiden Ereignisse Sozialarbeiter Malteser
auf demselben Planeten Hilfsdienst e.V. Leipzig
passierten. Die Mutter tarekbashour@hotmail.com
hat es ängstlich umarmt.
Die Mutter des syrischen wurde geschlagen
und von ihrem Sohn ferngehalten. Ich habe
mich an meine Mutter erinnert, sie angerufen und ihr wieder versprochen, dass ich
eines Tages zum Mittagessen nach Hause
Jetzt gehe ich ins Bett und wiederhole
wie jede Nacht meine Albträume, mit der
Hoffnung, dass ich eines Tages aufstehen
werde, meinen Anzug anhabe und die Krawatte knote in einem freiem Syrien, in dem
die Kinder umarmt und nicht umgebracht
Leipzig den 05.08.201616Nachhaltig gesundWorte wie Medizin
Von Therapeutischer Kommunikation und BeziehungNach Bernhard Lown sind Worte das mächtigste Werkzeug, über das wir in der Medizin verfügen. Der Umgang
mit Patienten und die Arzt-Patienten-Kommunikation sollten nicht nur informativ, sondern vielmehr „therapeutisch“
sein, d.h. den Patienten und die Therapie unterstützen.Gewöhnlich und von alleine sind sie das
aber nicht. Im Gegenteil, die meisten Suggestionen in der Medizin sind (unbedacht)
negativ. Der Patient wird in eine passive
Haltung gedrängt, Befund- und Diagnosemitteilung und Risikoaufklärung lösen
Negativerwartungen, Nocebo-Effekte aus,
die genau die Symptome und Nebenwirkungen induzieren, die sie beschreiben
(Häuser 2012). Gutgemeinte Aufmunterungen wie „Sie brauchen sich keine Sorgen zu
machen“ und Lügen wie „Das dauert nicht
lange“ oder „Das tut gar nicht weh“ bewirken nicht die beabsichtigte Beruhigung
sondern erhöhen im Gegenteil Angst und
Schmerz. Wenn man die Nocebo-Effekte
und Negativsuggestionen in der Medizin
kennt, kann man sie eher in seinem Arbeitsfeld erkennen und vermeiden (Zech 2014):
Den Transport in strikter, nicht notwendiger
Rückenlage, der Blick über den Kopf bei der
Narkoseeinleitung, die suggestive Abfrage
„Ist Ihnen wirklich nicht übel!“, die Prognose
„Sie werden sich ein paar Tage wie erschlagen fühlen“, die drastische Mahnung „In
­Ihnen tickt eine Zeitbombe“.Prof. Dr.med. Dr.rer.nat.
ernil.hansen@ukr.deZudem stellen medizinische Situationen wie eine
schmerzhafte Verletzung,
ein Notfall, der Kreissaal,
eine Behandlung im Zahnarztstuhl oder die Situation
im Krankenhaus, bei der
Narkoseeinleitung,
während einer Operation in
Regionalanästhesie oder
für Patienten eine Extremsituation dar. In solchen,
als existentiell bedrohlich
empfundenen Situationen
verhalten sich Menschen
oft nicht „normal“, sie gehen als Schutzreaktion in
eine natürliche Trance.Dabei steht weniger ein rationales als ein
bildhaftes Verständnis im Vordergrund. Außerdem ist diese Trance gekennzeichnet
durch eine fokussierte Aufmerksamkeit, bei
der ein Patient alles, was er sieht und hört,
begierig aufnimmt und auf sich bezieht, und
durch eine stark erhöhte Suggestibilität,
das heißt, dass Suggestionen leichter und
stärker als gewöhnlich psychische und körperliche Veränderungen auslösen (Hansen
Dieser besondere Zustand ist aber nicht
nur Ursprung von negativen Auswirkungen,
sondern kann auch dazu genutzt werden,
um besonders effektiv mit positiven Suggestionen das Wohlbefinden, die Stabilität und
die Selbstheilungskräfte von Patienten zu
verbessern. Dazu kann man auf die Erfahrung und Erkenntnisse der modernen Hypnose und Hypnotherapie mit ihrer Expertise
für Suggestionen, Trancezustände und Patientenkontakt zurückgreifen. „Suggestion“
bedeutet hierbei das Aufzeigen von Möglichkeiten im Sinne von I suggest. So können Negativerwartungen, die sich bei der
Symptomschilderung des Patienten in den
Worten „Ich habe immer so ….“ ausdrückt,
schon dadurch unterbrochen werden, indem
der Arzt den Satz wiederholt („spiegelt“),
aber das Wort „immer“ durch „oft“ ersetzt
und damit auf die Ausnahmen als Lösungsansatz verweist. Aus einer Risikoaufklärung
kann die Schärfe genommen werden, wenn
sie immer in Verbindung mit einer positiven
Aussagen erfolgt („Linking“), dem erwarteten Nutzen der Behandlung, den prophylaktischen Maßnahmen zur Verhinderung der
Komplikation, Überwachungsmaßnahmen,
die eine rasche Erkennung und Behandlung
der Nebenwirkung erlauben und die dann
möglichen Behandlungsmöglichkeiten, die
einen größeren Schaden verhindern, und
der mögliche patienteneigene Beitrag (z.B.
Atemübung, die Pneumoniegefahr senkt).
Außerdem sieht das neue Patientenrech-tegesetz ausdrücklich die Möglichkeit
vor, dass der Patient auch auf Aufklärung
verzichten kann vor. Die medizinische Aufklärung hat nämlich erhebliche Nebenwirkungen (Zech 2015), über die der Patient
wie bei jeder anderen Behandlungsnebenwirkung aufgeklärt werden muss, damit er
die Entscheidung treffen kann, ob er das
wirklich will. Vor allem wollen Patienten mit
dem Arzt das Aufklärungsgespräch führen,
der dann auch die Behandlung durchführen
wird. Gegen diesen Patientenwunsch wird
flächendeckend und routinemäßig durch
die „Prämedikationsambulanzen“ verstoßen, obwohl es dafür keinen medizinischen
Grund gibt. Dadurch wird das klassische
Arzt-Patienten-Verhältnis zunehmend abgelöst durch reines Prozessdenken, was
zu vermehrtem perioperativen Stress führt
(Aust 2011). Der junge Arzt sollte diesen
Kontakt vor der Behandlung auch außerhalb der Dienstzeit und jedes Dienstauftrags suchen, damit er überhaupt einmal
erlebt, was das für den Patienten bedeutet.
Aus einer solchen Beziehung zu Patienten
kann man die Befriedigung und Motivation
im Arztberuf schöpfen, die für eine gute
und lange Arbeit in diesem Beruf notwendig
ist, nicht vom Krankenhausmanagement.
Suggestionen sind effektiver und stoßen
auf weniger Widerstand, wenn sie indirekt
gegeben werden. Bei der Präoxygenierung,
der Sauerstoffgabe vor Narkoseeinleitung
könnte es statt „Jetzt tief durchatmen!“ heißen: „Mit jedem tiefen Atemzug können Sie
frische Luft und mit dem Sauerstoff alles,
was Ihnen jetzt guttut aufnehmen. Und mit
dem Ausatmen können Sie die verbrauchte
Luft – und alles, was Sie stört oder belastet
abgeben. Und einatmen: Ruhe und Zuversicht und Kraft für die Heilung.“ Die Ankündigung einer Blutabnahme oder Medikamentengabe sollte nicht negativ festlegen:
„Das sticht jetzt einmal.“, „Jetzt wird Ihnen
gleich etwas schwindelig“ oder „Das brennt
jetzt mal ein bisschen.“, sondern neutral
oder positiv ausgedrückt werden: „Achtung,
ich fange jetzt an.“, „Das macht alles etwas
leichter, vielleicht sogar beschwingt.“ oder
„Wenn Sie das Medikament vielleicht spüren, sagt Ihnen das, dass es wirkt.“
Es sind die Ausdrücke „Sicherheit“, „Wohlbefinden“, „Beistand“, „Heilung“, die immerNachhaltig gesundwieder fallen sollten, weil sie für Patienten
größte Bedeutung haben. Ein herausragendes Beispiel, an dem sich die Möglichkeiten
hypnotischer Kommunikation bei Regionalanästhesie besonders eindrucksvoll aufzeigen lassen, ist die Anwendung bei einer
Wachkraniotomie, d.h. der Operation eines
Hirntumors in der Nähe der Sprachregion
oder motorischer Hirnareale, bei der der Patient während der Operation wach sein soll,
damit er zur Vermeidung von Schädigungen
sprachlich und/oder motorisch getestet
werden kann. Statt den Patienten dafür aus
einer Narkose aufwachen zu lassen, wie es
die Standardmethode darstellt, kann diese
Operation aber auch ohne Medikamente
wie Schmerz- oder Sedierungsmittel durchgeführt werden, wobei die Analgesie durch
kraniale Leitungsblockaden gewährleistet
ist (Hansen 2013). Es zeigt sich, dass mit
entsprechender Begleitung und Kommunikation die Belastungen einer Wach-Kraniotomie, das bewusste Miterleben der Operation am eigenen Gehirn und vor allem
die Geräusche beim Festschrauben des
Kopfes bei der Kraniotomie mit Knochenbohren und -fräsen sowie beim Absaugen
von Blut und Tumor sehr gut zu meistern
sind bzw. vom Patienten gar nicht als Belastung empfunden werden. Wichtig bei dieser
Begleitung sind die Dissoziation an einen
inneren Ruhe- und Wohlfühlort, sowie eine
Umbewertung (Reframing) der unangenehmen Geräusche. Der Operationssauger
wird zum vorbeifließenden Bach und das
Aufbohren des Schädels zum Umsägen von
Bäumen im Wald, zu einem Motorboot am
Meer, zu einem Rasenmäher in Nachbars
Garten oder, wie ein Patient empfand: zum
Mixer, mit dem er sich einen Fruchtdrink
zubereitet. Eine große Bedeutung kommt
bei diesem Vorgehen dem Körperkontakt
zu, in Form eines Händehaltens oder einer
Hand auf der Schulter. Beides ist ein starkes Symbol der Begleitung, aber auch eine
gute Überwachungsmöglichkeit bezüglich
Entspannungszustand und Atmung. Durch
Atem-Pacing und -Leading, d.h. durch synchronen leicht erhöhten bzw. verzögerten
Druck der aufliegenden Hand in der Ausatmung, kann der Atem vertieft und verlangsamt werden. Der Körperkontakt erlaubt es
dem Patienten, die Augen geschlossen zu
halten und an seinem safe place zu bleiben,
weil er den Begleiter an seiner Seite weiß…mehr Cartoons unter www.facebook.com/medilearn
oder www.medi-learn.de/cartoonsund spürt. Dieses Vorgehen ist nicht nur bei
dem Extrembeispiel Wachkraniotomie wirksam, sondern natürlich viel mehr noch bei
jeder Begleitung einer Therapie (z.B. Operation in Regionalanästhesie, Zahnbehandlung, Gastroskopie, Anlage eines Katheters)
oder eines Transports.
Bei Notfalltransporten hat sich ein einfacher, positiver Text als förderlich für das
Überleben herausgestellt. Im Notfall sollte
sich die Kommunikation nicht allein auf
eine gute Teamzusammenarbeit und Informationsweitergabe beschränken, sondern
auch den Patienten einschließen, der einen
Menschen zur Seite wirklich braucht. Vieles
spricht dafür, dass man selbst während einer Reanimation auch mit dem Patienten
sprechen sollte. Nur bisher tut das niemand.
Die Bedeutung und Wirksamkeit einer
Suggestion, egal ob positiv oder negativ,
ergibt sich aus dem Kontext. So, wie ein
Schlag auf den Rücken völlig unterschiedliche Reaktionen hervorrufen kann: Stammter von einem alten Schulfreund, den man
lange nicht gesehen hat, ist es ein kameradschaftliches Zeichen und löst Freude aus.
Stammt er dagegen von einem Skinhead,
löst er Schmerzen, Furcht und einen Fluchtreflex aus. Der bestimmende Kontext sind
die individuellen Vorerfahrungen, Erwartungen und Ängste des Patienten ebenso wie
die therapeutische Beziehung zwischen Arzt
Häuser W, Hansen E, Enck P. Nocebophänomene in
der Medizin: Bedeutung im klinischen Alltag. Dtsch
­Ärztebl 2012; 109(26):459–465
Hansen E,·Bejenke C. Negative und positive Suggestionen in der Anästhesie – Verbesserte Kommunikation mit ängstlichen Patienten bei Operationen.
­Anaesthesist 2010; 59:199–209
Aust H, Eberhart LH, Kalmus G et al. Wertigkeit
von 5 Kernaspekten der Prämedikationsvisite.
­Anaesthesist 2011; 60: 414–420
Hansen E, Seemann M, Zech N, et al.
Awake cranio­tomies without any sedation:
The awake-awake-awake technique. Acta Neurochir
2013; 155(8):1417–14241718Nachhaltig gesundDer Kranke: Arzt.
Ärztinnen und Ärzte mit (chronischen) ErkrankungenAls Student im Praktischen Jahr schaffe ich es, mir an
der Arztzimmertür die Stirn aufzuschlagen – Kopfplatzwunde. Kompresse auf die Stirn, ab zur chirurgischen Notaufnahme. Im Foyer passiere ich 2 Handwerker des Hauses,
Kommentar: „‘n Doktor der ‘nen Doktor braucht“. Ich muss
lachen, nicht zuletzt über mein Talent mit der Tür.Die Kopfplatzwunde wurde genäht, die
Narbe ist kaum noch sichtbar. Aber – was,
wenn Ärztinnen und Ärzte ernsthaft Hilfe
brauchen, und das immer wieder? Wenn
er mehrmals im Monat für den Nachtdienst
ausfällt; wenn sie Probleme hat, ihre Termine beim Facharzt wahrzunehmen – die man
ja oft Monate im Voraus ausmachen muss?
Was, wenn „der Doktor“ wirklich krank wird,
und das dauerhaft?keine Seltenheit. Besonders alarmierend:
71 Prozent der befragten Mediziner gab
an, aufgrund der Arbeitszeiten schon an
gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu leiden. Und zu Recht fragt Dr. med. Theodor
Windhorst, Präsident der westfälisch-lippischen Ärztekammer: „Können kranke Helfer und Heiler den kranken Patienten noch
helfen? Wird Überarbeitung bei Ärzten zu
Berufskrankheit?“ 1Die Dosis macht das Gift:
Arbeiten in der MedizinZu Stress, Zeit-, Kosten- und Leistungsdruck kommt noch ein Phänomen, für das
wir ÄrztInnen anscheinend anfällig sind
– unsere Opferbereitschaft. Herr Dr. med.
Albrecht fragt schon im Jahr 2000 in der
„Zeit“: „Ist nur ein halb toter Arzt ein guter
Arzt? Selbst heftigste Fieberschübe, rasende Kopfschmerzen […] kann Mediziner
nicht davon abhalten, zu den Kranken zu
eilen.“ 2 Über die Gründe hierfür lässt sich
streiten, seien es finanzielle Überlegungen
oder eher die „individuelle Aufopferungsleistung“ 2. Innerhalb gesunder GrenzenMediziner (w/m) arbeiten in einem Beruf,
der für sich schon krank machen kann. So
schlägt 2013 der Marburger Bund nach einer Online-Umfrage unter 3309 Ärztinnen
und Ärzten zu deren Arbeitsbedingungen
Alarm: Überlastete und überarbeitete Ärztinnen und Ärzte riskierten in den Krankenhäusern ihre Gesundheit. Die Kliniken seien
„gnadenlos unterbesetzt“, wöchentliche
Arbeitszeiten von 60 Stunden und mehrund als Ausnahme gehört es zu unserem
Beruf, notfalls die Zähne zusammenzubeißen und weiterzumachen. Aber außerhalb
dieser Grenzen beginnt der Raubbau an
uns selbst, den wir Mediziner nur zu oft begehen. Allein ich selbst weiß von mehreren
Myokarditis-Fällen unter jungen Ärztinnen
und Ärzten – salopp gesagt, manche arbeiten bis zur organischen Erschöpfung.The tailor‘s wife is worst clad:
Ärztinnen und Ärzte sind Menschen, und
werden krank wie jedes andere Mitglied
der „Normalbevölkerung“. Vermutlich sogar öfter, bedenkt man den aufreibenden
Beruf, oder die dort vorhandenen Infektionsmöglichkeiten. So weit, so einleuchtend.
Nur, der ärztliche Umgang mit der eigenen
Erkrankung ist nicht ganz so verständlich.
Es scheint verschiedene Archetypen des
kranken Arztes, der kranken Ärztin zu geben: Den Verdränger, der selbst eindeutige,
auch alarmierende Symptome hartnäckig
ignoriert. Die Übergenauen, die die behandelnden Kollegen mit Studienergebnissen
nerven und Diagnose sowie Therapie ständig in Frage stellen. Den Misstrauischen,
der die Kompetenz der Kolleginnen und
Kolleginnen bezweifelt und nur sich selbst
vertraut. Die Selbstbehandlerin, man hat
ja schließlich selbst auch Medizin studiert.
Eine Mischung aus allem, und natürlich diejenigen, die versuchen, auf gesunde Weise
mit ihrem Kranksein umzugehen.3
In einer Schweizer Studie (Schneider et
al. 2007) wurden 1784 Medizinerinnen
und Mediziner schriftlich befragt und deren
Antworten mit einer großen Erhebung unter der Schweizer Bevölkerung verglichen
(2002 Swiss Health Survey, 19 706 Befragte). Resultat: Nur 21 % der Mediziner
besaßen einen Hausarzt, in der Normalbevölkerung war dies zu 90 % der Fall. Im
Schnitt ging die Schweizer Bevölkerung in
den letzten 12 Monaten 3,2 mal zum Arzt,
die Ärztinnen und Ärzte selbst konsultierten im gleichen Zeitraum nur 1,9 mal einen
Kollegen. Freilich: Kaum ein ausgebildeter Arzt wird sich mit einer gewöhnlichen
Erkältung bei einem Kollegen vorstellen,
insofern muss man diese Zahlen mit Vor-Nachhaltig gesund19Ballungsraum: „Ich kenne keinen, der mit
Fieber zu Hause bleibt. Wenn jemand krank
wird, bleibt er /sie nicht eine Woche zu
Hause, wie es andere Leute tun, sondern
ist einen Tag weg und kommt am nächsten
Tag wieder in die Klinik.“ Ob dies so sinnvoll
und gut für die Patienten, aber ebenso auch
für uns Ärztinnen und Ärzte ist, wäre eine
wichtige Frage.sicht betrachten. Aber: 64 % der teilnehmenden ÄrztInnen gaben an, Medikamente
einzunehmen (Normalbevölkerung: 44 %).
Besonders bedenklich: Über 90 % dieser
Medikamente wurden ohne kollegialen Rat
oder Verschreibung eingenommen, und
dies auch für ernstzunehmende chronische
Erkrankungen wie Bluthochdruck oder
Depression.4 Eine französische Studie von
2004 ergab, dass überlastete oder mit ihrer Arbeitssituation unzufriedene Ärztinnen
und Ärzte signifikant mehr Analgetika und
Beruhigungsmittel einnahmen.5
Fazit: Wir Ärztinnen und Ärzte tun uns
schwer, für uns selbst so zu sorgen, wie wir
es tagtäglich für andere tun. Schon die eigene Krankheit anzuerkennen, scheint ein
Problem zu sein, ebenso aber, sich Hilfe
bei einem Kollegen zu suchen – meistens
behandeln wir uns also lieber selbst, wenn
überhaupt.Krank im System:
Herausforderung Klinikalltag
Aber auch wenn dies alles kein Hindernis
mehr ist, wenn die Diagnose steht und man
sich in guten kollegialen Händen weiß – ab
dann beginnt erst die eigentliche Herausforderung: Die (chronische) Erkrankung und
deren Therapie mit dem ärztlichen Alltag
Regelmäßige Termine beim Facharzt,
Blutabnahmen, radiologische Kontrollen
oder unterstützende Therapieformen wie
Physiotherapie – für all das muss frau und
man Termine einhalten, die oft Monate im
Voraus vereinbart werden müssen. Im Krankenhaus eine Herausforderung, allein auf-grund der unregelmäßigen Arbeitszeiten.
Ganz zu schweigen davon, dass sich der
Dienstplan oft kurzfristig ändert, frau für
einen akut erkrankten Kollegen einspringen
muss oder man den wertvollen Abendtermin beim Therapeuten verpasst, weil man
– wie so oft – aufgrund des unvorhersehbaren Klinikalltags länger gearbeitet hat als
Chronisch erkrankt sein heißt, dass
man eben auch ab und an so krank ist,
dass man nicht arbeiten kann – soweit, so
glasklar. Nur: Wenn wir als Ärztin und Arzt
in Klinik oder Praxis ausfallen, bleibt unsere
Arbeit nicht einfach liegen – unsere Arbeit
sind die Patienten, und deren Erkrankung
macht ebenso wenig Pause wie die unsrige.
Ergo: Fallen wir aus, müssen unsere KollegInnen den Ausfall kompensieren. Bei einer
oft dünnen Personaldecke in den Kliniken,
Tendenz: steigend 1, ist dies nicht nur eine
Belastung für die KollegInnen, sondern
auch für diejenigen, die für sich sorgen
und wegen Krankheit zu Hause bleiben.
Carla*, Padiäterin aus Frankfurt, berichtet:
„Ich melde mich extrem selten und extrem
ungern krank, und nur, wenn ich wirklich
nicht mehr fit bin. Das Gefühl, dass andere
wegen mir mehr arbeiten müssen, ist sehr
unschön. Besonders schlimm ist es bei
Nachtdiensten oder Wochenenddiensten,
weil dann jemand, der nicht damit gerechnet hat, plötzlich nachts oder am Wochenende arbeiten muss.“ Dies führt häufig
dazu, dass Ärztinnen und Ärzte sich erst
gar nicht krank melden, oder erst, wenn es
gar nicht mehr geht. Und: Sie nehmen sich
oft viel zu wenig Zeit, wieder fit zu werden,
und gehen halb-krank wieder zum Dienst.
Karl*, internistischer Facharzt im StuttgarterDabei birgt unser Beruf auch positive
Möglichkeiten der Krankheitsbewältigung.
Wir besitzen grundsätzlich das Wissen,
Warnsignale unseres Körpers frühzeitig als
solche zu erkennen – um dann zügig den
kollegialen Blick von außen in Anspruch zu
nehmen. Wir kommen – meiner eigenen Erfahrung nach – schnell und
unkompliziert an Termine bei Fachärztinnen und
Fachärzten, Versicherungsstatus hin oder her. Das
intellektuelle Verständnis
unserer Krankheit ist quasi garantiert. Und ob wir
„nur“ im Studium Patienten
betreut haben oder uns
tagtäglich um erkrankte
Menschen kümmern – wir
sind geschult darin, Lösungen zum Umgang mit ge- Michael Rietsche
sundheitlichen Problemen Arzt in Weiterbildung
& Wissenschaftlicher
MitarbeiterEigentlich wissen wir ja in Frankfurt am Main
genau, was gut für uns ist. m.rietsche@posteo.de
Höchste Zeit also, uns so
gut um uns selbst zu kümmern, wie wir das
für Andere tagtäglich tun. Wir haben es ja
* Namen von der Redaktion geändertQuellen:
Marburger Bund (www.marburger-bund.de),
„Können kranke Ärzte den kranken Patienten noch
helfen?“,12.03.20131	Harro Albrecht. Kranke Ärzte. DIE ZEIT, 46/20002	Lajos Schöne (www.welt.de), „Die Götter in Weiß
sind kränker als ihre Patienten“, 30.04.20153	Schneider M, Bouvier Gallacchi M, Goehring C,
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Gourrheux JC, Bouvenot G, et al. Hypnotic and
tranquillizer use among general practitioners in
south-eastern France and its relation to occupational characteristics and prescribing habits. Fundam
Clin Pharmacol. 2004520Nachhaltig gesundZu Besuch bei der Inselärztin von PellwormAls ich Kind war hatte ich eine genaue Vorstellung
davon, was ein Arzt macht: Er trägt einen weißen
Kittel, hat eine große Ledertasche mit vielen Instrumenten dabei, und kommt auch mitten in der Nacht zum
Krankenbett, fühlt den Puls und rettet Leben mit geheimnisvollen Pillen, Wadenwickeln und tröstenden Worten. Ein Arzt war für mich jemand, der jeden im Dorf
kannte, immer im Dienst war und in jeder Notsituation
gerufen wurde.Im Laufe meines Lebens hat sich mein
Bild vom Arztberuf deutlich verändert. Im
Studium erfuhr ich, dass der Arzt in meiner
Vorstellung Anfang des 20. Jahrhunderts
ausgestorben ist. Aber jedes Mal, wenn ich
mit Regine spreche, kommt mir dieses alte
Arztbild wieder in den Sinn.
Dr. Regine Ecker ist Assistenzärztin für
Allgemeinmedizin auf Pellworm. Umgeben
von Watt und südlich der Ferienziele Sylt,
Föhr und Amrum liegt diese kleine Nordseeinsel, längst nicht so bekannt wie ihre
Nachbarn. Ein Bus fährt mich eine Stunde
lang von Husum zum Fähranleger nach
Nordstrand, die Fähre braucht noch einmal 45 Minuten, dann bin ich da. Pellworm
ist eine grüne Insel, umgeben von einem
großen Deich, der mit Schafen übersäht
ist. Dreimal so viele Schafe wie Menschen
leben hier, selbst Schweine gibt es mehr
als Zweibeiner. Im Winter wohnen nur 700
Menschen hier und so mancher Insulaner
behauptet, dass diese Zahl noch zu hoch
gegriffen sei. Fünfhundert
weitere haben eine Zweitwohnung auf Pellworm
und bis zu 2000 Gäste –
so nennen die Insulaner
ihre Touristen – finden
sich hier im Sommer. In
den letzten 29 Jahren gab
es nur einen Arzt hier: Dr.
Uwe Kurzke, der seit Juli
weggezogen ist. Regine
Ecker ist seine Nachfolgerin geworden, zeitweise
unterstützt von drei KolLara Weibezahl
legen vom Festland, die
Göttingen gemeinsam das neue MeL.Weibezahl@gmx.net dizinische Versorgungszentrum auf Pellworm ärztlichbesetzen. Ich lernte die Insel und Regine im
Blockpraktikum Allgemeinmedizin im Februar 2016 kennen. „Hätte es den Facharzt
für Notfallmedizin in Deutschland gegeben, wäre ich wahrscheinlich nicht hier“,
sagt die gelernte Rettungsassistentin, die
anschließend in Witten-Herdecke Medizin
studierte, „die Arbeit im Rettungsdienst ist
eine Berufung für mich“. So arbeitete sie
in der Unfallchirurgie, der Anästhesie und
der Inneren mit dem Ziel eine breite Ausbildung für die Tätigkeit als Notärztin zu
bekommen, bis sie eine Anzeige über eine
Assistenzarztstelle auf Pellworm las. Was
andere von diesem Job vermutlich abgeschreckt hätte, gefiel ihr: Allgemeinarzt und
Notarzt zu sein. Im Ernstfall auch mal über
Tage von der Außenwelt abgeschnitten, da
bei Sturmflut weder Seenotkreuzer noch
Hubschrauber einen Patienten in ein Krankenhaus bringen können. Als Dr. Kurzke seinen Abschied ankündigte, war für sie klar:
„Ich will auf Pellworm bleiben. Hier hat man
mich so nett aufgenommen und ich weiß,
was ich hier an diesem Ort habe.“So einiges läuft anders auf Pellworm.
Es gibt kein Kino und keine Diskothek. Es
gibt kaum Straßenlaternen, nach Einbruch
der Nacht wirkt die Insel oft menschenleer.
„Das hat mich nie gestört. Schon früher war
ich nur selten im Kino, stattdessen bin ich
lieber Rad gefahren.“ Seitdem sie auf der
Insel wohnt, ist sie ein Mitglied der Triathlongruppe von Pellworm und spielt Trompete im Posaunenchor. Ihr Hund Lotte begleitet sie bei ausgedehnten Spaziergängen
und schwimmt mit ihr in der Nordsee. Sie
scheint ein Teil der Insel geworden zu sein.
Auch die ärztliche Tätigkeit ist anders
als auf dem Festland. Eine Ärztin muss hier
nicht nur entscheiden, welchen Patienten
sie hier selbst betreuen kann, und wer aufs
Festland muss, es gilt auch abzuwägen, ob
der Patient für den Transport eine ärztliche
Begleitung benötigt (also per Rettungshubschrauber transportiert werden muss)
oder per Seenotkreuzer (d.h. ohne Arzt)
transportiert werden kann. Eine Einweisung
ins Krankenhaus zieht hier erheblichen Aufwand nach sich. Neben dem Zustand des
Patienten spielt hier auch die Wetterlage,
die Tageszeit (bei Einbruch der Dunkelheit
sind nur wenige Hubschrauber einsatzbereit) und der Zeitpunkt der Erkrankung eine
Rolle. „An einem Montag bringt man eher
den Mut auf einen Patienten auf der Insel zu
behalten und zu versorgen, da man ihn täglich einbestellen kann. Steht das Wochenende vor der Tür sieht das schon anders aus“
sagt sie mit einem Augenzwinkern. „Auch
wenn man als einziger Arzt auf der Insel für
die Patienten Tag und Nacht einsatzbereit
sein muss, so darf man es – im eigenen Interesse – mit der Fürsorge nicht übertreiben.“Nachhaltig gesund21Reflections on sustainability and
our health-care system
»Sustainable development is the kind of development that
meets the needs of the present without compromising the
ability of future generations to meet their own needs.«
(Our Common Future, Brundtland Commission)Why should we stand up for a more
sustainable healthcare system and
Firstly it is important to consider the contribution of healthcare systems to climate
change. Resource waste and greenhouse
gas emissions especially from procurement, building energy use and travel, are
well known problems in the healthcare sector. Climate change causes droughts, heatwaves and flooding which can ruin harvests
and facilitate the spread of diseases. This
may render populations vulnerable to starvation and emigration. These consequences have both physical and mental health
impacts resulting in further pressures on
healthcare systems; it is a vicious cycle.
The illnesses, which can be linked to the
effects of climate change, include cancer,
asthma, malnutrition, cardiovascular disease, infectious diseases, mental illness
and others. All these diseases are termed
“common diseases” and cost billions of dollars each year. Hence sustainability in the
healthcare sector is a topic that not only
affects the healthcare workers but also has
“a public health impact that would be felt
by everyone on the planet” (Leading the
Health Care Sector to Sustainability).
There are a few different initiatives, which
are suggested to improve the sustainability
of healthcare:1. Energy reduction
There is currently no Pan-European data
on healthcare sector emissions but it is estimated to be responsible for at least 5% of
total EU greenhouse gas emissions, which
results in an indicative carbon footprint of
250 million tonnes per year. The use of
non-renewable energy sources is directly
linked to the emission of greenhouse gases
which lead to the above described public
health consequences. The World Health Organization (WHO) estimates that “climatic
changes already [...] cause over 150,000
deaths annually“ (WHO, Climate Change).
Possibilities of reducing the use of energy in the healthcare sector are to identify
and replace underperforming equipment,
to maximise natural sunlight in the hospitals, to install efficient light sources and
set temperature range based on function
of space and time of day. It starts with the
light bulbs used and ends with the construction of new, highly energy-efficient hospital buildings including rainwater collection
systems, green roofs, sustainable materials
and high performance curtain wall systems.incinerated and buried and causes water
and air pollution. European hospitals could
reduce their environmental footprint by
75%–98% by only optimising the use of
resources and by reducing their produced
waste e.g. by recycling instead of wasting.
Waste reduction in the healthcare sector
also means the reduction of regulated medical waste (RMW). RMW is the portion of waste that may be contaminated by blood, body
fluids or other potentially infectious materials and therefore poses a significant risk of
transmitting infection. Over half the world’s
population is at risk from illness caused by
infectious healthcare-associated waste. In­stead of incineration, which is an important
source of dioxin, mercury, lead
and other harmful pollutants,
hospitals should use safer noburn technologies.3. Safer chemicals:
Safer chemicals signify the
use of greener chemicals and
equipment for cleaning and
maintenance processes, as
well as transition to safer sterilants and disinfectants. Chronic chemical exposure can
cause diseases, even if very
small doses are used. In particular, developing babies and
small children are the most
High-priority chemicals include polyvinyl chloride (PVC),
phthalates, mercury, nanomaterials, chemicals that are carcinogenic, mutagenic or toxic
to reproduction (CMRs) and
others. Phthalates and Bisphenol A are so-called “endocrine
disrupting chemicals (EDC)”
that interfere with the endocrine system and are frequently
found in medical devices.Alisha Patel,
Alisha.Patel@uea.ac.ukJulia Weber,
practical year at
Ludwigsburg hospital,
j.weber@stud.uniheidelberg.de2. Waste reduction:4. Smarter purchasing:The healthcare sector is responsible for
about 12 kg of waste per staffed bed per
day, which means more than 5.9 million
tonnes annually. The resulting waste is thenThe healthcare sector not only consumes
an enormous amount of energy and water
but also many disposable products like building materials, furniture and medical de-22Gewissen und Medizinvices. Smarter purchasing or Environmentally Preferable Purchasing (EPP) signifies
the act of buying products that cause less
environmental damage than competing
products. EPP is one possibility of saving
money and reducing waste while ensuring
good patient care.5. Education:
It is important to involve medical students in sustainable healthcare as they are
the future of the health system and they
will be more seriously faced with the consequences of climate change. In the UK,
there is already a network for sustainable
healthcare education that offers scholarship programs, e-learning and in-house training. This includes climate change teaching
in the medical school curriculum which can
help to highlight the links between our health and our environment as well as identify
initiatives for adaptation and mitigation.Medical students themselves in some UK
universities are actively involved with the
work of this network by engaging in medical education as well as forming their own
student groups such as Healthy Planet UK.
The healthcare sector is huge with a lot
of power and influence with regards to making changes to practice. This sector has
a responsibility for the health of the population and within this, climate action and
Brundtland Commission, en.wikipedia.org
(20th August 2016).
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(08th August 2016).
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Waste management, Healthcare Without Harm, 2016.
http://noharm-europe.org (08th August 2016).Gutes Besser Tun!Extreme Armut, Klimawandel, Überbevölkerung – tagtäglich werden wir mit den Heraus­forderungen
dieser Welt konfrontiert. In den Nachrichten sehen wir Bilder von Hungerkatastrophen, überfüllten Flüchtlingslagern und zerbombten Häuserruinen. Im Radiointerview erzählt uns ein Klima­
experte welche verheerende Auswirkungen der Treibhauseffekt hat und in der Straßenbahn fragt
ein Obdachloser nach ein bisschen Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen. Viele von uns möchten
einen Unterschied machen. Wir sehen Leid, Ungerechtigkeit und Tod und möchten dies ändern.
Doch wo sollen wir anfangen? Für welche Sache soll ich mich einsetzen? Welche Fähigkeiten oder
Karriere brauche ich um etwas zu ändern? Kurzum: Wie kann ich den größten Unterschied machen?Genau diese Frage möchte die rasant
wachsende Bewegung des Effektiven Altruismus beantworten. Effektive Altruisten
möchten nicht nur etwas Gutes tun, sondern das Beste mit den Mitteln wie Geld,
Zeit und Fähigkeiten, die jeder einzelnen
Person zur Verfügung stehen. Dabei orientieren sie sich an wissenschaftlichen Kriterien. Alle Handlungsalternativen werden
betrachtet und aufgrund von empirischen
Daten und weiterführenden Analysen verglichen. Nicht das Mitgefühl soll unser Handeln leiten, sondern unbestechliche Daten
und der Verstand. Der Effektive Altruismus
ist keine einheitliche Organisation, sondern
vielmehr eine Idee, die Menschen mit ganz
verschiedenen Hintergründen verbindet. Sie
alle haben gemeinsam, dass etwas Guteszu tun ein zentraler Lebensinhalt von ihnen
ist, sie offen für verschiedenste Handlungsoptionen sind und sie ihr Ziel Gutes zu tun
auf eine möglichst effiziente Weise erreichen
wollen. Effektive Altruisten diskutieren in sozialen Medien, Lokalgruppen oder auf Kongressen wie der EA Global über die besten
Strategien zur Weltverbesserung. Es geht
u.a. um Priorisierung von Zielen, das Finden
von vernachlässigten Bereichen, das Treffen
von rationalen Entscheidungen und eine altruistische Lebensweise.
Eine zentrale Rolle nimmt im Effektiven
Altruismus das effektive Spenden ein. Effektive Altruisten sind davon überzeugt, dass
Spenden einen sehr positiven Effekt in dieser Welt haben können. Viele von ihnen ge-ben einen beachtlichen Anteil ihres Einkommens an Wohltätigkeitsorganisationen. Als
Mitglieder von z.B. Spendergemeinschaften
wie Giving What We Can, spenden viele von
ihnen mindestens 10% ihres Einkommens
an wohltätige Zwecke. Dabei plädieren sie
für ein nutzenorientiertes Spenden. Das
Geld soll dorthin gehen, wo es den größten
Effekt hat. Da es große Unterschiede zwischen verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen gibt, ist es nach Meinung der Effektiven Altruisten notwendig nach den besten
Spendenmöglichkeiten Ausschau zu halten.
ein begeisterter Verfechter des Effektiven
Altruismus, beschreibt den Vergleich von
verschiedenen Spendenmöglichkeiten in
seinem Buch The most good you can doGewissen und Medizinanhand eines Beispiels: »In den USA kostet
ein Blindenhund 42.000 Dollar. In Entwicklungsländern kostet die Behandlung eines
Patienten, der wegen einer bakteriellen Entzündung des Auges erblindet ist, weniger
als 40 Dollar, und 80 Prozent der Operationen sind erfolgreich. Das bedeutet, dass für
die Kosten eines Blindenhundes in den USA
840 Menschen in Entwicklungsländern das
Augenlicht zurückgegeben werden kann.
Und der Blindenhund gibt dem Blinden
noch nicht einmal das Augenlicht zurück.«
Auf der Suche nach unterstützungswürdigen Hilfsorganisationen dient den Effektiven
Altruisten vor allem die Website givewell.
org. Givewell, das 2007 von den Hedgefonds-Analysten Holden Karnowsky und
Elie Hassenfeld gegründet wurde, bewertet
Hilfsorganisationen nach ihrer Effektivität
anhand eines Kosten-Nutzen-Kalküls. In detaillierten Fallstudien versuchen die Mitarbeiter festzustellen, wie viel den Menschen pro
eingesetztem Dollar geholfen wird und wie
transparent die Organisationen in ihren Projekten sind. Auf ihrer Website empfehlen sie
besonders effektive Wohltätigkeitsorganisationen, wie z.B. die Against Malaria Foundation. AMF verteilt Moskitonetze in Afrika, Lateinamerika und Asien, die im Schnitt etwa
5 Dollar kosten. Laut den Untersuchungen
von Givewell senkt dies die Kindersterblichkeit und die Zahl der Malarianeuinfektionen
deutlich. Zu diesem Ergebnis kommen sie
anhand der Verrechnung der Lebensdauer
der Netze und Insektizide mit der Bevölkerungsstruktur und Kindersterblichkeit in den
betroffenen Ländern. Givewell gibt sogar
eine Zahl an mit der durch die Verteilung
von Moskitonetze durchschnittlich ein Leben
gerettet werden kann: 3500$.
Effektives Spenden ist aber schon lange
nicht mehr das einzige Thema, mit dem sich
der effektive Altruismus auseinandersetzt.
Die Effektiven Altruisten haben das Ziel,
möglichst viele Lebensbereiche auf das Ziel
auszurichten, das meiste Gute zu tun. 2011
gründeten William McAskill und Benjamin
Todd „80.000 Hours“. Die Organisation, deren Name für die durchschnittliche Anzahl
an Stunden steht, die ein Mensch in seinem
Leben arbeitet, will jungen Menschen darin
unterstützen eine Karrierewahl zu treffen,
die einen möglichst positiven Effekt hat.
Demnach ist es nicht nur entscheidend seiner Leidenschaft bei der Berufswahl zu fol-gen, sondern v.a. vernachlässigte Bereiche
zu finden und seine Fähigkeit optimal zu
nutzen, um das meiste Gute zu erreichen.
Was bei den Eignungstests herauskommt,
kann sehr unterschiedlich sein. Für den
einen kann es am besten sein in die Forschung zu gehen und nach vernachlässigten Krankheiten zu forschen, für jemand anderen sein Glück in der Politik zu versuchen.
Ein besonderes Modell dabei ist „Earning to
give“. Die Idee hinter dem Ansatz besagt,
dass es ineffizient ist, wenn alle Wohltäter in
die erste Front wie z.B. die Entwicklungshilfe gehen. Vielmehr braucht es sowohl Menschen, die direkt vor Ort effektive Projekte
umsetzen, als auch Menschen, die die Umsetzung dieser Projekte mit finanziellen Mitteln unterstützen. Dementsprechend kann
es effektiver sein in die Wirtschaft zu gehen
und einen großen Teil seines Einkommens
zu spenden, als für einen niedrigen Lohn in
einer Hilfsorganisation zu arbeiten. Ein Beispiel für „Earning to give“ ist der Prince­ton
Absolvent Matt Wage. Wage schloss 2012
sein Philosophiestudium in Princeton mit
Auszeichnung ab. Er hatte das Angebot
in Oxford seinen Doktor zu machen, aber
entschied sich stattdessen einen Job an der
Wallstreet anzunehmen. In 2013 spendete
er mehr als 100.000$, etwa die Hälfte seines Nettoeinkommens. Das Beispiel von
Matt Wage spiegelt eine Überzeugung des
Effektiven Altruismus ­wider. Er geht nicht
immer gegen das System, sondern möchte
die bestehenden Strukturen bestmöglich
Der Effektive Altruismus ist in den letzten
Jahren stark gewachsen. Was vor allem in
den USA und Großbritannien begonnen hat,
hat sich mittlerweile auf die ganze Welt ausgebreitet. Es gibt Lokalgruppen des Effektiven Altruismus u.a. in Brasilien, Isreal und
Australien. Im deutschsprachigen Raum
setzt sich vor allem die Stiftung für Effektiven Altruismus für die Verbreitung der Ideen der Bewegung ein. In vielen deutschen
Städten wie z.B. Berlin, München oder Osnabrück haben sich zudem Lokalgruppen
gebildet. Prominente Unterstützer des Effektiven Altruismus sind unter anderem der
Starinvestor Peter Thiel oder Dustin Moskovitz, der Mitbegründer von Facebook.
2015 fand der größte EA Global Kongress
auf dem Gelände von Googlecampus in
Mountainview, California statt mit Rednern
wie Elon Musk, dem Gründer von Tesla und
SpaceX und dem Direktor von Google.org,
dem karitativen Arm von Google.Aber längst nicht alle sind von der Bewegung begeistert. Ein Problem sehen manche
im dem psychischen Aspekt des Effektiven
Altruismus. Zu altruistischen Taten motiviert
uns nicht der Verstand, sondern das Gefühl.
Wir sehen einen Obdachlosen auf der Straße und haben aus Mitleid das Bedürfnis ihm
zu helfen. Die Idee des Effektiven Altruismus
besagt nun aber, dass es einen effizienteren
Nutzen für das Geld gibt und unterdrückt
so den Impuls zu spenden. Einige Kritiker
befürchten, dass dieser Effizienzgedanke
auf Kosten des Mitgefühls geht und wir so
langfristig weniger Gutes tun werden.
Effektive Altruisten entgegnen auf diesen
Einwand, dass es einen Unterschied zwischen akutem Mitgefühl und reflektierter
Empathie gibt. Reflektierte Empathie umfasst dabei nicht nur den Akt des Helfens,
sondern auch, dass die Hilfe wirksam ist.
Akutes Mitgefühl kann hingegen blind sein
für die Wirksamkeit. Sie betonen, dass jedes soziale Engagement zu begrüßen sei,
weil es davon in dieser Welt bis jetzt viel zu
wenig gebe. Gleichzeitig komme es jedoch
nicht auf die guten Absichten an, sondern
letztendlich darauf, was sich durch das soziale Engagement in der Welt ändert.
Ein weiterer Kritikpunkt wirkt schwerer.
Viele werfen dem Effektiven Altruismus vor
zwar die Welt besser machen zu wollen,
aber nicht die grundlegenden Strukturen,
welche die extreme Ungleichheit zwischen
arm und reich hervorruft, zu verändern. Es
reiche nicht, jeden Monat einen Teil seines
Einkommens zu spenden und damit im
schlimmsten Fall noch Abhängigkeiten zu
schaffen. Vielmehr bedürfe es grundlegender struktureller Änderungen, um die Herausforderungen unserer Zeit zu lösen.
Der Effektive Altruismus vertritt tatsächlich keine allumfassende politische Agenda,
die alle Probleme dieser Welt löst und die
Weltordnung ändert, auch wenn sich z.B. mit
dem Global Priorities Project und Sentience Politics in den letzten Jahren politische
EA-Organisationen gegründet haben. Dennoch schließen sich die Änderung von Strukturen und das Unterstützen von Projekten,
wie das Verteilen von Malarianetzen oder
Entwurmungskampagnen, nicht aus. Vielmehr ergänzen sie sich. Eine gesunde und
gebildete Bevölkerung kann besser an der
Optimierung von politischen Institutionen
mitarbeiten und einen Wandel herbeiführen.
Einen Wandel hin zu einer Welt, in der alle
gesund, glücklich, erfüllt und frei sind, das
erklärte Ziel des Effektiven Altruismus.2324Gewissen und MedizinEine neue Niere für 900€
Das iranische Modell zur LebendorganspendeAls Standardtherapie im Endstadium eines Organversagens gilt die Organtransplantation. Weltweit übertrifft die Nachfrage nach Organen jedoch bei Weitem das
Angebot, weshalb im Iran 1988 ein System zur Lebendspende von Nieren eingeführt
wurde. Es ist das einzige Land der Welt mit einer staatlichen Förderung der Lebend­
organspende an Fremde. Angeblich konnte die Warteliste für Spendernieren im Iran bis
1999 dadurch komplett eliminiert werden. Doch wie sieht die Realität aus?Patient*innen im Endstadium eines Nierenversagens können sich an die Iranian
Kidney Foundation wenden. Diese koordiniert die Kontaktaufnahme zwischen Spender*innen und Empfänger*innen, regelt
die Bezahlung und wickelt den gesamtem
Transplantationsprozess ab. Für alle potentiellen Spender*innen sind eine vollständige
Diagnostik und Erhebung des Gesundheitsstatus vorgesehen, die in der Realität aber nicht immer mit größter Sorgfalt
durchgeführt werden. Auch eine Nachsorge
der Spender*innen erfolgt in nur wenigen
Fällen. Oft sind sie nicht über die potentiellen Folgen der Nephrektomie aufgeklärt.
So ergeben sich gesundheitliche Risiken
für Organspender und -empfänger*innen.
Dazu gehören akute OP-Komplikationen,
Nierenversagen, Blut­hochdruck, chronische
Schmerzen u.a.
Die Organspender sind vor allem junge
Männer aus den unteren gesellschaftlichen
Schichten. Sie sind arm und weniger gebildet. Sie erhalten für ihre Spende 900 Euro
und eine kostenlose Krankenversicherung
für ein Jahr. Was nach der Spende passiert,
weiß niemand. Es gibt kein nationales Register und kein Follow-Up. Die Spender*innen
sind die „neglected victims“
dieses Systems. In kleineren
Studien berichten 60% bis
70% von ihnen über soziale
Isolation nach der Spende,
über postoperative Depressionen, Angstgefühle sowie
negative finanzielle und
physische Auswirkungen der
Organspende.Julia Weber,
PJ Klinikum Ludwigsburg,
j.weber@stud.uni-­­
heidelberg.deDie Bezahlung für die
Lebendorganspende ist inzwischen nicht mehr allein
staatlich reguliert. Stattdessen stehen Organemp-fänger*in und -spender*in über die Iranian
Kidney Foundation in direktem Kontakt
und können über den Preis für das Organ
verhandeln. Dieses Vorgehen entspricht
der Definition von Kommerzialisierung
von Transplantationen, wie sie in der Deklaration von Istanbul zu Organhandel und
-tourismus zu finden ist: „Die Behandlung
von Organen als Ware, dies beinhaltet den
Kauf oder Verkauf sowie die Verwendung
zu gewinnbringenden Zwecken.“ Auch die
Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) und der Weltärztebund (World Medical Association, WMA)
sind gegen die entgeltliche Spende von
Organen: „Die Bezahlung von Organen für
Spende und Transplantation muss verboten werden.“ (WMA, 2014). Wo Geld und
Gesundheit aufeinander treffen, ist auch
Missbrauch nicht weit. So wurden Fälle berichtet, in denen die Gesundheitsdaten der
Spender*innen gefälscht wurden, damit sie
für eine Organspende in Frage kommen.
Und potentielle Spender*innen geben Annoncen auf und machen Aushänge, um ihre
Organe anzupreisen und einen möglichst
hohen Gewinn zu erzielen.Weiterhin bietet die fehlende Relevanz von postmortalen Spenden und Lebendspenden von Angehörigen Raum für
Kritik am iranischen Modell. Die postmortale Organspende wurde im Iran erst 12 Jahre nach der Lebendorganspende erlaubt,
nämlich im Jahr 2000 mit der Deklaration
des Organ Transplantation Brain Death Act.
Vorher war eine postmortale Spende aus
versorgungstechnischen sowie religiösen
und kulturellen Gründen nicht möglich. Der
Anteil der postmortalen Spende an allen
Organspenden ist zwar weiterhin steigend,
im Vergleich zur Lebendspende jedoch immer noch gering. Es bedarf der weiteren
Aufklärung der iranischen Bevölkerung und
auch der Ärzteschaft, denn immer noch
bestehen hier Misstrauen und mangelnde
Information. Es ist außerdem denkbar, dass
der Ausbau des Programms zur Lebendorganspende an Fremde eine weitere Hürde
in Bezug auf postmortale Spende und Lebendspende an Angehörige darstellt.
Befürworter*innen des iranischen Modells
hingegen argumentieren, dass ohne die Lebendspenden mehr Menschen im Endstadium eines Nierenversagens versterben würden. Und dass es sonst mehr Patient*innenGewissen und Medizingäbe, die im Ausland Transplantationstourismus betreiben und die benötigten Organe
käuflich erwerben würden, was mit einem
höheren Übertragungsrisiko von Infektionskrankheiten, wie z. B. Hepatitis B, C oder
HIV verbunden ist. Sie sehen die Ausweitung
des iranischen Modells als Möglichkeit, um
den illegalen Organhandel und unethischen
Transplantationstourismus einzudämmen
und außerdem das Problem des Organmangels zu bekämpfen. Sie gestehen aber auch
den Optimierungsbedarf dieses Modells
ein: Die reduzierte Lebensqualität der Nierenspender*innen nach der Spende und die
fehlende gesundheitliche Nachsorge.
Das iranische Modell zur Lebendorganspende bietet viel Raum für Diskussion und
wirft ethische Fragen auf. Wie verzweifelt ist
ein Mensch, wenn er freiwillig eine Niere an
einen Fremden spenden möchte? Sieht er
keinen anderen Ausweg aus seiner finanziellen Notlage? Und ist er sich den weitgreifenden Folgen seiner Organspende für
den eigenen Körper überhaupt bewusst?
Wenn sich das System nicht abschaffen
lässt, so sollte die physische und psychische Gesundheit der Organspender*innenPriorität haben. Umfassende klinische Voruntersuchungen, regelmäßige Nachsorgetermine und eine lebenslange, kostenlose
Krankenversicherung für die Spender*innen
und ihre Familien sind wünschenswert. Weiterhin muss eine finanzielle Abhängigkeit
zwischen Spender- und Empfänger*innen
vermieden werden. Dies gelänge z. B. durch
eine Anonymisierung der Spende, sodass
Spender*in und Empfänger*in nicht mehr
über den Preis verhandeln könnten und
die Entscheidung über die Rechtmäßigkeit
einer Organspende allein bei den behandelnden Ärzt*innen und der koordinierenden Iranian Kidney Foundation läge. Eine
Lebendorganspende an Fremde ist also nur
akzeptabel, solange die Lebensqualität und
Gesundheit keiner der Beteiligten gemindert wird und die Spender*innen sich über
die Folgen ihrer Spende bewusst sind.Fallahzadeh, M. K, Jafari, L et al (2013). Comparison of
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Istanbul on Organ Trafficking and Transplant Tourism.Literatur:
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Zaargooshi, J (2011). Quality of Life of Iranian Kidney
„Donors“. The Journal of Urology, Aufgabe 166, Seiten
1790–1799.Psychiatrie und MenschenrechteDie Aufnahme erfolgte bei fremdaggressivem Verhalten auf Grundlage von §18 NPsychKG, nachfolgend
auf §16 NPsychKG. Im ärztlichen Aufnahmegespräch zeigte der Pat. aggressives Verhalten gegenüber dem Personal. Es erfolgte die Anlage einer 5-Punkt-­Fixierung, da sich der Pat. nicht begrenzen ließ.
Er erhielt als i.m. Medikation einmalig 10 mg Diazepam und 10 mg Haloperidol. Da eine drohende Eigenoder Fremdgefährdung nicht akut absehbar war, erfolgte zwei Tage später die richterliche Aufhebung des
Beschlusses, woraufhin der Pat. seine Entlassung wünschte. Die Entlassung erfolgte gegen ärztlichen Rat.
(Standardformulierungen eines psychiatrischen Entlassbriefes)Warum die Menschenrechte in
der Psychiatrie ein Thema sind• Freiheitsbeschränkungen
(z.B. Einweisung, Isolierung, Fixierung)Es ist die Psychiatrie, in der so häufig
wie in keiner anderen medizinischen Fachrichtung Maßnahmen gegen den Patientenwillen durchgeführt werden. Zwar ist die
Minimierung von Zwängen inzwischen zu
einem Qualitätsmerkmal von Psychiatrien
geworden, dennoch finden weiter alltäglich
in Deutschland Zwangsmaßnahmen statt.
Dazu gehören:• Zwangsbehandlungen (z.B. Medikamente, Ernährung, Elektrokrampftherapie)
• Informeller Zwang (z.B. Überzeugungsversuche, Erpressung)
Patienten nehmen die Maßnahmen, die
gegen ihren Willen durchgeführt werden,
laut mehrerer Studien selbst nach Bes-serung ihrer psychischen Verfassung in
der großen Mehrheit als demütigend und
verfrüht wahr. Die Häufigkeit von Zwangsmaßnahmen unterscheidet sich unter den
Kliniken und (Bundes-)Ländern erheblich
und differiert laut verschiedener Studien
zwischen 1,9% –13,5% aller stationär psychiatrisch behandelten Patienten. Häufig
sind es die Sucht-, dementiellen oder psychotischen Erkrankungen, die eine Fremdaggressivität zur Folge haben.2526Gewissen und MedizinGeht es ohne Zwang?Wann ist Zwang nötig?Zur Möglichkeit einer Psychiatrie ohne
Zwang gibt es verschiedene internationale Erfahrungsberichte. So wird zum Beispiel in Österreich seit vielen Jahren auf
geschlossene Stationen völlig verzichtet.
Stattdessen finden dort jedoch vergleichsweise deutlich mehr Fixierungen statt. Fixierungen wiederum sind in einigen Kantonen
der Schweiz und in Großbritannien gesetzlich verboten. Ersatzweise greift man dort
jedoch häufiger auf Isolierungen zurück.
Isolierungen werden in Deutschland nur
noch sehr selten durchgeführt. Die Zahl der
Fixierungen ist wiederum in Deutschland
erkennbar höher.Für die Anwendung von Zwangsmaßnahmen gibt es ein System von gesetzlichen
Voraussetzungen und detaillierten Handlungsempfehlungen von Fachverbänden,
das nicht lückenlos ist, Ermessensspielraum lässt und sich zudem zwischen den
Bundesländern unterscheidet.Verbale Deeskalationsversuche scheitern
häufig an der Aggressivität, der mangelnden Einsichtsfähigkeit oder Frustrationstoleranz der Patienten, wie es in extremen
psychischen Erregungszuständen der Fall
sein kann. Somit ersetzt eine Zwangsmaßnahme die andere. Eine sehr liberale Psychiatrie kann wiederum Gewalt an anderer
Stelle zur Folge haben – Klinikbeschäftigte haben das Recht auf einen sicheren
Wollte man auf jeglichen Zwang in der
Psychiatrie völlig verzichten, würden fremdaggressive Patienten verstärkt bei der
Polizei oder anderen Vollzugsbeamten auftauchen. Dazu wäre es nach dem Gerechtigkeitsprinzip wiederum nicht hinnehmbar,
schwer kranken Patienten eine Behandlung
vorzuenthalten. Forensische Psychiater
beklagen sich, dass fremdaggressive Patienten in der Allgemeinpsychiatrie zu inkonsequent oder zu kurz behandelt würden
und somit überhaupt erst in der Forensik
landeten.Lea Dohm
Dipl.-Psychologin/Psychol.
Psycho-therapeutin,
leadohm@gmx.de eispiel: §1906 (BGB) VoraussetzunB
gen zur Zwangsmedikation:
 enn der Patient die Notwendigkeit nicht
 enn ein drohender erheblicher gesundheitlicher Schaden abzuwenden ist
 enn es keine zumutbare Alternative gibt
• Wenn der Nutzen die erwartbare Beeinträchtigung deutlich übersteigt
Als good practice gelten zum Beispiel die
Handlungsempfehlungen des DGPPN von
2010 (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie
und Psychotherapie, Psychosomatik und
Nervenheilkunde): Demnach sind Zwangsmaßnahmen immer nur Intervention der
letzten Wahl, die nach dem Grundsatz der
Verhältnismäßigkeit sorgfältig abgewogen
werden müssen. „Die Beendigung ist regelmäßig zu prüfen“, „ein angemessener
zwischenmenschlicher Kontakt ist sicherzustellen“. Bei der Form der Freiheitsbeschränkung sollte demnach individuell
entschieden werden, eine Aufklärung des
Patienten wird als immer erforderlich betrachtet.
Um einen weiteren Überblick über die
rechtlichen Rahmenbedingungen von
Zwangsbehandlungen zu bekommen, ist
es zunächst wichtig, zwischen dem Betreuungsrecht (auf Bundesebene) und den
Psychisch-Kranken-Gesetzen
(PsychKG,
Länderebene) zu unterscheiden. In den
länderabhängigen PsychKG sind jedoch
vielfach keine ausreichend klaren Anforderungen an Zwangsbehandlungen definiert,
so dass es immer wieder auch zu rechtlich
unklaren Situationen kommt, die die Kliniken individuell bewältigen müssen.Das ist bitter, denn bereits 2009 mahnte
die UN-Behindertenrechtskonvention (UNBRK) einen tieferen Menschenrechtsschutz
in deutschen Psychiatrien an, was das Bundesverfassungsgericht 2012 erneut bekräftigte. Als der UN-BRK Ausschuss 2015 den
Stand der Umsetzung in Deutschland prüfte, fehlten weiterhin allgemeine Kriterien
eines rechtlich zulässigen Freiheitsentzugs.Wer ist aktiv?
Die APK (Aktion Psychisch Kranke e.V.)
wurde 1971 von Bundestagsabgeordneten
und psychiatrischen Fachleuten gegründet,
um psychisch Erkrankten überparteilich
eine größere Lobby zu verschaffen. Die
Umsetzung der Menschenrechte in der Psychiatrie ist dabei ein zeitlich überdauerndes
Projekt im UN-Unterausschuss zur Prävention von Folter, das vom Auswärtigen Amt
Abschließend sei noch kurz zur Vorsicht
gemahnt: Bei der Recherche zum Thema
gelangt man immer wieder direkt auf die
Arbeiten der CCHR (Citizens Commission
on Human Rights), bzw. deren deutschen
Schwesterorganisation KVPM (Kommission
für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte). Hier engagiert sich Scientology mit Nachdruck gegen Psychopharmaka
im Allgemeinen und weitere Psychiatriethemen (Elektrokrampftherapie, etc.).Quellen:
Henking, T. & Vollmann, J.: Zwangsbehandlung psychisch kranker Menschen. Ein Leitfaden für die Praxis.
Zinkler, M., Laupichler, K. & Osterfeld, M. (Hg.): Prävention von Zwangsmaßnahmen. Menschenrechte und
therapeutische Kulturen in der Psychiatrie. Psychiatrie
https://www.dgppn.de/(06.08.2016)
http://www.apk-ev.de/themen/psychiatrie-und-menschenrechte/(06.08.2016)
http://de.cchr.org/(06.08.2016)
http://www.kvpm.de/home/ (06.08.2016)Gewissen und MedizinWas jeder Arzt und jede Ärztin gegen steigende
Medikamentenpreise unternehmen kannWenn man dieser Tage in die Medien schaut, ist immer
wieder von überhöhten Medikamentenpreisen die Rede.­
Als Ursachen werden überzogene Gewinnmargen der
Pharma­industrie, das Patentrecht und eine problematische
Preispolitik diskutiert. All diese Aspekte sind ohne Frage
entscheidend. Ein wesentlicher Aspekt der Preisentstehung
wird jedoch ­selten erwähnt:Die Industrie rechtfertigt ihre Preise meist
mit hohen Ausgaben für die Forschung, die,
so lange der Patentschutz gilt, gedeckt werden müssen. Nach Ablauf der Patente kommen in aller Regel Generika auf den Markt,
die die Preise und damit die Gewinnmargen
drücken. Doch die hohen Ausgaben für die
Forschung sind nur ein Teil der Kosten, die
die Industrie für ein Medikament aufbringt.
Im Rahmen einer Transparenzoffensive
der großen Pharmakonzerne wurden für
das Jahr 2015 für Deutschland konkrete
Zahlen veröffentlicht: Insgesamt 575 Millionen Euro haben 54 Pharmakonzerne
in Deutschland im vergangenen Jahr an
Ärzt*Innen und anderes medizinisches Personal sowie an Organisationen und Einrichtungen im Gesundheitswesen gezahlt. Den
Großteil dieser Summe, 366 Millionen Euro,
gab die Industrie nach eigenen Angaben für
„Forschung und Entwicklung“ aus. An „Personen“ wurden 119 Millionen Euro gezahlt
(21%). Die restlichen 90 Millionen (15%)
gingen an „Stiftungen“.5 Es handelt sich bei
den 209 Millionen Euro um Werbung, damit
das Präparat so viel wie möglich verschrieben wird. Die Industrie holt sich ihre Ausgaben über die Medikamentenpreise zurück.
In Deutschland, wie in fast allen anderen Ländern der Erde (Ausnahmen bilden
beispielsweise Großbritannien und Neuseeland), ist Werbung von verschreibungspflichtigen Medikamenten direkt an den/die
Konsument*in (also Patient*in) verboten.
Zwar gibt es auch hier Möglichkeiten für die
Industrie, Nischen in der Gesetzgebung zu
finden, wie beispielsweise das Sponsoring
von Selbsthilfegruppen, in dessen Gegenzug die Gruppen sich Vorträge über die
jeweiligen Produkte der Firma anhören. So
wurden laut der Onlinedatenbank des Spiegels (Angaben ohne Gewähr) im Jahr 2013Selbsthilfegruppen in Deutschland mit etwa
5,3 Millionen Euro unterstützt.6
Werbung direkt an Ärzte hat viele Gesichter. Deren eindeutig sichtbare Formen, wie
etwa Kugelschreiber und Schreibblöcke,
sind in den letzten Jahren zunehmend in die
Kritik geraten. Ein dieses Jahr in Kraft getretenes Gesetz zur Korruption im Gesundheitswesen droht Ärzt*Innen mit bis zu fünf
Jahren Strafe, wenn sie ihr Interesse an persönlicher Bereicherung über das Wohl der
Patient*innen stellen. Jedoch ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar, welche Vergehen genau unter das Gesetz fallen. Scheinbar werden auch künftig Beeinflussungen
von Ärzten durch pharmagesponserte
Kongresse, die Übernahme von Fahrtkosten, Teilnahmegebühren oder Essenseinladungen straffrei bleiben.8 Beunruhigend ist,
dass ca. 80% aller Fortbildungen für Ärzte
von der pharmazeutischen Industrie mitfinanziert werden, wobei dies noch immer
oft mangelhaft gekennzeichnet sind.2
Manche Werbeverfahren zielen auf unbewusste Assoziationen ab: So werden
beispielsweise die Farben der Präsentationsfolien bei Vorträgen nach der Verpackungsfarbe des Medikamentes oder des
Logos der Industrie ausgewählt. Eine andere häufige Form der Werbung sind bezahlteRedner – darunter auch Universitätsprofessoren.1 Diese halten auf Fortbildungen Vorträge, ohne kennzeichnen zu müssen, dass
es sich hierbei nicht um ihre eigenen Erfahrungen oder Studienergebnisse handelt,
sondern um Informationen, die die Industrie ihnen so zugespielt hat. 10.000 Euro
und mehr im Jahr habe er von der Industrie
durch Vorträge verdient, erklärt Prof. Dr.
K. Lieb, Direktor für Psychiatrie und Psychotherapie in Mainz. Er war der erste Universitätsprofessor, der öffentlich erklärte,
keinen Cent mehr von der Industrie anzunehmen, um seine Unabhängigkeit zu wahren.4 119 Millionen Euro wurden 2015 für
Vortragshonorare in Deutschland gezahlt.5
Namhafte Redner zu bezahlen lohnt sich
für die Industrie: Jeder in einen bezahlten
Redner investierte US-Dollar führt allein im
darauffolgenden Jahr zu einer Gewinnsteigerung von 624 US-Dollar. 1
Eine weitere beliebte Werbestrategie, um
vor allem auch pharmawerbungskritische
Ärzte zu beeinflussen, sind Phase-4-Studien
ohne wissenschaftlichen Hintergrund. Hier
sprechen Pharmavertreter gezielt Ärzte an
und bitten sie, Informationen zu einem Medikament zu sammeln. Angeblich würden
die Ärzt*innen einen Beitrag für die Sicherheit des Medikamentes leisten. Der Sinn
der Studie ist jedoch, dass Ärzt*innen das
jeweilige Präparat bevorzugt verschreiben –
ihre Aufmerksamkeit wird auf das Produkt
gerichtet und sie haben das Gefühl, dass
sie mit dem Verschreiben dieses Produktes Daten für die Menschheit sammeln. Die
erhobenen Daten werden jedoch vernichtet oder zumindest niemals veröffentlicht.1
konnte kürzlich nachweisen, dass in einigen Fällen Ärzt*Innen Geheimhaltungsklauseln unterschrieben hatten, sodass sie ihre2728Gewissen und Medizine­ igenen erhobenen Daten nur an die jeweils
finanzierende Industrie, nicht jedoch an Dritte weiterleiten durften.10 Interessanterweise
werden diese Anwendungsbeobachtungen
von der Industrie zu den Forschungsausgaben gerechnet. Mehr als 100 Millionen
Euro sollen jedes Jahr in Deutschland in
Anwendungsbeobachtungen investiert werden.9 Nach Angaben der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung nahm 2015 etwa jede*r
zehnte Ärzt*In in Deutschland an einer solchen Anwendungsbeobachtung teil. Die
Honorare dafür belaufen sich auf mehrere
Hundert-, teilweise Tausend Euro pro eingeschlossenem/r Patient*In! 7 Berechnet man
mit diesen Zahlen das Verhältnis zwischen
Ausgaben für Werbung und für Forschung
neu, so tolerieren alle Ärzt*innen, die sich
so manipulieren lassen, dass die Industrie
insgesamt 54% mehr Ausgaben hat.
Jedes Jahr besuchen 15.000 Pharmavertreter*Innen 20 Millionen Mal Arztpraxen und Krankenhäuser, werben für ihre
Produkte, verteilen Geschenke, bieten
Honorare für Anwendungsbeobachtungen,
laden zum Essen ein und bezahlen Fortbildungs- und Reisekosten. Die Zeit für
diese Besuche fehlt den Ärzt*Innen in derBehandlung der Patient*Innen.1 Ein häufiges Argument, Pharmavertreter*innen zu
empfangen, sind die kostenlosen Proben,
die diese mitbringen. Man könne diese an
Patient*innen in finanziell schwierigen Situationen verteilen, um diesen die Zuzahlung
zu ersparen. Auf diese altruistische Verzerrung baut die Industrie, denn die Proben
lohnen sich. Ein Patient, der ein solches Medikament einmal verträgt, wird in häufigen
Fällen nicht so schnell ein anderes Präparat
akzeptieren, schon gar nicht, wenn für den
Präparatewechsel nur der Preis spricht. Darüber hinaus zeigt eine Studie am Beispiel
von Antihypertonika, dass Ärzt*innen viel
schneller gewillt sind, die erheblich teureren
Zweitlinienmedikamente (AT-1-Rezeptorblocker) herauszugeben als die günstigen
ACE-Hemmer, die laut Leitlinie als Erstes
probiert werden sollten. Hat der/die Ärzt*in
noch AT-1-Rezeptorblocker-Proben, ist die
Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch, dass
das teurere Medikament gegeben wird.
Langfristig kommt für diese Mehrkosten
die Gesellschaft auf. 1
„Durch korruptes Verhalten seitens der
Ärzt*innenschaft wird die sensible Beziehung zwischen Ärzt*innen und Patient*innenbeschädigt!“ erklärt die Organisation MEZIS
(Mein Essen Zahl‘ Ich Selbst), das deutsche
Äquivalent der weltweiten „No-free-lunch“-Bewegung. In jeder anderen Berufsgruppe gälten Geschenke wie gesponserte
Fortbildungsreisen als Korruption.2
Dass die pharmazeutischen Industrien
die Ausgaben für die Werbung decken, indem sie Medikamente teurer verkaufen, ist
ein Grund für die steigenden Medikamentenpreise. Gleichzeitig führt diese Werbung
zu einer Form der Wettbewerbsverzerrung.
Ärzt*Innen verschreiben eher das beworbene Medikament, weshalb die Pharmaindustrie mit der meisten Werbung auch am
meisten verkauft, selbst wenn günstigere
Konkurrenzprodukte im direkten Vergleich
gleich wirksam sind. Kleine Pharmaunternehmen, die sich diese Werbung nicht leisten können oder die Generika (günstigere
Nachahmungen eines Medikaments, dessen Patentschutz abgelaufen ist) vertreiben,
können deshalb auf dem Markt nicht bestehen. In der Folge bestimmen große Konzerne die Preise und besitzen Monopole auf
lebensnotwendige Medikamente.Quellen:
„Understanding and responding to pharmaceutical
promotion – A practical guide” Herausgeber: World
Health Organisation and Health Action Initiative1	2	https://www.mezis.de3	https://de.wikipedia.org/wiki/Pharmaunternehmen
DER SPIEGEL 20/2011 “Medizin: Seelsorge für
die Industrie” https://www.spiegel.de/spiegel/
print/d-78522323.html4	5	Deutsche Apothekerzeitung Online 20.06.16
artikel/2016/06/20/fsa-vfa-transparenzinitiative-575-millionen-euro-fur-aerzte
Tagesspiegel 30.06.2015, „Heimliche Helfer“
http://www.tagesspiegel.de/themen/agenda/warum-die-pharmaindustrie-selbsthilfegruppen-finanziert-heimliche-helfer/11991862.html6	Tagesschau.de, 08.08.2016, https://www.tagesschau.de/wirtschaft/anwendungsbeobachtungen-121.html7	Stiftung Warentest 06/2016,
https://www.test.de/Anti-Korruptionsgesetz-Strafen-fuer-bestechliche-Mediziner-5015160-0/8	Sueddeutsche Zeitung, 09.03.2016,
Millionengeschäft mit Pseudostudien: Wie Pharmafirmen Ärzte beeinflussen
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/arznei­
mittel-millionengeschaeft-mit-pseudo-studien-wiepharmafirmen-aerzte-beeinflussen-1.2898741
9	Transparency International Deutschland e.V., Pressemitteilung 06.04.2016, https://www.transparency.
de/2016-04-06_Durchbruch-bei-der.2782.0.html?&contUid=656010	Gewissen und Medizin29Evidence based medicine?
Warum täglich Studiendaten verschwindenWir leben in einem medizinischen Zeitalter, in dem HIV
bekämpft werden kann, viele Krebsarten geheilt werden können und die Menschen so alt werden wie nie zuvor.
Und dennoch hat die Medizin ein fundamentales Problem:
Es geht um die Sicherheit unserer Medikamente.Seit dem Contergan-Skandal in den
1960er Jahren ist jede pharmazeutische
Industrie weltweit per Gesetz gezwungen,
ihre Medikamente vor deren Zulassung zu
testen und für deren Risiken und Nutzen zu
bürgen. Man versuchte so für eine größere
Sicherheit zu garantieren, ohne die Staatskassen zu sehr zu belasten, denn Arzneimittelstudien sind teuer. Diese im ersten Augenblick logisch klingende Idee weist zwei
fundamentale Fehler auf: Niemand hat bei
der Erstellung einer solchen Studie so viele
eigene Interessen wie die Industrie. Es ist
so, als ob Eltern die Abiturklausuren ihrer
Kinder bewerten dürften. Und wenn die
Industrie eine solche Studie durchführt, ist
sie im Besitz der Ergebnisse, sie kann also
entscheiden, was veröffentlicht wird und
was nicht. Auf unser Beispiel mit den Abiturklausuren bezogen, hieße das: Ob jemand
das eventuell schlechte Abi-Zeugnis der
Zöglinge zu Gesicht bekommt, läge ganz im
Ermessen seiner Eltern.
Nur etwa die Hälfte aller Studien über
Medikamente werden je veröffentlicht. Die
andere Hälfte beinhaltet Informationen,
die in Archiven verschwinden. Nicht einmal die Probanden, bzw. Patienten, die an
der Studie teilgenommen haben, erfahren
je die Ergebnisse. Selbstverständlich sind
hier Substanzen dabei, die nie die Marktzulassung erhalten, aber auch über die uns
bekannten Medikamente gibt es viel mehr
Informationen, als je veröffentlicht wurden.
Und immer wieder kostet dieser Missstand
Milliarden Dollar, vor allem aber Menschenleben.
Ein gut untersuchtes Beispiel ist das Antiarrhythmikum Lorcainide. Im Jahr 1980
kam ein pharmazeutisches Unternehmen
auf die Idee, dieses Medikament bei Patienten mit Zustand nach Herzinfarkt einzusetzen. Es wurde eine Studie mit 100 Probanden gestartet, in der festgestellt wurde,
dass Lorcainide deutlich häufiger zum Tod
führte als das Placebo (von 50 Teilnehmernmit Placebo starb im Laufe eines Jahres nur
einer, jedoch starben in der ebenso großen
Gruppe, die Lorcainide bekam, zehn der
Probanden). Das Medikament kam für diese Patientengruppe damals nicht auf den
Markt. In den folgenden zehn Jahren kam
ein anderer Pharmakonzern ebenfalls auf
den Gedanken, diese Substanz als Antiarrhythmikum bei Patienten nach Herzinfarkt
einzusetzen. Dieses Mal bekam das Medikament die Marktzulassung und bis nachgewiesen werden konnte, dass dieses Vorgehen schädlich ist, starben mehr als 100.000
Menschen unnötigerweise allein in den USA.
Im Jahr 2010 galt das Virusstatikum
Oseltamivir, besser bekannt unter dem
Handelsnamen Tamiflu, als die einzige Rettung gegen die gefürchtete Schweinegrippe. Weltweit horteten Regierungen dieses
Medikament, nachdem sogar die WHO es
als hilfreich bewertet hatte. Ein aufmerksamer japanischer Kinderarzt wies jedoch
in einem offenen Brief darauf hin, dass die
WHO sich bei ihrer Bewertung auf eine
Metaanalyse (also eine Studie, die mehrere Studien zusammenfasst) berief, deren
Studien zu einem Großteil nie veröffentlicht
worden waren. Es folgte ein Rechtsstreit, als
Wissenschaftler versuchten, an diese Studienergebnisse zu gelangen. Schlussendlich
stellte sich heraus, dass Tamiflu keinen signifikanten Nutzen für das Überleben der
Erkrankten bot.
In den letzten Jahren ist viel Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Thema geleistet worden. Dennoch werden weltweit auch heute
noch Daten von Studien verschwiegen, und
bereits erhobene Daten gehen für immer
Dieses Problem ist lösbar! Für jede Studie, bei der Daten an einem Menschen erhoben werden, muss zuvor eine Ethikkommission grünes Licht geben. Andernfalls ist die
Durchführung der Studie illegal. Es gibt also
ein vollständiges Register, das transparentgemacht werden könnte. Forscher*innen,
die Daten erheben und dann die Resultate
verschweigen, müssten ihre Approbation/
Lizenz entzogen bekommen – finanzielle
Strafen hätten zu wenig Effekt, da es sich
aufgrund der immensen Profitmöglichkeiten für die Pharmaindustrie lohnen würde,
diese Strafen in Kauf zu nehmen. Wenn die
Strafe so hoch gesetzt würde, wäre es für
die Industrie erschwert bis hoffentlich unmöglich Studien zu verschweigen und die
Forscher*innen hätten ein eigenes Interesse
daran, unabhängig von der Meinung der Industrie ihre Ergebnisse zu publizieren. Auch
Journals müssten sich weigern, Studien
zu veröffentlichen, wenn diese zuvor nicht
transparent angemeldet worden wären.
In meinen Augen ist dieser Zustand eine
der größten Gefahren in der Medizin dieser Tage. Aber jede*r kann hier etwas tun!
keine Image-Kampagnen
der Pharmaindustrie – wir
brauchen Gesetze, die weltweit greifen. Am 14.9.16
veröffentlichte die UN ein
Statement, dass alle Regierungen der Welt aufforderte, entsprechende Gesetze
zu erlassen, damit nie wieder Studiendaten verloren
gehen. Jetzt muss unsere
Generation dafür sorgen, Lara Weibezahl
dass diese Aufforderung 10. Semester Medizin
nicht nur umgesetzt wird, Göttingen
L.Weibezahl@gmx.net
sondern die Gesetze auch
langjährig Bestand haben und nicht von
Lobbyistengruppen aufgeweicht werden. Je
mehr Menschen von diesem Missstand erfahren, desto mehr Druck kann auf die Politik ausgeübt werden, sich diesem Thema
zu widmen. Es darf nicht in Vergessenheit
promotion – A practical guide“ World Health Organisation und Health Action Initiative 2010
„Medizin: Seelsorge der Industrie“ SPIEGEL 20/11
Buch: „Die Pharma-Lüge“ Ben Goldacre, Kiwi-Verlag,
www.ted.com/talks/ben_goldacre_what_doctors_
don_t_know_about_the_drugs_they_prescribe
Newsletter „All trials registred, Alltrials reported“,
www.alltrials.net30Inklusive GesundheitsversorgungNiemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten
Der schwierige Zugang zur Gesundheitsversorgung für Menschen mit Behinderung in KambodschaBis ich mein Praktikum bei der GIZ in Phnom Penh antrat,
war Kambodscha für mich auch nur ein Land zwischen
Pathos und Exotismus, angesiedelt in dem Teil der Erde,
dem wir oft ungefragt unsere sogenannte Hilfe zukommen
lassen. Meine Motivation war klar egoistisch und meine
Erwartungen groß. Kambodscha war verständlicherweise
nicht beeindruckt und öffnete sogleich eine Büchse der
Pandora an neuen Erfahrungen. Same same, but different.Kleine Landeskunde
Im Nachhinein habe ich das Gefühl, ich
wusste von Kambodscha nichts. Ich wusste
nicht, wie Armut aussah, ich hatte keine Ahnung, was das auch für mich als Touristin
bedeutet. Man kann es amoralisch finden,
aber jemanden, der ganz klar mit einem
ganz anderen Set an Privilegien auf die Welt
kam, auszunutzen und übers Ohr zu legen,
ist eben die Art von Niedriglohnsektor für
ungelernte Arbeitskräfte, der sich unter
den gegebenen Umständen ausbildet. Ich
war überrascht, dass man fast überall mit
US-Dollar bezahlen konnte und wie wenig
die einheimische Währung zählte. Auch das
ist nur eine Anpassung an das gegebene
Klima aus Entwicklungshilfeagenturen und
Abhängigkeit von Spendengeldern, das
auch darauf zurückgeht,
dass die UN unter Federführung der USA nach dem
Bürgerkrieg in Kambodscha einen als beispiellos
geltenden Demokratisierungsprozess
haben. Ich war entsetzt
davon, wie schön sich ein
anfühlen kann, wenn man
nicht gerade über Knochen
Antonia Neuberger stolpert und realisiert,
Medizinstudentin dass dieser bezaubernde
aus Mainz Ort einst als Massengrab
antonia.neuberger@ diente.. Die Herrschaft der
web.de ­
Khmer-Rogue, einer kommunistische Gruppierung,
die die Rückkehr zum vorindustriellen Zeit­
alter erzwingen wollte und einen Großteil
der eigenen Bevölkerung folterte und ermordete (Schätzungen bewegen sich im
Bereich von 1,7–2,2 Mio. Menschen, knappein Viertel der damaligen Einwohnerzahl),
hat die Bevölkerung Kambodschas, immerhin knapp 16 Millionen Menschen1,
nachhaltig traumatisiert. Insbesondere problematisch war der Kampf gegen intellektuelle Bevölkerungsschichten und „Verräter“
gegen die Organisation (ankha) der Khmer
Rogue und die Zerstörung wirtschaftlicher
und sozialer Strukturen. Das alles sind nur
einzelne Fäden eines Teppichs, sowie auch
Menschen mit Behinderungen Fäden im gesellschaftlichen Gewebe und der rote Faden
dieses Artikels sind.Menschen mit Behinderung in
Die Prävalenz von Behinderung wird laut
der Cambodia Socio-Economic Survey
2004 auf ungefähr 5% geschätzt, während
die letzte nationale Erhebung von 2014 von
ungefähr 10% spricht, wobei hier der Grad
der Beeinträchtigung aus den Daten nicht
ersichtlich ist (ungefähr 2% der befragtenBevölkerung wurden als schwer behindert eingestuft)2,3. Diese Daten erscheinen
im Lichte anderer Erhebungen (die WHO
schätzt global die nationale Prävalenz von
Behinderungen bei 10-15%)4 als zu gering.
Zum einen gibt es keine einheitliche Definition darüber, was eine Behinderung oder
Beeinträchtigung ist. Die erhobenen Daten
beruhen auf Selbstauskünften der kambodschanischen Bevölkerung, innerhalb derer
das Verständnis, was eine Behinderung
überhaupt konstituiert, gering ist. Staatliche
Erfassungssysteme oder einheitliche Testungen auf Behinderung existieren nur rudimentär oder gar nicht. Auch entstehen viele
Behinderungen (zum Beispiel im Rahmen
von Infektionen) durch zu späte Hilfe oder
werden durch unzureichende Versorgung
verschlimmert. Insbesondere fehlt es an
der weiterführenden Betreuung nach festgestellter Diagnose – Betreuungsprogramme, Bildungseinrichtungen, Unterstützungsprogramme für die betroffenen Familien,
es fehlt an speziell auf die Bedürfnisse der
PWDs (person with disabilities) zugeschnittenen Hilfsmitteln (wie z.B. Brillen, Rollstühle) und Versorgungsstrukturen (wie z.B.
passende gesundheitliche Betreuung.).5,6
Hinzu kommt das soziale Stigma: Nach
buddhistischem Glauben kann Behinderung durch eine schlechte Lebensführung
in einem früheren Leben, als Strafe für
vergangene Sünden oder einen schlechtenInklusive GesundheitsversorgungCharakter verursacht werden. Zudem ist
die kambodschanische Gesellschaft sehr
hierarchisch (nach Alter und Geschlecht)
strukturiert, wobei PWDs immer schlechter gestellt sind als ihre körperlich uneingeschränkten Altersgenossen. Sie können
nicht zum Lebensunterhalt der Familie
beitragen, sondern sind auf die Wohltätigkeit von anderen angewiesen, die dadurch
gutes Karma erhalten. Dies verknüpft Behinderung in den Köpfen vieler mit Armut
und Leiden. Darüber hinaus führt ihre Unfähigkeit, an einem von körperlicher Erwerbstätigkeit geprägten Wirtschaftssystem teilzunehmen zum Streit innerhalb der Familie,
zum sozialen Ausschluss und geringem
Selbstwertgefühl.Aufbau des Gesundheitssys­
tems in Kambodscha
Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in
Kambodscha kein flächendeckendes Versicherungssystem, vielmehr einen Flickenteppich aus Kostenfinanzierungssystemen,
verschiedenen Trägern, staatlichen und privaten Einrichtungen. Auch wenn das kambodschanische Gesundheitssystem dem
verwöhnten Deutschen archaisch, primitiv
und schlecht funktionierend vorkommen
muss, sollte man dabei immer bedenken,
dass der Aufbau eines modernen Gesundheitssystems erst in den 90er-Jahren begann und zwar auf dem Boden der durch
Bürgerkrieg und das Terror-Regime der
Khmer Rouge völlig zerstörten Strukturen
(1979 befanden sich weniger als 50 Ärzte
in dem Land, von vormals 600).7
1993 begann die WHO das Gesundheitssystem in Kambodscha zu revitalisieren und
zu stärken, sowie Kapazitäten innerhalb des
Gesundheitsministeriums aufzubauen. Dazu
wurde ein zweigleisiges System aus Anlaufstellen für die Primärversorgung ­(„health
centers“) und die Sekundär- und Tertiärversorgung (referral hospitals, ­provincial hospitals and national institutions) entworfen.
Eines der zentralen Probleme des Gesundheitssystems in Kambodscha ist sicherlich die Zweiteilung des Versorgungssystems in einen privaten und öffentlichen
Sektor. Wie in vielen anderen LMIC (low
and middle-income countries) auch ist es
in Kambodscha üblich, Gesundheitsaus­
gaben aus eigener Tasche zu bezahlen (outof-pocket payment), in Form sogenannter
user fees oder auch als informelle Zahlungen an das Gesundheitspersonal. Die userfees sind in den staatlichen Strukturen oft
niedriger als in den privaten, trotzdem bevorzugen viele Kambodschaner Letztere.
Das kann unterschiedliche Gründe haben
– Qualität, Erreichbarkeit, soziale Bindung
und Misstrauen gegenüber dem staatlichen
Gesundheitspersonal und –strukturen sind
nur einige davon. Das Problem bei einem
solchen Gesundheitsverhalten ist jedoch,
dass jeglicher Kontrollmechanismus fehlt.
Eine Maßnahme damit umzugehen ist
sicherlich die Qualitätssicherung und Nachhaltigkeit im staatlichen Gesundheitswesen zu fördern. Noch fließt dafür zu wenig
Geld und es gibt in Kambodscha eine sehr
restriktive Kultur der überlaufenden Komitees und Subkomitees, der Korruption
und Intransparenz zwischen den beteiligten Parteien, auch weil das kambodschanische Gesundheitssystem noch sehr von
ausländischer Hilfe abhängig ist. Doch es
besteht auch eine Chance darin, dass das
Gesundheitssystem in der politischen Prioritätensetzung nur eine Randrolle spielt: Als
wenig ertragreicher Sektor lässt es relativ
gesehen mehr Spielraum für evidenzbasierte Maßnahmen und wird auch gerne als popularitätsgenerierendes Instrument von der
regierenden Partei genutzt.Eine weitere wichtige Maßnahme ist die
Stärkung sozialer Sicherungsmaßnahmen
im Hinblick auf Gesundheit. Ein Großteil
der kambodschanischen Bevölkerung verlässt sich auf Subsistenzwirtschaft und ist
deshalb insbesondere in Zeiten gesundheitlicher Krisen vulnerabel – entweder
weil es sich die Gesundheitsausgaben gar
nicht leisten kann oder wegen derselben
verarmt. In Kambodscha gibt es momentan
drei verschiedene Systeme, die finanzielle
Barrieren beim Zugang zum staatlichen Gesundheitssystem abbauen sollen. Das am
weitesten verbreitetste ist der Health Equity Fund (HEF), der teilweise oder ganz die
Gesundheitskosten von armen Menschen
deckt (übernommen werden user fees und
der Transport vom health center zum referral hospital). Auch wenn dies sicherlich
dabei geholfen hat, den Zugang zur Gesundheitsversorgung für arme Menschen
zu erleichtern, ergeben sich doch immer
noch Probleme durch die fragmentierte Finanzierung und die große Zahl an mit dem
Management des HEF betrauten lokalen
NGOs. Eine weitere Möglichkeit, die oft
auch unterstützend eingesetzt wird, ist die
Ausgabe von Gutscheinen und der Aufbau
von Community-Based Health Insurances,
die jedoch beide noch nicht sehr weit verbreitet sind.3132Inklusive GesundheitsversorgungZugang zum Gesundheits­
system für PWDs
Die Barrieren, die PWDs den Zugang zum
Gesundheitssystem erschweren, lassen sich
nach Bigdeli und Annear (2009)8 wie folgt
Laut der Studie von Kleinitz et al. (2012)
sind die direkten und indirekten Kosten,
die im Zusammenhang mit dem Besuch
von Gesundheitseinrichtungen stehen, die
größte Barriere.5 Direkte Kosten beziehen
sich auf Medikamente und die Kosten der
Behandlung, während indirekte Kosten unter anderem den Transport zur Einrichtung,
Kosten für Verpflegung und den Verlust von
Einkommen meinen. Auch kann die Qualität
der Versorgung von der Fähigkeit der Bezahlung informeller Gebühren abhängen,
was PWDs aufgrund ihres oft geringeren
sozioökonomischen Status zusätzlich diskriminiert.
Die Entfernung zur Gesundheitseinrichtung,
der Transport dorthin, oft unzuverlässige
oder zu kurze Öffnungszeiten und lange
Wartezeiten sind ebenfalls Barrieren, nicht
nur für Menschen mit Behinderungen.
Für diese kommt oft erschwerend hinzu,
dass es keine zuverlässigen, zugänglichen
Verkehrsmittel gibt. Der Großteil der Bevölkerung ist auf Mopeds unterwegs, und
auch wenn diese zum Teil ganze Familien
transportieren können, sind sie doch für
z.B. Menschen im Rollstuhl nicht ausgelegt.
Dazu kommt, dass für den zusätzlichen
Platz im Bus etc. oft auch mehr bezahlt werden muss. Nicht zuletzt fehlen vor Ort zum
Beispiel oft Informationstafeln, Rampen,
Behindertentoiletten oder andere nötige
Zugangserleichterungen.
Wie oben schon angesprochen werden
PWDs in vielerlei sozialen Situationen und
kulturell bedingt diskriminiert. Dies zeigt
sich auch in ihrem Verhalten gegenüber
dem Gesundheitspersonal: Sie stellen weniger Ansprüche, fühlen sich minderwertiger
und sind ängstlicher in Bezug auf die Einforderung von ihnen zustehenden Leistungen
und Rechten. Auf der anderen Seite ist das
Verständnis für die besonderen Bedürfnisse von PWDs beim Gesundheitspersonal oft
gering ausgeprägt und das Verhalten ihnen
gegenüber ist diskriminierend.Qualität der Versorgung
Dies war in der Studie von Kleinitz et al.
die zweitwichtigste Barriere beim Zugang
zur Gesundheitseinrichtung. Dazu zählen
die oft gleichgültige bis lieblose Einstellung
des Gesundheitspersonals, fehlendes Spezialwissen und Fähigkeiten in Bezug auf die
Bedürfnisse der PWDs, sowie der Mangel
an geeigneten Medikamenten.5 Oft hängt
die Qualität der Versorgung direkt mit der
Fähigkeit zur Bezahlung zusammen und es
besteht ein geringes Verständnis des Ethos
des Heilberufes in Bezug auf die Qualität
und Angemessenheit der Versorgung, die
Menschen mit Behinderungen zuteilwird.
Erschwerend zu dem oft nicht vorhandenen
oder mangelnden Fachwissen des Gesundheitspersonals auf lokaler, aber auch höherer Ebene (ausreichende Strukturen sind oft
erst auf nationaler Ebene vorhanden, deren
Einrichtungen sich in Phnom Penh befinden), kommt hinzu, dass die Überweisungsstrukturen gering ausgeprägt oder gar nicht
vorhanden sind. Dies hat insbesondere bei
Kindern schwerwiegende Auswirkungen auf
die Entwicklung, den Eigenständigkeitsgrad
und das gesamte spätere Leben.
Anwenderkentnisse (user knowledge)
Die oftmals stattfindende soziale Isolierung
von PWDs hat weitreichende Auswirkungen auf das Wissen über ihre Gesundheit
und ihre Rechte. So wurde in der Studie
von Kleinitz et al. berichtet, dass PWDs oft
Gesundheit in ihrem Dorf nicht besuchten
und von Unterstützungsmöglichkeiten wenig oder nichts wussten. Die Unsicherheit
in Bezug auf die tatsächlichen Kosten oder
auch die Lokalisation ihren Bedürfnissen
entsprechender Services stellt ein nicht zu
unterschätzendes Hindernis für viele PWDs
dar.Die Probleme von Menschen mit Behinderung in Kambodscha sind vielfältig und
verwoben. Um aus diesem labyrinthartigen
Spinnennetz zu entkommen, bedarf es
noch vieler kleiner Schritte in dem Balanceakt, der gesellschaftliche und politische
Veränderung in Kambodscha bedeuten
kann, die nicht zuletzt vor allem von den
Menschen vor Ort getragen werden sollte.
Ich bin bewusst nicht auf die Einflussnahme
von Entwicklungshilfeagenturen, auch der
GIZ, eingegangen, da ich nicht das Gefühl
habe, in dieser Hinsicht neutral urteilen zu
können. Dennoch: Kritisches Hinterfragen
von Entwicklungszusammenarbeit und Entwicklungshilfestrukturen im Kontext von
Kolonialismus und strukturellem Rassismus
hat noch niemandem geschadet. Vor allem
nicht, wenn man in diesem Bereich aktiv
werden möchte.Quellen:
World Bank, Cambodia (Länderseite)1	
„Health, vulnerability and poverty in Cambodia.
Analysis of the 2004 Cambodia Socio-Economic
Survey.“ (2005) – Knowles, J.C., World Bank2	
„Cambodia – Demographic and Health Survey“
(2014) – National Institute of Statistics (NIS) –
­Ministry of Planning, Royal Government of Cambodia and Directorate General for Health (DGH) –
­Ministry of Health, Royal Government of Cambodia3	
„World Report on Disability“ (2011), WHO, Geneva4	
„A population-based study on the prevalence of­
­impairment and disability among young Cambodian
children“ (2014) – Evans et al.5	
„Barriers and facilitators of Health services for
­People with disabilities in Cambodia“ (2012) –
­Kleinitz et al.6	
„Barriers to Access and the purchasing function
of health equity funds: Lessons from Cambodia“
(2009) – Bigdeli/Annear, Bulletin of the WHO7	„Cambodia – Health Sector Induction Pack“8Ein kurzes Wort zur Gender-Frage.
Sprache ist mächtig - der alltägliche Mix aus Tradition und Bequemlichkeit im Sprachgebrauch
zementiert alte Wertvorstellungen und unbewusste Stereotypen. Das generische Maskulinum beispielsweise stört die gleichberechtigte Wahrnehmung der Geschlechter nachgewiesenermaßen.
Aber: Wie soll geschlechtliche Gleichstellung in der Sprache konkret umgesetzt werden? Darüber
herrscht nach wie vor Dissens. Wir als amatom-Redaktion beanspruchen nicht, in dieser Frage DIE
eine, richtige Antwort zu kennen. Ganz abgesehen von all denjenigen Bereichen, in denen Sprache
ganz unabhängig von Gender-Aspekten diskriminierend ist.
Unser Fazit für die Texte im amatom ist deshalb: REGELN zum Gendern können nicht die passende
Antwort auf ein so komplexes und formbares Konstrukt wie Sprache sein. Was wir uns wünschen,
ist ein Diskurs - kontrovers, kreativ und leidenschaftlich! Und einen bewussten, sensiblen Gebrauch
von Sprache durch unsere - nun ja: Autor*innen…Famulieren & engagierenFamulieren & engagieren 2016
f&e – famulieren und engagieren ist ein Austauschprogramm für IPPNW-Studierende. In
Gastländern wie z.B. Nepal, Bosnien, Türkei oder Israel werden Famulatur und Engagement in einem friedens- oder sozialpolitischen Projekt kombiniert. Vor allem zählen die
Begegnungen mit Menschen – in einem fremden Gesundheitssystem, mit einer anderen
Geschichte, mit einem entgegengesetzten – oder auch gleichgesinnten – Wertekosmos.
Einige f&e-ler*innen aus diesem Jahr haben ihre Gedanken und Eindrücke festgehalten.
Eine Hommage an das, was f&e ist und was es mit uns macht: Verwirrung stiften. Gedanken
anstoßen. Euphorie entfachen. Und lange nachwirken…aber seht selbst!
Bewerbungen und mehr Infos unter: www.studis.ippnw.de/famulieren-engagierenJapanIn meinen zwei Monaten in Japan bin ich
vielen lieben Menschen begegnet: Beim International Peace Course, in der Famulatur
und beim Rumreisen habe ich mich auch
mit vielen Menschen aus der Friedensbewegung getroffen.
Besonders beeindruckt hat mich ein Arzt,
Dr. Eisuke Matsui, der in der Friedensbewegung aktiv ist und Strontium in Milchzähnen von Kindern um Fukushima testet. Er
ist schon 80 Jahre alt, aber engagiert sich
sehr für den Frieden und gegen die Fukushima-Politik von Abe. Ich war mit ihm bei
einem Kongress gegen die Militärbasen auf
Okinawa, wo er auch einen Vortrag gehalten hat. Ich habe bei ihm übernachtet und
er und seine Frau haben mir das Haus mit
kleiner Praxis und die schöne Natur in der
Umgebung gezeigt. Sie haben mir noch einen privaten Vortrag über die Situation um
Fukushima und die Strahlenbelastung bei
äußerer und innerer Verstrahlung gezeigt.
Die Blume, die er in der Hand hält, ist eine
Blume, an der man die Mutationen durch
Radioaktivität untersucht hat.
Wie in diesem Haushalt bin ich in Japan
immer mit offenen Armen empfangen worden. Es war eine sehr gute Erfahrung Japan
von einer anderen Seite kennenzulernen als
eine normale Touristin.
Paula (Name von Redaktion geändert)RumänienIn Cluj (Rumänien) stiegen zwei
deutsch-rumänische Mädchen in den Zug.
Als wir uns über die Gründe unserer Zugfahrt unterhielten, wurde mein Reiseziel bald
zum Gesprächsthema des ganzen Wagons
(die beiden übersetzten flink). Hosman,
ein Dorf, das eine halbe Stunde von Sibiu
entfernt gelegen ist (dort musste ich aussteigen), war den mit mir aussteigenden „Sibiuern“ unbekannt. Meine (unbegründeten)
Sorgen, ob ich am Bahnhof wirklich abgeholt werden würde und ob ich anschließend
in irgendeiner Straße in irgendeinem Haus
von irgendwem an diesem Abend erwartet
werden würde, wurden dadurch nicht gerade weniger. In der Bahnhofshalle wartete
schließlich T. mit einem Schild „elija“ (Name
des Projekts, in dem ich gearbeitet habe)
auf mich. Auch nachdem er mich begrüßt
hatte, fragte mich eine jüngere Frau aus dem
Zug, ob ich nicht lieber bei ihr übernachten
möchte, es würde ja bald dunkel werden
und keiner kenne Hosman... Ich versicherte
dass alles in Ordnung sei, wäre aber wirklich lieber mit ihr mitgegangen. T., zurecht
verwundert, zeigte Richtung Auto, nahm mir
mein Gepäck ab und wir fuhren los. Die wenigen rumänischen Wörter, die ich mir auf
der Fahrt versucht hatte zu merken, reichten bei weitem nicht für eine Unterhaltung.
Deshalb zeigte T. immer wieder in die Landschaft und brachte mir Wörter wie „Hund“,
„Straße“, „Schafe“ bei. Während der vier Wo-chen in Hosman habe ich T. genau so erlebt:
Anstatt langer (unnötiger) Konversationen
hat er die „Baustelle“ bearbeitet, erkannt wo
und was getan werden kann oder muss. Es
kam mir so vor, dass T. (der mit seiner Familie im Dorf wohnt) morgens als erstes anfing
zu arbeiten und abends als letzter aufhörte.
Als eines Abends ein kleines Feuer in der
Werkstatt ausbrach und T.‘s Arbeitszimmer
völlig zerstörte, fing er noch in der Nacht
an, den Ursachen auf den Grund zu gehen.
Als ich am nächsten Tag durch die Werkstatt
zum Mittagessen ging, war das Arbeitszimmer komplett geräumt, vom Ruß befreit und
die Wände waren zum Teil bereits neu gestrichen... Es hat mich beeindruckt, dass ein
Mensch, der so eine unerlässliche Stütze im
Projekt ist, so bescheiden und still ist und
dennoch von allen als erster Anlaufpunkt für
viele kleine Probleme wahrgenommen wird.
Anna-LenaNepal
Während meines Aufenthaltes in Nepal
habe ich über meinen nepalesischen Freund
Dipesh eine Dänin – Dorte – kennengelernt,
die mich in vielerlei Hinsicht beeindruckt
hat. Dorte ist über 70 Jahre alt und selten habe ich eine so fitte und lebensfrohe
Frau in diesem Alter kenngelernt. Dorte hat
mehrere Projekte in abgelegenen Dörfern in
Nepal aufgebaut. Beispielsweise hat sie mit
Hilfe von Spendengeldern, die sie in Däne-3334Famulieren & engagierenmark gesammelt hat, für jeden Haushalt ein
Toilettenhäuschen gebaut. Darüber hinaus
vergibt sie Schulstipendien für mittellose
Kinder. Laut Dipesh habe sich das Leben
in den letzten Jahren im Dorf deutlich verbessert. Allerdings habe ich während der
Tage, die ich dort gelebt habe, auch die negativen Aspekte von sozialem Engagement
mitbekommen – welche Schwierigkeiten
für Volunteers auftreten können und wie
frustrierend diese Arbeit sein kann. In der
Regel ändert sich nichts auf Knopfdruck
und Veränderungen brauchen Zeit, Geduld
und Geld. Nicht jeder nimmt die angebotene Hilfe an und das gespendete Geld wird
leider auch in manchen Fällen für andere
Zwecke genutzt. Große Probleme hatte ich
unter anderem mit der Situation, als eine
Dorfbewohnerin auf Dipesh zukam und sich
darüber beschwerte, dass andere NGO’s
„ganze Häuser“ für ein anderes Dorf bauen
würden und in diesen Dörfern Bewohnern
mehr Geld zur Verfügung gestellt wird. Für
mich als Außenstehende ist es weiterhin
schwierig zu verstehen, wie sich manche
Leute darüber beschweren und um mehr
Geld betteln können, obwohl andere Menschen, in diesem Fall Dipesh und Dorte, ihr
Bestes geben, um ihnen zu helfen. Ich finde
es bewundernswert, dass sie trotz all dieser
Schwierigkeiten nicht aufgeben und weitermachen.
Neben ihrem sozialen Engagement ist
Dorte auch sonst eine inspirierende Persönlichkeit. Sie strahlt eine enorme Lebenskraft aus, die sehr ansteckend auf ihre Umgebung wirkt. In Nepal zu wohnen ist nicht
immer einfach und man muss häufig auf
den gewohnten europäischen Komfort verzichten (vor allem in den kleineren Dörfern
auf dem Land). Dies zu tun, um anderen
Menschen helfen zu können, ist insbesondere im hohen Alter eine bewundernswerte
selbstlose Eigenschaft. Seit diesem Jahr hat
Dorte gemeinsam mit einem nepalesischen
Pärchen ein Restaurant in Kathmandu eröffnet, das inzwischen auch gut besucht wird.
Als ich sie getroffen habe, kam sie gerade
nach einigen Monaten zurück nach Nepal
und hatte viele neue Ideen für das „Dorfprojekt“ und wie man „das Restaurant“ noch
ansprechender und „hipper“ machen könnte. Es war zu sehen wie zufriedenstellend es
ist, etwas aufzubauen und den Fortschritt
und Erfolg zu sehen. Ich finde es inspirierend, dass man sich auch noch im hohen
Alter eine neue Lebensaufgabe sucht und
– in ihrem Fall – erfolgreich gefunden hat.
MarleneKeniaVon Mitte August bis Mitte Oktober war
ich in Kenia im Rahmen des f&e Projekts.
Meine Famulatur habe ich auf der gynäkologischen Station des staatlichen Krankenhauses in Kilifi absolviert. Die Stadt
Kilifi liegt direkt an der Küste, nördlich von
Mombasa. Ich hatte Glück und konnte bei
einer der Ärztinnen unterkommen, die mir
oft geholfen hat, das kenianische Krankensystem zu verstehen und mit der Bürokratie
zurechtzukommen. Neben mir waren auch
noch einige kenianische Famulanten dort,
mit denen ich auch öfter außerhalb des
Krankenhauses etwas unternommen habe.
Diese Nähe zu den Kenianern hat meinen
Aufenthalt sehr bereichert.
Nach meiner Famulatur in Kilifi bin ich
dann ganz in den Norden von Kenia nach
Kakuma ins Missions-Krankenhaus gefahren, was ganz anders war als die Situation
in Kilifi. Kakuma beherbergt eines der größten Flüchtlingslager der Welt und trotzdem
war das Krankenhaus oft sehr leer, da die
Behandlungen so teuer sind, dass viele es
sich kaum leisten können. Zudem ist das
Röntgengerät defekt, das Labor kann gerade keine Blutbilder machen und die Tuberkulosemedikamente sind seit 2 Monaten
nicht geliefert worden. Die Mittel, mit denen
hier gearbeitet wird, sind also begrenzt,
aber dennoch leisten hier alle jeden Tag ihr
Bestes. Da Kakuma in einer wüstenähnlichen Region liegt, können es schon mal
deutlich über 40 Grad werden und auch in
der Nacht nimmt die Temperatur nur wenig
ab. Ich habe hier oft fast 5 Liter Wasser am
Tag getrunken.
Die andere Hälfte meines sozialen Projekts habe ich im Gender Based Violence
Project des Kenyatta National Hospitals in
Nairobi absolviert. Nach dem heißen und
kargen Kakuma war das fast kalte und
hektische Nairobi ein kleiner Schock, aber
auch mit all seinen Angeboten ein toller
Ausgleich.Ich habe hier viel die Sozialarbeiter des
Projekts bei Schulungen oder Patientengesprächen begleitet. Die Lebensgeschichten
sind oft sehr bewegend, und ich ertappe
mich manchmal dabei, dass ich das allgemeine Akzeptieren der Ungerechtigkeiten
Ich sehne mich nach dieser Zeit vor
a­ llem nach einer ordentlichen Dusche und
freue mich, dass ich in Deutschland nicht
jeden Tag Heiratsanträge bekomme, die
die Männer oft sehr offensiv und ehrgeizig
verfolgen, was für mich manchmal sehr unangenehm war.
EvaSerbien
»Belgrade does not like having its picture
taken. It hates to pose. It will not keep still. It
does not do well in photographs – it always
looks like some place else […] There are
few things in Belgrade that I have not seen
elsewhere. Perhaps only three: its rivers, its
sky and its people. Of these three ancient
elements the unique spirit of Belgrade is
born.«
Momo Kapor – A Guide to the Serbian
Mir fällt es nicht schwer, den Worten von
Momo Kapor, einem serbischen Schriftsteller, zuzustimmen. Und insbesondere
mit den Menschen hat er Recht behalten.
So waren es in den zwei Monaten in Belgrad vor allem die Begegnungen mit den
verschiedensten Menschen im Alltag, die
mich beeindruckt haben, vielmehr noch als
die Begegnung mit einer einzelnen Person.
Eines hatten sie dabei alle gemeinsam: Sie
waren von einer unglaublichen Herzlichkeit,
Offenheit und Gastfreundschaft geprägt.
Begonnen beim Neurologie Professor im
Krankenhaus in Serbien, eine absolute Koryphäe auf seinem Gebiet, der für mich die
Morgenbesprechung auf Englisch hielt. Ein
Ranger im Nationalpark, der es sich nicht
nehmen ließ, mich während meiner Wanderung ein Stückchen mit dem Auto mitzuneh-Famulieren & engagierenmen und anschließend zu Essen und Rakija
einzuladen. Serbinnen und Serben, die ich
während meiner Arbeit im Refugee Aid Center traf, die sich in ihrer Freizeit, nach der
Arbeit oder in den Semesterferien, in der
Flüchtlingshilfe engagieren. Studierende aus
der IPPNW-Gruppe in Belgrad, die mir mehr
als einmal bei Kaffee oder Popcorn ihre
Stadt zeigten, meinen Blickwinkel veränderten und mich die Politik und Geschichte des
Landes besser verstehen ließen. Flüchtlinge,
die mir, obwohl sie oft selbst nur ein Paar
Schuhe besaßen, mir ebendiese an einem
Regentag anboten, nachdem sie gesehen
hatten, dass ich in Flip Flops unterwegs war.
Oder auch die Familie einer Freundin, die
mich, wenngleich sich die Kommunikation
auf Englisch ein wenig schwierig gestaltete,
für ein Wochenende als Gast in ihrem Haus
Momente, die meine Zeit in Serbien
so unvergesslich machen und an die ich
mich gerne erinnere, jetzt, wo der Alltag in
Deutschland so langsam schon wieder Einzug gehalten hat.
LeaPalästina
Eine meiner besonderen Begegnungen
in Bethlehem war die, mit einer Krankenschwester, die in der Notaufnahme im öffentlichen Al Hussein Krankenhaus arbeitet.
Temperamentvoll, laut und selbstbewusst
wuselt sie durch die Flure, legt Zugänge,
nimmt Blut ab und futtert ihren Lunch
zwischen Tür und Angel. Direkt am ersten
Tag lädt sie mich zu sich nach Hause ein.
Dankend nehm ich die Einladung an und
lasse mich in ein kleines abgelegenes wunderschönes Dorf fahren, Battir. Zu Hause
begegnen mir ihre fünf Töchter. Die Familie
ist muslimisch, aber wie ihre Mutter trägt
keine der Frauen oder Mädchen eine Hijab,
ein Kopftuch. Als die älteste Tochter aber
die Wohnung mit ihrem Mann verlässt ,sehe
ich noch, wie sie ihr Kopftuch anzieht. Das
erstaunt mich, da ihre Mutter ja keines trägt
und auch der Vater nicht den Eindruckmachte, als erwarte er das. Ich frage mich,
ob sie das aus religiöser oder gesellschaftlicher Motivation tut.
Die kleine Tochter der Ältesten ist vielleicht drei Jahre alt und fragt mich, wie ich
heiße. Dann fragt sie mich, wie mein Vater
heißt und wie meine Mutter heißt. Das ist
sehr üblich dort, um zu erfahren von welcher Familie man kommt. Der Familienname
sagt in Palästina viel über einen Menschen
aus, zum Beispiel ob man christlichen oder
muslimischen Ursprungs ist. Religiöse Identität wird sehr groß geschrieben dort.
Zwei der Töchter haben angefangen zu
kochen, während wir anderen Saft und Eis
verzehren und ich meine Arabischkenntnisse ausweite, die jungen Mädchen nutzen
die Gelegenheit und bringen ihr Schulenglisch auf den Tisch. Dann gibt es Maklouba, Reis mit Fleisch und gebratenemen
Gemüse. Köstlich. Später spaziere ich noch
mit den Mädels durch Battir. Als mich die
nette Krankenschwester nach Hause fährt,
schauen wir noch kurz bei einer Hochzeit
vorbei, eine muslimische. Wir zwei sind fast
die einzigen, die kein Kopftuch tragen, in
dem großen Saal voller Frauen. Ich werde
der Braut vorgestellt und liefere noch einen
Tanz mit ihr ab, bevor wir gehen.
Am Ende des Tages bin ich mal wieder
überwältigt von der Offenheit, Gastfreundschaft und Liebe, die mir von Menschen
begegnet wird, die ich zum ersten Mal sehe.
AnnaIsrael
Soweit ich zurück denken kann, ist es unmöglich, die Worte „Israel“ oder „Palästina“
zu hören und dabei nicht unmittelbar an die
Worte „Konflikt“, „Besatzung“ oder „Eskalation“ zu denken. Ich verbrachte diesen Sommer zwei unvergessliche Monate in meinem
Projektland Israel, in Tel Aviv. Hier durfte ich
eine unglaubliche Offenheit und zwischenmenschliche Wärme erfahren, wodurch
sehr persönliche Kontakte entstanden sind
und ich neue Freunde gefunden habe.Im Anschluss an diesen Aufenthalt
schloss ich mich der „Israel/Palästina-Begegnungsreise“ der IPPNW an, die uns für
eine Woche in die Westbank führte und uns
durch zahlreiche Treffen mit sehr mutigen
palästinensischen Menschenrechtsorganisationen die Dimension der systematischen
Unterdrückung der palästinensischen Zivilbevölkerung durch die israelische Besatzung erahnen ließ. Für mich war es schwierig dieses Bild von Israel mit dem überein
zu bringen, das ich in meiner Zeit in Israel
entwickelt habe. Ich hatte mit Ambivalenz
gerechnet, jedoch war ich von ihrer emotionalen Wucht überwältigt. Nun soll es in
diesem Artikel nicht um mich gehen, meine
Person dient lediglich als Modell, die Polarisierung dieses Konfliktes zu veranschaulichen, der sich niemand, auch nicht als vermeintlich Neutraler, entziehen kann.
In meiner Zeit in Israel und Palästina durfte ich die Organisation des „parents circle“
kennen lernen, zum einen über die Dokumentation „Within The Eye Of The Storm“
als – zu meiner Freude – auch persönlich
mit der IPPNW in Bethlehem. Dies ist ein
Zusammenschluss aus 600 israelischen
und palästinensischen Familien, die das unmenschliche Leid teilen, ihr Kind in diesem
Konflikt verloren zu haben und die gemeinsam eine Stimme bilden, die eine Beilegung
des Konfliktes bzw. Frieden fordert.
Ich denke, es ist uns kaum möglich, sich
das Leid vorzustellen, das hervorgerufen
wird, wenn ein solcher Konflikt das Leben
des eigenen Kindes fordert. Aber ich weiß
mit Sicherheit, dass es eine unglaubliche
persönliche Stärke und einen tiefen, unerschütterlichen Glauben an den Menschen
erfordert, sich in einem solchen Moment
mit Menschen der anderen Seite des Konfliktes zu verbünden, mit Menschen, deren
Volksmänner doch vermeintlich die Schuld
am Tod des eigenen Kindes tragen. Entgegen der stetig zunehmenden Polarisierung
des Konfliktes und der wachsenden Überzeugung der Bevölkerung in beiden Ländern, dass dieser Konflikt kaum zu lösen ist,
verkörpert diese Organisation ein Beispiel,
dass die scheinbar unüberbrückbare Mauer,
die der Verlust des eigenen Kindes aufbaut,
doch überbrückbar ist und eine Verbrüderung zwischen Palästinensern und Israelis
möglich ist. Diesen Menschen gegenüber
empfinde ich eine tiefe Hochachtung.
Mareike3536IPPNW bundesweitAktivitäten der IPPNW-Studigruppen
Spanien, Serbien, Schweiz, Israel/Palästina, Ukraine – in all diesen Ländern waren
deutsche Studis dieses Jahr unterwegs. Sie
fuhren auf Konferenzen, zum europäischen
Studierendentreffen oder auf Begegnungsreise. Dazu kommen noch zahlreiche weitere Länder, die etwa 20 Studis im Rahmen
des Projektes »famulieren+engagieren«
näher kennen lernen konnten.
Auch innerhalb Deutschlands gab es einige Reiseziele. In Berlin fand der Tschernobyl-Fukushima-Kongress anlässlich
des 30. bzw. 5. Jahrestages der Atomkatastrophen statt. Viele Studis halfen vor Ort
bei der Organisation und bereiteten eine
Abschlussaktion mit den 300 Teilnehmern
vor. Im Frühjahr trafen sich auf der »Nukipedia Spring Academy« von ICAN 20
Studierende unter dem Motto „ein Workshop-Wochenende, das dir hilft Atomwaffen loszuwerden“. Auch die jährliche Summer School, organisiert von der Charité
und der IPPNW, fand wieder in Berlin statt.Würzburg31 Teilnehmer*innen aus zehn Ländern
und fünf Kontinenten beschäftigten sich
eine Woche lang mit dem Thema „Beyond
Trauma – Political Violence, Refugees, Empowerment and Health“. Mönchengladbach
war der Ort der diesjährigen Mitgliederversammlung, an deren Organisation
vor allem die Düsseldorfer Studis beteiligt
waren. Der Inhaltliche Schwerpunkt dieses
Wochenendes lag bei dem Thema „Krieg als
Fluchtursache“. Auch Büchel war das Ziel einiger Studis. Hier sind bis heute US-Atomwaffen stationiert. Die IPPNW beteiligte sich
an den Protesten »20 Wochen gegen 20
Atombomben«.
In den Regionalgruppen wurden wieder
sehr unterschiedliche, vielfältige Schwerpunkte gelegt. Die Würzburger beispielsweise engagierten sich wieder für das
Projekt »Bridges of Understanding« in
dessen Rahmen Studierende verschiedener Balkanländer zum Dialog eingeladen
werden. Die Düsseldorfer*innen beteiligtensich an unterschiedlichen überregionalen
Aktivitäten wie der Organisation der Mitgliederversammlung und den Protesten in
Büchel. Bei den Hannoveranern spielten vor
allem medizinethische Themen wie „Migration und Medizin“ und „Antiziganismus im
Krankenhaus“ eine Rolle. Viele Gruppen
beschäftigten sich mit den neuen Medical
Peace Work-Fällen oder setzten sich für
eine bessere medizinische Versorgung von
Geflohenen ein – ganz aktiv vor Ort, aber
auch durch Podiumsdiskussionen, Wahlfächer uvm.
Im Jahr 2017 warten weitere spannende
Reiseziele auf uns. Es wird wieder ein europäisches Studierendentreffen geben und
darüber hinaus findet in York (UK) der IPPNW-Weltkongress statt.
Seid herzlich eingeladen zu allen Aktionen,
Konferenzen und überregionalen Projekten!
LübeckClaudia Böhm, September 2016DüsseldorfRegensburgLeipzigHannoverKontaktAnsprechpartner*innen und Kontaktadressen
IPPNW-Lokalgruppen an fast allen UnisAn vielen Unis gibt es lokale IPPNW-Studierenden­
gruppen. Wenn Du Interesse hast, wende Dich einfach an die Geschäftsstelle oder direkt an die entsprechende Ansprechpartner*in. Auch die Arbeitskreise der
IPPNW freuen sich immer über studentische Mitarbeit.Köln: Anna Schaupp
anna.schaupp@posteo.de
Leipzig: Lerato Arthur Maleka
Lerato.arthur.maleka@@gmail.com
Lübeck: Claudia Böhm, boehm@ippnw.deIPPNW-GeschäftsstelleStudierendengruppenMainz: Karla Kerber, karla@kerber-hd.deKörtestr. 10, 10967 Berlin
Tel: 030-698074-0 | Fax: 030-6938166
E-Mail: ippnw@ippnw.de | www.ippnw.deAktuelle Kontakte auch unter:
https://www.ippnw.de/der-verein/studierende.html oder über die Geschäftsstelle.Regensburg: Sophie Flemmer
ippnw.regensburg@gmx.de,
www.regensburg.ippnw.deAnsprechpartner für Studierende
in der Geschäftsstelle ist Ewald Feige:
Tel: 030-698074-11, feige@ippnw.deBerlin: Kilian Runte
runte@ippnw.deRostock: Johanna Matthews
johanna.matthews@uni-rostock.de,
ippnw-HRO@web.deZuständig für das Programm
famulieren&engagieren ist
Anne Jurema, jurema@ippnw
Studierende im Vorstand der IPPNW
Der Vorstand der IPPNW wird alle zwei
­Jahre vom höchsten Gremium unseres
Vereins, der Mitgliederversammlung,
gewählt. Ihm gehören acht Personen
sowie der International Councillor an. Als
StudentIn im Vorstand vertritt man/frau die
Interessen der Studierenden, setzt sich ein
für Studierendenarbeit und informiert die
Studierenden in der IPPNW über das, was
sich im Verein so alles bewegt.
Diese Aufgabe übernimmt derzeit Frederik
Holz: 0163/7930164, holz@ippnw.de
Studierendensprecher*innen der
Jedes Jahr werden im Wintersemester
beim bundesweiten Studierendentreffen
zwei Studierende gewählt, die die Funktion
der Sprecher*innen übernehmen.
Zur Zeit sind es Vincent Gaertner,
­gaertner@ippnw.de (bis November 2016)
und Claudia Böhm, boehm@ippnw.de
www.ippnw.de/der-verein/studierende.html
Mailingliste: ippnw-studies@ippnw-lists.de
Anmeldung unter https://listi.jpberlin.de/
mailman/listinfo/ippnw-studies
oder per Email an feige@ippnw.de
https://www.facebook.com/ippnwstudies/
die internationale IPPNW-Studierendenhomepage: www.ippnw-students.orgBochum: Martin Korte
martin.korte@ruhr-uni-bochum.de
Dresden: Franziska Pilz
pilzfranzi@googlemail.de.de
Düsseldorf: Max Arslan
max.arslan@gmx.de ,
duesseldorf@ippnw.deTübingen: Angelina Gresser
studigruppe-tuebingen@ippnw.de
Würzburg: Simon Lopez
simonlopez@gmx.deArbeitskreiseDuisburg/Essen: Raphael Seufert
raphael.seufert@gmail.comAK Atomenergie:
Henrik Paulitz, paulitz@ippnw.deErlangen: Anna Maria Lehner
Anna-Maria.Lehner@gmx.deAK Flüchtlinge & Asyl:
Anne Jurema, jurema@ippnw.deGießen: Ines Dudzic
ines.dudzic@yahoo.deAK ICAN:
Dr. Inga Blum, ingablum@gmx.deGöttingen: Lara Weibezahl
L.Weibezahl@gmx.netAK Medical Peace Work:
eva.schwienhorst@googlemail.comHannover: Birte Vogel
ippnw@mhh-asta.de
katharinawahedi@googlemail.com
Jena: Kara Wullenkord
kara.wullenkord@posteo.de,
ippnwjena@listserv.uni-jena.deAK Medizin & Gewissen:
medizinundgewissen@ippnw.de
AK Süd-Nord:
Schweiger.feu@t-online.deDer Amatom braucht Hilfe!
Dir gefällt der Amatom? Du hast vielleicht eine Idee für einen spannenden Artikel, Spaß am Layouten,
Editieren oder einfach Lust mitzuhelfen? Dann schreib eine E-Mail an feige@ippnw.de und sei beim
nächsten Treffen mit dabei! Das Amatom-Team sucht immer Nachwuchs und freut sich über motivierte
Neuzugänge – und keine Angst, falls du noch keine Erfahrung hast: dafür sind wir ein Team!37IPPNW: Frieden durch GesundheitMedizinstudierende für Gerechtigkeit und
Frieden in einer Welt ohne atomare Bedrohung
Was ist die IPPNW?
IPPNW steht für Internationale Ärzte für die
Verhütung des Atomkrieges. In Deutschland heißt die IPPNW zudem „Ärzte in
Sozialer Verantwortung“. Die IPPNW wurde
1980 zur Zeit des Kalten Krieges gegründet. Heute arbeitet sie in 80 Ländern für
eine menschliche Medizin und eine friedliche Welt ohne atomare Bedrohung.Was macht die IPPNW?Die IPPNW
•	forscht: z. B. in Studien über die Gesundheitsfolgen von Uranmunition und ionisierender Strahlung
setzt sich für Benachteiligte ein: z. B.
bei direkten Gesprächen mit politischen
Entscheidungsträgern für eine gute Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen in
•	klärt auf: zum Beispiel mit Info-Ständen
und Publikationen über die Risiken von
Atomwaffen und der Nuklearen Kette.AnmeldungNur Atomkrieg und sonst
nichts?Ist die IPPNW eine
Hilfsorganisation?Nein, längst arbeitet die IPPNW zu vielen
Themen wie Ethik in der Medizin, Global
Health, Flüchtlingsfragen, medizinische Friedensarbeit oder Atomenergie. Die IPPNW
hat mehrere bundesweite Arbeitskreise und
veranstaltet Kongresse.Nein, aber… die IPPNW arbeitet vor allem
präventiv. So sollen Konflikte gar nicht erst
entstehen. Durch die internationalen Kontakte der IPPNW entstehen aber oft konkrete
Hilfsaktionen, wie die Kinderhilfe Irak.Nur was für Ärzt*innen?Alle Aktivitäten sind offen für Interessierte.
Das Besondere: Die IPPNW gibt lokalen
Gruppen sehr viele Freiheiten und volle Unterstützung bei den Aktivitäten.Im Gegenteil! In Deutschland allein gibt es
1.000 studentische Vollmitglieder. Studierende arbeiten oft lokal in Studierendengruppen.
Jedes Jahr finden ein bundesweites und ein
europäisches Studierendentreffen statt.Was kann ich machen?Mehr Informationen?
www.ippnw.deMit dem IPPNW-Programm famulieren &
engagieren können Studierende weltweit in
Partnerprojekten Erfahrungen sammeln und
bitte ausschneiden und einsenden oder faxen an die IPPNW 030–693 8166
Für Studierende kostet das im Jahr 32 Euro | Für Ärztinnen und Ärzte 120 EuroJa, ich werde Mitglied und unterstütze die Ziele der IPPNW.Studierende Mitglieder erhalten das Magazin „IPPNWforum“ und den „amatom“ kostenlos.
IPPNW e.V., Zahlungen von meinem
(unserem) Konto mittels Lastschrift
­einzuziehen. Zugleich weise ich mein
(weisen wir) unser Kreditinstitut an,
die vom IPPNW e.V. auf mein (unser)
Konto gezogenen Lastschriften ein­
Hinweis: Ich kann (wir können)
innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die
­Erstattung des belasteten Betrages ­verlangen. Es gelten dabei die
mit ­meinem (unserem) Kreditinstitut
­vereinbarten Bedingungen.Vorname und Name des/der KontoinhaberIn	E-MailStraße und Hausnummer	Postleitzahl und Ort
bei Kreditinstitut	BIC
UnterschriftGläubiger-Identifikationsnummer: DE16IPP00000010836
Mandatsreferenz: wird im Zuge der Bestätigung mitgeteiltVor dem ersten Einzug einer SEPA-Lastschrift wird mich (uns) der
Verein IPPNW e.V. über den Einzug in dieser Verfahrensart unterrichten.All pages:12345678910111213141516171819202122232425262728293031323334353637383940InfoRead laterLikeShareDownloadMoreAmatom29 Published on Dec 19, 2016 IPPNW-Studierendenzeitschrift 2016ippnwFollowRead moreRead moreSimilar toPopular nowJust for youGo explore

References: Art.
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 Art. 2
 Art.
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 §18
 §16
 §1906