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﻿ Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 1: A-Bib | Gregor Kalivoda, Franz-Huber Robling | download
الرئيسية Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 1: A-Bib
الناشر: Max Niemeyer
الصفحات: 804 / 805
ISBN 10: 3484681012
ISBN 13: 9783484681019
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Historisches Wörterbuch
Herausgegeben von Gert Ueding
Mitbegründet von Walter Jens
Wilfried Barner, Joachim Dyck, Hans H. Eggebrecht, Ekkehard Eggs,
Manfred Fuhrmann, Walter Haug, Konrad Hoffmann, Josef Kopperschmidt,
Friedrich Wilhelm Korff, Egidius Schmalzriedt, Konrad Vollmann
Unter Mitwirkung von mehr als 300 Fachgelehrten
Band 1: A-Bib
Wissenschaftliche Mitarbeiter des Herausgebers:
Bernd Steinbrink (bis 1987)
Berthold Brohm (bis 1991)
Historisches Wörterbuch der Rhetorik / hrsg. von Gert Ueding.
Mitbegr. von Walter Jens in Verbindung mit Wilfried Barner ...
Unter Mitwirkung von mehr als 300 Fachgelehrten. Tübingen: Niemeyer.
NE: Ueding, Gert [Hrsg.]
Bd. 1. A - B i b . -1992
ISBN 3-484-68100-4 (Gesamtwerk)
ISBN 3-484-68101-2 (Band 1)
© Max Niemeyer Verlag GmbH & Co. KG, Tübingen 1992
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des
Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,
Satz und Druck: Guide-Druck GmbH, Tübingen.
Bindearbeiten: Heinr. Koch, Tübingen.
zungen gegenwärtiger Fachforschung haben es andererseits bisher verhindert, ihre Ergebnisse zu sammeln, einheitlich darzustellen und somit die wissenschaftliche Tätigkeit auf die Vervollkommnung der begrifflichen
Grundlagen, Theorien oder Theorieansätze zu konzentrieren. Die wenigen älteren Vorläufer oder zeitgenössischen Vorarbeiten können ein enzyklopädisches Grundlagenwerk nicht ersetzen, das der Rhetorikforschung die
Prinzipien, Kategorien und Begriffe geschichtlich zu entfalten, die Beziehungen zwischen ihnen aufzuweisen und
auf den Gesamtzusammenhang hin durch die neuesten
internationalen Forschungsergebnisse zu ergänzen hätte.
II. Das Desiderat ist seit langem bekannt, und es gibt
auch einige Versuche, dem Mangel wenigstens notdürftig abzuhelfen. Besonders folgenreich im Positiven wie
Negativen war H E I N R I C H LAUSBERGS <Handbuch der literarischen Rhetorik> (Stuttgart 31990 - 1. Aufl. München
1960 - 983 S.), das «einer Welt von Romanisten, Germanisten, Komparatisten usw. usw. die Augen über die
vergessene und mißachtete Rhetorik [...] öffnet und
nicht nur den Anfängern, sondern auch den in Lehre und
Forschung tätigen Philologen eine Art Prolegomena zu
einer jeden künftigen Literaturkritik» gegeben hat
(Klaus Dockhorn), sich aber im wesentlichen auf die
Darstellung der antiken Rhetorik beschränkte und ihr
eine Einheitlichkeit unterstellte, die es nie gegeben hat
und die den Autor zu begrifflichen Interpolationen
zwang, die der antiken Rhetorik fremd sind. Epochale
Differenzierungen werden zugunsten idealtypischer Begriffsdefinitionen vernachlässigt, «Beschränkung auf das
Exemplarische», alleinige Ausrichtung auf die «Praxis
der Textinterpretation» und bewußtes Ausklammern
der neuzeitlichen Verwandlungen und Grenzüberschreitungen der Rhetorik bestimmen die Aufgabe dieses verdienstvollen Handbuchs, das, wie der Autor schreibt,
nur einen «ersten Überblick über die Phänomene literarischer langue» ermöglichen sollte. Lausberg war sich
also der Unzulänglichkeit seines Handbuchs wohl bewußt und formulierte selber das Desiderat, «nicht nur
die Lehrsysteme, sondern auch die Detailphänomene
[...] in Doktrin und Praxis [zu] erfassen», eine Aufgabe,
die auch seiner Ansicht nach «nur in einer vielbändigen
Darstellung zu bewältigen sein [würde]».
Α. Forschungsstand
I. Das <Historische Wörterbuch der Rhetorik> dokumentiert die Rhetorik als das neben der Philosophie
wichtigste, differenzierteste und wirkungsmächtigste
Bildungssystem der europäischen Kulturgeschichte. Es
erfaßt die theoretischen Entwürfe, Kategorien und Begriffe der Rhetorik und ihrer interdisziplinären Verflechtungen seit der Antike, wie sie von der internationalen
Rhetorikforschung aufgenommen, weitergeführt und
mit neuen, wissenschaftlichen Fragestellungen und Methoden sowie unter veränderter praktischer Perspektive
zu neuen Konzeptionen ausgearbeitet wurden. Erst seit
Mitte der sechziger Jahre begann die deutsche Rhetorikforschung Anschluß an die internationale Entwicklung
zu gewinnen, deren hoher Standard vor allem durch
amerikanische Wissenschaftler bestimmt war, die sich
freilich oftmals der Verbindung zu den historischen und
systematischen Grundlagen ihres Faches nicht mehr vollständig bewußt waren. Seither gibt es eine kaum noch
übersehbare Fülle von Einzelforschungen zur Geschichte der Rhetorik und ihrer Theorie und Praxis seit der
Antike, zu ihrer grundlegenden Wirksamkeit in der gesamten europäischen Bildungs- und Wissenschaftstradition, zu ihrem Einfluß auf die Analyseverfahren der
modernen Textwissenschaften, der Homiletik und Forensik und der Kommunikations- und Medienwissenschaften. Die «Ubiquität der Rhetorik» (H.-G. Gadamer), ein Erbteil ihrer Geschichte, hat diese Renaissance ebenso begünstigt wie die Bedürfnisse einer sich zunehmend versprachlichenden Gesellschaft, in welcher
Kommunikationsfähigkeit, Textproduktion und Textanalyse sowie die pragmatischen Aspekte der Redekunst
immer wichtiger geworden sind. Die Fachbibliographien
(Walter Jens: Rhetorik. In: Reallexikon der deutschen
Literaturgeschichte. Hrsg. von P. Merker und W.
Stammler. Band 3, Berlin, New York 21977, S. 432-456.
- Robert Jamison und Joachim Dyck: Rhetorik-TopikArgumentation. Bibliographie zur Redelehre und Rhetorikforschung im deutschsprachigen Raum 1945 -1979/
80, Stuttgart-Bad Cannstatt 1983 - und die regelmäßigen
bibliographischen Berichte des Jahrbuchs <Rhetorik> seit
1980) legen ein beeindruckendes Zeugnis rhetorischer
Forschungstätigkeit ab, dokumentieren aber auch zwei
besondere Schwierigkeiten.
Noch engere Zielsetzungen verfolgen einige andere
vergleichbare Werke, so etwa H E N R I M O R I E R S d i c t i o n naire de Poétique et de Rhétorique) (Paris: Presses Universitaires de France, 21975 - 1 . Aufl. 1961 -1210S.), das
sich unter dem pragmatischen Aspekt der Definition und
im Hinblick auf die Poetik mit einem sehr eingeschränkten Bereich der Rhetorik (Figurenlehre) befaßt, daneben einige Aspekte der Phonetik berücksichtigt. Historische Verweise beschränken sich auf Zitatbeispiele, die
zur Definition herangezogen werden, historische Begriffsinterpretationen fehlen. Alle wichtigen Grundlagen der Rhetorik wie Drei-Stil-Lehre, aptum-Theorie,
natura-ars-Differenzierung fehlen, und systematische
Beziehungen sucht man vergebens, denn selbst «jede
Einerseits haben die interdisziplinäre Anlage der Rhetorik und ihre noch immer unzureichende institutionelle
Verankerung im deutschen Wissenschaftsbetrieb zu einer unkoordinierten Ausweitung der rhetorikspezifischen wissenschaftlichen Tätigkeit in alle diejenigen Disziplinen geführt, die sich mit Problemen sprachlicher
Vermittlung und Interaktion beschäftigen und zur Rhetorik vor allem ihrer historischen, pädagogischen, soziologischen, linguistischen oder psychologischen Dimensionen wegen in Bezug getreten sind. Die forschungsgeschichtliche Kontur der Rhetorik geriet dadurch in die
Gefahr, undeutlich zu werden. Diese in der Wissenschaftsgeschichte der Rhetorik begründeten VoraussetV
Figur wird eher als Person, denn als Spezies behandelt»
(Morier). Bei der Darstellung dominiert die linguistischstrukturalistische Perspektive, und auch die Verbesserungen der zweiten Auflage betreffen, entsprechend der
poetologischen Ausrichtung des Lexikons, nur das Begriffsarsenal der Poetik und Metrik. Auch R I C H A R D
A. LANHAMS <Handlist of rhetorical Terms> (A guide for
students of English literature, Berkeley & Los Angeles
1969 - 1. Aufl. 1968 - 148 S.) ist nur als Hilfsbuch zum
ersten Verständnis rhetorischer Termini brauchbar, es
erhebt auch keinen grundlegenden Anspruch. LEE
A. SONNINOS <Handbook to Sixteenth-Century Rhetorio
(London 1968, 278 S.) beschränkt sich auf das 16. Jahrhundert und englische Autoren, dabei wird vornehmlich
der elocutionelle Bereich der Rhetorik berücksichtigt.
Nur noch als (nicht immer verläßliche) Quellensammlungen sind die beiden in lateinischer Sprache verfaßten
Lexika von JOHANN CHRISTIAN GOTTLIEB ERNESTI zu betrachten: <Lexicon technologiae Graecorum rhetoricae>
(Leipzig 1795, 400 S.) und <Lexicon technologiae Latinorum rhetoricae> (Leipzig 1797, 440S.). Eine nützliche
Vorarbeit ist auch der Schlüssel und das Register zum
Werk Quintilians: E D U A R D U S B O N N E L L U S ' (ebenfalls in
lateinischer Sprache verfaßtes) <Lexicon Quintilianeum>
(Leipzig 1834,1042 S.). Es behandelt neben den rhetorischen Termini Quintilians Sprache überhaupt, weshalb
ihm auch eine umfangreiche Einführung «de Grammatica Quintilianea» vorangestellt ist. Ein auf die rhetorischen Begriffe konzentriertes Register zu Quintilians
<Institutio oratoria> hat jüngst erst ECKART Z U N D E L mit
seiner <Clavis Quintilianea> vorgelegt (Darmstadt 1989,
103 S.); der schmale, doch konzentrierte Band dient als
nützliche Ergänzung zur neuübersetzten Ausgabe der
<Institutio> von Helmut Rahn (Darmstadt 1972-1975, 2
Bde., 775 u. 869S.).
lichkeit ist von Rhetorik so wenig wahrzunehmen, weil
sie schon allgegenwärtig ist.» Diese Allgegenwart wieder
bewußt zu machen, indem sie als geschichtlicher Tatbestand aufgenommen wird, ist die erste Aufgabe der Begriffsgeschichte, wie sie in diesem Wörterbuch praktiziert wird. Das seit 1971 erscheinende <Historische Wörterbuch der Philosophie) hat für Herausgeber, Redaktion und Autoren die Funktion des Modells und Pilotprojekts zugleich angenommen. Begriffsgeschichte soll
dabei nicht nur im Sinne kontinuierlich verfahrender,
sammelnder Wissenschaft betrieben werden, sondern
auch als eigenständiges methodisches Instrument rhetorischer Theoriebildung (vgl. Artikel <Begriffsgeschichte>
im <Historischen Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1).
«Jeder Versuch, die Rhetorik in Theorie und Praxis zu
erneuern, sollte sich, jedenfalls zunächst, am geschichtlichen Befund orientieren.» (Manfred Fuhrmann) Es geht
also zuerst darum, die Bedeutungsgeschichte der theoretischen Entwürfe, Ideen, Probleme und Sachen aufzuklären, soweit sie eine rhetorisch-begriffliche Fassung
erhalten haben. Ebenso wichtig aber ist es, die Überlieferung aus dem Schema vergangener Epochen herauszubrechen und als Auftrag an die Gegenwart zu erkennen, sie also für die gegenwärtige wissenschaftliche Forschung in der Rhetorik und allen anderen Disziplinen
fruchtbar zu machen, die sich mit dem Menschen als
einem Vernunft- und sprachbegabten Mängelwesen beschäftigen. Die Definition einer Sache ist ebenso wie die
ihres Begriffs identisch mit seiner Geschichte, die freilich
nicht abgeschlossen und fertig, sondern offen und für
Folgen bereit ist. Der historische Bezug erlaubt es zudem, wirkliche von scheinbaren Fortschritten in der rhetorischen Theoriebildung zu unterscheiden und die
Ideenplagiate oder verkappten rhetorischen Schwundstufen in anderen Wissenschaften zu erkennen.
Das Fehlen eines rhetorischen Sachwörterbuchs hat
auch dazu geführt, daß alle poetologischen Lexika
ebenso wie die größeren historischen Darstellungen der
Poetik (Bruno Markwardt, Armand Nivelle u.a.) zwar
immer wieder darauf verweisen, daß die Rhetorik die
Poetik bis in die Neuzeit hinein geprägt und in fast allen
Bereichen detailliert ausgebildet hat, diese Einsicht aber
nicht fruchtbar machen können und die Rhetorik daher
faktisch unberücksichtigt bleibt. Ähnliches gilt für andere Bereiche der geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung, etwa für die Hermeneutikdiskussion (Gadamer, Habermas, Apel u.a.).
III. Die Erkenntnis, daß «sich der rhetorische und der
hermeneutische Aspekt der menschlichen Sprachlichkeit auf vollkommene Weise [durchdringen]» (H.G. Gadamer), kann erst wirksam werden, wenn die Rhetorikforschung den Einsatz ihrer Methoden in der ganzen ihnen zukommenden historischen und systematischen Differenziertheit ermöglicht. Nur am Rande sei
darauf verwiesen, daß die Lage in anderen rhetorisch
bedeutsamen Forschungsbereichen (Ästhetik, Homiletik, Sozial- und Geschichtswissenschaften, Psychoanalyse, Forensik, Kunst- und Musikwissenschaften) zum Teil
noch sehr viel unbefriedigender ist, weil in ihnen die
Vergewisserung der begrifflichen Grundlagen der Rhetorik und ihr Einbezug in die eigene Systematik vielfach
über Anfänge nicht hinausgediehen ist. Einen wichtigen
Grund dafür hat H A N S BLUMENBERG genannt: «Rhetorik
ist deshalb eine 'Kunst', weil sie ein Inbegriff von
Schwierigkeiten mit der Wirklichkeit ist und Wirklichkeit in unserer Tradition primär als 'Natur' vorverstanden war. In einer hochgradig artifiziellen Umweltwirk-
B. Interdisziplinäre Orientierung und StichwortAuswahl
I. Das Wörterbuch soll alle wirkungsgeschichtlich bedeutsamen rhetorischen Kategorien und Begriffe aufnehmen und daher nicht nur für die Rhetorik von größter
Bedeutung sein, sondern auch ein wichtiges Grundlagenwerk für Wissenschaftler benachbarter Disziplinen
darstellen. Durch die traditionell fächerübergreifende
Konzeption der Rhetorik wird es zu einem Ausgangspunkt interdisziplinärer Arbeit werden, wenn die historischen Verbindungslinien in das allgemeine Forschungsbewußtsein getreten sind. Neben den überlieferten rhetorischen Sachbereichen (wie forensische und politische
Rede, Homiletik, Topik, Literatur, Gebrauchstexte
oder Alltagsrede) wären auch alle Forschungsrichtungen
zu nennen, die sich mit der persuasiven Kommunikation
beschäftigen, eine pädagogische oder didaktische Dimension haben (Problem der Wissenschaftssprachen!)
und, wie Philosophie und Pädagogik, durch die Aufnahme der Rhetorik und die dauernde Auseinandersetzung
mit ihr geprägt wurden oder zeitweise gar in ihr aufgingen. Wenn die Rhetorik schon als Fach selber einen der
heute dringend und von vielen Seiten geforderten interdisziplinären geisteswissenschaftlichen Arbeitsbereiche
darstellt, so soll das <Historische Wörterbuch der Rhetorik> nicht nur die rhetorische Einzelforschung konzentrieren, sondern als ein Projekt, das Wissenschaftler aller
Disziplinen anspricht, in denen rhetorische Tradition
wirksam geworden ist, Forschungsergebnisse sammeln
und systematisieren und darüber hinaus die Fachgrenzen
für alle Fragen von rhetorischer Bedeutung durchlässig
machen, um auf diese Weise auch forschungsinitiierend
zu wirken. Das Wörterbuch wird damit an der Entwicklung und Durchsetzung eines historisch angemessenen,
dem methodischen Standard gegenwärtiger Wissenschaft entsprechenden und mit den Bedürfnissen der
modernen Gesellschaft vermittelten Rhetorikverständnisses entscheidend beteiligt sein.
Die Auswirkungen eines derart weitgespannten Forschungsunternehmens betreffen nicht nur den Wissenschaftsbereich, sondern ebenso den Ausbildungsbereich
(Unterricht an Schulen, Erwachsenenbildung). Das
Wörterbuch wird auch rein praxisbezogenen Unternehmungen, von der juristischen Rednerschulung bis zum
Manager- und Funktionärstraining von Interessenverbänden, die wissenschaftlichen Grundlagen für alle Formen sprachlicher, wirkungsintentionaler Kommunikation zur Verfügung stellen. So kann es auch einen wichtigen Beitrag dazu leisten, daß die unheilvolle Diskrepanz
zwischen den Anforderungen einer immer komplizierter
strukturierten und verwalteten Gesellschaft, deren Aufgaben zumeist nur mit sprachlichen Mitteln zu bewältigen sind, und einer zunehmenden Sprachlosigkeit und
Kommunikationsunfähigkeit überwunden wird.
II. Anders als die großen Wörterbücher der Philosophie oder Theologie, kann sich das <Historische Wörterbuch der Rhetorik> nur in sehr begrenztem Maße auf
lexikographische Vorarbeiten stützen. Die Inventarisierung der Nomenklatur bereits vorhandener Nachschlagewerke und Lehrbücher der Rhetorik (von Aristoteles,
Cicero und Quintilian über Fabricius, Gottsched oder
Ernesti bis zu Lausberg und Morier) und ihrer Nachbarbereiche (Poetik, Philosophie, Literaturwissenschaft,
Theologie) hat zusammen mit der Auswertung der Forschungsliteratur nach einem mehrjährigen Auswahlprozeß ein umfangreiches, etwa 1400 Stichwörter umfassendes Lemmataregister ergeben, das offen ist und ständig
modifiziert und ergänzt wird. Es enthält sämtliche
Stammbegriffe der rhetorischen Theoriebildung und alle
Termini, die in der Geschichte der Rhetorik durchgängig
sind oder doch in einer Epoche Bedeutung gehabt haben, auch wenn sie in keiner Beziehung mehr zum heutigen Denken stehen; ihre Darstellung erscheint aus historischer oder hermeneutischer Perspektive sinnvoll. Sehr
spezielle und nur in bestimmten Zusammenhängen auftauchende Begriffe werden in ihrem systematischen Zusammenhang erläutert, also etwa die unterschiedlichen
Topoi in einem enzyklopädischen Artikel <Topik>. Über
das Gesamtregister werden alle Stichworte zugänglich
gemacht werden, auch wenn sie keinen Artikel zugewiesen erhielten oder unter einem Synonym erscheinen. In
manchen Fällen waren pragmatische Entscheidungen
nötig, um den Zeitplan für das Erscheinen nicht zu
gefährden. So wurden einige Stichworte einem übergeordneten Begriff subsumiert (z.B. <Aestimatio> unter
<Kritik>), weil der Autor in der Schlußphase der Redaktionsarbeit ausfiel und kein Ersatz mehr gefunden werden konnte. Bei wenigen anderen Artikeln wurden aus
demselben Grunde in einzelnen Fällen Lücken oder die
vereinfachende Konzentration auf eine historische
Hauptlinie in Kauf genommen, weil die verbliebene Zeit
keine andere Kompensation mehr zuließ. Biographische
Artikel sind nicht vorgesehen worden, wohl aber Darstellungen von Schulen und Richtungen, wenn sich ihre
Bezeichnung an den Namen eines Theoretikers anschließt, also nicht <Aristoteles>, aber <Aristotelismus>,
nicht <Cicero>, aber <Ciceronianismus>. Desweiteren erscheinen Begriffe aus anderen Disziplinen, die von Wirkung und Einflußnahme der Rhetorik zeugen; Begriffe
aus Nachbardisziplinen, die sich aus der Rhetorik entwickelt haben (wie Pädagogik, Kommunikationswissenschaft, Geschichts- oder Literaturwissenschaft) oder die
aus einem gemeinsamen Interesse und gemeinsamen
Forschungsfeldern heraus von rhetorischer Bedeutung
sind (wie Philosophie oder Jurisprudenz); sowie Begriffe
aus allen Künsten und Wissenschaften, die in ihnen,
obwohl rhetorischer Herkunft oder sachlich aus der Rhetorik abgeleitet, zur eigenen Theoriebildung herangezogen und oftmals nur umbenannt oder umdefiniert worden sind (z.B. Begriffe aus der Musiktheorie, der Kommunikationswissenschaft, Linguistik oder Semiotik).
Das Wörterbuch dokumentiert in erster Linie die europäische Rhetorik, doch werden, wo nötig und möglich,
auch außereuropäische Entwicklungen berücksichtigt,
vor allem wenn sie sich, wie im amerikanischen Kulturkreis, aus dem europäischen Kontext ergeben haben.
III. Dem unterschiedlichen Bedeutungsumfang und
historischen Gewicht entsprechend wurden drei Artikeltypen entwickelt.
1. Definitionsartikel·. Kurzartikel über Begriffe, die
aufgrund geringer historischer Differenzierung eine konstante Bedeutung bewahrt haben oder nur in zeitlich eng
fixierten Grenzen auftraten, aber in der rhetorischen
Terminologie eine signifikante Position einnehmen.
Auch sie werden nach Herkunft, literarischem Vorkommen und rhetorischer Funktion dokumentiert sowie in
ihrer theoretischen Verortung und praktischen Anwendung exemplarisch belegt.
2. Sachartikel: Begriffsgeschichtliche Lexikonartikel
größeren Umfangs über die für die Begriffssprache der
Rhetorik und der an sie angrenzenden Gebiete historisch
oder aktuell bedeutungsvollen Termini, deren geschichtliche Entwicklung und systematische Differenzierung ihnen einen erhöhten Stellenwert zumißt.
3. Forschungsartikel: Umfangreiche, enzyklopädisch
angelegte Übersichtsartikel, die die zentralen Theorieund Epochenprobleme der Rhetorik behandeln beziehungsweise sich Kategorien widmen, welche aufgrund
ihrer Bedeutung, Aktualität oder multidisziplinären Bestimmung eine herausragende Begriffsgeschichte vorweisen (z.B. Argumentation, Ethos, Pathos, Metapher). Nach dem oftmals höchst unzureichenden Stand
der Forschung werden diese Artikel sich in der Regel
nicht damit begnügen können, Forschungsergebnisse zusammenzufassen, sondern eigenständige wissenschaftliche Forschung benötigen und dokumentieren.
Der mangelhaften disziplinaren Repräsentation der
Rhetorik entsprechend, war die Suche nach geeigneten
Autoren ein aufwendiges, oftmals nur nach dem
<Schneeballprinzip> funktionierendes Verfahren. U m so
erfreulicher, daß sich die Bereitschaft zur Mitarbeit dann
als außerordentlich groß erwies und die Artikel in der
Regel an fachlich glänzend ausgewiesene und international renommierte Autoren vergeben werden konnten, die
jedem Thema ein eigenes theoretisches Profil und auch
eine individuelle Ausrichtung gaben. Einheitlichkeit
wurde hier nur der Struktur, nicht dem Inhalt und Stil
nach angestrebt. Das Wörterbuch repräsentiert die Fülle
und Vielfalt rhetorischer Richtungen, wissenschaftlicher
Methoden und Interessen, keinen Lehrbuch- oder Lexikon-Schematismus. Gehört es doch zu den wichtigen
Aufgaben der Rhetorik, die Wissenschaften wieder mit
einer zunehmend kritischer werdenden Öffentlichkeit zu
vermitteln. «Die Euphorie hinsichtlich der Beratung öffentlichen Handelns durch Wissenschaft ist zwar etwas
abgeklungen, aber die Enttäuschungen an diesem Bündnis beruhen auf der fehlenden Einsicht, daß Gremien
von Wissenschaftlern in Ermangelung abschließender
Evidenz ihrer Erkenntnisse ihrerseits gar nicht anders
verfahren können als die Institutionen, die sie zu beraten
haben, nämlich rhetorisch, nämlich auf einen faktischen
consensus zielend, der nicht der consensus ihrer theoretischen Normen sein kann.» (Hans Blumenberg)
kelverzeichnis, in dem auch die Begriffe aufgeführt sind,
die keinen eigenen Artikel erhielten und unter einem
anderen (synonymen) Stichwort abgehandelt werden
(z.B. Allusion —» Anspielung), so daß über dieses Verzeichnis auch bei abweichender Artikelbezeichnung der
gesuchte Begriff schnell zugänglich ist. Das das ganze
Werk abschließende Gesamtregister wird das Wörterbuch nach seiner Vollendung jedem auch noch so detaillierten Zugriff öffnen.
II. Der erste Plan zu einem <Historischen Wörterbuch
der Rhetorik) entstand in der dauernden Auseinandersetzung mit dem Problem seines Fehlens und der großen
Belastung, die dadurch für Forschung und Lehre im
Bereich der Rhetorik und ihrer Nachbardisziplinen ständig gegeben war. Zusammen mit Walter Jens, dem ich
für seine tatkräftige Unterstützung, für Zuspruch und
Hilfe in der Gründungsphase herzlich danke, begannen
wir am <Seminar für Allgemeine Rhetorik» in Tübingen
die Konzeption zu entwickeln. Die wissenschaftliche und
technische Vorbereitung des Unternehmens lag in den
ersten beiden Jahren (1984-1986) in den Händen von
Bernd Steinbrink, der bei der Inventarisierung der rhetorischen Terminologie Pionierarbeit leistete und trotz
der unzureichenden Ausstattung des Projekts in der Anfangsphase sein Ziel hartnäckig, verantwortungsvoll und
unermüdlich verfolgte: auf seiner Grundlegung beruht
die Lexikonarbeit bis heute, und ich danke ihm sehr für
seinen außerordentlichen Einsatz. Der Dank von Herausgeber, Seminar und Redaktion gilt ganz besonders
der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die das Projekt
den zunehmenden personellen Bedürfnissen und sachlichen Notwendigkeiten entsprechend seit der Vorlaufphase finanziell und beratend fördert. Ich danke zudem
der Universität, die Räume und Geräte zur Verfügung
stellte und auch mit Sachmitteln aushalf, wenn das notwendig war; der IBM, die uns eine großzügigere computergestützte Redaktionsarbeit ermöglichte; und natürlich dem Verlag, der sich wagemutig auf unser großes
Unternehmen eingelassen hat, also besonders dem Verleger, Herrn Harsch-Niemeyer, der mit Rat und Zuspruch nicht spart und in dem wir einen zuverlässigen,
für alle Nöte offenen Partner gefunden haben. Ein weiterer Dank geht an Redaktion und Herausgeber des h i storischen Wörterbuchs der Philosophie», die uns über
ihre Erfahrungen freimütig und ausführlich unterrichtet
haben, weit entfernt von jener Konkurrenz-Vorsicht, die
oftmals wissenschaftliche Arbeit erschwert und unerfreulich macht.
C. Hinweise für den Gebrauch
I. Die Lexikonartikel haben alle die gleiche Struktur,
wenn auch die begriffsgeschichtliche Ableitung in den
meisten Definitionsartikeln naturgemäß kürzer ausfallen oder sich mit der Markierung des historischen
Ursprungs begnügen konnte. Trotz der Zweifel an jeder
fixierenden, den historischen Entwicklungsprozeß eines
Begriffs gleichsam einfrierenden Definition steht am
Anfang jedes Artikels eine kurze definitorische Beschreibung, deren Grundriß meist die antike Rhetorik
liefert. Darauf aufbauend werden Veränderungen und
Neuentwicklungen eines rhetorischen Fachbegriffs, einer rhetorischen Textform oder einer Bildungseinrichtung beschrieben. Belege und Beispiele werden in Anmerkungen nachgewiesen, die Literaturhinweise verzeichnen über die in den Anmerkungen bereits aufgeführten Forschungsarbeiten hinaus weitere wichtige Literatur zum Thema, ohne etwa Vollständigkeit anzustreben. Jeder Artikel ist eine selbständige monographische
Einheit, auf Querverweise wurde zugunsten einer Verweisungssequenz am Schluß der Artikel verzichtet,
Überschneidungen wurden im Interesse der Lesbarkeit
und um einer kompakten, schnell zugänglichen Information willen bewußt in Kauf genommen, aber natürlich in
Grenzen gehalten. Im laufenden Text erscheint das Titelstichwort abgekürzt mit dem Anfangsbuchstaben. Die
Artikel sind in deutscher Sprache geschrieben, um den
Adressatenkreis des Lexikons nicht durch fehlende
Sprachvoraussetzungen auf ein wissenschaftliches Publikum einzuengen und terminologische Verwirrung zu
vermeiden. Fremdsprachige Artikel wurden übersetzt,
Zitate nur dann, wenn die Bedeutung sich nicht aus dem
Zusammenhang ergab. Die Übersetzer sind mit ihren
Initialen neben dem Autorennamen ausgewiesen. Auf
die Übersetzung geläufiger lateinischer Fachtermini der
Rhetorik wurde verzichtet. Hinter jedem Stichwort sind
die entsprechenden Begriffe in deutscher oder lateinischer, französischer, englischer und italienischer Sprache verzeichnet, sofern sie in diesen Sprachen existieren.
Als Lemma wurde derjenige Terminus gewählt, unter
dem der Begriff gebräuchlich geworden ist, im Zweifelsfall entschied sich die Redaktion für die deutsche Bezeichnung - in der Tradition der Aufklärung und ihrer
Bemühung um eine deutschsprachige Rhetorik. Jeder
Band enthält neben einem Autorenverzeichnis ein Arti-
Neben den im Impressum aufgeführten Fachberatern,
Mitarbeitern und Übersetzern gilt mein Dank allen Mitarbeitern meines Seminars und den vielen Kollegen an
der Universität Tübingen, die uns gerne, schnell und
unkompliziert geholfen haben, wenn wir mit unserem
rhetorischen Latein am Ende waren.
Tübi ngen, 1991
Kunstgriff, durch sprachliche Formulierung den A f f e k t
beim Publikum zu erregen. So ist die A . ein Kennzeichen
emotionaler oder gespielt emotionaler R e d e , authentischer Ausdruck der Empfindung oder ein Trick zur affektiven Beeinflussung. Sie kann von lauterer Emotionalität oder gezielter Polemik zeugen - oder von einem
Mittelwert zwischen beiden, wie in d e m wohl bekanntesten deutschen literarischen Beispiel f ü r die A . aus
SCHILLERS <Räubern>: «Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum. [ . . . ] Pfui! Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert.» [2]
B . Das Substantiv <A.> ist als rhetorischer Terminus
nicht nachzuweisen. QUINTILIAN spricht von d e m Verb
abominare als einem «fast allgemein geläufigen Mittel»,
Richter und Publikum emotional zu erregen (commovere), damit sie entweder nur aufmerksam oder in der
Sachfrage schon affektiv voreingenommen werden. [3]
Die A . wird hier als Kunstgriff des Prooemiums (Redeanfang) gelehrt: Indem sie etwas Gräßliches («res
atrox») ankündigt, soll sie die H ö r e r neugierig machen
und die zu behandelnde Sache schon im voraus verurteilen. Z u r mimischen Unterstützung weist Q U I N T I L I A N auf
folgende in seinen Augen konventionelle Geste hin:
M a n solle «mit nach links gekehrten flachen H ä n d e n »
das Übel abwehren («aversis in sinistrum palmis abominamur»). [4]
Abnuentia (auch depulsio; griech. άπόφασις, apophasis;
dt. Abstreiten, Abwinken)
Α . Unter Α . versteht man das A b l e h n e n , das Abstreiten einer Behauptung, im engeren Sinne das Leugnen
einer im Strafprozeß erhobenen Beschuldigung. Als
zweiter Teil einer Fragefigur ist sie zum einen Bestandteil der intellectio (des Erkennens des Gegenstands), wo
sie der Ermittlung des status rationalis (Beurteilung einer
getanen Handlung) dient ; zum anderen gehört sie, innerhalb der Rede, zur Argumentatio und hier zu den argumenta a re. Gegenüber den bedeutungsverwandten Begriffen negatio (Verneinung), (defensoris) depulsio (Zurückweisung), deprecatio (Abbitte) [1] zeichnet sich die
A . dadurch aus, daß sie das Ableugnen als sichtbare
Geste meint: « A b n u o idem est ac capite, oculis, vel
manu significo me nolle, aut non assentiri» (durch ein
ablehnendes Zeichen mit d e m Kopf, den Augen oder der
Hand zu verstehen geben, daß man etwas nicht wolle
oder nicht zustimme.) [2] <Abwinken> ist eine passende
deutsche Übersetzung. [3] Das bekannteste Beispiel für
eine Α . , die der A u t o r selbst zugleich durch eine Illustration auch mimisch veranschaulicht, gibt <Die Geschichte
vom Suppen-Kaspar>: «Ich esse meine Suppe nicht!
Nein, meine Suppe eß ich nicht!» Dazu streckt der gemalte Kaspar abwehrend die A r m e aus und schüttelt den
Kopf. [4]
B . Als rhetorischer Terminus ist der Begriff <A.> nur
ein einziges Mal nachzuweisen: im Lehrbuch des A U G U STINUS. Er erläutert sie durch das Widerspiel von Anschuldigung und Ableugnung in der Gerichtsrede: «Occidisti!» «Non occidi!» (Du hast getötet! Ich habe nicht
getötet!) Den ersten Teil, so Augustinus, nennen die
Griechen κατάφασις, katáphasis, die Lateiner (accusatoris) intentio (Behauptung des Anklägers), den zweiten
Teil άπόφασις (apophasis) oder Α . : das Abstreiten des
Verbrechens, das der Kläger behauptet hat: «Quod autem ίIii apophasin, nos abnuentiam criminis eius quod
accusator intenderit». [5]
Das Verb, nicht das Substantiv, bildet im Lateinischen
auch die gängige Formel, die gleich einer Interjektion
zum Ausdruck des Abscheus in die Rede eingefügt wird:
«quod abominor». [5]
In der Bibel hat die A . eine eigene, religiös-didaktische Bedeutung. D e r Begriff <A.> steht f ü r die heidnischen Kulte und G ö t t e r , die - metonymisch wird die
Wirkung für die Ursache gesetzt - beim biblischen Gott
und dessen B e k e n n e r n Abscheu erregen («Gentium idola a Scriptoribus Sacris fere semper Abominationes appellantur, quod illa D e u s summa detestatur». Die Götzen der Heiden werden von den heiligen Schriftstellern
fast immer Abominationes genannt, weil Gott sie insgesamt verabscheut). [6] G e r a d e in den Gesetzes- und Regelbüchern (3. und 5 . B u c h Moses, Jesus Sirach, i . e .
<Leviticus>, <Deuteronomium>, <Ecclesiasticus>) sind die
Stellen sehr zahlreich [7], an denen die alten heidnischen
Bräuche als «abominationes» geschmäht werden; sie
lvgl. J. Martin: Antike Rhet. (1974) 28. - 2 E . Forcellini: Lexi- sind zugleich Belege für die rhetorische Α . , z . B . «cum
con totius latinitatis, Bd. 1 (1940) 14. - 3 v g l . Art. <abnuo>, in: masculo non commiscearis coitu femíneo, quia abominaΚ. E. Georges: Ausführl. lat.-dt. Handwtb., Bd. 1 (91954) tio est» ( D u darfst einem Manne nicht beiwohnen, wie
Sp. 22. - 4H. Hoffmann: Der Struwwelpeter. Die Gesch. vom
man einer Frau beiwohnt; das wäre ein Greuel; Lev.
Suppen-Kaspar (1845). - 5 Aug. Rhet. § 11, in: Rhet. lat. min.
18,22). Die A . dient als affektrhetorische Stütze der
religiösen Erziehung. Sie kann sich zur Ächtung aller
5. Matuschek
irdischen Werte ausweiten («quod hominibus altum est,
—» Antithese —» Dialektik —* Dialog —* Figurenlehre —> intellec- abominatio est ante D e u m » (was unter Menschen als
hoch gilt, ist ein Greuel vor G o t t ; Lukas 16,15) oder zum
tio —» interrogatio —» Status-Lehre
Bann der Ketzer zuspitzen: <A.> kann synonym f ü r Anathema stehen [8], eine Sammlung der ausgesprochenen
A n a t h e m a t a heißt Abominarium[9]:
ein Titel, der trefAbominatio (auch fastidium; griech. βδελύγμια, bdelyg- fend die Rhetorik des Bannspruchs bezeichnet. N I E T Z mia; dt. Abscheu, Ü b e r d r u ß ; frz. abomination; ital. abo- SCHE hat in <Also sprach Zarathustra> (1883—85), einer
minazione)
Kontrafaktur der Bibel und ihrer Rhetorik, auch die
Α . <A.> heißt allgemein Ekel, Abscheu, Widerwille. Figur der A . ü b e r n o m m e n : «Allzuklein der G r ö ß t e ! Zum rhetorischen Terminus wird <A.> dort, wo der Aus- Das war mein Ü b e r d r u ß am Menschen! U n d ewige Wiedruck dieses Affekts verwendet bzw. auf seine Verwen- derkunft auch des Kleinsten! - Das war mein Ü b e r d r u ß
dungsmöglichkeiten, auf seine A r t e n und seine Wirkung an allem Dasein ! Ach, Ekel ! Ekel ! Ekel ! - - Also sprach
untersucht wird: A . ist dann die sprachliche Ä u ß e r u n g Zarathustra [...]». [10]
von Abscheu. D e r e n einfachste Formen sind im Deutschen die Interjektionen «I», «Igitt», «Pfui». [1] Die
Spannweite der A. reicht von der unwillkürlichen, sponAnmerkungen:
lvgl. Grimm, Bd. 13, Sp. 1808f. - 2 F. Schiller, Die Räuber, I,
tanen Ä u ß e r u n g des eigenen Ekels bis zum rednerischen
Abruptus, Abruptio
2. - 3 Q u i n t . IV, 1, 33. - 4Quint. XI, 3, 114. - 5 vgl. Thesaurus
linguae latinae, Bd. 1 (1900) Sp. 124. - 6 D u Cange: Glossarium
mediae et infimae latinitatis, Bd. 1 (1883) 27, §2. - 7vgl. Thesaurus linguae latinae, Bd. 1 [5] Sp. 121f. - 8 D u Cange [6] § 3. 9LThK 2 , Bd. 1 (1957) Sp.56. - 10F.Nietzsche: Also sprach
Zarathustra, in: Werke, hg. v. G.Colli und M.Montinari,
6. Abt., Bd. 1(1968) 270f.
ten Stil> behandelt. [14] Im Mittelalter hat ISIDOR VON
SEVILLA die Reihe der durch den A.-Stil charakterisierten Personenbeschreibungen erweitert. Er erwähnt als
Beispiel für sermocinano bzw. ethopoeia (Personendarstellung) den Piraten mit einer «kühnen, abgehackten
und ungestümen Rede» (audax abrupta temeraria oratio). [15] Die dem A. zugeordnete antike Darstellungstopik scheint sich also erhalten zu haben. Dem Humanismus wird der A. als Verstoß gegen die elegantia nicht
unbekannt gewesen sein, wenn der Begriff auch - soweit
ersichtlich - nicht nachzuweisen ist. Der Neuhumanismus des 18. und 19. Jh. schließlich wurde erneut auf den
A. aufmerksam. Die Lexika von ERNESTI und PETRI führen den Begriff an. [16] Ernesti umschreibt A. als «affectvoller Eingang». Petri gibt einige deutsche Beispiele:
«Soll ich gehen? Aber wie? Ich bleibe! Er winkt mir!
Wohin? Nein, ich gehe!» Auch die klassische französische Rhetorik kennt den Α.: als <style coupé> (Stil in
kurzen Sätzen). LITTRÉ definiert: «[Das ist] ein Stil, in
dem der Redner, wenn er von der Leidenschaft fortgerissen zu sein scheint, nicht immer vollständige Sätze
spricht, Verbindungen ausläßt, seine Gedanken nicht
immer zu Ende führt und sie teilweise erraten läßt.» [17]
Dieser Satz definiert den <style coupé> und beschreibt
zugleich die Sprechweise der Protagonisten in den dramatischsten Momenten der französischen Tragödie. In
dieser Form ist der A. ein Merkmal der europäischen,
nicht nur der französischen Literatur geworden.
—» Affektenlehre —* Attentum parare, facere —> Bibelrhetorik
—» Figurenlehre
Abruptus, Abruptio (dt. abgehackter Rede-Anfang;
wörtl. das Abreißen, der Bruch)
Rhetorik. A . Das Wort <Abruptus>, ursprünglich ein
Adjektiv (vom lat. Verb <abrumpere>:abreißen, abbrechen), ist ein Stilphänomen der brevitas (Kürze) und
kann als solches positiv im Sinne einer Stilqualität und
negativ im Sinne eines Stilfehlers gewertet werden.
In der Rede, genauer in der narratio, liegt dieses Stilmerkmal vor, wenn die brevitas übertrieben wird. «Kurz
wird die Erzählung vor allem», schreibt Q U I N T I L I A N ,
«wenn wir beginnen, den Sachverhalt von dem Punkt an
darzustellen, wo sie den Richter angeht, zweitens, wenn
wir nichts sagen, was außerhalb des Falles liegt [...].» [1]
Ein Verstoß gegen den Sinn der Kürze, nämlich den
Sachverhalt in der narratio ohne Umschweife darzustellen, liegt vor, wenn man zuwenig sagt: dann bleibt die
Sachlage unklar, der Redner verfällt dem Fehler der
obscuritas (Dunkelheit). Quintilian fährt fort: «Deshalb
hat man auch die sprichwörtliche Kürze des Sallust [illa
Sallustiana brevitas] - obwohl sie bei ihm selbst zu seinen
Vorzügen gehört - und die abgerissene Art zu reden
[abruptum sermonis genus] zu meiden [...].» [2] Quintilian unterscheidet hier also literarische und rednerische
Funktion des Α.: was als Stilmittel der sallustianischen
Geschichtsschreibung von hohem Wert ist [3], bringt in
der Alltagspraxis etwa der Gerichtsrede dem Redner nur
Nachteile. [4] Auch in der Überleitung (transitus) von
einem Redeteil zum andern ist der A. verfehlt. Wechselt
der Redner plötzlich von der narratio zur argumentatio
anstatt, wie FORTUNATIAN anmerkt, einen sublimen und
glatt anschließenden Übergang zu suchen [5], verstößt er
gegen Harmonie und Eleganz der Rede. [6]
Literarisch kann der A. als Spielart der brevitas, wie
bemerkt, durchaus sinnvoll sein, und zwar nicht nur als
Manier eines Autors, sondern auch zur Charakterisierung von Personen. So galt in der Antike die Kürze als
Merkmal der Befehlssprache etwa des Militärs oder des
Sprachstils der Spartaner. [7] Der A. kommt hier als
kurzer Satzteil vor (Komma: membrum a toto corpore
abruptus, Quintilian [8]) im Gegensatz zum längeren
Satzteil (Kolon) der Periode. [9] Außerdem findet der
A. Verwendung im pathetischen Stil als abrupter Redeeingang (principium abruptum). [10] Der A. wird dabei
neben Asyndeton, Aposiopese, Ellipse oder Anakoluth
als Stilmittel der leidenschaftlichen Erregung eingesetzt.
Quintilian weist aber auf eine Gefahr hin: daß die «sublimia» zu bloßen «abrupta» werden können [11], wenn sie
allzu einseitig angewandt, also ohne Wechsel auch mit
sprachlichen Mitteln des genus subtile und genus medium
vorkommen. [12]
B. Geschichtlich gesehen wird der A. bzw. die abrupte
Rede- und Schreibweise in der antiken Stiltheorie abgehandelt. Das zeigen neben Quintilian etwa DEMETRIUS,
der die Sprache der Spartaner wie des Militärs erwähnt [13], und auch HERMOGENES, der den abgehack3
1 Quint.IV,2,40. - 2 Q u i n t . I V , 2 , 4 5 . - 3vgl. M. v. Albrecht:
Meister römischer Prosa von Cato bis Apuleius ( 2 1983) Kap.
IV. - 4Quint. IV,2,45. - 5Fortunatian,2,20, in: Rhet. Lat.
min. 113,15. - 6 H . Lausberg: Hb. der lit. Rhet. ( 3 1990)
§ 343,288. Unsere gesamte Darstellung der A . orientiert sich an
Lausberg. - 7 L a u s b e r g [ 6 ] §939,1. - 8 Q u i n t . IX,4,123. - 9 v g l .
Lausberg[6] §930,925. - lOQuint. 111,8,58. - l l Q u i n t .
XII,10,80. - 12Lausberg[6] §1079,3,g. - 13Demetrius, Peri
hermeneias 7. - 14Hermog. Dein. 2,9,354. - 15Isid.
Etym. 2,14,1—2. - 16J.C.T. Ernesti: Lex. Technologiae Latinorum Rhetoricae (1797; N D 1962) l f . unter <Abruptus>. F . E .
Petri: Rhet. Wörter-Büchlein (1831) 1, unter <Abgebrochenheit; abruption - 17E. Littré: Diet, de la langue française, Bd. 2
(Paris 1961) 982 unter <coupé>.
Musik. In der Kompositionslehre des 16. bis 18. Jh. spielt
die < Abruptio> - so heißt der dem Abruptus entsprechende musikalische Terminus - eine gewisse Rolle als klangliches Ausdrucksmittel. KIRCHERS <Musurgia universalis)
(1650) und JANOWSKAS <Clavis ad Thesaurum magnae
artis musicae> (1701) verstehen darunter «das plötzliche
Abbrechen aller Stimmen, um eine schnell vollzogene
Handlung auszudrücken». (Unger) [1] Unger führt die
A. als rein musikalische Figur ohne Bezug zur Rhetorik
auf. Doch wenn er sie als <wort-ausdeutende> und <affekthaltige> Figur klassifiziert [2], muß man zumindest
eine unübersehbare Ähnlichkeit zwischen musikalischem und rhetorischem Ausdrucksverhalten konstatieren, das auf verwandte Wirkungen zielt. Als Beispiel für
das Vorkommen einer musikalischen A. führt Unger die
<Sinfonia nona> des J. ROSENMÜLLER an, ein der venezianischen Opernsinfonie verwandtes Musikstück mit vielen Fermaten, häufigen Pausen und starker Gegensätzlichkeit der einzelnen Abschnitte. [3]
1 H . - H . Unger: Die Beziehungen zwischen Musik und Rhet. im
1 6 . - 1 8 . Jh. (1941; N D 1 9 6 9 ) 9 6 . - 2 e b d . 9 2 . - 3 e b d . 143f.
F.-H. Rohling
—» Aposiopese —» Asyndeton —> Brevitas —» Ellipse —* Kolon —about
things to be done.» (Der Schwerpunkt liegt auf
Komma —» Musik —» Obscuritas —» Sermocinatio —> Stil
festgelegten Regeln und stereotypen Methoden, in dem
Maße, daß das antike Konzept der Topoi oder loci ersetzt wird durch ausführliche Aufstellungen konkreter
Abschiedsrede (griech. προπεμ-πτικός λόγος, propemptikós Anweisungen, wie man vorzugehen habe.) [6] Erst bei
lògos, συντακτικός λόγος, syntaktikós lògos; lat. valedictio; PSEUDO-MENANDROS [7] (3. Jh.) finden sich detaillierte
engl, farewell speech, valedictory speech; frz. discours Hinweise zum Verfertigen jener Typen von Fest- und
Gelegenheitsreden, die über die Jahrhunderte hinweg
d'adieu; ital. discorso d'addio)
A. Die A. ist eine in der Regel selbständige Gelegen- das rhetorische Feld ausmachten, in denen insbesondere
heits- oder auch Festrede, in der jemand sich selbst oder für die politische Rede kein gesellschaftlicher Bedarf
im Namen eines anderen von jemandem verabschiedet, bestand. Menandros befaßt sich u. a. mit Reden bei Geeinen direkten Kontakt beendet. Es handelt sich um eine legenheit der Ankunft und Verabschiedung von Persomehr oder weniger zeremoniell gestaltete Unterart der nen, wobei er getreu den beiden Verwendungsweisen
epideiktischen Rede, deren Zweck vor allem die Bestäti- von <verabschieden>, der reflexiven und der transitiven,
gung und Verstärkung der bestehenden sozialen Bezie- zwei Varianten unterscheidet. «An einen Scheidenden
hungen ist. Im Rahmen der Amplifikation bemüht man wendet man sich mit dem λόγος προπεμπτικός, der einer
sich darum, die Bedeutung des Adressaten als groß, die untergeordneten Persönlichkeit, etwa einem Schüler,
eigene Person gering erscheinen zu lassen, bedankt sich gelten kann, wenn sein Lehrer ihm bei der Abreise gute
insbesondere (vergangenheitsbezogen) für eigentlich Ermahnungen mit auf den Weg gibt, oder auch einem
unverdiente Wohltaten, greift womöglich auf weitere scheidenden Freunde. Dabei werden ihm die BeschwerTopoi aus dem Arsenal des Lobs von Personen und den und Gefahren der Reise entgegengehalten, um ihn
Orten zurück, wünscht alles Gute, drückt aus, daß man zum Bleiben zu bewegen. Läßt er sich aber nicht zurücksich (zukunftsbezogen) verpflichtet fühlt und auf ein halten, preist der Bleibende den Scheidenden in einem
Enkomion, das er mit der Bitte schließt, auch in der
Wiedersehen freut.
Fremde die Heimat nicht zu vergessen. Zum Schluß
Β . I.
Antike und Byzanz• ARISTOTELES [1] bestimmt als
werden die Götter um den Segen für den Scheidenden
vornehmlichen Gegenstand epideiktischen Redens das gebeten. Verabschiedet sich jemand selber, dankt er
tugendhafte Handeln. Der Redner hat demnach u. a. die [...] der Stadt, von der er scheidet, und lobt sie in der
Aufgabe, das Verhalten, um dessen Lob es geht, nicht herkömmlichen Weise, um dann von der Stadt zu spreals aus Zufall oder gar Schicksal geboren zu präsentie- chen, die er aufsuchen will und mit der Hoffnung zu
ren, sondern so, daß es als Resultat bewußter Wahl, als schließen, wieder in seine Stadt zurückkommen zu könintentional erscheint. Allerdings sind auch ethisch frag- nen. Ist es seine Heimatstadt, die er verläßt, muß er zum
würdige Handlungen intentional, und insofern geht es Ausdruck bringen, daß er Schmerz über die Notwendigzusätzlich um den Nachweis, daß die Handlung aus Tu- keit empfindet, sie zu verlassen, und die Trennung als
gend, z.B. aus Großzügigkeit, entsprungen ist, der tu- notwendig hinstellen. Nach einem Lobe des neuen Aufgendhaften Mitte zwischen Knausrigkeit und Geiz auf enthaltsortes schließt er mit guten Wünschen für die
der einen und Verschwendungssucht auf der anderen Heimatstadt und der Hoffnung auf Heimkehr.» [8]
In der Kaiserzeit gibt es eine Fülle von Gelegenheiten
Eine Subklassifizierung der epideiktischen Rede findet sich bei Aristoteles ebenso wenig wie in der später für die <kleine> Α., und zwar u. a. im Kontext von Hochbesonders wirkmächtigen Rhetorik des <Auctor ad He- zeiten, Geburtstagen, Beerdigungen und Gesandtschafrennium> [ 2 ] oder in CICEROS Jugendschrift <De inventio- ten. Abschiedsformeln sind aber auch in die großen pane> [3], in denen jeweils drei Arten von Gegenständen negyrischen Reden integriert, so in den Claudius Mader Lob- bzw. Tadelrede unterschieden werden: Eigen- mertin zugeschriebenen Panegyrikus auf den römischen
schaften, die sich auf Äußeres beziehen, d.h. durch Zu- Kaiser Maximian aus dem Jahr 285. Am Schluß dieser
fälle und Schicksal auf uns gekommene Güter wie Rede wird der Kaiser als derjenige beschworen, der sich
Macht, Vorfahren, Erziehung, Ruhm, Reichtum, Alter, für Sicherheit und Frieden auf der ganzen Welt verbürgt,
Bürgerschaft, Freundschaft; körperliche Eigenschaften der die Provinzen durch seinen Besuch glücklicher
wie Stärke, Schnelligkeit, Gesundheit; schließlich geisti- macht, der trotz der Bürden, die auf ihm lasten, außerorge Tugenden wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, dentlich wohltätig ist und dessen Rückkehr man sehnlich
Mäßigung. Diese Dreiteilung findet sich auch bei Q U I N - erwartet. [9]
TILIAN, der sich im übrigen mit dem Lob von Städten
Insbesondere Hermogenes' und Menandros', aber
befaßt, das er in Analogie zum Personenlob begreift: auch THEONS und APHTHONIOS' Vorschriften wurden
Hier trete an die Stelle des Vaters der Gründer; je älter über Jahrhunderte hinweg von den byzantinischen Rhedie Stadt, um so höher ihr Ansehen; ihre Bewohner seien toren befolgt, für die die Alten unantastbare Autoritäten
der Stolz der Städte wie die Kinder der Ruhm der Eltern, waren, deren Schriften sie eifrig kompilierten. Epideiktiusw. [4] Quintilian bemüht sich allerdings nicht um eine sche Gelegenheitsreden wurden in großer Zahl produSystematisierung der zahlreichen neuen Formen epi- ziert, die meisten Texte sind aber nicht ediert, so daß ein
deiktischen Redens, die sich mittlerweile in der Kaiser- zuverlässiges Bild noch nicht zu gewinnen ist. Immerhin
zeit herausgebildet hatten. Im Rahmen seiner <Progym- sind uns bei Himerios einige Beispiele für die Verabnasmata> greift HERMOGENES [5] im 2. Jh. auf das über- schiedung von Freunden und für seine eigene Abreise
kommene Arsenal des Personenlobs zurück, differen- zugänglich; erhalten ist auch das Formular einer A. an
ziert es weiter aus und modifiziert darüber hinaus die den Kaiser von Konstantinos Manasses. [10]
Topos-Lehre derart folgenreich, daß jetzt nicht mehr auf
Man sollte nicht davon ausgehen, daß die <Reden>
die <kreative> Applikation der Topoi bzw. loci gesetzt
wird. «Emphasis is upon fixed rules and stereotyped auch immer gehalten wurden. Manche Rhetoren produmethods, to the extent that the ancient concept of topos zierten vornehmlich für die Schublade und beklagten
or locus is replaced by long lists of specific directions sich darüber, daß sie nicht einmal ein Honorar bekämen.
Die überlieferten Exempel weichen von Menandros'
Vorgaben nicht ab; <kreativ> war man allenfalls in der
Erfindung neuer hyperbolischer Attribute für den Kaiser.
II. Mittelalter. Abgesehen von Hermogenes, dessen
Lehre vom Personenlob durch die Übersetzung Priscians
dem lateinischen Mittelalter zugänglich war, waren die
griechischen Theoretiker der Epideixis dem Westen unbekannt. Für die einschlägigen praecepta hätte es aber
auch gar keinen Bedarf gegeben, gilt doch - mit einer
Einschränkung - für das Mittelalter folgender Satz: «Die
Sitte, zu einem versammelten Publikum laut zu sprechen, existierte zwischen dem Ende des römischen Reiches und dem 12. Jahrhundert überhaupt nicht.» [11] Die
Einschränkung betrifft die Predigt. Es ist wohl unangemessen, die Ausführungen zum letzten Predigtteil, der
conclusici, so zu verstehen, als gehe es hier um Abschiedsformeln. Gleichwohl bleibt der Eindruck, daß die
Hörer in einigen artes praedicandi auf spezifische Weise
<entlassen> werden sollen. In seiner Schrift <De modo
praedicandi> schreibt A L E X A N D E R VON A S H B Y im 13. Jh.
z.B., daß es bei der conclusio auf dreierlei ankomme:
«that a brief recapitulation will aid the memory of the
hearers, that exhortation to fear of punishment is useful
and so is exhortation to continued devotion to God» (daß
eine kurzgefaßte Rekapitulation den Zuhörern helfen
wird, sich zu erinnern, daß es nützlich ist, dazu zu ermuntern, Bestrafung zu fürchten, ebenso wie die Ermunterung zu fortgesetzter Demut vor Gott). [12] Neben der
ars praedicandi war es vor allem die ars dictaminis, die
Brieflehre, in deren Rahmen die rhetorische Tradition
im Mittelalter weiterlebte. Verschiedentlich ist festgestellt worden, daß primär die Exordialtopik, speziell die
salutatio das Interesse der Theoretiker fand. Dem Schluß
des Briefes und der Valediktionsformel widmete man
demgegenüber wenig Aufmerksamkeit. [13] Das einfache <Vale> blieb über Jahrhunderte hinweg eine Standardformel; auch das <Opto.. .> (Ich w ü n s c h e . . . ) war
verbreitet. Manchmal erweiterte man diese Formel
auch, bemühte Gott und die Ewigkeit und benutzte
adressatenvergrößernde (<glorreichster>, <glücklichster>,
<wertester> usw.) und autorverkleinernde (<geringer>)
den, Ansprachen an die Fürsten bei feierlichen Empfängen, bei Beamten- und Bischofsernennungen, Leichen-,
Verlobungs- und Hochzeitsreden, für akademische Reden, insbesondere zur Einführung und Verabschiedung
von Professoren und zur Kurseröffnung, und für Ansprachen an die Soldaten vor und nach dem Kampf fand man
vornehmlich bei Cicero, dessen Reden man eifrig studierte, bei Quintilian und den kaiserlichen Panegyrikern. [16] Im 15. und 16. Jh. lagen dann auch lateinische
Übersetzungen der späthellenistischen Theoretiker der
Epideixis vor.
III. 17. und 18. Jahrhundert. Im 17. Jh. wurde sowohl
in den protestantischen Gelehrtenschulen als auch in den
Jesuitengymnasien die reich differenzierte Kasuistik der
Redeanlässe gelehrt. Im Hinblick auf Topoi, Dispositionsschemata und Stilebenen für Reden zur Taufe, Verlobung, Hochzeit, zum Begräbnis, Empfang und eben
auch Abschied griff man im humanistischen Unterricht
auf die antiken Musterautoren zurück. G. Vossius z.B.,
dessen Rhetoriklehrbuch den protestantischen Lehrbetrieb weitgehend dominierte, beruft sich in diesem Kontext nicht nur auf das Hauptbuch der humanistischen
Gelegenheitsdichtung, die Poetik SCALIGERS, sondern
auch auf Menandros. [17]
Von einer <deutschen Oratorie> als Gymnasialfach
kann erst seit C. W E I S E gesprochen werden. Im Zentrum
von Weises Bemühen, die überkommene Schuloratorie
mit den gesellschaftlichen, insbesondere höfischen Anforderungen an eine praktische, «politische» Rhetorik zu
vermitteln, steht das Konzept des Compliments. Ein
Compliment besteht aus zwei Teilen, zunächst aus der
propositio («darinn man sagt/was man in der Rede haben
wil», d . h . daß man sich oder jemanden verabschieden
will). «Darnach ist Insinuatio, ich möcht es fast eine
Schmeicheley nennen/darinn man bemüht ist/so wol die
Sache als seine eigene Person zu recommendiren. Endlich ist ein sonderlichs Stücke der Insinuation, welche
Votum, und Servitiorum Oblationem begreifft/darinnen
man durch gute Wündsche und durch Darbietung aller
willigen Dienste sich selbst angenehm machen wil.» [18]
Dabei sind verschiedene Typen von sozialen Beziehungen zu bedenken; man hat situativ und vor allem sozialständisch angemessen zu reden, zu beachten, ob man zu
Höher-, Gleich- oder Niederrangigen spricht. Weise gibt
eine Reihe von Exempeln für Abschiedscomplimente. [19] Wenn sich z.B. jemand im Namen seiner Durchlaucht des Fürsten an der Landesgrenze von den Abgeordneten einer Stadt verabschiedet, dann spricht er von
seinem «gnädigsten» Herrn in der dritten Person. Der
Herr erinnert sich der ihm hier wie noch nie und nirgendwo sonst erwiesenen Freundschaft, Ehre und Liebe, die
er in unverrückbarem Andenken bewahren will. Er
wünscht den Gastgebern, daß Gott ihnen mehr und mehr
Freude und Wohlergehen schenke, bedankt sich für ihre
Mühen und verspricht, dahin zu trachten, daß sie ihm
weiter wohl gesonnen bleiben. [20] Problematischer war
die rhetorische Aufgabe, wenn im Rahmen einer diplomatischen Mission die Abschiedsaudienz beim gastgebenden Herrscher zu bestehen war. Der Diplomat, der
für seinen Herrn sprach, hatte unter Bezug auf die realen
Rangverhältnisse insbesondere diejenigen rhetorischen
Formeln besonders sorgsam zu bedenken, deren Funktionen Adressatenerhöhung auf der einen und Selbstverkleinerung und Demutsbezeugung auf der anderen Seite
sind. Wer aber im Namen des Fürsten bei einem Landtag
vor den Ständen das Wort ergreifen mußte, hatte es
vergleichsweise leicht, wie aus einer Schrift des Juristen
Auch in den Darstellungen höfischer Feste in mittelhochdeutschen Dichtungen fallen die Verabschiedungen
im Vergleich mit den breit ausgemalten Empfangszeremonien eher kurz und formlos aus; sie sind nicht rhetorisch elaboriert. Den größten Teil des Zeremoniells machen nichtsprachliche Handlungen aus. Die Gäste werden je nach Rang unterschiedlich beschenkt, Zeichen
von Macht und Reichtum des Gastgebers, aber auch der
höfischen Tugend der Freigebigkeit. Die Gäste rühmen
zuweilen das Land des Gastgebers, begnügen sich in der
Regel aber damit, förmlich um <urloup> nachzusuchen.
Die Obligationen im <Abschiedsspiel> sind auf eine Weise verteilt, die zunächst fremd anmutet. Die Gäste stellen den Abschied in das Belieben des Gastgebers. «Als
Gast mag man zuvor über den Gastgeber verfügt haben.
Je mehr dieser ein vollendeter Gastgeber war, desto
mehr wird man ihm ein Vetorecht über seinen Abschied
zubilligen. [...] Deshalb kann es beleidigend sein, nicht
um Abschied nachzusuchen.» [14]
Seit dem 12. Jh. sind zuerst in den oberitalienischen
Städten wieder öffentliche Reden zu verzeichnen. «Von
der Kirche, bei welcher sie im Mittelalter ihre Zuflucht
gehabt, wird die Eloquenz vollkommen emanzipiert; sie
bildet ein notwendiges Element und eine Zierde jedes
erhöhten Daseins.» [15] Die praecepta für Gesandtenre7
D.H.Kemmerich von 1711 hervorgeht. «Wird wiederum vor publication des reichs- oder land-tags-abschieds
im nahmen des Regenten eine rede gehalten, und denen
Ständen vor ihre bezeigte Willfährigkeit, treue und devotion gedancket, urlaub zur abreyse gegeben, und die
vollbringung und beobachtung dessen, was beschlossen,
bestens anbefehlen[!], auch wegen beharrlicher gnade
und hulde Versicherung gegeben.» [21] Wer eine solche
Disposition für eine A . vorgibt, ohne Alternativen zu
nennen, setzt voraus, daß die Stände nur noch Empfänger von Anordnungen, keine politischen Subjekte mehr
sind. Das Ergebnis der Landtags<beratungen> steht von
Beginn an fest, die A. hat nur mehr zeremoniellen Charakter.
von 1909 mit Rücksicht auf die Gattung des Abschiedsbriefs : Man habe hier zu danken «für genossene Freundschaft, empfangene Wohltaten und dergleichen, [man]
bittet um ferneres Wohlwollen, Erhaltung der Freundschaft, wünscht alles Gute und verspricht, die Freunde
ebenfalls in gutem Andenken zu behalten.» [25] Man
lobt das traute Glück am häuslichen Herd und beklagt
rituell, daß man in die kalte (großstädtische) Fremde
hinaus muß. In den um die Jahrhundertwende erscheinenden Briefstellern widmet man den Soldatenbriefen
einige Aufmerksamkeit. Nehmen die jungen Soldaten
Abschied, dann erscheinen die fiktiven Briefschreiber
«durchweg als wehrfreudige, selbstlose junge Leute, denen das Wohl des Vaterlandes über ihrem eigenen
steht.» [26]
Gleichsam zwischen den «politischen» A. und den
bloß schulischen exempla, praecepta und exercitationes
standen die Valediktionen im Kontext von Schulfestlichkeiten und öffentlichen Prüfungen. Laut Ordnung des
Pädagogiums in Halle von 1721 z . B . hatte der letzte in
der Reihe der Valedicenten, d.h. derer, die nach bestandenem Examen zur Valdediktion zugelassen waren, im
Namen aller Mitschüler eine Abschieds- und Danksagungsformel zu sprechen, deren Format nicht in seinem
Belieben stand, insofern sie «gantz kurtz gefasset werden, und erstlich an die sämtlichen Vorgesetzten insgemein und ohne speciale Distinction oder Benennung
derselben, und darauf an die commilitones gerichtet werden muß; wie denn die Informatores bey der Correctur
auf die Vermeidung aller Weitläufftigkeit und des beschwerlichen Rühmens [ . . . ] mit Fleiß zu sehen und die
Anvertrauten vielmehr dahin zu ermahnen haben, daß
sie Gott zuforderst von Hertzen danckbar werden und
das gute, was sie von ihren Vorgesetzten gelernet, nach
seinem Willen und zu seiner Ehre recht anwenden mögen.» [22]
Die <aufklärerische> Warnung vor («barocker») Weitläufigkeit und «Beschwerlichkeit» des Rühmens findet
sich auch in den Rhetoriken des 18. Jh. GOTTSCHED etwa
wendet sich im Namen der Unverwechselbarkeit der
Person gegen die überkommene Topik des Personenlobs, für die er ausdrücklich Ciceros <De inventione>
bemüht. «Wer mich nicht anders zu rühmen weis, als
wegen meines Namens, Geschlechtes, Vaterlandes usw.;
der lasse mich lieber gar ungelobet.» [23] Vor allem auf
die dem Verdienst der jeweiligen Person zuzuschreibenden «löblichen Verrichtungen und Dienste» sei hinzuweisen - auch das natürlich ein Element aus dem alten
Toposarsenal.
IV. 19. und 20. Jahrhundert. Gegen Ende des Jahrhunderts wandelte sich der schulische Unterricht einschneidend. Die Schulreformen der Aufklärung zielen, worauf
besonders eindrücklich H. Bosse hingewiesen hat, nicht
mehr darauf, Dichter und Redner auszubilden, sondern
darauf, Leser und Schreiber zu erziehen. [24] Zwar sind
noch bis weit ins 19. Jh. hinein öffentliche Schulactus
nachgewiesen - BÜCHNER hält z. B . in den dreißiger Jahren eine Rede über Cato - , aber die große Rede und erst
recht die Gelegenheitsrede gehörten wohl nicht mehr
zum schulischen Kanon. Vieles spricht dafür, daß vor
allem die elocutio als Stilistik separat traktiert wurde,
während die übrigen Produktionsstadien einer Rede,
insbesondere actio und memoria, aber auch die inventio
mehr und mehr ignoriert wurden.
Es dürfte nicht verfehlt sein, die Briefstellerliteratur
des 19. und beginnenden 20. Jh. so zu verstehen, daß von
hier aus auch ein Licht auf die Praxis der mündlichen
Gelegenheitsrede fällt. So heißt es in einem Briefsteller
In den zeitgenössischen Briefstellern spielen Abschiedsbriefe kaum noch eine Rolle. Die Verhaltensstandards haben sich gewandelt; man verabschiedet sich
mündlich, und angesichts der lebensweltlichen Selbstverständlichkeit des Reisens und im Zeitalter des Massentourismus kann man z . B . mit dem Topos von der
warmen Heimat und der Kälte der Fremde nur noch
Auch in den auf die mündliche Rede zielenden populären rhetorischen Ratgebern ist die A . eher randständig. In der Regel firmiert sie als Abschlußrede, d. h. wie
die Eröffnungs- als Rahmenrede, die dem Versammlungsleiter obliegt. Als Rahmenrede hat sie vor allem
kurz zu sein und etwa folgender Disposition zu genügen:
«1. Anrede
2. Hinweis auf den Schluß der Versammlung
3. Dank an den Referenten und die Versammlungsteilnehmer
4. Schließung der Versammlung.» [27]
Was die Anrede betrifft, so finden sich zwar zuweilen
noch lange Kataloge von Titeln und Erwägungen dazu,
wie sie sukzessive zu piazieren sind. In der Regel votiert
man aber unter Berufung auf demokratische Verhältnisse für einen zurückhaltenden Umgang mit Titeln. Im
Zeichen eines Stilideals der Sachlichkeit warnt man darüber hinaus davor, den Dank an Referenten und Versammlungsteilnehmer zu übertreiben. Ihre Leistungen
sollen nur mäßig amplifiziert werden. Der Abschied
spielt aber nicht nur eine Nebenrolle, macht nicht nur
einen Teil des Rahmens aus. Zuweilen rückt die A .
selbst ins Zentrum, wird zur Festrede. Man verabschiedet sich selbst bzw. wird verabschiedet, und zwar bei
offiziellen Anlässen wie dem Ausscheiden aus einem
Unternehmen, aus einem politischen Gremium und der
Entlassung aus der Schule oder bei eher privaten Anlässen wie Hochzeiten und Geburtstagen. In Musterreden
zum Abschied nach bestandenem Abitur etwa finden
sich immer wieder Variationen zur Sentenz <non scholae
sed vitae discimus>. Den Ernst des Lebens brauche man
nicht zu fürchten, weil man bestimmt genug gelernt und
«eine solide Wissensgrundlage> mitbekommen habe.
Man werde sich später bestimmt gerne an die Schule und
die Lehrer erinnern. Die in einem weit verbreiteten Ratgeber mitgeteilte Musterabschiedsrede endet so: «Wissen ist eine Macht, die uns befähigt, unser Leben in
Familie, Beruf und Gemeinschaften zu meistern. Dann
erst werden wir in rechter Weise fähig, das Gute zu
wollen und allen Menschen nach Kräften zu dienen. Ich
danke Ihnen - ich danke euch!» [28] Angesichts eines
solchen Jargons der Eigentlichkeit, dessen Gehalt ideologiekritisch auf den Begriff zu bringen ist, sind die Vorbehalte gegenüber der Ratgeberliteratur, und zwar nicht
nur die der gebildeten unter ihren Verächtern, allzu
ältere, besonders im 17. Jh. gängige Entsprechung für
Absicht, von der es erst im 18. Jh. abgelöst wird. [1] So
vermerkt K. STIELER im <Teutschen Sprachschatz> : «Absehung die/& das Absehen/mens, consilium, destinatio,
propositum, vulgo intentio.» [2] J. C. A D E L U N G präzisiert: «Absehen druckt als der Infinitiv mehr die Bemühung nach einem gewissen Endzwecke, Absicht aber
mehr den Endzweck selbst aus, obgleich beyde häufig
verwechselt werden.» [3] Als prägnanter Terminus der
deutschen Barockrhetorik und -poetik bezeichnet <A.>
zunächst allgemein die Wirkungsabsicht als sinnstiftendes Bezugszentrum jeder intentionalen Sprachgestaltung [4], doch steht es in der rhetorischen Nomenklatur
auch für den didaktischen Zweck der Theoriesysteme
selbst (finis oratoriae bzw. poeticae) [5] sowie für den
Ausgangs- und Zielpunkt von deren praktischer Anwendung (finis rhetoricae bzw. poeseos) [6] und konkretisiert
schließlich in den danach gestalteten Texten die Ergebnisse dieser publikumsorientierten Rezeptionsvorgabe
als Überzeugung, Nutzen oder affektives (ästhetisches)
Wohlgefallen. Somit begründet das A . als Theorem das
funktionale Zusammenspiel der einzelnen Elemente in
den seit der Antike tradierten rhetorischen bzw. poetologischen Lehrgebäuden, vom vorausgesetzten Idealbild
des Redners (Dichters) über die Phasen der Textproduktion, die entsprechend der an der Affektenlehre orientierten officia oratoris eingesetzten sprachlichen Mittel
bis zu den damit intendierten Wirkungs- und Rezeptionsmöglichkeiten. [7] Damit verweist es zugleich auf
die essentielle Publikumsbezogenheit der nach diesen
geschichtlich offenen bzw. modifizierbaren Regelsystemen gestalteten Texte. So kann es u. a. als Indikator für
den sich entsprechend geistes-, sozial- und formgeschichtlicher Entwicklungen wandelnden jeweiligen
ideellen, gesellschaftlichen und ästhetischen Stellenwert
von Rhetorik und Poetik begriffen werden. [8] Für die
Geltungsdauer der regelgebundenen Wirkungsästhetik
bis ins 18. Jh. läßt sich besonders an den unterschiedlichen Motivierungen des A. das funktionale Wechselverhältnis zwischen Beredsamkeit und Poesie begreifen.
Es reicht, epochenspezifisch variiert, von theoretischen
Differenzierungsversuchen der beiden Lehrgebäude bis
zur oft gleichzeitigen Betonung ihrer wechselseitigen Bedingtheit und hebt insgesamt das aus den <verschwisterten> artes ableitbare Konzept der Wirkungsästhetik eindeutig von jenem der Genieästhetik ab. So ist in der
zentralen Begriffskategorie des A . letztlich auch die unerläßliche Voraussetzung für eine geschichtlich stimmige
Fassung des vor der Goethezeit anwendbaren Literaturbegriffs und der sich daran schließenden Interpretationsansätze dokumentiert.
lArist. Rhet. I, 9. - 2 Auct. ad Her. III, 6, 1 0 . - 3 C i c . De inv.
II, 53,159. - 4 Q u i n t . III, 7,26f. - 5 H e r m o g . Prog. - 6 J. J. Murphy: Rhet. in the Middle Ages (Berkeley/Los Angeles/London
1974) 41. - 7 vgl. C. Bursian: Der Rhetor Menandros und seine
Sehr., in: Abh. der Bayer. Akad. der Wiss., philos.-hist. Classe
16/3 (1882) 1 - 1 5 2 ; abgedruckt in Rhet. Graec. Sp. III 368-446.
- 8 J. Martin: Antike Rhet., Technik und Methode (1974) 207. 9 D e r Panegyrikus findet sich in R . A . B . Mynors (Hg.): XII
Panegyrici Latini (Oxford 1964) 244-254. - 1 0 vgl. zu den Quellen H. Hunger: Die hochsprachl. profane Lit. der Byzantiner,
1. Bd. (1978) 148. - 11 P.O. Kristeller: Stud, zur Gesch. der
Rhet. und zum Begriff des Menschen in der Renaissance (1981)
37. - 12Murphy [6] 313. - 13vgl. Murphy [6] 225; vgl. darüber
hinaus die Nachweise bei C. D. Lanham: Salutatio Formulas in
Latin Letters to 1200: Syntax, Style, and Theory (1975) 6 9 - 8 8 .
- 14H. Haferland: Höfische Interaktion - Interpretationen zur
höf. Epik und Didaktik um 1200 (1989) 149; vgl. auch R. Marquardt: Das höf. Fest im Spiegel der mhd. Dichtung
(1140-1240) (1985). - 1 5 J. Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien (1928) 227. - 16ebd. 228-237. - 17vgl. W. Barner: Barockrhet. (1970) 272 (Fußnote71); die Kasuistik der
Redeanlässe findet sich in den Kapiteln 16 bis 20 im 2. B. des
Werks von Vossius, das Barner ausführlich vorstellt (vgl.
265-274). Barner weist im übrigen darauf hin, daß das Propemptikon, das Geleitgedicht, das im 17. und 18. Jh. zum festen
Kanon der Gelegenheitsdichtung gehörte, sich auch aus der
späthellenistischen Rhetorik speiste, insbesondere aus den
praeeepta des Menandros (68f.). - 18C.Weise: Politischer
R e d n e r . . . (1683; ND 1974) 169. - 1 9 e b d . 210f.,299f.,302,340.
- 20C.Weise: Neu-Erleuterter Politischer R e d n e r . . . (1696)
1077. - 21zit. nach G. Braungart: Hofberedsamkeit - Stud, zur
Praxis höfisch-politischer Rede im dt. Territorialabsolutismus
(1988) 129. Braungart wertet die gerade für die «kleine» Gelegenheitsrhetorik zentrale Quelle aus, die Lünigsche Sammlung:
J.C. Lünig (Hg.): Grosser Herren, vornehmer Ministren, und
anderer berühmten Männer gehaltende Reden. 12T. in 6Bd.
(1707—1722). Diese Sammlung ist insofern ein Glücksfall, als
die höfisch-politischen Reden normalerweise nur extemporiert
oder nach Stich Wörtern gehalten wurden; einer Konservierung
für die Nachwelt hielt man sie nicht für würdig. - 22 R. Vormbaum: Ev. Schulordnungen, 3Bde., Bd. III (1860-1864) 270f.
- 23J.C.Gottsched: Ausführl. Redekunst (1759; ND 1975)
167. - 2 4 H . Bosse: Dichter kann man nicht bilden. Zur Veränderung der Schulrhet. nach 1770, in: JbIG (1978) H. 1, 80-125.
- 25 H. Brunner: Neuster Universalbriefsteller. Ein Ratgeber
für Jedermann (1909) 137. - 2 6 S . E t t l : Anleitungen zu schriftl.
Kommunikation - Briefsteller von 1880 bis 1980 (1984) 115. 27 H. Jung: Reden müßte man können ! Erfolgreiche Versammlungs-, Sitzungs- und Diskussionspraxis (1977) 34. - 28P. Ebeling: Das große Buch der Rhet. (1981) 274.
V. Buchheit: Unters, zur Theorie des Genos Epideiktikon von
Gorgias bis Aristoteles (1960). - F.Quadlbauer: Die antike
Theorie der genera dicendi im lat. MA (Wien 1962). - A. Bremerich-Vos: Populäre rhet. Ratgeber - Hist.-systemat. Unters.
A. Bremerich-Vos
lvgl. Grimm Bd. 1, 909f. - 2K. Stieler: Teutscher Sprachschatz
(1691) 2033. - 3 J . C . Adelung: Grammatisch-krit. Wtb. der
hochdt. Mundart, Bd. 1 (21793) 104. - 4 v g l . L. Fischer: Gebundene Rede (1968) 84. - 5 J . H . Aisted: Encyclopaedia (1649),
Anrede —» Ansprache —» Begrüßungsrede —* Conclusio —* Tomi, cap. 1, 372; TomX, cap. 1, 504. - 6ebd., Tomi, cap. 1,
cap. 1, 505. - 7vgl. H.Lausberg: Hb. der lit.
Enkomion —> Festrede —> Gattungslehre -> Gelegenheitsrede 468f.; TomX,
—» Leichenrede —> Lobrede —> Locus communis
Panegyrik —» Rhet. ( 1990) §§34,35,1163. - 8 vgl. W.Jens: Rhet., in: RDL ,
III, 438f.
Praeceptum —» Tadelrede —> Topik —» Topos
Absehen (gr. -τέλος, télos; lat. finis, scopus, intentio,
propositum; dt. «Redeziel», Zweck, Wirkungsabsicht;
engl, intention, aim; frz. intention, dessein; ital. intenzione, proposito, scopo)
A . Der Begriff <A.> ist als substantivischer Infinitiv die
B. I. Antike. Die in der Folge traditionsbildenden Wesens- und Funktionsbestimmungen des rhetorischen und
poetischen A . formuliert erstmals systematisch ARISTOTELES: Ziel der Rhetorik als lehrbarer τέχνη (téchnë) und
praktischer ίύναμις (dynamis) ist es, für jeden in öffentlicher Rede behandelten Sachverhalt die ihm adäquaten
Überzeugungsmittel bereitzustellen. [1] Deren pragmatischer Anwendungsrahmen ist in drei Redegattungen
differenziert: Gerichtsrede und politische Rede zielen
auf die überzeugende Entscheidung in einer strittigen
Frage ab, das epideiktische Genos (Prunkrede) auf die
überzeugende Präsentation eines unzweifelhaften Tatbestands. Kriterium für die persuasive Wirkung der Rede ist immer das Urteil der Zuhörer. [2] Deren ungleicher Erkenntnisfähigkeit wegen bedarf es einer vereinfachten logischen Beweisführung (ενθύμημα, enthymema) [3], zugleich aber auch der dem Redegegenstand
und dem Publikum angemessenen Affekterregung [4]
durch gezielten Einsatz sprachlicher Mittel. [5] Um
glaubhaft zu wirken, muß der Redner persönliche Würde sowie Kenntnisse der Dialektik und Staatslehre besitzen. Er vermittelt, entgegen PLATONS Rhetorikkritik,
nicht absolute, sondern potentielle Wahrheit (Wahrscheinlichkeit) [6] und darf, entgegen dem Utilitarismuskonzept der Sophisten, die an sich wertfreie téchnë nicht
demagogisch mißbrauchen. Analog stellt Aristoteles
auch in der Poetik der furor-Lehre Platons, wonach der
Dichter unbewußt aus göttlichem Wahn (μανία, manía)
redend einen Abriß der absoluten Wahrheit vermittle [7], ein intentionales Fertigungskonzept gegenüber.
Der Dichter als ποιητή; (poiëtés) oder artifex muß die
rhetorischen Regeln beherrschen, von denen er zwecks
angemessener Wirkung aber abweichen darf (licentia). [8] Die in der Rhetorik auf den aktuellen Fall bezogene Forderung der verisimilitas ist in der Dichtung auf
das allgemein Wahrscheinliche (καθόλου, kathólu) erweitert. Vermittelt wird dieses - am Beispiel der Tragödie anhand einer die menschliche und außermenschliche
Wirklichkeit folgerichtig nachahmenden künstlerischen
Darstellung (mimesis, imitatio), die beim Zuschauer
Furcht und Mitleid erregt (φόβο;, phóbos; έλεος, éleos),
um in seiner Seele eine Reinigung solcher Affekte (κά-Sαρσις, kátharsis) im Sinne eines entspannenden Ausgleichs zu bewirken. [9] Damit ist die grundsätzliche
<Verschwisterung> der beiden artes manifestiert, spezifische Unterschiede im Anspruch der Wahrscheinlichkeit
und der Regelbeachtung sind aus den differenzierten
Wegen der Publikumsbeeinflussung (rhet. persuasio poet, μίμησ:;, mimesis) ableitbar. [10] In der hellenistischen Autokratie wird, wie später in der römischen Kaiserzeit und der sog. zweiten Sophistik, die forensische
Rhetorik gesellschaftlich bedeutungslos und nur mehr in
den declamationes des Schulunterrichts praktiziert (controversiae, suasoriae). Ihr ehemals pragmatischer Zweck
reduziert sich auf einen propädeutischen für die dem nun
dominierenden genus demonstrativum
näherrückende
Poesie. [11] Während der Blütezeit der römischen Republik hingegen hat CICERO die tradierten Funktionen der
griechischen Rhetorik an die aktuellen Staats- und Bildungsverhältnisse adaptiert. Die Beherrschung der ars
rhetorica, für die neben Regelbeachtung auch Veranlagung (natura) und Studium bewährter Vorbilder (imitatio) nötig sind, wird zum Qualifikationskriterium des
Staatsmannes, der perfectus orator ist zugleich Philosoph. [12] Die persuasive Wirkungsabsicht stellt das verbindende Prinzip der Einzelkategorien des Regelsystems, besonders auch in der elocutio dar. Die persuasio
ist in die publikumsbezogenen officia des probare, delectare und flectere differenziert, denen die den Redegegenständen und Zuhörern angemessenen genera dicendi zugeordnet sind. [13] Die Sinngeschlossenheit des Systems
kulminiert im Theorem von der funktionalen Verbindung von Nutzen, Anmut und Würde der Rede: «Sed ut
in plerisque rebus incredibiliter hoc natura est ipsa fabricata, sic in oratione, ut ea, quae maximam utilitatem in
se continerent, plurimum eadem haberent vel dignitatis
vel saepe etiam venustatis» (Doch wie es in so vielen
Dingen die Natur selbst wunderbar gefügt hat, so fügt es
sich auch in der Rede, daß das, was den größten Nutzen
in sich trägt, zugleich am meisten Würde oder oft auch
Schönheit zeigt). [14] In Ciceros Nachfolge faßt Q U I N T I LIANS <Institutio oratoria> die bestehenden Traditionszweige zu einem Lehrbuch für die Ausbildung des Redners als vir bonus dicendi peritus zusammen. [15] Dieser
ist zu persönlicher Tugend, praktischer Tätigkeit und
Allgemeinbildung zu erziehen. Die Rhetorik als bene
dicendi scientia [16] zielt auf Vertretung des Parteiinteresses unter Beachtung des Schicklichen ab. Durch konsequente Verfolgung der Wirkungsabsicht gewinnt die
rhetorische Praxis - ungeachtet auch allfälliger Mißerfolge der Rede - den Wert einer sittlichen Leistung (virtus). [17] Die Weiterentwicklung des aristotelischen Poetikkonzepts von der auf Wirkungsabsicht gründenden
téchnë befördert für die lateinische Literatur H O R A Z mit
seiner <Ars poetica>. Er postuliert die Verbindung von
natura und ars im poetischen Schaffensakt, modifiziert
die mimesis zur Nachahmung des täglichen Lebens und
faßt das poetische A. in die bis ins 18. Jh. programmatisch gültigen Verse «aut prodesse volunt, aut delectare
poetae // aut simul et iueunda et idonea dicere vitae»
(Sinnbelehrend will Dichtung wirken oder herzerfreuend, oder sie will beides geben: was lieblich eingeht und
was dem Leben frommt) [18], womit das funktionale
Zusammenwirken der rhetorischen officia in der Dichtung als affektivisch rezipierbarer Lebenslehre dokumentiert ist. [19] Abweichend von dieser Tradition vertritt die etwas später anzusetzende Schrift <Über das
Erhabene> (1. Jh. n. Chr.) unter Bezug auf Platons furorLehre die Differenzierung von persuasiver Rhetorik und
numinoser Dichtung. Deren Ziel sei die ekstatische Erhebung des Menschen über sich hinaus durch Vermittlung des Übergewöhnlichen (ίψο;, hypsos) [20], das nicht
aufgrund einer gefälligen persuasio, sondern nur mittels
spontan begeisterter Vergegenwärtigung (φαντασία,
phantasía), die Verzückung bewirkt (έκπληξί;, ékplëxis),
erfahren werden könne. [21]
lArist. Rhet. 1,2, l . - 2 e b d . 1,3, l . - 3 e b d . 1 , 2 , 1 3 . - 4 e b d . II,
1—26; vgl. K. Dockhorn: Die Rhet. als Quelle des vorromant.
Irrationalismus in der Lit.- und Geistesgesch., in: ders.: Macht
und Wirkung der Rhet. (1968) 49ff. - 5Arist. Rhet. III, 1. 6ebd. I, 2,14; Plat., Phaidr. 2 7 2 d - e ; vgl. G.Ueding, B.Steinbrink: Grundriß der Rhet. ( 2 1986) 18f. - 7Platon, Apologie
2 2 b - c ; Ion 5 3 4 b - c ; vgl. Ueding, Steinbrink [6] 22f. - 8 A r i s t .
Poet. 25 (1460 b ); vgl. Ueding, Steinbrink [6] 23. - 9 Arist. Poet.
5 (1449 b ); vgl. A.Lesky: Die griech. Tragödie ( 3 1964) 17ff. 10vgl. H. Lausberg: Hb. der lit. Rhet. (-1990) §35. - 11 vgl.
Ueding, Steinbrink [6] 27. - 12vgl. ebd. 34. - 13 Cie. Or. 69. 14Cie. De or. III, 45,178. - 1 5 Q u i n t . , XII, 1,1. - 16ebd. II, 15,
38. - 17Quint. VIII, Vorwort. - 18Horaz, Ars poetica, v. 333f.
- 19vgl. M.Fuhrmann: Einf. in die antike Dichtungstheorie
(1973) 134. - 20Ps. Long, De subì. 1, 4. - 21ebd. 15,2 und
15,8-11.
W. Süss: Ethos. Studien zur älteren griech. Rhet. (1910). W. Schadewaldt: Antike und Gegenwart. Über die Tragödie
(1966). - E . Norden: Die antike Kunstprosa, 2 B d . (ND 7 1974).
- W. Eisenhut: Einf. in die antike Rhet. und ihre Gesch. (1977).
- E. Grassi: Die Theorie des Schönen in der Antike (1980). B. Vickers: In Defence of Rhetoric (Oxford 1988).
II. Mittelalter. Der Bedeutungswandel des rhetorischen und poetischen A. im Mittelalter erklärt sich aus
der epochenspezifischen Modifikation der antiken Lehrgebäude und ihrer Anwendungsbereiche. Sie ist orientiert an der christlichen Weltanschauung, der zeittypischen Sozialstruktur und entsprechenden praktischen
Bedürfnissen. Das bedeutet vor allem eine Reduzierung
der Poetik im System der durch Martianus Capeila, Isidor von Sevilla, Alkuin u . a . vermittelten artes liberales
durch ihre Eingliederung in Grammatik und Rhetorik. [1] Letztere bildet, den praktischen Anwendungsbereichen folgend, drei Spezialdisziplinen aus: die arspraedicandi, dictaminis und versificatoria. Das spezifische
Dichtungsverständnis ist also an diese Kategorien gebunden und realisiert sich nach pragmatischen Wirkungsabsichten. [2] Diese Entwicklung wurzelt bereits in
der Spätantike. Schon AUGUSTINUS begründet in <De
doctrina christiana> (397-426) eine rhetorisch fundierte
Homiletik durch Ausrichtung der Regeln Ciceros und
Quintilians auf Bibelexegese und Schriftpredigt. Die
triadische Korrespondenz von materia, officium und genus dicendi wird nach einer Neufassung des inneren aptums modifiziert: so wie die Bibel immer nur erhabene
Gegenstände in einem anschaulich bildhaften sermo humilis an ein sozial- und bildungsdifferenziertes Publikum
vermittelt [3], läßt der christianus orator die tradierte
Gegenstandsbestimmtheit der rhetorischen officia hinter
einer abwechslungsreichen Stilmischung zurücktret e n ^ ] , deren Kriterium die persuasio des Zuhörers ist:
«[...] in quocumque istorum trium generum dicit quidem
eloquens apte ad persuasionem, sed nisi persuadeat, ad
finem non pervenit eloquentiae» (darum spricht der beredte Mann zwar an sich in jeder der drei Stilarten passend für diesen Zweck der Überredung: aber erst mit der
Tatsache der Überredung hat er sein Ziel erreicht). [5]
So verbinden etwa die Tropen ihre ursprüngliche ornatos-Funktion mit jener des docere zum Zweck der allegorischen Schriftauslegung. [6] Die hier anschließende patristische Lehre vom vierfachen Schriftsinn erfaßt zunehmend auch die poetischen Texte und bestimmt deren
Produktion und Rezeption. [7] Augustins Rhetorikadaption bildet gemeinsam mit der <cura pastoralis> Gregors
d. Gr. die Grundlage der mittelalterlichen artes praedicandi. [8] Die Homiletik hat als einzige Spezialdisziplin
der Rhetorik über deren zahlreiche geschichtliche Funktionswandlungen hinweg ihre substantielle Geltung bis
zur Gegenwart erhalten. [9] Als zweites Derivat des antiken Rhetorikerbes etabliert sich im 11. Jh., juristischen
und kurialen Bedürfnissen folgend, die ars dictaminis als
Anleitung zum kunstvollen Brief- und Kanzleistil in Prosa. [10] Aus der schulpraktischen Eingliederung der
rhet. elocutio in die Grammatik entwickelt sich in Verbindung mit der Metrik und der ennaratio
schließlich die ars versificatoria. Diese besonders an den
Scholien zu Horaz' <Ars poetica> orientierte poetria vetus
zielt als Anweisungssystem für die gebundene Rede vornehmlich auf die Erneuerung der antiken auctores im
Sinn der christlichen Ethik ab. [11] Der generelle Reduktionsprozeß der antiken Rhetorik und Poetik im mittelalterlichen Schul- und Wissenschaftsbetrieb, von der frühscholastischen Festlegung auf propädeutische Funktionen bis zur völligen Ablehnung durch Thomas von
Aquin [12], erfährt ab dem 12. Jh. eine Gegenreaktion in
den Dichtungslehren der poetria nova ·. Aus einem neuen
dichterischen Selbstverständnis heraus sucht man wieder
eigenständige Anleitungssysteme zu schaffen, die Stilkunst und Wissenschaftlichkeit verbinden. [13] Neben
den Horazscholien vor allem auf den Vergilkommentaren
von SERVIUS und DONAT aufbauend, entwickelt hier besonders GALFRED VON VINOSALVO in <Poetria nova> und
<Documentum de modo et arte dictandi et versificando
(12. Jh.) [14] die Theorie des stylus materiae, nach welcher der Stil nicht mehr bloß «Modus der Stoffpräsentation» ist, sondern «inhärierendes Moment» der nach ihrer honestas und utilitas gewählten Gegenstände. [15]
JOHANNES VON GARLANDIA (<Poetria> und <Ars rhythmica>, 13. Jh.) veranschaulicht dies in seiner ständisch determinierten Rota Virgiliana, in der Rang und Namen
der Personen, Gegenstände, Orte etc. ein triadisch gegliedertes zyklisches Bezugssystem bilden. [16] Mit diesen leserbezogenen Anweisungskonzepten kommt das
poetische A. wieder - in zeitgemäßer Modifikation dem horazischen «prodesse et delectare» näher.
1 vgl. E . R . Curtius: Europ. Lit. und lat. Mittelalter ( 9 1978)
155ff.; J. Murphy: Rhetoric in the Middle A g e s (1974) 135ff.;
M. Wehrli: Lit. im dt. M A (1984) 123f. - 2 v g l . P. Klopsch: Einf.
in die Dichtungslehre des lat. M A (1980) bes. 64ff. - 3 v g l .
E . A u e r b a c h : Sermo humilis, in: R o m a n . Forschungen 64
(1952) 304 - 3 6 4 u. ebd. 6 6 ( 1 9 5 5 ) 1 - 6 4 . - 4 v g l . Aug. Doctr. IV,
22. - 5 e b d . IV, 25. - 6 v g l . ebd. III, 2 5 - 2 9 . - 7vgl. H . Wiegmann: Gesch. der Poetik (1977) 22. - 8 vgl. J. Murphy [1] 292f. 9 v g l . W. Jens: R h e t . , in: R D L , III, 439f. - l O v g l . J. Murphy [1]
194ff. - 11 vgl. L . F i s c h e r : G e b u n d e n e R e d e (1968) 117f.;
P. Klopsch[2] 75f. - 12vgl. ebd. 68f. und 164; E . R . Curtius[1]
473ff. - 13vgl. P. Klopsch [2] 122. - 14vgl. E. Farai: Les arts
poétiques du X I I e et du XIII e siècle (Paris 1962) 15ff. 15 H . Wiegmann [7] 24; vgl. F. Quadlbauer: D i e antike Theorie
der genera dicendi im lat. M A (Wien 1962) 90. - 16vgl.
F. Quadlbauer [15] 114ff. ; P. Klopsch [2] 151.
C. S. Baldwin : Medieval Rhetoric and Poetic ( N e w York 1928).
- K. Borinski: D i e A n t i k e in Poetik und Kunsttheorie, Bd. 1
(1914 N D 1965). - E . Norden: D i e antike Kunstprosa, 2 B d e .
( N D 1974). - H . Brinkmann: Z u W e s e n und Form mittelalterl.
Dichtung ( 2 1979). - Β . Vickers : In D e f e n c e of Rhetoric (Oxford
III. Renaissance, Humanismus und Reformation. Die
humanistische Wiederentdeckung und Neuedition der
im Mittelalter teils unbekannten bzw. nur in Paraphrasen verfügbaren antiken Quellschriften (bes. Arist.
Rhet. und Poet., Cie. de orat., Orat. und Brut, sowie
Quint.) [1] führt zur Reformulierung der integrativen
Lehrgebäude und restituiert die Kategorie des A. in
ihrer grundlegend determinierenden Funktion für jede
Art von sprachlicher Kommunikation. [2] Die Bewertung der Sprache als Medium aller kulturellen Tätigkeit
und die Problematisierung der soziokulturellen Gegebenheiten in ihrer geschichtlichen Dimension bei gleichzeitiger Orientierung am praktischen Nutzaspekt alles
Wissens «befreien» die Rhetorik aus ihrer «Unterdrükkung» durch die scholastische Theologie und erheben sie
aufgrund ihrer immanenten Verbindung mit der Dialektik in der Topik über die Philosophie zur Disziplin der
Wahrheitsfindung und aufgrund ihrer aptumsgeregelten
persuasiven Wirkungsfaktoren (ornatus) zur Vermittlerin des neuen Ideals der Weltklugheit. [3] So erklärt P.
MELANCHTHON: «Tanta est Dialecticae et Rhetoricae cognado, vix ut discrimen deprehendi possit [...] ideo in
Dialecticis tradi locos inveniendorum argumentorum,
quibus Rhetores etiam uti soient» (So groß ist die Verwandtschaft zwischen Rhetorik und Dialektik, daß kaum
ein Unterschied festgestellt werden kann [...] darum
werden in der Dialektik die Fundstellen für Argumente
tradiert, die auch die Redner benützen) [4] und weiter:
«Accersunt ex Dialéctica et formam Syllogismorum, et
pleraque alia praecepta. Ita admixta Dialéctica Rhetoricae, non potest ab ea prorsus divelli» (Aus der Dialektik
werden sowohl die Formen des Syllogismus als auch eine
große Anzahl anderer Regeln entnommen. Darum ist
die Dialektik der Rhetorik verbunden und darf keinesfalls von ihr abgetrennt werden). [5] Auf die persuasive
Funktion des ornatus verweist C . GOLDTWURM in seinen
<Schemata Rhetorica>: «Also ist auch eyn Oration/welche mit disen und dergleichen schematibus messig und
nach gelegenheit der sach/zeit/und person/geziert und
besprengt wirdt/den menschen lüstig und lieblich zuhören.» [6] In diesem Sinn entwickeln sich auch die rhetorischen Spezialdisziplinen des Mittelalters weiter. In ihrer
Verbindung von sapiencia und eloquentia zum Inbegriff
allgemeinmenschlichen Bildungswissens überträgt die
Rhetorik den antiken Bildungskanon in den humanistischen Schulbetrieb (Melanchthon, Sturm, Jesuiten) [7],
regelt die wirkungsspezifische Anwendung der Dreistillehre unter Berücksichtigung des differenzierten Publikums in der neuentwickelten protestantischen Homiletik
(Luther, Melanchthon) [8] und transformiert das antike
vir bonus- Ideal zum gesellschaftlichen Leitbild des Hofmannes (B. Castiglione <11 cortegiano>, 1527), womit die
kulturtragende Rolle des gebildeten Adels begründet
wird. [9] In eklektischer Systematisierung der Poetiken
des Aristoteles und Horaz, der /wror-Lehre Piatons und
in Anlehnung an G.Vida (<De arte poetica>, 1527)
postuliert J. C. SCALIGER in seinen <Poetices libri VII>
(1561) die notwendige Verbindung der «göttlichen Eingebung» des Dichters mit dem Studium einer rhetorisch
normierten ars anhand antiker Musterautoren als Voraussetzung einer zweckorientierten Entfaltung des innovativen «poetischen Geistes». [10] Dem Idealbild des
poeta eruditus entspricht das Ziel der Dichtung, durch
Nachahmung der Natur, so wie sie sein sollte, anhand
paradigmatischer Handlungen in angenehmer Unterhaltung moralischen Nutzen zu stiften. [11] Das führt unter
Rekurs auf Seneca u . a . zu der bis auf Lessing bedeutsamen Umdeutung der aristotelischen Katharsis in der
Tragödie: zur intendierten Ablehnung der schlechten
Affekte durch den Zuschauer zwecks moralischer Besserung. [12] Von der Rede unterscheidet sich die Dichtung
bei Scaliger aufgrund ihrer analogen Regelgrundlage
vornehmlich durch ihre Fiktionalität und Versbindung. [13] Diese «klassizistische» Dichtungstheorie wird
den deutschen Barockpoeten einerseits durch Poetiker
des Jesuitenordens, bes. J. PONTANUS (<Poeticarum institutionum libri III>, 1594), vermittelt, andererseits durch
G. Vossius (<De artis poeticae natura, ac constitutione),
1674) und D. HEINSIUS, den Lehrer Opitzens. [14] Etwa
gleichzeitig propagieren die Theoretiker des Manierismus, besonders B. GRACIAN, E. TESAURO und G . MARINO, die Emanzipation der dichterischen Einbildungskraft unter Erhebung des modischen Geschmacks zum
dominierenden Regelkriterium [15], die Ablehnung der
verisimilitas-Vorschrift,
den selbstzweckhaften Einsatz
des ornatus und gezielte Überraschungseffekte auf den
Leser [16]. Diese Thesen finden z. B. im Schwulststil des
Spätbarock ihre äußerliche Fortsetzung. [17]
Elementa Rhetoricae (1532) Bii r . - 3 v g l . Kristeller [1] 55. 4 P . Melanthonis Opera, hg. von C . G . Bretschneider, Bd. XIII
(1846) Sp.419. - 5 e b d . S p . 4 2 0 . - 6 C . Goldtwurm: Schemata
Rhetorica Teutsch (1545) Vorrede A VI r . - 7vgl. W. Barner:
Barockrhet. (1970) 260ff. und 321ff. - 8vgl. B . S t o l t : D o c e r e ,
delectare und movere bei Luther, in: dies.: Wortkampf (1974)
77. - 9vgl. W. Barner[7] bes. 372ff. - 10vgl. J . C . Scaliger:
Poetica (1561; N D 1964) V, c. 1 A , 214; A . B u c k ( H g . ) : J . C .
Scaliger: Poetica (1561; N D 1964) Einleitung V l l f . und X I V f . ;
Wiegmann [1] 35. - 1 1 vgl. Scaliger [10] I, c. 1 B, 1 u. II, c 25 D ,
113; Buck [10] Einl. IX u. X V I . - 1 2 vgl. Scaliger [10] VII, c. 3 C,
3 4 8 u . III, c. 97 A , 145; Buck[10] Einl. X V I f . ; Wiegmann [1] 36.
- 13vgl. Scaliger [10] I, c 1 A , 1; Buck [10] Einl. XV. - 14vgl.
Wiegmann [1] 41. - 15vgl. E . R . Curtius: Europäische Lit. u.
lat. M A ( 9 1978) 301ff.; kritisch bei W. Barner [7] (1970) 38f. 16 vgl. G. R. H o c k e : Manierismus in der Lit. (1959) 136 u. 146ff.
- 1 7 vgl. W. Barner [7] 37ff.
l v g l . P . O . Kristeller: Stud, zur Gesch. der Rhet. und zum
Begriff des Menschen in der Renaissance (1981) 46f.; H. Wiegmann: Gesch. der Poetik (1977) 33. - 2vgl. P. Melanchthon:
M . T . Herrik: The Fusion of Horatian and Aristotelian Literary
Criticism, 1 5 3 1 - 1 5 5 5 (Urbana 1946) ( = Illinois Studies in
Language and Literature Vol. X X X I I ) . - Κ. Borinski : D i e Antike in Poetik und Kunsttheorie, Bd. 2 (1914, N D 1965). A . Hauser: D e r Manierismus (1964). - Κ.-P. Lange: Theoretiker des lit. Manierismus (1968). - H . - O . Burger: Renaissance Humanismus - Reformation (1969). - E . N o r d e n : D i e antike
Kunstprosa, 2 B d . ( N D 7 1974). - M.Fumaroli: L'age de l'eloquence ( G e n è v e 1980). - W . J e n s : Martin Luther. Prediger,
Poet und Publizist, in: ders.: Kanzel und Katheder (1984). B. Vickers: In D e f e n c e of Rhetoric (Oxford 1988).
IV. Barock. Die im Humanismus restituierte antike
Rhetorik- und Poetiktradition wird im deutschen Literaturbetrieb des 17. Jh., mit zeitlicher Verzögerung gegenüber anderen europäischen Nationalliteraturen, den aktuellen soziokulturellen Bedürfnissen angepaßt. Dabei
begründet die zentrale Kategorie des A. mit der funktionalen Wechselbeziehung der artes als Regulative der
Sprachgestaltung auch ihre Bedeutung als programmatische, gesellschaftsstrukturierende Bildungsfaktoren. [1]
J. M . MEYFARTS an Scaliger orientierter Definition der
Rhetorik als «Kunst von einem vorgesetzten Ding zierlich zu reden / und künstlich zu überreden» [2] korrespondiert mit der Funktionsbeschreibung der Dichtung
durch M. OPITZ: «Dienet also dieses alles zue uberredung und Unterricht auch ergetzung der Leute; [B4 b ]
welches der Poeterey vornemster zweck ist.» [3] Das
identische Bild von der «vergoldeten Pille», mit dem
etwa G. P. HARSDÖRFFER die persuasive Funktion des
ornatus in der Rede [4] und A. BUCHNER die fiktionale
Wahrheitsvermittlung der Dichtung zu moralischen
Zwecken umschreiben [5], illustriert diese Wechselbeziehung. In beiden Fällen geht es um die «Umsetzung
von res in verba, die ihren Zweck am Aufnehmenden
realisiert». [6] Daher bezeichnet G. J. Vossius unter
Rekurs auf Quintilian «Oratoria, & Poetice» als «germanae sorores», die «domos habitant contiguas; deque uno,
ac eodem fonte, saepe hauriunt, quod bibant» ([...]
Beredsamkeit und Dichtkunst als leibliche Schwestern,
die in benachbarten Häusern wohnen; und die oftmals
aus ein und derselben Quelle schöpfen, was sie trinken) [7] und verweist damit auf die rhetorische Struktur
der Poetik und Poesie. [8] Spezifische Unterschiede der
artes werden also nie von ihrem A. her, sondern aus der
äußeren Gestalt und Produktionsweise ihrer opera begriffen. [9] So resümiert S. VON BIRKEN «Ich nenne es die
Teutsche Redebind-Kunst / gleichwie im Latein die Poeterey Ligata Oratio genennet wird: wie sie dann darinn
von der Prosa oder Rede Kunst unterschieden ist / daß
sie die Wörter in Zeilen und die Zeilen in ganze Redge18
bände / zusammen bindet / der hingegen die andere frei
daher fließt» [10] und ergänzt die allgemeingültigen Horaz paraphrasierenden A.-Kategorien «Nutzen und Bedeuten» zeitgemäß: «So nennen dann wir Christen den
dritten Zweck der Poesy / vielmehr den ersten / die Ehre
Gottes. Die Poetische Dichtfähigkeit / [...] und der
Geist komt vom Himmel: so ist ja billig / daß dessen
Wirkung in seinem Ursprung wiederkehre.» [11] Harsdörffer versucht sogar einen Entwicklungsprozeß zu rekonstruieren: «Erstlich war die Rede zu Ausdrückung
seiner Gedancken gebrauchet / hernach zu einer Zier
durch die Redekunst für den Richterstul gestellet : nach
und nach auch zu Belustigung deß Verstands in Gebände
gebracht»[12] woraus folge: «Obwohl der Redner fast
alle Zierlichkeit deß Poeten gebrauchet / so ist doch seine
Kunst gegen jenen zu achten / als das Gehen gegen dem
Dantzen.» [13] Insgesamt läßt die jeweils stärkere Akzentuierung aristotelischer oder platonischer Leitbegriffe und die evidente größere poetische licentia die Fülle
der barocken Poetiken und Rhetoriken als gemäßigte
Variationen des antiken Grundakkords erscheinen [14],
Kenntnis und Anwendung der tradierten Lehrgebäude
dienen zunächst dem kulturpatriotischen Ziel, durch
sprachliche Regelungen die deutsche Literatur der lateinischen und den übrigen europäischen ebenbürtig zu
machen. So bemerkt von Birken: «Man vertheidigt dißorts nicht die faule Teutsche Michel / die kein gut Latein
innehaben / und nur ein armes alberes Teutsch daher
klecken. Man hält hingegen für gewiß / daß der nichts
weniger als ein Poet sei / der nicht die Lateinische und
Griechische Poeten gelesen hat / und selbst einen solchen
wenigst in Latein abgibet: maßen auch die Verse - Zier /
von der fremden / in die Teutsche Poesy soll übertragen
werden.» [15] Darüber hinaus aber wirken der Unterricht des Regelkanons und seine Anwendung in Drama
und Roman als Ordnungsfaktoren im Sinn der zeittypischen Sozialdisziplinierung und repräsentativen Lebensform: die aptumsgeregelte Affektsteuerung und der pädagogische Exempelcharakter der Dichtung werden zum
Erziehungsmodell des «homo civilis» bzw. gewinnen
Leitbildfunktion für gelehrt-höfisches Verhalten. [16]
Daher zielen die artes als erwerbbares Bildungsgut auf
eine zumindest meritorische Aufstiegsmöglichkeit des
gelehrten Bürgers in die am Ideal des Hofmannes orientierten Adelskreise im Sinne der nobilitas litteraria
ab. [17] Diesen nur in den Sprachgesellschaften oder im
akademischen Bereich teilrealisierten Zielvorstellungen
sucht C. WEISE durch eine radikal pragmatisch-soziologische Umwertung der tradierten Bedeutung des A. allgemeine Geltung zu verschaffen. Statt von der Sache zu
überzeugen soll der am Publikumsgeschmack orientierte
Einsatz der Stilmittel dem persönlichen Erfolg des Redners selbst, seiner gesellschaftlichen Ästimierung und
politischen Karriere dienen. [18] Analog wird in der zur
«Dienerin der Beredsamkeit» umgedeuteten Poesie [19]
deren ethischer Anspruch der moralischen Besserung
ersetzt durch ihre propädeutische Aufgabe bei der Stilbildung und ihren Zerstreuungseffekt für Mußestunden. [20] Auch die Nachahmung der Musterautoren wird
auf die alltagsbezogene Anwendung stilistischer Kunstgriffe konzentriert. [21]
scher Trichter, 3. T. (1653; N D 1969) 30. - 5 A. Buchner: Kurzer Weg-Weiser zur Dt. Tichtkunst (1663) 8. - 6L. Fischer:
Gebundene Rede (1968) 92. - 7 G . J. Vossius: D e artis poeticae
natura, ac constitutione (Amsterdam 1647) lf. - 8vgl.
J. Dyck [1] 25ff. - 9 v g l . L. Fischer [6] 88. - IOS. v.Birken: Teutsche Rede-bind und Dichtkunst (1679) Zuschrift. - 1 1 ebd. 185.
- 12G.P. Harsdörffer [4] 1.T. (1650; N D 1969) 4. - 13ebd. 2. T.
(1648; N D 1969) 1. - 14vgl. H. Wiegmann: Gesch. der Poetik
(1977) 46ff. - 15S. v.Birken[10] 22. - 16vgl. W. Barner[l] 241
(passim). - 17vgl. J . D y c k [ l ] 125f. u. 129f.; W.Barner[1]
225ff.; W.Jens: Rhet., in: RDL 2 , III, 438. - 18vgl. C.Weise:
Politischer Redner (1683; N D 1974) Widmung [B1.2r]; ders.:
Neu-Erleuterter Politischer Redner (1684; N D 1974), «Gedancken Uber das Kupferblat» bes. Str. 4 und 5; L. Fischer [6]
86; W. Barner [1] 184f. - 19 C.Weise: Curiose Gedancken von
Deutschen Versen (1702) II, 16. - 20ebd. II, 4f. - 21 vgl.
C. Weise: Curiose Gedancken von der Imitation (1698) 9.
1 vgl. J.Dyck: Ticht-Kunst (1966) 126f.; W.Barner: Barockrhet. (1970) 226 und 387ff. - 2 J . M . Meyfart: Teutsche
Rhetorica (1634) 59f. - 3M. Opitz: Buch von der dt. Poeterey
(1625; N D 1962) B4 a f. ( = S.12). - 4 G . P . Harsdörffer: Poeti-
G. Müller: Dt. Dichtung von der Renaissance bis zum Ausgang
des Barock (1927, N D 1957). - G. Brates: Hauptprobleme der
dt. Barockdramaturgie in ihrer gesch. Entwicklung (1935). K.Borinski: Die Antike in Poetik und Kunsttheorie, Bd. 2
(1914, N D 1965). - A.Hirsch: Bürgertum und Barock im dt.
Roman (Köln/Graz 2 1957). - B. Markwardt: Gesch. der dt.
Poetik (Grundriß der Germ. Philologie 13/1) Bd. I: Barock und
Frühaufklärung ( 3 1964). - U . Stötzer: Dt. Redekunst im 17. und
18. Jh. ( 1 9 6 2 ) . - R . Hildebrandt-Günther: Antike Rhet. und dt.
lit. Theorie im 17. Jh. (1966). - V.Sinemus: Poetik und Rhet.
im frühmodernen Staat (1977). - E . Haas: Rhet. und Hochsprache (1980).
V. 18. Jh. und die Folgen. Weises pragmatischer Tenor
weist teilweise auf das aufklärerische Konzept der vernunftgeregelten Überzeugungs- und Einbildungskraft,
Geschmacksbildung und Urteilsfindung voraus, unter
dem die Tradition der artes bei J. C. GOTTSCHED ihre
induktiv-empirische Modifikation erfährt. [1] In seiner
Ausführlichen Redekunst> (1736) betont er: «Soll aber
die Redekunst [ . . . ] eine vernünftige Anweisung zur Beredsamkeit seyn: So muß dieselbe nicht in gewissen willkührlich angenommenen; sondern auf die Natur des
Menschen gegründeten, und aus der Absicht des Redners hergeleiteten Regeln bestehen [ . . . ] Man muß die
Vernunft- und Sittenlehre zu Hülfe nehmen, den Verstand und Willen des Menschen kennen zu lernen. [...]
Auch die Alten werden von uns nur darum zu Lehrern
und Mustern angepriesen, weil sie ihre Regeln und Exempel nach dieser Vorschrift eingerichtet haben.» [2]
Ähnlich führt er in seinem <Versuch einer critischen
Dichtkunst» die von Opitz und den Franzosen vermittelte «klassizistische» Richtung zur letzten Hochblüte. Horaz (<Ars poetica», V, 343f.) zitierend paraphrasiert er
das A. der Dichtung als Verbindung der angenehmen
Affekterregung mit moralisch-gesellschaftlichem Nutzen. [3] Doch wird die konventionelle Naturnachahmungs- und Wahrscheinlichkeitstopik, orientiert an C.
Wolffs und C. Thomasius' Philosophie, zum Leitbegriff
des «guten Geschmacks» als Kriterium der Textproduktion und -beurteilung sublimiert. [4] Die dafür vorhandenen individuellen Anlagen müssen mit gesunder Vernunft und durch exemplarische Lektüre nach den an der
menschlichen Gemütsverfassung orientierten Regeln
entwickelt werden. [5] Dermaßen ausgebildet soll sich
der Poet weder dem modischen Geschmack des Hofes
noch dem barbarischen des Volkes anpassen, sondern
diese läutern. [6] Diese modifizierte Anweisungspoetik
distanziert sich ebenso vom spätbarocken Manierismus [7], wie sie die Dichtung gegenüber der instrumentalistischen Definition C. Weises zum objektiven Medium
bürgerlicher Erziehung aufwertet und gleichzeitig dessen emanzipatorische Ansätze eines bürgerlichen soziokulturellen Selbstverständnisses zur wissenschaftlich
fundierten Entfaltung bringt. [8] Doch setzt fast gleichzeitig mit der Kritik des deutschen Idealismus an den
rationalistischen Denkmodellen der Aufklärung die
schrittweise Reduktion der in der tradierten Kategorie
des A. begründeten Verschwisterung der artes und ihrer
ästhetischen und gesellschaftlichen Bedeutung ein. J. J.
BREITINGER propagiert in seiner <Critischen Dichtkunst)
(1740) unter Rekurs auf Pseudo-Longinus die emotionale Emanzipation der Einbildungskraft von der normativen Regelanwendung und die «freie» Erhebung des
«poetischen Geistes» über die gesellschaftliche Wirklichkeit [9] während I. K A N T besonders in der <Kritik der
Urteilskraft) (1790) die rhetorische persuasio als Kunstmittel ablehnt und die «Autonomie des genialischen Individuums» analysiert. [10] Rhetorik und Poetik wandeln sich von normativen Anleitungssystemen der Textproduktion zu Rezeptionssystemen einer philosophischen Ästhetik bzw. bleiben in der Folge auf die
Stilkunde und Interpretationslehre des Schulunterrichts
beschränkt. Erst mit der ideologischen Kritik des idealistischen Konzepts von der zweckfreien Dichtung und
dem Neubegreifen der grundlegenden Intentionalität jeder Sprachgestaltung durch die interdisziplinär strukturierte New Rhetoric gewinnt die persuasive Grundlage
des Systems als Identifikationskriterium der vielfachen
Beeinflussungsstrategien des Alltags wieder eine breitere gesellschaftliche Bedeutung. [11]
Α . Der etymologisch vom Überfließen des Wassers
hergeleitete Begriff bezeichnet die Grenze zum <mehr als
genug> und erweist sich somit als gleichermaßen empfänglich für negative (schädliches Übermaß) und positive Konnotationen (gesunde Fülle). Als rhetorischer Terminus hat <A.> keine eindeutig festlegbare Bedeutung;
sie kann immerhin als Unterbegriff zur umfassenderen
und deutlicher bestimmbaren copia verstanden werden.
Auch wenn CICERO an einer Stelle «rerum copia» einfach
durch «rerum abundantia» ersetzt [1], so steht doch copia mehr für den Vorrat und die großzügige Verwendung
von Topoi, Ideen, Gedanken- und Wortfiguren und somit für das Gesamtphänomen rhetorischer Reichhaltigkeit, während A. sich mehr auf die Wortfülle, den reichhaltigen Fluß der Rede bezieht, was sich auch in einem so
äußerlichen Gesichtspunkt wie der Redelänge niederschlagen kann : H E R M O G E N E S nennt als einen Aspekt der
Redefülle das «unaufhörliche Fortsprechen». [2] Sowohl
was den Redegegenstand (res), als auch was den Hörer
betrifft, so stellt die Stilqualität A. an den Redner den
Anspruch, beiden gerecht zu werden: der Sache/dem
Gedanken, indem er durch immer neue Formulierungen
ihr inhaltliches Spektrum zu erfassen sucht; dem Hörer,
dem er durch das variierende Verweilen bei einem Gegenstand das Verständnis erleichtert (docere) und den er
erst aufgrund einer gewissen Breite der Darstellung für
die Sache erwärmen kann (movere).
1 vgl. H. Wiegmann: Gesch. der Poetik (1977) 5 6 . - 2 J . C . Gottsched: Ausführliche Redekunst (1736, N D 1973) 42f. - 3 d e r s . :
Critische Dichtkunst ( 4 1751) 159 u. 161. - 4ebd. 125; vgl.
H. Freier: Kritische Poetik. Legitimation und Kritik der Poesie
in Gottscheds Dichtkunst (1973) 48f.; Wiegmann [1] 56. 5Gottsched[3] 128 u. 130f. - 6ebd. 135. - 7ebd. l l l f . - 8vgl.
Freier [4] 69. - 9 vgl. ebd. 17f.; W.Jens: Rhet., in: R D L 2 , III,
443. - 1 0 K U I, § 46f.; vgl. W. Barner: Barockrhet. (1970) 12f.;
W. Jens [9] 433; H. Wiegmann [1] 89. - 1 1 vgl. W. Jens [9] 444.
E . Zilsel: Die Entstehung des Geniebegriffs (1926). - S. Bing:
Die Nachahmungsthe

References: § 11
 §2
 § 3

§ 343
 §939
 §930
 §1079
 §35
 § 46