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Volume 14, No. 1, Art. 9 – Januar 2013
Zusammenfassung: Die Themen Sport und Bewegung nehmen neben der Ernährung und dem Medienkonsum eine zentrale Rolle in den deutschsprachigen, gesundheitsbildenden Diskursen ein. In dem Beitrag wird in Bezugnahme auf FOUCAULT (1974, 2004a, 2004b) der zentralen Frage nachgegangen, welche gouvernementale Funktion der Sport und die Sportwissenschaft in der Gesundheitsbildung einnehmen. Zudem wird untersucht, welche Selbst- und Fremdzuschreibungen in den Diskursen von wem wie vorgenommen und (re-) konstruiert werden.
In dem Beitrag werden die Ziele, Inhalte und Methoden der gesundheitsbildenden, politischen Maßnahmen und politischen Kampagnen sowie der sportwissenschaftlichen, insbesondere sportpädagogischen Publikationen in Deutschland der Jahre 2003 bis 2010 diskursanalytisch untersucht. Die intendierten Verhaltens- und Lebensstilmodifikationen sowie die inhaltlichen Positionen werden kritisch reflektiert und diskutiert.
Keywords: Adipositasdiskurse; Diskusanalyse; Körpersoziologie; Sportpädagogik; Sportwissenschaft
1. "Fit statt Fett". Zur Thematisierung gewichtiger Körper in den politischen und medialen Diskursen
2. Forschungsansatz und Fragestellungen
3. Theoretische Grundannahmen
3.1 Zum Verständnis des Begriffes der devianten Körper
4. Empirisches Material und methodisches Vorgehen
5. "Risikofaktor Adipositas". Zur Problematisierung adipöser Kinder- und Jugendkörper in sport- und bewegungswissenschaftlichen Spezialdiskursen
6. "Im Kampf gegen die Zeitbombe Übergewicht". Ergebnisse der Feinanalyse
6.1 Körper, Bewegung und Sport (-unterricht)
6.2 Gesundheit und Krankheit
6.3 Bildung und Erziehung
6.4 Gesellschaft und Umwelt
6.5 Politische Kampagnen und staatliche Regulierungen
7. Synoptische Gesamtanalyse
7.1 Der Krisendiskurs
7.2 Das Nichtsagbare und Nichtsichtbare
"Die Dickmacher: Warum die Deutschen immer fetter werden und was wir dagegen tun müssen" lautete der Titel des 2004 von der damaligen deutschen Verbraucherschutz- und Ernährungsministerin Renate KÜNAST publizierten Buches. Der aus den politischen Reihen angestimmte Alarmismus gipfelte in Prognosen ökonomischer Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe durch Übergewicht und Adipositas (S.16-17). Eine Zunahme an Körpergewicht wird als schleichendes und bedrohliches Phänomen in der deutschen Bevölkerung konstruiert und mit Viruserkrankungen verglichen, die staatliche Maßnahmen erfordern:
"Wir verfetten langsam, aber sicher. Eine Umkehr ist durch individuelle Diätmühlen nicht in Sicht. Genau das Schleichende jedoch ist das große Problem, auch bei der öffentlichen Wahrnehmung. Die Bäuche haben sich allmählich in unseren Alltag gedrängt. Inzwischen verursacht die Fehlernährung allein in Deutschland 70 Milliarden Euro Folgekosten im Jahr. Was wäre wohl los, wenn ein Virus oder eine Tierkrankheit derartige Schäden anrichtete?" (a.a.O.). [1]
Verstanden als entscheidender "Wirtschaftsfaktor" sowie "Standort- und Wettbewerbsvorteil" wird der Gesundheit im Kontext einer globalisierten Ökonomie eine zunehmende gesellschaftspolitische Bedeutung zugeschrieben (BZgA 2008). "Gesundheit durch Bewegung" wird in Diskursen als eine individuelle und kollektive Investition in das sog. "Humankapital" thematisiert. Die "neue[n] Märkte" der wachstumsstarken Wellness- und Fitnessbranchen, in denen der ästhetische Aspekt des "in Form Bringens" des Körpers als eine Investition in das symbolische Kapital begriffen wird, erfahren staatliche und wissenschaftliche Förderung. Im Mai 2007 verabschiedete die deutsche Bundesregierung die Kampagne mit dem Titel "Fit statt fett" (BMELV & BMG 2007). Die Folgekampagne von Horst SEEHOFER und Ulla SCHMIDT1) im Januar 2008 trug den neutraleren, aber ebenso kausalistischen Titel: "Gesundheit durch Ernährung und Bewegung" oder ebenfalls seit 2008 "IN FORM" mit dem Untertitel "gesünder essen, mehr bewegen – besser leben" (BMELV & BMG 2008). Mitte Juli 2009 initiierte die deutsche Arbeiterwohlfahrt (AWO), u.a. in rund 1.800 Kindertagesstätten, die von der Glücksspirale unterstützte Kinderkampagne "Kinder IN FORM – gemeinsam begeistern, zusammen bewegen" (BMG 2009; BADENWEILER ERKLÄRUNG 20072)). [2]
Die verbalen Kausalkonstruktionen wie "Fit statt fett", "Gesundheit durch Ernährung und Bewegung" sowie "Schlüssel für mehr Lebensqualität" (BMELV & BMG 2007) implizieren die Annahme, dass mehr sportive Bewegungs- und gesundheitsbewusste Ernährungspraxis direkte Auswirkungen auf das Körpergewicht und dieses auf die Lebensqualität haben könne. Zentrale Annahme, die in zahlreichen Publikationen Verbreitung fand, war, dass aus übergewichtigen Heranwachsenden auch übergewichtige Erwachsene würden. "Denn wer dick in die Schule kommt, wird wahrscheinlich auch dick durchs Leben gehen" (KÜNAST 2004, S.29). [3]
Im vorliegenden Beitrag wird aus gesellschaftskritischer, körpersoziologischer Perspektive im Rekurs auf die gouvernementalitätstheoretischen Studien FOUCAULTs (2004a, 2004b) diskursanalytisch der übergeordneten Fragestellung nachgegangen, wie der körperlichen Praxis des Sports in der gegenwärtigen bundesdeutschen Dominanzkultur eine Bedeutung bei der "Herstellung" eigenverantwortlicher und leistungsfähiger Gesundheitsbürger_innen im Adipositasdiskurs von wem und auf welche Weise zugeschrieben wird. [4]
Von dieser übergeordneten Fragestellung ausgehend wird in der Feinanalyse danach gefragt, wie in den sportwissenschaftlichen und sportpädagogischen Diskursen vermeintlich deviant-gewichtige Kinder- und Jugendkörper kontextualisiert, bezeichnet, bewertet und gedeutet werden und welche Tiefenstrukturen in diesen Prozessen erkannt werden können. In diesem Zusammenhang wird auch analysiert, an wen sich die Diskurse richten und wer wie mit welchen Ressourcen, Interessen und Strategien die Position der/des Sprechenden einnimmt? [5]
Von besonderem körpersoziologischem Interesse ist der Prozess der sozialen Konstruktion eines von der Gesundheits- und Fitnessnorm abweichenden Körpers. Ausgegangen wird von der Annahme, dass dieser auf vielfältigen Diskursebenen (Wissenschaft, Politik, Erziehung, Medien) als deviant konstruiert und pathologisiert wird und dass die Sport- und Bewegungswissenschaft sich in den Trend eines defizitären Körperdiskurses, wie es THIELE schon 1999 konstatierte, mehrheitlich einreiht. [6]
Adipositas wird in der Mehrzahl der populären und wissenschaftlich-akademischen Diskurse als ein Mangel an Körperdisziplin kontextualisiert und in den folgenden Ausführungen als mangelhafte "Technologie des Selbst" in Anlehnung an FOUCAULT (1993) gelesen. In dieser Konstruktion wird eine (selbst-) disziplinierende und normalisierende Lösung in der sportlichen Körperpraxis gesehen, da die angestrebte Lebensstilmodifikation hin zu einem "aktiveren Lebensstil" häufig in sportwissenschaftlichen Körperdiskursen als Lösung finalisiert wird (NAUL 2005). [7]
Die (Selbst-) Disziplinierung des individuellen Körpers durch die "Technologien des Selbst" und die kollektive, normalisierende Regulierung der Bevölkerung sind integrativer Bestandteil der von FOUCAULT beschriebenen gouvernementalen "Biopolitik" (1976, 2004b). Die Reduktion und Eindämmung von Erkrankungen wird für alle Menschen angestrebt, wodurch die Sicherung der Gesundheit nicht nur eine kollektive Aufgabe, sondern eine permanente individuelle Anstrengung im alltäglichen sozialen Leben wird. Die Körper- und Bewegungspraxis des Sports übernimmt die Funktion der Konstituierung rational handelnder Gesundheitsbürger_innen, die sich eigenverantwortlich in der präventions- und sicherheitsorientierten "Gesundheitsgesellschaft" als "freien Marktteilnehmer" selbst optimieren (BRÖCKLING, KRASMANN & LEMKE 2000; KICKBUSCH 2006; LEGNARO 1997). So werden in gesundheitsbildenden Diskursen gesundheitliche Risiken nicht nur thematisiert, sondern auch konstruiert, und der kollektive Zugriff auf von der Gesundheitsnorm abweichenden Körpern wird legitimiert. [8]
FOUCAULT sieht eine fundamentale Motivation der Biopolitik darin, Menschen erkennen zu wollen, die ein Risiko tragen, und die Art und Disposition des Risikos bestimmen zu können. Von dieser Annahme ausgehend können Praktiken untersucht werden, "auf deren Grundlage das Humankapital erstens verbessert, zweitens konserviert und drittens so lange wie möglich verwendet werden kann" (2004b, S.320). Vor diesem Hintergrund erscheint es wichtig zu fragen, wie hegemoniale Milieus mit den Menschen umgehen, die nicht den Gesundheits- und Körpernormen entsprechen, und wie diese zu einer Normalisierung ihrer diagnostizierten Devianz aufgefordert werden. [9]
Der deviante Körper wird in Anlehnung an BOURDIEUs Habitus-Konzept (1987) im Folgenden zum einen als sozial strukturiert, zum anderen als eine das Soziale strukturierende Struktur verstanden. Er ist sowohl Produkt als auch Produzent sozialer Strukturen: Deviante Körper werden als Produkte sozialer Wirklichkeiten verstanden werden, da sie zu jedem Zeitpunkt auf einen sozialen Kontext bezogen und durch die Umgangsweisen, der in diesem Feld gültigen Interaktions-, Kommunikations-, Deutungs- und Sinnstrukturen geprägt sind. Dieser performative Prozess wird als Materialisierung sozialer Sinn- und Ordnungsmuster erachtet, die darüber hinaus einen konstitutiven Charakter besitzen (GUGUTZER 2004; HAHN & MEUSER 2002; VILLA 2011). [10]
Die diskursanalytische Perspektive des Beitrages impliziert, von diskursiven Konstitutionsprozessen der menschlichen Körper auszugehen. Der deviante Körper wird in einem sozialkonstruktivistisch-diskurstheoretischen Zusammenhang als performative Materialisierung von Diskursen und als ein kontingentes, sich permanent transformierendes Konstrukt verstanden. In diesen Materialisierungsprozessen werden durch das Zusammenspiel von Spezial- und Interdiskursen Normabweichungen hervorgebracht und kontingente Normalisierungsprozesse performativ vollzogen (LINK, LOER & NEUENDORFF 2003; DIAZ-BONE 2006). [11]
Dem diskurstheoretischen Ansatz FOUCAULTs (1974) folgend, verweist der diskursiv konstituierte Normkörper immer auch auf den diskursiv konstituierten abweichenden bzw. abnormen Körper. Die Geschichte des Körpers ist nach FOUCAULT auch immer die Geschichte des anderen Körpers. So wie die konformen Körper die individualisierte Disziplinierung als Selbstdisziplinierung normstabilisierend inkorporieren, verkörpern nicht konforme Körper eine geringere (Selbst-) Disziplinierung und werden als sichtbare Indizien für die Notwendigkeit einer kollektiven, normalisierenden Regulierung verhandelt. Die Disziplin setzt die Norm voraus und lässt sich ebenso auf die zu regulierende Bevölkerung als auch auf den zu normalisierenden individuellen Körper anwenden (2001, S.298). [12]
Die diskursive Konstituierung der vermeintlich devianten Körper vollzieht sich durch normative Denk- und Deutungsmuster, die eine Hegemonie über die Wahrnehmung und Bewertung der Körper in dem jeweiligen sozialen Feld voraussetzen. Jedes soziale Feld, jede Gruppierung innerhalb eines gesellschaftlichen Feldes definiert ausgehend von deskriptiven, kollektivierten Normen3), welches Verhalten oder welche Erscheinung als abweichend oder als normkonform gilt (LAMNEK 2007). Die individuelle Angst vor der Kategorisierung als abnorm sichert die feldspezifische Norm und ihre soziale Funktion der Anpassung ab. Die Körpernorm wirkt somit im Foucaultschen Sinne als regulatorisches Ideal. Die biopolitische Regulierung der Bevölkerung, die gesundheitsbildende Maßnahmen impliziert, orientiert sich überwiegend an präskriptiven, ideellen Körpermodellen und nur selten an den empirischen Körpern (FOUCAULT 2004b).4) [13]
Die Visualität des Körpers ist in diesem Zusammenhang ein zentrales, Realität konstituierendes Kriterium, welches in dem Adipositasdiskurs das Sag- und Sichtbarkeitsverhältnis und damit die Ein- und Ausschlüsse konstituiert (RENGGLI 2007). Denn wie FOUCAULT (2004b, S.320) aufzeigt, ist der menschliche Körper die zentrale Angriffsfläche der disziplinierenden Machttechniken der Biopolitik, sie werden u.a. sichtbar am trainierenden, diätenden oder schwitzenden Körper. Die Disziplinierung und Selbstdisziplinierung, die Selbst- und Fremdkontrolle, erfolgen über kontrollierende und richtende Blicke. Diese werden u.a. durch Diskurse über Körper erzeugt, die bspw. für die Lenkung der Aufmerksamkeit auf Körpernormen sorgen, die wiederum die Wahrnehmung deviant gewichtiger Körper voraussetzt. Die so erzeugten Blicke werden im Verständnis der "Mikrophysik der Macht" (FOUCAULT 1976) zu einer "Mikro-Justiz", die den Körper, den eigenen und den der anderen, kontrolliert und diszipliniert (DREYFUS & RABINOW 1987, S.188). Zu den Akteuren und Akteurinnen der "Mikro-Justiz" werden Menschen, die an der alltäglichen Produktion und Rezeption der Bewegungs-, Sport- und Gesundheitsdiskurse teilhaben. Die Sichtbarkeit des gewichtigen Körpers wird so zur Referenz für die Evidenz einer vermeintlichen Devianz, die von jedem Menschen mit dem Hintergrundwissen der Körperdiskurse alltäglich wahrgenommen und interpretiert werden kann (SCHORB 2009, S.109). Der deviant inszenierte Körper dient somit als authentisches Narrativ, welches an Bedeutung dadurch gewinnt, dass es – wie KÖRNER dezidiert beschreibt – scheinbar Erkenntnis und Einsicht in einem einzigen Moment zusammenführt und Reflexionen oder Sachzweifel überflüssig erscheinen lässt (2008, S.101-108). Die öffentliche Aufmerksamkeit wird durch die verstärkt politisch und medial geführten Diskurse auf alltäglich Sichtbares gelenkt und fokussiert alltägliche Wahrnehmungen und Blicke auf deviante Körper als "zwingend" und "normalisierend" (FOUCAULT 1976, S.221). [14]
Diesen theoretischen Ansätzen folgend, werden sportive Körperpraxen als ein Bestandteil der "Bio-Macht" (FOUCAULT 1977) verstanden, da sie Effekte der (Selbst-) Disziplinierung intendieren, die sich normierend und regulierend auf die individuellen und kollektiven Körper auswirken, die biopolitisch primär als Risikoträger verstanden werden (FOUCAULT 2004b, S.317). Die Normalisierungs- und Disziplinierungsprozesse durch potenzielle Stigmatisierungen des deviant gewichtigen Körpers werden im Folgenden an der gegenwärtigen Debatte zu Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter aufgezeigt. [15]
Die vorliegende qualitative Diskursanalyse zur Problematisierung gewichtiger und adipöser Kinder- und Jugendkörper stützt sich auf Datenmaterial aus dem Zeitraum 2003 – 20105). Das Materialkorpus wurde auf der Makroebene aus international und national vielfach rezipierten deutschsprachigen Publikationen zum Thema Adipositas gebildet6). Er besteht aus Publikationen, die wichtige institutionelle Positionen vertreten, wie die der World Health Organization (WHO), der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), des Robert Koch Instituts (RKI) – hier insbesondere der deutsche Kinder- und Jugendgesundheitssurvey KiGGS7) (BZgA 2006; RKI 2006) –, dem "Nationalen Aktionsplan gegen das Übergewicht" (DAG 2007), der von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem deutschen Bundesgesundheitsministerium (BMG) und dem deutschen Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) erstellt wurde, den deutschen nationalen Aktionsplänen "Fit statt fett" und "IN FORM" (BMELV & BMG 2007, 2008) sowie dem ersten und zweiten "Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht" (SCHMIDT, HARTMANN-TEWS & BRETTSCHNEIDER 2006a [2003] und SCHMIDT, ZIMMER & VÖLKER 2009 [2008]). [16]
Für die sportwissenschaftliche Vertiefung wurden für die Analyse der sportpädagogischen Spezialdiskurse8) 21 Artikel für den Zeitraum 2003 – 2010 aus den beiden deutschsprachigen, renommierten, sportpädagogischen Fachzeitschriften, sportpädagogik9) und sportunterricht10) , die sich explizit11) aus sportpädagogischer Perspektive mit dem Thema Adipositas von Kindern und Jugendlichen befassten, recherchiert und in das Materialkorpus aufgenommen. Die zwei genannten sportpädagogischen Zeitschriften repräsentieren in Deutschland die ältesten und zugleich etabliertesten sportpädagogischen Fachzeitschriften in dem Erhebungszeitraum. Sie berufen sich beide auf eine in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgehende Tradition: die Organisation und Professionalisierung von "Turn- und Sportlehrern" in Schulen und Vereinen (KRÜGER 2001, S.291). Seit den 1970er Jahre erscheinen beide Zeitschriften unter den aktuellen Namen und dominieren den sportpädagogischen Diskurs aus einer eher tradierten verbands- und organisationspolitischen (sportunterricht) und einer eher fortschrittlich kritisch linksorientierten (sportpädagogik) Perspektive.12) [17]
Die Auswahl der 21 Artikel aus den beiden Fachzeitschriften sportunterricht und sportpädagogik erfolgte nicht randomisiert. Sie orientierte sich an den Forschungsfragen nach den sportpädagogischen Thematisierungspraxen vermeintlich "adipöser" Kinder- und Jugendkörper. In das Quellenkorpus wurden alle in dem Zeitraum in den beiden Fachzeitschriften zu der Adipositasthematik erschienenen Artikel aufgenommen. [18]
Alle 21 Artikel wurden einer Strukturanalyse nach den methodischen Schritten, wie sie bei JÄGER und auch LINK in sehr ähnlicher Form zu finden sind, unterzogen (JÄGER 2009 [1993]; JÄGER & JÄGER 2007; LINK 1999). Das Analyseverfahren in Anlehnung an JÄGER und LINK wurde gewählt, da es ihnen und ihren jeweiligen Teams gelungen war, FOUCAULTs Diskurstheorie (1974) durch methodische Verfahrensschritte bereits in den 1990er Jahren empirisch realisierbar zu machen (DIAZ-BONE 2006). Die von JÄGER mehrfach in Publikationen detailliert dargestellten methodischen Schrittfolgen13) erwiesen sich mit Blick auf die sowohl re- als auch dekonstruktivistischen Untersuchungsfragen zielführend und dienten in der Analyse als Teil des Analyseleitfadens, der die intersubjektive Überprüfbarkeit in Diskussionsgruppen gewährleistete (JÄGER 2009 [1993]). [19]
Der von KELLER (2007) für die Fein- bzw. Detailanalyse empfohlenen deutlichen Orientierung an der Methodologie der Grounded Theory und der Vorschlag der Verwendung von Textanalysesoftware (Atlas.ti; MaxQDA) wurden nicht befolgt. Die an die Strukturanalyse anschließende Feinanalyse folgte vielmehr dem übergeordneten Forschungsziel, einen Aussagenkorpus (verstanden als eine "diskursive Formation") in reduzierter Form zu gewinnen. In diesem sind die sich wiederholenden und den Diskurs tragenden Wissens- und Denkstrukturen des sozialen Feldes der Sportpädagogik kondensiert. Als typisch wurden für die Feinanalyse die Textfragmente kategorisiert, die vergleichsweise ähnliche Aussageereignisse, Formationsregeln, Deutungsmuster und Rekurrenzen aufwiesen sowie häufig in anderen Artikeln rezipiert wurden. Die Anzahl der neun als typisch betrachteten Artikel für die Feinanalyse wurde durch theoretische Sättigungseffekte14) der Analyse bestimmt (KELLER 2007). [20]
Nur drei der 21 Artikel erschienen in der Fachzeitschrift sportpädagogik, in denen durch die Artikel der Autoren KRETSCHMER (2003a, 2003b) und BRODTMANN (2005) auch kritischere Stimmen zu dem Mainstream des sportwissenschaftlichen und sportpädagogischen Adipositasdiskurses laut wurden. Im Jahr 2005 widmete sich ein Themenheft der Zeitschrift sportunterricht explizit dem Thema, was die überproportionale Publikationsdichte zu Adipositas in dem Jahr 2005 (mit neun Artikeln in dieser Fachzeitschrift) erklärt15). [21]
Durch das diskursanalytische Vorgehen in Anlehnung an die von JÄGER (2009 [1993]; JÄGER & JÄGER 2007) und LINK (1999) vorgeschlagenen methodischen Schrittfolgen konnten wissenschaftliche Spezialdiskurse vor dem Hintergrund internationaler und nationaler Aktionspläne, institutionell induzierter gesundheitspolitischer Kampagnen und gesamtgesellschaftlich geführter Interdiskurse analysiert werden. Aus dem Materialkorpus wurden zentrale Denkkategorien, Argumentationsstrukturen, Begriffsordnungen, Themenfelder, Haupt- und Nebenthemen, Diskursfragmente16), Diskursstränge und Diskursstrangverschränkungen17) herausgearbeitet, um Tiefenstrukturen des feldspezifischen Wissens, welches das Denken der Subjekte und Kollektive im Feld bestimmt zu erkennen (DIAZ-BONE 2010). [22]
Im Hinblick auf die Rekonstruktion von allgemein typisierbaren Deutungsmustern konnten in der Strukturanalyse u.a. durch methodische Schritte der Sequenzierung, Stichwortsammlung, Kategorisierungen und Clusterbildung sieben übergeordnete Kategorien bzw. Themenkomplexe aus den Diskursfragmenten gebildet werden18). Sie dienten als strukturierende Grundlage der vertiefenden Feinanalyse, die anhand der neun als typisch identifizierten Artikel durchgeführt wurde. [23]
5. "Risikofaktor Adipositas"19). Zur Problematisierung adipöser Kinder- und Jugendkörper in sport- und bewegungswissenschaftlichen Spezialdiskursen
Der sport- und bewegungswissenschaftliche Spezialdiskurs zu Adipositas zeichnet sich mehrheitlich seit Mitte der 1990er Jahre, ebenso wie der dominanzkulturelle Adipositasdiskurs auf der makro- und mesosoziologischen Ebene, durch eine zunehmende Propagierung Besorgnis evozierender Körper- und Fitnessdaten in kausaler Verknüpfung mit bewegungs- und ernährungspraktischen Lösungsansätzen aus. Der deviante Kinder- und Jugendkörper wird in diesem Kontext primär als ein gesundheitlicher Risikoträger kontextualisiert, was zur Folge hat, dass an die Stelle reaktiver Heilungen wissenschaftlich nicht abgesicherte präventive Maßnahmen treten, die auf der Grundlage eines diskursiv erzeugten Handlungsdruckes ihre Legitimation erlangen: "So groß die Forschungslücken derzeit noch sind – wir dürfen nicht warten, bis die Folgen des Bewegungsmangels bei einer ganzen Generation von Kindern eindeutig nachgewiesen sind. Auch auf der Basis des gegenwärtig verfügbaren Wissens ist es dringend geboten" zu handeln (CONSENSUS-ERKLÄRUNG 2004, S.52). [24]
Auf der Basis quantitativer Körpermessungen und Bewegungstests werden in Risikofaktorenmodellen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Erkrankungen und deren antizipierte Ausprägungsgrade sowie Folgeerkrankungen zu berechnen versucht (u.a. BÖS 1996, 2002, 2003, 2009; LANDSBERG et al. 2009, S.107; WOLL 2006). In Mangeldiagnosen wird Sporttreiben zu einem probaten Mittel gegen Adipositas und nahezu alle anderen mit Adipositas in Zusammenhang gebrachten sog. Zivilisationserkrankungen stilisiert (BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005; WYDRA 2006, S.308). LANDSBERG et al. konstatieren, dass "aufgrund ihrer hohen Prävalenz, Morbidität und Mortalität" Adipositas zu einer "der wichtigsten gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit" geworden sei (2009, S.107). [25]
"Übergewicht: Zunehmendes 'Markenzeichen' der jungen Generation" lautet die Überschrift des 2005 erschienenen Artikels von Wolf-Dieter BRETTSCHNEIDER und Andrea BÜNEMANN in der Zeitschrift sportunterricht. BRETTSCHNEIDER und BÜNEMANN fordern das sportaffine Fachpublikum auf, die massive Zukunftsbedrohung durch "Übergewicht" von der Gesellschaft abzuwenden: "Es scheint, dass die junge Generation auf dem Weg in eine übergewichtige Gesellschaft ist, wobei Übergewicht sowohl für die individuelle als auch für die gesellschaftliche Entwicklung als Zeitbombe anzusehen ist, die es dringend zu entschärfen gilt" (S.73). [26]
Die hier verwendete militante Kampf- und Bombenthematik wird in den Folgediskursen reproduziert und modifiziert. Die Semantik wurde auch in Tageszeitungen aufgegriffen und durch Bezeichnungspraxen wie "Kalorienbomber" auf die Populationsgruppe der bildungsschwach Heranwachsenden zugespitzt (NIENHAUS 2006). Zudem wurde in den durch Krisen- und Kampfrhetorik gekennzeichneten Adipositasdiskursen der Sport- und Bewegungswissenschaften die wissenschaftlich nicht belegte, aber Zukunftsängste evozierende Annahme aufgegriffen, dass aus gewichtigen Kindern mit "hoher Wahrscheinlichkeit" auch gewichtige Erwachsene würden (KÜNAST 2004, S.29). In der 2004 von über 50 Vertreter_innen aus Wissenschaft, Politik sowie dem Gesundheits- und Bildungswesen unterzeichneten CONSENSUS-ERKLÄRUNG der 3. Konferenz des Club of Cologne wird von den Expert_innen aus diesem Grunde "vor dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems" gewarnt (2004, S.51). [27]
Kennzeichnend für den sportpädagogischen Adipositasdiskurs nach dem Erscheinen der ersten PISA-Ergebnisse (OECD 2001) ist der affektive Ruf nach Bildungsstandards. Vor allem in Ganztagschulkonzepten wurde zunehmend der Sportunterricht als kompensatorischer Eigenwert gegenüber den als rein kognitiv verstandenen Unterrichtsfächern in den Bildungsdiskursen zu etablieren versucht. Nicht nur in der Erziehungswissenschaft (BUEB 2006), sondern auch in der Sportpädagogik wurde vermehrt Disziplinierung, Leistung, Übung und Wettkampf gelobt. Ein Indiz für die intendierte Aufwertung einer sich etablierenden Gesundheits- und Fitnessforschung kann in der verstärkten Debatte über die Einführung von quantifizierenden einheitlichen sportmotorischen Tests und dem Ruf nach regelmäßigen bundesweiten Fitness-Surveys zu Beginn des 21. Jahrhunderts gesehen werden (CONSENSUS-ERKLÄRUNG 2004, S.51; KRICK 2006). [28]
Im "Ersten", aber vor allem im "Zweiten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht"(SCHMIDT et al. 2006, 2009) ist die sport- und bewegungswissenschaftliche Selbstbezüglichkeit der als besorgniserregend bezeichneten empirischen Daten sowie die intendierte rekursive Neuerhebung, die wiederum der Überprüfung der Wirksamkeit der realisierten Maßnahmen dienen soll, gut dokumentiert (KÖRNER 2008, S.131-132; SCHMIDT et al. 2006a [2003], 2009 [2008]). Während in den Handlungsempfehlungen am Ende des "Ersten deutschen Kinder- und Jugendsportberichts" von 2003 konstatiert wird, dass "[a]ngesichts des wachsenden Anteils adipöser wie auch motorisch benachteiligter Kinder [...] kompensatorische Angebote" entwickelt und bereitgestellt werden sollten (SCHMIDT et al. 2006b, S.409), widmet sich bereits der "Zweite deutsche Kinder- und Jugendsportbericht" explizit dem "Risikofaktor Adipositas" (LANDSBERG et al. 2009, S.107). In zwei ausführlichen Kapiteln, in denen u.a. durch die Tracking-Methode, also die extrapolierende Vorhersage eines Trends, angenommen wird, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit "unfitte" Kinder auch "unfitte" Jugendliche und Erwachsene würden, wird sportliche Aktivität als maßgeblicher Schutzfaktor vor Übergewicht und Adipositas beworben (SCHMIDT 2009, S.87). Angesichts der nationalen "Adipositaskrise" (LANDSBERG et al. 2009, S.107) und der "weltweiten Übergewichtsepidemie" (BÜNEMANN 2009, S.119) wird in dem Bericht Adipositas in dem Zusammenhang mit zukünftig erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsraten genannt. [29]
6. "Im Kampf gegen die Zeitbombe Übergewicht"20). Ergebnisse der Feinanalyse
Für die vertiefende Feinanalyse wurden neun Artikel von neun unterschiedlichen Autorinnen und Autoren der Fachzeitschriften sportunterricht und sportpädagogik als besonders typisch für den Adipositasdiskurs in der Sportpädagogik ausgewählt21). Die Ergebnisse der Feinanalyse weisen nachstehende Inhalte sowie Argumentationsketten und Diskursverschränkungen auf. Im Folgenden werden fünf der sieben Themenkomplexe bzw. übergeordneten Kategorien, die in der Strukturanalyse identifiziert wurden, dargestellt. [30]
Der Themenkomplex generiert sich aus dem Sujet der Sportpädagogik, die sich mit dem Sport als allgemeiner körperlicher Bewegungspraxis und als erzieherischer Praxis befasst. Der Körper und die körperliche Bewegung sind sowohl Medium als auch Gegenstand im Feld des Sports und des Sportunterrichtes. Daher ist der Themenkomplex als feldimmanent zu betrachten und erklärt auch die Dominanz in dem Spezialdiskurs der Sportpädagogik im Verhältnis zu den in den Abschnitten 6.2 und 6.3 beschriebenen Effekten und Bedingungen. [31]
Auffallend in der Feinanalyse des Themenfeldes Körper, Bewegung und Sport (-unterricht) ist, dass der Körper überwiegend normativ, medizinisch, biogenetisch und mechanistisch beschrieben wird. Begriffe wie Gene, Bewegungsapparat, Körperstatus, Kilogramm, Fettgewebe oder Körperfettanteil sowie der BMI werden für die Beschreibung der Körper der Heranwachsenden und deren Konstitution genutzt (BAPPERT & BÖS 2007, S.40-41; BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005, S.75; KRETSCHMER 2003b, S.44; LANG 2006, S.289; WYDRA 2006, S.308). Auch wird von der Energiezufuhr und dem Verbrennen der Energien im Körper durch Bewegung gesprochen, was auf das Verständnis des Körpers als eine Maschine verweist (SARASIN 2001). [32]
In Bezug auf die sportive Leistungsfähigkeit werden die erhobenen "anthropometrischen Daten" der Kinder- und Jugendkörper thematisiert (BAPPERT & BÖS 2007, S.41). Somit werden die Körper primär aus trainingswissenschaftlicher und sportmedizinischer Sicht betrachtet. Nur selten werden der Einsatz der Messverfahren und die Interpretationen der Körperdaten kritisch aus pädagogischer oder gar ethischer Perspektive thematisiert (KRETSCHMER 2003a). [33]
In den sportpädagogischen Adipositasdiskursen wird körperliche Bewegung primär als motorische, koordinative und konditionelle Leistungsfähigkeit verstanden. Im Kontrast dazu wird die Bewegungsaktivität von Kindern und Jugendlichen überwiegend als defizitär, als "Bewegungsmangel", "Bewegungsarmut" oder "Bewegungsinaktivität" thematisiert und das juvenile Kollektiv als "bewegungsfaul" oder sogar als "bewegungsunfähig" bezeichnet (BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005, S.75; KRETSCHMER 2003b, S.44; LANG 2006, S.289; WYDRA 2006, S.308). Die durch den Mangel an (Aus-) Übung entstandenen Defizite sollen durch "Motorik-Screening" im Rahmen eines "Fitness-Surveys" (BAPPERT & BÖS 2007, S.41) mit "BMI-Referenzwerten" (S.40) in Beziehung gesetzt und regelmäßig überprüft werden. Die geforderten bundesweiten und regelmäßigen Bewegungstests sollen z.B. durch das Motorik-Modul "MoMo" (BÖS et al. 2006) als Messinstrumente die antizipierte körperliche Degeneration der Kinder und Jugendlichen in Deutschland erfassen und prognostizieren helfen. Die Bewegungsfähigkeit wird durch Fertigkeiten wie "Standweitsprung", "Halten im Hang", "Zielwerfen", "Zwanzig-Meter-Lauf" oder "Rumpfbeugen" gemessen und in Relation zu "Vergleichsgruppen" aus vergangenen Jahren bewertet (BAPPERT & BÖS 2007, S.42). Mehrheitlich werden die Ergebnisse der sportmotorischen Tests als defizitär eingestuft und als Legitimation des Sportunterrichtes kontextualisiert. In einzelnen Publikationen wird sogar die tägliche Sportstunde gefordert (KIS 2006). Auch eine dringliche Revision der Lehrpläne hin zu reformierten Curricula, in denen wieder stärker trainiert, geschwitzt, geübt, konkurriert und "nicht nur probiert, erfahren, erlebt und wahrgenommen" werden soll, wird als das Ende der "jahrelangen Hochzeiten einer Spaß- und Kuschelpädagogik" in pädagogischen Artikeln gefordert (HUMMEL 2005; LANG 2006; WYDRA 2006; WYDRA & LEWECK 2007). Ab Ende des publikationsreichen Jahres 2005 ist also eine Wende in dem Diskurs und der inhaltlich ideologischen Position zu verzeichnen, die für die darauffolgenden Publikationen richtungsweisend wurde. Im Vordergrund stand von da an die Rückbesinnung auf vermeintlich traditionelle Inhalte des Sporttreibens (HUMMEL 2005). [34]
Die Sicherung und der Ausbau des Schulsports insbesondere in den Ganztagsschulen wird, ohne konkrete didaktische und methodische Konzepte zu nennen, immer wieder als eine Notwendigkeit oder zumindest als ein geeignetes Mittel bei der "Bekämpfung" des "Bewegungsmangels" als dringlich genannt (KRETSCHMER 2003b, S.44). Stimmen, die die Wirkung des schulischen Sportunterrichtes bezüglich der Verbesserung des Gesundheitszustandes der Heranwachsenden infrage stellen, sind in dem Materialkorpus von 21 Artikeln verhältnismäßig schwach vertreten (BRODTMANN 2005; KRETSCHMER 2003a, 2003b; STÜNDL 2007; KRETSCHMER & WIRSZING 2008). Lediglich BRODTMANN warnt ausdrücklich vor primär ernährungswissenschaftlichen und medizinischen "Maßnahmen, die zwar aus medizinisch präventiver Sicht zweckmäßig sein [könnten], aber von denen keinerlei Faszination" (2005, S.43) ausgehe und die "dicke Kinder" auch nicht "dünn" machen würden. Auch sei dies nicht möglich durch die Einführung einer sechsten Sportstunde, so BRODTMANN (S.42). [35]
In der Mehrzahl der Artikel wird die Bewegung im schulischen und außerschulischen Sport (-unterricht) nicht nur als ein wirksames Mittel gegen Übergewicht und Adipositas, sondern auch gegen viele weitere sog. "Zivilisationskrankheiten" (BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005, S.73) thematisiert. Auch wird sportive Bewegung als Voraussetzung für die "Entwicklung eines aktiven Lebensstils" (NAUL 2005, S.72) propagiert, der wirkmächtig die Heranwachsenden für vielfältige Lebensanforderungen wappne und nicht nur die zu hohe "Energiezufuhr" und "Fettzufuhr" (BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005, S.74) reguliere.
"Dabei geht es hier nicht allein um die Förderung von 'Bewegung, Spiel und Sport', sondern auch um Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit für das allgemeine Lernen. Es geht um die Entwicklung von Anstrengungsbereitschaft und die Bewältigung von Lern- und Lebensanforderungen, sowie um körperliche und geistige Frische" (NAUL 2005, S.72). [36]
In der diskursiven Feinanalyse wurde deutlich, dass seit 2005 die sportliche Körperbewegung im sportpädagogischen Adipositasdiskurs nicht nur zunehmend als "energiebilanzrelevantes Verhalten" thematisiert wird, sondern auch als Medium zur "Bewältigung von Lern- und Lebensanforderungen" (NAUL 2005, S.72). Der "Kalorienverbrauch" wird zu einem Qualitätskriterium des guten Sportunterrichtes stilisiert und das Schwitzen als ein per se positives Zeichen gewertet (BRODTMANN 2005, S.42). Schweißtreibende "Anstrengung" und mühevolle "Überwindung" werden als Maßnahmen gegen die zu bekämpfende Adaption an vorhandene motorische Defizite in den Diskurs eingeführt und als ein probates Mittel "im Kampf" gegen Adipositas thematisiert (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355; LANG 2006, S.289). Die genannten Perspektiven vereint, dass eines der größten Risiken für die Zukunft des Kollektivs in der physischen Leistungsschwäche der Heranwachsenden gesehen wird, die auch mit einer geistigen einhergehe, welcher es durch vermehrte Körperbewegung entgegenzuwirken gelte (BÜNEMANN 2009, S.115-116; NAUL 2005, S.72). [37]
Die Dualität von Gesundheit und Krankheit ist neben Körper und Bewegung das zweitstärkste Diskursthema, das in den sportpädagogischen Zeitschriften überwiegend aus einer pathogenetischen Sichtweise behandelt wird und aufs Engste mit dem Thema Ernährung verschränkt ist. In Argumentationsketten wird der Themenkomplex Gesundheit respektive Krankheit im sportpädagogischen Adipositasdiskurs, ebenso wie auf Ebene der WHO (2004), mit der volkswirtschaftlichen Schadensthematik verbunden (BRETTSCHNEIDER 2005, 2006). Die durch erhöhtes Körpergewicht prognostizierten Erkrankungen, die mit einer massiven Gefährdung der deutschen Wirtschaft in Zusammenhang gebracht werden, reichen von Diabetes Typ 2, metabolischem Syndrom, Bluthochdruck bzw. Hypertonie, Herz- und Kreislaufschwächen sowie allgemeinen "chronischen Erkrankungen" über diffuse Krankheitsbilder wie "Schuluntauglichkeit" bis hin zu erhöhten Mortalitätsraten (CONSENSUS-ERKLÄRUNG 2004; WYDRA 2006). 12,1% bis 20% der Kinder und bis zu 70% der Gesamtbevölkerung werden ohne Angabe der exakten Alterskohorte als übergewichtig bezeichnet (BAPPERT & BÖS 2007, S.40-41; BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005, S.73). Es werden Termini wie "weltweite Übergewichtsepidemie" (BÜNEMANN 2009, S.119), "Zivilisationskrankheit Übergewicht" (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355) und Beschreibungen von Kindern und Jugendlichen, die "vor der Glotze hängen" (BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005, S.74) genutzt, um ein durch Degeneration gekennzeichnetes Bedrohungsszenario in Bezug auf die heranwachsenden Generationen zu konstruieren (BRETTSCHNDEIDER 2005, S.321). [38]
In den Artikeln wird bei primärer Thematisierung des Übergewichts aus der ernährungswissenschaftlichen Perspektive "eindrücklich darauf verwiesen, dass isolierte Ernährungsmaßnahmen ins Leere laufen [und] nur Maßnahmen, die auf ausgewogene Ernährung und entsprechende körperliche Aktivität setzen [...,] nachhaltige Erfolge aufweisen" (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355) würden. Als zentrale "Gefahr" werden Nährstoffe gesehen, die zu viel Energie liefern und die "Energiebilanz" aus dem Gleichgewicht bringen. Mit dieser Argumentationsfigur geht die Fokussierung der sogenannten "ungesunden" und "schlechten" Ernährung einher, die durch die "Fast-Food-Kultur" synonymisiert und mit den "Bildungsdefiziten" insbesondere der "sozial schwächeren Schichten" in Beziehung gesetzt wird (BRETTSCHNDEIDER & BÜNEMANN 2005, S.73-77). [39]
Als zentrale Ursache für die unausgewogene Energiebilanz wird wiederum der bewegungsarme und energiereiche Lebensstil herausgestellt. Dabei kommt es zu einer diskursiven Verschränkung der Diskursthemen Bewegung, Ernährung und Gesundheit, von denen angenommen wird, dass sie sich als defizitäre Lebensstilfaktoren in negativ bewerteten Effekten im Leben der Heranwachsenden potenzieren: "Unsere Kinder bewegen sich zu wenig, essen zu viel und ernähren sich ungesund: zu viel Energie, zu viele Kalorien, zu viel Zucker und zu viel Fett" (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355). [40]
Die Feinanalyse zeigt, dass die geführten Diskurse zu Gesundheit und Krankheit in ihren spezifischen Diskursverschränkungen zu sozialem Milieu, Bildung und Wirtschaft geeignet sind, Krisenstimmungen und Stigmatisierungen zu evozieren und die Bereitschaft für Sofortmaßnahmen "zur Bekämpfung" (KRETSCHMER 2003b, S.44) von Adipositas insbesondere in den problematisierten "unteren sozialen Schichten" zu befördern (BRETTSCHNDEIDER & BÜNEMANN 2005, S.76). [41]
"Sport macht schlau" avancierte zum Werbeslogan der 1990er und 2000er Jahre (KIS 2006; ZIMMER 2004). Diese und vergleichbare Annahmen, dass die physische Beweglichkeit eng mit der geistigen verbunden sei, wurden von den Sport- und Bewegungswissenschaften mit empirischen Daten und ressourcenstarken Projekten zu untermauern versucht.22) [42]
Trotz des eng mit dem Bildungsdiskurs der Sportpädagogik verbundenen Integrationsimperativs23) wird der Fokus in den untersuchten sportwissenschaftlichen Publikationen der Jahre 2003 – 2010 auf die als Risikopopulation markierten Kinder und Jugendlichen übergewichtiger und adipöser Eltern, insbesondere alleinerziehender Mütter in den unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen, gelegt. Die Kinder und Jugendlichen werden als Opfer der elterlichen, ethnisch-kulturell determinierten Lebensstile und als ein die Gesellschaft ökonomisch belastendes Problem aufgefasst (LANDSBERG et al. 2009, S.107-110). So wurde seit 2005 Adipositas zunehmend als ein Problem der Heranwachsenden mit Migrationshintergrund und dort vornehmlich der "türkischen Familien" und "Aussiedlerfamilien aus der ehemaligen Sowjetunion" (BRODTMANN 2005, S.42) thematisiert. [43]
Durch diese und vergleichbare diskursive Bezeichnungspraxen wird Adipositas als sichtbarer Ausdruck des Bildungs- bzw. sozialen Niveaus der Herkunftsfamilie eines Menschen konstruiert (KURTH & SCHAFFRATH ROSARIO 2007, S.739). Es entsteht ein diffuses und zugleich durch die Körperlichkeit vermeintlich klar sichtbares Bild der Kultur- und Bildungsfremden. Auf der Suche nach den Ursachen für erhöhtes Körpergewicht werden die Faktoren Herkunft, Bildung, Bewegung, Ernährung und Mediennutzung in den Fokus der Betrachtungen gerückt (BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005, S.74). [44]
In den untersuchten Beiträgen wird die Lebenskultur der Mehrheitsgesellschaft retrospektiv als "hedonistisch", als "Freizeitpark Deutschland" (WYDRA 2006, S.307), in der Gegenwartsperspektive als krisenhaft und in der Prospektive in einem durchgängig negativen, kulturpessimistischen Erwartungshorizont gezeichnet. Deutlich wird eine wertkonservative zukunfts- und entwicklungspessimistische Sicht der Sportwissenschaftler_innen durch die mehrfach artikulierte Angst vor "amerikanischen Verhältnissen" und die damit in Verbindung gebrachte, unkontrollierte und "epidemische Verbreitung von Übergewicht" (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355). Die veränderten Lebenslagen der Menschen in der "modernen hochtechnisierten Welt" werden im Diskursstrang in einen Zusammenhang mit dem Rückgang der motorischen Leistungsfähigkeit gesetzt (BAPPERT & BÖS 2007, S.40), die als defizitär, ja sogar als hochgradig bedroht durch die Prognose zukünftig steigender Mortalitätsraten entworfen wird (WYDRA 2006, S.307). [45]
In dem sportpädagogischen Spezialdiskurs wird ein globales Krisenszenario, ein auf die Physis degenerativ wirkender Modernisierungsprozess gezeichnet, in dem alle Menschen der westlichen Kulturen durch "elektronische Medien", deren extensive Nutzung und einen damit einhergehenden "passiven Lebensstil" (BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005, S.76) geprägt seien. Die Hauptursache für gewichtige Körper in westlichen Kulturen wird in dem angenommenen Bewegungsmangel gesehen, der durch die Nutzung der Medien verursacht werde und die "Sitzzeiten" (S.75) der Menschen deutlich erhöhe. [46]
Ein großer Zeit- und Handlungsdruck wird durch das Zeichnen einer rasanten Verschlechterung des Gesundheitszustandes der jungen Generation erzeugt, der Folge der "hedonistischen Lebensauffassung" der Spaß- und Erlebnisgesellschaft sei (WYDRA 2006, S.307). Durch vorhergesagte ökonomische Konsequenzen in zweistelliger Milliardenhöhe, "die nicht nur in Deutschland" spürbar sein würden (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355), wird die globale Dimension und damit das Ausmaß der Bedrohung in dieser zusätzlichen Diskursverschränkung erzeugt. [47]
In der CONSENSUS-ERKLÄRUNG von 2004 wird das bedrohliche Zukunftsszenario unter der Überschrift "Was zu befürchten ist" wie folgt in drei Punkten entworfen:
"In vielen hoch entwickelten Ländern sind immer mehr Kinder übergewichtig oder sogar fettleibig (adipös). Studien aus den USA belegen, dass ihr Anteil pro Dekade um 10% steigt. In Europa kündigt sich eine ähnliche Entwicklung an. Ihre Hauptursache ist Bewegungsmangel.
Übergewicht und Adipositas im Kindesalter setzt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im weiteren Leben fort, führen zum so genannten metabolischen Syndrom (u.a. Diabetes mit allen Folgeerscheinungen) und vielen weiteren Erkrankungen. Experten warnen in diesem Zusammenhang bereits vor dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems.
Bewegungsmangel erhöht das Risiko vieler Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und des aktiven und passiven Bewegungsapparates (u.a. Osteoporose). Die Entwicklung beginnt im Kindesalter; ihre Folgen zeigen sich im späteren Leben immer deutlicher" (S.51). [48]
Der von ZIMMERMANN (2004) verfasste Artikel zur Consensus-Erklärung, der sich in die Unterüberschriften "Warum Kinder Bewegung brauchen", "Was zu befürchten ist", "Was wir wissen sollten" und "Was sofort zu tun ist" gliedert, bildet genau jene Argumentationsstrategie exemplarisch ab, die in Sofortmaßnahmen mündet und Forschungsbedarf konstatiert. [49]
Der Aufbau eines globalen Krisenszenarios in einem kausalen Problem-Ursachen-Lösungs-Komplex ist kennzeichnend für die Beschreibung soziokultureller Entwicklungen in den analysierten sportwissenschaftlichen Artikeln. Die Dramaturgie der Thematisierung liegt in der Konstatierung zunehmenden Körpergewichts bei Kindern und Jugendlichen als ein bedrohliches Zukunftsszenario, der Konstruktion von Ursachen und Prävalenzen und der Finalisierung der Lösungen, die praktikabel und zum Greifen nah erscheinen. [50]
In einer Vielzahl von Artikeln wird im Zusammenhang mit der Thematisierung von Adipositas auf staatliche, nationale und internationale Maßnahmen im "Kampf gegen das Übergewicht" verwiesen und betont, dass "die Politik den Ernst der Situation erkannt" habe (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355). Das Aufgreifen der von der WHO bereits in den 1980er Jahren geforderten nationalen und internationalen Aktionspläne gegen das Übergewicht dient in dem sportpädagogischen Adipositasdiskurs als Nachweis für das Ausmaß und die Dringlichkeit des zu bekämpfenden Problems mit dem Körper. Adipositas wird nicht als singuläres, zeitlich und räumlich begrenztes Phänomen thematisiert, sondern in der Diktion der WHO als eine sich schnell und global verbreitende, schwer zu kontrollierende "epidemische Ausbreitung des Übergewichtes" (BÜNEMANN 2005, S.367)"24). [51]
In unterschiedlicher Intensität und Quantität wird die staatliche Regulierung bspw. durch die Besteuerung von "ungesunden Lebensmitteln" gefordert (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355). In den sportpädagogischen Artikeln wird in erster Linie auf staatliche Qualitätskontrollen des Schulessens und ein Verbot von Automaten mit Süßgetränken und Süßigkeiten in Schulen abgehoben (a.a.O.). Aber auch die staatliche Steuerung des Bewegungsverhaltens durch zusätzliche obligatorische Schulsportstunden sowie die Förderung von Ganztagsschulen und Sportvereinen wird gefordert (BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005, S.76). Nur selten genannt wird die Schaffung von zusätzlichen Bewegungsräumen durch städteplanerische Veränderungen (CONSENSUS-ERKLÄRUNG 2004; NAUL 2005). Im Kontext des Rufes nach "gesetzlich geregelten" Bildungsstandards wird die "jährliche Untersuchung der motorischen Leistungsfähigkeit" durch "Motorik-Screenings" (BAPPERT & BÖS 2007, S.41), die staatliche Kontrolle von Fitnessstandards sowie die Festlegung und Durchführung von regelmäßigen, bundesweiten Gesundheitssurveys verlangt. [52]
Diese eingeforderten staatlichen Regulierungen können als Mittel der (Selbst-) Disziplinierung und Körpernormalisierung gelesen werden, denn schließlich, so der Grundtenor des sport- und bewegungswissenschaftlichen Diskurses, komme es bei den "Maßnahmen im Kampf gegen die epidemische Verbreitung von Übergewicht" (BÜNEMANN 2005, S.367) auf die Selbstdisziplin jedes einzelnen Menschen und auf "[b]ürgerschaftliches Engagement" (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355) an. [53]
Letztlich wird somit das Problem trotz aller angestrebten staatlichen Regulierungen und Kontrollen individualisiert und die Verantwortung den einzelnen Bürger_innen bzw. für die Kinder den Eltern und der Familie zugewiesen. Mit dieser Doppelstrategie sind beide Bestandteile der von FOUCAULT (2004b) beschriebenen gouvernementalen Biopolitik, die (Selbst-) Disziplinierung des individuellen Körpers durch die "Praktik des Selbst" und die kollektive Regulierung bzw. Normalisierung der Bevölkerung durch staatliche Maßnahmen, angesprochen. Dem Sport als staatlich gefördertem Instrument und als individueller Körperpraxis wird in den Diskursen eine zentrale und effiziente Funktion bei der Herstellung und Sicherung des gesunden und leistungsfähigen individuellen und kollektiven Körpers beigemessen. [54]
In der synoptischen bzw. vergleichenden Gesamtanalyse werden im Folgenden die Untersuchungsergebnisse der Struktur- und Feinanalyse in Hinblick auf identifizierte Diskursstränge und ihre Verschränkungen sowie daraus entstehende mögliche Effekte diskutiert. Fokussiert werden die in Abschnitt 6 herausgearbeiteten typischen und sich wiederholenden Strukturelemente sowie die zentralen Argumentationen und Kernaussagen (JÄGER 2009 [1993]). [55]
Insgesamt ist der sportpädagogische Spezialdiskurs zum Thema Adipositas als ein Krisendiskurs zu fassen, in dem Bedrohung, Besorgnis, Furcht und Angst bezüglich gegenwärtiger und zukünftiger Entwicklungstendenzen verbalisiert werden (KLEIN 2007; KÖRNER 2008). Hiernach gilt es, bekannte, als positiv bewertete "natürliche" Einflüsse gegen negativ bewertete "künstliche" Einflüsse der technologisierten Gesellschaft zu schützen. Gekennzeichnet sind diese Darstellungen durch eine stark romantisierte Beschreibung einer "ehemals" naturbelassenen Bewegungswelt und einer negativ bewerteten und durch Technologiesierungen geprägte "Sitzwelt" (BRETTSCHNEIDER & MALEK 2005, S.369). Es werden dystopische, stereotype Gegenwarts- und Zukunftsperspektiven entworfen, die in der leibes- und körpererzieherischen Tradition, der Sorge um eine gesunde und starke Jugend, des 19. und 20. Jahrhunderts, stehen.
"Anstatt über Parkbänke zu springen, auf Wiesen und Feldern zu toben oder auf Bäume zu klettern, neigen die Kinder und Heranwachsenden in der Gegenwart dazu, sich lieber im 'Elterntaxi' zu McDonald's, ins Kino oder zum Freund mit dem neusten Playstation-Spiel chauffieren zu lassen [...]. Die ehemals aktive Lebenswelt der Kinder ist dabei, zu einer passiven Sitzwelt zu mutieren!" (a.a.O.). [56]
Statt einen wissenschaftlichen Nachweis für "Bewegungsmangel" als "eine Hauptursache für Übergewicht und Adipositas im Kindesalter" (a.a.O.) zu erbringen, wird eine rückbezügliche Argumentationsstrategie eingesetzt, bei der das zur Begründung angeführte Argument der bewegungsärmeren Lebenswelt als Tatsache dargestellt und in dem oben genannten Beispiel negativ als mutierte "Sitzwelt" bezeichnet wird. [57]
Deutlich erkennbar ist in dem Datenmaterial, dass in der Konstruktion eines wissenschaftlichen Begründungszusammenhanges mit Verschränkungen des Adipositasdiskurses zum evolutionsbiologischen Diskurs darwinistischer Tradition gearbeitet wird. Doch wird die Ursache des "Körperdefizites" nicht biogenetisch deterministisch zu erklären versucht, sondern in soziokulturellen Umweltbedingungen, insbesondere in dem als bewegungsarm diagnostizierten Lebensstil der Kinder und Jugendlichen verortet: "Da sich der menschliche Genpool im Laufe der letzten Jahrhunderte aber nicht wesentlich verändert hat, dürfte der Hauptgrund für die Entstehung von Übergewicht im veränderten Lebensstil der Kinder und Jugendlichen zu suchen sein" (BRETTSCHNEIDER & BÜNEMANN 2005, S.74). [58]
Charakteristisch ist für den in der Sportpädagogik geführten Adipositasdiskurs, dass Essen, Bewegung und Körper nicht in erster Linie als Quellen der Freude, sondern mit Blick auf gesundheitliche Risiken thematisiert werden. Eine durch (Selbst-) Disziplin erhöhte Produktivität im Sinne FOUCAULTs wird den "gesunden" Bewegungs- und Ernährungspraktiken zugeschrieben, die als geeignete Instrumente bei der Bewältigung der vielfältig drohenden Zukunftsgefahren der Heranwachsenden beschrieben werden (HESEKER 2005, S.356). Im Rahmen dieser Zuschreibungen folgt die sportive Bewegungspraxis dem Ziel des Kalorienverbrennens und der individuellen und kollektiven Gesundheitskostenreduktion. Nahezu unberücksichtigt bleiben performative Modifikationen und Umdeutungen, die zu nicht intendierten Effekten der propagierten Körperpraxen führen können. [59]
Auffallend häufig werden in den sportpädagogischen Publikationen militante Semantiken des "Bekämpfens" und des "Kampfes", u.a. gegen die "Zeitbombe Übergewicht" und gegen die "Adipositasepidemie", verwendet (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355). Der "Kampf" gilt der Disziplinlosigkeit, Trägheit und Anstrengungsscheu der Heranwachsenden (LANG 2006, S.289). Repetitiv wird die deutsche Gegenwartsgesellschaft als bewegungsarm und ungesund konstruiert und die sportive Bewegungspraxis als kompensatorische Lösung des monokausal entworfenen Problems ("Übergewicht durch Bewegungsmangel") finalisiert. Dem Subjekt gegenüber wird eine Verpflichtung zur Bewegung durch die Annahmen erzeugt, dass sportive Bewegung nicht nur in physischer und psychischer Hinsicht positiv auf das Individuum wirke, sondern auch in ökonomischer Hinsicht positive Effekte für das Kollektiv habe. [60]
Durch diese komplexen Verschränkungen der Diskursthemen und -ebenen wird ein Handlungsdruck sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene aufgebaut. Eine starke sprachliche und thematische Rekurrenz weist im sportpädagogischen Adipositasdiskurs die Annahme auf, dass "mit hoher Wahrscheinlichkeit" (CONSENSUS-ERKLÄRUNG 2004, S.51) oder sogar "ausgesprochen großer Wahrscheinlichkeit" aus "unfitten und dicken Kindern" auch kranke und "dicke Erwachsene" werden (KÜNAST 2004, S.29). Diese Annahme wird als "überzeugend belegt" durch "prospektive Längsschnittstudien" dargestellt (BRETTSCHNEIDER 2004, S.321), was zum einen den beschworenen Zeit- und Handlungsdruck zu rechtfertigen scheint und zum anderen die durch die Sportwissenschaft begleiteten Interventionsmaßnahmen und geforderten staatlichen Regulierungen als lohnende Investitionen in die Zukunft des Kollektivs erscheinen lässt. Der Ruf nach der Bereitstellung staatlicher Mittel für den "Kampf gegen die epidemische Verbreitung von Übergewicht" (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355) wird beständig wiederholt als eine rhetorisch aufgeladene zentrale Diskursstruktur. [61]
Mit einer Akzeptanz oder gar Wertschätzung der körperlichen Diversitäten tun sich die Wissenschaftler_innen in den aktuellen sport- und bewegungswissenschaftlichen Diskursen schwer, ebenso wie die Sportpädagogik mit der Entwicklung von Strategien sozialer Inklusion der als übergewichtig und unsportlich kategorisierten Kinder- und Jugendkörper. In den analysierten sportpädagogischen Fachzeitschriften sind in dem untersuchten Zeitraum nur wenige Artikel erschienen, die sich für eine Akzeptanz und Stärkung, im Sinne einer salutogenetischen Perspektive auf adipös kategorisierte Menschen, aussprechen (BRODTMANN 2005, S.43). Vielmehr werden zunehmend Bewegungsmaßnahmen für die sozial unerwünschten Körper konzipiert, um sie auf die gesetzten Gesundheits- und Körpernormen zu trimmen. Aus der als notwendig konstruierten Anpassung wird zugleich eine Legitimation des Unterrichtsfaches und der wissenschaftlichen Disziplin abgeleitet, die primär einer selbstreferenziellen Argumentationsstrategie folgt (KÖRNER 2008). [62]
Die Sprecher_innen-Position wird primär von männlichen Wissensschaftler_innen mit professoralem Status eingenommen, die sich in ihrer Diskursführung unmissverständlich für "Üben, Trainieren und Belasten [als] ... einen erfolgversprechenden Weg für nachhaltig wirksame Erziehung von Kindern und Jugendlichen" (HUMMEL 2005, S.353) aussprechen und damit auf die Legitimation der eigenen Wissenschaftsdisziplin und des Unterrichtsfaches Sport abzielen. Bemerkenswert ist, dass auch die Sportpädagog_innen den ökonomischen, neoliberal ausgerichteten Fitness- und Gesundheitsdiskurs adaptieren und letztinstanzlich kollektiv monetär und nicht individuell pädagogisch argumentieren, wenn sie den Bürger_innen den "Zusammenbruch" des Gesundheitssystems an den Folgekosten von Adipositas prophezeien (BRETTSCHNEIDER 2005, S.355). [63]
Für die Konstituierung von Diskursen sind nicht nur Bezeichnungs- und Thematisierungspraxen bedeutsam, sondern auch Nichtthematisierungen und Marginalisierungen tragen maßgeblich zur sozialen Konstruktion der Wirklichkeit bei (BERGER & LUCKMANN 1991; FOUCAULT 1973, 1974). In den untersuchten sportpädagogischen Spezialdiskursen werden ebenso wie in den analysierten nationalen Aktionsplänen die möglichen sozialen Nebenwirkungen des Diskurses und der stigmatisierenden Effekte durch die gezielte Lenkung der kollektiven Aufmerksamkeit auf Körperdivergenzen nur marginal problematisiert (DAG 2007; KAMINSKY 2009; KLEIN 2007; KÖRNER 2008, 2010; SCHMIDT-SEMICH & SCHORB 2008; SCHORB 2008, 2009; ZWICK, DEUSCHLE & RENN 2011)25). Als mögliche Nebeneffekte des Adipositasdiskurses werden Bulimie und Anorexie nur sehr selten in Betracht gezogen und Zusammenhänge mit der "aufgeregten Diskussion um Adipositas" (BRODTMANN 2005, S.45) nur unspezifisch artikuliert26). Bulimie und Anorexie werden, wenn überhaupt, als gesellschaftliche Phänomene thematisiert, vor denen Sportlehrkräfte die Heranwachsenden durch den "Aufbau eines bewegten und gesundheitsbewussten Lebensstil[s]" schützen könnten (UNGERER-RÖHRICH 2005, S.97). Im Unterschied zu Übergewicht und Adipositas werden Essstörungen wie Magersucht und Bulimie im sportwissenschaftlichen Diskurs als psychosomatisch und psychosozial schwerwiegende "emotionale Störungen" bezeichnet, die psychologisch zu therapieren seien (SASG 2001). Hingegen wird Adipositas durch Lebensstilmodifikationen als scheinbar wählbar und individuell vermeidbar thematisiert. Somit wird bei Übergewicht und Adipositas die Verantwortung primär beim Subjekt gesucht (HELMERT 2008, S.85). [64]
Die Geschlechterperspektive ist ebenso wie eine differenzierte Betrachtung der Lebensabschnitte Kindheit und Jugend in den Artikeln kaum oder nur als quantitative Kategorie berücksichtigt. In den sportpädagogischen Diskursen werden Geschlechterdivergenzen durch Nicht-Thematisierung nivelliert und ethnisch-kulturelle und dem sozialen Milieu zugeschriebene Differenzen betont. Zentrale Werte der Dominanzkultur – wie Disziplin, Gesundheit und Leistungsfähigkeit – werden in Othering-Prozessen (SPIVAK 1985) (re-) konstruiert27): Es wird eine sozial schwache, ethnisch-kulturell divergente und tendenziell adipöse Risikopopulation als abschreckendes und bedrohlich fremdes Gegenbild entworfen (BRODTMANN 2005, S.42; LANDSBERG et al. 2009, S.110). Auf diese Weise werden tradierte Werte und Normen als universal und auch noch für die Zukunft bedeutsam behauptet. Sie haben sowohl im Inter- als auch im Spezialdiskurs den Effekt einer fremdreferenziellen Selbstvergewisserung und Selbstaufwertung. [65]
In den zwei untersuchten sportpädagogischen Fachzeitschriften geschieht die fremdreferenzielle Selbstvergewisserung und Selbstaufwertung in unterschiedlicher Qualität und Quantität: in der Zeitschrift sportpädagogik aus einer eher kritisch-alternativ orientierten und in der Zeitschrift sportunterricht aus einer eher konservativen, Leistung und Leistungssport rekonstituierenden Ideologie heraus. Doch für beide sportpädagogische Fachzeitschriften kann als ein weiteres Ergebnis der Analyse des Materialkorpus festgehalten werden, dass sie sich in den geführten Spezialdiskursen im Vergleich zu Interdiskursen, wie sie in den deutschen nationalen Aktionsplänen "Fit statt fett" oder "IN FORM" (BMELV & BMG 2007, 2008) geführt wurden, zwar skandalisierender Semantiken (wie der "Risikofaktor Adipositas", "Adipositasepidemie" und "der dringend zu entschärfenden Zeitbombe" als Kollektivsymbole für Bedrohungszustände) bedienen, nicht aber skandalisierendes Bildmaterial von Kinder- und Jugendkörpern publizieren. [66]
Die durchgängig negativ konnotierte Thematisierung der als übergewichtig kategorisierten Körper als ungesund, undiszipliniert, leistungsschwach und bewegungseingeschränkt wurde in dem vorliegenden Beitrag als Ausdruck des gesellschaftlichen, insbesondere sportpädagogischen Verhältnisses zum devianten Körper verstanden. [67]
Wie zu Beginn des Beitrages in der theoretischen Orientierung an FOUCAULT (2004a, 2004b) formuliert, stellt die Angst vor der Kategorisierung als abnorm ein konstitutives Element der Norm und ihrer gesellschaftlichen Funktion dar. Die in den Adipositasdiskursen konstituierten Körper-, Bewegungs- und Gesundheitsnormen appellieren an die selbstreflexiv handelnden Gesundheitsbürger_innen und versprechen eine gesteigerte Lebensqualität, höhere Lebenserwartung und soziale Anerkennung. [68]
In neoliberalen Leistungsprogrammen, wie sie in mehrheitsgesellschaftlichen Interdiskursen, aber auch in sportpädagogischen Spezialdiskursen zu finden sind, wird der juvenile Körper zum wichtigen ökonomischen Faktor des "Wirtschaftsstandortes Deutschland" und seiner zukünftigen Konkurrenzfähigkeit stilisiert. Die reibungslose Funktion der Körper von Heranwachsenden soll durch die (der Logik der Pathogenese und Epidemiologie folgenden) präventiven Maßnahmen zu Ernährungs- und Bewegungspraxen gesichert werden. Die damit in Zusammenhang gebrachte "gesunde Jugend" wird zur Voraussetzung zukünftiger Produktivität und der "sich bewegende" juvenile Körper zum Medium. Die sport- und bewegungswissenschaftliche Kontextualisierung von Bewegungspraxen übernimmt somit eine gouvernementale Funktion, die in erster Linie ökonomischen Prämissen folgt. Die Stabilisierung des "zivilisatorischen Zwangs zum Selbstzwang" (ELIAS 1997 [1939]) dient der Hervorbringung des selbstverantwortlichen Subjekts in der "Gesundheitsgesellschaft" (KICKBUSCH 2006). In diesem Kontext ist die sportive Körperpraxis durch die intendierten Effekte der (Selbst-) Disziplinierung der individuellen Körper und der Regulierung des Kollektivkörpers zu einem Bestandteil der "Bio-Macht" (FOUCAULT 1977) geworden. [69]
In der sportpädagogischen Argumentationsstrategie ist der normalisierende "Kampf" nicht nur ein individueller, sondern auch ein kollektiver (LANDSBERG et al. 2009, S.111). In den wirklichkeitskonstituierenden und wirkmächtig geführten Körper- und Gesundheitsdiskursen wird das Subjekt als aus rationalen gesundheitlichen Motiven zum sportlichen Handeln verpflichtet entworfen. Durch die Kontingenz der präskriptiven Idealnorm als Leitmotiv führt dies zu einem andauernden sportiven Handlungs- bzw. Bewegungszwang. Auch von Kindern und Jugendlichen wird nachdrücklich ein sportlich aktiver und gesundheitsbewusster Lebensstil im Sinne einer gesellschaftlichen Verpflichtung im Dienste der kollektiven Gesundheit gefordert. In diesem Kontext wird die Verschränkung der Diskursebenen im sportpädagogischen Diskurs offenkundig und die pädagogische Argumentationsstrategie sehr fragwürdig. [70]
Als begrenzt generalisierbar sind die Befunde durch die Konzentration der Diskursanalyse auf zwei sportpädagogische Fachzeitschriften einzuschätzen, zumal sich durch die ungleiche Verteilung der Publikationen auf die Zeitschriften die Analyse primär auf die Zeitschrift sportunterricht und dort auf einige wenige, auf die Thematik spezialisierte Wissenschaftler_innen fokussiert. Doch da der erste und zweite "Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht" in der Strukturanalyse berücksichtigt wurde (SCHMIDT et al. 2006a [2003], 2009 [2008]), werden aufgrund der ähnlicher Aussageereignisse, Formationsregeln, Deutungsmuster und Rekurrenzen die neun als typisch analysierten Artikel als weiterhin repräsentativ für den Spezialdiskurs angesehen. Dies ist insbesondere auch dadurch begründet, dass ein Gegendiskurs zu dem dystopischen Krisendiskurs in den Fachzeitschriften nicht substanziell zu erkennen ist. Auch hier werden Diskurs- und Tiefenstrukturen erkennbar, die in anderen, nicht diskursanalytischen soziologischen Untersuchungen zu dem Thema in ähnlicher Weise zu finden sind (KAMINSKY 2009; KLEIN 2007; KÖRNER 2008, 2010; SCHMIDT-SEMICH & SCHORB 2008; SCHORB 2008, 2009; WALDSCHMIDT, KLIEIN, TAMAYO KORTE, & SIBEL 2007; ZWICK et al. 2011). Dieses betrifft im Besonderen die herausgearbeiteten Bedrohungsvisionen der physischen Degeneration in den Publikationen. [71]
Um den sportpädagogischen Adipositasdiskurs noch umfassender und differenzierter abzubilden, böte sich eine Erweiterung des Quellenkorpus um Artikel und Textfragmente aus allgemein-sportwissenschaftlichen Zeitschriften wie z.B. Sportwissenschaft oder Sport und Gesellschaft an, die nicht ausdrücklich sportpädagogische Fragestellungen verfolgen. Auch könnten Monografien aus dem Bereich der Sportpädagogik noch stärker berücksichtigt und Interviews bzw. Gruppendiskussionen mit Expert_innen geführt und diskursanalytisch ausgewertet werden. Durch diese Ausweitung des Materialkorpus und seiner Konstituierungsmethoden wäre es möglich, stärker die Ebene der Rezeption zu beleuchten. Auch eine Recherche im Internet könnte das Materialkorpus bereichern, doch werden Sportpädagog_innen als nicht sehr netzaffine Klientel eingeschätzt, sodass es hier auch eher um die Analyse der Rezeption der Spezialdiskurse gehen könnte. [72]
Eine Fokussierung und dispositivanalytische Untersuchung des Bildmaterials bietet sich für zukünftige Forschung insofern eher wenig an, da Fotografien sehr selten Bestandteil des Adipositasdiskurses in den Fachzeitschriften waren. Die Abbildung der problematisierten juvenilen Köper wird vielmehr vermieden, was auf den pädagogischen Imperativ der Zeitschriften zurückgeführt werden kann. Im Vergleich dazu findet sich vielfältiges Bildmaterial im Internet, vor allem im Zusammenhang mit den staatlich unterstützten und durchgeführten Kampagnen (BMELV & BMG 2007, 2008). [73]
In jedem Falle ist jedoch eine selbstkritische Reflexion des Umgangs mit deviant kategorisierten Körpern in Sport, Wissenschaft und Gesellschaft, ob in Bild oder Text, als Voraussetzung für Inklusionsprozesse zu begreifen und als elementar in weiterführenden Forschungsansätzen zu berücksichtigen. [74]
1) Ulla SCHMIDT (SPD) war zu der Zeit Gesundheitsministerin und Horst SEEHOFER (CSU) Verbraucherminister der BRD. <zurück>
2) Die BADENWEILER ERKLÄRUNG(2007) wurde auf der Konferenz "Gesundheitliche Prävention. Ernährung und Bewegung – Schlüssel für mehr Lebensqualität", die vom 25. bis 27. Februar 2007 in Badenweiler stattfand, mit Delegierten der 27 EU-Mitgliedstaaten, der WHO und der Staaten der European Free Trade Association (EFTA) sowie von Vertreterinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft gemeinsam verfasst. <zurück>
3) Zentral für die Verwendung des Begriffes Normen sind für den vorliegenden Aufsatz die Ausführungen Judith BUTLERs, die in Anlehnung an FOUCAULT den "Doppelcharakter der Normen" (BUTLER 2009, S.329) präzisiert – Normen, die einerseits als regulierend und normalisierend, als der Träger der Macht in restriktiver Weise zu beschreiben sind und andererseits das sind, was Individuen verbindet, da sie die "Grundlagen ihrer ethischen und politischen Ansprüche bilden" (S.348). <zurück>
4) Der "Body-Mass-Index" (BMI) ist in den sport- und bewegungswissenschaftlichen Gesundheitsdiskursen eine zentrale Norm, die disziplinierend auf die individuellen Körper und regulierend auf den Kollektivkörper der Bevölkerung wirkt. Gleichzeitig ist der BMI eine präskriptive und nicht empirische Norm. <zurück>
5) 2003 erschien der "Erste deutschen Kinder- und Jugendsportbericht" (SCHMIDT, HARTMANN-TEWS & BRETTSCHNEIDER 2003). In diesem wurde Adipositas explizit aus sportwissenschaftlicher Perspektive problematisiert und zur Legitimation einer Vielzahl von Forschungsprojekten herangezogen sowie in den sportwissenschaftlichen Folgepublikationen rezipiert. Aufbauend auf diesen Bericht wurde 2008 der "Zweite deutschen Kinder- und Jugendsportbericht" (SCHMIDT, ZIMMER & VÖLKER 2008) publiziert; in ihm wurde in Kapitel 5 erneut Adipositas, dieses Mal als "Risikofaktor", thematisiert. Beide Berichte wurden im sportwissenschaftlichen Adipositasdiskurs vielfach zitiert. Der 31. Dezember 2010 wurde als Erhebungsende gesetzt. Zu dieser Zeit ist ein deutliches Abebben des Diskurses zu verzeichnen. Der Fokus des Diskurses verschob sich von der Problematisierung von Adipositas hin zur Problematisierung von Bewegungsmangel und motorischen Defiziten. <zurück>
6) Die Analyse ist auf deutschsprachige Publikationen beschränkt, um eine Vergleichbarkeit semantischer Konstruktionen und narrativer Schlüsselstrukturen zu gewährleisten. Zum einen wird der staatlich induzierte Diskurs auf der makrosoziologischen Ebene durch institutionell bzw. ministeriell geförderte Publikationen u.a. von der WHO (2004), BzgA (2006, 2008), DAG (2007), BMG und BMELV (2007, 2008) und dem RKI (2006) herangezogen, die das Diskursthema Adipositas maßgeblich bestimmten und vielfältige Rekurrenzen aufweisen. Zum anderen sind es diejenigen Publikationen, auf die in den analysierten sportwissenschaftlichen Spezialdiskursen vermehrt Bezug genommen wird. <zurück>
7) Die KiGGS Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) befasst sich mit der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Es handelt sich um eine Langzeitstudie, die Daten in Wellen zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 17 Jahren erhebt und sich um Aussagen zu Trends bezüglich der gesundheitlichen Lage bemüht. <zurück>
8) Sowohl LINK als auch JÄGER differenzierten den Diskursbegriff in "Spezialdiskurs" und "Interdiskurs" aus (JÄGER 2009 [1993]; LINK 1999; LINK & PARR 2007). Der Spezialdiskurs kann als ein wissenschaftlicher verstanden werden, aber nicht ausschließlich. Zu Spezialdiskursen sind auch Diskurse unterschiedlicher Subkulturen zu zählen, die sich durch eine spezifische Sinnwelt und durch spezifische Formationsregeln von Wissenskomplexen auszeichnen. Zu Interdiskursen können alle nicht-wissenschaftlichen Diskurse gerechnet werden, die jedoch an Spezialdiskurse anschließen und diese synthetisieren zu normbildenden bzw. normalisierenden Funktionen (JÄGER 2009 [1993], S.159; LINK 1999, S.152-155). Der Interdiskurs wird auch von LINK als eine Verbindung aus Spezialdiskurs und Elementardiskurs (Alltagswissen) verstanden (2003, S.15). <zurück>
9) sportpädagogik ist eine deutschsprachige "Zeitschrift für Sport, Spiel und Bewegungserziehung", deren Schwerpunkt auf der Methodik und Didaktik des Sportunterrichtes in allen Schulstufen liegt und die eine "alternative Bewegungskultur" gegen den Leistungssport setzen will. 1977 erschien sie erstmalig infolge der Kritik der später 1960er und 1970er Jahre am Leistungssport (KRÜGER 2001, S.293). Sie kann als eine links-intellektuelle Abspaltung der in der Tradition der Zeitschrift Leibeserziehung stehenden Autor_innen und Herausgeber_innen verstanden werden. Die sportpädagogische Fachzeitschrift erscheint sechs Mal pro Jahr und wird seit 1979 vom Friedrich Verlag herausgegeben. <zurück>
10) sportunterricht ist eine deutschsprachige Monatszeitschrift zur Wissenschaft und Praxis des Sports. Sie ist das offizielle Organ des Deutschen Sportlehrerverbandes (DSLV) und veröffentlicht auch Nachrichten der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs). Verlegt wird die Fachzeitschrift vom Karl-Hofmann-Verlag. Sie steht in der Tradition der Fachzeitschrift Leibeserziehung und trägt seit 1973 den Namen sportunterricht (KRÜGER 2001, S.293). <zurück>
11) Unter expliziter Thematisierung wird verstanden, dass Adipositas als pathogene Form von Übergewicht in Überschriften, aber auch im Fließtext benannt wird. Zusätzlich wurden auch über den Adipositasbegriff hinausgehende Bezeichnungen wie "Fettsucht", "Fettleibigkeit", "Dicksein" u. ä. als Suchbegriffe mit berücksichtigt. <zurück>
12) Neben ihnen existieren noch allgemeine sportwissenschaftliche Zeitschriften wie z.B. Sportwissenschaft (seit 1970), die nicht ausdrücklich ein sportpädagogisches Interesse verfolgen. Auch eher praxis- als theorieorientierte Zeitschriften wie SportPraxis, die vom Deutschen Sportbund herausgegeben wird und sich an "Sportlehrer" und "Übungsleiter" richtet, sind als zentrale sportpädagogische Quellen für das Quellenkorpus ausgeschlossen worden. Dieses gilt auch für eine Vielzahl von existierenden Zeitschriften und Magazinen, die primär als Fachorgane einzelner Sportdisziplinen und ihrer Verbände in Erscheinung treten und keine originär sportpädagogischen Fragestellungen behandeln. <zurück>
13) Eine mögliche methodische Vorgehensweise zur Durchführung von Diskursanalysen ist nach Siegfried JÄGER (1999, S.136-147): 1. Erschließung des Diskurses und Diskurskontextes, 2. Gewinnung des Materialkorpus, 3. Strukturanalyse, 4. Feinanalyse zur Ermittlung von Tiefenstrukturen, 5. Synoptische Gesamtanalyse im Sinne einer Gesamtreflexion und dem Vergleich der Aussagen und Ergebnisse. <zurück>
14) KELLER (2007) versteht unter Sättigungseffekt den durch auftretende Wiederholungen entstehenden Eindruck, dass alle wesentlichen Diskursthemen erfasst wurden. <zurück>
15) Die 21 Artikel, die für das Materialkorpus recherchiert werden konnten, verteilen sich wie folgt auf die Jahre: 2003 und 2004 jeweils zwei Artikel, 2005 neun Artikel, 2006 vier Artikel, 2007 drei Artikel, 2008 ein Artikel und 2009 und 2010 erschienen keine Artikel mehr, die sich explizit dem Thema Adipositas widmeten. Das Diskursthema verschob sich von Adipositas auf die Themen Bewegungsmangel und motorische Defizite. <zurück>
16) Ein "Diskursfragment" bezeichnet einen Text oder einen Textteil des gleichen Themas. Es ist oftmals mit Nebenthemen verbunden, welche nicht zum eigentlichen Hauptthema gehören, jedoch durch Verschränkungen Bedeutungen konstituieren (JÄGER 2009 [1993], S.159-160). Diese Verschränkungsprozesse geschehen nicht nur kurzfristig, sondern auch längerfristig und wirken über singuläre Verschränkungen hinaus (LINK 1999, S.152). <zurück>
17) Ein "Diskursstrang" bezeichnet mehrere Diskursfragmente des gleichen Themas. Er ist laut JÄGER (1999, S.136) eine "Abfolge von thematisch einheitlichen Diskursverläufen, welche aus einer Vielzahl von Diskursfragmenten bestehen". <zurück>
18) 1. Körper, Bewegung und Sport (-unterricht), 2. Gesundheit und Krankheit, 3. Bildung und Erziehung, 4. Umwelt und Gesellschaft, 5. politische Kampagnen und staatliche Regulierungen, 6. Ökonomie (Gesundheits- und Versicherungssysteme), 7. Forschung und Wissenschaft. In Berücksichtigung der stärksten Diskursstränge und Diskursstrangverschränkungen wird der Schwerpunkt der Analyse in diesem Beitrag auf die ersten fünf der sieben Themenkomplexe gelegt und in Punkt 6 erläutert. Wie die Themen gebildet wurden und was sich hinter den Bezeichnungen verbirgt, wird in den jeweiligen Punkten expliziert. <zurück>
19) LANDSBERG, PLACHTA-DANIELZIK und MÜLLER (2009, S.107). <zurück>
20) BRETTSCHNEIDER (2005, S.355). <zurück>
21) Als typische Artikel, die ähnliche Denkkategorien, Argumentationsstrukturen und Semantiken der 21 Artikel des Materialkorpus repräsentieren, wurden folgende neun Artikel für die Feinanalyse ausgewählt: BAPPERT und BÖS (2007), BRETTSCHNEIDER (2005), BRETTSCHNEIDER und BÜNEMANN (2005), BRETTSCHNEIDER und MALEK (2005), BRODTMANN (2005), CONSENSUS-ERKLÄRUNG (2004), HUMMEL (2005), NAUL (2005) und WYDRA (2006). <zurück>
22) Bspw. KiS: "Klasse in Sport – Initiative für täglichen Schulsport" (2006). Das u.a. von der Bitburger Braugruppe GmbH und Intersnack Knabbergebäck GmbH & Co.KG gesponserte Projekt wirbt mit diesem oder ähnlichen Slogans. <zurück>
23) Im Sport wird sowohl auf Dachverbandsebenen (beispielsweise im Deutschen Olympischen Sportbund) als auch in der deutschsprachigen Sportwissenschaft und Sportpädagogik, bis auf einige wenige kritische Stimmen (z.B. ALKEMEYER & BRÖSKAMP 1996), das Postulat seit Jahrzenten (re-) konstruiert und perpetuiert, dass der Sport im Allgemeinen die Integration von Minderheiten und Benachteiligten in die Mehrheitsgesellschaft befördere. <zurück>
24) Obwohl es sich aus medizinischer Sicht um eine physiologisch nicht ansteckende endemische Erkrankung handelt, wird der Terminus der "Adipositasepidemie" in den WHO-Staaten verwendet (HELMERT 2008, S.81). <zurück>
25) In der US-amerikanischen Forschung und den öffentlichen Interdiskursen (z.B. Fat Studies und Size Acceptance-Bewegung) wurden seit Beginn des 21. Jahrhunderts die Stigmatisierungs- und Diskriminierungseffekte der Adipositasdiskurse thematisiert (CAMPOS 2004; LE BRESCO 2004; PUHL & HEUER 2010). <zurück>
26) Eine Ausnahme bildet der Artikel von UNGERER-RÖHRICH (2005). <zurück>
27) In postkolonialen Theorien wurde bereits ab Ende des 20. Jahrhunderts das Othering u.a. von Gayatri Chakrovorty SPIVAK (1985) thematisiert. <zurück>
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SANDRA GÜNTER, Studium der Geschichts-, Sport-, Politik- und Erziehungswissenschaften an der Universität Bremen. 2002 Promotion zum Thema der sozialen Konstruktion von Geschlecht im Sport. Seit 2009 Assistenzprofessorin für Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft und Leitungsmitglied der Graduate School Gender Studies der Universität Bern. Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Körper-, Sport-, Migrations- und Geschlechtersoziologie sowie qualitative Sozialforschung mit dem Schwerpunkt Diskursanalyse.
Ass. Prof.in Dr. phil. Sandra Günter
Tel. +41 (0) 31 631 8324
Fax. +41 (0) 31 631 4631
E-Mail: Sandra.Guenter@ispw.unibe.ch
URL: http://www.ispw.unibe.ch/content/ueber_uns/mitarbeiter_innen/guenter/index_ger.html
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References: Art. 9
 Art. 20
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 Art. 23
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 Art. 9