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Timestamp: 2017-03-23 16:23:34+00:00

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Jean-Baptiste le Rond d'Alembert - Einleitung zur Enzyklopädie
RousseauCondorcetKantvon HallerLeckyW. Stern
JEAN BAPTISTE d'ALEMBERT(1717-1783)
"Wir entziehen also der Materie und ihren Wirkungen durch aufeinander folgende Abziehungen unseres Verstandes, alle ihre sinnlichen Eigenschaften, um gewissermaßen allein ihr Idealwesen oder Schattenbild zu betrachten. Man wird auch bald begreifen, daß die Entdeckungen, zu welchen diese Untersuchung uns führt, allemal sehr nützlich sein werden; dann nämlich, wenn es nicht notwendig sein wird, sein Auge auf die Undurchdringlichkeit der Körper zu richten, wenn zum Beispiel die Frage sein wird von ihrer Bewegung, wenn man sie bloß als figurierte, beweglich und voneinander entfernte Teile des Raums betrachtet."
"Da die Untersuchung der figurierten Ausdehnung, uns eine große Anzahl Verbindungen vorstellt, die wir machen sollen; so ist notwendig, irgendein Mittel zu erfinden, welches uns diese Verbindungen leichter macht; und so führt uns diese Untersuchung sogleich zur Rechenkunst oder der Wissenschaft der Zahlen. Ihr Inhalt ist nichts anderes, als auf eine abgekürzte Weise den Ausdruck eines einzigen Verhältnisses zu finden, welches aus der Vergleichung vieler anderen entsteht. Die verschiedenen Arten dieser Verhältnisse miteinander zu vergleichen, geben die verschiedenen Regeln der Rechenkunst."
"Und so genießen wir den Himmel auf Erden,
wenn die Seele mit Menschenliebe erfüllt,
ruhig auf den Wegen der Vorsehung, die
weite Ausdehnung der Wahrheit umfängt."
§ 1. Eine kleine Betrachtung der Verbindung, welche die Entdeckungen miteinander haben, belehrt uns, daß die Wissenschaften und Künste sich gegenseitig Dienste leisten, und daß folglich eine Kette wirklich vorhanden ist, die sie beide aneinander hängt; wenn es aber oft schwer ist, eine Wissenschaft oder besondere Kunst gewissen allgemeinen Regeln oder Begriffen zu unterwerfen, so ist die Schwierigkeit noch ungleich größer, die unendlich verschiedenen Zweige der menschlichen Wissenschaft in ein einzelnes *System zusammenzufassen.
§ 2. Der erste Schritt, den wir in dieser Untersuchung machen müssen, besteht in der Prüfung desjenigen, was sie hat hervorbringen können; und wenn ich so reden darf, in der Beschreibung ihres Geschlecht-Registers, und der Abstammung unserer Erkenntnisse, in der Sorgfalt die Ursachen zu entdecken, welche sie haben erzeugen sollen, ihre Unterscheidungszeichen festzusetzen und mit einem Wort: bis zu ihren Ursprüngen und zur Erzeugung unserer Begriffe zurückzugehen.
§ 3. Man kann alle unsere Erkenntnisse in sinnliche und abgezogene oder überlegte teilen. Wir empfangen die sinnlichen unmittelbarerweise und ohne daß unser Wille dabei mitwirkt, dieweil sie alle Tore unserer Seele sozusagen offen finden, so treten sie ohne Widerstand und große Bemühung herein. Der menschliche Geist erlangt die abgezogenen Erkenntnisse dadurch, daß er die sinnlichen Begriffe in eine Reihe bringt, und auf das genaueste miteinander verbindet.
§ 4. Alle unsere direkten Erkenntnisse beruhen auf denjenigen, welche wir durch die äußerlichen Sinne erlangen; daraus folgt, daß wir alle unsere *Begriffe den *sinnlichen Empfindungen schuldig sind. Dieser Grundsatz der ältesten Weltweisen, ist lange Zeit als eine Grundwahrheit von den Scholastikern angesehen worden. Ihr Altertum war genugsam sie zu bewegen, daß sie ihr diesen Rang anwiesen; und sie hätten dieselbe mit der gleichen Hitze wie die formas substantiales und die qualitates occultas verteidigt; deswegen ist auch diese Meinung bei der Wiederhervorkeimung der Wissenschaften für ebenso töricht angesehen worden, wie die ungereimten Meinungen waren, von denen man sie hätte unterscheiden sollen. Man hat sie aber mit denselben verworfen, dieweil nichts der Wahrheit so viel Gefahr bringt, und sie so unkennbar macht, wie wenn sie mit den Irrtümern vermengt wird oder neben denselben steht.
§ 5. Dieweil das System der eingepflanzten Begriffe vielleicht die Leute so viel mehr rührt, als sie es weniger erkannten, so hat es auch die Stelle dieser Grundwahrheit der Scholastiker eingenommen und nach einer langen Herrschaft behält es dennoch einige Anhänger; so viel Mühe hat die Wahrheit, ihre gebührende Stelle einzunehmen, wenn die Vorurteile oder die falschen Schlüsse sie einmal aus diesem ihrem Vorteil vertrieben haben. Nur seit kurzer Zeit kommt man durchgehends darin miteinander überein, daß die Alten in dieser Sache unrecht hatten. Diese Frage ist auch nicht die einzige, welche uns näher zu denselben bringt.
§ 6. Nichts ist unstreitiger, als daß wir sinnlicher Empfindungen fähig sind; um also zu beweisen, daß sie die Grundsätze aller unserer Erkenntnisse sind, ist es genug zu erhärten, daß sie es sein können. Denn auf gut philosophisch ist eine jede Ausführung, welche zu ihren Grundsätzen geschehene Sachen oder unleugbare Wahrheiten hat, all demjenigen vorzuziehen, was sich nur auf Lehnsätze stützt, wenn sie auch die sinnreichsten wären. Warum sollten wir voraussetzen, daß wir zu allererst abgezogene Begriffe des Verstandes haben, da wir zu ihrer Bildung nur die Erwägung unserer Empfindungen und der darauf beruhenden sinnlichen Begriffe bedürfen? Die weitere Ausführung dieser Begriffe des Verstandes wird uns zeigen, daß sie wirklich keinen anderen Ursprung haben.
§ 7. Das Erste, was uns unsere Empfindungen lehren, und was sich auch von denselben nicht trennen läßt, ist unser Bestehen; daraus folgt, daß unsere ersten abgezogenen Begriffe uns selber betreffen; ich will sagen, das gedachte Prinzip, welches unsere Natur ausmacht, und von uns selbst nicht verschieden ist. Das Bestehen der äußerlichen Vorwürfe [Gegenstände zur künstlerischen oder wissenschaftlichen Bearbeitung - wp] ist die zweite Erkenntnis, die wir von unseren Empfindungen erlangen. Dieweil unser eigener Körper gewissermaßen außerhalb von uns ist, muß er unter denselben vornehmlich begriffen werden und zwar noch ehe wir die Natur des Wesens deutlich erkannt haben, die wir uns gedacht haben. Diese unzähligen Vorwürfe bringen in uns eine so mächtige, eine so ununterbrochene Wirkung hervor, und die uns also mit diesen Körpern vereinigt, daß wir nach dem ersten Augenblick der Zeit, da unsere abgezogenen Begriffe uns zu der inneren Bewußtheit unser selbst führen, durch die sinnlichen Empfindungen, die uns auf allen Seiten belagern, und unserer Einsamkeit entreißen, gleichsam gezwungen werden, die Folge unserer überlegten Betrachtungen abzubrechen. Die Vielfältigkeit dieser Empfindungen, die Übereinstimmung welche wir in ihrem Zeugnis beobachten, die Nuancen die wir darin wahrnehmen, die Neigungen, welche sie ohne unsere ausdrückliche Einwilligung in uns selber erregen, verglichen mit der willkürlichen Bestimmung, welche unsere abgezogenen Begriffe lenkt, und nur auf unsere sinnlichen Empfindungen wirkt; alle diese Betrachtungen erregen in uns einen unwiderstehlichen Hang, uns vom Bestehen der Vorwürfe zu vergewissern, welchen wir diesen Empfindungen zuschreiben, und die davon die Ursachen zu sein scheinen; ein Hang, welchen viele Weltweisen als ein Werk des oberen Wesens, und als den überzeugendsten Beweis vom wirklichen Bestehen dieser äußerlichen Vorwürfe ansehen. Da auch wirklich keine Beziehung zwischen einer jeden sinnlichen Empfindung und einem Vorwurf sich findet, welche sich veranlaßt hat, dem wir zumindest dieselbe als eine Wirkung beilegen; so scheint es nicht, daß es möglich ist, durch eine Folge von Schlüssen, eine Ähnlichkeit des einen mit dem andern ausfindig zu machen. Nur eine Gattung Instinkt, der sicherer als die Vernunft selber ist, kann uns zwingen, die große Weite welche sie voneinander entfernt, für nichts anzusehen; und dieser Instinkt ist so lebhaft in uns selbst, daß wenn man einen Augenblick seine Dauer in der Zeit voraussetzt, da alle Vorwürfe um uns herum vernichtet wären, so könnten die gleichen Vorwürfe, wenn sie auf einmal erneut hervorgebracht würden, die Stärke desselben nicht vermehren. Urteilen wir also, ohne einigen Zweifel in uns selber zurückzulassen, daß unsere sinnlichen Empfindungen die Ursachen, welche wir bei denselben voraussetzen, außerhalb von uns haben; weil die Wirkung, welche aus dem wirklichen Bestehen dieser Ursachen entspringen kann, auf keine Weise von derjenigen verschieden ist, welche wir fühlen: Ahmen wir also denen Weltweisen nicht nach, von denen *MONTAIGNE redet, welche auf die Frage nach den Grundsätzen der menschlichen Handlungen geantwortet haben, daß es noch nicht ausgemacht wäre, ob es überhaupt Menschen gibt. Anstatt also eine Wahrheit zu verdunkeln, die von denen Skeptikern selbst zu der Zeit angenommen wird, da sie noch nicht zu disputieren angefangen haben, lassen wir den aufgeklärten Metaphysikern die Sorge, den Grundsatz davon zu entwickeln. Ihnen gehört es, zu bestimmen, welches Verhältnis unsere Seele in den ersten Schritten beobachtet, die sie außerhalb von sich selber tut. Sie wird durch einen Haufen sinnlicher Eindrücke zugleich getrieben und zurückgehalten, welche sie auf der einen Seite zu den sinnlichen Vorwürfen hinziehen; weil aber diese sinnlichen Eindrücke nur ihr selber insbesondere zugehören, der Seele auf der anderen Seite einen allzu engen Raum vorzuschreiben scheinen, aus welchem sie derselben nicht erlauben herauszutreten.
§ 8. Unser eigener Körper ist unter allen denjenigen Vorwürfen, welche durch ihre Gegenwart in uns selber eine Veränderung zu erregen fähig sind, derjenige, dessen wirkliches Bestehen uns am meisten rührt, derweilen es uns auf das eigentlichste zugehört. Kaum aber erkennen wir das Bestehen unseres Körpers, so gewahren wir die Aufmerksamkeit, welche er von uns erfordert, um die Gefahren abzuwenden, so ihn aller Orten umringen. Tausend Notwendigkeiten bedürftig, und äußerst bei einer jeden Wirkung der äußerlichen Körper empfindlich, wäre der unsrige im Augenblick zerstört, wenn die Sorge für dessen Erhaltung uns nicht immerdar beschäftigen würde. Nicht alle Körper verleihen uns unangenehme Empfindungen, sondern einige scheinen uns diesen Ekel durch die sinnliche Lust zu ersetzen, welche sie uns verschaffen. Aber das Unglück der menschlichen Natur ist so groß, daß der Schmerz die allerlebhafteste Empfindung in uns ist. Die sinnliche Lust rührt uns viel weniger, und ist fast niemals groß genug, um uns wegen des Mangels der ersteren zufriedenzustellen. Es war ein bloßer eitler Ruhm, wenn einige Weltweise mitten in den Schmerzen, und dennoch zu der Zeit behaupten wollten, daß der Schmerz kein Übel ist, da sie ihr Klagegeschrei wegen des Gefühls desselben mit großer Gewalt zurückhalten mußten. Umsonst setzten andere ihre höchste Glückseligkeit in die Wollust, da sie dennoch nicht unterließen, sich derselben aus Furcht ihrer gefährlichen Folgen zu entziehen. Alle hätten unsere Natur besser erkannt, wenn sie damit zufrieden gewesen wären, daß sie das größte Gut des gegenwärtigen Lebens auf die Befreiung von einem Schmerz eingeschränkt, und dabei eingestanden hätten, daß ohne eine Möglichkeit dieses höchste Gut zu erreichen, es gegenwärtig dem Menschen nur erlaubt ist, sich demselben mehr oder weniger nach dem Verhältnis seiner Sorgfalt und Wachsamkeit zu nähern. So natürliche Überlegungen werden ohne Zweifel einen jeden auf das Stärkste rühren, der sich selber überlassen ist, und keine Vorurteile weder der Auferziehung noch der Studien kennt. Sie werden eine Folge des ersten Eindruckes sein, so er von den Vorwürfen empfangen wird; und man kann sie in die Klasse der ersten Bewegungen der Seele setzen, die so schätzbar den wahrhaften Weisen und so würdig ihrer Beobachtung sind, die aber von der gemeinen Weltweisheit, deren Grundsätze sie fast alle Zeit der Lügen strafen, versäumt und verworfen werden.
§ 9. Die Notwendigkeit, unseren eigenen Körper vor den Schmerzen und der Zerstörung zu bewahren, macht, daß wir unter den sinnlichen Vorwürfen diejenigen unterscheiden, welche uns nützlich oder schädlich sein können, um den Besitz der einen zu suchen und der anderen zu fliehen; kaum aber fangen wir an, diese Vorwürfe mit einem flüchtigen Auge durchzuschauen, so entdecken wir bei denselben eine große Anzahl Wesen, welche eine gänzliche Ähnlichkeit mit uns zu haben scheinen; das will sagen, deren äußerliche Gestalt der unsrigen gleicht, und welche, so wir nach dem ersten Blick, den wir auf dieselben geworfen haben, urteilen können, die gleichen sinnlichen Vorstellungen mit den unsrigen zu haben scheinen. Alles bewegt uns also zu denken, daß sie auch unseren Bedürfnissen ähnliche, und folglich die gleiche Angelegenheit haben dieselben zu stillen. Daraus fließt, daß wir in der Vereinigung mit denselben viele Vorteile finden müssen, und in den Stand kommen, dasjenige das uns natürlicherweise nützlich ist, vom schädlichen zu trennen. Die Mitteilung der Begriffe ist der Grundsatz und die Stütze dieser Vereinigung, und erfordert notwendig die Erfindung allgemeiner Zeichen. Dies ist der Ursprung der Einrichtung aller Gesellschaften, mit welcher die Sprachen zugleich haben enstehen müssen.
§ 10. Dieser Umgang, den so viele starke Beweggründe uns anraten mit den andern zu pflegen, vermehrt dann sogleich die Ausdehung unserer Begriffe, und bildet ganz neue und allem Anschein nach sehr entfernte von denjenigen, welche wir durch uns selbst und ohne eine solche Hilfe gehabt hätten. Den Weltweisen obliegt es zu urteilen, ob diese gegenseitige Mitteilung, wenn die Ähnlichkeit hinzugefügt wird, so wir zwischen diesen sinnlichen Empfindungen wahrnehmen, und denen so die andern haben nicht vieles beiträgt, diesen unüberwindlichen Hang zu befestigen, den wir haben, das Bestehen aller Vorwürfe vorauszusetzen, welche uns sinnlicherweise berühren.
§ 11. Damit ich nicht weiter gehe, als mir meine Materie erlaubt, so werde ich nur anmerken, daß die Annehmlichkeit und der Vorteil, den wir in einem solchen Umgang finden, uns bewegen soll die Bänder einer jeden aufgerichteten Gesellschaft näher zusammenzuziehen, und sie uns selber so nützlich zu machen als es möglich ist; es sei nun, daß wir unsere Begriffe den andern mitteilen, oder, daß wir die ihrigen zu den unsrigen fügen. Derweilen aber sucht ein jedes Glied der Gesellschaft den Nutzen zu vergrößern, den es daraus zieht; und des in einem jeden der andern Mitglieder ein Bestreben zu bestreiten hat, welches dem seinigen gleich ist; so können nicht alle den gleichen Anteil an den Vorteilen haben, obwohl alle das gleiche Recht dazu besitzen.
Ein so billiges Recht ist also leicht durch dieses barbarische Recht der Ungleichheit verletzt worden, welches man das Gesetz des Stärkeren heißt, dessen Gebrauch uns scheint mit den Tieren zu vermengen und dessen Mißbrauch dennoch so schwer zu vermeiden ist. Die Stärke also, welche die Natur gewissen Menschen gegeben hat und die sie nicht anders als zum Schutz und zur Unterstützung der Schwachen gebrauchen sollten, ist im Gegenteil der Ursprung der Unterdrückung dieser letzteren; je gewalttägiter aber die Unterdrückung ist, desto ungeduldiger leiden eine solche die Menschen, weil sie empfinden, daß nichts vernunftmäßiges sie derselben hat unterwerfen können. Daraus fließt der Begriff des Ungerechten und folglich des sittlich Guten und Bösen, von welchem so viele Weltweisen den Grundsatz gesucht haben, und den die Stimme der Natur, welche sie in eines jeden Ohren ertönen läßt, auch den wildesten Völkern zu verstehen gibt. Daraus kommt auch dieses natürliche Gesetz her, welches in unserem Innersten ist. Eine Quelle der ersten Gesetze, welche die Menschen abgefaßt haben. Selbst ohne die Hilfe dieser Gesetze, ist das natürliche zuweilen stark genug, wo nicht die Unterdrückung vollkommen abzutun, jedoch dieselbe in gewissen Schranken zu halten; also bringt das Übel, das wir durch die Laster derjenigen fühlen, welche uns gleich sind, die überlegte Erkenntnis der entgegengesetzten Tugenden hervor. Schätzbare Erkenntnis, deren uns eine vollkommene Gleichheit und Vereinigung vielleicht beraubt hätte.
§ 12. Wir werden durch die erlangten Begriffe vom Gerechten und Ungerechten, und folglich von der sittlichen Beschaffenheit der Handlungen natürlicherweise dahin gebracht, das Wesen in uns zu untersuchen, welches wirksam ist; oder um es mit einem ebensoviel geltenden Ausdruck zu benennen, die Substanz, welche will und versteht. Ohne die Natur unseres Körpers und den Begriff, den wir uns von demselben machen müssen, allzu genau zu untersuchen, muß man erkennen, daß er nicht diese Substanz sein kann; weil die Eigenschaften welche wir in der Materie beobachten, nichts mit dem Vermögen gemein haben, welches in uns ist, zu denken und zu wollen. Daraus folgt, daß das Wesen, das Wir heißt, aus zwei Prinzipien von verschiedener Natur besteht, die so miteinander vereinigt sind, daß zwischen den Bewegungen des einen, und den Neigungen des andern ein Verhältnis regiert, das wir weder aufheben noch verändern können, und welches sie in einer gegenseitigen Unterwerfung erhält. Diese Sklaverei, die so unabhängend von uns selber ist, wenn wir sie mit den Überlegungen verbinden, welche wir gezwungen sind, über die Natur dieser beiden Prinzipien, und ihre Unvollkommenheit zu machen, erhebt uns zu der beschaulichen Erkenntnis einer allmächtigen Intelligenz, deren wir alles unsrige schuldig sind, und die folglich unsere Verehrung fordert. Damit sein Bestehen erkannt würde, so wäre nur unsere innere Empfindung nötig, wenn selbst die einstimmigen Zeugnisse der anderen Menschen und die Stimme der Natur sich nicht dazu fügten.
§ 13. Es ist also klar, daß die abgezogenen Begriffe der Tugenden und der Laster, die Grundsätze und die Notwendigkeit der Gesetze, die Geistlichkeit der Seele, das Bestehen Gottes, und unserer Pflichten gegen ihn; mit einem Wort, die Wahrheiten, welche wir auf das Schnellste und Unvermeidlichste bedürfen, Früchte der überlegten Begriffe sind, welche unsere sinnlichen Empfindungen veranlassen.
§ 14. So angelegentlich diese ersten Wahrheiten dem edleren Teil unser selbst vorkommen, so reißt uns dennoch der Körper, mit welchem unsere Seele vereinigt ist, durch die Notwendigkeit Bedürfnissen abzuhelfen, die sich ohne Aufhören vermehren, in dem Augenblick zu sich. Die erste Pflicht welche in der Selbsterhaltung besteht, muß zu ihrem Vorwurf haben, entweder den Übeln zuvorzukommen, welche unseren Körper bedrohen; oder denjenigen überflüssige Masse zu schaffen, mit welcher er geplagt ist. Dies ist eine Sache, deren wir durch zwei Mittel suchen ein Genügen zu tun; nämlich durch unsere besonderen Entdeckungen und die Untersuchungen der anderen. Der Umgang, den wir mit den andern unterhalten, setzt uns in den Stand, von ihren Untersuchungen Nutzen zu ziehen. Daraus sind dann der Ackerbau, die Heilkunst und überhaupt alle Künste entstanden, die am uneingeschränktesten erfordert werden. Diese sind zu gleicher Zeit unsere ursprünglichen Erkenntnisse, und die Quellen aller andern, selber derjenigen geworden, die durch ihre Natur am weitesten davon entfernt zu sein scheinen; was stückweise entwickelt werden soll.
§ 15. Indem die ersten Menschen sich durch ihre Einsichten, das will sagen, durch ihre gemeinschaftlichen oder abgesonderten Bestrebungen gegenseitige Dienste leisteten; so sind sie vielleicht in einem ziemlich kleinen Raum der Zeit dazu gelangt, den verschiedenen Gebrauch zu kennen, zu welchem sie den Körper anwenden konnten: Begierig nach nützlichen Kenntnissen, oblag es ihnen, auf der Stelle alle Untersuchungen auf die Seite zu schaffen, flüchtig die verschiedenen Wesen zu betrachten, welche die Natur ihnen vor Augen stellte; und sie gleichsam körperlich durch die scheinbarsten und augenscheinlichsten Kennzeichen derselben miteinander zu verbinden. Auf diese erste Verbindung hat eine folgen müssen, die viel weiter hergeholt, aber allezeit relativ auf ihre Bedürfnisse war, und die vornehmlich in einer tieferen Betrachtung einiger Eigenschaften bestehen mußte, welche in der Veränderung und Auflösung der Körper, und dem Nutzen bestanden, den man daraus ziehen konnte, und also weniger empfindlich waren. Wieviele Wege auch immer aber diese Menschen von denen wir reden und ihre Nachfolger zu machen fähig waren, da sie durch einen so angelegentlichen Vorwurf, den nämlich von ihrer eigenen Erhaltung, dazu aufgeweckt wurden, so haben ihnen jedoch die Erfahrung und die Beobachtung dieses großen Alls Hindernisse gezeigt, welche ihre äußersten Bemühungen nicht heben konnten. Der Geist, welcher die Überlegung gewohnt und begierig ist davon einigen Nutzen zu ziehen, hat darauf bei der Entdeckung der Eigenschaften der Körper, welche die bloße Wißbegierde zu unterhalten dienen, eine Art Unterstützung finden müssen. Entdeckung, welche keine Grenzen kennt; wenn auch eine große Zahl angenehmer Kenntnisse jemals genug ist, um uns wegen dem Verlust einer nützlichen Wahrheit zufrieden zu stellen, so kann man sagen, daß die Überlegung der Natur, wenn sie uns das Notwendige abschlägt, zumindest mit großer Verschwendung Materie zu unserem Vergnügen liefert. Es ist eine Art Überfluß, welcher obwohl sehr unvollkommen dasjenige ersetzt, was uns mangelt. Das Vergnügen behauptet darüberhinaus in der Ordnung unserer Bedürfnisse und der Vorwürfe unserer Leidenschaften eine der ersten Stellen, und die Wissensbegierde ist ein Bedürfnis für denjenigen, der denken kann, vornehmlich wenn diese unruhige Begierde durch eine Art Unwillen belebt wird, daß man sich selber kein gänzliches Genügen tun kann. Wir sind also einen großen Teil unserer bloß angenehmen Erkenntnisse der unseligen Ohnmacht schuldig, die notwendigeren zu erlangen. Ein anderer Beweggrund dient uns zur Unterstützung in einer Arbeit, davon die Nutzbarkeit nicht der Vorwurf sein kann; denn ist diese nicht, so kann sie nicht im mindesten der Vorwand dieser Arbeit sein. Es ist uns zuweilen genug, einen wirklichen Vorteil in gewissen Erkenntnissen gefunden zu haben, wo wir ihn nicht gemutmaßt hatten; um uns zu berechtigen, alle Untersuchungen einer bloßen Wißbegierde so anzusehen, als ob sie uns einmal nützlich sein könnten. Geht da den Ursprung und die Ursache der Fortgänge dieser großen Wissenschaft, welche man insgemein die Lehre oder die Wissenschaft der Natur heißt, und die so viel verschiedene Teile in sich hält. Der Ackerbau und die Heilkunst, so sie an das Licht gebracht, sind nichts weiter als Äste davon. Obwohl sie die wesentlichsten und die ersten von allen sind, so waren sie doch mehr oder weniger geehrt, je nachdem sie mehr oder weniger von den andern erstickt und verdunkelt wurden.
§ 16. In dieser Betrachtung der Natur, welche wir teils aus Notwendigkeit teils aus Ergötzung machen, beobachten wir daß die Körper eine große Anzahl Eigenschaften haben, die aber in dem gleichen Vorwurf so vereinigt sind, daß nun eine jede derselben gründlicher zu erlernen, wir verbunden sind, eine jede abgesondert von der andern zu betrachten. Durch diese Wirkung unseres Geistes entdecken wird dann bald Eigenschaften, welche alle Körpern zuzukommen scheinen: Wie das Vermögen sich zu bewegen oder in der Ruhe zu verharren, und die Kraft, sich die Bewegung mitzuteilen, welches die Quellen der vornehmsten Veränderungen sind, die wir in der Natur beobachten. Die Untersuchung dieser Eigenschaften und vornehmlich der letzteren, wenn sie durch unsere eigenen äußerlichen Sinne bewerkstelligt wird, macht uns bald darauf eine andere Eigenschaft entdecken, von der diese Veränderungen abhängen.
§ 17. Diese ist die Undurchdringlichkeit oder die Art Stärke, mit welcher ein jeder Körper alle andern von dem Ort anschließt, welche er inne hat, so daß zwei Körper, wenn sie so nahe zusammen gefügt werden, als es möglich ist, niemals einen kleineren Raum einnehmen können, als derjenige gewesen ist, den sie inne hatten, als sie noch getrennt waren. Die Undurchdringlichkeit ist die vornehmste Eigenschaft, durch welche wir die Körper von den Teilen des unbegrenzten Raums unterscheiden, wo wir uns einbilden, daß sie gesetzt sind; zumindest machen uns unsere Sinne so davon urteilen, und wenn sie uns in dieser Sache betrügen, so ist es ein so metaphysischer Irrtum, daß unser Bestehen und unsere Erhaltung nichts davon zu fürchten haben, und daß wir durch den ordentlichen Weg die Sachen zu begreifen, gleichsam gegen unseren Willen dahin zurückkommen. Alles bewegt uns, den Raum als den Platz der Körper anzusehen, wenn nicht den wirklichen so doch den wahrscheinlichen. Durch die Hilfe der Teile dieses Raums, wenn sie als durchdringlich und unbeweglich betrachtet werden, gelangen wir zu dem Vermögen, uns den klarsten Begriff der möglich ist von der Bewegung zu machen. Wir sind also wie natürlich gezwungen, zwei Gattungen von Ausdehnung, zumindest in unserem Verstand, voneinander zu unterscheiden; deren die eine undurchdringlich ist, und die andere den Platz aller Körper ausmacht; obwohl also die Undurchdringlichkeit notwendig zum Begriff kommt, welchen wir uns von den Teilen der Materie machen; da es aber doch eine relative Eigenschaft ist, das will sagen, davon wir keinen Begriff haben, als wenn wir zwei Körper zusammen untersuchen, so gewöhnen wir uns bald, diese Undurchdringlichkeit als verschieden von der Ausdehnung zu betrachten, und diese letztere abgesondert von der anderen anzusehen.
§ 18. Wir sehen durch diese neue Betrachtung die Körper nur als figurierte und ausgedehnte Teile des Raums an. Der allgemeinste und abzogenste Gesichtspunkt aller, unter welchen wir sie betrachten können. Denn die Ausdehnung, so wir keine figurierten eile dabei unterscheiden könnten, würde nur ein entferntes und dunkles Gemälde sein, wo alles sich unserem Gesicht entzöge, weil es uns unmöglich wäre, daselbst etwas unterschiedliches zu bemerken. Die Farbe und die Figur, Eigenschaften welche zu allen Zeiten den Körpern zukommen, obwohl sie bei einem jeden derselben abwechseln, helfen uns gewissermaßen, sie vom bloßen Raum abzusondern. Die eine dieser Eigenschaften ist so gar in dieser Absicht genügend. Um also die Körper unter der abgezogensten Form uns vorzustellen, ziehen wir die Figur der Farbe vor; es sei nun, daß uns die Figur gewohnter ist, da sie auf einmal durch das Gesicht und das Gefühl erkannt wird; oder daß es leichter ist, in einem jeden Körper die Figur ohne die Farbe, als die Farbe ohne die Figur zu betrachten; oder es sei schließlich, daß die Figur dient, die Teile des Raums leichter und bestimmter festzusetzen.
§ 19. Wir sind also dahin gebracht, die Eigenschaften der Ausdehnung, soweit sie figuriert ist, zu bestimmen. Dies ist der Vorwurf der Meßkunst, welche, um desto eher zu ihrem Absehen zu gelangen, von Anfang an die Ausdehnung betrachtet, wie sie durch eine einzige Ausmessung begrenzt wird; hernach durch zwei, und schließlich durch alle drei Ausmessungen, welche das Wesen eines deutlich zu erkennen möglichen Körpers ausmachen; das will sagen, eines Teils des Raums, welcher auf alle Weise durch Grenzen bestimmt wird, die vom reinen Verstand gelehrt werden.
§ 20. Wir entziehen also der Materie und ihren Wirkungen durch aufeinander folgende Abziehungen unseres Verstandes, alle ihre sinnlichen Eigenschaften, um gewissermaßen allein ihr Idealwesen oder Schattenbild zu betrachten. Man wird auch bald begreifen, daß die Entdeckungen, zu welchen diese Untersuchung uns führt, allemal sehr nützlich sein werden. So oft es nämlich nicht notwendig sein wird, sein Auge auf die Undurchdringlichkeit der Körper zu richten, wenn zum Beispiel die Frage sein wird von ihrer Bewegung, wenn man sie bloß als figurierte, beweglich und voneinander entfernte Teile des Raums betrachtet.
§ 21. Da die Untersuchung der figurierten Ausdehnung, uns eine große Anzahl Verbindungen vorstellt, die wir machen sollen; so ist notwendig, irgendein Mittel zu erfinden, welches uns diese Verbindungen leichter macht; und wie diese Verbindungen vornehmlich in der Ausrechnung bestehen, und in einem Verhältnis der verschiedenen Teile, von denen wir uns vorstellen, daß die geometrischen Körper daraus bestehen; so führt uns diese Untersuchung sogleich zur Rechenkunst oder der Wissenschaft der Zahlen. Ihr Inhalt ist nichts anderes, als auf eine abgekürzte Weise den Ausdruck eines einzigen Verhältnisses zu finden, welches aus der Vergleichung vieler anderen entsteht. Die verschiedenen Arten dieser Verhältnisse miteinander zu vergleichen, geben die verschiedenen Regeln der Rechenkunst.
§ 22. Es ist überdies unmöglich, daß wir nicht bei der Überlegung dieser Regeln gewisse Grundsätze oder allgemeine Eigenschaften dieser Verhältnisse entdecken; wenn wir nun diese Verhältnisse auf eine allgemeine Weise ausdrücken, so können wir mittels ihrer Grundsätze, die verschiedenen Verbindungen entdecken, welche man aufs Neue damit machen kann. Die Summen, die aus diesen Verbindungen herausgebracht werden, wenn sie unter allgemeine Formeln gebracht sind, werden wirklich nur arithmetische Berechnungen sein, die durch den einfachsten und kürzesten Ausdruck, als ihr Zustand der größten Allgemeinheit es zuläßt, angezeigt und vorgestellt werden. Die Kunst oder die Wissenschaft, diese Verhältnisse anzuzeigen, ist was man Algebra nennt. Obwohl also wirklich keine Berechnungen als durch die Zahlen möglich sind, noch eine Größe anders meßbar ist, als durch die Ausdehnung, weil wir ohne den Raum die Zeit nicht genau messen können; so kommen wir doch durch die immer allgemeiner geschehende Vorstellung unserer Begriffe zu diesem vornehmsten Teil der Mathematik und der Naturlehre, welche man insgemein die Wissenschaft der Größen nennt. Sie ist der Grund aller Entdeckungen, welche man über das Maß der Dinge machen kann; das will sagen, über all das, welches einer Vermehrung oder Verminderung fähig ist.
§ 23. Diese Wissenschaft ist der entfernteste Grenzstein, wohin die Beschauung der Eigenschaften der Materie uns führen kann, und wir könnten überall nicht weiter gehen, ohne aus dieser materiellen Welt herauszutreten; aber so ist der Fortgang des Verstandes in der Untersuchung, daß, nachdem er diese Begriffe so allgemein gemacht hat, daß er sie nicht weiter auflösen könnte, er hernach den gleichen Weg zurück geht, von Neuem diese Begriffe zusammensetzt, und nach und nach und zwar gradeweis die wirklichen Wesen daraus macht, welche die unmittelbaren und wirklichen Vorwürfe unserer Empfindungen sind. Diese Wesen, welche sich unmittelbar und gerade auf unsere Bedürfnisse beziehen, sind auch diejenigen, an denen uns am meisten daran liegt sie zu erkennen. Die mathematischen Abziehungen der Begriffe erleichtern uns die Kenntnis davon; aber sie sind nur soweit nützlich, als man sich in dieselben nicht allein einschränkt.
LITERATUR - Jean-Baptiste le Rond d'Alembert, Abhandlung von Ursprung, Fortgang und Verbindung der Künste und Wissenschaften, [übersetzt von Jakob Wegelin] Zürich 1761

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