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Timestamp: 2016-12-06 05:47:50+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 7 Sa 84/08
Abmahnung, Diskriminierung: Religion
Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 15.10.2008, 14 Ca 7300/07Nachgehend: Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.08.2010, 2 AZR 593/09
Ak­ten­zei­chen:Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben!7 Sa 84/08 14 Ca 7300/07Ar­beits­ge­richt Stutt­gart
Ha­ber­mann, An­ge­stell­teUr­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le
Proz.-Bev.: hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg - 7. Kam­mer -durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Pfeif­fer,den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Ha­ber­maasund den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herr­mannauf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 19.06.2009
Des­halb kann der Ar­beit­neh­mer so­wohl auf der Grund­la­ge der §§ 611, 241 Abs. 2 BGB als Fol­ge ei­nes Ver­s­toßes ge­gen die ar­beits­ver­trag­li­che Ne­ben­pflicht (of­fen ge­las­sen in BAG, Ur­teil vom 15.04.1999 - 7 AZR 716/97 - AP Nr. 22 zu § 611 Ab­mah­nung, zu I 3 a der Gründe = Rn. 19; sie­he auch BAG, Ur­teil vom 18.11.2008 - 9 AZR 865/07 - NZA 2009, 206, 209, zu A I der Gründe = Rn. 13, be­trifft Ent­fer­nung ei­ner Re­gel­be­ur­tei­lung aus der Per­so­nal­ak­te) als auch qua­si­ne­ga­to­risch gem. §§ 1004, 242 BGB ana­log - die Ana­lo­gie be­trifft die Gleich­set­zung des Persönlich­keits­rechts mit dem dar­in ge­re­gel­ten Ei­gen­tums­recht - die Be­sei­ti­gung die­ser Be­ein­träch­ti­gung ver­lan­gen, wenn die Ab­mah­nung al­ter­na­tiv for­mell nicht ord­nungs­gemäß zu­stan­de ge­kom­men ist, un­rich­ti­ge Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen enthält, - 10 -
auf ei­ner un­zu­tref­fen­den recht­li­chen Be­wer­tung des Ver­hal­tens des Ar­beit­neh­mers be­ruht, den Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit ver­letzt oder kein schutzwürdi­ges In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers am Ver­bleib der Ab­mah­nung in der Per­so­nal­ak­te mehr be­steht (BAG, Ur­teil vom 27.11.2008 - 2 AZR 675/07 - a. a. O., zu B I 2 a der Grün-de mit zahl­rei­chen Nach­wei­sen = Rd­nr. 16). bb) Hier­nach be­steht kein An­spruch auf Ent­fer­nung der Ab­mah­nung vom 08.08.2007 aus der Per­so­nal­ak­te, weil die Ab­mah­nung we­der un­rich­ti­ge Tat­sa­chen­be­haup­tun-gen enthält noch auf ei­ner un­zu­tref­fen­den recht­li­chen Be­wer­tung des Ver­hal­tens der Kläge­rin be­ruht. Die be­klag­te Stadt kann sich zur Recht­fer­ti­gung der Ab­mah­nung auf § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW be­ru­fen, der das von ihr gerügte Tra­gen des Kopf­tuchs durch die Kläge­rin während ih­rer Tätig­keit als Er­zie­he­rin ver­bie­tet.
„... 1. Re­ge­lung des Kopf­tuch­ver­botsMit Ur­teil vom 24. Sep­tem­ber 2003 - Az.: 2 BvR 1436/02 - hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fest­ge­stellt, dass ein Ver­bot für Lehr­kräfte, in Schu­le und Un­ter­richt ein Kopf­tuch zu tra­gen, ei­ner hin­rei­chend be­stimm­ten ge­setz­li­chen Grund­la­ge be­darf; es kom­me dem de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten Lan­des­ge­setz­ge­ber zu, die bis­lang feh­len­de ge­setz­li­che Grund­la­ge im Rah­men der ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben und un­ter Berück­sich­ti­gung der tatsächli­chen Ent­wick­lung zu schaf­fen und die Schran­ken der wi­der­strei­ten­den Frei­heits-rech­te zu be­stim­men (BVerfG, Ur­teil­s­um­druck, S. 38 ff.).
...Der Lan­des­ge­setz­ge­ber re­gelt mit die­ser No­vel­le im Ein­klang mit den ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben den ge­sam­ten Be­reich äußerer Be­kun­dun­gen in­ne­rer Über­zeu­gun­gen von Er­zie­hungs­per­so­nal an Kin­dergärten in Träger­schaft des Lan­des, ei­nes Land­krei­ses, ei­ner Ge­mein­de, ei­ner Ver­wal­tungs­ge­mein­schaft, ei­nes Zweck- oder Re­gio­nal­ver­ban­des. Die Ausführun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in der Ur­teils­be­gründung las­sen sich auf den Be­reich des Kin­der­gar­tens über­tra­gen. ...Un­ter Abwägung der be­trof­fe­nen Grund­rechts­po­si­tio­nen von Kin­der­gar­ten­kin­dern, El­tern und Er­zie­hungs­per­so­nal und der Neu­tra­litäts­pflicht und des Er­zie­hungs­auf­trags des Kin­der­gar­tens wer­den sol­che äußeren Be­kun­dun­gen aus­ge­schlos­sen, so­weit sie die Neu­tra­lität und den Frie­den im Kin­der-
gar­ten gefähr­den oder stören, vor al­lem grund­le­gen­de Ver­fas­sungs­wer­te miss­ach­ten können. ....Es ist des­halb kon­se­quent, das nach § 38 Schul­ge­setz für die Lehr­kräfte gel­ten­de Ver­hal­tens­ge­bot auch ent­spre­chend auf den Be­reich der Fach­kräfte in den Kin­dergärten durch ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung zu über­tra­gen. ...“
(1) Das Tra­gen des is­la­mi­schen Kopf­tuchs (vor­lie­gend Hit­schab, der zur Be­de­ckung von Haar, Kopf und Hals mus­li­mi­scher Frau­en dient, dem­ge­genüber han­delt es sich bei der Bur­qua und dem ent­spre­chen­den ira­ni­schen Be­griff Tscha­dor um ei­nen Körper­schlei­er der Frau­en; vgl. Es­po­si­to, Von Kopf­tuch bis Scha­ria, 2009, S. 220, 221 und 226) durch die Kläge­rin ist ei­ne re­li­giöse äußere Be­kun­dung im Sin­ne von § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW. Sie gibt da­mit in ein­deu­ti­ger Wei­se zu ver­ste­hen, dass sie sich zur Re­li­gi­on des Is­lam be­kennt und sich ge­hal­ten sieht, des­sen von ihr als ver­pflich­tend emp­fun­de­ne Be­klei­dungs­vor­schrif­ten zu beach-ten. Hier­in liegt ei­ne Be­kun­dung, nämlich die be­wuss­te, an die Außen­welt ge­rich­te­te Kund­ga­be ei­ner re­li­giösen Über­zeu­gung (BVerwG, Ur­teil vom 24.06.2004 - 2 C 45/03 - a. a. O., zu 2 a der Gründe = Rd­nr. 21; VGH Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 14.03.2008 - 4 S 516/07 - a. a. O., Rd­nr. 27). Ob die­se Be­kun­dung vom Schutz der Re­li­gi­ons- oder Mei­nungsäußerung um­fasst wird, ist in die­sem Zu­sam­men­hang eben­so un­be­acht­lich, wie das ihr zu­grun­de lie­gen­de Mo­tiv, al­so die Fra­ge, ob die Be­kun­dung frei­wil­lig ist oder im Sin­ne ei­nes tra­dier­ten Rol­len­verständ­nis­ses auf ei­nen mehr oder we­ni­ger star­ken äußeren Zwang be­ruht. Ent­schei­dend sind die vom Drit­ten wahr­ge­nom­me­nen Erklärungs­wer­te die­ser Be­kun­dung (BVerwG, Ur­teil vom 24.06.2004 - 2 C 45/03 - a. a. O., zu 2 a der Gründe = Rd­nr. 21); Maßstab ist al­so der ob­jek­ti­ve Empfänger­ho­ri­zont (BVerfG, Ur­teil vom 24.09.2003 - 2 BvR 1436/02 - NJW 2003, 3111 bis 3118 zu B II 5 a der Gründe = Rd­nr. 53). Nach den nicht an­ge­grif­fen und da­mit bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Ar­beits­ge­richts trägt die Kläge­rin ihr Kopf­tuch in der Öffent­lich­keit aus re­li­giös mo­ti­vier­ter Über­zeu­gung. - 13 -
(2) Die im Tra­gen der Kopf­be­de­ckung lie­gen­de re­li­giöse äußere Be­kun­dung ist auch im Sin­ne des § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW ge­eig­net, die Neu­tra­lität der Ein­rich­tun­gen im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Ki­TaG BW (vor­lie­gend Kin­der­ta­gesstätte) oder den re­li­giösen Frie­den in der Kin­der­ta­gesstätte zu gefähr­den oder zu stören. Auf der Grund­la­ge der Be­wer­tung des Ver­hal­tens­ge­bots als abs­trak­ten Gefähr­dungs­tat­be­stand, geht von dem Tra­gen ei­nes is­la­mi­schen Kopf­tuchs ei­ne der­art abs­trak­te Gefähr­dung der re­li­giösen Neu­tra­lität der Kin­der­ta­gesstätte und des re­li­giösen Frie­dens in der Kin­der­ta­gesstätte aus. Es eröff­net zu­min­dest die Möglich­keit ei­ner Be­ein­flus­sung der Kin­der in der Kin­der­ta­gesstätte so­wie von Kon­flik­ten mit El­tern, die zu ei­ner Störung des Ein­rich­tungs­frie­dens führen und die Erfüllung des Förder­auf­trags der Kin­der­ta­gesstätte (vgl. § 2 Abs. 1 Satz 2 Ki­TaG BW i. V. m. § 22 Abs. 3 SGB VIII) gefähr­den können. Auch die re­li­giös mo­ti­vier­te und als Kund­ga­be ei­ner Glau­bensüber­zeu­gung zu in­ter­pre­tie­ren­de Be­klei­dung von Fach­kräften im Sin­ne des § 7 Abs. 1 Ki­TaG BW kann die­se Wir­kun­gen ha­ben. Zu­tref­fend ver­weist das Ar­beits­ge­richt in die­sem Zu­sam­men­hang auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt stuft den Fall, dass Lehr­kräfte in der Schu­le re­li­giös mo­ti­vier­te Klei­dung tra­gen, die als Kund­ga­be ei­ner Glau­bensüber­zeu­gung er­kenn­bar wer-den, aus­drück­lich als ei­ne abs­trak­te Ge­fahr ein (Ur­teil vom 24.09.2003 - 2 BvR 1436/02 - a. a. O., zu B II 5 der Gründe = Rd­nr. 49). Zur Be­ur­tei­lung der Eig­nung des Tra­gens ei­nes is­la­mi­schen Kopf­tuchs als abs­trak­te Ge­fahr im Sin­ne des § 7 Abs. 6 Satz1 Ki­TaG BW macht sich die Be­ru­fungs­kam­mer die nach­fol­gen­den Ausführun­gen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts (Ur­teil vom 24.06.2004 - 2 C 45/03 - a. a. O., zu 2 b der Gründe = Rd­nr. 25) zur in­halts­glei­chen Vor­schrift des § 38 Abs. 2 Satz 1 SchG BW zu Ei­gen. „Die Schu­le ist der Ort, an dem die un­ter­schied­li­chen re­li­giösen Auf­fas­sun­gen un­aus­weich­lich auf­ein­an­der tref­fen und wo sich das Ne­ben­ein­an­der be­son­ders emp­find­lich aus­wir­ken kann. Die Ent­wick­lung hin zu ei­ner ge­wach­se­nen re­li­giösen Viel­falt in der Ge­sell­schaft hat da-her zwangsläufig ein ver­mehr­tes Po­ten­ti­al mögli­cher Kon­flik­te in der Schu­le mit sich ge­bracht. In die­ser La­ge können leich­ter Gefähr­dun­gen für den re­li­giösen Schul­frie­den auf­kom­men. Sie können sich vor al­lem aus der Be­sorg­nis ins­be­son­de­re der El­tern vor ei­ner un­ge­woll­ten re­li­giösen Be­ein­flus­sung der Kin­der ent­wi­ckeln. Ein­bußen an Neu­tra­lität im Er­schei­nungs­bild können zu sol­cher Be­sorg­nis bei­tra­gen und las­sen sich in­so­weit als ei­ne abs­trak­te Ge­fahr be­zeich­nen. Ihr will der Lan­des­ge­setz­ge­ber durch ei­ne auch in der Klei­dung sicht­ba­ren Neu­tra­lität der Leh­rer be­geg­nen.“ Für den Kin­der­gar­ten­be­reich gilt nichts an­de­res. - 14 -
So­weit die Kläge­rin mit ih­rer Be­ru­fung die Sub­sum­ti­on des Sach­ver­halts durch das Ar­beits­ge­richt rügt, kann ihr nicht ge­folgt wer­den. Für die Ver­wirk­li­chung des Ver­hal­tens­ge­bots des § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW genügt die Fest­stel­lung der Eig­nung der durch das Tra­gen des is­la­mi­schen Kopf­tuchs zum Aus­druck ge­brach­ten re­li­giösen Be­kun­dung als Gefähr­dung der Neu­tra­lität der be­klag­ten Stadt ge­genüber den Kin­dern der Kin­der­ta­gesstätte und de­ren El­tern, al­ter­na­tiv der Gefähr­dung des re­li­giösen Frie­dens in der Kin­der­ta­gesstätte. Nach den vor-ste­hen­den Ausführun­gen ist mit dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt da­von aus­zu­ge­hen, dass die re­li­giös mo­ti­vier­te und als Kund­ga­be ei­ner Glau­bensüber­zeu­gung zu in­ter­pre­tie­ren­de Be­klei­dung abs­trakt ge­eig­net ist, die Möglich­keit ei­ner Be­ein­flus­sung der Kin­der in der Kin­der­ta­gesstätte so­wie von Kon­flik­ten mit El­tern aus­zulösen (BVerfG, Ur­teil vom 24.09.2003 - 2 BvR 1436/02 - a. a. O., zu B II 5 der Gründe = Rd­nr. 49). (3) Der An­wen­dung des abs­trak­ten Gefähr­dungs­tat­be­stan­des auf die Per­son der Kläge­rin steht nicht ent­ge­gen, dass sie be­reits bei In­kraft­tre­ten des Ver­hal­tens­ge­bots als Er­zie­he­rin bei der be­klag­ten Stadt beschäftigt war. Das folgt aus Ge­setz­zweck und -wort­sinn, der in­so­weit kei­ne Ein­schränkun­gen enthält. Das Ver­hal­tens­ge­bot un­ter­schei­det nicht zwi­schen ein­zu­stel­len­den Er­zie­he­rin­nen und be­reits im Ar­beit­verhält­nis be­find­li­chen Fach­kräften (vgl. z. B. VGH Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 14.03.2008 - 4 S 416/07 - a. a. O., Rd­nr. 31). d) § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Kläge­rin mit höher­ran­gi­gem Recht, ins­be­son­de­re dem Grund­ge­setz, ver­ein­bar. aa) Das Ver­hal­tens­ge­bot des § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW ist for­mell grund­ge­setz­gemäß. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber war in­so­weit ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tent.
(1) Gemäß Art. 70 Abs. 1 GG ha­ben die Länder das Recht der Ge­setz­ge­bung, so-weit die­ses Grund­ge­setz nicht dem Bun­de Ge­setz­ge­bungs­be­fug­nis­se ver­leiht. Nach sei­nem Abs. 2 be­misst sich die Ab­gren­zung der Zuständig­keit zwi­schen Bund und Ländern nach den Vor­schrif­ten die­ses Grund­ge­set­zes über die aus­sch­ließli­che und die kon­kur­rie­ren­de Ge­setz­ge­bung. Da­nach ha­ben im Be­reich der kon­kur­rie­ren­den Ge­setz­ge­bung die Länder die Be­fug­nis zur Ge­setz­ge­bung, so­lan­ge und so­weit der Bund von sei­ner Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz nicht Ge­brauch ge­macht hat, Art. 72 Abs. 1 GG. Nach Art. 74 Abs. 1 Nr. 7 GG er­streckt - 15 -
(2) Der Lan­des­ge­setz­ge­ber war für die Re­ge­lung des „Kopf­tuch­ver­bots“ zuständig. Das folgt aus Art. 74 Abs. 1 Nr. 7 GG. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Bund von sei­ner Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz durch Er­lass der §§ 22 bis 26 SGB VIII Ge­brauch ge­macht hat. Das Kopf­tuch­ver­bot, in­so­weit be­steht kei­ne bun­des­ge­setz­li­che Re­ge­lung, be­trifft die An­for­de­run­gen an das Fach­kräfte­per­so­nal in Kin­dergärten, die der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Lan­des­ge­setz­ge­ber schon bis­lang im Kin­der­gar­ten­ge­setz, nämlich in § 7 mit den dort auf­geführ­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­er­for­der­nis­sen, ge­re­gelt hat. Das Kopf­tuch­ver­bot ist als Abs. 6 in die­se Vor­schrift ein­gefügt wor­den und die Gewähr für sei­ne Ein­hal­tung wird als „persönli­ches Eig­nungs­merk­mal“ der Fach­kräfte be­wer­tet (Wit­tin­ger, VBl. BW, 2006, 169, 172). Vor­schrif­ten über An­for­de­run­gen an das Fach­kräfte­per­so­nal darf der Lan­des­ge­setz­ge­ber nach dem ihm in SGB VIII durch den Lan­des­rechts­vor­be­halt nach § 26 SGB VIII eröff­ne­ten Re­ge­lungs­spiel­raum tref­fen. bb) So­weit sich das Ver­hal­tens­ge­bot des § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW auch auf Beschäftig­te be­zieht, die in ei­nem Ar­beits­verhält­nis zu Trägern ge­meind­li­cher Ein­rich­tun­gen im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Ki­TaG BW ste­hen, liegt kein Ver­s­toß ge­gen die kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie des Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG vor. Der Ge­set­zes­vor­be­halt recht­fer­tigt den Ein­griff in die Per­so­nal­ho­heit der Ge­mein­den.
(1) Nach Art. 28 Abs. 1 Satz 1 muss den Ge­mein­den das Recht gewähr­leis­tet sein, al­le An­ge­le­gen­hei­ten der ört­li­chen Ge­mein­schaft im Rah­men der Ge­set­ze in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung zu re­geln. Die da­nach ga­ran­tier­te Uni­ver­sa­lität oder All­zuständig­keit be­trifft die­je­ni­gen Bedürf­nis­se und In­ter­es­sen, die in der ört­li­chen Ge­mein­schaft wur­zeln oder auf sie ei­nen spe­zi­fi­schen Be­zug ha­ben. Ga­ran­tiert ist nicht nur der Auf­ga­ben­be­reich, son­dern auch die Be­fug­nis zu ei­gen­ver­ant­wort­li­cher Führung der Geschäfte in die­sem Be­reich. Ele­ment der Ge­mein­de­ho­heit ist un­ter an­de­rem auch die Per­so­nal­ho­heit, al­so die Be­fug­nis, das Per­so­nal aus­zuwählen, an­zu­stel­len, zu befördern und zu ent­las­sen (BVerfG, Be­schluss vom 26.11.1963 - 2 BvR 12/62 - NJW 1964, 491 ff., zu B II 1 der Gründe = Rd­nr. 38). Auf­grund des in Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG ent­hal­te­nen Ge­set­zes­vor­be­halts sind Be­schränkun­gen der Selbst­ver­wal­tung der Ge­mein­den mit Art. 28 Abs. 2 - 16 -
Satz 1 GG ver­ein­bar, wenn sie de­ren Kern­be­reich verhält­nismäßig un­an­ge­tas­tet las­sen (BVerfG, Be­schluss vom 26.11.1963 - 2 BvR 12/62 - a. a. O., zu B II 1 der Gründe = Rd­nr. 38; BVerfG, Be­schluss vom 07.10.1980 - 2 BvR 584/76, 2 BvR 598/76, 2 BvR 599/76, 2 BvR 604/76 - NJW 1981, 1659 bis 1662, zu C II 3 a und b der Gründe = Rd­nr. 43 und 45). (2) Da­nach ist die lan­des­ge­setz­lich be­stimm­te Eig­nungs­vor­aus­set­zung kein un­ge­recht­fer­tig­ter Ein­griff in die kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie. (a) Die Re­ge­lung in § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW un­terfällt dem Schutz­be­reich des kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tungs­rechts (Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG, Art. 71 Abs. 1 LVerf). Gemäß § 24 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII be­steht für je­des Kind vom voll­ende­ten drit­ten Le­bens­jahr bis zum Schul­ein­tritt ein An­spruch auf ei­nen Kin­der­gar­ten­platz. Der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Lan­des­ge­setz­ge­ber hat den Ge­mein­den die Förde­rung der Kin­der in Ta­ges­ein­rich­tun­gen, wie z. B. Kin­der­ta­gesstätten, als Pflicht­auf­ga­be im Be­reich der Da­seins­vor­sor­ge über­tra­gen (Wit­tin­ger, a. a. O., 169, 173). Auf­grund des ge­meind­li­chen Be­zugs von Kin­dergärten ist die Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie be­trof­fen. Par­al­lel zur ge­genständ­li­chen Auf­ga­ben­zu­wei­sung hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber in­so­weit in die Per­so­nal­ho­heit der kom­mu­na­len Träger sol­cher Ein­rich­tun­gen ein­ge­grif­fen, als er für die Ar­beit­ge­ber der Fach­kräfte durch das ver­bind­li­che Ver­hal­tens­ge­bot des § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW ein „persönli­ches Eig­nungs­merk­mal“ (vgl. Wit­tin­ger, a. a. O., 172) nor­miert hat. Die Aus­ge­stal­tung des Kopf­tuch­ver­bots ver­wehrt es den Ge­mein­den so­gar, ob­wohl Träger der Ein­rich­tung und Ar­beit­ge­ber der Fach­kräfte, in Ausübung ih­rer Per­so­nal­ho­heit ei­ne Ein­zel­fall­ent­schei­dung zu tref­fen. (b) Der Ein­griff in den Schutz­be­reich der Per­so­nal­ho­heit als Aus­schluss der Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie ist je­doch ge­recht­fer­tigt. Im Rah­men der durch den Ge­set­zes­vor­be­halt re­la­ti­vier­ten Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie greift die Eig­nungs­vor­aus­set­zung nicht in den Kern­be­reich der Per­so­nal­ho­heit der Ge­mein­den ein. Ih­nen ver­bleibt nach wie vor das Recht, ih­re Fach­kräfte aus­zuwählen, an­zu­stel­len, zu befördern und auch zu ent­las­sen. Eben­so wie die in § 7 Abs. 1 Ki­TaG BW nor­mier­ten Aus­bil­dungs­vor­aus­set­zun­gen ist das Kopf­tuch­ver­bot le­dig­lich ei­ne wei­te­re Eig­nungs­vor­aus­set­zung, die im Übri­gen die wei­te­ren As­pek­te der Per­so­nal­ho­heit un­berührt lässt. In­so­fern ist der Ein­griff auch verhält­nismäßig. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Lan­des­ge­setz­ge-
(a) Nach Art. 4 Abs. 1 GG sind die Frei­heit des Glau­bens, des Ge­wis­sens und die Frei­heit des re­li­giösen und welt­an­schau­li­chen Be­kennt­nis­ses un­ver­letz­lich. Nach sei­nem Abs. 2 ist die un­gestörte Re­li­gi­ons­ausübung gewähr­leis­tet. Bei­de Absätze des Art. 4 GG ent­hal­ten ein um­fas­send zu ver­ste­hen­des ein­heit­li­ches Grund­recht (BVerfG, Ur­teil vom 24.09.2003 - 2 BvR 1436/02 - a. a. - 18 -
(a) Nicht mit ei­nem Ge­set­zes­vor­be­halt ver­se­he­ne Grund­rech­te können durch kol­li­die­ren­des Ver­fas­sungs­recht, nämlich durch Grund­rech­te Drit­ter oder durch sons­ti­ge ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te Güter, be­schränkt wer­den (BVerfG, Be­schluss vom 21.12.1977 - 1 BvL 1/75, 1 BvR 147/75 - NJW - 19 -
(bb) Da­nach sind die Kin­der­gar­ten­kin­der durch das Tra­gen des Kopf­tuchs in ih­rer ne­ga­ti­ven Glau­bens­frei­heit un­mit­tel­bar be­trof­fen. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Kin­der als Grund­recht­sträger min­derjährig sind (s. da­zu v. Münch/Ku­nig, Grund­ge­setz­kom­men­tar, 5. Auf­la­ge, Rn. 13 vor Art. 1). In­so­weit fehlt im Grund­ge­setz dafür je­der An­halts­punkt. Das - 20 -
(bb) Nach die­sen Grundsätzen ist vor­lie­gend auch der grund­ge­setz­li­che Schutz­be­reich des Rechts der El­tern zur Kin­der­er­zie­hung in re­li­giöser und welt­an­schau­li­cher Hin­sicht be­trof­fen. Durch das Tra­gen des Kopf­tu­ches in der Kin­der­ta­gesstätte wird den El­tern, die kei­ne Be­treu­ung durch ei­ne Kopf­tuchträge­rin wünschen, in das Recht ein­ge­grif­fen, ih­re Kin­der von Glau­bensüber­zeu­gun­gen fern zu hal­ten, die ih­nen falsch oder schädlich er­schei­nen. Das den El­tern ver­fas­sungs­recht­lich zu-ste­hen­de Er­zie­hungs­recht wird auch ein­fach­ge­setz­lich in­so­fern aner-kannt, als die Kin­dergärten „die Er­zie­hung des Kin­des in der Fa­mi­lie“ (§ 2 Abs. 1 Satz 1 Ki­TaG BW) un­terstützen und ergänzen (Wit­tin­ger, a. a. O., S. 170). Der kom­ple­mentäre Förde­rungs­auf­trag des Kin­der­gar­tens um­fasst gem. § 22 Abs. 3 Satz 1 SGB VIII Er­zie­hung, Bil­dung und Be­treu­ung des Kin­des und be­zieht sich auf die so­zia­le, emo­tio­na­le, körper­li­che und geis­ti­ge Ent­wick­lung des Kin­des. In­so­fern und in Ver-bin­dung mit dem An­spruch des Kin­des auf ei­nen Kin­der­gar­ten­platz ab - 22 -
Die dem Staat ge­bo­te­ne re­li­giös-welt­an­schau­li­che Neu­tra­lität ist in­des nicht als ei­ne dis­tan­zie­ren­de im Sin­ne ei­ner strik­ten Tren­nung von Staat und Kir­che, son­dern als ei­ne of­fe­ne und überg­rei­fen­de, die Glau­bens-frei­heit für al­le Be­kennt­nis­se glei­cher­maßen fördern­de Hal­tung zu ver­ste­hen. Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ge­bie­tet auch in po­si­ti­vem Sinn, den Raum für die ak­ti­ve Betäti­gung der Glau­bensüber­zeu­gung und die Ver­wirk­li­chung der au­to­no­men Persönlich­keit auf welt­an­schau­lich-re­li­giösem Ge­biet zu si­chern. Der Staat darf le­dig­lich kei­ne ge­ziel­te Be­ein­flus­sung im Diens­te ei­ner be­stimm­ten po­li­ti­schen, ideo­lo­gi­schen oder - 23 -
(bb) Da­nach wird das Tra­gen des Kopf­tuchs dem staat­li­chen Neu­tra­litäts­ge­bot im kom­mu­na­len Kin­der­gar­ten nicht ge­recht. Aus dem staat­li­chen Neu­tra­litäts­ge­bot folgt, dass der dem Staat zu­zu­rech­nen­de ge­meind­li­che Träger der Ein­rich­tung sei­ne ge­genüber dem el­ter­li­chen Er­zie­hungs­recht be­ste­hen­de Un­terstützungs­funk­ti­on in re­li­giös-welt­an­schau­li­cher Neu­tra­lität zu erfüllen hat. In Ausführung der bun­des­ge­setz­li­chen Re­ge­lung des § 22 Abs. 3 SGB VIII ob­liegt dem kom­mu­na­len Träger gem. § 2 Abs. 1 Satz 2 Ki­TaG BW die Er­zie­hung, Bil­dung und Be­treu­ung des Kin­des zur Förde­rung sei­ner Ge­samt­ent­wick­lung. Wenn­gleich kei­ne Kin­der­gar­ten­pflicht be­steht, so hat gleich­wohl der als Staat im wei­te­ren Sin­ne han­deln­de kom­mu­na­le Träger sei­nen ge­setz­li­chen Auf­trag frei von ihm zu­zu­rech­nen­den, ei­ne be­stimm­te Glau­bens­rich­tung präfe­rie­ren­den Be­kun­dun­gen zu erfüllen. Die das Kopf­tuch tra­gen­de Er­zie­he­rin ist Re­präsen­tan­tin des ge­meind­li­chen Trägers. Sie nimmt als pädago­gi­sche Fach­kraft die Er­zie­hung, Bil­dung und Be­treu­ung der ihr übe­r­ant­wor­te­ten Kin­der zur Förde­rung ih­rer je­wei­li­gen Ge­samt­ent­wick­lung wahr. Ob­gleich sie nicht im Sta­tus ei­ner Be­am­tin ist, nimmt sie ei­ne der Schüler-Leh­rer ver­gleich­ba­re Mit­tel­punktsfunk­ti­on als Be­zugs- und Au­to­ritäts­per­son ein; ei­ne Aus­weichmöglich­keit für die das staat­li­che Kin­der­gar­ten­an­ge­bot wahr­neh­men­den Kin­der be­steht nicht. Aus dem Um­stand, dass christ­li­che Bezüge im Kin­der­gar­ten­all­tag re­gelmäßig ge­ge­ben sind, folgt nicht die Pflicht zur Ak­zep­tanz, das Tra­gen des Kopf­tuchs hin­zu­neh­men (vgl. Wit­tin­ger, - 24 -
(aaa) Das hin­rei­chend be­stimm­te Ver­hal­tens­ge­bot in § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW ist ge­eig­net, die den staat­li­chen und da­mit auch kom­mu­na­len Trägern von Ein­rich­tun­gen im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Ki­TaG BW ob­lie­gen­de re­li­giös-welt­an­schau­li­che Neu­tra­lität und auch den Ein­rich­tungs­frie­den zu gewähr­leis­ten. Letz­te­rer - 25 -
wird durch die kol­li­die­ren­den Grund­rech­te der Kopf­tuchträge­rin ei­ner­seits und der El­tern als Träger des Er­zie­hungs­rechts und de­ren Kin­der als Träger der ne­ga­ti­ven Glau­bens­frei­heit an­de­rer­seits in Fra­ge ge­stellt. In­so­fern ist die Re­ge­lung an sich und ih­re Aus­ge­stal­tung als abs­trak­ter Gefähr­dungs­tat­be­stand ge­eig­net, die Ziel­an­ti­no­mie zu­guns­ten der staat­li­chen Neu­tra­lität und der Grund­rech­te der El­tern und de­ren Kin­der auf­zulösen. Das ent-spricht auch der dem Lan­des­ge­setz­ge­ber in­so­weit zu­ste­hen­den Einschätzungs­präro­ga­ti­ve (vgl. LT-Drucks. 13/4869, S. 9). (bbb) Das Kopf­tuch­ver­bot ist auch er­for­der­lich, die staat­li­che Neu­tra­lität si­cher­zu­stel­len und ei­ner Gefähr­dung des Ein­rich­tungs­frie­dens in Fol­ge der kol­li­die­ren­den Grund­rechts­po­si­tio­nen vor­zu­beu­gen. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Ver­wirk­li­chung und der ihr zu­grun­de lie­gen­de Kon­flikt auch durch die Aus­ge­stal­tung als Ver­bot mit Er­laub­nis­vor­be­halt hätte er­reicht wer­den können (vgl. da­zu den Ände­rungs­an­trag der Frak­ti­on der SPD zum Ge­setz zur Ände­rung des Kin­der­gar­ten­ge­set­zes vom 02.02.2006, LT-Drucks. 13/5115). Denn auch in­so­weit kommt dem Ge­setz­ge­ber für die Be­ur­tei­lung der Maßnah­me in Be­zug auf sei­ne Wir­kungs­wei­se und auf sei­ne Aus­wir­kun­gen in tatsäch­li­cher Hin­sicht ei­ne Ein-schätzungs­präro­ga­ti­ve zu (BVerfG, Ur­teil vom 24.09.2003 - 2 BvR 1436/02 - a. a. O., zu B II 6 b der Gründe = Rd­nr. 66). (ccc) Das Ver­hal­tens­ge­bot des § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW ist auch an­ge­mes­sen (verhält­nismäßig in en­ge­rem Sin­ne). Die Ein­schränkung der po­si­ti­ven Glau­bens­frei­heit der Kläge­rin be­trifft nicht den Kern­be­reich ih­rer Re­li­gi­ons­ausübung. Sie ist le­dig­lich ein äußeres Zei­chen als Anhänge­rin des mus­li­mi­schen Glau­bens. Um Miss­verständ­nis­sen vor­zu­beu­gen, ist mit dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es für die Fra­ge des Schutz­be­reichs des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG nicht dar­auf an­kommt, ob und in­wie­weit die Ver­schleie­rung für Frau­en von Re­geln des is­la­mi­schen Glau­bens vor­ge­schrie­ben ist. Vor­lie­gend geht es je­doch nicht um die Fra­ge des Schutz­be­reichs, son­dern um die Kon­fliktlösung der wi­der­strei­ten­den Grund­rechts-
po­si­tio­nen nach dem Grund­satz der prak­ti­schen Kon­kor­danz (An­ge­mes­sen­heit). Da­mit wird die in­ne­re Frei­heit, zu glau­ben, nicht berührt. Der Ko­ran als die hei­li­ge Schrift des Is­lams, der zu­sam­men mit den Ha­dit­hen die Sun­na (Über­lie­fe­rung) bil­det, legt Wert auf scham­haf­te Zurück­hal­tung (Es­po­si­to, a. a. O., S. 119), ob­wohl dort an kei­ner Stel­le spe­zi­fi­sche Vor­schrif­ten zur Be­de­ckung des Kop­fes ge­macht wer­den. Zwei Koran­pas­sa­gen lau­ten je­doch wie folgt: „Su­re 24, Vers 32:Und sprich zu den gläubi­gen Frau­en, dass sie ih­re Bli­cke zu Bo­den schla­gen und ih­re Keusch­heit wah­ren sol­len und dass sie ih­re Rei­ze nicht zur Schau tra­gen sol­len, bis auf das, was da­von sicht­bar sein muss, und dass sie ih­re Tücher über ih­re Bu­sen zie­hen sol­len und ih­re Rei­ze vor nie­man­den enthüllen als vor ih­ren Gat­ten, oder ih­ren Vätern, oder den Vätern ih­rer Gat­ten, oder ih­ren Söhnen, oder den Söhnen ih­rer Gat­ten, oder ih­ren Brüdern, oder den Söhnen ih­rer Brüder, oder den Söhnen ih­rer Schwes­tern, oder ih­ren Frau­en, oder de­nen, die ih­re Rech­te be­sitzt, oder sol­chen von ih­ren männ­li­chen Die­nern, die kei­nen Ge­schlechts­trieb ha­ben, und den Kin­dern, die von der Blöße der Frau­en nichts wis­sen ...“
„Su­re 33, Vers 60:Oh Pro­phet! Sprich zu dei­nen Frau­en und zu dei­nen Töchtern und zu den Frau­en der Gläubi­gen, sie sol­len ih­re Tücher tief über sich zie­hen. Das ist bes­ser, da­mit sie er­kannt und nicht belästigt wer­den und Al­lah ist all­ver­zei­hend, barm­her­zig.“ (zi­tiert aus Ko­ran, 7. übe­r­ar­bei­te­te Ta­schen-buch­auf­la­ge, Her­aus­ge­ber: Ver­lag Der Is­lam, 2006).
Die Be­ru­fungs­kam­mer maßt sich nicht an, au­to­ri­siert zu sein, den Ko­ran zu in­ter­pre­tie­ren. Je­doch lässt der Wort­laut der Su­re 24, Vers 32 den Schluss zu, dass je­den­falls ge­genüber Kin­dern („und den Kin­dern, die von der Blöße der Frau­en nichts wis­sen“) wohl ei­ne Aus­nah­me von ei­ner mögli­chen Pflicht zur Be­de­ckung des - 27 -
blie­be in die­sem Fall nur die Möglich­keit, das Kind aus dem Kin­der­gar­ten zu neh­men. Das er­scheint aber ins­be­son­de­re mit Blick auf die er­heb­li­che Förde­rung der frühkind­li­chen Ent­wick­lung in Kin­dergärten nicht zu­mut­bar. Hin­zu­kommt, dass Er­zie­he­rin­nen in Kin­dergärten auf emo­tio­nal und bin­dungsmäßig noch stark be­ein­fluss­ba­re Kin­der tref­fen, die in ih­ren An­schau­un­gen noch nicht ge­fes­tigt sind, Kri­tik­vermögen ge­schwei­ge denn die Aus­bil­dung ei­ge­ner Stand­punk­te erst er­ler­nen sol­len und da­her in ei­ner men­ta­len Be­ein­flus­sung be­son­ders leicht zugäng­lich sind. dd) Im Er­geb­nis gilt nichts an­de­res für das in Be­tracht kom­men­de all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht der Kläge­rin gemäß Art. 2 Abs. 1 GG und die ihr als Deut­sche zu­ste­hen­de Be­rufs­ausübungs­frei­heit gemäß Art. 12 Abs. 1 GG. Auch die­sen Grund­rech­ten der Kläge­rin ste­hen die ne­ga­ti­ve Glau­bens­frei­heit der be­trof­fe­nen Kin­der nach Art. 4 Abs. 1 und 2 GG, das el­ter­li­che Er­zie­hungs­recht gemäß Art. 6 Abs. 2 Satz 1 i. V. m. Art. 4 Abs. 1 GG und die re­li­giös-welt­an­schau­li­che Neu­tra­litäts­pflicht des Staa­tes ent­ge­gen und ver­drängen die vor­ge­nann­ten Grund­rech­te.
ee) Mit dem Ar­beits­ge­richt ist auch da­von aus­zu­ge­hen, dass § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW nicht ge­gen Eu­ropäisches Ge­mein­schafts­recht oder in sei­ner Um­set­zung er­gan­ge­nes Bun­des­recht im Sin­ne des AGG verstößt. Zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen schließt sich die Be­ru­fungs­kam­mer gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG den zu­tref-fen­den Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts in­so­weit an. Ergänzend weist die Be­ru­fungs­kam­mer dar­auf hin, dass die­sel­ben Erwägun­gen für ei­ne nach § 8 Abs. 1 AGG ge­recht­fer­tig­te (un­ter­stell­te) Be­nach­tei­li­gung auch für ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung aus Gründen der Re­li­gi­on nach Art. 2 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG gel­ten. ff) § 7 Abs. 6 Satz 1 Ki­TaG BW steht auch im Ein­klang mit Art. 9 EM­RK. Der mit dem Ver­hal­tens­ge­bot ver­bun­de­ne Ein­griff in die Re­li­gi­ons­frei­heit nach Art. 9 Abs. 1 EM­RK ist nach sei­nem Abs. 2 ge­recht­fer­tigt. aa) Nach Art. 9 Abs. 2 EM­RK, die Kon­ven­ti­on ist als völker­recht­li­cher Ver­trag durch Ra­ti­fi­zie­rung vom 07.08.1952 (BGBl. II S. 585) für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­bind­lich, darf die Frei­heit, sei­ne Re­li­gi­on zu be­ken­nen, nur Ein­schränkun­gen un­ter­wor­fen wer­den, die ge­setz­lich vor­ge­se­hen und in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft not­wen­dig sind für die öffent­li­che Si­cher­heit, zum Schutz der öffent­li­chen Ord­nung, Ge­sund­heit oder Mo­ral oder zum Schutz der Rech­te und - 29 -
bb) In­so­fern und in­so­weit wird auf die vor­ste­hen­den Ausführun­gen zur Verhält­nis-mäßig­keitsprüfung im Rah­men der kol­li­die­ren­den Ver­fas­sungs­rechtsgüter ver-wie­sen (vgl. auch da­zu Eu­ropäischer Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te vom 15.02.2001 - 42393/98 - a. a. O.; Eu­ropäischer Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te vom 10.11.2005 - 44774/98 - [Ley­la Sa­hin/Türkei], NJW 2006, 1389). B
1. Ge­gen die­ses Ur­teil kann d. Kläg. nach Maßga­be ih­rer Zu­las­sung im Ur­teils­te­nor schrift­lich Re­vi­si­on ein­le­gen. Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat, die Re­vi­si­ons­be­gründung in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten bei demBun­des­ar­beits­ge­richtHu­go-Preuß-Platz 199084 Er­furt
b. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,c. ju­ris­ti­sche Per­so­nen, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 11 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 ArbGG erfüllen.
gez. Pfeif­fer gez. Ha­ber­maas gez. Herr­mann
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References: § 611
 § 7
 § 38
 § 7
 § 7
 § 1
 § 2
 § 22
 § 7
 § 7
 § 38
 § 7
 § 7
 § 7
 Art. 70
 Art. 72
 Art. 74
 Art. 74
 § 7
 § 26
 § 7
 § 1
 Art. 28
 Art. 28
 Art. 28
 Art. 28
 § 7
 Art. 71
 § 24
 § 7
 § 7
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 1
 § 22
 Art. 4
 § 22
 § 2
 § 7
 § 1
 § 7
 Art. 4
 Art. 2
 Art. 12
 Art. 4
 Art. 6
 Art. 4
 § 7
 § 69
 § 8
 Art. 2
 § 7
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 § 11