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Griechische Staatsanleihen vor deutschen Gerichten
26. März 2018 | Wirtschaftsrecht
Klagen auf Zahlung aus (eingezogenen) griechischen Staatsanleihen sind in Deutschland unzulässig. Ihnen steht der Grundsatz der Staatenimmunität entgegen.
In dem hier vom Bundesgerichtshof entschiedenen Streitfall machte der Anleger gegen die Hellenische Republik Zahlungsansprüche aus von dieser emittierten Staatsanleihen geltend, die im März 2012 eingezogen und durch neue Anleihen mit einem niedrigeren Nennwert ersetzt wurden.
Im November 2011 und im Januar 2012 erwarb der Anleger von Griechenland im Jahr 2008 emittierte ISIN-GR-Anleihen zu einem Nennbetrag von insgesamt 10.000 €. Die Anleihen sollten mit einem Zinssatz von 4% p.a. verzinst werden und jeweils am 20.08.eines Jahres fällig sein; Gesamtfälligkeit sollte am 20.08.2013 eintreten. In den Anleihebedingungen, die keine Umschuldungsklauseln (sog. Collective Action Clauses) enthielten, war bestimmt, dass die Anleihen griechischem Recht unterfallen. Es handelte sich um dematerialisierte Wertpapiere, die als Wertrechte ausgegeben wurden und im Girosystem der griechischen Zentralbank registriert waren. Das Girosystem der griechischen Zentralbank basiert auf Konten im Namen der jeweiligen Systemteilnehmer (sog. “Träger”), die daran nur mit Zulassung durch die griechische Zentralbank teilnehmen können. Nach Art. 6 Abs. 4 des griechischen Gesetzes 2198/1994 in der durch das Gesetz 2469/1997 geänderten Fassung (nachfolgend: Gesetz 2198/1994 nF) erfolgt die Übertragung des Titels, die gemäß Art. 6 Abs. 2 auch an Dritte (“Investoren”) zulässig ist, dann aber nur zwischen den Parteien wirkt und zu keinen Rechtsfolgen zu Gunsten oder zu Lasten des griechischen Staates oder der Bank von Griechenland führt, durch Gutschrift auf dem Konto des Berechtigten. Gemäß Art. 6 Abs. 5 des Gesetzes 2198/1994 nF werden die Konten der Träger im System der Zentralbank und die Konten der Investoren bei den Trägern geführt.
Der Anleger erwarb die Anleihen über die sein Depot führende Depotbank. Auf den ihm erteilten Abrechnungen zu den getätigten Anleihekäufen findet sich unter “Verwahrart Wertpapierrechnung” der Hinweis “Lagerland Griechenland”.
Im Zuge der Restrukturierung des griechischen Staatshaushaltes wurde durch das griechische Gesetz 4050/2012 vom 23.02.2012 geregelt, dass durch Mehrheitsentscheidung der Anleihegläubiger Anleihebedingungen geändert und ein Umtausch von Anleihen gegen neue Anleihen vorgesehen werden können und diese Entscheidung sodann durch Beschluss des Ministerrates Griechenland für allgemeinverbindlich erklärt werden kann. Nach Art. 1 Abs. 9 des Gesetzes 4050/2012 bewirkt zum einen der Ministerratsbeschluss, dass auch die überstimmte Minderheit der Anleihegläubiger an den Mehrheitsbeschluss gebunden ist und dieser Vorrang vor gegenteiligen Gesetzesbestimmungen, Rechtsvorschriften oder Vereinbarungen hat. Zum anderen führt im Fall eines Austausches der betroffenen Titel die Einbuchung der neuen Titel im Girosystem zur Aufhebung aller Rechte und Verpflichtungen aus den alten Titeln. Gemäß Art. 1 Abs. 4 des Gesetzes 4050/2012 erfordert eine Änderung der betroffenen Anleihen, dass die Anleihegläubiger sich an der Abstimmung über die Änderung bzw. den Umtausch mit einem Quorum von mindestens 50% des ausstehenden Nennbetrages beteiligen und eine qualifizierte Mehrheit von zwei Dritteln des teilnehmenden Kapitals dem Änderungsvorschlag zustimmt.
Mit Beschluss vom 24.02.2012 entschied der Ministerrat Griechenland, das im Gesetz 4050/2012 vorgesehene Verfahren in Gang zu setzen. Den Anleihegläubigern wurde angeboten, die betroffenen Anleihen, darunter auch die streitgegenständlichen Anleihen, gegen andere Anleihen mit einem um 53, 5% verringerten Nennwert und anderen Laufzeiten umzutauschen. Mit Schreiben vom 28.02.2012 informierte die Depotbank den Anleger über das an die Anleihegläubiger gerichtete Angebot Griechenland mit dem Hinweis, dass dieses Schreiben keine Aussage über die Berechtigung des Anlegers, an der Maßnahme teilzunehmen, beinhalte. Der Anleger stimmte dem Angebot nicht zu.
Die griechische Regierung teilte am 9.03.2012 mit, dass nach der durchgeführten Abstimmung der Anleihegläubiger die nach dem Gesetz 4050/2012 vorgesehenen Voraussetzungen für die Annahme des Änderungsvorschlags erfüllt seien. Mit ihrer Billigung durch Beschluss des Ministerrats Griechenland vom gleichen Tag wurde diese Mehrheitsentscheidung gemäß den Bestimmungen des Gesetzes 4050/2012 allgemeinverbindlich. Aufgrund dessen wurden am 12.03.2012 die alten Anleihen aus dem bei der griechischen Zentralbank geführten System ausgebucht und gleichzeitig die neuen Anleihen eingebucht. Daraufhin nahm die Depotbank am 14.03.2012 im Depot des Anlegers die entsprechenden Umbuchungen vor.
Mit seiner Klage verlangt der Anleger im Wesentlichen Zahlung des Nennwerts der ursprünglichen Anleihen zuzüglich Zinsen sowie abzüglich vereinnahmter Zahlungen, Zug um Zug gegen Gestattung der Rückbuchung der neuen Anleihen. Er stützt seine Klage in erster Linie auf von ihm behauptete vertragliche Rückzahlungsansprüche aus den ursprünglich erworbenen Staatsanleihen und hilfsweise auf deliktische Schadensersatzansprüche wegen sittenwidriger vorsätzlicher Schädigung.
Das erstinstanzlich hiermit befasste Landgericht Köln hat die Klage als unzulässig abgewiesen, da der Klage der Grundsatz der Staatenimmunität entgegenstehe und im Übrigen ein Gerichtsstand in Deutschland nicht gegeben sei1. Auch die Berufung des Anlegers hatte vor dem Oberlandesgericht Köln keinen Erfolg2:
Das Landgericht habe die Klage im Ergebnis mit Recht als unzulässig abgewiesen. Soweit der Anleger hilfsweise deliktische Schadensersatzansprüche geltend mache, stehe der Klage der vorrangig und von Amts wegen zu berücksichtigende Grundsatz der Staatenimmunität entgegen.
Dies gelte jedoch nicht für die von dem Anleger in erster Linie geltend gemachten vertraglichen Rückzahlungsansprüche aus den Staatsanleihen. Insoweit sei Griechenland nicht in ihrem hoheitlichen Aufgabenbereich betroffen. Denn die Kapitalaufnahme durch Emission von Staatsanleihen stelle ein nichthoheitliches Handeln dar. Diese Einordnung werde nicht dadurch berührt, dass der Anleger einen Verstoß gegen den deutschen ordre public durch das Gesetz 4050/2012 anführe. Denn die hierdurch suggerierte Überprüfung fremdstaatlicher hoheitlicher Maßnahmen, die der Grundsatz der Staatenimmunität verhindern wolle, finde bei der Anwendung der Vorbehaltsklausel des Art. 6 EGBGB nicht statt. Die Emission von Staatsanleihen verliere ihren fiskalischen Charakter auch nicht durch die späteren, zum Zweck des Zwangsumtauschs der Anleihen durchgeführten Maßnahmen des griechischen Gesetzgebers und der griechischen Regierung, auch wenn diese hoheitlicher Natur seien.
Allerdings sei, soweit die Klage auf vertragliche Rückzahlungsansprüche aus den alten Staatsanleihen gestützt werde, die internationale Zuständigkeit deutscher Gerichte nicht eröffnet. Zwar handele es sich insoweit um eine Zivil- und Handelssache im Sinne von Art. 1 Abs. 1 der Verordnung (EG) Nr. 44/2001 des Rates vom 22.12.2000 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen3. Jedoch seien weder die Voraussetzungen des Verbrauchergerichtsstands gemäß Art. 15 Abs. 1 Buchst. c, Art. 16 Abs. 1 EuGVVO aF gegeben noch liege der gemäß Art. 5 Nr. 1 Buchst. a EuGVVO aF maßgebliche Erfüllungsort in Deutschland, so dass auch der in der Berufungsinstanz hilfsweise gestellte Antrag auf Verweisung des Rechtsstreits an das LG Frankfurt am Main keinen Erfolg habe.
Diese Beurteilung hielt revisionsrechtlicher Nachprüfung durch den Bundesgerichtshof im Ergebnis stand, so dass der Bundesgerichtshof die vom OLG Köln in seinem Berufungsurteil zugelassene Revision des Anlegers nun ebenfalls zurückwies:
Das Oberlandesgericht Köln hat rechtsfehlerhaft angenommen, dass die deutsche Gerichtsbarkeit eröffnet ist, soweit die Klage auf vertragliche Rückzahlungsansprüche aus den ursprünglich erworbenen Staatsanleihen gestützt ist. Der Grundsatz der Staatenimmunität steht der Klage insgesamt entgegen.
Die Frage, ob die deutsche Gerichtsbarkeit nach den Grundsätzen der Staatenimmunität eröffnet ist, ist von Amts wegen4 und vor Ermittlung der internationalen Zuständigkeit5 zu prüfen.
Soweit im Völkerrecht in einem allgemeinen Sinne von Staatenimmunität die Rede ist, bezieht sich diese auf den völkergewohnheitsrechtlich anerkannten Grundsatz, dass ein Staat nicht fremdstaatlicher nationaler Gerichtsbarkeit unterworfen ist. Allerdings hat das Recht der allgemeinen Staatenimmunität, nicht zuletzt wegen des zunehmend kommerziellen grenzüberschreitenden Tätigwerdens staatlicher Stellen, einen Wandel von einem absoluten zu einem nur mehr relativen Recht durchlaufen. Es ist keine allgemeine Regel des Völkerrechts mehr, dass ein Staat Immunität auch für nichthoheitliches Handeln (“acta iure gestionis”) genießt6. Staatenimmunität besteht aber nach dem als Bundesrecht im Sinne von Art. 25 GG geltenden allgemeinen Völkergewohnheitsrecht auch heute noch weitgehend uneingeschränkt für solche Akte, die hoheitliches Handeln eines Staates darstellen (“acta iure imperii”), soweit der ausländische Staat auf sie nicht verzichtet. Andernfalls könnte die rechtliche Prüfung durch die Gerichte eine Beurteilung des hoheitlichen Handelns erfordern, was mit dem Prinzip der souveränen Gleichheit von Staaten und dem daraus folgenden Rechtsprinzip, dass Staaten nicht übereinander zu Gericht sitzen, nicht vereinbar wäre7.
Die Abgrenzung zwischen hoheitlicher und nichthoheitlicher Staatstätigkeit richtet sich nicht nach deren Motiv oder Zweck. Sie kann auch nicht danach vorgenommen werden, ob die Betätigung in erkennbarem Zusammenhang mit hoheitlichen Aufgaben des Staates steht. Dies folgt daraus, dass die Tätigkeit eines Staates, wenn auch nicht insgesamt, aber doch zum weitaus größten Teil hoheitlichen Zwecken und Aufgaben dient und mit ihnen in einem erkennbaren Zusammenhang steht. Maßgebend für die Unterscheidung ist vielmehr die Natur der staatlichen Handlung oder des entstandenen Rechtsverhältnisses. Es kommt darauf an, ob der ausländische Staat in Ausübung der ihm zustehenden Hoheitsgewalt und damit öffentlichrechtlich oder wie eine Privatperson, also privatrechtlich, tätig geworden ist8.
Mangels völkerrechtlicher Unterscheidungsmerkmale ist die Abgrenzung grundsätzlich nach dem Recht des entscheidenden Gerichts zu beurteilen9, hier also nach deutschem Recht. Die Heranziehung nationaler Regelungen zur Unterscheidung hoheitlichen staatlichen Handelns von nichthoheitlichem staatlichem Handeln findet erst dort ihre Grenze, wo der unter den Staaten allgemein anerkannte Bereich hoheitlicher Tätigkeit berührt ist. Das betrifft etwa die Betätigung der auswärtigen und militärischen Gewalt, die Gesetzgebung, die Ausübung der Polizeigewalt und die Rechtspflege10. Insoweit kann es ausnahmsweise geboten sein, eine nach nationalem Recht als privatrechtlich einzuordnende Tätigkeit eines ausländischen Staates gleichwohl als der Staatenimmunität unterfallenden Akt iure imperii zu qualifizieren, wenn dieser zum Kernbereich völkerrechtlich anerkannter Staatsgewalt zu rechnen ist11.
Nach diesen Grundsätzen steht wie das Oberlandesgericht Köln zutreffend angenommen hat der Klage der Grundsatz der Staatenimmunität entgegen, soweit sie hilfsweise auf einen deliktischen Schadensersatzanspruch wegen sittenwidriger vorsätzlicher Schädigung gestützt ist. Entgegen der Ansicht der Revision wird dieser Anspruch nicht aus den ursprünglichen Anleihebedingungen hergeleitet. Vielmehr besteht insoweit das maßgebliche, potentiell haftungsbegründende Verhalten Griechenland im Erlass des Gesetzes 4050/2012 vom 23.02.2012 sowie dem Beschluss des Ministerrats vom 09.03.2012, aufgrund derer die Mehrheitsentscheidung der Gläubiger über das Umtauschangebot allgemeinverbindlich wurde und bei denen es sich um hoheitliche Maßnahmen handelt, deren Rechtmäßigkeitskontrolle der Grundsatz der Staatenimmunität verhindern will12.
Das Oberlandesgericht Köln hat ebenfalls zutreffend entschieden, dass der Einordnung der hier für die Beurteilung der Immunität maßgeblichen Maßnahmen als hoheitlich entgegen der Ansicht der Revision das Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union vom 11.06.201513 nicht entgegensteht. Dieses Urteil ist zur Auslegung von Art. 1 Abs. 1 der Verordnung (EG) Nr. 1393/2007 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13.11.2007 über die Zustellung gerichtlicher und außergerichtlicher Schriftstücke in Zivil- oder Handelssachen in den Mitgliedstaaten und zur Aufhebung der Verordnung (EG) Nr. 1348/2000 des Rates (EuZustVO)14 ergangen und befasst sich nur mit der Zustellung von Klagen, also mit der Möglichkeit, einen Sachverhalt überhaupt zur gerichtlichen Überprüfung zu bringen und die Gelegenheit zur Klärung komplexer juristischer Fragen zu schaffen. Demgemäß hat der Unionsgerichtshof auf die Besonderheiten des unionsrechtlichen Zustellungsrechts abgestellt, insbesondere auf das mit der EuZustVO verfolgte Ziel der Schnelligkeit bei der Zustellung gerichtlicher Schriftstücke und die damit verbundene Beschränkung auf eine erste Prüfung der vorliegenden Informationen15. Immunitätsfragen stellen sich auf dieser Stufe noch nicht, sondern erst auf der Stufe der Gerichtsbarkeit, die der Zustellung nachgelagert ist16.
Allerdings ist die deutsche Gerichtsbarkeit entgegen der Ansicht des Oberlandesgerichts Köln nach den Grundsätzen der Staatenimmunität auch insoweit nicht eröffnet, als die Klage auf vertragliche Rückzahlungsansprüche aus den ursprünglich erworbenen Staatsanleihen gestützt ist17.
Zwar stellt die Kapitalaufnahme durch Emission von Staatsanleihen nach ganz überwiegender Ansicht ein nichthoheitliches Handeln dar18.
Nach der oben dargestellten Rechtsprechung kommt es für die Frage der Immunität aber nicht auf die Rechtsnatur des Grundverhältnisses an, sondern auf die Natur der staatlichen Handlung, also die Rechtsnatur der Maßnahme, über deren Berechtigung die Parteien streiten19. Demgemäß hat das Bundesverfassungsgericht in einem Fall, dem eine Lohnzahlungsklage gegen den griechischen Staat zugrunde lag20, der den Nettolohn eines bei ihm in Deutschland beschäftigten Staatsbürgers wegen der Einführung einer Quellensteuer in Höhe von 5% des Bruttolohnes gekürzt hatte, die Immunität mit der Begründung bejaht, Gegenstand des Rechtsstreits sei die hoheitlich zu beurteilende Besteuerung mit der ausländischen Quellensteuer durch den beklagten Staat, nicht die unterbliebene vollständige Auszahlung eines im privatrechtlichen Arbeitsverhältnis vom beklagten Staat als Arbeitgeber geschuldeten (Brutto)Gehalts21. Damit hat das Bundesverfassungsgericht nicht auf die teilweise Nichtzahlung des Arbeitsentgelts abgestellt, sondern auf den Grund für diese Nichtzahlung, nämlich die Steuererhebung22.
Nach diesen Maßgaben ist für die Beurteilung der Immunität im vorliegenden Fall unabhängig von der rechtlichen Einkleidung der geltend gemachten Zahlungsansprüche nicht die Rechtsnatur der Kapitalaufnahme durch Emission von Staatsanleihen, sondern die Rechtsnatur der hoheitlichen Maßnahmen Griechenland, die letztlich zur Ausbuchung der Anleihen aus dem Wertpapierdepot des Anlegers führten, maßgeblich23.
Auch wenn sich der Anleger darauf beruft, vertragliche Erfüllungsansprüche aus den ursprünglich von ihm erworbenen Staatsanleihen geltend zu machen, ist zu berücksichtigen, dass Gegenstand des Rechtsstreits nicht einfach die im Zeitpunkt der Fälligkeit verweigerte Erfüllung eines im Rahmen eines privatrechtlichen Vertrages von Griechenland als Vertragspartnerin geschuldeten Zahlungsanspruchs ist24. Denn bei den streitgegenständlichen Anleihen handelt es sich um (dematerialisierte) Wertpapiere, die griechischem Recht unterlagen, im System der griechischen Zentralbank geführt wurden und unstreitig vor Eintritt ihrer Fälligkeit auf der Grundlage des Gesetzes 4050/2012 und des Ministerratsbeschlusses vom 09.03.2012 zunächst aus diesem System und in der Folge auch aus dem Wertpapierdepot des Anlegers ausgebucht wurden. Ferner ist in Art. 1 Nr. 9 des Gesetzes 4050/2012 vorgesehen, dass die Einbuchung der neuen Anleihen im Girosystem zur Aufhebung aller Rechte und Verpflichtungen aus den alten Titeln führt.
Angesichts dieser Umstände würde die Zuerkennung eines vertraglichen Erfüllungsanspruchs denknotwendig voraussetzen, dass das angerufene Gericht die Rechtswidrigkeit und eine daraus ggf. resultierende Nichtigkeit oder Unbeachtlichkeit des Gesetzes 4050/2012 und des Ministerratsbeschlusses vom 09.03.2012 feststellt25.
Damit ist aber gerade eine Beurteilung des hoheitlichen Handelns Griechenland erforderlich, die mit dem Prinzip der souveränen Gleichheit von Staaten und dem daraus folgenden Rechtsprinzip, dass Staaten nicht übereinander zu Gericht sitzen, nicht vereinbar wäre26. Denn es geht ebenso wie im Rahmen außervertraglicher Ansprüche maßgeblich um die Frage, ob der griechische Gesetzgeber berechtigt war, mit Wirkung gegenüber ausländischen Gläubigern, die beim Erwerb der Anleihen in die Geltung seiner Zivilrechtsordnung eingewilligt hatten, gegen deren Willen neue Vorschriften in seine Rechtsordnung einzufügen, welche früher geltende Normen ersetzen oder ergänzen. Gerade dadurch ist aber der Grundsatz der Staatenimmunität unmittelbar berührt27.
Griechenland kann entgegen der Ansicht des Oberlandesgerichts Köln28 auch nicht mit einem sonstigen Schuldner einer privaten Forderung gleichgesetzt werden, der sich darauf beruft, seine Verbindlichkeit sei durch ein Gesetz oder eine andere hoheitliche Maßnahme erloschen, und dessen Einwendung nach dem anwendbaren materiellen Recht zu prüfen ist29. Denn Griechenland hat hier die zum Erlöschen ihrer Verbindlichkeit führenden Maßnahmen selbst in ihrer Eigenschaft als Hoheitsträger durch Parlamentsgesetz und Ministerratsbeschluss erlassen, während einem privaten Schuldner ein gesetzlicher Eingriff in vertragliche Verpflichtungen unmöglich ist30.
Wie bereits ausgeführt, steht der Einordnung der hier für die Beurteilung der Immunität maßgeblichen Maßnahmen als hoheitlich das Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union vom 11.06.201531 nicht entgegen.
Der Verneinung der deutschen Gerichtsbarkeit im vorliegenden Fall steht auch nicht das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 20.07.201632 entgegen33.
In diesem Urteil hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass eine Klage auf Rückzahlung griechischer Staatsanleihen, die von der Hellenischen Republik wegen des Zwangsumtausches der Anleihen aufgrund des Gesetzes 4050/2012 verweigert wird; vom Deckungsschutz in der Rechtschutzversicherung nicht durch eine Klausel ausgeschlossen ist, nach der Rechtsschutz nicht für die Wahrnehmung rechtlicher Interessen in Enteignungs, Planfeststellungs, Flurbereinigungs- sowie im Baugesetzbuch geregelten Angelegenheiten besteht34. Die Frage der möglicherweise fehlenden Erfolgsaussichten einer Klage gegen die Hellenische Republik ist offen gelassen worden, weil dieser Einwand nicht in der gebotenen Form und Frist erhoben worden war35.
Das Bestehen der deutschen Gerichtsbarkeit ergibt sich auch nicht aus Art. 10 Abs. 1 des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Immunität der Staaten und ihres Vermögens von der Gerichtsbarkeit vom 02.12.200436, da dieses Übereinkommen bisher nicht in Kraft getreten und weder von Griechenland noch von Deutschland gezeichnet oder ratifiziert worden ist. Anhaltspunkte dafür, dass die in diesem Artikel enthaltene Regelung, die überdies die Feststellung einer internationalen Zuständigkeit des angerufenen Gerichts voraussetzt37, die Immunität über die oben dargestellte Rechtsprechung hinaus einschränken würde und insoweit als Völkergewohnheitsrecht gälte38, sind nicht ersichtlich39.
Schließlich steht der Verneinung der deutschen Gerichtsbarkeit im vorliegenden Fall auch nicht das Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 26.04.201740 entgegen. Die diesem Urteil zugrundeliegende Fallkonstellation ist nicht mit der hier in Rede stehenden vergleichbar, da die streitgegenständlichen Anleihen griechischem Recht unterlagen, im System der griechischen Zentralbank geführt wurden und aufgrund der streitgegenständlichen hoheitlichen Maßnahmen aus diesem System ausgebucht und durch neue Anleihen ersetzt wurden.
Da die Klage somit schon deshalb unzulässig ist, weil die deutsche Gerichtsbarkeit nicht eröffnet ist, bedarf es keiner Entscheidung, ob die Auffassung des Oberlandesgerichts Köln, die internationale Zuständigkeit deutscher Gerichte ergebe sich weder aus Art. 15 Abs. 1, Art. 16 Abs. 1 EuGVVO aF noch aus Art. 5 Nr. 1 Buchst. a EuGVVO aF, rechtlicher Überprüfung standhält.
Bundesgerichtshof, Urteil vom 19. Dezember 2017 – XI ZR 247/16
LG Köln, Urteil vom 31.07.2015 – 32 O 70/14 [↩]
OLG Köln, Urteil vom 12.05.2016 – 8 U 44/15, WM 2016, 1590 [↩]
nachfolgend: EuGVVO aF [↩]
BVerfGE 46, 342, 359; BGH, Urteile vom 09.07.2009 – III ZR 46/08, BGHZ 182, 10 Rn.20 mwN; vom 08.03.2016 – VI ZR 516/14, BGHZ 209, 191 Rn. 11; und vom 24.03.2016 – VII ZR 150/15, BGHZ 209, 290 Rn. 16 [↩]
BGH, Urteil vom 08.03.2016, aaO, und Beschluss vom 26.11.2015 – III ZR 26/15 3; Stürner, IPRax 2008, 197, 203 mwN; Wagner, RIW 2014, 260, 261 [↩]
vgl. BVerfGE 16, 27, 33 ff.; 117, 141, 152 f.; BVerfG, NJW 2014, 1723 Rn.19; BGH, Urteil vom 08.03.2016 – VI ZR 516/14, BGHZ 209, 191 Rn. 12 [↩]
vgl. BVerfGE 117, 141, 152 f.; BVerfG, NJW 2014, 1723 Rn.19 f.; BGH, Urteile vom 26.09.1978 – VI ZR 267/76, WM 1979, 586; und vom 08.03.2016, aaO [↩]
BVerfGE 16, 27, 61 f.; BGH, Urteil vom 08.03.2016 – VI ZR 516/14, BGHZ 209, 191 Rn. 14 und Beschluss vom 30.01.2013 – III ZB 40/12, WM 2013, 1903 Rn. 11 [↩]
BVerfGE 16, 27, 62; BVerfG, NJW 2014, 1723 Rn. 21; BGH, Urteil vom 08.03.2016 – VI ZR 516/14, BGHZ 209, 191 Rn. 15 [↩]
vgl. BVerfGE 16, 27, 63; BVerfG, NJW 2014, 1723 Rn. 21; BGH, Urteil vom 08.03.2016, aaO [↩]
vgl. BVerfGE 16, 27, 63 f.; BVerfG, NJW 2014, 1723 Rn. 21; BGH, Urteil vom 08.03.2016, aaO [↩]
BGH, Urteil vom 08.03.2016 – VI ZR 516/14, BGH 209, 191 Rn.19 ff. [↩]
EuGH, Urteil vom 11.06.2015 – C-226/13, C-245/13, C-247/13, C-578/13, Fahnenbrock u.a., ZIP 2015, 1250 [↩]
ABl. L 324, S. 79 [↩]
vgl. EuGH, aaO Rn. 46 [↩]
BGH, Urteil vom 08.03.2016 – VI ZR 516/14, BGHZ 209, 191 Rn. 24; OLG Schleswig, WM 2017, 285, 288; Knöfel, RIW 2015, 503, 504; Mankowski, EWiR 2015, 495, 496 [↩]
ebenso OLG Schleswig, WM 2017, 285, 289 ff.; OLG München, Urteil vom 08.12.2016 14 U 4840/15 145 ff.; OLG Oldenburg, Urteil vom 26.05.2017 6 U 1/17, n.v. Umdruck S. 11 ff.; OLG Dresden, Urteil vom 21.06.2017 5 U 1533/16, n.v. Umdruck S. 7; OLG Düsseldorf, Urteil vom 21.07.2017 16 U 85/16, n.v. Umdruck S. 21 ff.; OLG Köln, Urteil vom 01.09.2017 6 U 186/16, n.v. Umdruck S. 12 ff.; OLG Hamburg, Urteil vom 01.09.2017 1 U 145/16, n.v. Umdruck S. 8 ff.; KG, Urteil vom 11.09.2017 10 U 173/15, n.v. Umdruck S. 6 ff.; LG Konstanz, Urteil vom 19.11.2013 2 O 132/13, IPRspr.2013 Nr. 172 S. 370, 372; LG Osnabrück, RIW 2016, 76, 77 ff.; LG Kempten, Urteil vom 16.11.2015 21 O 1342/14, BeckRS 2015, 116949 Rn. 16; LG Bonn, Urteile vom 19.10.2016 1 O 216/14 130 ff.; und vom 14.12.2016 1 O 317/13 52 ff.; Freitag in Reithmann/Martiny, Internationales Vertragsrecht, 8. Aufl., Rn.06.657 [↩]
vgl. nur BVerfGE 117, 141, 153; BGH, Urteil vom 08.03.2016 – VI ZR 516/14, BGHZ 209, 191 Rn. 17; OLG Oldenburg, WM 2016, 1878, 1880; OLG Schleswig, ZIP 2015, 1253, 1255 und WM 2017, 285, 287; vgl. auch EuGH, Urteil vom 11.06.2015 – C-226/13, C-245/13, C-247/13, C-578/13, Fahnenbrock u.a., ZIP 2015, 1250 Rn. 53 [↩]
BGH, Urteil vom 08.03.2016 – VI ZR 516/14, BGHZ 209, 191 Rn. 17 [↩]
vgl. BAGE 144, 244 Rn. 6 [↩]
BVerfG, NJW 2014, 1723 Rn. 22 [↩]
OLG Schleswig, WM 2017, 285, 289 [↩]
OLG Schleswig, WM 2017, 285, 289 ff.; OLG München, Urteil vom 08.12.2016 14 U 4840/15 146 ff.; LG Konstanz, Urteil vom 19.11.2013 2 O 132/13, IPRspr.2013 Nr. 172 S. 372; LG Osnabrück, RIW 2016, 76, 77; LG Bonn, Urteile vom 19.10.2016 1 O 216/14 131; und vom 14.12.2016 1 O 317/13 53 [↩]
ebenso OLG Schleswig, WM 2017, 285, 289; OLG München, Urteil vom 08.12.2016 14 U 4840/15 147; LG Bonn, Urteil vom 19.10.2016 1 O 216/14 132; KG, Urteil vom 11.09.2017 10 U 173/15, n.v. Umdruck S. 7 [↩]
vgl. OLG Schleswig, WM 2017, 285, 289; OLG München, Urteil vom 08.12.2016 14 U 4840/15 149; LG Osnabrück, RIW 2016, 76, 78 f.; LG Wuppertal, Urteil vom 26.04.2016 5 O 218/14, n.v. Umdruck S.20 [↩]
vgl. Nodoushani, WuB 2016, 481, 485 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 08.03.2016 – VI ZR 516/14, BGHZ 209, 191 Rn. 25; OLG Schleswig, WM 2017, 285, 290 f.; Paulus EWiR 2016, 577, 578 [↩]
ebenso OLG Oldenburg, WM 2016, 1878, 1880; Mankowski WuB 2017, 290, 293; M. J. Müller RIW 2016, 80, 81 [↩]
OLG Köln, Urteil vom 01.09.2017 6 U 186/16, n.v. Umdruck S. 14 f. [↩]
OLG Köln, Urteil vom 01.09.2017, aaO; LG Bonn, Urteil vom 19.10.2016 1 O 216/14 132; Thole, WM 2012, 1793, 1794 [↩]
BGH, Urteil vom 20.07.2016 – IV ZR 245/15, WM 2016, 1586 [↩]
ebenso OLG Köln, Urteil vom 01.09.2017 – 6 U 186/16 [↩]
BGH, aaO Rn.20 ff. [↩]
BGH, aaO Rn. 32 ff. [↩]
ILM 44 (2005), 801, 807 [↩]
vgl. YILC 1991 – II (2) S. 34 [↩]
so zu der Regelung für Arbeitsverträge in Art. 11 des Übereinkommens EGMR, Urteile vom 23.03.2010 15869/02, Cudak/Litauen, Slg. 2010 – III, 153 Rn. 66 f.; und vom 29.06.2011 34869/05, Sabeh El Leil/Frankreich, NJOZ 2012, 1333 Rn. 54; in Bezug auf Art. 10 offengelassen von BGH, Urteil vom 24.03.2016 – VII ZR 150/15, BGHZ 209, 290 Rn. 21 und 24 [↩]
vgl. OLG Köln, Urteil vom 01.09.2017 6 U 186/16, n.v. Umdruck S. 18 [↩]
BAG, Urteil vom 26.04.2017 – 5 AZR 962/13, RIW 2017, 611 Rn. 15 ff. [↩]
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References: Art. 6
 Art. 6
 Art. 6
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 6
 Art. 1
 Art. 15
 Art. 16
 Art. 5
 Art. 25
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 10
 Art. 15
 Art. 16
 Art. 5
 BGH 
 Art. 11
 Art. 10