Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=VI%20ZR%2095/87
Timestamp: 2019-04-22 13:26:51+00:00

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BGH, 03.11.1987 - VI ZR 95/87 - dejure.org
Beifahrer - Grundsatz der freien Beweiswürdigung
Freie Beweiswürdigung - Unfallbeteiligter - Kfz - Beifahrerrechtsprechung - Zeuge - Aussage - Freunde - Verwandte
NJW 1988, 566
MDR 1988, 307
NZV 1988, 20 (Ls.)
VersR 1988, 416
Es geht um die Ermittlung von Kriterien der Wahrhaftigkeit (vgl. BGH v. 03.11.1987 - VI ZR 95/87, NJW-RR 1988, 281).
Es verstößt gegen den Grundsatz der freien Beweiswürdigung, wenn der Tatrichter die Glaubwürdigkeit eines Zeugen allein deshalb verneint, weil der Zeuge einer der Prozeßparteien nahesteht oder am Abschluß des dem Prozeß zugrundeliegenden Vertrags beteiligt war und bei seiner Vernehmung keine Umstände zutage getreten sind, die die von vornherein angenommenen Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit des Zeugen zerstreut hätten (Bestätigung von BGH vom 3.11.1987 - VI ZR 95/87 - VersR 88, 416 = BGHR ZPO § 286 Abs. 1 Beweisregel 1).
Das verstößt gegen den Grundsatz der freien Beweiswürdigung, weil die Entscheidung des Gerichts sich nicht, wie es § 286 Abs. 1 ZPO gebietet, auf eine individuelle Würdigung des gesamten Inhalts der Verhandlungen und des Ergebnisses der Beweisaufnahme, sondern in verfahrensrechtlich unzulässiger Weise auf eine abstrakte Beweisregel gründet, die das Gesetz nicht kennt (BGH, Urteil vom 3. November 1987 - VI ZR 95/87 = VersR 1988, 416 = BGHR ZPO § 286 Abs. 1 Beweisregel 1 zur sogenannten Beifahrer-Rechtsprechung).
So ist die erneute Vernehmung nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes unter anderem dann rechtlich geboten, wenn das Berufungsgericht der Aussage eine andere Tragweite, ein anderes Gewicht oder eine vom Wortsinn abweichende Auslegung geben will (z.B. BGH, Urteil vom 3. November 1987 - VI ZR 95/87 = NJW 1988, 566 unter III) oder wenn es die protokollierten Angaben des Zeugen für zu vage und präzisierungsbedürftig hält (z.B. BGH, Urteil vom 14. Oktober 1981 - IVa ZR 152/80 = NJW 1982, 1052 unter II).
Das Erstgericht hat ersichtlich die Frage des Seitenabstand für nicht erheblich gehalten, sodass nicht erkennbar ist, welche Gesichtspunkte nicht oder so knapp geschildert worden seien, dass der Schluss auf nicht beachtetes Parteivorbringen oder Verkennung des Sach- und Streitstandes (BGH NJW 1988, 566) gerechtfertigt wäre.
Ob das Tatsachengericht ihr folgt, bestimmt sich allein nach Wahrhaftigkeitskriterien, die sich aus dem Aussageverhalten sowie dem Inhalt und der Struktur der Aussage selbst ergeben (vgl. BGH 3. November 1987 - VI ZR 95/87 - zu II der Gründe) .
Hierbei ist zu beachten, daß die erneute Vernehmung eines im ersten Rechtszuge angehörten Zeugen im Berufungsverfahren unter anderem dann erforderlich ist, wenn das Berufungsgericht seinen Bekundungen ein anderes Gewicht im Vergleich zu der Vorinstanz geben oder die Aussage abweichend vom Wortsinn auslegen will (BGH Urteile vom 3. November 1987 - VI ZR 95/87 = BGHR ZPO § 398 Abs. 1 Ermessen 3;… vom 20. Oktober 1987 - X ZR 49/86 = BGHR ZPO § 398 Abs. 1 Ermessen 4; vom 20. November 1984 - VI ZR 73/83 = NJW 1985, 3078).
Es muss erkennbar werden, dass der Parteivortrag erfasst und in Betracht gezogen wurde und eine Auseinandersetzung - individuell und argumentativ (BGH NJW 1988, 566) - mit dem Beweiswert eines Beweismittels erfolgt ist.
Eine individuelle Würdigung des gesamten Inhalts der Verhandlungen und des Ergebnisses der Beweisaufnahme schließt aus, allein aus Art und Umfang unterschiedlicher Parteiangaben zu folgern, sämtliche übrige Beweismittel und Anknüpfungstatsachen seien nicht erforderlich oder ohne ausreichenden Beweiswert (s. § 286 II ZPO, BGH NJW 1988, 566 f.).
Die gegenteilige Auffassung des Oberlandesgerichts Jena läuft auf einen Verstoß gegen den Grundsatz der freien Beweiswürdigung in Form einer unzulässigen Beweisantizipation (…vgl. BGH, Urt. v. 13.03.2012 - II ZR 50/09, ZIP 2012, 1197, [...] Rn.17;… BGH, Urt. v. 29.02.2012 - VIII ZR 155/11, NJW 2012, 1647, [...] Rn. 16;… BGH, Beschl. v. 21.07.2011 - IV ZR 216/09, VersR 2011, 1384, [...] Rn. 6;… BGH, Urt. v. 22.04.2010 - VII ZR 48/07, NJW-RR 2010, 1176., [...] Rn. 27;… BGH, Beschl. v. 19.11.2008 - IV ZR 341/07, RuS 2010, 64, [...] Rn. 3;… BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - IV ZR 272/06, VersR 2009, 517, [...] Rn. 7;… BGH, Urt. v. 21.11.2007 - IV ZR 129/05, VersR 2008, 382;… BGH, Beschl. v. 21.05.2007 - II ZR 266/04, NJW-RR 2007, 1409, [...] Rn. 8;… BGH, Urt. v. 25.07.2005 - II ZR 199/03, WM 2005, 1847;… BGH, Urt. v. 21.01.1999 - VII ZR 398/97, NJW 1999, 1859) sowie auf eine Verletzung des verfassungsrechtlich verbürgten Justizgewährleistungsanspruchs hinaus (…vgl. BGH, Urt. v. 30.09.1974 - II ZR 11/73, VersR 1974, 1196, 1197; BGH, Urt. v. 03.11.1987 - VI ZR 95/87, NJW 1988, 566, 567;… BGH, Urt. v. 18.01.1995 - VIII ZR 23/94, NJW 1995, 955 f.;… OLG München, Urt. v. 16.09.2005 - 10 U 2787/05, NZV 2005, 582;… AG Hamburg-Harburg, Urt. v. 30.10.2006 - 644 C 249/06, [...] Rn. 37; Greger , NJW 1988, 567 f.).
Ebenso wenig lässt sich erkennen, dass der Parteivortrag vollständig erfasst und in Betracht gezogen wurde und eine Auseinandersetzung - individuell und argumentativ (BGH NJW 1988, 566) - mit dem Beweiswert der Beweismittel erfolgt sei.
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