Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteil_Kuendigungschutz_bei_kuenstlicher_Befruchtung_Saechsisches_LAG_3Sa502_13_u.html
Timestamp: 2018-02-19 21:39:57+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 3 Sa 502/13
Schlag­worte: Mutterschutz, Schwangerschaft, Kündigung: Schwangerschaft
Akten­zeichen: 3 Sa 502/13
Ent­scheid­ungs­datum: 07.03.2014
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Leipzig, Urteil vom 21.06.2013, 9 Ca 600/13
Az.: 3 Sa 502/13
9 Ca 600/13 ArbG Leip­zig
Verkündet am 07.03.2014
hat das Säch­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt - Kam­mer 3 - durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt ... als Vor­sit­zen­den und die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Frau ... und Herrn ... auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 7. März 2014
1. Die Be­ru­fung des Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 21.06.2013 – 9 Ca 600/13 – wird auf Kos­ten des Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen or­dent­li­chen Kündi­gung.
Die 1975 ge­bo­re­ne Kläge­rin ist seit dem 01.02.2012 bei dem Be­klag­ten, der ei­ne Ver­si­che­rungs­ver­tre­tung be­treibt, als Büro­lei­te­rin beschäftigt. Der Be­klag­te äußer­te sich in der Ver­gan­gen­heit re­gelmäßig po­si­tiv über die Ar­beits­leis­tun­gen der Kläge-
rin. Ver­war­nun­gen bzw. Ab­mah­nun­gen er­hielt die Kläge­rin in der Ver­gan­gen­heit nicht.
Am 14. oder 15.01.2013 in­for­mier­te die Kläge­rin den Be­klag­ten in ei­nem persönli­chen Gespräch darüber, dass sie seit meh­re­ren Jah­ren ei­nen bis­her un­erfüll­ten Kin­der­wunsch he­ge und dass ein er­neu­ter Ver­such ei­ner künst­li­chen Be­fruch­tung an­ste­he. Der wei­te­re In­halt des Gespräches ist strei­tig.
Mit Schrei­ben vom 31.01.2013, der Kläge­rin am sel­ben Tag zu­ge­gan­gen, kündig­te der Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en or­dent­lich zum 01.03.2013 und stell­te die Kläge­rin so­fort un­ter An­rech­nung der vor­han­de­nen Ur­laubs­ta­ge von der Ar­beits­leis­tung frei. Der Be­klag­te hat die Stel­le der Kläge­rin zwi­schen­zeit­lich mit ei­ner älte­ren Ar­beit­neh­me­rin be­setzt.
Am 07.01.2013 wur­de bei der Kläge­rin ei­ne Frühschwan­ger­schaft fest­ge­stellt. In der ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung vom 11.02.2013 (An­la­ge zur Kla­ge­schrift vom 19.02.2013; Bl. 3 d. A.) wird in­so­weit aus­geführt:
„Bei o.g. Pa­ti­en­tin liegt ei­ne Frühschwan­ger­schaft in der 5. SSW vor. VGT ist der 13.10.2013.“
Mit Schrei­ben vom 10.02.2013 (An­la­ge zur Kla­ge­schrift vom 19.02.2013; Bl. 5 d. A.), dem Be­klag­ten am 13.02.2013 zu­ge­gan­gen, in­for­mier­te die Kläge­rin den Be­klag­ten über das Be­ste­hen der Schwan­ger­schaft und be­rief sich auf die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung.
Im Mut­ter­pass der Kläge­rin (An­la­ge K 1 zum Schrift­satz der Kläge­rin vom 21.05.2013; Bl. 20 d. A.) ist un­ter der Über­schrift „Ter­min­be­stim­mung“ Fol­gen­des ver­merkt:
„Zy­klus 30-32 / 4 Letz­te Pe­ri­ode 08.01.13
Kon­zep­ti­ons­ter­min (so­weit si­cher): Em­bryo­trans­fer am 24.01.13
Schwan­ger­schaft fest­ge­stellt am 27.02.13 in der 7./8. SSW
Be­rech­ne­ter Ent­bin­dungs­ter­min: 13.10.2013“
In ei­nem Schrei­ben „zur Vor­la­ge beim Ar­beits­ge­richt“ vom 16.05.2013 (An­la­ge K 2 zum Schrift­satz der Kläge­rin vom 21.05.2013; Bl. 21 d. A.) des Kin­der­wun­sch­zent-rums ... führt die Fachärz­tin für Gynäko­lo­gie und Ge­burts­hil­fe ... Fol­gen­des aus:
„Frau ... be­fin­det sich seit 01/2006 in un­se­rer Pra­xis zur Ste­ri­litäts­sprech­stun­de. Ana­mnes­tisch be­steht Kin­der­wunsch seit 2001.
Im Ja­nu­ar 2013 führ­ten wir ei­ne künst­li­che Be­fruch­tung durch. Die Ei­zel­len­ent­nah­me fand am 21.01.2013 statt. Am 24.01.2013 er­folg­te der Em­bryo­trans­fer.
Ei­ne Im­plan­ta­ti­on fin­det zwi­schen 6. und 7. Tag nach dem Ei­sprung statt. Die­se Zeit-span­ne war bei o.g. Pa­ti­en­tin vom 27.-28.01.2013 ge­ge­ben.“
Mit ih­rer am 19.02.2013 beim Ar­beits­ge­richt Leip­zig auf­ge­nom­me­nen Kla­ge hat sich die Kläge­rin ge­gen die Wirk­sam­keit der Kündi­gung vom 31.01.2013 mit der Be­gründung ge­wandt, dass sie im Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung schwan­ger ge­we­sen sei. Nach der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 26.02.2008 sei mit dem Ein­set­zen der be­fruch­te­ten Ei­zel­le in die Gebärmut­ter von ei­ner Schwan­ger­schaft aus­zu­ge­hen. Selbst wenn man je­doch wie der Be­klag­te da­von aus­ge­he, dass die Schwan­ger­schaft erst mit der Im­plan­ta­ti­on/Ni­da­ti­on ein­tre­te, ha­be die­ser Zeit­punkt bei ihr nach der Be­schei­ni­gung des Kin­der­wun­sch­zen­trums vor dem 31.01.2013 ge­le­gen. Je­den­falls sei die Kündi­gung we­gen Ver­s­toßes ge­gen Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) rechts­wid­rig. Der Be­klag­te ha­be die Kündi­gung aus­ge­spro­chen, weil sie ihm im Gespräch am 14. oder 15.01.2013 mit­ge­teilt ha­be, dass in der fol­gen­den Wo­che ei­ne künst­li­che Be­fruch­tung an­ste­he. Der Be­klag­te ha­be ei­ner Schwan­ger­schaft zu­vor­kom­men wol­len. Dies ha­be er ihr in ei­nem Te­le­fon­gespräch nach Aus­spruch der Kündi­gung bestätigt. Er ha­be zum Aus­druck ge­bracht, dass bei ei­ner Schwan­ger­schaft im­mer wie­der mit Aus­fall­zei­ten zu rech­nen sei, die er dann aus­glei­chen müsse. Es sei ein Feh­ler ge­we­sen, ei­ne jünge­re Ar­beit­neh­me­rin ein­zu­stel­len. Er wer­de in Zu­kunft lie­ber auf älte­re Mit­ar­bei­ter zurück­grei­fen, da­mit es nicht zu Aus­fall­zei­ten im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Schwan­ger­schaft kom­me.
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 31.01.2013 zum 01.03.2013 auf­gelöst wor­den ist.
Zur Be­gründung hat er aus­geführt, die Kündi­gung vom 31.01.2013 sei wirk­sam. Die Kläge­rin sei im Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung noch nicht schwan­ger ge­we­sen. Ei­ne Rück­rech­nung vom er­rech­ne­ten Ge­burts­ter­min schei­de vor­lie­gend aus, da die Kläge­rin nicht auf natürli­chem We­ge schwan­ger ge­wor­den sei. Bei ei­ner künst­li­chen Be­fruch­tung sei auf den Zeit­punkt der er­folg­rei­chen Im­plan­ta­ti­on/Ni­da­ti­on ab­zu­stel­len. Die von der Kläge­rin vor­ge­leg­ten Un­ter­la­gen sei­en un­ge­eig­net, ei­ne Schwan­ger­schaft im Zeit­punkt der Kündi­gung zu be­le­gen. So­weit in der ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung vom 11.02.2013 bzw. im Mut­ter­pass an­ge­ge­ben sei, die Kläge­rin be­fin­de sich in der 5. Schwan­ger­schafts­wo­che bzw. in der 7./8. Schwan­ger­schafts­wo­che könne dies rech­ne­risch nicht zu­tref­fend sein, wenn der Em­bryo­nen­trans­fer am 24.01.2013 statt­ge­fun­den ha­be. Letzt­ge­nann­ter Zeit­punkt wer­de be­strit­ten. Das vor­ge­leg­te Schrei­ben des Kin­der­wun­sch­zen­trums stel­le kein taug­li­ches Be­weis­mit­tel dar. Je­den­falls las­se sich dem Vor­brin­gen der Kläge­rin nicht ent­neh­men, wann der Pro­zess der Ni­da­ti­on, der meh­re­re Ta­ge daue­re, ab­ge­schlos­sen ge­we­sen sei. Völlig of­fen blei­be, ob ei­ne er­folg­rei­che Ein­nis­tung der Ei­zel­le statt­ge­fun­den ha­be. Er ha­be die Kläge­rin auch nicht we­gen der Mit­tei­lung, dass sie ei­ne künst­li­che Be­fruch­tung be­ab­sich­ti­ge, gekündigt. Die An­ga­ben der Kläge­rin sei­en un­kon­kret ge­we­sen und hätten nicht dar­auf hin­ge­deu­tet, dass hier­mit in der nächs­ten Zeit zu rech­nen ge­we­sen sei. Von dem ge­plan­ten Ein­griff ha­be er nichts ge­wusst. Er ha­be der Kläge­rin auch nicht te­le­fo­nisch mit­ge­teilt, dass er ih­rer Schwan­ger­schaft mit der Kündi­gung noch ha­be zu­vor­kom­men wol­len. Er sei viel­mehr mit den Ar­beits­leis­tun­gen der Kläge­rin nicht zu­frie­den ge­we­sen.
Mit sei­nem dem Be­klag­ten am 17.07.2013 zu­ge­stell­ten Ur­teil vom 21.06.2013 hat das Ar­beits­ge­richt nach dem An­trag der Kläge­rin er­kannt. Hier­ge­gen wen­det sich der Be­klag­te mit sei­ner am 07.08.2013 beim Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Be­ru­fung, die er am 17.09.2013 be­gründet hat.
Der Be­klag­te ver­tritt die An­sicht, die Kläge­rin sei ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts ei­nen Be­weis für ih­re Schwan­ger­schaft vor dem 31.01.2013 schul­dig ge­blie­ben. Die vor­ge­leg­ten Be­schei­ni­gun­gen über das Be­ste­hen der Schwan­ger­schaft sei­en von den bio­lo­gi­schen Ge­ge­ben­hei­ten nicht ge­deckt. Der Zeit­punkt des Em­bryo­nen­trans­fers sei strei­tig. Die Be­schei­ni­gung des Kin­der­wun­sch­zen­trums ste­he im Wi­der­spruch zu der eben­falls von Frau ... un­ter­zeich­ne­ten Be­schei­ni­gung vom 11.02.2013. Wenn Frau ... Kennt­nis von ei­nem Em­bryo­nen­trans­fer am 24.01.2013 ge­habt ha­be, stel­le sich die Fra­ge, war­um sie am 11.02.2013 wi­der bes­se­ren Wis­sens ei­ne Schwan­ger­schaft in der 5. Wo­che at­tes­tiert ha­be. Ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts las­se die Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs aus­drück­lich of­fen, wann ei­ne Schwan­ger­schaft be­gin­ne. Hier­von könne erst ab dem Zeit­punkt der er­folg­rei­chen Ein­nis­tung der be­fruch­te­ten Ei­zel­le in der Gebärmut­ter aus­ge­gan­gen wer­den. Zu Un­recht sei das Ar­beits­ge­richt zu dem Er­geb­nis ge­langt, dass dies be­reits am 31.01.2013 der Fall ge­we­sen sei. Dies las­se sich den von der Kläge­rin vor­ge­leg­ten Un­ter­la­gen nicht ent­neh­men.
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 21.06.2013 – 9 Ca 600/13 – ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
und ver­tei­digt die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung un­ter ver­tie­fen­der Wie­der­ho­lung ih­res erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens als zu­tref­fend.
Hin­sicht­lich des wei­te­ren Vor­brin­gens der Par­tei­en im zwei­ten Rechts­zug wird auf den In­halt der dort ge­wech­sel­ten Schriftsätze so­wie auf den In­halt des Pro­to­kolls der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 07.03.2014 (Bl. 174 ff. d. A.) Be­zug ge­nom­men.
Die gemäß § 64 Abs. 2 lit. c ArbGG statt­haf­te und auch im Übri­gen zulässi­ge, ins-be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te so­wie aus­geführ­te Be­ru­fung des Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 21.06.2013 ist zurück­zu­wei­sen, denn sie ist nicht be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat zu Recht nach dem An­trag der Kläge­rin er­kannt. Die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 31.01.2013 hat das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht auf­gelöst.
Die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 31.01.2013 ist gemäß § 134 BGB nich­tig, denn sie verstößt ge­gen das ge­setz­li­che Ver­bot des § 9 Abs. 1 Satz 1 MuSchG.
Nach § 9 Abs. 1 Satz 1 MuSchG ist ei­ne Kündi­gung ge­genüber ei­ner Frau während der Schwan­ger­schaft un­zulässig, wenn dem Ar­beit­ge­ber zur Zeit der Kündi­gung die Schwan­ger­schaft be­kannt war oder in­ner­halb zwei­er Wo­chen nach Zu­gang der Kündi­gung mit­ge­teilt wird, es sei denn, im Zeit­punkt der Kündi­gung lag ei­ne Zulässig­keits­erklärung nach § 9 Abs. 3 MuSchG vor.
1. Die Kläge­rin war im Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung am 31.01.2013 schwan­ger. Dies steht auf­grund der von der Kläge­rin zur Ak­te ge­reich­ten Be­schei­ni­gung des Kin­der­wun­sch­zen­trums vom 16.05.2013 zur Über­zeu­gung des Ge­richts fest.
a) Die Fra­ge, ab wel­chem Zeit­punkt ei­ne Schwan­ger­schaft im Sin­ne von § 9 Abs. 1 Satz 1 MuSchG be­steht, wird in Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur un­ter­schied­lich be­ant­wor­tet.
In den Fällen ei­ner auf natürli­chem We­ge her­bei­geführ­ten Schwan­ger­schaft wird re­gelmäßig – oh­ne nähe­re Be­gründung – ent­we­der auf den Zeit­punkt der Be­fruch­tung der Ei­zel­le (so Zmarz­lik/Zip­pe­rer/Vie­then/Vieß, MuSchG, 9. Auf­la­ge, § 3 Rz. 2; Mei­sel/Sow­ka, Mut­ter­schutz und Er­zie­hungs­ur­laub, 5. Auf­la­ge, § 3 Rz. 3; KR-Et­zel, 6. Auf­la­ge, § 9 MuSchG Rz. 29; KDZ-KSchR-Söhn­gen/Zwan­zi­ger, 8. Auf­la­ge, § 9 MuSchG Rz. 21; Fie­big/Gall­ner/Mest­werdt/Näge­le, KSchR, 4. Auf­la­ge, § 9 MuSchG Rz. 19; wohl auch Kütt­ner/Rei­ne­cke, Per­so­nal­buch 2013, Mut­ter­schutz Rz. 5, „Be­fruch­tung der Frau“) oder auf den Zeit­punkt der Ni­da­ti­on, d.h. auf den Zeit­punkt der Ein­nis­tung der be­fruch­te­ten Ei­zel­le in die Gebärmut­ter (so LAG Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 12.05.1997 – 5 Sa 152/96 – NZA-RR 1997, 460; Buch­ner/Be­cker, MuSchG und BEEG, 8. Auf­la­ge, § 3 MuSchG Rz. 4; Rancke/Pep­ping, Mut­ter­schutz/El­tern­geld/El­tern­zeit, 2. Auf­la­ge, § 3 MuSchG Rz. 5; KR-Ba­der/Gall­ner, 10 Auf­la­ge, § 9 MuSchG Rz. 29; Mu­es/Ei­sen­beis/La­ber, Hand­buch Kündi­gungs­recht, 2. Auf­la­ge, Teil 6 Rz. 5) ab­ge­stellt.
In Fällen der Be­fruch­tung der Ei­zel­le außer­halb des Mut­ter­lei­bes wird zum Teil auf den Zeit­punkt des Ein­set­zens der be­fruch­te­ten Ei­zel­le in die Gebärmut­ter ab­ge­stellt (so wohl Kütt­ner/Rei­ne­cke, Per­so­nal­buch 2013, Mut­ter­schutz Rz. 5, die al­ler­dings wohl ver­se­hent­lich vom Ein­set­zen der be­fruch­te­ten „Sa­men­zel­len“ spricht), zum Teil auf den Zeit­punkt der (er­folg­rei­chen) Im­plan­ta­ti­on (so Zmarz­lik/Zip­pe­rer/Vie­then/ Vieß, MuSchG, 9. Auf­la­ge, § 3 Rz. 2; Rancke/Pep­ping, Mut­ter­schutz/El­tern­geld/El-tern­zeit, 2. Auf­la­ge, § 3 MuSchG Rz. 5; KR-Ba­der/Gall­ner, 10 Auf­la­ge, § 9 MuSchG Rz. 29). Der Eu­ropäische Ge­richts­hof hat in sei­nem Ur­teil vom 26.02.2008 – C-506/06 – Rz. 41, NZA 2008, 345) ent­ge­gen der An­sicht der Kläge­rin kei­ne kla­re Aus­sa­ge da­hin­ge­hend ge­trof­fen, dass im Fal­le ei­ner künst­li­chen Be­fruch­tung der Schutz der Schwan­ge­ren be­reits mit dem Ein­set­zen der be-fruch­te­ten Ei­zel­le be­ginnt. Er hat le­dig­lich aus­geführt, dass selbst dann, wenn man dies „annähme“, ei­ne Ar­beit­neh­me­rin je­den­falls so­lan­ge noch kei­nen Schutz ge­nie-
ße, wie die in vi­tro be­fruch­te­ten Ei­zel­len noch nicht in ih­re Gebärmut­ter ein­ge­setzt wor­den sei­en.
Vom bio­lo­gi­schen Stand­punkt be­ginnt die Ent­wick­lung der Lei­bes­frucht mit der Be­sa­mung der Ei­zel­le. In der Hu­man­me­di­zin wird da­ge­gen auf die Zeit ab der Ni­da­ti­on ab­ge­stellt (vgl. Brock­haus En­zy­klopädie, 19. Auf­la­ge, Stich­wort „Schwan­ger­schaft“).
Der Straf­schutz des § 218 StGB setzt un­abhängig von der Art der Her­beiführung der Schwan­ger­schaft erst ab dem Zeit­punkt der Ni­da­ti­on ein (vgl. Schönke/Schröder, StGB, 28. Auf­la­ge, § 218 Rz. 15; Fi­scher, StGB, 58. Auf­la­ge, § 218 Rz. 3 und 8; Lack­ner/Rühl, StGB, 27. Auf­la­ge, § 218 Rz. 8). Dies er­gibt sich aus § 218 Abs. 1 Satz 2 StGB, wenn es dort heißt: „Hand­lun­gen, de­ren Wir­kung vor Ab­schluss der Ein­nis­tung des be­fruch­te­ten Ei­es in der Gebärmut­ter ein­tritt, gel­ten nicht als Schwan­ger­schafts­ab­bruch im Sin­ne die­ses Ge­set­zes“. Zu berück­sich­ti­gen ist in­so­weit al­ler­dings, dass Schutz­ob­jekt des § 218 StGB nicht die Mut­ter son­dern al­lein die Lei­bes­frucht ist.
b) Ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts be­darf es im vor­lie­gen­den Fall ei­ner Ent­schei­dung, wann im Fall ei­ner künst­li­chen Be­fruch­tung in Form der In-Vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on ei­ne Schwan­ger­schaft im Sin­ne von § 9 Abs. 1 Satz 1 MuSchG be­ginnt. Ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts steht auf­grund der Be­schei­ni­gung des Kin­der­wun­sch­zen­trums vom 16.05.2013 nicht mit der hin­rei­chen­den Si­cher­heit fest, dass be­reits am 31.01.2013 ei­ne (er­folg­rei­che) Ni­da­ti­on/Im­plan­ta­ti­on ein­ge­tre­ten war.
Aus­weis­lich der Be­schei­ni­gung vom 16.05.2013 ist ei­ne kon­kre­te Un­ter­su­chung der Kläge­rin und Fest­stel­lung im Hin­blick auf ei­ne Ni­da­ti­on/Im­plan­ta­ti­on nicht er­folgt. Es wird le­dig­lich all­ge­mein aus­geführt, dass ei­ne Im­plan­ta­ti­on zwi­schen 6. und 7. Tag nach dem Ei­sprung statt­fin­det und die­se Zeit­span­ne bei der Kläge­rin vom 27. bis 28.01.2013 ge­ge­ben ge­we­sen sei. Zu­tref­fend weißt der Be­klag­te zu­dem dar­auf hin, dass der Pro­zess der Ein­nis­tung der Ei­zel­le meh­re­re Ta­ge dau­ert. Zu­dem kann er
je nach den kon­kre­ten Umständen des Ein­zel­fal­les früher oder später ab­ge­schlos­sen sein. Nach Wi­ki­pe­dia (Stich­wort Ni­da­ti­on, Stand 05.03.2014) be­ginnt die Ni­da­ti­on bei ei­ner natürli­chen Be­fruch­tung zwi­schen dem 5. und 6. Tag nach der Be­fruch­tung der Ei­zel­le und dau­ert bis zum En­de der zwei­ten Ent­wick­lungs­wo­che. Nach an­de­ren In­ter­net­quel­len dau­ert die Ein­nis­tung in der Re­gel bis zum 24 Tag (www.ein­nis­tung.com) bzw. en­det am 10. Tag nach der Be­fruch­tung (http://fle­xi­kon.doc­check.com/de/Ni­da­ti­on). Die straf­recht­li­che Li­te­ra­tur geht da­von aus, dass die Ni­da­ti­on in der Re­gel mit Ab­lauf des 13. Ta­ges nach der Empfäng­nis ab­ge­schlos­sen ist (vgl. Schönke/Schröder, StGB, 28. Auf­la­ge, § 218 Rz. 15; Lack­ner/Rühl, StGB, 27. Auf­la­ge, § 218 Rz. 8). Wel­che Zeit­span­nen bei ei­ner In-Vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on gel­ten, ist nicht er­sicht­lich. In je­dem Fall ist die Zeit­span­ne so groß, dass es oh­ne kon­kre­te Fest­stel­lung be­zo­gen auf die Kläge­rin für das Ge­richt nicht hin­rei­chend wahr­schein­lich ist, dass die Ni­da­ti­on be­reits am 31.01.2013 ab­ge­schlos­sen war. Es be­darf vor dem Hin­ter­grund des Schutz­zwe­ckes des § 9 MuSchG zwar kei­ner 100 %igen Si­cher­heit son­dern le­dig­lich ei­nes ho­hen Gra­des der Wahr­schein­lich­keit, der nach dem Stan­de der me­di­zi­ni­schen Wis­sen­schaft und den Er­fah­run­gen des Le­bens der Ge­wiss­heit gleich­kommt (so Buch­ner/Be­cker, MuSchG und BEEG, 8. Auf­la­ge, § 3 MuSchG Rz. 5, m.w.N.). Ein solch ho­her Grad der Wahr­schein­lich­keit ist aus Sicht des Ge­rich­tes vor­lie­gend je­doch nicht ge­ge­ben.
c) Gleich­wohl er­weist sich die Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts als rich­tig. Mit dem Ar­beits­ge­richt geht auch das er­ken­nen­de Ge­richt da­von aus, dass ei­ne Schwan­ger­schaft im Sin­ne von § 9 Abs. 1 Satz 1 MuSchG im Fal­le ei­ner künst­li­chen Be­fruch­tung durch In-Vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on be­reits mit dem Ein­set­zen der be­fruch­te­ten Ei­zel­le in die Gebärmut­ter der Frau be­ginnt. Dies war im vor­lie­gen­den Fall der 24.01.2013.
(1) Nach der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs zu Art. 10 der Richt­li­nie 92/85, die die Ver­bes­se­rung der Si­cher­heit und des Ge­sund­heits­schut­zes von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen, Wöch­ne­rin­nen und stil­len­den Ar­beit­neh­me­rin­nen be­zweckt und in de­ren Lich­te § 9 MuSchG aus­zu­le­gen ist, ist vom frühest-
mögli­chen Zeit­punkt des Vor­lie­gens ei­ner Schwan­ger­schaft aus­zu­ge­hen, um die Si­cher­heit und den Schutz der schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen zu gewähr­leis­ten. Das Kündi­gungs­ver­bot soll ver­hin­dern, dass sich die Ge­fahr, aus Gründen ent­las­sen zu wer­den, die mit ih­rem Zu­stand in Ver­bin­dung ste­hen, schädlich auf die phy­si­sche und psy­chi­sche Ver­fas­sung von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen aus­wir­ken kann (vgl. EuGH, Ur­teil vom 26.02.2008 – C-506/06 – Rz. 39/40, NZA 2008, 345, 346).
Auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat zur Recht­fer­ti­gung sei­ner im­mer wie­der hef­tig kri­ti­sier­ten Be­rech­nung des Ein­tritts ei­ner auf nor­ma­lem We­ge zu Stan­de ge­kom­me­nen Schwan­ger­schaft auf der Ba­sis ei­ner Rück­rech­nung um 280 Ta­ge vom ärzt­lich fest­ge­stell­ten vor­aus­sicht­li­chen Ent­bin­dungs­ter­min dar­auf ab­ge­stellt, dass es der durch das Mut­ter­schutz­ge­setz gewähr­leis­te­te be­son­de­re Schutz der wer­den­den Mut­ter recht­fer­ti­ge, von der der wer­den­den Mut­ter güns­tigs­ten Be­rech­nungs­me­tho­de aus­zu­ge­hen, da sich bei kei­ner mögli­chen Be­rech­nungs­me­tho­de Feh­ler und Un­ge­nau­ig­kei­ten ver­mei­den ließen (vgl. BAG, Ur­tei­le vom 01.08.1985 – 2 AZR 461/84 – Rz. 23, zi­tiert nach Ju­ris und vom 07.05.1998 – 2 AZR 417/97 – Rz. 10, NZA 1998, 1049 f.). Da­bei nimmt das Bun­des­ar­beits­ge­richt in Kauf, dass es sich um ei­ne rein rech­ne­ri­sche Größe han­delt, bei der nach den der­zei­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen klar ist, dass sie bis zu 21 Ta­ge zu lang sein kann (vgl. die sach­verständi­gen Erläute­run­gen im Ur­teil des LAG Nie­der­sach­sen vom 12.05.1997 – 5 Sa 152/96 – NZA-RR 1997, 460, 461).
Vor die­sem Hin­ter­grund ist es unschädlich, dass hu­man­me­di­zi­nisch be­trach­tet im Zeit­punkt des Ein­set­zens der be­fruch­te­ten Ei­zel­le in die Gebärmut­ter man­gels Ni­da­ti­on noch kei­ne Schwan­ger­schaft be­steht. Aus dem Ge­dan­ken der Rechts­si­cher­heit her­aus bie­tet der Zeit­punkt des Em­bryo­nen­trans­fers ei­nen ein­deu­ti­gen, durch ärzt­li­che Aus­kunft je­der­zeit fest­stell­ba­ren An­knüpfungs­punkt für den Be­ginn des Kündi­gungs­schut­zes nach § 9 Abs. 1 Satz 1 MuSchG. Zu­dem wird auch dem Zweck des Kündi­gungs­schut­zes, zu ver­hin­dern, dass sich die Ge­fahr, aus Gründen ent­las­sen zu wer­den, die mit ih­rem Zu­stand in Ver­bin­dung ste­hen, schädlich auf die phy­si­sche und psy­chi­sche Ver­fas­sung von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen aus-
wir­ken kann, im Hin­blick auf die be­son­de­re Si­tua­ti­on von Frau­en, die sich ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on un­ter­zie­hen, Rech­nung ge­tra­gen. Mit dem Ein­set­zen der be­fruch­te­ten Ei­zel­le in die Gebärmut­ter sind re­gelmäßig ei­ne Viel­zahl von Hoff­nun­gen und Ängs­ten ver­bun­den, die die be­ruf­li­che Leis­tungsfähig­keit der be­trof­fe­nen Frau her­ab­set­zen und da­mit die Ge­fahr ei­ner Kündi­gung her­auf­be­schwören können. Da­zu gehört ge­ra­de auch die Angst, dass es auf­grund der be­ruf­li­chen Be­las­tung evtl. nicht zu ei­ner er­folg­rei­chen Ni­da­ti­on kom­men wird. Es er­scheint da­her un­ter dem As­pekt, ei­nen frühestmögli­chen Schutz der schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin zu gewähr­leis­ten, als sach­ge­recht, auf den fest­ste­hen­den und klar er­kenn­ba­ren Zeit-punkt des Em­bryo­nen­trans­fers ab­zu­stel­len.
Die straf­recht­li­che Wer­tung des § 218 Abs. 1 Satz 2 StGB, wo­nach Hand­lun­gen, de­ren Wir­kung vor Ab­schluss der Ein­nis­tung des be­fruch­te­ten Ei­es in der Gebärmut­ter ein­tre­ten, nicht als Schwan­ger­schafts­ab­bruch im Sin­ne des Ge­set­zes gel­ten, steht der vor­ste­hen­den An­nah­me nicht ent­ge­gen. § 218 Abs. 1 Satz 2 StGB enthält le­dig­lich ei­ne für den Tat­be­stand des Schwan­ger­schafts­ab­bruchs maßgeb­li­che Fest­le­gung. Die­se dient aber nicht dem Schutz der Mut­ter son­dern al­lein dem Schutz der Lei­bes­frucht, da nur letz­te­re Schutz­ob­jekt des § 218 StGB ist.
(2) Der Em­bryo­nen­trans­fer er­folg­te im Fall der Kläge­rin am 24.01.2013 und da­mit vor dem Zu­gang der Kündi­gung vom 31.01.2013. Dies steht zur Über­zeu­gung des Ge­richts auf­grund der Be­schei­ni­gung des Kin­der­wun­sch­zen­trums vom 16.05.2013 fest. Das Be­strei­ten des Ter­mins durch den Be­klag­ten ist un­be­acht­lich.
Ent­spre­chend der Recht­spre­chung zum Be­weis­wert ei­ner ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung nach § 5 MuSchG (vgl. z.B. BAG, Ur­teil vom 07.05.1998 – 2 AZR 417/97 – Rz. 15, NZA 1998, 1049, 1050, m.w.N.) hat auch ei­ne ärzt­li­che Be­schei­ni­gung über den Tag des Em­bryo­trans­fers ei­nen ho­hen Be­weis­wert. Die Schwan­ge­re genügt, wenn wie hier ei­ne Schwan­ger­schaft fest­ge­stellt wor­den ist, mit der Vor­la­ge ei­ner ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung über den Zeit­punkt des Em­bryo­nen­trans­fers ih­rer Dar­le­gungs-last für den Ein­tritt der Schwan­ger­schaft. Es ist dann Auf­ga­be des Ar­beit­ge­bers,
den Be­weis­wert der Be­schei­ni­gung durch den Vor­trag kon­kre­ter Tat­sa­chen zu er-schüttern. Dies ist dem Be­klag­ten vor­lie­gend nicht ge­lun­gen.
So­wohl in der Be­schei­ni­gung vom 16.05.2013 als auch im Mut­ter­pass der Kläge­rin ist der Zeit­punkt des Em­bryo­nen­trans­fers mit dem 24.01.2013 kon­kret be­nannt. Rich­tig ist zwar, dass zu die­sem Ter­min die von der be­han­deln­den Ärz­tin in der Be­schei­ni­gung vom 11.02.2013 bzw. im Mut­ter­pass an­ge­ge­be­ne Schwan­ger­schafts­wo­che nicht passt. Dar­aus kann der Be­klag­te je­doch nichts zu sei­nen Guns­ten her­lei­ten. Un­ter­stellt man, dass die An­ga­be der Schwan­ger­schafts­wo­che zu­trifft, ist zwar der Zeit­punkt des Em­bryo­nen­trans­fers falsch an­ge­ge­ben. Der Ein­tritt der Schwan­ger­schaft ist aber denn noch früher er­folgt mit der Fol­ge, dass auch dann Kündi­gungs­schutz be­steht.
2. Die Kläge­rin hat dem Be­klag­ten in­ner­halb von zwei Wo­chen nach Zu­gang der Kündi­gung vom 31.01.2013 die Schwan­ger­schaft mit Schrei­ben vom 10.02.2013, wel­ches dem Be­klag­ten am 13.02.2013 zu­ge­gan­gen ist, mit­ge­teilt. Hierüber be­steht zwi­schen den Par­tei­en kein Streit.
3. Ei­ne Zu­stim­mungs­erklärung nach § 9 Abs. 3 MuSchG lag dem Be­klag­ten im Zeit­punkt der Kündi­gung man­gels ent­spre­chen­dem An­trag nicht vor.
Un­abhängig vom Vor­ste­hen­den und selbständig tra­gend ist die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 31.01.2013 gemäß § 242 BGB treu­wid­rig und des­halb rechts­un­wirk­sam.
a) Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en un­ter­fiel nicht dem Kündi­gungs­schutz nach dem ers­ten Ab­schnitt des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes, da der Be­klag­te un­strei­tig nicht die gemäß § 23 Abs. 1 Satz 3 KSchG für die An­wend­bar­keit des ers­ten Ab­schnitts des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes er­for­der­li­che An­zahl von Ar­beit­neh­mern beschäftigt hat. Auch in ei­nem so­ge­nann­ten „Klein­be­trieb“ ist der Ar­beit­neh­mer je-
doch vor ei­ner sit­ten- oder treu­wid­ri­gen Ausübung des Kündi­gungs­rechts des Ar­beit­ge­bers geschützt. Da­bei ha­ben die Ar­beits­ge­rich­te bei der An­wen­dung der zi­vil-recht­li­chen Ge­ne­ral­klau­seln der §§ 242, 138 BGB den ob­jek­ti­ven Ge­halt der Grund­rech­te, hier vor al­lem Art. 12 Abs. 1 GG, zu be­ach­ten. Al­ler­dings darf die­ser Schutz nicht so weit rei­chen, dass dem Klein­un­ter­neh­mer prak­tisch die im Kündi­gungs­schutz­ge­setz vor­ge­se­he­nen Maßstäbe der So­zi­al­wid­rig­keit auf­er­legt wer­den. Ver­langt wird vom Ar­beit­ge­ber im Klein­be­trieb viel­mehr nur ein Min­dest­maß an so­zia­ler Rück­sicht­nah­me. Es geht dar­um, den Ar­beit­neh­mer vor willkürli­chen oder auf sach­frem­den Mo­ti­ven be­ru­hen­den Kündi­gun­gen zu schützen. Ei­ne willkürli­che Kündi­gung liegt nicht vor, wenn ein ir­gend­wie ein­leuch­ten­der Grund für die Kündi­gung be­steht (vgl. BAG, Ur­tei­le vom 28.06.2007 – 6 AZR 750/06 – Rz. 30, NZA 2007, 1049, 1052 und vom 23.04.2009 – 6 AZR 533/08 – Rz. 32, NZA 2009, 1260, 1263, je­weils m.w.N.).
Die Dar­le­gungs- und Be­weis­last für das Vor­lie­gen der­je­ni­gen Tat­sa­chen, aus de­nen sich die Treu­wid­rig­keit er­gibt, liegt beim Ar­beit­neh­mer. Da­bei ist durch ei­ne ab­ge­stuf­te Dar­le­gungs- und Be­weis­last dem ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­nen Schutz des Ar­beit­neh­mers Rech­nung zu tra­gen. In ei­nem ers­ten Schritt muss der Ar­beit­neh­mer, so­weit er die Über­le­gun­gen des Ar­beit­ge­bers, die zu sei­ner Kündi­gung geführt ha­ben, nicht kennt, le­dig­lich ei­nen Sach­ver­halt vor­tra­gen, der die Treu­wid­rig­keit der Kündi­gung nach § 242 BGB in­di­ziert. So­dann muss sich der Ar­beit­ge­ber nach § 138 Abs. 2 ZPO im Ein­zel­nen auf die­sen Vor­trag ein­las­sen, um ihn zu ent­kräften. Kommt der Ar­beit­ge­ber dem nicht nach, so gilt der schlüssi­ge Sach­vor­trag des Ar­beit­neh­mers gemäß § 138 Abs. 3 ZPO als zu­ge­stan­den (vgl. BAG, Ur­tei­le vom 28.06.2007 – 6 AZR 750/06 – Rz. 31, NZA 2007, 1049, 1052 und vom 23.04.2009 – 6 AZR 533/08 – Rz. 33, NZA 2009, 1260, 1263, je­weils m.w.N.).
b) Aus­ge­hend von den vor­ste­hen­den Grundsätzen er­weist sich die Kündi­gung vom 31.01.2013 (auch) als treu­wid­rig und da­mit als rechts­un­wirk­sam.
(1) Die Kläge­rin hat ei­nen Sach­ver­halt vor­ge­tra­gen, der die Treu­wid­rig­keit der Kündi­gung nach § 242 BGB in­di­ziert. Das Ge­richt geht da­von aus, dass die be­ab-
sich­tig­te In-Vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on und die da­mit ein­her­ge­hen­de Möglich­keit ei­ner Schwan­ger­schaft maßgeb­li­cher Grund für den Be­klag­ten war, die Kläge­rin zu kündi­gen. Dies stellt ei­ne nach §§ 1, 3 Abs. 1, 7 Abs. 1 AGG un­zulässi­ge Be­nach­tei­li­gung we­gen des Ge­schlechts dar.
(a) Un­strei­tig hat die Kläge­rin den Be­klag­ten über ih­re Ab­sicht, ei­ne künst­li­che Be­fruch­tung vor­neh­men zu las­sen, am 14. oder 15.01.2013 in ei­nem persönli­chen Gespräch in­for­miert. Da­hin­ste­hen kann, wie kon­kret die In­for­ma­ti­on er­folgt ist. Je­den­falls muss­te der Be­klag­te an­neh­men, dass die Kläge­rin in na­her Zu­kunft schwan­ger wer­den könn­te.
Es ist nicht er­kenn­bar, dass für den Be­klag­ten bis zum 31.01.2013 ein an­de­rer Grund als die mögli­che Schwan­ger­schaft der Kläge­rin für die Kündi­gung maßgeb­lich ge­wor­den sein könn­te. Der Be­klag­te be­ruft sich le­dig­lich pau­schal dar­auf, er sei mit den Ar­beits­leis­tun­gen der Kläge­rin nicht zu­frie­den ge­we­sen. Was die­se Un­zu­frie­den­heit aus­gelöst ha­ben könn­te (ins­be­son­de­re in der Zeit nach dem 15.01.2013) ist nicht er­sicht­lich. Un­wi­der­spro­chen hat sich die Kläge­rin dar­auf be­ru­fen, dass sie in der Ver­gan­gen­heit kei­ne Ver­war­nun­gen oder Ab­mah­nun­gen er­hal­ten ha­be. Zwar be­darf es außer­halb des An­wen­dungs­be­rei­ches des § 1 KSchG zur Wirk­sam­keit ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung in der Re­gel ei­ner Ab­mah­nung nicht (vgl. BAG, Ur­teil vom 23.04.2009 – 6 AZR 533/08 – Rz. 35, NZA 2009, 1260, 1263). Das Feh­len ei­ner sol­chen stützt aber das un­wi­der­spro­che­ne Vor­brin­gen der Kläge­rin, dass der Be­klag­te sich in der Ver­gan­gen­heit re­gelmäßig po­si­tiv über ih­re Ar­beits­leis­tun­gen geäußert ha­be, mit­hin Leis­tungsmängel für die Kündi­gung nicht ursächlich ge­we­sen sein können.
Sch­ließlich spricht auch die Tat­sa­che, dass der Be­klag­te den Ar­beits­platz der Kläge­rin un­strei­tig mit ei­ner älte­ren Ar­beit­neh­me­rin be­setzt hat, im Zu­sam­men­hang mit der Be­haup­tung der Kläge­rin, der Be­klag­te ha­be ihr ge­genüber nach der Kündi­gung in ei­nem Te­le­fon­gespräch erklärt, er wer­de lie­ber auf älte­re Ar­beit­neh­mer zu-rück­grei­fen, da­mit es nicht zu Aus­fall­zei­ten im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Schwan-
ger­schaft kom­me, dass die mögli­che Schwan­ger­schaft der Kläge­rin Be­weg­grund für den Aus­spruch der Kündi­gung vom 31.01.2013 war.
(b) Da ei­ne In-Vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on und die sich dar­aus er­ge­ben­de Möglich­keit der Schwan­ger­schaft nur Frau­en be­trifft, stellt ei­ne Kündi­gung ei­ner Ar­beit­neh­me­rin, die hauptsächlich aus die­sen Gründen er­folgt, ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts dar (vgl. EuGH, Ur­teil vom 26.02.2008 – C-506/06 – Rz. 50, NZA 2008, 345, 347).
(2) Der Be­klag­te hat die von der Kläge­rin vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen nicht ent­kräftet. Er ist dem Vor­brin­gen der Kläge­rin nicht aus­rei­chend ent­ge­gen­ge­tre­ten, son­dern hat sich dar­auf be­schränkt, als Kündi­gungs­grund pau­schal sei­ne Un­zu­frie­den­heit mit den Ar­beits­leis­tun­gen der Kläge­rin an­zu­ge­ben. Dies ist vor dem Hin­ter­grund der von der Kläge­rin vor­ge­tra­ge­nen und größten­teils un­strei­ti­gen Tat­sa­chen, die für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung spre­chen, un­zu­rei­chend. Al­lein schon um der Kläge­rin ei­ne kon­kre­te Er­wi­de­rung zu ermögli­chen, wäre es Auf­ga­be des Be­klag­ten ge­we­sen, die von ihm als man­gel­haft oder un­zu­rei­chend emp­fun­de­nen Ar­beits­leis­tun­gen der Kläge­rin zu be­schrei­ben. Zu­dem hätte es auch ei­ner zeit­li­chen Kon­kre­ti­sie­rung be­durft, um dar­zu­le­gen, dass die Min­der- oder Schlecht­leis­tun­gen An­lass für die Kündi­gung vom 31.01.2013 ge­we­sen sein können.
Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on für den Be­klag­ten folgt aus § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG. Die Fra­ge des Be­ginns der Schwan­ger­schaft bei ei­ner künst­li­chen Be­fruch­tung hat grundsätz­li­che Be­deu­tung. In­so­weit gilt die nach­fol­gen­de
Ge­gen die­ses Ur­teil kann von dem Be­ru­fungskläger/Be­klag­ten
zur Übersicht 3 Sa 502/13

References: § 64
 § 134
 § 9
 § 9
 § 9
 § 9
 § 3
 § 3
 § 9
 § 9
 § 9
 § 3
 § 3
 § 9
 § 3
 § 3
 § 9
 § 218
 § 218
 § 218
 § 218
 § 218
 § 218
 § 9
 § 218
 § 218
 § 9
 § 3
 § 9
 Art. 10
 § 9
 § 9
 § 218
 § 218
 § 218
 § 5
 § 9
 § 242
 § 23
 Art. 12
 § 242
 § 138
 § 138
 § 242
 § 1
 § 72