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Timestamp: 2016-12-08 18:10:36+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 15 Sa 708/11
15 Sa 708/11
Zeigt ein Ar­beit­neh­mer sei­nen Ar­beit­ge­ber bei der Straf­ver­fol­gungs­behörde an, kann die dar­in lie­gen­de Wahr­neh­mung staatsbürger­li­cher Rech­te nur dann zu ei­ner kündi­gungs­re­le­van­ten Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Pflich­ten führen, wenn sich die An­zei­ge als un­verhält­nismäßige Re­ak­ti­on auf ein Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers (oder sei­ner Re­präsen­tan­ten) er­weist.
Arbeitsgericht Siegen, Urteil vom 22.03.2011, 1 Ca 1345/10
1 Ca 1345/10 ArbG Sie­gen
Verkündet am 03.11.2011
Neu­ge­bau­er als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le
Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm Im Na­men des Vol­kes Ur­teil In Sa­chen
hat die 15. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hammauf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 03.11.2011durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Dr. Wes­selso­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Prof. Dr. Rem­mel und Kor­te
Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Sie­gen vom 22.03.2011 – 1 Ca 1345/10 – wird un­ter Klar­stel­lung des Ur­teils­aus­spruchs in Zif­fer 1. wie folgt zurück­ge­wie­sen:
Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 09.06.2009 nicht sein En­de ge­fun­den hat.
Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens trägt die Be­klag­te. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.
- 2 - Tat­be­stand
Die Par­tei­en strei­ten um die Rechts­wirk­sam­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers.
Der 63-jähri­ge ver­hei­ra­te­te Kläger ist seit Sep­tem­ber 1992 als Meis­ter im Werk­zeug­bau/Kunst­stoff bei der Be­klag­ten, die mit et­wa 1400/1500 Ar­beit­neh­mern F1 für La­ger-, Be­triebs-, Büro­ein­rich­tun­gen, Ab­fall­tech­nik und Re­cy­cling be­treibt, zu ei­nem mo­nat­li­chen Brut­to­ent­gelt von zu­letzt 4.669,83 € beschäftigt.
Der Kläger ge­nießt ta­rif­li­chen Son­derkündi­gungs­schutz vor or­dent­li­chen Kündi­gun­gen.
Seit 2003 ver­such­te die Be­klag­te mehr­fach, das Ar­beits­verhält­nis zu dem Kläger durch Kündi­gung zu be­en­den. Die Par­tei­en führ­ten seit­her ins­ge­samt 6 Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren, die rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen sind und in de­nen der Kläger je­weils er­folg­reich war.
Mit Schrei­ben vom 13.02.2009 be­an­trag­te der Kläger bei der Staats­an­walt­schaft Sie­gen die Ein­lei­tung ei­nes staats­an­walt­schaft­li­chen Er­mitt­lungs­ver­fah­rens ge­gen den Geschäftsführer so­wie wei­te­re Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten im Hin­blick auf Vorwürfe des Pro­zess­be­trugs und der Ur­kun­denfälschung. Für die wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Schrei­bens vom 13.02.2009 wird ver­wie­sen auf Blatt 61 – 63 d. A.
Die Staats­an­walt­schaft Sie­gen teil­te dem Kläger un­ter dem 24.02.2009 schrift­lich mit, sie ha­be das Ver­fah­ren ein­ge­stellt.
Mit Schrift­satz vom 06.03.2009 leg­te der Pro­zess­be­vollmäch­tig­te des Klägers Be­schwer­de ein ge­gen die Ein­stel­lungs­ent­schei­dung der Staats­an­walt­schaft. We­gen der Ein­zel­hei­ten der Be­schwer­de­schrift wird auf Blatt 71 – 73 d. A. ver­wie­sen.
Die Be­klag­te er­hielt am 28.05.2009 Ein­sicht in die staats­an­walt­schaft­li­che Er­mitt­lungs­ak­te.
- 3 - Mit Schrei­ben vom 03.06.2009 (Bl. 79 – 82 d. A.) hörte die Be­klag­te den bei ihr be­ste­hen­den Be­triebs­rat zur be­ab­sich­tig­ten frist­lo­sen Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers an. Der Be­triebs­rat nahm mit Schrei­ben vom 08.06.2009 (Bl. 5 d. A.) Stel­lung und äußer­te dar­in „größtmögli­che Be­den­ken ge­gen die­se frist­lo­se Kündi­gung".
Mit Schrei­ben vom 09.06.2009 (Bl. 4 d. A.) kündig­te die Be­klag­te das An­stel­lungs­verhält­nis „außer­or­dent­lich aus wich­ti­gem Grund zum heu­ti­gen Tag".
Die Staats­an­walt­schaft Sie­gen stell­te das durch den Kläger ein­ge­lei­te­te Er­mitt­lungs­ver­fah­ren am 12.10.2009 gemäß § 170 Abs. 2 St­PO ein.
Nach­dem der Kündi­gungs­rechts­streit um die sechs­te Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers, in dem es um den im Rah­men ei­ner Straf­an­zei­ge von dem Kläger ge­genüber der Be­klag­ten er­ho­be­nen Vor­wurf ei­nes pro­zess­betrüge­ri­schen Sach­vor­trags so­wie ei­ner Ur­kun­denfälschung ging, durch Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 30.09.2010 (17 Sa 261/10) ab­ge­schlos­sen war, er­stat­te­te die Vor­sit­zen­de der 17. Kam­mer über den V1 des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm bei der Staats­an­walt­schaft Sie­gen Straf­an­zei­ge ge­gen die Be­klag­te we­gen ver­such­ten Pro­zess­be­trugs.
Mit sei­ner beim Ar­beits­ge­richt am 17.06.2009 ein­ge­reich­ten Kla­ge hat sich der Kläger ge­gen die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 09.06.2009 ge­wandt. Darüber hin­aus hat er die Zah­lung ver­schie­de­ner Zins­ansprüche aus ti­tu­lier­ten Ent­gelt­ansprüchen von der Be­klag­ten ge­for­dert.
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en we­der durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund vom 09.06.2009 noch durch die hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung zum so­for­ti­gen Zeit­punkt sein En­de fin­det,
- 4 - 2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, den Kläger zu un­veränder­ten Be­din­gun­gen über den 09.06.2009 hin­aus als Meis­ter wei­ter zu beschäfti­gen bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des vor­lie­gen­den Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens,
3. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 2.118,42 € net­to nebst 5 % über dem Ba­sis­zins­satz lie­gen­der Zin­sen zu zah­len.
Sie hat die aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung als wirk­sam ver­tei­digt. Auf­grund der von dem Kläger er­stat­te­ten Straf­an­zei­ge und der an­sch­ließen­den Durchführung des Be­schwer­de­ver­fah­rens sei ihr ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers nicht zu­mut­bar.
Mit Ur­teil vom 22.03.2011 hat das Ar­beits­ge­richt u. a. der Fest­stel­lungs­kla­ge statt­ge­ge­ben und die Be­klag­te zur Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers ver­ur­teilt. Zur Be­gründung sei­ner Ent­schei­dung hat das erst­in­stanz­li­che Ge­richt we­sent­lich aus­geführt, ein wich­ti­ger Grund i. S. d. Ge­set­zes sei we­der in der Er­stat­tung der Straf­an­zei­ge durch den Kläger am 13.02.2009 noch in der an­sch­ließen­den Be­schwer­de­ein­le­gung ge­gen die zunächst er­folg­te Ein­stel­lungs­ent­schei­dung der Staats­an­walt­schaft zu er­ken­nen. Das er­ge­be sich für die Kam­mer be­reits dar­aus, dass be­zo­gen auf den­sel­ben pro­zes­sua­len Vor­trag im An­schluss an die rechts­kräfti­ge Be­en­di­gung des Ver­fah­rens so­gar ei­ne Straf­an­zei­ge ge­gen die Be­klag­te durch den V1 des Lan­des­ar­beits­ge­richts er­stat­tet wur­de. Ei­ne schwer­wie­gen­de ar­beits­ver­trag­li­che Pflicht­ver­let­zung des Klägers sei des­halb nicht ge­ge­ben.
Die Be­klag­te hat ge­gen das ihr am 15.04.2011 zu­ge­stell­te Ur­teil am 03.05.2011 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­hend Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se – nach be­wil­lig­ter Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 11.07.2011 – am 07.07.2011 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­hend be­gründet.
Die Be­klag­te trägt un­ter Be­zug­nah­me auf ihr erst­in­stanz­li­ches Vor­brin­gen vor, es sei recht­lich nicht halt­bar, dass das Ar­beits­ge­richt das Vor­lie­gen ei­nes wich­ti­gen
- 5 - Grun­des mit der Be­gründung ver­nei­ne, die Straf­an­zei­ge des Klägers nebst an­sch­ließen­der Be­schwer­de­ein­le­gung stel­le be­reits des­halb kei­ne schwer­wie­gen­de Ar­beits­ver­trags­pflicht­ver­let­zung dar, weil be­zo­gen auf den­sel­ben pro­zes­sua­len Vor­trag im An­schluss des Ver­fah­rens 17 Sa 261/10 so­gar die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt bzw. der V2 des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm bei der Staats­an­walt­schaft Sie­gen Straf­an­zei­ge ge­gen sie – die Be­klag­te – er­stat­tet ha­be. Sie könne die zwei­te Straf­an­zei­ge und das zwei­te Be­schwer­de­ver­fah­ren – aus ih­rer Sicht ein er­neut schädi­gen­des Ver­hal­ten des Klägers – nicht hin­neh­men. Das Ar­beits­verhält­nis sei zerrüttet, dass Ver­trau­ens­verhält­nis zerstört; ei­ne Fort­set­zung des An­stel­lungs­verhält­nis­ses ihr nicht zu­mut­bar.
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Sie­gen vom 22.03.2011, Az.: 1 Ca 1345/10, ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
die Be­ru­fung auf Kos­ten der Be­klag­te zurück­zu­wei­sen.
Er ist der An­sicht, die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung Nr. 7 können man­gels Pflicht­ver­let­zung i. S. d. § 626 BGB das Ar­beits­verhält­nis nicht be­en­den.Hier­zu trägt er vor, er ha­be bei der Aus­wer­tung des je­wei­li­gen Sach­ver­halts und des Vor­trags­ver­hal­tens der Be­klag­ten die Er­kennt­nis ge­won­nen, die­se stel­le über das pro­zesstak­ti­sche Vor­trags­ver­hal­ten hin­aus­ge­hend Sach­ver­hal­te un­rich­tig dar. Ihm sei zur Kennt­nis ge­langt, die von der Be­klag­ten be­haup­te­ten Um­struk­tu­rie­run­gen sei­en zum strei­ti­gen Zeit­punkt tatsächlich nicht vor­ge­nom­men wor­den. Des­halb ha­be er sich zum wie­der­hol­ten Ma­le ent­schlos­sen, ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren we­gen des Ver­dachts des ver­such­ten Pro­zess­be­trugs ein­zu­lei­ten. Was das Rechts­mit­tel der Be­schwer­de an­be­tref­fe, ha­be die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft Hamm of­fen­sicht­lich wei­te­ren Er­mitt­lungs­be­darf er­kannt. Die Straf­an­zei­ge der Vor­sit­zen­den Rich­te­rin ma­che zu­dem deut­lich, dass er mit sei­nen Ein­drücken in Be­zug auf das Vor­trags­ver­hal­ten der Be­klag­ten nicht al­lein ste­he.
- 6 - We­gen der wei­te­ren Sach­vor­brin­gens der Par­tei­en wird ver­wie­sen auf die In­hal­te der zwi­schen ih­nen ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf das Pro­to­koll der öffent­li­chen Sit­zung vom 03.11.2011.
Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts vom 22.03.2011 ist zulässig, aber un­be­gründet.
I. Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ist gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1, 64 Abs. 2 Buchst. c, 66 Abs. I, 64 Abs. 6 ArbGG, §§ 519, 520 ZPO an sich statt­haft und form- und frist­ge­legt ein­ge­legt wor­den. Sie ist so­mit zulässig.
II. In der Sa­che hat die Be­ru­fung kei­nen Er­folg. Im Er­geb­nis zu­tref­fend hat das erst­in­stanz­li­che Ge­richt die Fest­stel­lung ge­trof­fen, dass das Ar­beits­verhält­nis des Klägers durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 09.06.2009 nicht auf­gelöst ist und hat die Be­klag­te zur Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers als Meis­ter zu un­veränder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen ver­ur­teilt.
1. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung ist man­gels Vor­lie­gens ei­nes wich­ti­gen Grun­des i. S. d. § 626 Abs. 1 BGB rechts­un­wirk­sam. Al­ler­dings liegt ein ver­hal­tens­be­ding­ter Kündi­gungs­grund, der auch ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen ver­mag, ins­be­son­de­re dann vor, wenn ei­ne Ar­beit­neh­mer sei­ne ver­trag­li­chen Pflich­ten in schuld­haf­ter Wei­se er­heb­lich ver­letzt.
a) Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, der die Be­ru­fungs­kam­mer folgt, kann ei­ne vom Ar­beit­neh­mer ge­gen sei­nen Ar­beit­ge­ber oder des­sen Re­präsen­tan­ten er­stat­te­te Straf­an­zei­ge ei­ne kündi­gungs­re­le­van­te Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Ne­ben­pflich­ten und da­mit ei­nen wich­ti­gen Grund zur frist­lo­sen Kündi­gung dar­stel­len (BAG v. 07.12.2006 – 2 AZR 400/05, NZA 2007, 502, BAG v.
- 7 - 03.07.2003 – 2 AZR 235/02, NZA 2004, 427; LAG Rhein­land-Pfalz v. 02.04.2009 – 10 Sa 691/08, ju­ris; LAG Ber­lin-Bran­den­burg v. 21.12.2009 – 10 Sa 2193/09 u.a., ju­ris).
Dem Ar­beits­ver­trag sind zahl­rei­che Ne­ben­pflich­ten im­ma­nent. Zu die­sen rech­net ins­be­son­de­re die ver­trag­li­che Rück­sicht­nah­me­pflicht (§ 241 Abs. 2 BGB). Der Ar­beit­neh­mer ist ver­pflich­tet, auf die geschäft­li­chen bzw. dienst­li­chen In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers Rück­sicht zu neh­men und sie in zu­mut­ba­rem Um­fang zu wah­ren. Näher aus­ge­stal­tet wird die ver­trag­li­che Rück­sicht­nah­me­pflicht durch die Grund­rech­te. Zeigt ein Ar­beit­neh­mer sei­nen Ar­beit­ge­ber bei der Straf­ver­fol­gungs­behörde an, so kann die dar­in lie­gen­de Wahr­neh­mung staatsbürger­li­cher Rech­te im Straf­ver­fah­ren re­gelmäßig nicht zu ei­ner Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Pflich­ten führen und folg­lich auch kei­ne des­we­gen erklärte Kündi­gung recht­fer­ti­gen (vgl. zur Grenz­set­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Ne­ben­pflich­ten durch das Ver­fas­sungs­recht BVerfG v. 02.07.2001 – 1 BvR 2049/00, NZA 2001, 888). Es ist mit dem Rechts­staats­prin­zip re­gelmäßig un­ver­ein­bar, wenn ei­ne Straf­an­zei­ge zu zi­vil­recht­li­chen Nach­tei­len für den an­zei­gen­den Ar­beit­neh­mer führen würde.
Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ses Rah­mens sind die ver­trag­li­chen Rück­sicht­nah­me­pflich­ten da­hin zu kon­kre­ti­sie­ren, dass sich die An­zei­ge des Ar­beit­neh­mers nicht als ei­ne un­verhält­nismäßige Re­ak­ti­on auf ein Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers oder sei­ner Re­präsen­tan­ten er­wei­sen darf (BAG v. 04.07.1991 – 2 AZR 80/9, ju­ris; LAG Ber­lin-Bran­den­burg v. 21.12.2009 a.a.O.). Da­bei können als In­di­zi­en für ei­ne un­verhält­nismäßige Re­ak­ti­on auf ein Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers so­wohl die Be­rich­ti­gung der An­zei­ge als auch die Mo­ti­va­ti­on des An­zei­gen­den oder ein feh­len­der be­trieb­li­cher Hin­weis auf die an­ge­zeig­ten Missstände spre­chen. Auch ver­die­nen die Gründe, die den Ar­beit­neh­mer da­zu be­wo­gen ha­ben, ein staats­an­walt­schaft­li­ches Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten, be­son­de­re Be­deu­tung. Er­folgt hin­ge­gen die An­zei­ge aus­sch­ließlich zwecks Schädi­gung des Ar­beit­ge­bers bzw. um ihn „fer­tig zu ma­chen", kann ei­ne un­verhält­nismäßige Re­ak­ti­on vor­lie­gen, die ein rechts­miss­bräuch­li­ches Ver­hal­ten dar­stellt (vgl. BAG v. 03.07.2002, a.a.O.; LAG Rhein­land-Pfalz v. 02.04.2009 a.a.O.).
- 8 - b) Die­sen Grundsätzen fol­gend ist un­ter Berück­sich­ti­gung der Umstände des vor­lie­gen­den Ein­zel­falls ein frist­lo­ser Kündi­gungs­grund nicht ge­ge­ben.
Der Kläger hat in sei­nem An­trag auf Ein­lei­tung ei­nes Er­mitt­lungs­ver­fah­rens vom 13.02.2009 ge­gen den Geschäftsführer und wei­te­re Re­präsen­tan­ten der Be­klag­ten die Staats­an­walt­schaft Sie­gen er­sucht, ins­be­son­de­re in Rich­tung ei­nes Pro­zess­be­trugs zu sei­nem Scha­den und der Ur­kun­denfälschung tätig zu wer­den.
Der ge­sam­te Wort­laut der drei­sei­ti­gen Straf­an­zei­ge (Bl. 61 – 63 d. A.) recht­fer­tigt nicht die Fest­stel­lung, der Kläger ha­be ge­genüber der Staats­an­walt­schaft wis­sent­lich oder leicht­fer­tig fal­sche An­ga­ben ge­macht. Er hat viel­mehr in ei­ner ausführ­lich ge­hal­te­nen Sach­ver­halts­dar­stel­lung un­ter be­son­de­rem Hin­weis auf die seit Mai 2003 von der Be­klag­ten erklärten sechs Kündi­gun­gen in ei­ner auch der Wort­wahl nach zurück­hal­ten­den, an­ge­mes­se­nen Form und, wie er meint, nach reif­li­cher Über­le­gung um Er­mitt­lung er­sucht. Im­mer­hin hat­ten bzw. ha­ben sich sämt­li­che zu­vor erklärten Kündi­gun­gen des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers als rechts­un­wirk­sam her­aus­ge­stellt; die ent­spre­chen­den Ent­schei­dun­gen des Ar­beits­ge­richts und des Lan­des­ar­beits­ge­richts sind rechts­kräftig ge­wor­den. Die schrift­li­che An­zei­ge enthält auch in­halt­lich kei­ne wis­sent­lich oder leicht­fer­tig fal­schen An­ga­ben. Kon­kret fal­sche Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen ver­moch­te die Staats­an­walt­schaft den ein­ge­reich­ten Un­ter­la­gen gleich­falls nicht zu ent­neh­men.
Die Gründe, die den Kläger da­zu be­wo­gen ha­ben, ge­genüber sei­nem Ar­beit­ge­ber ein zwei­tes Mal Straf­an­zei­ge zu er­stat­ten, müssen nach Auf­fas­sung der Be­ru­fungs­kam­mer in ei­nem Zu­sam­men­hang mit der un­gewöhn­lich ho­hen Zahl von Kündi­gun­gen ge­stellt wer­den. Wenn ein Ar­beits­verhält­nis in­ner­halb von gut fünf Jah­ren sechs Mal gekündigt wird und sich sämt­li­che Kündi­gun­gen als un­wirk­sam er­wei­sen, kann es kaum mehr ver­wun­dern, dass die gekündig­te Per­son ob der rechts­grund­los erklärten Kündi­gun­gen ge­genüber ih­rem Ar­beit­ge­ber miss­trau­isch wird, in ihr der Ver­dacht ei­nes Pro­zess­be­trugs erwächst und sie Hil­fe bei den staat­li­chen Er­mitt­lungs­behörden sucht. Es wird ins­be­son­de­re für den Kläger nicht eben un­be­las­tend ge­we­sen sein, im­mer wie­der Ar­beits­ge­richts­ver­fah­ren durch­ste­hen zu müssen. Da die­se sämt­lich zu ei­nem Ob­sie­gen sei­ner­seits geführt hat­ten – le­dig­lich der Kündi­gungs­recht­streit hin­sicht­lich der sechs­ten Kündi­gung war
- 9 - noch nicht rechts­kräftig ent­schie­den –, konn­te bei dem Kläger in nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se der Ein­druck ent­ste­hen, dass die Be­klag­te - vor­sich­tig for­mu­liert – bei der Be­gründung der Kündi­gungs­sach­ver­hal­te nicht mit der ge­bo­te­nen Sorg­falt und Ob­jek­ti­vität vor­ge­gan­gen sei. Die Er­stat­tung der Straf­an­zei­ge stellt des­halb kei­ne un­verhält­nismäßige Re­ak­ti­on des Klägers auf das Ver­hal­ten der Be­klag­ten dar. Das gilt eben­so für die Durchführung des Be­schwer­de­ver­fah­rens. Zu­tref­fend weist der Kläger in­so­weit dar­auf­hin, dass die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft Hamm of­fen­sicht­lich wei­te­ren Er­mitt­lungs­be­darf ge­se­hen hat.
Dem Kläger kann nicht un­ter­stellt wer­den, er ha­be die Straf­an­zei­ge aus­sch­ließlich er­stat­tet, um den Geschäftsführer und/oder die wei­te­ren Re­präsen­tan­ten der Be­klag­ten zu schädi­gen bzw. um die­se „fer­tig zu ma­chen". Hierfür fehlt es an jeg­li­chen An­halts­punk­ten. Auch die Be­klag­te ver­moch­te sol­che nicht sub­stan­ti­iert dar­zu­tun. Dem Kläger ging es er­sicht­lich dar­um, nach fünf bzw. sechs sich als rechts­un­wirk­sam her­aus­ge­stell­ten Kündi­gun­gen sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses klären zu las­sen, in­wie­weit die Be­klag­te die erklärten Kündi­gun­gen auf sach­lich zu­tref­fen­de Be­gründun­gen gestützt hat­te.
Dass in­so­weit auch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin in dem Be­ru­fungs­ver­fah­ren um die 6. Kündi­gung of­fen­sicht­lich den Ein­druck ge­won­nen hat­te, der Vor­trag der Be­klag­ten könne un­ter Umständen als ver­such­ter Pro­zess­be­trug zu wer­ten sein, zeigt über­dies, dass die Straf­an­zei­ge vom 13.02.2009 kei­ne un­verhält­nismäßige Re­ak­ti­on des Klägers dar­stellt.
c) So­weit in dem Ver­hal­ten des Klägers gleich­wohl ein Grund zu se­hen wäre, der an sich ge­eig­net wäre, die strei­ti­ge außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen, führ­te je­den­falls die gemäß § 626 Abs. 1 BGB stets vor­zu­neh­men­de In­ter­es­sen­abwägung zum Ver­nei­nen ei­ner Un­zu­mut­bar­keit der Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit dem Kläger.
Für das Be­en­di­gungs­in­ter­es­se der Be­klag­ten spricht de­ren recht­lich geschütz­tes In­ter­es­se, nur sol­che Ar­beit­neh­mer zu beschäfti­gen, die sie nicht mit un­be­gründe­ten Straf­an­zei­gen über­zie­hen. Die­ses Be­en­di­gungs­in­ter­es­se über­wiegt in­des letzt­lich nicht das In­ter­es­se des Klägers, den Ar­beits­platz bei der Be­klag­ten zu er­hal­ten.
- 10 - Umstände, die ei­ne so­zia­le Schutz­bedürf­tig­keit des Klägers be­gründen, sind zum ei­nen die langjähri­ge, nämlich seit Sep­tem­ber 1992 be­ste­hen­de Be­triebs­zu­gehörig­keit und zum an­de­ren das Le­bens­al­ter des am 08.07.1948 ge­bo­re­nen Klägers. Die­se las­sen die frist­lo­se Kündi­gung nicht mehr bil­li­gens­wert und an­ge­mes­sen i. S. d. ein­schlägi­gen Prüfungs­maßstabs der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung er­schei­nen. Das Ar­beits­verhält­nis ist da­mit nicht durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 09.06.2009 mit so­for­ti­ger Wir­kung auf­gelöst.2. Ei­ne Um­deu­tung der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung gemäß § 140 BGB in ei­ne or­dent­li­che
Kündi­gung schei­tert dar­an, dass der Kläger – un­strei­tig - ta­rif­li­chen Son­derkündi­gungs­schutz vor or­dent­li­chen Kündi­gun­gen ge­nießt.
3. Der Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch des Klägers er­gibt sich aus der Un­wirk­sam­keit der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung. Ent­ge­gen­ste­hen­de über­wie­gend schutz­wer­te In­ter­es­se der Be­klag­ten wa­ren nicht er­sicht­lich. Die Wei­ter­beschäfti­gung hat zu un­veränder­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen als Meis­ter zu er­fol­gen.
Die Kos­ten­ent­schei­dung zu Las­ten der im Be­ru­fungs­rechts­zug un­ter­le­gen­den Be­klag­ten be­ruht auf § 97 Abs. 1 ZPO.
Ein Grund, der nach den hierfür maßgeb­li­chen ge­setz­li­chen Kri­te­ri­en des § 72 Abs. 2 ArbGG die Zu­las­sung der Re­vi­si­on recht­fer­ti­gen könn­te, be­steht nicht.
RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG Ge­gen die­ses Ur­teil ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben.We­gen der Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wird auf § 72a ArbGG ver­wie­sen.
Dr. Wes­sel Prof. Dr. Rem­mel Kor­te/Ne/WR.	m.hensche.de
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References: § 170
 § 626
 § 626
 § 626
 § 140
 § 97
 § 72
 § 72