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Timestamp: 2019-02-18 21:23:31+00:00

Document:
Datenbank Gewissensfreiheit 0.1.028
Die Mitschriften Wannenmann (Heidelberg 1817/18) und Homeyer (Berlin 1818/19
hrsg. v. Karl-Heinz Ilting Stuttgart (Klett-Cotta) 1983
Mitschrift Wannenmann (S. 86 - 87)
3. Das Gute und das Gewissen
§ 65 [Der abstrakte Begriff des Guten]
Das Gute ist der allgemeine Wille als absoluter Endzweck und Gegenstand, die Idee, in welcher für den Geist die besonderen Zwecke seines Wohls sowie damit das rechtliche Dasein als für sich selbständig aufgehoben und eben damit der absolute Endzweck der Welt vollführt ist. Der allgemeine Wille ist der absolute Endzweck und Gegenstand, - das, was ist und sein soll. Die Natur ist ein Unselbständiges gegen die Freiheit. Auf dem moralischen Standpunkt ist durch die Dialektik gegen den allgemeinen Willen nichts Selbständiges mehr vorhanden. Der Begriff ist durch seine Vermittlung, durch seinen Gegensatz hindurchgegangen und hat den Gegensatz in sich. Das Gute ist nicht nur das freie Allgemeine, sondern dieses in seinem Dasein, welches Dasein dem Allgemeinen gleich ist. Dies ist die Idee des Guten oder des Endzwecks der Welt.
Bis zu dieser Idee ist die Kantische Philosophie gekommen und hier stehengeblieben. Aber das Gute ist ewige Ruhe, es hat keine Tätigkeit. Es ist noch nicht als Substanz bestimmt. Es muss wirklich sein, sich realisieren. Als Idee des Guten ist es noch das Unbewegte. Dieses Gute ist daher in der Kantischen Philosophie als ein Sollen gegeben, aber eben das Sollen enthält ein Unvollkommenes; das Gute ist noch nicht als Idee dargestellt. Die Glückseligkeit soll vorhanden sein, das Subjekt soll diesem Guten innerlich gemäß sein; aber das Subjekt macht es zufällig, dass es ist. Darauf gründete Kant die Unsterblichkeit der Seele, dass die Seele immer mehr dem allgemeinen Guten ähnlich werden solle; dieses Postulat ist der unendliche Progress.
Aber die beiden Momente, das Subjekt in seiner Besonderheit gesetzt und die allgemeine Substanz dürfen nicht Selbständige sein, sondern die subjektive Besonderheit muss sich selbst aufheben. Das Gute enthält in seinem Begriff das Besondere, das Negative; und dies ist die Seite der Tätigkeit, der unendlichen Beziehung des Subjekts auf sich selbst.
§ 66 [Der subjektive Wille als Gewissen]
Die Selbstbestimmung in dieser abstrakten Idee und die Verwirklichung derselben ist die reine Subjektivität, die einfache Gewissheit seiner selbst, in welcher sich alle Bestimmtheit des Rechts, der Pflicht und des Daseins verflüchtigt, - das Gewissen, diese absolute Macht des freien Willens, welcher sich als absolutes Selbstbestimmen und schlechthin freies Fürsichsein erfasst und in welchem allein die Bestimmung dessen, was gut ist, liegt.
* Hier wird das Moment der Subjektivität nicht mehr von der Seite der Subjektivität betrachtet. Im Allgemeinen ist alles Besondere enthalten; aber das Besondere ist negiert. Im Guten ist also das Moment des reinen Selbstbewusstseins enthalten, diese reine Gewissheit seiner in sich selbst, diese vollkommene Klarheit in sich. (Die Verwirklichung ist das Bestimmen des besonderen Zwecks.) Vor dem Gewissen gilt nichts als Recht und Pflicht, gilt kein Dasein. Was das Gute ist, bestimmt das Gewissen; aber eben dieses Gewissen weiß sich selbst als Gesetz. Es ist diese absolute Macht der Substanz, des Guten. In dieser inneren Gewissheit ist das Subjekt vollkommen bei sich in seiner Reinheit. Die wahrhafte Idee ist nur die Einheit des Guten und des Gewissens. Das konkrete Gewissen erkennt objektive Pflichten an, und insofern es dieses Konkrete ist und über kollidierende Pflichten entscheidet und [insofern] die Pflicht, für die es [sich] entscheidet, die höhere ist, ist die Pflicht eine objektive; sie ist als die höhere in allem Gewissen anerkannt. Wenn ich wahrhaft nach meinem Gewissen gehandelt habe, so ist dies kein Subjektives, sondern es ist eine allgemeine, objektive Pflicht. Das Gewissen ist diese reine Subjektivität; mein wahrhaftes Gewissen ist allgemeines Gewissen.
§ 67 [Das Böse als die reine Innerlichkeit des Willens]
Insofern das Selbstbewusstsein in dieser Eitelkeit aller Bestimmungen und in der reinen Innerlichkeit des Willens noch seine eigene Besonderheit festhält und in dieselbe die Idee des Guten und seiner absoluten Selbstbestimmung legt, so ist dies die Heuchelei und das absolute Böse. Wenn das Subjekt zu dieser Höhe gekommen ist und am Besonderen dennoch festhält, so ist es über alle bestimmten Pflichten hinaus. Insofern es aber noch, nachdem es mit allem fertig ist, sich in seiner Besonderheit zum Zweck macht, so ist es das absolut Böse, die Heuchelei.
Das Gewissen ist die reine Gewissheit seiner selbst, die reine Beziehung der absoluten Freiheit auf sich selbst. Es ist die absolute Majestät, die sich von allem losspricht und das Gute selbst bestimmt. Macht es aber seine Besonderheit zum Prinzip seines Bestimmens, so ist es der höchste Standpunkt der Heuchelei, der unmittelbar das Böse ist. Hat das Subjekt sich so erfasst, so bestimmt es aus sich, was gut und böse ist. Aber dies sind seine besonderen Zwecke. Seine Handlung [ist] folglich nicht gewissenhaft, sondern Heuchelei. Das Subjekt gibt dann seiner Handlung die Stellung der Pflicht und der Rechtlichkeit und rechtfertigt sie so für seine besondere Ansicht. Dies kann die absolute Hypochondrie des Geistes genannt werden, die nur sich selbst sieht und alle Bande und freundschaftliche Verhältnisse aufhebt und wobei das Subjekt Hass gegen objektive Verhältnisse und Pflicht hat, well es fürchtet, sich darin zu verlieren. Was gut ist, hängt von der Bestimmung des Subjekts ab. Das Subjekt betrügt sein Gewissen selbst, wenn es alles, was es tut [für] dem Gewissen gemäss halt, es sei dies wirklich oder nicht. Zum Ruhm der menschlichen Natur sagt man, der Mensch wolle nichts Böses um des Bösen willen. Das Böse ist das Nichtige, Verletzung, Setzen eines Negativen. Als Handlung ist es aber immer auch etwas Positives, wäre es auch nur Rache, die sogar auf das Leben gehen kann. Wenn z. B. jemand [keinen] Vorteil aus der Handlung sucht, so ist dies wohl etwas Negatives in Ansehung des Vorteils; es ist aber positive Handlung, weil das Subjekt seine Rache ausübt. Es gibt sich das Bewusstsein seines gekränkten Geltens wieder. Das Wiederherstellen dieses Geltens ist ein Positives. Das Böse wird deswegen nicht als um des Bösen willen geschehen betrachtet, obwohl es etwas Negatives ist, weil der Handelnde keinen positiven Vorteil daraus zieht; es ist aber [ein] positives Böses, weil der Mensch Neid und Rache bezweckt. Der Mensch, der aus der Schlacht flieht, kann sich [ein] gutes Gewissen machen; er hat sein Leben erhalten. Dieses ist wesentliches Moment, welches aber der Pflicht hätte untergeordnet sein sollen. Das Böse [daran] ist, eine Pflicht zu verletzen; es ist Heuchelei, das Böse über die Pflicht zu erheben, und so ihr die wesentliche Seite abzugewinnen. Das dem Gewissen Gemäße ist das von allen als gewissensgemäss Erkennbare.
Mitschrift Homeyer (S. 245-246)
§ 69 [Der abstrakte Begriff des Guten]
Das Gute ist die Idee des allgemeinen Willens, in welchem die besonderen Zwecke des Wohls - Hie Subjektivität der Absichten und die Zufälligkeit des äußerlichen Daseins - sowie das rechtliche Dasein, als für sich selbständig, aufgehoben und enthalten sind, so dass sie, von der Idee selbst unterschieden, nur als ihr gemäß bestimmt sind, - der absolute Endzweck der Welt, der Gedanke des wahrhaften Rechts.
§ 70 [Der subjektive Wille als Gewissen]
Zu dieser abstrakten Idee ist die andere Seite das bestimmende und verwirklichende Prinzip, die Subjektivität des Selbstbewusstseins, welche sich als einfache Gewissheit ihrer selbst erfasst [und] alle Bestimmtheit des Rechts, der Pflicht und des Daseins ebenso in sich verflüchtigt, wie sie [auch] die Tätigkeit ist, aus sich zu bestimmen, was gut ist, oder unter den verschiedenen Bestimmungen desselben zu entscheiden, - das Gewissen. 2. allein die Macht ist, durch Handeln das Gute zur Wirklichkeit zu bringen.
Vor dem Gewissen ist nichts fest, nichts unbedingt. Es ist der höchste Richterstuhl, der höchste Ort der Innerlichkeit etwas Heiliges, nie zu Zwingendes. Überließe man alles der Entscheidung des Gewissens, so wäre die Objektivität aufgehoben. Das Gewissen ist ein Tätiges; es verwirklicht das Gute.
§ 71 [Das Böse als die reine Innerlichkeit des Willens]
Das Selbstbewusstsein in dieser Eitelkeit aller Bestimmungen und in der reinen Innerlichkeit des Willens ist die Willkür, [die darin besteht], die eigene Besonderheit gegen das Allgemeine zu seiner Bestimmung und sie durch [eine] Handlung geltend zu machen, - böse zu sein. Indem es eine positive Seite hieran heraushebt und um derselben willen die ganze Handlung als gut behauptet, ist das Böse die Heuchelei.
Die Eitelkeit ist noch nicht gerade böse; sie will das Subjektive geltend machen durch etwas, das gelte vor den anderen, nicht durch die Sache. Dieser Schein vor anderen ist noch der Zügel der Eitelkeit. Dem Bösen gilt die Sache, das an und für sich Seiende auch nichts; es hat aber nicht einmal den Schein zum Prinzip, ist rein das Subjektive gegen das Allgemeine.
Das Böse ist notwendig, soll aber nicht sein. Sittlich sein, ist: bis zum Gegensatz des Bösen fortzugehen; sonst ist das Gute nur ein Natürliches.
Insofern an der bösen Handlung eine positive Seite geltend gemacht wird, als Moment einer Totalität, [und diese] als gut behandelt wird, ist dies Heuchelei, teils der Menschen gegen sich, teils gegen andere. - Es gibt jetzt mehr Heuchelei als böse Handlungen.
§ 72 [Die Gesinnung als Zurechnungsgrund]
Das Recht des Gewissens ist das zwar formelle, aber wesentliche Recht, dass das, was ich als gültig anerkennen soll, von mir als gut eingesehen werde und dass mir eine Handlung nur nach der Gesinnung und nach der Kenntnis ihres Werts, rechtlich oder unrechtlich, gut oder böse zu sein, zugerechnet werde.

References: § 65

§ 66

§ 67

§ 69

§ 70

§ 71

§ 72