Source: http://www.ohsjd.org/Objects/Pagina.asp?ID=1645
Timestamp: 2018-01-20 16:41:38+00:00

Document:
Sito Ufficiale Fatebenefratelli ? Curia Generalizia - Dem Leben dienen, das Leben fördern...
GEDANKEN ÜBER DAS MITEINANDER
VON BRÜDERN UND MITARBEITERN
Ständige Kommission für die Animation
Die Beziehung zwischen Brüdern und Mitarbeitern
aus der Sicht der Berufung des Menschen zur Gemeinschaft 15
Eingrenzung des Themas 15
Auf einem gemeinsamen "Tun" aufbauende Beziehungen 18
Auf einem gemeinsamen "Sein" aufbauende Beziehungen 20
Die Rolle der Motive im Zusammenspiel
der Beziehungsdynamik 24
Praktische Schwierigkeiten 25
Die gemeinsame Verpflichtung von Ordensleuten und Laien zur
Reich-Gottes-Arbeit in der Gemeinschaft der Kirche 31
Selbstverständnis und Sendungsauftrag der Laien
in der Kirche 32
Die Würde des Laien 32
Die Teilhabe der Laien am Leben der Kirche -
Der "Communio"-Gedanke 33
Die Mitverantwortlichkeit der Laienchristen
für die Kirche in ihrer Sendung 34
der Berufungen 36
Standort und Funktion der Kommunität in den Werken 38
Wer sind wir 39
Die Gemeinschaft - eine grundlegende Dimension
im Leben des Barmherzigen Bruders 41
Apostolische Sinndeutung 43
Gemeinschaftsstiftende Gemeinschaft 43
Daseinssinn der Kommunität in den Werken 44
Die Beteiligung der Mitarbeiter an Charisma, Spiritualität
und Sendung des Ordens der Barmherzigen Brüder 51
Geschichtlicher Abriß 51
am Charisma des Ordens 54
Das Ordensleben als Charisma 56
Zum theologischen Verständnis von Charisma,
Sendung und Spiritualität 60
Theoretische Wegweisungen 69
Praktische Wegweisungen 70
1 Seit seinem Entstehen hat der Hospitalorden vom hl. Johannes von Gott bei der Erfüllung seines kirchlichen Auftrags die Hilfe von weltlichen Mitarbeitern in Anspruch genommen. Die Mitarbeit freigebiger und sozial engagierter Menschen war eine Konstante in der Geschichte des Ordens. Ausgehend vom Außer­ordentlichen Generalkapitel von 1979 hat in unseren Tagen auf dieser Linie ordensweit eine tiefgreifende Bewußtseinsbildung eingesetzt mit dem Ziel, die Beziehung zwischen Brüdern und Mit­arbeitern zum Wohl der ihnen gemeinsam anvertrauten Menschen weiter auszubauen und nach allen Richtungen zu fördern.
Das Generalkapitel 1988 war in diesem Zusammenhang ein "historisches" Ereignis, da an ihm zum erstenmal in der Geschich­te des Ordens mehrere weltliche Vertreter aus verschiedenen Provinzen teilnahmen. Bei dem Generalkapitel wurde die Feststel­lung gemacht, daß zum Thema Laien keine endgültigen Aussagen gemacht werden konnten, weil in diesem Bereich in den einzelnen Provinzen verschiedene Voraussetzungen herrschen. Deswegen beschloß man, vorerst zu diesem Thema mit einer allgemeinen Rahmenerklärung Stellung zu nehmen, um dann schritt­weise ein einheitliches Verständnis herbeizuführen. In diesem Sinne wurde die General­leitung beauftragt, "die Beteiligung der Mitarbeiter am Ordens­geschehen gedanklich und praktisch genauer zu bestim­men"[1].
2 Einige Monate nach Abschluß des Generalkapitels wurde das Apostolische Schreiben Christifideles laici publiziert, in dem die Erörterungen der Bischofssynode 1987 aufgegriffen und vertieft worden sind. In dem Schreiben wird insbesondere auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Sendung der Laien in der Kirche anzuerkennen und zu fördern, sowie wegweisend die verschiedenen Möglichkeiten der konkreten Beteiligung der Laien an der Evange­lisierung auf­gezeigt, zu der sie kraft ihrer Taufweihe berufen sind.
3 Die Notwendigkeit der Erstellung eines Dokumentes zum Thema Laien erklärt sich in der Hauptsache zweifelsohne aus der apostolischen Zielsetzung unserer Einrichtungen - Zielsetzung, die von den Brüdern allein in den heutigen Verhält­nissen nicht erreicht werden kann. Unsere Gemeinschaft mit der Kirche muß dadurch Ausdruck finden, daß wir mit Freude der Aufforderung nachkommen, die Laien in die Reich-Gottes-Arbeit im Gesundheits-und Sozialwesen miteinzubinden, wobei uns stets bewußt sein muß, daß der kranke und hilfsbedürftige Mensch ein Recht darauf hat, im Licht des Evangeliums auch geistlich betreut zu werden.
4 Ein weiterer wichtiger Grund für dieses Dokument ist in den tiefgreifenden Veränderungen zu sehen, die im Gesundheits-und Sozialbereich stattgefunden haben. Auch wenn es allgemein bekannt sein dürfte, möchten wir hier trotzdem noch einmal auf die Tatsache hinweisen, daß die Einrichtungen des Ordens bis vor wenigen Jahrzehnten organisatorisch und verwaltungsmäßig so aufgebaut waren, daß die Brüder beinahe alle Aufgaben allein erfüllen konnten. Der Anteil weltlicher Mitarbeiter war sowohl im Pflegebereich als auch in der Leitung minimal. Heute ist ihre Anzahl in fast allen Einrichtungen um ein vielfaches angestiegen, während die der Brüder empfindlich zurückgegangen ist.
Diese Tatsachen, vor allem aber der tiefere Sinn der Weihe an Gott im Dienst an den Kranken und Hilfsbedürftigen, verlangen, daß die Brüder ein neues Rollenverständnis hinsichtlich ihres Einsatzes in unseren Werken entwickeln.
Ziele dieses Dokumentes
5 Mit dem vorliegenden Dokument soll in erster Linie dem Auftrag entsprochen werden, mit dem die Generalleitung vom letzten Generalkapitel betraut worden ist, d.h. die Beteiligung der Mitarbeiter am Ordensgeschehen soll gedanklich und praktisch genauer bestimmt werden.
Damit hängen jedoch eine Reihe von Aufgaben zusammen, die wie folgt zusammengefaßt werden können:
- aufbauend auf der Lehre der Kirche sollen die ver­schie­denen Ebenen erhellt werden, auf denen die Beziehung zwischen Brüdern und Mitarbeitern gefestigt werden kann bzw. gefestigt werden soll;
- die Begriffe und Inhalte des angestrebten Miteinanders von Brüdern und Mitarbeitern sowie die verschiedenen Ebenen der Beteiligung sollen genau geklärt werden, damit man ordensweit zu einer gemeinsamen Sprache gelangt;
- die Verständnisschwierigkeiten, die, vielfach unbe­wußt, unter den verschiedenen Gruppierun­gen vorherr­schen, sollen abgebaut und die daraus resultierende Distanz überwun­den werden, damit die Empfänger unseres Dienstes sowohl unter fachlichem als auch unter menschlichem Gesichts­punkt eine möglichst wirksame Betreuung erfahren können;
- unter allen Beteiligten, die in den Einrichtungen des Ordens zum Wohl des kranken und hilfsbedürftigen Menschen tätig sind, soll eine echte Partnerschaft angestrebt werden.
6 Um eventuellen Mißverständnissen vorzugreifen und das Verständnis des Dokumentes zu erleichtern, sollen im folgenden kurz einige Begriffe geklärt werden, die für eine zutreffende Interpretation des Dokumentes von grundlegen­der Bedeutung sind.
- Laien. Wenn wir den Begriff "Laien" verwenden, berufen wir uns auf das kirchliche Sprachverständnis, nach dem unter diesem Terminus folgendes zu verstehen ist:
"Unter der Bezeichnung Laien", so beschreibt sie die Konstitution Lumen Gentium,"sind hier alle Christgläu­bigen verstanden, mit Ausnahme der Glieder des Weihe­standes und des in der Kirche anerkannten Ordens­standes, das heißt, die Christgläubigen, die durch die Taufe Christus einverleibt, zum Volk Gottes gemacht und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weise teilhaftig, zu ihrem Teil die Sendung des ganzen christlichen Volkes in der Kirche und in der Welt ausüben."[2]
- Mitarbeiter. In den Erklärungen des 62. Generalkapi­tels sind unter diesem Begriff sowohl die durch ein festes Arbeitsverhältnis an den Orden gebundenen Mitarbei­ter als auch die ehrenamtlichen Helfer und die Wohl­täter[3] zusammenge­faßt. In diesem weiten Sinn wird der Begriff auch im vorliegenden Dokument ver­wendet.
- Ständige Mitarbeiter. Mit diesem Terminus beziehen wir uns auf alle Personen, die in den Einrichtungen des Ordens auf der Basis eines Arbeitsvertrages tätig sind. Davon ausgenommen sind die Brüder der Kommuni­tät.
- Ehrenamtliche Helfer. Darunter sind die Personen zu verstehen, die, ausgehend von verschiedenen Motivatio­nen, einen Teil ihres Seins und ihrer Zeit in selbst­lo­ser und uneigennütziger Weise dem Dienst an den Kranken und Hilfsbedürftigen widmen, indem sie in den Einrich­tungen des Ordens aktiv an der Humanisierung der Betreuung mitarbeiten.
- Wohltäter. Darunter sind die Personen gemeint, die den Orden finanziell bzw. geistlich unterstützen und fördern.
- Gesundheits- und Sozialbereich. Mit diesem weitläufi­gen Begriff beziehen wir uns auf alle Tätigkeits­felder, in denen der Orden weltweit seine Sendung im Dienst an den Kranken und Hilfsbedürftigen verwirk­licht.
7 Die Werke des Ordens unterliegen hinsichtlich ihrer sozialen Zweckbestimmung sowie unter arbeitsrechtlichem Gesichtspunkt den allgemeinen, gesetzlichen Bestimmungen, die für Einrichtungen dieser Art gelten. Trotzdem muß hier die Besonderheit ihres Daseinsgrundes berücksichtigt werden, der in der Mehrzahl der Länder, in denen der Orden tätig ist, auch rechtlich verankert und anerkannt ist.
A. Der konfessionelle Charakter unserer Einrichtungen
8 Der Daseinsgrund des Hospitalordens ist:
"Unsere Existenz in der Kirche hat den Sinn, das Charisma der Hospitalität nach dem Vorbild des hl. Johannes von Gott zu leben und offenbar zu machen..." Kraft dieses Charismas "stellen wir uns durch die Betreuung der Kranken und Hilfsbedürftigen in den Dienst der Kirche", um "die leben­dige Gegenwart des Barmherzigen Jesus von Nazareth in der Zeit" sichtbar zu machen und "Zeichen und Ankündigung des angebrochenen Reiches Gottes"[4] zu sein.
Deswegen haben seine Einrichtungen konfessionellen Charak­ter.
9 Es ist sicher nicht notwendig, das Recht der Kirche und mithin des Ordens, Gesundheits- oder Sozialeinrichtungen zu errichten und zu leiten, im einzelnen zu begründen. Denn obwohl diese Aufgabe unter den "zeitlich-weltlichen" Bereich fällt, ist augenschein­lich, daß durch die soziale Tätigkeit, die in diesen Einrichtungen realisiert wird, Reich-Gottes-Arbeit geleistet wird. Die Kirche will in diesen Einrichtungen die Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar und erfahrbar machen durch Taten der Liebe, so wie sie uns von Jesus von Nazareth vorgelebt wurden. Durch diese Taten wollte Jesus sichtbare "Zeichen" für das angebrochene Reich Gottes setzen und offenbar machen, daß er der Messias war (vgl. Lk 7, 18-23).
Als kirchliche Einrichtung setzt der Orden das von Jesus begonnene Heilswerk nach dem Vorbild des heiligen Johannes von Gott aus einer ökumenischen Perspektive fort, indem er seine Dienste allen hilfsbedürftigen Menschen anbietet, seien sie Gläubige oder Nichtgläubige, Christen oder Angehörige einer anderen Konfession.
Aus demselben Grund begegnet er dem Denken und Fühlen der Einzelnen mit großem Respekt und ist darum bemüht, die religiöse Betreuung Andersgläubiger soweit als möglich zu unterstützen und zu fördern[5].
10 Die Barmherzigen Brüder treten als Träger ihrer Einrichtun­ gen mit derselben Einstellung auf, aus der ihr Stifter sein erstes Hospital gründete, nachdem er im Königlichen Krankenhaus von Granada am eigenen Leib erfahren hatte, wie verletzend und menschenverachtend die Betreuung der Patienten gehandhabt wurde:
"Und als er sah, wie die Kranken, die verrückt waren und mit ihm zusammen untergebracht waren, gezüchtigt wurden, sprach er: Jesus Christus möge mir die Zeit und die Gnade gewähren, daß ich ein Hospital habe, in dem ich die armen Menschen, die verlassen und der Vernunft beraubt sind, sammeln kann, um ihnen zu dienen, wie ich es wünsche!"[6]
Sein Wunsch war, den kranken und hilfsbedürftigen Menschen in Liebe zu dienen, für ihre Gesundheit, ihr Wohlergehen und ihr Heil Sorge zu tragen. Heute bezeichnen wir seine bahnbrechende Tätigkeit als ganzheitliche Betreuung mit evangelischem Zeichen­wert.
11 Das Tätigkeitsfeld des Ordens beschränkt sich jedoch nicht nur auf seine Einrichtungen. Das war, angefangen bei unserem Stifter Johannes von Gott, niemals der Fall. Die schnelle Verbreitung des Ordens verdanken wir so etwa dem Umstand, daß die Brüder das spanische Heer als Krankenpfleger und Feldsanitäter begleiteten. Außerdem haben die Brüder, wo immer es ihnen möglich war, auf Bitten der Bischöfe und der zivilen Behörden die Leitung von Krankenhäusern und anderen Einrichtungen in den Diözesen und Gemeindebezirken übernommen. Der Orden hat bis heute gemäß seiner Tradition diese weitangelegte Einsatzbereitschaft beibehalten[7].
12 Der Tatsache, daß wir Eigentümer unserer Einrichtungen sind, liegt in keiner Weise eine diskriminierende Absicht gegen irgendjemand zugrunde. Die Einrichtungen des Ordens, angefangen beim ersten Hospital des hl. Johannes von Gott, waren und sind für alle da und offen:"Da dies ein Haus für alle ist, werden alle Arten von Kranken aufgenommen und auch alle Arten von Men­schen."[8]
Die Formulierung "alle Arten von Kranken und alle Arten von Menschen" ist hier im weitesten Sinne zu verstehen, also Kranke und Hilfsbedürftige aller Art, Männer und Frauen der verschieden­sten sozialen Herkunft, Rasse und Konfession.
Diese Grundeinstellung ist, wie die Konstitutionen des Ordens in ihren verschiedenen Fassungen zeigen, über die Jahrhunderte bewahrt worden.
13 Das Hauptanliegen von Johannes von Gott war, man verzeihe das Wortspiel, das Gute gut zu tun, also keine sterile Betreuung, unter der letztendlich immer die Qualität leidet, sondern der Versuch, das Gebot der christlichen Nächstenliebe fruchtbar mit den Ansprüchen der Gerechtigkeit zu verbinden, stets mit dem Ziel vor Augen, dem kranken und hilfsbedürftigen Menschen einen unter menschlichem, fachlichem und technischem Gesichtspunkt hochqualifizierten und wirksamen Dienst anzu­bieten.[9]
B. Die Philosophie des Ordens
14 Der konfessionelle Charakter der Einrichtungen läßt vermu- ten, daß der Orden sich bei seinem Tun auf eine spezifische Gei­steshaltung und auf eine in den Jahrhunderten gewachsene Tradition stützt, aus der er auf die Wegweisungen der Kirche und auf die sozialpolitischen Veränderungen eingegangen ist. Daraus hat sich, bald bewußt, bald unbewußt, eine eigene Philosophie entwickelt, unter der jedoch nicht nur das theoreti­sche Beiwerk verstanden werden darf, von dem theologisch, rechtlich und historisch die Struktur, Ausrichtung und Organisa­tion seiner Einrichtungen geregelt und bestimmt werden. Vielmehr handelt es sich dabei im Kern um ein ureigenes Konzept, die Gabe der Hospitalität zu verstehen und in die Praxis umzusetzen. Denn auf dieser Gabe baut im Endeffekt, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis, der besondere Sendungsauftrag des Ordens auf.
15 Obgleich die Philosophie des Ordens in einer anderen Schrift dargelegt ist, in der zu diesem Thema Genaueres erfahren werden kann, halten wir es für angezeigt, an dieser Stelle die wichtigsten Leitgedanken daraus aufzuführen.
1. Der Hospitalorden ist in das Leben der Kirche und der Gesellschaft als Frucht der Gabe der Hospitalität getreten, die seinem Stifter Johannes von Gott geschenkt wurde. Von einer inneren Kraft getrieben, gefestigt durch die Erfah­rung der barmherzigen Liebe Gottes und einen tiefen Glau­ben, antwortete er auf die Gabe, die ihm zuteil worden war, mit der restlosen Hingabe seiner selbst an Gott im Dienst an den Armen und Kranken der spanischen Stadt Granada.[10]
2. Das Beispiel des hl. Johannes von Gott spornte andere Menschen dazu an, seinen Lebensstil nachzuahmen. Sie wollten wie er, im Dienst an den Armen in die engere Nachfolge Jesu Christi treten und an seinem Heilswerk mitwirken.[11]
3. Den Einrichtungen des Ordens liegt deswegen eine ganz spezifische kirchlich-apostolische Zweckbestimmung zugrun­de, die folgendermaßen umschrieben werden kann:
- Von der Erfahrung der barmherzigen Liebe Gottes ge­drängt, schenken und weihen sich die Barmherzigen Brüder ganz Gott im Dienst an den Kranken und Hilfsbedürfti­gen.[12]
- Ihr Apostolat, Lebensgrund und -inhalt ihrer Gemein­schaft, verwirklichen sie in und durch die ganzheitliche Sorge um den kranken und hilfsbedürftigen Menschen.[13]
4. Der Sendungsauftrag des Ordens orientiert sich am "Geist" des Stifters; an dem Gedanken der christlichen Nächstenlie­be; an den Wegweisungen der katholischen Kirche, ganz besonders in Fragen der Bioethik und der Soziallehre; und richtet sich nach den gesetzlichen Bestimmungen, von denen in den einzelnen Ländern der Sozial- und Gesundheits­dienst geregelt wird, insofern diese nicht den grundlegen­den Rechten des Menschen widersprechen, die da sind:"Der Mensch hat das Recht, geboren zu werden und menschenwürdig zu leben. Er hat den Anspruch auf Pflege in seiner Krank­heit und in Würde zu sterben."[14]
5. Die Empfänger der Sendung des Ordens sind alle Menschen, die unter Armut, Krankheit und sozialer Ausgrenzung leiden, ohne Unterschied ihrer ethnischen, sozialen und religiösen Zugehörigkeit. Unter ihnen bevorzugen wir die Ärmsten.[15]
6. Die Einrichtungen des Ordens sind bereit, mit dem Staat und anderen Institutionen zusammenzuarbeiten, unter der Bedingung daß die apostolischen, ethischen und rechtlichen Prinzipien anerkannt und respektiert werden, auf denen ihre Tätigkeit aufbaut.[16]
7. Der Orden schätzt, fördert und übernimmt die Errungen­schaften des Fortschrittes von Technik und Wissenschaft im Gesundheits- und Sozialbereich. Er setzt sich entschlossen dafür ein, daß alle zur Verbesserung der ganzheitlichen Betreuung der Kranken und Hilfsbedürftigen zur Verfügung stehenden Mittel gezielt zur Anwendung gebracht werden, insofern sie zur Wiederherstellung der Gesundheit bzw. zur sozialen Wiedereingliederung beitragen.[17]
8. Der Orden schätzt, fördert und nimmt gern die Mitarbeit all jener in Anspruch, die bei der Betreuung und Rehabili­ta­tion der Kranken und Hilfsbedürftigen mitwirken wollen unter der Voraussetzung, daß sie die Philosophie des Ordens anerkennen und respektieren.[18]
9. Der Orden respektiert und setzt sich für die Rechte der Mitarbeiter ein, die in seinen Einrichtungen tätig sind, und weiß sich den Weisungen der kirchlichen Soziallehre und den sozialrechtlichen Bestimmungen der einzelnen Länder verpflichtet, hat dabei aber auch immer die Rechte der Kranken und Hilfsbedürftigen im Auge.
10. Der Orden anerkennt das Recht seiner Mitarbeiter auf die persönliche Entfaltung. Deswegen:
- fördert und setzt er sich im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür ein, daß es in den einzelnen Fachbereichen seiner Einrichtungen ein reiches Weiterbildungsangebot gibt und setzt auch Initiativen zur Verbesserung der Arbeitsver­hältnisse und zum Wohle ihrer Familien;
- bietet er allen Mitarbeitern, ehrenamtlichen Helfern, Freunden und Wohltätern, die Möglichkeit an, ihr Christ­sein und Glaubensleben zu vertiefen, indem er sie, wie an einer anderen Stelle dieses Dokumentes näher ausge­führt, unmittelbar an seinem Leben und Sendungsauftrag betei­ligt.
Schematischer Aufbau des Dokumentes
16 Zum Abschluß dieser Einleitung möchten wir noch kurz den schematischen Aufbau des Dokumentes Dem Leben dienen, das Leben fördern - Gedanken über das Miteinander von Brüdern und Mitarbeitern erklären.
Zunächst ein paar Worte zum Titel: Damit wollten wir das Hauptziel des Ordens verdeutlichen, das, wie wir auf den vorausgehenden Seiten zu erläutern versucht haben, darin besteht, dem Leben zu dienen und das Leben zu fördern. Dieser Aufgabe kann sich der Orden nur dann erfolgreich stellen, wenn die Fähigkeiten und Energien aller Menschen, die tagtäglich in seinen Einrichtun­gen miteinander leben und wirken, also Patienten, Mitarbeiter und Brüder, in dynamischer Weise zusammengezogen und ausgeschöpft werden.
17 In den einzelnen Kapiteln wird das Thema des Miteinanders aus folgenden Blickwinkeln erhellt werden:
1. Aus anthropologischer Sicht. In dem entsprechenden Kapitel wird der Versuch gemacht, die Beziehung zwischen Brüdern und Mitarbeitern nach allen Seiten hin zu durch­leuchten und die verschiedenen Beziehungsebenen darzustel­len, die sich aus ihrem Miteinander ergeben und anbieten. Außerdem wird man einige praktische Fragen ansprechen, die auf das Miteinander einen unleugbaren Einfluß ausüben.
2. Aus theologischer Sicht. In diesem Zusammenhang wird auf dem Hintergrund der Lehre der Kirche (Christifideles laici) die Berufung des Laienchristen und die Identität des Barm­herzigen Bruders behandelt werden.
3. Aus charismatischer Sicht. Nach einem kurzen, ge­schicht­lichen Abriß werden wir uns in diesem Kapitel ausführlich mit der Beteiligung der Laienmitarbeiter an Charisma, Sendungsauftrag und Spiritualität des Ordens auseinander­setzen.
4. Den Schluß der Arbeit bildet ein kurzes Resümee, in dem aus den wichtigsten Aussagen Bilanz gezogen wird.
der Berufung des Menschen zur Gemeinschaft
18 Im folgenden werden wir uns kurz mit den Grundgedanken beschäfti­gen, auf denen der Gesundheits- und Sozialdienst aus anthropologischer Sicht aufbaut. Dabei werden wir uns im Rahmen einer allgemeinen Reflexion mit der Beziehungs- und Gemeinschaftsfähigkeit und dem Beziehungs- und Gemeinschaftsbe­dürfnis der menschlichen Person auseinandersetzen. Dazu sollen vorab folgende Punkte festgehalten werden:
1. Der Mensch ist nach seinem Aufbau und Handeln ein komplexes, aber durch und durch einheitliches Wesen. Damit wollen wir sagen: Im menschlichen Wesen koexistieren biologische Elemente, die gewissermaßen materiell erfaßt und auf die Materie zurückgeführt werden können, und eine psychologisch-geistige Ebene, die unerfaßbar ist und über das rein Materielle hinausgeht. Diese Ebene bezeichnen wir gewöhnlich als Seele.
Die menschliche Person setzt sich jedoch nicht aus diesen Größen zu einem losen, äußeren Ganzen zusammen, sondern ist eine primäre Einheit, das heißt: diese Größen bilden eine strukturelle Einheit. Aus diesem Zusammenhang ergibt sich denn auch der Begriff von der personalen Einheit.
Dasselbe gilt für den Bereich des Handelns: So wie es keine rein seelisch-geistige Handlung gibt, gibt es auch keine rein biologische oder sensorielle Handlung. Alles menschliche Handeln ist als solches ein Handeln der gesamten Person.
2. Die menschliche Person ist ein begrenztes Wesen. Obwohl sie als "Abbild Gottes" (Gen 1, 27) mit einer grundlegenden Größe ausgestattet wurde, kraft der sie zum Guten, zur Gemeinschaft und zur Solidarität prädestiniert ist, ist sie auch negativen Tendenzen ausgesetzt, die sie zum Bösen, zum Egoismus und zur Zerstörung verleiten.[19]
Das Begrenztsein des Menschen kommt besonders schmerzlich in der Erfahrung des Leidens, der Krankheit und des Todes zum Ausdruck.
Wenn man das Begrenztsein der menschlichen Person jedoch von seiner positiven Seite wertet, erkennt man, daß erst aus ihm dem Menschen die innere Kraft erwächst, das Leben in seinem unwieder­bringlichen Wert zu schätzen und zu pflegen, an der Entfaltung seiner Persönlichkeit zu arbeiten und an der Entwicklung der Menschheit und der Schöpfung mitzuwirken. Auf diesem Hintergrund zeichnet sich in aller Schärfe die "transzendente Bestimmung" der menschlichen Existenz ab, also die Fähigkeit, über sich selbst "hinauszugehen", d.h. ständig an den eigenen Anlagen und Werten zu arbeiten, um die Beziehung zu Gott und zu den anderen fortschreitend zu vertiefen. Deswegen ist der Mensch nicht ein "abgeschlossenes", vollkommenes Wesen, sondern ein auf dem Weg seiendes und "vervollkommnungsfähiges".
Diese positive Auffassung vom Begrenztsein des Menschen weist bereits auf die folgende Dimension voraus.
3. Die menschliche Person ist von ihrem Wesen her "offen" für die Welt, für die anderen Menschen und für Gott.
19 In diesem Kapitel werden wir immer wieder auf die drei eben aufgezählten Aspekte Bezug nehmen. Unser Hauptinteresse wird dabei jedoch der Fähigkeit zum Offensein und dem Bedürfnis nach Offensein der menschlichen Person gelten. Denn diese Veranlagung hat nicht nur unmittelbar mit dem Thema, das wir uns gestellt haben, zu tun, sondern kann als die positivste und fruchtbarste Seite des menschlichen Begrenztseins betrachtet werden.
20 Das "Offensein" der Brüder und Mitarbeiter kann in der Hauptsache unter folgenden Gesichtspunkten behandelt werden:
- einmal aus ihrer wechselseitigen Beziehung;­
- zum anderen aus ihrer Beziehung zu den Kranken und Hilfsbedürftigen.
Obgleich die folgenden Ausführungen im Endeffekt dazu beitragen sollen, die Beziehung zu den Kranken und Hilfsbedürfti­gen zu verbessern, werden wir uns im folgenden, gemäß der Themenstellung, vor allem mit der Beziehung zwischen Brüdern und Mitarbeitern beschäftigen.
Die menschliche Person ist ein "offenes" Wesen
21 Wenn wir vom Offensein der menschlichen Person sprechen, meinen wir damit ihr Bedürfnis und ihre Fähigkeit, in Gemeinschaft und in Beziehung mit der Schöpfung, mit den anderen Menschen und mit Gott zu treten und zu leben.
Das "Offensein" der menschlichen Person geschieht und verwirklicht sich auf verschiedenen Ebenen:
- Offensein als Selbsthingabe. Damit meinen wir die Fähig­keit des Menschen, aus sich selbst "herauszugehen" und auf den anderen zu- und einzugehen. Das kann auf zwei Ebenen geschehen: die Hingabe an den Nächsten, indem man die eigenen Fähigkeiten in seinen Dienst stellt; das Zugehen auf den Nächsten, indem man ihm die tiefsten, eigenen Gefühle offenbart und zum eigenen Innenleben Zugang gewährt.
- Offensein als Aufnahme des Nächsten. Damit meinen wir die Fähigkeit, den Nächsten als Person anzunehmen und ihm einen Platz im eigenen Leben zu geben. Auch das kann auf zwei Ebenen geschehen: durch die Achtung und Annahme des Nächsten im eigenen Leben; indem man dem Nächsten einen Platz im eigenen Leben gibt, ohne mit ihm zu verschmel­zen.
- Offensein als Miteinander. Dabei handelt es sich zwei­fels­ohne um die fruchtbarste und tiefste Beziehungs­ebene, auf der Menschen einander begegnen können: Jede Form bewußten Egoismus vermeidend, versuchen Menschen im echten Miteinander das Beste von sich zu geben und in Liebe aufeinander zuzugehen.
22 Im praktischen Leben tritt diese logische Abgrenzung natürlich nie in dieser reinen Form auf: Vielfach über­schneiden und decken sich die eben aufgezählten Ebenen. Alle drei Ebenen, ganz besonders die beiden letzten, setzen jedoch einen Prozeß voraus, und zwar daß man den anderen in seiner personalen Identität und Wirklichkeit anerkennt, schätzt und annimmt. Wo dieser Prozeß ausbleibt, d.h. wenn man den anderen nicht in seinem Anderssein mit all seinen Fähigkeiten und Grenzen, also seine Anders- und Einzigartigkeit, seinen "unwiederbringli­chen Wert" anerkennt, ist eine echte zwischenmenschliche Beziehung nicht möglich.
23 Mit diesen grundlegenden Wahrheiten vor Augen wollen wir nun die verschiedenen Beziehungsebenen untersuchen, die sich aus dem Miteinander von Brüdern und Mitarbeitern ergeben bzw. anbie­ten, und zwar:
- auf der Basis des Handelns;
- auf der Basis des Seins;
- auf der Basis der Motive.
Auf einem gemeinsamen "Tun" aufbauende Beziehungen
24 Dabei handelt es sich sicher um die oberflächlichste Beziehungsebene, die sich zwischen Menschen, die sich zur Verwirkli­chung eines gemeinsamen Zieles zusammengeschlossen haben, einstellt.
Das gilt auch in unserem Fall. Obgleich es, wie wir weiter vorne gesehen haben, verschiedene Formen der Zusammenarbeit mit dem Orden von seiten der Personen, die ihm nicht angehören, gibt, wollen wir im folgenden vor allem die Beziehung analysieren, die auf dieser Ebene zwischen den Brüdern und ihren ständigen Mitarbeitern besteht.
25 Zunächst gilt es festzuhalten, daß der Orden zur Verwirkli­ chung seines Sendungsauftrages auf den qualifizierten Dienst der Brüder und der Mitarbeiter zählt. Als zweites muß festgehal­ten werden, daß seine Präsenz in den Einrichtungen einzig und allein die Betreuung kranker und hilfsbedürftiger Menschen zum Ziel und zur Aufgabe hat. Das schließt natürlich nicht aus, daß sowohl die Brüder als auch die Mitarbeiter danach streben, ihren Dienst so zu versehen, daß sie darin Erfüllung finden und ihre Persönlichkeit zur Entfaltung bringen. Ganz im Gegenteil!
Unter diesen Vorzeichen wollen wir nun kurz die Beziehungen untersuchen, die zwischen Brüdern und Mitarbeitern auf der Ebene ihres gemeinsamen Tuns möglich sind.
26 Als erstes muß hier gesagt werden, daß die Beziehung zwischen Brüdern und Mitarbeitern auf dieser Ebene grund­sätzlich eine Beziehung der Gleichheit ist. Alle ohne Unterschied sollen ihre Fähigkeiten in den Dienst der Kranken und Hilfsbe­dürftigen stellen mit dem Ziel, ihnen eine fachlich und technisch hochqualifizierte Betreuung sowie einen ganzheitlichen und humanen Dienst anzubieten.
Alle in einer Einrichtung des Ordens tätigen Personen sollen und dürfen nur den Dienst ausüben, für den sie die erforderliche Befähigung mitbringen.
27 Ein kurzer geschichtlicher Rückblick auf die Entwicklung, die im Gesundheitswesen im allgemeinen und in den Einrich­tungen des Ordens im besonderen stattgefunden hat, soll uns helfen, diesen Sachverhalt besser zu verstehen.
In der Vergangenheit wurde von den Personen, die den Krankendienst aufnahmen, vor allem ein bestimmtes Sachverständnis verlangt. Dieses war jedoch nicht immer die Frucht eines Studiums, das mit dem Erwerb eines Berufstitels endete. So erlangten etwa die Brüder in der Mehrzahl der Fälle dieses Sachverständnis auf erfahrungsmäßiger Ebene. Die notwendigen, theoretischen Grundkenntnisse eigneten sie sich in den ordens­eigenen Ausbildungsstätten oder im Laufe ihrer ersten Ordensle­bensjahre an. Damit wollen wir in keiner Weise ihre Leistungs­fähigkeit und die unleugbar positiven Früchte ihres Wirkens in Frage stellen.
Aber heute genügt das Sachverständnis von einst nicht mehr, um in einer Einrichtung einen verantwortungsvollen Posten zu bekleiden. Vielmehr braucht es dazu einen entsprechenden, öffentlich anerkannten Berufstitel.
28 Noch ein zweites gilt es hier zu berücksichtigen: In der Vergangenheit war, wie wir bereits gesehen haben, die Anzahl der Mitarbeiter in den Einrichtungen des Ordens sehr gering. Beinahe alle Aufgaben wurden von den Brüdern selbst wahrgenommen und ausgeführt. Heute ist ihr Gewicht bei weitem nicht mehr das von einst, und das nicht nur wegen dem Rückgang der Berufe, sondern vor allem wegen den Veränderungen, die unsere Einrichtun­gen erfahren haben, und ihrem weitaus größeren Arbeitsumfang.
Diesen Faktoren, insbesondere dem ersten, muß unbedingt Rechnung getragen werden, wenn bestimmte unangezeigte Haltungen ausgeräumt werden sollen. Wir werden auf diesen Punkt ausführlich in dem Abschnitt Stellenwert und Funktion der Kommunität in den Werken zurückkommen. Deswegen wollen wir uns hier damit nicht länger aufhalten.
29 Beschäftigen wir uns also erneut mit den Beziehungen, die zwischen Brüdern und Mitarbeitern auf der Ebene ihres gemeinsamen Tuns möglich sind.
Dazu haben wir bereits etwas Grundsätzliches festgestellt, nämlich daß auf der Ebene der Arbeitsausübung eine Beziehung der Gleichheit herrscht, die auf der fachlichen Befähigung der Einzelnen aufbaut. Auf dieser Ebene gilt deswegen:
- Brüder und Mitarbeiter haben die gleichen Rechte und gleichen Pflichten.
- Beide sollen die Arbeit ausüben, für die sie die entspre­chende Befähigung besitzen.
- Sowohl die einen als auch die anderen haben das Recht, gebührend über die einzelnen Vorgänge in der Einrichtung informiert zu werden sowie ihrer Aufgabe entsprechend und gemäß den geltenden Gesetzen und Regelungen in die Dynamik des Werkes eingebunden zu werden.
Auf dieser Beziehungsebene kommt es leicht zu persönlichen Konflikten. Das liegt in der Natur der Sache. Die Ursachen dafür sind meistens Profiliersucht, Mißtrauen und Aufgabenüberschrei­tung.
Auf einem gemeinsamen "Sein" aufbauende Beziehungen
30 Das Leben des Menschen spielt sich nicht nur im Bereich des "Handelns" ab. Auf den vorhergehenden Seiten haben wir die Beziehungen, die ausschließlich auf einem gemeinsamen Tun aufbauen, als die oberflächlichsten bezeichnet, die sich zwischen Menschen, die sich zur Verwirklichung eines gemeinsamen Ziels zusammengeschlossen haben, einstellen können.
Das Tun des Menschen wird erst dann zu einer echt erfüllen­den Angelegenheit, wenn der Einzelne, seiner inneren Stimme Gehör schenkend, sein Betätigungsfeld in der Gesellschaft erkennt, sich dafür vorbereitet und ausbildet und das Umfeld findet, in dem er seine Fähigkeiten und Gaben fruchtbringend und sinnvoll einbrin­gen kann. Aus dieser Sicht spricht man denn auch von der Arbeit nicht nur als "Beruf", sondern auch als "Berufung". Wo die inneren Veranlagungen, die fachliche Ausbildung und die äußeren Arbeits­verhältnisse nicht zu einer Einheit aufgehoben sind, kann es nicht verwundern, daß sich bei den Personen Unbehagen und Unlust ausbreiten, was sich dann unvermeidbar auf das Leistungs­vermö­gen, die Qualität der Arbeit und ganz besonders auf die zwischen­menschlichen Beziehungen auswirkt.
31 Die Brüder des Ordens üben ihre Arbeit aus einer besonderen göttlichen Berufung als Dienst am Nächsten aus. Wir dürfen davon ausgehen, daß auch unsere Mitarbeiter ihre Arbeit, einer inneren Stimme Gehör schenkend, gewählt haben. Sowohl die einen als auch die anderen sind auf der Basis einer entsprechenden, beruflichen Befähigung tätig. Damit sind die Voraussetzungen dafür gegeben, daß sie untereinander zwischenmenschliche Beziehungen anknüpfen können, die auf einem gemeinsamen "Sein" aufbauen.
Eigenschaften der Personen, die im Dienst des kranken und hilfsbedürftigen Menschen stehen
32 Der Dienst am kranken und hilfsbedürftigen Menschen wurzelt in einer tiefmenschlichen Veranlagung. Denn die menschliche Person ist ihrem Wesen nach grundsätzlich "offen" für die anderen. Demnach besitzen die Brüder und Mitarbeiter eine Reihe von grundlegenden Eigenschaften, die sie zu tiefen, zwischen­menschlichen Beziehungen fähig machen.
Die wichtigsten unter diesen Eigenschaften sind:
- positive Einstellung gegenüber dem anderen: man akzep­tiert ihn, ohne über ihn zu urteilen;
- Güte;
- Mitleid (wortwörtlich zu verstehen, d.h. die Fähigkeit mit dem anderen zu leiden);
- Zuverlässigkeit und Verständnis;
- Dasein für ihn;
- Barmherzigkeit;
- Verfügbarkeit;
- Einfachheit;
- Dienstbereitschaft;
- Hingebungsfähigkeit;
- Selbstlosigkeit;
- Dialogbereitschaft und Hellhörigkeit.
Selbstverständlich besitzt jeder Mensch diese Eigenschaften, an die zweifelsohne andere hinzuzufügen wären, in einem unter­schiedlichen Grad. Bei einer Reihe von Menschen stechen bestimmte Fähigkeiten und Haltungen ganz besonders hervor und geben ihrem Leben eine besondere Richtung.
33 Viele Menschen sind durch ihre Erziehung daran gewöhnt, von den Eigenschaften und Fähigkeiten, die sie auszeichnen, kein Aufheben zu machen. Sie werden stillschweigend als das Natürlich­ste auf der Welt vorausgesetzt: Man hat sie und damit hat sich's. Trotzdem ist es von größter Bedeutung, daß man sich seiner Fähigkeiten und Eigenschaften bewußt ist und ihren Wert ohne falsche Bescheidenheit anerkennt. Denn nur so können sie als Teil unseres "Seins" gepflegt und eingebracht werden.
Wenn man sich seiner Eigenschaften und Fähigkeiten bewußt ist, wird man auch empfänglicher und hellhöriger für die Gaben der anderen.
34 Alle Menschen, die einen mehr, die anderen weniger, wünschen und streben danach, Beziehungen zu den anderen aufzubauen, die mehr als eine reine Formsache sind. Der einzige Weg, solche tiefergehende Beziehungen aufzubauen, besteht darin, die anderen so, wie sie sind, anzuerkennen, zu schätzen und zu akzeptieren und für ihr So- und Dasein dankbar zu sein. Den anderen in seiner Einzigartigkeit anerkennen heißt seinen "Wert" anerkennen und ermöglicht erst, sein Dasein als Bereicherung für sich selbst zu erfahren.
35 Wenn wir uns die Fähigkeiten und Eigenschaften vor Augen führen, die von den Personen ausgewiesen werden sollen, die im Dienst des kranken und hilfsbedürftigen Menschen stehen, stellen wir fest, daß sie von der Mehrzahl der Brüder und Mitarbeiter spontan an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz eingebracht werden. Wir alle, die wir im Dienst des kranken und hilfsbedürf­tigen Menschen stehen, besitzen sie. Sie sind weder das Privileg eines be­schränkten Personenkreises, noch muß man an die Universi­tät gehen, um sie zu erlangen. Denn diese Fähigkeiten und Eigenscha­ften sind nicht etwas Erlerntes, sondern etwas, das uns vom Schöpfer geschenkt worden ist, d.h. Gaben, die wir, bewußt oder unbewußt, in unserem Leben zum Tragen bringen.
36 Wenn man die persönlichen Eigenschaften der Personen, die beschlossen haben, sich den anderen zu widmen, im richtigen Licht sieht, erkennt man, daß unter ihnen "seinsmäßig" eine grundsätzliche Gleichheit besteht, aus der heraus zwischen ihnen weitgefächerte und tiefgreifende, zwischenmenschliche Beziehun­gen möglich sind.
Wenn man begreift, daß man die Güte, das Verständnis, die Zuverlässigkeit usw. nicht nur hat, sondern ist (sagt man nicht auch: sie/er ist die Güte in Person), wird man auch erkennen, daß man nicht nur für bestimmte Menschen verständnisvoll, zuverlässig und dienstbereit sein kann und soll, sondern für alle Menschen.
Menschen, die tagtäglich auf engstem Raum zusammenleben und zusammenarbeiten, verspüren zwangsläufig das Bedürfnis, zueinan­der auf der Grundlage ihrer gemeinsamen Bestimmung in eine engere Beziehung zu treten. Wo dieses Bedürfnis besteht, können bestimmte negative Tendenzen, insbesondere die verschiedenen Formen des Egoismus, die uns, aufgrund des Begrenztseins der menschlichen Person, allen anhaften und weit mehr zu schaffen machen als der sogenannte schlechte Wille, leichter überwunden werden.
37 Erst in einem solchen Umfeld kann sich dann unter allen Beteiligten ein tiefes, zwischenmenschliches Miteinander und Füreinander ausbilden, in dem zielführend der Gedanke der Humanisierung, so wie er seit etlichen Jahren vom Orden propa­giert wird, verfolgt und in die Praxis umgesetzt werden kann. Hier gilt: Erst wenn die Beziehungen zwischen Brüdern und Mitarbeitern selbst nach den Grundsätzen der Humanisierung gestaltet sind, kann von beiden erfolgreich die Humanisierung als umspannendes Projekt in ihren Einrichtungen angegangen werden.
Erst unter dieser Voraussetzung hat es einen Sinn, das vieldiskutierte Konzept von der Partnerschaft zwischen Brüdern und Mitarbeitern anzudenken und anzustreben. Eine solche Partnerschaft läßt sich nämlich nur durch einen langen Prozeß des gegenseitigen Sich-Kennen- und Sich-Schätzen-Lernens erringen. Daraus kann und soll sich dann ein neues Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln, d.h. der Nährboden für eine echte Dienstgemeinschaft geschaffen werden, deren Ziel es ist, dem Menschen in Not wirksam zu dienen und zu helfen.
38 Hier muß noch einmal in aller Schärfe verdeutlicht werden, daß sowohl die Brüder als auch die Mitarbeiter mit beson­deren Gaben ausgestattet wurden, die ihnen die Kraft geben, sich dienend und fördernd des Lebens ihrer Mitmenschen anzuneh­men. Aus dieser Sicht haben sowohl die vertragsmäß­ig gebundenen Mitarbei­ter als auch die ehrenamt­lich tätigen Helfer wie auch die Wohltäter des Ordens das Recht, durch ihre Arbeit oder andere Formen der Solidarität ihre Liebes- und Hingebungsfähigkeit gegenüber dem Nächsten frei zur Entfal­tung zu bringen. Anderer­seits muß respektiert werden, daß der Barmherzige Bruder durch seine Arbeit dem Gebot der evangelischen Armut entpricht, ein bedeutungsvolles Zeichen für das brüderliche Miteinander setzt und in besonderer Weise auf die Gabe der Hospitali­tät antwortet, zu der er berufen wurde.[20]
39 Wenn die Brüder und die Mitarbeiter fähig sind, in eine Beziehung zueinander zu treten, in der sie sich in positiver Weise gegenseitig annehmen, um gemeinsam dem kranken und hilfsbedürftigen Menschen zu dienen, kann mit großer Sicherheit davon ausgegangen werden, daß der Kranke und Hilfsbedürftige im Mittelpunkt ihres Interesses stehen und somit die Mitte unserer Einrichtungen bilden wird.
Sowohl die einen als auch die anderen sollten, mit dieser Perspektive vor Augen, eigentlich die notwendige Motivation dafür finden, entschlossen an der Überwindung der Barrieren zu arbeiten, die - vielfach unbewußt - im Laufe der Zeit entstanden sind, und einen Dialog miteinander zu beginnen, in dem man zueinander in einer gemeinsamen Sprache spricht. Dann wird es auch leicht sein, aufeinander zuzugehen und einander schätzen zu lernen. Denn die wichtigste Voraussetzung, damit ein Dialog überhaupt möglich ist, heißt, das Gemeinsame aneinander zu erkennen und anzunehmen, was in unserem Fall darin besteht, daß Brüder wie Mitarbeiter die Wahl getroffen haben, ihr Leben in den Dienst des Nächsten zu stellen.
40 Zur Weiterentwicklung der persönlichen Fähigkeiten, die der Dienst am kranken und hilfsbedürftigen Menschen verlangt und das Miteinander mit den anderen, die denselben Dienst erfüllen, erforderlich macht, können die Beziehungen, die man am Arbeits­platz anknüpft, sicher viel beitragen; aber allein mit ihnen ist es nicht getan. In diesem Zusammenhang ist es Aufgabe der Hausleitung, geeignete und gezielte Initiativen zur Pflege der Beziehungen auszumachen und anzubieten, wie z.B.:
- Seminare, Kurse, Treffen zur allgemeinen, menschlichen Bildung, wobei darunter Selbsterfahrungsgruppen, kultu­relle Weiterbildungsangebote o.ä. zu verstehen sind. Denn eine fachlich-technische Ausbildung ohne eine entspre­chende menschliche Bildung steht zumeist auf hohlen Füßen.
- Studien- und Reflexionsgruppen aus Brüdern und Mitar­beitern zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch.
- Interessengruppen aus Brüdern und Mitarbeitern zur gemeinsamen Freizeitgestaltung.
Die Rolle der Motive im Zusammenspiel der Beziehungsdymamik
41 Im vorhergehenden Abschnitt haben wir versucht, die Gemein- samkeiten der Personen aufzuzeigen, die sich dem Dienst am Mitmenschen widmen. Im folgenden wird der Schwerpunkt auf der Einzigartigkeit der menschlichen Person, jeder menschli­chen Person liegen. Soviel wir uns auch anstrengen mögen - nie werden wir zwei ganz gleiche Menschen antreffen. Uns allen ist ein wesensmäßig gleicher Aufbau eigen, den wir unter dem Begriff der menschlichen Person vereinigen; aber jeder Mensch lebt dieses, sein Person-Sein in einer einzigartigen und unwieder­bringlichen Weise.
Auf den vorausgehenden Seiten haben wir gesehen, daß Brüder und Mitarbeiter gemeinsame Eigenschaften besitzen. Nun wollen wir den Gedanken aufgreifen, daß jeder Mensch dazu berufen ist, seine Eigenschaften und Fähigkeiten in Übereinstimmung mit seiner Identität zur Entfaltung zu bringen.
Der Dienst am Nächsten ist das Band, das den Barmherzigen Bruder mit dem Mitarbeiter verbindet.
42 Jeder einzelnen Person steht die Möglichkeit offen, sich auf der Grundlage ganz bestimmter Werte und Motivationen in den Dienst des Nächsten zu stellen. Der Dienst am Mitmenschen kann geschehen:
- aus Liebe zur Menschheit (Philanthropie);
- aus einem soziologischen oder politischen Grund;
- aus Solidarität;
- aus religiöser Überzeugung im allgemeinen;
- aus einer ganz besonderen, religiösen Berufung durch das gottgeweihte Ordensleben in der Kirche;
- zur persönlichen Erfüllung;
- zur Sicherung des eigenen Lebensunterhalts durch eine entsprechende Arbeit;
43 Hier treten, im Gegensatz zum vorhergehenden Abschnitt, deutlich die Unterschiede in Erscheinung, die zwischen den Personen bestehen, die beschlossen haben, ihr Leben in den Dienst des Mitmenschen zu stellen. Dabei handelt es sich jedoch um Unterschiede, die sich aus der Einzigartigkeit jeder menschlichen Person ableiten und deshalb in jedem Fall unseren Respekt und unsere Toleranz verdienen. Wenn man diese Unterschiede als Frucht einer persönlichen Wahl sieht, mit der der Einzelne, aus einer inneren Motivation heraus und in Entsprechung zu seinen innersten Wertvorstellungen, seinem Leben einen Sinn gibt, besteht keine Gefahr, daß es in diesem Bereich zwischen Brüdern und Mitarbei­tern zur Konfrontation kommt. Im Gegenteil: Damit wieder­holen wir nur jene Art von "Wunder", das Johannes von Gott in seinem Leben gewirkt hat, nämlich das, alle Menschen als Brüder zu betrachten, jedem den bestmöglichen Platz zuzuweisen und das Dasein aller als Geschenk zu erleben, seien sie nun arm oder reich, sozial hochgestellt oder niedergestellt, gesund oder krank.
44 Damit trotz der unterschiedlichen Weltanschauungen, ver- schiedenen Glaubensrichtungen usw. sich in einer Einrichtung des Ordens unter allen Beteiligten eine positive Beziehung ausbilden kann, müssen die Einzelnen bereit sein, die Werte und die Motivationen anzuerkennen und zu würdigen, die andere, ebenso frei wie sie, aus einer anderen Perspektive dazu veranlaßt haben, ihr Leben dem Dienst am Nächsten zu widmen.
Dadurch beugt man der Gefahr vor, daß die Personen je nach ihrer politischen Färbung, Weltanschauung oder Glaubensr­ichtung in "Kategorien" eingeteilt werden. Vielmehr wird diese Vielfäl­tigkeit so als Bereicherung des gegenseitigen Miteinanders erlebt.
Der Orden akzeptiert, respektiert und schätzt die persönli­che Wahl der Einzelnen. Gerade deswegen hat er jedoch das Recht und darf sich erwarten, daß von allen Beteiligten die grundlegen­den Werte seines kirchlichen Auftrages und Wirkens respektiert und in der Praxis angewandt werden.
A. Die Barmherzigen Brüder als Eigentümer ihrer Werke
45 Einen Großteil seiner Einrichtungen verwaltet und leitet der Orden als Eigentümer. Damit sind in der Praxis eine Reihe von Vorteilen und Nachteilen verbunden.
Ein gewichtiger Vorteil liegt zunächst einmal darin, daß der Orden als Eigentümer seiner Werke die Möglichkeit hat, ihre Verwaltung und Leitung an den kirchlichen Prinzipien zu orien­tieren, auf denen seine Sendung aufbaut, d.h. auf eine ganzheit­liche Betreuung der ihm anvertrauten Menschen auszurichten, in deren Rahmen die grundlegenden Rechte der menschlichen Person gewahrt sind.
Ein weiterer Vorteil, der vor allem in den Industrieländern ins Gewicht fällt, liegt darin, daß der Orden als Eigentümer seiner Werke, angesichts der subtilen Tendenz des öffentlichen Gesundheitsdienstes, die Versorgung und Betreuung der produk­tionsmäßig relevanten Gesellschaftsglieder zu privilegie­ren, gezielt für solche Personenkreise aufkommen kann, die deutlich vom öffentlichen Sozialnetz benachteiligt und vernachlässigt werden, wie z.B. geistig Behinderte, Langzeitkranke, Kranke in der Endphase und Alte.
46 Als Eigentümer seiner Werke hat der Orden die Möglichkeit, konkret dafür einzustehen, daß seine apostolisch-soziale Tätigkeit auf die Schichten der Gesellschaft zielt, die im Umfeld unserer modernen und vertechnisierten Konsumgesellschaft am stärksten benachteiligt werden.[21]
47 Als Eigentümer seiner Werke begegnet der Orden aber auch einigen praktischen Schwierigkeiten, die sich vor allem unter zwei Gesichtspunkten stellen:
- unter dem Gesichtspunkt der evangelischen Armut;
- unter dem Gesichtspunkt der Verwaltung.
Im folgenden wollen wir uns kurz mit diesen beiden Aspekten im einzelnen beschäftigen.
48 In dem Apostolischen Schreiben Evangelica Testificatio hat Papst Paul VI. die Ordensleute aufgefordert, die evangeli­sche Armut durch äußere Zeichen sichtbar zu machen.[22] Als Eigentümer seiner Werke tritt der Orden als eine Organisation mit einer unleugbaren, wirtschaftlichen Größenordnung auf. Diese Tatsache kann und darf nicht ignoriert werden, umsomehr als sie für viele Menschen, darunter auch Brüder, die Echtheit des Armutszeugnisses der Barmherzigen Brüder in Frage stellt.
Unser Anliegen hier ist es weder, diese Tatsache zu rechtfertigen, noch die Vorurteile auszuräumen, die sich in diesem Zusammenhang eingebürgert haben. Vielmehr geht es uns einzig und allein darum, die evangelischen Kriterien zu verdeut­lichen, an denen das Armutszeugnis des Ordens orientiert sein muß.
Zunächst gilt es, sich noch einmal in aller Deutlichkeit die Zweckbestimmung der Einrichtungen des Ordens vor Augen zu führen. Dazu haben wir bereits auf den vorhergehenden Seiten ausführlich Stellung genommen. Sodann möchten wir hier auf die Bestimmungen der Konstitutionen un die Prinzipien der Soziallehre der Kirche hinweisen, nach denen sich in der Praxis das Armutszeugnis der Barmherzigen Brüder richtet.[23]
49 Wenn man diese grundlegenden Richtlinien näher betrachtet, erkennt man, daß sich die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Armutszeugnis nicht so sehr aus dem Eigentum der Einrichtungen ergeben, als vielmehr daraus, wie der einzelne Bruder und die Kommunität sich in der jeweiligen Einrichtung "einbringen". Wo immer dies aus einer Haltung des Dienstes geschieht, werden die grundsätzlichen Forderungen der evangeli­schen Armut nicht nur mit Sicher­heit erfüllt, sondern zeichenhaft in die Praxis umgesetzt. Denn die evangelische Armut kann und darf, vor allem in unserer Zeit, nicht nur materieller und wirtschaftlicher Natur sein, sondern muß in umfassender Weise den Verzicht auf "die verfüh­reri­sche Sicherheit des Besitzes, des Wissens und der Macht"[24] signalisieren.
50 Die Leitung und Verwaltung von Gesundheits- und Sozialein­ richtungen, die den aktuellen Erfordernissen unserer Gesellschaft und zugleich dem "Geist" unseres Ordensstifters Johannes von Gott entsprechen sollen, setzt ein erhebliches, ökonomisches Potential voraus, durch das sowohl eine angemessene Effizienz als auch eine gerechte Vergütung der Mitarbeiter sichergestellt sein muß.
Die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, haben bei manchen den Gedanken aufkommen lassen, daß es besser wäre, sich kleineren und somit tragbareren Werken zuzuwenden. Das Charisma der Hospitalität kann in vielfältigen Formen Ausdruck finden und der Orden hat in diesem Zusammenhang stets eine pluralistische Einstellung vertreten. Die Übernahme kleinerer Werke ist deswegen unter diesem Gesichtspunkt ein durchaus vertretbarer Gedanke. Bei der Abwägung der wirtschaftlichen Probleme, vor die der Orden durch die Verwaltung seiner großen Einrichtungen gestellt wird, muß man sich jedoch vor allen anderen Dingen die Kriterien vor Augen führen, die von den Konstitutionen in diesem Zusammenhang zu einer richtigen Entscheidungsfindung vorgegeben sind:
"Damit unser Apostolat der Hospitalität im Einklang mit den Werten und Ansprüchen des Reiches Gottes bleibt, achten wir aufmerksam auf die Zeichen der Zeit und interpretieren sie im Lichte des Evangeliums."[25]
Aus dieser Sicht genügen die Einwände wirtschaftlicher Natur für sich allein nicht, um eine eventuelle Aufgabe der großen Werke zu rechtferti­gen.
Vielmehr leitet sich daraus die Herausforderung her, daß der Orden seine Tätigkeit auf die Gegebenheiten, Erfordernisse und Ansprüche des jeweiligen Gesundheits- und Sozialnetzes abstimmen soll, was in der heutigen Zeit bedeutet, daß er seine Einrichtun­gen auf der Grundlage gediegener, betriebswirtschaftlicher Kriterien leiten und verwalten muß.
51 An der grundlegenden Zielsetzung des Ordens ändert sich dadurch nichts: Sie bleibt nach wie vor, die Liebe Gottes zu den Menschen durch eine möglichst ganzheitliche Betreuung sichtbar zu machen. Zur Erreichung dieser Zielsetzung kann der moderne Betriebs­ablauf maßgeblich beitragen, können durch ihn die Humanisierung wie auch die allgemeine Wirksamkeit doch erheblich verbessert werden.
Aus dem konfessionellen Charakter der Einrichtungen des Ordens, auf den wir an anderer Stelle punktuell Bezug nehmen werden, folgt, daß sich der Orden als Unternehmer an einem entsprechenden, zeitgemäßen Konzept orientiert, das seine Wurzeln in der Soziallehre der Kirche hat.
52 Indem der Orden in der Öffentlichkeit als konfessionelles, katholisches Unternehmen auftritt, übernimmt er bewußt die Verantwortung, so auf die Strukturen und Arbeitsabläufe in seinen Einrichtungen einzuwir­ken, daß sie eine "Betriebskultur" widerspiegeln, die an seinen grundlegenden Wertvorstellungen orientiert ist.
Ausgehend von der öffentlich bekundeten, katholischen Ausrichtung seiner Einrichtungen, stützt sich der Orden bei der Leitung, Verwaltung und Gestaltung seiner Werke auf die Lehre der Kirche, durch die die Botschaft des Evangeliums in der Zeit wahrheitsgetreu gewahrt wird.
Durch die Leitung, Verwaltung und Gestaltung seiner Werke will der Orden folgende Ziele verwirklichen:
- den Kranken und Bedürftigen eine wirksame Hilfe anbieten;
- die ganzheitliche Entfaltung der Personen fördern;
- solide, wirtschaftliche Voraussetzungen für alle Betei­lig­ten schaffen;
- das Fortbestehen seiner Werke sichern, damit er die Reich-Gottes-Arbeit, die ihm von der Kirche im Gesund­heits- und Sozialdienst anvertraut worden ist, wirksam fortführen kann.
53 Obgleich der Orden seinen Ursprung in einem Charisma hat, ist und muß der Faktor Mensch, gerade weil jede Organisation Menschenwerk und somit von Menschen gebildet und ihren Anstren­gungen getragen wird, das bestimmende Element seines Gesamtwerkes sein.[26]
Deswegen ist es das Anliegen des Ordens, zwischen dem Orden als Organisation und den Mitarbeitern eine Beziehung herzu­stellen, die den Bedürfniss­en und Rechten beider Seiten gerecht wird. Die verantwortlichen Gremien, die für die Personalleitung zuständig sind, haben daher die primäre Aufgabe, die Mitarbeiter unter Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse und der Ziel­setzungen des Ordens sowie mit Blick auf die Forderungen der sozialen Gerechtigkeit zu motivieren, zu fördern, auszuwählen und zu integrieren.
Die Personalpolitik wird natürlich maßgeblich von lokalen Faktoren und Interessenfaktoren beein­flußt. Von der Wirksamkeit der Personal­leitung wird weitgehend die Einsatzfreude der Mitarbeiter und ihre Integrationsbereit­schaft abhängen und nicht zuletzt der Grad, in dem sie sich mit dem Unternehmen und dem, was es darstellt, identifizieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei, inwieweit es gelingt, die Ziele des Unternehmens mit denen der Mitarbeiter in Einklang zu bringen und Leistung und Kosten in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander zu stellen.
Die Personalleitung erfordert heute von den damit Beauftrag­ten eine fundierte, fachliche Kompetenz. Außerdem ist dazu eine eigene Leitungsstruktur notwendig, von der die entsprechenden Entscheidungsprozesse im Zusammenspiel von Betriebswirtschaft und Menschenführung wahrgenommen werden sollen.
54 Der Orden erkennt der Ausbildung und Förderung des Personals einen großen Stellenwert zu. Deswegen ist es sein Anliegen, den Fähigkeiten, Neigungen und Bedürfnissen seiner Mitarbeiter soweit als möglich entgegenzukommen und ihnen zur beidseitigen Befriedigung eine quantitativ und qualitativ reichgefächerte Dienstpalette anzubieten. Wo dies geschieht, ist sicher mit einer verstärkten Motivation von seiten aller Beteiligten zu rechnen. Wo dies hingegen nicht geschieht, kommt es unweigerlich zu Entfremdung und Konflikten.
Zur Förderung des Personals sollen die verantwortlichen Leitungsgremien Bildungsinitiativen auf allen Ebenen anbieten und die damit verbundenen Ausgaben in das Budget des Hauses ein­planen.
55 Die Letztverantwortlichen einer Einrichtung müssen sich bewußt sein, daß mit der Personalleitung heute weit mehr verbunden ist, als die Auswahl, Einstellung und Lohnabrechnung der Mitarbeiter. Ihr obliegt die Sorge um so grundlegende Faktoren wie die Einteilung des Arbeitsumfanges, der Arbeitszeit, die Leistungs­kontrolle und anderes mehr, wie z.B.:
- die Motivation zur Arbeit und zur Leistung;
- Gewicht und Einfluß des Faktors Mensch in einem Betrieb;
- die zwischenmenschliche Kommunikation nach oben, nach unten und zwischen gleich und gleich;
- Funktion der Autorität und Führungsstil;
- Teamarbeit: Voraussetzungen und Durchführung;
Diesen Fragen muß beim Aufbau und der Strukturierung der Beziehungen zwischen Brüdern und Mitarbeitern größte Aufmerksam­keit geschenkt werden. Schließlich kann es dem Orden, im Sinne des bisher Gesagten, nur darum gehen, geeignete Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß seine Mitarbeiter über das reine Arbeits­verhältnis hinaus ein be­sonderes Näheverhältnis zum Orden und seinem Gedankengut entwickeln, damit den Menschen, denen Brüder und Mitarbeiter gemeinsam dienen, eine immer menschenwürdigere Betreuung angeboten werden kann.
In Konfliktsituationen werden für den Orden stets die Rechte des kranken und hilfsbedürftigen Menschen[27] an erster Stelle stehen. Nichtsdestoweniger wird er in solchen Fällen immer darum bemüht sein, ein ausgewogenes und objektives Verhalten zu zeigen, damit sein Verhältnis zu den Mitarbeitern in keinem Augenblick getrübt werde.
Die gemeinsame Verpflichtung von Ordensleuten und Laien
zur Reich-Gottes-Arbeit in der Gemeinschaft der Kirche
56 Auf den vorhergehenden Seiten haben wir versucht, das Mit- einander von Brüdern und Mitarbeitern auf dem Hintergrund ihrer menschlichen Gemeinsamkeiten und ihres gemeinsamen Handelns für den kranken und hilfsbedürftigen Menschen zu erhellen.
Nun wollen wir in die Dimension des Glaubens eintreten, aus der die Brüder ihr Leben nach dem Vorbild ihres heiligen Gründers Gott geweiht haben. In dieser Dimension verbindet sie ein besonderes Band mit den Mitarbeitern, die sich, wie sie, als Zeugen des Auferstandenen Christus verstehen.
Der Glaube ist eine Gabe und Aufgabe. Die Kraft des Glaubens kommt dem Menschen nicht nur vom Menschen. Deswegen respektiert der Orden andere Weltanschauungen, erachtet es aber zugleich als sein Recht und seine Pflicht, diese Dimension, die nie genug ausgeschöpft werden kann, ganz besonders zur Geltung zu bringen.
Im ersten Teil des folgenden Kapitels werden wir uns, ausgehend von der Kirchenlehre, ausführlich mit der Berufung des Laienchristen befassen. Im zweiten Teil werden wir hingegen die Identität des Barmherzigen Bruders und seinen Auftrag, in Gemeinschaft mit anderen sein Leben Gott zu weihen, zu ver­deutlichen suchen. Dabei werden uns die Konstitutionen des Ordens und die Schriften des Ex-Generalpriors Fr. Pierluigi Marchesi eine große Hilfe sein.
Das Ideal, nach dem wir streben, ist, gemeinsam mit allen gläubigen Menschen, die in unseren Einrichtungen ein- und ausgehen, eine echte Hauskirche zu begründen.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Begriff "Hauskirche" erstmals für die Familie eingeführt; Paul VI. sprach von ihr als der "christlichen Keimzelle" in der Gesellschaft.[28]
Der Orden betrachtet es als seine Aufgabe, mit allen gläubigen Mitarbeitern eine solche Art Hauskirche zu bilden. Dieses Bestreben stellt in keiner Weise ein Hindernis für die Ausbildung eines übergreifenden Familiengeistes dar, in dem sich alle Mitarbeiter ohne Ausnahme als Mitträger seines sozialen Auftrages wiederfinden können und sollen.
Selbstverständnis und Sendungsauftrag der Laien in der Kirche
57 Bei den folgenden Überlegungen werden wir uns maßgeblich auf das Apostolische Schreiben Christifideles laici von Papst Johannes Paul II. stützen. Als Ausdruck des kirchlichen Lehramtes und Frucht der Reflexionen der Bischofssynode, die vom 1. bis 30.November 1987 in Rom stattgefunden hat, verdient dieses Dokument unsere ganze Aufmerksamkeit, um so mehr als von ihm das Selbstverständnis und der Sendungsauftrag des Christgläubigen mit Blick auf unsere Zeit in umfassender Weise erhellt wird.
Durch das ganze Schreiben zieht sich als roter Leitfaden das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-7) und die Bildrede vom Weinstock und den Reben (Joh 15, 1-8). Dadurch wollte der Heilige Vater deutlich machen, daß alle in Christus Getauften Christus einverleibt und wie er dazu berufen sind, den Menschen das Reich Gottes zu verkünden und sichtbar zu machen.
58 Die Gabe des Geistes, die in der Taufe gegeben wird, verleiht allen Gläubigen eine besondere Würde, die unaus­löschbar ihre Identität als Personen bestimmt: Durch die Taufe werden wir, gesalbt durch den Heiligen Geist, als Kinder Gottes zu neuen Menschen erschaffen, werden wir zu lebendigen Gliedern des Leibes Christi. Als in Christus Getaufte sind wir dazu berufen, seine Sendung fortzuführen. Denn als Christgläubige, die "durch die Taufe Christus einverleibt und zum Volk Gottes gemacht wurden", haben wir am priesterlichen, prophetischen und königli­chen Amt Christi Anteil und sollen zu unserem Teil "die Sendung des ganzen christlichen Volkes in der Kirche und in der Welt ausüben."[29]
Diese Teilhabe leitet sich vom gemeinsamen Sein aller Christen her, da auf dieser Ebene vom Heiligen Geist eine grundsätzliche Gleichheit unter allen Getauften hergestellt wird, die über den Bereich des Handelns hinausgeht.[30]
Der "Weltcharakter" der Berufung des Laien
59 Der Laie ist als solcher in besonderer Weise dazu berufen, die welthafte Dimension der Kirche in der Welt sichtbar zu machen. In diesem Sinne "stellen das In-der-Welt-Sein und In-der-Welt-Handeln für die Laien nicht nur eine anthropologische und soziologische Gegebenheit dar, sondern auch und vor allem eine spezifisch theologische und kirchliche", denn "die gemein­same Taufwürde ist dem Laien in einer Weise zu eigen, die ihn vom Priester und von den Ordensleuten zwar unterscheidet, aber doch nicht trennt... Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Modalität im Weltcharakter gefaßt."[31]
60 Alle Christen sind dazu berufen, sich Christus gleichzuge­ stalten. Für uns alle gilt die Aufforderung:"Wie er, der euch berufen hat, heilig ist, so soll auch euer ganzes Leben heilig werden" (1 Petr 1, 15). Diese Aufforderung erwächst uns aus der Taufe und wird bei der Feier der anderen Sakramente immer wieder von neuem an uns gestellt.
Der Laie soll seine Berufung zur Heiligkeit im Alltag leben. Er soll sein Tun im Alltag, eingedenk der Mahnung, "euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen" (Röm 12, 1), als Möglichkeit der Vereinigung mit Gott und der Erfüllung seines Willens sowie als Dienst an den anderen Menschen betrachten.[32]
der "Communio"-Gedanke
61 In der Taufe werden wir durch den Heiligen Geist in das Leben Christi eingegliedert und so zu Teilhabern an der geheimnisvollen Gemeinschaft des Sohnes mit dem Vater in der Hingabe des Heiligen Geistes. Dieses Mit-Gott-durch-Jesus-Christus-im-Heiligen-Geist-Sein schafft unter den Getauften ein umspannendes Band der Gemeinschaft, deren Quelle Jesus Christus ist.
Der "Communio"-Gedanke, das ist die geheimnisvolle Gemein­schaft, die den Herrn und die Jünger, den Herrn und alle Getauften zu einer Einheit verbindet, bringt sicher am besten das Wesen der Kirche zum Ausdruck: Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott; Gemeinschaft mit Christus als dem Haupt der Kirche; Gemeinschaft unter allen Gliedern der Kirche, angefangen beim Papst bis zum letzten Gläubigen; Gemeinschaft, die zugleich Gabe und Aufgabe ist.
Durch dieses innige Miteinander findet, wie uns Jesus gelehrt hat, nicht nur das Schöpfungswerk des Vaters seine Fortsetzung; es ist vielmehr unabdingbare Voraussetzung dafür, daß sein Heilsplan "sich erfüllen" kann, daß die Menschen seinen Heilsplan überhaupt erkennen und annehmen können.
Ohne das Fundament der Gemeinschaft kann die Kirche nicht Kirche Jesu sein; ohne das Fundament der Gemeinschaft gleicht der Gläubige einer vom Weinstock, d.h. von Christus, entfernten Rebe, die keine Frucht bringen kann (vgl. Joh 15, 6).
Deswegen muß der Gläubige in Entsprechung auf die Gabe zur Gemeinschaft, die ihm gegeben wurde, ständig darum bemüht sein, seine Tendenz zum Individualismus zu überwinden, und die Zusammenarbeit mit den anderen Gläubigen suchen, um jedwede schädliche Selbstbezogenheit zu meiden.
62 Die Laien sind kraft ihrer Teilhabe an der Gemeinschaft der Kirche dazu berufen, an der Begründung und Festigung dieser Gemeinschaft mitzuwirken und zu ihrer Bereicherung beizutragen, indem sie an dem Platz, an dem sie vom Heiligen Geist gestellt worden sind, sich aktiv an ihrem Leben und ihrer Sendung durch die Einbringung ihrer besonderen Gaben beteiligen sollen. Zugleich sollen sie, wie uns vom hl. Paulus gelehrt wurde, die Gaben jener schätzen zu wissen, die vom Heiligen Geist in der Kirche zu besonderen Aufgaben berufen und bestellt worden sind (vgl. 1Kor 12, 12.4-6).
63 Die Erfahrung der Gemeinschaft im Schoß der Kirche bewirkt, daß sich der einzelne Gläubige spontan zur Reich-Gottes-Arbeit veranlaßt fühlt. Die Gabe der Gemeinschaft ist so in einem gewissen Sinne eine Triebfeder, die mit aller Kraft darauf hinwirkt, daß diese Gabe an die gesamte Menschheit weitergegeben wird. Diesem inneren Ruf sollen die Laien, kraft ihrer spezifi­schen Berufung, dadurch entsprechen, daß sie ihr In-der-Welt-Sein und In-der-Welt-Handeln nach dem Geist des Evangeliums gestalten, d.h. sie sollen durch ihr alltägliches Tun das Evangelium leben und verkündigen, indem sie ihr Leben in den Dienst der mensch­lichen Person und der Gesellschaft stellen.
In unserer heutigen, weitgehend säkularisierten Gesellschaft ist der Laie in ganz besonderem Maße dazu berufen, Sauerteig, Salz und Licht (Mt 13, 33; 5, 13-16) der Welt zu sein. Durch sein auf Christus hingerichtetes Leben kann und soll er zeichenhaft vor seiner Umwelt dafür eintreten, daß ein echtes Miteinander unter den Menschen und ein gerechter Gebrauch der Güter möglich ist, der Respekt vor dem anderen und seiner persönlichen Freiheit konkret in die Praxis umgesetzt werden kann und daß man der Tendenz zur Herrschsucht, Besitzgier, Genußsucht und Ausbeutung des anderen wirksam entgegenwirken kann.
64 Der Papst weist den Laien in dem Apostolischen Schreiben eine ganze Reihe von grundlegenden Aufgaben zu, die sie in ihrem In-der-Welt-Sein und In-der-Welt-Handeln erfüllen sollen:
- Die Würde des Menschen fördern. Dabei handelt es sich um "eine wesentliche Aufgabe, ja in einem gewissen Sinn (um) die zentrale und alle anderen einschließende Aufgabe im Kontext des Dienstes an der Menschheitsfamilie, zu dem die Kirche und in ihr die Laien berufen sind."[33]
- Das Leben lieben, dem Leben dienen, das Leben fördern. Das unantastbare Recht der Person auf das Leben muß in allen Phasen seiner Entwicklung, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod, gewahrt werden. Obwohl die Sendung und Verantwortung für die Verteidigung dieses unantast­baren Rechtes jedem übergeben sind, sind "einige Laien aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaft in besonderer Weise dazu berufen: Eltern, Erzieher, im Gesundheitswesen Arbeiten­de... Den Laien, die aufgrund ihrer Berufung oder ihres Berufes unmittelbar mit der Bejahung des Lebens konfron­tiert werden, kommt es zu, das 'Ja' der Kirche zum menschlichen Leben konkret und wirksam zu machen."[34]
- Die religiöse Dimension des Menschen sichtbar machen und fördern. Denn "das Verhältnis zu Gott ist Bestandteil des 'Seins' und des 'Existierens' des Menschen."[35] Alle Gläubigen haben deswegen die Aufgabe, konkret für das Recht auf Gewissensfreiheit und Religionsfreiheit ein­zutreten.
- Zeugen und Träger der Solidarität sein. Die Solidarität soll zunächst einmal durch einen einfachen Lebensstil signalisiert und dann konkret durch die Nächsten­liebe in die Praxis umgesetzt werden, denn "durch die Nächstenlie­be leben und bezeugen die Laien ihre Teilhabe am Königs­ein Christi..., der 'nicht gekommen (ist), um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen' (Mk 10, 45)..., weil die Liebe die höchste Gabe ist, die der Geist für den Aufbau der Kirche (vgl. 1 Kor 13, 13) und für das Wohl der Menschheit schenkt."[36]
- Den Menschen in die Mitte des wirtschaftlichen und sozialen Lebens stellen. Die Laien sollen darauf hin­wirken, daß die Produktionsmittel, das Privateigentum und die Schätze der Erde wirksam in den Dienst des Menschen gestellt werden.[37]
65 Der Auftrag Christi an die Apostel:"Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!" (Mk 16, 15), verweist auf den weiten Bereich der Reich-Gottes-Arbeit. Die Laien haben kraft ihrer besonderen Berufung zum In-der-Welt-Sein und In-der-Welt-Handeln die Aufgabe, alle weltli­chen Bereiche des menschlichen Lebens zu evangelisieren. Darunter hat der Papst in seinem Apostolischen Schreiben mit besonderem Nachdruck folgende hervorgehoben: die Familie, die Politik, die Arbeit, das kulturelle Leben und die Kommunikationsmittel.
Vielfalt und Komplementarität der Berufungen
66 Der Heilige Geist, der über uns in der Taufe ausgegossen wurde, durchwirkt jede einzelne Person mit einer besonderen, einzigartigen Individualität. Das Wirken des Heiligen Geistes bestimmt die persönliche Berufung des Einzelnen im Zusammenspiel mit seinen Anlagen, seinem Geschlecht und seinem Alter. Dadurch stellt sich im Leben der Kirche jene weitgefächerte Vielfalt ein, die für ihre Vitalität ausschlaggebend ist und ihren unschätz­baren Reichtum darstellt. Der Papst hat sich dazu wie folgt geäußert:"In der Kirche als communio sind die Lebensstände derart aufeinander bezogen, daß sie aufeinander ausgerichtet sind. Der tiefste Sinn der verschiedenen Lebensstände ist nur einer und allen gemeinsam: (Allen Gläubigen) ist aufgegeben, eine Modalität darzustellen, nach der die gleiche christliche Würde und die Berufung zur Heiligkeit in der Vollkommenheit der Liebe gelebt werden. Diese Modalitäten sind zugleich verschieden und komple­mentär."[38]
67 Jeder Christ soll, je nach seiner besonderen Berufung, am Leben und an der Sendung der Kirche mitwirken, indem er seine Gaben in ihren Dienst und in den Dienst der Gesellschaft stellt. Der Papst hat sich in diesem Zusammenhang ausdrücklich an die Kinder, die Jugendlichen, die Alten, die Männer und die Frauen gewandt, damit ein jeder mithilfe der Eigenschaften und Fähigkeiten, die ihm aus seinem Lebensalter und Geschlecht erwachsen, aktiv und verantwortungsbewußt an der Aufgabe der Evangelisierung der Gesellschaft mitwirke.[39]
In dem Apostolischen Schreiben ist sodann, immer im Zusammenhang mit der Vielfalt der Berufungen und Lebensstände, ein eigener Abschnitt den Kranken und Leidenden gewidmet, also einem Bereich des menschlichen Lebens, der uns ganz besonders am Herzen liegt. Die Leitgedanken, die in dieser Hinsicht zur Sprache kommen, verdienen hier kurz erwähnt zu werden.
- Die Kranken und Leidenden, an die sich die Konzilsväter mit der Botschaft gewandt haben:"Wisset, daß ihr nicht allein, verlassen und unnütz seid: Ihr seid das lebendige und leuchtende Antlitz Christi. In seinem Namen grüßt euch das Konzil mit Liebe, gibt euch seinen Segen und ver­sichert euch der Freundschaft und Hilfe der Kir­che"[40], und die unser ehemaliger Generalprior Fr. Pier­luigi Marchesi so bezeichnend "unsere Universität" genannt hat, werden vom Papst nicht nur wegen ihrer Ähnlichkeit mit Christus als die bevorzugten Kinder der Kirche hingestellt, sondern auch als unersetzbare Träger der Evangelisierung. In ihnen und für sie setzt Christus sein Heils- und Erlösungswerk fort; in ihnen und für sie spricht er beim Vater vor; sie sind lebendige Zeichen für die heilende Kraft der Liebe, Zeichen und Zeugen dafür, daß das menschliche Leiden eine Lebenssituation ist, die dem Leben in keiner Weise seinen Sinn raubt, sondern vielmehr die Möglichkeit eröffnet, neue Horizonte zur eigenen Selbstverwirklichung und persönlichen Heiligung zu entdecken. "Das hat ein Behinderter in der Synodenaula zum Ausdruck gebracht:'Es muß hervorgehoben werden, daß die Christen, deren Leben Krankheit, Schmerz oder hohes Alter zeichnet, von Gott nicht nur dazu aufgefordert werden, ihren Schmerz mit dem Leiden Christi zu vereinen, sondern auch dazu berufen sind, jetzt schon die erneue­rende Kraft und die Freude des auferstandenen Christus aufzunehmen und anderen weiter­zugeben (vgl. 2 Kor 4, 10-11; 1 Petr 4, 13; Röm 8, 18 ff)."[41]
68 Der Orden legt großen Wert darauf, die Mitarbeiter, die sich als lebendige Glieder Christi verstehen und ins Leben einbringen, an der kostbaren Sendung zu beteiligen, die ihm zur Evangelisierung der Kranken und Hilfsbedürftigen anvertraut worden ist. Das erfordert, daß ein jeder die Verpflichtung, die ihm in der Taufe übergeben wurde, mit einer sich ständig erneuernden Kraft wahrnimmt und mit Freude und Einfachheit lebt. Das muß vor allen anderen Dingen in der eigenen Familie ge­schehen, wo die christliche Solidarität und Nächstenliebe sorgfältig gepflegt werden will. In diesem Sinn ist es sein Anliegen, das unschätzbare Gut, das er in Glauben und Wissen seiner Mitarbeiter hat, mit den Gaben zu verbinden, die der Orden in und durch seine Mitglieder empfangen hat, damit im Miteinander dieser Gaben seine evangelisierende Kraft und Wirksamkeit in den Einrichtungen, die er im Namen der Kirche leitet, ständig wächst und die Menschen, die darin Aufnahme finden, die Liebe Gottes entdecken und erfahren können.
Einmal mehr möchten wir hier mit den Worten des Papstes verdeutlichen, wie sehr die Kirche und der Orden die Mitarbeit der Laien brauchen:
"Die christliche Gemeinschaft hat von Jahrhundert zu Jahrhundert in den großen Scharen der Kranken und Leidenden das Gleichnis des guten Samariters aus dem Evangelium neugeschrieben. Sie hat die heilende und tröstende Liebe Jesu geoffenbart und weitergegeben durch das Zeugnis des gottgeweihten Lebens, das sich dem Dienst der Kranken widmet, und durch den unermüdlichen Einsatz aller, die im Gesundheitswesen arbeiten. Heute stellen auch in den katholischen Krankenhäusern und Kliniken die Laien, Männer und Frauen, die immer stärkere und zuweilen einzige Präsenz dar. Gerade sie, die Ärzte, Krankenpfleger, Pflegehelfer, freiwilligen Helfer sind dazu berufen, in der Liebe zu den Kranken und Leidenden ein lebendiges Abbild Christi und seiner Kirche zu sein."[42]
Standort und Funktion der Kommunität in den Werken
69 Eine eingehende Auseinandersetzung mit diesem weittragenden Thema würde sicher den Rahmen dieser Schrift sprengen. Deswegen soll es auch nur im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Brüdern und Mitarbeitern abgehandelt werden, wobei wir aus unserer Warte das Thema der Mitverantwortung aller Gläubigen für die Sendung der Kirche, mit besonderem Augenmerk auf den Gesundheits- und Sozialdienst, vertiefen wollen. Damit hoffen wir, einen willkommenen Beitrag zum besseren, gegenseitigen Kennenlernen von Brüdern und Mitarbeitern zu leisten und einen ersten Schritt für ein engeres Miteinander unter ihnen zu setzen. Es versteht sich von selbst, daß sich dieser zweite Teil nicht nur an die Laienchristen wendet, die in den Einrichtungen des Ordens tätig sind, sondern an alle Personen, die aus den verschiedensten Gründen in engem Kontakt mit uns Brüdern leben und wirken. Im folgenden werden wir uns vor allem mit folgenden Fragen beschäftigen:
- Wer sind wir, für wen und für was leben und arbeiten wir.
- Die gemeinschaftliche Dimension unseres Lebens.
- Der apostolische Daseinsgrund der Kommunität und jedes einzelnen ihrer Mitglieder.
Wer sind wir, für wen und für was leben und arbeiten wir
70 Bei dem Versuch, den Sinn unseres Daseins und Tuns zu erklären, gilt es vorab eine Kernfrage zu beantworten, die an unsere Lebensgrundlagen selbst rührt: WER SIND WIR?
Anhand der Konstitutionen des Ordens läßt sich diese Frage zunächst wie folgt beantworten:
Der Barmherzige Bruder ist ein Christgläubiger, der in der Gemeinschaft der Kirche durch die Taufweihe den Geist empfangen hat. Durch denselben Geist ist er erneut "mit einer besonderen Gabe geweiht worden, um in Keuschheit, Armut, Gehorsam und Hospitalität zu leben."[43]
Es ist also das Moment der "Weihe", das dem Leben des Barmherzigen Bruders seinen spezifischen Sinn und Inhalt gibt. Dabei handelt es sich um "eine besondere Weihe, die in der Taufweihe wurzelt und dieser eine größere Fülle verleiht..." und das Ziel hat, daß sich die so Geweihten "mit ihrem ganzen Sein für immer Christus schenken und sich in seine engere Nachfolge stellen."[44] Durch diese Ganzhingabe "gibt sich der Christ­gläubige dem über alles gelieb­ten Gott vollständig zu eigen, sodaß er selbst durch einen neuen und ganz besonderen Titel auf Gottes Dienst und Ehre hingeordnet wird."[45]
71 Beim Barmherzigen Bruder ist der Kernpunkt dieser "beson­ deren Weihe" und dieses "neuen und ganz besonderen Titels", den er durch seine Weihe erhält, das Charisma und die Gabe der Hospitali­tät.[46]
Es ist also die Weihe in der Hospitalität, die den Barmher­zigen Bruder vom Mitarbeiter unterscheidet. Unterscheidet, aber nicht "trennt". Die Weihe ist in der Kirche eine besondere Form der Teilhabe am Leben Jesu von Nazareth, der vom Geist gesalbt und geweiht wurde, um den Armen die gute Nachricht zu bringen, die Kranken zu heilen und den Unterdrückten die Freiheit zu geben.[47] Jesus erfüllte seine Sendung nicht abgeschieden und "getrennt" von den Menschen. Vielmehr machte er sich den Men­schen gleich, lebte wie sie (Phil 2, 7), aß und trank mit den Armen und Sündern und erfuhr an sich selbst das Leid und das Begrenztsein des Menschen (vgl. Heb 2, 17-18).
Die Weihe in der Hospitalität ist daher ein wesentlicher Bestandteil der Identität des Barmherzigen Bruders und bildet in einem gewissen Sinn den Kern seiner "Sonder- und Eigenheit".
72 Die Identität einer Person äußert sich in ihrem Leben und in ihren Handlungen. Aus dem vorher aufgeführten Kernsatz, daß der Barmherzige Bruder durch seine besondere Weihe auf "Gottes Dienst und Ehre"[48] hinge­ordnet ist, läßt sich nun die Frage, für wen er lebt und handelt, genauer beantworten: Durch seine Weihe nimmt er in besonderer Weise am Opferkult und an der Lobpreisung Gottes teil:"Und damit geben wir unser Leben als lebendige und heilige Opfergabe hin, in Einheit mit dem wahren Opferkult, den Christus in der Kirche dargebracht hat. Wir nehmen an seinem priesterlichen Amt durch die Erfüllung unserer Sendung der Hospitalität Anteil."[49]
Der Barmherzige Bruder weiht sich also Gott, um "am Aufbau der Kirche durch den Dienst an Gott in den leidenden Menschen mitzuarbeiten."[50]
Die Teilnahme des Barmherzigen Bruders am priesterlichen Amt Christi, die ihm durch seine Weihe in der Hospitali­tät als Gabe und Pflicht gegeben wird, findet ihren konkreten Ausdruck "durch die Erfüllung unserer Sendung der Hospitalität."[51]
73 Zusammenfassend kann gesagt werden: Das Leben des Barmher­ zigen Bruders "gehört" Gott und dem hilfsbedürftigen Menschen. Mit welchem Ziel? Er will, daß "durch (sein) Leben die be­sondere Liebe des Vaters zu den Schwächsten offenbar wird. Ihnen (will er) nach dem Vorbild Jesu das Heil bringen."[52]
Diese Kernaussage könnte mit zahlreichen Auszügen aus den Konstitutionen weiter erhärtet werden, was jedoch nicht notwen­dig ist. Noch einmal auf die eingangs gestellte Frage:"Wer sind wir, für wen und für was leben wir?" zurückkommend, können wir jetzt im einzelnen antworten:
- ist ein Mensch, der sich in der Kirche unter dem Titel der Hospitalität Gott geweiht hat;
- sein Leben ist auf den Dienst an Gott in den kranken und hilfsbedürftigen Menschen hingeordnet;
- durch sein Dasein für den kranken und hilfsbedürftigen Menschen verkündet er das Reich Gottes, d.h. ist er in apostolischem Sinne tätig.
Wir werden darauf gleich ausführlicher zurückkommen.
Die Gemeinschaft - eine grundlegende Dimension im Leben des Barmherzigen Bruders
74 Die Weihe und Identität des Barmherzigen Bruders findet erst im Gemeinschaftsleben ihren tiefsten Ausdruck.[53] Im Hospital­orden spielt sich das Gemeinschaftsleben auf drei Ebenen ab, die eng miteinander zusammenhängen. So bilden die Barmherzi­gen Brüder:
- eine Gemeinschaft des Glaubens und des Gebetes;
- eine Gemeinschaft der Bruderliebe;
- eine apostolische Dienstgemeinschaft.
Diese drei Ebenen müssen im Leben des Barmherzigen Bruders ein harmonisches Ganzes bilden, wenn er seine Berufung voll zur Entfaltung bringen will.
75 Das Gebets- und Glaubensleben ist Ausdruck unseres persön­ lichen und gemeinschaftlichen Hingewandtseins zu Gott.
Zugleich ist es:
- "der Ursprung unserer karitativen Sendung";[54]
- der Raum, in dem wir unser tiefes Miteinander im Glauben, im Charisma und in der Sendung mit unseren Mitbrüdern feiern und die Bruderliebe durch die Teilnahme an den Sakramenten erneuern;[55]
- Betrachtung und Begegnung mit Christus, aus der wir erkennen und schöpfen:
. den Sinn des menschlichen Lebens und Leidens;
. die Würde der menschlichen Person;
. die Vorliebe Gottes für die Schwächsten;
. die Treue zum Dienst am Menschen, den Gehorsam für den Willen Gottes und die Hingabe für das Heil aller.[56]
76 Die Bruderliebe kommt uns, nach den Konstitutionen, unmit­ telbar aus unserem Charisma, das im einzelnen Bruder den Wunsch wach werden hat lassen, gemeinsam mit den anderen Brüdern eine Familie zu begründen, eine Familie, die ihr Dasein nicht von den Banden des Fleisches und des Blutes herleitet, sondern vom Wort Christi, um mit ihm und in ihm zu leben, den Willen des Vaters zu erfüllen und den Armen und Kranken das Evangelium zu verkünden.[57]
Die aktive und lebendige Beteiligung an dieser Gemeinschaft ist die Frucht einer Glaubensentscheidung für die engere Nach­folge Christi. Mit dieser Entscheidung verpflichtet sich der Einzelne, seine Person mit allen ihren Gaben so in der Gemein­schaft einzubringen, daß in ihr eine echte Einheit der Herzen besteht und ein Umfeld bietet, in dem die Brüder Erfüllung und Freude finden.[58]
77 Die Bruderliebe ist außerdem "Zeichen der Gegenwart des Herrn"[59] und der deutlichste Beweis dafür, daß wir Jünger Jesu sind.[60] Deswegen soll der Barmherzige Bruder sein Zu­gehörig­keitsgefühl klar und deutlich bekunden und seine tiefe Verbun­denheit mit seinen Mitbrüdern bezeugen, um vor den Kranken und Mitarbeitern den tiefen Geist der Einheit aufleuchten zu lassen, in dem wir "die Verschiedenheit der Gaben, mit denen der Heilige Geist jeden Mitbruder ausstattet, annehmen."[61] So erfüllen wir den Wunsch Jesu:"Alle sollen eins sein..., damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast."[62]
Apostolische Sinndeutung der Gemeinschaft und ihrer Mitglie­der
78 Die Bestimmung unserer Gemeinschaft als Barmherzige Brüder liegt nicht ausschließlich darin, die Begegnung mit Gott im Gebet zu fördern, und schon gar nicht darin, eine Ersatzfamilie zu sein. Obwohl die beiden obengenannten Aspekte zweifelsohne von grundlegender Bedeutung sind, muß hier in aller Deutlichkeit hervorgehoben werden, daß wir vom Herrn, als er uns in die Gemeinschaft der Barmherzigen Brüder berief, mit einer ganz besonderen Aufgabe betraut worden sind, nämlich der, den Armen und Hilfsbedürftigen das Reich Gottes zu verkünden.[63]
Die Konstitutionen des Ordens verweisen wiederholt auf die durch und durch apostolische Bestimmung der Gemeinschaft und ihrer einzelnen Mitglieder. Deswegen erübrigt sich hier eine ausführliche Darstellung. Wir wollten diesen Aspekt nur kurz streife­n, weil er für ein richtiges Verständnis der Rolle, die die Kommunität in den Werken spielen soll, unerläßlich ist.
Gemeinschaftsstiftende Gemeinschaft
79 Aus dem bisher Gesagten folgt, daß die Gemeinschaften der Barmherzigen Brüder offene Gemeinschaften sein müssen, Zeichen des brüderlichen Miteinanders sein müssen, kurzum eine gemeinschafts­stiftende Wirkung haben müssen, d.h. das geschwi­sterliche und solidarische Denken unter den Menschen verstärkt ausbilden helfen sollen.
Dieser Gedanke ist von unserem derzeitigen Generalprior Fr. Brian O'Donnell beim Abschluß des Generalkapitels von 1988 treffend wie folgt zum Ausdruck gebracht worden:"Als Brüder sind wir gerufen, Zeichen der Einheit in der Kirche zu sein... In unserer Kirche, in der alle zum Dienst berufen sind, müssen wir Vor- und Leitbild durch unsere spirituelle Energie und apo­stolische Vitalität sein. Als Brüder einer Ordensfamilie... geben wir dem Leben und der Sendung der Kirche eine einheit­liche, brüderliche Dimension. Wir werden von den Leuten "Brüder" genannt und unsere Aufgabe ist es, ihnen "Brüder" zu sein. Für uns ist es ein großes Geschenk, daß wir vom Volk Gottes "Brüder" genannt werden. Aber weit wichtiger ist für uns der Gedanke, "ihnen Brüder zu sein,", denn das ist unsere Berufung: Den Kranken und Armen, den Schwachen und Hilfsbedürftigen Bruder zu sein."[64]
Daseinssinn der Kommunität in den Werken
80 Aus dem bisher Gesagten kann nun auch der Daseinssinn und die Funktion der Kommunität in den Werken begriffen und verdeut­licht werden.
Halten wir noch einmal fest: Die Werke des Ordens haben konfessionellen Charakter. Das bedeutet aber in keiner Weise, daß der Orden sein Tätigkeitsfeld nach bestimmten Richtungen abgrenzt; vielmehr sucht und ist er zur Zusammenarbeit mit anderen Organisationen bereit. Wenn wir dies im Auge behalten und dazu die besondere Identität des Barmherzigen Bruders und seine primäre Bestimmung, in Gemeinschaft zu leben und zu handeln, berücksichtigen, kann der Daseinssinn der Kommunitäten der Barmherzigen Brüder in den Einrichtungen des Ordens wie folgt auseinandergesetzt werden:
Die in einer Ordenseinrichtung lebende und tätige Gemein­schaft von Barmherzigen Brüdern hat die Aufgabe, "das Reich Gottes unter den Armen und Kranken zu verkünden und gegenwärtig zu machen", damit "durch (ihr) Leben die besondere Liebe des Vaters zu den Schwächsten offenbar wird" und "der Barmherzige Jesus von Nazareth in der Zeit lebendige Gegenwart bleibt."[65] Indem die Barmherzigen Brüder versuchen, immer mehr die Gesin­nungen Christi zum kranken und bedürftigen Menschen zu verleib­lichen[66], folgen sie dem Beispiel ihres Stifters, des heiligen Johannes von Gott, nach, der "vom Heiligen Geist getrieben und von der Macht der barmherzigen Liebe des Vaters umgestaltet, die Liebe zu Gott und zum Nächsten in ungetrübter Einheit lebte. Er gab sich ganz dem Heil seiner Brüder hin und ahmte in Treue den Heiland in seinen Gesinnungen und Werken der Barmherzigkeit nach."[67]
81 Daraus kann geschlossen werden, daß sich der tiefere Sinn von Sein und Tun einer Gemeinschaft von Barmherzigen Brüdern in einer Einrichtung von der Weihe herleitet, durch die sich die Barmherzigen Brüder im Dienst an den Kranken und Hilfsbedürfti­gen ganz Gott schenken, um seine barmherzige Liebe sichtbar zu machen und so die Frohe Botschaft zu verkünden.
Fr. Pierluigi Marchesi hat während seiner Amtszeit als Generalprior des Ordens wieder­holt auf die Notwendigkeit hinge­wiesen, daß die Barmherzigen Brüder heute einen neuen Stil bei ihrem Für-die-Kranken-Dasein entwickeln müssen. Die Verhaltens­muster und Lebensformen, durch die dieses Für-die-Kranken-Dasein des Einzelnen und der Gemeinschaft konkret Ausdruck finden sollte, haben einen fruchtbaren Niederschlag in den Schriften "Die Humanisierung" und "Die Hospitalität der Barmher­zigen Brüder - Aufbruch in das Jahr 2000" gefunden. Die aktuelle Rolle des Barmherzigen Bruders wurde darin vor allem in folgen­den Aufgaben gesehen:
- Zeuge und ethischer Wegweiser
- kritisches Gewissen
- kreativ und
- prophetisch sein.
Zeugen und ethische Wegweiser
82 Die Weihe an Gott im Dienst an den Kranken und Hilfsbedürf­ tigen ist eine Gabe, durch die sowohl der einzelne Bruder als auch die Gemeinschaft zu "Zeugen" eingesetzt werden, d.h.:
- sich als Menschen zu erkennen geben sollen, die die barmherzige Liebe des Vaters an sich selbst erfahren haben und beschlossen haben, ihr Leben der Barmherzigkeit zu weihen, um Jesus von Nazareth nach dem Vorbild des hl. Johannes von Gott nachzuahmen;
- sich als Menschen zu erkennen geben sollen, die in Jesus Chri­stus das Ideal des Menschen verehren, den Gott von Anfang an erschaffen wollte, einen Menschen, der zur Gemein­schaft mit ihm und mit den anderen Menschen berufen ist. Auf diesem Hintergrund:
. haben sie den Wert, die Würde, den Sinn und die überirdische Bestimmung der menschlichen Person erkannt;
. die Überzeugung gewonnen, daß Gott den Menschen zum Leben und nicht zum Tod bestimmt hat, sein Glück und nicht sein Leiden will;
. in und durch Christus den Sinn des Leidens erkannt;
- vom selben Geist durchdrungen, der Jesus von Nazareth dazu trieb, die Kranken zu heilen, die Unterdrückten von ihrer Not zu befreien, den Armen die gute Nachricht von der allumfassenden Liebe des Vaters zu bringen und sich zum Diener aller zu machen:
. haben sie beschlossen, Christus durch die Ganzhingabe ihres Lebens im Dienst an den Armen und Kranken nachzuahmen.
Die Zeichenhaftigkeit des Barmherzigen Bruders ruht also auf zwei Kernpunkten:
- sie wollen und sollen Zeugen der barmherzigen Liebe des Vaters sein;
- sie wollen und sollen dieses ihr Zeugen-Sein durch den Dienst an den Kranken und Hilfsbedürftigen leben.
In diesen beiden Kernaussagen ist sicher am besten die Sendung des Barmher­zigen Bruders und sein Daseinssinn in einer Sozialeinrichtung zusammengefaßt.
83 Aus dem Zeichenwert, den der Barmherzige Bruder seinem Leben geben soll, erwächst ihm unmittelbar auch die Aufgabe, un­erschrocken vor den Personen, mit denen er im Dienst an den kranken Menschen in Berührung kommt, als "ethischer Weg­weiser" aufzutreten.
Seine Lebenseinstellung und Weltanschauung veranlaßt ihn, offen auf die Mitarbeiter zuzugehen und sich darüber zu freuen, daß auch andere Menschen durch ihr Sein und Tun die Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar machen, selbst dann, wenn es ungewollt oder unbewußt geschieht. Er betrachtet die Mitarbeiter als Wegge­fährten und Freunde, die, insofern es sich um gläubige Christen handelt, im Dienst am hilfsbedürftigen Menschen die apostolische Dimension ihres Lebens ausfüllen, während er in allen anderen die Fähigkeit, das Beste von sich der leidenden Menschheit zu widmen, anerkennend zu schätzen weiß.
Darüberhinaus erkennt er im Mitarbeiter seinen Nächsten, der Verständnis, Hilfe und Aufmunterung braucht. Er sieht in ihm einen Menschen, der, wie alle anderen, den Wechselfällen des Lebens ausgesetzt ist und hofft, in seinem Arbeitsumfeld Ver­ständnis und Entgegenkommen zu finden, damit er seine Fähigkei­ten zum Nutzen der anderen optimal zur Entfaltung bringen kann.
Kritisches Gewissen
84 Christ sein heißt auch den Mut dazu haben, "Zeichen des Widerspuchs" zu sein. Mit seiner Ganzhingabe an Gott hat der Barmherzige Bruder beschlossen, die evangelischen Werte zu leben und zu fördern und den Dienst am menschlichen Leben sowie dessen Schutz und Förderung zu seiner Lebensaufgabe zu machen. Diese grundlegende Verpflichtung verlangt von ihm immer wieder von neuem klare und bindende Antworten.
Der Fortschritt von Wissenschaft und Technik hat dem Menschen die Möglichkeit eröffnet, direkt auf Anfang, Entwick­lung und Ende des menschlichen Lebensprozesses Einfluß zu nehmen; eine Tatsache, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbar war. Die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, die, entgegen allen anderen Vorstellungen und Interessen, stets die Verbesserung der Lebensverhält­nisse des Menschen zum Ziel haben sollten, werden vermehrt in einer Weise eingesetzt und an­gewandt, die den grundlegenden Rechten der menschlichen Person, d.h. geboren zu werden, men­schenwürdig zu leben und zu sterben, entgegenlaufen.
85 Wir leben heute in einer säkularisierten Gesellschaft, in der jeder das Recht hat, nach seiner Weltanschauung zu leben, sei sie nun religiöser oder atheistischer Ausrichtung. Das ist eine Tatsache, die wir anerkennen müssen. Ebenso müssen wir anerkennen, daß es in unseren Einrichtungen Menschen gibt, die ungläubig sind und nicht nach den Werten des Evangeliums leben. Als Barmherzige Brüder müssen wir die Gewissensentschei­dung dieser Menschen genauso wie die aller anderen respektieren.
Aber die Tatsache, daß wir die Lebens- und Denkweise Andersdenkender anerkennen und respektieren, bedeutet nicht, daß wir ihre Grundsätze und Wertvorstellungen gutheißen oder sie mit denen, aus denen heraus wir leben, gleichsetzen.
Das Prinzip der Gewissensfreiheit, das unsere Auffassung vom Leben und vom Menschen entscheidend mitprägt, gibt uns das Recht und erlegt uns zugleich die Pflicht auf, die unserer Berufung eigenen Wertvorstellungen getreu der Lehre der Kirche zu leben und in die Praxis umzusetzen.
86 Aus diesem Sachverhalt erwächst den Gemeinschaften und jedem einzelnen Mitglied des Ordens der Barmherzigen Brüder eine Herausforderung, der sie nicht ausweichen können und dürfen: Sie haben die Pflicht, dafür zu sorgen, daß in den Einrichtungen des Ordens im Bereich der Bioethik die deontologi­schen und ethischen Grundsätze der Kirche beachtet und angewandt werden.
Diese Aufgabe stellt an die Barmherzigen Brüder hohe Ansprüche. Die wichtigsten davon können wie folgt zusammengefaßt werden:
- Eine Gemeinschaft von Barmherzigen Brüdern hat mit der Hilfe aller ihrer Mitglieder darüber zu wachen, daß die Tätigkeit der Einrichtung, in der sie lebt und wirkt, den Werten unseres Charismas entspricht. Diese grundlegende Funktion übertrifft an Bedeutung alle anderen Funktionen, die in Vergangenheit von einer Gemeinschaft von Barmher­zigen Brüdern ausgeübt wurden. Diese Funktion muß sie ausüben, wenn sie dem Charisma des Ordens in den neuen Zeitverhältnissen schöpferisch treu bleiben will.
- Eine Gemeinschaft von Barmherzigen Brüdern und jedes einzelne ihrer Mitglieder muß über die neuen Entwicklun­gen im Bereich der Bioethik Bescheid wissen und die Vorteile und Gefahren kennen, die der Fortschritt von Wissenschaft und Technik für das menschliche Leben mit sich bringt, um angemessen und konsequent handeln zu können. In diesem Zusammenhang stellt sich vordringlich die Forderung nach einer fundierten, ständigen Weiterbil­dung, die alle Lebensbereiche des Barmherzigen Bruders mit ständiger Bezugnahme auf die evangelischen Werte erfassen muß.
87 Die Kreativität ist eine Gabe des Menschen, die vom Barm­ herzigen Bruder beim Dienst an den Kranken und Hilfsbedürf­tigen fruchtbar zu deren leiblichem und seelischem Wohl in Ansatz gebracht werden soll. Johannes von Gott gilt zurecht als ein "Bahnbrecher" in der Kunst, dem anderen zu helfen. Der Orden der Barmherzigen Brüder wußte sich diesem Erbe stets verpflich­tet und hat in seiner langen Geschichte unter zahlreichen Gesichtspunkten zum Fortschritt der Medizin und der ganzheitli­chen Betreuung des hilfsbedürftigen Menschen beigetragen. Denn die Barmherzigen Brüder hatten immer ein waches Auge für die neuen Nöte und Bedürfnislagen des Menschen.
In den letzten Jahren hat der Orden angesichts der zuneh­menden Kälte und Anonymität, die durch die wachsende Technifi­zierung und "Verwissenschaftlichung" des Sozial- und Gesund­heitswesens über den kranken und hilfsbedürftigen Menschen hereingebrochen ist, verstärkt den Akzent seines Handelns auf die Wahrung der Würde des Menschen als untrennbare Ganzheit gesetzt. So kann ruhigen Gewissens behauptet werden, daß der Orden in den letzten Jahren ein beachtliches Stück Pionierarbeit bei der Humanisierung des Gesundheitsdienstes geleistet hat. Die Barmherzigen Brüder spürten die Gefahr, daß in den hochmodernen Gesundheitseinrichtungen unserer Zeit der kranke Mensch neben der medizinischen Technik und elektronischen Datenerfassung immer mehr zu verschwinden und zu einer einfachen Nummer oder einem rein klinischen Fall zu werden drohte. Diese Gefahr hat bis heute nichts von ihrer Brisanz verloren.
88 Sowohl eine Gemeinschaft von Barmherzigen Brüdern als auch jedes einzelne ihrer Mitglieder muß für die persönlichen Bedürfnisse des Menschen, der in ihre Einrichtungen kommt, eine ganz besondere Hellhörigkeit haben. Dabei muß der ganze Mensch mit seinem sozialen und familiären Umfeld beachtet werden. So können selbst verborgene oder unausgesprochene Bedürfnisse erkannt und wirksam angegangen werden.
Fr. Pierluigi Marchesi hat dazu in einer Schrift wie folgt Stellung genommen:"Die Übung, einem Kranken täglich zuzuhören, empfehle ich euch allen. Dann werdet ihr nach kurzer Zeit erkennen, daß wir in unseren Werken Vorläufer sein können, wenn wir auf den Kranken hinhören und danach konsequent zu handeln imstande sind. Haben wir einmal unser Gehör für den Kranken geschärft, werden wir auch neue Programme studieren, erforschen und erproben können und unsere alten und fruchtlosen Gewohnhei­ten ändern."[68]
89 Die drei Handlungsebenen des Barmherzigen Bruders, die wir soeben skizzenhaft angerissen haben, münden, wie wir sogleich sehen werden, unmittelbar in die Aufgabe der Prophetie. Nach dem biblischen Verständnis ist ein prophetischer Mensch:
- Zeuge der Gegenwart Gottes unter den Menschen;
- Zeichen und Sakrament des Heils Gottes, ein Zeichen, das im und durch das eigene Leben Gestalt annimmt;
- Ankündigung, in Wort und Tat, des Gottes, der das Heil bringt, und des Heils, das Gott wirkt;
- lebendige Mahnung, in Wort und Tat, vor den Übergriffen gegen das göttliche Gesetz und mithin gegen die "Rechte" des Schwachen.
Eine Gemeinschaft von Barmherzigen Brüdern und der einzelne Barmherzige Bruder werden der prophetischen Aufgabe, die mit ihrer Berufung und Sendung verbunden ist, gerecht, wenn sie:
- die barmherzige Liebe des Vaters sichtbar und erfahrbar machen;
- die Gegenwart Christi unter den Kranken und Hilfsbedürf­tigen in der Zeit lebendig erhalten;
- das Reich Gottes nach dem Vorbild des heiligen Johannes von Gott verkünden.
Erst unter diesen Vorzeichen erlangt ihr Dasein und Wirken in einer Einrichtung einen echt kirchlichen Gehalt.
In Gemeinschaft mit Christus als dem Hohenpriester der Kirche evangelisieren wir die Kranken und Leidenden
90 Am Schluß dieses Kapitels können wir sagen, daß die Barm­ herzigen Brüder und die Laienchristen, die als Mitarbeiter ihr Werk mittragen, in einer ganz besonderen Weise am priester­lichen Amt Christi teilhaben. Christus, der als Priester der ganzen Menschheit eingesetzt wurde ["Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks" (Heb 5, 6)], übte dieses sein umfassendes Priesteramt als Dienst am Menschen aus, indem er sein Leben für alle hingab (vgl. Mt 20, 28), damit wir das Leben in Fülle haben (vgl. Joh 10, 10). Die Barmherzigen Brüder und ihre christlich orientierten Mitarbeiter wollen und sollen unter Wahrung der ihnen eigenen Identität, d.h. alle gemeinsam aus ihrer gemeinsamen Taufweihe und Firmung, die Brüder aus ihrer spezifi­schen Ordensweihe heraus, ohne Unterschied am Amt Christi als dem barmherzigen und treuen Hohenpriester (vgl. Heb 2, 17) teilnehmen.
Mit dem heiligen Paulus können wir abschließend sagen, daß es bei dieser Teilhabe weder Mann noch Frau gibt, sondern wir alle eins sind in Jesus Christus (vgl. Gal 3, 28).
an Charisma, Spiritualität und Sendung
des Ordens der Barmherzigen Brüder
91 Der Hospitalorden vom heiligen Johannes von Gott, der heute auf allen fünf Kontinenten in über 200 Sozial- und Gesund­heits­einrichtungen tätig ist, trat im Jahr 1538 in der spani­schen Stadt Granada durch die Person des Johannes von Gott ins Leben. Dieser gab, nachdem er durch eine Predigt des hl. Johan­nes von Avila aufgerüttelt und vom Heiligen Geist erleuchtet worden war, alles, was ihm bisher lieb und teuer gewesen war, auf und beschloß, in Wort und Tat den Notleidenden seiner Zeit die barmherzige Liebe Gottes näherzu­bringen.
Seine innere Wandlung vollzog sich derart ungewöhnlich, daß die Leute glaubten, er hätte den Verstand verloren. So lieferte man ihn ins Königliche Hospital ein, wo er in eine Abteilung für Geis­teskranke gesperrt wurde. Dort erkannte er, wie er die barmherzige Liebe Gottes konkret an den Schwächsten seiner Zeit in die Praxis umsetzen konnte: Sein erklärtes Ziel war seitdem, ein Hospital zu gründen, in dem die Armen und Kranken eine menschen­würdige und liebevolle Betreuung erfahren sollten.
Ganz auf sich allein gestellt begann er dieses gewaltige Unternehmen. Zuerst sammelte er Almosen, die er unter den Armen verteilte. Dann holte er die Ausgestoßenen von den Straßen und Plätzen der Stadt und brachte sie zunächst in der Eingangshalle eines Hauses wohlha­bender Leute unter. Doch schon bald wurde der Raum zu eng, sodaß er gezwungen war, nach einer neuen Möglich­keit Ausschau zu halten. Mit viel Erfindergeist und praktischem Feingefühl gelang es ihm schließlich das Vorhaben, das er im Königlichen Hospital gefaßt hatte, zu verwirklichen und eine echte Zufluchtsstätte für Menschen in Not zu schaffen. Kurz vor seinem Tod, schrieb er an einen Wohltäter:
"Da dies ein Haus für alle ist, werden alle Arten von Kranken aufgenommen und auch alle Arten von Menschen. Es gibt hier deshalb Versehrte, Verletzte, Aussätzige, Stumme, Verrückte, Gelähmte, mit Krätze Behaftete, sehr alte Menschen und viele Kinder; überdies viele Pilger und Reisende, deren Weg zu uns führt. Man gibt ihnen Feuer, Wasser, Salz und Kochgeschirr, um sich ihr Essen zu bereiten... Insgesamt - Kranke und Gesunde, Hilfskräfte und Pilger eingerechnet - sind es mehr als einhundertzehn."[69]
92 Die innere Kraft, von der Johannes von Gott erfüllt war, kam ihm unmittelbar aus dem Geist Jesu. Die ihm angeborene Liebes­fähigkeit wuchs und erlangte beständig neue Höhen durch die Erfahrung der barmherzigen Liebe Gottes. Durch die Gabe der Hospitalität, die ihm vom Heiligen Geist gegeben wurde, "lebte er die Liebe zu Gott und zum Nächsten in ungetrübter Einheit. Er gab sich ganz dem Heil seiner Brüder hin und ahmte in Treue den Heiland in seinen Gesinnungen und Werken der Barmherzigkeit nach... Unser Hospitalorden hat daher seinen Ursprung im Evange­lium von der Barmherzigkeit, wie es vom heiligen Johannes von Gott in seiner ganzen Fülle gelebt wurde. Daher betrachten wir ihn mit Recht als unseren Gründer."[70]
Die Weggefährten und Mitarbeiter des hl. Johannes von Gott
93 Johann von Gott verfaßte weder eine Lebensregel noch eine Konstitution. Aber seine Art, die Liebe Gottes durch den Dienst am Menschen in Not nach innen und nach außen zu leben, wirkte auf viele seiner Zeitgenossen "ansteckend". So scharten sich schon bald mehrere Gefährten um ihn und halfen ihm, sein Werk der Liebe voranzutragen. Insbesondere im zweiten Hospital, das er in der Cuesta de los Goméles errichtete, schlossen sich ihm viele Menschen an.
Der erste Biograph des Heiligen schreibt:
"Das Beispiel des Lebens (von) Johann von Gott war so groß und gefiel so vielen Menschen, daß viele sich angetrieben fühlten und noch fühlen, ihn nachzuahmen und ihm auf seinem Weg zu folgen; sie wollen unserem Herrn dienen und seinen Armen und den Beruf der Krankenpflege nur um Gottes Willen ausüben."[71]
Johann von Gott hatte volles Vertrauen zu den Personen, die ihm halfen, ganz besonders zu denen, die er seine "Gefährten" nannte. So wissen wir etwa, daß er häufig außer Haus war, um Almosen zu sammeln und anderen Menschen zu helfen. Von diesen Ausgängen kam er meist erst sehr spät zurück. Daraus kann geschlossen werden, daß die Sorge und Betreuung der Armen und Kranken zu einem großen Teil seinen Gefährten und Helfern übertragen war. Anläßlich einer Reise nach Valladolid, die ihn mehr als neun Monate von seinem Hospital fernhalten sollte, ließ er einen seiner Gefährten und Freunde namens Anton Martín im Hospital zurück, "damit er auf die Armen und das Haus bis zu seiner Rückkehr schaute."[72] Als er seinen Tod näherkommen fühlte, rief er wiederum Anton Martín und "empfahl ihm die Armen, die Waisen und die Verschämten und ermahnte ihn mit heiligen Worten zu dem, was er tun solle."[73]
94 Neben den Personen, die wir heute als die ersten Mitbrüder des heiligen Johannes von Gott bezeichnen, halfen ihm jedoch noch viele andere Menschen bei seinem Werk der Liebe: Ärzte, Apotheker, Priester und viele andere mehr, denn "unser Herr sandte ihm Krankenpfleger, die ihm halfen, während er fortging und um Almosen und Arzneien bat, um sie den Kranken zu brin­gen."[74]
Die Geschichte wollte, daß uns der Name eines seiner Helfer bewahrt blieb, der ihn auf zahlreichen Reisen begleitete und von ihm beauftragt wurde, in seinem Namen bei seinen Wohltätern Almosen zu sammeln. Dabei handelt es sich um Johannes von Avila, den der Heilige liebevoll einfach "meinen Angulo" nannte. Wie sehr Johannes von Gott Angulo vertraute, beweist die Tatsache, daß dieser von ihm beauftragt wurde, in seinem Namen am Hof vorzusprechen.[75] Der Heilige spricht von ihm stets als von "meinem Begleiter Angulo". Aber Angulo gehörte nicht zu seinen ersten Mitbrüdern, wie aus folgender Aufzeichnung hervorgeht:
"... und den ich Euch anempfehle, denn er und seine Frau befinden sich in großer Armut..."[76]
95 Neben den Brüdern und Helfern, die Johann von Gott bei der Betreuung und Versorgung der Kranken und Armen tatkräf­tig un­terstützten, dürfen auf keinen Fall seine zahlreichen Wohl­täter vergessen werden. Denn Johann von Gott konnte seinen notleidenden Mitmenschen nur dank der Almosen helfen, die er nicht nur von vornehmen und reichen Leuten, sondern auch und vor allem vom einfachen Volk bei seinen vielen Bettelgängen erhielt. Große und kleine Geldspenden, aber auch Brot und andere Nah­rungsmittel halfen ihm, den anderen zu helfen.
Wir können, ohne die historischen Belege ins Unendliche schrauben zu müssen, mit Sicherheit davon ausgehen, daß Johann von Gott sein Werk zu einem Großteil nur dank der Mitarbeit seiner ersten Brüder, der Unterstützung seiner vielen Helfer und den Spenden seiner Wohltäter vollbringen konnte.
Dasselbe gilt auch für seine Nachfolger, die sich bald über ganz Spanien ausbreiteten: Die Brüder stellten Ärzte, Chirurgen, Apotheker usw. ein.[77]
96 Die Liebe zu Gott, von der das Leben von Johann von Gott so restlos ausgefüllt wurde, bestimmte auch den Weg seiner Nachfolger und den ihrer Mitarbeiter und Wohltäter: Die ersten beschlossen, seine Lebensform zu übernehmen und haben so die Gabe der Hospi­talität in der Kirche bewahrt; die zweiten stell­ten ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie einen großen Teil ihrer Zeit im Zeichen der Nächstenliebe in den Dienst der Armen und Kranken; die dritten unterstützten sein Werk mit Spenden und Almosen.
Auf diese Weise entstand in der Kirche eine große Familie, die Familie der Barmherzigen Brüder, zu der nicht nur die Barm-herzigen Brüder selbst, sondern auch all ihre Mitarbeiter - An-gestellte, ehrenamtliche Helfer und Wohltäter - gehören. Das Ziel dieser Familie war und ist es, die Liebesfähigkeit der Einzelnen je nach ihrer Berufung im Geiste Jesu Christi bestmög­lich auszuschöpfen.
Die Beteiligung der Mitarbeiter am Charisma des Ordens
97 Seit Johannes von Gott haben viele gläubige Männer und Frauen sich ihn beim Dienst an den Kranken und Hilfsbedürf­tigen zum Vorbild genommen, um auf der von ihm vorgezeichneten Linie Jesus von Nazareth nachzuahmen, der umherzog, Gutes tat und alle heilte (vgl. Apg 10, 38).
Aber jene, die sich ihn zum Vorbild gewählt haben, haben nicht alle in derselben Weise an der besonderen Gabe Anteil, die er vom Heiligen Geist empfangen hat und von der Kirche als Charisma der Hospitalität bezeichnet wurde.
Wie wir bereits an anderer Stelle ausgeführt haben, gibt es verschiedene Motivationen, aus denen heraus Menschen sich für den Dienst an den Kranken und Hilfsbedürftigen entscheiden. Bei den folgenden Überlegungen werden wir uns, wie das in der Natur der Sache liegt, ausschließlich mit den Motivationen beschäfti­gen, die ihren Ursprung im christlichen Glauben haben. Ziel dieser Überlegungen wird sein, die einzelnen Ebenen der Beteili­gung am Charisma der Hospitalität zu unterscheiden, das Johann von Gott empfangen hat und von den Mitgliedern seines Hospital­ordens als kostbares Erbe übernommen wurde.
98 Seit dem II. Vatikanischen Konzil wird in der Kirche viel von Charisma gesprochen. Auch in der Alltagssprache haben sich verschiedene Redewendungen mit diesem Wort eingebür­gert. So sagt man etwa von einer Person:"Er hat Charisma oder ihm fehlt das notwendige Charisma usw..." Im folgenden werden wir versu­chen, den Begriff "Charisma" in dieser seiner Doppelbedeutung zu erfassen. Ausgehend von der Lehre des heiligen Paulus soll einmal die Rede von den sogenannten charismatischen Personen bzw. den Personen mit Charisma sein und zum anderen das theolo­gische Verständnis des Begriffes "Charisma" verdeutlicht werden.
99 Der heilige Paulus spricht von den Charismen als Gaben, die den Gläubigen vom Heiligen Geist zum Wohl und zum Aufbau der Kirche gegeben werden. Diese Gaben oder auch Gnadengaben, wie sie in der Kirchensprache genannt werden, erhält der einzel­ne Gläubige. Es handelt sich also um etwas sehr persönliches, das dem Christen helfen soll, in die Geheimnisse des Glaubens einzudringen und sich als Person zu verwirklichen. Aber der Heilige Geist teilt sich dem einzelnen Christen nicht mit, um ausschließlich in seiner individuellen Sphäre zu wirken, sondern drängt danach, nach außen in die Kirche und in die Gemeinschaft der Menschen zu wirken (vgl. 1 Kor 12, 4-7; Eph 4, 13).
Nach dem heiligen Paulus durchdringen und bedingen sich Charisma und persönliche Berufung, d.h. durchdringen und bedin­gen einander Charisma und Dienst, zu dem der Einzelne in der Kirche bestellt ist (vgl. Röm 1, 1; 1 Kor 12, 4-6).
Bei der Vergabe eines Charismas richtet sich der Heilige Geist zweifelsohne nach den persönlichen Anlagen des Empfängers, d.h.: Durch das Charisma sollen die Eigenschaften und Fähigkei­ten des Betreffenden so integriert werden, daß er den Dienst, zu dem er berufen ist, als etwas von seinem Inneren Kommendes und Beglückendes erlebt.
100 Die Sozialwissenschaften verstehen unter einer charismati­ schen Person einen Menschen, der durch seine Ausstrahlungs­kraft weite Personenkreise oder aber auch ganze Gesellschafts­schichten in seinen Bann zu ziehen und tiefgreifend zu beein­flussen vermag.
Diese Auffassung entspricht weitgehend der des heiligen Paulus, auch wenn vom Charisma in diesem Zusammenhang nicht mehr als Gabe des Heiligen Geistes gesprochen wird. Die charismati­sche Person fühlt sich von einer inneren Überzeugungskraft getrieben, die so groß ist, daß ihre Worte und Handlungen mitreißend auf die anderen wirken und gesellschaftsübergreifende Bewegungen auslösen, die, wenigstens im Prinzip, darauf zielen, die Lebensverhältnisse der Angesprochenen zu verbessern.
Aus der Geschichte kennen wir zahlreiche Persönlichkeiten, die in diesem Sinne als charismatische Menschen bezeichnet werden können: Moses, Mohammed, Marx, Gandhi, Martin Luther King, Johannes XXIII. und viele andere mehr, von denen der Lauf der Welt tiefgreifend verändert worden ist. Es erübrigt sich wohl, daran zu erinnern, daß in dieser Reihe Jesus von Nazareth, die zwölf Apostel und demselben heiligen Paulus ein ganz besonderer Platz gebührt.
Das Ordensleben als Charisma
101 Der Heilige Geist verleiht die Charismen, wie bereits gesagt, dem konkreten Menschen. Aber in erster Linie teilt er sich der Kirche Christi mit, die von ihrem Wesen her charis­matischer Natur ist. Sie ist die Hüterin aller Charismen. Als solche hat sie die Aufgabe, die Charismen der einzelnen Gläubi­gen zu erkennen und wie eine sorgsame Mutter die verschiedenen Wege, auf denen Menschen sich in Keuschheit, Armut und Gehorsam in die engere Nachfolge Christi stellen, zu deuten und zu regeln. Zu diesem Zweck begrüßt und fördert sie dauerhafte Lebensformen in dem Bewußtsein, daß das Ordensleben ein Geschenk Gottes ist, das sie von ihrem Herrn empfangen hat und mit seiner Hilfe in der Zeit erhalten soll.[78]
102 Die Hauptelemente, durch die sich die Gläubigen, die Christus als Ordensleute nachzufolgen beschlossen haben, von den anderen unterscheiden, sind ihre Weihe, ihr Gemein­schaftssinn und ihre besondere Sendung. Diese drei Aspekte gehören zum innersten Wesen der Kirche. Die Ordensleute werden durch ihre besondere Berufung dazu bestellt, diese drei Aspekte in einer ganz besonderen Tiefe zu leben: Durch ihre Weihe verpflichten sie sich, nach dem Vorbild Jesu alles, was sie sind und haben, als Ganzhingabe an Gott im Dienst am Menschen darzu­bringen.
Die Weihe des Ordensmannes und der Ordensfrau beruht im Kern auf einen Akt der Liebe Gottes. Denn es ist Gott, der den Einzelnen, ohne daß der dies verdiente, dazu auserwählt, mit seinem Dasein ein besonderes Zeichen für die überirdische Bestimmung des Menschen zu sein. Dieses Zeichen kann wiederum nur durch die Ganzhingabe an Gott gesetzt werden: durch die Versen­kung in das Leben als Geschenk Gottes, durch die ständige Danksa­gung, Verehrung und Lobpreisung Gottes als dem Spender allen Lebens, durch die Opfergabe seines eigenen Lebens.
Der Ordensmann und die Ordensfrau erwidern den Ruf Gottes, indem sie ihn als Herrn und absolutes Prinzip ihres Daseins betrachten: Er ist das Ziel und die Mitte aller ihrer Hoffnungen und Pläne; erst durch ihn wird das Leben lebenswert; er stillt ihr menschliches Verlangen nach Freiheit und Liebe. Diese Überzeugung drängt sie, ihr Leben, ihr Sein und ihre Talente, durch die freie Aufnahme der evangelischen Räte der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams, Gott als ihrem Herren "zu weihen".
103 Die Sendung, mit der der Ordensmann und die Ordensfrau vom Heiligen Geist betraut wird, besteht im wesentlichen darin, "bleibendes Andenken" an Jesus Christus zu sein: Durch die Weihe des eigenen Daseins erinnern sie an die Gestalt und Lehre des Sohnes Gottes, der aus dem Vater lebte und, durch dessen gren­zen­lose Liebe bestärkt, sich in allem seinem Willen unterord­nete und als Diener der Menschheit zum Zeichen und Wegbereiter für ein von Egoismus und Selbstentfremdung freies, menschliches Leben wurde.
Damit ist verbunden, daß der Ordensmann und die Ordensfrau die ehelose Keuschheit um des Himmelreiches willen aufnehmen und die Liebe wie Jesus in einer Form leben, durch die auf besondere Weise sichtbar wird, daß das Leben ein Geschenk ist, das auch und vor allem durch ein Näheverhältnis der Liebe, das den Menschen übersteigt, weitergegeben und gepflegt werden kann. Das heißt nicht, daß die Ordensleute die eheliche Liebe gering­schätzen. Sie sind ganz einfach Zeichen und Träger der Liebe, die uns Christus als Bräutigam der Menschheit gelehrt hat.
Mit der evangelischen Armut wollen sich die Ordensleute im Bewußtsein darum, daß das Heil Gottes wohl eine Gabe ist, aber zugleich auch errungen werden will, Jesus Christus gleichgestal­ten, der gekommen ist, um der Menschheit zu dienen, und verwen­den deswegen die Güter der Erde als Mittel, um unter den Men­schen gleiche Voraussetzungen für alle zu schaffen. Deswegen vermeiden sie jede Güteranhäufung und teilen mit ihren Mitmen­schen alles, was sie sind haben.
Durch den Gehorsam übernehmen sie die Grundeinstellung des Sohnes Gottes, der ganz auf den Vater hingeordnet lebte und mit Leib und Seele seinen Willen erfüllte. Dadurch signalisieren die Ordensleute der Menschheit zugleich auch den tieferen Sinn der menschlichen Freiheit: Frei ist der, der zu einer so großen, inneren Freiheit gefunden hat, daß ihm die Treue zu seiner persönlichen Berufung und die Verpflichtung zum Dienst am anderen wie von selbst zur Lebensaufgabe wird.
104 Der tiefere Sinn ihres Gesandtseins äußert und konkretisiert sich stets in einer ganz bestimmten Wirkungsform in Kirche und Gesellschaft. Im Fall der apostolisch orientierten Gemein­schaften ist es der Dienst der Liebe am Menschen, der inmitten der Menschen zum Zeichen der Güte und Nähe Gottes werden soll. Wenn wir in diesem Zusammenhang den Dienst der Barmherzigen Brüder betrachten, erkennen wir, daß ihre "Sen­dung", wie wir bereits dargelegt haben, an etwas tief Menschli­ches rührt und durch eine Tätigkeit geschieht, die sich, der Form nach, in nichts von der der Pflegeberufe unterscheidet. Doch der Auftrag Christi, den Menschen das Reich Gottes zu verkünden, verleiht dieser, ihrer Tätigkeit eine neue Dimension, nämlich die der Prophetie.
Bei seinem Dienst am Menschen handelt der Bruder nach Jesus Christus: Die Erfahrung der Liebe Gottes drängt ihn, diese Liebe im Dienst am Menschen durch seine selbstlose Ganzhingabe zu bezeugen und so zu einem Verkünder des Heils zu werden.
105 Der Ordensmann und die Ordensfrau leben ihre Weihe stets in Gemeinschaft mit anderen, die wie sie dazu auserwählt und berufen worden sind, Jesus als Mitglieder einer zur Kirche gehörigen Familie nachzufolgen, einer Familie, deren Band der Einheit der Glaube an den einen Gott und Herrn, die Liebe zum Heiligen Geist und die Hoffnung ist, daß sie mit ihrem Dasein zum Aufbau einer menschlichen Ordnung beitragen, in der im Hier und Jetzt die Werte des künftigen Reiches Gottes aufleuchten.
Die Gemeinschaft ist ein wesentliches Unterscheidungsmerk­mal des Ordenslebens. Durch ihr geschwisterliches Miteinander wählen die Ordensleute einen Stil des Zusammenlebens, der sein Vorbild in der Gemeinschaft Jesu mit den Aposteln hat: offen für den Willen des Vaters, eins in Christus, alles allen gemeinsam, dient ihr Leben zur höheren Ehre Gottes und Verkündigung der Guten Nachricht.
Johannes von Gott - eine charismatische Gestalt
106 Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß Johannes von Gott in jeder Hinsicht eine charismatische Persönlichkeit war. Die Menschen, mit denen er in Berührung kam, fühlten sich auf geheimnisvolle Weise zu ihm hingezogen. Sein unermüdlicher Einsatz für den Nächsten gab den Menschen zu denken und bewirkte bei vielen von ihnen eine tiefgreifende Bewußtseinsveränderung. Sein Einfluß ging weit über Granada hinaus, erreichte die Städte und Dörfer von Andalusien, Extremadura, Kastilien und Leún. An ihm war etwas, das die Menschen mitriß. Daraus ist auch der abrupte Meinungswechsel des Volkes über seine Person zu erklä­ren: Der Narr, als den sie ihn gekannt und in das Königli­che Hospital gesperrt hatten, hatte sich als Mann Gottes entpuppt. Nichts verdeutlicht diese Entwicklung besser, als die Namensän­derung, die an ihm vorgenommen wurde: Aus Johannes Ciudad wurde Johannes von Gott, der Name, mit dem er in die Geschichte der Kirche und der Menschheit eingehen sollte.
107 Aber das "Charisma", das er empfangen hatte, reichte und wies weit über seine Person hinaus: Es waren nicht nur seine Handlungen und Haltungen, die Bewunderung hervorriefen und viele andere zur Mitarbeit an seinem Werk anspornten.
Das Charisma der Hospitalität, mit dem er vom Heiligen Geist beschenkt wurde, war dazu bestimmt, als Keim in anderen Menschen weiterzuwachsen, die, durch die Erfahrung der barmher­zigen Liebe Gottes gedrängt, den Barmherzigen Jesus von Nazareth durch den Dienst an den Leidenden nach dem Vorbild vom heiligen Johannes von Gott in der Zeit lebendig erhalten wollen.[79]
Der Heilige Geist, der sich bei der Durchführung seiner Pläne oft schwacher und unbedeutender Menschen bedient, wollte in einer Zeit, in der eine von herausragenden Theologen und Ordensstiftern vorangetriebene Reformbewegung die Kirche durch­zog, die Macht seiner Liebe dadurch zeigen, daß er einen Mann ohne Bildung wie Johann von Gott erwählte, der durch nichts anderes Geschichte machte, als daß er die Liebe zu Gott und zum nächsten in ungetrübter Einheit lebte. Dadurch wurde er zum Stifter des Hospitalordens, der noch heute seinen Namen trägt.
108 Johann von Gott empfing das Charisma des Ordenslebens, denn durch ihn wirkte der Heilige Geist, von dem er "geweiht" worden war. Diese Erfahrung gab seinem Leben einen neuen Sinn. Von dem Augenblick seiner endgültigen Bekehrung an, fühlte sich Johann von Gott von der barmherzigen Liebe Gottes erfüllt und getrieben, und verwandelt von der grenzenlosen Liebe Jesu Christi. Dies war auch das Grundmotiv, aus dem er sein Leben bedingungslos in den Dienst der Armen und Kranken stellte, wie er selbst sagte:
"Und so sorge ich mich hier allein um Jesus Chri­stus... Johannes von Gott, der das Heil aller wünscht wie sein eigenes."[80]
109 Es kann also gesagt werden, daß Johannes von Gott ein "Laie" war, der in der Kirche vom Heiligen Geist mit einer besonde­ren Berufung geweiht wurde.
So verstanden jedenfalls seine Gefährten seine Person und sein Werk. Nach seinem Tod führten sie das, was von ihm geschaf­fen worden war, gemeinsam in seinem "Geist" und nach seinem Vorbild fort: zuerst in dem von ihm errich­teten Krankenhaus in Granada, dann, als sie immer mehr wurden, auch anderen Orten, wo ihr Bezugspunkt und ihr "Herz" trotz der Ferne immer in Granada blieben.
So hat auch die Kirche seine Person und sein Werk verstan­den: Päpste und Bischöfe nannten und erklärten Johann von Gott zum Stifter und Urheber des Werkes der Barmherzigen Brüder.
"... jener heilige, gerechte und gottesfürchtige Mann, als der er in seinem ganzen heiligen und reinen Leben durch die Werke, die er schuf, und die brennende Nächstenliebe, von der sein Herz zu den Armen, Kran­ken, Betrübten und Notleidenden erfaßt war, auftrat, war kraft göttlicher Eingebung der Vater, Gründer und Ursprung eurer Lebensregel und Gemeinschaft."[81]
Daraus kann eine äußerst wichtige Kernaussage hergeleitet werden: Johann von Gott hat nicht nur ein besonderes, persönli­ches Charisma erhalten, sondern ein Gründercharisma, um das sich in der Folge zahlreiche Menschen scharen sollten, um nach seinem Vorbild in der Form einer Familie in der Kirche und in der Welt weiterzuwirken.
Zum theologischen Verständnis von Charisma, Sendung und Spiri­tualität
110 Unter Anlehnung an die Lehre des heiligen Paulus wollen wir nun kurz den Begriff Charisma nach dem Verständnis der modernen Theologie definieren. Unter Charisma ist in diesem Sinn das gesamte Wirken des Heiligen Geistes im Leben des Gläubigen zu verstehen. durch das der Empfänger für den Dienst am Mitmen­schen mit den notwendigen Fähigkeiten und Voraussetzungen ausgestattet wird.
Die Kernelemente eines jeden Charismas sind demnach:
- es übersteigt die Person und wird ihr geschenkt: der Gläubige empfängt es als Gabe, ohne daß er dies verdien­te; es handelt sich also um ein reines Geschenk des Heiligen Geistes;
- es verstärkt die persönlichen Züge des Empfängers und fördert seine Persönlichkeitsentfaltung: das Wirken des Heiligen Geistes ist für den einzelnen beglückend und erfüllend;
- es gibt dem Empfänger die Kraft, sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen: die Erfahrung der Liebe Gottes ist Anstoß und Ansporn dazu, den Nächsten zu lieben.
111 Durch die Sendung, die aus dem Charisma entsteht, nimmt der Dienst an der Menschheit, zu dem die Kirche berufen ist, konkrete Gestalt an. Das bedeutet:
- sie ist unlösbar mit der Dimension des Glaubens verbun­den, durch sie erfährt der Glaube konkreten Ausdruck;
- sie prägt die gesamte Existenz des Gläubigen und gibt seinem Handeln einen "prophetischen" Sinn und Inhalt, ist An- und Verkündigung des Heilswirkens Gottes unter den Menschen, denn der Dienst ist in einem gewissen Sinn Zeichen für die Gegenwart und das Wirken Gottes in der Geschichte und mithin Ankündigung des Reiches Gottes.
112 Die Spiritualität ist die Seins- und Lebensweise, die zur persönlichen Identifikation mit Christus führt. Sie ist sozusagen die existentielle Ausdrucksform des Charismas und der Sendung. Deswegen ist die Spiritualität eine Realität, die den ganzen Menschen umfaßt, mit allem, was er ist und hat, die sein Beten genauso wie sein Zugehen auf den Mitmenschen usw. be­trifft.
In der Spiritualität äußert(n) sich demnach:
- die Form, in der man den Glauben lebt und zum Ausdruck bringt, wobei sowohl die persönliche Begegnung mit Gott als auch die Weitergabe der eigenen "Gotterfahrung" im Umgang mit den anderen sowie im tätigen Leben gemeint ist;
- die Form, in der man die Werte des Reiches Gottes in Wort und Tat mit­vollzieht und sichtbar macht;
- die Zeichen, durch die die Gegenwart Gottes und seine Liebe zu den Menschen sichtbar und erfahrbar gemacht wird;
- die Form, in der die evangelischen Räte gelebt und zum Ausdruck gebracht werden, wenn es sich um Ordensleute handelt.
113 Sendung und Spiritualität bedingen und brauchen einander. Beide haben ihren Ursprung im Charisma. Eine Spiritualität, die nicht auf die Evangelisierung hingeordnet ist, ist unvor­stellbar. Umgekehrt entbehrt eine Sendung, die nicht in einer ausgeprägten Spiritualität ihre geistige Mitte hat, jeder Daseinsgrundlage.
In den Konstitutionen des Hospitalordens werden die Kern­elemente des Charismas der Barmherzigen Brüder wie folgt darge­stellt:
"Kraft dieser Gabe sind wir durch das Wirken des Heiligen Geistes geweiht. Dieser macht uns auf einzig­artige Weise der barmherzigen Liebe des Vaters teil­haftig. Solche Erfahrung schafft in uns Gesinnungen der Güte und Hingabe, bereitet uns zur Erfüllung unserer Sendung, das Reich Gottes unter den Armen und Kranken zu verkünden und gegenwärtig zu machen. Sie verwandelt unser Sein und bewirkt, daß durch unser Leben die besondere Liebe des Vaters zu den Schwäch­sten offenbar wird. Ihnen wollen wir nach dem Vorbild Jesu das Heil bringen."[82]
Die Sendung wird so umrissen:
"Ermutigt von der empfangenen Gabe, weihen wir uns Gott und stellen uns durch die Betreuung der Kranken und Hilfsbedürftigen in den Dienst der Kirche. Unter ihnen bevorzugen wir die Ärmsten... Mit unserer Berufung zu Barmherzigen Brüdern hat Gott uns erwählt, eine Gemeinschaft des apostolischen Lebens zu bil­den."[83]
Die den Barmherzigen Brüdern eigene Spiritualität besteht im Kern darin, "die Gesinnungen Christi zum kranken und bedürf­tigen Menschen zu verleiblichen und sie durch Werke der Barmher­zigkeit zu offenbaren", dem leidenden Menschen "mit Freude" beizustehen und "Zeichen und Ankündigung des Reiches Gottes" zu sein.[84]
Die Beteiligung der Laienchristen am Leben des Ordens
114 Der Heilige Geist teilt die Charismen an konkrete Personen zum Wohl der Kirche und der Menschheit aus. Das Charisma bleibt jedoch nicht in der Einzelperson gefangen, sondern "drängt nach außen" und greift kraft dieses Dranges auf die anderen über.
Deswegen war das Charisma der Hospitalität, das Johann von Gott empfangen hat, nicht nur ein Gut für ihn selbst. Seine Wirkung erfaßte alle Menschen, mit denen er in Berührung kam: Arme und Brüder, Wohltäter, Mitarbeiter und freiwillige Helfer, die ihm bei der Ausführung der Sendung, die ihm vom Heiligen Geist anvertraut worden war, unterstützten. Wie wir bereits vorher ausgeführt haben, handelt es sich beim Charisma der Hospitalität um ein Gründercharisma. Deswegen verschwand es nicht mit dem Tod des hl. Johannes von Gott, sondern lebte und lebt noch immer in den Menschen weiter, die, wie er, dazu auserwählt werden, Wesen und Gestalt des Sohnes Gottes nach seinem Vorbild neu aufleben zu lassen (vgl. Röm 8, 29), der umherzog, Gutes tat und den Armen und Kranken die Gute Nachricht verkünde­te (vgl. Apg 10, 38; Lk 7, 22).
Das Charisma der Hospitalität, das Johann von Gott empfan­gen hat, lebt heute in der Kirche durch und in den Brüdern des Hospitalordens vom hl. Johannes von Gott weiter. Gestern wie heute versuchen sie, es in kreativer Treue an andere weiterzu­geben, seine "übergreifende" Wirkung zu bewahren, damit es in Zeit und Raum bewahrt bleibe.
115 Unter den Mitarbeitern des Ordens wird immer wieder die Frage laut:
"In welcher Weise haben wir am Charisma des heiligen Johannes von Gott Anteil?"
Mit Papst Johannes Paul II. können wir darauf zunächst antworten:"Sie (die Charismen) werden dem einzelnen gegeben, können aber von anderen geteilt werden, so daß sie als kostbares und lebendiges Erbe in der Zeit fortdauern und zwischen einzel­nen Menschen eine besondere geistige Verwandtschaft schaffen."[85] Genau in diesem Sinne ist das Charisma zu sehen, das Johann von Gott empfangen hat. Direkt haben an ihm all jene Anteil, die dieselbe Berufung wie er erhalten haben und sich im Hospitalor­den in die engere Nachfolge Christi stellen. Gemeint sind damit natürlich die Barmherzigen Brüder. Es kann gut der Fall sein, daß auch andere Personen sein Charisma erhalten, es aber aus verschiedenen Gründen nicht entdecken oder lebensmäßig entfalten können.
Die Laienchristen, die nicht dieselbe Berufung wie der heilige Johannes von Gott erhalten, haben an seinem Charisma auf indirekte Weise Anteil. Diese Form der Beteiligung am Charisma ist eine Frucht der "übergreifenden Wirkung", die von ihm ausgeht: Wer Johann von Gott durch Lektüre oder den direkten Kontakt mit seinen Brüdern kennenlernt, macht die Erfahrung, daß in sein Leben ein Lichtstrahl fällt, der in ihm den Wunsch wach werden läßt, die Hospitalität nach dem Vorbild von Johann von Gott bzw. seiner Brüder zu leben.
116 An dieser Stelle wollen wir es nicht unterlassen, auf einen wichtigen Punkt hinzu­weisen: Das Charisma der Hospitalität ist nicht ein Alleingut der Barmherzigen Brüder. Es ist eine Gabe des Heiligen Geistes an die Kirche, die sich in vielfälti­gen Formen äußert. Als solche erfahren sie und haben an ihr alle Christgläubigen Anteil.
Diese grundlegende Voraussetzung macht es erst möglich, daß diejenigen, die mit Johannes von Gott und seinem Werk in Berüh­rung kommen, die Erfahrung machen können, daß ihre Fähigkeit zur Nächstenliebe steigerungsfähig ist und in ihnen der Ruf, sie zur vollen Entfaltung zu bringen, laut wird. Doch ein jeder erhält diese Gabe in Übereinstimmung mit seiner christlichen Berufung.
Zusammenfassend kann also gesagt werden, daß das Charisma des Hospitalordens vom hl. Johannes von Gott den Mitgliedern dieser Gemeinschaft, d.h. den Barmherzigen Brüdern, wesenseigen ist und die Laienchristen, die den Drang verspüren, die Hospita­lität zu leben, an ihm insofern Anteil haben, als sie die Spiritualität und Sendung der Brüder gemäß ihrer persönlichen Berufung in ihrem Leben aufnehmen.
Selbstverständlich gibt es hier vielfältige Formen der Beteiligung. So wird es solche geben, die ein besonderes Nähe­verhältnis zur Spiritualität des Ordens haben; andere wiederum werden direkt an seiner Sendung mitwirken. Worauf es jedoch letztendlich ankommt, ist, daß die Gabe der Hospitalität, die Johann von Gott empfangen hat, unter den Brüdern und ihren Mitarbeitern ein Band der Gemeinschaft spannt, durch dessen Halt sich alle getragen und dazu angespornt fühlen, ihre christliche Berufung zur Entfaltung zu bringen und für den kranken und hilfsbedürftigen Menschen Zeichen der barmherzigen Liebe Gottes zu sein.
Die Tatsache, daß sich die Inhalte und Ausdrucksformen der Hospitalität, als dem gemeinsamen Nenner der Berufung von Brüdern und Laien, im Umfeld des Ordens gegenseitig ergänzen und durch­dringen können und sollen, bedeutet für alle Beteiligten eine große Bereicherung. Denn je tiefer der Einzelne seine christli­che Berufung in Treue zu seiner inneren Stimme verinner­licht und ausschöpft, desto beglückender erlebt er das Wirken des Heiligen Geistes und die Früchte dieses Wirkens.
117 Inwieweit der Einzelne fähig ist, Denken und Handeln des Menschensohnes im konkreten Leben nachzuvollziehen und sich ihm gleichzugestalten, hängt andererseits wesentlich davon ab, wie er aus der persönlichen Gabe schöpft, die er empfangen hat. An einer anderen Stelle haben wir diese persönliche Suche nach der Gleichgestaltung mit Christus Spiritualität genannt. Wir stellten fest, daß Spiritualität in der Praxis die existentielle Ausdrucksform von Charisma und Sendung ist und die gesamte Person umfaßt und prägt.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß sich viele Aspekte der Spiritualität des Ordens bei seinen Mitarbeitern wiederfin­den. Diese Gemeinsamkeiten gilt es auszuschöpfen und in eine engere Beziehung zueinander zu stellen. Auf ihrer Grundlage kann und soll es zu Begegnungen und Gesprächen kommen, kann und soll sich zwischen Brüdern und Mitarbeitern auch eine Gebetsgemein­schaft herausbilden. Solche Beziehungen übersteigen natürlich das Arbeitsverhältnis. Deswegen muß ihre Pflege und ihr Ausbau auch außerhalb der Arbeitszeit geplant und durchgeführt werden, damit es zu keinen Konflikten kommt. Jeder Beteiligte muß um den Aufbau und Erhalt solcher Beziehungen bemüht sein und frei und bewußt die damit verbundene Verantwortung übernehmen, zu der nicht zuletzt auch die gehört, durch sein Leben ein überzeugen­des Zeugnis zu geben.
Eine solche Beziehung und Begegnung setzt voraus, daß der Einzelne und jede Gruppe sich aus der eigenen Spiritualität und aus der eigenen Berufung heraus einbringen können, damit es zu einer echten gegenseitigen Bereicherung kommt und jeder dem anderen bei seiner "Jesussuche" Stütze und Wegweiser ist.
118 Ein Aspekt des Lebens des Ordens, an dem die Mitarbeiter unmittelbar teilhaben, ist der Dienst am kranken und hilfsbe­dürftigen Menschen. Da wir in diesem Kapitel aus der Dimension des Glaubens sprechen, dürfen wir daran erinnern, daß alle Getauften dazu berufen sind, gemäß ihrer Bestimmung bei ihrem alltäglichen Tätigsein an der Evangelisierung mitzuwirken.
Unter diesem Gesichtspunkt sind die Gläubigen, die als Mitarbeiter in den Werken des Ordens tätig sind, dazu berufen, bei ihrer Arbeit ihre Verpflichtung zur Reich-Gottes-Arbeit zu erfüllen. Neben ihrem fachlichen Können sollen sie so den Menschen, denen sie dienen, und den Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten, die Güte und Nähe Jesu Christi durch ihr Handeln vermitteln. Ihre Arbeit kann und soll auf diese Weise Mittel zur Reich-Gottes-Arbeit werden.
Manchmal beschränkt man sich darauf, sein Christsein zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Orten zu leben, und scheut sich davor, sich als Christ im Alltag und bei der Arbeit zu erkennen zu geben. Aber fragen wir uns: Gibt es einen geeigne­teren Ort als ein Krankenhaus oder eine Sozialeinrichtung, um Christus erfahrbar und sichtbar zu machen, wo doch gerade dort das Verlangen nach einer allumfassenden und allauffangenden Liebe, so wie sie nur Gott geben kann, besonders stark ist? Vergessen wir nie, daß wir als Diener der Armen und Kranken die Aufgabe haben, ihnen die Nähe und Wärme Gottes zu vermitteln.
In den Einrichtungen der Barmherzigen Brüder wird großer Wert darauf gelegt, daß im kranken und hilfsbedürftigen Menschen Christus erkannt und verehrt wird. Diese Haltung muß gepflegt und ständig aus dem Glauben weiter vertieft werden, damit der hilfsbedürftige Mensch seine persönliche Würde als Kind Gottes in ihrer ganzen Fülle erfahren kann. Dabei handelt es sich um ein "unveräußerliches Recht", das den Armen und Leidenden von Jesus verliehen worden ist. Zugleich muß jedoch noch ein anderes Recht geltend gemacht werden, nämlich das, Christi Gegenwart auch in all jenen, die für den kranken Menschen sorgen, d.h. sowohl Brüdern als auch Mitarbeitern, zu erkennen und zu vereh­ren. Diese gegenseitige Anerkennung erfordert eine ganz beson­dere An­strengung und eine ständige Erneuerung des eigenen Christseins.
119 Die Beteiligung der gläubigen Mitarbeiter der Barmherzigen Brüder an der Sendung des Ordens beschränkt sich nicht nur auf die evangelisierende Mitwirkung am apostolischen Dienst, sondern schließt auch die Aufgabe zur Wortverkündigung ein. Das heißt: Der gläubige Mitarbeiter soll für seinen Glauben einste­hen, sich als Christ in Tat und Wort zu erkennen geben und an der Pastoral mitwirken.
Die Aufgabe der Krankenpastoral bzw. der Hospitalpastoral obliegt nicht nur den Brüdern, sondern betrifft auch die anderen Gläubigen, die in einer Einrichtung der Barmherzigen Brüder tätig sind. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß der Dienst am kranken und hilfsbedürftigen Menschen Reich-Gottes-Arbeit und mithin Pastoral ist. Es kann gesagt werden, daß der aus dem Glauben heraus gelebte Dienst im kranken und hilfsbedürftigen Menschen den Boden dafür schafft, daß er für die Verkün­digung der Frohen Botschaft Christi empfänglich wird. Doch die Aufgabe der Pastoral verlangt mehr als nur einen wirksam geleisteten Dienst: Zu ihr gehören die Katechesearbeit, die liturgischen Feiern genauso wie die Pflege des Gebets.
Bei der Durchführung der Pastoralprogramme erlangt die Präsenz und das Mitwirken der Mitarbeiter einen ganz besonderen Zeichen­wert. Der Einsatz der Brüder in der Pastoral wird zurecht als eine natürliche Forderung ihrer Weihe und mithin als ihre Pflicht betrachtet. Als solche droht sie nicht selten, als Selbstverständlichkeit abgetan und "übergan­gen" zu werden. Diese Denkweise erfährt durch das lebendige Zeugnis von Männern und Frauen, die aus ihrer inneren Freiheit heraus pastoral wirken, einen heilsamen Stoß, der oft eine Bewußtseinsveränderung erzeugt.
120 Wir haben in diesem Kapitel fast ausschließlich auf die Mitarbeiter des Ordens Bezug genommen. Das will jedoch nicht heißen, daß nur sie am Charisma, an der Spiritualität und der Sendung des Ordens Anteil haben. Auch die ehrenamtlichen Helfer und die Wohltäter haben daran Anteil. Indem diese als Gläubige einen Teil ihres Lebens und ihrer Zeit selbstlos und uneigennüt­zig in den Dienst des kranken und hilfsbedürftigen Menschen stellen, knüpfen sie ein tiefes Band zu den Barmher­zigen Brüdern. Auch für sie gilt, was wir weiter oben hinsicht­lich des Dienstes als Hauptwerkzeug zur Reich-Gottes-Arbeit gesagt haben. Es versteht sich deswegen von selbst, daß auch sie eingeladen sind, direkt und aktiv in den Pastoralräten unserer Einrichtungen mitzuwirken.
121 Wo die Barmherzigen Brüder und ihre Mitarbeiter eine echte Glaubensgemeinschaft bilden, ergeben und bieten sich, wie wir gesehen haben, eine Vielfalt von tiefen Beziehungen an, die wir im folgenden noch einmal kurz zusammenfassen wollen:
- Die Erfahrung und Einbringung der eigenen Berufung, im Rahmen derer wir auf das besondere Wirken des Heiligen Geistes in unserem Leben (Charisma) eingehen und anspre­chen, schafft den Boden für eine Beziehung, in der sich die Gaben, die wir erhalten haben, in ihrer ganzen Fülle zur Bereicherung aller entfalten können und sollen. Die gegenseitige Durchdringung und gemeinsame Teilhabe an den verschiedenen Gaben ist für den Einzelnen Anstoß und Anregung, die eigene Berufung treu zu leben und den anderen zu helfen, damit auch sie ihre christliche Identität konsequent leben.
- Mit der Gabe des Lebens und der Taufe ist uns die Bestim­mung mit auf den Weg gegeben worden, Christi Denken und Handeln aufzunehmen und uns ihm in Übereinstimmung mit unserer Identität gleichzugestalten. Diesen Lebensbereich haben wir "Spiritualität" genannt. Aus ihr sollen die Barmherzigen Brüder und ihre Mitarbeiter eine am Glauben orientierte Beziehung zueinander aufbauen, die durch Begegnungen, das Gebet und die Feier der Liturgie konkret zum Ausdruck gebracht werden soll. In diesem Sinn kann und soll die Spiritualität zur Krönung ihres gemeinsamen Dienstes am kranken und hilfsbedürftigen Menschen werden.
- Der Auftrag zur Verkündigung der Frohen Botschaft und zur Zeugnisablegung für Christus verlangt von allen Beteilig­ten, Brüdern und Mitarbeitern, den Dienst am Nächsten als Mittel zur Reich-Gottes-Arbeit zu betrachten und zu leben. Das kann und soll vor allem durch ein Handeln geschehen, durch das dem Leidenden die Nähe und Gegenwart Christi vermittelt wird. Zugleich beinhaltet diese Aufgabe, daß ein jeder im Bereich seiner Möglichkeiten aktiv und verantwortungsbewußt an der Pastoralarbeit im Umfeld der Einrichtung, in der er tätig ist, mitwirkt.
Wer dem anderen in Liebe dient,
hat Anteil am "Geist" des heiligen Johannes von Gott
122 Viele Mitarbeiter des Ordens haben nicht den Glauben an Christus und stehen der christlichen Religion fern. Trotz­dem fühlen sie sich in vielen Fällen von Johann von Gott angezo­gen und nehmen ihn sich bei ihrem Dienst am Kranken und Hilfsbe­dürftigen zum Vorbild.
Streng genommen, haben diese Personen nicht Anteil an seinem "Charisma". Aber Jesus hat uns gezeigt, daß unter den Menschen eine Gemeinschaft möglich ist, die über das Bekenntnis und die bewußte Aufnahme des Glaubens hinausgeht. Im Matthäus­evangelium (25, 37-40) wird uns gesagt, daß der Dienst an den Armen und Kranken "Heilssakrament" für diejenigen ist, die ihn erfüllen, selbst dann, wenn sie ihn nicht bewußt als Dienst am Herrn wahrnehmen. Das heißt, daß vom Dienst am Nächsten, inso­fern er im Zeichen der Solidarität und der Berufsethik ausge­führt wird, eine innere Kraft ausgeht, die Gemeinschaft möglich macht und bewirkt.
123 Wenn wir genannten Text auf die Frage der Beteiligung am Charisma des heiligen Johannes von Gott übertragen, gelan­gen wir zu folgenden, wichtigen Feststellungen.
- Für die Brüder gilt: Der Mensch in Not ist "Sakra­ment" der Gemeinschaft für all jene, die sich darum bemühen, ihm zu helfen. Die Tatsache, daß in den Einrichtungen des Ordens zahlreiche Menschen guten Willens mit den Brüdern zusammenarbei­ten, die nicht ihren Glauben haben, muß für die Brüder Anstoß dazu sein, den Dialog und die Freund­schaft mit ihnen zu suchen. Andererseits sollen diese Menschen Adressaten des christlichen Zeugnisses der Brüder sein. Das überzeugendste Zeugnis wird in diesem Sinn das des echten Dienstes am hilfsbedürftigen Menschen sein, d.h. das Mitleiden mit ihm, die Solidarität mit ihm, die Anerkennung und Achtung seiner Menschenwürde. Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, daß der Heilige Geist durch unser Leben die Existenz all jener erhellen will, die ihn noch nicht erkannt haben, damit auch sie für die Liebe und den Heilswillen Gottes empfänglich werden.
- Für die Mitarbeiter, die den Dienst am Nächsten in der Hauptsache aus rein innerweltlichen Motivationen ausüben, gilt: Sie sollen für die Dienstform, die Johann von Gott im Gesundheits­wesen begründet hat und von seinen Brüdern als kostbares Erbe gehütet wird, offen und ansprechbar sein und im Sinne dieser Dienstauffassung den Menschen in Not als "Mitte" aller ihrer Anstrengungen und Bemühungen betrach­ten. Der Mensch in Not soll für sie, wie für Johann von Gott, Anruf zur Solidarität und Überwindung jedweder Diskrimination unter den Menschen sein. Sie werden gut daran tun, sich mit der Gestalt des hl. Johannes von Gott eingehend auseinanderzusetzen, um in ihm "den Bruder aller Menschen" zu erkennen, der jenseits aller Ideologien und sozialen Klassenunterschiede den Dialog mit jedem einzelnen suchte. Seine Wahrheitsliebe sollte für sie Anstoß sein, sich den Fragen zu stellen, die sich aus dem täglichen Umgang mit dem Leid und dem Tod ergeben und an die Wurzeln des eigenen Seins wie auch des Seins der gesamten Menschheit rühren.
Aus dieser Sicht können und sollen auch die Mitarbeiter, die dem christlichen Glauben fernstehen, am Charisma des heili­gen Johannes von Gott Anteil haben; und zwar nicht nur als Nutznießer in dem Sinn, daß sie in Werk und Person des heiligen Johannes von Gott das höhere Walten Gottes erkennen können, sondern auch als Mitgestalter an der Aufgabe, aus dieser Welt einen "Ort" zu machen, an dem sich alle Menschen als Brüder begegnen. Denn darin bestand im Kern das Werk Christi; darauf läuft das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche hinaus.
124 Johann von Gott lebt in den Einrichtungen des Ordens, den er ins Leben gerufen hat, weiter. Denn:
- seine grenzenlose Liebe zu den Kranken und Hilfsbedürfti­gen, die durch das Zusammenspiel von Dienst, Verständnis und Hingabe zu einem bedingungslosen Für-Den-Anderen-Dasein wurde;
- sein Eintreten für die Rechte des Schwächsten und den Schutz des Lebens;
- sein Wunsch und seine Suche nach dem Heil aller;
- seine tief ausgeprägte Liebe zu Jesus Christus als Mitte all seines Denkens und Handelns
sind die treibende Kraft all derer, die, wie er, ihr Leben dem Dienst an den Kranken und Hilfsbedürftigen widmen.
Derselbe Geist, von dem Johann von Gott erfüllt und beseelt war, läßt uns Brüder und Mitarbeiter täglich von neuem die beglückende Erfahrung der Liebe Gottes zu allen Menschen machen und drängt uns, diese Erfahrung den Kranken und Hilfsbedürftigen durch unseren Dienst und durch unsere Nähe mitzuteilen. Derselbe Geist stiftet unter uns ein Band der Gemeinschaft, getragen von der wir gemeinsam an der großen Aufgabe arbeiten wollen, dem Leben zu dienen und das Leben zu fördern, um das Reich Gottes sichtbar und erfahrbar zu machen. Derselbe Geist hält in uns das Bewußtsein wach, daß wir die Berufung, die uns von ihm gegeben wurde, treu entfalten sollen, um als lebendige Glieder des Volkes Gottes ein klares Zeichen für die Bestimmung der Mensch­heit zur "Gemeinschaft" zu geben und Christus als das allumfas­sende und allauffangende Prinzip der Schöpfung gegenwärtig zu machen.
Bevor wir unsere Arbeit abschließen, halten wir es für angezeigt, kurz auf die wichtigsten Schlußfolgerungen hinzuwei­sen, die sich aus der vorliegen­den Schrift ergeben. Sie haben sowohl eine theoretische als auch eine praktische Wertigkeit.
Theoretische Wegweisungen
125 In diesem Bereich wird eine schematische Darstellung genügen, weil die theoretischen Grundlagen des Miteinanders von Brüdern und Mitarbeitern bereits in den Kerngedanken des Hauptgebäudes der vorliegenden Schrift erfaßt worden sind. Fassen wir zusammen:
- Aus dem Miteinander von Brüdern und Mitarbeitern ergeben und bieten sich vielfältige Möglichkeiten an, die gegen­seitigen Beziehungen fortschreitend zu vertiefen und zu festigen.
Diese Möglichkeiten eröffnen sich einmal aus der allen Menschen gemeinsamen Berufung zur Gemeinschaft und zum anderen aus den Motivationen, aus denen die in den Einrichtungen des Ordens tätigen Menschen den Dienst am Kranken und Hilfsbedürfti­gen versehen.
Wir sprechen hier bewußt von einer fortschreitenden Vertie­fung, weil es zwischen Brüdern und Mitarbeitern bereits auf verschiedenen Ebenen vielfältige Beziehungen gibt. Es handelt sich also nicht darum, einen Neuanfang zu setzen, sondern das Gewachsene zu erhellen, zu festigen und zu vertiefen.
- Zwischen Brüdern und Mitarbeitern bieten sich, wie gesagt, verschiedene Ebenen des Miteinanders und Austau­sches an, die von Mal zu Mal von den Motivationen be­stimmt sein werden, aus denen heraus sich der Einzelne und die vertretenen Gruppen dem Dienst am Kranken und Hilfsbedürftigen widmen.
- Die Anerkennung, Schätzung und Achtung des Einzelnen wie auch der vertretenen Gruppen kann und soll in einer Atmosphäre des gegenseitigen Offenseins und Dialogs mit Respekt vor den Ideen und Meinungen aller Beteiligten gefördert werden.
- Die arbeitsmäßigen Beziehungen müssen von den Beziehun­gen, die auf anderen Werten und Motivationen aufbauen, unterschieden werden, obgleich es dabei manchmal zu Überschneidungen kommen kann.
126 Der Orden muß sich der Konsequenzen, die ihm aus der Tatsache entstehen, daß er Eigentümer und Verwalter der Einrich­tungen ist, bewußt sein und für die damit verbundene Verant­wortung gemäß seinem Charisma, seinem Sendungsauftrag und seiner Spiritualität vor der Kirche und Welt einstehen. Des­wegen:
- richtet er sich nach der Soziallehre der Kirche und den ger­echten Verfüg­ungen eines jeden Landes, um den Ansprü­chen und Rechten der ihm anvertrauten Menschen und seiner Mitarbeiter zu entsprechen;
- fördert und sucht er die "Gemeinschaft" mit den Mitarbei­tern, die sich als Gläubige verstehen, um zu ihnen in eine auf dem Glauben und Apostolat aufbauende Beziehung zu treten.
Praktische Wegweisungen
127 Aus dem eben Gesagten leiten sich folgende Schlußfolgerungen für die Praxis her:
- Die vorliegende Schrift soll ordensweit verbreitet und von den Brüdern und Mitarbeitern studiert und diskutiert werden. Zu diesem Zweck sollen Begegnungen, Seminare usw. abgehalten werden, die wenigstens teilweise unter gemein­samer Beteiligung von Brüdern und Mitarbeitern stattfin­den sollen.
- Die verantwortlichen Leitungsgremien der Einrichtungen des Ordens sollen:
* die Mittel und Wege ausbauen, durch die das gegen­seitige Sich-Kennenlernen, Annehmen und Miteinander zwischen Brüdern und Mitarbeitern verbessert werden kann;
* unter den Mitarbeitern das Gedankengut des Ordens unter Anwendung der geeignetsten Mittel verbreiten;
* die Informations- und Kommunikationssysteme zwischen den einzelnen Bereichen zur besseren Ziel- und Situa­tionsdarstellung der gesamten Einrichtung hinorien­tieren;
* die Weiterbildung fördern, wobei durch personalüber­greifende Veranstaltungen, wie z.B. Podiumsdiskus­sionen, Kurzseminare mit fachlichen und humanwissen­schaftlichen Inhalten, die ganzheitliche Bildung der Teilnehmer angestrebt werden sollte. Bei einigen Initiativen sollten Brüder, Mitarbeiter und ehren­amtliche Helfer gemeinsam teilnehmen;
* im Rahmen des Möglichen die Familien der Mitarbeiter und der ehrenamtlichen Helfer mit Initiativen frei­zeitgestalterischen und sozialen Charakters erreichen.
- Der Orden als Ordensfamilie soll:
* die Brüder motivieren und anregen, damit sie ihre Berufung als gottgeweihte Menschen und ihr Gesandtsein als Reich-Gottes-Arbeiter unter den Kranken und Hilfsbedürftigen konsequent nach innen und nach außen leben;
* die "Gemeinschaft" und die Beziehung der Brüder mit den Christgläubigen in den Einrichtungen durch ent­sprechende Weiterbildungsangebote zu diesem Thema sowie durch Diskussionsbegegnungen, Studiumstagungen und Momente des gemeinsamen Gebets fördern;
* Begegnungen mit den Mitarbeitern zum besseren Ver­ständnis von Spiritualität und Sendung des Ordens veranstalten;
* den Aufbau von Freundeskreisen zur Unterstützung der Werke der Barmherzigen Brüder fördern;
* die Bildung einer am "Geist" des Ordens orientierten und inspirierten Laienvereinigung fördern und dazu ein entsprechendes Statut zur Zielsetzung und Aufgaben­stellung veranlassen;
Animations- und Koordinierungsorgane
128 Inhalt und Zielsetzungen dieses Dokuments verlangen eine geringfügige Umänderung der Animations- und Koordinierungs­organe des Ordens. In Zukunft sollen so gebildet werden:
n Das Sekretariat für die Animation und Koordinierung der Mitarbeiter mit der Aufgabe, die Initiativen und Tätigkeiten zu fördern, zu animieren und zu koor­dinieren, die zu einem engeren Miteinander von Brüdern und Mitarbeitern beitragen können.
In diesem Organ sollen alle Personen, die in der einen oder anderen Form mit dem Orden zusammenarbeiten, mitwirken können, d.h. Mitarbeiter, ehrenamtliche Helfer und Wohltäter.
n Der Laienverein des hl. Johannes v. Gott, dem beizu­treten, die Generalkurie und die Provinzialate alle Mitarbeiter, Freunde und Wohltäter des Ordens einladen werden, die aus ihrem Glauben heraus sich enger an ihn anschließen wollen.
[1] Erklärungen des 62. Generalkapitels, S. 15
[2] Christifideles laici. Editrice Vaticana, Vatikanstadt 1988, S. 23
[3] Erklärungen des 62.Generalkapitels, S. 15
Der Terminus "Mitarbeiter" wird in den verschiedenen Sprach- und Kulturbereichen, in denen der Orden tätig ist, unterschiedlich aufgefaßt. Um eine einheitliche Linie zu wahren, ist er im vorliegenden Dokument in der Bedeutung übernommen worden, die ihm in den Erklärungen des Generalkapitels gegeben wurde.
Wir sind uns bewußt, daß es sich dabei sowohl sprachlich als auch begrifflich um eine behelfsmäßige Lösung han­delt. Zu dem "Mitarbeiterkreis" des Ordens gehören nämlich in diesem Sinn auch viele andere Personen, wie von demselben Generalkapitel wie folgt unterstrichen wurde:"Wir wenden uns auch an die vielen tausend Männer und Frauen, die als Priester oder Ordensleute anderer Kongregationen, als Mitarbeiter, als ehrenamtliche Helfer und als Wohltäter mit den Mitbrüdern in der Betreeung der Kranken und Hilfsbedürftigen zusammenarbeiten" (S. 5).
[4] Konstitutionen 1984, Art. 1d, 5a, 2c und 3b
[5] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 51d
[6] CASTRO, F. Geschichte des Lebens und der heiligen Werke des Johannes von Gott, Erste Biographie des hl. Johannes von Gott (16.Jh.), deutsche Übersetzung von Dr. Karl Braun, Johann von Gott Verlag, München, 1977, S. 63
[7] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 47b-d
[8] JOHANNES VON GOTT, Zweiter Brief an Gutiérrez Lasso (G.L.), 5. Im folgenden wird auf die Briefe des hl. Johannes von Gott unter Angabe der Anfangsbuchstaben der Empfänger Bezug genommen.
[9] Vgl. Konstitutionen 1926, Art. 221b, 223; Konstitutionen 1984, Art. 6a-d, 43d, 45, 69bc, 72b, 103bc
[10] Vgl. JOHANNES VON GOTT, 1° H.S., 13; Konstitutionen 1982, Art. 1
[11] In diesem Zusammenhang verweisen wir auf folgende Zeugnisse:
"... mein Sohn Bautista, wenn Ihr in das Haus Gottes kommt... habt Ihr viel zu gehorchen und noch viel mehr zu leiden, als Ihr gearbeitet habt - und Euch aufreiben, um die Armen und Kranken zu heilen - und all dies um der Liebe Gottes willen." L.B., 10.11
"Jener (Johannes von Gott) war der Vater, Gründer und Ursprung eurer Regel und eurer Gemeinschaft und dieses eures Hospitals. In diesem heiligen und bewundernswerten Werk führt ihr in tiefchristlichem Geiste das Werk eures Stifters fort." Regel und Konstitution des Hospitals von Granada, aus den Urkonstitutionen, Madrid 1977, S. 9
"Das Beispiel des Lebens, das Johann von Gott hinter­ließ, war so groß und gefiel so vielen Menschen, daß viele sich angetrieben fühlten und noch fühlen, ihn nachzuahmen und ihm auf seinem Weg zu folgen; sie wollen unserem Herrn dienen und seinen Armen und den Beruf der Krankenpflege nur um Gottes willen ausüben." CASTRO, F. Geschichte des Lebens und der heiligen Werke des Jo­hannes von Gott, S. 125
[12] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 8 und 21
[13] Vgl. ibid., Art. 41, 42, 44, 45ab, 50, 51; Generalstatu­ten, Art. 61
[14] Konstitutionen 1984, Art. 23
[15] Vgl. Konstitutionen 1926, Art. 222; Konstitutionen 1982, Art. 5a und 22; Generalstatuten, Art. 51
[16] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 47
[17] Vgl. Generalstatuten, Art. 52
[18] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 46b, 51e; Generalstatu­ten, Art. 53-55
[19] Vgl. Centesimus Annus (C.A.), Vatikanverlag, 1991, Nr. 25
[20] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 2, 3, 12c und 14. In Art. 13ad heißt es dazu ausdrücklich:"Die in der Profeß versprochene Armut treibt uns an, sie zu leben und deutlich zu bezeugen. Das bedeutet: (...) - die Gegeben­heiten unseres Armseins zu leben und aus der Freiheit des Geistes die allgemeine Verpflichtung zur Arbeit als Mittel des Lebensunterhaltes und des Apostolates anzunehmen."
[21] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 44
[22] Vgl. E.T., Nr. 44
[23] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 13 und 100; General- statuten, Art. 160
[24] E.T., 19
[25] Konstitutionen 1984, Art. 45
[26] Vgl. C.A., Nr. 32 und 35
[27] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 23a
[28] Vgl. L.G., 11; A.A., 11; E.N., 71
[29] Christifideles laici, S. 23
[30] Ibid., S. 22-23; vgl. Lumen Gentium, 31
[31] Ibid., S.38 und 35; vgl. Lumen Gentium, 38 und 31
[32] Vgl. Ibid., S. 43
[33] Christifideles laici, S. 107
[34] Ibid., S. 112. In diesem Zusammenhang weist der Papst eindringlich auf die Gefahren hin, denen heute das menschliche Leben durch die bedenkenlose Anwendung der biologischen und medizinischen Wissenschaften und der technologischen Möglichkeiten ausgesetzt ist. Deshalb lädt er alle Gläubigen zur Wachsamkeit im Zusammenhang mit diesen Fragen ein und erinnert sie an ihre Ver­pflich­tung, ihr ethisches Handeln nach den Grundsätzen der Kirche zu orientieren. Sie müssen sich, so der Heilige Vater, "mutig den Herausforderungen, die sich aus den neuen Problemen der Bioethik ergeben, stel­len." S. 114
[35] Ibid., S. 115
[36] Ibid., S. 123. In diesem Kontext hebt der Papst ganz besonders die Aktualität der "verschiedenen Formen freiwilligen Einsatzes" hervor.
[37] Vgl. Ibid., S. 130-133
[38] Christifideles laici, S. 172
[39] Vgl. Ibid., S. 136-161
[40] Zweites Vatikanisches Konzil. Botschaft an die Armen, Kranken und alle Leidenden, 7
[41] Christifideles laici, S. 167; vgl. S. 166-169
[42] Ibid., S. 168-169
[43] Konstitutionen 1984, Art. 7
[44] E.T., 7
[45] Lumen Gentium (L.G.), 44
[46] Konstitutionen 1984, Art. 2b
[47] Vgl. Lk 4, 18-21; Mt 8, 16-17; 12, 15-21
[48] L.G., 44
[49] Konstitutionen 1984, Art. 7c
[50] Ibid., Art. 1d
[51] Ibid., Art. 7c
[52] Ibid., Art. 2b
[53] Vgl. Ibid., Art. 5b und 7c
[54] Ibid., Art. 28a
[55] Vgl. Ibid., Art. 28-30
[56] Vgl. Ibid., Art. 28-30; 33-34
[57] Vgl. Mk 3, 13-15.35; Joh 1, 13; Konstitutionen 1984, Art. 26c
[58] Vgl. Konstitutionen 1982, Art. 6c; 14; 16b; 17b; 18d; 19; 36; 37; 43c; 51g
[59] Ibid., 26b
[60] Vgl. Joh 13, 35
[61] Konstitutionen 1984, Art. 38f
[62] Joh 17, 21
[63] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 41
[64] Erklärungen des 62.Generalkapitels, S. 36
[65] Konstitutionen 1984, Art. 2bc
[66] Vgl. Ibid., Art. 2a
[67] Ibid., Art. 1a
[68] Unsere Hospitalität Barmherzige Brüder - Im Aufbruch in das Jahr 2000, Nr. 86
[69] 2 G.L. 5, 4
[70] Konstitutionen 1984, Art. 1ab
[71] Castro F., Geschichte des Lebens..., S. 125
[72] Ibid., S. 95
[73] Ibid., S. 115
[74] Ibid., S. 73
[75] Vgl. 3 D.S., 7
[76] 3 D.S., 7
[77] Vgl. Urkonstitutionen 1585, S. 44
[78] Vgl. L.G., Nr. 43-46
[79] Vgl. Konstitutionen 1984, Art. 2
[80] 2 G.L., 7; 19
[81] Urkonstitutionen 1585, S. 9
[82] Konstitutionen 1984, Art. 2b
[83] Ibid., Art. 5ab
[84] Ibid., Art. 3
[85] Christifideles laici, S. 66

References: Art. 1
 Art. 51
 Art. 47
 Art. 221
 Art. 6
 Art. 1
 Art. 8
 Art. 41
 Art. 61
 Art. 23
 Art. 222
 Art. 5
 Art. 51
 Art. 47
 Art. 52
 Art. 46
 Art. 53
 Art. 2
 Art. 13
 Art. 44
 Art. 13
 Art. 160
 Art. 45
 Art. 23
 Art. 7
 Art. 2
 Art. 7
 Art. 1
 Art. 7
 Art. 2
 Art. 5
 Art. 28
 Art. 28
 Art. 28
 Art. 26
 Art. 6
 Art. 38
 Art. 41
 Art. 2
 Art. 2
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 2
 Art. 2
 Art. 5
 Art. 3