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Timestamp: 2019-11-12 18:37:24+00:00

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Ausbildungsplatz Europa - Die Bildungsprogramme der Europäischen ... | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
150 Seiten, Note: 2
Mag Stefan Fersterer (Autor)
III ENTWICKLUNGSSTUFENDER
EU - BILDUNGSPOLITIK BIS 1995
3.1.4 Maastricht als Expansionsund Wendepunkt
IV PROGRAMMGENERATION 1995 - 1999
V PROGRAMMGENERATION 2000 - 2006
VI PROGRAMMGENERATION 2007 - 2013
VII LEISTUNGSFÄHIGKEIT DER EU - BILDUNGSPROGRAMME - AUFBAUUNDVERWALTUNG
Abbildung 3: Budgetentwicklung EU-Bildungsprogramme
Als Ausgangspunkt für die Wahl dieser Thematik dient die im Zusammenhang mit den europäischen Bildungsprogrammen stets positiv besetzte Mobilität. Der Arbeitsschwerpunkt blickt hinter die Fassade einer ständig als „Erfolgsgeschichte“ dargestellten gemeinschaftlichen Bildungspolitik. Hierbei wird die allgemeine Entwicklung der gemeinschaftlichen Bildungsprogrammatiken nachgezeichnet, Stärken- Schwächen-Profile des Allgemeinbildungsprogramms „Sokrates“ (insbesondere „E- rasmus“), des Berufsbildungsprogramms „Leonardo da Vinci“ und des Programms
„Jugend“ erstellt, Hindernisse und Herausforderungen der Mobilität aufgezeigt und der tatsächliche Mehrwert für die beteiligten Akteure ermittelt.
- Welche Einflussfaktoren haben wesentlich zur Entwicklung der EU- Bildungspolitiken beigetragen?
- Die konzeptionelle und verwaltungstechnische Implementierung der EU- Bildungsprogramme hat sich im Verlauf der beiden vergangenen Programmperioden in eine positive Richtung entwickelt.
- Die EU-Mobilitätsprogramme begünstigen die Entwicklung einer proeuropäischen Elite und tragen damit wesentlich zur Entwicklung einer europäischen Bürgerschaft bei.
Das erste Kapitel (II) widmet sich der Definition von zentralen Begriffen, wobei insbesondere der Terminus „Mobilität“ abzuklären und einzugrenzen ist. Daran anschlie- ßend zeichnet Abschnitt III die historische Entwicklung der EU-Bildungsprogramme bis 1995 nach und legt hier insbesondere das Augenmerk auf die Hintergründe der kontinuierlichen Kompetenzausweitung der Gemeinschaft in diesem Politikbereich. Darauf aufbauend beschäftigen sich Kapitel IV (1995-1999) und V (2000-2006) eingehend mit den neuen Programmgenerationen ab 1995 in den drei zentralen Bereichen Allgemeinbildung, Berufsbildung und Jugend. Dabei werden bereits anhand der Programmbeschlüsse Entwicklungen und Veränderungen aufgezeigt, die schließlich in die Darstellung der aktuellsten Initiativen für den Zeitraum 2007-2013 (Kapitel VI)
münden. Zudem widmet sich dieser Part in prägnanter Form theoretischen Diskursen zum „Lebenslanges Lernen“ und weiteren Europäisierungsprozessen im Bildungsbereich, die teils wesentlich die zentralen EU-Bildungsprogrammatiken beeinflussen.
In einem weiteren Schritt (Kapitel VII) wird die Konzeption und Verwaltung der EU- Bildungsprogramme kritisch unter die Lupe genommen, wobei hier schwerpunktmä- ßig auf die Implementierungsphasen 1995-1999 und 2000-2006 eingegangen wird. Zentrale Bedeutung kommt ebenfalls dem daran anschließenden Abschnitt (Kapitel
VIII) zu, wo die Mobilitätsinitiativen in den Mittelpunkt rücken und deren Ausund Folgewirkungen auf die Schlüsselakteure bewertet werden.
Als Ergänzung der Literaturanalyse und zur Überprüfung der daraus gewonnenen Ergebnisse wurden darüber hinaus insgesamt 5 Experteninterviews durchgeführt, deren durchschnittliche Dauer jeweils ca. 45 Minuten betrug. Bei der Auswahl der Gesprächspartner wurde das Hauptaugenmerk darauf gelegt, für jedes der drei Pro-
gramme (Sokrates, „Leonardo da Vinci“ und „Jugend“) jeweils einen Vertreter einer regionalen Vermittlungsbzw. Durchführungsstelle kritisch zum Programmablauf und dessen Auswirkungen zu befragen. Zudem wurden zwei Interviews mit Repräsentanten der nationalen Durchführungsstellen von „Sokrates“ und „Leonardo“ (Nationalagentur „Lebenslanges Lernen“) sowie „Jugend“ (Nationalagentur „Interkulturelles Zentrum“) durchgeführt, um die Thematik nochmals aus einem anderen Blickfeld zu beleuchten.
Seit ihrer Neustrukturierung mit dem Start der Programmphase im Jahr 1995 finden die gemeinschaftlichen Bildungsinitiativen der Europäischen Union im Wesentlichen in den drei Strängen Allgemeinbildung, Berufsbildung und „Jugend“ Niederschlag. Obwohl Bildung naturgemäß auch in anderer Politikbereichen der Union eine Rolle spielt, stellen die Aktionsprogramme „Sokrates“ (Allgemeinbildung), „Leonardo da Vinci“ (Berufsbildung) und „Jugend“[1] (Jugendbegegnung, Europäischer Freiwilligendienst und Jugendarbeiterfortbildung) die zentralen Instrumente dar, mit denen die Gemeinschaft hauptsächlich auf die Förderung der Bildung von jungen Menschen abzielt. In dieser Arbeit beziehen sich die Begriffe EU-Bildungspolitik, EU- Bildungsprogramme o. ä. hauptsächlich auf die angeführten Programme sowie auf das Programm für Lebenslanges Lernen, das für die Programmperiode 2007-2013 das Allgemeinbildungsprogramm „Sokrates“ und das Berufsbildungsprogramm „Leonardo da Vinci“ in einem integrierten Programm zusammengefasst hat.
Als Mobilität wird die „Bewegung von Personen oder Personengruppen aus einer gesellschaftlichen Position in eine andere“ bezeichnet. Mobilität bezieht sich für gewöhnlich nicht auf ganze gesellschaftliche Gruppen (kollektive Mobilität), sondern es handelt sich in der Regel um die Mobilität von Einzelpersonen - die individuelle Mobilität. (Nohlen 1998, 392-393)
Die Mobilitätsinitiativen in den Bildungsprogrammen der Europäischen Union zielen primär auf die Förderung einer temporären, räumlich-residenziellen[2] Mobilität ab. Diese kann einerseits zu einer permanenten Mobilität beitragen, andererseits strebt sie mittelbis langfristig positive Auswirkungen auf die soziale Mobilität und damit auf die Arbeit, das Einkommen und den sozialen Status an.
Abbildung 1: Darstellung Programmentwicklung EU-Bildungspolitik (eigene Grafik)
III IENTWICKLUNGSSTUFEN DER EU- BILDUNGSPOLITIK BIS 1995
In den Verträgen von Paris (zur Gründung der EGKS, 1951) und Rom (zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft, 1957) finden sich die ersten Anzeichen dafür, dass die zunächst primär auf wirtschaftliche Belange ausgerichtete Gemeinschaft überdies auch Kompetenzgewinne im bildungspolitischen Bereich anstrebt. Der Vertrag von Rom enthält jedoch lediglich einen auf Berufsbildung bezogenen Passus, der an die Hauptantriebsfeder zur Schaffung eines gemeinsamen Waren-, Dienstleistungsund Kapitalmarktes gebunden ist (Ertl 2002, S. 7).
Wäre es nach den ehrgeizigen Plänen der Kommission gegangen, hätte allerdings bereits ca. 10 Jahre früher ein gemeinschaftliches Berufsbildungsprogramm gestartet werden können. Verhindert wurde die erste Initiative zur Schaffung eines Aktionsprogramms zur Berufsbildung sowie ein zweites Bestreben zur Umsetzung eines beschleunigten Berufsausbildungsprogramms[5] aber hauptsächlich durch Kompetenzund Finanzierungsstreitigkeiten mit einigen Mitgliedsstaaten, zuvorderst mit Deutschland und Frankreich (Petrini 2004, 56-57). Zudem wurden in den 1970-er Jahren die weit reichenden bildungspolitischen Pläne durch Rückschläge wie die Energieund Finanzkrise abgebremst, da infolgedessen Integrationsthemen zugunsten nationaler Interessen deutlich in den Hintergrund rückten (CHEPS 2000, 20).
Das erste gemeinschaftliche Aktionsprogramm für Bildung (1976) widmete sich, als Reaktion auf die verstärkt auftretende Problematik der Jugendarbeitslosigkeit, Maß- nahmen wie der Bewältigung eines reibungsloseren Übergangs von Jugendlichen von der Pflichtschule zur Arbeitswelt, der Verbesserung des Ausbildungsangebots für arbeitende Migranten sowie kooperationsfördernden Bereichen wie beispielsweise dem wechselseitigen Verständnis der unterschiedlichen Bildungssysteme und der Förderung der Sprachausbildung in den Mitgliedsstaaten (Corbett 2003, 322). Jenes erste gemeinschaftliche Aktionsprogramm wurde zwar nicht als sehr weitreichend empfunden (de Wit/Verhoeven 2001, 181), stellte jedoch ein starkes politisches Signal dar, auf gemeinschaftlicher Ebene kooperieren zu wollen. Das Harmonisierungsverbot und die Erhaltung der Diversität der Bildungssysteme mussten wiewohl streng beachtet werden (Pépin 2007, 123).
Das vorerst für drei Jahre anberaumte erste Aktionsprogramm für Bildung wurde spä- ter prolongiert und konnte vor allem dahingehend Erfolge verbuchen, dass die Berufsbildungsinfrastruktur in wirtschaftlich strauchelnden Regionen (z.B. Süditalien, Irland, Nordirland) konsolidiert und ausgebaut wurde (Ertl 2003, 7). Probleme hinsichtlich der Implementierung des Programms traten hingegen als Folge der fehlenden Rechtsbasis für Bildung in den Verträgen von Rom auf. Zu Beginn der 1980-er Jahre (1981) entschied sich die Kommission für die Eingliederung der Bereiche Allgemeinbildung, Berufsbildung und Jugendpolitik in ihre Generaldirektion (GD) für Arbeit und Soziales. Folglich wurde die Allgemeinbildung aus der GD Forschung herausgelöst, um damit diese Bereiche enger aufeinander abstimmen zu können (Pépin 2007, 124).
Einen wesentlichen Beitrag zum Ausbau der EG-Aktivitäten im Bildungsund Ausbildungsbereich ab Mitte der 80-er Jahre leisteten diverse Rechtssprüche des EuGH, die den Artikel 128 des EWG-Vertrags für die Erweiterung der Kompetenzen der Gemeinschaftsorgane in diesem Politikbereich auslegten. Insbesondere wurde der Begriff „Beruf“ weiter ausgelegt, was es der Kommission ermöglichte, Kompetenzen im Bereich Hochschulund Weiterbildung zu übernehmen (Ertl 2003, 8). Hierbei gelten die Fälle “Gravier”[6] und “Erasmus” als einflussreichste Entscheidungen in einer Serie von Fällen, die geholfen haben gewisse Rechte und Erwartungen aufzubauen. (Ertl 2000, zitiert nach Ertl 2003, 5; Fritsch 1998, 15ff.) Neben der Klärung nach Vorliegen des Diskriminierungsverbots nach Artikel 7 EWGV hatte der Gerichtshof beim Fall Gravier zu entscheiden, ob der Unterricht in der Fachrichtung „Comic Strips“ in den Anwendungsbereich des EWG-Vertrags fällt. Die Bejahung beider Fragen durch den EuGH hatte zur Folge, dass der Begriff der Berufsausbildung fortan die Hochschulbildung inkludierte, da ein Studium auch der Berufsausbildung diene und insofern von Artikel 128 EWGV zu erfassen sei. (EuGH 1985, Entscheidungsgrund 30)
Ironischerweise dürfte sich das Fehlen einer klaren Rechtsbasis für den Bildungsbereich als hilfreich bei der Kreierung der neuen gemeinschaftlichen Bildungsaktionen erwiesen haben. Dies ermöglichte es der Kommission eine kreative Bildungsprogrammatik zu schaffen. Diese Kreativität und Freiheit wäre laut De Wit (2002, 52) schwieriger zu schaffen gewesen, wenn dafür eine formale Rechtsstruktur existiert hätte. Am Beginn dieser Expansionsphase steht die Initiative „Comett“ (EG-
Aktionsprogramm in technologischer Bildung und Ausbildung[7]), die ein Jahr nach ihrer Gründung 1986 durch die folgenden Programmen ergänzt wurde:
- „Erasmus“ (EG-Aktionsprogramm für die Mobilität von Universitätsstudierenden) und etwas später
- „Petra“ (1988) (EG-Aktionsprogramm für Berufsausbildung von Jugendlichen und ihre Vorbereitung auf das Erwachsenenund Erwerbsleben)[8]
- „Eurotecnet“ (Europäisches Technologienetzwerk für Beruf zur Förderung von innovativen Ansätzen auf dem Gebiet der Erstausbildung und Weiterbildung)[9]
- „Lingua“ (Programm für die Förderung von Fremdsprachenkenntnissen in der EG zur Förderung der Kommunikationsfähigkeit innerhalb der Gemeinschaft)[10] und
- „Iris“ (Europäisches Gemeinschaftsnetzwerk für die berufliche Bildung von Frauen).
Die zahlreichen, ab Mitte der 1980-er Jahre kreierten, gemeinschaftlichen Bildungsprojekte und -programme zielten hauptsächlich auf die Förderung der Europäisierung der Lernmöglichkeiten ab. Demzufolge standen die Förderung von gemeinsamen Pilotprojekten und transnationalen Initiativen sowie der Austausch von Programmteilnehmern (Studierende, Lehrlinge, ausgebildete Arbeiter etc.) im Zentrum der Bemü- hungen. Komplettiert wurde die Agenda durch die Förderung des Austauschs von Informationen über Bildungspraktiken in anderen Ländern und der Durchführung von vergleichenden Studien zwischen den involvierten Staaten (Ertl 2003, 10).
Die positivsten Ergebnisse konnte bereits in diesem frühen Entwicklungsstadium das Hochschul-Aktionsprogramm „Erasmus“ aufweisen, dem aber auch beträchtlich mehr finanzielle Ressourcen als anderen Projekten in diesem Politikbereich zur Verfügung standen[11]. (Ertl 2003, 12) Insbesondere „Erasmus“ wurde in der Öffentlichkeit zum Inbegriff der gemeinschaftlichen Maßnahmen im Bildungswesen (Fritsch 1998, 35). Dem Studierenden-Mobilitätsprogramm lag die Idee zu Grunde, mobilen Studierenden einen „europäischen Horizont“, Erfahrungen, entsprechendes Hintergrundwissen sowie verbesserte Sprachkenntnisse anzubieten und somit ideale Studienabsolventen zu schaffen. „Erasmus“ versuchte durch die Anerkennung der im Ausland erbrachten Studienleistungen (1989 Einführung des ECTS-Systems) einen durch das Auslandsstudium entstehenden Zeitverlust zu vermeiden (Fritsch 1998, 31). Im E- rasmus-Programm stiegen die Partizipationszahlen zwar von Jahr zu Jahr kontinuierlich an, das eher als visionär zu betrachtende Ziel von 1/10 der Studierenden als Programmteilnehmer wurde hingegen stets bei weitem verfehlt.
Ebenso lehren die ersten programmatischen Erfahrungen im Bildungsbereich, dass den Aktionen dann größere Chancen zur Initiierung und Beeinflussung der Richtung von Reformen beschieden sind, wenn diese Bereiche nicht nationalen Regulierungen unterliegen. Etwa konnten für die Weiterbildungsund Fortbildungsprogramme maß- geblichere Einflüsse konstatiert werden, als für jene Bereiche im Ausbildungssektor, wo die Aussicht auf innovative Reformen in den meisten europäischen Staaten durch verschiedene Mechanismen der Mitbestimmung der Sozialpartner eingeschränkt waren (Ertl 2002, 16).
Entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip[13] (Art. 3b des EU-Vertrags)
[...] „kann die Europäische Union im Bereich Bildungsund Berufsbildungspolitik nur dann tätig werden, wenn die Ziele der in Betracht gezogenen Maßnahmen auf Ebene der Mitgliedsstaaten nicht ausreichend erreicht werden können und daher wegen ihres Umfangs oder ihrer Wirkungen besser auf Gemeinschaftsebene erreicht werden können.“ (Europäische Union 1992)
Artikel 127 bezieht sich auf die berufsspezifische Bildungspolitik der Gemeinschaft, wobei die EU hier bereits seit Anbeginn Kompetenzen eingefordert hat. Die Zielformulierungen umfassen unter anderem die „ Förderung der Mobilität der Ausbilder und der in beruflicher Bildung befindlichen Personen, insbesondere der Jugendlichen“ (Europäische Union 1992, Art. 127). Während Artikel 126 EU-V lediglich einen Beitrag der Gemeinschaft im Bereich der allgemeinen Bildungspolitik vorsieht, bestimmt Artikel 127 EU-V, dass die Gemeinschaft „grundsätzlich“ eine Politik der beruflichen Bildung führt. (Fritsch 1998, 79) Indes befindet Pépin, dass sich zwar die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Allgemeinbildung durch den EU-V verbessert haben, man jedoch davon Abstand genommen hat, wiederum eine „gemeinsame“ Berufsbildungspolitik festzuschreiben und diese nun denselben Restriktionen wie die EU- Allgemeinbildungsinitiativen unterliegt, nämlich der Subsidiarität und der Verantwortung der Mitgliedsstaaten für den Inhalt und die Organisation (Pépin 2007, 125).
Ertl konstatiert, dass durch die Auswirkungen des EU-Vertrags von Maastricht eine
„Konsolidierungsphase“ in der europäischen Bildungspolitik eingeleitet wurde (Ertl 2003, 2-3).
Das planmäßige Auslaufen der EU-Bildungsprogramme mit Ende 1994 veranlasste die Kommission dazu, bereits 1993 Vorschläge für die neue Programmgeneration zu unterbreiten. Diese beruhten sowohl auf den durch den EUV sowie den EuGH- Urteilen ausgeweiteten und durch das Subsidiaritätsprinzip eingeschränkten Kompetenzen als auch auf den Erfahrungen der bereits implementierten Aktionsprogramme. Hierbei versuchte sie besonders auf die Sicherstellung der notwendigen Kontinuität und Wirksamkeit der bisherigen Programme zu achten, jedoch nicht ohne notwendige Modernisierungsund Rationalisierungsprozesse vorzunehmen und die Synergieeffekte zu erhöhen. (Europäische Kommission 1993, 183 endg. Vom 05. Mai 1993, 1)
4.1 Aktionsprogramm in der Allgemeinbildung „Sokrates“ (1995- 1999)
An zentraler Stelle im neu aufgestellten Sokrates-Programm steht die Förderung der Mobilität von Studierenden und Lehrkräften. Angestrebt wird dies unter anderem deshalb, um zur Kreation einer europäischen Dimension im Unterricht und Bildungswesen sowie zur qualitativen Ausweitung ihrer beruflichen Qualifikationen beizutragen. Schließlich möchte das vorliegende Programm Initiativen zum offenen Unterricht und zur Fernlehre setzen und den Informationsund Erfahrungsaustausch der Ergebnisse des Programms verstärkt forcieren (Rat der EU 1995a, 4 – Art. 3).
Hinsichtlich der Erreichung der genannten Ziele werden zahlreiche Aktionen in den drei Bereichen „Hochschulbildung“ („Erasmus“), „Schulbildung“ („Comenius“) und
„Bereichsübergreifende Maßnahmen“ umgesetzt.
- Gemeinsame Entwicklung von Studienprogrammen für Grundoder Fortgeschrittenenniveau
Schwerpunktmäßig wird die Förderung der Mobilität von Studierenden sowie deren Finanzierung durch Erasmus-Stipendien hingegen von Aktion 2 des Erasmus- Programms behandelt. Dieses soll Studierenden der beteiligten Länder dazu ermutigen, einen Teil ihres Studiums (zumindest drei Monate oder ein Trimester, höchstens ein akademisches Jahr) im Ausland zu verbringen, ohne dass dafür im Gastland Einschreibe- und Studiengebühren für die Mobilitätsteilnehmer eingehoben werden. Die zumindest in ihrem zweiten Studienjahr studierenden Bezieher der Erasmus- Stipendien (Höchstbeitrag von 5.000 ECU bei 12 Monaten Maximaldauer) sollten über ausreichende Kenntnisse der Sprache, in der die Lehrveranstaltungen der Gasthochschule abgehalten werden, verfügen. Um maximal vom Auslandsaufenthalt profitieren zu können, sind die absolvierten Auslandsstudien von den Herkunftshochschulen voll anzuerkennen. Die Verwaltung der Erasmus-Mobilitätsmittel wird durch die nationalen Stipendienvergabestellen übernommen und abgewickelt (Rat der EU 1995a, 10).
Innerhalb des Schulbildungsbereichs „Comenius“, dessen Schaffung direkt auf den Vertrag von Maastricht zurückgeht[14], werden multilaterale Partnerschaften zwischen schulischen Einrichtungen gefördert, wobei diese unter anderem zur Teilnahme von Schülern an gemeinsam festgelegten Europäischen Bildungsprojekten (EBP) und zur Verbesserung ihrer Sprachkenntnisse auch im Rahmen von Mobilitätsmaßnahmen führen können (Aktion 1). Verstärkter Fokus wird auch auf die Erziehung von
Wanderarbeiterkindern, von Nichtsesshaften wie Roma und Sinti gelegt, womit eine neue „interkulturelle Dimension“ in den Zielkatalog von „Sokrates“ aufgenommen wurde. Unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Bildungsbedürfnisse und Begabungen wird eine Verbesserung der schulischen Betreuung und der Qualität der Bildung angestrebt und Aktionen zur interkulturellen Erziehung, die sich an alle Schüler richten, umgesetzt (Aktion 2). Der dritte Aktionsbereich hat die Aktualisierung und Verbesserung der Qualifikation des Lehrpersonals im Auge, wobei hier sowohl transnationale Projekte als auch Mobilitätsmaßnahmen für Lehrpersonal vorgesehen sind. (Rat der EU 1995a, 11-12)
Schließlich trachten die bereichsübergreifenden Maßnahmen danach, die beiden Bereiche „Erasmus“ und „Comenius“ zu ergänzen und die Verbesserung der Fremdsprachenkenntnisse in der Gemeinschaft („Lingua“ – Aktion 1) zu fördern. Die Entwicklung von offenem Unterricht und Fernlehre, der Informationsund Erfahrungsaustausch (z.B. Ausbau des Bildungsinformationsnetzes EURYDICE) und weitere Maßnahmen, darunter die Erwachsenenbildung werden ebenfalls verstärkt behandelt. Wenigstens 25% der „Sokrates“ zur Verfügung stehenden Mittel sollten in die „Bereichsübergreifenden Maßnahmen“ investiert werden (Rat der EU 1995a, 13).
Die Entwicklung einer gemeinschaftlichen Politik der beruflichen Bildung geht auf den Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft (Art. 189c) zurück, wonach es der Gemeinschaft zusteht, Initiativen in diesem Bereich zu setzen, welche die Maß- nahmen der Mitgliedstaaten unterstützen und ergänzen (Rat der EU 1994, 1).
Nach der 1963 beschlossenen gemeinsamen Erlassung von Grundsätzen einer Berufsbildungspolitik wurden die ersten konkreten Aktionsprogramme, die sich vorrangig um die Bekämpfung des neuen Phänomens der Jugendarbeitslosigkeit drehten, ab dem Jahr 1976 implementiert. Ein Jahrzehnt später folgte der Startschuss für ein Programm über die technologische Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Wirtschaft im Bereich Ausund Weiterbildung (1986) sowie „Petra“ als Berufsbildungsprogramm für Jugendliche zur Vorbereitung auf das Erwachsenenund Erwerbsleben (1987). Weitere Initiativen im Berufsbildungsbereich wurden von der Kommission mit dem Aktionsprogramm „Eurotecnet“ (1989) zur Förderung von Innovationen in der Folge des technologischen Wandels, durch die Annahme des Aktionsprogramms
„Force“ (Förderung der beruflichen Weiterbildung) 1987 und schließlich durch die Implementierung des Fremdsprachenförderungsprogramms „Lingua“ (1989) gesetzt (Rat der EU 1994, 1).
Im Beschluss des neuen Gemeinschaftsprogramms „Leonardo da Vinci“ wurden die bisherigen Einzelprogramme „Comett“, „Eurotecnet“, „Force“, „Petra“ und Teile von
„Lingua“ zusammengefasst und strebten eine enge Verknüpfung der zuvor getrennten Aktionslinien an, wobei auch neue, innovative Elemente hinzugefügt wurden. (Fritsch 1998, 133)
Der Ausbau der Attraktivität des berufsbildenden Unterrichts und der Berufsbildung soll mit dem Eintreten für ein äquivalentes Ansehen von beruflichen Qualifikationen und Hochschulabschlüssen einhergehen. Weiters wird die Förderung der europäischen Dimension in der Berufsbildung und –Beratung sowie der Sprachkenntnisse im Bereich der Berufsbildung verfolgt. Das Programm „Leonardo“ möchte allen Jugendlichen der Gemeinschaft die Chance bieten, nach Abschluss ihrer Vollzeitschulpflicht für die Dauer von zumindest einem Jahr an einer beruflichen Erstausbildung teilzunehmen, die mit einer von den zuständigen Behörden des jeweiligen Mitgliedsstaates anerkannten beruflichen Qualifikation abgeschlossen wird. Einen Schwerpunkt des Programms bildet die Förderung von benachteiligten Zielgruppen, die einen gleichberechtigten Zugang zur Erstund Fortbildung erhalten sollen. Schließlich besteht ein
Ziel des Programms auch in der Förderung des lebenslangen Lernens, um eine kontinuierliche Anpassung der Kenntnisse und Fähigkeiten zu ermöglichen. (Rat der EU 1994, Art. 3/a-s)
Als konkrete Aktionen werden einerseits in erster Linie transnationale Pilotprojekte geplant und durchgeführt und andererseits transnationale Vermittlungsund Austauschprogramme implementiert. (Rat der EU 1994, 9 ff.)
Die finanzielle Ausstattung des Programms mit 5-jähriger Laufzeit beträgt ECU 665 Mio. Hingegen hätten laut den ursprünglichen Plänen der Kommission ECU 801,8 Mio. bereitgestellt werden sollen. Hierbei entfallen auf die transnationalen Projekte mindestens 35% des Budgets, während für die Implementierung der transnationalen Vermittlungsund Austauschprogramme zumindest 30% der Finanzmittel vorgesehen sind. Diesbezüglich werden die Pilotprojekte mit höchstens drei Viertel der anfallenden Kosten gefördert (Höchstbetrag ECU 100.000,- pro Jahr und Projekt), der Maximalbetrag für die Austauschprogramme pro Begünstigtem beläuft sich auf ECU 5.000,- pro Begünstigtem und Vermittlung. (Rat der EU 1994, 16)
„Jugendaustauschmaßnahmen stellen ein geeignetes Mittel dar, um die kulturelle Vielfalt der Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft besser kennen zu lernen und zu verstehen. Damit tragen sie zur Stärkung der Demokratie, der Toleranz und des Zusammenhalts der Gemeinschaft unter dem Blickwinkel der Solidarität bei. In diesem Zusammenhang kann die Beteiligung […] an der Vorbereitung, Durchführung und Begleitung ihrer Projekte dazu genutzt werden, die Beziehungen zwischen den Jugendlichen in der Gemeinschaft und ihre aktive Staatsbürgerschaft zu verstärken“ (Rat der EU 1995b, 1).
Aktion A beschäftigt sich mit „Maßnahmen innerhalb der Gemeinschaft, die Jugendliche unmittelbar einbeziehen“ und umfasst einerseits den Austausch und die Mobilität von Jugendlichen (A.1) sowie die Eigeninitiative, Kreativität und Solidarität von Jugendlichen (A.2). Für erstere Bestimmung wird ein System direkter finanzieller Beihilfen entwickelt, um mindestens 1-wöchige biund multilaterale Austauschmaßnahmen und Begegnungen auf Grundlage gemeinsamer Projekte unter Einbeziehung von 15 bis 25-jährigen Gruppen von Jugendlichen durchzuführen. Diese Projekte sind nonformaler Natur, dürfen also nicht Teil des allgemeinen Unterrichtswesens oder der beruflichen Ausbildung sein. Bei der Finanzierung ist darauf zu achten, dass höchstens 50% der entstandenen Gesamtkosten (Reisen und Programm) gefördert werden. Diese Grenze darf hingegen für Jugendliche, die in kultureller, wirtschaftlicher, körperlicher, geistiger oder geographischer Hinsicht benachteiligt sind, überschritten werden, wobei mindestens 1/3 der gesamten für die Aktion zur Verfügung gestellten Mittel für diese Zielgruppen zu verwenden ist (Rat der EU 1995b, 7).
Im Rahmen der Aktion A.2 werden innovative und kreative Jugendinitiativen, sowie solche die eine europäische Dimension aufweisen, unterstützt. Weiters sind hier Praktika von Jugendlichen im Rahmen des freiwilligen (sozialen) Dienstes in anderen Mitgliedsstaaten angesiedelt. Diese Aktivität gilt vorerst als Experimentierfeld sowohl in Hinblick auf Inhalt/Profil der betreffenden Tätigkeit als auch in Bezug auf deren Dauer (kurz-, mitteloder langfristig). Die finanzielle Hilfeleistung für die Begünstigten erstreckt sich insbesondere auf die Reisekosten, pädagogische Begleitung, und
-Nachbereitung sowie allenfalls auf diverse Versicherungen gegen Krankheit, Unfall und Haftpflicht (Rat der EU 1995b, 8).
Die zweite Hauptaktion (B) widmet sich Ausbildungsund Mobilitätsmaßnahmen für Jugendbetreuer. Praktisch umgesetzt werden Handlungen, die der „Suche nach Partnern und/oder der Einleitung von Austauschoder Kooperationsprojekten dienen sollen und die zum anderen die Betreuer mit der sozialen Realität in der Gemeinschaft und der Situation der Jugendarbeit in den verschiedenen Mitgliedstaaten vertraut machen sollen“ (Rat der EU 1995b, 9).
Während Aktion C mittels Fortbildungsund Mobilitätsmaßnahmen für Verantwortliche in Jugendverbänden und Behörden die Zusammenarbeit zwischen zuständigen Strukturen in den Mitgliedsstaaten fördert, widmet sich Aktion D der Forcierung des Austauschs mit Drittländern, wobei bei konkreten Jugendaustauschprojekten mindestens zwei Mitgliedsstaaten beteiligt sein sollten. Schließlich richtet Aktion E ihren Arbeitsschwerpunkt auf die Information von Jugendlichen und Studien im Jugendbereich (Rat der EU 1995b, 9-10).
Im Unterschied zur ersten Programmgeneration von 1995-1999 ist es nun nicht mehr nur den Beitrittsaspiranten aus Ostund Mitteleuropa sowie Zypern und Malta möglich am Programm teilzunehmen. Dieser Status wurde für die Programmgeneration 2000-2006 auch der Türkei verliehen (Rat der EU 2000a, 2).
5.1 Aktionsprogramm in der Allgemeinbildung „Sokrates“ II (2000- 2006)
- die Förderung der Innovation in der Bildung angestrebt. (Rat der EU 2000a, 3
– Art. 2/a-d).
Zusätzlich zu den drei Bereichen Schulbildung „Comenius“ (nun Aktion 1), Hochschulbildung „Erasmus“ (nun Aktion 2) und dem Sprachunterrichtsund Sprachenerwerbsprogramm „Lingua“ (Aktion 4) wurden ein Programm für Erwachsenenbildung und andere Bildungswege „Grundtvig“ (Aktion 3), eine Initiative zum offenen Unterricht und Fernlehre sowie Informationsund Kommunikationstechnologien auf dem Gebiet des Bildungswesens „MINERVA“ (Aktion 5) eingeführt. Als Ergänzung dieser Programme dienen die Aktionen 6 „Beobachtung und Innovation“, 7 „Gemeinsame Aktionen“ und 8 „Flankierende Maßnahmen“ (Rat der EU 2000a, 3 – Art. 3).
[6] Anm.: Im Streitfall begehrte eine französische Studentin, die das Fach „Comic Strips“ an der Acadé- mie Royale des Beaux Arts in Lüttich studieren wollte, der Stadt Lüttich im Wege der einstweiligen Verfügung zu untersagen, von ihr die Zahlung einer in Belgien üblichen Studiengebühr für ausländische Studenten zu fordern. (EuGH 1985)
[12] Anm.: Der EuGH entschied beispielsweise, dass Initiativen wie „Petra“ oder Erasmus auf den Artikel 235 des Vertrags von Rom basieren, der es dem Rat und der Kommission erlauben, Legislativmaß- nahmen zur Erreichung von Gemeinschaftszielen zu setzen, auch wenn der Vertrag die dafür nötige Macht nicht bietet (Ertl 2003, 8).
Universität Salzburg (Politikwissenschaft)
Schwerpunktfach Europäische Politik
V114620
9783640158898
Ausbildungsplatz, Europa, Bildungsprogramme, Europäischen, Union, Prüfstand, Schwerpunktfach, Europäische, Politik
Mag Stefan Fersterer (Autor), 2007, Ausbildungsplatz Europa - Die Bildungsprogramme der Europäischen Union auf dem Prüfstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114620
Die Europäische Union und der Nationa...

References: EuGH 
 Art. 127
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 2
 Art. 3
 EuGH