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Timestamp: 2020-01-17 17:03:57+00:00

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Jüdische Gemeinde - Fulda (Hessen)
Aktuelle Seite: Gemeinden (alphabetisch) E - G Fulda (Hessen)
Die Stadt Fulda - am gleichnamigen Fluss gelegen - ist eine osthessische Stadt mit derzeit ca. 65.000 Einwohnern und die Kreisstadt des Landkreises Fulda (Karte TUBS, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).
Nach der Gründung der Klosters Fulda (744) sollen hier bereits einige jüdische Familien gelebt haben. Doch eine größere jüdische Gemeinde entwickelte sich erst nach der Verleihung des Marktrechtes zu Beginn des 11.Jahrhunderts. Allerdings war die Gemeinde mehrfach Verfolgungen ausgesetzt; so sollen Weihnachten 1235 mehr als 30 Juden wegen angeblichen Ritualmordes von Fuldaer Stadtbewohnern ermordet worden sein. Die dem Massaker entkommenen Juden wandten sich daraufhin an Kaiser Friedrich II., der schließlich die Bittsteller von jeder Schuld freisprach. Aus den Marbacher Annalen (1238):
„ ... Zur selben Zeit hatten beim Kloster Fulda Juden einige christliche Knaben in einer gewissen Mühle ermordet, um aus ihnen Blut für ihre Zwecke zu gewinnen. Daher töteten die Bürger jener Stadt viele von den Juden. Aber als die Leichen der Knaben in die Pfalz Hagenau gebracht und dort mit Ehren bestattet worden waren, konnte der Kaiser den Aufruhr, der sich darauf gegen die Juden erhob, nicht anders dämpfen, als dass er viele mächtige Männer [Fürsten] und große Gelehrte aus verschiedenen Teilen des Reiches zusammenrief und sorgfältig diese Weisen befragte, ob – wie das allgemeine Gerücht lautete – die Juden christliches Blut am Rüsttag [Karfreitag] benötigten, wobei er mit Festigkeit versicherte, wenn sich ihm dieses als wahr erweisen werde, würden alle Juden seines Reiches getötet werden. Weil er aber nichts Sicheres darüber erfahren konnte, sorgte die Strenge des kaiserlichen Vorschlags für Ruhe, nachdem er trotzdem von den Juden viel Geld angenommen hatte.
(Zitiert nach: Rudolf Henkel/u.a., Der Fuldaer Judenpogrom von 1235, Fuldatal 1993, S. 39)
Diese „Blutbeschuldigung“ in Fulda aus dem Jahre 1235 war die erste ihrer Art in Deutschland, der in den Jahrhunderten danach noch viele weitere folgen sollten.
Mittelalterliche Darstellung eines sog. Ritualmordes
Bis gegen Ende des 13.Jahrhunderts fehlen dann jegliche Hinweise auf Juden in der Stadt. In einem 1301 ausgestellten Privileg des Königs Albrecht wurde dem Fürstabt Heinrich zu Fulda die Verfügungsgewalt über die Juden des Stifts zugestanden. In den Pest-Jahren (1348/1349) wurden alle Juden „so damals in Fulda gewesen, erschlagen und verbrannt”; ihr Hilfeersuchen an den Abt war vergeblich gewesen. Ab 1399 und in den Folgejahrhunderten waren dann wieder Juden in Fulda ansässig; „Judenordnungen“ reglementierten das Leben der jüdischen Familien.
Beim sog. „Fuldaer Tumult“ von 1591 wurden von Juden bewohnte Häuser durch durchziehende Söldner geplündert; in ihrem Tun wurden sie dabei von Fuldaer Bürgern bestärkt bzw. unterstützt. Auszug aus einem vom hessischen Landgrafen von Hessen-Kassel am 3.Juli 1591 nach Marburg gesandten Bericht:
„ ... Sonsten belangt das Kriegsvolck, als sie rottenweise durch das Stift Fulda gezogen, haben sich den 20. Hunius 50 Pferdt in die Stadt Fulda nidergethan und eingekehrt und über ein kleine weil haben dieselige Eylf Judenhäußer gesturmbt und beraubt und groß Gut und Geldt bey den Juden gefunden, das sie auch desselbigen Raubt schwerer geladener Wagen voll darvon bracht undt hinwegt haben furen lassen, die Besitzer haben sie auch noch garansioniret, den Burger aber ist kein Leitt wiederfahren, sondern haben denselbigen noch die Schuldbriefe, so die Judden von den Burgern hinder sich gehabt, alle zerrissen und den Bürgers wider geben. ...“
Stadtansicht von Fulda um 1655, Stich M. Merian in Topographia Hassiae (Abb. aus: wikipedia.org)
Das Jahr 1671 leitete dann eine erneute Vertreibungsphase ein; mehr als 2.000 jüdische Untertanen im Bistum mussten auf Anweisung des Fürstabts innerhalb von drei Monaten das Fuldaer Land „auf ewige Zeiten“ verlassen. Allein aus der Stadt Fulda wurden ca. 300 Juden ausgewiesen; nur fünf Familien wurde der Verbleib in der Stadt gestattet; sie wurden in Häuser am "Oberen Judenberg" eingewiesen, die so entstandene „Judengasse“ mit einem Tor abgeriegelt. Erst ab dem 18.Jahrhundert nahm die Zahl der Juden in Fulda wieder langsam zu, obwohl sie hier unter zahlreichen Restriktionen der amtierenden Äbte zu leiden hatten. Die durch den Fürstabt Amand von Buseck 1751 erlassene, 46 Paragraphen umfassende „Judenordnung“ regelte dann bis auf Weiteres die Anwesenheit jüdischer Familien im Stift Fulda. Darin hieß es u.a.:
§ 1 Jeder Jude, der in den Schutz aufgenommen werden will, muß eine Bescheinigung seiner vorigen Herrschaft über sein Verhalten und sein Vermögen vorlegen. Die Höhe des Vermögens ist durch die hiesigen Judenvorsteher eidlich zu beglaubigen. ...
§ 6 Die Juden dürfen an christlichen Feiertagen lediglich stille Hausarbeiten bei verschlossenen Türen verrichten. Das in den Ställen stehende Vieh darf nur einmal zur Tränke geführt werden. ...
§ 9 Der auf ordnungsgemäßer Abführung des jährlichen Schutzgeldes und sonstiger Abgaben beruhende Schutz kann nach Ablauf von drei Jahren um weitere drei Jahre erneuert werden.
§ 10 Der Fuldaer Rabbiner wird zum Hauptrabbiner des Stifts erklärt.
§ 11 Aufgrund uralten Herkommens erhalten die christlichen Pfarrer von jedem jüdischen Haushalt jährlich zu Neujahr einen halben Gulden. ...
§ 16 Weiterhin dürfen sich die Juden durch Handel mit Vieh und Waren ernähren, sofern es die Freiheiten der christlichen Untertanen und besonders die der Zünfte nicht beeinträchtigt. Sie dürfen den christlichen Kaufleuten keine Konkurrenz durch das Angebot preisgünstigerer Ware machen , ...
In der napoleonischen Zeit, die den Juden die Gleichstellung brachte, war Fulda für 47 jüdische Familien das Zuhause.
In einem Dekret von Mitte August 1810 hatte der Großherzog verkünden lassen, „daß alle Einwohner des Großherzogtums Frankfurt gleiche Rechte genießen sollten”; drei Jahre später erfolgte ein Dekret „die Erwerbung des Bürgerrechts für die Juden im Departement Fulda betreffend”; verbunden war aber damit die Zahlung einer Ablösesumme. Gleichzeitig verlangte der Magistrat der Stadt Fulda - für die Gewährung der vollen Bürgerrechte - die Zahlung eines sog. Bürgergeldes. Erst seit 1863 wurde auch in Fulda die formal-gesetzliche bürgerliche Gleichstellung der Juden Realität.
Die Fuldaer Synagoge bestand seit dem späten Mittelalter; gegen Mitte des 19.Jahrhunderts wurde ein Synagogen-Neubau errichtet und 1859 eingeweiht (in der „Oberen Judengasse“, heute „Am Stockhaus“); neben der Synagoge befanden sich das Gemeindehaus und die Rabbinische Lehranstalt.
Synagoge in Fulda (hist. Aufn. um 1910) Innenansicht der Fuldaer Synagoge (um 1925)
Kurz vor Eröffnung der neuen Synagoge berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ in ihrer Ausgabe vom 20. Juni 1859:
Der Bau der neuen Synagoge in Fulda ist bereits so weit vollendet, daß deren Einweihung noch vor Pfingsten stattfinden soll. Es ist dieses ein sehr stattlicher Bau in schönen Verhältnissen, welcher der Gemeinde und der Stadt zur Zierde gereicht. Den räumlichen Bedürfnissen der Zukunft, sowie größerer Einfachheit hinsichtlich der Verzierungen der inneren Räume hätte vielleicht mehr Rechnung getragen werden dürfen. Man ist jetzt mit der Einübung eines Synagogen-Chors beschäftigt, indem in die neue Synagoge Chorgesang eingeführt werden soll. Es ist dieses ein sehr erfreulicher Fortschritt, der nicht ohne segensreiche Folgen auch für andere Gemeinden bleiben wird; denn da Fulda die Metropole zahlreicher, nicht unbedeutender Landgemeinden ist, in welchen der Gottesdienst noch der Erlösung von alter Unordnung entgegenharrt, so wird das Beispiel Fuldas dort nicht ohne Nachahmung bleiben."
Mit dem Anwachsen der jüdischen Gemeinde - meist Zuzüge vom Lande - bedurfte es auch einer Erweiterung der Synagoge; allerdings verhinderten der Erste Weltkrieg und die Inflationszeit zunächst die Realisierung der Pläne; der Anbau konnte dann erst im Jahre 1927 feierlich eingeweiht werden.
Ausschreibungen der Rabbinatsstelle in Fulda:
aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 2. Mai 1853 und der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1877
Die religiöse Ausrichtung der Jüdischen Gemeinde Fulda in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts war von dem streng orthodoxen Frankfurter Rabbiner Samson Raphael Hirsch bestimmt; Assimilation wurde ebenso abgelehnt wie liberale und (später) zionistische Tendenzen. Die Fuldaer Judenschaft galt wegen ihrer religiösen Einstellung beispielhaft bei anderen orthodox-ausgerichteten Gemeinden; auch der Fuldaer Rabbiner Dr. Michael Cahn (gest. 1920) vertrat diese orthodoxe Richtung.
Rabbiner Dr. Michael Cahn amtierte in Fulda nahezu vier Jahrzehnte.
Ausschreibungen gemeindlicher Funktionsstellen von 1890 und 1903
In dem 1898 errichteten Gebäude Von-Schildeck Straße 10 wurde die Volksschule der jüdischen Gemeinde eingerichtet.
jüdische Schule in Fulda (hist. Aufn.)
Der mittelalterliche Judenfriedhof wurde erstmals 1476 urkundlich erwähnt; er bestand möglicherweise bereits im 13.Jahrhundert und befand sich außerhalb der Stadtummauerung ganz in der Nähe des Peterstores; er wurde bis gegen Mitte des 17.Jahrhunderts genutzt. Ab 1685 stand ein anderes Beerdigungsgelände zwischen Lindenstraße und Rabanusstraße – als „alter" jüdischer Friedhof bezeichnet – zur Verfügung. Der neue Friedhof (ab 1906) befand sich in der Edelzeller Straße (heute Heidelsteinstraße); die letzten Beerdigungen fanden hier 1940/1941 statt.
Fulda war im 19./20. Jahrhundert Sitz eines Provinzialrabbinats; dessen Bezirk umfasste in den 1920er Jahren die Kreise Fulda, Gersfeld, Hünfeld, Hersfeld und Schmalkalden.
Juden in Fulda:
--- 1567 ........................... 18 jüdische Familien,
--- 1623 ....................... ca. 80 “ “ ,
--- um 1670 ........................ 43 “ “ ,
--- um 1675 ........................ 5 “ “ ,
--- 1708 ....................... ca. 20 “ “ ,
--- 1802 ........................... 237 Juden (ca. 3% d. Bevölk.),
--- 1827 ........................... 324 „ ,
--- 1852/54 .................... ca. 300 „ ,
--- 1861 ........................... 281 „ (ca. 3% d. Bevölk.),
--- 1885 ........................... 440 „ ,
--- 1893 ........................... 525 „ (ca. 4% d. Bevölk.),
--- 1905 ........................... 862 „ ,
--- 1910 ........................... 957 „ ,
--- 1920 ........................... 1.174 „ ,
--- 1930 ........................... 1.110 „ ,
--- 1933 ........................... 1.029 „ ,
--- 1935 ........................... 925 „ ,
--- 1937 ........................... 803 „ ,
--- 1938 (Dez.) .................... 723 „ ,
--- 1939 ........................... 378 „ ,
--- 1940 ........................... 259 „ ,
--- 1941 ........................... 115 „ ,
--- 1942 ........................... 64 „ .
Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 222 und S. 231
und Michael Imhof (Hrg.), Juden in Deutschland und 1000 Jahre Judentum in Fulda, S. 101
Anfang der 1920er Jahre gehörten zur Fuldaer Jüdischen Kultusgemeinde fast 1.200 Mitglieder. Zu Beginn der NS-Zeit betrug der jüdische Bevölkerungsanteil Fuldas immerhin noch 3,8%, dies entsprach einer Bevölkerung von mehr als 1.000 Personen. Lebensgrundlage der Fuldaer Juden bildete vor allem der Handel; sie besaßen mehr als 100 Geschäfte und Unternehmen in der Stadt.
gewerbliche Anzeigen von 1901/1920
Kaufhaus Stern am Universitätsplatz (Aufn. aus: winfriedschule-fulda.de)
Regelmäßige gemeindliche Informationen konnten dem in Fulda erscheinenden „Jüdischen Wochenblatt“ entnommen werden.
Dass die „Fuldaer Zeitung” - auch nach der Machtergreifung - sich zunächst nicht auf „Parteilinie“ bringen ließ, mag der folgende Kurzbericht (vom 7.2.1933) verdeutlichen:
„... Seit der vergangenen Woche haben sich Zustände herausgebildet, die ein energisches Durchgreifen der Behörden zum Schutz des Lebens und des Eigentums der jüdischen Einwohner erfordern. Schon am Dienstagabend wurden mehrere Schaufenster in jüdischen Geschäftshäusern eingeworfen. Als ein jüdischer Kaufmann auf das Klirren der Scheiben die Verfolgung eines flüchtigen Täters aufnahm, wurde er durch Messerstiche in den Hals ernsthaft verletzt. ...”
Die NSDAP veranlasste dann die Herausgabe einer eigenen Zeitung, die „Fuldaer Nachrichten”, die nun hemmungslos das nationalsozialistische Gedankengut verbreitete. Mit der Übernahme der Chefredaktion der „Fuldaer Zeitung” durch den Gaupresseamtsleiter der NSDAP Meinardi wurde nun auch dieses Blatt „gleichgeschaltet“ und überbot sich bald in antisemitischer Propaganda. War der Boykott der jüdischen Geschäfte (am 1.4.1933) in Fulda noch glimpflich und fast ohne Gewaltmaßnahmen verlaufen, so meldete der Fuldaer Oberbürgermeister in seinem Monatsbericht (Nov./Dez. 1934): „In den letzten Wochen macht sich erneut ein scharfer Druck gegen die Juden bemerkbar, welcher sich in Anrempelungen von Juden und Zertrümmern von Fensterscheiben an der Israelitischen Elementarschule, Synagoge und an verschiedenen Privathäusern äußerte. Die Täter sind unter den jugendlichen Angehörigen der nationalen Verbände zu suchen. ...” Im Sommer 1935 kam es dann zu ersten handgreiflichen Ausschreitungen, die sich während eines Viehmarktes gegen anwesende jüdische Viehhändler richteten. Auf Initiative des damaligen Kreisbauernführers prügelten Schlägertrupps auf die jüdischen Viehhändler ein und trieben ihr Vieh weg.
Bereits am Tage des 9.November 1938 ereigneten sich Übergriffe auf jüdische Geschäfte und Wohnungen; fanatisierte Jugendliche drangen in die jüdische Volksschule (Schildeckstraße) ein und zertrümmerten die Einrichtung. In der Nacht vom 9./10.November 1938 wurde an die Fuldaer Synagoge (Ecke Landhausstraße/Am Stockhaus) Feuer gelegt; sie brannte bis auf die Grundmauern nieder. Hauptverantwortlich für die Brandstiftung waren der Fuldaer NSDAP-Kreisleiter Ehser und der SS-Standortführer Otto Grüner.
Die „Fuldaer Zeitung” berichtete am 11.Nov. 1938 darüber:
... In der fünften Morgenstunde brach in der Synagoge ein Brand aus, dem das Gebäude restlos zum Opfer fiel. ... Die Feuerwehr mußte sich darauf beschränken, die umliegenden Wohnhäuser vor einem Übergreifen des Feuers zu schützen. Die vorübergehend stark bedrohten Häuser mußten teilweise geräumt werden. ... Die allgemeine Empörung machte sich vor zahlreichen jüdischen Geschäften Luft, so daß die Schaufensterscheiben zum größten Teil in Trümmer gingen. Auch verschiedene Judenwohnungen wurden von der erbitterten Menge demoliert.
Am 20.12.1938 erhielt der Gemeindeälteste Salomon Ansbacher die polizeiliche Anordnung, die Synagogenreste abbrechen zu lassen, da „die stehengebliebenen Teile der Synagoge für die Allgemeinheit oder den einzelnen eine Gefahr bedeuteten, durch die die öffentliche Sicherheit oder Ordnung bedroht” würde. Das Grundstück musste dann an die Stadt Fulda verkauft werden. Gleichzeitig erfolgte die „Arisierung“ jüdischen Grundbesitzes. Auch der alte und der neue jüdische Friedhof wurden geschändet; den alten Judenfriedhof in der Stadt ließ die Kommune völlig dem Erdboden gleichmachen; Gebeine wurden auf den neuen Friedhof gebracht.
In einem Artikel der „Fuldaer Zeitung” vom 17.Jan. 1939 hieß es:
Auf dem alten Judenfriedhof, der zwischen Lindenstraße und Rabanusstraße inmitten der Stadt lag, sind in den letzten Tagen die Abräumungsarbeiten wieder aufgenommen worden, die durch die starke Frostperiode und den Schneefall unterbrochen waren. Der letzte Grabstein ist jetzt umgelegt. Die Steine wurden an Ort und Stelle so hergerichtet, daß sie evtl. anderen Zwecken nutzbar gemacht werden können. ... Es wäre zu wünschen, daß nun auch die Abfuhr der Steine beschleunigt werden könnte, so daß der geräumige Platz als Grünanlage bald eine Zierde der Stadtmitte wird.
Wie auch anderswo wurden alle männlichen Juden Fuldas festgenommen, „um die persönliche Sicherheit der Juden zu gewährleisten”; die meisten von ihnen verbrachte man ins KZ Buchenwald. Ende des Jahres 1938 lebten noch knapp 700 Juden in Fulda; etwa 500 waren bereits emigriert. Mehr als 60% der Fuldaer Juden, also insgesamt ca. 950 Personen, gelang somit die Emigration und zwar meist in die USA, nach Großbritannien und nach Palästina. Gleichzeitig hielt der Zuzug von jüdischen Familien aus den ländlichen Umland Osthessens an, da die „Landjuden“ glaubten, in einer größeren Stadt erträglichere Lebensbedingungen vorzufinden; von 1937 bis 1941 zogen mehr als 300 Personen nach Fulda.- Die jüdische Volksschule musste im Herbst 1939 geschlossen werden. Ab Frühjahr 1939 - verstärkt dann nach Kriegsbeginn - wurden die Fuldaer Juden zu Zwangsarbeiten herangezogen, so mussten jüdische Männer und Frauen in der Rüstungsproduktion und u.a. auch in einem Steinbruch nahe Haimbach Arbeit leisten. - Vor den Deportationen konzentrierte man die verbliebene jüdische Bevölkerung Fuldas in einigen „Judenhäusern“ in der Mittelstraße, Am Stockhaus, in der Karlsstraße, in der Petersberger Straße und im Jüdischen Alterheim (Schildeckstraße). Die erste Deportation von 134 Juden erfolgte am 8.12.1941 ins Rigaer Ghetto (und von dort ins KZ Salaspils); andere, kleinere Deportationstransporte gingen vermutlich nach Lublin und nach Theresienstadt, letzterer betraf vor allem ältere Menschen. Im Ausweisungsbefehl hieß es: „... Am 7.September 1942 werden nach Mitteilung der Geheimen Staatspolizei - Staatspolizeistelle Kassel - die restlichen Juden aus dem Regierungsbezirk Kassel nach Theresienstadt abgeschoben. Die Vorbereitungen und die Durchführung dieser Abschiebung im Benehmen mit den beteiligten Stellen liegen ausschließlich wieder in den Händen der Staatspolizei Kassel. Sämtliche Juden werden vor ihrem Abtransport nach Theresienstadt in einem Auffanglager in Kassel konzentriert. Vorgesehen für diesen Zweck sind die Bürgerschulen Schillerstraße, Ecke Wörthstraße in Kassel. Die Heranführung der für die Evakuierung bestimmten Juden zwecks vorheriger Konzentration in Kassel erfolgt im Einvernehmen mit den zuständigen Reichsbahndirektionen in Personenzügen. Für die für den Kreis Fulda zuständigen Züge sind die Abfahrtszeiten festgesetzt worden.” (aus: Naftali H. Sonn/Otto Berge, Schicksalswege der Juden in Fulda u. Umgebung, Fulda 1984, S. 207)
Von den in Fulda gebürtigen Juden sollen etwa 250 Männer, Frauen und Kinder in den Vernichtungslagern umgekommen sein.
Eine neue jüdische Gemeinde bestand in Fulda seit Herbst 1945, deren Mitglieder sich vor allem aus DPs zusammensetzte; der Großteil der ca. 350, zumeist aus Osteuropa stammenden Personen wanderte dann 1948 - 1950 von hier aus, zumeist nach Israel und in die USA. In den 1950er und 1960er Jahren waren in der Stadt nur noch ca. 40 Bewohner jüdischen Glaubens wohnhaft. Durch die Einwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion hatte sich im Jahre 1987 eine neue jüdische Gemeinde in Fulda gegründet, die um die Jahrtausendwende ca. 300, fünf Jahre später schon mehr als 500 Angehörige besaß. Zum Zeitpunkt der Gemeindegründung gehörten ihr nur sechs (!) deutsche Juden an.
An die einstige, relativ große jüdische Gemeinde Fulda erinnern in der Gegenwart nur sehr wenige Spuren. An den alten Friedhof (Rabanusstraße), der offiziell 1906 für Beerdigungen geschlossen und 1938/1940 auf Anweisung der Fuldaer NS-Behörden eingeebnet worden war, weist heute nur noch ein Gedenkstein hin.
Gedenkstein auf dem alten jüdischen Friedhof (Aufn. J. Hahn, 2009)
Die Inschriftentafel des Steines trägt die folgende Inschrift trägt: "Gedenkstein - errichtet von der Stadt Fulda an der Stätte des historischen Friedhofes der Fuldaer Juden, die in den Jahren der Gewaltherrschaft ihrer Bestimmung entzogen wurde.“
Auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Heidelsteinstraße wurden bis 1940 etwa 400 Bestattungen vorgenommen, bevor er geschlossen wurde. Nach 1945 wurde das Begräbnisgelände wieder benutzt.
Teilansicht der jüdischen Friedhofs in Fulda (Aufn. J. Hahn, 2009)
Am ehemaligen Badehaus der jüdischen Gemeinde (Am Stockhaus) erinnert heute eine Gedenktafel an die zerstörte Synagoge.
Zum Gedenken an die Mitbürger jüdischen Glaubens, deren Synagoge hier einst stand, wurde diese Gedenktafel errichtet. Bis 1920 war die Fuldaer Jüdische Kultusgemeinde auf fast 1.200 Mitglieder gewachsen. 1938 lebten in Fulda noch 658 Juden, die das schwere Los der Diskriminierung und Verfolgung zu dulden hatten. Viele von ihnen verloren ihr Leben in der Vernichtungslagern der Gewaltherrschaft. Wir wahren das Andenken an unsere jüdischen Mitbürger und ehren ihre Toten.
Die Bürgerschaft der Stadt Fulda
2010 ist eine Umgestaltung des Platzes, an dem bis 1938 die Synagoge stand, vorgenommen worden. Der Umriss des zerstörten Gotteshauses wurde durch eine Mauer angedeutet; auf einer aus schwarzen Granitblöcken gestalteten „Wand der Erinnerung“ sind auf metallenen Bändern alle 252 Namen der in Konzentrations- und Vernichtungslager deportierten Juden der einstigen Fuldaer Gemeinde angebracht worden.
„Wand der Erinnerung“ (aus: osthessen-news.de)
Im Mai 1987 wurde in der renovierten ehem. jüdischen Schule in der Von-Schildeck-Straße ein Jüdisches Kulturzentrum eröffnet. Im Parterre befindet sich eine Gedenkstätte, im Obergeschoss wurde für die wachsende jüdische Gemeinde ein Synagogenraum eingerichtet. Gegenwärtig laufen Planungen für den Neubau eines Gemeindezentrums.
Mosaikfenster im Betraum (Aufn. U. Knufinke)
Th. Haas, Die Schicksale der Juden im Hochstift Fulda, in: Buchenblätter vom 26.1.1930
Herbert Sonn, Die erste jüdische Schule in Fulda. Die Schulordnung für die „jüdische Lehrschule in der hochfürstlichen Residenzstadt Fulda“ vom Jahre 1784, in: Buchenblätter – Beilage zur Fuldaer Zeitung für Heimatfreunde 1930, S. 66
Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 267, Band III/1, Tübingen 1987, S. 417/418 und Band III/3, Tübingen 2003, S. 1853 - 1855
Otto Berge, Die Fuldaer Oberrealschule und die Juden, in: Buchenblätter – Beilage der Fuldaer Zeitung für Heimatfreunde vom 21.11.1964
Paul Horn/ H.Naftali Sonn, Zur Geschichte der Juden in Fulda - Ein Gedenkbuch, Selbstverlag, Tel Aviv 1969
Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 221 ff.
Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 63 – 67
Otto Schaffrath, Der Judenpogrom 1591 in Fulda, in: Fuldaer Geschichtsblätter 1974, S. 131 f.
Naftali Herbert Sonn, Das Wesen der jüdischen Gemeinde in Fulda und ihre Stellung im Gesamtverband der Juden in Deutschland, in: Fuldaer Geschichtsblätter, Jg. 54/1978, Heft 1/2, S. 1 – 11
Naftali Herbert Sonn, Geschichtliche Wahrheit und Verantwortung. Schicksale der Juden in der Epoche der nationalsozialistischen Herrschaft, besonders in der Stadt Fulda, in: Fuldaer Geschichtsblätter, Jg. 54/1978, Heft ½, S. 129 - 137
Magistrat der Stadt Fulda (Hrg.), Der Jüdische Friedhof in Fulda, in: Dokumentation zur Stadtgeschichte Fulda No.2, Fulda 1980
Otto Berge, Zum Schicksal der Fuldaer Juden - Bemerkungen zu einem Namensverzeichnis ehemaliger jüdischer Einwohner von Fulda, in: Buchenblätter 1981
Wolfgang Seewald, Der Fuldaer Synagogenbrand, in: Buchenblätter – Beilage der Fuldaer Zeitung für Heimatfreunde vom 28.11.1984
Naftali Herbert Sonn/Otto Berge, Schicksalswege der Juden in Fulda und Umgebung, Hrg. Stadtarchiv Fulda, Fulda 1984
Otto Berge, Die letzten Jahre der jüdischen Schule bis zu ihrem Untergang, in: Buchenblätter – Beilage der Fuldaer Zeitung für Heimatfreunde vom 27.5.1987
Heinz-Jürgen Hoppe, Deportation von Fuldaer Juden in das Todeslager, in: Buchenblätter – Beilage der Fuldaer Zeitung für Heimatfreunde vom 18.12.1991
G.Renner/J.Schulz/R.Zibuschka, “ ... werden in Kürze andersweitig untergebracht ...” Dokumentation zum Schicksal der Fuldaer Juden während des Nationalsozialismus, Fulda 1992
Rudolf Henkel/u.a., Der Fuldaer Judenpogrom von 1235. Konzeptionen für den Geschichtsunterricht in Mittel- und Oberstufe, in: Schriftenreihe des Hessischen Instituts für Lehrerbildung, Außenstelle Fulda, Fuldatal 1993
Magistrat der Stadt Fulda (Hrg.), Fulda informiert: Jüdisches Leben in Fulda, in: Dokumentationen zur Stadtgeschichte, No.11/1994
Otto Berge, Der Schicksalsweg der Fuldaer Juden im Dritten Reich, in: W.Heinemeyer/B.Jäger (Hrg.), Fulda in seiner Geschichte. Landschaft, Reichsabtei, Stadt, Fulda 1995, S. 503 - 528
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II: Reg.Bez. Gießen und Kassel, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 15 ff.
Heinz-Jürgen Hoppe, Das jüdische Fulda - ein historischer Stadtrundgang, 2. Aufl., Rhön-Verlag, Hünfeld 1998
Elisabeth Sternberg-Siebert, Jüdisches Leben im Hünfelder Land: Juden in Burghaun, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2001, S. 16 – 20
M. Imhof/G. Renner/J. Schulz/R. Zibuschka, ‘Legalisierter Raub’ in Fulda. Die Entrechtung und Ausraubung der Fuldaer Juden im Nationalsozialismus, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2004
Thomas Heiler, Die Ausweisung der Juden aus der Fürstabtei Fulda im Jahre 1671, unveröffentl. Manuskript, Stadtarchiv Fulda 2005
J.Friedrich Battenberg, Der Fuldaer Tumult von 1591 – Zur Politik der kaiserlichen Administration im Stift Fulda im Streit zwischen Judenschaft und Bürgerschaft, in: Aschkenas 16/2006, Heft 2, S. 405 – 419
Linde Weiland, Heimat – die jüdische Kultusgemeinde Fulda nach 1945, in: Fuldaer Geschichtsverein (Hrg.), Geschichte der Stadt Fulda, Band 2, Fulda 2008, S. 419 - 439
Volker Nies (Red.), Neue Gedenkstätte für 252 deportierte Fuldaer Juden, in: „Fuldaer Zeitung“ vom 7.10.2010
Michael Imhof (Hrg.), Juden in Deutschland und 1000 Jahre Judentum in Fulda, Hrg. Zukunft Bildung Region Fulda e.V., Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011
Fulda, in: alemannia-judaica.de (Anm: mit einer Vielzahl von Dokumenten zur Geschichte der Fuldaer Gemeinde, u.a. detaillierte Angaben zu Personen, die die Gemeinde prägten)
Stefan Schoder (Red.), Warum gibt es keine Stolpersteine in Fulda?, in: „Fuldaer Zeitung“ vom 25.8.2016

References: § 1

§ 6

§ 9

§ 10

§ 11

§ 16