Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/ust/unternehmerische-taetigkeit-erwerbs-3113328
Timestamp: 2020-01-27 21:03:47+00:00

Document:
Unter­neh­me­ri­sche Tätig­keit bei Erwerbs- und Ein­brin­gungs­vor­gän­gen | Rechtslupe
Unter­neh­mer ist gemäß § 2 Abs. 1 UStG, wer eine gewerb­li­che oder beruf­li­che Tätig­keit selbst­stän­dig aus­übt. Gewerb­lich oder beruf­lich ist jede nach­hal­ti­ge Tätig­keit zur Erzie­lung von Ein­nah­men, auch wenn die Absicht, Gewinn zu erzie­len, fehlt.
Uni­ons­recht­lich gilt als Steu­er­pflich­ti­ger (Unter­neh­mer), wer eine wirt­schaft­li­che Tätig­keit unab­hän­gig von ihrem Ort, Zweck und Ergeb­nis selbst­stän­dig aus­übt (Art. 4 Abs. 1 und 2 der 6. EG-Richt­li­nie, jetzt Art. 9 Abs. 1 MWSt­Sys­tRL).
Erwirbt jemand ein Unter­neh­men und legt die erwor­be­nen Wirt­schafts­gü­ter anschlie­ßend in eine von ihm mit gegrün­de­te Gmbh & Co. KG ein, hat er hier­durch eine unter­neh­me­ri­sche bzw. wirt­schaft­li­che Tätig­keit aus­ge­übt.
Es trifft zwar zu, dass er mit den erwor­be­nen Wirt­schafts­gü­tern in der Grün­dungs­pha­se der KG nicht selbst als natür­li­che Per­son besteu­er­te Umsät­ze aus­füh­ren woll­te. Er war auch sonst weder vor­her noch nach Grün­dung der KG, etwa aus sei­ner Tätig­keit als Geschäfts­füh­rer der neu gegrün­de­ten Gesell­schaft, unter­neh­me­risch tätig. Der gegen­tei­li­gen Ansicht ist auch ein­zu­räu­men, dass nach der von ihm in Bezug genom­me­nen älte­ren Recht­spre­chung 1 ein Erwerbs- und Ein­brin­gungs­vor­gang wie im Streit­fall als sol­cher nicht als unter­neh­me­ri­sche Betä­ti­gung ange­se­hen wur­de.
Nach den uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben in Art. 4 Abs. 1 und 2 der 6. EG-Richt­li­nie bzw. jetzt Art. 9 Abs. 1 MWSt­Sys­tRL und der jün­ge­ren Recht­spre­chung des EuGH ist eine der­ar­ti­ge Fall­ge­stal­tung nun­mehr jedoch anders zu beur­tei­len.
Zu die­ser Auf­fas­sung gelangt das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf ins­be­son­de­re auf Grund des Urteils des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 01.03.2012 2, das zu einem ver­gleich­ba­ren Sach­ver­halt ergan­gen ist: Erwerb von Inves­ti­ti­ons­gü­tern durch Gesell­schaf­ter und anschlie­ßen­de Ein­brin­gung in die von den Gesell­schaf­tern gegrün­de­te Per­so­nen­ge­sell­schaft, die mit die­sen Inves­ti­ti­ons­gü­tern steu­er­pflich­ti­ge Umsät­ze täti­gen soll. In die­sem Zusam­men­hang stimmt das Finanz­ge­richt zunächst der Ansicht zu, dass das Urteil des Uni­ons­ge­richts­hofs vom 13.03.2014 3 und das nach­fol­gen­de Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs 4 einen ande­ren, im Streit­fall nicht gege­be­nen Sach­ver­halt betrifft: unent­gelt­li­che Nut­zungs­über­las­sung eines Man­dan­ten­stam­mes als nicht wirt­schaft­li­che Tätig­keit.
In sei­nem Urteil vom 01.03.2012 5 hat der Uni­ons­ge­richts­hof aus­ge­führt: Der Gerichts­hof hat dar­aus geschlos­sen, dass der­je­ni­ge, der sol­che in engem Zusam­men­hang mit der künf­ti­gen Nut­zung eines Grund­stücks ste­hen­den und für die­se erfor­der­li­chen Inves­ti­ti­ons­hand­lun­gen vor­nimmt, als Steu­er­pflich­ti­ger im Sin­ne der 6. Richt­li­nie anzu­se­hen ist. Dem­nach kön­nen die Gesell­schaf­ter einer Gesell­schaft in einer Situa­ti­on wie der des Aus­gangs­ver­fah­rens, die dadurch gekenn­zeich­net ist, dass sie vor Ein­tra­gung und mehr­wert­steu­er­pflich­ti­ger Erfas­sung ihrer Gesell­schaft Inves­ti­tio­nen getä­tigt haben, die für die künf­ti­ge Nut­zung des Grund­stücks durch die Gesell­schaft erfor­der­lich sind, als mehr­wert­steu­er­pflich­tig ange­se­hen wer­den, und sind daher grund­sätz­lich befugt ein Recht auf Vor­steu­er­ab­zug gel­tend zu machen.
In sei­nem Urteil vom 13.03.2014 6 hat der Uni­ons­ge­richts­hof im Übri­gen noch­mals aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben, dass in der Rechts­sa­che, in der das Urteil Pol­ski Tra­wer­tyn ergan­gen sei, der von den bei­den künf­ti­gen Gesell­schaf­tern getä­tig­te Aus­gangs­um­satz, näm­lich die Ein­brin­gung eines Grund­stücks in die Gesell­schaft als Inves­ti­ti­ons­aus­ga­be für die Zwe­cke der wirt­schaft­li­chen Tätig­keit die­ser Gesell­schaft, in den Anwen­dungs­be­reich der Mehr­wert­steu­er fal­le.
Ent­spre­chend den Vor­ga­ben des Urteils des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 01.03.2012 7 sind danach auch nach dem deut­schen Umsatz­steu­er­ge­setz Gesell­schaf­ter, die Inves­ti­ti­ons­gü­ter für die wirt­schaft­li­che Tätig­keit der Gesell­schaft erwer­ben, als Unter­neh­mer anzu­se­hen 8.
Eine Über­tra­gung der Grund­sät­ze des EuGH, Urteils vom 01.03.2012 9 auf den vor­lie­gen­den Fall schei­tert auch nicht an dem Umstand, dass kei­ne Per­so­nen­iden­ti­tät zwi­schen dem Erwer­ber und der unter­neh­me­risch täti­gen GmbH & Co. KG besteht. Auch wenn – wie im Streit­fall – nur einer von zwei Gesell­schaf­tern sämt­li­che Inves­ti­ti­ons­aus­ga­ben bei Grün­dung der Gesell­schaft tätigt, ist er nach den vom EuGH auf­ge­stell­ten Kri­te­ri­en als Steu­er­pflich­ti­ger bzw. Unter­neh­mer anzu­se­hen 10. Im Übri­gen hat der EuGH sei­nes Urteils den Umstand der Per­so­nen­iden­ti­tät auch ledig­lich im Zusam­men­hang mit den for­ma­len Rech­nungs­er­for­der­nis­sen beim Vor­steu­er­ab­zug the­ma­ti­siert.
Auch der Umstand, dass das Urteil des EuGH zum Vor­steu­er­ab­zug ergan­gen ist, steht einer Über­tra­gung der Rechts­grund­sät­ze auf den Streit­fall nicht ent­ge­gen. Der Begriff des Steu­er­pflich­ti­gen bzw. des Unter­neh­mers ist sowohl im Rah­men der Prü­fung der Vor­steu­er­ab­zugs­vor­aus­set­zun­gen als auch im Rah­men der Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen einer Geschäfts­ver­äu­ße­rung im Gan­zen nach den­sel­ben Grund­sät­zen und Rechts­vor­schrif­ten (§ 2 Abs. 1 UStG und Art. 4 Abs. 1 und 2 der 6. EG-Richt­li­nie bzw. jetzt Art. 9 Abs. 1 MWSt­Sys­tRL) vor­zu­neh­men. So hat der EuGH gera­de auch im Zusam­men­hang mit dem Anwen­dungs­be­reich des Art. 5 Abs. 8 der 6. EG-Richt­li­nie aus­ge­führt, dass gemäß dem Zweck der 6. EG-Richt­li­nie, die u.a. dar­auf abzielt, das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem auf einen ein­heit­li­chen Begriff des Steu­er­pflich­ti­gen zu stüt­zen, die­se Eigen­schaft aus­schließ­lich auf Grund der in Art. 4 der 6. EG-Richt­li­nie genann­ten Kri­te­ri­en beur­teilt wer­den muss 11.
Für die vom Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf ver­tre­te­ne Auf­fas­sung spricht im Ergeb­nis auch der vom EuGH bereits in des­sen vor­zi­tier­tem Urteil bemüh­te Neu­tra­li­täts­grund­satz der Umsatz­steu­er. Nach die­ser Ent­schei­dung kann ein Steu­er­pflich­ti­ger, des­sen ein­zi­ger Gesell­schafts­zweck die Vor­be­rei­tung der wirt­schaft­li­chen Tätig­keit eines ande­ren Steu­er­pflich­ti­gen ist und der kei­nen steu­er­ba­ren Umsatz bewirkt hat, in Anwen­dung des Grund­sat­zes der Neu­tra­li­tät der Umsatz­steu­er ein Recht auf Vor­steu­er­ab­zug im Zusam­men­hang mit steu­er­ba­ren Umsät­zen gel­tend machen, die von dem zwei­ten Steu­er­pflich­ti­gen bewirkt wur­den. Wür­de die Unter­neh­mens­ver­äu­ße­rung an den spä­te­ren Kom­man­di­tis­ten der Umsatz­be­steue­rung unter­wor­fen, hät­te dies nach den Grund­sät­zen der vor­ge­nann­ten EuGH, Urtei­le einen ent­spre­chen­den Vor­steu­er­ab­zug des Gesell­schaf­ters oder der Gesell­schaft zur Fol­ge. Durch die Annah­me einer Geschäfts­ver­äu­ße­rung im Gan­zen wird die Neu­tra­li­tät der Umsatz­be­steue­rung ent­spre­chend dem Zweck der Rege­lung des § 1 Abs. 1a UStG, die Über­tra­gung von Unter­neh­men oder Unter­neh­mens­tei­len zu erleich­tern und zu ver­ein­fa­chen, dadurch gewähr­leis­tet, dass die Geschäfts­ver­äu­ße­rung von vorn­her­ein nicht steu­er­bar ist.
vgl. ins­be­son­de­re BFH, Urteil vom 15.01.1987 – V R 3/​77, BSt­Bl II 1987, 512 und Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 17.12.2003 5 K 864/​01 U, EFG 2004, 772[↩]
EuGH, Urteil vom 01.03.2012 – C ‑280/​10, Pol­ski Tra­wer­tyn, BFH/​NV 2012, 908[↩]
EuGH, Urteil vom 13.03.2014 – C‑204/​13, Mal­burg, BFH/​NV 2014, 813[↩]
BFH, Urteil vom 26.08.2014 – XI R 26/​10, BFH/​NV 2015, 121[↩]
EuGH, Urteil vom 01.03.2012 – C‑280/​10, Pol­ski Tra­wer­tyn, BFH/​NV 2012, 908[↩]
EuGH, Urteil vom 13.03.2014 – C‑204/​13 Mal­burg, BFH/​NV 2014, 813[↩]
EuGH, Urteil vom 01.03.2012 – C‑280/​10 Pol­ski Tra­wer­tyn, BFH/​NV 2012, 908[↩]
so aus­drück­lich Wäger, Gesell­schaf­ter im Umsatz­steu­er­recht, UR 2012, 911, 913[↩]
EuGH, Urteils vom 01.03.2012 – C‑280/​10, Pol­ski Tra­wer­tyn, BFH/​NV 2012, 908[↩]
so auch Wäger, UR 2012, 911, 914[↩]
EuGH, Urteil vom 29.04.2004 – C‑137/​02 Fax­world, UR 2004, 362, dort Randnr. 29[↩]

References: § 2
 Art. 9
 Art. 4
 Art. 9
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 Art. 4
 Art. 9
 EuGH 
 Art. 5
 Art. 4
 EuGH 
 § 1