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Timestamp: 2018-08-16 14:42:49+00:00

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dreizehn, Ausgabe 10 by Annemarie Blohm - Issuu
Nr. 10 • November 2013 • herausgegeben vom kooperationsverbund jugendsozialarbeit
Sozialraumorientierung, Aktivierung und Anerkennung – Methodische Anforderungen in der aufsuchenden Jugend(sozial)arbeit Streetwork im Grünen Schwer erreichbare Jugendliche – keine neue Zielgruppe der Jugendsozialarbeit
Nah dran, mobil und gut vernetzt – neue Zugänge für die Jugendsozialarbeit
Liebe Leserinnen, liebe Leser, angesichts von 1,39 Millionen jungen Menschen ohne Berufsabschluss müssen wir uns fragen: Erreichen wir mit unseren Angeboten alle jungen Menschen, die Hilfe und Unterstützung benötigen? Gibt es Belege dafür, dass die Probleme der Jugendlichen in den vergangenen Jahren komplexer geworden sind – oder lässt das Bildungssystem mittlerweile immer weniger Spielraum für Umwege? In welcher Form müssen sich die Angebote der Jugendsozialarbeit verändern, damit sie Jugendliche dennoch erreichen und erfolgreich in ein eigenständiges Leben begleiten? In dieser Ausgabe der DREIZEHN blicken wir auf zentrale methodische Anforderungen für die Jugendsozialarbeit: „Nah dran, mobil und gut vernetzt“ muss sie sein – wie der Titel der Ausgabe fordert. Erfolgreiche Angebote – auch für die sogenannten „abgehängten“ Jugendlichen – sind im Sozialraum verankert und bieten niedrigschwellige Zugänge. Aufsuchende Jugendsozialarbeit und Streetwork zeigen, wie Jugendliche erreicht werden können, die bereits aus allen Systemen herausgefallen sind. Dabei wird immer wieder deutlich: Wir benötigen individuelle Förderung, personelle Kontinuität und befähigende Angebote, um Jugendlichen gesellschaftliche Teilhabe zu eröffnen. Dies ist unter den gegebenen Rahmenbedingungen oft schwierig und stellt große Herausforderungen an die Fachkräfte. Gelungene Beispiele präsentieren wir in dieser DREIZEHN. Während die zehnte Ausgabe der DREIZEHN in Druck geht, laufen in Berlin die Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD. Als Vertreter/-innen der Jugendsozialarbeit setzen wir uns dafür ein, dass unsere Forderung nach einer Ausbildungsgarantie für alle Jugendlichen in das Regierungsprogramm aufgenommen und auch zeitnah umgesetzt wird.
dreizehn Heft 10 2013
Die Analyse Die im Dunkeln sieht man nicht: Marginalisierte junge Menschen mit komplexen Problemlagen als Zielgruppe der Jugendsozialarbeit
Anne-Sophie Köhler, Joachim König und Sebastian Schäfer
„Was ist schon normal?“ – Psychische Belastungen und Verhaltensauffälligkeiten als Herausforderung für die Jugendsozialarbeit
Mobile Jugendarbeit – von der Niedrigschwelligkeit zur Veränderung von Verhältnissen
Im Gespräch mit: Gaby Hagmans, Bundesgeschäftsführerin beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und Mitglied der Berichtskommission zum 14. Kinderund Jugendbericht
Netzwerke bilden, Perspektiven schaffen – Sozialraumorientierung in der Jugendberufshilfe
Uwe Strothmann und Hella Pergande
STREET COLLEGE oder: Bildungsferne ist auch nur eine zweifelhafte Konstruktion
Elvira Berndt und Ragnar Fritz
Sozialraumorientierung, Aktivierung und Anerkennung – Methodische Anforderungen in der aufsuchenden Jugend(sozial)arbeit
Kontrapunkt Die Kunst, von der Antwort auf die Frage zu schließen Vor Ort Vom Brücken bauen und Steine aus dem Weg räumen – Die Kompetenzagentur der „Erfurter Brücke“ unterstützt junge Menschen auf ihrem Weg in die Arbeitswelt Praxis konkret
der kommentar Schwer erreichbare Jugendliche – keine neue Zielgruppe der Jugendsozialarbeit die nachlese Ein Ende der Lehrstellenkrise wäre schön
Die im Dunkeln sieht man nicht: Marginalisierte junge Menschen mit komplexen Problemlagen als Zielgruppe der Jugendsozialarbeit
In der hier vorgestellten Untersuchung aus Bayern werden junge Menschen im Alter zwischen 14 und 27 Jahren (SGB VIII), die sich noch teilweise oder überhaupt nicht mehr innerhalb der regulären Erwerbs-, Bildungs- und Sozialsysteme bewegen, näher in den Blick genommen. Diese jungen Menschen sind von Ausgrenzung betroffen, grenzen sich teilweise bewusst ab oder aus – und sind damit innerhalb der bisherigen Hilfestrukturen schwer oder nicht erreichbar. Anne-Sophie Köhler, Joachim König und Sebastian Schäfer
ugendsozialarbeit erweist sich seit einigen Jahren als ein zunehmend heterogenes und in dynamischen Umbrüchen befindliches Arbeitsfeld. Eine besondere Herausforderung ergibt sich dabei aus dem wachsenden Problem der Erreichbarkeit ihrer Zielgruppen. Ausgehend von ihrem gesetzlichen Auftrag möchte die Jugendsozialarbeit gerade dort einen Beitrag leisten, wo junge Menschen „zum Ausgleich sozialer Benachteiligungen oder zur Überwindung individueller Beeinträchtigungen in erhöhtem Maße auf Unterstützung angewiesen sind“ (§ 13 Abs. 1 SGB VIII). In diesem Sinne ist es umso wichtiger, dass Jugendsozialarbeit auf die aktuellen Entwicklungen und gesellschaftlichen Tendenzen reagiert, die ihre Zielgruppe betreffen. Nach den Erkenntnissen der KJS-Studie zur „Situation ausgegrenzter Jugendlicher“1 ist davon auszugehen, dass aufgrund der „segmentierten Berichtszuständigkeiten statistisch ‚blinde Flecke‘ bestehen, angesichts derer keine befriedigende Auskunft über erfolgreiche oder misslingende Statuspassagen junger Menschen an den Übergängen vom Bildungs- zum Erwerbssystem gegeben werden kann.“2 Dabei zeichnet sich innerhalb dieser Gruppe die Tendenz ab, dass es „zu einer sozialen Polarisierung an der Schwelle zwischen der aufwärts mobilen unteren Mittelschicht und den gesellschaftlich ‚Abgehängten‘ und ‚Entkoppelten‘ kommt.“3 Dies führt zu der begründeten Annahme, dass diese ursprüngliche Randgruppe von jungen Menschen kontinuierlich wächst und mit den bestehenden Strukturen und Konzepten der Jugendsozialarbeit nicht ausreichend erreicht werden kann. Daraus ergibt sich für die Jugendsozialarbeit und insbesondere für die arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit die Aufgabe eines konzeptionellen und methodischen Entwicklungsbedarfs, um gerade jene Jugendlichen zu erreichen, die gesellschaftlich abgehängt sind bzw. die sich bewusst von dieser Gesellschaft entkoppeln.
Von Ausgrenzung betroffene junge Menschen in Bayern – erste Erkenntnisse Ausgehend von der o. g. deutschlandweiten Studie scheint der Anteil von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die von Armut betroffen und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind, zuzunehmen.4 Jedoch ist die Datenlage sowohl zu Motiven und Hintergründen ausgegrenzter junger Menschen am Übergang Schule – Beruf als auch hinsichtlich ihrer quantitativen Erscheinung unbefriedigend. Für die Situation in Bayern wurde mithilfe von vorhandenen Datenquellen sowie neu gewonnenem qualitativem und quantitativem Datenmaterial diese Zielgruppe im Hinblick auf zentDie Analyse
„Emotionale Heimatlosigkeit bedeutet: in der Gesellschaft keinen Platz haben“ rale Merkmale untersucht: Lebenswelt, immer wieder vorkommende Problemlagen, besondere Förderbedarfe, Prozesse und Systeme, die zu Ausgrenzung und Entkopplung geführt haben. Zudem wurde eine Vielzahl an Zugangsmöglichkeiten, Praxisansätzen und Methoden für diese Zielgruppe erfasst, die über die Jugendsozialarbeit hinaus verschiedensten Handlungsfeldern sozialer Arbeit zur Optimierung und Verbesserung der Zusammenarbeit von Fachkräften und Diensten dienen soll. Dieses Inventar wurde mittels der Erfahrungen, Einschätzungen und Sichtweisen von Experten/-innen und Fachkräften aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Sozialen Arbeit (ambulante und stationäre Jugendhilfe, Sozialpädagogische Familienhilfe, ASD, Jugendgerichtshilfe, Streetwork, offene und mobile Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit an Schulen, Maßnahmen zur beruflichen Qualifikation und Wiedereingliederung) und angrenzenden Bereichen (Jobcenter U25, Polizei, Schulen, psychiatrische Hilfen, Suchthilfe) generiert und systematisiert. Zur Datenerhebung dienten 16 Workshops und neun Interviews mit insgesamt 235 Fachkräften aus Diensten und Einrichtungen in öffentlicher (ca. 65 %) und freier Trägerschaft in acht Landkreisen und acht kreisfreien Städten, geschichtet nach Einwohner-/-innenzahl, -dichte und Regierungsbezirk.
Zu den Rahmenbedingungen, die die familiäre Situation beschreiben, gehören Gewaltbereitschaft und aggressives Verhalten als Problemlösungsstrategien, gesellschaftlich abweichende, teilweise sozial ,vererbte‘ Verhaltensweisen (z. B. die Einstellung zur Inanspruchnahme von Hartz IV), eine zum Teil den gesellschaftlichen Werten und Rollenvorstellungen der Gesellschaft konträr stehende soziale und kulturelle Sozialisation sowie hochprekäre und instabile Familienverhältnisse. Die Betroffenen fühlen sich oftmals heimatlos: Dies kann auch eine emotionale Heimatlosigkeit bedeuten – nämlich das Empfinden, in dieser Gesellschaft keinen Platz zu haben. Zudem treten massive Erziehungsdefizite auf. Daher muss Jugendsozialarbeit verstärkt die Familie und ihre Lebensverhältnisse in die Interventionen einbeziehen. Das kann in der direkten Arbeit oder mithilfe von Kooperationen und Vernetzung zu anderen Feldern der Sozialen Arbeit und darüber hinaus geschehen. Zur Charakterisierung der Zielgruppe werden auch lebenskritische Ereignisse und traumatische Erfahrungen benannt. Diese können dazu führen, dass Bindungsstörungen entstehen und Beziehungen zunächst Angst und Misstrauen entgegengebracht wird. Dennoch müssen derartige Erfahrungen nicht zwangsläufig eine Zugehörigkeit zur Zielgruppe bedeuten. Dass Suchtmittelabhängigkeiten und psychische Erkrankungen besonders häufig in der Zielgruppe vorliegen und ein Zusammenhang mit dem Auftreten der gleichen Problematiken im unmittelbaren familiären Umfeld zu vermuten ist, könnte ebenfalls im Kontext prekärer und instabiler Familienverhältnisse eingeordnet werden. Die Frage nach Resilienzfaktoren sollte in diesem Diskurs Ausgangslage für weitere vertiefende Forschungen sein.
Der hier dargestellte aktuelle Ergebnisstand basiert auf den Kenntnissen der ersten von drei Stufen dieser Untersuchung. Zur Strukturierung der sehr umfangreichen Daten waren vier Bereiche erkenntnisleitend: •	•	•	•
persönlicher und familiärer Bereich Peer, Freizeit, Soziales Schule, Ausbildung, Beruf Handlungsprinzipien, Methoden und Rahmenbedingungen
In den vorliegenden Ergebnissen, die lediglich einen Auszug darstellen, konnte eine Vielzahl von Problemlagen und Risikofaktoren aufgedeckt werden, die die Situation der ausgegrenzten und schwer erreichbaren jungen Menschen beschreiben. Grundlegend scheint aus unserer Sicht: Kein Risikofaktor steht für sich. Diese müssen stets in ihren lebensweltlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen gesehen werden. Man kann jedoch davon ausgehen, dass das Risiko der Zugehörigkeit zur Zielgruppe steigt, je mehr Risikofaktoren in den unterschiedlichen Lebensbereichen auftreten. Die Merkmale, die zur Ausgrenzung führen, bestehen dabei nicht nebeneinander, sondern stehen in Wechselwirkung miteinander.
„Die Kette von Beziehungsabbrüchen darf sich nicht in den Hilfestrukturen fortsetzen“ Aus den Ergebnissen aus dem Bereich Peer, Freizeit, Soziales wurde deutlich, dass die Nutzung von Medien eine der Hauptbeschäftigungen in der Freizeit ist. Dies meint insbesondere das Internet. Hier sind die jungen Menschen keineswegs ausgegrenzt und unsichtbar, sondern präsent, aktiv und gut vernetzt in einem breiten virtuellen Freundes- und Bekanntenkreis. Gerade die Vermutung einer erhöhten Gewaltbereitschaft, die mit der Nutzung gewaltverherrlichender Medien zusammenhängt, einem durch die Medien einseitig geformten Selbstbild und der sichtbaren Tendenz, sich aus der realen in eine virtuelle Welt zurückzuziehen, sollte die Fachkräfte im
Im persönlichen und familiären Bereich wurde die Familie als zentrale ‚Stellschraube‘ identifiziert, an der sich viel für den weiteren Lebensverlauf entscheidet. Das heißt für die Jugendsozialarbeit, dass nicht nur der Jugendliche selbst, sondern stets auch der systemische Blick in sein familiäres und soziales Umfeld in die Arbeit einbezogen werden muss. dreizehn Heft 10 2013
Umgang mit der Zielgruppe zum methodischen und konzeptionellen Weiterdenken veranlassen.
druck setzen und frühzeitige Erfahrungen von Misserfolg machen lassen. Wo schon das soziale und familiäre Umfeld durch wenige oder keine kontinuierlichen, positiven Bezugspersonen charakterisiert ist, wird dieser Umstand durch das Schulsystem fortgesetzt und sogar mitproduziert. Aufgrund der Schulpflicht ist Schule jedoch als enorme Chance zu sehen, diese jungen Menschen zu erreichen. Gerade deshalb wurde von den Fachkräften die Notwendigkeit betont, dass Lehrer/-innen mehr Zeit und Kompetenz für Beziehungsarbeit in der Schule aufbringen und dass die Jugendsozialarbeit an Schulen weiter ausgebaut wird, weil die aktuellen Ressourcen im Schulsystem dem gesteigerten Bedarf an Erziehungsaufgaben nicht gerecht werden können.
Es kann davon ausgegangen werden, dass Vereine mit ihren Angeboten ein enormes Potenzial haben, diese jungen Menschen anzusprechen. Jedoch muss das frühzeitig geschehen, bspw. schon im Kindesalter, da die familiäre Förderung in Bezug auf Freizeit aus unterschiedlichen Gründen kaum geschieht und im Jugendalter die verbindlichen Vereinsstrukturen als Zugangshürden empfunden werden. Hier kann Jugendsozialarbeit ebenfalls aktiv werden und mit Vereinen als potenziellen Partnern Kooperationen aufbauen. Dass es diesen jungen Menschen an positiven Vorbildern und beständigen Bezugspersonen in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld mangelt bzw. sie diese durch instabile Familienverhältnisse und häufige Wohnortwechsel immer wieder verlieren, weist deutlich auf einen Handlungsbedarf hin. Obwohl sie schwer erreichbar sind, wird eine längerfristige und tragfähige Beziehung von den Fachkräften als die zentrale Zugangsvoraussetzung zu und als zentrales Handlungsprinzip in der Arbeit mit diesen jungen Menschen identifiziert. Dieses Ergebnis ist gerade hinsichtlich der Veränderung bestehender Strukturen ernst zu nehmen (bspw. langfristigere Finanzierungssysteme, seltener wechselndes Personal, vernetzt arbeitende Bezugspersonen). Das Hilfesystem sollte die Kette von Beziehungsabbrüchen nicht noch selbst durch seine eigenen Strukturen fortsetzen.
Dass die jungen Menschen immer wieder durch sozial abweichendes Verhalten, Passivität und Schulverweigerung auffällig werden, kann dazu führen, dass man ihnen ihre Situation leichtfertig und auch stigmatisierend als selbstverschuldet zuschreibt. Dies würde jedoch zu kurz greifen und die Verantwortung ausschließlich beim jungen Menschen selbst und seiner Familie suchen, statt bspw. das Umfeld und seine Strukturen in die Überlegungen einzubeziehen. Die Schwierigkeiten beim Übergang zwischen Schule und Beruf werden vor allem mit Orientierungslosigkeit und beruflicher Perspektivlosigkeit beschrieben. Als zentrale Aufgabe von Jugendsozialarbeit ergibt sich daher die Unterstützung junger Menschen, Perspektiven für ihr Leben zu entwickeln (z. B. positive Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen, frühzeitig ansetzende Maßnahmen der beruflichen Bildung).
Hier muss ebenfalls der Veränderungsbedarf hinsichtlich einer rechtskreisübergreifenden Gestaltung von Strukturen erkannt werden, der mit bereichsübergreifenden Bezugspersonen, einer engeren Zusammenarbeit unterschiedlicher Stellen, einer neuen Regelung für die Begleitung beim Überschreiten von Altersgrenzen und dem Abbau von Zugangsschwellen zusammenhängt. Als Zugangsschwellen wurden bspw. zeitliche Verzüge bei Anträgen, Angebote mit hoher Verbindlichkeit, die Antragstellung und fehlende rechtskreisübergreifende Hilfestrukturen benannt.
„Aufsuchende Arbeit ist eine Brücke zurück in die Gesellschaft“ Erfolg versprechende Handlungsprinzipien und Methoden sind weiterhin Erlebnispädagogik und andere pädagogische Interventionen, die mit einem vorübergehenden Orts- und Umfeldwechsel verbunden sind, Erfahrungen mit Engagement und Übernahme von Verantwortung für andere sowie Peer-Education. Vor allem die aufsuchende Arbeit in der Lebenswelt der jungen Menschen stellt einen zentralen Ansatz dar, diese besser bzw. überhaupt zu erreichen – insbesondere wenn sie sich wei-
Im Bereich Schule, Ausbildung, Beruf zeigt sich, dass Ausgrenzungsprozesse durch ungünstige Startbedingungen aufgrund der familiären Situation schon viel früher ihren Beginn in den Biografien der jungen Menschen haben. So bringt der junge Mensch schon mit Eintritt in die Schule komplexe Problemlagen mit, die ihn im Leistungsvergleich mit Mitschülern/-innen aus weniger problematischen Elternhäusern unter LeistungsDie Analyse
„Der gesteigerte Bedarf an Erziehungsaufgaben in der Schule muss erfüllt werden“ testgehend aus den Hilfesystemen entfernt haben. Die aufsuchende Arbeit kann eine wichtige Brückenfunktion zurück in die Gesellschaft und zu weiterführenden höherschwelligen Hilfsangeboten übernehmen. Damit verbundene Strukturen sollten nicht nur in anderen Feldern der Sozialen Arbeit, wie mobiler Jugendarbeit und Streetwork, angewendet werden, sondern verstärkt auch im Bereich der Jugendsozialarbeit und den damit verbundenen Maßnahmen zur sozialen und beruflichen Integration. Das hinter diesem Ansatz stehende Handlungsprinzip der Niedrigschwelligkeit ist ein grundlegendes Prinzip für die Arbeit und den Zugang zu dieser Zielgruppe. Gerade wenn es um erste Kontakte und um das Andocken an bestehende Hilfestrukturen geht, bedürfen diese junge Menschen offener, wenig vorstrukturierter Räume und Angebote, die sich in der weiteren Arbeit positiv auf die Erreichbarkeit auswirken. Zur Umsetzung von Niedrigschwelligkeit können unterschiedliche Faktoren erforderlich sein: eine gute Kenntnis der Lebenswelt der Betroffenen, Kostenfreiheit, Freiwilligkeit, Unverbindlichkeit, geringe bürokratische Hürden, im ländlichen Raum die infrastrukturelle Anbindung der Angebote an die Zielgruppe, dezentrale Berührungspunkte wie Social Media u. a.
nommen werden. Für die Jugendsozialarbeit heißt das, frühzeitige pädagogische Begleitung und entsprechende Projekte der Jugendsozialarbeit an Schulen auszubauen. Viele Handlungsprinzipien, die als Erfolg versprechend gelten dürfen, sind seit Langem bekannt (u. a. Niedrigschwelligkeit, Partizipation, Vernetzung): Es gilt, diese innerhalb der Alltagsstrukturen umzusetzen und zu integrieren. Bestehende Abläufe, wie bspw. das Sanktionssystem, sollten hinsichtlich ihrer Wirkung methodisch und konzeptionell neu durchdacht werden. Zugleich bedarf die Zielgruppe unmittelbarer und nachvollziehbarer Konsequenzen auf ihr Verhalten sowie nachvollziehbarer Strukturen, die – entsprechend ihrer jeweiligen Lebenssituation und der Art des Angebotes – eine schrittweise Heranführung von niedrigschwelligen zu höherschwelligen, verbindlicheren Angeboten ermöglichen. Dass für diese hier dargestellten Handlungsprinzipien und Zugangswege die entsprechenden Mittel von Kostenträgerseite zur Verfügung gestellt werden, muss von der Jugendsozialarbeit als Lobby dieser jungen Menschen politisch immer wieder angestoßen werden. //
Die Zielgruppe junger Erwachsener in den Blick nehmen
Die Autoren/-innen: Anne-Sophie Köhler ist freie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Praxisforschung und Evaluation der Evangelischen Hochschule Nürnberg. E-Mail: anne-sophie.koehler@evhn.de Dr. Joachim König ist Professor für Allgemeine Pädagogik und Empirische Sozialforschung sowie Leiter des Instituts für Praxisforschung und Evaluation. E-Mail: joachim.koenig@evhn.de Sebastian Schäfer ist freier wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Praxisforschung und Evaluation der Evangelischen Hochschule Nürnberg. E-Mail: sebastian.schaefer@evhn.de
Deutlich wurde aus den Ergebnissen, dass die Gesellschaft und bestimmte Systeme Koproduzenten von Ausgrenzungsprozessen sind. Darin gibt es Verlierer/-innen und Gewinner/-innen. Als Verlierer/-innen gelten die, die in einer leistungsorientierten Gesellschaft den Erwartungen, schnell, anpassungsfähig und flexibel zu sein, nicht entsprechen. Ihr Wert wird häufig wesentlich an wirtschaftlichen Faktoren und ihrer Leistung bemessen. Immer wieder trat auch die Frage nach Angeboten für junge Erwachsene auf, verbunden mit der Vermutung, dass hier zu wenige vorhanden sind bzw. durch die gesetzlich festgelegte Altersgrenze (insbesondere in der Jugendhilfe) eine viel zu geringe Begleitung junger Volljähriger geschieht – so wird gerade diese Altersgruppe zum eigentlichen Dunkelfeld. Durch ein gut ausgebautes Sozialsystem und die vielen Akteure, die in Bayern mit der Zielgruppe zu tun haben, wurde sichtbar, dass die Vernetzung unterschiedlicher Akteure eine grundlegende Aufgabe ist, um effektiver zu arbeiten und zu verhindern bzw. vorzubeugen, dass junge Menschen durch das ‚Hilferaster‘ fallen.
Jugendlicher. Expertise unter Einbeziehung der Perspektive der Praxis. Hrsg.: Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V. im Rahmen des Kooperationsverbundes Jugendsozialarbeit. Düsseldorf. 2
Vgl. ebd., S. 4, S. 6. Die Untersuchung des Institutes für Praxisforschung und Evaluation an der Evangelischen Hochschule Nürnberg wurde im Auftrag der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit Bayern und des Bayrischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung zur Weiterentwicklung der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit in Bayern durchgeführt.
Junge Menschen sind nicht von heute auf morgen schwer erreichbar oder gar unsichtbar. Diese Entwicklung verläuft über einen längeren Zeitraum und deutet sich damit auch längerfristig an – dies kann von den bisherigen Hilfesystemen und den darin agierenden Personen durchaus frühzeitig wahrgedreizehn Heft 10 2013
„Was ist schon normal ...?“
Psychische Belastungen und Verhaltensauffälligkeiten als Herausforderung für die Jugendsozialarbeit Alkohol- und Drogenabhängigkeit, aggressives Verhalten, Depression und mangelnde Selbstkontrolle – das sind Phänomene, die in den letzten Jahren innerhalb der Jugendsozialarbeit keine Seltenheit darstellen. Mitarbeiter/-innen berichten von schwerwiegenden Problemen und Auffälligkeiten, die die jungen Menschen mitbringen. Aber was macht die Jugendlichen von heute auffälliger? Und wie kann sich auch die Jugendberufshilfe dieser Herausforderung stellen?
s wird immer wieder von einer Zunahme psychischer Störungen bereits im Kindes- und Jugendalter gesprochen und in Bezug auf „massive“ Veränderungen von Arbeitswelt und Gesellschaft sogar eine „Epidemie des 21. Jahrhunderts“1 deklariert. Insbesondere die Neuauflage des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-V) hat die Diskussion um Normalität erneut angefacht. Laut dieser Klassifikation können bei immer mehr Menschen psychische Störungen festgestellt werden – so kann zum Beispiel eine längere Trauerphase nach dem Verlust eines geliebten Menschen bereits als Depression gelten. Ein Vergleich empirischer Untersuchungen zur Prävalenz psychischer Störungen in der Allgemeinbevölkerung aus den letzten zehn Jahren bestätigt diese Annahme jedoch nicht.2 Die Angaben der Studien bleiben konstant in einer Spanne von 10 bis 20 %. Auch laut dem aktuellen Kinder- und Jugendgesundheitssurvey weist jedes fünfte Kinder bzw. jeder fünfte Jugendliche psychische Auffälligkeiten auf.3 Diese Ergebnisse sprechen zwar nicht für einen dramatischen Anstieg psychischer Störungen, die Zahl macht aber deutlich, dass es eine „zunehmende (Selbst-) Wahrnehmung psychischer Probleme und damit eine steigende Behandlungsbedürftigkeit“4 gibt, die eine enorme Herausforderung für das Gesundheits- und Bildungssystem darstellen.
„Haben psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter in den letzten Jahren zugenommen?“ Interessanter noch als diese statistischen Werte sind die Zusammenhänge, die die Studien angibt. So wird unter anderem herausgearbeitet, dass ein niedriger sozioökonomischer Status der Familie als Faktor für ein erhöhtes Auftreten spezifischer psychischer Störungen gilt.5 In den sogenannten Ulmer Heimkinderstudien (2007, 2008) konnte zudem aufgezeigt werden, dass die Prävalenzraten für Auffälligkeiten und Störungen bei Kindern, die in der stationären Erziehungshilfe betreut werden, weit über die der Allgemeinbevölkerung liegen (ca. 60 %).6 Aus diesen Befunden lässt sich ableiten, dass bestimmte Einflussfaktoren und ungleiche Verhältnisse Auswirkungen auf den Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen haben können. In Bezug auf die Zielgruppe der Jugendsozialarbeit geht weiterhin aus einer Expertise zum 13. Kinder- und Jugendbericht hervor, dass junge Erwachsene, die arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht sind, deutlich höhere Belastungen aufweisen und ihr Gesundheitsstatus stärker beeinträchtigt ist. Dies wird unter anderem auf ihre spezifischen Lebenssituationen zurückgeführt, die durch einen geringen Bildungsstand, eine schlechte sozioökonomische Lage und das häufige Erleben von Scheidung und Trennung der Eltern7 gekennzeichnet sind: dreizehn Heft 10 2013
„Die Ergebnisse verweisen darauf, dass diese Altersgruppe und vor allem benachteiligte junge Erwachsene in einem doch erheblichen Ausmaß psychosozialen Belastungen ausgesetzt sind, die sich in zahlreichen und diffusen Körperbeschwerden äußern.“8
Neben der fachlichen Qualifikation und Ausbildung der Jugendlichen rücken insbesondere die pädagogischen Aspekte der Förderung in den Blick. Doch gerade in Bezug auf den Umgang mit psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten fühlen sich viele Mitarbeiter/-innen nicht genügend vorbereitet und ausgebildet. So wurden in den letzten Jahren gehäuft Fortbildungswünsche zu Handlungskonzepten für die Arbeit mit schwierigen Jugendlichen und zum Verständnis von Störungsbildern geäußert. Nachfolgend wird ein Praxisansatz vorgestellt, anhand dessen Gelingensbedingungen für die pädagogische Arbeit benannt werden können.13
„Modernisierungsverlierer“ als Zielgruppe der Jugendsozial­ arbeit Allgemein scheinen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Schere zwischen sogenannten „Modernisierungsgewinnern“ und „Modernisierungsverlierern“9 immer größer werden zu lassen. Während die erste Gruppe von den erweiterten Individualisierungs- und Entscheidungsmöglichkeiten profitiert, verschärfen sich die Nachteile für die zweite Gruppe, die unter weniger günstigen Ausgangsbedingungen startet. Die positive Bilanz der 16. Shell Jugendstudie, die von einem pragmatischen Umgang der Jugendlichen mit den neuen Herausforderungen spricht, muss in Bezug auf jene spezifische Zielgruppe daher wohl mit Vorsicht betrachtet werden.10
Der „Ansatz des sicheren Ortes“ – das Projekt „Stabil“ Das Projekt „Stabil“, das im SOS-Kinderdorf Saarbrücken seit einigen Jahren erfolgreich durchgeführt wird, ist ein niedrigschwelliger Qualifizierungs- und Beschäftigungsansatz, bei dem die Förderung von Jugendlichen mit multiplen Profillagen im Fokus steht und das als langfristiges Ziel die Eingliederung in Ausbildungs- und Arbeitsprozesse verfolgt. Die Wege und Methoden der Förderung sind auf diesen spezifischen Teilnehmer-/-innenkreis hin ausgerichtet. Mithilfe eines Fallbeispiels werden einzelne Elemente eingeführt, die auf die Ressourcen und Potenziale von Jugendlichen fokussieren:
Aktuelle Entwicklungen machen deutlich, dass sich diese Gruppe der „Modernisierungsverlierer“ häufig in den Maßnahmen der Jugendberufshilfe wiederfindet. War es geschichtlich noch die massive Ausbildungs- und Berufsnot junger Menschen, die in der Nachkriegszeit die Bedeutung der Jugendsozialarbeit ansteigen ließ11, hat das Phänomen der Marktbenachteiligung heute weniger Einfluss auf die Entstehung von Benachteiligung bei jungen Menschen. Diejenigen mit entsprechenden Zugangsvoraussetzungen haben derzeit gute Chancen auf eine Lehrstelle und den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt.
Sascha ist ein Jugendlicher, der den Großteil seiner Kindheit bei seinem alkoholabhängigen Vater verbracht hat. Nach dem Hauptschulabschluss landet er in Gelegenheitsjobs auf dem Bau, die er jedoch immer wieder aufgrund seines Alkoholmissbrauchs und seiner Unzuverlässigkeit verliert. Nachdem er eine gewisse Zeit obdachlos ist, wird er Anfang 2012 ins Projekt „Stabil“ aufgenommen. Gleichzeitig bekommt er einen Platz in einem Wohnclearingprojekt und wird im weiteren Verlauf auch in die Psychiatrie für eine stationäre Therapie eingewiesen. Nachdem er aufgrund häufigen Therapeutenwechsels die Therapie abbricht, kommt er erneut zu „Stabil“ …
Als Folge des Trends zu höheren Bildungsvoraussetzungen in der Ausbildung profitieren jedoch nicht alle Absolventen-/ -innenkategorien vom guten Angebot an Ausbildungsplätzen. Jungen Menschen ohne Bildungsabschluss, die zum Teil als „nicht ausbildungsreif“ deklariert werden, fällt der Einstieg in Arbeit immer schwerer. Die Jugendberufshilfe erlebt damit eine starke Veränderung ihrer Klientel und eine Konzentration auf Jugendliche in multiplen Problemlagen, die kaum den hohen Anforderungen des Arbeitsmarktes entsprechen können und die aufgrund der erschwerten Zugangsvoraussetzungen besonderer Maßnahmen bedürfen.12 Mit diesen Veränderungen gehen einige Herausforderungen einher, denen die Mitarbeiter/ -innen im Feld der Jugendberufshilfe aktuell gegenüberstehen. Den Maßnahmen der Träger werden immer mehr junge Menschen zugewiesen, deren Förderbedarfe weit über die Zielsetzung der Arbeitsagentur – die Anpassung des Hilfeempfängers an wettbewerbsfähige Qualifizierungskriterien – hinausgehen. Die Analyse
Laut dieser Beschreibung ist Sascha ein junger Mann, der von Anfang an in einer prekären Umgebung aufwächst und in seinem bisherigen Lebenslauf immer wieder Abbrüche sowie Scheitern erlebt hat. Die Aufgabe für die Mitarbeiter/-innen war es, ein unterstützendes Setting für diesen jungen Menschen bereitzustellen, in dem er sich als selbstwirksam erfahren, seine individuellen Problemlagen bearbeiten und sich auf einen Übergang in eine Ausbildung vorbereiten kann. Im Rahmen des „Stabil“-Projektes wurde nach dem Ansatz des sicheren Ortes14 versucht, Strukturen zu schaffen, die sowohl Sascha als auch die Mitarbeiter/-innen in der gemeinsamen 11
Zusammenarbeit unterstützen. So konnte für Sascha zunächst in Kooperation mit einem Wohnclearingprojekt ein vorübergehender sicherer Wohnraum gefunden werden, in dem er für die Mitarbeiter/-innen erreichbar war. Auf diese Weise wurde eine notwendige Grundlage für die pädagogische Arbeit geliefert. Leider waren die Besuche in der stationären Therapie ein erneuter Rückschlag in Saschas Entwicklung. Hier wäre eine Kooperation zwischen der Psychiatrie und dem Träger der Jugendberufshilfe erstrebenswert gewesen, die beispielsweise einen regelmäßigen und unkomplizierten Austausch von Informationen gewährleisten kann.
von Kollegen/-innen bereitsteht. Im Fall von Sascha fühlte sich das Team durch die Festlegungen für den Konfliktfall vorbereitet und konnte Hemmungen abbauen, bei Kollegen/-innen um Hilfe zu bitten. Dies führte in der Konsequenz zu einer entspannten Atmosphäre im Team.
„Sich selbst als Akteur des eigenen Bildungsweges erfahren“ Wichtig für die Mitarbeiter/-innen war aber auch, dass im Anschluss an eine Konfliktsituation immer eine Rückmeldung an die Teilnehmer/-innen gegeben werden muss und bei Bedarf der Vorfall mit der Gruppe gemeinsam bearbeitet werden sollte. Auf diese Weise verbleibt die Verantwortung nicht nur in den Händen der Fachkräfte, sondern wird an die Gruppe zurückgegeben. Durch eine Bereitstellung beteiligungsorientierter Kontexte werden die Jugendlichen in alle sie betreffenden Belange mit einbezogen und sie erleben sich selbst als verantwortliche Gestalter ihres Alltages. Dies kann etwa über ritualisierte Gesprächsrunden geschehen, die fest in den Wochenablauf eingebaut sind. Gleichzeitig heißt dies für die Mitarbeiter, eine neue Rolle der Zurückhaltung einzunehmen und den Teilnehmern/
Da Sascha während der Arbeit im Projekt immer wieder in Konfliktsituationen mit anderen Teilnehmern/-innen wie auch Mitarbeitern/-innen geriet, wurde des Weiteren ein Deeskalationsplan erarbeitet und gemeinsam mit Sascha besprochen. Dort war beispielsweise vermerkt, dass zuständige Mitarbeiter/-innen im Konfliktfall bei anderen Kollegen/-innen Hilfe suchen können. Für diese Zusammenarbeit wurde vereinbart, dass der betroffene Kollege Hauptakteur bleibt und Aktionen nur in gemeinsamer Absprache geschehen. Für die Fachkräfte bedeutete dieser Plan ein Mehr an Handlungssicherheit. Den Weg dafür eröffnete eine fehlerfreundliche Teamkultur, in der auch Tabus angesprochen werden können und in der die Unterstützung dreizehn Heft 10 2013
-innen das Vertrauen entgegenzubringen, sich selbst als Akteure des eigenen Bildungsweges zu erfahren.
des Teams entstehen zugleich eine Haltung des Vertrauens und eine Kultur des respektvollen Umgangs miteinander, die auch Fehler und Unsicherheit im Umgang mit Störungen erlauben. Auf dieser Basis können soziale wie auch fachliche Lernprozesse stattfinden.
Neben diesen Aspekten wird im Projekt „Stabil" weiterhin ein Patenprogramm durchgeführt, bei dem erfahrene Teilnehmer/ -innen Neuankömmlingen beim Kennenlernen der Regeln und des Alltages im Projekt zur Seite stehen. Dies ist ein wichtiger Baustein, der unter anderem die hohe Bedeutung sozialer Interaktionen aufnimmt. Tragfähige Beziehungen – sei es zwischen den Peers, innerhalb der Familie oder zu Fachkräften – gelten laut empirischen Studien als eine unerlässliche Basis für die Bewältigung des Übergangsgeschehens zwischen Schule und Beruf.15 Auf der Ebene der Peers können Mentorenprogramme sowie der gezielte Einsatz sozialer Gruppenaktivitäten das soziale Lernen unterstützen.
Wohin entwickelt sich die Jugendberufshilfe? Die Ausführungen zeigen, wie wichtig die Entwicklung handlungsorientierter Kompetenzen im Umgang mit belasteten Jugendlichen ist. Es braucht ein Setting, das Mitarbeitern/-innen auch in schwierigen Situationen Handlungsoptionen bietet und in dem die Jugendlichen einen Ort des Vertrauens und der Sicherheit finden. In diesem Sinne wird es in Zukunft notwendig sein, zu überlegen, welche Zielsetzung sich die Jugendberufshilfe im Rahmen von Jugendsozialarbeit gibt: Geht es allein um fachliche Qualifikation und Ausbildung, die sich an den Zielen der Arbeitsagentur orientiert? Oder ist die Bereitstellung eines sicheren Ortes, an dem benachteiligte junge Menschen Unterstützung und Hilfe auf ihrem Weg in ein selbstständiges Leben erhalten, nicht ebenso wichtig? //
Zusammenfassend wirken diese Elemente auf den ersten Blick sehr einfach, sind aber wesentliche Bestandteile zur Herstellung eines sicheren Ortes für Teilnehmer/-innen und Mitarbeiter/ -innen. Klare Anforderungen und Regeln und gleichzeitiges Vertrauen in die Kompetenzen der Jugendlichen verdeutlichen, dass man nicht der Kontingenz der Handlungen anderer ausgesetzt sein muss und dass der Alltag eine Struktur erfährt, die dem Leben dieser Jugendlichen bisher gefehlt hat. Innerhalb Die Analyse
Die Autorin: Dr. Angela Bauer ist Referentin im Ressort Pädagogik des SOSKinderdorf e. V. Kontakt: angela.bauer@sos-kinderdorf.de
Literatur: BAUER, Angela (2013): „Wenn ihr wüsstet, welche Probleme ich wirklich habe … Die Arbeit mit belasteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen innerhalb der Jugendberufshilfe.“ In: Sozial Extra 9/10, S. 6–9. BREUER, Karl-Heinz (1965): Jugendsozialarbeit. Köln. GAUPP, Nora (2013): Wege in Ausbildung und Ausbildungslosigkeit. Düsseldorf. HEINZ, Walter R. (2001): „Jugend im gesellschaftlichen Wandel: soziale Ungleichheiten von Lebenslagen und Lebensperspektiven.“ In: Krekel, Elisabeth M.; Lex, Tilly (Hrsg.): Neue Jugend, neue Ausbildung? Bonn, S. 15–30. JACOBI, Frank (2009): „Nehmen psychische Störungen zu?“ In: Report Psychologie, 34, 2009, S. 16–28. KNAPP, Gabriele: Projektbericht Jugendsozialarbeit als Lernort zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung. Internetpublikation: http://www.bagkjs.de/media/raw/Persoenlichkeitentwicklung_am_Lernort_Jugendsozialarbeit.pdf (Zugriff am 21.08.13). KÜHN, Martin (2006): Bausteine einer „Pädagogik des sicheren Ortes“. Internetpublikation: http://www.hs-merseburg. de/~benecken/publikationen/martin_kuehn.pdf (Zugriff am 21.08.13). MAIER, Tobias; Helmrich, Robert; Zika, Gerd; Hummel, Markus; Wolter, Marc Ingo; Drosdowski, Thomas; Kalinowski, Michael; Hänisch, Carsten (2012): Alternative Szenarien der Entwicklung von Qualifikation und Arbeit bis 2030. Bonn. RAVENS-SIEBERER, Ute; Wille, Nora; Bettge, Susanne; Erhardt, Michael (2007): „Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse der BELLAStudie im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS)“. In: Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 5/6, S. 871–877. OPP, Günther; Fingerle, Michael (2007): „Erziehung zwischen Risiko und Protektion“. In: Dies. (Hrsg.): Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. 2. Auflage, München und Basel, S. 7–18. SCHMID, Marc (2007): Psychische Gesundheit von Heimkindern. Eine Studie zur Prävalenz psychischer Störungen in der stationären Jugendhilfe. Weinheim und München. STRAUS, Florian (2009): Gesundheitsförderung und Prävention in berufsbildenden Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe. Expertise zum 13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung. Internetpublikation: http://www.dji.de/ bibs/13_KJB_Expertise_Straus_berufsbildende_Massnahmen. pdf (Zugriff am 20.08.2013).
Weber; Hörmann; Köllner (2006).
Vgl. hierzu Übersicht bei Schmid (2007), S. 37. Vgl. Ravens-Sieberer et al. (2007).
Jacobi (2009), S. 17.
Vgl. Ravens-Sieberer et al. (2007), S. 875.
Vgl. hierzu Schmid (2007).
Vgl. Straus (2009), S. 9 f.
Straus (2009), S. 14.
Vgl. Opp; Fingerle (2007), S. 11. Vgl. auch Heinz (2011).
Breuer (1965).
Vgl. Maier et al. (2012).
Ausführlicher hierzu: Bauer (2013).
Vgl. Kühn (2006).
Vgl. Gaupp (2013), S. 13; Knapp (2012), S. 29.
Mobile Jugendarbeit –
von der Niedrigschwelligkeit zur Veränderung von Verhältnissen
Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen, die aufgrund ihres Verhaltens in Cliquen und Szenen als gefährdet gelten, das ist seit über 40 Jahren die Ausgangssituation, in der Mobile Jugendarbeit als niedrigschwelliger Arbeitsansatz der Jugendsozialarbeit entwickelt wurde. Matthias Reuting
obile Jugendarbeit wurde als Ansatz lebensweltorientierter Jugendhilfe in Deutschland ab Ende der 1960er-Jahre insbesondere im Anschluss an amerikanische Vorbilder – maßgeblich durch Walther Specht – erprobt und fachlich ausgearbeitet1 und im Diskurs von Praktikern/-innen in landes- und bundesweiten Netzwerken weiterentwickelt. Es geht dabei um Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis höchstens 27 Jahre, deren Lebenslage oder riskantes Verhalten deutlich darauf hinweist, dass sie möglicherweise Förderung und Unterstützung brauchen, die aber von bestehenden Angeboten (z. B. Offene Jugendarbeit, Jugendberufshilfe, Schulsozialarbeit, Hilfen zur Erziehung, Beratungsstellen) nicht (mehr) oder nicht ausreichend erreicht werden. Jugendliche und junge Erwachsene, deren Lebenssituation besonders erschwert ist etwa durch die finanzielle Ausstattung ihrer Familien, ihre Bildungschancen oder die Bewältigung von Migration – junge Menschen, die in Cliquen oder Szenen im öffentlichen Raum durch riskantes Verhalten auffallen und oft gefährdet sind durch riskanten Konsum von legalen und illegalen Drogen, Gewalthandeln und -erfahrungen sowie Straffälligkeit.
aufzubauen, ergibt sich als zweite Anforderung, Empowermentprozesse auszulösen, in denen die Jugendlichen und das Gemeinwesen aktiv werden, um Alternativen zur bestehenden Situation zu entwickeln.
Vier methodische Zugänge prägen das Konzept Um vom niedrigschwelligen Zugang zu wirksamen Veränderungsprozessen auf verschiedenen Ebenen zu gelangen, setzt das Konzept der Mobilen Jugendarbeit auf die Kombination von vier methodischen Zugängen:
•	Streetwork dient der Kontaktaufnahme, vor allem aber auch dem Aufbau tragfähiger Beziehungen. Die Fachkräfte suchen die jungen Menschen als Gäste an deren Orten und zu deren Zeiten auf. Aufgrund der wachsenden Relevanz von Social Media im Alltag der jungen Menschen hat zudem die Kontaktpflege über das Internet an Bedeutung gewonnen.2
•	Einzelfallhilfe bezieht sich auf alle Themen, die die Jugend-
Leitend bei der Entwicklung des Ansatzes war die Herausforderung, zwei Schwellen zu überwinden: Die erste Schwelle ist das häufig wahrzunehmende Misstrauen der Jugendlichen gegenüber Erwachsenen. Eine zweite Schwelle ergibt sich daraus, dass die jungen Menschen oft aber auch das Vertrauen in sich selbst verloren haben: Sie sind zwar mit ihrer Lebenssituation unzufrieden, sehen aber wenig Perspektiven, etwas zu ändern. Daraus leiten sich zwei zentrale Anforderungen an Niedrigschwelligkeit ab, die Mobile Jugendarbeit konzeptionell prägen: Die erste Anforderung besteht darin, das Vertrauen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu gewinnen. Gelingt es, auf diese Weise eine tragfähige und belastbare Beziehung Die Analyse
lichen mit den Fachkräften bearbeiten wollen, und umfasst Beratung wie auch Unterstützungs- und Vermittlungsleistungen.
•	Angebote für Gruppen zielen insbesondere darauf, die stär-
kenden Funktionen bestehender Cliquen zu fördern und Raum für Alternativen zu riskanten Verhaltensweisen zu geben. Sie reichen von der verbindlichen wöchentlichen Gruppenarbeit über Projekte bis hin zur Förderung von Selbstorganisation.
•	Gemeinwesenorientierte Arbeit ist darauf ausgerichtet, An-
Viele Einrichtungen Mobiler Jugendarbeit versuchen in diesem Sinne derzeit sehr bewusst, gruppen- und gemeinwesenbezogenes Arbeiten stärker zu gewichten. Dies gelingt dann besonders gut, wenn ein Schwerpunkt darauf gelegt wird, Beteiligung an kommunalpolitischen Prozessen sowie freiwilliges Engagement zu fördern. Dass dies notwendig ist, verdeutlichen empirische Befunde aus den Freiwilligensurveys, die einen Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Zugang zu Engagementmöglichkeiten zeigen. Junge Menschen, die im Hinblick auf ihren Bildungsstatus und die sozioökonomische Lage ihrer Familien benachteiligt sind, sind beim freiwilligen Engagement stark unterrepräsentiert. Dies gilt auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Gleichzeitig gehört es zu den zentralen Erkenntnissen neuerer Jugendstudien6, dass auch junge Menschen mit niedrigem Bildungsstatus motiviert sind, sich freiwillig zu engagieren und Verantwortung im Gemeinwesen zu übernehmen. Erfahrungen aus der Praxis der Mobilen Jugendarbeit zeigen, dass gerade bei Jugendlichen, die selbst über schlechte Ausgangsbedingungen verfügen, solidarisches und verantwortungsbewusstes Handeln stark ausgeprägt ist. Anders als oft angenommen geht es also nicht darum, die Jugendlichen „zu motivieren“, sondern vielmehr darum, „Andock-Möglichkeiten“ für ihre Motivation zu organisieren, also Zugänge zu Beteiligungsprozessen und Engagementgelegenheiten zu schaffen.
erkennung und Unterstützung für die oft „gefürchteten“ Jugendlichen in ihren Stadtteilen und Gemeinden zu organisieren und die Jugendlichen beim Aktivwerden für ihre Interessen zu unterstützen.
Niedrigschwelligkeit ist nicht nur eine Frage der Methoden, sondern stellt insbesondere auch Anforderungen an die Haltung der Mitarbeitenden und an die organisatorischen Rahmenbedingungen. Von zentraler Bedeutung sind deshalb Arbeitsprinzipien wie Parteilichkeit, Flexibilität, Vertrauensschutz und Ganzheitlichkeit, die als handlungsleitende Maximen ausformuliert wurden.3
Individuelle Unterstützung und gesellschaftliche Einmischung verbinden Auch Mobile Jugendarbeit ist damit konfrontiert, einem schleichenden Funktionswandel von Sozialer Arbeit im aktivierenden Sozialstaat entgegenzuwirken, denn Jugendsozialarbeit – wie die Soziale Arbeit insgesamt – darf nicht zum Teil einer allein „bildungsorientierten Strategie [werden], über individuelle Förderung ein zutiefst soziales Problem zu lösen“4. So sind Fachkräfte der Mobilen Jugendarbeit häufig der Versuchung ausgesetzt, sich vorrangig auf individuelle Unterstützung zu konzentrieren, weil die Jugendlichen sich mit drängenden Fragen der beruflichen Integration an sie wenden und die Fachkräfte als „Bewerbungshelfer“ und parteiliche Unterstützer/-innen bei Behördenkontakten „punkten“ können. Die von Fabian Kessl für die Soziale Arbeit insgesamt empfohlene Strategie, „sich unablässig ihrer pädagogischen und politischen Bestandteile zu vergewissern und nicht einen der beiden Aspekte dem anderen überzuordnen“5, ist auch in der Mobilen Jugendarbeit sehr hilfreich, um die Potenziale zu nutzen, Teilhabe und Anerkennung nicht nur einzelfallbezogen zu fördern. dreizehn Heft 10 2013
Solidarischem Handeln junger Menschen Raum geben Vielfältige Beispiele, die über Mobile Jugendarbeit initiiert oder begleitet werden, belegen dies: Ausgangspunkte für zum Teil zeitlich umfangreiches und langjähriges Engagement für das Gemeinwohl bilden dabei häufig jugendkulturelle Interessen (z. B. im Verein Farbschall, der von der Mobilen Jugendarbeit Karlsruhe initiiert wurde und das Hip-Hop-Kulturzentrum „Combo“ betreibt), Sport (etwa in den Bolzplatzligen, z. B. in Pforzheim), cliquenbezogene Anliegen (z. B. bei Jugendli16
„Niedrigschwelligkeit ist nicht nur Methode, sondern auch eine Haltung“ Literatur: BOLLIG, Christiane et al. (2013): Virtuell-aufsuchende Arbeit in der Mobilen Jugendarbeit/Streetwork. Stuttgart. CALMBACH, Marc; Thomas, Peter Martin; Borchard, Inga; Flaig, Bodo (2012): Wie ticken Jugendliche 2012? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahre in Deutschland. Düsseldorf. GALUSKE, Michael (2008): „Fürsorgliche Aktivierung – Anmerkungen zu Gegenwart und Zukunft Sozialer Arbeit im aktivierenden Staat“. In: Bütow, Birgit; Chassé; Karl August; Hirt, Rainer (Hg.): Soziale Arbeit nach dem Sozialpädagogischen Jahrhundert. Positionsbestimmungen Sozialer Arbeit im PostWohlfahrtsstaat. Opladen, S. 9–28. KEPPELER, Siegfried; Specht, Walther (2011): „Mobile Jugendarbeit“. In: Otto, Hans-Uwe; Thiersch, Hans: Handbuch Soziale Arbeit. München, S. 959–967. KESSL, Fabian (2005): „Soziale Arbeit als aktivierungspädagogischer Transformationsriemen“. In: Dahme, Heinz-Jürgen; Wohlfahrt, Norbert (Hg.): Aktivierende Soziale Arbeit. Theorie – Handlungsfelder – Praxis. Baltmannsweiler, S. 30–43. LAG BADEN-WÜRTTEMBERG (Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e. V.); Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit Baden-Württemberg; Kommunalverband für Jugend und Soziales BadenWürttemberg (Hg.) (2011): Was leistet Mobile Jugendarbeit? Ein Portrait Mobiler Jugendarbeit in Baden-Württemberg. Stuttgart. REUTING, Matthias (2012): „Resilienzförderung – eine Frage der Haltung …“. In: Sozialpädagogische Impulse, Ausgabe 1/2012, S. 22–23. SHELL DEUTSCHLAND HOLDING (Hrsg.) (2010): Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich. Frankfurt am Main. SPECHT, Walther (1979): Jugendkriminalität und Mobile Jugendarbeit. Ein stadtteilbezogenes Konzept von Street Work. Neuwied/Darmstadt.
chen, die sich auf dem Goetheplatz in Mainz mit einer Spielgeräteausleihe für Kinder engagieren und sich dadurch unter anderem Cliquenfreizeiten finanzieren), sozialräumliche Themen (z. B. in der Laienberatergruppe der Mobilen Jugendarbeit Stuttgart-Hallschlag oder durch die „Jugend(bonus)karte Isny“, in deren Rahmen sich Jugendliche u. a. für die Erhaltung von Sport- und Spielplätzen sowie als Helfer für Kulturveranstaltungen einsetzen) oder Anliegen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund (wenn diese beispielsweise in Theater- oder Filmprojekten Diskriminierungserfahrungen sichtbar machen oder Mentorengruppen Neuzugewanderte unterstützen). Häufig gelingt es der Mobilen Jugendarbeit auch, Erstaunen bei Kommunalpolitikern/-innen auszulösen, indem Jugendliche an Beteiligungsprozessen (z. B. kommunale Jugendforen) mitwirken, die in der Regel sonst keinen Zugang finden. Alle diese Formen von Engagement und Beteiligung bieten ein hohes Potenzial für benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene, Selbstwirksamkeit und Anerkennung zu erleben, Gemeinschaft und Solidarität zu erfahren sowie eigene Interessen „leidenschaftlich“ zu verfolgen. Durch den niedrigschwelligen Zugang und das lebensweltorientierte Vorgehen erhalten die Fachkräfte der Mobilen Jugendarbeit Einblicke in Problemstellungen, aus denen sich Bedarfe und Impulse für eine Weiterentwicklung der örtlichen Infrastruktur wie auch von sozialpädagogischen Ansätzen ableiten lassen. Deutlich werdende „Versorgungslücken“ für psychisch kranke oder wohnungslose junge Erwachsene, die Situation von älteren Kindern, die im öffentlichen Raum auffällig werden, die zunehmende Attraktivität von Automatenund Onlineglücksspiel und riskantes Verhalten in Wochenend- und Eventszenen sind aktuelle Fragestellungen, für die derzeit eine örtliche und überörtliche Weiterentwicklung von Konzepten erfolgt. Die Erfahrungen aus über 40 Jahren Mobiler Jugendarbeit in Deutschland zeigen, dass niedrigschwellige Ansätze dann besonders wirkungsvoll werden, wenn die Erkenntnisse, die die Fachkräfte in der Beziehung zu den jungen Menschen gewinnen, konsequent rückgebunden werden zu gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen. Dies ermöglicht nicht nur, die Teilhabechancen im örtlichen Gemeinwesen zu erhöhen, sondern auch, Konsequenzen für die Weiterentwicklung in Sozialer Arbeit, Bildung und sozialer Sicherung abzuleiten. //
Anmerkungen: Vgl. Specht (1979), Keppeler; Specht (2011).
Vgl. Bollig et al. (2013).
Vgl. LAG Baden-Württemberg et al. (2011), S. 27–30, Reuting
(2012). Galuske (2008), S. 25.
Kessl (2005), S. 41.
Vgl. Shell (2010), Calmbach et al. (2012).
Der Autor: Matthias Reuting ist Referent für Jugendsozialarbeit im Diakonischen Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. E-Mail: Reuting.M@diakonie-wuerttemberg.de
Sozialraumorientierung, Aktivierung und Anerkennung – Methodische Anforderungen in der aufsuchenden Jugend(sozial)arbeit Im Mittelpunkt einer sozialraumorientierten und aufsuchenden Jugendsozialarbeit steht das Ziel, die Lebensbedingungen der Adressaten-/-innengruppen zu verbessern: Wie können die Rahmen­ bedingungen zugunsten von Jugendlichen verändert werden? Und wie können sich Jugendliche Räume selber aneignen und soziale Prozesse gestalten? Frank Dölker
wei Beobachtungen, die nur auf den ersten Blick widersprüchlich sind: Zunehmend werden Jugendliche im öffentlichen Raum als störend und bedrohlich wahrgenommen. Räumen und Orten
werden Funktionen zugeschrieben, es ist quasi normativ festgelegt, wer was wo tun darf, und dadurch auch bestimmt, wann Regelverstöße stattfinden. Trotz teilweise willkürlicher und einschneidender Kürzungen öffentlicher Mittel im sozialen Be18
„Das Bushäuschen – ein autonomes Kommunikationszentrum“ reich wird gerade im Bereich Streetwork/Mobile Jugendarbeit investiert, immer mehr Projekte entstehen.
für ausgewählte Stadtteile in Groß- und Mittelstädten gesehen wurde und sich ganz überwiegend speziellen, sogenannten benachteiligten, ausgegrenzten, unterprivilegierten Adressaten-/ -innengruppen widmete, konnten im letzten Jahrzehnt methodische Änderungen sowie ein verändertes, erweitertes fachliches Verständnis wahrgenommen werden:
Streetwork als Allheilmittel für Störungen
(skeptische) Aufmerksamkeit auf Jugendliche im öffentlichen Raum verstärkt sich auch in Kleinstädten und im ländlichen Raum. Damit ist auch die Erkenntnis verbunden, dass für diese Adressaten-/-innengruppen ein eigenes Angebot notwendig ist. Streetwork hat Konjunktur, wird bisweilen aber auch als Allheilmittel für „Störungen“ angesehen. Als Folge steigt die Anzahl von Streetworkern/-innen, aber auch der Personen, die diese Aufgabe im Rahmen von Minijobs oder Honorarverträgen erfüllen sollen und kaum in Teams oder fachliche Bezüge eingebunden sind.
Diese Beobachtungen wecken bei mir die Vermutung, dass dies weniger mit dem Ziel geschieht, um mehr Teilhabe, mehr Gerechtigkeit, mehr Bildung und mehr Hilfestellung für benachteiligte, unterprivilegierte, von Ausgrenzung bedrohte Jugendliche zu ermöglichen. Vielmehr können so sanfte Kontrollen und Regularien verwirklicht werden. Wenn Ordnungsbehörden und Polizei nicht mehr weiterkommen, wird flankierend Streetwork gefordert. Ein alter Zopf, nichts Neues. Dennoch wäre es fatal, nicht auch diese neuen Möglichkeiten zu ergreifen – ganz einfach das zu tun, was gute Streetwork ausmacht.
•	Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit werden
entweder zugunsten von Mobiler Jugendarbeit geschlossen bzw. ihr Angebot wird reduziert oder auch verändert und erweitert. Avisierte Adressaten/-innen werden Jugendliche, die bisher noch nicht oder nicht mehr die Einrichtungen frequentieren. Der Fokus der Arbeit bekommt einen direkten raumbezogenen oder sozialräumlichen Auftrag, sich auf den Stadtteil oder auf zentrale und verborgene Orte in den Kommunen auszudehnen. Oft ist damit die Erwartung verbunden, bestimmte Adressaten-/-innengruppen, deren Verhalten in der Wahrnehmung der Erwachsenen als Störung oder unangemessen definiert wird, „von der Straße ins Haus“ zu holen. Der Jugendarbeit wird zunehmend eine Reparaturfunktion zugeschrieben – dabei ist nicht zu übersehen, dass „auffällig“ schon diejenigen sind, die nicht im angepassten, konsumorientierten Mainstream mitschwimmen.
„Partizipation im öffentlichen Raum ist für Jugendliche nur schwer möglich“ Jugendliche haben es nach wie vor schwer, sich ihren Platz im öffentlichen Raum zu erobern und zu bewahren. Im Gegensatz zu Kindern, wo Beteiligung in allen Lebenslagen en vogue ist, werden ihnen häufig weder eigene Aufenthaltsorte noch eine Beteiligung an der Planung öffentlicher Räume zugestanden. Sie können nur schwer erreicht werden, da ihre Aufenthaltsorte und Verweilzeiten oft nicht bekannt sind. Jugendliche werden immer dann zu Adressaten/-innen von Streetwork/Mobiler Jugendarbeit, wenn sie auffallen, wenn sie sich nicht an Regeln halten, wenn sie bedrohlich wirken, wenn sie bunt sind, laut, schrill. Wenn sie sich dem Konsumdiktat der Innenstädte entziehen und Orte nach ihrer Wirklichkeit interpretieren. Wenn sie aus Fußgängerzonen Lebensorte machen. Wenn sie durch ihr lautes, schrilles, penetrant entschiedenes Auftreten zeigen: „Wir sind hier, wir sind Teil der Stadt, wir haben ein Recht, hier zu sein, und das nehmen wir uns!“ Sie werden zu Adressaten/-innen sozialer Arbeit, wenn Streetworker sie als solche bezeichnen.
•	Die Jugendlichen meiden die Jugendklubs, weil Angebote
dort nicht ihren Bedürfnissen entsprechen. Sie gehen nicht dorthin, da die Clubs schon von anderen „Cliquen“ besetzt sind oder bei den betreffenden Jugendlichen ein schlechtes Image haben. Sie bevorzugen andere Orte, die eher ihren typischen Bedürfnissen entsprechen. Die geplante Verweildauer an den Trefforten entspricht eher – nach raumnutzungstypischen Merkmalen – einem „Vorbeischauen“, einem auf Zufälligkeit ausgerichteten „Flanieren“, einem eher informellen und unbeaufsichtigten Raumnutzungsverständnis, gezielt Kontakt vermeidend mit „kontrollierenden“ und „Regeln überwachenden“ Erwachsenen. Jugendliche verbringen ihre Freizeit lieber in der Öffentlichkeit, im Freien oder an weniger einsichtigen und daher unkontrollierbaren Orten. Sie bevorzugen diese informellen Treffs, wo ihre eigenen Regeln gelten, wo ihre Kommunikationsregeln nicht sanktioniert werden, wo sie die Deutungshoheit über die Orte haben.
Die Situation Jugendlicher „vor Ort“ Während ursprünglich Aufsuchende Arbeit als zentrale Methode der Mobilen Jugendarbeit zunächst nur als ein Angebot Die Analyse
„Jugendliche müssen mit ihren Beteiligungswünschen ernst genommen werden“ •	Einige treffen sich an zentralen Orten, um von der Öffent-
geeigneten Instrumente der Bürgerbeteiligung beherrscht und sinnvoll angewendet werden, ist eine an Gerechtigkeit und Teilhabe orientierte Jugendarbeit möglich, die Jugendliche in ihrem Autonomie- und Beteiligungsbestreben ernst nimmt.
lichkeit wahrgenommen zu werden, um leichter mit anderen Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Sie wählen Orte, die ihrer Lebensgeschwindigkeit entsprechen, die verkehrstechnisch gut angebunden, aus verschiedenen Richtungen gut erreichbar und in attraktiver Umgebung sind. Dies sind häufig infrastrukturelle Bedingungen, wie u. a. Geschäfte, Bushaltestellen, Überdachungen, nicht einsehbare Orte, Bänke. Sie zeigen durch ihre öffentliche Präsenz den Wunsch, am öffentlichen Leben zu partizipieren, als Teil der Gesellschaft ihren Platz einzunehmen und zu markieren. Sie setzen ein politisches Statement, getragen von Autonomie und klarer Interessensbekundung. Sie deuten ihre Orte.
Aus der Haltung zur Methode Diese Erkenntnisse sind die Basis einer emanzipatorischen Grundhaltung, die meines Erachtens notwendig ist, um mit Jugendlichen erfolgreich im Sinne einer Pädagogik der Anerkennung arbeiten zu können. Realistische und für die Jugendlichen ernsthaft nachvollziehbare Projekte und Aktivitäten, die sich an der eigenen Lebenswirklichkeit orientieren, sollten einen realen Ortsbezug aufweisen. Menschen werden immer dann aktiv, wenn sie sich von ihrer Aktivität eine direkt nachvollziehbare Verbesserung ihrer aktuellen Lebenssituation versprechen, wenn eine Verbesserung sichtbar wird, wenn sich die Situation „hier vor Ort“ direkt verbessern lässt.
Aktivierung und Beteiligung durch sozialräumliche Arbeit Oft haben Konflikte und Probleme in den Lebenswelten der Jugendlichen ihren Ursprung im eigenen Wohnquartier oder an selbst gewählten Treffpunkten. Häufig geht es um „territoriale Fragen“ und um unterschiedliche Vorstellungen der Nutzung von Plätzen und Räumen. Diese Auseinandersetzungsprozesse im öffentlichen Raum sind machtorientiert und finden entlang emotional geführter, teilweise informeller Debatten zur Deutungshoheit von öffentlichem Raum statt.
Sozialräumliche Arbeit bedeutet, an der Lebenswirklichkeit der Adressaten/-innen anzuknüpfen, durch das Anwenden von aktivierenden Methoden die Jugendlichen als Experten/-innen ihrer Lebenswelt wahrzunehmen und ihnen durch einen sorgfältig geplanten Methodenmix diese Rolle zu verdeutlichen. Häufig haben Jugendliche schon die Erfahrung gemacht, dass ihr Verhalten im öffentlichen Raum als schädlich, als ungewöhnlich, als problematisch gespiegelt wurde. Sie sind oft konfrontiert mit permanenter Sorge um Verdrängung und Vertreibung. Sie erleben sich als unerwünscht und lästig. Zur Bewältigung dieser schwierigen Lebenssituation in der Öffentlichkeit wählen Jugendliche häufig das Mittel der Provokation, was die Situation in der Regel verschlimmert und Konflikte zwischen Jugendlichen und Anwohnern/-innen sowie zwischen Jugendlichen und Ordnungskräften verstärkt.
In einer auf Wertschätzung und Beteiligung ausgerichteten Auseinandersetzung mit Jugendlichen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten und dort ausdrücken, ist es hilfreich, als Arbeits- und Gesprächsgrundlage kultursensibel und exakt zu verstehen, wie die jeweiligen Jugendlichen Räume interpretieren und welche Form der Nutzung sie für angemessen halten. Dabei sollte stets bedacht werden, dass Jugend ein wichtiges Kapital der Orte darstellt. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sollten Kommunen daran interessiert sein, Jugendliche an die Orte zu binden. Vertreibungs- und Sanktionsstrategien sowie auf Repression angelegte und ausgerichtete ordnungspolitische Aktionen werden tendenziell bei den Jugendlichen Unzufriedenheit und das Gefühl von Nicht-erwünscht-sein hervorrufen und verstärken. Dies birgt die Gefahr, dass diese Jugendlichen (und teilweise sind diese „aufmüpfigen“, sperrigen und nicht angepassten Jugendlichen die Kreativen) den Orten verloren gehen, da sie – sobald sich die Möglichkeit ergibt – weggehen und nicht mehr zurückkehren. Der Überalterung kleinerer Orte wird dadurch Vorschub geleistet.
Der Methodenumschwung von der Aufsuchenden Arbeit bedeutet hier: Gruppe sind die, die da sind, Thema ist der Ort. Jugendliche machen mit, wenn das Erlebte für sie Wirksamkeit nachvollziehbar werden lässt, wenn die Situation sich an ihrer Realität orientiert und sie das Gefühl haben, ernst genommen zu werden. In einer aktivierenden und an den Ressourcen orientierten Arbeit werden diese Faktoren mit den Adressaten-/ -innengruppen sukzessive herausgearbeitet. Dabei ist folgende methodische Vorgehensweise hilfreich: Erster Schritt ist die aktivierende Befragung als grundlegender Gestus bei der Aufsuchenden Arbeit Arbeit, im günstigsten Fall schon beim Erstkontakt. Schon hier ist entscheidend, wer da kommt: Sozialarbeit oder Stadtforschung. Ob Streetworker/innen und Jugendarbeiter/-innen sich als Sozialarbeiter/-innen oder als Stadtforscher/-innen identifizieren, macht einen gra-
Gleichzeitig sind Jugendliche auch gerne bereit, zur Verbesserung ihres eigenen Wohn- und Lebensumfeldes selbst aktiv beizutragen, wenn sie dazu Gelegenheit haben und Kommunikation so gestaltet ist, dass sie sich beteiligen können. Wenn die dreizehn Heft 10 2013
vierenden Unterschied. Sozialarbeit orientiert sich landläufig stereotyp an „Problemen“ und adressiert an „Bedürftige“ oder „Klienten“, macht Angebote – Stadtforschung interessiert sich für Lebenswelten, adressiert an Bürger/-innen und unterstützt Community Organizing oder Bürgerinitiativen.
pengespräch visualisiert werden. Dies ist ebenfalls direkt „am Bushäuschen“, also am Treffpunkt der Jugendlichen, realisierbar. Sie werden bei dieser aktivierenden Methode motiviert, gezielt über wichtige Orte zu sprechen, im informellen Gruppengespräch das Gehörte zu kommentieren und dadurch eine höhere Sensibilität zum eigenen Raum zu entwickeln.1
Konkret heißt das: Streetworker fragen besser nicht nach individuellen oder gruppenbezogenen Problemen, vielmehr richten sie in ihrer Ansprache die Aufmerksamkeit auf den Ort, an dem die Interaktion stattfindet, sie fragen nach Eigenschaften des Ortes: Was ist hier gut, was lässt sich hier verbessern, was passiert hier nicht, was könnte hier passieren etc. Durch den Gestus der aktivierenden Befragung entsteht in der jeweiligen Kommunikationssituation zwischen den Jugendlichen und den Mitarbeitern/-innen die Möglichkeit, dass Jugendarbeit nicht als kontrollierendes (oder womöglich ordnungspolitisches) Instrument von den Jugendlichen wahrgenommen wird. Jugendliche sind erst mal skeptisch, wenn Erwachsene sich in der Öffentlichkeit, noch dazu an stigmatisierten Treffpunkten, an sie wenden.
Eine solche Abfolge von Sozialraummethoden, die alle im Rahmen der aufsuchenden Arbeit stattfinden, hat zur Folge, dass die Jugendlichen eine gute Vorstellung ihrer Raumnutzung entwickeln. Dies ist die Grundlage für eine erste formale gruppenbezogene Aktivität, die Zukunftswerkstatt. Diese niedrigschwellige Form der aktivierenden Gruppenarbeit ist einfach und effizient zu organisieren. Jugendliche sind schnell bereit, sich zu beteiligen, und können innerhalb kurzer Zeit aktiviert werden, eigene Projektvorhaben zu benennen und erste Schritte zur Realisierung zu formulieren.2 Am besten eignet sich eine Zukunftswerkstatt z. B. im Rahmen einer Wochenendfreizeit, begleitet durch eine teambildende erlebnispädagogische Maßnahme.
Diese lockeren aktivierenden Gespräche ermöglichen nach kurzer Zeit die Ausdehnung des Aktionsradius hin in das Lebensumfeld der Jugendlichen. Wenn Jugendliche spüren, dass Erwachsene nicht „Probleme bearbeiten wollen“ oder „Hilfe leisten bei Konflikten“ und „Angebote machen“, sondern wenn sie Erwachsene treffen, die sich aufgeschlossen und mit zurückhaltender Neugier für ihre Lebenswelt interessieren, dann sind sie auch gerne bereit, etwas von sich zu zeigen: „Ich kenne mich hier nicht so gut aus, könnt Ihr mir die Orte zeigen, von denen Ihr sprecht …?“ ist eine beispielhafte Überleitung zur Stadtteilbegehung.
Worauf kommt es also abschließend an in der Aufsuchenden Jugendsozialarbeit? Sozialraumorientierung ist weniger eine Methode als ein Prozess der aktiven Aneignung und Veränderung, der junge Menschen als Akteure ernst nimmt und sie dabei unterstützt, ihr Gemeinwesen, ihr Lebensumfeld zu gestalten und zu verändern. //
Ein kurzer Handlungsleitfaden Um aufsuchende Ansätze in die offene Jugendarbeit zu implementieren bzw. um den Schritt von der Offenen hin zur Mobilen Jugendarbeit zu realisieren, sind m. E. folgende Schritte notwendig:
„Jugendliche erleben sich als Experten/-innen“
•	Lebensweltliche Erkundungen in den betreffenden Ortschaften durchführen, um einen Einblick in das aktuelle Verhalten von Jugendlichen zu erhalten. Ortsbezogenes Freizeitverhalten fachlich sinnvoll einschätzen, Funktionen von Orten sinnvoll interpretieren, Anknüpfungspunkte schaffen, den Jugendlichen die Gelegenheit bieten, als Experten/-innen der eigenen Lebenswelt wahrgenommen zu werden. •	Sozialraumorientierte Jugendarbeit erlernen, ein reflektiertes und kompetentes Verständnis dieser Arbeitsweise entwickeln und Sozialraummethoden sicher anwenden können. •	Gruppenarbeit initiieren, den methodischen Wechsel von der Aufsuchenden Arbeit hin zur Gruppenarbeit unter Einbeziehung sozialraumorientierter Methoden bewerkstelligen und direkt an den informellen Treffs vollziehen. •	Eine angemessene eigene professionelle Haltung entwickeln
Jugendliche zeigen den Fachkräften ihren Stadtteil und ihre Stadt. Sie gehen gemeinsam spazieren und machen auf Missstände aufmerksam. Jugendliche fühlen sich ernst genommen. Sie erlangen dadurch auch für sich in kleinen Schritten Expertenstatus. Stadtteilspaziergänge sind ein wichtiges Moment der Beziehungsarbeit, da hier offensichtlich das Verhältnis Experte/ Adressat umgedreht wird: Der Jugendliche (Adressat) wird zum Experten, der die eigene Lebenswirklichkeit zeigt und erklärt; der Experte (Fachkraft) wird zur lernenden Person, die Neues erfährt und eine neue Erfahrung macht. Durch gezieltes Nachfragen können die Jugendlichen ihren Stadtteil neu erleben und interpretieren. Mithilfe der Nadelmethode können Orte mit einer hohen Bedeutung entlang eines Plans noch einmal im Einzel- oder GrupDie Analyse
„Sozialarbeit ist auch Stadtforschung“ und diese permanent reflektieren. Jugendliche nicht als „Störfall“ im öffentlichen Raum wahrnehmen bzw. diese teilweise herrschende Sichtweise nicht übernehmen. Ressourcenorientierung, Empowerment und Partizipation als grundlegende Haltung entwickeln und diese Haltung in der Öffentlichkeit klar und deutlich kommunizieren. •	Kommunikationskompetenz zur Arbeit auf der Straße entwickeln, Aspekte der interkulturellen Kommunikation, die in milieuübergreifenden Gesprächssituationen (u. a. auf der Straße und an den Treffpunkten der Jugendlichen) relevant sind, erlernen. Insbesondere Grundbegriffe der interkulturellen Kommunikation in der Arbeit mit Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund erlernen und reflektiert anwenden können. •	Rollensicherheit entwickeln, Bewusstheit über anzuwendende und gültige Regeln im jeweiligen Setting entwickeln und klar und deutlich reflektieren, in wessen Auftrag gehandelt wird und mit welchen Erwartungen diese Arbeit behaftet ist. Das doppelte Mandat erkennen und widersprüchliche Handlungsaufträge klar und deutlich kommunizieren, Ambiguitätstoleranz entwickeln. •	Änderungen im Ablauf der bisher geleisteten Arbeit angemessen einleiten, um Platz und zeitliche Ressourcen für die neue Arbeitsweise im bisherigen, schon sehr dichten Arbeitsalltag zu ermöglichen.
MAY, Michael (2011): Jugendliche in der Provinz. Ihre Sozialräume, Probleme und Interessen als Herausforderung an die soziale Arbeit. Opladen.
Zur Verdichtung des Projektcharakters ist die Stadtteilfotografie oder Autofotografie sehr hilfreich. Hier werden relevante Orte fotografiert, um anderen (z. B. Erwachsenen) das eigene Raumerleben zu verdeutlichen und Raumnutzung erklärbar zu machen. Aus der Autofotografie heraus können schon direkt aus dem Forschungsansatz kleine Projektvorhaben umgesetzt werden. Die Jugendlichen haben das Gefühl, Akteure/-innen in ihrer eigenen Lebenswelt zu sein, sie erarbeiten sich durch diese Methode einen echten Experten-/-innenstatus.
Eine Zukunftswerkstatt wird klassischerweise in drei Abschnitten analog der aktivierenden Befragung durchgeführt: Kritikphase (was läuft schlecht), Utopiephase (was wäre wünschenswert), Realitätsphase (was bin ich bereit zu tun). Idealerweise werden Zukunftswerkstätten außerhalb der gewohnten Umgebung durchgeführt, um durch den Ortswechsel eine aktivierende und vor allem unvoreingenommene Atmosphäre zu kreieren.
Der Autor: Frank Dölker ist Hochschullehrer an der Hochschule Fulda, Referent für Gemeinwesenarbeit/Streetwork bei der Bundesakademie für Kirche und Diakonie Berlin und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit e. V. Deutschland. E-Mail: mail@frankdoelker.de
Literatur: DEINET, Ulrich (Hrsg.) (2009): Methodenbuch Sozialraum. Wiesbaden. DÖLKER, Frank; Gillich, Stefan (Hrsg.) (2009): Streetwork im Widerspruch: Handeln im Spannungsfeld von Kriminalisierung und Prävention. Gelnhausen. DÖLKER, Frank (2006): „Partizipation als Grundlage gelingender Integration durch Sensibilisierung kultureller Identität“. In: Jugend Beruf Gesellschaft, 4/2006, S. 253–259. GILLICH, Stefan (Hrsg.) (2008): Bei Ausgrenzung Streetwork: Handlungsmöglichkeiten und Wirkungen. Gelnhausen. KRAFELD, Franz Josef (2004): Grundlagen und Methoden Aufsuchender Jugendarbeit: eine Einführung. Wiesbaden. KRISCH, Richard (2009): Sozialräumliche Methodik der Jugendarbeit. Aktivierende Zugänge und praxisleitende Verfahren. Weinheim und München.
Weitere Informationen zur Arbeit der BAG Streetwork finden Sie unter www.bundesarbeitsgemeinschaft-streetwork-mobile-jugendarbeit.de. 22
Im Gespräch mit: Gaby Hagmans, Bundesgeschäftsführerin beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und Mitglied der Berichtskommission zum 14. Kinder- und Jugendbericht
Eine neue Verantwortung für die Jugend? DREIZEHN: Frau Hagmans, das erste, das beim 14. Kinderund Jugendbericht auffällt, ist der Titel: „Die neue Verantwortung für Kinder und Jugendliche“. Was ist denn damit gemeint?
– vielmehr sollten diese beiden Bereiche gut zusammenwirken. Uns interessierte: Was hat sich seitdem entwickelt? Wir haben festgestellt, dass es schon in vielen Bereichen einen massiven Ausbau der öffentlichen Verantwortung gibt, also der staatlichen Organisation der Angebote für Kinder und Jugendliche, wie sie ja beim Kita- und Krippenausbau auch sehr stark wahrgenommen wird.
Gaby Hagmans: Grundgedanke war es, einen Bogen zu schlagen zum letzten Gesamtbericht. Das war der 11. Kinder- und Jugendbericht, der den Titel „Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung“ hatte. Das war ja damals durchaus ein Skandal, dass man von öffentlicher Verantwortung sprach – es kamen kritische Nachfragen wie: Was ist denn mit den Eltern und will nun der Staat übergriffig in die Familie hinein wirken? Aber es ging gar nicht darum, die private Verantwortung zu negieren Die Analyse
Aber dies gilt auch für den ganzen Bereich „Frühe Hilfen“, der in den letzten zehn Jahren entstanden ist. Wir haben mit der Ganztagsschule einen massiven Ausbau von Zeiten, in denen Kinder in Institutionen sind. Dann hat uns auch interessiert: 23
Was heißt denn jetzt eigentlich dieser Verantwortungsbegriff heute? Es gibt eine private Verantwortung und es gibt eine öffentliche Verantwortung, und die Entwicklung der letzten zehn Jahren hat gezeigt: Man muss sich dieser Verantwortung bewusst werden und man muss klären, wie das Mischungsverhältnis von öffentlicher und privater Verantwortung ist und wo da auch Grenzen sind und wie man diese Melange gestaltet, dieses Zusammenspiel privater und öffentlicher Verantwortung. Das war die Idee.
Jugendhilfe ist formal bis zum 27. Lebensjahr zuständig, dann muss sie das auch erfüllen. Deswegen haben wir auch sehr konsequent diese Lebensphasen in den Blick genommen. DREIZEHN: Ist dies aus Ihrer Sicht auch schon faktisch in der Jugendhilfe angekommen? Haben Sie denn auch das Übergangssystem in den Blick genommen? Hagmans: Ja, wir haben insgesamt versucht, alle wesentlichen Daten und Diskurse zu reflektieren. Zum Thema „Übergang in den Beruf“ haben wir auch verschiedene Expertisen vergeben. Uns ist z. B. aufgefallen, dass das sogenannte „Übergangssystem“ einen schlechten Ruf hat im Sinne von Warteschleifen, in denen Jugendliche mehr oder weniger geparkt werden. Wenn man sich das aber mal anguckt, dann stellt man fest, dass viele – die meisten – da sehr erfolgreich durchgehen und dann auch die Ausbildungsreife erlangen, nur eine kleinere Zahl schafft es wiederum nicht.
DREIZEHN: Gilt diese gemeinsame Verantwortung auch für ältere Jugendliche und junge Erwachsene? Hagmans: Wir hatten in der Berichtskommission den Eindruck, dass das Thema „Jugendliche und junge Erwachsene“ eher in den Hintergrund gerückt ist, auch weil es in den letzten Jahren eher um die Kinder unter sechs Jahren ging und die Hilfen dort massiv ausgebaut wurden. Auf der anderen Seite haben wir zum Beispiel die Hilfen für junge Volljährige nach § 41 KJHG, die immer weniger wahrgenommen werden in den Jugendämtern. Insgesamt scheinen viele Hilfen schon vor dem 18. Lebensjahr zu enden, obwohl viele junge Menschen dann noch nicht so weit sind, einfach in die Selbstständigkeit entlassen zu werden.
„Auch SGB II und III brauchen Angebote für Jugendliche mit Unterstützungsbedarf“
Also in der Wahrnehmung und damit auch in der politischen Befassung ist das Thema „Jugend“ aus dem Blick geraten – nicht zuletzt deshalb gibt es ja auch die Bemühungen um eine „Eigenständige Jugendpolitik“ seitens der Bundesregierung – und das wollten wir in unserem Bericht gerade nicht tun. Generell ist es ja jetzt nicht neu, dass diese Lebensphase eher mit Skepsis betrachtet wird. Also, politisch und in der Öffentlichkeit ein wärmendes Herz für die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu finden, das war immer schon schwierig.
DREIZEHN: Was können wir, was kann die Jugendhilfe für die Jugendlichen tun, die es auch im Übergangssystem nicht schaffen, ihre Chancen zu verbessern? Hagmans: Tatsächlich haben wir auch eine Gruppe junger Menschen, die es einfach erst mal nicht packt. Wie geht es für diese Jugendlichen weiter in ihrem Lebenslauf und wer kümmert sich um sie? Das war für uns eine ganz wesentliche Frage, auch der sozialen Gerechtigkeit. Dafür scheint sich aber keiner wirklich zu interessieren. Also was wird aus denjenigen, die erst aus den Maßnahmen fallen und bei denen andere Unterstützungsangebote nicht ankommen? Dann fallen sie in den SGB-II-Bezug und da bleiben sie dann anscheinend – oder vielleicht werden sie auch aussanktioniert? Aber das ist ja keine Lebensperspektive! Hier ist die Jugendhilfe gefragt, aber auch das SGB III und das SGB II brauchen durchaus Angebote für diese Zielgruppen.
„Viele junge Menschen sind mit 18 Jahren noch nicht so weit, in die Selbstständigkeit entlassen zu werden“ DREIZEHN: Wie können denn ältere Jugendliche wieder stärker in den Blick der Jugendhilfe gelangen?
DREIZEHN: Ist es denn aus Sicht der Kinder- und Jugendberichtberichtskommission so, dass es da einen klaren Auftrag nicht nur hinsichtlich der Jugendlichen, sondern auch der jungen Erwachsenen über 18 Jahre für die Jugendhilfe gibt?
Hagmans: Unser Anliegen war es, kein Ent­we­der-oder darzustellen, es muss immer ein So­wohl-als-auch geben. Jede Lebens- und Entwicklungsphase hat ihre Herausforderungen und Bedarfe, und Themen von Kindern und Jugendlichen müssen so von den Systemen begleitet und beantwortet werden. Die dreizehn Heft 10 2013
Hagmans: Ja, auf jeden Fall. So haben wir es auch explizit formuliert – auch wenn wir noch keine konkrete Angebotsbeschreibung gemacht haben. Aber sehr deutlich wird im Be24
„Aus unserer Sicht ist erst einmal das SGB VIII zuständig“ richt gesagt, wenn z. B. auch Ausbildungsförderung nicht vorrangig Aufgabe der Jugendhilfe ist, so ist es aber Aufgabe der Jugendhilfe, ein Unterstützungssystem bereitzustellen, das Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein selbstständiges Leben ermöglicht. Das gilt sowohl für die erzieherischen Hilfen als auch für die Jugendsozialarbeit. Die Jugendhilfe muss ja nicht alles selber machen, aber sie hat gerade in diesen Übergangsphasen eine koordinierende, führende, leitende und reflektierende Funktion.
Struktur anzufragen ist. Und das würde dann an der Schnittstelle SGB II/SGB III zum SGB VIII heißen: Erst mal ist das SGB VIII zuständig. Dann ist zu klären, wer was macht. Das hat nicht nur etwas mit unterschiedlichen Zuständigkeiten und Geldflüssen etc. zu tun, sondern die Haltung und die Philosophie der Gesetze sind ja auch unterschiedlich. Das ist eine andere Haltung gerade auch den jungen Menschen gegenüber, wie man u. a. an den Sanktionen sieht. Deswegen ist es nötig, dass die Jugendhilfe mit ihrem Menschenbild und ihren pädagogischen Ansätzen, auf junge Menschen zuzugehen, das vorrangige Prinzip ist. Das muss sich in den Strukturen wiederfinden und an jeder Schnittstelle. Es ist dann egal, ob es sich dabei um eine Ausbildungsförderung und das SGB II/SGB III handelt, ob es bei den Frühen Hilfen einen Bezug zum SGB V gibt oder ob es beim Inklusionsthema das SGB XII betrifft.
DREIZEHN: Sie beschreiben die Gefahr, dass Jugendliche sonst regelrecht verloren gehen – haben sie auch Ansätze gefunden, die dem entgegenwirken? Hagmans: Es gibt interessante Patenprojekte oder andere Begleitungen, die z. B. in der Ausbildungssituation sehr helfen. Aufgabe der Jugendhilfe kann auch so eine Begleitung sein, in jedem Fall muss sie Übergänge begleiten und Abbrüche verhindern. Sie muss darauf achten, dass diese Brüche nicht entstehen, weil – das ist auch eine Erkenntnis aus der Arbeit des Jugendberichts – genau in den Übergangsphasen das höchste Risiko besteht, dass es zu Fehlentscheidungen oder zu Abbrüchen kommt, die sich dann nachhaltig negativ auswirken.
„Eine Ausbildung ist weiterhin die Voraussetzung für einen guten Arbeitsplatz“ DREIZEHN: Ist das auch mit der neuen Verantwortung und den weiteren Akteuren gemeint, von denen der Bericht spricht? Oder ging es da eher um den Markt, die Wirtschaft oder die Medien?
Bei uns im SkF haben wir z. B. eine große Förderschule, in der 90 % der Jugendlichen zu einem erfolgreichen Abschluss geführt und auch in die Ausbildung „entlassen“ werden. Aber bei 10 % haben wir den Eindruck, die bräuchten noch jemanden, der ihnen weiter Orientierung – vielleicht auch mal einen Tritt in den Hintern – gibt und sagt: „So, du bist auch morgen wieder in der Berufsschule!“ Die Elternhäuser und Familien der gefährdeten Jugendlichen können diese Unterstützungsfunktion zumeist nicht übernehmen. Deswegen landen sie ja häufig in unseren Angeboten.
Hagmans: Sowohl als auch. Es war für uns die Frage, ob wir mit der privaten und der öffentlichen Verantwortung alleine weiterkommen oder ob wir das etwas größer einbetten müssen. Darum haben wir dieses Viereck der Wohlfahrtsproduktion entwickelt, wo neben dem Staat auch noch die Zivilgesellschaft und neben der Familie und den nahen sozialen Beziehungen auch der Markt eine Rolle spielen. Und mit dem Markt ist wirklich Vielfältiges gemeint – auch dass da immer mehr Marktteilnahme von Kindern und Jugendlichen selbst stattfindet.
DREIZEHN: Da muss dann eine Struktur aufgebaut werden und auch an den Schnittstellen zu den anderen Bereichen muss sich was tun … Hagmans: Dazu haben wir tatsächlich weitreichende Anforderungen formuliert, die in der Debatte bislang erstaunlich – sagen wir mal – leise diskutiert werden. Das irritiert uns ein wenig. Also wir haben gesagt, wenn die Kinder- und Jugendhilfe für sich selber den Anspruch hat, von 0 bis 27 Jahre zuständig zu sein, dann ist sie erst mal auch für alle möglichen Lebenslagen und Bedarfe zuständig. Sie muss nicht alles selber regeln, aber sie ist die erste Instanz, die zumindest als koordinierende Die Analyse
Nehmen wir z. B. die Tatsache, dass Eltern in Deutschland jährlich für Nachhilfe 1,5 Mrd. Euro ausgeben. Ein anderer interessanter Punkt ist aus unserer Sicht, dass auch immer mehr Träger Kooperationen mit Unternehmen eingehen, vom Betriebskindergarten über Ausbildungsprojekte oder Ehrenamtsprojekte bis hin zu Fragen der Inklusion in Betrieben, wenn es um den Einsatz von Menschen mit Behinderungen geht. Man kann ebenfalls fest25
„ Jugendhilfe muss darauf achten, dass keine Brüche entstehen“ stellen, dass die Wirtschaft auf jeden Fall die Jugendlichen neu entdeckt und aktiver auf diese zugeht, um potenzielle Arbeitsoder Fachkräfte zu gewinnen.
fatz umgesetzt wird, was dann nachher für alle Beteiligten nachteilig ausgeht – z. B. wenn wichtige Förderangebote aus Spargründen einfach wegfallen. Es gibt viele Modelle in den Schulen oder auch in der Jugendhilfe und der Ausbildung, in denen Inklusion schon gut praktiziert wird – aber dort zeigt sich auch, dass es unterm Strich nicht billiger wird, sondern dass quasi das gleiche Geld in anderer Form für die Unterstützung und „inklusive“ Förderung verwandt werden muss.
DREIZEHN: Angesichts des stärkeren Interesses der Wirtschaft an den Jugendlichen herrscht vielerorts die Meinung, dass wir eigentlich keine besondere Förderung mehr benötigen, da doch die Jugendlichen nun gebraucht werden und sich die Betriebe mehr um sie bemühen.
DREIZEHN: Brauchen wir also für benachteiligte Jugendliche – teilweise auch mit Behinderung – einen individuellen Rechtsanspruch auf Förderung, z. B. auch in der Jugendsozialarbeit?
Hagmans: Nein, das ist leider überhaupt nicht so. Man merkt schon, dass auch junge Erwachsene mit Qualifikationen, die vor ein paar Jahren nicht ausgereicht hätten, noch zu einer Ausbildung kommen. Aber viele Jugendliche profitieren davon nicht – vielmehr besteht die Gefahr, dass sich ein Sockel bildet von jungen Menschen, die in jedem Jahr ohne richtige Perspektive langfristig ohne Ausbildung bleiben.
Hagmans: Wir haben durchaus die Frage der Rechtsansprüche in der Jugendhilfe diskutiert. Sollte es nicht z. B. ein Verbandsklagerecht geben, weil wir in der Jugendhilfe ja immer das Problem haben, dass in der Regel die Eltern für den Jugendlichen gegen die Kommune klagen müssen, was hohe Hürden mit sich bringt? Aber dazu haben wir uns am Ende nicht durchringen können. Ich persönlich bin aber eine Verfechterin, dass man durchaus auch mit Klagen eine Normierung befördert und dazu beiträgt, dass die Gesetze auch real umgesetzt werden. Hier sind auch Rechtshilfefonds von zunehmender Bedeutung. Ein interessanter Vorschlag ist es auch, mehr Ombudsstellen für die Betroffenen zu schaffen, damit auch Kinder und Jugendliche selber Beschwerdestellen haben. Also ich finde, da haben wir in der Jugendhilfe noch viel zu tun.
Das ist natürlich ein großes Problem, weil die Ausbildung einfach eine Voraussetzung ist, um auf dem Arbeitsmarkt einen guten und sicheren Arbeitsplatz zu finden. Es geht aber vermutlich auch darum, mehr einfache Tätigkeiten zu schaffen und diese besser anzuerkennen – dies ist ja auch für die Inklusion ein wichtiges Thema. Insgesamt haben wir einen enormen Trend zur Höherqualifizierung – dadurch werden aber viele junge Menschen ohne Abitur einfach verdrängt. Die tatsächlich Geringqualifizierten ohne Schulabschluss oder selbst mit Hauptschulabschluss bleiben dann erst recht chancenlos und verlieren teilweise ganz den Anschluss.
DREIZEHN: Sehen Sie denn insgesamt eine positive Entwicklung, dass Jugendliche vielleicht auch in den Kommunen wieder mehr in den Blick kommen?
„Das kommunale Jugendamt muss gestärkt werden“
Hagmans: Wir wollten ja bewusst den Fokus auf die Gruppe der „abgehängten jungen Menschen“ legen – aber dass das auf die Individuen bezogen als ein Aufruf gerade für die Jugendhilfe verstanden wird, sich als Staat zu kümmern … Nein, ich habe leider nicht erlebt, dass da durch den Bericht mehr „Drive“ reingekommen wäre.
DREIZEHN: Beim Stichwort „Integrative Arbeitsplätze“ fällt auf, dass das Thema Inklusion im Kinder- und Jugendbericht gar nicht so prominent vorkommt. Hagmans: Für uns war und ist tatsächlich die Grundsatzfrage in der Jugendhilfe schon geklärt, es soll eine große Lösung im SGB VIII geben. Wir sehen aber, dass nun die Fragen im Detail erst noch zu klären sind – pauschale Empfehlungen helfen da nicht weiter. Wir haben uns dafür ausgesprochen, dass die nächsten Schritte achtsam und mit der nötigen Zeit gemacht werden und nicht aufgrund des politischen Drucks etwas ratzdreizehn Heft 10 2013
Aber vielleicht ändert sich das noch, wenn nun der Druck in den Kommunen auch aufgrund der Armutsmigration weiter steigt – da kommen auch viele Kinder und Jugendliche –, und dann ist die Jugendhilfe plötzlich wieder mehr gefragt. Die Kommunen werden auch versuchen, den Bund weiter in die Pflicht zu nehmen, denn viele sind ja tatsächlich an ihre fi26
nanziellen Grenzen angekommen. Wir haben – auch das geht aus dem Bericht sehr klar hervor – in den letzten 15 Jahren ungefähr eine Verdoppelung der Ausgaben für Kinder- und Jugendhilfe insgesamt erlebt. Diese Ausgaben werden fast ausschließlich von den Kommunen getragen. Das muss man so feststellen. Es gibt ein paar Sonderprogramme, bei denen der Bund eingetreten ist – insbesondere nach der Föderalismusreform kann man ablesen, dass der Bund z. B. bei der Investitionsförderung zum Kitaausbau eingestiegen ist. Absolut gleich geblieben ist aber der Förderanteil der Länder. Eine Entlastung der Kommunen bzw. eine Verbesserung der Einnahmesituation ist also dringend nötig. Das haben wir klar gefordert – auch dass das kommunale Jugendamt gestärkt werden muss. Bei der verstärkten Verantwortung der Jugendhilfe soll es strukturell das Kompetenzzentrum in der Kommune sein, bei dem die Fäden zusammenlaufen.
Was nun die Reaktionen auf den Bericht angeht, da gibt es ja keine organisierte gemeinsame Auswertung. Also nach meiner Wahrnehmung ist es so: Wir sind nicht in einer Phase, in der es ganz großer struktureller Änderungen bedarf in der Jugendhilfe. Wir haben ja auch diesen Satz geprägt: Die Jugendhilfe ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und ein normales, selbstverständliches Angebot, an dem fast alle partizipieren. Und mit rund 750.000 Beschäftigen haben wir – so ein Zitat eines anderen Kommissionsmitglieds – etwa so viele Beschäftigte wie die Autoindustrie. Wir haben ein gutes System und ein gutes Gesetz. In diesem Sinne gibt es keinen ganz großen „Aufreger“ in unserem Gesamtbericht. Trotzdem sehen wir Verbesserungsbedarfe und haben dazu Vorschläge gemacht. Unser durchgehendes Anliegen war es dabei, das Verhältnis der öffentlichen und der privaten Verantwortung immer auch an der Frage der sozialen Gerechtigkeit zu messen und auf wachsende Ungerechtigkeiten zu verweisen. Es besteht deutlich die Gefahr, dass ein Teil der Kinder und Jugendlichen abgehängt wird und uns verloren geht! Insgesamt ist es ein sehr fundierter Bericht, der die Situation von Kindern und Jugendlichen – gerade bezogen auf die verschiedenen Alters- und Lebensphasen und die Übergänge – sehr gut analysiert und der an den einzelnen Punkten pointiert Richtungen aufweist. Aber wir haben es der Fachwelt tatsächlich nicht so einfach gemacht, dass man nur hinten die letzten zehn Seiten lesen muss und dann Bescheid weiß. Das geht mit diesem Bericht nicht! Denn in den einzelnen Kapiteln verbirgt sich eine Fülle von Befunden und wichtigen Hinweisen für die Fachpraxis! //
„Wir wollten auf wachsende Ungerechtigkeiten hinweisen“ DREIZEHN: Ein starkes Jugendamt – was heißt das für die freien Träger? Hagmans: Das kann den freien Trägern nur recht sein, finde ich, denn die Grundprinzipien des SGB VIII sind ja nicht außer Kraft gesetzt. Auch der Bericht betont die wichtige Rolle von freien Trägern in bzw. als Bestandteil der Jugendhilfe! Dafür gibt es ja die Subsidiarität, es gibt die Partnerschaftlichkeit etc. Außerdem ist es auch nach wie vor so, dass es sich angesichts der finanziellen Situation für die Jugendämter oder die Kommunen mehr rechnet, wenn ein freier Träger Aufgaben übernimmt, weil dann z. B. das Risiko der Personalkostenfinanzierung beim Träger liegt. Für uns als freie Träger ist ein starkes Jugendamt wichtig. Wir sind auch stark, und da will man ja einen Partner haben, mit dem man auf Augenhöhe auch fachlich diskutieren kann. Also immer mal her damit! Da habe ich gar keine Sorge.
DREIZEHN: Da schließt sich die Frage an, wie Sie die Arbeit in der Kommission als einzige Vertreterin der freien Träger erlebt haben? Und was wäre Ihre persönliche Bilanz, nachdem der Bericht gut ein halbes Jahr veröffentlicht ist? Hagmans: Ich denke und hoffe schon, dass es auch für die Kommission hilfreich war, dass dort zumindest ein freier Träger neben der Wissenschaft vertreten war – einfach weil ich viele Dinge quasi direkt „übersetzen“ und praktisch einschätzen konnte. Insgesamt aber war sich die Kommission jugendpolitisch oder sozialpolitisch erstaunlich einig.
Netzwerke bilden, Perspektiven schaffen –
Sozialraumorientierung in der Jugendberufshilfe Sozialraumorientierende Jugendberufshilfe kann im Spannungsfeld von Jugendarbeitslosigkeit – Demografischer Wandel – Fachkräftemangel ein Ansatz sein, mit dem es möglich ist, Jugendliche entsprechend ihrer Ressourcen so zu aktivieren und zu unterstützen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben. Uwe Strothmann und Hella Pergande
ie Jugendberufshilfe als der explizit arbeitsweltorientierte Teil der Jugendsozialarbeit will in erster Linie Jugendliche bei der Verbesserung individueller Voraussetzungen unterstützen, damit sie den Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung erreichen. Da dies oft wohnortnah umgesetzt wird, können sozialraumorientierte Ansätze mit der Nutzung von sozialräumlichen und personalen Ressourcen bei der Hilfegestaltung eine große Rolle spielen. Gleichzeitig kann Jugendberufshilfe sich inhaltlich weiterentwickeln, wenn sie von der Sozialraumorientierung die grenzüberschreitenden Impulse in Richtung anderer Handlungsfelder wie Wohnen, Kultur, Gesundheit, Bildung, Verkehr etc. aufnimmt.
grenzten Jugendlichen ansehen.2 Ebenso nehmen Jugendliche aufsuchende bzw. mobile Jugend(sozial)arbeit als durchaus förderliche Maßnahmen in ihrer eigenen Lebenswelt wahr.3 Für viele Jugendliche sind die Sozialarbeiter/-innen bekannte Gesichter und zuverlässige Ansprechpartner/-innen, sie werden von ihnen als Koalitionspartner in ihrem Sozialraum wahrgenommen. Geht man davon aus, dass vor allem sogenannte benachteiligte Jugendliche aus verschiedenen Gründen (u. a. prekäre Finanzlage in den Familien, Bildungsferne, Wohnungsnot) in dem geografischen Raum anzutreffen sind, in dem sie auch leben (ausgenommen „parasoziale Räume“ wie beispielsweise das Internet), erscheint es folgerichtig, hier anzusetzen. Niedrigschwellige/aufsuchende, sozialraumorientierte und verbindende Angebote stellen dabei eine Notwendigkeit dar, um langfristige und stabile Beziehungen herzustellen, die die Jugendlichen motivieren und stärken. Auf dieser Grundlage können dann mögliche Wege in die Arbeitswelt mit ihnen besprochen und praktisch umgesetzt werden.
Jugendberufshilfe in Zeiten des Fachkräftemangels Im Zeichen des demografischen Wandels deutet sich ein zunehmender Überhang an Ausbildungsplätzen an, die aber trotz vorhandener potenzieller Auszubildender nicht geschaffen oder nicht besetzt werden. Mangelnde „Ausbildungsreife“ ist dabei oft das Argument von Wirtschaftsvertretern/-innen.
Lebenswelten und Sozialräume von Jugendlichen Sozialraumbezogene Handlungsansätze erleben seit Längerem wie kein anderer Ansatz der Sozialen Arbeit Beachtung – nicht nur in der Wissenschaft, sondern zunehmend auch in der Praxis der Jugendsozialarbeit. Die Jugendhilfe – und hier vor allem die Hilfen zur Erziehung – waren in den vergangenen Jahrzehnten hauptsächlich vom Denken in Fällen und der Arbeit am Einzelfall bestimmt. Sozialraumorientierte Jugendhilfe arbeitet hingegen nicht mehr nur auf den Fall zentriert, sondern auch fallübergreifend und fallunspezifisch („vom Fall zum Feld“), sie weitet somit den Blick für die Zusammenhänge bezüglich lokaler Problemlagen und sucht gemeinsam mit den örtlichen Verantwortlichen nach Lösungsmöglichkeiten. Sozialraumorientierung wird unterschiedlich praktiziert und definiert. Sie sollte nicht als ein starres Konzept verstanden werden, das nur von geografisch begrenzten Räumen ausgeht, in denen die Jugendlichen statistisch erfasst sind. Insbesondere die entsprechende Sozialraumbudgetierung ist daher in den letzten Jahren auch immer wieder in der Kritik gewesen. Spricht man dagegen von den Lebenswelten und sozialen Räumen der Jugendlichen, so sollte man vor allem die sozial konstruierten Räume, in denen individuelle und gesellschaftliche Entwicklungsprozesse der Jugendlichen sichtbar werden, betrachten.
In der Diskussion um fehlende Fachkräfte geht es in diesem Zusammenhang jedoch anscheinend nicht um die Jugendlichen, sondern primär um die zu besetzenden Ausbildungsplätze, und so lässt sich ein zunehmender sozialer und psychischer Druck auf die jungen Menschen feststellen. Jugendliche, die diesem Druck nicht standhalten, ziehen sich noch mehr zurück, da sie an ihren bestehenden Fähigkeiten zweifeln und für sich keine Perspektiven sehen können. Die Folge: Die, die schon im Abseits stehen, werden noch mehr ins Abseits gedrängt oder sogar abgehängt. Entsprechend § 13 (1) SGB VIII gilt es, diesen Jugendlichen – ausgehend von den jeweiligen Bedarfen, Interessen, Ressourcen und dem sozialpädagogischen Hilfebedarf – Unterstützung zur sozialen Integration anzubieten. Die große Frage ist: Wie können sie erreicht werden? Wie kann man sie unterstützen, wie kann man sie motivieren? „Um Räume und Angebote so zu gestalten, dass Adressatinnen und Adressaten sie als attraktiv erachten und nutzen, müssen die […] Barrieren so weit als möglich beseitigt werden oder zumindest wahrgenommen und berücksichtigt werden.“1 Aufsuchende Jugendsozialarbeit ist dabei ein Arbeitsfeld, das in Fachdiskussionen als eine effektive Methode zur Erreichung dieses Ziels beurteilt wird.
In der Sozialraumorientierung geht es darüber hinaus um vorhandene und zum Teil noch nicht entdeckte und genutzte Ressourcen sowie um die Mitarbeit der Betroffenen an der Lösung von Problemen. Dies betrifft sowohl örtliche Gegebenheiten
So geht aus der Studie „Situation benachteiligter Jugendlicher“ hervor, dass Fachkräfte der Jugendsozialarbeit aufsuchende Ansätze als am besten geeignet zum Erreichen von ausgeDie Analyse
„Der demografische Wandel verbessert nicht automatisch die Chancen benachteiligter Jugendlicher“ und die Menschen, die darin leben, als auch Vernetzungen unterschiedlichster Art, die weit über geografisch definierte Sozialräume hinausgehen können: „Die Abgrenzung von Programmgebieten und ‚Sozialräumen‘ entsprechen meist nicht den alltagsweltlichen Zusammenhängen ihrer Bewohner/ -innen. Unterschiedliche Akteursgruppen produzieren unterschiedliche Raumbezüge. Es gibt in den Gebieten eine Vielzahl von ‚Alltagsorten‘ und kleinräumlichen ‚Alltagsbezügen‘, sodass insgesamt ein Spannungsfeld zwischen Verwaltungs- und ‚Alltagswelt‘ festzustellen ist.“4
verbinden, zu erweitern, zu stabilisieren und weitere zu schaffen. Jugendlichen, aber auch Schulen, Ausbildungsanbietern, Vereinen und Initiativen (beispielsweise Interessengemeinschaften von lokalen Unternehmen und ethnischem Gewerbe) sollen damit im Sozialraum Möglichkeiten geboten werden, sich gegenseitig besser kennenzulernen („Brückenbau“) und den jungen Menschen Einblicke in das reale Berufsleben zu ermöglichen. Im „P12“ wird davon ausgegangen, dass Jugendliche im Sozialraum durch mobile Jugendarbeit zu erreichen sind, um mit ihnen in einen Dialog zu treten. Darauf aufbauend können dann gemeinsam mit den professionellen Fachkräften im „P12“ Strategien entwickelt werden, die die Jugendlichen in ihrer Individualität stärken und auch aus dem Gebiet herausführen können, ohne dass sie die „Rückendeckung“ verlieren. Sie haben damit in unmittelbarer Wohnortnähe jederzeit Ansprechpartner/-innen, auf die sie zurückkommen können, falls sie (wie bisher oft erlebt) diesen Weg als zu schwierig erleben und aufgeben möchten.
Das geplante Konzept „JUGEND STÄRKEN im Quartier“ (ESF-Förderperiode 2014–2020) sieht laut Informationen des BMFSFJ vom September 2013 auf der Grundlage des § 13 SGB VIII folgende Instrumente vor, die je nach Bedarf vor Ort ausgewählt und kombiniert werden: •	•	•	•
Case Management Aufsuchende Jugendsozialarbeit Niedrigschwellige Beratung/Clearing Mikroprojekte mit Quartiersbezug
Dieses Beispiel zeigt, wie sich eine offensichtlich relevante Lücke im Hilfesystem schließen lässt. Grundsätzlich benötigen alle Jugendliche mit Unterstützungsbedarf „ein neues, grundlegendes und passgenaues Angebot, das niedrigschwellig arbeitet und in dem sich die Professionellen um die Jugendlichen kümmern können. [...] Bei ihnen [den Jugendlichen] besteht die Gefahr einer zunehmenden Distanz zum Arbeitsmarkt, die wiederum als lethargische Distanz (faktische Resignation und Passivität) oder als reflektierte Distanz (bewusste Hinwendung zur informellen Ökonomie) ausgeprägt sein kann.“6
Die Angebote sollen in räumlich abgegrenzten Gebieten oder Sozialräumen („Quartiere“) verankert werden, die entweder Gebiete des Programms „Soziale Stadt“ sind oder vergleichbare Kriterien eines sozialen Brennpunkts erfüllen (z. B. Anteil von Menschen im SGB-II-Bezug, Jugendarbeitslosigkeit etc.).
Sozialraumorientierte Jugendberufshilfe/Jugendsozialarbeit
„Das Konzept der Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit fordert eine Flexibilisierung bisheriger Arbeitsstrukturen, räumlicher Zuständigkeiten und Finanzierungsmodelle, so dass sie den Bedürfnissen der jeweiligen Adressatinnen und Adressaten besser entsprechen.“5 Die Antwort auf die spezifischen Bedürfnislagen von Jugendlichen können dementsprechend nur Netzwerke schaffen.
Diese Jugendlichen sind darauf angewiesen, dass man ihnen zunächst Angebote zur Bewältigung ihrer lebensweltbezogenen Probleme macht, da sie unter den gegebenen Umständen kaum in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren sind. Individuelle, auf den jeweiligen persönlichen Ressourcen aufbauende und somit beteiligende Angebote sind für diese Zielgruppe notwendig. „Die politische und konzeptionelle Herausforderung liegt somit darin, neben dem etablierten Hilfesystem, das nach wie vor notwendig ist, ein weiteres Hilfesystem zu etablieren, das wesentlich niedrigschwelliger, den Einzelfall aufsuchend und mit mehr Ressourcen ausgestattet ist. Ein solcher Ausbau ist alternativlos und zwingend notwendig, da die heutige Halbherzigkeit im Umgang mit den Jugendlichen in Multiproblemlagen deren Exklusion eben nicht verhindert, sie in eine Armutslage und Kriminalität hineinwachsen lässt, womit die Gesellschaft in relevanten Teilen ihre Zukunftschancen verspielen könnte. Letztlich kann dies nur bedeuten, an die Sozialraumorientie-
Hierzu ein Beispiel aus der Praxis: Zu Beginn des Jahres 2013 wurde ein kleines, vorerst auf zwei Jahre befristetes und aus Mitteln der Sozialen Stadt (BIQ)6 und des Jugendamtes finanziertes Projekt in Schöneberg-Nord, einem Berliner Stadtteil (zugleich zu großen Teilen Quartiersmanagementgebiet), gestartet. Entwickelt wurde das Projekt „P12“ gemeinsam vom Jugendamt Tempelhof-Schöneberg, dem Quartiersmanagement und den Schwerpunktträgern der Jugendarbeit in der Region. Das „P12 – das Netzwerk, das Jugendliche auf dem Weg ins Berufsleben motiviert, stärkt und unterstützt“ entspricht einer sozialräumlichen Grundhaltung, vorhandene Netzwerke zu dreizehn Heft 10 2013
rung in der Sozialen Arbeit anzuknüpfen und die Jugendberufshilfe explizit niedrigschwellig und sozialraumorientiert zu organisieren.“7 Gleichzeitig sollte im Sozialraum die gesamte soziale Arbeit im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit aufeinander abgestimmt und vernetzt sein. Egoistisches Vorgehen mancher Träger der Jugendsozialarbeit, die eher ihr wirtschaftliches Bestehen in den Vordergrund stellen statt die im Interesse der Jugendlichen notwendige Zusammenarbeit mit anderen im Sozialraum Agierenden, muss konsequent in den Hintergrund gedrängt werden. Die fachliche Steuerung der Prozesse im Sozialraum sollte durch ein Gremium (u. a. bestehend aus Kommune, Jobcenter, Trägern, Straßensozialarbeit) umgesetzt werden. Dazu müssen die kommunale Verantwortung gestärkt und die Kommunen – über geplante EU-Sonderprogramme hinausgehend – mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet werden. Sozialraumorientierung läuft sonst Gefahr, als Sparstrategie angesehen zu werden, die im Mantel des Empowerments auftritt und eben leider nicht die Menschen erreicht, die dadurch aktiviert werden sollen. //
Die Autoren/-innen: Uwe Strothmann ist Referent für Jugendsozialarbeit bei der Bundesarbeitsgemeinschaft örtlich regionaler Träger der Jugendsozialarbeit e. V. (BAG ÖRT). E-Mail: strothmann@bag-oert.de Hella Pergande ist Projektleiterin bei OUTREACH – Mobile Jugendarbeit Berlin. E-Mail: h.pergande@sozkult.de
Anmerkungen: Straßburger, Gaby (2013): „Sozialraumorientierung interkul-
turell – erfolgreiche Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft“. In: WISO Diskurs. April 2013, S. 9–10. Vgl. Tillmann, Frank; Gehne, Carsten (2012): Situation aus-
gegrenzter Jugendlicher. Expertise unter Einbeziehung der Perspektive der Praxis. Hrsg.: Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V. im Rahmen des Kooperationsverbundes Jugendsozialarbeit. Düsseldorf, S. 27. Vgl. Wirkungseffekte Mobiler Jugendarbeit in Stuttgart
[WIMO], 2009, S. 6 ff. Franke, Thomas (2013): Sozialraumorientierung – Handeln
zwischen „Verwaltungsräumen“ und „Alltagsorten“. In: WISO Diskurs. April 2013, S. 39– 40. Straßburger (2013).
BIQ = Beschäftigung, Integration, Qualifizierung.
Schönig, Werner (2010): „Jugendarmut und Resilienz Jugendli-
cher beim Übergang von der Schule in den Beruf.“ Köln, S. 18.
Die Kunst, von der Antwort auf die Frage zu schließen Schulverweigerung – eine Hoffnung für Deutschland? Bodo Ströber
ch hatte 2010 in Japan die Gelegenheit, mich auf Einladung des japanischen Bildungsministeriums (MEXT) im Rahmen eines Fachkräfteaustausches der Fragestellung der Hikikomorri zu nähern. Hikikomorri sind Menschen, die sich manchmal plötzlich, meist aber nach und nach vollständig aus der Gemeinschaft zurückziehen.
Schule mindestens überstehbar. Nicht gut bedient mit der Regelschule sind aber sozial Benachteiligte, Kinder mit Eigensinn und mit besonderen Talenten, Kinder mit Lernbedarfen, die nicht mit dem Gleichschritt vereinbar sind, und sehr sensible, verwundbare junge Menschen. Ihnen wird die Schule der Zukunft gerechter werden (müssen).“1
Diese besondere Form der Verweigerung veranlasste die in Japan Verantwortlichen, uns als Fachkräfte und Akteure der Jugendhilfe in ihre Überlegungen zu Ursachen und Handlungsmöglichkeiten einzubeziehen. Etliche Vorträge und Besuche in verschiedensten Einrichtungen und Schulen fokussierten die Blickrichtung hin zu diagnostischen Untersuchungen und therapeutischen Ansätzen der Intervention. Unsere Fragestellungen, die das Grundsystem sozialen Miteinanders und der Wertschätzung des einzelnen Individuums in den Mittelpunkt rückten, bereiteten einerseits – besonders aus administrativer Sicht – Schwierigkeiten, andererseits knüpften sie an Überlegungen einzelner japanischer Fachkräfte an, die um so klarer – statt vermeintlich diagnostizierte psychosoziale Auffälligkeiten zu definieren – die m. E. entscheidende Grundfrage stellten.
Thimm differenziert unterschiedliche Formen von Schulverweigerung – von der Schulunlust zu passiven Formen des inneren Ausklinkens (Schulmüdigkeit) über Stören und punktuelles Schwänzen (Schulverdrossenheit) zur verfestigten Schulaversion und Schulverweigerung.2
Diese Menschen in all ihrer von außen erlebten Passivität waren irgendwann in ihrem Leben in eine Art inneres Exil gegangen. Sie reagierten damit auf ein Erlebnis, das von einem ehemaligen Betroffenen beschrieben wurde als: Hikikomorri – das ist, als wenn einem das Herz bricht. Wenn Hilferufe immer und immer wieder ungehört bleiben, folgt oftmals – nach Eskalation und Aufschrei – das Erleben der eigenen Machtlosigkeit bis hin zur vollständigen Resignation. Wenn erst hier die Aufmerksamkeit der Gesellschaft beginnt, verdecken entstandene psychische Reaktionen leicht die eigentlichen Auslöser.
Besondere Beachtung verdient Thimms Analyse, in der er fünf zentrale Entstehungsfelder beschreibt:
Häufig sind bereits in der Grundschule wesentliche Momente zu finden, die – in Verbindung mit besonderen familiären Situationen – ein Konglomerat ergeben können, welches oft erst beim Wechsel in die Sekundarstufe I erkannt wird. So berichten etwa fast alle Schüler/-innen unserer Einrichtungen in Potsdam, dass von der anfänglichen Freude und Hoffnung als sechs- bis siebenjährige Schulanfänger/-innen in wenigen Jahren kaum mehr etwas übrig geblieben ist.
•	Schuldistanzierung bei Älteren als Endprodukt einer demoralisierenden Schülerlaufbahn mit Leistungsmisserfolgen, Klassenwiederholung etc., was zu Vermeidungsverhalten führt. •	Oft passen soziokulturell bestimmte Lebenssituationen nicht zu den schulischen Anforderungen. Hier fehlen Brücken zwischen der Draußen-Welt und der Schulwelt. •	Nicht selten kollidiert der Wunsch nach erfolgreichem, regelmäßigem Schulbesuch mit familialen Verhältnissen. •	Manchmal geht es den jungen Menschen darum, in Gegenidentifikation zu den Eltern Eigensinn zu produzieren und zu demonstrieren. •	Schuldistanzierung kann in Einzelfällen auch „unglückliches Ergebnis einer Verkettung sein, an deren Anfang durchaus überschaubare, beinahe normale, lösbare Konflikte und nicht besonders schwerwiegende Probleme standen.“3
Vor diesem Hintergrund interessiert mich, welche Frage eigentlich hinter der Aussage „Verweigerung“ steht. Oder noch mal gewendet: Worauf ist Schulverweigerung eigentlich die Antwort? Und welche Antworten haben wir auf die Fragen, die sich hinter Schulverweigerung verbergen? Im folgenden Beitrag stelle ich die Analysen zweier durchaus maßgeblicher Autoren – Karl Heinz Thimm und Gerhard Gutscher – genauer vor, die für zwei typische und durchaus wichtige, hilfreiche Herangehensweisen stehen, werde ihren Fragen oder Antworten nachgehen und diese mit eigenen Überlegungen und Erfahrungen hinterfragen und kommentieren.
Seine hier nur verkürzt vorgestellten Betrachtungen der möglichen Ursachen und Ausprägungen beeindrucken durch ihre Genauigkeit und zeigen so, dass genaues Hinschauen nicht nur Analyse ermöglicht, sondern ebenso Ausgangspunkt möglicher Interventionen zu sein hat.
Wovon sprechen wir, wenn es um Schulverweigerung geht?
Diese Interventionen scheinen eine Antwort darzustellen, die logisch auf die Analyse – also Fragestellung – folgt. Ausgehend von der Prämisse „Kein Schulmüder ist wie der andere: hinsichtlich der Hintergründe und Motive, der Verläufe, des
Bereits im Jahr 2000 erfahren wir aus der beachtenswerten Betrachtung von Karlheinz Thimm: „Für 80 % (plus/minus) ist Kontrapunkt
„Wir schützen ein System, das Fehler zuerst im Versagen des Einzelnen erkennt“ Selbsterlebens, der Zugänglichkeit. Mit Abstand betrachtet ist starke Schulmüdigkeit meist Ergebnis eines langen Weges des Hineinschlitterns mit möglichen Wendepunkten, an dessen Zustandekommen mehrere Systeme beteiligt sind.“4 gelingt es Thimm, Hinweise zu geben, welche helfen, die Komplexität des Phänomens zu begreifen und dort Ansatzpunkte für helfendes Handeln zu finden. Spannend bleibt die Frage nach der Frage, auf die Thimm eine Antwort zu geben bemüht ist.
sozialen Bindungen (F 91.2). Der Jugendliche hat Beziehungen zu Freunden oder einer Clique, er verhält sich jedoch Erwachsenen gegenüber auffällig und zeigt häufig eine Null-BockHaltung. […] Drogenkonsum, insbesondere der Konsum von Marihuana kann auch dazu führen, dass ein Jugendlicher nicht mehr zur Schule geht. Selten können organische Erkrankungen wie eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) zu Angstsymptomen führen.“7
Bei der Frage: Was kann man tun? bleibt es uns Lesern/-innen überlassen, wer gemeint sein könnte. Bei Thimm finden wir grundlegende Handlungsempfehlungen, die aber in ihrer Grundsätzlichkeit fast schon banal klingen, sowie Ideen für Interventionen:
Nicht verwunderlich bewegen sich die Handlungsempfehlungen dann sehr augenscheinlich in einem System von Diagnostik – multiaxiale Klassifikationsschemata für psychische Störungen – einer emotionalen Störung mit Trennungsängsten und therapeutischen Ansätzen der Angsttherapie. Ausgehend von Defizitbeschreibungen der frühen Kindheit schlussfolgert Gutscher immerhin unter systemischem Gesichtspunkt: „Ein wichtiges Umfeld für jedes Schulkind ist die Schule. Hier spielt die Beziehung zu Lehrern eine oft entscheidende Rolle für das Lernverhalten bis hin zum Schulbesuch des Kindes. Ein Lehrer, der einem Kind vermittelt, dass er es mag und wertschätzt, kann einiges von dem ausgleichen, was das Kind sonst nicht an Wertschätzung bekommt. Umgekehrt kann entwertendes und demütigendes Verhalten dazu führen, dass ein Kind den Schulbesuch meidet.“8
•	Anwesenheit belohnen und die individuelle Schulbesuchszufriedenheit erhöhen. •	Generell gilt es, dem jungen Menschen Aufmerksamkeit zu schenken und ihm zu vermitteln, dass er wichtig ist. •	Zufriedenheit mit Schwänzen vermindern/die Abwesenheit stören. •	Ankommen in der Schule nach Fehlzeiten und Wiedereingliederung (bei Rückkehr nach längerer Fehlzeit, Schul- und Klassenwechsel) positiv gestalten. •	Erwachsene sollten vermitteln, dass die jungen Menschen als Person akzeptiert werden (auch wenn das Verhalten kritisiert wird). […] Die Äußerungen der Rückkehrer sind ernst zu nehmen. •	Vereinbarungen treffen. Kontrakte haben nur dann für alle eine Bedeutung, wenn jeder die eigenen Ziele und Wünsche unterbringen kann. Vereinbarungen stärken Selbstverantwortung.5
Das Missverhältnis von Wertschätzen und Ausgleichen in Verbindung zum erlebten Entwerten und Demütigen wird als eine nicht unwesentliche Störung definiert. Die Beziehung des Lehrenden und Lernenden wird in Frage gestellt ob ihrer tatsächlichen Förderlichkeit, o. g. Missverhältnisse aufzulösen.
Die jeweilige Perspektive der Betrachtung bringt unterschiedliche Antworten
Hier wird jedoch m. E. eine wesentliche Frage ausgelassen: Wer kann und soll diese hilfreiche Intervention leisten? Und welche Rolle kommt der/dem Jugendlichen selber zu?
Schulverweigerung als psycho­ logisches Phänomen?
Die Reihe der Betrachtungen zur Themenstellung aus unterschiedlichen Sichtweisen jeweiliger Professionen lässt sich sicherlich noch ein ganzes Stück fortführen. Ich will mich jedoch – aufgrund der Verständlichkeit – auf diese beiden Betrachter beschränken, da sie m. E. die Systematik anschaulich verdeutlichen.
Ein Beispiel für eine eher psychologische Analyse des Phänomens stellt Gerhard Gutscher mit seiner Abhandlung „Schulangst und Schulverweigerung“6 dar: „Von Schulverweigerung spricht man, wenn Kinder oder Jugendliche im Rahmen einer Störung des Sozialverhaltens die Schule nicht aufsuchen, um sich z. B. in einer Bande oder Clique zu treffen. In diesem Kontext wird die Schule also nicht auf Grund starker Angst vermieden, so dass diese Form der Schulverweigerung nicht als soziale Phobie gewertet werden kann. Hier handelt es sich häufig um eine Störung des Sozialverhaltens bei vorhandenen dreizehn Heft 10 2013
Während Thimm in seinen Betrachtungen die Erscheinungsformen von Verhalten systematisiert: „Auffällige mit Anzeichen wie Motivationsverlust und Fehlen von Stunden. Gefährdete, die innerlich schon aufgegeben haben und ggf. teilweise nicht mehr in die Schule kommen. Abgekoppelte/Ausgestiegene, eine heterogene Gruppierung, für die außerschulische Maßstäbe Gültigkeit erlangt haben und deren Selbstkonzept sich 34
auf das von Nicht-Schüler-Sein zu bewegt“9, unterscheidet Gutscher verschiedene Gründe, die alle in der Person bzw. in der psychosomatischen oder intellektuell-sozialen Verfassung des Jugendlichen liegen: „klinisch-psychiatrische Syndrom(e) […], phobische Störung des Kindesalters (F 93.1) […], das Intelligenzniveau […], körperliche Krankheiten […], assoziierte aktuelle Abnormen psychosozialer Umstände […], globale Beurteilung des psychosozialen Funktionsniveaus […].“10
lich weit von sich gewiesen. Jedoch – so weit, wie weithin versichert, ist diese Anschauung oft nicht von der „gelebten“ und erlebten fachlichen Einschätzung entfernt, wie ein kurzes Beispiel zeigt: In einer Diskussion von Konzeptionen von Kooperationseinrichtungen Jugendhilfe – Schule fiel unlängst der Satz: Die Kinder und Jugendlichen leben und lernen zwei Jahre in dieser Einrichtung. Wenn sie dann wieder gesundet sind, steht eine Reintegration in die Regelschule zu Klasse 9 an. Zwei Jahre und Reintegration: Ja – aber gesundet? Waren diese Kinder jemals krank?
Beide Autoren beschreiben durchaus vergleichbare beobachtete Situationen, beide schlussfolgern verschiedene Handlungsansätze, denn beide gewichten die Ausgangslagen unterschiedlich – aber beide umgehen eine Schlussfolgerung, die so augenscheinlich scheint, dass sich die Frage nach den Gründen der Vermeidung förmlich aufdrängt. Welche systemischen Ursachen liegen dem Phänomen zugrunde und welche systemischen Ansätze folgern logisch aus dieser Erkenntnis?
Die richtigen Fragen stellen – auch wenn es nicht immer eine Antwort gibt
Zu welchen anderen Schlussfolgerungen kommen wir aufgrund der eigenen Erfahrungen in unserer Einrichtung? Zu einem anzuerkennenden Anteil erleben wir Kinder und Jugendliche in unseren Einrichtungen, die dringender therapeutischer Unterstützung bedürfen, insbesondere wenn depressive oder manifeste lernbehindernde Voraussetzungen erkannt und diagnostiziert wurden. Die Gesamtthematik Schulverweigerung hierhin zu verorten, bringt uns jedoch nicht auf den zentralen Pfad.
Meine vorgeschlagene Frage lautet: Von welchen Problemen und Phänomenen sprechen wir tatsächlich, wenn es um Schulverweigerung geht? Was hat die Jugendhilfe/Jugendsozialarbeit damit zu tun? Was kann und muss sie tun – oder auch nicht? Worauf zielt sie genau? Geht es um Reintegration oder darum, den Schulabschluss zu sichern? Vielleicht ist es auch möglich, direkt in eine Ausbildung zu wechseln …? Um dieser Frage auch nur annähernd fachlich gerecht zu werden, bleibt meine erste Empfehlung, die beiden o. g. Beiträge von Thimm und Gutscher weiter zu beachten und auch die darin enthaltene Systemkritik ernst zu nehmen – und dabei nicht stehen zu bleiben.
Schulverweigerung ist keine Krankheit. Wenn diese Diagnose in fachlichen Diskursen auftaucht, wird sie auch schnell als unbegründete Unterstellung klassifiziert und selbstverständ-
Für die Jugendhilfe mit ihrem partizipativen Ansatz, wie er insbesondere durch den § 36 Abs. 2 SGB VIII vorgegeben ist, stellt sich gar nicht die Frage, ob sie sich beteiligt an Frage- und Problemstellungen, die sich hier aus dem schulischen Kontext ergeben. Sie hat hier schon im § 1 SGB VIII einen klaren Einmischungsauftrag. Und auch die Praxis zeigt ja, dass Schüler/ -innen im System Schule und Bildung immer auch als Kinder und Jugendliche im Sinne des SGB VIII verstanden werden müssen, ebenso wie Psychologen/-innen und Ärzte/-innen junge Patienten/-innen nicht wieder wegschicken können mit der Begründung, die betroffenen jungen Menschen seien dem System Schule zuzuordnen, um damit eine Nicht-Zuständigkeit zu begründen. In einer gesellschaftlichen Diskussion zu Bildung und Inklusion, Bildungsgerechtigkeit und Jugendhilfe, insofern sie tatsächlich als eine notwendige ergebnisoffene Diskussion verstanden wird, sollte das unbedingt notwendige Zusammenspiel von Fachkräften aus Schule, Jugendhilfe und psychologischer Beratung ebenso als Standard eingeübt werden, wie die Beteiligung und Mitwirkung von Betroffenen sehr viel stärker Berücksichtigung finden muss auf der Suche nach jeweils geeigneten Interventionsansätzen.
Kinder und Jugendlichen Bildungsgerechtigkeit und bedarfsgerechte Leistungen des SGB VIII bereitzustellen, bisher nicht zuletzt an Kosten- und Zuständigkeitsfragen scheitern muss. Wer immer auch eine Antwort findet, muss sich darüber im Klaren sein, auf welcher Frage diese Antwort gründet. Reagiert sie auf einen Unterstützungs- und Veränderungsbedarf oder auf eine Störung der Ordnung? Schulverweigerung auch als Hoffnung für das eigene Land zu begreifen – hier scheint uns Japan bereits ein Stück voraus. //
Der Autor: Bodo Ströber ist Einrichtungsleiter des Jugendhauses OASE der Hoffbauer-Stiftung in Potsdam. E-Mail: oase@hoffbauerstiftung.de
Anmerkungen: Thimm, Karlheinz (o. J.): Null Bock auf Schule – Wie entste-
hen Schulmüdigkeit und Schulverweigerung? – Was kann man tun? Quelle: https://www.familienhandbuch.de/schule/schulpro-
Der Gedanke, der uns in diesem Beitrag weiterführen soll, geht zurück auf die Aussage eines japanischen Professors, die mich seit der Reise noch immer beschäftigt. Sein Referat bestand lediglich aus dem einen einzigen Satz: Die Hikikomorri sind eine Hoffnung Japans.
bleme/null-bock-auf-schule-wie-entstehen-schulmudigkeit-undschulverweigerung-was-kann-man-tun (Zugriff: 27.06.2013). Ebd.
Noch immer schützen wir ein Bildungs- und Unterstützungssystem, das die Ursachen von vermeintlichen und erkannten Fehlentwicklungen zuallererst im Versagen des Einzelnen erkennt. Jedoch stellt sich mir die Frage, ob unsere Systeme derzeit nicht Versagen von sich heraus förmlich „produzieren“. Eine umfassende Reform des Bildungssystems, das die unterschiedlichen Unterstützungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten von Jugendhilfe, Psychiatrie, Politik, Kunst, Kultur etc. nutzt, birgt die Chance, dass Bildung weniger soziale Auslese als vielmehr förderliche und sachgerechte Unterstützung der Kinder und Jugendlichen darstellt; diese können so eigene Lebenswege und -entwürfe entwickeln. Damit entsteht ein gesamtgesellschaftliches Anliegen, dessen Kosten nicht als Belastung, sondern als Investition in die Zukunft verstanden werden.
Gutscher, Gerhard (2009): Schulangst und Schulverweigerung.
rung_ref_gutscher_02_09.pdf (Zugriff: 27.06.2013). Ebd.
Vor allen Überlegungen steht nämlich eine längst fällige und bisher nur am Rande geführte Diskussion, die als Ausgangslage weniger das Problem Schulverweigerung betrachtet als vielmehr die Chance, die durch das Aufzeigen von dringend reformbedürftigen Handlungsfeldern entsteht – nicht zuletzt durch die Verweigerungen von Schulbesuchen können wir erkennen, dass selbst ein Heer von Fachkräften – jeweils in ihrem eigenen Kontext gefangen – nur Symptome bearbeitet, da die notwendige Unterstützung auf politischer Ebene, für alle dreizehn Heft 10 2013
http://www.schulberatung.bayern.de/imperia/md/con-
tent/schulberatung/pdfschw/pdfschw0809/schulangst_verweige-
Weitere Informationen zum Thema Schulverweigerung finden Sie unter www.jugendsozialarbeit.de/schulverweigerung_begegnen. 36
Vom Brücken bauen und Steine aus dem Weg räumen Die Kompetenzagentur der „Erfurter Brücke“ unterstützt junge Menschen auf ihrem Weg in die Arbeitswelt Britta Sembach
anchmal wird das Leben so kompliziert, dass man nicht mehr zur Arbeit gehen kann. Die Freundin ist weg, die Lehre mühsam. Wer dann hinschmeißt, gerät schnell in einen Teufelskreis: Das Jobcenter kürzt eventuell Leistungen, die Tage werden lang und jegliche Perspektive ist weg. Kommen noch Schulden oder Drogenprobleme dazu, wird es kompliziert. Wenn Jugendliche und junge Erwachsene an so einem Punkt angelangt sind, wissen sie in Erfurt – und an rund 180 weiteren Standorten in Deutschland –, an wen sie sich wenden können: Die „Kompetenzagenturen“ unterstützen Jugendliche mit individuellen Angeboten auf ihrem Weg zurück in ein geregeltes Leben. Da ein Teil der Finanzierung allerdings mit dem Wegfall der ESF-Mittel am Ende des Jahres ausläuft, mit dem dieser und viele andere Standorte bundesweit im Rahmen der Initiative „JUGEND STÄRKEN“ zurzeit noch gefördert werden, ist ungewiss, wie es 2014 mit dem Angebot weitergehen wird.
Damit hatte Peter Michalsky1 nun wirklich nicht gerechnet: Dass jemand raus zu ihm in die Plattensiedlung fährt, klingelt und ein freundliches Gespräch durch die Gegensprechanlage beginnt. „Wir sind von der Kompetenzagentur Erfurt und haben gehört, dass du ein paar Schwierigkeiten hast. Wir würden dich gern unterstützen. Können wir kurz hochkommen und dir was über uns erzählen?“ Erst war der 18-Jährige überrascht, dann hat er tatsächlich aufgemacht. Und sich eine halbe Stunde mit Tobias Elß, dem Leiter der Erfurter Kompetenzagentur, unterhalten. Am Ende hat er einen Termin für die kommende Woche im Kalender stehen – die beiden wollen sich intensiver mit Peters Zukunft beschäftigen. „Wir gehen auch zu den Leuten nach Hause, wenn sie nicht zu uns kommen, oder wir suchen sie auf Facebook“, sagt der erfahrene Sozialpädagoge. In diesem Fall hatte das Jobcenter Peter aufgefordert, mit der Kompetenzagentur Kontakt aufzunehmen. Die Ansage war eindeutig: Tut er das nicht, werden 37
„Aufsuchender Ansatz bedeutet: Wir gehen auch zu den Leuten nach Hause“
Leistungen gekürzt. Als er sich trotzdem nicht meldete, machte sich Elß auf den Weg ans andere Ende der Stadt und überzeugte ihn davon, dass die Kompetenzagentur anders arbeitet, als der junge Mann das etwa bisher von Behörden kannte. Dass sie die Jugendlichen oft bei der Bewältigung von Alltagsproblemen unterstützt, bevor man sich überhaupt um eine Ausbildung oder einen Job kümmern kann.
Auch Francis Sandmann freut sich immer, wenn sie eine aufmunternde Kurznachricht von Schwabe auf ihrem Handy findet. Da steht zwar meistens drin, dass sie einen wichtigen Termin nicht verpassen soll. Aber manchmal fragt die diplomierte Sozialarbeiterin auch nur, wie es ihrem Schützling gerade geht. Am Anfang sah es so aus, als könnte Francis ein komplizierter Fall werden: Die Gärtnerlehre hingeschmissen, „weil das überhaupt nicht so war, wie ich mir das vorgestellt hatte.“ Viele Alternativen konnten sie nicht begeistern, ihr Traum von der medizinischen Fachangestellten scheiterte vorerst an einem Tattoo, das ihren Unterarm ziert. Das kam bei einem Praktikum in einer Arztpraxis gar nicht gut an. Und dann die Enttäuschung mit der Gärtnerei: Die 20-Jährige hat immer mit Leidenschaft in ihrem eigenen kleinen Garten gearbeitet, gesät und geerntet, Pflanzen beschnitten und gepflegt. Bei der Ausbildung in einem großen Gartenbaubetrieb stand sie plötzlich am Fließband, steckte Tag um Tag kleine Pflänzchen in Töpfe. Mit der erträumten Arbeit in und mit der Natur hatte das nicht viel zu tun. Also schmiss sie hin und jobbte in einem Schuhgeschäft. Damit hat sie zwar ein bisschen Geld verdient – eine Arbeit mit Zukunft war das aber nicht. Eine Freundin schickte sie schließlich zur Kompetenzagentur. „Und die haben mich dann ein bisschen in den Popo getreten“, grinst Francis und beteuert, dass sie genau das gebraucht hat. „Sonst wäre ich noch ewig in dem Schuhladen geblieben.“ Franziska Schwabe sei ihr gleich sympathisch gewesen und da habe sie gedacht: „Mit denen kann ich was anfangen.“ Nach nur vier oder fünf Sitzungen war klar, dass Francis sich noch mal grundsätzlich orientieren muss, wo es beruflich mit ihr hingehen soll. Nun macht sie zur Überbrückung ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in einem Erfurter Waldorf-Kindergarten und will das zum Nachdenken nutzen. So viel Zeit hat sie allerdings gar nicht: Schwabe hat schon wieder einen Termin mit ihr vereinbart, um Stellen für das kommende Ausbildungsjahr zu suchen – und ein paar Ideen hat sie auch schon.
„Wir profitieren davon, dass wir seit Jahren so gut vernetzt sind“ „Aufsuchender Ansatz“ nennt sich das im Fachjargon und kann auch bedeuten, dass die Mitarbeiter/-innen der Kompetenzagentur zu einem Termin im Arbeitsamt dazu gebeten werden, um die Jugendlichen kennenzulernen. „Wir machen da weiter, wo Ämter an ihre Grenzen stoßen“, sagt Elß. Und das mit so wenig Druck, aber so viel Zugewandtheit wie möglich. Eine große Stärke der Kompetenzagenturen ist das Prinzip der Freiwilligkeit. Die Jugendlichen werden zu nichts gezwungen, das sie nicht wollen. Die drei Sozialarbeiter/-innen schauen dafür genau hin, was ihren Klienten/-innen fehlt. „Wenn die zu uns kommen, brennt es meistens schon. Dann löschen wir erst mal und kümmern uns dann um den Rest“, erzählt Elß. So ein „Brand“ kann der Verlust der Wohnung sein, Ärger in der Familie oder Streit mit dem Partner. Eine junge Frau hat spontan ihre Ausbildung abgebrochen und findet jetzt keine neue. Ein anderer weiß vor lauter Schulden nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Viele Jugendliche könnten oft erst wieder in den Beruf einsteigen, wenn wichtige private und soziale Dinge geklärt seien, erzählt auch Franziska Schwabe. Sie arbeitet seit vier Jahren hier und hat eine so verbindliche und freundliche Art, dass die meisten Jugendlichen ihr schnell vertrauen. Sie weiß, dass manchmal schon ein kurzer Anruf beim Jobcenter hilft, um den jungen Leuten ein paar Wochen Verschnaufpause zu verschaffen. dreizehn Heft 10 2013
„Schon ein kurzer Anruf beim Jobcenter kann den Jugendlichen eine Verschnaufpause verschaffen“ Nun arbeitet Francis vorerst mit den ganz Kleinen in der Kita und hat daran Gefallen gefunden. Den einjährigen Eskil und die kleine Eva anziehen, mit ihnen spielen, singen und sich kümmern, darin geht Francis mittlerweile voll auf. Es gab anfangs nur ein kleines Problem: „Ich war ein bisschen verwirrt über das Essen hier, die essen ja gar kein Fleisch, da hatte ich sogar manchmal Bauchweh“, lacht die 20-Jährige. Inzwischen habe sie sich aber daran gewöhnt und sich sogar ein paar Backrezepte kopiert. Erzieherin wäre auch ein Beruf, der ihr gefallen könnte. Allerdings schreckt sie die lange Ausbildungszeit von fünf Jahren, die sie mit ihrem Hauptschulabschluss bräuchte. Also wird sie weitersuchen. Sie ist jedenfalls froh, dass sie nun eine Aufgabe und ein Ziel hat, und ist sicher, dass sie mit ihrer Betreuerin zusammen schon noch das Passende findet.
Nun ziehen alle an einem Strang, auch das Jobcenter weiß den Einsatz in der Erfurter Regierungsstraße zu schätzen. „Schließlich ist jeder, den wir aus dem Leistungsbezug holen, ein Gewinn für die Stadt“, weiß Elß. Und dennoch haben die Mitarbeiter/-innen in den gemütlichen Räumen im Zentrum von Erfurt Zukunftssorgen: Das Förderprogramm des Europäischen Sozialfonds, das bislang über die Hälfte der Kosten der Kompetenzagentur trug, läuft zum Ende des Jahres aus. Es gibt gute Gespräche mit der Stadt, die auch ein Interesse daran hat, das Projekt weiterzuführen, und „irgendwie ging es ja immer weiter“, heißt es aus dem Umfeld der Verwaltung. Aber unbefriedigend ist das schon, wenn immer noch unklar ist, in welchem Umfang die Angebote 2014 weitergehen können. Dabei sind die Zahlen gut: Mehr als 750 Jugendliche fanden in den vergangenen sieben Jahren ihren Weg in die Kompetenzagentur, deren Träger hier in Erfurt der Caritasverband ist. Die Abbrecher-/-innenquote liegt nur bei rund 10 %. Vielen Jugendlichen kann schon mit fünf bis acht Terminen geholfen werden, die anderen werden in einem aufwendigeren „Case Management“ oft länger betreut. Da sind die Hilfsangebote dann mannigfaltig, von der Begleitung zu schwierigen Terminen bis hin zum gemeinsamen Formulieren des Bewerbungsschreibens. Noch heute kommen Jugendliche vorbei, die seit Jahren wieder festen Boden unter den Füßen haben, um mit ihren ehemaligen Betreuern/-innen zu plaudern. Diese Jugendlichen haben das schon hinter sich, was Christian gerade erlebt: „Mensch, du alte Birne“, schimpft Franziska Schwabe scherzhaft, als sie hört, dass der Jugendliche die Sache mit der Krankenkasse immer noch nicht geregelt hat. Nach ein bisschen Hin und Her ist klar, woran es lag. Schwabe schreibt Christian eine „Zu-Erledigen-Liste“, zuoberst steht „Krankenkasse anrufen“ und schickt ihn dann freundlich zur Arbeit. „Der ist auch auf einem guten Weg“, sagt sie zufrieden und setzt sich wieder an ihren Computer. //
„Ohne die Erfurter Brücke hätte ich längst wieder alles hingeschmissen“, sagt auch Florian Meier, 23. Beim Arbeitsamt hat er von dem Angebot der Kompetenzagentur im Jugendhaus „Erfurter Brücke“ erfahren und ist noch am selben Tag hingegangen. „Die haben dann sofort losgelegt“, sagt Florian. Als Erstes musste eine Wohnung für den jungen Mann her. Bei dem Freund, der ihn aufgenommen hatte, konnte er nicht mehr bleiben. Und ohne Wohnung, so war allen klar, konnte er sich nicht auf seine Umschulung zum IT-Systeminformatiker konzentrieren, die er sich schon selbst besorgt hatte. Heute steht ein weiterer Termin beim Arbeitsamt an und Florian ist froh, dass ihn Tobias Elß dorthin begleitet. „Die Gespräche laufen schon anders ab, wenn da noch einer dabeisitzt“, sagt Florian. Es gab ein Problem mit seinem Antrag auf Arbeitslosengeld. Aber die Kompetenzagentur wäre nicht so, wie sie ist, wenn sie sich nicht gleich darum kümmern würde. Während sich also Florian wieder auf den Weg in die Stadt macht, weil er mittags eine wichtige VWL-Klausur schreibt, bleibt Elß noch in der Arbeitsagentur und spricht mit einem anderen Sachbearbeiter. Er will herausfinden, ob die Probleme jetzt die Umschulung gefährden. Nach einer Stunde ist die Sache geklärt, Florian hat eine Sorge weniger – und Tobias Elß mal wieder ein paar Steine aus dem Weg geräumt.
„Wir profitieren davon, dass wir seit Jahren so gut vernetzt sind hier in der Stadt“, sagt er und erinnert sich, dass das nicht immer so war. Als die Kompetenzagentur 2007 anfing, gab es noch Vorbehalte. Jugendliche vermitteln, so der Tenor der Arbeitsagentur, das können wir selbst. Es hat ein bisschen gedauert, bis klar war, wie die Kompetenzagentur arbeitet. Dass sie nicht nur in Jobs und Ausbildungen vermittelt, sondern junge Leute auf ganz persönliche Art unterstützt. Dazu gehört auch mal eine verquatschte halbe Stunde, in der ein junger Mensch merkt, dass sich jemand wirklich für ihn interessiert. Und die ihm vielleicht die Kraft gibt, einen unangenehmen Anruf endlich zu erledigen. Vor Ort
Wie geht es weiter? Lesen Sie dazu die Handreichung „Jugendsozialarbeit verstetigen – Junge Menschen nachhaltig stärken“. Diese und weiteres Hintergrundmaterial zum Schwerpunkt dieser Ausgabe finden Sie unter www.jugendsozialarbeit.de/dreizehn. 39
Der Oberbergische Kreis setzt auf Streetwork als präventives Jugendhilfeangebot Rüdiger Fritz
ie Tatsache, dass nicht alle Jugendlichen den Weg in Einrichtungen der Jugend(sozial)arbeit oder anderer sozialer Dienste finden oder gehen wollen, ist bekannt. In städtischen wie in ländlichen Regionen wird dies gleichermaßen der Fall sein. Ebenso sind Vereine wie insbesondere Schützen-, Sport- und Musikvereine nicht für alle Jugendlichen attraktiv – auch das dürfte niemanden wirklich überraschen. Trotzdem wirkt es befremdlich, wenn von „Streetwork im ländlichen Raum“ die Rede ist – warum eigentlich?
Der Eindruck ändert sich, wenn man sich an der Entwicklungsphase Jugendlicher und junger Erwachsener orientiert und die vielfältigen Herausforderungen der Lebensphase in Bezug auf Schule, Ausbildung, Familie, Freizeit, Partnerschaft etc. betrachtet. Aus diesem Blickwinkel heraus hat sich der Ansatz der Lebensweltorientierung in vielen Bereichen der Sozialarbeit etabliert. Gemeint ist damit eine Pädagogik, die sich an folgenden Maximen ausrichtet: Prävention, Ganzheitlichkeit, Niedrigschwelligkeit, Regionalisierung, Integration und Partizipation.3 Jugend(sozial)arbeit soll sich also an den Lebensrealitäten der Jugendlichen selbst orientieren, deren Lebensstrategien akzeptieren und Unterstützung zur Bewältigung von Problemen bei den genannten Herausforderungen anbieten.
Jugendsozialarbeit als präventive Unterstützung junger Menschen
So gesehen erscheint Streetwork bzw. Mobile Jugendarbeit als adäquate Herangehensweise, um junge Menschen abseits der institutionalisierten Hilfeangebote als Teil unserer Gesellschaft anzuerkennen, ihnen Vertrauen entgegenzubringen und ihnen Unterstützung bei ihren ganz persönlichen Herausforderungen und Problemen anzubieten. Streetwork kann dabei auch ein besonders geeignetes Angebot im präventiven Sinne sein, um Jugendliche nicht später als Teil der ‚düsteren‘ Zielgruppenbeschreibung der zitierten Quellen wiederzufinden.
Im Allgemeinen entspricht das Bild von Jugendlichen, an die sich Streetwork richtet, in etwa der Formulierung im Ausführungsgesetz zum Kinder- und Jugendhilfegesetz des Landes Berlin: „Aufsuchende Jugendsozialarbeit wendet sich insbesondere an allein gelassene, aggressive, resignative, suchtgefährdete oder straffällig gewordene junge Menschen und fördert deren soziale Integration.“1 Im Handbuch Jugendsozialarbeit aus dem Jahr 2001 werden die „vielfältigen Zielgruppen“ von Streetwork/ Mobiler Jugendarbeit folgendermaßen beschrieben: „Jugendliche, die ein auffälliges soziales Verhalten zeigen (z. B. Gewaltbereitschaft, Delinquenz, Drogenkonsum), HausbesetzerInnen, Fußballfans, Wohnungslose, DrogenkonsumentInnen, Prostituierte, Neonazis, Gangs, Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte junge Menschen mit Problemen hinsichtlich einer sinnvollen Freizeitgestaltung.“2 Eine so beschriebene Zielgruppe verbindet man mit den ‚dunklen Ecken‘ und Brennpunkten in Großstädten – mit ländlichen Regionen eher nicht. dreizehn Heft 10 2013
„Streetwork ist integraler Bestandteil der Jugendhilfe im Gemeinwesen“ Die Beschreibung der „Adressatengruppe“ in den Ende 2012 veröffentlichten Fachlichen Leitlinien der Landesarbeitsge40
meinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit NRW e. V. entspricht einer solchen Betrachtungsweise der Lebensweltorientierung und zeigt damit, dass sich das Selbstverständnis von Streetwork in den vergangenen Jahren deutlich verändert hat:
Lenger (DRK-Kreisverband Oberbergischer Kreis e. V.) traf. Der Landkreis mit seinen ca. 270.000 Einwohnern/-innen in 13 Gemeinden, ca. 40 km östlich von Köln gelegen, ist in der Region als Naherholungsgebiet und Teil des Naturparks Bergisches Land bekannt. Der Verwaltungssitz Gummersbach ist durch seinen Handballclub und seinen prominenten früheren Spieler Heiner Brand berühmt.
„Streetwork/Mobile Jugendarbeit richtet sich schwerpunktmäßig an Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 27 Jahre, die als Einzelpersonen, Gruppen oder Szenen im öffentlichen Raum anzutreffen sind. Diese Jugendlichen haben häufig besonderen Unterstützungsbedarf. Sie werden von anderen Angeboten des Hilfesystems nicht oder nicht mehr erreicht. […] Aber auch Jugendliche ohne speziellen oder aktuellen Unterstützungsbedarf werden von der SW/MJA angesprochen. Absicht hierbei ist es dann im Wesentlichen, sich bei den jeweiligen Gruppen und Personen als parteilicher Vertreter ihrer Interessen und als Ansprechpartner für künftigen Hilfebedarf anzubieten.“4
Unterstützung für Jugendliche, bevor die Situation eskaliert Im Jahr 2009 hat das Kreisjugendamt, das für neun der 13 Städte und Gemeinden zuständig ist, Streetwork zunächst als Projekt für drei Jahre konzipiert. Vorausgegangen waren Beschwerden aus der Bevölkerung und der Geschäftswelt über Störungen und Bedrohungen durch Jugendgruppen in mehreren Kommunen. Im Rahmenkonzept des Kreisjugendamtes wird diese Ausgangssituation allerdings lediglich als Anlass gesehen, tatsächlich sei die „aufsuchende mobile Jugendarbeit ein eigenständiges Jugendhilfeangebot mit dem Ziel, bereits so zeitnah Unterstützungsangebote zu offerieren, dass spätere kostenträchtige Hilfen bereits im Vorfeld vermieden werden können.“5 Weniger fiskalisch ausgedrückt sollen die Jugend-
Diese Zielgruppenbeschreibung legitimiert den Aufgabenbereich von Streetwork nicht über die Defizite der jungen Menschen, sondern als integralen Bestandteil der Jugendhilfe im Gemeinwesen. Als Beispiel eines so verstandenen Angebotes besuchte ich den Oberbergischen Kreis, wo ich Jochen Schacht (Jugendamt des Oberbergischen Kreises), Nascha Munis (Caritasverband für den Oberbergischen Kreis e. V.) und Heiko
lichen also unterstützt werden, bevor aus einer aktuellen Problemsituation eine hochkomplexe Problemlage entsteht, die dann häufig mit selbst- und/oder fremdgefährdendem Verhalten einhergeht bzw. zu Störungen und Bedrohungen in der Öffentlichkeit führt. In der Realität lässt sich eine solch frühzeitige Intervention nur dann realisieren, wenn die betreffenden Jugendlichen sich an die Streetworker/-innen wenden, bevor die Problemsituation eskaliert. Präsenz und Vertrauen sind also zwei wichtige Voraussetzungen für den Erfolg der Arbeit, wie Jochen Schacht vom Jugendamt des Oberbergischen Kreises im Gespräch mit mir betont. Die Maxime, eine möglichst kontinuierliche personelle Besetzung zu erreichen, war einer der Gründe, warum die Stellen als Vollzeitstellen eingerichtet werden sollten. Das Einzugsgebiet einer Stelle bezieht sich dabei in der Regel auf zwei Kommunen.
bereits tätigen und in ihrer Arbeit als verlässlich bekannten freien Träger ausgewählt. Diese gewähren ihren Mitarbeitern/ -innen eine hohe Flexibilität bei der Ausübung ihrer Arbeit. So gibt es keine kommunal gesteuerten Präsenzzeiten, sondern Streetworker/-innen und Träger gewähren eine bedarfsorientierte Angebotssteuerung. Die Streetworker/-innen sind über einen eigenen Arbeitskreis vernetzt, bieten sich gegenseitig kollegiale Beratung an und setzen auch gemeinsam sozialraumübergreifende Projekte um. Die vielfältigen Ressourcen und Schwerpunkte der einzelnen Träger können so positiv in der Region vernetzt werden. Die Arbeit der Streetworker/-innen orientiert sich an der gemeinsamen Rahmenkonzeption, in der unter den fachlichen Standards formuliert ist, dass die Arbeit „an der Lebenssituation jeder/jedes Einzelnen“, „an der spezifischen Situation von Cliquen und Gleichaltrigengruppen“ und „an den strukturellen Lebensbedingungen“ ansetzt.6 So beschreibt auch Nascha Munis ihren Arbeitsalltag mit den Worten: „Ich unterscheide in Streetwork, Projektarbeit und Case Management, wobei Projekte und Case Management den größten Anteil an Zeit einnehmen.“ Nascha Munis ist Mitarbeiterin des Caritasverbands für den Oberbergischen Kreis e. V. und mit ihrem Bus, der auch als Büro und Besprechungsraum dienen kann, in den Gemeinden Engelskirchen und Lindlar unterwegs. Die Themen und Arbeitsinhalte, die Nascha Munis und Heiko Lenger
„Streetwork muss den Bedingungen des ländlichen Raumes Rechnung tragen“ Eine Besonderheit bei der Umsetzung durch das Kreisjugendamt ist, dass derzeit alle Stellen bei unterschiedlichen Trägern angesiedelt sind. Dafür wurden die in den Sozialräumen dreizehn Heft 10 2013
vom DRK-Kreisverband Oberbergischer Kreis e. V. beschreiben, erscheinen ebenso vielfältig wie im städtischen Bereich, nur weniger geballt an einem Ort. Es sind Kooperationsprojekte mit Schulen zu Themen wie Mobbing oder Social Network, es sind Graffiti-Projekte an eigens ‚beschafften‘ legalen Orten, es sind Beratungen zu Schule und Ausbildungsplatzsuche, aber eben auch intensive Fallarbeit bei schwerwiegenden Problemen im Elternhaus, bei häuslicher oder sexueller Gewalt, bei Drogenmissbrauch und Straffälligkeit. Die Palette der Themen zeigt die Vielschichtigkeit der Arbeit von Streetworkern/-innen – sei es in den Städten und Großstädten oder im ländlichen Raum.
Caritasverband für den Oberbergischen Kreis e. V. Der Sommerberg AWO Betriebsgesellschaft mbH DRK Kreisverband Oberbergischer Kreis e. V. Förderkreis für Kinder, Kunst & Kultur e. V. Stadt Wipperfürth Stadt Gummersbach Kath. Verein Heim der Offenen Tür e. V. Literatur: FÜLBIER, Paul; Steimle, Hans-Eckart (2011): „Streetwork, mobile Jugendarbeit, Aufsuchende Jugendsozialarbeit“. In: Fülbier, Paul; Münchmeier, Richard: Handbuch Jugendsozialarbeit. Münster, S. 589–604. LAND BERLIN: Gesetz zur Ausführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (AG KJHG). Quelle: http://gesetze.berlin.de /?vpath=bibdata%2Fges%2FBlnAGKJHG%2Fcont%2FBlnA GKJHG.P13.htm (Zugriff: 26.08.2013). LANDESARBEITSGEMEINSCHAFT STREETWORK/MOBILE JUGENDARBEIT NRW E. V. (2012): Fachliche Leitlinien für Streetwork/Mobile Jugendarbeit NRW. Düsseldorf. Quelle: http://www.betreten-erlaubt.de/fileadmin/content/aktuell/PDF/Leitlinien2013_WEB.pdf (Zugriff: 25.07.2013). LANDESARBEITSGEMEINSCHAFT MOBILE JUGENDARBEIT/STREETWORK BADEN-WÜRTTEMBERG E. V. (2009): Positionspapier zur Mobilen Jugendarbeit im ländlichen Raum. Stuttgart. Quelle: http://www.lag-mobil.de/cms/ uploads/service/positionspapier_mja_laendlicher_raum.pdf (Zugriff: 29.07.2013). THIERSCH, Hans: „Lebensweltorientierte Soziale Arbeit“. Quelle: Online-Archiv von SMIP – Streetwork/Mobile Jugendarbeit Infopool. FH Potsdam 2001. Link: http://home.arcor. de/nneuss/thiersch-lebenswelt-soa.pdf (Zugriff: 25.07.2013).
Das Modell des Oberbergischen Kreises beweist, dass Streetwork/Mobile Jugendarbeit als eigenständiges Jugendhilfeangebot gerade auch im ländlichen Raum eine effiziente und sinnvolle Ergänzung des Angebotsspektrums sein kann. Dabei muss sie sich an den allgemeinen Arbeitsprinzipien von Streetwork/Mobiler Jugendarbeit orientieren, aber auch an den besonderen Bedingungen des ländlichen Raumes. Zu beidem sind aus den Fachverbänden Positionen bzw. Leitlinien publiziert, wie beispielsweise die Fachlichen Leitlinien der Landesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit NRW e. V. oder das Positionspapier zur Mobilen Jugendarbeit im ländlichen Raum der Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e. V. Ein Verbund aus unterschiedlichen Trägern kann darüber hinaus positive Effekte erzielen, indem gewachsene Beziehungen in den unterschiedlichen Kommunen zu Politik, Wirtschaft und Bevölkerung genutzt und die besonderen Kompetenzen der verschiedenen Träger vernetzt werden. Für den Oberbergischen Kreis hat sich Streetwork als ein „zweites Standbein der Jugendarbeit“ etabliert und man ist erfreut darüber, „dass es in einer Zeit knapper finanzieller Mittel möglich gewesen ist, Streetwork zu etablieren und über die Projektlaufzeit hinaus zu erhalten“, so Jochen Schacht vom Kreisjugendamt. //
Der Autor: Rüdiger Fritz ist Referent für Jugendsozialarbeit beim Deutschen Roten Kreuz e. V. E-Mail: fritzr@drk.de
AG KJHG des Landes Berlin § 13, 1.
Fülbier; Steimle (2001), S. 596.
Vgl. Thiersch.
Landesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit NRW e. V. (2012), S. 6.
„Aufsuchende mobile Jugendarbeit/Streetwork in Oberberg“. Rahmenkonzeption für den Zuständigkeitsbereich des Kreisju-
Aufsuchende mobile Jugendarbeit/Streetwork wurde im Oberbergischen Kreis als präventive Ausrichtung der Arbeit des Kreisjugendamtes projekthaft entwickelt. Inzwischen ist sie als ein Standbein der Offenen Kinder- und Jugendarbeit fester Bestandteil des geltenden Kinder- und Jugendförderplans. Im Kreisgebiet bieten derzeit insgesamt sieben Streetworker/-innen in elf Kommunen ein Angebot von aufsuchender Arbeit, individueller Beratung und Unterstützung sowie Projekten an. Träger der Angebote sind:
gendamtes (Stand Oktober 2011). 6
oder: Bildungsferne ist auch nur eine zweifelhafte Konstruktion
„Uns berührt die große Anzahl junger Menschen ohne Bildungschancen“ Es ist Sommer. In vielen Bezirken Berlins treffen sich Jugendliche vor allem am Wochenende auf Spielplätzen und in Parks und machen dort „Party“. Die Jungen sitzen um die Bänke herum, trinken Wodka aus 1,5-l-Tetrapaks, den sie wegen des süßen Geschmacks mit einem Viertelliter Eistee gemischt haben. Die Mädels kippen literweise Erdbeersekt in sich rein, und diejenigen, die sich bei den Jungs beliebt machen wollen, garnieren den klebrigen Sud mit ein paar Schlucken Wodka. Es wird viel geraucht – egal was – und viel gelacht. Besonders lustig ist es, wenn einer der Jugendlichen von der Bank kippt und in dem Erbrochenen des Vorgängers landet. Um 22.00 Uhr ist alles zu Ende – was bleibt, sind ein Haufen Müll, Erbrochenes, Mengen an Glassplittern und Kippen und hier und da ein Jugendlicher, der nicht mehr zu wecken ist …
Anzahl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die keinen Fuß (mehr) im herkömmlichen Bildungssystem fassen können oder wollen und denen somit wichtige Zugänge, sich in unsere Gesellschaft einzubringen, verwehrt bleiben. Das sind durchaus talentierte junge Menschen – Menschen mit Inselbegabungen, Jugendliche, deren Stärken von kaum jemandem wahrgenommen oder gefördert wurden, die irgendwann resigniert und sich abgewandt haben und die einen späteren Neueinstieg in unser Bildungssystem aus den unterschiedlichsten Gründen nicht realisieren können. Das kann die junge Frau sein, die mangels anderer Möglichkeiten eine Lehrstelle annimmt, die sie eben gerade bekommt: „Du kannst heutzutage froh sein, wenn du überhaupt was kriegst.“ – Und die schon im ersten Lehrjahr nicht nur innerlich gekündigt hat. Oder der Jugendliche, der an irgendeiner Abzweigung seines Lebens einen „Fehler“ gemacht hat, dessen Lehrstoff eher die Gesetze der Straße waren und der auf einmal erkennt: „Ich bin draußen.“ Das sind all jene, die in entscheidenden Momenten keine Unterstützung erfahren haben und deren Lust am Lernen irgendwo auf ihrem Weg verloren gegangen ist. Es sind auch diejenigen, die sich – oft wegen mangelnder finanzieller Möglichkeiten und begrenzter privater Räume – im öffentlichen Raum zur „Party“ treffen.
Das Netz von Benachteiligung und Ausgrenzung durchbrechen Gangway e. V. steht seit 1990 für Straßensozialarbeit mit Jugendlichen in den vielfältigen Berliner Stadtteilen. Die Streetworkteams gehen dahin, wo sich ihre Adressaten/-innen treffen: in den öffentlichen und semiöffentlichen Raum. Das sind Straßen und Plätze, Einkaufszentren, Spielotheken oder Shishabars und seit einigen Jahren auch Onlinecommunitys im Internet. Jährlich werden so ca. 3.000 junge Menschen in belasteten Wohngebieten erreicht, die in vielerlei Hinsicht von sozialer Benachteiligung betroffen sind. Waren im ersten Jahrzehnt der Tätigkeit von Gangway noch nahezu alle erreichten Jugendlichen einer konkreten Clique, Gruppe oder Gang zuzuordnen, hat sich dieses Bild im Lauf der Jahre stark verändert. Heute ist nur noch ca. ein Drittel der über Streetwork erreichten Jugendlichen in einer festen Gruppe – die in der ganzen Gesellschaft zu beobachtenden Individualisierungstendenzen sind hier sehr deutlich zu sehen. Das bedeutet insbesondere, dass ein Großteil der jungen Menschen keine verlässlichen Freundschaftskreise hat und sich mit den vielfältigen sozialen Problemlagen allein auseinandersetzen muss. Keine/-r der Adressaten/-innen von Streetwork ist „nur“ arbeitslos, „nur“ verschuldet, „nur“ wohnungslos oder hat „nur“ einen unsicheren Aufenthaltsstatus. Vielmehr stoßen die Streetworker/-innen immer wieder auf ein dichtes Netz ineinander verzweigter Benachteiligungen, Ausgrenzungen und Defizite.
„Die Projektarbeit kann Entwicklungsschübe auslösen“
Unsere Erfahrung lehrt uns, bei der Suche nach den Ressourcen der Jugendlichen besonders die Möglichkeiten sozialen Lernens im Gruppenkontext wertzuschätzen, da diese langfristig nachhaltiger wirken als die (dennoch natürlich notwendige) kurzfristige Intervention und Problemlösung im Einzelfall. Neben allen sozialen Problemlagen berührt uns v. a. auch die zu große
Unsere Erfahrung aus vielen Jahren Projektarbeit innerhalb der Straßensozialarbeit zeigt, dass sich insbesondere Projekte im Bereich der (inter-)kulturellen, sportlichen und technischen Bildung anbieten, dem/der Einzelnen (wieder) eine Tür zu öffnen, um sich auf innovative und kreative Lernprozesse einzulassen. Die identitätsstiftende Arbeit in diesen Projekten kann persön-
Spannung und Aktion statt Langeweile und Abhängen Was ist los mit diesen Jugendlichen? Die Gespräche mit der eingangs erwähnten Szene ergaben: Im Mittelpunkt stehen Langeweile und die Dynamik der Peer­group. Eigentlich würden die Jugendlichen lieber etwas Spannendes erleben, etwas Neues, etwas Außergewöhnliches und das am liebsten mit ihren Kumpels. Spannend, neu und außergewöhnlich – sie wollen etwas „lernen“? Sicherlich nicht im Sinne von schulischem Lernen, eher im Sinne von Erfahren, Erleben und Ausprobieren – aber ja, sie wollen LERNEN!
„Die Jugendlichen trainieren verschiedene Schlüsselqualifikationen“
Das Projekt „Enduro“ – Ein Erfahrungsbericht
liche und berufliche Entwicklungsschübe auslösen und ungeahnte Energien freisetzen. Die wichtigsten Erfolgsfaktoren sind dabei die grundsätzliche Freiwilligkeit aller Aktivitäten und das Ansetzen an den momentanen Interessen der Jugendlichen. Letzteres erfordert ein Höchstmaß an Flexibilität und Ideenreichtum und ist mit keiner „Angebotsstruktur“ erreichbar.
So ähnlich entstand auch das Projekt „Enduro“2: Einer der Streetworker fuhr am Treffpunkt der trinkenden Jugendlichen gelegentlich mit dem Motorrad vor. Motorradfahren, das wollten einige der Jugendlichen auch mal ausprobieren …
Schematisiert lassen sich die Phasen, in denen Straßensozialarbeit immer wieder abläuft, wie folgt darstellen:
Heute stehen sechs ausrangierte und mühevoll hergerichtete Kleinkrafträder zur Verfügung, die geeignet sind, auch im Gelände bewegt zu werden. Daneben gibt es eine Sammlung von gebrauchten Helmen, Enduro-Stiefeln, Handschuhen, Brustund Rückenpanzern, Knieschützern sowie Jacken und Hosen. Etwa zehn Jugendliche im Jahr bewegen die Fahrzeuge ein- bis zweimal monatlich in schwierigem Gelände – immer samstags übrigens. Einige lernen erst, wo sich Kupplung, Bremsen und Schalthebel befinden, andere heizen in kürzester Zeit über die 6 km lange Enduro-Strecke.
•	Umfassende Feldanalyse (Präsenz vor Ort – Recherche, Erhebungen, Kennenlernen des Umfeldes) •	Kontaktaufnahme zu Gruppen/Szenen sowie zu potenziellen Kooperationspartnern •	Niedrigschwellige Aktionen zur Freizeitgestaltung (sozialpädagogische Gruppenarbeit); erste Verbindlichkeiten werden eingegangen. „Abchecken“ und „Ausreizen“ der Grenzen der Streetworker erfolgt. Hierbei beobachten die Jugendlichen sehr genau die Reaktionen der Streetworker und lassen sich auf einen intensiveren Kontakt ein.
Na schön, all die Kids haben mal Motorradfahren ausprobiert, aber hat das irgendetwas mit LERNEN zu tun? Bevor die Jugendlichen samstags zur Trainingsstrecke fahren, ist noch einiges zu tun: Zunächst müssen Fahrzeuge und Ausrüstung vorbereitet werden. Da werden Ölstände und Kettenspannungen kontrolliert und vieles mehr. Es wird Schutzausrüstung benötigt, die auch passt. Also müssen Utensilien auch mal untereinander gewechselt werden, wenn z. B. nicht ausreichend Helme in einer bestimmten Größe zur Verfügung stehen. Und da gibt es auch mal eine scharfe Ansage von anderen Teilnehmern/-innen, wenn jemand zur Helmprobe mit massig Gel im Haar erscheint. Auch kann man sicherlich einmal „vergessen“, den Luftdruck der Reifen zu überprüfen. Leider kommt es in solchen Fällen aber häufig vor, dass dann beim Fahren das Ventil des Schlauchs abreißt und man einen Platten hat. Dann ist Fahren an diesem Tag mit diesem Motorrad nicht mehr möglich – schade aber auch. Und so lernt man noch viele andere Dinge: Schutzausrüstung sucht man nicht nach Farbe aus, ohne Vorbereitung darf man auch nicht mitfahren, ohne Schlüssel geht das Tankschloss nicht auf …
Kontaktintensivierung – Beziehungsaufbau •	In der nächsten Phase beginnt das Bearbeiten der gruppenspezifischen und individuellen Problemlagen. •	Die Jugendlichen nehmen Hilfe und Unterstützung in allen für sie wichtigen Belangen (Schule, Eltern, Ausbildung/Arbeit, Straffälligkeit, Konflikte mit Anrainern etc.) an. Verhaltensweisen dürfen von den Streetworkern genauer hinterfragt werden. •	Mittel- und langfristige Ziele werden definiert, Inhalte der Gruppen- und Projektarbeit werden anspruchsvoller, sie orientieren sich immer an den Bedürfnissen der Gruppe/der Szene und erreichen ein hohes Maß an Verbindlichkeit. •	Die Jugendlichen beginnen, sich produktiv im Gemeinwesen einzubringen, und werden entsprechend wahrgenommen.
Endlich Samstag, endlich losfahren, Treffpunkt 11.00 Uhr. Um 11.30 Uhr fährt der Streetworker los – wer nicht da ist, hat Pech. Also pünktlich sein und den „Muttizettel“ nicht vergessen. Vorher werden die Maschinen auf Anhänger verladen. Wie macht man die da vorschriftsmäßig fest? Müssen eigentlich auch Anhänger vorbereitet werden? Wie wird der Anhänger an der Anhängerkupplung befestigt?
Vertrauensphase •	Entwicklung einer anderen Diskussionskultur in Gruppen (z. B. tiefer gehende Auseinandersetzungen über Rollenmuster und -verhalten/geschlechtsdifferenzierte Arbeit; kulturelle und politische Bildung, Entwicklung interkultureller Kompetenz etc.) •	Die Jugendlichen nehmen die Streetworker als „alltagsrelevante“ Vorbilder wahr und orientieren sich an ihnen.1 dreizehn Heft 10 2013
Auf dem Weg zum Trainingsplatz wird getankt. Welche Sorte Benzin kommt in welches Motorrad und warum eigentlich? Ei46
nigen Motorrädern wird Öl dem Benzin zugemischt. Wie viel davon und welches und warum? Was bedeutet eigentlich 2-Takt und 4-Takt, Gemisch- und Getrennt-Schmierung?
den Gruppen vor Ort entstehen und umgesetzt werden können. Andere Jugendliche – eben auch die vielen, die keiner Gruppe oder Szene angehören – haben zu diesen Projekten kaum Zugang. Und wenn einzelne Jugendliche aus diesen Projekten ein weitergehendes Interesse und Talent entdecken, ist es innerhalb der Arbeit eines Streetworkteams (in der Regel drei Kollegen/ -innen in einer Region mit ca. 130.000 Einwohnern/-innen) kaum möglich, diese sehr individuelle Bildungsarbeit langfristig fortzusetzen.
Beim Fahren selbst erlebt man wildfremde Erwachsene, die einem freundlich begegnen, die ungefragt Tipps zur Fahrtechnik oder der Lenkerstellung geben, die 20 Meter weit mit dem Motorrad springen können und mit Fahranfängern trotzdem reden. Und die es toll finden, dass Jugendliche so etwas probieren. Und dann gibt es noch die Nachbereitung, Treffen zum Reparieren der Motorräder – man lernt sogar, eine Waschmaschine zu bedienen. Da werden selbst gedrehte Filme übers Fahren geschnitten und mit Ton unterlegt oder sogar Kurzfilme gedreht, Schuhe repariert, Motoren zerlegt. Und außerhalb der Saison wird geschraubt, geschraubt, geschraubt, Sport getrieben und sich gefreut, dass es bald wieder losgeht mit dem Fahren.
Lernwünsche äußern – Der Aufbau des STREET COLLEGE So ist die Idee entstanden, unsere vielfältigen Erfahrungen, Kompetenzen und Ressourcen zu bündeln und ein innovatives Netzwerk für individuelle, selbstbestimmte Lernziele aufzubauen. Dies ist übrigens der schwierigste Schritt beim Aufbau des STREET COLLEGE: Die Jugendlichen darin zu bestärken, dass sie IHRE Wünsche und Interessen äußern, dass sie IHRE Talente entdecken und LAUT SAGEN, wenn sie etwas nicht verstehen, eine Sequenz zu langweilig oder zu theoretisch ist. Die meisten, die im Bildungssystem irgendwann gescheitert sind oder dort nicht die Möglichkeit gefunden haben, ihre Talente zu entwickeln, wissen sehr genau, was sie alles NICHT können. Offensichtlich wurde ihnen das oft genug gesagt. Was sie können, wo ihre Stärken sind und was sie eigentlich wirklich interessiert, das wissen sie meist nicht. Mittels sozialer Netzwerke und Mund-zu-Mund-Propaganda arbeiten wir daran, eine Kultur des „Lernwünsche äußerns“ zu etablieren. Wir drehen das Prinzip von Angebot und Nachfrage um: Die Kurspläne bestimmen die Studierenden – ausgehend von ihren Interessen und Begabungen. Was nicht gewünscht wird, findet nicht statt. Dafür gewinnen wir Experten/-innen aus den verschiedenen
Kurzum: Es gibt eine Vielzahl von Lernfeldern und Lernanreizen, die sich ums Fahren herum gruppieren, die kein offensichtlicher, aber ein zwingend notwendiger Lerninhalt sind. Motorradfahren ist „nur“ die anfängliche Motivation. Trainiert werden vor allem Schlüsselqualifikationen: Pünktlich sein, vorbereitet sein (inklusive körperlicher Fitness), nachbereiten, geduldig sein, an der Ausbildung von Fähigkeiten längerfristig arbeiten, mit anderen zielgerichtet umgehen usw. Und natürlich werden technische und handwerkliche Fähig- und Fertigkeiten trainiert. Theorie wird dann vermittelt, wenn danach gefragt wird, und somit auch dann, wenn die entsprechenden Kenntnisse notwendig und die Jugendlichen dafür offen und interessiert sind. Solche Beispiele für die Projektarbeit innerhalb der Straßensozialarbeit gibt es unzählige in den unterschiedlichen Fachgebieten der Jugendlichen. Sie haben neben den vielen Potenzen, die sie freisetzen, aber auch gemeinsam, dass sie nur mit den bestehenPraxis konkret
„Ein Netzwerk bis nach New York und São Paulo ist unser Ziel“ Fachgebieten – egal ob Handwerk, Kultur, Wissenschaft oder IT – als Partner, die sozusagen auf „STAND BY“ sind, bis Jugendliche genau deren Kompetenzen benötigen und abfragen.
weitere Berufs- und Bildungsperspektiven ermöglicht – wenn die Jugendlichen dies wünschen und insbesondere dann, wenn der ersehnte Berufseinstieg auf „normalem“ Wege nicht erreichbar schient.
Was in diesem Netzwerk entsteht, spiegelt ein großes Spektrum jugendlicher Interessen: Kurse zu den Themen Bauen & Konstruieren, Film & Foto, Programmierung von Websites & Apps, Schauspiel, Tanz & Theater, Make-up & Maske, Grafikdesign, Bühnenbild, Kochen, Rhetorik, Musikproduktion, Sprachen, Wege in die Selbstständigkeit – alles ist möglich. Es gibt Kurse, Intensivworkshops, Tandemlernen, Praktika und persönliche Mentoren. Die „Räume“, in denen SC-Kurse stattfinden, sind überall zu finden – auf der Straße, in einer Universität oder einer Firma.
Solidarische Netzwerkpartner, die bereit sind, Wege zu ermöglichen – talentierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen auch unabhängig von ihren formalen Voraussetzungen die Möglichkeit geben, ein Praktikum in einem Unternehmen zu absolvieren, eine Ausbildung in ihrem Interessengebiet anzufangen oder Vorlesungen an einer Universität zu besuchen –, sind nicht zuletzt deshalb ein wichtiger Teil des STREET COLLEGE. Ein mindestens genauso wichtiger Teil ist die Bereitschaft der Streetworker/-innen und potenziellen Dozenten/-innen, sich selbst zu qualifizieren: Moderne Lerntheorien, neue Erkenntnisse der Hirnforschung, Coaching-Methoden, das Hinterfragen der eigenen Bildungsbiografien und vieles mehr sind genauso notwendig wie die eigene Neugierde, der Spaß am Entdecken. Denn nichts ist langweiliger als Erwachsene, die immer alles schon wissen!
Zukünftig sollen auch Kooperationspartner in globalen Metropolen wie New York oder São Paulo zu diesen SC-Räumen gehören. Durch Austausch und Praktika wird auch internationales Lernen möglich sein. Das STREET COLLEGE setzt an den Interessen junger Menschen an, ist aber auch für andere Altersgruppen offen. Es ist ein Dach, unter dem sich junge und jung gebliebene Menschen treffen, die SICH und IHRE Talente entdecken, entwickeln und ihr Können mit anderen teilen wollen. Studierende auf dem einen Gebiet sind Dozenten auf einem anderen Gebiet – Profis aus verschiedenen Fachrichtungen und junge Menschen mit vielfältigen Talenten arbeiten zusammen, um ihre Fähigkeiten zu erweitern und sich gegenseitig neue Perspektiven zu eröffnen. Das STREET COLLEGE ist überall dort, wo Menschen bereit sind, ihr Wissen zu teilen und ihre Bildung zu vervielfachen. Auch deshalb, weil man am besten lernt, wenn man lehrt.
Übrigens: Ein Ergebnis eines der ersten Kurse war das SC-Logo – von Jugendlichen entwickelt und mit Unterstützung von Profis umgesetzt. //
Die Autoren/-innen: Elvira Berndt ist Geschäftsführerin von Gangway e. V. – Straßensozialarbeit in Berlin. Kontakt: elvira.berndt@gangway.de Ragnar Fritz ist Streetworker bei Gangway e. V. – Straßensozialarbeit in Berlin. Kontakt: lichtenberg@gangway.de
In diesem Sinne werden Jugendliche aus dem Enduro-Kurs an andere ihr Können weitergeben und gleichzeitig in einem anderen Kurs ihre Fähigkeiten im Filmschnitt vervollkommnen – oder was sonst sie interessiert.
„Lernen heißt: Wissen teilen und Bildung vervielfachen“
Anmerkungen: Die Phasen der Straßensozialarbeit sind einem Jahresbericht des
Streetworkteams Pankow entnommen. „Enduro“ kommt aus dem Spanischen und lässt sich etwa mit
Alles kann, nichts muss. Einzige Zugangsvoraussetzung ist der Wille, etwas Neues zu entdecken und das eigene Wissen zu vertiefen. Mit dem STREET COLLEGE-DIPLOM, das das individuelle Know-how der Studierenden bestätigt (ebenfalls nur dann, wenn es gewünscht wird), kann das erworbene Wissen und Können anerkannt werden.
„hart machen, ertragen, erdulden“ übersetzen. Enduro ist eine Motorsportdisziplin, bei der „die Zuverlässigkeit der Motorräder und das Können der Fahrer“ geprüft werden sollen. Enduro bedeutet das Fahren in schwierigem Gelände über längere Distanzen. Der Sport erfordert Kondition und ist kräftezehrend. Im Vordergrund des Enduro-Fahrens steht die Beherrschung des Motorrades auf eher schmalen Wegen und über Hindernisse, we-
Mit Unterstützung von Personen, Institutionen und Unternehmen im Netzwerk STREET COLLEGE werden Übergänge in dreizehn Heft 10 2013
niger die Geschwindigkeit des Fahrens.
Schwer erreichbare Jugendliche â&#x20AC;&#x201C;
keine neue Zielgruppe der Jugendsozialarbeit
„Die sozialpädagogische Begleitung muss den Realitäten der Finanzierung angepasst werden“ Wenn laut Schätzung des Deutschen Jugendinstituts zur „Situation ausgegrenzter Jugendlicher“ mindestens 79.5001 Jugendliche und junge Erwachsene keinen Anschluss an das Erwerbs-, Bildungs- oder Sozialsystem haben und 1,392 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 29 Jahren aufgrund fehlender Berufsabschlüsse stark ausgrenzungsgefährdet sind, dann muss die Frage nach der Zielgruppenerreichung und den Handlungsansätzen der Jugendsozialarbeit gestellt werden. Welche Gründe können für die hohe Zahl an von Ausgrenzung bedrohten und nicht mehr erreichten Jugendlichen gefunden werden? Fehlt es der Jugendsozialarbeit an Methodik, um allen Jugendlichen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu gewährleisten?
orientierten Handlungslogik standardisierter Maßnahmen halten kann.
Im Spagat zwischen pädagogischem Anspruch und Arbeitsmarktlogik Junge Menschen, deren Lebensweg nicht geradlinig verläuft, fallen – wie es auch die eingangs erwähnten Zahlen verdeutlichen – in nicht geringem Ausmaß schnell aus dem engen Rahmen der Hilfeleistungen der Grundsicherung und Arbeitsförderung heraus. Sie brauchen für die eigene Orientierung, für die Suche nach den persönlichen Stärken, den Vorlieben und den individuellen Lebenszielen Zeit und vertrauensvolle pädagogische Unterstützung. Die Fokussierung auf spezifische Entwicklungsaufgaben im Kontext der Erwerbsarbeit dienen selbstverständlich der Qualifizierung von ausbildungs- bzw. arbeitsbezogenen Kompetenzen, können aber niemals isoliert, ohne Elemente zur Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklung und der Befähigung zur selbstbestimmten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben betrachtet werden.
„§ 13 SGB VIII dient eher der fachlichen Orientierung“ Pädagogen/-innen der Jugendsozialarbeit nutzen ein breit angelegtes Sortiment an Angeboten und Methoden zur Umsetzung des gesetzlichen Auftrags zur sozialen und beruflichen Integration von benachteiligten und individuell beeinträchtigten Jugendlichen und jungen Menschen. Der Hauptfokus liegt dabei auf den Unterstützungsmaßnahmen der beruflichen bzw. arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit, die häufig an den Schnittstellen zu den Instrumenten des zweiten und dritten Sozialgesetzbuches umgesetzt und finanziert werden. Der eigentliche „Hausparagraf“ § 13 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, der neben der beruflichen auch die soziale Integration explizit zum Ziel hat, dient interessanterweise hauptsächlich der Verortung der eigenen fachlichen Orientierung und nur marginal der Finanzierung der eigenen Arbeit. Die Konfrontation mit der Philosophie des „Forderns und Förderns“(§ 2 und § 14 SGB II) sowie mit dem Primärziel des „Erreichens eines hohen Beschäftigungsstandes“ (§ 1 SGB III) führt dazu, dass die Finanzierungsbedingungen und die Zielmotivation zur Ausführung der Angebote im Sinne der Jugendhilfe nicht mehr deckungsgleich sind. Dies bedeutet eine entsprechende Verschiebung der Schwerpunkte – von der Überwindung struktureller oder individueller Benachteiligung durch Hilfeleistungen mit dem Ziel der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit hin zur möglichst direkten Qualifizierung und Eingliederung in den Ausbildungs- bzw. Arbeitsmarkt. Das viel kritisierte offen ausgeschriebene Vergabeverfahren für soziale Dienstleistungen in Deutschland, die verstärkte Sanktionspraxis von unter 25-Jährigen im SGB-II-Bezug sowie die mangelnden Möglichkeiten zur intensiven und individuellen pädagogischen Arbeit lassen zu Recht die Frage aufkommen, wie lange die Jugendsozialarbeit diesen Spagat zwischen den eigenen Zielvorstellungen zur flexiblen beruflichen sowie sozialen Integration und der am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt dreizehn Heft 10 2013
Jugendliche, deren primäres Ziel es ist, ihre individuellen Lebenssituationen wieder zu ordnen und ihr soziales Grundgerüst neu aufzubauen, werden häufig einen langen Weg gehen müssen, um den erfolgreichen Übergang zum selbstständigen Leben zu erreichen. Die Mitarbeiter/-innen von Einrichtungen der Jugendsozialarbeit können mit dem Wissen um die Nicht-Trennbarkeit von beruflicher und sozialer Integration für diese Lebensphasen eine kontinuierliche und wichtige Begleitung anbieten, müssen diese aber stetig an den Realitäten der Finanzierung angleichen, was häufig zur eigenen prekären Arbeitssituation sowie zu einem Gefühl der Ohnmacht und des „sich unter Wert Verkaufens“ führt. Die Skizzierung des „Dilemmas der Jugendsozialarbeit“, wie ich es einmal nennen möchte, verdeutlicht eine gravierende Problemstellung, die derzeit auf dem Rücken der sowieso schon individuell und strukturell benachteiligten Jugendlichen ausgetragen wird. Die Grenzen der Sozialen Arbeit – hier im Falle der Jugendsozialarbeit – liegen nicht in fehlenden Handlungsansätzen begründet, sondern werfen Fragen nach gesellschaftlicher Wertschätzung und Ressourcenverteilung auf. Offensichtlich herrscht eine gesellschaftliche Toleranz darüber, dass eine gewisse Anzahl an Menschen am Übergang von der Schulzeit ins Berufsleben scheitert und damit nicht am beruflichen und sozialen Leben partizipieren wird. Dies sehe ich kritisch, denn neben der moralischen Verpflichtung zur Teilhabebefähigung aller Menschen sind es auch die anstehenden demografischen Herausforderungen, die die Arbeit der Ju50
gendsozialarbeit so bedeutsam machen. Die Fragen zur Weiterentwicklung bestehender Praxis Sozialer Arbeit und zur Gewährleistung der Erreichbarkeit aller Zielgruppen sind durch die Implementierung des Ansatzes der Niedrigschwelligkeit und der Methode der aufsuchenden Arbeit in die Jugendsozialarbeit bereits beantwortet.3 Die sichtbaren Erfolge niedrigschwelliger Arbeitsansätze aus der Drogenhilfe erweiterten das konzeptionelle Denken und damit auch die Angebote der Jugendsozialarbeit zur Bekämpfung von Ausgrenzungserfahrungen. Junge Menschen, die der „Generation abgehängt“ oder den „Verlorenen“ und „Ausgegrenzten“ zugerechnet wurden – also die Jugendlichen, die ohne Anschluss an das Erwerbs-, Bildungs- oder Sozialsystem leben –, werden bis heute vor allem durch niedrigschwellige und aufsuchende Angebote der Jugendsozialarbeit erreicht und erfolgreich an die Regelangebote der Jugendarbeit und weiterer Qualifizierungsmaßnahmen angebunden. Die vielfältigen Methoden und Handlungsschritte entsprechen den Bedürfnissen der Hilfesuchenden und werden vor allem an den Schnittstellen der unterschiedlichen Professionen der Jugendhilfe (Suchtberatung, Schuldnerberatung, Wohnungslosenhilfe etc.) umgesetzt. Die Jugendsozialarbeit hat damit in den letzten Jahren keine für sie explizit neue Zielgruppe erreicht. Sie hat die gesellschaftlichen und strukturellen Veränderungen analysiert und versucht, sich nun wieder verstärkt über ihren eigenen „Hausparagrafen“ an den schwer erreichbaren Jugendlichen zu orientieren; sie setzt dabei die ihr bekannten Methoden ein. Adäquate Förderung bedeutet an dieser Stelle, neben den Angeboten zur beruflichen Integration Angebote ohne Schwellen zur Teilhabe zur Verfügung zu stellen. Im Umkehrschluss zu standardisierten Qualifizierungsmaßnahmen wird demnach von Freiwilligkeit, zeitlicher Flexibilität und Kostenfreiheit gesprochen. Mit dem Senken von bürokratischen Anforderungen und der damit einhergehenden Schaffung von Freiräumen zur offenen und partizipativen Arbeit werden den Pädagogen/ -innen vor Ort Möglichkeiten der Anknüpfung an die jugendlichen Lebenswelten geboten und damit Chancen zur Beziehungs-, Aufbau- und Vertrauensarbeit. Eine akzeptierende Arbeit, die unter diesen Rahmenbedingungen auf die Bedürfnisse des/der einzelnen Jugendlichen eingehen kann, wird nicht nur dem gesetzlichen Anspruch zur Überwindung sozialer Benachteiligung und individueller Beeinträchtigung wieder stärker gerecht, sondern auch der Grundmotivation vieler Mitarbeiter/ -innen in den Einrichtungen der Jugendsozialarbeit. Wie das beschriebene „Dilemma der Jugendsozialarbeit“ nun jedoch aufgelöst werden kann, bleibt abzuwarten. Der Bestand an Jugendlichen, die von den beschriebenen Maßnahmen der Grundsicherung und Arbeitsförderung nicht erreicht werden, ist groß und der Bedarf an jugendhilfeorientierten Maßnahmen der Jugendsozialarbeit entsprechend hoch. Die angesproDer Kommentar
„Die Verbesserung der Situation hängt vom politischen Willen und einer gesicherten Finanzierung ab“ Der Autor: Achim Wieghardt ist Referent bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V. E-Mail: achim.wieghardt@jugendsozialarbeit.de
chenen Methoden zum Umgang mit schwer erreichbaren und von Ausgrenzung bedrohten Jugendlichen sind modellartig erfolgreich erprobt, müssen nicht neu entwickelt und könnten flächendeckend – natürlich regional angepasst – eingesetzt werden. Dies trifft auch auf Angebote zu, die die Rechtskreise des SGB II/III und SGB VIII miteinander verknüpfen und den betroffenen Jugendlichen bei Bedarf die Chance zur verstärkten pädagogischen Unterstützung bieten. Folgerichtig bleibt daher die Herausforderung, das Senken der Schwellen, die zu Sanktionierung und Angebotsabbruch des/der einzelnen Jugendlichen führen, in Absprache mit den regionalen Akteuren vor Ort zu fordern und dies konsequent als Bedingung für die Zusammenarbeit zu stellen. Die Verbesserung der Situation ausgegrenzter Jugendlicher ist jedoch vor allem vom gesellschaftlichen und politischen Willen sowie von einer kontinuierlich gesicherten Finanzierung mit festgelegtem Jugendhilfeschwerpunkt abhängig. Schlussendlich sprechen wir demnach nicht nur von einem „Dilemma der Jugendsozialarbeit“, sondern von einem zu führenden gesellschaftlichen Diskurs über Teilhabe und Ressourcenverteilung und einer Zwangslage für die politische Arbeit zur Umsetzung der bereits vorgefertigten Lösungsansätze der Jugendsozialarbeit auf allen föderalen Handlungsebenen. //
Vgl. Tillmann, Frank; Gehne, Carsten (2012): Situation ausgegrenzter Jugendlicher. Expertise unter Einbeziehung der Perspektive der Praxis. Hrsg.: Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V. im Rahmen des Kooperationsverbundes Jugendsozialarbeit. Düsseldorf, S. 29.
BMBF (2013): Berufsbildungsbericht. Bonn, S. 28.
Vgl. Schröer, Wolfgang; Oehme, Andreas; Muche, Claudia (2010): Niedrigschwellige Integrationsförderung. Eine explorative Studie zur Fachlichkeit niedrigschwelliger Angebote in der Jugendsozialarbeit. Hrsg.: Bundesarbeitsgemeinschaft örtlich regionaler Träger der Jugendsozialarbeit e. V. (BAG ÖRT). Berlin, S. 10 ff.
Nahaufnahme Mit 15 habe ich davon geträumt … … schon einen Abschluss zu haben. Einen Tag lang wäre ich gerne … … ohne Geldprobleme. Mich ärgert … … dass ich gerade nicht dort leben kann, wo ich gerne leben würde – in der Stadt. Ich kann gut … … am PC basteln, Computer zusammenbauen und Fahrräder reparieren. Wenn ich den Politikern eine Frage stellen könnte … … würde ich sie fragen, warum sie nicht mehr für Jugendliche tun. Ich finde mich … … ganz entspannt. In zehn Jahren möchte ich … … einen ordentlich bezahlten Beruf haben, am liebsten auf dem Bau oder als Maler und Lackierer.
Stephan Klein, 18, lebt zurzeit in Gera, möchte aber gern in seine Heimatstadt Erfurt zurück. Er hat ein Berufsvorbereitungsjahr in einer Schule für Bautechnik abgebrochen und sucht jetzt eine neue Perspektive.
der Lehrstellenkrise wäre schön Ulrike Hestermann Dass Jugendliche in Deutschland nach der Schule keinen Ausbildungsplatz finden, ist kein neues Phänomen: Auf die sogenannte erste Lehrstellenkrise Mitte der 70er- und die zweite Mitte der 80er-Jahre folgte ab 1995 eine dritte. Es sollte keine weitere mehr folgen – die begonnene hält bis heute an. So begleitet uns das Phänomen Ausbildungsplatzmangel seit mehr als 20 Jahren. In dieser Zeit hat sich das durchschnittliche Alter, in dem Jugendliche eine Ausbildung aufnehmen, immer weiter nach oben verschoben. Heute ist der/die Jugendliche durchschnittlich fast 20 Jahre alt, wenn er oder sie eine Ausbildung beginnt! Umgekehrt proportional nach unten ging im gleichen Zeitraum die Beteiligung der Unternehmen an der Ausbildung von Fachkräften. Auch aktuell – trotz demografischem Wandel und propagiertem Mangel an Fachkräften.
stand hat: Die grundgesetzlich verbriefte freie Wahl des Ausbildungsplatzes ist nur dann gegeben, wenn das Angebot an Ausbildungsplätzen 12,5 % über der Zahl der Bewerber/-innen liegt. Davon aber sind wir weit entfernt. Auch die verschiedenen Auflagen der Ausbildungspakte unterschiedlicher Regierungskonstellationen seit 2004 haben an der dramatischen und blamablen Situation nichts geändert und die Suche nach Lösungen und Antworten geht weiter. In Österreich hat eine ähnliche Entwicklung dazu geführt, dass 2008 im Rahmen des Jugendbeschäftigungspakets eine Beschäftigungs- und Ausbildungsgarantie eingeführt wurde. Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden, erhalten eine überbetriebliche Ausbildung. Zu 80 % handelt es sich dabei um Ausbildungen, die nach einer einjährigen Grundausbildung beim Träger im Betrieb stattfinden. In Deutschland wird diese Art der Ausbildung „BaE (Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen) kooperativ“ genannt.
„Das Phänomen Ausbildungsplatzmangel begleitet uns seit Jahrzehnten“
Im Dezember 2012 verabschiedete die EU das Jugendbeschäftigungspaket, das eine Beschäftigungs- und Ausbildungsgarantie für alle Jugendlichen unter 25 Jahren europaweit empfiehlt. Die Auslegung der Begrifflichkeit ist den Mitgliedstaaten allerdings freigestellt – und so ist offen, was sich Jugendliche tatsächlich davon versprechen können.
Dabei hatte man schon nach der ersten Lehrstellenkrise 1976 ein Ausbildungsförderungsgesetz erlassen, das jedoch 1980 vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde. Allerdings hielt das Urteil eine wesentliche Aussage fest, die noch heute BeDie Nachlese
„Die EU empfiehlt eine Ausbildungsgarantie – doch das ‚Wie‘ bleibt den Mitgliedstaaten überlassen“ Schon nach der Jahrtausendwende kam als Antwort auf die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt die Forderung nach einem Recht auf Ausbildung auf. Seit 2007 fordert die gewerkschaftlich orientierte Initiative „Ausbildung für alle“ das Recht auf Ausbildung. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften sammelten zusammen mit Landesschülervertretungen im Rahmen der Initiative „Ausbildung für alle“ über 72.000 Unterschriften für ein Grundrecht auf Ausbildung und übergaben diese am 22. April 2008 an den Bundestag.
vitäten. Dass die Forderung nach einer Ausbildungsgarantie auch von Jugendlichen angenommen und unterstützt wird, war u. a. auf einer Aktionsveranstaltung am 21. Mai 2013 in der Frankfurter Philipp-Holzmann-Schule zu erleben. Unter dem Motto „Ausbildungsplatzgarantie jetzt“ nahmen mehr als 150 Jugendliche teil und mischten sich in die von einem Schülervertreter moderierte Diskussion mit Abgeordneten aller Parteien des Bundestags engagiert ein und erhoben ihre Stimme für eine Ausbildungsgarantie. //
„Der Kooperationsverbund fordert eine Ausbildungsgarantie“
Die Autorin: Ulrike Hestermann ist Referentin beim Internationalen Bund e. V. (IB). E-Mail: ulrike.hestermann@internationaler-bund.de
Vier bis fünf Milliarden Euro pro Jahr kosten die Maßnahmen des Übergangs für Jugendliche allein in Deutschland. Die EU-Kommission beziffert die Kosten der Jugendarbeitslosigkeit jährlich mit mehr als 150 Milliarden Euro oder auch auf rund 1,2 % der Wirtschaftsleistung in der EU. Die Kosten für die Umsetzung der Beschäftigungs- und Ausbildungsgarantie schätzt die EU-Kommission auf 21 Milliarden Euro – nur für die Eurozone. Das österreichische Sozialministerium hingegen veranschlagt den „Gesamtaufwand für ein EU-Jugendprogramm“ mit rund 15 Milliarden Euro. Verglichen mit anderen Rettungspaketen ist dies doch eigentlich eine zu vernachlässigende Summe. Zum Thema „EU-Jugendgarantie“ finden Sie weitere Informationen unter www.akeuropa. eu/de/eine-eu-jugendgarantie-bringtmehr-als-sie-kostet.html?cmp_id=7&news_ id=1514.
Der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit hat die Forderung nach einer Ausbildungsgarantie aufgegriffen und unterstützt diese seit 2012 gemeinsam mit dem DGB, der GEW und der Landesschülervertretung Hessen mit verschiedenen Akti-
Impressum DREIZEHN Zeitschrift für Jugendsozialarbeit Ausgabe 10/2013, 6. Jahrgang ISSN 1867-0571 Herausgeber: Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit (Rechtsträger: Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit e. V.) Chausseestraße 128/129, 10115 Berlin Tel.: 030-288 78 95-38 Fax: 030-288 78 95-5 E-Mail: dreizehn@jugendsozialarbeit.de Internet: www.jugendsozialarbeit.de
V. i. S. d. P.: Walter Würfel (Sprecher Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit) Redaktion: Annika Koch (ak), Andrea Pingel (ap) Mitarbeit für Ausgabe 10: Rüdiger Fritz, Dr. Thomas Pudelko, Hans Steimle, Uwe Strothmann, Petra Tabakovic, Klaus Umbach, Achim Wieghardt, Walter Würfel Redaktionsbeirat: Wolfgang Barth, Birgit Beierling,
Michael Fähndrich, Rüdiger Fritz, Ulrike Hestermann, Michael Kroll, Andreas Lorenz, Dr. Thomas Pudelko, Uwe Strothmann, Petra Tabakovic, Anna Traub, Dr. Oliver Trisch, Klaus Umbach, Klaus Wagner, Angela Werner, Walter Würfel Grafisches Konzept, Layout und Satz: HELDISCH.com, Berlin Korrektorat: Tom Seidel – Die Korrigierer, Berlin/Brighton
Fotonachweis: Titel: gesa.friederike/photocase.com S. 4: Tom Riemann S.9: sally2001/photocase S.12: madochab/photocase S. 10: Matthias Steffen S.18: royalmg/photocase S. 23: Andrea Pingel S. 16, 28, 31, 32, 51, 53: HELDISCH.com, Berlin S. 37, 38, 52: Britta Sembach S. 41, 42: Rüdiger Fritz S. 44, 47: Gangway e. V. S. 49: Daniel Goodwin/photocase
Karikatur: S. 55: Thomas Plaßmann
finden nur in Absprache mit der Redaktion Beachtung.
Druck: BLOCH & Co
Beiträge von Autoren/-innen geben nicht unbedingt die Meinung des Kooperationsverbundes Jugendsozialarbeit wieder. Der Nachdruck von Beiträgen, auch auszugsweise, ist nur mit Genehmigung der Redaktion gestattet. Unaufgefordert eingesandte Manuskripte
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November 2013 Zeitschrift für Jugendsozialarbeit Herausgegeben vom Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit

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