Source: https://rewis.io/urteile/urteil/zcl-22-06-2018-12-o-56217/
Timestamp: 2020-01-19 06:06:42+00:00

Document:
Landgericht Kiel: 12 O 562/17
Landgericht Kiel : 12 O 562/17
12 O 562/17
1. Die Beklagte wird verurteilt, das Zahlungskonto mit der IBAN […] wieder auf den Stand zu bringen, auf dem es sich ohne die Belastungen am 31.08.2017 in Höhe von 11.270 € und 16.900 € befunden hätte. Die weitere Klage wird abgewiesen.
Der Kläger ist Einzelkaufmann. Er unterhält bei der beklagten Bank ein Geschäftskonto mit der IBAN […].
2007 vereinbarten die Parteien, dass der Kläger per Online-Banking unter Verwendung eines Anmeldenamens, einer persönlichen Geheimzahl (PIN) und einer Transaktionsnummer (TAN) Anweisungen an die Beklagte erteilen kann. Im Jahr 2011 vereinbarten die Parteien die Verwendung des smsTAN-Verfahrens. Die dazu online einzugebende Transaktionsnummer sendet die Beklagte dem Kläger auf dessen Mobiltelefon per SMS zu. Der Kläger unterhält zur Nutzung seines Mobiltelefons ([…]) bei der Fa. [X] einen Mobiltelefonvertrag.
die Beklagte zu verurteilen, das bei der Beklagten geführte Zahlungskonto mit der Nummer IBAN […] wieder auf den Stand zu bringen, auf dem sich das Zahlungskonto des Klägers ohne die Belastung der nicht autorisierten Zahlungsvorgänge in Höhe von 28.170 € zuzüglich Zinsen in Höhe von neun Prozentpunkten über dem jeweils gültigen Basiszinssatz seit dem 13.09.2017 befunden hätte.
A. Der Rechtsstreit ist entscheidungsreif. Insbesondere besteht keine Veranlassung zur vorbereitenden Beiziehung der strafrechtlichen Ermittlungsakte. Soweit die Beklagte deren Beiziehung beantragt, fehlt es an der Angabe des Zwecks der begehrten Beiziehung. Die Beiziehung wird nicht zum Zwecke des Beweises einer konkreten Behauptung, also als Beweismittel, beantragt. Das Gericht ist zur Beiziehung einer pauschal in Bezug genommenen Akte mit dem Ziel der Ausforschung des Sachverhalts nicht verpflichtet. Im vorliegenden Fall kommt hinzu, dass die Beklagte gemäß § 406e StPO selbst Einsicht in die strafrechtliche Ermittlungsakte nehmen könnte (vgl. OLG Hamm, Beschluss vom 31. Juli 2001 - 9 U 98/94 -). Sie ist Verletzte des Computerbetrugs durch nicht autorisierte Zahlungsvorgänge (§ 675u BGB), wobei im Rahmen des Betrugstatbestands schon eine Vermögensgefährdung einen Schaden begründen kann (Schönke/Schröder/Perron StGB § 263a Rn. 24). Soweit die Beklagte ein Akteneinsichtsrecht ihrerseits in Abrede stellt, ist nicht dargetan, dass sie Akteneinsicht auch nur beantragt hätte, wie es ihr zumutbarerweise obliegt.
B. Die Klage ist zulässig und größtenteils auch begründet. Die §§ 675c BGB: Zahlungsdienste und E-Geld">§ 675c ff. BGB sind dabei gemäß Art. 229 § 45 Abs. 2 EGBGB in ihrer bis zum 13. Januar 2018 geltenden Fassung anzuwenden.
Zu keinem anderen Ergebnis führt der Vorwurf der Beklagten, die Streitverkündete als Mobilfunkanbieterin des Klägers habe durch Freischaltung der nicht von der Streitverkündeten an den Kläger versandten Ersatz-SIM-Karte die unautorisierten Transaktionen schuldhaft ermöglicht. Dem Kläger gemäß § 278 BGB ein Verschulden der Streitverkündeten wegen Übermittlung der SMS mit den eingesetzten Transaktionsnummern (TANs) an Unbefugte zuzurechnen, scheitert schon an § 675m BGB: Pflichten des Zahlungsdienstleisters in Bezug auf Zahlungsinstrumente; Risiko der Versendung">§ 675m Abs. 2 BGB, welcher die Gefahr der Versendung personalisierter Sicherheitsmerkmale an den Zahlungsdienstnutzer dem Zahlungsdienstleister zuweist. Die Vorschrift gilt auch für die elektronische Versendung (MüKoBGB/Jungmann, § 675m BGB, Rn. 37). Auch wenn der Kläger die Streitverkündete als Telekommunikationsanbieterin ausgewählt hat, ist es gleichwohl interessengerecht, das Übermittlungsrisiko der Beklagten als Zahlungsdienstleisterin zuzuweisen, weil sich deren Dienstleistung - nämlich das Online-Banking im smsTAN-Verfahren - überhaupt nur mit Mobilfunkvertrag nutzen lässt.
Dem Kläger gemäß § 278 BGB ein Verschulden der Streitverkündeten wegen Übermittlung der SMS mit den eingesetzten Transaktionsnummern (TANs) an Unbefugte zuzurechnen, scheitert schon an § 675m BGB: Pflichten des Zahlungsdienstleisters in Bezug auf Zahlungsinstrumente; Risiko der Versendung">§ 675m Abs. 2 BGB, wie oben ausgeführt worden ist. Die Streitverkündete ist im Übrigen bezüglich § 675v Abs. 1 S. 2 BGB a.F. nicht Erfüllungsgehilfin des Klägers, weil sich der Kläger ihrer nicht zur Erfüllung seiner Pflicht zur sicheren Aufbewahrung der personalisierten Sicherheitsmerkmale bedient hat. Der Streitverkündeten oblag zwar die Übermittlung der Transaktionsnummern (TANs), die von den Tätern missbräuchlich eingesetzt wurden. Die Übermittlung ist aber nach dem allgemeinen Sprachverständnis zu unterscheiden von der Aufbewahrung.
aa) Dass der Kläger zumutbare Vorkehrungen zum Schutz von PIN und TAN unterlassen habe, hat die Beklagte nicht nachgewiesen. Es kann offen bleiben, ob der Kläger auf seinem zum Online-Banking genutzten PC zum Schutz vor Schadsoftware ein Virenschutzprogramm installieren, verwenden und auf dem aktuellen Stand halten musste, weil der Kläger unwiderlegt vorträgt, dies getan zu haben. Soweit die Beklagte die Richtigkeit dieses Vortrags bestreitet, verkennt sie, dass ihr der Nachweis einer Pflichtverletzung obliegt und den Kläger insoweit lediglich eine sekundäre Darlegungslast trifft. Die sekundäre Darlegungslast schließt nicht die Verpflichtung zur Vorlage von Belegen oder Nachweisen ein. Im Übrigen bestehen auch Bedenken gegen die Annahme einer Pflicht zur Installation und Verwendung einer besonderen Software zum Schutz vor Schadsoftware, soweit sie nicht bereits Bestandteil marktüblicher Betriebssysteme ist (entgegen Spindler in: Kullmann/Pfister/Stöhr/Spindler, Produzentenhaftung, 02/17, Produktverantwortung und Haftung im IT-Bereich), was die Beklagte nicht geltend macht. Der Bundesgerichtshof hat im Zusammenhang mit WLAN-Routern jedenfalls für private Verwender ausgesprochen, es würde diese unzumutbar belasten und wäre damit unverhältnismäßig, wenn ihnen zur Pflicht gemacht würde, die Netzwerksicherheit fortlaufend dem neuesten Stand der Technik anzupassen und dafür entsprechende finanzielle Mittel aufzuwenden (BGH, Urteil vom 12. Mai 2010 - I ZR 121/08 -, BGHZ 185, 330-341, Rn. 23). Der Bundesgerichtshof fordert lediglich die zweckentsprechende Anwendung der im Kaufzeitpunkt marktüblichen Sicherungen, wozu im entschiedenen Fall die Vergabe eines individuellen Passworts zum „Mindeststandard“ der IT-Sicherheit gezählt wurde (a.a.O.). Vom privaten Käufer eines marktüblichen PC, von dem technische Vorkenntnisse nicht unbedingt erwartet werden können, dürfte die Installation und Verwendung von Schutzsoftware danach nur zu fordern sein, soweit diese mitgeliefert wird und ihre Aktivierung bei Inbetriebnahme angeboten wird. Zu höheren Anforderungen an Verbraucher besteht keine Veranlassung, weil die (optionale) Bereitstellung von Sicherheitsvorkehrungen eher von den gewerblichen Herstellern informationstechnischer Geräte geleistet werden kann als von deren Verwendern. Ob für Einzelgewerbetreibende höhere Anforderungen gelten, kann hier offen bleiben.
Es gibt auch keinen Erfahrungssatz, wonach bei einem Missbrauch des Online-Bankings bereits eine korrekte Aufzeichnung der Nutzung eines Zahlungsauthentifizierungsinstruments und die beanstandungsfreie Prüfung der Authentifizierung für eine grob fahrlässige Pflichtverletzung des Zahlungsdienstnutzers sprechen, sodass sich der Zahlungsdienstleister für den ihm im Rahmen von § 675v Abs. 2 BGB a.F. obliegenden Nachweis auch nicht auf den Beweis des ersten Anscheins stützen kann (BGH, Urteil vom 26. Januar 2016 - XI ZR 91/14 -, BGHZ 208, 331-357, Rn. 68). Wie oben ausgeführt, ist es nicht ungewöhnlich, dass es ohne Verschulden des Zahlenden zu unautorisierten Transaktionen kommt.
Dem Kläger gemäß § 278 BGB eine etwaige Pflichtverletzung der Streitverkündeten wegen Übermittlung der SMS mit den eingesetzten Transaktionsnummern (TANs) an Unbefugte zuzurechnen, scheitert schon an § 675m BGB: Pflichten des Zahlungsdienstleisters in Bezug auf Zahlungsinstrumente; Risiko der Versendung">§ 675m Abs. 2 BGB, wie oben ausgeführt worden ist.
XI ZR 91/14 (BGH)
XI ZR 260/15 (BGH)
XI ZR 96/11 (BGH)
(3) Der Verletzte, der nicht durch einen Rechtsanwalt vertreten wird, ist in entsprechender Anwendung der Absätze 1 und 2 befugt, die Akten einzusehen und amtlich verwahrte Beweisstücke unter Aufsicht zu besichtigen. Werden die Akten nicht elektronisch geführt, können ihm an Stelle der Einsichtnahme in die Akten Kopien aus den Akten übermittelt werden. § 480 Absatz 1 Satz 3 und 4 gilt entsprechend.

References: § 406
 § 263
 Art. 229
 § 45
 § 278
 § 675
 § 675
 § 278
 § 675
 § 675
 § 675
 § 278
 § 675
 § 480