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Timestamp: 2020-03-29 09:31:45+00:00

Document:
BGH 07. Mai 2003
ZPO §§ 574 Abs. 2, 522 Abs. 1 Nr. 4, 263; BGB § 1629 Abs. 3 Satz 1
Klage auf Kindesunterhalt gegen den geschiedenen Ehegatten
Dokumentnummer: 12zb191_02
letzte Aktualisierung: 08.07.2003
12zb191_02
ZPO §§ 574 Abs. 2, 522 Abs. 1 Nr. 4, 263; BGB § 1629
2. Zu den Voraussetzungen des gewillkürten Klägerwechsels im
zweiten Rechtszug.
3. Zu den Möglichkeiten des Rechtsträgers, ein Urteil anzufechten,
das die Klage des vermeintlichen gesetzlichen Prozeßstandschafters als unbegründet abgewiesen hat.
Die Klägerin zu 1 ist die geschiedene Ehefrau des Beklagten. Mit ihrer nach Rechtskraft
der Scheidung erhobenen Klage nahm sie ihn auf Zahlung von Kindesunterhalt für die
aus der Ehe hervorgegangenen minderjährigen Kläger zu 2 und 3 in Anspruch. Das
Amtsgericht wies die Klage unter anderem wegen mangelnder Leistungsfähigkeit des
Beklagten als unbegründet ab. Dagegen legte die Klägerin zu 1 Berufung ein. In der
innerhalb verlängerter Berufungsbegründungsfrist eingereichten Berufungsbegründung
heißt es einleitend, daß nunmehr die Kläger zu 2 und 3, beide gesetzlich vertreten durch
die Klägerin zu 1, ihre Unterhaltsansprüche im eigenen Namen geltend machen, weswegen um Berichtigung des Rubrums gebeten werde.
Das Berufungsgericht verwarf die Berufungen sämtlicher Kläger als unzulässig. Dagegen richtet sich deren Rechtsbeschwerde, mit der sie vor allem geltend machen, das
Berufungsgericht habe die Berufung der Klägerin zu 1 nicht mangels Begründung als
unzulässig ansehen dürfen; vielmehr hätte es die namens der Kläger zu 2 und 3 eingereichte Berufungsbegründung auch als solche der Klägerin zu 1 verstehen müssen.
1. Soweit die Rechtsbeschwerdeführer geltend machen, im Falle der Rechtsbeschwerde
gegen die Verwerfung einer Berufung als unzulässig (§ 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO) erübri
-2ge sich eine Prüfung der Zulässigkeitsvoraussetzungen nach § 574 Abs. 2 ZPO, vermag
der Senat dem - entgegen Piekenbrock/ Schulze JZ 2002, 911, 920 - allerdings nicht zu
folgen. Der Gesetzgeber hat § 547 ZPO a.F. bewußt nicht in das neue Recht übernommen, sondern fehlerhafte Entscheidungen der Berufungsgerichte zur Zulässigkeit der
Berufung fehlerhaften Sachentscheidungen gleichgestellt (vgl. Wenzel NJW 2002,
3353, 3357 m.N.).
Für ihre gegenteilige Auffassung können die Rechtsbeschwerdeführer sich auch nicht
darauf berufen, der Bundesgerichtshof (Beschluß vom 26. September 2002 - III ZB
44/02 - NJW 2002, 3636 f.) habe einer Rechtsbeschwerde gegen die Versagung der
Wiedereinsetzung stattgegeben, ohne die Zulässigkeitsvoraussetzungen nach § 574
Abs. 2 ZPO zu prüfen. Vielmehr wurde die Zulässigkeit der Rechtsbeschwerde in jenem
Fall mit der Begründung bejaht, die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung erfordere eine Entscheidung durch den Bundesgerichtshof (§ 574 Abs. 2 Nr. 2 ZPO); dieser Teil der Entscheidung ist allerdings in NJW 2002, 3636 f. nicht mit veröffentlicht.
Die Rechtsbeschwerde ist jedoch zulässig, weil die Rechtssache grundsätzliche Bedeutung hat (§ 574 Abs. 2 Nr. 1 ZPO) und eine Entscheidung des Rechtsbeschwerdegerichts zur Fortbildung des Rechts erforderlich ist (§ 574 Abs. 2 Nr. 2). Denn die Voraussetzungen eines gewillkürten Klägerwechsels in der Berufungsinstanz sind höchstrichterlich noch nicht abschließend geklärt; dies gilt insbesondere für die hier entscheidende Frage, ob der vermeintliche Prozeßstandschafter, dessen Klage in erster Instanz
fälschlicherweise durch Sachurteil abgewiesen wurde, die von ihm eingelegte Berufung
selbst begründet und mit ihr zunächst die eigene Beschwer bekämpft haben muß, ehe
der Inhaber des Rechts im Wege des Klägerwechsels das Berufungsverfahren im eigenen Namen weiterführen kann.
2. Zutreffend ist der Ausgangspunkt des Berufungsgerichts, daß mit der Berufungsbegründung ein gewillkürter Parteiwechsel erklärt wurde, der sachdienlich ist, weil in erster Instanz alle Beteiligten übersehen hatten, daß die Klägerin zu 1 den Unterhaltsanspruch der Kläger zu 2 und 3 nicht im eigenen Namen einklagen konnte, weil die Voraussetzungen der gesetzlichen Prozeßstandschaft nach § 1629 Abs. 3 Satz 1 BGB schon
bei Erhebung der Klage wegen der Rechtskraft des Scheidungsausspruchs nicht mehr
Das Berufungsgericht führt weiter aus, die Berufung der Klägerin zu 1 sei unzulässig,
da sie nicht fristgerecht begründet worden sei. Denn mit der (fristgerecht eingereichten)
Berufungsbegründungsschrift sei die Berufung erklärtermaßen allein für die Kläger zu 2
und 3 begründet worden. Daraus folge zugleich die Unzulässigkeit der Berufungen der
Kläger zu 2 und 3, denn ein zulässiger Klägerwechsel in der Berufungsinstanz setze
voraus, daß der bisherige Kläger eine zulässige Berufung eingelegt habe.
Ferner scheitere die Berufung der Kläger zu 2 und 3 an der vom Bundesgerichtshof
(Beschluß vom 21. September 1994 - VIII ZB 22/94 - NJW 1994, 3358, 3359 m.N.)
geforderten weiteren Zulässigkeitsvoraussetzung, daß der im ersten Rechtszug erhobene
Klaganspruch zumindest teilweise weiterverfolgt werde, die Richtigkeit der erstinstanzlichen Klageabweisung mithin in Frage gestellt werde und nicht nur im Wege der Klageänderung ein neuer, bisher nicht geltend gemachter Anspruch zur Entscheidung gestellt werde. Hier habe das Familiengericht den Klageanspruch der Klägerin auf Zahlung von Kindesunterhalt zu ihren Händen zurückgewiesen, während in der Berufungsund 3, zur Entscheidung gestellt worden sei.
3. Das Berufungsgericht hat sich mit der Frage, ob die Berufungsbegründung der Kläger
zu 2 und 3 zugleich auch als solche der Klägerin zu 1 auszulegen sei, - aus seiner Sicht
folgerichtig - nicht befaßt. Denn auch bei einer solchen Auslegung wäre die Berufung
der Klägerin zu 1 nach der Auffassung des Berufungsgerichts unzulässig gewesen, weil
sie den in erster Instanz erhobenen Klaganspruch mit der Berufungsbegründung nicht
weiterverfolgt habe.
Der Senat kann die namens der Kläger zu 2 und 3 abgegebene Prozeßerklärung selbst
auslegen. Insoweit hat das Berufungsgericht zunächst zutreffend erkannt, daß mit ihr
nunmehr im eigenen Namen geltend machen, ist zudem zu entnehmen, daß die Klägerin
zu 1 das Berufungsverfahren nur noch als gesetzliche Vertreterin der Kläger zu 2 und 3,
aber nicht mehr im eigenen Namen als (vermeintliche) Prozeßstandschafterin fortführen
wollte. Sie ist damit als Partei aus dem Verfahren ausgeschieden (vgl. Zöller/Greger
ZPO 23. Aufl. § 269 Rdn. 5 m.N.). Die vom Berufungsgericht gleichwohl ausgesprochene Verwerfung ihrer Berufung kann daher keinen Bestand haben.
4. Es bedarf keiner Entscheidung, ob die im ersten Rechtszug nicht beteiligten Kläger
zu 2 und 3 allein rechtsmittelbefugt gewesen wären, die Berufung also von vornherein
im eigenen Namen hätten einlegen können (vgl. Berger, Die subjektiven Grenzen der
Rechtskraft bei der Prozeßstandschaft S. 211; zum markenrechtlichen Widerspruchsverfahren vgl. auch BPatG GRUR 2000, 815, 817 m.N.; offen gelassen von BGH,
Beschluß vom 21. September 1994 aaO unter 2 b bb). Denn hier ist die Berufung zulässigerweise von der Klägerin zu 1 eingelegt worden, die Partei des erstinstanzlichen Verfahrens war und durch die Abweisung ihrer Klage formell beschwert ist.
5. Es trifft zwar zu, daß ein Parteiwechsel in der Berufungsinstanz grundsätzlich eine
zulässige Berufung voraussetzt (vgl. BGH, Urteil vom 24. März 1994 - VII ZR 159/92 WM 1994, 1212, 1213 unter 2 c; BGH, Beschluß vom 21. September 1994 aaO S. 3359
unter 2 b aa). Dies gilt jedenfalls dann, wenn der Parteiwechsel nach Ablauf der Berufungsbegründungsfrist erklärt wird, da er eine bereits eingetretene Unzulässigkeit des
Rechtsmittels nicht mehr beseitigen kann. Unproblematisch ist diese Voraussetzung
auch dann, wenn man die Rechtsmittelbefugnis eines bisher am Verfahren nicht beteiligten Dritten bejaht und es für zulässig erachtet, daß dieser mit der Erklärung des Parteiwechsels - wie der Nebenintervenient gemäß § 66 Abs. 2 ZPO - zugleich das Rechtsmittel selbst einlegt. Zu fragen ist lediglich, welche Anforderungen an die Zulässigkeit
einer allein von der ursprünglichen Partei eingelegten Berufung zu stellen sind, wenn
der Parteiwechsel vor Ablauf der Berufungsbegründungsfrist erklärt wird und lediglich
die neue Partei das Rechtsmittel fristgerecht begründet.
In einem solchen Fall kann die infolge des Parteiwechsels an die Stelle des ursprünglichen Berufungsklägers getretene neue Partei die Zulässigkeit der rechtzeitig eingelegten
Berufung durch eine eigene fristgerechte Begründung wahren. Denn vor Ablauf der
Begründungsfrist war die eingelegte Berufung jedenfalls noch nicht mangels Begrünkeine prozessuale Notwendigkeit ersichtlich, statt oder neben einer rechtzeitigen Berufungsbegründung der neuen Kläger eine rechtzeitige Berufungsbegründung des ursprünglichen Rechtsmittelführers zu verlangen, zumal wenn dieser mit der Erklärung
des Parteiwechsels aus dem Verfahren ausgeschieden ist (vgl. auch Pfeiffer LM § 263
ZPO Nr. 24 a.E.), und zwar im vorliegenden Fall aus gutem Grund, da neben der Klage
des Rechtsinhabers im gleichen Prozeß kein Raum für eine gerichtliche Verfolgung
desselben Anspruchs in Prozeßstandschaft ist und umgekehrt (vgl. BGHZ 123, 132, 136
Dem steht der Beschluß des Bundesgerichtshofs vom 21. September 1994 aaO 3359
nicht entgegen, wie der VIII. Zivilsenat auf Anfrage bestätigt hat. Zwar ist dort (aaO
unter 2 b aa) ausgeführt, der Klägerwechsel in zweiter Instanz setze eine zulässige Berufung des ursprünglichen Klägers voraus, an der es fehle, wenn dieser seine Berufung
nicht rechtzeitig begründet habe. Auf dieser Erwägung beruht die Entscheidung des
VIII. Zivilsenats aber letztlich nicht. Er hat die seiner Beurteilung unterliegende Berufung vielmehr aus anderen Gründen als unzulässig angesehen (aaO unter 2 b bb aaa)
und die Frage, die der erkennende Senat nunmehr bejaht, ausdrücklich offengelassen,
nämlich ob es aus Gründen der Prozeßökonomie ausnahmsweise zulässig sein kann, daß
anstelle des in erster Instanz abgewiesenen Klägers ein Dritter in den Prozeß eintritt,
bevor die Zulässigkeitsvoraussetzungen der Berufung des ursprünglichen Klägers erfüllt
sind, die Berufung also von Anfang an für den neuen Kläger begründet werden kann
(aaO unter 2 b bb).
6. Es bleibt jedoch auch in diesem Fall bei der weiteren Voraussetzung der Zulässigkeit
des Rechtsmittels, daß der Angriff des Rechtsmittelführers (auch) auf die Beseitigung
der im vorinstanzlichen Urteil enthaltenen Beschwer gerichtet sein muß. Das Rechtsmittel ist unzulässig, wenn mit ihm lediglich im Wege der Klageänderung ein neuer,
bislang nicht geltend gemachter Anspruch zur Entscheidung gestellt wird; vielmehr
muß zumindest auch der in erster Instanz erhobene Klageanspruch wenigstens teilweise
weiterverfolgt werden (st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüsse vom 11. Oktober 2000
b bb aaa und vom 17. September 1992 - IX ZB 45/92 - ZIP 1993, 64; BGH, Urteil vom
13. Juni 1996 - III ZR 40/96 - NJW-RR 1996, 1276; a.A. Pfeiffer aaO und Altmeppen
ZIP 1992, 449, 450 f. und ZIP 1993, 65 ff.).
Diese Voraussetzung ist hier jedoch - entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts erfüllt. Der Streitgegenstand hat sich dadurch, daß nunmehr die Rechtsinhaber anstelle
des vermeintlichen Prozeßstandschafters ihren Anspruch auf Kindesunterhalt gegen den
Beklagten weiterverfolgen, nicht geändert (vgl. Berger aaO S. 210). Die Kläger zu 2
und 3 begehren mit ihrem Rechtsmittel die Beseitigung der im vorinstanzlichen Urteil
enthaltenen Beschwer, die auch die ihre ist, weil ihr Unterhaltsanspruch durch Sachurteil aberkannt wurde. Insoweit kann dahinstehen, ob sich, wenn diese Entscheidung
rechtskräftig würde, deren Rechtskraft ausnahmsweise nicht gemäß § 1629 Abs. 3
Satz 2 BGB auf sie erstreckt, weil ein Fall der Prozeßstandschaft nicht vorgelegen hatte
(so Grunsky, Grundlagen des Verfahrensrechts, 2. Aufl. § 28 I 6 S. 265), oder ob der
Rechtsträger an die im Ersturteil jedenfalls stillschweigend mitenthaltene Feststellung
gebunden wäre, daß die als Prozeßstandschafter auftretende Partei prozeßführungsbefugt war (vgl. Berger aaO S. 180). Allein die Ungewißheit über die höchstrichterlich
Urteil vom 10. November 1999 - VIII ZR 78/98 - ZIP 2000, 149, 150 m. Anm. Marotzke EWiR 2000, 405, 406; Musielak/Weth ZPO 3. Aufl. § 51 Rdn. 36) reicht aus, die
Rechtsmittelbefugnis des Rechtsträgers zu bejahen, um ihm die Möglichkeit zu geben,
der möglicherweise auch ihn bindenden Rechtskraft einer Sachabweisung zuvorzukommen (Berger aaO S. 185). Dies ist auch ein Gebot der Prozeßökonomie, da der
Rechtsträger andernfalls darauf verwiesen wäre, einen weiteren Prozeß zu führen, nämlich entweder in einem zweiten Prozeß gegen den Beklagten geltend zu machen, die
Partei des ersten Verfahrens sei nicht prozeßführungsbefugt gewesen und die Rechtskraft des Ersturteils stehe seiner Klage daher nicht entgegen (vgl. Grunsky aaO), oder
aber die Rechtskraft des Ersturteils mit der Nichtigkeitsklage nach § 579 Abs. 1 Nr. 4
ZPO zu beseitigen (vgl. Berger aaO S. 185; vgl. auch BGHZ 84, 24, 28 ff. und 143,
122, 127).
7. Auch die Verwerfung der Berufung der Kläger zu 2 und 3 kann daher keinen Bestand
haben. Der angefochtene Beschluß war daher aufzuheben und der Rechtsstreit an das
Berufungsgericht zurückzuverweisen, das nunmehr über die Kostenfolge des Ausscheidens der Klägerin zu 1 und hinsichtlich der Kläger zu 2 und 3 in der Sache zu entscheiden haben wird.
Elterliche Sorge (ohne familiengerichtliche Genehmigung)
NJW 2003, 2172-2174

References: § 1629
 § 1629
 § 574
 § 547
 § 574
 § 1629
 § 269
 § 66
 § 263
 § 1629
 § 28
 § 51
 § 579