Source: http://trivium.revues.org/3465
Timestamp: 2016-07-25 10:02:30+00:00

Document:
Titre originalLes initiés aux mystères de Mithra étaient-ils marqués au front? Pour une relecture de Tertullien, De Praescr. 40, 4
Édition originale :In: Bonnet, C. / Ribichini, S. / Steuernagel, D. (éd.), Religioni in contatto nel Mediterraneo antico : modalità di diffusione e processi di interferenza, Actes de colloque (Côme, mai 2006), Pise / Rome, Fabrizio Serra Editore (Mediterranea, IV), 2007, S. 171–180.
Mots-clés : culte de Mithra, mithriacisme, cautérisation, signatio
Schlüsselwörter : Mithraskult, Mithraismus, Kauterisierung, signatio
5In seinem De corona (aus dem Jahr 211) widmet Tertullian der Initiation der Mithras-Soldaten einige Zeilen. Eines der Hauptanliegen dieses Textes besteht darin, die Nichtigkeit soldatischer Ehren und, damit verbunden, der soldatischen Laufbahn als solcher unter Beweis zu stellen. Schenkt man Tertullian Glauben, dann hat die Initiation der milites Mithrae ein Ritual umfasst, in dem sich eine Verachtung irdischen Ruhms aussprach, die der im Christentum gepredigten vergleichbar war: 3 Tertullian, De corona, Kap. 15, §§ 3–4, hg. v. Fontaine (1966), S. 180–182. Die Logik der Aussage (...)
Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich die Hypothese einer Kauterisierung zahlreichen Gelehrten als plausibel aufgedrängt.13 Bereits 1911 jedoch meinte Franz Josef Dölger, da Tertullian die Mithras-Mysterien mit der christlichen Initiation vergleiche, könne signare analog zu der im Christentum praktizierten Ölung auch nur eine Signierung mit Öl bezeichnen.14 Dieser Meinung ist auch Paul Perdrizet: Tertullian spreche von einem »symbolischen, der christlichen Firmung vergleichbaren Ritus«.15 Diese Position sollte sich allerdings nicht durchsetzen. Die Schuld daran trägt aller Wahrscheinlichkeit nach Dölger, der schließlich 1929 die signatio in frontibus als Tätowierung auf der Stirn auffasst.16 Cumont greift diese Vorstellung zu Anfang der 30er Jahre wieder auf, indem er die Lücken auf einem aus Oxyrhynchos stammenden Papyrus mit mysterienhaltigem Anstrich, das damals gerade in den Papiri greci e latini veröffentlicht worden war, fantasievoll füllt.17 In den Zeilen 15–17 veranlasst das Wort ὀξέσιν Cumont zu dem Glauben, er habe es mit einer Art Nadeltätowierung zu tun: κέντ]ροις όξέσινχαραχθήσονται ἐς χεῖρας δύο ]σφραγεῖδεςὥστε εἰς αἰῶνα τὸν μύστην] σημειῶσαι
»[Mit Hilfe von] gestählten [Nadeln][Ritzt man in seine Hände zwei] Siegel,[Um den Mysten auf ewig zu] zeichnen.«
Gegen eine breite Mehrheit38 möchte R. Turcan aus den leones das Subjekt des philosophantur machen: Die Löwen hätten demnach den Auftrag, die »aridae et ardentis naturae sacramenta« –in denen Turcan »sakramentelle Prüfungen« sieht und insbesondere das »Sakrament des Feuers«, bei dem die milites »das Zeichen mit dem roten Eisen« erhielten39 – nicht nur zu erklären, sondern auch durchzuführen. Sacramenta, das vermutlich μυστήρια abbildet40, mag sicherlich auf ein Ritual anspielen. Aber handelt es sich tatsächlich um das, was Turcan im Sinn hat? Etwas hellsichtiger erkennt René Braun in dem unpersönlichen Subjekt von philosophantur »die Träger eines Erklärungssystems, die auf philosophische Weise die Löwen des Mithras allegorisieren und in ihnen die Symbole des Feuers sehen«.41 Ein Textabschnitt bei Kaiser Julian vermag uns einen Einblick in derartige Spekulationen zu geben: Attis, der in die Höhle hinab geklettert war, hatte mit der Nymphe angebandelt, der Vertreterin des »feuchten Prinzips der Materie«.42 Diese Verbindung, dieser Abstieg »bis in die Untiefen der Materie« (ἄχρι τῶν ἐσχάτων τῆς ὕλης), ermöglichte zwar die Genese sämtlicher Dinge, musste aber eines Tages enden, damit Attis sich nicht endgültig darin verlor. Um diesem Ungleichgewicht entgegenzuhalten, schickt Helios-Korybas den Löwen als seinen Helfer; er gilt in der Tat als »entflammt«, »brennend« und als »Ursprung von Hitze und Verbrennung«.43 Julian behauptet also, dass Attis 44 Ebd., § 8.
»Und wenn man anstelle des Wassers Honig in die Hände der [in die Mysterien der] leones Eingeweihten gießt, damit sie diese waschen, schärft man ihnen ein, die Hände rein von sämtlichen störenden, schädlichen oder schrecklichen Dingen zu halten; und da das Feuer dazu angetan ist, den Eingeweihten zu reinigen, bringt man (dem Feuer) verwandte, reinigende Flüssigkeiten herbei, während das Wasser als Feind des Feuers verdrängt wird.« 46 Turcan (2000), S. 88. In diesem Fall müsste man melichris[t]us lesen.
22Ich schlage ganz einfach vor, fontibus an Stelle von frontibus zu setzen (§ 4, Z. 6). Hier der Text, gefolgt von meiner Übersetzung: 61 Tertullianus, De praescriptione haereticorum, Kap. 40, §§ 1–4, hg. v. Refoulé (1957), S. 144–145. (...)
28Gab es ein Wasserritual, das dieser Darstellung des »Quellwunders« entsprach? Porphyrios legt dar, dass »man bei Mithras die Quelle durch einen Krater ersetzt«88, und eine Statuette aus Dieburg (Abb. 7) scheint ihm recht zu geben: Sie zeigt Mithras, der seinen Bogen auf einen Altar stützt und in der Rechten einen Pfeil hält; zu seinen Füßen ein Gefäß mit Henkeln, das sich als Sinnbild oder Behältnis für das Wunder wirkende Wasser deuten lässt. Agrandir Original (jpeg, 33k)
Cosmas Hierosolymitanus: Ad carmina S. Gregorii (über das Gedicht 63 von Gregorios, Carmen VII ad Nemesium, V. 265–266, PG 37, 1573), PG 38, Sp. 506 Gregor von Nazianz: Discours 4–5 (Contre Julien), hg. v. Jean Bernardi, SC 309, 1983.
Nonnos Mythographus: In orationem IV Gregorii Nazianzeni commentarius, hg. v. Jennifer Nimmo Smith, CCSG, 27, 1992. Nonnos Mythographus: In S. Gregorii Orationem in sancta lumina, PG 36, 1072A.
Clauss, M. (1990): Mythras: Kult und Mysterien, München, Beck. Clauss, M. (1992): »Miles Mithrae«, Klio, 74, S. 269–274.
Dennison, W. (1905): »A new head of the so-called scipio type: an attempt at its identification«, American Journal of Archaeology, 9, S. 11–43. Dölger, F. J. (1911): Sphragis. Eine altchristliche Taufbezeichnung in ihren Beziehungen zur profanen und religiösen Kultur des Altertums, Paderborn, F. Schönigh.
Vermaseren, M. J. / van Essen, C. C. (1965): The Excavations in the Mithraeum of the Church of Santa Prisca in Rome, Leiden, Brill. Vollgraff, W. (1955): »Une inscription gravée sur un vase cultuel mithriaque«, Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen. Afdeling Letterkunde, Nieuwe Reeks, Deel 18, Nr.°1–16, S. 205–218.
6 Vegetius, Epitoma rei militaris (Anfang 5. Jahrhundert), I, Kap. 8: Man zeichnet die neuen Rekruten »mit zeichenartigen Punktierungen« aus (punctis signorum) und »mit in die Haut punktierten Pigmenten« (picturis in cute punctis). Vgl. auch Cassius Felix, De medicina (Mitte 5. Jahrhundert), Kap. 13, § I: Die Soldaten tragen Tätowierungen (stigmata) auf der Hand. 7 Atti e passioni dei martiri, hg. v. Bastiaensen (1987), S. 233–245.
55 Edsman (1949). Der Autor widmet den Mithras-Mysterien einige Seiten (S. 219–224). Manche wichtige Quellen werden zitiert (Nonnos Mythographus, Porphyrios). In seiner Lesart der Inschrift von S. Prisca wird der Autor durch die früheren Auslegungen irregeführt (hujus ramos statt thuricremos). In seiner Darlegung äußert sich C.-M. Edsman kein einziges Mal deutlich zum Vorkommen beziehungsweise Fehlen einer Kauterisierung im Mithraismus. 56 Das Sistrum ist das Attribut der mit Σῶθις gleichgesetzten Isis. Plutarch erklärt in Isis und Osiris, § 21, dass »Isis’ Seele von den Griechen Hund und von den Ägyptern Sôthis genannt wird«. Sôthis ist ein ägyptisches Wort, es bezeichnet die »Hitze«, auf Griechisch Σείριος (Σείριος ἀστήρ, der Stern Sirius, die Personifikation der Hitze). Das Attribut des Sistrum würde gut zu den »sacramenta einer trockenen und brennenden Natur« passen, von denen Tertullian spricht.
66 De corona, Kap. 3, § 4: »Gleich welcher Beschäftigung wir nachgehen, wir reiben (terimus) unsere Stirn mit dem signaculum«; Adv. Marc., III, Kap. 22, §§ 6–7: »signaculum frontium«; Ad uxor., II, Kap. 5, § 3: »wenn du dein Bett und deinen Körper bezeichnest (signas)«. 67 De resur. (Phase unter montanistischem Einfluss), Kap. 8, § 3: »Caro abluitur, ut anima emaculetur; caro unguitur, ut anima consecretur; caro signatur, ut anima muniatur; caro manus inpositione adumbratur, ut anima spiritu inluminetur«. Dabei handelt es sich um die einzige ausdrückliche Erwähnung einer nach der Taufe vorgenommenen signatio bei Tertullian. 68 Origines, der seinerseits ebenfalls mit der täglichen kreuzförmigen signatio auf der Stirn vertraut ist, bezeugt die Existenz einer vom Bad getrennten Salbung im Orient ab dem ersten Drittel des 3. Jahrhunderts. Allerdings weist nichts darauf hin, dass diese postbaptismale Salbung – durch χρίειν und seine Ableitungen bezeichnet, und nicht durch σφραγίζειν / σφραγίς – auf der Stirn und in Kreuzform erteilt wurde. Siehe Saxer (1988), S. 188–189. Zu den postbaptismalen Riten, siehe Benoît / Munier (1994), S. XXXIV–XXXV.
93 Origenes, In Exodum, § 3, SC 321, S. 330–333.Haut de page
http://trivium.revues.org/docannexe/image/3465/img-1.jpg
http://trivium.revues.org/docannexe/image/3465/img-2.jpg
http://trivium.revues.org/docannexe/image/3465/img-3.jpg
http://trivium.revues.org/docannexe/image/3465/img-4.jpg
http://trivium.revues.org/docannexe/image/3465/img-5.png
http://trivium.revues.org/docannexe/image/3465/img-6.png
http://trivium.revues.org/docannexe/image/3465/img-7.jpg
Luc Renaut, « Wurden die Eingeweihten der Mithras-Mysterien auf der Stirn gekennzeichnet? Für eine neue Lesart von Tertullians De Praescr. 40, 4 », Trivium [En ligne], 4 | 2009, mis en ligne le 23 octobre 2009, consulté le 24 juillet 2016. URL : http://trivium.revues.org/3465 Haut de page
Luc Renaut promovierte an der École pratique des hautes études (Paris) und ist assoziiertes Mitglied des Laboratoire HeRMA (Poitiers). Nähere Informationen finden Sie hier.Haut de page
Nicola DenisHaut de page

References: § 8
 § 21
 § 4
 § 3
 § 3
 § 3