Source: http://frederikweitz.blogspot.de/2015/08/
Timestamp: 2017-10-22 22:50:06+00:00

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Rhetorik und Literatur: August 2015
Drei Arten, ADHS zu betrachten
Schaut man sich die Fachliteratur an, scheint es drei Arten zu geben, wie man die Entstehung von ADHS betrachten kann.
Genetische Betrachtung
Die erste Form der Betrachtung ist die genetische. Genetisch verstehe ich hier allerdings in einem weiteren Sinne, nicht nur die Gene betreffend, sondern auch all die Prozesse, die sich bei der Entwicklung eines Kindes aufgrund genetischer Dispositionen abspielen.
So könnte ADHS direkt einem „Gendefekt“ verbunden sein, oder aber genetische Veränderungen führen zu anderen Prozessen der Hirnentwicklung, so dass das Kind für ADHS prädisponiert ist.
Zur genetischen Betrachtung gehören dann aber auch Unfälle und Zufälle, die diese normale Entwicklung stören. Hier wird zum Beispiel die Drogenabhängigkeit der Mutter oftmals angegeben.
Beispielhaft für diesen Blickwinkel ist Gerhard Roth: Fühlen, Denken, Handeln.
Ontogenetisch-kulturelle Betrachtung
Wesentlich dynamischer ist die Perspektive, dass das Gehirn bereits in seinem Aufbau, also bereits pränatal, auf kulturelle Einflüsse reagiert und sich dementsprechend, also dem Reizangebot folgend, entwickelt. Wie und ob also ein Kind später zur ADHS prädisponiert ist, hängt nicht nur von genetischen Faktoren ab, sondern eben auch schon von den grundlegenden Mechanismen, zu denen das Gehirn gut ist: der Reizverarbeitung.
Erlebt ein Kind also viele Reize, auch schon im Mutterleib, verändert sich das Gehirn dementsprechend. Hier gibt es zwei verschiedene Einflüsse, die Gerald Hüther für die mögliche Entstehung von ADHS verantwortlich machen. Zum einen sind diese Kinder, wohl genetisch prädisponiert, besonders darin, neue Reize rasch einzuarbeiten (man nennt solche Menschen auch novelty-seekers). Wird diese Fähigkeit frühzeitig stimuliert, ergebe sich möglicherweise eine besonders starke Ausstrahlung des dopaminergen Systems, wodurch sich später ein starker Einfluss des Dopamins bemerkbar macht. Ein anderer Einfluss ist allerdings der Stress, dem ein Kind pränatal oder perinatal ausgesetzt ist. Stress verursacht über Katecholamine einen Musterabbau, also so etwas wie Vergessen. Dieser Musterabbau betrifft insbesondere Aktionsmuster. Nun werden die Kinder darüber aber nicht phlegmatisch, sondern impulsiv: die Aktionsmuster sind wenig miteinander verknüpft, nur kurzfristig intentional und auch wenig mit anderen Gedächtnisleistungen, wie zum Beispiel dem sprachlichen Gedächtnis verknüpft.
Dies hat Gerald Hüther in seinem Aufsatz: Dopaminerges System, exekutive Frontalhirnfunktionen und die Wirkung von Psychostimulanzien bei Kindern und Jugendlichen mit ADS-Symptomatik (in: ADHS – Kritische Wissenschaft und therapeutische Kunst) beschrieben.
Kulturelle Betrachtung
Ganz anders ist es, wenn man das ADHS als reine Reaktion auf die Kultur versteht. Hier wird die Neurophysiologie implizit oder explizit ausgegrenzt. Für einen solchen Ansatz steht zum Beispiel Elisabeth Dägling.
ADHS ist demnach eine besondere Begabung in funktionell äquivalenten Mustern zu denken. Ich stimme Dägling dahingehend zu, dass diese Art und Weise des Denkens in unserer Gesellschaft wenig verbreitet ist. Auf meinem Blog habe ich dies häufig unter dem Stichwort Analogiebildung thematisiert. Analogiebildungen spielen bei der Kreativität, dem Humor und dem innovativen Denken eine wichtige Rolle; neuerdings entdecke ich diese auch im objektorientierten Programmieren (im Gegensatz zum klassischen Programmieren, welches vor allem auf die Mittel-Ziel-Analyse ausgelegt ist).
Allerdings sind, und dies muss man Dägling vorwerfen, sowohl die Analogiebildung als auch die Mittel-Ziel-Analyse abstrakte Pole, von denen man aus konkrete Denkprozesse betrachten kann. Sie existieren nur als Schematismen in Reinform. Auch wenn ich ihre These, dass ADHS-Menschen stärker zur Analogiebildung neigen, durchaus viel Positives abgewinnen kann, halte ich dies noch nicht für eine Absage an bisherige wissenschaftliche Paradigmata. Andererseits bin ich überhaupt kein Freund von neurophysiologischem Determinismus oder von der voreiligen Vergabe eines Störungsetiketts. Dementsprechend nenne ich ADHS ja auch ein Aufmerksamkeitskompatibilitätsdefizit-Syndrom (AkDS), da das Gehirn nicht unaufmerksam sein kann. Es ist bloß nicht immer für die Sachen aufmerksam, die die Umgebung erwartet.
An Däglings Buch stört mich auch, dass sie den wissenschaftlichen Paradigmenwechsel zum gefühlten 67. Mal erfindet und einfordert. Es sollte doch mittlerweile gut bekannt sein, dass Analogiebildungen Kernleistungen der Innovation sind, und dass sie zum Beispiel das kantische Philosophiesystem, eine der wichtigen Grundlagen der organischen Chemie (Benzolring) oder die Relativitätstheorie angestoßen haben. Die Umstellung von teleologischen Betrachtungsweisen auf strukturell-funktionale hat das ganze 19. und 20. Jahrhundert durchzogen. So richtig es also ist, was Dägling fordert, so wenig überraschend, so wenig revolutionär ist es.
Labels: Begriffsbildung , lesen , Pädagogik
Den ganzen Tag bin ich am Aufräumen. Ich glaube, seit über einem Jahr ist heute der erste Tag, an dem keine Bücherstapel mehr auf dem Boden meines Arbeitszimmers liegen.
Auch mein Schreibtisch ist erstaunlich aufgeräumt. Es gibt noch einige Ecken, an denen ich herumarbeiten muss.
Zwischendurch, wenn ich keine Lust mehr hatte, die ganzen verschiedenen Papiere durchzusehen und einzuordnen, habe ich eine Mindmap zur Deutschdidaktik skizziert. Die wird, glaube ich, als nächstes über meinem Schreibtisch hängen. Aber erst, wenn ich sie etwas ordentlicher abgezeichnet habe.
Lesen, Leseförderung
Nachdem ich mich über längere Zeit beim Begriff der Einbildung aufgehalten habe, bin ich nun Beisbarts Ausführungen zum Lesen gefolgt (Bausteine der Deutschdidaktik). Eigentlich ist dies ein recht langweiliges Kapitel, da ich mich bereits ausführlich damit beschäftigt habe (und es ist, nebenbei bemerkt, ganz gut, dass es so langweilig ist; denn eigentlich wollte ich alle dreißig Bausteine des Buches durchgearbeitet haben, bin aber derzeit erst beim zehnten).
Trotzdem haben mich einige Formulierungen in dem neunten Kapitel, dem zum Lesen, angenehm überrascht. So geht Beisbart davon aus, dass das Lesen interaktiv verläuft. Die Feinheit bei dieser Darstellung ist allerdings, dass es nicht als ein Wechselspiel oder ein intimes Gespräch zwischen Text und Leser präsentiert wird, sondern als ein Wechselspiel zwischen der materiellen Seite des Struktur, also den Sätzen und Text(abschnitt)en, und der "psychosozialen" Seite der Struktur, also dem strukturierten Sinn.
Wer nicht so bewandert mit den philosophischen Begrifflichkeiten ist, wird vielleicht nicht ermessen, welch einen Unterschied es macht, ob jemand sich auf die Struktur eines Textes bezieht, oder auf den Text als Ding.
Jedenfalls kommt diese Darstellung des Lesens dem nahe, was Roland Barthes als Lexie bezeichnet:
"car le pas à pas, par sa lenteur et sa dispersion même, évite de pénétrer, de retourner le texte tuteur, de donner de lui une image intérieur : ... Le signifiant tuteur sera découpé en une suite de lexies, puisque ce sont des unités de lecture. Ce découpage, il faut le dire, sera on ne peut plus arbitraire [sic!] ... Le texte, dans sa masse, est comparable à un ciel, plat et profond à la fois, lisse, sans bords et sans repères; tel l'augure y découpant du bout de son bâton un rectangle fictif pout y interroger selon certains principes le vol des oiseax, le commentateur trace le long du texte des zones de lecture, afin d'y observer la migration des sens, l'affleurement des codes, le passage des citations." (S/Z Paris 1970, p. 19-20)
"denn jenes Schritt für Schritt, durch seine Bummelei und auch sein Zerstreuen, verhindert das Eindringen in und die Rückkehr zum Kapitaltext, und so, von ihm ein inneres Bild zu präsentieren : ... Der kapitale Sigifikant wird entlang einer Folge von Lexien zerschnitten, die die zusammenwirkenden Teile der Lektüre bilden. Diese Einschnitte werden, dies muss gesagt sein, nichts als arbiträr sein ... Der Text, in seiner Masse, gleicht dem Sternenhimmel, eben und tief zugleich, fugenlos, ohne Küste und ohne Merkzeichen; wie der Augur in ihn, von der Spitze seines Stabes aus, ein erdichtetes Rechteck zeichnet, um darin gemäß gewisser Prinzipien den Flug der Vögel zu befragen, schreibt der Kommentator entlang der Länge des Textes Gebiete des Lesens ein, um die Wanderung des Sinns, das Aufblühen der Codes, die Durchreise der Zitate zu beobachten.
In diesem Spiel des Unterbrechens scheint also der Sinn auf; Lesen fügt (sich) ständig in den Text ein und erfüllt gerade dadurch dessen Bestimmung.
Dies ist aber nicht die einzige Passage, die mich an einen ganz anderen Text hat erinnern lassen. Auf S. 99 schreiben die Autoren:
"Im Sinne der Theorie der komplexen Konstruktionsleistung des Lesers ist es tragfähiger, von Fähigkeiten auszugehen, die ganz allgemein für Wahrnehmungsoperationen gelten: nämlich die Operationen der Unterscheidung, der Klassifizierung und der Zuordnung – in diesem Falle im Umgang mit Schriftzeichen …"
Dies allerdings bezeichnet ganz gut die drei Arten der Produktion, die Deleuze und Guattari in den Mittelpunkt ihres Buches Anti-Ödipus stellen (die, nebenbei gesagt, den drei Synthesen Kants entsprechen, auch wenn sie diese entstellen): der Produktion selbst mit ihrem "und dann ... und dann ...", der Distribution mit ihrem "... oder ..." und schließlich der Konsumption mit "das also ist jenes".
Und machen wir uns dies bildlich: dann ist das produktive Lesen jenes Vorwärtsgleiten entlang der Kette der Signifikanten, die Konsumption das Interpretieren dieser Kette entlang einer äußeren Ordnung, und die Distribution die Verteilung des Textes in ein vorgefertigtes Schema. Dreimal wird der Text aufgespalten, zerschnitten, und in diesem Zerschneiden wieder zusammengesetzt. Weshalb die Einheit von Produktion, Konsumption und Distribution die Produktion selbst ist.
Transmedialisierung
Schließlich schlagen die Autoren verschiedene Formen des Lesens und verschiedene Möglichkeiten vor, Operationen des Verstehens an Texten auszuprobieren. Nichts anderes bezeichnet aber der Begriff der Transmedialisierung. Diese setzt eine vorhandene mediale Form (zum Beispiel einen Text) in eine andere mediale Form um. Transmedialisieren, so verstehe ich Vilem Flusser, bezieht sich nicht auf ein rein physikalisches Medium, wie etwa einen Text, oder ein Bild, sondern auf eine Handlung die an einem bestimmten Medium ausgeführt wird. So ist das Abschreiben eines Textes eine Transmedialisierung, einfach, weil das Lesen des Textes und sein anschließendes Schreiben zwei verschiedene Medien bilden.
Dahinter steckt mehr als nur eine Phänomenologie der Medien; dies ist tatsächlich ein radikaler Konstruktivismus, insofern alles Operation ist und jedes Medium nur Zwischenstadium. Joanne Rowling hat keine Weltbestseller geschrieben, sie hat eine Zone des Transits und der Umbildung erschaffen, und seither ist Harry Potter, dank Millionen fleißiger Leser, in alle Winde und alle möglichen Medien zerstreut worden. Die Leser haben die Zone auf produktive Weise abgetragen, jeder für sich.
Und was der Deutschunterricht zu tun hat
Leseförderung bedeutet demnach, den Kindern Aufgaben zu stellen, die zunächst solche Umsetzungen in ein anderes Medium ermöglichen. So hatte ich damals in meiner Klasse eine Dose mit verschiedenen Anweisungen aufgestellt, die auf langen Pappstreifen geschrieben waren. Die Kindern durften diese, wenn sie noch genügend Zeit hatten, lesen. Die Anweisungen waren immer etwas Angenehmes. was die Kinder gerne taten. Sie setzten das geschriebene Wort in Handlungen um. Dies wäre eine Möglichkeit.
Eine andere Möglichkeit ist die Sammlung von Orten, die in einem Roman vorkommen, eine Aufgabe, die ich gelegentlich meinen angehenden Schriftstellern gestellt habe.
In diesem Sinne ist die Förderung des Leseverständnisses einfach jenes connect-I-cut, jenes verbindende Trennen, jenes schreibende Lesen, welches Roland Barthes vorstellt. Der Sinn wird in dieser Geste immer wieder neu erzeugt.
Man könnte sich hier dann lediglich noch Stufen der Komplexität bei der Leseförderung vorstellen: so wäre zu Beginn eine reine, und sagen wir ruhig, irgendwie geartete Umsetzung zu fördern, diese dann zu spezifische Anforderungen zu führen, um schließlich zu Aufgaben zu kommen, die ein mehrmaliges Lesen benötigen und eine je verschiedene Konstruktion des Sinns über je verschiedene Transmedialisierungen, ein "plurales" Lesen.
Labels: Gilles Deleuze , lesen , Modellieren , Roland Barthes , schreiben , Semiose
Willst du mitgehn? oder vorangehn? oder für dich gehn? ... Man muss wissen, was man will und dass man will.
Dies habe ich in Nietzsches Götzen-Dämmerung gefunden. Das wäre doch ein schöner Schreibanlass!
(Und falls ihr euch über die frühe Uhrzeit wundert, zu der ich schon auf bin - es ist gerade halb sechs -, ich konnte nicht einschlafen, habe mich mit zahlreichen Gedanken herumgeschlagen, bin schließlich aufgestanden, um zu schreiben; jetzt mache ich mir gerade etwas zu essen.)
Labels: Nietzsche , schreiben
Heute war auch der Tag der Kontaminationen.
Die Kontamination ist die enge Verknüpfung oder Verschachtelung zweier Wörter zu einem neuen Wort. Sie ist damit ein Sonderfall des Neologismus, der Wortneuschöpfung.
Die erste Kontamination war nicht sonderlich witzig, wohl auch, weil der Hintergrund ein katastrophaler ist. Focus online titelte: Explosion in China: Autokalypse. Und spielt damit auf über 2000 Volkswagen an, die bei der Explosion in Tianjin zerstört wurden.
Die zweite Kontamination flog mir auf facebook zu. Uwe Seelhofer sendete eine Nachricht weiter, die ihm von den Metalfans gegen Nazis zugeschickt wurde. Dort schreibt ein gewisser Burghard Bungert:
Trinkst du Red Bull, Cola oder Whisky, isst Du Hamburger, Hot Dogs oder Donuts, traegst Du T- Shirt, Swet Shirt oder Basecapes, sagst Du ok, sorry oder by?
DANN BIST DU EIN BESATZERKIND UND KRANK IN DER BIRNE. ABER NIEMALS EIN DEUTSCHER PATRIOT.
Die Metalfans gegen Nazis kommentierten daraufhin:
Ein weiterer Anwärter auf den Patridioten-Thron?
Labels: Rhetorik
Und noch etwas gemütlicher und privater
Offensichtlich hat mich meine wochenlange "Untätigkeit" genervt (die ja keine Untätigkeit war). Ich habe heute so viel geschrieben, wie schon lange nicht mehr.
Zettelkasten-Arbeit
Es gab allerdings auch Gründe, warum ich so wenig aktiv war. Einer ist sicherlich, dass ich wesentlich weniger Zeit als früher habe, mir noch nebenher Gedanken zu machen. Alle meine Aufzeichnungen des letzten halben Jahres sind recht fragmentarisch; und ich werde wohl viel meiner freien Zeit dazu nutzen, diese nach und nach zu verketten. Glücklicherweise hilft mir dabei der Zettelkasten ungemein. Er schlägt ja automatisch Verbindungen zu anderen Zetteln vor und gibt damit zu denken.
Ein anderer Grund ist, dass ich mich jetzt endlich daran mache, meinen ganzen Blog in meinen Zettelkasten zu übertragen. Das ist eine Menge Arbeit. Und ich bin auch noch nicht wirklich weit gekommen, bis zum Januar 2009. Auf der anderen Seite finde ich darin so viele gute Gedanken ausformuliert, dass ich in meinen aktuellen Arbeiten gerne darauf verweisen möchte. Das ist bei 1700 Artikeln recht schwierig. Auch hier muss ich mich also auf ein externes Gedächtnis verlassen. Statt also zu schreiben ordne ich.
Schließlich beschäftigt mich gerade wieder Kant. Und auch zur Kritik der Urteilskraft hatte ich bereits zahlreiche Notizen angelegt. Nur fehlen diese in meinem Zettelkasten, weil ich mir nie die Zeit genommen habe, sie einzupflegen. Im Moment nervt mich das. Ich könnte damit sehr viel rascher arbeiten, wenn ich früher fleißiger gewesen wäre.
So. So viel zum privaten Leben.
Es hat hier ziemlich geschüttet und vor drei Stunden hat es einen Donnerschlag gegeben, der wie eine Explosion geklungen hat. Da ich heute erst von dem Unglück in Tianjin erfahren habe, war ich im ersten Moment etwas geschockt.
Lachs in Zitrone
Vorher war ich noch bei meinem Lieblingskoreaner. Statt Ente in Sesamkruste habe ich dann doch den Lachs in Zitronensauce genommen. Zwei Minuten, nachdem ich aus dem Haus war, hat mir mein Hemd auf dem Körper geklebt. Aber meine Hemden kleben mir neuerdings sowieso immer am Körper, weil ich ziemlich viel Fitnesstraining mache.
Sprachoptimierung
Viermal habe ich heute die Sprachoptimierung von Dragon Naturally Speaking durchlaufen lassen. Rund um den Nietzsche-Artikel habe ich 14.000 Wörter geschrieben (nein: diktiert). Dazu Kommentare zu Agamben, etc. - Fleißig, fleißig.
Scheinbarkeiten: Einbildungskraft und Handlungsfähigkeit
Zugegeben: die folgende Lektüre zweier Fragmente von Nietzsche ist eine recht penible Arbeit. Allerdings führt sie nichts anderes vor als die Verquickung von Handlungsfähigkeit und Bewusstseinsfähigkeit, und insofern ist sie gerade auch für die Didaktik des Literaturunterrichts eine wichtige Arbeit. Sie ist gleichsam am Rande meiner Beschäftigung mit der Einbildungskraft entstanden.
Scheinbarkeit
Irrtümlichkeit als das Sicherste
Misstrauen gegen die Dinge
Misstrauen gegen das Bewusstsein
Bitte um ehrliche Antwort
Die unmittelbaren Gewissheiten
Pflicht zum Misstrauen
Perspektivische Schätzung
Stufen der Scheinbarkeit
Fiktion ohne Urheber
Gefüge der Scheinbarkeit
Wertung und Schein
Erhaltung und Steigerung der Macht
Das Perspektivische
Subjektschwund
Divergenz und Diversität
Reduktion und Aufmerksamkeit
Die Vertreibung der Schatten
Die Vertreibung des Seins
Handlungsfähigkeit im Tunnel
Gerade gehe ich der Scheinbarkeit nach, jener Scheinbarkeit, die Agamben in seinem Text Das unvordenkliche Bild aus einem Text von Nietzsche aus dem Nachlass (KSA XIII, 371) zitiert. Schon vorher wird dieser Begriff der Scheinbarkeit von Nietzsche verwendet, zum Beispiel im zweiten Hauptstück von Jenseits von Gut und Böse , § 34.
Gliedert man das Fragment auf, dann ergibt sich in etwa folgender Fahrplan:
das Bewusstsein schließlich um ehrliche Antworten bitten
Dies alles bezieht sich auf die Wahrheit und die Wahrhaftigkeit der Welt im Auge des Betrachters. Nun ist dieses Fragment in Jenseits von Gut und Böse noch ein frühes Stadium der Ausarbeitung. In dem Fragment aus dem Nachlass führt Nietzsche die Argumentation weiter; er kürzt sie ab, entfernt den Begriff der Perspektive und ersetzt diesen durch ein Kraftzentrum, welches die Welt als „Gesamtspiel dieser Aktionen“ mit sich führt.
Mit einigem Spott gibt Nietzsche zu bedenken, dass man, gleich auf welche Philosophie man sich einlässt, doch mit einem rechnen kann: dass es eine Irrtümlichkeit der Welt gebe. Die Welt ist Schein, vielmehr noch Einbildung und Phantasma. Dies war die Sache, die Kant nicht sehen wollte und nicht sehen konnte: schließlich musste er, der die Welt durch die Kritik der reinen Vernunft nun endlich vernünftig machen wollte, der ihr durch das kritische Denken ein menschliches Maß aufdrücken wollte, doch eben jenes Maß an Verankerung in einer Welt jenseits des Verstandes geben, die er von Anfang an durch die Darstellung der Einbildungskraft durchdrungen und korrumpiert hat.
Ohne Frage führt uns Nietzsche nun weiter dahin, dass diese Gründe für die Irrtümlichkeit der Welt projeziert sind, dass diese Wahrheit allerdings nicht mit der Projektion selbst zusammenfällt, dass also die Projektion selbst noch ein Irrtum ist, allerdings nicht im Was der Projektion, sondern eher im Wie der Projektion.
Wie dem auch sei: zunächst projezieren wir ein „betrügerisches Prinzip“ ins „Wesen der Dinge“. Und dass wir dafür „Gründe über Gründe“ finden, so dass unsere Gedanken fortlaufend in Bewegung gesetzt sind.
Schließlich aber kehrt sich das Bewusstsein gegen sich selbst. Nun wird das Denken „für die Falschheit der Welt verantwortlich“ gemacht. Die Irrtümlichkeit der Welt liegt in uns selbst; dies nennt Nietzsche einen „ehrenhaften Ausweg“ und den Denker selbst, der auf eine solche Einsicht kommt, einen advocatus dei, einen Fürsprecher Gottes.
Hier sei angemerkt, dass diese doppelte Negation jener ideologischen Dialektik nah kommt, mit der Hegel operiert. Nicht ohne Grund scheint Nietzsche das Wort „Mutmaßung“ zu benutzen, Hypothese, so dass die Irrtümlichkeit der Welt zunächst zum betrügerischen Prinzip der Dinge, dann aber zum falschen Bewusstsein dialektisiert wird. Doch ist all dies nicht Synthese zu einer höheren Wahrheit, sondern Synthese zu einer noch befremdlicheren Hypothese.
Hier nun wird Nietzsche in seiner Argumentation langsamer und breitet sich aus, um dann in einer scharfen Wende genau dieses Misstrauen gegen das Bewusstsein in seinen Folgen anzugreifen.
Denn was ist die Folge jener Behauptung, dass das Denken bisher mit uns den „allergrößten Schabernack gespielt“ habe? Zum Beispiel, dass sich das Denken nun vor sich selbst hinstellt und es allen Ernstes bittet, ihm „ehrliche Antworten“ zu geben, „zum Beispiel ob es „real“ sei, und warum es eigentlich die äußere Welt sich so entschlossen vom Halse halten, und was dergleichen Fragen mehr sind“.
Man muss diesen Zirkelschluss hören und lesen, den Nietzsche hier bis in die Absurdität treibt, dass sich das voraussetzt, was infrage steht, nämlich das Denken der Wahrheit.
Zu einer solchen Naivität zählen für Nietzsche auch die „unmittelbaren Gewissheiten“.
Freilich, um hier gegen Nietzsche zu sprechen, ist der Begriff der „unmittelbaren Gewissheit“ nicht ganz so einfach zu nehmen. Das, was ich sinnlich feststelle, was mir die Welt zu sein scheint, ist noch lange nicht die Wahrheit. Gerade dass die „unmittelbaren Gewissheiten“ die lebhaftesten Täuschungen enthalten, hat doch die Philosophen umgetrieben und dies gerade nicht immer in die Richtung, dass es „gute“ und „schlechte“ unmittelbare Gewissheiten gäbe, die man mit ein wenig philosophischem Zauberspuk unterscheiden könne. Wiewohl es natürlich solche Menschen gibt, sogar akademische Menschen, die dies zu vollbringen scheinen.
Der Philosoph, so Nietzsche weiter „jenseits der bürgerlichen Welt mit ihren Ja's und Nein's“ habe die „Pflicht zum Misstrauen“. Im bürgerlichen Leben gelte das Misstrauen als Zeichen des schlechten Charakters. Doch gerade dies zeichne den Philosophen aus, dass er sich eben nicht naiv unter einen moralischen Alltagsglauben stelle, und eben dies sei der Glaube an die „unmittelbaren Gewissheiten“, so wissenschaftlich er sich auch gebärde; sondern dass der Philosoph aushalte, hier zu widersprechen, hier nicht dem bürgerlichen Leben zuzugehören, hier in die Einsamkeit der Wüste gehen zu müssen.
Wie im Vorübergehen, was es freilich nicht ist, wenn man Nietzsche im größeren Zusammenhang liest, schreibt er: »es bestünde gar kein Leben, wenn nicht auf dem Grunde perspektivischer Schätzungen und Scheinbarkeit«. Und argumentiert dann weiter, dass von der Wahrheit nichts mehr übrig bliebe, wenn man eine solche perspektivische Schätzung aus der Welt schaffen könnte. Die Wahrheit, und dies ist einer der roten Fäden von Jenseits von Gut und Böse , ist die Wahrheit einer Perspektive, also gerade nicht die Wahrheit.
Erinnern wir uns daran, wie dieses Werk beginnt:
»Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist –, wie? ist der Verdacht nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren, sich schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst, die linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschicklichem Mittel waren, um gerade ein Frauenzimmer für sich einzunehmen?«
Und überhören wir jetzt den Ton, der das Blut jeder Feministin in Wallung bringen könnte und lesen wir die Frau nicht als Figur, sondern als Charakteristikum der Wahrheit, so ist diese Wahrheit nicht dogmatisch zu nehmen, also nicht als außerzeitlich, a-historisch, metaphysisch.
Hier klärt Nietzsche den Gedanken noch nicht vollständig. Er ist lesbar, aber noch nicht zum Aphorismus geworden. Wenn nun die Wahrheit die Wahrheit einer Perspektive ist, und diese Perspektive weder dogmatisch noch irrtümlich ist, muss es eine andere Wendung als die der „unmittelbaren Gewissheit“ geben. Der Spott über die Dogmatiker gibt uns einen ersten Fingerzeig: die Wahrheit (und vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib sei) ist in Bewegung, ist verzeitlicht, historisch, weltlich, mit einem Wort: immanent.
Deutlicher wird Nietzsche in § 118 der Morgenröthe :
»Was begreifen wir denn von unserem Nächsten, als seine Grenzen, ich meine, Das, womit er sich auf und an uns gleichsam einzeichnet und eindrückt? Wir begreifen Nichts von ihm, als die Veränderungen an uns, deren Ursache er ist, …«
Es gibt also keine Wahrheit, aber es gibt eine Wirkung der Bewegung. (Und man darf sich hier nur wundern, mit welcher Naivität dann Nietzsche selbst aus solchen Bewegungen, gleichwohl er sie als Phantome bezeichnet, auch unmittelbare Gewissheiten macht.)
Schließlich mahnt Nietzsche uns zur Bescheidenheit. Sollte es uns nicht genügen, verschiedene „Stufen der Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam hellere und dunklere Schatten und Gesamttöne des Scheins“, statt uns dem Zwang von „wahr“ und „falsch“ zu unterwerfen?
Trotzdem bleibt Nietzsche auch hier noch einer Dichotomie verbunden und einer Skalierung. Diese verläuft nicht mehr nach idealistischen Vorgaben in wahr/falsch, sondern nach metaphorischen von hell/dunkel, doch sollte uns diese Lichtmetaphorik, jene sprachliche Errungenschaft der Neuzeit, auf Distanz gehen lassen.
Immer, wenn das Licht der Lichtmetaphern unser Wissen erhellt, schwimmen mindestens am Rande die Metaphern der Ganzheit, der Verdüsterung, schließlich der Zerrissenheit und Unbrauchbarkeit, der Asozialität mit.
Und ebenso misstrauisch sollte uns das Wort „Schatten“ machen. Denn der Schatten ist immer noch jenes Abbild von der Wahrheit, die der Philosoph sehen kann, da er sich von seinen Fesseln befreit hat und aus der Höhle hinauf ins Licht steigt. So beschwört Nietzsche hier noch am Rande das berühmteste platonische Gleichnis, mit dem das siebte Buch der Politeia beginnt.
Er entkommt noch nicht der Lichtmetaphorik, auch wenn er der Wahrheit entsagt.
(Zu Nietzsche, Merkel und der Metaphorik von Licht und Zerrissenheit siehe: Was mache ich eigentlich ...
Von der Scheinbarkeit zur Fiktion ist es nur noch ein kleiner Schritt. »Warum«, so fragt Nietzsche, »dürfte die Welt, die uns etwas angeht –, nicht eine Fiktion sein?« Und auch dies ist eine jener Unzuverlässigkeiten, die sich in Nietzsche Werk einschleichen. Noch einmal: wettert er zuvor gegen die unmittelbaren Gegebenheiten, so drängt er hier den Leser geradezu, diese anzunehmen, sich auf den Schein einzulassen und ihn nicht zu hinterfragen.
Ja selbst die Frage nach dem Urheber dieser Fiktion sei müßig, da doch schon diese Frage selbst zur Fiktion dazu gehöre. Wenn also auch dies Fiktion sei, warum dann weiter fragen?
Wir können nun ohne Umschweife sagen, was uns an dem Fragment von Nietzsche stört.
Dies ist (1) sein Verhältnis zur Unmittelbarkeit und Intuition, (2) die Einschätzung von Perspektive und Scheinbarkeit und (3) die Einteilung der Scheinbarkeit selbst.
Im Spätwerk von Nietzsche wird sich nun einiges ändern.
Insbesondere wird er dem Schatten und damit der Metaphorik des Lichts eine ganz andere Wendung geben, als er dies in § 34 in Jenseits von Gut und Böse getan hat. Dadurch kann er zugleich den Schatten und den Schein eliminieren; freilich gelingt ihm dies nur, weil er zuvor die Schatten in unterschiedliche Grade eingeteilt hat, in ein Heller und Dunkler, so dass selbst noch das Licht des Höhlenausgangs ein Schatten ist, dem der Philosoph nachjagen musste.
Doch gehen wir der Reihe nach vor, klären wir nach und nach, was Nietzsche im Frühjahr 1888 aufgezeichnet hat und was als Fragment 14[184] auf Seite 370 f. der KSA zu finden ist.
Dieses Fragment ordnet sich in etwa wie folgt:
Divergenz und Diversitäten
Mehr für sich, aber doch als Überschrift, notiert Nietzsche zu Beginn:
»die „Scheinbarkeit“ = spezifische Aktions-Reaktions-tätigkeit«
Lauschen wir diesen Worten nach, so hat sich hier etwas maßgeblich verändert. Hatte Nietzsche in JGB noch eine Skalierung der Scheinbarkeit vorgenommen, werden jetzt die Scheinbarkeiten in sich erschlossen. Hier, aber deutlicher wird das noch mit der Metapher des Kraftzentrums, besteht der Schein aus einem Gefüge von Aktionen und Reaktionen, aus einem Widerspiel der Kräfte.
Nun widerspricht das noch nicht einer Skalierung, insofern die Skalierung verschiedene Scheinbarkeiten betrifft, während das Gefüge die Scheinbarkeit in sich selbst strukturiert. Wir werden aber gleich sehen, dass Nietzsche darüber die Frage nach der Skalierung zurückweisen und ausklammern kann.
Gleich der erste Absatz führt eine Reihe von Gedanken mit sich, die, sieht man sie in ihrer Rohheit, zu all den Schrecken führen, die man gelegentlich mit Nietzsches Philosophie verbindet.
Im Zentrum dieses Schreckens steht der Begriff der Nützlichkeit oder Zweckdienlichkeit. Dabei setzt Nietzsche hier wie selbstverständlich einige seiner Hypothesen für wahr.
»die scheinbare Welt d.h. eine Welt, nach Werten angesehen, geordnet, ausgewählt nach Werten …«
Nietzsche hat die innige Verbindung zwischen Wertung und Schein nicht nur vollzogen, sondern er behauptet hier, dass die Welt nur erscheint, insofern sie gewertet wird, und dass die Wertung Voraussetzung für die Welt als Erscheinende ist.
Dies war eine Einsicht, die Kant bei seinem Entwurf der Einbildungskraft nicht mehr vollziehen konnte. Obwohl die Einbildungskraft der Welt ihre Form gibt, musste diese doch dem Verstand dienen. Der Verstand wiederum konnte über die Kritik seine eigenen Grenzen ermessen und so über diese hinausgehen. Der Fehler Kants, und dies wirft Nietzsche ihm explizit in der Götzen-Dämmerung vor, war, dass er die Welt immer noch in eine wahre und eine scheinbare einteilte.
Nietzsche fährt also fort:
»ausgewählt nach Werten d.h. in diesem Falle nach dem Nützlichkeits-Gesichtspunkt«
Damit stellt Nietzsche zweierlei dar: zum einen werden die Werte danach ausgewählt, was als nützlich erscheint (!), und zweitens gibt dies den Gesichtspunkt, also die Perspektive. Machen wir uns bewusst, was das bedeutet. Die Wertung erzeugt den Schein, die Wertung aber bedeutet Nützlichkeit, so dass die Nützlichkeit den Schein erzeugt, also die Welt, soll heißen die Perspektive, die wir als Welt verstehen. Die Welt, so gesehen, wäre eine Welt, die sich in das Nützliche und das Unnütze einteilt.
Was aber ist dieser Nutzen wert? Was ist seine Nützlichkeit?
Hier zeigt Nietzsche auf den ersten Blick jene krude Ideologie, die ihn anschlussfähig für sozialdarwinistische Ideologien machte, insbesondere auch dem Nationalsozialismus. Der Absatz schließt folgendermaßen:
»nach dem Nützlichkeits-Gesichtspunkt in Hinsicht auf die Erhaltung und Macht-Steigerung einer bestimmten Gattung von Animal.«
An dieser Stelle muss ich um Aufschub bitten. Macht ist ein durchaus schwieriger Begriff, und gerade bei Nietzsche sollte man vorsichtig sein, wenn es darum geht, Begriffe aus dem Hörensagen aufzufüllen. So gerne Nietzsche falsch zitiert wird, so gerne wird er falsch verstanden, wenn es um seine Begriffe und die Art seines Begriffsgebrauchs geht. Zu einer solchen Klärung fühle ich mich im Moment aber noch nicht in der Lage.
Halten wir hier vielleicht mit einiger Vorsicht fest, dass es um eine Art Bedürfnisbefriedigung geht, und diese Bedürfnisbefriedigung, je nach dem Stand der Dinge, zu unterschiedlichen Wertungen kommt und die Welt unterschiedlich konstruiert.
Ordnet sich die Welt nach ihrer Nützlichkeit, so ist und bleibt sie perspektivisch und nichts als perspektivisch. Die Perspektive ist mit dem Erscheinen der Welt verklammert. Warum aber verändert Nietzsche seine Wortwahl? Warum spricht er hier nicht mehr von der Perspektive, sondern vom Perspektivischen?
Ohne dies zu sagen, vollführt das Fragment eine zweite Wendung, die ebenfalls seit langer Zeit angelegt ist, und die bereits in § 34 aufscheint. Dies ist die Wendung gegen die Grammatik. In dem ganzen Fragment taucht das Individuum, die Person, der Mensch nicht auf. Ganz entschieden wird die Form Mensch aus dem Zentrum gerückt und erscheint noch am deutlichsten in der Wendung „einer bestimmten Gattung von Animal“.
Zunächst bekommt die Perspektive eine neue Qualität: indem sie zum Adjektiv wird, ist sie Merkmal, aber nicht mehr Bestandteil. Der Mensch hat keine Perspektive, aber er lebt im Perspektivischen.
Zudem finden wir bei Nietzsche einen Gedanken vorgezeichnet, um den sich Wittgenstein dann ganz explizit kümmern wird: dies ist das Gefangensein des Denkens durch die herrschende Sprache. So fragt Nietzsche im § 34:
»Dürfte sich der Philosoph nicht über die Gläubigkeit an die Grammatik erheben?«
Und in jenem Abschnitt über die „Vernunft“ in der Philosophie aus der Götzen-Dämmerung , in der er auch Kant kritisiert, schreibt er:
»Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben …«
Im selben Sinne schreibt Wittgenstein im § 115 der PU:
»Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.«
Es scheint hier eine gewisse Verträglichkeit zwischen Sprachkritik, Sozialdarwinismus und Subjektschwund zu geben. Dies sei aber nur im Vorübergehen notiert. Trotzdem muss ich auf die Wichtigkeit dieser Konstellation hinweisen, da sie in der Philosophie des 20. Jahrhunderts jene Kampfzone ausweitet, mit der sich die Philosophen in das politische Denken und die politische Praxis einmischen. Nicht, dass dies nicht interessant wäre; die Aufgabe erscheint mir derzeit als noch zu groß. Ich werde das verschieben müssen (wie ich bereits das Thema der Macht verschieben musste).
Hier nun führt Nietzsche die Metapher des Kraftzentrums ein, jenem Begriff, der das ganze Fragment strukturiert und ordnet, sogar den Begriff der Scheinbarkeit, der mich hier eigentlich interessiert (und der, daran möchte ich erinnern, mich deshalb interessiert, weil er scheinbar (!) mit dem Begriff der Einbildungskraft in Verbindung steht).
Jenes Kraftzentrum nun ist das Perspektivische selbst; es gibt das Perspektivische, wobei jenes ›es gibt‹ nicht als Zugeständnis einer Existenz gelesen werden darf, sondern im Sinne einer Gabe, eines Gebens, einer Aktivität, die dem Anderen zukommt. Dieser Andere ist bei Nietzsche der Rest. Was hier gegeben wird, das ist die Wertung, die Nietzsche dann als Art der Aktion und des Widerstands präzisiert, also jene „spezifische Aktions-Reaktions-tätigkeit“, die Nietzsche der Scheinbarkeit gleichsetzt.
Dem Rest wird vom Kraftzentrum aus Aktion und Reaktion gegeben, also ihre Scheinbarkeit. Die Welt erscheint als Aktion und Reaktion, gemäß der Wertung, also der Nützlichkeit.
Nietzsche beginnt aber mit einem Wörtchen, welches nun die Skalierung, die er drei Jahre zuvor noch impliziert hat, aus den Angeln hebt. Dieses Wörtchen ist „jedes“ und qualifiziert damit den zentralen Begriff dieses Fragments als „jedes Kraftzentrum“:
»jedes Kraftzentrum hat für den ganzen Rest seine Perspektive d.h. seine ganz bestimmte Wertung, seine Aktions-Art, seine Widerstandsart«
Damit vervielfältigen sich die Kraftzentren. Sie weichen in ihrer Wertung voneinander ab, sie erschaffen sich je eigene Scheinbarkeiten, je immer wieder neue Welten, nach unterschiedlichen Werten geordnet. Nietzsche vollzieht also den Wandel von einer Lichtmetaphorik, die noch einer arithmetischen Logik gehorcht (einer aufsteigenden Linie), zu einer Bewegungsmetaphorik, deren Logik geometrischer Natur ist (einer flächigen Nachbarschaft). Das Kraftzentrum bezeichnet eher ein Phänomen eines Milieus, als den Ursprung einer Vernunft. Weiter unten schreibt er:
»Die spezifische Art zu reagieren ist die einzige Art des Reagierens: wir wissen nicht wie viele und was für Arten es Alles gibt.«
Divergenz und Diversität sind auch Begriffe der Evolutionstheorie, und insofern knüpft der Begriff des Kraftzentrums, wenn auch auf sehr indirekte Weise, an einen Evolutionismus an. Wir stehen also, insofern wir Nietzsches Texte betrachten, vor einem gewissen Dilemma. Zu einer Ideologie der Vernunft können wir nicht zurück; aber zu einer Ideologie der Evolution durch Macht, wie sie dem Sozialdarwinismus eigen ist, können wir uns auch nicht bekennen.
In diesem sehr komplexen Fragment bleiben zahlreiche Aspekte zu klären. Ich möchte auf drei weitere wichtige Punkte hinweisen.
Zunächst greift Nietzsche noch einmal das Wort „scheinbare Welt“ auf, diesmal allerdings in Anführungszeichen gesetzt, wie er gleich zu Beginn das Wort „Scheinbarkeit“ in Anführungszeichen gesetzt hat. Die Scheinbarkeit ist also uneigentlich, selbst nur scheinbar, eine scheinbare Scheinbarkeit und damit vielleicht doch etwas wie eine Wirklichkeit.
Bevor er dies jedoch ganz explizit dazu nutzt, um den Schein endgültig aus der Sorge um die Welt zu werfen, spezifiziert er die Wirkung des Zentrums: es reduziert. Was reduziert es? Die „scheinbare Welt“:
»Die „scheinbare Welt“ reduziert sich also auf eine spezifische Art von Aktion auf die Welt, ausgehend von einem Zentrum«
In dieser Bewegung der Argumentation liegt ein Widerspruch, der sich nur dadurch auflösen lässt, indem man das Kraftzentrum als beweglich denkt, als wandelbar. Denn auf der einen Seite bringt das Kraftzentrum die scheinbare Welt zur Erscheinung, auf der anderen Seite reduziert sie diese scheinbare Welt auf das, was ihr nützlich ist.
Offensichtlich denkt Nietzsche an zwei verschiedene Arten von Scheinbarkeiten, eine, die sozusagen die Gesamtheit der scheinbaren Welten ausmacht, und eine andere, die eben diese scheinbare Welt ist, also gleichsam eine potenziell scheinbare Welt und eine aktuelle, bzw. aktualisierte.
Wir finden hier den Ansatz einer Theorie der Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit wäre dann explizit mit der Nützlichkeit verbunden. Das Kraftzentrum ist für das aufmerksam, was ihm nützlich erscheint, es erschafft sich anhand dieser Nützlichkeit zu einer Scheinbarkeit, die ihm diesen Nutzen erfüllt. Die Aufmerksamkeit wäre dann eine Art von „Selbstbefriedigung“.
Dies wird nun eine weitere offene Flanke sein, der ich nicht nachgehen werde.
Auf zweierlei Weise vertreibt Nietzsche nun den Schatten der Aufklärung und damit die Lichtmetaphorik. Zum einen setzt er die Scheinbarkeit in Anführungsstriche und streicht damit den Verdacht der Uneigentlichkeit; man muss dies insbesondere auch entlang der Formulierung aus § 34 von JGB lesen, der Philosoph habe „heute die Pflicht zu misstrauen, zum boshaftesten Schielen aus jedem Abgrunde des Verdachts heraus“, der er nun nicht mehr zu folgen scheint.
Dann wird Nietzsche allerdings wesentlich deutlicher:
»Es bleibt kein Schatten von Recht mehr übrig, hier von Schein zu reden …«
War zuvor die Scheinbarkeit selbst noch von Schatten erfüllt, hat nun der Begriff des Scheins keine Legitimation mehr, ja noch nicht mal einen Schatten der Legitimation. Die Welt, so wie sie ist, als Perspektivische, wird gesetzt und darin ist sie Wirklichkeit. Die Schatten des Zweifels, die mit der Renaissance und dem Licht des aufgeklärten Denkens erschienen sind, sind verschwunden, nicht, weil das aufgeklärte Denken nun endlich die Realität gefunden habe, sondern weil die Suche nach der Realität selbst noch scheinbar und eine Scheinbarkeit sei.
Schließlich wendet sich Nietzsche noch einmal gegen die Ideologie des Idealismus, die trotz ihrer dialektischen Bewegung eine bewegungslose Philosophie ist:
»Aber es gibt kein „anderes“, kein „wahres“, kein wesentliches Sein – damit würde eine Welt ohne Aktion und Reaktion ausgedrückt sein …«
Das Wesen, das philosophische Wesen hat sich als Dogmatismus erwiesen. Das Eigentliche, das Ding-an-sich sind Konstruktionen gemäß der Wertung eines Kraftzentrums. Sie beziehen sich nicht auf ein Sein. Es mag sein, dass damit das Sein noch nicht aus der Welt geschafft ist, doch darum geht es Nietzsche vielleicht gar nicht. Zunächst lässt sich von dieser Position aus die Wertfreiheit der Ontologie bezweifeln und damit ihre Deutungsmacht, die sich als Machtlosigkeit ausgibt.
Was bleibt noch zu sagen? Obwohl das Fragment politisch durchaus einige Brisanz in sich trägt, und vielleicht sehr viel gründlicher durchdacht werden sollte, ergeben sich doch einige frappierende Anschlüsse an die moderne Neurophysiologie.
So scheint ein wichtiges Prinzip neuronaler Aktivität die Handlungsfähigkeit zu sein. Das Gehirn aktiviert nicht nur Muster der Wahrnehmung, sondern zugleich motorische Muster. Bedenkt man, dass die motorischen Muster eng an das Bewusstseinssystem gekoppelt sind, so ist allerdings auch die Handlungsfähigkeit nur abgeleitet; das Gehirn drängt nach Bewusstheit.
Insofern sind die Metapher vom Kraftzentrum und die vom Aktions-Reaktions-Gefüge durchaus ernstzunehmen. Metzinger schreibt in seinem Buch Der Ego-Tunnel , wie das Gehirn sich die Welt zu einer kompakten Einheit synthetisiert und diesem zugleich eine Konstruktion gegenübersetzt, die es als Ich identifiziert, als das handelnde Subjekt in dieser kompakten Umwelt.
Nimmt man Nietzsche (und Metzinger) dahingehend ernst, dann sind zwei wichtige Prinzipien der Menschlichkeit die Handlungsfähigkeit und die Bewusstseinsfähigkeit, und insofern die Handlungsfähigkeit die Bewusstwerdung ermöglicht, kann man daraus auch ein Prinzip machen: Bewusstseinsfähigkeit durch Handlungsfähigkeit. (Man verzeihe mir, dass ich diesen Schlenker dann nicht vollständig auf Nietzsche zurückbinde: Eine solche Diskussion hätte noch einmal einige Stunden Arbeit gekostet und der Artikel ist jetzt sowieso schon zu lang.)
Labels: denken , Erkenntnis , Kant , Menschenbilder , Nietzsche
Symbolfoto: der Geist der Gesetze
Man könnte dieses Foto symbolisch lesen: Ursula von der Leyen reitet auf dem Hengst Montesquieu.
Lieber aber lese ich dieses Foto nicht symbolisch, weil mir sonst schlecht wird.
Lesen ist Schreiben, Schreiben ist Lesen
An der ganzen Diskussion um interpretierende und interpretierte Muster gibt es eine hübsche Feinheit: der Unterschied zwischen Lesen und Schreiben wird komplett ruiniert. Und zwar wird er vor allem dadurch ruiniert, weil sich die Formen des Lesens und Schreibens so vervielfältigen, dass sich eine grundlegende Opposition wohl nicht mehr herausarbeiten lässt.
Alles, was sich als „sinnlich-praktische Tätigkeit“, als Wiederholung auf den Bereich der Sprache bezieht, ist Musterbildung und Musterveränderung.
Da ich derzeit wieder sehr viel skizziere, also eine ganz andere Form der Transmedialisierung nutze, als in den vergangenen drei Jahren, erlebe ich gerade eine recht fruchtbare Phase.
Ich beschäftige mich mit Immanuel Kant (Kritik der Urteilskraft), mehr übrigens als mit Beisbart (Bausteine der Deutschdidaktik), mit Handkes Versuch über die Müdigkeit (ich suche immer noch einen Nachfolger meinem Homo Faber), Wolfgang Herrndorfs tschick. Ich schreibe, ich zeichne, ich vermische beides. Ich sammle, ich ordne, ich fasse zusammen.
Eine Buchempfehlung darf ich an dieser Stelle aussprechen, für alle Deutschlehrer, aber auch für alle Schriftsteller: Ivo Braak: Poetik in Stichworten (Unterägeri 1990).
Dieses Buch enthält neben typischen Stilformen (sprach Bilder wie Metapher und Metonymie, Wortfiguren und Satzfiguren, Gedankenfiguren und Klangfiguren) eine umfassende Liste metrischer Formen (angefangen bei der Verslehre bis hin zu solchen Exoten wie die sapphische Odenstrophe) und umfangreicherer Textmuster (und auch hier gibt es wieder durch die ganzen Zeiten und Epochen, vom Sprichwort über die Volksballade, das Madrigal und die Parabel, der Anekdote und der Bildergeschichte zum Volksbuch und Roman, zum Enthüllungsdrama und bürgerlichen Trauerspiel).
Anregend ist das Buch schon deshalb, weil es Lust macht, alle möglichen Formen auszuprobieren.
Ich werde nun, zum ersten Mal seit Wochen, wieder in mein kleines Lieblingsrestaurant gehen. Und dort Ente essen.
Labels: lesen , Rezension (Sachbuch) , schreiben , Semiose
Obwohl ich dieses Buch schon seit vielen Jahren besitze, und es auch einmal gründlich durchgearbeitet habe, war ich beim neuerlichen Lesen recht überrascht. Erste Aufgabe und wohl zunächst einzige Aufgabe der Deutschdidaktik die Förderung der Einbildungskraft; so zumindest meine ich Beisbart und Marenbach zu verstehen, was sie in Bausteine der Deutschdidaktik (Donauwörth 2003) geschrieben haben.
Die formale Seite der Sprache
Zunächst mag dieser Aussage befremden, verbinden wir doch den Deutschunterricht mit Übungen zur Grammatik und zur Rechtschreibung, und wenn man sich angelegentlich mit den selfpublishern unterhält, dann geht es doch eigentlich nie um Einbildungskraft (was man wohl heute ihr als Vorstellungsvermögen bezeichnen), sondern eben um jene Formalien.
Nun gibt es allerdings einen Brückenschlag von der Grammatik zur Einbildung. Dieser ist von Wilhelm von Humboldt getan worden. In der Grammatik, so erklärt er, werde die Vorstellung präzisiert. Und genau so kann man dann Grammatik auch verstehen: es kann präziser dargestellt werden, was man sich einbildet; und zum anderen können präzisere Einbildungen aus geschriebenen Texten gewonnen werden. Grammatik ist also nicht etwas Zusätzliches oder vielleicht sogar etwas die Einbildungskraft Opponierendes, sondern der (differenzierten) Einbildungskraft immanent. Förderung der Grammatik ist Förderung der Einbildungskraft.
Dies ist allerdings ein Wort, das eine bewegte Geschichte hinter sich hat. Im 19. Jahrhundert hat sich der Sinn der Einbildung in Richtung von der reinen Fantasie, sogar dem Truggebilde gewandelt.
Folgt man allerdings Kant, dann ist die Einbildungskraft zunächst ein Vermögen, welches zwischen der Sinnlichkeit und dem Verstand vermittelt. Der Verstand bildet die Begriffe, die Sinnlichkeit nimmt die Reize als rohes Material wahr; und die Einbildungskraft hat nun auf der einen Seite die Aufgabe, diese rohen Sinnesreize in erste Formen zu pressen, auf der anderen Seite den Begriffen jene Bilder zu liefern, die die Anwendung des Begriffs ermöglichen. (siehe auch Schauer / Erkenntnis)
Zur Archäologie des Bildes
Ganz so einfach ist es allerdings bei Kant nicht, dies möchte ich zwar nicht ausführlich, doch zumindest anmerken. Eliane Escoubas seziert in ihrem Aufsatz Zur Archäologie des Bildes. Ästhetisches Urteil und Einbildungskraft bei Kant die Rolle der Einbildungskraft im Spiel der Vermögen. Und hier zeigt sie, dass die Einbildungskraft sowohl den Vorrang des Verstandes, als auch den Wahrheitsbegriff Kants unterläuft, so dass sich die Definition, die ich eben gegeben habe, nicht halten lässt. Uns soll sie aber zunächst genügen. Eine ausführliche Diskussion von Kant kann ich hier nicht leisten, nicht nur aus Platzgründen, sondern auch, weil mir sein Werk immer noch recht verschlossen ist. (Der Aufsatz findet sich in dem von Volker Bohn herausgegebenen Sammelband Bildlichkeit, Frankfurt am Main 1990.)
Muster im Diskurs
Schaut man sich die neueren Entwicklungen an, zum Beispiel Foucault, zum Beispiel Bachtin, und beides sind ja „verkappte“ Kantianer, dann hat sich die Bildung der Formen von der Vernunft gelöst und ist, zumindest zum Teil, in die Kultur übergegangen. Wie dies genau geschieht, lässt sich dann wieder nicht so präzise angeben. Zumindest aber kann man sagen, dass wichtige Muster gerade nicht transzendental vorliegen, also der reinen Vernunft zugerechnet werden müssen, sondern der Kultur. Die Kultur prägt die Formen des Denkens; und so Unrecht hatte Marx nicht, wenn er in der fünften These über Feuerbach schreibt: »Feuerbach, mit dem abstrakten Denken nicht zufrieden, appelliert an die sinnliche Anschauung; aber er fasst die Sinnlichkeit nicht als praktische, menschlich-sinnliche Tätigkeit.«
Anders aber als Marx würde ich den Rhythmus als wichtige Bedingung der Erkenntnis herausheben. Dieser ist natürlich auch der praktischen Tätigkeit eigen; doch ist die Sinnlichkeit selbst auch durch Rhythmen geprägt, so dass die sinnliche Anschauung nicht direkt in eine praktische Tätigkeit aufgehen muss.
Meine Idee geht nun von solchen Wiederholungen aus. Wenn wir die Einbildungskraft steigern wollen, brauchen wir spezifische Rhythmen des Wahrnehmens und des Tätigseins. Nun hängen solche Rhythmen immer mit einem Rahmen zusammen, in dem sie stattfinden. Und als einen solchen Rahmen sehe ich die Modelle. Modelle wiederum sind geordnete, also zusammenhängende Begriffe. Diese Definition ist deshalb noch sehr vage gehalten, weil Modelle sowohl aus einer Subsumption unter einen Oberbegriff gebildet werden können, wie dies zum Beispiel bei der Maslowschen Bedürfnispyramide oder den acht basalen Emotionen von Plutchik der Fall ist. Dann stehen die Begriffe nur als zusammengehörig nebeneinander. Andere Modelle wiederum bieten ganz spezifische Verkettungen von Ursachen und Wirkungen und damit ein sehr viel strengeres Gefüge, als dies mit einer Aufzählung möglich ist.
Gegen beide Formen und auch den ganzen Zwischenbereich ist natürlich nichts zu sagen. Wer ein Modell benutzt, muss wissen, dass dieses von begrenzter Reichweite ist und man mit anderen Modellen andere Erfahrungen machen kann.
Zunächst aber bietet ein Modell die Möglichkeit, sich mit einem Stoff auseinanderzusetzen, an diesem Stoff spezifische Rhythmen auszuprobieren, ihn also einzuteilen und zu skandieren.
Modelle in der Deutschdidaktik
Führt man diesen Gedankengang wieder auf die Deutschdidaktik zurück, so bleibt ein Recht mageres Ergebnis übrig:
Es gilt, im Deutschunterricht Modelle zu benutzen, den Schülern die Anwendung dieser Modelle beizubringen, und sie – eventuell – auch selbst Modelle entwerfen zu lassen, die sie dann anwenden.
Stellt man dem allerdings wieder gegenüber, was alles als Modell gelten kann, dann steht einem fast die ganze Welt offen. So sind zum Beispiel Comics mit ihrer typischen Bildgrammatik genauso zu den Modellen zu rechnen wie die Satzgrammatik; so ist die Arbeit mit freieren Geschichtsmustern Modell ebenso wie die reine Inhaltsangabe; die Mindmap trifft sich, auf diesem abstrakten Niveau, mit der dialektischen Argumentation.
Modellieren ist also die grundlegende Tätigkeit, die der Deutschunterricht den Schülern vermittelt. Er unterscheidet sich damit nicht vom Mathematikunterricht oder vom Kunstunterricht. (siehe auch Semantisches Gedächtnis.)
Reste der Vernunft
Laut Kant wirkt die Vernunft spontan, aufgrund ihrer transzendentalen Formen. Streicht man dieses Vermögen der Vernunft und ersetzt es durch gewohnheitsmäßig erworbene kulturelle Muster, dann gilt es, solche Muster spontan werden zu lassen; dies wiederum scheint John Anderson anzudeuten (Kognitive Psychologie, Berlin 2014). Bei ihm gehen die Muster des deklarativen Wissens durch Übung in Muster des prozessualen Wissens über, was man salopp folgendermaßen beschreiben könnte: ein interpretiertes Modell wird durch häufige Übung zu einem interpretierenden Modell, bzw. ein Stück Welt bildet sich um zu einem Stück Welterfassung.
Dies nenne ich Überautomatisieren. In einer ihrer berühmten, oft zitierten Anekdoten beschreibt Maria Montessori, wie ein Kind sich fortlaufend und immer wieder mit einem Material beschäftigt, trotz des Lärms, den Montessori zusammen mit anderen Kindern veranstaltet. Montessori sieht dies als Beweis für das, was sie die „große Arbeit“ nennt. Allerdings reichen mir ihre Erklärungen nicht weit genug; ich denke eher, dass bestimmte Modelle, sofern sie lange genug eingeübt werden, aus dem deklarativen Wissen umkippen und dann beginnen, die Strukturen der Weltwahrnehmung zu verändern. Typisch für solch eine Haltung ist, dass die Kinder (aber auch die Erwachsenen) nicht wirklich sagen können, was sie gelernt haben. Die Beschäftigung an sich scheint hier wichtig zu sein. Aber, um dies noch einmal deutlich zu sagen, ist dies wohl nicht der wichtige Anteil am Prozess; dieser geht im Stillen vor sich als ein (Sich-)Umstrukturieren.
Labels: Kant , Maria Montessori , Modellieren , Pädagogik
Zurückschauen, vereinfachen (Verrätselung)
Das mache ich gerade: ich sehe alle meine alten Notizen durch, zumindest alle, die im Zettelkasten stehen. Allerdings schreibe ich nicht, sondern ich zeichne, entwerfe Schaubilder und kleine Skizzen. Um mich herum stehen Behälter mit Stiften, Buntstifte, dicke und dünne Faserstifte und die ganz wunderbaren Pinselstifte mit Künstlertusche, zudem vier Kugelschreiber und mehrere Bleistifte.
Verrätselung
Alte Notizen
Anfang Juli habe ich begonnen, statt in den Computer in ein Schreibheft zu schreiben. Mittlerweile ist dieses fast voll. Ich habe es allerdings auf mehreren Seiten fast ausschließlich mit Schaubildern vollgefüllt.
Gerade arbeite ich zur Verrätselung. Und kehre zu ganz alten Notizen zurück, solchen, die ich 2007 gemacht habe, eventuell schon früher (ich kenne nur das Datum, zu dem ich meine Notizen in den Zettelkasten übertragen habe, nicht mehr das Datum, zu dem ich die Notiz tatsächlich gemacht habe). Die Verrätselung war mit ein Grund, warum ich mich dann in den letzten Jahren sehr intensiv und der Argumentationslehre auseinandergesetzt habe.
Rätsel, linguistisch gesehen
Alle meine Notizen, die zu Harry Potter, zu diversen Büchern von Stephen King, zu allen möglichen Krimis, liegen seit Jahren ohne System und ohne Ordnung auf meinem Computer. Da ich diese jetzt aber besser überblicken kann, stellt sich die Verrätselung als etwas recht Einfaches dar.
Ein Rätsel nichts anderes als eine zerstreute und entstellte Definition eines Willens. Jemand will etwas. Doch das, was er will, bleibt dem Leser (und dem Protagonisten) verborgen. Sichtbar wird nur ein Teil des Handlungsresultats (zum Beispiel ein Tatort). Die Rekonstruktion, die der Krimi leistet, zielt natürlich auf die Motivation des Täters ab. Zumindest im klassischen Krimi verläuft sie vom Tatort zum Tathergang zum Tatmotiv und schließlich zum Täter.
Das bedeutet natürlich auch, dass nicht der Detektiv im Mittelpunkt der Planung steht, sondern sein Kontrahent. Das gleiche lässt sich aber auch von Fantasygeschichte sagen, die einen deutlichen Bezug zum Kriminalroman haben, wie zum Beispiel Harry Potter oder die Chroniken der Unterwelt. Bei Harry Potter ist dies natürlich Lord Voldemort; in Chroniken der Unterwelt heißt der Widersacher Valentin. Diese wollen etwas; dadurch wird die Welt des Protagonisten gründlich durcheinandergewirbelt (weil der Protagonist etwas anderes will).
Eine Verrätselung findet nun in dem Sinne statt, dass die Taten des Widersachers nur bruchstückhaft und unzusammenhängend in die Welt des Protagonisten hineingeraten. Die erste Aufgabe des Schriftstellers ist also, den Willen des Widersachers in dieser bruchstückhaften Weise vor dem Protagonisten und dem Leser auszubreiten.
Und da diese Bruchstücke nicht richtig zugeordnet werden können, stellt der Protagonist allerlei Vermutungen darüber an, was dieses oder jenes bedeuten könnte. Er interpretiert diese Bruchstücke, den Tatort oder die Zeitungsmeldung, die geheimnisvolle Stimme oder das abgehörte Telefon; und je nach Willen des Autors interpretiert er falsch oder richtig: er rekonstruiert oder entstellt jenes, was der Täter gewollt hat.
Metonymisieren
Hier nun kommen die Metonymien ins Spiel. Jedes Rätsel basiert auf diesen.
Wenn man als Autor von Kriminalromanen (oder diesen ähnlich stehenden Genres) also tatsächlich von dem Willen des Bösen (oder Täters oder Widersachers) ausgeht, und man nun gut daran, den ganzen Plan, den sich der Widersacher ausgeheckt hat, zu metonymisieren.
So will Lord Voldemort an den Stein der Weisen gelangen. Zunächst aber bekommt Harry Potter davon nur Bruchstücke mit. Wenn er mit Hagrid in die Verliese der Zaubererbank fährt und dort einen ersten Blick auf das geheimnisvolle Päckchen erhascht, dann kennt er weder den Inhalt des Päckchens noch die gesamte Bedeutung. Bei einer Metonymie weiß man, worauf sie zeigt, bzw., welche Vorstellung man sich dazu machen muss. Bei dem geheimnisvollen Päckchen allerdings ist genau dieser Platz leer; dies nenne ich eine leere Metonymie. Sie ist natürlich nicht leer. Gäbe es jenen anderen Ort, jene Vorstellung nicht, hätten wir keine Metonymie vorliegen, sondern nur ein ganz gewöhnliches Zeichen. Aber jede Metonymie verweist auf einen größeren Zusammenhang. Jede Leiche mit einem Messer in den Rücken zeigt auf ein größeres Ganzes, auf einen Tathergang, auf ein Tatmotiv.
Umgekehrt kann natürlich der Autor den Leser zunächst hinters Licht führen und behaupten, dass eine bestimmte Metonymie nur ein Zeichen ist. Der Turban von Professor Quirrell verbirgt Lord Voldemort. Doch zunächst lässt uns der Text glauben, und über lange Zeit glauben, dass der Turban nur ein Turban ist.
Damit einher geht oft eine falsche Erklärung. Als Harry Potter zum ersten Mal in der großen Halle des Schlosses Hogwarts sitzt, spürt er plötzlich ein Brennen seiner Narbe. Auch das ist eine leere Metonymie. Doch Harry erklärt sich dieses Ereignis sofort, indem er Professor Snape als Ursache vermutet. Er versteht also, dass das Brennen seiner Narbe eine Metonymie ist, aber er füllt diese Metonymie falsch auf. Dies ist, von der Zeichentheorie her gesehen, die Definition einer Täuschung: sie ist eine falsch aufgefüllte Metonymie. So kann in einem Koffer etwas vermutet werden, dass dann doch nicht in ihm ist; so kann der Detektiv glauben, der Mörder habe das Fenster zerbrochen, obwohl es die Ermordete war.
Die Welt der Zeichen
So reduzieren sich ganze umfangreiche Bücher auf wenige grundlegende Elemente.
Natürlich ist es dann doch nicht ganz so einfach. Nur von dem Blick des Rätsels aus gesehen kann man zu einer solch einfachen Definition kommen.
Zumindest eine Sache sollte dem Autor allerdings bewusst sein: was auf der Ebene der Zeichen einfach nur Definitionen und Metonymien sind, gilt nicht für die Welt des Protagonisten. Dort ist es eben ein konkreter Turban, eine konkrete Stimme aus der Wand, ein tatsächlich verwüstetes Zimmer, eine wirkliche Leiche. All das, was der Autor dann zu schildern hat, muss geschehen, als ob die Welt real wäre; Leser wollen sich etwas vorstellen, nicht Zeichengefüge untersuchen. Sich aber im Bewusstsein zu behalten, dass ein Krimi auch nur ein Zeichengefüge ist, mag dem Autor helfen, wenn er dabei ist, ein Rätsel zu konstruieren.
Ein früherer Aufsatz von mir ist dazu sehr hilfreich: Krimis plotten und schreiben. Dieser Artikel hat allerdings das Problem, dass er sich noch zu sehr auf die Tätigkeit des Detektivs konzentriert. Die erscheint mir heute, obwohl sie dann im Roman im Mittelpunkt steht, als recht unwichtig, wenn man beim Planen ist. Trotzdem zeige ich dort die enge Verknüpfung zwischen Argumentation und Krimiplot sehr gut.
Labels: Krimi , Metonymie , schreiben
seltsame Bücher über Java
Ein Buch habe ich mir mit in den Urlaub genommen, das ich höchst eigentümlich fand (aber ich vermutete dessen Nutzen): Schrödinger programmiert Java.
Ich beschäftige mich immer wieder mit der Programmierung, einer Sache, die mir nicht nur aus Nostalgie nahegelegt wird, sondern weil ich sowohl die Sprache der Programme selbst als auch die Sprache der Lehrbücher interessant finde. Es gibt für mich viele Gründe, das zu tun. Gelegentlich genieße ich es, einfach auch mal ein funktionierendes Programm zu schreiben. Und gerade ist es mir tatsächlich gelungen, ein Fenster zu programmieren, in dem man in einem Textfeld einen Text eingeben kann, daraus einen ausgewählten Ausschnitt (oder mehrere) fett markieren kann und die Markierung auch wieder aufheben kann. Was als absurd einfacher Texteditor gelten könnte, ist für mich ein größerer Erfolg: ich habe verstanden, wie so etwas funktioniert.
Pathos des Dazwischen-Gehens
Einen anderen Grund, warum ich Java interessant finde, ist die Möglichkeit, von dort aus Ereignisse anders zu beschreiben. Tatsächlich legt gerade Java ein sehr dicht an unserer Wahrnehmung und unseren Handlungskonzepten orientiertes System an. Es ermöglicht damit, wenn man es als Denkprinzip nimmt, eine sehr enge und handlungsorientierte Arbeit am Material.
Und noch aus einem anderen Grund finde ich die Arbeit mit Java interessant: sie verändert den Blickwinkel auf bestimmte kulturelle Phänomene. Dazu habe ich, unter dem Titel Pathos des Dazwischen-Gehens vor einigen Jahren zu Roland Barthes Buch Das Reich der Zeichen folgendes notiert:
Man müsste so, am Rande der Rituale und der kulturellen Verschiebungen, seine Texte schreiben. Dies wäre ein Schreiben, das sich zwischen den Zusammenstoß zweier Ereignisse setzt und weniger die Empirie notiert, als den Pathos des Dazwischen-Gehens.
In gewisser Weise ist Java sogar eine sehr affektive Sprache.
Die Frage, warum mich Java so beschäftigt, ist also eine kulturelle Frage. Das geduldige Nachzeichnen von Funktionsweisen bleibt für die Beschreibung von kulturellen Phänomenen auf jeden Fall nützlich. Zudem bietet es eine Syntax an, die relativ kurz und dabei übersichtlich ist.
(Ein Problem, das ich gerade bei der Didaktik des Lesens habe: man kann Texte auf sehr verschiedene Arten und Weisen lesen: aber wenn man hier einfach vom Text ausgeht, bleibt man unbestimmt: ein Text besteht aus vielen Schichten und erst der Blickwinkel bringt die eine oder andere Schicht an die Oberfläche: eine präzise Notierung erzwingt das Nachdenken über die Schicht, die man beim Lesen fokussieren möchte.)
Was mich an Schrödinger programmiert Java noch interessiert hat, war die grafische Aufbereitung. Ich hatte vor einigen Monaten das Buch Denken mit dem Stift vorgestellt. Das finde ich immer noch sehr anregend. Wenn ich das nun mit dem Aufbau des Java-Buches vergleiche, so ist das Java-Buch zu unruhig gestaltet. Es gibt zu viele Schrifttypen, zu viele Blickfänger, eine zu vielseitige Leserichtung (nicht nur von oben nach unten und gelegentlich wieder zurück, sondern eigentlich kreuz und quer). Auf der anderen Seite sind die Texte aber recht klar geschrieben und vor allem beginnen sie dann doch mit dem Wesentlichen (im Gegensatz zu den beiden JavaCore-Büchern).
In achtzehn Kapiteln und auf 695 Seiten bietet dieses Buch also eine peppig aufbereitete Einführung in die Sprache Java. Von den grundlegenden Daten, dem Kontrollfluss und der Arbeit mit Strings arbeitet sich das Buch dann durch die Vererbung und Kapselung, komplexe Datensammlungen, der Speicherung und den Threads bis zur Programmierung von Windows und die Anbindung ans Internet durch.
Inhaltlich finde ich es gut: die Kapitel beginnen mit grundsätzlichen Hinweisen, die dann mit tiefergehendem Wissen erweitert werden. Die Texte selbst sind verständlich; allerdings sollte man sich gerade als Anfänger tatsächlich von vorne nach hinten durcharbeiten, da Fachbegriffe später nicht mehr erklärt werden. Ein rascher Blick in den Umgang mit Dateien hat mir gezeigt, dass ich mich erstmal vorher, in den vorausgehenden Kapiteln, aufhalten sollte: später habe ich dann verstanden, wovon der gute Mensch dort schreibt.
Was die visuelle Aufbereitung angeht, bin ich durchaus zwiegespalten. Auf der einen Seite finde ich die Seiten teilweise viel zu unruhig. Auf der anderen Seite allerdings sehe ich mir die Seiten dadurch anders an, sortiere mein bisheriges Java-Wissen neu und versuche es, an dieses Buch anzupassen; und dadurch bewegt sich dann tatsächlich etwas. Wie ich es eben jetzt geschafft habe, ein ganz rudimentäres Textverarbeitungsprogramm zu schreiben.
Labels: Java , Rezension (Sachbuch)
Cloud usw.
Es sind Ferien. Und eigentlich sollte ich viel zum Schreiben haben. Aber wie ihr seht, bin ich dieses Jahr wenig zum Schreiben von Blogeinträgen gekommen, obwohl ich mir viel notiert habe. Es war wohl zu viel.
Insbesondere beschäftigt mich gerade mal wieder das Thema Textkohärenz. Gut, dazu gab es in diesem Blog bisher noch nicht so viel zu lesen. Jasmin Merz-Grötsch bezieht sich bei der Bewertung von Schülertexten explizit auf Kohärenzmittel des Textes (in: Texte schreiben lernen. Seelze 2014).
Nun ist das so eine Sache mit der Kohärenz. Zunächst gibt es grammatische Markierungen, die auf Gewohnheiten beruhen. So sind Pronomen nicht nur in der Lage, Satzsubjekte und Satzobjekte auszudrücken; sie verweisen auch auf vorausliegende Sätze. Fehlt die konkrete Benennung eines solchen Subjekts, auf das ein Pronomen verweisen könnte, dann finden wir das ungewöhnlich:
Er ging die Straße hinunter. So, wie er es jeden Tag tat. Er stieg an der Ecke in den Bus. Von dort aus überquerte er zusammen mit anderen Angestellten den Hudson River. Der Tag versprach einen stählernen Himmel und flirrende Luft über den kochenden Straßen.
Trotzdem das Subjekt nicht eingeführt worden ist, empfinden wir den Text aber als zusammenhängend. Zum einen sorgen die Wiederholungen dafür: wir akzeptieren als Leser schließlich, dass das Subjekt nur durch ein "er" ausgedrückt wird. Zum anderen bewegt sich der ganze Text in einem einheitlichen semantischen Feld. Obwohl dieses nicht direkt genannt wird, erschließen wir es leicht: der morgendliche Weg zur Arbeit.
Ich mag meine Cloud: man kann von überall auf der Welt auf seine Arbeiten zurückgreifen. Gelegentlich ist die Verbindung recht langsam. Aber im Vergleich zu früher ist es absolut komfortabel, sich mit den ganzen Büchern nicht mehr abschleppen zu müssen, egal, ob man nun in Berlin in einem Café sitzt oder irgendwo in Portugal in einem Bungalow (sofern dieser ein WLAN hat).
Vor drei Jahren hatte ich das Projekt, meinen Blog komplett in meinen Zettelkasten einzufüttern, begonnen. Auch dazu finde ich keine Zeit. Mittlerweile bin ich im Juli 2008 angekommen (erst!). Das war eine spannende Zeit, in der ich viel zum szenischen Schreiben gearbeitet habe; zudem hat sich hier mein Blick zunehmend von den Metaphern abgewandt und den Metonymien zugekehrt. Diese sind für das Schreiben dramatisch wichtig.
Scheinbarkeiten: Einbildungskraft und Handlungsfäh...

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