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Timestamp: 2019-01-20 05:06:10+00:00

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BGH, 1 StR 466/03: BGH (wirkung, tatsächliche sachherrschaft, besitz, stpo, ordnungswidrigkeit, tatidentität, oldenburg, konsum, sache, transport)
Urteil des BGH vom 27.04.2004, 1 StR 466/03
1 StR 466/03
BGH (wirkung, tatsächliche sachherrschaft, besitz, stpo, ordnungswidrigkeit, tatidentität, oldenburg, konsum, sache, transport)
Wirkung, Tatsächliche sachherrschaft, Besitz, Stpo, Ordnungswidrigkeit, Tatidentität, Oldenburg, Konsum, Sache, Transport
wegen Führens eines Kraftfahrzeuges unter der Wirkung von berauschenden Mitteln
Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs als Senat für Bußgeldsachen hat auf
Vorlagebeschluß des Oberlandesgerichts Stuttgart vom 29. September 2003 –
2 Ss 356/2003 – am 27. April 2004 beschlossen:
Zwischen dem unerlaubten Besitz von Betäubungsmitteln (§ 29
Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 BtMG) und der zeitgleich begangenen Ordnungswidrigkeit des Führens eines Kraftfahrzeuges unter der Wirkung von berauschenden Mitteln (§ 24a Abs. 2 StVG) besteht verfahrensrechtlich keine Tatidentität im Sinne des § 264 StPO,
wenn das Mitsichführen der Betäubungsmittel im Kraftfahrzeug in
keinem inneren Beziehungs- bzw. Bedingungszusammenhang mit
dem Fahrvorgang steht.
1. Gegenstand der Vorlegungsfrage ist die Tatidentität zwischen dem
Führen eines Kraftfahrzeuges unter der Wirkung von berauschenden Mitteln
und gleichzeitigem unerlaubten Besitz von Betäubungsmitteln.
Als der Betroffene im Mai 2002 einen Pkw führte, wurde er von der Polizei kontrolliert. Er stand unter der Wirkung des berauschenden Mittels Kokain
bzw. kokainhaltiger Präparate und führte Kokain bei sich.
Am 30. September 2002 erging gegen ihn ein Strafbefehl wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln (§ 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 BtMG), der
rechtskräftig wurde. Am 3. April 2003 verurteilte ihn das Amtsgericht Ulm wegen des fahrlässigen Fahrens unter der Wirkung von berauschenden Mitteln
(§ 24a Abs. 2 StVG) zu einer Geldbuße. Gegen dieses Urteil legte der Betroffene Rechtsbeschwerde ein, mit der er geltend machte, die Strafklage sei
durch den rechtskräftigen Strafbefehl wegen des Betäubungsmitteldelikts verbraucht.
2. Das Oberlandesgericht Stuttgart beabsichtigt, die Rechtsbeschwerde
als unbegründet zu verwerfen, sieht sich aber daran durch den Beschluß des
Oberlandesgerichts Oldenburg vom 14. August 2001 - Ss 196/01, StV 2002,
240, 241 gehindert. In dem vom Oberlandesgericht Oldenburg entschiedenen
Fall war ein Betroffener als Führer eines Personenkraftwagens einer Verkehrskontrolle unterzogen worden. Eine Blutprobe ergab den Nachweis, daß er im
Zeitpunkt der Fahrt unter dem Einfluß von Cannabioiden stand; bei der Durchsuchung seines Kraftfahrzeuges wurden zudem in einer Reisetasche im Kofferraum ca. 3,5 Gramm Haschisch aufgefunden. Das strafrechtliche Ermittlungsverfahren wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz wurde von
der Staatsanwaltschaft nach Zahlung einer Geldbuße gemäß § 153a Abs. 1
StPO endgültig eingestellt.
Wegen der Ordnungswidrigkeit gemäß § 24a Abs. 2 StVG setzte das
Amtsgericht Wildeshausen eine Geldbuße in Höhe von 500 DM fest und ordnete ein Fahrverbot von einem Monat an. Die hiergegen gerichtete Rechtsbeschwerde führte zur Verfahrenseinstellung durch das Oberlandesgericht
Oldenburg. Zur Begründung führte dieses aus, daß mit der endgültigen Einstellung des strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens hinsichtlich der Verhängung
einer Geldbuße wegen einer Rauschfahrt im Sinne von § 24a Abs. 2 StVG das
Verfahrenshindernis des (beschränkten) Strafklageverbrauchs nach § 153a
Abs. 1 Satz 5 StPO eingetreten sei. Dem Betroffenen könne lediglich der unerlaubte Besitz von Betäubungsmitteln im Sinne des § 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3
BtMG nachgewiesen werden, zu dem die "Rauschfahrt" hinzugetreten sei. Mit
der Fahrt werde die Verfügungsmacht über das Rauschgift im Kofferraum aufrechterhalten, diese stelle (stets) einen tatbestandserheblichen Tatbeitrag zum
Betäubungsmitteldelikt dar. Da bereits materiell-rechtlich Tateinheit zwischen
beiden Delikten bestehe, liege auch prozessual nur eine Tat im Sinne von
§ 264 StPO vor.
Das Oberlandesgericht Stuttgart teilt diese Auffassung nicht. Es ist der
Ansicht, daß im Vorlegungsfall die Verurteilung wegen der Straftat des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln einer späteren Verfolgung einer Ordnungswidrigkeit nach § 24a Abs. 2 StVG nicht entgegenstehe.
Zwischen beiden Dauerdelikten bestehe materiell-rechtlich Realkonkurrenz. Der Besitz von Betäubungsmitteln setze einerseits weder den Konsum
derselben noch das Führen eines Kraftfahrzeuges im berauschten Zustand
voraus. Die Ordnungswidrigkeit des § 24a Abs. 2 StVG knüpfe andererseits
nicht an den Besitz von Betäubungsmitteln, sondern lediglich an deren - für
sich genommen straflosen - Konsum und die anschließende Teilnahme am öffentlichen Straßenverkehr an. Eine isolierte Wertung beider Delikte sei daher
möglich, ohne daß hinsichtlich des jeweils anderen Delikts ein tatbestandserheblicher Beitrag fehlen würde. Beide Delikte seien lediglich gleichzeitig, nur
bei Gelegenheit des jeweils anderen Delikts begangen worden. Im Vorlegungsfall bestehe auch keine verfahrensrechtliche Tatidentität im Sinne von § 264
StPO. Beide Verhaltensweisen seien hier innerlich nicht derart miteinander
verknüpft, daß ihre getrennte Würdigung und Aburteilung als eine unnatürliche
Aufspaltung eines einheitlichen Lebensvorgangs empfunden würde. Die Aufrechterhaltung des Betäubungsmittelbesitzes stehe - von der zufälligen zeitlichen Koinzidenz abgesehen - in keinem erkennbaren inneren Bedingungszusammenhang mit dem Fahrvorgang. Beide Handlungen beruhten auf einem für
sich genommen völlig selbständigen Tatentschluß. Der Fahrvorgang sei aus
subjektiver Sicht des Betroffenen zweckneutral und habe nicht der Aufrechterhaltung des Betäubungsmittelbesitzes gedient. Der Umstand, daß der Betroffene aus tatsächlichen Gründen nur aufgrund des Auffangtatbestandes des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln während der "Rauschfahrt", nicht aber
wegen des vorangegangenen Erwerbs derselben, einer zweifelsfrei eigenständigen Tat, verurteilt werden könne, dürfe nicht dazu führen, daß er hinsichtlich
der Reichweite des Strafklageverbrauchs "zusätzlich" privilegiert werde. Im übrigen gebiete die Bedeutung und Eigenständigkeit des betroffenen Schutzgutes
der Verkehrssicherheit, daß die Ordnungswidrigkeit des § 24a Abs. 2 StVG
einer eigenständigen Aburteilung zugänglich bleibe. Das Prinzip des
Vertrauensschutzes stehe dem nicht entgegen.
3. Das Oberlandesgericht Stuttgart hat deshalb die Sache gemäß § 121
Abs. 2 GVG in Verbindung mit § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG dem Bundesgerichtshof zur Entscheidung folgender Rechtsfrage vorgelegt:
"Besteht zwischen dem Besitz eines Kraftfahrzeugführers an
Betäubungsmitteln, die im Kraftfahrzeug aufbewahrt werden
(§ 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 BtMG), und der zeitgleich begangenen Ordnungswidrigkeit des Fahrens dieses Kraftfahrzeuges
unter der Wirkung von berauschenden Mitteln gemäß § 24a
Abs. 2 StVG verfahrensrechtlich Tatidentität im Sinne des
§ 264 StPO?"
Die Vorlegungsvoraussetzungen gemäß § 121 Abs. 2 GVG in Verbindung mit § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG sind erfüllt.
1. Das vorlegende Oberlandesgericht Stuttgart kann nicht wie beabsichtigt entscheiden, ohne hierbei von den tragenden Gründen der Entscheidung
des Oberlandesgerichts Oldenburg abzuweichen.
2. Die Vorlegungsfrage erfaßt aber nach ihrem Wortlaut über die Entscheidungserheblichkeit für das Ausgangsverfahren hinaus auch solche Fallkonstellationen, wie etwa die Fälle der Transport- oder Fluchtfahrten, in denen
eine verfahrensrechtliche Tatidentität eher in Betracht kommen könnte. Der
Senat hat deshalb – entsprechend dem des Generalbundesanwalts - die Frage
wie folgt präzisiert:
„Besteht zwischen dem unerlaubten Besitz von Betäubungsmitteln (§ 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 BtMG) und der zeitgleich begangenen Ordnungswidrigkeit des Führens eines Kraftfahrzeuges
unter der Wirkung von berauschenden Mitteln (§ 24a Abs. 2
StVG) verfahrensrechtlich Tatidentität im Sinne des § 264
StPO, wenn das Mitsichführen der Betäubungsmittel im Kraftfahrzeug in keinem inneren Beziehungs- bzw. Bedingungszu-
sammenhang mit dem Fahrvorgang steht?“
Der Senat tritt – dem Generalbundesanwalt folgend - der Rechtsauffassung des Oberlandesgerichts Stuttgart bei.
Zwischen beiden Taten – der Rauschtat und dem unerlaubten Besitz
von Betäubungsmitteln – besteht schon keine Tateinheit. Die objektiven tatbestandlichen Ausführungshandlungen dieser beiden Delikte decken sich nicht
einmal teilweise; sie stellen bei natürlicher Betrachtungsweise - ungeachtet der
zeitlichen Überschneidung bei der Tatbegehung - zwei selbständige, auf gesondert gefaßten Tatentschlüssen beruhende körperliche Willensbetätigungsakte dar. Der Täter würde die tatsächliche Sachherrschaft über das Rauschgift
auch dann nicht verlieren, wenn er nicht am öffentlichen Straßenverkehr teilnähme.
Sachlich-rechtlich selbständige Taten sind grundsätzlich auch prozessual selbständig. Eine unlösbare innere Verknüpfung zweier Handlungen, die
über die bloße Gleichzeitigkeit ihrer Ausführung hinausginge, liegt demgegenüber nicht vor, wenn der Täter - wie im Vorlegungsfall - mit einem Kraftfahrzeug
unter der Wirkung berauschender Mittel fährt und hierbei Betäubungsmittel
ohne einen erkennbaren Beziehungs- bzw. Bedingungszusammenhang als Teil
seines persönlichen Gewahrsams mit sich führt. Beide Tatbestände knüpfen
zwar an die Existenz eines Betäubungsmittels (im Blut bzw. als körperliche Sache) an, greifen aber in ihrer Struktur nicht ineinander. Die Fahrt verfolgt in einem solchen Fall - anders als in den Transport- oder Fluchtfällen - nicht den
Zweck, den Drogenbesitz aufrechtzuerhalten bzw. abzusichern; die Begehung
der Verkehrsordnungswidrigkeit dient nicht dazu, die Betäubungsmittel zu
transportieren, zu finanzieren, an einen sicheren Ort zu bringen, sie zu verstecken oder dem staatlichen Zugriff zu entziehen. Die Verlagerung des Besitzes
ist lediglich ein notwendiger Reflex bzw. eine zwangsläufige Begleitfolge der
mit dem Kraftfahrzeug bewirkten und bezweckten Ortsveränderung des Täters.
Die Mitnahme der Betäubungsmittel bezieht sich andererseits auch nicht auf
die Fahrtätigkeit als solche; sie dient dem Fahrer insbesondere nicht dazu, sich
durch den Konsum der Drogen als Genuß- oder Aufputschmittel die Fahrt zu
Herr Richter am BGH Hebenstreit ist erkrankt und deshalb an der Unterschrift gehindert.
Nack Boetticher Nack

References: BGH 
 BGH 

BGH 
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 § 153
 § 24
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 § 121
 § 79
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 § 121
 § 79
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 BGH