Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Kuendigung_durch_kirchliche_Arbeitgeber_aus_sittlich-moralischen_Gruenden_BVerfG_2BvR661-12.html
Timestamp: 2018-06-24 07:20:19+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 2 BvR 661/12
Akten­zeichen: 2 BvR 661/12
Ent­scheid­ungs­datum: 22.10.2014
1. So­weit sich die Schutz­be­rei­che der Glau­bens­frei­heit und der in­kor­po­rier­ten Ar­ti­kel der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung über­la­gern, geht Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV als spe­zi­el­le­re Norm Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in­so­weit vor, als er das Selbst­be­stim­mungs­recht der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten der Schran­ke des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes un­ter­wirft (sog. Schran­ken­spe­zia­lität). Bei der An­wen­dung des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes durch die staat­li­chen Ge­rich­te ist bei Aus­gleich ge­genläufi­ger In­ter­es­sen aber dem Um­stand Rech­nung zu tra­gen, dass Art. 4 Abs. 1 und 2 GG die kor­po­ra­ti­ve Re­li­gi­ons­frei­heit vor­be­halt­los gewähr­leis­tet und in­so­fern dem Selbst­be­stim­mungs­recht und dem Selbst­verständ­nis der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten be­son­de­res Ge­wicht zu­zu­mes­sen ist.
2. Das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht um­fasst al­le Maßnah­men, die der Si­cher­stel­lung der re­li­giösen Di­men­si­on des Wir­kens im Sin­ne kirch­li­chen Selbst­verständ­nis­ses und der Wah­rung der un­mit­tel­ba­ren Be­zie­hung der Tätig­keit zum kirch­li­chen Grund­auf­trag die­nen. Die For­mu­lie­rung des kirch­li­chen Pro­pri­um ob­liegt al­lein den Kir­chen und ist als ele­men­ta­rer Be­stand­teil der kor­po­ra­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­fas­sungs­recht­lich geschützt.
3. Die staat­li­chen Ge­rich­te ha­ben im Rah­men ei­ner Plau­si­bi­litätskon­trol­le auf der Grund­la­ge des glau­bens­de­fi­nier­ten Selbst­verständ­nis­ses der ver­fass­ten Kir­che zu über­prüfen, ob ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on oder Ein­rich­tung an der Ver­wirk­li­chung des kirch­li­chen Grund­auf­trags teil­hat, ob ei­ne be­stimm­te Loya­litätsob­lie­gen­heit Aus-druck ei­nes kirch­li­chen Glau­bens­sat­zes ist und wel­ches Ge­wicht die­ser Loya­litätsob­lie­gen­heit und ei­nem Ver­s­toß hier­ge­gen nach dem kirch­li­chen Selbst­verständ­nis zu­kommt. Sie ha­ben so­dann un­ter dem Ge­sichts­punkt der Schran­ken des „für al­le gel­ten­den Ge­set­zes" ei­ne Ge­samt­abwägung vor­zu­neh­men, in der die - im Lich­te des Selbst­be­stim­mungs­rechts der Kir­chen ver­stan­de­nen - kirch­li­chen Be­lan­ge und die kor­po­ra­ti­ve Re­li­gi­ons­frei­heit mit den Grund­rech­ten der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer und de­ren in den all­ge­mei­nen ar­beits­recht­li­chen Schutz­be­stim­mun­gen ent­hal­te­nen In­ter­es­sen aus­zu­glei­chen sind. Die wi­der­strei­ten­den Rechts­po­si­tio­nen sind da­bei je­weils in möglichst ho­hem Maße zu ver­wirk­li­chen.
LAG Düsseldorf, Urteil vom 01.07.2010, 5 Sa 996/09
Bundesarbeitsgericht (BAG), Urteil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10
Nachgehend BAG, Beschluss vom 28.07.2016, 2 AZR 746/14 (A)
der C ... ,
- Be­vollmäch­tig­te: 1. Prof. Dr. Gre­gor Thüsing, LL.M.,
2. Prof. Dr. Wolf­gang Rüfner, Ha­ge­but­ten­s­traße 26, 53340 Me­cken­heim -
ge­gen a) das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 8. Sep­tem­ber 2011 - 2 AZR 543/10 -,
b) das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 1. Ju­li 2010 - 5 Sa 996/09 -,
c) das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 30. Ju­li 2009 - 6 Ca 2377/09 -
Her­manns, Müller,
Kes­sal-Wulf, König
am 22. Ok­to­ber 2014 be­schlos­sen:
1. Das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 8. Sep­tem­ber 2011 - 2 AZR 543/10 - ver­letzt die Be­schwer­deführe­rin in ih­rem Grund­recht aus Ar­ti­kel 4 Ab­satz 1 und Ab­satz 2 in Ver­bin­dung mit Ar­ti­kel 140 des Grund­ge­set­zes und Ar­ti­kel 137 Ab­satz 3 der deut­schen Ver­fas­sung vom 11. Au­gust 1919 (Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung). Das Ur­teil wird auf­ge­ho­ben. Die Sa­che wird an das Bun­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen.
2. Im Übri­gen wird die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ver­wor­fen.
3. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat der Be­schwer­deführe­rin ein Drit­tel ih­rer not­wen­di­gen Aus­la­gen zu er­stat­ten.
Ge­gen­stand der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist die Fra­ge, in wel­chem Um­fang die ar­beits­ver­trag­li­che Fest­le­gung glau­bens­be­zo­ge­ner Loya­litätser­war­tun­gen
durch ei­nen kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber und die Ge­wich­tung ei­nes durch den Ar­beit­neh­mer hier­ge­gen be­gan­ge­nen Ver­s­toßes im Rah­men ei­nes Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens der ei­genständi­gen Über­prüfung und Be­ur­tei­lung sei­tens der staat­li­chen Ge­rich­te zugäng­lich sind.
1. Die Ar­beit im so­zi­al-ka­ri­ta­ti­ven Sek­tor, vor al­lem in der Kran­ken- und Al­ten­pfle­ge, der Be­hin­der­ten­be­treu­ung so­wie der Kin­der- und Ju­gend­er­zie­hung stellt ne­ben der Verkündi­gung des Evan­ge­li­ums und der Fei­er der Eu­cha­ris­tie ei­nen Tätig­keits­schwer­punkt der christ­li­chen Kir­chen dar. Die Auf­ga­ben­wahr­neh­mung er­folgt da­bei ent­we­der un­mit­tel­bar durch kirch­li­che Un­ter­glie­de­run­gen oder durch recht­lich ver­selbständig­te Ver­ei­ni­gun­gen und Ein­rich­tun­gen, die über­wie­gend in den Wohl­fahrts­verbänden der Ca­ri­tas (römisch-ka­tho­li­sche Kir­che) und der Dia­ko­nie (evan­ge­li­sche Lan­des­kir­chen) zu­sam­men­ge­schlos­sen sind. Die Wohl­fahrts­verbände und die ein­zel­nen Träger der Ein­rich­tun­gen sind re­gelmäßig als ju­ris­ti­sche Per­so­nen des Pri­vat­rechts or­ga­ni­siert. De­ren ide­el­le und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ver­bin­dun­gen zur je­wei­li­gen Kir­che wer­den meist durch Sat­zungs­be­stim­mun­gen ge­re­gelt, die die in­halt­li­che und per­so­nel­le Aus­rich­tung auf die ver­fass­te Kir­che fest­le­gen.
Seit den fünf­zi­ger Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts ist die Zahl der kirch­li­chen Ar­beit­neh­mer sprung­haft an­ge­wach­sen. Ur­sa­chen die­ser Ent­wick­lung sind zum ei­nen die ge­sell­schaft­lich be­ding­te Aus­wei­tung kirch­lich ge­tra­ge­ner Tätig­kei­ten, vor al­lem im Be­reich der Wohl­fahrts­pfle­ge, die ei­ne zu­neh­men­de Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Mit­ar­bei­ter er­for­der­te, zum an­de­ren die kon­ti­nu­ier­lich ab­neh­men­de Zahl der An­gehöri­gen von Or­den und ähn­li­chen Ge­mein­schaf­ten, die früher zahl­rei­che So­zi­al- und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen be­trie­ben hat­ten (vgl. Isen­see, in: Listl/Pir­son, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, Bd. 2, 2. Aufl. 1995, § 59, S. 665 <672 f.>). Auf­grund die­ser Ent­wick­lung er­wies es sich für die Kir­chen als un­aus­weich­lich, in großem Um­fang auch fremd­kon­fes­sio­nel­le und nicht­christ­li­che Ar­beit­neh­mer in den kirch­li­chen Dienst ein­zu­be­zie­hen, um den stei­gen­den Be­darf an qua­li­fi­zier­ten Ar­beits­kräften zu de­cken.
2. Der Ge­samt­heit des kirch­li­chen Diens­tes liegt nach dem Selbst­verständ­nis der christ­li­chen Kir­chen das Leit­bild der Dienst­ge­mein­schaft zu­grun­de (vgl. hier­zu be­reits: BVerfGE 53, 366 <403 f.>; 70, 138 <165>). Es be­schreibt die kir­chen­spe­zi­fi­sche Be­son­der­heit ih­res Diens­tes, die sich auf ein Ge­mein­schafts­verhält­nis zwi­schen kirch­li­chem Ar­beit­ge­ber und kirch­li­chem Ar­beit­neh­mer be­zieht und auf
die re­li­giöse Bin­dung des Auf­trags kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen ge­rich­tet ist. Grund­ge­dan­ke der Dienst­ge­mein­schaft ist die ge­mein­sam ge­tra­ge­ne Ver­ant­wor­tung al­ler im kirch­li­chen Dienst Täti­gen - sei es als Ar­beit­ge­ber oder Ar­beit­neh­mer, lei­tend oder un­ter­ge­ord­net, verkündi­gungs­nah oder un­terstützend - für den Auf­trag der Kir­che (vgl. Keßler, in: Fest­schrift für Wolf­gang Git­ter, 1995, S. 461 <465>).
Nach dem Selbst­verständ­nis der Kir­chen er­for­dert der Dienst am Herrn die Verkündi­gung des Evan­ge­li­ums (Zeug­nis), den Got­tes­dienst (Fei­er) und den aus dem Glau­ben er­wach­sen­den Dienst am Mit­men­schen (Nächs­ten­lie­be). Wer in Ein­rich­tun­gen tätig wird, die der Erfüllung ei­nes oder meh­re­rer die­ser christ­li­chen Grund­diens­te zu die­nen be­stimmt sind, trägt dem­nach da­zu bei, dass die­se Ein­rich­tun­gen ih­ren Teil am Heils­werk Je­su Chris­ti leis­ten und da­mit den Sen­dungs­auf­trag sei­ner Kir­che erfüllen können (vgl. Ri­char­di, Ar­beits­recht in der Kir­che, 6. Aufl. 2012, § 4 Rn. 10; Zwei­tes Va­ti­ka­ni­sches Kon­zil, Apos­to­li­cam Ac­tuo­si­ta­tem <„De­kret über das Lai­en­a­pos­to­lat“>, Art. 2, zum römisch-ka­tho­li­schen Verständ­nis).
3. Zum Schutz der In­te­grität der Dienst­ge­mein­schaft und zur Wah­rung der Glaubwürdig­keit der Kir­che und ih­rer Verkündi­gung in der Öffent­lich­keit neh­men kirch­li­che Ar­beit­ge­ber für sich in An­spruch, ar­beits­ver­trag­lich ge­genüber ih­ren Ar­beit­neh­mern be­son­de­re Loya­litätser­war­tun­gen ein­zu­for­dern, um die Be­ach­tung der tra­gen­den Grundsätze ih­rer je­wei­li­gen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re zu gewähr­leis­ten.
a) Die­se so­ge­nann­ten Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten be­gründen nicht ver­trag­li­che Ne­ben­pflich­ten in Be­zug auf die Er­brin­gung der rechts­geschäft­lich zu­ge­sag­ten Dienst­leis­tung, son­dern be­tref­fen all­ge­mein das - auch außer­dienst­li­che - Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers (vgl. Ri­char­di, Ar­beits­recht in der Kir­che, 6. Aufl. 2012, § 6 Rn. 24, m.w.N.). Ih­nen fehlt re­gelmäßig die „Qua­lität er­zwing­ba­rer Rechts­pflich­ten“ (BVerfGE 70, 138 <141>). Ih­re Miss­ach­tung durch den Ar­beit­neh­mer führt je­doch un­ter Umständen da­zu, dass die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit dem il­loya­len Mit­ar­bei­ter für den kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber un­zu­mut­bar wird und ihn zur Kündi­gung be­rech­tigt.
b) In­halt und Um­fang der ar­beits­recht­li­chen Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten können sich über die ge­setz­li­chen Kündi­gungs­vor­schrif­ten auf den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses aus­wir­ken. Im Fal­le der Ver­let­zung ei­ner Loya­litätsob­lie­gen­heit kommt so­wohl ei­ne or­dent­li­che (§ 1 Abs. 1 KSchG) als auch ei­ne außer­or­dent­li­che
(§ 626 Abs. 1 BGB) Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in Be­tracht. Ab Mit­te der 1970er Jah­re ent­wi­ckel­te sich un­ter suk­zes­si­ver Auf­ga­be frühe­rer Ansätze in der Recht­spre­chung (vgl. BA­GE 2, 279 ff.) ei­ne neue höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, nach der die Fest­le­gung be­son­de­rer Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten nur noch für sol­che kirch­li­chen Ar­beit­neh­mer möglich sein soll­te, de­ren Tätig­keit in un­mit­tel­ba­rem Zu­sam­men­hang mit dem kirch­li­chen Verkündi­gungs­auf­trag stand (vgl. BAG, Ur­teil vom 25. April 1978 - 1 AZR 70/76 -, ju­ris, Rn. 33; Ur­teil vom 4. März 1980 - 1 AZR 125/78 -, ju­ris, Rn. 26; Ur­teil vom 14. Ok­to­ber 1980 - 1 AZR 1274/79 -, ju­ris, Rn. 43 ff.; Ur­teil vom 21. Ok­to­ber 1982 - 2 AZR 591/80 -, ju­ris, Rn. 36 f.; Ur­teil vom 23. März 1984 - 7 AZR 249/81 -, ju­ris, Rn. 39; Ur­teil vom 31. Ok­to­ber 1984 - 7 AZR 232/83 -, ju­ris, Rn. 32). Die Fest­stel­lung, ob ei­ne sol­che „kir­chen­spe­zi­fi­sche“ Tätig­keit im kon­kre­ten Ein­zel­fall vor­lag, soll­te hier­bei - in An­leh­nung an die Recht­spre­chung zur Kündi­gung von Ten­denzträgern in Ten­denz­be­trie­ben - der voll­umfäng­li­chen Über­prüfung durch die staat­li­chen Ar­beits­ge­rich­te un­ter­lie­gen (vgl. nur: BAG, Ur­teil vom 14. Ok­to­ber 1980 - 1 AZR 1274/79 -, ju­ris, Rn. 45; Ur­teil vom 21. Ok­to­ber 1982 - 2 AZR 591/80 -, ju­ris, Rn. 36 f.).
c) Der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat durch Be­schluss vom 4. Ju­ni 1985 (BVerfGE 70, 138 ff.) fest­ge­stellt, dass die­se ar­beits­ge­richt­li­che Recht­spre­chung ge­gen das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht (Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 WRV) verstößt und den ver­fass­ten Kir­chen grundsätz­lich die ver­bind­li­che Ent­schei­dung darüber zu­ge­spro­chen, was „die Glaubwürdig­keit der Kir­che und ih­rer Verkündi­gung er­for­dert“, was „spe­zi­fisch kirch­li­che Auf­ga­ben“ sind, was „Nähe“ zu ih­nen be­deu­tet, wel­ches die „we­sent­li­chen Grundsätze der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re“ sind und was als - ge­ge­be­nen­falls schwe­rer - Ver­s­toß ge­gen die­se an­zu­se­hen ist. An die­se Einschätzung sei­en die Ar­beits­ge­rich­te ge­bun­den, es sei denn, sie begäben sich da­durch in Wi­der­spruch „zu Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung“ (so BVerfGE 70, 138 <168>; vgl. auch: BVerfG, Be­schluss der 1. Kam­mer des Ers­ten Se­nats vom 31. Ja­nu­ar 2001 - 1 BvR 619/92 -, ju­ris; Be­schluss der 2. Kam­mer des Ers­ten Se­nats vom 7. März 2002 - 1 BvR 1962/01 -, ju­ris).
d) Für die römisch-ka­tho­li­sche Kir­che ver­ab­schie­de­te die Ge­samt­heit der deut­schen (Erz-)Bischöfe am 22. Sep­tem­ber 1993 ei­ne Fort­schrei­bung der „Erklärung der deut­schen Bischöfe zum kirch­li­chen Dienst“ (nach­fol­gend: Erklärung) so­wie die „Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se“ (nach­fol­gend: Grund­ord­nung, GrO), durch die in Ausübung des
kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts die ver­fas­sungs­ge­richt­lich an­er­kann­ten Freiräume durch ei­ne ei­ge­ne kir­chen­recht­li­che Re­ge­lung in ei­ner zu­gleich rechts- und so­zi­al­staat­li­chen An­for­de­run­gen genügen­den Wei­se aus­gefüllt wer­den soll­ten (vgl. Dütz, NJW 1994, ,S. 1369 <1369>). Aus­ge­hend vom Leit­bild der christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft setzt die Grund­ord­nung die grund­le­gen­den Aus­sa­gen der Erklärung zur Ei­gen­art des kirch­li­chen Diens­tes, zu den An­for­de­run­gen an Träger und Lei­tung kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen so­wie an die Mit­ar­bei­ter, zur Ko­ali­ti­ons­frei­heit und zum be­son­de­ren Re­ge­lungs­ver­fah­ren zur Be­tei­li­gung der Mit­ar­bei­ter an der Ge­stal­tung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se (so­ge­nann­ter Drit­ter Weg) so­wie zum ge­richt­li­chen Rechts­schutz nor­ma­tiv um.
Die we­sent­li­chen Vor­schrif­ten der Grund­ord­nung be­tref­fend die Auf­er­le­gung von Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten und die ar­beits­recht­li­che Ahn­dung von Verstößen hier­ge­gen lau­ten:
Art. 3. Be­gründung des Ar­beits­verhält­nis­ses
(1) Der kirch­li­che Dienst­ge­ber muss bei der Ein­stel­lung dar­auf ach­ten, dass ei­ne Mit­ar­bei­te­rin und ein Mit­ar­bei­ter die Ei­gen­art des kirch­li­chen Diens­tes be­ja­hen. Er muss auch prüfen, ob die Be­wer­be­rin und der Be­wer­ber ge­eig­net und befähigt sind, die vor­ge­se­he­ne Auf­ga­be so zu erfüllen, dass sie der Stel­lung der Ein­rich­tung in der Kir­che und der über­tra­ge­nen Funk­ti­on ge­recht wer­den.
(5) Der kirch­li­che Dienst­ge­ber hat vor Ab­schluss des Ar­beits­ver­tra­ges durch Be­fra­gung und Aufklärung der Be­wer­be­rin­nen und Be­wer­ber si­cher­zu­stel­len, dass sie die für sie nach dem Ar­beits­ver­trag gel­ten­den Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten (Art. 4) erfüllen.
Art. 4. Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten
(1) Von den ka­tho­li­schen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern wird er-war­tet, dass sie die Grundsätze der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re an­er­ken­nen und be­ach­ten. Ins­be­son­de­re im pas­to­ra­len, ka­te­che­ti­schen und er­zie­he­ri­schen Dienst so­wie bei Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern, die auf­grund ei­ner Mis­sio ca­no­ni­ca tätig sind, ist das persönli­che Le­bens­zeug­nis im Sin­ne der Grundsätze der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re er­for­der­lich. Dies gilt auch für lei­ten­de Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter.
Art. 5. Verstöße ge­gen Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten
- Hand­lun­gen, die kir­chen­recht­lich als ein­deu­ti­ge Dis­tan­zie­run­gen von der ka­tho­li­schen Kir­che an­zu­se­hen sind, vor al­lem Ab­fall vom Glau­ben (Apost­asie oder Häre­sie gemäß Can. 1364 § 1 iVm. Can. 751 CIC), Ver­un­eh­rung der hei­li­gen Eu­cha­ris­tie (Can. 1367 CIC), öffent­li­che Got­tesläste­rung und Her­vor­ru­fen von Haß und Ver­ach­tung ge­gen Re­li­gi­on und Kir­che (Can. 1369 CIC), Straf­ta­ten ge­gen die kirch­li­chen Au­to­ritäten und die Frei­heit der Kir­che (ins­be­son­de­re gemäß den Can. 1373, 1374 CIC).
(5) (...) Im Fall des Ab­schlus­ses ei­ner nach dem Glau­bens­verständ­nis und der Rechts­ord­nung der Kir­che ungülti­gen Ehe schei­det ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung je­den­falls dann aus, wenn sie un­ter öffent­li­ches Ärger­nis er­re­gen­den oder die Glaubwürdig­keit der Kir­che be­ein­träch­ti­gen­den Umständen ge­schlos­sen wird (z. B. nach böswil­li­gem Ver­las­sen von Ehe­part­ner und Kin­dern).
e) Ver­gleich­ba­re Re­ge­lun­gen exis­tie­ren in den meis­ten evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen. Der Rat der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land (EKD) hat nach dem Vor­bild der Grund­ord­nung die „Richt­li­nie über die An­for­de­run­gen der pri­vat­recht­li­chen be­ruf­li­chen Mit­ar­beit in der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land und des Dia­ko­ni­schen Wer­kes der EKD“ vom 1. Ju­li 2005 er­las­sen.
1. Die Be­schwer­deführe­rin ist kirch­li­che Träge­rin des ka­tho­li­schen V.- 13 Kran­ken­hau­ses in D. Seit dem 1. Ja­nu­ar 2000 beschäftigt sie dort den ka­tho­li­schen Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens (nach­fol­gend: Kläger) als Chef­arzt der Ab­tei­lung . Des­sen durch­schnitt­li­ches Brut­to­ge­halt be­trug zum Zeit­punkt der Kündi­gungs­erklärung Eu­ro mo­nat­lich.
a) Der Dienst­ver­trag vom 12. Ok­to­ber 1999 be­tont in sei­ner Präam­bel die 14 nach ka­tho­li­schem Verständ­nis zwi­schen al­len in ei­ner kirch­li­chen Ein­rich­tung Täti­gen be­ste­hen­de Dienst­ge­mein­schaft, die von den Grundsätzen der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re ge­tra­gen wer­den soll und ver­weist zur Aus­ge­stal­tung des­sen auf die Grund­ord­nung so­wie wei­te­re außer­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen:
Das V.-Kran­ken­haus ist ein ka­tho­li­sches Kran­ken­haus.
In An­er­ken­nung die­ser Grund­la­ge und un­ter Zu­grun­de­le­gung der vom Erz­bi­schof von Köln er­las­se­nen Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se vom 22.09.93 (Amts­blatt des Erz­bis­tums Köln, S. 222), der Grund­ord­nung für ka­tho­li­sche Kran­kenhäuser in Nord­rhein-West­fa­len vom 05.11.96 (Amts­blatt des Erz­bis­tums Köln, S. 321), der Sat­zung des Kran­ken­hau­ses und dem Or­ga­ni­sa­ti­ons­sta­tut in den je­weils gel­ten­den Fas­sun­gen wird fol­gen­des ver­ein­bart: (...)
b) § 10 des Dienst­ver­tra­ges enthält nähe­re Be­stim­mun­gen über die Dau­er und 15 Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses:
§ 10 Ver­trags­dau­er
(4) Das Recht zur Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund nach § 626 BGB bleibt un­berührt. Als wich­ti­ge Gründe zählen u. a. ins­be­son­de­re:
c) In der Präam­bel des Dienst­ver­tra­ges wird auf die Grund­ord­nung für ka­tho­li­sche Kran­kenhäuser in Nord­rhein-West­fa­len vom 5. No­vem­ber 1996 in der Fas­sung vom 27. März 2001 Be­zug ge­nom­men. Die­se be­stimmt in Buch­sta­be A Zif­fer 6 Satz 2 die Dienst­stel­lung als Ab­tei­lungs­arzt als lei­ten­de Auf­ga­be im Sin­ne der Grund­ord­nung:
A. Zu­ord­nung zur Kir­che
6. Für den Träger ist die auf der Grund­la­ge der Erklärung der deut­schen Bischöfe zum kirch­li­chen Dienst er­las­se­ne „Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se vom 22. Sep­tem­ber 1993" nebst Ände­run­gen und Ergänzun­gen ver­bind­lich. Als lei­tend täti­ge Mit­ar­bei­ter im Sin­ne der ge­nann­ten Grund­ord­nung gel­ten die Mit­glie­der der Kran­ken­haus­be­triebs­lei­tung und die Ab­tei­lungsärz­te. (...)
2. a) Zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses und zu Be­ginn des Dienst­verhält­nis­ses war der Kläger nach ka­tho­li­schem Ri­tus in ers­ter Ehe ver­hei­ra­tet. En­de 2005 trenn­ten sich die Ehe­part­ner. Zwi­schen 2006 und 2008 leb­te der Kläger mit ei­ner neu­en Le­bens­gefähr­tin zu­sam­men. Nach den späte­ren Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts war die­ses ehe­lo­se Zu­sam­men­le­ben dem da­ma­li­gen Geschäftsführer der Be­schwer­deführe­rin spätes­tens seit Herbst 2006 be­kannt. An-fang 2008 wur­de die ers­te Ehe des Klägers nach staat­li­chem Recht ge­schie­den.
b) Im Au­gust 2008 hei­ra­te­te der Kläger sei­ne Le­bens­gefähr­tin stan­des­amt­lich. Hier­von er­fuhr die Be­schwer­deführe­rin im No­vem­ber 2008. Ei­ne kir­chen­recht­li­che An­nul­lie­rung der ers­ten Ehe war bis zu die­sem Zeit­punkt nicht aus­ge­spro­chen wor­den.
c) In der Fol­ge­zeit fan­den zwi­schen der Be­schwer­deführe­rin und dem Kläger meh­re­re Gespräche über die Aus­wir­kun­gen sei­ner zwei­ten Hei­rat auf den Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses statt. Hier­bei teil­te der Kläger der Be­schwer­deführe­rin mit, dass er ein kir­chen­ge­richt­li­ches Ver­fah­ren zur An­nul­lie­rung sei­ner ers­ten Ehe be­an­tragt ha­be. Er be­ab­sich­ti­ge nicht, die ehe­li­che Ge­mein­schaft mit sei­ner ers­ten Ehe­frau wie­der­her­zu­stel­len. Nach Anhörung der be­ste­hen­den Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung kündig­te die Be­schwer­deführe­rin das Ar­beits­verhält­nis im März 2009 or­dent­lich mit Wir­kung zum 30. Sep­tem­ber 2009.
3. Hier­ge­gen er­hob der Kläger Kündi­gungs­schutz­kla­ge zum Ar­beits­ge­richt D. Mit Ur­teil vom 30. Ju­li 2009 - 6 Ca 2377/09 - stell­te das Ar­beits­ge­richt fest, dass das Ar­beits­verhält­nis nicht durch die Kündi­gung auf­gelöst wor­den sei und ver­ur­teil­te die Be­schwer­deführe­rin zur Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers.
Das Ar­beits­ge­richt ver­trat die Auf­fas­sung, dass bis zum Ab­schluss des schwe­ben­den An­nul­lie­rungs­ver­fah­rens vor der kirch­li­chen Ge­richts­bar­keit nicht fest­ste­he, ob dem Kläger durch die Ehe­sch­ließung ein schwer­wie­gen­der Loya­litäts­ver­s­toß vor­zu­wer­fen sei. Zwar ha­be der Kläger un­strei­tig das Ver­bot der neu­en Ehe während ei­nes schwe­ben­den An­nul­lie­rungs­ver­fah­rens (Can. 1085 § 2 CIC) miss­ach­tet. Ein Ver­s­toß ge­gen die­se - nach Auf­fas­sung des Ge­richts als bloße Ord­nungs­vor­schrift zu qua­li­fi­zie­ren­de - Vor­ga­be sei je­doch in der Grund­ord­nung nicht als schwer­wie­gen­der Loya­litäts­ver­s­toß ge­nannt und da­mit un­ge­eig­net, ei­nen Grund für die ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung dar­zu­stel­len. In An­be­tracht des­sen sei die Kündi­gung auch als un­verhält­nismäßig an­zu­se­hen. Es sei der Be­schwer­deführe­rin zu­zu­mu­ten ge­we­sen, die Ent­schei­dung über das An­nul­lie­rungs­ver­fah­ren vor Aus­spruch der Kündi­gung ab­zu­war­ten.
4. Die hier­ge­gen von der Be­schwer­deführe­rin ein­ge­leg­te Be­ru­fung wur­de durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt D. mit Ur­teil vom 1. Ju­li 2010 - 5 Sa 996/09 - zurück­ge­wie­sen.
a) Das Ge­richt nahm zwar an, dass das Ver­hal­ten des Klägers grundsätz­lich ei­nen ge­eig­ne­ten Kündi­gungs­grund dar­stel­le. Ins­be­son­de­re könne sich die­ser ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts nicht auf das schwe­ben­de An­nul­lie­rungs­ver­fah­ren be­ru­fen. Auch ein Ver­s­toß ge­gen Can. 1085 § 2 CIC sei ge­ne­rell ge­eig­net, die Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu recht­fer­ti­gen.
b) Al­ler­dings fal­le die im Rah­men des § 1 Abs. 2 KSchG ge­bo­te­ne In­ter­es­sen­abwägung zu Las­ten der Be­schwer­deführe­rin aus. Die­se ha­be den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht aus­rei­chend be­ach­tet und den Kläger hier­durch in un­zulässi­ger Wei­se be­nach­tei­ligt. Nach den Fest­stel­lun­gen der Kam­mer ha­be die Be­schwer­deführe­rin in der Ver­gan­gen­heit zu­min­dest zwei ge­schie­de­nen Chefärz­ten ka­tho­li­scher Kon­fes­si­on nach Wie­der­ver­hei­ra­tung nicht gekündigt. Da­bei sei es un­be­acht­lich, dass ei­ner der Fälle be­reits 30 Jah­re zurück­lie­ge und in dem an­de­ren Fall die Kündi­gung nur un­ter­blie­ben sei, weil die zwei­te Ehe des Ar­beit­neh­mers erst ei­nen Mo­nat vor des­sen al­ters­be­ding­tem Aus­schei­den aus dem Dienst be­kannt ge­wor­den sei. Das Ver­hal­ten der Be­schwer­deführe­rin zei­ge je­den­falls, dass sie in der Ver­gan­gen­heit of­fen­bar be­reit ge­we­sen sei, ver­gleich­ba­re Verstöße un­ter be­stimm­ten Umständen zu to­le­rie­ren.
c) Zu­dem ha­be die Be­schwer­deführe­rin ihr Kündi­gungs­recht ver­wirkt. Es sei ihr ver­wehrt, sich auf den Kündi­gungs­grund der ungülti­gen zwei­ten Ehe zu be­ru­fen, da sie jah­re­lang den gleich­wer­ti­gen Kündi­gungs­grund des „Le­bens in eheähn­li­cher Ge­mein­schaft“ ak­zep­tiert oder zu­min­dest to­le­riert ha­be. Der Kläger ha­be in An­be­tracht der Untätig­keit der Be­schwer­deführe­rin über ei­nen Zeit­raum von mehr als drei Jah­ren dar­auf ver­trau­en können, dass sein pri­va­tes Ver­hal­ten zu kei­ner­lei ar­beits­recht­li­chen Sank­tio­nen mehr führen und die Be­schwer­deführe­rin auf ei­nen gleich­wer­ti­gen Loya­litäts­ver­s­toß („ungülti­ge Ehe“) eben­falls nicht mit ei­ner Kündi­gung re­agie­ren wer­de.
5. Die Re­vi­si­on der Be­schwer­deführe­rin zum Bun­des­ar­beits­ge­richt wies die­ses durch Ur­teil vom 8. Sep­tem­ber 2011 - 2 AZR 543/10 - zurück.
a) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers dürf­te das Kündi­gungs­recht der Be­schwer­deführe­rin nicht ver­wirkt sein, da ei­ne Kündi­gung mit „il­loya­ler“ Ver­spätung nicht vor­lie­ge. Die Be­schwer­deführe­rin ha­be nach Kennt­nis von der Wie­der­ver­hei­ra­tung noch das in der Grund­ord­nung vor­ge­se­he­ne Be­ra­tungs­gespräch mit dem Kläger durchführen und ver­schie­de­ne Gre­mi­en (Auf­sichts­rat, Ge­ne­ral­vi­ka­ri­at) be­tei­li­gen müssen. Es sei nicht zu be­an­stan­den, dass sie an­ge­sichts der weit­rei­chen­den Fol­gen da­bei um­sich­tig und oh­ne Hast vor­ge­gan­gen sei. Letzt­lich kom­me es auf ei­ne et­wai­ge Ver­wir­kung des Kündi­gungs­rechts in­des nicht an. Die Kündi­gung sei so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt im Sin­ne von § 1 Abs. 2 Satz 1 KSchG.
b) Der Kläger ha­be al­ler­dings durch die Wie­der­ver­hei­ra­tung ge­gen sei­ne Loya­litätsob­lie­gen­heit aus dem Ar­beits­ver­trag (§ 10 Abs. 4 Nr. 2) und ge­gen die dar­in in Be­zug ge­nom­me­ne Grund­ord­nung (Art. 5 Abs. 2 GrO) ver­s­toßen.
Das Ver­lan­gen der Be­schwer­deführe­rin nach Ein­hal­tung der Vor­schrif­ten der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re ste­he im Ein­klang mit den ver­fas­sung­recht­li­chen Vor­ga­ben. Zwar könne sich der Kläger auf das Recht auf freie Ent­fal­tung sei­ner Persönlich­keit (Art. 2 Abs. 1 GG) so­wie auf den Schutz der Ehe (Art. 6 Abs. 1 GG) be­ru­fen, die auch die Frei­heit um­fass­ten, ei­ne zwei­te Ehe nach staat­li­chem Recht ein­zu­ge­hen. Da­bei ste­he die pri­va­te Le­bens­ge­stal­tung in der Re­gel außer­halb der Ein­fluss­sphäre des Ar­beit­ge­bers und wer­de durch ar­beits­ver­trag­li­che Pflich­ten nur in­so­weit ein­ge­schränkt, wie sich das pri­va­te Ver­hal­ten auf den be­trieb­li­chen Be­reich aus­wir­ke und dort zu Störun­gen führe. Die­se Grund­rech­te könn­ten je­doch zu Guns­ten des eben­falls ver­fas­sungs­recht­lich verbürg­ten kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts (Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV) ein­ge­schränkt wer­den, auf das sich die Be­schwer­deführe­rin als der Kir­che zu­ge­ord­ne­te ka­ri­ta­ti­ve Ein­rich­tung be­ru­fen könne. Die Fest­le­gung be­stimm­ter Loya­litätsan­for­de­run­gen in ei­nem Ar­beits­ver­trag durch den kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber stel­le ei­ne Ausübung des „ver­fas­sungs­kräfti­gen“ Selbst­be­stim­mungs­rechts dar. Die Fra­ge, wel­che kirch­li­chen Grund­ver­pflich­tun­gen als Ge­gen­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses be­deut­sam sein können, rich­te sich nach den von der ver­fass­ten Kir­che an­er­kann­ten Maßstäben, die ver­bind­lich be­stim­men könn­ten, wel­che Schwe­re ein­zel­nen Loya­litäts­verstößen zu­kom­me und ob in­ner­halb der im kirch­li­chen Dienst täti­gen Mit­ar­bei­ter ei­ne Ab­stu­fung der Loya­litätsan­for­de­run­gen statt­fin­de. Die Ar­beits­ge­rich­te hätten die vor­ge­ge­be­nen kirch­li­chen Maßstäbe für die Be­wer­tung ein­zel­ner Loya­litätsan­for­de­run­gen zu­grun­de zu le­gen, so­weit die Ver­fas­sung das Recht der Kir­che an­er­ken­ne, hierüber selbst zu be­fin­den.
Durch die Ein­ge­hung sei­ner zwei­ten Ehe ha­be der Kläger den Grund­satz der Un­auflöslich­keit der Ehe ver­letzt. Die­ser zähle zu den we­sent­li­chen Grundsätzen der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re. Für „lei­tend täti­ge“ Mit­ar­bei­ter schei­de nach der maßgeb­li­chen kirch­li­chen Vor­ga­be (Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GrO) ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung in die­sem Fal­le aus.
c) Die nach § 1 Abs. 2 KSchG ge­bo­te­ne Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen führe je­doch zu dem Er­geb­nis, dass der Be­schwer­deführe­rin die Fortführung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­mut­bar sei.
aa) Zu ih­ren Guns­ten wie­ge die un­ver­kenn­ba­re Schwe­re des Loya­litäts­ver­s­toßes. Die Be­schwer­deführe­rin ha­be als ka­tho­li­sche Ein­rich­tung das vom Grund­ge­setz gestütz­te Recht, auch als sol­che zu wir­ken und in Er­schei­nung zu tre­ten. Sie ver­ste­he ihr ka­ri­ta­ti­ves Tun im Sin­ne der Erfüllung ei­nes re­li­giösen Auf­tra­ges. Nach der ka­tho­li­schen Sit­ten­leh­re sei die Un­auflöslich­keit der Ehe Teil der um­fas­sen­den, nicht verfügba­ren und ein­heit­li­chen Auf­fas­sung vom Men­schen als Geschöpf Got­tes. Dass sich Men­schen auf­grund ei­ner sie ver­bin­den­den re­li­giösen Auf­fas­sung zu­sam­menfänden und ih­re An­ge­le­gen­hei­ten nach Maßstäben ord­nen könn­ten, die nicht vom Staat oder der je­weils herr­schen­den öffent­li­chen Mei­nung über die Na­tur des Men­schen kor­ri­giert wer­den dürf­ten, wer­de auch durch Art. 9 und 11 EM­RK geschützt.
bb) In sei­nem Ge­wicht ent­schei­dend ge­schwächt wer­de das In­ter­es­se der Be­schwer­deführe­rin an der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses je­doch durch drei Umstände, aus de­nen her­vor­ge­he, dass sie selbst die Auf­fas­sung ver­tre­te, ei­ner aus­nahms­lo­sen Durch­set­zung ih­rer sitt­li­chen Ansprüche zur Wah­rung ih­rer Glaubwürdig­keit nicht im­mer zu bedürfen.
(1) So könne die Be­schwer­deführe­rin ers­tens nach Art. 3 Abs. 2 GrO auch nicht­ka­tho­li­sche Per­so­nen mit lei­ten­den Tätig­kei­ten be­trau­en. Die Be­schwer­deführe­rin sei in­so­fern durch die Grund­ord­nung nicht ge­zwun­gen, ihr „Wohl und We­he“ be­din­gungs­los mit dem Le­bens­zeug­nis ih­rer lei­ten­den Mit­ar­bei­ter für die ka­tho­li­sche Sit­ten­leh­re zu ver­knüpfen.
(2) Durch die­se Rechts­la­ge sei es zwei­tens auch zu erklären, dass die Be­schwer­deführe­rin mehr­fach Chefärz­te beschäftigt ha­be be­zie­hungs­wei­se noch beschäfti­ge, die als Ge­schie­de­ne er­neut ge­hei­ra­tet hätten. Es han­de­le sich hier­bei über­wie­gend um nicht­ka­tho­li­sche Ar­beit­neh­mer und ka­tho­li­sche Ar­beit­neh­mer in be­son­de­ren Le­bens­la­gen, de­nen ge­genüber sie von vorn­her­ein nicht die stren­ge Be­fol­gung der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re ver­lan­ge. Hier­in lie­ge zwar - in Ab­wei­chung von der Einschätzung des Lan­des­ar­beits­ge­richts - kein Ver­s­toß ge­gen den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz. An­de­rer­seits wer­de hier­durch aber deut­lich, dass die Be­schwer­deführe­rin das Ethos ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on durch ei­ne dif­fe­ren­zier­te Hand­ha­bung bei der An­wen­dung und Durch­set­zung ih­res le­gi­ti­men Loya­litäts­bedürf­nis­ses selbst nicht zwin­gend gefähr­det se­he.
(3) Drit­tens ha­be die Be­schwer­deführe­rin nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts den nach dem Ver­trag der Par­tei­en der Wie­der­ver­hei­ra­tung
gleich­wer­ti­gen Ver­s­toß des ehe­lo­sen Zu­sam­men­le­bens des Klägers seit Herbst 2006 ge­kannt und hin­ge­nom­men. Dies zei­ge, dass sie selbst ih­re mo­ra­li­sche Glaubwürdig­keit nicht aus­nahms­los bei je­dem Loya­litäts­ver­s­toß als erschüttert be­trach­te.
cc) Je­den­falls sei der Be­schwer­deführe­rin die Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers dann zu­mut­bar, wenn des­sen Be­lan­ge ge­gen die ih­ren ab­ge­wo­gen würden. Zu­guns­ten des Klägers fal­le sein durch Art. 8 und 12 EM­RK geschütz­ter Wunsch in die Waag­scha­le, in ei­ner bürger­li­chen Ehe mit sei­ner jet­zi­gen Frau zu le­ben. Frei­lich ha­be der Kläger als Ka­tho­lik durch den Ver­trags­schluss mit der Be­schwer­deführe­rin in die Ein­schränkung sei­nes Rechts auf Ach­tung des Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens ein­ge­wil­ligt; die Nich­terfüllung sei­ner re­li­giösen Pflich­ten ge­sche­he je­doch nicht aus ei­ner ab­leh­nen­den oder gleichgülti­gen Hal­tung her­aus. Der Kläger ha­be sei­ne ethi­schen Pflich­ten nicht in Ab­re­de ge­stellt und sich zu kei­nem Zeit­punkt ge­gen die kirch­li­che Sit­ten­leh­re aus­ge­spro­chen oder ih­re Gel­tung oder Zweckmäßig­keit in Zwei­fel ge­zo­gen. Im Ge­gen­teil ver­su­che er, den ihm nach ka­no­ni­schem Recht ver­blie­be­nen Weg zur kir­chen­recht­li­chen Le­ga­li­sie­rung sei­ner Ehe zu be­schrei­ten.
Mit ih­rer Ver­fas­sungs­be­schwer­de rügt die Be­schwer­deführe­rin Ver­let­zun­gen von Art. 4 Abs. 2 GG und Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV.
1. Die Ar­beits­ge­rich­te hätten in ih­ren Ent­schei­dun­gen die Trag­wei­te des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts und des Rechts auf freie Re­li­gi­ons­ausübung ver­kannt.
a) Nach den Grundsätzen des deut­schen Re­li­gi­ons­ver­fas­sungs- und Staats­kir­chen­rechts dürf­ten staat­li­che Ge­rich­te nicht be­wer­ten, ob ein be­stimm­tes Ver­hal­ten tatsächlich von der je­wei­li­gen Re­li­gi­on ge­for­dert wer­de oder nicht. Al­lein die Kir­chen selbst könn­ten be­stim­men, was die je­wei­li­ge Glau­bensüber­zeu­gung ge­bie­te. Um­ge­kehrt dürfe dies von ei­nem staat­li­chen Ge­richt auch nicht ver­langt wer­den, da es an­de­ren­falls sei­ne re­li­giöse Neu­tra­lität, die eben­falls Ver­fas­sungs­rang ge­nieße, ver­lie­ren würde.
Ent­spre­chend sei es nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Ju­ni 1985 (BVerfGE 70, 138 ff.) nicht Sa­che der staat­li­chen Ar­beits­ge­rich­te, son­dern ob­lie­ge im Rah­men ih­res Selbst­be­stim­mungs­rechts al­lein der je­wei­li-
gen Kir­che, aus ih­ren re­li­giösen Über­zeu­gun­gen her­aus selbst fest­zu­le­gen, wel­che Loya­litätser­war­tun­gen sie an ih­re Mit­ar­bei­ter stel­le, was die Glaubwürdig­keit der Kir­che und ih­rer Verkündi­gung er­for­de­re und wel­ches Ge­wicht ein Loya­litäts-ver­s­toß ha­be. Die durch die Kir­che in­so­weit ver­bind­lich fest­ge­leg­ten Loya­litätsan­for­de­run­gen und die Ge­wich­tung von Verstößen hier­ge­gen sei­en durch die staat­li­chen Ge­rich­te nur dar­auf zu über­prüfen, ob die Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung die­sen ent­ge­genstünden. Ei­ne ei­genständi­ge Ge­wich­tung der Loya­litäts­verstöße sei ih­nen je­doch ver­wehrt. Die von den Ar­beits­ge­rich­ten vor­zu­neh­men­de Abwägung ha­be sich folg­lich auf die der Kündi­gung ent­ge­gen­ste­hen­den Be­lan­ge aus der Sphäre des je­wei­li­gen Ar­beit­neh­mers zu be­schränken.
b) Die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts wer­de die­sen An­for­de­run­gen nicht ge­recht. Das Re­vi­si­ons­ur­teil wie­ge im Rah­men der Verhält­nismäßig­keitsprüfung nicht das Selbst­be­stim­mungs­recht mit ge­genläufi­gen Rechts­po­si­tio­nen des Ar­beit­neh­mers ab, son­dern be­stim­me - ab­wei­chend von den kir­chen­recht­li­chen Maßstäben - selbst das Ge­wicht des Loya­litäts­ver­s­toßes und da­mit das Kündi­gungs­in­ter­es­se der Kir­che. Ei­ne Abwägung mit den In­ter­es­sen des Klägers fin­de nur oberflächlich am En­de des Ur­teils statt. Da­mit ver­ste­cke das Ge­richt hin­ter sei­ner Abwägungs­ent­schei­dung ei­ne ei­ge­ne Be­wer­tung kir­chen­recht­li­cher Maßstäbe, von de­nen es in­halt­lich grund­le­gend ab­wei­che.
aa) Ei­ne un­zulässi­ge Ab­wei­chung von den kir­chen­recht­li­chen Maßstäben lie­ge zunächst dar­in, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt als Aus­gangs­punkt des Abwägungs­vor­gangs dar­auf ab­stel­le, ob durch das Ver­hal­ten des Klägers die Glaubwürdig­keit der Kir­che in der Öffent­lich­keit lei­de.
Schutz­gut des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts und der Re­li­gi­ons­frei­heit sei je­doch nicht vor­ran­gig das Bild der Kir­che in der Öffent­lich­keit, son­dern die re­li­giöse Über­zeu­gung und die Frei­heit, nach die­ser zu le­ben. Das Bild der Kir­che in der Öffent­lich­keit sei hier­von nur ein un­ter­ge­ord­ne­ter Teil­as­pekt. Ent­schei­dend sei viel­mehr, ob es mit den Zie­len der Kir­che ver­ein­bar sei, wenn ein (lei­ten­der) Mit­ar­bei­ter er­kenn­bar in Wi­der­spruch zu den Über­zeu­gun­gen und Leh­ren der Kir­che le­be. Dies gefähr­de das We­sen der Dienst­ge­mein­schaft, die Grund und Gren­ze der Be­son­der­hei­ten der Zweck­be­stim­mung des kirch­li­chen Diens­tes dar­stel­le. Da­her wen­de sich die Kir­che auch un­abhängig von der Wahr­neh­mung in der Öffent­lich­keit ge­gen Loya­litäts­verstöße, weil die­se ihr Wir­ken und die In­te­grität des kirch­li­chen Diens­tes in Fra­ge stell­ten.
bb) Zu­dem sei es un­zulässig, in die Abwägung zu­guns­ten des Klägers ein­zu­stel­len, das Ge­wicht des In­ter­es­ses der Be­schwer­deführe­rin an der Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses wer­de ent­schei­dend da­durch ge­schwächt, dass sie auch Nicht­ka­tho­li­ken in lei­ten­den Po­si­tio­nen beschäfti­ge und in­so­fern of­fen­sicht­lich nicht ge­zwun­gen sei, ei­ne Führungs­funk­ti­on gleich­sam be­din­gungs­los mit dem Le­bens­zeug­nis für die ka­tho­li­sche Sit­ten­leh­re zu ver­knüpfen.
Dies ver­ken­ne die kir­chen­recht­li­chen Vor­ga­ben der Grund­ord­nung. Ob die­se sach­ge­recht sei­en, dürfe das welt­li­che Ge­richt nicht hin­ter­fra­gen. Ent­schei­dend sei al­lein, dass die Kir­che für die Mit­ar­beit an ih­rem Sen­dungs­auf­trag nur Per­so­nen zu­las­sen wol­le, die sich mit ih­ren Zie­len iden­ti­fi­zie­ren könn­ten. Die Ar­gu­men­ta­ti­on des Bun­des­ar­beits­ge­richts sei zu­dem in sich wi­dersprüchlich. Ei­ner­seits er­ken­ne es - recht­lich zu­tref­fend - an, dass die Kir­che ge­genüber nicht­ka­tho­li­schen Mit­ar­bei­tern nicht die­sel­ben Loya­litätser­war­tun­gen for­mu­lie­ren könne wie ge­genüber Ka­tho­li­ken. An­de­rer­seits schließe es aus die­ser Un­gleich­be­hand­lung, dass die römisch-ka­tho­li­sche Kir­che ih­re Grundsätze nicht mehr ernst neh­me.
cc) Eben­so sei es un­zulässig, dar­auf ab­zu­stel­len, dass die Be­schwer­deführe­rin in an­de­ren Fällen der Wie­der­ver­hei­ra­tung von (nicht­ka­tho­li­schen) Chefärz­ten nicht den Schritt der Kündi­gung ge­gan­gen sei.
Auch hier ha­be das Bun­des­ar­beits­ge­richt die in Ausübung des Selbst­be­stim­mungs­rechts in den kir­chen­ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen an­ge­leg­te Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Ka­tho­li­ken und Nicht­ka­tho­li­ken ver­kannt. Nur für den ka­tho­li­schen Mit­ar­bei­ter sei die Ehe ein Sa­kra­ment. Da­her stel­le sich bei die­sem das Ein­ge­hen ei­ner ungülti­gen Ehe als deut­lich schwe­re­rer Loya­litäts­ver­s­toß dar. In­dem das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Wie­der­ver­hei­ra­tung von ka­tho­li­schen und nicht­ka­tho­li­schen Mit­ar­bei­tern auf ei­ne Ebe­ne stel­le, re­la­ti­vie­re es die Einschätzung der Kir­che über die Schwe­re der durch den Kläger be­gan­ge­nen Pflicht­ver­let­zung.
dd) Fer­ner set­ze sich das Bun­des­ar­beits­ge­richt über kir­chen­recht­li­che Maßstäbe hin­weg, wenn es die Wie­der­hei­rat mit dem Le­ben in ei­ner nicht­ehe­li­chen Le­bens­ge­mein­schaft gleich­set­ze.
Da­mit ver­ken­ne das Bun­des­ar­beits­ge­richt, dass es sich bei der Wie­der­hei­rat um ei­ne Pflicht­ver­let­zung von be­son­ders schwer­wie­gen­der und endgülti­ger Qua­lität han­de­le, die weit über das bloße ehe­lo­se Zu­sam­men­le­ben hin­aus­ge­he. Das Kir­chen­recht un­ter­schei­de dies aus­drück­lich, in­dem Art. 5 Abs. 2 GrO nur den Ab-
schluss ei­ner nach dem Glau­bens­verständ­nis und der Rechts­ord­nung der Kir­che ungülti­gen Ehe ex­pli­zit als be­son­ders schwer­wie­gen­den Ver­s­toß und ei­genständi­gen Kündi­gungs­grund for­mu­lie­re. Zwar ent­spre­che auch die nicht­ehe­li­che Le­bens­ge­mein­schaft außer­halb ei­ner wei­ter­be­ste­hen­den gülti­gen Ehe nicht dem Ethos der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che. Durch die Wie­der­hei­rat er­rei­che der Loya­litäts­ver­s­toß je­doch ei­ne neue Qua­lität: Der Bruch mit der nach kirch­li­chem Recht wei­ter­hin gülti­gen Ehe wer­de of­fi­zi­ell do­ku­men­tiert und per­pe­tu­iert. An die­se, dem kirch­li­chen Selbst­verständ­nis ent­sprin­gen­de Un­ter­schei­dung sei auch das welt­li­che Ge­richt ge­bun­den.
ee) Sch­ließlich wer­de die Schwe­re des Loya­litäts­ver­s­toßes ent­ge­gen der An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht da­durch ge­min­dert, dass der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens sich nicht vom ka­tho­li­schen Glau­ben ab­ge­wen­det ha­be.
Auch durch die­sen Ge­sichts­punkt der Abwägungs­ent­schei­dung kor­ri­gie­re das Ge­richt die kir­chen­recht­lich zu­tref­fen­de Einschätzung, dass die Wie­der­hei­rat ei­nen schwe­ren Loya­litäts­ver­s­toß dar­stel­le, nach sei­ner ei­ge­nen Einschätzung und stel­le sich in die Po­si­ti­on der Kir­che. Hier­zu sei es nicht be­fugt. Zu­dem ver­ken­ne es, dass schon der ob­jek­ti­ve Tat­be­stand der Wie­der­hei­rat ei­nen Loya­litäts­ver­s­toß dar­stel­le, oh­ne dass es auf ei­ne in­ne­re Ab­kehr von den Wer­ten der Kir­che an­kom­me. Die­se würde, läge sie vor, so­gar ei­nen zusätz­li­chen, von der Wie­der­hei­rat un­abhängi­gen Loya­litäts­ver­s­toß dar­stel­len. Dies ma­che auch die Sys­te­ma­tik der Grund­ord­nung deut­lich, in­dem sie die Apost­asie und Häre­sie so­wie ver­schie­de­ne For­men des öffent­li­chen Ein­tre­tens ge­gen tra­gen­de Grundsätze der Kir­che als Loya­litäts­verstöße de­fi­nie­re, die al­ter­na­tiv zur Wie­der­hei­rat ei­ne Kündi­gung recht­fer­ti­gen könn­ten. Auch ha­be al­lein die Ein­lei­tung ei­nes An­nul­lie­rungs­ver­fah­rens nach kir­chen­recht­li­chen Maßstäben kei­ne recht­fer­ti­gen­de oder schuld­min­dern­de Be­deu­tung.
c) Auf die­sen Verstößen ge­gen Art. 4 Abs. 2 GG und Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV be­ru­he das Ur­teil. Je­de der durch das Ge­richt vor-ge­nom­me­nen Ge­wich­tun­gen sei schon für sich ein tra­gen­des Ele­ment der Abwägungs­ent­schei­dung; spätes­tens in der Zu­sam­men­schau sei­en sie not­wen­di­ge Be­din­gung für die Er­folg­lo­sig­keit der Re­vi­si­on der Be­schwer­deführe­rin. Dies gel­te um­so mehr, als kei­ne Abwägung im ei­gent­li­chen Sin­ne - al­so mit den In­ter­es­sen des Klägers - statt­fin­de.
2. Ei­ne an­de­re Be­wer­tung sei auch nicht vor dem Hin­ter­grund der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te ge­bo­ten.
a) Grundsätz­lich sei­en die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und die hier­zu er­gan­ge­nen Ent­schei­dun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te zwar von den na­tio­na­len Ge­rich­ten so weit wie möglich bei der Rechts­an­wen­dung zu berück­sich­ti­gen. Ei­ne sche­ma­ti­sche Par­al­le­li­sie­rung sei hin­ge­gen nicht er­for­der­lich. Ge­ra­de im Be­reich der Re­li­gi­ons­frei­heit sei bei der Re­zep­ti­on der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on in die in­ner­staat­li­che Rechts­ord­nung Au­gen­maß an­ge­bracht. Der Ge­richts­hof ha­be in sei­ner jünge­ren Recht­spre­chung wie­der­holt zu er­ken­nen ge­ge­ben, dass er be­reit sei, un­ter­schied­li­che Kon­zep­tio­nen der Mit­glied­staa­ten in Be­zug auf die Re­ge­lung des Verhält­nis­ses von Staat und Kir­che zu ak­zep­tie­ren. So ha­be der Ge­richts­hof in sei­nen Ur­tei­len vom 6. De­zem­ber 2011 (Baud­ler u.a. v. Deutsch­land) ei­nen aus­ge­prägten Schutz des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts an­er­kannt und es als mit Art. 6 EM­RK ver­ein­bar an­ge­se­hen, dass ein staat­li­cher Rechts­weg zur Über­prüfung rein in­ner­kirch­li­cher An­ge­le­gen­hei­ten in Deutsch­land nicht be­ste­he.
Zu­dem sei zu berück­sich­ti­gen, dass es sich im vor­lie­gen­den Fal­le um ein mehr­po­li­ges Grund­rechts­verhält­nis han­de­le, bei dem ein „Mehr“ an Frei­heit für ei­nen Grund­recht­sträger zu­gleich ein „We­ni­ger“ für ei­nen an­de­ren be­deu­te. Die­se Grund­rechts­kol­li­si­on wir­ke als Re­zep­ti­ons­hemm­nis, zu­mal auch die Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on selbst ei­ne Ein­schränkung des Grund­rechts­schut­zes auf Grund­la­ge ih­rer Ga­ran­ti­en ver­bie­te (Art. 53 EM­RK).
b) Aber auch die zum kirch­li­chen Ar­beits­recht er­gan­ge­ne Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te selbst er­for­de­re kei­ne Ab­kehr von den durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in der Ent­schei­dung vom 4. Ju­ni 1985 ent­wi­ckel­ten Maßstäben.
aa) In der Ent­schei­dung Obst v. Deutsch­land vom 23. Sep­tem­ber 2010 ha­be der Ge­richts­hof den An­satz des deut­schen Ar­beits­rechts ge­bil­ligt, bei der Be­wer­tung der Schwe­re des Loya­litäts­ver­s­toßes auf die Be­deu­tung ehe­li­cher Treue für die den Ar­beit­neh­mer kündi­gen­de Kir­che ab­zu­stel­len. Auch ha­be der Ge­richts­hof es als zulässig er­ach­tet, dass die Kir­chen ge­genüber ih­ren An­ge­stell­ten wei­ter­ge­hen­de Loya­litäts­pflich­ten als an­de­re Ar­beit­ge­ber de­fi­nie­ren würden.
bb) Glei­ches gel­te hin­sicht­lich der Ent­schei­dung Sie­ben­haar v. Deutsch­land vom 3. Fe­bru­ar 2011.
cc) Sch­ließlich ste­he die Ent­schei­dung Schüth v. Deutsch­land vom 23. Sep­tem­ber 2010 die­sem Maßstab nicht ent­ge­gen, wenn auch der Ge­richts­hof im kon­kre­ten Ein­zel­fall zur Kon­ven­ti­ons­wid­rig­keit der deut­schen Ge­richts­ur­tei­le ge­langt sei. Der Ge­richts­hof ha­be le­dig­lich die un­zu­rei­chen­de Abwägung der Fach­ge­rich­te mit den Rechts­po­si­tio­nen des Ar­beit­neh­mers be­an­stan­det, die tatsächlich nur oberflächlich und oh­ne in­halt­li­che Kon­kre­ti­sie­run­gen vor­ge­nom­men wor­den sei. Zu­dem sei der kon­kre­te Abwägungs­vor­gang un­zu­rei­chend dar­ge­legt wor­den. Wei­ter­ge­hen­de An­for­de­run­gen an den Abwägungs­pro­zess, et­wa ei­ne Prüfung der Verhält­nismäßig­keit der Loya­litätsan­for­de­run­gen oder gar de­ren vol­le ge­richt­li­che Kon­trol­le, sei­en durch den Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te je­doch nicht auf­ge­stellt wor­den.
1. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de wur­de dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz, dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les, dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len, der Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts, dem Kom­mis­sa­ri­at der deut­schen Bischöfe, dem Rat der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land, dem Zen­tral­rat der Ju­den in Deutsch­land K.d.ö.R., dem Mar­bur­ger Bund e.V. (Bun­des­ver­band) und dem Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens zu­ge­stellt und Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ge­ge­ben.
a) Die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts ver­tei­digt die an­ge­foch­te­ne Re­vi­si­ons­ent­schei­dung vom 8. Sep­tem­ber 2011. Der 2. Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts ha­be aus § 1 Abs. 2 KSchG in Übe­rein­stim­mung mit der ständi­gen Recht­spre­chung der übri­gen Se­na­te des Ge­richts ein zwei­stu­fi­ges Prüfpro­gramm ab­ge­lei­tet, nach dem ei­ne Kündi­gung aus in der Per­son oder im Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen­den Gründen im An­wen­dungs­be­reich des KSchG nur dann so­zi­al ge­recht­fer­tigt sei, wenn der Ar­beit­neh­mer für die ver­trag­lich ge­schul­de­te Tätig­keit un­ge­eig­net sei oder ei­ne Ver­trags­pflicht er­heb­lich ver­letzt ha­be (ers­te Stu­fe) und die Lösung des Ar­beits­verhält­nis­ses in Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags-tei­le bil­li­gens­wert und an­ge­mes­sen er­schei­ne (zwei­te Stu­fe).
Auf bei­den Stu­fen ha­be der 2. Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts in Übe­rein­stim­mung mit den ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Vor­ga­ben und un­ter Ori­en­tie­rung an der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te das
kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht an­ge­mes­sen berück­sich­tigt. Dies gel­te auch für die Abwägungs­ent­schei­dung, in die das Selbst­be­stim­mungs­recht als abwä-gungs­er­heb­li­cher Be­lang ein­ge­stellt wor­den sei. Die­se Vor­ge­hens­wei­se er­lau­be dif­fe­ren­zier­te Abwägungs­er­geb­nis­se, die im kon­kre­ten Ein­zel­fall zu Las­ten der Be­schwer­deführe­rin er­folgt sei­en. Dies zei­ge auch der Ver­gleich zur Ent­schei­dung vom 25. April 2013 (- 2 AZR 579/12 - NZA 2013, S. 1131 ff.), in der der 2. Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts im Fal­le des Kir­chen­aus­tritts fest­ge­stellt ha­be, dass die Kündi­gung ei­nes im verkündi­gungs­na­hen Be­reich ein­ge­setz­ten kirch­li­chen Ar­beit­neh­mers ge­recht­fer­tigt ge­we­sen sei. In die­sem Ein­zel­fall ha­be die Abwägung da­zu geführt, dass die Glau­bens- und Ge­wis­sens­frei­heit des kirch­li­chen Ar­beit­neh­mers so­wie des­sen Beschäfti­gungs­dau­er und Le­bens­al­ter hin­ter das Selbst­be­stim­mungs­recht des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers zurück­zu­tre­ten ha­be, weil der gekündig­te Ar­beit­neh­mer nicht nur in ein­zel­nen Punk­ten kirch­li­chen Loya­litätsan­for­de­run­gen nicht mehr ge­recht ge­wor­den sei, son­dern sich durch den Aus­tritt ins­ge­samt von der kirch­li­chen Glau­bens­ge­mein­schaft los­ge­sagt ha­be.
b) Der gemäß § 94 Abs. 3 BVerfGG am Ver­fah­ren be­tei­lig­te Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens ist der Auf­fas­sung, dass der Ver­fas­sungs­be­schwer­de kein Er­folg zu be­schei­den sei.
Es genüge zur Wah­rung der geschütz­ten Ver­fas­sungs­rechts­po­si­tio­nen des Ar­beit­neh­mers nicht, nur bei ei­nem Wi­der­spruch zu den Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung ei­ne Ein­schränkung der kirch­li­chen Au­to­no­mie zu­zu­las­sen und dem­ent­spre­chend bei der im Kündi­gungs­schutz­pro­zess vor­zu­neh­men­den Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen die au­to­nom von den Kir­chen be­stimm­te Ge­wich­tung der Loya­litäts­pflich­ten zu be­to­nen. Viel­mehr müss­ten sich die kirch­li­che Au­to­no­mie und spe­zi­ell die ih­ren Ar­beit­neh­mern ab­ver­lang­ten Loya­litäts­pflich­ten von vorn­her­ein ei­ne Kon­tras­tie­rung mit den ent­ge­gen­ste­hen­den Grund­rech­ten der kirch­li­chen Ar­beit­neh­mer ge­fal­len las­sen, die durch Ge­wich­tung der auf dem Spiel ste­hen­den Ver­fas­sungs­rechtsgüter, durch Berück­sich­ti­gung ih­rer Wech­sel­wir­kung und schließlich durch An­wen­dung des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes mit dem Ziel der Her­stel­lung prak­ti­scher Kon­kor­danz zu er­fol­gen ha­be. So­weit zur kirch­li­chen Au­to­no­mie auch die Be­fug­nis gehöre, ver­bind­lich zu be­stim­men, wel­ches die we­sent­li­chen Grundsätze der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re sei­en, was als (schwe­rer) Ver­s­toß ge­gen die­se an­zu­se­hen sei, so­wie ob und wie in­ner­halb der im kirch­li­chen Dienst täti­gen Mit­ar­bei­ter ei­ne Ab­stu­fung der Loya­litäts­pflich­ten ein­grei­fen sol­le, bedürfe dies mit Blick auf kol­li­die­ren­des Ver­fas­sungs­recht ei­ner Re­la­ti­vie­rung, wenn es - wie in die­sem Fall - nicht um Ar­beits­rechts­verhält­nis­se ge­he, die
in spe­zi­fi­scher Wei­se durch den re­li­giösen Auf­trag und Glau­ben ge­prägt sei­en. Je mehr das je­wei­li­ge Ar­beits­verhält­nis durch den re­li­giösen Auf­trag und Glau­ben ge­prägt sei und, um­ge­kehrt, je we­ni­ger sich das je­wei­li­ge Ar­beits­verhält­nis von ver­gleich­ba­ren be­ruf­li­chen Tätig­kei­ten bei nicht-kirch­li­chen Ar­beit­ge­bern un­ter­schei­de, könne sich die kirch­li­che Au­to­no­mie mehr oder we­ni­ger ge­genüber Grund­rechts­po­si­tio­nen des kirch­li­chen Ar­beit­neh­mers durch­set­zen.
Al­lein aus sei­ner lei­ten­den Stel­lung könn­ten hin­sicht­lich der persönli­chen Pflicht zur Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der ka­tho­li­schen Glau­bens- oder Sit­ten­leh­re nicht die glei­chen An­for­de­run­gen ge­stellt wer­den wie an die­je­ni­gen Mit­ar­bei­ter, de­ren Ar­beits­verhält­nis­se ei­nen spe­zi­fisch re­li­giösen Be­zug auf­wie­sen. An­dern­falls würden ei­ne un­verhält­nismäßige Begüns­ti­gung der Selbst­ge­setz­lich­keit der Kir­che und ei­ne nicht zu recht­fer­ti­gen­de Re­la­ti­vie­rung des staat­li­chen Schut­zes von Ehe und Fa­mi­lie nach Art. 6 Abs. 1 GG be­gründet. Sch­ließlich könne bei der In­ter­es­sen­abwägung nicht un­berück­sich­tigt blei­ben, dass sich die römisch-ka­tho­li­sche Kir­che zu­neh­mend den Wie­der­ver­hei­ra­te­ten öff­ne und auch die Eu­cha­ris­tie für die­se Grup­pe nicht mehr aus­sch­ließe.
c) Für die römisch-ka­tho­li­sche Kir­che hat das Kom­mis­sa­ri­at der deut­schen Bischöfe ei­ne Stel­lung­nah­me des Di­rek­tors des In­sti­tuts für Staats­kir­chen­recht der Diöze­sen Deutsch­lands, Prof. Dr. Ans­gar Hen­se, vor­ge­legt und sich in­halt­lich zu Ei­gen ge­macht. Die­ser schließt sich den Ausführun­gen der Be­schwer­deführe­rin im Er­geb­nis an und ver­tieft ih­re Ar­gu­men­ta­ti­on.
Die Ver­fas­sung gewähr­leis­te nicht nur das ka­ri­ta­ti­ve Wir­ken der Kir­chen als ei­ne ih­rer Le­bens- und We­sensäußerun­gen, son­dern auch die grundsätz­lich au­to­no­me Aus­ge­stal­tung der kir­chen­ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten im Rah­men der für al­le gel­ten­den Ge­set­ze. Die Ver­wirk­li­chung des Re­li­giösen be­schränke sich da­bei nicht nur auf ei­ne bloß spi­ri­tu­el­le, lit­ur­gi­sche Sei­te, son­dern er­stre­cke sich glei­cher­maßen auf den re­li­giösen Dienst in und an der Welt und um­fas­se auch die or­ga­ni­sa­to­ri­schen Vor­aus­set­zun­gen, die nach dem je­wei­li­gen kirch­li­chen Selbst­verständ­nis er­for­der­lich sei­en, um die­sen re­li­giösen Dienst erfüllen zu können. We­der ob­jek­ti­ve noch ge­sell­schaft­lich vor­herr­schen­de Maßstäbe dürf­ten die­se de­fi­nie­ren, da das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht ge­ra­de die Ab­wehr solch fremd­be­stimm­ter Vorgänge ver­fas­sungs­recht­lich verbürge. Aus die­sem Grund wer­de das staat­li­che In­di­vi­dual­ar­beits­recht par­ti­ell mo­di­fi­ziert. Im Rah­men des Willkürver­bots, der gu­ten Sit­ten und des ord­re pu­blic sei es nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus­sch­ließlich den Kir­chen über­las­sen, die kon­kre­ten Lo-
yalitäts­pflich­ten fest­zu­le­gen, die nach dem je­wei­li­gen Selbst­verständ­nis er­for­der­lich sei­en, und die­se auch nach ih­rer Be­deu­tung für das kirch­li­che Selbst­verständ­nis zu ge­wich­ten. Dies be­inhal­te auch das Recht, darüber zu ent­schei­den, ob und - be­ja­hen­den­falls - wel­che Ab­stu­fun­gen der Loya­litäts­pflich­ten vor­ge­nom­men wer­den soll­ten. In der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che sei dies in Ge­stalt der Grund­ord­nung ge­sche­hen. Bei der kon­kre­ten Abwägung durch die welt­li­chen Ge­rich­te im Rah­men des Kündi­gungs­schutz­rechts wer­de die kirch­li­che Be­wer­tung des Loya­litäts­ver­s­toßes nicht zur quan­tité négli­ge­able, son­dern sei die maßgeb­li­che Richt­schnur für die Be­wer­tung. Mit die­sen Grundsätzen ste­he die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 8. Sep­tem­ber 2011 nicht in Ein­klang, weil das Ge­richt ei­ne ei­ge­ne Be­wer­tung kirch­li­cher Maßstäbe vor­neh­me und es letz­ten En­des un­ter­las­se, ei­nen Abwägungs­pro­zess le­ge ar­tis durch­zuführen.
d) Der Zen­tral­rat der Ju­den in Deutsch­land K.d.ö.R. schließt sich eben­falls den Ausführun­gen der Be­schwer­deführe­rin an. Er be­tont, dass sei­ne Si­tua­ti­on zwar nicht mit den Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren der Großkir­chen ver­gli­chen wer­den könne. Den­noch sei­en die in der tägli­chen Ar­beit auf­tre­ten­den Fra­gen im Ju­den­tum ver­gleich­bar.
Die ver­fas­sungs­recht­li­che Ab­si­che­rung des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts re­sul­tie­re auch aus dem Er­for­der­nis, ei­ne un­ein­ge­schränk­te Re­li­gi­ons­ausübung im Sin­ne des Grund­ge­set­zes zu gewähr­leis­ten. Dies sei aber nur möglich, wenn Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ge­ra­de im ar­beits­recht­li­chen Be­reich frei dar­in sei­en, ih­re ei­ge­nen re­li­giösen Re­geln als Grund­vor­aus­set­zung für ein Ar­beits­verhält­nis vor­zu­ge­ben. Die­se re­li­giösen Re­geln könn­ten höchst un­ter­schied­lich aus­ge­stal­tet sein, sei­en je­doch im Rah­men der Re­li­gi­ons­frei­heit durch die staat­li­chen Stel­len zu ak­zep­tie­ren, so­lan­ge gülti­ge Ge­set­ze nicht ver­letzt und Men­schen an­de­rer Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit nicht be­trof­fen sei­en. Je­der Mit­ar­bei­ter, der sich un­mit­tel­bar bei ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft oder ei­ner von die­ser ge­tra­ge­nen Ein­rich­tung be­wer­be, wis­se dar­um, dass die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft ei­ge­ne re­li­giöse Re­geln ha­be, zu de­ren Ein­hal­tung er ver­pflich­tet sei. Gehöre ein Be­wer­ber darüber hin­aus noch der be­tref­fen­den Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft an, sei es ihm um­so mehr be­wusst, dass er mit Ein­ge­hung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses zusätz­li­che Loya­litäts­ver­pflich­tun­gen über­neh­me.
Im Fal­le der jüdi­schen Ge­mein­schaf­ten in Deutsch­land sei da­her Grund­la­ge der ar­beits­ver­trag­li­chen Bin­dun­gen, die jüdi­sche Re­li­gi­on und Kul­tur in Deutsch­land zu le­ben und zu fördern so­wie so­zi­al bedürf­ti­ge Ju­den in al­len Be­rei­chen zu
un­terstützen. Da­bei sei­en die re­li­giösen Er­for­der­nis­se schon bei Ab­schluss des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses zu berück­sich­ti­gen, da nur auf die­se Wei­se gewähr­leis­tet wer­den könne, dass je­der Mit­ar­bei­ter in sei­nem Auf­ga­ben­be­reich in die re­li­giöse Di­men­si­on der jüdi­schen Ge­mein­schaft ein­ge­bun­den sei. Die Be­reit­schaft hier­zu sei ein we­sent­li­ches Kri­te­ri­um für die Mit­ar­bei­ter­aus­wahl und wer­de bei Ab­schluss von Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen vor­ran­gig berück­sich­tigt. Für ei­ne frucht­ba­re Zu­sam­men­ar­beit in­ner­halb der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft sei es un­ver­zicht­bar, dass al­le Mit­ar­bei­ter - ins­be­son­de­re die jüdi­schen - sich des höhe­ren Zwecks und des all­ge­mei­nen re­li­giösen Zu­sam­men­hangs ih­rer Tätig­keit be­wusst sei­en.
e) Der Mar­bur­ger Bund e.V. (Bun­des­ver­band) er­ach­tet die Ver­fas­sungs­be­schwer­de im Er­geb­nis für aus­sichts­los.
aa) Er tritt all­ge­mein der Pri­vi­le­gie­rung kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen ent­ge­gen. Ein­rich­tun­gen der Ca­ri­tas oder Dia­ko­nie, die wie die Be­schwer­deführe­rin in marktübli­cher Wei­se in der Ge­sund­heits­wirt­schaft agier­ten, dürf­ten kei­ne kirch­li­chen Son­der­rech­te in An­spruch neh­men. Wenn die Be­schwer­deführe­rin die Rich­tungs­ent­schei­dung ge­trof­fen ha­be, am Wirt­schafts­le­ben teil­zu­neh­men, müsse sie sich un­be­scha­det ih­rer Mo­tiv­la­ge an den­sel­ben Maßstäben mes­sen las­sen, die auch für ver­gleich­ba­re Kli­nikträger Gel­tung be­an­spruch­ten. Die un­ter Be­ru­fung auf die Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten in An­spruch ge­nom­me­ne Möglich­keit, die Maßstäbe für die Be­en­di­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses selbst fest­zu­le­gen und durch Be­ru­fung auf das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht der Über­prüfung durch welt­li­che Ge­rich­te im Ein­zel­fall zu ent­zie­hen, führe zu „struk­tu­rel­len De­fi­zi­ten“ und er­heb­li­chen ar­beits­markt­li­chen Ver­wer­fun­gen.
Ge­ra­de der Ver­gleich zu dem kol­lek­tiv­recht­li­chen Ar­beits­rechts­re­ge­lungs­me­cha­nis­mus be­le­ge die Wi­dersprüchlich­keit des Han­delns kirch­lich ge­tra­ge­ner Ein­rich­tun­gen. Während auf dem Drit­ten Weg ver­ein­bar­te Ar­beits­be­din­gun­gen nach dem Wil­len der kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen durch Ein­be­zie­hung in die je­wei­li­gen Ar­beits­verträge für die Ge­samt­heit der Dienst­ge­mein­schaft Gel­tung be­an­spru­chen könn­ten, er­ach­te­ten sie es im Ge­gen­satz hier­zu je­doch für zulässig, hin­sicht­lich der in­di­vi­dual­ar­beits­recht­lich fest­ge­setz­ten Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten nach Kon­fes­si­on zu un­ter­schei­den und an ka­tho­li­sche Mit­ar­bei­ter stren­ge­re Loya­litätsan­for­de-run­gen zu stel­len. Für ei­ne der­ar­ti­ge Dif­fe­ren­zie­rung be­ste­he nach welt­li­chen Maßstäben kei­ne Recht­fer­ti­gung. Zu­dem lie­ge ge­ra­de im Fal­le der Be­schwer­deführe­rin ein fak­ti­scher Sank­ti­ons­ver­zicht durch ihr vor­an­ge­gan­ge­nes Ver­hal­ten
vor. Es sei an­zu­neh­men, dass ein in der Ver­gan­gen­heit „in al­len Fällen ge­ne­rell ge­dul­de­tes Ver­hal­ten“ - hier die Wie­der­hei­rat - un­be­scha­det sei­ner grundsätz­li­chen ka­no­ni­schen Wer­tung zu ei­nem ge­wis­sen li­be­ra­len Verständ­nis bei Be­trof­fe­nen und Drit­ten und der Er­war­tung ent­spre­chen­den Um­gangs mit zukünf­ti­gen gleich­ar­ti­gen Sach­ver­hal­ten geführt ha­be.
bb) Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ha­be mit sei­ner Ent­schei­dung nicht die Reich­wei­te des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts ver­kannt. Die Einschätzung der Be­schwer­deführe­rin, die Sach­ge­rech­tig­keit ei­ner aus dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht fol­gen­den Wer­tent­schei­dung un­ter­lie­ge nicht der Be­ur­tei­lung durch das je­weils er­ken­nen­de Ge­richt, las­se ein in An­be­tracht der ka­no­ni­schen Rechts­tra­di­ti­on zwar nach­voll­zieh­ba­res, in der Sa­che je­doch un­zu­tref­fen­des Ver-ständ­nis des grund­ge­setz­lich geschütz­ten Rechts­schutz­in­ter­es­ses er­ken­nen. Um si­cher­zu­stel­len, dass die be­trof­fe­ne Kündi­gungs­ent­schei­dung nicht auf willkürli­cher Grund­la­ge zu­stan­de ge­kom­men sei, stel­le sich die In­be­zug­nah­me zum grund­le­gen­den mo­ra­li­schen Re­gel­werk der kirch­li­chen Ein­rich­tung und ih­rem bis­he­ri­gen Ver­hal­ten in ver­gleich­bar ge­la­ger­ten Fällen als un­umgäng­lich dar. Dies gel­te um­so mehr, als es die Be­schwer­deführe­rin selbst in der Hand ha­be, be­stimm­te ar­beits­recht­li­che Sank­tio­nen oh­ne Er­mes­sens­spielräume als zwin­gen­de Fol­ge ei­nes Fehl­ver­hal­tens des Ar­beit­neh­mers zu de­fi­nie­ren und aus­zu­ge­stal­ten. Schon aus die­sem Grund müss­ten die welt­li­chen Ge­rich­te ermäch­tigt sein, die Strin­genz und Kon­sis­tenz des bis­he­ri­gen Ver­hal­tens ei­ner kirch­li­chen Ein­rich­tung in ver­gleich­ba­ren Fällen in ih­re Be­trach­tun­gen ein­zu­stel­len. An­de­ren­falls be­schränke sich der ge­richt­li­che Ent­schei­dungs­spiel­raum auf ei­ne rein for­ma­le Über­prüfung, die we­der den An­for­de­run­gen des deut­schen Kündi­gungs­schutz-rechts noch den eu­ro­pa- und völker­recht­li­chen Vor­ga­ben ge­recht wer­de.
f) Die übri­gen Äußerungs­be­rech­tig­ten und sach­verständi­gen Drit­ten ha­ben von ei­ner Stel­lung­nah­me ab­ge­se­hen.
2. Die Be­schwer­deführe­rin und der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens ha­ben von der Möglich­keit zur wei­te­ren Äußerung nach Kennt­nis der ein­ge­gan­ge­nen Stel­lung­nah­men Ge­brauch ge­macht. Sie be­kräfti­gen ih­re je­wei­li­gen Auf­fas­sun­gen und ver­tie­fen ih­ren Vor­trag. Nach Mit­tei­lung der Be­schwer­deführe­rin ist das durch den Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens an­ge­streng­te kir­chen­ge­richt­li­che Ver­fah­ren zur An­nul­lie­rung sei­ner ers­ten Ehe in zwei In­stan­zen er­folg­los ge­blie­ben. Der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens hat hier­zu kei­ne wei­te­ren An­ga­ben ge­macht.
Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist nur zulässig, so­weit sie sich ge­gen das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts wen­det. Im Übri­gen genügt ih­re Be­gründung nicht den ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen (§ 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG), da sie sich aus­sch­ließlich mit der Re­vi­si­ons­ent­schei­dung, nicht je­doch mit den Ent­schei­dun­gen des Ar­beits­ge­richts und des Lan­des­ar­beits­ge­richts aus­ein­an­der­setzt.
So­weit sie zulässig ist, ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de be­gründet.
Um­fang und Gren­zen der Auf­er­le­gung von Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten kirch­li­cher Ar­beit­neh­mer in mit der Kir­che ver­bun­de­nen Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen und de­ren Über­prüfung durch die staat­li­chen Ar­beits­ge­rich­te be­stim­men sich nach Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 der deut­schen Ver­fas­sung vom 11. Au­gust 1919 (Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung, WRV) und der kor­po­ra­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit nach Art. 4 Abs. 1 und 2 GG (1.). Die staat­li­chen Ge­rich­te ha­ben auf ei­ner ers­ten Prüfungs­stu­fe zunächst im Rah­men ei­ner Plau­si­bi­litätskon­trol­le auf der Grund­la­ge des glau­bens­de­fi­nier­ten Selbst­verständ­nis­ses der ver­fass­ten Kir­che zu über­prüfen, ob ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on oder Ein­rich­tung an der Ver­wirk­li­chung des kirch­li­chen Grund­auf­trags teil­hat, ob ei­ne be­stimm­te Loya­litätsob­lie­gen­heit Aus­druck ei­nes kirch­li­chen Glau­bens­sat­zes ist und wel­ches Ge­wicht die­ser Loya­litätsob­lie­gen­heit und ei­nem Ver­s­toß hier­ge­gen nach dem kirch­li­chen Selbst­verständ­nis zu­kommt (2.a.). Auf ei­ner zwei­ten Prüfungs­stu­fe ist so­dann un­ter dem Ge­sichts­punkt der Schran­ken des „für al­le gel­ten­den Ge­set­zes“ ei­ne Ge­samt­abwägung vor­zu­neh­men, in der die - im Lich­te des Selbst­be­stim­mungs­rechts der Kir­chen ver­stan­de­nen - kirch­li­chen Be­lan­ge und die kor­po­ra­ti­ve Re­li­gi­ons­frei­heit mit den Grund­rech­ten der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer und de­ren in den all­ge­mei­nen ar­beits­recht­li­chen Schutz­be­stim­mun­gen ent­hal­te­nen In­ter­es­sen aus­zu­glei­chen sind. Die wi­der­strei­ten­den Rechts­po­si­tio­nen sind da­bei je­weils in möglichst ho­hem Maße zu ver­wirk­li­chen (2.b.). Ob die Ar­beits­ge­rich­te den Ein­fluss der Grund­rech­te aus­rei­chend be­ach­tet ha­ben, un­ter­liegt ge­ge­be­nen­falls der Über­prüfung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Für den Fall, dass Grund­rechts­be­stim­mun­gen un­mit­tel­bar aus­ge­legt und an­ge­wandt wer­den, hat es da­bei Reich­wei­te und Gren­zen
der Grund­rech­te zu be­stim­men und fest­zu­stel­len, ob Grund­rech­te und Ver­fas­sungs­be­stim­mun­gen ih­rem Um­fang und Ge­wicht nach in ver­fas­sungs­recht­lich zu­tref­fen­der Wei­se berück­sich­tigt wor­den sind (3.). Die Eu­ropäische Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten und die Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te ge­ben in­so­weit kei­nen An­lass zu Mo­di­fi­ka­tio­nen der Aus­le­gung des Ver­fas­sungs­rechts (4.).
1. Die Grund­ent­schei­dung der Ver­fas­sung für ein frei­heit­li­ches Re­li­gi­ons- und Staats­kir­chen­recht wird durch Ver­fas­sungs­gewähr­leis­tun­gen si­cher­ge­stellt, de­ren in­halt­li­che Schutz­be­rei­che sich teil­wei­se über­schnei­den und hier­durch wech­sel­sei­tig ergänzen. In ih­rer Zu­sam­men­schau sind sie un­ter­schied­li­che Ak­zen­tu­ie­run­gen der­sel­ben ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­ten Frei­heit (vgl. Isen­see, in: Fest­schrift für Klaus Ober­may­er, 1986, S. 203 <205>).
a) Die durch Art. 140 GG in­kor­po­rier­ten Ar­ti­kel der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung sind vollgülti­ges Ver­fas­sungs­recht und von glei­cher Norm­qua­lität wie die sons­ti­gen Ver­fas­sungs­be­stim­mun­gen (vgl. BVerfGE 19, 206 <219>; 19, 226 <236>; 111, 10 <50>). Sie sind - mit Selbst­stand ge­genüber der kor­po­ra­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG - un­trenn­ba­rer Be­stand­teil des Re­li­gi­ons-und Staats­kir­chen­rechts des Grund­ge­set­zes, wel­ches das für ei­ne frei­heit­li­che De­mo­kra­tie we­sent­li­che Grund­recht der Re­li­gi­ons­frei­heit oh­ne Ge­set­zes­vor­be­halt in den Ka­ta­log der Grund­rech­te über­nom­men und es so ge­genüber der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung er­heb­lich gestärkt hat (vgl. BVerfGE 102, 370 <387 m.w.N.>). Bei­de Gewähr­leis­tun­gen bil­den ein or­ga­ni­sches Gan­zes (vgl. BVerfGE 70, 138 <167>; 125, 39 <80>; Listl, in: ders./Pir­son <Hrsg.>, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, Bd. 1, 2. Aufl. 1994, § 14 S. 439 <444 f.>), wo­bei Art. 4 Abs. 1 und 2 GG den lei­ten­den Be­zugs­punkt des deut­schen staats­kir­chen­recht­li­chen Sys­tems dar­stellt (vgl. BVerfGE 102, 370 <393>).
Zwi­schen der Glau­bens­frei­heit und den in­kor­po­rier­ten Nor­men der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung be­steht ei­ne in­ter­pre­ta­to­ri­sche Wech­sel­wir­kung (vgl. Stern, Das Staats­recht der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Bd. IV/2, 1. Aufl. 2011, § 119, S. 1167). Die Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel sind ei­ner­seits funk­tio­nal auf die In­an¬spruch­nah­me und Ver­wirk­li­chung des Grund­rechts der Re­li­gi­ons­frei­heit an­ge­legt (vgl. BVerfGE 42, 312 <322>; 102, 370 <387>; 125, 39 <74 f., 80>) und in des­sen Lich­te aus­zu­le­gen, da sie das Grund­verhält­nis zwi­schen Staat und Kir­che re­geln (Art. 137 Abs. 1 WRV). Sie ent­hal­ten in Ge­stalt des kirch­li­chen Selbst­be­stim¬mungs­rechts (Art. 137 Abs. 3 WRV) und ver­fas­sungs­recht­li­cher An­knüpfungs-
punk­te zu den Grundsätzen der re­li­giös-welt­an­schau­li­chen Neu­tra­lität des Staa­tes und der Pa­rität der Re­li­gio­nen und Be­kennt­nis­se (vgl. BVerfGE 102, 370 <390, 393 f.>) die Grund­prin­zi­pi­en des staats­kir­chen­recht­li­chen Sys­tems des Grund­ge­set­zes. An­de­rer­seits wird der Gewähr­leis­tungs­ge­halt des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit den in­kor­po­rier­ten Ar­ti­keln der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung in­sti­tu­tio­nell kon­kre­ti­siert und ergänzt (BVerfGE 99, 100 <119>, vgl. auch BVerfGE 33, 23 <30 f.>; 42, 312 <322>; 83, 341 <354 f.>; 125, 39 <77 f.>; vgl. auch Stern, Das Staats­recht der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Bd. IV/2, 1. Aufl. 2011, § 119, S. 1167). Die Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel sind al­so auch ein Mit­tel zur Ent­fal­tung der Re­li­gi­ons­frei­heit der kor­po­rier­ten Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten (vgl. BVerfGE 125, 39 <79>; vgl. auch BVerfGE 102, 370 <387>, zu Art. 137 Abs. 5 Satz 2 WRV und BVerfGE 99, 100 <119 ff.>, zu Art. 138 Abs. 2 WRV).
So­weit sich die Schutz­be­rei­che der in­kor­po­rier­ten sta­tus­recht­li­chen Ar­ti­kel der WRV und der kor­po­ra­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG über­la­gern (vgl. BVerfGE 42, 312 <322>; 66, 1 <22>; zu ver­blei­ben­den Un­ter­schie­den et­wa von Cam­pen­hau­sen, HStR VII, 3. Aufl. 2009, § 157, Rn. 125 m.w.N.), geht Art. 137 Abs. 3 WRV als spe­zi­el­le­re Norm Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in­so­weit vor, als er das Selbst­be­stim­mungs­recht der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten der Schran­ke des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes un­ter­wirft (zur sog. Schran­ken­spe­zia­lität in die­sem Fall s. Mor­lok, in: Drei­er <Hrsg.>, GG, 3. Aufl. 2013, Art. 4, Rn. 109). Bei dem Aus­gleich der ge­genläufi­gen In­ter­es­sen ist aber dem Um­stand Rech­nung zu tra­gen, dass Art. 4 Abs. 1 und 2 GG die kor­po­ra­ti­ve Re­li­gi­ons­frei­heit vor­be­halt­los gewähr­leis­tet und in­so­fern dem Selbst­be­stim­mungs­recht und dem Selbst­verständ­nis der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten be­son­de­res Ge­wicht zu­zu­mes­sen ist.
b) Aus Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 136 Abs. 1 und 4, 137 Abs. 1 WRV, Art. 4 Abs. 1 und 2, Art. 3 Abs. 3 Satz 1 und Art. 33 Abs. 2 GG folgt ei­ne Pflicht des Staa­tes zur welt­an­schau­lich-re­li­giösen Neu­tra­lität, die Grund­la­ge des mo­der­nen, frei­heit­li­chen Staa­tes ist. In ei­nem Staat, in dem Anhänger un­ter­schied­li­cher re­li­giöser und welt­an­schau­li­cher Über­zeu­gun­gen zu­sam­men­le­ben, kann die fried­li­che Ko­exis­tenz nur ge­lin­gen, wenn der Staat selbst in Glau­bens- und Welt-an­schau­ungs­fra­gen Neu­tra­lität be­wahrt (vgl. BVerfGE 93, 1 <16 f.>; vgl. auch BVerfGE 102, 370 <383>; 105, 279 <294>).
Die Pflicht zur staat­li­chen Neu­tra­lität in welt­an­schau­lich-re­li­giösen Fra­gen ist je­doch nicht im Sin­ne ei­nes Ge­bots kri­ti­scher Dis­tanz ge­genüber der Re­li­gi­on zu
ver­ste­hen (vgl. Un­ruh, Re­li­gi­ons­ver­fas­sungs­recht, 2. Aufl. 2012, § 4 Rn. 90) und darf auch mit re­li­giöser und welt­an­schau­li­cher In­dif­fe­renz nicht gleich­ge­setzt wer­den (vgl. von Cam­pen­hau­sen, in: Listl/Pir­son <Hrsg.>, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, Bd. 1, 2. Aufl. 1994, § 2, S. 47 <78>). Das Verhält­nis zwi­schen Kir­chen und Staat ist viel­mehr ge­kenn­zeich­net durch wech­sel­sei­ti­ge Zu­ge­wandt­heit und Ko­ope­ra­ti­on (vgl. BVerfGE 42, 312 <330>) und ist we­ni­ger im Sin­ne ei­ner strik­ten Tren­nung, son­dern eher im Sin­ne ei­ner Zu­ord­nung und Zu­sam­men­ar­beit von Staat und Kir­chen auf der Ba­sis grund­recht­li­cher Frei­heit zu ver­ste­hen.
Über ih­re Funk­ti­on als Be­ein­flus­sungs­ver­bot (vgl. BVerfGE 93, 1 <16 f.>; 108, 282 <300>) und als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ver­bot (vgl. BVerfGE 19, 206 <216>; 24, 236 <246>; 30, 415 <422>; 33, 23 <28>; 93, 1 <16 f.>; 108, 282 <299 f.>; 123, 148 <178>) hin­aus ver­wehrt es die Pflicht zur welt­an­schau­li­chen Neu­tra­lität dem Staat auch, Glau­ben und Leh­re ei­ner Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft als sol­che zu be­wer­ten (vgl. BVerfGE 33, 23 <29>; 108, 282 <300>). Die in­di­vi­du­el­le und kor­po¬ra­ti­ve Frei­heit, das ei­ge­ne Ver­hal­ten an den Leh­ren des Glau­bens aus­zu­rich­ten und in­ne­rer Glau­bensüber­zeu­gung gemäß zu han­deln, würde ent­leert, wenn der Staat bei ho­heit­li­chen Maßnah­men un­ein­ge­schränkt sei­ne ei­ge­ne Wer­tung zu In­halt und Be­deu­tung ei­nes Glau­bens­sat­zes an die Stel­le der­je­ni­gen der ver­fass­ten Kir­che set­zen und sei­ne Ent­schei­dun­gen auf die­ser Grund­la­ge tref­fen könn­te.
Je­de Aus­ein­an­der­set­zung staat­li­cher Stel­len mit Zie­len und Ak­ti­vitäten ei­ner Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft muss die­ses Ge­bot re­li­giös-welt­an­schau­li­cher Neu­tra­lität wah­ren (vgl. BVerfGE 105, 279 <294>). Die Re­ge­lung ge­nu­in re­li­giöser oder welt­an­schau­li­cher Fra­gen, die par­tei­er­grei­fen­de Ein­mi­schung in die Über­zeu­gun­gen, Hand­lun­gen und die Dar­stel­lung Ein­zel­ner oder re­li­giöser und welt­an­schau­li­cher Ge­mein­schaf­ten sind dem Staat man­gels Ein­sicht und ge­eig­ne­ter Kri­te­ri­en un­ter­sagt (vgl. BVerfGE 12, 1 <4>; 41, 65 <84>; 72, 278 <294>; 74, 244 <255>; 93, 1 <16>; 102, 370 <394>; 108, 279 <300>). Fra­gen der Leh­re, der Re­li­gi­on und des kirch­li­chen Selbst­verständ­nis­ses ge­hen den Staat grundsätz­lich nichts an. Er ist viel­mehr ver­pflich­tet, auf die Grundsätze der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten Rück­sicht zu neh­men und kei­nen ei­ge­nen Stand­punkt in der Sa­che des Glau­bens zu for­mu­lie­ren (von Cam­pen­hau­sen, in: Listl/Pir­son <Hrsg.>, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, Bd. 1, 2. Aufl. 1994, § 2, S. 47 <78>). Die Ei­genständig­keit der kirch­li­chen Rechts­ord­nung hat er zu re­spek­tie­ren.
c) Das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht ist in Art. 137 Abs. 3 WRV be­son­ders her­vor­ge­ho­ben. Da­nach ord­net und ver­wal­tet je­de Re­li­gi­ons­ge­sell­schaft ih­re
An­ge­le­gen­hei­ten selbständig in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes. Die­se Ga­ran­tie er­weist sich als not­wen­di­ge, recht­lich selbständi­ge Gewähr­leis­tung, die der Frei­heit des re­li­giösen Le­bens und Wir­kens der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten die zur Wahr­neh­mung ih­rer Auf­ga­ben un­erläss­li­che Frei­heit der Be­stim­mung über Or­ga­ni­sa­ti­on, Norm­set­zung und Ver­wal­tung hin-zufügt (vgl. BVerfGE 53, 366 <401>). Sie gilt für Kir­chen und sons­ti­ge Re­li­gi­ons-ge­sell­schaf­ten un­abhängig von ih­rem recht­li­chen Sta­tus (vgl. auch Art. 137 Abs. 7 WRV).
aa) Träger des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts sind nicht nur die Kir­chen selbst ent­spre­chend ih­rer recht­li­chen Ver­fasst­heit, son­dern al­le ihr in be­stimm­ter Wei­se zu­ge­ord­ne­ten In­sti­tu­tio­nen, Ge­sell­schaf­ten, Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen, wenn und so­weit sie nach dem glau­bens­de­fi­nier­ten Selbst­verständ­nis der Kir­chen (zur Berück­sich­ti­gung von Selbst­verständ­nis­sen als Mit­tel zur Si­che­rung der Men­schenwürde und der Frei­heits­rech­te, vgl. Mor­lok, Selbst­verständ­nis als Rechts­kri­te­ri­um, 1993, S. 282 <293 ff.> und S. 426 <431 ff.>) ih­rem Zweck oder ih­rer Auf­ga­be ent­spre­chend be­ru­fen sind, Auf­trag und Sen­dung der Kir­chen wahr­zu­neh­men und zu erfüllen (vgl. BVerfGE 46, 73 <85 ff.>; 53, 366 <391>; 57, 220 <242>; 70, 138 <162>).
(1) Der Schutz des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts be­zieht sich da­bei nicht nur auf die der Kir­che zu­ge­ord­ne­te Or­ga­ni­sa­ti­on im Sin­ne ei­ner ju­ris­ti­schen Per­son, son­dern er­streckt sich auch auf die von die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on ge­tra­ge­nen Ein­rich­tun­gen, al­so auf die Funk­ti­ons­ein­heit, durch die der kirch­li­che Auf­trag sei­ne Wir­kung ent­fal­ten soll (vgl. BVerfGE 53, 366 <398 f.>). Dies gilt un­be­scha­det der Rechts­form der ein­zel­nen Ein­rich­tung auch dann, wenn der kirch­li­che Träger sich pri­vat­recht­li­cher Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men be­dient (vgl. BVerfGE 46, 73 <85 ff.>; 53, 366 <391>; 57, 220 <242>; 70, 138 <162>). Die durch das Grund­ge­setz gewähr­leis­te­te Frei­heit der Kir­che vom Staat schließt ein, dass sie sich zur Erfüllung ih­res Auf­trags grundsätz­lich auch der Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men des staat­li­chen Rechts be­die­nen kann, oh­ne dass da­durch die Zu­gehörig­keit der auf ei­ner ent­spre­chen­den Rechts­grund­la­ge ge­gründe­ten Ein­rich­tung zur Kir­che auf­ge­ho­ben wird (vgl. BVerfGE 57, 220 <243>).
(2) Nicht je­de Or­ga­ni­sa­ti­on oder Ein­rich­tung, die in Ver­bin­dung zur Kir­che steht, un­terfällt in­des dem Pri­vi­leg der Selbst­be­stim­mung. Vor­aus­set­zung ei­ner wirk­sa­men Zu­ord­nung ist viel­mehr, dass die Or­ga­ni­sa­ti­on oder Ein­rich­tung teil­nimmt an der Ver­wirk­li­chung des Auf­tra­ges der Kir­che, im Ein­klang mit dem Be-
kennt­nis der ver­fass­ten Kir­che steht und mit ih­ren Amts­trägern und Or­gan­wal­tern in be­son­de­rer Wei­se ver­bun­den ist (BVerfGE 46, 73 <87>; 70, 138 <163 ff.>).
Von da­her ist für ei­ne sich auf das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht (Art. 4 Abs. 1 und 2 i.V.m. Art. 140 GG und Art. 137 Abs. 3 WRV) be­ru­fen­de Or­ga­ni­sa­ti­on oder Ein­rich­tung un­ab­ding­bar, dass die re­li­giöse Ziel­set­zung das be­stim­men­de Ele­ment ih­rer Tätig­keit ist. Ganz über­wie­gend der Ge­winn­erzie­lung die­nen­de Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen können dem­ge­genüber das Pri­vi­leg der Selbst­be­stim­mung nicht in An­spruch neh­men, da bei ih­nen der en­ge Kon­nex zum glau­bens­de­fi­nier­ten Selbst­verständ­nis auf­ge­ho­ben ist. Dies gilt vor al­lem für Ein­rich­tun­gen, die wie an­de­re Wirt­schafts­sub­jek­te auch am markt­wirt­schaft­li­chen Ge­sche­hen teil­neh­men und bei wel­chen der durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG geschütz­te re­li­giöse Auf­trag der Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft in der Ge­samt­schau der Tätig­kei­ten ge­genüber an­de­ren - vor­wie­gend ge­winn­ori­en­tier­ten - Erwägun­gen er­kenn­bar in den Hin­ter­grund tritt.
bb) Das Selbst­be­stim­mungs­recht um­fasst al­le Maßnah­men, die der Si­cher­stel­lung der re­li­giösen Di­men­si­on des Wir­kens im Sin­ne kirch­li­chen Selbst­verständ­nis­ses (vgl. BVerfGE 70, 138 <164> un­ter Be­zug­nah­me auf BVerfGE 24, 236 <249>; 53, 366 <399>; 57, 220 <243>; vgl. auch BVerfGE 99, 100 <125>) und der Wah­rung der un­mit­tel­ba­ren Be­zie­hung der Tätig­keit zum kirch­li­chen Grund­auf­trag die­nen (vgl. BVerfGE 53, 366 <399>). Un­ter die Frei­heit des „Ord­nens“ und „Ver­wal­tens“ fällt dem­ent­spre­chend auch die recht­li­che Vor­sor­ge für die Wahr­neh­mung kirch­li­cher Diens­te durch den Ab­schluss ent­spre­chen­der Ar­beits­verträge (vgl. BVerfGE 70, 138 <165>; BVerfGK 12, 308 <330>; vgl. auch: Isen­see, in: Listl/Pir­son, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, Bd. 2, 2. Aufl. 1995, § 59, S. 665 <730>).
Der Staat er­kennt die Kir­chen in die­sem Sin­ne als In­sti­tu­tio­nen mit dem ori­ginären Recht der Selbst­be­stim­mung an, die ih­rem We­sen nach un­abhängig vom Staat sind und ih­re Ge­walt nicht von ihm her­lei­ten (vgl. BVerfGE 18, 385 <386>; 19, 1 <55>; 30, 415 <428>; 42, 312 <321 f., 332>; 46, 73 <94>; 57, 220 <244>; 66, 1 <19>; BVerfGK 14, 485 <486>). Dies gilt - un­abhängig von der Rechts­form der Or­ga­ni­sa­ti­on - auch dann, wenn die Kir­chen sich zur Erfüllung ih­res Auf­trags und ih­rer Sen­dung pri­vat­recht­li­cher For­men be­die­nen (BVerfGE 46, 73 <85 ff.>; 70, 138 <162>) und wenn die Tätig­kei­ten und ge­trof­fe­nen Maßnah­men in den welt­li­chen Be­reich hin­ein­wir­ken (vgl. BVerfGE 42, 312 <334 f.>). Die Kir­chen be­stim­men selbst, frei und au­to­nom darüber, wel­che Diens­te sie in wel­chen Rechts-
for­men ausüben wol­len und sind nicht auf spe­zi­fisch ka­no­ni­sche oder kir­chen­recht­li­che Ge­stal­tungs­for­men be­schränkt. Re­li­giöse Or­den oder das Kir­chen­be­am­ten­tum, die spe­zi­fi­schem Kir­chen­recht un­ter­lie­gen, stel­len in­so­fern zwar ori­ginäre, aber auch nur mögli­che Va­ri­an­ten und For­men kirch­li­cher Diens­te dar.
Die Kir­chen können sich der je­der­mann of­fen ste­hen­den pri­vat­au­to­no­men Ge­stal­tungs­for­men be­die­nen, Dienst­verhält­nis­se be­gründen und nach ih­rem Selbst­verständ­nis aus­ge­stal­ten. Die im Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­chen ent­hal­te­ne Ord­nungs­be­fug­nis gilt in­so­weit nicht nur für die kirch­li­che Ämter­or­ga­ni­sa­ti­on (Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 Satz 2 WRV), son­dern ist ein all­ge­mei­nes Prin­zip für die Ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes (vgl. BVerfGE 70, 138 <164 f.>). Sie be­rech­tigt zur Or­ga­ni­sa­ti­on der Tätig­keit ein­sch­ließlich der Auf­recht­er­hal­tung ei­ner in­ter­nen Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur, zur Aus­wahl ih­rer An­ge­stell­ten und zur Fest­le­gung der re­li­giösen Grundsätze, wel­che die Grund­la­ge ih­rer Tätig­kei­ten sein sol­len.
d) Art. 4 Abs. 1 und 2 GG enthält ein um­fas­send zu ver­ste­hen­des ein­heit­li­ches Grund­recht (vgl. BVerfGE 24, 236 <245 f.>; 32, 98 <106>; 44, 37 <49>; 83, 341 <354>; 108, 282 <297>; 125, 39 <79>). Die­ses be­inhal­tet not­wen­di­ger­wei­se ne­ben der Frei­heit des Ein­zel­nen zum pri­va­ten und öffent­li­chen Be­kennt­nis sei­ner Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung (vgl. nur BVerfGE 24, 236 <245>; 69, 1 <33 f.>; 108, 282 <297>) auch die Frei­heit, sich mit an­de­ren aus ge­mein­sa­mem Glau­ben oder ge­mein­sa­mer welt­an­schau­li­cher Über­zeu­gung zu­sam­men­zu­sch­ließen (vgl. BVerfGE 42, 312 <323>; 53, 366 <387>; 83, 341 <355>; 105, 279 <293>).
aa) Die durch den Zu­sam­men­schluss ge­bil­de­te Ver­ei­ni­gung ge­nießt das Recht zu re­li­giöser oder welt­an­schau­li­cher Betäti­gung, zur Verkündi­gung des Glau­bens, zur Ver­brei­tung der Welt­an­schau­ung so­wie zur Pfle­ge und Förde­rung des je­wei­li­gen Be­kennt­nis­ses (vgl. BVerfGE 19, 129 <132>; 24, 236 <246 f.>; 53, 366 <387>; 105, 279 <293>). Die­ser Schutz steht nicht nur Kir­chen, Re­li­gi­ons-und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten zu, son­dern auch von die­sen selbstständi­gen oder un­selbstständi­gen Ver­ei­ni­gun­gen, wenn und so­weit sich die­se die Pfle­ge des re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Le­bens ih­rer Mit­glie­der zum Ziel ge­setzt ha­ben. Vor­aus­set­zung dafür ist aber, dass der Zweck der Ver­ei­ni­gung ge­ra­de auf die Er­rei­chung ei­nes sol­chen Zie­les ge­rich­tet ist und ei­ne hin­rei­chen­de in­sti­tu­tio­nel­le Ver­bin­dung zu ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft be­steht (vgl. BVerfGE 24, 236 <246 f.>).
bb) Bei der Würdi­gung des­sen, was im Ein­zel­fall als kor­po­ra­ti­ve Ausübung von Re­li­gi­on und Welt­an­schau­ung im Sin­ne von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG an­zu­se­hen ist, muss der zen­tra­len Be­deu­tung des Be­griffs der „Re­li­gi­ons­ausübung“ durch ei­ne ex­ten­si­ve Aus­le­gung Rech­nung ge­tra­gen wer­den (vgl. BVerfGE 24, 236 <246>).
Zwar hat der Staat grundsätz­lich ver­fas­sungs­recht­li­che Be­grif­fe nach neu­tra­len, all­ge­meingülti­gen, nicht kon­fes­sio­nell oder welt­an­schau­lich ge­bun­de­nen Ge­sichts­punk­ten zu in­ter­pre­tie­ren (vgl. BVerfGE 24, 236 <247 f.>). Wo aber die Rechts­ord­nung ge­ra­de das re­li­giöse oder welt­an­schau­li­che Selbst­verständ­nis des Grund­recht­strägers vor­aus­setzt, wie dies bei der Re­li­gi­ons­frei­heit der Fall ist, würde der Staat die Ei­genständig­keit der Kir­chen und ih­re nach Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­te Selbständig­keit ver­let­zen, wenn er bei der Aus­le­gung der sich aus dem Be­kennt­nis er­ge­ben­den Re­li­gi­ons­ausübung das Selbst­verständ­nis nicht berück­sich­ti­gen würde (vgl. BVerfGE 18, 385 <386 f.>; 24, 236 <248>; 108, 282 <298 f.>). Die For­mu­lie­rung des kirch­li­chen Pro­pri­um ob­liegt so al­lein den Kir­chen und ist als ele­men­ta­rer Be­stand­teil der kor­po­ra­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­fas­sungs­recht­lich geschützt.
cc) Nach dem Selbst­verständ­nis der christ­li­chen Kir­chen um­fasst die Re­li­gi­ons­ausübung nicht nur den Be­reich des Glau­bens und des Got­tes­diens­tes, son­dern auch die Frei­heit zur Ent­fal­tung und Wirk­sam­keit des christ­li­chen Sen­dungs­auf­tra­ges in Staat und Ge­sell­schaft. Da­zu gehört ins­be­son­de­re das ka­ri­ta­ti­ve Wir­ken, das ei­ne we­sent­li­che Auf­ga­be für den Chris­ten ist und von den Kir­chen als re­li­giöse Grund­funk­ti­on ver­stan­den wird (vgl. BVerfGE 53, 366 <393>; sie­he auch BVerfGE 24, 236 <246 ff.>; 46, 73 <85 ff.>; 57, 220 <242 f.>; 70, 138 <163>). Die täti­ge Nächs­ten­lie­be ist als sol­che ei­nes der We­sens­merk­ma­le der Kir­che (vgl. Isen­see, in: Listl/Pir­son, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, Bd. II, 2. Aufl. 1995, § 59, S. 665). Sie geht von der Zu­wen­dung ge­genüber Kran­ken und Be­nach­tei­lig­ten oh­ne Rück­sicht auf Kon­fes­si­on, Bedürf­tig­keit oder so­zia­len Sta­tus aus. Christ­li­che Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen ver­se­hen die Auf­ga­be der Kran­ken­pfle­ge da­her im Sin­ne ei­ner an christ­li­chen Grundsätzen aus­ge­rich­te­ten um­fas­sen­den me­di­zi­ni­schen, pas­to­ra­len und seel­sor­ger­li­chen Be­hand­lung und ver­wirk­li­chen da­mit Sen­dung und Auf­trag ih­rer Kir­che im Geist ih­rer Re­li­gio­sität und im Ein­klang mit dem Be­kennt­nis.
Die von der Ver­fas­sung an­er­kann­te und dem kirch­li­chen Selbst­verständ­nis ent­spre­chen­de Zu­ord­nung der ka­ri­ta­ti­ven Tätig­keit zum Sen­dungs­auf­trag der Kir­che wird nicht da­durch in Fra­ge ge­stellt, dass an­de­re Ein­rich­tun­gen und an­ders aus­ge­rich­te­te Träger im So­zi­al­be­reich ähn­li­che Zwe­cke ver­fol­gen und - rein äußer­lich ge­se­hen - Glei­ches ver­wirk­li­chen wol­len (vgl. BVerfGE 53, 366 <399> un­ter Be­zug­nah­me auf BVerfGE 24, 236 <249>; vgl. auch BVerfGK 12, 308 <330>). Die re­li­giöse Di­men­si­on ist in­so­weit das be­stim­men­de Ele­ment der ka­ri­ta­ti­ven und dia­ko­ni­schen Tätig­keit, das sie von äußer­lich ver­gleich­ba­ren Tätig­kei­ten un­ter­schei­det. Es ist das spe­zi­fisch Re­li­giöse der ka­ri­ta­ti­ven und dia­ko­ni­schen Tätig­keit, das den Um­gang mit Kran­ken und Be­nach­tei­lig­ten prägt und der seel­sor­ger­li-chen und pas­to­ra­len Be­glei­tung ei­ne her­vor­ge­ho­be­ne Be­deu­tung bei­misst.
Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die­se Aus­rich­tung im mo­der­nen säku­la­ren Staat an­ge­sichts re­li­giöser Plu­ra­li­sie­rung und „Ent­kirch­li­chung“ der Ge­sell­schaft schwie­rig zu ver­mit­teln ist, zu­mal nicht in al­len Be­rei­chen von Ca­ri­tas und Dia­ko­nie hin­rei­chend Chris­ten zur Verfügung ste­hen, die die­sen Auf­trag als an die ei­ge­ne Per­son ge­rich­te­ten Heils­auf­trag be­grei­fen und um­set­zen. So müssen verstärkt nicht­christ­li­che Ar­beit­neh­mer - auch in lei­ten­den Po­si­tio­nen - in Kran­kenhäusern und Be­hin­der­ten­ein­rich­tun­gen ein­ge­setzt wer­den. Dies al­lein muss je­doch we­der zu ei­nem Rück­zug der Kir­chen aus den in Re­de ste­hen­den Be­rei­chen führen noch da­zu, dass der geist­lich theo­lo­gi­sche Auf­trag und die Sen­dung nicht mehr er­kenn­bar sind (vgl. et­wa: Be­thel, Ge­mein­schaft ver­wirk­li­chen - Un­se­re Vi­si­on und un­se­re stra­te­gi­schen Ent­wick­lungs­schwer­punk­te 2011 bis 2016, v. Bo­del­schwingh­sche Stif­tun­gen Be­thel, Bie­le­feld 2011, S. 8 ff.).
Die­ser ge­sell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on kann durch Struk­tur und Aus­for­mung der christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft aus­rei­chend Rech­nung ge­tra­gen wer­den. Die christ­li­chen Kir­chen ken­nen vie­le For­men christ­li­chen Die­nens: Öffent­lich-recht­li­che Dienst- und Treue­verhält­nis­se, Zu­gehörig­keit zu be­son­de­ren geist­li­chen Ge­mein­schaf­ten wie Or­den und Dia­ko­nis­sen­ge­mein­schaf­ten oder eben auch nach staat­li­chem Recht - pri­vat­au­to­nom - be­gründe­te Ar­beits­verhält­nis­se. Spe­zi­fi­sches Kenn­zei­chen für all die­se For­men ist es, dem bib­li­schen Auf­trag zur Verkündi­gung und zur täti­gen Nächs­ten­lie­be nach­zu­kom­men. Der Dienst in der christ­li­chen Ge­mein­de ist Auf­trag und Sen­dung der Kir­che und um­fasst idea­li­ter den Men­schen in all sei­nen Bezügen in Fa­mi­lie, Frei­zeit, Ar­beit und Ge­sell­schaft. Die­ses Verständ­nis ist die Grund­la­ge für die kirch­li­chen An­for­de­run­gen an die Ge­stal­tung des Diens­tes und die persönli­che Le­bensführung, die in den Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten ih­ren Aus­druck fin­den. Ge­mein­schaft in die­sem Sin­ne
be­deu­tet nach christ­li­chem Glau­ben ge­mein­sa­me Ver­ant­wor­tung für das Wir­ken der Kir­che und in der Kir­che und ih­ren Ein­rich­tun­gen. Die­ses Leit­bild des Um­gangs al­ler Dienstan­gehöri­gen prägt Ver­hal­ten und Um­gang un­ter­ein­an­der und mit den an­ver­trau­ten Kran­ken und Be­nach­tei­lig­ten. Vor­wie­gend öko­no­mi­sche In­ter­es­sen­ma­xi­mie­rung ist da­mit nicht ver­ein­bar.
e) Das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht steht nach Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV, auch so­weit sich der Schutz­be­reich mit dem­je­ni­gen der kor­po­ra­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit über­la­gert, un­ter dem Vor­be­halt des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes (sog. Schran­ken­spe­zia­lität, vgl. oben Rn. 85). Die For­mel „in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes“ kann je­doch nicht im Sin­ne des all­ge­mei­nen Ge­set­zes­vor­be­halts in ei­ni­gen Grund­rechts­ga­ran­ti­en ver­stan­den wer­den (vgl. BVerfGE 42, 312 <333>). Viel­mehr ist der Wech­sel­wir­kung von Kir­chen­frei­heit und Schran­ken­zweck bei der Ent­fal­tung und Kon­tu­rie­rung der Schran­ken­be­stim­mung Rech­nung zu tra­gen (vgl. BVerfGE 53, 366 <400 f.>). Beim Aus­gleich der ge­genläufi­gen In­ter­es­sen ist da­her der Um­stand zu be­ach­ten, dass Art. 4 Abs. 1 und 2 GG die kor­po­ra­ti­ve Re­li­gi­ons­frei­heit vor­be­halt­los gewähr­leis­tet und in­so­fern dem Selbst­be­stim­mungs­recht und dem Selbst­verständ­nis der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten be­son­de­res Ge­wicht zu­zu­mes­sen ist.
aa) Des­halb er­gibt sich aus dem Um­stand, dass das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht nur „in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes“ ge­ge­ben ist, ge­ra­de nicht, dass jeg­li­che staat­li­che Recht­set­zung, so­fern sie nur aus welt­li­cher Sicht von der zu re­geln­den Ma­te­rie her als vernünf­tig und verhält­nismäßig er­scheint, oh­ne wei­te­res in den den Kir­chen, ih­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen von Ver­fas­sungs we­gen zu­ste­hen­den Au­to­no­mie­be­reich ein­grei­fen könn­te (vgl. BVerfGE 53, 366 <404>; 72, 278 <289>). Die selbständi­ge Ord­nung und Ver­wal­tung ih­rer An­ge­le­gen­hei­ten ist den Kir­chen, ih­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen von der Ver­fas­sung ga­ran­tiert, um ih­nen die Möglich­keit zu ge­ben, ih­rer re­li­giösen und dia­ko­ni­schen Auf­ga­be, ih­ren Grundsätzen und Leit­bil­dern auch im Be­reich von Or­ga­ni­sa­ti­on, Norm­set­zung und Ver­wal­tung um­fas­send nach­kom­men zu können (vgl. BVerfGE 53, 366 <404>).
bb) Zu dem „für al­le gel­ten­den Ge­setz“ im Sin­ne des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV, un­ter des­sen Vor­be­halt die in­halt­li­che Ge­stal­tungs­frei­heit des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers für die auf Ver­trags­ebe­ne be­gründe­ten Ar­beits­verhält­nis­se steht, zählen die Re­ge­lun­gen des all­ge­mei­nen Kündi­gungs­schut­zes (vgl. BVerfGE 70, 138 <166 f.>; Eh­lers, in: Sachs, GG, 7. Aufl. 2014,
Art. 140/Art. 137 WRV, Rn. 14; Ko­rioth, in: Maunz/Dürig, GG, Art. 140/Art. 137 WRV, Rn. 49). Sie tra­gen nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts der ob­jek­ti­ven Schutz­pflicht des Staa­tes ge­genüber den wech­sel-sei­ti­gen Grund­rechts­po­si­tio­nen von Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer Rech­nung (vgl. BVerfGE 84, 133 <146 f.>; 85, 360 <372 f.>; 92, 140 <150>; 97, 169 <175 f.>; BVerfGK 1, 308 <311>; 8, 244 <246>).
cc) Die in die­sen Vor­schrif­ten ent­hal­te­nen Ge­ne­ral­klau­seln bedürfen der Ausfüllung im kon­kre­ten Ein­zel­fall. Im Pri­vat­rechts­ver­kehr ent­fal­ten die Grund­rech­te ih­re Wirk­kraft als ver­fas­sungs­recht­li­che Wer­tent­schei­dun­gen durch das Me­di­um der Vor­schrif­ten, die das je­wei­li­ge Rechts­ge­biet un­mit­tel­bar be­herr­schen, da­mit vor al­lem auch durch die zi­vil­recht­li­chen Ge­ne­ral­klau­seln (vgl. BVerfGE 7, 198 <205 f.>; 42, 143 <148>; 103, 89 <100>). Der Staat hat in­so­weit die Grund­rech­te des Ein­zel­nen zu schützen und vor Ver­let­zung durch an­de­re zu be­wah­ren (vgl. nur BVerfGE 103, 89 <100>). Den staat­li­chen Ge­rich­ten ob­liegt es, den grund­recht­li­chen Schutz im We­ge der Aus­le­gung und An­wen­dung des ein­fa­chen Rechts zu gewähren und im Ein­zel­fall zu kon­kre­ti­sie­ren.
(1) Die Ein­be­zie­hung der kirch­li­chen Ar­beits­verhält­nis­se in das staat­li­che Ar­beits­recht hebt de­ren Zu­gehörig­keit zu den „ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten“ der Kir­che nicht auf (vgl. BVerfGE 53, 366 <392>; 70, 138 <165>). Ar­beits- und Kündi­gungs­schutz­ge­set­ze sind da­her ei­ner­seits im Lich­te der ver­fas­sungs­recht­li­chen Wer­tent­schei­dung zu­guns­ten der kirch­li­chen Selbst­be­stim­mung aus­zu­le­gen (Art. 4 Abs. 1 und 2 i.V.m. Art. 140 GG und Art. 137 Abs. 3 WRV). Das be­deu­tet nicht nur, dass die Re­li­gi­ons­ge­sell­schaft Ge­stal­tungs­spielräume, die das dis­po­si­ti­ve Recht eröff­net, voll ausschöpfen darf. Auch bei der Hand­ha­bung zwin­gen­der Vor­schrif­ten sind Aus­le­gungs­spielräume, so­weit er­for­der­lich, zu­guns­ten der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaft zu nut­zen (vgl. BVerfGE 83, 341 <356>), wo­bei dem Selbst­verständ­nis der Kir­chen ein be­son­de­res Ge­wicht zu­zu­mes­sen ist (vgl. BVerfGE 53, 366 <401>, un­ter Be­zug­nah­me auf BVerfGE 24, 236 <246>; 44, 37 <49 f.>).
(2) An­de­rer­seits darf dies nicht da­zu führen, dass Schutz­pflich­ten des Staa­tes ge­genüber den Ar­beit­neh­mern (Art. 12 Abs. 1 GG) und die Si­cher­heit des Rechts­ver­kehrs ver­nachlässigt wer­den (vgl. BVerfGE 83, 341 <356>). Art. 137 Abs. 3 Satz 1 WRV si­chert in­so­weit mit Rück­sicht auf das zwin­gen­de Er­for­der­nis fried­li­chen Zu­sam­men­le­bens von Staat und Kir­chen (vgl. BVerfGE 42, 312 <330 ff., 340>) so­wohl das selbständi­ge Ord­nen und Ver­wal­ten der ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten durch die Kir­chen als auch den staat­li­chen Schutz der Rech­te an­de­rer und für
das Ge­mein­we­sen be­deut­sa­mer Rechtsgüter. Die­ser Wech­sel­wir­kung von Kir­chen­frei­heit und Zweck der ge­setz­li­chen Schran­ken­zie­hung ist durch ei­ne ent-spre­chen­de Güter­abwägung Rech­nung zu tra­gen (vgl. BVerfGE 46, 73 <95>; 53, 366 <400 f.>; 66, 1 <22>; 70, 138 <167>; 72, 278 <289>; BVerfGK 12, 308 <333>).
2. Bei ar­beits­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten über Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten kirch­li­cher Ar­beit­neh­mer ha­ben die staat­li­chen Ge­rich­te den or­ga­ni­schen Zu­sam­men­hang von Sta­tus­recht (Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 WRV) und Grund­recht (Art. 4 Abs. 1 und 2 GG) im Rah­men ei­ner zwei­stu­fi­gen Prüfung zu be­ach­ten und um­zu­set­zen.
a) Ob ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on oder Ein­rich­tung an der Ver­wirk­li­chung des kirch­li­chen Grund­auf­trags teil­hat, ob ei­ne be­stimm­te Loya­litätsob­lie­gen­heit Aus­druck ei­nes kirch­li­chen Glau­bens­sat­zes ist und wel­ches Ge­wicht die­ser Loya­litätsob­lie­gen­heit und ei­nem Ver­s­toß hier­ge­gen nach dem kirch­li­chen Selbst­verständ­nis zu­kommt, müssen die staat­li­chen Ge­rich­te auf ei­ner ers­ten Prüfungs­stu­fe ei­ner Plau­si­bi­litätskon­trol­le auf der Grund­la­ge des glau­bens­de­fi­nier­ten Selbst­verständ­nis­ses der Kir­che un­ter­zie­hen. Da­bei dürfen sie die Ei­gen­art des kirch­li­chen Diens­tes - das kirch­li­che Pro­pri­um - nicht außer Acht las­sen.
aa) Die For­mu­lie­rung des kirch­li­chen Pro­pri­um ob­liegt al­lein und aus­sch­ließlich den ver­fass­ten Kir­chen und ist als ele­men­ta­rer Be­stand­teil der kor­po­ra­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­fas­sungs­recht­lich geschützt. Eben­so sind für die Fra­ge, wel­che kirch­li­chen Grund­ver­pflich­tun­gen als Ge­gen­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses be­deut­sam sein können, al­lein die von der ver­fass­ten Kir­che an­er­kann­ten Maßstäbe von Be­lang. Dem­ge­genüber kommt es we­der auf die Auf­fas­sung der ein­zel­nen be­trof­fe­nen kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen - bei de­nen die Mei­nungs­bil­dung von ver­schie­dens­ten Mo­ti­ven be­ein­flusst sein kann - noch auf die­je­ni­ge brei­ter Krei­se un­ter den Kir­chen­glie­dern oder et­wa gar ein­zel­ner, be­stimm­ten Ten­den­zen ver­bun­de­ner Mit­ar­bei­ter an (vgl. BVerfGE 70, 138 <166>).
Im Rah­men ih­res Selbst­be­stim­mungs­rechts können die ver­fass­ten Kir­chen fest­le­gen, was „die Glaubwürdig­keit der Kir­che und ih­rer Verkündi­gung er­for­dert“, was „spe­zi­fisch kirch­li­che Auf­ga­ben“ sind, was „Nähe“ zu ih­nen be­deu­tet, wel­ches die „we­sent­li­chen Grundsätze der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re“ sind, was als Ver­s­toß ge­gen die­se an­zu­se­hen ist und wel­ches Ge­wicht die­sem Ver­s­toß aus kirch­li­cher Sicht zu­kommt (vgl. BVerfGE 70, 138 <168>). Auch die Ent­schei­dung dar-
über, ob und wie in­ner­halb der im kirch­li­chen Dienst täti­gen Mit­ar­bei­ter ei­ne „Ab­stu­fung“ der Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten ein­grei­fen soll, ist ei­ne dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht un­ter­lie­gen­de An­ge­le­gen­heit (vgl. BVerfGE 70, 138 <168>).
bb) Über die ent­spre­chen­den Vor­ga­ben der ver­fass­ten Kir­che dürfen sich die staat­li­chen Ge­rich­te nicht hin­weg­set­zen. Im Rah­men der all­ge­mei­nen Jus­tiz­gewährungs­pflicht sind sie le­dig­lich be­rech­tigt, die Dar­le­gun­gen des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers auf ih­re Plau­si­bi­lität hin zu über­prüfen. In Zwei­felsfällen ha­ben sie die ein­schlägi­gen Maßstäbe der ver­fass­ten Kir­che durch Rück­fra­gen bei den zuständi­gen Kir­chen­behörden oder, falls dies er­geb­nis­los bleibt, durch ein kir­chen­recht­li­ches oder theo­lo­gi­sches Sach­verständi­gen­gut­ach­ten auf­zuklären.
(1) Re­li­giöse Ziel­set­zung und in­sti­tu­tio­nel­le Ver­bin­dung der Or­ga­ni­sa­ti­on oder Ein­rich­tung zur ver­fass­ten Amts­kir­che, ih­ren Or­ga­nen und Amts­wal­tern und die bruch­lo­se Übe­rein­stim­mung von geist­lich-theo­lo­gi­schem Auf­trag und des­sen Ausführung im prak­ti­schen Wirt­schafts­le­ben müssen hier­nach ob­jek­tiv er­kenn­bar sein und ei­ner - den von der ver­fass­ten Kir­che vor­ge­ge­be­nen glau­bens­spe­zi­fi­schen Pa­ra­me­tern fol­gen­den - Plau­si­bi­litätskon­trol­le stand­hal­ten (vgl. Eh­lers, in: Sachs <Hrsg.>, GG, 7. Aufl. 2014, Art. 140, Rn. 6; Isen­see, in: Listl/Pir­son, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, Bd. 2, 2. Aufl. 1995, § 59, S. 665 <727 f.>).
(2) Ist durch den kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber plau­si­bel dar­ge­legt, dass nach ge­mein­sa­mer Glau­bensüber­zeu­gung, Dog­ma­tik, Tra­di­ti­on und Leh­re der ver­fass­ten Kir­che ein be­stimm­tes Han­deln oder ei­ne Tätig­keit und dar­an ge­knüpfte Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten Ge­gen­stand, Teil oder Ziel von Glau­bens­re­geln sind (vgl. als Bei­spiel hierfür: Be­thel, Grundsätze für Zu­sam­men­ar­beit und Führung in den v. Bo­del­schwingh­schen Stif­tun­gen Be­thel, Bie­le­feld 2012), darf der Staat das so um­schrie­be­ne glau­bens­de­fi­nier­te Selbst­verständ­nis der Kir­che nicht nur nicht un­berück­sich­tigt las­sen; er hat es viel­mehr sei­nen Wer­tun­gen und Ent­schei­dun­gen zu­grun­de zu le­gen, so lan­ge es nicht in Wi­der­spruch zu grund­le­gen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewähr­leis­tun­gen steht (vgl. da­zu BVerfGE 70, 138 <168>, wo auf die Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung ab­ge­stellt wur­de, wie sie im all­ge­mei­nen Willkürver­bot [Art. 3 Abs. 1 GG] und in den Be­grif­fen der „gu­ten Sit­ten“ [§ 138 Abs. 1 BGB] und des ord­re pu­blic [Art. 6 EGBGB] ih­ren Nie­der­schlag ge­fun­den ha­ben; vgl. fer­ner BVerfGE 102, 370 <392 ff.>). Ei­ner darüber hin­aus ge­hen­den Be­wer­tung sol­cher Glau­bens­re­geln hat sich der Staat zu ent­hal­ten (vgl. BVerfGE 33, 23 <30>; 104, 337 <355>), denn dar­in ent­fal­tet sich nicht nur die sta­tus­recht­li-
che Si­che­rung nach Art. 137 Abs. 3 WRV, son­dern vor al­lem auch die Schutz­wir­kung der Re­li­gi­ons­frei­heit von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG.
(3) Dies gilt in be­son­de­rem Maße im Hin­blick auf Loya­litätser­war­tun­gen der Kir­che und ei­ne et­wai­ge Ab­stu­fung von Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten. Hat die Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft sich in Ausübung ih­rer kor­po­ra­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit da­zu ent­schie­den, ein be­stimm­tes Ver­hal­ten we­gen des Ver­s­toßes ge­gen tra­gen­de Glau­benssätze als Loya­litäts­ver­s­toß zu wer­ten, ein an­de­res aber nicht, und hat sie die­se Maßga­be zum Ge­gen­stand ei­nes Ar­beits­ver­trags ge­macht, so ist es den staat­li­chen Ge­rich­ten grundsätz­lich un­ter­sagt, die­se au­to­nom ge­trof­fe­ne und von der Ver­fas­sung geschütz­te Ent­schei­dung zu hin­ter­fra­gen und zu be­wer­ten. Glei­ches gilt, so­weit die Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft die Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten auf Ar­beit­neh­mer in be­stimm­ten Auf­ga­ben­be­rei­chen be­schränkt oder nur auf sol­che kirch­li­chen Ar­beit­neh­mer er­streckt hat, die ih­rem Glau­ben an­gehören. Den staat­li­chen Ge­rich­ten ist es in­so­weit ver­wehrt, die ei­ge­ne Einschätzung über die Nähe der von ei­nem Ar­beit­neh­mer be­klei­de­ten Stel­le zum Heils­auf­trag und die Not­wen­dig­keit der auf­er­leg­ten Loya­litätsob­lie­gen­heit im Hin­blick auf Glaubwürdig­keit oder Vor­bild­funk­ti­on in­ner­halb der Dienst­ge­mein­schaft an die Stel­le der durch die ver­fass­te Kir­che ge­trof­fe­nen Einschätzung zu stel­len (vgl. auch BVerfGE 70, 138 <167>; 83, 341 <356>; so auch im Er­geb­nis: Isen­see, in: Fest­schrift für Klaus Ober­may­er, 1986, S. 203 <214 f.>; Ri­char­di, in: ders./Wlotz­ke/Wißmann/Oet­ker, Münche­ner Hand­buch zum Ar­beits­recht, Bd. 2, 3. Aufl. 2009, § 328 Rn. 24; Plum, NZA 2011, S. 1194 <1200>; Fah­rig/Stens­lik, Eu­ZA 5 <2012>, S. 184 <194 f.>; Me­lot de Beau­re­gard, NZA-RR 2012, S. 225 <230>; Wal­ter, Zev­KR 57 <2012>, S. 233 <240>; Pötters/Kalf, ZESAR 2012, S. 216 <218>; Ma­gen, in: Kämper/Put­tler <Hrsg.>, Straßburg und das kirch­li­che Ar­beits­recht, 2013, S. 41 <43 ff.>).
b) Auf ei­ner zwei­ten Prüfungs­stu­fe ha­ben die Ge­rich­te so­dann die Selbst­be­stim­mung der Kir­chen den In­ter­es­sen und Grund­rech­ten der Ar­beit­neh­mer in ei­ner of­fe­nen Ge­samt­abwägung ge­genüber­zu­stel­len.
aa) Dies setzt die po­si­ti­ve Fest­stel­lung vor­aus, dass der Ar­beit­neh­mer sich der ihm ver­trag­lich auf­er­leg­ten Loya­litätsan­for­de­run­gen und der Möglich­keit ar­beits­recht­li­cher Sank­tio­nie­rung von Verstößen be­wusst war oder hätte be­wusst sein müssen. Die Un­an­nehm­bar­keit ei­ner Loya­litätsan­for­de­rung (vgl. BVerfGE 70, 138 <168>) ist ge­ge­ben, wenn In­halt und Reich­wei­te der dem kirch­li­chen Ar­beit­neh­mer auf­er­leg­ten Ob­lie­gen­hei­ten so­wie die sich aus ei­nem Ver­s­toß mögli­cher­wei­se
er­ge­ben­den ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quen­zen nicht mit hin­rei­chen­der Be­stimmt­heit er­kenn­bar sind, so dass der kirch­li­che Ar­beit­neh­mer sich außer Stan­de sieht, sein Han­deln an den Loya­litätsan­for­de­run­gen sei­nes Ar­beit­ge­bers zu ori­en­tie­ren. Die nach frei­em Wil­len ge­trof­fe­ne Ent­schei­dung ei­nes Grund­rechts­be­rech­tig­ten, ei­ne par­ti­el­le Be­schränkung sei­ner Frei­heits­rech­te durch Ein­ge­hung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses mit ei­nem kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber zu des­sen Vor­aus­set­zun­gen hin­zu­neh­men, setzt not­wen­di­ger­wei­se das Be­wusst­sein über den Um­fang der Selbst­bin­dung vor­aus (vgl. hier­zu auch: Isen­see, in: Fest­schrift für Klaus Ober­may­er, 1986, S. 203 <206 f.>; Hof­mann, in: Schmidt-Bleib­treu/ Hof­mann/Hen­ne­ke, GG, 13. Aufl. 2014, Art. 140 Rn. 27). Die­se Vor­aus­set­zung ist nicht mehr erfüllt, wenn sich et­wa In­halt und Reich­wei­te der ein­zu­hal­ten­den Ver­hal­tens­re­geln nur mit­hil­fe de­tail­lier­ter Kennt­nis­se des Kir­chen­rechts und der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re fest­stel­len las­sen, die vom Ar­beit­neh­mer auch bei ge­stei­ger­ten Er­war­tun­gen we­gen der Kon­fes­si­on oder der kon­kre­ten Stel­lung nicht ver­langt wer­den können (vgl. zur Re­le­vanz des letzt­ge­nann­ten Um­stands und zur Ab­gren­zung auch: EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, § 50; EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 71).
Das Er­for­der­nis der Be­stimmt­heit und Vor­her­seh­bar­keit steht ei­ner Ver­wen­dung un­be­stimm­ter Rechts­be­grif­fe und Ge­ne­ral­klau­seln (vgl. et­wa Art. 4 Abs. 1 Satz 1 GrO: „Grundsätze der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re“) in Ar­beits­verträgen und der Ver­wei­sung auf Dienst­ord­nun­gen nicht grundsätz­lich ent­ge­gen. Im Zwei­fel ist der kirch­li­che Ar­beit­ge­ber je­doch ge­hal­ten, abs­trak­te Be­griff­lich­kei­ten zum Verständ­nis des Ar­beit­neh­mers im Rah­men der in­di­vi­du­al­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung zu kon­kre­ti­sie­ren (vgl. hier­zu auch: Böckel, in: Kämper/Put­tler <Hrsg.>, Straßburg und das kirch­li­che Ar­beits­recht, 2013, S. 57 <58>).
Das Maß im Ein­zel­fall zulässi­ger Ab­stra­hie­rung kor­re­spon­diert da­bei mit dem Um­fang der nach Einschätzung der Kir­che im Hin­blick auf das kon­kre­te Ar­beits­verhält­nis er­for­der­li­chen Loya­litätser­war­tun­gen: Bei Per­so­nen, die auf­grund ih­res Glau­bens oder ih­rer Stel­lung erhöhten Loya­litätsan­for­de­run­gen un­ter­wor­fen wer­den, sind in al­ler Re­gel auch Kennt­nis­se der kirch­li­chen Leh­re Teil des be­ruf­li­chen An­for­de­rungs­pro­fils und können durch den Ar­beit­ge­ber bei der For­mu­lie­rung der Loya­litätser­war­tun­gen vor­aus­ge­setzt wer­den. Führt die Un­kennt­nis ei­nes der­ar­ti­gen Ar­beit­neh­mers zu ei­ner Ob­lie­gen­heits­ver­let­zung, weil er sich über die Il­loya­lität sei­nes Ver­hal­tens nicht im Kla­ren ist, ob­schon er es hätte sein müssen, recht­fer­tigt dies ei­ne an­de­re Be­ur­tei­lung als in Kon­stel­la­tio­nen, in de­nen Kennt­nis­se der
kirch­li­chen Leh­re und der ein­schlägi­gen kir­chen­ge­setz­li­chen Vor­ga­ben auch aus Sicht der Kir­che nicht oh­ne wei­te­res er­war­tet wer­den können.
bb) Im Rah­men des sich hier­an an­sch­ließen­den Abwägungs­vor­gangs sind die kol­li­die­ren­den Rechts­po­si­tio­nen - dem Grund­satz der prak­ti­schen Kon­kor­danz ent­spre­chend - in möglichst ho­hem Maße in ih­rer Wirk­sam­keit zu ent­fal­ten. Sie sind ein­an­der im Sin­ne ei­ner Wech­sel­wir­kung verhält­nismäßig zu­zu­ord­nen, das heißt, das ein­schränken­de ar­beits­recht­li­che Ge­setz muss im Lich­te der Be­deu­tung des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV und Art. 4 Abs. 1 und 2 GG be­trach­tet wer­den, wie um­ge­kehrt die Be­deu­tung kol­li­die­ren­der Rech­te des Ar­beit­neh­mers im Verhält­nis zum kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht ge­wich­tet wer­den muss.
Dem Selbst­verständ­nis der Kir­che ist da­bei ein be­son­de­res Ge­wicht bei­zu­mes­sen (vgl. hier­zu auch: BVerfGE 53, 366 <401>; 66, 1 <22>; 70, 138 <167>; 72, 278 <289>; BVerfGK 12, 308 <333>), oh­ne dass die In­ter­es­sen der Kir­che die Be­lan­ge des Ar­beit­neh­mers da­bei prin­zi­pi­ell überwögen. Das staat­li­che Ar­beits­recht lässt „ab­so­lu­te Kündi­gungs­gründe“ nicht zu; ei­ne Ver­ab­so­lu­tie­rung von Rechts­po­si­tio­nen ist der staat­li­chen Rechts­ord­nung jen­seits des Art. 1 Abs. 1 GG fremd. Ent­spre­chend ent­bin­det selbst ein er­kenn­bar schwer­wie­gen­der Loya­litäts­ver­s­toß die staat­li­chen Ar­beits­ge­rich­te nicht von der Pflicht zur Abwägung der kirch­li­chen In­ter­es­sen mit den Be­lan­gen des Ar­beit­neh­mers. Die Ar­beits­ge­rich­te ha­ben je­doch auch bei der Abwägung die vor­ge­ge­be­nen kirch­li­chen Maßstäbe für die Ge­wich­tung ver­trag­li­cher Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten zu­grun­de zu le­gen (BVerfGE 70, 138 <170 ff.>).
3. Ob die­se Abwägung ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen ent­spricht, kann ge­ge­be­nen­falls Ge­gen­stand ver­fas­sungs­ge­richt­li­cher Kon­trol­le sein. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist zum Ein­grei­fen ge­genüber den Fach­ge­rich­ten je­doch nur dann be­ru­fen, wenn die­se tra­gen­de Ele­men­te des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts und der kor­po­ra­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit ei­ner­seits oder Grund­rech­te des Ar­beit­neh­mers an­de­rer­seits ver­ken­nen.
4. Die­se Maßstäbe ste­hen in Ein­klang mit der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und der hier­zu er­gan­ge­nen Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te (vgl. be­reits: EKMR, Romm­elfänger v. Deutsch­land, Kom­mis­si­ons­ent­schei­dung vom 6. Sep­tem­ber 1989, Nr. 12242/86). Die durch die Kon­ven­ti­on be­gründe­ten ob­jek­ti­ven Schutz­pflich­ten des Staa­tes aus Art. 11 Abs. 1
EM­RK in Ver­bin­dung mit Art. 9 Abs. 1 EM­RK und das sich hier­aus er­ge­ben­de Au­to­no­mie­recht der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ei­ner­seits und die ent­ge­gen­ste­hen­den Rechts­po­si­tio­nen der kirch­li­chen Ar­beit­neh­mer an­de­rer­seits ver­lan­gen - in Übe­rein­stim­mung mit den ver­fas­sungs­recht­li­chen Maßstäben - ei­ne Abwägung der wi­der­strei­ten­den In­ter­es­sen un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler re­le­van­ten Umstände des Ein­zel­falls. Die durch die Kon­ven­ti­on be­gründe­te Neu­tra­litäts­pflicht des Staa­tes in re­li­giösen An­ge­le­gen­hei­ten un­ter­sagt den staat­li­chen Stel­len hier­bei eben­falls ei­ne ei­genständi­ge Be­wer­tung und Ge­wich­tung von Glau­bens­in­hal­ten.
a) Die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ist als Aus­le­gungs­hil­fe bei der Aus­le­gung der Grund­rech­te und rechts­staat­li­chen Grundsätze des Grund­ge­set­zes her­an­zu­zie­hen. Dies ver­langt al­ler­dings kei­ne sche­ma­ti­sche Par­al­le­li­sie­rung der Aus­sa­gen des Grund­ge­set­zes mit de­nen der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Viel­mehr wer­den de­ren Wer­tun­gen im Sin­ne ei­nes möglichst scho­nen­den Ein­pas­sens in das vor­han­de­ne, dog­ma­tisch aus­dif­fe­ren­zier­te na­tio­na­le Rechts­sys­tem auf­ge­nom­men (vgl. BVerfGE 111, 307 <315 ff.>; 128, 326 <366 ff.>; 131, 268 <295 f.>).
Die Möglich­kei­ten ei­ner kon­ven­ti­ons­freund­li­chen Aus­le­gung en­den dort, wo die­se nach den an­er­kann­ten Me­tho­den der Ge­set­zes­aus­le­gung und Ver­fas­sungs­in­ter­pre­ta­ti­on nicht mehr ver­tret­bar er­scheint (vgl. BVerfGE 111, 307 <329>; 128, 326 <371>). Zu­dem darf sie nicht da­zu führen, dass der Grund­rechts­schutz nach dem Grund­ge­setz ein­ge­schränkt wird; das schließt auch die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on durch Art. 53 EM­RK ih­rer­seits aus (vgl. BVerfGE 111, 307 <317>; 128, 326 <371>, je­weils m.w.N.). Die­ses Re­zep­ti­ons­hemm­nis kann vor al­lem in - wie hier - mehr­po­li­gen Grund­rechts­verhält­nis­sen re­le­vant wer­den, in de­nen das „Mehr“ an Frei­heit für ei­nen Grund­recht­sträger zu­gleich ein „We­ni­ger“ für ei­nen an­de­ren be­deu­tet (vgl. BVerfGE 128, 326 <371>).
b) Art. 9 Abs. 1 EM­RK schützt ne­ben der in­di­vi­du­el­len Re­li­gi­ons­frei­heit auch ih­re kor­po­ra­ti­ve Sei­te (vgl. Mey­er-La­de­wig, EM­RK, Hand­kom­men­tar, 3. Aufl. 2011, Art. 9 Rn. 10, m.w.N). Da die Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten tra­di­tio­nell in der Form or­ga­ni­sier­ter Struk­tu­ren exis­tie­ren, de­ren au­to­no­mer Be­stand für die Viel­falt in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft un­ver­zicht­bar ist und die Glau­bens-frei­heit in ih­rem Kern­ge­halt berührt, muss Art. 9 Abs. 1 EM­RK nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te im Lich­te des Art. 11 Abs. 1 EM­RK aus­ge­legt wer­den. Un­ter die­sem Blick­win­kel be­dingt die
Glau­bens­frei­heit des Ein­zel­nen auch den Schutz der recht­lich ver­fass­ten Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten vor un­ge­recht­fer­tig­ten staat­li­chen Ein­grif­fen im Hin­blick so­wohl auf re­li­giöse als auch auf or­ga­ni­sa­to­ri­sche Fra­gen. Oh­ne die­sen Schutz der Or­ga­ni­sa­ti­on nach Maßga­be des re­li­giösen Selbst­verständ­nis­ses durch die Kon­ven­ti­on wäre auch die ef­fek­ti­ve Wahr­neh­mung der in­di­vi­du­el­len Re­li­gi­ons­frei­heit be­ein­träch­tigt (vgl. zu al­le­dem: EGMR (GK), Ha­san u. Chaush v. Bul­ga­ri­en, Ur­teil vom 26. Ok­to­ber 2000, Nr. 30985/96, § 62; EGMR, Me­tro-po­li­tan Church of Bes­sa­ra­bia u.a. v. Mol­da­wi­en, Ur­teil vom 13. De­zem­ber 2001, Nr. 45701/99, § 118; EGMR, Holy Syn­od of the Bul­ga­ri­an Or­tho­dox Church (Me­tro­po­li­tan Ino­ken­tiy) v. Bul­ga­ri­en, Ur­teil vom 22. Ja­nu­ar 2009, Nr. 412/03 u.a., § 103; EGMR (GK), Sin­di­ca­tul „Pãsto­rul cel Bun“ v. Rumänien, Ur­teil vom 9. Ju­li 2013, Nr. 2330/09, § 136; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 127).
aa) Das Au­to­no­mie­recht be­inhal­tet das Recht der Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft, nach ih­ren Rechtssätzen und nach ih­rem Er­mes­sen auf ein Ver­hal­ten ih­rer Mit­glie­der zu re­agie­ren, das ei­ne Be­dro­hung für den Zu­sam­men­halt, die Glaubwürdig­keit oder die Ein­heit der Ge­mein­schaft be­deu­tet (vgl. hier­zu: EGMR (GK), Sin­di­ca­tul „Pãsto­rul cel Bun“ v. Rumänien, Ur­teil vom 9. Ju­li 2013, Nr. 2330/09, § 165; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 128). Da­ne­ben ist in der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te an­er­kannt, dass aus dem Au­to­no­mie­recht der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten auch de­ren Be­fug­nis erwächst, ih­ren Ar­beit­neh­mern und den die Ge­mein­schaft re­präsen­tie­ren­den Per­so­nen ein ge­wis­ses Maß an Loya­lität ab­zu­ver­lan­gen (vgl. hier­zu be­reits: EKMR, Romm­elfänger v. Deutsch­land, Kom­mis­si­ons­ent­schei­dung vom 6. Sep­tem­ber 1989, Nr. 12242/86; so­wie: EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 131, m.w.N.). Vor­aus­set­zung ist, dass von ei­ner Ver­let­zung der kon­kre­ten Loya­litätsan­for­de­rung nach Einschätzung der Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft ei­ne sub­stan­ti­el­le Ge­fahr für den Zu­sam­men­halt, die Glaubwürdig­keit oder die Ein­heit der Ge­mein­schaft aus­gin­ge, die mit der Loya-litätsan­for­de­rung ver­bun­de­ne Be­schränkung nicht über das er­for­der­li­che Maß hin­aus­reicht und kei­nen sach­frem­den Zwe­cken dient, die nicht in der Wahr­neh­mung des re­li­giösen Auf­trags be­gründet lie­gen; dies hat die Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft im Ein­zel­fall dar­zu­le­gen (vgl. EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 132).
bb) Un­ter die­sen Be­din­gun­gen können auch Be­schränkun­gen kon­ven­ti­ons­recht­lich geschütz­ter Rechts­po­si­tio­nen des Ar­beit­neh­mers ge­recht­fer­tigt sein; in­so­weit ist Art. 11 Abs. 1 EM­RK in Ver­bin­dung mit Art. 9 Abs. 1 EM­RK ge­ne­rell ge­eig­net, als Schran­ke für die­se Kon­ven­ti­ons­rech­te zu die­nen und die ob­jek­ti­ve Schutz­pflicht des Staa­tes zu be­gren­zen oder gar zu ver­drängen (vgl. hier­zu: EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, §§ 43 ff.; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, §§ 133 ff., je­weils zu Art. 8 Abs. 1 EM­RK; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, § 45, zu Art. 9 Abs. 1 EM­RK).
Da die ver­trag­li­che Un­ter­wer­fung un­ter die Loya­litätser­war­tun­gen je­doch auf ei­ner frei­wil­li­gen Ent­schei­dung des kirch­li­chen Ar­beit­neh­mers be­ruht (vgl. be­reits EKMR, Romm­elfänger v. Deutsch­land, Kom­mis­si­ons­ent­schei­dung vom 6. Sep­tem­ber 1989, Nr. 12242/86), ist Vor­aus­set­zung hierfür grundsätz­lich, dass der In­halt der Loya­litätser­war­tung und die mit ei­nem Ver­s­toß ein­her­ge­hen­den Rechts­fol­gen für den Ar­beit­neh­mer vor­her­seh­bar sind (vgl. EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 117). Für die Be­ur­tei­lung der Vor­her­seh­bar­keit ist auf die Kon­fes­si­on des Ar­beit­neh­mers (vgl. hier­zu: EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, § 50) und - in be­son­de­rem Maße - die von dem kirch­li­chen Ar­beit­neh­mer im kon­kre­ten Ein­zel­fall be­klei­de­te Stel­lung in­ner­halb der Or­ga­ni­sa­ti­on ab­zu­stel­len (vgl. hier­zu: EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 119).
cc) Der kon­kre­ten Stel­lung des Ar­beit­neh­mers in­ner­halb der re­li­giösen Or­ga­ni­sa­ti­on oder ei­ner ih­rer selbständi­gen Ein­rich­tun­gen (vgl. hier­zu EKMR, Romm­elfänger v. Deutsch­land, Kom­mis­si­ons­ent­schei­dung vom 6. Sep­tem­ber 1989, Nr. 12242/86, zum Fall ei­nes As­sis­tenz­arz­tes in ei­nem von ei­ner Stif­tung der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che ge­tra­ge­nen Kran­ken­haus; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, § 44, zum Fall ei­ner Er­zie­he­rin in von pro­tes­tan­ti­schen Kir­chen­ge­mein­den ge­tra­ge­nen Kin­der­ta­gesstätten) und dem In­halt der ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben kommt bei Be­ur­tei­lung des zulässi­gen Um­fangs der Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten und der Ver­ein­bar­keit von Sank­ti­ons­maßnah­men auf­grund von Loya­litäts­verstößen im Rah­men der Abwägungs­ent­schei­dung be­son­de­res Ge­wicht zu (vgl. EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 131, m.w.N.). Ei­ne be­reits von der Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft vor­ge­nom­me­ne Ab­stu­fung von Loya­li-
tätsob­lie­gen­hei­ten nach der Kon­fes­si­on oder be­ruf­li­chen Stel­lung des Ar­beit­neh­mers ist da­her mit der Kon­ven­ti­on nicht nur ver­ein­bar, son­dern im Zwei­fels­fall so¬gar ge­bo­ten (vgl. EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, § 50, zur Ab­stu­fung auf­grund der Kon­fes­si­on; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, § 46; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 119, je­weils zur Ab­stu­fung auf­grund der Stel­lung). Hier­durch trägt die Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft ih­rer Pflicht Rech­nung, nur die aus ih­rer Sicht zur Ab­wen­dung sub­stan­ti­el­ler Ri­si­ken für den Zu­sam­men­halt, die Glaubwürdig­keit oder die Ein­heit der Ge­mein­schaft un­ab­weis­ba­ren Ein­schränkun­gen kon­ven­ti­ons­recht­lich geschütz­ter Rechts­po­si­tio­nen ih­rer Ar­beit­neh­mer vor­zu­neh­men (vgl. EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 132).
c) Maßgeb­lich für die Be­ur­tei­lung des not­wen­di­gen In­halts der be­son­de­ren Loya­litätsan­for­de­run­gen und des Ge­wichts von Verstößen hier­ge­gen ist auch nach der Kon­ven­ti­on der Stand­punkt der Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft. Er ist von den staat­li­chen Stel­len im Rah­men ih­res Han­delns grundsätz­lich zu­grun­de zu le­gen (vgl. EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 68; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, § 45). Die­se Be­schränkung der Einschätzungs­ge­walt staat­li­cher Stel­len wur­zelt in dem kon­ven­ti­ons­recht­li­chen Au­to­no­mie­recht der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten (Art. 11 Abs. 1 EM­RK i.V.m. Art. 9 Abs. 1 EM­RK) und der staat­li­chen Neu­tra­litäts­pflicht in re­li­giösen An­ge­le­gen­hei­ten. Sie un­ter­sagt über die be­reits ge­nann­ten Gewähr­leis­tungs­in­hal­te des Au­to­no­mie­rechts hin­aus der staat­li­chen Ge­walt auch, kraft ei­ge­ner Einschätzung darüber zu be­fin­den, ob re­li­giöse Glau­bensüber­zeu­gun­gen oder die Mit­tel zum Aus­druck sol­cher Glau­bensüber­zeu­gun­gen le­gi­tim sind (vgl. EGMR, Ma­nous­sa­kis v. Grie­chen­land, Ur­teil vom 26. Sep­tem­ber 1996, Nr. 18748/91, § 47; EGMR, Je­ho­vah‘s Wit­nes­ses of Moscow u.a. v. Russ­land, Ur­teil vom 10. Ju­ni 2010, Nr. 302/02, § 141; EGMR, Church of Je­sus Christ of the Lat­ter-Day Saints v. Ver­ei­nig­tes König­reich, Ur­teil vom 4. März 2014, Nr. 7552/09, § 29).
d) Den­noch muss die staat­li­che Ge­walt den Stand­punkt der Kir­che und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft vom In­halt ei­ner Loya­litätsan­for­de­rung und dem Ge­wicht ei­nes Ver­s­toßes ih­rem Han­deln nicht gänz­lich un­ge­prüft zu­grun­de le­gen (vgl. hier­zu auch: EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 69); von der kon­ven­ti­ons­recht­li­chen Neu­tra­litäts­pflicht in re­li­giösen An­ge­le­gen­hei­ten ist der Staat in be­stimm­ten Aus­nah­mefällen ent­bun­den (vgl.
EGMR (GK), Ha­san u. Chaush v. Bul­ga­ri­en, Ur­teil vom 26. Ok­to­ber 2000, Nr. 30985/96, §§ 62, 78; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 129).
aa) Die staat­li­chen Ge­rich­te ha­ben si­cher­zu­stel­len, dass die kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber im Ein­zel­fall kei­ne un­an­nehm­ba­ren An­for­de­run­gen an ih­re Ar­beit­neh­mer rich­ten (vgl. EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, § 51; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, § 45 f.). Dies ist je­den­falls dann der Fall, wenn die Loya­litätsob­lie­gen­heit oder de­ren Ge­wich­tung im Kündi­gungs­fall ge­gen Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung verstößt (vgl. EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, § 45 f.), auf willkürli­chen Erwägun­gen be­ruht (vgl. EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 132) oder wenn die Zu­grun­de­le­gung des nach kirch­li­chem Selbst­verständ­nis er­las­se­nen Rechts­akts durch das staat­li­che Ge­richt auch un­ter Berück­sich­ti­gung des ent­ge­gen­ste­hen­den In­ter­es­ses des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers im Er­geb­nis zu ei­ner of­fen­sicht­li­chen Ver­let­zung ei­nes Kon­ven­ti­ons­rechts in sei­nem Kern­ge­halt führt (vgl. EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 132). Letz­te­res ist auch dann an­zu­neh­men, wenn durch die Loya­litätser­war­tung der Schutz­be­reich ei­nes abwägungs­fes­ten Kon­ven­ti­ons­rechts (vgl. Art. 15 Abs. 2 EM­RK) berührt wird.
Nicht aus­rei­chend ist hin­ge­gen, dass die Loya­litätsob­lie­gen­heit le­dig­lich den Schutz­be­reich an­de­rer Kon­ven­ti­ons­rech­te tan­giert. Dies würde nicht nur das kon­ven­ti­ons­recht­li­che Au­to­no­mie­recht der Kir­chen (Art. 11 Abs. 1 EM­RK i.V.m. Art. 9 Abs. 1 EM­RK) ent­wer­ten, son­dern auch den Abwägungs­pro­zess verkürzen, wo­durch der kon­ven­ti­ons­recht­lich ge­bo­te­ne ge­rech­te Aus­gleich zwi­schen meh­re­ren - pri­va­ten - In­ter­es­sen (vgl. EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, §§ 45, 52; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, §§ 40, 47) ver­hin­dert würde. Die Ent­schei­dung darüber, ob dem In­ter­es­se des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers an der selbst­be­stimm­ten Ver­wirk­li­chung sei­ner re­li­giösen Grundsätze im Ar­beits­recht oder dem In­ter­es­se des kirch­li­chen Ar­beit­neh­mers an dem kon­ven­ti­ons­recht­lich geschütz­ten, je­doch il­loya­len Ver­hal­ten der Vor­rang ein­zuräum­en ist, ist erst im We­ge der Abwägung der bei­der­sei­ti­gen Rechts­po­si­tio­nen zu tref­fen (vgl. hier­zu auch: Gra­ben­war­ter/Pa­bel, KuR 2011, S. 55 <62>).
bb) In­wie­weit das Au­to­no­mie­recht der Kir­chen als Schran­ke ent­ge­gen­ste­hen­der Kon­ven­ti­ons­rech­te wirkt (vgl. EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 60), ist auf der Grund­la­ge ei­ner um­fas­sen­den Abwägung der wi­der­strei­ten­den Po­si­tio­nen und al­ler sie be­ein­flus­sen­den Fak­to­ren auf den Ein­zel­fall zu be­stim­men (vgl. EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, § 51; EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 68; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, § 45; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, §§ 132, 148). Da den Staat in­so­weit hin­sicht­lich bei­der Kon­ven­ti­ons­rech­te ob­jek­ti­ve Schutz­pflich­ten tref­fen und der Schutz der ei­nen Rechts­po­si­ti­on not­wen­di­ger­wei­se zur Be­ein­träch­ti­gung des ent­ge­gen­ste­hen­den Rechts führt, räumt der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te den Kon­ven­ti­ons­staa­ten ei­nen wei­ten Einschätzungs­spiel­raum ein (vgl. EGMR (GK), Sin­di­ca­tul „Pãsto­rul cel Bun“ v. Rumänien, Ur­teil vom 9. Ju­li 2013, Nr. 2330/09, § 160; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 123).
Den­noch wer­den die Kon­ven­ti­ons­staa­ten ih­ren ob­jek­ti­ven Schutz­pflich­ten im Ein­zel­fall nur ge­recht, wenn sie ei­ne ein­ge­hen­de und al­le we­sent­li­chen Umstände des Ein­zel­falls berück­sich­ti­gen­de Abwägung der durch die Kündi­gung tan­gier­ten Rechts­po­si­tio­nen von Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer vor­neh­men (vgl. EGMR (GK), Sin­di­ca­tul „Pãsto­rul cel Bun“ v. Rumänien, Ur­teil vom 9. Ju­li 2013, Nr. 2330/09, § 159; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 123).
Hier­zu zählen un­ter an­de­rem das Be­wusst­sein des Ar­beit­neh­mers für die be­gan­ge­ne Loya­litäts­pflicht­ver­let­zung (vgl. EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 72; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, §§ 44, 46; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, §§ 141, 146), die Frei­wil­lig­keit der Bin­dung an höhe­re Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten (vgl. EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 135), die öffent­li­chen Aus­wir­kun­gen der Loya­litäts­pflicht­ver­let­zung (vgl. EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, § 51; EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 72), das In­ter­es­se des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers an der Wah­rung sei­ner Glaubwürdig­keit (vgl. EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, §§ 44, 46; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014,
Nr. 56030/07, § 137), die Po­si­ti­on des Ar­beit­neh­mers in der Ein­rich­tung, die Schwe­re des Loya­litäts­pflicht­ver­s­toßes in den Au­gen der Kir­che so­wie die zeit­li­che Di­men­si­on des Loya­litäts­ver­s­toßes (vgl. je­weils EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, § 48), das In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers an der Wah­rung sei­nes Ar­beits­plat­zes (vgl. EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 67), sein Al­ter, sei­ne Beschäfti­gungs­dau­er (vgl. je­weils EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, § 48; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, § 44) und die Aus­sich­ten auf ei­ne neue Beschäfti­gung (vgl. EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 73; EGMR (GK), Fernández Martínez v. Spa­ni­en, Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Nr. 56030/07, § 144).
cc) Im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung hat das staat­li­che Ge­richt al­ler­dings stets die kon­ven­ti­ons­recht­lich geschütz­te Neu­tra­litäts­pflicht in re­li­giösen An­ge­le­gen­hei­ten zu wah­ren (vgl. EGMR, Ma­nous­sa­kis v. Grie­chen­land, Ur­teil vom 26. Sep­tem­ber 1996, Nr. 18748/91, § 47; EGMR, Je­ho­vah‘s Wit­nes­ses of Moscow u.a. v. Russ­land, Ur­teil vom 10. Ju­ni 2010, Nr. 302/02, § 141; EGMR, Church of Je­sus Christ of the Lat­ter-Day Saints v. Ver­ei­nig­tes König­reich, Ur­teil vom 4. März 2014, Nr. 7552/09, § 29). Aus die­sem Grund muss es bei der Ge­wich­tung re­li­giös ge­prägter Abwägungs­ele­men­te (z.B. spe­zi­fi­sche Nähe der Tätig­keit des Ar­beit­neh­mers zum Verkündi­gungs­auf­trag) den Stand­punkt der ver­fass­ten Kir­che und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft sei­ner Ent­schei­dung zu­grun­de le­gen, so­fern es hier­durch nicht in Wi­der­spruch zu Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung ge­langt (vgl. EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 67; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, § 45).
dd) So­weit der Ge­richts­hof in ei­nem Ur­teil be­an­stan­det hat, die na­tio­na­len Ge­rich­te hätten die Fra­ge der Nähe der vom Be­schwer­deführer aus­geübten Tätig­keit zum Verkündi­gungs­auf­trag der Kir­che nicht ge­prüft, son­dern of­fen­bar oh­ne wei­te­re Nach­prüfun­gen den Stand­punkt des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers in die­ser Fra­ge über­nom­men (vgl. EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 67), war dies den be­son­de­ren Umständen des Ein­zel­falls ge­schul­det und recht­fer­tigt des­halb kei­ne ab­wei­chen­de Be­ur­tei­lung vor­ste­hen­der kon­ven­ti­ons­recht­li­cher Maßstäbe.
Ei­ne Les­art der Ent­schei­dungs­gründe, die ei­ne ei­genständi­ge staat­li­che Be­wer­tung der Nähe ei­ner Tätig­keit zum Verkündi­gungs­auf­trag er­for­dern würde, lie­fe
Ge­fahr, in un­auflösba­ren Wi­der­spruch zur sons­ti­gen Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs (vgl. EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, §§ 43, 51; EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, §§ 57, 60; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011, Nr. 18136/02, §§ 40, 45) bei Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten im kirch­li­chen Ar­beits­verhält­nis zu ge­ra­ten und das kon­ven­ti­ons­recht­lich ga­ran­tier­te Au­to­no­mie­recht der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten in sei­nem Kern­be­stand zu ent­wer­ten. Auch blie­be un­geklärt, war­um der Ge­richts­hof sich ei­ner­seits auf die Maßstäbe des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus der Ent­schei­dung vom 4. Ju­ni 1985 (BVerfGE 70, 138 ff.) be­zo­gen hat, oh­ne de­ren Ver­ein­bar­keit mit der Kon­ven­ti­on in Zwei­fel zu zie­hen (vgl. EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, §§ 35, 68) an­de­rer­seits aber die Über­prüfung kirch­li­cher Selbst­verständ­nis­se in wei­tem Um­fang von den staat­li­chen Ar­beits­ge­rich­ten ver­lan­gen würde. Ei­ne sol­che In­ter­pre­ta­ti­on stünde letzt­lich auch der Re­zep­ti­on in die na­tio­na­le Ver­fas­sungs­ord­nung ent­ge­gen, weil sie den Grund­rechts­schutz in­ner­halb ei­nes mehr­po­li­gen Grund­rechts­verhält­nis­ses ein­sei­tig zu Las­ten ei­nes Be­tei­lig­ten be­schränken würde (vgl. auch Plum, NZA 2011, S. 1194 <1200>).
Nach die­sen Maßstäben verstößt das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 8. Sep­tem­ber 2011 ge­gen Art. 4 Abs. 1 und 2 in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 137 Abs. 3 Satz 1 WRV, da die bei der An­wen­dung des § 1 Abs. 2 KSchG vor­ge­nom­me­ne In­ter­es­sen­abwägung dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht der Be­schwer­deführe­rin nicht in dem ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­nen Um­fang Rech­nung trägt.
1. Der persönli­che An­wen­dungs­be­reich von Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV ist zu Guns­ten der Be­schwer­deführe­rin eröff­net. Sie hat in An­be­tracht der vor­ran­gig re­li­giösen Ziel­set­zung ih­res Han­delns und ih­rer in­sti­tu­ti¬onel­len Ver­bin­dung zur römisch-ka­tho­li­schen Kir­che an de­ren kirch­li­chem Selbst­be­stim­mungs­recht teil. Zwar ist we­der die Be­schwer­deführe­rin selbst noch das in ih­rer Träger­schaft be­find­li­che V.-Kran­ken­haus Teil der amts­kirch­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on. Bei­de ha­ben je­doch teil an der Ver­wirk­li­chung von Auf­trag und Sen­dung der Kir­che im Geist ka­tho­li­scher Re­li­gio­sität, im Ein­klang mit dem Be­kennt­nis und in Le­gi­ti­ma­ti­on durch die Amts­träger der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che.
a) Die durch die Be­schwer­deführe­rin wahr­ge­nom­me­ne Auf­ga­be der Kran­ken­be­hand­lung und -pfle­ge stellt sich als Teil des Sen­dungs­auf­tra­ges der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che dar. Sie ist als ka­ri­ta­ti­ve Tätig­keit auf die Erfüllung der aus dem Glau­ben er­wach­sen­den Pflicht zum Dienst am Mit­men­schen und da­mit auf die Wahr­neh­mung ei­ner kirch­li­chen Grund­funk­ti­on ge­rich­tet (vgl. BVerfGE 53, 366 <393>; sie­he auch: BVerfGE 24, 236 <246 ff.>; 46, 73 <85 ff.>; 57, 220 <242 f.>; 70, 138 <163>).
In der Staats­pra­xis der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist die ka­ri­ta­ti­ve Tätig­keit in den Kir­chen­verträgen und Kon­kor­da­ten als le­gi­ti­me Auf­ga­be der Kir­chen aus­drück­lich an­er­kannt und den Kir­chen die Be­rech­ti­gung da­zu gewähr­leis­tet wor­den (vgl. BVerfGE 24, 236 <248>; 53, 366 <393>, je­weils m.w.N.). Zu die­ser ka­ri­ta­ti­ven Tätig­keit gehört die kirch­lich ge­tra­ge­ne Kran­ken­pfle­ge, die in lan­ger ka­tho­li­scher Tra­di­ti­on steht. Ihr ent­spricht die Or­ga­ni­sa­ti­on des kirch­li­chen Kran­ken­hau­ses und die auf sie gestütz­te, an christ­li­chen Grundsätzen aus­ge­rich­te­te, auch pas­to­ra­le und seel­sor­ge­ri­sche Zu­wen­dung um­fas­sen­de Hil­fe­leis­tung für den Pa­ti­en­ten (vgl. BVerfGE 53, 366 <393>).
b) An der Erfüllung die­ses kirch­li­chen Auf­trags hat die Be­schwer­deführe­rin auf­grund ih­rer be­kennt­nismäßigen und or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ver­bun­den­heit mit der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che An­teil. Dies er­gibt sich aus ei­ner Ge­samt­schau der Re­ge­lun­gen des Ge­sell­schafts­ver­tra­ges.
c) Im Fall der Be­schwer­deführe­rin tritt die re­li­giöse Di­men­si­on nicht in ei­nem Maße ge­genüber rein öko­no­mi­schen Erwägun­gen in den Hin­ter­grund, das ge­eig­net wäre, die Prägung durch das glau­bens­de­fi­nier­te Selbst­verständ­nis in Fra­ge zu stel­len. Die Re­ge­lun­gen des Ge­sell­schafts­ver­trags der Be­schwer­deführe­rin vom 6. Au­gust 2003, die als ver­bind­lich an­er­kann­ten Vor­ga­ben der Grund­ord­nung für ka­tho­li­sche Kran­kenhäuser in Nord­rhein-West­fa­len vom 5. No­vem­ber 1996 in der Fas­sung vom 27. März 2001 und die en­ge Ver­bin­dung der Be­schwer­deführe­rin zum Ver­bund Ka­tho­li­scher Kli­ni­ken D. ste­hen ei­ner vor­ran­gig auf Vermögens­meh­rung aus­ge­rich­te­ten Auf­ga­ben­wahr­neh­mung der von ihr ge­tra­ge­nen Ein­rich­tun­gen ent­ge­gen. Al­lein das Ziel der Er­wirt­schaf­tung ei­nes wirt­schaft­li­chen Er­geb­nis­ses, das die Sub­stanz der vor­han­de­nen Ein­rich­tun­gen und Ar­beitsplätze si­chert und ei­ne sinn­vol­le Wei­ter­ent­wick­lung ermöglicht, ist für sich ge­nom­men noch nicht ge­eig­net, die im Übri­gen klar er­kenn­ba­re re­li­giöse Prägung ih­res Han­delns zu ver­drängen.
2. Die Auf­er­le­gung be­son­de­rer Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten ge­genüber dem Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens war vom Gewähr­leis­tungs­in­halt des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV um­fasst. Durch den Ver­weis auf die Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se vom 22. Sep­tem­ber 1993 (GrO) so­wie § 10 Abs. 4 Nr. 2 des Ar­beits­ver­tra­ges vom 12. Ok­to­ber 1999 ist das Ver­bot des Le­bens in kirch­lich ungülti­ger Ehe wirk­sam und vor­her­seh­bar zum In­halt des Ar­beits­ver­tra­ges ge­wor­den (nach­fol­gend a) und b)). Die­se Loya­litätsan­for­de­run­gen ste­hen eben­so wie ih­re Ab­stu­fung nach Kon­fes­si­on und Stel­lung im Ein­klang mit den Maßstäben der ver­fass­ten römisch-ka­tho­li­schen Kir­che. Sie er­le­gen dem Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens kei­ne un­an­nehm­ba­ren oder ge­gen grund­le­gen­de ver­fas­sungs­recht­li­che Gewähr­leis­tun­gen ver­s­toßen­den Ob­lie­gen­hei­ten auf (nach­fol­gend c)).
a) Die Re­ge­lun­gen der Grund­ord­nung ein­sch­ließlich de­rer zum Ver­bot des Le­bens in kirch­lich ungülti­ger Ehe so­wie zu der Ab­stu­fung von Loya­litätser­war­tun­gen und ar­beits­recht­li­chen Sank­tio­nen nach Kon­fes­si­on und Stel­lung des Ar­beit­neh­mers sind von der Ge­samt­heit der ka­tho­li­schen Bischöfe in Deutsch­land übe­rein­stim­mend ver­ab­schie­det und pro­mul­giert und da­mit für ih­ren je­wei­li­gen Be­reich als kirch­li­ches Ge­setz in Kraft ge­setzt wor­den (vgl. Can. 391 § 1 CIC). Zwei­fel über den In­halt der Maßstäbe der ver­fass­ten Kir­che, de­nen sei­tens der staat­li­chen Ge­rich­te durch ent­spre­chen­de Rück­fra­gen bei den zuständi­gen Kir­chen­behörden zu be­geg­nen ge­we­sen wäre (vgl. BVerfGE 70, 138 <168>), lie­gen des­halb nicht vor.
b) In­halt und Reich­wei­te der dem Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens auf­er­leg­ten Ob­lie­gen­hei­ten so­wie die sich aus ei­nem Ver­s­toß mögli­cher­wei­se er­ge­ben­den ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quen­zen wa­ren für ihn mit hin­rei­chen­der Be­stimmt­heit er­kenn­bar, so dass er in der La­ge war, sein Ver­hal­ten hier­an aus­zu­rich­ten. Ei­ne Un­an­nehm­bar­keit der an ihn ge­rich­te­ten Loya­litätser­war­tun­gen we­gen man­geln­der Vor­her­seh­bar­keit schei­det aus.
aa) Art. 4 Abs. 1 Satz 1 GrO for­mu­liert die für al­le ka­tho­li­schen Mit­ar­bei­ter gel­ten­den Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten, in­dem er die Be­ach­tung und An­er­ken­nung der „Grundsätze der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re“ ver­langt. Im Ver­gleich zu den nicht­ka­tho­li­schen christ­li­chen Mit­ar­bei­tern (vgl. Art. 4 Abs. 2 GrO) und nicht­christ­li­chen Mit­ar­bei­tern (vgl. Art. 4 Abs. 3 GrO) wer­den ka­tho­li­sche Mit­ar­bei­ter - zu de­nen der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens zählt - da­mit ge­stei­ger­ten Loya­li-tätsan­for­de­run­gen un­ter­wor­fen. Hier­mit kor­re­spon­diert, dass in der Re­gel nur
ka­tho­li­sche Mit­ar­bei­ter mit Tätig­kei­ten, die im lei­ten­den Dienst aus­geübt wer­den, be­traut wer­den dürfen (vgl. Art. 3 Abs. 2 GrO).
Art. 4 Abs. 1 Satz 3 GrO enthält für lei­ten­de Mit­ar­bei­ter ei­ne wei­te­re Stei­ge­rung der Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten. Durch Ver­weis auf Art. 4 Abs. 1 Satz 2 GrO wird die­sen „das persönli­che Le­bens­zeug­nis im Sin­ne der Grundsätze der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re“ ab­ver­langt, das in be­son­de­rem Maße auch die Be­ach­tung und An­er­ken­nung der ka­tho­li­schen Glau­benssätze im außer­dienst­li­chen Be­reich um­fasst. Die in der Präam­bel des Ar­beits­ver­tra­ges eben­falls zur Grund­la­ge des Ar­beits­verhält­nis­ses erklärte „Grund­ord­nung für ka­tho­li­sche Kran­kenhäuser in Nord­rhein-West­fa­len“ vom 5. No­vem­ber 1996 in der Fas­sung vom 27. März 2001 stellt in Ab­schnitt A Ziff. 6 klar, dass un­ter an­de­rem die Ab­tei­lungsärz­te (Chefärz­te) als lei­ten­de Mit­ar­bei­ter im Sin­ne der Grund­ord­nung zu gel­ten ha­ben.
Art. 5 GrO re­gelt die ar­beits­recht­li­che Sank­tio­nie­rung von Loya­litäts­verstößen und stellt in Ab­satz 1 Satz 3 klar, dass auch die ein­sei­ti­ge Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses durch Kündi­gung nach er­folg­lo­ser Ausschöpfung mil­de­rer Maßnah­men so­wie un­ter Berück­sich­ti­gung der Schwe­re des Loya­litäts­ver­s­toßes in Be­tracht kommt. In Form von Re­gel­bei­spie­len be­nennt Art. 5 Abs. 2 GrO be-stimm­te Loya­litäts­verstöße, die aus Sicht der Kir­che im Re­gel­fall der­art schwer­wie­gend sind, dass sie grundsätz­lich ge­eig­net sind, ei­ne Kündi­gung aus kir­chen-spe­zi­fi­schen Gründen zu recht­fer­ti­gen; hier­durch wer­den zu­gleich die in Art. 4 GrO auf­er­leg­ten Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten - wenn auch nicht ab­sch­ließend - kon­kre­ti­siert. Art. 5 Abs. 2 Spie­gel­strich 2 GrO be­nennt als schwer­wie­gen­den Loya­litäts­ver­s­toß aus­drück­lich den „Ab­schluss ei­ner nach dem Glau­bens­verständ­nis und der Rechts­ord­nung der Kir­che ungülti­gen Ehe“.
Für die durch Art. 4 Abs. 1 Satz 2 und 3 GrO ge­stei­ger­ten Loya­litätsan­for­de­run­gen un­ter­wor­fe­nen Mit­ar­bei­ter stellt Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GrO klar, dass die vor­ste­hend ge­nann­ten, ge­ne­rell als Kündi­gungs­grund in Be­tracht kom­men­den Verstöße die Möglich­keit ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung in al­ler Re­gel aus­sch­ließen, wenn sie von ei­nem lei­ten­den Mit­ar­bei­ter be­gan­gen wer­den. Ein Ab­se­hen von der Kündi­gung soll aus­nahms­wei­se in Be­tracht kom­men, wenn schwer­wie­gen­de Umstände des Ein­zel­falls die Kündi­gung als un­an­ge­mes­sen er­schei­nen las­sen (vgl. Art. 5 Abs. 3 Satz 2 GrO).
bb) Für den Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens, der als Chef­arzt zur Grup­pe der lei­ten­den Mit­ar­bei­ter zählt, war dem­nach be­reits bei Ver­trags­schluss auf­grund der in Be­zug ge­nom­me­nen Re­ge­lun­gen der Grund­ord­nung er­kenn­bar, dass ein Loya­litäts­ver­s­toß durch Ein­ge­hung ei­ner zwei­ten Ehe im Hin­blick auf den Be­stand sei­ner nach kirch­li­chem Recht ge­schlos­se­nen ers­ten Ehe im Re­gel­fall die Kündi­gung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses als ar­beits­recht­li­che Sank­ti­on nach sich zie­hen würde. Tat­be­stand und Rechts­fol­ge ei­nes der­ar­ti­gen Loya­litäts­ver­s­toßes wa­ren zu­dem durch § 10 Abs. 4 Nr. 2 des Ar­beits­ver­tra­ges kon­kre­ti­siert. Dem Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens war da­nach bei der Ent­schei­dung, die hier­mit ver­bun­de­ne par­ti­el­le Be­schränkung sei­ner Frei­heits­rech­te durch Ein­ge­hung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit der Be­schwer­deführe­rin zu de­ren Kon­di­tio­nen hin­zu­neh­men, der Um­fang der da­mit ein­ge­gan­ge­nen Selbst­bin­dung be­wusst oder er hätte ihm je­den­falls be­wusst sein müssen. Dies gilt um­so mehr an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass nach dem in der Grund­ord­nung zum Aus­druck kom­men­den Selbst­verständ­nis der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che an ei­nen ka­tho­li­schen Ar­beit­neh­mer mit lei­ten­den Auf­ga­ben we­gen sei­ner Kon­fes­si­on und der kon­kret be­klei­de­ten Stel­lung ge­stei­ger­te Er­war­tun­gen im Hin­blick auf die Kennt­nis der kirch­li­chen Leh­re als Teil des be­ruf­li­chen An­for­de­rungs­pro­fils ge­stellt wer­den können (vgl. EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, § 50; EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 1620/03, § 71).
c) We­der die Loya­litätsob­lie­gen­heit als sol­che noch die ar­beits­recht­li­che Sank­tio­nie­rung von Verstößen auf­grund der Kon­fes­si­on ei­ner­seits und der lei­ten­den Stel­lung an­de­rer­seits ist ver­fas­sungs­recht­lich zu be­an­stan­den.
aa) Die durch Art. 4 Abs. 1 Satz 2 und 3 GrO auf­er­leg­te und durch Art. 5 Abs. 2 Spie­gel­strich 2 GrO kon­kre­ti­sier­te Loya­litätser­war­tung an die Mit­ar­bei­ter der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che, den nach ka­tho­li­schem Verständ­nis be­son­de­ren Cha­rak­ter der kir­chen­recht­lich ge­schlos­se­nen Ehe als dau­er­haf­ten und un­auflösli­chen Bund zwi­schen Mann und Frau zu re­spek­tie­ren und zu schützen, ist auf grund­le­gen­de und durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG geschütz­te Glau­benssätze der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che rückführ­bar.
bb) Auch die Ab­stu­fung der Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten nach der Kon­fes­si­on des kirch­li­chen Ar­beit­neh­mers mit ih­rer grund­le­gen­den Ka­te­go­ri­sie­rung nach Ka­tho­li­ken (Art. 4 Abs. 1 GrO), Nicht­ka­tho­li­ken (Art. 4 Abs. 2 GrO) und Nicht­chris­ten (Art. 4 Abs. 3 GrO) ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu be­an­stan­den. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat be­reits in sei­ner Ent­schei­dung vom 4. Ju­ni 1985 die be­son-
de­re Be­deu­tung von Loya­litätser­war­tun­gen ge­genüber Mit­glie­dern der ei­ge­nen Kir­che an­er­kannt (vgl. BVerfGE 70, 138 <166>). Denn für die Kir­chen kann ih­re Glaubwürdig­keit da­von abhängen, dass ge­ra­de ih­re Mit­glie­der, die in ein Ar­beits­verhält­nis zu ih­nen tre­ten, die kirch­li­che Ord­nung - auch in ih­rer Le­bensführung - re­spek­tie­ren. Die Ab­stu­fung knüpft zu­dem an die dif­fe­ren­zier­te Bin­dungs­wir­kung des ka­no­ni­schen Rechts an. Durch das ka­tho­li­sche Kir­chen­recht auf­er­leg­te Pflich­ten gel­ten aus­sch­ließlich für Ka­tho­li­ken (vgl. Can. 11 CIC).
cc) Die in Art. 4 Abs. 1 Satz 3, Art. 5 Abs. 3 GrO vor­ge­se­he­ne Verschärfung der Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten von Ar­beit­neh­mern in lei­ten­der Stel­lung ist eben­falls von der Ver­fas­sung ge­deckt. Lei­ten­de Ar­beit­neh­mer neh­men Funk­tio­nen wahr, die ho­he Be­deu­tung für Be­stand, Ent­wick­lung, Struk­tur und Um­set­zung der vor­ge­ge­be­nen Zie­le der kirch­li­chen Ein­rich­tung ha­ben. Ih­nen kommt ei­ne be­son­de­re Ver­ant­wor­tung für die Wah­rung des spe­zi­fisch re­li­giösen Cha­rak­ters und da­mit der Erfüllung von Sen­dung und Auf­trag der Kir­che zu. Dies gilt so­wohl im Hin­blick auf die außer­kirch­li­che als auch die in­ner­kirch­li­che Öffent­lich­keit (vgl. Dütz, NJW 1994, S. 1369 <1371, 1373>).
3. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat im Rah­men der Aus­le­gung von § 1 Abs. 2 KSchG bei der Ge­wich­tung der In­ter­es­sen der Be­schwer­deführe­rin Be­deu­tung und Trag­wei­te des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts (Art. 4 Abs. 1 und 2 i.V.m. Art. 140 GG und Art. 137 Abs. 3 WRV) ver­kannt. Es hat auf der ers­ten Stu­fe ei­ne ei­genständi­ge Be­wer­tung re­li­giös vor­ge­prägter Sach­ver­hal­te vor­ge­nom­men und sei­ne ei­ge­ne Einschätzung der Be­deu­tung der Loya­litätsob­lie­gen­heit und des Ge­wich­tes ei­nes Ver­s­toßes hier­ge­gen an die Stel­le der kirch­li­chen Einschätzung ge­setzt, ob­schon die­se an­er­kann­ten kirch­li­chen Maßstäben ent­spricht und nicht mit grund­le­gen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewähr­leis­tun­gen in Wi­der­spruch steht. Auf die­se Wei­se hat es die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung mit ei­nem ver­meint­lich leich­te­ren Ge­wicht der Rechts­po­si­ti­on der Be­schwer­deführe­rin be­gründet - de­ren Be­stim­mung je­doch al­lein Sa­che der ver­fass­ten römisch-ka­tho­li­schen Kir­che ge­we­sen wäre -, statt ein be­son­ders ho­hes Ge­wicht der Ge­gen­po­si­ti­on des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens in die Abwägung ein­zu­brin­gen (vgl. auch: Reichold/Hart­mey­er, AP Nr. 92 zu § 1 KSchG 1969, Bl. 1675 ff.; Pötters, EzA § 611 BGB 2002 Kirch­li­che Ar­beit­neh­mer Nr. 21, S. 15 ff.; Ma­gen, in: Kämper/Put­tler <Hrsg.>, Straßburg und das kirch­li­che Ar­beits­recht, 2013, S. 41 <48 ff.>; Me­lot de Beau­re­gard, NZA-RR 2012, S. 225 <230>).
a) So­weit das Bun­des­ar­beits­ge­richt zu Las­ten der Be­schwer­deführe­rin dar­auf ab­stellt, dass nach Art. 3 Abs. 2 GrO auch nicht­ka­tho­li­sche Per­so­nen mit lei­ten­den Auf­ga­ben be­traut wer­den können und die römisch-ka­tho­li­sche Kir­che es da­her of­fen­bar nicht als zwin­gend er­for­der­lich er­ach­te, Führungs­po­si­tio­nen an das Le­bens­zeug­nis für die ka­tho­li­sche Sit­ten­leh­re zu knüpfen (BAG, Ur­teil vom 8. Sep­tem­ber 2011, S. 14 UA (Rn. 41)), liegt hier­in ei­ne un­zulässi­ge ei­ge­ne Be­wer­tung der Schwe­re des Loya­litäts­ver­s­toßes. Das Ge­richt über­prüft die in Ausübung der Kir­chen­au­to­no­mie ge­trof­fe­ne Ab­stu­fung von Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten (vgl. BVerfGE 70, 138 <167 f.>) nach Kon­fes­si­on und Stel­lung im All­ge­mei­nen und er­ach­tet sie an­hand sei­ner ei­ge­nen - säku­la­ren - Maßstäbe als wi­dersprüchlich.
aa) Die römisch-ka­tho­li­sche Kir­che hat in Ausübung ih­res Selbst­be­stim­mungs­rechts bei der flächen­de­cken­den Pro­mul­ga­ti­on der Grund­ord­nung fest­ge­legt, dass der kirch­li­che Ar­beit­ge­ber in der Re­gel lei­ten­de Auf­ga­ben nur ei­ner Per­son über­tra­gen kann, die ka­tho­li­schen Glau­bens ist (vgl. Art. 3 Abs. 2 GrO). In die­sem Fall un­ter­liegt der Mit­ar­bei­ter nicht nur den nach Art. 4 Abs. 1 Satz 1 GrO für al­le ka­tho­li­schen Mit­ar­bei­ter gel­ten­den Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten, son­dern erfährt auf­grund sei­ner Lei­tungs­po­si­ti­on auch die in Art. 4 Abs. 1 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Satz 2 GrO ent­hal­te­ne wei­te­re Verschärfung der an ihn ge­rich­te­ten Loya­litätser­war­tun­gen. Im Fal­le des Ver­s­toßes ge­gen die­se An­for­de­run­gen sieht Art. 5 Abs. 3 GrO als Re­gel­fall die Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vor, er­ach­tet den Loya­litäts­ver­s­toß al­so als be­son­ders schwer­wie­gend. Hier­von ist die Be­schwer­deführe­rin auch im vor­lie­gen­den Fall aus­ge­gan­gen.
bb) Die­se Einschätzung stellt das Bun­des­ar­beits­ge­richt da­durch in­fra­ge, dass es auf die in der Grund­ord­nung of­fen­ge­hal­te­ne Möglich­keit ver­weist, lei­ten­de Auf­ga­ben - im Aus­nah­me­fall (vgl. hier­zu et­wa Ziff. 3 der „Ausführungs­richt­li­ni­en und Hin­wei­se zur Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se“ der Diöze­se Müns­ter vom 1. April 1994) - auch nicht­ka­tho­li­schen christ­li­chen Mit­ar­bei­tern zu über­tra­gen. Zu­dem er­ach­tet das Bun­des­ar­beits­ge­richt un­ter Über­ge­hung der kirch­li­chen Einschätzung zwei Tat­bestände als ver­gleich­bar, die für die römisch-ka­tho­li­sche Kir­che von ganz un­ter­schied­li­chem Ge­wicht sind: Für ih­re Glaubwürdig­keit, die In­te­grität der Dienst­ge­mein­schaft und die Ver­trau­ens­ba­sis der Mit­ar­bei­ter­schaft hat es ein si­gni­fi­kant an­de­res Ge­wicht, ob in Aus­nah­mefällen in lei­ten­den Funk­tio­nen auch Per­so­nen beschäftigt wer­den, die aus kir­chen­recht­li­chen Gründen von Be­ginn an nur ver­min­der­ten Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten un­ter­lie­gen oder ob Per­so­nen wei­ter­beschäftigt wer­den müssen, die ge­ra­de we­gen ih­rer Zu­gehörig­keit zur ka­tho­li­schen Kir­che be­vor­zugt die­se Po­si­ti-
onen er­hal­ten ha­ben und da­her erhöhten Loya­litäts­bin­dun­gen un­ter­lie­gen, die­se aber be­wusst bre­chen und da­mit nicht nur ge­gen ih­re ar­beits­ver­trag­li­chen Ob­lie-gen­hei­ten, son­dern auch ge­gen ih­re Pflich­ten als Mit­glied der Kir­che ver­s­toßen.
b) Auch so­weit das Bun­des­ar­beits­ge­richt aus dem Um­stand, dass die Be­schwer­deführe­rin in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach auch Chefärz­te wei­ter­beschäftigt ha­be, die als Ge­schie­de­ne er­neut ge­hei­ra­tet hat­ten, auf ein ver­min­der­tes Kündi­gungs­in­ter­es­se ge­schlos­sen hat, setzt es sei­ne Einschätzung der Ge­wich­tig­keit des durch den Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens be­gan­ge­nen Loya­litäts­ver­s­toßes an die Stel­le der ver­fass­ten Kir­che, oh­ne da­zu be­rech­tigt ge­we­sen zu sein.
aa) Dies gilt zunächst, so­weit das Bun­des­ar­beits­ge­richt auch nicht­ka­tho­li­sche ge­schie­de­ne Chefärz­te in sei­ne Be­trach­tung ein­ge­stellt hat. Das Ge­richt stellt wie­der­um die Ab­stu­fung von Loya­litätsan­for­de­run­gen nach der Kon­fes­si­on des Stel­len­in­ha­bers ins­ge­samt in Fra­ge. Da­bei setzt es sich über die be­reits im Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Ju­ni 1985 ent­hal­te­ne Vor­ga­be hin­weg, wo­nach auch die Ent­schei­dung darüber, ob und wie in­ner­halb der im kirch­li­chen Dienst täti­gen Mit­ar­bei­ter ei­ne „Ab­stu­fung“ der Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten ein­grei­fen soll, ei­ne dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht un­ter­lie­gen­de An­ge¬le­gen­heit ist (vgl. BVerfGE 70, 138 <167 f.>).
bb) Nichts an­de­res gilt, so­weit das Bun­des­ar­beits­ge­richt auf die Wei­ter­beschäfti­gung ka­tho­li­scher Chefärz­te nach ih­rer Wie­der­hei­rat ver­weist. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt wäre von Ver­fas­sungs we­gen nur dann zu ei­ner ei­genständi­gen Ge­wich­tung des Loya­litäts­ver­s­toßes des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens ent­ge­gen der kirch­li­chen Einschätzung ermäch­tigt ge­we­sen, wenn es durch die An­wen­dung der kirch­li­cher­seits vor­ge­ge­be­nen Kri­te­ri­en mit den grund­le­gen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewähr­leis­tun­gen in Wi­der­spruch ge­ra­ten wäre. Dies ist nicht der Fall. Ins­be­son­de­re ist die durch die Be­schwer­deführe­rin vor­ge­nom­me­ne ho­he Ge­wich­tung des Loya­litäts­ver­s­toßes sei­tens des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens auch in An­be­tracht der Fälle, in de­nen ka­tho­li­schen Chefärz­ten nach Wie­der­ver­hei­ra­tung nicht gekündigt wor­den war, ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu be­an­stan­den (vgl. auch Reichold/Hart­mey­er, AP Nr. 92 zu § 1 KSchG 1969, Bl. 1675 <1678>).
(1) Nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf im Ur­teil vom 1. Ju­li 2010, an die das Bun­des­ar­beits­ge­richt gemäß § 72 Abs. 5 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 559 Abs. 1 ZPO ge­bun­den ist, wa­ren in der Ver­gan­gen­heit le­dig­lich zwei ka­tho­li­sche Chefärz­te nach er­neu­ter Hei­rat wei­ter­beschäftigt wor­den. Im
ers­ten Fall er­fuhr die Be­schwer­deführe­rin von der Wie­der­ver­hei­ra­tung des Chef­arz­tes erst ei­nen Mo­nat vor des­sen al­ters­be­ding­tem Aus­schei­den und sah in An­be­tracht die­ses Um­stands von ei­ner Kündi­gung ab. Im zwei­ten Fall lag der sach­ge­rech­te Grund für die ab­wei­chen­de Vor­ge­hens­wei­se der Be­schwer­deführe­rin in der zwi­schen­zeit­lich deut­lich geänder­ten in­ner­kirch­li­chen Rechts­la­ge und der dar­aus sich er­ge­ben­den Vor­her­seh­bar­keit ei­ner Kündi­gung im Fal­le ei­ner Wie­der­hei­rat.
(2) Ver­fas­sungs­recht­lich nicht halt­bar ist da­her auch die Ar­gu­men­ta­ti­on des Bun­des­ar­beits­ge­richts, ge­ra­de hier­aus las­se sich für den Fall des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens der Rück­schluss zie­hen, dass die Be­schwer­deführe­rin das Ethos ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on durch ei­ne dif­fe­ren­zier­te Hand­ha­bung bei der An­wen­dung und Durch­set­zung ih­res le­gi­ti­men Loya­litäts­bedürf­nis­ses selbst nicht zwin­gend gefähr­det sah. Ei­ner­seits be­ruht sie auf der we­nig über­zeu­gen­den Prämis­se, dass Kom­pro­miss­be­reit­schaft auf­grund be­son­de­rer Umstände des Ein­zel­falls ein Nach­weis dafür sei, dass der kom­pro­mit­tier­te Wert nicht hoch ein­geschätzt wer­de (vgl. Ma­gen, in: Kämper/Put­tler <Hrsg.>, Straßburg und das kirch­li­che Ar­beits­recht, 2013, S. 41 <49 f.>). An­de­rer­seits ba­siert sie auf der un­zu­tref­fen­den An­nah­me, das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht fal­le bei der Abwägung nur dann ins Ge­wicht, wenn es - auch un­ter Über­spie­lung der ei­ge­nen Grundsätze - sei­tens der Kir­chen aus­nahms­los durch­ge­setzt wer­de. Ein der­ar­ti­ger „Kündi­gungs­au­to­ma­tis­mus“, den das Bun­des­ar­beits­ge­richt der Be­schwer­deführe­rin ab­zu­ver­lan­gen scheint, ist je­doch nicht nur dem deut­schen Kündi­gungs­schutz­recht fremd, son­dern steht auch im Wi­der­spruch zu ver­fas­sungs­recht­li­chen (vgl. BVerfGE 70, 138 <166 f.>) wie kon­ven­ti­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben (vgl. EGMR, Obst v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010, Nr. 425/03, § 51).
c) Auch die An­nah­me des Bun­des­ar­beits­ge­richts, die Be­schwer­deführe­rin ha­be nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts be­reits seit länge­rem von dem ehe­lo­sen Zu­sam­men­le­ben des Klägers mit sei­ner späte­ren zwei­ten Ehe­frau ge­wusst was er­ken­nen las­se, dass die Be­schwer­deführe­rin ih­re Glaubwürdig­keit nicht durch je­den Loya­litäts­ver­s­toß ei­nes Mit­ar­bei­ters als erschüttert an­se­he (vgl. BAG, Ur­teil vom 8. Sep­tem­ber 2011, S. 14 UA (Rn. 43)), ver­fehlt die ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen und verstößt ge­gen Art. 4 Abs. 1 und 2 in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 137 Abs. 3 WRV (zu Fra­gen des Ver­trau­ens­schut­zes, vgl. Rn. 181). Das Bun­des­ar­beits­ge­richt setzt sich über den Maßstab der ver­fass­ten Kir­che hin­weg, in­dem es das Le­ben in kirch­lich ungülti­ger Ehe mit dem Le­ben in ei­ner nicht­ehe­li­chen Le­bens­ge­mein­schaft gleich­setzt und aus der ver­meint­lich
be­ste­hen­den Gleich­wer­tig­keit bei­der Tat­bestände Rück­schlüsse auf ei­ne das Kündi­gungs­in­ter­es­se der Be­schwer­deführe­rin ver­rin­gern­de In­kon­sis­tenz der ar­beits­recht­li­chen Ge­wich­tung und Sank­tio­nie­rung von Loya­litäts­verstößen zieht (vgl. auch Pötters, EzA § 611 BGB 2002 Kirch­li­che Ar­beit­neh­mer Nr. 21, S. 15 <18>; Reichold/Hart­mey­er, AP Nr. 92 zu § 1 KSchG 1969, Bl. 1675 <1678>).
aa) Die Grund­ord­nung als re­le­van­ter Maßstab der ver­fass­ten Kir­che sieht - ne­ben an­de­ren Tat­beständen - nur den Ab­schluss ei­ner nach dem Glau­bens­verständ­nis und der Rechts­ord­nung der Kir­che ungülti­gen Ehe als aus­rei­chend schwer­wie­gen­den Loya­litäts­ver­s­toß an, der ei­ne Kündi­gung des Ar­beit­neh­mers recht­fer­ti­gen kann (Art. 5 Abs. 2 Spie­gel­strich 2 GrO) und bei lei­ten­den Ar­beit­neh­mern nach Einschätzung der Kir­che im Re­gel­fall auch recht­fer­tigt (Art. 5 Abs. 3 GrO). Die­se schar­fe Sank­tio­nie­rung des Loya­litäts­ver­s­toßes be­ruht auf dem be­son­de­ren sa­kra­men­ta­len Cha­rak­ter der Ehe und dem für das ka­tho­li­sche Glau­bens­verständ­nis zen­tra­len Dog­ma der Un­auflöslich­keit des gültig ge­schlos­se­nen Ehe­ban­des zu Leb­zei­ten.
Das ehe­lo­se Zu­sam­men­le­ben mit ei­nem an­de­ren Part­ner trotz fort­be­ste­hen­der Ehe hat nach dem Maßstab der ver­fass­ten römisch-ka­tho­li­schen Kir­che dem­ge­genüber ei­ne an­de­re Qua­lität. Zwar ent­spricht die nicht­ehe­li­che Le­bens­ge­mein­schaft ne­ben ei­ner wei­ter­be­ste­hen­den Ehe eben­falls nicht dem Ethos der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che. Die ka­tho­li­schen Diöze­s­an­bischöfe ha­ben je­doch in Ausübung des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts und in Ausfüllung der durch die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Ju­ni 1985 den Kir­chen über­las­se­nen Spielräume ent­schie­den, die­sem Glau­bens­satz mit Wir­kung für das welt­li­che Ar­beits­verhält­nis nicht das­sel­be Ge­wicht zu­zu­mes­sen wie dem Ver­bot der er­neu­ten Hei­rat zu Leb­zei­ten des ursprüng­li­chen Ehe­part­ners. Die Be­schwer­deführe­rin be­tont in die­sem Zu­sam­men­hang, dass erst durch die Wie­der­hei­rat der Loya­litäts­ver­s­toß ei­ne neue Qua­lität er­rei­che, in­dem der Bruch mit der nach kirch­li­chem Recht wei­ter­hin gülti­gen Ehe of­fi­zi­ell do­ku­men­tiert und per­pe­tu­iert wer­de (vgl. hier­zu be­reits: Rüfner, in: Listl/Pir­son, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, Bd. 2, 2. Aufl. 1995, § 66, S. 901 <923>). Die Wie­der­ver­hei­ra­tung schaf­fe zu­gleich ei­nen kaum mehr änder­ba­ren Dau­er­zu­stand, während der Ehe­bruch - ob­schon nach der Leh­re der Kir­che ein­deu­tig miss­bil­ligt - durch ein zukünf­ti­ges Un­ter­las­sen kor­ri­gier­bar sei und da­her noch die Möglich­keit be­ste­he, dass die ehe­li­che Le­bens­ge­mein­schaft wie­der her­ge­stellt wer­de.
bb) Die­ses in der Grund­ord­nung zum Aus­druck ge­brach­te und für die welt­li­chen Ge­rich­te grundsätz­lich bin­den­de Selbst­verständ­nis der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che, dass ge­ra­de der Bruch des sa­kra­men­ta­len Ban­des durch ei­ne er­neu­te Hei­rat ei­nen „we­sent­li­chen Grund­satz der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re“ für die römisch-ka­tho­li­sche Kir­che ver­letzt und hier­in ein be­son­ders schwer­wie­gen­der Loya­litäts­ver­s­toß zu er­bli­cken ist, ist plau­si­bel und be­ruht in An­be­tracht des Vor­ste­hen­den nicht auf ei­nem Ver­s­toß ge­gen grund­le­gen­de ver­fas­sungs-recht­li­che Gewähr­leis­tun­gen, so dass es durch die staat­li­chen Ge­rich­te ih­ren Ent-schei­dun­gen zu­grun­de zu le­gen ge­we­sen wäre.
Dies hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt miss­ach­tet und zu­gleich die Einschätzung der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che über die für sie re­le­van­ten Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten da­durch re­la­ti­viert, dass es aus der Tat­sa­che, dass ein nach Einschätzung des Ge­richts ver­meint­lich gleich­wer­ti­ger Loya­litäts­ver­s­toß nicht kon­se­quent ge­ahn­det wird, auf ei­ne ge­ne­rel­le Dul­dung auch an­de­rer Pflicht­ver­let­zun­gen und ei­ne Ver­nachlässi­gung der die­sen zu­grun­de lie­gen­den Prin­zi­pi­en ge­schlos­sen hat. In­dem das Bun­des­ar­beits­ge­richt hier­durch die Kennt­nis der Be­schwer­deführe­rin von ei­nem nach Einschätzung der ver­fass­ten Kir­che qua­li­ta­tiv an­ders­ar­ti­gen und un­be­deu­ten­de­ren Loya­litäts­ver­s­toß zum An­lass nimmt, ihr In­ter­es­se an der ar­beits­recht­li­chen Ahn­dung des aus ih­rer Sicht schwer­wie­gen­de­ren Loya­litäts­ver­s­toßes des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens in Fra­ge zu stel­len, hat es die auf Grund­la­ge ih­rer ka­tho­li­schen Glau­bens­grundsätze durch die Kir­che ge­bil­de­te Ab­stu­fung der Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten und ar­beits­recht­li­chen Sank­tio­nie­run­gen ni­vel­liert und dem in Art. 137 Abs. 3 WRV gewähr­leis­te­ten Selbst­be­stim­mungs­recht der Be­schwer­deführe­rin nicht in dem ge­bo­te­nen Um­fang Rech­nung ge­tra­gen.
Das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist da­her auf­zu­he­ben und die Sa­che an die­ses zurück­zu­ver­wei­sen (§ 95 Abs. 2 BVerfGG). Das Bun­des­ar­beits­ge­richt wird bei der Aus­le­gung von § 1 Abs. 2 KSchG die prak­ti­sche Kon­kor­danz zwi­schen dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht (Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 WRV) und der kor­po­ra­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit (Art. 4 Abs. 1 und 2 GG) auf Sei­ten der Be­schwer­deführe­rin und dem Schutz von Ehe und Fa­mi­lie (Art. 6 Abs. 1 GG) so­wie dem Ge­dan­ken des Ver­trau­ens­schut­zes (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 20 Abs. 3 GG) auf Sei­ten des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens her­zu­stel­len ha­ben (vgl. hier­zu BVerfGE 89, 214 <232>; 97, 169 <176>).
1. Art. 6 Abs. 1 GG ist nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ei­ne ver­bind­li­che Wer­tent­schei­dung für den ge­sam­ten Be­reich des Ehe und Fa­mi­lie be­tref­fen­den pri­va­ten und öffent­li­chen Rechts (vgl. BVerfGE 6, 55 <71 f.>; 6, 386 <388>; 9, 237 <248>; 22, 93 <98>; 24, 119 <135>; 61, 18 <25>; 62, 323 <329>; 76, 1 <41, 49>; 105, 313 <346>; 107, 205 <212 f.>; 131, 239 <259>). Er stellt Ehe und Fa­mi­lie als die Keim­zel­le je­der men­sch­li­chen Ge­mein­schaft un­ter den be­son­de­ren Schutz der staat­li­chen Ord­nung (vgl. BVerfGE 6, 55 <72>; 55, 114 <126>; 105, 313 <346>) und ga­ran­tiert ei­ne Sphäre pri­va­ter Le­bens­ge­stal­tung, die staat­li­cher Ein­wir­kung ent­zo­gen ist (stRspr., vgl. BVerfGE 21, 329 <353>; 61, 319 <346 f.>; 99, 216 <231>; 107, 27 <53>). Zum Ge­halt der Ehe, wie er sich un­ge­ach­tet des ge­sell­schaft­li­chen Wan­dels und der da­mit ein­her­ge­hen­den Ände­run­gen ih­rer recht­li­chen Ge­stal­tung be­wahrt und durch das Grund­ge­setz sei­ne Prägung be­kom­men hat, gehört, dass sie die Ver­ei­ni­gung ei­nes Man­nes mit ei­ner Frau zu ei­ner auf Dau­er an­ge­leg­ten Le­bens­ge­mein­schaft ist, be­gründet auf frei­em Ent­schluss un­ter Mit­wir­kung des Staa­tes (vgl. BVerfGE 10, 59 <66>; 29, 166 <176>; 62, 323 <330>; 105, 313 <345>; 115, 1 <19>; 121, 175 <193>; 131, 239 <259>), in der Mann und Frau in gleich­be­rech­tig­ter Part­ner­schaft zu­ein­an­der ste­hen (vgl. BVerfGE 37, 217 <249 ff.>; 103, 89 <101>; 105, 313 <345>) und über die Aus­ge­stal­tung ih­res Zu­sam­men­le­bens frei ent­schei­den können (vgl. BVerfGE 39, 169 <183>; 48, 327 <338>; 66, 84 <94>; 105, 313 <345>).
Maßgeb­lich aus Sicht des Grund­ge­set­zes ist da­bei das Bild ei­ner „ver­welt­lich­ten“ bürger­lich-recht­li­chen Ehe (vgl. BVerfGE 31, 58 <82 f.>), das durch das christ­li­che Ehe­verständ­nis tra­di­tio­nell ge­prägt, aber mit die­sem nicht in­halt­lich iden­tisch ist. Da die kon­sti­tu­ti­ven Merk­ma­le ei­ner Ehe und die Gründe ih­rer Auf­he­bung in der kirch­li­chen und der staat­li­chen Rechts­ord­nung nicht kon­gru­ent sind, können da­her Be­stand und Fort­be­stand ei­ner Ehe aus Sicht des Staa­tes und aus Sicht der Kir­che un­ter­schied­lich be­ur­teilt wer­den (vgl. Pir­son, in: Listl/ders., Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, Bd. 1, 2. Aufl. 1994, § 28, S. 787 <798>). Zwar ist auch nach dem deut­schen Ehe­recht die Ehe ei­ne auf Le­bens­zeit ge­schlos­se­ne Ge­mein­schaft (vgl. § 1353 Abs. 1 Satz 1 BGB), sie ist je­doch im Ge­gen­satz zu der nach ka­tho­li­schem Ri­tus ge­schlos­se­nen Ehe nicht un­auflöslich, son­dern kann un­ter den im Ge­setz nor­mier­ten Vor­aus­set­zun­gen ge­schie­den wer­den, wo­durch die Ehe­gat­ten ih­re Ehe­sch­ließungs­frei­heit wie­der­er­lan­gen (vgl. BVerfGE 10, 59 <66>; 31, 58 <82>; 53, 224 <245, 250>). Aus die­sem Grund kann ei­ne nach ei­ner vor­he­ri­gen Schei­dung ge­schlos­se­ne Ehe ver­fas­sungs­recht­lich nicht ge­rin­ger be­wer­tet
wer­den als die Er­ste­he (vgl. BVerfGE 55, 114 <128 f.>; 66, 84 <93>; 68, 256 <267 f.>; 108, 351 <364>).
2. Bis­her hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt le­dig­lich fest­ge­stellt, dass der Schutz­be­reich des Art. 6 Abs. 1 GG zu Guns­ten des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens und sei­ner zwei­ten Ehe­frau eröff­net ist und dass der Schutz von Ehe und Fa­mi­lie da­her - eben­so wie die Wer­tun­gen aus Art. 8 Abs. 1 EM­RK und Art. 12 EM­RK - im We­ge mit­tel­ba­rer Dritt­wir­kung bei der Aus­le­gung von § 1 Abs. 2 KSchG Berück­sich­ti­gung zu fin­den hat. Es hat je­doch bis­her nicht dar­ge­legt, wes­halb die­se Rechts­po­si­tio­nen, die be­griff­lich bei aus­nahms­los je­der Kündi­gung we­gen Wie­der­ver­hei­ra­tung be­trof­fen sind, ge­ra­de im vor­lie­gen­den Fall in ei­nem Maße tan­giert sind, das es recht­fer­ti­gen würde, den In­ter­es­sen des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens den Vor­rang vor den In­ter­es­sen der Be­schwer­deführe­rin ein­zuräum­en. Der Hin­weis auf die Eröff­nung des Schutz­be­reichs kann für sich ge­nom­men hierfür nicht aus­rei­chen, da an­de­ren­falls die in Ausübung des ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Selbst­be­stim­mungs­rechts fest­ge­leg­te Loya­litätsob­lie­gen­heit ent­wer­tet (vgl. auch: Jous­sen, in: Kämper/Put­tler <Hrsg.>, Straßburg und das kirch­li­che Ar­beits­recht, 2013, S. 27 <38>) und ein Vor­rang von Art. 6 Abs. 1 GG ge­genüber den kirch­li­chen Rechts­po­si­tio­nen ver­mu­tet würde, der ver­fas­sungs­recht­lich nicht ge­bo­ten ist. An­de­rer­seits reicht die­ser Hin­weis auch nicht, um der für den Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens und sei­ner jet­zi­gen Ehe­frau aus der Si­tua­ti­on er­wach­sen­den emo­tio­na­len Zwangs­la­ge ge­recht zu wer­den. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt wird da­her - ge­ge­be­nen­falls nach Ermögli­chung ergänzen­der Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen - ei­ne ein­ge­hen­de und al­le we­sent­li­che Umstände des Ein­zel­falls berück­sich­ti­gen­de Abwägung der durch die Kündi­gung tan­gier­ten Rechts­po­si­tio­nen der Be­schwer­deführe­rin und des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens vor­zu­neh­men ha­ben.
3. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt wird auch den Ge­dan­ken des Ver­trau­ens­schut­zes in­so­weit zu würdi­gen ha­ben, als § 10 Abs. 4 Nr. 2 des Ar­beits­ver­tra­ges in Ab­wei­chung von der Grund­ord­nung un­ter­schied­li­che Be­wer­tun­gen hin­sicht­lich von Verstößen ge­gen kirch­li­che Grundsätze - Ver­s­toß ge­gen das Ver­bot des Le­bens in kirch­lich ungülti­ger Ehe ei­ner­seits und Ver­s­toß ge­gen das Ver­bot des Le­bens in nicht­ehe­li­cher Ge­mein­schaft an­de­rer­seits - nicht vor­sieht und die in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che Ab­re­de be­son­de­res Ver­trau­en des Ar­beit­neh­mers aus­gelöst ha­ben könn­te.
4. Fer­ner wird es zu be­ach­ten ha­ben, dass die Frei­wil­lig­keit der Ein­ge­hung von Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten durch den kirch­li­chen Ar­beit­neh­mer im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung zu berück­sich­ti­gen ist (vgl. BAG, Ur­teil vom 25. April 2013 - 2 AZR 579/12 - ju­ris, Rn. 32; EGMR, Schüth v. Deutsch­land, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010 Nr. 1620/03, § 71; EGMR, Sie­ben­haar v. Deutsch­land, Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2011 Nr. 18136/02, § 46) und dem Ar­beit­ge­ber nach ei­nem ein­ma­li­gen Fehl­ver­hal­ten die Fortführung des Ar­beits­verhält­nis­ses eher zu­ge­mu­tet wer­den kann als in Kon­stel­la­tio­nen, in de­nen er dau­er­haft mit dem il­loya­len Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers kon­fron­tiert wird (vgl. BAG, Ur­teil vom 25. Mai 1988 - 7 AZR 506/87 - ju­ris, Rn. 27; hier­zu auch: BVerfG, Be­schluss der 1. Kam­mer des Ers­ten Se­nats vom 31. Ja­nu­ar 2001 - 1 BvR 619/92 -, ju­ris, Rn. 8 f.).
Die Ent­schei­dung über die Aus­la­gen­er­stat­tung folgt aus § 34a Abs. 2 BVerfGG. Dies er­scheint auch in An­be­tracht des durch die Be­schwer­deführe­rin noch vollständig er­reich­ba­ren (fach­ge­richt­li­chen) Rechts­schutz­ziels nicht als un­an­ge­mes­sen.
zur Übersicht 2 BvR 661/12

References: Art. 140
 Art. 137
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 4
 § 59
 § 4
 Art. 2
 § 6
 Art. 137

Art. 3

Art. 4

Art. 5
 § 1
 § 10

§ 10
 § 626
 § 2
 § 2
 § 1
 § 1
 Art. 137
 § 1
 Art. 9
 Art. 3
 Art. 8
 Art. 4
 Art. 140
 Art. 137
 Art. 5
 Art. 4
 Art. 140
 Art. 137
 Art. 6
 § 1
 § 94
 Art. 6
 § 92
 Art. 140
 Art. 137
 Art. 4
 Art. 140
 Art. 4
 § 14
 Art. 4
 § 119
 Art. 4
 Art. 140
 § 119
 Art. 137
 Art. 138
 Art. 4
 § 157
 Art. 137
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 140
 Art. 136
 Art. 4
 Art. 3
 Art. 33
 § 4
 § 2
 § 2
 Art. 137
 Art. 137
 Art. 140
 Art. 137
 Art. 4
 § 59
 Art. 137
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 140
 Art. 137
 Art. 4
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 Art. 140
 Art. 137
 Art. 4
 Art. 140
 Art. 137

Art. 140
 Art. 140
 Art. 140
 Art. 137
 Art. 137
 Art. 137
 Art. 4
 Art. 140
 § 59
 Art. 137
 Art. 4
 § 328
 Art. 140
 § 50
 § 71
 Art. 4
 Art. 140
 Art. 137
 Art. 4
 Art. 1
 Art. 11
 Art. 9
 Art. 53
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 11
 EGMR 
 § 62
 § 118
 § 103
 EGMR 
 § 136
 EGMR 
 § 127
 EGMR 
 § 165
 EGMR 
 § 128
 EGMR 
 § 131
 EGMR 
 § 132
 Art. 11
 Art. 9
 EGMR 
 Art. 8
 § 45
 Art. 9
 EGMR 
 § 117
 § 50
 EGMR 
 § 119
 § 44
 EGMR 
 § 131
 § 50
 § 46
 EGMR 
 § 119
 EGMR 
 § 132
 § 68
 § 45
 Art. 9
 § 47
 § 141
 § 29
 § 69

EGMR 
 EGMR 
 § 129
 § 51
 § 45
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 § 132
 EGMR 
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 Art. 15
 Art. 9
 § 60
 § 51
 § 68
 § 45
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 § 160
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 § 123
 EGMR 
 § 159
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 § 123
 § 72
 EGMR 
 EGMR 
 § 135
 § 51
 § 72
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 § 144
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 § 29
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 § 45
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 Art. 4
 Art. 140
 Art. 137
 § 1
 Art. 140
 Art. 137
 Art. 140
 Art. 137
 § 10
 § 1
 Art. 4
 Art. 4
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 Art. 3

Art. 4
 Art. 4

Art. 5
 Art. 5
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 § 10
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 § 1
 Art. 140
 Art. 137
 § 1
 § 611
 Art. 3
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 Art. 4
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 § 51
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 § 611
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 § 1
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 Art. 20
 Art. 6
 § 28
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 Art. 6
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 Art. 12
 § 1
 Art. 6
 § 10
 § 71
 § 46
 § 34