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.:Phase 2 - Zeitschrift gegen die Realität:.
15 Apr 2013 13:05:32 UTC
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Formverhältnisse des Sexuellen
Im neoliberalen Kapitalismus ist »Differenz« zur Ressource der ausgebeuteten Kreativität geworden*
Wer den fordistischen mit dem neoliberalen Kapitalismus vergleicht, mag leicht zu dem Schluss kommen, seit dem Ende des Fordismus sei es auch mit den großen Emanzipationsbewegungen vorbei, die an einer – mal mehr, mal weniger radikal projektierten – Umwälzung der Produktionsverhältnisse des Sexuellen, der Geschlechterverhältnisse, arbeiteten. So unterschiedliche Akteure wie Frauen, Lesben, Schwulen und Studentenbewegungen weisen im Rückblick zwei Gemeinsamkeiten auf. Ihre Einsätze beruhten auf Formen der Repräsentation gemeinsamer Interessen in relativ homogen angelegten Kollektivsubjekten, die es heute nicht mehr gibt. Und obwohl diese Bewegungen in unterschiedlichen Felder rangen, nur partiell miteinander zu tun hatten und manchmal sogar gegeneinander standen, kämpften sie alle gegen Kernelemente der fordistischen Vergesellschaftungsform – gegen die Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen, gegen Kernfamilie, Monogamie und Zwangsheterosexualität. Die Kämpfe trugen zum Untergang des Fordismus bei; dieser aber brachte keine umfassende Befreiung, sondern eine widersprüchliche Verkettung von Freiheitsgewinnen mit neuen Hierarchien und Einschränkungen, die insgesamt nach einem neuen Muster der Unfreiheiten angeordnet sind.
Wenn wir heute fragen, wo in diesem Feld der Freiheitsgewinne und Unfreiheiten Einsatzpunkte sexueller Politiken sind, kann ein Vergleich mit der damaligen Form des Kapitalismus vieles erhellen. Kein Vergleich, der einfach Phänomen nebeneinander stellt und dabei nach Ähnlichkeiten und Unterschieden scannt, sondern ein Vergleich, der Ökonomie, Politik und Kultur in ihrem Zusammenhang begreift, als Produktionsweise im Sinn Althussers.(1) Als einen Beitrag zu einer derart in Angriff genommenen Rekonstruktion sexueller Politiken will ich im Folgenden skizzieren, wie der Neoliberalismus Sexualität und Geschlecht beeinflusst – oder genauer gesagt, wie die Produktionsweise des transnationalen HighTech-Kapitalismus ihre sexuellen Subjekte formiert.
Der »neue Menschentypus«
Der Fordismus schuf ein heterosexuelles Arrangement, das über die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung hinausging, die im europäischen und nordamerikanischen Industriekapitalismus bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts typisch war.(2) Unter dem Stichwort »sexuelle Frage« untersucht Antonio Gramsci diese Komposition nach drei Dimensionen: die Subjektformen unter der Frage nach einem »neuen Arbeiter- und Menschentypus«, vor allem nach der Schaffung eines »neuen psycho-physischen Zusammenhangs«;(3) die Formen des Zusammenlebens (Durchsetzung der monogam organisierten heterosexuellen Kernfamilie); und die Stellung beider Geschlechter zueinander in der Gesellschaft. Gramsci beobachtet, dass die Umwälzung der Produktionsweise einen komplex vermittelten und eingebetteten Puritanisierungsschub mit sich brachte, der die männlichen Fabrikarbeiter auf völlige Verausgabung ihrer Kräfte in der Fließbandarbeit dressierte. Nötig war dazu eine Disziplinierung der Körper und speziell der Sexualität. Verhältnismäßig hohe Löhne machten es möglich, dass Frauen in Hausfrauen verwandelt wurden; wo der Lohn nicht ausreichte, arbeiteten sie in Teilzeit und/oder wurden Lohnarbeitskraft und Hausfrau in Doppelbelastung. Sie waren verantwortlich für die umfassende Sorge für alle Mitglieder einer Kleinfamilie, einschließlich der Sorge für die Reproduktion der männlichen Arbeitskraft. Insgesamt entstand ein striktes Regime der Verausgabung der Arbeitskraft in der Fabrik und ihrer konsumistischen Regeneration zu Hause (das sich offensichtlich in Teilen bis heute halten konnte).(4)
Gramsci entwickelte also eine Frageanordnung, mit der das subjektive So-Sein der Menschen und ihre vergeschlechtlichten sexuellen Praxen ins Verhältnis gesetzt werden zu den Geschlechterverhältnissen der Produktion. Auf die gleiche Weise lassen sich die widersprüchlichen Veränderungen begreifen, die der Aufstieg des transnationalen HighTech-Kapitalismus mit sich bringt. Nötig sind dazu zwei weitere Begriffe – »Hegemonie« (von dem Andreas Merkens in Phase 2.17 wichtige Aspekte vorgestellt hat) und »Zivilgesellschaft«.
In seinen Geschichtsstudien konzipiert Gramsci »Hegemonie« als eine Konstellation in historischen Kräfteverhältnissen.(5) Analytisch unterscheidet er drei »Momente oder Ebenen«. Dabei handelt es sich um Aspekte ein und derselben Konstellation zu einem gegebenen Zeitpunkt, die sich nur in ihrem Zusammenhang sinnvoll untersuchen lassen. Erstes Moment ist ein »eng an die Struktur gebundenes gesellschaftliches Kräfteverhältnis, das objektiv und vom Willen der Menschen unabhängig ist«.(6) Das ist die »rein ökonomische« Ebene, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, weil Ökonomie immer in kulturell und politisch bestimmten Formen existiert. Es ist bezeichnend für Gramsci, dass er im ökonomischen Moment keine allein determinierende Kraft sieht, sondern es in Wechselwirkung mit und geformt von anderen Kräfteverhältnissen untersucht. Gleichwohl macht er es zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen: Im Gefüge der gesellschaftlichen Produktion sind die Individuen auf vergeschlechtlichte, rassistisch markierte Klassenpositionen gewiesen und gehören damit Gruppierungen an, »deren jede eine Funktion in der Produktion selbst repräsentiert« und die zueinander ins Verhältnis gesetzt sind.(7) Zum Kulturellen dieses ökonomischen Ins-Verhältnis-Setzens gehört die Naturalisierung der Geschlechterdifferenz. Mit Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft entsteht ein formierendes Wissen von der Sexualität, das »Verhaltensformen in Innerlichkeitsverhältnisse« codiert »und die so entstehenden Geschlechts›naturen‹ zur konstitutiven Norm der Geschlechter und ihrer hierarchischen Anordnung« macht.(8)
Zweites Moment der Hegemonie ist das »politische Kräfteverhältnis«. Es ergibt sich aus dem Grad »an Homogenität, Selbstbewusstsein und Organisation, den die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen erreicht haben«.(9) Zunächst existiert eine »korporativ-ökonomische« Ebene, auf der sich die Mitglieder dieser Gruppen gemeinsamer Interessen bewusst werden – in Zünften oder Gilden, heutzutage in Berufs- und Fachverbänden. Über diese berufsgruppeninterne Solidarität hinaus reicht die Klassensolidarität, die ebenfalls auf ökonomischem Gebiet entsteht. Sie tritt ins Politische, indem die »Herstellung einer politisch-rechtlichen Gleichheit mit den herrschenden Gruppen« gefordert wird – eine Beteiligung an der Herrschaft ohne grundsätzliche Veränderung der Spielregeln.(10) Schließlich kann der Gruppe bewusst werden, dass die »eigenen korporativen Interessen in ihrer gegenwärtigen und künftigen Entwicklung den korporativen Umkreis [...] überschreiten und zu Interessen anderer untergeordneter Gruppen werden können und müssen«.(11) Die Gruppierung schmiedet ein politisches Bündnis und übernimmt darin die Führung. Die Interessen der beteiligten Kräfte sind zwar nicht identisch, passen aber zusammen. Hegemonie gewinnt die Gruppierung, wenn sie neben der »Einheitlichkeit der ökonomischen und politischen Ziele« auch »die intellektuelle und moralische Einheit bewirkt«: Sie stellt »alle Fragen, um die der Kampf entbrannt ist, nicht auf eine korporative sondern auf eine ›universale‹ Ebene«.(12) So macht sie ihre eigenen zu den allgemeinen Interessen, kann sie dabei aber »nicht bis zum nackten korporativ-ökonomischen Interesse« durchsetzen. Entscheidend ist, wer die Hoheit über die Anordnung gewinnt, innerhalb der alle anderen ihre Interessen formulieren. Dabei setzt Hegemonie voraus, dass »den Interessen und Tendenzen der Gruppierungen, über welche die Hegemonie ausgeübt werden soll, Rechnung getragen wird, dass sich ein gewisses Gleichgewicht des Kompromisses herausbildet, dass also die führende Gruppe Opfer korporativ-ökonomischer Art bringt«. Diese betreffen jedoch »nicht das Wesentliche«, denn Hegemonie äußert sich zwar »politisch-ethisch«, hat aber »ihre materielle Grundlage in der entscheidenden Funktion [...], welche die führende Gruppe im entscheidenden Kernbereich der ökonomischen Aktivität ausübt«.(13)
Neben dem ökonomischen und politischen gibt es als drittes Moment das des »militärischen Kräfteverhältnisses, das jedes Mal unmittelbar entscheidend ist«.(14) Es hat eine militärisch-technische Seite, die Stärke und Ausrüstung der bewaffneten Kräfte, und eine militärisch-politische, auf der über die Aufbringung und den Einsatz bewaffneter Kräfte erst entschieden wird. In Zeiten funktionierender Hegemonie liegt das Gewaltmonopol beim Staat, in den Händen der hegemonialen Gruppen und ihrer BündnispartnerInnen. Aus diesem Grund fasst Wolfgang Fritz Haug das Politische als einen vom Staat definierten, gewaltfreien und mit Regeln versehenen Raum, der von den bewaffneten Organen des Staates »umstellt« ist und den Auseinandersetzungen seine, die politische Form aufzwingt. »Diese sich auf reale Institutionen stützenden Formen bestimmen in der durch sie regulierten Hinsicht Bewusstsein und Verhalten der gesellschaftlichen Individuen«, schreibt Haug(15) und versteht deshalb das Politische als »eine besondere, gesellschaftlich konstituierte ideologische Praxisform«.(16) Insgesamt schwankt die »Entwicklung [...] fortwährend zwischen dem ersten und dem dritten Moment, wobei das zweite vermittelt«.(17) Demnach ist Hegemonie ein Prozess, mit dem das ökonomisch begründete und politisch geformte Kräfteverhältnis in eine umfassende Herrschaftsstruktur übersetzt wird, die über das Zusammenspiel von Konsensproduktion und Zwang funktioniert.
Ort des Kampfes um Hegemonie ist die Zivilgesellschaft. Vor allem im Feuilleton wird dieser Begriff heutzutage normativ gebraucht: als eine wünschenswerte Vorstellung davon, wie Menschen miteinander umzugehen hätten – zivilisiert, also friedlich disputierend, ungestört von Geschlechterhierarchie, Klassenspaltung, Rassismus oder ähnlichen Übeln. Bei Gramsci aber bezeichnet der Begriff das Gesamt der Felder, in denen um Führung gerungen wird, jenseits des Staates im engeren Sinn. Hier gewinnt der hegemoniale Block Zustimmung zu seinem Projekt, wenn es ihm gelingt, alle auftretenden Fragen so zu stellen, dass durch ihre Beantwortung das gesellschaftliche Allgemeininteresse in einer Weise formuliert wird, mit der die Kräfte des Blocks ihre partikularen Interessen im Wesentlichen durchsetzen können. Hier verbinden sich die herrschenden Ideologien mit dem Alltagsverstand der Massen – sie nehmen ihn auf, verändern sich dabei und gestalten ihn. Aber hier ist auch der Ort der Gegenbewegung, des Ringens um andere Deutungsmuster, mit denen auf das Partikulare und Interessengebundene der Ideologien verwiesen und der Versuch unternommen werden kann, ein neues, anderes Allgemeines zu formulieren. Insgesamt konstituieren die Auseinandersetzungen ein ethisch-politisches Vorfeld für die formelle Politik. In der Zivilgesellschaft werden die Bedeutungsmuster formuliert, auf die die Politik zurückgreift. Daher ist sie maßgeblicher Einsatzort sexueller Politiken.
Kulturelle Kämpfe vollziehen sich in allen gesellschaftlichen Institutionen. Deshalb lassen sich politische Gesellschaft (der erweiterte Staat – das Gesamt staatlicher, verbandlicher, religiöser und sonstiger Einrichtungen) und Zivilgesellschaft (deren Orte private Vereinigungen, FreundInnenkreise etc. sind) nur methodisch und nicht organisch unterscheiden. Sie sind »in der Wirklichkeit der Tatsachen [...] ein und dasselbe«.(18)
Die Hegemoniekämpfe in der Zivilgesellschaft sind in eminentem Sinn ein Ringen um die Verfasstheit des Ganzen – ohne dass dies in jeder einzelnen Auseinandersetzung und Entscheidung deutlich wird. Denn wenn der Konsens verloren geht, bleibt zur Herrschaft nur Zwang, und wenn die Zwangsmittel nicht mehr erfolgreich sind, bricht die Herrschaft zusammen. Aus Sicht des Blocks ist die Zivilgesellschaft deshalb eine Stütze der Herrschaft, die er zu erhalten versucht – sie garantiert die Stabilität der liberalen Demokratie. Andererseits muss jede neue Gruppe, ehe sie eine alte ablösen kann, sich zusammenfinden, ein Programm formulieren und ihre Kräfte versammeln. Deshalb ist die Zivilgesellschaft auch für die nicht an der Herrschaft Beteiligten von Bedeutung.
Die Vielzahl der gewonnenen oder verlorenen Kämpfe ergibt ein »Dispositiv«, eine Anordnung, die über Verlauf und Ausgang späterer Auseinandersetzungen mitbestimmt. Bei Foucault bezeichnet der Begriff eine Machtstruktur, Ergebnis eines Kräfteverhältnisses, die die Praxen der Wissensproduktion und der Lebensführung reguliert. Mit Gramsci lässt sich indes verstehen, dass es vor allem auch eine Regulation der Organisation kollektiver Interessen ist. Hegemonie – als politische und ökonomische Tatsache – ist die Verfügung darüber, welche Interessen sich in welcher Weise formulieren können, wie sie sich vermitteln und durchsetzen lassen. Wissensproduktion und individuelle Lebensführung sind wichtige Felder, in denen Hegemonie sich realisiert. Ebenso aber realisiert sie sich in der materiellen Produktion (dieser Punkt ist bei Foucault ohnehin systematisch unterschätzt) und im Einsatz polizeilich-militärischer Zwangsmittel.
Ein Blick auf die Veränderungen
Mit dem vorgestellten Begriffsinstrumentarium studierte Gramsci u.a. den sich in den USA entwickelnden Fordismus. Dieser beruhte auf einem Klassenkompromiss zwischen Großindustrie und Finanzkapital als Hegemon und männlichen weißen Facharbeitern als Teil des geschichtlichen Blocks, während weiße Frauen vor allem Hausfrauen waren oder auf schlechter bezahlten und niedriger qualifizierten Jobs arbeiteten. MigrantInnen und Angehörige rassisierter Minderheiten waren zumeist in arbeitsintensiven Sektoren beschäftigt (Männer in der Industrie oder im öffentlichen Dienstleistungssektor, Frauen in der Leichtindustrie oder in Haushalten) oder arbeiteten in Familienunternehmen im Kleinhandel. Dieser Klassenkompromiss wurde in Europa von nationalen Wohlfahrtsstaaten verwaltet. Klassenkämpfe waren in korporative Austragungsformen gezwängt, etwa in die Tarifverhandlungen zwischen Unternehmerverbänden und Gewerkschaften. Die individuellen Lebensstile wurden geformt durch Überlagerung von Massenproduktion, Massenkonsum und Massenkultur (gelenkt von einer sich rasant entwickelnden Kulturindustrie). Hauptinstanz der Moralregulation war der Staat. Das Geschlechterregime wurde von rigiden heterosexuellen Normen bestimmt. Alle devianten Formen wurden abgewertet, kriminalisiert und/oder unmöglich gemacht. Diese Form der Heteronormativität spielte auch in der Regulation der Arbeitskraft eine Rolle. Sie erlaubte ungleiche Löhne für Männer und Frauen, machte den Wert der von Frauen verrichteten Haus- und Beziehungsarbeit unsichtbar, konstituierte heterosexuelle Männlichkeit als die organisierende Kraft der Gewerkschaften usw.(19)
Die heutige Gesellschaftsform unterscheidet sich erheblich von der fordistischen, das wird insbesondere deutlich, wenn man die Gestalt der Heteronormativität vergleicht. Das restriktive Modell ist durch sexuelle Individualisierung ersetzt worden. Seit den sechziger Jahren haben Neue Soziale Bewegungen dem alten patriarchalen Modell Rechte und Freiheiten abgerungen. In der Folge entstanden zahllose neue Rollenbilder, Selbstkonzepte und Lebenspraxen. Oft haben die Veränderungen den Wert subjektiver Befreiungen – sie bringen ein »Mehr« an Handlungsfreiheit mit sich –, zugleich sind sie aber weiterhin von der heterosexuellen Matrix reguliert und eingeholt vom Aufstieg des transnationalen HighTech-Kapitalismus. Diese Produktionsweise beruht unter anderem auf der Individualisierung ihrer Subjekte (um deren individuelle Kreativität auszubeuten und kollektive Widerstände zu verhindern) sowie auf der Verwandlung von allem und jedem in Waren, einschließlich der menschlichen Sinnlichkeit.(20) Das komplex hierarchische Arrangement von Geschlechter- und Sexualformen ist ebenso funktional in der Regulation der Arbeitskraft wie einst das patriarchale Modell. Ein Feld der Produktion ist entstanden, das mit individueller Kreativität verbunden, und dessen wichtigste Ressource die Einzigartigkeit jedes seiner Subjekte ist. Hier werden Produktion und Kreativität eher durch eine Form der Disziplinierung reguliert, die sich durch Selbst-Führung umsetzt und zu deren Instrumenten die alten, in liberaler Gleichheit überwunden geglaubten Hierarchien gehören, die unter der Oberfläche weiterbestehen und jederzeit gegen die Individuen in Anschlag gebracht werden können. Dadurch ist es möglich, »Differenz« (d.h. die Herkunft von einer unteren Stufe der alten hierarchischen Ordnung) als Ressource der Kreativität zu verwerten. Dem Subjekt ist sie der Quell seiner unnachahmlichen Individualität. Doch darf es in seiner Kritik an dieser Hierarchie nicht zu weit gehen – oder es wird durch ein anderes Subjekt ersetzt, das weniger Schwierigkeiten macht.
Die Struktur des Blocks hat sich ebenfalls verändert. Der Aufstieg der neuen Produktionsweise hat Teile aus der alten Arbeiterklasse herausgebrochen, sie in Selbstständige verwandelt und deren obere Schichten (die mit den neuen Produktionsmitteln arbeiten) in den Block integriert, während die übrigen Selbstständigen sowie die Facharbeiter (die einst fest zum Block gehörten) mehr und mehr an Einfluss verlieren. In diesen Umbrüchen haben auch Frauen und MigrantInnen neue Aufstiegsmöglichkeiten gewonnen – aber längst nicht alle. Das Ergebnis war eine flexible differenzielle Integration, in der eine kleine Elite es bis in die Spitzen von Wirtschaft, Politik, Verwaltung oder Medien schaffen kann, während die große Mehrheit sich über weniger aussichtsreiche Jobs verteilt oder ganz aus dem System herausfällt (was z.B. MigrantInnen und Transsexuellen häufig passiert). Insgesamt sind die früher klaren Hierarchien entlang von Geschlecht, Klassenherkunft, Migrationsstatus, Nationalität und sexueller Orientierung durch eine Ambivalenz ersetzt, die entsteht, indem diese Hierarchien einander überlagern und sich gegenseitig beeinflussen, sich abschwächen oder verstärken, und weil sich zugleich die umfassende Ökonomisierung vollzieht.
* Ein Teil des Textes ist ein kurzer und bearbeiteter Auszug aus dem Beitrag der Autorin: Antiracist Queer Politics. A Gramcian Approach, in: Melinda Chateauvert/Antonia Levy/Nolana Yip (Hrsg.), New Social Movements and Sexuality, Sofia/Washington 2005.
(1) Eine Produktionsweise ist »das synchrone System der sozialen Beziehungen als ganzes«, sie ist »nirgends als Element empirisch präsent [...], weder Teil des Ganzen noch Teil seiner Ebenen [...], vielmehr das gesamte System der Beziehungen zwischen diesen Ebenen« – Fredric Jameson, Das politische Unbewußte. Literatur als Symbol sozialen Handelns, Reinbek 1988, 30.
(2) Zum Begriff »Heteronormativität«, der solche Arrangements theoretisch fasst, vgl. Peter Wagenknecht, Heteronormativität, in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 6.1, hrsg. v. Wolfgang Fritz Haug, Hamburg 2004, 189–206.
(3) Antonio Gramsci, Gefängnishefte, Hamburg 1991f, H. 22, §11, 2086.
(4) Weiterführend und detailreicher bei Frigga Haug, Gramsci und die Produktion des Begehrens, in: Psychologie und Gesellschaftskritik 86/87 (1998), 75–92.
(5) Eine gut lesbare Einführung in die Entwicklung von Gramscis Denken gibt Joseph A. Buttigieg, Gramscis Zivilgesellschaft und die »civil society«-Debatte, in: Das Argument 206 (1994), 529–554.
(6) Gramsci, Gefängnishefte, H. 13, §17, 1560.
(7) Ebd., 1569.
(8) Peter Wagenknecht, »(Hetero–)Sexualität« in einer Theorie der Geschlechterverhältnisse, in: Das Argument 239 (2001), 811–820, 811.
(9) Gramsci, Gefängnishefte, 1569.
(11) Ebd., 1560f.
(12) Ebd., 1561.
(13) Ebd., §18, 1567.
(14) Ebd., §17, 1562.
(15) Wolfgang Fritz Haug, Pluraler Marxismus. Beiträge zur politischen Kultur, Bd. 2, Berlin 1987, 172.
(16) Ebd., Fußnote 2.
(17) Gramsci, Gefängnishefte, Bd. 7, H. 13, §17, 1562.
(18) Ebd., §18, 1566.
(19) Letzteres lässt sich an Stephen Daldrys Film Billy Elliot (2000) studieren, in dem die Gemeinschaft der streikenden Bergarbeiter durch Ausschluss der »Anderen« konstituiert wird, vor allem der Frauen und der nicht eindeutig Heterosexuellen – Peter Wagenknecht, »Always be yourself!« Männlichkeit, Klassenposition und normative Heterosexualität in der Formierung von Subjektivität, in: Marianne Pieper/Encarnacíon Gutiérrez Rodríguez (Hrsg.), Gouvernementalität. Ein sozialwissenschaftliches Konzept im Anschluss an Foucault, Frankfurt a.M./New York 2003, 196–223.
(20) Rosemary Hennessy, Profit and Pleasure. Sexual Identities in Late Capitalism, New York 2000.
== Nancy Wagenknecht==
beschäftigt sich u.a. mit Queer Theory und der Reflexion sexueller Politiken
[Nummer:18/2005]
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References: §11
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