Source: http://m.hensche.de/internationale-zustaendigkeit-im-arbeitsrecht-EuGH-Ryanair.html
Timestamp: 2018-02-25 17:51:42+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: Internationale Zuständigkeit im Arbeitsrecht
In­ter­na­tio­na­le Zu­stän­dig­keit im Ar­beits­recht
In Deutsch­land sta­tio­nier­te Ar­beit­neh­mer kön­nen Rya­n­air künf­tig in Deutsch­land ver­kla­gen: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 14.09.2017, C-168/16 und C-169/16 (Rya­n­air)
22.09.2017. Recht ha­ben und recht be­kom­men sind zwei ver­schie­de­ne Din­ge. Wer z.B. in Ham­burg wohnt, wird nicht so schnell in Mün­chen vor Ge­richt zie­hen. Noch hö­her sind die Hür­den für die Rechts­durch­set­zung, wenn man als Ar­beit­neh­mer im Aus­land kla­gen müss­te.
Das hat sich auch der Bil­lig­flie­ger Rya­n­air ge­dacht und da­her in die Ar­beits­ver­trä­ge sei­ner Crew­mit­glie­der Ge­richts­stands-Klau­seln auf­ge­nom­men, de­nen zu­fol­ge bei Strei­tig­kei­ten die iri­schen Ge­rich­te zu­stän­dig sein soll­ten.
Ziem­lich cle­ver, aber lei­der auch ziem­lich il­le­gal, so der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) in ei­nem Grund­satz­ur­teil vom Don­ners­tag letz­ter Wo­che. Denn in­ter­na­tio­nal zu­stän­dig sind die Ge­rich­te des Or­tes, an dem die Ar­beit­neh­mer ge­wöhn­lich ih­re Ar­beit ver­rich­ten. Und das wie­der­um ist bei flie­gen­dem Per­so­nal im Nor­mal­fall der Ort ih­rer Hei­mat­ba­sis: EuGH, Ur­teil vom 14.09.2017, C-168/16 und C-169/16.
Vor welchen Arbeitsgerichten können Crewmitglieder von Airlines klagen?
Für die Er­mitt­lung des zuständi­gen Zi­vil­ge­richts gilt im All­ge­mei­nen der Satz aus dem Ha­fen­mi­lieu "Wenn du was willst, dann komm doch her!". Ört­lich zuständig ist das Ge­richt am Wohn­ort der be­klag­ten Par­tei (§ 13 Zi­vil­pro­zess­ord­nung - ZPO). Bei ju­ris­ti­schen Per­so­nen ist die­ser "all­ge­mei­ne Ge­richts­stand" der Ort ih­res Sit­zes (§ 17 Abs.1 ZPO).
Von die­ser Re­gel macht das Ar­beits­recht ei­ne Aus­nah­me zu­guns­ten des kla­gen­den Ar­beit­neh­mers: Er kann, an­statt am Sitz des Ar­beit­ge­bers zu kla­gen, auch be­quem und kostengüns­tig vor dem Ar­beits­ge­richt kla­gen, in des­sen Be­zirk er "gewöhn­lich sei­ne Ar­beit ver­rich­tet oder zu­letzt gewöhn­lich ver­rich­tet hat" (§ 48 Abs.1a Satz 1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz - ArbGG). Ist ein sol­cher gewöhn­li­cher Ar­beits­ort nicht fest­stell­bar wie z.B. bei Außen­dienst­mit­ar­bei­tern, ist das Ar­beits­ge­richt ört­lich zuständig, "von des­sen Be­zirk aus der Ar­beit­neh­mer gewöhn­lich sei­ne Ar­beit ver­rich­tet oder zu­letzt gewöhn­lich ver­rich­tet hat" (§ 48 Abs.1a Satz 2 ArbGG).
Ei­ne ähn­li­che Aus­nah­me­vor­schrift zu­guns­ten von Ar­beit­neh­mern gilt auch bei grenzüber­schrei­ten­den Sach­ver­hal­ten, al­so z.B. dann, wenn man bei ei­ner Ge­sell­schaft an­ge­stellt ist, de­ren Sitz sich in ei­nem an­de­ren Land der Eu­ropäischen Uni­on (EU) be­fin­det.
Hier gilt Art.21 Abs.1 Buchst. b) (i) der EU-Ver­ord­nung Nr.1215/2012, vom 12.12.2012, über die ge­richt­li­che Zuständig­keit und die An­er­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zi­vil- und Han­dels­sa­chen ("Brüssel Ia"). Da­nach muss ein Ar­beit­ge­ber nicht un­be­dingt in dem EU-Land ver­klagt wer­den, in dem sich sein Sitz be­fin­det. Das geht viel­mehr auch in ei­nem an­de­ren EU-Land, und zwar
"vor dem Ge­richt des Or­tes, an dem oder von dem aus der Ar­beit­neh­mer gewöhn­lich sei­ne Ar­beit ver­rich­tet oder zu­letzt gewöhn­lich ver­rich­tet hat".
Die­se Re­ge­lung der EU-Ver­ord­nung Nr.1215/2012 ("Brüssel Ia") gilt seit dem 10.01.2015 und hat ei­ne im We­sent­li­chen in­halts­glei­che Vorgänger­re­ge­lung er­setzt, die in Art.19 Nr.2 a) der Ver­ord­nung EG/44/2001 vom 22.12.2000 ("Eu­GV­VO" oder "Brüssel I") ent­hal­ten war. Sie galt vom 01.03.2002 bis zum 09.01.2015.
Die­se Re­ge­lun­gen können zwar durch ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung ab­be­dun­gen wer­den, d.h. sind "dis­po­si­tiv", doch sind sol­che Ver­trags­klau­seln zum Schutz der Ar­beit­neh­mer­sei­te nur dann wirk­sam, wenn sie ent­we­der nach Ent­ste­hung der Strei­tig­keit ge­trof­fen wur­den oder wenn sie dem Ar­beit­neh­mer die Möglich­keit eröff­nen, an­de­re (zusätz­li­che) Ge­rich­te an­zu­ru­fen.
Frag­lich ist, wo beim flie­gen­den Per­so­nal der Ort liegt, an dem die Ar­beit gewöhn­lich ver­rich­tet wird.
Im Streit: In Belgien stationierte Crew-Mitarbeiter von Ryanair klagen vor belgischen Arbeitsgerichten
In den bel­gi­schen Streitfällen hat­te ein bei dem Bil­lig­flie­ger Rya­n­air an­ge­stell­ter Ste­ward, Herr Mo­re­no Osa­car, ge­gen Rya­n­air ge­klagt (Rs. C-169/16). Eben­falls in Bel­gi­en hat­ten fünf sei­ner Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen ge­klagt, u.a. Frau No­guei­ra, und zwar ge­gen die Per­so­nal­ser­vice­ge­sell­schaft von Rya­n­air, die Crew­link Ltd.
Die Ar­beits­verträge der Kläge­rin­nen und Kläger wa­ren in eng­li­scher Spra­che ver­fasst, un­ter­la­gen dem iri­schen Recht und ent­hiel­ten ei­ne Ge­richts­stand­klau­sel, die im Fal­le von Strei­tig­kei­ten die Zuständig­keit iri­scher Ge­rich­te vor­sah. Außer­dem war in den Verträgen ge­re­gelt, dass die Ar­beits­leis­tun­gen als in Ir­land er­bracht an­zu­se­hen wären, denn sie wur­den an Bord von Flug­zeu­gen er­bracht, die in Ir­land ein­ge­tra­gen wa­ren und Rya­n­air gehörten.
Darüber hin­aus war ver­trag­lich ge­re­gelt, dass die „Hei­mat­ba­sis“ der Flug­ha­fen Char­le­roi in Bel­gi­en war. Da­mit ein­her ging die Ver­pflich­tung, nicht wei­ter als ei­ne St­un­de von der Hei­mat­ba­sis ent­fernt zu woh­nen. Da­her ließen sich die Kläger und Kläge­rin­nen in Bel­gi­en nie­der. Nach Be­en­di­gung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se im Lau­fe des Jah­res 2011 zo­gen sie vor das Tri­bu­nal du tra­vail de Char­le­roi (Ar­beits­ge­richt Char­le­roi) und ver­klag­ten Rya­n­air bzw. Crew­link auf Zah­lung ver­schie­de­ner Entschädi­gun­gen.
Das Ar­beits­ge­richt Char­le­roi erklärte sich für un­zuständig, wor­auf­hin die Kläger bei der Cour du tra­vail de Mons (Ar­beits­ge­richts­hof Mons, Bel­gi­en) Be­ru­fung ein­leg­ten. Die Cour du tra­vail setz­te die Ver­fah­ren aus und bat den EuGH um Klärung, ob Ar­beit­neh­mer un­ter Umständen von der hier ge­ge­be­nen Art in "ih­rem" Land kla­gen könn­ten.
EuGH: Die vertraglich vereinbarte Heimatbasis ist bei Crewmitgliedern ein wichtiges Indiz für den Arbeitsort bzw. den Gerichtsstand
In sei­nem Ur­teil stellt der Ge­richts­hof klar, dass der Ort, "an dem der Ar­beit­neh­mer gewöhn­lich sei­ne Ar­beit ver­rich­tet", der Ort ist, an dem oder von dem aus er den we­sent­li­chen Teil sei­ner Ver­pflich­tung tatsächlich erfüllt. Um die­sen Ort zu er­mit­teln, müssen die Ge­rich­te im je­wei­li­gen Ein­zel­fall ver­schie­de­ne In­di­zi­en berück­sich­ti­gen.
Kon­kret stellt sich im Luft­ver­kehr für die ge­richt­li­che Zuständig­keitsklärung die Fra­ge, in wel­chem EU-Land der Ort liegt,
von dem aus der Ar­beit­neh­mer sei­ne Diens­te er­bringt,
an den er nach ge­ta­ner Ar­beit zurück­kehrt,
an dem er An­wei­sun­gen ent­ge­gen­nimmt,
an dem er sei­ne Ar­beit or­ga­ni­siert,
an dem sich die Ar­beits­mit­tel be­fin­den, und
an dem die Flug­zeu­ge sta­tio­niert sind, in de­nen die Ar­beit für gewöhn­lich ver­rich­tet wird (Ur­teil, Rn.61 bis 64).
Ob­wohl die Hei­mat­ba­sis (ho­me ba­se) nicht al­lein aus­schlag­ge­bend ist, ist sie doch ein wich­ti­ger As­pekt bei der Er­mitt­lung bzw. An­wen­dung der o.g. In­di­zi­en (Ur­teil, Rn.67 bis 73).
Ergänzend weist der EuGH dar­auf hin, dass die hier in­ter­pre­tier­ten Zuständig­keits­re­ge­lun­gen der Eu­GV­VO bzw. der Brüssel I-Ver­ord­nung den Ar­beit­neh­mer als schwäche­re Ver­trags­par­tei schützen sol­len. Des­halb sind die­se zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer­sei­te gel­ten­den Zuständig­keits­re­ge­lun­gen weit aus­zu­le­gen.
Auf die Möglich­keit, von der Eu­GV­VO ab­wei­chen­de ver­trag­li­che Ge­richts­stands-Ver­ein­ba­run­gen zu tref­fen, konn­ten sich Rya­n­air bzw. Crew­link hier nicht be­ru­fen. Denn ei­ne Ge­richts­stand­klau­sel kann Ar­beit­neh­mern nicht ver­bie­ten, die nach den ein­schlägi­gen Uni­ons­vor­schrif­ten zuständi­gen Ge­rich­te an­zu­ru­fen. Viel­mehr kann ei­ne sol­che Klau­sel nur wei­te­re bzw. zusätz­li­che Ge­richtsstände eröff­nen (Ur­teil, Rn.52 bis 54).
Fa­zit: Der EuGH be­tont in sei­nem Ur­teil mehr­fach die Übe­rein­stim­mung sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zu Fra­gen des Ge­richts­stands, so dass das Ur­teil oh­ne Ab­stri­che auf die heu­te gel­ten­de Nach­fol­ger-Ver­ord­nung zu über­tra­gen ist, d.h. auf die EU-Ver­ord­nung Nr.1215/2012 ("Brüssel Ia"). Im Er­geb­nis heißt das, dass deut­sche Ar­beit­neh­mer ausländi­scher Flug­ge­sell­schaf­ten, die ähn­lich eng wie ih­re bel­gi­schen Kol­le­gen an Char­le­roi an ei­ne deut­sche ho­me ba­se an­ge­bun­den sind, vor deut­schen Ar­beits­ge­rich­ten kla­gen können.
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 14.09.2017, C-168/16 und C-169/16
Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts Hen­rik Saug­man­ds­gaard Øe, vom 27.04.2017, Rs.C-168/16 und C-169/16 (Rya­n­air und Crew­link)
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/180 EuGH bestätigt Al­ters­gren­ze von 65 Jah­ren für Ver­kehrspi­lo­ten

References: Art.21
 Art.19
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