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Timestamp: 2017-11-20 17:39:35+00:00

Document:
BVerwG, 14.02.2012 - BVerwG 9 B 79/11; 9 PKH 7/11; 9 VR 1.12; 9 PKH 1.12 - Zulässigkeit einer Klage trotz fehlender Angabe einer ladungsfähigen Anschrift bei besonderen Gründen wie z.B. bei fehlendem Wohnort wegen Obdachlosigkeit oder einem schutzwürdiges Geheimhaltungsinteresse | anwalt24.de
Beschl. v. 14.02.2012, Az.: BVerwG 9 B 79/11; 9 PKH 7/11; 9 VR 1.12; 9 PKH 1.12
Referenz: JurionRS 2012, 11271
Aktenzeichen: BVerwG 9 B 79/11; 9 PKH 7/11; 9 VR 1.12; 9 PKH 1.12
VG Schwerin - 20.04.2006 - AZ: VG 4 A 2111/03
OVG Mecklenburg-Vorpommern - 21.06.2011 - AZ: OVG 1 L 266/06
§ 82 Abs. 1 VwGO
§ 130 Nr. 1 ZPO
JuS 2012, 1055
NJW 2012, 1527-1529
BVerwG, 14.02.2012 - BVerwG 9 B 79/11; 9 PKH 7/11; 9 VR 1.12; 9 PKH 1.12
Die Anträge des Klägers auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe für das Beschwerdeverfahren sowie für den Antrag auf Aussetzung der Vollziehung des Haftungsbescheides und auf Beiordnung von Rechtsanwalt Dr. ..., Leipzig, werden abgelehnt.
Die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Mecklenburg-Vorpommern vom 21. Juni 2011 wird zurückgewiesen.
Der Antrag vom 1. November 2011 auf Aussetzung der Vollziehung des Haftungsbescheides vom 12. Dezember 2002 wird abgelehnt.
Der Kläger trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Kosten des Verfahrens auf Gewährung vorläufigen Rechtsschutzes.
Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwerdeverfahren auf 32 813,18 € und für das Verfahren auf Gewährung vorläufigen Rechtsschutzes auf 8 203,30 € festgesetzt.
Daran ändert nicht, dass das Oberverwaltungsgericht darüber hinaus angeführt hat, ein vielleicht kurzzeitiger bzw. vorübergehender und besuchsweiser Aufenthalt zum Übernachten in den Räumlichkeiten könne die Annahme einer ladungsfähigen Anschrift ebenfalls nicht rechtfertigen (UA S. 27); denn insoweit handelt es sich um eine weitere Begründung, die die selbstständige Tragfähigkeit der erstgenannten Begründung nicht berührt. Die Zulassung der Revision kommt nicht in Betracht, wenn - wie hier - im Falle einer mehrfachen, die Entscheidung jeweils selbstständig tragenden Begründung des angefochtenen Urteils die Beschwerde nicht in Bezug auf jede dieser Begründungen einen Zulassungsgrund erfolgreich geltend gemacht hat (Beschluss vom 19. August 1997 - BVerwG 7 B 261.97 - Buchholz 310 § 133 n.F. VwGO Nr. 26 S. 15).
erfüllt die Anforderungen für die Zulassung der Revision ebenfalls nicht. Um den ersten Teil der Frage zu beantworten, bedarf es nicht der Durchführung eines Revisionsverfahrens. Nach ständiger Rechtsprechung ist die Angabe einer ladungsfähigen Anschrift nur ausnahmsweise entbehrlich, wenn besondere Umstände dies rechtfertigen (vgl. BVerfG, Kammerbeschlüsse vom 2. Februar 1996 - 1 BvR 2211/94 - NJW 1996, 1272 [BVerfG 02.02.1996 - 1 BvR 2211/94] und vom 11. November 1999 - 1 BvR 1203/99 - [...]; BVerwG, Urteil vom 13. April 1999 - BVerwG 1 C 24.97 - Buchholz 310 § 82 VwGO Nr. 19 S. 8; BGH, Urteil vom 9. Dezember 1987 - IVb ZR 4/87 - BGHZ 102, 332 <336>; BFH, Beschluss vom 18. August 2011 - V B 44/10 - [...] Rn. 15). Es liegt auf der Hand, dass damit objektive Gegebenheiten gemeint sind, zu denen konkrete Feststellungen getroffen werden müssen. Bloße Eindrücke oder Vermutungen des Gerichts reichen also nicht aus.
Denn in der höchstrichterlichen Rechtsprechung ist geklärt, dass die Zulässigkeit der Klage regelmäßig die Angabe einer ladungsfähigen Anschrift voraussetzt, ohne dass insoweit nach Klagearten differenziert wird, § 82 Abs. 1 VwGO, § 173 VwGO i.V.m. § 130 Nr. 1 ZPO (Urteil vom 13. April 1999 a.a.O. S. 3 ff.; Beschluss vom 1. September 2005 - BVerwG 1 B 79.05 - Buchholz 310 § 82 VwGO Nr. 22; BGH, Urteil vom 9. Dezember 1987 a.a.O. S. 334 f.; BFH, Urteil vom 28. Januar 1997 - VII R 33/96 - [...] Rn. 11 ff.; vgl. auch VGH Kassel, Urteil vom 15. Mai 1995 - 7 UE 2052/94 - NVwZ-RR 1996, 179; KG, Beschluss vom 10. März 2005 - 19 WF 34/05 - [...] Rn. 3 f.; OLG Stuttgart, Urteil vom 3. Januar 2011 - 5 U 94/09 - [...] Rn. 19 ff. = BeckRS 2011, 16758; a.A. VGH Mannheim, Urteil vom 22. April 1996 - 1 S 662/95 - NVwZ 1997, 1233). Ebenfalls ist geklärt, dass die Pflicht zur Angabe der Anschrift im Hinblick auf den aus Art. 19 Abs. 4 GG fließenden Anspruch auf effektiven Rechtsschutz, der unabhängig von der jeweiligen Klageart besteht, ausnahmsweise entfällt, etwa bei fehlendem Wohnort wegen Obdachlosigkeit oder wegen eines schutzwürdigen Geheimhaltungsinteresses, wenn dem Gericht die Gründe hierfür mitgeteilt werden (BVerfG, Kammerbeschlüsse vom 2. Februar 1996 a.a.O. und vom 11. November 1999 a.a.O.; BVerwG, Urteil vom 13. April 1999 a.a.O. S. 8; BGH, Urteil vom 9. Dezember 1987 a.a.O. S. 336; BFH, Urteil vom 19. Oktober 2000 - IV R 25/00 - BFHE 193, 52 [BFH 19.10.2000 - IV R 25/00] <55>; Beschluss vom 18. August 2011 a.a.O. Rn. 14 f.). Ob ein solcher Ausnahmefall vorliegt, ist jedoch eine Frage des jeweiligen Einzelfalles und deshalb einer grundsätzlichen Klärung nicht zugänglich.

References: § 82

§ 130
 § 133
 § 82
 § 82
 § 173
 § 130
 § 82
 Art. 19