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Volume 13, No. 1, Art. 19 – Januar 2012
Ein Diskurs über Diskurse des Diskursiven? Divergenzen und mögliche Konvergenz gegenwärtiger Diskurs- und Gouvernementalitätsforschung aus Sicht alethurgischer Diskursanalyse
Johannes Angermüller & Silke van Dyk (Hrsg.) (2010). Diskursanalyse meets Gouvernementalitätsforschung. Perspektiven auf das Verhältnis von Subjekt, Sprache, Macht und Wissen. Frankfurt/New York: Campus, 341 Seiten, ISBN 978-3-593-38947-9, 34,90 EUR
Zusammenfassung: Der von Johannes ANGERMÜLLER und Silke VAN DYK herausgegebene Sammelband "Diskursanalyse meets Gouvernementalitätsforschung" beinhaltet die Beiträge des gleichnamigen Workshops an der Universität Jena 2009. Interessierte Leser/innen können somit einen fundierten Einblick in gegenwärtige (diskurs-) theoretische Debatten innerhalb der Sozialwissenschaft im deutschsprachigen Raum gewinnen, wie auch parallel in methodologische Kontroversen und konkrete Forschungsthemen. Innerhalb des Bandes sollen die fließenden Grenzen und wechselseitigen Anleihen beider Forschungsperspektiven herausgestellt werden, welche jeweils an unterschiedliche Begriffe und "Werkphasen" des (Haupt-) Ideengebers Michel FOUCAULT anknüpfen. Diesbezüglich wird jedoch in den verschiedenen Beiträgen deutlich, wie spezifisch konturiert und unterschiedlich weit von dessen ursprünglichen Impulsen entfernt die jeweiligen Rezeptionen und davon abgeleiteten "Werkzeugkisten" sind. Gerade in dieser sowohl für angehende als auch bereits tätige Diskursforscher/innen hochinteressanten Kontrastierung und Diskussion derartiger Unterschiede liegt die eigentliche Stärke des Bandes. Nach einem Überblick über dessen Beiträge wird diese Debatte aus einer FOUCAULT nahe stehenden Perspektive reflektiert. Dessen erst nach der Tagung nun auch in deutscher Übersetzung vorliegende letzte Vorlesungen am Collège de France dienen dabei als Kontrastfolie für eine alternative synthetische Perspektive auf das Verhältnis von Diskurs und Gouvernementalität, welche jedoch eine Rückbesinnung auf originäre terminologische Fassungen und Erkenntnisinteressen voraussetzt.
Keywords: Foucault; Diskursanalyse; Diskurs; Dispositiv; Macht; Wissen; Subjekt; Gouvernementalität; Gouvernementalitätsforschung; alethurgische Diskursanalyse
2. Die Pluralität theoretisch und methodisch kontroverser "Werkzeugkisten"
3. Angewandte Diskurs- und Gouvernementalitätsforschung
4. Zurück zu FOUCAULT?
Diskursanalyse meets Gouvernementalitätsforschung (nachfolgend abgekürzt durch DA bzw. GF) – bereits während des gleichnamigen Workshops in Jena war deutlich zu spüren, dass sich das Denken Michel FOUCAULTs und die (Weiter-) Entwicklung der verschiedenen, davon abgeleiteten oder darauf Bezug nehmenden theoretischen respektive methodischen "Werkzeugkisten" gegenwärtig in einer immer noch starken Bewegung befinden, deren Ende kaum abzusehen ist. In den letzten Jahren ist insbesondere in sozialwissenschaftlichen Disziplinen eine kontinuierlich steigende Anzahl an Publikationen zu verzeichnen, welche sich in verschiedener Umsetzung auf das Foucaultsche "Erbe" berufen und sich konkreten empirischen Gegenständen zuwenden. Etliche Beispiele derartiger Projekte sind in erheblicher konzeptueller Variation auch im hier besprochenen Tagungsband zu finden. [1]
Umso wichtiger erscheint es angesichts dieser Situation, parallel die theoretische, wie auch methodische Dimension nicht zu vernachlässigen, auch wenn, oder vielleicht gerade weil FOUCAULT selbst sich als "Experimentator" sah. Die Pluralität möglicher Anschlüsse insbesondere für die sozialwissenschaftliche Forschung, welche aus seiner dynamischen, sich bei der Untersuchung verschiedener Gegenstände permanent selbst aktualisierenden und redigierenden Denkbewegung resultiert, erscheint in diesem Zusammenhang zugleich produktiv wie auch als potenzielles Problem: produktiv, da sich je nach Thema und Fragestellungen spezifisch fokussierte Akzente setzen lassen, was einen im Vergleich zu systematischeren gesellschaftstheoretischen Ansätzen höheren Freiheitsgrad bedeutet; problematisch, da eben gerade dieser eine kreative Herausforderung mit sich bringt, welcher oftmals durch Verkoppelung der Foucaultschen "Werkzeugkiste" mit anderen, eher geschlossenen und teils inkompatiblen Theoriepositionen und vor allem methodischen Umsetzungen begegnet wird. [2]
Natürlich ist die Diagnose eines derartigen Problems theoretisch standortgebunden. Mit Sicherheit würden daher Vertreter/innen eher FOUCAULT ferner Perspektiven bevorzugt dessen Werk problematisieren und ihre Ansätze mehr als entsprechende Lösungen sehen, oder sie tun dies bereits seit einiger Zeit in ihren Publikationen. Ebenso werden die entsprechenden Debatten seit Jahren geführt und es ist zumindest angesichts der Pluralität disziplinärer Zugänge und unterschiedlicher Erkenntnisinteressen nicht davon auszugehen, dass diese in absehbarer Zeit zum Ende kommen könnten (und sollten). Da sich ein "Königsweg" in DA und GF angesichts der skizzierten Situation verbietet, erscheint es umso wichtiger, Unterschiede klar zu kontrastieren, ohne dabei jedoch auf eine individuelle Positionierung aus eigener Perspektive zu verzichten. Denn diese wächst auch in der Auseinandersetzung mit anderen Optionen und zielt darauf, dass in spezifischen thematischen Kontexten eventuell mehr und vor allem Anderes ausgesagt werden kann als mit bisher existenten Ansätzen. Das bedeutet jedoch keine Inkommensurabilität, denn mit steigendem wechselseitigen Verständnis werden umso interessantere Diskussionen möglich. [3]
Nachfolgend wird daher ein kontrastierender Einblick in verschiedene Möglichkeiten dieses Pluralismus aus Rezeptionen und Rekombinationen gegeben, zunächst im theoretischen bzw. methodischen Kontext sowie anschließend im konkreten Forschungszusammenhang. Abschließend wird ausgehend von den dargestellten Konfliktpotenzialen eine synthetische Position konturiert, welche sich aus der Lektüre des Gesamtwerks FOUCAULTs ableitet. [4]
Die Einteilung dieser Rezension in einerseits primär theoretisch aufgeladene und andererseits eher auf konkrete empirische Umsetzung fokussierte Beiträge ist mit Sicherheit etwas künstlich und wird insbesondere Letzteren aufgrund vielfacher Rückbezüge auf Erstere nicht gerecht. Jedoch dient sie zur Unterscheidung zwischen Grundpositionen und Diskursbegriffen der verschiedenen Rezeptionen und der im Zusammenhang mit konkreten Forschungen daran geäußerten Kritikpunkte. Insbesondere wechselseitige Bezüge der verschiedenen Beiträge aufeinander überschreiten oftmals die hier vorgenommene Unterteilung. Ungeachtet dessen hat diese zum Ziel, die einleitend angekündigte Problematisierung verschiedener Ansätze zu strukturieren. Ein möglicherweise auffälliges Ungleichgewicht der Ausführungen zu einzelnen Beiträgen ist daher keinesfalls als normativ-evaluative Positionierung zu verstehen, sondern lediglich vor dem Hintergrund dieser Problematisierung. Nachfolgend werden also zunächst primär theoretisch und methodisch orientierte Beiträge dargestellt, um das Terrain zu skizzieren, auf welchem sich anschließend die auf konkrete Forschungsfelder fokussierten Aufsätze aufspannen. [5]
2.1 Ni méthode, ni approche?
Auf das eingangs problematisierte Spannungsverhältnis innerhalb der FOUCAULT-Rezeption wird direkt im Beitrag von Ulrich BRÖCKLING und Susanne KRASMANN Bezug genommen. Deren (selbst-) kritische Intention erscheint bereits in vielerlei Hinsicht mit der oben vertretenen argumentativen Position kompatibel, denn angesichts der zunehmenden Verwendung an FOUCAULT anschließender "Werkzeugkisten" diagnostizieren und kritisieren sie deren "Normalisierung" im Zuge sozialwissenschaftlicher Adaptionen. Demgegenüber wird hinsichtlich der GF deren eher offene und provisorische Perspektive betont, mittels der sich die den diskursanalytischen Programmen zugeschriebene Einengung durch methodische Präzisierung vermeiden ließe. [6]
Zunächst werden aus einer kompakten Darstellung des gouvermentalitätsanalytischen Fokus fünf dafür maßgebliche methodisch-analytische Prinzipien herausdestilliert:
Untersuchung systematischer Verbindungen zwischen Rationalitätsformen, Führungstechnologien und Selbstverhältnissen anstelle begrifflicher Oppositionen;
Prinzip der "aufsteigenden Analyse": Fokus auf "Mikro-Praktiken, deren Verknüpfung [...] erst die Analyse von Makrophänomenen ermöglicht" (BRÖCKLING & KRASMANN, S.26);
kein Gegensatz von Macht und Wissen: Wahrheitspolitik als epistemisch-politisches Feld fungiert darüber hinaus als Bindeglied zu diskursanalytischer Forschung, denn Gouvernementalität ist nur im Rahmen bestimmter Wahrheitsregime denkbar;
Betonung technologischer Aspekte des Regierens (Arrangements von Maschinen, Reglementierungen, Verfahren etc.) im Sinne von Sozial- und Selbsttechnologien;
Analytik des Politischen als Untersuchung der Herstellung politischer Handlungsfelder und Steuerungsoptionen. [7]
Daran anschließend wird die Reichweite beschränkt, denn die "Vermessung gouvernementaler Kraftfelder erlaubt keine Aussagen darüber, wie die Menschen sich tatsächlich in ihnen bewegen" (S.28). Es wird in diesem Zusammenhang betont, dass Freiheit nicht als Gegenteil von Machtbeziehungen, sondern als für diese konstitutiv zu betrachten sei. Regierungsrationalitäten und -praktiken steuerten nur in Ausnahmen durch unmittelbare Reglementierung und "bringen – in gleicher Weise wie Diskursformationen – Subjekte überhaupt erst hervor", wodurch sich Machtausübung quasi "durch die Subjekte hindurch" vollziehe (S.29). Dennoch seien diese mitnichten als Effekte der Macht zu betrachten, sondern verfügten immer auch über Eigensinn und Handlungsmacht. Derartiger Widerstand wird aber im Einklang mit der Foucaultschen Machtanalytik als ihr nicht äußerlich betrachtet: "Subjektivierungsprozesse [...] unterliegen stets einem historischen und sozialen Apriori – auch das ist eine Einsicht, die Diskursforschung und Gouvernementalitätsanalysen verbindet" (S.30). Die Performanzen der Subjektivierung seien damit eingebunden in Wissensordnungen und machtanalytisch erfassbare Kräfteverhältnisse, sodass in diesem Rahmen Ermächtigung wie auch Unterwerfung gedacht werden könne. [8]
An diesem Punkt leiten BRÖCKLING und KRASMANN zu den Problemen dieser Perspektive über. So konstatieren sie, dass im Rahmen einer auf produktive Züge der Gouvernementalität fokussierten Perspektive Phänomene der Repression und Exklusion aus dem Blick gerieten. Darüber hinaus wird das Verständnis als sozialwissenschaftlicher approach kritisiert, welches den theoretischen und methodischen Anschluss zur bestehenden Soziologie suche und die von ihnen ausdrücklich als Stärke hervorgehobene provisorische, spekulative Perspektive im Sinn eines kritischen Korrektivs dazu einebne. Eine weitere Gefahr wird im potenziell repetitiven Charakter sowohl historischer Großnarrative als auch kleinformatiger Einzeluntersuchungen neoliberaler Gouvernementalität diagnostiziert, welcher Gefahr laufe, in einer "Selbstaffirmation der Kritikergemeinde" zu münden (S.33). [9]
Tritt im Zusammenhang damit dann auch noch ein "impliziter Finalismus" kontinuierlicher Rationalisierung und Optimierung gouvernementaler Kraftfelder auf, würde die widerständige Forschungsperspektive quasi den Ast absägen, auf welchem sie sich befindet. Daher betonen BRÖCKLING und KRASMANN im (gegenwärtig immer noch zeitlich aktuellen) Kontext der Tagung, dass ein derartiger Finalismus zumindest angesichts der Finanzkrise brüchig werde. Aus der eingangs angesprochenen Engführung auf die Untersuchung gouvernementaler Programme darf ihres Erachtens keinesfalls folgen, mögliche Brüche, Modifikationen oder Zurückweisungen bei deren Rezeption auszublenden. Anstelle der Dokumentation von Narrativen der Regierbarmachung oder deren Scheiterns plädieren sie für ein Verständnis von Kritik als Problematisierung, welches beide Aspekte umfasst und widerständige Praktiken sozusagen als Gegenkräfteverhältnisse mit einbezieht: "Nicht zuletzt weil es fortwährend mit Widerständen konfrontiert ist, ist Regieren stets auch eine Selbsttäuschung, eine Kontrollillusion. Vor allem aber ist es eine prekäre Angelegenheit" (S.38). Im anschließenden Fazit werden erneut fünf Thesen zur Diskussion gestellt:
DA und GF teilen Stärken (Untersuchung von Wissen, Macht und Selbstverhältnissen) wie Schwächen (Tendenz zu methodischer "Schließung") und sind daher verbundener, als eine Gegenüberstellung beider Perspektiven vermuten ließe.
Bei der Untersuchung verflochtener Wissens- und Machtdispositive sind beide in obiger Reihenfolge entweder stärker am ersten oder zweiten Pol verortet und teilen die mangelhafte Aufmerksamkeit für Ereignisse (Singularitäten/Brüche).
Erstere ist methodisch kompetenter, riskiert dabei aber den inhaltlichen Ertrag, welchen Letztere präziser kartografieren kann, dafür aber oft intransparent erscheint.
Statt Formalisierung und Normalisierung beider innerhalb des akademischen Betriebs anzustreben, sollten Randständigkeit und heuristisches Experimentieren als Stärke behalten werden.
Dispositive sind entgegen der sozialwissenschaftlichen Rezeption beispielweise bei KELLER (2008) oder BÜHRMANN und SCHNEIDER (2008) mit DELEUZE als strategische Kräfteverhältnisse aufzufassen und dem Instrumentarium der GF inhärent. [10]
Ohne bereits an dieser Stelle das Fazit vorwegnehmen zu wollen, eröffnet dieser Beitrag nicht nur das Feld für die weiteren Kontroversen innerhalb des Tagungsbandes, sondern bietet bereits etliche Elemente in Richtung einer Einebnung vermeintlicher Gegensätze zwischen DA und GF. Diese lässt sich freilich nur unter Voraussetzung einer noch näher an FOUCAULT angelegten Konzeption durchführen, welche die Fixierung auf bestimmte "Werkphasen" und damit einhergehende beschränkte Terminologien überwindet. Die nachfolgend dargestellten Aufsätze zu DA stehen jedoch auf anderen Fundamenten. Im nächsten wird direkt auf die soeben dargestellte Problematik Bezug genommen, womit eine weitere Grundlage für deren Diskussion gelegt wird. [11]
2.2 Wissenssoziologische DA jenseits von GF und Poststrukturalismus?
Reiner KELLERs wissenssoziologische DA (nachfolgend als WDA abgekürzt) wird bereits seit Mitte der 1990er Jahre als Forschungsprogramm (weiter-) entwickelt und stellt eine der gegenwärtig prominentesten Lesarten innerhalb der deutschsprachigen Diskursforschung dar. Insbesondere seit einer ausführlichen Monografie (KELLER 2008) wird sie zunehmend in vielfältigen Projekten als diskurstheoretische und methodische Grundlage rezipiert. Aufgrund ihrer Einbettung in den Sozialkonstruktivismus nach BERGER und LUCKMANN sowie die hermeneutische Wissenssoziologie bleibt allerdings fraglich, inwieweit die WDA als ein "rekonstruktives Forschungsprogramm zur Analyse gesellschaftlicher Wissensverhältnisse und Wissenspolitiken" (S.62) und gleichzeitig als – wie sie KELLER in diesem Zusammenhang ausweist – FOUCAULT folgend aufgefasst werden kann. KELLER beschreibt Diskurse in seinem Beitrag im rezensierten Band als "zeit-räumlich verstreute, rekonstruierbaren Strukturierungsprinzipien folgende, mehr oder weniger konfliktuelle Äußerungszusammenhänge, die weltliche Phänomene in den Blick nehmen (und erzeugen)" (S.62). Dies folgt jedoch kaum FOUCAULTs Projekt, da insbesondere die hier deutliche Begriffsverschiebung von Aussagen zu Äußerungen sowie der Bezug auf Diskursuniversen einen pragmatischen Diskursbegriff erkennen lässt, welcher auf symbolische Prozesse und intersubjektives Aushandeln von Bedeutung abzielt. Davon hatte FOUCAULT sich jedoch bereits klar in der "Archäologie des Wissens" abgegrenzt (1981, S.116ff.). Dieses Problem wurde bereits des Öfteren aufgeworfen, wie z.B. von Lars ALLOLIO-NÄCKE (2010, Abs.44) vor dem Hintergrund seiner FOUCAULT-Lektüre:
"Bleibt die Frage an Reiner KELLER zu richten, wie sich das hier vertretene Verständnis zu seiner wissenssoziologischen DA verhält, die sich als Erweiterung BERGERs und LUCKMANNs versteht. Die Autoren gingen von der 'gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit' (1980) aus. Sind diese Überlegungen kompatibel zu denen Michel FOUCAULTs? Oder um welchen Diskursbegriff handelt es sich, wenn KELLER BERGER und LUCKMANNs Buch um ein Kapitel 'Diskurse' ergänzen will (KELLER 2006, S.117)?" [12]
Gegen eine derartige Rezeption ist prinzipiell wenig einzuwenden, außer dass der zuvor skizzierte sozialtheoretische Rahmen eben zwangsläufig einen anderen Diskursbegriff als denjenigen von FOUCAULT erfordert, und es sich angesichts des nun eher deskriptiven Zugangs um fundamental unterschiedliche Erkenntnisinteressen handelt. Konsequenz ist, dass sich die WDA auf einer anderen theoretischen und inhaltlichen Ebene befindet und lediglich vom Werk FOUCAULTs inspiriert einige seiner Perspektiven in ein anderes (gesellschafts-) theoretisches Instrumentarium überträgt. Dies wird auch bei KELLERs Grundlegung seines Forschungsprogramms an verschiedenen Stellen deutlich, nicht zuletzt, da sein eigenes Verständnis aus verschiedenen anderen Diskursbegriffen und deren Kritik entwickelt wird (KELLER 2008, S.97ff.). [13]
So verwundert es kaum, dass KELLER zu Beginn seines Beitrags die These einer "Erschöpfung" der GF aufstellt und deren methodologisch-methodische Intransparenz kritisiert. Aus Perspektive der WDA, welche in der Tat über eine klarer ausgearbeitete und an Methoden qualitativer Sozialforschung angelehnte Methodik verfügt, ist diese Kritik stringent. Die kritische Distanz zur "akademischen Soziologie" und die experimentelle Offenheit, welche zuvor bei BRÖCKLING und KRASMANN als Stärke präsentiert wurde, kann aus dieser Perspektive heraus nur als Schwäche erscheinen. Fraglich ist jedoch, ob die auch dort (infolge der Jenaer Diskussionen und des wechselseitigen Kommentierens bei der Entstehung des Tagungsbands) bereits angesprochenen Probleme nicht zumindest hinsichtlich der Erschöpfungsthese aus Sicht einer "selbstreflexiven" GF heraus durch die oben skizzierte Argumentation abgeschwächt worden sind. Demgegenüber stellt die methodologische Kritik stärkere Argumente dar und es bleibt diskutabel, ob der von BRÖCKLING und KRASMANN favorisierte experimentell-heuristische Zugang nicht konkreter geklärt werden könnte. Gerade in einer näher an FOUCAULT orientierten Perspektive wie der GF wäre diesbezüglich die Rückbindung an frühere Ausführungen eine potenziell fruchtbare Option. In seiner Diskussion einer "neuen Geschichte" war sich dieser der methodologischen Problematik durchaus bewusst. Bereits dort wurden diesbezüglich etliche grundsätzliche Fragen aufgeworfen wie:
"die Konstitution von kohärenten und homogenen Dokumentenkorpussen (offene oder geschlossene, endliche oder unbestimmte [...]); die Erstellung eines Auswahlprinzips [...]; die Definition des Niveaus der Analyse und der Elemente, die für es treffend sind [...]; die Spezifizierung einer Methode der Analyse [...]; die Abgrenzung der Mengen und der Teilmengen, die das untersuchte Material gliedern [...]; die Determination der Beziehungen, welche die Charakterisierung einer Menge gestatten" (FOUCAULT 1981, S.20). [14]
Aus Sicht einer an FOUCAULTs Aussagekonzeption orientierten DA bleiben solche Fragen gegenwärtig immer noch offen. Eine universell fixierte Beantwortung im Sinne eines methodischen Königswegs scheint bereits durch deren Vielschichtigkeit versperrt. Entsprechend bleibt es bis heute den Forschenden selbst überlassen, wie sie diskursive Singularitäten, Regelmäßigkeiten und Brüche aus ihrem Quellmaterial herausdestillieren. Aufgrund dessen möglicher Diversität – es kann sich bspw. um Texte, Tabellen, Taxonomien oder auch audiovisuelles Material in jeweils eigentümlicher Ausprägung handeln – sollte im spezifischen Rahmen der jeweiligen Projektkonzeption eine passende methodische Umsetzung ausgearbeitet und dokumentiert werden. Auf diesem Weg wird dem Intransparenzvorwurf begegnet, ohne dabei die Offenheit im Sinne experimenteller Heuristik preiszugeben. Mitnichten könnte aus diesem Verständnis heraus jedoch eine allgemeine Methode für DA oder GF abgeleitet werden. Derartige Bestrebungen finden sich nur in Ansätzen, welche wie die WDA die Aussagen auf eine bestimmte Ebene ihrer Manifestation reduzieren (Sätze, Propositionen, Äußerungen, Symbole) und sich genau durch diese Reduktion von FOUCAULTs Aussagenbegriff entfernen. Dieser hatte mehrfach ausdrücklich darauf hingewiesen, dass reduzierte Konzeptionen (etwa aus Linguistik, Logik, Sprachanalyse, Sprechakttheorie) zwar auf empirischer Ebene zunächst in den Blick kommen, aber die Aussagen eben nicht auf diese reduzibel sind (FOUCAULT 1981, S.116ff.). Die eigentliche Leistung dürfte dementsprechend darin bestehen, beim methodischen Zugriff eine Abstraktion zu leisten, welche Aussagen ohne Reduktion auf andere Ebenen, die letztlich in andere theoretische Hintergründe münden, zum Vorschein bringt. Somit ist KELLERs Forderung nach einer spezifischen und transparenten Methodik durchaus berechtigt, wenngleich deren Spezifizierung theorieimmanent nicht als Fixierung respektive Normalisierung missverstanden werden kann. [15]
In einem weiteren Subkapitel wendet sich KELLER dem verstärkten Fokus auf Praktiken innerhalb der DA zu und erwähnt diesbezüglich zu Recht, dass es sich dabei um eine ursprünglich Foucaultsche Idee handele. Auch dieser Prozess des "Wiederentdeckens" verdeutlicht, wie weit sich die gegenwärtigen DA-Ansätze in der Zwischenzeit davon entfernt haben müssen, sollten sie FOUCAULTs Ideen denn je stark verbunden gewesen sein und nicht prinzipiell anderen Zugängen oder reduktionistischen Auslegungen entstammen. Gerade hinsichtlich der praktischen Dimension des Diskursiven sind diskurspragmatische Lesarten keineswegs fundamental inkompatibel mit der von mir vertretenen Perspektive. Die Systematisierung möglicher Anschlussstellen würde jedoch entgegengesetzt erfolgen. Basierend auf der Anerkennung verschiedener Diskursbegriffe und Analyseebenen hinsichtlich des Fokus auf Äußerungen oder Aussagen ließe sich anstatt einer Erweiterung bestehender soziologischer Theorien um eine Diskurs-Komponente vielmehr die Frage danach stellen, wo genau bei FOUCAULT diskurspragmatische Zugänge eröffnet werden. Diese Frage wird im letzten Teil des Essays genauer erörtert. Hier kann jedoch aufgrund dessen engen Rahmens und spezifischer Akzentsetzung nicht weiter auf KELLERs Diskussion der "Soziologisierung des Poststrukturalismus" sowie die an Daniel WRANA gerichtete kritische Frage nach der theoretischen Möglichkeit einer poststrukturalistischen Diskursethnografie eingegangen werden. Stattdessen bietet die Perspektive des folgenden Aufsatzes einen passenden Rahmen zur diskursanalytischen Diskussion dieser und anderer zuvor dargestellter Kontroversen. [16]
2.3 Widerspenstiger Sinn?
Johannes ANGERMÜLLER nimmt zu Beginn seines auf individuelle Positionierung im Feld der DA nach dem Strukturalismus ausgerichteten Beitrages direkt auf die bereits mehrfach anklingende Polysemie des Diskursbegriffs Bezug. Hierzu bemerkt er treffend, dass eine Auflistung möglicher Definitionen seitenfüllend abgehandelt werden könnte, ohne dabei den "Diskurs über den Diskurs" erschöpfend darzustellen. Dieser begrifflichen Unschärfe zufolge diagnostiziert er dessen potenzielle Gleichsetzung mit "allgemeinsten Kategorien der sozial- und geisteswissenschaftlichen Diskussion wie 'Kommunikation', 'Kultur' und 'Gesellschaft'" und kontrastiert hiermit seinen eigenen gleichzeitig weit gefassten, aber dennoch auf Textebene beschränkten pragmatischen Diskursbegriff "als den Gebrauch von Texten in Kontexten" (S.71f.). Seine Perspektive fokussiert die sinnhafte Konstruktion sozialer Ordnung als Resultat interpretativer Prozesse "zwischen Leser/innen und Texten und unter den Leser/innen selbst, die sich in Sinnverknappungsdispositiven wie der Universität selbst korrigieren, um den 'richtigen' Sinn festzustellen" (S.72). Somit wird gefragt, wie innerhalb eines Pluralismus von Sinndynamiken und Interpretationen "widerspenstiger Sinn" kanalisiert wird und mit welchen Regeln bestimmte Repräsentationen sozialer Ordnung geschaffen und durchgesetzt werden. [17]
Dieser Zugang scheint auch durch die anschließende Kurzdarstellung der "drei Traditionen" der DA (Hermeneutik, Pragmatik, Strukturalismus) hindurch, in welcher die Herausbildung gegenwärtiger Paradigmen skizziert wird. Ohne hier weiter ins Detail zu gehen, ist die diesbezüglich polyvalente Referenz FOUCAULTs ebenso auffällig wie die gleichermaßen konstatierte Dominanz eines kontinental-europäischen Diskursbegriffs "im Sinne der situationsübergreifenden Organisation gesellschaftlicher Sinnproduktion" (ANGERMÜLLER, S.73). Diese Stelle wäre für eine daraus abgeleitete DA der gegenwärtigen DA-Rezeptionen ein passender Anknüpfungspunkt. Denn wie bei ANGERMÜLLERs Forschungsbeispiel der unterschiedlichen Rezeption von Textauszügen anonymisierter Autoren (namentlich GOFFMAN, FOUCAULT, HEIDEGGER) durch Leser/innen verschiedener disziplinärer Hintergründe und dementsprechend unterschiedlicher Lesarten ist die Frage nach der Vielfalt tatsächlicher und möglicher Lektüren hochinteressant – dort ebenso wie hinsichtlich der Pluralität in DA bzw. GF. Allerdings ließe sie sich aus der von mir vertretenen Perspektive in anderer Stoßrichtung realisieren. [18]
Wenn wissenschaftliches Wissen mit ANGERMÜLLER als "Produkt eines Prozesses der Sinnverknappung unter Ungleichen" aufgefasst wird, in dessen Verlauf die Lektürevielfalt allmählich reduziert wird, besteht die Aufgabe der DA "darin zu zeigen, wie bestimmte Repräsentationen des wissenschaftlichen Feldes als legitim, wahr und richtig ausgewiesen werden" (S.83). Infolge seines Lektüreexperiments schlussfolgert er, dass die unterschiedlichen Interpretationen nicht hießen, dass die Leser/innen alle falsch lägen, sondern deren spezifische diskursive Kompetenz und Prägung darin zum Ausdruck kämen. Eine daran anschließende Aussageanalyse soll die jeweilige zur Interpretation notwendige Kontextualisierung als einen Prozess auf drei "Etagen" untersuchen:
"Die Leserin beginnt auf der untersten Etage, wo sie mit einer überschaubaren Anzahl an Stimmen des Diskurses zu tun hat. Auf der mittleren Etage fasst sie [...] die vielen Stimmen unter einer begrenzten Anzahl von Subjektpositionen zusammen. Auf der obersten Etage konstruiert sie ein Tableau mit den Akteuren des Diskurses, indem sie die Subjektpositionen mit Namen ausstattet und mit ihrem Wissen über die Personen assoziiert" (S.85). [19]
Aufgrund dieses diskurspragmatischen Zugangs kommen im Zusammenhang mit der auf diese Art realisierten Aussageanalyse vergleichsweise kleinteilige diskursive Prozesse in den Fokus. Der zugrunde liegende Diskursbegriff ist klar sprechakttheoretisch geprägt, während die Aussagen auf ihre propositionalen Gehalte reduziert werden. Dadurch gerät jedoch der bei FOUCAULT primär auf deren Möglichkeitsbedingungen ausgerichtete epistemologische Charakter der DA größtenteils aus dem Blick. ANGERMÜLLERs DA erfasst zwar die diskurspragmatische Komponente am Scharnier der Leser/innen, verengt jedoch zugleich den Fokus; abgesehen vom zwar multimodalen, aber letztlich doch textuellen Zuschnitt auf Sinnverknappungsprozesse innerhalb der Kommunikation. Das in diesem Zusammenhang verschieden rezipierte Wissen wird dadurch nur eingeschränkt genealogisch reflektiert. Zwar wird im Rahmen der Analyse der "Sinnverknappungsdispositive" durchaus auch Machtanalytik berücksichtigt und Anschlussfähigkeit zu gouvernementalen Techniken hergestellt, aber der Blickwinkel ist von vornherein begrenzter. Trotz impliziter Präsenz von Ordnungen des Wahren, welche für das Aussortieren "falscher" Repräsentationen des Wissenschaftsdiskurses konstitutiv sind, kann mit diesem Modell eher deren Dynamik, weniger aber ihre epistemische Genese analysiert werden. Auch wenn auf dieser konzeptuell klar umrissenen Basis durchaus spannende Untersuchungen möglich sind wie bspw. der "Numerokratisierung" des Sozialen (vgl. ANGERMÜLLER 2009), bleibt der Fokus (bewusst) eingeschränkt. Hier ist nicht nur der bereits angesprochene pragmatische und textuelle Reduktionismus anzuführen, sondern auch die Reichweite des so skizzierten Schemas. Diese bleibt jedoch m.E. davon abhängig, ob und auf welchem Wege Anschlüsse zu den soeben genannten ausgeblendeten diskursanalytischen Ebenen hergestellt werden. Ebenso wie zuvor bei KELLER, welcher einen rekonstruktiv-diskurspragmatischen Zugang vertritt, wäre auch ANGERMÜLLERs entgegengesetzte dekonstruktive Version, ausgehend vom Gesamtwerk FOUCAULTs, möglicherweise anders zu verorten, als es in der jeweilig zugrunde liegenden Rezeption getan wurde. Ein alternativer Vorschlag wird, wie bereits zuvor in Bezug auf KELLER angekündigt, am Ende dieses Essays konturiert. Zuvor soll jedoch auf eine weitere Konfliktlinie hingewiesen werden, welche für die angestrebte Systematisierung überaus bedeutsam ist. [20]
Wenngleich ANGERMÜLLER, wie in seinem Beitrag herausgehoben, beabsichtigt, den "Gegensatz zwischen 'großen' schriftlichen und 'kleinen' mündlichen Diskursen zu überwinden" (S.96), erscheint eine so realisierte Versöhnung von Makro- und Mikroebene zumindest dahin gehend problematisch, dass beide nur eingeschränkt erfasst werden. Seine bekundete Vorliebe für heterogene Wissensdiskurse als fragile, flüssige, offene, hochgradig beobachter/innenabhängige und damit nicht intersubjektiv teilbare Ordnungen führt tendenziell zur dekonstruktivistischen Überzeichnung chaotischer Komponenten des Diskursiven, deren Grenzen jedoch auch bei ihm bereits ebenso deutlich reflektiert werden, wie ihre potenzielle Überwindung skizziert ist:
"Unsere Welt ist eine Welt, deren gemeinsamer Sinnhorizont unwiderruflich zerbrochen ist. Gegenseitige Verständigung und richtiges Verstehen ist in dieser Welt nur noch ein verblichenes romantisches Ideal. Aber zieht damit nicht die politische Beliebigkeit ein? Keineswegs, denn auch wenn Texte unterschiedlich interpretiert werden, heißt das nicht, dass sie irgendwie interpretiert werden können und jede Interpretation die gleiche Chance auf Durchsetzung hat. Dass 'Gesellschaft' das Produkt diskursiver Praktiken ist, [...] ist keine Idee, die zu politischer Passivität führen muss. Ist nicht gerade die Einsicht in die diskursive Kontingenz von 'Gesellschaft' die Voraussetzung dafür, dass wir die Frage nach Alternativen stellen können [...]?" (S.98) [21]
Wenngleich dieser Frage hier durchaus affirmativ begegnet werden kann, wird doch gerade in einer derartigen Affirmation etwas Entscheidendes deutlich: Aus faktisch heterogenen Diskursen folgt nicht zwangsläufig, dass trotz dieser Heterogenität nicht Verständigung und mitunter sogar, sicherlich graduell variabel, "richtiges" Verstehen möglich ist. Vertreter/innen verschiedener Lesarten auch oder gerade der DA bzw. GF könnten im Rahmen beständiger wechselseitiger Kommunikationsprozesse und paralleler Weiterbildung im jeweils anderen diskursiven Feld doch hoffentlich immer weiter in dieses vordringen. Auf nichts anderes zielen letztlich akademische Debatten, auch während der Jenaer Tagung und in den hier diskutierten Beiträgen. Derartige "Sinnverknappung" findet sicherlich ebenso wenig in machtfreien Zusammenhängen statt, scheint aber andersgeartet zu sein als andere, durch DA kritisierbare Formen wie z.B. "Numerokratie". Beide klarer unterscheiden zu können als es in diesem durchaus gehaltvollen, aber leider etwas einseitigen begrifflichen Rahmen möglich ist, erscheint nicht nur in politischer Hinsicht sinnvoll (und ist im Rahmen der unten skizzierten Perspektive einer "alethurgischen" DA durch direkten Rückgriff auf FOUCAULTs Spätwerk mitgedacht). [22]
Auf Basis wechselseitigen Verstehens und einer Annäherung der jeweiligen diskursiven Horizonte könnte so zumindest die Grundlage für das in der Praxis oft konterkarierte und wohl nie komplett einlösbare Ideal eines weitgehend rationalen Wissensdiskurses im Sinne des klassischen Begriffs wahrer, gerechtfertigter Meinung gelegt werden. Diese diskursive Alterität heißt nicht, den vorhandenen Dissens zu überwinden, denn sicherlich liegt dem jeweiligen Wissen eine bestimmte diskursanalytisch zu reflektierende Ordnung "des Wahren" zugrunde. Über diese lässt sich aber argumentativ diskutieren, jedenfalls bis zu einer bestimmten Grenze. Dieser nicht unerhebliche Teil wissenschaftlicher Beschäftigung ist primär im Bereich der Philosophie anzutreffen, welche FOUCAULT als "kritische Arbeit des Denkens an sich selbst" bezeichnete (1991, S.15). Das soeben dargestellte Spannungsfeld zeigt dabei durchaus starke Parallelen zur klassischen Debatte zwischen HABERMAS und FOUCAULT, in deren Rahmen Letzterer sich wie folgt positionierte:
"Ich interessiere mich sehr für das, was Habermas macht; ich weiß, dass er überhaupt nicht einverstanden ist mit dem, was ich sage, während ich etwas mehr mit dem einverstanden bin, was er sagt, aber es gibt etwas, das mir Probleme bereitet: wenn er den Kommunikationsbeziehungen diesen dermaßen wichtigen Platz und vor allem eine Funktion zuweist, die ich 'utopisch' nennen würde. Die Vorstellung, dass es einen Zustand der Kommunikation geben kann, worin die Wahrheitsspiele ohne Hindernisse, Beschränkungen und Zwangseffekte zirkulieren können, scheint mir zur Ordnung der Utopie zu gehören. [...] Das Problem ist also nicht, sie in der Utopie [...] aufzulösen [...], sondern sich die Rechtsregeln, die Führungstechniken und auch die Moral zu geben, das Ethos, die Sorge um sich, die es gestatten, innerhalb der Machtspiele mit einem Minimum an Herrschaft zu spielen" (FOUCAULT 2005, S.296). [23]
Ein derartiges wissenschaftliches Selbstverständnis und -verhältnis stellt ebenso wie ANGERMÜLLER die Frage nach Alternativen, jedoch nicht auf pragmatischer, sondern genealogisch-epistemologischer Ebene. Am Ende dieses Essays wird es genauer konturiert, zuvor scheint an dieser Stelle jedoch eine kurze Zusammenfassung angemessen, um sich anschließend den eher auf konkrete Forschungsprojekte bezogenen Beiträgen zuzuwenden. [24]
In den dargestellten primär theoretisch und methodisch orientierten Beiträgen wurde deutlich, wie unterschiedlich gegenwärtige Ansätze der GF und DA ausgestaltet worden sind und welches wechselseitige Diskussionspotenzial sich daraus ergibt. Während BRÖCKLING und KRASMANN im Rahmen der GF vergleichsweise direkt an FOUCAULT anschließen, vertreten KELLER und ANGERMÜLLER pragmatistische Diskurskonzepte, die sie auf unterschiedlichen Wegen, Ersterer rekonstruktiv und Letzterer dekonstruktiv, auf Kommunikation anwenden. Während im ersten Fall ihr Gelingen deskriptiv erfasst werden soll, problematisiert der zweite demgegenüber ihr potenzielles Scheitern. Im Kontrast mit FOUCAULTs Oeuvre wurden zwei Strategien der Positionierung im Zuge der Rezeption deutlich (welche sicher in anderen, insbesondere linguistischen DA-Ansätzen noch wesentlich präsenter sind): einerseits die Tendenz, jeweils einen Begriff (Aussage, Diskurs, Dispositiv oder Gouvernementalität) ins Zentrum zu rücken und davon ausgehend die Analyseperspektive abzuleiten sowie andererseits konkret im Fall der DA, diesen Begriff in einem anderen Rahmen zu verorten. Beide Strategien sind durchaus legitim, insbesondere durch sich daraus ergebende Vorteile im Sinne der Anschlussfähigkeit bezüglich anderer Theorien, Methoden und spezifischer disziplinärer Zugänge. Sie haben jedoch aus FOUCAULT-naher Perspektive einen recht hohen Preis – die Entfernung von dessen historisch-epistemologischen und kritischen Erkenntnisinteressen. Außerdem erscheint es aus dieser Sicht recht künstlich, bestimmte Begriffe ins Zentrum zu rücken, da spätestens in seinen jüngst in deutscher Übersetzung veröffentlichten letzten Vorlesungen am Collège de France deutlich herausgestellt wurde, dass diese in einem interdependenten Gesamtzusammenhang um die drei "Achsen" Wissen, Macht und Selbstverhältnisse konzipiert sind, welcher sich folgendermaßen gestaltet:
"Insofern es darum geht, die Beziehungen zwischen Veridiktionsmodi, Techniken der Gouvernementalität und Formen der Selbstpraxis zu analysieren, sehen Sie auch, daß die Präsentation solcher Untersuchungen als Versuch, das Wissen auf die Macht zu reduzieren, um innerhalb von Strukturen, in denen das Subjekt keinen Platz hat, aus dem Wissen die Maske der Macht zu machen, nur eine reine und schlichte Karikatur sein kann. Im Gegensatz dazu geht es um die Analyse komplexer Beziehungen zwischen drei [...] Elementen, die sich nicht aufeinander reduzieren lassen, die sich nicht ineinander auflösen, sondern deren Beziehungen füreinander konstitutiv sind" (FOUCAULT 2009, S.23f.). [25]
Ebenso deutlich wird hier, dass in den anschließend dargestellten anwendungsorientierten Beiträgen aufgeworfene Konfliktlinien wie die Reduktion von Wissen (und Wahrheit) auf Macht oder die vermeintlich negierte Autonomie des Subjekts Probleme sind, die sich erst aus vereinseitigenden Lesarten heraus ergeben. Angesichts dessen scheint es unter Berücksichtigung der vergleichsweise fortgeschrittenen methodischen Fundamente derartiger Rezeptionen jedoch kaum nötig, diese – zwar von FOUCAULT bisweilen doch etwas entfernten – Standpunkte lediglich als komplett andere auszuweisen und auf deren möglichen Erkenntnisgewinn zu verzichten. Vielmehr lässt sich wie zuvor bereits angekündigt fragen, ob und vor allem wo genau es sinnvoll sein könnte, diese ergänzend hinzuzuziehen oder für welche Fragestellungen und Erkenntnisinteressen sie sich aufgrund ihres spezifischeren Zuschnitts besser eignen würden. [26]
Abschließend ist noch auf eine bewusste Leerstelle dieses Essays hinzuweisen – der Aufsatz von Andrea BÜHRMANN und Werner SCHNEIDER zu ihrem Konzept einer Dispositivanalyse wurde bisher nicht berücksichtigt. Dies hat zwei Gründe: Erstens liegt bereits eine ausführliche Rezension zu deren 2008 erschienener Monografie vor (vgl. BIRKHAN 2010). Zweitens verkörpert der dort anvisierte Zugang beide hier kritisch gesehenen Rezeptionsstrategien: Für mich ist nicht klar, was durch eine gesonderte Dispositivanalyse im Vergleich zu DA oder GF, welche als Teile des beschriebenen Gesamtzusammenhangs immer schon Dispositive mitdenken (sollten), gewonnen werden könnte. In einzelnen Ansätzen von GF wie DA ist diesbezüglich eine ähnliche Haltung zu finden (vgl. die Beiträge von BRÖCKLING & KRASMANN sowie DENNINGER, VAN DYK, LESSENICH & RICHTER in dem besprochenen Band). [27]
Auch in diesem Abschnitt stellt die offensichtliche Ausschnitthaftigkeit und Selektivität in Bezug auf die verschiedenen Beiträge keine normative Positionierung dar, sondern dient der internen Argumentationsstruktur der Rezension im Zuge der Problematisierung gegenwärtiger Diskurse der Diskurs- respektive Gouvernementalitätsforschung. Im Folgenden werden einige der vielfältigen Umsetzungen als verschiedene Adaptionen der zuvor beschriebenen theoretischen und methodischen Zugänge anhand konkreter Gegenstände kompakt dargestellt und kommentiert. Auf die keineswegs weniger relevanten Beiträge von Marion OTT und Daniel WRANA, Sabine MAASEN sowie Boris TRAUE, in welchen Aktivierungsmaßnahmen Erwerbsloser, Neuropädagogik oder Beratungstechniken analysiert werden, wird wegen der eingangs erwähnten Argumentationslinie nicht konkret eingegangen. Die folgende Auswahl soll daher auch das Interesse für die nicht besprochenen Beiträge wecken. [28]
3.1 Die Bologna-Konsenstechnokratie
Jens MAESSE präsentiert in seinem Beitrag eine Analyse des Bologna-Diskurses, welche die Perspektiven der DA und GF fruchtbar miteinander verbindet, um zu zeigen, "dass der Bologna-Diskurs zwar ein technokratischer Diskurs ist, dass er zugleich aber weitestgehend ohne konzeptuelles Wissen operiert" (S.103). In diesem Zusammenhang wird die wechselseitige Delegierung politischer Verantwortlichkeit ohne klaren Adressaten dargestellt, sodass sie letztlich unsichtbar bleibt. Diese "Konsenstechnokratie" wird als spezifische Form der Gouvernementalität aufgefasst. [29]
Zunächst wendet sich MAESSE dazu der Wahrheitspolitik des Bologna-Prozesses zu, wobei seine kurze Darstellung dieses Kernbegriffs FOUCAULTs riskiert, eine in dessen Rezeption häufig vorkommende problematische Unschärfe in Bezug auf den Terminus Wahrheit zu reproduzieren. Wahrheit könnte in diesem Fall als reine Funktion der Macht fehlinterpretiert werden, was jedoch nicht von FOUCAULT intendiert war. Dieser hat (2009, S.39) klar zwischen Analytik der Wahrheit im philosophischen Sinn und einer "Ontologie der Gegenwart" unterschieden. Letztere bezieht sich im Rahmen der Begriffe Wahrheitsspiel und -politik nicht auf Propositionen, sondern auf Aussagen nach FOUCAULTs Definition und berührt Erstere keineswegs, um den eigenen logischen Status seiner Untersuchungen nicht zu gefährden. Ein u.a. von Fernando Suárez MÜLLER (2004) unterstellter Fehlschluss von Genesis auf Geltung geht somit ins Leere, da FOUCAULT zumindest retrospektiv beides klar voneinander trennt. Aber auch im "Frühwerk" wurde diesem Risiko bereits durch die Irreduzibilität von Aussagen auf Propositionen vorgebeugt (FOUCAULT 1981, S.117). Dieser kurze philosophische Exkurs ist deshalb relevant, weil MAESSEs Darstellung zufolge die Wahrheit einer Aussage nach FOUCAULT weder empirisch verifizierbar noch einfach logisch deduzierbar, sondern der "Einsatz in einem politischen Spiel" sei. Wenn dieser Formulierung ein Foucaultscher Aussagebegriff zugrunde liegt, ist sie unproblematisch. Da sich MAESSE jedoch später auf ANGERMÜLLERs diskurspragmatischen Zugang bezieht, liegt der Verdacht nahe, dass sich hier zumindest philosophisches Diskussionspotenzial eröffnet. Davon werden die tiefgründigen soziologischen Erkenntnisse zwar nicht unmittelbar berührt, jedoch bleibt das Risiko einer relativistischen Lesart, wenn Wahrheit (analytisch) als Funktion der Macht ausgewiesen wird. MAESSE scheint ungeachtet solcher Fragen aber durchaus die genealogische Ebene des "Wahrsprechens" im Fokus zu haben:
"Es sind drei unterschiedliche Wahrheiten zum Bologna-Prozess auszumachen, die ihre realitätsstiftenden Effekte nicht verfehlt haben [...] und einhergehen mit drei unterschiedlichen impliziten Zuschreibungen von Verantwortlichkeit. Im ersten Fall kann dem Bologna-Prozess selbst bzw. seinen Befürwortern und 'Gestaltern' die Verantwortung zugeschoben werden, im zweiten Fall den Hochschulen und im dritten Fall der Bildungspolitik. Aber wer trägt nun die Verantwortung und vor allem: wofür? [...] Der Bologna-Prozess ist ein technokratisches System, [...] wo Verantwortung weiterdelegiert wird und grundsätzlich an einen politisch nicht erreichbaren Ort verschoben werden kann" (S.106). [30]
Diese Diagnose als prozessuales "Spiel über Bande", in dem politische Verantwortung als Einsatz auftritt, dessen Konsens politisch nicht legitimiert werden kann und welches letztendlich dadurch inhaltsentleert wird, ist höchst originell. Das dennoch folgenreiche Programm dieser "Konsenstechnokratie" trägt geradezu kafkaeske Züge:
"Es handelt sich um eine Situation, in der sich vor allem auf Gesagtes bezogen wird, in der Leute auftreten, die sich auf Wissen berufen, das bei näherer Betrachtung mehr Fragen aufwirft als es Antworten gibt und in der zunehmend 'differenziertere Argumentationen' verlangt werden und eindeutige Positionierungen als (zu) radikal erscheinen" (S.124). [31]
Im Zusammenhang mit diesem Gouvernementalitätsprogramm wird das "Gegenüber" der Macht nach MAESSE von dieser ergriffen, kolonialisiert und hervorgebracht, wodurch er letztlich sowohl den dezentralen und impulsiven Charakter der Proteste gegen Bologna als auch die chaotische Form ihrer Umsetzung erklären kann. [32]
3.2 Neoliberales Stadtmarketing
Annika MATTISEK untersucht in ihrem Beitrag die Potenziale von DA und GF im Hinblick auf aktuelle Prozesse der Stadtentwicklung aus humangeografischer Sicht. Aus dieser heraus geht es ihr um die "Konstitution von Räumlichkeit durch symbolische und insbesondere sprachliche Prozesse" und um eine produktive Integration beider Forschungsperspektiven für die "Analyse sozialer Phänomene und Wandlungsprozesse" (S.129f.). Nach Darstellung beider Perspektiven wird das Stadtmarketing im Rahmen neoliberaler Gouvernementalität positioniert und der DA-Zugang im Rahmen poststrukturalistischer Ansätze im Anschluss an LACLAU und MOUFFE verortet. Methodisch hat MATTISEK ihre Analyse in zwei Schritten realisiert: einerseits auf Makroebene mittels quantitativ-lexikometrischer Analyse von Printmedien zur Ermittlung der für das Stadtmarketing maßgeblichen semantischen Kontexte, andererseits auf Mikroebene mittels Aussageanalyse hinsichtlich unterschiedlicher und teils widersprüchlicher Positionierungsmöglichkeiten im Zuge der Kontrastierung mit Stadtimages. Nachfolgend werden in ihrem Beitrag im Band dementsprechend statistische Kollokationsanalysen von Worthäufigkeiten und deren Kookkurrenzen sowie die jeweiligen Imagekampagnen der Städte Köln und Frankfurt exemplarisch gegenübergestellt. [33]
Im anschließenden Fazit wird betont, dass durch diese Kombination "die Marketingstrategien sowohl in einen rahmenden gesellschaftlichen Kontext einzuordnen als auch in ihrer Spezifizität, Heterogenität und partiellen Offenheit zu erfassen [sind]" (S.151). Das Bindeglied zur GF wird in der Konjunktur des Stadt- und Imagemarketings als symptomatisch für neoliberale Gouvernementalität gesehen, ohne dass eine derartige Verbindung schlüssig dargestellt und theoretisch plausibilisiert wird. Aus poststrukturalistischer DA-Perspektive ließe sich weiterhin "zeigen, dass jegliche diskursive Konstitution von (städtischer) Identität in sich widersprüchlich, unabgeschlossen und umkämpft ist" (S.152). Damit wird zwar die grundsätzliche theoretische Haltung einer DA nach LACLAU und MOUFFE reproduziert, allerdings scheint ein darüber hinausgehender Erkenntnisgewinn schwer auszumachen. Trotz des grundsätzlich ambitionierten Projekts bleibt die Kombination der verschiedenen theoretischen und methodischen Zugänge leider recht problematisch. Der Bruch zwischen quantitativ-linguistischer Methodik (incl. linguistischer Reduktion der Begriffe Diskurs und Aussage) einerseits und der Perspektive der GF andererseits ist augenscheinlich schwer zu überbrücken. Dies überrascht kaum, da sich deren Inkompatibilität auf theoretischer und methodischer Ebene streng genommen zumindest in dieser Form nicht überwinden lässt. [34]
3.3 Die Regierung des Alter(n)s
Tina DENNINGER, Silke VAN DYK, Stephan LESSENICH und Anna RICHTER untersuchen in ihrem breit angelegten Projekt das aktuell höchst brisante Thema des Alterns auf gesellschaftlicher wie individueller Ebene in wechselseitiger Verschränkung. Sie gehen davon aus, dass die GF für das Verständnis des Themas im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen demografischen und sozialpolitischen Wandel unverzichtbare Anhaltspunkte bietet. Jedoch sei deren auf Programme des Regierens fixierte Perspektive allein nicht in der Lage, das Phänomen an die Ebene sozialer Praktiken zurückzubinden. Diese Rückbindung sei aber in der DA zu finden. Im Gegensatz zu den bisher besprochenen Beiträgen wird dazu direkt auf FOUCAULTs Terminologie zurückgegriffen, wobei die Aussage als kleinstes und regelmäßig wiederholbares Element des Diskurses angesehen wird. Ebenso kohärent wird von einer mehrdimensionalen diskursiven Ordnung ausgegangen, die einen Reduktionismus auf die sprachliche Seite der Aussagen vermeidet. Der in der FOUCAULT-Rezeption oftmals problematisierte Gegensatz zwischen diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken wird als folgenreicher Kategorienfehler identifiziert und soll mittels eines methodologischen Primats des Diskurses aufgelöst werden. Somit ergibt sich eine Perspektive jenseits von naivem Realismus und Ontologisierung des Diskurses:
"Die vermeintlich 'harte', 'rohe' Realität hinter, über, zwischen oder neben dem Diskurs – die in der verbreiteten impliziten Diskursontologie pulverisiert wird, um dann als nicht diskursives Phänomen wieder eingefangen zu werden – wird damit keineswegs in Abrede gestellt, sondern lediglich im Hinblick auf ihre unvermittelte Unerfahrbarkeit problematisiert" (DENNINGER et al., S.214). [35]
Eine derartige auf die FOUCAULT-Rezeptionen von Bernhard WALDENFELS und Hans-Herbert KÖGLER gegründete Position "schärft [...] den Blick für die grundlegende Diskursivität aller [...] vermeintlich nicht-diskursiven Praktiken" und "sensibilisiert [...] dafür, den Diskurs als Brücke oder Mittler zwischen 'roher' und sozialer Welt zu betrachten", wobei "die Frage nach der mehr oder weniger aktiven Beteiligung der rohen Welt an der Konstituierung des Sozialen ins Spiel" kommt und im Sinne einer ko-konstitutiven "Mitwirkung" beantwortet wird (DENNINGER et al., S.214). Folglich wird "unter den Bedingungen unausweichlich textförmiger Analyse" die systematische Klärung der Verarbeitung von Artefakten und Institutionen in je spezifischen Textformen im Sinne einer für Materialitäten sensiblen DA eingefordert, wobei "stets zu berücksichtigen [ist], dass ein Text über einen Text etwas anderes ist als ein Text über ein Messer, eine Schnittwunde oder einen Notarzteinsatz" (S.215). [36]
Die obige Passage und ihr Fokus auf den textuellen Charakter erscheint etwas unklar, denn FOUCAULT war dieser eher weniger wichtig, und bezüglich der Materialität von Aussagen vertrat er durchaus andere Vorstellungen (1981, S.116ff. bzw. 146). Die skizzierten Überlegungen scheinen doch eher bereits in Richtung seines Dispositivkonzepts zu gehen. Dieses wird dagegen wiederum terminologisch kohärent im Sinne einer Verknüpfungsordnung ausführlich diskutiert sowie von als irreführend bezeichneten Rezeptionen abgegrenzt. Im Anschluss an die recht ausführliche theoretische Verortung werden im Rückgriff auf Maarten HAJERs Konzept der storylines, zwei Beispiele aus einem massenmedialen Textkorpus dargestellt und im Hinblick auf zugrunde liegende Wissensordnungen untersucht. Im vorläufigen Fazit des zum Zeitpunkt der Tagung bzw. der Veröffentlichung des besprochenen Bandes noch nicht abgeschlossenen Projekts wird abschließend dessen kritisches Erkenntnisinteresse formuliert, "die 'alternde Gesellschaft' nicht nur besser zu verstehen, sondern auch anders zu gestalten" (DENNINGER et al., S.230). [37]
3.4 Widerstand im Diskurs – Anmerkungen zu Subjekt und "Eigensinn"
Die letzten beiden Beiträge des Bandes – verfasst von Stefanie GRAEFE sowie Thomas ALKEMEYER und Paula-Irene VILLA – problematisieren in unterschiedlicher Akzentuierung die Rolle des Subjekts in DA und GF. Hinsichtlich Letzterer stellen beide Aufsätze u.a. auch einen kritischen Bezug zum ersten Beitrag von BRÖCKLING und KRASMANN her. GRAEFE geht es in ihrem Beitrag nicht um die allgemeine Handlungsfähigkeit des Subjekts als Abstraktum, sondern um "konkrete widerspenstige Praxis, die herrschende Regeln, Normen, Konventionen oder Gesetze vorübergehend oder nachhaltig unterläuft" (S.292). Diese stellt sie zunächst einer in diversen FOUCAULT-Rezeptionen präsenten Lesart von Subjekt als Effekt von Diskursen gegenüber. Für diese einseitig deterministische Auffassung gibt es ihrer Einschätzung nach in dessen Werk jedoch keinen Anhaltspunkt. Unter Bezugnahme auf die zuvor ebenfalls angeführte Rezeption KÖGLERs diagnostiziert sie wiederum ein ontologisches Primat der Macht, welches sich, wenn auch eventuell missverständlich formuliert, im Rahmen ihrer relationalen Konzeption durchaus im Einklang mit FOUCAULT befindet. Handlungsfähigkeit wird so statt als Infragestellung des "Machthaushalts" eher als reflexive Distanz zu eigenen diskursiven Prägungen und Praktiken betrachtet. Im Feld der GF wird analog dazu mit BRÖCKLING festgestellt, dass Eigensinn ebenso unvermeidlich wie auch Teil der Programme sei, die damit konterkariert werden. GRAEFE zufolge müsste in diesem Zusammenhang "mehr getan werden, als zu betonen, dass Diskurse und Programme notwendig widersprüchlich, vorläufig und umkämpft sind – was sie zweifelsohne sind. Aber von wem, gegen wen und von wem nicht?" (S.297) Zur Beantwortung dieser Frage schlägt sie vor, Anschlüsse bspw. zu Klassen- und Hegemonietheorien zu suchen. Darin läge aber m.E. im Vergleich zu FOUCAULTs fortwährender Auseinandersetzung mit diversen Marxismen ein beträchtlicher Rückschritt. Auch scheint GRAEFE Diskurse wie gouvernementale Programme eher im Sinne dessen aufzufassen, was FOUCAULT als wichtigen, aber misslichen Ideologiebegriff betrachtet hatte:
"In den traditionell-marxistischen Analysen ist die Ideologie ein negatives Element, in dem die Tatsache ihren Ausdruck findet, dass die Beziehung des Subjekts zur Wahrheit oder einfacher die Erkenntnisbeziehung von den Lebensbedingungen, den sozialen Beziehungen oder den politischen Formen getrübt, verdunkelt und verdeckt wird, die sich dem Erkenntnissubjekt von außen aufzwingen" (2003, S.27). [38]
Demgegenüber betont FOUCAULT, dass es sich hierbei mitnichten um einen Schleier bzw. ein Hindernis der Erkenntnis handele, sondern um deren Medium. Denn Erkenntnis
"ist weder ein Vermögen noch eine universelle Struktur. Selbst wenn sie eine Reihe von Elementen benutzt, die als universell gelten können, ist sie doch ein Ergebnis, ein Ereignis, eine Wirkung. [...] Verschiedene Arten von Erkenntnissubjekten oder von Wahrheit und bestimmte Wissensgebiete kann es nur auf der Basis politischer Bedingungen geben, die den Boden darstellen, auf dem das Subjekt, die Wissensbereiche und die Wahrheitsbeziehungen sich herausbilden" (S.28). [39]
Die von GRAEFE einer derartigen Position gegenübergestellte symbolische Praxis vergesellschafteter Subjekte erscheint so als doppeltes Symptom: einerseits als vermeintliches Henne-Ei-Problem, denn wie "Vergesellschaftung" erahnen lässt, ist die mit Judith BUTLER favorisierte Politik performativer Ermächtigung kaum als ablösbar von sozialen Ordnungsmustern zu denken. Andererseits liegt dieser Kritik eine fehlende Differenzierung zwischen performativer Ebene der Äußerungen und diskursiver oder gouvernementaler Ebene der Aussagen zugrunde. Bezeichnenderweise wird eine analoge Irreduzibilität bei der Forderung, das Diktum vom ontologischen Primat der Macht vom Kopf auf die Füße zu stellen, für die Handlungsmacht erfasst. Wäre die Differenzierung beider Ebenen bereits zuvor berücksichtigt worden, hätte sich das Problem gar nicht erst gestellt. [40]
Auch ALKEMEYER und VILLA problematisieren demgegenüber unter Rückgriff auf BUTLER und insbesondere deren Konzept der "Mimesis" eine "Tendenz zur Tilgung der grundsätzlichen Spannung zwischen Programmen und Praxen" innerhalb der GF nach BRÖCKLING und betonen, dass aus "Perspektive der mimetischen Subjektivation" (ALKEMEYER & VILLA, S.324) keine direkte Übersetzung normativer Programme in den Bereich der Selbstverhältnisse möglich sei. Aber liegt, unabhängig von einer solchen Perspektive, nicht genau darin der Grund dafür, dass die GF den Bereich der konkreten Rezeption ausklammert, während FOUCAULT trotz der Betonung ihrer wechselseitigen Beziehungen beide Ebenen klar trennt? Ebenso wie zuvor bei GRAEFE erscheint die Frage nach widerständigen Praxen des Eigensinns zumindest in derartiger Richtung als falsch gestellt. In dem auch innerhalb der GF in Anschlag gebrachten Kritikverständnis als "Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden" (FOUCAULT 1992, S.12), zeichnet sich bereits eine reflexive Haltung ab, in der Subjekte weder als determiniert, noch als frei von Prägungen gedacht werden. Eigensinn wäre folglich nicht negative Freiheit von gesellschaftlichen und epistemologischen Ordnungen, sondern nur in einem reflexiven Selbstverhältnis zu realisieren, welches am Ende der nachfolgenden Zusammenfassung konkreter spezifiziert wird. "Andersdenken" lässt sich in diesem Zusammenhang kaum anders als durch praktische Reflexivität denken. [41]
Ein kritischer Impetus kann im Zusammenhang mit den verschiedenen untersuchten Diskursen und gouvernementalen Kraftfeldern in allen der soeben dargestellten Beiträge aufgefunden werden. Jedoch wird dieser auf ganz unterschiedlichen Wegen realisiert. Auffällig scheint dabei zu sein, dass mit zunehmender Distanz des theoretischen und methodischen Zugangs von den Grundbausteinen der "Werkzeugkiste" FOUCAULTs ebenfalls die Distanz oder gar Inkompatibilität innerhalb der jeweiligen Instrumentarien zunimmt. Dies ist kein Grund, um a priori anders ausgerichtete Perspektiven zurückzuweisen. Es scheint jedoch zur Vermeidung potenzieller Missverständnisse ratsam, die eigene Terminologie hinreichend deutlich zu präzisieren oder abzugrenzen. Sollte diese primär auf anderen Ebenen angesiedelt sein, wäre ein Verzicht auf den fast schon inflationären Bezug auf FOUCAULT in manchen Fällen sinnvoller, als diesen um den Preis theoretischer Inkonsistenz oder zumindest Unschärfe in jedem Fall konstruieren zu wollen. Dies scheint m.E. insbesondere bei diskurslinguistisch geprägten Rezeptionen, aber auch bspw. bei der WDA diskutabel. [42]
Hinsichtlich der in den beiden auf Eigensinn und die Rolle des Subjekts ausgerichteten Beiträge findet sich ebenfalls in den letzten Vorlesungen FOUCAULTs am Collège de France eine Neupositionierung seines Kritikverständnisses im Rahmen eines spezifischen Selbstverhältnisses. Dieses kommt in dem von ihm als "Parrhesia" bezeichneten und favorisierten Veridiktionsstil, also Modus des "Wahrsprechens", zum Ausdruck:
"Damit es parrhesia geben kann, ist alles in allem für den Akt der Wahrheit folgendes notwendig: erstens das Bestehen einer grundsätzlichen Verknüpfung zwischen der ausgesprochenen Wahrheit und dem Denken dessen, der sie ausgesprochen hat; [zweitens] die Infragestellung der Beziehung zwischen den beiden Gesprächspartnern (demjenigen, der die Wahrheit sagt, und demjenigen, an den diese Wahrheit gerichtet ist). Daher rührt jener neue Zug der parrhesia: Sie beinhaltet eine bestimmte Form des Mutes, einen Mut, dessen Minimalform darin besteht, daß der Parrhesiast immer Gefahr läuft, diese Beziehung zu untergraben, die die Bedingung der Möglichkeit seiner Rede ist" (2010, S.27). [43]
Diese Haltung mündet in einem Bekenntnis zur philosophischen Praxis, die auf ein konsequent kritisch-emanzipatorisches Erkenntnisinteresse hinausläuft, dessen Perspektivismus aufgrund klarer genealogischer Verortung keinesfalls als Relativismus missverstanden werden kann. Sie bildet jenseits spezifischer Wahrheitsregime und -politiken eine Art permanentes kritisches Korrektiv zu Politik und Wissenschaft:
"Was ist die moderne Philosophie, wenn man sie [...] als eine Geschichte der Veridiktion in ihrer parrhesiastischen Form lesen will? Sie ist eine Praxis, die in ihrem Verhältnis zur Politik ihre Wirklichkeit beweist [...], die in der Kritik [...] ihre Funktion der Wahrheit findet. Sie ist schließlich eine Praxis, die in der Transformation des Subjekts durch sich selbst und durch den anderen ihr Wirkungsziel findet. [... W]enn sich diese Perspektive aufrechterhalten läßt, versteht man auch, warum die [...] moderne ebenso wie die antike Philosophie, im Unrecht war oder wäre, wenn sie sagen wollte, was im Bereich der Politik zu tun und wie zu regieren sei. Sie wäre im Unrecht, wenn sie sagen wollte, was im Bereich der Wissenschaft das Wahre oder das Falsche sei. Sie wäre ebenfalls im Unrecht, wenn sie sich als Aufgabe die Befreiung oder Aufhebung der Entfremdung des Subjekts selbst vorgeben würde. Die Philosophie hat nicht zu sagen, was in der Politik geschehen soll. [...] Sie soll beständig ihre Kritik gegenüber den Verlockungen, Vorspiegelungen und Täuschungen ausüben, und darin spielt sie das dialektische Spiel ihrer eigenen Wahrheit. [...] Sie soll die Formen bestimmen, in denen sich das Verhältnis zu sich selbst eventuell transformieren kann" (2009, S.444f.). [44]
Zwecks Überleitung zum Fazit sei angesichts dieses Zitats abschließend nochmals darauf hingewiesen, dass es mit FOUCAULT nicht darum gehen kann, sich in direkter Opposition zu den kritisch analysierten Zusammenhängen zu befinden, da weder Kommunikation noch Gesellschaft als machtfrei gedacht werden können. [45]
Umkreisen die besprochenen Beiträge möglicherweise nur Scheinprobleme, und handelt es sich bei daraus abgeleiteten Konflikten nur um z.B. durch Begriffsklärung auflösbare Scheingefechte? Mitnichten, denn nichts läge angesichts der gegenwärtigen überaus produktiven Pluralität der Diskursforschung ferner, als eine universelle Rückbesinnung auf einen Foucaultschen Diskursbegriff zu fordern. Dennoch ist innerhalb dieser Pluralität eine teils eklatante Divergenz der jeweiligen Diskursbegriffe offensichtlich, welche Einsteiger/innen in dieses Forschungsfeld oftmals verwirrend erscheinen mag. Zur Systematisierung erscheint ein Blick in FOUCAULTs retrospektive theoretisch/methodische Selbstreflexion aus der "Archäologie des Wissens" (1981) als durchaus erhellend, sind dort doch bereits im Zuge seiner Positionierung alle auch gegenwärtig verhandelten Optionen aus den verschiedenen "Werkzeugkisten" klar gegenübergestellt und voneinander abgegrenzt. Bekanntlich zielt sein Diskursbegriff auf "eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören" (S.156). Bei der zugrunde liegenden Definition von Aussagen wird deutlich, inwiefern sich diese Perspektive von anderen aus Linguistik, Sprachanalyse oder Pragmatik unterscheidet bzw. auf diese nicht reduzibel ist. FOUCAULT sieht durchaus mehrere Optionen, welche für andere Erkenntnisinteressen selbstverständlich offenbleiben, grenzt diese aber deutlich von seinem eigenen ab:
"Ich weiß sehr wohl, daß diese Definitionen in der Mehrzahl nicht mit der gebräuchlichen Verwendung übereinstimmen: die Linguisten sind gewohnt, dem Wort Diskurs einen völlig anderen Sinn zu geben. Die Logiker und Sprachanalytiker benutzen den Terminus Aussage anders. [...] Man sieht insbesondere, daß die Analyse der Aussagen keine totale, erschöpfende Deskription der 'Sprache' oder dessen, 'was gesagt worden ist', zu sein vorgibt. [...] Insbesondere nimmt sie nicht den Platz einer logischen Analyse der Propositionen, einer grammatischen Analyse der Sätze, einer psychologischen oder kontextuellen Analyse der Formulierungen ein: sie stellt eine andere Weise dar, die sprachlichen Performanzen in Angriff zu nehmen, ihre Komplexität aufzulösen, die Termini zu isolieren, die sich darin überkreuzen, und die verschiedenen Regelmäßigkeiten aufzufinden, denen sie gehorchen" (S.156f.). [46]
In dieser etwas längeren Passage wird nicht nur die Eigentümlichkeit des Foucaultschen Diskursbegriffs verdeutlicht, sondern auch eine Vielzahl der sich in den gegenwärtigen Kontroversen widerspiegelnden Probleme vorweggenommen. Der letzte Satz eröffnet sicherlich durch den Bezug auf sprachliche Performanzen die Möglichkeit eines Anschlusses zur diskurspragmatischen Lesart. Allerdings scheint diese Unschärfe, im Kontext des Gesamtwerks betrachtet, kaum in diese Richtung intendiert gewesen zu sein. Trotzdem existiert an dieser Stelle eine für die verschiedenen Rezeptionslinien fundamentale Bifurkation, die letztendlich auch im Kontrast DA vs. GF mitschwingt oder diesen zumindest verschärft. Auch wenn im Jenaer Tagungsband eingangs klar betont wird, das FOUCAULT "ein wichtiger, wenn auch nicht der einzige Pionier in dem vielfach ausgefächerten Feld der DA" (VAN DYK & ANGERMÜLLER, S.8) sei, befindet sich der direkt anschließende Satz, demzufolge diese auf Untersuchung der sozialen Produktion von Sinn ausgerichtet sei, zumindest nach der hier vertretenen Lesart in ausdrücklichem Widerspruch zu FOUCAULTs oben dargestellter Perspektive. Diese interessiert sich weniger für konkrete Sinnproduktion, sondern stattdessen für deren Möglichkeitsbedingungen hinsichtlich eines "Existenzgesetz[es] der Äußerungen, das, was sie möglich gemacht hat [...]; ihre Verbindungen mit früheren oder gleichzeitigen, diskursiven oder nichtdiskursiven Ereignissen" (2001, S.869). Nun ist daraus keinesfalls zu schließen, dass der Fokus auf Sinnproduktion uninteressant wäre, aber wenn ein so formulierter Grundkonsens ausgerechnet die Perspektive des "wichtigen Pioniers" FOUCAULT scheinbar nicht so recht trifft, ist das zumindest irritierend. Diese Situation ist aber durchaus symptomatisch für viele gegenwärtige Strömungen der Diskursforschung – der Bezug auf FOUCAULT wird oft auf Wegen realisiert, die dieser zwar nicht als illegitim zurückgewiesen, aber aus seiner (diachron deutlich werdenden) theoriestrategischen Sicht heraus nicht intendiert hatte:
"Ich habe aber nicht die Absicht, hier ein Spiel von Begriffen, eine Form der Analyse, eine Theorie, die allesamt woanders gebildet worden sind, auf ein Gebiet zu übertragen, das nur auf dieses Licht warten würde. Ich habe nicht die Absicht, ein Modell zu gebrauchen, indem ich es in der ihm eigenen Wirklichkeit auf neue Inhalte anwende. Ich will gewiß den Wert eines solchen Modells nicht bestreiten [...], seine Tragweite beschränken und gebieterisch die Schwelle aufzeigen, die es nicht überschreiten dürfe" (1981, S.157). [47]
Eine derartige gebieterische Haltung im Sinne einer "Diskurspolizei" soll sicher auch hier keinesfalls vertreten werden. Dennoch entfernt sich eine Rückübertragung von FOUCAULTs Denken auf oben skizzierte, andere theoretische Hintergründe zwangsläufig von diesem – teils möglicherweise soweit, dass fraglich wird, ob sich noch von einer "Werkzeugkiste" in dessen Sinn sprechen lässt. Dadurch wird natürlich nichts über mögliche Potenziale solcher eher patchworkartigen Theoriekombinationen ausgesagt. Eine kritische Prüfung, was diese denn überhaupt noch mit FOUCAULTs Erkenntnisinteresse und Terminologie zu tun haben, scheint allerdings angemessen. [48]
Im Zuge dessen ist die Auffassung, es gäbe keine Foucaultsche DA, vertreten von Siegfried JÄGER und Reiner KELLER (vgl. DIAZ-BONE 2006, Abs. 35 sowie KELLER 2007, S.1), ebenso fraglich wie deren (terminologische) Vereinnahmung. Wenn z.B. Rainer DIAZ-BONE (2010) seine in der Tat sehr nahe an FOUCAULT befindliche, allerdings vorwiegend auf dessen Frühwerk basierende Rezeption als Foucaultsche DA bezeichnet, ist sowohl aus Sicht einer breiteren Perspektive als auch des erwähnten prinzipiell offenen "Werkzeugkisten"-Paradigmas Skepsis angebracht. Daher soll die hier vertretene Position als "alethurgische" DA bezeichnet werden, auch wenn sie gerade nicht von den alethurgischen Formen ausgeht, sondern zuerst deren Möglichkeitsbedingungen untersucht. Alethurgie, gr. "Schöpfung der Wahrheit" bzw. "Akt, durch den sich die Wahrheit offenbart" (FOUCAULT 2010, S.15), dient der nach dieser benannten DA als Rahmenbegriff, um sowohl der epistemischen als auch der performativen und pragmatischen Dimension des Diskursiven hinsichtlich der drei Ebenen Wissen, Macht und Selbstverhältnisse gerecht zu werden. Ihr Spezifikum besteht darin, dass unter Rückgriff auf das Gesamtwerk FOUCAULTs Mechanismen der Wahrheitsschöpfung und damit einhergehende Praktiken des Wahrsprechens einschließlich seiner Grundlagen analysiert werden, ohne dabei die Einbettung in Machtstrukturen und Regierungsprogramme zu vernachlässigen. [49]
An diesem Punkt lässt sich dann auch die bereits mehrfach aufgeworfene Frage nach der Anschlussfähigkeit dieser Perspektive zu diskurspragmatischen Zugängen beantworten. Konkretes Wahrsprechen ist als soziale Praxis zwar sicherlich durch Aussageordnungen diskursiv überformt, manifestiert sich aber doch auf der Äußerungsebene. Auch wenn FOUCAULTs Veridiktionsstile anders akzentuiert sind als bspw. der performative Zugang, ist so zwar kein kompletter Brückenschlag, aber zumindest eine Handreichung und im Bedarfsfall spezifisch konturierbare Anschlussfähigkeit gegeben. Letztendlich werden wohl doch etliche unterschiedliche Fragestellungen unter dieser und allen anderen Sichtweisen auf DA und GF verhandelt. Das entscheidende Novum der hier vertretenen Systematisierung besteht in einer genealogischen Herleitung der Wissensordnungen und Wahrheitsspiele, welche konkretem Wahrsprechen zugrunde liegen oder auch dieses im Fall der Parrhesia als gleichzeitige Basis veridiktionistischer Selbstverortung im Diskurs wiederum kritisieren. Die Äußerungsebene wird in dieser Konzeption folglich erst anvisiert, nachdem zuvor die Regelmäßigkeiten der Aussageebene analysiert wurden. Andersherum ließe sich der Zusammenhang nur denken, wenn die angesprochene Bifurkation aus der "Archäologie des Wissens" in Richtung Diskurspragmatik weiter verfolgt wird, wie es oft in der FOUCAULT-Rezeption zu beobachten ist. Damit wird jedoch die Irreduzibilität von Aussagen auf Äußerungen scheinbar ignoriert. Dieses Problem ließe sich umgehen, wenn Letztere statt im Rahmen der "Archäologie" eher mit diskursiven Praktiken des Wahrsprechens und damit einhergehenden Selbstverhältnissen in Beziehung gesetzt werden. Dort besteht auch angesichts des frühen Todes FOUCAULTs durchaus einige konzeptuelle Offenheit. So war sich dieser beispielsweise unsicher, ob seine vage Typologie antiker Veridiktionsstile auf die Moderne übertragen werden und überhaupt als vollständig gelten könne (FOUCAULT 2010, S.51). In diesem Zusammenhang ließe sich folglich noch viel Kreativität entfalten. [50]
Zusammengefasst stehen im weiten Feld der DA bzw. GF gegenwärtig viele Perspektiven offen, deren Eigentümlichkeiten im Tagungsband pointiert verdeutlicht werden. Die Frage danach, welche denn im Rahmen eines spezifischen Projekts angemessen sei, lässt sich kaum universell beantworten, denn nach jeweiliger thematischer wie disziplinärer Verortung und unterschiedlichen Erkenntnisinteressen lassen sich individuelle Wege finden. Dazu bietet der Tagungsband einen hervorragenden Überblick. Dennoch ist zu betonen, dass sich aus FOUCAULTs Gesamtwerk alternativ ebenso eine Perspektive auf das Verhältnis von Subjekt, (weniger) Sprache (da diese zumindest bei FOUCAULT streng genommen kaum im Fokus steht und daher im Wesentlichen als nicht weiter problematisiertes Medium fungiert), Macht und Wissen ableiten lässt, welche einen breiteren Blick eröffnet und im Zuge der Ausdifferenzierung der Rezeptionen droht, aus dem Blick zu geraten. Wählt man einen FOUCAULT nahen Zugang wie den der hier vertretenen "alethurgischen" DA, brauchen DA und GF sich nicht mehr wechselseitig befruchten, da beide bereits inkorporiert sind. Damit werden deren jeweilige Grenzen ebenso hinfällig wie wechselseitig konstatierte Engführungen. Sicherlich bleibt dieser Weg nur offen und sinnvoll, wenn sich das Erkenntnisinteresse fernab von Analytik der Wahrheit oder Sprache mit dem vereinbaren lässt, was FOUCAULT zuvor als "historische Ontologie" bezeichnet hatte und in seinen letzten Vorlesungen am Collège de France folgendermaßen beschreibt:
"Innerhalb der modernen und zeitgenössischen Philosophie gibt es jedoch eine andere [...] Weise der kritischen Fragestellung [...]. Diese [...] Tradition stellt nicht die Frage nach den Bedingungen, unter denen eine wahre Erkenntnis möglich ist. Sie ist eine Tradition, die folgende Fragen stellt: Was ist die Gegenwart? Was ist das gegenwärtige Feld unserer Erlebnisse? Was ist das gegenwärtige Feld möglicher Erlebnisse? Hier handelt es sich nicht um eine Analytik der Wahrheit, sondern um etwas, das man eine Ontologie der Gegenwart nennen könnte, eine Ontologie der Aktualität, eine Ontologie der Moderne, eine Ontologie unserer selbst" (2009, S.39). [51]
Dieses Projekt vereinbart die beiden am Ende der vorangegangenen Abschnitte skizzierten Stoßrichtungen, da es auf die Analyse komplexer Beziehungen zwischen diskursivem Wahrsprechen, Gouvernementalitätstechniken und Formen von Selbstverhältnissen zielt. Dieser komplexe Zusammenhang wird im folgenden Nachwort zu FOUCAULTs letzter Vorlesung durch deren Herausgeber Frédéric GROS auf potenzielle Engführungen hin problematisiert. Die daraus resultierende synthetische Perspektive unterläuft quasi vollständig den bisher präsenten Konflikt zwischen DA und GF sowie innerhalb bestimmter tendenziell reduktionistischer Lesarten FOUCAULTs:
"Man sollte niemals die Diskurse der Wahrheit untersuchen, ohne zugleich ihre Wirkung auf die Regierung des Selbst und der anderen zu beschreiben; man sollte niemals die Strukturen der Macht analysieren, ohne zu zeigen, auf welche Wissensinhalte und welche Formen der Subjektivität sie sich stützen; man sollte nie die Modi der Subjektivierung bestimmen, ohne ihre politischen Fortsetzungen zu verstehen und ohne zu berücksichtigen, von welchen Beziehungen zur Wahrheit sie abhängen. Und man sollte nicht hoffen, eine dieser Dimensionen als grundlegend auszuzeichnen: Nie wird man die politischen Gewaltsamkeiten oder moralischen Haltungen in einer allgemeinen Logik erschöpfen können; ebenfalls wird man nie die Erfordernisse des Wissens oder die ethischen Konstruktionen auf Herrschaftsformen zurückführen können; und schließlich wird man auch nie die Formen der Veridiktion und der Regierung auf Strukturen des Subjekts zurückführen können" (GROS 2010, S.445). [52]
Diese auf "Verwirklichung eines 'wahren' Lebens als ständige Kritik der Welt" (S.449) ausgerichtete Haltung geht mit einem spezifischen Selbstverhältnis der Forschenden einher – der bereits zuvor dargestellten Parrhesia. Sie verkörpert eine eigentümliche Form der Kontinuität philosophischen Denkens seit der Antike und
"ist schließlich imstande, [...] den Ausblick auf eine metahistorische Bestimmung der philosophischen Tätigkeit zu öffnen: die der Ausübung einer mutigen und freien Rede, die im Spiel der Politik beharrlich den Dissens und die Entschiedenheit des Wahrsprechens geltend macht und darauf abzielt, die Seinsweise der Subjekte zu beunruhigen und zu verwandeln" (S.490). [53]
Derartige Praxis bietet viele Horizonte für eine pluralistisch und offen verstanden kritische Theorie – sei es ergänzend oder als eigenes (post-) kritisches Paradigma. Darüber hinaus ist sie weder disziplinär nur an die (akademische) Philosophie gebunden noch an das akademische Feld als solches. Will sie erfolgreich sein, sind diese Grenzen ebenso unbedeutend wie auch zu überschreiten. [54]
Mein Dank gilt zunächst dem DiskursNetz (ehemals DFG-MeMeDa) und seinen Mitgliedern, da die vielen Netzwerktreffen und dortige Diskussionen enorm hilfreich waren, um sukzessive Einblicke in die verschiedenen Ansätze der Diskurs- und Gouvernementalitätsforschung zu gewinnen sowie dabei beständig eine eigene Position zu entwickeln und zu präzisieren. Johannes ANGERMÜLLER und dem Campus-Verlag danke ich für die Möglichkeit, diese Rezension verfassen zu können und darüber hinaus der a.r.t.e.s. Forschungsschule der Universität zu Köln für den institutionellen und materiellen Rahmen, um im Zusammenhang mit dem eigenen Dissertationsprojekt beständig über Diskurse und deren Analyse reflektieren und die Ergebnisse auf das eigene Thema anwenden zu können.
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Reinhard MESSERSCHMIDT, M.A., geb. 1980; Studium der Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaft. 2008-2009 Stipendiat der European Doctoral School of Demography am Institut national d'études Démographique (INED), Paris. Seit 2009 Promotionsstipendiat der a.r.t.e.s. Forschungsschule an der Universität zu Köln zum Thema: "Demografischer Wandel als Dystopie – Eine kritische Analyse demografischer Diskurse und Wahrheitspolitiken in der deutschen Wissenschaft und Öffentlichkeit des beginnenden 21.Jahrhunderts". Mitglied im DiskursNetz seit 2008. Forschungsgebiete: Diskurstheorie und -analyse (ausgehend von Michel FOUCAULTs Werk und dessen Rezeption), (historische) Epistemologie, Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaft in der Öffentlichkeit, Demografie, kritische Theorie der Gesellschaft.
E-Mail: rmessers[at]smail.uni-koeln.de
URL: http://artes.phil-fak.uni-koeln.de/7991.html
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References: Art. 19
 Art. 26
 Art. 9
 Art. 21
 Art. 19
 Art. 19
 Art. 19