Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Der_Zweck_heiligt_nicht_immer_die_Mittel:_EuGH_C88-08.html
Timestamp: 2017-03-30 02:35:50+00:00

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ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/138
Al­ters­un­ter­gren­zen kön­nen ge­gen EU-Recht ver­sto­ßen
Wor lie­gen die Gren­zen von recht­lich er­laub­ten al­ters­be­ding­ten Be­nach­tei­li­gun­gen im Er­werbs­le­ben?
Der Fall: Un­ter­schied­li­che ta­rif­li­che Ein­stu­fung bei glei­chem Dienst­al­ter, da nur Dienst­zei­ten ab dem 18. Le­bens­jahr zählen
EuGH: Das Aus­blen­den von Dienst­zei­ten vor dem 18. Le­bens­jahr ist ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters, wenn hin­ter ei­ner sol­chen Re­ge­lung wi­dersprüchli­che Zie­le ste­hen Wor lie­gen die Gren­zen von recht­lich er­laub­ten al­ters­be­ding­ten Be­nach­tei­li­gun­gen im Er­werbs­le­ben? Die EG-Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (Richt­li­nie 2000/78/EG) dient da­zu, Dis­kri­mi­nie­run­gen im Er­werbs­le­ben zu ver­hin­dern. Doch nicht je­de un­ter­schied­li­che Be­hand­lung von Ar­beit­neh­mern ist schon ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung. So kann z.B. ei­ne "ob­jek­ti­ve und an­ge­mes­se­ne" Un­gleich­be­hand­lung we­gen Al­ters durch "le­gi­ti­me Zie­le" im Sin­ne von Art.6 der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­recht­fer­tigt sein. Die­se Zie­le können v.a. aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung stam­men. Wenn auch die Mit­tel zur Er­rei­chung sol­cher le­gi­ti­mer Zie­le "an­ge­mes­sen und er­for­der­lich" sind, ist ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters rech­tens, d.h. kei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung.
Nach der Auf­fas­sung des EuGH ha­ben die Mit­glied­staa­ten so­wohl bei der Fest­le­gung der Zie­le, die mit Hil­fe von Al­ter­sun­gleich­be­hand­lun­gen er­reicht wer­den sol­len, als auch bei der Wahl der Mit­tel ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum. Die­se Recht­spre­chung führt im Er­geb­nis da­zu, dass es an Recht­fer­ti­gungs­gründen für al­ters­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lun­gen nicht man­gelt, so dass das Grund­prin­zip (Ver­bot der un­ge­recht­fer­tig­ten Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters) in der Ge­fahr ist, aus­gehöhlt zu wer­den. Vor al­lem mit sei­nem Ur­teil vom 16.10.2007 (Rs. C-411/05 - Pa­la­ci­os de la Vil­la) hat der EuGH ei­nen großen Schritt in die­se Rich­tung un­ter­nom­men.
Auf­grund die­ser EuGH-Recht­spre­chung stellt sich die Fra­ge nach den Gren­zen des Spiel­raums, den die Mit­glieds­staa­ten bei der Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters ha­ben. Vor kur­zem muss­te sich der EuGH mit die­ser Fra­ge auf der Grund­la­ge ei­nes Fal­les aus Öster­reich be­fas­sen. Er muss­te nämlich klären, ob ei­ne Re­ge­lung mit dem EU-Recht ver­ein­bar ist, die bei der Be­rech­nung der Dienst­al­ters­stu­fe öffent­lich-recht­lich Beschäftig­ter Dienst­zei­ten nicht er­fasst, die vor der Voll­endung des 18.Le­bens­jah­res lie­gen (Ur­teil vom 18.06.2009, Rs. C-88/08).
Der Fall: Un­ter­schied­li­che ta­rif­li­che Ein­stu­fung bei glei­chem Dienst­al­ter, da nur Dienst­zei­ten ab dem 18. Le­bens­jahr zählen Herr Hütter, der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens, ab­sol­vier­te zu­sam­men mit ei­ner Kol­le­gin et­was über vier Jah­re lang ei­ne Leh­re als Che­mie­la­bor­tech­ni­ker an der Tech­ni­schen Uni­ver­sität Graz (TUG). Da­nach wur­den bei­de wei­te­re drei Mo­na­te an der TUG beschäftigt. Rechts­grund­la­ge des Ar­beits­verhält­nis­ses ist das öster­rei­chi­sche Ver­trags­be­diens­te­ten­ge­setz (VBG). Da­nach dürfen für Rech­te, die von der Dau­er des Dienst­verhält­nis­ses oder der Be­rufs­er­fah­rung abhängen, vor Voll­endung des 18.Le­bens­jah­res im Dienst­verhält­nis zurück­ge­leg­te Zei­ten nicht berück­sich­tigt wer­den. Dies kann un­ter an­de­rem zu un­ter­schied­li­chen Ein­stu­fun­gen des Beschäftig­ten und da­mit zu ei­ner un­ter­schied­li­chen Vergütung führen.
EuGH: Das Aus­blen­den von Dienst­zei­ten vor dem 18. Le­bens­jahr ist ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters, wenn hin­ter ei­ner sol­chen Re­ge­lung wi­dersprüchli­che Zie­le ste­hen Der EuGH ent­schied, dass Re­ge­lun­gen wie die hier strei­ti­ge öster­rei­chi­sche dis­kri­mi­nie­rend sind (EuGH, Ur­teil vom 18.06.2009, C-88/08).
Auch wenn man zu­guns­ten der öster­rei­chi­schen Re­ge­lung an­nimmt, dass ein Ziel­kon­flikt (wie vom EuGH be­haup­tet) nicht be­steht, ist die Ziel­set­zung ins­ge­samt doch reich­lich un­klar. Denn ei­ne fi­nan­zi­el­le Gleich­be­hand­lung von Ar­beit­neh­mern, die früh die Be­rufs­schu­le durch­lau­fen ha­ben, mit Ar­beit­neh­mern, die erst in höhe­rem Al­ter bzw. nach ei­nem all­ge­mein­bil­den­den Ab­schluss mit der Aus­bil­dung be­gon­nen ha­ben, kann je­den­falls mit der im VBG ent­hal­te­nen Re­ge­lung nicht er­reicht wer­den, da ja ge­ra­de um­ge­kehrt ei­ne fi­nan­zi­el­le Schlech­ter­stel­lung von Be­rufsschülern die ty­pi­sche Norm­fol­ge ist. Im Er­geb­nis kommt das Ge­richt je­den­falls zu der - viel­leicht nicht zwei­fels­frei­en, aber nach­voll­zieh­ba­ren - Auf­fas­sung, dass VGB wol­le so­wohl Se­kun­darschüler als auch Be­rufsschüler auf Kos­ten der je­weils an­de­ren Per­so­nen­grup­pe fördern. Den Re­ge­lun­gen fehlt da­her nach An­sicht des Ge­richts die „in­ne­re Kohärenz". Fa­zit: Das Ur­teil des EuGH in Sa­chen Hütter ist wich­tig, weil es die Tür für ei­ne Kon­trol­le un­zulässi­ger Al­ters­be­nach­tei­li­gun­gen wie­der wei­ter geöff­net hat. Schi­en das The­ma Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung nach der Ent­schei­dung in Sa­chen Pa­la­ci­os de la Vil­la prak­tisch „tot“, da die Mit­glieds­staa­ten prak­tisch be­lie­bi­ge so­zi­al- und ar­beits­markt­po­li­ti­sche Zie­le zur Recht­fer­ti­gung al­ters­be­ding­ter Un­gleich­be­hand­lun­gen ins Feld führen konn­ten, so will der EuGH nun an­schei­nend doch wie­der na­tio­na­le recht­li­che Un­ter­schei­dun­gen nach dem Al­ter ge­nau­er über­prüfen. Und nicht nur die Zie­le (oder Zielbündel) wer­den ge­nau­er durch­ge­checkt, auch die an­geb­lich ziel­taug­li­chen Mit­tel wer­den kri­ti­scher als bis­her über­prüft.

References: Art.6
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