Source: http://www.familienrecht-allgaeu.de/de/schulden-kredit-einkommen.html
Timestamp: 2017-10-19 21:34:33+00:00

Document:
Berücksichtigungswürdige Schulden
Unterhaltsrechtliche Kriterien für den Abzug vom Einkommen
BEREINIGUNG des EINKOMMENS
Legale Abzüge vom Einkommen
I. Berücksichtigungswürdige Schulden
II. Allgemeine Kriterien für den Schuldenabzug
1. Kriterium: Vermögensbildender Schuldenabbau oder Konsumkredit?
2. Kriterium: Schuldenabbau & private Altersvorsorge
3. Kriterium: Schulden als berufsbedingte Aufwendungen
4. Kriterium: Wirtschaftliche Verhältnisse
5. Kriterium: Einverständnis des Unterhaltsberechtigten
6. Kriterium: Unvermeidbare Kreditaufnahme
III. Besondere Kriterien beim Kindesunterhalt
IV. Besonderheiten der Einkommensermittlung beim Unternehmer: Abschreibungen und Betriebsmittelkredit ...
V. Links & Literatur
VI. Unser Angebot?
Wann sind Schulden berücksichtigungswürdig?
Bereinigung des Einkommens von Kreditverbindlichkeiten
Die -> unterhaltsrechtlichen Leitlinien der OLG´s erklären zum Thema -> Schulden nur, dass "berücksichtigungswürdige" Schulden abzugsfähig sind. Kriterien dafür, wann dies der Fall ist, werden nicht genannt. Die Schwierigkeit der Frage nach der Abzugsfähigkeit von Schulden liegt in der Konsequenz: Wird ein Abzug bei einer Partei des Unterhaltsverhältnisses zugelassen, bedeutet dies im Ergebnis für die andere Partei, dass sie den Schuldenabbau indirekt mitfinanziert (-> Thema Spannungs- und Abwägungsfeld). Die Kriterien zur Berücksichtigungswürdigkeit von Schulden haben diese Konsequenz im Blick. Sieben allgemeine Kriterien werden hier gezeigt, die für eine Berücksichtigung und Abzugsfähigkeit von Schulden (des Unterhaltschuldners als auch des Unterhaltsgläubigers) sprechen. Diese werden ergänzt um weitere besondere Kriterien, wenn es um Kindesunterhalt geht.
Ob Schulden abzugsfähig sind, ist im Rahmen einer umfassenden Interessenabwägung nach billigem Ermessen zu klären, wobei insbesondere der Zweck der Verbindlichkeiten, der Zeitpunkt und die Art der Entstehung, die Kenntnis des Unterhaltspflichtigen von Grund und Höhe der Unterhaltsschuld Abwägungskriterien sind (vgl. BGH, Urteil vom 9. Januar 2002 - XII ZR 34/00).
Thema IMMOBILIENKREDIT nach TRENNUNG
Die Auswirkung von Immobilienkrediten auf den Unterhalt
Wird die Anschaffung eines Vermögenswerts (IMMOBILIE, Wertpapiere etc.) mit einem Kredit finanziert, hat dies andere wirtschaftliche Auswirkungen als ein sog. Konsumkredit. Bei der kreditfinanzierten Anschaffung von langlebigen Vermögensgegenständen führt die Tilgung des Kredits zum Vermögensaufbau (der Schuldenstand wird weniger; der Wert des Vermögens bleibt). Wird die Anschaffung kurzlebiger Konsumgüter mit Kredit finanziert, mag zu Beginn den Schulden noch ein neuwertiger Konsumgegenstand als adäquater Gegenwert gegenüber stehen. Jedoch wird mit der Zeit der Wert des Konsumgutes schneller sinken, als der Schuldenabbau vorankommt (der Schuldenstand ist noch vorhanden, wenn der Wert des Konsumguts bereits verbraucht ist).
Tilgungsleistungen beim kreditfinanzierter Anschaffung langlebiger Vermögensgegenstände bewirken einen vermögensbildenden Schuldenabbau.
Ein Konsumkredit ermöglicht den sofortigen Konsum auf Kosten eines Konsumverzichts in der Zukunft; sonst nichts.
Die Zinslast ist dem gegenüber der Preis für die Verschaffung von Fremdkapital auf dem Finanzmarkt. Dem steht kein korrespondierender Vermögenswert gegenüber, egal ob mit dem Kredit ein wertbeständiger Vermögensgegenstand oder ein Konsumgut angeschafft wird. Doch was hat der Effekt von Tilgungsleistungen mit dem Unterhaltsrecht bzw. mit der Abzugsfähigkeit von Schulden zu tun? Die Antwort erschließt sich, wenn man bedenkt, unter welchen Umständen beide Parteien des Unterhaltsverhältnisses einen Vorteil aus diesem Effekt ziehen: geht es um Ehegattenunterhalt und leben die Ehegatten im Güterstand der Zugewinngemeinschaft ist zu berücksichtigen, dass jeder Ehegatte über den Zugewinnausgleich an dem Vermögensaufbau des jeweils anderen Ehegatten partizipiert. Das gleiche gilt, wenn beiden Ehegatten gemeinsam, jeweils zur Hälfte der Vermögensgegenstand gehört. Dies bedeutet: wird bei der Ermittlung des Ehegattenunterhalts das unterhaltsrelevante Einkommen um die Beiträge zur Schuldentilgung reduziert, so reduziert sich entsprechend der Unterhalt. Aber auf der anderen Seite führt der vermögensbildende Schuldenabbau zur Erhöhung des Zugewinns bzw. zur Wertsteigerung des Miteigentums. Dieser gegenläufige Effekt findet natürlich mit Beendigung der Zugewinngemeinschaft ebenso sein Ende wie er beim Güterstand der Gütertrennung von Anfang an nicht auftritt. Nur bei Miteigentum bleibt der Effekt erhalten. Die Folge davon ist, dass beim Ehegattenunterhalt bis zur Beendigung der Zugewinngemeinschaft oder des Miteigentums keine Bedenkung gegen die Abzugsfähigkeit von Tilgungsleistungen bei kreditfinanzierter Vermögensbildung bestehen (ausführlich dazu siehe Thema IMMOBILIENKREDIT). Für die Abzugsfähigkeit von Zinsen oder bei anderen Unterhaltsansprüchen, wie etwa beim Kindesunterhalt oder beim Konsumkredit haben diese Effekte natürlich keine Bedeutung. Hier spielen andere Abwägungskriterien für die Berücksichtigung von Schulden beim Einkommen eine Rolle.
Vermögensbildender Schuldenabbau zur privaten Altersvorsorge
Bewirkt die Kredittilgung einen vermögensbildenden Schuldenabbau, kann die vermögensbildende Wirkung der Tilgung für eine Abzugsfähigkeit sprechen, wenn dieser Vermögensaufbau der -> privaten Altersvorsorge dient. Auch das mietfreie Wohnen im Alter im abbezahlten Eigenheim ist eine Form der privaten Altersvorsorge: -> HIER .... Bei der Ermittlung des unterhaltsrelevanten Einkommens ist zu berücksichtigen, dass insgesamt -> 23 % des Bruttoeinkommens für Altersvorsorge in Abzug gebracht werden können (geht es um -> Elternunterhalt sind es 24 %). Bei Angestellten sind ca. -> 19 % vom Bruttoeinkommen durch die gesetzlichen Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung (ca. 9,5 % Arbeitgeber-Anteil; ca. 9,5 % Arbeitnehmer-Anteil) ausgeschöpft. Zusätzlich 4 % vom Bruttoeinkommen können als angemessene Beiträge zum Aufbau einer privaten Altersvorsorge vom Einkommen in Abzug gebracht werden. Nicht nur Beiträge zur Riester- oder Rürup-Rente können zum Abzug kommen. In welcher -> Form die private Altersvorsorge betrieben wird ist grundsätzlich irrelevant, soweit in sichere Anlageformen investiert wird.
Thema BERUFSBEDINGTE AUFWENDUNGEN
Was ist absetzbar?
Sie benötigen zur Berufsausübung z.B. einen privaten PC oder sind auf Benutzung eines PKW angewiesen und mussten zur Finanzierung der Anschaffung einen Kredit aufnehmen. In fast allen OLG-Leitlinien zum unterhaltsrelevanten Einkommen wird ein pauschaler Abzug für berufsbedingte Aufwendungen in Höhe von 5 % vom Netto-Einkommen anerkannt. Tatsächlich können die tatsächlichen Aufwendungen für beruflich veranlasste Ausgaben in Ansatz gebracht werden, wenn diese konkret dargelegt und belegt werden können (mehr dazu HIER). Kredite, die im direkten Zusammenhang mit berufsbedingten Arbeitsmitteln stehen, sind damit berücksichtigungswürdig und das Einkommen ist entsprechend zu bereinigen.
OLG Hamm Beschluss vom 09.06.2011 - 6 UF 47/11
PKW: Kilometerpauschale - Leasing - Finanzierungsraten
Achtung bei Leasing oder Finanzierungskauf des PKW: die berufsbedingten Aufwendungen für einen PKW werden über die Berechnung nach Kilometerpauschalen berücksichtigt. Nach den unterhaltsrechtlichen Leitlinien sind dabei die Anschaffungskosten im Regelfall im abzugsfähigen Kilometergeld mit enthalten.
Hier kann festgestellt werden: je enger die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse, desto kleiner wird der Spielraum für die Abzugsfähigkeit von Schulden. Kredite muss man sich leisten können.
5. Kriterium: Einverständnis des Unterhaltsberechtigten bei Konsumkredit
Das Abwägungskriterium stillschweigende oder ausdrückliche "ZUSTIMMUNG" des Unterhaltsberechtigten zur Kreditaufnahme spielt hauptsächlich beim Ehegattenunterhalt eine bedeutsame Rolle. Beim Kindesunterhalt dagegen kaum, denn wie sollen (minderjährige) Kinder in der Lage sein, eine bewusste Einschätzung und Zustimmung zur Kreditaufnahme eines Elternteils abgeben?! Vielmehr wird es auf die Zustimmung beider Elternteile ankommen. War der unterhaltsberechtigte Ehegatte mit der Schuldenaufnahme einverstanden, so ist dies ein Argument dafür, ihn an den unterhaltsrechtlichen Folgen (BEREINIGUNG des Einkommens) zu beteiligen. Andernfalls spricht dies gegen eine unterhaltsrechtliche Schuldenbeteiligung, es sei denn die Kriterien unter Ziff. 1 bis 4 kommen zusätzlich zum Tragen. Folglich ist die Zustimmung in die Schuldenaufnahme ein wichtiges Abwägungskriterium bei der Aufnahme eines Konsumkredits. Ob von einer Zustimmung bzw. Einverständnis ausgegangen werden kann, ist wiederum abhängig vom Zeitpunkt der Kreditaufnahme. Erfolgte diese vor der Trennung und mit Kenntnis des unterhaltsbedürftigen Ehegatten kann zumindest von einer stillschweigen Zustimmung zur Kreditaufnahme ausgegangen werden. Die Kreditverbindlichkeiten sind in diesem Fall ohne Einschränkung abzugsfähig. Zwischen Zins- und Tilgung wird nicht differenziert. Haben sich die Eheleute zum Zeitpunkt der Kreditaufnahme bereits getrennt, ist eine solche konkludente Zustimmung nicht anzunehmen. Hier muss weiter danach gefragt werden, ob die Kreditaufnahme nach der Trennung notwendig war oder nicht.
Dieses Kriterium gewinnt beim Kindesunterhalt und beim Ehegattenunterhalt an Bedeutung, wenn die Kreditaufnahme nach der Trennung erfolgte. Ein beachtliches Argument gegen die Abzugsfähigkeit der Schuldbelastungen ist hier regelmäßig, dass die Kreditaufnahme in Kenntnis von bestehenden oder zu erwartenden Unterhaltsverpflichtungen erfolgt. In der Praxis kommt es häufig vor, dass wegen Auszug aus der ehemaligen Ehewohnung neuer Hausrat angeschafft werden muss oder die Umzugs- oder sogar Anwaltskosten kreditfinanziert werden müssen (Stichwort: trennungsbedingter Anschaffungsbedarf). Auch Kredite zur Begleichung von Steuerschulden, Schadensersatzverpflichtungen oder zum Ausgleich eines überzogenen Girokontos zur Zinseinsparung (= Umschuldung) gehören hier her. Die Notwendigkeit einer Kreditaufnahme ist begreifbar, wenn die Anschaffungen nicht aus dem laufenden Einkommen finanziert werden können (was meist der Fall sein wird) und keine Ersparnisse (= Vermögen) vorhanden ist. Ein breites Argumentationsfeld öffnet sich dann, wenn zwar Vermögen vorhanden ist, aber gegen die Vermögensverwertung eingewendet wird, dass die Ersparnisse für den Aufbau der privaten Altersvorsorge gedacht sind. Bekanntermaßen stellt Vermögen für die private Altersvorsorge Schonvermögen dar, welches nicht für Unterhaltsleistungen zur Verfügung steht und Beiträge zum angemessenen Vermögensaufbau vom Einkommen in Abzug gebracht werden können. Hier wird in der Praxis eine überzeugende Argumentation zum Erfolg verhelfen können.
Trennungsbedingte Mehrkosten unterhaltsrechtlich aktivieren!
♦ Situation
Die Eheleute trennen sich. Der gemeinsame Hausstand wird aufgelöst. Es entstehen zwei getrennte Single-Haushalte. Mindestens einer der Eheleute muss nun neue Möbel, Geschirr etc. anschaffen. Es entstehen also Mehrkosten, die ohne Trennung mit getrennten Wohnung nicht entstanden wären. Man spricht von sog. trennungsbedingten Mehrkosten. Zur Behandlung der doppelten Mietbelastung wegen Trennung siehe -> HIER...
♦ Wie wirkt sich das auf den Trennungsunterhalt aus?
Trennungsbedingte Mehrkosten werden bei der -> Bereinigung des unterhaltsrelevaten Einkommens berücksichtigt, wenn diese über Kreditaufnahme finanziert werden. Für die Frage, ob die Kreditraten abzugsfähig sind, richtet sich danach, ob es sich um nicht leichtfertig eingegangene oder unvermeidbare neue Schulden handelt. Will man die Chance wahren, dass trennungsbedingter Mehrkosten unterhaltsrechtlich Berücksichtigung findet, sollte die Anschaffungen für seine trennungsbedingte neu Single-Wohnung über Kreditaufnahmen finanzieren. Offen bleibt die Frage, ob trennungsbedingte Mehrkosten bei der Bedarfsermittlung zum Ehegattenunterhaltsanspruch berücksichtigt werden? Mehr dazu erfahren Sie -> HIER...
Umschuldung bei überzogenem Giro-Konto
Wer versuchen will - möglichst legal - seine Unterhaltsverpflichtungen zu senken, sollte daran denken (im vernünftigen Rahmen) Kreditverbindlichkeiten aufzubauen bzw. unterhaltsrechtlich anhand der Kriterien zur Abzugsfähigkeit zu optimieren. Klassisches Beispiel ist die Umschuldung des Soll-Saldos auf dem Giro-Konto in einen längerfristigen Kredit. Das spart nicht nur Zinsen, sondern hat zusätzlich den Nebeneffekt, dass die monatlichen Kreditbelastungen jetzt zur Bereinigung des Einkommens führen.
VKH - Staatliches Justizdarlehen ist nicht abzugsfähig
Thema VERFAHRENSKOSTENHILFE
Für -> Kosten des VKH-Verfahrens sowie für VKH mit Rückzahlung an die Staatskasse in Raten (= Justiz-Darlehen) stellt sich natütlich die Frage, ob die Kosten und die Rückzahlungsraten als unterhaltsrelevante (Kredit-)Belastung vom Einkommen abgezogen werden können (-> Bereinigung des Einkommens). Damit hatte sich das OLG Karlsruhe zu beschäftigen und stellt fest, dass diese Belastungen nicht abzugsfähig sind:
OLG KARLSRUHE, Beschluss vom 13.02.2008 - 2 WF 5/08
VKH-Raten sind nicht vom unterhaltsrelevanten Einkommen abzugsfähig
(Zitat) "Entgegen der Auffassung der Antragstellerin sind die von ihr zu erbringenden Raten auf die Prozesskosten für das laufende Verfahren nicht in Abzug zu bringen. Prozesskosten für Scheidungs- und Folgeverfahren sind im Zweifel von jeder Partei in der Höhe, in der sie auferlegt werden, aus den Lebenshaltungskosten selbst zu tragen. Für den Berechtigten sind Prozesskosten kein Teil des Bedarfs, weil der Verpflichtete grundsätzlich keine Schulden des Berechtigten tilgen muss. Würde man derartige Kosten vom Einkommen des Unterhaltsberechtigten absetzen, so würde dies dazu führen, dass sich der Bedarf des Berechtigten erhöht und der Unterhaltsverpflichtete sowohl für die eigenen Prozesskosten als auch indirekt für die auf den Berechtigten entfallenden Prozesskosten herangezogen wird (vgl. Wendl/Staudigl/Gerhardt; a. a. O., § 1 Rn. 636, 636 a)."
1. Interessenabwägung: Unterhaltsbedarf der Kinder contra Kreditverbindlichkeit
Beim Kindesunterhalt kommt es für die Abzugsfähigkeit von Schulden nicht auf die Entstehung vor oder nach der Trennung an. Auch die Erfüllung von Kindesunterhalt hat keinen absoluten Vorrang vor der Abzahlung von Kreditverbindlichkeiten des Unterhaltspflichtigen. Vielmehr gilt auch hier der Grundsatz der umfassenden Interessenabwägung nach den unter Abschnitt IV. dargestellten Abwägungskriterien, wobei ein angemessener Ausgleich zwischen Kindesunterhalts- und Kreditverbindlichkeiten des Unterhaltspflichtigen zu suchen ist. Die Grundsätze zur Berücksichtigung von Tilgungsleistungen beim Immobilienkredit (-> IMMOBILIENKREDIT nach TRENNUNG) gelten wohl auch beim Kindesunterhalt, wenn jedenfalls der Mindestunterhalt sichergestellt ist.
OLG Frankfurt a.M., Beschluss vom 2. 4. 2004 - 1 UF 117/03
Kindesunterhalt & berücksichtigungsfähige Schuldentilgung
Auch gegenüber den Unterhaltsansprüchen minderjähriger Kinder sind nach allgemeinen Regeln Tilgungsraten für berücksichtigungsfähige Verbindlichkeiten in voller Höhe vom Einkommen abzusetzen. Auch minderjährigen Kindern gegenüber kann der Unterhaltsschuldner Unterhalt nur aus dem Einkommen leisten, das er entweder tatsächlich hat oder zu erzielen in vorwerfbarer Weise unterlässt. Jede Zurechnung von Einkünften, die dem Unterhaltsschuldner tatsächlich nicht zur Verfügung stehen, setzt also voraus, dass ihm eine Obliegenheitsverletzung vorzuwerfen ist. Für Verbindlichkeiten, die nicht in vorwerfbarer Weise aufgenommen worden sind und auch nicht im Rahmen eines vernünftigen Tilgungsplanes gestreckt werden können, trifft dies nicht zu.
BGH, Urteil v. 29.1.2003 - XII ZR 289/01
Kindesunterhalt & unterhaltsrelevante Verbindlichkeiten
Minderjährige Kinder ohne Einkünfte besitzen keine eigene unterhaltsrechtlich relevante Lebensstellung im Sinne des § 1610 Abs. 2 BGB. Sie leiten ihre Lebensstellung vielmehr von derjenigen ihrer unterhaltspflichtigen Eltern ab. Wird das Kind von einem Elternteil versorgt und betreut und leistet der andere Teil Barunterhalt, so bestimmt sich die Lebensstellung des Kindes grundsätzlich nach den Einkommens- und Vermögensverhältnissen des barunterhaltspflichtigen Elternteils. Da der für die Unterhaltsbemessung maßgebliche Lebensstandard im wesentlichen durch tatsächlich vorhandene Mittel geprägt ist, richtet sich auch die abgeleitete Lebensstellung des Kindes nach diesen Verhältnissen. Deshalb sind unterhaltsrechtlich relevante Verbindlichkeiten zu berücksichtigen (Senatsurteile vom 25. Oktober 1995 - XII ZR 297/94 - FamRZ1996, 160, 161 und vom 6. Februar 2002 - XII ZR 20/00 - FamRZ 2002, 536, 537). Ob die Verbindlichkeiten unterhaltsrechtlich berücksichtigungsfähig sind, ist unter umfassender Interessenabwägung zu beurteilen, wobei es insbesondere auf den Zweck der Verbindlichkeiten, den Zeitpunkt und die Art ihrer Entstehung, die Kenntnis von der Unterhaltsschuld und auf andere Umstände ankommt (Senatsurteile vom 7. November 1990 - XII ZR 123/89 - FamRZ 1991, 182, 184 und vom 6. Februar 2002 aaO S. 537).
2. Verschärfte Elternhaftung und Mindestunterhalt
a) Existenzminimum Kind contra Existenzminimum Unterhaltsschuldner
bei notwendiger Existenzsicherung der Kinder
Die Tabellenbeträge nach der 1. Einkommensgruppe und der jeweils einschlägigen Altersstufe geben die Höhe des -> Mindestunterhalts nach § 1612a BGB für ein Kind an. Wenigstens der Mindestunterhalt für die Kinder soll gesichert sein. D.h. ein -> Mangelfall sollte nicht wegen Abzug der Schulden vom unterhaltsrelevanten Einkommen des Unterhaltsverpflichteten auftreten. Nach § 1603 Abs.2 S.1 BGB trifft den Unterhaltspflichtigen gegenüber minderjährigen Kindern eine gesteigerte Pflicht sich leistungsfähig zu halten. Deshalb sind hier neben den -> allgemeinen Kriterien zur Abzugsfähigkeit von Schulden weitere Kriterien zu beachten. Mer dazu -> HIER...
BGH, Beschluss vom 19. März 2014 - XII ZB 367/12
Zum begrenzten Abzug von Hausdarlehen beim Mindesunterhalt für Kinder
(Zitat, Rn 25) "Ob und gegebenenfalls in welcher Weise -> Schulden des Unterhaltspflichtigen beim Verwandtenunterhalt zu beachten sind, ist nach der allgemeinen Regel des § 1603 BGB zu entscheiden, der in Absatz 1 die Berücksichtigung der sonstigen Verpflichtungen des Unterhaltsschuldners vorsieht. Andererseits dürfen die anderen Verbindlichkeiten auch nicht ohne Rücksicht auf die Unterhaltsinteressen getilgt werden. Vielmehr bedarf es eines Ausgleichs der Belange von Unterhaltsgläubiger, Unterhaltsschuldner und Drittgläubiger. Insoweit sind in Fällen, in denen der Mindestbedarf Unterhaltsberechtigter beeinträchtigt würde, insbesondere der Zweck der daneben eingegangenen Verpflichtungen, der Zeitpunkt und die Art ihrer Entstehung, die Dringlichkeit der beiderseitigen Bedürfnisse, die Kenntnis des Unterhaltsschuldners von Grund und Höhe der Unterhaltsschuld und seine Möglichkeiten bedeutsam, die Leistungsfähigkeit in zumutbarer Weise wiederherzustellen." Mehr zu den Kriterien der Abzugsfähigkeit von Schulden -> HIER...
OLG Düsseldorf, Beschluss vom 28. Februar 2012 - Az. II-1 UF 306/11
Darlehensverbindlichkeiten & Sicherung des Mindestunterhalts
Dem OLG Düsseldorf lag ein Fall vor, in dem ein unterhaltspflichtiger Vater wegen erheblichem Einkommensrückgang zur Deckung seines Lebensbedarfs und der Unterhaltszahlungen für seine Kinder Darlehen in erheblichem Umfang aufnehmen musste. Dabei stellt sich die Frage, ob bei der Bemessung des Kindesunterhalts nach den tatsächlichen gegenwärtigen Einkommensverhältnissen die Raten aus den Darlehensverbindlichkeiten in Abzug kommen dürfen. Das OLG hat eine entsprechende -> Bereinigung des Einkommens nicht zugelassen und stellt dabei auf die -> Sicherung des Existenzminimums der Kinder ab.
(Zitat) "Im Hinblick auf seine -> gesteigerte Unterhaltspflicht gegenüber der minderjährigen Tochter ist dem Antragsteller abzuverlangen, für die Dauer des Einkommensrückgangs aus der selbständigen Tätigkeit durch Aufnahme einer Nebentätigkeit einen Ausgleich zu schaffen. Wie das Amtsgericht und der Antragsteller selbst hält der Senat daher die -> Zurechnung - fiktiver - Nebeneinkünfte von monatlich 200,00 € für angemessen. (...). Die Kreditverpflichtungen des Antragstellers können hingegen nicht einkommensmindernd berücksichtigt werden. Zwar ist nachvollziehbar, dass der Antragsteller seinen Lebensstandard einschließlich der Unterhaltsleistungen nicht übergangslos der veränderten Einkommenslage seit Beginn des Jahres 2010 anpassen konnte, gleichwohl können die Kreditraten nicht vom Einkommen abgezogen werden. Denn ansonsten würde der regelmäßige, aus dem Selbstbehalt zu bestreitende Lebensbedarf des Antragstellers und die Leistung des geschuldeten Unterhalts aus den Vorjahren zu Lasten des laufenden Unterhalts finanziert werden."
Obliegenheit zur Insolvenzanmeldung im Interesse des Mindestunterhalts für Kinder
Mit dieser Entscheidung setzt sich der BGH unter Rn 11 damit auseinander, wann es im Interesse von Unterhaltsverpflichtungen gegenüber Kindern angezeigt ist, ein Verbraucherinsovenzverfahren einzuleiten, um die Schuldenlast (Überschuldung) zu beseitigen. Siehe auch Strategien zum Schutz des Unterhaltsschuldners.
b) Zustimmung zur Kreditaufnahme
Hat der kinderbetreuende Elternteil der Kreditaufnahme bereits vor der Trennung zugestimmt, sind die Schulden grundsätzlich in voller Höhe beim -> Ehegattenunterhalt abzugsfähig. Kritisch zu betrachten sind Kreditaufnahmen, die trotz Kenntnis von der Barunterhaltspflicht nach Trennung und beengter wirtschaftlicher Verhältnisse erfolgen. Beim -> Mindestunterhalt für Kinder ist die Zustimmung des anderen Ehegatten zur Kreditaufnahme kein entscheidendes Kriterium für eine -> Berücksichtigung bei der Einkommensbereinigung. Denn Kinder sind der Kreditaufnahme ausgeliefert, ohne dafür gefragt zu werden.
c) Monatliche Kreditrate unter 100,- €
Bei beengten Verhältnissen (Mangelfall) sind Schulden unter 100,- € monatlich bei Prüfung der Leistungsfähigkeit nicht zu berücksichtigen. Dieses Ergebnis wird erreicht, indem der Selbstbehalt für Erwerbstätige bis zum Selbstbehalt für -> Nichterwerbstätige unterschritten werden darf. Ab dieser Schwelle greift dann der Vorrang des Existenzminimums des Unterhaltspflichtigen.
d) Fall des § 1606 Abs.3 S.2 BGB?
Der Grundsatz der Gleichwertigkeit von Natural- und Barunterhalt nach § 1606 Abs.3 S.2 BGB durchbrochen, wenn
auf der einen Seite der Barunterhaltspflichtige bei Erfüllung des Mindestunterhalts seinen -> angemessenen Selbstbehalt unterschreitet.
auf der anderen Seite der betreuende Elternteil wesentlich höhere Einkünfte als der Barunterhaltspflichtige bezieht und damit unproblematisch den Mindestbedarf des Kindes decken kann (sog. -> Surrogatshaftung).
Mehr dazu -> HIER...
e) Selbstbehalt ohne (kalkulierte) Wohnkosten bei Immobilienkredit
Bei der Prüfungsebene Leistungsfähigkeit ist weiter zu beachten, dass im Selbstbehalt Wohnkosten einkalkuliert sind. Steht dem Interesse der Existenzsicherung des Kindes das Interesse an der eigenen Existenzsicherung gegenüber, hat die eigene Existenzsicherung erst Vorrang, wenn der Selbstbehalt ohne (einkalkulierter Wohnkosten) unterschritten wird (vgl. BGH, Urteil vom 9.1.2002 - XII ZR 34/00, S.13; Gerhardt, Handbuch des Fachanwalts Familienrecht, 9. Auflage, 2013, Kap.6 Rn 96).
IV. Links & Literatur
Leitfaden zur Einkommensermittlung ...
Suche nach Stichwort ...
Dominik Härtl, Werden Darlehen bei der Unterhaltsberechnung berücksichtigt oder nicht?, in: -> NZFam 2017, 54
BMJV, Informationen zum Unterhaltsrecht, Publikationen des Bundesministeriums der Justiz
AG Dachau - 2 F 717/16, berücksichtigungswürdiges Darlehen einer GmbH an eigenen Geschäftsführer-Gesellschafter, unser Az.: 507/16 (D3/426-17)
AG Straubing - 3 F 896/15, Berücksichtigung der Tilgungsleistungen auf Darlehen zur Anschaffung einer freiberuflichen Praxis, unser Az.: 426/17 (D3/443-17)
Die -> Tilgung des Betriebsmittelkredits: berücksichtigungswürdige Verbindlichkeit bei der Einkommensermittlung?
V. Unser Angebot

References: § 1
 § 1610
 § 1612
 § 1603
 § 1603
 BGH 
 § 1606
 § 1606