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Beschneidung: Zwei Welten treffen aufeinander – Der Eisvogel
Beschneidung: Zwei Welten treffen aufeinander
Veröffentlicht vonHarald Stollmeier	 16. September 2012 4 Kommentare zu Beschneidung: Zwei Welten treffen aufeinander
Gläubige Juden haben im Grunde keine Wahl: Die Beschneidung männlicher Säuglinge ist für sie göttliches Gebot und entscheidendes Zeichen des Bundes. Jüdische Eltern lassen ihre Söhne in der Überzeugung beschneiden, damit dem Kindeswohl zu dienen.
Veröffentlicht vonHarald Stollmeier 16. September 2012 Veröffentlicht in1000plus | Leben, Allgemein, Gerechtigkeit, Glaube | Religion, Integration, PolitikSchlagwörter: Beschneidung, Brit Mila, Bundestag, Landgericht Köln, Rabbiner Yaakov Zinvirt, Rechtsstaat, Thora
4 Antworten auf &‌#8222;Beschneidung: Zwei Welten treffen aufeinander&‌#8220;
Hagen Diepolder sagt:
16. September 2012 um 20:04
Ein bisschen Rechtstechnik:
Die Beschneidung ist – wie jeder mit einem Messer durchgeführte körperlicher Eingriff, insbesondere auch jeder ärztliche Heileingriff – tatbestandlich eine gefährliche Körperverletzung nach § 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB.
Eine Körperverletzung ist indes nicht rechtswidrig, wenn sie durch einen Rechtfertigungsgrund gedeckt ist. Ein Rechtfertigungsgrund wäre beispielsweise Notwehr gem. § 32 StGB. Insbesondere aber kann gem. § 228 StGB eine Einwilligung eine Körperverletzung rechtmäßig machen. Einwilligen kann dabei einmal der Verletzte selbst oder derjenige der mit einer entsprechenden Vertretungsmacht ausgestattet ist. Die ganze Beschneidungsdebatte hängt dabei an der Frage, ob denn die Eltern auf Grund ihrer elterlichen Sorge nun diese Vertretungsmacht haben oder nicht. § 1629 Abs.1 Satz 1 BGB ordnet in diesem Zusammenhang an: „Die elterliche Sorge umfasst die Vertretung des Kindes.“ Nach herkömmlicher Auffassung konnten die Eltern auf dieser Grundlage ohne weiteres einer Beschneidung zustimmen. Nun aber ist § 1627 BGB in diesem Zusammenhang entdeckt worden. Dort heißt es “ Die Eltern haben die elterliche Sorge in eigener Verantwortung und in gegenseitigem Einvernehmen zum Wohl des Kindes auszuüben.“ Das Kölner Urteil, welches die Beschneidungsdebatte ausgelöst hat – http://www.justiz.nrw.de/nrwe/lgs/koeln/lg_koeln/j2012/151_Ns_169_11_Urteil_20120507.html – beschäftigt sich mit den Dimensionen des Kindeswohl nicht, sondern begnügt sich im Ergebnis damit, die Kindeswohlverletzung zu behaupten, ohne sie ernsthaft zu belegen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass das Kindeswohl ein unbestimmter, ausfüllungsbedürftiger Rechtsbegriff ist, der keinen fest definierten, objektiven Gegenstand bezeichnet, sondern jedes mal aufs Neue auszufüllen ist. Eine Auseinandersetzung hiermit lässt das Kölner Urteil m.E. vermissen. Insbesondere steht nämlich Eltern ein Beurteilungsspielraum zu, was für ihre Kinder denn nun am Besten ist. Auch ist es nicht so, dass die körperliche Unversehrtheit von der Verfassung absolut geschützt wäre, weshalb sich daraus die zwingende Notwendigkeit ergäbe, dass die Vornahme einer Beschneidung den Beurteilungspielraum auf jeden Fall sprengen müsste. Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG gibt nämlich dem Gesetzgeber die Befugnis, in das Recht zur körperlichen Unversehrtheit einzugreifen. Dies zeigt, dass letztlich ein sachlich angemessener Grund (Respekt vor einer jahrtausendealten Tradition, welche Grundlagen religiöser Identität konstituiert) genügt, verfassungsrechtlich bei einer Körperverletzung nicht einzuschreiten. Ich halte deshalb die Entscheidung für falsch. M.E. erlaubt die derzeitige Rechtslage durchaus Zirkumzisionen, wenn die Eltern mit Blick auf das Wohl ihres Kindes handeln. Nur hat das Urteil des Landgerichts Köln nun solche Unklarheiten ausgelöst, dass eine gesetzgeberische Klarstellung erforderlich ist.
Claus Hilbig sagt:
16. September 2012 um 22:20
Persönlich empfinde ich die Beschneidung auch bei Jungen als eine unangemessene Maßnahme. Dennoch sehe ich ein Verbot der Beschneidung kritisch.
In der Debatte geht es um das „Wohl des Kindes“ – für mich stellt sich die Frage, was dem Wohl eines jüdischen / muslimischen Kindes mehr schadet: unbeschnitten in der jüdischen / muslimischen Gemeinde leben zu müssen, oder die Beschneidung. Bei Mädchen ist für mich diese Frage aufgrund der Schwere des Eingriffs eindeutig klar. Bei Jungen kann ich das so nicht beantworten, ich bin weder Mediziner noch jüdischer / muslimischer Theologe.
Die sinnvollste Lösung wäre m. E. tatsächlich eine Regelung in der Art „rechtswidrig, aber straffrei“.
22. September 2012 um 12:19
@Hagen Diepolder:
„Das Kölner Urteil, welches die Beschneidungsdebatte ausgelöst hat beschäftigt sich mit den Dimensionen des Kindeswohl nicht, sondern begnügt sich im Ergebnis damit, die Kindeswohlverletzung zu behaupten, ohne sie ernsthaft zu belegen. “
Was gibt es da zu belegen. Der betroffene Junge hatte einen langen Krankenhausaufenthalt mit mehreren operativen Eingriffen unter Vollnarkose als Folge der Beschneidung zu erleiden und dass, obwohl der Gutachter festgestellt hatte, dass die Beschneidung nach allen Regeln der Kunst durchgeführt wurde. Wie kann man da von einer nur behaupteten Kindeswohlverletzung sprechen?
24. September 2012 um 15:50
„Rechtswidrig aber unter bestimmten Bedingungen straffrei.“
Ja, das erscheint auch mir die vernünftigste Lösung zu sein. Dabei sollte der Staat allerdings strengste Auflagen durchsetzen und vor allem die Eltern gründlich aufklären. Denn auch das hat die Diskussion an Erkenntnissen gebracht, sowohl Juden als auch Muslime wissen praktisch nichts über die Bedeutung der Vorhaut und die Risiken ihrer Entfernung.
Dass die Beschneidung so absolut zwingend ist, sehe ich allerdings nicht. Die meisten Juden sind doch recht weltlich eingestellt und auch mancher Christ lebt schließlich sehr gut mit der ein oder anderen Todsünde. Auch darf man nicht vergessen, dass gerade in Deutschland viele Juden überhaupt nicht beschnitten sind, weil sie aus Russland zu uns gekommen sind, wo die Beschneidung verboten war. Damit stellt sich auch eine andere interessante Frage. Darf ein unbeschnittener jüdischer Vater die Beschenidung seines Kindes verlangen?

References: § 224
 § 32
 § 228
 § 1629
 § 1627
 Art. 2