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1C_35/2015: Jahresversammlung des Islamischen Zentralrats Schweiz zu Unrecht verboten
Fabian Klaber	• 21. Dezember 2015
Im Urteil vom 28. Okto­ber 2015 befass­te sich das BGer mit der Durch­füh­rung der Jah­res­kon­fe­renz des Isla­mi­schen Zen­tral­rats Schweiz (IZRS). Im Juni 2014 ersuch­te Nico­las Blan­cho, Prä­si­dent des IZRS, den Ober­amt­mann des Saane­be­zirks um eine Bewil­li­gung (Patent K), um die Jah­res­kon­fe­renz 2014 unter dem Mot­to “Hij­ra — Beginn einer Revo­lu­ti­on” durch­zu­füh­ren. Der Ober­amt­mann kam zum Schluss, dass an der Ver­an­stal­tung Geträn­ke und Spei­sen gegen Ent­gelt abge­ge­ben wür­den, wes­halb eine tem­po­rä­re Bewil­li­gung (Patent K) not­wen­dig sei, die Vor­aus­set­zun­gen für die Ertei­lung der Bewil­li­gung aber nicht erfüllt sei­en. Im Gegen­satz zum Kan­tons­ge­richt des Kan­tons Frei­burg heisst das BGer die vom IZRS gegen den Ent­scheid des Ober­amt­manns erho­be­ne Beschwer­de gut.
Das BGer hält ein­lei­tend fest, dass es im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ein­zig dar­um gehe, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen es mit der Ver­samm­lungs­frei­heit (Art. 24 KV [Ver­fas­sung des Kan­tons Frei­burg, SGF 10.1], Art. 22 BV, Art. 11 EMRK und Art. 21 UNO-Pakt II) ver­ein­bar ist, eine zwar publi­kumsof­fe­ne, aber von Pri­va­ten auf pri­va­tem Grund bzw. in dafür pri­vat­recht­lich ange­mie­te­ten Räum­lich­kei­ten durch­zu­füh­ren­de Ver­an­stal­tung zu ver­bie­ten.
Gemäss Auf­fas­sung des BGer kön­ne die Ver­samm­lungs­frei­heit nicht gestützt auf das ÖGG (Gesetz über die öffent­li­chen Gast­stät­ten, SGF 952.1) ein­ge­schränkt wer­den, denn die im ÖGG nor­mier­te gast­wirt­schaft­li­che Bewil­li­gungs­pflicht knüp­fe ein­zig an die ent­gelt­li­che Abga­be von Spei­sen und Geträn­ken zur Kon­su­ma­ti­on an Ort und Stel­le an. Zur Anwend­bar­keit der poli­zei­li­chen Gene­ral­klau­sel führt das BGer fol­gen­des aus:
Die poli­zei­li­che Gene­ral­klau­sel kann nach Art. 36 Abs. 1 BV eine feh­len­de gesetz­li­che Grund­la­ge erset­zen und — selbst schwer­wie­gen­de — Ein­grif­fe in Grund­rech­te legi­ti­mie­ren, wenn und soweit die öffent­li­che Ord­nung und fun­da­men­ta­le Rechts­gü­ter des Staa­tes oder Pri­va­ter gegen schwe­re und zeit­lich unmit­tel­bar dro­hen­de Gefah­ren zu schüt­zen sind, die unter den kon­kre­ten Umstän­den nicht anders abge­wen­det wer­den kön­nen als mit gesetz­lich nicht aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen Mit­teln; die­se müs­sen aller­dings mit den all­ge­mei­nen Prin­zi­pi­en des Ver­fas­sungs- und Ver­wal­tungs­rechts, ins­be­son­de­re dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ssig­keit, ver­ein­bar sein […] (E. 3.3.).
Vor dem Hin­ter­grund des Gesag­ten kön­ne die poli­zei­li­che Gene­ral­klau­sel nicht her­an­ge­zo­gen wer­den, um eine gene­rel­le Bewil­li­gungs­pflicht für bestimm­te Ver­samm­lun­gen auf pri­va­tem Grund, wel­che die öffent­li­che Ord­nung und Sicher­heit poten­ti­ell ernst­haft bedroh­ten, ein­zu­füh­ren, denn eine sol­che The­ma­tik sei einer gesetz­li­chen Rege­lung zugäng­lich und den Frei­bur­ger Behör­den bekannt gewe­sen. Hin­ge­gen sei es gestützt auf die poli­zei­li­che Gene­ral­klau­sel mög­lich, eine Ver­samm­lung in einem kon­kre­ten Fall zu ver­bie­ten, wenn von ihrer Durch­füh­rung eine kon­kre­te Gefahr für die öffent­li­che Ord­nung und Sicher­heit, für Leib und Leben der Teil­neh­mer oder Drit­ter aus­ge­he. Obwohl seit dem Auf­kom­men des “Isla­mi­schen Staa­tes” und der grenz­über­schrei­ten­den Aus­übung von Ter­ror auch für die Schweiz von einer erhöh­ten Gefähr­dung aus­ge­gan­gen wer­den müs­se, sei­en kei­ne kon­kre­ten Hin­wei­se dafür ersicht­lich, dass der Kan­ton Frei­burg davon beson­ders betrof­fen wäre. Sodann sei auch nicht ersicht­lich, dass vor der Durch­füh­rung der ver­bo­te­nen Ver­samm­lung eine unmit­tel­ba­re Gefahr für die öffent­li­che Ord­nung aus­ge­gan­gen wäre. Das durch den Ober­amt­mann aus­ge­spro­che­ne Ver­samm­lungs­ver­bot ist laut BGer des­halb unver­hält­nis­mä­ssig und die Jah­res­ver­samm­lung 2014 des IZRS ist zu Unrecht ver­bo­ten wor­den.

References: BGer 
 BGer 
 BGer 
 Art. 22
 Art. 11
 Art. 21
 BGer 
 BGer 
 Art. 36
 BGer