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Timestamp: 2019-11-21 08:42:24+00:00

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Schüs­se auf die flie­hen­den Räu­ber – und der feh­len­de Ver­tei­di­gungs­wil­le | Rechtslupe
Schüsse auf die fliehenden Räuber - und der fehlende Verteidigungswille
22. Dezember 2015 Rechtslupe
Schüs­se auf die flie­hen­den Räu­ber – und der feh­len­de Ver­tei­di­gungs­wil­le
Schießt ein Über­fal­le­ner auf die flüch­ten­den Räu­ber, so erfor­dert eine Recht­fer­ti­gung der Schuß­ab­ga­be einen Ver­tei­di­gungs­wil­len des Über­fal­le­nen, von dem die Ver­tei­di­gungs­hand­lung nach stän­di­ger Recht­spre­chung getra­gen sein muss 1.
Geht der über­fal­le­ne Schüt­ze bei der Schuß­ab­ga­be davon aus, die Raub­tä­ter hät­ten kei­ne Beu­te erlangt, hat­te er kei­ne Kennt­nis von der Not­wehr­la­ge. Am Ver­tei­di­gungs­wil­len fehlt es zudem, wenn er die Schüs­se nicht abgibt, um sein Eigen­tum zu ver­tei­di­gen, son­dern allein hand­lungs­lei­ten­des Motiv viel­mehr Angst um sein Leben ist.
Selbst wenn man mit einer in der Lite­ra­tur ver­tre­te­nen Auf­fas­sung in Fäl­len, in denen das sub­jek­ti­ve Recht­fer­ti­gungs­ele­ment fehlt, eine Straf­bar­keit wegen voll­ende­ten Delikts ent­fal­len las­sen und – mit Blick auf struk­tu­rel­le Ähn­lich­kei­ten zum untaug­li­chen Ver­such – nur eine sol­che wegen Ver­suchs anneh­men woll­te 2, hät­te dies dem über­fal­le­nen Schüt­zen im hier ent­schie­de­nen Fall nicht gehol­fen, da die­ser – jeden­falls mit Blick auf die Ver­tei­di­gung allein sei­nes Eigen­tums – gehal­ten war, auf die Bei­ne der Flüch­ten­den zu zie­len 3.
Der Ange­klag­te han­del­te auch nicht mit dem erfor­der­li­chen Wil­len, sein Haus­recht gegen einen gegen­wär­ti­gen Angriff der Raub­tä­ter dar­auf zu ver­tei­di­gen. Viel­mehr waren nach den Fest­stel­lun­gen ursäch­lich für die Schüs­se allein die Angst um sein Leben wegen des ver­meint­li­chen Schus­ses auf ihn sowie sein Wunsch, den Angrei­fern zu ver­deut­li­chen, dass sie nicht zurück­keh­ren soll­ten.
Zur Ver­tei­di­gung des Haus­rechts stell­ten die Schüs­se zudem kei­ne gebo­te­ne Not­wehr­hand­lung dar. Zwar ist aner­kannt, dass auch das Haus­recht "grund­sätz­lich mit schar­fen Mit­teln" ver­tei­digt wer­den darf, soweit es sich bei dem Angriff nicht um eine Baga­tel­le han­delt 4. Steht indes die mit der Ver­tei­di­gung ver­bun­de­ne Beein­träch­ti­gung des Angrei­fers in einem gro­ben Miss­ver­hält­nis zu Art und Umfang der aus dem Angriff dro­hen­den Rechts­ver­let­zung, so ist die Not­wehr unzu­läs­sig 5. Dies war ange­sichts des Umstands, dass die Raub­tä­ter im Begriff waren, das Grund­stück flucht­ar­tig zu ver­las­sen und die Been­di­gung der Haus­rechts­ver­let­zung damit – wie von dem Ange­klag­ten erkannt – auch ohne sein Zutun unmit­tel­bar bevor­stand, hier der Fall.
Vor­lie­gend bil­ligt der Bun­des­ge­richts­hof auch den Aus­schluss eines Erlaub­nis­tat­be­standsirr­tums, der gemäß § 16 Abs. 1 Satz 1 StGB die Straf­bar­keit wegen vor­sätz­li­chen Han­delns ent­fal­len las­sen könn­te 6. In einem sol­chen Erlaub­nis­tat­be­standsirr­tum befin­det sich, wer irrig Umstän­de annimmt, die – wenn sie vor­lä­gen – einen aner­kann­ten Recht­fer­ti­gungs­grund begrün­den wür­den 7.
Die­se Vor­aus­set­zung waren hier nicht gege­ben: Der über­fal­le­ne Schüt­ze nahm hier nicht an, sich in einer Lage zu befin­den, auf­grund derer sein Han­deln durch Not­wehr hät­te gerecht­fer­tigt sein kön­nen. Denn ihm war im Moment der Schuss­ab­ga­be bewusst, dass ein (wei­te­rer) Angriff der flüch­ten­den Raub­tä­ter nicht unmit­tel­bar bevor­stand und die­se kei­ne Waf­fe auf ihn rich­te­ten.
In der Beweis­wür­di­gung hat die Straf­kam­mer dazu aus­ge­führt, der Ange­klag­te habe ledig­lich die Vor­stel­lung gehabt, der von ihm ver­meint­lich gehör­te Schuss habe mög­li­cher­wei­se ihm gegol­ten. Er sei indes nicht davon aus­ge­gan­gen, dass die Raub­tä­ter von ihrer wei­te­ren Flucht hät­ten abse­hen und zurück­keh­ren oder gar wei­te­re Schüs­se in sei­ne Rich­tung hät­ten abge­ben wol­len. Mit sei­nen Schüs­sen habe er ledig­lich auf­zei­gen wol­len, dass die Täter ihre Flucht fort­set­zen und nicht zurück­kom­men soll­ten. Damit stell­te sich der Ange­klag­te aber gera­de kei­nen gegen­wär­ti­gen Angriff auf sein Leben oder sei­ne Gesund­heit vor: Der ver­meint­lich abge­ge­be­ne Schuss auf ihn hat­te ihn ersicht­lich nicht ver­letzt; weil er erkann­te, dass ein wei­te­rer Schuss nicht abge­ge­ben wer­den wür­de, dau­er­te der (ange­nom­me­ne) Angriff aus sei­ner Sicht auch nicht mehr fort, weil die Her­bei­füh­rung oder Ver­tie­fung einer Rechts­guts­ver­let­zung nicht zu erwar­ten war 8.
Der über­fal­le­ne Schüt­ze war hier schließ­lich auch nicht gemäß § 33 StGB ent­schul­digt. Nach die­ser Vor­schrift wird der Täter nicht bestraft, der die Gren­zen der Not­wehr aus Ver­wir­rung, Furcht oder Schre­cken (sog. asthe­ni­sche Affek­te) über­schrei­tet.
Vor­aus­set­zung ist das Bestehen einer objek­tiv gege­be­nen Not­wehr­la­ge; auf Fäl­le der soge­nann­ten Puta­tiv­not­wehr, also unter ande­rem in einer irr­tüm­lich ange­nom­me­nen Not­wehr­la­ge 9, ist die Vor­schrift des § 33 StGB nicht anwend­bar 10. Die asthe­ni­schen Affek­te müs­sen wei­ter dafür ursäch­lich sein, dass der den Angriff wahr­neh­men­de Täter die Gren­zen der Not­wehr über­schrei­tet 11, wobei er gleich­sam mit Ver­tei­di­gungs­wil­len han­deln muss 12.
Nach die­sen Grund­sät­zen sind die Vor­aus­set­zun­gen eines Not­wehr­ex­zes­ses nicht erfüllt:
In Bezug auf das Rechts­gut Leben und Gesund­heit lag ein gegen­wär­ti­ger Angriff – wie dar­ge­legt – nicht vor; der Ange­klag­te über­schritt auch nicht die Gren­zen der Not­wehr, viel­mehr wären sei­ne Schüs­se – hät­ten die Raub­tä­ter tat­säch­lich auf ihn gefeu­ert und wäre ihr Angriff noch gegen­wär­tig gewe­sen – gerecht­fer­tigt gewe­sen. Es han­delt sich inso­weit mit­hin allen­falls um einen Fall allein der Puta­tiv­not­wehr in Form eines Tat­sa­chen­irr­tums über einen in Wirk­lich­keit nicht vor­lie­gen­den Angriff, nicht aber um einen Not­wehr­ex­zess 13.
Mit Blick auf das Rechts­gut Eigen­tum fehlt es wie­der­um am Ver­tei­di­gungs­wil­len des Ange­klag­ten, so dass auch inso­weit die Anwen­dung des § 33 StGB aus­schei­det.
Glei­ches gilt – wie dar­ge­legt – hin­sicht­lich der Ver­tei­di­gung des Haus­rechts des Ange­klag­ten: Inso­weit schoss er nicht aus Ver­wir­rung, Furcht oder Schre­cken über den statt­ge­hab­ten Angriff auf die­ses Rechts­gut oder zu des­sen Ver­tei­di­gung gegen einen gegen­wär­ti­gen Angriff. Die nach den Fest­stel­lun­gen für die Schüs­se ursäch­li­che Angst um sein Leben sowie sein Wunsch, den Angrei­fern zu ver­deut­li­chen, dass sie nicht zurück­keh­ren soll­ten, bele­gen den erfor­der­li­chen Ver­tei­di­gungs­wil­len mit Blick auf das Haus­recht nicht, so dass es nicht dar­auf ankommt, ob die Todes­angst wegen des ver­meint­lich gehör­ten Schus­ses im Rah­men der Über­schrei­tung des das Haus­recht betref­fen­den objek­tiv gege­be­nen Not­wehr­rechts über­haupt zu berück­sich­ti­gen ist, was ent­ge­gen den dar­ge­leg­ten Grund­sät­zen doch zu einer Berück­sich­ti­gung einer tat­säch­lich nicht bestehen­den Not­wehr­la­ge im Rah­men der Prü­fung des § 33 StGB füh­ren könn­te. Auch bedarf es kei­ner Ent­schei­dung, ob – wie das Land­ge­richt ange­nom­men hat – in Fäl­len, in denen die Ver­tei­di­gungs­hand­lung in einem gro­ben Miss­ver­hält­nis zu der aus dem Angriff dro­hen­den Rechts­ver­let­zung steht, die Anwen­dung der Vor­schrift des § 33 StGB eben­so aus­schei­det, wie das Not­wehr­recht 14.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Okto­ber 2015 – 3 StR 199/​15
Puta­tiv­not­wehr auch gegen­über Poli­zei­be­am­ten mög­lich Ein wegen Tot­schlags an einem Poli­zei­be­am­ten ver­ur­teil­ter Mann ist vom Bun­des­ge­richts­hof frei­ge­spro­chen wor­den. Die Ver­ur­tei­lung durch das Land­ge­richt Koblenz wur­de auf­ge­ho­ben. Der Ange­klag­te ist ein…
Schüs­se auf die flie­hen­den Räu­ber – und der feh­len­de… Schießt ein Über­fal­le­ner auf die flüch­ten­den Räu­ber, so erfor­dert eine Recht­fer­ti­gung der Schuß­ab­ga­be einen Ver­tei­di­gungs­wil­len des Über­fal­le­nen, von dem die Ver­tei­di­gungs­hand­lung nach stän­di­ger Recht­spre­chung getra­gen…
Der frü­he­re Staats­an­walt – als Rich­ter in der Fol­ge­sa­che Nach § 22 Nr. 4 StPO ist ein Rich­ter u.a. dann von der Aus­übung sei­nes Amtes aus­ge­schlos­sen, wenn er "in der Sache" als Beam­ter der…
RG, Urteil vom 19.12 1919 – IV 708/​19, RGSt 54, 196, 199; BGH, Urtei­le vom 15.01.1952 – 1 StR 552/​51, BGHSt 2, 111, 114; vom 02.10.1953 – 3 StR 151/​53, BGHSt 5, 245, 247; vom 11.09.1995 – 4 StR 294/​95, NStZ 1996, 29, 30; Beschluss vom 09.09.1997 – 1 StR 730/​96, NJW 1998, 465, 466; Urtei­le vom 06.10.2004 – 1 StR 268/​04, NStZ 2005, 332, 334; vom 25.04.2013 – 4 StR 551/​12, NJW 2013, 2133, 2134 f. mwN[↩]
vgl. LK/​Rönnau/​Hohn, StGB, 12. Aufl., § 32 Rn. 268 mwN; Fischer, StGB, 62. Aufl., § 32 Rn. 27; s. auch – nicht tra­gend – BGH, Urteil vom 03.12 1991 – 1 StR 120/​90, BGHSt 38, 144, 155 f. zu § 218 Abs. 1, § 218a StGB aF; dage­gen ein­ge­hend NK-StGB-Paeff­gen, vor 4. Aufl., § 32 ff. Rn. 128 mwN[↩]
vgl. zu den Grund­sät­zen des Ein­sat­zes des mil­des­ten Mit­tels bei lebens­ge­fähr­li­chen Ver­tei­di­gungs­ak­ten, insb. beim Schuss­waf­fen­ge­brauch LK/​Rönnau/​Hohn aaO, § 32 Rn. 175 ff. mwN; Fischer aaO, § 32 Rn. 33a[↩]
BGH, Beschluss vom 29.01.1982 – 3 StR 496/​81, juris; Urteil vom 31.07.1979 – 1 StR 296/​79 12[↩]
BGH, Beschluss vom 01.03.2011 – 3 StR 450/​10, NStZ 2011, 630, 631; Urtei­le vom 16.07.1980 – 2 StR 127/​80, NStZ 1981, 22, 23; vom 31.07.1979 – 1 StR 296/​79 aaO mwN; LK/​Rönnau/​Hohn aaO, § 32 Rn. 230 ff. mwN; S/​S‑Perron, StGB, 29. Aufl., § 32 Rn. 50 mwN; Münch­Komm-StG­B/Erb, 2. Aufl., § 32 Rn. 214 ff.[↩]
st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 06.06.1952 – 1 StR 708/​51, BGHSt 3, 105, 106 f.; vom 10.02.2000 – 4 StR 558/​99, BGHSt 45, 378, 384; vgl. aber auch BGH, Urteil vom 02.11.2011 – 2 StR 375/​11, NStZ 2012, 272, 273: Aus­schluss der Vor­satz­schuld[↩]
LK/​Vogel aaO, § 16 Rn. 110[↩]
vgl. Münch­Komm-StG­B/Erb aaO, § 32 Rn. 110 f. mwN[↩]
vgl. Fischer aaO, § 32 Rn. 51 mwN[↩]
st. Rspr.; s. etwa BGH, Urtei­le vom 24.10.2001 – 3 StR 272/​01, NStZ 2002, 141; vom 18.04.2002 – 3 StR 503/​01, NStZ-RR 2002, 203, 204; vom 23.01.2003 – 4 StR 267/​02, NStZ 2003, 599, 600, jeweils mwN; Beschluss vom 01.03.2011 – 3 StR 450/​10, NStZ 2011, 630; s. auch LK/​Zieschang aaO, § 33 Rn. 24 ff.; Münch­Komm-StG­B/Erb aaO, § 33 Rn. 18; Beck­OK StGB/​Heuchemer, § 33 Rn. 13; Motsch, Der straf­lo­se Not­wehr­ex­zess, 2003, S. 39[↩]
Münch­Komm-StG­B/Erb aaO, § 33 Rn.20, 22; NK-StGB-Kind­häu­ser aaO, § 33 Rn. 25; S/​S‑Perron aaO, § 33 Rn. 5[↩]
LK/​Zieschang aaO, § 33 Rn. 48 mwN[↩]
vgl. LK/​Zieschang aaO, § 33 Rn. 22[↩]
vgl. etwa NK-StGB-Kind­häu­ser aaO, § 33 Rn. 14; SK-StG­B/Ro­gall, 122. Lfg., § 33 Rn. 13; S/​S‑Perron aaO, § 33 Rn. 7; Roxin, Straf­recht AT, 4. Aufl., § 22 Rn. 79; Kühl, Straf­recht AT, 7. Aufl., § 12 Rn. 150; Jakobs, Straf­recht AT, 2. Aufl., 20. Abschn. Rn. 29; Motsch aaO, S. 91 f.; Diede­rich, Ratio und Gren­zen des straf­lo­sen Not­wehr­ex­zes­ses, 2001, S. 73 ff.; aA LK/​Zieschang aaO, § 33 Rn. 3; Fischer aaO, § 33 Rn. 8; HK-GS-StG­B/­Dutt­ge, 3. Aufl., § 33 Rn. 4[↩]
NotwehrRaubSchießenTotschlag

References: § 16
 § 33
 § 33
 § 33
 § 33
 § 33
 § 22
 § 32
 § 32
 § 218
 § 218
 § 32
 § 32
 § 32
 § 32
 § 32
 § 32
 § 16
 § 32
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 § 33
 § 33
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 § 33
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 § 33
 § 22
 § 12
 § 33
 § 33
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