Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_fristlose_Kuendigung_Chefarzt_2Ca2565-11.html
Timestamp: 2016-12-02 19:48:40+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 2 Ca 2565/11
Ak­ten­zei­chen: 2 Ca 2565/11
IM NA­MEN DES VOL­KESUR­TEIL
In dem Rechts­streit Kläger Proz.-Bev.:
zu 1: ge­gen
Be­klag­te Proz.-Bev.: hat die 2. Kam­mer des Ar­beits­ge­richts Bre­men-Bre­mer­ha­ven auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 23. Mai 2012 durch
den Rich­ter am Ar­beits­ge­richt als Vor­sit­zen­den,den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin für Recht er­kannt:
1. Es wird fest­ge­stellt, dass das zwi­schen dem Kläger und der Be­klag­ten be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis nicht durch Kündi­gun­gen vom 15.11.2011, 22.11.2011, 29.11.2011 und/oder 12.12.2011 be­en­det wor­den ist.
2. Der Auflösungs­an­trag der Be­klag­ten wird ab­ge­wie­sen.
3. Die Kos­ten des Rechts­streits hat die Be­klag­te zu tra­gen.
4. Der Wert des Streit­ge­gen­stands wird auf € 108.000,00 fest­ge­setzt.
ein­ge­gan­gen sein. Der Schrift­form wird auch durch Ein­rei­chung ei­nes elek­tro­ni­schen Do­ku­ments genügt, wenn es für die Be­ar­bei­tung durch das Ge­richt ge­eig­net ist. Schriftsätze können da­zu über ei­ne ge­si­cher­te Ver­bin­dung in den elek­tro­ni­schen Ge­richts­brief­kas­ten des Lan­des­ar­beits­ge­richts ein­ge­legt wer­den. Die er­for­der­li­che Zu­gangs- und Über­tra­gungs­soft­ware kann li­zenz­kos­ten­frei über die In­ter­net­sei­te www.egvp.de her­un­ter­ge­la­den wer­den. Das Do­ku­ment ist mit ei­ner qua­li­fi­zier­ten Si­gna­tur nach dem Si­gna­tur­ge­setz zu ver­se­hen. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den sich auf der In­ter­net­sei­te www.egvp.de.
Sie ist gleich­zei­tig oder in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten in glei­cher Form schrift­lich zu be­gründen. Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­setz­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.
Die Be­ru­fung kann nur durch ei­nen/ei­ne bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt/Rechts­anwältin oder durch ei­ne der nach § 11 Ab­satz 2 Satz 2 Nr. 4 und 5 des Ar­beits­ge­richts­ge­set­zes zu­ge­las­se­nen Per­so­nen (z. B. Ver­tre­ter/-in von Ge­werk­schaf­ten oder Ar­beit­ge­ber­verbänden) ein­ge­legt wer­den. Es wird ge­be­ten, sämt­li­che Schriftsätze in fünf­fa­cher Aus­fer­ti­gung - für je­den wei­te­ren Be­tei­lig­ten ei­ne Aus­fer­ti­gung mehr - bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­zu­rei­chen.
Wer­den die vor­ge­nann­ten Vor­schrif­ten nicht ein­ge­hal­ten, kann das Lan­des­ar­beits­ge­richt - von sel­te­nen Aus­nah­mefällen ab­ge­se­hen - das Ur­teil nicht mehr abändern. - 3 -
Die Par­tei­en strei­ten um meh­re­re ver­hal­tens­be­ding­te frist­lo­se und or­dent­li­che Ver­dachts- und Tatkündi­gun­gen.
Der Kläger ist Fach­arzt für Kin­der- und Ju­gend­heil­kun­de. Darüber hin­aus verfügt er über wei­te­re Spe­zia­li­sie­run­gen als Kin­der­rheu­ma­to­lo­ge so­wie als In­fek­to­lo­ge und Im­mu­no­lo­ge. Er ar­bei­te­te seit dem 01.06.1999 als lei­ten­der Arzt ) für die Be­klag­te. Das Ar­beits­verhält­nis be­stimm­te sich nach dem Ar­beits­ver­trag vom 11.03.1999. In § 4 Abs. 2 des Ver­tra­ges ist fol­gen­des ge­re­gelt:
„Zu den Auf­ga­ben des Arz­tes gehört es auch, die ärzt­li­chen An­zei­ge- und Mel­de­pflich­ten zu erfüllen.“ Nach § 9 Abs. 2 stand dem Kläger bei Ein­stel­lung, Um­set­zung, Ver­set­zung, Ab­ord­nung Be­ur­lau­bung oder Ent­las­sung ein Vor­schlags­recht zu. In der Fol­ge­zeit ver­ein­bar­ten die Par­tei­en mehr­fach Ände­run­gen hin­sicht­lich ei­ner Ne­bentätig­keit und der Vergütung des Klägers. Die Tätig­keit des Klägers als sol­che blieb von den Ände­rungs­verträgen un­berührt.
Im Au­gust 2006 schied der bis da­hin als Kli­nik­di­rek­tor der Kli­nik für Neo­na­to­lo­gie und pädia­tri­sche In­ten­siv­me­di­zin im Zen­trum für Kin­der­heil­kun­de und Ju­gend­me­di­zin Herr Dr. al­ters­be­dingt aus. Die Be­klag­te be­ab­sich­tig­te dar­auf­hin ursprüng­lich die­sen Chef­arzt­pos­ten er­neut zu be­set­zen. Nach­dem der aus­gewähl­te Nach­fol­ger kurz­fris­tig ab­ge­sagt hat­te und auch des­sen Er­satz­be­wer­ber nicht mehr zur Verfügung stand be­schloss der Auf­sichts­rat der Be­klag­ten am 14. Fe­bru­ar 2007, die Kli­nik für Neo­na­to­lo­gie und pädia­tri­sche In­ten­siv­me­di­zin als zusätz­li­che Ab­tei­lung der Kin­der­kli­nik zu­zu­ord­nen. Die be­reichs­be­zo­ge­ne fach­li­che Lei­tung wur­de dem lei­ten­den Ober­arzt Dr. und dem Ober­arzt Dr. über­tra­gen. Der Ar­beits­ver­trag zwi­schen dem Kläger und der Be­klag­ten wur­de nicht aus­drück­lich geändert. Mit Geschäfts­ver­tei­lungs­plan vom 01.04.2009 wur­de dem Kläger die Funk­ti­on ei­nes stell­ver­tre­ten­den ärzt­li­chen Geschäftsführers über­tra­gen, un­ter an­de­rem mit den Zuständig­keits­be­rei­chen „Hy­gie­ne­ver­ant­wort­li­cher“ und „In­sti­tut für Hy­gie­ne“. Ne­ben dem Kläger wur­de in dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan Herr Dr. eben­falls als stell­ver­tre­ten­der ärzt­li­cher Geschäftsführer mit ei­ge­nen Auf­ga­ben­be­rei­chen auf­geführt (vgl. Bl. 400 f. d. A.).
Der Zuständig­keits­be­reich des Klägers als Chef­arzt er­streck­te sich zu­letzt auf die Kin­der­kli­nik und die Sta­tio­nen 4027 und 4028. Die Kin­der­kli­nik verfügt über 99 Bet­ten und führt cir­ca 7000 sta­ti­onären Be­hand­lun­gen im Jahr durch. Räum­lich in der Kin­der­kli­nik un­ter­ge­bracht war auch die In­ten­siv­sta­ti­on 4028 für Kin­der je­den Al­ters mit 12 Bet­ten. Die Frühge­bo­re­nen­in­ten­siv­sta­ti­on (Sta­ti­on 4027) mit 16 Bet­ten be­fand sich räum­lich ge­trennt in der Frau­en­kli­nik, cir­ca 500 Me­ter von der Kin­der­kli­nik ent­fernt. Im Zeit­raum 17.01.- 03.03.2011 tra­ten auf der Sta­ti­on 4027 sie­ben Fälle so­ge­nann­ter MRSA In­fek­tio­nen auf. Die­se sind für den Fall dass es sich um no­so­ko­mia­le In­fek­tio­nen han­delt die bei zwei oder meh­re­ren Pa­ti­en­ten auf­tre­ten mel­de­pflich­tig. Die­se MRSA Fälle wur­den im Rah­men von Hy­gie­ne­maßnah­men un­ter an­de­rem ei­ner Sta­ti­ons­hy­gie­ne­sit­zung am 4. März und der Ein­rich­tung ei­ner Hy­gie­ne­kom­mis­si­on am 7. März 2011 er­folg­reich ein­gedämmt. Ab dem 30.04.2011 tra­ten auf den Sta­tio­nen 4027 und 4028 so­ge­nann­te ESBL Kei­me auf. Hier­bei han­delt es sich um mul­ti­re­sis­ten­te In­fek­ti­ons­er­re­ger die im Fal­le ei­nes Aus­bruchs mel­de­pflich­tig sind. Im Zeit­raum 30.04.2011- 07.09.2011 tra­ten die­se Kei­me bei elf Pa­ti­en­ten auf den Sta­tio­nen 4027 und 4028 auf. Im Zeit­raum 12.10.- 05.11.2011 tra­ten wei­te­re zwölf Fälle von ESBL Kei­men bei Pa­ti­en­ten auf. Hin­sicht­lich der Auf­lis­tung im Ein­zel­nen wird auf das Vor­brin­gen der Be­klag­ten (Blatt 65-68 d.A.) ver­wie­sen. Min­des­tens drei der be­trof­fe­nen Frühge­bo­re­nen ver­star­ben auf­grund der ESBL Kei­me. Am 07.09.2011 un­ter­rich­te­te die Oberärz­tin der Sta­ti­on 4027 Frau Dr. das Ge­sund­heits­amt so­wie die Kran­ken­haus­hy­gie­ne der Be­klag­ten über ein gehäuf­tes Auf­tre­ten der ESBL Kei­me. Die Fach­kraft für Hy­gie­ne und In­fek­ti­ons­präven­ti­on bei der Be­klag­ten Frau in­for­mier­te dar­auf­hin mit E-Mail vom 7. Sep­tem­ber 2011 un­ter an­de­rem auch den Kläger darüber, dass die Oberärz­tin Frau Dr. über ein gehäuf­tes Auf­tre­ten von Kleb­si­el­len/ESBL bei vier Pa­ti­en­ten in­for­miert ha­be. Sie wies dar­auf­hin, dass die Oberärz­tin das Ge­sund­heits­amt in­for­miert ha­be und ein wei­te­res Gespräch zum Aus­bruchs­ma­nage­ment am Fol­ge­tag er­fol­gen sol­le. Hier­auf re­agier­te der Kläger mit E-Mail vom 8. Sep­tem­ber 2011 wie folgt:
„Bit­te kla­re de­fi­ni­to­ri­sche Ab­gren­zung: wir ha­ben ei­ne Häufung, kei­nen Aus­bruch; das Ge­sund­heits­amt wird verständigt, wenn wir ei­nen Aus­bruchs­ver­dacht ha­ben; das ist mei­ner An­sicht nach bis­her nicht der Fall…“
Am 08.09.2011 wur­den im Rah­men ei­ner Um­ge­bungs­un­ter­su­chung auf der Sta­ti­on 4027 ESBL Kei­me ge­fun­den. Un­ter an­de­rem am 12.09.2011 er­folg­te ei­ne Sta­ti­ons­be­spre­chung - 5 -
im Bei­sein des Klägers. Ein Prüfbe­richt mit Da­tum vom 20.09.2011 bestätig­te das Vor­lie­gen von ESBL Kei­men, die auf ei­ner Pro­be vom 07.09.2011 auf der Sta­ti­on 4027 ba­sier­te. Je­den­falls bis Mit­te Ok­to­ber 2011 er­folg­te kein Pa­ti­en­ten­scree­ning auf ESBL Kei­me. Die zuständi­ge Hy­gie­ne­fach­kraft führ­te le­dig­lich ein Scree­ning von MRSA Kei­men durch. Im Rah­men ei­ner Sta­ti­ons­kon­trol­le am 14.10.2011 wur­den er­neut Kei­me auf der Sta­ti­on 4027 nach­ge­wie­sen. Mit Schrei­ben vom 17.10.2011 in­for­mier­te das Hy­gie­ne­in­sti­tut der Be­klag­ten darüber dass im Rah­men ei­ner DNA Ty­pi­sie­rung fest­ge­stellt wor­den sei, dass an 9 Spu­ren ge­ne­tisch iden­ti­sche Kei­me fe­ste­ge­stellt wor­den sei­en. Die­ses Er­geb­nis ba­sier­te auf der Un­ter­su­chung ei­nes dar­auf spe­zia­li­sier­ten In­sti­tuts in Bo­chum. Die Un­ter­su­chung hat­te meh­re­re Wo­chen in An­spruch ge­nom­men. Am 27.10.2011 in­for­mier­te der Kläger die Be­klag­te über zwölf be­trof­fe­ne Pa­ti­en­ten und über die ein­ge­lei­te­ten Maßnah­men. Er be­rich­te­te, dass Kennt­nis von drei neu­en Fällen auf­ge­taucht sei. Am 04.11.2011 er­ließ das Amt­ge­richt ei­nen Durch­su­chungs­be­schluss für die pri­va­ten Räume und Büroräum­lich­kei­ten des Klägers. In ei­nem Gespräch am 08.11.2011 wur­de ein mögli­cher Zu­sam­men­hang von frühe­ren ESBL Fällen vor dem 01.07.2011 the­ma­ti­siert. Am 10.11.2011 trat der Kläger for­mal als „Hy­gie­ne­be­auf­trag­ter“ zurück. Mit Schrei­ben vom 15.11.2011 sprach die Be­klag­te oh­ne vor­he­ri­ge Anhörung des Be­triebs­rats ei­ne frist­lo­se hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung aus. Da­nach hörte die Be­klag­te den Be­triebs­rat zu ei­ner wei­te­ren be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung an. Der Be­triebs­rat äußer­te mit Schrei­ben vom 17.11.2011 Be­den­ken ge­gen die be­ab­sich­tig­te Kündi­gung, da das Ver­fah­ren zur Aufklärung der In­fek­ti­on noch nicht ab­ge­schlos­sen sei (Bl. 37 d. A.). Am 21.11.2011 lei­te­te die Staats­an­walt­schaft ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ge­gen den Kläger we­gen des Ver­dachts der fahrlässi­gen Tötung ein. Mit Schrei­ben vom 22.11.2011 kündig­te die Be­klag­te dem Kläger er­neut frist­los hilfs­wei­se or­dent­lich. Im Rah­men ei­ner wei­te­ren Be­triebs­rats-anhörung er­neu­er­te der Be­triebs­rat mit Schrei­ben vom 28.11.2011 sei­ne Be­den­ken (Bl. 39 d. A.). Mit Stand 29.11.2011 leg­te das Ro­bert-Koch In­sti­tut, das zwi­schen­zeit­lich im Rah­men der Keim­bekämp­fung zu Ra­te ge­zo­gen wor­den war, ei­nen Zwi­schen­be­richt vor. Dar­in teil­te das Ro­bert-Koch In­sti­tut mit, dass die Her­kunft des Aus­bruch­stam­mes nicht er­mit­telt wer­den konn­te. Auch ließe sich der Über­tra­gungs­weg nicht ein­deu­tig nach­wei­sen. Der Zwi­schen­be­richt schließt mit dem Fa­zit, dass da­von aus­zu­ge­hen sei, dass der Aus­bruch der­zeit un­ter­bro­chen sei. Am 15.11.2011 hörte die Be­klag­te den Kläger zu ei­ner be­ab­sich­tig­ten Ver­dachtskündi­gung an. Der Kläger nahm hier­zu kei­ne Stel­lung. Die Be-klag­te kündig­te er­neut mit Schrei­ben vom 29.11.2011 frist­los hilfs­wei­se or­dent­lich so­wohl we­gen ei­ner Tat- als auch we­gen ei­ner Ver­dachtskündi­gung. Die­ser Kündi­gung war ei­ne Be­triebs­rats­anhörung da­tiert auf den 15.11.2011 so­wie ei­ne Anhörung des Klägers zur be­ab­sich­tig­ten Ver­dachtskündi­gung mit Da­tum 17.11.2011 vor­aus­ge­gan­gen. Der Kläger hat­te sich nicht in­ner­halb der ge­setz­ten Stel­lung­nah­me­frist bis zum 21.11.2011 zum Ver-
dacht geäußert. Ei­ne wei­te­re Anhörung zu ei­ner wei­te­ren Ver­dachtskündi­gung er­folg­te am 02.12.2011 (Bl. 244 d. A.). Im Rah­men ei­ner wei­te­ren Be­triebs­rats­anhörung ver­wies die Be­klag­te auf die E-Mail des Klägers vom 08.09.2011 so­wie auf die Durch­su­chungs­be­schlüsse des Amts­ge­richts so­wie auf die dar­auf­hin er­folg­te Durch­su­chung der Büro- und Pri­vaträume des Klägers am 30.11.2011. Auch dies­mal äußer­te sich der Kläger nicht in­ner­halb der ge­setz­ten Frist bis zum 06.12.2011. Die Be­klag­te kündig­te dar­auf­hin er­neut mit Schrei­ben vom 12.12.2011 frist­los hilfs­wei­se or­dent­lich we­gen ei­ner Tat- und Ver­dachtskündi­gung. Nach der frist­lo­sen Kündi­gung des Klägers er­folg­te von zahl­rei­chen nie­der­ge­las­se­nen Kin­derärz­ten die For­de­rung nach Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers als Chef­arzt der Kin­der­kli­nik un­ter an­de­rem im Rah­men ei­nes of­fe­nen Briefs an die zuständi­ge Ge­sund­heits­se­na­to­rin. Der Kläger be­haup­tet, er ha­be ei­nen Kei­maus­bruch von ESBL Kei­men nicht ver­spätet be­merkt bzw. ge­mel­det. Er ver­weist in­so­weit dar­auf, dass aus sei­ner Sicht ein mel­de­pflich­ti­ger Aus­bruchs­ver­dacht im Fal­le von ESBL Kei­men nur vor­lie­ge, wenn der­sel­be Er­re­ger bei zwei oder meh­re­ren Pa­ti­en­ten auf­tre­te, und die­ses Auf­tre­ten in ei­nem räum­li­chen und zeit­li­chen Zu­sam­men­hang ste­he. Er be­haup­tet, ihm sei es in sei­ner Funk­ti­on als Chef­arzt nicht möglich ge­we­sen hin­sicht­lich der auf den Sta­tio­nen 4027 und 4028 auf­tre­ten­den Keim­be­fun­de ei­nen sol­chen räum­li­chen oder zeit­li­chen Zu­sam­men­hang vor dem 07.09.2011 zu er­ken­nen. In­so­weit ha­be es primär nicht ihm son­dern den vor Ort an den Pa­ti­en­ten ar­bei­ten­den un­ter­ge­be­nen Ärz­ten ob­le­gen ei­nen sol­chen Keim­be­fund fest­zu­stel­len und ei­nen ent­spre­chen­den räum­li­chen und zeit­li­chen Zu­sam­men­hang zu er­ken­nen. Der Kläger meint, er sei nicht „Hy­gie­ne­be­auf­trag­ter“ nach § 6 der Kran­ken­haus­hy­gie­ne­ver­ord­nung ge­we­sen. Ei­ne sol­che Funk­ti­on er­ge­be sich nicht aus dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan der ärzt­li­chen Geschäftsführung vom 01.04.2009. Hier sei viel­mehr von ei­nem „Hy­gie­ne­ver­ant­wort­li­chen“ die Re­de. Dies sei nicht gleich­be­deu­tend mit dem „Hy­gie­ne­be­auf­trag­ten“. „Hy­gie­ne­ver­ant­wort­li­cher“ im Sin­ne des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans sei le­dig­lich im all­ge­mei­nen Sin­ne zu ver­ste­hen. Zu­dem sei der Geschäfts­ver­tei­lungs­plan auf­grund der zweijähri­gen Lauf­zeit mit Ab­lauf des 31.03.2011 aus­ge­lau­fen, so­dass auch sei­ne Funk­ti­on als „Hy­gie­ne­ver­ant­wort­li­cher“ zu die­sem Zeit­punkt ge­en­det ha­be. Ver­ant­wort­lich im Sin­ne der Hy­gie­ne­be­auf­trag­ten sei die ärzt­li­che Geschäftsführe­rin Frau Dr. ge­we­sen. Zu­dem ergäben sich die hy­gie­ne­ver­ant­wort­li­chen Ärz­te aus dem Hy­gie­ne­plan der Be­klag­ten. Hier sei der Kläger -un­strei­tig- nicht als hy­gie­ne­ver­ant­wort­li­cher Arzt aus-
ge­wie­sen. Rich­tig sei al­ler­dings, dass er als Chef­arzt auch der Frühge­bo­re­nen­in­ten­siv­sta­ti­on (Sta­ti­on 4027) als „lei­ten­der Ab­tei­lungs­arzt“ im Sin­ne des § 8 Abs. 1 Nr. 1 des In­fek­ti­ons­schutz­ge­set­zes an­zu­se­hen sei. Im Rah­men der Auf­ga­ben­ver­tei­lung ha­be es je­doch primär den vor Ort tätig­ten Oberärz­ten und As­sis­tenzärz­ten ob­le­gen die ent­spre­chen­den Fest­stel­lun­gen und die Do­ku­men­ta­ti­on zu den Keim­be­fun­den zu er­stel­len. Ei­ne si­gni­fi­kan­te Häufung von Keim­be­fun­den ha­be er im Rah­men sei­ner Tätig­keit als Chef­arzt nicht fest­stel­len können. Da­bei sei fach­lich auch nur schwer zu be­stim­men, wann ei­ne mel­de­pflich­ti­ge Häufung vor­lie­ge, da die­se so­wohl ei­ne räum­li­che als auch zeit­li­che Nähe er­for­de­re. Die­sen räum­li­chen und zeit­li­chen Zu­sam­men­hang hätten nur die vor Ort auf den Sta­tio­nen täti­gen Ärz­te her­stel­len können. Der Kläger trägt in­so­weit vor, dass er sich er­in­nern könne, dass sich ei­ne Ärz­tin An­fang Au­gust anläss­lich des To­des ei­nes Frühge­bo­re­nen an ei­nen zeit­lich frühe­ren Fall er­in­nert ha­be. Sie ha­be auch ver­sucht ei­ne ent­spre­chen­de Ver­bin­dung zwi­schen die­sen Fällen her­zu­stel­len um her­aus­zu­fin­den ob ein Zu­sam­men­hang be­ste­he. Dies sei je­doch auf­grund des Zeit­ab­laufs nicht mehr möglich ge­we­sen. Auf­grund der Auf­ga­ben­ver­tei­lung ha­be er sich als Chef­arzt auch dar­auf ver­las­sen können, dass im Fal­le ei­nes gehäuf­ten Auf­tre­tens der Hy­gie­ne­plan und die ent­spre­chen­den Hy­gie­ne­maßnah­men er­folg­reich um­ge­setzt würden. Hier­auf ha­be er sich ins­be­son­de­re auch des­halb ver­las­sen dürfen, da das zu Be­ginn des Jah­res gehäuf­te Auf­tre­ten von MRSA Kei­men er­folg­reich er­kannt und bekämpft wor­den sei. Oh­ne aus­drück­li­che Hin­wei­se der ihm zu­ar­bei­ten­den Ärz­te sei es ihm da­her nicht möglich ge­we­sen ei­nen Zu­sam­men­hang der ESBL Fälle her­zu­stel­len. Ein ver­ein­zel­tes Auf­tre­ten von ESBL Kei­men sei nicht mel­de­pflich­tig und auch nicht si­gni­fi­kant, da die­ser Keim auf In­ten­siv­sta­tio­nen re­gelmäßig auf­tre­te. Wei­ter be­haup­tet der Kläger der ers­te in­fi­zier­te Pa­ti­ent sei am 30.04.2011 auf ESBL Kei­me ge­tes­tet wor­den. Der zwei­te in­fi­zier­te Pa­ti­ent erst drei Mo­na­te später am 7. Au­gust 2011. In­so­weit ha­be kein zeit­lich na­her Zu­sam­men­hang be­stan­den. Zu­dem sei­en ESBL Fälle so­wohl auf den Sta­tio­nen 4027 und 4028 auf­ge­tre­ten. Auf­grund der räum­li­chen Tren­nung die­ser Sta­tio­nen sei da­her ein Zu­sam­men­hang zunächst auch nicht zu er­ken­nen ge­we­sen. In­so­weit ver­weist der Kläger dar­auf, dass der Be­richt von Herrn Prof. vom 20. De­zem­ber 2011 teil­wei­se die be­trof­fe­nen Pa­ti­en­ten nicht den rich­ti­gen Sta­tio­nen zu­ord­ne. In­so­weit könne auch nicht von den im Rah­men die­ses Be­richts fest­ge­stell­ten Do­ku­men­ta­ti­onsmängeln aus­ge­gan­gen wer­den, da in­so­weit die ent­spre­chen­den Do­ku­men­ta­tio­nen in den je­wei­li­gen an­de­ren Sta­ti­ons­ord­nern zu fin­den ge­we­sen sei­en. Da ein mel­de­pflich­ti­ger Aus­bruch nur dann vor­lie­ge, wenn ein en­ger räum­li­cher oder zeit­li­cher Zu­sam­men­hang be­ste­he, ha­be zunächst auch kei­ne Ver­an­las­sung be­stan­den an­ge­sichts der Mel­dung der Oberärz­tin der Sta­ti­on 4027 vom 07.09.2011 Ver­bin­dung zu frühe­ren Fällen vor dem 01.07.2011 zu zie­hen. Wei­ter be­haup­tet der Kläger der haupt­amt­li­che Kran­ken­haus­hy­gie­ni­ker im Sin­ne des § 5 Kran­ken­haus­hy­gie­ne­ver­ord-
nung Herr Dr. ha­be bis zum 15.10.2011 auf Nach­fra­ge sei­ner Ärz­te nach ei­nem Scree­ning der Pa­ti­en­ten der Sta­tio­nen 4027 und 4028 erklärt dass das Scree­ning ne­ga­tiv ge­we­sen sei. Tatsächlich ha­be Herr - in­so­weit un­strei­tig- je­doch kein Scree­ning für ESBL Kei­me son­dern für MRSA Kei­me vor­ge­nom­men. Ein Scree­ning auf ESBL Kei­me sei erst ab dem 18.10.2011 er­folgt.
fest­zu­stel­len, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis durch die Kündi­gun­gen vom 15.11., 22.11., so­wie 29.11. und 12.12.2011 nicht auf­gelöst wor­den ist.
die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Des Wei­te­ren stellt sie den An­trag:
das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en ge­gen Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung, die in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird, zum 30.06.2012 auf­zulösen.
Die Be­klag­te be­haup­tet, der Kläger ha­be den mel­de­pflich­ti­gen ESBL Kei­maus­bruch nicht recht­zei­tig er­kannt und nicht recht­zei­tig ge­mel­det. Spätes­tens am 29.06.2011 ha­be ei­ne Pflicht zur Mel­dung an das Ge­sund­heits­amt vor­ge­le­gen. Am 01.05.2011 ha­be für das ers­te Kind der Sta­ti­on 4027 der Keim­be­fund mit In­fek­ti­ons­an­zei­chen vor­ge­le­gen. Am 26.05.2011 sei bei ei­nem wei­te­ren Kind ein Tra­che­al­se­kret auf ESBL Kei­me ein­ge­schickt wor­den. Nach der Emp­feh­lung des Ro­bert-Koch In­sti­tuts sei da­her be­reits da­mals von ei­ner In-fek­ti­on aus­zu­ge­hen ge­we­sen. Am 29.06.2011 sei bei ei­nem drit­ten Kind der ESBL Keim ve­ri­fi­ziert wor­den. Die Be­klag­te macht sich in­so­weit auch den Be­richt des Staats­rats Prof. zu ei­gen, wo­nach ei­ne Mel­de­pflicht je­den­falls ab dem 08.08.2011 vor­ge­le­gen ha­be. Die Fehl­einschätzung des Klägers wer­de bestätigt durch des­sen E-Mail vom 08.09.2011, in der er –un­strei­tig- aus­geführt ha­be, dass nach sei­ner An­sicht noch kein Aus­bruch am 07.09.2011 vor­ge­le­gen ha­be. Mit die­ser E-Mail ha­be der Kläger zu­dem ver­sucht zu un­ter­bin­den das Ge­sund­heits­amt recht­zei­tig zu in­for­mie­ren. Durch sein Ver­hal­ten ha­be der Kläger der Be­klag­ten Scha­den zu­gefügt. Mögli­cher­wei­se hätte bei ei­nem frühzei­ti­gen Ein­grei­fen ei­ne Sch­ließung der Sta­ti­on ver­mie­den wer­den können (vgl. Bl. 85 d. A.).
Wei­ter­hin be­haup­tet die Be­klag­te der Kläger ha­be es auch un­ter­las­sen er­for­der­li­che Maßnah­men für die Sta­ti­on 4027 und Sta­ti­on 4028 ein­zu­lei­ten (z. B. Sch­ließung der Sta­ti­on) (vgl. Bl. 86 d. A.). Da­durch sei ei­ne struk­tu­rier­te Aufklärung des In­fek­ti­ons­herds verzögert wor­den. Nach dem 29.06.2011 auf­ge­nom­me­ne Kin­der sei­en hier­durch gefähr­det wor­den. Es sei die vor­dring­lichs­te Auf­ga­be des Klägers als Chef­arzt ge­we­sen die Pa­ti­en­ten­si­cher­heit zu gewähr­leis­ten. Auch die im In­for­ma­ti­ons­be­richt von Herrn Pro­fes­sor fest­ge­stell­ten Do­ku­men­ta­ti­onsmängel der Sta­ti­ons­ord­ner sei­en dem Kläger als zuständi­gen Chef­arzt an­zu­las­ten. Erst am 08.11.2011 sei das Auf­tre­ten von ESBL Kei­men vor dem 22. Ju­li 2011 be­kannt ge­we­sen. Hier­auf an­ge­spro­chen ha­be der Kläger am 08.11.2011 zu die­sen Fällen kei­ne Aus­kunft ge­ben können. Der Kläger ha­be da­her nur un­zuläng­lich an der Aufklärung in­ner­halb des Kri­sen­stabs mit­ge­wirkt. Der Kläger ha­be durch sein Ver­hal­ten das Ver­trau­en der Öffent­lich­keit in die Ar­beit der Be­klag­ten un­wie­der­bring­lich geschädigt. Die Ge­fahr für die Funk­ti­onsfähig­keit der Be­klag­ten las­se sich nur durch ei­ne frist­lo­se hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung des Klägers ab­wen­den. Die Be­klag­te ste­he in ei­ner un­ab­wend­ba­ren Zwangs­la­ge. Im Er­geb­nis be­ste­he je­den­falls der be­rech­tig­te Ver­dacht des ge­schil­der­ten Fehl­ver­hal­tens der die Ver­dachtskündi­gun­gen recht­fer­ti­ge. Der Ver­dacht wer­de noch bestärkt durch die Ein­lei­tung des straf­recht­li­chen Er­mitt­lungs­ver­fah­rens.
Wei­ter meint die Be­klag­te ei­ne Anhörung des Be­triebs­rats sei ent­behr­lich ge­we­sen, da der Kläger als lei­ten­der An­ge­stell­ter an­zu­se­hen sei.
Da der Be­klag­ten an der Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit dem Kläger je­den­falls un­zu­mut­bar sei, sei zu­min­dest dem Auflösungs­an­trag hilfs­wei­se zu ent­spre­chen. Die Be­klag­te ver­weist in­so­weit zunächst auf ih­re Funk­ti­on als Ten­denzträger nach § 118 Be­trVG. Die Be­klag­te be­haup­tet, dass es nicht mehr möglich sei, ge­mein­sam mit dem Kläger das Miss­trau­en ver­un­si­cher­ter El­tern de­ren Kin­der im Kran­ken­haus be­han­delt wer­den müssen hin­rei­chend zu zer­streu­en. Ei­ne Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Be­reichs mit dem Kläger an der Spit­ze sei aus­ge­schlos­sen. Auch das man­geln­de Ver­trau­en auf Zu­wei­ser­sei­te (nie­der­ge­las­se­nen Kin­derärz­te) sei mit ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers nicht wie­der her­zu­stel­len. Die im Rah­men des Auflösungs­an­trags durch­zuführen­de ne­ga­ti­ve Pro­gno­se müsse zu Guns­ten der Be­klag­ten aus­ge­hen, ins­be­son­de­re bei Berück­sich­tung der Anlässe der Kündi­gun­gen und des staats­an­walt­li­chen Er­mitt­lungs­ver­fah­rens.
We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stands wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen, so­wie auf die Pro­to­kol­le nach. § 313 Abs. 2 S. 2 ZPO i. V. m. § 46 Abs. 2 ArbGG ver­wie­sen.
Die frist­lo­sen Kündi­gun­gen vom 15., 22., 29.11. und 12.12.2011 er­wei­sen sich nach § 626 Abs. 1 BGB als rechts­un­wirk­sam; die hilfs­wei­se or­dent­li­chen Kündi­gun­gen er­wei­sen sich nach § 1 Abs. 2 KSchG als so­zi­al nicht ge­recht­fer­tigt.
I. Gemäß § 626 Abs. 1 BGB kann das Ar­beits­verhält­nis aus wich­ti­gem Grund oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist gekündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­rer dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann.
1. Ein wich­ti­ger Grund zur Kündi­gung kann so­wohl in ei­ner er­heb­li­chen Ver­let­zung von ver­trag­li­chen Haupt­leis­tungs­pflich­ten als auch in der von Ne­ben­pflich­ten lie­gen (BAG 9. Ju­ni 2011, 2 AZR 284/10; 24. März 2011, 2 AZR 282/10; 10. Ju­ni 2010 - 2 AZR 541/09; 12. Mai 2010 - 2 AZR 845/08; 2. März 2006 - 2 AZR 53/05). Als Ver­trags­pflicht­ver­let­zung, die ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen ver­mag, ist ein nach­hal­ti­ger Ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers ge­gen be­rech­tig­te Wei­sun­gen des Ar­beit­ge­bers an­zu­se­hen (BAG 12. Mai 2010 - 2 AZR 845/08 - Rn. 20, aaO; KR/Fi­scher­mei­er 9. Aufl. § 626 BGB Rn. 459 mwN). Eben­so kann die er­heb­li­che Ver­let­zung der Pflicht zur Rück­sicht­nah­me auf die In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers gemäß § 241 Abs. 2 BGB ei­nen wich­ti­gen Grund iSv. § 626 Abs. 1 BGB bil­den. Der kon­kre­te In­halt die­ser Pflicht er­gibt sich aus dem je­wei­li­gen Ar­beits­verhält­nis und sei­nen spe­zi­fi­schen An­for­de­run­gen (BAG 12. Mai 2010 - 2 AZR 845/08 - aaO; 26. März 2009 - 2 AZR 953/07). 2. Bei der Prüfung, ob dem Ar­beit­ge­ber ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung des Ar­beit­neh­mers trotz Vor­lie­gens ei­ner er­heb­li­chen Pflicht­ver­let­zung je­den­falls bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist zu­mut­bar ist, ist in ei­ner Ge­samtwürdi­gung das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an der so­for­ti­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­gen das In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers an des­sen Fort­be­stand ab­zuwägen. Es hat ei­ne Be­wer­tung des Ein­zel­falls un­ter Be­ach­tung des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes zu er­fol­gen (BAG 24. März 2011, 2 AZR 282/10; 10. Ju­ni 2010 - 2 AZR 541/09).
a) Für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung gilt da­bei das Pro­gno­se­prin­zip. Der Zweck der Kündi­gung ist nicht ei­ne Sank­ti­on für ei­ne be­gan­ge­ne Ver­trags­pflicht­ver­let­zung, son­dern die Ver­mei­dung des Ri­si­kos wei­te­rer er­heb­li­cher Pflicht­ver­let­zun­gen (BAG 13. De­zem­ber 2007, 2 AZR 818/06). Die ver­gan­ge­ne Pflicht­ver­let­zung muss sich des­halb noch in der Zu­kunft be­las­tend aus­wir­ken (BAG 31. Mai 2007 - 2 AZR 200/06 , NZA 2007, 922, 12. Ja­nu­ar 2006 - 2 AZR 179/05 ). Ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se liegt vor, wenn aus der kon­kre­ten Ver­trags­pflicht­ver­let­zung und der dar­aus re­sul­tie­ren­den Ver­tragsstörung ge­schlos­sen wer­den kann, der Ar­beit­neh­mer wer­de auch zukünf­tig den Ar­beits­ver­trag nach ei­ner Kündi­gungs­an­dro­hung er­neut in glei­cher oder ähn­li­cher Wei­se ver­let­zen (ErfK/Ascheid/Oet­ker 12. Aufl. § 1 KSchG Rn. 196). Ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung kommt da­her nur in Be­tracht, wenn es kei­nen an­ge­mes­se­nen Weg gibt, das Ar­beits­verhält­nis fort­zu­set­zen, weil dem Ar­beit­ge­ber sämt­li­che mil­de­ren Re­ak­ti­onsmöglich­kei­ten un­zu­mut­bar sind (BAG 10. Ju­ni 2010 - 2 AZR 541/09; 19. April 2007 - 2 AZR 180/06). Als mil­de­re Re­ak­tio­nen sind ins­be­son­de­re Ab­mah­nung und or­dent­li­che Kündi­gung an­zu­se­hen. Sie sind dann al­ter­na­ti­ve Ge­stal­tungs­mit­tel, wenn - 12 - schon sie ge­eig­net sind, den mit der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ver­folg­ten Zweck - die Ver­mei­dung des Ri­si­kos künf­ti­ger Störun­gen - zu er­rei­chen (BAG 10. Ju­ni 2010 - 2 AZR 541/09 - aaO; KR/Fi­scher­mei­er 9. Aufl. § 626 BGB Rn. 251 mwN). Be­ruht die Ver­trags­pflicht­ver­let­zung auf steu­er­ba­rem Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers, ist grundsätz­lich da­von aus­zu­ge­hen, dass sein künf­ti­ges Ver­hal­ten schon durch die An­dro­hung von Fol­gen für den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses po­si­tiv be­ein­flusst wer­den kann (BAG 10. Ju­ni 2010 - 2 AZR 541/09 - Rn. 36, aaO; Schlach­ter NZA 2005, 433, 436). Or­dent­li­che und außer­or­dent­li­che Kündi­gung we­gen ei­ner Ver­trags­pflicht­ver­let­zung set­zen des­halb re­gelmäßig ei­ne Ab­mah­nung vor­aus. Sie dient zu­gleich der Ob­jek­ti­vie­rung der ne­ga­ti­ven Pro­gno­se (BAG 10. Ju­ni 2010 - 2 AZR 541/09 - aaO; 23. Ju­ni 2009 - 2 AZR 283/08 - Rn. 14 mwN,). b) Nach dem Verhält­nismäßig­keits­grund­satz ist des­halb ei­ne Kündi­gung nicht ge­recht­fer­tigt, wenn es mil­de­re Mit­tel gibt, ei­ne Ver­tragsstörung zukünf­tig zu be­sei­ti­gen (BAG 10. Ju­ni 2010 - 2 AZR 541/09). Die­ser As­pekt hat durch die Re­ge­lung des § 314 Abs. 2 BGB iVm. § 323 Abs. 2 BGB ei­ne ge­setz­ge­be­ri­sche Bestäti­gung er­fah­ren. Ei­ner Ab­mah­nung be­darf es in An­se­hung des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes des­halb nur dann nicht, wenn ei­ne Ver­hal­tensände­rung in Zu­kunft selbst nach Ab­mah­nung nicht zu er­war­ten steht oder es sich um ei­ne so schwe­re Pflicht­ver­let­zung han­delt, dass ei­ne Hin­nah­me durch den Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich - auch für den Ar­beit­neh­mer er­kenn­bar - aus­ge­schlos­sen ist (BAG 10. Ju­ni 2010 - 2 AZR 541/09 aaO; vgl. auch BAG 23. Ju­ni 2009 - 2 AZR 103/08 - Rn. 33).
3. Un­ter Zu­grun­de­le­gung die­ser Grundsätze er­wei­sen sich die streit­ge­genständ­li­chen Kündi­gun­gen so­wohl als frist­lo­se als auch als or­dent­li­che Kündi­gung als un­verhält­nismäßig. Da­bei kann im Er­geb­nis da­hin­ste­hen, ob der Kläger das gehäuf­te Auf­tre­ten von ESBL Kei­men auf den Sta­tio­nen 4027 und 4028 zunächst fach­lich falsch ein­geschätzt hat, und er bei kor­rek­ter fach­li­cher Einschätzung das Ge­sund­heits­amt früher hätte in­for­mie­ren müssen. Ein sol­ches Fehl­ver­hal­ten des Klägers er­weist sich zwar als an sich ge­eig­net ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne des § 626 Abs. 1 BGB dar­zu­stel­len; an­ge­sichts des dar­ge­leg­ten Pro­gno­se­prin­zips und auch im Rah­men der ge­bo­te­nen In­ter­es­sen­abwägung er­weist sich die­ses Ver­hal­ten je­doch als nicht der­art schwer­wie­gend, dass es die Be­en­di­gungskündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers recht­fer­ti­gen könn­te. Für die im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren al­lein maßgeb­li­chen ar­beits­recht­li­chen Grundsätze kommt es nicht auf ei­ne Sank­ti­on für ei­ne in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de Ver­trags­pflicht­ver­let­zung an son­dern dar­auf, ob ei­ne et­wai­ge ver­gan­ge­ne Pflicht­ver­let­zung sich auch in Zu­kunft der­art be­las­tend auf das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen dem Kläger und der Be­klag­ten aus-
- 13 - wirkt, dass der Be­klag­ten ei­ne Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu den ar­beits­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann (BAG 13. De­zem­ber 2007, 2 AZR 818/06; 31. Mai 2007 - 2 AZR 200/06 , NZA 2007, 922, 12. Ja­nu­ar 2006 - 2 AZR 179/05). Ei­ne ne­ga­ti­ve Zu­kunfts­pro­gno­se hin­sicht­lich des ver­trags­treu­en Ver­hal­tens des Klägers kann mit­hin grundsätz­lich nur dann an­ge­nom­men wer­den, wenn ein Fehl­ver­hal­ten aus der Ver­gan­gen­heit ob­jek­tiv ge­eig­net ist die Pro­gno­se zu recht­fer­ti­gen, der Kläger wer­de auch in Zu­kunft den Ar­beits­ver­trag in glei­cher oder ähn­li­cher Wei­se ver­let­zen. Da­bei geht die er­ken­nen­de Kam­mer da­von aus, dass der Vor­wurf der Be­klag­ten ge­genüber dem Kläger, er ha­be das gehäuf­te Auf­tre­ten der ESBL Kei­me auf den Sta­tio­nen 4027 und 4028 fachärzt­lich falsch ein­geschätzt, um ein steu­er­ba­res Ver­hal­ten han­delt. Es ist zum Ei­nen nicht er­sicht­lich dass der Kläger vorsätz­lich ge­han­delt ha­ben könn­te oder ihm die er­for­der­li­che Fach­kun­de fehlt, ein gehäuf­tes Auf­tre­ten von Kei­men als mel­de­pflich­ti­gen Aus­bruch be­wer­ten zu können. Da­her war im vor­lie­gen­den Fall ei­ne Ab­mah­nung er­for­der­lich, um hier­durch ei­ne Ob­jek­ti­vie­rung der ne­ga­ti­ven Pro­gno­se zu ermögli­chen (vgl. BAG 10. Ju­ni 2010, 2 AZR 541/09 aaO). Ei­ne et­wai­ge Fehl­einschätzung des Klägers er­weist sich vor­lie­gend nicht als der­art schwer­wie­gend, dass der vor­he­ri­ge Aus­spruch ei­ner Ab­mah­nung ent­behr­lich ge­we­sen wäre. Der Kläger muss­te in Er­man­ge­lung ei­ner vor­her­ge­hen­den Kündi­gungs­an­dro­hung auch im Fal­le ei­ner un­ter­stell­ten Fehl­einschätzung nicht mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses sei­tens der Be­klag­ten rech­nen. Da­bei ist nicht nur auf die Fol­gen ei­nes sol­chen et­wai­gen Fehl­ver­hal­tens des Klägers, son­dern auch auf die Vor­her­seh­bar­keit der Fol­gen, die Schwe­re des Fehl­ver­hal­tens und die persönli­che schuld­haf­te Vor­werf­bar­keit die­ses Fehl­ver­hal­tens ab­zu­stel­len. Maßgeb­lich ist da­bei auf den Zeit­punkt des mögli­chen Fehl­ver­hal­tens ab­zu­stel­len. Vor­lie­gend kann da­her nicht im Rah­men ei­ner rück­bli­cken­den Be­trach­tung al­lein auf die schwer­wie­gen­den Fol­gen des Kei­maus­bruchs ab­ge­stellt wer­den. Dass die­se mas­si­ven Fol­gen für den Kläger (oder an­de­re Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten) zum frag­li­chen Zeit­punkt al­so vor dem 07.09.2011 (Mel­dung durch die Oberärz­tin der Sta­ti­on 4027) in die­sem Um­fang ab­seh­bar ge­we­sen wäre, ist für die er­ken­nen­de Kam­mer nicht er­sicht­lich. Es ist auch nicht er­sicht­lich, dass die­se Fol­gen adäquat kau­sal durch ein et­wai­ges ver­späte­tes Mel­den des Kei­maus­bru­ches an das Ge­sund­heits­amt ver­ur­sacht wur­den. An ei­ner sol­chen Kau­sa­lität be­ste­hen für die er­ken­nen­de Kam­mer ins­be­son­de­re im Hin­blick auf das er­neu­te Auf­tre­ten von Kei­men nach der frist­lo­sen Kündi­gung des Klägers er­heb­li­che Be­den­ken. Es ist auch nicht er­sicht­lich, dass ei­ne et­wai­ge ver­späte­te Mel­dung durch den Kläger ei­ne un­mit­tel­bar ursächli­che Wir­kung für den Tod von drei Frühge­bo­re­nen auf den Sta­tio­nen 4027 und 4028 hat­te. Im Rah­men der ge­bo­te­nen Zu­kunfts­pro­gno­se und der In­ter­es­sen­abwägung ist aus Sicht der er­ken­nen­den Kam­mer da­bei auch zu be­ach­ten, dass die fach­li­che Be­ur­tei­lung, wann ein mel­de­pflich­ti­ger Aus­bruch vor­liegt auf­grund der un­kla­ren Nor­men­la­ge - 14 - nicht ein­deu­tig fest­ge­legt ist. Es be­ste­hen er­heb­li­che Ab­wei­chun­gen zwi­schen der Mel­de­pflicht nach § 6 Abs. 3 S. 1 IfSG, der Emp­feh­lung des Ro­bert-Koch In­sti­tu­tes und dem Hy­gie­ne­plan der Be­klag­ten: Nach § 6 Abs. 3 S. 1 IfSG ist dem Ge­sund­heits­amt un­verzüglich das „gehäuf­te Auf­tre­ten no­so­ko­mia­ler In­fek­tio­nen, bei de­nen ein epi­de­mi­scher Zu­sam­men­hang wahr­schein­lich ist oder ver­mu­tet wird, als Aus­bruch nicht na­ment­lich zu mel­den“. Gemäß § 2 Nr. 8 IfSG ist ei­ne no­so­ko­mia­le In­fek­ti­on „ei­ne In­fek­ti­on mit lo­ka­len oder sys­te­mi­schen In­fek­ti­ons­zei­chen ei­ne Re­ak­ti­on auf das Vor­han­den­sein von Er­re­gern oder ih­rer To­xi­ne, die im zeit­li­chen Zu­sam­men­hang mit ei­ner sta­ti­onären oder ei­ner am­bu­lan­ten me­di­zi­ni­schen Maßnah­me steht, so­weit die In­fek­ti­on nicht be­reits vor­her be­stand“. Ei­ne In­fek­ti­on ist nach § 2 Nr. 2 IfSG „die Auf­nah­me ei­nes Krank­heits­er­re­gers und sei­ne nach­fol­gen­de Ent­wick­lung und Ver­meh­rung im men­sch­li­chen Or­ga­nis­mus“. Aus­weis­lich E Zif­fer 2 des Hy­gie­ne­plans der Be­klag­ten vom 7. De­zem­ber 2006, an dem der Kläger sei­ner­seits in sei­ner Ei­gen­schaft als stell­ver­tre­ten­der ärzt­li­cher Geschäftsführer mit­ge­wirkt hat, liegt ei­ne epi­de­mi­sche Kran­ken­haus­in­fek­ti­on gemäß In­fek­ti­ons­schutz­ge­setz dann vor, „wenn In­fek­tio­nen mit ein­heit­li­chem Er­re­ger­typ im zeit­li­chen, ört­li­chen und kau­sa­lem Zu­sam­men­gang mit ei­nem Kran­ken­haus­auf­ent­halt nicht nur ver­ein­zelt (zwei oder mehr als zwei) auf­tre­ten, al­so ein epi­de­mio­lo­gi­scher Zu­sam­men­hang wahr­schein­lich oder ver­mu­tet wird.“ Nach dem Hy­gie­ne­plan ist so­mit ein zeit­li­cher und ört­li­cher so­wie ein kau­sa­ler Zu­sam­men­hang er­for­der­lich. Dem­ge­genüber de­fi­nier­te das Ro­bert-Koch In­sti­tut in sei­nem Zwi­schen­be­richt vom 29.11.2011 (Bl. 160 d. A.) ei­ne Kleb­si­el­le­n­in­fek­ti­on als „Kleb­si­el­lens­ep­sis oder In­fek­ti­on, die mit ei­nem Car­ba­pe­nem be­han­delt wur­de“. Die­se un­ter­schied­li­chen De­fi­ni­tio­nen zei­gen, dass die Fest­stel­lung ei­nes mel­de­pflich­ti­gen Kei­maus­bruchs nicht ein­heit­lich de­fi­niert ist. Der Kläger hat in der Haupt­ver­hand­lung am 23.05.2012 un­be­strit­ten dar­ge­tan, dass ein mel­de­pflich­ti­ger Aus­bruch nur dann an­zu­neh­men sei, wenn ein zeit­li­cher und räum­li­cher Zu­sam­men­hang be­ste­he, wo­bei ein zeit­li­cher Zu­sam­men­hang un­ter­schied­lich be­wer­tet wer­de un­ter an­de­rem in­ner­halb von 14 Ta­gen. Selbst wenn im Er­geb­nis der Kläger früher ge­genüber dem Ge­sund­heits­amt hätte Mel­dung ma­chen müssen, weil er ver­pflich­tet ge­we­sen wäre, auf die in­so­weit en­ge­re De-
- 15 - fi­ni­ti­on des Ro­bert-Koch In­sti­tuts ab­zu­stel­len, er­weist sich ein sol­ches Fehl­ver­hal­ten nicht als der­art schwer­wie­gend, als dass es oh­ne Aus­spruch ei­ner vor­he­ri­gen Ab­mah­nung die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses recht­fer­ti­gen könn­te. So­weit die Be­klag­te meint, der Kläger hätte nicht auf die De­fi­ni­ti­on des In­fek­ti­ons­schutz­ge­set­zes oder die des ei­ge­nen Hy­gie­ne­plans zurück­grei­fen dürfen son­dern hätte be­reits früher nach Maßga­be der Emp­feh­lung des Ro­bert-Koch In­sti­tuts ei­ne Mel­dung ge­genüber dem Ge­sund­heits­amt ab­ge­ben müssen, ist nicht er­sicht­lich, dass der Kläger ei­ner ent­spre­chen­den Wei­sung der Be­klag­ten zukünf­tig nicht Fol­ge leis­ten würde. Nicht er­sicht­lich ist, dass es be­reits vor dem 07.09.2011 die aus­drück­li­che An­wei­sung ge­ge­ben hat nach der en­ge­ren De­fi­ni­ti­on des Ro­bert-Koch In­sti­tuts zu ver­fah­ren. Ins­ge­samt ist für die er­ken­nen­de Kam­mer auch nicht er­sicht­lich, wel­che Be­deu­tung ei­ne sol­che De­fi­ni­ti­on über­haupt für die Pflich­ten­stel­lung des Klägers hat­te. Aus­ge­hend von der De­fi­ni­ti­on des In­fek­ti­ons­schutz­ge­set­zes bzw. den Vor­ga­ben des Hy­gie­ne­plans der Be­klag­ten ist für die er­ken­nen­de Kam­mer je­den­falls nicht aus­zu­sch­ließen, dass der Kläger nach bes­tem fach­li­chen Wis­sen und Ge­wis­sen die Sach­la­ge be­ur­teilt hat. Soll­te die Be­klag­te zukünf­tig ein en­ge­res Vor­ge­hen ent­spre­chend der Emp­feh­lung des Ro­bert-Koch In­sti­tu­tes be­ab­sich­ti­gen, ist für die er­ken­nen­de Kam­mer nicht er­sicht­lich, dass bei ent­spre­chen­der ein­deu­ti­ger An­wei­sung der Kläger ei­ner sol­chen An­wei­sung nicht fol­gen würde. In­so­weit ist ei­ne ne­ga­ti­ve Zu­kunfts­pro­gno­se, wo­nach der Kläger ei­ner ent­spre­chend ein­deu­ti­gen Ar­beit­ge­ber­wei­sung hin­sicht­lich der Mel­dung von In­fek­tio­nen nicht nach­kom­men würde, nicht be­gründet.
4. Auch das Ver­hal­ten des Klägers nach Mel­dung durch die Oberärz­tin der Sta­ti­on 4027 am 07.09.2011 recht­fer­tigt kei­ne Kündi­gung oh­ne Aus­spruch ei­ner vor­he­ri­gen Ab­mah­nung. Dass der Kläger in er­heb­li­cher ver­trags­wid­ri­ger Wei­se ge­gen ein ge­bo­te­nes Hy­gie­ne­ma­nage­ment auf den Sta­tio­nen ver­s­toßen hat ist für die er­ken­nen­de Kam­mer an­ge­sichts des Sach­vor­trags der Par­tei­en nicht er­sicht­lich. So­weit die Be­klag­te dem Kläger la­pi­dar vor­wirft, er hätte die Sta­ti­on 4027 und ggf. auch die Sta­ti­on 4028 schließen müssen, er­weist sich die­ser Vor­wurf als zum Ei­nen wi­dersprüchlich als auch nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert. So trägt die Be­klag­te zum Ei­nen in ih­rem Schrift­satz vom 17.02.2012 (Bl. 85 d. A.) vor, dass bei ei­nem frühzei­ti­gen Ein­grei­fen ei­ne Sch­ließung der Sta­ti­on mögli­cher­wei­se hätte ver­mie­den wer­den können, an­de­rer­seits wirft die Be­klag­te auf der Fol­ge­sei­te (Bl. 86 d. A.) dem Kläger vor, ei­ne Sch­ließung der Sta­ti­on nicht ver­an­lasst zu ha­ben. Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on er­scheint der er­ken­nen­den Kam­mer nicht nach­voll­zieh­bar. An­ge­sichts der Erörte­rung im Haupt­ter­min am 23.05.2012 er­scheint der er­ken­nen­den Kam­mer ei­ne Ein­zel­ver­ant­wor­tung des Klägers zur Sch­ließung der Sta­ti­on 4027 auch zwei­fel­haft. Nach Aus­sa­ge der Geschäftsführe­rin Frau soll ei­ne Sta­ti­ons­sch­ließung in Ab­spra­che mit der Geschäfts­lei­tung er­fol­gen. Bei der Frühge­bo­re­nen­sta­ti­on (4027) ist da­bei auch zu berück-
- 16 - sich­ti­gen, dass die Frühge­bo­re­nen nicht sel­ten im Kran­ken­haus der Be­klag­ten ge­bo­ren wer­den, und so­mit auch ei­ne Auf­nah­me von Ri­si­ko­schwan­ge­ren durch die ent­spre­chen­de Sta­ti­on, die nicht der Chef­arzt­be­fug­nis des Klägers un­ter­lag, er­for­der­lich ge­we­sen wäre. Im Er­geb­nis fo­kus­siert sich auch in die­sem Rah­men der Vor­wurf der Be­klag­ten dar­auf, der Kläger hätte früher Mel­dung hin­sicht­lich ei­nes Kei­maus­bru­ches ma­chen müssen. In­so­weit kann auf die obi­gen Ausführun­gen ver­wie­sen wer­den.
5. Der Um­stand dass der Kläger auf Nach­fra­ge im Rah­men der Sit­zung des Kri­sen­stabs am Vor­mit­tag des 08.11.2011 nicht ad hoc in der La­ge ge­we­sen sein soll über mögli­che In­fek­ti­onsfälle vor dem 01.07.2011 zu be­rich­ten recht­fer­tigt eben­falls nicht den Aus­spruch ei­ner Be­en­di­gungskündi­gung oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung. An­ge­sichts der Auf­ga­benfülle des Klägers und der ent­spre­chen­den Auf­ga­ben­ver­tei­lung er­scheint der er­ken­nen­den Kam­mer zunächst frag­lich, ob der Kläger zu die­sem Zeit­punkt oh­ne vor­he­ri­gen Hin­weis über­haupt Ver­an­las­sung hat­te, ent­spre­chen­de Nach­for­schun­gen über In­fek­ti­onsfälle vor dem 01.07.2011 an­zu­stel­len. Da­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass im Rah­men der Ar­beits­tei­lung nicht der Kläger son­dern die Ärz­te vor Ort so­wohl für die Fest­stel­lung als auch die Do­ku­men­ta­ti­on von auf­tre­ten­den ESBL Fällen zuständig wa­ren. Wei­ter ist zu berück­sich­ti­gen, dass das Auf­tre­ten von ESBL Kei­men je­den­falls auf der In­ten­siv­sta­ti­on häufi­ger auf­tritt. Nach dem oben dar­ge­leg­ten Sach­ver­halt setzt ein mel­de­pflich­ti­ger Aus­bruch bzw. ein gehäuf­tes Auf­tre­ten so­wohl ei­nen räum­li­chen als auch ei­nen zeit­lich na­hen Zu­sam­men­hang vor­aus. Die­ser war an­ge­sichts der Auf­tei­lun­gen auf die Sta­tio­nen 4027 und 4028 zunächst in räum­li­cher Hin­sicht nicht oh­ne wei­te­res her­zu­stel­len. Selbst wenn dem Kläger die Pflicht ob­lag, die Sta­ti­ons­ord­ner der Sta­tio­nen 4027 und 4028 re­gelmäßig ab­glei­chen zu müssen, stellt sich ein sol­ches Versäum­nis im We­sent­li­chen als ein Or­ga­ni­sa­ti­ons- und Über­wa­chungs­versäum­nis dar, das nicht als der­art schwer­wie­gend ge­wer­tet wer­den kann, dass es im Rah­men der oben ge­nann­ten Grundsätze oh­ne vor­he­ri­gen Aus­spruch ei­ner Ab­mah­nung ei­ne Kündi­gung recht­fer­ti­gen könn­te. Darüber hin­aus hat der Kläger für die er­ken­nen­de Kam­mer im Anhörungs­ter­min am 23.05.2012 plau­si­bel dar­ge­legt, dass es ihm auf­grund der Fülle sei­ner Auf­ga­ben und der Fo­kus­sie­rung sei­ner Chef­arzttätig­keit auch im Ta­ges­geschäft nicht möglich ge­we­sen sei, sich an die Mel­dung ein­zel­ner Fälle zu er­in­nern, und er da­her auf­grund der fak­ti­schen Verhält­nis­se nicht in der La­ge ge­we­sen sei ent­spre­chen­de räum­li­che und zeit­li­che Nähe her­zu­stel­len. Dies er­scheint der er­ken­nen­den Kam­mer plau­si­bel und nach­voll­zieh­bar. Für die er­ken­nen­de Kam­mer ist nicht er­sicht­lich, dass es sich bei dem Kläger um die zen­tra­le Po­si­ti­on han­del­te, an der die In­for­ma­tio­nen der ein­zel­nen ESBL Fälle zu­sam­men­lie­fen. Nach den Schil­de­run­gen in der Haupt­ver­hand­lung am 23.05.2012 hat die er­ken­nen­de Kam­mer eher den Ein­druck ge­won­nen, dass die In­for­ma­tio­nen der ein­zel­nen ESBL Fälle zen­tral im Hy­gi­en-
- 17 - ein­sti­tut zu­sam­men­lie­fen. Al­lein der Um­stand, dass der Kläger mögli­cher­wei­se am 08.11.2011 auf die ihm so­weit für die er­ken­nen­de Kam­mer er­sicht­lich erst­mals ge­stell­te Fra­ge hin­sicht­lich ei­nes Zu­sam­men­hangs von Fällen vor dem 01.07.2011 nicht so­fort sprachfähig war kann da­her ei­ne Be­en­di­gungskündi­gung oh­ne den Aus­spruch ei­ner vor­he­ri­gen Ab­mah­nung nicht recht­fer­ti­gen. 6. Auch die E-Mail des Klägers vom 8. Sep­tem­ber 2011 (Bl. 96 d. A.) recht­fer­tigt nicht den Aus­spruch ei­ner Be­en­di­gungskündi­gung oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung. Die­se E-Mail könn­te ge­eig­net sein, den Ein­druck, der Kläger ha­be zum frag­li­chen Zeit­punkt das Maß der ESBL Keimhäufung un­terschätzt bzw. falsch ein­geschätzt, zu verstärken. Die­ses für sich ge­nom­men recht­fer­tigt nach den oben dar­ge­leg­ten Erläute­run­gen je­doch nicht den Aus-spruch ei­ner Be­en­di­gungskündi­gung. Die­se E-Mail enthält kein aus­drück­li­ches Ver­bot ge­genüber Mit­ar­bei­tern das Ge­sund­heits­amt zu in­for­mie­ren. Der Kläger gibt mit der E-Mail viel­mehr sei­ne fachärzt­li­che Einschätzung ab, wo­nach „sei­ner An­sicht nach“ bis­her kein Aus­bruch vor­lie­ge und da­her ei­ne Be­nach­rich­ti­gung des Ge­sund­heits­am­tes noch nicht zu er­fol­gen ha­be. Dass der Kläger vorsätz­lich oder fahrlässig in Ver­ken­nung der tatsächli­chen Si­tua­ti­on Mit­ar­bei­ter von ei­ner Mel­dung an das Ge­sund­heits­amt ab­hal­ten woll­te ver­mag die er­ken­nen­de Kam­mer in der E-Mail nicht zu er­ken­nen. Die­se E-Mail mag zwar in der heu­ti­gen ex post Be­trach­tung feh­ler­haft ge­we­sen sein, zum Zeit­punkt der E-Mail konn­te an­ge­sichts der un­ter­schied­li­chen De­fi­ni­tio­nen und Vor­ga­ben die Einschätzung des Klägers nicht als gänz­lich un­ver­tret­bar an­ge­se­hen wer­den. 7. Zu­sam­men­fas­send er­weist sich so­mit ein et­wai­ges Fehl­ver­hal­ten des Klägers nicht als der­art schwer­wie­gend, dass der Aus­spruch ei­ner Be­en­di­gungskündi­gung oh­ne vor­he­ri­ge ein­schlägi­ge Ab­mah­nung ge­recht­fer­tigt er­scheint. Da­bei ver­kennt die er­ken­nen­de Kam­mer nicht die er­heb­li­chen und fa­ta­len Fol­gen die sich aus den Kei­maus­brüchen er­ge­ben ha­ben. Nicht ob­jek­tiv fest­ge­stellt wer­den kann da­bei je­doch, dass die­se Fol­gen un­mit­tel­bar kau­sal auf ein Fehl­ver­hal­ten des Klägers zurück­zuführen sind. Zwar ist der Kläger in sei­ner Po­si­ti­on als Chef­arzt der Sta­ti­on 4027 mit­ver­ant­wort­lich für die Ge­scheh­nis­se im Rah­men des Kei­maus­bruchs. Die­se Ge­scheh­nis­se können je­doch nicht mo­no­k­au­sal al­lein dem Kläger zu­ge­rech­net wer­den. Der Ver­ur­sa­chungs­bei­trag des Klägers er­weist sich ge­genüber der Ar­beit­ge­be­rin - und al­lein die­ses Verhält­nis zwi­schen Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber ist im Rah­men der Be­ur­tei­lung der streit­ge­genständ­li­chen Kündi­gun­gen maßgeb­lich - nicht als der­art schwer­wie­gend, dass der Aus­spruch der Kündi­gun­gen ge­recht­fer­tigt er­scheint. Da­bei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass der Kläger nach Be­kannt­wer­den des Aus­maßes des Kei­maus­bru­ches nicht ver­sucht hat, sei­ne et­wai­ge Fehl­einschätzung zu ver­schlei­ern. Der Kläger hat viel­mehr auch im Haupt­ter­min am 23.05.2012 sei­ne fach-
- 18 - li­che Einschätzung wann ein mel­de­pflich­ti­ger Aus­bruch vor­liegt dar­ge­legt und sei­ne Rol­le im Zu­sam­men­hang mit den Ge­scheh­nis­sen im Ein­zel­nen nach­voll­zieh­bar und glaub­haft dar­ge­legt.
8. Ob dem Kläger über den Ar­beits­ver­trag hin­aus ei­ne Ver­pflich­tung als „Hy­gie­ne­be­auf­trag­ter“ nach dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan zu­kam ist für die Be­ur­tei­lung der Zu­kunfts­pro­gno­se hin­sicht­lich der Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses nach den ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Be­din­gun­gen al­len­falls von un­ter­ge­ord­ne­ter Rol­le, da es bei der Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses primär um die Tätig­keit des Klägers als Chef­arzt der Kin­der­kli­nik geht, und nicht um die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses als „Hy­gie­ne­ver­ant­wort­li­cher“ oder stell­ver­tre­ten­der ärzt­li­cher Geschäftsführer. Im Rah­men der ne­ga­ti­ven Zu­kunfts­pro­gno­se war primär dar­auf ab­zu­stel­len, ob der Be­klag­ten an­ge­sichts ei­nes et­wai­gen Fehl­ver­hal­tens des Klägers die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu den ar­beits­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen zu­zu­mu­ten ist. Aus­weis­lich des ursprüng­li­chen Ar­beits­ver­tra­ges war der Kläger als lei­ten­der Arzt der Kin­der­kli­nik an­ge­stellt. Die Tätig­keit als Che­fart der Frühge­bo­re­nen­sta­ti­on er­folg­te zunächst nicht im Rah­men ei­ner Ver­tragsände­rung son­dern durch Auf­sichts­rats­be­schluss im Fe­bru­ar 2006. In der Ein­glie­de­rung in den Zuständig­keits­breich des Klägers könn­te ei­ne kon­klu­den­te Ver­tragsände­rung ge­se­hen wer­den, da­hin­ge­hend dass der Kläger so­mit auch ar­beits­ver­trag­lich zum Chef­arzt der Frühge­bo­re­nen­sta­ti­on ge­macht wur­de. Soll­te dies der Fall ge­we­sen sein, und wäre man der An­sicht, durch ein et­wai­ges Fehl­ver­hal­ten des Klägers auf den Sta­tio­nen 4027 und 4028 wäre der Kläger als Chef­arzt die­ser Sta­tio­nen un­ge­eig­net, wäre als ge­bo­te­nes mil­de­res Mit­tel ge­genüber ei­ner Be­en­di­gungskündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses als Chef­arzt der Kin­der­kli­nik ei­ne Ände­rungskündi­gung aus­zu­spre­chen ge­we­sen um ein et­wai­ges Ar­beits­verhält­nis des Klägers als Chef­arzt der Sta­tio­nen 4027 und 4028 zu be­en­den. Ins­ge­samt ist für die er­ken­nen­de Kam­mer nicht er­sicht­lich, dass die Ge­scheh­nis­se auf den Sta­tio­nen 4027 und 4028 und ein et­wai­ges Fehl­ver­hal­ten des Klägers im Rah­men der Kei­maus­brüche ei­ne Tätig­keit des Klägers als lei­ten­der Arzt der Pro­fes­sor Hess Kin­der­kli­nik unmöglich bzw. der Be­klag­ten un­zu­mut­bar ma­chen würde.
9. Im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung ist da­her fest­zu­stel­len, dass ein et­wai­ges Fehl­ver­hal­ten des Klägers im Hin­blick auf die Be­wer­tung der auf­tre­ten­den ESBL Keimfälle un­ter Be­ach­tung sei­ner Ver­pflich­tung zur Mel­dung beim Ge­sund­heits­amt als „lei­ten­der Ab­tei­lungs­arzt“ nach § 8 Abs. 1 Nr. 1 IfSG nicht der­art schwer wiegt, dass dies oh­ne vor­he­ri­gen Aus­spruch der Ab­mah­nung die Be­en­di­gungskündi­gung recht­fer­ti­gen könn­te. Zu berück­sich­ti­gen ist da­bei im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung, dass die Auf­ga­ben des Klägers sämt­lich aus dem Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Be­klag­ten stam­men. Ursprüng­lich - 19 -
be­ab­sich­tig­te die Be­klag­te für die Lei­tung der Kli­nik für Neo­na­to­lo­gie und pädia­tri­sche In­ten­siv­me­di­zin er­neut ei­nen ei­ge­nen Chef­arzt ein­zu­stel­len. Erst nach­dem der be­reits aus­gewähl­te Be­wer­ber und des­sen mögli­cher Kon­kur­rent nicht mehr zur Verfügung stan­den be­schloss die Be­klag­te die­sen Be­reich den be­reits be­ste­hen­den Ar­beits­be­reich des Klägers nämlich der Kin­der­kli­nik zu­zu­wei­sen. Hier­an wird deut­lich, dass die Auf­ga­be der Lei­tung der Kli­nik für Neo­na­to­lo­gie und pädia­tri­sche In­ten­siv­me­di­zin ei­nen so er­heb­li­chen Um­fang hat­te, dass sie den Ein­satz ei­nes ei­ge­nen Chef­arz­tes recht­fer­tig­te. Später über­trug die Be­klag­te dem Kläger wei­te­re Ver­ant­wort­lich­kei­ten im Rah­men der stell­ver­tre­ten­den Geschäftsführung. Die Be­klag­te hat, wenn auch mit Zu­stim­mung des Klägers, des­sen Auf­ga­ben- und Ver­ant­wor­tungs­be­reich seit Ver­trags­be­ginn sehr er­heb­lich aus­ge­wei­tet. Da­bei muss­te der Be­klag­ten auch be­wusst sein, dass der Kläger die­sen er­wei­ter­ten Auf­ga­ben­be­reich nicht mit der glei­chen In­ten­sität wird ausfüllen können, wie den ursprüng­lich ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Be­reich der Kin­der­kli­nik. Im In­nen­verhält­nis zwi­schen Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber muss die­ser Um­stand im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung berück­sich­tigt wer­den, weil der Ar­beit­neh­mer sämt­lich Ver­ant­wor­tung über­nimmt für Auf­ga­ben und Ver­ant­wor­tun­gen, die nach außen der Ar­beit­ge­be­rin ob­lie­gen.
II. Aus den oben ge­nann­ten Gründen er­wei­sen sich auch die hilfs­wei­se aus­ge­spro­che­nen or­dent­li­chen Kündi­gun­gen nach Maßga­be des § 1 Abs. 2 KSchG als so­zi­al nicht ge­recht­fer­tigt. Auch im Rah­men ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung ist bei ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen die Zu­kunfts­pro­gno­se hin­sicht­lich ei­ner Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses an­zu­stel­len und ei­ne In­ter­es­sen­abwägung vor­zu­neh­men. Ins­ge­samt kann da­her auf die obi­gen Ausführun­gen ver­wie­sen wer­den. III. Der Auflösungs­an­trag der Be­klag­ten war als un­be­gründet ab­zu­wei­sen. Der Auflösungs­an­trag der Be­klag­ten nach § 9 Abs. 1 S. 2 KSchG be­durf­te vor­lie­gend Gründe, die ei­ner den Be­triebs­zwe­cken dien­li­chen wei­te­ren Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Kläger und Be­klag­ten nicht er­war­ten las­sen. 1. Ei­ne sol­che Be­gründung war vor­lie­gend nicht nach § 14 Abs. 2 S. 2 KSchG ent­behr­lich, da der Kläger nicht lei­ten­der An­ge­stell­ter im Sin­ne des § 14 Abs. 2 S. 1 KSchG war, da er nicht zur selbstständi­gen Ein­stel­lung oder Ent­las­sung von Ar­beit­neh­mern be­rech­tigt war.
2. Stellt das Ge­richt in ei­nem Kündi­gungs­schutz­pro­zess fest, dass das Ar­beits­verhält­nis nicht durch die als so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt er­kann­te Kündi­gung auf­gelöst wor­den ist, hat es nach § 9 Abs. 1 Satz 2 KSchG auf An­trag des Ar­beit­ge­bers das Ar­beits­verhält­nis ge­gen Zah­lung ei­ner an­ge­mes­se­nen Ab­fin­dung auf­zulösen, wenn Gründe vor­lie­gen, die ei­ne den Be­triebs­zwe­cken dien­li­che wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar-
- 20 - beit­neh­mer nicht er­war­ten las­sen. In­so­weit geht es um die An­wen­dung ei­nes un­be­stimm­ten Rechts­be­griffs. (vgl. BAG 10. Ju­li 2008, 2 AZR 1111/06, NJW 2009, 1766-1771; 23. Ju­ni 2005 - 2 AZR 256/04; 25. No­vem­ber 1982 - 2 AZR 21/8; 14. Mai 1987 - 2 AZR 294/86 ). a) Nach der Grund­kon­zep­ti­on des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes führt ei­ne So­zi­al­wid­rig­keit der Kündi­gung zu de­ren Rechts­un­wirk­sam­keit und zum Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses. Das Kündi­gungs­schutz­ge­setz ist vor­ran­gig ein Be­stands­schutz- und kein Ab­fin­dungs­ge­setz (BAG 23. Ju­ni 2005 - 2 AZR 256/04; 30. Sep­tem­ber 1976 - 2 AZR 402/75 - BA­GE 28, 196, 200). Die­ser Grund­satz wird durch § 9 KSchG un­ter der Vor­aus­set­zung durch­bro­chen, dass - be­zo­gen auf den Auflösungs­an­trag des Ar­beit­ge­bers - ei­ne Ver­trau­ens­grund­la­ge für ei­ne sinn­vol­le Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr be­steht (BAG 23. Ju­ni 2005 - 2 AZR 256/04 - aaO un­ter Hin­weis auf die Be­gründung Re­gie­rungs­ent­wurf vom 23. Ja­nu­ar 1951 zu § 7 KSchG in: RdA 1951, 58, 64; KR/Spil­ger 9. Aufl. § 9 KSchG Rd­nr. 9) . Da hier­nach ei­ne Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses nur aus­nahms­wei­se in Be­tracht kommt, sind an die Auflösungs­gründe stren­ge An­for­de­run­gen zu stel­len (BAG 7. März 2002 - 2 AZR 158/01;14. Ja­nu­ar 1993 - 2 AZR 343/92 ; APS/Biebl 3. Aufl. § 9 KSchG Rn. 49; KR/Spil­ger § 9 KSchG Rd­nr. 52; Keßler NZA-RR 2002, 1, 7).
b) Maßgeb­li­cher Zeit­punkt für die Be­ur­tei­lung der Fra­ge, ob ei­ne den Be­triebs­zwe­cken dien­li­che wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer zu er­war­ten ist, ist der Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der Tat­sa­chen­in­stanz (BAG 29. März 1960 - 3 AZR 568/58 - BA­GE 9, 131, 134; 7. März 2002 - 2 AZR 158/01). Der Auflösungs­an­trag ist trotz sei­ner nach § 9 Abs. 2 KSchG ge­setz­lich an­ge­ord­ne­ten Rück­wir­kung auf den Kündi­gungs­zeit­punkt in die Zu­kunft ge­rich­tet. Das Ge­richt hat ei­ne Vor­aus­schau an­zu­stel­len. Im Zeit­punkt der Ent­schei­dung über den An­trag ist zu fra­gen, ob auf­grund des Ver­hal­tens des Ar­beit­neh­mers in der Ver­gan­gen­heit in Zu­kunft noch mit ei­ner den Be­triebs­zwe­cken die­nen­den wei­te­ren Zu­sam­men­ar­beit der Par­tei­en zu rech­nen ist (BAG 7. März 2002 - 2 AZR 158/01 - aaO) . Hier­in wird der Un­ter­schied zwi­schen der Auflösung nach §§ 9, 10 KSchG ge­genüber ei­ner Über­prüfung der Kündi­gung nach § 1 KSchG deut­lich. Für die Fra­ge der Rechts­wirk­sam­keit der Kündi­gung nach § 1 KSchG ist ent­schei­dend, ob Umstände vor­lie­gen, die im Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gungs­erklärung die Kündi­gung als wirk­sam er­schei­nen las­sen. Es ist ei­ne rück­schau­en­de Be­wer­tung die­ser Gründe vor­zu­neh­men, später ein­ge­tre­te­ne Umstände sind grundsätz­lich nicht mehr ein­zu­be­zie­hen ( BAG 29. März 1960 - 3 AZR 568/58 - aaO; 23. Ju­ni 2005 - 2 AZR 256/04 ). § 9 KSchG be­trifft hin­ge­gen die künf­ti­ge Ge­stal­tung der Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen den Par­tei­en. Es geht um die Würdi­gung, ob die zum Zeit­punkt der ab­sch­lie-
ßen­den Ent­schei­dung in der Tat­sa­chen­in­stanz ge­ge­be­nen Umstände ei­ne künf­ti­ge ge­deih­li­che Zu­sam­men­ar­beit noch er­war­ten las­sen. We­gen die­ses an­de­ren zeit­li­chen Be­ur­tei­lungs­an­sat­zes ist es ge­ra­de auch denk­bar, dass mögli­che Auflösungs­gründe ihr Ge­wicht wie­der ver­lie­ren, weil die tatsächli­chen oder recht­li­chen Umstände sich im Zeit­punkt der ab­sch­ließen­den Ent­schei­dung geändert ha­ben. Hier­in liegt kei­ne un­ge­recht­fer­tig­te Be­nach­tei­li­gung der den Auflösungs­an­trag stel­len­den Par­tei, die auf die Dau­er ei­nes Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens nur be­grenzt Ein­fluss hat. So­weit et­wai­ge Auflösungs­gründe das Ge­wicht ei­nes Kündi­gungs­grun­des er­rei­chen, steht es auch dem Ar­beit­ge­ber frei, ei­ne (wei­te­re) Kündi­gung aus­zu­spre­chen (vgl. KR/Spil­ger § 9 KSchG Rd­nr. 52). Die­se ist dann - un­abhängig vom Zeit­punkt der ge­richt­li­chen Ent­schei­dung - wie­der­um nach den Verhält­nis­sen zum Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gungs­erklärung zu be­ur­tei­len. Der Sinn der Auflösung nach § 9 Abs. 1 Satz 2 KSchG be­steht eben nicht dar­in, dem Ar­beit­ge­ber ei­ne wei­te­re Kündi­gung zu er­spa­ren (KR/Spil­ger § 9 KSchG Rn. 53; Keßler NZA-RR 2002, 1, 8). Die Re­ge­lung bie­tet viel­mehr ne­ben dem ei­gent­li­chen kündi­gungs­recht­li­chen In­stru­men­ta­ri­um nur ei­ne zusätz­li­che Lösungsmöglich­keit (BAG 23. Ju­ni 2005 - 2 AZR 256/04 - aaO). c) Als Auflösungs­gründe für den Ar­beit­ge­ber gemäß § 9 Abs. 1 Satz 2 KSchG kom­men sol­che Umstände in Be­tracht, die das persönli­che Verhält­nis zum Ar­beit­neh­mer, die Wer­tung sei­ner Persönlich­keit, sei­ner Leis­tung oder sei­ner Eig­nung für die ihm ge­stell­ten Auf­ga­ben und sein Verhält­nis zu den übri­gen Mit­ar­bei­tern be­tref­fen. Die Gründe, die ei­ne den Be­triebs­zwe­cken dien­li­che wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen den Ver­trags­part­nern nicht er­war­ten las­sen, müssen al­ler­dings nicht im Ver­hal­ten, ins­be­son­de­re nicht im schuld­haf­ten Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen. Viel­mehr kommt es dar­auf an, ob die ob­jek­ti­ve La­ge beim Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung in der Tat­sa­chen­in­stanz beim Ar­beit­ge­ber die Be­sorg­nis auf­kom­men las­sen kann, dass die wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ar­beit­neh­mer gefähr­det ist (BAG 7. März 2002 - 2 AZR 158/01; KR/Spil­ger 9. Aufl. § 9 KSchG Rn. 54 mwN) . Als Auflösungs­grund ge­eig­net sind da­nach et­wa Be­lei­di­gun­gen, sons­ti­ge ehr­ver­let­zen­de Äußerun­gen oder persönli­che An­grif­fe des Ar­beit­neh­mers ge­gen den Ar­beit­ge­ber, Vor­ge­setz­te oder Kol­le­gen (BAG 23. Ju­ni 2005 - 2 AZR 256/04 ; KR/Spil­ger 9. Aufl. § 9 KSchG Rn. 56; Keßler NZA-RR 2002, 1, 9, je­weils mwN). Auch das Ver­hal­ten ei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Ar­beit­neh­mers im Kündi­gungs­schutz­pro­zess kann die Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­din­gen (BAG 7. März 2002 - 2 AZR 158/01 - AP KSchG 1969 § 9 Nr. 42 = EzA KSchG § 9 nF Nr. 45; ein­schränkend et­wa KR/Spil­ger 9. Aufl. § 9 KSchG Rn. 56; Kitt­ner/Däubler/Zwan­zi­ger-Zwan­zi­ger KSchR 7. Aufl. § 9 KSchG Rn. 21) . Dies gilt - 22 -
auch für von ihm nicht ver­an­lass­te Erklärun­gen des Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten je­den­falls dann, wenn der Ar­beit­neh­mer sich die­se zu ei­gen macht und sich auch nachträglich nicht hier­von dis­tan­ziert. Zu berück­sich­ti­gen ist al­ler­dings, dass ge­ra­de Erklärun­gen im lau­fen­den Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren durch ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers ge­deckt sein können (BAG 23. Ju­ni 2005 - 2 AZR 256/04 - aaO). d) Liegt ein Grund vor, der an sich zur Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­eig­net er­scheint, so muss in ei­nem zwei­ten Schritt ge­prüft wer­den, ob in An­be­tracht der kon­kre­ten be­trieb­li­chen Umstände noch ei­ne den Be­triebs­zwe­cken dien­li­che Zu­sam­men­ar­beit möglich ist (APS/Biebl 3. Aufl. § 9 KSchG Rn. 50). So kann ein zwi­schen­zeit­lich ein­ge­tre­te­ner Wan­del der be­trieb­li­chen Verhält­nis­se - bei­spiels­wei­se der Aus­tausch von Vor­ge­setz­ten oder ei­ne Verände­rung in der Be­leg­schafts­struk­tur - Berück­sich­ti­gung fin­den (KR/Spil­ger 8. Aufl. § 9 KSchG Rn. 56; Keßler NZA-RR 2002, 1, 8). Dies folgt schon aus dem zu­kunfts­be­zo­ge­nen Zweck der Auflösung (BAG 23. Ju­ni 2005 - 2 AZR 256/04). Bei der An­wen­dung des § 9 KSchG sind die wech­sel­sei­ti­gen Grund­rechts­po­si­tio­nen des be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­bers und des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen und ab­zuwägen. So dürfen der ge­richt­li­chen Durch­set­zung von Grund­rechts­po­si­tio­nen kei­ne prak­tisch unüber­wind­li­chen Hin­der­nis­se ent­ge­gen­ge­setzt wer­den (vgl. BVerfG 16. No­vem­ber 1993 - 1 BvR 258/86 - BVerfGE 89, 276, 289). Die Ver­tei­lung der Dar­le­gungs- und Be­weis­last darf den durch ein­fach­recht­li­che Nor­men be­wirk­ten Schutz grund­recht­li­cher Gewähr­leis­tun­gen nicht leer­lau­fen las­sen (BVerfG 22. Ok­to­ber 2004 - 1 BvR 1944/01 - AP KSchG 1969 § 9 Nr. 49 = EzA KSchG § 9 nF Nr. 49). 3. Un­ter Zu­grun­de­le­gung die­ser Grundsätze er­weist sich der vor­lie­gen­de Auflösungs­an­trag der Be­klag­ten als un­be­gründet.
a) Da­bei kann im Er­geb­nis da­hin­ste­hen, ob die Be­klag­te ei­ne ka­ri­ta­ti­ve Ein­rich­tung Ten­denz­be­trieb im Sin­ne des § 118 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG ist, da vor­lie­gend nicht er­sicht­lich ist, dass der Kläger durch sein Ver­hal­ten ge­gen ei­ne sol­che ka­ri­ta­ti­ve Aus­rich­tung der Be­klag­ten ver­s­toßen ha­ben könn­te. So­weit sich die Be­klag­te dar­auf be­ru­fen woll­te, der Kläger ha­be durch sein Fehl­ver­hal­ten Le­ben von Pa­ti­en­ten gefähr­det und sei da­mit dem ei­gent­li­chen Be­triebs­zweck des Kran­ken­hau­ses ent­ge­gen­ge­tre­ten, hat dies mit der ka­ri­ta­ti­ven Aus­rich­tung und da­mit mit der Ten­den­zei­gen­schaft im Sin­ne des § 118 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG nichts zu tun. b) Die Be­klag­te kann sich auch nicht auf ei­ne et­wai­ge Druck­si­tua­ti­on ge­genüber der Öffent­lich­keit be­ru­fen. Zu­zu­stim­men ist der Be­klag­ten da­bei, dass das Ver­trau­en in der Öf-
- 23 - fent­lich­keit hin­sicht­lich der Funk­ti­onsfähig­keit und Verläss­lich­keit ei­nes Kran­ken­hau­ses un­erläss­li­che Geschäfts­grund­la­ge für den Be­trieb ei­nes Kran­ken­hau­ses ist. Vor­lie­gend war die­ses Ver­trau­en durch das gehäuf­te Auf­tre­ten der ESBL Kei­me und dem dar­aus re­sul­tie­ren­den Tod von min­des­tens drei Frühge­bo­re­nen in der Öffent­lich­keit er­heb­lich erschüttert. Al­ler­dings war auch für die Öffent­lich­keit er­sicht­lich, dass der Aus­bruch der ESBL Kei­me nicht al­lein auf ein et­wai­ges Fehl­ver­hal­ten des Klägers zurück geführt wer­den konn­te. Ins­be­son­de­re die nach dem Aus­schei­den des Klägers auf­ge­tre­te­nen und in der Öffent­lich­keit be­kannt ge­wor­de­nen Fälle be­le­gen, dass die Ent­las­sung des Klägers nicht ge­eig­net war, zu ei­ner Be­ru­hi­gung in der Öffent­lich­keit zu führen. Die Be­klag­te kann sich auch nicht dar­auf be­ru­fen, dass die Zu­wei­ser, al­so ins­be­son­de­re nie­der­ge­las­se­ne Kin­derärz­te, Druck auf die Be­klag­te ma­chen, den Kläger nicht wei­ter zu beschäfti­gen, da sie an­sons­ten Pa­ti­en­ten nicht mehr der Kin­der­kli­nik zu­wei­sen würden. Ganz im Ge­gen­teil ha­ben sich ei­ne Viel­zahl nie­der­ge­las­se­ner Kin­derärz­te ve­he­ment in der Öffent­lich­keit für ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung bzw. Wie­der­ein­stel­lung des Klägers als Chef­arzt der Kin­der­kli­nik ein­ge­setzt. Im Er­geb­nis kann sich die Be­klag­te da­her al­lein auf die Ge­scheh­nis­se die auch den Kündi­gun­gen zu­grun­de lie­gen be­ru­fen. Da­bei ist es auch zulässig sich auf das staats­an­walt­li­che Er­mitt­lungs­ver­fah­ren als verstärken­des Mo­ment zu be­ru­fen (BAG 23. Ok­to­ber 2008, 2 AZR 483/07). Ins­ge­samt konn­te je­doch vor­lie­gend kein der­art schwer­wie­gen­des Fehl­ver­hal­ten des Klägers fest­ge­stellt wer­den, das oh­ne Aus­spruch ei­ner vor­he­ri­gen Ab­mah­nung den Aus­spruch ei­ner Kündi­gung ge­recht­fer­tigt hätte. Für die er­ken­nen­de Kam­mer ist wie be­reits oben dar­ge­legt, nicht er­sicht­lich, dass ei­ne wei­te­re Tätig­keit des Klägers als Chef­arzt der Kin­der­kli­nik der Be­klag­ten an­ge­sichts der Ge­scheh­nis­se der Ver­gan­gen­heit un­zu­mut­bar ist. So­weit sich die Be­klag­te dar­auf be­ruft das zukünf­tig ein Be­trei­ben „die­ses Be­reichs“ mit dem Kläger nicht möglich sei, be­zieht sich die­ser Hin­weis wohl we­ni­ger auf die Kin­der­kli­nik als die Wie­der­ein­rich­tung ei­ner Frühge­bo­re­nen­in­ten­siv­sta­ti­on. Hier­auf ist die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses primär aber nicht ge­rich­tet. Der­zeit be­steht ei­ne Frühge­bo­re­nen­in­ten­siv­sta­ti­on nicht, und die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­zieht sich der­zeit al­lein auf die ursprüng­li­che ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te Tätig­keit als Chef­arzt der Kin­der­kli­nik. Soll­te zukünf­tig wie­der ei­ne Frühge­bo­re­nen­in­ten­siv­sta­ti­on bei der Be­klag­ten be­trie­ben wer­den, bedürf­te ei­ne Ver­mei­dung der Tätig­keit des Klägers als Chef­arzt die­ser Sta­ti­on im Er­geb­nis nicht der Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses als Chef­arzt der Kin­der­kli­nik. Soll­ten die Par­tei­en bei Zu­wei­sung der Kli­nik für Neo­na­to­lo­gie und pädia­tri­sche In­ten­siv­me­di­zin den Ar­beits­ver­trag kon­klu­dent auf die­sen Be­reich er­wei­tert ha­ben, wäre ei­ne Ände­rungskündi­gung da­hin­ge­hend, dass nur das Ar­beits­verhält­nis für die Frühge­bo­re­nen­sta­ti­on be­en­det wird vor­ran­gig ge­genüber ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ins­ge­samt, al­so auch als Chef­arzt der Kin­der­kli­nik. Ins­ge­samt ver­mag die er­ken­nen­de Kam­mer da­her kei­ne Gründe im Sin­ne des § 9 Abs. 1 - 24 - S. 2 KSchG zu er­ken­nen, die ei­ne wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer nicht er­war­ten las­sen. Dies gilt aus Sicht der er­ken­nen­den Kam­mer ins­be­son­de­re auch des­halb, weil je­den­falls der Geschäftsführer der über­ge­ord­ne­ten , der –un­strei­tig- die Geschäfts­lei­tung der Be­klag­ten zum Aus­spruch der Kündi­gun­gen be­wegt hat nicht mehr für die tätig ist. Dass ein Ver­trau­ens­verhält­nis zwi­schen der neu­en Geschäftsführe­rin der und dem Kläger nicht möglich sein soll­te ist für die er­ken­nen­de Kam­mer nicht er­sicht­lich.
IV: Die Kos­ten des Rechts­streits wa­ren nach § 91 Abs. 1 ZPO der Be­klag­ten als un­ter­le­ge­ner Par­tei auf­zu­er­le­gen. V. Der Wert des Streit­ge­gen­stands war gemäß § 61 Abs. 1 ArbGG im Ur­teil fest­zu­set­zen, sei­ne Höhe folgt aus § 42 GKG und 3 ff ZPO und war vor­lie­gend auf den sechs­fa­chen Brut­to­mo­nats­ver­dienst des Klägers fest­zu­set­zen.gez. m.hensche.de
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References: § 11
 § 4
 § 9
 § 6
 § 8
 § 5
 § 118
 § 313
 § 46
 § 626
 § 1
 § 626
 § 626
 § 241
 § 626
 § 1
 § 626
 § 314
 § 323
 § 626
 § 6
 § 6
 § 2
 § 2
 § 8
 § 1
 § 9
 § 14
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 § 9
 § 9
 § 7
 § 9
 § 9
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 § 9
 § 1
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 § 9
 § 118
 § 118
 § 9
 § 91
 § 61
 § 42