Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/enteignungsentschaedigung-und-der-strassenrechtliche-planfeststellungsbeschluss-347053
Timestamp: 2020-07-03 11:51:22+00:00

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Enteignungsentschädigung und der straßenrechtliche Planfeststellungsbeschluss | Rechtslupe
Ein Anspruch auf eine "ech­te" Ent­eig­nungs­ent­schä­di­gung unter­liegt hin­sicht­lich sei­nes Umfangs kei­ner Beschrän­kung oder Aus­schluss­wir­kung des stra­ßen­recht­li­chen Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses [1]. Der fach­pla­nungs­recht­li­che Aus­gleichs­an­spruch auf­grund der Plan­fest­stel­lung und die Ent­eig­nungs­ent­schä­di­gung im Sin­ne des Art. 14 Abs. 3 GG ste­hen neben­ein­an­der. Ver­langt der Eigen­tü­mer die Erfül­lung bei­der Ansprü­che, ist das Ver­bot einer Dop­pel­ent­schä­di­gung zu beach­ten.
Zum Ver­hält­nis zwi­schen der Plan­fest­stel­lung und den dort mög­li­chen Ent­schä­di­gungs­an­sprü­chen nach § 19 Abs. 5 FStrG in Ver­bin­dung mit den ein­schlä­gi­gen lan­des­recht­li­chen Ent­eig­nungs­ge­set­zen bezie­hungs­wei­se nach § 74 Abs. 2 VwVfG hat der Bun­des­ge­richts­hof aus­ge­führt, dass ein Anspruch auf eine "ech­te" Ent­eig­nungs­ent­schä­di­gung hin­sicht­lich sei­nes Umfangs kei­ner Beschrän­kung wegen einer Aus­schluss­wir­kung des stra­ßen­recht­li­chen Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses unter­liegt [2]. Ein sol­cher Ent­eig­nungs­ent­schä­di­gungs­an­spruch ent­steht auf­grund des Zugriffs auf die für die Aus­füh­rung des Stra­ßen­bau­vor­ha­bens benö­tig­ten Grund­stü­cke, der auch auf der Grund­la­ge der Plan­fest­stel­lung die Eini­gung mit dem Rechts­in­ha­ber oder die Durch­füh­rung einer Ent­eig­nung vor­aus­setzt. Der Aus­schluss pri­va­ter Rech­te bei einem unan­fecht­bar gewor­de­nen Plan­fest­stel­lungs­be­schluss zielt dem­ge­gen­über auf Ansprü­che aus Besitz oder Eigen­tum an den nicht für das Vor­ha­ben benö­tig­ten, aber durch des­sen Aus­wir­kung beein­träch­tig­ten Grund­stü­cken. Dar­aus folgt, dass der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss kei­ne Ver­bind­lich­keit für das gege­be­nen­falls nach­fol­gen­de Enteignungs(entschädigungs)verfahren hat. Das gilt unbe­scha­det des­sen, dass der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss nach dem Grund­satz der Pro­blem­be­wäl­ti­gung und im Hin­blick auf mög­li­che ent­eig­nungs­ge­richt­li­che Vor­wir­kun­gen auch die Not­wen­dig­keit und Fol­gen einer Ent­eig­nung erör­tern muss, soweit das Vor­ha­ben sich mög­li­cher­wei­se nicht ohne eine Ent­eig­nung von Grund­ei­gen­tum ver­wirk­li­chen lässt [3].
Dem­ge­mäß ste­hen der fach­pla­nungs­recht­li­che Aus­gleichs­an­spruch auf­grund der Plan­fest­stel­lung und die Ent­eig­nungs­ent­schä­di­gung im Sin­ne des Art. 14 Abs. 3 GG neben­ein­an­der. Ver­langt der Eigen­tü­mer die Erfül­lung bei­der Ansprü­che, ist das Ver­bot einer Dop­pel­ent­schä­di­gung (sie­he Art. 11 Abs. 1 Satz 1 Bay­EG) zu beach­ten [4].
Auch aus der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 21.01.1999 [5] ergibt sich nichts ande­res. Der Bun­des­ge­richts­hof hat im dama­li­gen Fall aus­ge­führt, dass ein Anspruch aus einem ent­eig­nen­den Ein­griff im Hin­blick auf Schall­schutz­maß­nah­men nicht in Betracht kom­me, da inso­weit der fach­pla­nungs­recht­li­che Aus­gleichs­an­spruch gege­be­nen­falls im Wege von Rechts­mit­teln gegen den Plan­fest­stel­lungs­be­schluss hät­te gel­tend gemacht wer­den müs­sen. Dabei han­del­te es sich nicht um eine Ent­eig­nungs­ent­schä­di­gung im Sin­ne des Art. 14 Abs. 3 GG, was der Bun­des­ge­richts­hof in der ange­ge­be­nen Ent­schei­dung aus­drück­lich sei­nen Aus­füh­run­gen vor­aus­ge­schickt hat [6].
Da die Klä­ger vor­lie­gend eine Ent­eig­nungs­ent­schä­di­gung begeh­ren, ist es auch ohne Belang, dass nach der – im Anschluss an das BGH-Urteil vom 21.01.1999 ergan­ge­nen – Recht­spre­chung des V. Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs neben den im Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren eröff­ne­ten Rechts­be­hel­fen für Ansprü­che (pri­va­ter) Drit­ter nach § 906 BGB grund­sätz­lich kein Raum ist [7].
Gemäß Art. 8 Abs. 2 Nr. 2, Art. 11 Abs. 1 Satz 1 Bay­EG i.V.m. § 19 Abs. 5 FStrG steht den Klä­gern ein Anspruch auf eine Ent­schä­di­gung für ande­re durch die Ent­eig­nung ein­tre­ten­de Ver­mö­gens­nach­tei­le zu. Wie der Bun­des­ge­richts­hof zum Inhalts­glei­chen § 96 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB ent­schie­den hat, kön­nen über die Sub­stanz­ent­schä­di­gung hin­aus Fol­ge­schä­den ent­schä­digt wer­den, die ohne ding­li­chen Wert­be­zug durch die Ent­eig­nung unmit­tel­bar oder zwangs­not­wen­dig begrün­det wer­den, wobei auch hier nur recht­lich geschütz­te kon­kre­te Wer­te und nicht blo­ße wirt­schaft­li­che Inter­es­sen, Erwar­tun­gen oder Chan­cen dem Eigen­tums­schutz unter­lie­gen. Die indi­vi­du­el­len Nach­tei­le, die nicht all­ge­mein jeden betref­fen, müs­sen als Fol­ge der Ent­eig­nung in Erschei­nung tre­ten [8]. Für die Beein­träch­ti­gung eines Rest­grund­stücks nach einer Teil­ent­eig­nung hat der Bun­des­ge­richts­hof aus­ge­führt, dass der dadurch erwach­se­ne Scha­den nicht durch die erzwun­ge­ne Abtre­tung des Teil­grund­stücks unmit­tel­bar her­bei­ge­führt zu sein braucht; viel­mehr genügt es, wenn die Scha­dens­ur­sa­che nur in dem gan­zen Unter­neh­men liegt, für das es ent­eig­net wur­de [9].
Vor­lie­gend machen die Klä­ger gel­tend, die Ver­miet­bar­keit ihrer Häu­ser auf der nicht von der Ent­eig­nung betrof­fe­nen Teil­flä­che ihres Grund­stücks sei beein­träch­tigt. Die Ver­miet­bar­keit eines Hau­ses gehört zu den eigen­tums­recht­lich geschütz­ten Rechts­po­si­tio­nen [10].
Maß­stab für die Höhe der Ent­schä­di­gung ist, ob und in wel­chem Maße die mit dem Betrieb der Stra­ße auf­grund der Ver­le­gung ihrer Füh­rung über den von der Ent­eig­nung betrof­fe­nen Grund­stücks­teil ver­bun­de­nen Nach­tei­le stär­ker auf den dem Eigen­tü­mer ver­blie­be­nen Rest­be­sitz ein­wir­ken, als dies ohne Ent­eig­nung der ent­spre­chen­den Flä­chen der Fall gewe­sen wäre. Es ist dabei zu berück­sich­ti­gen, ob und in wel­chem Maße die von der Ent­eig­nung betrof­fe­nen Flä­chen die Mög­lich­keit gebo­ten hät­ten, den Grund­be­sitz gegen die­se Ein­wir­kung abzu­schir­men und ob ein Weg­fall der "Schutz­zo­ne" zu einer spür­ba­ren Beein­träch­ti­gung des übri­gen Eigen­tums­rechts geführt hat [11]. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dabei die Gren­ze der noch ent­schä­di­gungs­los hin­zu­neh­men­den Geräusch­be­las­tung auf­grund der Umstän­de des Ein­zel­falls bestimmt und es zuge­las­sen, dass Richt­wer­te, die in Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten ange­ge­ben oder im Schrift­tum befür­wor­tet wer­den, als Ori­en­tie­rungs­hil­fe her­an­ge­zo­gen wer­den [12]. Soll­te des­halb durch die Ver­le­gung der Stra­ße von einem Abstand von 12,50 m auf 2,50 m eine Stei­ge­rung der Lärm­be­las­tung in spür­ba­rer Wei­se fest­zu­stel­len sein, was zur Fol­ge hat, dass die Klä­ger Miet­min­de­run­gen ihrer Mie­ter aus­ge­setzt wer­den, wird ein Anspruch auf eine Ent­schä­di­gung bestehen. Es gilt jedoch der Grund­satz, dass die Aus­wir­kun­gen eines Ent­eig­nungs­un­ter­neh­mens, das auf dem abge­tre­te­nen Teil­stück eines Grund­stücks durch­ge­führt wird, einen ent­eig­nungs­recht­li­chen Ent­schä­di­gungs­an­spruch nur begrün­den, wenn die Aus­wir­kun­gen oder Beläs­ti­gun­gen, die das Ent­eig­nungs­un­ter­neh­men mit sich bringt, das Maß des­sen über­schrei­ten, was ein Nach­bar – am Maß­stab des § 906 BGB gemes­sen – ohne Aus­gleich hin­neh­men muss [13].
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Sep­tem­ber 2012 – III ZR 264/​11
Anschluss an BGH, Urtei­le vom 15.02.1996 – III ZR 143/​94, BGHZ 132, 63; und vom 21.01.1999 – III ZR 168/​97, BGHZ 140, 285[↩]
BGH, Urtei­le vom 15.02.1996 – III ZR 143/​94, BGHZ 132, 63, 69 und vom 21.01.1999 – III ZR 168/​97, BGHZ 140, 285, 290[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 21.01.1999 aaO S. 290 f[↩]
vgl. Aust in Aust/​Jakobs/​Pasternak, Die Ent­eig­nungs­ent­schä­di­gung, 6. Aufl., Rn. 779[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 21.01.1999 aaO S. 293[↩]
BGH, Urteil vom 30.10.2009 – V ZR 17/​09, NJW 2010, 1171 Rn. 15 ff mwN[↩]
BGH, Urteil vom 11.10.2007 – III ZR 298/​06, BGHZ 174, 25, Rn.19 mwN[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 04.10.1973 – III ZR 138/​71, BGHZ 61, 253, 254; vom 01.12.1977 – III ZR 130/​75, DVBl 1978, 374, 375; vom 21.01.1999 – III ZR 168/​97, NJW 1999, 1247, 1250, inso­weit in BGHZ 140, 285 nicht abge­druckt[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 28.11.2007 – III ZR 114/​07, NVwZ 2008, 348[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 06.03.1986 – III ZR 146/​84, NJW 1986, 2424, 2425[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 06.03.1986 aaO[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 20.03.1975 – III ZR 215/​71, BGHZ 64, 220, 222; vom 07.05.1981 – III ZR 67/​80, BGHZ 80, 360, 362 f; vom 01.12.1977 – III ZR 130/​75, DVBl.1978, 374, 375; vom 14.07.1977 – III ZR 41/​75, NJW 1978, 318, 319[↩]
AusgleichsanspruchEnteignungEnteignungsentschPlanfeststellungsbeschlussStraßenbau

References: Art. 14
 § 19
 § 74
 Art. 14
 Art. 11
 Art. 14
 § 906
 Art. 8
 Art. 11
 § 19
 § 96
 § 906