Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/verbrauchssteuern/verzinsung-von-stromsteuererstattungsanspruechen-nach-unionsrecht-3201817
Timestamp: 2020-05-30 04:48:31+00:00

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Aller­dings beruht die Anwen­dung eines ermä­ßig­ten Steu­er­sat­zes nach § 9 Abs. 3 Strom­StG für Strom, den ein Unter­neh­men des Pro­du­zie­ren­den Gewer­bes für betrieb­li­che Zwe­cke aus dem Ver­sor­gungs­netz ent­nom­men hat, auch auf Art. 17 Abs. 1 Buchst. a RL 2003/​96. Denn die­se Rege­lung gibt den Mit­glied­staa­ten erst die Mög­lich­keit, ener­gie­in­ten­si­ven Betrie­ben eine Steu­er­ermä­ßi­gung zu gewäh­ren. Daher fragt sich das vor­le­gen­de Gericht, ob das Haupt­zoll­amt dadurch, dass es gegen­über der Klä­ge­rin, einem Unter­neh­men des Pro­du­zie­ren­den Gewer­bes, zunächst einen zu hohen Steu­er­be­trag fest­ge­setzt hat, nicht nur gegen natio­na­les Recht, son­dern auch gegen Uni­ons­recht ver­sto­ßen hat. Dabei geht der Bun­des­fi­nanz­hof davon aus, dass es sich bei der Ein­spei­sung von Strom in Akku­mu­la­to­ren nicht um eine Elek­tro­ly­se i.S. des Art. 2 Abs. 4 Buchst. b drit­ter Anstrich RL 2003/​96 han­delt, für die der Anwen­dungs­be­reich die­ser Richt­li­nie von vorn­her­ein nicht eröff­net wäre. Dies wird durch den Durch­füh­rungs­be­schluss (EU) 2016/​2266 des Rates vom 06.12.2016 zur Ermäch­ti­gung der Nie­der­lan­de, einen ermä­ßig­ten Steu­er­satz auf Strom anzu­wen­den, der an Lade­sta­tio­nen für Elek­tro­fahr­zeu­ge gelie­fert wird 1, bestä­tigt. Die­ses Beschlus­ses hät­te es nicht bedurft, wenn das Auf­la­den von Akku­mu­la­to­ren als Elek­tro­ly­se anzu­se­hen und damit ohne­hin nicht von der RL 2003/​96 erfasst wäre.
Mit sei­nem Urteil "IRCCS – Fon­da­zio­ne San­ta Lucia" 2 hat der EuGH zur Reich­wei­te des Art. 17 Abs. 1 Buchst. a RL 2003/​96 ent­schie­den, aus den Erwä­gungs­grün­den 9 und 11 die­ser Richt­li­nie erge­be sich, dass die­se den Mit­glied­staa­ten einen gewis­sen Spiel­raum für die Fest­le­gung und die Durch­füh­rung von auf den jewei­li­gen natio­na­len Kon­text abge­stimm­ten poli­ti­schen Maß­nah­men ein­räu­men wol­le und dass es Sache des ein­zel­nen Mit­glied­staats sei, zu ent­schei­den, durch wel­che Maß­nah­men er die­se Richt­li­nie umset­zen wol­le. Dem­nach ste­he es den Mit­glied­staa­ten frei, die Gewäh­rung von Steu­er­ermä­ßi­gun­gen für ener­gie­in­ten­si­ve Betrie­be auf die Betrie­be eines oder meh­re­rer Indus­trie­sek­to­ren zu beschrän­ken.
Bei Art. 17 Abs. 1 Buchst. a RL 2003/​96 han­delt es sich dem­nach um eine fakul­ta­ti­ve Steu­er­ermä­ßi­gung, die die Mit­glied­staa­ten den Steu­er­pflich­ti­gen gewäh­ren kön­nen. Eine Ver­pflich­tung zur steu­er­li­chen Begüns­ti­gung ener­gie­in­ten­si­ver Betrie­be besteht dem­nach nicht. Inso­fern unter­schei­det sich Art. 17 RL 2003/​96 von den obli­ga­to­ri­schen Steu­er­be­frei­un­gen nach Art. 14 RL 2003/​96, die die Mit­glied­staa­ten zwin­gend zu gewäh­ren haben und auf die sich ein Steu­er­pflich­ti­ger im Fal­le nicht recht­zei­ti­ger Umset­zung in natio­na­les Recht unmit­tel­bar beru­fen kann 3.
Nach der Recht­spre­chung des EuGH hat der Ein­zel­ne, wenn ein Mit­glied­staat unter Ver­stoß gegen die Vor­schrif­ten des Uni­ons­rechts Steu­ern erho­ben hat, einen Anspruch auf Erstat­tung nicht nur der zu Unrecht erho­be­nen Steu­er, son­dern auch der Beträ­ge, die im unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang mit die­ser Steu­er an die­sen Staat gezahlt oder von die­sem ein­be­hal­ten wor­den sind. Dar­un­ter fal­len auch die Ein­bu­ßen auf­grund der man­geln­den Ver­füg­bar­keit von Geld­be­trä­gen infol­ge der vor­zei­ti­gen Fäl­lig­keit der Steu­er 4.
Dem­nach lässt sich aus dem Uni­ons­recht der Grund­satz ablei­ten, dass die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­tet sind, die unter Ver­stoß gegen das Uni­ons­recht erho­be­nen Abga­ben zuzüg­lich Zin­sen zu erstat­ten. Dabei kommt es in Erman­ge­lung einer Rege­lung der Uni­on der inner­staat­li­chen Rechts­ord­nung der Mit­glied­staa­ten zu, die Bedin­gun­gen für die Zah­lung sol­cher Zin­sen, ins­be­son­de­re den Zins­satz und die Berech­nungs­me­tho­de für die Zin­sen, fest­zu­le­gen. Die­se Bedin­gun­gen müs­sen den Grund­sät­zen der Äqui­va­lenz und der Effek­ti­vi­tät ent­spre­chen, das heißt sie dür­fen nicht ungüns­ti­ger sein als bei ähn­li­chen Kla­gen, die auf Bestim­mun­gen des inner­staat­li­chen Rechts gestützt sind, und sie dür­fen nicht so aus­ge­stal­tet sein, dass sie die Aus­übung der Rech­te, die die Uni­ons­rechts­ord­nung ein­räumt, prak­tisch unmög­lich machen 5.
Einer Ver­zin­sung der erstat­te­ten Strom­steu­er steht nicht schon die Tat­sa­che ent­ge­gen, dass es sich bei der RL 2003/​96 um einen Rechts­akt der Uni­on han­delt, der erst der Umset­zung in natio­na­les Recht bedurf­te. Denn mit sei­nem Urteil "Litt­le­woods Retail u.a." 6 hat der EuGH dies gera­de nicht als Aus­schluss­grund für einen Zins­an­spruch ange­se­hen 7.
Aus der Recht­spre­chung des EuGH geht her­vor, dass der Umfang des Spiel­raums, über den die Mit­glied­staa­ten bei der Umset­zung einer Aus­nah­me oder Beschrän­kung ver­fü­gen, im Ein­zel­fall ins­be­son­de­re nach Maß­ga­be des Wort­lauts die­ser Bestim­mung zu beur­tei­len ist 8.
Dar­über hin­aus wird mit der Zulas­sung eines ermä­ßig­ten Steu­er­sat­zes nach Art. 17 Abs. 1 Buchst. a RL 2003/​96 für ener­gie­in­ten­si­ve Betrie­be eine Aus­nah­me von der Har­mo­ni­sie­rung der Strom­steu­er gemacht, indem es den Mit­glied­staa­ten über­las­sen wird, ob und inwie­weit sie eine sol­che Begüns­ti­gung in ihren natio­na­len Vor­schrif­ten zulas­sen wol­len. Der Uni­ons­ge­setz­ge­ber schätzt das rei­bungs­lo­se Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­mark­tes, das unter ande­rem durch die Ein­füh­rung ver­bind­li­cher Min­dest­steu­er­be­trä­ge in der RL 2003/​96 erreicht wer­den soll 9, in die­sem Bereich also gera­de als weni­ger gewich­tig ein.

References: § 9
 Art. 17
 Art. 2
 EuGH 
 Art. 17
 Art. 17
 Art. 17
 Art. 14
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 Art. 17