Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/handelsrecht/das-wiedergefundene-transportgut-und-das-carnet-328547
Timestamp: 2019-10-17 00:26:09+00:00

Document:
Das wie­der­ge­fun­de­ne Trans­port­gut und das Car­net | Rechtslupe
Ein Car­net TIR zählt nicht zu den "not­wen­di­gen Urkun­den" im Sin­ne von Art. 11 Abs. 1 CMR, die der Absen­der dem Fracht­füh­rer für die Durch­füh­rung der Beför­de­rung zur Ver­fü­gung zu stel­len hat.
Nach Art. 17 Abs. 1 CMR haf­tet der Fracht­füh­rer grund­sätz­lich für den zwi­schen der Über­nah­me des Gutes und sei­ner Ablie­fe­rung ein­ge­tre­te­nen Ver­lust. Gemäß Art. 20 Abs. 1 CMR kann der Ver­fü­gungs­be­rech­tig­te das Gut, ohne wei­te­re Bewei­se erbrin­gen zu müs­sen, als ver­lo­ren betrach­ten, wenn es nicht bin­nen sech­zig Tagen nach der Über­nah­me durch den Fracht­füh­rer abge­lie­fert wor­den ist. Es han­delt sich inso­weit um eine unwi­der­leg­ba­re Ver­mu­tung 1. Der Anspruchs­be­rech­tig­te soll nach dem fest­ge­leg­ten Zeit­punkt dis­po­nie­ren kön­nen, ohne Gefahr zu lau­fen, das Gut spä­ter doch anneh­men zu müs­sen 2. Er kann daher auch auf­grund der blo­ßen Ver­lust­fik­ti­on den im Ver­lust­fall all­ge­mein vor­ge­se­he­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch gel­tend machen 3.
Die­sem hier­aus resul­tie­ren­den Scha­dens­er­satz­ver­lan­gen steht nicht ent­ge­gen, dass das Trans­port­fahr­zeug samt Ladung spä­ter wie­der auf­ge­taucht ist, so etwa im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den­nen Fall vom tür­ki­schen Zoll zurück­ge­ge­ben wur­de, wenn zu die­sem Zeit­punkt die Ablie­fe­rungs­frist von sech­zig Tagen bereits abge­lau­fen war. Wird das Gut nach Ablauf der Frist des Art. 20 Abs. 1 CMR, so kann sich der Ersatz­be­rech­tig­te gleich­wohl auf die Ver­lust­fik­ti­on gemäß Art. 20 Abs. 1 CMR beru­fen 4.
Von der Obhuts­haf­tung gemäß Art. 17 Abs. 1 CMR ist der Fracht­füh­rer dann befreit, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für einen Haf­tungs­aus­schluss nach Art. 17 Abs. 2 CMR vor­lie­gen. Die Haf­tungs­be­frei­ung nach Art. 17 Abs. 2 CMR erfor­dert, dass der Ver­lust des Gutes durch ein Ver­schul­den des Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten, durch eine nicht vom Fracht­füh­rer ver­schul­de­te Wei­sung des Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten, durch beson­de­re Män­gel des Gutes oder durch Umstän­de ver­ur­sacht wur­de, die der Fracht­füh­rer nicht ver­mei­den und deren Fol­gen er nicht abwen­den konn­te. Im Streit­fall kommt allein ein Ver­schul­den der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin oder der Klä­ge­rin, die im Ver­hält­nis zur Beklag­ten als Absen­de­rin fun­gier­te, in Betracht. Das Ver­schul­den im Sin­ne von Art. 17 Abs. 2 CMR setzt nicht vor­aus, dass der Ver­fü­gungs­be­rech­tig­te gegen ech­te Ver­trags­pflich­ten ver­stößt. Es genügt viel­mehr, dass er in vor­werf­ba­rer Wei­se eine Oblie­gen­heit zur Scha­dens­ver­hin­de­rung ver­letzt, das heißt die ver­kehrs­er­for­der­li­che Sorg­falt nicht beach­tet hat. Das dem Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten anzu­las­ten­de Ver­hal­ten muss zudem kau­sal gewor­den sein und kann sowohl den Ein­tritt als auch die Höhe des Scha­dens betref­fen 5.
Gemäß Art. 11 Abs. 1 CMR hat der Absen­der dem Fracht­füh­rer die­je­ni­gen Urkun­den zur Ver­fü­gung zu stel­len, die für die vor der Ablie­fe­rung des Gutes zu erle­di­gen­de Zoll- oder sons­ti­ge amt­li­che Behand­lung not­wen­dig sind. Damit sind sämt­li­che Urkun­den gemeint, die die betei­lig­ten Hoheits­trä­ger bei einem grenz­über­schrei­ten­den Trans­port zur Vor­aus­set­zung des Grenz­über­tritts gemacht haben 6. Doku­men­te, die ledig­lich die Abwick­lung von Ver­wal­tungs­ver­fah­ren begüns­ti­gen oder den Grenz­über­tritt beschleu­ni­gen kön­nen, wer­den vom Wort­laut des Art. 11 Abs. 1 CMR nicht erfasst 7. Dem­entspre­chend ord­net Art. 11 Abs. 2 Satz 2 CMR eine ver­schul­dens­un­ab­hän­gi­ge 8Haf­tung des Absen­ders für alle Schä­den an, die aus dem Feh­len, der Unvoll­stän­dig­keit oder der Unrich­tig­keit der nach Art. 11 Abs. 1 CMR erfor­der­li­chen Urkun­den ent­stan­den sind.
Bei einem Car­net TIR han­delt es sich nicht um eine "not­wen­di­ge Urkun­de" im Sin­ne von Art. 11 Abs. 1 CMR.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Sep­tem­ber 2010 – I ZR 152/​09
Das nicht ablie­fer­ba­re Fracht­gut Wird nach Über­nah­me des Gutes erkenn­bar, dass die Ablie­fe­rung nicht ver­trags­ge­mäß durch­ge­führt wer­den kann, so hat der Fracht­füh­rer nach der gemäß § 452 HGB auf…
BGH, Urteil vom 25.10.2001 – I ZR 187/​99, TranspR 2002, 198, 199 = VersR 2002, 1580; Kol­ler, Trans­port­recht, 07. Aufl., Art. 20 CMR Rn. 1; MünchKomm.HGB/Jesser-Huß, 02. Aufl., Art. 20 CMR Rn. 4; Boesche in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 02. Aufl., Art. 20 CMR Rn. 2[↩]
Herber/​Piper, CMR, Art. 20 Rn. 3[↩]
BGH, TranspR 2002, 198, 199[↩]
BGH, TranspR 2002, 198, 199; Herber/​Piper aaO Art. 20 Rn. 3; Boesche in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn aaO Art. 20 CMR Rn. 2; Thume/​Demuth, CMRKom­men­tar, 02. Aufl., Art. 20 Rn. 4[↩]
Kol­ler aaO Art. 17 CMR Rn. 31a; Boesche in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn aaO Art. 17 CMR Rn. 22; MünchKomm.HGB/JesserHuß aaO Art. 17 CMR Rn. 30 f.[↩]
Thume/​Temme aaO Art. 11 Rn. 3[↩]
Kol­ler aaO Art. 11 CMR Rn. 2; Thume/​Temme aaO Art. 11 Rn. 8; Boesche in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn aaO Art. 11 CMR Rn. 2; Herber/​Piper aaO Art. 11 Rn. 1[↩]
vgl. Kol­ler aaO Art. 11 CMR Rn. 3; Helm, Fracht­recht II: CMR, 02. Aufl., Art. 11 Rn. 4; MünchKomm.HGB/JesserHuß aaO Art. 11 CMR Rn. 4[↩]
CarnetFrachtführerFrachtführerhaftungSpediteurSpeditionsrechtTIRTransportgut

References: Art. 11
 Art. 17
 Art. 20
 Art. 20
 Art. 20
 Art. 17
 Art. 17
 Art. 17
 Art. 17
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11
 § 452
 Art. 20
 Art. 20
 Art. 20
 Art. 20
 Art. 20
 Art. 20
 Art. 20
 Art. 17
 Art. 17
 Art. 17
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11
 Art. 11