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Timestamp: 2019-04-26 01:57:21+00:00

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„Es atmet die Grösse und Weite echter Weltkultur.“ | MARX 200
Episoden und Ereignisse aus der Geschichte, Fragen und Formulierungen aus dem Inhalt des „Manifests der Kommunistischen Partei". Ein Nachwort
Um die Dinge greifbar und begreifbar zu machen, haben die Menschen die Zuordnung und die Charakterisierung er­funden. Das „Manifest der Kommunistischen Partei" läßt sich zu allererst als ein historisches Dokument einordnen; vor­sichtigerweise sollten wir hinzufügen: vorläufig; denn hi­storische Dokumente haben es an sich, abgeschlossene Tat­bestände anzuzeigen — und das trifft für das „Kommunisti­sche Manifest" keineswegs zu. Freilich entstand es am Vor­abend der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49 als Parteiprogramm des Bundes der Kommunisten, der ersten Parteiorganisation der revolutionären Arbeiter­bewegung, und schon 1852 stellte diese Kommunistische Partei ihre Tätigkeit ein. Auch ist nicht zu bestreiten, daß das „Manifest" — sosehr wir seine Gedankenkraft und Sprachgewalt bewundern — in der deutschen Sprache des 19. Jahrhunderts abgefaßt wurde und eine Generation zum unmittelbaren Adressaten hatte, die im Schatten der Dampfmaschine lebte, arbeitete und kämpfte. Schließlich waren auch Karl Marx und Friedrich Engels wie alle Auto­ren zeitverhaftet.
Zeitbehaftet waren sie keineswegs: Sie brachten theoreti­sche Exaktheit und wissenschaftlich begründete Voraus­sicht in das kommunistische Parteiprogramm von 1848 ein; indem sie Gesetzmäßigkeiten des Geschichtsverlaufs dar­legten, antizipierten sie historische Entwicklungsprozesse von gestern, heute und morgen und zeigten sie der Arbei­terklasse Weg und Ziel. Mit Recht bekennt sich die Kom­munistische und Arbeiterbewegung der Gegenwart zum „Manifest der Kommunistischen Partei" als grundlegender Manifestation. Daher ist das „Manifest" ein eminent politisches Dokument, das nicht nur seinerzeit — in der Mitte des Jahrhunderts — Politik machte, sondern das auch im Jahrhundert mit jedem neuen Tag Geschichte macht. In der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialis­mus findet es sogar mehr Adressaten und Empfänger als in seiner Entstehungszeit und den dazwischen liegenden Jahr­zehnten; das bewirkt sein Ideengehalt, und auch die immer erneute Bestätigung seines Wahrheitsgehaltes und die ziel­strebige propagandistische Arbeit der revolutionären Arbei­terbewegung tragen das Ihrige dazu bei.
Seine Lebenskraft hat das „Manifest der Kommunistischen Partei" zum Grunddokument des Marxismus werden lassen. Diese Charakterisierung schließt verschiedene Begründun­gen ein. Schon die auf Marx und Engels folgende Genera­tion gewöhnte sich an, das Manifest als Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Sozialismus zu sehen; unter diesem Ge­sichtspunkt hob sie hervor, es sei seinem Wesen nach Leit­faden und Richtschnur revolutionären Handelns. In diesem Sinne propagierten etwa August Bebel (1840-1913), Anto­nio Labriola (1843-1904), Paul Lafargue (1842-1911) und Franz Mehring (1846-1919) das „Kommunistische Mani­fest". Eine neue Betrachtungsweise führte Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) ein, indem er uns angewöhnte, das „Ma­nifest" als frühe Äußerung des reifen Marxismus zu charakteri­sieren, dessen drei Hauptbestandteile, Philosophie, Ökono­mie und Sozialismus, bereits ausgeprägt sind und sich in seinem Inhalt widerspiegeln. Das „Manifest" ist damit die erste der grundlegenden Schriften des Marxismus, zu de­nen wir zumindest noch „Das Kapital", die „Kritik des Go­thaer Programm-Entwurfs" und den „Anti-Dühring" hinzu­zurechnen haben. Lenin öffnete uns auch den Blick dafür, das „Manifest" als dokumentarisches Zeugnis der Verschmelzung des Marxismus mit der (elementaren) Arbeiterbewegung zu se­hen. Der Bund der Kommunisten bekannte sich seit 1847/48 zum wissenschaftlich fundierten Gedankengut von Marx und Engels und machte es zu seiner Partei-Program­matik; das Manifest als politisches Dokument dokumentiert diesen Verschmelzungsakt. Damit entstand die revolutio­näre Arbeiterbewegung.
Ihre Entstehung fordert nach Ausweitung und Weiterent­wicklung, denn jeder Tag historischer Entwicklung vergrö­ßert das Heer der Arbeiterklasse (entwickelt also die Klasse an sich) und fördert Zusammengehörigkeit, Klassenbe­wußtsein, Klassensolidarität (also wesentliche Momente, die die Entwicklung der Klasse für sich bestimmen). Die Or­ganisationen der revolutionären Arbeiterbewegung müssen
diesen geschichtlichen Prozessen Rechnung tragen, indem sie neue Kader heranführen und ihre Mitglieder ständig marxistisch schulen, also Marxismus und Arbeiterklasse ständig aufs neue miteinander verbinden und damit ent­scheidend zur Entwicklung der Klasse für sich beitragen. Als Grunddokument des Marxismus ist das Kommunistische Manifest zu Einführungszwecken hervorragend geeignet. Aber auch der Geschulte wird bei wiederholtem Lesen zu vertieftem Verständnis vordringen und die eine oder an­dere Manifest-Stelle in neuem Lichte sehen und interpretie­ren. Auch darin zeigt sich die unverwüstliche Lebenskraft dieses Dokuments.
Insofern ist es nicht verwunderlich, daß das Manifest der Kommunistischen Partei weiteste Verbreitung fand. Die fol­genden Zahlen sollen das belegen.
1848 erschien das „Manifest" in zwei Ausgaben in einer Ge­samtauflagenhöhe von nur 1500 Exemplaren, die 23seitige Burghardsche Ausgabe vom Februar 1848 hatte etwa 500 Exemplare, die 30seitige Burghardsche Ausgabe vom März 1848 etwa 1000 Exemplare. [22] Als Friedrich Engels 1895 starb, lag das „Manifest" in 19 Sprachen und in 125 Ausgaben vor. [81] Als 1917 die Große Sozialistische Oktoberrevolution die Welt radikal veränderte, gab es schon 305 Ausgaben des „Manifests" in 30 Sprachen. [82] In 125 Jahren, von Februar 1848 bis Februar 1973, erlebte das „Manifest" auf der ganzen Welt ungefähr 1100 verschie­dene Ausgaben in 101 Sprachen. [83] Bis zum 135. Jahrestag im Februar 1983 war die Zahl angewachsen auf etwa 1220 Ausgaben in 121 Sprachen. [84]
Wie das „Kommunistische Manifest" entstand
Es ist meines Erachtens einfach unmög­lich, daß das „Manifest" in irgendeiner Sprache herauskommt, ohne daß festge­stellt wird, wie es. zustande kam.
ENGELS [85]
In der „White Hart Tavern", der „Schenke zum weißen Hirsch", in London tagt seit dem 29. November 1847 der zweite Kongreß des Bundes der Kommunisten. Das Gebäude steht heute noch, Drury Lane 191 an der Ecke High Holborn, jetzt im Schatten hoher moderner Gebäude, und ist offensichtlich kaum umgebaut worden. Die „Pub" (pu­blic house) mit bunt schillernden Butzenscheiben und alt­ehrwürdigem Interieur gilt als eine der ältesten Kneipen der Welt; erbaut ein Jahr nach der Verkündung der Magna Charta, also 1216, Schankrecht seit dem 13. Jahrhundert. Der zweite Kommunisten-Kongreß benutzt die German Hall, den Deutschen Saal, einen kleinen Doppelsaal in ei­nem Anbau hinter dem Schankraum; ein chartistischer Jour­nalist hat diesen Raum ein Dreivierteljahr vor dem Kongreß folgendermaßen beschrieben: Der Saal habe ein erhöhtes Dach mit Oberlicht. Die Wände seien mit Medaillons von Sha­kespeare, Schiller, Mozart und Albrecht Dürer geschmückt. Auch das Bild einer Maifeier auf der Hampstead Heath ist gezeigt wor­den, das von den Vereinsmitgliedern Holm, Pfänder, Clausen und Ens gezeichnet worden war. Eine der Wände ziere die Losung Alle Menschen sind Brüder, und zwar in Deutsch, Englisch, Französisch, Schwedisch, Dänisch, Holländisch, Italienisch, Griechisch, Spanisch, Polnisch, Ungarisch und Rus­sisch.[86] Dieser Saal ist das Vereinslokal des Kommunisti schen Arbeiter-Bildungsvereins, der 1840 ins Leben getre ten ist. Er bleibt es bis zum Frühjahr 1848, da wird dem Wirt des „White Hart", Mr. William Roders, die Schankli­zenz entzogen. Die Begründung, die die Polizei gibt, ist ein Vorwand: „Lärm und Gesang aus der Taverne haben die öf­fentliche Ruhe gestört."[87] Tatsächlich gilt der Schlag dem Treffpunkt der kommunistischen Arbeiter.
Zum zweiten Kongreß des Bundes der Kommunisten ha­ben sich in der „White Hart Tavern" alle bekannten Führer der ersten proletarischen Partei versammelt. Karl Marx und Wilhelm Wolff sind aus Brüssel und Friedrich Engels aus Paris herübergekommen. Sie sollen, so ist es bei ihrer Auf­nahme in den Bund im Januar 1847 vereinbart worden, ihre wissenschaftlich begründeten Ansichten über den moder­nen Kommunismus vortragen, Lage und Perspektiven der Arbeiterklasse und ihrer Bewegung erörtern und so die Re­organisation des Bundes zu einr wirklichen Kampfpartei vollenden helfen. 45 Jahre später erinnert sich der Arbeiter­funktionär Friedrich Leßner an diese historischen Vorwin­tertage des ausgehenden Jahres 1847: Bei diesen Sitzungen, die natürlich nur abends stattfanden, um auch denjenigen die Mög­lichkeit zur Teilnahme zu geben, die ständig in London wohnten und tagsüber ihrer Arbeit nachgehen mußten, wa­ren nur die Delegierten, zu denen ich nicht gehörte, anwesend, aber wir übrigen wußten von ihnen und waren nicht wenig auf den Aus­gang der Diskussionen gespannt. Bald erfuhren wir denn auch, daß der Kongreß sich nach langen Debatten einstimmig für die von Marx und Engels dargelegten Grundsätze erklärt und die Genann­ten beauftragt habe, ein Manifest in diesem Sinne auszuarbeiten und zu veröffentlichen. [88] Am 8. Dezember 1847 beendet der Kongreß seine Beratungen. Er hat seine Aufgaben erfüllt. Die Delegierten kehren in ihre Heimatorte zurück. Marx und Engels haben mit der Abfassung eines program­matischen Manifests für den Bund der Kommunisten einen schweren Parteiauftrag übernommen. Zwar können sie auf Vorarbeiten, die bis ins Jahr 1844 zurückreichen, aufbauen, doch müssen sie das Manifest von Grund auf neu verfassen. Das wird ihnen spätestens klar, als sie die von der Zentral­behörde übergebenen Dokumente sichten: den Entwurf des Kommunistischen Glaubensbekenntnisses, die Grundsätze des Kom­munismus und die Protokolle des zweiten Kongresses des Bundes der Kommunisten [89], sehr wahrscheinlich auch einige Rund­schreiben der Zentralbehörde, verschiedene Korresponden­zen von Bundesgemeinden und -kreisen sowie Aufzeich­nungen einzelner Bundesmitglieder. Die in diesen Doku­menten niedergelegten Ansichten divergieren noch erheb­lich. Sie widerspiegeln die theoretische Unvollkommenheit einer elementaren Arbeiterbewegung, die gerade im Begriff ist, sich zu einer revolutionären Partei zu entwickeln. Auch zeigen sich in ihnen noch starke Einflüsse vormarxistischer Sozialismus- und Kommunismus-Auffassungen, die über­wunden werden müssen. Allein die Engelsschen Grundsätze des Kommunismus stehen inhaltlich auf der Höhe der Aufga­ben, doch sind sich Marx und Engels schon vor dem Kon­greß darüber im klaren gewesen, daß die bisherige Form gar nicht (paßt). [90] Der Katechismus-Aufbau ist überholt; die Form, die heute jedes marxistisch-leninistische Parteipro­gramm trägt, ist noch nicht gefunden. Marx und Engels werden auch in dieser Hinsicht mit dem Manifest der Kom­munistischen Partei bahnbrechende Arbeit leisten müssen. Bis zum 13. Dezember 1847 halten sich die beiden Begründer des Wissenschaftlichen Kommunismus noch zusammen in London auf. Sie können am Kommunistischen Manifest ar­beiten und zur Formulierung einzelner Punkte, über die auf dem zweiten Bundeskongreß noch unterschiedliche Auffassungen zutage getreten waren, auch Mitglieder der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten heranziehen. Hierbei wird vor allem an Karl Schapper und Joseph Moll, die beiden in theoretischer Hinsicht beschlagensten Führer, zu denken sein. Auch wird das Arbeitsmaterial für die Aus­arbeitung des Manifests vervollständigt. So fällt in die Zeit zwischen dem Abschluß des Kongresses, am 8. Dezember 1847, und Marx' Abreise aus London, am 13. oder 14. De­zember 1847, gewissermaßen die erste Etappe der Arbeit am Manifest der Kommunistischen Partei.
Um den 14. Dezember 1847 — das genaue Datum ist nicht bekannt — ist Marx wieder in Brüssel. Er hat, offensichtlich seiner Familie wegen, die sich in Geldschwierigkeiten be­findet, früher aus London abreisen müssen, als geplant ge­wesen ist. [91] Doch hindert ihn die Regelung seiner desola­ten finanziellen Verhältnisse nicht daran, den größeren Teil der drei Tage und Nächte zwischen dem 14. und dem 17. Dezember 1847 darauf zu verwenden, seine eigenen Vorstellungen über das abzufassende Manifest zu skizzie­ren. Diese Zeitspanne umfaßt daher eine zweite Etappe bei der Erarbeitung des Kommunistischen Manifests.
Am 17. Dezember 1847 trifft Engels, aus London kom­mend, in Brüssel ein. [92] Zehn lange Tage hindurch, vom 17. bis zum 27. Dezember 1847, diskutieren die beiden Kampfgefährten und Freunde alle Probleme, die mit einem Parteiprogramm der Arbeiterbewegung in Zusammenhang stehen. Eine schriftliche Fixierung dieses Gedankenaustau­sches ist, ähnlich wie früher bei der Deutschen Ideologie [93], anzunehmen, jedoch ist davon nichts überliefert worden. Marx und Engels sind einig darüber, daß das von ihnen aus­zuarbeitende Parteiprogramm nicht nur auf der Höhe der Bewegung stehen muß; es muß auch die Aufgaben für ei­nen längeren Zeitraum und die Zielvorstellungen des prole­tarischen Kampfes umfassen. Auch erwarten die Parteimit­glieder von ihnen eine verständliche Ausdrucksweise und eine einprägsame Sprache für das neue Dokument. Als En­gels am 27. oder 28. Dezember 1847 aus Brüssel abreisen muß — er wird zum Jahresende zur Berichterstattung über den zweiten Londoner Kongreß des Bundes der Kommuni­sten in Paris erwartet [94] —, da existiert ein erstes gemein­sam verfaßtes Manuskript zum Manifest der Kommunistischen Partei. Dieses Manuskript, das verlorengegangen ist, muß sich in einem Zustand befunden haben, der es Marx nach Engels' Abreise gestattete, im wesentlichen Detailausarbei­tungen zu betreiben und sich ansonsten auf die Redigie­rung des vorhandenen Textes zu beschränken. Nur auf diese Weise wird letztlich erklärlich, wieso Marx und En­gels gemeinsam als Autoren des Kommunistischen Manifests zeichnen.
Aus diesem dritten Stadium der Arbeit am Manifest besitzen wir ein Zeugnis in Gestalt eines Planentwurfs zum III. Ka­pitel. Er ist enthalten in einem der im Marx-Nachlaß über­lieferten Arbeitshefte, das die Bezeichnung trägt: Brüssel. Dezember 1847. Dieser Planentwurf findet sich in Marx' Handschrift auf der ersten Umschlagseite dieses Heftes. [22] Ein Vergleich dieses Entwurfs mit dem endgültigen Mani­fest-Text zeigt, daß zu diesem Zeitpunkt der Erarbeitung noch starke Anlehnungen an die Londoner Vorstellungen vorhanden waren, vor allem in den letzten beiden, später bei der Endredaktion von Marx weggelassenen Punkten. Marx macht es sich im Januar 1848 mit der Redaktion des Manifests der Kommunistischen Partei nicht leicht. Er wägt jede Formulierung, puzzelt an jedem Satz, prüft immer wieder den Aufbau jedes einzelnen Kapitels. So entsteht jene wuchtige Sprache des Kommunistischen Manifests, bei der je­der Satz wie gemeißelt wirkt und epigrammhafte Schärfe er­langt. Immer wieder ringt Marx auch in diesem Endstadium der Arbeit noch mit inhaltlichen Fragen, denn das Manifest soll zum erstenmal eine vollständige, in sich geschlossene wissenschaftlich-populäre Darlegung aller drei Bestandteile des Marxismus enthalten, obwohl für viele Seiten der drei Bestandteile Detailarbeiten noch völlig fehlen. Schließlich soll das Manifest theoretische Begründung und praktische Anleitung zum Handeln zugleich sein und die Einheit von Wissenschaftlichem Kommunismus und Arbeiterbewegung verkörpern.
Von dieser schwierigen vierten Arbeitsetappe zeugt die einzige erhaltene Originalseite des Entwurfs zum Kommunistischen Manifest, die uns überliefert ist. Marx hat diese Seite unter seinen Papieren aufgehoben, Engels stieß 1883 oder 1884 bei der Sichtung des Marx-Nachlasses auf sie und schickte sie wenig später an Eduard Bernstein, den Redak­teur des revolutionären „Sozialdemokrat", mit dem Bemer­ken: Inliegend ein Stück des Originalentwurfs des „Kommunisti­schen Manifests", das Sie als Andenken behalten wollen. Die oberen zwei Zeilen sind Diktat, geschrieben von Frau Marx. [95] Bern­stein enthielt dieses wichtige Zeugnis jahrzehntelang der revolutionären Arbeiterbewegung vor und veröffentlichte ein Faksimile dieser Seite erst 1908 in der Marx-Nummer der satirischen Zeitschrift der deutschen Sozialdemokratie, „Der Wahre Jakob". [96] Aus diesem Faksimile geht hervor, daß Engels diese Seite 1883 oder 1884 mit folgender Be­schriftung versah: Mscpt. Karl Marx: Erster Entwurf z. Comm. Manifest. Danach könnte Marx also im Januar 1848 mehrere Entwürfe zum Manifest angefertigt haben. Am er­sten Entwurf hat Jenny Marx mitgewirkt; wahrscheinlich hat sie Anfang Februar 1848 auch die Reinschrift für den Drucker angefertigt. Die Originalseite aus dem ersten Mani­fest-Entwurf ist in die erste Januardekade zu datieren, denn sie trägt die Paginierung — 13) — und gehört, nach dem Textzusammenhang zu urteilen, zum ersten Drittel des Ma­nifest-Textes. Die Reinschrift wird Ende Januar 1848 von der Londoner Zentralbehörde des Bundes der Kommuni­sten angemahnt; folglich hat diese redaktionelle Tätigkeit von Marx am Kommunistischen Manifest einen vollen Monat in Anspruch genommen.
Für die Mitglieder der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten ist das eine viel zu lange Zeit. Mit ihrem ge­sunden Arbeiterstandpunkt fordern sie über das nachgeord­nete Parteiorgan, die Kreisbehörde Brüssel, Rechenschaft über die Erfüllung des Parteiauftrages zur Abfassung des Manifests der Kommunistischen Partei. Dieses von Franz Meh­ring entdeckte und 1914 erstmals veröffentlichte Dokument hat folgenden Wortlaut:
London, 25. Jan[uar] 1848.
Die Zentralbehörde an die Kreisbehörde Brüssel. Beschluß vom 24. Januar 1848.
Die Zentralbehörde beauftragt hiemit die Kreisbehörde Brüssel,
dem B[ürger] Marx anzuzeigen, daß, wenn das „Manifest der K[ommunistischen] Partei“, dessen Abfassung er auf [dem] letz­ten Kongreß übernommen, nicht bis Dienstag, 1. Februar d[iesen] J[ahres] in London angekommen ist, weitere Maßregeln gegen ihn ergriffen werden. In dem Falle, daß B[ürger] Marx das „Manifest" nicht abfaßt, verlangt die Zentralbehörde augenblickliche Rück­sendung der ihm vom Kongreß zugestellten Dokumente.
Im Namen und Auftrag d[er] Z[entralbehörde]
gez. Schapper. Bauer. Moll. [97]
Dieses Schreiben der Zentralbehörde geht am 27. Januar 1848 bei Philippe Gigot in Brüssel ein, dessen Adresse of­fensichtlich als Anlaufstelle für die Post der Kreisbehörde Brüssel des Bundes der Kommunisten benutzt wird. Marx ist zu diesem Zeitpunkt gerade von Brüssel abwesend, wie wir aus einem erst 1970 von den Instituten für Marxismus-Leninismus in Moskau und Berlin veröffentlichten Brief Philippe Gigots erfahren. Gigot schreibt an Marx nach Lüt­tich:
Vendredi matin (Freitagmorgen, 28. Januar 1848)
Gestern abend erhielt ich, unter meiner Adresse und frankiert, beiliegenden Brief der mir von S. S[eiler?] herzurühren scheint. Das Postzeichen des Abgangsortes schien mir, so grau und unleser­lich es auch war, Köln zu bedeuten.
Ein anderes Aktenstück, das ich ebenfalls gestern bekam, will ich Dir wörtlich abschreiben.
Yours most truly (Dein Aufrichtiger)
Philippe [98]
Das erwähnte andere Aktenstück ist das Mahnschreiben der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten. Der Wich­tigkeit dieses Dokuments gerecht werdend, behält Gigot das Original und schickt Marx eine Abschrift. Er hätte dies gewiß nicht getan, wenn Marx die Reinschrift des Manifests bereits abgeschickt gehabt hätte. Auf diese Weise wird Gi­gots Schreiben zu einem Beweisstück dafür, daß Marx Ende Januar 1848 seine Arbeit am Kommunistischen Manifest noch nicht abgeschlossen hat. Mehrings noch heute weiterbrei­tete Auffassung, daß es der Mahnung der Zentralbehörde
nicht bedurft hätte und Marx und Engels den ihnen über­tragenen Auftrag pünktlich ausgeführt hatten, ist damit zu korrigieren. Marx wird sogar den im Mahnschreiben gesetz­ten Termin, 1. Februar 1848, überzogen haben, denn die einfache Aufrechnung Postweg des Gigot-Schreibens, Rückkehr von Marx nach Brüssel, Fertigmachen des Mani­fest-Textes und Postweg des Manifest-Pakets von Brüssel nach London nimmt allein mehr Zeit als die noch verblei­benden drei Tage des 29., 30. und 31. Januar 1848 in An­spruch.
Die bei Marx und Engels selbst über die Arbeit am Kommu­nistischen Manifest gemachten Angaben sind höchst unprä-, zise und differieren zum Teil voneinander. Noch am ge­nauesten scheint die Zeit im Manifest-Vorwort von 1872 an­gegeben zu sein. Für die Abfassung nennen Marx und En­gels dort die Zeit nach dem zweiten Londoner Bundeskon­greß, und sie sagen, daß das „Manifest" wenige Wochen vor der Februarrevolution nach London zum Druck wanderte. [99] Ähn­lich datiert Engels Abfassung und Drucklegung in seiner 1885 geschriebenen Arbeit Zur Geschichte des Bundes der Kom­munisten. [100] Davon abweichend nennt er im Manifest-Vor­wort von 1882 den Zeitraum, in dem er selbst mit am Mani­fest gearbeitet hatte, als Zeit der Abfassung und spricht von damals (Dezember 1847). [101] In Engels' Aufsatz Der Sozialis­mus in Deutschland (1891/92) ist dann vom „Kommunistischen Manifest" vom Januar 1848 die Rede. [102] Ebenso heißt es in dem von Engels für das „Handwörterbuch der Staatswissen­schaften" verfaßten Artikel Marx, Heinrich Karl (1892): Im Januar 1848 arbeitete er mit Engels das „Manifest der Kommuni­stischen Partei" aus im Auftrag der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten. [103]
Wir können nach dem heutigen Stand der Marx/Engels­Forschung annehmen, daß das Kommunistische Manifest in der ersten Februardekade des Jahres 1848 in London ein­traf; es wurde von der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten als Parteiprogramm gebilligt und auch in den Einzelheiten und in einzelnen, von Marx und Engels ge­fundenen Formulierungen anerkannt. Der Drucklegung stand nun nichts mehr im Wege. Marx und Engels hatten ihren Parteiauftrag in Ehren erfüllt.
Die folgenden, mehr technischen Vorgänge in London schildert uns Friedrich Leßner in seinen Erinnerungen: Nach Eintreffen des Manuskripts sollte ich auch einen beschei­denen Anteil an der Veröffentlichung dieses epochemachenden Doku­ments beitragen; ich trug nämlich das Manuskript zum Drucker, von welchem ich die Abzüge zu Karl Schapper, dem Hauptgründer des Kommunistischen Arbeiter-Bildungsvereins, brachte, der als Korrektor fungierte. [104] Und in anderen Aufzeichnungen schreibt Leßner: Das „K[ommunistische] M[anifest] verließ die Presse im Februar 1848. Wir erhielten es gleichzeitig mit der Kunde von dem Ausbruch der Februar-Revolution in Paris (etwa 24. Fe­bruar 1848). [105] An der Wiege des Kommunistischen Mani­fests stehen also drei deutsche Arbeiter: J. E. Burghard, des­sen Biographie wir nicht kennen, als Setzer und Drucker, Friedrich Leßner (1825-1910) — der Schneidergeselle — als Bote, Karl Schapper (1812-1870) — der ehemalige Forststu­dent und spätere Tagelöhner, Korrektor und Druckereige­hilfe sowie Hand- und Gelegenheitsarbeiter — als Korrek­tor.
Ebenso wichtig wie diese Details sind die Darlegungen über die Situation im Londoner Kommunistischen Arbei­ter-Bildungsverein vor und nach Erscheinen des Kommuni­stischen Manifests, die Friedrich Leßner in einem von der Forschung bisher kaum beachteten Aufsatz gegeben hat. Wie groß die Spannung und die Erwartung der Bundesmitglieder damals gewesen ist, schreibt Leßner über den Zeitraum vor Erscheinen des Manifests, ist kaum zu schildern und gewiß heute von den Parteigenossen kaum noch zu begreifen. Daß es sich um et­was sehr Wichtiges handeln (mußte), war durch Marx' und Engels' Anwesenheit auf dem zweiten Londoner Kongreß sicher gewor­den; große Hoffnungen beseelten alle, welche ein Interesse an der Ar­beiterbewegung nahmen. Gewiß hat es damals nur einzelne gegeben, welche die politischen, und noch weniger, welche die ökonomischen Verhältnisse wirklich verstanden haben; das lag in den Zeitverhält­nissen begründet. Die Ansichten jener Zeit, ebenso wie die Literatur, beruhten vorwiegend auf utopistischen Anschauungen, die überall eine große Rolle spielten. Da dieselben leicht zu verstehen waren und schön klangen und sich auf naheliegende Hoffnungen stützten, fan­den sie, besonders bei den Arbeitern, schnelle Aufnahme. Man be­greift dies leicht, wenn man daran denkt, wie unentwickelt vor fünf­zig Jahren die Produktionsverhältnisse noch waren. Und dann, wenn man jung und enthusiastisch ist, sieht alles viel leichter aus, als es in Wirklichkeit ist; die Schwierigkeiten werden erst herausge­funden, wenn man mit den Verhältnissen zu rechnen beginnt. [106] Als einen Akt geistiger Befreiung schildert Leßner dann das Erscheinen des Kommunistischen Manifests. Als das „Kommuni­stische Manifest" einige Tage vor der Pariser Februarrevolution —heißt es bei ihm — in London in deutscher Sprache im Druck er­schien, da glaubten die meisten von uns, die Zeit der Freiheit und Gerechtigkeit sei für immer herangekommen. Mit, welchen Hoffnun­gen wir erfüllt waren, mit welcher Begeisterung wir dann das „Ma­nifest" aufnahmen, mit welchem Eifer wir es studierten, ist nicht zu beschreiben. Obgleich wir damals den gigantischen Inhalt noch nicht ganz verstehen konnten, fühlten wir doch, daß hier ein Meisterwerk vorlag. Zu dem Glauben an seine Bedeutung trug nicht nur bei, daß es von den beiden großen Vorkämpfern, Karl Marx und Friedrich Engels, geschrieben war, sondern auch, daß es wissenschaftlich so gründlich vorging und sich auf naheliegende geschichtliche Tatsachen stützte; deshalb war es auch verständlicher als alle die vielen utopi­stischen Bücher und Schriften zusammengenommen. [107]
Dies ist die historische Erstausgabe des Manifests der Kom­munistischen Partei: die 23seitige Burghardsche Ausgabe. [22] Ihre Exemplare sind zunächst nur den Mitgliedern des Bundes der Kommunisten und denen des Kommunisti- schen Arbeiter-Bildungsvereins zugänglich. Bis zum 29. Fe­bruar 1848 wird die Masse dieser Broschüren in den blaß-grünen Papierumschlägen, mit der altertümlichen Fraktur­schrift und dem schlechten Druck bei Burghard in Bishops­gate und im „Weißen Hirsch" in der Drury Lane verkauft. Hundert Exemplare gehen in den ersten Märztagen an die „Vereenigung tot zedelijke beschaving van de arbeitende Klasse" in Amsterdam, weitere nach Brüssel, Paris und Köln. Dann ist die Auflage vergriffen. Sie hat sich als ein Tagesschlager erwiesen.
Einen Monat später, am 18. März 1848, liegt die zweite Ausgabe, die 30seitige Burghardsche Ausgabe, vor. Die ganze Auflage in Höhe von 1000 Exemplaren wird der nun­mehr in Paris sitzenden Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten zur Verfügung gestellt. Der Verkauf erfolgt im Klub deutscher Arbeiter im Cafe Belge in der Rue gre­nelle St-Honoré. [108] Dort erwirbt auch Samuel Brandeis (1800-1876) ein Exemplar, das sich heute noch in Fami­lienbesitz befindet. Stolz schreibt dessen Urenkel Jürgen Kuczynski in seinen Erinnerungen: Das „Kommunistische Manifest" haben wir immer gerettet, als kostbarstes Kleinod, zum letzten Male 1936, als ich die illegale Arbeit in Deutschland aufge­ben mußte [...]. Als ich 1936 nach England emigrierte, übergab ich den Sowjetfreunden in der Berliner Botschaft ein kleines Päckchen, das sie mir auf diplomatischem Wege nach London schicken sollten: es enthielt Manuskriptseiten [...] sowie die vom Urgroßvater über­kommene Erstausgabe des „Kommunistischen Manifests". Und er fügt hinzu: Heute steht das „Manifest" wieder an seinem Platz -eines der zwei Exemplare dieser Ausgabe, die wir in unserer Repu­blik besitzen. [109] Das andere befindet sich in der Sächsi­schen Landesbibliothek in Dresden.
Grunddokument der revolutionären Arbeiterbewegung: das „Mani­fest der Kommunistischen Partei"
„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Nur wenige Stimmen antworte­ten, als wir diese Worte in die Welt hinausriefen.
ENGELS [110]
Kein zweites geschichtliches Dokument hat die politische Entwicklung der Zeit von 1848 bis zur Gegenwart so be­stimmt und beeinflußt wie das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Das kommt daher, weil das Manifest den Kommunisten die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung vermittelt und sie zum entschiedensten, immer weitertreibenden Teil der Arbeiterparteien aller Länder werden läßt. [111] Un­mittelbar nach der Niederschlagung der bürgerlich-demo­kratischen Revolution von 1848/49 legt sich Engels über diese Breitenwirkung Rechenschaft ab, als er und seine Kampfgefährten sich im Exil wiederfinden und die Ursa­chen für die Niederlage zu ergründen suchen. Bis Novem­ber 1850 lebt Engels unter den drückendsten Verhältnissen in London, dann übersiedelt er nach Manchester und findet in der Fabrik seines Vaters, bei „Ermen & Engels, Manche­ster", Arbeit als Kommis (Handlungsgehilfe). Nach Feier­abend setzt er seine Studien über die Auswertung der Re­volution fort.
Engels kommt zu dem Ergebnis, daß das Kommunistische Ma­nifest im richtigen Augenblick erschien, als die Arbeiter­klasse sich auch politisch konstituierte und in eine bür­gerlich-demokratische Revolution eintrat. Auch in Inhalt und Form war es treffend und verständlich, so daß es nicht schwerfiel, unter den fortgeschrittenen Arbeitern lernbegie­rige und einsatzbereite Propagandisten für das Manifest zu finden. In der Revolution hat das Kommunistische Manifest seine Bewährungsprobe bestanden. Es kann auch künftigen Generationen Wegweiser und Kompaß sein.
Mit dem Manifest der Kommunistischen Partei geht das Wort Manifest in den festen Sprachgebrauch der deutschen und der internationalen Arbeiterklasse über. Bis zum Jahre 1848 wurde es ausschließlich von den herrschenden Klassen und Regierungen benutzt; Manifeste waren bedeutsame öffent­liche Erklärungen zur Innenpolitik, die von einer Regie­rung oder führenden Politikern herrührten; sie legten lei­tende Grundsätze einer Regierungspolitik dar. [112] Indem Marx und Engels das Wort Manifest 1847/48 in den Titel der Programmerklärung der kommunistischen Partei ein­bringen, verdeutlichen sie den politischen Herrschaftsan­spruch der Arbeiterklasse. Engels war es, der am 23. No­vember 1847 zuerst auf diesen Gedanken kam. [113] Marx und Engels nennen das Manifest Manifest der Kommunisti­schen Partei, weil sie mit dieser programmatischen Schrift den Parteigedanken (der im Namen des Bundes der Kom­munisten nicht ohne weiteres erkennbar ist) besonders her­vorheben wollen. Damit wird das Kommunistische Manifest -abgefaßt als Manifestation des Bundes der Kommunisten -zum ersten Parteiprogramm, das sich die revolutionäre Ar­beiterbewegung gibt.
Seit Marx und Engels hat die internationale Arbeiterbewe­gung gelernt, zwischen umfassenderen und weniger umfas­senden Programmen zu unterscheiden. Das Kommunistische Manifest als umfassenderes Programm mit Langzeitwirkung gibt und verankert das Kriterium der Theorie der Kommunisten, wie W. I. Lenin fünf Jahrzehnte später formuliert. [114] In diesem Werk ist die neue Weltanschauung mit genialer Klarheit und Ausdruckskraft umrissen:
der konsequente, auch das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens umfassende Materialismus,
die Dialektik als die umfassendste und tiefste Lehre von der Ent­wicklung
die Theorie des Klassenkampfes und der welthistorischen Rolle des Proletariats, des Schöpfers einer neuen, der kommunistischen Gesell­schaft. [115] Die Klarstellung der weltgeschichtlichen Rolle des Pro­letariats vor allem als des Schöpfers der sozialistischen Gesellschaft ist das Wichtigste in der Marxschen Lehre. [116]
Auf dem Kommunistischen Manifest fußend, haben sich die nach 1870 entstehenden nationalen Arbeiterparteien in den einzelnen Ländern eigene, speziellere Programme gegeben. Für diese Programme wurde es charakteristisch, daß sie sich ein Etappenziel stellen und dazu die erforderliche Strategie umreißen; auch berücksichtigen sie stärker die konkreten Bedingungen einer jeden historischen Entwicklungsetappe in den betreffenden Ländern. Nach einer Reihe von Jahren sind solche Parteiprogramme „abgearbeitet" und werden durch weiterführende neue Parteiprogramme ersetzt. Alle diese Programme basieren prinzipiell auf dem Kommunisti­schen Manifest; an ihm als grundlegender Partei-Manifesta­tion wie an ihrem eigenen Parteiprogramm orientieren sich die Parteimitglieder in grundsätzlichen Fragen.
Zur Wahrnehmung der weltgeschichtlichen Mission der Ar­beiterklasse schreibt Engels 1852 in einer Zeit rüdester An­feindungen seitens der Reaktion: In Übereinstimmung mit den Grundsätzen ihres „Manifests" (veröffentlicht 1848) und mit den in der Artikelserie „Revolution und Konterrevolution in Deutschland" in der New-York Daily Tribune dargelegten Grundsätzen bildete diese kommunistische Partei sich niemals ein, sie sei imstande, jene Revolution, die ihre Ideen verwirklichen soll, zu jedem beliebi­gen Zeitpunkt nach Willkür hervorzurufen. Sie erforschte die Ursa­chen, die die revolutionären Bewegungen von 1848 hervorgerufen, und die Ursachen, die ihrem Mißerfolg zugrundelagen. Da sie alle politischen Kämpfe auf soziale Klassengegensätze zurückführt, be­faßte sie sich mit der Untersuchung der Bedingungen, unter denen eine Gesellschaftsklasse berufen sein kann und muß, die Gesamtin­teressen einer Nation zu vertreten und sie damit politisch zu beherr­schen. [117]
Engels weist den Weg, wie man mit dem Manifest arbeiten muß. Er konsultiert Marx, der weiterhin in London lebt. Am 8. Januar 1851 kann Engels von der praktischen Ver­wirklichung seiner Vorstellungen berichten: Ich werde sehen, daß ich mit den Kerls einen kleinen Klub oder regelmäßige Zusam­menkunft organisiere und mit ihnen das „Manifest" diskutiere. Harney und Jones, die Führer der chartistischen Arbeiterbe­wegung in England, haben hier eine Masse Freunde. [118]
Was Engels in Manchester drei Jahre nach der Abfassung und Veröffentlichung des Kommunistischen Manifests prakti­ziert, wirkt bahnbrechend. Das Manifest wird, künftig zur Grundlage der politischen Bildungsarbeit unter der Arbei­terklasse. Seit den Januartagen des Reaktionsjahres 1851 wird es überall dort studiert, wo Grundfragen der Arbeiter­bewegung und des proletarischen Klassenkampfes zu klä­ren sind. In Deutschland, das in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts unter der Reaktion schmachtet, liefert En­gels die Probe aufs Exempel. Schon im Juli 1851 kann er feststellen: Überall, wie ich voraussetzte, bilden sich kleine kom­munistische Cliquen auf Grundlage des „Manifests", was mich sehr gefreut. Das fehlte uns grade bei der Schwachheit des bisherigen Ge­neralstabs. Die Soldaten finden sich von selbst, wenn die Verhält­nisse so weit sind, aber die Aussicht auf einen Generalstab, der nicht aus Straubingerelementen besteht und größere Auswahl zuläßt ab der bisherige [...], ist sehr angenehm. [119]
Solche kleinen kommunistischen Cliquen zum Studium des Kommunistischen Manifests entstehen als Zirkel und Studien­gesellschaften. Sie eignen sich jenes politische Wissen an, das zur Führung des politischen Kampfes notwendig ist. Al­lerdings kann man diese Schulungstätigkeit der damaligen Kommunisten nicht im entferntesten mit heutigen Maßstä­ben messen.
Einer der Manifest-Propagandisten der Anfangszeit, der Schneidergeselle Peter Nothjung (1821-1866), der am 10. Mai 1850 auf dem Leipziger Hauptbahnhof von der sächsischen Polizei verhaftet wurde, erklärt im Verhör vom 24. Juli 1851 auf wiederholtes Befragen: Ich bekenne hiermit nochmals, daß ich Mitglied des kommunistischen Bundes gewesen und demselben beigetreten bin, um für die Zwecke desselben nach meinen Kräften zu wirken und tätig zu sein. Die Zwecke des Bun­des sind in dem mir schon früher bekannt gewordenen „Manifest der Kommunistischen Partei", veröffentlicht im Februar 1848, sowie in den bei mir vorgefundenen und nun von Köln nach Berlin gesende­ten Statuten ausführlich dargelegt. Ich habe mich sowohl mit dem In­halte des Manifestes als mit dem Inhalte dieser Statuten bekanntgemacht und nach Maßgabe der darin ausgesprochenen Grundsätze meine Tätigkeit einrichten wollen. [...] auf eine geistige Propaganda habe ich mich beschränkt, indem ich mich mit Leuten aus der arbei­tenden Klasse über kommunistische Ideen unterhalten und diese für die Lehre des Kommunismus geneigt zu machen gesucht habe. [120] Auf diese Tätigkeit war Nothjung als Kommunist stolz. Die Klassenjustiz verurteilte ihn im berüchtigten Kölner Kom­munistenprozeß von 1852 zu sechs Jahren Festungshaft: Für so gefährlich hielt sie die Verbreitung der Ideen des Kommunistischen Manifests.
Friedrich Leßner, der Bote beim Zustandekommen, des Ma­nifest-Erstdrucks, wirkt in jener Zeit im Rheinland als Pro­pagandist. Als Mitglied der Kölner Zentralbehörde des Bun­des der Kommunisten verfügt er über einen guten Über­blick, was sich in Deutschland alles tut. In seinen Erinne­rungen hebt er später hervor, daß selbst viele von uns, die wir das „Manifest" [...] verbreiteten, zu jener Zeit nicht den vollen Wert desselben verstanden. Erst eine Reihe von Jahren und Erfah­rungen und die großen Veränderungen in den Produktionsverhält­nissen haben den reichen Inhalt des „Manifestes" völlig verständlich und klargemacht. Heute (1897) sind eben die Verhältnisse voll ent­wickelt, auf die das „Manifest" aufmerksam macht; und so oft man dieses merkwürdige Aktenstück der Partei durchliest, wird man sich von neuem klar darüber. [121]
Trotz aller Mängel, die ihr anhaften, ist diese erste Bil­dungsarbeit der Kommunisten unter der Arbeiterklasse von unerhörter Bedeutung. W. I. Lenin bringt dies später auf die Formel, daß der Marxismus in schwerer Kleinarbeit und unermüdlicher Hingabe mit der Arbeiterbewegung verbun­den werden muß. [122] Dieser Prozeß muß ständig in Gang gehalten werden, im großen wie im kleinen. Mit dem Hin­eintragen der Prinzipien des Kommunistischen Manifests, mit der Aneignung der Strategie und Taktik des revolutionären Klassenkampfes, mit dem Erwerben marxistischer Grund­kenntnisse, wie sie etwa im Manifest enthalten sind, fängt dieser Prozeß ständig an. Das Manifest der Kommunistischen Partei ist auch heute noch das erste Werk, durch dessen Stu­dium sich jeder Kommunist, ganz gleich in welchem Land der Erde, mit der Weltanschauung der Arbeiterklasse ver­traut macht.
Friedrich Engels, der zeit seines Lebens selbst ein aktiver Propagandist für das Kommunistische Manifest ist und in vie­len Schriften und Briefen auf immer neue Bezüge des Mani­fests aufmerksam macht, charakterisiert an seinem Lebens­abend (1894) das unbedingt notwendige geistige Rüstzeug, das sich ein Kommunist für seinen Kampf aus dem Manifest aneignen muß, folgendermaßen: Seit 1848 ist die Taktik, die den Sozialisten am häufigsten Erfolge eingebracht hat, die des „Kommunistischen Manifests": Die Sozialisten vertreten „in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Pro­letariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamt­bewegung [...]. Sie kämpfen für die Erreichung der unmittelbar vor­liegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertre­ten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewe­gung." — Sie nehmen mithin aktiven Anteil an allen Entwicklungs­phasen des Kampfes der beiden Klassen, ohne dabei jemals aus dem Auge zu verlieren, daß diese Phasen nur ebenso viele Etappen sind, die zu dem höchsten großen Ziele führen: der Eroberung der politi­schen Macht durch das Proletariat als Mittel zur gesellschaftlichen Umgestaltung. Ihr Platz ist in den Reihen der Kämpfer für jeden unmittelbaren Erfolg der im Interesse der Arbeiterklasse zu erzielen ist; alle diese politischen oder sozialen Erfolge akzeptieren sie, aber nur als Abschlagszahlungen. Darum betrachten sie jede revo­lutionäre oder progressive Bewegung als einen Schritt vorwärts auf ihrem eigenen Wege, und ihre besondere Aufgabe ist es, die anderen revolutionären Parteien vorwärtszudrängen und, falls eine von die­sen Parteien siegen sollte, die Interessen des Proletariats zu wahren. Diese Taktik, welche das große Ziel nie aus dem Auge verliert, be­wahrt die Sozialisten vor den Enttäuschungen, denen die anderen, weniger klarblickenden Parteien — ob reine Republikaner oder Ge­fühlssozialisten — unweigerlich unterliegen, da sie eine bloße Etappe für das Endziel des Vormarsches halten. [123]
„Manifest"-Verständnis und intellektuelle Entwicklung der Arbei­terklasse
Für den schließlichen Sieg der im „Ma­nifest" aufgestellten Sätze verließ sich Marx einzig und allein auf die intel­lektuelle Entwicklung der Arbeiter­klasse, wie sie aus der vereinigten Ak­tion mit der Diskussion notwendig her­vorgehn mußte.
ENGELS [124]
Das Kommunistische Manifest will keinesfalls nur als Ergebnis der Ausarbeitung des Marxismus und seiner Verbindung mit der elementaren Arbeiterbewegung verstanden werden. Es repräsentiert vielmehr eine notwendige hohe Entwick­lungsstufe der revolutionären Arbeiterbewegung, eine neue, zeitenbestimmende Qualität sozialistischen Denkens. Auf die Frage des Gerichtspräsidenten im Leipziger Hoch­verratsprozeß nach seiner politischen Einstellung bekannte Wilhelm Liebknecht (1826-1900) — der Mitbegründer der Eisenacher Partei, der ersten nationalen Arbeiterpartei auf der Welt — am 4. März 1872: Diejenige Strömung der ich ange­höre, (ist) die wissenschaftliche, proletarisch-sozialistische, deren Pro­gramm im „Kommunistischen Manifest” entwickelt ist. [125] Die Verfasser des „Handbuchs des Socialismus", Carl Stegmann und Carl Hugo, konstatierten 1897, daß das „Manifest" auf die Entwicklung der Bewegung einen entscheidenden Einfluß ausge­übt hat, sind doch die in dem „Manifest" gewählten Ausdrücke termini technici des internationalen Sozialismus geworden. [126] Damit sind zwei wesentliche Gesichtspunkte der neuen Qualität umrissen: die wissenschaftliche Begründung des Inhalts des Kommunistischen Manifests und die sprachprä­gende Wirkung seiner Begriffswelt für die internationale Arbeiterbewegung.
Eine neue Qualität stellt auch neue Ansprüche. Deshalb ha­ben Marx und Engels zu wiederholten Malen betont, man könne das Kommunistische Manifest nicht voraussetzungslos zur Hand nehmen: Jeder Satz, jeder Gedanke des Manifests müsse wissenschaftlich erfaßt und durchdacht werden, um zu einer Anleitung zum Handeln zu werden. Seien solche
Voraussetzungen nicht gegeben, müßten Wege gefunden werden, sie zu schaffen; heranführende Vorarbeit sei also zu leisten. Marx selbst sieht sich in einer solchen Situation, als er 1864 vor der Aufgabe steht, das Programm-Dokument für die gerade ins Leben gerufene Internationale Arbeiter-Assoziation abzufassen. Nach verrichteter Arbeit gesteht er Engels gegenüber: Es war sehr schwierig die Sache so zu halten, daß unsre Ansicht in einer Form erschien, die sie dem jetzigen Standpunkt der Arbeiterbewegung acceptable machte. [...] Es bedarf Zeit, bis die wiedererwachte Bewegung die alte Kühnheit der Spra­che erlaubt. [127] Mit der Kühnheit der Sprache spielt Marx auf das Kommunistische Manifest an. Deshalb gilt auch für diese Schrift der beiden Begründer des Wissenschaftlichen Kom­munismus der von Engels formulierte Grundsatz unum­schränkt, daß der Sozialismus, seitdem er eine Wissenschaft gewor­den, auch wie eine Wissenschaft behandelt, d. h. studiert werden will. [128]
Gesellschaftliche Wirksamkeit und Ausstrahlungskraft des Kommunistischen Manifests, die sich auf Studium und detail­lierte Kenntnis seiner Ideen gründen, hängen also vom in­tellektuellen Niveau der Arbeiterklasse ab. Engels hat das in seinem oben zitierten Manifest-Vorwort unumwunden ausgesprochen. [124] Auch in seinem Brief an Friedrich Adolph Sorge vom 10. März 1887 behandelt Engels diesen wichtigen Gesichtspunkt. Es ist dabei daran zu erinnern, schreibt er unter Bezugnahme auf das Niveau der amerika­nischen Arbeiter in den achtziger Jahren des 19. Jahrhun­derts, daß sowohl das „Manifest" wie fast alle kleineren Sachen von Marx und mir für Amerika augenblicklich noch viel zu schwer verständlich sind. Die dortigen Arbeiter kommen eben erst in die Be­wegung hinein, sind noch ganz roh, namentlich theoretisch enorm zu­rück durch ihre allgemein angelsächsische und speziell amerikanische Natur und Vorbildung — es muß da der Hebel unmittelbar an die Praxis angesetzt werden, und dazu ist eine ganz neue Literatur nö­tig. [...] Sind die Leute erst einigermaßen auf der richtigen Bahn, dann wird das „Manifest" seine Wirkung nicht verfehlen, jetzt würde es nur bei wenigen wirken. [129] Am 4. Mai 1887 ergänzt Engels gegenüber den Einwürfen Sorges, daß die Anforde­rungen an das Lesen des Manifests doch wohl so hoch nicht sein könnten: Im übrigen ward Ihr vor 40 Jahren, als das Mani­fest herauskam, Deutsche, mit deutschem theoretischem Sinn, und deshalb wirkte das „Manifest" damals, während es, obwohl franzö­sisch, englisch, flämisch, dänisch usw. übersetzt, bei den andern Völ­kern absolut wirkungslos blieb. Und für die untheoretischen matter of fact (praktischen) Amerikaner glaube ich um so mehr andre, plattere Kost zuträglich, als wir die im „M[ani]f[est]“ dargestellte Geschichte durchgemacht hatten, sie aber nicht. [130] Engels kommt auf diese wichtige Feststellung, die Allgemeingül­tigkeit besitzt, auch in seinen Vorworten von 1888 und 1890 zurück, in denen er ausführt, daß für zahlreiche vor-marxistische sozialistische Strömungen — insbesondere für die englischen Trade-Unions — auf einer bestimmten Ent­wicklungsstufe der kontinentale Sozialismus kein Schreckge­spenst mehr ist und die Theorie, die im „Manifest" verkündet wird, zur allgemeingültigen Anschauung wird. [131] In der Gegenwart gilt dies für zahlreiche linke Gruppen und Gruppierungen in der kapitalistischen Welt, die sich erst zum theoretischen Verständnis des Kommunistischen Mani­fests heraufarbeiten müssen.
Friedrich Engels, der Mitautor des Kommunistischen Mani­fests, findet in seinem vorletzten Lebensjahrzehnt — in einer Zeit heftigster Klassenauseinandersetzungen — auch jene Methodik, um die organisierte Arbeiterklasse schneller an das intellektuelle Entwicklungsniveau heranzuführen, das das Manifest voraussetzt. Sie ist verallgemeinert in seiner be­rühmten Formulierung: Vereinigung der Aktion mit der Dis­kussion. [132]
Als Engels diese Formulierung niederschreibt, denkt er be­sonders an die Erfahrungen in der schweren Zeit der Ver­folgungen in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. In der Habsburger Monarchie werden die Sozialisten unterdrückt. In Deutschland praktiziert Bis­marck das berüchtigte Sozialistengesetz. In allen katholi­schen Ländern hat die Kirche zu einem heiligen Kreuzzug gegen den Marxismus und die Arbeiterbewegung aufgeru­fen. Daher sind in fast allen europäischen Ländern die so­zialistischen Schriften verboten, allen voran das Kommunisti­sche Manifest.
So sieht es in Österreich-Ungarn aus:
K. K. Statthalterei Böhmen
Ich setze Sie zur entsprechenden Benachrichtigung davon in die Kenntnis, daß die K. K. Staatsanwaltschaft in Gründen als Ge­richtsstand des Tatortes in dem Inhalte der aus England importier­ten Broschüre „Das Kommunistische Manifest" (: Neue Ausgabe mit einem Vorworte der Verfasser Karl Marx und Friedrich Engels - gedruckt in Leipzig bei Fr. Thiele im Jahre 1872 :) den Tatbe­stand
a) des Verbrechens des Hochverrates nach § 58, lit. o,
St[raf] –G[esetz];
b) der Störung der öffentlichen Ruhe nach § 65, lit. a,
und c) des Vergehens gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung nach §302 und §305 St[raf]-G[esetz]
begründet erkannt und daher unter gleichzeitiger Bestätigung der verfügten Beschlagnahme auf Grund des Art [ikels] V des Gesetzes vom 15. Oktober 1868, B[öhmisches] G[esetz] –B[latt] No. 142, und § 36 des Preßgesetzes die Weiterverbreitung dieser Druckschrift verboten und nach § 37 des Preßgesetzes die Vernichtung der oben zur allerfältigen Verbreitung gelangenden Exemplare dieser Druck­schrift ausgesprochen hat.
Prag den 25. Juni 1875.
Friedler [133]
Das Bild in Deutschland ist ähnlich:
Bekanntmachungen auf Grund des Reichsgesetzes vom 21. Oktober 1878
Auf Grund des § 12 des Reichsgesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878 wird hierdurch zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die unten benann­ten Druckschriften nach § 11 des gedachten Gesetzes durch die unterzeichnete Landespolizeibehörde verboten sind:
I. „Das Kommunistische Manifest. Neue Ausgabe mit einem Vor­wort der Verfasser" (Karl Marx und Friedrich Engels), Leipzig 1872. Verlag der Expedition des „Volksstaat".
Oppeln, den 28. November 1878.
v. ,Quadt [134]
In allen katholischen Ländern gilt die päpstliche Enzyklika „Quod Apostolici Muneris" vom 28. Dezember 1878 über den Sozialismus:
Ihr erkennet leicht, ehrwürdige Brüder, daß Wir von jener Sekte von Menschen reden, welche mit verschiedenen, fast barbarischen Na­men, Sozialisten, Kommunisten oder Nihilisten, genannt werden, über den ganzen Erdkreis verbreitet und durch ein gottloses Bündnis auf das engste miteinander verbunden, schon nicht mehr im Dunkel geheimer Zusammenkünfte Schutz suchen, sondern offen und dreist ans Tageslicht treten und ihren längst gefaßten Entschluß, die Grundlagen jeder bürgerlichen Gesellschaft umzustürzen, zur Aus­führung zu bringen trachten. [...] Und solche abenteuerliche Pläne predigen sie in ihren Versammlungen, verteidigen sie durch Druck­schriften und verbreiten sie durch eine Unzahl von Tagesblättern un­ter dem Volke. [...] Und da diese Lehren weit und breit ausgestreut sind und eine solche Zügellosigkeit im Denken und Handeln überall Geltung errungen hat, so ist es kein Wunder, daß Leute niedern Standes, der ärmlichen Hütte und Werkstätte-überdrüssig die Häu­ser und Glückgüter der Reichen sich anzueignen verlangen; da ist es kein Wunder, daß im öffentlichen sowohl als im Privatleben keine Zufriedenheit mehr besteht und das menschliche Geschlecht beinahe schon in das äußerste Verderben geraten ist. [...] Da sich nun alles dieses so verhält, ehrwürdige Brüder, so haben Wir, da Uns gegen­wärtig die Regierung der ganzen Kirche obliegt, gleich beim Antritt Unseres Pontifikates den von furchtbaren Stürmen hin und her ge­worfenen Völkern und Fürsten den Hafen bezeichnet, worin sie eine sichere Zuflucht finden können. Und Wir erheben, durch drohende äußerste Gefahr bewogen, neuerdings zu ihnen Unsere apostolische Stimme [...]. [135]
Zusammen mit anderen Schriften sozialistischen Inhalts wird das Kommunistische Manifest in den „Index librorum prohibitorum Leonis XIII." („Index der verbotenen Bücher von Leo XIII.") aufgenommen. [136]
Die Situation ist kompliziert. Seit sich der Marxismus nach 1870 in der internationalen Arbeiterbewegung gegenüber allen vormarxistischen Strömungen durchgesetzt hat, steht er einer Phalanx der reaktionären Kräfte gegenüber. In ei­ner solchen Situation kommt es vor allem auf die Führung an. Engels ist sich dessen bewußt. Ihm fällt in diesen Jahren ohnehin die Hauptlast der Arbeit in der internationalen Ar­beiterbewegung zu, da er seit September 1870, seiner Übersiedlung von Manchester nach London, mit Karl Marx eine strenge Arbeitsteilung hat. Marx soll das Hauptwerk des Marxismus, Das Kapital, vollenden, er will die gemeinsamen Ansichten in der Öffentlichkeit vertreten und das interna­tionale Proletariat anleiten. Das Kommunistische Manifest wird ihm dabei zur entscheidenden Hilfe im politischen Kampf.
Innerhalb eines Jahrzehnts, zwischen 1880 und 1890, veran­laßt Engels allein fünf Ausgaben des Manifests der Kommuni­stischen Partei in deutscher Sprache, mindestens zehn wei­tere werden unter seiner Mithilfe in anderen Sprachen, dar­unter in Französisch, Englisch, Russisch, Spanisch, Pol­nisch, Rumänisch und Armenisch, publiziert. Damit er­scheinen in einer Zeit stärkster Reaktion mehr Manifest-Ausgaben als in den drei Jahrzehnten davor.
Die erste, in dieser Zeit von Engels veranlaßte deutsche Ausgabe ist die des Kommunistischen Arbeiter-Bildungs­vereins in London. Im Frühjahr 1881 bringt dieser eine mehrere tausend Exemplare umfassende Ausgabe unter dem Originaltitel Manifest der Kommunistischen Partei heraus. In der Office des Kommunistischen Arbeiter-Bildungsver­eins war 1848 auch die Erstausgabe des Manifests erschie­nen; nun — 33 Jahre später — hilft er der deutschen Arbeiter­partei erneut in schwerer Zeit. Er verfügt über eigene finan­zielle Mittel und zählt mehrere tausend eingeschriebene Mitglieder, die im Deutschen Verein oder einer der drei an­geschlossenen Sektionen — der Englischen Section, der Boeh­mischen Section oder der III. Section — organisiert sind. Wie sehr er bereit ist, den illegalen Kampf der deutschen und der österreichisch-ungarischen Sozialdemokratie zu unterstützen, geht aus der 1881er Ausgabe des Kommunisti­schen Manifests selbst hervor. Es heißt dort: Von Zeit zu Zeit werden von London aus Flugschriften gratis versandt. Selbstver­ständlich richtet sich die Herstellung derselben nach den vorhande­nen Mitteln, weshalb die Genossen guttun, solche zu beschaffen. [...] Diese Schrift ist das „Manifest der Kommunistischen Partei", welche als historisches Aktenstück bezeichnet werden darf, das der Kommu­nistische Arbeiter- und Bildungsverein von London ehedem in gro­ßen Quantitäten verbreitet hat. Seit längerer Zeit ist dieselbe nir­gends mehr zu haben; daher wurde unlängst von dem vorgenannten Vereine beschlossen, eine neue Auflage davon zu veranstalten. [137]
Dieser Ausgabe, die auf Dünndruckpapier gedruckt und von der Größe eines Briefumschlags ist, sieht man sofort an, daß sie für den illegalen Versand bestimmt ist. Sie unter­stützt den Kampf, indem sie ideologische Klarheit über die historische Mission der Arbeiterklasse schafft. Der Wider­stand gegen die Verfolgung der organisierten Arbeiterbe­wegung und die Bewußtseinserziehung der Genossen kön­nen so organisch miteinander verbunden werden. Mitten im schärfsten Klassenkampf wird damit eine neue Füh­rungsmethode der Arbeiterklasse geboren, die Friedrich Engels theoretisch verallgemeinert als die Vereinigung der Aktion mit der Diskussion. In seinem Manifest-Vorwort von 1890 legt er darüber Rechenschaft ab.
Diese Führungsmethode, politisches Handeln mit einem ständigen Erziehungsprozeß zu vereinen, geht in das Arse­nal der internationalen Arbeiterbewegung ein und wird seitdem von allen marxistischen und marxistisch-leninisti­schen Parteien und Organisationen gehandhabt. Sie wird künftig nicht nur unter den Bedingungen der Illegalität be­trieben, unter denen sie entstand, sondern auch unter lega­len Bedingungen im kapitalistischen Klassenstaat. Das gilt bis heute. Auch im sozialistischen Staat werden stets Mas­senaktionen mit Diskussionen über die zu erreichenden Ziele verbunden und umgekehrt Diskussionen in Aktionen umgesetzt. Die Methode hat also — über ihren Anlaß, die in­tellektuelle Basis für das Manifest-Verständnis zu bereiten, weit hinausgehend — allgemeine Anwendbarkeit erlangt. Im Herbst 1883 folgt eine neue, von Friedrich Engels her­ausgegebene deutsche Ausgabe des Kommunistischen Mani­fests. Erstmalig unter allen sozialistischen Schriften hat sie eine Massenauflage von 10000 Exemplaren aufzuweisen. Sie erscheint in dem neuen sozialistischen Druckzentrum in der Schweiz, das unter der unmittelbaren Hilfe beson­ders von Engels ab Oktober 1879 zunächst in der „Indu­strie-Halle" in Riesbach-Zürich und ab 22. März 1882 in der mit Verlag und Druckerei gekoppelten Volksbuchhandlung Hottingen-Zürich entstanden war. Seine Hauptaufgabe ist zwar die Herausgabe und der Vertrieb des in Deutschland verbotenen Parteiorgans „Der Sozialdemokrat", es werden aber auch in zunehmendem Maße Flugblätter und Broschü­ren gedruckt. Joseph Motteler, der legendäre Rote Feldpostmeister, der Transport und Verteilung konspirativ anleitet, schreibt 1895 rückblickend in einem Bericht für den sozial­demokratischen Parteivorstand:
Es wurden in jener Periode zirka 150000 Flugblätter, Parteiprogramme (d. h. Kommunisti­sche Manifeste von Marx und Engels) usw. den „Sozialdemo­krat" -Sendungen laufend zu agitatorischen Zwecken gratis beigelegt. Diese Feldpostspesen etc. trug der „Sozialdemokrat" zu seinen La­sten. Die Herstellung erfolgte aus den von uns organisierten freiwilli­gen „Sammlungen per Flugschriftenfonds". Mit dem Abonnenten­wachstum Hand in Hand steigerte sich der Schriftenumsatz. Von Anfang 1883 an hatten wir mit einer Transitquote von 100 Kilo pro Woche Minimum zu rechnen, die sich mit 1885 auf 120 Kilo im Durchschnitt erhoben. Das Verhältnis der Schriften zum „Sozialde­mokrat" stellte sich so, daß auf 100 Transitkilo-Brutto ab 1886 bis zum Schluß 1890
40% auf Schriften und
60% auf den „Sozialdemokrat"
gerechnet wurden. 120 Kilo blieben von dort an das Minimum im Durchschnitt. Bis Mitte Mai 1880 hatten wir Schwierigkeiten mit dem Papiergewicht. [...] In Rücksicht unserer Briefversande sollte kein Blatt (des „Sozialdemokrat") über 10 Gramm wiegen [...] Wir gelangten anfangs 1883 dahin. Auch unsre Papiere zum Schrif­tendruck mußten sich wenigstens in dieser Richtung bewegen. Schwer gegipste Fabrikate wurden vermieden, und unsre Feldpost transierte von nun an zu der alten Taxe (d. h. ohne zusätzliche Kosten) 30 bis 331/3% mehr an Lesestoff ins Reich. [138]
Der Bedarf an Kommunistischen Manifesten ist 1883 so groß, daß die Volksbuchhandlung Hottingen-Zürich 1884 noch­mals 5000 Exemplare auflegen muß. Diese Auflage geht aber nicht in den Gratisversand, sondern in den Verkauf. In sechs Jahren ist sie aufgebraucht — und dies unter den Be­dingungen der Illegalität der Partei in Deutschland: eine große Leistung an Einsatzbereitschaft, Mut und Lerneifer der deutschen Arbeiter.
Vor allem an Hand dieser Ausgaben von 1883 und 1884 wird in der Zeit des Bismarckschen Sozialistengesetzes der Marxismus studiert. Die kleinen Hefte geben die Genossen von Hand zu Hand, so daß die Wirksamkeit mit einem Viel­fachen der Auflagenziffer anzusetzen ist. Auf diese Weise werden die so nötigen Kenntnisse über die Rolle der Ar­beiterklasse und ihrer Partei sowie über den Internationalismus als proletarisches Klassenprinzip verbreitet. 1921 kann die Sozialdemokratin Ottilie Baader, eine aktive Kämpferin gegen das Sozialistengesetz, in ihren Erinnerungen aner­kennend schreiben, daß sich viele Arbeiter unter illegalen Bedingungen in der Stille zu Sozialisten herangebildet ha­ben. [139] Die Aneignung des Inhalts des Kommunistischen Manifests hat dazu wesentlich mit beigetragen. 1889/90 ver­anlaßt Friedrich Engels eine neue Auflage des Manifests in deutscher Sprache; sie dient als Ausgabe letzter Hand vie­len Nachdrucken als Textvorlage. Sie erscheint in London und zählt wiederum 5000 Exemplare. Ein Jahr später schon wird sie mit 10000 Exemplaren nachgedruckt. Der Nach­druck erfolgt bereits in Berlin, denn nach zwölf langen Jah­ren ist Bismarcks Sozialistengesetz endlich zu Fall gebracht. Engels kann im Vorwort zur Manifest-Ausgabe von 1890 die Bilanz ziehen, daß der Marxismus, zu dessen Bekämpfung sich zwanzig Jahre lang alle reaktionären Kräfte verschwo­ren hatten, nicht untergegangen, sondern aus allen Kämp­fen gestärkt und mit neuer Lebenskraft versehen hervorge­gangen ist. Symbol für diese Sieghaftigkeit ist das Manifest der Kommunistischen Partei, über das Engels schreibt: Gegen­wärtig ist es unzweifelhaft das weitest verbreitete, das international­ste Produkt der gesamten sozialistischen Literatur, das gemeinsame Programm vieler Millionen von Arbeitern aller Länder von Sibirien bis Kalifornien. [140] In ihrer intellektuellen Entwicklung hat die Arbeiterklasse vieler Länder einen gewaltigen Sprung nach vorn getan. An der Zahl der verbreiteten und studier­ten Manifeste kann der erreichte Stand gemessen werden.
Mit dem „Kommunistischen Manifest" in die siegreiche Oktoberre­volution von 1917: Sich ständig mit Marx beraten
Damals (1870) hatte eine russische Ausgabe dieser Schrift für den Westen höchstens die Bedeutung eines literari­schen Kuriosums. Heute (1890) ist eine solche Auffassung nicht mehr mög­lich. [...] Rußland bildet die Vorhut der revolutionären Bewegung Europas. [...] Wenn die russische Revolution das Signal zu einer Arbeiterrevolution im Westen wird, so daß beide einander er­gänzen, dann kann das heutige russi­sche Gemeineigentum zum Ausgangs­punkt einer kommunistischen Entwick­lung dienen.
ENGELS [141]
Ein Semester Rechtswissenschaft hat der knapp achtzehn­jährige Wladimir Iljitsch Uljanow, der spätere Lenin, gerade an der Kasaner Universität studiert, als er dem Rektor völlig überraschend folgendes Gesuch mitteilt:
Da ich es unter den gegenwärtigen Bedingungen des Universitätsle­bens nicht für möglich halte, mein Studium an der Universität fort­zusetzen, habe ich die Ehre, Euer Exzellenz untertänigst zu bitten, die entsprechende Anweisung zu geben, mich aus den Reihen der Studenten der Kaiserlichen Kasaner Universität zu streichen.
Kasan, den 5. Dezember 1887.
W I. Uljanow [142]
Das ist offene Rebellion, Fortsetzung der gerade unter­drückten Kasaner Studentenunruhen. Die zaristischen Be­hören finden schnell heraus, daß Wladimir Iljitsch an die­sen teilgenommen hat. Sofort konstruieren sie auch einen Zusammenhang zwischen der Niederschlagung jener Unru­hen und dem als demonstrativ aufzufassenden Schritt des Austritts aus der Universität. Wer die gegenwärtigen Bedingun­gen des Universitätslebens nicht akzeptiert, der will politische Freiheiten, vielleicht sogar noch mehr: die Beseitigung der zaristischen Selbstherrschaft. Bereits am 7. Dezember 1887 wird Uljanow unter Polizeiaufsicht gestellt. Kurz darauf er­folgt die Verbannung in das entlegene Dorf Kokuschkino auf ein Jahr für den knapp Achtzehnjährigen.
Lenin nutzt die Zeit der Verbannung. Seine Verwandten schicken ihm Bücher und Zeitschriften, und immer wieder fordert er neue Sendungen an. Später erinnert sich Lenin an diese unruhevolle Zeit: Mir scheint, nie in meinem späteren Le­ben, selbst nicht im Gefängnis in Petersburg und in Sibirien, habe ich so viel gelesen wie in dem Jahr meiner Verbannung aus Kasan ins Dorf. Es war ein leidenschaftliches Lesen vom frühen Morgen bis zu später Stunde. [143]
Lenin erarbeitet sich in dieser Zeit ein profundes Weltbild, das ihn — der Marx' „Kapital" vorher schon bei seinem Bru­der Alexander gesehen hat — an die Schwelle des Marxis­mus heranführt und das zu dessen Verständnis und späte­rer Weiterentwicklung zum Leninismus unbedingt notwen­dig ist. Im Herbst 1888 darf Lenin nach Kasan zurückkeh­ren, und er beginnt mit den zaristischen Behörden einen zweijährigen Kampf um die Wiederzulassung zur Universi­tät. Diese Zeit läßt er nicht ungenutzt verstreichen. Er setzt seine in Kokuschkino begonnenen Studien fort und tritt, erst in Kasan, seit 1889 in Samara, einem illegalen marxisti­schen Zirkel bei, in dem Schriften von Marx und Engels so­wie von Plechanow gelesen und diskutiert werden. Sehr bald findet er heraus, daß das Kommunistische Manifest nur in einer deutschsprachigen Ausgabe vorhanden ist. Kaum ei­ner der Zirkelteilnehmer kann es lesen. Lenin hat im El­ternhaus Deutsch gelernt; kurz entschlossen übersetzt er das Manifest ins Russische. Es kursiert nun handschriftlich, wird möglicherweise auch hektographiert, wie viele andere illegal verbreitete Schriften der Klassiker in der vorrevolu­tionären Zeit.
Der neunzehnjährige Lenin hat damit die dritte russische Manifest-Übersetzung geschaffen. Vor ihm haben bereits be­kannte russische Revolutionäre, die einige Jahre älter sind als er und die in engem Kontakt mit Marx und Engels ge­standen haben, anerkannte Übersetzungen des Kommunisti­schen Manifests veröffentlicht: 1869 L. Tschernezki und N. N. Ljubawin, 1882 der russische Marxist Georgi Walen­tinowitsch Plechanow [2]; diese beiden Ausgaben sind aber im Ausland, in Genf erschienen.
Wenn auch Lenins Übersetzung unter den Bedingungen der Illegalität verlorenging und bis heute nicht wieder auf­gefunden werden konnte, hat sie doch reiche Früchte getra­gen. Für die Teilnehmer am marxistischen Zirkel in Samara war sie eine große Hilfe, könnten sie doch nun das Hand­buch jedes klassenbewußten Arbeiters [144], wie Lenin das Kom­munistische Manifest zu nennen pflegte, im vollen Wortlaut lesen. Von unschätzbarer Bedeutung aber war die Manifest-Übersetzung für Lenin selbst und durch seine Persönlich­keit für das internationale Proletariat.
Der fast neunzehnjährige Lenin hat noch keine Schrift der Klassiker des Marxismus so intensiv durchgearbeitet wie das Kommunistische Manifest von 1888 auf 1889. Beim Über­setzen muß er den Inhalt nach den verschiedensten Seiten hin durchdenken; jede sprachliche Feinheit muß er prüfen und versuchen, sie in der Übersetzung gleichlautend wie­derzugeben. Das ist etwas ganz anderes, als wenn er bisher Schriften „nur" studiert und exzerpiert hat. Durch das Übersetzen kennt er jede Formulierung, hat er deren Sinn­gehalt viele Male durchdacht, bevor er ihr die bleibende russische Fassung zu geben vermag. Daher finden sich in den Lenin-Werken unzählige Bezüge auf das Manifest der Kommunistischen Partei, die sich auf jene frühe intensive Be­schäftigung mit dem Manifest gründen.
Von 1889 an wird das Kommunistische Manifest von Marx und Engels zur Grundlage Leninschen Handelns. Lenin entwik­kelt dabei jene Praxis, die für sein schöpferisches Verhält­nis zu den Begründern des Wissenschaftlichen Kommunis­mus charakteristisch ist und die die Kommunistischen und Arbeiterparteien von ihm lernen und übernehmen. Na­deshda Krupskaja, die Lebens- und Kampfgefährtin Lenins, schreibt darüber fünfundvierzig Jahre später:
Man müsse sich über die Methode von Marx klarwerden, man müsse bei Marx ler­nen, die Besonderheiten der Arbeiterbewegung in bestimmten Län­dern zu untersuchen. Eben das tat Lenin. Für Lenin war die Lehre von Marx kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln. Ihm entschlüpfte einmal folgender Ausdruck: „Wer sich, bei Marx Rats erholen will ..." Dieser Ausdruck war sehr charakteristisch. Er selbst „beriet sich" ständig mit Marx. In den schwierigsten Augenblicken, an den Wendepunkten der Revolution, machte er sich sogar immer wieder daran, bei Marx nachzulesen. Man trat in sein Arbeitszimmer ein, rings umher war alles aufgeregt, Iljitsch aber las Marx, und manchmal fiel es ihm schwer, sich davon loszureißen. Nicht zur Be­ruhigung der Nerven und nicht, um sich frischen Glauben an die Kräfte der Arbeiterklasse, Glauben an ihren Endsieg zu holen -dieser Glaube war bei Iljitsch in ausreichendem Maße vorhanden -, sondern um sich bei Marx „Rats zu erholen", um bei ihm Antwor­ten auf die aktuellen Fragen der Arbeiterbewegung zu fin­den.[...]
Die Werke von Marx zur Hand nehmen, die der Untersuchung analoger Situationen gewidmet sind, sie sorgfältig analysieren, die Ähnlichkeit und die Unterschiede herausarbeiten - das war Le­nins Methode. [145]
Einmal gefunden, handhabt der junge Uljanow diese Me­thode ebenso wie später der erfahrene Lenin, der sieben­undvierzigjähriger Führer der Großen Sozialistischen Okto­berrevolution von 1917 in Rußland. Das Kommunistische Ma­nifest ist ihm Kompaß für die Meisterung der Aufgaben, für die Verwirklichung der welthistorischen Mission der Ar­beiterklasse. Das erste Buch, das nach der Oktoberrevolu­tion in Rußland erscheint, ist Lenins vom Kommunistischen Manifest inspirierte Arbeit Werden die Bolschewiki die Staats­macht behaupten?, das zweite das Manifest der Kommunistischen Partei.
Ein Vermächtnis Ernst Thälmanns: Die Verbindung der „Mani­fest"-Propagierung mit dem „Anschauungsunterricht der proletari­schen Diktatur" in der Sowjetunion
So spiegelt die Geschichte des „Manife­stes" in hohem Maße die Geschichte der modernen Arbeiterbewegung wider.
ENGELS [146]
Mit der Gründung der Kommunistischen Partei Deutsch­lands im Feuer der Novemberrevolution 1918/19 knüpft die deutsche Arbeiterbewegung wieder am revolutionären Erbe von Marx und Engels an. Rosa Luxemburg (1871-1919), die auf dem Gründungsparteitag das Hauptreferat hält, ver­kündet in der Nachmittagssitzung des 31. Dezember 1918: Nun, Parteigenossen, heute erleben wir den Moment, wo wir sagen können: Wir sind wieder bei Marx, unter seinem Banner. Wenn wir heute in unserem Programm erklären: Die unmittelbare Aufgabe des Proletariats ist keine andere als - in wenigen Worten zusammenge­faßt - den Sozialismus zur Wahrheit und Tat zu machen und den Kapitalismus mit Stumpf und Stiel auszurotten, so stellen wir uns auf den Boden, auf dem Marx und Engels 1848 standen und von dem sie prinzipiell nie abgewichen waren.[147] Die junge KPD versteht sich als Kampfgefährte der russischen Revolution, denn seit das neue Rußland nach dem Roten Oktober sich behauptete und entwickelte, ist der Sozialismus nicht mehr nur Theorie, sondern unwiderrufliche Realität. Vom Tage ihrer Gründung an übernimmt sie Erfahrungen der Partei Lenins und theoretische Erkenntnisse des Leninismus. Auch zählt sie zu den Gründungsmitgliedern der Kommu­nistischen Internationale.
Die Entwicklung der KPD in der Zeit der Weimarer Repu­blik kennzeichnet ein ununterbrochener Kampf- und Lern­prozeß, der schon frühzeitig durch gezieltes Studium der Schriften von Marx, Engels und Lenin unterstützt wird. Schon in den ersten Jahren, als die Partei noch spärlich Geldmittel zur Verfügung hat, werden wichtige Klassiker-Schriften in Einzelausgaben herausgebracht. So besorgt Hermann Duncker (1874-1960), der als Lehrer des Marxis­mus-Leninismus dreier Generationen in die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung eingegangen ist, bereits 1920 eine Ausgabe des Kommunistischen Manifests. Als im Jahre 1923 zur Herausgabe der „Elementarbücher des Kommunis­mus" geschritten wird, gibt Duncker als deren ersten Band „Das Kommunistische Manifest" heraus. Mit dieser Aus­gabe begründet er zugleich eine neue Form, die Studien­ausgabe. Das Manifest, bisher nur in seinem reinen Text ver­öffentlicht (daher die Bezeichnung einfache Textausgabe), wird in seinen Zeitzusammenhang hineingestellt: Einlei­tung und Anmerkungen erläutern Entstehung des Werkes und Einzelzusammenhänge, ergänzende Materialien im Anhang erleichtern das Verständnis des Inhalts, ein erklä­rendes Fremdwörterverzeichnis, Personenindex und ein Sachwortregister zum Nachschlagen geben dem Arbeiterle­ser Benutzungshilfen.
Duncker schreibt in seinem Vorwort von 1923 den bedeutungsvollen Satz nieder, der die ganze innere Dialektik des Kommunistischen Manifests umreißt:
Es ist das Zeichen der größten, für das Proletariat freilich erst mit seinen marxistischen Waffen zu erobernden Geisteswerke der Menschheit, ob wir den Goetheschen Faust, eine Beethovensche Symphonie, ein Bildwerk Michelangelos vor uns haben oder eben das Kommunistische Manifest, daß es uns in immer neue Tiefen, immer neue seelische Gründe und Hinter­gründe blicken läßt, so oft wir es anschauen, daß es mit uns wächst und vertieftem Verständnis auch tiefere Pro­bleme bietet. [148]
In zahlreichen Vorträgen zum Kommunistischen Manifest hat Duncker den Gedanken wiederholt, man solle regelmäßig zum Manifest-Text greifen und darin lesen, um immer wie­der Neues zu entdecken. Er selbst hatte schon in jungen Jahren mit ihm Bekanntschaft geschlossen. Dieses Werk hatte ihn, wie er sagte, nicht mehr losgelassen, es begleitete ihn durch sein ganzes Leben und prägte den Inhalt seines Kampfes und Schaffens.
Einzelne Partien des „Manifestes" nah­men mich derart gefangen, daß ich sie mir laut vorlesen mußte. Ich spürte etwas von der außerordentlichen Sprachgewalt dieses unver­gleichlichen literarischen Meisterwerkes. Seitdem habe ich das „Ma­nifest" immer wieder gelesen und entdeckte jedesmal neue Weisheit und Schönheit darin. [149]
1923/24, mit dem Übergang zur relativen Stabilisierung des Kapitalismus, beginnt sich die KPD zu einer wirklich leni­nistischen Partei, zu einer klaren, eisern zusammengeschlossenen, unauflöslich mit den breitesten Massen verbundenen kommunisti­schen Partei zu entwickeln. [150] Diese Entwicklung, damals kurz Bolschewisierung der Partei genannt, ist mit dem Wir­ken Ernst Thälmanns (1886-1944) aufs engste verbunden. Thälmann war im Mai 1923 bereits in die Zentrale der KPD gewählt worden, am 19. Februar 1924 war seine Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden der KPD erfolgt. Nach dem 10. Parteitag der KPD 1925 in Berlin wird auf der ZK-Ta­gung vom 1. September 1925 Thälmann zum Vorsitzenden der KPD bestimmt. Damit beginnen jene zielstrebigen Be­mühungen, die Partei zu befähigen, die Arbeiterklasse und das Volk wirksam im Kampf um die Befreiung von der kapi­talistischen Knechtschaft zu führen.
Thälmann weiß, daß eine entscheidende Veränderung der Verhältnisse nur dann eintreten kann, wenn die werktäti­gen Massen auch begreifen, daß sie den drückenden Ver­hältnissen und der Verelendung nicht ohnmächtig ausgesetzt sind. Ihnen muß die historische Mission der Arbeiter­klasse unter den bestehenden Bedingungen bewußt ge­macht werden. Die Partei muß zuallererst ihre Schulungs­- und Vortragstätigkeit ausbauen, wenn sie die Werktätigen auf den revolutionären Massenkampf richtig vorbereiten will. Diese Forderungen entsprechen dem Geiste von Marx und Engels, deshalb liegen sie den Richtlinien über die Bil­dungspolitik der Partei zugrunde.
Thälmann und der marxistisch-leninistische Kern der KPD werden nicht müde, den Arbeitern und den anderen Werk­tätigen immer wieder neue dialektische Bezüge zwischen dem Kommunistischen Manifest von 1848 und der Gegenwart der Weimarer Republik klarzumachen. So betont Thälmann unermüdlich die untrennbare Einheit des Marxismus-Leni­nismus, hebt er hervor, daß das Kommunistische Manifest in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialis­mus nur von Lenins Schriften Staat und Revolution (1917) und Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky (1918) her voll verstanden werden kann. Damit hilft er der Partei, die Verfälschung des revolutionärén Wesens des Marxis­mus durch den sozialdemokratischen Opportunismus und Revisionismus aufzudecken und die Eroberung der politi­schen Macht durch die Arbeiterklasse zur Richtschnur einer revolutionären Strategie und Taktik zu machen. Zum Thäl­mannschen Vermächtnis für die deutsche und die interna­tionale Arbeiterbewegung gehört auch die wichtige Lehre, die geduldige Agitationsarbeit auf der Basis des Kommunistischen Manifests mit dem Anschauungsunterricht der proletarischen Dik­tatur in der Sowjetunion zu verbinden. Er sagt:
Zwischen dem Erscheinen des Kommunistischen Manifestes und dem russischen Oktoberumsturz liegen fast siebzig Jahre des proletarischen Klassen­kampfes. Eine Reihe Volksrevolutionen fand in den verschiedensten Ländern statt. Bis zum 7. November 1917 endeten alle diese Revo­lutionen nach einem längeren oder kürzeren Kampf mit einer ent­scheidenden Niederlage. Die Pariser Kommune ging in Blut und Feuer unter. Die russische Revolution von 1905 endete in den Or­gien des weißen Terrors. Die russische Februarrevolution von 1917 drohte ergebnislos im Sande zu verlaufen. Zum ersten Male hat das Proletariat am 7. November 1917 nicht nur eine weltgeschichtliche Sekunde lang sondern für die Dauer die Macht ergriffen. [...] Wo­durch erklärt sich der wütende Haß aller Kapitalisten gegen die Sowjetunion? Er erklärt sich daraus, daß die Arbeiterklasse, die man verachtete, deren Klassenkampf man verspottete, deren Sieg man für unmöglich hielt, zum ersten Male die Macht in die Hände nahm und rücksichtslos gegen ihre Feinde anwandte. [...] Der An­schauungsunterricht der proletarischen Diktatur wirkt stärker für den Sozialismus, als es siebzig Jahre geduldiger Agitationsarbeit bis zum November 1917 vermochten. [151]
Bis 1930 erscheinen allein innerhalb der „Elementarbücher des Kommunismus" sechs Auflagen des Kommunistischen Manifests mit einer Gesamtauflagenhöhe von etwa 100000 Exemplaren. Damit ist das Manifest nicht nur der erste, son­dern auch der am häufigsten aufgelegte Titel innerhalb die­ser Reihe. 1932 druckt die KPD die siebente Auflage in ei­ner bis dahin unbekannten Auflagenhöhe von 150000 Ex­emplaren, die innerhalb weniger Wochen abgesetzt werden. Sie verbindet damit erneut den Aufruf, daß in alle Betriebe, in alle Kontore und Gutshöfe, in alle Elendsquartiere der Weckruf des „Kommunistischen Manifests" dringt, der drei Generationen der re­volutionären Arbeiterschaft mit Mut, Begeisterung und unerschütter­licher Siegeszuversicht erfüllte. [152] In dieser Zeit des Wütens der Weltwirtschaftskrise wird das Manifest verstärkt in der Bildungsarbeit der Partei eingesetzt, so bei der Klärung der Themen „Die Krise des Kapitalismus", „Volksrevolution und Hegemonie des Proletariats" und „Die Einheitsfrontpo­litik". Auch in der praktischen Politik wird das Kommunisti­sche Manifest in stärkerem Maße dazu benutzt, die marxisti­schen Traditionen der sozialdemokratischen Arbeiter zu be­leben und sie für die proletarische Einheitsfront zur Ab­wehr des Faschismus zu gewinnen. Die Propagandistenzeit­schrift der KPD verkündet: Unser ist das „Kommunistische Ma­nifest", und wir müssen es dem SPD-Arbeiter zurückgeben. [153] So werden die theoretischen Einsichten des Kommunistischen Manifests der deutschen Arbeiterklasse bekannt gemacht und damit ihrem vertieften Verständnis erschlossen, das insbe­sondere aus den Erfahrungen der russischen Arbeiterklasse und der Partei Lenins beim Sturz des Imperialismus, bei der Errichtung des Arbeiter-und-Bauern-Staates und beim Aufbau des Sozialismus gespeist wird. Dabei besteht Thäl­manns Verdienst vor allem darin, die Worte, die Marx und Engels im Manifest-Vorwort von 1882 niederschrieben, zum Schlüssel für das Verständnis des Kommunistischen Manifests und der Geschichte des 20. Jahrhunderts gemacht zu ha-ben: Rußland bildet die Vorhut der revolutionären Aktion von Europa. [154]
Mit dem „Kommunistischen Manifest" gegen die Nazilüge vom „deutschen Sozialismus"
Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertrei­bende Teil der Arbeiterparteien aller Länder, sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Ein­sicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der pro­letarischen Bewegung voraus.
MARX/ENGELS [155]
In der Weimarer Republik haben Manifest-Verbreitung und -Aneignung, beide vor allem historisches Verdienst der KPD, einen sehr hohen Stand erreicht. Der imperialistische Gegner stellt sich frühzeitig darauf ein; entscheidende Ge­genzüge gegen die revolutionäre Ideologie der Arbeiter­klasse werden nicht erst in der Zeit der faschistischen Dik­tatur zwischen 30. Januar 1933 und 8. Mai 1945 vollzogen, sondern schon vorher: Sie sind bereits eine Grundlegung für die Diktatur. Zu nennen sind vor allem der Aufbau ei­ner Gegenbewegung mit eigenen weltanschaulichen Grund­lagen und das Verbot des Kommunistischen Manifestes.
Die Nazipartei, seit 1920 als politische Führungskraft vom Monopolkapital großgepäppelt, aber zunächst noch im Hin­tergrund und dann in Reservestellung gehalten, heißt mit ihrem vollen Parteinamen „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (abgekürzt NSDAP). Im „25-Punkte-Pro­gramm" der Nazis, 1920 beschlossen und 1926 als unwider­ruflich festgeschrieben, wird ein „deutscher Sozialismus" verkündet. Die NSDAP tritt also mit dem Anspruch eines neuen Sozialismus auf, der dem 20. Jahrhundert gemäß sei. Zu gleicher Zeit macht sie Front gegen den alten Sozialis­mus der „verjudeten Rauschebärte des 19. Jahrhunderts". In Worten — so in Hitlers Machwerk „Mein Kampf" — fordern die Nazis einen unversöhnlichen Kampf der Weltanschauungen: „Jeder Versuch, eine Weltanschauung mit Macht­mitteln zu bekämpfen, scheitert am Ende, solange nicht der Kampf die Form des Angriffs für eine neue geistige Einstel­lung erhält. Nur im Ringen zweier Weltanschauungen mit­einander vermag die Waffe der brutalen Gewalt, beharrlich und rücksichtslos eingesetzt, die Entscheidung für die von ihr unterstützte Seite herbeizuführen. Daran aber war bis­lang noch immer die Bekämpfung des Marxismus geschei­tert. [...] Die „bürgerlichen" Parteien, wie sie sich selbst be­zeichnen, werden niemals mehr die „proletarischen" Mas­sen an ihr Lager zu fesseln vermögen, da sich hier zwei Welten gegenüberstehen, teils natürlich, teils künstlich ge­trennt, deren Verhaltungszustand zueinander nur der Kampf sein kann. Siegen aber wird hier der Jüngere — und dies wäre der Marxismus. [...] Deshalb kann es für uns nur eins geben: den Marxismus mit Stumpf und Stiel auszurot­ten." [156] Die hier propagierte „Waffe der brutalen Ge­walt" setzen die Nazis vor allem seit den endzwanziger Jah­ren öffentlich ein: als individuellen Terror gegen Kommu­nisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler, in der Form von Saal- und Straßenschlachten gegen Andersdenkende, von Überfällen auf Arbeiterversammlungen, von Radausze­nen im Deutschen Reichstag und in den Landtagen. Der „nationale Sozialismus", der „deutsche Sozialismus", der „neue Sozialismus" — und wie die anderen Umschrei­bungen alle lauten — ist politische Mimikry reinsten Was­sers: Der als Sozialist verkleidete Nazi ist der Klassengeg­ner des Arbeiters, die Worte vom „Sozialismus" aus Nazi­mund sind Demagogie. Die KPD vermag beachtliche Er­folge im Kampf gegen die faschistische Gefahr zu erringen: Der proletarische Selbstschutz wird organisiert, die „Antifa­schistische Aktion" entsteht, im Spätsommer 1932 wird der Straßenterror der Nazis gebrochen, die proletarische Ein­heitsfront kommt auf unteren Ebenen zustande. Doch als die KPD-Führung nach zwölf Jahren Faschismus Rechen­schaft vor dem deutschen Volk ablegt, muß sie eingestehen:
Gegen den Willen eines geeinten und kampfbereiten Volkes hätte Hitler niemals die Macht ergreifen, sie festigen und seinen verbreche­rischen Krieg führen können. Wir deutschen Kommunisten erklären, daß auch wir uns schuldig fühlen, indem wir es trotz der Blutopfer unserer besten Kämpfer infolge einer Reihe unserer Fehler nicht vermocht haben, die antifaschistische Einheit der Arbeiter, Bauern und Intelligenz entgegen allen Widersachern zu schmieden, im werktäti­gen Volk die Kräfte für den Sturz Hitlers zu sammeln, in den erfolg­reichen Kampf zu führen und jene Lage zu vermeiden, in der das deutsche Volk geschichtlich versagte. [157]
Das Kommunistische Manifest als grundlegende Manifestation des Marxismus wird bereits zuzeiten der Herrschaft der Präsidialkabinette während der Reichskanzlerschaft des Ge­nerals von Schleicher, des unmittelbaren Vorgängers Hit­lers, verboten und verfolgt. Im November 1932 weist der Berliner Polizei-Funkdienst alle Dienststellen im Deut­schen Reich an:
Polizei-Funkdienst Potsdam
I. Pol. G. 4370
Aufgenommen [...] am 7. 12. 32 [...]
Durch Beschluß A. G. Berlin-Mitte vom 17. 11. 32 ist komm[uni­stische] Broschüre „Marx-Engels, Das Kommunistische Manifest", erschienen im Internat[ionalen] Arbeiter-Verlag G.m.b.H. Berlin, verantwortlich Willi Kasper Berlin, Druck Neudrag Leipzig gem[äß] §§81, 86 St[raf-]G[esetz-]B[uch], 4 Ziffer 1 Rep[ublik] -Sch [utz-]G[esetz] zu beschlagnahmen. Durchführung 9 . 12. 32 11 Uhr.
Wo Exemplare gefunden werden, sind Personen wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu vernehmen. Nachricht bei Erfolg.
Pol[izei-]Präs[idium Berlin]
L[andes-]K [riminal-]P[olizei-]A[mt] (I) [158]
Einige Monate später werden auch alle anderen Ausgaben des Kommunistischen Manifests verfolgt, bei der Bücherver­brennung am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz in Berlin zählt es zu den von den Nazis verbrannten Schriften der Weltkultur. Schon 1933 ist es sehr schwierig, eine Manifest-Ausgabe aufzutreiben und zu studieren. Besitz des Mani­fests und Verbreitung seiner Ideen gelten als kommunisti­sche Betätigung, und diese wird durch den Terror- und Un­terdrückungsapparat der faschistischen Diktatur grausam verfolgt. Dennoch hat das Nazisystem ganz erhebliche Lücken. Es kann nicht verhindern, daß Zehntausende von Manifest-Exemplaren in privater Hand verbleiben. An die öf­fentlichen Bibliotheken ergeht zwar noch 1933 der Befehl zur Aussonderung aller kommunistischer Literatur, doch ist der Manifest-Text ganz oder teilweise auch in bürgerlichen oder reaktionären Büchern abgedruckt. Wer pfiffig ist, weiß das! So kann man Gustav Freytags „Bilder aus der deut­schen Vergangenheit" weiter ganz legal ausleihen, in deren fünftem Band ein vollständiger Faksimile-Abdruck des Kommunistischen Manifests enthalten ist; Hemolts Weltge­schichte bringt zum Beispiel auch einige faksimilierte Sei­ten der ersten Burghardschen Ausgabe von 1848. Nicht nur Mitglieder der verfolgten KPD und SPD lesen in solchen Büchern das Grunddokument des Marxismus, um ihre So­zialismus-Auffassungen zu überprüfen und Argumente ge­gen die sozialistische Demagogie der Nazis zu formulie­ren.
Sehr früh legt die Parteiführung der KPD darauf wert, neue Manifest-Ausgaben für die Widerstandsorganisationen zur Verfügung zu stellen. Sie entspricht damit den Wünschen der illegal kämpfenden Genossen. In der im Ausland ge­druckten „Roten Fahne", dem Zentralorgan der KPD, heißt es 1937 rückblickend:
Mit Recht haben die Funktionäre aus ver­schiedenen Parteiorganisationen dem ZK der Partei mitgeteilt: Wir wollen den Marxismus-Leninismus studieren und haben dafür An­leitung und Unterstützung gefordert. Dazu ist Voraussetzung, daß der Literaturvertrieb mit der größten Sorgfalt erfolgt, daß zwei oder drei Genossen die wichtigsten Broschüren und Aufsätze gemeinsam durcharbeiten und über die Probleme diskutieren, damit sie sich ein solch umfassendes Wissen aneignen, das sie befähigt, Arbeiter, Bau­ern und Mittelständler von der Volksfrontpolitik (vom gemeinsa­men Kampf aller Hitlergegner gegen den Faschismus) zu überzeugen und sie über alle Fragen aufzuklären. [159] Zu den wichtigsten Broschüren, von denen die Rede ist, zählt auch das Kommunistische Manifest von Marx und Engels.
Die KPD stellt die Manifest-Ausgaben sowie auch viele an­dere zentrale Materialien zwischen 1933 und 1945 im Aus­land her. In Deutschland werden aktuelle Druckerzeugnisse — Flugblätter und Flugschriften, Handzettel, Aufkleber, Häuserblock- und Betriebszeitungen — gedruckt oder an­derweitig vervielfältigt, die dem unmittelbaren Kampf ge­gen den Faschismus dienen. Rudolf Diels, der erste Gestapo-Chef, schreibt 1950 rückblickend auf die Jahre nach seiner Amtsübernahme: „Die Aufhebung der Geheimdruk­kereien und die Wegnahme aller Arten von Vervielfälti­gungseinrichtungen fruchtete nur vorübergehend. In über zweitausend Druckereien der Großstadt Berlin konnten sich kommunistische Setzer ‚schwarz' betätigen." [160] In einem Bericht des Geheimen Staatspolizei-Amtes Berlin (Gestapa) vom 14. März 1934 werden Aussagen über den Druck- und Vertriebsapparat der illegalen KPD getroffen: „Die Arbeitsweise der im illegalen Druckapparat arbeiten­den Personen ist derart konspirativ, daß ein Eindringen in den Herstellerkreis der illegalen kommunistischen Druck­schriften unmöglich erscheint. Die straffe Abgrenzung der einzelnen Arbeitsgebiete, das Fern- und Unkenntlichhalten der im Apparat tätigen Funktionäre miteinander, sowie eine mit besonderem Bedacht betriebene Tarnung sowohl der Druckereien an sich als auch des gesamten Apparates gegenüber den Verbreitern bringt es mit sich, daß bei einem etwaigen Eingreifen der Polizeiorgane das Aufrol­len des gesamten Produktionskreises ausgeschlossen ist." [161]
Die Manifest-Ausgaben der KPD zwischen 1933 und 1945 tragen ein anderes Gesicht, als die Ausgaben während der Weimarer Republik. Ins Auge fällt die Rückkehr zur einfa­chen Textausgabe, bei der auch die Mehrzahl der Vorworte weggelassen wird. Dadurch verringert sich der Umfang des Drucktextes ungemein, was der illegalen Verbreitung för­derlich ist. Eine Studienausgabe vom Typ der Duncker­schen hätte in dieser Zeit nur belastend gewirkt: Sie wäre von doppeltem Umfang gewesen — Folge: mehr Papier- und Druckaufwand, größere Gewichte beim illegalen Vertrieb, auffälligeres Erscheinungsbild der illegalen Broschüren; aber auch die inhaltliche Konzeption einer solchen Studien­ausgabe, alles historisch zu fundieren, hätte vom wesentli­chen Zweck einer solchen Ausgabe ablenken können, die Grundgedanken des Wissenschaftlichen Sozialismus zu ver­breiten und die weltgeschichtliche Mission der Arbeiter­klasse zu propagieren. Schließlich galt es doch, 'die Nazi­lüge vom „deutschen Sozialismus" zu zerschlagen und den Herrschaftsanspruch der Faschisten, ausgedrückt in der eli­tären Pseudolehre von der germanischen Herrenrasse und in den unwissenschaftlichen Thesen vom „Tausendjährigen Reich" und vom „Volk ohne Raum", zu widerlegen und zu­rückzuweisen.
Umfassendere Möglichkeiten zum Drucken im Ausland werden ab 1934 auf Weisung des Zentralkomitees der KPD geschaffen. Sowjetische, tschechoslowakische, französische, belgische, holländische und skandinavische Bruderparteien wirken dabei mit. Bis jetzt konnten zehn im Ausland herge­stellter Ausgaben des Kommunistischen Manifests nachgewie­sen werden. Zwei erscheinen 1934, vier 1935, eine 1938, zwei 1939 und wiederum eine 1941. Die beiden bedeutend­sten dieser Ausgaben sind die sogenannte Gackenholz-Aus­gabe und die Bücherei-Ausgabe.
Die Gackenholz-Ausgabe wird 1935 auf Anordnung des Zentralkomitees der KPD gedruckt. Eine kleine Druckerei in Amsterdam besorgt den Satz und den Druck. Äußerlich sieht diese Manifest-Ausgabe wie ein damaliges Heft aus Re­clams Universal-Bibliothek aus, sie trägt einen Tarntitel, der sehr nationalistisch klingt und der gerade darum die illegale Verbreitung fördert: Hermann Gackenholz, „Das Diktat von Versailles und seine Wirkungen. Gemeinverständliche Darstellung." (Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 7248.) [162]
Die Reclam-Tarnausstattung wird in jenen Jahren der Nazi­diktatur häufiger verwendet. Einmal sind die billigen Hefte viel in Arbeiterhaushalten, aber auch bei Intellektuellen verbreitet; sie fallen nicht besonders auf. Zum anderen sind sie wegen des Reclam-Taschenformats leicht aufzubewah­ren und weiterzugeben; sie lassen sich mühelos auch in Briefen verschicken. Bisher konnten zweiunddreißig ille­gale Ausgaben von Parteimaterialien der KPD in Reclam-Ausstattung ermittelt werden.
Bis 1939 wird diese Gackenholz-Ausgabe in der gleichen Ausstattung mehrmals nachgedruckt, wahrscheinlich in Straßburg und Brüssel, und illegal nach Deutschland einge­schleust. Dieses Verfahren, vom Bleisatz mehrere Matern herzustellen und diese an verschiedene Druckereien in an­deren Ländern zu verschicken, wird in jenen Jahren oft an­gewendet. Wie hoch die Gesamtauflage der Gackenholz­Ausgabe war, ist nicht mehr feststellbar. Doch war es da­mals üblich, ZK-Materialien jeweils in 10000 Exemplaren zu drucken; diese Auflagenziffer entsprach der Leistungs­grenze im angewandten Druckverfahren. Die Gestapo regi­striert die Verbreitung der Gackenholz-Ausgabe besonders in den Monaten März bis Mai und im Juli 1935. [163] Es wird allerdings nur eine geringfügige Zahl von Exemplaren beschlagnahmt. In einer Anklageschrift des Oberreichsan­walts Berlin vom 8. November 1935 sind sechzehn be­schlagnahmte Gackenholz-Ausgaben Gegenstand eines Hochverratsprozesses, in dem langjährige Freiheitsstrafen ausgesprochen werden. [164]
Die Bücherei-Ausgabe erscheint erstmalig ebenfalls im Jahre 1935, sie wird von der Verlagsgenossenschaft auslän­discher Arbeiter in der UdSSR herausgegeben. Sie hat kei­nen Tarntitel, ist aber auch im Kleinformat gestaltet, das eine bessere illegale Verbreitung ermöglicht. Die Bezeich­nung Bücherei-Ausgabe geht auf den Titel der Reihe zu­rück, in der diese Manifest-Ausgabe erschien: Kleine Büche­rei des Marxismus-Leninismus, Band 11. Von der Bücherei-Ausgabe sind sechs oder sieben Teilauflagen erschienen; die Gesamtziffer beläuft sich auf etwa 100000 Exemplare. Ihre Verbreitung erfolgt unter den emigrierten Genossen der KPD, unter den Sowjetbürgern deutscher Nationalität in der Sowjetunion und unter der deutschen Bevölkerung in den östlichen Gebieten Nazideutschlands.
In Verbindung mit den ZK-Beschlüssen über den Kampf gegen den Hitlerfaschismus benutzen die Genossen die Gackenholz-Ausgabe und die Bücherei-Ausgabe als regulä­res Schulungsmaterial. Das Kommunistische Manifest wird die Basis für die Aneignung der proletarischen Weltanschau­ung. Als Anton Saefkow, der die größte und bedeutendste Widerstandsgruppe in der Zeit des Faschismus organisiert, eine besondere Jugendgruppe schafft, da gehört das Mani­fest zu ihrem geistigen Rüstzeug. Auf geheimen Treffen in Wohnungen oder auf Ausflügen in die Umgebung Berlins wird Satz für Satz des Kommunistischen Manifests durchgear­beitet und im Zusammenhang mit der politischen Lage der Zeit erläutert. [165] So wirkt und lebt das Manifest von Marx und Engels in der Illegalität.
Vor allem aber schafft die Sowjetunion durch ihren heldenhaften Kampf gegen den faschistischen Überfall und die schließliche militärische Zerschlagung des Hitlerfaschismus die entscheidenden Voraussetzungen, um das Gedankengut des Marxismus und vor allem das Kommunistische Manifest in einem nie gekannten Ausmaß in der deutschen Arbeiterbe­wegung zu verbreiten. Nicht wenige Deutsche, die als Hit­lersoldaten gegen das Land des Sozialismus ausgezogen wa­ren, kehren als Marxisten-Leninisten in ihre Heimat zu­rück; in den Kriegsgefangenenlagern sind sie durch Kom­munisten im Waffenrock der Sowjetarmee und durch Ver­treter der Kommunistischen Partei Deutschlands und der antifaschistischen Lagerkomitees in der Organisation des Nationalkomitees „Freies Deutschland" zum erstenmal mit dem Kommunistischen Manifest und den Ideen des Marxismus vertraut gemacht worden.
Das „Kommunistische Manifest" und der reale Sozialismus
In dem Maß, wie in einem Lande die große Industrie sich ausdehnt, [...] breitet sich unter (den Arbeitern) die sozialistische Bewegung aus und steigt die Nachfrage nach dem „Manifest", so daß nicht nur der Stand der Arbeiter­bewegung sondern auch der Entwick­lungsgrad der großen Industrie in je­dem Land mit ziemlicher Genauigkeit abgemessen werden kann an der Zahl der in der Landessprache verbreiteten Exemplare des „Manifests".
ENGELS [166]
Im Jahre 1971 veranstaltet das Zentralorgan der Sozialisti­schen Einheitspartei Deutschlands (SED), „Neues Deutsch­land", eine Umfrage unter seinen Lesern, zu denen in ihrer Mehrzahl die Genossen der Partei gehören. Diese Umfrage hat folgenden Wortlaut:
Welche Bücher wurden Ihre besten Weggefährten? — Vor 25 Jahren, im April 1946, wurde unsere Partei, die revolutionäre Kampfpartei der vereinigten Arbeiterklasse, gegründet. Unter ihrer Führung be­gannen Millionen Menschen zielstrebig zu lernen und ihre geistigen Kräfte vielseitig zu entwickeln. Das Buch wurde zum täglichen Weggefährten der meisten Bürger unseres Staates. Die weltverändernden Werke von Marx, Engels und Lenin, schöpferische gesell­schaftswissenschaftliche Schriften, Lehrbücher aus Naturwissenschaft und Technik und nicht zuletzt unzählige schöngeistige Werke stehen in unseren Stuben. Doch jedem Bücherfreund sind bestimmte Schrif­ten besonders ans Herz gewachsen. Schreiben Sie uns, welche fünf Bücher Ihnen in den zurückliegenden 25 Jahren am stärksten gehol­fen haben! Auf diese Weise dokumentieren Sie den geistigen Auf­bruch der zurückliegenden 25 Jahre. [167]
Die Antworten, die zusammengefaßt einige Monate später erscheinen, bestätigen, was erwartet werden konnte. Als meistgelesene, als bedeutsamste Autoren und Titel werden genannt:
Karl Marx. Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei
Wladimiir Iljitsch Lenin: Ausgewählte Werke
Karl Marx: Das Kapital [168] usw.
Der Weggefährte Nr. 1 unter den DDR-Büchern hatte vor 1945 Generationen von Arbeitern und anderen Werktäti­gen im Kampf gegen den Kapitalismus erzogen, er weist ih­nen nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus den Weg in eine neue Gesellschaft. Er hilft heute genauso bei der Ge­staltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft, bei der sozialistischen ökonomischen Integration und im Kampf um den Frieden und gegen den Imperialismus. Keine Etappe, keine Wegstrecke des einheitlichen revolu­tionären Prozesses, den wir seit 1945 durchlaufen, ist denk­bar ohne das Kommunistische Manifest.
Dieser enormen Wirkung entspricht auch die Verbreitung des Manifests in der Deutschen Demokratischen Republik. Als anläßlich des 125. Jahrestages der erstmaligen Veröf­fentlichung des Kommunistischen Manifests die Zahlen be­kanntgegeben werden, ergibt sich folgendes Bild: Von 1945 bis 1973 wurde es in der DDR in etwa 5,3 Millionen Druk­ken — die Sammelausgaben eingerechnet — verbreitet. Füh­renden Anteil an diesem Ergebnis hat der Parteiverlag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der Dietz Ver­lag Berlin, in dem 2,8 Millionen Einzelausgaben und etwa 2 Millionen Drucke in Sammelausgaben (wie den Marx/En­gels-Werken, den Ausgewählten Schriften und den Ausge­wählten Werken von Marx/Engels sowie den Materialien für den Staatsbürgerkunde-Unterricht) erschienen. Der Verlag Philipp Reclam jun. in Leipzig brachte bis zu diesem Jubiläum vierzehn Auflagen des Manifests in der Universal-Bibliothek mit insgesamt 250000 Exemplaren heraus. Wei­tere 200000 Exemplare kommen auf Einzeldrucke, die in den ersten Nachkriegsjahren in heute nicht mehr existie­renden Verlagen herausgegeben wurden. [169]
Zum Zeitpunkt des 135. Jahrestages des Erscheinens (Fe­bruar 1983) ist das Kommunistische Manifest in der DDR in etwa 8,2 Millionen Drucken - Einzelausgaben und Sam­melausgaben seit 1945 zusammengerechnet - verbreitet. Der Reclam-Verlag ist daran mit seiner Einzelausgabe in der Universal-Bibliothek mit 240000 Exemplaren betei­ligt.
Jede Generation liest das Kommunistische Manifest auf ihre Weise; sie sucht nämlich im Manifest-Text Antworten auf die Fragen, die die sich wandelnden historischen Bedingun­gen aufwerfen.
Ausgangspunkt ist 1945 die Zerschlagung des deutschen Faschismus durch die siegreiche Rote Armee im Bündnis mit den anderen Alliierten der Anti-Hitler-Koalition. Dem ganzen deutschen Volk eröffnet sich eine einmalige histori­sche Chance, die aber nur in der Sowjetischen Besatzungs­zone genutzt wird: den Weg des Übergangs vom Kapitalis­mus zum Sozialismus auf deutschem Boden zu beschreiten. Das Kommunistische Manifest, 1945/46 sowohl von der KPD -Verlag Neuer Weg G.m.b.H. Berlin - als auch von der SPD-Verlag Das Volk Berlin - als einfache Textausgabe mit einzelnen Vorworten veröffentlicht, wird massenhaft gelesen. Nach zwölf Jahren antikommunistischer Verdum­mung und angesichts der eingetretenen Deformationen des Klassenbewußtseins selbst innerhalb der Arbeiterklasse in­teressieren detaillierte Informationen über den Marxismus an Hand der Originaltexte.
1946 erlebt die Formierung der gesellschaftlichen Kräfte der antifaschistischen Demokratie, die sich zwischen 1945 und 1948 vollzieht, ihren Höhepunkt in der Vereinigung von KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). In ihren, auf dem Gründungsparteitag am 21./22. April 1946 angenommenen „Grundsätzen und Zielen" verkündet die SED neben ihren Gegenwartsforderun­gen für die antifaschistisch-demokratische Umwälzung auch ein Maximalprogramm, betitelt „Der Kampf um den Sozialis­mus". Darin erklärt sie die Errichtung des Sozialismus zur Kampfaufgabe der lebenden Generation von Parteimitglie­dern und der Mehrheit des Volkes. Die grundlegende Voraus­setzung zur Errichtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung - heißt es in den „Grundsätzen und Zielen" - ist die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse. Dabei verbündet sie sich mit den übrigen Werktätigen. - Die Sozialistische Einheitspar­tei Deutschlands kämpft um diesen neuen Staat auf dem Boden der demokratischen Republik. - Die gegenwärtige besondere Lage [...] schließt die Möglichkeit ein, die reaktionären Kräfte daran zu hin­dern, mit den Mitteln der Gewalt und des Bürgerkrieges der endgül­tigen Befreiung der Arbeiterklasse in den Weg zu treten. Die Sozia­listische Einheitspartei Deutschlands erstrebt den demokratischen Weg zum Sozialismus; sie wird aber zu revolutionären Mitteln grei­fen, wenn die kapitalistische Klasse den Boden der Demokratie ver­läßt. [170]
Mit dieser strategischen Orientierung der Partei rückt der durchgehende Grundgedanke des Kommunistischen Manifests in den Blickpunkt des Interesses. Die Massen wollen die Theorie studieren, die - im Manifest zusammengefaßt - in großen Umrissen auf die ganze neuere Geschichte angewandt wor­den ist. [171] Sie wollen den mit gesetzmäßiger Notwendig­keit verlaufenden historischen Entwicklungsprozeß erfas­sen lernen. Die Partei gibt ihnen dabei mit ihrem Schu­lungssystem, später mit dem Parteilehrjahr entscheidende Hilfestellungen; Schulungs- bzw. Bildungsabende sowie Parteilehrjahr-Zirkel sind als offene Einrichtungen auch für Parteilose und Angehörige anderer antifaschistisch-demo­kratischer Parteien jederzeit zugänglich. Bildungshefte die­ser Zeit, die die SED verbreitet, weisen auf die im Kommu­nistischen Manifest dargestellten ökonomischen, sozialen und gesell-schaftlichen Grundprozesse hin: Der Kapitalismus führt zur Herausbildung der großen Industrie und ihres Trägers, der Bourgeoisie, damit aber auch zur Schaffung ei­nes massenhaften Proletariats; dieses hat nichts zu verlieren als seine Ketten und ist dazu berufen, Totengräber des Ka­pitalismus zu sein, das heißt, die Bourgeoisie auf revolutio­närem Wege zu stürzen, seine eigene politische Herrschaft aufzurichten und danach die bestehende Gesellschaft von Grund auf zu revolutionieren, was nichts anderes bedeutet, als den Sozialismus aufzubauen. Die Bildungshefte widmen besonderes Augenmerk der im Manifest gewiesenen Mög­lichkeit, diesen gesetzmäßigen Prozeß der Ablösung des Kapitalismus und des Aufbaus einer neuen, von Ausbeu­tung und Unterdrückung freien Gesellschaftsordnung durch qualifizierte Führungstätigkeit der Partei zu be­schleunigen. [172] Damit wird — während der Prozeß der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung noch in vollem Gange ist — bereits auf Weg und Ziel in der Weiterführung der gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse orientiert. Es ist dies eine Seite der recht umfangreichen Vorbereitungs­arbeiten der SED für den Eintritt in die sozialistische Etappe der Übergangsperiode, für den zäsurbildendes Da­tum die Gründung der DDR ist.
Der Übergang zu sozialistischen Entwicklungen wird auf ganzer Frontbreite vollzogen. Politisch wird die Arbeiter­und-Bauern-Macht (dies als Synonym für den Staat der Dik­tatur des Proletariats) gefestigt und auf verschiedenen Ge­bieten weiter ausgebaut: in der Stärkung der Rolle der Staatsmacht, in der Erweiterung der sozialistischen Demo­kratie und der Schaffung der Nationalen Volksarmee. Auf dem Felde der Ökonomie werden durch sozialistische Indu­strialisierung, Vergenossenschaftlichung der Landwirtschaft und den Ausbau der sozialistischen Produktionsverhält­nisse insgesamt wesentliche Grundlagen des Sozialismus geschaffen. Mit der Durchsetzung des Marxismus-Leninis­mus als Weltanschauung des ganzen Volkes wird die sozia­listische Kulturrevolution eingeleitet. In der Lebensweise setzen sich neue Beziehungen durch und bilden sich sozia­listische Grundüberzeugungen, Denk- und Verhaltenswei­sen heraus. Beim Studium des Kommunistischen Manifests rückt der Aufbau des Sozialismus als Bestandteil der histori­schen Mission der Arbeiterklasse in den Mittelpunkt. Ein Wort Lenins dient als Richtschnur: Das Wichtigste in der Marxschen Lehre ist die Klärung der weltgeschichtlichen Rolle des Proletariats als des Schöpfers der sozialistischen Gesellschaft. [173] In einem Heft der Kreisabendschule des Marxismus-Leni­nismus von 1952 wird eine hohe Zielstellung beim Manifest-Studium gesetzt: Marx und Engels nachzueifern, die die höchsten Anforderungen an sich selbst stellten, die ihre persönlichen Interessen den Interessen der Partei und der Klasse unterordneten [...] und die sich nie gescheut haben, dafür persönliche Opfer zu bringen. [174] Derartige Forderungen sind zeittypisch für die heroischen fünfziger Jahre.
Mit dem Eintritt in die sechziger Jahre ist der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus in der DDR im wesent­lichen abgeschlossen, der Sozialismus kann sich nun auf sei­nen eigenen Grundlagen entwickeln, Gesetzmäßigkeiten des Sozialismus können sich nun — auch ungestört von im­perialistischer Einmischung infolge der Sicherungsmaßnah­men der DDR an der Staatsgrenze im Jahre 1961 — frei ent­falten. Die Schaffung des entwickelten Sozialismus tritt auf die Tagesordnung und wird — wie erst allmählich bewußt wird — Jahrzehnte beanspruchen. Marx' Wort von 1871, daß die neue Gesellschaft keinem in den Schoß fällt, sondern hervorgearbeitet werden muß [175], dringt ins Bewußtsein der Öffentlichkeit der DDR. Aber auch das Manifest-Wort, daß in der neuen Gesellschaft die aufgehäufte Arbeit nur ein Mittel ist, um den Lebensprozeß der Arbeiter zu erweitern, zu bereichern, zu befördern [176], bewahrheitet sich schon in den sechziger Jahren, in großem Stil und planvoll betrieben ab den siebzi­ger Jahren in der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpoli­tik. Der soziale Zug der neuen Gesellschaft wird für jeden einzelnen DDR-Bürger erkennbar.
Das Kommunistische Manifest, das besonders in den siebziger und achtziger Jahren in der DDR die bisher weiteste Ver­breitung findet, wird zur Basis der politischen Grundlagen­bildung. Schon in der polytechnischen Oberschule wird es in die Lese- und Diskussionsstoffe aufgenommen. FDJ-Stu­dienjahr und Kandidaten-Schulung der SED greifen Mani­fest-Themen heraus. Im Parteilehrjahr der SED zählt das Manifest zur ständigen Grundliteratur. Inhaltlich interessie­ren die Grundgedanken des Kommunistischen Manifests: die historische Mission der Arbeiterklasse, die Rolle der Kom­munistischen Partei und das Prinzip des proletarischen In­ternationalismus. Für die Auseinandersetzung mit der im­perialistischen Ideologie vermittelt das III. Manifest-Kapitel methodische Anleitung und Grundargumentation. Fragen der Bündnispolitik der Arbeiterklasse werden im Zusam­menhang mit dem IV. Manifest-Kapitel behandelt. Vertiefte Betrachtungen widmen sich den von Marx und Engels skiz­zierten Ansatzpunkten für die neue Gesellschaft. Sie ist eine Gesellschaft des Friedens, weil sie auf der Freund­schaft der Nationen beruht; sie befreit die Frau und ist eine Gesellschaft der Kinder; sie verändert das Bewußtsein und das Handeln der Menschen grundlegend. Die Konzeption der entwickelten sozialistischen Gesellschaft und das Vor­wärtsschreiten zu immer reiferen Formen des Sozialismus werden mit den im Kommunistischen Manifest skizzierten Umwälzungsprozessen verglichen.
Das Manifest der Kommunistischen Partei von 1848 und der reale Sozialismus der Gegenwart bilden so eine unzertrenn­liche Einheit.
Das „Kommunistische Manifest" als ein weltveränderndes „histori­sches Dokument“
[...] die in diesem „Manifest" entwik­kelten allgemeinen Grundsätze behal­ten im ganzen und großen auch heute noch ihre volle Richtigkeit.
MARX/ENGELS [177]
Nur weil sich die im Kommunistischen Manifest niedergelegte Auffassung der Bewegung als die einzig richtige erwiesen hat [178], wie Marx und Engels schon im März 1850 feststellten, konnte sich in dem beinahe anderthalben Jahrhundert seit seiner Abfassung jenes dialektische Verhältnis von erneuter Bestätigung und tiefgreifender Wirkung seiner Ideen und Lehren herausbilden, das es uns heute so schwer macht, zu unterscheiden: Haben sich nun die gesellschaftlichen Ver­hältnisse, die Parteienkonstellationen und nicht zuletzt po­litische Gefüge im Sinne des Kommunistischen Manifests ver­ändert, oder aber ist die Weltgeschichte seit 1848 vor allem durch das Wirken großer gesellschaftlicher Kräfte - wobei die internationale revolutionäre Arbeiterbewegung beson­ders hervorzuheben ist - aufgrund des Kommunistischen Ma­nifests umgestaltet worden?! [179]
Natürlich gibt es auch heute noch Hunderte Fragen, auf die das Manifest, danach befragt, keine direkte Antwort zu ge­ben vermag. Marx und Engels waren keine Propheten, und sie haben gesellschaftswissenschaftliche Prophetie - sei sie auch noch so gut gemeint - immer als Scharlatanerie abgewiesen. Was sie geben konnten, waren wissenschaftlich be­gründete Vorstöße in die Zukunft, die Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft folgten, waren Aperçus auf Grund histo­risch-logischer Überlegungen oder einfach Bemerkungen, die sich auf Analogien zu gesellschaftlichen Verhältnissen und Entwicklungen früherer Epochen gründeten. Das Ma­nifest enthält für alle diese drei Gruppen von Aussagen ent­sprechende Beispiele. Die Textpassagen zur Entwicklung des Kapitalismus und zur Rolle von Bourgeoisie und Prole­tariat, die den wesentlichen Teil des Manifest-Umfangs aus­machen, folgen bereits erkannten Gesetzmäßigkeiten. Die Lehre von der welthistorischen Mission der Arbeiterklasse begründen Marx und Engels aus der Einheit der drei Be­standteile des Marxismus - Philosophie, Ökonomie und Sozialismus - heraus; der Erkenntnisstand der „Einleitung. Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie", der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von 1844", der „Heiligen Familie", der „Deutschen Ideologie" und des „Elends der Philosophie" fin­det sich so im Manifest in neuer Qualität wieder; ein Umstand, auf den schon Lenin aufmerksam gemacht hat, wirk allerdings hinderlich: die ökonomische Begründung der historischen Mission ist 1848 noch unvollkommen, erst 1867 mit dem „Kapital" wird sie abgeschlossen. [180] – Histo­risch-logische Deduktionen im Kommunistischen Manifest sind etwa die Ausführungen über die neue, zu erkämp­fende Gesellschaft als freie Assoziation freier Individuen. [181] – Daß viele Darlegungen zum Revolutionsverlauf auf Ana­logieschlüssen beruhten, hat Engels an seinem Lebens­abend selbst bekannt, als er schrieb: Sie waren stark gefärbt durch die Erinnerungen der Vorbilder von 1789–1830. [182] In dieser Hinsicht sind der theoretischen Auslotung des Manifests also natürliche Grenzen gesetzt. Doch versteht es Marx, auf den die sprachliche Gestaltung des Manifests zu­rückgeht, fast immer, so durchdacht und vorsichtig zu for­mulieren, daß der Inhalt Denkanstöße für weiterführende Gedankengänge vermittelt, sich auch später theoretische Weiterentwicklungen anschließen können:
In der Lehre von der historischen Mission der Arbeiter­klasse verknüpft Marx die Mauerbrecher-Funktion gegen­über dem Kapitalismus mit der Aufbau-Funktion für die neue Gesellschaft. Schon 1893 macht der alte Engels darauf aufmerksam, daß die erste und unerläßliche Bedingung jeder Ar­beiter-Emanzipation die Erkämpfung und Erhaltung des Frie­dens sei [183], 1917 während der Großen Sozialistischen Ok­toberrevolution läßt Lenin als erstes Dekret der jungen So­wjetmacht das „Dekret über den Frieden" verbreiten, die SED findet für die dialektische Verknüpfung von sozialisti­schem Aufbau und Friedenssicherung die treffende Formu­lierung: Der Frieden ist dem Sozialismus wesenseigen. [184]
Indem die Arbeiterklasse ihre weltgeschichtliche Mission verwirklicht, bringt sie Formen des Übergangs vom Kapita­lismus zum Sozialismus hervor. Heute kennen wir verschie­dene solcher Übergangsformen, die Sowjetform, die volks­demokratische Form, die nationalrevolutionäre Form. Mit dem Übergang weiterer Länder zum Sozialismus im Rah­men des revolutionären Weltprozesses wird eine Vielfalt von Formen zustande kommen. Schon haben die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts auch eine an den Übergang her­anführende Form in den Ländern mit sozialistischer Orien­tierung hervorgebracht.
Wie vollziehen sich solche Übergänge? Welche Schritte oder Schrittfolgen sind beim Übergang zu beachten? Marx und Engels haben Verlaufsqualitäten im Sinn, wenn sie ge­legentlich vom friedlichen oder auch nichtfriedlichen Über­gang sprechen. [76] Antonio Gramsci charakterisiert die zwei grundsätzlichen Möglichkeiten des Herankommens an den Übergang als den Weg mittels Stellungskriegs im Klas­senkampf und als den Weg mittels Bewegungskriegs. [185] Für die Einleitung des Übergangs sind in den Parteipro­grammen der Kommunistischen und Arbeiterparteien in den kapitalistischen Ländern in den letzten Jahrzehnten verschiedene, zum Teil auch wieder verworfene Schritte ge­wiesen worden, zum Beispiel „historischer Kompromiß", „antimonopolistische Demokratie", „demokratische Alterna­tive", „neuer Sozialismus" usw.
Die Lehre von der Kommunistischen Partei erfährt Wei­terungen. In den Ländern des realen Sozialismus wächst die führende Rolle der Partei gesetzmäßig. Neben den — heut­zutage — geradezu klassischen Kommunistischen und Ar­beiterparteien, die bis zu den siebziger Jahren des 20. Jahr­hunderts in fast allen Ländern mit mehr oder weniger ent­wickelter Arbeiterklasse entstanden, bilden sich seit den siebziger Jahren proletarische Vorhutparteien bzw. revolu­tionäre Vorhutparteien in einzelnen Entwicklungsländern mit einem zahlenmäßig geringen oder kaum vorhandenen Proletariat heraus. Auch die Kommunistischen Fraktions­parteien, wie sie seit den sechziger Jahren dieses Jahrhun­derts in einigen Ländern ins Leben traten, sind eine neue Erscheinung.
Als Dokument von gestern greift das Kommunistische Mani­fest noch immer ins Morgen über. Es atmet die Größe und Weite echter Weltkultur.
[PDF] Vorworte zum „Manifest der Kommunistischen Partei“ von 1872, 1882, 1883, 1888, 1890, 1892 und 1893.

References: § 58
 § 65
 §302
 §305
 § 36
 § 37
 § 12
 § 11