Source: https://www.oexmann.de/pferderecht/2/publikationen/jahr/2009/monat/04
Timestamp: 2018-09-20 16:21:21+00:00

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Rechtsansprüche des Tierarztes während der Behandlung
Veröffentlicht von Dr. Oexmann am 2009-04-04
Rechtsansprüche des Tierarztes bei Verletzungen und Schäden während der Behandlung
Können Tierärzte auf zivilrechtliche Schadenskompensation hoffen, wenn sie während der Behandlung des Tierpatienten von diesem verletzt werden?
Um diese Frage zu beantworten, bedarf es einer rechtshistorischen Reminiszenz. Seit Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) bestimmt § 833 S. 1: "Wird durch ein Tier ein Mensch getötet oder der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist derjenige, welcher das Tier hält, verpflichtet, dem Verletzten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen." Während das Deliktsrecht grundsätzlich vom Verschuldensprinzip geprägt wird, stellt § 833 S. 1 BGB eine Ausnahme dar, es begründet eine reine Gefährdungshaftung (Kausalhaftung). Diese knüpft an die arteigene Verhaltensweise und Wesensbeschaffenheit der Tiere an. Dabei sind die Begriffe "arteigene Verhaltensweise" und "Wesensbeschaffenheit" extensiv auszulegen; denn schon das sog. Normalverhalten eines Tieres stellt sich durchaus als gefährlich dar. Der Normzweck des § 833 S. 1 BGB besteht darin, funktional einen Ausgleich dafür zu schaffen, dass Dritte als potentiell Verletzte und/oder Geschädigte das Halten von Tieren und damit auch die von diesen ausgehenden Gefahren als "erlaubtes Risiko" dulden müssen. Der Zweck der Anordnung der Gefährdungshaftung liegt in der Wiederherstellung des Gütergleichgewichts durch Abnahme des Schadensrisikos. Je höher, häufiger und unausweichlicher die opferrelative Gefahr erscheint, desto eher stellt die Tierhalterhaftung das notwendige Korrelat zur Zulassung der Tiergefahr dar. Wegen der Einzelheiten verweise ich auf meine Monographie zur zivilrechtlichen Haftung des Pferdehalters (1).
Bundesgerichtshof vom 17.03.2009
Während der Fußgänger auf der Straße oder der Zuschauer am Rand eines Abreiteplatzes aus freiem Motiv in die Nähe gefährdender Tiere kommt, gehen bestimmte Berufsgruppen wie Tierärzte oder Hufschmiede, die zwangsläufig mit Tieren umgehen, einerseits berufsbedingt und andererseits in besonders hohem Maße Tiergefahren ein. Das Interesse des Tierarztes an einer weitreichenden Tierhalterhaftung steht dem Interesse des Tierhalters an einer Begrenzung einer ausufernden Haftung entgegen. Hier hat der Bundesgerichtshof im Jahr 2009 (2) grundsätzlich neue Pflöcke eingeschlagen und damit ältere Instanzurteile ausgehebelt (3). Sachverhalt: Der Kläger, Tierarzt, nahm bei einem 700 kg schweren Araber mit der linken Hand eine rektale Fiebermessung vor. Dabei wurde er von dem Pferd gegen den rechten Daumen getreten und erlitt eine Trümmerfraktur. Landgericht Bochum und Oberlandesgericht Hamm wiesen die Schadensersatzklage des Tierarztes gegen den Tierhalter mit der Begründung ab, das Schadensereignis sei vom Schutzbereich des § 833 S. 1 BGB nicht umfasst. Der Tierarzt habe im Rahmen seiner erhöhten berufsspezifischen Risiken "auf eigene Gefahr" gehandelt. Anders der BGH, der die restriktive Behandlung des § 833 S. 1 BGB durch die Vorinstanzen verwarf und entschied, es sei nur in engen Ausnahmefällen denkbar, die Tierhalterhaftung schon im Anwendungsbereich, also dem Grundsatz nach, auszuschließen und eine vollständige Haftungsfreistellung wegen Handelns auf eigene Gefahr anzunehmen. Außerhalb dieser seltenen Ausnahmen müssten in jedem Fall die Verursachungs- und Verschuldensanteile nach den Regeln über das mitwirkende Verschulden nach § 254 BGB abgewogen werden, wobei eine vollständige Haftungsfreistellung nur in eng begrenzten Ausnahmefällen in Betracht komme. Nach Auffassung des BGH liegt ein solcher Ausnahmefall nicht vor, wenn der Tierarzt aufgrund vertraglicher Absprache mit dem Tierhalter Verrichtungen an dem Tier vornehme und dabei verletzt werde. Von einem Handeln auf eigene Gefahr im Sinne einer bewussten Eigengefährdung ohne triftigen Grund könne bei einem Tierarztbehandlungsvertrag nicht die Rede sein.
Zustimmung in der Fachliteratur
Diese Entscheidung und ihre Begründung sind in der juristischen Fachliteratur (4) mit dem Adverb "vollumfänglich" begrüßt worden. Der Tierarzt müsse sich der Tiergefahr aussetzen, wenn er seine tierärztlichen Pflichten erfüllen wolle. Er handele jedoch keineswegs widersprüchlich, wenn er den Tierhalter wegen der Realisierung der Tiergefahr in die Haftung nehme. Denn der Tierarzt setze sich den erhöhten Risiken aufgrund des Behandlungsvertrages aus. Der BGH habe anschaulich formuliert, "dass man das Handeln desjenigen, der sich einem Tier aus beruflichen Gründen im Interesse des Tierhalters helfend nähert, gerade nicht rechtlich in ungefährliche Handlungen auf Gefahr des Tierhalters und in gefährliche Handlungen auf Gefahr des Handelnden aufteilen kann."
Allerdings schränkt der BGH relativierend ein: Ob das Verhalten desjenigen, der sich der Tiergefahr vertragsgemäß aussetze, bei der Schadensverursachung mitgewirkt habe, sei ausschließlich nach § 254 BGB zu beurteilen. Für ein die Haftung minderndes Mitverschulden des Geschädigten sei aber regelmäßig der Schädiger darlegungs- und beweispflichtig. Dass dieser zu den Handlungen des Geschädigten beim Umgang mit dem Tier möglicherweise mangels Kenntnis nicht ausreichend vortragen könne, rechtfertige keine Umkehr der Beweislast. Der Geschädigte habe insoweit im Rahmen seiner sekundären Darlegungslast konkret zu einem Handeln vorzutragen, der Schädiger habe sodann zu beweisen, inwieweit der Vortrag des Geschädigten unrichtig sei.
Dies bedeutet für die Zukunft: Grundsätzlich genießt jeder Tierarzt bei Verletzung eines von ihm diagnostizierten und/oder therapierten Tieres den vollen Schutz der verschuldensunabhängigen Tierhalterhaftung; die denktheoretischen Einschränkungen durch die Exkulpation nach § 833 S. 2 BGB können vernachlässigt werden, da erfahrungsgemäß Schreck- und /oder Abwehrreaktionen des Tieres in Diagnose und Behandlung außerhalb der Sorgfaltssphäre des Tierhalters liegen, also nicht im Ansatz beherrschbar oder steuerbar sind. Allerdings ist es Pflicht des klagenden Tierarztes, den Vorgang, in dessen Verlauf er von dem Tier verletzt worden ist, substantiiert, d.h. detailgetreu wiederzugeben, um im Bestreitensfall einem Sachverständigen die Möglichkeit zu eröffnen, die Handlungsweise des Tierarztes zu überprüfen. Es bleibt aber bei der grundsätzlichen Beweislast des Tierhalters, der sich exkulpieren muss. Bleiben Zweifel im Rahmen des Mitverschuldens, wird dem Tierarzt ein ungeschmälerter kompensatorischer Schadenersatzanspruch aus der Tierhalterhaftung zugesprochen werden.
Tierärztliche Dokumentation
Für das Management des Tierarztes in Diagnose und Therapie bedeutet dies gleichzeitig, möglicherweise auch mit Folgen für seine Dokumentation, dass er etwaige Eigenschutzmaßnahmen schriftlich festhalten muss. Bei Pferden wird man vor allem an die Nasen- oder Oberlippenstrickbremse denken müssen. Das bringt zweierlei mit sich: Da Patienteneigentümer häufig Ressentiment gegenüber der Nasenbremse empfinden, werden sie zunächst darüber aufzuklären sein, dass die Präventivmaßnahme des Tierarztes dem Pferd unnötige Schmerzen nicht bereitet; denn durch die Knebelung der Oberlippe werden Endorphine ausgeschüttet, die das Pferd beruhigen und ablenken. Zum anderen wird die Bremse sachgemäß aufzubringen sein (5). Ähnliche Schutzmaßnahmen, deren korrekte Anwendung und auch Dokumentation gelten für den Kleintierbereich (vor allem Hunde und Katzen).
Sachschaden am Röntgengerät
Im Rahmen einer Lahmheitsuntersuchung sollte das linke Hinterbein des Pferdes geröntgt werden. Der Kläger ließ die Stute durch zwei Tierarzthelferinnen in den Röntgenraum verbringen, um sie mit 20 ml Rompun® zu sedieren und zusätzlich eine Nasenbremse aufzusetzen. Das Röntgengerät wurde in einer Entfernung von einem Meter neben der linken Beckengliedmaße in Position gebracht. Noch während die Röntgenplatte hingehalten wurde, schlug die Stute in Richtung Röntgengerät aus und zertrümmerte das Lichtvisier sowie die Tiefenblende. Reparaturkosten 2.200,00 Euro. Das Amtsgericht Rotenburg/Wümme (6) verurteilte die Beklagten in vollem Umfang zum Schadenersatz. Ein Ausschluss der verschuldensunabhängigen Haftung aus § 833 S. 1 BGB komme nicht in Betracht, auch nicht unter dem Gesichtspunkt der Ausnahme vom "Schutzbereich" dieser Norm. Zwar habe der Kläger ein eigenes berufliches und wirtschaftliches Interesse an der Behandlung des Pferdes. Das Interesse an der Genesung des Pferdes sowie dessen anschließende wirtschaftliche Nutzung seien jedoch im Vergleich zum Honorarerzielungsinteresse des Klägers höher einzuschätzen. Auch scheide ein Mitverschulden des Tierarztes aus. Der Sachverständige habe erklärt, dass der Tierarzt seine Sorgfaltspflichten gewahrt habe. Eine Entfernung zwischen Pferd und Röntgengerät von mehr als einem Meter dürfe nicht gewählt werden, weil ansonsten keine tauglichen Röntgenaufnahmen geliefert werden könnten. Für die Sedierung sei das richtige Medikament in einer an der oberen Grenze liegenden ausreichenden Dosierung gewählt worden. Das Anbringen der Nasenbremse sei deshalb nicht einmal mehr erforderlich gewesen.
Eine sozialversicherungsrechtliche Petitesse taucht auf, wenn ein Tierarzt im Angestelltenverhältnis verletzt wird. So entschied das OLG Hamm (7), werde bei einer Hundebehandlung eine angestellte Tierärztin durch den Hund verletzt, sei die Hundehalterin ihr gegenüber nicht haftungsprivilegiert; sie sei nämlich nicht in demselben Betrieb tätig (§ 105 Abs. 1 SGB VII), auch fehle es an einer Haftungsprivilegierung nach § 106 Abs. 3 Alt. 3 SGB VII. Diese in ihrer Reichweite häufig unterschätzte Entscheidung schützt vor allem all die jungen Tierärztinnen, die im Angestelltenverhältnis in Kleintierpraxen den täglichen Risiken durch Katzen und Hunde ausgesetzt sind. Allerdings auch hier: Die tiermedizinisch gebotenen etablierten Methoden zur sicheren Fixierung des Kleintieres müssen gewahrt und im Schadensersatzprozess von der klagenden (angestellten) Tierärztin im einzelnen nachvollziehbar dargelegt werden.
(1) Oexmann, Die zivilrechtliche Haftung des Pferdehalters unter Berücksichtigung reiterlicher Grundsätze und pferdepsychologischer Erkenntnisse, Werner Verlag, Düsseldorf 1988, Rn. 10 ff.
(2) Urteil vom 17.03.2009 zu VI ZR 166/08
(3) OLG Nürnberg, Urteil vom 27.03.1997 zu 13 U 3005/96
(4) Böhme AUR 2009, 250 f.
(5) Hanbücken et al., PferdeSkills, Stuttgart 2008, Seite 15 f.
(6) Urteil vom 09.05.2003 zu 5 C 929/01
(7) Urteil vom 26.09.2002 zu 6 U 14/02
Aktuelle Rechtsfragen der Hengstkastration
Veröffentlicht von Dr. Oexmann am 2009-04-15
Die operative Kastration des männlichen Equiden stellt nach wie vor ein forensisches Dauerthema dar. Das gilt nicht nur für die Ebene der gegen den kastrierenden Tierarzt gerichteten Schadensersatzansprüche aus § 280 Abs. 1 S. 1 BGB, sondern auch für die Frage, ob die inkomplette Kastration eines Hengstes einen Sachmangel im Sinne der §§ 90a S. 3, 434 Abs. 1 S. 1 u. S. 2 Nr. 1 u. Nr. 2 BGB darstellt und damit die Kaskade der kaufrechtlichen Gewährleistungsansprüche auslöst.
Funktion der Kastration
Per definitionem bedeutet die Kastration Entfernung und/oder Unbrauchbarmachung der Hoden und Nebenhoden, des Samenleiters und der zuführenden Versorgungsgefäße zum Zwecke der Unfruchtbarmachung. Daneben kommt es durch den operativen Eingriff zu Veränderungen der Libido sowie des Exterieurs. Die Kastration des gesunden nicht verhaltensauffälligen Equiden bedeutet keinen kurativen Heilangriff, sondern hat elektiven Charakter. Der Patienteneigentümer intendiert neben der Unfruchtbarmachung vor allem die Ausschaltung des hengstischen Imponiergehabes. Ihrer hengstischen Maskulinität und Virilität beraubt zeigen im Sport eingesetzte Wallache eine bessere Konzentrationsfähigkeit und damit höhere Leistungskonstanz.
§ 6 Abs. 1 S. 1 TierSchG verbietet grundsätzlich das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entfernen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres. Nach § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 TierSchG ist jedoch zur Verhinderung der unkontrolliert Fortpflanzung oder – soweit tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen – zur weiteren Nutzung oder Haltung des Tieres eine Unfruchtbarmachung zulässig. Zivilrechtlich bedeutet der zwischen Patienteneigentümer und Tierarzt geschlossene Kastrationsvertrag die Vereinbarung eines Erfolges, gerichtet auf die Unfruchtbarmachung sowie die Ausschaltung des Hengstverhaltens. Mithin wird der Kastrationsvertrag als Werkvertrag nach §§ 631 ff. BGB qualifiziert. Nur wenn der Erfolg der Kastration vollständig eintritt, steht dem operierenden Tierarzt das Honorar zu (Anlage zur Gebührenordnung für Tierärzte – GOT – Teil C lfd. Nr. G 5.1 i.V.m. § 632 Abs. 2 BGB). Rechsprechung und Literatur sind sich nicht einig, ob und inwieweit der Tierarzt verpflichtet ist, im Zusammenhang mit der Kastration eines Hengstes zu dokumentieren. Grundsätzlich ist der Tierarzt gehalten, über seine Feststellungen und Maßnahmen Aufzeichnungen zu fertigen (Diagnose- und Therapiedokumentationspflicht; vgl. § 5 Abs. 1 Muster-Berufsordnung der Bundestierärztekammer (BTK), ihr folgend die Berufsordnungen der Landestierärztekammern, ähnlich § 30 Nr. 3 Heilberufsgesetz NRW, diesem analog folgend die Heilberufsgesetze der übrigen Bundesländer). Da die tierärztliche Dokumentationspflicht nach dem Wortlaut der Muster-Berufsordnung BTK sowie des Heilberufsgesetzes NRW primär auf kurative Tätigkeit gerichtet ist, könnte man Aufzeichnungen bei der elektiven Kastration für entbehrlich erachten. Gleichwohl dürfte es einer Obliegenheitsverpflichtung des Tierarztes entsprechen, jedenfalls den operativen Gang der Kastration zu dokumentieren, um für den Fall einer peri- oder postoperativen Komplikation gewappnet zu sein (Beweisvorsorge). Insoweit gilt nach wie vor der Orientierungssatz des OLG Stuttgart (Urteil vom 14.06.1995): „Ist aus den Behandlungsunterlagen nicht ersichtlich, daß der Tierarzt seiner Pflicht zur sorgfältigen Beobachtung der Krankheitsentwicklung nachgekommen ist, muß er sich diese Dokumentationsversäumnisse anlasten lassen. Insoweit gelten die gleichen Grundsätze in der Veterinärmedizin, wie sie für die Dokumentationspflichten im Bereich der Humanmedizin entwickelt worden sind …“. Da sich, wie das forensische Dauerthema Hengstkastration zeigt, an zunächst unauffällig verlaufende Kastrationen Rechtsstreitigkeiten anschließen, empfiehlt sich jedenfalls die zeitnahe Aufzeichnung der operativen Kastration nach Methode und Ausführung.
Aufklärung des Pferdeeigentümers
In der Humanmedizin muß der Patient über die mit einem medizinischen Eingriff verbundenen Risiken ordnungsgemäß aufgeklärt werden, um unter Wahrung seiner Entscheidungsfreiheit wirksam in den Eingriff einwilligen zu können; dies ist Ausfluß seines grundgesetzlich garantierten Rechts auf Menschenwürde und körperliche Unversehrtheit (lesenswert der Beschluß des BVerfG vom 18.11.2004; 1 BvR 2315/04). Da dem Tier trotz seiner Aufnahme in das Grundgesetz (nach dem novellierten Art. 20a GG schützt der Staat die Tiere) keine eigene Grundrechtsdisposition zukommt, reduziert sich die tierärztliche Aufklärungspflicht auf das allgemeine Kosten- und besondere Integritätsinteresse des Pferdeeigentümers. Die am 21.02.2002 verabschiedeten „Leitlinien zur Aufklärungspflicht in der Pferdepraxis“, herausgegeben von der Bundestierärztekammer und der Gesellschaft für Pferdemedizin, postulieren zur Aufklärungspflicht bei der operativen Kastration: „Da jede Kastrationsmethode Vor- und Nachteile in sich birgt, müssen die typischen Risiken und Komplikationen vor Inangriffnahme der Operation besprochen werden. Vorauszusetzen ist die erforderliche Sorgfalt. Der Tierarzt muss in groben Zügen über Art und Weise des Eingriffs, über Risiken und Alternativen soweit informieren, als dies für einen vernünftigen Tierhalter entscheidungserheblich sein kann, einschließlich der Nachsorge. Von der Information kann Abstand genommen werden, wenn der Auftraggeber eine bestimmte Methode wünscht oder Pferde regelmäßig auf die gleiche Art kastrieren lässt.“ Indes geht die Rechtsprechung über diesen Leitlinien-Standard hinaus. Im Urteil vom 24.11.1993 formulierte das OLG Frankfurt zur Haftung des Tierarztes sowie zur Aufklärungs- und Sorgfaltspflicht bei Kastration eines älteren Pferdes folgenden Orientierungssatz: „Der Tierarzt haftet wegen Verletzung seiner Aufklärungs- und Sorgfaltspflichten nach Kastration eines mehr als 3 Jahre alten Hengstes, wenn er den Pferdehalter nicht auf die Gefahr des Verblutens in der Zeit nach dem Eingriff hinweist und ihm nicht die Merkmale einer außergewöhnlichen Blutung, die einen neuen Eingriff erforderlich macht, gegenüber einer ungefährlichen Blutung verdeutlicht.“ Ähnlich heißt es im Urteil des OLG Zweibrücken vom 02.04.1996 zur Aufklärungspflichtverletzung nach Kastration eines Hengstes: „Der Tierarzt muß nach der (sachgemäßen) Kastration eines Hengstes den Pferdehalter auf die Gefahr des Verblutens nach dem Eingriff hinweisen und ihm die Merkmale einer außergewöhnlichen Blutung, die einen neuen Eingriff erforderlich macht, verdeutlichen. Diese Aufklärungspflicht verletzt ein Tierarzt, wenn er den Pferdehalter erst mehrere Stunden nach dem Eingriff über Komplikationen (Blutungen im Bauchraum des Pferdes) informiert und nicht sogleich nach der Operation, als die Komplikationen für ihn sichtbar auftraten.“ Differenzierter, wenn auch deutlich an den Grundsätzen humanmedizinischer Aufklärung orientiert, formuliert das OLG München im Urteil vom 09.10.2003: „Die von der Rechtsprechung entwickelten Grundsätze über die Eingriffsaufklärung in der Humanmedizin sind in der Tiermedizin nicht anwendbar. … Art und Umfang der tierärztlichen Aufklärungspflicht richten sich nach den dem Tierarzt erkennbaren Interessen seines Auftraggebers oder nach dessen besonderen Wünschen. Dabei kann auch der materielle oder ideelle Wert des Tieres für den Auftraggeber eine Rolle spielen. Der Tierarzt ist verpflichtet, auf das Operationsrisiko hinzuweisen. Ins Einzelne gehende Erläuterungen über alle denkbaren Komplikationen schuldet er jedoch nicht. Es können von ihm insbesondere keine lehrbuchartigen Ausführungen über sehr seltene Komplikationen (Typhlocolitis x), die Folge einer Operation oder der mit ihrer Vorbereitung verbundenen Maßnahmen (Fütterungsumstellung, Hungerlassen) sein können und deren Häufigkeit in Promillewerten erwartet wird.“ Im Gegensatz dazu dient nach einem Urteil des Kammergerichts Berlin vom 24.02.2005 die Aufklärung nicht als Voraussetzung einer wirksamen, die Rechtswidrigkeit des ärztlichen Eingriffs ausschließenden Einwilligung, weshalb aus dem Gesichtspunkt der Aufklärungspflichtverletzung des Tierarztes nur vertragliche Schadensersatzansprüche in Betracht kämen. In dem zugrunde liegenden Fall war es nach einer Kastration zum gefürchteten postoperativen Darmvorfall gekommen.
„Colitis X“
Die Typhlocolitis oder „Colitis X“ rangiert als häufig vorkommende Erkrankung mit ungeklärter Ätiologie bei hoher Letalität. Signifikant vermehrt tritt diese Krankheit bei Pferden auf, die sich in stationärer Klinikbehandlung befinden. Nach den bisherigen Erkenntnissen kommt es bei allen an Typhlocolitis erkrankten Pferden postoperativ zu auffälligen IgA-Konzentrationsabfällen. Offensichtlich sind Pferde nach jeder Operation prädisponiert, eine streß-assoziierte Darmerkrankung wie die „Colitis X“ zu entwickeln. Daraus wird auch im Hinblick auf die Pathophysiologie vom Tierarzt unbedingt zu fordern sein, vor Kastrationen mit Klinikaufenthalt den Patienteneigentümer auf das postoperative Komplikationsrisiko der Typhlocolitis nachdrücklich hinzuweisen.
Herkömmlich werden unterschieden
§ Kastration im Stehen
§ Kastration in Vollnarkose in differenzierter Methodik der unbedeckten Kastration, der bedeckten Kastration sowie der (speziellen) Kastration bei Kryptorchismus.
Für die Kastration im Stehen durch Orchidektomie eignen sich nur ruhige Junghengste bis zum Alter von drei Jahren. Bei der Kastration in Vollnarkose wird der Hengst auf die linke Seite abgelegt. Die oben liegende Hintergliedmaße wird zum Schutz des Operateurs nach vorn ausgebunden. In der Form der unbedeckten Kastration wird der vorgelagerte Samenstrang einschließlich des Samenleiters hodenfern mit einer Kastrierzange gequetscht und distal der Quetschstelle abgesetzt. Es erfolgt kein Verschluß der Scheidenhaut. Bei der bedeckten Kastration wird der Samenstrang hodenfern gequetscht und mit resorbierbarem Nahtmaterial legiert. Die Hoden werden mit der Faßzange ergriffen, freipräpariert und abgesetzt; in aller Regel erfolgt kein Wundverschluß.
Die hohe Zahl postoperativer Kastrationskomplikationen ergibt sich eingriffsbedingt durch die Eröffnung der Bauchhöhle und durch Trennung großer Gefäße, ferner aus dem unkontrollierten Verhalten des zum Wallach mutierten Hengstes wie Wälzen mit Kontaminationsgefahr sowie heftiges Wiehern mit dadurch erhöhtem intraabdominalem Druck. Als häufig auftretende Komplikationen nennt die Veterinärmedizin die postoperative Wundschwellung (Wundödem), den Sekretstau, die Wundinfektion bis zur Dysurie, Blutungen (meist aus der Arteria pudenda des Samenstranges) ferner Darm- und Netzvorfall sowie aufsteigende Infektionen mit sich daraus entwickelnder Samenstrangfistel oder Peritonitis, schließlich Penisvorfall und Vaginalsackzyste.
Durch das Urteil des BGH von 09.01.2008 (VIII ZR 210/06) ist der Kryptorchismus in den kaufrechtlichen Fokus der Kastration getreten. Definitorisch wird unter Kryptorchismus das Verborgenbleiben eines oder beider Hoden verstanden. Es handelt sich um eine bei Equiden häufig vorkommende Entwicklungsstörung. Derartige Hengste zeigen deutliche Libido. Im fortgeschrittenen Alter werden Kryptorchiden oft bösartig, unleidlich und sind schwer zu handhaben. Damit fällt die Kastration des Kryptorchiden aus dem Spektrum des bloß elektiven Eingriffes heraus; es besteht kurativer Therapiebedarf, um zu verhindern, daß nach der Kastration residuales Hodengewebe verbleibt, das zu einem gegenüber dem Status eines Wallachs höheren (virilen) Testosteronspiegel führt. Die operative Kastration beim Kryptorchismus verlangt überdurchschnittliche Fähigkeiten des Operateurs, um das Ziel der vollständigen Entfernung des Hoden- und Hodennebengewebes zu erreichen. Operationsmethoden sind: Inguinaler Zugang, parainguinaler Zugang, paramedianer Zugang sowie Flankenschnitt.
OLG Frankfurt vom 24.11.1993 (21 U 171/92); OLGR Frankfurt 1994, 3 § OLG Stuttgart vom 14.06.1995 (14 U 26/94); VersR 1996, 1029 § OLG Zweibrücken vom 02.04.1996 (5 U 46/94); VersR 1996, 1030 § OLG Oldenburg vom 20.10.1998 (12 U 44/98); VersR 2000, 465 § OLG München vom 09.10.2003 (1 U 2308/03); VersR 2005, 1546
KG Berlin vom 24.02.2005 (20 U 31/04); KGR Berlin 2006, 14 § BGH vom 09.01.2008 (VIII ZR 210/06); RdL 2008, 96
Bemmann, Die tierärztliche Aufklärungspflicht, AUR 2004, 107
Bundestierärztekammer/Gesellschaft für Pferdemedizin, Leitlinien zur Aufklärungspraxis in der Pferdepraxis, www.bundestieraerztekammer.de, 2002
Gaisbauer, Sorgfaltspflichten bei Kastration eines stehenden Pferdes, VersR 1996, 1380
Gerhards, Regreßfalle „Kastration des Hengstes“ – operatives Vorgehen unter Berücksichtigung der Forensik, XV. Tagung über Pferdekrankheiten der Tierklinik Hochmoor, Gescher 2003
Karle, Haftung und Versicherung rund um das Pferd, Versicherungswirtschaft 2000, 1052
Kellewald, Untersuchungen zur laparoskopischen Kastration des Hengstes, vet. Diss. München 2005
Maaßen, Kastration beim Hengst: Behandlungsvergleich zwischen Phenylbutazon, Traumeel® und Kontrollgruppe, vet. Diss. München 2007 § May, Evaluierung von Streßparametern beim Pferd im Zusammenhang mit dem Klinikaufenthalt, vet. Diss. München 2007
Mezerova et al., Kastration des Hengstes – primäre Wundheilung und Komplikationen, Praktischer Tierarzt 2004, 28
Oexmann, Pferdekauf – Tierarzthaftung, Münster 1992
Oexmann/Wiemer, Forensische Probleme der Tierarzthaftung, Gescher 2007
Wollanke/Gerhards, Unterschiedlich klinische Erscheinungsbilder, Therapie und Prophylaxe der „Colitis X“ des Pferdes, Pferdeheilkunde 2003, 359
(Ende der Bearbeitung: 15.04.2009)

References: § 833
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 § 833
 § 833
 § 254
 BGH 
 BGH 
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 § 833
 § 833
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 § 280

§ 6
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 Art. 20
 BGH 
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