Source: http://www.deliberationdaily.de/2014/07/der-mindestlohn-die-pro-argumente/
Timestamp: 2018-07-18 06:42:24+00:00

Document:
Der Mindestlohn – Die Pro-Argumente
Moral ist ein schlechter Maßstab für Politik. Die Menschen verhalten sich nicht in erster Linie moralisch, sondern ökonomisch. Langzeitarbeitslose arbeiten aufstockend für 100 EUR bzw. 450 EUR. Sie tun das nicht aus moralischen Gründen, sondern weil danach die Zuverdienstmöglichkeiten gekappt sind und die Sozialleistungen voll auf den Verdienst angerechnet werden. Von 1.400 EUR kann ein Mensch zwar leben, die wenigsten sind jedoch Singles. Daher wird nach allen bekannten Berechnungen auch das angebliche Ziel verfehlt: Das IAB kommt zu dem Ergebnis, dass aufgrund der persönlichen Umstände von Niedriglohnbeziehern die Leistungen des Staates gerade in der Größenordnung von einigen hundert Millionen Euro reduziert werden können. Diese Annahme gilt jedoch nur kurzfristig, soweit das Angebot an Arbeitsplätzen konstant bliebe.
Das Sozialmodell – wer arbeitet, soll davon leben können
Sozial engagierten Menschen fällt es von ihrem Naturell her schwer zu akzeptieren, dass es Mitmenschen gibt, die in ihren Möglichkeiten so limitiert sind, dass sie nur kurze Zeit einfachste Tätigkeiten durchführen können und dies auch oft unzuverlässig. Doch aus diese Menschen sollen leben und teilhaben.
Das Argument besagt, dass jemand, der keine Arbeitsleistung im Wert von 8,50 EUR erbringen kann, es nicht wert ist, dass er arbeiten darf. Dabei ist es sogar weitergehender: ein Mindestlohn von 8,50 EUR bedeutet so für den potentiellen Arbeitgeber ein tatsächliches Bruttoentgelt von knapp 11 EUR inklusive aller Lohnnebenkosten – von den Sozialabgaben bis hin zu gesetzlichen Leistungen wie bezahlte Urlaubs- und Krankheitstage. Eine betriebliche Faustformel – völlig unabhängig von Niedriglöhnern – besagt, eine Arbeitskraft kostet bei umgelegten Gemeinkosten wie Miete, Infrastruktur bis hin zur arbeitsrechtlichen Betreuung rund das 3-fache seines Lohns, folglich rund 25 EUR. Wer sich das vor Augen führt, wird verstehen, dass nicht jeder Unternehmer bereit sein wird, für einen Langzeitarbeitslosen mit mehreren sozialen Handicaps über 4.000 EUR im Monat zu zahlen (25,5 EUR x 162 Stunden).
Geschäftsmodelle ohne Existenzberechtigung
Ein solches Argument ist historisch vergessen und ohne jeden praktischen Bezug. Die USA kosten die negative Einkommensteuer einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag um für Menschen, die keinen ausreichenden Lohn beziehen, das Einkommen über eine negative Einkommensteuer aufzupeppen. Frankreich legt Milliarden EUR aus um Unternehmen zu animieren, Arbeitslose zu beschäftigen. Und verschuldet sich dabei immer weiter. Die gleiche Erfahrung hat Deutschland: Als in den 1980er und 1990er Jahren die Arbeitslosigkeit immer weiter anstieg, nahmen Vorschläge und Modelle überhand, Unternehmen und / oder Beschäftigten einen Zuschuss zu bezahlen, wenn sie denn zusammen arbeiten. Der Staat zahlt also dafür, dass Menschen etwas tun (nämlich arbeiten), was sie auch ohne sein Zutun getan hätten. So etwas ist Absurdistan, was die Hartz-IV-Gesetze beendeten.
Wir haben als soziale Gesellschaft eben nur die Wahl, die Preise (Löhne) des Marktes und seine Geschäftsmodelle zu akzeptieren und die Ergebnisse durch Transfers zu korrigieren. Oder eben die Ergebnisse politisch zu bestimmen und dann voll umfänglich für die Kosten zu zahlen. Die Geschichte hat gezeigt, dass die erste Methode immer die günstigere ist.
Die angebliche Steuersubventierung des Lohnes
Subventioniert der Staat Minilöhne? Auch das ist eine sehr naive Sicht der Dinge. Was würden die Menschen mit Aussicht auf nur ein kleines Entgelt tun, gäbe es keinen Lohn unter 8,50 EUR? Erstens, sie würden sich über ein großes Lohnplus freuen. Doch dazu gehören immer zwei. Wer seit 5 Jahren arbeitslos ist, wird Schwierigkeiten haben, einen Arbeitgeber von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Was er gelernt hat, ist veraltet und nicht mehr geübt. Die Beurteilung von Ex-Arbeitgebern lässt sich kaum einholen, wer wird sich an so jemanden erinnern? Unternehmen, die neu auf den Markt drängen, liefern Probearbeiten ohne Entgelt ab. Sie räumen im ersten Jahr großzügige Rabatte ein. Warum wundern wir uns, wenn wir Gleiches von einem Langzeitarbeitslosen fordern, der außer selbstverständlichem Fleiß nichts in die Waagschale zu werfen weiß? Der Großteil dieser Langzeitarbeitslosen verliert in den ersten 6 Monaten wieder den Job. D.h. nichts anderes, als dass er nicht überzeugen konnte. Warum soll ein Unternehmer zukünftig ein solches Risiko eingehen?
Wie wird jemand reagieren, der heute 8,60 EUR bekommt und mit jemanden arbeitet, der lediglich 7,50 kassiert? Ist er ein Mensch vom Typ Stefan Sasse oder Ariane, wird er sich mit seinem Kollegen freuen, dass sie beide jetzt das Gleiche verdienen, obwohl ersterer eigentlich weit mehr leistet. Zumindest empfindet er es so, weil er mehr verdient hat.
Ich fürchte, es gibt nicht genügend Menschen mit dieser Denke. Wahrscheinlich ist, dass der Großteil jener, die heute über 8,50 EUR liegen, verstärkt versuchen werden, höhere Gehälter zu verhandeln. Da gibt es zwei Szenarien: Die Arbeitgeber geben dem nach. Da sie i.d.R. aber nur ein begrenztes Lohnbudget haben, wird ein Teil der Belegschaft entlassen. Oder, ein Unternehmen wird sich seine Lohnstruktur wegen der Mindestlohngesetzgebung nicht kaputt machen lassen, dann werden jene nicht mehr beschäftigt, deren Arbeitsleistung solche Bezahlung nicht rechtfertigt.
Sicher, es gibt viele empirische und Meta-Studien zur angeblichen Beschäftigungsneutralität von Mindestlöhnen. Doch sie verweisen i.d.R. auf einen Zusammenhang: sie sind nur deswegen weitgehend beschäftigungsneutral, weil die Mindesthöhe moderat war, Vollbeschäftigung herrschte oder die Leistung kurzfristig nicht substituierbar war. Und nahezu alle verweisen darauf, dass die Preiselastizität eigentlich hoch sei, mithin höhere Löhne sehr wohl zu Beschäftigungseinbußen geführt hätten. Linke erkennen dieses Argument implizit an, fordert doch niemand einen Mindestlohn von 20 EUR, der möglich wäre, würden steigende Löhne keine Ausweichreaktionen hervorrufen.
Der Verzicht auf Praktika
Andrea Nahles hebt explizit hervor, dass mit dem „Gesetz zur Stärkung der Tarifautonomie“ dem Modell der freiwilligen, gering entlohnten Praktika ein Ende gesetzt würde. Tatsächlich spielen solche Praktika, die lange nach dem eigentlichen Studium absolviert werden, in nur einer Handvoll Branchen eine nennenswerte Rolle, nämlich dort, wo sich ohnehin viele Absolventen für einennicht selten subventionierten Job drängeln.
Die Politik sieht nun vor, dass Studenten nur noch in gesetzlich vorgeschriebenen Praktika Kontakt mit ihrem zukünftigen Berufsumfeld knüpfen dürfen. Doch seit Jahrzehnten haben gerade jene Akademiker große Probleme beim Berufseinstieg, die eben während ihrer Ausbildung sich weitgehend auf die Theorie beschränkt haben.
Wer tatsächlich einen wirtschaftlichen Wert hat, der wird ein marktgerechtes, auskömmliches Gehalt finden. Das ist nicht einfach ein neoliberales Mantra, es ist eine verhandlungstaktische Überlegung. Wer einen gewissen Wert besitzt, kann seinem Partner einen spürbaren Schaden zufügen, wenn er eben nicht für ihn arbeitet. Und wer das nicht hat, wird seinen Partner niemals bewegen können, dennoch ein weit höheres Gehalt zu zahlen.
Wettbewerbsverzerrung & Marktordnung
Der Preis ist in jedem Markt der zentrale Wettbewerbsparameter. Würden wir uns von Apple überzeugen lassen, dass schnicke, technisch moderne iPhone zu kaufen und uns gegen Samsungs Gallaxy entscheiden, wenn nicht der Preis uns überzeugen würde? Wenn das Preisargument nicht wichtig ist, warum fahren wir dann nicht alle Porsche, BMW und Audi, sondern nehmen mit Hyundai vorlieb? Wenn wir den Lohn auf die Personenkreise beschränken, die in jedem Fall so produktiv sind, dass sie nicht nur sich, sondern ggf. auch Kinder damit versorgen können, dann werden viele Menschen nicht arbeiten können. Was ist dann? Statt dass sie einen Hungerlohn von 2 EUR oder 8 EUR dazuverdienen, muss der Steuerzahler die ganze Rechnung übernehmen. Intelligent hört sich das gerade nicht an.
Der Preis ist das wichtigste Instrument, um in einen bestehenden Markt zu kommen. Eine Friseuse kann sich nur selbständig machen, wenn sie mit ihrem Heimwerkerladen billiger anbietet als der Dorfhaarschneider, bei dem sie gerade gekündigt hat. Umgekehrt muss jeder auch seinen hohen Preis als Unternehmen wie als Arbeitnehmer rechtfertigen. Siemens und Telekom zahlen bei Ingenieuren, Management und Fachleuten Gehälter in einer Höhe, mit der ein Mittelständler nicht mithalten kann. Das würde niemand als Wettbewerbsverzerrung bezeichnen. Die Umkehrung dessen kann also auch kein Kostendumping sein.
Wir schließen Menschen zwingend vom Arbeitsmarkt aus und verbieten Leistungen. Wer ist der Kunde der Berliner Billig-Friseurkette? Ein InDubio ist es nicht, der zahlt bei einem guten Fachmann ein Vielfaches für seinen Haarschnitt trotz rückläufiger Menge. Ein Stefan Sasse oder eine Adriane? Die Hauptkunden sind Menschen mit besonders schmalem Portemonaie, die in der Vergangenheit lieber Do-It-Yourself und Schwarzarbeiter bevorzugt haben. Verschwindet das Geschäftsmodell der McLäden, verschwinden damit auch die Jobs, die Sozialabgaben, die Umsatzsteuer, die gezahlten Gewinnsteuern, die Einkommen, die gezahlten Mieten. Stattdessen werden sich wieder mehr Friseusen „selbständig“ machen und Selbstausbeutung betreiben. Ich weiß nicht, dass hört sich weder nach einem Ideal- noch besseren Zustand als heute an.
Der Staat kann anordnen, welche Preise zu zahlen sind. Er kann weder befehlen, dass Unternehmen andere Menschen zu beschäftigen haben noch wo sie ihre Leistungen anbieten. Doch die Politik erweckt den Eindruck, genau dieses zu können. In völliger Verzerrung der Realitäten wies die Große Koalition den Tarifparteien die Verantwortung für die Entwicklung am Arbeitsmarkt zu. Arbeitgeber und Gewerkschaften seien nun aufgerufen, Wege zu finden um die Beschäftigung zu sichern. Damit exkulpiert sich die Politik ihrer Verantwortung. Wer in die freie Preisbildung auf den Märkten eingreift, mit sich die Folgen zurechnen lassen. Doch das wird nicht geschehen. Wir sind schließlich ein moralisches Volk und der Mindestlohn ein moralisches Erfordernis.
Phil 6. Juli 2014, 03:01
Die Menschen verhalten sich nicht in erster Linie moralisch, sondern ökonomisch.
Mitnichten, denn sonst würde es die sogenannte Freiwilligenarbeit gar nicht oder nur sehr bedingt geben.
Der Großteil dieser Langzeitarbeitslosen verliert in den ersten 6 Monaten wieder den Job. D.h. nichts anderes, als dass er nicht überzeugen konnte.
Oder der ehemalige Arbeitslose wird nicht mehr vom Lohn subventioniert und daher holt man sich lieber die nächste Subvention, um die Kosten der Arbeit auf die Allgemeinheit abzuwälzen.
Da gibt es zwei Szenarien: Die Arbeitgeber geben dem nach. Da sie i.d.R. aber nur ein begrenztes Lohnbudget haben, wird ein Teil der Belegschaft entlassen. Oder, ein Unternehmen wird sich seine Lohnstruktur wegen der Mindestlohngesetzgebung nicht kaputt machen lassen, dann werden jene nicht mehr beschäftigt, deren Arbeitsleistung solche Bezahlung nicht rechtfertigt.
1. Wonach wird denn berechnet, wer welchen Anteil am Erwirtschafteten hat?
2. Es gibt noch mehr Szenarien:
– Der Endpreis wird erhöht
– Der Unternehmer verzichtet auf einen Teil des Gewinns
Linke erkennen dieses Argument implizit an, fordert doch niemand einen Mindestlohn von 20 EUR,
Und jetzt wird es schon wieder unsinnig …
Eine Friseuse kann sich nur selbständig machen, wenn sie mit ihrem Heimwerkerladen billiger anbietet als der Dorfhaarschneider, bei dem sie gerade gekündigt hat.
Oder, was du vergessen hast: Sie bietet die bessere Qualität …
Verschwindet das Geschäftsmodell der McLäden,
Ist das nicht Sinn einer Marktwirtschaft, dass jemand, der kein Geschäftsfeld mehr hat, sich entweder umorientieren oder aufgeben muss?
Stattdessen werden sich wieder mehr Friseusen „selbständig“ machen und Selbstausbeutung betreiben.
Warum sollten sie Selbstausbeutung betreiben?
Wer in die freie Preisbildung auf den Märkten eingreift
Zum einen ist der Arbeitsmarkt kein Kartoffelmarkt. Zum anderen muss der Staat eingreifen, wenn ungleiche Kräfteverhältnisse vorliegen und damit eben keine freie Preisbildung mehr vorliegt.
In Dubio 6. Juli 2014, 09:08
Ich habe geschrieben, Moral ist nicht das erste Kriterium, wonach sich Menschen orientieren. Das sie auch moralisch handeln, steht außer Frage. Aber warum bitte arbeiten fast alle (!) Aufstocker nur bis zur Grenze von 450 EUR, nicht 460, nicht 500, nicht 600 EUR? Das ist doch nicht zufällig, sondern Ausdruck von ökonomischem Verhalten.
Merke: nicht der Arbeitgeber bekommt die Hartz-IV-Leistung, sondern der Beschäftigte. Und die ist prinzipiell unbegrenzt. Warum sollte ich also einem ehemaligen Langzeitarbeitslosen kündigen, wenn ich mit ihm zufrieden bin? Macht nur mehr Arbeit.
1. Wonach wird denn berechnet, wer welchen Anteil am Erwirtschafteten hat? 2. Es gibt noch mehr Szenarien: – Der Endpreis wird erhöht – Der Unternehmer verzichtet auf einen Teil des Gewinns
Mein Anteil wird nach meinem Marktpreis berechnet, den ich regelmäßig austeste. Ich verdiene, was ich verdiene. Das schreibt kein Gesetzgeber und kein Tarifvertrag vor. So soll es sein.
Der Endpreis wird erhöht – warum kommen so wenige Unternehmer auf diesen genialen Gedanken? Wenn’s nicht läuft oder der Gewinn zu gering erscheint – einfach die Marge rauf. Danke für den Tipp, das werde ich gleich morgen anbringen.
Tatsächlich sollte es sich herumgesprochen haben, dass die meisten Märkte, nicht zuletzt durch die Globalisierung, überbesetzt sind. Es gibt wahnsinnig viele Anbieter und der einzelne agiert als Preisnehmer. Ein Kiosk kann den Preis fürs Snickers nicht auf 1,20 EUR setzen, wenn es beim Discounter um die Ecke aufgrund besserer Rabatte schon für 0,90 EUR angeboten wird. Schließlich fahren die Leute kilometerweit, um auf den Liter Benzin 1 Cent zu sparen.
Warum sollte ein Unternehmer etwas vom Gewinn abgeben? Schließlich will er auch eine Rendite für das, was er tut.
Vorsicht: die Dame war zuvor angestellt, warum sollte sie so aus dem Nichts ihre Qualität erhöhen können? Schließlich muss sie sich jetzt auch um Mietverträge, Buchhaltung und Steuern kümmern. Sie hat mehr um die Ohren und kann nicht einfach mal an teuren Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, die ihr vorher vom Arbeitgeber finanziert wurden. Klar, sehr Talentierte machen aus einer Klitsche ein großes Geschäft. Die sind aber nicht anfangs mit 7,50 EUR auf dem Dorf gestartet.
Ein Geschäftsmodell, das nicht der Markt, sondern der Staat beerdigt? Das ist nicht der Gedanke von Marktwirtschaft.
Klar, sie hat ja weniger Arbeit, wenn sie sich selbständig macht.
Zum anderen muss der Staat eingreifen, wenn ungleiche Kräfteverhältnisse vorliegen und damit eben keine freie Preisbildung mehr vorliegt.
Okay, prima Gedanke. Ich bin in einer Kategorie, wo ich dem Unternehmen meine Bedingungen diktieren kann. Vielen ITlern geht es ähnlich. Welche Schutzmechanismen für Unternehmen schlägst Du vor, dass es von mir oder von gierigen ITlern nicht ausgebeutet wird?
Phil 6. Juli 2014, 22:40
Ich habe geschrieben, Moral ist nicht das erste Kriterium, wonach sich Menschen orientieren.
Hm, 23 Millionen Ehrenamtliche und ca 4,6 Milliarden Stunden im Jahr.
Aber warum bitte arbeiten fast alle (!) Aufstocker nur bis zur Grenze von 450 EUR, nicht 460, nicht 500, nicht 600 EUR? Das ist doch nicht zufällig, sondern Ausdruck von ökonomischem Verhalten.
Hast du auch bedacht, dass in den letzten Jahren vorwiegend nur noch prekäre Jobs angeboten werden?
Merke: nicht der Arbeitgeber bekommt die Hartz-IV-Leistung, sondern der Beschäftigte.
Es gibt 2 Arten der Subvention: aufstockende Leistungen und Lohnzuschüsse, wie Zuzahlungen zu Sozialversicherungen. Beides sind Subventionen für den Arbeitgeber. Letztere werden nur begrenzt gezahlt.
Und die ist prinzipiell unbegrenzt. Warum sollte ich also einem ehemaligen Langzeitarbeitslosen kündigen, wenn ich mit ihm zufrieden bin? Macht nur mehr Arbeit.
Du vergisst noch weitere Möglichkeiten:
– Der Job war eh nur für eine begrenzte Zeit
– Der AN hatte keine Lust mehr auf den Job, weil es Probleme auf Arbeit gab
– Die Probezeit ist um
Ist aber dennoch keine Antwort auf die Frage, wie denn der Anteil des Erwirtschafteten „deren Arbeitsleistung solche Bezahlung nicht rechtfertigt.“ berechnet wird.
Kurze Antwort: Es ist schlicht nicht möglich zu bestimmen, wer welchen Anteil am Erwirtschafteten hat.
Ein Kiosk kann den Preis fürs Snickers nicht auf 1,20 EUR setzen, wenn es beim Discounter um die Ecke aufgrund besserer Rabatte schon für 0,90 EUR angeboten wird
Ist aber gang und gäbe, dass kleinere Läden in der Regel höhere Preise haben.
Ach, für den AN soll der Markt gelten, aber für den AB nicht?
Wir können auch gerne wieder alle Wasserleitungen rausreißen und dafür Wasserträger einstellen. Zumal der Arbeitsmarkt kein Kartoffelmarkt ist.
Vielen ITlern geht es ähnlich. Welche Schutzmechanismen für Unternehmen schlägst Du vor, dass es von mir oder von gierigen ITlern nicht ausgebeutet wird?
Dich durch einen Leiharbeiter zu ersetzen.
Stefan Sasse 6. Juli 2014, 07:46
Die Überschrift ist aber auch ein Etikettenschwindel – die Pro-Argumente finde ich nirgends 😉
Moral ist ein permanenter Maßstab von Politik. Du vertrittst ihn sogar selbst – ich erinnere mich noch gut an deine moralische Ablehnung der Gleichberechtigung von Homosexuellen.
Abgesehen davon, dass mir diese „Faustformel“ ziemlich halbgar scheint, sehe ich hier das Argument nicht wirklich. Mit deiner selbstgewählten Überschrift jedenfalls hat die Frage nach dem Preis überhaupt nichts zu tun. Und gelte deine Faustformel, so müsste sie auch bei niedrigeren Löhnen angewandt werden. Und warum sollte ich jemand, der effektiv nichts kann, überhaupt anstellen? Ich höre dieses Argument dauernd, dass quasi bei irgendeiner magischen Niedriglohngrenze die Unternehmen plötzlich Jobs generieren, die effektiv reine Sozialstellen sind, aber ich sehe nicht, warum das passieren sollte. Selbst wenn ich der Person nur 4,25€ pro Stunde bezahle, lande ich nach deiner Rechnung bei 2000 Euro im Monat.
Auch hier verstehe ich nicht ganz, was dein Verweis auf die USA mit dem Argument zu tun hat.
Hier wird es langsam abenteuerlich: niemand hat je bestritten, dass der Staat Arbeitslosen selbstverständlich mehr Geld direkt bezahlt als Aufstockern. Diese Mechanik wird von Mindestlohnbefürwortern durchaus verstanden. Nur ändert unsere „naive Sicht der Dinge“ nichts daran, dass es sich um eine Subventionierung handelt. Und das bestreitest du ja auch nicht; du versuchtst nur einmal mehr, mit deiner Dichotomie von „naiven Linken“ und „vernünftigen Rechten“ deine Ideen in ein gutes Licht zu rücken und die anderen zu diskreditieren. Ich lese gerne, warum man diese Subventionen vorziehen sollte (und hier haben die Mindestlohngegner ja durchaus Argumente), aber einfach zu sagen, dass sie eigentlich ja nicht existieren ist unredlich.
Der nächste Punkt ist dein Beispiel mit den 7,60€ und den 8,50€. Die Vorstellung, dass solche Lohnunterschiede irgendwie „leistungsbasiert“ seien, ist Kokolores. Und niemand hindert Unternehmen daran, weiterhin Leistung zu belohnen.
Bei den Praktika sehe ich ähnliche Probleme wie du. Ich halte aber das bisherige Modell tatsächlich für unsinnig. Eventuell ließe sich das über bessere Uni-Politik lösen?
Wir verzerren den Markt und greifen in ihn ein, egal welche Methode wir wählen. Mit dem bisherigen Modell wurde der Preis für Arbeit künstlich niedrig gehalten, weil die Arbeitgeber wussten, dass der Rest zum Existenzminimum künstlich vom Staat zugeschossen wird. Entsprechend bieten sie übrigens auch vielfach die von dir erwähnten Aufstocker-Jobs mit 100 oder 450 Euro an, was die andere Seite der Medaille ist. Selbst die Alternative, Sozialleistungen komplett abzuschaffen und somit den Arbeitsmarkt komplett staatsfrei zu halten wäre effektiv eine Verzerrung, weil der Arbeitsmarkt schlichtweg kein „Markt“ nach klassischem Muster ist. Das Argument aus dem anderen Post greift weiter – es ist kein Kartoffelmarkt. So oder so greift der Staat zugunsten einer Partei ein und verzerrt die Preise. Die Frage für uns ist nur, wie er es tun soll.
In Dubio 6. Juli 2014, 09:33
Mit der Überschrift wollte ich signalisieren, auf die Pro-Argumente einzugehen, nicht zu anzuführen. Das hast Du ja schon getan. Eigentlich bestand das Ganze aus einem einzigen Beitrag, der Leserlichkeit halber habe ich es zerlegt.
Mein Hauptargument in der Homosexuellendebatte war, dass ein Adoptionsrecht keinen gesellschaftlichen Mehrwert erbringt. Wenn die Ratio also ausscheidet, bleibt nur die Moral. Das war Dein Feld, man müsse gleiche Rechte gewähren.
Abgesehen davon, dass mir diese “Faustformel” ziemlich halbgar scheint, sehe ich hier das Argument nicht wirklich.
Das ist doch das zentrale Argument der Befürworter: jemand soll von seiner Arbeit leben können, deswegen bräuchten wir einen Mindestlohn! Was bleibt denn sonst?!
Und warum sollte ich jemand, der effektiv nichts kann, überhaupt anstellen?
Wer entscheidet denn, was eine Arbeit – selbst die einfachste, simpelste, fehlerhafteste – wert ist? Bisher die Tarifparteien, Unternehmen und Bewerber. Zukünftig der Gesetzgeber. Die einfachsten und simpelsten Tätigkeiten werden dann eher nicht mehr ausgeübt. Ich lege Dir hier wärmstens einen Urlaub in den USA ans Herz: Du wirst dort an Baustellen oft Arbeitnehmer sehen, die anstelle einer Ampel Schilder in die Höhe halten und den Verkehr individuell steuern. Diese Tätigkeit gibt es hier nicht. Was machen diese Menschen in Deutschland? Eventuell Computerprogramme entwerfen? Nicht ernsthaft, oder? Es steht zu vermuten, dass es für diese Erwerbsfähigen hierzulande keinen Job gibt, zumindest keinen, der 8,50 EUR erbringt.
Findest Du es tatsächlich besser, dass diese Schilderhalter 100% Hartz-IV erhalten statt sich 5 EUR pro Stunde dazuzuverdienen und nur 40% zu bekommen?
Du versuchst nur einmal mehr, mit deiner Dichotomie von “naiven Linken” und “vernünftigen Rechten” deine Ideen in ein gutes Licht zu rücken und die anderen zu diskreditieren.
Das ist Spaß und nicht verletzend gemeint, sondern mit einem Augenzwinkern. Ich habe auch nichts gegen die Bezeichnung „Neoliberaler“ und bei „kaltherzig“ höre ich weg.
niemand hat je bestritten, dass der Staat Arbeitslosen selbstverständlich mehr Geld direkt bezahlt als Aufstockern.
Aber hallo! Diese „Subventionierung“ soll doch gerade abgeschafft werden! Ich schreibe wahrscheinlich heute noch eine Anekdote dazu, um das an einem Beispiel aus dem Leben deutlich zu machen. Du zerschlägst gerade die stärksten Argumente für eine Lohnuntergrenze.
Mit dem bisherigen Modell wurde der Preis für Arbeit künstlich niedrig gehalten, weil die Arbeitgeber wussten, dass der Rest zum Existenzminimum künstlich vom Staat zugeschossen wird.
Quark. Das sage ich, wo ich seit Jahren immer wieder mit Einstellungen und Entlassungen befasst bin. Woher weiß ich, dass jemand mit einem Lohn von 9,50 EUR zugeschossen bekommt? Dazu müsste ich über seine persönlichen Verhältnisse genau Bescheid wissen. Und warum sollte ich einen subventionierten Familienvater ablehnen und den Single bei gleichem Lohn nehmen? Warum setze ich Rentner abends in den Wachdienst für 7 EUR statt einen Arbeitslosen für „subventionierte“ 6,50 EUR? Du bist voll in der Theorie, statt Dich mit den Verhältnissen in Deinem direkten Umfeld zu beschäftigen und das mit Deiner Theorie in Einklang zu bringen. Unterhalte Dich z.B. mit Deinem Friseur über die Entlohnung seiner Leute, Fluktuation und die Konkurrenz durch Ex-Mitarbeiter, „Freelancer“ und Schwarzarbeiter. Und frage ihn mal, ob es in seiner Branche auch so etwas wie eine „Saison“ gibt. Die Antworten könnten Dich erstaunen.
Ariane 6. Juli 2014, 11:08
Ich möchte auch noch einmal monieren, dass du jeden mit anderer Meinung als
„naiv, lebensfremd, theoretisch und vom hohen Ross herab“ bezeichnest. Spaß oder nicht, ich empfinde das für eine ernsthafte Diskussion als hinderlich.
Mal abgesehen davon, dass die Frage nach einem gesellschaftlichen Mehrwert natürlich moralisch ist. Was denn sonst, wie willst du denn gesellschaftlichen Mehrwert rationalisieren?
dass es Mitmenschen gibt, die in ihren Möglichkeiten so limitiert sind, dass sie nur kurze Zeit einfachste Tätigkeiten durchführen können und dies auch oft unzuverlässig.
Das hat meiner Meinung nach überhaupt nichts mit dem Mindestlohn zu tun. Solche Mitmenschen setzt Du nämlich nicht an eine Supermarktkasse, lässt sie keine Haare schneiden oder lässt sie keine Gäste im Restaurant bewirten, weder für 8,50 noch für 4,50. Die niedrigen Löhne beziehen sich doch nicht auf Langzeitarbeitslose mit Handicap, sondern auf ganz normale Tätigkeiten, die durchaus anstrengend und anspruchsvoll sind.
Ich unterhalte mich übrigens häufiger mit meinem Friseur, der ist ganz zufrieden mit dem Mindestlohn. Der ist nämlich genervt von der 10€-Akkord-Friseurkonkurrenz. Das darf man imo nicht vergessen, es gibt gerade bei kleinen Unternehmen einige, die ihre Angestellten schon jetzt ordentlich bezahlen und auch als Unternehmer froh über den Mindestlohn sind, weil dadurch gleiche Bedingungen entstehen und andere Unternehmen sich nicht mehr auf dem Rücken der Angestellten einen Vorteil erkaufen können.
GFY 6. Juli 2014, 16:53
„Sozial engagierten Menschen fällt es von ihrem Naturell her schwer zu akzeptieren, dass es Mitmenschen gibt, die in ihren Möglichkeiten so limitiert sind, dass sie nur kurze Zeit einfachste Tätigkeiten durchführen können und dies auch oft unzuverlässig. Doch aus diese Menschen sollen leben und teilhaben.“
Ich glaub‘, es hackt. Was du hier absonderst, ist menschenverachtend. Schlicht und ergreifend menschenverachtend. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.
In Dubio 7. Juli 2014, 13:17
Gut, akzeptiert. Machen Sie bitte einen Gegenvorschlag, wie sich der Sachverhalt besser ausdrücken lässt. Darf ich zukünftig eigentlich sagen, dass mir diese und jene Frau besser gefällt, weil sie einfach ein wunderschönes Gesicht, einen tollen Körper und so weiter hat und die andere wie ….? Ist das erlaubt oder menschenverachtend?
Stefan Sasse 6. Juli 2014, 17:11
Keine Bange, ich fühle mich dadurch nicht verletzt – ich sehe es nur wie Ariane. Es ist effektiv Ballast für deine Argumentation. Ungefähr so, wie die permanenten Verschwörungstheorien der NDS. Wie beschreiben wir denn dann die wirklich naiven Ideen und die wirklichen Verschwörungen?
Zurück zum Thema. Ich verstehe deinen Punkt zwischen der Faustformel der realen Lohnkosten und dem „man muss von seiner Arbeit leben können“-Aspekt immer noch nicht.
Ich sehe auch nicht, wo ich das Argument für die Lohnuntergrenze zerschlage. Es ist ja wohl klar, dass 100% Hartz-IV teurer sind als 60% Hartz-IV. So viel rechnen können selbst naive Linke 😉 Nein, ernsthaft, die Idee ist ja vielmehr die dass durch die positiven Multiplikationseffekte des Mindestlohns netto die Zahl der Arbeitslosen sinkt.
Und ich wäre tatsächlich gespannt über Praxisbeispiele; in der Branche, in der ich arbeite, sind andere Mechanismen am Werk (Aufwärtsdruck der Löhne durch die Konkurrenz).
In Dubio 7. Juli 2014, 13:38
Ich verstehe deinen Punkt zwischen der Faustformel der realen Lohnkosten und dem “man muss von seiner Arbeit leben können”-Aspekt immer noch nicht.
Okay, das zentrale Argument für den Mindestlohn geht, dass es der Würde entspricht, einen Lohn zu erhalten, von dem der Beschäftigte auch leben kann ohne aufstockende Leistungen beziehen zu müssen. Das ist ein soziales Argument. Dabei wird ergänzt, dass 8,50 EUR nicht viel Geld sei und jedem Unternehmer möglich, diesen auch zu bezahlen.
Tatsächlich ist das ja nicht die Wahrheit. 8,50 EUR sind nach unserem Sozialrecht fast 11 EUR (28-30 Prozent arbeitgeberseitige Sozialabgaben). Die Würde erfordert also, dass jeder, den ein Arbeitgeber beschäftigt, diesem einen Stundenlohn von 11 EUR wert sein müsste. Am Sozialrecht kann nur der Gesetzgeber etwas ändern.
Außerhalb des Protokolls: Wenn Du in den Laden gehst und etwas mit einem Preisschild von 8,50 EUR kaufst, würdest Du wohl auf die Barrikaden gehen, wenn man an der Kasse von Dir 11 EUR verlangen würde.
Weiter im Text: Niemand kann jemanden zum „Rohlohn“ beschäftigen. Es bedarf Infrastruktur, zusätzlicher Leistungen und Gewährung von Sicherheitsrechten. Das ist nicht kostenlos und wird in der betrieblichen Kalkulation per Aufschlagsverfahren berücksichtigt.
Beispiel: Mein Gebäude muss nachts bewacht werden. Hierzu beschäftige ich Rentner mit 7 EUR pro Stunde. Der Wachdienst wird für rund 420 Stunden im Monat benötigt. Meine Einzelkosten belaufen sich also auf 3.800 EUR (420 Stunden x 7 EUR x 128%). Der Gemeinkostenzuschlag beläuft sich annahmegemäß auf 200%, so dass die tatsächlichen Kosten des Wachdienstes bei 11.300 EUR liegen, mithin 135.000 EUR im Jahr.
Mit dem Mindestlohn steigen diese Kosten nun um 30.000 EUR auf 165.000 EUR im Jahr. Der Anreiz, nun die Wachleute durch einen zentralisierten Wachdienst oder technische Überwachungseinrichtungen zu ersetzen, steigt ohne Frage enorm. 30.000 EUR Zusatzkosten nur für die Bewachung von Objekten ist eine ganze Stange Geld.
Nein, ernsthaft, die Idee ist ja vielmehr die dass durch die positiven Multiplikationseffekte des Mindestlohns netto die Zahl der Arbeitslosen sinkt.
Das ist eine sehr gewagte Annahme und nicht durch die Erfahrung gedeckt.
Ariane 6. Juli 2014, 23:43
Ich hab gerade nochmal über dein Ampelbeispiel nachgedacht. Die menschlichen Ampeln werden doch sicherlich auch vom Staat bezahlt? Irgendwie kann ich mir nämlich gerade kein privates Unternehmen vorstellen, das tatsächlich lieber dauerhaft menschliche Ampeln bezahlt, anstatt einmal ne echte Ampel hinzustellen. Ergo: der Staat zahlt so oder so 100% an diese Menschen, ob die nun nichts tun oder Schildchen hochhalten.
Und der bürokratische Aufwand erst, da musste ja wieder Leute einstellen, die das alles organisieren, die ganzen „verblödeten“ Arbeitslosen finden, die sonst nichts können, die Schildzeiten einteilen, alles organisieren, Krankheitsfälle regeln (einige kriegen bestimmt je nach Klima ständig nen Hitzschlag oder Grippe, wenn die den ganzen Tag Schilder hochhalten), nachts braucht man vermutlich noch einen weiteren Arbeitslosen als Beleuchter für die Schilder.
Mal abgesehen davon, ob das wirklich bei der Verkehrsregelung hilft. Ich (und ich hab immerhin Abitur) würde mir nicht unbedingt zutrauen mit einem Schildchen den Verkehr auf der Hauptkreuzung zu regeln.
Überhaupt scheinst du mir dem Trugschluss zu unterliegen, dass nur – platt gesagt – totale Vollhonks, die nichts auf die Reihe kriegen, für Niedriglöhne arbeiten. Dem ist aber nicht so. Kassierer, Müllmänner, Friseure, Reinigungsleute, Lagerarbeiter usw. Die haben vielleicht kein Abitur und haben nicht studiert, aber deswegen sind sie nicht dumm oder kriegen ihr Leben irgendwie nicht geregelt. Ganz im Gegenteil.
In Dubio 7. Juli 2014, 06:51
Baustellen werden von Privaten betrieben. Die sehen es offensichtlich als betriebswirtschaftlich sinnvoller an, für ein sehr niedriges Entgelt Arbeiter anzustellen als die Investition von Ampeln zu tätigen. Diese Geräte, so habe ich mir sagen lassen, arbeiten auch nicht völlig reibungslos, müssen gewartet, aufgestellt, abgebaut, programmiert usw. werden. Das ist dann wie Hitzeschlag. Hier setzen Bauunternehmen auf Automatisierung und Freisetzung von Arbeitern.
Jemand, der als Friseur arbeiten kann, wird sich kaum in die Hitze von L.A. stellen und sein Einkommen ist auch höher, wenn auch auf niedrigem Niveau. Menschen, für die nur der sehr schlecht bezahlte Straßenjob übrig bleibt, werden wegrationalisiert. Dann haben wir immerhin wieder Möglichkeiten, deren Schicksal zu beklagen und dass die Wirtschaft nicht genügend Jobs anbietet, damit alle arbeiten können.
Tu‘ bitte nicht so, als wollten wir nicht, dass solche Menschen nicht arbeitslos sind. Da wir die Arbeit als nicht akzeptabel ansehen (und so wird ja auch der Mindestlohn kommentiert), soll sie nicht gemacht werden. Was mit denen passiert, die bisher die Tätigkeiten ausgeübt haben, ist dabei völlig egal, notfalls und im Regelfall alimentieren wir sie halt zu 100% statt zu 50%.
Cource 7. Juli 2014, 05:56
Am_Rande 7. Juli 2014, 10:24
Friedrich Schiller über die „Moralität“ des Mindestlohnes:
“ Indessen muss man auch hier in Anpreisung des Altertums sehr behutsam sein.
Fast durchgängig kann man behaupten, dass die Absichten der alten Gesetzgeber weise und lobenswürdig waren, dass sie aber in den Mitteln fehlten. Diese Mittel zeugen oft von unrichtigen Begriffen und einer einseitigen Vorstellungsart. Wo wir zu weit zurückbleiben, eilten sie zu weit vor.
Wenn unsre Gesetzgeber Unrecht getan haben, dass sie moralische Pflichten und Sitten ganz vernachlässigten, so hatten die Gesetzgeber der Griechen darin Unrecht, dass sie moralische Pflichten mit dem Zwang der Gesetze einschärften.
Zur moralischen Schönheit der Handlungen ist Freiheit des Willens die erste Bedingung und diese Freiheit ist dahin, sobald man moralische Tugend durch gesetzliche Strafen erzwingen will.
Das edelste Vorrecht der menschlichen Natur ist, sich selbst zu bestimmen und das Gute um des Guten willen tun.
Kein bürgerliches Gesetz darf Treue gegen den Freund, Großmut gegen den Feind, Dankbarkeit gegen Vater und Mutter zwangsmäßig gebieten; denn sobald es dieses tut, wird eine freie moralische Empfindung in ein Werk der Furcht, in eine sklavische Regung verwandelt.“
„In Babylon some 4,000 years ago the Code of Hammurabi was a maze of price control regulations. „If a man hire a field-labourer, he shall give him eight gur of corn per annum“; „If a man hire a herdsman, he shall give him six gur of corn per annum“; „If a man hire a sixty-ton boat, he shall give a sixth part of a shekel of silver per diem for her hire.“ And on and on and on. Such laws „smothered economic progress in the empire for many centuries,“ as the historical record describes. Once these laws were laid down „there was a remarkable change in the fortunes of the people.“
(Thomas J. DiLorenzo – Four Thousand Years of Price Control)
Arbo 10. Juli 2014, 22:51
„Okay, das zentrale Argument für den Mindestlohn geht, dass es der Würde entspricht, einen Lohn zu erhalten, von dem der Beschäftigte auch leben kann ohne aufstockende Leistungen beziehen zu müssen. Das ist ein soziales Argument.“
Nee, das ist auch grundsolides wirtschaftliches Denken. Arbeit ist eind Produktionsfaktor und wenn Beschäftigte sich nicht von ihrer Arbeit ernähren können, dann wird der Produktionsfaktor Arbeit nicht relroduziert. Faktisch handelt es sich um unwirtschaftliche Produktionsformen. Und wenn die verschwinden, ist das marktwirtschaftlich kein Problem.
Deshalb wird eher anderd herum ein Schuh daraus: Produktionsweisen bzw. Unternehmen, die nicht mindestens den Mindestlohn erwirtschaften können, haben nichts am Markt verloren – sie sind nicht nur unwirtschaftlich, weil sie ihre Produktionsfaktoren (Arbeit) nicht ersetzen können, sondern sie gefährden darüber hinaus das gesamte marktwirtschaftliche System, da sich niemand mehr darauf verlassen kann, dass der Markt alle Bedürfnisse befriedigt.
In Dubio 11. Juli 2014, 07:23
Schön, wenn Sie das so sehen. Ich gehe davon aus, dass Sie, wenn Sie nun in Ihren verdienten Sommerurlaub fliegen, gerne Lufthansa oder TUI Fly einen Zusatzobolus zahlen, da die Luftverkehrsindustrie bis auf zwei, drei Unternehmen in Europa Verluste erwirtschaftet.
Ihre Worte angewendet bedeutet das, dass es grundsolide wäre, einen Zusatzbeitrag zu leisten, damit Unternehmen Gewinne machen können. Oder, dass Fliegen in unserer heutigen Welt nichts zu suchen hat, da es sich um unwirtschaftliche Produktionsformen handelt. Zu welcher Richtung tendieren Sie?
Arbo 15. Juli 2014, 18:17
„… da die Luftverkehrsindustrie bis auf zwei, drei Unternehmen in Europa Verluste erwirtschaftet.“
Nur, damit ich in den Urlaub fliegen kann, soll eine wirtschaftlich ineffiziente Luftverkehrsindustrie subventioniert werden? Da habe ich wohl die Marktwirtschaft nicht so recht verstanden …
„Ihre Worte angewendet bedeutet das, dass es grundsolide wäre, einen Zusatzbeitrag zu leisten, damit Unternehmen Gewinne machen können.“
Das ist erklärungsbedürftig. Überhaupt frage ich mich, inwiefern in einer echten (!) (= perfekten) Marktwirtschaft überhaupt Gewinne anfallen. Praktisch muss dort jeder auf Grenzkosten wirtschaften. Da ist kein Raum für Gewinne, sondern nur für die Kostendeckung. Und wenn die nicht gegeben ist, dann ist die Produktion ineffizient und hat nichts am Markt verloren.
Womit ich bei ihrer zweiten Frage bin:
„Oder, dass Fliegen in unserer heutigen Welt nichts zu suchen hat, da es sich um unwirtschaftliche Produktionsformen handelt.“
Genau das. Wenn es unwirtschaftlich ist, erübrigt sich jede Diskussion. Außer natürlich, sie bevorzugen eine unwirtschaftliche Marktwirtschaft. Wenn dem so ist, können Sie dann aber „Effizienz“ nicht mehr als Kriterium für eine Marktwirtschaft in Anspruch nehmen. Dumm ist dann vor allem, wenn andere Wirtschaftsformen im Gegensatz zu Ihrer unwirtschaftlichen Marktwirtschaft wirtschaftlich sind …
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