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Timestamp: 2019-12-09 23:07:26+00:00

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Experiences With the Combination of Thematic Qualitative Text Analysis and Qualitative Structural Analysis. An Example of Explication of Network Configurations | Hack | Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research
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Volume 20, No. 3, Art. 25 – September 2019
Erfahrungen mit der Verknüpfung der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse und der qualitativen strukturalen Analyse am Beispiel der Explikation von Netzwerkkonstellationen
Zusammenfassung: In diesem Artikel wird das Potenzial aufgezeigt, welches durch eine Kombination der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse mit der qualitativen strukturalen Analyse zur Untersuchung von Interviewdaten und im Interview generierten Netzwerkkarten erreicht werden kann. Dieses Potenzial wird beispielhaft anhand einer Explikation von Akteur_innenkonstellationen nachvollziehbar gemacht. Dabei verfolgte ich die Absicht, die jeweiligen Kernpunkte und Ziele beider Methoden in ihrer Verknüpfung beizubehalten. In diesem Erfahrungsbericht wird das Vorgehen in der Anwendung der oben genannten Kombination beschrieben und damit ein Beitrag zur Diskussion um die Weiterentwicklung und Innovationspotenziale der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse im Rahmen von Expert_inneninterviews in Kombination mit Netzwerkkarten geleistet. Inwiefern im Zuge der Kombination Modifizierungen der Methoden und einzelner Verfahrensschritte notwendig werden, wird im Rahmen weiterer Studien zu diskutieren sein.
Keywords: ego-zentrierte Netzwerkkarte; Expert_inneninterview; inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse; qualitative strukturale Analyse; qualitative Analyse; soziale Netzwerkanalyse
1. Expert_inneninterviews und Netzwerkkarten – die Wahl der qualitativen Analysemethoden
2. Zum Forschungsprojekt
2.1 Vorbereitung der Erhebung: Interviewleitfaden- und Netzwerkkartenentwicklung
2.2 Durchführung der Expert_inneninterviews und Netzwerkkartengenerierung
3. Kombinierte Analyse der Expert_inneninterviews und Netzwerkkarten
3.1 Die Analysemethoden
3.2 Der Analyseprozess
4. Ertrag und offene Fragen
Grundlage dieses Erfahrungsberichtes ist mein Dissertationsprojekt zur Analyse von interdisziplinären Kooperations- und Vernetzungsstrukturen in Kommunen1). Erfasst wurden die sozial erzeugten, konstruierten und strukturierten Zusammenhänge in Bezug auf Kooperationen und Vernetzungen der beteiligten Akteur_innen im kommunalen Kontext der Wohlfahrtspflege. Die forschungsmethodische Herausforderung bestand darin, qualitative Erhebungsmethoden zu eruieren, mit denen eine Untersuchung der subjektiven Konstruktionen der Akteur_innen und der formalen Strukturen bestehender Beziehungen im Kontext der kommunalen Wohlfahrtspflege möglich ist. Ich entschied mich für die Durchführung leitfadengestützter Expert_inneninterviews (MEUSER & NAGEL 1991) in Kombination mit der Generierung von Netzwerkkarten (STRAUS 2010). Die Besonderheit dieser Datengenerierung war, dass verschiedenartige Datenarten und -korpora – Interviewmaterial und Netzwerkkarten – produziert wurden, die mir differierende Perspektiven auf ein und denselben Forschungsgegenstand ermöglichten. [1]
Expert_inneninterviews eignen sich für die generelle Erfassung von Prozessen, Abläufen und Logiken. Darüber hinaus sind sie geeignet für die Generierung subjektiver Deutungen und Interpretationen der befragten Akteur_innen (BOGNER, LITTIG & MENZ 2014; MEUSER & NAGEL 1991). Soziale Netzwerkanalysen eignen sich demgegenüber zur Analyse von Beziehungsstrukturen (WELLMAN 1988). Durch die Generierung einer Netzwerkkarte können – ergänzend zum Interview – eindeutige Darstellungen von Netzwerken und Netzwerkkontexten vorgenommen und ergänzend zum gesprochenen Wort kann eine Momentaufnahme der aktuellen Netzwerkstruktur der interviewten Person abgebildet werden2). RYAN, MULHOLLAND und AGOSTON begründen die Kombination von Interview und Netzwerkkarte folgendermaßen: "In exploring the meaning that participants attach to social ties, it is useful not only to record how networks are spoken about in interviews but also represented through visual images" (2014, §2.5). Durch die Kombination dieser beiden Datenkorpora können sich Interviewende und Interviewte auf die dargestellte Beziehung in der Netzwerkkarte während des Interviews konzentrieren (ALTISSIMO 2016). [2]
Um diese Möglichkeiten der Datenkorpora-Kombination nutzen zu können, musste ich eine Methode wählen, die eine qualitative und kombinierte Analyse beider Korpora ermöglichte3). Unter Berücksichtigung der Forschungsfragen entschied ich mich für die inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse (KUCKARTZ 2018) zur Auswertung der Expert_inneninterviews und für die qualitative strukturale Analyse (QSA) (HERZ, PETERS & TRUSCHKAT 2015) für die Auswertung der Netzwerkkarten. Bei der Wahl der Methode stützte ich mich auf deren zentrale Grundsätze: Kern der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse ist das Identifizieren und Herausfiltern thematischer und inhaltlicher Aspekte aus dem Datenmaterial, um diese systematisch zu beschreiben (KUCKARTZ 2018; MAYRING 2002; SCHREIER 2014). Kern der QSA ist das Herausarbeiten von sozialen Strukturen in Verbindung mit der Auswertung von Interviews4) (HERZ et al. 2015). [3]
In diesem Erfahrungsbericht stelle ich am Beispiel der Explikation von Akteur_innenkonstellationen und dem damit jeweils verbundenen Kooperationsverständnis in kommunalen Netzwerken das für mein Forschungsprojekt entwickelte kombinierte Analyseverfahren vor5). In einem ersten Schritt skizziere ich das Projekt, ausgehend von meinem Erkenntnisinteresse, um dann die Vorbereitung und Durchführung der Expert_inneninterviews inkl. der Netzwerkkarten-Generierung vorzustellen (Abschnitt 2). Hieran schließe ich die Darstellung des Analyseprozesses an und fokussiere die Kombination der beiden Methoden (Abschnitt 3). Abschließend diskutiere ich den forschungspraktischen Ertrag (Abschnitt 4). [4]
Aktuell erfolgt durch Akteur_innen der Bildungs- und Sozialpolitik eine prägnante Akzentuierung von kommunal koordinierten interdisziplinären Kooperationen der Bereiche Kinder- und Jugendhilfe, Schulwesen, Gesundheitswesen und soziale Sicherung. Ziel ist die Implementierung eines kompakten kommunalen Gesamtsystems von Bildung, Betreuung und Erziehung6). Interorganisationaler Vernetzung wird dabei ein hohes Potenzial zur Lösung struktureller Probleme zugeschrieben (JÜTTE 2002): Als wesentliches Prozess- und Strukturelement soll sie als notwendige Bedingung die Stärkung eines abgestimmten Wohlfahrtssystems sichern. Das Ziel meiner Analyse war zu eruieren, ob und wie die Idee von Vernetzung und Kooperation von im Prinzip bislang eigenständigen Organisationen und deren Akteur_innen tatsächlich umgesetzt wird. Das leitende Erkenntnisinteresse war die Identifikation und Analyse bestehender ressortübergreifender Kooperations- und Vernetzungsstrukturen und -modi sowie bestehender (Steuerungs-)Mechanismen. Möglichkeiten und Hindernisse sowohl kommunaler interdisziplinärer Kooperationen als auch der Steuerung kommunaler interdisziplinärer Kooperationen und Netzwerke sollten anschließend abgeleitet werden. [5]
In der Vorbereitung der Erhebung wurde ein Leitfaden für die Expert_inneninterviews entwickelt (BOGNER et al. 2014; HELFFERICH 2011). Es wurde eine allgemeine Intervieweinstiegsfrage zur Sensibilisierung und als thematischer Stimulus formuliert und eine Gruppierung der Fragen nach Themenblöcken vorgenommen; Überschriften bzw. Bezeichnungen für den Fragekontext wurden entwickelt. Die Aufforderung zum Zeichnen der Netzwerkkarte wurde dem Themenkomplex "Netzwerke" zugeordnet. Neben dem Leitfaden wurde eine ego-zentrierte Netzwerkkarte im Sinne der Methode der konzentrischen Kreise entworfen (KAHN & ANTONUCCI 1980). Dafür wurden auf einem DIN A3 Papier vier konzentrischen Kreise und in der Mitte ein Punkt (synonym für den Interviewten ego) aufgezeichnet. Die Erhebung wurde mit der Paper-Pencil-Methode durchgeführt7). Die Daten wurden als Fotoprotokolle gesichert.
Abbildung 1: Netzwerkkarte, eigene Darstellung in Anlehnung an KAHN und ANTONUCCI (1980, S.273) [6]
Die Interviews wurden am Arbeitsplatz der Interviewpartner_innen durchgeführt und audiografiert. Während des Interviews orientierte ich mich am Leitfaden, handhabte die Reihenfolge der Themenblöcke je nach Gesprächsverlauf aber flexibel. Diese Flexibilität galt auch für die Aufforderung zur Netzwerkkartenzeichnung. Hier versuchte ich, einen günstigen Moment wie z.B. die Nennung von eigenen Netzwerkzusammenhängen oder von wiederkehrenden Arbeitsabläufen zu nutzen. So konnten thematische Brüche zwischen der Erzählung und der Netzwerkkartengenerierung vermieden werden. Die Aufforderung zum Ausfüllen der Netzwerkkarte wurde unter Rückgriff auf den sog. Namensgenerator (BURT 1984) wie folgt formuliert (Auszug aus dem Leitfaden):
"Stellen Sie sich vor, Sie sind der Kreis in der Mitte der Karte. Während Sie über die Beziehungen reden, die für Sie bzw. für Ihre Arbeit wichtig sind, schreiben Sie sie in die Karte. Bitte ordnen Sie die Beziehungen, die Ihnen am wichtigsten sind, näher zur Mitte. Wenn sie weniger wichtig sind, positionieren Sie sie bitte etwas weiter entfernt von der Mitte. Bitte denken Sie an alle möglichen Beziehungen, die für Ihre Arbeit wichtig waren: zu Personen, zu Organisationen, zu Dingen/Objekten, Ideen oder zu Orten. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen." [7]
Die Interviews wurden transkribiert und anonymisiert. Das so aufbereitete Interviewmaterial wurde dann in MAXQDA, die Netzwerkkarten in VennMaker übertragen. Die anonymisierten Netzwerkkarten (Abbildung 2) wurden als Bilddatei in MAXQDA eingefügt und mit dem jeweiligen Interviewtranskript verlinkt.
Abbildung 2: anonymisierte Netzwerkkarte, übertragen in das Netzwerk-Analyse-Programm VennMaker. Bitte klicken Sie hier oder auf die Abbildung für eine Vergrößerung. [8]
Durch die Anwendung der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse wird eine systematische Beschreibung des Materials in Bezug auf zuvor festgelegte thematische Inhalte und Merkmale möglich (KUCKARTZ 2018). Diese Themen und Merkmale bilden gleichzeitig die Struktur des Kategoriensystems (SCHREIER 2014). Anhand der Anwendung der QSA wird eine Übertragung strukturaler Perspektiven in die Auswertung qualitativ erhobener Netzwerkdaten und folglich ein "methodisch qualitativer Zugang zur strukturbezogenen Interpretation von offen erhobenen Netzwerkkarten und Interviews" möglich (HERZ 2016, S.692). [9]
Für die Interpretation der Daten wurden "Konzepte der formalen Netzwerkanalyse in einem qualitativen Sinne als sensibilisierende Konzepte genutzt" (TRUSCHKAT 2016, S.132). Unterschieden wurde zwischen struktur-, akteur_innen- und relationenbezogene Beschreibungen der Netzwerkkarten, die in unterschiedlicher Gewichtung Anwendung fanden. Grundsätzlich wird eine Reduktion der Komplexität des Netzwerkes durch die strukturbezogenen Beschreibungen möglich. Der Fokus liegt auf relationalen und positionalen Analysen. Die Aufmerksamkeit wird so auf die Kohäsion (Dichte) und die Identifikation vergleichbarer Positionen im Netzwerk gerichtet. Die strukturelle Einbettung der Akteur_innen kann durch die akteur_innenbezogene Beschreibung eruiert werden. Dabei werden durch die Forscher_innen Fragen zur sozialen Beziehung zwischen ego und den Akteur_innen und Kooperationspartner_innen (alteri), zur Beziehung der alteri untereinander (alter-alter-Relationen) und zur Komposition (z.B. strukturelle Löcher zwischen den alteri) innerhalb der Netzwerkkarte gestellt. Relationenbezogene Beschreibungen ergeben sich aus der Interpretation einzelner Beziehungen (HERZ, PETERS & TRUSCHKAT 2016). [10]
Für die Analyse der Interviewtranskripte und der Netzwerkkarten wurden die Phasen der QSA (Netzwerkanalyse, Interviewanalyse und Kombination der beiden Analyseergebnisse) in den Forschungsablauf der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse integriert (Abbildung 3).
Abbildung 3: Schema des Analyseprozesses, eigene Darstellung in Anlehnung an HERZ et al. (2015, §20) und KUCKARTZ (2018, S.100) Bitte klicken Sie hier oder auf die Abbildung für eine Vergrößerung. [11]
Diese Abbildung ist das Endergebnis meines Analyseprozesses. Dieser ist als ein iterativer Prozess zu verstehen; d.h., er verlief nicht so linear wie dargestellt; die Codier- und Analyseschritte wurden zum Teil mehrfach durchlaufen. Die Datenanalyse wurde demnach in einzelne, unabhängige und in Beziehung zueinander stehende methodengeleitete Schritte untergliedert, die im folgenden Beispiel der Explikation von Netzwerkkonstellationen vorgestellt werden. [12]
In einem ersten Schritt wurden während der Anonymisierung des Textmaterials und der Netzwerkkarten – im Sinne initiierender Textarbeit (KUCKARTZ 2018) – erste Memos und Fallzusammenfassungen verfasst. Danach wurden thematische Hauptkategorien aus der Forschungsfrage und dem zugrundeliegenden theoretischen Kontext abgeleitet. Zusätzlich wurden die drei Analysekriterien der QSA (strukturbezogene, akteur_innenbezogene und relationenbezogene Beschreibungen) als Subkategorien der Hauptkategorie "Netzwerk" aufgenommen. Nach ersten Probecodierungen, dem Definieren von Ankerbeispielen und der Überarbeitung und Präzisierung der Hauptkategoriendefinitionen (SCHREIER 2012) wurde in einem dritten Schritt das gesamte Datenmaterial codiert. Die Textstellen, die während des Zeichnens der Netzwerkkarte generiert worden waren, wurden zunächst vollständig der Hauptkategorie "Netzwerk" zugeordnet und nicht mitcodiert. Die vertiefte Analyse der Netzwerkkarten sollte zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Diese Entscheidung fällte ich u.a. aufgrund der zu bearbeitenden Materialmenge und aus Rücksicht auf die Komplexität der einzelnen Korpora. Nach der Codierung der Interviewtranskripte entschied ich mich, die Netzwerkkarten hinsichtlich der drei QSA-Subkategorien (Struktur, Akteur_innen und Relationen) zu analysieren. Hierbei wurden Beschreibungen des gesamten Netzwerkes, der alteri oder möglicher Netzwerkcluster, von alter-alter-Relationen sowie von strukturellen Löchern vorgenommen, und es wurde eine erste Kurzzusammenfassung über Annahmen, Interpretationshypothesen, Fragen und Ideen zu ego und dem Netzwerk geschrieben. Diese Beschreibungen und Fragen wurden als Memos zum jeweiligen Interviewtranskript in MAXQDA festgehalten (Tabelle 1).
QSA-Beschreibungsdimensionen
Kohäsion: gestreutes Netzwerk
Äquivalenz: Präventions-Netzwerk und die Sozialbetreuung stehen isoliert; Bildungsakteur_innen bilden ein thematisches Cluster
Sehr wichtig: 3 konkrete Personen genannt
eigener Träger
Arbeitskreis Kindertagesstätte-Grundschule – wird wird von ego geleitet
alteri aus verschiedenen Systemen und Resorts (z.B. Jugendhilfe, Schulwesen)
Beispielhafte Zitate aus dem Interview:
3 Personen: "persönlich sehr eng und Modellprojekt zusammen erarbeitet" (Absatz 167)
Präventions-Netzwerk: "weil das nicht mit meinem pädagogischen Arbeitsfeld zu tun hat" (Absatz 177)
Familienzentren: "Kontakt ganz gut" und "Infos über Angebote werden gegenseitig zugeschickt" (Absätze 177-183)
Sonstiges und weiterführende Fragen
Eigene Zuständigkeiten sind im engsten Kreis
Warum ist der AK Kita-GS ohne Kontakt zu KiTas?
Alteri aus unterschiedlichen Systemen: Werden hieraus Schwerpunkte des Arbeitskontextes von ego sichtbar?
Tabelle 1: Memos zur Netzwerkkarte (tabellarische Zusammenfassung der ersten Memos) [13]
Anschließend wurden mithilfe von Text-Retrievals alle zu einer Hauptkategorie gehörenden Textstellen zusammengestellt, mittels der dann am Material Subkategorien gebildet wurden. Zu diesem Zeitpunkt entschied ich mich, die Interviewpassagen, die während der Netzwerkkartenzeichnung generiert worden waren zu codieren. Hierbei konzentrierte ich mich auf die Passagen, die meines Erachtens zur Sensibilisierung für bestimmte Themen, Strukturen, Beziehungen und Konstellationen beitrugen. Darüber hinaus bezog ich die Ergebnisse der Netzwerkkartenanalyse (z.B. die Memos zur Netzwerkkarte in Tabelle 1) in die Interpretation der Interviewpassagen ein. Diese neu gewonnenen oder erweiterten Erkenntnisse wurden in Memos festgehalten oder zu neuen Subkategorien weiterentwickelt. [14]
Verdeutlicht werden kann dieser Verfahrensschritt am Beispiel der qualitativ inhaltsanalytisch herausgearbeiteten Beschreibungen und Akzentuierungen der Akteur_innen und Kooperationspartner_innen (alteri) im Interviewtext in Relation zur Positionierung der alteri in der Netzwerkkarte. In allen Netzwerkkarten wurden durch die Interviewten (ego) Positionierungen von Kooperationsakteur_innen (alteri) vorgenommen. Je nach Nähe oder Distanz zu ego ist alter mehr oder weniger wichtig. Während des Zeichnens ihrer Netzwerkkarte erzählten die Interviewten etwas über ihre Kooperationspartner_innen und die Art ihrer Zusammenarbeit. Eine Sichtung der Netzwerkkarten in Verbindung mit den entsprechenden Textpassagen ergab folgende Zusammenstellung (Tabelle 2):
Position in der Netzwerkkarte
Beschreibungen der Akteur_innen und Kooperationspartner_innen im Interview
sehen/sprechen
minimale Bereitschaft
nicht brauchbar (im Moment)
Tabelle 2: Position der alteri in Relation zu Beschreibungen im Interview [15]
In einem weiteren Schritt codierte ich die gesamten Interviewdaten. Diese setzte ich währenddessen auch in Beziehung zu den Ergebnissen der Netzwerkanalyse. Hierbei dienten gerade deren strukturale Perspektiven als Impulsgeber für die Sicht auf die Interviewdaten. Es konnten so Übereinstimmungen, aber auch Widersprüche aufgedeckt werden. Etwaige Fragen und Anmerkungen wurden zur Sensibilisierung für bestimmte Themen, Beziehungen oder Konstellationen in den weiteren Textstellen genutzt, und das Interviewmaterial wurde daraufhin erneut untersucht und verdichtet. Zum Beispiel stellte ich während des Codierens die Frage, ob die Rolle bzw. die Position der Interviewpartner_innen im kommunalen Gefüge Auswirkungen auf bestimmte Begriffsverständnisse und -definitionen hat. Daraufhin bezog ich die kommunale Position bzw. die Rollen der Interviewten (z.B. Sozialarbeiter_in, Planer_in) in die Auswertung ein. Hierdurch erkannte ich, dass zwar – wie in Tabelle 2 dargestellt – alle Interviewten ähnliche Beschreibungen der Distanz zu ihren Kooperationspartner_innen äußerten, allerdings Unterschiede bzgl. des Netzwerk- und Kooperationsverständnisses bestanden: Die Position bzw. die Rolle von ego im kommunalen Gefüge beeinflusste die Definition von Netzwerken und Kooperationszusammenhängen. Interviewpartner_innen, die in der Kommune in koordinierender Funktion tätig waren, definierten und nutzten Netzwerkzusammenhänge eher als Informationsnetzwerk. Ihre Netzwerkkarten wiesen primär Funktionsnennungen (z.B. Nennung der Amtsleitung oder einer Planungsstelle) auf, und im Interview betonten sie vornehmlich die Möglichkeit zum Erlangen von Informationen. Im Fokus stand für sie der gegenseitige Informationsaustausch. [16]
Interviewpartner_innen, die in der Kommune eher als Akteur_innen im Sozialraum tätig waren (z.B. Schulsozialarbeiter_innnen, Mitarbeiter_innen bei einem freien Träger), bezeichneten ihre Netzwerke als konkrete Kooperationsarrangements zwischen sich und alter. In ihren Netzwerkkarten wiesen sie eher konkrete Personen (z.B. Nennung einer konkreten Schulleitung, einer Fachkraft im Allgemeinen Sozialen Dienst im Jugendamt) aus, und im Interview betonten sie die Wichtigkeit von gegenseitigem Vertrauen und regelmäßigen Absprachen für den konkreten Kooperationskontext. Im Fokus stand hier eine konkrete, aufeinander abgestimmte Aufgaben- bzw. Problembewältigung. [17]
Wie aus dem Beispiel deutlich wird, ermöglichte mein Vorgehen folgende ausdifferenziertere Erkenntnis: Beiden Gruppen ist zwar die Besetzung der alteri mit ähnlichen Beschreibungen und Konnotationen gemein (Tabelle 2), allerdings nehmen sie durch ihre jeweilige Rolle bzw. Position im kommunalen Gefüge eine unterschiedliche Charakterisierung ihrer Kooperations- und Netzwerkkontexte vor. [18]
In Bezug auf die Durchführung der kombinierten Methoden kann zusammenfassend festgehalten werden, dass es sich im Zuge des Forschungsprozesses als schwierig herausstellte, die jeweiligen Analysephasen für sich korrekt und bis zum erforderlichen Sättigungsgrad durchzuführen. Ein paralleles Arbeiten an beiden Datenkorpora erschien mir schwer möglich. Die Identifikation des richtigen Zeitpunktes, während der Analysephasen zwischen den beiden Datengrundlagen zu wechseln, war fast unmöglich. Diese methodischen Entscheidungen wurden, wie zuvor dargestellt, im jeweiligen praktischen Forschungshandeln getroffen. Der Forschungsprozess zeichnete sich durch ein dynamisch-zirkuläres Vorgehen aus: Sobald ich den Eindruck hatte, ein Rückgriff auf die jeweiligen anderen Analyseergebnisse oder Daten sei notwendig, folgte ich diesem Impuls. Zur Reflexion dieser Entscheidung, um nicht den Überblick zu verlieren und um Klarheit in der Systematik des Analyseprozesses zu behalten, war es umso wichtiger, ein Forschungstagebuch zu führen. [19]
Ein mit der Studie verbundenes Erkenntnisinteresse war die Identifizierung von Kooperationskonstellationen zwischen Akteur_innen in kommunalen Netzwerken. Mit dem in diesem Beitrag vorgestellten Beispiel wollte ich – trotz der zuvor erwähnten forschungspragmatischen Herausforderungen – verdeutlichen, dass durch die Methodenkombination der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse und der QSA eine systematische Beschreibung und Attribuierung der Kooperationspartner_innen unabhängig von der Position egos (Koordination oder Akteur_in im Sozialraum) im kommunalen Gefüge herausgearbeitet werden konnte. Dieses aus meiner Sicht ertragreiche Zwischenergebnis ermöglichte mir weitere Interpretationen und letztendlich Schlussfolgerungen für mein Forschungsprojekt: Ich konnte z.B. einen Bezug zu empirischen Ergebnissen über Kooperations- und Netzwerkkontexte in Erziehungs- und Bildungslandschaften sowie zu Evaluationsergebnissen von Projekten und Programmen, die Kooperation und Vernetzung als Erfolgsprämisse für das Gelingen der Programme setzen, ziehen. Darüber hinaus konnte ich vorliegende Befunde zur Begriffsverwendung von Kooperation und Vernetzung um ein positions- und rollenbedingtes Begriffsverständnis erweitern und ausdifferenzieren. [20]
Insgesamt betrachtet konnten sowohl die Kernpunkte und Ziele der beiden verwendeten Methoden in ihrer Kombination beibehalten als auch erfolgreich genutzt werden. Die Frage nach einer notwendigen Modifizierung von Kombinationsvariationen, z.B. in Form eines veränderten Phasenablaufs, bleibt offen. Hierfür erscheinen mir weitere Analysen und Methodenreflexionen in unterschiedlichen Forschungskontexten nötig. In diesem Sinne soll der hier geschilderte Prozess als Beispiel eines empirischen Vorgehens gelten. [21]
1) Näheres hierzu unter https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/bisopo/forschung [Zugriff: 4. September 2019]. <zurück>
2) Die Kombination von Interviews und Netzwerkkarten lässt sich mittlerweile in vielen internationalen Studien und Forschungskontexten finden (ALTISSIMO 2016; HERZ et al. 2015; McCARTY, MOLINA; AGUILAR & ROTA 2016; RYAN et al. 2014; TRUSCHKAT 2016). <zurück>
3) Zur kritischen Diskussion bisheriger qualitativer Netzwerkanalysen siehe DIAZ-BONE (2007). <zurück>
4) In bisherigen Studien wurde die QSA in der Kombination von erzählgenerierenden narrativen Interviews und Netzwerkkarten verwendet und mithilfe der Grounded-Theory-Methodologie analysiert. <zurück>
5) Für die Möglichkeiten kombinatorischer Vorgehensweisen im Rahmen der qualitativen Inhaltsanalyse siehe STAMANN, JANSSEN und SCHREIER (2016). <zurück>
6) Eine Diskussion der Evaluation von kommunalen Bildungslandschaften mithilfe triangulierender Verfahren findet sich in ACKEL-EISNACH und MÜLLER (2012). <zurück>
7) Ich entschied mich für die Paper-Pencil-Version der Netzwerkkarte, da im Vorfeld nicht geklärt werden konnte, wie technikaffin die einzelnen Akteur_innen sind bzw. wie sie auf die Netzwerkzeichnung per Computer reagieren würden. Außerdem ließ sich die Paper-Pencil-Version schnell und einfach umsetzen. Das Interview musste nicht unterbrochen werden, um das Programm zu starten bzw. es wurden so mögliche Softwareprobleme während des Ausfüllens ausgeschlossen. Zu den Vor- und Nachteilen des Einsatzes von Paper-Pencil-Methoden und computergestützten Netzwerktools siehe OLIVIER (2013). <zurück>
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Carmen HACK, M.A. ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt "Bildungs- und Sozialpolitik – Lebenschancen und pädagogische Professionalität" der WWU Münster, Institut für Erziehungswissenschaft, tätig.
Tel.: +49 251 8329133
E-Mail: c.hack@uni-muenster.de
URL: https://www.uni-muenster.de/EW/personen/hack.shtml
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