Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bverwg/bverwg_1-B-169-02
Timestamp: 2019-11-14 19:17:36+00:00

Document:
BVerwG, 1 B 169.02: Rechtliches Gehör, Rüge, Kosovo, Hauptsache
Urteil des BVerwG vom 30.01.2003, 1 B 169.02
Aktenzeichen: 1 B 169.02
Rechtliches Gehör, Rüge, Kosovo, Hauptsache
BVerwG 1 B 169.02 OVG 8 LB 7/02
hat der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 30. Januar 2003 durch die Vizepräsidentin des Bundesverwaltungsgerichts E c k e r t z - H ö f e r , den Richter am Bundesverwaltungsgericht R i c h t e r und die Richterin am Bundesverwaltungsgericht B e c k
Auf die Beschwerde des Klägers zu 1 wird der Beschluss des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom 7. März 2002 aufgehoben, soweit es hinsichtlich des Klägers zu 1 ein Abschiebungshindernis zu § 53 Abs. 6 Satz 1 AuslG verneint hat.
Im Übrigen werden die Beschwerde des Klägers zu 1 und die Beschwerden der Kläger zu 3 bis 11 verworfen.
Die Kläger zu 3 bis 11 tragen 9/10, der Kläger zu 1 trägt 1/12 der Kosten des Beschwerdeverfahrens. Im Übrigen bleibt die Kostenentscheidung in der Hauptsache der Schlussentscheidung vorbehalten. Die Entscheidung über die restlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens (1/60) folgt der vorbehaltenen Kostenentscheidung in der Hauptsache.
1. Die Beschwerde ist hinsichtlich der Rüge, dass das Berufungsgericht bei der Prüfung der Voraussetzungen des § 53
Abs. 6 Satz 1 AuslG bei dem Kläger zu 1 entscheidungserhebliches Vorbringen nicht berücksichtigt hat, zulässig und begrün-
det. Der Kläger zu 1 rügt zu Recht, dass das Berufungsgericht
seinen Anspruch auf Gewährung rechtlichen Gehörs verletzt hat
Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 VwGO).
Der Kläger zu 1 hat eine psychische Erkrankung geltend gemacht, die wegen fehlender Behandlungsmöglichkeit im Kosovo zu
den in § 53 Abs. 6 Satz 1 AuslG genannten Gefahren für Leib
und Leben führen könne. Dieses Vorbringen ist entscheidungserheblich. Dennoch ist das Berufungsgericht in seiner Entscheidung weder im Tatbestand noch in den Gründen hierauf eingegangen. Es kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass der
entsprechende Vortrag des Klägers zu 1 vom Berufungsgericht
nicht in Erwägung gezogen wurde. Dies liegt umso näher, als
sich das Berufungsgericht mit dem Vortrag zu den Krankheiten
der Kinder des Klägers zu 1, nämlich der Kläger zu 3 bis 11
sowie deren möglicher psychologischer Betreuung im Kosovo im
Einzelnen auseinander gesetzt hat. Der Umstand, dass der Vorsitzende bzw. Berichterstatter sich im Laufe des Berufungsverfahrens in den Verfügungen vom 15. Mai und 10. August 2001 mit
diesem Vorbringen befasst hat, enthebt das Gericht nicht der
Verpflichtung, in den Entscheidungsgründen auf dieses erhebliche Vorbringen einzugehen.
der Möglichkeit Gebrauch, den Rechtsstreit insoweit gemäß
2. Die Beschwerde war im Übrigen zu verwerfen. In der Beschwerdebegründung wird nicht in der nach § 133 Abs. 3 Satz 3
VwGO erforderlichen Weise ein (weiterer) Zulassungsgrund im
Sinne von § 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO dargelegt bzw. bezeichnet.
a) Die Beschwerde macht geltend, das Berufungsgericht habe zu
Unrecht über die Berufung durch Beschluss nach § 130 a VwGO
entschieden. Es habe nicht beachtet, dass es von einer Entscheidung durch Beschluss im vorliegenden Verfahren habe absehen müssen, nachdem das Verwaltungsgericht verfahrensfehlerhaft die Teilnahme der Kläger an einer mündlichen Verhandlung
versagt habe. Das Berufungsgericht habe in seinem Zulassungsbeschluss vom 29. Januar 1998 die Gehörsverletzung ausdrücklich bestätigt. Damit sei den Klägern in beiden Instanzen die
gebotene mündliche Verhandlung vorenthalten worden.
Mit diesem Vorbringen wird der behauptete Verfahrensverstoß
nicht schlüssig dargetan. Denn Voraussetzung einer begründeten
Rüge der Versagung rechtlichen Gehörs ist die (erfolglose)
Ausschöpfung sämtlicher verfahrensrechtlich eröffneten und
nach Lage der Dinge tauglichen Möglichkeiten, sich rechtliches
Gehör zu verschaffen (stRspr; vgl. u.a. BVerfGE 74, 220 <225>,
BVerwG, Beschlüsse vom 7. April 1999 - BVerwG 9 B 999.98 -
Buchholz 11 Art. 103 Abs. 1 GG Nr. 55 und vom 21. Januar 1997
- BVerwG 8 B 2.97 - Buchholz 310 § 102 VwGO Nr. 21; Urteil vom
3. Juli 1992 - BVerwG 8 C 58.90 - Buchholz 310 § 108 VwGO
Nr. 248). Das gilt namentlich dann, wenn Verfahrensvorschriften verletzt werden, deren Haupt- oder Nebenzweck gerade darin
besteht, entsprechend dem verfassungsrechtlichen Gebot des
Art. 103 Abs. 1 GG den Beteiligten die Gewährung rechtlichen
Gehörs zu gewährleisten. Auch ein solcher Verfahrensverstoß
rechtfertigt nur dann die Rüge der Versagung rechtlichen Gehörs, wenn es der betroffenen Partei oder ihrem Prozessbevollmächtigten nicht möglich war, sich mit den Mitteln des Prozessrechts rechtliches Gehör zu verschaffen. Eine Partei, die
von einer ihr insoweit eingeräumten Möglichkeit keinen
Gebrauch gemacht hat, kann sich später nicht darauf berufen,
ihr sei das rechtliche Gehör versagt worden (stRspr; vgl. Beschluss vom 21. Januar 1997, a.a.O., m.w.N.). So verhält es
Die Kläger wurden mit der Anhörungsmitteilung vom 19. Februar
2002 auf die Absicht des Berufungsgerichts hingewiesen, über
die Berufung nach § 130 a VwGO durch Beschluss zu entscheiden.
Die anwaltlich vertretenen Kläger hatten insoweit Gelegenheit
vorzutragen, warum ihrer Auffassung nach eine Entscheidung ohne mündliche Verhandlung nicht ergehen darf. Die Beschwerde
hat nicht dargelegt, ob und wie sie nach der Anhörungsmitteilung dem behaupteten Anspruch auf eine mündliche Verhandlung
Geltung verschafft hat.
Dem Berufungsgericht musste sich im Übrigen die Notwendigkeit
einer mündlichen Verhandlung nicht schon wegen des Grundes für
die Berufungszulassung aufdrängen. Denn ausweislich des Wortlauts des Beschlusses vom 29. Januar 1998, mit dem die Berufung zugelassen wurde, hat es den erstinstanzlichen Gehörsverstoß hinsichtlich des Klägers zu 1 lediglich damit begründet,
dass diesem keine Gelegenheit gegeben worden war, den Umfang
seiner exilpolitischen Tätigkeit darzulegen; angesichts der
zwischenzeitlich eingetretenen Änderung der politischen Lage
im Kosovo, auf die die Kläger mit Verfügung vom 15. Mai 2001
hingewiesen worden waren, konnte die Notwendigkeit einer entsprechenden mündlichen Äußerungsmöglichkeit des Klägers zu 1
als überholt angesehen werden.
b) Soweit die Beschwerde außerdem rügt, das Berufungsgericht
habe schon deshalb nicht durch Beschluss nach § 130 a VwGO
entscheiden dürfen, weil "sich der Streitgegenstand in Bezug
auf Abschiebungshindernisse i.S. des § 53 Abs. 6 Satz 1 AuslG
insoweit wesentlich geändert (habe), als erstmalig im Berufungsverfahren individuell-konkrete Gefahren in Gestalt von
psychischen und organischen Krankheitsbildern geltend gemacht
wurden", legt sie den behaupteten Verfahrensfehler ebenfalls
nicht in der nach § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO erforderlichen Weise dar. Im Hinblick darauf, dass bereits das Bundesamt für die
Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in seinem Bescheid vom
4. August 1994 Abschiebungshindernisse nach § 53 AuslG verneint und das Verwaltungsgericht die Klage auch hinsichtlich
§ 53 Abs. 6 Satz 1 AuslG zurückgewiesen hat, hat sich der
durch die Anspruchsgrundlage bestimmte Streitgegenstand nicht
verändert. Darauf, ob in der Berufungsinstanz ein veränderter
Lebenssachverhalt vorgetragen wurde, kommt es entgegen der
Auffassung der Beschwerde nicht an. Der von der Beschwerde insoweit zitierten Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts
vom 10. September 1998 (BVerwG 8 B 102.98 - NVwZ 1999, 1000
= Buchholz 401.9 Beiträge Nr. 40) ist lediglich zu entnehmen,
dass nicht im Wege des beschleunigten Verfahrens nach § 130 a
VwGO ohne mündliche Verhandlung entschieden werden darf, wenn
sich im Berufungsverfahren der Streitgegenstand durch eine
mittels Anschlussberufung erfolgte Klageänderung wesentlich
geändert hat. Ein solcher Fall liegt hier indes nicht vor.
3. Soweit über die Kosten entschieden wurde, beruht dies auf
§ 154 Abs. 2, § 159 VwGO. Gerichtskosten werden gemäß § 83 b
1 B 169.02
Rechtliches Gehör, Rüge, Kosovo, Hauptsache, Anerkennung, Anschlussberufung, Bundesamt, Absicht, Leib, Verfügung

References: § 53
 § 53
 § 53
 § 133
 § 132
 § 130
 Art. 103
 § 102
 § 108

Art. 103
 § 130
 § 130
 § 53
 § 133
 § 53

§ 53
 § 130

§ 154
 § 159
 § 83