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Timestamp: 2017-10-17 15:27:06+00:00

Document:
BSG, 25.06.2015 - B 14 AS 30/14 R - Anspruch auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem SGB II; Zulässigkeit eines Aufhebungsbescheides aufgrund fehlender Ermittlungen des Leistungsträgers; Amtsermittlungspflicht des Gerichts im sozialgerichtlichen Verfahren | anwalt24.de
Urt. v. 25.06.2015, Az.: B 14 AS 30/14 R
Anspruch auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem SGB II; Zulässigkeit eines Aufhebungsbescheides aufgrund fehlender Ermittlungen des Leistungsträgers; Amtsermittlungspflicht des Gerichts im sozialgerichtlichen Verfahren
Referenz: JurionRS 2015, 32669
Aktenzeichen: B 14 AS 30/14 R
LSG Schleswig-Holstein - 13.06.2013 - AZ: L 13 AS 83/10
FuR 2016, 186-188
info also 2016, 42
NDV-RD 2016, 13-15
NJW 2016, 974-976
SGb 2015, 451
ZfF 2016, 57
Az: B 14 AS 30/14 R
L 13 AS 83/10 (Schleswig-Holsteinisches LSG)
S 22 AS 1451/07 (SG Schleswig)
Jobcenter Kreis Nordfriesland,
Der 14. Senat des Bundessozialgerichts hat auf die mündliche Verhandlung vom 25. Juni 2015 durch den Richter Prof. Dr. B e c k e r als Vorsitzenden, den Richter Dr. S c h ü t z e und die Richterin H a n n a p p e l sowie die ehrenamtliche Richterin R o t h a c h e r und den ehrenamtlichen Richter N a z a r e k
a) Die Gerichte sind grundsätzlich verpflichtet, den angefochtenen Verwaltungsakt in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht umfassend nachzuprüfen (vgl § 54 Abs 2 Satz 1, § 103 SGG); die beklagte Behörde kann deshalb im Laufe des Gerichtsverfahrens neue Tatsachen und Rechtsgründe "nachschieben" (stRspr: BSGE 3, 209, 216; BSGE 9, 277, 279 f [BSG 21.04.1959 - 6 RKa 20/57]; zuletzt etwa BSG Urteil vom 24.2.2011 - B 14 AS 87/09 R - BSGE 107, 255 = SozR 4-4200 § 60 Nr 1; vgl zudem BSG Urteil vom 21.9.2000 - B 11 AL 7/00 R - BSGE 87, 132, 139 = SozR 3-4100 § 128 Nr 10 S 87 f: nicht nur "Kassation", sondern auch "Reformation"). Hinsichtlich eines solchen Nachschiebens von Gründen gibt es jedoch bei belastenden Verwaltungsakten, die im Wege der reinen Anfechtungsklage angefochten werden, Einschränkungen, wenn die Verwaltungsakte dadurch in ihrem Wesen verändert werden und der Betroffene infolgedessen in seiner Rechtsverteidigung beeinträchtigt werden kann (BSGE 3, 209, 216; BSGE 9, 277, 279 f [BSG 21.04.1959 - 6 RKa 20/57]; BSGE 29, 129, 132 [BSG 31.01.1969 - 2 RU 234/66]; BSGE 38, 157, 159 [BSG 26.09.1974 - 5 RJ 140/72]; BSGE 87, 8, 12 [BSG 29.06.2000 - B 11 AL 85/99 R]; vgl Keller in Meyer-Ladewig/Keller/Leitherer, SGG, 11. Aufl 2014, § 54 RdNr 35 f mwN; Kischel, Folgen von Begründungsfehlern, 2004, 189 ff). Da die Aufrechterhaltung eines Verwaltungsakts mit einer völlig neuen tatsächlichen Begründung dem Erlass eines neuen Verwaltungsakts gleichkommt, würde das Gericht andernfalls entgegen dem Grundsatz der Gewaltentrennung (Art 20 Abs 2 Satz 2 Grundgesetz) selbst aktiv in das Verwaltungsgeschehen eingreifen (BSGE 9, 277, 280 [BSG 21.04.1959 - 6 RKa 20/57]). Eine solche Änderung des "Wesens" eines Verwaltungsakts, das in Anlehnung an den Streitgegenstand eines Gerichtsverfahrens bestimmt werden kann (vgl dahingehend schon BSGE 9, 277, 280 [BSG 21.04.1959 - 6 RKa 20/57] sowie Kopp/Schenke, VwGO, 21. Aufl 2015, § 113 RdNr 69), ist ua angenommen worden, wenn die Regelung auf einen anderen Lebenssachverhalt gestützt wird, zB bei einem Streit um die Höhe einer Rente aus der gesetzlichen Rentenversicherung im Laufe des Gerichtsverfahrens ein weiteres Element der Rentenberechnung vom Rentenversicherungsträger in Abrede gestellt wird (BSGE 38, 157, 159 [BSG 26.09.1974 - 5 RJ 140/72]; BSG SozR 1500 § 77 Nr 56), oder wenn auf eine andere Rechtsgrundlage zurückgegriffen werden soll, die einem anderen Zweck dient (BSG Urteil vom 24.2.2011 - B 14 AS 87/09 R - BSGE 107, 255 = SozR 4-4200 § 60 Nr 1, RdNr 16).

References: § 54
 § 103
 § 60
 § 128
 § 54
 § 113
 § 77
 § 60