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Timestamp: 2020-01-17 13:36:53+00:00

Document:
Franz KaltenbeckWiedergeburt zum Schlimmeren. David Foster Wallaces vergebliche Versuche, dem Existenzschmerz zu entkommen - Lacan entziffern
Das Appar­te­ment, Regie: Bil­ly Wil­der, USA 1960
Der ame­ri­ka­ni­sche Autor behaup­tet, er habe mit Infi­ni­te Jest (Unend­li­cher Spaß) ein trau­ri­ges Buch schrei­ben wol­len. Er wird aber, im Gegen­satz zu sei­ner Behaup­tung, dem Titel sei­nes Romans gerecht. Dass man sei­nen Humor schätzt, wenn man ihn liest, tut er mit der Bemer­kung ab, Kaf­ka habe auch laut­hals gelacht, als er sei­ne Geschich­ten sei­nen Freun­den vor­las und doch sei­en die­se oft trau­rig. Viel­leicht ist es Wal­lace aber wirk­lich nicht gelun­gen, sein melan­cho­li­sches Lei­den, mit sei­nem Schrei­ben zu fas­sen und zu bän­di­gen. Er konn­te den Schmerz, der ihn umbrach­te, den­noch kli­nisch beschrei­ben. Das, was Lacan „Sin­thome“ nennt, näm­lich die Ver­knüp­fung künst­le­ri­scher Schöp­fung mit einer das Sub­jekt vor dem psy­cho­ti­schen Abgrund ret­ten­den Struk­tur, ist ihm zumin­dest in sei­nem letz­ten Roman, The Pale King (Der blei­che König) nicht gelun­gen. Was hat­te sich da die­sem mäch­ti­gen Schrift­stel­ler in den Weg gestellt? Die­se Fra­ge wol­len wir ver­su­chen zu beant­wor­ten.
Schrei­ben, Struk­tur, Sym­ptom
Ein­tei­lung des Buches
Die Fahrt nach Peo­ria
Die Ver­wechs­lung
Des­ori­en­tie­rung
Dop­pel­ter Iden­ti­täts­ver­lust
Stumpf­sinn, Geheim­nis, Schmerz
Schreiben, Struktur, Symptom
Die lite­ra­ri­schen Wer­ke, die uns etwas ange­hen, han­deln von einem Stück Welt, einer Welt, und zugleich von ihrem Autor, der in die­ser Welt ist.1 Natür­lich muss der in sei­nem Werk nicht vor­kom­men, weder als Ich noch als Name. Aber etwas von ihm, von sich, hat er schon gesucht, als er so ein Werk schrieb. Sonst hät­te er ja auch eine wis­sen­schaft­li­che Arbeit schrei­ben kön­nen, aus der das Sub­jekt ver­bannt wird, wenn­gleich es manch­mal sogar in einen logi­schen Beweis zurück­glei­ten kann, z. B. als das krea­ti­ve Sub­jekt der Mathe­ma­tik, das die Intui­tio­nis­ten theo­re­tisch erfas­sen woll­ten. Ihre Ver­su­che inter­es­sier­ten Lacan, der viel­leicht mit Georg Krei­sel in den 1970er Jah­ren dar­über gespro­chen hat­te.
Wenn aber ein Dich­ter von sich spricht, so tut er das nicht, weil er sich kennt oder ken­nen ler­nen will, son­dern weil er ein Geheim­nis hat, das er gar nicht kennt. Nicht, dass er beson­ders scharf dar­auf wäre, die­ses Geheim­nis zu fin­den. Es ist eher so, dass er an ihm lei­det, weil ande­re mer­ken, dass er eines hat und er zu einem Rät­sel für sie wird.2
„Aber es gibt eben Geheim­nis­se in Geheim­nis­sen“, steht in Fuß­no­te 6 des § 13 von David Fos­ter Wal­la­ces unvoll­ende­tem Roman Der blei­che König (S. 117). Es geht um Cusk, eine Figur die­ses Buches, der schon als Kind unter star­kem Schwit­zen litt. Der Erzäh­ler schenkt die­sem Sym­ptom höchs­te Auf­merk­sam­keit. Cusks „zer­rüt­ten­de öffent­li­che Schweiß­aus­brü­che“ machen ihm ab sei­ner Puber­tät beson­ders zu schaf­fen, da sie beson­ders dann ver­stärkt wur­den, wenn zu einem Schweiß­aus­bruch die Angst hin­zu­trat, die Schweiß­per­len auf sei­ner Stirn könn­ten außer Kon­trol­le gera­ten.3 Er sag­te sich dann auf der Toi­let­te eine Rede Fran­k­lin Roo­se­velts auf: Das Ein­zi­ge, wovor wir Angst haben müs­sen, ist die Angst selbst. Aber das half nichts. Er geriet so nur in „ein end­lo­ses Spie­gel­ka­bi­nett der Ängs­te“ und fürch­te­te, ver­rückt zu wer­den. Er fühl­te sich wie ein Ver­rück­ter, der „manisch“ über etwas Gro­tes­kes lach­te, über einen Witz, der über­haupt kei­nen Sinn hat­te. Nur wenn er beim Stu­di­um allein war oder sich in „Wort­such- und Zah­len­rät­sel“ ver­tief­te, ging es ihm gut. Sei­ne Ang­s­t­an­fäl­le ent­stan­den „in einem Teil sei­ner selbst, (…) der ihn ver­letz­te und ver­riet“4. Er ent­wi­ckel­te aller­lei Tricks, um bei sol­chen Anfäl­len aus dem Klas­sen­raum zu ent­kom­men, ohne auf­zu­fal­len. Gelän­gen die­se Tricks nicht, wür­den alle das gro­tes­ke trop­fen­de Bild anschau­en, das er abgab.5 Er hat­te den Alb­traum, dass er in der letz­ten Rei­he saß und es dem Leh­rer auf­fiel, wie durch­nässt er war und der Leh­rer den Unter­richt unter­brach, um ihn zu fra­gen, ob etwas nicht in Ord­nung sei und alle ihn ansa­hen. Manch­mal fiel in die­sem Alb­traum auch ein Spot­licht auf ihn, „Traum­sym­bol mensch­li­cher Auf­merk­sam­keit“6, sagt der Erzäh­ler, der dann den Traum vom Spot­licht mit der Freud­schen Metho­de ana­ly­siert, nur dass er, und das ist weni­ger freu­dia­nisch, meh­re­re Deu­tun­gen vor­schlägt: nar­ziss­ti­scher Wunsch, von den ande­ren wahr­ge­nom­men zu wer­den; oder der Traum sage, die fixe Idee des Jun­gen, von allen wie von einem Spot ange­schaut zu wer­den, sei die „unmit­tel­ba­re Lei­dens­ur­sa­che“; der Leh­rer sei die Pro­jek­ti­on sei­nes „Selbst­bild­nis­ses“, wir wür­den sagen des Ich-Ide­als, das in der Bedräng­nis auf­leuch­te. Sein Sym­ptom ver­bie­tet ihm, mit einem Mäd­chen aus­zu­ge­hen. Er iso­liert sich und das Allein­sein beru­higt ihn, denn da kann er im Bade­zim­mer ver­su­chen, „einen Schweiß­aus­bruch auf Tou­ren zu brin­gen“. Er sieht sich im Spie­gel etwas trau­rig, „wie jemand, der im Regen vor einem Fens­ter steht und ins Tro­cke­ne hin­ein­sieht“. Dann erscheint er sich aber „auch wie­der unheim­lich und wider­lich, als wäre sein heim­li­cher Wesens­kern unheim­lich und die Anfäl­le wären sein wah­res Selbst, das buch­stäb­lich leck­te7 – aber nichts war im Bade­zim­mer zu sehen, und sein Spie­gel­bild schien blind8 für alles, was er in ihm such­te“.
Ent­we­der kann­te DFW Freuds Tex­te zur Melan­cho­lie schon ab den frü­hen Brie­fen an Wil­helm Fließ sowie Lacans Bemer­kung in Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Begeh­rens und ande­ren Tex­ten, dass das Objekt a im Spie­gel nicht erscheint – eine Hypo­the­se, der ich anhän­ge –, oder er war selbst ein gro­ßer Kli­ni­ker sei­nes eige­nen Lei­dens, der Melan­cho­lie. Er führt Cusks unzü­gel­ba­re Schweiß­aus­brü­che nicht ein­fach auf Angst9 zurück, son­dern inter­pre­tiert sie im Sin­ne des jun­gen Freuds als ein Leck im Ich, bei dem die nar­ziss­ti­sche Libi­do aus­fließt. Sein wah­res Wesen – unheim­lich und wider­lich – kann Cusk im Spie­gel nicht sehen.
DFW geht aber wei­ter! Am Ende des Buches fin­den Sie „Noti­zen und Rand­be­mer­kun­gen“ zum § 13 des Blei­chen Königs (S. 591), die sich DFW bei sei­ner Arbeit mach­te. Und da deu­tet er das­sel­be Sym­ptom eines ande­ren Jun­gen auf sei­ne Art: „Das Dra­chen­bild bewacht immer eine Kost­bar­keit.“ Schwer für mich zu sagen, wo im DBK von einem Dra­chen­bild und einem ande­ren Jun­gen, der an Schweiß­aus­brü­chen lei­det, die Rede ist, es sei denn, das wäre der Autor selbst als Kna­be. Dann schreibt DFW wei­ter:
„All sei­nen end­lo­sen Selbst­be­ob­ach­tun­gen und Selbst­ana­ly­sen zum Trotz hat die­ser ande­re Jun­ge die Schwitz­an­fäl­le nie als Form des Ganz­kör­per­wei­nens oder der Trau­er selbst durch­schaut – ob nun über das Ende der Kind­heit, die von der Gesell­schaft ver­lang­te Ich­spal­tung oder etwai­ge poten­zi­el­le Trau­ma­ta und Ent­frem­dun­gen. Der Ekel der ande­ren war eine kras­se Pro­jek­ti­on sei­nes tiefs­ten Geheim­nis­ses, das der Dra­che gleich­zei­tig bewach­te und ver­kör­per­te – er kann­te kei­ne Gna­de.“
Der § 13 beginnt mit dem Satz:
„In der High­school lern­te der Jun­ge die schreck­li­che Macht der Beach­tung ken­nen und wem man Beach­tung schenkt.“10
Beach­tung erzeugt ein Sub­jekt im posi­ti­ven oder im nega­ti­ven Sinn. Cusk, durch sein unkon­trol­lier­ba­res Schwit­zen, will ihr dau­ernd ent­ge­hen. Das gelingt ihm auch. Nur in sei­nem Alb­traum wird er vom Leh­rer und dann von allen Mit­schü­lern beach­tet, so dass sich sogar ein Spot auf ihn rich­tet. Er ist befleckt, ja durch­nässt und der Licht­ke­gel fällt auf ihn.
Ganz im Gegen­satz dazu die Auf­merk­sam­keit, die DFW ja in sei­nem gan­zen Werk beschäf­tigt. Er lehr­te ihre Wich­tig­keit auch sei­ne Stu­den­ten: sie soll­ten die The­men ihrer Geschich­ten dadurch fin­den, dass sie ihrer Umwelt Auf­merk­sam­keit ent­ge­gen­brin­gen. Natür­lich ist Auf­merk­sam­keit nicht nur ein kom­ple­xer, son­dern auch ein zwei­deu­ti­ger Begriff. Der Ana­ly­ti­ker z.B. hält sich nicht an das Gebot der frei­schwe­ben­den Auf­merk­sam­keit, wenn er sich auf das vom Ana­ly­san­ten Gesag­te krampf­haft kon­zen­triert. In einem Kapi­tel von Unend­li­cher Spaß geht DFW von der gera­de ver­mark­te­ten Video­te­le­fo­nie aus. Eine genia­le Erfin­dung hät­te man gedacht. Tat­säch­lich kehr­ten die Leu­te aber gleich wie­der zu den rein akus­ti­schen Tele­fo­nen zurück, weil sie erkann­ten, dass sie beim Tele­fo­nie­ren nicht mehr schal­ten und wal­ten durf­ten wie frü­her: bei­spiels­wei­se etwas vor sich hin krit­zeln, sich einen Pickel im Gesicht aus­drü­cken, Fin­ger­nä­gel lackie­ren, ein Hai­ku schrei­ben, usw. Zudem sahen sie an ihrem Gegen­über, wie unvor­teil­haft sie selbst um 9 Uhr mor­gens aus­se­hen muss­ten, mit ihren Trä­nen­sä­cken und ihrer unge­sun­den Haut­far­be. Vor allem muss­ten sie sich nun ganz gezwun­gen auf­merk­sam geben. Aber der Markt wäre nicht der Markt, hät­te er sich von die­ser Abwen­dung der Käu­fer ent­mu­ti­gen las­sen. Die Indus­trie erfand sofort Mas­ken und ande­re plas­ti­sche Vor­rich­tun­gen, die jeden in sei­ner bes­ten Form erschei­nen lie­ßen. Und DFW macht sich eine Freu­de dar­aus, die Kon­se­quen­zen des Geschäfts mit sol­chen kos­me­ti­schen Ope­ra­tio­nen zu einer erträg­li­chen Video­te­le­fo­nie durch­zu­spie­len. Nie­mand war jetzt noch er oder sie selbst, es gab mehr oder weni­ger gut gelun­ge­ne Ver­wand­lun­gen der Per­son, die Kom­mu­ni­ka­ti­on hat­te sich völ­lig ver­än­dert, war durch die mit der Video­te­le­fo­nie ein­her­ge­hen­den Erfin­dun­gen doch klar gewor­den, dass es wirk­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on nie gege­ben hat­te.
Oder neh­men Sie nur die Auf­merk­sam­keit, die das Haupt­kri­te­ri­um einer Anstel­lung bei einem Steu­er­prüf­zen­trum des Inter­nal Reve­nue Ser­vice (IRS) der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in den 1980er Jah­ren war. Jeder, der dort auf­ge­nom­men wer­den woll­te, muss­te wäh­rend sei­nes gan­zen Arbeits­ta­ges „maxi­ma­le Auf­merk­sam­keit“ auf­wen­den, die ein­ge­lau­fe­nen Steu­er­erklä­run­gen genau lesen, um her­aus­zu­fin­den, ob sie ehr­lich oder betrü­ge­risch aus­ge­füllt waren. Was die­se Arbeit sei­nen Beam­ten auf­er­legt – uner­träg­li­che Lan­ge­wei­le, Nacken­krämp­fe, Depres­sio­nen etc. –, wird auf meh­re­ren Sei­ten dar­ge­legt und reflek­tiert.
Dann gibt es auch die Auf­merk­sam­keit in den zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen, z.B. jener zwi­schen Sha­ne Dri­ni­on, einem eher gewöhn­li­chen Mann, und Mer­edith Rand, einer „grau­en­haft schö­nen Frau“11 mit „uner­gründ­li­chen grü­nen Augen, klas­sisch pro­por­tio­nier­ten Wan­gen­kno­chen (und) einem poren­frei­en Ala­bas­tat­eint“. Dri­ni­on hört ihre lan­ge Kla­ge an. In einer der „Noti­zen“ schreibt der Autor:
„Was man Mer­edith Rand im IRS nach­sagt: Sie ist schön, aber eine Jam­mer­tri­ne übels­ter Sor­te, ohne Punkt und Kom­ma, uner­träg­lich im direk­ten Kon­takt – man spe­ku­liert, ihr Mann müs­se ein Hör­ge­rät haben, das er nach Belie­ben abschal­te.“12
Die­se ihre Sei­te geht aus dem Text des Romans nicht her­vor. Man hat den Ein­druck, dass Dri­ni­on sich gera­de in sie ver­liebt. Was aber sei­ne Auf­merk­sam­keit betrifft, so schwankt man, ob sie ehr­lich oder gespielt ist. DFW hält die­se Ambi­gui­tät ganz bewusst auf­recht.
Bei aller Bewun­de­rung, die man dem wei­ten Spek­trum von DFW’s Auf­merk­sam­keits­be­griff ent­ge­gen­brin­gen wird, muss man doch dar­auf hin­wei­sen, dass Auf­merk­sam­keit einem bei ihm fast auf­er­legt wird, als könn­te sie nur ange­spannt erreicht wer­den. Aber ist nicht die wah­re Auf­merk­sam­keit die unwill­kür­li­che? Der Ana­ly­ti­ker deu­tet und inter­ve­niert nur dann erfolg­reich, wenn ihn plötz­lich etwas im Dis­kurs des Ana­ly­san­ten auf­hor­chen lässt, ohne dass er gleich weiß, war­um. Das Wis­sen kommt erst nach­träg­lich und manch­mal über­haupt nur, weil ihn der Ana­ly­sant dar­auf auf­merk­sam gemacht hat, dass der Ana­ly­ti­ker ihm vor­her etwas Ent­schei­den­des gesagt hat­te. Die­se unbe­wuss­te Auf­merk­sam­keit scheint in DFW’s Theo­rie zu feh­len. Es ist, als wäre er immer aux arguets, immer auf der Lau­er, als müss­te er fort­wäh­rend hin­aus­schau­en, ob der Feind kommt. Er ist sicher­lich ein ermü­den­der Mensch gewe­sen.
Schließ­lich war er ja auch selbst ein Objekt der Auf­merk­sam­keit gewor­den: als berühmt gewor­de­ner Schrift­stel­ler. Aber auch als Pati­ent wäh­rend sei­ner schwe­ren Depres­sio­nen. Er appel­lier­te manch­mal an sei­ne Eltern, damit sie ihm zu Hil­fe kämen. Wäh­rend der letz­ten Wochen sei­nes Lebens, ließ sei­ne Frau ihn kaum noch aus den Augen, und als das ein­mal doch vor­kom­men muss­te, nutz­te er sein Allein­sein, um sich umzu­brin­gen.
Was nun die Lan­ge­wei­le betrifft, auf die wir noch zurück kom­men müs­sen, besteht der Clou dar­in, dass DFW sehr span­nend von ihr schreibt, selbst dann, wenn er auf Gelehr­tes anspielt. Er erreicht die Grö­ße Stif­ters, des­sen Nach­som­mer zu den span­nends­ten Büchern gehört, obwohl es als eines der lang­wei­ligs­ten ver­schrien ist. Im DBK dekon­stru­iert DFW die meta­li­te­ra­ri­schen Ticks der ame­ri­ka­ni­schen Post­mo­der­ne, leis­tet es sich aber trotz­dem, das Lesen zu per­si­flie­ren, wenn er im § 25 fast alle Steu­er­prü­fer das­sel­be tun lässt: „Chris Fog­le blät­tert eine Sei­te um. Howard Card­well blät­tert eine Sei­te um. Ken Wax blät­tert eine Sei­te um.“ Man fühlt sich in den Sechs­ten Sinn Kon­rad Bay­ers aus dem Jahr 1964 zurück­ver­setzt.
Soll­ten Sie das Buch noch nicht gele­sen haben, fan­gen Sie bit­te bei Ulrich Blu­men­bachs „Vor­be­mer­kung des Über­set­zers“ an, was der nun gera­de gar nicht will, falls Sie schon ein erfah­re­ner Leser von DFW sind. Blu­men­bach resü­miert den Roman so: Er spielt vor nun fast 35 Jah­ren und ver­setzt uns manch­mal noch wei­ter in die Ver­gan­gen­heit zurück. Ort der Hand­lung: ein Steu­er­prüf­zen­trum des Inter­nal Reve­nue Ser­vice (IRS) in Peo­ria, Illi­nois. Es gibt kei­ne Haupt­fi­gu­ren, selbst wenn man­che wich­ti­ger erschei­nen als ande­re. Blu­men­bach spricht eher von einer „Grup­pen­kon­stel­la­ti­on“ in die­sem Roman. Die meis­ten der Figu­ren haben eine beweg­te Vor­ge­schich­te in den Sech­zi­ger- und Sieb­zi­ger­jah­ren, also bevor sie ins IRS ein­tre­ten. Ich hat­te beim Lesen oft das Gefühl, dass sie mit dem Ein­tritt ins IRS für ihr frü­he­res Leben büßen. Jeden­falls wer­den sie zur Ver­nunft bekehrt. Aber der Leser wird sehen, zu wel­cher: zu einer büro­kra­ti­schen Ver­nunft der schlimms­ten Sor­te, die sie quä­len wird.13 Sie ver­hal­ten sich aber nicht wie Opfer. Ich dach­te bei ihnen öfter an Men­schen bei Dos­to­jew­ski. Von allen Vor­ge­schich­ten ist die der Toni Ware, die aus dem White Trash des Südens kommt, wohl die packends­te. Sie reist mit ihrer psy­cho­ti­schen Mut­ter in einem Wohn­wa­gen von einer Trai­ler­sied­lung zur nächs­ten. Toni, wie auch ande­re die­ser Figu­ren, taucht dann in den Hand­lun­gen der spä­te­ren Kapi­tel wie­der auf. Sie arbei­tet nun im IRS in Peo­ria. Die Vor­ge­schich­te des Steu­er­prü­fers Chris Fog­les ist unver­gleich­lich län­ger. Er trägt eine schwe­re ödi­pa­le Schuld, denn er hat­te indi­rekt den Tod sei­nes Vaters ver­ur­sacht. Der Altru­ist Leo­nard Ste­cyk hat das gegen­tei­li­ge Schick­sal zu tra­gen. Als Gut­mensch, der den ande­ren aus ihren Nöten oft ohne deren Wis­sen und Wol­len her­aus zu hel­fen ver­sucht, enner­viert er sei­ne Mit­men­schen, weil er sie mit ihrem Ego­is­mus kon­fron­tiert. Von David Cusk haben wir schon gespro­chen. David Wal­lace bean­sprucht die Autor­schaft des Romans und wird wegen einer „auf Namens­gleich­heit beru­hen­den Ver­wechs­lungs­ko­mö­die als hoch­ran­gi­ger Steu­er­prü­fer ein­ge­stuft“14.
Nach die­ser Vor­stel­lung der Figu­ren und ihrer bis­he­ri­gen Geschich­te wid­met sich der Erzäh­ler der Insti­tu­ti­on des IRS, den Arbeits­be­din­gun­gen in den Prü­fungs­zen­tren mit einer Stu­die des Pro­blems der in der Büro­kra­tie herr­schen­den Lan­ge­wei­le. Cha­os und Ord­nung gehö­ren zu die­ser Abhand­lung. Und nun wer­den die Figu­ren mit­ein­an­der ver­netzt. Phan­to­me und Geis­ter gesel­len sich zu ihnen. Auch skiz­ziert der Autor die Ver­hält­nis­se auf den obe­ren Eta­gen des IRS. Doch dort ver­liert sich der Roman in Ver­mu­tun­gen.
Ulrich Blu­men­bach weist uns auf fol­gen­den Wider­spruch hin: „Die geschlos­se­ne Abbil­dung einer Welt­to­ta­li­tät war nie Wal­lace’ Ziel.“ Dann schließt er aber damit: „Was man im vor­lie­gen­den Frag­ment­ro­man aber erahnt, das ist die ver­zwei­fel­te Sehn­sucht nach einem Gan­zen.“ Nun glau­be ich aber nicht, dass es ein Gan­zes war, das DFW fehl­te. In einem Brief an Jona­than Fran­zen schreibt er: „What’s mis­sing is some … thing. It may be a con­nec­tion bet­ween the pro­blem of wri­ting it and being ali­ve.“ Die­ser Zusam­men­hang scheint mir der zu sein, den Lacans Sin­thome her­stellt. Hier deu­tet DFW aber einen nicht bewerk­stel­lig­ten Zusam­men­hang an: zwi­schen dem Schrei­ben die­ses Dings und dem am Leben blei­ben, so als hät­te er gedacht, dass er beim Schrei­ben von DBK sich die­sem Ding noch nicht nähern konn­te. Er erklärt, was die­ses „Ding“ sein könn­te: ein Tor­na­do, der aber nicht still hält, damit er sehen kön­ne, was nütz­lich für ihn sei und was nicht. Viel­leicht kann man die­ses Ding mit der Ankün­di­gung einer Kata­stro­phe in Zusam­men­hang brin­gen. Der Erzäh­ler lässt sie aber nicht ein­tre­ten. Das Schrei­ben die­ses Din­ges scheint also unver­ein­bar zu sein mit dem Am-Leben-Blei­ben: Schrei­ben, um nicht zu ster­ben, aber ohne das Ding erfah­ren zu haben.
Viel­leicht kann man die­ses Ding mit der Ankün­di­gung einer Kata­stro­phe in Zusam­men­hang brin­gen (sie­he DFW’ Bei­spiel des Tor­na­dos). Der Erzäh­ler lässt sie aber nicht ein­tre­ten, sagt nicht, um wel­che Kata­stro­phe es sich han­delt, schiebt sie auf. Das Ding, als die Struk­tur die­ses Romans, konn­te er, im Unter­schied zu Unend­li­cher Spass, nicht schrei­ben. Der Autor hat­te für sie auch kein mathe­ma­ti­sches Modell, im Gegen­satz zu Unend­li­cher Spass, sei­nem zwei­ten Roman, für den er solch ein Modell gefun­den hat­te. Das Schrei­ben der den Roman kon­sti­tu­ie­ren­den Tex­te und Erzäh­lun­gen genügt DFW nicht mehr. Aber ohne zu schrei­ben konn­te er nicht leben. Nicht das Schrei­ben oder das Geschrie­be­ne ist das „Sin­thome“, son­dern die Struk­tur, die das Schrei­ben im Werk zusam­men­hält.
Die Fahrt nach Peoria
In DBK gibt es eine Figur, die „David Wal­lace“ heißt. Sie behaup­tet, der „leben­de Autor“ zu sein, was mit der fett­ge­druck­ten Notiz „Autor hier“ ange­merkt wird. David Wal­lace wird aber auch in eine Dienst­stel­le des Inter­nal Reve­nue Ser­vice, IRS, Illi­nois, in Lake James, einem Vor­ort von Peo­ria, ein­tre­ten. Von ihm stammt das „Vor­wort des Autors“ (§ 9), in wel­chem er den Titel „sei­nes“ Romans erklärt.15 Der § 24 han­delt auf sech­zig Sei­ten von der fast acht­stün­di­gen Bus- und Auto­rei­se zwi­schen Phi­lo, dem Wohn­sitz der Eltern des Autors, und sei­ner Ankunft am IRS in Peo­ria. David Wal­lace distan­ziert sich zu Beginn von der „Zügel­lo­sig­keit“ des „Abschwei­fungs­kö­nigs“ Chris Fog­le, eines sei­ner spä­te­ren Kol­le­gen. Der kommt schon in einer gewöhn­li­chen Unter­hal­tung vom Hun­derts­ten ins Tau­sends­te, ein Aus­ufern sei­ner Rede, das sei­nen Kol­le­gen immer den Aus­ruf „Komm doch auf den Punkt!“ ent­lockt. Übri­gens gibt es in die­sem Kapi­tel und im gan­zen Buch meh­re­re Leu­te die „ohne Punkt und Kom­ma“ spre­chen, so auch „Ms Neti-Neti“ eine Beam­tin ira­ni­scher Abstam­mung, die David Fos­ter am IRS emp­fan­gen wird – wir wer­den noch sehen wie.
Der Autor, also DW, beginnt mit einer Refle­xi­on über das Gedächt­nis bei län­ger zurück lie­gen­den Bege­ben­hei­ten wie die­ser Rei­se, die im Mai 1985 statt­fand – sein Text dürf­te im Jahr 2006 ent­stan­den sein. „Mir geht es um Kunst, nicht um schlich­te Nach­er­zäh­lung. Was logorr­hi­schen Kol­le­gen wie Fog­le nicht in den Kopf will, ist die Exis­tenz unend­lich vie­ler ver­schie­de­ner Wahr­hei­ten, von denen eini­ge unver­ein­bar mit den ande­ren sind.“ Und wei­ter unten: „Sinn­voll, attrak­tiv usw. wird eine Wahr­heit durch ihre Rele­vanz, die ihrer­seits außer­ge­wöhn­li­ches Urteils­ver­mö­gen und Sen­si­bi­li­tät für Kon­text, Wert­fra­gen und über­ge­ord­ne­ten Sinn erfor­dert …“16.
Freuds bemerkt in Trau­er und Melan­cho­lie hin­sicht­lich der scho­nungs­lo­sen Selbst­kri­tik der Melan­cho­li­ker, dass die Melan­cho­li­ker „die Wahr­heit nur schär­fer erfas­sen als ande­re, die nicht melan­cho­lisch sind“17. Ange­sichts eines Dich­ters wie DFW soll­te man die Freud’sche Bemer­kung auf mehr bezie­hen als nur auf die Selbst­kri­tik, näm­lich auch auf das Den­ken zur Fra­ge: Was ist Wahr­heit? So denkt er z.B. immer wie­der dar­über nach, war­um die von die­ser Rei­se vor zwan­zig Jah­ren in sei­nem Gedächt­nis noch vor­han­de­nen Frag­men­te mehr Anspruch auf Wahr­heit erhe­ben kön­nen als z. B. rea­li­täts­treue Erin­ne­run­gen.
Bei sei­ner Beschrei­bung der Rei­se von Phi­lo nach Peo­ria erhebt sich der Autor kei­nes­wegs über die sinn­li­che Welt, son­dern er zeigt, was ihm von die­ser zugleich wahr und rele­vant erscheint. So ist aus sei­nem Werk das Inter­es­se an opti­schen Phä­no­me­nen nicht weg­denk­bar. Z. B. die Unmit­tel­bar­keit des Son­nen­auf­gangs im mitt­le­ren Wes­ten, einem Augen­blick, wo der Autor schon mit sei­nen Kof­fern auf sei­nen Bus war­te­te: „[Der Son­nen­auf­gang] ist unge­fähr so sanft und roman­tisch wie jemand, der in einem dunk­len Zim­mer urplötz­lich auf den Licht­schal­ter kloppt.“ Die Son­ne ist auf ein­mal da, die Mos­ki­tos ver­schwin­den und die Tem­pe­ra­tur steigt um 10 Grad an. Die­ser abrup­te Son­nen­auf­gang erin­nert an das Ein­fal­len des Unbe­wuss­ten in die Dun­kel­kam­mer des Sub­jekts. Lacan erklär­te im Jahr 1967 vor einem ita­lie­ni­schen Publi­kum, dass das Unbe­wuss­te nicht eine sanf­te Hel­le ist, kein „clair/obscur“, son­dern grell ein­fal­len­des Licht in die das Sub­jekt sym­bo­li­sie­ren­de Dun­kel­kam­mer.18 Die­se opti­schen Beson­der­hei­ten von DFW’s Wahr­neh­mungs­feld gehö­ren zu sei­nem Schrei­ben wie Orte und Land­schaf­ten bei ande­ren Dich­tern – und man fin­det sie übri­gens auch bei Adal­bert Stif­ter. In dem einem Traum gewid­me­ten § 23 fin­den Sie z. B. den Satz, den eine der Roman­fi­gu­ren sagt: „Ich sah aus dem Fens­ter, sah aber nur das Glas, nichts dahin­ter.“19 Die­ser Satz gehört nicht mehr zum Traum, son­dern zur Beschrei­bung des „Über­drus­ses“ der­sel­ben Figur, die von einem ihrer Sonn­tag­nach­mit­ta­ge in ihrer Fami­lie spricht. Der Autor lebt in kei­ner Traum­welt, son­dern in einer Rea­li­tät, in der er Über­schüs­se oder Pri­va­tio­nen opti­scher Wahr­neh­mun­gen auf­nimmt, die offen­sicht­lich aus der sozi­al gesteu­er­ten Wirk­lich­keit aus­ge­blen­det wer­den. Die Figur David Wal­lace, „Autor hier“, ver­trägt Räu­me nicht, deren Lam­pen kei­ne Schat­ten zulas­sen. Er könn­te sich bei die­sem schat­ten­lo­sen Licht umbrin­gen! Das spek­ta­ku­lärs­te Phä­no­men im visu­el­len Bereich fin­det man in Unend­li­cher Spaß20, als Mara­the (ein Dop­pel-Agent der Assas­sins des Fau­teuils Rou­lents, einer Ter­ro­ris­ten-Grup­pe der Que­be­cer Unab­hän­gig­keits-Bewe­gung) bei Son­nen­un­ter­gang auf einer Fels­na­se über der Sono­ra-Wüs­te vor Tus­con einen gewis­sen M. Hugh Stee­p­ley erwar­tet (sei­nen Kon­takt­mann bei den mit Mexi­ko zusam­men­ge­schlos­se­nen Ver­ei­nig­ten Staa­ten – oder soll­te man Kon­takt-Frau sagen? Stee­p­ley ist näm­lich Drag­queen):
„Als das schwin­den­de Licht hin­ter ihm in einem immer spit­ze­ren Win­kel schien, ver­grö­ßer­te und ver­zerr­te das von Goe­the wohl­be­kann­te Bro­cken­ge­spenst-Phä­no­men sei­nen Schat­ten weit übers Land, sodass die Hin­ter­rad­spei­chen des Roll­stuhls gigan­ti­sche Ster­nen­schat­ten über vol­le zwei Coun­ties war­fen….“
Womit wir auch gleich bei den Gespens­tern wären. In DBK sitzt nicht nur ein toter Regio­nal-Steu­er­prü­fer vier Tage lang unter sei­nen leben­den Kol­le­gen, son­dern auch ein Gespenst an der Sei­te eines von ihnen.
Die Fahrt im Bun­des­staat Illi­nois, in dem der Autor ja auf­ge­wach­sen war, gehört sicher nicht zu den außer­ge­wöhn­li­chen Rou­ten oder Eska­pa­den, die man aus der Lite­ra­tur kennt. Sie bean­sprucht nicht ein­mal die Sze­ne­rie eines Road­mo­vies. Und trotz­dem bringt das, was DFW aus ihr macht, etwas von den gro­ßen Mythen und lite­ra­ri­schen Wer­ken zum Schwin­gen, wie z.B. Kaf­kas Ver­schol­le­nen. Nicht dass der 20jährige aus sei­ner Fami­lie ver­stos­sen wor­den wäre, aber er bekommt kei­nen warm­her­zi­gen Abschied und scheint mit sei­ner Fahrt ins IRS sei­ne Jugend abzu­schlie­ßen. Die Sei­nen trau­ern ihm nicht nach, er war ihnen eine Last. Er macht sich dann auf den Weg einer außer­or­dent­li­chen Ent­frem­dung, begibt er sich doch ins Herz der ame­ri­ka­ni­schen Büro­kra­tie, in der alles ratio­na­lis­tisch ablau­fen soll­te, aber in Wirk­lich­keit ein selt­sa­mes Cha­os herrscht. David Wal­lace, der Autor, „hass­te und fürch­te­te die Büro­kra­ti­en“ übri­gens „wie die meis­ten Ame­ri­ka­ner“ und stellt sich das Regio­nal­prü­fungs­zen­trum „als eine urbü­ro­kra­ti­sche Ver­si­on von Kaf­kas Schloss vor“21.
Die­ses Ziel wird David Wal­lace aber erst nach einer vier­stün­di­gen Bus­fahrt ohne Kli­ma­an­la­ge und ohne benutz­ba­re Toi­let­ten und dann nach einer eben­so lan­gen Fahrt in einem IRS-eige­nen Grem­lin errei­chen, bei der er neben einem Schweiß­trie­fen­den Kan­di­da­ten sitzt. Trotz der Hit­ze schien kei­ner sei­ner Mit­rei­sen­den je auf die Idee gekom­men zu sein, den Man­tel aus­zu­zie­hen oder die Kra­wat­te zu lockern. Bei die­ser Fahrt pas­siert nichts als das Unbe­ha­gen in der Kul­tur in den Wirr­nis­sen des ame­ri­ka­ni­schen Mit­tel­wes­tens, das der „Autor“ ohne Pathos, jedoch in sei­ner gan­zen Uner­träg­lich­keit notiert. Die Stadt Peo­ria wird z.B. als die „Wie­ge des Sta­chel­drahts“ vor­ge­stellt. Die für die Sicher­heit von Far­men wer­ben­den Pla­kat­wän­de, die er durch das Auto­fens­ter sieht, erin­nern ihn mit Iro­nie an fol­gen­den Zwi­schen­fall: „Bei einem Wir­bel­sturm im April 1987 (…) lös­te sich ein Teil einer sol­chen Farm­früh­lings­si­cher­heit-Pla­kat­wand, wir­bel­te durch die Luft und hät­te um ein Haar einen Soja­boh­nen-Bau­er geköpft“22. Hie­ro­ny­mus Bosch im Zeit­al­ter des Kapi­ta­lis­mus! David Wal­lace lei­det unter einer äußerst stig­ma­ti­sie­ren­den Haut­krank­heit und er kann uns nicht den brei­ten Fächer der mit­lei­di­gen, ange­ekel­ten oder flie­hen­den Bli­cke der Mit­rei­sen­den erspa­ren, unter ande­rem den Blick eines klei­nen an infek­tiö­sem Eiter­g­rind lei­den­den Jun­gen, des­sen Kör­per­kon­takt er fürch­tet. Der grim­mi­ge Humor, mit dem der „Autor“ die Bestand­auf­nah­me der von der Zivi­li­sa­ti­on rui­nier­ten Städ­te und Land­schaf­ten skan­diert, bewahrt ihn vor der selbst­ge­rech­ten Ges­te des Anklä­gers ohne Man­dat. Was er tut, ist unge­mein effi­zi­en­ter: die Zusam­men­füh­rung des ent­frem­den­den Ein­tritts eines Sub­jekts in die Maschi­ne der Büro­kra­tie und sei­ne Fahrt durch das was­te land , zu dem sei­ne Umge­bung gewor­den ist. Gera­de weil der Autor der Welt, in der er leben muss, nur sei­ne eige­nen kri­ti­schen Wahr­neh­mun­gen gegen­über­stellt, ist man als Leser geneigt, in sei­ner Rei­se, ihrem Ziel und der Wirk­lich­keit, die er wahr­nimmt, mehr als nur die Unord­nung der Welt zu erken­nen. Genau weil die Figu­ren in DBK kei­ne Hel­den und nicht ein­mal loo­ser sind, fra­gen wir uns, was sie uns eigent­lich sol­len.
Die auf­ge­ge­be­nen und dann gen­tri­fi­zier­ten Innen­städ­te, die obso­le­ten Wer­be­ta­feln vor der Land­schaft und der Bus­bahn­hof mit sei­nen Obdach­lo­sen bil­den also die Kulis­sen die­ser Rei­se. Die Qual der Hit­ze in den Fahr­zeu­gen wird durch das Ver­kehrs­cha­os auf den Zufahrts­stra­ßen zum IRS ver­län­gert, der Stau führt zu einem „Ver­kehrs­in­farkt“, den die „büro­kra­ti­sche Idio­tie“ auf dem Gewis­sen hat. Der Autor brei­tet in sei­nem Text einen Inven­tar der archi­tek­to­ni­schen Fehl­leis­tun­gen der Erbau­er der Steu­er­prüf­zen­tren dar, um zu zei­gen, wie sehr sie zum Traf­fic­jam bei­tra­gen. Jemand nennt die logis­ti­schen Maß­nah­men zum Emp­fang aller neu ins Zen­trum Auf­ge­nom­me­nen eine „Des­ori­en­tie­rung“. All die­se Fehl­funk­tio­nen inspi­rie­ren David Wal­lace zur Beschrei­bung mensch­li­chen Ver­hal­tens bei einer von einem Brand aus­ge­lös­ten Mas­sen­pa­nik.
Die stren­ge Ord­nung, die von den Regeln eines Steu­er­prüf­zen­trum des Inter­nal Reve­nue Ser­vice in Peo­ria erwar­tet wird, beschränkt sich nur auf die Dis­zi­pli­nie­rung der Neu­an­kömm­lin­ge, die mit ihrem gan­zen Gepäck in der Hit­ze Schlan­ge ste­hen müs­sen, um ihren Dienst­aus­weis über­reicht zu bekom­men.
Doch an die­sem Punkt scheint David Wal­lace vom Schick­sal bevor­zugt zu wer­den. Schon vom Auto aus sah er eine exo­tisch aus­se­hen­de Frau ein Schild mit sei­nem Namen hoch hal­ten, was sei­nem Nar­ziss­mus natür­lich nur zuträg­lich sein konn­te. Er war über die­se Bevor­zu­gung umso erstaun­ter, als er wegen der Ver­kehrs-Ver­stop­fung um meh­re­re Stun­den zu spät im Zen­trum ange­kom­men war. Ms F. Chah­la Neti-Neti, aus dem Iran stam­mend, emp­fing ihn dazu noch mit den Wor­ten: „Ihr Ruf eilt Ihnen vor­aus“ und „Wir sind äus­serst erfreut, dass Sie sich ent­schie­den haben, die­se Stel­le anzu­neh­men.“ Aber emp­fängt eine so ein­schüch­tern­de Insti­tu­ti­on einen Anfän­ger auf die­se Wei­se?
Der Autor ist beun­ru­higt, „dass (sein) Ruf ihm ‚vor­aus­ei­len‘ soll­te“23, und von die­sem Emp­fang, der ihm nach dem „Misch­masch aus Ver­wir­run­gen, Miss­ver­ständ­nis­sen und Pat­zern“ berei­tet wur­de. Man kann nicht umhin, dabei an den Land­ver­mes­ser K zu den­ken, der im Dorf unter Kaf­kas Schloss von nie­man­dem erwar­tet wird. Ms. Neti-Neti führt ihn durch ein Laby­rinth von Gän­gen, von denen aus er in die Arbeits­sä­le des Zen­trums schau­en kann, wo trotz der dort beschäf­tig­ten Men­schen­grup­pen abso­lu­te Stil­le herrscht, die er eher mit Lee­re asso­zi­iert hät­te. Der Leser die­ser Pas­sa­ge kann sich nicht des Gefühls erweh­ren, es hand­le sich bei die­sen Men­schen in den Arbeits­sä­len um „Unto­te“. Die­ser Marsch, bei dem David Wal­lace sei­nen schwe­ren Kof­fer tra­gen muss – den zwei­ten hat­te er er irgend­wo ste­hen gelas­sen –, hat das Büro eines der rang­höchs­ten Beam­ten des IRS zum Ziel, dem er vor­ge­stellt wer­den soll. Er denkt dabei an sei­ne Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen, die mit der stil­len Arbeit in den Sälen über­haupt nicht ver­ein­bar wäre. Wenn er in einer Biblio­thek arbei­te­te, muss­te er immer wie­der von sei­nem Platz auf­ste­hen, „her­um­zap­peln“, aufs Gera­te­wohl einen Band aus den Rega­len neh­men, „und mei­net­we­gen etwas über Durk­heims Theo­rie des Selbst­mords lesen“24. Ms Neti-Neti schwatzt ihm die gan­ze Zeit über ein Loch in den Bauch, und der Weg an ver­wir­ren­den Weg­wei­sern vor­bei ver­stärkt noch „das Gefühl kom­plet­ter Des­ori­en­tie­rung“.
Da stellt sich her­aus, dass ihn die Per­so­nal­ab­tei­lung „mit einem ganz ande­ren David Wal­lace ver­wech­selt hat­te, näm­lich einer erfah­re­nen Kapa­zi­tät in Immer­si­ons­prü­fung aus einem ande­ren Regio­na­len Prü­fungs Zen­trum“. Die­se Kapa­zi­tät woll­te man unbe­dingt in Peo­ria haben und ver­an­lass­te ihre Ver­set­zung durch aller­lei Intri­gen. So gab es also nicht einen, son­dern zwei David Wal­lace! Die pein­li­che Ver­wechs­lung beruh­te aber nicht auf mensch­li­chem Ver­sa­gen, son­dern auf einem Com­pu­ter­pro­blem, das der Autor25 in einem andern Kapi­tel für den Leser aus­ein­an­der­drö­selt. Jeden­falls führ­te der Maschi­nen­feh­ler zu einer Rei­he von Pein­lich­kei­ten und Miss­ver­ständ­nis­sen. So erhielt z. B. der erwar­te­te David Wal­lace, also die Kapa­zi­tät, an jenem unglück­li­chen Tag nicht ein­mal sei­nen Dienst­aus­weis, war die­ser doch schon dem unbe­deu­ten­den David Wal­lace, „Autor hier“, aus­ge­hän­digt wor­den. Und der unbe­deu­ten­de David Wal­lace hat­te alle Mühe, am dar­auf fol­gen­den Tag sei­nen frist­lo­sen Hin­aus­wurf oder zumin­dest ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren abzu­wen­den, bis man end­lich die Quel­le des Irr­tums in einer fal­schen Pro­gram­mie­rung ent­de­cken konn­te.
Ich lese DBK und ins­be­son­de­re die Rei­se des David Wal­lace als ein Gegen­stück zu On the Road von Jack Kerou­ac, auch als eine Anti-Initia­ti­on und eine Ent­sub­li­mie­rung von Kaf­kas Schloss. Aber wozu ? Um Hin­wei­se auf das geheim­nis­vol­le Lei­den der Melan­cho­lie zu bekom­men, das doch schon Dich­ter wie Kleist, Ner­val und Stif­ter, Syl­via Plath und seit 2008 auch David Fos­ter Wal­lace auf dem Gewis­sen hat. Die­se Dich­ter wuss­ten mehr über das, wor­an sie zer­bra­chen, als die Psych­ia­ter und Ana­ly­ti­ker, was nun wie­der nicht hei­ßen soll, dass Freuds oder etwa Binswan­gers Arbei­ten zur Melan­cho­lie nicht gele­sen wer­den müs­sen.
David Wal­lace, der Autor, schreibt expe­ri­men­tel­le Lite­ra­tur in die­sem § 24, wenn er das, was er mit einem Kol­le­gen „Des­ori­en­tie­rung“ nennt, schrift­lich nach­zeich­net. Er hät­te ja auch eine geo­gra­phi­sche Kar­te anle­gen kön­nen, um das aus den fal­schen Stra­ßen­bau­ten und Ver­kehrs­re­ge­lun­gen ent­stan­de­ne Wirr­warr gra­phisch dar­zu­stel­len. Und dabei sind wir schon bei der Lan­ge­wei­le. DFW wid­met ihr ja in die­sem Buch vie­le Refle­xio­nen.
Der rea­lis­ti­sche, aus Meto­ny­mi­en zusam­men­ge­bau­te Roman kann ja lang­wei­lig sein. Aber DFW begnügt sich nicht damit, ein Pasti­che die­ser Roman­form zu schrei­ben. Sei­ne fast-homo­ny­me Autoren-Figur David Wal­lace führt uns mit sei­ner Beschrei­bung der zum Ver­kehrs­zu­sam­men­bruch füh­ren­den Stadt­land­schaft in die Irre. Wir wis­sen nicht mehr, wo wir sind, kön­nen uns die Gege­ben­hei­ten um Peo­ria nicht gar nicht vor­stel­len. Der fran­zö­si­sche Regis­seur Bru­no Dumont sagt: „Durch Lan­ge­wei­le ent­steht auch etwas – eine ande­re Erfah­rung, die den Sinn für Details schärft.“ Aber DFW will in sei­nem Roman nicht beleh­ren, son­dern etwas erklä­ren. Daher unter­bricht er die Lan­ge­wei­le immer wie­der mit ihrem Gegen­teil – Witz und Humor, die man weder bei Kleist noch bei Ner­val und höchs­tens unfrei­wil­lig bei Stif­ter fin­det. Wenn der Jun­ge mit dem Eiter­g­rind David Fos­ter so unbarm­her­zig in sein von Akne ver­un­stal­te­tes Gesicht schaut, kommt dem Leser die Sze­ne aus einem Film von W. C. Fields in Erin­ne­rung, wo dem alten Komi­ker etwas Ähn­li­ches mit einem fre­chen Kna­ben pas­siert, der auf sei­ne Alko­ho­li­ker­na­se schaut. Die Unter­bre­chung der Lang­wei­le durch Humor belohnt uns für unser Durch­hal­ten bei der Lek­tü­re detail­lier­ter Beschrei­bun­gen durch das, was Lacan eine „Mehr­lust“ (plus-de-jouir) nennt. Das erlaubt dem Autor auch, sich in die Lan­ge­wei­le zu ver­tie­fen. Wenn DFW uns aber die Lan­ge­wei­le der jun­gen Steu­er­prü­fer beim Lesen der Steu­er­erklä­run­gen nahe­bringt, besteht er dar­auf, dass sie von kei­ner Unter­bre­chung pro­fi­tie­ren. Die­se unun­ter­bro­che­ne Lan­ge­wei­le erzeugt höl­li­sche Schmer­zen und Sym­pto­me. Die Zeit kol­la­biert mit der Wie­der­ho­lung des Glei­chen. Wir aber wür­den es nicht aus­hal­ten, vom „Autor“ auf den Wegen sei­ner Des­ori­en­tie­rung wei­ter geführt zu wer­den, wenn er sei­ne Erzäh­lung nicht mit Humor unter­brä­che.
Die zeit­li­che Struk­tur des Roman­ab­laufs ist schon sehr eigen­ar­tig. Der Roman beginnt mit dem Vor­le­ben sei­ner Figu­ren aus der „Grup­pen­kon­stel­la­ti­on“. Dann strö­men sie, wie aus Reue, oder aus Ver­zicht auf ihr zügel­lo­ses Vor­le­ben, im Steu­er­prüf­zen­trum des IRS von Peo­ria zusam­men, wo sie dann mit­ein­an­der und zu ihren Vor­ge­setz­ten in Bezie­hung gesetzt wer­den. Soll­ten sie nicht aus dem zer­split­ter­ten Ich ihres Autors kom­men? Im Unter­schied zu Dos­to­jew­skis Roma­nen erle­ben sie die Höl­le oder das Fege­feu­er nicht in ihren Aben­teu­ern, son­dern nach ihrem Ver­zicht auf ihre Aben­teu­er.
Doppelter Identitätsverlust
David Wal­lace gerät auf dem Weg ins Inter­nal Reve­nue Cen­ter in die Maschi­ne­rie der Ent­frem­dung. Eigent­lich fährt er ja nur des­halb dort­hin, weil er lite­ra­ri­sche Ambi­tio­nen hat und daher „mit der Uni aus­setz­te und im Steu­er-Prüf-Zen­trum Mitt­le­rer Wes­ten jobb­te“26. Er steht vor einer Lebens­wahl. So heißt es in einer Fuß­no­te des „Vor­worts des Autors“27: „Iden­ti­täts­mä­ßig gleicht der Ein­tritt in den Ser­vice einer Wie­der­ge­burt“28.
Im Lich­te des § 24, der sei­nen Ein­tritt dann dar­stellt, darf man wirk­lich von „Wie­der­ge­burt“ spre­chen, denn die­se rea­le Ent­frem­dung ist eine Wie­der­ho­lung des­sen, was beim Ein­tritt des Sub­jekts ins Reich der Spra­che pas­siert. Das Sub­jekt wird dabei mar­kiert, wäh­rend der Neu­an­kömm­ling im IRS eine mit 9 begin­nen­de Sozi­al­ver­si­che­rungs­num­mer erhält. Die­se 9 gehört aber nicht ihm oder ihr, son­dern besagt, dass er oder sie im IRS arbei­tet oder gear­bei­tet haben. Die Steu­er­erklä­rung die­ses Sub­jekts wird immer getrennt kon­trol­liert wer­den, auch längst nach­dem er/sie das IRS ver­las­sen hat. Die nicht ihm gehö­ren­de 9 ist also die Mar­ke seiner/ihrer Ent­frem­dung.
Das „Vor­wort des Autors“ genießt den „Haf­tungs­aus­schluss“, der da sagt: „Die in die­sem Buch beschrie­be­nen Figu­ren und Ereig­nis­se sind fik­tiv.“ Doch der Autor stellt fest, dass er die­sen Rechts­schutz braucht, um den Leser davon in Kennt­nis zu set­zen, „dass das Fol­gen­de in Wahr­heit kei­nes­wegs Fik­ti­on son­dern sub­stan­ti­ell wahr und zutref­fend ist“. Nur dadurch kann er schrei­ben, was er schrei­ben wird, denn der Satz, der behaup­tet, alles nach dem Vor­wort – und in die­sem Buch sogar schon vor ihm – Kom­men­de sei wahr, ist ja Fik­ti­on. Mit dem, was er vor und nach dem Vor­wort schreibt, kann er also auch die Unwahr­heit sagen! Man kann daher dem Autor nicht die Wahr­hei­ten vor­wer­fen, die er ‚um das Vor­wort her­um‘ sagt.
DBK habe in Tat und Wahr­heit mehr mit einer „Auto­bio­gra­fie (zu tun), als mit einer aus­ge­dach­ten Geschich­te“29, behaup­tet David Wal­lace, „Autor hier“. Es gibt da also ein Leben, und ein Leben ver­langt ab einer gewis­sen Kom­ple­xi­tät auch gebo­ren zu wer­den. Der „Autor“30 David Fos­ter, wird also in den Blei­chen König hin­ein gebo­ren, von dem die Fik­ti­on des Vor­worts mit „einem ver­drieß­li­chen Para­dox“ sagt, dass er auf kei­nen Fall ‚nur‘ eine Fik­ti­on sei. Der „Autor“ besteht nicht nur dar­auf, dass DBK kei­ne Fik­ti­on sei, son­dern, dass nur der Haf­tungs­aus­schluss eine ist.
Stumpfsinn, Geheimnis, Schmerz
Peo­ria liegt nur 150 km von Phi­lo ent­fernt und den­noch behaup­tet David Fos­ter, dass er eine Rei­se ins Exil antrat. War­um? Wozu tausch­te er sein Grund­stu­di­um an einer Eli­te-Uni­ver­si­tät gegen „einen der ödes­ten und droh­nen­mä­ßigs­ten Büro­jobs von ganz Ame­ri­ka“ aus? Er war noch auf sei­ner Uni­ver­si­tät, als eine Ban­de rei­cher Stu­den­ten eini­ge sei­ner Semi­nar­ar­bei­ten pla­gi­ier­te. Ihr Betrug flog auf, sie wur­den nur mäßig bestraft, aber er war in den Ver­dacht gera­ten, ihnen sei­ne Arbeit für ihren Schwin­del zur Ver­fü­gung gestellt zu haben und muss­te bis zum Abschluss der Ermitt­lun­gen gegen ihn zu sei­nen Eltern zurück­keh­ren. So beschloss er, ins Inter­nal Reve­nue Ser­vice auf der unters­ten Stu­fe ein­zu­tre­ten. Er büß­te für etwas, das er nicht getan hat­te31 und die erlit­te­ne Unge­rech­tig­keit trieb ihn ins Exil. Sei­ne Eltern hiel­ten ihn nicht zurück.
War­um war die­ser Schritt so ver­häng­nis­voll? Nicht weil die mäch­tigs­te Steu­er­be­hör­de der Welt eine unin­ter­es­san­te Insti­tu­ti­on wäre! Gera­de Mit­te der Acht­zi­ger­jah­re wur­de sie von öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Debat­ten gerüt­telt, die einen jun­gen Intel­lek­tu­el­len fas­zi­nie­ren konn­ten. Wegen der Bri­sanz ihrer Mate­rie und der anste­hen­den Refor­men galt es aber, das Publi­kum von die­sem Wis­sen aus­zu­schlie­ßen. Geheim­hal­tung hät­te zehn Jah­re nach dem Water­ga­te-Skan­dal nur die Neu­gier der Jour­na­lis­ten ange­lockt. So erfand man einen viel effi­zi­en­te­ren Schutz gegen even­tu­el­les Wis­sen­wol­len: den Stumpf­sinn in den Akten, wo die Debat­ten und Ent­schei­dun­gen für den Über­gang zum neu­en IRS nie­der­ge­legt wur­den, und die DFW für sein Buch, sowie DW in die­sem Buch, stu­dier­te.
Nie­mand außer dem Autor konn­te oder woll­te die­sen Schutz­wall des Stumpf­sinns durch­drin­gen. Die­ser wur­de zur Arbeits­be­din­gung im IRS, die David Wal­lace erwar­te­te. „Das Zeug war geist­tö­tend.“ Statt Geheim­nis also Stumpf­sinn.32 Und Stumpf­sinn, sagt der Autor, „ist eine unüber­wind­li­che Hür­de für die ihm so teu­re Auf­merk­sam­keit“33. Das Stump­fe an ihm ist „schmerz­haft“. Man spricht von „tod­lang­wei­lig“, „uner­träg­lich öde“. David Wal­lace schlägt fol­gen­de Hypo­the­se vor: Es steckt etwas hin­ter dem Stumpf­sinn. Wir „asso­zi­ie­ren ihn mit psy­chi­schem Schmerz, weil Stump­fes oder Schlei­er­haf­tes nicht genug Anreiz bie­tet, um uns von einem ande­ren, tie­fe­ren Schmerz abzu­len­ken, der uns immer beglei­tet, und sei es nur auf unter­schwel­li­ge Wei­se…“34. Aber wir wol­len die­sen (tie­fe­ren) Schmerz ein­fach nicht zur Kennt­nis neh­men.35 Die meis­ten von uns ver­wen­den ihre ganz Zeit und Ener­gie dar­auf, die­sen Schmerz nicht zu spü­ren. Dann zählt der Autor eini­ge Gad­gets des Jah­res 2005 auf – Han­dys, iPods, debi­le Musik in War­te­zim­mern etc. –, die uns von der Stil­le ablen­ken, denn sie könn­te ja den Schmerz durch­si­ckern las­sen. Es gehe uns um etwas ganz ande­res als um Infor­ma­ti­on, obwohl wir dau­ernd von ihr reden und sie ver­wen­den. Wäh­rend sei­ner Zeit im Ser­vice habe er das Gelän­de der Lang­wei­le durch­quert und erkannt, dass Stumpf­sinn „für leben­de Men­schen kein The­ma ist“ 36. Hin­ter ihm ste­cke aber weit­aus mehr, das lie­ge direkt vor unse­ren Augen, blei­be aber „sei­ner Grö­ße wegen ver­bor­gen“. Hier knüpft die Enor­mi­tät, der Gigan­tis­mus des Stupf­sinns an das Phä­no­men der Wir­bel­stür­me in den Ebe­nen des Mit­tel-Wes­tens an.
David Wal­lace, der Autor, spricht von sei­nem „Ein­tritt ins Ser­vice“ als einer iden­ti­täts­mä­ßi­gen „Wie­der­ge­burt“. Als er sich im Mor­gen­grau­en in Phi­lo, sei­ner Hei­mat­stadt, auf­macht, erlebt er die Plötz­lich­keit des Son­nen­auf­gangs wie an jedem frü­hen Mor­gen im mitt­le­ren Wes­ten.
Er erwacht und erblickt auch das Licht der Welt, wie sie (jetzt) ist. Er will wis­sen und dazu lässt er sich in das ein­ver­lei­ben, was man fast einen Leich­nam nen­nen muss, den Kör­per des Blei­chen Königs, den er mit sei­ner „Auto­bio­gra­phie“ zum Leben erweckt. Er bezeich­net des­sen Schutz­schild und sei­ne unüber­wind­ba­re Hür­de gegen die Auf­merk­sam­keit, gegen das Wis­sen der Wahr­heit, als Stumpf­sinn, vor dem wir zurück­schre­cken, weil er schon „schmerz­haft“ ist, weil hin­ter ihm „psy­chi­scher Schmerz“ lau­ert, den wir mit unse­rer infor­ma­ti­schen Zivi­li­sa­ti­on betäu­ben und dabei unse­re Umwelt zer­stö­ren. DFW hat­te kei­ne Wahl: er muss­te erken­nen, was kein für die Neu­gier­de, den Wiss­trieb, attrak­ti­ves Geheim­nis sein darf, son­dern vor unse­ren Augen im Ver­bor­ge­nen liegt. Dafür muss­te er sein Leben hin­ge­ben.
Sei­ne Figur, David Wal­lace, erleb­te also eine dop­pel­te Ent­frem­dung. Ursa­che sei­nes Auf­bruchs in den Inter­nal Reve­nue Ser­vice war ja, dass man ihm stahl, was er geschrie­ben hat­te, und ihn dazu noch als Mit­wis­ser und Kom­pli­zen die­ser Tat bezich­tig­te. Er konn­te nur von der Uni­ver­si­tät37 gehen. Wie ein Echo zu die­sem Miss­ver­ständ­nis der Auto­ri­tät liest sich sein fal­scher Emp­fang am IRS, des­sen Komik nicht ver­ken­nen lässt, dass David Wal­lace etwas spä­ter der Usur­pa­ti­on eines Namens bezich­tigt wird. Wäh­rend er bei sei­ner Ankunft Vor­schuss­lor­bee­ren ern­tet, lässt man ihn einen Augen­blick spä­ter fal­len, und er erkennt, dass er weni­ger als ein Anfän­ger ist, näm­lich eigent­lich ein Namen­lo­ser, ein Nie­mand. Die Kon­tin­genz sei­ner Geschich­te bringt es mit sich, dass er mit einem bös­gläu­bi­gen Ande­ren zu tun hat, der ihn von Anfang an des­ori­en­tie­ren wird, schon auf der Fahrt nach Peo­ria. Es han­delt sich nicht um das malin génie, mit des­sen Fik­ti­on Des­car­tes sein Cogi­to kon­stru­iert, son­dern um einen rea­len Ande­ren, der ihm sei­ne Exis­tenz ver­wei­gert.
Franz Kal­ten­beck ist Psy­cho­ana­ly­ti­ker in Paris und Lil­le, Mit­grün­der von ALEPH (Asso­ciation pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire), Her­aus­ge­ber von Savoirs et cli­ni­que. Revue de psy­chana­ly­se.und Mit­her­aus­ge­ber von Y – Revue für Pscho­ana­ly­se.
Zu sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hören: Rein­hard Priess­nitz. Der stil­le Rebell. Auf­sät­ze zu sei­nem Werk (Dro­schl, Graz 2006); Sig­mund Freud. Immer noch Unbe­ha­gen in der Kul­tur? (Mit­her­aus­ge­ber, dia­pha­nes, Zürich 2009); David Fos­ter Wal­lace: Dich­ter, Den­ker, Melan­cho­li­ker (In: Y – Revue für Psy­cho­ana­ly­se, 1/2012); Lesen mit Lacan. Auf­sät­ze zur Psy­cho­ana­ly­se (Par­odos, Ber­lin 2013, sie­he auch hier, 12.12.2014); Micha­el Turn­heim: Jen­seits der Trau­er (Mit­her­aus­ge­ber, Zürich, dia­pha­nes 2013); David Fos­ter Wal­lace au-delà du princi­pe de plai­sir (In: Savoirs et cli­ni­que. Revue de psy­chana­ly­se, Nr. 15, 2012)
Die­ser Text wur­de auf Ein­la­dung von Pro­fes­sor Götz­mann im Sep­tem­ber 2016 auf einem Work­shop der 3. Sege­ber­ger Psy­cho­so­ma­tik-Tage, „Macht und Ohn­macht des Rea­len“, vor­ge­tra­gen.
Müt­ter inter­es­sie­ren sich manch­mal beson­ders für die Geheim­nis­se ihrer Söh­ne, und nicht nur dann, wenn die­se ihnen schon als Her­an­wach­sen­de Sor­gen machen. Die eine saß am Bett ihres Soh­nes, um ihn nach einer Blind­darm-Ope­ra­ti­on im Nar­ko­se-Schlaf noch reden zu hören; die ande­re schick­te fünf Jah­re nach dem Abbruch ihrer Ana­ly­se ihrem Ana­ly­ti­ker das Pho­to ihres drei­jäh­ri­gen Jun­gen, weil sie des­sen Schön­heit so fremd­ar­tig fand.
David Fos­ter Wal­lace, Der blei­che König. Ein unvoll­ende­ter Roman. Aus dem Eng­li­schen von Ulrich Blu­men­bach. Köln, 2013, Kie­pen­heu­er und Witsch. S. 112.
Wäre die­ser Teil nicht das die Angst ver­ur­sa­chen­de Objekt?
„Auf­merk­sam­keit“ ist ein zen­tra­ler Begriff in DFW’s Werk.
Ver­bum zu „Leck“ (voie d’eau), aus­rin­nen.
Hier­her gehört als Fuß­no­te der schon zitier­te Satz: „Aber es gibt eben Geheim­nis­se in Geheim­nis­sen – immer.“
Wie man wei­ter unten sehen wird, ist der melan­cho­li­sche Schmerz viel schlim­mer als die Angst.
S. 595.
Im § 44 liest man: „Ich erkann­te, dass die heu­ti­ge Men­schen­welt eine Büro­kra­tie ist. Das ist natür­lich eine Bin­sen­weis­heit, aber wenn man sie igno­riert, ver­ur­sacht das gro­ßes Leid.“ Und er führ­te sei­ne Rede mit der Fra­ge fort, wie man Büro­kra­tie aus­hal­ten kön­ne: „Der Schlüs­sel, der der Büro­kra­tie vor­aus­geht, ist die Fähig­keit, Lan­ge­wei­le aus­zu­hal­ten. Effi­zi­ent in einem Milieu zu funk­tio­nie­ren, das alles Vita­le und Mensch­li­che aus­schließt. Gewis­ser­ma­ßen ohne Luft zu atmen.“ (S. 484)
Blu­men­bach in Der Blei­che König, a.a.O., S. 8.
„Der blei­che König ist (…) eine Art beruf­li­che Auto­bio­gra­fie. Er soll auch eine Büro­kra­tie por­trä­tie­ren – wohl die wich­tigs­te Bun­des­bü­ro­kra­tie im ame­ri­ka­ni­schen All­tag – die im Berichts­zeit­raum von unge­heu­ren inne­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen und Gewis­sens­er­for­schun­gen erschüt­tert wur­de…“ (S. 83)
In: Gesam­mel­te Wer­ke, chro­no­lo­gi­sche geord­net. Bd. 10. Lon­don, 1949, Ima­go. S. 403–446. hier: S. 438. Freud fährt fort: „Wenn er sich in gestei­ger­ter Selbst­kri­tik als klein­li­chen, ego­is­ti­schen, unauf­rich­ti­gen, unselb­stän­di­gen Men­schen schil­dert, der nur immer bestrebt war, die Schwä­chen sei­nes Wesens zu ver­ber­gen, so mag er sich unse­res Wis­sens der Selbst­er­kennt­nis ziem­lich ange­nä­hert haben, und wir fra­gen uns nur, war­um man erst krank wer­den muß, um sol­cher Wahr­heit zugäng­lich zu sein.“ (DFW schrieb eine Geschich­te über einen Mann, der sich laut­hals bezich­tigt, ein Hoch­stap­ler zu sein.)
Jac­ques Lacan, La mépri­se du sujet sup­po­sé savoir. (À l’institut Français de Nap­les, Le 14 Décembre 1967). In: Ders., Autres Écrits. Paris, 2001, Le Seuil. S. 334.
30. April – Jahr der Inkon­ti­nenz-Unter­wä­sche.
Die Gleich­na­mig­keit der bei­den DW stellt eine für den Psy­cho­ti­ker gefähr­li­che Zwil­lings-Bezie­hung im Sym­bo­li­schen her und kommt noch zu der Fast-Namens­gleich­heit zwi­schen DFW und dem von ihm ein­ge­setz­ten „Autor“ des Romans hin­zu. So gibt es in die­sem Roman also: DFW auf dem Titel­blatt, DW den Autor und DW, die Immer­si­ons-Kapa­zi­tät.
Von mir, FK, kur­siv gesetzt.
S. 80. David Wal­lace erklärt, dass er sei­ne ers­ten „fik­tio­na­len Tex­te“ für rei­che Stu­den­ten sei­ner Uni­ver­si­tät ver­fass­te. Kurz gesagt, er schrieb, wie DFW in der Wirk­lich­keit, ihre Dis­ser­ta­tio­nen und Haus­ar­bei­ten, um etwas Geld zu ver­die­nen. Er teilt dem Leser auch mit, dass man­che sei­ner Klau­su­ren oder Semi­nar­ar­bei­ten ohne sein Wis­sen pla­gi­iert wur­den, was unge­rech­ter Wei­se auch sei­ne Sus­pen­die­rung an der Eli­te-Uni­ver­si­tät, an der er stu­dier­te, nach sich zog.
Was die künst­le­ri­schen Ambi­tio­nen und Prä­ten­tio­nen des „Autors“ betrifft, sie­he DBK, S. 88.
Die sym­bo­li­sche Schuld, die jedes Sub­jekt mit sei­ner Geburt ein­geht, wird hier zur rea­len Schuld, die den Autor ver­folgt.
Die Mäch­tig­keit die­ses Stumpf­sinn-Walls merkt man an unver­gleich­lich gefähr­li­che­ren Sys­te­men, wie der Ideo­lo­gie, die zum „Drit­ten Reich“ führ­te, oder jener, wel­che den isla­mis­ti­schen Ter­ror moti­viert. Nicht umsonst schrieb Karl Kraus: „Zu Hit­ler fällt mir nichts mehr ein.“
Bei „nor­ma­len“ Men­schen ist er ver­schlei­ert. Er scheint das quä­len­de Geheim­nis für DFW gewe­sen zu sein.
Das ist ja auch DFW wirk­lich pas­siert, als er in Har­vard bei Stan­ley Cavell eine Dis­ser­ta­ti­on machen woll­te, sich aber statt­des­sen wegen sei­nes Dro­gen­pro­blems einer Ent­zie­hungs­kur unter­wer­fen muss­te.
David Foster Wallaces vergebliche Versuche, dem Existenzschmerz zu entkommen — Keine Kommentare

References: § 13
 § 13
 § 13
 § 25
 § 24
 § 23
 § 24
 § 24
 § 44