Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/abaenderung-eines-unterhaltsvergleichs-im-zweiten-anlauf-362838
Timestamp: 2020-07-02 07:05:48+00:00

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Abänderung eines Unterhaltsvergleichs im zweiten Anlauf | Rechtslupe
Wird bei einem durch Ver­gleich titu­lier­ten Unter­halt der Abän­de­rungs­an­trag des Unter­halts­ver­pflich­te­ten durch gericht­li­che Ent­schei­dung in vol­lem Umfang zurück­ge­wie­sen, hin­dert die Rechts­kraft die­ser Ent­schei­dung ein spä­te­res Erhö­hungs­ver­lan­gen des Unter­halts­be­rech­tig­ten nicht [1].
Bei einem durch Pro­zess­ver­gleich titu­lier­ten Unter­halts­an­spruch rich­tet sich die Zuläs­sig­keit des Abän­de­rungs­an­trags nach § 239 Abs. 1 Satz 2 FamFG. Die dort nor­mier­ten Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen sind im vor­lie­gen­den Fall gege­ben. Die Ehe­frau hat sich zur Begrün­dung des Abän­de­rungs­an­trags dar­auf beru­fen, dass sie kei­ne Leis­tun­gen des Arbeits­amts mehr bezie­he und auf­grund der bei­der­sei­tig geän­der­ten wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se ein höhe­rer nach­ehe­li­cher Unter­halt geschul­det wer­de. Hier­bei han­delt es sich um Tat­sa­chen, die eine Abän­de­rung des Unter­halts­ver­gleichs recht­fer­ti­gen kön­nen [2].
Der Unter­halts­be­rech­tig­te – hier: die Ehe­frau – ist auch nicht durch § 238 Abs. 2 FamFG gehin­dert, die­se Tat­sa­chen vor­zu­brin­gen. Nach die­ser Vor­schrift kann ein Abän­de­rungs­an­trag nur auf Grün­de gestützt wer­den, die nach Schluss der Tat­sa­chen­ver­hand­lung eines vor­aus­ge­gan­ge­nen Ver­fah­rens ent­stan­den sind und deren Gel­tend­ma­chung durch Ein­spruch nicht mög­lich ist oder war.
Auf Pro­zess­ver­glei­che ist die Prä­k­lu­si­ons­vor­schrift des § 238 Abs. 2 FamFG – eben­so wie § 323 Abs. 2 ZPO – nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs von vorn­her­ein nicht anzu­wen­den, weil sie die Rechts­kraft­wir­kung unan­fecht­bar gewor­de­ner Ent­schei­dun­gen sichern soll [3] und die­ser Zweck bei gericht­li­chen Ver­glei­chen nicht in Betracht kommt [4]. Viel­mehr rich­tet sich die Abän­de­rung eines Pro­zess­ver­gleichs gemäß § 239 Abs. 2 FamFG allein nach mate­ri­ell­recht­li­chen Kri­te­ri­en. Dabei ist durch Aus­le­gung zu ermit­teln, ob und mit wel­chem Inhalt die Par­tei­en eine bin­den­de Rege­lung hin­sicht­lich spä­te­rer Abän­de­run­gen getrof­fen haben [5].
Die Prä­k­lu­si­ons­vor­schrift ist hin­ge­gen anwend­bar, wenn ein Pro­zess­ver­gleich bereits in einem frü­he­ren Abän­de­rungs­ver­fah­ren durch Urteil abge­än­dert wor­den ist [6]. Mate­ri­ell­recht­lich ist dann für eine erneu­te Abän­de­rung zwar nach wie vor der dem Ver­gleich zugrun­de­lie­gen­de Par­tei­wil­le maß­ge­bend, jedoch nun­mehr auf Grund­la­ge der im Abän­de­rungs­ur­teil getrof­fe­nen Beur­tei­lung der Ver­hält­nis­se und Pro­gno­se­ent­schei­dung.
Im vor­lie­gen­den Fall war zwar der im Jahr 2000 geschlos­se­ne Pro­zess­ver­gleich bereits Gegen­stand der vom Ehe­mann in 2008 erho­be­nen Abän­de­rungs­kla­ge; er ist durch das dar­auf ergan­ge­ne Urteil vom 19.03.2009 aber nicht geän­dert wor­den.
Aller­dings kann nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs die Prä­k­lu­si­ons­wir­kung auch bei kla­ge­ab­wei­sen­den Urtei­len zur Anwen­dung kom­men, wenn die­se – im Rah­men der Über­prü­fung der ursprüng­li­chen Pro­gno­se – die künf­ti­ge Ent­wick­lung der Ver­hält­nis­se vor­aus­schau­end berück­sich­ti­gen. Eine spä­te­re Abän­de­rungs­kla­ge stellt dann aber­mals die Gel­tend­ma­chung einer von der (letz­ten) Pro­gno­se abwei­chen­den Ent­wick­lung der Ver­hält­nis­se dar, für die das Gesetz die Abän­de­rungs­kla­ge vor­sieht, um die (erneu­te) Anpas­sung an die ver­än­der­ten Urteils­grund­la­gen zu ermög­li­chen [7].
Daher hat der Bun­des­ge­richts­hof in sei­ner Ent­schei­dung vom 20. Febru­ar 2008 [8] her­vor­ge­ho­ben, dass nach einem erfolg­lo­sen ers­ten Abän­de­rungs­ver­lan­gen des Unter­halts­ver­pflich­te­ten die im zwei­ten Abän­de­rungs­ver­fah­ren vor­ge­brach­ten Grün­de, mit denen der Unter­halts­ver­pflich­te­te eine erneu­te Ent­schei­dung über den­sel­ben Ver­fah­rens­ge­gen­stand anstrebt, zunächst dar­an zu mes­sen sind, ob ver­än­der­te Umstän­de vor­lie­gen. Dies beruht auf der Rechts­kraft der eine Her­ab­set­zung oder den Weg­fall der Unter­halts­pflicht ableh­nen­den gericht­li­chen Ent­schei­dung. Dar­aus folgt nicht, dass auch der Unter­halts­be­rech­tig­te mit Ansprü­chen auf Unter­halts­er­hö­hung aus­ge­schlos­sen wäre, weil sich die Rechts­kraft der vor­aus­ge­gan­ge­nen Ent­schei­dung dar­auf nicht erstreckt.
Wird bei einem durch Ver­gleich titu­lier­ten Unter­halt der Abän­de­rungs­an­trag des Unter­halts­ver­pflich­te­ten durch gericht­li­che Ent­schei­dung in vol­lem Umfang zurück­ge­wie­sen, hin­dert die Rechts­kraft die­ser Ent­schei­dung ein spä­te­res Erhö­hungs­ver­lan­gen des Unter­halts­be­rech­tig­ten also nicht [1].
Die Ehe­frau ist mit ihrem Abän­de­rungs­an­trag auch nicht des­we­gen aus­ge­schlos­sen, weil es ihr oble­gen hät­te, ihr eige­nes Abän­de­rungs­ver­lan­gen rechts­wah­rend bereits im vor­aus­ge­gan­ge­nen Ver­fah­ren im Wege der Abän­de­rungs­wi­der­kla­ge gel­tend zu machen. Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass wenn der Geg­ner eines frü­he­ren, auf Unter­halts­er­hö­hung gerich­te­ten Abän­de­rungs­pro­zes­ses es ver­säumt hat, die bereits bestehen­den, für eine Her­ab­set­zung spre­chen­den Grün­de gel­tend zu machen, er auf die­se Grün­de kei­ne neue Abän­de­rungs­kla­ge stüt­zen kann, weil der Ein­fluss ver­än­der­ter Umstän­de auf den titu­lier­ten Unter­halts­an­spruch in einem ein­heit­li­chen Ver­fah­ren gel­tend gemacht wer­den müs­se und des­halb die Prä­k­lu­si­ons­vor­schrift sicher­stel­le, dass nicht geson­der­te Abän­de­rungs­ver­fah­ren für Erhö­hungs- und Her­ab­set­zungs­ver­lan­gen zur Ver­fü­gung stün­den [9]. Dies betraf jedoch einen Fall, bei dem es im vor­aus­ge­gan­ge­nen Abän­de­rungs­ver­fah­ren um die Abän­de­rung eines Urteils und nicht eines Ver­gleichs als Aus­gangs­ti­tel ging.
Ob an die­ser Recht­spre­chung fest­zu­hal­ten ist, kann hier dahin­ste­hen. Die Prä­k­lu­si­on reicht nicht wei­ter als die Rechts­kraft eines abzu­än­dern­den Urteils. Denn die Zeit­schran­ke des § 238 Abs. 2 FamFG für die Berück­sich­ti­gung von Abän­de­rungs­grün­den dient der Wah­rung der Rechts­kraft unan­fecht­ba­rer Ent­schei­dun­gen [10]. Durch die Prä­k­lu­si­ons­vor­schrift soll ledig­lich ver­hin­dert wer­den, den bereits rechts­kräf­tig ent­schie­de­nen Ver­fah­rens­stoff ohne ver­än­der­te Tat­sa­chen zur erneu­ten inhalt­li­chen Über­prü­fung des Gerichts zu stel­len.
Für die Reich­wei­te der Prä­k­lu­si­on kommt es zwar grund­sätz­lich nicht auf die Par­tei­stel­lung oder Ziel­rich­tung des Vor­pro­zes­ses an [11]. Die Prä­k­lu­si­on hin­dert aber nicht, auf der bereits fest­ste­hen­den Tat­sa­chen­grund­la­ge in einem wei­te­ren Abän­de­rungs­ver­fah­ren wei­te­re Unter­halts­an­sprü­che gel­tend zu machen, die nicht von der Rechts­kraft­wir­kung der vor­lie­gen­den gericht­li­chen Ent­schei­dung erfasst wer­den. Dadurch wird zugleich sicher­ge­stellt, dass es der Unter­halts­pflich­ti­ge nicht in der Hand hat, dem aus einem Pro­zess­ver­gleich Unter­halts­be­rech­tig­ten die Beru­fung auf bis­her ein­ge­tre­te­ne Ver­än­de­run­gen abzu­schnei­den, indem er sei­ner­seits eine unbe­grün­de­te Abän­de­rungs­kla­ge anstrengt [12].
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Mai 2013 – XII ZB 374/​11
im Anschluss an BGH, Urteil vom 23.11.1994 – XII ZR 168/​93, FamRZ 1995, 221[↩][↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 29.09.2010 – XII ZR 205/​08, FamRZ 2010, 1884 Rn. 11 f.; und vom 08.06.2011 – XII ZR 17/​09, FamRZ 2011, 1381 Rn. 16[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 23.05.2012 – XII ZR 147/​10, FamRZ 2012, 1284 Rn. 14, vom 07.12.2011 – XII ZR 159/​09, FamRZ 2012, 288 Rn. 23; und vom 03.11.2004 – XII ZR 120/​02, FamRZ 2005, 101, 102 f.[↩]
vgl. BGHZ [GSZ] 85, 64 = FamRZ 1983, 22 sowie BGH, Urteil vom 23.11.1994 – XII ZR 168/​93, FamRZ 1995, 221, 223[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 23.11.2011 – XII ZR 47/​10, FamRZ 2012, 197 Rn. 15 und BGHZ 186, 1 = FamRZ 2010, 1238 Rn. 12 f. mwN[↩]
BGH, Urtei­le vom 23.05.2012 – XII ZR 147/​10, FamRZ 2012, 1284 Rn. 13; und vom 27.01.1988 – IVb ZR 14/​87, FamRZ 1988, 493[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 07.12.2011 – XII ZR 159/​09, FamRZ 2012, 288 Rn. 22; und vom 28.03.2007 – XII ZR 163/​04, FamRZ 2007, 983, 984[↩]
BGH, Urteil vom 20.02.2008 – XII ZR 101/​05, FamRZ 2008, 872 Rn. 12[↩]
BGH, Urtei­le BGHZ 136, 374, 377 = FamRZ 1998, 99[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 20.02.2008 – XII ZR 101/​05, FamRZ 2008, 872 Rn. 12; und vom 03.11.2004 – XII ZR 120/​02, FamRZ 2005, 101, 102 f.[↩]
BGH, Urtei­le vom 23.05.2012 – XII ZR 147/​10, FamRZ 2012, 1284 Rn. 14; und vom 17.05.2000 – XII ZR 88/​98, FamRZ 2000, 1499, 1500 mwN[↩]
BGH, Urteil vom 23.11.1994 – XII ZR 168/​93, FamRZ 1995, 221, 223[↩]
Die über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er – als Ver­fah­rens­man­gel Eine über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er kann nur dann einen Ver­fah­rens­man­gel dar­stel­len, wenn die Klä­ger dar­le­gen, dass es bei einer kür­ze­ren Ver­fah­rens­dau­er zu einer ande­ren Ent­schei­dung des Finanz­ge­richts…

References: § 239
 § 238
 § 238
 § 323
 § 239
 § 238