Source: https://www.oexmann.de/pferderecht/2/publikationen/jahr/2015/monat/11
Timestamp: 2020-04-01 22:50:38+00:00

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Beweislastumkehr nach ADMR und Missbrauch des Privilegs nach § 21 BGB
Deutsche Reiterliche Vereinigung: Beweislastumkehr nach ADMR und Missbrauch des Privilegs nach § 21 BGB
Veröffentlicht von Sozietät Dr. Oexmann, Lippetal am 2015-11-23
H. Sozietät Dr. Oexmann, Lippetal
(AZ: 50.H./FN.Klage)
Deutsche Reiterliche Vereinigung u.a.
8 O 80/14
trage ich zur Vorbereitung der Fortsetzungsverhandlung am 02.12.2015 für die Klägerin vor:
Die Disziplinarakte des Beklagten zu 1. sind nichtig, weil sowohl die Leistungsprüfungsordnung (LPO) als auch die Allgemeinen Doping-und Medikationskontrollregeln (ADMR) gegen nationales wie gemeinschaftliches Recht verstoßen. Ich verweise auf
• die Klausel-Richtlinie 93/13/EWG sowie
• den Kontrollmaßstab des § 307 Abs. 1 S. 1 BGB
und überreiche anliegend jeweils in Kopie
/ Aufsatz von von Westphalen, die Sportgerichtsbarkeit vor den Schranken der Klausel-Richtlinie 93/13/EWG – der Fall Pechstein, aus: SpuRt 2015, 186 bis 192
/ Richtlinie 93/13/EWG des Rates vom 05.04.1993.
Der Beklagte zu 1. hält sich nicht einmal an seine eigenen Regeln und Empfehlungen und verstößt damit gegen das sportverbandsrechtliche Prinzip der permanenten inneren Regelkonformität. Dazu überreiche ich
/ anliegend in Kopie das Urteil des für Verbands- und Vereinsrecht zuständigen 2. Zivilsenats des BGH vom 13.10.2015 zu II ZR 23/14
und verweise darauf, dass der Beklagte zu 1. im Rahmen des Tierschutzwohls für Pferde etwas verlangt, was er anschließend in seinen eigenen Beweislastregeln konterkariert. So heißt es in den zu § 2 TierSchG ergangenen Leitlinien für die Pferdehaltung in Deutschland (herausgegeben vom Bundesministerium für Landwirtschaft), ausdrücklich aktiv unterstützt vom Beklagten zu 1., Pferde müssten sich täglich wenigstens drei Stunden in sozialen Gruppen frei bewegen können. Pferde müssen indes, so die eigenen Bau- und Haltungsregeln des Beklagten zu 1., auf Weiden gehalten werden, die von Holz umzäunt sind. Indes fördert HOLZ bei Pferden das „Knabbern“. Um dies zu verhindern, wird das Holz der Pferdezäune imprägniert, etwa mit dem Repellent „Capsaicin“. Dazu überreiche ich
/ anliegend in Kopie den Literaturbericht „Effektivität von Capsaicin als Repellent gegen Holzknabbern bei Pferden“ aus: Pferdeheilkunde 2015, 528/529.
Wenn es aber zulässig und empfehlenswert ist, Holzzäune gegen Beknabbern durch Pferde mit dem Repellent „Capsaicin“ zu imprägnieren, und andererseits „Capsaicin“ als unerlaubte Substanz im Sinne der LPO sowie der ADMR gilt, muss sich der Beklagte zu 1. entscheiden, ob er entweder den Pferden artgerechte tägliche Bewegung gestattet oder aber eine solche Bewegung ausschließt und dafür eine stringente Beweislastumkehr zum Nachteil der Reiter einführt. Ich verweise auf den Gesichtspunkt des venire contra factum proprium hin.
Im Vorverfahren gegen den Reiter A. B. hat der Düsseldorfer Kartellsenat eine Entscheidung gefällt, über die gewisse Sportrechtler inzwischen Häme ausgießen sollen. Dies vor allem deshalb, weil der Düsseldorfer Kartellsenat crude, teilweise abwegige Rechtsauffassungen vertrat, soweit es um die Begriffe Normadressat und Missbrauchsverbot im Sinne der Artt. 101, 102 AEUV geht. Ich überreiche dazu anliegend jeweils in Kopie
/ Urteil des 1. Kartellsenats des OLG Düsseldorf vom 23.07.2014 in der Streitsache A. B. ./. Beklagter zu 1. zu VI – U – Kart – 40/13
/ Urteil des 1. Kartellsenats des OLG Düsseldorf vom 15.07.2015 zu VI – U – Kart – 13/14.
Diese eher atavistische, möglicherweise nur noch rechtshistorische Betrachtung des Sportkartellrechts durch den Düsseldorfer Kartellsenat wird weder von anderen Gerichten noch von der Literatur geteilt. Ich verweise nicht nur auf die bei den Akten befindlichen beiden Entscheidungen des Landgerichts München I. und des OLG München im Fall der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, sondern auch auf das rechtskräftige Urteil der Kartellkammer des Landgerichts Frankfurt am Main vom 29.04.2015 zu 2-06 O 142/15 und überreiche dazu anliegend
/ Urteil des LG Frankfurt a.a.O., ergangen zu § 33 GWB, Art. 101 AEUV
/ Stancke, Pechstein und der aktuelle Stand des Sportkartellrechts, in: Spurt 2015, 64 bis 51
/ Kapp, Sportbusiness in der Defensive: Kartellrecht zeigt immer öfter die rote Karte, in: WuW 2015, 691
/ Duve/Rösch, Ist das deutsche Kartellrecht mehr wert als alle Olympiasiege?, in: SchiedsVZ 2015, 69 ff.
/ Brandner/Kläger, Ein Sieg über (oder für) das System der Sportgerichtsbarkeit?, in: SchiedsVZ 2015, 112 ff.
Legt man diese Rechtsprechung und Literatur zu Grunde, stellt sich die Beweislastregel des Beklagten zu 1. in seinen ADMR als nichtig dar. Nicht der Reiter muss sich exkulpieren, sondern der Beklagte zu 1. muss beweisen, dass ein zurechenbarer (also mindestens fahrlässiger) und vor allem kausaler Verstoß des Reiters gegen die Medikations- und Dopingvorschriften vorliegt. Das impliziert, dass der Beklagte zu 1. die absolute förmliche Einhaltung der Medikationsregeln zu beweisen hat. Nur der kleinste „Ausreißer“ führt dazu, dass der Beweis nicht (mehr) geführt werden kann, weil der Beklagte zu 1. insoweit an seine eigenen Förmlichkeitsregeln gebunden ist.
Der Beklagte zu 1. hält sich nicht einmal an seine eigenen Regeln, was rechtliche Überlegungen in mehrere Richtungen zulässt (insbesondere wegen des sportverbandsrechtlichen Prinzips des „self-restraint“). Im August dieses Jahres fanden in Aachen die europäischen Meisterschaften der Reiter statt. An den Start ging unter anderem ein Hengst namens „T.“. Equine Fachleute verbreiten seit einem Jahr die Auffassung, dieser Hengst gehe auf einer Beckenextremität permanent lahm. Das war womöglich schon vor Aachen der Fall, dort fanden die Europäischen Reitermeisterschaften statt, auch während der Meisterschaft ließ sich dies offenbar beobachten. Keiner der hochrangigen Juroren, darunter auch solche des Beklagten zu 1. sahen sich veranlasst und/oder in der Lage, das Pferd für den Wettkampf zu sperren. Da die Lahmheit selbst einem Blinden auffiel, sollen bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Aachen mehrere Strafanzeigen gegen Halter und Reiter des Hengstes „T.“ eingegangen sein, dem Vernehmen nach auch mehrere „Beschwerden“ beim Justiziariat des Beklagten zu 1. Gleichwohl haben es bis heute sowohl der Generalsekretär des Beklagten zu 1. Herr Sönke Lauterbach, als auch der Justiziar des Beklagten zu 1., der Volljurist Dr. jur. Joachim Wann, bisher fertig gebracht, kein förmliches Disziplinarverfahren gegen den Reiter R. und die beiden Mitbesitzer S. und L. des Hengstes einzuleiten. Ein Schelm, der dabei schlechtes denkt! In der Presse jedenfalls sind die Vorgänge um T. und die tierschutzrechtliche Relevanz dieses Falles umfangreich beleuchtet worden. Ich überreiche anliegend jeweils in Kopie:
/ Simeoni, Der schwarze und die drei Affen, in: FAZ vom 15.08.2015
/ Simeoni, Totilas droht sportliches Ende, in: www.faz.net vom 15.08.2015
/ Jegem, Zu viel Ehrgeiz und Kommerz im Pferdesport, in: Neue Zürcher Zeitung vom 17.08.2015
/ Vet-Check Totilas – Takt rein oder nicht?, in: Pferde-Sport-Zeitung, Ausgabe 26.08.2015 mit Kommentar des internationalen FEI-Pferdefachtierarztes Dr. Peter Cronau „sportlich hinterfragt“
/ Dressursport in der Kritik, in: WDR vom 28.09.2015 („Tatort Totilas“)
/ Aretz, Handelt endlich im Sinne der Pferde!, in: Die Welt vom 17.08.2015
/ Schültke, PETA plant Anzeige gegen Rat und Gal, in: www.deutschland.de vom 17.08.2015.
Gilt beim Beklagten zu 1. das feudalistische Prinzip „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen!“?
Schlussendlich wiederhole ich meine Auffassung, dass dem Beklagten zu 1. aus dem Aspekt des § 826 BGB i.V.m. § 242 BGB die Anwendung der ADMR und der darin enthaltenen Beweislastumkehr zum Nachteil der Reiter verwehrt ist. Der Beklagte zu 1. betreibt ein voll kommerzielles Unternehmen mit einem Jahresumsatz von tendenziell 30 Mio. Euro sowie mehr als einhundert vollbeschäftigten Mitgliedern. Er ist an mehreren Gesellschaften als kapitalistischer Shareholder beteiligt, so auch an einem Unternehmen, dass die Pferdevermarktung in der Volksrepublik China übernommen hat. Das alles hält den Beklagten zu 1. nicht davon ab, als Idealverein im Sinne des § 21 BGB zu agieren. Das gegen diesen vorsätzlichen Rechtsmissbrauch gerichtete Amtsverfahren ist noch nicht beendet. Der Fall befindet sich derzeit, wie auch der Anfang des Verfahrens um den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, beim Bundesverfassungsgericht. Zur Verifikation, dass es sich bei dem Beklagten 1. nicht um einen Idealverein im Sinne des § 21 BGB handelt, überreiche ich anliegend jeweils in Kopie
/ an mich gerichtete Mitteilung des Registergerichts beim Amtsgericht Münster vom 11.09.2015
/ Beschluss des OLG Stuttgart vom 03.12.2014 zu 8 W 447/14
/ Anmerkung von Reuter zum Beschluss des OLG Brandenburg vom 23.06.2015 zu 7 W 23/15.
Vor etwa vierzig Jahren schrieb der renommierte Journalist Matthias Walden in der überregionalen deutschen Tageszeitung WELT, in Politik und Gesellschaft komme es immer wieder vor, dass „mit rattenhafter Wut verteidigt werde“. Einen solchen Impetus will ich dem Beklagten zu 1. und seinen „Machern“ nicht unterstellen, fühle mich aber philologisch-linguistisch-assoziativ an die zitierte Formulierung von Matthias Walden erinnert. In den Verbänden, so auch im Sport, geht es letztlich immer darum, die eigenen Pfründe zu erhalten, jede Kritik wird als Angriff gegen das „System“ zurückgewiesen, wobei sich die Funktionärsdarstellung von Transparenz und Demokratie häufig als paraintellektueller Geschwurbel darstellt.
Treibjagd auf Niederwild und Pferdehaltung auf Weiden
Veröffentlicht von Sozietät Dr. Oexmann am 2015-11-24
Urteil des Landgerichts Paderborn vom 23.10.2015 (2 S 4/15)
Einer Treibjagd auf Niederwild (hier: Fasane) ist es wesensimmanent, dass aufgescheuchte Tiere sich nicht nur im geplanten Bereich des zu bejagenden Waldgebietes aufhalten, sondern in Folge der für sie jagdbedingt entstehenden massiven Stresssituation auch in an das Jagdgebiet angrenzende Gebiete, insbesondere Waldgebiete, laufen bzw. fliegen können.
Bei räumlicher Nähe des Treibjagdgebietes zu einer Pferdeweide, bei positiver Kenntnis des Jagdveranstalters von Pferdehaltung auf Weiden und bei treibjagdimmanenter Ausdehnung ist es vorhersehbar, dass sich das Jagdgeschehen soweit in Richtung der Pferdeweide verlagern kann dadurch eine Gefährdung von auf der Weide befindlichen Pferden entsteht. Wegen dieser „unmittelbaren Nähe“ des Treibjagdgebietes zur Pferdeweide trifft den Jagdveranstalter eine Informationspflicht gegenüber dem Pferdehalter, damit dieser seinerseits Schutzvorkehrungen für die durch die Jagd gefährdeten Pferde treffen kann.
Der Klägerin steht gegenüber dem Beklagten zu 1) ein Schadenersatzanspruch in der zuerkannten Höhe aus § 823 Abs. 1 BGB zu.
Der Beklagte zu 1) hat gegen die ihn als Jagdveranstalter treffende Verpflichtung verstoßen, vor Durchführung der Treibjagd die Klägerin über den Termin auf Ablauf der bevorstehenden Jagd zu unterrichten, damit diese ihrerseits Schutzvorkehrungen für ihre durch die Jagd gefährdeten Pferden hätten treffen können. Grundsätzlich ist derjenige, der eine Gefahrenlage für andere schafft, verpflichtet die notwendigen und zumutbaren Vorkehrungen zu treffen, um eine Schädigung Anderer soweit wie möglich zu verhindern. Der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt ist genügt, wenn im Ergebnis derjenige Sicherheitsgrad erreicht ist, den die in dem entsprechenden Bereich herrschende Verkehrsauffassung für erforderlich hält. Daher reicht es aus, diejenigen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, die ein verständiger, umsichtiger, vorsichtiger und gewissenhafter Angehöriger der betroffenen Verkehrskreise für ausreichend halten darf, um andere Personen vor Schäden zu bewahren, und die ihm nach den Umständen zumutbar sind.
Im Ausgangspunkt besteht im Rahmen einer Jagd grundsätzlich keine Warnpflicht wegen Schussgeräuschen (Palandt-Sprau, BGB 73. Aufl., § 823 Rn. 203 a.E.). Denn Schussgeräusche stellen für sich genommen keine potentielle Gefahr für die Rechtsgüter Anderer dar, sondern sind vielmehr Bestandteile der „waldtypischen“ Geräuschkulisse, deren Wirkung auf Menschen und Tiere von vornherein kaum abschätzbar ist. Eine Warnpflicht vor solchen Geräuschen besteht daher nur dann, wenn die Wirkung von Schussgeräuschen nur unter besonderen Umständen schadensträchtig ist (vgl. BGH, Urt. v. 15.02.2011, Az. VI ZR 176/10, Rn. 13/15. zit. n. juris; sich hieran anschließend OLG Hamm, Urt. v. 15.01.2013, Az. 9 U 84/12).
Da die von der Klägerin genutzte Weide, auf der unter anderem das Pferd Archipel stand, anders als in dem der Entscheidung des OLG Düsseldorf (Urt. v. 28.01.2004, Az. 15 U 66/01) zugrundeliegenden Sachverhalt nicht innerhalb des bejagten Waldgebietes, sondern nur in einem durch die konkrete Treibjagd nicht unmittelbar betroffenen Teil des Jagdbezirkes lag, kommt es für die Beurteilung dieser Frage entscheidend darauf an, ob vorliegend solche besonderen Umstände – nämlich das Abgeben von Schüssen in unmittelbarer Nähe weidender Tiere/Pferde – nach der Jagdkonzeption des Beklagten zu 1) auszumachen waren oder nicht (OLG Hamm, a.a.O., Rn. 18, zit. n. juris). Dies war vorliegend der Fall:
Zwar ist eine allgemeinverbindliche Festlegung der Bedingungen, bei deren Vorliegen anzunehmen sein soll, dass sich ein Jagdgebiet in unmittelbarer Nähe zu einer (Nutztier-) Weide befindet, weder mit Urteil des OLG Saarbrücken vom 30.03.1990, AZ. 4 U 63/89, noch mit Urteil des OLG Hamm vom 15.01.2013, AZ. 9 U 84/12, erfolgt. Während das OLG Saarbrücken in seiner Entscheidung aufgrund der dortigen Sachverhaltskonstellation (Schussabgabe in einem Abstand von nur 30 Metern zum betroffenen Pferd) nur ausgeführt hat, dass ein Jäger jedenfalls dann die ihm obliegende Sorgfaltspflicht verletzt, wenn er Schüsse in 30 Meter Entfernung zu einem Pferd abgibt, hatte das OLG Hamm mit Urteil vom 15.01.2013 lediglich über einen Sachverhalt zu entscheiden, bei dem die Treibjagd in einem Anstand von mindestens 100 Metern zur Pferdeweide durchgeführt worden ist (a.a.O., Rn. 19, zit. n. juris). Lediglich für diese Distanz des Jagdgeschehens zur benachbarten Pferdeweide hatte das OLG Hamm das Kriterium der Unmittelbarkeit verneint. Das OLG Hamm hat freilich unter Bezugnahme auf die vorgenannte Entscheidung des OLG Saarbrücken ebenfalls ausgeführt, dass jedenfalls bei einer Entfernung von 30 Metern von einer Pferdeweide eine unmittelbare Nähe bestehe. Nicht aber hat das OLG Hamm zu der Frage Stellung genommen, bis zu welcher (starren) Entfernungsangabe unterhalb von 100 Metern (also im Bereich 30 bis 100 Meter) eine Pferdeweide noch als unmittelbar an ein Jagdgebiet angrenzend zu bezeichnen ist oder nicht.
Nach Überzeugung der Kammer ist aber bei der Beurteilung der Frage, ob sich eine Pferdeweide in unmittelbarer Nähe zum bejagten Waldgebiet befindet oder nicht, nicht allein das Abstellen auf starre Entfernungsangaben maßgebend. Vielmehr kommt es zur Ausgestaltung des Begriffs „unmittelbare Nähe“ auf den konkret zugrundeliegenden Lebenssachverhalt und damit auf eine Gesamtschau und Gesamtwürdigung aller unstreitigen bzw. bewiesenen Umstände an.
Ausgehend hiervon lagen im vorliegenden Fall solche besonderen Umstände im Sinne der o.g. BGH-Rechtsprechung vor, so dass eine Verpflichtung des Beklagten zu 1) bestand, sich entweder vor der Treibjagd darüber zu vergewissern, dass sich auf der benachbarten Weide der Klägerin keine Pferde befanden, welche durch Treibergeräusche, Schüsse, stöbernde Hunde oder Ähnliches gefährdet werden könnten, oder aber die Klägerin über die bevorstehende Jagd und die damit verbundenen Schussgeräusche zu informieren, damit diese zum Schutz ihrer Tiere selbst hätte Vorkehrungen treffen können.
Der Beklagte zu 1) hat im Verhandlungstermin am 23.10.2015 geschildert, dass die Treibjagd dergestalt konzeptioniert gewesen ist, dass das Wild aus Richtung Osten in Richtung Nord-West entlang des – aus Sicht der Beklagten gesehen – linksseitig gelegenen Steinbachs getrieben werden sollte. Der Steinbach stellt in diesem Bereich die natürliche Begrenzung des Grundstücks der Klägerin in nördlicher Richtung dar, wie mit den Parteien im Termin am 23.10.2015 anhand des Kartenausschnitts (Anlage K2 zum Schriftsatz vom 28.02.2014) erörtert worden ist. Damit sollte in lediglich drei Metern Entfernung zur klägerischen Grundstücksgrenze getrieben und gegebenenfalls auch geschossen werden. Zwar reicht die auf dem klägerischen Grundstück gelegene Pferdeweide ihrerseits nicht bis an den Steinbach heran. Sie reicht jedoch zum Teil in den Waldbereich hinein, der unmittelbar neben dem durch die Treibjagd betroffenen Gebiet liegt. Außerdem wusste der Beklagte zu 1) seit dem Vorfall anlässlich der von ihm im Oktober 2012 durchgeführten Treibjagd, dass sich auf dem Weidegelände der Klägerin Pferde befinden, die – ihrem Wesen gemäß – durch Schuss- und Jagdgeräusche erschrecken und dadurch in eine Stressreaktion geraten können. Zudem hatte der Beklagte zu 1) unstreitig positive Kenntnis vom Inhalt des Schreibens der Stadt Lippstadt, Fachbereich Recht und Ordnung, vom 23.10.2012, hiernach er dazu aufgefordert worden war, „zukünftig die Durchführung von Gesellschaftsjagden mit den jeweiligen Tier- bzw. insbesondere Pferdehaltern abzustimmen“. Hinzu kommt, dass es einer Treibjagd wesensimmanent ist, dass aufgescheuchte Tiere sich nicht nur im geplanten Bereich des zu bejagenden Waldgebietes aufhalten, sondern infolge der für sie jagdbedingt entstehenden massiven Stresssituation auch in an das Jagdgebiet angrenzenden Gebiete, insbesondere Waldgebiete, laufen bzw. fliegen können. Die insoweit einer Treibjagd inne wohnende Unvorhersehbarkeit und Unberechenbarkeit des spezifischen Verhaltens gejagter Tiere einschließlich der mitgeführten Jagdhunde hat sich im vorliegenden Fall nicht zuletzt in dem Umstand gezeigt, dass der abstreichende Fasanenhahn, auf welchen der Beklagte zu 2) geschossen hatte, in das Waldgebiet jenseits des Steinbaches geflüchtet ist, in welchem auch das Grundstück der Klägerin gelegen ist. Damit hat sich die Treibjagd des Beklagten zu 1) in ihren konkreten Auswirkungen in räumlicher Hinsicht in Richtung des Gehöfts der Klägerin ausgedehnt.
In einer Gesamtschau sämtlicher vorstehend ausgeführten Umstände (räumliche Nähe des Jagdgebietes zur Pferdeweide, positive Kenntnis des Beklagten zu 1) und treibjagdimmanente Ausdehnung) war es für den Beklagten zu 1) vorhersehbar, dass sich das Jagdgeschehen so weit in Richtung der Pferdeweide verlagern konnte, dass eine Gefährdung von auf der Weide befindlichen Pferden der Klägerin bestand. Damit oblag dem Beklagten zu 1) aufgrund der vorliegend gegebenen „unmittelbaren Nähe“ des Treibjagdgebietes zur Pferdeweide der Klägerin im Hinblick auf Termin und Ablauf der Jagd eine Informationspflicht, gegen die er infolge des Unterlassens der Unterrichtung der Klägerin von der bevorstehenden Treibjagd verstoßen hat.
Darüber hinaus besteht auch ein Kausalzusammenhang zwischen der Verkehrssicherungspflichtverletzung des Beklagten zu 1) und dem Schaden der Klägerin in Gestalt der Verletzung des Pferdes Archipel. Auf der Grundlage der von der Klägerin im Verhandlungstermin am 23.10.2015 plausibel und glaubhaft dargelegten Umstände ist die Kammer davon überzeugt, dass das Pferd vor Beginn der Treibjagd noch keine Anzeichen für eine Lahmheit gezeigt hat, wohingegen es im Anschluss an das Jagdgeschehen lahmte und sich die später diagnostizierte Zerrung im Bereich des Krongelenks an der linken Schultergliedmaße zugezogen hatte. Für diesen Ursachenzusammenhang streitet für die Klägerin in zeitlicher Hinsicht bereits der Beweis des ersten Anscheins. Denn die Verletzung einer Verkehrssicherungspflicht, die – ebenso wie Schutzgesetz und Unfallverhütungsvorschriften – typischen Gefährdungen entgegenwirken soll, führt zur Anwendung des Anscheinsbeweises für die Kausalität, wenn sich in dem Schadensfall gerade diejenige Gefahr verwirklicht hat, der durch die Auferlegung bestimmter Verhaltenspflichten begegnet werden sollte (s.u.a. OLG Hamm, Urt. v. 10.08.2007, Az. 9 U 25/06, Rn. 12, zit. n. juris). Dem Vorbringen der Beklagten hingegen sind keine Tatsachen zu entnehmen, die ernsthaft gegen eine jagdbedingte Verletzung des Pferdes Archipel am 19.10.2013 sprechen und den Anscheinsbeweis erschüttern.
Hätte der Beklagte zu 1) die Klägerin rechtzeitig zuvor davon in Kenntnis gesetzt, dass und in welchem Bereich die Treibjagd durchgeführt werden soll, dann hätte die Klägerin die beiden Pferde rechtzeitig eingestallt. Für diesen Fall wäre es nicht zum Ausbruch einer Panikreaktion bei dem Pferd Archipel gekommen. Dies steht aufgrund der glaubhaften Angaben der Klägerin zur Übersetzung der Kammer im Rahmen der gemäß § 141 Abs. 1 ZPO durchgeführten Parteianhörung fest.

References: § 21
 § 21
 § 307
 BGH 
 § 2
 § 33
 Art. 101
 § 826
 § 242
 § 21
 § 21
 § 823
 § 823
 § 141