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Timestamp: 2020-07-07 08:42:59+00:00

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Erotische Massagen zulasten der Grundsicherung nicht beanspruchbar | Rechtsdepesche
Kein "Happy End" für den Kläger? Erotische Massagen zulasten der Grundsicherung nicht beanspruchbar
Redaktion Rechtsdepesche / 23. Juni 2020 / Lesezeit ~ 3 Min.
Für ero­ti­sche Ganz­kör­per­mas­sa­gen muss weder der Etat für die Grund­si­che­rung auf­ge­stockt wer­den, noch fal­len die­se unter die Leis­tun­gen der Hil­fe zur Pfle­ge. (Sym­bol­bild)Pho­to 141398428 © Oleg Kozyts­kyi – Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]
Der im Jahr 1954 gebo­re­ne Klä­ger weist einen Gard der Behin­de­rung von 100 auf. Bei ihm sind die Merk­zei­chen G, B, aG, H und RF aner­kannt. Zudem lei­det er seit Geburt an einer spas­ti­schen Tetra­ple­gie mit Zere­bral­pa­re­se und kann sich nur im Roll­stuhl fort­be­we­gen. An sei­nem noch halb­wegs gebrauchs­fä­hi­gen lin­ken Arm wur­de vor eini­gen Jah­ren eine chro­ni­sche Epi­con­dy­li­tis hume­ri radia­lis (im nor­ma­len Sprach­ge­brauch als „Ten­nis­arm“ bekannt) dia­gnos­ti­ziert. Bei der Beklag­ten bezieht der Herr seit Jah­ren Grund­si­che­rung im Alter und bei Erwerbs­min­de­rung sowie Hil­fe zur Pfle­ge und ambu­lan­te Leis­tun­gen zur Ein­glie­de­rungs­hil­fe für behin­der­te Men­schen in die Gemein­schaft.
Am 15.05.2013 bean­trag­te der Klä­ger schrift­lich bei dem zustän­di­gen und im hie­si­gen Ver­fah­ren bei­ge­la­de­nen Bezirk als über­ört­li­chem Sozi­al­hil­fe­trä­ger die Ver­län­ge­rung der Bewil­li­gung der Ein­glie­de­rungs­hil­fe, auch unter Berück­sich­ti­gung von wöchent­li­chen zwei Ganz­kör­per­mas­sa­gen mit sexu­el­ler Kom­po­nen­te.
Der Antrag wur­de vom Bei­ge­la­de­nen abge­lehnt, da die gewoll­ten Leis­tun­gen nicht der Ein­glie­de­rungs­hil­fe die­nen. Der Wider­spruch hier­ge­gen wur­de zurück­ge­wie­sen und das anschlie­ßen­de Kla­ge­ver­fah­ren vom Sozi­al­ge­richt (SG) Mün­chen durch einen Ver­gleich been­det (SG Mün­chen vom 14.05.2014 – S 48 SO 445/13). Hier­nach zahl­te der Bei­ge­la­de­ne 6.402 Euro an den Klä­ger und gewähr­te ihm von Mai 2014 bis Juni 2015 die Ein­glie­de­rungs­hil­fe für täg­lich 2,5 Stun­den. Das Gericht wies zuvor dar­auf hin, dass die gefor­der­ten Mas­sa­geleis­tun­gen kei­ne Ein­glie­de­rungs­hil­fe, son­dern ein Grund­be­dürf­nis des per­sön­li­chen Lebens dar­stel­len. Der Bei­ge­la­de­ne gewähr­te dem Klä­ger dar­auf­hin die Ein­glie­de­rungs­hil­fe im Umfang von 3,5 Stun­den pro Tag im Zeit­raum von Juli 2013 bis Juli 2014. Die Unter­la­gen des Klä­gers wur­den der Beklag­ten hin­sicht­lich einer etwai­gen Anpas­sung des Regel­sat­zes wei­ter­ge­lei­tet.
Der Antrag wur­de jedoch von der Beklag­ten abge­lehnt. Die Kos­ten für die Befrie­di­gung von sexu­el­len Bedürf­nis­sen sei­en bereits im Regel­be­darf ent­hal­ten. Zudem kön­ne der Klä­ger hier­für den Mehr­be­darf wegen des Merk­zei­chens G ver­wen­den – und sei­ne Bedürf­nis­se inso­fern decken. Hier­ge­gen klag­te der Klä­ger vor dem SG Mün­chen. Es sei­en die Kos­ten für zwei Mas­sa­gen die Woche zu über­neh­men. Eine sol­che, ero­ti­sche Ganz­kör­per­mas­sa­ge kos­tet cir­ca 200 Euro. Aus dem Erhö­hungs­be­trag für das Merk­zei­chen G kön­ne er die­se nur etwa alle drei Mona­te finan­zie­ren. Der Klä­ger sei hyper­se­xu­ell und auf­grund sei­ner Armer­kran­kung nicht in der Lage zur Selbst­be­frie­di­gung. Das Sozi­al­ge­richt wies die Kla­ge ab, der Klä­ger leg­te hier­ge­gen Beru­fung beim Bay­ri­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt ein.
Patientin nach Unfall ans Bett gefesseltWillenswidrige Fixierung rechtfertigt effektive Strafverfolgung
Eine zwang­haf­te Fixie­rung gilt als Frei­heits­be­rau­bung und schränkt damit die Grund­rech­te des Men­schen ein. Im Fall einer Pati­en­tin, die gegen ihren Wil­len fixiert wor­den war und Straf­an­zei­ge erstat­te­te, wur­den die Ermitt­lun­gen ein­ge­stellt. Hier­ge­gen leg­te sie Ver­fas­sungs­be­schwer­de beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein – mit Erfolg.
Wie muss sich ein Arzt oder eine Pfle­ge­kraft ver­hal­ten, wenn ein Pati­ent eine nach Exper­ten­stan­dard emp­foh­le­ne Behand­lung ablehnt?
Erotische Massagen fallen nicht unter Pflegehilfe
Die Beru­fung beim Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG) Bay­ern hat­te kei­nen Erfolg (Urteil des LSG Bay­ern vom 06.02.2020 – L8 SO 163/17). Für den Klä­ger besteht kein Anspruch auf (höhe­re) Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung unter Berück­sich­ti­gung von Kos­ten der begehr­ten Ganz­kör­per­mas­sa­gen. Hier­für fehlt es an den Vor­aus­set­zun­gen der Rück­nah­me eines unrich­ti­gen Ver­wal­tungs­akts gemäß § 44 Abs. 1 Satz 1 SGB X (die­ser ist hier nicht ersicht­lich). Die Beklag­te hat den Bedarf nach § 42 SGB XII zutref­fend ermit­telt. Dabei hat sie den Regel­be­darf nach Stu­fe 1 (374 Euro, ab 2013: 382 Euro, ab 2014 391 Euro), sowie den Auf­sto­ckungs­be­trag (19, bzw. 20 Euro nach den Regel­satz­fest­set­zungs­ver­ord­nun­gen), den Mehr­be­darf nach § 42 Nr. 2 i.V.m. § 30 Abs. 1 SGB XII auf­grund der Schwer­be­hin­de­rung des Klä­gers mit dem Merk­zei­chen G und die tat­säch­li­chen Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung feh­ler­los berück­sich­tigt. Wei­te­re Bedar­fe waren nicht zugrun­de zu legen, ins­be­son­de­re nicht für Kos­ten von sexu­el­len Ganz­kör­per­mas­sa­gen.
Laut des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Arbeit und Sozia­les müs­se der Gesetz­ge­ber nicht jede Kon­sum­aus­ga­be eines pri­va­ten Haus­halts als regel­be­darfs­re­le­vant aner­ken­nen. Auch Aus­ga­ben für Pro­sti­tu­ti­ons­dienst­leis­tun­gen fal­len auf Basis der Ein­kom­mens- und Ver­brau­cher­stich­pro­be 2013 nicht in die Kate­go­rie „regel­be­darfs­re­le­vant“. Der Senat erkennt daher kei­ne Ver­let­zung der Ein­schät­zung des not­wen­di­gen Bedarfs zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts durch die Nicht-Gewäh­rung der Kos­ten für sexu­el­le Ganz­kör­per­mas­sa­gen. Eine Erhö­hung sei­nes Regel­sat­zes kommt daher nicht infra­ge, der Klä­ger kann wegen der gewoll­ten Mas­sa­gen kei­ne höhe­ren Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen bean­spru­chen.
Auch eine Berück­sich­ti­gung im Bereich der Hil­fe zur Pfle­ge hat nicht zu erfol­gen. Laut § 19 Abs. 3 und § 61 Abs. 1 Satz 1 SGB XII ist Per­so­nen, die wegen einer phy­si­schen oder psy­chi­schen Krank­heit oder Behin­de­rung für ihre gewöhn­li­chen und regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Abläu­fe des täg­li­chen Lebens, auf Dau­er für min­des­tens sechs Mona­te, in erheb­li­chem Maße Hil­fe benö­ti­gen, die­se Hil­fe zur Pfle­ge zu leis­ten. Dar­un­ter fal­len Tätig­kei­ten im Bereich der Kör­per- und Zahn­pfle­ge, im Bereich der Mobi­li­tät, der Nah­rungs­auf­nah­me und im Bereich der haus­wirt­schaft­li­chen Ver­sor­gung sowie die all­ge­mei­ne Betreu­ung. Die Ganz­kör­per­mas­sa­gen kön­nen die­sen Punk­ten nicht erkenn­bar sub­su­miert wer­den, da sie kei­nen pfle­ge­ri­schen und kei­nen betreue­ri­schen Cha­rak­ter auf­wei­sen und sie auch nicht auf Anlei­tung, Beauf­sich­ti­gung oder Ori­en­tie­rung des Klä­gers abzie­len.
Ein Anspruch besteht auch nicht auf Grund­la­ge von § 19 Abs. 3 und § 73 Satz 1 SGB XII. Hier­nach kön­nen Leis­tun­gen auch in sons­ti­gen Lebens­la­gen erbracht wer­den, wenn sie den Ein­satz öffent­li­cher Mit­tel recht­fer­ti­gen. Die­se Para­gra­phen die­nen jedoch auch nicht dazu, als unzu­rei­chend emp­fun­de­ne, ver­typ­te Leis­tun­gen (hier: die streit­ge­gen­ständ­li­chen Mas­sa­gen) auf­zu­sto­cken.
Der Klä­ger hat daher in kei­nem Aspekt Anspruch auf die ero­ti­schen Ganz­kör­per­mas­sa­gen.
RDG 2020, 17 (3), S. 136 f.
BehinderungBetreuungKostenübernahmePflegebedürftigkeit
PflegebedürftigkeitsbegriffGKV-Spitzenverband veröffentlicht Erprobungsstudien

References: § 44
 § 42
 § 42
 § 30
 § 19
 § 61
 § 19
 § 73