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Timestamp: 2017-11-23 09:10:15+00:00

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LAG Hamm, Urteil vom 17.07.2012, 10 Sa 890/12 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Hamm, Ur­teil vom 17.07.2012, 10 Sa 890/12
2. Der Entzug der kanonischen Beauftragung stellt eine innerkirchliche Maßnahme dar, die von den staatlichen Gerichten nicht auf ihre Rechtmäßigkeit, sondern allen-falls auf ihre Wirksamkeit, d. h. darauf hin überprüft werden kann, ob sie gegen Grundprinzipien der Rechtsordnung verstößt, wie sie in dem allgemeinen Willkürverbot (Art. 3 Abs. 1 GG) sowie in dem Begriff der guten Sitten (§ 138 BGB) und dem des ordre public (Art. 6 EGBGB) ihren Niederschlag gefunden haben.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Paderborn, Urteil vom 23.11.2011, 2 Ca 561/11
Nachfolgend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 10.04.2014, 2 AZR 812/12
Das be­klag­te ERZ­BIS­TUM hat die An­sicht ver­tre­ten, der pas­to­ra­le Be­ruf der Ge­mein­de­re­fe­ren­ten stel­le nach den Be­stim­mun­gen des CIC ein Kir­chen­amt dar, das oh­ne ka­no­ni­sche Amtsüber­tra­gung nicht gültig er­langt wer­den könne. Die ka­no­ni­sche Be­auf­tra­gung sei da­mit ei­ne
Vor­aus­set­zung für die Ausübung der Tätig­keit als Ge­mein­de­re­fe­ren­tin. Nach dem Ent­zug der Be­auf­tra­gung könne und dürfe die Kläge­rin nicht mehr als Ge­mein­de­re­fe­ren­tin ein­ge­setzt wer­den. Der Ent­zug der ka­no­ni­schen Be­auf­tra­gung stel­le ei­ne in­ner­kirch­li­che An­ge­le­gen­heit dar, die sich nach den cann. 184 ff CIC rich­te. Hier­bei sei für die Be­trof­fe­nen der in­ner­kirch­li­che Rechts­weg gemäß can. 1737 § 1 CIC eröff­net, den die Kläge­rin be­schrit­ten ha­be. Auf­grund des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts gem. Art. 140 GG i. V. m. Art. 137 Abs. 1 und 3 WRV sei der Ent­zug der ka­no­ni­schen Be­auf­tra­gung von den staat­li­chen Ge­rich­ten nicht über­prüfbar. Auf­grund des Ent­zugs der ka­no­ni­schen Be­auf­tra­gung sei ei­ne Beschäfti­gung der Kläge­rin als Ge­mein­de­re­fe­ren­tin nicht mehr möglich ge­we­sen. Die Kündi­gungs­erklärungs­frist nach § 626 Abs. 2 BGB sei ge­wahrt, da es sich um ei­nen Dau­er­tat­be­stand han­de­le. Die Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung sei ord­nungs­gemäß an­gehört wor­den. Aus dem bei­gefügten De­kret sei für die Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung er­sicht­lich ge­we­sen, dass die Kläge­rin ein ka­no­ni­sches Kir­chen­amt be­klei­det ha­be. Das Ände­rungs­an­ge­bot sei auch zu­mut­bar ge­we­sen. An­de­re, we­ni­ger nach­tei­li­ge Stel­len, auf de­nen die Kläge­rin auf­grund ih­rer Aus­bil­dung und ih­ren Kennt­nis­sen hätte wei­ter­beschäftigt wer­den können, sei­en nicht vor­han­den ge­we­sen. Im Übri­gen er­rech­ne sich bei ei­ner Beschäfti­gung mit der bis­he­ri­gen Ent­gelt­grup­pe 10 auf ei­ner hal­ben Stel­le ei­ne ge­rin­ge­re Vergütung als bei der an­ge­bo­te­nen Stel­le. Die Dau­er der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit sei nicht geändert wor­den, da die­se nach der KA­VO seit dem 01.10.2008 39 St­un­den be­tra­ge. Vergütungs­ansprüche für die Zeit vom 26.07.2010 bis zum 02.12.2010 bestünden nicht, da der Kläge­rin zum ei­nen die Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung unmöglich ge­we­sen sei und sie zum an­de­ren ei­ne zu­mut­ba­re Beschäfti­gung ab­ge­lehnt ha­be. Hin­sicht­lich der Weih­nachts­zu­wen­dung ste­he der Kläge­rin nach den Re­ge­lun­gen der KA­VO le­dig­lich ein an­tei­li­ger An­spruch von 5/12 = 1.323,46 € zu, da sie in den Mo­na­ten Ja­nu­ar und Fe­bru­ar so­wie Au­gust bis De­zem­ber 2010 kei­ne Bezüge er­hal­ten ha­be. Hin­sicht­lich des hilfs­wei­se gel­tend ge­mach­ten Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs lie­ge ei­ne Über­lei­tungs­an­zei­ge der Bun­des­agen­tur für Ar­beit vor.
Das be­klag­te ERZ­BIS­TUM be­tont, dass es sich um ei­ne per­so­nen­be­ding­te und nicht um ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung han­de­le. Das Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­che und da­mit die Ver­fas­sung ver­bie­te es, dass das Ar­beits­ge­richt ei­nen Sach­ver­halt, der in der kirch­li­chen Ge­richts­bar­keit ab­sch­ließend ge­prüft wur­de, ei­ner ei­ge­nen Prüfung un­ter­zieht. Es sei auch nicht Sa­che der Kläge­rin fest­zu­stel­len, ob ih­re Be­auf­tra­gung ei­nes ka­no­ni­schen Ak­tes be­darf oder nicht. Dies sei durch den Spruch der Kon­gre­ga­ti­on für den Kle­rus für al­le Be­tei­lig­ten
ein­sch­ließlich der Ar­beits­ge­richts­bar­keit ab­sch­ließend und ver­bind­lich fest­ge­stellt. Zah­lungs­ansprüche der Kläge­rin für die Zeit vom 26.07.2010 bis zum 30.09.2010 sei­en nicht ge­ge­ben. Für den Zeit­raum bis zum 30.09.2010 ste­he be­reits die rechts­kräfti­ge Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 09.09.2011 – 18 Sa 2241/10 – ei­ner Nach­for­de­rung ent­ge­gen. Im Übri­gen sei die Kläge­rin über­haupt nicht leis­tungsfähig im Sin­ne von § 297 BGB ge­we­sen. Der Ur­laubs­an­spruch wer­de grundsätz­lich nicht be­strit­ten. Ob ein Ab­gel­tungs­an­spruch be­ste­he, hänge aber da­von ab, ob das Ar­beits­verhält­nis zum 30.06.2011 ge­en­det hat. So­lan­ge dies nicht rechts­kräftig fest­ste­he, hänge der An­spruch von ei­nem zukünf­ti­gen Er­eig­nis ab; ei­ne Kla­ge auf künf­ti­ge Leis­tung sei vor­lie­gend aber nicht zulässig.
b) Vor­lie­gend stützt das be­klag­te ERZ­BIS­TUM die Kündi­gung dar­auf, dass der Kläge­rin durch den Ent­zug der ka­no­ni­schen Be­auf­tra­gung die kir­chen­recht­lich er­for­der­li­che Be­fug­nis bzw. Er­laub­nis für ei­ne Tätig­keit als Ge­mein­de­re­fe­ren­tin feh­le. Oh­ne die­se Be­fug­nis könne und dürfe
die Kläge­rin ih­re ver­trag­lich ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung als Ge­mein­de­re­fe­ren­tin nicht mehr er­brin­gen. Durch den Ver­lust der ka­no­ni­schen Be­auf­tra­gung sei ihr die Er­brin­gung der ver­trag­lich ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tung we­gen des sich hier­aus er­ge­ben­den, kir­chen­recht­li­chen
Beschäfti­gungs­ver­bo­tes unmöglich ge­wor­den.
dd) Dass die kirch­li­chen Be­ru­fe der Pas­to­ral- und Ge­mein­de­re­fe­ren­ten/in­nen zu ih­rer Ausübung ei­ne ka­no­ni­sche Be­auf­tra­gung des zuständi­gen Bi­schofs ver­lan­gen, wird, so­weit er­sicht­lich, aus­sch­ließlich von der Kläge­rin im Rah­men des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens in Fra­ge ge­stellt. So hat die Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung der Ge­mein­de­re­fe­ren­tin­nen und Ge­mein­de­re­fe­ren­ten im ERZ­BIS­TUM P1 in sei­ner Stel­lung­nah­me zu der streit­ge­genständ­li­chen Kündi­gung das Er­for­der­nis ei­ner ka­no­ni­schen Be­auf­tra­gung nicht in Zwei­fel ge­zo­gen, son­dern nur be­an­stan­det, dass die Über­prüfung der ursächli­chen Gründe für den Ent­zug der Be­auf­tra­gung den staat­li­chen Ge­rich­ten ent­zo­gen und aus­sch­ließlich in die Be­wer­tung kirch­li­cher Ge­rich­te ge­stellt wer­de, was un­zulässig sei. Auch der Theo­lo­gi­sche Bei­rat der Be­rufs­grup­pe der Pas­to­ral­re­fe­ren­ten/in­nen geht in sei­ner im Ja­nu­ar 2010 ver­fass­ten Stel­lung­nah­me zur da­mals ge­plan­ten und mitt­ler­wei­le ver­ab­schie­de­ten Neu­fas­sung des Rah­men­sta­tuts für Pas­to­ral- und Ge­mein­de­re­fe­ren­ten/in­nen da­von aus, dass die bei­den kirch­li­chen Be­ru­fe der Pas­to­ral- und Ge­mein­de­re­fe­ren­ten/in­nen zu ih­rer Ausübung ei­ne kir­chen­amt­li­che Sen­dung des zuständi­gen Bi­schofs ver­lan­gen. In der von ihm vor­ge­schla­ge­nen Glie­de­rung für die Neu­fas­sung des Rah­men­sta­tuts ist dann un­ter Ziff. 3.4 aus­drück­lich der Glie­de­rungs­punkt "Ka­no­ni­sche Amtsüber­tra­gung (c.146)" auf­ge­nom­men wor­den. So­weit er­sicht­lich wird auch in der kir­chen­recht­li­chen Li­te­ra­tur das Er­for­der­nis ei­ner ka­no­ni­schen Be­auf­tra­gung nicht in Zwei­fel ge­zo­gen (vgl. Sa­bi­ne De­mel, Hand­buch
Kir­chen­recht, S. 434). Sch­ließlich hat auch die Kle­rus­kon­gre­ga­ti­on in dem De­kret vom 16.10.2010 aus­drück­lich fest­ge­stellt, dass die Kläge­rin gem. can. 228 CIC zum Dienst als Ge­mein­de­re­fe­ren­tin be­auf­tragt und ihr ei­nem Kir­chen­amt gemäß can. 145 CIC über­tra­gen wor­den ist.
III. Die Wirk­sam­keit der Kündi­gung schei­tert auch nicht an ei­ner feh­ler­haf­ten Be­tei­li­gung der Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung nach § 30 MA­VO.
Zwi­schen den Par­tei­en ist un­strei­tig, dass das be­klag­te ERZ­BIS­TUM die Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung mit 104 Schrei­ben vom 16.12.2010 zu der be­ab­sich­tig­ten Ände­rungskündi­gung an­gehört hat. In dem Anhörungs­schrei­ben hat das be­klag­te ERZ­BIS­TUM der Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung die er­for­der­li­chen An­ga­ben zur Per­son der Kläge­rin, zur Kündi­gung, zu den für ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung in Be­tracht kom­men­den frei­en Ar­beitsplätzen und zu den be­ab­sich­tig­ten Ver­tragsände­run­gen de­tail­liert mit­ge­teilt. Auch dies wird von der Kläge­rin nicht in Zwei­fel ge­zo­gen.
Ei­ne Kla­ge auf zukünf­ti­ge Leis­tung liegt nur dann vor, wenn der gel­tend ge­mach­te Kla­ge­an­spruch noch nicht fällig ist. Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung ist je­doch zum Zeit­punkt der recht­li­chen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses fällig. Das ist vor­lie­gend der 30.06.2011. Al­lein der Um­stand, dass über die Wirk­sam­keit der Kündi­gung noch nicht rechts­kräftig ent­schie­den ist, führt nicht da­zu, dass die vom Aus­gang des
Kündi­gungs­rechts­streits abhängi­gen Ansprüche erst nach rechts­kräfti­gem Ab­schluss des Kündi­gungs­rechts­streits fällig wer­den. Nicht die Fällig­keit, son­dern die Be­gründet­heit des von der Kläge­rin gel­tend ge­mach­ten An­spruchs auf Ur­laubs­ab­gel­tung hängt von der in­ner­pro­zes­sua­len Fra­ge ab, ob das Ar­beits­verhält­nis durch die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung zum 30.06.2011 be­en­det wor­den ist. Die Fällig­keit des An­spruchs wird da­durch nicht hin­aus­ge­scho­ben.
Die Kam­mer hat we­gen der grundsätz­li­chen Be­deu­tung der zu ent­schei­den­den Rechts­fra­gen die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen.
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References: § 1
 Art. 140
 Art. 137
 § 626
 § 297
 § 30