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Timestamp: 2017-06-23 17:16:44+00:00

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Die Öffentlichkeit und das verbotene Graben nach Funden - Seite 2
Zu unerwünschten Nebenwirkungen guter Absichten - Die Öffentlichkeit und das verbotene Graben nach Funden	Drucken	E-Mail	Details	Geschrieben von Raimund Karl	Zugriffe: 17127	Bewertung: 5 / 5	Bitte bewerten
Die Öffentlichkeit und das verbotene Graben nach FundenDie SondengeherVerantwortung ohne RechteZusammenfassungEin LösungsvorschlagBibliographie Alle Seiten	Seite 2 von 7
Die Öffentlichkeit und das verbotene Graben nach Funden
Einer der Aspekte, den wir vernachlässigt haben, ist wie die breite Bevölkerung darauf reagiert, wenn man ihr das Suchen (und damit auch das Finden) praktisch verbietet, vor allem jener Teil der Öffentlichkeit, der tatsächlich die meisten archäologischen Objekte (nennen wir sie der Einfachheit halber Bodendenkmale) entdeckt: jene HeimatforscherInnen, die in den letzten 40 Jahren zunehmend technisch aufgerüstet haben und nunmehr überwiegend mit den Metalldetektor auf der Suche nach Bodendenkmalen sind – und diese selbstverständlich auch dann finden (und auch ausgraben), wenn ihnen diese Suche gesetzlich verboten ist. Denn die erste Regel der Rechtsgeschichte ist: nichts sagt mehr darüber aus, was in einer Gesellschaft wirklich passiert ist, als jene Dinge, die die jeweiligen Gesetzgeber wieder und wieder zu verbieten versucht haben. Denn etwas, was ohnehin nicht passiert, braucht man auch nicht verbieten.
Dennoch haben derartige Verbote natürlich Konsequenzen: jene, die etwas Verbotenes tun, verlieren jedwede Motivation, den Behörden über ihre (nun ja verbotenen) Tätigkeiten Auskunft zu erteilen. Das ist ebenso offensichtlich wie vernünftig: nachdem die Meldung einer Selbstanzeige gleichkommt wären jene, die diese verbotenen Tätigkeiten ausüben, ja dumm, wenn sie dies den mit der Strafverfolgung beauftragten Behörden auch noch freiwillig melden würden. Vor allem wenn solche Verbote nicht exekutiert werden, ja in Anbetracht der Realität auch gar nicht exekutierbar sind, wenigstens wenn die Täter nicht Selbstanzeige erstatten, führt das nicht etwa dazu, dass die Mehrheit der das Verbotene Tuenden ihre nunmehr illegale Tätigkeit beendet, sondern vielmehr dazu, dass sie die Tätigkeit weiter ausüben, nur es entsprechend (vor allem vor den Behörden) verheimlichen.
Der von § 8 DMSG erzeugten Motivation für Finder, Funde zu melden, liegt offensichtlich die Erkenntnis zugrunde, dass die Archäologie und insbesondere die archäologische Denkmalpflege auf Meldungen von Mitgliedern der Öffentlichkeit angewiesen ist. Die gegenteilige Lösung zur hadrianischen Fundteilung, das Schatzregal, erzeugt bekanntermaßen für Finder eine starke Motivation, Funde zu verheimlichen, weil Funde, von denen die staatlichen Behörden nichts wissen, von diesen auch nicht eingezogen werden können. Der „Trick“ des § 8 DMSG in Verbindung mit § 400 ABGB ist es nun, den „ehrlichen Finder“, also jenen, der den Fund meldet, durch einen Eigentumsanteil am gemachten Fund zu belohnen, den „unehrlichen Finder“, also jenen, der den Fund nicht meldet, hingegen durch den Eigentumsanteilsverlust zu bestrafen und stattdessen den, der den „unehrlichen Finder“ angezeigt hat, dadurch zu belohnen, dass diesem der Eigentumsanteil des Finders zukommt. Die Meldung (selbst die Meldung durch Anzeige des eigentlichen Finders) wird also belohnt, die Verheimlichung hingegen bestraft. Die Absicht des Gesetzgebers könnte klarer nicht sein: er will, das Funde gemeldet werden.
Und das ist auch ungeheuer wichtig: woher sollen denn die Denkmalschutzbehörden wissen, wo sie eventuell bei Baumaßnahmen oder anderen möglicherweise Bodendenkmale zerstörenden Ereignissen eingreifen müssen, wenn sie nicht von der Öffentlichkeit gemeldet bekommen, wo diese überhaupt vorkommen? Schon Georg Dehio (1905, 273) hat bereits 1905 bemerkt, dass der ganz wirksame Schutz des Denkmalbestandes nur durch „das Volk“ möglich sei, weil keine noch so gute staatliche Denkmalpflege jemals ausreichend Personal und Zeit haben wird, um sich aller Denkmale dauernd gleichermaßen stark anzunehmen. Wir brauchen also die Fundmeldungen, um zu wissen, wo wir besonders aufpassen müssen.
Diese von § 8 DMSG erzeugte Motivation wird nun jedoch in der heutigen Realität, in der die überwiegende Mehrheit der Heimatforscher mit dem Metallsuchgerät über die Felder, Wiesen und Wälder spaziert und selbstverständlich auch, wenn das Metallsuchgerät anschlägt, nach dem derart entdeckten Fund gräbt, vollständig zerstört und in ihr Gegenteil verkehrt: der „ehrliche Finder“ des § 8 DMSG in Verbindung mit §§ 399 und 400 ABGB wird durch § 11 Abs 1 DMSG in Verbindung mit § 400 ABGB zum „unehrlichen Raubgräber“ deklassiert, der ihm eigentlich von § 399 ABGB in Aussicht gestellte Eigentumsanteil am Fund aberkannt und ihm somit jede Motivation genommen, einen gemachten Fund zu melden. Damit wird zwar in der grauen Theorie des Gesetzes und der theoretischen Denkmalpflege dafür gesorgt, dass nur entsprechend fachlich qualifizierte ArchäologInnen nach Bodendenkmalen graben dürfen, in der häßlichen Praxis der Realität hingegen in erster Linie dafür, dass eben diese ArchäologInnen und DenkmalpflegerInnen von der Mehrheit der gemachten Funde einfach nichts erfahren.
Und dies ist zweifellos eine unerwünschte Nebenwirkung: denn es kann ja nicht unsere Absicht sein, möglichst nichts davon zu erfahren, was in Österreich tatsächlich gefunden wird, sondern unser Ziel ist es ja eigentlich, einen möglichst guten Schutz von Bodendenkmalen zu erreichen – und dazu gehört zweifellos, bei beweglichen Bodenfunden, dass uns diese auch bekannt werden, nicht in einer privaten Sammlung, ob mit oder ohne exzellenter moderner Datenbankerfassung, von der aber außer ihrem Erzeuger kaum jemand weiß, heimlich vor sich hin existieren und damit der Wissenschaft verloren gegangen sind.
Geben wir uns keinen Illusionen hin: ein Fund, der bereits gemacht, der bereits aus dem Boden geholt wurde, kann nicht mehr vor seiner, sei es legalen oder illegalen, Entfernung aus dem Boden und damit (möglicherweise) aus seinem Fundkontext geschützt werden. Ist er also erst einmal aus dem Boden entfernt worden, ist es gleichgültig, und zwar sowohl wissenschaftlich als auch denkmalschützerisch, ob es besser gewesen wäre, wenn er nicht aus dem Boden entnommen worden wäre. Was jedoch bei solchen Funden nicht gleichgültig ist, ist ob wir von ihnen erfahren, oder ob wir von ihnen nicht erfahren. Erfahren wir nämlich von ihnen, stehen sie der Wissenschaft weiterhin (wenngleich vielleicht mit eingeschränktem Aussagenpotential) zur Verfügung. Erfahren wir hingegen nicht davon, stehen sie der Wissenschaft gar nicht mehr zur Verfügung; und was auch immer nach ihrer Entfernung aus dem Boden an Aussagepotential in ihnen verblieben war ist ebenfalls verloren, so als ob dieser Fund niemals gemacht, ja also ob der betreffende Gegenstand niemals gemacht, deponiert und wieder ausgegraben worden wäre. Und das kann nicht zweckdienlich sein.
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References: § 8
 § 8
 § 400
 § 8
 § 8
 § 11
 § 400
 § 399