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Timestamp: 2019-11-14 07:30:52+00:00

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Europäischer Vollstreckungstitel - und die Prüfung im Vollstreckungsstaat - Außenwirtschaftslupe
Europäischer Vollstreckungstitel - und die Prüfung im Vollstreckungsstaat
Europäischer Vollstreckungstitel — und die Prüfung im Vollstreckungsstaat
Wird in einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on ein Titel als Euro­päi­scher Voll­stre­ckungs­ti­tel bestä­tigt, fin­det eine ord­re publicÜber­prü­fung im Voll­stre­ckungs­staat nicht statt.
Die Ver­ord­nung lässt eine ord­re public-Prü­fung durch die Gerich­te im Voll­stre­ckungs­staat nicht zu. Zum ord­re public gehört einer­seits der mate­ri­ell­recht­li­che ord­re public, der Ver­stö­ße gegen das mate­ri­el­le Recht und das Kol­li­si­ons­recht erfasst, und ande­rer­seits der ver­fah­rens­recht­li­che ord­re public1. Zum ver­fah­rens­recht­li­chen ord­re public gehö­ren unter ande­rem der Grund­satz des recht­li­chen Gehörs und der Anspruch auf ein fai­res Ver­fah­ren aus Art. 6 Abs. 1 Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und Art. 47 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on2.
Ob die (hier: pol­ni­schen) Gerich­te Ver­fah­rens­ver­stö­ße began­gen haben, kann dahin­ge­stellt blei­ben, denn mit der Ver­ord­nung hat der EU-Ver­ord­nungs­ge­ber für Titel, die in den Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung fal­len, das Erfor­der­nis der Aner­ken­nung und das Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren sowie die Mög­lich­keit der ord­re public-Kon­trol­le ersatz­los abge­schafft3.
Dem­entspre­chend ent­hält Art. 23 EuVT­VO nur die Mög­lich­keit, die Voll­stre­ckung für den Zeit­raum, in dem der Schuld­ner im Ursprungs­staat gegen die zu voll­stre­cken­de Ent­schei­dung als sol­che oder die Bestä­ti­gung als Voll­stre­ckungs­ti­tel vor­geht, vor­läu­fig zu beschrän­ken oder aus­zu­set­zen4.
Dies ergibt sich schon aus dem „Maß­nah­men­pro­gramm zur Umset­zung des Grund­sat­zes der gegen­sei­ti­gen Aner­ken­nung gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen” des Rates vom 30.11.20005. Dar­in heißt es: „Die Abschaf­fung des Exe­qua­tur­ver­fah­rens für unbe­strit­te­ne For­de­run­gen muss zu den Prio­ri­tä­ten der Gemein­schaft gehö­ren. (…) Die rasche Bei­trei­bung aus­ste­hen­der For­de­run­gen ist eine abso­lu­te Not­wen­dig­keit für den Han­del (…).” Der Rat schlug des­halb die Schaf­fung eines Euro­päi­schen Voll­stre­ckungs­ti­tels für unbe­strit­te­ne For­de­run­gen als ers­te Stu­fe des Maß­nah­men­pro­gramms vor6, was mit Erlass der Ver­ord­nung durch das Euro­päi­sche Par­la­ment und den Rat am 21.04.2004 umge­setzt wur­de.
Dass der Grund­satz der auto­ma­ti­schen gegen­sei­ti­gen Aner­ken­nung von Ent­schei­dun­gen und die Abschaf­fung des Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­rens mit der Auf­ga­be der Mög­lich­keit jeg­li­cher ord­re public-Kon­trol­le im Voll­stre­ckungs­staat deren Kern­punkt ist, hat wäh­rend des Ver­fah­rens zum Erlass der Ver­ord­nung auch die Kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten in der Mit­tei­lung an das Euro­päi­sche Par­la­ment vom 09.02.2004 [KOM(2004) 90 end­gül­tig, 2002⁄0090 (COD), 3.1, S. 4] zum Aus­druck gebracht. Die dort ent­hal­te­ne Äuße­rung, die Kom­mis­si­on kön­ne den gemein­sa­men Stand­punkt akzep­tie­ren, der zwar den ursprüng­li­chen Vor­schlag der Kom­mis­si­on in der nach der Stel­lung­nah­me des Par­la­ments geän­der­ten Fas­sung in eini­gen Aspek­ten ände­re, aber an dem Anspruch fest­hal­te, das Exe­qua­tur­ver­fah­ren sowie jede Art von Kon­trol­le, die auf den ord­re public Bezug nimmt, abzu­schaf­fen, lässt kei­nen Raum für Zwei­fel über die Absicht des Ver­ord­nungs­ge­bers.
Nie­der­ge­legt ist dies in Erwä­gungs­grund 18 der Ver­ord­nung. Dar­in heißt es: „Gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en in die ord­nungs­ge­mä­ße Rechts­pfle­ge in den Mit­glied­staa­ten recht­fer­tigt es, dass das Gericht nur eines Mit­glied­staats beur­teilt, ob alle Vor­aus­set­zun­gen für die Bestä­ti­gung der Ent­schei­dung als Euro­päi­scher Voll­stre­ckungs­ti­tel vor­lie­gen, so dass die Voll­stre­ckung der Ent­schei­dung in allen ande­ren Mit­glied­staa­ten mög­lich ist, ohne dass im Voll­stre­ckungs­staat zusätz­lich von einem Gericht nach­ge­prüft wer­den muss, ob die pro­zes­sua­len Min­dest­vor­schrif­ten ein­ge­hal­ten wor­den sind.”
Dass unter Gel­tung der Ver­ord­nung die ord­re public-Kon­trol­le im Voll­stre­ckungs­staat abge­schafft ist, wird auch im Schrift­tum erkannt, wenn auch teil­wei­se rechts­po­li­tisch kri­ti­siert7.
Es kann dahin­ste­hen, ob die Gerich­te im Voll­stre­ckungs­staat die Eröff­nung des Anwen­dungs­be­reichs der Ver­ord­nung über­prü­fen dür­fen8. Die Rechts­be­schwer­de rügt ledig­lich einen ein­fa­chen Rechts­an­wen­dungs­feh­ler. Sie trägt nichts vor, was Zwei­fel an der Eröff­nung des Anwen­dungs­be­reichs gemäß Art. 2 ff. EuVT­VO begrün­den wür­de. Ins­be­son­de­re stellt sie nicht in Abre­de, dass eine Ent­schei­dung eines pol­ni­schen Gerichts in Zivil- oder Han­dels­sa­chen betref­fend eine unbe­strit­ten geblie­be­ne For­de­rung vor­liegt.
Aussetzung oder Beschränkung der Zwangsvollstreckung nach Art. 23 EuVTVO, § 1084 ZPO
Unter Art. 267 Abs. 1 lit. b AEUV fal­len alle Hand­lun­gen der Orga­ne der Uni­on, also auch das gesam­te sekun­dä­re Uni­ons­recht ein­schließ­lich der Ver­ord­nun­gen9. Die Vor­la­ge­pflicht ent­fällt, wenn die rich­ti­ge Anwen­dung des Uni­ons­rechts der­art offen­kun­dig ist, dass kei­ner­lei Raum für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel an der Ent­schei­dung der gestell­ten Fra­ge bleibt (acte clai­re — Dok­trin)10. Davon darf das inner­staat­li­che Gericht aus­ge­hen, wenn es über­zeugt ist, dass auch für die Gerich­te der übri­gen Mit­glied­staa­ten und den Gerichts­hof die glei­che Gewiss­heit bestün­de11.
So liegt der Fall hier. Ange­sichts des ein­deu­ti­gen Wort­lauts der Art. 5, 21 Abs. 2 und Art. 23 EuVT­VO sowie des vom Ver­ord­nungs­ge­ber in Erwä­gungs­grund 18 doku­men­tier­ten Wil­lens besteht kein Zwei­fel dar­an, dass ein Euro­päi­scher Voll­stre­ckungs­ti­tel nicht im Voll­stre­ckungs­staat auf einen ord­re public-Ver­stoß über­prüft wer­den kann. Dass dies auch für die Gerich­te der übri­gen Mit­glied­staa­ten eben­so ein­deu­tig ist, belegt bei­spiel­haft die inhalt­lich gleich­lau­ten­de Ent­schei­dung des öster­rei­chi­schen Obers­ten Gerichts­ho­fes vom 22.02.200712.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. April 2014 — VII ZB 28⁄13
Kropholler/​von Hein, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess­recht, 9. Aufl., Art. 34 EuGV­VO Rn. 12 [↩]
Kropholler/​von Hein, aaO, Art. 34 EuGVO Rn. 15 und 15a [↩]
Rauscher/​Pabst, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess- und Kol­li­si­ons­recht, Bearb.2010, Art. 5 EG-Voll­strTi­tel­VO Rn. 10 ff.; Geimer/​Schütze, Euro­päi­sches Zivil­ver­fah­rens­recht, 3. Aufl., Art. 5 VO (EG) Nr. 805⁄2004 Rn. 1; Kropholler/​von Hein, aaO, Art. 5 EuVT­VO Rn. 5; Schlos­ser, EU-Zivil­pro­zess­recht, 3. Aufl., Art. 5 VTVO Rn. 1; Münch­Komm-BGB/A­dolphsen, ZPO, 4. Aufl., Art. 5 VO (EG) 805⁄2004 Rn. 1 sowie Vor­bem. zu den §§ 1079 ff. ZPO Rn. 3; P/​G/​Halfmeier, ZPO, 5. Aufl., Anh. nach § 1086 Art. 5 EuVT­VO Rn. 1; Ring­wald, Euro­päi­scher Voll­stre­ckungs­ti­tel nach der EuVT­VO und Rechts­be­hel­fe des Schuld­ners, S. 31; Adolphsen, Euro­päi­sches Zivil­ver­fah­rens­recht, S.201; Hk-ZV/Stür­ner, 2. Aufl., Art. 5 EuVT­VO Rn. 2; Schuschke/​Walker/​Jennissen, Voll­stre­ckung und vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 5. Aufl., EuVT­VO Art. 5 Rn. 2; Herin­ger, Der euro­päi­sche Voll­stre­ckungs­ti­tel für unbe­strit­te­ne For­de­run­gen, S. 82; Röthel/​Sparmann, WM 2006, 2285; Rau­scher, GPR 2004, 286, 293; Stür­ner, GPR 2010, 43, 50 [↩]
vgl. EuGH, EuZW 2012, 381 Rn. 66 [↩]
ABl. C 12 vom 15.01.2001, S. 1, 4 [↩]
ABl. C 12 vom 15.01.2001, S. 7 [↩]
Rauscher/​Pabst, aaO, Art. 5 EG-Voll­strTi­tel­VO Rn. 17; Ger­ling, Die Gleich­stel­lung aus­län­di­scher mit inlän­di­schen Voll­stre­ckungs­ti­teln durch die Ver­ord­nung zur Ein­füh­rung eines Euro­päi­schen Voll­stre­ckungs­ti­tels für unbe­strit­te­ne For­de­run­gen, S. 124 f. und S. 258; Wag­ner, IPRax 2002, 75, 91 ff.; Jayme/​Kohler, IPRax 2004, 481, 486; Stad­ler, IPRax 2004, 2, 7 ff.; Man­sel, Rabel­sZ 2006, 651, 727 f.; Roth, IPRax 2006, 466; Han­ne­mann-Kacik, Die EU-Ver­ord­nung zum Euro­päi­schen Voll­stre­ckungs­ti­tel für unbe­strit­te­ne For­de­run­gen, S. 118; Ring­wald, aaO, S. 31 [↩]
vgl. dazu Hk-ZV/Stür­ner, 2. Aufl., Art. 5 EuVT­VO Rn. 3; Stür­ner, GPR 2010, 43, 49 f.; Jayme/​Kohler, IPRax 2004, 481, 486 Fn. 73; Geimer/​Schütze, Euro­päi­sches Zivil­ver­fah­rens­recht, 3. Aufl., Art.20 VO (EG) Nr. 805⁄2004 Rn. 5; Zöller/​Geimer, ZPO, 30. Aufl., Art. 2 EuVT­VO Rn. 1; Kropholler/​von Hein, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess­recht, 9. Aufl., Art. 5 EuVT­VO Rn. 9; Rauscher/​Pabst, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess- und Kol­li­si­ons­recht, Bearb.2010, Art. 5 EG-Voll­strTi­tel­VO Rn. 25; Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl., § 1082 Rn. 9; Wag­ner, IPRax 2005, 189, 199 [↩]
vgl. Streinz/​Ehricke, EUV/​AEUV, 2. Aufl., Art. 267 AEUV Rn.19 [↩]
grund­le­gend EuGH C.I.L.F.I.T., Slg. 1982, 3415, 3430; BGH, Urteil vom 04.03.2013 NotZ (Brfg) 9⁄12, BGHZ 196, 271, 283 [↩]
EuGH, aaO, 3430; BGH, Urteil vom 04.03.2013 — NotZ (Brfg) 9⁄12, aaO, S. 283 [↩]
öOGH, IPRax 2008, 440, 443 m. Anm. Bitt­mann, IPRax 2008, 445 [↩]

References: Art. 6
 Art. 47
 Art. 23
 Art. 2
 Art. 23
 § 1084
 Art. 267
 Art. 5
 Art. 23
 Art. 34
 Art. 34
 Art. 5
 Art. 5
 Art. 5
 Art. 5
 Art. 5
 § 1086
 Art. 5
 Art. 5
 Art. 5
 Art. 5
 Art. 5
 Art.20
 Art. 2
 Art. 5
 Art. 5
 § 1082
 Art. 267
 EuGH