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Timestamp: 2017-09-23 16:24:15+00:00

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85 Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Juristischen Fakultät der Universität Regensburg vorgelegt von Kathrin Greve Erstberichterstatter:
b) und der absichtlichen Zufügung großen Leides bzw. großer Schmerzen (Art. 2 c). Die Strafkammer im Fall Celebici erarbeitete die folgende Rangfolge: Folter ist die schwerste Verletzung und unterscheidet sich von der absichtlichen Zufügung großen Leids oder großer Schmerzen dadurch, dass letztere im Gegensatz zu Folter nicht zu einem verbotenen Zweck begangen werden muss.2678 Alle Handlungen, die die Voraussetzungen der Folter verwirklichen, stellen auch die absichtliche Zufügung großen Leides oder Schmerzen dar.2679 Die Tatbestandsvoraussetzungen für absichtlichen Zufügung großen Leides bzw. großer Schmerzen
gemäß Art. 2 c ICTY sind demnach die folgenden:
1. Eine Handlung oder Unterlassung, die schwere seelische oder körperliche Leiden oder Verletzungen verursacht.
2. Vorsatz bezüglich der Handlung oder Unterlassung.2680 Unmenschliche Behandlung (Art. 2 b) wiederum ist in jeder die Tatbestände der Folter oder der absichtlichen Zufügung großen Leides bzw. großer Schmerzen verwirklichenden Tathandlung enthalten, beschränkt sich jedoch nicht darauf, sondern erstreckt sich auch auf andere Handlungen, die gegen das grundlegende Prinzip menschlicher Behandlung und insbesondere
gegen den Respekt der menschlichen Würde verstoßen.2681 Die Definition der Kammer lautet:
1. Handlungen oder Unterlassungen, die schweres seelisches oder körperliches Leid verursachen oder einen schweren Angriff auf die menschliche Würde darstellen.
2. Vorsatz bezüglich dieser Handlung oder Unterlassung.2682 Prosecutor v. Zejnil Delalic, Zdravko Mucic, Hazim Delic, Esad Landzo, Trial Chamber II, Judgment, 16.
Oktober 1998, IT-96-21-T, § 442.
Oktober 1998, IT-96-21-T, § 511.
Oktober 1998, IT-96-21-T, § 511: “The Trial Chamber thus finds that the offence of wilfully causing great suffering or serious injury to body or health constitutes an act or omission that is intentional, being an act which, judged objectively, is deliberate and not accidental, which causes serious mental or physical suffering or injury” (Übersetzung der Verfasserin).
Oktober 1998, IT-96-21-T, § 544.
Prosecutor v. Zejnil Delalic, Zdravko Mucic, Hazim Delic, Esad Landzo, Trial Chamberr II, Judgment, 16.
Oktober 1998, IT-96-21-T, §§ 442, 543: “In sum, the Trial Chamber finds that inhuman treatment is an intentional act or omission, that is an act which, judged objectively, is deliberate and not accidental, which causes serious mental or physical suffering or injury or constitutes a serious attack on human dignity” (Übersetzung der Verfasserin).
Sowohl die absichtliche Zufügung großen Leides oder großer Schmerzen2683 als auch unmenschliche Behandlung2684 kann allein aufgrund der Inhaftierung unter unangemessenen Haftbedingungen begangen werden. Ebenso stellen Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt, einschließlich erzwungener Nacktheit, unmenschliche Behandlung dar.2685 b. Folterähnliche Tatbestände als Kriegsverbrechen, Art. 3 ICTY, 4 ICTR Art. 4 a ICTR enthält den Tatbestand der grausamen Behandlung, der in das Statut des ICTY durch die Subsumierung des gemeinsamen Art. 3 GK in Art. 3 ICTY inkorporiert wird.2686 Die Strafkammer im Fall Tadic führte zwar aus, grausame Behandlung i.S.v. Art. 3 ICTY, Art. 4 ZP II habe keine enge oder spezielle Bedeutung;2687 sie nannte als Tatbestandselemente aber lediglich die vorsätzliche Zufügung körperlichen Leides.2688 Die mit dem Celebici-Fall befasste Kammer kam zu dem Ergebnis, grausame Behandlung i.
S. d. Art. 3 ICTY, Art. 3 GK entspreche dem Tatbestand der unmenschlichen Behandlung gemäß Art. 2 b ICTY, auch, was dessen Funktion als Auffangtatbestand betreffe.2689 Dies wurde im Urteil Kvocka und andere übernommen.2690 Ein weiterer folterähnlicher Tatbestand in 4 e ICTR ist das Verbot der Verletzungen der persönlichen Würde, das wiederum über die Erfassung von Art. 3 GK in Art. 3 ICTY integriert ist. In der Anklageschrift gegen Furundzija waren „Verletzungen der persönlichen Würde, einschließlich Vergewaltigung“ als Verletzung von Art. 3 ICTY angeklagt; der entsprechende Sachverhalt wurde als Vergewaltigung verurteilt, wobei aus der relevanten Passage des UrProsecutor v. Zejnil Delalic, Zdravko Mucic, Hazim Delic, Esad Landzo, Trial Chamber II, Judgment, 16.
Oktober 1998, IT-96-21-T, § 558.
Oktober 1998, IT-96-21-T, § 558; Prosecutor v. Miroslav Kvocka and Others, Trial Chamber I, Judgment, 2.
November 2001, IT-98-30/1-T, § 169 zitiert Human Rights Committee, Ramon B. Martinez Portorreal v Dominican Republic, 5. November 1987, UN Doc. CCPR/C/31/D/188/1984, §§ 9.2, 11; EKMR, Cyprus v. Turkey, Beschw.-Nr. 6780/74, 6950/75, Bericht vom 10.7.1976, §§ 358-374.
Prosecutor v. Miroslav Kvocka and Others, Trial Chamber I, Judgment, 2. November 2001, IT-98-30/1-T, § 170 zitiert Prosecutor v. Anto Furundzija, Trial Chamber II, Judgment, 10. Dezember 1998, IT-95-17/1-T, § 272; Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, §§ 766-774.
S. o. S. 229 f.
Prosecutor v. Dusko Tadic, Trial Chamber II, Opinion and Judgment, 7. Mai 1997, IT-94-1-T, § 725.
Prosecutor v. Dusko Tadic, Trial Chamber II, Opinion and Judgment, 7. Mai 1997, IT-94-1-T, § 726.
Oktober 1998, IT-96-21-T, § 552.
Prosecutor v. Miroslav Kvocka and Others, Trial Chamber I, Judgment, 2. November 2001, IT-98-30/1-T, § 159 zitiert Prosecutor v. Zejnil Delalic, Zdravko Mucic, Hazim Delic, Esad Landzo, Trial Chamber II, Judgment,
16. Oktober 1998, IT-96-21-T, § 552; Prosecutor v. Tihomir Blaskic, Trial Chamber I, Judgment, 3. März 2000, IT-95-14-T, § 186; Prosecutor v. Zejnil Delalic, Zdravko Mucic, Hazim Delic, Esad Landzo, Appeals Chamber, Judgment, 20. Februar 2001, IT-96-21-A, § 424; Prosecutor v. Dario Kordic and Mario Cerkez, Trial Chamber III, Judgment, 26. Februar 2001, IT-95-14/2-T, § 265.
teils die Betonung der Demütigung des Opfers deutlich wird: „Zeugin A wurden schwere körperliche und seelische Schmerzen sowie öffentliche Demütigung durch den Angeklagten B zugefügt, dessen Verhalten Angriffe auf ihre persönliche Würde und sexuelle Integrität darstellt.“2691 Die Strafkammer im Fall Kunarac und andere ging von den Erwägungen im Verfahren gegen Aleksovski2692 aus, wonach Art. 3 GK in erster Linie den Schutz der menschlichen Würde bezwecke. Die Norm verbiete daher grundsätzlich unmenschliche Behandlung, wobei Beeinträchtigungen der persönlichen Würde ein Unterfall unmenschlicher Behandlung sei, die schwereres Leid verursache als die meisten durch dieses Prinzip verbotenen Handlungen.
Demnach ist eine Beeinträchtigung der persönlichen Würde eine Handlung, die ihren Beweggrund in der Verachtung der Menschenwürde einer anderen Person hat und die schwere Beschämung oder Erniedrigung des Opfers verursacht. Dabei ist nicht erforderlich, dass das körperliche oder seelische Wohlbefinden des Opfers durch die Handlung direkt beeinträchtigt wird; vielmehr reiche es aus, dass die Handlung echtes und andauerndes Leid der Person verursacht, das aus der Erniedrigung oder Demütigung stammt.2693 Im Fall Kunarac und andere distanzierte sich die Strafkammer aber vom Erfordernis des „andauernden Leids“: Solange die Demütigung echt und ernstlich sei, gebe es keinen Grund, auch ein zeitliches Mindestmaß als Tatbestandselement festzulegen. Der Umstand alleine, dass das Opfer sich von den Folgen des Delikts erhole, könne kein Indiz dafür sein, dass es zu einer Beeinträchtigung der persönlichen Würde gar nicht gekommen sei.2694 Dies werde auch durch die Definition unmenschlicher Behandlung im Celebici-Fall bestätigt, wonach diese dann vorliege, wenn durch eine vorsätzliche Handlung oder Unterlassung schwere seelische oder körperliche Leiden oder Verletzungen oder ein schwerwiegender Angriff auf die Menschenwürde verursacht würden.2695 Auch hier, so die Strafkammer im Fall Kunarac und andere, sei das Entscheidende S. o. S. 239 (Übersetzung der Verfasserin).
Prosecutor v. Zlatko Aleksovski, Trial Chamber I, Judgment, 25. Juni 1999, IT-95-14/1-T.
Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, § 500, Fn 1219-1221 zitiert Prosecutor v. Zlatko Aleksovski, Trial Chamber I, Judgment, 25. Juni 1999, IT-95-14/1-T §§ 49, 56.
Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, § 501.
Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, § 502 zitiert Prosecutor v. Zejnil Delalic, Zdravko Mucic, Hazim Delic, Esad Landzo, Trial Chamber II, Judgment, 16. Oktober 1998, IT-96-21-T, § 543; Prosecutor v. Tihomir Blaskic, Trial Chamber I, Judgment, 3. März 2000, IT-95-14-T, §§ 154 f.
die Schwere des Leids, und nicht ein zeitliches Element.2696 Diese Schwere muss objektiv anhand der allgemeinen Betrachtungsweise ermittelt werden.2697 Was den subjektiven Tatbestand angeht, so ist er dann erfüllt, wenn der oder die Angeklagte wusste, dass die betreffende Tat schwere Scham, Erniedrigung oder eine Beleidigung der menschlichen Würde verursachen könnte. Dies unterschied die Kammer von einer Kenntnis der tatsächlichen Folgen der Tat, die nicht erforderlich ist,2698 wobei dies in der Praxis wahrscheinlich keine große Bedeutung erlangen werde. Beim Erreichen der Schwelle, ab der die Handlungen allgemein als in höchstem Maße beschämend oder erniedrigend oder als schwerer Angriff auf die Menschenwürde betrachtet würden, sei es selten, dass Täter bzw. Täterin
nicht auch wüssten, dass die betreffenden Handlungen diesen Effekt haben könnten.2699 Demnach erfordert eine Beeinträchtigung der persönlichen Würde folgendes:
1. Die vorsätzliche Begehung oder Beteiligung an einem Handeln oder Unterlassen, das allgemein als Ursache schwerer Beschämung, Erniedrigung oder als Angriff auf die menschliche Würde betrachtet wird,
2. In der Kenntnis, dass das Handeln oder Unterlassen diese Wirkung haben könnte.2700 Die Kammer im Fall Kvocka und andere folgte dieser Definition.2701 Demütigende und erniedrigende Behandlung im Sinne von Art. 4 e ICTR besteht laut der Strafkammer im Fall Musema aus der Unterwerfung der Opfer unter eine Behandlung, die darauf ausgerichtet ist, ihre Selbstachtung zu unterwandern. Wie bei Verletzungen der persönlichen Würde geht es um Tathandlungen unterhalb der Schwelle zur Folter; weder erfordert Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, § 503.
Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, § 507.
Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, § 512.
Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, § 513.
Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, § 514: “(i) that the accused intentionally committed or participated in an act or omission which would be generally considered to cause serious humiliation, degradation or otherwise be a serious attack on human dignity, and (ii) that he knew that the act or omission could have that effect” (Übersetzung der Verfasserin), bestätigt in Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Appeals Chamber, Judgment, 12. Juni 2002, IT-96-23-A & IT-06-23/1-A, §§ 162, 165; ebenso Prosecutor v. Miroslav Kvocka and Others, Trial Chamber I, Judgment, 2. November 2001, IT-98-30/1-T, §§ 167 f.
Prosecutor v. Miroslav Kvocka and Others, Trial Chamber I, Judgment, 2. November 2001, IT-98-30/1-T, §§ 167 f. zitiert Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, §§ 507, 509, 512, 514.
die Verwirklichung des Tatbestands die Verfolgung eines verbotenen Zwecks, noch staatliche Beteiligung.2702 Unsittliche Angriffe gemäß Art. 4 e ICTR betreffen das Zufügen von Schmerz oder Verletzung durch eine Handlung sexueller Natur, die durch Mittel des Zwangs, der Gewalt, der Drohung oder Einschüchterung begangen wurde und nicht einverständlich war, so die Strafkammer im Fall Musema.2703 c. Folterähnliche Tatbestände als Völkermord, Art. 4 ICTY, 2 ICTR Die Strafkammer im Fall Akayesu hielt fest, Völkermord könne durch einen einzigen Akt begangen werden.2704 Sie interpretierte die verschiedenen auf sexuelle Gewalt eventuell anwendbaren Alternativen von Art. 2 II ICTR: Art. 2 II b ICTR ist nicht auf die Zufügung schweren körperlichen oder seelischen Schadens beschränkt, sondern erfasst auch Folter, sei sie körperlich oder seelisch, unmenschliche oder entwürdigende Behandlung, oder Verfolgung. Zur Begründung ging sie auf den Eichmann-Fall ein, in dem Art. 2 II b der Völkermordkonvention auch durch die Versklavung, Aushungerung, Deportation und Verfolgung und Gefangenschaft in Transitlagern, Ghettos und Konzentrationslagern in erniedrigenden und die Menschenrechte verneinenden Lebensbedingungen als verwirklicht betrachtet wurde.2705 Damit erfüllt auch sexuelle Gewalt die Voraussetzungen von Art. 2 II b ICTR,2706 selbst dann, wenn der verursachte Schaden nicht permanent und unbehebbar sein sollte.2707 Auch Art. 2 II d ICTR kann nach Überzeugung der Kammer durch verschiedene Formen sexueller Gewalt verwirklicht werden, wie sexuelle Verstümmelung, Sterilisierung und erzwungene Empfängnisverhütung, die Maßnahmen zur Geburtenverhinderung innerhalb einer Gruppe sein können. Auch die erzwungene Schwängerung einer Frau durch Vergewaltigung, die durch ein Mitglied einer anderen Gruppe begangen wird, erfülle diesen Tatbestand, wenn in einer patriarchalen Gesellschaft die Zugehörigkeit zu eine Gruppe durch die Identität des Prosecutor v. Alfred Musema, Trial Chamber I, Judgment and Sentence, 27. Januar 2000, ICTR-96-13-T, § 285.

References: Art. 2
 § 442
 § 511
 § 511
 § 544
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 2
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 3
 § 558
 § 558
 § 169
 § 170
 § 272
 § 725
 § 726
 § 552
 § 159
 § 552
 § 186
 § 424
 § 265
 Art. 3
 § 500
 § 501
 § 502
 § 543
 Art. 4
 § 503
 § 507
 § 512
 § 513
 § 514
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 2
 Art. 2
 Art. 2
 Art. 2
 Art. 2
 § 285