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Timestamp: 2017-03-30 22:37:53+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 12 Sa 1376/10
Kündigung: Außerordentlich, Dienstwagen
Arbeitsgericht Iserlohn, Urteil vom 27.07.2010, 5 Ca 3486/09
hat die 12. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hammauf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 09.11.2010durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Ger­retzso­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herr­mann und Wolf
- 2 - Tat­be­stand Die Par­tei­en strei­ten im We­sent­li­chen um den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses so­wie um die Ent­fer­nung ei­ner Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te des Klägers.
Des­we­gen er­teil­te die Be­klag­te dem Kläger un­ter dem 27.10.2009 ei­ne Ab­mah­nung.Mit Schrei­ben vom 29.10.2009, dem Kläger zu­ge­gan­gen am 30.10.2009, sprach die Be­klag­te dem Kläger ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus, ver­bun­den mit dem An­ge­bot nur noch für Re­pa­ra­tur- und Schlos­ser­ar­bei­ten für ein Brut­to­ge­halt von 3.000,00 € tätig zu wer­den un­ter Her­aus­ga­be des dem Kläger über­las­se­nen Fir­men­fahr­zeugs Mar­ke VW Eos. Sämt­li­che Über­stun­den soll­ten mit Ge­halt ab­ge­gol­ten sein. Darüber hin­aus wur­de der Kläger bis zum 30.10.2009 be­ur­laubt und soll­te sei­ne Ar­beit am 02.11.2009 wie­der auf­neh­men. Das An­ge­bot lehn­te der Kläger
- 3 - ab. Am 02.11.2009 trat der Kläger um 6.00 Uhr sei­ne Ar­beit bei der Be­klag­ten an und wur­de auf­ge­for­dert, die frist­lo­se Ände­rungskündi­gung vom 29.10.2009 zu ak­zep­tie­ren, da er sich an­sons­ten ei­ne neue Ar­beit su­chen müsse. Der Kläger be­en­de­te so­dann sei­ne Tätig­keit und such­te sei­nen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten auf, der ihm mit­teil­te, er be­trach­te die außer­or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten als un­wirk­sam. Am 02.11.2009 fand zwi­schen dem Kläger und der Geschäftsführe­rin L1 ein Te­le­fon­gespräch statt, des­sen In­halt eben­falls zwi­schen den Par­tei­en strei­tig ist.
Mit Schrei­ben vom 04.11.2009, dem Kläger am nächs­ten Tag zu­ge­gan­gen, sprach die Be­klag­te ei­ne wei­te­re außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus, die sie aus­weis­lich des Kündi­gungs­schrei­bens auf das Ver­las­sen des Ar­beits­plat­zes am 02.11.2009 stütz­te.Da der Kläger den Dienst­wa­gen nicht her­aus­gab, er­stat­te­te die Be­klag­te am 06.11.2009 Straf­an­zei­ge ge­gen den Kläger. Als die Po­li­zei den Kläger auf­such­te, gab die­ser die Schlüssel für das Dienst­fahr­zeug an die Po­li­zis­ten her­aus, nicht aber das Kraft­fahr­zeug selbst, dies wur­de erst am 13.11.2009 her­aus­ge­ge­ben.
- 4 - Er hat be­an­tragt,
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis durch die schrift­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 29.10.2009, ihm zu­ge­gan­gen am 30.10.2009, nicht frist­los auf­gelöst wor­den ist;2. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis auch nicht durch an­de­re Be­en­di­gungs­tat­bestände en­det, son­dern zu un­veränder­ten Be­din­gun­gen fort­be­steht;3. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die Ab­mah­nung vom 26.10.2009 aus sei­ner Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen;4. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die Ab­mah­nung vom 27.10.2009 aus sei­ner Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen;5. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis durch die schrift­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 04.11.2009, zu­ge­gan­gen am 05.11.2009, nicht frist­los auf­gelöst wor­den ist;6. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die Ab­mah­nung vom 02.11.2009 aus sei­ner Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen.
- 5 - Ab­mah­nung vom 27.09.2009 auf ihr Kündi­gungs­recht ver­zich­tet ha­be. Die Kündi­gung vom 04.11.2009 sei un­wirk­sam, weil der Kläger zu­vor nicht ab­ge­mahnt wor­den sei. Die Ab­mah­nun­gen sei­en aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen, da sie dem Be­stimmt­heits­er­for­der­nis nicht genügten.
- 6 - Ent­schei­dungs­gründe Die Be­ru­fung ist zum Teil un­zulässig, im zulässi­gen Teil aber un­be­gründet.
- 7 - 4. Nach § 64 Abs. 6 ArbGG i.V.m. § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO muss die Be­ru­fungs­be­gründung die Be­zeich­nung der Umstände ent­hal­ten, aus de­nen sich die Rechts­ver­let­zung und de­ren Er­heb­lich­keit für die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung er­gibt. Da­mit soll gewähr­leis­tet sein, dass der Rechts­streit für die Be­ru­fungs­in­stanz aus­rei­chend vor­be­rei­tet wird, in­dem sie den Be­ru­fungsführer anhält, die Be­ur­tei­lung des Streit­falls durch das Ar­beits­ge­richt zu über­prüfen und dar­auf hin­zu­wei­sen, in wel­chen Punk­ten und aus wel­chen das an­ge­foch­te­ne Ur­teil für un­rich­tig ge­hal­ten wird. Da­mit wird bloß for­mel­haf­ten Be­ru­fungs­be­gründun­gen ent­ge­gen­ge­wirkt und ei­ne Be­schränkung des Rechts­streits im Be­ru­fungs­ver­fah­ren er­reicht. Die Be­ru­fungs­be­gründung muss auf den je­wei­li­gen Streit­fall zu­ge­schnit­ten sein und im Ein­zel­nen er­ken­nen las­sen, in wel­chen Punk­ten tatsäch­li­cher oder recht­li­cher Art so­wie aus wel­chen Gründen der Be­ru­fungskläger das an­ge­foch­te­ne Ur­teil für un­rich­tig hält. Ei­ne schlüssi­ge, recht­lich halt­ba­re Be­gründung ist je­doch nicht er­for­der­lich. Die Be­ru­fungs­be­gründung muss sich al­so mit den recht­li­chen oder tatsächli­chen Ar­gu­men­ten des an­ge­foch­te­nen Ur­teils be­fas­sen, wenn es die­se bekämp­fen will (vgl. zu­letzt BAG Ur­teil vom 08.10.2008 5 AZR 526/07 NZA 2008, S. 1429, 1430).
- 10 - 12. Aufl. 2007, § 113 Rn 8; Münche­ner Hand­buch Ar­beits­recht – Krau­se, 3. Aufl. 2009, § 60 Rn. 10; HWK-Thüsing, 4. Auf­la­ge 2010, § 611 BGB Rn 89; ErfK-Preis, 10. Aufl. 2011, § 611 BGB Rn. 523; zur Wei­ter­beschäfti­gungs­ver­pflich­tung vgl. LAG Ba­den-Würt­tem­berg Be­schluss vom 30.06.2010 19 Sa 22/10 Beck-RS 2010, 71928). Ist die Kündi­gung of­fen­sicht­lich un­wirk­sam, be­steht ei­ne ho­he Wahr­schein­lich­keit dafür, dass der Kläger im Pro­zess ob­siegt und er des­we­gen An­spruch auf die wei­te­re Zur­verfügung­stel­lung des Fahr­zeugs hat. In die­sem Fal­le wäre es un­bil­lig, dem Kläger le­dig­lich ei­nen fi­nan­zi­el­len Aus­gleich für den Zeit­raum des Ent­zugs des Fahr­zeugs zu­zu­er­ken­nen.
- 11 - Bei der Kündi­gung han­delt es sich nach dem Pro­gno­se­prin­zip nicht um ei­ne Sank­ti­on für Ver­trags­pflicht­ver­let­zun­gen, son­dern sie soll für die Zu­kunft Ri­si­ken wei­te­rer Pflicht­ver­let­zun­gen ver­mei­den. Des­we­gen muss sich die Pflicht­ver­let­zung auch noch in der Zu­kunft be­las­tend aus­wir­ken (vgl. BAG Ur­teil vom 12.01.2006 2 AZR 179/05 AP KSchG 1969, § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 54; Ur­teil vom 21.11.1996 2 AZR 397/95 AP BGB § 626 Nr. 130). Von ei­ner ne­ga­ti­ven Pro­gno­se kann aus­ge­gan­gen wer­den, wenn aus der kon­kre­ten Ver­trags­pflicht­ver­let­zung und der dar­aus re­sul­tie­ren­den Ver­tragsstörung ge­schlos­sen wer­den kann, der Ar­beit­neh­mer könne den Ar­beits­ver­trag auch nach ei­ner Kündi­gungs­an­dro­hung er­neut oder in glei­cher oder in ähn­li­cher Wei­se ver­let­zen (vgl. BAG Ur­teil vom 12.01.2006 2 AZR 192/05 AP KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 154; Ur­teil vom 12.01.2006 2 AZR 179/05 AP KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 154). Des­halb setzt ei­ne Kündi­gung we­gen ei­ner Ver­trags­pflicht­ver­let­zung re­gelmäßig ei­ne Ab­mah­nung vor­aus (vgl. § 314 Abs. 2 BGB), die der Ob­jek­ti­vie­rung der ne­ga­ti­ven Pro­gno­se dient. Liegt ei­ne ord­nungs­gemäße Ab­mah­nung vor und ver­letzt der Ar­beit­neh­mer er­neut sei­ne ver­trag­li­chen Pflich­ten, kann re­gelmäßig da­von aus­ge­gan­gen wer­den, es wer­de auch in Zu­kunft zu wei­te­ren Ver­tragsstörun­gen kom­men. Da­mit ist die Ab­mah­nung nicht nur Aus­druck des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes, son­dern zu­gleich ein not­wen­di­ger Be­stand­teil der An­wen­dung des Pro­gno­se­prin­zips. Da­her hätte die Be­klag­te hier auch zunächst ei­ne Ab­mah­nung aus­spre­chen müssen, um ih­re Pro­gno­se zu stützen (vgl. LAG München Ur­teil vom 21.09.2007 7 Sa 1255/06 Beck-RS 2009, 61609). We­gen des Kläger ge­mach­ten Vor­wurfs war er je­den­falls vor­her nicht in Er­schei­nung ge­tre­ten. Er konn­te auch nicht da­mit rech­nen, die Be­klag­te wer­de we­gen der Nicht­her­aus­ga­be des Fir­men­fahr­zeugs frist­los kündi­gen.
- 12 - Gläubi­ger der Ar­beits­leis­tung weist er den Ar­beit­neh­mer als sei­nen Schuld­ner auf des­sen ver­trag­li­che Pflich­ten hin und macht ihn auf die Ver­let­zung die­ser Pflich­ten auf­merk­sam. Zu­gleich for­dert er ihn für die Zu­kunft zu ei­nem ver­trags­treu­en Ver­hal­ten auf und kündigt in­di­vi­du­al­recht­li­che Kon­se­quen­zen für den Fall ei­ner er­neu­ten Pflicht­ver­let­zung an (vgl. BAG Ur­teil vom 23.06.2009 2 AZR 606/08 NZA 2009 S. 1011 ff.). Ei­ne sol­che miss­bil­li­gen­de Äußerung des Ar­beit­ge­bers in Form ei­ner Ab­mah­nung kann den Ar­beit­neh­mer in sei­nem be­ruf­li­chen Fort­kom­men und sei­nem Persönlich­keits­recht be­ein­träch­ti­gen. Dar­in liegt der Grund, war­um der Ar­beit­neh­mer die Be­sei­ti­gung die­ser Ab­mah­nung ver­lan­gen kann, wenn die Ab­mah­nung for­mell nicht ord­nungs­gemäß zu­stan­de ge­kom­men ist, un­rich­ti­ge Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen enthält, auf ei­ner un­zu­tref­fen­den recht­li­chen Be­wer­tung des Ver­hal­tens des Ar­beit­neh­mers be­ruht, den Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit ver­letzt oder kein schutzwürdi­ges In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers am Ver­bleib der Ab­mah­nung in der Per­so­nal­ak­te mehr be­steht (vgl. zum Gan­zen BAG Ur­teil vom 23.06.2009 2 AZR 606/08 NZA 2009, S. 1011ff.).
- 13 - Die Be­klag­te hat gemäß § 97 ZPO die Kos­ten ih­res er­folg­lo­sen Rechts­mit­tels zu tra­gen.Ein An­lass, die Re­vi­si­on zu­zu­las­sen, ist nicht er­sicht­lich.
Ger­retz Herr­mann Wolf/B.	m.hensche.de
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References: § 64
 § 520
 § 113
 § 60
 § 611
 § 611
 § 1
 § 626
 § 1
 § 1
 § 314
 § 97