Source: http://www.rwj-online.de/rwj/forschungsstelle/wildschadenverhutung/lieber-vorbeugen-als-zahlen_6_600.html
Timestamp: 2018-04-19 23:20:27+00:00

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Der Begriff Wildschaden ist aus Sicht des wirtschaftenden Menschen formuliert und kennzeichnet gewissermaßen die Auswirkungen tierlichen Verhaltens auf den Wald unter dem Gesichtspunkt einer wirtschaftlichen Schädigung. Schaden kann nur eintreten, wenn auch ein Bewirtschaftungsziel definiert ist: Schälschäden an Fichten sind in der Forst wirtschaft normalerweise ein Problem. Die gleichen Schäden sind dagegen in Nationalparks, wo die Umwandlung von Fichtenbeständen in naturnahe Laubwald-Ökosysteme unter Berücksichtigung der naturnahen Dynamik liegt, der Gesamtentwicklung eher förderlich!
Beim Verbiss gibt es ähnliche Fälle – in Buchenbeständen, die natürlich verjüngt werden sollen, kann starker Verbiss von Bergahorn, der in der Regel früher aufläuft, forstlich durchaus erwünscht sein, da frühe Bergahornnaturverjüngung die Vermehrung der erst später ankommenden Buche deutlich verzögern kann. Aus ökologischer Sicht ist es wichtig, dass Bergahorne mitwachsen.
Wildschäden weisen zuallererst auf gestörte Umweltbeziehungen hin. Wild ist damit nicht die alleinige oder hauptsächliche Ursache, sondern weist uns durch sein Verhalten auf Mängel im Lebensraum hin. Ausgehend vom Wildverhalten lassen sich zwei wesentliche Ursachenkomplexe für die Entstehung von Wildschäden nennen:
1. Änderungen der Raumnutzung und hohe Wild-Konzentration in äsungsarmen oder deckungsreichen Räumen:
Wesentliche Ursachen dafür sind zunehmende Zersplitterung und Einengung von Wildlebensräumen durch fortschreitende Landschaftsnutzung, v. a. den Bau von Siedlungen, Gewerbegebieten und Verkehrswegen. Hinzu kommen Störungen in verbliebenen Lebensräumen durch unmittelbare Auswirkungen des Menschen durch Tourismus, Freizeitaktivitäten, aber auch nicht sachgerechte Jagdausübung.
2. Überhöhte Schalenwildbestände und Fehler bei der Wildbewirtschaftung:
Jagd bedeutet immer einen Eingriff in Bestände, aber auch in Sozialgefüge – zu geringe Strecken oder Fehler in der Bejagungsstruktur lassen Wildbestände über das tragbare Maß hinaus ansteigen, hoher Jagddruck schränkt den verfügbaren Lebensraum erheblich ein.
Auch der Lebensraum hat Auswirkungen auf die Wildschadenanfälligkeit – im Wald wird sie durch forstliche Maßnahmen mitbestimmt, während ein geringes Bewaldungsprozent und kleinflächige Waldverteilung als Belastungsfaktoren von außen hinzukommen.
Generell wildschadenanfällig sind Wälder, in denen die Funktionen von Äsung und Deckung getrennt sind wie sichtdichte, aber äsungslose Fichtenbestände, die besonders schälanfällig sind. Generell sind eine gleichmäßige Verteilung von Äsung und Deckung und damit eine gleichmäßige Verteilung des Wildes wildschadenmindernd.
Großflächige Monotonie ist wildschadenbegünstigend – Beispiel dafür ist die Verjüngung auf großflächigen Sturmwurfen, etwa nach Kyrill.
Aktuell zeigt sich anschaulich auch die Notwendigkeit des Engagements vor Ort. Die von der Forschungsstelle empfohlene Schwerpunktbejagung braucht bestimmte organisatorische Voraussetzungen – und vor allem Jägerinnen und Jäger, die mit dem Gebiet vertraut sind.
Die rechtlichen Grundlagen zur Wildschadenerstattung sind im Bürgerlichen Gesetzbuch geregelt. Grundsätzlich ist der Geschädigte so zu stellen, als seien die Schäden gar nicht eingetreten.
Aus § 1 Bundesjagdgesetz folgt, dass die berechtigten Ansprüche der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft Vorrang vor jagdlichen Interessen haben.
Nach § 1 Abs. 2 BJG ist das Ziel „die Erhaltung eines den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten artenreichen und gesunden Wildbestandes“ sowie die Pflege und Sicherung seiner Lebensgrundlagen …
Die Hege muss so durchgeführt werden, „dass Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung, insbesondere Wildschäden, möglichst vermieden werden“. Wildschadenverhütung hat generell Vorrang vor Wildschadenersatz.
Ersatzberechtigt ist stets der Nutzungsberechtigte, der die Fläche bewirtschaftet. Die Schadenersatzpflicht ist in § 29 BJG geregelt. Danach muss im gemeinschaftlichen Jagdbezirk die Jagdgenossenschaft den Wildschaden ersetzen und im Eigenjagdbezirk dessen Besitzer. In der Regel wird diese Pflicht aber auf den Jagdausübungsberechtigten übertragen.
Zu ersetzen sind generell Schäden, die durch Schalenwild, Wildkaninchen und Fasane entstanden sind (§ 29 BJG). Werden neben Hauptholzarten andere Arten eingebracht, sind diese zu schützen. Das Landesjagdgesetz wird nachfolgend wörtlich zitiert.
§ 33 Schutzvorrichtungen (LJG) (zu § 32 Abs. 2 BJG)
(1) Werden neben den im Jagdbezirk vorkommenden Hauptholzarten andere zur Anlage von Mischkulturen geeignete Holzarten in Forstkulturen eingebracht und sind übliche Schutzvorrichtungen nicht hergestellt worden, so sollen die Beteiligten im Pachtvertrag Vereinbarungen über die Abgeltung des Wildschadens oder die Beteiligung des Pächters an der Errichtung von üblichen Schutzvorrichtungen treffen. Als geeignete Holzarten im Sinne des Satzes 1 gelten: Buche, Eiche, Roteiche, Ahorn, Esche, Kiefer, Lärche, Fichte und Douglasie unter der Voraussetzung, dass der Anteil der eingebrachten anderen geeigneten Holzarten an der Gesamtfläche der Forstkultur mindestens 20 v. H. beträgt. Einigen sich die Beteiligten nicht, so ist der Wildschaden, der an Forstkulturen im Sinne der Sätze 1 und 2 an den Hauptholzarten und den anderen geeigneten Holzarten entsteht, zu ersetzen. Die Ersatzpflicht entfällt, wenn der Jagdausübungsberechtigte wenigstens drei Monate vor Beginn des neuen Jagdjahres die Materialkosten für die üblichen Schutzvorrichtungen übernommen hat … Das Ministerium wird ermächtigt, nach Anhörung des zuständigen Ausschusses des Landtags durch Rechtsverordnung zu bestimmen, welche Schutzvorrichtungen als üblich anzusehen sind.
Die Schutzvorrichtungen sind im § 37 der Durchführungsverordnung im Landesjagdgesetz NRW definiert.
Für die Geltendmachung des Schadens sind bestimmte Fristen zu beachten. Wichtige Stichtage für Waldbauern sind der 1. Mai und der 1. Oktober – die Anmeldung der Schäden bei der Gemeinde ist Voraussetzung zur Wahrung des Anspruchs – und schließt eine spätere gütliche Einigung nicht aus.
Nach § 36 LJG bestellt die Untere Jagdbehörde als Schätzer zur Abschätzung von Wild- und Jagdschäden an Forstpflanzen Forstsachverständige.
Das Vorverfahren (§ 35 LJG) dient der Feststellung des Sachverhaltes. Dabei müssen geschädigte Fläche, Lage und Zeit, geschädigte Pflanzen und Wildart eindeutig dokumentiert werden. Kommt es zu keiner gütlichen Einigung, sind diese Daten später auch Grundlage für ein Gerichtsverfahren.
Notwendig ist in jedem Fall auch, die Wildart festzuhalten – aktuell entsteht jedoch der Eindruck, dass in einigen Fällen Erfahrungen des Unmöglichen wieder neu gemacht werden. Auch wenn das Gesetz nur von Schalenwild spricht, reicht dies nicht in allen Fällen aus – so sind Verbiss- und Schälspuren von Hauswiederkäuern durchaus ähnlich, und Fälle, in denen Rindergruppen Forstkulturen verbeißen, kommen durchaus vor. Aktuell spielt im Süden von NRW die Unterscheidung von Rotwild- und Wisentschäle eine Rolle.
Schalenwild rupft Triebe ab – wo dies nicht möglich ist (etwa bei stärkeren Ästen), werden diese mit den Backenzähnen seitlich abgekaut. Hasen und Kaninchen schneiden die Triebe gewissermaßen ab, so dass die Schnittstelle aussieht wie mit einem Taschenmesser abgeschnitten.
Verbisszeichen geben erste Hinweise auf die Verursacher, ähnlich lassen sich auch Schälschäden ansprechen.
Fege- und Schlagschäden spielen in Sonderfällen eine Rolle: Fegeschäden entstehen durch das Fegen des Geweihs, um den Bast von den Stangen zu entfernen, bei der Markierung der Territoriumsgrenzen von Böcken. Schlagschäden entstehen, wenn Bäume als Kampfpartner zum Schlagen gewählt werden. Böcke nutzen dazu gerne besondere, nur in geringem Anteil vorhandene Holzarten.
Nicht jeder Verbiss und jede Schäle ist gleichzeitig auch ein Schaden. Die Diagnoseschemata zur Verbissbeurteilung und zur Beurteilung von Schäden geben einen ersten Hinweis.
Wildschadenverhütung und praktische Empfehlung
Wildschadenverhütung im näheren Sinn umfasst technische Schutzmaßnahmen. Technische Einzelheiten sind dem Umdruck Verhütung von Wildschäden im Walde – Aufgabe für Waldbesitzer, Forstleute und Jäger, der kostenfrei bei der Forschungsstelle bezogen werden kann, zu entnehmen.
Technische Schutzmaßnahmen sind mit einer Krücke zu vergleichen – genau wie der Orthopäde nach Fußverletzungen Gehhilfen verordnet, damit die Verletzung bei geringer Belastung ausheilt, jedoch davon abrät, immer auf Krücken zu setzen (womit langfristig die Fähigkeit zum Gehen bei Gesunden eher beeinträchtigt wird), dienen technische Schutzmaßnahmen sowohl der Wildschadenverhütung als auch der Entschärfung örtlicher oder zeitlicher Probleme. Beispiel dafür sind kleinflächige Einzäunungen besonders gefährdeter Kulturen oder chemischer Verbissschutz. Schälschadenverhütung ist gewissermaßen eine Versicherungsprämie – gerade bei der Schäle ist die Entwicklung sehr schwer vorhersehbar, eine ordentliche Vorbeugung sorgt dafür, dass Überraschungen erst gar nicht eintreten.
Wesentlich sind stets die Balance zwischen Wildbestand und Lebensraum und ein Gesamtkonzept.
Wildschäden im Wald haben vielfältige Ursachen, eine Quadratur des Kreises ist nicht möglich – Pachtpreismaximierung, Tourismusschwerpunkt und Wildschadenminimierung auf derselben Fläche können also nicht gelingen.
Aktuell entsteht jedoch der Eindruck, dass die Erfahrung des Unmöglichen wieder neu gemacht werden muss. Dabei muss der Waldbau seine Interessen bereits im Vorfeld einbringen. Entscheidend ist die Einsicht, dass die eigentliche Ursache nicht beim Wild liegt, sondern in vom Mensch gesetzten Rahmenbedingungen. Wildschadenverhütung erfordert vor Ort eine umfassende Abstimmung aller Interessen, das Gesetz bietet da gewissermaßen die Leitplanken, zwischen denen eine sachgerechte Lösung aller Betroffenen und Beteiligten gefunden werden sollte. Eine solche Balance der Interessen – und damit auch zwischen Wild und Lebensraum, kommt letztlich allen Beteiligten zugute.
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung, Pützchens Chaussee 228,
53229 Bonn, Tel. 0228/977550,
RWJ_0214_Forschungsstelle

References: § 1
 § 1
 § 29

§ 33
 § 32
 § 37
 § 36