Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-finanzierung-des-gebrauchtwagenkaufs-und-die-unionsrechtswidrige-muster-widerrufsbelehrung-3202742
Timestamp: 2020-06-06 15:32:04+00:00

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So in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall: In den fort­lau­fend pagi­nier­ten und dem Käu­fer zur Ver­fü­gung gestell­ten Ver­trags­un­ter­la­gen wird er sowohl auf Sei­te 3 unter der Rubrik "Ande­re wich­ti­ge recht­li­che Aspek­te" als auch auf Sei­te 4 deut­lich auf das ihm nach § 495 BGB zuste­hen­de Wider­rufs­recht hin­ge­wie­sen. Die Wider­rufs­in­for­ma­ti­on selbst befin­det sich auf Sei­te 7 der Ver­trags­un­ter­la­gen und ist durch die Über­schrift "Wider­rufs­in­for­ma­ti­on" und wei­te­re in Fett­druck gehal­te­ne Zwi­schen­über­schrif­ten her­vor­ge­ho­ben und deut­lich gestal­tet. Sie ent­spricht, was der Bun­des­ge­richts­hof durch einen Ver­gleich selbst fest­stel­len kann [1], dem Mus­ter in Anla­ge 7 zu Art. 247 § 6 Abs. 2 und § 12 Abs. 1 EGBGB aF. Dass die Bank den Ver­brau­cher direkt ange­spro­chen hat, ist aus­weis­lich der ers­ten Stern­chen­fuß­no­te zum gesetz­li­chen Mus­ter eben­so zuläs­sig wie die vor­ge­nom­me­nen Abwei­chun­gen hin­sicht­lich For­mat und Schrift­grö­ße (Art. 247 § 6 Abs. 2 Satz 5 EGBGB). Dies gilt auch für die Anwen­dung der Gestal­tungs­hin­wei­se 2, 2a, 6, 6a, 6b, 6c, 6f und 6g. Dass es sich bei dem Dar­le­hens­ver­trag, dem Kauf­ver­trag und den bei­den Raten­schutz­ver­si­che­run­gen um ver­bun­de­ne Ver­trä­ge nach § 358 BGB gehan­delt hat, hat die Bank genau bezeich­net, so dass eine Wie­der­ho­lung in der Wider­rufs­in­for­ma­ti­on nach dem drit­ten Stern­chen­hin­weis in dem Mus­ter in Anla­ge 7 zu Art. 247 § 6 Abs. 2 und § 12 Abs. 1 EGBGB aF ent­behr­lich war.
Für den Erhalt der Gesetz­lich­keits­fik­ti­on ist es auch unschäd­lich, dass die Bank in der Wider­rufs­in­for­ma­ti­on den pro Tag zu zah­len­den Zins­be­trag mit "0, 00 Euro" ange­ge­ben hat. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat, ver­steht ein nor­mal infor­mier­ter, ange­mes­sen auf­merk­sa­mer und ver­stän­di­ger Ver­brau­cher, auf den abzu­stel­len ist [3], die kon­kre­te Anga­be des zu zah­len­den Zins­be­trags mit 0,00 € dahin, dass die finan­zie­ren­de Bank auf einen etwai­gen ihr nach § 357a Abs. 3 Satz 1 BGB zuste­hen­den Zins­an­spruch ver­zich­tet [4]. Die­ses weil ihm güns­tig unbe­denk­li­che Ange­bot hat der Käu­fer durch Unter­zeich­nung des Dar­le­hens­ver­trags ange­nom­men. Nach § 361 Abs. 2 Satz 1 BGB darf von den halb­zwin­gen­den gesetz­li­chen Rege­lun­gen über die Wider­rufs­fol­gen zu Guns­ten des Ver­brau­chers abge­wi­chen wer­den [5]. Die­se Abwei­chung lässt sowohl die Ord­nungs­ge­mäß­heit der Wider­rufs­in­for­ma­ti­on als auch die Gesetz­lich­keits­fik­ti­on nach Art. 247 § 6 Abs. 2 Satz 3 EGBGB aF unbe­rührt, weil sie den Ver­brau­cher ledig­lich begüns­tigt und das vom Gesetz­ge­ber mit der Gesetz­lich­keits­fik­ti­on ver­folg­te Ziel der Schaf­fung von Rechts­klar­heit und Rechts­si­cher­heit bei den Anwen­dern [6] nicht beein­träch­tigt.
Der Anwen­dung der Gesetz­lich­keits­fik­ti­on steht das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 26.03.2020 [7] nicht ent­ge­gen, in dem der Gerichts­hof ent­schie­den hat, Art. 10 Abs. 2 Buchst. p der Richt­li­nie 2008/​48/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 23.04.2008 über Ver­brau­cher­kre­dit­ver­trä­ge und zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 87/​102/​EWG des Rates [8] sei dahin aus­zu­le­gen, dass er dem ent­ge­gen­ste­he, dass ein Kre­dit­ver­trag hin­sicht­lich der in Art. 10 die­ser Richt­li­nie genann­ten Anga­ben auf eine natio­na­le Vor­schrift ver­wei­se, die selbst auf wei­te­re Rechts­vor­schrif­ten des betref­fen­den Mit­glied­staats ver­wei­se. Dies betrifft den in dem Mus­ter in Anla­ge 7 zu Art. 247 § 6 Abs. 2 und § 12 Abs. 1 EGBGB aF ent­hal­te­nen Ver­weis auf § 492 Abs. 2 BGB in Kom­bi­na­ti­on mit der bei­spiel­haf­ten Auf­zäh­lung von Pflicht­an­ga­ben nach Art. 247 § 6 Abs. 1 EGBGB, der auf der Grund­la­ge des Urteils des Gerichts­hofs [9] nicht "in kla­rer, prä­gnan­ter Form über die Frist und die ande­ren Moda­li­tä­ten für die Aus­übung des Wider­rufs­rechts" infor­mie­ren wür­de.
Im Übri­gen nimmt der Bun­des­ge­richts­hof Bezug auf sei­ne Urtei­le vom 05.11.2019 sowie auf sei­nen Beschluss vom 11.02.2020 [17]. Das erneu­te Vor­ab­ent­schei­dungs­ge­such des Ein­zel­rich­ters des Land­ge­richts Ravens­burg [18] ver­mag eine Aus­set­zung nicht zu recht­fer­ti­gen, weil die von dem Ein­zel­rich­ter in sei­nem Vor­ab­ent­schei­dungs­ge­such [19] wie auch bereits in dem vor­an­ge­gan­ge­nen Vor­ab­ent­schei­dungs­ge­such des Ein­zel­rich­ters des Land­ge­richts Ravens­burg [20] auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen ange­sichts des Wort­lauts, der Rege­lungs­sys­te­ma­tik und des Rege­lungs­zwecks der Ver­brau­cher­kre­dit­richt­li­nie der­art offen­kun­dig zu beant­wor­ten sind, dass für ver­nünf­ti­ge Zwei­fel kein Raum bleibt ("acte clair") [21]. Die von dem Ein­zel­rich­ter in sei­nem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen vom 05.03.2020 [19] auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen zum Ein­wand der Ver­wir­kung und des Rechts­miss­brauchs gegen­über der Aus­übung des Wider­rufs­rechts des Ver­brau­chers stel­len sich nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs vor­lie­gend nicht. Ent­ge­gen der Ansicht des Ein­zel­rich­ters des Land­ge­richts Ravens­burg in die­sem (erneu­ten) Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen, bei dem er nach § 348a Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO ver­fah­ren muss, besteht ein zulas­sungs­re­le­van­ter Mei­nungs­streit zum Ein­wand der Ver­wir­kung und des Rechts­miss­brauchs beim Wider­ruf von Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trä­gen jeden­falls seit den grund­le­gen­den Urtei­len des Bun­des­ge­richts­hofs vom 12.07.2016 [22] nicht mehr (§ 543 Abs. 2 Nr. 1 ZPO) [23].
vgl. nur BGH, Urtei­le vom 23.02.2016 – XI ZR 101/​15, BGHZ 209, 86 Rn. 32 ff.; und vom 05.11.2019 – XI ZR 650/​18, WM 2019, 2353 Rn. 21 mwN, zur Ver­öf­fent­li­chung in BGHZ vor­ge­se­hen; EuGH, Urteil vom 11.09.2019 – C‑143/​18, "Roma­no", WM 2019, 1919 Rn. 54[↩]
EuGH, Urteil vom 26.03.2020 – C‑66/​19, "Kreis­spar­kas­se Saar­lou­is"[↩][↩]
EuGH, Urteil vom 26.03.2020 C‑66/​19, "Kreis­spar­kas­se Saar­lou­is"[↩]
EuGH, Urteil vom 16.06.2005 [Gro­ße Kam­mer] – C‑105/​03, "Pupi­no", Slg. 2005, I‑5285 Rn. 47; Urteil vom 04.07.2006 [Gro­ße Kam­mer] – C‑212/​04, "Ade­neler", Slg. 2006, I‑6057 Rn. 110; Urteil vom 15.04.2008 [Gro­ße Kam­mer] – C‑268/​06, "Impact", Slg. 2008, I‑2483 Rn. 100, 103; Urteil vom 24.01.2012 [Gro­ße Kam­mer] – C‑282/​10, "Dom­in­guez", NJW 2012, 509 Rn. 25; Urteil vom 22.01.2019 [Gro­ße Kam­mer] – C‑193/​17, "Cres­co Inves­ti­ga­ti­on", NZA 2019, 297 Rn. 74; Urteil vom 08.05.2019 – C‑486/​18, "Pra­x­air MRC", NZA 2019, 1131 Rn. 38; Urteil vom 11.09.2019 – C‑143/​18, "Roma­no", WM 2019, 1919 Rn. 38; BVerfG, WM 2012, 1179, 1181; BGH, Urteil vom 15.10.2019 – XI ZR 759/​17, WM 2019, 2164 Rn. 22 mwN[↩]
vgl. EuGH, Slg. 1982, 3415 Rn. 16 "C.I.L.F.I.T."; Slg. 2005, I‑8151 Rn. 33 "Inter­mo­dal Trans­ports"; BVerfG, WM 2015, 525, 526; BGH, Urtei­le vom 12.09.2017 – XI ZR 590/​15, BGHZ 215, 359 Rn. 36; und vom 18.06.2019 – XI ZR 768/​17, WM 2019, 2153 Rn. 69[↩]
vgl.nur EuGH, Urteil vom 02.05.1996, "Palet­ta" – C‑206/​94, Slg. 1996, I2357 Rn. 25; Urteil vom 21.07.2011, "Oguz" – C‑186/​10, Slg. 2011, I‑6957 Rn. 25 mwN; BVerfG aaO[↩]

References: § 495
 Art. 247
 § 6
 § 12
 § 6
 § 358
 Art. 247
 § 6
 § 12
 § 357
 § 361
 Art. 247
 § 6
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 247
 § 6
 § 12
 § 492
 Art. 247
 § 6
 § 348