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Timestamp: 2017-11-20 03:40:01+00:00

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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III - Kap. 3 [a]
3tes Kapitel.
[a] Von den Veränderungen des Zeitmasses.
[c] Von der Anwendung des Ritardando und Accelerando.
<24> § 1. Wir kommen nun auf das Dritte, und beinahe wichtigste Mittel des Vortrags, nämlich auf die mannigfachen Veränderungen des vorgeschriebenen Tempo's durch das rallentando und accelerando (Zurückhalten und Beschleunigen.)
§ 2. Dass die Zeit eben so unendlich theilbar ist, wie die Kraft, haben wir schon oben bemerkt. Nun muss zwar allerdings jedes Tonstück in dem, vom Autor vorgeschriebenen und vom Spieler gleich Anfangs festgesetzten Tempo, so wie auch überhaupt streng im Takte und in niemalsschwankender Bewegung bis an's Ende vorgetragen werden. Aber diesem unbeschadet, kommen sehr oft, fast in jeder Zeile, einzelne Noten oder Stellen vor, wo ein kleines, oft kaum bemerkbares Zurückhalten oder Beschleunigen nothwendig ist, um den Vortrag zu verschönern und das Interesse zu vermehren.
§ 3. Dieses theilweise Abweichen mit dem festen Halten des Zeitmasses auf eine geschmackvolle und verständliche Art zu vereinigen, ist die grosse Kunst des guten Spielers, und nur durch ein feingebildetes Gefühl, grosse aufmerksame Übung, und durch Anhören guter Künstler auf allen Instrumenten, besonders aber grosser Sänger, zu gewinnen.
§ 4. Nicht nur jedes ganze Tonstück, sondern jede einzelne Stelle drückt entweder wirklich irgendeine bestimmte Empfindung aus, oder erlaubt wenigstens, eine solche durch den Vortrag hineinzulegen.
Solche allgemeine Empfindungen können sein:
Sanfte Überredung, leise Zweifel, oder unschlüssiges Zaudern, zärtliche Klage, ruhige Hingebung, Übergang aus einem aufgeregten Zustande in einen ruhigen, überlegende oder nachdenkende Ruhe, Seufzer und Trauer, Zulispeln eines Geheimnisses, Abschiednehmen; und unzählige andere Zustände dieser Art.
Derjenige Spieler, dem die mechanischen Schwierigkeiten des Tonstücks nicht mehr im Wege stehen, wird leicht diejenigen, (oft nur aus einigen einzelnen Noten bestehenden) Stellen ausfinden, wo eine solche Empfindung entweder im Willen des Compositeurs lag, oder schicklicherweise ausgedrückt werden kann. Und in solchen Fällen ist ein kleines Zurückhalten (calando, smorzando, etc:) meistens wohl angebracht, indem es widersinnig wäre, da ein Drängen und Treiben des Zeitmasses anzuwenden.
§ 5. Andere Stellen können dagegen andeuten:
Plötzliche Munterkeit, eilende oder neugierige Fragen, Ungeduld, Unmuth und ausbrechenden Zorn, kräftigen Entschluss, unwillige Vorwürfe, Übermuth und Laune, furchtsames Entfliehen, plötzliche Überraschung, Übergang aus einem ruhigen Zustand in einen aufgeregten, u.s.w. In solchen Fällen ist das Drängen und Eilen des Tempo, (accelerando, stringendo, etc:) naturgemäss, und an seinem Platze.
§ 6. Allein wenn auch der Spieler diese Empfindungen richtig aufzufassen und zu errathen vermag; so liegt die Hauptsache doch darin, dass er deren Anwendung ja nicht übertreibe, und alle diese Vortrags-Mittel nicht bis zum Überfluss vergeude, weil sonst leicht die schönste Stelle verzerrt und unverständlich erscheinen kann.

References: § 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6