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Timestamp: 2020-03-28 07:44:47+00:00

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Der Ex-Poli­ti­ker als Rich­ter am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – und die Spät­fol­gen | Rechtslupe
Der Ex-Poli­ti­ker als Rich­ter am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – und die Spät­fol­gen
Der Zwei­te Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat beschlos­sen, dass über eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen das Ver­bot der geschäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung (§ 217 StGB) wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit ohne Mit­wir­kung von Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter Mül­ler zu ent­schei­den ist.
Maß­stab für eine der­ar­ti­ge Besorg­nis ist nicht, ob ein Rich­ter tat­säch­lich par­tei­lich oder befan­gen ist, son­dern ob Ver­fah­rens­be­tei­lig­te bei ver­nünf­ti­ger Wür­di­gung aller Umstän­de Anlass haben kön­nen, an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit des Rich­ters zu zwei­feln. Eine sol­che Kon­stel­la­ti­on liegt hier vor, denn bei einer Gesamt­be­trach­tung hat sich Rich­ter Mül­ler in sei­ner vor der Wahl zum Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus­ge­üb­ten Funk­ti­on als Minis­ter­prä­si­dent in einer kla­ren inhalt­li­chen, das nun­mehr anhän­gi­ge Ver­fah­ren unmit­tel­bar betref­fen­den Art und Wei­se posi­tio­niert und einen Gesetz­ent­wurf in den Bun­des­rat ein­ge­bracht, der in wei­ten Tei­len mit der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Geset­zes­fas­sung über­ein­stimmt.
Nach den gesetz­li­chen Vor­ga­ben wird durch Los ein Rich­ter als Ver­tre­ter bestimmt.
Ver­fas­sungs­be­schwer­de und Rich­terab­leh­nung
Die Stel­lung­nah­me des abge­lehn­ten Rich­ters
Vor­be­fas­sung
Befan­gen­heit
Sach­ver­halt[↑]
Der Beschwer­de­füh­rer ist ein Ster­be­hil­fe­ver­ein, der unter ande­rem den Zweck ver­folgt, Mit­glie­dern, die aus dem Leben schei­den wol­len, einen beglei­te­ten Sui­zid zu ermög­li­chen. Sei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de rich­tet sich gegen § 217 Straf­ge­setz­buch (StGB) in der Fas­sung des Geset­zes zur Straf­bar­keit der geschäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung vom 03.12 2015 1. Die Vor­schrift lau­tet:
§ 217 Geschäfts­mä­ßi­ge För­de­rung der Selbst­tö­tung
(1) Wer in der Absicht, die Selbst­tö­tung eines ande­ren zu för­dern, die­sem hier­zu geschäfts­mä­ßig die Gele­gen­heit gewährt, ver­schafft oder ver­mit­telt, wird mit Frei­heits­stra­fe bis zu drei Jah­ren oder mit Geld­stra­fe bestraft.
(2) Als Teil­neh­mer bleibt straf­frei, wer selbst nicht geschäfts­mä­ßig han­delt und ent­we­der Ange­hö­ri­ger des in Absatz 1 genann­ten ande­ren ist oder die­sem nahe­steht.
Der Beschwer­de­füh­rer lehnt den Rich­ter Mül­ler wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit ab.
In einer Kan­zel­re­de, die er am 9.12 2001 in der evan­ge­li­schen Chris­tus­kir­che in Dor­ma­gen hielt, bekann­te sich Rich­ter Mül­ler, damals Minis­ter­prä­si­dent des Saar­lands, zum Grund­satz der "Nicht­ver­füg­bar­keit des Lebens", lehn­te akti­ve Ster­be­hil­fe ab und for­der­te zugleich mehr Beglei­tung und Hil­fe für Ster­ben­de.
Am 7.03.2006 fand ein Tref­fen der saar­län­di­schen Lan­des­re­gie­rung unter Vor­sitz des Minis­ter­prä­si­den­ten Mül­ler mit Ver­tre­tern der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land und der Evan­ge­li­schen Kir­che der Pfalz statt. Eine anschlie­ßen­de Pres­se­er­klä­rung gab das Ergeb­nis des Tref­fens wie folgt wie­der: "Ein­mü­tig ver­ur­tei­len Land und Kir­chen die mit der in Nie­der­sach­sen erfolg­ten Grün­dung des Ver­eins ‚Digni­tas Deutsch­land‘ ein­her­ge­hen­de geschäfts­mä­ßi­ge För­de­rung der Selbst­tö­tung. Gemein­sam mit Thü­rin­gen will das Saar­land nach Grün­dung des Ver­eins gegen die Zulas­sung sol­cher akti­ven Ster­be­hil­fe vor­ge­hen und für die Schaf­fung eines ent­spre­chen­den Straf­tat­be­stan­des ein­tre­ten".
Mit Schrei­ben an den Bun­des­rats­prä­si­den­ten vom 27.03.2006 über­sand­te Minis­ter­prä­si­dent Mül­ler den von Saar­land, Hes­sen und Thü­rin­gen getra­ge­nen Ent­wurf eines Geset­zes zum Ver­bot der geschäfts­mä­ßi­gen Ver­mitt­lung von Gele­gen­hei­ten zur Selbst­tö­tung. Die­ser sah vor, fol­gen­den neu­en § 217 in das Straf­ge­setz­buch ein­zu­fü­gen:
Wer in der Absicht, die Selbst­tö­tung eines ande­ren zu för­dern, die­sem hier­zu geschäfts­mä­ßig die Gele­gen­heit ver­mit­telt oder ver­schafft, wird mit Frei­heits­stra­fe bis zu fünf Jah­ren bestraft.
Der Bun­des­rat ver­wies den Ent­wurf in sei­ner Sit­zung am 7.04.2006 in die Aus­schüs­se 2. Nach­dem sich weder für die­sen noch für einen alter­na­ti­ven Ent­wurf 3 eine Mehr­heit fand, beschloss der Bun­des­rat am 4.07.2008, die Bera­tung der Vor­la­ge zu ver­ta­gen und die Aus­schuss­be­ra­tun­gen fort­zu­set­zen. Fer­ner fass­te er eine Ent­schlie­ßung, wonach ein gesetz­ge­be­ri­sches Han­deln noch im lau­fen­den Jahr gebo­ten sei. Die­se Ent­schlie­ßung wur­de in der Ple­nar­sit­zung des Bun­des­rats vom 11.04.2014 für erle­digt erklärt.
§ 217 StGB in sei­ner ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Fas­sung beruht auf einer Initia­ti­ve meh­re­rer Abge­ord­ne­ter des Deut­schen Bun­des­tags, die den Gesetz­ent­wurf am 1.07.2015 ein­ge­bracht hat­ten 4. Die­ser Gesetz­ent­wurf nimmt mehr­fach auf den von Minis­ter­prä­si­dent Mül­ler vor­ge­leg­ten Gesetz­ent­wurf aus dem Jahr 2006 und des­sen Begrün­dung 2 Bezug.
Ver­fas­sungs­be­schwer­de und Rich­terab­leh­nung[↑]
Zur Begrün­dung sei­ner Ableh­nung des im Novem­ber 2011 vom Bun­des­rat zum Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gewähl­ten Rich­ters Mül­ler wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit hat der Beschwer­de­füh­rer aus­ge­führt: Die Zulei­tung des Gesetz­ent­wurfs an den Bun­des­rat im Jah­re 2006 sei für den jet­zi­gen Rich­ter Mül­ler kei­ne Rou­ti­ne exe­ku­ti­ven Han­delns, son­dern ein Aus­nah­me­vor­gang gewe­sen, für den er sich per­sön­lich enga­giert habe. Rich­ter Mül­ler sei poli­ti­scher Initi­ant und geis­ti­ger Urhe­ber eines Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens gewe­sen, das auf ein straf­recht­li­ches Ver­bot der geschäfts­mä­ßi­gen Ver­mitt­lung von Gele­gen­hei­ten zur Selbst­tö­tung abge­zielt habe. Eine Beson­der­heit lie­ge in der gesell­schafts­po­li­ti­schen Bri­sanz der Rege­lungs­ma­te­rie, die eine auch von tak­ti­schen Erwä­gun­gen gepräg­te inten­si­ve Abstim­mung der drei an der Geset­zes­in­itia­ti­ve betei­lig­ten Lan­des­re­gie­run­gen und ihrer Minis­ter­prä­si­den­ten nahe­le­ge. Auch die Pres­se­kon­fe­renz vom 07.03.2006 anläss­lich des Tref­fens des saar­län­di­schen Kabi­netts mit der Evan­ge­li­schen Kir­che zei­ge das per­sön­li­che Enga­ge­ment des dama­li­gen Minis­ter­prä­si­den­ten Mül­ler.
Der am 27.03.2006 von Minis­ter­prä­si­dent Mül­ler in den Bun­des­rat ein­ge­brach­te Gesetz­ent­wurf bil­de hin­sicht­lich sei­ner rechts­po­li­ti­schen Ziel­set­zung, Tat­be­stands­be­schrei­bung, straf­rechts­dog­ma­ti­schen Struk­tur und der wesent­li­chen Begrün­dungs­mus­ter das Refe­renz­mo­dell für alle nach­fol­gen­den Gesetz­ent­wür­fe, ein­schließ­lich des nun­mehr ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen § 217 StGB. In dem Gesetz­ent­wurf zu die­sem Straf­tat­be­stand wer­de an fünf Stel­len auf den frü­he­ren Gesetz­ent­wurf Bezug genom­men. Die­ser habe in erheb­li­chem Aus­maß, ins­be­son­de­re bei der Geset­zes­be­grün­dung, als Vor­bild gedient.
Der dama­li­ge Gesetz­ent­wurf und der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che § 217 StGB stimm­ten in ihrer tat­be­stand­li­chen und dog­ma­tisch-struk­tu­rel­len Aus­ge­stal­tung nahe­zu voll­stän­dig über­ein. Auf­grund die­ser weit­ge­hen­den Deckungs­gleich­heit sei­en bei­de Gesetz­ent­wür­fe der­art auf­ein­an­der bezo­gen, dass es den­kun­mög­lich sei, sie bei Zugrun­de­le­gung der­sel­ben ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be unter­schied­lich zu beur­tei­len. Damit müss­te sich Rich­ter Mül­ler selbst attes­tie­ren, dass er sei­ner­zeit ein ver­fas­sungs­wid­ri­ges Straf­ge­setz im Bun­des­rat ein­ge­bracht habe. Zudem müss­te er eine kom­plet­te inne­re Kehrt­wen­de voll­zie­hen, die in Wider­spruch zu sei­nen über Jah­re hin­weg öffent­lich­keits­wirk­sam vor­ge­tra­ge­nen rechts­po­li­ti­schen Bestre­bun­gen gegen orga­ni­sier­te Sui­zi­d­as­sis­tenz stün­de. Die Gesamt­wür­di­gung die­ser Umstän­de begrün­de die nach­voll­zieh­ba­re Sor­ge des Beschwer­de­füh­rers, dass Rich­ter Mül­ler bei der Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des § 217 StGB schon so fest­ge­legt sei, dass er sich kein unvor­ein­ge­nom­me­nes Urteil über die vom Beschwer­de­füh­rer vor­ge­tra­ge­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Argu­men­te mehr bil­den kön­ne.
Die Stel­lung­nah­me des abge­lehn­ten Rich­ters[↑]
Rich­ter Mül­ler hat zu dem Ableh­nungs­ge­such am 11.04.2017 Stel­lung genom­men. Er selbst sehe sich auch ange­sichts der in sei­nem dama­li­gen poli­ti­schen Amt vor­ge­nom­me­nen und – soweit ver­fah­rens­re­le­vant – mehr als zehn Jah­re zurück­lie­gen­den Posi­tio­nie­run­gen in der Lage, der Erwar­tung des Ver­fas­sungs- und Gesetz­ge­bers zu ent­spre­chen, sei­ne Auf­ga­be als Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im vor­lie­gen­den Fall unvor­ein­ge­nom­men und unab­hän­gig von sei­ner frü­he­ren poli­ti­schen Tätig­keit wahr­zu­neh­men. Davon sei aller­dings die für das Vor­lie­gen der Besorg­nis der Befan­gen­heit maß­geb­li­che Fra­ge zu unter­schei­den, ob aus der Sicht eines Drit­ten Anlass bestehe, an die­ser Unvor­ein­ge­nom­men­heit zu zwei­feln. Zwar sei inso­weit von der gesetz­ge­be­ri­schen Wer­tung aus­zu­ge­hen, dass selbst die Betei­li­gung am Ver­fah­ren zum Erlass der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Vor­schrift – die vor­lie­gend nicht gege­ben sei – weder die Aus­schlie­ßung noch die Besorg­nis der Befan­gen­heit eines Rich­ters begrün­de. Aller­dings könn­te hier eine abwei­chen­de Bewer­tung ange­sichts der mit der beschlos­se­nen Fas­sung des § 217 StGB weit­ge­hend inhalts­glei­chen Bun­des­rats­in­itia­ti­ve des Saar­lands mög­li­cher­wei­se des­halb in Betracht kom­men, weil die zu ent­schei­den­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­gen wie etwa die Reich­wei­te des aus der Men­schen­wür­de flie­ßen­den Selbst­be­stim­mungs­rechts des Ein­zel­nen, die Unver­füg­bar­keit mensch­li­chen Lebens sowie dar­aus fol­gen­der staat­li­cher Schutz­pflich­ten von ethi­schen Vor­ver­ständ­nis­sen nicht voll­kom­men abge­löst wer­den könn­ten und Pro­ble­ma­ti­ken wie die­je­ni­ge, ob dem Anspruch auf men­schen­wür­di­ges und selbst­be­stimm­tes Ster­ben durch pal­lia­ti­ve medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung hin­rei­chend Rech­nung getra­gen wer­den kön­ne, wer­tungs­frei­er Erkennt­nis viel­leicht nicht zugäng­lich sei­en.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schied, dass Rich­ter Mül­ler nicht gemäß § 18 BVerfGG kraft Geset­zes von der Aus­übung sei­nes Rich­ter­am­tes aus­ge­schlos­sen ist. Jedoch erklär­te es die Ableh­nung des Rich­ters Mül­ler gemäß § 19 BVerfGG wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit für begrün­det.
Vor­be­fas­sung[↑]
Rich­ter Mül­ler ist nicht kraft Geset­zes von der Aus­übung sei­nes Rich­ter­am­tes aus­ge­schlos­sen (§ 18 BVerfGG).
Nach § 18 Abs. 1 Nr. 2 BVerfGG ist ein Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts von der Aus­übung sei­nes Rich­ter­am­tes aus­ge­schlos­sen, wenn er in der­sel­ben Sache von Amts oder Berufs wegen tätig gewe­sen ist. Die Aus­schluss­re­ge­lung ist als Aus­nah­me­tat­be­stand kon­zi­piert und des­halb eng aus­zu­le­gen. Das Tat­be­stands­merk­mal "in der­sel­ben Sache" in § 18 Abs. 1 Nr. 2 BVerfGG ist – in Über­ein­stim­mung mit den Aus­schluss­re­ge­lun­gen ande­rer fach­ge­richt­li­cher Ver­fah­rens­ord­nun­gen – stets in einem kon­kre­ten, strikt ver­fah­rens­be­zo­ge­nen Sin­ne zu ver­ste­hen. Zu einem Aus­schluss kann des­halb regel­mä­ßig nur eine Tätig­keit in dem ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren selbst oder in dem die­sem unmit­tel­bar vor­aus­ge­gan­ge­nen und ihm sach­lich zuge­ord­ne­ten Ver­fah­ren füh­ren 5. Nicht als eine sol­che Tätig­keit gel­ten die Mit­wir­kung im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren (§ 18 Abs. 3 Nr. 1 BVerfGG) oder die Äuße­rung einer wis­sen­schaft­li­chen Mei­nung zu einer Rechts­fra­ge, die für das Ver­fah­ren bedeut­sam sein kann (§ 18 Abs. 3 Nr. 2 BVerfGG).
Rich­ter Mül­ler war zum einen vor dem Antritt sei­nes Rich­ter­am­tes nicht "in der­sel­ben Sache" tätig (§ 18 Abs. 1 Nr. 2 BVerfGG). Der von ihm am 27.03.2006 in den Bun­des­rat ein­ge­brach­te Gesetz­ent­wurf fand kei­ne Mehr­heit; das ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Gesetz beruht auf einer neu­en, eigen­stän­di­gen Geset­zes­in­itia­ti­ve aus der Mit­te des Bun­des­tags ohne sei­ne Betei­li­gung. Zum ande­ren gilt eine Mit­wir­kung im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren nach § 18 Abs. 3 Nr. 1 BVerfGG nicht als Tätig­keit in der­sel­ben Sache.
Befan­gen­heit[↑]
Die Ableh­nung des Rich­ters Mül­ler nach § 19 BVerfGG wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit ist begrün­det.
Die Besorg­nis der Befan­gen­heit eines Rich­ters des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nach § 19 BVerfGG setzt einen Grund vor­aus, der geeig­net ist, Zwei­fel an sei­ner Unpar­tei­lich­keit zu recht­fer­ti­gen 6. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob der Rich­ter tat­säch­lich par­tei­lich oder befan­gen ist oder ob er sich selbst für befan­gen hält. Ent­schei­dend ist allein, ob bei ver­nünf­ti­ger Wür­di­gung aller Umstän­de Anlass besteht, an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit des Rich­ters zu zwei­feln 7. Bei den Vor­schrif­ten über die Besorg­nis der Befan­gen­heit geht es auch dar­um, bereits den "bösen Schein" einer mög­li­cher­wei­se feh­len­den Unvor­ein­ge­nom­men­heit zu ver­mei­den 8.
Den Bestim­mun­gen über die Wahl von Rich­tern des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (Art. 94 Abs. 1 GG, §§ 3 ff. BVerfGG) liegt als selbst­ver­ständ­lich, sogar als erwünscht, zugrun­de, dass auch Per­so­nen, die als Reprä­sen­tan­ten von Par­tei­en poli­ti­sche Funk­tio­nen in den Par­la­men­ten aus­ge­übt oder poli­ti­sche Ämter in den Regie­run­gen beklei­det haben, zu Mit­glie­dern des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gewählt und ernannt wer­den kön­nen, um ihre poli­ti­schen Erfah­run­gen für die Ver­fas­sungs­recht­spre­chung frucht­bar zu machen. Damit geht die Erwar­tung des Ver­fas­sungs- und Gesetz­ge­bers ein­her, dass Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts über jene Unab­hän­gig­keit und Distanz ver­fü­gen, die sie befä­hi­gen, in Unvor­ein­ge­nom­men­heit und Objek­ti­vi­tät zu ent­schei­den 9, und dass sie ihre Rol­le als Rich­ter unab­hän­gig von frü­he­ren par­tei­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen aus­üben wer­den 10. Wenn ein Rich­ter zuvor Auf­ga­ben poli­ti­scher Gestal­tung zu erfül­len hat­te und in die­sem Zusam­men­hang am Wett­streit unter­schied­li­cher poli­ti­scher Auf­fas­sun­gen teil­nahm, genügt dies für sich genom­men nicht, um die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den 11. Die Kund­ga­be poli­ti­scher Mei­nun­gen, die ein Rich­ter zu einer Zeit geäu­ßert hat, als er noch nicht Mit­glied des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts war und daher den beson­de­ren Anfor­de­run­gen die­ses Rich­ter­am­tes in sei­nem Ver­hal­ten noch nicht Rech­nung zu tra­gen hat­te, recht­fer­tigt eine Ableh­nung des Rich­ters wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit grund­sätz­lich nicht 10.
Zwei­fel an der Objek­ti­vi­tät eines Rich­ters des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kön­nen aller­dings berech­tigt sein, wenn sich auf­drängt, dass ein inne­rer Zusam­men­hang zwi­schen einer – mit Enga­ge­ment geäu­ßer­ten – poli­ti­schen Über­zeu­gung und sei­ner Rechts­auf­fas­sung besteht 12, oder wenn frü­he­re For­de­run­gen des Rich­ters nach einer Rechts­än­de­rung in einer kon­kre­ten Bezie­hung zu einem wäh­rend sei­ner Amts­zeit beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt anhän­gi­gen Ver­fah­ren ste­hen 13. Ent­schei­dend ist, dass sein Ver­hal­ten den Schluss zulässt, dass er einer der sei­ni­gen wider­spre­chen­den Rechts­auf­fas­sung nicht mehr frei und unvor­ein­ge­nom­men gegen­über­steht, son­dern "fest­ge­legt" ist 14.
Bei der Anwen­dung des § 19 BVerfGG sind fer­ner die gesetz­ge­be­ri­schen Wer­tun­gen der Vor­schrift zum Mit­wir­kungs­aus­schluss (§ 18 BVerfGG) zu berück­sich­ti­gen. Eine Besorg­nis der Befan­gen­heit im Sin­ne des § 19 BVerfGG kann nicht aus den all­ge­mei­nen Grün­den her­ge­lei­tet wer­den, die nach der aus­drück­li­chen Rege­lung des § 18 Abs. 2 und 3 BVerfGG einen Aus­schluss von der Aus­übung des Rich­ter­am­tes nicht recht­fer­ti­gen. Es wäre ein Wer­tungs­wi­der­spruch, könn­te gera­de wegen die­ser Grün­de den­noch über eine Befan­gen­heits­ab­leh­nung ein Rich­ter von der Mit­wir­kung aus­ge­schlos­sen wer­den. Daher bedarf es zusätz­li­cher Umstän­de, die über die blo­ße Mit­wir­kung am Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren hin­aus­ge­hen, um die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den 15. Sie müs­sen eine beson­ders enge Bezie­hung des Rich­ters zu dem zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fung anste­hen­den Gesetz geschaf­fen haben, wie dies etwa der Fall sein kann, wenn sich der Rich­ter als ehe­ma­li­ger Poli­ti­ker für ein poli­tisch stark umstrit­te­nes Gesetz in der Öffent­lich­keit beson­ders enga­giert 16 oder in einer Wei­se inhalt­lich klar posi­tio­niert hat, die das nun­mehr anhän­gi­ge Ver­fah­ren unmit­tel­bar betrifft 17.
Der vor­lie­gen­de Fall ist durch sol­che beson­de­ren, zusätz­li­chen Umstän­de gekenn­zeich­net, die über eine blo­ße Mit­wir­kung des Rich­ters Mül­ler in einem Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren deut­lich hin­aus­rei­chen und die Besorg­nis sei­ner Befan­gen­heit begrün­den.
Rich­ter Mül­ler war zwar nicht an dem­sel­ben, son­dern an einem frü­he­ren, letzt­lich geschei­ter­ten Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren betei­ligt. Jedoch sind der Ent­wurf eines § 217 StGB, den er als dama­li­ger Minis­ter­prä­si­dent des Saar­lands in den Bun­des­rat ein­ge­bracht hat 2, und der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che § 217 StGB 18 weit­ge­hend deckungs­gleich. § 217 StGB in der hier zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fung anste­hen­den Fas­sung unter­schei­det sich von dem Gesetz­ent­wurf aus dem Jahr 2006 ledig­lich in der wei­te­ren Tat­be­stands­va­ri­an­te des (unmit­tel­ba­ren) Gewäh­rens, im nun­mehr redu­zier­ten Straf­maß sowie im – in sei­nem Anwen­dungs­be­reich indes gerin­gen 19 – per­sön­li­chen Straf­aus­schlie­ßungs­grund des Absat­zes 2. Auch nimmt die Geset­zes­be­grün­dung des ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen § 217 StGB an meh­re­ren Stel­len aus­drück­lich auf den frü­he­ren Gesetz­ent­wurf und des­sen Begrün­dung Bezug 20.
Der von Rich­ter Mül­ler als frü­he­rem Minis­ter­prä­si­den­ten ein­ge­brach­te Geset­zes­an­trag war mit einer Begrün­dung ver­se­hen, die dezi­diert ver­fas­sungs­recht­lich argu­men­tier­te: Die Straf­lo­sig­keit der Selbst­tö­tung und der Teil­nah­me hier­an bedeu­te nicht, dass ein Recht auf Selbst­tö­tung grund­recht­lich aner­kannt wäre 21. Ein mit Stra­fe bewehr­tes Ver­bot der geschäfts­mä­ßi­gen Ver­mitt­lung von Gele­gen­hei­ten zur Selbst­tö­tung sei zwin­gend erfor­der­lich, mil­de­re Maß­nah­men, etwa eine Zulas­sungs- oder Kon­troll­pflicht oder eine unab­hän­gi­ge Bera­tung des Sui­zid­wil­li­gen, sei­en nicht aus­rei­chend. Dabei sei auch zu berück­sich­ti­gen, dass der Schutz des Lebens nach Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ein "Höchst­wert der Ver­fas­sung" sei, der den Gesetz­ge­ber ver­pflich­te, sich schüt­zend und för­dernd vor das Leben zu stel­len und es vor rechts­wid­ri­gen Ein­grif­fen Drit­ter zu bewah­ren. Dem wür­de es nicht ent­spre­chen, die eigent­lich abge­lehn­te Pra­xis geschäfts­mä­ßig han­deln­der Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen mit einem "Güte­sie­gel" staat­li­cher Kon­trol­le zu ver­se­hen 22.
Rich­ter Mül­ler spiel­te als dama­li­ger Minis­ter­prä­si­dent des Saar­lands nicht nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le im Sin­ne einer blo­ßen "Mit­wir­kung" im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren 23. Viel­mehr hat er sowohl den poli­ti­schen Anstoß für das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren gege­ben als auch das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren förm­lich initi­iert, sich – gemein­sam mit der Evan­ge­li­schen Kir­che – per­sön­lich für ein poli­tisch sehr umstrit­te­nes Gesetz in der Öffent­lich­keit beson­ders enga­giert und dabei auch aus­drück­lich gegen Ster­be­hil­fe­ver­ei­ne gewandt. Bereits mit sei­ner Kan­zel­re­de im Jahr 2001 hat­te Rich­ter Mül­ler akti­ve Ster­be­hil­fe abge­lehnt. Im Jahr 2006 ver­ur­teil­te er "die mit der Grün­dung des Ver­eins ‚Digni­tas Deutsch­land‘ ein­her­ge­hen­de geschäfts­mä­ßi­ge För­de­rung der Selbst­tö­tung" und kün­dig­te an, dass das Saar­land gemein­sam mit Thü­rin­gen "gegen die Zulas­sung sol­cher akti­ven Ster­be­hil­fe vor­ge­hen und für die Schaf­fung eines ent­spre­chen­den Straf­tat­be­stan­des ein­tre­ten" wol­le. So hat sich Rich­ter Mül­ler in sei­ner vor der Wahl zum Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus­ge­üb­ten Funk­ti­on als Minis­ter­prä­si­dent in einer kla­ren inhalt­li­chen, das nun­mehr anhän­gi­ge Ver­fah­ren unmit­tel­bar betref­fen­den Art und Wei­se posi­tio­niert und – ersicht­lich vor die­sem Hin­ter­grund – nur weni­ge Tage dar­auf auch den Gesetz­ent­wurf in den Bun­des­rat ein­ge­bracht.
In die­sem Zusam­men­hang ist nicht ent­schei­dend, dass das von Rich­ter Mül­ler maß­geb­lich initi­ier­te Geset­zes­vor­ha­ben nicht zeit­nah ver­wirk­licht, son­dern erst eini­ge Jah­re danach durch einen spä­te­ren Gesetz­ent­wurf umge­setzt wor­den ist. Ist ein Rich­ter in einer Wei­se an einem Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren betei­ligt gewe­sen, die eine beson­ders enge, nicht nur aus einem frü­he­ren poli­ti­schen Amt, son­dern auch aus sei­ner per­sön­li­chen Über­zeu­gung abzu­lei­ten­de Ver­bin­dung zu dem zur Prü­fung vor­lie­gen­den Gesetz begrün­det hat, und stimmt die­ses – wie hier – inhalt­lich weit­ge­hend mit dem ursprüng­li­chen Gesetz­ent­wurf über­ein, so lässt auch selbst ein grö­ße­rer zeit­li­cher Abstand die­se beson­de­re Ver­bin­dung nicht wie­der ent­fal­len.
Unter die­sen Umstän­den ist die Besorg­nis des Beschwer­de­füh­rers nach­voll­zieh­bar, Rich­ter Mül­ler wer­de die zu ent­schei­den­den, in hohem Maße wer­tungs­ab­hän­gi­gen und von Vor­ver­ständ­nis­sen gepräg­ten Rechts­fra­gen mög­li­cher­wei­se nicht mehr in jeder Hin­sicht offen und unbe­fan­gen beur­tei­len kön­nen 24.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 13. Febru­ar 2018 – 2 BvR 651/​16
BGBl I S. 2177[↩]
BR-Drs. 230/​06[↩][↩][↩]
BR-Drs. 436/​08[↩]
BT-Drs. 18/​5373[↩]
vgl. BVerfGE 47, 105, 108; 72, 278, 288; 78, 331, 336; 82, 30, 35 f.; 109, 130, 131; 133, 163, 165 f. Rn. 6; 135, 248, 254 Rn. 16[↩]
vgl. BVerfGE 82, 30, 37; 101, 46, 50 f.; 108, 122, 126; 142, 18, 21 Rn. 11[↩]
vgl. BVerfGE 73, 330, 335; 82, 30, 38 f.; 98, 134, 137; 102, 122, 125; 108, 122, 126; 135, 248, 257 Rn. 23; 142, 18, 21 Rn. 11[↩]
vgl. BVerfGE 108, 122, 129[↩]
vgl. BVerfGE 35, 171, 173 f.[↩]
vgl. BVerfGE 99, 51, 56 f.; 142, 18, 21 f. Rn. 14[↩][↩]
vgl. BVerfGE 99, 51, 56[↩]
vgl. BVerfGE 35, 246, 253 f.; 73, 330, 337; 142, 18, 22 Rn. 15[↩]
BVerfG, Beschluss vom 01.10.1986 – 2 BvR 508/​86, NJW 1987, S. 429; BVerfGK 19, 110, 117 f.[↩]
BVerfGE 142, 18, 22 Rn. 15; Klein, in: Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/Klein/­Be­th­ge, BVerfGG, § 19 Rn. 9 [Mai 2017][↩]
vgl. BVerfGE 82, 30, 38 f.; 102, 122, 125; 108, 122, 126; 135, 248, 257 Rn. 24[↩]
vgl. Klein, in: Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/Klein/­Be­th­ge, BVerfGG, § 19 Rn. 8 [Mai 2017][↩]
vgl. Heusch, in: Burkiczak/​Dollinger/​Schorkopf, BVerfGG, 2015, § 19 Rn. 23[↩]
BGBl I 2015, S. 2177[↩]
vgl. Brun­hö­ber, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum StGB, 3. Aufl.2017, § 217 Rn. 78; Fischer, StGB, 65. Aufl.2018, § 217 Rn. 12[↩]
BT-Drs. 18/​5373, S. 12 f., 16, 18[↩]
BR-Drs. 230/​06, S. 1[↩]
a.a.O., S. 6 f.[↩]
etwa als ein­zel­ner Abge­ord­ne­ter oder als Refe­rent, vgl. BT-Drs. 1/​788, S. 41[↩]
vgl. BVerfGE 72, 296, 298; 95, 189, 192; 135, 248, 259 Rn. 27[↩]
BefangenheitBundesverfassungsgerichtVerfassungsbeschwerde

References: § 217

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 § 18
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 Art. 2
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