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Timestamp: 2017-02-27 09:20:10+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 9 Sa 20/08
Weisungsrecht, Direktionsrecht, Arbeitszeit
1. § 106 Ge­wO gibt dem Ar­beit­ge­ber auch die Möglich­keit, durch Wei­sung - bei Vor­lie­gen der ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen - Sonn­tags­ar­beit an­zu­ord­nen. (Rn.39) 2. Dafür ist es nicht er­for­der­lich, dass die­se Möglich­keit im Ar­beits­ver­trag dem Ar­beit­ge­ber ein­geräumt ist. (Rn.46)
Arbeitsgericht Freiburg, Urteil vom 19.02.2008, 12 Ca 409/07
Ba­den-Würt­tem­berg - Kam­mern Frei­burg -
Ak­ten­zei­chen: 9 Sa 20/08
12 Ca 409/07 (ArbG Frei­burg - Kn. Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen)(Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben!)
G.Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le Im Na­men des Vol­kes
Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil desAr­beits­ge­richts Frei­burg, Kn. Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen vom 19.02.2008, Az.: 12 Ca 409/07 wird auf sei­ne Kos­ten zurück­ge­wie­sen.Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.
Das Ar­beits­verhält­nis des Klägers rich­tet sich nach dem Ar­beits­ver­trag mit der Rechts­vorgänge­rin der Be­klag­ten vom 06.07.1989. Un­ter Zif­fer 2 Ar­beits­zeit heißt es dort:„Die re­gelmäßige tägli­che Ar­beits­zeit beträgt grundsätz­lich 7,4 St­un­den, die wöchent­li­che Ar­beits­zeit 37 St­un­den in der Nor­mal­ar­beits­zeit. Ei­ne Ände­rung der Ar­beits­zeit ist möglich. Bei drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen ist der Mit­ar­bei­ter ver­pflich­tet, im Rah­men der ge­setz­li­chen und ta­rif­ver­trag­li­chen Be­stim­mun­gen Mehr­ar­beit zu leis­ten."
Im Ar­beits­ver­trag vom 27.06.1991 mit der Rechts­vorgänge­rin der Be­klag­ten, der Fa. H. (Ak­ten­sei­te 4 der erst­in­stanz­li­chen Ak­te) heißt es:„Der Ar­beit­neh­mer wird für Schicht­ar­beit 40 h / Wo­che ein­ge­stellt."
Ar­beits­ein­satz: 3-schich­tig gemäß Schicht­mo­dell B. M.Ar­beits­zeit: 40 Std. / Wo­che
Zur Be­gründung ver­weist sie auf die er­teil­te Ge­neh­mi­gung des Ge­wer­be­auf­sichts­am­tes zur Durchführung von Sonn­tags­ar­beit. Die Be­klag­te sei aus wirt­schaft­li­chen Gründen auf die Durchführung von Sonn­tags­ar­beit an­ge­wie­sen. Da der Kläger sich im Rah­men des Ar­beits­ver­tra­ges vom 27.06.1991 be­reit erklärt ha­be, Mehr­ar­beit zu leis­ten und sich die an­ge­ord­ne­te Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit im Rah­men der ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen hal­te, sei der Kläger da­zu ver­pflich­tet, die­se auch zu leis­ten. Es sei nicht er­for­der­lich, dass der Ar­beits­ver­trag ei­ne aus­drück­li­che Re­ge-lung ent­hal­te, dass der Kläger zur Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit ver­pflich­tet sei. Mehr­ar­beit er­fas­se ge­ra­de auch die Ar­beit an Sonn- und Fei­er­ta­gen.Die von der Be­klag­ten ein­geführ­ten Schicht­pläne hiel­ten sich auch im Rah­men des bil­li­gen Er­mes­sens hin­sicht­lich der An­ord­nung der La­ge der Ar­beits­zeit. Die Schicht­mo­del­le ver­stießen auch nicht ge­gen das Ar­beits­zeit­ge­setz, ins­be­son­de­re blei­be die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne An­zahl von Sonn­ta­gen ar­beits­frei.
Zur Be­gründung der Be­ru­fung trägt der Kläger vor, dass das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge zu Un­recht ab­ge­wie­sen ha­be. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts um­fas­se die dem Ar­beits­verhält­nis zu­grun­de lie­gen­de ver­trag­li­che Re­ge­lung nicht die Ver­pflich­tung zur Ar­beit an Sonn- und Fei­er­ta­gen, da die­se nicht aus­drück­lich erwähnt wor­den sei. Oh­ne aus­drück­li­che ar­beits­ver­trag­li­che Re­ge­lung sei der Kläger zur Ar­beit an Sonn- und Fei­er­ta­gen nicht ver­pflich­tet. Selbst wenn man der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts fol­gen würde, dass ei­ne ent­spre­chen­de Wei­sung noch vom Di­rek­ti­ons­recht der Be­klag­ten ge­deckt sei, so wäre der Kläger hier­von nicht be­trof­fen, denn durch die Hand­ha­bung in der Ver­gan­gen­heit sei ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung des Ar­beits­ver­tra­ges auf ei­nen ein­sei­tig nicht veränder­ba­ren Ver­trags­in­halt er­folgt. Der Kläger ha­be ei­ne in­zwi­schen über 30-jähri­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit und noch nie an Sonn- und Fei­er­ta­gen ge­ar­bei­tet. Dies sei bei den Rechts­vorgängern der Be­klag­ten selbst dann nicht ge­sche­hen, wenn Ar­beit an Sonn- und Fei­er-ta­gen an­ge­fal­len sei und an­de­re Mit­ar­bei­ter dort ge­ar­bei­tet hätten. Darüber hin­aus ent­spre­che die von der Be­klag­ten fest­ge­setz­te La­ge der Ar­beits­zeit nicht bil­li­gem Er­mes­sen. Al­lein die Einführung ei­nes Schicht­mo­dells mit ei­ner Sie­ben­ta­ge­wo­che genüge hierfür nicht. Das Pro­blem führe im Ge­gen­teil da­her, dass die Be­klag­te nicht über ei­ne aus­rei­chen­de An­zahl an Mit­ar­bei­tern verfüge und sich nicht um ei­ne aus­rei­chend per­so­nel­le Aus­stat­tung gekümmert ha­be. Hätte sie dies ge­tan, wäre es ihr oh­ne Wei­te­res möglich, im Schicht­be­trieb oh­ne Sonn­tags­ar­beit zu ar­bei­ten.Durch die an­ge­ord­ne­te Sonn­tags­ar­beit wer­de der Kläger in sei­ner persönli­chen Le­bensführung stark be­ein­träch­tigt. Sei­ne Le­bens­gefähr­tin sei an sechs Ta­gen in der Wo­che voll­umfäng­lich be­rufstätig und da­her ver­blei­be nur der Sonn­tag, um die­se persönli­che Be­zie­hung zu pfle­gen. Durch die Sonn­tags­ar­beit wer­de der Kläger je­doch hier­in auch stark be­ein­träch­tigt.
Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frei­burg, Kam­mern Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen vom 19.02.2008 wird ab­geändert.Es wird fest­ge­stellt, dass der Kläger nicht ver­pflich­tet ist, Sonn­tags und an Fei­er­ta­gen zu ar­bei­ten.
Zur Be­gründung führt sie aus, die ver­ein­bar­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen schlössen das Wei­sungs­recht der Be­klag­ten, Sonn­tags­ar­beit an­zu­ord­nen nicht aus, da es nicht er­for­der­lich sei, die Möglich­keit von Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit im Ver­trag aus­drück­lich zu erwähnen. Auch ha­be sich das Ar­beits­verhält­nis nicht da­hin­ge­hend kon­kre­ti­siert, dass die La­ge der Ar­beits­zeit le­dig­lich von Mon­tag bis Frei­tag an­zu­ord­nen sei. Für ei­ne sol­che Kon­kre­ti­sie­rung feh­le es am Um­stands-mo­ment, der beim Kläger ein be­rech­tig­tes Ver­trau­en auf Bei­be­hal­tung die­ser Re­gel ha­be ent­ste­hen las­sen können.Darüber hin­aus ent­spre­che die kon­kre­te La­ge der Ar­beits­zeit bil­li­gem Er­mes­sen. Die Be­klag­te ha­be al­le an­de­ren Möglich­kei­ten aus­geschöpft und das Land­rats­amt S. als zuständi­ge Auf­sichts­behörde ha­be aus­drück­lich fest­ge­stellt, dass das von der Be­klag­ten prak­ti­zier­te Schicht­mo­dell mit Sonn­tags­ar­beit als Aus­nah­me vom Sonn­tags­ar­beits­ver­bot möglich sei. Das bei der Be­klag­ten prak­ti­zier­te Schicht­mo­dell wer­de übri­gens in sämt­li­chen Be­trie­ben der Be­klag­ten prak­ti­ziert. Es ha­be für die Mit­ar­bei­ter auch Vor­tei­le, weil je­dem Mit­ar­bei­ter im Jah­res­schnitt zwei Ein­drit­tel­frei­schich­ten pro Vier­wo­chen­zy­klus zustünden. Die­se Frei­schich­ten würden möglichst am Wo­chen­en­de ein­ge­plant und es sei die Bil­dung klei­ne­rer Frei­zeit­blöcke nach Ab­spra­che möglich. Im Jah­res­schnitt er­ge­be sich rein rech­ne­risch für je­den Mit­ar­bei­ter - so auch für den Kläger ¬ei­ne 4,67 Ta­ge­wo­che.
Die Be­klag­te ist grundsätz­lich be­rech­tigt, auf­grund ih­res Wei­sungs­rechts nach § 106 Ge­wO auch Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit an­zu­ord­nen. Nach § 106, Satz 1 Ge­wO kann der Ar­beit­ge­ber In­halt, Ort und Zeit der Ar­beits­leis­tung nach bil­li­gem Er­mes­sen näher be­stim­men, so­weit die­se Ar­beits­be­din­gun­gen nicht durch den Ar­beits­ver­trag, Be­stim­mun­gen ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung, ei­nes an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­tra­ges oder ge­setz­li­che Vor­schrif­ten fest­ge­legt sind. § 106 Ge­wO selbst schränkt das Wei­sungs­recht des Ar­beit­ge­bers hin­sicht­lich der La­ge der Ar­beits­zeit nicht ein, son­dern ver­weist bezüglich mögli­cher Ein­schränkun­gen auf den Ar­beits­ver­trag oder kol­lek­tiv­recht­li­che Re­ge­lun­gen. Ist dem­nach kei­ne oder kei­ne ab­sch­ließen­de ar­beits­ver­trag­li­che Re­ge­lung ge­trof­fen, so ist der Ar­beit­ge­ber im Rah­men sei­nes Wei­sungs­rech­tes be­fugt, die La­ge der Ar­beits­zeit ein­sei­tig fest­zu­le­gen. Dies um­fasst bei­spiels­wei­se auch die ein­sei­ti­ge Einführung von Schicht­ar­beit durch Wei­sungs­recht des Ar­beit­ge­bers (Er­fur­ter Kom­men­tar, 8. Aufl., Preis, § 106 Ge­wO, Rn. 19; BAG, Urt. v. 12.09.2004, 6 AZR 567/03, AP Nr. 64 zu § 611 BGB, Di­rek­ti­ons­recht). Da­mit um­fasst das Wei­sungs­recht vor­be­halt­lich an­der­wei­ti­ger Ein­schränkun­gen aus an­de­ren Rechts­quel­len nach § 106 Ge­wO grundsätz­lich auch die Möglich­keit, dass der Ar­beit­ge­ber an­ord­net, dass die Ar­beits­zeit an ei­nem Sonn­tag zu leis­ten ist. Durch die Sys­te­ma­tik des § 106 Ge­wO ist der Ar­beit­ge­ber zunächst be­fugt, jed­we­de Wei­sung bezüglich der La­ge der Ar­beits­zeit zu er­brin­gen. Die Grenz­zie­hung hierfür er­gibt sich nicht aus § 106 Satz 1 Ge­wO, son­dern aus an­de­ren Rechts­quel­len wie bei­spiels­wei­se ar­beits­ver­trag­li­chen (auch kon­klu­den­ten) Ver­ein­ba­run­gen, kol­lek­tiv­recht­li­chen Re­ge­lun­gen und den Ge­set­zen.Da­nach kann sich die Be­klag­te bei der An­ord­nung von Sonn­tags­ar­beit ge­genüber dem Kläger zunächst auf § 106 Ge­wO be­ru­fen.
An ei­ner sol­chen Re­ge­lung fehlt es. Über die Sonn­tags­ar­beit ha­ben die Par­tei­en un­mit­tel­bar kei­ne Ver­ein­ba­rung ge­trof­fen. Die Par­tei­en ha­ben in ih­ren ar­beits-ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen auch das Wei­sungs­recht des Ar­beit­ge­bers bezüglich der La­ge der Ar­beits­zeit nicht ein­ge­schränkt. Im Ar­beits­ver­trag von 1989 heißt es zunächst, dass „ei­ne Ände­rung der Ar­beits­zeit möglich ist". Im Fol­ge­ar­beits­ver­trag aus dem Jah­re 1991 heißt es un­ter dem Stich­wort „Nor­mal-, Schicht- oder Teil­zeit­ar­beit:Der Ar­beit­neh­mer wird für Schicht­ar­beit 40 h / Wo­che ein­ge­stellt."
Be­klag­ten oder ih­rer Rechts­vorgänge­rin­nen des In­hal­tes, dass man auf die per-sönli­chen Bedürf­nis­se des Klägers in je­dem Fall Rück­sicht neh­men wol­le, oder dass man ihm ge­genüber in kei­nem Fall Sonn­tags­ar­beit an­ord­nen wer­de, hat der Kläger nicht be­haup­tet.Aus den ge­nann­ten Gründen ist das Recht der Be­klag­ten, Sonn­tags­ar­beit durch Wei­sungs­recht nach § 106 Abs. 1 Ge­wO an­zu­ord­nen da­her ar­beits­ver­trag­lich nicht ein­ge­schränkt. De Kläger hat da­her kei­nen An­spruch dar­auf, dass es die Be­klag­te in al­len Fällen un­terlässt, ihm ge­genüber Sonn­tags­ar­beit an­zu­ord­nen. Der Fest­stel­lungs­an­trag des Klägers ist da­her un­be­gründet. Dem­gemäß war die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.
Die Re­vi­si­on war we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung der An­ge­le­gen­heit zu­zu­las­sen. Die Fra­ge, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Ar­beit­neh­mer ver­pflich­tet ist, Sonn­tags­ar­beit zu leis­ten, ist höchst­rich­ter­lich nicht geklärt.	m.hensche.de
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References: § 106
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 § 611
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