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Timestamp: 2017-05-27 21:58:15+00:00

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Diskriminierung aufgrund des Alters. Expertise von Prof. Dr. Klaus Rothermund, Jena, und Dr. Felipe Temming, LL.M., Köln* - PDF
Diskriminierung aufgrund des Alters. Expertise von Prof. Dr. Klaus Rothermund, Jena, und Dr. Felipe Temming, LL.M., Köln*
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1 Diskriminierung aufgrund des Alters Expertise von Prof. Dr. Klaus Rothermund, Jena, und Dr. Felipe Temming, LL.M., Köln*2 Diskriminierung aufgrund des Alters Expertise von Prof. Dr. Klaus Rothermund, Jena, und Dr. Felipe Temming, LL.M., Köln* * Prof. Dr. Klaus Rothermund ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie II an der Friedrich-Schiller- Universität Jena; Dr. Felipe Temming, LL.M. (LSE) ist Akad. Rat a.z. und Habilitand am Institut für Deutsches und Europäisches Arbeits- und Sozialrecht, Universität zu Köln.3 Zusammenfassung Seit gut vier Jahren verbietet das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) unter anderem nicht zu rechtfertigende Benachteiligungen aufgrund des Alters. Mit dem AGG wurden europäische Richtlinienvorgaben aus dem Jahre 2000 umgesetzt, die ein ganzes Bündel von Antidiskriminierungsmaßnahmen vorsahen. Dieses für Deutschland neue Diskriminierungsverbot ist seitdem kontrovers diskutiert worden. Die Haltung ihm gegenüber war überwiegend ablehnend. Dennoch sollte das Verbot der Altersdiskriminierung nicht nur als Last, sondern auch als Chance begriffen werden. Denn es stellt ein wichtiges Instrument dar, in einer alternden Gesellschaft unsere drängenden demographischen, volkswirtschaftlichen und sozialen Probleme zu lösen. Zu diesem Ergebnis gelangt eine Untersuchung des Psychologen Klaus Rothermund aus Jena und des Juristen Felipe Temming aus Köln, die im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erstellt wurde. Die Autoren werten in ihrer Studie den bisherigen Forschungsstand zu dem gesellschaftlich relevanten Thema Diskriminierung aufgrund des Alters aus und beleuchten die juristischen Folgen, die das Verbot der Altersdiskriminierung insbesondere auf dem Gebiet des Arbeitsrechts mit sich bringt. Insgesamt sei von einer gesteigerten Bedeutung des Verbots der Altersdiskriminierung auszugehen, stellen beiden Autoren fest. Für diese Entwicklung würde maßgeblich der Europäische Gerichtshof der EU verantwortlich zeichnen, der dieses Diskriminierungsverbot ernst nehme. Freilich bahne sich auch beim deutschen Gesetzgeber und der arbeitsgerichtlichen Rechtsprechung teilweise ein Umdenken im Umgang mit dem Verbot der Altersdiskriminierung an. Dass Handlungsbedarf besteht, bestätigen empirische Untersuchungen, die zum Teil deutliche Unterschiede in der Behandlung älterer und jüngerer Menschen in verschiedenen Lebensbereichen aufzeigen. Von Benachteiligungen sind überwiegend ältere Menschen betroffen. Allerdings finden sich in einigen Zusammenhängen auch Benachteiligungen jüngerer Menschen. Für das Phänomen der Altersdiskriminierung lässt sich ein ganzes Bündel von Ursachen ausmachen, die voneinander abhängen und sich gegenseitig verstärken (neben gesellschaftlichen und kulturellen Randbedingungen sind dies insbesondere situative und personale Faktoren sowie faktische Unterschiede in der Lebenssituation junger und älterer Menschen). Wenngleich es möglich ist, Altersdiskriminierung positiv zu bewältigen, führt sie hauptsächlich zu materiellen, sozialen und persönlichen Nachteilen. Aber auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ergeben sich Kosten, etwa durch die mangelnde Nutzung der Potenziale diskriminierter Altersgruppen auf dem Arbeitsmarkt und in anderen sozialen Kontexten sowie durch das Schüren sozialer Konflikte und Spaltungen zwischen Generationen. Um Altersdiskriminierung zu überwinden, bedarf es eines umfassenden und nachhaltigen Maßnahmenbündels. Mit der bloßen Formulierung von Diskriminierungsverboten ist es also nicht getan. Erfolg wird sich nur dann einstellen, wenn die Komplexität des Phänomens der Altersdiskriminierung sowie wichtige Unterscheidungen berücksichtigt werden (etwa zwischen aktiver und passiver, vorsätzlicher und automatischer sowie direkter und mittelbarer Benachteiligung). Von Bedeutung sind rechtliche Vorschriften, wie eben das im AGG niedergelegte Verbot der Altersdiskriminierung, aber darüber hinaus auch die 34 Einrichtung von Anlaufstellen für von Altersdiskriminierung betroffene Personen, die Entwicklung altersfairer Unternehmensleitlinien, Programme zur Schaffung eines positiven Altersklimas in Organisationen, die Einrichtung altersheterogener Arbeitsgruppen oder die Gestaltung altersfreundlicher Umwelten. Das deutsche Arbeitsrecht, auf das die Autoren das Hauptaugenmerk gelegt haben, ist durchzogen von altersdiskriminierenden und sich teilweise widersprechenden Regelungen. Das betrifft die Anbahnung und Begründung, die Durchführung sowie die Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Der Widerspruch rührt daher, dass das Arbeitsrecht prinzipiell Ältere schützt, die durch Sonderregeln und Arbeitsgerichte geprägte Praxis aber das Gegenteil bewirkt also die Verdrängung Älterer aus der Arbeit. Faktisch werden sie durch aktuelle Praktiken und Sonderregelungen benachteiligt und Jüngere begünstigt. Der übermäßige Schutz Älterer schlägt so in Diskriminierung um. Werden arbeitsrechtliche Regelungen, die nach dem Lebensalter oder der Dauer der Betriebs- bzw. Unternehmenszugehörigkeit unterscheiden, am Maßstab des Verbots der Altersdiskriminierung streng geprüft oder verlangt man, wie es der EuGH in aktuellen Urteilen tut, diesbezüglich zumindest eine in sich widerspruchsfreie Regulierung, hat dieses Diskriminierungsverbot spürbare Auswirkungen auf das deutsche Arbeitsrecht. Es führt dazu, dass das Lebensalter grundsätzlich nicht mehr unreflektiert als Tatbestandsmerkmal bzw. typisierendes Stellvertretermerkmal verwendet werden darf. Die Konsequenzen betreffen alle Stadien des Arbeitsverhältnisses. Einige Beispiele seien hierfür benannt: Bei der Anbahnung und Begründung des Arbeitsverhältnisses darf das Lebensalter im Regelfall keine Rolle mehr spielen. So sind unter anderem Einstellungshöchstaltersgrenzen zu überdenken. Sich begünstigend auswirkende Senioritätsregelungen im bestehenden Arbeitsverhältnis sind neu zu konzipieren. Maßgebliches Kriterium ist die Dauer der Betriebs- bzw. Unternehmenszugehörigkeit und nicht mehr das Lebensalter. Vergütungsregelungen, gesetzliche bzw. tarifliche Kündigungsfristen oder Unkündbarkeitsklauseln dürfen nicht mehr an das Alter anknüpfen. Regelungen, die sich bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowohl begünstigend als auch belastend auswirken, muss grundsätzlich diese Ambivalenz genommen werden. Das wirkt sich auf die Sozialauswahl bei betriebsbedingten Kündigungen aus, die in 1 Absatz 3 Satz 1 KSchG geregelt ist. Auf den ausdrücklich genannten sozialen Gesichtspunkt des Lebensalters sollte verzichtet werden. Rentennähe und Rentenberechtigung sind als unbenannte Kriterien nicht mehr zu Lasten älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu werten. Schließlich verstößt die so genannte allgemeine Altersgrenze, die das Arbeitsverhältnis mit Erreichen des 65. Lebensjahres automatisch beendet, als belastende Senioritätsregelung in ihrer starren Form gegen das Verbot der Altersdiskriminierung. Als milderes Mittel kommen zumindest flexible Lösungen in Betracht. Vorzugswürdig sind freilich Lösungen, die gänzlich auf Altersgrenzen verzichten und Anreize zu einem gleitenden Übergang in die Rentenphase setzen. 45 Zu den Autoren der Untersuchung: Prof. Dr. Klaus Rothermund ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie II an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Mitglied der DFG-Forschergruppe Diskriminierung und Toleranz in Intergruppenbeziehungen. Dr. Felipe Temming, LL. M. (LSE) ist Akad. Rat a. Z. und Habilitand am Institut für Deutsches und Europäisches Arbeits- und Sozialrecht, Universität zu Köln. Beide Autoren haben auf dem Gebiet der Altersdiskriminierung einschlägig publiziert. 56 Abstract Das Arbeitsrecht schützt prinzipiell Ältere. Widersprüchlich hierzu verhält sich die durch Sonderregeln und Gerichte geprägte Praxis, die das Gegenteil bewirkt also die Verdrängung Älterer aus der Arbeit. Faktisch werden sie dadurch benachteiligt und Jüngere begünstigt. Zukunftsweisend ist das nicht. Das Arbeitsrecht muss die demographisch bedingte Alterung der Gesellschaft, eines der drängenden Themen unserer Zeit, wahrnehmen. Es gibt Möglichkeiten, die mehr Produktivität in unserer Gesellschaft entfesseln. Lange Zeit bestanden in der Arbeitsrechtswissenschaft Denkverbote, solche zu ergreifen. Ein neues europäisches Menschenrecht hat den bisherigen Weg in Frage gestellt. Das ist das Verbot der Altersdiskriminierung. Seit Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon im Dezember vergangenen Jahres ist es in Artikel 21 Absatz 1 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union niedergelegt. Zuvor hatte es der Europäische Gerichtshof als ungeschriebenen Grundsatz des Gemeinschaftsrechts im November 2005 entwickelt, was das Bundesverfassungsgericht nun im Juli 2010 gebilligt hat. Wird das Verbot der Altersdiskriminierung mutig und folgerichtig angewendet, kann ein reformiertes Arbeitsrecht einen wichtigen Beitrag für den gesellschaftlichen Wohlstand der Bundesrepublik Deutschland liefern. Doch der jetzige juristische Common Sense in Deutschland reagiert noch größtenteils verhalten. Teilweise bahnt sich ein Umdenken an. Die vorliegende Expertise weist einen fachübergreifenden Weg, um dorthin zu gelangen. Ihr Ziel ist es, Chancen und Vorteile dieses Diskriminierungsverbotes in einer alternden Gesellschaft herauszustellen. Sie bietet dem Gesetzgeber und der arbeitsrechtlichen Praxis Vorschläge zur Lösung dieser drängenden Probleme. Hierfür analysiert sie den bisherigen Forschungsstand zur Altersdiskriminierung aus sozialwissenschaftlicher Sicht, fragt nach ihren Ursachen und Folgen und gibt Antworten darauf, wie aus einem umfassenden Ansatz heraus Altersdiskriminierungen vermieden werden können. Am Beispiel typischer arbeitsrechtlicher Fallgestaltungen mit Altersrelevanz wird das Reformpotenzial des Verbots der Altersdiskriminierung verdeutlicht. Es wirkt sich auf die Anbahnung und Begründung, die Durchführung sowie die Beendigung von Arbeitsverhältnissen aus. Eine der juristischen Kernerkenntnisse der vorliegenden Expertise ist, dass die gesamte Wirkkraft des Verbots der Altersdiskriminierung von der richterlichen Kontrollintensität im Rahmen des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit abhängt. Indes ist es mit einem Verbot der Altersdiskriminierung alleine nicht getan. Toleranz lässt sich schwer von oben verordnen. Aus psychologischer Sicht ist es wichtig, die Komplexität des Phänomens Altersdiskriminierung zu berücksichtigen. Kontakte zwischen Gruppen führen nur dann zu einer Aufweichung von Negativstereotypen und entsprechenden Verhaltenstendenzen, wenn diese in persönlicher Atmosphäre stattfinden und wenn vorher kognitive Voraussetzungen zur Perspektivenübernahme geschaffen und passende tolerante Verhaltensweisen gegenüber Mitgliedern der anderen Altersgruppe gelernt wurden. 67 Inhaltsübersicht Inhaltsverzeichnis... 8 I. Einleitung und Problemstellung I.1. Ein neues Diskriminierungsverbot I.2. Notwendigkeit eines interdisziplinären Ansatzes I.3. Gang der Darstellung II. Bisheriger Forschungsstand II.1. Begriffliche Unterscheidungen II.2. Einschlägige Forschung zur Altersdiskriminierung in verschiedenen Bereichen III. Typische Fallgestaltungen mit Altersrelevanz im Arbeitsrecht III.1. Anbahnung und Begründung des Arbeitsverhältnisses III.2. Durchführung des Arbeitsverhältnisses III.3. Beendigung des Arbeitsverhältnisses IV. Das Verbot der Altersdiskriminierung und Konsequenzen für das Arbeitsrecht IV.1. Rechtsquellen IV.2. Dogmatik des Verbots der Altersdiskriminierung IV.3. Konsequenzen für nationales Arbeitsrecht IV.4. Bewertung: Das Verbot der Altersdiskriminierung als Chance V. Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse Anhang: Literatur zur Diskriminierung aufgrund des Alters8 Inhaltsverzeichnis Inhaltsübersicht... 7 I. Einleitung und Problemstellung I.1. Ein neues Diskriminierungsverbot I.2. Notwendigkeit eines interdisziplinären Ansatzes I.3. Gang der Darstellung II. Bisheriger Forschungsstand II.1. Begriffliche Unterscheidungen II.1.a. Diskriminierung, Benachteiligung, Ungleichbehandlung II.1.b. Altersdiskriminierung vs. Diskriminierung aufgrund alterskorrelierter Merkmale II.1.c. Wahrgenommene Altersdiskriminierung II.1.d. Nichtintentionale Altersdiskriminierung II.1.e. Aktive versus passive Benachteiligung II.1.f. Zusammenfassung der Implikationen begrifflicher Unterscheidungen II.2. Einschlägige Forschung zur Altersdiskriminierung in verschiedenen Bereichen II.2.a. Auftreten und Erscheinungsformen von Altersdiskriminierung II.2.a.aa. Benachteiligung im Arbeitskontext II.2.a.aa(1) Altersunterschiede in der Beschäftigungsquote, Weiterbildung und Entlohnung II.2.a.aa(2) Altersunterschiede bei der Personalauswahl II.2.a.bb. Altersdiskriminierung in zivilrechtlich relevanten Bereichen II.2.a.cc. Zusammenfassung der Forschung zu Formen von Altersdiskriminierung II.2.b. Ursachen der Altersdiskriminierung II.2.b.aa. Makrostrukturelle Erklärungen von Altersdiskriminierung II.2.b.bb. Mikroprozessuale Einflussfaktoren II.2.b.cc. Randbedingungen der Entstehung von altersbedingter Benachteiligung: Ein Modell II.2.c. Folgen und Vermeidung von Altersdiskriminierung II.2.c.aa. Folgen II.2.c.bb. Interventionsmöglichkeiten III. Typische Fallgestaltungen mit Altersrelevanz im Arbeitsrecht III.1. Anbahnung und Begründung des Arbeitsverhältnisses III.1.a. Ausschreibung III.1.b. Einstellungshöchstaltersgrenzen III.1.c. Generation Praktikum III.2. Durchführung des Arbeitsverhältnisses III.2.a. Allgemeines9 III.2.b. Die Kriterien Betriebs- bzw. Unternehmenszugehörigkeit und Lebensalter III.2.c. Vergütungsregelungen Entgeltstufen III.2.d. Gesetzliche Kündigungsfristen 622 II 2 BGB III.2.e. Tariflicher Ausschluss der ordentlichen Kündbarkeit III.3. Beendigung des Arbeitsverhältnisses III.3.a. Betriebsbedingte Kündigung III.3.a.aa. Sozialauswahl III.3.a.bb. Altersgruppenbildung III.3.b. Sozialpläne III.3.c. Altersgrenzen III.3.c.aa. Allgemeine Altersgrenze III.3.c.bb. Besondere Altersgrenze IV. Das Verbot der Altersdiskriminierung und Konsequenzen für das Arbeitsrecht IV.1. Rechtsquellen IV.1.a. Unionsrecht IV.1.a.aa. Primäres Unionsrecht: Grundrechte-Charta IV.1.a.bb. Primäres Unionsrecht: Allgemeine Grundsätze IV.1.a.cc. Sekundäres Unionsrecht: Rahmenrichtlinie 2000/78/EG IV.1.b. Nationales Recht: AGG IV.1.c. Verhältnis der Rechtsquellen zueinander IV.2. Dogmatik des Verbots der Altersdiskriminierung IV.2.a. Vergleichstatbestand IV.2.b. Unmittelbare und mittelbare Diskriminierung IV.2.b.aa. Unmittelbare Diskriminierung IV.2.b.bb. Mittelbare Diskriminierung IV.2.c. Rechtfertigung IV.2.c.aa. Rechtfertigungstatbestände IV.2.c.aa(1) Art. 4 I Rahmenrichtlinie 2000/78/EG IV.2.c.aa(2) Art. 6 I Rahmenrichtlinie 2000/78/EG IV.2.c.aa(3) Art. 7 Rahmenrichtlinie 2000/78/EG IV.2.c.bb. Prüfungsintensität i. R. d. Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit IV.2.d. Rechtsfolgen bei einem Verstoß gegen das Verbot der Altersdiskriminierung IV.2.d.aa. Gleichheitswidrige Benachteiligung IV.2.d.bb. Gleichheitswidrige Vorenthaltung einer Begünstigung IV.3. Konsequenzen für nationales Arbeitsrecht IV.3.a. Anbahnung und Begründung des Arbeitsverhältnisses IV.3.a.aa. Ausschreibung IV.3.a.bb. Einstellungshöchstaltersgrenzen IV.3.a.cc. Generation Praktikum IV.3.b. Durchführung des Arbeitsverhältnisses IV.3.b.aa. Konzeption begünstigender Seniorität IV.3.b.bb. Vergütungsregelungen Entgeltstufen IV.3.b.cc. Gesetzliche Kündigungsfristen 622 II 2 BGB IV.3.b.dd. Tariflicher Ausschluss der ordentlichen Unkündbarkeit10 IV.3.b.dd(1) 4.4. MTV Metallindustrie Nordwürttemberg/Nordbaden IV.3.b.dd(2) 34 II TVöD/ 34 II TVL IV.3.c. Beendigung des Arbeitsverhältnisses IV.3.c.aa. Betriebsbedingte Kündigung IV.3.c.aa(1) Sozialauswahl 1 III 1 KSchG IV.3.c.aa(2) Altersgruppenbildung 1 III 2 KSchG IV.3.c.bb. Sozialpläne IV.3.c.cc. Altersgrenzen IV.3.c.cc(1) Allgemeine Altersgrenze IV.3.c.cc(2) Besondere Altersgrenze IV.4. Bewertung: Das Verbot der Altersdiskriminierung als Chance V. Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse Anhang: Literatur zur Diskriminierung aufgrund des Alters11 I. Einleitung und Problemstellung I.1. Ein neues Diskriminierungsverbot Neben Geschlecht, Rasse und sozialer Herkunft ist das Alter ein wichtiges soziologisches Unterscheidungsmerkmal. Mit seiner Hilfe kann eine Gesellschaft die sie ausmachenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterscheiden. Dadurch bilden sich Hierarchien heraus, was zur Grundlage gesellschaftlicher Ungleichheit führen kann. Das hat Auswirkung auf die Verteilung und den Zugang zu Ressourcen und Lebenschancen in persönlicher, politischer und ökonomischer Hinsicht. Aber auch die sozialen Beziehungen untereinander sind betroffen, weil sich Interessen formieren und Konflikte bilden. Diese Prozesse beeinflussen und bestimmen wiederum das Alter. Unterscheidungen nach dem Alter können auf verschiedenen Grundlagen beruhen. Zu nennen sind insbesondere Stereotypen, Vorurteile oder Generalisierungen. Ein Altersstereotyp ist ein vereinfachtes, undifferenziertes Abbild einer Altersgruppe, das auf die Wirklichkeit bezogen oft irrig und nicht repräsentativ und gleichzeitig änderungsresistent ist. Das Vorurteil kann als wertende Stereotypisierung einer Gruppe verstanden werden und besitzt somit einen emotionalen Gehalt. Abwertende Vorurteile können bewusst (Antipathie, Hass, Angst oder ähnliche negative Neigungen) oder unbewusst zutage treten. Schließlich kann die Generalisierung verstanden werden als das Zuschreiben von Charakteristika auf eine Person ohne individuelle Überprüfung, weil die Zugehörigkeit zur Gruppe oder der Kategorie üblicherweise mit diesen Charakteristika einhergeht; Generalisierungen können negativ, positiv, neutral, wahr oder falsch sein 1. Kommt es zu nachteiligen bzw. belastenden Verhaltensweisen gegenüber Personen, die aufgrund des Unterscheidungsmerkmals Alter verursacht werden, lässt sich von Altersdiskriminierung sprechen. Je nachdem, ob stereotypisiert, vorverurteilt oder generalisiert wurde, ist die Belastung oder Benachteiligung unterschiedlich intensiv (empfunden). In jedem Fall schränkt Altersdiskriminierung die Möglichkeit der persönlichen Teilhabe von Menschen ein; ihre Ressourcen und Lebenschancen werden verkürzt. Juristisch erfassbar wird diese Problematik, weil innerhalb der Europäischen Union (EU) das Verbot der Altersdiskriminierung zu beachten ist. Dieses Diskriminierungsverbot schützt jegliches Alter also Menschen gleich welchen Lebensalters. Ihm kommt eine dynamische Dimension zu. Diese Eigentümlichkeit des Verbotes der Altersdiskriminierung unterscheidet es von anderen bekannten Diskriminierungsmerkmalen, wie bspw. Geschlecht, Rasse, Staatsangehörigkeit, Religion oder sexuelle Orientierung. Bei diesen handelt es sich um binäre Kriterien. 1 Vgl. auch die Ausführungen unter II.2b.cc; aus juristischer Sicht Britz, Einzelfallgerechtigkeit versus Generalisierung,12 Für die rechtliche Durchdringung der Altersdiskriminierung ist dies von großem Wert, wie noch später auszuführen sein wird. Das Verbot der Altersdiskriminierung ist ein großes Prinzip. Es ist ein Menschenrecht. Anders als in den USA ist es in Europa ein relativ neues besonderes Diskriminierungsverbot 2. Seine Geburtswehen waren heftig. Das betrifft nicht nur die Schaffung der primärrechtlichen Kompetenzgrundlage Art. 19 AEUV (ex-art. 13 EG) sowie die Verabschiedung der Richtlinie 2000/78/EG zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf (Rahmenrichtlinie 2000/78/EG) 3, die in ihrem Art. 1 u. a. das Verbot der Altersdiskriminierung verankert. Das betrifft vor allem das in letzter Zeit wohl am meisten kritisierte Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) mit Sitz in Luxemburg. In seiner Entscheidung Mangold 4 aus dem Jahre 2005 erkannten die Luxemburger Richterinnen und Richter, dieses Verbot der Altersdiskriminierung sei nicht nur in der o. g. Rahmenrichtlinie verankert. Vielmehr stelle dieses nur die sekundärrechtliche Konkretisierung eines ungeschriebenen Pendants dar, welches im primären Gemeinschaftsrecht (jetzt Unionsrecht), also im Recht der Europäischen Gründungsverträge, beheimatet sei. Damit maß der EuGH dem Verbot der Altersdiskriminierung Grundrechtsqualität bei und effektuierte es dadurch ungemein. Denn verstoßen mitgliedstaatliche Vorschriften gegen dieses Verbot, sind sie im so genannten Anwendungsbereich des Unionsrechts unter Umständen fortan nicht mehr anzuwenden 5. Mit diesem Urteil säte der EuGH Wind und erntete einen heftigen Sturm der Entrüstung in Deutschland. Dem EuGH wurde von namhaften deutschen Rechtswissenschaftlern unter anderem Verrücktheit attestiert sowie unbefugtes Eindringen in fremdes Territorium vorgeworfen. Im internationalen Kontext wurde es als European Meltdown, eine europäische Kernschmelze, beschrieben. Generalanwalt Mazák ging in seinem Schlussantrag zur Rechtssache Palacios de la Villa sogar so weit zu behaupten, das ungeschriebene Verbot der Altersdiskriminierung sei vom platonischen Rechtshimmel gefallen. Rückblickend betrachtet handelt es sich bei der Entscheidung Mangold freilich um eine mutige und insgesamt vertretbare Entscheidung. Sie verdient Zustimmung. Seit Dezember 2009 ist das Verbot der Altersdiskriminierung nun rechtsverbindlich in Art. 21 Abs. 1 der Charta der Grundrechte der EU (GRCh) niedergelegt. Sie ist zusammen mit dem Vertrag von Lissabon, dem jüngsten völkerrechtlichen Änderungsvertrag der EU, in Kraft getreten. Die Charta der Grundrechte bindet 25 der 27 Mitgliedstaaten der EU, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland. Das entschärft die kontrovers geführte Debatte um die Herleitung dieses Unionsgrundrechts. 2 In der Grundrechtsqualität und der Tatsache, dass es jegliches Alter schützt, unterscheidet sich das europäische Verbot der Altersdiskriminierung wesentlich vom US-amerikanischen Verbot der Altersdiskriminierung. Dieses ist einfachgesetzlich im Age Discrimination in Employment Act von 1967 (ADEA) für Arbeitnehmende ab dem 40. Lebensjahr normiert. Der U.S. Supreme Court hat ihm bislang die Qualität eines Menschenrechts versagt, und diesbezügliche Rechtsfragen i. R. d. Gleichheitssatzes der US-amerikanischen Verfassung nicht der strengen Prüfungskontrolle unterworfen, die er nur für besondere Diskriminierungsverbote, wie bspw. die Rasse, bereithält; vgl. dazu U.S. Supreme Court , Massachusetts Board of Retirement v. Murgia, 427 U.S. 307, 313; U.S. Supreme Court , Vance v. Bradley, 440 U.S. 93, 108 f. (1979); U.S. Supreme Court , Kimel v. Florida Board of Regents, 120 S.Ct. 631 ff. (2000). 3 ABl. EG Nr. L 303 v , S. 16 ff. 4 EuGH , Rs. C-144/04, Mangold, Slg. 2005, I-9981 ff. = NZA 2005, 1345 ff.; u. a. Colneric, NZA-Beil. 2008, 66, 70 f.; Böhm, JZ 2008, 324 ff. und jetzt BVerfG , Az.: 2 BvR 2661/06, BeckRS 2010, Vgl. auch die Ausführungen unter IV.1.a.. 1213 Mit dem nun bindenden Verbot der Altersdiskriminierung mussten deutsche Richterinnen und Richter, Anwältinnen und Anwälte, Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler vor gut fünf Jahren juristisches Neuland betreten. Denn bis zum Ablauf der Umsetzungsfrist der Rahmenrichtlinie 2000/78/EG in Bezug auf das Merkmal Alter (2. Dezember 2006) und der Mangold-Entscheidung hatten sie ein solches im Geltungsbereich des Grundgesetzes nicht zu beachten. Der abschließend formulierte Art. 3 Abs. 3 GG kennt kein solches besonderes Diskriminierungsverbot. Internationale Menschenrechtsverträge, die die Bundesrepublik Deutschland ratifiziert hat, listen es nicht ausdrücklich auf. Gesetzgebung und Gerichte legten in den vergangenen Jahrzehnten hierfür kaum gesellschaftliche oder juristische Sensibilität an den Tag. Das Verbot der Altersdiskriminierung hat bislang vor allem die Arbeitsrechtswissenschaft und gerichtliche Praxis intensiv beschäftigt; andere privatrechtliche Bereiche stehen noch nicht im Zentrum der Diskussion 6. In Zusammenschau mit einem notwendigen Umdenken und einem nachhaltigen Ansatz 7 bietet es diesbezüglich eine große Chance: Und zwar diejenige, das teilweise in sich widersprüchliche und ältere Arbeitnehmer benachteiligende Arbeitsrecht für die zukünftigen Herausforderungen unserer Gesellschaft fit zu machen. Dafür lohnt es sich einzutreten, weil anderenfalls massive Wohlstandsverluste für unsere Gesellschaft in den kommenden vier Jahrzehnten drohen. Die Grenzen der Steigerung von Produktivität und Kapitaleinsatz sind fast erreicht und können nur noch marginal ausgereizt werden. Aus ökonomischer Sicht wird es deshalb maßgeblich auf den Produktionsfaktor Arbeit ankommen, weil er die einzig verbleibende Stellschraube bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts darstellt. Dieser Produktionsfaktor darf sich nicht zu einem Hemmschuh entwickeln, soll die Bundesrepublik Deutschland ihr bisheriges Wohlstandsniveau nicht verlieren. Genau das droht aber, wenn der Gesetzgeber u. a. das Arbeitsrecht in den kommenden Jahren nicht entscheidend weiterentwickelt oder die Gerichte die europäischen Vorgaben nicht wirksam umsetzen. I.2. Notwendigkeit eines interdisziplinären Ansatzes Für die Neuausrichtung des Arbeitsrechts muss der interdisziplinäre Ansatz dringend verstärkt werden. Das ist für das Verständnis des Verbots der Altersdiskriminierung von großer Bedeutung. Daher sollten Gesetzgeber und Rechtsprechung Erkenntnisse und Prognosen aus der Demographie, Gerontologie und Volkswirtschaft für die arbeitsrechtliche Praxis zugrunde legen. Denn auch von diesen Wissenschaftsdisziplinen hängt die inhaltliche Ausformung des Arbeitsrechts ab. Beispielsweise ist die obergerichtliche Rechtsprechung, was die Zulässigkeit von Altersgrenzen betrifft, überwiegend noch immer dem so genannten Defizitmodell des Alterns aus der Frühphase der Gerontologie verhaftet 8. Diese Theorie lehnt sich stark an die biologischen Alternstheorien an, die den Abbau wichtiger körperlicher und seelischer Funktionen in den Vordergrund stellten, und wendet diese Annahmen auch hinsichtlich der Zusam- 6 Vgl. jedoch OLG Karlsruhe VersR 2007, 1399 ff.; AG Potsdam MMR 2008, 769 f. 7 Vgl. dazu die Ausführungen unter II.2.c.bb. 8 Vgl. bspw. BVerfG NZS 2008, 311, 312; BVerfG GewArch 2007, 149 f.; BVerfG AP Nr. 25 zu 620 BGB Altersgrenze; BVerfG NZA 1998, 589, 590; BVerfG NVwZ 1997, 1207; BVerfG NJW 1983, 2869, 2870; BVerfG NJW 1959, 1579, 1580; VGH München GewArch 2009, 202, 203; OVG Münster NVwZ-RR 1990, 300,14 menhänge zwischen Intelligenz, Reaktionsfähigkeit und Gedächtnis auf der einen Seite und Lebensalter auf der anderen Seite an. In der gerontologischen Forschung ist dieses Modell des Alterns empirisch wie theoretisch spätestens seit den 1960er Jahren widerlegt 9. Das Arbeitsrecht jedoch neigt ihr überwiegend noch immer unausgesprochen zu und nimmt neuere Forschungsergebnisse der Gerontologie oder der Medizin nur zögerlich wahr 10. Ein jüngeres Urteil des Neunten Senats des BAG weist erfreulicherweise in eine andere Richtung 11. Was sind allgemein die wichtigsten Erkenntnisse der Nachbardisziplinen, die für das Arbeitsrecht in einer alternden Gesellschaft von Bedeutung sind? Die Demographieforschung betont eindringlich, dass es genauso auf jüngere wie auf ältere Arbeitnehmer ankommen wird 12. In den nächsten drei Jahrzehnten stehen wir vor einer massiven Veralterung unserer Gesellschaft 13. Sie geht einher mit einer ansteigenden Lebenserwartung und wird die Struktur der deutschen Bevölkerung zunehmend in eine Urne verwandeln. Grund dafür ist vor allem die so genannte Babyboomer-Generation, also die heute 40- bis 50-Jährigen. Ab 2035 wird dieser strukturelle Prozess noch zusätzlich von der Schrumpfung unserer Gesellschaft überlagert. Diese demographischen Prognosen sind bezogen auf die nächste Generation, also die kommenden 30 bis 40 Jahre, sehr valide, weil die Mortalität sehr genau berechnet werden kann und die Menschen von morgen bereits heute leben. Die Alterung der Bevölkerung im Erwerbsalter, die ab 2012 auch durch die schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre bis zum Jahre 2029 zusätzlich begünstigt wird, stellt eine große beschäftigungspolitische Herausforderung dar, der sich die Politik stellen muss. Dass hier gehandelt werden muss, mag zunächst angesichts eines ebenfalls prognostizierten unumkehrbaren Rückgangs des Erwerbspersonenpotenzials verwundern. Der Grund, warum dennoch keine Entwarnung gegeben werden kann, liegt darin, dass bis 2030 von einer Unterbeschäftigung in Deutschland ausgegangen werden kann wenngleich diese Prognosen weitaus schwieriger anzustellen sind als die Vorhersage der 9 Statt aller: Lehr, Psychologie des Alterns, 11. Aufl. 2007, S. 16, 76 ff., 179 ff. mit umfangreichen Nachweisen. 10 Bei besonderen Altersgrenzen: BAG RIW 2010, 76, 80; BAG ZTR 2005, 255, 256 unter Verweis auf BVerfG NZA 1998, 589 f.; BAG NZA 2003, 1056; BAG EzA 620 BGB Bedingung Nr. 6; BAG NZA 1986, 325, 326 f.; seltener bei der allgemeinen Altersgrenze 65 Jahre, dazu die Ausnahmeentscheidung BAG NZA 1988, 617, 619; zu Altersgrenzen vgl. auch die Ausführungen unter III.3c und IV.3c.cc. 11 BAG NZA 2010, 327 ff. 12 So die Einschätzung der Ökonomen Kirsch und Mackscheidt in FAZ v , Nr. 122, S. 13: Arbeiten bis 90 ; ebenso IAB Forum, Nr. 2, 2006, S Ausf. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Bevölkerung Deutschlands bis 2060, 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, 2009: Ende 2008 lebten ca. 82 Millionen Einwohner in Deutschland. Im Jahr 2060 werden es zwischen 65 Millionen und 70 Millionen sein. Zu diesem Zeitpunkt wird die Bevölkerungszahl unter dem Niveau des Jahres 1950 liegen. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen sinkt ebenso wie die der jungen Menschen im Ausbildungsalter. Dagegen wird sich die Zahl der 80-Jährigen und Älteren von heute nicht ganz vier Millionen (fünf Prozent der Bevölkerung) auf zehn Millionen im Jahr 2050 nahezu verdreifachen und 2060 bei etwa neun Millionen liegen. Zur Bevölkerung im Erwerbsalter von 20 bis 64 Jahren gehören heute knapp 50 Millionen Menschen. Im Jahr 2060 werden es je nach dem Ausmaß der Zuwanderung 36 Millionen bzw. 27 Prozent oder 33 Millionen bzw. 34 Prozent weniger sein (Zuwanderung von oder Personen pro Jahr). Die Altersstruktur innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe wird sich verschieben. Zurzeit gehören die Hälfte der Menschen im erwerbsfähigen Alter zur mittleren Altersgruppe von 30 bis 49 Jahren, ein Drittel zur älteren von 50 bis 64 Jahren und knapp ein Fünftel zur jungen von 20 bis 29 Jahren. Zwischen 2017 und 2024 werden die mittlere Altersgruppe und die ältere mit etwa 40 Prozent nahezu gleich stark sein. Gleichzeitig wird aber die Gesamtzahl der Personen im Erwerbsalter stark sinken. In jedem Fall wird das Erwerbspersonenpotenzial der Zukunft zu einem erheblichen Teil aus Menschen bestehen, die älter als 50 Jahre sind. Schließlich führt die schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre im Jahr 2060 zu einer um ein bis zwei Millionen größeren Bevölkerung im Erwerbsalter. Die ältere Gruppe innerhalb des Erwerbsalters erhält dadurch gleichzeitig ein noch stärkeres Gewicht. Für den Arbeitsmarkt wird es also auf die Älteren in gleichem Maße ankommen wie auf die Menschen mittleren Alters. 1415 demographischen Entwicklung. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht auch im Jahre 2020 von einer Unterbeschäftigung in Höhe von ca. drei Millionen Personen aus. Sie wird zwar je nach Bundesgebiet unterschiedlich abnehmen, aber nicht verschwinden und vor allem das Segment der älteren Arbeitnehmer betreffen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass es langfristig zu einem Fachkräftemangel kommen wird 14. Die Prognos AG schätzt in ihrem Deutschland Report 2030 die Unterbeschäftigung auch im Jahre 2030 noch auf gut zwei Millionen. Das bedeutet: Die Erwerbsbevölkerung altert nicht nur, sondern für eine alternde Erwerbsbevölkerung müssen auch zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Freilich stößt das Arbeitsrecht, was die Schaffung von Arbeitsplätzen angeht, an seine natürlichen Grenzen. Das ist mehr die Aufgabe des Steuer- und Sozialversicherungsrechts. Was das Arbeitsrecht jedoch dazu beitragen kann, ist zumindest seine altenkritische Einstellung abzulegen; es muss Chancen für jede Erwerbsgruppe bieten. Die Gerontologie hat aufgezeigt, dass ältere Menschen sehr verschieden voneinander sind und sehr unterschiedlich altern. Altern ist individuell. Es wird vom differentiellen Altern oder von der interindividuellen bzw. intraindividuellen Variabilität des Alterns gesprochen. Vieles deutet darauf hin, dass die Unterschiede im Alter sogar zunehmen 15. Besonders hinsichtlich der Leistungsfähigkeit Älterer haben Untersuchungen kein altersbedingtes generelles und großes Nachlassen der Leistungsfähigkeit im mittleren und höheren Erwachsenenalter belegen können. Die Leistung von älteren Arbeitnehmenden ist nicht notwendigerweise besser oder schlechter als diejenige von jüngeren Arbeitnehmenden. Durch langjährige Erfahrung werden nicht nur nachlassende Geschwindigkeit und Geschicklichkeit ausgeglichen, sondern auch spezifische Qualifikationen im Bereich Expertise, Wissen und Menschenkenntnis aufgebaut 16. Darüber hinaus ist es möglich, Entwicklungs- und Handlungsreserven im Alter zu mobilisieren (also die Aktivierung des prinzipiell Möglichen im Alter und die Mobilisierung von stillen Kraft- und Lernreserven) 17. Das Alter, gerade das ab 55 Jahren, bietet Schätze, die zu heben sich lohnen, worauf der berühmte Gerontologe Paul Baltes kurz vor seinem Tod hingewiesen hat 18. Dieser Schatz sind in den kommenden zwei Jahrzehnten vor allem die Babyboomer. 14 IAB Kurzbericht v , Nr. 24: Arbeitsmarktbilanz bis 2020: Besserung langfristig möglich ; IAB Kurzbericht v , Nr. 12: Projektion des Arbeitskräftebedarfs bis 2020: Nur zögerliche Besserung am deutschen Arbeitsmarkt ; IAB Kurzbericht v , Nr. 11: Projektion des Arbeitsangebots bis 2050: Demographische Effekte sind nicht mehr zu bremsen ; zu den Auswirkungen der Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre vgl. IAB Kurzbericht v , Nr. 16: Rente mit 67: Neue Herausforderungen für die Beschäftigungspolitik ; ebenso Ebert/Kistler/Trischler, Ausrangiert Arbeitsmarktprobleme Älterer in den Regionen, 2007, S Lehr (Fn. 9), S. 24, 76, 212 f., 340 jeweils m. w. N.; Ilmarinen/Tuomi/Klockars, Changes in the work ability of active employees as measured by the work ability index over an 11-year periode, Scandinavian Journal of Work, Environment & Health 1997, Beil. 1, S. 49, 55 f.; Baltes, in: FAZ v , Nr. 110, S. 39; Börsch-Supan/ Düzgün/Weiss, Altern und Produktivität: Zum Stand der Forschung, 2006, MEA Discussion Paper, ( ). 16 Ericsson/Charness, Expert performance: Its structure and acquisition. American Psychologist, 1994, (Bd. 49), 725 ff.; Salthouse, Effects of age and skill in typing. Journal of Experimental Psychology: General, 1984 (Bd. 113), 345 ff. 17 Die einschlägige Forschung liefert eindrückliche Belege für enorme Entwicklungspotenziale auch im hohen Lebensalter. Gleichzeitig zeigt sich jedoch auch, dass das Ausmaß an kognitiver Plastizität und Entwicklungsfähigkeit im hohen Alter nachlässt: Jüngere Menschen profitieren generell deutlich stärker von intensiven Trainingsmaßnahmen als ältere (vgl. dazu z. B. Kliegl/Smith/Baltes, Testing-the-limits and the study of adult age differences in cognitive plasticity of a mnemonic skill, Developmental Psychology, 1989, (Bd. 25), 247 ff. Statt zu versuchen, älteren Arbeitnehmenden typische Qualitäten von jungen Arbeitnehmenden anzutrainieren, empfiehlt sich daher, spezifische Qualifikationen von älteren Arbeitnehmenden zu nutzen und zu fördern (Expertise, Erfahrungswissen, Zuverlässigkeit). 18 Baltes, in: FAZ v , Nr. 110, S. 39; Baltes/Lindenberger, in: FAZ v , Nr. 248, S16 Ältere bauen also längst nicht so eindimensional und pauschal ab, wie in der Rechtsprechung noch heute größtenteils angenommen wird. Aus diesem individuellen Prozess folgt, dass sich das chronologische Lebensalter nicht als abstrakt-generelles Tatbestandsmerkmal bzw. Stellvertreter verwenden lässt, soll mit seiner Hilfe das funktionelle Alter abgebildet werden. Die oft verwendete, typisierende Gleichung höheres Alter = abnehmende Produktivität stimmt so nicht und hat nie gestimmt. Daraus folgt, dass im arbeitsrechtlichen Kontext dem Lebensalter an sich als Kriterium keine tragende Rolle zukommen sollte. Deshalb passt es so gut, dass das Verbot der Altersdiskriminierung jegliches Alter schützt. Daraus folgt, dass der Gesetzgeber sich im Grundsatz um eine altersneutrale Regulierung bemühen sollte 19. Im Falle der Notwendigkeit von Unterscheidungen sollten andere Kriterien stärker in den Vordergrund rücken. Dabei wird es sich nicht vermeiden lassen, dass aus dieser umfassenden Gleichbehandlung wiederum potenzielle Ungleichheiten entstehen. Um dem entgegensteuern zu können, können notwendige Ungleichbehandlungen unter bestimmten Voraussetzungen gerechtfertigt werden. Allerdings sollte eine Ungleichbehandlung wegen des Alters grundsätzlich die Ausnahme darstellen 20. Eine der weiteren Herausforderungen, die der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft der deutschen Erwerbsbevölkerung stellt, ist eine nachhaltige Neuzuordnung von Arbeitskräften zwischen den Sektoren und Branchen 21. Denn der Rückgang der Beschäftigungsquoten im primären und sekundären Sektor setzt Arbeitskräfte frei. Dabei ist besonderes Augenmerk auf die altersmäßige Verteilung der Arbeitskräfte in den verschiedenen Wirtschaftssektoren, Branchen und Berufen zu legen. Soll der anhaltende Übergang in die Dienstleistungsgesellschaft erfolgreich für alle Erwerbsschichten gelingen und die Globalisierung nicht zu viele Opfer fordern, wird die notwendige Integration von Arbeitskräften in den immer wichtiger werdenden Dienstleistungssektor hauptsächlich ältere Arbeitnehmende betreffen. Dies ist auch zahlenmäßig nicht zu unterschätzen, weil ein großer Anteil der Babyboomer noch im verarbeitenden Gewerbe tätig ist. Die Hindernisse für einen Wechsel in Tätigkeiten, die im Extremfall ein vollkommen unterschiedliches inhaltliches und fachliches Anforderungsprofil aufweisen, müssen angegangen und gemeistert werden. Der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft wird deshalb nur erfolgreich und bruchlos vollzogen werden können, wenn ältere Arbeitnehmende auf diese Herausforderungen vorbereitet werden. Es kommt auf Bildung und Weiterbildung an 22. Die Beschäftigungsfähigkeit Älterer muss erhalten bleiben. Vollkommen fehl geht die Entwicklung, wenn Ältere auf das Abstellgleis gestellt werden. Eine Erkenntnis, die auch die Gerontologie mit Vehemenz vertritt: Nichtstun schadet Seele und Körper. Das sieht im Grundsatz auch das Bundesarbeitsgericht so und beruft sich in diesem Zusammenhang bei Kündigungssachverhalten auf die Menschenwürde des Art. 1 GG 23. Es sollte diesen Ansatz generell verfolgen. 19 Vgl. dazu bspw. Brauer/Backes/Clemens, DRV 2009, 223, Zur Rechtfertigung von Unterscheidungen nach dem Lebensalter vgl. die Ausführungen unter II.2.b.aa. und IV.2.c. 21 Vgl. auch die Ausführungen unter II.1.e und II.2.b.aa. 22 Eindringlich Bäcker/Brussig/Jansen/Knuth/Nordhause-Janz, DRV 2009, 93, 103; aus Sicht der Jüngeren, eindringlich und zugespitzt Heinsohn, FAZ v , Nr. 62, S So beim Weiterbeschäftigungsanspruch im Falle der Kündigung: BAG v NZA 1985, 702, 703 ff. 1617 Schließlich zeigen empirische ökonomische Untersuchungen, aber auch die theoretischen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, dass die Menge an Arbeit keineswegs konstant ist. Gegenteilige Annahmen betiteln Ökonomen als Lump of Labour Fallacy, also als einen Trugschluss, der Arbeitsmarkt sei ein großer Klumpen : Zuwächse bei der Erwerbstätigkeit Älterer gehen aber nicht zu Lasten Jüngerer 24. Es ist vielmehr so, dass der allgemeine Arbeitsmarkt regelmäßig aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit an veränderte Rahmenbedingungen einen hohen Beschäftigungsstand sowohl von Alt als auch Jung erreichen kann 25. Der Arbeitsmarkt ist nicht statisch, sondern dynamisch! Für Juristen heißt das eigentlich: mehr Mut! Wenn in der Ökonomie solche Annahmen als Milchmädchenrechnung bezeichnet werden, der vor allem Politikerinnen und Politiker gerne verhaftet sind, bedarf es zum Beispiel im Arbeitsrecht der allgemeinen Altersgrenze 65 Jahre nicht 26. Diese Altersgrenze beendet das Arbeitsverhältnis automatisch das heißt ohne Kündigung am Ende des Monats, an dem der Arbeitnehmer die Regelaltersgrenze erreicht, die gem. 235 SGB VI noch bei 65 Jahren liegt. Sie ist angeblich das Steuerungsmittel für die Regulierung des Arbeitsmarktes, obwohl sowohl im öffentlichen Dienst als auch in der Privatwirtschaft die Anzahl der durch allgemeine Altersgrenzen frei werdenden Stellen äußerst gering ist. Denn nur die wenigsten Arbeitnehmer gehen von einer aktiven, sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in die Altersrente. Die Werte liegen bei unter einem Prozent in Bezug auf alle ca. 26 Millionen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Gerechtfertigt werden allgemeine Altersgrenzen in juristischen Diskussionen vor allem mit dem Argument der generationengerechten Verteilung der Arbeitsplätze, weil die oder der Arbeitnehmende ab dem 65. Lebensjahr eine Regelaltersrente beziehen könne. Damit einher geht die Einschätzung, dass Arbeit Last und nicht Lust ist und Arbeitnehmende ohnehin so kurz wie möglich arbeiten wollen. Die Rente hingegen wird als soziale Wohltat verstanden, die die Härten der allgemeinen Altersgrenze abmildert. In Wahrheit ist jedoch die Altersgrenze der Preis, der in der Bundesrepublik Deutschland für den hohen Bestandsschutz im bestehenden Arbeitsverhältnis zu entrichten ist. Sie ist die Sollbruchstelle, die automatisch aktiviert wird eine Art letzte personalpolitische Verteidigungslinie der Arbeitgeber 27. I.3. Gang der Darstellung Wenngleich unter II.2.a.bb. auch auf altersdiskriminierende Aspekte in anderen zivil- und sozialrechtlich relevanten Bereichen eingegangen wird (medizinische Versorgung und Pflege, Wohnen, Finanz- und Versicherungsmarkt und andere rechtliche Zusammenhänge), haben die Gutachter den Schwerpunkt dieser Expertise auf das Arbeitsrecht gelegt. Das hat vornehmlich seinen Grund darin, dass gerade das Arbeitsrecht in der Rechtswissenschaft und Praxis momentan den Brennpunkt und das Wirkfeld für das Verbot der Altersdiskriminierung darstellt. Vieles ist seit Inkrafttreten der Rahmenrichtlinie und der Entscheidung Mangold in Fluss gekommen. Die arbeitsgerichtliche Rechtsprechung und der 24 Roth, Beschäftigungsorientierte Sozialpolitik, 2002, S. 14 bis 20 und 37 bis 47; s. a. Börsch-Supan, Reduction of Working Time: Does it decrease Unemployment, 1999, S Bertelsmann Stiftung, Beschäftigungschancen für ältere Arbeitnehmer, 3. Aufl. 2005, S. 37 bis 40, insbesondere Abb. 5a und 7a; ebenso OECD, Alterung und Beschäftigungspolitik, 2005, S. 12, 43, 48, 171 f. 26 BAG NZA 2008, 1302 ff.; dazu unter III.3.c.aa. und IV.3.c.cc(1). 27 Levine, Age Discrimination and the Mandatory Retirement Controversy, 1988, S. 101, benutzt das Bild eines Kugelfangs ( backstop ). 1718 Gesetzgeber in Deutschland bewegen sich tastend vorwärts mal progressiv 28, mal zurückhaltend 29 und teilweise nur auf Druck des EuGH 30. Zudem ist mit weiteren Korrekturen aus Luxemburg zu rechnen; das dürfte vor allem die konservative Altersgrenzen-Rechtsprechung betreffen 31. Das Manuskript dieser Expertise wurde im März 2010 fertiggestellt. Neuere Entwicklungen konnten noch grundsätzlich bis Ende Juni 2010 berücksichtigt werden. Auf die wichtige Entscheidung Honeywell des BVerfG, die in der Schlussredaktion dieser Expertise veröffentlicht wurde, kann an dieser Stelle nur hingewiesen werden 32. In dieser hat der Zweite Senat des BVerfG die Mangold-Entscheidung des EuGH im Ergebnis gebilligt und für keinen ausbrechenden Rechtsakt gehalten. Der EuGH habe weder durch die Bejahung des Anwendungsbereichs des Unionsrechts mit Blick auf den konkret zu entscheidenden Sachverhalt, noch durch die Art und Weise der möglichen Wirkung von Richtlinienbestimmungen oder die Schaffung eines primärrechtlichen Grundsatzes des Verbots der Altersdiskriminierung seine ihm verliehenen Kompetenzen überschritten. Unter anderem hat es das BVerfG dahinstehen lassen, ob sich aus den völkerrechtlichen Quellen und Verfassungen der Mitgliedstaaten ein derartiger Grundsatz vertretbar herauslesen lässt, und dem EuGH insgesamt betrachtet einen Anspruch auf Fehlertoleranz zugebilligt. Damit ist die jahrelange Kontroverse um die Mangold-Entscheidung zumindest gerichtlich zu einem Schluss gekommen. Im dem nun folgenden zweiten Teil dieser Expertise wird der bisherige Forschungsstand zur Altersdiskriminierung aus sozialpsychologischer Sicht aufbereitet. Notwendige Begrifflichkeiten werden geklärt, einschlägige Forschungen zur Altersdiskriminierung vorgestellt und bewertet. Insbesondere wird es um die Ursachen, aber auch die Folgen und die so wichtigen Vermeidungsstrategien von Altersdiskriminierungen gehen. Dieser Teil wird vom Gutachter Rothermund verantwortet. Die verwendete Literatur findet sich im Anhang zu dieser Expertise wieder und ist vollständig recherchierbar. Der dritte Teil der Expertise wendet sich Fallgestaltungen mit Altersrelevanz im Arbeitsrecht zu. Dabei können nicht sämtliche Situationen und Regelungen angesprochen werden, die auf dem Prüfstand des Verbots der Altersdiskriminierung stehen. Ausgewählt wurden einige typische bzw. repräsentative Sachverhalte, die arbeitsgerichtliche Rechtsprechung und Lehre beschäftigen. Sie reichen von der Anbahnung und Begründung über die Durchführung bis zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Im vierten Teil der Expertise werden die rechtlichen Prüfungsmaßstäbe in Bezug auf das Verbot der Altersdiskriminierung dargestellt sowie die Fallgestaltungen aus dem dritten Teil auf ihre rechtliche Vereinbarkeit mit dem Verbot der Altersdiskriminierung hin unter- 28 BAG NZA 2009, 945 ff. (Entschädigung bei altersdiskriminierender Versetzung in einen Stellenpool); BAG NZA 2010, 327 ff. (Schutz des jungen bzw. mittleren Alters bei altersdiskriminierenden Versetzungen); BAG NZA 2010, 223 ff. (Unterlassungsanspruch des Betriebsrats bei mittel altersdiskriminierenden Stellenausschreibungen); BAG , Az. 8 AZR 530/09 PM Nr. 64/10 (Altersdiskriminierende Stellenbewerbung); s. a. BAG NZA 2006, 1217 ff. (Auslegung des arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatzes im Lichte der Rahmenrichtlinie 2000/78/EG). 29 Bspw. auf dem Gebiet der Sozialplanrechtsprechung: BAG NZA 2009, 386 ff.; BAG NZA 2009, 210 ff.; BAG NZA 2009, 849 ff.; BAG NZA 2010, 774 ff. oder der Sozialauswahl BAG NZA 2009, 361 ff.; BAG NZA 2010, 457 ff. 30 Bspw. in Bezug auf die Gemeinschaftsrechtswidrigkeit des 622 II 2 BGB: EuGH , Rs. C-555/07, Kücükdeveci, NZA 2010, 85 ff.; s. a. dazu den zögerlichen Beschluss des BVerfG EzA 622 BGB 2002 Nr Vgl. die Ausführungen unter IV.2.c.bb. und IV BVerfG , Az.: 2 BvR 2661/06, BeckRS 2010, 52067; dazu Willemsen/Sagan, FAZ v , Nr. 202, S. 21: Auf deutsche Gesetze ist kein Verlass mehr. Vgl. auch die Ausführungen unter IV.1.a.bb. 1819 sucht. Zudem wird auch die aktuelle Rechtsprechung des EuGH und des BAG analysiert und bewertet. Diese beiden Teile der Expertise werden vom Gutachter Temming verantwortet. Was die außerordentliche Fülle der einschlägigen juristischen Literatur zum Verbot der Altersdiskriminierung im Arbeitsrecht betrifft, wird an dieser Stelle natürlich auf aktuelle Publikationen hingewiesen. Die reichhaltige Literatur bis 2008 findet sich zudem aufgearbeitet und recherchierbar in den umfangreichen rechtswissenschaftlichen Monographien zum Verbot der Altersdiskriminierung wieder 33. Der fünfte Teil fasst die wesentlichen Ergebnisse der Expertise zum Verbot der Altersdiskriminierung zusammen. 33 Hahn, Auswirkungen der europäischen Regelungen zur Altersdiskriminierung im deutschen Arbeitsrecht, 2006; Korthaus, Das neue Antidiskriminierungsgesetz, 2006; Senne, Auswirkungen des europäischen Verbots der Altersdiskriminierung auf das deutsche Arbeitsrecht, 2006; Sprenger, Das arbeitsrechtliche Verbot der Altersdiskriminierung nach der Richtlinie 2000/78/EG, 2006; Polloczek, Altersdiskriminierung im Licht des Europarechts, 2008; Temming, Altersdiskriminierung im Arbeitsleben, 2008; Trebeck, Die verfassungsrechtliche Zulässigkeit von Altersgrenzen, 2008; v. Medem, Kündigungsschutz und Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, 2008; v. Hoff, Das Verbot der Altersdiskriminierung aus Sicht der Rechtsprechung und der ökonomischen Analyse des Rechts,20 II. Bisheriger Forschungsstand II.1. Begriffliche Unterscheidungen II.1.a. Diskriminierung, Benachteiligung, Ungleichbehandlung Der Begriff der Diskriminierung taucht im AGG lediglich innerhalb der Wörter Antidiskriminierungsverbände und Antidiskriminierungsstelle auf. Die zu verhindernden oder zu beseitigenden Sachverhalte werden dagegen als Benachteiligung, als unterschiedliche, weniger günstige oder ungünstige Behandlung bezeichnet, die aus Gründen des Alters (oder anderer sozialer Kategoriezugehörigkeiten) erfolgt. Nun ist Diskriminierung nicht ohne Weiteres dasselbe wie Benachteiligung oder Ungleichbehandlung. Diskriminierung im Sinne eines tadelnswerten Verhaltens impliziert die Verletzung legitimer Ansprüche auf Gleichbehandlung auf Seiten der diskriminierten Person. Ohne eine solche Verletzung von gerechtfertigten Ansprüchen reflektiert eine Benachteiligung (oder Bevorzugung) egal aus welchen Gründen sie erfolgt lediglich persönliche Entscheidungen aufgrund von Vorlieben, Einstellungen oder Sympathie/Antipathie. Zwar sind solche persönlichen Bewertungen und Einstellungen, die zu Ungleichbehandlungen führen, durchaus nicht immer moralisch einwandfrei; sie können Vorurteile, Unbarmherzigkeit oder Menschenverachtung ausdrücken in Abwesenheit starker Ansprüche auf Gleichbehandlung handelt es sich bei einer entsprechend motivierten Ungleichbehandlung dennoch nicht um Diskriminierung, sondern zunächst nur um einen Ausdruck persönlicher Freiheit und Willkür. Aus sich heraus liefern viele der Situationen, die vom AGG geregelt werden, keine Basis für die Formulierung von starken Ansprüchen auf Gleichbehandlung durch z. B. Bewerberinnen bzw. Bewerber, Arbeitnehmende, Mieterinnen bzw. Mieter, Versicherungs- oder Kreditnehmende etc. Werden Arbeitsmöglichkeiten oder andere Produkte von einem nicht öffentlichen bzw. privaten Arbeitgeber oder Eigentümer auf einem freien Markt an ge boten, so kann die bzw. der Anbietende in aller Regel frei darüber entscheiden, wen sie bzw. er als Arbeitnehmenden bzw. Käuferin oder Käufer auswählt. Ebenso ist sie bzw. er den potenziellen Interessentinnen oder den potenziellen Interessenten gegenüber bzgl. ihrer bzw. seiner Auswahlentscheidung keine Rechenschaft schuldig 34. Entsprechende Ungleichbehandlungen auf der Basis von Altersunterschieden (oder anderen Kategoriezugehörigkeiten) stellen daher also zunächst typischerweise keinen Fall von Diskriminierung dar. 34 Anders liegt der Fall selbstverständlich, wenn bzgl. bestimmter Leistungen bereits vertragliche Vereinbarungen getroffen wurden, die einklagbare Ansprüche auf eine entsprechende Behandlung garantieren (z. B. Ansprüche auf Heilbehandlung durch Krankenversicherung, auf Weiterbildung oder Beförderung bei Erbringung spezifischer Arbeitsleistungen etc.). Auch bei öffentlichen Gütern besteht ein Anspruch auf gerechte Verteilung ohne Ansehen der Person. 20 Mehr anzeigen
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References: EuGH 
 Art. 4
 Art. 6
 Art. 7
 Art. 19
 Art. 1
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 Art. 21
 EuGH 
 Art. 3
 Art. 1
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 Art. 18
 Art. 45
 EuGH 
 EuGH