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Timestamp: 2018-06-23 15:53:45+00:00

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Wozu der Staatsbetrieb auch gut ist | Freisinnige Zeitung
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Am 15. September 1881 meldet der „Sozialdemokrat“ aus dem Exil in der Schweiz:
— In den reaktionären nordischen Zeitungen finden wir Denunziationen, daß auf den Bahnhöfen freisinnige Zeitungen ausliegen und so den Beamten politisches Gift eingeflößt würde. Dazu bemerken wir, daß seit Bestehen der Königl. Ostbahn beinahe alle Restaurateure derselben einen Revers unterschreiben mußten, in dem sie sich der sofortigen Hinaussetzung unterwarfen, wenn sie sozialdemokratische Zeitungen hielten und auslegten (so vor dem Sozialistengesetz), und was das Halten anderer Zeitungen betraf, so war das Schriftstück so verklausulirt, daß wohl jeder Restaurateur seiner Sicherheit wegen, ehe er eine Zeitung bestellte, anfragte, ob er sie halten dürfe oder nicht. Diese Reverse sind noch heute in Gebrauch, wozu also der Lärm, oder ist bei der reaktionären Bande schon Alles Gedruckte außer „Provinzial-Korrespondenz“, „Deutschen Bettelpatrioten“ und ähnlichem Schund zu freisinnig? Stoßt nur dem Faß den Boden aus, uns nützt es immer!
Den Sozialdemokraten, deren Programm ja sogar die komplette Verstaatlichung der Wirtschaft fordert, muß natürlich nicht aufgehen, daß die Pressefreiheit in ihrem Paradies noch viel weniger zur Geltung kommen würde als unter der preußischen Reaktion.
Das Satireblatt „Berliner Wespen“ arbeitet am 7. September 1881 ein weitergehendes Programm für die Staatseisenbahnen aus, was ja auch immer wichtiger wird, da Bismarck daran arbeitet, die Privatbahnen in Staatsbesitz zu überführen und ein Monopol aufzubauen:
Verordnung für Staatsbahnen.
§ 1. Der Verkauf liberaler Zeitungen auf den Bahnhöfen ist untersagt. Die Schaffner sind verpflichtet, die Weiterreise solcher Passagiere, welche sich im Besitz liberaler Zeitungen befinden, zu verhindern.
§ 2. Das Betreten der Bahnhofsrestaurationen ist nur solchen Reisenden gestattet, welche mit der Wirthschaftspolitik des Reichzkanzlers einverstanden sind. Als Legitimation gilt ein Danktelegramm des Fürsten Bismarck, oder ein Exemplar der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung.
§ 3. Daß von Reisenden mitgeführte Butterbrod, welches nicht in conservative, agrarische oder antifortschrittliche Makulatur gewickelt ist, wird confiscirt.
§ 4. Die Schlafwagen sind stündlich von einem eigens dazu angestellten Bahnpindter [1] zu revidiren. Spricht der Passagier liberal aus dem Schlaf, so ist er zu wecken und vor Wiederholung zu warnen. Im Wiederholungafall setzt ihm der bezeichnete Bahnpindter einige Wanzen oder andere Reptilien auf die Matratze.
§ 5. Wird in den Rauchcoupés von einem schlechten Blatt gesprochen, so sind die Raucher von dem mitfahrenden Bahndenuncianten eidlich zu vernehmen. Ist von einem Regierungsblatt und nicht von Tabaksblättern die Rede gewesen, so werden eine Dame, welche das Rauchen nicht vertragen kann, und ein zweijähriges Kind in das Rauchcoupé gesetzt.
§ 6. In den Speisewaggons werden statt der papiernen Servietten Exemplare des de Grahl’schen „Patriot“ gereicht. Vergeht einem Passagier dabei der Appetit, so bekommt derselbe nur Wasser und Brod.
§ 7. Die Herstellung besonderer Arrestcoupés für renitente Reisende bleibt vorbehalten.
Die Eisenbahn-Direction.
[1] Emil Johann Alois Friedrich Pindter, Leiter der offiziösen “Norddeutschen Allgemeinen Zeitung”
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References: § 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6

§ 7