Source: http://www.verwaltungsvorschriften-im-internet.de/bsvwvbund_20042007_RSII2170272.htm
Timestamp: 2018-04-22 10:46:27+00:00

Document:
Krebsrisiko durch mehrjährige Expositionen mit Dosen im Bereich des Grenzwertes für die Berufslebensdosis
nach § 56 Strahlenschutzverordnung (StrlSchV)
Verabschiedet in der 215. Sitzung der Strahlenschutzkommission am 20. April 2007
Berufliche Strahlenexpositionen
Internationale und nationale Empfehlungen zum Krebsrisiko durch niedrige Dosen ionisierender Strahlung
Neue epidemiologische Studien
Zusammenfassende Bewertung und Empfehlung
Anhang: Zusammenfassung der Einzelstudien
Grenzwerte beruflicher Strahlenexpositionen sind in den grundlegenden Sicherheitsnormen des Europäischen Rates und in der deutschen Strahlenschutzverordnung (StrlSchV) geregelt. Das deutsche Strahlenschutzregister erlaubt einen Überblick über die registrierten beruflichen Strahlenexpositionen.
Internationale Gremien und auch die deutsche Strahlenschutzkommission (SSK) haben Empfehlungen zur Bewertung des Krebsrisikos nach Expositionen mit niedrigen Dosen oder niedrigen Dosisleistungen gegeben. In den letzten Jahren wurde eine Reihe von epidemiologischen Studien zum Krebsrisiko durch längerfristige Strahlenexpositionen veröffentlicht. Obwohl die mittleren Dosen der Studienteilnehmer in den meisten der Studien im Bereich von 10 mSv liegen, beziehen sich die Aussagen der Studien eher auf den Bereich von 100 - 500 mSv, in dem die Dosen der höher exponierten Personen in den Studien liegen. Der Anhang dieser Empfehlung enthält eine kurze Zusammenfassung dieser neuen epidemiologischen Studien. In der vorliegenden Empfehlung wird eine Bewertung der Ergebnisse der Studien bezüglich der Summe aller soliden Krebsarten, Lungenkrebs und Leukämie vorgenommen.
In der Richtlinie 96/29/Euratom sind grundlegende Sicherheitsnormen für den Schutz der Gesundheit von Arbeitskräften und der Bevölkerung vor den Gefahren durch ionisierende Strahlung festgelegt [1]. Nach Artikel 9 beträgt der Grenzwert der effektiven Dosis für strahlenexponierte Arbeitskräfte über einen Zeitraum von fünf aufeinander folgenden Jahren insgesamt 100 mSv, wobei die effektive Dosis 50 mSv für ein einzelnes Jahr nicht überschreiten darf.
Die Verordnung über den Schutz vor Schäden durch ionisierende Strahlen (Strahlenschutzverordnung, StrlSchV, [2]) regelt die Grenzwerte für beruflich strahlenexponierte Personen in Deutschland. Nach § 55 StrlSchV beträgt der Grenzwert der effektiven Dosis 20 mSv im Kalenderjahr. Die Berufslebensdosis einer beruflich strahlenexponierten Person ist nach § 56 StrlSchV die Summe der in allen Kalenderjahren der Überwachung ermittelten effektiven Dosen. Der Grenzwert der Berufslebensdosis beträgt 400 mSv. Insgesamt ist die StrlSchV insbesondere durch die Einführung der Berufslebensdosis restriktiver als die Euratom-Grundnormen.
Die von den behördlich bestimmten Messstellen in Deutschland festgestellten Dosiswerte aus beruflich bedingter Strahlenexposition werden im Strahlenschutzregister (SSR) des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zusammengeführt [3]. Für die überwiegende Anzahl der beruflich strahlenexponierten Personen ist die jährliche effektive Dosis deutlich geringer als der Grenzwert von 20 mSv. Allerdings traten im Zeitraum 2002 - 2004 Grenzwertüberschreitungen bei 41 Personen, d.h. bei ca. 0,01 % der im SSR registrierten beruflich strahlenexponierten Personen, auf.
Ein geringer Anteil der im SSR registrierten Berufslebensdosen überschreitet den Grenzwert nach § 56 StrlSchV von 400 mSv. So lagen die Berufslebensdosen durch externe Strahlenexpositionen von 79 Personen, d.h. von 0,01 % der registrierten Personen, über dem
Grenzwert [3]. Für 2 798 Personen (0,35 %) wurden Berufslebensdosen im Bereich von
100 - 400 mSv registriert. Für die Bewertung der Daten im SSR sind zwei Aspekte zu beachten, die sich gegenläufig auf die zukünftige Entwicklung der registrierten Berufslebensdosen auswirken werden:
Im SSR liegen vollständige Daten für 1998 und die folgende Jahre vor. Zwar werden durch die Übernahme von Altdaten auch Überwachungszeiträume vor 1998 zunehmend abgedeckt, die mittlere Überwachungszeit beträgt gegenwärtig allerdings nur 17 Jahre. Es ist zu erwarten, dass sich die mittlere Überwachungszeit, und damit auch der Zeitraum, in dem sich registrierte Berufslebensdosen aufaddieren, mit einem längeren Bestehen des SSR erhöhen wird.
Im SSR sind Bergleute der Wismut AG registriert, die in den ersten Betriebsjahren relativ hoch exponiert waren. Es ist davon auszugehen, dass die gegenwärtig und zukünftig auftretenden Strahlenexpositionen geringer sind bzw. sein werden als die dieser Bergleute.
Insgesamt zeigen die vorliegenden Daten des SSRs, dass über längere Zeiträume auftretende Strahlenexpositionen, die sich zu effektiven Dosen größer als 100 mSv aufaddieren, bei einer nicht zu vernachlässigenden Anzahl von Personen vorkommen. Deshalb sind effektive Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis von 400 mSv für den Strahlenschutz beruflich strahlenexponierter Personen von Bedeutung. Im Folgenden werden epidemiologische Studien zusammenfassend bewertet, die zu derartigen Strahlenexpositionen Aussagen machen.
Internationale und nationale Empfehlungen zum Krebsrisiko durch
niedrige Dosen ionisierender Strahlung
Das „Committee to Assess Health Risks from Exposure to Low Levels of Ionizing Radiation“ des US-amerikanischen Forschungsrates (National Research Council) definiert niedrige Dosen durch den Bereich von Dosen kleiner 100 mSv [4]. Basierend auf strahlenbiologischen Daten und einer Analyse der Daten der Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki empfiehlt das Komitee, für niedrige Dosen und niedrige Dosisleistungen Risikokoeffizienten (zusätzliches relatives Risiko je Dosis) für solide Krebstumoren zu verwenden, die um einen Faktor 1,5 niedriger sind als Risikokoeffizienten, die mit einem linearen Modell für die Daten der Atombombenüberlebenden erhalten werden.
Die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) geht davon aus, dass im Bereich von Dosen unterhalb von 100 mSv die Dosis-Wirkungs-Kurve für Krebs linear ist [5]. Für solche Dosen und für höhere Dosen mit Dosisleistungen unterhalb von 100 mGy/h [6] empfiehlt die ICRP, von einem um einen Faktor 2 (Dosis- und Dosisleistungs-Effektivitätsfaktor, DDREF) niedrigeren Risikokoeffizienten als in den Daten für die Atombombenüberlebenden auszugehen. Die ICRP begründet den im Vergleich zu BEIR VII [4] höheren Reduktionsfaktor mit
DDREF-Werten im Bereich von 2 - 4 für Mutationen
DDREF-Werten im Bereich von 2 - 3 für die Krebsentstehung und Lebenszeitverkürzung bei Versuchstieren
der Anwendung des DDREF auf alle Krebsarten (inklusive Leukämie) und nicht nur auf solide Tumoren, wie dies in der BEIR VII-Analyse [4] der Fall war.
Die deutsche Strahlenschutzkommission bewertet die Evidenz für möglicherweise geringere Krebsrisikokoeffizienten bei niedrigen Dosen/Dosisleistungen im Vergleich zu akuten Strahlenexpositionen mit hohen Dosen als gering [7, 8]. Sie hält es deshalb nicht für angebracht, für Strahlenschutzbetrachtungen in diesen Expositionsbereichen von niedrigeren Koeffizienten auszugehen. Die SSK hat daher empfohlen, das Konzept eines DDREF im praktischen Strahlenschutz nicht weiter zu verwenden [7].
Im Folgenden wird der Begriff „Dosis“ stellvertretend für die Dosisbegriffe „effektive Dosis“ oder „Personendosis“ verwendet. In den unten genannten epidemiologischen Studien wird die Dosis häufig nicht genauer spezifiziert. Die Studien beziehen sich allerdings überwiegend auf Expositionen durch Photonen mit Energien im Bereich von 100 keV bis 3 MeV, für den sich die effektive Dosis und die Personendosis numerisch nicht wesentlich unterscheiden.
Bei der Gruppe der soliden Tumoren handelt es sich um alle Tumoren außer den Lymphomen und den Tumoren des hämatopoietischen Systems wie der Leukämie. Zu den häufigsten Tumordiagnosen bei den soliden Tumoren zählen Darm-, Brust-, Lungen- und Prostatakrebs. Die Zahl dieser Tumoren ist in allen betrachteten Studien wesentlich höher als die der Leukämien, daher sind auch niedrigere Risikoerhöhungen als bei den besonders strahlensensitiven Leukämien von Bedeutung.
Es liegen sechs aktuelle Studien für länger andauernde Strahlenexpositionen mit maximalen Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis vor, in denen Angaben zu Risikokoeffizienten (zusätzliches relatives Risiko (excess relativ risk, ERR) je Dosis) für solide Tumoren gemacht wurden (Tabelle 1). Es handelt sich ausnahmslos um Kohortenstudien.
Vier der Studien in Tabelle 1 haben einen vergleichbar großen 95 %-Vertrauensbereich des Risikokoeffizienten mit einer Spanne von ca. 1,5/Sv. In zwei der Studien (Arbeiter der Nuklearindustrie in 15 Ländern [9] und Anwohner der Tetscha [10]) wird ein signifikantes zusätzliches Krebsmortalitätsrisiko beobachtet. Der beste Schätzwert des Risikokoeffizienten ist höher als in der Studie der Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki (LSS). Die zwei anderen Studien (Hanford-Arbeiter [11] und Krebsinzidenz unter den Aufräumarbeitern von Tschernobyl [12]) ergeben einen Risikoschätzer, der vergleichbar mit dem für die Atombombenüberlebenden ist.
Drei dieser Studien (Arbeiter der Nuklearindustrie in 15 Ländern [9], Hanford-Arbeiter [11] und Anwohner der Tetscha [10]) machen Aussagen zur Abhängigkeit des zusätzlichen relativen Risikos vom Alter bei Exposition. In allen drei Studien nimmt der Risikokoeffizient mit dem Alter bei Exposition zu. Dies steht im Widerspruch zu den Ergebnissen für die hohen, akuten Expositionen der Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki. Es besteht weiterer Forschungsbedarf, um die Gründe für die widersprüchlichen Ergebnisse aufzuklären.
Eine fünfte Studie (Krebsmortalität unter den Aufräumarbeitern von Tschernobyl [13]) ergab ein signifikant erhöhtes Risiko mit einem besten Schätzwert des Risikokoeffizienten, der deutlich höher ist als in der LSS. Allerdings sind die Ergebnisse aufgrund des großen Unsicherheitsbereiches des Risikowertes in der neuen Studie miteinander verträglich.
Tab. 1: Risikokoeffizienten (ERR je Dosis) für Mortalität oder Inzidenz von soliden Tumoren nach niedrigen Dosisleistungen durch Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis und nach akuter Exposition der Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki (LSS).
Kohorte/
Exposition/ Geschlecht
ERR je Dosis (Sv-1)a
für länger andauernde Exposition
für hohe akute
Exposition (LSS)b
Cardis et al. 2007 [9]
1,2 (0,4; 2,1)c
0,3 (0,07; 0,5)d
Anwohner der Tetscha, Russland
Krestinina et al. 2005 [10]
0,9 (0,2; 1,7)e
0,4 (0,3; 0,5)f
Arbeiter, Nuklearanlagen Hanford, USA
Wing, Richardson 2005 [11]
0,3 (-0,3; 1,0)g
Aufräumarbeiter Tschernobyl, Russland, Inzidenz
Ivanov et al. 2004 [12]
0,3 (-0,4; 1,2)h
0,4 (0,2; 0,6)h
Aufräumarbeiter Tschernobyl, Russland, Mortalität
Ivanov et al. 2006 [13]
1,5 (0,20; 2,9)h
Arbeiter Nuklearfabrik
Rocketdyne, USA
Boice et al. 2006 [14]
0,0 (-1,9; 2,4)h
a: bester Schätzwert und 90 %-Konfidenzintervall (KI)
b: Für die Teilkohorte der Atombombenüberlebenden mit einer ähnlichen Verteilung über Geschlecht und Alter bei Exposition wie in der jeweiligen aktuellen Studie zu länger andauernden Expositionen
c: alle Tumoren außer Leukämie, Dosis < 400 mGy
d: Cardis et al. 2007 [9], Alter bei Exposition 35
e: solide Tumoren außer Knochentumoren, 95% KI
f: Preston et al. 2004 [16]
g: alle Krebsarten
h: 95% KI
Die Größe der Unsicherheitsintervalle zeigt die statistische Unsicherheit der Studien für länger andauernde Expositionen durch maximale Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis. Zudem sind weitere Arbeiten an den Studien notwendig, um die Dosimetrie zu verbessern oder Einflüsse anderer Risikofaktoren zu untersuchen. Allerdings zeigen die Studien in ihrer Gesamtheit, dass nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand das Risiko für solide Tumoren nach länger andauernden Strahlenexpositionen durch Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis erhöht ist. Die Studien ergeben keinen Hinweis darauf, dass der Risikokoeffizient niedriger ist als für höhere akute Expositionen, wie sie unter den Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki aufgetreten sind.
Das Ergebnis der sechsten Studie in Tabelle 1 (Arbeiter der Nuklearfabrik Rocketdyne [14]) hat eine deutlich größere statistische Unsicherheit als die fünf ersten Studien. Weiterhin liegt die Studie der Radiologieassistenten in den USA [15] vor, in der allerdings noch keine Dosisabschätzungen berücksichtigt wurden. Diese beiden Studien tragen gegenwärtig relativ wenig zum Kenntnisstand zum Krebsrisiko durch Strahlenexpositionen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis bei.
Es wurden in den letzten Jahren drei größere Kohortenstudien zum Mortalitätsrisiko durch Lungenkrebs nach beruflichen externen Strahlenexpositionen (Arbeiter der Nuklearindustrie in 15 Ländern [9], Hanford-Arbeiter [11] und Aufräumarbeiter von Tschernobyl [13]) und eine Studie zur Lungenkrebsinzidenz (Aufräumarbeiter von Tschernobyl [12]) veröffentlicht (Tabelle 2). In den Studien beziehen sich die Risikowerte im Wesentlichen auf externe Strahlenexpositionen durch Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis.
Der wichtigste Risikofaktor für Lungenkrebs ist das Rauchen. In keiner der Studien wurden Daten zum Rauchen erhoben. Um den Effekt wenigstens näherungsweise zu berücksichtigen, wurde in einigen Studien der sozioökonomische Status als Surrogat für das Rauchverhalten verwendet. Die Ergebnisse für das zusätzliche relative Risiko (ERR) unter den Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki wurden ohne jegliche Berücksichtigung des Rauchverhaltens erhalten. In einer Untergruppe der Atombombenüberlebenden wurden Daten zum Rauchverhalten erhoben [17]. Es ergab sich, dass die Strahlung und das Rauchen eher additiv als multiplikativ auf das relative Krebsrisiko wirken. Deshalb sind Ergebnisse für das relative Lungenkrebsrisiko nach externen Strahlenexpositionen, die unter ungenügender Berücksichtigung des Rauchverhaltens gewonnen wurden, nur bedingt belastbar.
Tab. 2: Risikokoeffizienten (ERR je Dosis) für Lungenkrebsmortalität nach länger andauernden Strahlenexpositionen durch Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis und nach akuter Exposition der Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki (LSS).
ERR je Dosis (Sv-1) a
für hohe akute Exposition (LSS)d
Arbeiter der Nuklear-
industrie in 15 Ländern
1,9 (0,5; 3,6)
0,4 (0,03; 0,9)b
1,3 (0,05; 3,1)
Aufräumarbeiter
1,9 (-1,3; 5,1)c
Yiin et al. 2005 [18]
-0,5 (-3,1; 2,6)c
a: Bester Schätzwert und 90 %-KI
b: männliche Atombombenüberlebende mit Alter bei Exposition 15-60 [19]
c : 95 %-KI
d : Für die Teilkohorte der Atombombenüberlebenden mit einer ähnlichen Verteilung über Geschlecht und Alter bei Exposition wie in der jeweiligen aktuellen Studie zu länger andauernden Expositionen.
Der beste Schätzwert der Risikokoeffizienten ist in den drei größten Studien zur Lungenkrebsmortalität durch länger andauernde externe Strahlenexpositionen [9, 11, 13] um die Faktoren 4,7, 3,3 bzw. 4,7 höher als in der Studie der Atombombenüberlebenden (Tabelle 2). Allerdings sind die Unterschiede aufgrund der großen Unsicherheitsbereiche nicht signifikant. Bei dem Vergleich der Risikowerte wurde nicht berücksichtigt, dass wegen der kürzeren Beobachtungszeit das mittlere Alter in der Studie der Arbeiter der Nuklearindustrie und in der Studie der Aufräumarbeiter von Tschernobyl geringer ist als das mittlere Alter unter den Atombombenüberlebenden. Bei Berücksichtigung dieses Effektes wäre der genannte Unterschied zur Studie der Atombombenüberlebenden vermutlich geringer.
Die Aussagekraft einer vierten Studie zur Lungenkrebsmortalität nach länger andauernden externen Strahlenexpositionen [18] ist gering, da die Kohortengröße kleiner ist und konkurrierende Risikofaktoren (Schweißdämpfe, Asbest) nicht in einem Maße berücksichtigt werden konnten, das eine Beeinflussung des Ergebnisses für das Strahlenrisiko ausschließt.
Insgesamt ergeben die aussagekräftigeren Studien zum Lungenkrebs durch externe berufliche Strahlenexpositionen durch Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis ein signifikant erhöhtes Risiko. Die Studien ergeben keine Evidenz für geringere Risikokoeffizienten als für die akuten Expositionen der Atombombenüberlebenden.
In Tabelle 3 werden die Ergebnisse von den Studien, die Risikoschätzungen zum Auftreten von Leukämie nach chronischen Expositionen durch niedrige Dosisleistungen liefern, zusammengefasst. Bei fast allen Untersuchungen wird dabei die chronisch-lymphatische Leukämie (CLL) ausgeschlossen, da davon ausgegangen wird, dass diese nicht durch ionisierende Strahlung hervorgerufen wird. In der Studie zu den deutschen Uranbergarbeitern berichten Möhner und Mitarbeiter [20] allerdings bei kumulativen Äquivalentdosen für das rote Knochenmark von mehr als 400 mSv (ohne Beiträge durch Radon und Radonfolgeprodukte) von einer signifikanten Erhöhung des CLL-Risikos (Odds Ratio (OR) = 4,06; 90 %-KI: 1,42 - 11,6).
Es ist zudem wichtig darauf hinzuweisen, dass die vorgestellten Studien zum Teil unterschiedliche Dosisbereiche überdecken. So liegt bei der gepoolten Kernkraftwerksarbeiterstudie [9] die mittlere effektive Dosis der Kohortenmitglieder zwar bei nur etwa 20 mSv. Für eine nicht zu vernachlässigende Anzahl von Arbeitern wurden jedoch Dosen zwischen 100 und 500 mSv abgeschätzt, was für die in dieser Studie abgeleiteten Risikoschätzungen bestimmend ist. In der Tetscha-Studie dagegen weisen 67 % der beobachteten Leukämiefälle kumulative Knochenmarksdosen von mehr als 500 mGy auf [10]. Diese Fälle beziehen sich somit auf wesentlich höhere Dosen als die Berufslebenszeitdosis, so dass die Tetscha-Studie für die Abschätzung des Leukämierisikos bei Knochenmarksdosen zwischen 100 und 500 mSv wegen der geringen Anzahl von Fällen in diesem Dosisbereich nicht geeignet ist. In der Studie von Möhner et al. [20] an den deutschen Uranbergarbeitern gibt es zwar eine genügend hohe Anzahl von Leukämiefällen bei Personen mit Knochenmarksdosen kleiner als 400 mSv, leider geben die Autoren jedoch keine Schätzung des Risikokoeffizienten für diesen Dosisbereich an. Unter Vernachlässigung der sehr großen Unsicherheiten bei den Knochenmarksdosen durch Uran und seine kurzlebigen Folgeprodukte wurde in dieser Studie in einer Analyse verschiedener Dosiskategorien ein signifikant erhöhtes Risiko nur für Knochenmarksdosen größer als 400 mSv beobachtet.
Tab. 3: Risikokoeffizienten (ERR je Dosis) für Leukämie-Mortalität nach länger andauernden Strahlenexpositionen durch Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis und nach akuter Exposition der Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki (LSS).
ERR je Dosis (Sv-1)d
ERR je Dosis (Sv-1) d
für hohe akute Exposition (LSS) h
Arbeiter der Nuklearindustrie in
15 Länderna
Cardis et al. 2005 [9]
1,9 (< 0; 8,5)
1,5 (-1,1; 5,3)f
Anwohner der Tetscha Russlanda
6,5 (1,8; 24)
Arbeiter Nuklearanlagen Hanford, USAa
männlich (76 %) + weiblich (24 %)
Portsmouth, USAa
11 (-0,9; 39)
Portsmouth, USAb
Kubale et al. 2005 [21]
23 (3; 88)
Uranbergarbeiter, Deutschlandb
Möhner et al. 2006 [20]
0,7 (-0,4; 1,7)e
Kernkraftwerks- und Werftarbeiter, USAb
Schub.-Ber. et al. 2007b [22]
männlich (93 %) + weiblich (7 %)
2,6 (-1,0; 10,3)
a: Kohortenstudie
b: Fall-Kontrollstudie
c : mittleres Alter bei Einstellung
d : Bester Schätzwert und 95 %-KI
e: 90 %-KI, ohne Dosisbeiträge durch Radon und kurzlebige Radonfolgeprodukte
f: ohne CLL, linearer Anteil eines linear-quadratischen Models, Cardis et al. 2007 [9]
g: Krestinina et al. 2005 [10]
h: Für die Teilkohorte der Atombombenüberlebenden mit einer ähnlichen Verteilung über Geschlecht und Alter bei Exposition wie in der jeweiligen aktuellen Studie zu länger andauernden Expositionen
In den Studien von Yiin et al. (2005), Kubale et al. (2005) und Schubauer-Berigan et al. (2007) [18, 21, 22] wurde als möglicher Confounder zur ionisierenden Strahlung die Lösungsmittelexposition berücksichtigt. Wichtig für die Interpretation von Tabelle 3 ist zudem, dass die Studien von Cardis et al. und Schubauer-Berigan et al. [9, 22] nicht unabhängig voneinander sind, da die untersuchten Kohorten sich teilweise überlappen – von 206 nicht CLL-Fällen in der Schubauer-Berigan Studie sind 47 identisch mit Fällen in der Cardis-Studie.
Mit Ausnahme der Studie von Wing und Richardson [11], die von einem zwar negativen, jedoch wegen des von den Autoren nicht angegebenen Konfidenzintervalls (KI) nicht aussagekräftigen Punktschätzer berichten, liefern alle der in Tabelle 3 zusammengefassten Studien Punktschätzungen für das zusätzliche relative Risiko, die größer als Null sind. Bei zwei der Studien sind diese Schätzungen zudem signifikant von Null verschieden [10, 21], wobei die Ergebnisse der Tetscha-Studie aufgrund der noch unsicheren Dosimetrie jedoch nicht überbewertet werden dürfen und wegen der hohen Knochenmarksdosen für die vorliegende Betrachtung nicht relevant sind. Die Ergebnisse von Kubale et al. [21] sind durch einen großen Konfidenzbereich charakterisiert. Im Vergleich zu den Daten der LSS zeigen die Studien ein heterogenes Bild. Einige Studien ergeben ähnliche Risikoschätzungen für das relative Risiko [9, 10, 22]. Die beiden Studien an den Portsmouth-Werftarbeitern kommen zu deutlich höheren Ergebnissen (wenn auch mit großen Konfidenzbereichen), während die Studie an den deutschen Uranbergarbeitern eher niedrigere Werte ergibt [18,21].
Insgesamt gesehen zeigen die Studien zur Leukämie keinen Trend, der im Vergleich zu den LSS-Daten auf ein niedrigeres Leukämierisiko bei langen Expositionen mit niedrigen Dosen und Dosisleistungen schließen ließe. Die berichteten Ergebnisse zum Leukämierisiko scheinen mit den LSS-Daten (die auf einer kurzzeitigen Exposition mit hohen Dosen und Dosisleistungen basieren) kompatibel zu sein.
Die Ergebnisse der aktuellen Studien zu Krebsrisiken durch länger andauernde Strahlenexpositionen bei niedrigen Dosisleistungen durch maximale Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis nach § 56 StrlSchV weisen größere Unsicherheiten auf als die Ergebnisse der Studien zu akuten Strahlenexpositionen unter den Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki. Einige der Studien haben zudem methodische Schwächen. Dementsprechend ist die Aussagekraft der einzelnen aktuellen Studien begrenzt. Eine Gesamtbewertung einer größeren Anzahl dieser aktuellen Studien gibt allerdings Hinweise auf das Krebsrisiko durch länger andauernde Strahlenexpositionen durch Dosen im Bereich von 100 - 500 mSv.
Die SSK legt ihrer Empfehlung sowohl die Beobachtung, dass in der Studie der deutschen Uranbergarbeiter in keiner der Dosiskategorien unterhalb 400 mSv eine signifikante Erhöhung des Leukämierisikos gefunden wurde, als auch die folgenden 12 quantitativen Risikoschätzungen zu Grunde, die aus neueren epidemiologischen Studien länger andauernder Strahlenexpositionen gewonnen wurden:
fünf Ergebnisse zum Risiko solider Tumoren (Arbeiter der Nuklearindustrie in 15 Ländern, Anwohner der Tetscha, Arbeiter der Nuklearanlagen in Hanford, Inzidenz und Mortalität unter den Aufräumarbeitern nach dem Tschernobylunfall),
drei Ergebnisse zum Lungenkrebsmortalitätsrisiko (Arbeiter der Nuklearindustrie in 15 Ländern, Arbeiter der Nuklearanlagen in Hanford, Aufräumarbeiter nach dem Tschernobylunfall),
vier Studien zum Leukämiemortalitätsrisiko (Arbeiter der Nuklearindustrie in 15 Ländern, Kohortenstudie der Werftarbeiter von Portsmouth, Fall-Kontrollstudie der Werftarbeiter von Portsmouth, Kernkraftwerks- und Werftarbeiter in den USA).
Für die folgende Schlussfolgerung wurde berücksichtigt, dass zwischen einigen der genannten Ergebnisse eine Abhängigkeit besteht, so sind z.B. die Ergebnisse für solide Tumoren durch die Daten zum Lungenkrebs beeinflusst.
Im Vergleich zu den Risikokoeffizienten für die akuten Expositionen der Atombombenüberlebenden sind die besten Schätzwerte der Risikokoeffizienten in neun der zwölf Untersuchungen zu den länger andauernden Expositionen höher, die restlichen drei sind vergleichbar hoch. Sechs der Ergebnisse zeigen ein signifikantes strahlenbedingtes Krebsrisiko.
Insgesamt ergeben die aktuellen Studien zum Krebsrisiko nach länger andauernden Expositionen durch Dosen im Bereich des Grenzwertes der Berufslebensdosis
Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko
keine Hinweise darauf, dass der Risikokoeffizient niedriger ist als für die akuten Expositionen der Atombombenüberlebenden.
Die Studien schließen zwar einen DDREF von 2, wie er von der ICRP empfohlen wird, nicht aus. In ihrer Gesamtheit weisen die Studien jedoch auf Krebsrisiken hin, die höher sind als diejenigen, die auf Risikokoeffizienten für die Atombombenüberlebenden und einem DDREF von 2 basieren. Die Ergebnisse der Studien stützen damit die Empfehlung der SSK [7], keinen DDREF im Strahlenschutz bei Expositionen durch niedrige Dosisleistungen zu verwenden. Die SSK spricht sich daher erneut gegen die Beibehaltung eines Reduktionsfaktors für das Krebsrisiko nach Expositionen durch niedrige Dosisleistungen aus.
[1] Euratom: Richtlinie 96/29/Euratom des Rates vom 13. Mai 1996 zur Festlegung der grundlegenden Sicherheitsnormen für den Schutz der Gesundheit der Arbeitskräfte und der Bevölkerung gegen die Gefahren durch ionisierende Strahlungen. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften Nr. L 159/1-114 vom 29.6.1996
[2] Strahlenschutzverordnung (StrlSchV): Verordnung über den Schutz vor Schäden durch ionisierende Strahlen. Bundesgesetzblatt I S. 1714 vom 20. Juli 2001
[3] Frasch G, Fritzsche E, Kammerer L, Karofsky R, Spiesl J, Stegemann R: Die berufliche Strahlenexposition in Deutschland 2004. Bericht des Strahlenschutzregisters. BfS-SG-07/06. Bundesamt für Strahlenschutz, Salzgitter; 2006
[4] BEIR VII: Health Risks from Exposure to Low Levels of Ionizing Radiation. National Research Council. The National Academies Press, Washington; 2006
[5] International Commission on Radiological Protection (ICRP): Recommendations of the International Commission on Radiological Protection. To be published 2007
[6] International Commission on Radiological Protection (ICRP): ICRP Publication 60. 1990 Recommendations of the International Commission on Radiological Protection. Pergamon Press, Oxford; 1991
[7] Strahlenschutzkommission (SSK): Stellungnahme der Strahlenschutzkommission zum Entwurf der Empfehlungen 2005 der ICRP. Verabschiedet auf der 194. Sitzung der SSK am 23./24.09.2004
[8] Strahlenschutzkommission (SSK): Low-dose Extrapolation of Radiation-Related Cancer Risk. Statement of the German Commission on Radiological Protection concerning the ICRP Committee 1 Task Group Report 12/421/04. Adopted in the 200th session of the Commission on Radiological Protection, June 30/July 1, 2005
[9] Cardis E, Vrijheid M, Blettner M et al.: The 15-country collaborative study of cancer risk among radiation workers in the nuclear industry: Estimates of radiation-related cancer risks. Radiat Res 167, 396-416; 2007
[10] Krestinina LYu, Preston DL, Ostroumova EV, Degteva MO, Ron E, Vyushkova OV, Startsev NV, Kossenko MM, Akleyev AV: Protracted radiation exposure and cancer mortality in the Techa River Cohort. Radiat Res 164, 602-611; 2005
[11] Wing S, Richardson DB: Age at exposure to ionising radiation and cancer mortality among Hanford workers: follow up through 1994. Occup Environ Med 62, 465-472; 2005
[12] Ivanov VK, Gorski AI, Tsyb AF, Ivanov SI, Naumenko RN, Ivanova LV: Solid cancer incidence among the Chernobyl emergency workers residing in Russia: estimation of radiation risks. Radiat Environ Biophys 43, 35-42; 2004
[13] Ivanov VK, Tumanov KA, Kashcheev VV, Tsyb AF, Marchenko TA, Chekin SYu, Maksioutov MA, Petrov AV, Biryukov AP: Mortality in Chernobyl clean-up workers: analysis of dose-effect relationship. Radiation and Risk 15: 11-22; 2006 (in russisch)
[14] Boice JD, Cohen SS, Mumma MT, Ellis ED, Eckerman KF, Leggett RW, Boecker BB, Brill AB, Henderson BE: Mortality among radiation workers at Rocketdyne (Atomics International), 1948-1999. Radiat Res 166, 98-115; 2006
[15] Mohan AK, Hauptmann M, Freedman DM, Ron E, Matanoski GM, Lubin JH, Alexander BH, Boice JD, Doody MM, Linet MS: Cancer and other causes of mortality among radiologic technologists in the United States. Int J Cancer 103, 259-267; 2003
[16] Preston DL, Pierce DA, Shimizu Y, Cullings HM, Fujita S, Funamoto S, Kodama K: Effect of recent changes in atomic bomb survivor dosimetry on cancer mortality risk estimates. Radiat Res 162, 377-389; 2004
[17] Pierce DA, Sharp GB, Mabuchi K: Joint effects of radiation and smoking on lung cancer risk among atomic bomb survivors. Radiat Res 159, 511-520; 2003
[18] Yiin JH, Schubauer-Berigan MK, Silver SR, Daniels RD, Kinnes GM, Zaebst DD, Couch JR, Kubale TL, Chen PH: Risk of lung cancer and leukemia from exposure to ionizing radiation and potential confounders among workers at the Portsmouth Naval Shipyard. Radiat Res 163, 603-613; 2005
[19] Gilbert ES, Koshurnikova NA, Sokolnikov ME, Shilnikova NS, Preston DL, Ron E, Okatenko PV, Khokhryakov VF, Vasilenko EK, Miller S, Eckerman K, Romanov SA: Lung cancer in Mayak workers. Radiat Res 162, 505-515; 2004
[20] Möhner M, Lindtner M, Otten H, Gille H-G: Leukemia and exposure to ionizing radiation among German uranium miners. Am J Ind Med 49, 238-248; 2006
[21] Kubale TL, Daniels RD, Yiin JH, Couch J, Schubauer-Berigan MK, Kinnes GM, Silver SR, Nowlin SJ, Chen P: A nested case-control study of leukaemia mortality and ionizing radiation at the Portsmouth Naval Shipyard. Radiat Res 164, 810-819; 2005
[22] Schubauer-Berigan MK, Daniels RD, Fleming DA, Markey AM, Couch JR, Ahrenholz SH, Burphy JS, Anderson JL, Tseng C-Y: Risk of chronic myeloid and acute leukemia mortality after exposure to ionizing radiation among workers at four US nuclear weapons facilities and a nuclear naval shipyard. Radiat Res 167, 222-232; 2007
Anhang zur Empfehlung der Strahlenschutzkommission: Krebsrisiko durch mehrjährige Expositionen mit Dosen im Bereich des Grenzwertes für die Berufslebensdosis nach § 56 Strahlenschutzverordnung (StrlSchV); Zusammenfassung der Einzelstudien

References: § 56
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