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Timestamp: 2018-02-18 22:24:57+00:00

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Die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) wird in sozialpolitischen Debatten relativ hÃ¤ufig erhoben. Darunter ist ein Einkommen zu verstehen, â€ždas von einem politischen Gemeinwesen an alle seine Mitglieder individuell, ohne BedÃ¼rftigkeitsprÃ¼fung und ohne Gegenleistung ausgezahlt wirdâ€œ (Vanderborght/Van Parijs 2005, S. 37). Alle VorschlÃ¤ge fÃ¼r ein BGE haben zum Ziel, bedarfsorientierte und bedÃ¼rftigkeitsgeprÃ¼fte Sozialleistungen (Grundsicherung) sowie die Sozialversicherungen und ihre Leistungen ganz oder zum Teil zu ersetzen. Sehr unterschiedlich fÃ¤llt dabei die HÃ¶he des BGE aus. AuÃŸerdem unterscheiden sich die Modelle in den vorgesehenen BegleitmaÃŸnahmen, insbesondere was die Bereiche der Steuer- und Sozialpolitik anbelangt.
BegrÃ¼ndet wird die Forderung nach einem BGE sehr hÃ¤ufig damit, dass der Gesellschaft schlicht und einfach die Arbeit ausgehe und VollbeschÃ¤ftigung eine Illusion sei. Unterstellt wird dabei, dass es in entwickelten kapitalistischen LÃ¤ndern aufgrund von ProduktivitÃ¤tsentwicklungen zu UnterbeschÃ¤ftigung kommt, da der Anstieg der ArbeitsproduktivitÃ¤t im Trend Ã¼ber dem Wirtschaftswachstum liege. Hinzu komme, dass auf vielen MÃ¤rkten SÃ¤ttigungstendenzen zu beobachten seien â€“ das heiÃŸt im Kern, dass die BedÃ¼rfnisse der Menschen in einer Volkswirtschaft an Grenzen stoÃŸen. Technologisch bedingte Arbeitslosigkeit, so die These, sei das unvermeidliche das Ergebnis. Ein hoher BeschÃ¤ftigungsstand oder gar VollbeschÃ¤ftigung, so die Behauptung, sei deshalb eine Illusion: Das Arbeitsvolumen, also der zur Produktion des Sozialproduktes notwendige Arbeitsaufwand in Stunden, sinke bestÃ¤ndig. Diese BegrÃ¼ndung dÃ¼rfte sich in der Mehrzahl der BeitrÃ¤ge finden, die ein BGE fordern oder der Grundidee zumindest positiv gegenÃ¼berstehen, wie beispielsweise der Soziologe Ulrich Beck (2007; Â vgl. ferner Adamo 2012, Werner 2007, Franzmann 2010 und Schildt 2010). Viele Autorinnen und Autoren, die von einer technologisch bedingten Arbeitslosigkeit ausgehen, berufen sich Jeremy Rifkin (2011), den international wohl bekanntesten Vertreter dieser These.
Der Stand der Ã¶konomischen Debatte
ZunÃ¤chst einmal ist an der geschilderten ArgumentationsfÃ¼hrung befremdlich, dass einfach eine Behauptung aufgestellt wird (â€žes gibt technologische Arbeitslosigkeitâ€œ), ohne den diesbezÃ¼glichen theoretischen Stand in der Ã¶konomischen Wissenschaft Ã¼berhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Auch die entsprechenden empirischen Daten werden in der Regel nicht ausgewertet. Dies ist angesichts einer unter Ã–konomen lange Zeit sehr kontrovers gefÃ¼hrten Debatte, die bereits in der Klassischen Ã–konomie â€“ also zu Zeiten von Adam Smith, Karl Marx und ihren Zeitgenossen â€“ begonnen hat, doch recht erstaunlich. Die Auseinandersetzung ist in der jÃ¼ngeren Vergangenheit unter dem Schlagwort Kompensation versus Freisetzung um insgesamt fÃ¼nf strittige Punkte gefÃ¼hrt worden: Gestritten wurde Ã¼ber die Frage, ob der Anstieg der ArbeitsproduktivitÃ¤t zu dauerhafter Arbeitslosigkeit fÃ¼hrt, oder ob etwa die Entwicklung neuer Produkte und die ErschlieÃŸung neuer MÃ¤rkte dies verhindern kann (vgl. ausfÃ¼hrlich Eicker-Wolf/Reiner 1998, S. 183 ff.). Das Ergebnis der Diskussion ist insgesamt wenig befriedigend, da auf der theoretischen Ebene nicht entschieden werden kann, ob technologische Arbeitslosigkeit auftritt oder nicht. Eine dauerhafte Freisetzung von ArbeitskrÃ¤ften und technologisch bedingte Arbeitslosigkeit kÃ¶nnen, mÃ¼ssen aber nicht die Folge von ProduktivitÃ¤tssteigerungen sein.
Zahlen sprechen nicht fÃ¼r Trend zur â€žarbeitslosen Gesellschaftâ€œ
Jenseits der theoretischen Auseinandersetzung in den Wirtschaftswissenschaften werden von den BGE-BefÃ¼rworterinnen und -BefÃ¼rwortern auch keine wirklich Ã¼berzeugenden empirischen Fakten angefÃ¼hrt, um die These von einer technologisch bedingten Arbeitslosigkeit zu belegen â€“ ganz im Gegenteil. Wenn dies Ã¼berhaupt erfolgt, dann wird entweder auf das sinkende Arbeitsvolumen (z.B. Werner 2007, S. 25 f.) oder auf das sinkende Arbeitsvolumen pro Kopf in Deutschland (z.B. Franzmann 2010) verwiesen. Das Pro-Kopf-Arbeitsvolumen wird ermittelt, indem das geleistete Arbeitsvolumen in einer Volkswirtschaft durch die BevÃ¶lkerungszahl dividiert wird. Der errechnete Wert zeigt damit, wie viel Zeit fÃ¼r die Versorgung einer in einem Land lebenden Person im Durchschnitt gearbeitet werden muss.
Zwar ist fÃ¼r Deutschland tatsÃ¤chlich seit Anfang der 1960er Jahre ein im Trend sinkendes Arbeitsvolumen bzw. ein sinkendes Arbeitsvolumen pro Kopf auszumachen (Abbildung 1 und 2; zur Entwicklung des Arbeitsvolumens pro Kopf in Deutschland seit 1882 vgl. Schildt 2010). Aber grundsÃ¤tzlich besteht auch die MÃ¶glichkeit, dass es sich im Falle Deutschlands um eine Sonderentwicklung handelt â€“ die Entwicklung des Arbeitsvolumens (pro Kopf) kÃ¶nnte zum Beispiel auch durch wirtschaftspolitische Fehlentwicklungen verursacht worden sein. Eine bessere Wirtschaftspolitik hÃ¤tte dann ein hÃ¶heres Wirtschaftswachstum, verbunden mit einem hÃ¶heren BeschÃ¤ftigungsstand und damit einem hÃ¶heren Arbeitsvolumen (pro Kopf), zur Folge gehabt.
Abbildung 1: Entwicklung des Arbeitsvolumens in Deutschland 1960-2011. Quelle: Bundesministerium fÃ¼r Arbeit, Statistisches Taschenbuch und OECD
Abbildung 2: Arbeitsvolumen pro Kopf in Deutschland 1960-2010, bis 1990 Westdeutschland, ab 1991 West- und Ostdeutschland. Quelle: Bundesministerium fÃ¼r Arbeit, Statistisches Taschenbuch, eigene Berechnung.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass BefÃ¼rworterinnen und BefÃ¼rworter des BGE die Entwicklung des Arbeitsvolumens oder die Entwicklung des Pro-Kopf-Arbeitsvolumens in anderen LÃ¤ndern nicht zur Kenntnis nehmen. Die entsprechenden Zahlen fÃ¼r das Arbeitsvolumen und die BevÃ¶lkerungszahlen sind bei der OECD ab dem Jahr 1970 auÃŸer fÃ¼r Deutschland immerhin noch fÃ¼r weitere 19 LÃ¤nder verfÃ¼gbar, und zwar fÃ¼r alle groÃŸen IndustrielÃ¤nder. Auch wenn die OECD-Zahlen bis zum Jahr 2010/11 (BevÃ¶lkerung) bzw. 2011 (Arbeitsvolumen) zur VerfÃ¼gung stellt, so ist doch zu bedenken, dass die in den Jahren 2007/2008 ausgebrochene Weltwirtschaftskrise zu einem starken konjunkturellen RÃ¼ckgang des Arbeitsvolumens gefÃ¼hrt hat. Deshalb macht es Sinn, insbesondere die Entwicklung 1970-2007/08 in den Fokus zu nehmen.
Die Zahlen fÃ¼r die 19 LÃ¤nder sind nicht geeignet, die deutsche Entwicklung zu verallgemeinern. Das Arbeitsvolumen ist seit 1970 in 14 der 19 LÃ¤nder gestiegen (Tabelle 1). Und beim Arbeitsvolumen pro Kopf halten sich die LÃ¤nder mit steigendem und fallendem Arbeitsvolumen fast die Waage: In den Jahren 2007 und 2008 finden sich acht LÃ¤nder, die einen hÃ¶heren Wert als im Jahr 1970 aufwiesen, und im Jahr 2007 belief sich das Arbeitsvolumen pro Kopf in einem Land (Irland) im Jahr 2007 auf den gleichen Wert wie im Jahr 1970 (Tabelle 2).
DÃ¤nem.
GroÃŸbrit.
Tabelle 1: Das Arbeitsvolumen in den Jahr 1970 und 2007-2011 in ausgewÃ¤hlten LÃ¤ndern (in Mio. Stunden). Quelle: OECD.
Tabelle 2: Das Arbeitsvolumen pro Kopf (in Std.) in den Jahren 1970 und 2007-2011 in ausgewÃ¤hlten LÃ¤ndern. Quelle: OECD, eigene Berechnung.
Damit aber ist die wohl am meisten gebrauchte BegrÃ¼ndung zur Forderung nach einem BGE nicht haltbar: Der isolierte Blick auf die deutsche Entwicklung fÃ¼hrt zu der klaren FehleinschÃ¤tzung, dass den entwickelten Volkswirtschaften aufgrund des technischen Fortschritts die Arbeit ausgehe. TatsÃ¤chlich zeigen die Zahlen der OECD, dass die entsprechenden Entwicklungen in Deutschland nicht verallgemeinert werden kÃ¶nnen. Den entwickelten Industriegesellschaften geht die Arbeit nicht aus.
Beck, U. (2007): SchÃ¶ne neue Arbeitswelt, Frankfurt am Main.
Eicker-Wolf, K./Reiner, S. (1998): BevÃ¶lkerungsentwicklung, technischer Fortschritt und Arbeitslosigkeit â€“ zu Theorie und bundesrepublikanischer Empirie, in: Eicker-Wolf, K./KÃ¤pernick, R./Niechoj, T./Reiner, S./WeiÃŸ, J. (Hrsg.), Die arbeitslose Gesellschaft und ihr Sozialstaat, Marburg.
Franzmann, M. (2010): Einleitung. Kulturelle Abwehrformationen gegen die â€žKrise der Arbeitsgesellschaftâ€œ und ihre LÃ¶sung: Die Demokratie der geistesaristokratischen MuÃŸe, in: Franzmann, M. (Hrsg.), Bedingungsloses Grundeinkommen als Antwort auf die Krise der Arbeitsgesellschaft, Weilerswist, S. 11-103.
Reiner, S. (1998): Was ist politisch an der Politischen Ã–konomie? Baden-Baden.
Schildt, G. (2010): Die Abnahme der Arbeitszeit â€“ ein sÃ¤kularer Trend, in: Franzmann, M. (Hrsg.), Bedingungsloses Grundeinkommen als Antwort auf die Krise der Arbeitsgesellschaft, Weilerswist, S. 127-164.
Vanderborght, Y./Van Parijs, P. (2005): Ein Grundeinkommen fÃ¼r alle?, Frankfurt am Main.
Werner, G. W. (2007): Einkommen fÃ¼r alle, KÃ¶ln.

References: BGE 
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