Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/unterlassungsantraege-nach-dem-gewaltschutzgesetz-384962
Timestamp: 2020-08-11 16:29:10+00:00

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Unterlassungsansprüche und Ordnungsmittelandrohungen nach dem Gewaltschutzgesetz | Rechtslupe
Gemäß §§ 95 Nr. 4, 96 Abs. 1 S. 2 FamFG sind die Vor­schrif­ten der Zivil­pro­zess­ord­nung über die Zwangs­voll­stre­ckung ent­spre­chend anzu­wen­den, wenn die Voll­stre­ckung zur Erzwin­gung von Dul­dun­gen oder Unter­las­sun­gen in fami­li­en­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren, zu denen Ver­fah­ren nach dem Gewalt­schutz­ge­setz gehö­ren, erfol­gen soll. Nach § 890 Abs. 2 ZPO muss der Ver­hän­gung des Ord­nungs­mit­tels des­sen Andro­hung vor­aus­ge­hen, die das Pro­zess­ge­richt des ers­ten Rechts­zu­ges im Beschluss­we­ge aus­zu­spre­chen hat und zwar ent­we­der in dem die Unter­las­sungs­an­ord­nung tref­fen­den oder in einem geson­der­ten Beschluss.
Da vor­lie­gend die Unter­las­sungs­an­ord­nung in einem gericht­li­chen Ver­gleich getrof­fen wur­de, kam nur ein geson­der­ter Beschluss in Fra­ge. Denn ein Ver­gleich kann eine wirk­sa­me Andro­hung nicht ent­hal­ten, sie ist wegen ihres öffent­li­chen Cha­rak­ters der Ver­fü­gung der Par­tei­en ent­zo­gen [1].
In der Andro­hung des Ord­nungs­mit­tels durch beson­de­ren Beschluss liegt der Beginn der Zwangs­voll­stre­ckung, wes­halb in die­sem Zeit­punkt die all­ge­mei­nen Zwangs­voll­stre­ckungs­vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen müs­sen [2]. Erfor­der­lich ist also ein zur Voll­stre­ckung geeig­ne­ter Titel. Ein Unter­las­sungs­ti­tel bil­det aber nur dann eine geeig­ne­te Voll­stre­ckungs­grund­la­ge i.S. der §§ 704, 794 Abs. 1 Nr. 1 ZPO, wenn er aus sich her­aus ver­ständ­lich ist und die zu unter­las­sen­de Ver­let­zungs­hand­lung auch für jeden Drit­ten erkenn­bar umschreibt [3]. Sinn und Zweck des Gebo­tes ist es, zu ver­hin­dern, dass der Streit der Par­tei­en dar­über, ob ein bestimm­tes Ver­hal­ten des Unter­las­sungs­pflich­ti­gen dem Ver­bot zuwi­der­läuft; vom Erkennt­nis- in das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ver­la­gert wird [4]. Urteils­for­meln, die sich auf die blo­ße Wie­der­ga­be des Tex­tes einer Ver­bots­norm beschrän­ken, sind des­halb unzu­läs­sig [5]. Eine Ver­all­ge­mei­ne­rung bei der Bezeich­nung des Gebots bzw. Ver­bots ist ledig­lich inso­weit zuläs­sig, als durch sie das Cha­rak­te­ris­ti­sche der bean­stan­de­ten Hand­lung zum Aus­druck kommt. Denn der Schutz­um­fang des Unter­las­sungs­ti­tels erstreckt sich auf alle Ver­let­zungs­hand­lun­gen, die der Rechts­ver­kehr als gleich­wer­tig ansieht und bei denen die Abwei­chun­gen den Kern der Ver­let­zungs­hand­lung unbe­rührt las­sen [6].
Bei Anwen­dung der vor­ste­hen­den Grund­sät­ze auf die vor­lie­gend in Rede ste­hen­den Anord­nun­gen ist jedoch ande­rer­seits die beson­de­re Ziel­set­zung des Gewalt­schutz­ge­set­zes zu berück­sich­ti­gen, ihr ist Rech­nung zu tra­gen. Zwar rich­tet sich die Voll­stre­ckung zur Erzwin­gung von Dul­dun­gen und Unter­las­sun­gen in fami­li­en­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren, soweit die §§ 86 ff. FamFG kei­ne beson­de­ren Rege­lun­gen vor­se­hen, gemäß § 95 Abs. 1 Nr. 4 FamFG nach den Vor­schrif­ten der Zivil­pro­zess­ord­nung über die Zwangs­voll­stre­ckung. Sinn der im Gewalt­schutz­ge­setz vor­ge­se­he­nen Anord­nun­gen ist es indes, den Schutz gegen Gewalt, Dro­hun­gen und Nach­stel­lun­gen im All­ge­mei­nen und unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung des fami­liä­ren und sons­ti­gen Nah­be­reichs zu ver­bes­sern [7]. Das poten­ti­el­le Opfer häus­li­cher oder sons­ti­ger Gewalt soll mög­lichst umfas­send vor Ein­grif­fen in die Rechts­gü­ter Kör­per, Gesund­heit und Frei­heit bzw. dies­be­züg­li­chen Dro­hun­gen bewahrt wer­den. Die­ser Zweck kol­li­diert mit dem Gebot, die zu unter­bin­den­de Hand­lung mög­lichst kon­kret zu fas­sen. So wer­den im Gewalt­schutz­ver­fah­ren als Ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit deut­lich gerin­ge­re Anfor­de­run­gen an die inhalt­li­che Bestimmt­heit des Antrags gestellt als im ZPO-Ver­fah­ren. Hier­durch wird der Antrag­stel­ler ent­las­tet [8].
Auch bei Gebo­ten bzw. Ver­bo­ten nach dem Gewalt­schutz­ge­setz gilt jedoch, dass nur sol­che Anord­nun­gen zuläs­sig sind, die erfor­der­lich sind. Des Wei­te­ren darf kei­ne Beschrän­kung dar­auf erfol­gen, die Ver­let­zungs­hand­lung als sol­che zu unter­sa­gen, son­dern es sind kon­kre­te Schutz­an­ord­nun­gen zu tref­fen [9]. Schließ­lich muss auch in Gewalt­schutz­sa­chen ein Ver­bot i.S.d. § 1 GewSchG so kon­kret gefasst sein, dass es für den Fall der Voll­stre­ckung nicht dem Voll­stre­ckungs­or­gan über­las­sen bleibt, über die Reich­wei­te des Ver­bots­aus­spruchs zu ent­schei­den [10].
Auf der Grund­la­ge die­ser Maß­stä­be hält das Ober­lan­des­ge­richt vor­lie­gend das Unter­las­sungs­ge­bot, die Antrag­stel­le­rin „kör­per­lich zu atta­ckie­ren“ noch für hin­rei­chend bestimmt und damit für voll­stre­ckungs­fä­hig. Der Begriff kann objek­tiv inhalt­lich dahin aus­ge­füllt wer­den, dass sol­che Hand­lun­gen unter­sagt sind, die den Tat­be­stand der Kör­per­ver­let­zung i.S.d. § 223 Abs. 1 StGB erfül­len. Ent­spre­chen­des gilt für die Anord­nung der Unter­las­sung, die Antrag­stel­le­rin zu beschimp­fen. Der Begriff der Beschimp­fung ist nach dem all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch inhalt­lich dahin­ge­hend fest­ge­legt, dass dar­un­ter jede gegen den Adres­sa­ten gerich­te­te und ihn in sei­ner Ehre ver­let­zen­de Äuße­rung in Wort, Schrift, Bild oder Gebär­de fällt. Ange­sichts des­sen ist hin­sicht­lich der genann­ten Anord­nun­gen jeweils gewähr­leis­tet, dass etwai­ge Ver­let­zungs­hand­lun­gen vom Voll­stre­ckungs­or­gan zwei­fels­frei als sol­che ein­ge­ord­net wer­den kön­nen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen, ob ein bestimm­tes Ver­hal­ten dem Ver­bot unter­hält oder nicht, nicht zu besor­gen sind.
Die der ange­grif­fe­nen Andro­hung zugrun­de lie­gen­de Anord­nung des Amts­ge­richts, es zu unter­las­sen, die Antrag­stel­le­rin zu beläs­ti­gen, genügt den inhalt­li­chen Anfor­de­run­gen an die Bestimmt­heit der zu unter­sa­gen­den Hand­lung hin­ge­gen nicht. Der Begriff der Beläs­ti­gung ist inhalt­lich offen und nach objek­ti­ven Kri­te­ri­en nicht hin­rei­chend kon­kret ein­zu­gren­zen. Je nach Adres­sat bzw. nach jewei­li­ger Situa­ti­on kann ein und das­sel­be Ver­hal­ten in Bezug auf sei­ne Ein­ord­nung als Beläs­ti­gung unter­schied­lich beur­teilt wer­den. Dem­entspre­chend hat die Anord­nung, es zu unter­las­sen, jeman­den zu beläs­ti­gen, kei­nen voll­stre­ckungs­fä­hi­gen Inhalt [11].
Ober­lan­des­ge­richt Köln, Beschluss vom 15. August 2014 – 12 UF 61/​14
OLG Saar­land, Beschluss vom 04.03.2013 – 6 WF 27/​13; Stö­ber in: Zöl­ler, ZPO, 30. Aufl., § 890 Rz. 12a m.w.N.[↩]
BGH, Urteil vom 29.09.1979 – I ZR 107/​77; OLG Mün­chen, Beschluss vom 27.07.2001 – Lw W 1860/​01; OLG Saar­land, a.a.O. Rz. 5; Stö­ber, a.a.O. m.w.N.[↩]
BGH, Beschluss vom 04.03.1993 – IX ZB 55/​92, m.w.N.; Stö­ber, a.a.O. § 704 Rz. 4[↩]
BGH NJW 1980, 760[↩]
OLG Zwei­brü­cken, Beschluss vom 10.07.1987 – 3 W 76/​87, NJW-RR 1987, 1526[↩]
ständ. Rspr., so BGH, Urteil vom 23.02.2006 – I ZR 272/​02; Urteil vom 16.11.2000 – I ZR 186/​98; Urteil vom 10.12.1998 – I ZR 141/​96; vgl. wei­te­re Recht­spre­chungs­über­sicht zur sog. Kern­theo­rie bei Stö­ber, § 890 Rz. 3a[↩]
Bru­der­mül­ler in: Palandt, BGB, 73. Aufl., Einl. GewSchG Rz. 1[↩]
Johannsen/​Henrich, Fami­li­en­recht – Kom­men­tar, 5. Aufl., § 210 FamFG Rz. 4[↩]
Gietl in: Soer­gel, BGB – Fami­li­en­recht 1/​2, 13. Aufl., § 1 GewSchG Rz. 50; Krü­ger in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, Fami­li­en­recht I, 6. Aufl., § 1 GewSchG Rz. 22[↩]
Fes­korn in: Zöl­ler, a.a.O. § 87 FamFG Rz. 7[↩]
so auch OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 19.09.2007 – 20 WF 104/​07; Krü­ger, a.a.O. Rz. 22; Gietl, a.a.O., Rz. 63; Fes­korn, a.a.O. Rz. 7; Stö­ber in: Zöl­ler, § 890 Rz. 8[↩]
BestimmtheitGewaltschutzGewaltschutzanordnungUnterlassungsanspruchVollstreckbarkeit

References: § 890
 § 95
 § 1
 § 223
 § 890
 § 704

BGH 
 § 890
 § 210
 § 1
 § 1
 § 87
 § 890