Source: https://www.hensche.de/Kuendigung_Betriebsschliessung_Kuendigung_wegen_Betriebsschliessung_BAG_2AZR474-12.html
Timestamp: 2020-06-03 04:21:52+00:00

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Kündigung wegen Betriebsschließung - Schließung einer Krankenkasse - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/351
Kün­di­gung we­gen Be­triebs­schlie­ßung - Schlie­ßung ei­ner Kran­ken­kas­se
Ge­schlos­se­ne Kran­ken­kas­sen Ci­ty BKK und BKK-Heil­be­ru­fe ver­lie­ren Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­tei­le vom 21.11.2013, 2 AZR 474/12, 2 AZR 495/12, 2 AZR 598/12, 2 AZR 966/12
Was ma­chen An­ge­stell­te ei­ner Kran­ken­kas­se oh­ne Ver­si­cher­te?
26.11.2013. Wird ein Be­trieb ge­schlos­sen, er­hal­ten die Ar­beit­neh­mer im Nor­mal­fall be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen, und die­se Kün­di­gun­gen sind nor­ma­ler­wei­se recht­lich kaum an­greif­bar.
Auch or­dent­lich un­künd­ba­re Ar­beit­neh­mer müs­sen dann mit ei­ner Ent­las­sung rech­nen, näm­lich in Form ei­ner au­ßer­or­dent­li­chen be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gung (die na­tür­lich nicht frist­los aus­ge­spro­chen wer­den darf).
Hoff­nung be­steht aus Ar­beit­neh­mer­sicht aber dann, wenn der Ar­beit­ge­ber trotz der Be­triebs­still­le­gung noch Mög­lich­kei­ten hat, die Ar­beit­neh­mer wei­ter zu be­schäf­ti­gen oder sie bei ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber "un­ter­zu­brin­gen".
Bei den Mas­sen­ent­las­sun­gen der Ci­ty BKK und der BKK Heil­be­ru­fe war das der Fall, wes­halb die Kran­ken­kas­sen vor ei­ni­gen Ta­gen beim Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ge­schei­tert sind: BAG, Ur­tei­le vom 21.11.2013, 2 AZR 474/12, 2 AZR 495/12, 2 AZR 598/12, 2 AZR 966/12.
Wann sind Ent­las­sun­gen we­gen der Sch­ließung ei­ner Kran­ken­kas­se möglich?
Der Streit­fall: Mas­sen­ent­las­sun­gen bei der Ci­ty BKK und der BKK Heil­be­ru­fe in­fol­ge der Sch­ließung zum 30.06.2011
BAG: Oh­ne zu­mut­ba­res Beschäfti­gungs­an­ge­bot beim Lan­des­ver­band oder ei­ner an­de­ren Be­triebs­kran­ken­kas­se kei­ne ge­setz­li­che Be­en­di­gung
Wenn ein Ar­beits­verhält­nis un­ter das Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) fällt und da­her Kündi­gungs­schutz ge­nießt, kann der Ar­beit­ge­ber auch un­ter Ein­hal­tung der Kündi­gungs­fris­ten nur kündi­gen, wenn er dafür ei­nen vernünf­ti­gen Grund hat. Ist die wei­te­re Beschäfti­gung des Ar­beit­neh­mers we­gen ei­ner Be­triebs­sch­ließung oder we­gen der er­satz­lo­sen Strei­chung bis­he­ri­ger Auf­ga­ben­be­rei­che dau­er­haft unmöglich, ist ei­ne or­dent­li­che be­triebs­be­ding­te Kündi­gung möglich.
Auch Ar­beit­neh­mer, die auf­grund ei­nes Ta­rif­ver­trags oder ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Re­ge­lung or­dent­lich unkünd­bar sind, können in sol­chen Fällen gekündigt wer­den, al­ler­dings nur im We­ge ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung aus be­triebs­be­ding­ten Gründen. Grund­la­ge der Kündi­gung ist dann nicht § 1 KSchG, son­dern § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Da­bei muss der Ar­beit­ge­ber ei­ne Aus­lauf­frist gewähren, die min­des­tens so lang ist wie die Kündi­gungs­frist, die er bei ei­ner (auf­grund der Unkünd­bar­keit aus­ge­schlos­se­nen) or­dent­li­chen Kündi­gung des unkünd­ba­ren Ar­beit­neh­mers be­ach­ten müss­te.
Wird ei­ne Kran­ken­kas­se von dem Bun­des­ver­si­che­rungs­amt we­gen Über­schul­dung ge­schlos­sen, wie das bei der Ci­ty BKK und der BKK Heil­be­ru­fe Mit­te 2011 ge­sche­hen ist, müssen die be­trof­fe­nen Kran­ken­kas­sen ab­ge­wi­ckelt wer­den. Al­ler­dings ist die "Sch­ließung" der Kran­ken­kas­se durch die staat­li­che Auf­sicht nicht gleich­be­deu­tend mit ei­ner Be­triebs­sch­ließung im ar­beits­recht­li­chen Sin­ne, denn wenn noch Rest- und Ab­wick­lungs­ar­bei­ten zu ver­rich­ten sind, braucht die "ge­schlos­se­ne" Kran­ken­kas­se den­noch vorüber­ge­hend wei­ter­hin Ar­beit­neh­mer.
Über die all­ge­mei­nen ar­beits­recht­li­chen Kündi­gungsmöglich­kei­ten hin­aus sieht das Ge­setz für den Fall der Sch­ließung ei­ner Kran­ken­kas­se ei­ne Son­der­re­ge­lung vor, der zu­fol­ge die Ver­trags­verhält­nis­se der Beschäftig­ten "mit dem Tag der Auflösung oder Sch­ließung" der Kran­ken­kas­se au­to­ma­tisch (kraft Ge­set­zes) en­den, d.h. oh­ne dass es da­zu ei­ne Kündi­gung braucht (§ 164 Abs.4 Satz 1 Fünf­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch - SGB V).
Al­ler­dings gilt die­se Re­ge­lung nur für die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer, die nicht bei dem Kran­ken­kas­sen-Lan­des­ver­band oder ei­ner an­de­ren Kas­se "un­ter­ge­bracht wer­den" konn­ten, und dar­um muss sich die ge­schlos­se­ne Kran­ken­kas­se bemühen (§ 164 Abs.3 Satz 3 SGB V). Wird ei­ne Be­triebs­kran­ken­kas­se ge­schlos­sen, gilt die­se Un­ter­brin­gungs­pflicht nur für or­dent­lich unkünd­ba­re Ar­beit­neh­mer (§ 155 Abs.4 Satz 9 SGB V).
Vor die­sem Hin­ter­grund würde man er­war­ten, dass es den ge­schlos­se­nen Kran­ken­kas­sen möglich sein soll­te, Ar­beits­verhält­nis­se im Zu­ge ih­rer Ab­wick­lung zu be­en­den, denn recht­li­che Möglich­kei­ten da­zu gibt es ja ge­nug. Wenn man sich da­bei aber an die recht­li­chen Spiel­re­geln nicht hält, fällt man da­bei auf die Na­se, wie das Bei­spiel Ci­ty BKK und BKK Heil­be­ru­fe zeigt.
2004 ent­stand die Ci­ty BKK aus ei­ner Fu­si­on der Be­triebs­kran­ken­kas­sen BKK Ber­lin und BKK Ham­burg. Zum 30.06.2011 wur­de sie vom Bun­des­ver­si­che­rungs­amt we­gen dro­hen­der In­sol­venz ge­schlos­sen. Das­sel­be Schick­sal traf En­de 2011 die BKK-Heil­be­ru­fe. 2011 beschäftig­te die Ci­ty BKK et­wa 400 Ar­beit­neh­mer und die BKK-Heil­be­ru­fe 270 Ar­beit­neh­mer.
In­fol­ge der Sch­ließung er­hiel­ten sämt­li­che 400 bzw. 270 Ar­beit­neh­mer die Mit­tei­lung, dass ih­re Ar­beits­verhält­nis­se zum Sch­ließungs­zeit­punkt en­den würden. Vor­sorg­lich spra­chen die Ci­ty BKK und die BKK-Heil­be­ru­fe den or­dent­lich unkünd­ba­ren Ar­beit­neh­mern außer­or­dent­li­che Kündi­gun­gen mit Aus­lauf­fris­ten aus. Ar­beit­neh­mer, die or­dent­lich künd­bar wa­ren, er­hiel­ten or­dent­li­che Kündi­gun­gen zum Sch­ließungs­zeit­punkt, hilfs­wei­se zum Ab­lauf der re­gulären Kündi­gungs­fris­ten.
Da­ge­gen er­ho­ben Hun­der­te von Ar­beit­neh­mern vor den Ar­beits­ge­rich­ten Kla­gen. Ver­klagt wur­den die in Ab­wick­lung be­find­li­chen bei­den Kran­ken­kas­sen. Die Kla­ge hat­ten vor den Ar­beits- und Lan­des­ar­beits­ge­rich­ten (LAGs) über­wie­gend Er­folg.
So gab das LAG Ber­lin-Bran­den­burg ei­ner or­dent­lich unkünd­ba­ren Ar­beit­neh­me­rin recht, die außer­or­dent­lich zum 30.06.2011, hilfs­wei­se zu En­de 2011 gekündigt wor­den war und die außer­dem ei­ne Be­en­di­gungs­mit­tei­lung un­ter Ver­weis auf § 164 Abs.3 Satz 3 SGB V er­hal­ten hat­te (Ur­teil vom 12.04.2012, 5 Sa 2555/11).
In die­sem Sin­ne ent­schied auch das LAG Ham­burg in ei­nem ähn­lich ge­la­ger­ten Fall über ei­ne außer­or­dent­li­che be­triebs­be­ding­te Kündi­gung und ei­ne Be­en­di­gungs­mit­tei­lung (LAG Ham­burg, Ur­teil vom 31.05.2012, 1 Sa 55/11).
Eben­falls im Mai 2012 hat­ten Ar­beit­neh­mer der Ci­ty BKK vor dem LAG Ba­den-Würt­tem­berg Er­folg (Ur­teil vom 21.05.2012, 1 Sa 2/12). Hier ging es um ei­ne or­dent­lich künd­ba­re Ar­beit­neh­me­rin der Ci­ty BKK, die gleich­wohl ei­ne außer­or­dent­li­che be­triebs­be­ding­te Kündi­gung er­hal­ten hat­te, weil der Ar­beit­ge­ber von ei­ner Unkünd­bar­keit aus­ging. Das LAG be­wer­te­te die Kündi­gung als un­wirk­sam und in­ter­pre­tier­te die ge­setz­li­chen Auflösungs­vor­schrif­ten (§ 164 Abs.3 Satz 3 SGB V, § 155 Abs.4 Satz 9 SGB V) in der Wei­se, dass sie nur auf Unkünd­ba­re An­wen­dung fin­den. Denn wenn sich die Pflicht zur Un­ter­brin­gung nach dem Ge­setz nur auf die Unkünd­ba­ren be­zieht, dann sind auch nur die Unkünd­ba­ren "au­to­ma­tisch" zum Sch­ließungs­zeit­punkt ih­ren Job los ge­wor­den, wenn die Un­ter­brin­gung kei­nen Er­folg hat, so das LAG.
Eben­so wie das LAG Ba­den-Würt­tem­berg ent­schied auch das LAG Düssel­dorf. Hier ging es um ei­ne or­dent­li­che und ei­ne außer­or­dent­li­che be­triebs­be­ding­te Kündi­gung, die ei­ne or­dent­lich künd­ba­re An­ge­stell­te der BKK Heil­be­ru­fe er­hal­ten hat­te. Auch in ih­rem Fall hat­te der Ar­beit­ge­ber die Ent­las­sung ergänzend mit § 164 Abs.3 Satz 3 SGB V bzw. § 155 Abs.4 Satz 9 SGB V ge­recht­fer­tigt (Ur­teil vom 07.09.2012, 6 Sa 138/12).
Die al­len o.g. vier Fällen gin­gen die Ar­beit­neh­mer in Er­furt als Sie­ger vom Platz. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:
Oh­ne zu­mut­ba­res An­ge­bot ei­ner wei­te­ren Beschäfti­gung beim Lan­des­ver­band der Be­triebs­kran­ken­kas­sen oder bei ei­ner an­de­ren, zur Auf­nah­me ge­setz­lich ver­pflich­te­ten Be­triebs­kran­ken­kas­se kann sich ei­ne durch die Staats­auf­sicht ge­schlos­se­ne Kran­ken­kas­se nicht auf die ge­setz­li­che bzw. au­to­ma­tisch ein­tre­ten­de Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­ru­fen. In den vor­lie­gen­den Streitfällen hat­te die Ci­ty BKK aber in die­ser Hin­sicht zu we­nig ge­tan.
Die or­dent­lich künd­ba­ren Ar­beit­neh­mer, so das BAG wei­ter­hin, sind oh­ne­hin nicht von den die ge­setz­li­chen Auflösungs­vor­schrif­ten (§ 164 Abs.3 Satz 3 SGB V, § 155 Abs.4 Satz 9 SGB V) be­trof­fen, denn die­se gel­ten von vorn­her­ein nur für die or­dent­lich unkünd­ba­ren Mit­ar­bei­ter der Kran­ken­kas­sen.
Dem­zu­fol­ge hätten sich die ver­klag­ten bei­den Kran­ken­kas­sen nur per Kündi­gung von ih­ren Ar­beit­neh­mern tren­nen können, d.h. durch or­dent­li­che be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen und/oder (ge­genüber den Unkünd­ba­ren) durch außer­or­dent­li­che be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen. Da­zu wäre es er­for­der­lich ge­we­sen, dass der Be­darf an der Ar­beits­leis­tung der gekündig­ten Ar­beit­neh­mer dau­er­haft wegfällt. Das war hier aber nicht der Fall, denn es wa­ren trotz der Sch­ließung der Kas­sen wei­ter­hin Ab­wick­lungs­ar­bei­ten zu ver­rich­ten.
Fa­zit: So leicht wer­den Kran­ken­kas­sen ih­re Ar­beit­neh­mer nicht los, auch wenn ei­ne Kas­se in­fol­ge ei­ner Sch­ließung durch die Auf­sichts­behörde nicht mehr ope­ra­tiv tätig wer­den kann und da­her ab­ge­wi­ckelt wer­den muss. Das gilt nicht nur für die sog. Dienst­ord­nungs­an­ge­stell­ten, die oh­ne­hin ei­nen be­am­tenähn­li­chen Sta­tus ha­ben, son­dern auch für "nor­ma­le" Ar­beit­neh­mer.
Im Fall der Ci­ty BKK kommt noch hin­zu, dass es für et­wa 200 gekündig­te Ar­beit­neh­mer letzt­lich egal ist, ob sie wirk­sam gekündigt wur­den oder nicht, da sie auf der Grund­la­ge ei­ner Wie­der­ein­stel­lungs­zu­sa­ge des Lan­des Ber­lin aus dem Jah­re 2004 Wie­der­ein­stel­lung durch das Land Ber­lin ver­lan­gen können (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/296 An­spruch auf Wie­der­ein­stel­lung für Ar­beit­neh­mer der Ci­ty BKK).
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­tei­le vom 21.11.2013, 2 AZR 474/12, 2 AZR 495/12, 2 AZR 598/12, 2 AZR 966/12 (Pres­se­mit­tei­lung)
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 21.05.2012, 1 Sa 2/12 (Pres­se­mel­dung)
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 12.04.2012, 5 Sa 2555/11
Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf, Ur­teil vom 07.09.2012, 6 Sa 138/12
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 31.05.2012, 1 Sa 55/11
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.11.2013, 2 AZR 474/12
Letzte Überarbeitung: 17. März 2017

References: § 1
 § 626
 § 164
 § 155
 § 164
 § 155
 § 155