Source: http://www.hensche.de/Mitbestimmung_Europarecht_EuGH_begrenzt_Rechtswirkungen_des_europaeischen_Arbeitsrechts_EuGH_C-176-12_AMS.html
Timestamp: 2017-01-24 17:15:34+00:00

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ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/022
An­spruch auf ei­nen Be­triebs­rat aus dem Eu­ro­pa­recht?
Hat ein in­sti­tu­tio­nel­les Grund­recht der EU-Grund­rech­te­char­ta zu­sam­men mit ei­ner "kon­kre­ti­sie­ren­den" EU-Richt­li­nie Rechts­wir­kun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen in den Mit­glieds­staa­ten?
Der Streit­fall: Ge­meinnützi­ger Ver­ein AMS beschäftigt ne­ben acht Stamm­kräften et­wa 100 Ju­gend­li­che zur be­ruf­li­chen In­te­gra­ti­on, die bei dem Schwel­len­wert für ei­ne Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung nicht zählen
EuGH: Art.27 der Grund­rech­te­char­te reicht we­der für sich al­lein noch zu­sam­men mit der Richt­li­nie 2002/14/EG dafür aus, dem EU-Recht ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Be­stim­mun­gen un­an­ge­wen­det zu las­sen
Hat ein in­sti­tu­tio­nel­les Grund­recht der EU-Grund­rech­te­char­ta zu­sam­men mit ei­ner "kon­kre­ti­sie­ren­den" EU-Richt­li­nie Rechts­wir­kun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen in den Mit­glieds­staa­ten? EU-Richt­li­ni­en be­gründen Pflich­ten der Mit­glieds­staa­ten, ihr na­tio­na­les Recht ent­spre­chend den Vor­ga­ben der Richt­li­ni­en um­zu­set­zen. Sie ent­hal­ten da­her Um­set­zungs­fris­ten, und wenn die­se ab­ge­lau­fen sind, soll­ten al­le Mit­glieds­staa­ten die bei ih­nen gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten ent­spre­chend an­ge­passt ha­ben.
Berühmt ge­wor­den sind hier vor al­lem zwei EuGH-Ur­tei­le, die das deut­sche Ar­beits­recht be­tref­fen, nämlich das Man­gold-Ur­teil (Ur­teil vom 22.11.2005, C-144/04) und das Ur­teil in Sa­chen Kücükde­vici (Ur­teil vom 19.01.2010, C-555/07). In bei­den Fällen ging es um den eu­ro­pa­recht­li­chen Grund­satz, dass al­ters­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­run­gen im Ar­beits­le­ben ver­hin­dert wer­den müssen. Und in bei­den Fällen hat der EuGH den deut­schen Ge­rich­ten die Vor­ga­be ge­macht, über die Gren­zen der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung deut­scher Ge­set­ze hin­aus die­se not­falls "un­an­ge­wen­det" zu las­sen, d.h. im Er­geb­nis ge­gen das Ge­setz ("con­tra le­gem") zu ent­schei­den, wenn die Ge­set­ze auch nach An­wen­dung al­ler ju­ris­ti­schen Aus­le­gungsküns­te mit den EU-Richt­li­ni­en nicht in Ein­klang zu brin­gen sind (wir be­rich­te­ten über die­se Ur­tei­le un­ter an­de­rem in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/178 Man­gold-Ur­teil ist nicht ver­fas­sungs­wid­rig und in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/018 Dis­kri­mi­nie­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer).
Aber kann man die ju­ris­tisch und po­li­tisch fragwürdi­ge Ten­denz die­ser bei­den Ur­tei­le noch wei­ter verstärken und auf an­de­re EU-Grundsätze und EU-Richt­li­ni­en über­tra­gen, z.B. auf die Richt­li­nie 2002/14/EG und/oder auf den hin­ter die­ser Richt­li­nie ste­hen­den Art.27 der Grund­rech­te­char­ta? Die­se Vor­schrif­ten des EU-Rechts schrei­ben den Mit­glieds­staa­ten vor, für Rechts­vor­schrif­ten zu sor­gen, die ei­ne recht­zei­ti­ge Un­ter­rich­tung und Anhörung von Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tern gewähr­leis­ten. In Deutsch­land sind die­se Vor­ga­ben im we­sent­li­chen durch die Be­triebs­ver­fas­sung und das Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht um­ge­setzt, in an­de­ren Ländern gibt es Um­set­zungs­de­fi­zi­te, z.B. in Frank­reich.
Der Streit­fall: Ge­meinnützi­ger Ver­ein AMS beschäftigt ne­ben acht Stamm­kräften et­wa 100 Ju­gend­li­che zur be­ruf­li­chen In­te­gra­ti­on, die bei dem Schwel­len­wert für ei­ne Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung nicht zählen In dem französi­schen Vor­la­ge­fall geht es um ei­nen Streit zwi­schen ei­nem ge­meinnützi­gen Ver­ein, der As­so­cia­ti­on de Média­ti­on So­cia­le (AMS), und ei­nem der acht Stamm­ar­beit­neh­mer des Ver­eins, Herrn La­bou­bi, so­wie der hin­ter ihm ste­hen­den Ge­werk­schaft CGT. Ge­gen­stand des Streits ist die Fra­ge, ob bei der AMS ei­ne Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung er­rich­tet wer­den muss oder nicht.
Das französi­sche Ar­beits­ge­setz­buch steht da­bei auf Sei­ten von AMS. Denn da­nach ist zwar ab ei­ner Be­triebs­größe von 50 Beschäftig­ten ei­ne Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung zu er­rich­ten, doch zählen da­bei Ar­beit­neh­mer mit sog. "beschäfti­gungs­be­glei­ten­den Verträgen" nicht mit. Sol­che Verträge hat­ten et­wa 100 ju­gend­li­che Ar­beit­neh­mer, die von AMS zum Zwe­cke der be­ruf­li­chen In­te­gra­ti­on beschäftigt wur­den. Für die AMS war da­mit klar, dass in ih­rem Be­trieb nur acht Ar­beit­neh­mer im Sin­ne der Be­rech­nungs­vor­schrif­ten des Ar­beits­ge­setz­buchs beschäftigt sind. Und da­mit wird der ge­setz­li­che Schwel­len­wert von 50 Ar­beit­neh­mern für ei­ne Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung eben nicht er­reicht. Trotz­dem er­nann­te die CGT Herrn La­bou­di zu ih­rem be­trieb­li­chen Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter, wor­auf­hin die AMS vor das Ar­beits­ge­richt zog mit dem Ziel, die­se Er­nen­nung für nich­tig zu erklären.
In die­sem Ver­fah­ren be­rie­fen sich Herr La­bou­bi und die CGT auf zwei Vor­schrif­ten des EU-Rechts, nämlich auf Art.27 der Grund­rech­te­char­ta und auf Art.3 Abs.1 der Richt­li­nie 2002/14/EG. Art.27 der Grund­rech­te­char­ta lau­tet:
"Die­se Richt­li­nie gilt je nach Ent­schei­dung der Mit­glied­staa­ten: a) für Un­ter­neh­men mit min­des­tens 50 Ar­beit­neh­mern in ei­nem Mit­glied­staat oder b) für Be­trie­be mit min­des­tens 20 Ar­beit­neh­mern in ei­nem Mit­glied­staat. Die Mit­glied­staa­ten be­stim­men, nach wel­cher Me­tho­de die Schwel­len­wer­te für die Beschäftig­ten­zahl er­rech­net wer­den."
Aus die­sen Vor­schrif­ten folgt aus Sicht von Herrn La­bou­bi und der CGT die Pflicht der französi­schen Ge­rich­te, die nach französi­schem Ge­set­zes­recht vor­ge­schrie­be­ne Aus­klam­me­rung von Ar­beit­neh­mern mit beschäfti­gungs­be­glei­ten­den Verträgen un­an­ge­wen­det zu las­sen. Denn die­se Re­ge­lung ist mit Art.3 Abs.1 Satz 2 der Richt­li­nie 2002/14/EG un­ver­ein­bar, so Herr La­bou­di und die CGT, weil es den Mit­glied­staa­ten gemäß der Richt­li­nie nur ge­stat­tet ist, die Me­tho­de für die Er­mitt­lung der Schwel­len­wer­te fest­zu­le­gen. Die Aus­klam­me­rung gan­zer Beschäftig­ten­grup­pen ist den Mit­glieds­staa­ten nicht er­laubt.
Das Ar­beits­ge­richt folg­te die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on, ließ die auf beschäfti­gungs­be­glei­ten­de Verträge be­zo­ge­ne Vor­schrift des Ar­beits­ge­setz­buchs da­her "un­an­ge­wen­det" und gab der Ar­beit­neh­mer­sei­te recht. Da­ge­gen leg­te die AMS ein Rechts­mit­tel ein und der Fall lan­de­te bei der Cour de Cas­sa­ti­on. Die­se wie­der­um frag­te beim EuGH an, ob das in Art.27 der Grund­rech­te­char­ta an­er­kann­te und durch die Richt­li­nie 2002/14/EG kon­kre­ti­sier­te "Grund­recht auf Un­ter­rich­tung und Anhörung der Ar­beit­neh­mer" in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­vat­per­so­nen gel­tend ge­macht wer­den kann und sich da­bei mögli­cher­wei­se ge­genüber ent­ge­gen­ste­hen­den na­tio­na­len Ge­set­zes­be­stim­mun­gen durch­setzt.
EuGH: Art.27 der Grund­rech­te­char­te reicht we­der für sich al­lein noch zu­sam­men mit der Richt­li­nie 2002/14/EG dafür aus, dem EU-Recht ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Be­stim­mun­gen un­an­ge­wen­det zu las­sen Der EuGH ist in sei­nem Ur­teil vom gest­ri­gen Ta­ge den Vor­schlägen des Ge­ne­ral­an­walts nicht ge­folgt und hat ent­schie­den, dass Art.27 der Grund­recht­char­ta we­der für sich al­lein ge­nom­men noch zu­sam­men mit der Richt­li­nie 2002/14/EG ein aus­rei­chen­der Grund dafür ist, ei­ne mit die­sen bei­den uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben un­ver­ein­ba­re na­tio­na­le Ge­set­zes­vor­schrift "un­an­ge­wen­det" zu las­sen.
Fa­zit: Der Ge­richts­hof hat mit gu­ten Gründen ei­ne ju­ris­tisch-krea­ti­ve Aus­wei­tung sei­ner Ur­tei­le in Sa­chen Man­gold und Kücükde­vici ver­hin­dert. Die­ser ju­ris­ti­sche Bau­stopp ist sinn­voll. Denn wäre der EuGH dem Ent­schei­dungs­vor­schlag sei­nes Ge­ne­ral­an­walts ge­folgt, hätte man künf­tig prak­tisch je­de be­lie­bi­ge EU-Richt­li­nie als "Grund" für ei­ne of­fe­ne Miss­ach­tung des Ge­set­zes­rechts der Mit­glieds­staa­ten her­neh­men können. Man hätte zu die­sem Zweck nur den zu ei­ner Richt­li­nie je­weils pas­sen­den Grund­rechts­ar­ti­kel der Grund­rech­te­char­ta aus­fin­dig ma­chen und be­gründen müssen, war­um die Richt­li­nie den Grund­rechts­ar­ti­kel "we­sent­lich (?) und un­mit­tel­bar (?) kon­kre­ti­siert". Dem hat der Ge­richts­hof in rea­lis­ti­scher Einschätzung des Ein­falls­reich­tums der ju­ris­ti­schen Be­gründungs­kunst ei­nen Rie­gel vor­ge­scho­ben. Mit die­ser Ent­schei­dung be­kräftigt der Ge­richts­hof sei­ne grundsätz­li­che Hal­tung, dass sich auch so­zi­al­po­li­tisch sinn­vol­le EU-Richt­li­ni­en im All­ge­mei­nen nicht ge­genüber ab­wei­chen­dem Ge­set­zes­recht der Mit­glieds­staa­ten durch­set­zen (in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 24.01.2012, C-282/10 - Do­m­in­guez, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/041 Das Eu­ro­pa­recht schreibt ei­nen Min­des­t­ur­laub von vier Wo­chen vor - oh­ne jähr­li­che Min­dest­ar­beits­zeit).

References: Art.27
 EuGH 
 Art.27
 Art.27
 Art.3
 Art.27
 Art.3
 EuGH 
 Art.27
 Art.27
 EuGH 
 Art.27
 EuGH