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Timestamp: 2018-03-19 16:19:41+00:00

Document:
EuGH, Urteil vom 19.07.2012, C-154/11 - HENSCHE Arbeitsrecht
EuGH, Ur­teil vom 19.07.2012, C-154/11
Aktenzeichen: C-154/11
Vorinstanzen: Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 23.03.2011, 17 Sa 2620/10
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Art. 18 Abs. 2 und 21 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/2001 des Ra­tes vom 22. De­zem­ber 2000 über die ge­richt­li­che Zuständig­keit und die An­er­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zi­vil- und Han­dels­sa­chen (ABl. 2001, L 12, S. 1).
Das Wie­ner Übe­r­ein­kom­men
4 Im zwei­ten Erwägungs­grund der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 heißt es:
„Die Un­ter­schie­de zwi­schen be­stimm­ten ein­zel­staat­li­chen Vor­schrif­ten über die ge­richt­li­che Zuständig­keit und die An­er­ken­nung von Ent­schei­dun­gen er­schwe­ren das rei­bungs­lo­se Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­markts. Es ist da­her un­erläss­lich, Be­stim­mun­gen zu er­las­sen, um die Vor­schrif­ten über die in­ter­na­tio­na­le Zuständig­keit in Zi­vil- und Han­dels­sa­chen zu ver­ein­heit­li­chen …“
5 Die Erwägungs­gründe 8 und 9 die­ser Ver­ord­nung, die Be­stim­mun­gen über Be­klag­te mit Wohn­sitz in ei­nem Dritt­staat be­tref­fen, sind wie folgt ab­ge­fasst:
„(8) Rechts­strei­tig­kei­ten, die un­ter die­se Ver­ord­nung fal­len, müssen ei­nen An­knüpfungs­punkt an das Ho­heits­ge­biet ei­nes der Mit­glied­staa­ten auf­wei­sen, die durch die­se Ver­ord­nung ge­bun­den sind. Ge­mein­sa­me Zuständig­keits­vor­schrif­ten soll­ten dem­nach grundsätz­lich dann An­wen­dung fin­den, wenn der Be­klag­te sei­nen Wohn­sitz in ei­nem die­ser Mit­glied­staa­ten hat.
6 Der 13. Erwägungs­grund der Ver­ord­nung, der sich u. a. auf die Zuständig­keits­vor­schrif­ten für in­di­vi­du­el­le Ar­beits­verträge be­zieht, lau­tet:
„Bei Ver­si­che­rungs-, Ver­brau­cher- und Ar­beits­sa­chen soll­te die schwäche­re Par­tei durch Zuständig­keits­vor­schrif­ten geschützt wer­den, die für sie güns­ti­ger sind als die all­ge­mei­ne Re­ge­lung.“
7 Art. 1 Abs. 1 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 de­fi­niert ih­ren sach­li­chen An­wen­dungs­be­reich wie folgt:
„Die­se Ver­ord­nung ist in Zi­vil- und Han­dels­sa­chen an­zu­wen­den, oh­ne dass es auf die Art der Ge­richts­bar­keit an­kommt. Sie er­fasst ins­be­son­de­re nicht Steu­er- und Zoll­sa­chen so­wie ver­wal­tungs­recht­li­che An­ge­le­gen­hei­ten.“
8 In Be­zug auf Kla­gen ge­gen ei­ne Per­son, die ih­ren Wohn­sitz in ei­nem Dritt­staat hat, sieht Art. 4 Abs. 1 die­ser Ver­ord­nung vor:
„Hat der Be­klag­te kei­nen Wohn­sitz im Ho­heits­ge­biet ei­nes Mit­glied­staats, so be­stimmt sich vor­be­halt­lich der Ar­ti­kel 22 und 23 die Zuständig­keit der Ge­rich­te ei­nes je­den Mit­glied­staats nach des­sen ei­ge­nen Ge­set­zen.“
9 Nach Art. 5 Nr. 5 der Ver­ord­nung kann ei­ne Per­son, die ih­ren Wohn­sitz im Ho­heits­ge­biet ei­nes Mit­glied­staats hat, in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat ver­klagt wer­den, „wenn es sich um Strei­tig­kei­ten aus dem Be­trieb ei­ner Zweig­nie­der­las­sung, ei­ner Agen­tur oder ei­ner sons­ti­gen Nie­der­las­sung han­delt, vor dem Ge­richt des Or­tes, an dem sich die­se be­fin­det“.
10 Ka­pi­tel II Ab­schnitt 5 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001, der die Art. 18 bis 21 um­fasst, enthält die Zuständig­keits­vor­schrif­ten für Rechts­strei­tig­kei­ten, die in­di­vi­du­el­le Ar­beits­verträge zum Ge­gen­stand ha­ben.
11 Art. 18 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 lau­tet:
„(1) Bil­den ein in­di­vi­du­el­ler Ar­beits­ver­trag oder Ansprüche aus ei­nem in­di­vi­du­el­len Ar­beits­ver­trag den Ge­gen­stand des Ver­fah­rens, so be­stimmt sich die Zuständig­keit un­be­scha­det des Ar­ti­kels 4 und des Ar­ti­kels 5 Num­mer 5 nach die­sem Ab­schnitt. .
12 Art. 19 die­ser Ver­ord­nung sieht vor:
13 Art. 21 der Ver­ord­nung be­stimmt:
14 Art. 25 des Grund­ge­set­zes für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (GG) be­stimmt:
„Die all­ge­mei­nen Re­geln des Völker­rech­tes sind Be­stand­teil des Bun­des­rech­tes. Sie ge­hen den Ge­set­zen vor und er­zeu­gen Rech­te und Pflich­ten un­mit­tel­bar für die Be­woh­ner des Bun­des­ge­bie­tes.“
15 § 18 des Ge­richts­ver­fas­sungs­ge­set­zes (GVG) in der Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 9. Mai 1975 sieht vor:
„Die Mit­glie­der der im Gel­tungs­be­reich die­ses Ge­set­zes er­rich­te­ten di­plo­ma­ti­schen Mis­sio­nen, ih­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der und ih­re pri­va­ten Haus­an­ge­stell­ten sind nach Maßga­be des Wie­ner Übe­r­ein­kom­mens über di­plo­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen vom 18. April 1961 … von der deut­schen Ge­richts­bar­keit be­freit. …“
16 § 20 GVG lau­tet:
„(1) Die deut­sche Ge­richts­bar­keit er­streckt sich auch nicht auf Re­präsen­tan­ten an­de­rer Staa­ten und de­ren Be­glei­tung, die sich auf amt­li­che Ein­la­dung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Gel­tungs­be­reich die­ses Ge­set­zes auf­hal­ten.
17 § 38 („Zu­ge­las­se­ne Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung“) Abs. 2 der deut­schen Zi­vil­pro­zess­ord­nung in der Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 5. De­zem­ber 2005 be­stimmt:
„Die Zuständig­keit ei­nes Ge­richts des ers­ten Rechts­zu­ges kann fer­ner ver­ein­bart wer­den, wenn min­des­tens ei­ne der Ver­trags­par­tei­en kei­nen all­ge­mei­nen Ge­richts­stand im In­land hat. Die Ver­ein­ba­rung muss schrift­lich ab­ge­schlos­sen oder, falls sie münd­lich ge­trof­fen wird, schrift­lich bestätigt wer­den. …“
18 Herr Ma­ham­dia, der die al­ge­ri­sche und die deut­sche Staats­an­gehörig­keit be­sitzt und in Deutsch­land wohnt, schloss am 1. Sep­tem­ber 2002 mit dem Außen­mi­nis­te­ri­um der De­mo­kra­ti­schen Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en ei­nen – verlänger­ba­ren – Ver­trag über die Beschäfti­gung als Zeit­be­diens­te­ter für die Dau­er von ei­nem Jahr für die Tätig­keit als Kraft­fah­rer bei der al­ge­ri­schen Bot­schaft in Ber­lin.
19 Der auf Französisch ab­ge­fass­te Ver­trag ent­hielt fol­gen­de Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung:
„VI. Bei­le­gung von Strei­tig­kei­ten
20 Dem Vor­la­ge­be­schluss ist zu ent­neh­men, dass es Herrn Ma­ham­dia in Ausübung sei­ner Tätig­kei­ten ob­lag, Gäste, Mit­ar­bei­ter und ver­tre­tungs­wei­se auch den Bot­schaf­ter zu fah­ren. Fer­ner hat­te er die Kor­re­spon­denz der Bot­schaft zu deut­schen Stel­len und zur Post zu befördern. Di­plo­ma­ten­post wur­de von ei­nem wei­te­ren Mit­ar­bei­ter der Bot­schaft ent­ge­gen­ge­nom­men bzw. wei­ter­ge­lei­tet, der sei­ner­seits von Herrn Ma­ham­dia ge­fah­ren wur­de. Aus dem Vor­la­ge­be­schluss er­gibt sich außer­dem, dass zwi­schen den Par­tei­en je­doch strei­tig ist, ob Herr Ma­ham­dia auch Dol­met­scher­diens­te leis­te­te.
21 Am 9. Au­gust 2007 er­hob Herr Ma­ham­dia ge­gen die De­mo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en Kla­ge beim Ar­beits­ge­richt Ber­lin auf Vergütung der Über­stun­den, die er in den Jah­ren 2005–2007 ge­leis­tet ha­be.
22 Mit Schrei­ben des Geschäft­strägers der Bot­schaft vom 29. Au­gust 2007 wur­de das Ar­beits­verhält­nis von Herrn Ma­ham­dia zum 30. Sep­tem­ber 2007 gekündigt.
23 Der Kläger er­wei­ter­te dar­auf­hin sei­ne Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt auf Fest­stel­lung, dass die Kündi­gung sei­nes Ar­beits­ver­trags rechts­wid­rig sei, und be­an­trag­te die Ver­ur­tei­lung der De­mo­kra­ti­schen Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en zur Zah­lung ei­ner An­nah­me­ver­zugs­vergütung und zur Wei­ter­beschäfti­gung bis zum En­de des Rechts­streits.
24 Im Rah­men des Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens rügte die De­mo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en die Un­zuständig­keit der deut­schen Ge­rich­te und be­rief sich hier­zu so­wohl auf die Re­geln des Völker­rechts über die Be­frei­ung von der Ge­richts­bar­keit als auch auf die Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung im Ar­beits­ver­trag.
25 Mit Ur­teil vom 2. Ju­li 2008 gab das Ar­beits­ge­richt Ber­lin die­ser Ein­re­de statt und wies folg­lich die Kla­ge von Herrn Ma­ham­dia ab. Das Ge­richt stell­te fest, dass die Staa­ten nach den Re­geln des Völker­rechts bei der Ausübung ih­rer ho­heit­li­chen Be­fug­nis­se Im­mu­nität genössen und dass die Tätig­kei­ten des Klägers, die in ei­nem funk­tio­na­len Zu­sam­men­hang mit den di­plo­ma­ti­schen Tätig­kei­ten der Bot­schaft stünden, der deut­schen Ge­richts­bar­keit ent­zo­gen sei­en.
26 Der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens leg­te ge­gen die­ses Ur­teil Be­ru­fung beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin‑Bran­den­burg ein, das mit Ur­teil vom 14. Ja­nu­ar 2009 das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts teil­wei­se auf­hob.
27 Es stell­te fest, dass die Tätig­kei­ten des Klägers als Kraft­fah­rer der Bot­schaft nicht zur Ausübung der Ho­heits­ge­walt des be­klag­ten Staa­tes gehörten, son­dern ei­ne Hilfstätig­keit in Be­zug auf die Ausübung der ho­heit­li­chen Be­fug­nis­se die­ses Staa­tes sei­en. Da­her ge­nieße die De­mo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en in die­sem Rechts­streit kei­ne Im­mu­nität. Außer­dem sei­en die deut­schen Ge­rich­te für die Ent­schei­dung des Rechts­streits zuständig, da es sich bei der Bot­schaft um ei­ne „Nie­der­las­sung“ im Sin­ne von Art. 18 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 han­de­le. Da­her sei­en die Re­geln des Art. 19 die­ser Ver­ord­nung an­wend­bar. Zwar sei ei­ne „Nie­der­las­sung“ nor­ma­ler­wei­se ein Ort, an dem geschäft­li­che Tätig­kei­ten er­le­digt würden, doch gel­te Art. 18 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 auch für ei­ne Bot­schaft, da zum ei­nen die­se Ver­ord­nung kei­ne Be­stim­mung ent­hal­te, nach der die di­plo­ma­ti­schen Ver­tre­tun­gen der Staa­ten von ih­rem An­wen­dungs­be­reich aus­ge­nom­men sei­en, und zum an­de­ren ei­ne Bot­schaft über ei­ne ei­ge­ne Lei­tung verfüge, die un­abhängig Verträge schließe, dar­un­ter auch zi­vil­recht­li­che, wie z. B. Ar­beits­verträge.
28 Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg ließ auch die im frag­li­chen Ar­beits­ver­trag vor­ge­se­he­ne Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung nicht gel­ten. Sie erfülle nicht die in Art. 21 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 fest­ge­leg­ten Be­din­gun­gen, da sie vor Ent­ste­hung des Rechts­streits ge­trof­fen wor­den sei und den Ar­beit­neh­mer aus­sch­ließlich auf die al­ge­ri­schen Ge­rich­te ver­wei­se.
29 Die De­mo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en leg­te Re­vi­si­on beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein und stütz­te sich da­bei so­wohl auf die ihr zu gewähren­de Be­frei­ung von der Ge­richts­bar­keit als auch auf die ge­nann­te Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung.
30 Mit Ur­teil vom 1. Ju­li 2010 hob das Bun­des­ar­beits­ge­richt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil auf und ver­wies die Rechts­sa­che an das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg zurück. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt wies das vor­le­gen­de Ge­richt u. a. an, auf der Grund­la­ge ei­ner Be­weis­auf­nah­me die Tätig­keit des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens, ins­be­son­de­re die­je­ni­ge in Be­zug auf die Dol­met­scher­diens­te, zu würdi­gen, um fest­zu­stel­len, ob sie als ho­heit­li­che Tätig­kei­ten des im Aus­gangs­ver­fah­ren be­klag­ten Staa­tes an­ge­se­hen wer­den könn­ten. Für den Fall, dass die Un­ter­su­chung er­ge­ben soll­te, dass die­ser Staat nicht von der Ge­richts­bar­keit aus­ge­nom­men sei, gab es dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg fer­ner auf, un­ter Berück­sich­ti­gung ins­be­son­de­re von Art. 18 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 so­wie von Art. 7 des im Rah­men des Eu­ro­pa­rats aus­ge­ar­bei­te­ten und in Ba­sel am 16. Mai 1972 für die Staa­ten zur Un­ter­zeich­nung auf­ge­leg­ten Eu­ropäischen Übe­r­ein­kom­mens über Staa­ten­im­mu­nität zu er­mit­teln, wel­ches Ge­richt für die Ent­schei­dung des Aus­gangs­rechts­streits zuständig ist.
31 Zu dem Recht, das auf den im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Ver­trag an­wend­bar ist, ent­schied das Bun­des­ar­beits­ge­richt, dass das Be­ru­fungs­ge­richt prüfen müsse, ob die Par­tei­en man­gels aus­drück­li­cher Wahl still­schwei­gend das al­ge­ri­sche Recht als auf den Ver­trag an­wend­ba­res Recht gewählt hätten. In­so­weit könn­ten Ele­men­te wie die Spra­che des Ver­trags, die Her­kunft des Klägers oder die Art sei­ner Tätig­kei­ten An­halts­punk­te dar­stel­len.
32 In sei­ner Vor­la­ge­ent­schei­dung führt das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin‑Bran­den­burg aus, dass nach Art. 25 GG Staa­ten die Be­frei­ung von der Ge­richts­bar­keit nur in Rechts­strei­tig­kei­ten ein­wen­den könn­ten, die die Ausübung ih­rer ho­heit­li­chen Be­fug­nis­se beträfen. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts un­terlägen ar­beits­recht­li­che Strei­tig­kei­ten zwi­schen Bot­schafts­an­ge­stell­ten und dem be­tref­fen­den Staat je­doch der deut­schen Ge­richts­bar­keit, wenn der Ar­beit­neh­mer für den an­de­ren Staat, bei dem er beschäftigt sei, nicht ho­heit­lich tätig ge­we­sen sei.
33 Im vor­lie­gen­den Fall „nimmt“ das vor­le­gen­de Ge­richt „an“, dass Herr Ma­ham­dia nicht ho­heit­lich tätig ge­we­sen sei, da die De­mo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en sei­ne Mit­wir­kung an ho­heit­li­chen Tätig­kei­ten nicht be­wie­sen ha­be.
34 Das vor­le­gen­de Ge­richt ist fer­ner der An­sicht, dass sich die deut­sche Ge­richts­bar­keit aus den Art. 18 und 19 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 er­ge­be, dass aber für die An­wen­dung die­ser Ar­ti­kel fest­ge­stellt wer­den müsse, ob ei­ne Bot­schaft „ei­ne Zweig­nie­der­las­sung, Agen­tur oder sons­ti­ge Nie­der­las­sung“ im Sin­ne von Art. 18 Abs. 2 die­ser Ver­ord­nung dar­stel­le. Denn nur dann könne die De­mo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en als ein Ar­beit­ge­ber mit Sitz im Ho­heits­ge­biet ei­nes Mit­glied­staats be­trach­tet wer­den.
35 Fer­ner dürfe in die­sem Fall die in­ter­na­tio­na­le Zuständig­keit der deut­schen Ge­rich­te nicht gemäß Art. 21 Nr. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 auf­grund der Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung in dem im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Ver­trag grundsätz­lich aus­ge­schlos­sen wor­den sein.
36 Un­ter die­sen Umständen hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin‑Bran­den­burg be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
1. Han­delt es sich bei der in ei­nem Mit­glied­staat ge­le­ge­nen Bot­schaft ei­nes Staa­tes, der außer­halb des An­wen­dungs­be­reichs der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 ge­le­gen ist, um ei­ne Zweig­nie­der­las­sung, Agen­tur oder sons­ti­ge Nie­der­las­sung im Sin­ne von Art. 18 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001?
37 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 18 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass es sich bei ei­ner Bot­schaft um ei­ne „Nie­der­las­sung“ im Sin­ne die­ser Be­stim­mung han­delt, und ob sich folg­lich nach die­ser Ver­ord­nung rich­tet, wel­ches Ge­richt für die Ent­schei­dung über ei­ne Kla­ge zuständig ist, die ein Beschäftig­ter ei­ner in ei­nem Mit­glied­staat ge­le­ge­nen Bot­schaft ei­nes Dritt­staats ge­gen die­sen Staat er­hebt.
38 Zunächst ist fest­zu­stel­len, dass die Ver­ord­nung Nr. 44/2001, die die Vor­schrif­ten für die Be­stim­mung der Zuständig­keit der Ge­rich­te der Mit­glied­staa­ten auf­stellt, mit Aus­nah­me ei­ni­ger aus­drück­lich in die­ser Ver­ord­nung an­ge­ge­be­nen Rechts­be­rei­che auf al­le Rechts­strei­tig­kei­ten in Zi­vil‑ und Han­dels­sa­chen an­wend­bar ist. Wie aus Rand­nr. 10 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, enthält Ka­pi­tel II Ab­schnitt 5 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001, der die Art. 18 bis 21 um­fasst, die Zuständig­keits­vor­schrif­ten für Rechts­strei­tig­kei­ten, die in­di­vi­du­el­le Ar­beits­verträge zum Ge­gen­stand ha­ben.
39 Was den räum­li­chen An­wen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 an­geht, er­gibt sich aus ih­rem zwei­ten Erwägungs­grund und dem Gut­ach­ten 1/03 vom 7. Fe­bru­ar 2006 (Slg. 2006, I‑1145, Rand­nr. 143), dass die­se Ver­ord­nung die Vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Zuständig­keit ver­ein­heit­li­chen soll, und zwar nicht nur für Rechts­strei­tig­kei­ten in­ner­halb der Uni­on, son­dern auch für sol­che mit ei­nem über die Uni­on hin­aus­wei­sen­den Be­zug, da­mit die Hemm­nis­se für das Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­mark­tes, die sich aus den be­ste­hen­den Un­ter­schie­den der ein­schlägi­gen na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten er­ge­ben können, be­sei­tigt wer­den.
40 Die Ver­ord­nung Nr. 44/2001, ins­be­son­de­re Ka­pi­tel II mit sei­nem Art. 18, enthält nämlich ein Re­gel­werk, das ein um­fas­sen­des Sys­tem bil­det und des­sen Vor­schrif­ten nicht nur für die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Mit­glied­staa­ten gel­ten, son­dern auch für die Be­zie­hun­gen zwi­schen ei­nem Mit­glied­staat und ei­nem Dritt­staat (vgl. Gut­ach­ten 1/03, Rand­nr. 144).
41 Ins­be­son­de­re wird nach Art. 18 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 der Ar­beit­ge­ber, mit dem der Ar­beit­neh­mer ei­nen Ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen hat, wenn er sei­nen Wohn­sitz außer­halb der Eu­ropäischen Uni­on hat, aber in ei­nem Mit­glied­staat ei­ne Zweig­nie­der­las­sung, Agen­tur oder sons­ti­ge Nie­der­las­sung be­sitzt, für die Be­stim­mung des zuständi­gen Ge­richts so be­han­delt, wie wenn er sei­nen Wohn­sitz im Ho­heits­ge­biet die­ses Staa­tes hätte.
42 Um die vol­le Wirk­sam­keit die­ser Ver­ord­nung und ins­be­son­de­re ih­res Art. 18 zu gewähr­leis­ten, ist ei­ne au­to­no­me und da­mit al­len Staa­ten ge­mein­sa­me Aus­le­gung der in ihr ent­hal­te­nen Rechts­be­grif­fe ge­bo­ten (vgl. in die­sem Sin­ne in Be­zug auf die Aus­le­gung des Brüsse­ler Übe­r­ein­kom­mens u. a. Ur­teil vom 22. No­vem­ber 1978, So­ma­fer, 33/78, Slg. 1978, 2183, Rand­nr. 8).
44 Für Rechts­strei­tig­kei­ten über Ar­beits­verträge enthält Ka­pi­tel II Ab­schnitt 5 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 ei­ne Rei­he von Vor­schrif­ten, die, wie aus dem 13. Erwägungs­grund der Ver­ord­nung her­vor­geht, die schwäche­re Ver­trags­par­tei durch Zuständig­keits­vor­schrif­ten schützen sol­len, die für sie güns­ti­ger sind (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 22. Mai 2008, Gla­xos­mith­kli­ne und La­bo­ra­toires Gla­xos­mith­kli­ne, C‑462/06, Slg. 2008, I‑3965, Rand­nr. 17).
45 Sie ermögli­chen es dem Ar­beit­neh­mer ins­be­son­de­re, sei­nen Ar­beit­ge­ber vor dem Ge­richt zu ver­kla­gen, das ihm sei­ner An­sicht nach am nächs­ten steht, in­dem sie ihm die Be­fug­nis einräum­en, vor ei­nem Ge­richt des Staa­tes zu kla­gen, in dem er sei­nen Wohn­sitz hat, oder des Staa­tes, in dem er gewöhn­lich sei­ne Ar­beit ver­rich­tet, oder auch des Staa­tes, in dem sich die Nie­der­las­sung des Ar­beit­ge­bers be­fin­det. Die Be­stim­mun­gen des ge­nann­ten Ab­schnitts be­schränken außer­dem die Möglich­keit für den Ar­beit­ge­ber, der ge­gen den Ar­beit­neh­mer klagt, den Ge­richts­stand zu wählen, so­wie die Möglich­keit, von den Zuständig­keits­vor­schrif­ten der Ver­ord­nung ab­zu­wei­chen.
46 Wie der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zu den im Brüsse­ler Übe­r­ein­kom­men ent­hal­te­nen Vor­schrif­ten über die Zuständig­keit für Ar­beits­verträge zu ent­neh­men ist (vgl. Ur­tei­le vom 26. Mai 1982, Ive­n­el, 133/81, Slg. 1982, 1891, Rand­nr. 14, vom 13. Ju­li 1993, Mulox IBC, C‑125/92, Slg. 1993, I‑4075, Rand­nr. 18, vom 9. Ja­nu­ar 1997, Rut­ten, C‑383/95, Slg. 1997, I‑57, Rand­nr. 22, und vom 10. April 2003, Pu­glie­se, C‑437/00, Slg. 2003, I‑3573, Rand­nr. 18), sind die Be­stim­mun­gen des Ka­pi­tels II Ab­schnitt 5 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 un­ter Berück­sich­ti­gung der Ziel­set­zung aus­zu­le­gen, dem Ar­beit­neh­mer als der schwäche­ren Ver­trags­par­tei ei­nen an­ge­mes­se­nen Schutz zu gewähr­leis­ten.
47 Fer­ner müssen, um die Kon­ti­nuität zwi­schen die­ser Ver­ord­nung und dem Brüsse­ler Übe­r­ein­kom­men zu gewähr­leis­ten, die dar­in ent­hal­te­nen Be­grif­fe „Zweig­nie­der­las­sung“, „Agen­tur“ und „sons­ti­ge Nie­der­las­sung“ an­hand der Kri­te­ri­en aus­ge­legt wer­den, die der Ge­richts­hof in sei­ner Recht­spre­chung zu Art. 5 Nr. 5 des Brüsse­ler Übe­r­ein­kom­mens an­ge­ge­ben hat, der die­sel­ben Be­grif­fe enthält und die be­son­de­re Zuständig­keit für Rechts­strei­tig­kei­ten aus dem Be­trieb ei­nes Zweit­sit­zes ei­nes Un­ter­neh­mens re­gelt. Die­se Be­stim­mung wird zu­dem in Art. 5 Nr. 5 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 wört­lich wie­der­ge­ge­ben.
48 Bei der Aus­le­gung der ge­nann­ten Be­grif­fe „Zweig­nie­der­las­sung“, „Agen­tur“ und „sons­ti­ge Nie­der­las­sung“ hat der Ge­richts­hof zwei Kri­te­ri­en her­aus­ge­ar­bei­tet, nach de­nen sich rich­tet, ob ei­ne Kla­ge aus dem Be­trieb ei­ner die­ser Ka­te­go­ri­en von Nie­der­las­sun­gen ei­nen An­knüpfungs­punkt zu ei­nem Mit­glied­staat auf­weist. Ers­tens setzt der Be­griff „Zweig­nie­der­las­sung“, „Agen­tur“ oder „sons­ti­ge Nie­der­las­sung“ vor­aus, dass es ei­nen Mit­tel­punkt geschäft­li­cher Tätig­keit gibt, der auf Dau­er als Außen­stel­le ei­nes Stamm­hau­ses her­vor­tritt. Die­ser Mit­tel­punkt muss ei­ne Geschäftsführung ha­ben und sach­lich so aus­ge­stat­tet sein, dass er in der Wei­se Geschäfte mit Drit­ten be­trei­ben kann, dass die­se sich nicht un­mit­tel­bar an das Stamm­haus zu wen­den brau­chen (vgl. Ur­teil vom 18. März 1981, Blancka­ert & Wil­lems, 139/80, Slg. 1981, 819, Rand­nr. 11). Zwei­tens muss der Rechts­streit ent­we­der Hand­lun­gen be­tref­fen, die sich auf den Be­trieb die­ser Ein­hei­ten be­zie­hen, oder Ver­pflich­tun­gen, die die­se im Na­men des Stamm­hau­ses ein­ge­gan­gen sind, wenn die Ver­pflich­tun­gen in dem Staat zu erfüllen sind, in dem sich die Ein­hei­ten be­fin­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil So­ma­fer, Rand­nr. 13).
49 Im Aus­gangs­ver­fah­ren ist zunächst zu be­ach­ten, dass die Auf­ga­ben ei­ner Bot­schaft, wie aus Art. 3 des Wie­ner Übe­r­ein­kom­mens über di­plo­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen her­vor­geht, im We­sent­li­chen dar­in be­ste­hen, den Ent­sen­de­staat zu ver­tre­ten, des­sen In­ter­es­sen zu schützen und die Be­zie­hun­gen zum Emp­fangs­staat zu fördern. Bei der Wahr­neh­mung die­ser Auf­ga­ben kann die Bot­schaft wie je­de an­de­re öffent­li­che Ein­rich­tung iu­re ges­tio­nis han­deln und zi­vil­recht­li­che Rech­te und Pflich­ten er­wer­ben bzw. über­neh­men, na­ment­lich auf­grund pri­vat­recht­li­cher Verträge. Das ist der Fall, wenn sie Ar­beits­verträge mit Per­so­nen schließt, die kei­ne ho­heit­li­chen Auf­ga­ben ver­rich­ten.
50 Zum ers­ten in Rand­nr. 48 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Kri­te­ri­um ist fest­zu­stel­len, dass ei­ne Bot­schaft ei­nem Mit­tel­punkt geschäft­li­cher Tätig­keit gleich­ge­stellt wer­den kann, der auf Dau­er nach außen her­vor­tritt und zur Iden­ti­fi­ka­ti­on und Re­präsen­ta­ti­on des Staa­tes beiträgt, der sie ein­ge­rich­tet hat.
51 Was das zwei­te in die­ser Rand­num­mer des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­te Kri­te­ri­um an­geht, liegt auf der Hand, dass der Ge­gen­stand des Aus­gangs­rechts­streits, nämlich ei­ne Strei­tig­keit im Be­reich der Ar­beits­verhält­nis­se, ei­nen hin­rei­chen­den Zu­sam­men­hang mit der Tätig­keit der be­tref­fen­den Bot­schaft in Be­zug auf ihr Per­so­nal­we­sen auf­weist.
52 Da­her ist ei­ne Bot­schaft, so­weit es um Ar­beits­verträge geht, die sie im Na­men des Staa­tes ge­schlos­sen hat, ei­ne „Nie­der­las­sung“ im Sin­ne von Art. 18 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001, wenn die Auf­ga­ben der Ar­beit­neh­mer, mit de­nen sie die­se Verträge ge­schlos­sen hat, zur wirt­schaft­li­chen Betäti­gung der Bot­schaft im Emp­fangs­staat gehören.
53 Vor den deut­schen Ge­rich­ten und in ih­ren im vor­lie­gen­den Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren ab­ge­ge­be­nen Erklärun­gen hat die De­mo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en vor­ge­tra­gen, die Be­ja­hung der Zuständig­keit ei­nes Ge­richts des Emp­fangs­staats ei­ner Bot­schaft lie­fe auf ei­nen Ver­s­toß ge­gen die Re­geln des Völker­ge­wohn­heits­rechts über die Be­frei­ung von der Ge­richts­bar­keit hin­aus; in An­be­tracht die­ser Re­geln sei­en die Ver­ord­nung Nr. 44/2001 und ins­be­son­de­re ihr Art. 18 auf ei­nen Rechts­streit wie den, um den es im Aus­gangs­ver­fah­ren ge­he, nicht an­wend­bar.
54 Hier­zu ist fest­zu­stel­len, dass die all­ge­mein an­er­kann­ten Grundsätze des Völker­rechts auf dem Ge­biet der Be­frei­ung von der Ge­richts­bar­keit es aus­sch­ließen, dass ein Staat in ei­nem Rechts­streit wie dem des Aus­gangs­ver­fah­rens vor dem Ge­richt ei­nes an­de­ren Staa­tes ver­klagt wird. Ei­ne sol­che Staa­ten­im­mu­nität ist völker­recht­lich ver­an­kert und stützt sich auf den Grund­satz par in parem non ha­bet im­pe­ri­um, wo­nach ein Staat nicht der Ge­richts­bar­keit ei­nes an­de­ren Staa­tes un­ter­wor­fen wer­den kann.
55 Wie je­doch der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 17 bis 23 sei­ner Schluss­anträge ausführt, gilt die­se Im­mu­nität beim ge­genwärti­gen Stand der in­ter­na­tio­na­len Pra­xis nicht ab­so­lut, sie ist dann all­ge­mein an­er­kannt, wenn der Rechts­streit ac­ta iu­re im­pe­rii be­trifft. Sie kann hin­ge­gen aus­ge­schlos­sen sein, wenn sich der ge­richt­li­che Rechts­be­helf auf ac­ta iu­re ges­tio­nis be­zieht, die nicht un­ter die ho­heit­li­chen Be­fug­nis­se fal­len.
56 In An­be­tracht des In­halts die­ses völker­ge­wohn­heits­recht­li­chen Grund­sat­zes der Staa­ten­im­mu­nität ist da­her fest­zu­stel­len, dass er der An­wen­dung der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 auf ei­nen Rechts­streit wie den des Aus­gangs­ver­fah­rens, in dem ein Ar­beit­neh­mer ei­ne Vergütung be­gehrt und sich ge­gen die Kündi­gung sei­nes mit ei­nem Staat ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­trags wehrt, nicht ent­ge­gen­steht, wenn das an­ge­ru­fe­ne Ge­richt fest­stellt, dass die von die­sem Ar­beit­neh­mer ver­rich­te­ten Auf­ga­ben nicht un­ter die Ausübung ho­heit­li­cher Be­fug­nis­se fal­len, oder wenn die Kla­ge nicht mit den Si­cher­heits­in­ter­es­sen des Staa­tes kol­li­die­ren kann. Auf der Grund­la­ge die­ser Fest­stel­lung kann das mit ei­nem Rechts­streit wie dem des Aus­gangs­ver­fah­rens be­fass­te Ge­richt auch da­von aus­ge­hen, dass die­ser Rechts­streit in den sach­li­chen An­wen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 fällt.
57 Dem­zu­fol­ge ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 18 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass es sich bei ei­ner im Ho­heits­ge­biet ei­nes Mit­glied­staats ge­le­ge­nen Bot­schaft ei­nes Dritt­staats in ei­nem Rechts­streit über ei­nen Ar­beits­ver­trag, den die Bot­schaft im Na­men des Ent­sen­de­staats ge­schlos­sen hat, um ei­ne „Nie­der­las­sung“ im Sin­ne die­ser Be­stim­mung han­delt, wenn die vom Ar­beit­neh­mer ver­rich­te­ten Auf­ga­ben nicht un­ter die Ausübung ho­heit­li­cher Be­fug­nis­se fal­len. Es ist Sa­che des an­ge­ru­fe­nen na­tio­na­len Ge­richts, zu be­stim­men, wel­che Art von Auf­ga­ben der Ar­beit­neh­mer ge­nau ver­rich­tet.
58 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 21 Nr. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass ei­ne vor Ent­ste­hen ei­ner Strei­tig­keit ge­trof­fe­ne Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung un­ter die­se Be­stim­mung fällt, wenn die be­tref­fen­de Ver­ein­ba­rung ei­nem Ge­richt außer­halb des An­wen­dungs­be­reichs die­ser Ver­ord­nung die aus­sch­ließli­che Zuständig­keit einräumt, wo­durch die nach den Son­der­be­stim­mun­gen der Art. 18 und 19 der Ver­ord­nung be­gründe­te Zuständig­keit entfällt.
59 Nach An­sicht der De­mo­kra­ti­schen Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en sind die Par­tei­en durch Art. 21 der Ver­ord­nung nicht dar­an ge­hin­dert, mit ei­ner Klau­sel in ei­nem Ar­beits­ver­trag die Zuständig­keit ei­nes dritt­staat­li­chen Ge­richts für die Ent­schei­dung von Rechts­strei­tig­kei­ten über die­sen Ver­trag zu be­gründen. Im vor­lie­gen­den Fall brin­ge die­se Wahl kei­nen Nach­teil für den Ar­beit­neh­mer mit sich und ent­spre­che dem Wil­len der Ver­trags­par­tei­en, den Ver­trag dem Recht eben die­ses Staa­tes zu un­ter­wer­fen.
60 Wie aus dem 13. Erwägungs­grund der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 her­vor­geht, sol­len die Son­der­be­stim­mun­gen des Ka­pi­tels II Ab­schnitt 5 dem Ar­beit­neh­mer ei­nen an­ge­mes­se­nen Schutz gewähr­leis­ten. Nach der in Rand­nr. 46 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ist die­se Ziel­set­zung bei der Aus­le­gung die­ser Be­stim­mun­gen zu berück­sich­ti­gen.
61 Art. 21 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 be­schränkt die Möglich­keit für die Par­tei­en ei­nes Ar­beits­ver­trags, ei­ne Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung zu tref­fen. So muss ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung nach Ent­ste­hung des Rechts­streits ge­trof­fen wer­den oder, wenn sie vor­her ge­trof­fen wird, dem Ar­beit­neh­mer die Be­fug­nis einräum­en, an­de­re Ge­rich­te an­zu­ru­fen als die­je­ni­gen, die nach den ge­nann­ten Be­stim­mun­gen zuständig sind.
62 Un­ter Berück­sich­ti­gung des Re­ge­lungs­zwecks des Art. 21 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 ist die zu­letzt ge­nann­te Be­din­gung, wie der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 58 und 59 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, da­hin zu ver­ste­hen, dass ei­ne sol­che vor Ent­ste­hung der Strei­tig­keit ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­rung für die Ent­schei­dung über Kla­gen des Ar­beit­neh­mers Ge­richtsstände be­gründen muss, die zu den in den Art. 18 und 19 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 vor­ge­se­he­nen Ge­richtsständen hin­zu­kom­men. Die­se Ver­ein­ba­rung be­wirkt so­mit nicht den Aus­schluss der zu­letzt ge­nann­ten Ge­richtsstände, son­dern er­wei­tert die Be­fug­nis des Ar­beit­neh­mers, un­ter meh­re­ren zuständi­gen Ge­rich­ten zu wählen.
63 Außer­dem geht aus dem Wort­laut von Art. 21 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 her­vor, dass Ge­richts­stands­ver­ein­ba­run­gen dem Ar­beit­neh­mer „die Be­fug­nis einräum­en“ können, an­de­re als die in den Art. 18 und 19 an­geführ­ten Ge­rich­te an­zu­ru­fen. Folg­lich kann die­se Be­stim­mung nicht da­hin aus­ge­legt wer­den, dass ei­ne Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung aus­sch­ließlich gilt und so­mit dem Ar­beit­neh­mer ver­bie­tet, die Ge­rich­te an­zu­ru­fen, die nach den Art. 18 und 19 zuständig sind.
64 Das Ziel, den Ar­beit­neh­mer als schwäche­re Ver­trags­par­tei zu schützen, auf das in den Rand­nrn. 44 und 46 des vor­lie­gen­den Ur­teils hin­ge­wie­sen wor­den ist, würde nämlich ver­fehlt, wenn die Ge­richtsstände, die zur Gewähr­leis­tung die­ses Schut­zes in den Art. 18 und 19 vor­ge­se­hen sind, durch ei­ne vor Ent­ste­hung der Strei­tig­keit ge­trof­fe­ne Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung aus­ge­schlos­sen wer­den könn­ten.
65 Außer­dem er­gibt sich we­der aus dem In­halt noch aus dem Re­ge­lungs­zweck von Art. 21 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001, dass ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung nicht die Zuständig­keit der Ge­rich­te ei­nes Dritt­staats be­gründen könn­te, vor­aus­ge­setzt, dass sie nicht die Zuständig­keit aus­sch­ließt, die nach den Ar­ti­keln der Ver­ord­nung be­steht.
66 Nach al­le­dem ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 21 Nr. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass ei­ne vor Ent­ste­hen ei­ner Strei­tig­keit ge­trof­fe­ne Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung un­ter die­se Be­stim­mung fällt, so­fern sie dem Ar­beit­neh­mer die Möglich­keit eröff­net, außer den nach den Son­der­be­stim­mun­gen der Art. 18 und 19 die­ser Ver­ord­nung nor­ma­ler­wei­se zuständi­gen Ge­rich­ten an­de­re Ge­rich­te, und zwar ge­ge­be­nen­falls auch Ge­rich­te außer­halb der Uni­on, an­zu­ru­fen.
67 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.
1. Art. 18 Abs. 2 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/2001 des Ra­tes vom 22. De­zem­ber 2000 über die ge­richt­li­che Zuständig­keit und die An­er­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zi­vil- und Han­dels­sa­chen ist da­hin aus­zu­le­gen, dass es sich bei ei­ner im Ho­heits­ge­biet ei­nes Mit­glied­staats ge­le­ge­nen Bot­schaft ei­nes Dritt­staats in ei­nem Rechts­streit über ei­nen Ar­beits­ver­trag, den die Bot­schaft im Na­men des Ent­sen­de­staats ge­schlos­sen hat, um ei­ne „Nie­der­las­sung“ im Sin­ne die­ser Be­stim­mung han­delt, wenn die vom Ar­beit­neh­mer ver­rich­te­ten Auf­ga­ben nicht un­ter die Ausübung ho­heit­li­cher Be­fug­nis­se fal­len. Es ist Sa­che des an­ge­ru­fe­nen na­tio­na­len Ge­richts, zu be­stim­men, wel­che Art von Auf­ga­ben der Ar­beit­neh­mer ge­nau ver­rich­tet.
2. Art. 21 Nr. 2 der Ver­ord­nung Nr. 44/2001 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass ei­ne vor Ent­ste­hen ei­ner Strei­tig­keit ge­trof­fe­ne Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung un­ter die­se Be­stim­mung fällt, so­fern sie dem Ar­beit­neh­mer die Möglich­keit eröff­net, außer den nach den Son­der­be­stim­mun­gen der Art. 18 und 19 die­ser Ver­ord­nung nor­ma­ler­wei­se zuständi­gen Ge­rich­ten an­de­re Ge­rich­te, und zwar ge­ge­be­nen­falls auch Ge­rich­te außer­halb der Uni­on, an­zu­ru­fen.
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References: Art. 18
 Art. 1
 Art. 4
 Art. 5
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 19
 Art. 21
 Art. 25
 § 18
 § 20
 § 38
 Art. 18
 Art. 19
 Art. 18
 Art. 21
 Art. 18
 Art. 7
 Art. 25
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 21
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 5
 Art. 5
 Art. 3
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 21
 Art. 18
 Art. 21
 Art. 21
 Art. 21
 Art. 18
 Art. 21
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 21
 Art. 21
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 21
 Art. 18