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Timestamp: 2017-11-18 21:34:12+00:00

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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III - Kap. 18
18tes Kapitel. Über das Präludieren.
<84> § 1. Unter Präludieren versteht man, dass jeder Spieler vor dem, von ihm vorzutragenden Tonstücke aus dem Stegreif ein kleines Vorspiel ausführe, welches nach Umständen mehr oder minder lang sein darf.
§ 2. Ein solches Vorspiel (Präludium) hat den doppelten Zweck:
1tens Die Finger des Spielers ein wenig einzuüben, auf den Vortrag des nachfolgenden Tonstücks vorzubereiten, und auch allenfalls das Instrument und seine Eigenschaften ein wenig kennen zu lernen.
2tens Den Zuhörer aufmerksam zu machen und auch ihn auf die Tonart und den Anfang des Tonstückes vorzubereiten.
§ 3. Aus dieser letzten Ursache muss das Vorspiel stets in der Tonart sein, in welcher das Tonstück componirt ist, oder wenigstens in derselben schliessen, wenn es auch willkührlich in einer andern anfangen sollte.
§ 4. Selbst der Anfänger kann und muss bereits in den ersten Monaten dazu angehalten werden, vor jedem Tonstücke ein kleines Vorspiel auszuführen, und auch hier sind die Scalenübungen das Erste und vorzüglichste Hilfsmittel.
§ 5. Diese Scalenübungen werden hiezu folgendermassen verwendet:
Man spielt in der Tonart des nachfolgenden Tonstückes eine, oder mehrere der allda vorkommenden Passagen mit der rechten Hand allein, während die Linke den Grundton hält.
Oder man spielt eine oder mehrere dieser Passagen zuerst auf dieselbe Weise mit der rechten Hand allein, und hierauf mit beiden Händen. Die Passagen können in beliebiger Ordnung nacheinander folgen.
Oder man spielt alle, in der betreffenden Tonart vorkommenden Passagen vollständig genau so, wie dieselben in der grossen Scalenübung gelernt worden sind.
Da der Schüler diese Übungen ohnehin auswendig gelernt hat, so bedarf es hiezu keines weitern Einstudierens.
§ 6. Aber es ist wohl zu merken, dass nach einem jeden solchen Vorspiele 2 Schluss-Accorde in jener Tonart nachfolgen müssen, in welcher das Tonstück beginnt, und wir lassen diese zwei Schluss-Accorde hier in allen 24 Tonarten nachfolgen:
<85> § 7. Diese Schlussaccorde können aber auch, in der betreffenden Tonart, für sich allein, ohne alle vorhergehende Passage, als Vorspiel, und zwar als das allerkürzeste, dienen.
§ 8. Wir geben hier einige Beispiele solcher, für den Anfänger berechneten Vorspiele, wovon jedes, das in einer Dur-Tonart geschrieben ist, leicht in mehrere Dur-Tonarten übersetzt werden kann, so wie jedes Mol-Beispiel auch in manchen andern Mol-Tonarten anwendbar ist.
<86> Die folgende chromatische Scala lässt sich in allen 24 Tonarten anwenden, z.B:
Man sieht, dass sich jeder Schüler, mit einigem Nachdenken, leicht eine Menge solcher einfachen Vorspiele schon aus den Scalenübungen selber bilden kann, und auf jeden Fall muss der Lehrer ihn dazu aneifern und ihm beistehen.
§ 9. Wenn der Schüler bereits eine bedeutende Fertigkeit erlangt hat, so kann er, anstatt diesen Scalenpassagen, andere interessantere auf dieselbe Weise benützen, wozu er im 2ten, vom Fingersatz handelnden Theile dieser Schule, in den praktischen Übungen hinreichenden Stoff findet. Z.B:
Alle diese Passagen können noch um eine Octave weiter fortgesetzt und verlängert werden, um die ganze Tastatur zu benützen.
§ 10. Der feine Geschmack, die Schicklichkeit und der musikalische Anstand erfordern, dass alle solche kurzen Vorspiele ohne alle Anmassung, ohne besonderen Ausdruck, nur anmuthig und leicht vorgetragen werden, indem sodann der Ausdruck des nachfolgenden Tonstückes um so interessanter hervortritt. Die Passagen sind so schnell zu spielen, als die Fertigkeit des Spielers es erlaubt.
<87> § 11. Wenn der Schüler im Spiel schon bedeutende Fortschritte gemacht hat, so kann er, nebst den bereits besprochenen Vorspielen, auch grössere und aus mehreren Accorden zusammengesetzte auswendig lernen, und gehörigen Orts anwenden.
Da der Verfasser dieses Lehrbuches über diesen Gegenstand ein besonderes Werk herausgegeben hat, (Die Kunst des Präludierens, op. 300), so erlaubt er sich darauf hinzudeuten, indem der Schüler allda zahlreiche Beispiele von allen Gattungen von Vorspielen vorfindet, welche er auswendig lernen muss, und nach deren Muster er auch, wenn er dazu Anlage hat, sich selber eigene Vorspiele zusammensetzen kann.
§ 12. Wir geben daher hier nur noch einige Präludien zur Übung und zum Gebrauch für die bereits vorgerückten Schüler.
Notenbeispiele S. 87-89
S. 87 [57 KB]
S. 88 [53 KB]
S. 89, Teil 1 [72 KB]
S. 89, Teil 2 [26 KB]
<90> Solche, ruhig und sanft anfangenden Vorspiele sind immer schicklicher, als jene, welche kräftig und bestimmt anfangen, weil im letzteren Falle der Zuhörer leicht glauben könnte, das Tonstück selber fange schon an.
§ 13. Beim öffentlichen Produzieren ist ein längeres Vorspiel auf keine Weise schicklich; einige sanfte Accorde reichen da hin, um die nachfolgende Tonart im Voraus festzusetzen. Z.B:
Vor Concert-Stücken, welche mit dem Orchester anfangen, wird gar nicht präludiert.
§ 14. Da es unzählige Formen von Vorspielen gibt, so muss der Spieler sehr viele derselben im Gedächtniss und in der Übung haben, um auch hierin Mannigfaltigkeit hervorzubringen. Es sieht sehr schülerhaft aus, wenn man sich nur eine gewisse Form angewöhnt und dieselbe überall anbringt.
§ 15. Dem Vortrage solcher Vorspiele darf man es nie anmerken, dass sie einstudiert worden sind. Sie müssen stets so ungezwungen und natürlich erscheinen, als ob sie dem Spieler eben erst einfielen, was auch bei geübten Spielern ohnehin wirklich der Fall ist. Daher ist jene anspruchslose Leichtigkeit des Vortrags nothwendig.
§ 16. Noch ist zu bemerken, dass das Vorspiel, in Rücksicht auf den Charakter, zu dem nachfolgenden <91> Tonstücke insofern passen muss, dass z.B: vor einer lustigen und heiteren Composition auch ein ähnliches Vorspiel, und vor einer ernsten oder traurigen ebenfalls ein angemessenes Präludium vorzutragen sei. Wenigstens darf kein auffallender Widerspruch zwischen beiden Statt finden.

References: § 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6
 § 7

§ 8

§ 9

§ 10
 § 11

§ 12

§ 13

§ 14

§ 15

§ 16