Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Kuendigung_ArbG_Mannheim_15Ca278-08.html
Timestamp: 2018-04-23 13:23:26+00:00

Document:
Akten­zeichen: 15 Ca 278/08
Ent­scheid­ungs­datum: 30.07.2009
Ak­ten­zei­chen: 15 Ca 278108
hat das Ar­beits­ge­richt Mann­heim - 15. Kam­mer -
durch die Rich­te­rin am Ar­beits­ge­richt, als Vor­sit­zen­de
d. eh­ren­amt­li­chen Rich­ter B
und d. eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin B
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 15.07.2009
1. Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht durch die frist­lo­se, hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 10.12.2008 be­en­det wird.
2. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, den Kläger zu den bis­he­ri­gen Ar­beits­be­din­gun­gen bis zur rechts­kräfti­gen Ent­schei­dung des Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses als Hofar­bei­ter wei­ter­zu­beschäfti­gen.
4. Der Streit­wert wird fest­ge­setzt auf E 9.966,00.
Mit sei­ner am 12.12.2008 beim Ar­beits­ge­richt Mann­heim ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge wen­det sich der Kläger ge­gen ei­ne frist­lo­se, hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses durch die Be­klag­te vom 10.12.2008 und be­gehrt da­ne­ben sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung.
Der Kläger ist seit 02.05.2000 im Be­trieb der Be­klag­ten, in wel­chem ca. 60 Ar­beit­neh­mer beschäftigt sind, als Hofar­bei­ter mit ei­nem Brut­to­mo­natssein­kom­men in Höhe von durch­schnitt­lich 2.491,00 € beschäftigt. Er ist sei­ner Ehe­frau und zwei Kin­dern im Al­ter von ei­nem Jahr und vier Jah­ren ge­genüber un­ter­halts­ver­pflich­tet. Die Ehe­frau des Klägers ist nicht be­rufstätig.
Bei der Be­klag­ten han­delt es sich um ein Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men, wel­ches sich hauptsächlich mit Ab­fall­trans­por­ten so­wie mit der Sor­tie­rung von Abfällen be­fasst. Zu den Auf­trag­ge­bern gehören pri­va­te Un­ter­neh­men und un­ter an­de­rem auch die Stadt M. Die Ver­trags­verhält­nis­se mit den Auf­trag­ge­bern un­ter­hal­ten un­ter an­de­rem die Ver­pflich­tung, Wert­stof­fe ein­zu­sam­meln, zu befördern und fach­ge­recht zu ent­sor­gen. In­halt der Tätig­keit des Klägers ist es ins­be­son­de­re, Alt­pa­pier zu sor­tie­ren, Stap­ler zu fah­ren und sons­ti­ge Hilfs­ar­bei­ten aus­zuführen.
Am 05.12.2008 ge­gen 13:40 Uhr ent­nahm der Kläger aus dem In­halt ei­nes Alt­pa­pier­con­tai­ners, wel­cher zum Ver­ar­bei­ten am Zuführ­band zur Alt­pa­pier­pres­se ab­ge­la­den wor­den war, ein in ei­nem Kar­ton be­find­li­ches Kin­der­rei­se­bett. Ge­mein­sam mit ei­nem Leih­ar­beit­neh­mer bau­te er in der Hal­le das Kin­der­rei­se­bett zu­sam­men und über­prüfte des­sen Funk­ti­onsfähig­keit. An­sch­ließend bau­te der Kläger das Kin­der­rei­se­bett wie­der aus­ein­an­der, trans­por­tier­te es zu sei­nem PKW, wel­cher sich auf dem Mit­ar­bei­ter­park­platz be­fand, und leg­te das Kin­der­rei­se­bett in das Fahr­zeug.
Die­sen Vor­fall be­ob­ach­te­te der stell­ver­tre­ten­de Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de und Vor­ge­setz­te des Klägers, Herr A, auf dem Mo­ni­tor der Vi­deo­an­la­ge in den Räum­en der Dis­po­si­ti­on.
Al­len Ar­beit­neh­mern, auch dem Kläger, ist be­kannt, dass der streit­ge­genständ­li­che Ar­beits­raum vi­deoüber­wacht wird.
Dar­auf­hin un­ter­rich­te­te Herr A Geschäftsführer der Be­klag­ten von dem Vor­fall.
Am 08.12.2008 hörte die Be­klag­te den bei ihr be­ste­hen­den Be­triebs­rat auch schrift­lich zur be­ab­sich­tig­ten frist­lo­sen, hilfs­wei­se or­dent­li­chen Kündi­gung des Klägers an. Die Ein­zel­hei­ten der Anhörung sind zwi­schen den Par­tei­en strei­tig.
Der Be­triebs­rat teil­te mit Schrei­ben vom 09.12.2008 mit, dass er an­gehört wor­den sei und die Kündi­gung „zur Kennt­nis" neh­me.
Un­ter dem 13.07.2007 hat­te der Kläger ei­ne schrift­li­che Ab­mah­nung er­hal­ten, de­ren in­halt­li­che Rich­tig­keit der Kläger be­strei­tet. Es wur­de ihm vor­ge­wor­fen, am 11.07.2007 fir­men­ei­ge­ne PET-Fla­schen ge­sam­melt und die­se in „sei­nem Zwi­schen­la­ger" de­po­niert zu ha­ben (AS 58).
Gleich­zei­tig wur­de ihm als An­la­ge ei­ne in­ter­ne Ak­ten­no­tiz vom Ja­nu­ar 2007 über­reicht, in der die Be­klag­te klar stellt, dass es nicht er­laubt sei, PET-Pfand­fla­schen aus der Samm­lung „Gel­ber Sack" mit­zu­neh­men und für den Ei­gen­be­darf zu be­nut­zen. Ei­ne Miss­ach­tung die­ser Mit­tei­lung ha­be recht­li­che Schrit­te zur Fol­ge.
Die Be­klag­te über­reich­te der da­ma­li­gen Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den ei­ne Ko­pie der dem Kläger er­teil­ten Ab­mah­nung.
Am 07.12.2007 fand ein Gespräch zwi­schen dem Geschäftsführer der Be­klag­ten und dem Kläger we­gen an­geb­li­chen Dieb­stahls von Toi­let­ten­pa­pier statt. Strei­tig ist, ob der Kläger in des­sen Rah­men ent­spre­chend ab­ge­mahnt wur­de.
Am 10.12.2007 un­ter­rich­te­te der Geschäftsführer der Be­klag­ten die da­ma­li­ge Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de Frau lin über den an­geb­li­chen Vor­fall vom 07.12.2007 be­tref­fend „Toi­let­ten­pa­pier" und das be­haup­te­te Ab­mah­nungs­gespräch münd­lich.
Im Be­trieb der Be­klag­ten herrscht der Grund­satz, dass die Mit­nah­me von mögli­cher­wei­se noch brauch­ba­ren Ge­genständen den Mit­ar­bei­tern nicht grundsätz­lich un­ter­sagt ist. Viel­mehr können die Mit­ar­bei­ter bei ei­nem be­son­de­ren In­ter­es­se bei der Geschäftsführung - in der Re­gel bei dem Geschäftsführer der Be­klag­ten, Herrn F - nach­fra­gen, ob sie den be­tref­fen­den Ge­gen­stand mit­neh­men dürfen. Wenn nichts da­ge­gen spricht, er­teilt die Geschäftsführung die Er­laub­nis.
Der Kläger hält so­wohl die außer­or­dent­li­che als auch die or­dent­li­che Kündi­gung für un­wirk­sam.
Er macht im We­sent­li­chen gel­tend, ihm sei im Zeit­punkt der Mit­nah­me des Kin­der­betts nicht be­wusst ge­we­sen, dass es sich um ein für ihn frem­des Ob­jekt ge­han­delt ha­be. Nach sei­ner Vor­stel­lung als Laie ha­be es sich bei dem Kin­der­bett um Ab­fall ge­han­delt, wel­cher oh­ne­hin di­rekt ent­sorgt wor­den wäre. Er sei da­von aus­ge­gan­gen, dass sich der ursprüng­li­che Ei­gentümer der Sa­che wil­lent­lich ent­le­digt ha­be. Dass die Be­klag­te mögli­cher­wei­se neue Ei­gentüme­rin bis zur endgülti­gen Ent­sor­gung des Rei­se­betts ge­wor­den sei, sei für ihn als recht­li­chen Lai­en kaum nach­voll­zieh­bar. Dies zei­ge sich un­ter an­de­rem auch dar­in, dass er das Kin­der­bett nicht et­wa heim­lich, son­dern in Ab­spra­che mit dem Kol­le­gen und ganz of­fen in sein Fahr­zeug ver­bracht ha­be.
Er be­haup­tet, ihm sei zu kei­nem Zeit­punkt mit­ge­teilt wor­den, dass die Mit­nah­me von zur Ent­sor­gung ab­ge­ge­be­nen Ab­fall nicht er­laubt sei. Ins­be­son­de­re sei ihm we­der im Rah­men der Be­triebs­ver­samm­lung vom 14.02.2005 noch zu ei­nem sons­ti­gen Zeit­punkt mit­ge­teilt wor­den, dass bei der Be­klag­ten ei­ne kla­re An­wei­sung be­ste­he, wo­nach zu ent­sor­gen­de Ge­genstände nicht zur ei­ge­nen Ver­wen­dung oder zur Wei­ter­ga­be an Drit­te von den Mit­ar­bei­tern ent­nom­men wer­den dürf­ten.
Am 11.07.2007 ha­be er kei­ne PET Fla­schen an sich ge­nom­men.
Im De­zem­ber 2007 ha­be er we­der Toi­let­ten­pa­pier ent­wen­det, noch ha­be ihm der Geschäftsführer mit­ge­teilt, dass die­ser Vor­gang ei­gent­lich ei­nen Dieb­stahl dar­stel­le und im Nor­mal­fall mit ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung ge­ahn­det wer­de und dass die der Be­klag­ten über­ge­be­nen Abfälle Ei­gen­tum der Be­klag­ten sei­en und nicht für pri­va­te Zwe­cke mit­ge­nom­men wer­den dürf­ten. Die Rol­len, bei de­nen es sich nicht um Toi­let­ten­pa­pier ge­han­delt ha­be, son­dern um ei­ne Über­pro­duk­ti­on von Küchen­rol­len, ha­be er nicht an sich ge­nom­men. Im Rah­men des Gesprächs mit dem Geschäftsführer sei ihm le­dig­lich der Un­ter­schied zwi­schen Pa­pier, das zur Ent­wer­tung und sol­chem, das zur Ver­wer­tung vor­ge­se­hen ist, d.h. aus wel­chem Alt­pa­pier ge­macht wer­de, erläutert wor­den.
Der Kläger be­strei­tet schließlich, dass dem Be­triebs­rat Kündi­gungs­gründe mit­ge­teilt wor­den sei­en, die über den In­halt des Anhörungs­schrei­bens vom 08.12.2008 hin­aus­ge­hen und dass es sich bei der Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats vom 09.12.2008 um ei­ne ab­sch­ließen­de ge­han­delt ha­be.
Der Kläger be­an­tragt zu­letzt, nach­dem er den all­ge­mei­nen Fest­stel­lungs­an­trag zurück­ge­nom­men hat:
Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die frist­lo­se und hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 10.12.2008 nicht zum 10.12.2008 be­en­det wird.
Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, den Kläger zu den bis­he­ri­gen Ar­beits­be­din­gun­gen bis zur rechts­kräfti­gen Ent­schei­dung des Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses als Hofar­bei­ter wei­ter­zu­beschäfti­gen be­zie­hungs­wei­se zu beschäfti­gen.
Sie be­haup­tet, dem Kläger sei be­reits im Rah­men ei­ner Be­triebs­ver­samm­lung am 14.02.2005 mit­ge­teilt wor­den, dass die Mit­nah­me von zu ent­sor­gen­dem Ab­fall nicht er­laubt sei. Auch ha­be Herr A sei­ner Funk­ti­on als Vor­ar­bei­ter die­ses The­ma mit sei­nen Mit­ar­bei­tern mehr­fach erörtert.
Die Be­klag­te be­haup­tet fer­ner, der Kläger ha­be am 11.07.2007 fir­men­ei­ge­ne „PET"-Fla­schen ge­sam­melt und ne­ben den Alt­pa­pier­bal­len, in sei­nem „Zwi­schen­la­ger ge­la­gert.
Hin­sicht­lich der „Ab­mah­nung we­gen Toi­let­ten­pa­pier­ent­wen­dung" be­haup­tet die Be­klag­te, der Kläger ha­be am 07.12.2007 ei­ne nicht un­er­heb­li­che Men­ge an Toi­let­ten­pa­pier, wel­ches der Be­klag­ten zur Ent­sor­gung über­ge­ben wor­den sei, in sei­nen pri­va­ten PKW ein­ge­la­den. Dar­auf­hin ha­be der Geschäftsführer der Be­klag­ten mit dem Kläger noch am sel­ben Tag ein ausführ­li­ches Gespräch geführt. Dar­in ha­be der Geschäftsführer dem Kläger mit­ge­teilt, dass die­ser Vor­gang ei­gent­lich ei­nen Dieb­stahl dar­stel­le und im Nor­mal­fall mit ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung ge­ahn­det wer­de. Le­dig­lich im Hin­blick auf das be­vor­ste­hen­de Weih­nachts­fest ha­be die Be­klag­te aus hu­ma­nitären Gründen da­von ab­ge­se­hen. Der Kläger sei dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass die der Be­klag­ten über­ge­be­nen Abfälle Ei­gen­tum der Be­klag­ten sei­en und nicht zu pri­va­te Zwe­cke mit­ge­nom­men be­zie­hungs­wei­se ver­wen­det wer­den dürf­ten.
Die Be­triebs­rats­anhörung sei ord­nungs­gemäß er­folgt. Der stell­ver­tre­ten­de Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de Herr A ha­be als Au­gen­zeu­ge den übri­gen Be­triebs­rats­mit­glie­dern al­le Ele­men­te des Vor­falls vom 08.12.2008 voll­umfäng­lich mit­ge­teilt. Dar­auf­hin ha­be der Be­triebs­rat mit Schrei­ben vom 09.12.2008 ab­sch­ließend erklärt, dass er ord­nungs­gemäß an­gehört wor­den sei und die Kündi­gung zur Kennt­nis neh­me. Die Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats vom 09.12.2008 sei ab­sch­ließend ge­we­sen. Dies ha­be das Be­triebs­rats­mit­glied Frau G auf Nach­fra­gen ge­genüber dem Geschäftsführer der Be­klag­ten am 09.12.2008 aus­drück­lich erklärt. Im Übri­gen tei­le der Be­triebs­rat in den­je­ni­gen Fällen, in de­nen sei­ne Stel­lung­nah­me nicht ab­sch­ließend sein soll, dies je­weils ex­pli­zit in sei­nem Ant­wort­schrei­ben zur Be­triebs­rats­anhörung mit.
Hin­sicht­lich des wei­te­ren Sach­vor­trags der Par­tei­en wird ver­wie­sen auf de­ren Schriftsätze nebst An­la­gen.
Die Kla­ge ist zulässig und im vol­len Um­fang be­gründet. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en hat auf­grund der Kündi­gung vom 10.12.2008 we­der frist­los (la) noch or­dent­lich ge­en­det (1 b.). Der Wei­ter­beschäfti­gungs­an­trag des Klägers ist des­halb gleich­falls be­gründet (2.).
Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en hat trotz Vor­han­den­seins ei­nes wich­ti­gen Grun­des im Sin­ne des § 626 Abs. 1 BGB auf­grund der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung der Be­klag­ten vom 10.12.2008 nicht ge­en­det, da nach Auf­fas­sung der Kam­mer vor­lie­gend das Be­stands­in­ter­es­se des Klägers das Be­en­di­gungs­in­ter­es­se der Be­klag­ten über­wiegt.
In­so­weit wird ver­wie­sen auf die hier­zu getätig­ten Ausführun­gen zur Verhält­nismäßig­keit im Rah­men der or­dent­li­chen Kündi­gung un­ter 1. b), cc), (4), (cc), S. 11 ff..
Die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 10.12.2008 ist nicht gemäß § 1 Abs. 2 KSchG so­zi­al ge­recht­fer­tigt, da es an der Verhält­nismäßig­keit im en­ge­ren Sin­ne fehlt.
Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­det das Kündi­gungs­schutz­ge­setz An­wen­dung, da zum Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung mehr als 10 Ar­beit­neh­mer gemäß § 23 KSchG bei der Be­klag­ten beschäftigt wa­ren und das Ar­beits­verhält­nis des Klägers länger als sechs Mo­na­te be­stand.
Gemäß § 1 Abs. 2 S. 1 KSchG kann ei­ne Kündi­gung un­ter an­de­rem auch dann aus­ge­spro­chen wer­den, wenn Gründe im Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers vor­lie­gen, die sei­ner Wei­ter­beschäfti­gung ent­ge­gen­ste­hen. Sol­che Umstände können grundsätz­lich in ei­nem Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers ge­se­hen wer­den, das bei verständi­ger Würdi­gung in Abwägung der In­ter­es­sen der Ver­trags­par­tei­en und des Be­triebs die Kündi­gung als bil­li­gens­wert und an­ge­mes­sen er­schei­nen las­sen (vgl. BAG, Ur­teil vom 11.12.2003, 2 AZR 667/02, NZA 2004, 784-788). Es genügt ein Um­stand, der ei­nen ru­hig und verständig ur­tei­len­den Ar­beit­ge­ber zur Kündi­gung be­stim­men kann (BAG, 17.06.2003, 2 AZR 62/02, EZA KSchG § 1 ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 59).
Die Weg­nah­me des Kin­der­rei­se­betts stellt nach Auf­fas­sung der Kam­mer kei­nen Um­stand dar, der die Kündi­gung als bil­li­gens­wert und an­ge­mes­sen er­schei­nen lässt.
Al­ler­dings sind Ei­gen­tums­de­lik­te zum Nach­teil des Ar­beit­ge­bers re­gelmäßig ge­eig­net, ins­be­son­de­re ei­ne or­dent­li­che ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen (ständi­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, vgl. BAG, 11.12.2003, 2 AZR 36/03, NZA 2004, 486 bis 488; AP Nr. 179 zu § 626 BGB).
Da­durch, dass der Kläger das Kin­der­rei­se­bett in sei­nen PKW ver­bracht hat, hat er den ob­jek­ti­ven Tat­be­stand des § 242 StGB erfüllt. Denn das Kin­der­rei­se­bett steht im Ei­gen­tum der Be­klag­ten. Durch das Be­reit­stel­len von Abfällen er­geht ein An­ge­bot zur Ei­gen­tumsüber­tra­gung an den Ab­fall­be­sei­ti­ger (Quack in: Münche­ner Kom­men­tar zum BGB, 4. Auf­la­ge 2004, § 959 RZ 6).
Zwar ist der Be­klag­ten vor­lie­gend kein ma­te­ri­el­ler Scha­den ent­stan­den, da das Bett un­mit­tel­bar der Ab­fall­ent­sor­gung zu­geführt wor­den wäre. Doch selbst ein Dieb­stahl ei­ner ge­ring­wer­ti­gen Sa­che mit nur ge­ringfügi­ger Schädi­gung des Ar­beit­ge­bers (so ge­nann­tes „Ba­ga­tell­de­likt") ist nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, von der ab­zu­wei­chen für die Kam­mer kei­ne Ver­an­las­sung be­steht, eben­falls als Grund für ei­ne (so­gar außer­or­dent­li­che) Kündi­gung ob­jek­tiv ge­eig­net (vgl. BAG, 11.12.2003, a.a.O.).
Die Kam­mer sieht aus die­sem Grund in der Hand­lung des Klägers, auch oh­ne dass der Be­klag­ten ein fi­nan­zi­el­ler Scha­den ent­stan­den ist, ei­ne Ver­trags­pflicht­ver­let­zung.
Über die Fra­ge, ob bei ge­ringfügi­gen Ei­gen­tums­de­lik­ten, durch die der Ar­beit­ge­ber nicht we­sent­lich geschädigt wird, ei­ne Ab­mah­nung vor Aus­spruch der Kündi­gung er­for­der­lich ist, be­steht zwar ein Mei­nungs­streit ( vgl. Schaub, NZA 1997, 1185, 1186). Die Fra­ge, ob vor­lie­gend vor Aus­spruch der Kündi­gung ei­ne Ab­mah­nung er­for­der­lich war, und die wei­ter­ge­hen­de Fra­ge, ob ei­ne ein­schlägi­ge Ab­mah­nung vor­liegt, kann je­doch man­gels Verhält­nismäßig­keit der Kündi­gung da­hin­ste­hen.
Von zwei ein­schlägi­gen Ab­mah­nun­gen konn­te die Kam­mer hin­ge­gen nicht aus­ge­hen: Der Vor­fall be­tref­fend die „PET"-Fla­schen um­fasst kei­nen Dieb­stahls­vor­wurf, auch nicht in Form des ver­such­ten Dieb­stahls. Die hier­zu durch die dar­le­gungs­be­las­te­te Be­klag­te un­ter­brei­te­ten Tat­sa­chen genügen für die An­nah­me ei­nes sol­chen Vor­falls nicht, da le­dig­lich da­von die Re­de ist, dass der Kläger Fla­schen aus dem „Gel­ben Sack" ent­nom­men und die­se in sei­nem Zwi­schen­la­ger "de­po­niert" ha­be. Un­er­heb­lich ist des­halb in die­sem Zu­sam­men­hang, ob die zu­sam­men mit der Ab­mah­nung über­reich­te Ak­ten­no­tiz das Ver­bot enthält, Pfand­fla­schen aus dem Gel­ben Sack mit­zu­neh­men und für den Ei­gen­be­darf zu be­nut­zen.
Auch der Vor­trag be­tref­fend die Kom­mu­ni­ka­ti­on des „Weg­nah­me­ver­bots" im Rah­men der Be­triebs­ver­samm­lung
im Jahr 2005 konn­te nicht zu Guns­ten der Be­klag­ten ver­wer­tet wer­den, da die­se nicht dar­le­gen konn­te, dass der Kläger die An­wei­sung ver­nom­men hat. Al­lein sei­ne An­we­sen­heit auf der Ver­samm­lung genügt hierfür nicht.
Fer­ner war der Vor­trag der Be­klag­ten, das Weg­nah­me­ver­bot und die Aufklärung über die Ei­gen­tums­verhält­nis­se im Be­trieb der Be­klag­ten sei­en dem Kläger durch Herrn A mehr­fach mit­ge­teilt wor­den, man­gels nähe­rer An­ga­ben zu Zeit, Ort und Umständen zu un­sub­stan­ti­iert, um ei­ner Be­weis­auf­nah­me zugäng­lich zu sein.
Im Rah­men ei­ner um­fas­sen­den In­ter­es­sen­abwägung ist auch bei der Prüfung ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung ab­sch­ließend zu un­ter­su­chen, ob das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses das In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers an des­sen Fort­be­stand über­wiegt (Verhält­nismäßig­keit im en­ge­ren Sin­ne, BAG, 24.06.2004, NZA 2005, 158-161; Dörner in: Ascheid/Preis/Schmidt, Kündi­gungs­recht, 3. Auf­la­ge 2007, § 1 Rz. 274, m.w.N.). Die Fra­ge, wel­che Umstände im Ein­zel­fall we­sent­lich sind, ori­en­tiert sich da­bei an der kon­kre­ten Ver­trags­pflicht­ver­let­zung.
Zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers sind im all­ge­mei­nen fol­gen­de Umstände zu berück­sich­ti­gen:
Zunächst die Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit. Die­se ist bei der In­ter­es­sen­abwägung grundsätz­lich zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen (vgl. BAG, 16.10.1986, 2 AZR 695/85; Ju­ris). Ent­schei­dend ist vor al­lem, wie lan­ge das Ar­beits­verhält­nis störungs­frei ver­lau­fen ist. Hat sich der Ar­beit­neh­mer in der Ver­gan­gen­heit be­reits Ver­trags­pflicht­ver­let­zun­gen zu Schul­den kom­men las­sen, ver­liert ei­ne länge­re Be­triebs­zu­gehörig­keits­dau­er an Ge­wicht, fer­ner bei schwe­ren Ver­trags­pflicht­ver­let­zun­gen.
Da auch Un­ter­halts­pflich­ten das Ge­wicht des In­ter­es­ses des Ar­beit­neh­mers an der Er­hal­tung des Ar­beits­plat­zes be­ein­flus­sen, sind sie nach Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richt, von der ab­zu­wei­chen für die Kam­mer kei­ne Ver­an­las­sung be­stand, grundsätz­lich in die In­ter­es­sen­abwägung mit ein­zu­be­zie­hen (vgl. BAG, 27.02.1997, 2 AZR 302/96, AP Nr. 36 zu § 1 KSchG 1969, ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung).
Fer­ner können zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers auch die Chan­cen auf dem Ar­beits­markt berück­sich­tigt wer­den (Grie­be­ling in: KR, 8. Auf­la­ge 2007, § 1 Rz. 411). Ins­be­son­de­re die Ge­fahr lang an­dau­ern­der Ar­beits­lo­sig­keit ist für den Ar­beit­neh­mer von Ge­wicht. Bei schwe­ren Ver­trags­pflicht­ver­let­zun­gen mit ho­hem Ver­schul­dens­grad tritt die Be­deu­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Ge­sichts­punk­te al­ler­dings in den Hin­ter­grund.
Auch ist ein Ver­bots­irr­tum grundsätz­lich zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen. Denn ein sol­cher ist ge­eig­net, den Ver­schul­dens­vor­wurf zu re­la­ti­vie­ren, selbst dann, wenn er für den Ar­beit­neh­mer ver­meid­bar war (BAG 14.02.1996, 2 AZR 274/95, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung).
Sch­ließlich ist zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers ein even­tu­el­les Mit­ver­schul­den des Ar­beit­ge­bers zu berück­sich­ti­gen. Steht dem Pflicht­ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers ei­ne ent­spre­chen­de Pflicht­ver­let­zung des Ar­beit­ge­bers ge­genüber, ist die­ses Mit­ver­schul­den zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen (BAG, 20.01.1994, 2 AZR 521/93, AP BGB § 626 Nr. 115). Falls sich das Fehl­ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers an­ge­sichts des Ver­schul­dens des Ar­beit­ge­bers als nicht zu gra­vie­rend dar­stellt, kann das Be­stand­schutz­in­ter­es­se über­wie­gen.
Für den Ar­beit­neh­mer nach­tei­lig wir­ken sich hin­ge­gen un­ter an­de­rem das Ge­wicht der Ver­trags­pflicht­ver­let­zun­gen und die Schwe­re des Ver­schul­dens aus. Ob die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses für den Ar­beit­ge­ber zu­mut­bar ist, hängt maßgeb­lich von der In­ten­sität des ver­trags­pflicht­wid­ri­gen Ver­hal­tens (Be­harr­lich­keit und Häufig­keit) und vom Grad des Ver­schul­dens ab. Mit der Häufig­keit ein­schlägi­ger Ab­mah­nun­gen steigt die Wie­der­ho­lungs­ge­fahr und in der Re­gel auch das Ver­schul­den des Ar­beit­neh­mers. Durch ein ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten auf­ge­tre­te­ne Be­triebs­ab­laufstörun­gen sind im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung noch zusätz­lich be­las­tend für den Ar­beit­neh­mer zu berück­sich­ti­gen (BAG,17.01.1991, 2 AZR 375/90, AP KSchG 1969 § 1 ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 25). Zum Nach­teil des Ar­beit­neh­mers könne nur tatsächlich ein­ge­tre­te­ne kon­kre­te Störun­gen, wo­zu auch von ihm ver­ur­sach­te Vermögensschäden des Ar­beit­ge­bers zu zählen sind, her­an­ge­zo­gen wer­den; dar­auf, ob es sich um er­heb­li­che Störun­gen han­delt, kommt es nicht an, da die­se kei­nen be­stimm­ten Grad der In­ten­sität er­rei­chen müssen, um im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung für den Ar­beit­neh­mer zusätz­lich be­las­tend zu sein.
Die spe­zi­el­le Fra­ge, ob ei­ne Ei­gen­tums­ver­let­zung ge­ringfügig oder schwer ist, be­ur­teilt sich un­ter an­de­rem nach der Stel­lung des Ar­beit­neh­mers, der Art der ent­wen­de­te Wa­re und den be­son­de­re Verhält­nis­sen des Be­triebs. Wei­te­re bei der Prüfung der Schwe­re der vor­lie­gen­den Ver­trags­ver­let­zung be­deut­sa­me Kri­te­ri­en sind der An­lass so­wie die Art und Wei­se der Tat­be­ge­hung und ob der Ar­beit­neh­mer in Ausübung der ge­schul­de­ten Tätig­keit han­delt (Fie­big in: Fie­big/Gall­ner u.a., Hand­kom­men­tar zum Kündi­gungs­schutz­recht, 3. Auf­la­ge 2007, § 1 KSchG, Rz. 426 a.E.).
Fer­ner darf zu Las­ten des Ar­beit­neh­mers sei­tens des Ar­beit­ge­bers berück­sich­tigt wer­den, wie es sich auf das Ver­hal­ten der übri­gen Ar­beit­neh­mer aus­wirkt, wenn er von ei­ner Kündi­gung ab­sieht (BAG, 24.10.1996, 2 AZR 900/95; Ju­ris). Al­ler­dings stellt die Kündi­gung kein Dis­zi­pli­nie­rungs­mit­tel ge­genüber der Be­leg­schaft dar, wenn auch im Ein­zel­fall Ge­sichts­punk­te der Be­triebs­dis­zi­plin bei der In­ter­es­sen­abwägung ei­ne Rol­le spie­len können (BAG, 04.06.1997, 2 AZR 526/96, AP BGB § 626 Nr. 137).
Un­ter Berück­sich­ti­gung der vor­ge­nann­ten Grundsätze ge­lang­te die Kam­mer zu dem ge­fun­de­nen Er­geb­nis wie folgt:
Zu Guns­ten der Be­klag­ten hat die Kam­mer fol­gen­de As­pek­te gewürdigt:
Zunächst un­ter­stellt die Kam­mer, dass es, ent­spre­chend dem Sach­vor­trag der Be­klag­ten, tatsächlich zu dem Vor­fall be­tref­fend „Toi­let­ten­pa­pier" und dem dar­auf­hin be­haup­te­ten Ab­mah­nungs­gespräch im De­zem­ber 2007 ge­kom­men ist. Dann hätte der Kläger aber wis­sen können be­zie­hungs­wei­se müssen, dass es sich bei dem vom Kläger zu be­ar­bei­ten­den Ab­fall um Ei­gen­tum der Be­klag­ten han­delt und darüber hin­aus, dass die Weg­nah­me bzw. Mit­nah­me von Ge­genständen nicht er­laubt ist be­zie­hungs­wei­se zur frist­lo­sen Kündi­gung führen kann. An­ge­sichts der in­so­weit (un­ter­stell­ten) ein­schlägi­gen Ab­mah­nung stellt sich die er­neu­te Ent­nah­me von zur Ent­sor­gung vor­ge­se­he­ner Ge­genstände, vor­lie­gend des Kin­der­rei­se­betts, als durch­aus be­harr­li­ches ver­trags­pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten dar. Da­ne­ben sieht die Kam­mer auf Sei­ten der Be­klag­ten den Wunsch nach ei­ner ge­ne­ral­präven­ti­ven „Ab­schre­ckungs­wir­kung": Der Aus­spruch der Kündi­gung ge­genüber dem Kläger soll der Auf­recht­er­hal­tung der Be­triebs­dis­zi­plin und der Ab­schre­ckung in ähn­lich ge­la­ger­ten Fälle die­nen.
Zu Las­ten des Klägers wur­de auch ge­wer­tet, dass er, je­den­falls nach dem Sach­vor­trag der Be­klag­ten, im Ju­li 2007 PET-Fla­schen ge­sam­melt und die­se in sei­nem "Zwi­schen­la­ger" de­po­niert hat und des­halb das Ar­beits­verhält­nis in der Ver­gan­gen­heit je­den­falls nicht störungs­frei ver­lau­fen ist.
Sch­ließlich hat der Kläger bei der Weg­nah­me des Kin­der­betts auch in Ausübung sei­ner Tätig­keit ge­han­delt.
Je­doch wirk­ten sich die vor­ge­nann­ten Ar­gu­men­te im Er­geb­nis nach Auf­fas­sung der Kam­mer nicht da­hin­ge­hend aus, dass das In­ter­es­se der Be­klag­ten an der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses die ge­wich­ti­gen, nach­fol­gend ge­nann­ten Ar­gu­men­te, wel­che für die Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers spre­chen, zu über­wie­gen ver­mag.
Ent­schei­dend für die Be­ur­tei­lung durch die Kam­mer war der ge­rin­ge Grad des Ver­schul­dens des Klägers bei der Tat­ausübung. An­ge­sichts des­sen, dass im Be­trieb der Be­klag­ten noch brauch­ba­re Ge­genstände von den Mit­ar­bei­ter mit­ge­nom­men wer­den dürfen, so­fern sie vor­her nach­fra­gen und, wenn nichts da­ge­gen spricht, die Er­laub­nis auch re­gelmäßig er­teilt wird, wird der In­halt der von der Be­klag­ten bezüglich des Vor­falls „Toi­let­ten­pa­pier" vor­ge­tra­ge­nen Ab­mah­nung in er­heb­li­chem Maße re­la­ti­viert. Ei­ner­seits be­steht die vor­ge­nann­te be­trieb­li­che Übung der „Er­laub­nisfähig­keit" der Mit­nah­me von zur Ent­sor­gung vor­ge­se­he­nen Ge­genständen, an­de­rer­seits wird im Rah­men der (be­haup­te­ten) Ab­mah­nung erklärt, jeg­li­che Mit­nah­me von dem Ab­fall zu­gehöri­gen Ge­genständen stel­le ei­nen Dieb­stahl dar.
Die Kam­mer geht des­halb da­von aus, dass der Kläger sich auf­grund der je­den­falls nicht ein­deu­ti­gen be­trieb­li­chen Re­ge­lung bei der Ent­nah­me des Kin­der­rei­se­betts in ei­nem schuld­min­dern­den Ver­bots­irr­tum bezüglich der Rechts­wid­rig­keit be­zie­hungs­wei­se Straf­bar­keit sei­nes Han­delns be­fand, selbst wenn das von der Be­klag­ten be­haup­te­te Ab­mah­nungs­gespräch tatsächlich statt­ge­fun­den ha­ben soll­te.
Dafür, dass der Kläger bei der Tat­be­ge­hung kein Un­rechts­be­wusst­sein hat­te, spricht nach An­sicht des Ge­richts auch, dass er die Tat nicht „heim­lich'', son­dern vor den Au­gen sei­ner Ar­beits­kol­le­gen aus­geübt hat, in­dem er das Kin­der­rei­se­bett aus­ein­an­der ge­klappt, wie­der zu­sam­men­ge­baut und in sei­nen PKW ver­bracht hat und da­bei stets wuss­te, dass der ent­spre­chen­de Vor­gang von der Vi­deo­ka­me­ra voll­umfäng­lich auf­ge­zeich­net wird.
Die Be­klag­te hat auf aus­drück­li­che Nach­fra­gen des Ge­richts nicht dar­ge­tan, dass es dem Kläger un­ter­sagt wor­den wäre, das Kin­der­rei­se­bett an sich zu neh­men, wenn er zu­vor ge­fragt hätte. Mit an­de­ren Wor­ten: Hätte der Kläger den Geschäftsführer vor­her ge­fragt, hätte an­ge­sichts der „be­trieb­li­chen Übung" bei der Ver­ga­be von noch ge­brauchsfähi­gen, je­doch zur Ent­sor­gung vor­ge­se­he­nen Ge­genständen ein An­spruch des Klägers auf Er­tei­lung der ent­spre­chen­den Er­laub­nis be­stan­den. Vor die­sem Hin­ter­grund stellt sich die Tat des Klägers in über­wie­gen­dem Maße als Ver­let­zung ei­ner be­trieb­li­chen Ord­nungs­norm und nur im ge­rin­gen Maße als Ver­let­zung des Ei­gen­tums der Be­klag­ten dar.
Verstärkt wird die­se Einschätzung da­durch, dass das Kin­der­rei­se­bett für die Be­klag­te kei­ner­lei Rest­wert mehr hat­te, son­dern oh­ne wei­te­re Zwi­schen­schrit­te der Ent­sor­gung zu­geführt wor­den wäre.
Die Kam­mer sieht des­halb in der vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on ei­ne Par­al­le­lität zur Fra­ge des Verhält­nis­ses von Ne­bentätig­keits­ver­bot und Ne­bentätig­keit, die oh­ne die er­for­der­li­che Er­laub­nis aus­geübt wird. Im Fal­le ei­nes Er­laub­nis­vor­be­halts ist der Ar­beit­ge­ber nicht be­rech­tigt, die Auf­nah­me ei­ner Ne­bentätig­keit willkürlich zu ver­weh­ren. So­fern kei­ne Be­ein­träch­ti­gung der be­trieb­li­chen In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers zu er­war­ten ist, hat der Ar­beit­neh­mer viel­mehr An­spruch auf Er­tei­lung der Zu­stim­mung (BAG, 21.09.1999, 9 AZR 759/98, AP BGB § 611 Ne­bentätig­keit Nr. 6 = EZA BGB § 611 Ne­bentätig­keit Nr. 3 m.w.N.).
Fer­ner spricht zum ei­nen für das ge­fun­de­ne Er­geb­nis, dass auch das Ge­wicht der Ver­trags­pflicht­ver­let­zung da­durch ge­min­dert wird, dass der Kläger als Hofar­bei­ter kei­ne Ver­trau­ens­stel­lung in­ne­hat, zum an­de­ren die be­reits oben gewürdig­te Tat­sa­che, dass das ent­wen­de­te Rei­se­bett un­mit­tel­bar nach der Weg­nah­me durch den Kläger ver­nich­tet wor­den wäre.
Für das Be­stands­schutz­in­ter­es­se des Klägers spricht auch, dass er im Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung ca. 8 1/2 Jah­re bei der Be­klag­ten beschäftigt ist. Da­von ver­lie­fen je­den­falls sie­ben Jah­re be­an­stan­dungs­frei. Die­sen Zeit­raum wer­te­te die Kam­mer bei der von ihr vor­zu­neh­men In­ter­es­sen­abwägung zu Guns­ten des Klägers.
Zu Guns­ten des Klägers wa­ren auch des­sen Un­ter­halts­pflich­ten ge­genüber zwei klei­nen Kin­dern und sei­ner Ehe­frau zu berück­sich­ti­gen. Zwar hat sich der Kläger nicht dar­auf be­ru­fen, sei­ne schlech­te fi­nan­zi­el­le La­ge sei das be­stim­men­de Mo­tiv für die Tat ge­we­sen. Doch ist die Kam­mer der Auf­fas­sung, dass an­ge­sichts des­sen, dass der Kläger das Kin­der­rei­se­bett für sein ei­ge­nes Kind im Al­ter von da­mals ca. 12 Mo­na­ten nut­zen woll­te, ver­bun­den mit dem be­reits fest­ge­stell­ten, man­geln­den Un­rechts­be­wusst­sein, die Un­ter­halts­pflich­ten Berück­sich­ti­gung fin­den müssen.
Sch­ließlich be­steht an­ge­sichts der der­zeit herr­schen­den Wirt­schafts­la­ge in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, die sich be­reits nach­tei­lig auf den Ar­beits­markt nie­der­schlägt, die Ge­fahr, dass der Kläger für ei­nen als lang an­zu­se­hen­den Zeit­raum ar­beits­los sein wird. Auch die­ses Kri­te­ri­um sah die Kam­mer als ein sich zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers aus­wir­ken­des Kri­te­ri­um an.
Da die in Re­de ste­hen­de frist­lo­se be­zie­hungs­wei­se hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten un­wirk­sam ist, ist die Be­klag­te ver­pflich­tet, den Kläger in ar­beits­ver­trags­gemäßer Wei­se bis zur Rechts­kraft die­ses Rechts­streits wei­ter­zu­beschäfti­gen.
Aus­ge­hend von dem Be­schluss des Großen Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 27.02.1985 (GS 1/84, AP Nr. 14 zu § 611 BGB Beschäfti­gungs­pflicht), des­sen In­halt als be­kannt vor­aus­ge­setzt wird und von dem ab­zu­wei­chen die Kam­mer kei­ne Ver­an­las­sung hat, ist der Wei­ter­beschäfti­gungs­an­trag be­gründet.
Umstände, auf­grund de­rer trotz Ob­sie­gens des Klägers mit der Kündi­gungs­schutz­kla­ge die In­ter­es­sen der Be­klag­ten dar­an, den Kläger bis auf Wei­te­res nicht zu beschäfti­gen, ge­wich­ti­ger er­schei­nen, als die­je­ni­gen des Klägers, bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Kündi­gungs­rechts­streits wei­ter­beschäftigt zu wer­den, sind nicht er­sicht­lich.
Es war des­halb zu ent­schei­den wie ge­sche­hen.
Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 91 Abs. 1 ZPO i.V.m. § 46 Abs. 2 ArbGG. So­weit der Kläger den all­ge­mei­nen Fest­stel­lungs­an­trag gemäß § 269 ZPO zurück­ge­nom­men hat, ist dies an­ge­sichts des vol­len Ob­sie­gens des Klägers gemäß § 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO nicht von Be­lang, wes­halb die Be­klag­te in vol­lem Um­fang die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen hat.
Der Streit­wert war nach Maßga­be der § 61 Abs. 1 ArbGG i.V.m. § 42 IV S. 1 GKG in Höhe ei­nes Vier­tel­jah­res­ver­diens­tes für den Kündi­gungs­schutz­an­trag fest­zu­set­zen.
Der Wei­ter­beschäfti­gungs­an­trag wur­de im We­ge der Schätzung eben­falls mit ei­nem Brut­to­mo­nats­ver­dienst in An­satz ge­bracht.
zur Übersicht 15 Ca 278/08

References: § 626
 § 1
 § 23
 § 1
 § 1
 § 626
 § 242
 § 959
 § 1
 § 1
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 § 626
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 § 1
 § 1
 § 626
 § 611
 § 611
 § 611
 § 91
 § 46
 § 269
 § 269
 § 61
 § 42