Source: http://diekriminalisten.at/brosch/show_brosch.asp?id=24
Timestamp: 2020-08-09 04:57:08+00:00

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Das Dunkelfeld erhellt
In Österreich werden jährlich etwa 700 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs angezeigt. Die Dunkelziffer wird auf das Zehnfache geschätzt.
Zwischen 1991 und 1998 verdoppelte sich die Zahl der Anzeigen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs in Österreich. Danach sank sie wieder ab. Seit dem Jahre 2010 liegt die Zahl der Anzeigen bei durchschnittlich 700 pro Jahr.
Eine Zunahme der Anzeigenzahlen im Bereich des sexuellen Kindesmissbrauchs bedeutet nicht, dass mehr Kinder missbraucht worden sind. „Wir arbeiten ein Dunkelfeld auf, das wir nur erahnen können“, betont em. Univ.-Prof. Max Friedrich. Ein Sinken der Anzeigenzahl ist daher eher kontraproduktiv.
Laut amerikanischen Forschern werden rund 15 Prozent der Miss­brauchsfälle aufgedeckt. Experten schätzen: In Deutschland kommen auf einen angezeigten Fall zwanzig nicht angezeigte Fälle. Laut dem Kriminologen Dr. Christian Pfeiffer aus Hannover, sitzt statistisch gesehen in jeder Schulklasse ein sexuell miss­brauchtes Kind.
In Österreich wird die Zahl der Missbrauchsfälle auf über 10.000 geschätzt. Angezeigt wird jeder zehnte Miss­brauch. Hauptgründe für das breite Dunkelfeld sind das Naheverhältnis zwischen Tätern und Opfern sowie Scham- und Schuldgefühle der Opfer und deren Familien.
Kampagnen haben Auswirkungen auf die Kriminalstatistik
Die höchsten Steigerungsraten verzeichneten die Anzeigenzahlen von sexuellem Kindesmissbrauch in den Jahren 1995 bis 1998, als eine Motivationsgruppe der Kriminalpolizei mit dem Volksschulkinderprogramm „Tipps mit Grips“ durch Österreich fuhr. Im Jahr, in dem das Programm eingestellt wurde, ging die Anzeigenzahl zurück. Ähnliches zeigte sich bei späteren Präventionsinitiativen. Die Informationskampagnen rufen keine Falschaussagen hervor. Dies beweist die Verurteiltenrate: Durchschnittlich wird jeder fünfte wegen sexuellen Missbrauchs Verdächtige verurteilt. Eine steigende Anzeigenzahl ändert an dieser Rate nichts.
Obwohl bei sexuellem Kindesmissbrauch der Ausgang des Strafverfahrens meist ausschließlich von der Aussage der Opfer und Zeugen abhängt und es kaum objektive Sachbeweise gibt, liegt die Verurteiltenquote bei Kindesmissbrauch über dem Durchschnitt. Das bedeutet, die Richter messen den Kindern hohe Glaubwürdigkeit bei.
Wegen anderer Delikte wie Raub, Diebstahl oder leichte Körperverletzung wird über jeden dritten Angezeigten eine Strafe verhängt. Allerdings liegt die niedrige Urteilsquote in diesen Fällen auch daran, dass viele Verfahren eingestellt werden, weil sie nach Ansicht des Staatsanwaltes oder des Gerichts zu geringfügig sind.
Kinder sehen Erwachsene als Autoritätspersonen. Ein Kind bringt nicht die Kraft auf, nein zu sagen, wenn ein Erwachsener etwas mit ihm unternimmt, was es nicht will.
Die Missbrauchstäter stellen das anders dar. Sie rechtfertigen sich meist damit, das Kind habe die sexuellen Handlungen gewollt, sie verführt. Die Verführungstheorie spielt sich allein in den Köpfen der Kindesmissbraucher ab. Sie legen sie sich als Strategie zurecht, um den sexuellen Missbrauch vor sich selbst und ihrer Umwelt zu rechtfertigen.
Das Gesetz zieht die Grenze bei 14 Jahren (vor dem 14. Geburtstag). Mit 14 gilt ein Kind als „mündig“, davor als „unmündig“. Unmündige werden für ihr Handeln nicht verantwortlich gemacht – sie werden auch nicht nach dem Strafrecht zur Rechenschaft gezogen, wenn sie etwas stehlen oder einen anderen verletzen.
Wenn die Kriminalstatistik von „sexuellem Kindesmissbrauch“ spricht, sind hauptsächlich zwei Paragrafen im Strafgesetzbuch gemeint: § 206 („Schwerer sexueller Missbrauch von Unmündigen“) und § 207 („Sexueller Missbrauch von Unmündigen“). Der Unterschied: im ersten Paragrafen sind ausschließlich Fälle angesprochen, in denen es zum Geschlechtsverkehr gekommen ist oder zu einer ähnlichen sexuellen Handlung, der zweite umfasst alle übrigen sexuellen Handlungen an Kindern.
Für den „Schweren sexuellen Missbrauch von Unmündigen“ reicht es, dass der Täter die sexuelle Handlung begonnen hat, er muss sie nicht vollendet haben. Auch „geschlechtsverkehrsähnliche“ Handlungen sind erfasst – Taten, die ein Kind genauso schwerwiegend empfindet wie den eigentlichen, vom Gesetz umfassten Geschlechtsverkehr. Unter Schutz gestellt sind Mädchen und Buben gleichermaßen. Täter können Männer und Frauen sein. Zwang oder Nötigung sind nicht Voraussetzung für die Strafbarkeit. Dem Täter droht Haft zwischen einem Jahr und zehn Jahren. Wird das Opfer schwer verletzt oder schwanger, drohen dem Täter fünf bis fünfzehn Jahre Haft, bei Tod des Opfers zehn bis zwanzig Jahre.
Ausnahme von der Bestrafung nach § 206: Das Opfer ist bereits 13, der Täter um höchstens drei Jahre älter, und es ist zu keinen sexuell problematischen Handlungen gekommen.
Wegen „Sexuellen Missbrauchs von Unmündigen“ (§ 207) wird der Täter nicht bestraft, wenn er um nicht mehr als vier Jahre älter ist als das Opfer, das Opfer nicht schwer verletzt wurde und min­des­tens zwölf Jahre alt ist.
Eine weitere Bestimmung (§ 208 StGB) stellt sexuelle Handlungen unter Strafe, die jemand vor einem unter 16-Jährigen vornimmt und ihn dadurch sittlich gefährdet.
Nach § 212 StGB („Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses“) droht das Gesetz mit Haft bis zu drei Jahren, wenn Eltern, Adoptiv- oder Stiefeltern, Erzieher, Lehrer, Beamte, Ärzte, klinische Psychologen, Gesundheitspsychologen, Psychotherapeuten, Aufsichtspersonen oder Ähnliche, Minderjährige zu sexuellen Handlungen verleiten, die ihnen anvertraut sind. Minderjährig sind Jugendliche unter 18 Jahren.
Nach § 207 b („Sexueller Missbrauch von Jugendlichen“) droht Haft bis zu einem Jahr, wenn jemand unter 16-Jährige zu sexuellen Handlungen verleitet und diese nach dem Gesetz noch nicht „reif“ genug sind. Eine Haftstrafe bis zu drei Jahren droht denjenigen, die unter 18-Jährigen Geld für sexuelle Handlungen anbieten und sie auf diese Weise „verführen“. Nach § 213 StGB („Kuppelei“) werden diese Personen bestraft, wenn sie die ihnen anvertrauten Minderjährigen zu sexuellen Handlungen „herborgen“. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass 14- bis 18-Jährige zwar schon imstande sind, zu einem entfernten Verwandten nein zu sagen, bei Vater und Mutter aber nicht, ebenso wenig bei Personen, denen sie zu gehorchen haben, wie Lehrern oder Erziehern.
§ 207 a StGB („Pornografische Darstellungen mit Unmündigen“) stellt das Herstellen, den Handel und Besitz von Kinderpornos unter Strafe. Strafbar ist auch, wer Filme herstellt oder damit handelt, in denen der Eindruck erweckt wird, dass ein Kind missbraucht wird („Pseudo-Kinderpornografie“). Denn oft werden pornografische Aufnahmen Erwachsener am Computer manipuliert und als Kinderpornos gehandelt.
Mit Ablauf der Verjährungsfrist verlieren Polizei und Gerichte die Möglichkeit, gegen einen Verdächtigen zu ermitteln und ein Strafverfahren gegen ihn einzuleiten. Sexualstraftaten verjähren besonders häufig.
Da der Täter meist im Nahbereich des Opfers zu finden ist, ist es für ihn ein Kinderspiel, das Opfer zu beeinflussen. Er übt Druck durch unausgesprochene Drohungen aus, teilweise droht er offen mit Liebesentzug, macht klar, dass alle Erwachsenen ihm glauben würden und nicht dem Kind.
Die meisten Kinder schweigen. Wenn sie erwachsen sind, werden Erinnerungen wach – etwa durch eigene fehlgeleitete Sexualität als Folge des Missbrauchs. Die Opfer haben Schwierigkeiten, einen Partner zu lieben oder sind verklemmt. Manche werden selbst zu Missbrauchstätern. Sie schürfen in der Seele und finden Verdrängtes wieder.
Häufig wachsen Geschwister heran, an denen sich der Täter jetzt vergeht. Das ehemalige Opfer will seinem Bruder oder seiner Schwester das Schicksal ersparen, das es selbst erlebt hat.
Die Opfer beginnen, das Erlebte aufzuarbeiten. In den meisten Fällen wäre die Straftat längst verjährt. Der Missbrauch endet meist, wenn das Opfer 13 oder 14 Jahre alt ist. Kommt der Entschluss, den Täter anzuzeigen, sind meist fünf bis zehn Jahre verstrichen – nach herkömmlichen Verjährungsfristen ist das für eine Strafverfolgung zu spät. Beim Sexualstrafrecht, bei dem es um Kinder als Opfer geht, macht das Gesetz eine Ausnahme: Die Verjährungsfrist beginnt erst zu laufen, wenn die Opfer 19 sind. Egal, in welchem Alter das Kind sexuell missbraucht wurde (§ 206 StGB), die Tat verjährt erst, wenn das Opfer 29 Jahre alt ist. Bei Folgeschäden, wie schweren Verletzungen oder Schwangerschaft, tritt die Verjährung der Tat erst ein, wenn das Opfer 39 Jahre alt ist. Wenn es zu weniger traumatisierenden sexuellen Berührungen kommt, sich der Täter an einem Menschen mit Behinderung vergeht, ein Autoritätsverhältnis ausnützt oder Kuppelei betreibt, verjährt die Tat, sobald das Opfer 24 Jahre alt ist.
Zwei bis drei Millionen Kinder zwischen 3 und 17 Jahren werden von Sextouristen missbraucht. Nach einer Studie von Ecpat-International („End Child Prostitution and Trafficking“) ist jeder dritte Sextourist zwischen 40 und 50 Jahre alt, jeder Vierte zwischen 50 und 60. Die meisten kommen aus Europa, Japan, Australien, den USA und Kanada. Die Zahl der österreichischen Sextouristen wird auf 100.000 geschätzt. Großteils handelt es sich um biedere Bürger, die fern der Heimat auch fern der Moral sind. Viele sind Pädophile (Erwachsene, die zwanghaft ausschließlich mit vorpubertären Kindern sexuelle Beziehung haben wollen) und reisen ins Ausland, um ihre fehlgeleiteten sexuellen Wünsche auszuleben. Hinzu kommen Fernfahrer entlang den Hauptverkehrsrouten durch Asien und Afrika, Soldaten von Besatzungsmächten und Seemänner.
In vielen Ländern der Dritten Welt ernähren die Kinder ihre Familien durch Prostitution. Diese richtet sich nach Angebot und Nachfrage. In Angola stellte der „Christliche Fonds für Kindheit“ fest, dass die Prostitution von 11- bis 14-Jährigen extrem schnell zunimmt. Dies trifft auch auf die meisten anderen Dritte-Welt-Staaten zu.
In einigen fernöstlichen Ländern ist es nicht verboten, mit Kindern sexuell zu verkehren. Österreicher entkommen ihrer Strafe nicht, wenn sie sich an einem Kind unter 14 vergreifen, in einem Land, in dem es keinen gesetzlichen Schutz für Kinder gibt. Das Gericht zieht sie nach § 64 StGB zur Verantwortung, wenn sie im Ausland einen sexuellen Missbrauch begehen (§ 206 und § 207 StGB) oder Kinderpornos herstellen (§ 207 a StGB).
Immer wenn ein Fall sexuellen Kindesmissbrauchs Aufsehen erregt, wird die Forderung nach lebenslanger Strafe oder Kastration des Täters laut. Doch nicht alle Fälle sind gleich. Die Reaktion mit härteren Gesetzen zielt allein auf einen Anlassfall ab. Sie drückt die Hilflosigkeit der Gesellschaft aus. Diese weiß, sie hat versagt – in ganz anderen Bereichen, etwa bei der frühzeitigen Aufdeckung des Falles, weil es an Zivilcourage mangelte, oder weil sie die Vorgänge im Stillen geduldet hat.
Das Anlassgesetz ist der scheinbar einfachste und rascheste Weg aus der Krise – die Zahl der Kindesmissbrauchsfälle senkt es nicht. Menschen, die Kinder missbrauchen, handeln aus einem Trieb heraus, der sich nicht mit hohen Haftstrafen beseitigen lässt. Ziel des Strafgesetzes ist es, die Gesellschaft vor Kinderschändern zu schützen – nicht, sich an ihnen zu rächen. Das lässt sich besser erreichen durch Therapie der Täter. Das heißt nicht, Verständnis für sie aufzubringen, sondern zu erreichen, dass sie sich nicht wieder an Kindern vergreifen und somit die Gesellschaft vor ihnen zu schützen. In schweren Fällen verhängen die Richter den Maßnahmenvollzug in einer Anstalt für abnorme Rechtsbrecher. Die Täter bleiben so lange dort, bis sie geheilt sind; und sind sie nicht heilbar, so bedeutet das lebenslang.
Anzeigenstatistik – Sexueller Kindesmissbrauch
(§§ 206, 207 und 207b StGB):
2007 – 691 Anzeigen
2008 – 635 Anzeigen
2009 – 584 Anzeigen
2010 – 734 Anzeigen
2011 – 774 Anzeigen
2012 – 803 Anzeigen
2013 – 768 Anzeigen
2014 – 677 Anzeigen
2015 – 664 Anzeigen
2016 – 669 Anzeigen
2017 – 718 Anzeigen

References: § 206
 § 207
 § 206
 § 212
 § 207
 § 213

§ 207
 § 64
 § 207