Source: https://msfcberlin.com/author/msfccharite/
Timestamp: 2020-07-09 16:46:00+00:00

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msfc-berlin – Medical Students for Choice
3. Juni 2020 4. Juni 2020 ~ msfc-berlin	~ Kommentar hinterlassen
Wie viele andere beobachten wir mit Entsetzen die Entwicklungen in den USA, das Aushebeln der Grundrechte von Bürger*innen und Demonstrierenden, die Polizeigewalt und -brutalität, die Selbstinszenierung eines faschistischen Präsidenten und den offenkundigen Rassismus. Wir beobachten auch mit Entsetzen das Schweigen der deutschen Politiker*innen und deren der EU.
Das Wichtigste sei vorangestellt: Bitte achtet aufeinander. Teilt keine Videos von (schwarzen) Menschen, die auf offener Straße vor laufender Kamera ermordet werden, ohne Disclaimer, egal, wie sehr sie euch schockieren. Denkt daran, was es mit BPoC* macht, dies in ihrer Timeline sehen zu müssen. Denkt daran, dass wir solche Vorgänge nie und nimmer normalisieren dürfen.
Justice for George Floyd. Justice for Breonna Taylor. Justice for Tony McDade. Justice for David McAtee. Justice for James Scurlock. Justice for all the Unnamed. Die Liste könnten wir unendlich weiterführen. Klar ist: Not one more.
In einem viel geteilten Video der brillanten Toni Morrison antwortet sie auf die Frage, wie sie auf Rassismus reagiert: „Let me tell you, that’s the wrong question […] If you’re only tall when other people are smaller, you have a problem. And my feeling is that white people have a very, very serious problem. And they should start thinking about what they can do about it. Take me out of it.“
Der strukturelle Rassismus ist ein Problem der mehrheitlich weißen Bevölkerung. In den USA kann man sehen, was passiert, wenn das institutionell geleugnet wird, wenn rechtes Gedankengut gleich mit den Ämtern weitergereicht wird. Wenn sich eine politische Mitte entwickelt, der es zu bequem ist, die tief verwurzelt rassistischen (und sexistischen) eigenen Institutionen zu reformieren, weil das als explosives, „linkes“ Nischenthema eingestuft wird. Trumps Wahl in das Weiße Haus hat seine aktuellen Angriffe auf die Demokratie und seinen Einsatz des amerikanischen Militärs ohne jegliche rechtliche Grundlage ermöglicht. Aber erfunden hat er den Rassismus nicht. Und auch wir sind nicht frei davon.
Ein Grund, weshalb es eine gewisse Menge an Leuten in den USA gibt, bei denen gerade nicht alle Alarmglocken schellen, ist ein weiteres Symptom des Rassismus: autoritäre Diktaturen werden eigentlich nur mit Nationen aus dem Süden oder dem Osten assoziiert. Ja, auch in Europa. Eine wählende Mehrheit in den USA hat die eigene Demokratie für unangreifbar gehalten, weil wir als weiße Bevölkerung kollektiv vergessen haben, einen hetzenden, rassistischen, weißen Mann zu fürchten und weil man ihn in der Hoffnung, ihn „im Zaum halten zu können“, in ein Amt gesetzt hat, für das er nie geeignet war. Wenn man sich auch nur wenig mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat, sollte einem da einiges bekannt vorkommen.
White Supremacy (auf deutsch “weiße Vorherrschaft” oder “Überlegenheit der Weißen”) hat es aber schon immer gegeben. Es durchzieht unsere Institutionen, unsere Bildung, unsere Forschung, unsere Wirtschaft, unsere Gerichte, unsere Politik, unsere Medien, unser Denken. Die Omnipräsenz macht es am schwierigsten, es an allen Ecken anzusprechen, aber auch umso wichtiger.
Manchmal sieht diese weiße Vorherrschaft harmlos, klug oder süß aus. (Disney, HBO, uvm. Wie viele heiß geliebten Fernsehserien sind beim zweiten Blick problematisch? Wie selbstverständlich werden unzählige Filmheld*innen weiß und männlich besetzt, liebenswürdige romantische Protagonist*innen weiß und weiblich?) Wir müssen sie erkennen, egal wie sie sich zeigt. Und als Mediziner*innen müssen wir uns vor allem darüber bewusst werden, wie sie implizit (und explizit!) unsere Lehre und unsere Praxis informiert und beeinflusst.
Wir müssen umgehend die Konsequenzen für unsere eigene Politik, unsere Medienwelt, unser Miteinander und unsere Gedanken ziehen! Es geht hier nicht darum, an allen Ecken die Zerstörung von Eigentum zu zeigen, oder Bilder einiger weniger friedlich kniender Polizist*innen zu verbreiten (das Bild eines knienden Polizisten war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte – dieser Publicity Stunt rührt nicht einmal ansatzweise an der Grundlage der Frustration und Wut der Demonstrierenden, die Verbreitung dieser Bilder also auch nicht).
Was in den USA passiert, ist ein rassistisch motivierter Machtmissbrauch auf der obersten Ebene, wie er auf niedrigerer Ebene seit Jahrhunderten ohne Konsequenzen vonstatten ging. Das muss nicht immer gewaltsam sein. Und es darf uns nicht nur in den Fällen schockieren, in denen es in Gewalt kulminiert. Und wir müssen vor allem hinschauen, wo es unsere eigene Umgebung und uns selbst betrifft und einschließt. Wir müssen uns ganz konkret als weiße Mehrheitsgesellschaft mit diesen Themen auseinandersetzen, nicht, um uns gegenseitig auf die Schulter zu klopfen, sondern um das Problem an der Wurzel zu packen.
Wir fangen damit an, indem wir fordern, dass sich die deutsche Regierung zu der Menschenrechtsverletzung in den USA äußert und die eigenen Fehltritte in Sachen Antirassismus reflektiert.
Wir fangen damit an, indem wir unsere eigenen Privilegien wahrnehmen und reflektieren, indem wir uns für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Das tun wir in Zeiten wie diesen, wo alle darüber sprechen, aber auch dann, wenn es nicht mehr “populär” ist. Wir lassen rassistische Äußerungen von Bekannten, Verwandten, Kolleg*innen, Freund*innen, Nachbar*innen etc. nicht mehr einfach stehen, sondern konfrontieren diese.
Wir fangen damit an, indem wir uns über die Geschichte des Rassismus informieren, aktiv den Stimmen von BPOC aller Geschlechter zuhören und eigenständig aus den massenhaft verfügbaren Schriften und Reden zu Antirassismus lernen.
Feminismus muss und soll intersektional und antirassistisch sein! Anders geht es nicht.
#BlackLivesMatter #BlackTransLivesMatter #JusticeforGeorgeFloyd #Notonemore
*Wir betonen bewusst das Black in Black People and People of Colour, weil die Gewalt, die die Demonstrationen losgetreten hat, in überwältigendem Maße spezifisch anti-Schwarz ist. Das soll nicht die Tatsache leugnen, dass alle nicht-weißen Personengruppen Opfer rassistischer Gewalt werden können, sondern diesen besonders hässlichen Aspekt der Situation herausstellen.
Was könnt ihr nun ganz konkret tun?
Bitte zieht in Betracht, der Organisation BlackLivesMatter oder einer vergleichbaren zu spenden, wenn ihr in der Lage seid. Informiert euch über einfache Schlagzeilen hinaus. Informiert euch über die Geschichte des Rassismus in Deutschland und Europa, im Feminismus, in der Medizin. Und sprecht mit euren Freund*innen, eurer Familie und Bekannten.
Belästigt bitte keine BPoC in sozialen Netzwerken oder in Person mit der Frage, was ihr als Weiße jetzt tun sollt. Es ist nicht ihre Aufgabe, euch aufzuklären, es ist nicht ihre Aufgabe, eure emotionale Arbeit zu schultern. Viel zu häufig werden sie dazu aufgefordert oder sind bereits dazu aufgefordert worden. Viel zu lange haben wir es ihnen überlassen, die Probleme selbst zu beheben. Aber wie sollen sie Probleme beheben, von denen sie selbst nur unterdrückt, kleingehalten und zum Schweigen gebracht werden sollen und deren tatsächliche Natur es ist, ihre Glaubwürdigkeit zu unterminieren? Wenn möglich, helft wo ihr könnt und bleibt empathisch!
Aktuell gibt es online viele Listen, Aufzählungen und Materialien, die euch zeigen, wo ihr anfangen könnt. Die Organisation BlackLivesMatter hat beispielsweise auf ihrer Webseite oder diesem Google Doc mit Infos und Quellen für Allies (Verbündete) zusammengestellt, inklusive Petitionen, Gofundme-Kampagnen und Bücherlisten. Schaut bitte dort vorbei.
Ansonsten wollen wir auch ein paar konkrete Ideen hier ausführen. Bitte seid euch im Klaren, dass diese Listen jedoch noch lange nicht vollständig und ausreichend sind. Es soll nur einen Anfang darstellen.
Ihr könnt folgende Petitionen unterschreiben:
viele weitere Petitionen gibt es auf der Webseite von BlackLivesMatter
Folgende Bücher, Filme oder Serien legen wir euch ans Herz:
Exit Racism von Tupoka Ogette (Buch, Hörbuch aktuell auch auf Spotify)
Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten von Alice Hasters (Buch)
Deutschland Schwarz Weiß. Der Alltägliche Rassismus von Noah Snow (Buch)
Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche von Reni Eddo-Lodge (Buch)
Sprache und Sein von Kübra Gümüşay (Buch)
Euer Schweigen schützt euch nicht von Audre Lorde und der Schwarzen Frauenbewegung
We Were Eight Years in Power von Ta-Nehisi Coates (Buch)
Good and Mad – The Revolutionary Power of Women’s Anger von Rebecca Traister (Buch, für die Intersektion von Feminisus und Rassismus – und damit vor Allem den Rassismus vieler weißer Feminist*innen am Anfang der Bewegung)
Bad Feminist von Roxane Gay (Buch)
Sister Outsider von Audre Lorde (Buch)
Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics von Kimberle Crenshow (Artikel)
13th (Film, Netflix)
Blackkklansman (Buch und Film)
The Hate U Give (Buch und Film)
„Schwangerschaftsabbruch und Frauen*gesundheit“
28. Mai 2020 ~ msfc-berlin	~ Kommentar hinterlassen
Am Mittwoch, den 27.05.2020 waren wir zu der Veranstaltung „Schwangerschaftsabbruch und Frauen*gesundheit“ eingeladen. Die Veranstaltung war teil der Vorlesungsreihe „Globale Gesundheit“ einer studentischen Initiative aus Frankfurt am Main.
Das Webinar begann mit einführenden Worten von Hannelore Sonnenleitner-Doll von pro familia Frankfurt, die Einblicke in die Arbeit von pro familia gab und aufzeigte, weshalb sexueller und reproduktiver Gesundheit deutschland- sowie weltweit bedeutend ist.
Danach berichtete Leonie stellvertretend für MSFC Berlin von der Lehre (bzw. der fehlenden Lehre) zum Schwangerschaftsabbruch im Medizinstudium und von unseren persönlichen Erfahrungen unserer aktivistischen Arbeit, um die Lehre an der Charité zu verbessern.
Kristina Hänel führte aus, wie der Schwangerschaftsabbruch in der Praxis aussieht und erklärte, welche offenen Probleme es aktuell diesbezüglich gibt: von der immer noch unsicheren rechtlichen Lage, zum Informationsdefizit bis hin zur prekären Versorgungslage für ungewollt Schwangere.
Zuletzt bot uns Prof. Jürgen Wacker einen Einblick in die globale Situation bezüglich des Zugangs zu Formen der Familienplanung, inklusive dem Schwangerschaftsabbruch. Durch seine Arbeit bei FIDE e.V. konnte er hier oft aus eigener Erfahrung sprechen.
Wir haben uns total gefreut, dass so viele Interessierte beim Webinar zugeschaltet haben. Durch die vielen Rückfragen gab es einen regen Austausch und spannende Diskussion. Alle, die am Mittwoch nicht dabei sein konnte, können die Veranstaltung online nachschauen. Das gesamte Webinar – sowie die anderen Veranstaltungen der Vorlesungsreihe „Globale Gesundheit“ wurde aufgezeichnet und kann nun auf Vimeo angeschaut werden. Hier geht es zum Link (Termin 6).
Warum Geschlechterforschung wichtig für eine demokratische Gesellschaft ist
18. Dezember 2019 ~ msfc-berlin	~ Kommentar hinterlassen
Zum Wissenschaftstag #4GenderStudies hat das Margherita-von-Brentano-Zentrum mehrere Protagonist*innen interviewt, warum Geschlechterforschung wichtig für eine demokratische Gesellschaft sei. Auch wir wurden gefragt.
Gründe für mehr Geschlechterforschung gibt es viele. In der medizinischen Forschung und Lehre gilt der Cis-Mann als Norm. Dies sorgt dafür, dass Themen wie beispielsweise der Schwangerschaftsabbruch so massiv tabuisiert sind, und hat massive gesundheitliche Konsequenzen. Und dies betrifft nicht nur die Bereiche der sexuellen und reproduktiven Gesundheit, für die wir uns primär stark machen, sondern alle medizinischen Fachbereiche. Ohne gendersensible und genderinklusive Forschung und Lehre können wir Menschen diagnostisch und therapeutisch nie ganz gerecht werden.
Diesbezüglich müssen wir aber in Deutschland noch viel aufholen. Bisher gibt es nur einen Lehrstuhl für Gendermedizin in Deutschland und laut einer Umfrage des Deutschen Ärztinnenbundes ist das Thema allgemein im Medizinstudium extrem unterrepräsentiert (siehe Ärzteblatt).
Die Beiträge weiterer Hochschulakteur*innen kann man auf dem Youtube-Kanal der Freien Universität Berlin unter diesem Link finden.
Für alle, die mehr zum Thema gendergerechte und -sensible Medizin und Forschung erfahren wollen, können wir die Podcastfolge „Gendersensible Medizin“ vom Podcast Heile Welt empfehlen.
Dankesrede Margherita-von-Brentano-Preis 2019
19. November 2019 20. November 2019 ~ msfc-berlin	~ Kommentar hinterlassen
Im Folgenden die Dankesrede, die Alicia Baier von Seiten der Medical Students for Choice Berlin bei der Preisverleihung des Margharita-von-Brentano-Preises an der Freien Universität Berlin am 15.11. 2019 hielt.
Liebe Angehörige des MvB-Zentrums und der FU,
liebe Ulle Schauws,
liebe Prof. Kuhlmey,
Als ich vor ziemlich genau vier Jahren den Entschluss fasste, eine erste deutsche Gruppe der Medical Students for Choice in Berlin zu gründen, da hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können, welch großartige Früchte – genauer gesagt: Papayas – diese Gruppe einmal hervorbringen würde. Damals, im Jahr 2015, war das Thema Schwangerschaftsabbruch nicht nur im Berliner Medizinstudium quasi non-existent, sondern im gesamten gesellschaftlichen Diskurs. „Was, eine eigene Gruppe nur zum Schwangerschaftsabbruch?!“, fragten mich die Kommilliton*innen. Aber – ein paar ganz tapfere schlossen sich der Gruppe trotzdem an, und so wuchsen wir immer weiter, gegen alle äußeren Widerstände, die einem bei dem Thema zwangsläufig entgegenschlagen. Und, wir haben es geschafft: Wir haben ein großes Stück zurückgelegt auf dem steinigen Weg hin zu einer geschlechtergerechteren Medizin! Die Verleihung eines derart renommierten Preises ist für uns, aber auch für gleichgesinnte Gruppen deutschlandweit, eine unvorstellbar große Motivation, diesen Weg weiter zu gehen.
Mit dem Preisgeld bieten sich uns ganz neue Möglichkeiten, unsere Anliegen umzusetzen. Vorher hatten wir uns von Spende zu Spende, von Papaya zu Papaya gehangelt, und nun – 15.000 Euro, unglaublich! Ziemlich schnell war uns klar, wofür wir das Geld einsetzen wollen: Nämlich für ein Multiplikator*innen-Wochenende, zu dem wir Medizinstudierende und Ärzt*innen aus ganz Deutschland in Berlin zusammenbringen werden. Wir wollen dort unsere Erfahrungen weitergeben, uns deutschlandweit vernetzen, und neu entstandene Bewegungen stärken.
Viel wichtiger als das Preisgeld ist aber der symbolische Wert, den dieser Preis einer Exzellenzuni wie der Freien Universität in sich trägt. Unsere Arbeit, die auch innerhalb der Charité auf Kritik stieß, erhält damit eine unbezahlbare Legitimation. Der Preis hilft uns dabei, dass unser Anliegen nicht als studentischer Aktionismus abgetan werden kann, sondern ernst genommen wird als das, was es ist: als das berechtigte Streben nach einer wertneutraleren, gesundheitsorientierteren und geschlechtergerechteren medizinischen Ausbildung.
Mir wurde gesagt, ich möge mich kurz fassen, damit der Abend nicht allzu zu lang werde. Das versuche ich und dennoch gibt es natürlich eine Reihe von Institutionen und Personen, bei denen wir uns bedanken möchten. Zuerst möchten wir natürlich Ihnen, den Mitarbeiter*innen des MvBZ und der Freien Universität, von ganzem Herzen für diesen Preis und die damit einhergehende enorme Wertschätzung unserer Arbeit danken – besser als alle anderen wissen wir, dass diese Wertschätzung gerade bei unserem Thema nicht selbstverständlich ist. Unser Dank gilt auch Heike Pantelmann, Rainer Hoffmann und allen anderen, die an der Organisation der heutigen Veranstaltung beteiligt waren. Bedanken möchten wir uns aber natürlich auch bei denjenigen, die uns für den Preis vorgeschlagen haben – ohne sie stünden wir heute nicht hier: Melanie Bittner, Christine Kurmeyer, Sarah Huch und Martin Lücke, danke, dass ihr an uns gedacht habt!
Unser besonderer Dank gilt Prof. Kuhlmey, Lehrdekanin an der Charité, die im Laufe der letzten Jahre eine ganz rührende Kehrtwende vollzogen hat: Anfangs noch recht skeptisch ob unserer fruchtigen Papaya-Plakate, konnten wir sie mit unseren vielen Positionspapieren und Zusendungen schließlich davon überzeugen, dass wir nicht grundlos destruktiv provozieren, sondern begründet konstruktiv kritisieren möchten. Ihrem Einsatz haben wir es zu verdanken, dass unsere Forderungen an der Berliner Charité vollends erfüllt wurden, und dass das Thema Schwangerschaftsabbruch dort nun im medizinischen Curriculum verankert ist!
Kommen wir zuletzt noch zu den eigenen Reihen:
Hier möchten wir uns zuerst bei den Gynäkologinnen bedanken, die unentgeltlich und neben ihren Vollzeitjobs als niedergelassene Ärztinnen unsere an die 15 Papaya-Workshops der letzten Jahre mitbegleitet haben. Gabriele Halder, Christiane Tennhardt, Blanka Kothe, Tina Wilson, Katrin Wolf, Veronika Lang und Jana Maeffert – sie nennen sich auch „Berliner Ärzt*innen pro choice“. Sie beeindrucken die teilnehmenden Medizinstudierenden immer wieder mit ihrem sprühenden Elan und ihrer klaren Haltung, die immer auf der Seite ihrer Patientinnen ist. Vielen Dank auch, dass ihr stetts die schweren Instrumente-Sets zu uns geschleppt habt!
Unser Dank gilt auch den Mitarbeiter*innen des Familienplanungszentrum Balance, die vor den Workshops immer die Instrumente für uns gesäubert und verpackt haben!!!
Ihr seht, es gibt viele Beteiligte, aber die Keimquelle sind natürlich die Studierenden – und deshalb möchte ich zuletzt meiner Gruppe danken, den Medical Students for Choice Berlin – auch denjenigen, die zu früheren Zeitpunkten aktiv waren, bspw. in der harten Anfangszeit, als sich noch niemand für uns interessiert hat, und die den Weg geebnet haben zu unserer heutigen, erfolgreichen und sehr sichtbaren Gruppe. Ich selbst bin mittlerweile Ärztin und muss mich von euch verabschieden, das ist heute ein sehr schöner Anlass dafür. Ich nehme den aktiven und mutigen Geist dieser Gruppe aber mit zu unserem Verein „
Doctors for Choice Germany“, dessen Gründung wir morgen feiern und unter dessen Dach wir uns auf jeden Fall wieder sehen werden. Und daran merkt man auch, dass das studentische Engagement nach dem Studium nicht einfach verfliegt, sondern dass diese Gruppe stetig neue Generationen von reflektierten und kritischen Ärzt*innen hervorbringen wird und dass wir damit der schlechten Ausbildungs- und Versorgungssituation zum Schwangerschaftsabbruch unsere Stirn bieten! Ihr seid wirklich eine ganz tolle und engagierte Gruppe, ihr habt mir immer wieder neue Motivation gegeben und es ist unglaublich, was wir zusammen geschafft haben in den letzten Jahren. Vielen Dank!
Hier gibt es ein paar bildliche Eindrücke (Bildrechte: Christian Demarco)
„Doctors for Choice Germany“
21. Oktober 2019 19. Oktober 2019 ~ msfc-berlin	~ Kommentar hinterlassen
Große Neuigkeiten im Kampf für mehr sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung! Im November feiert Doctors for Choice Germany e.V. seine Gründung.
Hervorgegangen ist der Verein durch eine Initiative von einzelnen (ehemaligen) Mitglieder der Medical Students for Choice Berlin, vereint jedoch unter deren Dach aber auch viele erfahrene Gynäkolog*innen und Allgemeinärzt*innen uvm., die sich schon jahrelang auf unterschiedliche Weise für die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen und Menschen mit Uterus engagieren.
Auf den sozialen Medien stellen sich Doctors for Choice Germany vor und verkünden ihre Gründungsfeier am 16.11.2019 in Berlin:
„Wir sind Doctors for Choice Germany e.V. – ein deutschlandweites Netzwerk von Ärzt*innen und Medizinstudierenden, die gemeinsam für einen selbstbestimmten Umgang mit Sexualität, Fortpflanzung und Familienplanung kämpfen. Dabei geht es uns aktuell insbesondere darum, den Zugang zum Schwangerschaftsabbruch in Deutschland zu verbessern. Wir arbeiten gesundheitsorientiert, evidenzbasiert und feministisch; letzteres bedeutet für uns, jegliche Benachteiligung aufgrund von Geschlecht und Sexualität abzulehnen.
Am 16.11.2019 feiern wir offiziell die Gründung des Vereins und laden dazu nach Berlin ein. Bei der Gründungsfeier wollen wir uns vorstellen, vernetzen und besprechen, wie es nun mit dem jungen Verein weitergehen kann. Da die Raumgröße begrenzt ist, bitten wir um eine verbindliche Anmeldung an info@doctorsforchoice.de mit kurzer Vorstellung.
Die Teilnahme an der Gründungsfeier ist natürlich keine Voraussetzung, um Mitglied zu werden. Bei der Gründungsfeier wird auch unsere Webseite www.doctorsforchoice.de online gehen, wo alle notwendige Informationen zu unserer Arbeit, Mitgliedschaft etc. zu finden sein werden. Ansonsten halten wir euch auf den sozialen Medien ebenfalls auf dem Laufenden.
Wir freuen uns auf die zukünftige Zusammenarbeit und heißen den Verein herzlich willkommen!
Wenn ihr über die Vereinstätigkeit auf dem Laufenden bleiben wollt, folgt dem Verein auf den sozialen Medien:
https://twitter.com/Docs4Choice
https://www.facebook.com/Docs4Choice/
https://www.instagram.com/doctorsforchoicegermany/
Hervorgehoben ~ msfc-berlin	~ 1 Kommentar
23. September 2019 ~ msfc-berlin	~ Kommentar hinterlassen
Nächsten Samstag (28.09) ist ‚International Safe Abortion Day‘. Bundesweit sind deshalb diese Woche Aktionen geplant. Unter den Forderungen ist die Abschaffung von §219 StGB, dem umstrittenen „Werbeparagraphen“. Dies ist wichtig, denn:
§219a StGB ist kein Werbeverbot, sondern Informationsverbot. Wiederholt werden Ärzt*innen verurteilt, weil sie auf ihrer Webseite darüber informieren, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Nach langen Protesten und viel Kritik hat die Bundesregierung deshalb Anfang des Jahres einen zu §219a beschlossen und verspricht nun Rechtssicherheit.
Die Realität ist anders. Nichts hat sich verändert. Medizinischem Fachpersonal wird weiterhin vorenthalten, Aufklärung zu betreiben. Erst vor 2 Monaten wurde die Berliner Gynäkologin Dr. Bettina Gaber verurteilt, weil sie gegen den §219a verstoße. Der entscheidende Satz auf der Webseite war: „Auch ein medikamentöser, narkosefreier Schwangerschaftsabbruch gehört zu den Leistungen von Frau Dr. Gaber.“
Aber inwiefern ist eine solche Information Werbung? Können wir endlich aufhören, Informationen und ärztliche Aufklärung mit Werbung gleichzusetzen?
§219a StGB ist kein Werbeverbot, sondern Informationsverbot. Ohyouwomen.org hat eine Aktion gestartet, um dies zu verdeutlichen: „wenn Information „Werbung“ wäre, würde sie so aussehen.“
Wollt ihr uns für dumm verkaufen?!
13. September 2019 23. September 2019 ~ msfc-berlin	~ Kommentar hinterlassen
Seit Jahren wird Fachpersonal die Möglichkeit genommen, über die medizinischen Aspekte des Schwangerschaftsabbruchs grundlegend informieren zu können. Immer wieder werden Ärzt*innen angezeigt und verurteilt mit dem Hinweis „Werbung für Schwangerschaftsabbrüche“ zu betreiben. Dabei ist Werbung machen oder werben das Letzte was sie tun. Sie wollen auf ihrer Webseite über die Leistungen, die sie anbieten, informieren. Und sie wollen Betroffene bereits im Vorhinein darüber aufklären – wie bei anderen Eingriffen – was sie zu erwarten haben: wie der Vorgang ist, welche Methoden, Nebenwirkungen und Risiken es ggf. gibt. Aber dies will unsere Bundesregierung unterbinden. Mit §219a werden solche Informationen unterbunden.
Nun fahren in Gießen Busse mit diesen Werbeplakaten herum. [1] Sie stammen von der christlich-fundamentalistischen Beratungsstelle ‚ProFemina‘, die noch nicht mal Beratungsscheine ausstellen darf und weder ergebnisoffen, noch neutral berät. [2] Offensichtlichere Werbung kann es doch nicht geben! Aber das ist trotzdem erlaubt.
wie kann es sein, dass Aufklärung zum Schwangerschaftsabbruch seitens Ärzt*innen als ‚Werbung‘ klassifiziert wird und verboten ist, aber wenn christlich fundamentalistische „Beratungsstellen“ mit ihrer überlebensgroßen Werbung die Bevölkerung bewusst für dumm verkaufen wollen, sich niemand in der Union und der Bundesregierung darüber aufregt?
Leonie von MSFC Berlin
[1] https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/gesellschaft/2019/09/11/evangelische-allianz-wirbt-mit-bussen-fuer-schwangerschaftsberatung/
[2] https://www.buzzfeed.com/de/julianeloeffler/schwanger-profemina-beratung-abtreibung-218
2. September 2019 23. September 2019 ~ msfc-berlin	~ Kommentar hinterlassen
In Deutschland ist das Recht auf (sexuelle, körperliche) Selbstbestimmung immer noch stark eingeschränkt. Mit der Regelung des Schwangerschaftsabbruches im Strafgesetzbuch ist eine selbstbestimmte Familienplanung bis dato nicht möglich. Ungewollt Schwangere müssen einen enormen Hürdenlauf absolvieren, um einen Schwangerschaftsabbruch bekommen zu können und haben mit viel stigmatisierenden Vorurteilen zu kämpfen. Beratungsstellen und Praxen werden von Mahnwachen belagert, Betroffene bedrängt. Viele Medizinstudierende sowie Assistenzärzt*innen lernen im Laufe ihrer Ausbildung wenig bis nichts zum Thema Abtreibung – auch in diesen Kreisen ist das Thema stark tabuisiert. Die Versorgungslage ist prekär: Immer weniger Ärzt*innen führen Schwangerschaftsabbrüche durch. Die, die es tun, dürfen auf ihren Webseiten nicht – wie bei anderen Eingriffen und Leistungen – aufklären und informieren. Stattdessen drohen ihnen durch §219a Geldstrafen. Andere Webseiten, die von sog. ‚Lebensschützer*innen‘ betrieben werden und bewusst Falschinformationen verbreiten und Ärzt*innen, die Abbrüche anbieten, anprangern, dürfen jedoch weiter existieren.
Wir haben das Jahr 2019 und das sind die Umstände, in denen wir in Deutschland leben. Die Bundesregierung glaubt, sie hätte genug mit ihrem Kompromiss getan. Die Wahrheit ist: es gibt keine Rechtssicherheit – immer noch nicht. Es hat sich nichts geändert. Deshalb fordern wir weiterhin: Weg mit §§218/219 aus dem Strafgesetzbuch!
Im September kommen nun zwei wichtige Termine auf uns zu, an denen wir genau diese Forderungen auf die Straße bringen:
21.09.2019: Aktionstag für sexuelle Selbstbestimmung – in Berlin werden wir uns den christlichen Fundamentalist*innen entgegen stellen, die zum „Marsch für das Leben“ zusammenkommen und ein komplettes Abtreibungsverbot fordern. Alle Informationen gibt es hier beim Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung oder bei Facebook.
28.09.2019: International Safe Abortion Day – Bundesweit sind Aktionen zum Internationalen Tag zur Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen geplant. Gießen, Aachen, Hamburg, Münster, und und und… es sind schon so viele Städte dabei! Informiert euch, wo und was in eurer Stadt geplant ist! Und/ Oder werdet selbst aktiv! Alle Informationen gibt es hier beim Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung oder bei der bundesweiten Facebook-Veranstaltung.
Wir hoffen, an beiden Tagen zahlreiche Menschen zu sehen! Lasst uns gemeinsam ein Zeichen setzen! Für die Selbstbestimmung aller Menschen! Für eine enttabuisierte und autonome Familienplanung!
#wegmit218 #wegmit219a
„Auch ein medikamentöser, narkosefreier Schwangerschaftsabbruch gehört zu den Leistungen von Frau Dr. Gaber.“
17. Juni 2019 ~ msfc-berlin	~ Kommentar hinterlassen
Am 14.06.2019 wurden die beiden Gynäkologinnen Verena Weyer und Bettina Gaber zu 4000€ Geldstrafe verurteilt. Dafür, dass sie auf ihrer Website darüber informieren, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Das sind die Konsequenzen und die große ‚Rechtssicherheit‘, die der von der GroKo beschlossene ‚Kompromiss‘ mit sich führt: Ärzt*innen dürfen weiterhin nicht ihre Arbeit vollziehen und aufklären.
Folgend kann unser Redebeitrag bei der Kundgebung am Freitag zum Prozess nachgelesen werden:
Im Studium der Humanmedizin sollen Studierende dazu ausgebildet werden, welche rechtlichen, ethischen und medizinischen Aspekte in Bezug auf das Thema Schwangerschaftsabbruch wichtig sind. Das wird so in den Gegenstandskatalogen unserer Abschlussprüfungen gefordert.
Wir als AG haben es uns zum Ziel gemacht, dafür zur sorgen, dass diese Inhalte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern an unserer Uni auch gelehrt werden.
Einen ersten Teilerfolg konnten wir bereits erzielen: Seit diesem Semester gibt es an der Charité zwei Veranstaltungen, die sich ausschließlich dem Thema Schwangerschaftsabbruch widmen. Zu unserer großen Enttäuschung werden hier jedoch ausschließlich gesellschaftspolitische, ethische und psychologische Implikationen diskutiert.
Die ebenso wichtigen ​medizinischen Aspekte zu Methoden des Abbruchs und was es zu beachten gilt, werden weiterhin nicht behandelt.
Nun kann man sich natürlich – unabhängig von Prüfungsinhalten – fragen, warum man dieses Thema im Medizinstudium behandeln muss. Darauf haben wir folgende Antwort.
Sex gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen und hat wesentlichen Einfluss auf das menschliche Wohlbefinden und damit seine Gesundheit. Das Thema gehört damit dringend in das humanmedizinische Curriculum. Und hiermit meine ich nicht, sich thematisch auf die Anatomie von Reproduktionsorganen und sexuell übertragbare Krankheiten zu beschränken und in der Folge nur noch Schwangerschaft und Geburt zu behandeln. Hierzu gehören unter anderen auch die Themen Lust und ihre Anatomie, Verhütung über die Pille hinaus und leider auch das Thema ungeplante bzw. ungewollte Schwangerschaften. All das sind Aspekte, die zum Alltag von Menschen und damit zu ihrer Lebensrealität dazu gehören. Sie sind zu wichtig und zu eng verwoben mit menschlicher Gesundheit, als dass sie von Politik und Medizin weiter ignoriert werden dürfen.
Berlin hatte in dieser Beziehung schon einmal Vorbildfunktion – nicht ohne Grund wurde Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft ausgerechnet hier gegründet. Auf diese Tradition beruft sich auch des sexualmedizinische Institut der Charité. Warum also besinnt sich Europas größtes Uniklinikum dann nicht auch auf seine Vorbildfunktion in dieser Beziehung?
Es ist höchste Zeit die medizinische und politische Ignoranz beim Thema Sex zu überkommen und das deutsche Rechts- und damit auch das deutsche Gesundheitssystem in Bezug auf Frauengesundheit und Sexualmedizin endlich ins 21. Jahrhundert zu befördern.
Es ist Zeit mit veralteten Tabus zu brechen und sich gegen rückwärtsgewandte Rechtsprechung zur wehr zu setzen. Deswegen solidarisieren wir uns mit allen nach § 219a angezeigten Ärzt*innen, die genau das tun.
Wir fordern, dass sie nicht nur öffentlich darüber informieren dürfen, dass sie Abbrüche durchführen, sondern auch darüber welche Methoden sie anbieten! Wir fordern, dass Betroffene, Berater*innen und Ärzt*innen vor radikalen Abtreibungsgegner*innen geschützt werden!
Wir fordern ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch und eine gesetzlich garantierte, flächendeckende Versorgung ungewollt Schwangerer! Damit einhergehend fordern wir bessere Lehre und mehr Forschung an den Universitäten nicht nur zum Thema Schwangerschaftsabbruch, sondern auch zum Thema Sex und allen anderen damit verbundenen Facetten.
Deshalb fordern wir die Streichung der Paragraphen, die dem im Weg stehen: Weg mit 219a! Weg mit 218!

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