Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/feststellung-eines-vollrauschs-379844
Timestamp: 2020-08-08 21:11:16+00:00

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Feststellung eines Vollrauschs | Rechtslupe
Ein Rausch i.S.d. § 323a StGB ver­langt den siche­ren Nach­weis, dass sich der Täter in einen Zustand ver­setzt hat, der ihn so beein­träch­tigt, dass min­des­tens der Bereich ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit erreicht ist.
Es gibt kei­nen gesi­cher­ten medi­zi­nisch-sta­tis­ti­schen Erfah­rungs­satz, der dazu berech­tigt, allein wegen einer bestimm­ten Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on auf eine erheb­li­che Ver­min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit zu schlie­ßen. Liegt der Wert der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on über 2 g Pro­mil­le besteht zwar Anlass, die Fra­ge der ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit zu erör­tern und ent­spre­chen­de Fest­stel­lun­gen zu tref­fen, jedoch bedeu­tet dies für sich allein noch nicht, dass eine ver­min­der­te Schuld­fä­hig­keit tat­säch­lich sicher anzu­neh­men wäre.
Die sog. Maxi­mal­rech­nungs­me­tho­de (maxi­ma­ler Abbau­wert von 0, 2 g Pro­mil­le je Stun­de sowie ein­ma­li­ger Sicher­heits­zu­schlag von 0, 2 g Pro­mil­le) führt zu beson­ders hohen Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­tio­nen und darf des­halb nicht zur Anwen­dung kom­men, wenn sich die Höhe der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on – wie hier bei der Fest­stel­lung des Tat­be­stands – zum Nach­teil des Täters aus­wirkt.
Ist das Ver­hält­nis von Voll­rausch und Rausch­tat ein Stu­fen­ver­hält­nis, das die Anwen­dung des Grund­sat­zes „in dubio pro reo“ recht­fer­tigt, dür­fen einem Ange­klag­ten kei­ne Nach­tei­le aus sei­ner Anwen­dung erwach­sen.
Ein Rausch i.S.d. § 323 a StGB ver­langt nach der Recht­spre­chung den siche­ren Nach­weis, dass sich der Täter in einen Zustand ver­setzt, der ihn so beein­träch­tigt, dass zumin­dest der Bereich ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit erreicht ist [1]. Im vor­lie­gen­den Fall geht das Land­ge­richt war davon aus, dass der Bereich ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit erreicht sei, schließt dies aller­dings aus dem mit Hil­fe der Rück­rech­nungs­me­tho­de errech­ne­ten BAK-Wert von 2, 95 g Pro­mil­le. Das ist schon des­halb unrich­tig, weil es kei­nen gesi­cher­ten medi­zi­nisch-sta­tis­ti­schen Erfah­rungs­satz gibt, der dazu berech­tigt, allein wegen einer bestimm­ten Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on auf eine erheb­li­che Ver­min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit zu schlie­ßen [2]. Bei einer Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von mehr als 2 g Pro­mil­le besteht ledig­lich Anlass, die Fra­ge der ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit zu erör­tern und ent­spre­chen­de Fest­stel­lun­gen zu tref­fen [3]. Das bedeu­tet aber nicht, dass ver­min­der­te Schuld­fä­hig­keit bei einer sol­chen Kon­zen­tra­ti­on sicher anzu­neh­men wäre. Außer­dem führt die Rück­rech­nungs­me­tho­de zu beson­ders hohen Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­tio­nen, weil sie von einem maxi­ma­len Abbau­wert von 0, 2 g Pro­mil­le aus­geht und noch einen Sicher­heits­zu­schlag von wei­te­ren 0, 2 g Pro­mil­le hin­zu­ad­diert [4]. Sie darf des­halb nicht zur Anwen­dung kom­men, wenn sich eine beson­ders hohe Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on – wie hier – zum Nach­teil des Täters aus­wirkt, weil sie die Vor­aus­set­zung für die Annah­me eines Tat­be­stands­merk­mals, näm­lich des (hin­rei­chend schwe­ren) Rauschs ist. Geht man, wie dies gebo­ten ist, inso­weit zuguns­ten des Ange­klag­ten von dem Min­dest­wert von 2, 15 g Pro­mil­le, den die Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen ermit­telt hat, aus, ver­stär­ken sich die Beden­ken, allein wegen die­ses Wer­tes auf ver­min­der­te Schuld­fä­hig­keit zu schlie­ßen. Etwas ande­res folgt auch nicht aus dem zusätz­lich fest­ge­stell­ten Can­na­bis­kon­sum. Ohne die Hil­fe eines Sach­ver­stän­di­gen kann das Ober­lan­des­ge­richt nicht beur­tei­len, ob die im Urteil ange­ge­be­nen Wer­te – even­tu­ell in Kom­bi­na­ti­on mit dem Alko­hol – einen erheb­li­chen Ein­fluss auf die Schuld­fä­hig­keit hat­ten.
Vor­sätz­lich han­delt nur, wer es zumin­dest für mög­lich hält und bil­li­gend in Kauf nimmt, dass er sich durch den Kon­sum des Rausch­mit­tels in einen beson­ders schwe­ren, die Ein­sichts- oder Steue­rungs­fä­hig­keit erheb­lich ver­min­dern­den Rausch ver­setzt [5]. Das Gericht hat die Annah­me eines Rau­sches dem­ge­gen­über unzu­tref­fend mit einer frü­her geahn­de­ten Tat und der Teil­nah­me an der Stu­den­ten­fei­er belegt. Wenn jemand auf einer Fei­er Alko­hol trinkt, bedeu­tet das nicht, dass er mit einer Beein­träch­ti­gung sei­ner Ein­sichts- oder Steue­rungs­fä­hig­keit in dem genann­ten Schwe­re­grad rech­net. Das­sel­be gilt für den Straf­be­fehl des Amts­ge­richts Par­chim. Die­ser mag dem Ange­klag­ten die nega­ti­ven Fol­gen des Alko­hol­kon­sums und des­sen Aus­wir­kun­gen auf die Fahr­tüch­tig­keit ver­deut­licht haben. Der Ange­klag­te hat im vor­lie­gen­den Fall bei die­ser Tat jedoch kei­ne Erfah­run­gen hin­sicht­lich eines für § 323 a StGB aus­rei­chend schwe­ren Rau­sches gemacht, weil die Blut­pro­be „nur“ eine Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von 1, 59 g Pro­mil­le auf­wies.
Dem Land­ge­richt sind dar­über hin­aus wei­te­re Rechts­feh­ler bei der Straf­zu­mes­sung unter­lau­fen:
So ist die Kam­mer zwar gemäß § 323 a Abs. 2 StGB vom Straf­rah­men des § 315 c Abs. 3 StGB (Frei­heits­stra­fe bis zu 2 Jah­ren) aus­ge­gan­gen, sie hat aber nicht die gebo­te­nen Fest­stel­lun­gen zu einer etwai­gen Straf­mil­de­rung nach §§ 49 Abs.1, 21 StGB getrof­fen. Sol­che Fest­stel­lun­gen wären erfor­der­lich gewe­sen, weil die Kam­mer Schuld­un­fä­hig­keit nicht aus­schlie­ßen konn­te und ledig­lich von ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit aus­ge­gan­gen ist. Ist das Ver­hält­nis von Voll­rausch und Rausch­tat ein Stu­fen­ver­hält­nis, das die Anwen­dung des Grund­sat­zes „in dubio pro reo“ recht­fer­tigt, dür­fen einem Ange­klag­ten kei­ne Nach­tei­le aus sei­ner Anwen­dung erwach­sen. Die Kam­mer hät­te des­halb die Mil­de­rung des Straf­rah­mens erwä­gen müs­sen [6].
Sodann durf­te das Land­ge­richt die Höhe der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von 2, 15 g Pro­mil­le, die aus Sicht der Kam­mer ein beson­de­res Maß an Pflicht­wid­rig­keit offen­ba­re, nicht straf­schär­fend berück­sich­ti­gen. Das Land­ge­richt hat damit in unzu­läs­si­ger Wei­se den Grund der Straf­bar­keit, näm­lich den Rausch, straf­schär­fend gewer­tet haben [7].
Ein wei­te­rer Feh­ler ist der Kam­mer unter­lau­fen, als sie den hohen Scha­den des PKW (ca. 9.000, – €) zu Las­ten des Ange­klag­ten gewer­tet hat. Die­sen Scha­den durf­te die Kam­mer zwar als beson­de­re Fol­ge der Tat berück­sich­ti­gen, obgleich sich die Straf­zu­mes­sung grund­sätz­lich an den tat­be­zo­ge­nen Umstän­den der Rausch­tat zu ori­en­tie­ren hat [8] und die Gefähr­dung des Täter­fahr­zeugs bei § 315 c StGB nicht vom Schutz­be­reich erfasst wird [9]. Das Land­ge­richt hät­te den Scha­den jedoch nicht – wie gesche­hen – auf der Grund­la­ge einer blo­ßen „Ein­schät­zung des Zeu­gen Bode“ ermit­teln dür­fen, weil nicht erkenn­bar ist, wes­halb der Zeu­ge (Poli­zei­be­am­ter) über die erfor­der­li­che Sach­kun­de ver­fügt.
Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 4. Juli 2014 – 1 Ss 36/​14
BGH, Urteil vom 22.03.1979, 4 StR 47/​79 6 f.; OLG Köln, Beschluss vom 23.01.2001, Ss 494/​00 5; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 21.09.2004, 1 Ss 102/​04 8; Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt, Urteil vom 28.07.2006, 1 Ss 158/​06 12 f.; Stern­berg-Lie­ben/He­cker in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 323 a Rn. 7 m. w. N.; offen gelas­sen: BGH, Beschluss vom 18.08.1983 = BGHSt 32, 48, 54[↩]
BGH NJW 1997, 2460[↩]
BGH, NStZ-RR 2008, 105, 106; BGH, Beschluss vom 25.07.1990, 2 StR 246/​90 11 = StV 1991, 18; OLG Hamm, Beschluss vom 03.04.2006, 3 Ss 71/​06 7; Fischer, StGB, 61. Aufl., § 20 Rn. 21 f. m. w. N.[↩]
vgl. Fischer, StGB, 61. Aufl., § 20 Rn. 13[↩]
BGH, Beschluss vom 28.06.2000, 3 StR 156/​00 8; OLG Köln, Beschluss vom 05.02.2010, III 1 RVs 25/​10 24; Stern­berg-Lie­ben/He­cker in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 323 a Rn. 9 m.w.N.[↩]
vgl. hier­zu: BGH, Beschluss vom 17.10.1991, 4 StR 465/​91 7; BGH, NStZ-RR 1996, 290; BGH, Urteil vom 28.06.2000, 3 StR 156/​00 14; Münch­ner Kommentar/​Geisler, § 323 a StGB, Rn. 80[↩]
vgl. hier­zu: BGHR § 46 Abs. 3 StGB Voll­rausch 1[↩]
Fischer, StGB, 61. Aufl., § 323 a Rn. 22[↩]
BGHSt 27, 40; BGH, Beschluss vom 19.01.1999, 4 StR 663/​98 9; Fischer, StGB, 61. Aufl., § 315 c Rn. 15 c[↩]
3 Pro­mil­le Es gibt kei­nen gesi­cher­ten Rechts- oder Erfah­rungs­satz, wonach ab einer bestimm­ten Höhe der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on ohne Rück­sicht auf psy­cho­dia­gnos­ti­sche Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en regel­mä­ßig vom Vor­lie­gen einer krank­haf­ten see­li­schen…
Die vor­zei­ti­ge Wie­derer­tei­lung einer Fahr­erlaub­nis Nach § 69a Abs. 7 StGB kann das Amts­ge­richt die Sperr­frist vor­zei­tig auf­he­ben, wenn sich Grund zu der Annah­me ergibt, dass der Ver­ur­teil­te nicht mehr…
in dubio pro reoVollrauschWahlfeststellung

References: § 323
in dubio
 § 323
 § 323
 § 323
 § 315
in dubio
 § 315
 § 323

BGH 
 § 20
 § 20
 § 323
 § 323
 § 46
 § 323
 § 315
 § 69
in dubio