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Timestamp: 2017-08-17 13:48:10+00:00

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Alexius Meinong, Über Annahmen [2/4]
E. Mally Über Gegenstände Philosophie des Als-Ob Werttheorie
Über Annahmen
§ 1. Ein Tatsachengebiet zwischen Vorstellen und Urteilen
§ 2. Das Negative gegenüber dem "bloß Vorgestellten".
§ 3. Zum Begriff des Zeichens
§ 4. Ausdruck und Bedeutung beim Wort.
§ 5. Der Satz als Urteilsausdruck
§ 6. Unabhängige und abhängige Sätze
§ 7. Das Verstehen bei Wort und Satz
§ 8. Die nächstliegenden Annahmefälle
§ 9. Explizite Annahmen
§ 10. Annahmen in Spiel und Kunst
§ 11. Die Lüge
§ 12. Annahmen bei Fragen und sonstigen Begehrungen
§ 13. Aufsuggerierte Annahmen
"Wir können das Ergebnis der vorstehenden Untersuchungen zu der Behauptung zusammenfassen, daß der Gegensatz von Ja und Nein am Vorstellungsakt gar keine, im Vorstellungsgegenstand und daher auch Vorstellungsinhalte höchstens eine auf einen ganz künstlichen und nur ganz ausnahmsweis beschrittenen Umweg beschränkte Anwendung gestattet. "
Daß man im eben vorgeführten Beispiel einer "Annahme" kein Urteil vor sich hat, darüber ist sich, wie berührt, wohl jedermann ohne weiteres klar. Nicht dasselbe dürfte von der zweiten oben aufgestellten Behauptung gelten, daß hier auch der Fall des bloßen Vorstellens ausgeschlossen sei. Vielmehr wird es, wenn ich nach mir selbst urteilen darf, kaum irgendjemanden geben, der einigermaßen gewöhnt ist, seine inneren Erlebnisse unter psychologischen Gesichtspunkten zu betrachten und der nicht schon den verschiedensten solcher Annahmen gegenüber ohne sonderliche Überlegung zu der Meinung gelangt wäre, daß es sich da um nichts weiter als eben um Vorstellungen handelt. Ich stelle mir eben vor, die Buren hätten nicht bloß Worte zu hören, sondern auch Taten zu sehen bekommen, ganz ebenso, wie ich mir vorstellen kann, ich wäre um zwanzig Jahre jünger oder die Psychologie hätte von ihren außerphilosophischen Nachbarwissenschaften ein förderndes Entgegenkommen zu erwarten oder wer weiß was Unglaubliches sonst. Nun meine ich jetzt freilich, wie bereits bemerkt wurde, durch direkte Wahrnehmung zur Erkenntnis zu gelangen, daß hier mehr vorliegt als bloßes Vorstellen; ich würde erforderlichen Falles auch keinen Anstand nehmen, die hier eingenommene Position auf das Zeugnis direkter Empirie allein zu stützen. Aber es ist mir eine erwünschte Sicherung, zugleich für denjenigen, der den Annahmen zum ersten Mal seine Aufmerksamkeit zuwendet, ein besonders nachdrücklicher Hinweis auf die Eigenart der hier gegebenen Sachlage, daß es einen Gesichtspunkt gibt, unter dem sich die Unzulänglichkeit "bloßen Vorstellens" für dieselbe mit voller Stringenz erweisen läßt.
Dieser Gesichtspunkt kommt zur Geltung, wenn Annahmen negativ sind. Unser Ausgangsbeispiel, das ja näher besehen nicht nur eine Annahme ausmacht, enthält eine Jllustration hierfür und im Allgemeinen ist es natürlich ebenso leicht, negative als affirmative Annahmen zu bilden. Denn die Negation ist niemals Sache des Vorstellens, obwohl sie natürlich niemals ohne Vorstellung auftreten kann: wo immer sich daher ein Negation vorfindet, dort ist der Bereich des Vorstellens ganz gewiß überschritten. Auch das wird vielleicht manchem schon auf den ersten Blick einleuchten. Bei der Wichtigkeit der Sache scheint mir hier aber doch eine nähere Erwägung am Platz zu sein, auch auf die Gefahr hin, damit etwas Überflüssiges zu tun und ungeachtet des Umstandes, daß damit in eine Art Voruntersuchung eingetreten wird, die uns vorübergehend vom eigentliche Gegenstand dieser Darlegungen abzieht.
Es scheint nämlich die eben als nahezu selbstverständlich angesprochene Behauptung, daß die Negation außerhalb des Vorstellens steht, eine ebenso umfassende als bekannte Gruppe von Vorstellungstatsachen gegen sich zu haben. Man redet doch ganz ungezwungen von negativen Vorstellungen oder noch lieber "negativen Begriffen" und die Logik hat von Alters her viel Sorgfalt auf deren Bearbeitung gewendet. Kann ich aber "Nicht-Rot", "Unausgedehnt", "Unendlich" kurzweg vorstellen, dann ist natürlich auch gar nicht einzusehen, warum die Annahme, daß es etwa nicht regnet oder daß es Menschen ohne Fehler gibt, nicht ebenfalls durch bloßes Vorstellen zustande gebracht werden könnte. Was haben wir also von solchen "negativen Vorstellungen" zu halten?
Es kommt wohl vor allem darauf an, was eigentlich an einer solchen negativen Vorstellung negativ ist. Man hat zunächst die Wahl, ob man dieses Negative an Akt, Inhalt oder Gegenstand (1) suchen will, - einfacher also, sofern die Natur des Inhaltes sich doch zunächst im Gegenstand verrät, ob im Akt oder im Gegenstand und da ist die Entscheidung zunächst in bezug auf den ersten Fragepunkt wohl eine außerordentlich leichte. Daß ich einen und denselben Gegenstand, z. B. das Modell des Farbenokateders im Grazer psychologischen Laboratorium, in zwei entgegengesetzen Weisen sollte vorstellen können, einmal affirmativ und ein andermal negativ, das ist doch handgreiflich sinnlos, - immer natürlich vorausgesetzt, daß dabei über das Vorstellen nicht zu einer anderen Betätigungsweise hinausgegangen wird. Man ist sonach bezüglich unserer Fragestellung ausschließlich auf das Gegenständlich am Vorstellen angewiesen.
Gibt es also negative Gegenstände? Der Instinkt, der dazu drängt, auch diese Eventualität a limine [von Anfang an - wp] abzulehnen, gerät ins Wanken gegenüber den vielen negativen Ausdrücken wie Nichts, Unsterblich, Unendlich, A ohne B, Nicht-A und dgl., nicht minder durch Begriffe, denen ein negatives Moment konstitutiv scheint, ohne daß es gerade im Ausdruck hervortritt, wie Grenze, Loch u. a., nicht zum Geringsten auch durch die vielen Fälle, wo Unsicherheit darüber begegnet, ob ein vorliegender Gedanke positiver oder negativer Natur ist, wie solches z. B. gegenüber den Begriffen Notwendigkeit, Möglichkeit, Allheit und sonst oft genug der Fall ist. Von den mit der Negation doch so ersichtlich lose verknüpften "negativen Größen" kann in diesem Zusammenhang freilich abgesehen werden. Dagegen möchte mit Recht die Leichtigkeit zu denken geben, mit der in den verschiedensten intellektuellen Operationen an Stelle eines A ein Non-A treten und so auch schon äußerlich etwas wie eine gegenständliche Parität oder Nebenordnung des Negativen neben dem Positiven zur Geltung kommen kann.
Weiter scheint nun aber auch im Hinblick auf den natürlichen Sinn des Ausdruckes Non-A (2) der Gedankenbestand nicht eben fern zu liegen, nach dessen Analogie die Beschaffenheit solcher negativer Gegenstände vorzustellen wäre. Denke ich an Nicht-Rot, so ist das freilich etwas anderes als wenn ich an Rot denke: aber fast ebenso selbstverständlich ist es, daß ich an Nicht-Roth so wenig denken kann, ohne an Roth zu denken, als ich etwa imstande wäre, den Gedanken "ähnlich einer Glocke" zu bilden ohne den Gedanken an die Glocke. Mit Bezugnahme auf meine einschlägigen Ausfürhungen an einem anderen Ort (3) kann ich hier sogleich kurz sagen: gibt es negative Gegenstände, so sind sie jedenfalls auf positive als auf ihre Inferiora [Fundierungsgegenstand - wp] gebaut, sie sind selbst Gegenstände höherer Ordnung.
Aber die Analogie des Beispiels von der Ähnlichkeit scheint noch weiter zu führen. Ich habe an der eben erwähnten Stelle (4) vom Hervorgehen der Vorstellungen von Gegenständen höherer Ordnung aus solchen von Gegenständen niederer Ordnung zu handeln gehabt. Zwar den Terminus "Fundierung" auf dieses Hervorgehen und damit zugleich auf die Vorstellungen anzuwenden, wobei er der Relation zwischen den Gegenständen vorbehalten bleiben sollte, erkenne ich, nachdem ein junger Fachgenosse (5) mich darauf aufmerksam gemacht hat, nun auch meinerseits als Inkorrektheit: aber der Fehler, der im Grunde nur eine Nachwirkung aus der Zeit darstellt, da ich, Inhalt und Gegenstand noch nicht gehörig auseinanderhaltend, von "fundierten Inhalten" redete (6), wo ich "fundierte Gegenstände" hätte sagen sollen, betrifft doch eben nur den Ausdruck, nicht den Gedanken und ist daher auch relativ leicht zu verbessern. Man könnte etwa sagen: wird das Superius [Gegenstand höherer Ordnung / Fundierungsgegenstand - wp] durch seine Inferiora fundiert, so wird die Superiusvorstellung unter günstigen Umständen mit Hilfe der Inferioravorstellungen produziert, was dann für eine Einteilung der Vorstellungen noch den Vorteil mit sich führt, daß den "reproduzierten Vorstellungen", die man so oft den Wahrnehmungsvorstellungen" gegenüberstellt, in den "produzierten Vorstellungen" nun ein auch schon äußerlich sich als Gegensatz ankündigender Gegenfall an die Seite tritt.
Besteht somit auch bei möglichst strenger Terminologie der Gegensatz zwischen "Erfahrungs- und Fundierungsgegenständen" nach wie vor zu Recht, so gestattet die oben durch das Glockenspiel illustrierte Parallele zur Ähnlichkeit an diesen Gegensatz anzuknüpfen mit der Frage, ob wir in den allfälligen negativen Gegenständen Superiora von der Art der Erfahrungs- oder solche von der Art der Fundierungsgegenstände vor uns zu haben erwarten dürfen. Näher findet man sich durch diese Disjuntion [Unterscheidung - wp], da solche Negative doch sicher nicht in den Bereich des Wahrnehmbaren gehören könnten, ohne weiteres auf die Fundierungsgegenstände hingewiesen und stünde sonach, ganz wie bei der theoretischen Bearbeitung des Ähnlichkeits- oder Verschiedenheitsgedankens, vor der Aufgabe, für die präsumtiven [mutmaßlichen - wp] negativen Gegenstände Fundamente und produzierende Tätigkeit namhaft zu machen. Dabei kann es der Formel Non-A gegenüber auf den ersten Blick vielleicht nicht leicht scheinen, auf eine Mehrheit von Fundamenten zu gelangen; aber eine Formel wie "A ähnliche" ist auch hierin um nichts ungünstiger gestellt und so wenig ich den Ähnlichkeitsgedanken nur mit Hilfe des A allein konzipieren könnte, so wenig brauchte ich imstande zu sein, den Gedanken des Negativums bloß mit Hilfe dessen zu bilden, was negiert wird. Im Gedanken des Non-A steckt ja nicht nur das A, sondern auch, ja im Grunde zunächst, eben das, was A nicht ist. Der Sachverhalt würde sich also näher so darstellen: der Gedanke an das Negativum erwächst von Haus aus nicht aus A allein, sondern es ist auch noch ein M gegeben, von dem behauptet werden kann oder doch wird, es sei nicht A, ganz ebenso, wie die Ähnlichkeit zunächst zwischen A und noch einem zweiten Gegenstand, etwa N, statuiert werden muß. Und wie dann an die durch Vergleichung gebildete eigenartige Komplexion AN die Abstraktion angreift und so aus dem Gedanken "A ähnlich N" den Gedanken "Ähnlihckeit mit A" oder "ähnlich A" bildet, ebenso kommt aus der wieder andersartigen Komplexion AM, bzw. dem Gedanken "M ist nicht A" das Abstraktum "etwas, das nicht A ist" oder kurzweg Non-A zustande. Mit der ursprünglichen Zweiheit der Fundamente ist dann zugleich auch die produzierende Tätigkeit ins Reine gebracht: was dort die Vergleichung, leistet hier das Urteil, näher natürlich das negative Urteil. Man kann dann sagen: das Negativum, genauer der negative Gegenstand ist zwar ein Erzeugnis des Urteils, selbst aber zuletzt kein bloßer Urteils- sondern ein Vorstellungsgegenstand, der erforderlichenfalls auch ohne Urteil erfaßt werden kann. Man kann dann den Schein der Übereinstimmung noch weiter treiben, indem man statt der Ähnlichkeit die Verschiedenheit zum Vergleich heranzieht. Die Gedanken "Non-A" und "von A verschieden" geben sich nicht nur der Form, sondern sozusagen auch der Sache nach so verwandt, daß man hier geradezu versuchen kann, das Eine für das andere zu nehmen.
Inzwischen tritt gerade in der letzten Stufe dieser Klimax [Höhepunkt - wp] deren Unannehmbarkeit auch schon besonders deutlich zutage. Der Versuch zwar, Verschiedenheit und Negation für wesensgleich zu nehmen, möchte schon mehr als einem reduktionslustigen Theoretiker nahe gelegen haben, aber immerhin doch nur in der Intention, Verschiedenheit auf Negation, nicht aber Negation auf Verschiedenheit zurückzuführen. Und ein Unternehmen letzterer Art täte den Tatsachen in so unverkennbarer Weise Gewalt an, daß der ausdrückliche Hinweis auf diese Tatsachen dem Vorwurf der Überflüssigkeit kaum entegehen wird. Gleichwohl soll der Beziehungen zwischen Verschiedenheit und Negation hier wenigstens mit einigen Worten gedacht sein.
Wer dem Gedanken nachgeht, ob das Urteil "A ist verschieden von B" nicht durch das Urteil "A ist nicht B" zu ersetzen wäre, stößt sofort auf das Hindernis, daß es bei der Verschiedenheit Grade gibt, bei der Negation hingegen nicht, die ja ihrem Wesen nach völlig unsteigerungsfähig ist. Nun kann man sich aber leicht davon überzeugen, daß es außer dieser steigerungsfähigen auch noch eine unsteigerungsfähige Relation gibt, zu deren Bezeichnung das Wort "Verschiedenheit" sprachgebräuchlich ganz wohl anwendbar ist: den Gegensatz zur Identität, jene Nicht-Identität, die zwischen Gelb und Orange ebenso besteht wie zwischen Gelb und Rot, ja selbst Gelb und Blau, obwohl die Verschiedenheiten zwischen diesen drei Farbenpaaren, das Wort "Verschiedenheit" in steigerungsfähigem Sinne verstanden, keineswegs gleich sind. Vielleicht sollte die Relationstheorie die Verwendung des Wortes "Verschiedenheit" im zweiten, unsteigerungsfähigen Sinn (7) als ungenau und irreführend besser vermeiden: ohne Zweifel ist es aber eben nur diese unsteigerungsfähige Verschiedenheit, deren Eigenartigkeit gegenüber der Negation in Frage kommen kann.
In der Tat hat es auch ziemlich viel für sich, zu vermuten, diese "Verschiedenheit" möchte der Negation im kategorischen Urteil analog gegenüberstehen wie der Affirmation die Identität. Wie aber, wenn man daraus nicht zu schließen versuchte, daß eine solche Verschiedenheit in gewissem Sinne auf Verneinung zurückgeht, sondern, daß das Verneinen im Grunde nur das Vorstellen (und natürlich Affirmieren) einer solchen "Verschiedenheit" sei? Man braucht dem gegenüber nur an eine Existential-Negation zu denken, um über die völlige Unhaltbarkeit dieser Auffassung im Klaren zu sein: wer möchte sich auch versucht fühlen, etwa in der Behauptung, daß es kein Perpetuum mobile gibt, ein Verschiedenheitsurteil ausfindige zu machen? (8) Förderlicher weil sogleich auf den uns hier nächststehenden Fall des kategorischen Urteils anwendbar, ist aber noch ein anderer Gesichtspunkt. Gesetzt, jemand spreche, indem er erst an Eisen, dann an Nickel denkt, hintereinander die beiden Sätze aus: "Das Metall, an das ich jetzt denke, rostet" und dann: "Das Metall, an das ich jetzt denke, rostet nicht". Der Hörende, der keinen Anlaß hat, an der Richtigkeit der beiden ihm vorgesprochenen Urteile zu zweifeln, der sie demnach gläubig miturteilt, verbindet in seinen beiden Urteilen die Gegenstände "Metall" und "Rosten". Wer vermöchte nun, wenn er die Urteile auch noch so sorgsam miteinander vergleicht, im zweiten Fall normalerweise noch das Hinzutreten eines weiteren Gegenstandes "Verschiedenheit" zu erkennen, der dem Metall hier in ähnlicher Weise zugesprochen würde, wie dem Metall des ersten Urteils das Rosten? So bleibt es eine handgreiflich aussichtslose Sache, aus einem sozusagen lebendigen negativen Urteil die Negation gleichsam herausinterpretieren zu wollen. Möchte es dann aber wesentlich aussichtsvoller sein, Ähnliches dort zu versuchen, wo uns die Negation in der immerhin etwas erstarrteren Form eines "Non-A" entgegentritt? Daß gleichwohl allenthalben "Non-A" durch "von A verschieden" oder eventuell "ein von A Verschiedenes" ersetzt werden kann, bleibt nach wie vor verständlich, wenn man hier eine "Verschiedenheit" vor sich hat, die selbst, wie oben angedeutet, auf die Negation zurückgeht.
Diesem Ergebnis gegenüber bleibt aber nun freilich die Hauptfrage noch unerledigt, ob dieses "Zurückgehen" den Charakter der Fundierung, bzw. der Vorstellungsproduktion aufweist und so die Eventualität ins Auge zu fassen gestattet, der betreffende Fundierungsgegenstand könnte, nachdem seine Vorstellung erst einmal produziert worden ist, nun auch ohne einen neuen Produktionsvorgang, also eben reproduktiv erfaßt werden, wie man auch an Gleichheit und Ähnlichkeit denken mag, obwohl man zur Zeit gerade nicht vergleicht. Nun steht uns aber, dieser Frage zu beantworten, eine ebenso einfache wie entscheidende Erwägung zu Gebote. Fundierte Gegenstände sind mit ihren Fundamenten durch Notwendigkeit verknüpft (9): rot und grün sind nicht nur verschieden, sondern sie müssen es auch sein: ebenso ist 3 nicht nur tatsächlich, sondern auch notwendig größer als 2 usf. Nun gibt es gewiß auch Negationen, die mit Notwendigkeit gelten: zwischen Rot und Grün ist gewiß die Gleichheit ebenso notwendig zu negieren, als die Verschiedenheit zu affirmieren ist. Aber ebenso gewiß gibt es Negationen, an denen die Notwendigkeit keinen Anteil hat: daß sich der losgelassene Stein gegen die Erde bewegt und nicht von ihr weg, das ist eine Erkenntnis, die, wenigstens vor dem Forum menschlichen Wissens, ihrer affirmativen wie ihrer negativen Seite nach gleich wenig Anspruch auf notwendige Geltund erheben dürfte. Am Non-A als solchem haftet also noch keine Notwendigkeit und dann hat man darin auch keinen fundierten Gegenstand vor sich. Wenn aber keinen fundierten und auch keinen nicht fundierten, dann eben gar keinen und das möchte ich in der Tat durch das eben Dargelegte erwiesen haben.
Ein Vorbehalt freilich darf dabei nicht unerwähnt bleiben. Wird an der Vorstellung des A und der des M irgendetwas gemeinsam vorgenommen, was immer es sei, so begründet dies natürlich eine Relation zwischen den beiden Vorstellungen und damit auch zwischen den Gegenständen A und M zunächst als Pseudo-Existenzen (10). So unter anderem auch, wenn ich das M vom A affirmiere oder negiere und ist dieses Urteil berechtigt, so hat es auch einen ganz guten Sinn, daraufhin von einer Relation zwischen A und M zu reden, die eben in der Geltung jenes Urteils besteht. Insofern ist also auch, daß M nicht A ist, eine Art Relation zwischen M und A, die sich natürlich vorstellen lassen muß und dadurch ist dann auch ein Weg gefunden, durch Abstraktion zu einem vorstellbaren Non-A zu gelangen und sonach zur Vorstellung eines sozusagen negativen Gegenstandes. Nun erwäge man aber, was für einen Apparat, wenn man so sagen darf, eine derartige Vorstellung voraussetzt. Um an "ein Nicht-Rundes" zu denken, hätte ich den Gedanken zu konzipieren: "Etwas, von dem das Urteil gilt, es sei nicht rund." Während hier jeder Unvoreingenommene meinen wird, sich mit seinem Vorstellen auf dem Gebiet der Gestalten zu bewegen, hätte man in Wahrheit außer an Rund auch noch an etwas von Gestalten ganz Verschiedenes, nämlich an das negative Urteil und dessen Verhältnis zu dem, wovon es "gilt", zu denken. Das ist natürlich möglich; aber das Hereinziehen psychologischer und erkenntnistheoretischer Dinge in das in der Regel ganz anderen Interessen zugewandte Denken ist eine so auffallende Sache, daß derlei, wo es sich zuträgt, auch schon flüchtiger Beobachtung nicht wohl entgehen kann. Nun vermag aber bei den sogenannten negativen Vorstellungen, vielleicht ganz seltene Ausnahmen abgerechnet, auch die gespannteste Aufmerksamkeit von einem Umweg eben beschriebener Art nichts zu entdecken. Praktisch kommt also die Möglichkeit dieses Umwegs völlig außer Betracht und soll auch im Folgenden außer Betracht bleiben. Das Recht zu einer solchen Vernachlässigung kann durch neuerliche Heranziehung der Verschiedenheitsrelation zu einem diesmal wirklich instruktiven Vergleich eine neue Beleuchtung erfahren. Ist nämlich A und N voneinander verschieden, so ist hiermit außer dieser Verschiedenheit noch eine weitere Relation zwischen A und N gegeben: denn diese beiden Gegenstände sind auch durch die Tatsache miteinander verbunden, daß von ihnen als Fundamenten die Verschiedenheitsrelation gilt und die beiden Gedanken "A ist von N verschieden" und "A und N sind so beschaffen, daß von ihnen die Verschiedenheits-Affirmation gilt" sind ihren Gegenständen nach ebenso ersichtlich verschieden, als sie ohne Zweifel ihrem Anwendungsgebiet nach gleichwertig sind. Von diesen beiden Urteilen ist aber das zweite ebenso künstlich als das erste natürlich: niemand wird erwarten, dieser Künstlichkeit anders, als in sehr auffälligen Ausnahmen tatsächlich zu begegnen und nur im Sinne einer eben solchen Künstlichkeit möchte der Möglichkeit gegenständlich charakterisierter Negativa zu gedenken sein.
Einige Gefahr, die wirkliche Sachlage in bezug der Negation hier zu verkennen, liegt darin, daß es möglich ist, auch nicht allzu selten vorkommt, daß man auf gehörte Worte von zunächst negativer Bedeutung mit positiven Vorstellungen, genauer Vorstellungen mit positiven Gegenständen reagiert und zwar nicht nur bei festgewordenen Zusammensetzungen wie "unklug" oder gar sprachlich unzusammengesetzten Ausdrücken wie "blind" oder "taub", sondern auch sonst. Soll ich mir ein "Messer ohne Klinge" vorstellen, so kann die Vorstellung eines Messerheftes hierfür einen ganz positiven Repräsentanten abgeben. Statt "nicht starken Ton" stellt man leicht "schwachen Ton" vor usf. Das ist ein Auskunftsmittel, das in vielen Fällen sicher ausreicht, manchmal sogar geradezu Vorteil bietet: aber den vorgegebenen Worten gegenüber läßt man sich damit eine zweifellose Ungenauigkeit zu Schulden kommen, allerdings eine, wie sie im Verhalten zum sprachlichen Ausdruck auch sonst nichts weniger als selten ist. Es ist daher auch nicht statthaft, im Hinblick auf solche Tatsachen von negativen Vorstellungsgegenständen zu reden.
Wir können das Ergebnis der vorstehenden Untersuchungen zu der Behauptung zusammenfassen, daß der Gegensatz von Ja und Nein am Vorstellungsakt gar keine, im Vorstellungsgegenstand und daher auch Vorstellungsinhalte höchstens eine auf einen ganz künstlichen und nur ganz ausnahmsweis beschrittenen Umweg beschränkte Anwendung gestattet. Daraus erwächst natürlich sofort die Frage nach der wirklichen Beschaffenheit dessen, was man herkömmlich als "negative Vorstellungen" behandelt; und es wird sich später Gelegenheit bieten, die Beantwortung dieser Frage zu versuchen. (11) Vorerst soll aus dem Dargelegten nur das Recht abgeleitet werden, überall dort, wo der erwähnte Gegensatz zur Geltung kommt, daraus zu schließen, daß es sich da um mehr als um bloßes Vorstellen handeln müsse. Unter diesem Prinzip findet es nicht nur seine neuerliche und nachträgliche Rechtfertigung, daß über dem, wofür die technische Bezeichnung "Annahme" sich uns angemessen erwiesen hat, eine Stellung zwischen Vorstellen und Urteilen angewiesen wurde; dieses Prinzip wird sich vielmehr auch als einer der greifbarsten Anhaltspunkt bewähren, wenn wir nunmehr darüber ins Klare zu kommen versuchen, ob und wo innerhalb der psychischen Erfahrung noch mehr an solchen Zwischentatsachen, die dann gleichfalls auf die Bezeichnung "Annahmen" billigen Anspruch hätten, anzutreffen sein möchten. Es dürfte nicht allzusehr überraschen, wenn eine diesbezügliche Untersuchung sich gerade dort als besonders dankbar erweisen sollte, wo die theoretische Bearbeitung mit Hilfe der ihr bisher geläufigen Konzeptionen nicht recht hat zustande kommen können: jedenfalls würde der Begriff der Annahme seine theoretische Bedeutung in besonders günstiger Weise bewähren, wenn er sich alten psychologischen, bzw. erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten gegenüber fähig erwiese, zu deren Entwirrung beizutragen.
Natürlich wird es aber angemessen sein die uns sozusagen eben erst bekannt gewordene Tatsache der Annahme vor allem dort aufzusuchen, wo sie sich der Betrachtung gleichsam am willigsten darbietet. Auch darf die Hilfe nicht unbenutzt bleiben, die bei der ersten Auffindung und Charakteristik psychischer Geschehnisse der sprachliche Ausdruck allenthalben darbietet. Nur sind, um sich dieses Hilfsmittels gerade für unsere nächsten Zwecke in geeigneter Weise zu bedienen, einige vorbereitende Feststellungen in bezug auf den sprachlichen Ausdruck nötig, denen wir uns daher im folgenden Kapitel zunächst zuzuwenden haben. LITERATUR - Alexius Meinong, Über Annahmen, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Ergänzungsband 2, Leipzig 1902
1) Vgl. hierüber einstweilen meine Abhandlung "Über Gegenstände höherer Ordnung und ihr Verhältnis zur inneren Wahrnehmung", Zeitschrift für Psychologie 21, Seite 185
2) Vgl. TWARDOWSKI, "Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand", Wien 1894, Seite 21
3) MEINONG, Über Gegenstände höherer usw., Seite 189f
4) MEINONG, Über Gegenstände höherer usw., Seite 201f
5) Dr. RUDOLF AMESEDER in einer von der Grazer philosophischen Fakultät im Jahre 1900 mit dem WARTINGER-Preis gekrönten Abhandlung, deren wesentliche Ergebnisse wohl demnächst zur Veröffentlichung gelangen.
6) MEINONG, "Zur Psychologie der Komplexionen und Relationen", Zeitschrift für Psychologie 2, Seite 253
7) Vgl. auch HUSSERL, "Philosophie der Arithmetik", Halles/Saale 1891, Bd. 1, Seite 57f, wo freilich im einzelnen Manches recht angreifbar sein möchte.
8) Gegen eine so unnatürliche Interpretation wie etwa: "Alles, was existiert, ist vom Perpetuum mobile verschieden" braucht wohl nicht ausdrücklich Stellung genommen zu werden.
9) MEINONG, Über Gegenstände höherer usw., Seite 202
10) MEINONG, Über Gegenstände höherer usw., Seite 186f
11) Der Bestimmungsgegenstand einer reinen Bestimmung ist selbst nicht Eigenschaftsgegenstand - und zwar, wie mir Rücksicht auf Festsetzungen in § 8 gleich bemerkt werden mag, weder expliziter, noch auch impliziter Eigenschaftsgegenstand.

References: § 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6

§ 7

§ 8

§ 9

§ 10

§ 11

§ 12

§ 13
 § 8