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Timestamp: 2018-05-23 01:25:47+00:00

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Hessisches LAG, Urteil vom 15.02.2011, 13 Sa 767/10 - HENSCHE Arbeitsrecht
Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 15.02.2011, 13 Sa 767/10
Schlagworte: Insolvenz des Arbeitgebers, Interessenausgleich, Namensliste
Aktenzeichen: 13 Sa 767/10
Leitsätze: Die internationale Eröffnungszuständigkeit im Sinne des Artikels 16 EuInsVO kann nicht nachgeprüft werden.
Die prozessualen und materiellrechtlichen Wirkungen des Insolvenzverfahrens gemäß EuInsVO richten sich grundsätzlich nach der lex fori concursus, also nach dem Recht des Staates, in dem das Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Für Arbeitsverhältnisse gilt dagegen das Recht des Mitgliedsstaates, das auf den Arbeitsvertrag anzuwenden ist.
Ist deutsches Arbeitsrechts anwendbar, gelten damit auch die §§ 113 ff InsO.
(Parallelentscheidung zum Urteil des Hessischen Landesarbeitsgerichts vom 14. Dezember 2010 - 13 Sa 969/10 -).
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Frankfurt, Urteil vom 23.02.2010, 18 Ca 7714/09
Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 23. Fe­bru­ar 2010 – 18 Ca 7714/09 wird auf Kos­ten des Klägers zurück­ge­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung, die die Be­klag­te dem Kläger un­ter dem 28. Au­gust 2009 zum 30. No­vem­ber 2009 aus­ge­spro­chen hat.
Der Kläger, 44 Jah­re alt, le­dig und kin­der­los, ist bei der Be­klag­ten seit dem 1. Sep­tem­ber 1991
beschäftigt, zu­letzt als Ma­na­ger Busi­ness Fi­nan­ce. Er er­ziel­te ein Brut­to­mo­nats­ge­halt in Höhe von 6782,10 €.
Die Be­klag­te ist Teil der welt­weit agie­ren­den A, ei­ner der führen­den An­bie­ter von Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­onslösun­gen. An­ge­sichts der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on des A wur­den welt­weit In­sol­venz­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet und der Ent­schluss ge­trof­fen, die ein­zel­nen Geschäfts­fel­der der A in ei­nem ko­or­di­nier­ten Ver­fah­ren in den USA, in Ka­na­da und in Eu­ro­pa zu ver­kau­fen, um so ein möglichst gu­tes Er­geb­nis für die In­sol­venzgläubi­ger er­zie­len zu können.
Mit Be­schluss vom 14. Ja­nu­ar 2009 eröff­ne­te der High Court of Jus­ti­ce in Lon­don (Az: 00542/2009) ein Ad­mi­nis­tra­ti­ons­ver­fah­ren über das Vermögen der eng­li­schen Aa und ei­ni­ger Toch­ter­ge­sell­schaf­ten in­ner­halb der Eu­ropäischen Uni­on, so auch über das Vermögen der Be­klag­ten, als Haupt­in­sol­venz­ver­fah­ren im Sin­ne der Eu­ropäischen In­sol­venz­ord­nung vom 29. Mai 2000. Die Her­ren B, C, D und E wur­den mit die­sem Be­schluss zu "Joint Ad­mi­nis­tra­tors" (Ad­mi­nis­tra­to­ren) be­stellt. We­gen der Ein­zel­hei­ten die­ses Be­schlus­ses vom 14. Ja­nu­ar 2009 wird auf die An­la­ge B1 zum erst­in­stanz­li­chen Schrift­satz der Be­klag­ten vom 06. Ok­to­ber 2009 (Bl. 27 ff. d. A.) ver­wie­sen. Die Eröff­nung des Ad­mi­nis­tra­ti­ons­ver­fah­rens wur­de vom Amts­ge­richt Frank­furt am Main am 27. Ja­nu­ar 2009 öffent­lich be­kannt ge­macht und in das Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen.
Zur Vor­be­rei­tung des Ver­kaufs der ver­schie­de­nen Geschäfts­fel­der ent­schied die Geschäfts­lei­tung un­ter an­de­rem, dass bei der Be­klag­ten 196 Ar­beitsplätze ge­stri­chen wer­den soll­ten, um zum ei­nen wie­der aus der Ver­lust­zo­ne zu kom­men und zum an­de­ren, um für po­ten­ti­el­le Käufer wirt­schaft­lich in­ter­es­san­ter zu wer­den. Zur Um­set­zung des be­schlos­se­nen Per­so­nal­ab­baus schlos­sen die Be­klag­te, de­ren Ge­samt­be­triebs­rat und die lo­ka­len Be­triebsräte der Stand­or­te F, G, H und I am 17. Ju­li 2009 ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich ab und verständig­ten sich dar­auf, den Ab­bau primär durch die Er­rich­tung ei­ner Beschäfti­gungs- und Qua­li­fi­zie­rungs­ge­sell­schaft und den Ab­schluss von Auf­he­bungs­verträgen und nur so­weit er­for­der­lich durch Aus­spruch be­triebs­be­ding­ter Kündi­gun­gen durch­zuführen. Auf Sei­ten des Be­triebs­rats wur­de der In­ter­es­sen­aus­gleich am 22. Ju­li 2009 so­wohl von dem bei der Be­klag­ten ge­bil­de­ten Ge­samt­be­triebs­rat als auch dem bei der Be­klag­ten am Stand­ort F ge­bil­de­ten Be­triebs­rat un­ter­zeich­net. Auf Sei­ten der Be­klag­ten wur­de der In­ter­es­sen­aus­gleich am 27. Ju­li 2009 durch den Ad­mi­nis­tra­tor, Herrn C, un­ter­zeich­net. We­gen der Ein­zel­hei­ten die­ses In­ter­es­sen­aus­gleichs wird Be­zug ge­nom­men auf die An­la­ge B2 des erst­in­stanz­li­chen Schrift­sat­zes der Be­klag­ten vom 06. Ok­to­ber 2009 (Bl. 46 ff d. A.). Die­sem In­ter­es­sen­aus­gleich war, eben­falls von den oben be­zeich­ne­ten Per­so­nen un­ter­schrie­ben, als An­la­ge ei­ne Na­mens­lis­te nach § 1 Abs. 5 KSchG / § 125 In­sO bei­gefügt. We­gen der Ein­zel­hei­ten die­ser An­la­ge wird auf die An­la­ge B2 zum erst­in­stanz­li­chen Schrift­satz der Be­klag­ten vom 06. Ok­to­ber 2009 (Bl. 62 ff. d. A.) ver­wie­sen. Auf die­ser Na­mens­lis­te fin­det sich auch der Na­me des Klägers.
Die mit dem Be­triebs­rat im In­ter­es­sen­aus­gleich ver­ein­bar­te Na­mens­lis­te wur­de nach Durchführung ei­ner So­zi­al­aus­wahl auf­ge­stellt, die ih­rer­seits auf ei­nem Punk­te­sche­ma ba­siert. Die­ses Punk­te­sche­ma ge­wich­tet fol­gen­de Kri­te­ri­en der So­zi­al­aus­wahl wie folgt:
Be­triebs­zu­gehörig­keit: 2 Punk­te /Jahr
Le­bens­al­ter: 1 Punkt / Le­bens­jahr
Un­ter­halts­pflich­ten: 6 Punk­te / Kind
Fa­mi­li­en­stand: 2 Punk­te / ver­hei­ra­tet
Schwer­be­hin­de­rung: 5 Punk­te
Un­ter An­wen­dung die­ses Sche­mas wur­de ei­ne So­zi­al­punk­te­lis­te al­ler Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten er­stellt. So­dann wur­den in den ein­zel­nen Ab­tei­lun­gen die An­zahl der am we­nigs­ten schutz­bedürf­ti­gen Mit­ar­bei­ter für die Kündi­gung aus­gewählt, die benötigt wur­de, um in den be­tref­fen­den Ab­tei­lun­gen den aus der Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung re­sul­tie­ren­den Per­so­nal­ab­bau zu er­rei­chen. Da­bei wur­den zunächst die je­weils am we­nigs­ten schutz­bedürf­ti­gen Ar­beit­neh­mer her­an­ge­zo­gen. Die so ent­stan­de­ne Lis­te der zu kündi­gen­den Per­so­nen wur­de an­sch­ließend kor­ri­giert, dass in we­ni­gen Ein­z­elfällen Per­so­nen mit Son­derkündi­gungs­schutz so­wie Leis­tungs­träger, auf die aus drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen nicht ver­zich­tet wer­den konn­te, wie­der aus dem Kreis der zu kündi­gen­den Mit­ar­bei­ter her­aus­ge­nom­men wur­den. An ih­re Stel­le tra­ten je­weils die nächs­ten, so­zi­al am we­nigs­ten schutz­bedürf­ti­gen Mit­ar­bei­ter. Fer­ner wur­de ge­prüft, ob die zu kündi­gen­den Mit­ar­bei­ter an­ge­sichts ih­res Kennt­nis­stan­des, ih­rer Fähig­kei­ten und Qua­li­fi­ka­tio­nen auf an­de­ren, mit so­zi­al we­ni­ger schutz­bedürf­ti­gen Mit­ar­bei­tern be­setz­ten Ar­beitsplätzen des Be­triebs ein­ge­setzt wer­den könn­ten. Wenn auch die­se Prüfung ne­ga­tiv aus­fiel und auch kei­ne an­de­re freie Stel­le an­ge­bo­ten wer­den konn­te, wur­de der be­tref­fen­de Mit­ar­bei­ter schließlich auf die Na­mens­lis­te auf­ge­nom­men.
Nach­dem sich 176 Mit­ar­bei­ter zu ei­nem Wech­sel in die Beschäfti­gungs- und Qua­li­fi­zie­rungs­ge­sell­schaft be­rei­terklärt hat­ten, soll­ten dann be­zo­gen auf die ein­zel­nen Geschäfts­be­rei­che be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen aus­ge­spro­chen wer­den. Un­ter dem 20. Au­gust 2009 hörte des­halb die Be­klag­te den Be­triebs­rat un­ter an­de­rem zur be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung des Klägers an. Der Be­triebs­rat wi­der­sprach der Kündi­gung nicht. We­gen des In­halts des Anhörungs­schrei­bens der Be­klag­ten vom 20. Au­gust 2009 wird auf An­la­ge B6 des erst­in­stanz­li­chen Schrift­sat­zes der Be­klag­ten vom 16. No­vem­ber 2009 (Bl. 83 ff. d. A.) ver­wie­sen.
Dem Kläger wur­de so­dann un­ter dem 28. Au­gust 2009 die Kündi­gung zum 30. No­vem­ber 2009 aus­ge­spro­chen. Die Kündi­gung ist un­ter­zeich­net von Herrn J als Ver­tre­ter des Ad­mi­nis­tra­tors C.
Der Kläger ist der An­sicht ge­we­sen, dass die aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung so­zi­al­wid­rig sei. Die In­sol­ven­zeröff­nung in Eng­land ha­be kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die ihm erklärte Kündi­gung. Da nur ein eng­li­scher Ad­mi­nis­tra­tor ein­ge­setzt wor­den sei, sei der In­ter­es­sen­aus­gleich nebst Na­mens­lis­te auch nicht von ei­nem In­sol­venz­ver­wal­ter im Sin­ne der deut­schen In­sol­venz­ord­nung ab­ge­schlos­sen wor­den. Sämt­li­che Kündi­gungs­er­leich­te­run­gen in der In­sol­venz fänden da­her kei­ne An­wen­dung. Sch­ließlich hat der Kläger die Be­triebs­rats­anhörung für feh­ler­haft ge­hal­ten. Dem Be­triebs­rat sei nämlich mit­ge­teilt wor­den, dass sich 176 Mit­ar­bei­ter be­rei­terklärt hätten, in die Trans­fer­ge­sell­schaft zu wech­seln. Des­we­gen sei­en aber nur 20 Mit­ar­bei­ter in den In­ter­es­sen­aus­gleich ein­zu­be­zie­hen ge­we­sen. Da­zu ha­be er, der Kläger, nicht gehört.
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 28. Au­gust 2009 zum 30. No­vem­ber 2009 nicht auf­gelöst wor­den ist, son­dern über den 30. No­vem­ber 2009 hin­aus fort­be­steht,
2. Für den Fall des Ob­sie­gens mit dem vor­ste­hen­den An­trag zu 1: Die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, den Kläger zu den bis­he­ri­gen Ar­beits­be­din­gun­gen Ma­na­ger Busi­ness Fi­nan­ce wei­ter­zu­beschäfti­gen
Die Be­klag­te hat die Kündi­gung aus be­triebs­be­ding­ten Gründen für so­zi­al ge­recht­fer­tigt ge­hal­ten. An­ge­sichts des in Lon­don eröff­ne­ten eu­ropäischen In­sol­venz­ver­fah­rens fänden die­sel­ben Kündi­gungs­er­leich­te­run­gen für das In­sol­venz­ver­fah­ren An­wen­dung wie bei ei­nem deut­schen In­sol­venz­ver­fah­ren. Die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens in Eng­land sei auch in Deutsch­land an­zu­er­ken­nen, oh­ne dass es hier­zu ir­gend­wel­cher Förm­lich­kei­ten bedürf­te. Al­lein für die Ar­beits­verhält­nis­se gel­te das Recht des Mit­glieds­staa­tes, das auf den Ar­beits­ver­trag an­zu­wen­den ist. Da­mit fänden zum Bei­spiel auch die §§ 113 , 125 In­sO , § 1 Abs. 5 KSchG An­wen­dung. Die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner Be­triebsände­rung lägen vor, denn es soll­te zu ei­nem Ab­bau von 196 Ar­beitsplätzen kom­men. Der In­ter­es­sen­aus­gleich mit der Na­mens­lis­te sei auch wirk­sam von Herrn C als Ad­mi­nis­tra­tor un­ter­schrie­ben.
Drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se für die Kündi­gung würden nach Ab­schluss des In­ter­es­sen­aus­gleichs mit Na­mens­lis­te ver­mu­tet. Der Ar­beits­platz des Klägers sei in­fol­ge der Um­set­zung der oben dar­ge­leg­ten Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung weg­ge­fal­len. Ein frei­er Ar­beits­platz, auf dem der Kläger an­ge­sichts sei­ner Qua­li­fi­ka­tio­nen, Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten ein­setz­bar ge­we­sen wäre, ha­be zum Zeit­punkt der Kündi­gung nicht be­stan­den. We­gen der Ein­zel­hei­ten des Vor­brin­gens hier­zu wird ergänzend auf den erst­in­stanz­li­chen Schrift­satz vom 10. Fe­bru­ar 2010 (Bl. 189 ff. d. A.) Be­zug ge­nom­men.
Die So­zi­al­aus­wahl, so hat die Be­klag­te wei­ter ge­meint, sei auch nicht grob feh­ler­haft ge­we­sen. Die mit dem Be­triebs­rat im In­ter­es­sen­aus­gleich vom 17. Ju­li 2009 ver­ein­bar­te Na­mens­lis­te sei nach Durchführung ei­ner an­ge­mes­se­nen So­zi­al­aus­wahl auf­ge­stellt wor­den.
Durch Ur­teil vom 23. Fe­bru­ar 2010 hat das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen, im We­sent­li­chen mit der Be­gründung, es gel­te nach Maßga­be des eng­li­schen In­sol­ven­zeröff­nungs­be­schlus­ses deut­sches Ar­beits­recht und da­mit das Re­gel­werk über die Kündi­gungs­er­leich­te­run­gen in der In­sol­venz und bei Ab­schluss ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs mit Na­mens­lis­te. Nach Maßga­be der ent­spre­chen­den deut­schen Vor­schrif­ten sei der Be­triebs­rat ord­nungs­gemäß be­tei­ligt ge­we­sen; die Ver­mu­tung drin­gen­der be­trieb­li­cher Gründe für die Kündi­gung ha­be der Kläger nicht erschüttern können. Die So­zi­al­aus­wahl sei je­den­falls nicht grob feh­ler­haft. Die dem Kläger zu­kom­men­de Kündi­gungs­frist von 3 Mo­na­ten zum Mo­nats­en­de sei ge­wahrt. We­gen der Ein­zel­hei­ten wird auf Tat­be­stand und Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils ver­wie­sen (Bl. 218 - Bl. 230 d. A.).
Ge­gen die­ses dem Kläger am 23. April 2010 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die­ser mit ei­nem beim er­ken­nen­den Ge­richt am 25. Mai 2010 (Pfingst­diens­tag) ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se nach recht­zei­tig be­an­trag­ter Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 23. Ju­li 2010 mit ei­nem am 8. Ju­li 2010 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet.
Der Kläger wie­der­holt und ver­tieft sein erst­in­stanz­li­ches Vor­brin­gen. Er ist wei­ter der Auf­fas­sung, die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens durch den High Court of Jus­ti­ce in Lon­don am 14. Ja­nu­ar 2009 sei für die Be­klag­te un­be­acht­lich. Das bri­ti­sche Ge­richt sei un­zuständig ge­we­sen. Die vom Ar­beits­ge­richt an­ge­wand­ten §§ 113 und 125 In­sO fänden des­halb kei­ne An­wen­dung. Für die Kündi­gung gäbe es auch kei­ne hin­rei­chen­den Gründe. Die Be­klag­te sei wirt­schaft­lich ge­sund. Die So­zi­al­aus­wahl sei man­gel­haft. Er ha­be auf der glei­chen Hier­ar­chie­stu­fe ge­ar­bei­tet wie Frau Dr. K, die zwar älter sei als er, aber erst seit sechs bis sie­ben Jah­ren bei der Be­klag­ten. Der Mit­ar­bei­ter L sei eben­falls ver­gleich­bar. Er ha­be zwar ein oder zwei Kin­der, sei je­doch erst zwei Jah­re bei der Be­klag­ten und we­sent­lich jünger als er, der Kläger.
Dem Kläger hätte auch der Ar­beits­platz von Frau M an­ge­bo­ten wer­den müssen, die ihr Ar­beits­verhält­nis kurz vor der Kündi­gung des Klägers selbst auf­ge­ge­ben ha­be. Des wei­te­ren sei Frau N aus dem Be­trieb in I in die Ab­tei­lung des Klägers ver­setzt wor­den. Da­mit sei die gewünsch­te An­zahl von 74 ver­blie­be­nen Stel­len be­reits er­reicht ge­we­sen und er, der Kläger, hätte wei­ter­beschäftigt wer­den können.
Die Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats an sei­ner Kündi­gung sei man­gel­haft ge­we­sen. Sein Tätig­keits­be­reich sei bei der Anhörung nur un­vollständig an­ge­ge­ben wor­den. An­der­wei­ti­ge In­for­ma­tio­nen da­zu ha­be der Be­triebs­rat nicht ge­habt. Zur So­zi­al­aus­wahl sei der Be­triebs­rat nicht in­for­miert wor­den.
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 23. Fe­bru­ar 2010 - 18 Ca 7714/09 - ab­zuändern und
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 28. Au­gust 2009 nicht zum 30. No­vem­ber 2009 auf­gelöst wur­de,
2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihn zu den bis­he­ri­gen Ar­beits­be­din­gun­gen als Ma­na­ger Busi­ness Fi­nan­ce wei­ter­zu­beschäfti­gen
Die Be­klag­te ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil. Sie hält die Be­ru­fung für un­zulässig, weil sie fast nur Wie­der­ho­lun­gen des erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens ent­hal­te. In der Sa­che ver­tritt sie die Auf­fas­sung, die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens über das Vermögen der Be­klag­ten durch den Be­schluss des High Court of Jus­ti­ce vom 14. Ja­nu­ar 2009 sei von deut­schen Ge­rich­ten an­zu­er­ken­nen und führe zur An­wend­bar­keit deut­schen Ar­beits­rechts, d. h. auch der §§ 113 , 125 In­sO , 1 Abs. 5 KSchG . Der In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te ha­be da­her so ab­ge­schlos­sen wer­den dürfen. Er sei am 22. Ju­li 2009 von der Be­triebs­rats­sei­te und am 27. Ju­li 2009 durch den Ad­mi­nis­tra­tor C un­ter­zeich­net wor­den. Die Be­triebs­rats­anhörung zur be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung des Klägers sei nicht pau­schal ge­we­sen, son­dern auch auf den Kläger in­di­vi­dua­li­siert. So­zi­al­da­ten und Kündi­gungs­gründe sei­en aus­geführt wor­den. Auch die Kri­te­ri­en der So­zi­al­aus­wahl sei­en dem Be­triebs­rat durch Be­zug­nah­me auf die aus­ge­han­del­te Na­mens­lis­te mit­ge­teilt wor­den. Zur Überg­a­be ei­ner vollständi­gen Lis­te al­ler Ar­beit­neh­mer des Be­triebs ein­sch­ließlich der So­zi­al­da­ten sei sie, die Be­klag­te, nicht ver­pflich­tet ge­we­sen. Die Tätig­keit von Frau Dr. K ha­be der Kläger nicht über­neh­men können. Frau Dr. K sei be­reits seit 1. De­zem­ber 1985 bei der Be­klag­ten bzw. de­ren Rechts­vorgänge­rin tätig und da­mit sechs Jah­re länger als der Kläger. Herr L sei mit dem Kläger nicht ver­gleich­bar. Er verfüge über gänz­lich an­de­re Kennt­nis­se als der Kläger; er könne sich des­sen Kom­pe­ten­zen auch in ei­nem Zeit­raum von sechs Mo­na­ten nicht an­eig­nen. Der Ar­beits­platz von Frau M ha­be den Kläger nicht an­ge­bo­ten wer­den müssen, weil nach de­ren Weg­gang der Ar­beits­platz nicht wie­der be­setzt wor­den sei. Frau N sei rei­ne Sach­be­ar­bei­te­rin und ar­bei­te weit un­ter der Hier­ar­chie­stu­fe des Klägers. Sons­ti­ge freie Ar­beitsplätze, auf de­nen der Kläger nach Aus­bil­dung, Kennt­nis­sen und Fähig­kei­ten hätte ein­ge­setzt wer­den können, sei­en zur Zeit des Aus­spruchs der Kündi­gung al­so nicht vor­han­den ge­we­sen.
We­gen des wei­te­ren Vor­brin­gens der Par­tei­en im zwei­ten Rechts­zug wird ergänzend auf die vor­ge­tra­ge­nen Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf die Nie­der­schrift der Be­ru­fungs­ver­hand­lung vom 18. Ja­nu­ar 2011 Be­zug ge­nom­men.
Die gemäß den §§ 8 Abs. 2 ArbGG ; 511 ZPO an sich statt­haf­te Be­ru­fung be­geg­net hin­sicht­lich des Wer­tes des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des ( § 64 Abs. 2 lit. c ArbGG ) kei­nen Be­den­ken. Sie ist nach Maßga­be der im Tat­be­stand mit­ge­teil­ten Da­ten form- und frist­ge­recht ein­ge­legt so­wie recht­zei­tig und ord­nungs­gemäß be­gründet wor­den ( §§ 66 Abs. 1 ArbGG ; 517 ; 519 ; 520 ZPO ) und da­mit ins­ge­samt zulässig. Ent­ge­gen der An­sicht der Be­klag­ten enthält die Be­ru­fungs­be­gründung trotz vie­ler Wie­der­ho­lun­gen des erst­in­stanz­li­chen Vor­trags auch die Rüge von Rechts­ver­let­zun­gen des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils. § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO ist da­mit genügt.
In der Sa­che ist die Be­ru­fung un­be­gründet.
Der Kläger hat kei­nen An­spruch auf die be­gehr­te Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der ihm erklärten Kündi­gung vom 28. Au­gust 2009.
Der Kündi­gung ste­hen drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se im Sin­ne des zwei­fels­frei nach recht­zei­ti­ger Kla­ge­er­he­bung an­wend­ba­ren Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes zur Sei­te ( §§ 1 Abs. 1 , Abs. 2 , Abs. 3 , Abs 5 ; 4 ; 23 Abs. 1 KSchG ; 125 In­sO ). Auch die Anhörung des Be­triebs­rats war ord­nungs­gemäß und führt nicht zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung ( § 102 Be­trVG ).
Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­det auch nach der Eröff­nung des Ad­mi­nis­tra­ti­ons­ver­fah­rens über das Vermögen der Be­klag­ten durch den High Court of Jus­ti­ce in Lon­don vom 14. Ja­nu­ar 2009 deut­sches Ar­beits­recht An­wen­dung. Die­ser Be­schluss be­ruht auf der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1346/2000 des Ra­tes über In­sol­venz­ver­fah­ren vom 29. Mai 2000 (AB­lEG Nr. L160 vom 30. Ju­ni 2000), in kraft seit 31. Mai 2002 (im Fol­gen­den: Eu­Ins­VO).
Die Eu­Ins­VO stellt ei­ne um­fas­sen­de Ko­di­fi­zie­rung des in­ter­na­tio­na­len In­sol­venz­rechts dar. In­ner­halb der EU (außer Däne­mark) ver­drängt sie das au­to­no­me deut­sche In­ter­na­tio­na­le In­sol­venz­recht, wo es vom deut­schen Recht ab­wei­chen­de Re­ge­lun­gen trifft. Die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens durch den High Court of Jus­ti­ce nach Maßga­be der Eu­Ins­VO ist gemäß de­ren Ar­ti­kel 16 Abs. 1 an­zu­er­ken­nen. Das Be­ste­hen der in­ter­na­tio­na­len Eröff­nungs­zuständig­keit kann nicht nach­ge­prüft wer­den. Zwar sieht Ar­ti­kel 16 Abs. 1 Satz 1 Eu­Ins­VO vor, dass die Eröff­nung ei­nes Ver­fah­rens "durch ein nach Ar­ti­kel 3 zuständi­ges Ge­richt" an­zu­er­ken­nen ist. Auch schließt der Text die Nach­prüfung der in­ter­na­tio­na­len Zuständig­keit nicht un­mit­tel­bar aus. Doch er­gibt sich aus Erwägungs­grund 22, dass die in­ter­na­tio­na­le Zuständig­keit des Eröff­nungs­sta­tuts kei­ner
Über­prüfung un­ter­liegt. Selbst ei­ne feh­ler­haft Be­ur­tei­lung der in­ter­na­tio­na­len Zuständig­keit ( Ar­ti­kel 3 Eu­Ins­VO ) ver­letzt den ord­re pu­blic nach ganz herr­schen­der Mei­nung nicht (vgl. zum Bei­spiel Gott­wald/Kol­mann, In­sol­venz­hand­buch, 4. Aufl. 2010, § 130 Rz 51 m. w. N.; Rein­hart in MüKO In­sO, 2. Aufl. 2008, Ar­ti­kel 16 Eu­Ins­VO, Rz 12 m. w. N.; Haß/Hu­ber/Gru­ber/Hei­der­hoff, EU-In­sol­venz­ord­nung, 2005, Ar­ti­kel 3 Rz 32; EuGH vom 21. Ja­nu­ar 2010, BB 2010, 529; EuGH vom 02. Mai 2006, EUZW 2006, 337; OLG Wien, NZE 2005, 56; Cour d'ap­pel Ver­sailles, EWiR, Ar­ti­kel 3 Eu­Ins­VO 5/03, 1239). Die dar­auf ge­rich­te­ten An­grif­fe des Klägers ge­hen des­halb al­le­samt fehl. Es liegt auch im Übri­gen kein er­kenn­ba­rer Ver­s­toß ge­gen den ord­re pu­blic vor.
Die aus dem Eröff­nungs­be­schluss fol­gen­den Rechts­wir­kun­gen re­gelt Ar­ti­kel 17 Eu­Ins­VO . Da­nach fin­det ei­ne au­to­ma­ti­sche Wir­kungs­er­stre­ckung statt, d. h., die Eröff­nung des Ver­fah­rens ent­fal­tet im An­er­ken­nungs­staat die Wir­kung ei­nes In­sol­venz­ver­fah­rens.
Die pro­zes­sua­len und ma­te­ri­ell­recht­li­chen Wir­kun­gen des In­sol­venz­ver­fah­rens gemäß Eu­Ins­VO rich­ten sich gemäß Ar­ti­kel 4 Abs. 1 Eu­Ins­VO grundsätz­lich nach der lex fo­ri con­cur­sus, hier al­so nach eng­li­schem Recht. Dies hat Be­deu­tung z. B. für die Ver­tre­tungs­macht der Ad­mi­nis­tra­to­ren. Die­se er­gibt sich auch für in Deutsch­land vor­zu­neh­men­de Rechts­ak­te aus Abs. 69 des An­hang B1 des In­sol­vency Akt 1986. Die­ser lau­tet un­strei­tig ( § 293 ZPO ):
"Ad­mi­nis­tra­tor as agent of com­pa­ny
In ex­er­cising his func­tions un­der this Sche­du­le the ad­mi­nis­tra­tor of a com­pa­ny acts as its agent."
Auf­grund die­ser Be­stim­mung ist der Ad­mi­nis­tra­tor da­her Ver­tre­ter des Un­ter­neh­mens. Es gilt al­so nicht wie im deut­schen Recht die Amts­theo­rie (Schle­gel in MüKO In­sO, 2. Aufl. 2008, Länder­be­rich­te, Eng­land und Wa­les, Rz 24).
Der Eröff­nungs­be­schluss des High Court of Jus­ti­ce vom 14. Ja­nu­ar 2009 ord­net zu­dem in Zif­fer 9 an, "dass die Ad­mi­nis­tra­to­ren je­weils ein­zeln ver­tre­tungs­be­fugt sind".
Da­mit konn­te der Ad­mi­nis­tra­tor Ste­phen Har­ris dem Kläger als Ver­tre­ter der Be­klag­ten ei­ne Kündi­gung aus­spre­chen. Er hat dies vor­lie­gend nicht selbst ge­tan, son­dern dafür Herrn J ei­ne Un­ter­voll­macht er­teilt.
Die Wirk­sam­keit der Kündi­gung selbst ist nicht nach der lex fo­ri con­cur­sus zu prüfen. Ar­ti­kel 10 Eu­Ins­VO enthält ei­ne Son­der­an­knüpfung an die lex cau­sae „für die Wir­kun­gen des In­sol­venz­ver­fah­rens auf ei­nen Ar­beits­ver­trag und auf das Ar­beits­verhält­nis". Es gilt dort aus­sch­ließlich das Recht des Mit­glied­staa­tes, das auf den Ar­beits­ver­trag an­wend­bar ist. Ver­wie­sen wird auf die Kol­li­si­ons­nor­men der Mit­glieds­staa­ten für Ar­beits­verträge. Dies führt im vor­lie­gen­den Fall oh­ne be­son­de­re Pro­ble­me über Ar­ti­kel 6 Abs. 1 des Römi­schen Schuld­rechtsübe­r­ein­kom­mens / Ar­ti­kel 30 Abs. 1 EGBGB zur An­wen­dung deut­schen Ar­beits­rechts (vgl. da­zu im Ein­zel­nen Wen­ner/Schus­ter in FK-In­sO, 5. Aufl. 2009, An­hang 1 nach § 358 In­sO, Rz 4; Wim­mer, NJW 2002, 2427; Gott­wald/Kol­mann, a. a. O., § 132, Rz 60 ff; Hass/Hu­ber/Gru­ber/Hei­der­hoff a. a. O., Art. 10 Rz 1; Göpfert/Müller, NZA 2009, 1057). Nicht ganz geklärt ist al­ler­dings, wie­weit ge­nau die­se Ver­wei­sung ins deut­sche Ar­beits­recht reicht. Dies ist im Lich­te des Erwägungs­grun­des 28 der Ver­ord­nung zu prüfen. Die­ser lau­tet:
„Zum Schutz der Ar­beit­neh­mer und der Ar­beits­verhält­nis­se müssen die Wir­kun­gen der In­sol­venz­ver­fah­ren auf die Fort­set­zung oder Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen so­wie auf die Rech­te und Pflich­ten al­ler an ei­nem sol­chen Ar­beits­verhält­nis be­tei­lig­ten Par­tei­en durch das gemäß den all­ge­mei­nen Kol­li­si­ons­nor­men für den Ver­trag maßgeb­li­che Recht be­stimmt wer­den. Sons­ti­ge in­sol­venz­recht­li­che Fra­gen, wie et­wa, ob die For­de­run­gen der Ar­beit­neh­mer durch ein Vor­recht geschützt sind und wel­chen Rang die­ses Vor­recht ge­ge­be­nen­falls er­hal­ten soll, soll­ten sich nach dem Recht des Eröff­nungs­staa­tes be­stim­men.“
Des­halb dürf­te z. B. auch das In­sol­venz­geld oder ähn­li­che Lohn­ga­ran­ti­en nicht un­ter Ar­ti­kel 10 Eu­Ins­VO fal­len (vgl. da­zu Hass/Hu­ber/Gru­ber/Hei­der­hoff, a. a. O.; Ar­ti­kel 10 Rz 4; Kind­ler in MüKo BGB, 5. Auf­la­ge 2010, § 10 EG­VO 1346/2000 Rz 7; Wen­ner/Schus­ter in FK-In­sO, a. a. O.; Rz 7). Ei­nig­keit be­steht aber, so­weit er­kenn­bar, für die An­wend­bar­keit der "klas­si­schen" ar­beits­recht­li­chen Nor­men des deut­schen Ar­beits­rechts. Ar­ti­kel 10 Eu­Ins­VO wie auch § 337 In­sO spre­chen nicht nur vom Ar­beits­ver­trag, son­dern vom Ar­beits­verhält­nis. Dar­aus ist her­zu­lei­ten, dass z. B. auch das kol­lek­ti­ve Ar­beits­recht des Ver­trags­sta­tuts gel­ten soll, al­so et­wa das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz und das Ta­rif­ver­trags­ge­setz (Gott­wald/Kol­mann, a. a. O., § 132 Rz 62; Wen­ner/Schus­ter in FK-In­sO, a. a. O. Rz 7; Göpfert/Müller, a. a. O.). Auch an­wend­bar sind da­mit aber wei­ter al­le sons­ti­gen Nor­men ma­te­ri­el­len Ar­beits­rechts, et­wa sol­che mit In­sol­venz­be­zug. Auf die Fra­ge, in wel­cher Ko­di­fi­ka­ti­on sie sich be­fin­den, kann es da­bei nicht an­kom­men. Das deut­sche Ar­beits­recht ist tra­di­tio­nell in vie­le Ko­di­fi­ka­tio­nen zer­split­tert, oh­ne dass des­halb je­mals de­ren Zu­ord­nung zum Ar­beits­recht in­fra­ge ge­stellt wur­de.
Un­ter Ar­ti­kel 10 Eu­Ins­VO fal­len da­her auch die ar­beits­recht­li­chen Re­ge­lun­gen der §§ 113 , 120 ff In­sO (Kind­ler in MüKO BGB, a. a. O., Rz 6; Wen­ner/Schus­ter in FK-In­sO, a.a.O., Rz 6; Rein­hart in MüKO In­sO, 2. Auf­la­ge 2008, Art 10 Eu­Ins­VO, Rz 8; Göpfert/Müller, a. a. O.; zur An­wend­bar­keit zu § 113 In­sO : Hess. LAG vom 05. März 2007 - 17 Sa 122/06 -, zi­tiert nach Ju­ris).
Im vor­lie­gen­den Fall muss die streit­be­fan­ge­ne Kündi­gung vom 28. Au­gust 2009 al­so umfäng­lich den An­for­de­run­gen deut­schen Ar­beits­rechts genügen.
Gemäß § 102 Be­trVG ist ei­ne Kündi­gung un­wirk­sam, wenn der Be­triebs­rat zu­vor nicht oder nicht ord­nungs­gemäß an­gehört wor­den ist. Der Kläger hat gerügt, dass in Be­zug auf sei­ne Kündi­gung die Anhörung nicht ord­nungs­gemäß er­folgt sei. Dies ist je­doch un­zu­tref­fend. Be­reits das Ar­beits­ge­richt hat im Ein­zel­nen aus­geführt, wie der Be­triebs­rat in­for­miert wur­de und war­um dies den An­for­de­run­gen des § 102 Be­trVG genügt. Die Be­ru­fungs­kam­mer nimmt zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen auf die ein­schlägi­gen Pas­sa­gen des an­ge­foch­te­nen Ur­teils Be­zug und macht sie sich zu ei­gen. Das Vor­brin­gen des Klägers im zwei­ten Rechts­zug recht­fer­tigt kei­ne an­de­re Be­ur­tei­lung.
Die Kündi­gung ist nicht so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt im Sin­ne von § 1 Abs 1 KSchG . Die Be­klag­te kann sich auf drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se be­ru­fen, die der Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers ent­ge­gen­ste­hen ( § 1 Abs. 2 KSchG ).
Der Prüfungs­maßstab hierfür wird durch § 125 In­sO mo­di­fi­ziert. Des­sen Vor­aus­set­zun­gen sind erfüllt. Es ist mit der Ein­schränkung des Be­triebs der Be­klag­ten in dem oben be­schrie­be­nen Um­fang zwei­fels­frei ei­ne Be­triebsände­rung im Sin­ne des § 111 Be­trVG durch­geführt wor­den. Zwi­schen dem In­sol­venz­ver­wal­ter/Ad­mi­nis­tra­tor C und dem Ge­samt­be­triebs­rat ist ein In­ter­es­sen­aus­gleich zu­stan­de ge­kom­men, in dem die Ar­beit­neh­mer, de­nen gekündigt wer­den soll, na­ment­lich be­zeich­net sind. In­ter­es­sen­aus­gleich und Na­mens­lis­te, die auch den Na­men des Klägers enthält, sind so­wohl von Be­triebs­rats­sei­te wie von Ar­beit­ge­ber­sei­te/Ad­mi­nis­tra­tor von den zuständi­gen Per­so­nen un­ter­zeich­net.
Die Rechts­fol­ge der An­wend­bar­keit des § 125 In­sO ist ei­ne Verände­rung in der Dar­le­gungs­last der sonst vom Ar­beit­ge­ber dar­zu­le­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se für die Kündi­gung gemäß § 1 Abs. 2 KSchG . Die Re­ge­lung des § 125 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 In­sO mo­di­fi­ziert die­sen Grund­satz für die im In­ter­es­sen­aus­gleich na­ment­lich be­zeich­ne­ten Ar­beit­neh­mer da­hin­ge­hend, dass für die­sen Per­so­nen­kreis vom Vor­lie­gen be­trieb­li­cher Er­for­der­nis­se, die ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung bzw. ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung zu un­veränder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen ent­ge­gen­ste­hen, aus­zu­ge­hen ist. Hier­bei han­delt es sich um ei­ne ge­setz­li­che Ver­mu­tung, die gemäß § 292 ZPO wi­der­leg­bar ist (BAG vom 29. Sep­tem­ber 2005, EzA Nr. 140 zu § 1 KSchG Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung). Durch die aus­drück­li­che Be­zug­nah­me auf die drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se im Sin­ne des § 1 Abs. 2 KSchG er­streckt sich die Ver­mu­tung auch dar­auf, dass der Ar­beit­neh­mer an kei­nem an­de­ren Ar­beits­platz in dem­sel­ben Be­trieb wei­ter beschäftigt wer­den kann (BAG vom 07. Mai 1998, EzA Nr. 5 zu § 1 KSchG In­ter­es­sen­aus­gleich; KR-Wei­gand, 9. Aufl. 2009, § 125 In­sO Rz 15 f). Die Ver­mu­tung der drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se führt im Kündi­gungs­streit zur Be­weis­last­um­kehr. Die Dar­le­gungs- und Be­weis­last (kei­ne drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se) trägt da­mit der Ar­beit­neh­mer. Ihm ob­liegt der sub­stan­ti­ier­te Tat­sa­chen­vor­trag, der den ge­setz­lich ver­mu­te­ten Um­stand nach § 125 Abs. 1 Satz 1 In­sO nicht nur in Zwei­fel zieht, son­dern aus­sch­ließt (BAG vom 26. April 2007, EzA Nr. 6 zu § 125 In­sO; BAG vom 22. Ja­nu­ar 2004, EzA Nr. 11 zu § 1 KSchG In­ter­es­sen­aus­gleich; KR-Wei­gand, a.a.O., § 125 In­sO Rz 20).
Die­sen An­for­de­run­gen wird der Vor­trag des Klägers nicht ge­recht. Er be­wegt sich im Be­reich der Ver­mu­tun­gen und ist nicht ge­eig­net, den Vor­trag der Be­klag­ten zu den drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen für die Kündi­gung auch nur zu erschüttern. Zur Schaf­fung neu­er Ar­beitsplätze für den Kläger ist die Be­klag­te un­ter kei­nem recht­li­chen Ge­sichts­punkt ver­pflich­tet. Die Wei­ter­beschäfti­gung auf dem Ar­beits­platz von Frau M kommt nicht in Be­tracht, weil auch die­ser Ar­beits­platz, vom Kläger un­be­strit­ten, zum Zeit­punkt sei­ner Kündi­gung schon ge­stri­chen war.
Auch die Ein­wen­dun­gen des Klägers zur So­zi­al­aus­wahl tra­gen nicht. § 125 In­sO stellt auch in­so­weit höhe­re Hürden für den Ar­beit­neh­mer auf als die all­ge­mei­ne Re­ge­lung des § 1 Abs. 3 KSchG . Im Un­ter­schied zu je­ner Re­ge­lung be­schränken sich die Merk­ma­le der in­sol­venz­spe­zi­fi­schen Re­ge­lung al­lein auf die Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit, das Le­bens­al­ter und die Un­ter­halts­pflich­ten. Ei­ne Rang­fol­ge zu­guns­ten ei­nes die­ser Kri­te­ri­en be­steht nicht (BAG vom 20. De­zem­ber 2006, EzA Nr. 62 zu § 613 a BGB m. w. N.). Der Ar­beit­ge­ber hat ei­nen Be­wer­tungs­spiel­raum. Die Merk­ma­le sind auch nur auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit hin nach­zu­prüfen. Es reicht nicht aus, dass die ge­nann­ten Merk­ma­le so­wie ih­re Ge­wich­tung vom In­sol­venz­ver­wal­ter und dem Be­triebs­rat im In­ter­es­sen­aus­gleich feh­ler­haft an­ge­wen­det und be­ur­teilt wer­den, son­dern die Feh­ler­haf­tig­keit muss of­fen­sicht­lich und ein­deu­tig sein, der Be­ur­tei­lungs­spiel­raum muss weit über­schrit­ten sein. Grob feh­ler­haft ist die Ge­wich­tung der ge­nann­ten So­zi­al­da­ten, wenn sie je­de Aus­ge­wo­gen­heit ver­mis­sen lässt, d. h. wenn ein­zel­ne der drei So­zi­al­da­ten über­haupt nicht, ein­deu­tig un­zu­rei­chend oder mit ein­deu­tig überhöhter Be­deu­tung berück­sich­tigt wur­den (BAG vom 17. No­vem­ber 2005, EzA Nr. 4 zu § 125 In­sO; BAG vom 28. Au­gust 2003, EzA Nr. 1 zu § 125 In­sO; KR-Wei­gand a. a. O., § 125 In­sO, Rz 22). Die durch den Maßstab der gro­ben Feh­ler­haf­tig­keit ein­ge­schränk­te Prüfungsmöglich­keit be­zieht sich nicht nur auf die Bil­dung der aus­wahl­re­le­van­ten Grup­pe (BAG vom 21. Ju­li 2005, EzA Nr. 2 zu § 125 In­sO) und die So­zia­lin­di­ka­to­ren so­wie de­ren Ge­wich­tung (BAG vom 17. No­vem­ber 2005, a. a. O.; BAG vom 28. Au­gust 2003, a. a. O.), son­dern auf die So­zi­al­aus­wahl ins­ge­samt. Auch die Nicht­ein­be­zie­hung an­de­rer Ar­beit­neh­mer we­gen feh­len­der Ver­gleich­bar­keit oder we­gen be­rech­tig­ter be­trieb­li­cher In­ter­es­sen, z. B. zum Er­halt oder zur Schaf­fung ei­ner aus­ge­wo­ge­nen Per­so­nal­struk­tur, kann nur auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit über­prüft wer­den (BAG vom 17. No­vem­ber 2005, a. a. O., BAG vom 28. Au­gust 2003, a. a. O., KR-Wei­gand, a. a. O.). Das Merk­mal der gro­ben Feh­ler­haf­tig­keit kann sich auch auf das Aus­maß der Ab­wei­chung hin­sicht­lich ver­ge­be­ner So­zi­al­punk­te für ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer be­zie­hen. Von der gro­ben Feh­ler­haf­tig­keit bei der Grup­pen­bil­dung kann z. B. nicht aus­ge­gan­gen wer­den, wenn da­nach un­ter­schie­den wird, ob bei ei­ner Um­set­zung ei­ne Neu­schu­lung oder Ein­ar­bei­tung ver­mie­den wird. Da­mit sind Mit­ar­bei­ter, die bis­her ei­ne Ma­schi­ne nicht be­dient ha­ben, nicht mit Mit­ar­bei­tern ver­gleich­bar, die an die­ser Ma­schi­ne be­reits ge­ar­bei­tet ha­ben (LAG Köln vom 25. Mai 2005, LA­GE Nr. 7 zu § 125 In­sO). Die Her­aus­nah­me der so­ge­nann­ten Leis­tungs­träger aus der so­zia­len Aus­wahl ist auch nur auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit zu über­prüfen (BAG vom 10. Ju­ni 2010, DB 2010, 2566 [BAG 10.06.2010 - 2 AZR 420/09] ; LAG Köln vom 10. Mai 2005, LA­GE Nr. 49 zu § 1 KSchG so­zia­le Aus­wahl). Die ge­setz­li­chen Aus­wahl­kri­te­ri­en sind vom Ar­beit­ge­ber le­dig­lich aus­rei­chend zu berück­sich­ti­gen, nur deut­lich schutzwürdi­ge­re Ar­beit­neh­mer können die Feh­ler­haf­tig­keit der So­zi­al­aus­wahl mit Er­folg rügen (BAG vom 02. Ju­ni 2005, EzA Nr. 63 zu § 1 KSchG so­zia­le Aus­wahl).
Dafür muss der Ar­beit­ge­ber al­ler­dings zunächst die Gründe an­ge­ben, die zu der ge­trof­fe­nen So­zi­al­aus­wahl geführt ha­ben. Da­zu gehören z.B. auch die Gründe für die be­rech­tig­ten be­trieb­li­chen In­ter­es­sen, die den In­sol­venz­ver­wal­ter zur Aus­klam­me­rung von sol­chen im Übri­gen ver­gleich­ba­ren Ar­beit­neh­mern aus der so­zia­len Aus­wahl gemäß § 1 Abs. 3 Satz 2 KSchG ver­an­lasst ha­ben (LAG Köln vom 10. Mai 2005, a. a. O.; KR-Wei­gand, a. a. O. Rz 23 m. w. N.).
Dies hat die Be­klag­te hier ge­tan, wie im Tat­be­stand im ein­zel­nen aus­geführt. Die dar­auf­hin er­ho­be­nen Rügen des Klägers las­sen nicht auf ei­ne gro­be Feh­ler­haf­tig­keit der So­zi­al­aus­wahl nach Maßga­be der oben an­geführ­ten Kri­te­ri­en schließen. Kon­kret hat sich der Kläger im zwei­ten Rechts­zug auf die Ar­beit­neh­mer Dr. K, L und N be­zo­gen, die aus sei­ner Sicht vor ihm zu kündi­gen ge­we­sen wären. Die Be­klag­te hat ei­ner­seits auf de­ren feh­len­de Ver­gleich­bar­keit, de­ren an­der­wei­ti­ge Qua­li­fi­ka­ti­on und/oder de­ren höhe­ren so­zia­len Schutz hin­ge­wie­sen. Dass die­se Be­ur­tei­lung sach­lich falsch oder grob feh­ler­haft war und jeg­li­che Aus­ge­wo­gen­heit ver­mis­sen lässt, ist nicht zu er­ken­nen. Ins­be­son­de­re durf­te die Be­klag­te sol­che Ar­beit­neh­mer vor­zie­hen, die in ei­nem Be­reich be­reits ein­ge­ar­bei­tet wa­ren und muss­te dem Kläger kei­ne wie lan­ge auch im­mer dau­ern­de Ein­ar­bei­tungs­zeit zu­bil­li­gen.
Die dem Kläger gemäß § 113 In­sO zu­kom­men­de Son­derkündi­gungs­frist von drei Mo­na­ten zum Mo­nats­en­de ist ge­wahrt.
Der Kläger hat die Kos­ten sei­nes er­folg­lo­sen Rechts­mit­tels zu tra­gen ( § 97 Abs. 1 ZPO ).
Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on be­ruht auf § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG . Die Sa­che hat ins­be­son­de­re we­gen der An­wen­dung der Eu­Ins­VO grundsätz­li­che Be­deu­tung.
zur Übersicht 13 Sa 767/10

References: § 1
 § 125
 § 1
 § 64
 § 520
 § 102
 § 130
 EuGH 
 EuGH 
 § 293
 § 358
 § 132
 Art. 10
 § 10
 § 337
 § 132
 § 113
 § 102
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 § 1
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 § 125
 § 111
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 § 1
 § 125
 § 292
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 § 125
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 § 613
 § 125
 § 125
 § 125
 § 125
 § 125
 § 1
 § 1
 § 1
 § 113
 § 97
 § 72