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Timestamp: 2020-05-28 22:33:28+00:00

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Materialität, historische []
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m:materialitaet_historische [2018/03/09 12:31]
m:materialitaet_historische [2018/03/09 12:40] (aktuell)
HKWM 9/I, 2018, Spalten 266-280 HKWM 9/I, 2018, Spalten 266-280
- Die Rede von der Materialität eines <!--[-->[[g:Gegenstand|Gegenstands]]<!--]--> zielt zunächst aufs Material, aus dem er aufgebaut ist, seine stoffliche Beschaffenheit. Nicht darum geht es im Folgenden. Um sich seines Gegenstands zu vergewissern, bedarf der [[h:historischer Materialismus|historische Materialismus]] eines [[b:Begriff|Begriffs]] der hM. Und doch herrscht auch unter Marxisten in dieser Frage viel Unklarheit. Die Bedeutung der Frage springt ins Auge, erinnert man sich an David Harveys auf Ben Fowkes’ englische //Kapital//-Übersetzung von 1976 gestützte Überzeugung, es sei im Sinne von Marx, gesellschaftliche Verhältnisse, weil nicht stofflicher Natur, zwar als objektiv, dennoch als »immateriell« aufzufassen (2010, 33; vgl. Haug 2013, Kap. 8 u. 10, sowie 2017). Müssten gesellschaftliche Verhältnisse und geschichtliche Prozesse als immateriell angesehen werden, hätte der historische Materialismus seinen Gegenstand verloren. »Geschichte in ihrer Materialität als strukturierten und offenen Prozess zu begreifen, ist der Nerv des historischen Materialismus.« (Küttler/Petrioli/Wolf 2004, 331) Der in den 1970er Jahren v.a. von Nikos Poulantzas marxistisch neu aufgenommene Materialitäts-Begriff ist offen für die Unterscheidung von Formen des Materiellen. + Die Rede von der Materialität eines <!--[-->[[g:Gegenstand|Gegenstands]]<!--]--> zielt zunächst aufs Material, aus dem er aufgebaut ist, seine stoffliche Beschaffenheit. Nicht darum geht es im Folgenden. Um sich seines Gegenstands zu vergewissern, bedarf der [[h:historischer Materialismus|historische Materialismus]] eines [[b:Begriff|Begriffs]] der hM. Und doch herrscht auch unter Marxisten in dieser Frage viel Unklarheit. Die Bedeutung der Frage springt ins Auge, erinnert man sich an David Harveys auf Ben Fowkes’ englische //Kapital//-Übersetzung von 1976 gestützte Überzeugung, es sei im Sinne von Marx, gesellschaftliche Verhältnisse, weil nicht stofflicher Natur, zwar als objektiv, dennoch als »[[i:immateriell]]« aufzufassen (2010, 33; vgl. Haug 2013, Kap. 8 u. 10, sowie 2017). Müssten gesellschaftliche Verhältnisse und geschichtliche Prozesse als immateriell angesehen werden, hätte der historische Materialismus seinen [[g:Gegenstand]] verloren. »Geschichte in ihrer Materialität als strukturierten und offenen Prozess zu begreifen, ist der Nerv des historischen Materialismus.« (Küttler/Petrioli/Wolf 2004, 331) Der in den 1970er Jahren v.a. von Nikos Poulantzas marxistisch neu aufgenommene Materialitäts-Begriff ist offen für die Unterscheidung von Formen des Materiellen.
- Die Frage nach hM rührt mithin an die marxistischen Fundamente. Wie Alberto Burgio bemerkt (2014, 429), hätte ein Begriff wie historischer Materialismus vor Marx als »Oxymoron« gegolten, weil Unvereinbares zusammenfügend. Der tief in den //common sense// eingegrabene Stoff-Geist-Dualismus sträubt sich weiterhin gegen diese Verbindung. Er spricht aus der Begründung jener Immaterialitätsthese, dass man gesellschaftliche Verhältnisse sinnlich nicht wahrnehmen könne: »you cannot actually see, touch or feel social relations directly« (Harvey 2010, 33). Man meint, ein fernes Echo auf Louis <!--[-->[[a:Althusser-Schule|Althusser]]<!--]-->s These zu vernehmen, der Gegenstand von Zusammenhangsbegriffen sei »›unsichtbar‹: daher abstrakt« (1969/1973, 83). Doch dort liegt der Akzent auf der Unterscheidung von Begriff (Abstraktion) und zu Begreifendem, und Althusser und sein Kreis gehören zu denen, die nach Antonio Gramsci in den 1960er und 70er Jahren wieder über hM nachgedacht haben. + Die Frage nach hM rührt mithin an die marxistischen Fundamente. Wie Alberto Burgio bemerkt (2014, 429), hätte ein Begriff wie historischer Materialismus vor Marx als »Oxymoron« gegolten, weil Unvereinbares zusammenfügend. Der tief in den //common sense// eingegrabene Stoff-Geist-Dualismus sträubt sich weiterhin gegen diese Verbindung. Er spricht aus der Begründung jener Immaterialitätsthese, dass man gesellschaftliche Verhältnisse sinnlich nicht wahrnehmen könne: »you cannot actually see, touch or feel social relations directly« (Harvey 2010, 33). Man meint, ein fernes Echo auf Louis <!--[-->[[a:Althusser-Schule|Althussers]]<!--]--> These zu vernehmen, der Gegenstand von Zusammenhangsbegriffen sei »›unsichtbar‹: daher abstrakt« (1969/1973, 83). Doch dort liegt der Akzent auf der Unterscheidung von Begriff (Abstraktion) und zu Begreifendem, und Althusser und sein Kreis gehören zu denen, die nach Antonio Gramsci in den 1960er und 70er Jahren wieder über hM nachgedacht haben.
- Ohne den Term hM zu verwenden, hat Engels wohl als Erster an der gemeinten Sache erklärt, wozu ein Begriff von ihr nötig ist: um »die Wissenschaft von der Gesellschaft, d.h. den Inbegriff der sogenannten historischen und philosophischen Wissenschaften, mit der materialistischen Grundlage in Einklang zu bringen und auf ihr zu rekonstruieren« (//LF//, 21/280f). Als das Novum, das einen Neubau des Materialismus erfordert, damit die menschliche Geschichte in ihn Eingang finde, nennt er, »dass alles, was einen Menschen bewegt, den Durchgang durch seinen Kopf machen muss« (281). Nicht zufällig findet sich im Anhang des zitierten Textes von 1886 die Erstveröffentlichung von Marx’ Feuerbach-Thesen, die »allem bisherigen Materialismus« vorhalten, dass er seinen »Gegenstand, die Wirklichkeit« nicht als »//menschliche Tätigkeit, Praxis//; nicht subjektiv« gefasst hat (//ThF// 1, 3/5). //ThF// 8 erläutert: »Alles gesellschaftliche Leben« – dies die allgemeinste geschichtsmaterialistische Gegenstandsbestimmung – »ist wesentlich //praktisch//«, und dem »Begreifen dieser Praxis« wird die Lösung »aller Mysterien« zugeschrieben, »welche die Theorie zum Mystizism<us> veranlassen« (7). + Ohne den Term hM zu verwenden, hat Engels wohl als Erster an der gemeinten Sache erklärt, wozu ein Begriff von ihr nötig ist: um »die Wissenschaft von der [[g:Gesellschaft]], d.h. den Inbegriff der sogenannten historischen und philosophischen Wissenschaften, mit der materialistischen Grundlage in Einklang zu bringen und auf ihr zu rekonstruieren« (//LF//, 21/280f). Als das Novum, das einen Neubau des Materialismus erfordert, damit die menschliche Geschichte in ihn Eingang finde, nennt er, »dass alles, was einen Menschen bewegt, den Durchgang durch seinen Kopf machen muss« (281). Nicht zufällig findet sich im Anhang des zitierten Textes von 1886 die Erstveröffentlichung von Marx’ [[f:Feuerbach-Thesen]], die »allem bisherigen Materialismus« vorhalten, dass er seinen »Gegenstand, die Wirklichkeit« nicht als »//menschliche Tätigkeit, Praxis//; nicht subjektiv« gefasst hat (//ThF// 1, 3/5). //ThF// 8 erläutert: »Alles gesellschaftliche Leben« – dies die allgemeinste geschichtsmaterialistische Gegenstandsbestimmung – »ist wesentlich //praktisch//«, und dem »Begreifen dieser Praxis« wird die Lösung »aller Mysterien« zugeschrieben, »welche die Theorie zum Mystizism<us> veranlassen« (7).
Was nach solchen Theoremen verlangt, die aus der Vereinigung des ideologisch Getrennten theoretische Funken schlagen, an denen sich Praxis entzünden kann, ist die geschichtliche Wirklichkeit selbst. Antonio Labriola, im geschichtlichen Entstehungsmoment des Marxismus, und sein Fernschüler Gramsci, im faschistischen Gefängnis, hatten einen wachen Sinn dafür, dass »der Prozess eine Art geschichtliches Oxymoron ist« und zu seiner Beschreibung »widersprüchlicher Formeln (›passive Revolution‹, ›Revolution-Restauration‹, ›Bewahrung-<!--[-->[[e:Erneuerung|Erneuerung]]<!--]-->‹ [//Gef//, H. 8, §39, 969]; ›fortschrittliche Restaurationen‹ […] [H. 10.II, §41.XIV, 1330]; ›Revolution ohne Revolution‹ [H. 19, §24, 1948]« bedarf (Burgio 2014, 249). Was nach solchen Theoremen verlangt, die aus der Vereinigung des ideologisch Getrennten theoretische Funken schlagen, an denen sich Praxis entzünden kann, ist die geschichtliche Wirklichkeit selbst. Antonio Labriola, im geschichtlichen Entstehungsmoment des Marxismus, und sein Fernschüler Gramsci, im faschistischen Gefängnis, hatten einen wachen Sinn dafür, dass »der Prozess eine Art geschichtliches Oxymoron ist« und zu seiner Beschreibung »widersprüchlicher Formeln (›passive Revolution‹, ›Revolution-Restauration‹, ›Bewahrung-<!--[-->[[e:Erneuerung|Erneuerung]]<!--]-->‹ [//Gef//, H. 8, §39, 969]; ›fortschrittliche Restaurationen‹ […] [H. 10.II, §41.XIV, 1330]; ›Revolution ohne Revolution‹ [H. 19, §24, 1948]« bedarf (Burgio 2014, 249).
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References: §39
 §41
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