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Timestamp: 2018-06-20 07:34:28+00:00

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forum - Die Zukunft der Arbeit gestalten Ausgabe 10/12 by FREY PRINT + MEDIA GmbH - Issuu
Spielregeln für eine ganz besondere Ökonomie Wie lässt sich sicherstellen, dass wichtige Versorgungssysteme bei Arbeitskämpfen nicht kollabieren? Der Gesetzentwurf einer Professoreninitiative bringt die Interessen von Arbeitnehmern und jene der Allgemeinheit unter einen Hut.
K. STEPP: REZEPTE GEGEN ENTSOLIDARISIERUNG PROF. DR. M. FRANZEN, PROF. DR G. THÜSING, PROF. DR C. WALDHOFF: GRÜNDUNGSWELLE MIT FOLGEN J. BERGMANN: GLEICHGEWICHT DER KRÄFTE GESTÖRT PROF. DR. L. RUDKOWSKI: VON ANDEREN LERNEN PROF. DR. R. V. STEINAU-STEINRÜCK: ANRECHT AUF VERLÄSSLICHKEIT DR. H. KOLB: ZERSPLITTERUNG VERMEIDEN R. WOLF: TARIFEINHEIT PER GESETZ DR. F. MEIK: ENTWICKLUNG DER GEWERKSCHAFTEN
www.CFvW.org
FORUM 10/2012 // INHALT
Heute möchte ich Sie bitten, mir zurück ins Jahr 1863 zu folgen. „Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne Deine Macht!“ So lautete damals der Appell im „Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“. Präzise Instruktionen folgten: „Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will.“ Im gleichen Jahr beÅNLS[LKLY+YLPNYVZJOLUZ[YLPRKLY3LPWaPger Buchdrucker die Gründungswelle der Gewerkschaften, die ganz allgemein in den 1860er Jahren überall Fahrt aufnahm. Aber erst mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes im Jahre 1890 war der Weg frei für die Wandlung der ersten Gewerkschaften zu Massenorganisationen. In ihren Diskussionen war den Gewerkschaftern im Deutschen Reich durchaus bewusst, dass sie sich entweder als Berufsverbände organisieren konnten oder aber berufsübergreifend – als Industrieverband. Bekanntlich setzte sich Letzteres durch, seither dominierten hierzulande die großen Flächengewerkschaften. Darin unterschied sich die Entwicklung von jener in den anderen europäischen Staaten, wo von jeher eine Vielzahl unterschiedlicher Gewerkschaften miteinander konkurrierten und den Interessen
kender Arbeitnehmer mit jenen der Bürger zu vereinbaren sind.
ihrer Mitglieder Geltung zu verschaffen suchten. Gewiss hat mit diesen unterschiedlichen Organisationsformen auch die Anzahl der Streiktage zu tun, die in Deutschland meist hinter jener in den großen Nachbarländern zurückblieb.
In der vorliegenden Publikation möchten wir Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, einen Gesetzentwurf der Professoren Martin Franzen, Gregor Thüsing und Christian Waldhoff vorstellen, der solche Spielregeln nun für Deutschland entwickelt. Spielregeln, die der geänderten Wirklichkeit ebenso gerecht werden wie der Tatsache, dass die Unternehmen auch im Auftrag der Verfassung dafür Sorge zu tragen haben, dass der Bürger sich auf zentrale Systeme der Daseinsvorsorge verlassen kann - auch im Arbeitskampf. Nach meiner Überzeugung sind dies zukunftsweisende Überlegungen der ProfessorenInitiative, die eine eingehende Diskussion und überlegte politische Bewertung verdient haben.
Und heute? Das Industrieverbandsprinzip scheint angeschlagen, die Flächentarifverträge scheinen zu erodieren. Besonders seit der Jahrtausendwende schießen hierzulande schlagkräftige Berufsgruppengewerkschaften wie Pilze aus dem Boden. +HTP[[YL[LUNHUaUL\L2VUÅPR[LH\M:V legten nur 200 Vorfeldmitarbeiter im Frühjahr mit Frankfurt das zentrale deutsche Drehkreuz für den Flugverkehr lahm. Das Bundesarbeitsgericht kassierte den einst selbst entwickelten Grundsatz der Tarifeinheit im Jahre 2010 wieder. Mit vielfältigen Konsequenzen. Bei den Unternehmen der Daseinsvorsorge hat dies Folgen für jeden einzelnen Bürger, der auf ihre Leistungen angewisen ist, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Das Streikrecht allerdings ist ein hohes Gut – seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Gewerkschaftsbewegung darauf angewiesen, um ihre Interessen durchzusetzen. Dass indes die Bürger in der Daseinsvorsorge nicht gänzlich schutzlos ausufernden Arbeitskämpfen ausgesetzt sein müssen, beweist die Rechtsentwicklung im Ausland. In jenen Ländern, deren Gewerkschaften sich historisch nicht am Industrieverbandsbetrieb wie in Deutschland orientierten, gibt es von jeher vielfältige Regeln dazu, wie die Interessen strei-
inhalt Streiken nach Spielregeln
Rezepte gegen Entsolidarisierung
Gründungswelle mit Folgen
Gleichgewicht der Kräfte gestört
Anrecht auf Verlässlichkeit
Zersplitterung vermeiden
Herzlichst Ihr Dr. Frank Meik Kurator der Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung und Direktor des Bereichs Zukunft der Arbeit
wer wie wir mit dem vorliegenden Heft der Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung einen Beitrag zur Gestaltung der Zukunft leisten möchte, ist gut beraten, zunächst einmal zurück zu blicken. Ist doch unser Handeln stets eingebettet in seinen geschichtlichen Kontext. Nur in der Zusammenschau der Entwicklung lassen sich nachhaltige LöZ\UNLUMYKPLA\R\UM[ÄUKLU
Geldautomat: Daseinsvorsorge umfasst auch die Versorgung mit Bargeld
FORUM 10/2012 // STEPP
Mit sieben Paragraphen wollen die Rechtsprofessoren Martin Franzen, Gegor Thüsing und Christian Waldhoff Arbeitskämpfe in der Daseinsvorsorge künftig so gestalten, dass nicht nur die Interessen der Tarifparteien, sondern auch jene der Bürger Berücksichtigung ÄUKLU 4P[ POYLT .LZL[aLZ]VYZJOSHN ernteten sie große Beachtung nicht nur in den Medien, sondern auch bei der Politik, den Gewerkschaften und den Unternehmen. Von Kai Stepp
Lauter Beifall auf der einen, unversöhnliche Kritik auf der anderen Seite – eines jedenfalls hatten die drei Rechtsprofessoren erreicht: Ihr Anliegen war in der öffentlichen Diskussion angekommen. Ihr Regelungsvorschlag für Arbeitskämpfe in der Daseinsvorsorge geriet denn auch umgehend zum Spitzenthema in den Fraktionen im deutschen Bundestag. Die Arbeitsrechtler Professor Martin Franzen (München), Professor Gregor Thüsing (Bonn) sowie der Verfassungsrechtler Professor Christian Waldhoff (Berlin) hatten für die Vorstellung ihres Entwurfs für eine gesetzliche Regelung von Arbeitskämpfen in der Daseinsvorsorge am 19. März 2012 die Räume der Bundespressekonferenz gewählt. Das
Streiken nach Spielregeln 4 5 Warteschlangen am Flughafen: Folgenreicher Arbeitskampf
Prof. G. Thüsing, Dr. F. Meik, Prof. C. Waldhoff, Prof. M. Franzen (v.l.): Pressekonferenz in Berlin
breite Echo belegte, dass das Thema keineswegs bloß akademischer Natur ist: (SSa\ Op\ÄN Z[YHUKLU 9LPZLUKL ^PL PT September 2012 während des Streiks des Lufthansa-Kabinenpersonals, am Flughafen, allzu präsent ist dem Bürger das Nahverkehrschaos, wenn es bei der SBahn mal wieder heißt: Nichts geht mehr. Zustimmung erntete der Vorschlag denn auch bei zahlreichen Beobachtern, etwa der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Die Juristen wollen Streiks wieder zu dem machen, wozu sie gedacht waren: zum letzten Mittel im Arbeitskampf.“ Das Blatt begrüßte auch, dass Ausstände danach besser legitimiert wären: „Das liegt auch im Interesse der Gewerkschaften .... manches könnte auch für `normale´ Branchen interessant sein.“ Kritisch dagegen urteilte etwa die „ÄrzteZeitung“: „Wenn Juraprofessoren auf politische Realitäten treffen“, rieb sie sich am Entwurf, der wegen seiner doppelten Quorumslösung „das geltende Recht drastisch verschärfen“ würde. Die Zeitung fürchtete gar das Entstehen eines „Zwei-Klassen-Streikrechts“.
Prof. G. Thüsing, Prof. C. Waldhoff, Prof. M. Franzen (v.l.): Gesetzentwurfe mit großem Medienecho
Es war genau diese leidenschaftliche Debatte, die die Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung im Sinn hatte, als sie die Professoren-Initiative im Jahr 2011 ins Leben rief. Sieht die Stiftung ihre Aufgabe doch darin, so Weizsäcker-Kurator Dr. Frank Meik, „Forschung zu zentralen Zukunftsfragen anzustoßen und den gesellschaftlichen Diskurs darüber zu befördern.“ Weichen für die Zukunft
scheidungen auszuformen. Sie beriefen sich dabei immer wieder auf den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz – eine äußerst dehnbare Formel, die Prognosen zum Ausgang einzelner Verfahren äußerst schwierig macht. Nicht einfacher wurde die Gemengelage 2010 nach der Abkehr des Bundesarbeitsgerichts vom Grundsatz der Tarifeinheit („Ein Betrieb, ein Tarifvertrag“), den es einst selbst entwickelt hatte und dem es seither gefolgt war.
Am Ende soll ein wohl erwogenes und breit diskutiertes Modell stehen, das als Ganzes oder in Form einzelner Module Gesellschaft und Politik als praktikable und umsetzbare Option zur Verfügung steht. Der Entwurf der Professoren-Initiative scheint in diesem Sinne durchaus geeignet, Weichen zu stellen, um künftig Interessenkollisionen zu entschärfen.
Die Ausgangslage ist nun noch unübersichtlicher geworden. Experten wie der renommierte Berliner Arbeitsrechtler Professor Robert v. Steinau-Steinrück befürchten für die Zukunft „eine starke Zunahme von Arbeitskämpfen sowie kalten Streiks,“ wie die oftmals weitreichenden Folgen bloßer Ankündigungen genannt werden.
Fraglos ist das Muster, nach dem Arbeitskämpfe in Deutschland ablaufen, eine zentrale Funktion demokratischer Grundordnung und daher nur behutsamer Justierung zugänglich. Obwohl aus der Koalitionsfreiheit abgeleitet, blieb dem Streikrecht im Einzelnen bislang stets die Legitimation durch den parlamentarischen Gesetzgeber verwehrt: Er mied die Materie jahrzehntelang, wohl aus Angst, sich mit wichtigen Interessengruppen anzulegen. Schließlich zählt das Streikrecht zu den Grundfesten der Gewerkschaftsbewegung; ebenso gewichtig sind für die Unternehmen und deren Verbände ihre eigenen KampfYLJO[LILP;HYPMRVUÅPR[LU
Dabei spielt für den Leiter der Berliner Niederlassung der Rechtsanwaltsgesellschaft Luther insbesondere die Entwicklung der Berufsgruppengewerkschaften eine kritische Rolle. Sie „stellt das hierzulande gewachsene System der Flächentarifverträge zunehmend in Frage – besonders in der Daseinsvorsorge, also im Verkehr, der Gesundheitsfürsorge, bei der Entsorgung.“ Die Art und Weise, wie das Streikrecht hierzulande ausgestaltet ist, kann damit als eine zentrale Zukunftsfrage des Arbeitslebens gelten, eine Einstufung, die die WeizsäckerStiftung mit den drei Rechtsprofessoren Franzen, Thüsing und Waldhoff teilt.
So blieb es den Gerichten vorbehalten, das Arbeitskampfrecht durch Einzelent-
Der Gesetzentwurf der Wissenschaftler beschränkt sich auf Unternehmen der Daseinsvorsorge, weil hier nach Über-
zeugung der Juristen der Gesetzgeber – wenn er sich schon dem Streikrecht insgesamt nicht zuwenden mag – ganz ILZVUKLYZ PU KLY 7ÅPJO[ Z[LO[ +LT Bürger haben Schlüsselfunktionen der Versorgungssysteme von Verfassungs wegen dauerhaft zur Verfügung zu stehen. Daraus folgt, dass im Falle ihrer Unterbrechung zumindest umfangreiche Notdienste einspringen müssen und der Bürger die Chance bekommt, sich auf die Folgen von Arbeitskämpfen vorsorglich einzustellen. Streikfolgen abfedern Scheut sich der Gesetzgeber weiterhin, das Arbeitskampfrecht insgesamt anzupacken, soll er wenigstens im Bereich der Daseinsvorsorge die Folgen intensiver Tarifauseinandersetzungen für das Gemeinwesen abfedern. Gleichzeitig wollen die Autoren des Entwurfs dem hohen Stellenwert des Streikrechts mit Blick auf das Grundgesetz gerecht werden, mithin die Interessen des Bürgers mit jenen der Tarifparteien in Unternehmen der Daseinsvorsorge versöhnen. Beides scheint durchaus gelungen. Der im Auftrag der Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung entwickelte Vorschlag sieht bei Berücksichtigung der Kampfrechte der Tarifparteien Einschränkungen zugunsten der Allgemeinheit vor. Fünf Elemente kennzeichnen ihn: Eine (URUKPN\UNZWÅPJO[ MY 4HUHOTLU im Arbeitskampf, die Aufrechterhaltung einer Grundversorgung, das Erfordernis LPULY <YHIZ[PTT\UN KPL =LYWÅPJO[\UN auf ein Schlichtungsverfahren sowie ein Quorum für Streiks von Spartengewerkschaften.
7YVÄ[L\YLLPULZZVSJOLU.LZL[aLZ^pYLU zunächst einmal die betroffenen Bürger, die sich nicht mehr aus heiterem Himmel mit einer Unterbrechung ihrer Versorgung konfrontiert sehen müssten. So wären kurzfristig anberaumte Arbeitsniederlegungen bei Fluglotsen, Lokführern oder wie jüngst beim Kabinenpersonal der Lufthansa, künftig ausgeschlossen, da der Entwurf eine Ankündigung von Streikmaßnahmen vorschreibt (Frist: vier Tage). Zu Gute käme dies auch Unternehmen, die nicht am Arbeitskampf teilnehmen: Sie könnten sich besser gegen die Folgen von Ausständen wappnen. Letztlich wären auch die betroffenen Gewerkschaften auf der Gewinnerseite, meint Rechtsanwalt Steinau-Steinrück, „müssen sie doch bislang stets fürchten, vor Gericht am Verhältnismäßigkeitsgrundsatz zu scheitern, im Ernstfall sogar mit Schadenersatzforderungen überzogen zu werden.“ Dass Leitplanken für Arbeitskämpfe in der Daseinsvorsorge beim Bürger auf größtes Wohlwollen treffen, belegt eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach aus dem Vorjahr.
Danach wünscht sich eine große Mehrheit aller Deutschen restriktive Regeln des Gesetzgebers. Sie lehnen für die Personenbeförderung bei der Bahn und im Luftverkehr ein uneingeschränktes Streikrecht ab – weniger als ein Drittel aller Befragten mag sich in diesen Bereichen für ein schrankenloses Streikrecht erwärmen. Bürger fordern Spielregeln Dagegen wünscht sich laut der von der Weizsäcker-Stiftung beauftragten Befragung die Hälfte der Deutschen Einschränkungen des Streikrechts bei der Bahn und im Luftverkehr, 14 Prozent sprechen sich gar ganz gegen ein Streikrecht bei der Bahn und 9 Prozent im Luftverkehr aus. Insgesamt sind, so AllensIHJO*OLÄU7YVM9LUH[L2JOLYKHTP[ fast zwei Drittel der Befragten gegen ein schrankenloses Streikrecht im Personenverkehr. Noch klarer ist die Ablehnung gegenüber Arbeitskämpfen in der Gesundheitsversorgung. Hier fordern 55 Prozent der Bevölkerung Einschränkungen und 17 Prozent spricht sich gegen Streiks und Aussperrungen generell aus (mehr unter: www.zukunftderarbeit.de).
NUR MINDERHEITEN BEFÜRWORTEN UNEINGESCHRÄNKTES STREIKRECHT IN UNTERNEHMEN DER DASEINSVORSORGE
Beschäftigte im/in...
öffentlichen Personenverkehr (z.B. Bahn)
sollten nur eingeschränktes Streikrecht haben
sollten nicht streiken dürfen
sollten ein uneingeschränktes Streikrecht haben
Quelle: Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 10071, Mai 2011
So weit wie die Gegner jeglicher Streiks in der Daseinsvorsorge mag das Professorengremium indes nicht gehen. Vielmehr will es für einen Ausgleich der Interessen durch ein Anknüpfen an schon vorhandene Instrumente im deutschen Recht sorgen und diese mit Augenmaß fortentwickeln. Wichtig ist ihnen, dass mit dem Gesetzesvorschlag „Arbeitskämpfe in der Daseinsvorsorge weiterhin zulässig bleiben“, so der Münchener Arbeitsrechtler Martin Franzen. Neu allerdings wäre, dass die Interessen Drittbetroffener dadurch berücksichtigt würden, dass der Arbeitskampf durch Verfahrensregelungen wie Ankündigung, Urabstimmung und Schlichtung mit Schranken versehen wird, der Bürger
8 9 Nahverkehr: Von Arbeitskämpfen sind Pendler besonders betroffen
sich darauf verlassen kann, dass seine Grundversorgung aufrechterhalten bleibt und Streiks nicht aus heiterem Himmel ganze Systeme lahmlegen. Bei der Vorstellung des Vorschlags vor der Hauptstadtpresse in Berlin betonten die Professoren, ihr „schlankes Gesetz mit nur sieben Paragraphen“ sei geeignet, den äußerst komplexen Anforderungen gerecht zu werden. Eine Vermengung mit anderer Materie möchten sie vermeiden und empfehlen einen eigenen Standort für die von ihnen ersonnenen Regeln. .Y\UK! )LZ[LOLUKL 2VKPÄRH[PVULU ^PL das Bürgerliche Gesetzbuch oder das Tarifvertragsgesetz eignen sich wenig als Heimat für die neue Thematik, weil sie ZWLaPÄZJOLHYILP[ZRHTWMYLJO[SPJOL9LNL-
Allensbach-Chefin Prof. R. Köcher: Mehrheit der Bürger wünscht Streikregeln
lungen vermissen lassen. Zudem fehle, so der Berliner Verfassungsrechtler Christian Waldhoff, „ein umfassendes Gesetz mit Regeln für den Bereich der Daseinsvorsorge.“ Vorfahrt für die Tarifautonomie
Keine Kampfmaßnahmen aus heiterem Himmel
Den von der Weizsäcker-Stiftung beauftragten Gesetzesvorschlag prägen zwei Merkmale: Tarifautonome Regelungen, wenn die Parteien sich auf diese einigen können, genießen Vorfahrt. Sind sie zu LPULT2VUZLUZUPJO[PUKLY3HNLÄUKLU sich im Entwurf Verfahrensregelungen. Sie sollen helfen, die Tarifvertragsparteien eigenständig zu Lösungen zu führen. Gleichzeitig bleiben die Rechtsgrundsätze zum Arbeitskampfrecht, die insbesondere das Bundesarbeitsgericht entwickelt hat, voll anwendbar. Der Gesetzesvorschlag ergänzt diese Grundsätze lediglich (§ 1; Wortlaut ab S.13).
  KLZ .LZL[aLU[^\YMZ ]LYWÅPJO[L[ KPL Arbeitskampfparteien, eine Kampfmaßnahme rechtzeitig gegenüber der anderen Partei anzukündigen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Auch die Bürger sollen sich auf den Ausfall von Leistungen vorbereiten und um Alternativen kümmern können. Als Vorwarnzeit angemessen erscheinen den Autoren vier Tage. In diesem Zeitraum können die Betroffenen nach ihrer Meinung Abhilfemaßnahmen organisieren. Die Arbeitskampfpartei muss Ort, Beginn und Dauer der Arbeitskampfmaßnahme mitteilen, auch gegenüber der Öffentlichkeit.
Versorgung, Infrastruktur und Sicherheit – KPL+LÄUP[PVUKLY+HZLPUZ]VYZVYNL
Grundversorgung muss garantiert sein
Bereiche, in denen Dritte ganz existentiell betroffen sind, nämlich immer dann, 10 11
wenn es um die Rechtsgüter Leben und körperliche Unversehrtheit geht, zählt der Gesetzentwurf zur Daseinsvorsorge. Dazu gehören die medizinische und WÅLNLYPZJOL=LYZVYN\UN"=LYZVYN\UN TP[ Energie und Wasser; Feuerwehr, Bestattung, Abfallbeseitigung; Landesverteidigung und innere Sicherheit. Außerdem zählt der Entwurf den Bereich der Infrastruktur dazu, der in einer funktionierenden Volkswirtschaft ebenfalls möglichst uneingeschränkt zur Verfügung stehen sollte. Dies betrifft die Bereiche Verkehr, das Erziehungswesen und die Kinderbetreuung; die Kommunikationsinfrastruktur sowie die Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs und die Versorgung mit Bargeld (§ 2).
Nach § 4 müssen die Arbeitskampfparteien eine Grundversorgung aufrechterhalten. Die elementaren persönlichen,
sozialen und öffentlichen Bedürfnisse müssen auch im Falle eines Arbeitskampfes befriedigt werden können. Die hierfür erforderlichen Arbeitnehmer sind von Arbeitskampfmaßnahmen auszunehmen.
aufrechtzuerhaltenden Grundversorgung zu einigen und außerdem zu schnellen Lösungen zu gelangen.
Der Gesetzesvorschlag gibt den Umfang der Grundversorgung dabei inhaltlich nicht vor, so wie dies in manchen romanischen Ländern der Fall ist. Im Gegenteil: Auch hier setzen die Professoren zunächst auf die Tarifparteien, deutschen Rechtstraditionen folgend. Allerdings: Können sie sich nicht autonom auf Notdienste einigen, stellt der Vorschlag ein entsprechendes Verfahren zur Verfügung. Eine Einigungsstelle entscheidet bei Nichteinigung verbindlich über den Umfang der Grundversorgung.
Nach § 5 ist ein Streik nur zulässig, wenn vorher eine Urabstimmung durchgeführt wurde. An der Urabstimmung müssen mindestens die Hälfte der von dem erstrebten Tarifvertrag betroffenen Mitglieder der Gewerkschaft teilnehmen. Außerdem muss die Mehrheit der teilnehmenden und abstimmungsberechtigten Gewerkschaftsmitglieder die gewerkschaftliche Arbeitskampfmaßnahme unterstützen. Es gilt also ein doppeltes Quorum: mehr als 50% Beteiligung und mehr als 50% Zustimmung. Diese Regelung geht über das geltende Arbeitskampfrecht hinaus. Die Professoren meinen, dass dies im Bereich der Daseinsvorsorge gerechtfertigt sei. Dritten und der Allgemeinheit können Schäden in diesen Bereichen nur zugemutet werden, wenn der Arbeitskampf auch von den betroffenen Mitgliedern der Gewerkschaft mehrheitlich getragen wird.
Jede Arbeitskampfpartei kann die Einigungsstelle anrufen. Sie besteht aus der gleichen Anzahl von Beisitzern, die von den Arbeitskampfparteien auf Arbeitgeberseite und Arbeitnehmerseite bestellt werden, und einem unparteiischen Vorsitzenden. Auf diesen müssen sich beide Seiten einigen. Scheitert eine Einigung über die Person des Vorsitzenden, bestellt ihn je nach Ort des Streiks das zuständige Landesarbeitsgericht oder das Bundesarbeitsgericht. Eine Arbeitskampfmaßnahme ist nur zulässig, wenn zuvor über den Umfang der Grundversorgung Einigkeit zwischen den Arbeitskampfparteien erzielt wurde oder ein Beschluss der Einigungsstelle über den Umfang der Grundversorgung vorliegt. Dies setzt Anreize für die Tarifvertragsparteien, sich bereits im Vorfeld außerhalb eines konkreten Arbeitskampfgeschehens auf den Umfang der
Kein Streik ohne Urabstimmung
Chance auf Schlichtung Nach § 6 kann einem Arbeitskampf eine Schlichtung vorgeschaltet werden, wenn eine der Tarifvertragsparteien dies wünscht und nach Scheitern der Tarifvertragsverhandlungen die Schlichtung HUY\M[ +HZ :JOSPJO[\UNZ]LYMHOYLU ÄUdet damit nur auf Antrag mindestens einer Seite statt. Auch hier gilt wieder der Grundsatz: Vorrang einer autonomen Vereinbarung der Tarifvertragsparteien über die Schlichtung vor den Regelungen des Gesetzes. Während des Schlich-
[\UNZ]LYMHOYLUZILZ[LO[-YPLKLUZWĂ&#x2026;PJO[ Fehlt es an einer Vereinbarung Ăźber die Schlichtung, kommt ein staatliches Schlichtungsverfahren zum Zuge. Es wird von einer beim Bundesministerium fĂźr Arbeit und Soziales gebildeten Bundesschlichtungsstelle gefĂźhrt. Sie wird von einem Bundesschlichter geleitet, der im Einvernehmen mit dem Tarifausschuss nach Â§ 5 des Tarifvertragsgesetzes vom Bundesministerium fĂźr Arbeit und Soziales bestellt wird. Damit ist sichergestellt, dass die SpitzenverbĂ¤nde von Arbeitgebern und Gewerkschaften auf die Person des Vorsitzenden der Schlichtungsstelle ,PUĂ&#x2026;\ZZ ULOTLU RÂ&#x20AC;UULU 1LKL (YILP[Zkampfpartei benennt jeweils einen Beisitzer. Die Bundesschlichtungsstelle besteht somit nur aus drei Personen.
Streiks solcher Gewerkschaften an ein bestimmtes Quorum. Damit soll verhindert werden, dass kleine und besonders streikmĂ¤chtige Gewerkschaften fĂźr die von ihr reprĂ¤sentierten Arbeitnehmergruppen Sondervorteile erstreiten, die den anderen Arbeitnehmergruppen im Unternehmen oder der Branche nicht zugute kommen. Die Rechtswissenschaftler schlagen eine Schwelle von 15 Prozent vor. Allerdings sei diese GrĂśĂ&#x;enordnung
Die Bundesschlichtungsstelle muss unverzĂźglich tĂ¤tig werden und innerhalb von vier Wochen nach ihrem Zusammentreten einen Schlichtungsvorschlag formulieren. Dieser gilt nur dann als Tarifvertrag, wenn alle Arbeitskampfparteien dem Schlichterspruch innerhalb von zwei Wochen zustimmen. Keine Arbeitskampfpartei wird also gegen ihren Willen einem Schlichterspruch unterworfen. Quorum gegen Splittergruppen Â§ 7 behandelt die ZulĂ¤ssigkeit eines Streiks einer Berufsgruppengewerkschaft. :VSJOL.L^LYRZJOHM[LUMVYKLYU[HYPĂ&#x2026;PJOL Regelungen nur fĂźr bestimmte Arbeitnehmergruppen in dem Unternehmen bzw. der Branche, wie etwa Ă&#x201E;rzte, LokomotivfĂźhrer oder wie im FrĂźhjahr 2012 Vorfeldlotsen am Frankfurter Flughafen. Die Regelung bindet die ZulĂ¤ssigkeit des 12 13
â&#x20AC;&#x17E;gegriffenâ&#x20AC;&#x153;, betont der Bonner Arbeitsrechtler Gregor ThĂźsing, und es werde am Ende die Politik sein, die hier eine Marke zu setzen habe.
Wie auch immer dieses Quorum am Ende aussehen wird, fest steht damit, dass eine Berufsgruppengewerkschaft nur dann fĂźr einen Tarifvertrag streiken kann, wenn es ihr gelingt, diese HĂźrde bezogen auf die gesamte Belegschaft des Unternehmens bzw. der Branche zu Ăźberspringen. Auf die Mitgliederzahlen der Gewerkschaft kommt es dabei nicht an. Die Regelung vermeidet damit das grundsĂ¤tzlich problematische Ermitteln der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen.
Entwurf eines Gesetzes zur Regelung kollektiver (YILP[ZRVUĂ&#x2026;PR[LPUKLY Daseinsvorsorge Von Prof. Dr. M. Franzen, Prof. Dr. G. ThĂźsing, Prof. Dr. C. Waldhoff
In den Augen der Autoren des Gesetzentwurfs soll so eine drohende Zersplitterung des Tarifvertragswesens verhindert und die FunktionsfĂ¤higkeit der Tarifautonomie gesichert werden. Dies sei im Bereich der Daseinsvorsorge notwendig, weil gerade hier zahlreiche Berufsgruppengewerkschaften existieren.
Â§ 1 Gesetzeszweck
Mit ihrer durchdachten und ausgewogenen Begrenzung unzumutbarer Belastungen der BĂźrger durch Streiks in der Daseinsvorsorge und unkalkulierbaren SchĂ¤den fĂźr Unternehmen und Volkswirtschaft haben die Rechtsprofessoren Martin Franzen, Gregor ThĂźsing und Christian Waldhoff einen Schritt getan, zu dem die Politik kaum in der Lage scheint: FĂźr eine von Interessengruppen intensiv umkĂ¤mpfte Materie eine LĂśsung vorzulegen, die als groĂ&#x;er Wurf fĂźr die Zukunft geeignet scheint. Dass es in der Mehrzahl aller westlichen Industriestaaten lĂ¤ngst Regelungen fĂźr solche InteresZLURVUĂ&#x2026;PR[LPUKLY+HZLPUZ]VYZVYNLL_PZtieren, unterstreicht die Dringlichkeit des Projektes. Nun ist es an der Gesellschaft und ihren politischen Vertretern, die VorschlĂ¤ge zu diskutieren und in politische Handlungsoptionen umzumĂźnzen.
(3) Soweit dieses Gesetz keine Regelung trifft, gelten die RechtsgrundsĂ¤tze des Arbeitskampfrechts sowie die Ăźbrigen Rechtsvorschriften des kollektiven Arbeitsrechts.
(1) Zweck des Gesetzes ist die Regelung kollektiver (YILP[ZRVUĂ&#x2026;PR[LPUKLY+HZLPUZ]VYZVYNL  2VSSLR[P]L(YILP[ZRVUĂ&#x2026;PR[L ZPUK(\ZLPUHUKLYZL[a\Ugen mit dem Ziel, den Abschluss eines Tarifvertrags durchzusetzen oder abzuwenden.
Â§ 2 Geltungsbereich Zur Daseinsvorsorge im Sinne dieses Gesetzes gehĂśren folgende Bereiche: 4LKPaPUPZJOL\UKWĂ&#x2026;LNLYPZJOL Versorgung 2. Versorgung mit Energie und Wasser 3. Feuerwehr, Bestattung, Entsorgung 4. Landesverteidigung und innere Sicherheit 5. Verkehr 6. Erziehungswesen und Kinderbetreuung 7. Kommunikationsinfrastruktur 8. Versorgung mit Bargeld und Zahlungsverkehr
(URUKPN\UNZWÅPJO[
Arbeitskampfparteien nicht über die Anzahl der Beisitzer einigen können. Die gerichtliche Entscheidung ergeht ohne die ehrenamtlichen Richter. Im Übrigen gilt § 98 Abs. 1 S. 3 bis 6 ArbGG entsprechend.
(4) Die Einigungsstelle hat unverzüglich tätig zu werden. Sie fasst ihre Beschlüsse mit der Mehrheit der Mitglieder nach mündlicher Beratung. Bei der Beschlussfassung hat sich der Vorsitzende zunächst der Stimme (2) Die zum Arbeitskampf aufrufende Arbeitskampf- zu enthalten; kommt eine Stimmenmehrheit nicht zuWHY[LP PZ[ ]LYWÅPJO[L[ KPL kMMLU[SPJORLP[ PU NLLPNULH[LY stande, nimmt der Vorsitzende nach weiterer Beratung Weise über den Arbeitskampf, insbesondere über die in an der erneuten Beschlussfassung teil. Die EinigungsAbsatz 1 Satz 2 genannten Umstände, zu informieren. stelle ist beschlussfähig, wenn die Mehrheit der Mitglieder einschließlich des Vorsitzenden an Beratung und § 4 Aufrechterhaltung einer Grundversorgung Beschlussfassung teilnimmt. Die Beschlüsse der Einigungsstelle sind schriftlich niederzulegen, vom Vorsit(1) Die Arbeitskampfparteien haben dafür zu sorgen, zenden zu unterschreiben und den Arbeitskampfparteidass die zur Befriedigung der elementaren persönli- en zuzuleiten. Sie verlieren ihre Wirkung mit Abschluss chen, sozialen und öffentlichen Bedürfnisse erforder- des angestrebten Tarifvertrags. liche Grundversorgung aufrechterhalten wird. Die Arbeitskampfparteien haben die für die Sicherstellung der (5) Eine Arbeitskampfmaßnahme ist nur zulässig, wenn Grundversorgung erforderlichen Arbeitnehmer von Ar- die Arbeitskampfparteien über den Umfang der Grundbeitskampfmaßnahmen auszunehmen. versorgung einig sind oder ein Beschluss der Einigungsstelle nach Absatz 4 vorliegt. (2) Die Einzelheiten der Aufrechterhaltung einer Grundversorgung einschließlich der hierfür notwendigen § 5 Urabstimmung Verfahrensregelungen im Falle der Nichteinigung bestimmen die Arbeitskampfparteien einvernehmlich. (1) Eine gewerkschaftliche Arbeitskampfmaßnahme Falls keine Einigung zustandekommt, entscheidet eine ist nur zulässig, wenn mehr als 50% der teilnahmeEinigungsstelle über den Umfang der Grundversorgung berechtigten Mitglieder der Gewerkschaft an einer nach Absatz 1 verbindlich. Die Einigungsstelle kann von Urabstimmung teilgenommen und mehr als 50% der jeder Arbeitskampfpartei jederzeit angerufen werden. abstimmenden Mitglieder der Gewerkschaft der Arbeitskampfmaßnahme zugestimmt haben. Teilnahme(3) Die Einigungsstelle besteht aus der gleichen Anzahl berechtigt sind nur die Mitglieder der Gewerkschaft, von Beisitzern, die von den Arbeitskampfparteien auf deren Arbeitsverhältnisse unter den Geltungsbereich Arbeitgeberseite und Arbeitnehmerseite bestellt wer- des angestrebten Tarifvertrags fallen. den, und einem unparteiischen Vorsitzenden, auf den sich beide Seiten einigen müssen. Kommt eine Einigung (2) Die Urabstimmung folgt den Grundsätzen der unüber die Person des Vorsitzenden nicht zustande, be- mittelbaren, freien und geheimen Wahl. Die Gewerkstellt ihn das Landesarbeitsgericht, in dessen Bezirk der ZJOHM[ PZ[ ]LYWÅPJO[L[ KHZ ,YNLIUPZ KLY <YHIZ[PTT\UN (YILP[ZRHTWMZ[H[[ÄUKL[VKLYZ[H[[ÄUKLUZVSS:PUKTLO- der anderen Arbeitskampfpartei sowie der Öffentlichrere Landesarbeitsgerichtsbezirke betroffen, entscheidet keit mitzuteilen. das Bundesarbeitsgericht. Dasselbe gilt, wenn sich die
(6) Die Bundesschlichtungsstelle hat unverzüglich tätig zu werden. Sie fasst ihre Beschlüsse mit Stimmenmehrheit. Innerhalb von vier Wochen nach ihrem Zusammentreten formuliert die Bundesschlichtungsstelle einen Schlichtungsvorschlag. Dieser ist vom Vorsitzenden zu unterschreiben und den Arbeitskampfparteien zuzuleiten. Nehmen die Arbeitskampfparteien durch schriftliche Zustimmungserklärung gegenüber der Bundesschlichtungsstelle den Schlichtungsvorschlag innerhalb von zwei Wochen nach seinem Zugang an, gilt er als zwischen den Arbeitskampfparteien zustande gekommener formwirksamer Tarifvertrag.
Eine gewerkschaftliche Arbeitskampfmaßnahme ist unzulässig, wenn sie auf den Abschluss eines Tarifvertrags gerichtet ist, der bezogen auf seinen angestrebten räumlichen und betrieblichen Geltungsbereich weniger als 15 Prozent der Arbeitsverhältnisse erfassen würde. Strebt die Gewerkschaft den Abschluss eines Firmentarifvertrags oder unternehmensbezogenen Tarifvertrags an, tritt an die Stelle des räumlichen und betrieblichen Geltungsbereichs im Sinne des Satzes 1 das Unternehmen.
(3) Das staatliche Schlichtungsverfahren kann von jeder Arbeitskampfpartei nach Scheitern der Tarifvertragsverhandlungen eingeleitet werden. (4) Das staatliche Schlichtungsverfahren wird von der beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales gebildeten Bundesschlichtungsstelle geführt. Die Bundesschlichtungsstelle wird von einem Bundesschlichter geleitet, der im Einvernehmen mit dem Ausschuss nach § 5 Abs. 1 des Tarifvertragsgesetzes vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales für eine Amtszeit von vier Jahren bestellt wird. (5) Nach Einleitung des Schlichtungsverfahrens benennt jede Arbeitskampfpartei innerhalb von drei Tagen einen Beisitzer. Stehen mehrere Arbeitskampfparteien auf einer Seite des Arbeitskampfes, müssen sie sich auf die Person des Beisitzers einigen. § 2 Abs. 4 und 5 des Gesetzes über die Festsetzung von Mindestarbeitsbedingungen gelten entsprechend.
Mit einem Kolloquium der WeizsäckerStiftung in der Bundeshauptstadt stellten die Professoren Martin Franzen, Gregor Thüsing und Christian Waldhoff ihren Gesetzesvorschlag für Arbeitskämpfe in der Daseinsvorsorge zur Diskussion. Auf dem Podium und im Publikum: fachkundige Gäste aus den Fraktionsspitzen des Bundestages, Vertreter von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, der Justiz und aus den Unternehmen.
Im Publikum waren das Kanzleramt, die Ministerien des Innern, für Arbeit und Soziales, Justiz und Wirtschaft vertreten. Auch Gewerkschaften beteiligten sich am Kolloquium, darunter Vertreter von Berufsgruppengewerkschaften. Arbeitgeber- und Industrieverbände sowie Manager betroffener Unternehmen nahmen ebenfalls an der Diskussion teil, ebenso wie zahlreiche Rechtswissenschaftler sowie Vertreter der Arbeitsgerichtsbarkeit.
Von Kai Stepp
Konsequenz eigenen Handelns Den gesellschaftlichen Diskurs voranbringen, nach diesem Leitbild stellte die Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung am 27. März 2012 den Professoren-Entwurf für ein neues Arbeitskampfrecht in der Daseinsvorsorge in der Bundeshauptstadt zur Diskussion. Mit spannenden Ergebnissen, hatten sich doch energische Befürworter der Professoren-Lösung eingefunden ebenso wie Kritiker, allen voran die Vertreter von Berufsgruppengewerkschaften.
Streik des Kabinenpersonals: Die Lufthansa musste im September 2012 zahlreiche Flüge streichen
Dass der Vorschlag nicht nur in den Medien, sondern auch in der Politik mit großem Interesse aufgenommen worden war, belegten der Diskussionsverlauf auf dem Podium. Der Einladung der Carl Friedrich von Weizsäcker-Stiftung waren als Podiumsgäste der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Professor Dr. Günther Krings, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende und sozialpolitische Sprecher der FDP, Dr. Heinrich Kolb sowie die Sprecherin für Arbeitnehmerrechte von Bündnis 90 / Die Grünen, die Bundestagsabgeordnete Beate MüllerGemecke gefolgt. Sie hatten sich in ihren Fraktionen intensiv mit den Vorschlägen befasst.
Der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Dr. Heinrich Kolb unterstrich in seiner Reaktion auf den Gesetzesvorschlag, dass Artikel 9 Absatz 3 Grundgesetz mit seinem Schutz der Koalitionsfreiheit einen behutsamen Umgang mit einer Regelung des Arbeitskampfes nahelege. „Die Tarifautonomie ist ein Kernbereich unserer sozialen Marktwirtschaft und Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern sind als 4LJOHUPZT\Z KLY 2VUÅPR[SZ\UN H\JO ordnungspolitisch hoch zu werten“, sagte Kolb. (siehe auch S. 38). Nach der aktuellen Debatte im Deutschen Bundestag zu diesem Thema stehe fest, dass es jedenfalls für die Herstellung der Tarifeinheit keine Mehrheit gebe. Der seinerzeit von BDA und DGB vorgeschlagene Weg führe nicht weiter. „Wir haben beispielsweise bei der Lufthansa“, so Kolb weiter, „auch eine überschneidungsfreie Tarifpluralität, wo eigene Tarifverhandlungen und möglicherweise auch Streiks geführt werden.“ Die Arbeitgeber müssten beachten, dass sie mit Organisationsentscheidungen nicht das Feld dafür bereiteten, dass Streik-
situationen entstünden, die man auch bei Tarifeinheit nicht verhindern könne. Das sei aus Arbeitgebersicht auch Konsequenz eigenen Handelns. Aus diesen Gründen glaubt der FDP-Politiker nicht daran, dass die Tarifeinheit in der Praxis die erhoffte Entspannung bringen könnte. Dennoch sei angesichts jüngster Streikmaßnahmen in der Daseinsvorsorge nicht auszuschließen, dass „ der Gesetzgeber an dieser Stelle tätig werden muss.“ Kritisch sieht Kolb die Tendenz zur „Entsolidarisierung, wenn für ureigenste Interessen gestreikt wird und damit auch Spielräume für andere in der Breite eingeschränkt werden.“ Vorstellbar sei, dass einzelne der von dem Professorengremium vorgeschlagenen Vorschriften vom Gesetzgeber geprüft werden könnten, namentlich die Einführung eines Quorums, wie es Paragraph 7 des Gesetzesvorschlags vorsehe. Allerdings halte er
Podiumsdiskussion: Prof. G. Thüsing, Prof. G. Krings (CDU), K. Stepp (Moderation), Dr. M. Kolb (FDP), B. Müller-Gemecke (Bündnis 90/Die Grünen) (v.l.) nehmen Fragen auf
die Marke von 15 Prozent für zu hoch. Dass es in der laufenden oder der nächsten Legislaturperiode zu einer Normierung des Streikrechts kommen wird, sieht der FDP-Politiker jedoch skeptisch. Beate Müller-Gemecke (Bündnis 90 / Die Grünen) lehnt Regelung derzeit ab Die Sprecherin für Arbeitnehmerrechte bei Bündnis 90 / Die Grünen, Beate Müller-Gemecke, mochte in ihrer Reaktion auf den Vorschlag der ProfessorenInitiative nicht davon sprechen, Deutschland sei eine „streikgeplagte Republik“, selbst wenn Streiks etwa an Flughäfen zu spürbaren Belastungen führten. Sie trete dafür ein, dass auch in der Daseinsorge volles Streikrecht herrschen solle. Die Bundestagsabgeordnete sieht den Gesetzesvorschlag daher kritisch. Derzeit gebe es keinen Anlass für eine Regelung. Allerdings wollte Müller-Gemecke nicht ausschließen, dass man bei schnellem Entstehen zahlreicher neuer Berufsgruppengewerkschaften, wenn zudem auch tatsächlich „die Streiktage extrem nach oben gehen, vielleicht doch in sehr sensiblen Bereichen über ein Tätigwerden des Gesetzgebers nachdenken muss.“ Angesichts weniger Streiktage in Deutschland sei dieser Fall aber derzeit nicht gegeben: „Ich sehe auch noch nicht, dass wir jetzt zahlreiche Berufsgewerkschaften haben, die wie Pilze aus dem Boden schießen.“ Jene, die es bei uns gebe, seien „entweder schon sehr alt oder in einer Phase entstanden, wo es Probleme gab im Bereich der Gewerkschaften und sich nicht mehr alle Beschäftigtengruppen vertreten fühlen konnten.“
Prof. G. Krings (CDU): „Gesellschaftlicher Appell“ vonnöten
Wenn der einzelne Bürger dann von Streikmaßnahmen persönlich betroffen sei, hätten seine Interessen dann zurückzutreten: „Das Streikrecht darf kein zahnloser Tiger sein.“ Beate Müller-Gemecker wies darauf hin, dass Solidarität gerade im Streik und in der Tarifautonomie ein „ganz hohes Gut“ sei. Sie erwarte auch von kleineren Spartengewerkschaften, dass sie diesen Wert für die gesamte Belegschaft ernst nehmen. Auf der anderen Seite stünden allerdings die Freiheitsrechte, auch jene von Minderheiten. Früher sei die Daseinsvorsorge in öffentlicher Hand gewesen. Dann sei privatisiert worden und heute gehe die Tendenz zu Auslagerungen. Dies seien unternehmerische Entscheidungen, die der Gesetzgeber nicht zu Lasten der Beschäftigten korrigieren dürfe. Prof. Günther Krings (CDU) zeigt sich zurückhaltend Prof. Dr. Günther Krings, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestags-
fraktion, teilte die Skepsis seines FDPKollegen Kolb hinsichtlich einer zügigen Umsetzung der Professorenvorschläge. Er berief sich dabei auf einen historischen Satz Montesquieus: „Solange es nicht nötig ist, ein Gesetz zu machen, ist es nötig, kein Gesetz zu machen.“ Der Streik der Vorfeldlotsen im Frühjahr 2012 am Frankfurter Flughafen sei zwar einerseits ärgerlich gewesen, so Krings, weil „eine ganz kleine Einheit versucht hat, ihre Interessen zu maximieren.“ Andererseits sei das Thema gelöst worden. Zudem habe die Arbeitgeberseite bei diesem Arbeitskampf sehr lange gezögert, bis sie ihre rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft habe. „Extremes Ausnutzen“ könne schon mit bestehendem Richterrecht bekämpft werden. Krings ist auch der Meinung, dass „wir kulturell und gesellschaftlich appellieren müssen, damit eine kleinere Gewerkschaft ihre Interessen nicht maximiert.“ Bevor es zu „englischen Verhältnissen“ komme, sei immer noch Zeit für den Gesetzgeber zu handeln. Prof. Gregor Thüsing sieht den .LZL[aNLILYPUKLY7ÅPJO[ Für die Vertreter der Gesetzesinitiative wies Professor Dr. Gregor Thüsing darauf hin, dass es „eine Verfassungserwartung dahingehend gibt, dass dort, wo grundrechtswesentliche Aspekte betroffen seien, der parlamentarisch legitimierte Gesetzgeber selbst sagt, was er für richtig oder für falsch hält.“ An ihm sei es, einen (\ZNSLPJO KLY NLNLUSp\ÄNLU 0U[LYLZZLU vorzunehmen. Im Bereich der Daseinsvorsorge sei dies besonders erforderlich, weil hier „kein bipolares Verhältnis vorliegt, sondern die Öffentlichkeit von
Arbeitskämpfen besonders betroffen ist.“ Wo sich mit einzelnen Entscheidungen über die Zulässigkeit eines Arbeitskampfes Richterrecht bilde, sei die Öffentlichkeit nicht beteiligt. Auch sei der Ausgang dieser Verfahren vor den Arbeitsgerichten kaum zu prognostizieren, da der Maßstab der Verhältnismäßigkeit keine festen Größen gegeneinander setze. Der Gesetzesvorschlag enthalte mit seinen sieben Paragraphen eine Reihe von Modulen, die auch jeweils für sich allein stehen könnten. Er sei als Vorschlag an die Politik zu verstehen, einzeln oder in Kombination Instrumente auszuwählen und dort einzusetzen, wo sie hilfreich seien. Selbstverständlich seien die Autoren des Vorschlags davon ausgegangen, dass auch künftig ein angemessener Interessenausgleich zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer möglich sein müsse. Gleichzeitig sei es das Ziel gewesen, die Belastungen für die Allgemeinheit zu reduzieren. Wenn dies gelinge, hätte das Gesetz seinen Zweck erfüllt. Praktiker für konkrete Leitlinie Professor Dr. Robert von Steinau-Steinrück, Leiter des Berliner Büros der Rechtsanwaltsgesellschaft Luther, kritisierte in seinem Referat aus anwaltlicher Sicht das Fehlen einer gesetzlichen Regelung (siehe auch S. 26). Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit sei der „einzige Maßstab, an dem Gerichte messen, ob eine Arbeitskampfmaßnahme rechtmäßig ist oder nicht.“ Viel mehr Rüstzeug habe ein Arbeitsrichter in dieser Situation nicht. Streikziel, Streikmethoden, die Dauer und die Wirkung des Arbeitskampfes auf Bestreikte und Dritte, dies alles habe der 20 21
ginge bei dieser vorgeschlagenen Regelung ausschließlich darum, im Fall von Überschneidungen „einen Tarifvertrag im Betrieb zur Anwendung zu bringen.“ Nur die Rückkehr zur Tarifeinheit von Gesetzes wegen sei geeignet, „die Friedensordnung des Tarifvertragssystems wiederherzustellen.“
Friedensmoral wiederherstellen
Dr. Gerhard Binkert, Präsident des Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, warnte vor Hoffnungen auf ein schnelles Eingreifen des Gesetzgebers: „Seit 30 Jahren höre ich, dass der Gesetzgeber das Arbeitskampfrecht regeln wird, weil es misslich ist, dass der Richter der Ersatzgesetzgeber ist.“ Er würde gesetzliche Regelungen begrüßen; vor allem Verfahrensregeln würden dem Richter mehr an die Hand geben, als er derzeit habe. Aber „ich warne davor zu glauben, der Gesetzgeber könnte nun den :[LPU KLY>LPZLU ÄUKLU¸ (\JO ILP LPner gesetzlichen Regelung könne das Verhältnismäßigkeitprinzip vor Gericht „nicht außen vor gelassen werden.“
Roland Wolf, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), plädierte in seiner Stellungnahme angesichts der Zurückhaltung der Politikvertreter hinsichtlich einer schnellen Regelung des Arbeitskampfs für die „Wiedereinführung der Tarifeinheit“ (siehe auch S. 42). Der von DGB und BDA entwickelte Vorschlag verzichte auf unmittelbare Regelungen des Arbeitskampfs. Es sei angesichts der Auswirkungen des Frankfurter Vorfeldlotsenstreiks nur „schwer verständlich, wenn 160 Arbeitnehmer, für die ein Tarifvertrag gilt, 20000 Arbeitnehmer um ihre Beschäftigung zu bringen versuchen.“ Es
Vertreter von Berufsgruppengewerkschaften begrüßten die Zurückhaltung der Politik und betonten, es sei nicht notwendig, in die Koalitionsfreiheit des Grundgesetzes einzugreifen. Sie lehnten insbesondere ein Quorum ab, das die Streikfähigkeit einer BeschäftigtengrupWL KLÄUPLYL;H[ZpJOSPJO Op[[LU KPL .Lwerkschaften in den vergangenen Jahren die Anzahl der Streiktage gesenkt. Sogenannte „englische Verhältnisse“ seien in Deutschland keineswegs zu befürchten. Die Tarifpluralität gebe es seit Jahren, sie funktioniere und habe viel Gutes bewirkt: „Wir brauchen keine Änderung. Wir haben gute Spielregeln. Es gibt kei-
L. Hammerschlag (Marburger Bund), Dr. F. Meik (CFvW-Stiftung) (v.l.): Austausch der Argumente
Richter zu ermitteln und zu bewerten. Gerade im einstweiligen Verfügungsverfahren sei die Anwendung dieser Grundsätze indes höchst problematisch, da es sich um vorausschauende Bewertungen handele und gerade in der Daseinsvorsorge die Beeinträchtigung der Allgemeinheit nur schwer zu prognostizieren sei. „Für die Praxis ist es unbefriedigend, dass der Grundsatz so konturenlos ist“, beklagte v. Steinau-Steinrück.
nen Handlungsbedarf.“ Das Richterrecht habe sich bewährt, es gebe keine Rechtsunsicherheit: „Wenn eine Gewerkschaft total daneben liegt, dann wird ihr der Streik verboten.“ Vertreter betroffener Unternehmen begrüßten die Professoren-Vorschläge, weil KLY :[YLPR HSZ 2VUÅPR[SZ\UNZTLJOHUPZmus nicht mehr ausreichend funktioniere. Gewerkschaften, die kleine Mitarbeitergruppen repräsentierten, würden in den Tarifverhandlungen kaum dazu gezwungen, ihre Forderungen zu erkläYLU \UK a\ YLJO[MLY[PNLU /p\ÄN NPUNLU Unternehmen bei Tarifverhandlungen auf Forderungen ein, die keine ausgewogene Lösung darstellten, nur um einen erheblichen Drittschaden zu vermeiden. Eine Kampfparität in der Auseinandersetzung sei daher vielfach nicht gegeben. Aus diesen Gründen sei der von den Initiatoren der Gesetzesinitiative beschriebene strukturierte Prozess auf dem Weg zu einem Arbeitskampf zu begrüßen.
B. Müller-Gemmeke (Bündnis 90/Die Grünen): Kein Gesetz notwendig
FORUM 10/2012 // FRANZEN, THÜSING, WALDHOFF
Arbeitskämpfe in der Daseinsvorsorge betreffen nicht nur die Tarifparteien, sondern auch die Öffentlichkeit. Seit dem Jahr 2000 erhöhen sich die Streikrisiken für den Bürger: zahlreiche neue Berufsgruppen-Gewerkschaften wurden neu gegründet. Von Prof. Dr. M. Franzen, Prof. Dr. G. Thüsing, Prof. Dr. C. Walhoff
Arbeitskampf in der Daseinsvorsorge – ein dringendes, aktuelles und internationales Phänomen: 2011 Furore gemacht hat der Arbeitskampf bei der australischen Fluglinie Qantas. Als Reaktion auf einen Streik stellte die Fluggesellschaft ihren Flugbetrieb vollständig ein und sperrte sämtliche Arbeitnehmer aus. Die Folgen für den internationalen Flugverkehr waren enorm – 68.000 Passagiere strandeten, darunter siebzehn Staatschefs, die sich für eine Konferenz in Australien aufhielten. Diese Folgen hielt die australische Regierung für untragbar. Auf ihren Antrag hin ordnete „Fair Work Australia“, ein arbeitsrechtliches Tribunal, an, dass die Fluggesellschaft ihren Flugbetrieb wieder aufnehmen müsste. Das Tribunal gab dem Antrag statt, weil die Aussperrung seitens der Fluggesellschaft die Luftfahrt und Tourismusindustrie übermäßig schädige. Inzwischen befindet sich der Fall Qantas vor einem Schiedsgericht, das einen für beide Seiten bindenden Kompromiss aushandeln wird. Während dieser Zeit sind Arbeitskämpfe verboten. Dieser Fall verdeutlicht anschaulich, dass Arbeitskämpfe in der Daseinsvorsorge besondere Probleme mit sich bringen – sie betreffen üblicherweise nicht nur die Kampfparteien, sondern insbesondere auch die Öffentlichkeit. Diesen 22 23 Verkehrsjet, Vorfeldmitarbeiter: Hoher Organisationsgrad bei Berufsgruppengewerkschaften
Konflikt zu bewältigen kann nicht der Tarifautonomie überlassen werden, da es an einer Selbstregulierung durch das paritätische Gleichgewicht der Kräfte fehlt. Die Öffentlichkeit kann sich nicht mit eigenen Kampfmaßnahmen wehren. Es bedarf daher gesetzlicher Regelungen, wie sie in Australien jüngst erforderlich waren, auch in Deutschland, um für den Ernstfall gewappnet zu sein. Kampfstarke BerufsgruppenGewerkschaften Zu Arbeitsniederlegungen im Bereich der Daseinsvorsorge kam es ohne Inbezugnahme von Warnstreiks in den vergangenen zehn Jahren insbesondere bei der Deutschen Lufthansa, der Deutschen Bahn und bei der Deutschen Telekom AG sowie in einer Reihe von Universitätskliniken, kommunalen Krankenhäusern und allgemein dem Öffentlichen Dienst: Im Jahr 2009 wurde der Öffentliche Dienst im Bereich des Sozial- und Erziehungsdienstes bestreikt. Am Arbeitskampf beteiligten sich 150.000 Arbeitnehmer, erstritten wurde eine betriebliche Gesundheitsförderung sowie eine Verbesserung bei der Eingruppierung. Vom 28. bis zum 31. Juli 2008 kam es zu Streiks bei der Deutschen Lufthansa AG. Zahlenmäßig beteiligt waren ca. 5.000 Arbeitnehmer. Erkämpft wurde eine Entgelterhöhung von 5,1 Prozent sowie weitere Stufenerhöhungen von 2,3 Prozent, einer Einmalzahlung und einer ergebnisabhängigen Komponente von bis zu 2,4 Prozent der Jahresgrundvergütung. Im Jahr 2007 waren sowohl die Deutsche Telekom als auch die Deutsche Bahn AG von Streiks betroffen. Die Tarifauseinandersetzung bei der Deutschen Telekom
AG dauerte zehn Wochen und betrug umfangmäßig 350.000 Streiktage. Gestreikt wurde aufgrund der Ausgliederung von 50.000 Beschäftigten in drei ServiceGesellschaften. Am Ende einigten sich die Tarifparteien auf eine Absenkung der Vergütungen um 6,5 Prozent (mit Besitzstandssicherung) und auf die Verlängerung der Wochenarbeitszeit von 34 auf 38 Stunden ohne Lohnausgleich gegen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis Ende 2012. Bei der Deutschen Bahn AG erstreikte die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) einen eigenständigen Tarifvertrag für Lokführer mit Regelungen zu Entgelt und Arbeitszeit, sie verpflichtete sich dabei zur Kooperation mit der Gewerkschaft Transnet und der GDBA.
Kraftwerk: An die Versorgung mit Energie ist im Gesetzesvorschlag gedacht
Insgesamt dauerte der Arbeitskampf zehn Tage. Im Jahr 2006 waren Universitätskliniken, Landeskrankenhäuser sowie kommunale Krankenhäuser von Arbeitsniederlegungen von Ärzten betroffen. Jeweils erkämpfte der Marburger Bund eigenständige Tarifverträge für die Ärzte. In den Universitätskliniken und Landeskrankenhäusern streikten die Ärzte 13 Wochen lang, bis zu 14.000 Ärzte waren beteiligt. In den kommunalen Krankenhäusern dauerte der Arbeitskampf 8 Wochen unter Beteiligung von bis zu 17.500 Ärzten. Im Jahr 2005 streikte in den Universitätskliniken Baden-Württembergs das nichtärztliche Personal. Es ging bei der acht Tage dauernden Tarifauseinandersetzung um die Übernahme des neuen Tarifrechts des öffentlichen Dienstes.
Erstreikt wurde eine 390 ` Pauschale für elf Monate, eine Pauschale für die Jahre 2006/2007 in Höhe von jeweils 300 `, die Erarbeitung einer neuen Entgelttabelle, eine nach Lebensjahren gestaffelte Arbeitszeit, die Einführung von Arbeitszeitkonten und eine Sonderzahlung ab 2006 i. H. von 88 Prozent eines Monatsgehalts.
der Deutschen Lokomotivführer (GDL) erhebliche Lohnsteigerungen durchsetzen können. Die Besonderheit dieser Bereiche ist, dass hier nicht nur die Daseinsvorsorge betroffen ist, sondern auch Spartengewerkschaften mit hohem Organisationsgrad bestehen, die Funktionseliten vertreten und entsprechend kampfstark sind.
Zahlreiche Streiks im Verkehr und im Gesundheitswesen
Eine Zersplitterung der Gewerkschaftslandschaft in Deutschland durch Auftreten von Spartengewerkschaften ist an sich kein neues Phänomen. Hierzulande existieren mehr als 100 Gewerkschaften. Die meisten von ihnen treten aber selbst nicht tarifpolitisch eigenständig auf, sondern haben sich mit den großen Gewerkschaften zu Tarifgemeinschaften zusammengeschlossen – wie etwa der Deutsche Journalistenverband, der mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ein Kooperationsverhältnis eingegangen ist. Tarifpolitisch eigenständig operieren dagegen einige wenige Spartengewerkschaften, die Funktionseliten wie Piloten, Lokführer und Ärzte vertreten und aufgrund ihrer Schlüsselqualifikationen erhebliche tarifpolitische Wirkungsmacht erzielen können. In diesem Zusammenhang zu nennen, sind insbesondere die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) mit 34.000 Mitgliedern, die Vereinigung Cockpit (VC) mit 8.200 Mitgliedern, die unabhängige Flugbegleiterorganisation (UFO) mit über 10.000 Mitgliedern, die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) mit 3.500 Mitgliedern, der Marburger Bund mit 107.000 Mitgliedern, die „contterm“ – Fachgewerkschaft für die Beschäftigten auf den Container Terminals im Hamburger Hafen mit ca. 100
Besonders relevant geworden sind Streiks in zwei Bereichen: Im Transportgewerbe und im Gesundheitswesen. Bei der Deutschen Lufthansa AG, bei der Deutschen Bahn AG haben die Pilotenvereinigung Cockpit und die Gewerkschaft
neuer kleiner Gewerkschaften gerade erst seit Aufgabe des Grundsatzes der Tarifeinheit durch Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 7. Juli 2010 formiert haben.
Brandbekämpfung: Auch die Feuerwehren wären von einer gesetzlichen Regelung betroffen © Sven Grundmann - Fotolia.com
Mitgliedern die Neue Assekuranz Gewerkschaft mit über 100 Mitgliedern, die Technik Gewerkschaft Luftfahrt, die Gewerkschaft der Servicekräfte mit ca. 100 Mitgliedern, und die jüngst neu gegründete Spartengewerkschaft für Betriebsfeuerwehren. Besonders auffällig bei zahlreichen Spartengewerkschaften ist ihr junges Gründungsdatum: Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) – 2004, contterm – Dezember 2009, Neue Assekuranz Gewerkschaft – November 2010, Technik Gewerkschaft Luftfahrt – Dezember 2010, Gewerkschaft der Servicekräfte – Dezember 2010, Spartengewerkschaft für Betriebsfeuerwehren – Mai 2011. Gerade in den vergangenen zwei Jahren kam es offensichtlich zu einer Gründungswelle von Spartengewerkschaften, die jeweils Funktionseliten innerhalb der Arbeitnehmerschaft vertreten. Auffällig ist dabei zudem, dass sich eine Reihe 26 27
Die tarifpolitische Wirkungsmacht der Spartengewerkschaften lässt sich anschaulich an den von den Gewerkschaften Cockpit, der GDL und des Marburger Bundes errungenen Verhandlungsergebnissen illustrieren: Die Pilotenvereinigung Cockpit hat erstmals im Jahr 2001 einen eigenen Tarifvertrag bei der Lufthansa erstreikt. Die Grundgehälter wurden damals um insgesamt 19,5 Prozent erhöht. In den folgenden Jahren gab sich Cockpit für seine Mitglieder zwar etwas zurückhaltender, aber dennoch sind die Grundvergütungen der LufthansaPiloten im Zeitraum von 2001 bis 2008 insgesamt um 36 Prozent gestiegen. In den Krisenjahren seit 2008 war man etwas zurückhaltender, konnte gleichwohl Lohnsteigerungen von 5,5 für 2007 und 2008 sowie ein Ergebnis von 25 Prozent einer Monatsvergütung erstreiten. Erst im Jahr 2009 wurden zwei Jahre Nullrunden vereinbart.
Bürger fordern Spielregeln Gegenüber der Deutschen Bahn AG setzte die Lokführergewerkschaft GDL Anfang 2008 für ihre Klientel ein zweistelliges Lohnplus durch, während sich die anderen Beschäftigtengruppen mit 4,5 Prozent zufriedengeben mussten. Der Marburger Bund, die Interessenvertretung der Krankenhausärzte, holte 2006 eine zweistellige Lohnerhöhung heraus; die von ver.di vertretenen Pfleger und Krankenschwestern mussten sich dagegen mit Einmalzahlungen begnügen.
Großen Teilen der Bevölkerung sind auch die wirtschaftlichen Folgen von Streiks bewusst. Mit über 45 Prozent ist eine deutliche relative Mehrheit davon überzeugt, dass die von Streiks ausgelösten wirtschaftlichen Schäden heute höher liegen als noch vor Jahren, nur gut sechs Prozent glauben, dass sie niedriger sind. Dennoch stehen die Deutschen mit großer Mehrheit hinter den Gewerkschaften: Nur zehn Prozent sind der Meinung, Gewerkschaften seien heute generell überholt. Allerdings sehen 37 Prozent
deutlichen Veränderungsbedarf bei den Gewerkschaften, da ihr konkretes Verhalten nicht mehr in diese Zeit passe. Jeder zweite Deutsche spricht sich sowohl für Branchengewerkschaften als auch für branchenbezogene Tarifverträge aus. Nur ein knappes Viertel findet unterschiedliche Tarifverträge für einzelne Berufsgruppen einer Branche besser. Gleichwohl sind große Teile der Bevölkerung davon überzeugt, dass Spartengewerkschaften die Interessen der Arbeitnehmer gezielter vertreten. Eine Gewerkschaft für alle Arbeitnehmer präferieren lediglich 14 Prozent. Eine ganz besondere Ökonomie Arbeitskämpfe in den Bereichen der Daseinsvorsorge gewinnen ihre spezifische Brisanz wegen der besonderen ökonomischen Strukturen der Wirtschaftszweige der Daseinsvorsorge: Es sind Bereiche, in denen häufig natürliche Monopole bestehen. Ein natürliches Monopol liegt vor, wenn aufgrund der Produktionstechnologie die Marktnachfrage von einem Unternehmen kostengünstiger befriedigt werden kann als von mehreren Unternehmen. Dies hat Folgen für die Dynamik von Arbeitskämpfen in diesem Bereich: Gibt es nur einen Anbieter in einem Wirtschaftszweig, können die Kunden nicht auf andere Anbieter ausweichen. Ein Ausfall der Produktion des Monopolisten trifft sie daher ungleich härter als ein Streik bei einem „normalen Unternehmen“. Dort können sie ihren Bedarf anderweitig befriedigen, der Streik bleibt in seinen Wirkungen auf den eigentlichen Adressa-
ten, nämlich den Arbeitgeber, begrenzt. Anders im Bereich der Daseinsvorsorge: Dort gibt die monopolistische Marktstruktur den Arbeitnehmern eine besonders große Macht, weil die Öffentlichkeit nicht ausweichen kann. Unter Umständen können die bestehenden Marktzutrittsbarrieren und Monopolrenten sogar dazu führen, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften zusammen ihren Konflikt auf dem Rücken der Öffentlichkeit austragen: Können die Kunden nicht auf einen anderen Anbieter ausweichen, können die Arbeitgeber die höheren Personalkosten auf die Kunden – oder, soweit öffentliche Subventionen gezahlt werden, auf die Öffentlichkeit – abwälzen. So wurde etwa beim Fluglotsenstreik konstatiert: Die Dritten (Fluggesellschaften und ihre Passagiere), die die Kosten des Tarifabschlusses letztlich finanzieren müssen, sitzen nicht am Verhandlungstisch. Die vorgeschlagenen Beschränkungen des Arbeitskampfes können dieses Problem letztlich nicht lösen; dazu wäre eine Intensivierung des Wettbewerbes auf den Produktmärkten erforderlich. Das ist die Aufgabe des Regulierungsrechts. Flankierend trägt der hiesige Gesetzesentwurf aber dazu bei, die Störungen des Verhandlungsgleichgewichts zu Lasten der Öffentlichkeit zu verringern. Folgen für die Volkswirtschaft Insbesondere Arbeitsniederlegungen im Transportgewerbe haben weitreichende Konsequenzen, die die deutsche Volkswirtschaft insgesamt empfindlich beeinträchtigen und Schäden in Milliarden28 29
träger, jedoch hat der schienengebundene Verkehr seit einigen Jahren einen Bedeutungszuwachs zu verzeichnen. Die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Straße wird für die Unternehmen aufgrund steigender Kraftstoffpreise, der Einführung von Mautgebühren und Staus zunehmend weniger interessant. Die Wirtschaft hängt daher erheblich vom Güterverkehr ab. Führen Lieferengpässe zu Produktionsstopps, entstehen in Form des damit verbundenen Wertschöpfungsausfalls volkswirtschaftliche Verluste, die sich in den Betrieben in unterausgelasteten Sachkapazitäten (Gewinnausfall) und Kurzarbeit (Lohnausfall) äußern.
Energieversorgung: Ein zentraler Bereich der Daseinsvorsorge
höhe verursachen können. Nach einer Schätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung würde ein mehrere Tage anhaltender Streik bei der Deutschen Bahn AG und die damit verbundene Unterbrechung des Güterverkehrs zu volkswirtschaftlichen Kosten von bis zu 70 Millionen Euro pro Tag führen. Bei gleichzeitiger Einbeziehung von erheblichen Teilen des Personenverkehrs in die Streikmaßnahme würden sich die Einbußen weiter auf bis zu 90 Millionen Euro pro Tag und damit auf rund 1,5 Prozent der täglichen Bruttowertschöpfung in Deutschland erhöhen. Für den eher unwahrscheinlichen Fall von über zwei Wochen andauernden umfangreichen Streiks im Güter- und Personenverkehr auf der Schiene könnten Wertschöpfungseinbußen von bis zu 180 Millionen Euro entstehen. Diese Einschätzungen decken sich mit den Angaben des Präsi-
denten des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, der die durch einen Streik an fünf aufeinanderfolgenden Arbeitstagen entstehenden Schäden auf ca. 100 Millionen Euro pro Tag beziffert. Sollte der Streik sogar zwei Wochen andauern, erhöhe sich der Schaden bis auf 200 Millionen Euro pro Tag. Die weitreichenden volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Streiks im Schienenverkehr erklären sich durch die Schlüsselstellung, welche die Bahn durch den Transport von Personen und Gütern für die deutsche Wirtschaft innehat: 17 Prozent aller Güter werden auf der Schiene transportiert. Die Deutsche Bahn AG befördert pro Tag Güter im Wert von 240 Millionen Euro. Zwar ist der Lkw mit einem Anteil von 70 Prozent der mit Abstand bedeutendste Verkehrs-
Innerhalb des Personenverkehrs beträgt der Marktanteil der Bahn 7,1 Prozent. Insgesamt 5 Millionen Fahrgäste werden durch die Deutsche Bahn AG tagtäglich befördert. Kommt es im Schienenverkehr zu Streiks, können die betroffenen Personen zwar auf andere Verkehrsmittel umsteigen, hierdurch erhöhen sich allerdings die Transportkosten. Auch kann es infolge von Staus auf den Straßen zu Einnahmeausfällen sowohl bei Pendlern als auch bei Selbständigen und Geschäftsreisenden kommen. Naturgemäß wirtschaftlich durch Streiks im Schienenverkehr besonders intensiv betroffen ist die Deutsche Bahn AG selbst. Durchschnittlich nimmt das Unternehmen täglich 27 Millionen Euro im Bereich des Personenverkehrs und weitere 15 Millionen Euro im Güterverkehr ein. Durch Bahnstreiks entstehen der Deutschen Bahn AG daher in kurzer Zeit erhebliche Einnahmeausfälle sowie Imageverluste, die sich auf die langfristige Geschäftsentwicklung negativ auswirken.
FORUM 10/2012 // BERGMANN
einer ausgeprägten Überbietungskonkurrenz gegenüber den großen Gewerkschaften, in der selbstbewussten Nutzung der eigenen Machtposition und in der Ausschöpfung aller Möglichkeiten, um die Tarifforderungen in Verhandlungen oder im Arbeitskampf durchzusetzen. So kommt die Gewerkschafts- und Berufsgruppenkonkurrenz beim Arbeitgeber an – als eine Konkurrenz auf fremdes, nämlich auf sein Risiko.
Luftverkehr: Vielzahl von Spartengewerkschaften
Gleichgewicht der Kräfte gestört Die Verhandlungs- und Kampfparität ist der Dreh- und Angelpunkt einer funktionierenden Tarifautonomie. Nur ein ungefähres Gleichgewicht der Kräfte führt zu fairen Ergebnissen. Bis vor wenigen Jahren war das noch so. Dann betraten starke Kleingewerkschaften die Tarifbühne.
schaften hatten ihren Modus vivendi. Wertschöpfung als Prämisse für die Teilhabe, die Solidarität der Mitglieder und Belegschaften und die Überzeugung vom Einheitstarifvertrag verband die Akteure – auch zu Zeiten der großen Streiks in der alten Bundesrepublik.
Schwachpunkt Daseinsvorsorge
Heute sind es in erster Linie die Nischen der Daseinsvorsorge, die spezialisierte und schwer zu ersetzende Berufsgruppen zur Gründung eigenständiger Gewerkschaften nutzen – Ärzte, Piloten, Fluglotsen, Vorfeldmitarbeiter, Lokomotivführer, Feuerwehrmänner usw. Wirtschaftlicher Wettbewerb, der ein Korrektiv bilden könnte, ist in diesen Nischen unterentwickelt oder gar nicht vorhanden.
Neue Kleingewerkschaften
Das Tarifvertragsgesetz ist heute älter als die Verfassung. Der Alliierte Kontrollrat hat es erlassen, um der freien und gleichberechtigten Verhandlung und Gestaltung der Arbeitsbedingungen nach dem 2. Weltkrieg wieder eine gesetzliche Grundlage zu geben. Noch bis vor wenigen Jahren war die Gewerkschaftslandschaft überschaubar. Es gab im Grunde nur die großen Branchengewerkschaften und Tarifgemeinschaften. In diesem Umfeld bedurfte es keiner weiteren Regeln: Arbeitgeber, Verbände und Gewerk30 31
Mit den kleinen Berufsgruppengewerkschaften sind Akteure hinzu gekomTLUKPLKPL;HYPÅHUKZJOHM[UHJOOHS[PN verändern. Sie organisieren durchsetzungsstarke Berufsgruppen, ohne die ganze Belegschaft eines Unternehmens zu repräsentieren. Ihr Vorwurf an die großen Gewerkschaften ist, sich zu wenig um diese Berufsgruppen gekümmert zu haben. Stärke und Unzufriedenheit der organiZPLY[LU)LY\MZNY\WWLUÄUKLU(\ZKY\JR in der tarifpolitischen Betätigung: in
Berufsgruppengewerkschaften brechen mit klassischen Bewertungsmaßstäben zur Einordnung von Tätigkeiten in das betriebliche Tarifgefüge. Die Sicherheit der Allgemeinheit wird in direkte Beziehung zur eigenen Tätigkeit gesetzt \UKa\T4HZ[HIMY[HYPÅPJOL-VYKLrungen gemacht. )LY\ÅPJOL8\HSPÄRH[PVU\UKPUKP]PK\elle Leistung treten dahinter zurück. Das gibt der Unzufriedenheit und Selbstsicht der Mitglieder eine Struktur und Legitimation. Sie sind damit leicht zu erreichen und für einen Arbeitskampf zu mobilisieren.
Tarifstreit fern der Öffentlichkeit
Als Dienstleister tragen Staat und Unternehmen der Daseinsvorsorge die Verantwortung dafür, dass der Allgemeinheit lebens- und betriebsessentielle Dienste und Güter zur Verfügung stehen. Von großen Schäden durch Arbeitskämpfe an diesen neuralgischen Punkten sollen Öffentlichkeit und Volkswirtschaft verschont bleiben. Einem Arbeitgeber in dieser Verantwortung bleibt regelmäßig nichts anderes übrig, als deeskalierend zu wirken und die Tarifforderungen zu erfüllen. Schon die Inkaufnahme einer Eskalation und die damit verbundene Unsicherheit für die Allgemeinheit kann erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten. Zum Streik, der die Verhältnisse unter den kritischen Augen der Öffentlichkeit geraderücken könnte, kommt es daher oft nicht. Ohne paritätische Umstände kann aber kein vernünftiger und ausgewogener Tarifvertrag zustande kommen. Transparenz und Befriedung durch Regeln
Gesetzliche Regeln, die Tarifforderungen und beabsichtigte Streiks transparent machen und sie in ein verbindliches Schlichtungsverfahren kanalisieren, tragen gerade in der Daseinsvorsorge frühzeitig zur Verhandlungs- und Einigungsbereitschaft bei. Schließlich ist der Streik nur das Hilfsrecht, das eigentliche Ziel ist die Befriedung der Arbeitsbeziehungen im Tarifvertrag. Dafür brauchen wir heute mehr als das alte Kontrollratsgesetz.
Jens Bergmann Der Autor:
Jens Bergmann ist Geschäftsführer der DFS Deutsche Flugsicherung GmbH und verantwortet dort das Ressort Finanzen. Zuvor führte der Diplomkaufmann zusätzlich das Personalressort. Zwischen 2002 und 2007 war er Leiter der Unternehmenssteuerung.
FORUM 10/2012 // RUDKOWSKI
Prof. Dr. Lena Rudkowski Die Autorin:
Prof. L. Rudkowski ist Juniorproessorin für bürgerliches Recht, Arbeitsund Versicherungsrecht an der freien Universität Berlin und Verfasserin der Dissertation „Der Streik in der Daseinsvorsorge“ (C.H. Beck, Münschen, 2010).
US-Feuerwehr: Mit massiven Streiks einst Rechte erkämpft
Das Ausland hat bereits vielfältige Erfahrungen mit verschiedenen Rechtsinstituten zur Beschränkung des Arbeitskampfrechts in der Daseinsvorsorge gemacht. Da liegt es nahe, bei Schaffung eines deutschen Arbeitskampfgesetzes auf diese Erfahrungen zurückzugreifen. Von Prof. Dr. Lena Rudkowski
Eine Norm von einer Rechtsordnung in die andere zu „transplantieren“, unbesehen und ohne Anpassungen, ist meist keine gute Idee. Schon angesichts unterschiedlicher verfassungsrechtlicher und tatsächlicher Rahmenbedingungen muss eine Regelung, die in einem Staat sinnvoll ist, in einem anderen noch
lange nicht funktionieren. Das heißt jedoch nicht, dass andere Rechtsordnungen bei deutschen Rechtssetzungsvorhaben ignoriert werden müssten. Sie können als Regelungsvorbild herangezogen werden, was die Rechtssetzung insbesondere in Rechtsgebieten erleichtert, die bisher noch nicht kodi-
ÄaPLY[ZPUK=VYHSSLTHILYSHZZLUZPJO auf Grundlage der Erfahrungen, die ein anderes Land mit einer Regelung gemacht hat, oft Rückschlüsse auf die Wirkungen der eigenen geplanten Vorschriften ziehen. Betrachtet man das Arbeitskampfrecht,
liegt es nahe, sich an unseren europäischen Nachbarn zu orientieren. Viele größere Länder Europas versuchen, die Erbringung von Leistungen der Daseinsvorsorge über ein (oft speziell auf diesen Bereich zugeschnittenes) Arbeitskampfgesetz zu gewährleisten. Der deutsche Gesetzgeber könnte, wollte er mit dem europäischen Ausland gleichziehen, von den Erfahrungen mit bestehenden Regelungen WYVÄ[PLYLU:VSLOY[KHZ(\ZSHUKL[^H dass eine genaue Bestimmung des Begriffes der Daseinsvorsorge für eine gelungene Regelung von essentieller Bedeutung ist. Denn auch wenn Begriffe wie „service public“ (Frankreich) oder „servizi pubblici essenziali“ (Italien) das Gegenteil nahe legen – die Daseinsvorsorge ist, nach Privatisierung, Reprivatisierung und Public Private Partnership, schon längst nicht mehr deckungsgleich mit dem öffentlichen Dienst. Da der Anwendungsbereich eines Arbeitskampfgesetzes daher nicht nach der Rechtsform des Leistungserbringers bestimmt werden kann, muss LPUL 3LNHSKLÄUP[PVU ]LYI\UKLU TP[ einer gesetzlichen Aufzählung lebens-
wichtiger Bereiche, die Zugehörigkeit eines Betriebs zur Daseinsvorsorge festlegen. Dort, wo es an der genauen Bestimmung des Anwendungsbereichs fehlt, etwa im spanischen Arbeitskampfgesetz, wird es schnell unübersichtlich. So werden in Spanien auch Fernsehsender oder Tankstellen der Daseinsvorsorge zugeordnet. Und spätestens die Einordnung des Madrider Prado als „lebensnotwendiger“ Betrieb macht KPL )LKL\[\UN LPULY RSHYLU +LÄUP[PVU deutlich. Darüber hinaus treffen ausländische Arbeitskampfgesetze üblicherweise prozedurale Regelungen. Arbeitskampf mit Ankündigung
Als besonders wichtig wird dabei zumeist die Ankündigung des Arbeitskampfs angesehen: Sowohl das italienische, als auch das französische und KHZZWHUPZJOL9LJO[]LYWÅPJO[LUKHa\ Arbeitskampfmaßnahmen anzukündigen, in unterschiedlicher Form, meist mit einer Frist von etwa fünf Tagen vor Beginn. Die Ankündigung soll ihrem
Internationale Vielfalt: Die meisten Industrienationen kennen Spielregeln für Arbeitskämpfe in der Daseinsvorsorge © frilled_dragon - Fotolia.com
Adressaten ermöglichen, sich frühzeitig auf die Kampfmaßnahme einzustellen, was vor allem bei den der Daseinsvorsorge zuzuordnenden Transportleistungen bedeutsam ist. Adressat ist dabei jedoch nicht immer die Öffentlichkeit: Frankreich verlangt eine Ankündigung gegenüber dem Arbeitgeber, Spanien teilweise gegenüber den zuständigen Behörden. Die Ankündigung hilft jedoch nur, wenn der Leistungsempfänger sich auf einen Ausfall einstellen kann, sodass es eines Mittels bedarf, die Versorgung der Bevölkerung bei Leistungen sicherzustellen, die jederzeit verfügbar sein müssen. Dafür sehen die hier genannten RechtsordnunNLU5V[KPLUZ[]LYWÅPJO[\UNLU]VYKO KPL=LYWÅPJO[\UN KPLQLUPNLU (YILP[LU weiterhin auszuführen (Arbeitnehmer) oder ausführen zu lassen (Arbeitgeber), die die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Diensten und Gütern sicherstellen. Geht es in Deutschland dabei traditionell um einen „Notdienst“ im wahrsten Wortsinn, um die Aufrechterhaltung nur der tatsächlich auch unabdingbaren Tätigkeiten, ist in anderen Rechtsordnungen der Notdienst eher ein reduzierter Normalbetrieb – der oft, vor allem in Spanien und Frankreich, faktisch sogar völlig dem Normalbetrieb gleichkommen kann. Da aber der Notdienst in Deutschland ein bekanntes und bewährtes Rechtsinstitut ist, ist eine derartige Ausweitung hier kaum zu befürchten. Um nicht nur die Auswirkungen des Arbeitskampfes abzumildern, sondern seinen Ausbruch ganz zu verhindern, sehen einige Rechtsordnungen Kontinentaleuropas, etwa Spaniens und
Krankentransport: Lebensnotwendiger Notdienst © Peter Atkins - Fotolia.com
Italiens, Schlichtungsverfahren in verschiedener Ausgestaltung vor. Sie beginnen meist jedoch erst dann, wenn der Arbeitskampf bereits im Gange ist und zu übermäßigen Schäden Dritter oder der Wirtschaft zu führen droht. Da die Schlichtung auf Veranlassung einer staatlichen Instanz hin geschieht, ein Modell, das in Deutschland wohl kaum durchsetzbar wäre, eignet sich als Vorbild eher die nahezu arbeitskampffreie Schweiz: Unter BundesYLJO[ MHSSLUKL 2VUÅPR[L RUULU H\M Wunsch der Parteien durch die Eidgenössische Einigungsstelle geschlichtet werden. Dieser kleine Ausschnitt aus dem Arbeitskampfrecht des europäischen Auslands zeigt, dass hinreichend viele potentielle Vorbilder für eine deutsche Regelung bestehen. Unsere Nachbarn machen es vor – Zeit, von ihnen zu lernen.
FORUM 10/2012 // V. STEINAU-STEINRÜCK
nen, wie etwa Berufs-, Eigentums- und wirtschaftliche Entfaltungsfreiheit, begrenzen die Spielräume kämpfender Tarifparteien nach Artikel 9 Abs. 3 Grundgesetz. Mangels eines Gesetzes ist es Aufgabe der Rechtsprechung, die jeweilige Grenzlinie im Wege der sogenannten „praktischen Konkordanz“ festzulegen. Einziger inhaltlicher Prüfungsmaßstab hierfür ist der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz. Danach muss das jeweils verfolgte Kampfziel geeignet, erforderlich und im engeren Sinne „angemessen“ sein. Für die Frage der Geeignetheit und der Erforderlichkeit billigt die Rechtsprechung den Gewerkschaften eine sog. Einschätzungsprärogative zu. Das Gericht prüft hier lediglich, ob sich die Gewerkschaft innerhalb dieser weiten Grenze bewegt hat. Das Ergebnis lautet in der Praxis nahezu immer „ja“.
Anrecht auf Verlässlichkeit Die bisherigen Regeln der RechtspreJO\UN IPL[LU MY KPL 2VUÅPR[SZ\UN ILP künftigen tarifpluralen Arbeitskämpfen keine ausreichende Grundlage mehr. Das gilt erst recht für die Daseinsvorsorge. Der Gesetzgeber ist daher mehr denn je gefordert. Von RA Prof. Dr. Robert v. Steinau-Steinrück
Der Arbeitskampf lebt vom Eingriff in die Rechtspositionen anderer, etwa der Gewerkschaftsmitglieder und der Arbeitgeberverbände, der nicht organisierten Arbeitnehmer und Arbeitgeber sowie zunehmend auch der Allgemeinheit. Die hierbei betroffenen, ebenfalls grundgesetzlich geschützten Positio-
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Gesundheitsvorsorge: Probleme bei Arbeitskämpfen
Erst bei der Stufe der Angemessenheit nimmt das Gericht eine eigene Rechtskontrolle, bezogen auf den jeweiligen Einzelfall vor. Hier entscheiden sich in der Praxis dann auch die Fälle. Angemessen ist danach ein Kampfmittel, wenn es sich unter Würdigung der grundrechtlich gewährleisteten Betätigungsfreiheit zum Erreichen des Kampfziels unter Berücksichtigung der Rechtspositionen der Betroffenen als angemessen darstellt. Dieser Maßstab ist vollkommen konturenlos. Abstrakte Kriterien, die ihn näher ausfüllen, existieren kaum. Stattdessen gibt es mehr oder weniger nur eine Einzelfall-Kasuistik. Deshalb sind die Entscheidungen der Gerichte auch kaum prognostizierbar. Dazu kommt, dass die meisten arbeitskampfrechtlichen Entschei-
dungen im einstweiligen Rechtsschutz ergehen, bei denen ein Gericht innerhalb weniger Stunden eine Entscheidung nach summarischer Prüfung trifft. In solchen einstweiligen Verfahren ist die oberste Instanz das jeweilige Landesarbeitsgericht. Zum Bundesarbeitsgericht gelangen sie nie, so dass auch deshalb keine Möglichkeit der Vereinheitlichung der Rechtsprechung besteht. Noch ein anderer Aspekt kommt hinzu: Die auf den Einzelfall bezogene Konkretisierung des Begriffes der Angemessenheit mag noch gelingen, wenn abgeschlossene Sachverhalte aus der Vergangenheit beurteilt werden. Nahezu unmöglich wird es aber, wenn der Richter im einstweiligen Rechtsschutz eine „vorausschauende“ Entscheidung treffen muss, bei der der Sachverhalt oftmals nur teilweise feststeht. Aus dieser Ausgangslage heraus wird es der Rechtsprechung insgesamt kaum je gelingen, Kriterien zu einer besseren Konkretisierung des Begriffs der Angemessenheit zu entwickeln. Aus Gründen des Rechtsstaatsprinzips wäre dies aber dringend geboten. Erst dann ließe sich auch in einem Mindestmaß vorhersehen, nach welchen Kriterien die Gerichte letztlich entscheiden. Im Bereich der Daseinsvorsorge ist dies umso dringlicher, da hier die Rechtsgüter der Allgemeinheit aufgrund der zunehmenden Streiks von Berufsgruppengewerkschaften besonders beeinträchtigt werden. Die Allgemeinheit hat ein Anrecht auf verlässliche Spielregeln, wie weit streikende Gewerkschaften gehen dürfen. Dieser Hintergrund macht ein Tätigwerden des Gesetzgebers unumgänglich.
Prof. Dr. Robert v. Steinau-Steinrück Der Autor: Rechtsanwalt Prof. Dr. Robert v. Steinau-Steinrück berät Unternehmen im Arbeitsrecht. Ein Schwerpunkt seiner anwaltlichen Tätigkeit liegt dabei im kollektiven Arbeitsrecht, insbesondere im Betriebsverfassungs-, Tarif- und Arbeitskampfrecht. Prof. v. Steinau-Steinrück leitet das Büro der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft in Berlin und ist Lehrbeauftragter an der Universität in Potsdam.
FORUM 10/2012 // KOLB
Eine umfassende gesetzliche Regelung des Arbeitskampfrechts erscheint angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Bundestag kaum realistisch und wohl auch nicht erforderlich. Eine Regelung nur der Tarifeinheit lehnt die FDP-Fraktion ab, weil sie dies für unvereinbar mit liberalen Vorstellungen hält. Denkbar hingegen sind aus Sicht der FDP punktuelle Veränderungen des geltenden Rechts, um einem unkontrollierten Entstehen von Mini-Gewerkschaften zu begegnen. Von Dr. Heinrich Kolb
Zersplitterung vermeiden 38 39
Seit im Sommer 2010 das Bundesarbeitsgericht seine langjährige Rechtsprechung zum Grundsatz der Tarifeinheit aufgegeben hat, wird – mit wechselnder Intensität – darüber diskutiert, wie mit Tarifpluralitäten umzugehen ist. Insbesondere Streiks von sogenannten Berufsgruppengewerkschaften rücken das Thema jeweils erneut in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. So zuletzt beim Arbeitskampf der Vorfeldlotsen am Frankfurter Flughafen im Frühjahr dieses Jahres. Die FDP-Bundestagsfraktion hat diesen Arbeitskampf zum Anlass genommen, sich nochmals mit der Frage des Umgangs mit Tarifpluralitäten zu beschäftigen. Es ging uns darum auszuloten, ob und – wenn ja – wie der Gesetzgeber handeln sollte. Dazu haben wir eine Reihe von Gesprächen mit Vertretern aus Wissenschaft, von Gewerkschaften und Arbeitgebern geführt. In den Gesprächen ist auch über den Gesetzesvorschlag der Professoren Martin Franzen, Gregor Thüsing und Christian Waldhoff zu Arbeitskämpfen in der Da-
seinsvorsorge gesprochen worden. Der Gesetzentwurf war am 27. März 2012 bei einem Kolloquium der Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung in Berlin vorgestellt worden, an dem ich teilnehmen durfte. Schon in dem Kolloquium habe ich zum Ausdruck gebracht, dass der Gesetzentwurf eine Reihe von Vorschlägen beinhaltet, von denen einzelne im Falle eines tatsächlichen gesetzgeberischen Handlungsbedarfs umgesetzt werden könnten. Diesen Eindruck sehe ich nach Abschluss unserer Expertengespräche bestätigt.
Dr. Heinrich Kolb Der Autor:
Die Koalitionsfreiheit und die Tarifautonomie sind hohe Güter. Ein funktionierendes Tarifsystem, welches Rechtssicherheit und Stabilität für die Unternehmen sowie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gewährleistet, ist uns wichtig. Es hat zum wirtschaftlichen Erfolg und sozialen Frieden in Deutschland maßgeblich beigetragen. Dieser Erfolg ist in erster Linie der Verantwortung der Tarifpartner, also der Arbeitnehmer und Arbeitgeber selbst, zu verdanken. Mit Einschränkungen der Tarifautonomie hat sich der Gesetzgeber in der Vergangenheit bewusst zurückgehalten. Eine umfassende Regelung des Tarif- bzw. Arbeitskampfrechts gibt es bis heute nicht. Daran wollen wir festhalten. Die FDP-Bundestagsfraktion lehnt eine gesetzliche Regelung der Tarifeinheit ab. Eine Regelung, wonach der Tarifvertrag einer kleineren Gewerkschaft in einem Betrieb oder Unternehmen nicht zur Anwendung kommen kann, ist nach unserer Einschätzung ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in die Koa-
Dr. Heinrich Kolb ist seit Oktober 2009 stellvertretender Vorsitzender der FDP-Fraktion. Der mittelständische Unternehmer ist Diplomwirtschaftsingenieur und war von 1992 bis 1998 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium.
Gesetzgebung: Punktuelle Veränderung des geltenden Rechts denkbar
litionsfreiheit. Die Regel, dass im Zweifel der Größere gewinnt, ist mit liberalen Vorstellungen nicht zu vereinbaren. Einen entsprechenden Beschluss hatte die FDP-Bundestagsfraktion bereits im August 2011 gefasst. Ohnehin läuft eine gesetzliche Regelung der Tarifeinheit ins Leere, wenn Berufsgruppengewerkschaften in selbständigen Unternehmen eine Mehrheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vertreten, wie dies etwa bei der Deutschen Gesellschaft für Flugsicherung der Fall ist. Oder dann, wenn arbeitgeberseitig einzelne Funktionen in selbständige Gesellschaften ausgelagert werden, so wie das am Frankfurter Flughafen mit den Vorfeldlotsen geschehen soll. Auch dass der Gesetzgeber eine umfassende Regelung des Arbeitskampfrechts vornehmen könnte, ist mit Blick auf die aktuellen Mehrheitsverhältnisse 40 41
im Bundestag und im Bundesrat nicht wirklich realistisch und wohl auch nicht erforderlich. Die Tarifpolitik ist ein sensibler Mechanismus, dem es gelingt, in einer Vielzahl von Verhandlungen und Einigungen immer wieder die Balance zwischen den Interessen der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber herzustellen. Zu diesem sensiblen Mechanismus gehört auch das Recht jeder Verhandlungsseite, ihren Interessen mit Arbeitskampfmitteln Nachdruck zu verleihen. Jeglicher Eingriff in dieses System von außen will sehr gut überlegt sein. All dies bedeutet jedoch nicht, dass der Gesetzgeber nicht handlungsfähig ist. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass auch mit punktuellen Veränderungen des geltenden Rechts unerwünschten Entwicklungen im Hinblick auf ein unkontrolliertes Entstehen von Mini-Gewerkschaften begegnet werden kann.
Wir haben eine Reihe von Maßnahmen geprüft und mit den Experten aus Wissenschaft und Praxis erörtert. Dabei hat sich herausgestellt, dass gutgemeinte Vorschläge mit unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sein können. Zwingende Schlichtungsverfahren können zu einer Verhärtung statt einer )LZpUM[PN\UNKLZ2VUÅPR[ZMOYLU,PUL 2VVYKPUPLY\UN KLY -YPLKLUZWÅPJO[LU wiederum würde den Tarifpartnern eine bedeutsame Verhandlungskomponente, nämlich die Festlegung der Laufzeit eines Tarifvertrags, nehmen. Die Laufzeit ist jedoch für den Abschluss gerade von Entgelttarifverträgen ebenso bedeutsam wie die Abschlusshöhe und trägt wesentlich dazu bei, dass das Ergebnis von Tarifverhandlungen von beiden Tarifparteien getragen und dargestellt werden kann. Generell ist davon auszugehen, dass selbst umfassende gesetzliche Regelungen des Arbeitskampfrechtes unverhältnismäßige Streiks mit Wirkungen und Schäden auch für Dritte nicht vollständig ausschließen könnten. Denn am Ende bedarf es immer wieder der
Verhältnismäßigkeitsprüfung im Einzelfall. Diese bleibt – mit oder ohne gesetzliche Grundlage – den Gerichten vorbehalten und kann dauern. Wir halten jedoch punktuelle Regelungen für möglich, sollte sich eine ALYZWSP[[LY\UN KLY ;HYPÅHUKZJOHM[ TP[ exzessiven Arbeitskämpfen abzeichULU+PL4HUHOTLUÄUKLUZPJOH\JO in dem bereits erwähnten Vorschlag der Professoren wieder. Hierzu gehört ULILU LPULY (URUKPN\UNZWÅPJO[ MY Streiks insbesondere ein Quorum, wonach ein Streik nur dann zulässig ist, wenn er auf den Abschluss eines Tarifvertrages gerichtet ist, dessen Geltungsbereich mindestens einen relevanten Anteil der Arbeitsverhältnisse erfasst. Akuten Handlungsdruck für ein solches gesetzgeberisches Eingreifen sehe ich jedoch derzeit nicht. Seit dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts im Jahr 2010 ist weder eine neue tariffähige Gewerkschaft entstanden noch hat die Zahl der Streiktage oder der Umfang der Streikaktivitäten in Deutschland zugenommen. Ich setze darauf, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber ihre Verantwortung auch weiterhin wahrnehmen.
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FORUM 10/2012 // WOLF
Die Zersplitterung der Gewerkschaftslandschaft führt zu neuen Formen von Arbeitskämpfen und wird die Zahl von Arbeitskämpfen in der Zukunft vervielfachen. Diesen Gefahren kann nur der Gesetzgeber entgegentreten – durch eine gesetzliche Regelung der Tarifeinheit.
Es ist verdienstvoll, dass sich die Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung des Themas „Arbeitskampf in der Daseinsvorsorge“ annimmt. Die bei aktuellen Streiks aufgeworfenen Fragen betreffen dabei nicht nur Unternehmen der Daseinsvorsorge. Über diese höchst heterogene Gruppe hinaus betreffen sie Fragen des Arbeitskampfes allgemein. Das gilt ganz besonders für das noch nicht ausreichend aufgearbeitete Phänomen des „Kalten Streiks“. Auf den ersten Blick kommt als Antwort aus Arbeitgebersicht auf dieses Arbeitskampfmittel die sogenannte Betriebsstillegung, auf den zweiten die Aussperrung in Betracht. Die Wellenund Schwerpunktstreiks in den späten 70er und frühen 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts scheinen sich als Blaupause anzubieten. Abgesehen davon, dass es ohnehin verfehlt ist, die Betriebsstillegung als ArILP[ZRHTWMTHUHOTLa\RSHZZPÄaPLYLU – sie ist noch nicht einmal Notwehr, sie ist Kapitulation vor dem Druck der Gewerkschaften – sind Stilllegung und Aussperrungen keine Optionen. Der Arbeitgeber muss – nicht nur in der Daseinsvorsorge – schlicht „den Laden am Laufen halten“. Daher muss die Rechtsprechung andere Lösungen ent-
Müllabfuhr: Die Entsorgung ist wichtiger Bestandteil der Daseinsvorsorge © line-of-sight - Fotolia.com
Von Roland Wolf Der Autor:
Roland Wolf ist seit Juli 2005 Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Zudem ist er Geschäftsführer und Leiter der Abteilung Arbeitsrecht der BDA. Wolf ist Verfasser einer Vielzahl von Fachaufsätzen zu Fragestellungen der Arbeitsförderung, der Altersteilzeit und der Arbeitnehmerüberlassung. Ferner ist er Autor wie auch Mitherausgeber eines Basisleitfadens zum Betriebsverfassungsrecht.
Personenverkehr: Im Streikfall kaum Alternativen
wickeln. Hier stehen wir noch ganz am Anfang der Erwägungen. Zersplitterung bekämpfen
Wie immer die Antwort aussieht, sie löst nicht das zentrale Problem der Gefahr, dass sich solche neuen Formen von Arbeitskämpfen vervielfachen. Andere Fragen mögen auf verschiedener Ebene einer Lösung zugeführt werden können. Diese eine Frage, wie der Vervielfachung durch Zersplitterung entgegengewirkt werden kann, muss und kann nur der Gesetzgeber beantworten. Anders als es der Vorschlag der Studie nahelegt, ist hierfür die gesetzliche Regelung der Tarifeinheit unverzichtbar. Die innere Rechtfertigung von Koalitionsfreiheit und Tarifautonomie ist die ordnende und gestaltende Funktion des Tarifvertrages auf der einen und die befriedende und damit diese Ordnung erst ermöglichende Friedensfunktion des Tarifvertrages und des Tarifrechts auf der anderen Seite. Tarifverträge, 44 45
die diese beiden Funktionen nicht sicherstellen, verlieren ihre Akzeptanz. Schlussendlich wird die Tarifautonomie und damit die Koalitionsfreiheit als solche in Frage gestellt. Das wäre ein höchst gefährlicher Weg in eine völlig falsche Richtung.
Laufzeit von 24 Monaten, kann es nach Ablauf des einen Tarifvertrages zu Arbeitskämpfen kommen, obwohl der andere noch gilt und den Betriebsfrieden sichern soll.
Die ordnende und befriedende Funktion der Tarifautonomie als Ausdruck der Koalitionsfreiheit ist in Deutschland (so wie es das Tarifvertragsgesetz auch vorsieht) in besonderer Weise durch den Flächentarifvertrag gewährleistet. Der Flächentarifvertrag garantiert beides: Er ordnet das Arbeitsleben, schafft Rechtsicherheit sowie Rechtsklarheit und sichert die Friedenswirkung des Tarifvertragssystems. Arbeitgeber und Arbeitnehmer wissen, woran sie sind und sie wissen, dass für die Zeit der Geltung eines Tarifvertrages ein Arbeitskampf um die in dem Tarifvertrag geregelten Materien unzulässig ist. Diese ordnende und befriedende Funktion des Tarifvertrages ist das A und O des ILZVUKLYLU .LS[\UNZHUZWY\JOZ [HYPÅPcher Bestimmungen.
Während der Geltungszeit, zu der beide Tarifverträge ihre Wirkung entfalten, wird die eine Arbeitnehmergruppe drei Stunden weniger beschäftigt als die andere. Solche Widersprüche zerlegen die Tarifautonomie. Daher war seit mehr als 80 Jahren unstreitig, dass es ein System geben muss, das die Ordnungsfunktion des Tarifvertrages und ZLPUL-YPLKLUZ^PYR\UNÅHURPLYLUK\Uterstützt.
Klassische Antworten unbefriedigend
Dieses System stellt die Tarifeinheit dar! Sie war aus den Erfahrungen der Zeit in Weimar entwickelt worden, um Klarheit und Rechtsfrieden zu gewähr-
Diese Voraussetzung ist nicht mehr gegeben, wenn für dasselbe Arbeitsverhältnis oder für identische Arbeitnehmergruppen zu identischen Materien unterschiedliche Regelungen gelten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten erstreikt werden können. Gilt für die eine Gruppe von Montagearbeitern der Tarifvertrag X mit einer Wochenstundenzahl von 39 Stunden und einer Laufzeit von 18 Monaten, für andere Arbeitnehmer derselben Arbeitsgruppe ein Tarifvertrag Y mit einer Wochenarbeitszeit von 36 Stunden und einer
Sicherheitsschleuse: Engpass bei der Personenkontrolle
leisten. Das BAG hat den Grundsatz der Tarifeinheit zu Recht über 50 Jahre seiner Rechtsprechung zu Grunde gelegt. Mit dem Rechtsprechungswechsel im Sommer 2010 besteht die Gefahr, dass die Tarifautonomie einen Großteil dieser friedenserhaltenden und ordnenden Funktion verliert. Damit verliert die Tarifautonomie im Kern an Akzeptanz. Die Arbeitskämpfe bei den kommunalen Verkehrsbetrieben in Bayern, den Privatbahnen des Öffentlichen Nahverkehrs im gesamten Bundesgebiet, vor allen Dingen im Norden und Osten unseres Landes, und schlussendlich der Kampf der Vorfeldmitarbeiter am Flughafen Frankfurt sind nur die besonders sichtbaren Spitzen eines Eisberges. Wenn weniger als 200 Vorfeldmitarbeiter, für die ein Tarifvertrag gilt, der
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schneidungsbereich von Tarifverträgen derjenige Tarifvertrag durchsetzten soll, an den die Mehrheit der Arbeitnehmer gebunden ist, bietet dafür eine praxisgerechte, an der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts bis 2010 orientierte und verfassungskonforme Handhabe. Für die Zeit der Geltung des Mehrheitstarifvertrags muss die FrieKLUZWÅPJO[NL^HOY[ZLPU
Hierin erschöpft sich der Vorschlag UPJO[ +PL POU ÅHURPLYLUKLU =LYMHOrensregelungen schaffen in einer der 9LJO[ZWYLJO\UNNLSp\ÄNLU\UKHS[ILkannten Weise eine unbürokratische Regelung, wie die Mehrheit - sollte sie denn einmal in Frage stehen - festgestellt werden kann. Das ist kein Hexenwerk, sondern in der Betriebsverfassung x-mal erprobt und bewährt. Ohnehin ist nicht zu erwarten, dass es zu vielen Rechtstreitigkeiten kommt. auch für alle anderen Mitarbeiter des Allenfalls ein oder zwei Musterverfah<U[LYULOTLUZ(U^LUK\UNÄUKL[KHZ YLU KYM[LU Z[H[[ÄUKLU +LUU a\TLPZ[ wichtigste deutsche Flugdrehkreuz wissen Gewerkschaften und Arbeitgelahm legen können, stimmt etwas mit ber sehr genau, wer in welchem Beder Tarifordnung nicht mehr. Die Koa- trieb die Mehrheit hat und respektieren litionsfreiheit kommt aus dem Lot. Es dieses auch. ist allein nicht dieser Streik, der ein gesetzliches Eingreifen notwendig macht. Der Vorschlag wird auch nicht zur MaEr unterstreicht die Notwendigkeit des jorisierung von Spartengewerkschaften gesetzlichen Eingriffs jedoch drastisch. führen. Sämtliche Spartenorganisationen, die nun vorgeben, einen Eingriff Tarifeinheit gesetzlich regeln in die Tarifautonomie zu fürchten, haben sich unter den Grundsätzen der Es ist daher unverzichtbar, dass Regie- Tarifeinheit gebildet oder sind unter rung und Gesetzgeber baldmöglich dessen Geltung erfolgreich aktiv geweeine gesetzliche Regelung der Tarifein- sen. Mit einer gesetzlichen Regelung heit im geltenden Tarifvertragsgesetz der Tarifeinheit wird vielmehr ein neuverankerten. Der ursprünglich gemein- es Miteinander der Tarifakteure erkennsam von BDA und DGB angeregte bar werden. Monopolstrukturen sollen Vorschlag, nach dem sich im Über- nicht geschaffen werden und sind auch
unter der Geltung der Tarifeinheit bis 2010 nicht entstanden; Ziel ist, die Tarifverhandlungen zu bündeln und so konzentriert ablaufen zu lassen, dass die friedenserhaltende und ordnende Wirkung des Tarifvertragssystems erhalten bleiben kann. Der Vorschlag zur gesetzlichen Regelung der Tarifeinheit verfolgt damit ein nicht nur auf einzelne Branchen und Wirtschaftsbereiche, sondern für den gesamten Arbeitsmarkt und für die gesamte Wirtschaft der Bundesrepublik gerichtetes Ziel, Rechtsfrieden und Rechtsklarheit zu wahren und damit die Tarifautonomie insgesamt zu schützen und zu sichern. Die Grundsatzfrage, die sich heute stellt, ist die Frage nach der Bewahrung unserer Tarifautonomie. Der Diskurs zum Arbeitskampf in der Daseinsvorsorge, zum kalten Streik, zum Unterstützungsstreik, zum Sozialplanstreik oder anderen Entwicklungen im Arbeitskampfrecht sind notwendig. Ja, man kann auch über den Flashmob reden – obwohl es sich hierbei um ein im Arbeitsrecht nicht zulässiges Mittel des Krawalls handelt. Das alles ändert an der Grundfrage jedoch nichts: Wie sichern wir die auf Vertrauenspartnerschaft gründende Koalitionsfreiheit gegen Entwicklungen der inneren Zerlegung und Zersetzung? Nach den Erfahrungen in den letzten 50 Jahren und der Zeit davor, wie aber auch auf Grund der kurzen und ernüchternden Erfahrungen seit dem Sommer 2010 kann es darauf nur eine Antwort geben: Wir brauchen die gesetzliche Tarifeinheit und das möglichst schnell!
FORUM 10/2012 // MEIK
Von besonderer Bedeutung für die (\ZLPUHUKLYZL[a\UN \UK KPL Op\ÄNLU Arbeitskämpfe in der Daseinsvorsorge ist die Entwicklung der Gewerkschaften. Deshalb lohnt ein Blick auf ihre Historie. Von Dr. Frank Meik
Nach dem Krieg gab es im Wesentlichen große Flächengewerkschaften, die für eine Branche zuständig waren wie z.B. die IG Metall oder die IG Chemie. In den letzten 20 Jahren nach der Privatisierung vieler Staatsunternehmen, insbesondere in der Daseinsvorsorge, haben sich daneben so genannte Sparten- oder Berufsgruppengewerkschaften gebildet.
TV-Übertragungswagen: Reges Medieninteresse am Streik der LH-Flugbegleiter
Die Gewerkschaftslandschaft in Deutschland lässt sich auf das Leitbild der Sozialpartnerschaft zurückführen. Diese hat die Arbeitsbeziehungen nach dem Ende des 2. Weltkrieges und angesichts des Kalten Krieges geprägt. Hauptakteure dieser Sozialpartnerschaft sind traditionell Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die sich in Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften organisieren, um branchen- und teilweise industrieweite Tarifverhandlungen zu führen und entsprechende Abschlüsse zu erzielen. Konsens- und Gemeinwohlorientierung sind wichtige Merkmale des deutschen Gewerkschaftssystems mit dem Ziel, die Betriebe langfristig konkurrenzfähig zu erhalten. Das deutsche System steht damit im Gegensatz zum US-amerikanischen Gewerkschaftssystem der „Craft Unions“, die als pluralistische Interessengruppen einseitig die Partikularinteressen ihrer Mitglieder vertreten. Die US-Gewerkschaften versuchen
z.B., möglichst hohe Lohnsteigerungen ohne Rücksicht auf gesamtwirtschaftliche oder gesellschaftliche Verhältnisse durchzusetzen. Dies war bislang in Deutschland anders. Aber seit den 80er Jahren hat sich dies auch hier verändert. Zum einen haben wir ein verlangsamtes Wirtschaftswachstum gehabt, zum anderen hat die wachsende Internationalisierung mit strengeren Wettbewerbsbedingungen für ein konfrontativeres Klima und eine Zersplitterung vieler Flächentarifverträge gesorgt. Anstelle dieser Flächentarifverträge sind z.T. Firmentarifverträge getreten. Viele Arbeitnehmer sind in den letzten 20 Jahren aus den großen Gewerkschaften ausgetreten sind. So waren im Jahr 2007 nur noch 50 Prozent der Arbeitnehmer in einem durch Branchentarifvertrag gebundenen Betrieb beschäftigt. Erst mit der Finanz- und Wirtschaftskrise kam wieder eine „Renaissance der Sozialpartnerschaft“ ab dem Jahr 2008 zum Tragen, ohne dass dadurch die längst gewachsenen Spartengewerkschaften, die die Interessen Einzelner wahrnehmen, zurückgedrängt wurden. Die deutsche Gewerkschaftslandschaft ist organisatorisch in drei Dachverbänden zusammenzufassen. Von den 8,1 Mio. organisierten Arbeitnehmern sind 7,8 Mio. in diesen Dachverbänden organisiert, die restlichen Arbeitnehmer sind in Gewerkschaften organisiert, die keinem der Dachverbände angehören. Dies sind im Wesentlichen Berufsgruppen – bzw. Spartengewerkschaften. 50 51
Sie agieren tarifpolitisch eigenständig. Der kleinste Dachverband ist der Christliche Gewerkschaftsbund Deutschland (CGB) mit 0,5 Mio. Mitgliedern, der größte ist der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mit über 6 Mio. Mitgliedern. Das dritte Dach ist der DBB (Beamtenbund und Tarifunion). Er vereint 38 Einzelgewerkschaften, in denen insgesamt 1,3 Mio. Mitglieder organisiert sind, darunter 908.000 Beamte im DBB. Der DBB vertritt aber auch 385.000 Mitglieder ohne Beamtenstatus. Während Beamte nicht streiken dürfen, dürfen dies die übrigen Mitglieder schon. Die Gewerkschaften, die im DGB organisiert sind, der 1949 gegründet wurde, verstehen sich als Branchengewerkschaften und sind in der Regel nach Branchen organisiert. Sie schließen zumeist Flächentarifverträge ab, die für alle Berufsgruppen in einer Branche gelten. Die letzte Gewerkschaft, die zum DGB hinzugekommen ist, ist die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, die 2001 aus dem Zusammenschluss von 4 DGB Einzelgewerkschaften (Deutsche Post Gewerkschaft, Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, Industriegewerkschaft Medien und Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) und der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG)
Wartende Passagier: Streik im Luftverkehr
hervorging. Diese Multi-Branchengewerkschaft ist eine sehr große und heterogene mit über 2 Mio. Mitgliedern aus über 1.000 verschiedenen Berufsgruppen. Der Zusammenschluss war der bislang größte in der deutschen Gewerkschaftsgeschichte und markierte den Höhepunkt eines seit Jahren fusionsbedingten Machtkonzentrationsprozesses bei den Gewerkschaften. In diesem Zusammenschluss liegen aufgrund der heterogenen Struktur und der Schwierigkeit der Interessenvertretung auch viele Probleme. Die DGB-Mitgliederzahlen sind von 1991 (damals knapp 12 Mio. Mitglieder) auf heute etwas über 6 Mio. Mitglieder geschrumpft. Sie liegen also heute nur noch bei ca. der Hälfte. Von den Spartengewerkschaften gibt es keine entsprechende Statistik. Sie werden auf ein Volumen von 300.000 400.000 Mitgliedern geschätzt. Allerdings ist der Organisationsgrad völlig unterschiedlich. Während in den Flächengewerkschaften ca. 20 Prozent der Mitarbeiter einer Gewerkschaft angehören, sind dies bei den Berufsgruppengewerkschaften über 80 bis zum 90 Prozent der Arbeitnehmer. Auffällig ist, dass sich insbesondere in den letzten Jahren neue Spartengewerkschaften gebildet haben (contterm,
Dezember 2009; Neue Assekuranz Gewerkschaft, November 2010; Technik Gewerkschaft Luftfahrt, Dezember 2010; Gewerkschaft der Servicekräfte, Dezember 2011; Spartengewerkschaft für Berufsfeuerwehren, Mai 2011). Das Besondere an diesen Gewerkschaften ist, dass die Mitarbeiter der einzelnen Berufsgruppe in der Regel LPULU ^PJO[PNLU ,PUÅ\ZZ H\M KPL NLsamten Abläufe haben. Streikt eine kleine Berufsgruppe wie z.B. die Fluglotsen oder die Flugbegleiter, kann der Flugbetrieb nicht durchgeführt werden. Gleiches gilt z.B. für die Lokführer bei der Bahn oder für Ärzte oder Krankenschwestern in Krankenhäusern. Auch hier kommt bei einem Streik der Betrieb stark ins Stocken oder sogar zum Erliegen, denn in der Regel können Mitglieder von bestimmten Berufsgruppen nicht oder nur schlecht ersetzt ^LYKLU +PLZ LYRSpY[ H\JO KHZ Op\ÄN außerordentlich große Interesse der Medien an den Arbeitskämpfen von Berufsgruppengewerkschaften: Von diesen Arbeitskampfmaßnahmen ist die Allgemeinheit in der Regel besonders stark betroffen. Hieran schließen sich viele Fragen an: Wird es noch mehr Berufsgruppengewerkschaften geben? Werden sie besondere Abschlüsse für ihre Mitglieder erreichen? Wird dadurch der Wettbewerb zu den Flächengewerkschaften intensiviert? Verlagert er sich auch in die Betriebe und Unternehmen? Was bedeutet dies für Unternehmen der Daseinsvorsorge? Wird es in Zukunft mehr und härtere Arbeitskämpfe geben?
FORUM 10/2012 // IMPRESSUM
Die Monographie „Tarifpluralität als Aufgabe des Gesetzgebers“ fasst die Ergebnisse einer Professoren-Initative der Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung zusammen, die im März 2011 abgeschlossen wurde. Neun renommierte Arbeitsrechtsexperten setzen sich darin mit den Folgen auseinander, die die Abkehr des Bundesarbeitsgerichts vom Prinzip der Tarifeinheit für die Tarifvertragspraxis in Deutschland hat. Mit einem gemeinsam verabschiedeten Gesetzgebungsvorschlag beschreiten die Professoren Neuland und stellen sich der Diskussion. Mit ihrem Vorschlag und der umfangreichen Begründung setzen sich in zahlreichen Anmerkungen Praktiker des Tarifrechts kritisch auseinander.
TARIFPLURALITÄT ALS AUFGABE DES GESETZGEBERS
Prof. Dr. Frank Bayreuther (Passau), Prof. Dr. Martin Franzen (München),
MONOGRAFIE 1 erschienen im April 2011
PD Dr. Stefan Greiner (Köln/Bochum), Prof. Dr. Rüdiger Krause (Göttingen), Prof. Dr. Hartmut Oetker (Kiel), Prof. Dr. Ulrich Preis (Köln), Prof. Dr. Robert Rebhahn (Wien), Prof. Dr. Gregor Thüsing LL.M (Bonn), Prof. Dr. Raimund Waltermann (Bonn)
BEREICH: ZUKUNFT DER ARBEIT
ISBN: 978-3-00-033729-1 Schutzgebühr: 10,00 € zuzüglich Versandkosten Bestellung unter: Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung Residenzstraße 10 · 80333 München
Das Werk „Arbeitskampf in der Daseinsvorsorge“ enthält die vollständige Dokumentation eines Gesetzentwurfs der Professoren Martin Franzen (München), Gregor Thüsing (Bonn) und Christian Waldhoff (Berlin) vom März 2012. Darin setzen sich die Rechtswissenschaftler vor dem Hintergrund der grundgesetzlich geschützten Koalitionsfreiheit mit der Frage auseinander, wie die Belange der Allgemeinheit bei Störungen zentraler Funktionen der Daseinsvorsorge besser berücksichtigt werden können. Die Monographie enthält zahlreiches weiterführendes Material, unter anderem kritische Anmerkungen zum Gesetzesvorschlag sowie Stellungenahmen der Unternehmenspraxis.
ARBEITSKAMPF IN DER DASEINSVORSORGE VORSCHLÄGE ZUR GESETZLICHEN REGELUNG VON STREIK UND AUSSPERRUNG IN UNTERNEHMEN DER DASEINSVORSORGE
im Auftrag der Carl Friedrich von Weizsäcker-Stiftung erarbeitet von Prof. Dr. Martin Franzen Lehrstuhl für deutsches, europäisches, internationales Arbeitsrecht und Bürgerliches Recht Ludwig-Maximilians-Universität München Prof. Dr. Gregor Thüsing, LL.M. (Harvard) Direktor des Instituts für Arbeitsrecht und Recht der Sozialen Sicherheit Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Prof. Dr. Christian Waldhoff Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Finanzrecht Humbold-Universität zu Berlin
ISBN 978-3-9815293-0-2 Schutzgebühr: 10,00 € zuzüglich Versandkosten Bestellung unter: Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung Residenzstraße 10 · 80333 München
MONOGRAFIE 2 neu erschienen im Oktober 2012
impressum Herausgeber: Dr. Frank Meik, Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung, Bereich Zukunft der Arbeit Residenzstraße 10 · 80333 München · www.CFvW.org Chefredakteur: Kai Stepp (verantw.) Autoren: Jens Bergmann Prof. Dr. Martin Franzen Dr. Heinrich Kolb Dr. Frank Meik Prof. Dr. Lena Rudkowski Prof. Dr. Robert v. Steinau-Steinrück Kai Stepp Prof. Dr. Gregor Thüsing Prof. Dr. Christian Waldhoff Roland Wolf Anschrift der Redaktion: Carl Friedich v. Weizsäcker-Stiftung · Residenzstraße 10 · 80333 München Bildnachweise: S. 24, 28/29 © Mark Stepp S. 4,8, 16, 22, 32, 45, 48, 50 © Giuliana Damiano S. 5, 6, 10 © Eicke Lenz S. 18, 19, 20, 21 © Tom Maelsa Gestaltung und Druck: Bamberger & Schneider GmbH – Werbeagentur Siegtalstraße 190 · 57080 Siegen · www.bamberger-schneider.de Urheberrechte: © Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung. Die in diesem Magazin enthaltenen Beiträge sind urheberrechtlich geschützt, Nachdruck nur mit Genehmigung des Herausgebers. Alle Rechte vorbehalten.
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forum - Die Zukunft der Arbeit gestalten Ausgabe 10/12
Arbeitskampf in der Daseinsvorsorge. Spielregeln für eine ganz besondere Ökonomie. Wie lässt sich sicherstellen, dass wichtige Versorgungss...

References: § 4
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 § 6
 § 98
 § 4
 § 5
 § 5
 § 2