Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Diskriminierung_Alter_Zwangspensionierung_EuGH_C388-07.html
Timestamp: 2017-09-26 20:01:21+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: C-45/09
Schlag­worte: Diskriminierung: Alter, Altersdiskriminierung, Zwangspensionierung, Rentenaltersklausel
Akten­zeichen: C-45/09
1. Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Be­stim­mung wie § 10 Nr. 5 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes, wo­nach Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten zulässig sind, nicht ent­ge­gen­steht, so­weit zum ei­nen die­se Be­stim­mung ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel der Beschäfti­gungs- und Ar­beits­markt­po­li­tik ge­recht­fer­tigt ist und zum an­de­ren die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind. Die Nut­zung die­ser Ermäch­ti­gung in ei­nem Ta­rif­ver­trag ist als sol­che nicht der ge­richt­li­chen Kon­trol­le ent­zo­gen, son­dern muss gemäß den An­for­de­run­gen des Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 eben­falls in an­ge­mes­se­ner und er­for­der­li­cher Wei­se ein le­gi­ti­mes Ziel ver­fol­gen.
2. Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner Maßnah­me wie der in § 19 Nr. 8 des Rah­men­ta­rif­ver­trags für die ge­werb­li­chen Beschäftig­ten in der Gebäuderei­ni­gung ent­hal­te­nen Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se von Beschäftig­ten, die das Ren­ten­al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, nicht ent­ge­gen­steht.
3. Die Art. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 sind da­hin aus­zu­le­gen, dass es ih­nen nicht zu­wi­derläuft, dass ein Mit­glied­staat ei­nen Ta­rif­ver­trag wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren in Fra­ge ste­hen­den für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt, so­weit die­ser Ta­rif­ver­trag den in sei­nen Gel­tungs­be­reich fal­len­den Ar­beit­neh­mern nicht den Schutz nimmt, den ih­nen die­se Be­stim­mun­gen ge­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters gewähren.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Hamburg,
„Richt­li­nie 2000/78/EG – Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters – Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters“
In der Rechts­sa­che C‑45/09
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Ar­beits­ge­richt Ham­burg (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 20. Ja­nu­ar 2009, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 2. Fe­bru­ar 2009, in dem Ver­fah­ren
Gi­se­la Ro­sen­bladt
Oel­ler­king Gebäuderei­ni­gungs­ges. mbH
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten V. Skou­ris, der Kam­mer­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues, K. Lena­erts, J.‑C. Bo­ni­chot und A. Ara­b­ad­jiev, der Rich­ter G. Ares­tis, A. Borg Bart­het, M. Ilešiè, J. Ma­le­n­ovský und L. Bay Lar­sen, der Rich­te­rin P. Lindh (Be­richt­er­stat­te­rin) so­wie des Rich­ters T. von Dan­witz,
– von Frau Ro­sen­bladt, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt K. Ber­tels­mann,
– der Oel­ler­king Gebäuderei­ni­gungs­ges. mbH, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt P. Son­ne,
– Ir­lands, ver­tre­ten durch D. O’Ha­gan als Be­vollmäch­tig­ten,
– der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch I. Bruni als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von W. Fer­ran­te, av­vo­ca­to del­lo Sta­to,
nach Anhörung der Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin in der Sit­zung vom 28. April 2010
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16).
Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Ro­sen­bladt und der Oel­ler­king Gebäuderei­ni­gungs­ges. mbH (im Fol­gen­den: Oel­ler­king) we­gen der Vor­aus­set­zun­gen für die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses von Frau Ro­sen­bladt.
4 Der Zweck der Richt­li­nie 2000/78 be­steht nach ih­rem Art. 1 in der „Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten“.
5 Art. 2 („Der Be­griff ‚Dis­kri­mi­nie­rung‘“) der Richt­li­nie 2000/78 sieht vor:
6 Art. 6 („Ge­recht­fer­tig­te Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters“) der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet:
Art. 16 („Ein­hal­tung“) der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet:
8 Die Richt­li­nie 2000/78 wur­de in die deut­sche Rechts­ord­nung durch das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz vom 14. Au­gust 2006 (AGG, BGBl. I S. 1897) um­ge­setzt. § 1 („Ziel des Ge­set­zes“) AGG lau­tet:
9 § 2 („An­wen­dungs­be­reich“) AGG sieht vor:
10 § 7 („Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot“) Abs. 1 AGG lau­tet:
11 § 10 („Zulässi­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters“) AGG be­stimmt:
„(1) Un­ge­ach­tet des § 8 ist ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters auch zulässig, wenn sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist. Die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels müssen an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sein. Der­ar­ti­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lun­gen können ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­sch­ließen:
12 In der Zeit vom 18. Au­gust bis 11. De­zem­ber 2006 führ­te § 10 AGG un­ter den zulässi­gen un­ter­schied­li­chen Be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters auch die in der fol­gen­den Num­mer ge­nann­te auf:
„7. die in­di­vi­du­al- oder kol­lek­tiv­recht­li­che Ver­ein­ba­rung der Unkünd­bar­keit von Beschäftig­ten ei­nes be­stimm­ten Al­ters und ei­ner be­stimm­ten Be­triebs­zu­gehörig­keit, so­weit da­durch nicht der Kündi­gungs­schutz an­de­rer Beschäftig­ter im Rah­men der So­zi­al­aus­wahl nach § 1 Abs. 3 des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes grob feh­ler­haft ge­min­dert wird“.
13 In der Zeit vom 1. Ja­nu­ar 1992 bis 31. Ju­li 1994 hat­te § 41 Abs. 4 des Sechs­ten Bu­ches So­zi­al­ge­setz­buch (SGB VI) fol­gen­de Fas­sung:
„Der An­spruch des Ver­si­cher­ten auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters ist nicht als ein Grund an­zu­se­hen, der die Kündi­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses durch den Ar­beit­ge­ber nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz be­din­gen kann. Bei ei­ner Kündi­gung aus drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen darf bei der so­zia­len Aus­wahl der An­spruch ei­nes Ar­beit­neh­mers auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters vor Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res nicht berück­sich­tigt wer­den. Ei­ne Ver­ein­ba­rung, wo­nach ein Ar­beits­verhält­nis zu ei­nem Zeit­punkt en­den soll, in dem der Ar­beit­neh­mer An­spruch auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters hat, ist nur wirk­sam, wenn die Ver­ein­ba­rung in­ner­halb der letz­ten drei Jah­re vor die­sem Zeit­punkt ge­schlos­sen oder von dem Ar­beit­neh­mer bestätigt wor­den ist.“
14 Auf der Grund­la­ge die­ser Be­stim­mung be­ur­teil­te die in­ner­staat­li­che Recht­spre­chung ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen, wo­nach mit Voll­endung des 65. Le­bens­jahrs das Ar­beits­verhält­nis au­to­ma­tisch en­den soll­te, als nich­tig (Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 1. De­zem­ber 1993 – 7 AZR 428/93 – BA­GE 75, 166).
15 Dar­auf­hin wur­de der Ge­setz­ge­ber tätig, um zu ver­mei­den, dass die in Ta­rif­verträgen fest­ge­leg­ten Al­ters­gren­zen gemäß die­ser Recht­spre­chung als nich­tig be­han­delt würden. In­fol­ge­des­sen lau­te­te § 41 Abs. 4 Satz 3 SGB VI in der Zeit vom 1. Au­gust 1994 bis 31. Ju­li 2007 wie folgt:
„Ei­ne Ver­ein­ba­rung, die die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­nes Ar­beit­neh­mers oh­ne Kündi­gung zu ei­nem Zeit­punkt vor­sieht, in dem der Ar­beit­neh­mer vor Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res ei­ne Ren­te we­gen Al­ters be­an­tra­gen kann, gilt dem Ar­beit­neh­mer ge­genüber als auf die Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res ab­ge­schlos­sen, es sei denn, dass die Ver­ein­ba­rung in­ner­halb der letz­ten drei Jah­re vor die­sem Zeit­punkt ab­ge­schlos­sen oder von dem Ar­beit­neh­mer bestätigt wor­den ist.“
16 Seit dem 1. Ja­nu­ar 2008 hat § 41 („Al­ters­ren­te und Kündi­gungs­schutz“) SGB VI fol­gen­de Fas­sung:
„Der An­spruch des Ver­si­cher­ten auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters ist nicht als ein Grund an­zu­se­hen, der die Kündi­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses durch den Ar­beit­ge­ber nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz be­din­gen kann. Ei­ne Ver­ein­ba­rung, die die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­nes Ar­beit­neh­mers oh­ne Kündi­gung zu ei­nem Zeit­punkt vor­sieht, zu dem der Ar­beit­neh­mer vor Er­rei­chen der Re­gel­al­ters­gren­ze ei­ne Ren­te we­gen Al­ters be­an­tra­gen kann, gilt dem Ar­beit­neh­mer ge­genüber als auf das Er­rei­chen der Re­gel­al­ters­gren­ze ab­ge­schlos­sen, es sei denn, dass die Ver­ein­ba­rung in­ner­halb der letz­ten drei Jah­re vor die­sem Zeit­punkt ab­ge­schlos­sen oder von dem Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der letz­ten drei Jah­re vor die­sem Zeit­punkt bestätigt wor­den ist.“
Ta­rif­ver­trags­ge­setz
17 In der Zeit vom 28. No­vem­ber 2003 bis 7. No­vem­ber 2006 lau­te­te § 5 („All­ge­mein­ver­bind­lich­keit“) Abs. 1 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes (BGBl. 1969 I S. 1323):
„Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Ar­beit kann ei­nen Ta­rif­ver­trag im Ein­ver­neh­men mit ei­nem aus je drei Ver­tre­tern der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Ar­beit­ge­ber und der Ar­beit­neh­mer be­ste­hen­den Aus­schuss auf An­trag ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei für all­ge­mein­ver­bind­lich erklären, wenn
1. die ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber nicht we­ni­ger als 50 vom Hun­dert der un­ter den Gel­tungs­be­reich des Ta­rif­ver­trags fal­len­den Ar­beit­neh­mer beschäfti­gen und
2. die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung im öffent­li­chen In­ter­es­se ge­bo­ten er­scheint.
Von den Vor­aus­set­zun­gen der Num­mern 1 und 2 kann ab­ge­se­hen wer­den, wenn die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung zur Be­he­bung ei­nes so­zia­len Not­stands er­for­der­lich er­scheint.“
All­ge­meingülti­ger Rah­men­ta­rif­ver­trag für die ge­werb­li­chen Beschäftig­ten in der Gebäuderei­ni­gung
18 Seit 1987 sieht § 19 Nr. 8 des Rah­men­ta­rif­ver­trags für die ge­werb­li­chen Beschäftig­ten in der Gebäuderei­ni­gung (RTV) vor:
„So­fern ein­zel­ver­trag­lich nicht an­de­res ver­ein­bart ist, en­det das Ar­beits­verhält­nis mit Ab­lauf des Ka­len­der­mo­nats, in dem der/die Beschäftig­te An­spruch auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters hat, … spätes­tens mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem der/die Beschäftig­te das 65. Le­bens­jahr voll­endet hat.“
19 Mit ei­ner Be­kannt­ma­chung vom 3. April 2004 erklärte das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Ar­beit die­sen Ta­rif­ver­trag mit Wir­kung vom 1. Ja­nu­ar 2004 für all­ge­mein­ver­bind­lich.
20 Die be­ruf­li­che Tätig­keit von Frau Ro­sen­bladt be­stand 39 Jah­re lang dar­in, in ei­ner Ka­ser­ne in Ham­burg-Blan­ke­ne­se (Deutsch­land) zu rei­ni­gen.
21 Seit dem 1. No­vem­ber 1994 war Frau Ro­sen­bladt beim Rei­ni­gungs­un­ter­neh­men Oel­ler­king mit ei­ner Brut­to­mo­nats­vergütung von 307,48 Eu­ro teil­zeit­beschäftigt (zwei St­un­den pro Tag, zehn St­un­den pro Wo­che).
22 Die­ser Ar­beits­ver­trag sieht vor, dass er gemäß § 19 Nr. 8 RTV mit Ab­lauf des Ka­len­der­mo­nats en­det, in dem die Beschäftig­te An­spruch auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters hat, spätes­tens mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem sie das 65. Le­bens­jahr voll­endet hat.
23 Gemäß die­ser Re­ge­lung teil­te Oel­ler­king Frau Ro­sen­bladt am 14. Mai 2008 mit, dass ihr Ar­beits­ver­trag we­gen Ein­tritts in das Ren­ten­al­ter mit dem 31. Mai 2008 en­de.
24 Mit Schrei­ben vom 18. Mai 2008 teil­te Frau Ro­sen­bladt ih­rem Ar­beit­ge­ber mit, dass sie wei­ter­hin ar­bei­ten wol­le. Trotz ih­res Wi­der­spruchs en­de­te ihr Ar­beits­verhält­nis am 31. Mai 2008. Oel­ler­king bot Frau Ro­sen­bladt je­doch ein Pro­zess­ar­beits­verhält­nis ab 1. Ju­ni 2008 an.
25 Am 28. Mai 2008 er­hob Frau Ro­sen­bladt beim Ar­beits­ge­richt Ham­burg ei­ne Kla­ge ge­gen ih­ren Ar­beit­ge­ber. Sie macht gel­tend, dass die Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­ver­trags un­zulässig sei, da sie ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters dar­stel­le. Ei­ne Al­ters­gren­ze wie die in § 19 Nr. 8 RTV vor­ge­se­he­ne könne we­der nach Art. 4 noch nach Art. 6 der Richt­li­nie 2000/78 ge­recht­fer­tigt sein.
26 Seit dem 1. Ju­ni 2008 be­zieht Frau Ro­sen­bladt ei­ne Ren­te aus der ge­setz­li­chen Al­ters­ver­sor­gung in Höhe von mo­nat­lich 253,19 Eu­ro, ent­spre­chend 228,26 Eu­ro net­to.
27 Das vor­le­gen­de Ge­richt hegt Zwei­fel, ob die in § 19 Nr. 8 RTV ent­hal­te­ne Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen mit dem durch das Primärrecht der Uni­on und die Richt­li­nie 2000/78 gewähr­leis­te­ten Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf in Ein­klang steht.
28 Un­ter die­sen Umständen hat das Ar­beits­ge­richt Ham­burg be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
1. Sind nach In­kraft­tre­ten des AGG kol­lek­tiv­recht­li­che Re­ge­lun­gen, die nach dem Merk­mal Al­ter dif­fe­ren­zie­ren, mit dem Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in Art. 1 und Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ver­ein­bar, oh­ne dass das AGG dies (wie früher in § 10 Satz 3 Nr. 7 AGG) aus­drück­lich ge­stat­tet?
2. Verstößt ei­ne in­ner­staat­li­che Re­ge­lung, die dem Staat, den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en und den Par­tei­en ei­nes ein­zel­nen Ar­beits­ver­trags er­laubt, ei­ne au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen zu ei­nem be­stimm­ten fest­ge­leg­ten Le­bens­al­ter (hier: Voll­endung des 65. Le­bens­jahrs) zu re­geln, ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in Art. 1 und Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78, wenn in dem Mit­glied­staat seit Jahr­zehn­ten ständig ent­spre­chen­de Klau­seln auf die Ar­beits­verhält­nis­se fast al­ler Ar­beit­neh­mer an­ge­wen­det wer­den, gleichgültig, wie die je­wei­li­ge wirt­schaft­li­che, so­zia­le, de­mo­gra­fi­sche Si­tua­ti­on und die kon­kre­te Ar­beits­markt­la­ge war?
3. Verstößt ein Ta­rif­ver­trag, der es dem Ar­beit­ge­ber er­laubt, Ar­beits­verhält­nis­se zu ei­nem be­stimm­ten fest­ge­leg­ten Le­bens­al­ter (hier: Voll­endung des 65. Le­bens­jahrs) zu be­en­den, ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in Art. 1 und Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78, wenn in dem Mit­glied­staat seit Jahr­zehn­ten ständig ent­spre­chen­de Klau­seln auf die Ar­beits­verhält­nis­se fast al­ler Ar­beit­neh­mer an­ge­wen­det wer­den, gleichgültig, wie die je­wei­li­ge wirt­schaft­li­che, so­zia­le und de­mo­gra­fi­sche Si­tua­ti­on und die kon­kre­te Ar­beits­markt­la­ge ist?
4. Verstößt der Staat, der ei­nen Ta­rif­ver­trag, der es dem Ar­beit­ge­ber er­laubt, Ar­beits­verhält­nis­se zu ei­nem be­stimm­ten fest­ge­leg­ten Le­bens­al­ter (hier: Voll­endung des 65. Le­bens­jahrs) zu be­en­den, für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt und die­se All­ge­mein­ver­bind­lich­keit auf­recht­erhält, ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in Art. 1 und Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78, wenn dies un­abhängig von der je­weils kon­kre­ten wirt­schaft­li­chen, so­zia­len und de­mo­gra­fi­schen Si­tua­ti­on und un­abhängig von der kon­kre­ten Ar­beits­markt­la­ge er­folgt?
29 Ir­land macht gel­tend, dass die Vor­la­ge­fra­gen in der Sa­che die glei­chen sei­en wie die, die der Ge­richts­hof in sei­nem Ur­teil vom 5. März 2009, Age Con­cern Eng­land (C‑388/07, Slg. 2009, I‑1569), be­ant­wor­tet ha­be. Die Fra­gen 2 bis 4 beträfen außer­dem we­ni­ger die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts als sei­ne An­wen­dung. Der Ge­richts­hof ha­be sich da­her für un­zulässig zu erklären.
30 So­wohl die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens als auch die deut­sche Re­gie­rung hal­ten die ers­te Fra­ge für un­zulässig. Sie ma­chen im We­sent­li­chen gel­tend, dass sich das vor­le­gen­de Ge­richt auf ei­ne Be­stim­mung des AGG be­zo­gen ha­be, die im Aus­gangs­ver­fah­ren nicht an­wend­bar sei, wo­mit die Fra­ge nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich sei.
31 Die­se Einwände sind un­be­gründet. Ab­ge­se­hen da­von, dass die Fra­gen, die der Ge­richts­hof im Ur­teil Age Con­cern Eng­land be­ant­wor­tet hat, nicht die glei­chen wa­ren wie die hier vor­ge­leg­ten, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es Art. 267 AEUV den na­tio­na­len Ge­rich­ten im­mer ge­stat­tet, dem Ge­richts­hof Aus­le­gungs­fra­gen er­neut vor­zu­le­gen, wenn sie dies für an­ge­bracht hal­ten (Ur­teil vom 27. März 1963, Da Costa u. a., 28/62 bis 30/62, Slg. 1963, 65, 81). Zu­dem ist dem Wort­laut des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens ein­deu­tig zu ent­neh­men, dass das vor­le­gen­de Ge­richt um die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts und ins­be­son­de­re der Richt­li­nie 2000/78 er­sucht, um über den Aus­gangs­rechts­streit ent­schei­den zu können.
32 Im Übri­gen ist zu be­ach­ten, dass in ei­nem Ver­fah­ren nach Art. 267 AEUV nur das na­tio­na­le Ge­richt, das mit dem Rechts­streit be­fasst ist und in des­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich die zu er­las­sen­de Ent­schei­dung fällt, im Hin­blick auf die Be­son­der­hei­ten der Rechts­sa­che so­wohl die Er­for­der­lich­keit ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung für den Er­lass sei­nes Ur­teils als auch die Er­heb­lich­keit der dem Ge­richts­hof vor­zu­le­gen­den Fra­gen zu be­ur­tei­len hat. Da­her ist der Ge­richts­hof grundsätz­lich ge­hal­ten, über ihm vor­ge­leg­te Fra­gen zu be­fin­den, wenn die­se die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts be­tref­fen (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 18. Ju­li 2007, Luc­chi­ni, C‑119/05, Slg. 2007, I‑6199, Rand­nr. 43, und vom 22. De­zem­ber 2008, Ma­go­o­ra, C‑414/07, Slg. 2008, I‑10921, Rand­nr. 22).
33 Nach ständi­ger Recht­spre­chung spricht ei­ne Ver­mu­tung für die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­la­ge­fra­gen des na­tio­na­len Ge­richts, die es zur Aus­le­gung des Uni­ons­rechts in dem recht­li­chen und sach­li­chen Rah­men stellt, den es in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung fest­ge­legt und des­sen Rich­tig­keit der Ge­richts­hof nicht zu prüfen hat. Der Ge­richts­hof kann es nur dann ab­leh­nen, über das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ei­nes na­tio­na­len Ge­richts zu be­fin­den, wenn die er­be­te­ne Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts of­fen­sicht­lich in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Rea­lität oder dem Ge­gen­stand des Aus­gangs­rechts­streits steht, wenn das Pro­blem hy­po­the­ti­scher Na­tur ist oder wenn der Ge­richts­hof nicht über die tatsächli­chen und recht­li­chen An­ga­ben verfügt, die für ei­ne zweck­dien­li­che Be­ant­wor­tung der ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen er­for­der­lich sind (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 7. Ju­ni 2007, van der Weerd u. a., C‑222/05 bis C‑225/05, Slg. 2007, I‑4233, Rand­nr. 22 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
34 Im vor­lie­gen­den Fall be­trifft der Aus­gangs­rechts­streit die Fra­ge, ob die in § 19 Nr. 8 RTV ent­hal­te­ne Klau­sel, wo­nach das Ar­beits­verhält­nis ei­nes Beschäftig­ten mit Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters von 65 Jah­ren au­to­ma­tisch en­det, dis­kri­mi­nie­rend ist. Das vor­le­gen­de Ge­richt hegt ins­be­son­de­re Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit ei­ner sol­chen Re­ge­lung mit der Richt­li­nie 2000/78. Die Vor­la­ge­fra­gen sind hin­rei­chend präzi­se, um dem Ge­richts­hof ei­ne zweck­dien­li­che Be­ant­wor­tung zu er­lau­ben.
35 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ist da­her als zulässig an­zu­se­hen.
Zur Sa­che
36 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge, die zu­erst zu prüfen ist, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie § 10 Nr. 5 AGG ent­ge­gen­steht, so­weit nach die­ser Klau­seln, de­nen zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis au­to­ma­tisch en­det, wenn der Beschäftig­te das Ren­ten­al­ter er­reicht, dem Ver­bot von Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters ent­zo­gen sein können.
37 Es ist zunächst fest­zu­stel­len, dass § 10 Nr. 5 AGG zu ei­ner un­mit­tel­bar auf dem Al­ter be­ru­hen­den Un­gleich­be­hand­lung im Sin­ne von Art. 2 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2000/78 führt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. Ok­to­ber 2007, Pa­la­ci­os de la Vil­la, C‑411/05, Slg. 2007, I‑8531, Rand­nr. 51).
38 Nach Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 stellt ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar, wenn sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen ist und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt ist und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind. In Abs. 1 Un­terabs. 2 die­ses Ar­ti­kels wer­den meh­re­re Bei­spie­le von Un­gleich­be­hand­lun­gen auf­geführt, die die in Un­terabs. 1 ge­nann­ten Merk­ma­le auf­wei­sen.
39 § 10 AGG enthält im We­sent­li­chen die glei­chen Grundsätze. § 10 Nr. 5 AGG nennt als ei­nes von meh­re­ren Bei­spie­len von auf dem Al­ter be­ru­hen­den un­ter­schied­li­chen Be­hand­lun­gen, die ge­recht­fer­tigt sein können, Ver­ein­ba­run­gen, die die Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses oh­ne Kündi­gung zu ei­nem Zeit­punkt vor­se­hen, zu dem der Beschäftig­te ei­ne Ren­te we­gen Al­ters be­an­tra­gen kann. Die­se Vor­schrift führt da­mit kei­ne zwin­gen­de Re­ge­lung des Ein­tritts in den Ru­he­stand ein, son­dern ermäch­tigt Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer, ein­zel- oder ta­rif­ver­trag­lich ei­ne Art und Wei­se der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu ver­ein­ba­ren, die un­abhängig von ei­ner Kündi­gung auf dem Al­ter be­ruht, von dem an ei­ne Ren­te be­an­tragt wer­den kann.
40 In Art. 6 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2000/78 wer­den in der Aufzählung von Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters, die ge­recht­fer­tigt sein und da­mit nicht als dis­kri­mi­nie­rend an­ge­se­hen wer­den können, Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen nicht ge­nannt. Die­ser Um­stand al­lein ist je­doch nicht aus­schlag­ge­bend. Die­se Aufzählung hat nämlich nur Hin­wei­s­cha­rak­ter. So sind die Mit­glied­staa­ten bei der Um­set­zung der Richt­li­nie nicht ver­pflich­tet, ein spe­zi­fi­sches Ver­zeich­nis der Un­gleich­be­hand­lun­gen zu er­stel­len, die durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt sein können (vgl. Ur­teil Age Con­cern Eng­land, Rand­nr. 43). Wenn sie sich im Rah­men ih­res Er­mes­sens­spiel­raums hierfür ent­schei­den, können sie in die­ses Ver­zeich­nis an­de­re Bei­spie­le von Un­gleich­be­hand­lun­gen und Zie­len als die aus­drück­lich in der Richt­li­nie ge­nann­ten auf­neh­men, so­fern die­se Zie­le im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie le­gi­tim und die Un­gleich­be­hand­lun­gen zur Er­rei­chung die­ser Zie­le an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.
In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Mit­glied­staa­ten und ge­ge­be­nen­falls die So­zi­al­part­ner auf na­tio­na­ler Ebe­ne nicht nur bei der Ent­schei­dung, wel­ches kon­kre­te Ziel von meh­re­ren im Be­reich der Ar­beits- und So­zi­al­po­li­tik sie ver­fol­gen wol­len, son­dern auch bei der Fest­le­gung der Maßnah­men zu sei­ner Er­rei­chung über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum verfügen (vgl. Ur­tei­le vom 22. No­vem­ber 2005, Man­gold, C‑144/04, Slg. 2005, I‑9981, Rand­nr. 63, und Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 68).
42 Den Erläute­run­gen des vor­le­gen­den Ge­richts zu­fol­ge woll­te der Ge­setz­ge­ber beim Er­lass des § 10 Nr. 5 AGG nicht im Na­men der Bekämp­fung von Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters die be­ste­hen­de Si­tua­ti­on in Fra­ge stel­len, in der Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten all­ge­mein ver­wen­det wor­den sei­en. Das vor­le­gen­de Ge­richt hat her­vor­ge­ho­ben, dass die­se Klau­seln seit Jahr­zehn­ten un­abhängig von den so­zia­len und de­mo­gra­fi­schen Ge­ge­ben­hei­ten so­wie der Ar­beits­markt­la­ge weit­hin an­ge­wandt wor­den sei­en.
43 Im Ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof hat die deut­sche Re­gie­rung ins­be­son­de­re be­tont, dass die Zulässig­keit von Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten, die auch in et­li­chen Mit­glied­staa­ten an­er­kannt sei, Aus­druck ei­nes in Deutsch­land seit vie­len Jah­ren be­ste­hen­den po­li­ti­schen und so­zia­len Kon­sen­ses sei. Die­ser Kon­sens be­ru­he vor al­lem auf dem Ge­dan­ken ei­ner Ar­beits­tei­lung zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen. Die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses die­ser Beschäftig­ten kom­me un­mit­tel­bar den jünge­ren Ar­beit­neh­mern zu­gu­te, in­dem sie ih­re vor dem Hin­ter­grund an­hal­ten­der Ar­beits­lo­sig­keit schwie­ri­ge be­ruf­li­che In­te­gra­ti­on begüns­ti­ge. Die Rech­te der älte­ren Ar­beit­neh­mer genössen zu­dem an­ge­mes­se­nen Schutz. Die meis­ten von ih­nen woll­ten nämlich nach Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters nicht länger ar­bei­ten, da ih­nen nach dem Ver­lust ih­res Ar­beits­ent­gelts die Ren­te ei­nen Ein­kom­mens­er­satz bie­te. Für die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses spre­che zu­dem, dass Ar­beit­ge­ber ih­ren Beschäftig­ten nicht un­ter Führung des Nach­wei­ses kündi­gen müss­ten, dass die­se nicht länger ar­beitsfähig sei­en, was für Men­schen fort­ge­schrit­te­nen Al­ters demüti­gend sein könne.
44 Es ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se von Beschäftig­ten, die die das Al­ter und die Bei­trags­zah­lung be­tref­fen­den Vor­aus­set­zun­gen für den Be­zug ei­ner Al­ters­ren­te erfüllen, seit Lan­gem Teil des Ar­beits­rechts zahl­rei­cher Mit­glied­staa­ten und in den Be­zie­hun­gen des Ar­beits­le­bens weit­hin üblich ist. Die­ser Me­cha­nis­mus be­ruht auf ei­nem Aus­gleich zwi­schen po­li­ti­schen, wirt­schaft­li­chen, so­zia­len, de­mo­gra­fi­schen und/oder haus­halts­be­zo­ge­nen Erwägun­gen und hängt von der Ent­schei­dung ab, die Le­bens­ar­beits­zeit der Ar­beit­neh­mer zu verlängern oder, im Ge­gen­teil, de­ren frühe­ren Ein­tritt in den Ru­he­stand vor­zu­se­hen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 69).
45 Da­her sind Zie­le der Art, wie die deut­sche Re­gie­rung sie an­geführt hat, grundsätz­lich als sol­che an­zu­se­hen, die ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters wie die in § 10 Nr. 5 AGG vor­ge­se­he­ne im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 als „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ er­schei­nen las­sen und „im Rah­men des na­tio­na­len Rechts“ recht­fer­ti­gen.
46 Es ist wei­ter zu prüfen, ob ei­ne sol­che Maßnah­me an­ge­mes­sen und er­for­der­lich im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ist.
47 Die Zulässig­keit von Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, wenn der Beschäftig­te das Ren­ten­al­ter er­reicht, kann grundsätz­lich nicht als ei­ne übermäßige Be­ein­träch­ti­gung der be­rech­tig­ten In­ter­es­sen der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer an­ge­se­hen wer­den.
48 Ei­ne Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che stellt nämlich nicht nur auf ein be­stimm­tes Al­ter ab, son­dern berück­sich­tigt auch den Um­stand, dass den Be­trof­fe­nen am En­de ih­rer be­ruf­li­chen Lauf­bahn ein fi­nan­zi­el­ler Aus­gleich durch ei­nen Ein­kom­mens­er­satz in Ge­stalt ei­ner Al­ters­ren­te zu­gu­te­kommt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 73).
49 Über­dies ermäch­tigt der Me­cha­nis­mus der au­to­ma­ti­schen Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen gemäß ei­ner Re­ge­lung, wie sie in § 10 Nr. 5 AGG vor­ge­se­hen ist, die Ar­beit­ge­ber nicht zur ein­sei­ti­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, wenn die Beschäftig­ten das Al­ter er­reicht ha­ben, in dem sie ih­re Ren­te be­an­tra­gen können. Die­ser von der Kündi­gung zu un­ter­schei­den­de Me­cha­nis­mus be­ruht auf ei­ner ta­rif­ver­trag­li­chen Grund­la­ge. Die­se eröff­net nicht nur den Beschäftig­ten und Ar­beit­ge­bern mit­tels Ein­zel­verträgen, son­dern auch den So­zi­al­part­nern über Ta­rif­verträge – und da­her mit nicht un­er­heb­li­cher Fle­xi­bi­lität – die Möglich­keit, von die­sem Me­cha­nis­mus Ge­brauch zu ma­chen, so dass nicht nur die Ge­samt­la­ge des be­tref­fen­den Ar­beits­markts, son­dern auch die spe­zi­el­len Merk­ma­le der je­wei­li­gen Beschäfti­gungs­verhält­nis­se gebührend berück­sich­tigt wer­den können (Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 74).
50 Die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Re­ge­lung enthält außer­dem ei­ne zusätz­li­che Be­schränkung, die in Fällen, in de­nen die Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vor Er­rei­chen der Re­gel­al­ters­gren­ze an­ge­wandt wer­den können, die Zu­stim­mung der Beschäftig­ten si­cher­stel­len soll. § 10 Nr. 5 AGG lässt nämlich Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten mit dem Zu­satz zu, dass „§ 41 des Sechs­ten Bu­ches So­zi­al­ge­setz … un­berührt [bleibt]“. Die letzt­ge­nann­te Vor­schrift ver­pflich­tet je­doch im We­sent­li­chen die Ar­beit­ge­ber da­zu, die Zu­stim­mung der Ar­beit­neh­mer zu je­der Klau­sel ein­zu­ho­len oder sich bestäti­gen zu las­sen, nach der das Ar­beits­verhält­nis au­to­ma­tisch en­det, wenn der Beschäftig­te ein Al­ter er­reicht hat, in dem er ei­ne Ren­te be­an­tra­gen kann, das aber un­ter der Re­gel­al­ters­gren­ze liegt.
51 Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ser Ge­sichts­punk­te er­scheint es nicht un­vernünf­tig, wenn die Stel­len ei­nes Mit­glied­staats an­neh­men, dass ei­ne Maßnah­me wie die in § 10 Nr. 5 AGG fest­ge­leg­te Zulässig­keit von Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sein kann, um le­gi­ti­me Zie­le der na­tio­na­len Ar­beits- und Beschäfti­gungs­po­li­tik wie die zu er­rei­chen, die die deut­sche Re­gie­rung an­geführt hat (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 72).
52 Die­se Schluss­fol­ge­rung be­deu­tet in­des­sen nicht, dass sol­che in ei­nem Ta­rif­ver­trag ent­hal­te­nen Klau­seln der ef­fek­ti­ven ge­richt­li­chen Kon­trol­le im Hin­blick auf die Vor­schrif­ten der Richt­li­nie 2000/78 und den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ent­zo­gen wären. Die­se Kon­trol­le ist an­hand der be­son­de­ren Ge­ge­ben­hei­ten vor­zu­neh­men, die für die zu prüfen­de Klau­sel kenn­zeich­nend sind. Es ist nämlich für je­de den Me­cha­nis­mus ei­ner au­to­ma­ti­schen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vor­se­hen­de Ver­ein­ba­rung si­cher­zu­stel­len, dass ins­be­son­de­re die in Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 nor­mier­ten Vor­aus­set­zun­gen ein­ge­hal­ten sind. Über­dies wird den Mit­glied­staa­ten in Art. 16 Buchst. b der Richt­li­nie 2000/78 aus­drück­lich auf­ge­ge­ben, die er­for­der­li­chen Maßnah­men zu tref­fen, da­mit „die mit dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht zu ver­ein­ba­ren­den Be­stim­mun­gen in Ar­beits- und Ta­rif­verträgen … für nich­tig erklärt wer­den können oder geändert wer­den“.
53 Dem­nach ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Be­stim­mung wie § 10 Nr. 5 AGG, wo­nach Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten zulässig sind, nicht ent­ge­gen­steht, so­weit zum ei­nen die­se Be­stim­mung ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel der Beschäfti­gungs- und Ar­beits­markt­po­li­tik ge­recht­fer­tigt ist und zum an­de­ren die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind. Die Nut­zung die­ser Ermäch­ti­gung in ei­nem Ta­rif­ver­trag ist als sol­che nicht der ge­richt­li­chen Kon­trol­le ent­zo­gen, son­dern muss gemäß den An­for­de­run­gen des Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 eben­falls in an­ge­mes­se­ner und er­for­der­li­cher Wei­se ein le­gi­ti­mes Ziel ver­fol­gen.
Zur ers­ten und zur drit­ten Fra­ge.
54 Mit der ers­ten und der drit­ten Fra­ge, die zu­sam­men zu prüfen sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 der in § 19 Nr. 8 RTV ent­hal­te­nen Klau­sel ent­ge­gen­steht, nach der das Ar­beits­verhält­nis au­to­ma­tisch en­det, wenn der Beschäftig­te das Ren­ten­al­ter von 65 Jah­ren er­reicht.
55 Die Ant­wort auf die­se Fra­ge hängt da­von ab, ob mit die­ser Re­ge­lung ein le­gi­ti­mes Ziel ver­folgt wird und ob sie im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 an­ge­mes­sen und er­for­der­lich ist.
56 Das vor­le­gen­de Ge­richt hat dar­ge­legt, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt in ei­nem Ur­teil vom 18. Ju­ni 2008 (7 AZR 116/07) die­se Re­ge­lung des RTV für mit Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ver­ein­bar er­ach­tet hat. Das vor­le­gen­de Ge­richt hat je­doch Zwei­fel, ob die­ses Er­geb­nis auf den dem Aus­gangs­ver­fah­ren zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­halt über­trag­bar ist, da die­ser in die Zeit nach In­kraft­tre­ten des AGG fällt.
57 Das vor­le­gen­de Ge­richt hebt her­vor, dass in dem im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen Ta­rif­ver­trag die ver­folg­ten Zie­le nicht an­ge­ge­ben sei­en.
58 In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es, wenn in der frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung das an­ge­streb­te Ziel nicht an­ge­ge­ben ist, wich­tig ist, dass an­de­re – aus dem all­ge­mei­nen Kon­text der be­tref­fen­den Maßnah­me ab­ge­lei­te­te – An­halts­punk­te die Fest­stel­lung des hin­ter die­ser Maßnah­me ste­hen­den Ziels ermögli­chen, da­mit des­sen Rechtmäßig­keit so­wie die An­ge­mes­sen­heit und Er­for­der­lich­keit der zu sei­ner Er­rei­chung ein­ge­setz­ten Mit­tel ge­richt­lich über­prüft wer­den können (vgl. Ur­tei­le Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 57, und Age Con­cern Eng­land, Rand­nr. 45).
59 Hier­zu hat das vor­le­gen­de Ge­richt aus­geführt, dass nach Aus­kunft des Ver­bands, der bei der Aus­hand­lung des RTV die In­ter­es­sen der Ar­beit­ge­ber ver­tre­ten hat, § 19 Nr. 8 die­ses Ta­rif­ver­trags dem Vor­rang ei­ner sach­ge­rech­ten und be­re­chen­ba­ren Per­so­nal- und Nach­wuchs­pla­nung vor dem Be­stands­schutz­in­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers Aus­druck ge­be.
60 Das vor­le­gen­de Ge­richt hat sich wei­ter auf das ge­nann­te Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 18. Ju­ni 2008 be­zo­gen, in dem dar­ge­legt wird, dass mit § 19 Nr. 8 RTV die Zie­le ver­folgt würden, die Ein­stel­lung jünge­rer Ar­beit­neh­mer zu begüns­ti­gen, ei­ne Nach­wuchs­pla­nung vor­zu­neh­men und ei­ne in der Al­ters­struk­tur aus­ge­wo­ge­ne Per­so­nal­ver­wal­tung in den Un­ter­neh­men zu ermögli­chen.
61 Es ist da­her zu prüfen, ob der­ar­ti­ge Zie­le als le­gi­ti­me Zie­le im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 an­ge­se­hen wer­den können.
62 Der Ge­richts­hof hat be­reits ent­schie­den, dass Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se von Beschäftig­ten, die ei­ne Al­ters­ren­te be­an­tra­gen können, als Teil ei­ner na­tio­na­len Po­li­tik ge­recht­fer­tigt sein können, mit der über ei­ne bes­se­re Beschäfti­gungs­ver­tei­lung zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen der Zu­gang zur Beschäfti­gung gefördert wer­den soll, da die da­mit ver­folg­ten Zie­le grundsätz­lich als ei­ne – wie es Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ver­langt – im Rah­men des na­tio­na­len Rechts ob­jek­ti­ve und an­ge­mes­se­ne Recht­fer­ti­gung für ei­ne von den Mit­glied­staa­ten an­ge­ord­ne­te Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters an­zu­se­hen sind (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nrn. 53, 65 und 66). Folg­lich sind sol­che Zie­le, wie sie das vor­le­gen­de Ge­richt nennt, „le­gi­ti­me“ Zie­le im Sin­ne die­ses Ar­ti­kels.
63 Dem­gemäß ist zu prüfen, ob die für die Er­rei­chung die­ser Zie­le ver­wen­de­ten Mit­tel „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sind.
64 Was ers­tens die An­ge­mes­sen­heit der im RTV ent­hal­te­nen Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen an­be­langt, ist das vor­le­gen­de Ge­richt der Auf­fas­sung, dass Klau­seln die­ser Art we­gen ih­rer In­ef­fi­zi­enz die ver­folg­ten Zie­le nicht er­rei­chen könn­ten.
65 Zu dem Ziel der Förde­rung der Beschäfti­gung führt das vor­le­gen­de Ge­richt aus, dass die Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses von Beschäftig­ten, die das 65. Le­bens­jahr voll­ende­ten, seit Lan­gem häufig ver­ein­bart würden, oh­ne in­des­sen das Beschäfti­gungs­ni­veau in Deutsch­land im Ge­rings­ten zu be­ein­flus­sen. § 19 Nr. 8 RTV ver­bie­te es dem Ar­beit­ge­ber auch nicht, Per­so­nen über 65 Jah­ren zu beschäfti­gen, noch ver­pflich­te ihn die Be­stim­mung da­zu, ei­nen Beschäftig­ten, der das 65. Le­bens­jahr voll­endet ha­be, durch ei­nen jünge­ren Ar­beit­neh­mer zu er­set­zen.
66 Was das Ziel an­geht, ei­ne har­mo­ni­sche Struk­tur der Al­ters­py­ra­mi­de im Gebäuderei­ni­gungs­ge­wer­be si­cher­zu­stel­len, be­zwei­felt das vor­le­gen­de Ge­richt des­sen Re­le­vanz, da in die­ser Bran­che kein spe­zi­el­les Ri­si­ko der Übe­r­al­te­rung der Be­leg­schaf­ten be­ste­he.
67 Hin­sicht­lich der Be­ur­tei­lung durch das vor­le­gen­de Ge­richt ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen die Frucht ei­ner von den Ver­tre­tern der Ar­beit­neh­mer und den Ver­tre­tern der Ar­beit­ge­ber aus­ge­han­del­ten Ver­ein­ba­rung ist, die da­mit ihr als ein Grund­recht an­er­kann­tes Recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen aus­geübt ha­ben (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 15. Ju­li 2010, Kom­mis­si­on/Deutsch­land, C‑271/08, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 37). Dass es da­mit den So­zi­al­part­nern über­las­sen ist, ei­nen Aus­gleich zwi­schen ih­ren In­ter­es­sen fest­zu­le­gen, bie­tet ei­ne nicht un­er­heb­li­che Fle­xi­bi­lität, da je­de der Par­tei­en ge­ge­be­nen­falls die Ver­ein­ba­rung kündi­gen kann (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 74).
68 Die Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen ist da­mit, dass sie den Ar­beit­neh­mern ei­ne ge­wis­se Sta­bi­lität der Beschäfti­gung bie­tet und lang­fris­tig ei­nen vor­her­seh­ba­ren Ein­tritt in den Ru­he­stand ver­heißt, während sie gleich­zei­tig den Ar­beit­ge­bern ei­ne ge­wis­se Fle­xi­bi­lität in ih­rer Per­so­nal­pla­nung bie­tet, Nie­der­schlag ei­nes Aus­gleichs zwi­schen di­ver­gie­ren­den, aber rechtmäßigen In­ter­es­sen, der sich in ei­nen kom­ple­xen Kon­text von Be­zie­hun­gen des Ar­beits­le­bens einfügt und eng mit po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen im Be­reich Ru­he­stand und Beschäfti­gung ver­knüpft ist.
69 An­ge­sichts des wei­ten Er­mes­sens­spiel­raums, der den So­zi­al­part­nern auf na­tio­na­ler Ebe­ne nicht nur bei der Ent­schei­dung über die Ver­fol­gung ei­nes be­stimm­ten so­zi­al- und beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Ziels, son­dern auch bei der Fest­le­gung der für sei­ne Er­rei­chung ge­eig­ne­ten Maßnah­men zu­steht, er­scheint die Auf­fas­sung der So­zi­al­part­ner, dass ei­ne Maßnah­me wie die in § 19 Nr. 8 RTV vor­ge­se­he­ne zur Er­rei­chung der vor­ge­nann­ten Zie­le an­ge­mes­sen sein kann, nicht un­vernünf­tig.
70 Zwei­tens be­zwei­felt das vor­le­gen­de Ge­richt, dass ei­ne Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen, wie § 19 Nr. 8 RTV sie vor­sieht, er­for­der­lich ist.
71 Zum ei­nen be­deu­te die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se für die Ar­beit­neh­mer des Gebäuderei­ni­gungs­ge­wer­bes im All­ge­mei­nen und für Frau Ro­sen­bladt im Be­son­de­ren ei­nen er­heb­li­chen fi­nan­zi­el­len Nach­teil. Da die­se Bran­che durch ge­ring vergüte­te Beschäfti­gungs­verhält­nis­se und Teil­zeit­ar­beit ge­kenn­zeich­net sei, reich­ten die ge­setz­li­chen Al­ters­ren­ten nicht aus für den Le­bens­un­ter­halt der Ar­beit­neh­mer.
72 Zum an­de­ren ge­be es we­ni­ger ein­schnei­den­de Mit­tel als die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen. Was das In­ter­es­se der Ar­beit­ge­ber an der Pla­nung ih­rer Per­so­nal­po­li­tik be­tref­fe, genüge es, dass sie sich bei ih­ren Beschäftig­ten er­kun­dig­ten, ob die­se über die Er­rei­chung des Ren­ten­al­ters hin­aus zu ar­bei­ten be­ab­sich­tig­ten.
73 Um zu prüfen, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Maßnah­me über das zur Er­rei­chung der an­ge­streb­ten Zie­le Er­for­der­li­che hin­aus­geht und die In­ter­es­sen von Ar­beit­neh­mern, die das 65. Le­bens­jahr voll­enden und ab die­sem Zeit­punkt ih­re Al­ters­ren­te be­zie­hen können, übermäßig be­ein­träch­tigt, ist sie in dem Re­ge­lungs­kon­text zu be­trach­ten, in den sie sich einfügt, und sind so­wohl die Nach­tei­le, die sie für die Be­trof­fe­nen be­wir­ken kann, als auch die Vor­tei­le zu berück­sich­ti­gen, die sie für die Ge­sell­schaft im All­ge­mei­nen und die die­se bil­den­den In­di­vi­du­en be­deu­tet.
74 Aus den Erläute­run­gen des vor­le­gen­den Ge­richts und den vor dem Ge­richts­hof ab­ge­ge­be­nen Erklärun­gen geht her­vor, dass das deut­sche Ar­beits­recht ei­ner Per­son, die ein Al­ter er­reicht hat, in dem sie ih­re Ren­te be­an­tra­gen kann, die Fortführung ei­ner Be­rufstätig­keit nicht un­ter­sagt. Aus die­sen Erläute­run­gen geht fer­ner her­vor, dass ein Ar­beit­neh­mer, der sich in die­ser La­ge be­fin­det, wei­ter­hin den Schutz ge­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters gemäß dem AGG ge­nießt. Das vor­le­gen­de Ge­richt hat in­so­weit klar­ge­stellt, dass es das AGG verböte, ei­ner Per­son in der La­ge von Frau Ro­sen­bladt, nach­dem ihr Ar­beits­verhält­nis we­gen Er­rei­chens des Ren­ten­al­ters ge­en­det hat, ei­ne Beschäfti­gung – sei es bei ih­rem frühe­ren Ar­beit­ge­ber, sei es bei ei­nem Drit­ten – aus ei­nem Grund zu ver­wei­gern, der mit ih­rem Al­ter zu­sam­menhängt.
75 In die­sen Kon­text ge­stellt, hat die von Rechts we­gen ein­tre­ten­de Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, die aus ei­ner Maßnah­me wie der in § 19 Nr. 8 RTV vor­ge­se­he­nen re­sul­tiert, nicht die au­to­ma­ti­sche Wir­kung, dass die Be­trof­fe­nen ge­zwun­gen wer­den, endgültig aus dem Ar­beits­markt aus­zu­schei­den. Mit die­ser Be­stim­mung wird folg­lich kei­ne zwin­gen­de Re­ge­lung zur Ver­set­zung in den Ru­he­stand von Amts we­gen ein­geführt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Age Con­cern Eng­land, Rand­nr. 27). Sie hin­dert ei­nen Ar­beit­neh­mer, der dies, et­wa aus fi­nan­zi­el­len Gründen, wünscht, nicht dar­an, sei­ne Be­rufstätig­keit über das Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters hin­aus fort­zuführen. Sie nimmt Beschäftig­ten, die das Ren­ten­al­ter er­reicht ha­ben, nicht den Schutz ge­gen Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters, wenn sie er­werbstätig blei­ben wol­len und ei­ne neue Beschäfti­gung su­chen.
76 Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ser Ge­sichts­punk­te ist fest­zu­stel­len, dass ei­ne Maßnah­me wie die in § 19 Nr. 8 RTV vor­ge­se­he­ne nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung der ver­folg­ten Zie­le er­for­der­lich ist, wenn der wei­te Er­mes­sens­spiel­raum berück­sich­tigt wird, der den Mit­glied­staa­ten und den So­zi­al­part­nern auf dem Ge­biet der So­zi­al- und Beschäfti­gungs­po­li­tik zu­steht.
77 Auf die ers­te und die drit­te Fra­ge ist da­her zu ant­wor­ten, dass Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner Maßnah­me wie der in § 19 Nr. 8 RTV ent­hal­te­nen Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se von Beschäftig­ten, die das Ren­ten­al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, nicht ent­ge­gen­steht.
78 Mit sei­ner vier­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob es dem in den Art. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 nie­der­ge­leg­ten Grund­satz des Ver­bots von Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters zu­wi­derläuft, dass ein Mit­glied­staat ei­nen Ta­rif­ver­trag, der ei­ne Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen wie die in § 19 Nr. 8 RTV fest­ge­leg­te enthält, für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt, oh­ne die wirt­schaft­li­che, so­zia­le und de­mo­gra­fi­sche Si­tua­ti­on so­wie die Ar­beits­markt­la­ge zu berück­sich­ti­gen.
79 Die Richt­li­nie 2000/78 re­gelt als sol­che nicht die Vor­aus­set­zun­gen, un­ter de­nen die Mit­glied­staa­ten ei­nen Ta­rif­ver­trag für all­ge­mein­ver­bind­lich erklären können. Die Mit­glied­staa­ten sind in­des­sen ver­pflich­tet, durch ge­eig­ne­te Rechts- und Ver­wal­tungs­maßnah­men si­cher­zu­stel­len, dass al­le Ar­beit­neh­mer in vol­lem Um­fang in den Ge­nuss des Schut­zes ge­lan­gen können, den ih­nen die Richt­li­nie 2000/78 ge­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters gewährt. Nach Art. 16 Buchst. b die­ser Richt­li­nie ha­ben die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men zu tref­fen, da­mit „die mit dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht zu ver­ein­ba­ren­den Be­stim­mun­gen in Ar­beits- und Ta­rif­verträgen … für nich­tig erklärt wer­den oder erklärt wer­den können oder geändert wer­den“. Da­her steht es, wenn ein Ta­rif­ver­trag den Art. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 nicht zu­wi­derläuft, den Mit­glied­staa­ten frei, ihn für Per­so­nen, die durch ihn nicht ge­bun­den sind, für ver­bind­lich zu erklären (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 21. Sep­tem­ber 1999, Al­ba­ny, C‑67/96, Slg. 1999, I‑5751, Rand­nr. 66).
80 Dem­nach ist auf die vier­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Art. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass es ih­nen nicht zu­wi­derläuft, dass ein Mit­glied­staat ei­nen Ta­rif­ver­trag wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren in Fra­ge ste­hen­den für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt, so­weit die­ser Ta­rif­ver­trag den in sei­nen Gel­tungs­be­reich fal­len­den Ar­beit­neh­mern nicht den Schutz nimmt, den ih­nen die­se Be­stim­mun­gen ge­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters gewähren.
Kos­ten Dem­nach ist auf die vier­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Art. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass es ih­nen nicht zu­wi­derläuft, dass ein Mit­glied­staat ei­nen Ta­rif­ver­trag wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren in Fra­ge ste­hen­den für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt, so­weit die­ser Ta­rif­ver­trag den in sei­nen Gel­tungs­be­reich fal­len­den Ar­beit­neh­mern nicht den Schutz nimmt, den ih­nen die­se Be­stim­mun­gen ge­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters gewähren.
81 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.
zur Übersicht C-45/09

References: Art. 6
 § 10
 Art. 6
 Art. 6
 § 19
 Art. 1
 Art. 234
 Art. 1
 Art. 2
 Art. 6

Art. 16
 § 1
 § 2
 § 7
 § 10
 § 8
 § 10
 § 1
 § 41
 § 41
 § 41
 § 5
 § 19
 § 19
 § 19
 Art. 4
 Art. 6
 § 19
 Art. 1
 Art. 2
 § 10
 Art. 1
 Art. 2
 Art. 1
 Art. 2
 Art. 1
 Art. 2
 Art. 267
 Art. 267
 § 19
 Art. 6
 § 10
 § 10
 Art. 2
 Art. 6
 § 10
 § 10
 Art. 6
 Art. 6
 § 10
 § 10
 Art. 6
 Art. 6
 § 10
 § 10
 § 10
 Art. 6
 Art. 16
 Art. 6
 § 10
 Art. 6
 Art. 6
 § 19
 Art. 6
 Art. 6
 § 19
 § 19
 Art. 6
 Art. 6
 § 19
 § 19
 § 19
 § 19
 § 19
 Art. 6
 § 19
 Art. 1
 § 19
 Art. 16
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 1