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Timestamp: 2020-07-04 11:22:19+00:00

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IPR Lehrbuch
von Hoffmann/Thorn, Internationales Privatrecht, 9. A., 2007, C.H.Beck
Ein profunder Überblick
über das deutsche IPR
Bernd von Hoffmann/Karsten Thorn
JuS-Schriftenreihe, Band 18
München: C.H. Beck, 2007, 612 S., 27,90
ISBN 978 3 406 55976 1
Das Internationale Privatrecht beginnt den Reiz des “Exotischen” zu verlieren. Im Studium ist es inzwischen Pflichtfach. Wer sich darauf tiefer einlässt, wagt unter Umständen den “Sprung ins Dunkle”. Es ist komplex bereits angesichts der Notwendigkeit der Qualifikation des anwendbaren Statuts, das sich nach bestimmten Regeln vollzieht, die aber wieder neue Probleme aufwerfen, zumal unter Umständen eine Rück- oder Weiterverweisung erfolgen kann. Erst danach kommt es darauf an, nach den Regeln des berufenen Statuts eine Lösung des konkreten Falles zu erarbeiten. Dies setzt die Bereitschaft voraus, sich auf andere Privatrechtsordnungen (hinzu kommen selbstredend stets Bezüge zum Verfassungs- und Verwaltungsrecht, sowie zum Europa- und Völkerrecht) einzulassen, mithin ein auch rechtsvergleichendes Interesse für andere nationale Rechtskulturen und transnationale Konvergenzen der Rechtsentwicklung. Da bei einem grenzüberschreitenden, also internationalen Bezug in einer globalisierten Welt nahezu alle Sachnormen einer Rechtsordnung mit Sachnormen einer anderen Rechtsordnung in Kollision geraten können, betrifft die kollisionsrechtliche Problematik nahezu jedes Privatrechtsgebiet und parallel dazu in anderer Weise auch das Strafrecht und das Verwaltungsrecht. Stichworte wie Welthandel, Kommunikation und Migrationsbewegungen mögen hier genügen.
Entsprechend schwierig ist die Erarbeitung dieses Rechtsgebietes, vor dem die Großzahl der deutschen Juristen nach wie vor weitgehend zurückscheut - und diese Materie doch immer weniger meiden kann, wie insbesondere der dynamische Bereich des Internet-Rechts zur Genüge zeigt, in dessen Labyrinth der Rechtsanwender ohne solide IPR - Kenntnisse letztlich verloren ist.
Die Darstellung der Autoren zum IPR hat vermittelt einen profunden Überblick, der zugleich auch als Handbuch dienen kann, da mehr oder weniger alle maßgeblichen Problemstellungen souverän dargestellt werden. Das lange eingeführte, äußerst empfehlenswerte Buch erleichtert die Einarbeitung durch eine sehr kompakte Darstellung, die alle für die Erarbeitung des Basiswissens notwendigen Materien ausführlich durchstreift, sie systematisiert und didaktisch geschickt in einer sehr verständlichen Art und Weise aufbereitet. Ein Umstand, der bereits die altvordere Darstellung des 1989 verstorbenen bedeutenden Regensburger IPR - Spezialisten Karl Firsching (letzte und dritte Auflage seiner Hand 1987) ausgezeichnet hat, von dem der Erstverfasser dieses Werk 1994 übernommen hat. Zur Klärung der angesprochenen, schwierigen Fragen sind stets Fälle und Erläuterungen eingestreut, die für die Einübung der Falllösungspraxis im IPR sehr nützlich sind, so dass das “Kleingedruckte” nicht nur überflogen, sondern gelesen werden sollte.
Der Einstieg vollzieht sich wie fast überall durch einen systematischen Überblick über die Grundlagen des Rechtsbereiches, der sich zunehmend in einem europäischen und international gezogenen Rechtsrahmen vollzieht. Die Aufgabe des IPR wird durch (die zu enge Legaldefinition des) Art. 3 Abs.1 EGBGB vorgegeben: Es geht bei einem Privatrechtsfall mit Auslandsbezug darum, die im Einzelfall anwendbare Rechtsordnung zu bestimmen. Seit Friedrich Carl v. Savigny wird das IPR von der Doktrin der “engsten Verbindung” beherrscht. “Savigny stützte die Vermutung der Gleichwertigkeit ausländischen Privatrechts noch auf die >gemeinsame christliche Gesittung<; heute dürfte sich die Vermutung auf die universale Geltung der Menschenrechte gründen” (§ 1, Rdnr.11). Entsprechend komplex ist die Rechtsquellenlehre des IPR, die eine einprägsame Darstellung findet und sich bezüglich der Rangfolge an Art. 3 Abs.2 S.1 EGBGB orientiert, der jedoch keine konstitutive Bedeutung hat. Da völkervertragsrechtliche Normen Vorrang haben, soweit sie in innerstaatliches Recht transformiert worden sind (Art. 59 Abs.2 GG), ist ein Ausblick in das Staats- und Völkerrecht unabweisbar, ist doch stets zu prüfen, ob bei Auffindung einer entsprechenden völkervertragsrechtlichen Norm ein entsprechender verfassungskonformer Transformationsakt überhaupt vorliegt und der Anwendungsbereich auch eröffnet ist. Nichts anderes gilt für Rechtsnormen der Europäischen Gemeinschaften, Art. 3 Abs.2 S.2 EGBGB. Die Bezüge zum Europa- und Völkerrecht finden eine eingehende Darstellung und stiften die (erste) notwendige Verwirrung, die erforderlich ist, um zum Weiterlesen und Weiterdenken anzuhalten. Es fällt auf, dass insbesondere die Rechtsprechung des EuGH, soweit sie einen Bezug zum IPR enthält, in der Neubearbeitung intensive Beachtung gefunden hat. Die Bedeutung der EuGH - Rechtsprechung wächst schließlich auch in diesem Bereich.
Wie alles Recht ist auch das IPR geschichtlich hervorgebracht und letztlich ohne Kenntnis seiner Genese nicht verständig anwendbar. Der § 2 der Darstellung enthält insoweit folgerichtig eine sehr ausführliche Schilderung der geschichtlichen Entwicklung des IPR dessen heutige Strukturen der Entwicklung des modernen Nationalstaats geschuldet sind und mit seiner Erschütterung kraft supra- und internationaler Rechtsgeltung inzwischen auch die nationalen Kollisionsrechte ergriffen haben, deren Vergemeinschaftung auf europäischer Ebene inzwischen Gegenstand intensiver rechtspolitischer Planung ist.
Der Frage der Anwendung der durch Kollisionsrecht berufenen Rechtsordnung geht allerdings die Frage der internationalen Zuständigkeit des sachlich und örtlich zuständigen Zivilgerichts voraus, die ein Problem des internationalen Zivilverfahrensrechts ist, das in dieser Darstellung früh eine Rolle spielt und richtigerweise vor der näheren Erörterung der Strukturen des Kollisionsrechtes steht. Deutsche Gerichte (und mehr oder weniger alle Gerichte anderer Privatrechtsordnungen) wenden auf Fälle mit internationalem Bezug grds. ihr eigenes Verfahrensrecht nach dem Grundsatz der lex fori an, es sei denn völkerrechtliche (oder europarechtliche) Normen zwingen zu einem anderem Verfahren. Allerdings ist der Hinweis des Verfassers angebracht, das sich Sachentscheidung und Verfahrensrecht nicht völlig trennen lassen, sondern das Sachrecht die Ausgestaltung des Verfahrens deutlich beeinflussen kann, wie sich vor allem im internationalen Deliktsrecht zeigt. Gerade das internationale Verfahrensrecht gibt Gelegenheit, sich mit dem Vorrang völkervertragsrechtlicher (oder europarechtlicher) Normen auseinander zu setzen, da zahlreiche internationale Abkommen bestehen, deren wohl wichtigstes jetzt die EuGVO (= Brüssel I VO) nebst dem Zustellungsabkommen ist (mit dem Parallelabkommen von Lugano). Intensiv beachtet wird der komplexe Normgebungsprozess im IPR. So wird über die ROM II - Verordnung ebenso berichtet wie über den Fortschruitt neuerer europarechtlicher Verordnungsprojekte, die das Kollisionsrecht in Europa nach und nach im Kern vereinheitlichen. Aufgrund der eingetretenen Europäisierung des Kollisionsrecht wurde die Rechtsprechung des EuGH noch intensiver eingearbeitet.
Hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang etwa die revolutionäre Entwicklung in der EU im Recht der Anerkennung von Entscheidungen von EU-Mitgliedsstaaten. Die Vorschläge zum europäischen Mahnverfahren sind bereits berücksichtigt. Mit der Änderung der Geltungsgrundlage (vom völkerrechtlichen Vertrag zur supranationalen Geltung) gehen erhebliche Veränderungen einher, die zu einer erheblich intensivieren “Autonomisierung” der Begriffe geführt hat, aber auch etwa die Regeln über die besonderen Gerichtsstände bei vertraglichen Ansprüchen nebst Verbrauchersachen und arbeitsrechtlichen sowie versicherungsrechtlichen Streitigkeiten erheblich modifiziert hat. Wer sich mit der EuGVO noch nicht näher befassen konnte, findet hier eine straffe, ungemein informative Darstellung zu den Grundlagenproblemen, die auch Praktiker ansprechen wird.
Für die Falllösungspraxis unverzichtbar ist die eingehende Kenntnis der allgemeinen Regeln des IPR. Die Darstellung setzt mit der Erläuterung des Unterschieds von Sachnorm und Kollisionsnorm ein. Auch hier ist zwischen Tatbestand (Anknüpfungsgegenstand und Anknüpfungsmoment) sowie Rechtsfolge zu unterscheiden, die in der Bezeichnung der zuständigen Rechtsordnung liegt. Das vorgeschlagene Aufbauschema (§ 4, Rdnr.5) sollte “verinnerlicht” werden, ergibt sich aber nach einiger Übung praktisch aus der “inneren” Struktur des EGBGB. Grob vereinfacht geht es um folgendes: Worum geht es? (Lebenssachverhalt), Welches Rechtsgebiet ist einschlägig (Grobqualifikation)?, Woran knüpft das Gesetz die entscheidende Rechtsfolge (Staatsangehörigkeit oder Wohnsitz oder gewöhnlicher Aufenthalt?)?, Auf welche Rechtsordnung wird verwiesen?, Annahme der Verweisung (ggf. Rück- oder Weiterverweisung?, Anwendbares Sachrecht? (Lösung des Falles nach dem berufenen Sachrecht). Da das deutsche IPR im Grundsatz (dieser Grundsatz ist allerdings vielfach durchbrochen) auf die Staatsangehörigkeit abstellt, ist ein Exkurs zum Staatsangehörigkeitsrecht unentbehrlich. Er ist selbstredend auf dem neuesten Stand, so dass dieses Kapitel auch für den ausländerrechtlich Interessierten als knapper Überblick interessant ist (§ 5, Rdnrn. 39 - 58). Ohne hier auf die Reform des Staatsangehörigkeitsrecht näher eingehen zu können, zeigen die Ausführungen des Verfassers zur Mehrstaatigkeit deutlich, dass deren Probleme im IPR eingehend gelöst werden können, wenn auf die engste Verbindung abgestellt wird, die allerdings keine Anwendung findet, wenn eine der in Rede stehenden Staatsangehörigkeiten die deutsche Staatsangehörigkeit ist.
Die Grundfragen der allgemeinen Lehren, also Qualifikation, Anpassung, Erstfrage, Vorfrage, Teilfrage, Rück- und Weiterverweisung, Schrankenziehung durch den ordre public werden so erklärt, dass auch der unbefangene Leser, der sich noch nie mit IPR beschäftigt hat, hinterher weiß, wohin die Reise zu gehen hat und dieses Wissen auch anwenden kann, wenn die Ausführungen über die Besonderen Regeln unter diesen Gesichtspunkten durchgearbeitet werden. Alle Probleme des Familien- und Erbrechts finden hier ihren internationalrechtlichen Widerhall.
Im Erbrecht kommt es immer zu komplizierten Problemen bei der Nachlassspaltung, die zu mehreren nach verschiedenen Rechtsordnungen zu beurteilenden Nachlassmassen führt. Hier wird insbesondere das Spannungsverhältnis des Art. 25 Abs.1 EGBGB zu Art. 3 Abs.3 EGBGB eingehend thematisiert, so dass im Einzelfall das Erbstatut als Gesamtstatut durchaus gegenüber dem Einzelstatut aus Praktikabilitätserwägungen zurückzustehen hat.
Im Bereich des Schuldrechts werden die Grundlagen des UN-Kaufrechts knapp erläutert. Hier ist besonders die Darstellung des komplexen Art. 27 EGBGB als eine der besten Darstellungen dieser Materie zur Einführung zu nennen. Konsolidiert wurde die Darstellung zum Recht der außervertraglichen Schuldverhältnisse nach der IPR-Reform vom 01.06.1999, die ihren Niederschlag in Art. 38 - 42 EGBGB gefunden hat. Aufgearbeitet wurde hier insbesondere die seit der Reform erschienene Literatur. Erstmals erfasst ist nunmehr etwas das Recht der Eingriffskondiktion, eine Rechtsfigur, deren Dogmatik zunehmend Gegenstand internationaler Diskussionen ist. Sie unterliegt kollisionsrechtlich dem Recht des Staates, in dem der Eingriff geschehen ist, Art. 38 Abs.2 EGBGB. Diese Norm dürfte insbesondere im internationalen Urheberrecht eine bedeutende Rolle spielen. Der vorgeschlagene Gleichlauf mit internationalem Deliktsrecht (Ubiquitätsregel) ist sinnvoll, dürfte aber bereits herrschender Meinung entsprochen haben. Überhaupt handelt es sich bei dieser Reform um eine deutliche Kodifizierung internationaler Rechtsprechung, mit allerdings durchaus überraschenden Modifikationen, wie sich im internationalen Deliktsrecht zeigt. Immerhin wird jetzt die Möglichkeit auch der nachträglichen Rechtswahl eingeräumt, Art. 42 EGBGB. Auch das bisher schon geltende Günstigkeitsprinzip hat erstaunliche Modifikationen erfahren, da dem Geschädigten, wenn kein gemeinsamer Aufenthalt vorliegt, statt des Rechts des Handlungsortes, auch das Recht des Erfolgsorts als geltend bestimmen kann (Optionsrecht). Die Darstellung zeigt deutlich, dass zwar die Grundlagen der bisherigen Rechtslage in kodifizierter Form beibehalten wurden, aber erhebliche Modifikationen in der “Feinabstimmung” bestehen. Auch hier ist die Darstellung ein zuverlässiger Führer durch ein Gebiet, das bei bereits bei einem einfachen Verkehrsunfall zu schwierigen Fallstricken führen kann. Kurz, aber interessant dargestellt wird in diesem Zusammenhang noch das internationale Kollisionsrecht des Wettbewerbsrechts, dass der Marktortregel folgt und thematisch zum Recht der unerlaubten Handlungen gehört. Besonders lesenswert sind jetzt die knappen, aber präzisen Darlegungen zum internationalen Gesellschaftsrecht.
Die Darstellung ist primär an Wahlfachstudenten gerichtet, dürfte aber inzwischen auch Pflichtfachstudenten ansprechen. Auch für Referendare, Rechtsanwälte und Richter, die sich in diese Materie schnell und zuverlässig einarbeiten müssen, ist dieses Lernbuch die geeignete Grundlage für die Erarbeitung der Grundlagen des deutschen Kollisionsrechts. Letztlich leistet es sogar als Handbuch gute Dienste, auch für Praktiker.
Oktober 23rd, 2007 Posted by admin | Internationales / Recht des Auslands | no comments

References: Art. 3
 Art. 3
 Art. 3
 EuGH 
 § 2
 EuGH 
 Art. 25
 Art. 3
 Art. 27
 Art. 38
 Art. 38
 Art. 42