Source: https://www.anwalt24.de/urteile/bfh/2013-03-19/xi-r-47_07
Timestamp: 2017-09-23 16:25:25+00:00

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BFH, 19.03.2013 - XI R 47/07 - Möglichkeit zur Umsatzsteuerbefreiung von Umsätzen bei Einrichtungen zur ambulanten Pflege kranker und pflegebedürftiger Personen | anwalt24.de
Urt. v. 19.03.2013, Az.: XI R 47/07
Referenz: JurionRS 2013, 35544
FG Berlin - 16.08.2006 - AZ: 2 K 5218/01
BFH - 30.06.2010 - AZ: XI R 47/07
BFH - 02.03.2011 - AZ: XI R 47/07
§ 4 Nr. 16 Buchst. e UStG 1993
BFHE 240, 439 - 447
BB 2014, 1244-1245
BFH/NV 2013, 1204-1207
BFH/PR 2013, 283
DStR 2013, 1078-1081
DStZ 2013, 409-410
HFR 2013, 629-631
KÖSDI 2013, 18406
NWB 2013, 1629
NWB direkt 2013, 555
PFB 2013, 171-172
PflR 2013, 387-392
StBW 2013, 486
StBW 2013, 551
StuB 2013, 435
StX 2013, 331-332
UR 2013, 555-559
UStB 2013, 166-167
Der Senat hat mit Beschluss vom 2. März 2011 XI R 47/07(BFHE 232, 568, BStBl II 2012, 699 [BFH 02.03.2011 - XI R 47/07]) das Revisionsverfahren ausgesetzt und dem Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) folgende Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt:
Die Revision ist unbegründet und war daher zurückzuweisen (§ 126 Abs. 2 der Finanzgerichtsordnung --FGO--). Das FG hat im Ergebnis zu Recht entschieden, dass die streitigen Umsätze der Klägerin von der Steuer befreit sind.
Dass Leistungen der Behandlungspflege (nicht aber Leistungen der Grundpflege und der haushaltswirtschaftlichen Versorgung) durch dazu qualifiziertes Krankenpflegepersonal nach § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG steuerfrei sind, entspricht der Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs --BFH-- (vgl. z.B. Urteil vom 22. April 2004 V R 1/98, BFHE 205, 514, BStBl II 2004, 849 [BFH 22.04.2004 - V R 1/98]; Nachfolgeentscheidung zum EuGH-Urteil vom 10. September 2002 C-141/00 --Kügler--, Slg. 2002, I-6833, BFH/NV Beilage 2003, 30).
4. Für die Steuerfreiheit der streitbefangenen Leistungen kann sich die Klägerin jedoch mit Erfolg unmittelbar auf Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richtlinie 77/388/EWG berufen (vgl. dazu EuGH-Urteil --Zimmermann-- in UR 2013, 35, [EuGH 15.11.2012 - Rs. C-174/11]HFR 2013, 84, Rz 32; BFH-Urteile vom 18. August 2005 V R 71/03, BFHE 211, 543, BStBl II 2006, 143 [BFH 18.08.2005 - V R 71/03]; vom 1. Dezember 2010 XI R 46/08, BFHE 232, 232).
aa) Vorgenannte Vorschrift legt die Voraussetzungen und Modalitäten der Anerkennung nicht fest. Es ist daher grundsätzlich Sache des innerstaatlichen Rechts jedes Mitgliedstaats, die Regeln aufzustellen, nach denen diesen Einrichtungen eine solche Anerkennung gewährt werden kann. Die Mitgliedstaaten verfügen insoweit über ein Ermessen (EuGH-Urteile vom 26. Mai 2005 C-498/03 --Kingscrest Associates und Montecello--, Slg. 2005, I-4427, UR 2005, 453, [EuGH 26.05.2005 - C 498/03] Rz 49, 51; --Zimmermann-- in UR 2013, 35, [EuGH 15.11.2012 - Rs. C-174/11]HFR 2013, 84, Rz 26).
bb) Nach dem EuGH-Urteil --Zimmermann-- (UR 2013, 35, [EuGH 15.11.2012 - Rs. C-174/11]HFR 2013, 84) geht es vorliegend im Wesentlichen darum, ob die Bundesrepublik Deutschland (Deutschland) bei der Ausgestaltung der Anerkennung i.S. von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richtlinie 77/388/EWG die Grenzen des ihr zustehenden Ermessens beachtet hat (vgl. Rz 28; s.a. EuGH-Urteil --Kügler-- in Slg. 2002, I-6833, BFH/NV Beilage 2003, 30, Rz 55). Ficht ein Steuerpflichtiger die Anerkennung oder die Nichtanerkennung der Eigenschaft als Einrichtung mit sozialem Charakter i.S. von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richtlinie 77/388/EWG an, haben die nationalen Gerichte demgemäß zu prüfen, ob die zuständigen Behörden die Grenzen des ihnen in diesem Artikel eingeräumten Ermessens unter Beachtung der Grundsätze des Unionsrechts eingehalten haben, einschließlich insbesondere des Grundsatzes der Gleichbehandlung, der im Mehrwertsteuerbereich im Grundsatz der steuerlichen Neutralität zum Ausdruck kommt (EuGH-Urteile --Kügler-- in Slg. 2002, I-6833, BFH/NV Beilage 2003, 30, Rz 56; --Zimmermann-- in UR 2013, 35, HFR 2013, 84, Rz 33).
cc) Hierzu führt der EuGH in seinem Urteil --Zimmermann-- (UR 2013, 35, [EuGH 15.11.2012 - Rs. C-174/11]HFR 2013, 84) näher aus:
Zwar hat der EuGH im Urteil --Zimmermann-- (UR 2013, 35, [EuGH 15.11.2012 - Rs. C-174/11]HFR 2013, 84) die Zwei-Drittel-Grenze des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG sowie die dort normierte Bedingung, dass die Kosten für die betreffenden Leistungen der ambulanten Pflege ganz oder zum überwiegenden Teil von den gesetzlichen Sozialversicherungs- oder Sozialhilfeträgern übernommen worden sein müssen, ausdrücklich gebilligt. Durch die in § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG normierte Pflicht, diesbezüglich jeweils auf das vorangegangene Kalenderjahr abzustellen, würde jedoch die Anerkennung des "sozialen Charakters" der Klägerin für den Streitzeitraum, in dem sie dem Grunde nach Umsätze i.S. des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG ausführte, automatisch und zwangsläufig ausgeschlossen. Hierfür bietet Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richtlinie 77/388/EWG keine Grundlage (EuGH-Urteil --Zimmermann-- in UR 2013, 35, [EuGH 15.11.2012 - Rs. C-174/11]HFR 2013, 84, Rz 40, 41).
aa) Nach Art. 13 Teil A Abs. 2 Buchst. b erster Gedankenstrich der Richtlinie 77/388/EWG sind von der Steuerbefreiung Dienstleistungen ausgeschlossen, wenn sie zur Ausübung der von der Steuer befreiten Tätigkeiten nicht unerlässlich sind (vgl. EuGH-Urteil --Zimmermann-- in UR 2013, 35, [EuGH 15.11.2012 - Rs. C-174/11]HFR 2013, 84, Rz 61, m.w.N.).

References: § 4
 § 4
 Art. 13
 Art. 13
 Art. 13
 EuGH 
 EuGH 
 § 4
 § 4
 § 4
 Art. 13
 Art. 13