Source: http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/2716/4181
Timestamp: 2018-12-11 05:27:56+00:00

Document:
Volume 19, No. 1, Art. 7 – Januar 2018
Immer nur die zweitbeste Lösung? Protokolle als Dokumentationsmethode für qualitative Interviews
Dita Vogel & Barbara J. Funck
Zusammenfassung: In der methodischen Literatur zu qualitativen Interviews wird als Standardverfahren oft die Aufzeichnung mit einem Aufnahmegerät und anschließende wortgetreue Verschriftlichung (Transkription) empfohlen. Protokolle werden als Mittel der Interviewdokumentation zumeist als zweitbeste Lösung für den Fall dargestellt, dass Mitschnitte nicht möglich sind. Diese Position stellen wir in diesem Beitrag aufgrund theoretischer Überlegungen und empirischer Erfahrungen infrage.
Vor- und Nachteile der Dokumentationsformen "Audiomitschnitt + Transkription" und "Notizen + Protokollierung" werden systematisch gegenübergestellt. Anschließend wird anhand von zwei Studien exemplarisch verdeutlicht, dass die Protokollierung die beste Lösung zur Dokumentation der Interviewdaten sein kann. In beiden Studien wurden in Interviews sensible Themen behandelt und die Erhebung grundlegender Informationen über Prozesse und Routinen bezweckt.
Grundsätzlich kann Protokollierung angezeigt sein, wenn weniger die Interpretation des Gesagten als vielmehr dessen Intention im Fokus der Forschung ist. Außerdem sollte eine Protokollierung erwogen werden, wenn eine Aufnahme besonders interessante InterviewpartnerInnen von der Teilnahme abhalten oder ein offenes Gespräch verhindern könnte.
Mit diesem Beitrag wollen wir zu einer Auseinandersetzung darüber anregen, wann Protokollieren angemessen ist und wie es methodisch angelegt sein sollte.
Keywords: Transkription; Protokoll; qualitatives Interview; ExpertInneninterview; Telefoninterview; Qualität der Dokumentation; irreguläre Migration
2.1 Zum Begriff der Transkription und der Protokollierung
2.2 InterviewpartnerInnen als InformantInnen oder als Subjekte der Befragung
2.3 Vor- und Nachteile von Dokumentationsmethoden: Transkription versus Protokoll
3. Protokolle als First-Best-Lösung: Zwei Beispiele
3.1 Telefonische Kurzprotokolle in einer Studie zur Schulanmeldung von Kindern ohne gültige Aufenthaltspapiere
3.2 Paraphrasierendes Teamprotokoll in einer Studie zu Daten über irreguläre Migration
Anhang: Muster für einen Protokollaufbau
In der methodischen Literatur zu qualitativen Interviews wird oft empfohlen, Interviews mit einem Aufnahmegerät aufzuzeichnen und anschließend zu transkribieren, d.h. wortgetreu in Text umzuwandeln. So bezeichnet z.B. LAMNEK (2010, S.325) in einem Lehrbuch Aufzeichnungsgeräte als unverzichtbar. Teilweise werden Genauigkeit und Nachvollziehbarkeit als Gründe genannt, warum Aufnahme und wörtliche Transkription notwendig seien (KUCKARTZ, DRESING, RÄDIKER & STEFER 2008, S.25). [1]
Protokolle als Mittel der Interviewdokumentation, die auf Notizen einer oder mehrerer ForscherInnen beruhen, sind in der Praxis zwar weit verbreitet, werden aber oft "unter methodischen Gesichtspunkten als hochgradig problematisch" eingeschätzt (LIEBOLD & TRINCZEK 2009, S.41). Die methodische Diskussion beschränkt sich meist auf kurze Abschnitte in längeren methodischen Texten. Wenn DAVIDSON (2009, S.36) in ihrem über 80 Quellen umfassenden Literaturüberblick Transkriptionen als vernachlässigtes Thema in der qualitativen Forschung betrachtet, so können wir dies erst Recht für die Protokollierung konstatieren. [2]
Protokolle werden oft als zweitbeste Lösung angesehen, seien "nur im Fall verweigerter Aufzeichnung angezeigt, sollten unmittelbar nach dem Interview angefertigt werden, und die Forscher sollten sich deren Status als Material von lediglich sekundärer Qualität bewusst sein" (LIEBOLD & TRINCZEK 2009, S.41). Meist beschränkt sich die Diskussion der Qualitätsanforderungen an Protokolle auf kurze Hinweise etwa darauf, dass sie möglichst unmittelbar nach dem Interview angefertigt werden sollten. Insbesondere bei ExpertInneninterviews wird von der Notwendigkeit von Aufnahmen und zumindest der Transkription relevanter Passagen ausgegangen (MEUSER & NAGEL 1991; 2009, S.50; 2013, S.466). [3]
Die Betonung der Problematik von Protokollen ist nicht in allen Disziplinen gleich ausgeprägt. Insbesondere in der Ethnologie, in der reflektierte eigene Beobachtungen als wichtigste Forschungsmethode genutzt werden, ist die Protokollierung eigener und fremder Beobachtungen ein wesentlicher Teil der Feldforschung (BREIDENSTEIN, HIRSCHAUER, KALTHOFF & NIESWAND 2013; LOUBERE 2017; STRECK, UNTERKOFLER & REINECKE-TERNER 2013). In diesem Aufsatz argumentieren wir, dass Protokolle zur Dokumentation von Interviews auch jenseits ethnografischer Forschung das Mittel der Wahl und keineswegs nur eine Second-Best-Lösung sein können. [4]
In einem ersten Schritt erläutern wir unser Begriffsverständnis von Transkription und Protokollierung für den Zweck dieses Beitrags (Abschnitt 2.1). Wir unterscheiden InformantInnen- und Befragteninterviews (Abschnitt 2.2) und identifizieren Dimensionen, die bei der Forschungsplanung von qualitativen Interviews herangezogen werden können, um die Entscheidung für "Audioaufnahme und anschließende Transkription" oder "Notizen und Protokollierung von Interviews" herangezogen werden können (Abschnitt 2.3). Dann zeigen wir am Beispiel von zwei eigenen Studien, wie diese Dimensionen als Kriterium für die Entscheidungsfindung angewendet werden können (Abschnitt 3). Abschließend resümieren wir, dass die Entscheidung für "Notizen und Protokollierung" auch eine First-Best-Lösung sein kann und kommen zu dem Schluss, dass es eine intensivere methodische Auseinandersetzung über wissenschaftliche Qualitätsstandards in der Protokollierung geben sollte (Abschnitt 4). [5]
Unter Transkription wird die regelgeleitete Verschriftlichung des gesprochenen Wortes in die Schriftsprache verstanden (FUß & KARBACH 2014, S.15). Im positivistischen Verständnis geht es bei den Verschriftlichungen um eine "möglichst wortgetreue Wiedergabe der Äußerungen von Interviewer / Moderator und Befragten" (ARBEITSKREIS QUALITATIVE MARKT- UND SOZIALFORSCHUNG 2007, S.24). Allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie umfassend eine Transkription angefertigt werden kann. So können neben dem gesprochenen Wort (einschließlich nicht zu Ende gesprochener Wörter oder Sätze) klanglautliche Ausdrücke übertragen werden oder auch weitere hörbare Aspekte der Gesprächssituation wie non-verbale Äußerungen (lachen, weinen, husten, schmatzen), Störgeräusche, Variationen im Sprachklang (Lautstärke, Betonung) und Pausen. Innerhalb eines Forschungskontextes legen sich die WissenschaftlerInnen auf Transkriptionsregeln fest, um eine möglichst einheitliche Transkription anzustreben. Damit wird bestimmt, welche sprachlichen Vorkommnisse mit welchen Zeichen kenntlich gemacht werden (FUß & KARBACH 2014, S.15-19). Die unterschiedlichen Möglichkeiten bei der Erstellung von Transkripten verweisen bereits auf ihren konstruktivistischen Charakter und verdeutlichen, dass eine objektive Abbildung eines Gesprächs nicht möglich ist: "[A] transcript is a text that 're'-presents an event; it is not the event itself. Following this logic, what is re-presented is data constructed by a researcher for a particular purpose, not just talk written down" (GREEN, FRANQUIZ & DIXON 1997, S.172). [6]
Insofern impliziert das Transkribieren einen theoretischen, interpretierenden, selektiven und darstellenden Prozess (ASHMORE & REED 2000, §11; DAVIDSON 2009, S.37): Eine Transkription ist immer eine "selektive, perspektivische Konstruktion in einem neuen Darstellungsmedium" (BREUER 1999, S.252). Dabei steht nicht mehr im Mittelpunkt, was "wirklich gesagt" wurde, sondern es geht um die extensive Bereitstellung von Hör- und Verstehensweisen einer Gesprächssituation (S.254). [7]
Bei Interviewprotokollen geht es ebenfalls um die Verschriftlichung von Gesprächen.1) Protokolle können auf verschiedene Arten hergestellt werden. So können während eines Interviews unmittelbar die Kernaussagen notiert und auch in geringem Umfang wortwörtliche Aussagen übertragen werden (Simultanprotokoll). Es ist aber ebenso möglich, dass ein Protokoll auf der Basis von Notizen und Erinnerungen in der Regel unmittelbar nach dem Ereignis verfasst wird (Gedächtnisprotokoll) (ARBEITSKREIS QUALITATIVE MARKT- UND SOZIALFORSCHUNG 2007, S.24). Während für die Transkription erst herausgearbeitet werden musste, dass sie selektiven Blick auf eine Gesprächssituation gibt, ist dies für die Protokollierung offensichtlich. "Kernaussagen" können nur dokumentiert werden, wenn die Fragestellung und damit das Selektionskriterium klar ist. Die Auswahl wird auch durch die Aufnahme- und Erinnerungsfähigkeit der Protokollierenden beeinflusst. [8]
Interviews können durch Verlaufs- oder Ergebnisprotokolle dokumentiert werden: Ein Verlaufsprotokoll dokumentiert ein Interview in seinem zeitlichen Verlauf möglichst genau und gibt damit eine Verstehensweise einer Gesprächssituation wieder. In einem Ergebnisprotokoll werden die wesentlichen Inhalte strukturiert zusammengefasst, wobei in Notizen verstreute Textfragmente zu kohärenten Einheiten organisiert werden (BREIDENSTEIN et al. 2013, S.100). Die Protokollierung kann durch eine einzelne Person oder im Team von zwei oder mehreren Personen erfolgen, die sich gegenseitig ergänzen und korrigieren (Teamprotokoll). [9]
Unabhängig davon in welchen Formen protokolliert wird, ob ein Simultan-, Gedächtnis-, Verlaufs- oder Ergebnisprotokoll angefertigt, ob einzeln oder im Team protokolliert wird, nehmen Protokolle etwas vor, was bei einem transkribierten Interview oft erst als nächster weiter reichender Analyseschritt erfolgt: Es wird paraphrasiert. Unter einer Paraphrase verstehen wir "eine textgetreue Zusammenfassung einer Aussage [...] in unseren eigenen Worten" mit dem Ziel, die ursprünglichen Informationen, Deutungen und Meinungen zu erhalten (KAISER 2014, S.96). Insofern beinhaltet das Protokollieren mehr noch als die Tonaufzeichnung mit anschließender Transkription einen aktiven Prozess, "der schon durch Wortwahl und Sequenzierung, durch Hervorhebung und Weglassung, durch die Schaffung von Ordnung und Kohärenz zur Analyse der untersuchten Gegenstände gehört" (BREIDENSTEIN et al. 2013, S.103). Damit haben Protokolle nicht nur eine dokumentarische, sondern auch eine kommunikative Funktion – Inhalte werden nicht nur erfasst, sondern so aufbereitet, dass sie auch Dritten verständlich sind (S.106). Im Unterschied zu Transkriptionen geht es oft weder um die Rekonstruktion des Gesagten noch um die Vielfalt der Verstehensweisen einer Gesprächssituation, sondern um eine Einigung auf eine verschriftlichte Verstehensweise. [10]
Wenn im Folgenden Vor- und Nachteile der Dokumentierung von Interviews durch die Gegenüberstellung von Transkription und Protokollierung diskutiert werden, geht es um die jeweils genutzte Hauptdokumentationsmethode. Uns ist bewusst, dass auch bei aufgenommenen Interviews häufig ergänzende Protokolle angefertigt werden, die zum Beispiel in Form eines Postskriptums Anmerkungen zum Interviewverlauf dokumentieren (WITZEL 2000). Andererseits können auch für protokollierte Interviews Audiomitschnitte verfügbar sein (LOUBERE 2017, §8). Diese werden eher dazu verwendet, Erinnerungslücken zu erhellen, Unsicherheiten über einzelne Gesprächsteile zu beseitigen oder um einzelne Sätze wörtlich zu transkribieren und ins Protokoll einzufügen. Das entscheidende Kriterium ist somit nicht, ob Audiomitschnitte existieren oder nicht, sondern ob überwiegend mit Transkripten oder mit Protokollen weitergearbeitet wird. [11]
Ob eine ausführliche Transkription oder die Protokollierung eines Interviews notwendig erscheint, hängt zu allererst vom Erkenntnisinteresse und der damit verbundenen Funktion der Interviewpartnerin oder des Interviewpartners ab. In der ethnologischen Forschung werden "Darstellungen aus Interviews sowohl als Ressource (als Information) als auch als Untersuchungsgegenstand (als Darstellung)" behandelt (BREIDENSTEIN et al. 2013, S.83). Im ersten Fall werden InterviewpartnerInnen als InformantInnen – als BeobachterInnen der BeobachterIn oder stellvertretende BeobachterIn – verstanden. Im zweiten Fall stehen die Befragten selbst als Subjekte mit ihren Erfahrungen und Interpretationen im Mittelpunkt. Insofern kann zwischen InformantInnen- und Befragteninterviews unterschieden werden. Auch bei einer Typologie von ExpertInneninterviews nach BOGNER und MENZ (2009) wird danach unterschieden, ob die interviewten ExpertInnen als "Informationsquelle" genutzt (S.64-65) oder ob darüber hinaus die "subjektive Dimension" des Wissens (S.66) und damit die Interviewten selbst zum Gegenstand der Forschung werden. [12]
Wenn InformantInnen interviewt werden, können sie unterschiedliche Typen von Informationen im Interview erläutern:2)
kulturbezogene Informationen (z.B. Regeln und Normen, Statusunterschiede, übliche Praktiken und Verhaltensmuster);
ereignis- und prozessbezogene Informationen (z.B. eigene Beobachtungen von organisatorischen Abläufen und Versammlungen);
quantitative Informationen (eigene Zählungen z.B. der in einem Zeitraum kontaktierten KlientInnen). [13]
Werden InformantInnen zusätzlich als Befragte interviewt, stehen über die oben angeführten Informationen hinaus subjektive Aspekte im Vordergrund:
Alltagstheorien und Begründungen (z.B. warum bestimmte Normen gesetzt werden oder welche Relevanz Routinen zugeschrieben wird);
Überzeugungen und Wertungen (z.B. wie sie als Privatperson oder Professionelle bestimmte Praktiken bewerten);
individuelle Handlungsorientierungen und Entscheidungsmaximen (z.B. wie mit konfligierenden Normen umgegangen wird). [14]
In der Forschung mit qualitativen Interviews sind sicherlich Befragteninterviews häufiger als InformatInneninterviews. Dies wird zum Teil mit der Auffassung begründet, qualitative Interviews seien in erster Linie zum Generieren von Erzählungen, Argumenten und Begründungen geeignet, nicht aber zum Abfragen von "(Fakten-) Wissen", da dies ein gut konstruierter Fragebogen viel besser und zuverlässiger leisten könne (MEY & MRUCK 2010, S.431). Diese Auffassung teilen wir nicht, da qualitative Interviews insbesondere für ereignis- und prozessbezogene Informationen eine wichtige und manchmal die einzig mögliche Quelle darstellen. Möglicherweise gibt es auch deshalb nur relativ wenig methodische Literatur zur Protokollierung, weil diese Art von qualitativen Interviews nur ein schmales Segment in der qualitativen Forschung ausmacht. [15]
Wenn in der Literatur Protokoll und Transkription verglichen werden, wird üblicherweise die Protokollierung eines langen Interviews durch eine Einzelperson unterstellt. Hingegen werden im Folgenden auch kurze Interviews und Teamprotokolle als Möglichkeiten mit bedacht. Dabei führt eine Person das Gespräch und eine weitere macht Notizen wie in der in Abschnitt 3.2 dargestellten Studie, oder die Interviewenden wechseln sich mit Fragen und Notieren ab (LOUBERE 2017, §24). [16]
Auf dieser Basis diskutieren wir abschließend, in welchen Forschungssituationen ein Protokoll die bessere Form sein kann, bei der mündliche Interviewsituationen schriftlich dokumentiert werden.3) Dabei werden folgende Aspekte gegenübergestellt: zeitlicher und finanzieller Aufwand, Wahrscheinlichkeit eines Interviews, Qualität des Interviews und Qualität der Dokumentation. [17]
2.3.1 Zeit- und Finanzaufwand
Protokolle sind in der Regel zeitlich weniger aufwendig als Transkriptionen. Für eine Transkription muss das vier- bis achtfache der eigentlichen Interviewdauer veranschlagt werden (KUCKARTZ et al. 2008, S.29). Nach unserem Kenntnisstand gibt es keine Richtwerte, wie lange es dauert, ein Interviewprotokoll anzufertigen. Nach eigener Erfahrung ist zumindest in Bezug auf Gedächtnisprotokolle das Doppelte der Interviewzeit für eine einzelne Person realistisch – also deutlich weniger Zeit als für eine Transkription. Bei Teamprotokollen muss die Zeit für das Erstprotokoll, des Überarbeitens und Ergänzens durch die gesprächsführende Person sowie die Zeit für die Diskussion von Unterschieden zusammengerechnet werden. Insofern kann eine paraphrasierende Teamprotokollierung zeitlich durchaus an den Aufwand einer Transkription heranreichen. Sie enthält allerdings schon einen weiteren Analyseschritt, da das Interview bereits in Abhängigkeit der Fragestellung weiter komprimiert wird. Nach den Erfahrungen von LOUBERE (2017, §25) lassen sich derartige Teamprotokolle in einem Fünftel der für eine wörtliche Transkription notwendigen Zeit anfertigen. [18]
Wir gehen hier davon aus, dass die interviewende Person in der Regel auch forscht oder Teil des Forschungsteams ist: Paraphrasierende Ergebnisprotokolle setzen hohe Sachkenntnis und gute Kenntnis der Forschungsziele voraus, sodass die Forschenden selbst in der Regel involviert sein müssen. Transkriptionen können dagegen z.T. von studentischen Hilfskräften oder extern erstellt werden.4) Der finanzielle Aufwand pro Stunde kann für eine Transkription geringer sein als für ein qualifiziertes Ergebnisprotokoll. [19]
Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass Protokolle häufig weniger zeit- und kostenaufwendig sein können, aber je nach Protokollform nicht zwangsläufig sein müssen. Wenn der Zeitaufwand geringer ist, bedeutet das auch, dass relevantes Material für die weitere Forschung schneller verfügbar sind. [20]
2.3.2 Qualität des Samples
Wenn es gelingt, jeweils die gewünschten InterviewpartnerInnen zu einem Interview zu bewegen, kann die Qualität des Samples als hoch betrachtet werden. Dies gilt sowohl für quantitative Umfragen als auch für qualitative Interviews. Wenn die Dokumentationsmethode Auswirkungen auf die Teilnahmebereitschaft hat, wird dadurch die Qualität des Samples beeinflusst. [21]
Nach PATTON (2002, S.381) sind die meisten Leute heute so vertraut mit Audioaufnahmen, dass sie der Aufnahme eines Gesprächs zustimmen und protokollierte Interviews zur Ausnahme werden. Auch WITZEL (2000, §7) geht davon aus, dass Audiomitschnitte allgemein akzeptiert sind. Bei Videoaufnahmen scheint eher angenommen zu werden, dass diese Barrieren bei Teilnehmenden mobilisieren (REDLER 2006, S.28). [22]
Jedoch stellen RUBIN und RUBIN (2005) auch für Audioaufnahmen fest, dass diese bei informellen Interviewsituationen und sensiblen Themen nicht angemessen sind: "You certainly do not record a secret informant" (S.101). Wenn bei sensiblen Themen eine Aufnahme und Transkription gelingen soll, muss erst Vertrauen aufgebaut werden. Dies gelingt nicht immer, sodass aus vielen Kontakten am Ende wenige Interviews resultieren. Norbert CYRUS hat z.B. in den 1990er Jahren viele Personen oft mehrfach kontaktiert, bis er Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere interviewen und die Interviews mitschneiden konnte (CYRUS & VOGEL 2006). Diese Interviews haben reichhaltiges Material zum Verständnis des Lebens ohne Aufenthaltspapiere geliefert. Letztlich lässt sich aber nicht ausschließen, dass protokollierte Interviews mit Personen, die für ein aufgenommenes Interview nicht zur Verfügung standen, weitere Aspekte hinzugefügt hätten. [23]
Deniability – die Möglichkeit, abzustreiten, etwas gesagt zu haben – kann die Voraussetzung dafür sein, dass überhaupt etwas gesagt wird. RUBIN und RUBIN setzen daher bewusst in Gesprächen über sensible Themen keinen Recorder ein, während sie bei weniger sensiblen Themen eine Audioaufnahme bevorzugen (2005, S.100). Gerade bei BehördenmitarbeiterInnen ist nach eigenen Erfahrungen die Interviewbereitschaft höher, wenn die Interviewten nicht befürchten müssen, dass ihnen eine unglückliche Formulierung zum Vorwurf gemacht werden kann – sei es in der Öffentlichkeit oder von Vorgesetzten.5) Diese Sorge kann auch dazu führen, dass Interviews gänzlich abgelehnt werden und lediglich eine schriftliche Beantwortung von Fragen zugesichert wird. Solche schriftlichen Auskünfte enthalten nach eigenen Erfahrungen in der Regel nur Auskünfte zur Rechtslage, unabhängig davon, wie die Frage gestellt war. [24]
Wenn eine angefragte Person einer Aufnahme nicht zustimmt, gibt es zwei Möglichkeiten: Das Interview findet nicht statt, und die forschende Person versucht, eine andere Person mit potenziell ebenso wertvollen Erkenntnissen für ein Gespräch zu gewinnen, oder das Interview findet statt, wird aber protokolliert, sozusagen als Second-Best-Alternative (LIEBOLD & TRINCZEK 2009, S.41). Für die Forschung ist dann eine Protokollierung besser als ein Verzicht, wenn der Einbezug einer Person für eine Fragestellung essenziell erscheint, etwa weil sie eine einzigartige Stellung in einem sozialen Gefüge hat (z.B. die Chefin einer zu untersuchenden Organisation). [25]
Wenn eine kleine Anzahl Befragter aus einer großen Anzahl potenziell interessanter InterviewpartnerInnen interviewt werden soll, kann die Anforderung eines Audiomitschnitts die Stichprobe systematisch verzerren, denn Menschen, die über keine heiklen Informationen verfügen, sind eher zu einem Mitschnitt bereit als Menschen mit Informationen, die sie als sensibel einstufen. [26]
2.3.3 Inhaltliche Qualität des Interviews
In diesem Abschnitt gehen wir davon aus, dass eine Person sowohl einem Interview mit Mitschnitt und Transkription als auch einem protokollierten Interview zustimmen würde. In solchen Fällen wird in der methodischen Literatur oft ein aufgenommenes und transkribiertes Interview empfohlen. [27]
Als erster Grund wird angegeben, dass sich die interviewende Person ganz auf die Gesprächsführung und die Beobachtung situativer Bedingungen konzentrieren könne (KVALE & BRINKMANN 2009, S.178-179; WITZEL 2000, §7). Wörtliches Mitschreiben könne die forschende Person so ablenken, dass die interviewte Person nur noch sekundäre Aufmerksamkeit erhalte (PATTON 2002, S.381). Dies könne sich negativ auf die Auskunftsbereitschaft auswirken. Diese Kritik bezieht sich auf eine spezifische Protokollierungssituation: Eine Person führt und protokolliert ein längeres persönliches Gespräch und hat den Anspruch, möglichst viel wörtlich mitzuschreiben. Wenn diese Bedingungen nicht gelten, trifft auch die Kritik nicht zu. [28]
So kann sich in einem Teamprotokoll eine Person auf die Gesprächsführung und die zweite Person auf Notizen konzentrieren. Die Protokollierungslast ist geringer, wenn es bei einem Protokoll insbesondere darum geht, Notizen möglichst so zu verfassen, dass sich Informationen aus dem Gedächtnis gut rekonstruieren lassen und nur einzelne Wörter oder Sätze wörtlich mitgeschrieben werden sollen. Die Ablenkung der Interviewten durch Protokollierung ist auch dann gering, wenn es sich um kurze Telefoninterviews handelt, wobei die mit Kopfhörern ausgestattete interviewende Person unmittelbar im Computer notiert. Dies setzt entsprechend schnelle Tippfähigkeiten voraus. [29]
Die wichtigere Frage ist, ob sich Interviewte anders äußern, wenn das Gespräch protokolliert statt aufgenommen wird. [30]
AutorInnen mehrerer methodischer Artikel schätzen die störende Wirkung eines Aufnahmegeräts während des Interviews als eher gering ein. Schon FLICK (1991, S.161) argumentierte, dass Aufzeichnungen in vielen Institutionen "etwa zu Supervisionszwecken zum Alltag" gehörten und daher nicht als störend empfunden würden.6) MEY und MRUCK (2010, S.431) führen dies auch auf die mittlerweile kleinen Aufzeichnungsgeräte zurück. FLICK verweist aber auch darauf, dass nicht auszuschließen sei, dass "die Äußerungen der Beteiligten von der Tatsache ihrer Aufzeichnung beeinflusst sind" (1991, S.161). MEY und MRUCK weisen darauf hin, dass das Gerät ausgeschaltet werden könne, wenn die Unsicherheit im Interviewverlauf nicht nachlasse. [31]
Auf der Basis eigener Erfahrungen verweisen RUBIN und RUBIN (2005, S.100) darauf, dass Interviewte durch Aufzeichnungen durchaus unterschiedlich beeinflusst würden: Einige reagierten schüchtern und zögerlich, andere sprächen ihnen wichtige Antworten explizit ins Mikrophon und fühlten sich versichert, dass ihre Antworten nicht falsch zitiert würden. Als wichtigsten Nachteil einer Aufzeichnung bezeichnen GLÄSER und LAUDEL (2009, S.157), dass Befangenheit entstehe und die interviewte Person aufgrund der Präsenz eines Aufzeichnungsgerätes evtl. Informationen zurückhalten könnte. [32]
Darauf deuten auch Postskripte hin. Darin sind oft für die Fragestellung relevante Aussagen dokumentiert, die erst nach dem Ausschalten des Recorders getroffen wurden. Es ist eine offene Frage, ob diese Informationen in einem protokollierten Interview bereits zu einem früheren Zeitpunkt zur Sprache gekommen wären. Gerade bei Angehörigen von hierarchischen Organisationen kann eine Aufzeichnung besondere Vorsicht hervorrufen. Selbst wenn Anonymität zugesichert wird, kann eine hierarchisch untergeordnete Person befürchten, dass sie durch Insiderwissen in der Organisation identifizierbar und sanktionierbar ist. [33]
Behördenmitarbeitende kennen Interviews nicht überwiegend durch Supervision, sondern durch die Medien, in denen unbedachte Äußerungen mitunter zu einer Skandalisierung herangezogen werden. Sie sind deshalb oft stark darauf bedacht, ihre Arbeit so darzustellen, dass sie z.B. die geltende Rechtslage widerspiegelt. In aufgezeichneten Interviews werden Worte deshalb vorsichtig gewählt, während nicht aufgezeichnete Gespräche ein freieres Sprechen erlauben, sodass hier wiederum die in §24 bereits angesprochene deniability eine Rolle spielt: "They can always say 'I never said that' if they feel they need to, and there is no proof that they did" (RUBIN & RUBIN 2005, S.100). [34]
Auch bei nicht sensitiven Themen kann eine Protokollierung Vorteile mit sich bringen. Wenn gestresste Interviewte zu einem komplexen Thema interviewt werden – z.B. zu bürokratischen Abläufen, die sich im Zeitverlauf geändert haben – verhaspeln sie sich manchmal, machen Fehler und korrigieren sich sofort oder an späterer Stelle im Interview. Selbstverständlich sollten sorgfältige Vorbereitungen die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass ein Interview in einer Stresssituation oder mit zu wenig Zeit geführt wird. Aber das ist nicht immer möglich oder von den Interviewenden vorhersehbar. In solchen Fällen entstehen chaotische Transkripte. Trotzdem kann den Interviewenden am Ende des Interviews der zu ermittelnde Ablauf durchaus so klar geworden sein, dass sie ihn selbst in Worte fassen können. In einem solchen Fall geht es um explizit beabsichtigte Botschaften, z.B. über einen typischen Ablauf, die durch eine Protokollierung günstiger erfasst werden als durch wörtliche Transkription. [35]
2.3.4 Qualität der Dokumentation
Während WITZEL (2000, §7) davon ausgeht, dass die Aufnahme und Transkription eine "authentische und präzise Erfassung des Kommunikationsprozesses" erlaube, wird dies in der methodischen Literatur, die den Konstruktionscharakter von Transkriptionen betont (DAVIDSON 2009) mittlerweile zumeist infrage gestellt. Die Aufnahme und vollständige Transkription eines qualitativen Interviews hält allerdings gegenüber dem Protokoll mehr verbale Informationen fest und weist weniger interpretierende Elemente auf: Es ist zwar unvermeidbar, dass Transkriptionen manchmal Lücken und falsch verstandene Wörter enthalten. Aber im Wesentlichen erlauben sie auch Dritten, Interviews nachzuvollziehen, zumal wenn auf den Audiomitschnitt zurückgegriffen werden kann (KVALE & BRINKMANN 2009, S.178-179) und mittels eines Postskripts relevante Kontextinformationen hinzufügt werden. Ein Mitschnitt hat gegenüber dem Protokoll den Vorteil, dass auch die Aussagen schnell sprechender InterviewpartnerInnen vollständig festgehalten werden können und dass Passagen zum Ende eines Interviews, wenn die Konzentrationsfähigkeit der Zuhörenden nachgelassen hat, noch einmal vollständig abgehört werden können (PATTON 2002, S.380). [36]
Wenn es um die möglichst authentische Aufzeichnung des Gesagten geht, ist die Verschriftlichung einer Audioaufnahme dem Protokoll überlegen. Genaue Simultanprotokolle sind heute insbesondere mit dem Rückgang stenografischer Kompetenzen fast unmöglich, und Gedächtnisprotokolle bleiben immer unvollständig. Zuhörende vergessen exakte Formulierungen schnell. Das aktive Zuhören kann Erinnerungen nicht nur verfälschen, sondern wirkt auch als selektiver Filter, vor allem wenn sie vordergründig für Thema und Zweck des Interviews nicht relevant erscheinen (KVALE & BRINKMANN 2009, S.179). [37]
Der Vorteil der Transkription gegenüber dem Protokoll ist desto größer, je länger das Gespräch dauert: Bei kurzen z.B. telefonischen Gesprächen und unmittelbarer Protokollierung ist der inhaltliche Verlust geringer als bei langen Gesprächen. Außerdem ist die Verzerrungs- und Filterwirkung im Hinblick auf forschungsrelevante Inhalte bei einem Teamprotokoll geringer als bei einem Einzelprotokoll. [38]
Die mit Protokollen verbundenen weiteren Interpretationsschritte (GLÄSER & LAUDEL 2009, S.157) sollten zusätzlichen Prüfungen unterworfen werden, d.h., der Prozess der Aufbereitung und Auswertung sollte "eben 'kontrolliert' und 'systematisch' erfolgen und nicht der jeweiligen Erinnerungsleistung des Interviewers bzw. Protokollanten geschuldet sein" (LIEBOLD & TRINCZEK 2009, S.40). Dies ist u.E. besonders dann sinnvoll, wenn die Interviewten als Subjekte mit ihren Deutungen im Zentrum der Betrachtung stehen. Eine Aufnahme und zumindest teilweise Wort-zu-Wort-Transkription ist angezeigt, um
"die Triftigkeit ihrer Aussagen überzeugend am Material [zu] demonstrieren. Eine Interpretation muss für die Leser zwingend und nachvollziehbar sein, d.h., die Leser werden in den Interpretationsprozess einbezogen und durch ihn hindurchgeführt; sie sollen im Idealfall den im Text dargestellten Erkenntnisprozess des Forschers selbst durchlaufen" (BERGMANN 2009, S.500-501). [39]
Wird das Interview jedoch als InformantInneninterview geführt, ist das nicht so eindeutig. Bei klar umrissenen Fragen zum eigenen Handlungs- und Beobachtungsfeld birgt eine Aufnahme und Transkription die Wahrscheinlichkeit, dass Datenmaterial generiert wird, aber weitgehend ungenutzt bleibt. Ein Ergebnisprotokoll beinhaltet zudem – über Rückfragen im Interview hinaus – eine zusätzliche Möglichkeit einer kommunikativen Validierung durch die Interviewten (WITZEL 2000, §16): Die Forschenden schreiben auf, wie sie die dargestellten Aspekte verstanden haben. Dies ist natürlich auch bei Aufnahme und Transkription möglich, erfordert aber einen zusätzlichen Analyseschritt.7) Die InterviewpartnerInnen erhalten die Chance, das im Protokoll dargestellte Verständnis zu korrigieren und zu ergänzen. [40]
Sofern einer Aufzeichnung zugestimmt wurde und keine negative Auswirkung auf Gesprächsinhalte zu erwarten ist, kann sie zusätzlich als Hilfe angefertigt werden, um bei lückenhaften Notizen und Erinnerungen einzelne Passagen vor der Protokollierung anzuhören, ggf. wörtliche Zitate ausführlicher in ein Protokoll einfügen zu können oder bei unterschiedlichem Verständnis bei einem Teamprotokoll einen Interviewauszug nachzuhören. Jedoch bleibt das Protokoll das Hauptdatenmaterial, mit dem im Forschungsprozess weitergearbeitet wird. [41]
2.3.5 Zusammenfassende Wertung
Werden in der Methodenliteratur Argumente für und wider eine Protokollierung erörtert, fällt die Bilanz meist zugunsten der Aufnahme und Transkription und gegen eine Protokollierung aus. So resümieren z.B. GLÄSER und LAUDEL (2009, S.158), dass die Wahrscheinlichkeit bedeutender Informationsverluste schwerer wiege als das Risiko einer befangenen Gesprächssituation und halten demnach eine Tonaufzeichnung für unverzichtbar. Wir bezweifeln nicht, dass für viele Forschungsfragen eine Aufnahme und Transkription nötig oder zumindest die bessere Dokumentationsform ist. Nach differenzierter Betrachtung im Anschluss an unsere Überlegungen müssen wir allerdings auch feststellen, dass dies nicht für alle Forschungsfragen gilt.
Forschende können bei einer sensiblen Forschungsfrage zu der Einschätzung kommen, dass ein Gedächtnisprotokoll – auch wenn es nicht alles und nicht exakt im Wortlaut wiedergibt – wichtigere Erkenntnisse erbringt als ein aufgezeichnetes und transkribiertes Interview. Das kann daran liegen, dass relevante GesprächspartnerInnen sich für eine Aufzeichnung nicht zur Verfügung stellen oder dass sie bei Zustimmung zu einer Aufzeichnung weniger offen berichten als bei einem aufgezeichneten Gespräch.
InterviewpartnerInnen stehen nicht nur als Befragte mit ihren subjektiven Sichtweisen im Mittelpunkt der Analyse. Kultur-, ereignis- und prozessbezogene wie auch quantitative Informationen können Gegenstand eines Interviews sein, wobei in diesem Fall die InterviewpartnerInnen als InformantInnen befragt werden. Es geht dann weniger darum, was die interviewte Person implizit "zwischen den Zeilen" über ihre Handlungsorientierungen oder Deutungsmuster offenbart, sondern um das, was sie explizit als subjektiv gemeinten Sinn kommunizieren will, oder, wie LOUBERE (2017, §14) es ausdrückt, "to achieve a useful and trustworthy understanding of what people actually mean". Ein paraphrasierendes Protokoll legt das Verständnis offen, das die Interviewenden von einem Gegenstand haben, und ermöglicht durch Gegenlesen eine Überprüfung und Bestätigung, ob der subjektiv gemeinte Sinn erfasst wurde oder nicht. Wenn ein hinreichend differenziertes paraphrasierendes Protokoll ohne Aufnahme und Transkription möglich ist, ist der Aufwand für diesen Zweck überflüssig.
Bei kurzen telefonischen Interviews fällt der Nachteil des Informationsverlustes so gering aus, dass der Vorteil einer potenziell höheren Teilnahmequote je nach Fragestellung höher ausfallen kann. [42]
Wenn aber Protokolle in bestimmten Fällen das Mittel der Wahl sind, sollten auch methodische Ansprüche an Protokolle diskutiert und reflektiert werden. [43]
Im Folgenden werden zwei Protokollformen vorgestellt, die wir in Studien genutzt haben. Wir stellen vor, warum das Verfahren der Protokollierung gewählt und was zur Qualitätssicherung getan wurde, und welche Erfahrungen wir damit gemacht haben. Die Ausführungen schließen mit einem kurzen Resümee zu sinnvollen Anwendungsfeldern und wünschenswerten Maßnahmen zur Qualitätssicherung für den jeweiligen Typ von Interview. [44]
3.1.1 Ziel und Forschungsdesign der Studie zu Schulanmeldungsmöglichkeiten für Kinder ohne gültige Aufenthaltspapiere
In einer Studie zur Schulanmeldung wollten wir überprüfen, inwiefern das Recht auf Bildung für alle Kinder unabhängig vom Aufenthaltsstatus umgesetzt wird, also auch für Kinder ohne gültige Aufenthaltspapiere (Papierlose)8) (FUNCK, KARAKAŞOĞLU & VOGEL 2015). Dieser Rechtsanspruch auf Beschulung ist nicht nur durch die internationale Kinderrechtskonvention geboten. Er wurde auch 2011 auf nationaler Ebene durch eine Änderung im Aufenthaltsgesetz bekräftigt. Schulen wurden von behördlichen Übermittlungspflichten befreit, damit auch papierlose Kinder ohne Angst vor Aufdeckung des fehlenden Status eine Schule besuchen können (S.11). Weitere Handlungsbedarfe wurden auf politischer Ebene nicht mehr gesehen. Jedoch wurde uns von MitarbeiterInnen in NGOs von Fällen berichtet, in denen Schulen nicht bereit waren, papierlose Kinder aufzunehmen. Wir wollten zunächst herausfinden, ob es sich um Einzelfälle handelt oder die Nichtaufnahme von Kindern ohne Papiere in Schulen ein flächendeckendes Problem darstellt, womit sich eine quantitative Frage stellte. Wenn Letzteres der Fall war, wollten wir darüber hinaus wissen, wodurch der Schulbesuch verhindert wird, also eine qualitative Frage. [45]
Wer diese Fragen beantworten will, sieht sich vor mehrere methodische Probleme gestellt, insbesondere durch die Sensibilität des Themas, die relative Seltenheit von Kindern ohne Papiere und die Vielfalt der Schulformen und Schulpolitiken in den Bundesländern. Entwickelt wurde schließlich ein Design zur telefonischen Befragung an 100 öffentlichen Grundschulen in 22 Städten im ganzen Bundesgebiet9) mit einem Leitfaden, der drei einfach formulierte, geschlossene Fragen enthielt und gleichzeitig die Möglichkeit für Erläuterungen, Kommentare und Rückfragen zuließ (s.u.). Grundschulen wurden ausgewählt, weil es sie im gesamten Bundesgebiet gibt, während die Vielfalt der Schulformen im Sekundarbereich eine Auswahl vergleichbarer Schulen in unterschiedlichen Bundesländern erschwert hätte. [46]
Eine Befragung an Schulen wurde angestrebt, weil uns im Vorfeld von NGOs berichtet wurde, dass Eltern ohne Papiere in Schulen nachfragen oder von Vertrauenspersonen – häufig telefonisch – nachfragen lassen, ob eine Schulanmeldung für ihr Kind möglich ist. Mit einer telefonischen Befragung wollten wir daher Personen erreichen, die auch in der Realität mit vergleichbaren Anfragen konfrontiert werden. Zielperson war die Person, die sich zutraute, die Fragen zu beantworten. Das konnte bereits die Schulsekretärin sein, die den Anruf entgegennahm.10) Diese konnte jedoch auch an die Schulleitung oder an eine andere Stelle verweisen, die dann ebenfalls kontaktiert und so zur nächsten Zielperson für die betreffende Schule wurde. In manchen Schulen war das erste Telefonat erfolgreich, in anderen Schulen wurden bei Verweisen auf andere Zeiten oder Personen mehrere Telefonate geführt. [47]
Die Gespräche, die im Rahmen der Studie geführt wurden, waren InformantInneninterviews: Die Interviewten wurden befragt, weil sie über lokales Wissen sowie Handlungsroutinen und -orientierungen Auskunft geben sollten. Der erste Kontakt fand mit Sekretärinnen oder Schulleitungen statt, SchulrätInnen wurden dann befragt, wenn an sie weiter verwiesen wurde. Es kann davon ausgegangen werden, dass SchulrätInnen nicht notwendigerweise besser informiert sind als SekretärInnen, welche Praxen in den Schulen einer Stadt vorherrschen, wohl aber darüber, welche Praxen vorherrschen sollten. [48]
Der Leitfaden war folgendermaßen aufgebaut: Eine kurze standardisierte Einführungssequenz machte die forschende Institution und das Anliegen transparent und kündigte drei Fragen zur Schulanmeldung in nicht alltäglichen Fällen an, die in drei bis fünf Minuten beantwortet werden könnten. Danach wurden einige Angaben zur Person abgefragt, falls diese nicht schon im Gesprächsverlauf deutlich geworden waren. [49]
Die drei Fragen an das Schulpersonal führten vom Allgemeinen zum Besonderen: Zunächst sollte das Schulpersonal mit einer möglichst leicht zu beantwortenden Frage zur Kooperation motiviert werden, um dann mit den spezifischeren Fragen fortzuführen. Die Fragen lauteten:
Eine Familie will aus einem anderen Bundesland in die Nähe Ihrer Schule umziehen. Die Mutter erkundigt sich vorab, was sie für die Schulanmeldung ihres Sohnes braucht. Welche Dokumente muss sie mitbringen?
Ein Vater hat seine sechsjährige Tochter aus dem Ausland nachgeholt. Für die Tochter hat er noch keine Meldebestätigung. Er möchte das Kind schon an Ihrer Schule anmelden. Ist das möglich?
In einem Kindergarten in Ihrem Schulbezirk ist ein Kind, das ohne den erforderlichen Aufenthaltsstatus – also illegal – in Deutschland lebt. Die Erzieherin möchte wissen, ob das Kind in Ihrer Schule eingeschult werden kann. Ist das möglich? [50]
Die Fragen waren also so gestellt, dass die Interviewten einfach mit Ja oder Nein antworten konnten. Die Antworten konnten aber auch erläutert und kommentiert werden. Die Interviewerin konnte dann Rückfragen stellen. Die geschlossene Frage sollte für eine Mindestabschätzung der Problematik genutzt werden. Die Erläuterungen und Kommentare sollten Hinweise auf Hindernisse für eine Einschulung von Kindern ohne Papiere bieten. [51]
3.1.2 Aufnahme und Transkription versus Simultanprotokollierung
Nach der Entscheidung über das grundlegende Forschungsdesign musste festgelegt werden, ob die Telefonate aufgenommen und transkribiert oder simultan protokolliert werden sollten. In Tabelle 1 stellen wir die erwarteten Vor- und Nachteile einer Aufnahme und Transkription und einer Simultanprotokollierung am Telefon gegenüber.
Aufnahme und Transkription
Transkriptionszeit von ca. 40 Stunden11); Kosten für Transkription; Verfügbarkeit erst nach der Transkription
Protokoll unmittelbar beim Interview; kurze Nachbereitungszeit; unmittelbare Verfügbarkeit nach Interviewdurchführung und Protokollierung
Vorteil Protokoll: Zeit- und Kostenersparnis im Umfang der Transkriptionszeit und -kosten
Qualität des Samples: Rücklaufquote
Erwartung, dass Sekretariate Teilnahme häufig ablehnen oder weiterverweisen statt direkt Auskunft zu geben, wie sie es bei Elternanrufen tun würden; geringere Teilnahmebereitschaft
Erwartung, dass Sekretariate und Schulleitungen häufiger direkt antworten und damit eine höhere Teilnahmebereitschaft
Vorteil Protokoll:
Höhere Rücklaufquote und geringere Verzerrung der Zusammensetzung der Interviewten
Qualität des Interviews
Erwartung eines gehemmteren Antwortverhaltens und vorsichtigerer Wortwahl aus Angst vor Sanktionen wegen unbedachter Bemerkungen
Erwartung eines offeneren Antwortverhaltens
Geringere Verzerrung, weil Angst vor Sanktionen weniger relevant ist
Hohe Genauigkeit der Wiedergabe des Gesagten
Größeres Risiko von Lücken und Missverständnissen, da Dokumentation abhängig vom Sprechtempo der Interviewten, Notiz- und Erinnerungsfähigkeiten der Interviewenden
Vorteil Transkription:
Umfassendere und genauere Dokumentation von Gesprächen
Tabelle 1: Beurteilung der Dokumentationsmethoden für eine telefonische Kurzbefragung zur Schulanmeldung [52]
Die Entscheidung gegen eine Aufnahme und Transkription war im Falle unserer Studie in erster Linie durch die Erwartung beeinflusst, dass die Qualität des Samples und die Qualität der Interviews leiden würden. Aufgrund der Erfahrung aus informellen Vorgesprächen mit SchulmitarbeiterInnen erwarteten wir, dass viele Schulsekretariate den Eltern unbefangen geantwortet hätten. Wäre jedoch eine Studie mit Bitte um Erlaubnis einer Audioaufzeichnung angekündigt worden, hätten diese vermutlich unmittelbar an die Schulleitung weiterverwiesen oder die Befragung abgelehnt. Außerdem erwarteten wir eine erhöhte Ablehnungsquote und besondere Vorsicht bei den Formulierungen. Die Vorteile der Aufnahme und Transkription für die Qualität der Dokumentation schienen uns dagegen weniger ins Gewicht zu fallen, vor allem da die Interviews in der Regel sehr kurz sein würden. Um die Nachteile möglichst gering zu halten, wurden Maßnahmen zur Qualitätssicherung durchgeführt. [53]
Dita VOGEL führte mit Studierenden des Studiengangs Erziehungswissenschaften eine Pilotstudie durch. Für Zwecke dieses Aufsatzes ist es bedauerlich, dass eine Interviewaufnahme und ein protokolliertes Interview nicht vergleichend getestet wurden, da die grundsätzliche Durchführbarkeit der Methode im Vordergrund stand.12) Allerdings führten die Studierenden die Gespräche teilweise als Zweier-Team- und als Einzelinterviews durch. Sie stellten eine hohe Notizenübereinstimmung bei Teaminterviews fest und führten dies auf die Kürze der Gespräche zurück, sodass nach Einschätzung der Studierenden keine Qualitätseinbuße durch Einzelinterviews gegeben war. [54]
Barbara J. FUNCK führte in der Hauptstudie alle Interviews durch. Sie war mit einem Headset ausgestattet, sodass sie beide Hände frei hatte, um möglichst alles wörtlich in den virtuellen Fragebogen eingeben zu können ("Computer-Assisted Telephone Interviewing", s. ENGEL, PÖTSCHKE & SIMONSON 2005, S.1217). Die Fähigkeit zu schnellem Blindschreiben war dabei unerlässlich.13) FUNCK bereitete sich auf die Befragung mit mehreren Testinterviews vor und übte das computergestützte Protokollieren der Antworten. [55]
Sie dokumentierte die Antworten durch Ankreuzen und protokollierte während des Interviews in den Freifeldern teils in Stichworten, teils im Wortlaut. Da der Inhalt wesentlich war, wurden beim Protokollieren z.B. Wiederholungen ausgespart. Wenn sie sich nicht sicher war, ob sie eine Erläuterung richtig verstanden oder die befragte Person in kurzer Zeit viele Aussagen gemacht hatte, die für das Forschungsanliegen relevant schienen, stellte sie Rückfragen ("Habe ich richtig notiert/verstanden, dass ..."). Gegebenenfalls wurde weiter ergänzt oder korrigiert. Insofern fand eine kommunikative Validierung des Protokolls noch direkt am Telefon statt. Außerdem war während der Befragungsphase zeitweise eine der Projektleiterinnen (VOGEL) anwesend. [56]
Nach jedem Interview wurde die Mitschrift unmittelbar im Anschluss nachbearbeitet, d.h. es wurden Sätze vervollständigt und z.B. Tipp-, Grammatik- oder Zeichenfehler korrigiert. Besondere Formulierungen wurden wörtlich übernommen und durch Anführungszeichen kenntlich gemacht. Konnte der Wortlaut nicht exakt wiedergegeben werden, wurde indirekte Rede verwendet. [57]
Die Erfahrungen mit der Methode der Simultanprotokolle kurzer Telefoninterviews waren insgesamt positiv. Eine Ausschöpfungsquote von 73% konnte erzielt werden. 137 Schulen mussten kontaktiert werden, um die gewünschte Zielgröße zu erreichen. In immerhin 29% der Fälle wurden die Fragen direkt von Schulsekretärinnen beantwortet und nicht an die Schulleitung oder höherrangige Stellen weiterverwiesen (FUNCK et al. 2015, S.22-23). [58]
Lediglich 10% der Befragten beschränkten sich im Wesentlichen auf eine Beantwortung der kurzen geschlossenen Fragen. In den übrigen Fällen nutzten sie die Gelegenheit zur Erläuterung und Kommentierung in z.T. bemerkenswerter Offenheit. So berichteten zwei Schulleitungen nach Rückversicherung zur Anonymität der Angaben von Erfahrungen mit der Aufnahme papierloser Kinder. Einige Teilnehmende zeigten ihre Unsicherheiten im Umgang mit der Schulaufnahme: "Oh Gott! Das hatten wir noch nie! Ich würde mich informieren bei der Bildungsbehörde." Bei anderen wurden unzutreffende und den Schulbesuch gefährdende Rechtsvorstellungen deutlich, so zum Beispiel die irrtümliche Annahme, dass es erlaubt oder sogar geboten sei, die Polizei zu informieren: "Vom Menschlichen her würde ich das Kind anmelden, aber wenn es illegal ist, muss ich die Polizei fragen". Es konnten aber auch Begründungen aufgezeigt werden, wie sie nach geltendem Recht wünschenswert wären: "Es darf nicht an Papieren scheitern, wir haben das Kind aufzunehmen. Bildung darf nicht verwehrt werden". Äußerungen mit deutlich ablehnender Haltung, die sich auch in der Ausdrucksweise widerspiegelte, wurden ebenfalls dokumentiert: "Das [gemeint ist die Schulanmeldung eines papierlosen Kindes] geht gar nicht, no go, no go, würde ich da sagen! (lacht) Und da würde ich schon mal das Hirn der Erzieherin hinterfragen. Also so was! (lacht)". [59]
Die Qualität der Dokumentation schätzen wir bei diesen kurzen Zitaten als hoch ein. Längere Erläuterungen konnten nicht wörtlich übernommen werden. Bei der Durchsicht der Freitexteingaben gab es einige Fälle, in denen so wenig dokumentiert war, dass keine eindeutige Kodierung möglich war. Es gab auch einige Fälle, in denen die GesprächspartnerInnen schnell und viel geredet haben, sodass die Dokumentation unvollständig war und sich auf die für die Fragestellung wichtigsten Aspekte beschränkt hat. In solchen Fällen ist nicht auszuschließen, dass eine Aufnahme und Transkription weitere für die Fragestellung interessante Begründungen zutage befördert hätte, die beim Simultanprotokollieren übergangen wurden. Es ist aus unserer Sicht aber sehr wahrscheinlich, dass ein Aspekt, der wichtig ist, auch in einem anderen, besser dokumentierten Fall gefunden und für das qualitative Ergebnis der Studie dokumentiert werden konnte. Insgesamt halten wir also die Qualität der Dokumentation für ausreichend für den Zweck der Studie. Auch im Nachhinein halten wir die Wahl der Dokumentationsmethode für gerechtfertigt. [60]
Im März 2008 hat das Diakonische Werk Hamburg in Kooperation mit der Nordelbischen Kirche und der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di die Studie "Lebenssituation von Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere in Hamburg" in Auftrag gegeben, die 2009 abgeschlossen und veröffentlicht wurde (DIAKONISCHES WERK HAMBURG 2009). Mit dieser Studie sollten Handlungs- und Hilfebedarfe ermittelt und empirische Hinweise auf die Auswirkungen von Maßnahmen auf die Lebenssituation von Papierlosen dargestellt werden. Im Rahmen dieser Studie hatten Dita VOGEL und Manuel AßNER (2009) am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) eine Teilstudie übernommen, über die im Folgenden berichtet wird. [61]
3.2.1 Ziele und Design der Teilstudie zur Zahl der Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere in Hamburg
Vor Durchführung der Studie umfassten die in der Presse genannten Zahlen zum Umfang der papierlosen Bevölkerung in Hamburg eine sehr weite Spanne zwischen 10.000 und 100.000 Menschen (BLASBERG & BLASBERG 2007). Für keine Zahl gab es dokumentierte, nachvollziehbare Begründungen. Vor diesem Hintergrund hatte die HWWI-ForscherInnen den Auftrag, die Größe der papierlosen Bevölkerung genauer und nachvollziehbar abzuschätzen, da bei Maßnahmenvorschlägen immer auch die Frage gestellt wird, wie viele Menschen denn davon betroffen sein könnten. [62]
In Studien über andere Städte wurden ebenfalls Zahlen genannt, aber eine fundierte Schätzung der Anzahl der Menschen ohne Papiere war in keiner Studie enthalten. Im Ausland angewendete Methoden, die JANDL (2008, 2011) in einem umfassenden Überblick beschrieben hat, ließen sich überwiegend nicht anwenden (CYRUS 2008).14) Daher erforderte die Schätzung umfangreiche theoretische und methodische Vorüberlegungen, die schließlich zur Entwicklung einer als "Logicom"-Methode bezeichneten Abschätzung von Ober- und Untergrenzen führten (VOGEL & AßNER 2009, S.44).15) [63]
In diesem Rahmen wurden auch Gespräche mit ExpertInnen geführt, um zu klären, welche Daten verfügbar sind bzw. zur Verfügung gestellt werden können, wie sie im Arbeitsablauf entstehen und was bei der Interpretation zu beachten ist. Gespräche fanden unter anderem mit Zuständigen in der Bundes- und Landespolizei, der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, der Rückkehrförderung und der Initiative für medizinische Versorgung von Flüchtlingen (Medibüro) statt, weil bei diesen Organisationen nach dem Stand der Forschung zu vermuten war, dass eine Teilgruppe der Bevölkerung ohne gültige Aufenthaltspapiere in ihren prozessproduzierten Individualdaten enthalten war. Jedem Interview lag ein eigener Leitfaden zugrunde. Da es sich um komplexe Sachverhalte handelte, wurde eine Interviewdauer von mindestens einer Stunde anvisiert. [64]
Besonders bei Behörden musste nach den Erfahrungen vorheriger Untersuchungen davon ausgegangen werden, dass die Mitarbeitenden das Thema als außerordentlich sensibel einschätzen. Außerdem wurde damit gerechnet, dass es zu Gruppengesprächen unter Einbeziehung mehrerer Personen mit unterschiedlichem Wissen kommen würde: Dazu gehören zum einen PraktikerInnen mit Detailwissen und zum anderen deren Vorgesetzte mit Überblickswissen. In einer früheren Studie zu einem ähnlichen Thema hatte VOGEL allein Interviews geführt und protokolliert. In einem Fall führte sie unerwartet ein Gruppengespräch mit zehn Personen, von einfacheren PraktikerInnen über Mitarbeitende unterschiedlicher Hierarchieebenen und Funktionskontexte bis zum Zuständigen im Ministerium, obwohl sie mit einem Gespräch mit drei Personen gerechnet hatte.16) Auch aufgrund dieser Erfahrung wurden die Interviews im Vorfeld als Teaminterviews geplant. [65]
Für den Zweck der Studie war es wichtig, dass die Forschenden komplizierte Abläufe und Datenlimitationen, die von den Interviewten dargestellt würden, richtig verstehen und ihr Verständnis anschließend in der Öffentlichkeit ohne Widerruf durch die Interviewten würden vertreten können. Daher war eine Validierung durch die GesprächpartnerInnen geplant. [66]
3.2.2 Aufnahme und Transkription versus paraphrasierende Teamprotokollierung
Wie in der Schulanmeldungsstudie wurden die Interviewten auch für diese Studie als InformantInnen befragt, die über Wissen in einem spezifischen Funktionskontext verfügen. Für diese Gespräche musste eine Dokumentationsform gewählt werden. In Tabelle 2 werden Aufnahme und Transkription einem paraphrasierenden Teamprotokoll gegenübergestellt, das als Ergebnisprotokoll das erlangte Verständnis von Daten, Erhebungsroutinen und -orientierungen zusammenfasst.
Teamprotokollierung
Transkriptionszeit ca. 70 Stunden17); paraphrasierende Zusammenfassung auf der Basis des Transkripts; Verfügbarkeit nach der Transkription: Verfügbarkeit nach der Transkription und Paraphrasierung
Paraphrasierende Zusammenfassung auf der Basis von Notizen und Erinnerungen; Verfügbarkeit nach der Protokollierung
Zeit- und Kostenersparnis im Umfang der Transkriptionszeit und -kosten; keine wesentlichen Zeitunterschiede in der Paraphrasierungszeit
Qualität des Samples
Erwartung, dass Kontaktierte teilnehmen
Erwartung, dass aus Furcht vor öffentlicher Skandalisierung vor allem rechtssichere Auskünfte gegeben werden
Erwartung, dass ausführlich und verständlich erläutert wird, ohne dass Skandalisierung gefürchtet wird
Informationen zur Datenerfassung und Datenverzerrungen und daher höhere Qualität des Interviews für die Fragestellung
Wortgetreue Wiedergabe; möglicherweise schwer verständlich, wenn den Interviewenden z.B. Tabellen zur Visualisierung gezeigt werden
Dokumentation abhängig vom Sprechtempo der Interviewten, Notiz- und Erinnerungsfähigkeiten der Interviewenden und der Aufmerksamkeit der gegenlesenden GesprächspartnerInnen
Umfassende und genaue Dokumentation von Gesprächen, weniger Lücken
Korrektur von Missverständnissen durch Teamprotokoll
Tabelle 2: Beurteilung der Dokumentationsmethoden für ExpertInnengespräche zu Datenspuren irregulärer Migration in Statistiken [67]
Das Teamprotokoll wurde arbeitsteilig erstellt: Eine Person führte das Interview, hielt Blickkontakt zu den Interviewten und notierte nur wenig. Die zweite Person fertigte umfangreiche Notizen an und stellte nur einzelne Rückfragen. Sie erstellte unmittelbar am selben Tag eine erste Fassung des Protokolls, die von der ersten Person am Tag danach überarbeitet wurde. Durch diese unmittelbare Protokollierung sollte eine möglichst gute Erinnerungsleistung erreicht werden. Beide diskutierten das im Änderungsmodus von Microsoft Word überarbeitete Protokoll im Anschluss und erstellten eine gemeinsame Fassung, die den Interviewten zur Überprüfung übermittelt wurde. Rückmeldungen der Interviewten wurden diskutiert und in das Protokoll eingearbeitet. Die kommunikative Validierung durch die GesprächspartnerInnen sollte die Beseitigung eventueller inhaltlicher Missverständnisse ermöglichen und dadurch die Interviewqualität für die Beantwortung der Fragestellung erhöhen.18) [68]
Ausschlaggebend für die Wahl der Protokollierung als Dokumentationsverfahren waren drei Aspekte: Vor allen Dingen wurden ausführlichere und offenere Formulierungen als im Falle einer Aufnahme erwartet, die den Forschenden ein besseres Verständnis der organisatorischen Aktivitäten und der darin entstehenden Daten ermöglichen sollten. Darüber hinaus wurden Zeit und Kosten für die Transkription eingespart und eine paraphrasierende Zusammenfassung unmittelbar auf der Basis von Notizen erstellt. Das war zum einen für den Ablauf der Studie effektiv und ermöglichte zusätzlich, den GesprächspartnerInnen zeitnah ein Protokoll zur Validierung zur Verfügung zu stellen. Da unabhängig von der Dokumentationsmethode eine Validierungsschleife mit den Interviewten geplant war, wurde der Vorteil einer wortgetreuen Wiedergabe des Gesprächs als relativ gering eingeschätzt. Außerdem ist eine Transkription möglicherweise schwer verständlich, wenn etwas auf Tischvorlagen oder Bildschirmen gezeigt wird. Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass eine paraphrasierende thematische Zusammenfassung auf der Basis von Transkripten auf weitere Aspekte aufmerksam gemacht hätte, die bei der notizenbasierten Zusammenfassung aus dem Fokus geraten sind. Durch die Methode des Teamprotokollierens sollte dieser mögliche Nachteil bzw. das Risiko verringert werden, dass inhaltliche Aspekte oder Beobachtungen verlorengehen. [69]
Die Erfahrungen mit dem paraphrasierenden Teamprotokoll waren insgesamt gut. Es konnten vier Einzel- und zwei Gruppeninterviews vereinbart werden. In einem Fall wurde ein Interview unter Verweis auf zeitliche Engpässe abgelehnt, aber eine schriftliche Beantwortung von Fragen zugesagt. Diese enthielt vor allem Rechtsauskünfte und statistische Angaben, sodass angenommen werden kann, dass auch Vorsicht bei der Ablehnung des Interviews eine Rolle gespielt hat. Auf Nachhaken wurden zusätzliche Fragen telefonisch beantwortet. Zumindest in diesem Fall wäre ein transkribiertes Interview mit Sicherheit nicht möglich gewesen. Durch die Rückfragen und das zur Verfügung stellen des paraphrasierenden Protokolls konnte immerhin eine gewisse Sicherheit erlangt werden, dass verfügbare Statistiken sinnvoll interpretiert wurden. [70]
In den übrigen Gesprächen erläuterten die GesprächspartnerInnen Arbeitszusammenhänge und beschrieben die Entstehung von Statistiken offen und ausführlich. Außerdem ließen sie sich darauf ein, paraphrasierende Formulierungen der Forschenden, die nicht aus dem Blickwinkel ihrer Organisation geschrieben wurden, zu überprüfen. Hilfreich war auch, dass sich die GesprächspartnerInnen auf das Besprechen von Beispielfällen eingelassen und in einem Fall die Eingabe von Daten am Computer demonstriert haben. Die Interviews waren ein wichtiger Baustein zur Einschätzung sinnvoller Bezugsgrößen und Verzerrungsrichtungen, die für eine Schätzung nötig waren. [71]
In diesem Beitrag haben wir zu zeigen versucht, warum Protokolle bei manchen Fragestellungen keine Second-Best-Lösung zur Dokumentation der Inhalte von qualitativen Interviews sind, sondern auch das zu bevorzugende Verfahren sein können. Wenn aus Sicht der Kontaktierten potenziell sensible Themen untersucht werden, kann es in Bezug auf die Teilnahmebereitschaft oder Unbefangenheit in der Interviewsituation einen Unterschied machen, ob Interviews aufgezeichnet oder protokolliert werden. Die durch Aufnahme und Transkription ermöglichte genauere Dokumentation ist nicht überlegen, wenn dadurch die am besten geeigneten GesprächspartnerInnen nicht teilnehmen oder nicht über das sprechen, was für die Forschungsfrage interessant ist. [72]
Außerdem können Protokolle das Mittel der Wahl sein, wenn sie mit geringerem Aufwand das gleiche Forschungsziel erreichen, z.B. wenn in InformantInnnengesprächen Informationen zu Routinen und Prozessen erhoben werden sollen. Allerdings bleiben Protokolle eine Second-Best-Lösung, wenn sie für das Forschungsziel nicht adäquat sind, bspw. wenn es um die Befragten selbst geht und ihre subjektiven Überzeugungen im Vordergrund stehen. Eine Beschränkung auf den Einsatz von Protokollen sollte in diesen Fällen vermieden werden. Ein Transkript kann hierbei einen zumindest besseren Ausgangspunkt für weitere Analysen bieten, selbst wenn auch dieses bereits die Interviewsituation selektiv rekonstruiert. [73]
In den beiden vorgestellten Studien (Schulanmeldungsstudie und Statistikstudie) wurde das Verfahren der Protokollierung als First-Best-Lösung gewählt. In beiden Fällen ging es um InformantInnengespräche über sensible Themen (Aufenthalt ohne gültige Aufenthaltspapiere). Bei der Schulanmeldungsstudie war auch von Interesse, was in den Kurzinterviews über die Überzeugungen der Befragten deutlich wurde. Festgehalten und nachvollziehbar wurde dies durch die Notierung wörtlicher Zitate. Bei der Statistikstudie war eine wortgetreue Aufzeichnung von relativ geringem Interesse. Dort wurde ein paraphrasierendes Ergebnisprotokoll erstellt, das den InterviewpartnerInnen zur Verfügung gestellt wurde. Ein solches paraphrasierendes Ergebnisprotokoll hätte auch nach Aufnahme und Transkription erfolgen können – also mit höherem Aufwand an Kosten und Zeit, wobei für die Beantwortung der Forschungsfrage kein Mehrwert erwartet wurde. Im Protokoll, das für die kommunikative Validierung erstellt wird, geht es nicht um die Rekonstruktion der Gesprächssituation, sondern um das auf der Basis des Gesprächs entstandene Verständnis der Forschenden. [74]
Wenn aber Protokolle auch die Dokumentationsform der Wahl sein können, sollte intensiver über methodische Anforderungen nachgedacht werden. In den hier vorgestellten Beispielen wurden unterschiedliche Qualitätssicherungsmethoden eingesetzt: Pilot- und Übungsinterviews, technische Hilfsmittel für Telefonumfragen, Unmittelbarkeit der Verschriftlichung, Interviewführung und Protokollierung im Team, kommunikative Validierung. [75]
Verallgemeinernd lässt sich formulieren, dass Anwendungsbereiche für Protokolle vor allem dann gegeben sind, wenn aufgrund der Sensibilität der Thematik zu erwarten ist, dass Audiomittschnitte die Qualität des Samples und/oder des Interviewverlaufs beeinträchtigen. Protokolle sind eher für InformantInneninterviews als für Befragteninterviews geeignet. Eine wörtliche Mitschrift ist in bestimmten Fällen auch bei Simultanprotokollen möglich, etwa bei telefonischen Kurzinterviews mit einer stark fokussierten Forschungsfrage. Dabei kann in eingeschränktem Umfang auch wörtlich mitgeschrieben werden. [76]
Abschließend kann festgehalten werden, dass Protokolle keineswegs immer nur die zweitbeste Lösung zur Dokumentation qualitativer Interviews sein müssen, sondern sich je nach Forschungsfrage auch als die beste Dokumentationsform herauskristallisieren können. Auch wenn Protokolle zusätzlich unterstützend angefertigt werden, z.B. in Form eines Postskriptums, ist eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung über die Qualität von Protokollen sinnvoll. Diese ist aus unserer Sicht erst ansatzweise erfolgt (z.B. von LOUBERE 2017 im Kontext von Feldforschung), sodass mit diesem Beitrag weitere Diskussionen dazu angeregt werden sollen. Als eine erste Hilfestellung findet sich im Anhang ein Protokollmuster. [77]
Im Begutachtungsverfahren für diesen Aufsatz haben wir mit anonymen GutachterInnen und Mitgliedern der FQS-Redaktion diskutiert, ob wir in unserem Beitrag implizit einer positivistischen Position folgten, insbesondere weil wir den Konstruktionscharakter von Transkripten zunächst vernachlässigt hatten. Deshalb weisen wir darauf hin, dass wir davon ausgehen, dass sowohl Interviewte als auch Interviewende soziale Sachverhalte (re)konstruieren, allerdings nicht in beliebiger Form. Faktizität betrachten wir daher als relevant: "Factuality may be a fiction, but it appears to be a useful one, and attention to how (constructed) facts relate to (constructed) claims and theories is a widely recognized hallmark of good-quality research” (SEALE 2004, S.411). [78]
Wir bedanken uns herzlich bei Mona SCHIELE für die Unterstützung bei der Literaturrecherche und Norbert CYRUS für seine kritischen Anmerkungen und konstruktiven Vorschläge. Außerdem danken wir den anonymen ReviewerInnen und Mitgliedern der FQS-Redaktion für ihre Anregungen, die uns zur grundlegenden Überarbeitung einiger Textteile veranlasst haben. Die Fertigstellung des Textes hat sich verzögert, weil zwischendurch ein Kind geboren und ein Projekt beendet werden musste.
Anhang: Beispiel für einen Protokollaufbau
Kopfzeile: Projekt Protokollierung, I-Nr.1
Protokoll Nr. I-1 mit Mitarbeitenden des [Institution 1] am 17.7.17
Name 1, Geschäftsführerin
Name 2, Assistent der Geschäftsführung
Organisation und Kontaktdaten:
Name 1, Telefonnummer, E-Mail
Name 2, Telefonnummer, E-Mail
Beginn und Dauer des Gesprächs: 10 Uhr, 100 Minuten
Ort des Gesprächs: Institution 1
Protokollierende: Dita Vogel, Barbara Funck
Zum Gesprächsverlauf:
Die Themen des Gesprächs waren vorab per E-Mail kommuniziert worden. Das Gespräch fand im Büro von [Name 1] statt. Frau [Name 1] hat alle Fragen beantwortet und Herrn [Name 2] herangezogen, wenn sie Detailinformationen nicht präsent hatte. Beide GesprächspartnerInnen waren sehr interessiert und kooperativ. Mehrfach wurden Graphiken zur Erläuterung hervorgeholt, die eingescannt und in das Protokoll eingebunden wurden.
Das Gespräch wurde dreimal kurz durch anklopfende Personen unterbrochen, die mit Frau [Name 1] etwas klären mussten. Diese Unterbrechungen konnten für zusätzliche Notizen genutzt werden. Das Protokoll wurde am selben Tag auf der Basis von Notizen von Barbara Funck vorbereitet und am Folgetag von Dita Vogel überarbeitet. Die thematische Gliederung folgt nicht unbedingt dem Gesprächsverlauf. In Fußnoten sind Anmerkungen und Hinweise für Rückfragen aufgeführt, für welche evtl. noch Klärungsbedarf vorliegt.
Zum Hintergrund der GesprächspartnerInnen:
[Name 1] hat Soziologie studiert. Sie arbeitet seit zehn Jahren in [Institution 1], zunächst als Interviewerin, dann als Projektleiterin und seit zwei Jahren als Geschäftsführerin. [Name 2] hat Betriebswirtschaftslehre studiert und nach seinem Studium vor sechs Monaten die Stelle als Assistent der Geschäftsführung angetreten.
Im Interview wurden Kooperationsanlässe und -abläufe der Institution 1 mit anderen Institutionen erörtert.
Kooperationsanlässe mit Institution 2 und typische Abläufe:
Anlass 1: Anlass 1 entsteht vor allem zum Jahresbeginn. Bei Anlass 1 geht die Initiative in der Regel von [Name 1] aus. Dabei wird typischerweise wie folgt verfahren: ...
Anlass 2: Anlass 2 zeichnet sich durch ... aus, wobei die Initiative ausnahmslos von Institution 2 ausgeht. Dabei wird typischerweise wie folgt verfahren ...
Kooperationsanlässe mit Institution 3 und typische Abläufe:
Anlass 1: ...
Anlass 2: …
Anlass 3: …
Schlussvereinbarungen:
Es wurde vereinbart, innerhalb von einer Woche ein Protokoll und ggf. offene Fragen zuzusenden.
1) Der englische Begriff interview protocol kann auch im Sinne eines erweiterten Leitfadens verwendet werden (JACOB & FURGERSON 2012). LOUBERE (2017, §4) nutzt den Begriff "systematic interview report" in einem ähnlichen Sinn, wie wir hier "Protokoll" verwenden. <zurück>
2) Die Kategorien sind an einen klassischen Aufsatz von ZELDITCH (1993, S.121) angelehnt, aber anders sortiert und benannt. <zurück>
3) Bei internetbasierten schriftlichen Interviewformen stellt sich diese Frage nicht (OPDENAKKER 2006, §24). <zurück>
4) Da auch Transkriptionen Interpretationen beinhalten, ist der Einsatz von bezahlten Transkribierenden ein Thema in der qualitativen Literatur, wobei die Rolle von Einweisungen, Qualitätskontrollen, Vertraulichkeitsaspekten und Vorteilen durch die Transkription durch Forschungsbeteiligte diskutiert werden (DAVIDSON 2009, S.43-44). <zurück>
5) Die Erfahrungen stammen aus Projekten von CYRUS und VOGEL (2002) zu Außenkontrollen im Arbeitsmarkt und Arbeitserlaubnisverfahren sowie von VOGEL und AßNER (2009 zur statistischen Erfassung von Vorgängen, bei denen illegaler Aufenthalt eine Rolle spielen könnte. Auch FUNCK (2015) stellte in Erhebungen mit BehördenmitarbeiterInnen fest, dass die heikleren Informationen meist dann gegeben wurden, wenn das Aufnahmegerät bereits ausgeschaltet war. <zurück>
6) LAMNEK (2002, S.190) argumentiert, dass die Vertrautheit der Interviewenden mit Aufnahmen dazu führe, dass Interviewte spätestens nach einer sehr kurzen Anlaufphase diese nicht mehr als irritierend, ungewöhnlich oder gar störend empfänden. Wieso sich eine InterviewpartnerIn mit einer Interviewaufnahme wohler fühlen soll, wenn das Gegenüber damit vertraut ist, erschließt sich uns nicht unmittelbar und wird auch nicht begründet. <zurück>
7) Transkripte sind dafür kaum geeignet, da SprecherInnen Verschriftlichungen "in der Regel nicht als eine korrekte Wiedergabe ihrer gesprochenen Beiträge" (an)erkennen (BREUER 1999, S.251). <zurück>
8) Sie werden hier in Anlehnung an den französischen Begriff "Sans-papiers" als "Papierlose" bezeichnet. Von der europäischen Nicht-Regierungsorganisation PICUM (Platform for International Cooperation on Undocumented Migrants), die sich für die Rechte von Papierlosen einsetzt, werden alternative Bezeichnungen wie "undokumentierte" oder "irreguläre" Migrantinnen und Migranten akzeptiert. Auf die Bezeichnung "illegal" wird verzichtet, da sie oft mit Kriminalität assoziiert werde und Rechtlosigkeit nahelege (PICUM 2017). <zurück>
9) Die Auswahl der Städte sollte eine konservative Schätzung der Zahl der nicht aufgenommenen Kinder ermöglichen. Innerhalb der Städte wurden die Schulen nach einem Zufallsverfahren ausgewählt (FUNCK et al. 2015, S.15). <zurück>
10) An allen kontaktierten Schulen waren die Schulsekretärinnen weiblichen Geschlechts, daher bleibt die Schreibweise in diesem Fall weiblich. <zurück>
11) Bei 100 Gesprächen zu durchschnittlich fünf Minuten und einer Transkriptionszeit der fünffachen Interviewlänge. Als Richtwert für Transkriptionen wird das vier- bis achtfache der Interviewzeit angenommen (KUCKARTZ et al. 2008, S.29). <zurück>
12) Die Pilotstudie zeigte, dass das Timing und der benötigte Zeitaufwand wichtige Faktoren für die Teilnahmebereitschaft waren. Sowohl Sekretariate als auch Schulleitungen konnten zur Teilnahme bewegt werden. Außerdem gab es Hinweise auf besondere Vorsicht vor Beantwortung der Fragen. So wurde z.B. in einigen Fällen um eine Bestätigung durch die Universität mit näheren Informationen zur Studie gebeten. Außerdem gab es deutliche Unterschiede in der Antwortbereitschaft, deren Ursachen unklar blieben, die aber möglicherweise auch auf InterviewerInneneffekte zurückzuführen waren. <zurück>
13) Der Fragebogen war mit der Software Epi-Data programmiert worden, was die Eingabe und einen schnellen Wechsel von Frage zu Frage erleichterte. Wir danken Maximilian TROMMER für die Entscheidungshilfe und Einarbeitungshinweise. <zurück>
14) Z.B. setzt die in den USA gebräuchliche Residualmethode voraus, dass Bevölkerungsdaten für bestimmte Herkunftsländer in der Volkszählung höher sind als in Kontrolldaten, während in Deutschland das Gegenteil der Fall ist. Die in Italien angewendete Centre-Sampling-Methode setzt voraus, dass in Interviews in migrantischen Communities auch ein fehlender Status bei einer Frage nach dem Aufenthaltsstatus zugegeben wird, was nach den Erfahrungen mit qualitativen Interviews in Deutschland unrealistisch ist. <zurück>
15) Im Wesentlichen geht es darum zu verstehen, welche Teilgruppe der Papierlosen in einer Datenbasis erfasst ist und ob sich abschätzen lässt, dass sie im Verhältnis zu einer anderen Gruppe, für die Daten auf hamburgischer Ebene und in der Datenbasis vorliegen, über- oder unterrepräsentiert sind. Dann lässt sich mit einer einfachen Dreisatzrechnung eine Ober- oder Untergrenze errechnen. <zurück>
16) Die wichtigsten Ergebnisse der Interviews sind in Arbeitspapiere und Aufsätze eingeflossen, in denen methodische Aspekte der Interviewdurchführung nicht ausführlich beschrieben wurden (VOGEL 1998, 2000). <zurück>
17) Bei sieben Gesprächen zu durchschnittlich 100 Minuten und einer Transkriptionszeit der sechsfachen Interviewlänge. Als Richtwert für Transkriptionen wird das vier- bis achtfache der Interviewzeit angenommen (KUCKARTZ et al. 2008, S.29). <zurück>
18) Es sei aber an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass dies – abhängig vom jeweiligen Forschungsanliegen – nicht in jedem Fall von Vorteil ist. So können z.B. Aussagen, die getroffen oder Begriffe, die verwendet wurden, revidiert werden, weil sie im Nachhinein von der befragten Person als problematisch oder nicht gesellschaftlich anerkannt eingestuft werden. <zurück>
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Dr. Dita VOGEL forscht und lehrt als Senior Researcher im Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung an der Universität Bremen. Themenschwerpunkt ist der Umgang von Schule und Gesellschaft mit Migration einschließlich irregulärer Migration.
Nach ihrem Studium der Volkswirtschaftslehre (Universität Köln) promovierte VOGEL an der Universität Bremen über fiskalische Effekte von Zuwanderung (1996), wo sie auch von 1989 bis 1997 am Zentrum für Sozialpolitik interdisziplinär forschte. Weitere Stationen in Forschung und Bildung waren die Niederlande-Studien und die interdisziplinäre Bildungs- und Migrationsforschung an der Universität Oldenburg (1998-2007), die Migration Research Group am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (2007-2010) und das Netzwerk Migration in Europa (2011-2013).
FB 12 Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung (AbIB), Unit for Intercultural Education
D‐28334 Bremen
Tel.: 0421‐218‐69122
URL: http://www.fb12.uni-bremen.de/de/interkulturelle-bildung/team/dr-dita-vogel.html
Barbara J. FUNCK, B.A. Sozialwissenschaften, M.A. Sozialpolitik, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung des Fachbereichs Erziehungswissenschaften an der Universität Bremen. Sie promoviert zum Zugang zum Bildungssystem für Kinder und Jugendliche, die neu nach Deutschland gekommen sind oder/und deren Aufenthalt unsicher ist.
Tel.: 0421-218-69128
E-Mail: funck[at]uni-bremen.de
URL: http://www.fb12.uni-bremen.de/index.php?id=4208
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