Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Nachweis_der_Arbeitsunfaehigkeit_bei_Krankheit_im_Ausland_LAG_R-P_11Sa178-10_u.html
Timestamp: 2018-04-26 13:31:40+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 11 Sa 178/10
Schlag­worte: Arbeitsunfähigkeit, Krankheit: Urlaub
Akten­zeichen: 11 Sa 178/10
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Ludwigshafen, Urteil vom 24.06.2010, 4 Ca 2752/09
1.Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Lud­wigs­ha­fen vom 11. März 2010 AZ: 4 Ca 2752/09, wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten zu­letzt über ei­nen Ent­gelt­fort­zah­lungs­an­spruch des Klägers für Au­gust 2009 und die Er­tei­lung ei­ner kor­ri­gier­ten Ab­rech­nung.
Der am 28. Fe­bru­ar 1964 ge­bo­re­ne, ver­hei­ra­te­te und ge­genüber vier Kin­dern zum Un­ter­halt ver­pflich­te­te Kläger ist seit über 25 Jah­ren bei der Be­klag­ten als Hilfs­ar­bei­ter beschäftigt. Sein Brut­to­mo­nats­ent­gelt beträgt 2.000,22 €.
Mit Da­tum vom 15. Ja­nu­ar 2009 be­an­trag­te der Kläger Ur­laub für die Zeit vom 20. Ju­li bis zum 21. Au­gust 2009. Die­ser Ur­laubs­an­trag wur­de von der Be­klag­ten mit der Be­gründung ab­ge­lehnt, in der Fe­ri­en­zeit dürf­ten nur drei Wo­chen Ur­laub ge­nom­men wer­den. Am 8. Ju­li 2009 stell­te der Kläger ei­nen er­neu­ten Ur­laubs­an­trag, dies­mal für die Zeit vom 3. Au­gust bis zum 21. Au­gust 2009. Die­sen lehn­te die Be­klag­te er­neut ab und führ­te zur Be­gründung aus, „laut Ur­laubs­plan und Ar­beits­auf­kom­men“ sei „Ur­laub nicht möglich“. Ei­nen drit­ten Ur­laubs­an­trag des Klägers vom 10. Ju­li 2009 für die Zeit vom 13. Ju­li bis zum 31. Ju­li 2009 ge­neh­mig­te die Be­klag­te.
Zu Be­ginn sei­nes Ur­laubs fuhr der Kläger in sein Hei­mat­land Türkei. Im Au­gust 2009 er­schien er nicht zur Ar­beit. Er leg­te ein At­test des Ata­sa­gun Kran­ken­hau­ses und ei­ne von ihm in Auf­trag ge­ge­be­ne deutsch­spra­chi­ge Über­set­zung vor. Da­nach be­fand er sich in der Zeit vom 27. bis 30. Ju­li 2009 sta­ti­onär im Kran­ken­haus mit dem Be­fund „phe­ri­phe­ri­ge Ver­ti­go, Hy­per­ten­si­on/Kopf­schmer­zen durch star­ke Druck“. Nach der Ent­las­sung wer­den 30 Ta­ge Bett­ru­he emp­foh­len, an­sch­ließend sei der Kläger wie­der ar­beitsfähig. Als Grund des At­tes­tes ist "Ar­beits­unfähig­keit" an­ge­ge­ben.
Die Be­klag­te zahl­te für Au­gust 2009 kei­ne Ent­gelt­fort­zah­lung. Mit Schrei­ben vom 28. Sep­tem­ber 2009 for­der­te der Kläger die Be­klag­te ver­geb­lich zur Aus­zah­lung des Ar­beits­ent­gelts auf.
Im Jahr 2009 war der Kläger in der Zeit vom 19. bis 23. Ja­nu­ar 2009 ar­beits­unfähig. Am 24. Ja­nu­ar 2009 leg­te er ei­ne Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung we­gen ei­ner Fort­set­zungs­er­kran­kung vor, die nach Über­prüfung durch den me­di­zi­ni­schen Dienst der I. S. nur bis zum 23. Ja­nu­ar 2009 an­er­kannt wer­den konn­te. Wei­ter war der Kläger in der Zeit vom 15. bis 19. Ju­ni 2009, 26. Ju­ni bis 3. Ju­li 2009, 21. Sep­tem­ber bis 2. Ok­to­ber 2009 und 1. bis 18. De­zem­ber 2009 ar­beits­unfähig er­krankt.
Von ei­ner wie­der­ho­len­den Dar­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Sach- und Streit­stan­des im Übri­gen wird gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG ab­ge­se­hen und statt­des­sen Be­zug ge­nom­men auf den Tat­be­stand des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Lud­wigs­ha­fen vom 11. März 2010, Az. 4 Ca 2752/09 (Bl. 90 f. d. A.).
1. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihm den Ar­beits­lohn für den Mo­nat Au­gust 2009 in Höhe von 2.000,22 € brut­to zu zah­len,
2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihm für den Mo­nat Au­gust 2009 ei­ne kor­ri­gier­te Ab­rech­nung des Ar­beits­ent­gelts in Text­form zu er­tei­len.
Durch das ge­nann­te Ur­teil hat das Ar­beits­ge­richt Lud­wigs­ha­fen die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Zur Be­gründung hat das Ar­beits­ge­richt – zu­sam­men­ge­fasst – aus­geführt: Der Kläger ha­be kei­nen An­spruch für Au­gust 2009 gemäß § 3 Abs. 1 EFZG. Die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Vor­schrift lägen nicht vor. Der Ar­beit­neh­mer ha­be die krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit nach­zu­wei­sen. Die­sen Nach­weis führe er in der Re­gel durch die Vor­la­ge ei­ner förm­li­chen, ärzt­li­chen Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung im Sinn des § 5 Abs. 1 S. 1 EFZG. Der Kläger ha­be ein ärzt­li­ches At­test vor­ge­legt, die Be­klag­te ha­be des­sen Be­weis­wert je­doch erschüttert. Ers­te Zwei­fel an der ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung ergäben sich auf­grund der im Vor­feld ein­ge­reich­ten Ur­laubs­anträge. Wei­te­re Zwei­fel ergäben sich aus der Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung selbst, aus der dort emp­foh­le­nen 30-tägi­gen Bett­ru­he und dar­aus, dass nach Ab­lauf die­ses Zeit­raums wie­der Ar­beitsfähig­keit be­ste­hen sol­le, oh­ne dass laut At­test ei­ne wei­te­re Kon­troll­un­ter­su­chung statt­fin­den soll­te. Zwar ha­be der Kläger ergänzend vor­ge­tra­gen, dass ei­ne Kon­troll­un­ter­su­chung 10 Ta­ge nach der Ent­las­sung statt­ge­fun­den hätte, die­ser Tag sei je­doch ein Sonn­tag ge­we­sen, zu­dem ha­be er den be­han­deln­den Arzt bei der Kon­troll­un­ter­su­chung nicht be­nannt. Der Kläger ha­be versäumt, im Pro­zess näher zu den Umständen sei­ner Er­kran­kung, die zur Ar­beits­unfähig­keit geführt ha­be, vor­zu­tra­gen und den be­han­deln­den Arzt von sei­ner Schwei­ge­pflicht zu ent­bin­den. Da der Kläger kei­nen Ent­gelt­fort­zah­lungs­an­spruch ha­be, sei die Be­klag­te auch nicht ver­pflich­tet, ihm ei­ne kor­ri­gier­te Ab­rech­nung sei­ner Vergütungs­ansprüche für den Mo­nat Au­gust 2009 zu er­tei­len. We­gen der Ein­zel­hei­ten der erst­in­stanz­li­chen Be­gründung wird ergänzend auf die Ent­schei­dungs­gründe des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Lud­wigs­ha­fen vom 11. März 2010 (Bl. 92 ff. d. A.) Be­zug ge­nom­men.
Das ge­nann­te Ur­teil ist dem Kläger am 19. März 2010 zu­ge­stellt wor­den. Er hat hier­ge­gen mit ei­nem am 16. April 2010 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se mit Schrift­satz vom 26. April 2010, beim Lan­des­ar­beits­ge­richt am 28. April 2010 ein­ge­gan­gen, be­gründet. Zur Be­gründung sei­ner Be­ru­fung macht der Kläger nach Maßga­be des ge­nann­ten Schrift­sat­zes, auf den ergänzend Be­zug ge­nom­men wird (Bl. 123 ff. d. A.) zu­sam­men­ge­fasst gel­tend:
Nach­dem er aus der sta­ti­onären Be­hand­lung ent­las­sen wor­den sei, sei er zu Kon­troll­un­ter­su­chun­gen im Kran­ken­haus ge­we­sen. Im be­han­deln­den Kran­ken­haus in der Türkei würden auch sonn­tags Kon­troll­un­ter­su­chun­gen durch­geführt. Auch an­de­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der sei­en er­krankt und hätten sta­ti­onär bzw. am­bu­lant be­han­delt wer­den müssen.
Er ha­be durch die vor­ge­leg­te ärzt­li­che Be­schei­ni­gung dar­ge­legt, an wel­cher Er­kran­kung er ge­lit­ten ha­be, wel­che Sym­pto­me auf­ge­tre­ten und wer sein be­han­deln­der Arzt ge­we­sen sei. Den be­han­deln­den Arzt Dr. med. I. F. T. ha­be er be­reits erst­in­stanz­lich be­nannt. Der türki­sche So­zi­al­ver­si­che­rungs­träger ha­be ihm die Mit­tei­lung über sei­ne Kran­ken­haus­be­hand­lung vom 11. De­zem­ber 2009 (Bl. 129 ff. d. A.) zur Verfügung ge­stellt. Laut Aus­sa­ge der türki­schen Behörde sei­en der I. S. die Un­ter­la­gen am 11. De­zem­ber 2009 zu­ge­sandt wor­den.
un­ter Abände­rung des am 11. März 2010 verkünde­ten und am 19. März 2010 zu­ge­stell­ten Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Lud­wigs­ha­fen, Az. 4 Ca 2752/09,
1. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, dem Kläger den Ar­beits­lohn für den Mo­nat Au­gust 2009 in Höhe von € 2.000,22 brut­to, zu be­zah­len,
2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, dem Kläger für den Mo­nat Au­gust 2009 ei­ne kor­ri­gier­te Ab­re­chung des Ar­beits­ent­gelts in Text­form zu er­tei­len.
In Er­wi­de­rung auf das Be­ru­fungs­vor­brin­gen des Klägers macht die Be­klag­te nach Maßga­be ih­res Schrift­sat­zes vom 1. Ju­ni 2010, auf den ergänzend Be­zug ge­nom­men wird (Bl. 166 ff. A.), im We­sent­li­chen und zu­sam­men­ge­fasst gel­tend:
Der Be­weis­wert des vom Kläger vor­ge­leg­ten At­tes­tes sei be­reits da­durch erschüttert, dass der Arzt bei Aus­stel­lung ei­nen Krank­heits­zeit­raum von 30 Ta­gen zu­grun­de ge­legt ha­be. Zu die­sem Zeit­punkt sei für den Arzt nicht er­kenn­bar ge­we­sen, ob ei­ne Kon­troll­un­ter­su­chung not­wen­dig sein würde. Ei­ne sol­che sei auch nicht im At­test ver­merkt wor­den.
Selbst wenn auch Fa­mi­li­en­mit­glie­der er­krankt sein soll­ten, sei nicht er­sicht­lich, wie sich ei­ne even­tu­el­le Krank­heit ei­nes an­de­ren Fa­mi­li­en­mit­glie­des auf den Be­weis­wert des At­tes­tes aus­wir­ken könne.
Der I. S. lägen bis da­to kei­ne Un­ter­la­gen bezüglich der Ar­beits­unfähig­keit des Klägers vor.
Aus der Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung ge­he nicht her­vor, ob es sich um ei­ne Erst- oder ei­ne Fort­set­zungs­er­kran­kung han­de­le.
Dass im Ja­nu­ar 2009 ei­ne Er­kran­kung ent­ge­gen der vom Kläger vor­ge­leg­ten Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung nach Über­prüfung durch den me­di­zi­ni­schen Dienst der I. S. nicht ha­be an­er­kannt wer­den können, er­we­cke eben­falls Zwei­fel an der an­geb­li­chen Ar­beits­unfähig­keit des Klägers im Au­gust 2009.
I. Die Be­ru­fung des Klägers ist zulässig. Das Rechts­mit­tel ist an sich statt­haft. Die Be­ru­fung wur­de auch form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet.
1. Der Kläger hat kei­nen An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung für die Zeit vom 1. bis 31. Au­gust 2010 in Höhe von € 2.000,22 brut­to gemäß § 3 Abs. 1 EFZG.
Nach § 3 Abs. 1 EFZG hat ein Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall durch den Ar­beit­ge­ber für die Zeit der Ar­beits­unfähig­keit bis zur Dau­er von sechs Wo­chen, wenn er durch Ar­beits­unfähig­keit in­fol­ge Krank­heit an sei­ner Ar­beits­leis­tung ver­hin­dert ist, oh­ne dass ihn ein Ver­schul­den trifft. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen nicht vor.
Der Ar­beit­neh­mer hat die krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit nach­zu­wei­sen. In der Re­gel führt der Ar­beit­neh­mer die­sen Nach­weis ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber, wie auch vor Ge­richt, durch die Vor­la­ge ei­ner förm­li­chen ärzt­li­chen Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung im Sinn des § 5 Abs. 1 S. 2 EFZG. Die ord­nungs­gemäß aus­ge­stell­te Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung ist der ge­setz­lich aus­drück­lich vor­ge­se­he­ne und in­so­weit wich­tigs­te Be­weis für das Vor­lie­gen krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit. Ei­ner ord­nungs­gemäß aus­gefüll­ten Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung kommt ein ho­her Be­weis­wert zu. Ei­ne ärzt­li­che Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung hat zunächst die Ver­mu­tung der Rich­tig­keit für sich. Ei­ner von ei­nem ausländi­schen Arzt im Aus­land aus­ge­stell­ten Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung kommt im All­ge­mei­nen der glei­che Be­weis­wert zu wie ei­ner von ei­nem deut­schen Arzt aus­ge­stell­ten Be­schei­ni­gung. Die Be­schei­ni­gung muss je­doch er­ken­nen las­sen, dass der ausländi­sche Arzt zwi­schen ei­ne bloßen Er­kran­kung und ei­ner mit Ar­beits­unfähig­keit ver­bun­de­nen Krank­heit un­ter­schei­det und da­mit ei­ne den Be­grif­fen des deut­schen Ar­beits- und So­zi­al­ver­si­che­rungs­rechts ent­spre­chen­de Be­ur­tei­lung vor­ge­nom­men hat (BAG, Urt. v. 20. Fe­bru­ar 1985 - 5 AZR 180/83 - NZA 1985, 737, 738; v. 1. Ok­to­ber 1997 - 5 AZR 499/96 - AP Nr. 4 zu § 5 Ent­geltFG).
Be­ginnt die krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit im Aus­land, so sind für de­ren Nach­weis be­son­de­re Re­ge­lun­gen zu be­ach­ten. Nach § 5 Abs. 2 S. 3, 4 EFZG hat der Ar­beit­neh­mer die Ar­beits­unfähig­keit und de­ren vor­aus­sicht­li­che Dau­er bzw. Fort­dau­er der deut­schen Kran­ken­kas­se an­zu­zei­gen. Ab­wei­chend hier­von be­stimmt für den Fall der Er­kran­kung in der Türkei das Deutsch-Türki­sche Ab­kom­men über die so­zia­le Si­cher­heit, dass der Ar­beit­neh­mer vom Arzt ei­ne Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung auf ei­nem Vor­druck erhält und er sich an den ausländi­schen So­zi­al­ver­si­che­rungs­träger zu wen­den hat. Die nach dem Deutsch-Türki­schen Ab­kom­men über die so­zia­le Si­cher­heit in der Türkei aus­zu­stel­len­den zwei­spra­chi­gen Vor­dru­cke wei­sen un­ter an­de­rem aus, dass „der Ver­si­cher­te Geld­leis­tun­gen be­an­tragt we­gen Ar­beits­unfähig­keit in­fol­ge ... (Krank­heits­be­zeich­nung).“ Der Text macht deut­lich, dass der türki­sche Arzt eben­so wie ein Arzt in Deutsch­land zwi­schen der Er­kran­kung und der zu Ar­beits­unfähig­keit führen­den Er­kran­kung zu un­ter­schei­den hat. Ist das For­mu­lar ord­nungs­gemäß aus­ge­stellt, so ist da­von aus­zu­ge­hen, dass der Arzt in der Türkei die­se Un­ter­schei­dung auch tatsächlich vor­ge­nom­men hat (BAG, Urt. v. 1. Ok­to­ber 1997 – 5 AZR 499/96 – AP Nr. 4 zu § 5 EFZG; v. 19. Fe­bru­ar 1997 - 5 AZR 83/96 - NZA 1997, 652, 653). Der Kläger hat je­doch im Pro­zess le­dig­lich ei­ne Ko­pie des aus­gefüll­ten Vor­drucks nach dem Deutsch-Türki­schen Ab­kom­men für die Dau­er sei­nes Kran­ken­haus­auf­ent­halts vom 27. bis 30. Ju­li 2009, nicht je­doch für Au­gust 2009 vor­ge­legt.
Das Feh­len die­ser förm­li­chen Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung hat aber nicht zur Fol­ge, dass dem Kläger al­lein des­halb kein An­spruch nach § 3 Abs. 1 EFZG zu­steht. Eben­so wie die nicht recht­zei­ti­ge Vor­la­ge der ärzt­li­chen Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung des inländi­schen Arz­tes nur zu ei­nem Zurück­be­hal­tungs­recht nach § 7 Abs. 1 EFZG führt, führt auch die Nicht­ein­hal­tung der Nach­weis­vor­schrif­ten des § 5 Abs. 2 EFZG nur zu ei­nem vorläufi­gen Zurück­be­hal­tungs­recht, nicht aber zu ei­nem endgülti­gen Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht (BAG, Urt. v. 1. Ok­to­ber 1997 – 5 AZR 499/96 – AP Nr. 4 zu § 5 EFZG). Der Ar­beit­neh­mer kann durch an­de­re Be­weis­mit­tel die Tat­sa­che be­wei­sen, dass ei­ne krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit vor­lag (LAG Hamm, Urt. v. 15. Fe­bru­ar 2006 – 18 Sa 1398/05 – zi­tiert nach ju­ris, Rn. 36).
Der Kläger hat nicht be­wie­sen, dass er im An­schluss an die Kran­ken­haus­be­hand­lung ar­beits­unfähig er­krankt war. Zwar hat der Kläger ein im Kran­ken­haus we­gen „Ar­beits­unfähig­keit“ er­stell­tes, nicht vor­ge­druck­tes At­test vor­ge­legt. Die­ses geht von 30 Ta­gen emp­foh­le­ner Bett­ru­he und an­sch­ließen­der Ar­beitsfähig­keit aus. Trotz die­ser vor­ge­leg­ten Be­schei­ni­gung, die nicht not­wen­dig in deut­scher Spra­che ab­ge­fasst sein muss (Gey­er/Knorr/Kras­ney, Stand: Fe­bru­ar 2010, § 5 EFZG Rn. 28; LAG Hamm, Urt. v. 15. Fe­bru­ar 2006 – 18 Sa 1398/05 – zi­tiert nach ju­ris, Rn. 37), können im Ein­zel­fall Zwei­fel an der Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers be­ste­hen. Trägt der hierfür dar­le­gungs­pflich­ti­ge Ar­beit­ge­ber im Streit­fall Tat­sa­chen vor, die zu erns­ten Zwei­feln an ei­ner Ar­beits­unfähig­keit An­lass ge­ben, so kann dies da­zu führen, dass der aus­ge­stell­ten Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung nur noch ein ge­rin­ger oder kein Be­weis­wert mehr zu­kommt (BAG, Urt. v. 21. März 1996 – 2 AZR 543/95 – NZA 1996, 1030, 1031). Das gilt auch für ei­ne im Aus­land in ei­nem Staat, der nicht Mit­glied der Eu­ropäischen Uni­on ist, aus­ge­stell­te ärzt­li­che Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung. Da­bei dürfen an den Tat­sa­chen­vor­trag des Ar­beit­ge­bers kei­ne über­spann­ten An­for­de­run­gen ge­stellt wer­den (Gey­er/Knorr/Kras­ney, Stand: Fe­bru­ar 2010, § 5 EFZG Rn. 40) Ge­lingt ihm die Dar­le­gung von Umständen, die zu ernst­haf­ten Zwei­fel an ei­ner Ar­beits­unfähig­keit An­lass ge­ben, so ob­liegt es dann dem Ar­beit­neh­mer, für die Rich­tig­keit der Ar­beits­unfähig­keit wei­te­ren Be­weis zu er­brin­gen.
Zwei­fel können sich aus der Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung selbst oder den tatsächli­chen Umständen ih­res Zu­stan­de­kom­mens, dem Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers vor der Be­schei­ni­gung der Ar­beits­unfähig­keit oder dem Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers nach der Aus­stel­lung der Be­schei­ni­gung er­ge­ben. Wie das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend aus­geführt hat, er­ge­ben sich im vor­lie­gen­den Fall ers­te Zwei­fel dar­aus, dass der Kläger für den über­wie­gen­den Krank­heits­zeit­raum zu­vor zwei­mal er­folg­los Ur­laub bei der Be­klag­ten be­an­tragt hat­te und dass die Ar­beits­unfähig­keit in sei­ner letz­ten ge­neh­mig­ten Ur­laubs­wo­che ein­ge­tre­ten ist. Wei­te­re ers­te Zwei­fel re­sul­tie­ren dar­aus, dass un­strei­tig be­reits im Ja­nu­ar 2009 ei­ne vom Kläger vor­ge­leg­te Fol­ge­be­schei­ni­gung nach Un­ter­su­chung durch ärzt­li­chen Dienst nicht an­er­kannt wor­den ist.
Zwei­fel er­ge­ben sich darüber hin­aus aus der vor­ge­leg­ten Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung selbst. In die­ser ist aus­geführt, dass dem Pa­ti­en­ten während sei­nes Kran­ken­haus­auf­ent­hal­tes vom 27. bis 30. Ju­li 2009 die not­wen­di­ge Be­hand­lung an­ge­wen­det und ab­ge­schlos­sen wur­de. Nach der Ent­las­sung wur­den ihm 30 Ta­ge Bett­ru­he emp­foh­len. An­sch­ließend sei der Kläger wie­der ar­beitsfähig. Un­gewöhn­lich ist in­so­weit ei­ne emp­foh­le­ne 30tägi­ge Bett­ru­he nach ab­ge­schlos­se­ner Be­hand­lung. Zwei­fel er­ge­ben sich wei­ter dar­aus, dass bei ei­ner der­art schwer­wie­gen­den Er­kran­kung, die ei­ne 30tägi­ge Bett­ru­he er­for­dert, kei­ne wei­te­ren Kon­troll­un­ter­su­chun­gen vor­ge­se­hen wur­den. Selbst wenn sich der Kläger zu ei­ner wei­te­ren Kon­troll­un­ter­su­chung zehn Ta­ge nach sei­ner Kran­ken­hau­s­ent­las­sung vor­stell­te, ändert dies nichts dar­an, dass ei­ne sol­che in der ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung nicht vor­ge­se­hen ist. Im Übri­gen er­folg­te die vom Kläger be­haup­te­te Kon­troll­un­ter­su­chung zu ei­nem Zeit­punkt, zu dem dem Kläger noch wei­te­re 20 Ta­ge Bett­ru­he emp­foh­len wa­ren. Zwei­fel be­ste­hen auch des­halb, weil die Be­schei­ni­gung vom 30. Ju­li 2009 be­reits pro­gnos­ti­ziert, dass ge­nau nach dem Ab­lauf von 30 Ta­gen emp­foh­le­ner Bett­ru­he der Kläger wie­der ar­beitsfähig sein würde (vgl. auch LAG Hamm, Urt. v. 8. Ju­ni 2005 – 18 Sa 1962/04 – NZA-RR 2005, 625, 626).
So­weit der Kläger vor­ge­tra­gen hat, auch sei­ne Ehe­frau und sei­ne Töch­ter sei­en in der Türkei er­krankt, ver­mag die­ser Vor­trag die Zwei­fel am Be­weis­wert der ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung nicht zu zer­streu­en. Zum ei­nen ist der Vor­trag des Klägers un­sub­stan­ti­iert, so­weit er sich dar­auf be­schränkt pau­schal zu be­haup­ten, die Ehe­frau und sei­ne Töch­ter sei­en eben­falls er­krankt. So­weit er vorträgt, sei­ne Toch­ter S. sei vom 19. bis 26. Au­gust 2009 sta­ti­onär, sei­ne Toch­ter A. drei Ta­ge ab dem 21. Au­gust 2009 sta­ti­onär be­han­delt wor­den, bei­de we­gen ei­ner schwe­ren In­fek­ti­on, ist zum an­de­ren nicht er­sicht­lich, wel­che Zu­sam­menhänge zwi­schen den deut­lich später auf­ge­tre­te­nen Er­kran­kun­gen der Töch­ter we­gen schwe­rer In­fek­tio­nen und der Er­kran­kung des Klägers mit dem Be­fund „phe­ri­phe­ri­ge Ver­ti­go, Hy­per­ten­si­on/Kopf­schmer­zen durch star­ke Druck“ be­ste­hen sol­len.
Ist es da­her der Be­klag­ten ge­lun­gen, den Be­weis­wert der vor­ge­leg­ten ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung zu erschüttern, muss der Kläger die Ar­beits­unfähig­keit auf an­de­re Wei­se be­wei­sen. Der Kläger hat je­doch nicht im Ein­zel­nen vor­ge­tra­gen, wie sich die von ihm vor­ge­tra­ge­ne Er­kran­kung im Au­gust 2009 geäußert hat, wel­che Be­hand­lun­gen durch­geführt wur­den und auf­grund wel­cher Umstände er durch sei­ne Er­kran­kung an der Er­brin­gung sei­ner Ar­beits­leis­tung ver­hin­dert war. Den ihn be­han­deln­den Arzt hat er nicht von der Schwei­ge­pflicht ent­bun­den, an­de­re Be­weis­mit­tel für das Vor­lie­gen sei­ner Ar­beits­unfähig­keit im Au­gust 2009 hat er nicht an­ge­bo­ten.
Sch­ließlich hat der Kläger nicht dar­ge­legt, dass es sich bei der von ihm be­haup­te­ten Er­kran­kung um kei­ne Fort­set­zungs­er­kran­kung im Hin­blick auf sei­ne Ar­beits­unfähig­keit in den Zeiträum­en vom 19. bis 23. Ja­nu­ar 2009, vom 15. bis 19. Ju­ni 2009 und vom 26. Ju­ni bis 3. Ju­li 2009, für die die Be­klag­te Ent­gelt­fort­zah­lung ge­leis­tet hat, ge­han­delt hat (§ 3 Abs. 1 S. 2 EFZG). Der Ar­beit­neh­mer hat die an­spruchs­be­gründen­den Tat­sa­chen ei­nes Ent­gelt­fort­zah­lungs­an­spruchs dar­zu­le­gen und ge­ge­be­nen­falls zu be­wei­sen. Ist er in­ner­halb der Zeiträume des § 3 Abs. 1 S. 2 EFZG länger als sechs Wo­chen ar­beits­unfähig, muss er dar­le­gen, dass kei­ne Fort­set­zungs­er­kran­kung vor­liegt. Wie­der­hol­te Ar­beits­unfähig­keit in­fol­ge der­sel­ben Krank­heit und da­mit ei­ne Fort­set­zungs­er­kran­kung liegt vor, wenn die Krank­heit, auf der die frühe­re Ar­beits­unfähig­keit be­ruh­te, in der Zeit zwi­schen dem En­de der vor­aus­ge­gan­ge­nen und dem Be­ginn der neu­en Ar­beits­unfähig­keit me­di­zi­nisch nicht vollständig aus­ge­heilt war, son­dern das Grund­lei­den la­tent wei­ter­be­stan­den hat, so dass die neue Er­kran­kung nur ei­ne Fort­set­zung der frühe­ren Er­kran­kung dar­stellt. Da­bei kann das Grund­lei­den ver­schie­de­ne Krank­heits­sym­pto­me zur Fol­ge ha­ben. Wird vom Ar­beit­ge­ber be­strit­ten, dass kei­ne Fort­set­zungs­er­kran­kung vor­liegt, ob­liegt dem Ar­beit­neh­mer die Dar­le­gung der Tat­sa­chen, die den Schluss er­lau­ben, es ha­be kei­ne Fort­set­zungs­er­kran­kung vor­ge­le­gen. Der Ar­beit­neh­mer hat da­bei den be­han­deln­den Arzt von der Schwei­ge­pflicht zu ent­bin­den (BAG, Urt. v. 13. Ju­li 2005 – 5 AZR 389/04 - AP Nr. 25 zu § 3 Ent­geltFG).
2. Der Kläger hat, da er kei­nen An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung für Au­gust 2009 hat, auch kei­nen An­spruch auf Er­tei­lung ei­ner kor­ri­gier­ten Lohn­ab­rech­nung für den Mo­nat Au­gust 2009 gemäß § 108 Abs. 1 S. 1, Abs. 2 Ge­wO.
III. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus §§ 97 Abs. 1 ZPO. Die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner Re­vi­si­ons­zu­las­sung nach § 72 Abs. 2 ArbGG sind nicht erfüllt.
zur Übersicht 11 Sa 178/10

References: § 69
 § 3
 § 5
 § 3
 § 3
 § 5
 § 5
 § 5
 § 5
 § 3
 § 7
 § 5
 § 5
 § 5
 § 5
 § 3
 § 3
 § 108
 § 72