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Timestamp: 2019-12-07 03:57:41+00:00

Document:
RIS - G244/2016 ua - Entscheidungstext - Verfassungsgerichtshof (VfGH)
Entscheidungstext G244/2016 ua
G244/2016 ua
B-VG Art139 Abs1a
VfGG §57a Abs1 Z4
Verfassungswidrigkeit der generellen Ausnahme aller in einer Bestimmung des Mietrechtsgesetzes geregelten Verfahren von der Möglichkeit der Stellung eines Parteiantrags auf Normenkontrolle betreffend Verordnungen; keine Erforderlichkeit im Sinne einer Unerlässlichkeit der Regelung des VfGG für die Sicherung des Zwecks des Verfahrens vor dem ordentlichen Gericht
I. In §57a Abs1 Z4 Verfassungsgerichtshofgesetz 1953, BGBl Nr 85, in der Fassung BGBl I Nr 92/2014, wird die Wortfolge "§37 Abs1 des Mietrechtsgesetzes – MRG, BGBl Nr 520/1981," als verfassungswidrig aufgehoben.
1. Beim Verfassungsgerichtshof ist zu den Zahlen G141/2016, G143/2016 und V25/2016 ein auf Art140 Abs1 Z1 litd B-VG und auf Art139 Abs1 Z4 B-VG gestützter Antrag anhängig, mit dem der Antragsteller begehrt, der Verfassungsgerichtshof möge feststellen, dass "§5 RichtWG, BGBl Nr 800/1993 idF BGBl I Nr 25/2009, zur Gänze verfassungswidrig war, […] eventualiter […] §5 Abs1 RichtWG, BGBl Nr 800/1993 idF BGBl I Nr 25/2009, jedenfalls aber §5 Abs1 Z9 RichtWG, BGBl Nr 800/1993 idF BGBl I Nr 25/2009, '9. für das Bundesland Wien ….. 4,73 Euro'" verfassungswidrig war.
Des Weiteren möge festgestellt werden, dass "die Kundmachungen der Änderung der Richtwerte mit dem Richtwertegesetz mit BGBl II Nr 93/2010 und BGBl II Nr 82/2012, in eventu, sollte dies zu weit sein, dass Z9 der Kundmachungen BGBl II Nr 93/2010 und BGBl II Nr 82/2012, gesetzwidrig" waren.
Der Verfassungsgerichtshof möge außerdem "die bis zum Inkrafttreten des §5 RichtWG, BGBl Nr 800/1993 idF BGBl I Nr 50/2008 geltenden Richtwerteverordnungen für die einzelnen Bundesländer in nachstehenden, auf den verfahrensgegenständlichen Mietvertrag anwendbaren Fassungen als gesetzwidrig aufheben:
(i) BGBl Nr 140 bis 148/1994 idF BGBl II Nr 190/2003;
(ii) BGBl Nr 140 bis 148/1994 idF BGBl II Nr 116/2004;
(iii) BGBl Nr 140 bis 148/1994 idF BGBl II Nr 37/2005;
(iv) BGBl Nr 140 bis 148/1994 idF BGBl II Nr 101/2006;
(v) BGBl Nr 140 bis 148/1994 idF BGBl II Nr 61/2007;
eventualiter, lediglich die Richtwerteverordnung für Wien in den nachstehenden Fassungen als gesetzwidrig aufheben:
(i) BGBl Nr 148/1994 idF BGBl II Nr 190/2003;
(ii) BGBl Nr 148/1994 idF BGBl II Nr 116/2004;
(iii) BGBl Nr 148/1994 idF BGBl II Nr 37/2005;
(iv) BGBl Nr 148/1994 idF BGBl II Nr 101/2006;
(v) BGBl Nr 148/1994 idF BGBl II Nr 61/2007;"
Der Antragsteller beantragt "§16 Abs7 MRG, BGBl Nr 520/1981 idF 100/2014, zur Gänze als verfassungswidrig auf[zu]heben".
2. Der Antrag wurde aus Anlass eines Rekurses gegen einen Sachbeschluss des Bezirksgerichtes Leopoldstadt vom 6. April 2016, 9 Msch 3/15y-14, gestellt. Mit dem Sachbeschluss wurde im Wesentlichen festgestellt, dass die über den gesetzlich zulässigen Höchstmietzins hinausgehende Mietzinsvereinbarung unwirksam sei und der in der Vergangenheit überhöht verlangte Mietzins erstattet werden müsse.
3. Bei der Behandlung des Antrages nach Art140 Abs1 Z1 litd B-VG und Art139 Abs1 Z4 B-VG sind im Verfassungsgerichtshof Bedenken ob der Verfassungsmäßigkeit der Wortfolge "§37 Abs1 des Mietrechtsgesetzes – MRG, BGBl Nr 520/1981," in §57a Abs1 Z4 VfGG, idF BGBl I 92/2014, entstanden. Der Verfassungsgerichtshof hat daher am 2. Juli 2016 beschlossen, diese Gesetzesbestimmung von Amts wegen auf ihre Verfassungsmäßigkeit zu prüfen.
4. Der Verfassungsgerichtshof legte seine Bedenken, die ihn zur Einleitung des Gesetzesprüfungsverfahrens bestimmt haben, in seinem Prüfungsbeschluss wie folgt dar:
"2. Um die Zulässigkeit von Teilen des Antrages beurteilen zu können, hat der Verfassungsgerichtshof §57a Abs1 VfGG anzuwenden. Die Bestimmung des §57a Abs1 Z4 VfGG ist daher präjudiziell (vgl. VfSlg 8028/1977, 9912/1984, 16.631/2002, 18.014/2006, 19.917/2014).
3. Der Verfassungsgerichtshof hegt gegen die in Prüfung gezogene Bestimmung das Bedenken, dass sie gegen Art139 Abs1a erster Satz B-VG verstoßen dürfte:
3.1. Der mit der Bundes-Verfassungsgesetz-Novelle BGBl I 114/2013 eingefügte Art139 Abs1a erster Satz B-VG bestimmt, dass die Stellung eines Antrages gemäß Art139 Abs1 Z4 B-VG durch Bundesgesetz für unzulässig erklärt werden kann, wenn dies zur Sicherung des Zwecks des Verfahrens vor dem ordentlichen Gericht erforderlich ist. Die entsprechenden einfachgesetzlichen Ausführungsbestimmungen — darunter §57a VfGG — wurden mit dem Bundesgesetz, mit dem das Verfassungsgerichtshofgesetz 1953, die Zivilprozessordnung, das Außerstreitgesetz und die Strafprozeßordnung 1975 geändert werden, BGBl I 92/2014, kundgemacht. In den Erläuterungen zur RV dieses Bundesgesetzes heißt es auszugsweise (263 BlgNR 25. GP, 2 f., 4):
3.2. Die in den Erläuterungen zitierte Stelle des Berichts des Verfassungsausschusses, AB 2380 BIgNR 24. GP, 9, lautet — auszugsweise — wie folgt:
'In bestimmten verfahrensrechtlichen Konstellationen (zB im Provisorialverfah-ren) könnte die Stellung eines Parteiantrages den Zweck des Verfahrens vor dem ordentlichen Gericht gefährden oder vereiteln. Dies gilt auch für Sachentscheidungen, etwa solche, die rasch zu ergehen haben, oder für Rechtssachen, in welchen eine neuerliche Entscheidung auf faktische Unmöglichkeiten stößt (zB im Insolvenzrecht). Die Stellung eines Parteiantrages soll daher durch Bundesgesetz für unzulässig erklärt werden können, wenn dies zur Sicherung des Zwecks des Verfahrens vor dem ordentlichen Gericht erforderlich ist. Wie in den vergleichbaren Bestimmungen des B-VG (vgl. insb. Art11 Abs2 sowie zuletzt Art136 Abs2 in der Fassung der Verwaltungsgerichtsbarkeits-Novelle 2012) ist der Begriff 'erforderlich' auch hier im Sinne von 'unerlässlich' zu verstehen (vgl. VfSlg 17.340/2004 mwH).'
3.3. Nach dem in diesen Zitaten deutlich werdenden Willen des (Ver-fassungs-)Gesetzgebers und dem Wortlaut des Art139 Abs1a erster Satz B-VG dürfte die Stellung eines Antrages nach Art139 Abs1 Z4 B-VG durch Bundesgesetz nach vorläufiger Auffassung des Verfassungsgerichtshofes nur in jenen Fällen für unzulässig erklärt werden, in denen dies 'unerlässlich' für die Sicherung des Zwecks des Verfahrens vor dem ordentlichen Gericht ist (vgl. zum Erfordernis der 'Unerlässlichkeit' die Rechtsprechung des Verfassungsgerichtshofes zu Art11 Abs2 B-VG, beginnend mit VfSlg 8945/1980 und die Rechtsprechung zu Art136 Abs2 B-VG, zB VfSlg 19.921/2014, 19.922/2014; VfGH 12.3.2015, E58/2015; jeweils mwN).
4. Der Verfassungsgerichtshof hat in seinem Erkenntnis G346/2015-15 vom 1. Oktober 2015 die Wortfolge '§37 Abs1 MRG,' in §62a Abs1 Z4 VfGG wegen Verstoßes gegen Art140 Abs1a erster Satz B-VG als verfassungswidrig aufgehoben.
Im Lichte dieses Erkenntnisses geht der Verfassungsgerichtshof vorläufig davon aus, dass die Bedenken, die ihn zur Aufhebung der Wortfolge '§37 Abs1 MRG,' in §62a Abs1 Z4 VfGG veranlasst haben, auch auf die Wortfolge '§37 Abs1 des Mietrechtsgesetzes — MRG, BGBl Nr 520/1981,' in §57a Abs1 Z4 VfGG zutreffen dürften.
5. In von Amts wegen eingeleiteten Normenprüfungsverfahren hat der Verfassungsgerichtshof den Umfang der zu prüfenden und allenfalls aufzuhebenden Bestimmungen derart abzugrenzen, dass einerseits nicht mehr aus dem Rechtsbestand ausgeschieden wird, als Voraussetzung für den Anlassfall ist, dass aber andererseits der verbleibende Teil keine Veränderung seiner Bedeutung erfährt; da beide Ziele gleichzeitig niemals vollständig erreicht werden können, ist in jedem Einzelfall abzuwägen, ob und inwieweit diesem oder jenem Ziel der Vorrang vor dem anderen gebührt (VfSlg 7376/1974, 9374/1982, 11.506/1987, 15.599/1999, 16.195/2001).
Im Hinblick auf die Bedenken des Verfassungsgerichtshofes könnte die vorläufig angenommene Verfassungswidrigkeit mit der Aufhebung der Wortfolge '§37 Abs1 des Mietrechtsgesetzes — MRG, BGBl Nr 520/1981,' beseitigt werden. Der verbleibende Teil des §57a Abs1 Z4 VfGG würde dadurch keine Veränderung seiner Bedeutung erfahren."
5. Die Bundesregierung hat im Hinblick auf das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes vom 1. Oktober 2015, G346/2015, von der Erstattung einer meritorischen Äußerung Abstand genommen.
1. §57a Abs1 Verfassungsgerichtshofgesetz 1953 – VfGG, BGBl 85, idF BGBl I 92/2014, lautet auszugsweise wie folgt (die in Prüfung gezogene Wortfolge ist hervorgehoben):
§57a. (1) Eine Person, die als Partei einer von einem ordentlichen Gericht in erster Instanz entschiedenen Rechtssache rechtzeitig ein zulässiges Rechtsmittel erhebt und wegen Anwendung einer gesetzwidrigen Verordnung in ihren Rechten verletzt zu sein behauptet, kann gleichzeitig einen Antrag stellen, die Verordnung als gesetzwidrig aufzuheben (Art139 Abs1 Z4 B-VG). Die Stellung eines solchen Antrages ist unzulässig:
1. im Verfahren zur Anordnung oder Durchsetzung der Rückstellung widerrechtlich verbrachter oder zurückgehaltener Kinder (§111a AußStrG);
4. im Verfahren gemäß §37 Abs1 des Mietrechtsgesetzes – MRG, BGBl Nr 520/1981, §52 Abs1 des Wohnungseigentumsgesetzes 2002 – WEG 2002, BGBl I Nr 70/2002, und §22 Abs1 des Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes – WGG, BGBl Nr 13/1979;
6. im Verfahren betreffend mittlerweilige Vorkehrungen gemäß §180 der Notariatsordnung – NO, RGBl. Nr 75/1871;
7. im Verfahren gemäß den Bestimmungen des Unterhaltsvorschußgesetzes 1985 – UVG, BGBl Nr 451/1985;
9. im Exekutionsverfahren und im Verfahren betreffend einstweilige Verfügungen gemäß den Bestimmungen der Exekutionsordnung – EO, RGBl. Nr 79/1896, einschließlich des Verfahrens über die Vollstreckbarerklärung;
2. §37 des Bundesgesetzes vom 12. November 1981 über das Mietrecht (Mietrechtsgesetz – MRG), BGBl 520/1981, idF BGBl I 25/2009, lautet:
(4) Ergibt sich in einem Verfahren nach Abs1 ein Anspruch des antragstellenden Mieters auf Rückforderung oder Ersatz, so ist sein Gegner auch zur Zahlung des hienach zustehenden Betrages samt Zinsen binnen 14 Tagen bei Exekution zu verhalten."
1. Die im Prüfungsbeschluss dargelegten Bedenken des Verfassungsgerichtshofes haben sich als zutreffend erwiesen.
1.1. Vorauszuschicken ist, dass Art139 Abs1a B-VG (ebenso wie Art140 Abs1a B-VG) – anders als dies bei Anträgen nach Art139 Abs1 Z1 B-VG der Fall ist – eine nicht nach der Qualität des Anfechtungsobjekts, sondern eine nach den Verfahren differenzierende Beschränkung der Zuständigkeit des Verfassungsgerichtshofes begründet. Sie wurde gleichzeitig mit der Erweiterung der Zuständigkeit des Verfassungsgerichtshofes im Bereich der Normenkontrolle durch die B-VG-Novelle BGBl I 114/2013 in das B-VG aufgenommen. Die Schaffung des Art139 Abs1 Z4 B-VG und die Ausweitung des Kreises der antragsbefugten ordentlichen Gerichte ergänzt das System der verfassungsgerichtlichen Normenkontrolle im Interesse des Rechtsschutzes (vgl. VfGH 1.10.2015, G346/2015, Pkt. 2.1.). Die Verpflichtung der (ordentlichen) Gerichte, bei Bedenken betreffend die Gesetzmäßigkeit einer Verordnung einen Antrag an den Verfassungsgerichtshof zu stellen (Art89 Abs2 iVm Art139 Abs1 Z1 B-VG) und die den Parteien eines Verfahrens vor den ordentlichen Gerichten zustehende Befugnis, diese Bedenken allenfalls von sich aus an den Verfassungsgerichtshof heranzutragen, stehen in engem historischen und systematischen Zusammenhang.
1.2. Der Verfassungsgesetzgeber war, wie sich aus den Materialien ergibt, davon bestimmt, Verfahrensverzögerungen durch Parteianträge auf Gesetzes- oder Verordnungsprüfung möglichst hintanzuhalten. Zu diesem Zweck wurde eine an Art144 Abs2 B-VG angelehnte Befugnis zur Ablehnung von Parteianträgen für Fälle eingefügt, in denen diese keine hinreichende Aussicht auf Erfolg haben (Art139 Abs1b, Art140 Abs1b B-VG). In einer vom Verfassungsausschuss vorgeschlagenen, am Tag der Beschlussfassung über die Novellierung der Art139 und Art140 B-VG angenommenen Entschließung zur Vermeidung mutwilliger Verfahrensverzögerungen kommt zum Ausdruck, dass der Verfassungsgerichtshof über die Ablehnung von "Gesetzesbeschwerden" entscheidet und das Gerichtsverfahren nur im Einzelfall unterbrochen wird. Daneben werden die Schaffung von Ausnahmen in Angelegenheiten des Exekutions- und Insolvenzrechts als vorzusehende Ausnahmen ausdrücklich genannt, für Angelegenheiten der öffentlichen Bücher wird die Sicherstellung des Vertrauens in diese gefordert; schließlich wird formuliert, dass – ganz allgemein und nicht beschränkt auf bestimmte Materien – eine "Inanspruchnahme der verfassungsrechtlichen Ausnahmen […] nur [stattfinden soll], sofern […] die Ausnahme zur Sicherung des Verfahrenszwecks erforderlich (d.h. unerlässlich) ist." (Entschließung vom 13. Juni 2013, 310/E 24. GP).
1.3. Vor diesem Hintergrund ist die Bestimmung des Art139 Abs1a B-VG als eine eng begrenzte Ausnahme von der grundsätzlich gegen alle Verordnungen offen stehenden Anfechtungsberechtigung anzusehen, die durch die Erforderlichkeit des Ausschlusses des Rechtsbehelfs im Hinblick auf den Zweck des (gerichtlichen) Verfahrens bestimmt wird, wobei den mit dem zeitlichen Aspekt zusammenhängenden Elementen der Sicherung des Verfahrenszwecks wenigstens auch durch andere verfahrensrechtliche Vorkehrungen Rechnung getragen werden sollte (vgl. Art139 Abs1b B-VG, Art139 Abs7 B-VG, §57a Abs6 VfGG, §80a Abs2 AußStrG).
2. Der Verfassungsgerichtshof ging in seinem (oben unter I.4 wiedergegebenen) Prüfungsbeschluss unter Hinweis auf den Wortlaut des Art139 Abs1a erster Satz B-VG und die Erläuterungen zur Regierungsvorlage des Bundesgesetzes BGBl I 92/2014 (263 BlgNR 25. GP) vorläufig davon aus, dass die Stellung eines Antrages nach Art139 Abs1 Z4 B-VG durch Bundesgesetz nur in jenen Fällen für unzulässig erklärt werden dürfte, in denen dies "unerlässlich" für die Sicherung des Zwecks des Verfahrens vor dem ordentlichen Gericht ist.
2.1. Zur Auslegung des Erfordernisses der "Unerlässlichkeit" verweisen die Gesetzesmaterialien ausdrücklich auf die Judikatur des Verfassungsgerichtshofes zu Art11 Abs2 B-VG (AB 2380 BlgNR 24. GP, 9, VfSlg 17.340/2004 mwH) und auf Art136 Abs2 B-VG in der Fassung der Verwaltungsgerichtsbarkeits-Novelle 2012.
2.2. Zu Art11 Abs2 B-VG hat der Verfassungsgerichtshof unter anderem ausgesprochen, dass sich die "Unerlässlichkeit" einer abweichenden Regelung in einem Materiengesetz aus "besonderen Umständen" oder aus dem Regelungszusammenhang mit den materiellen Vorschriften ergeben kann (vgl. VfSlg 19.787/2013 mwN). Von den allgemeinen Bestimmungen der Verfahrensgesetze abweichende Regelungen sind nur dann zulässig, wenn sie nicht anderen Verfahrensbestimmungen, etwa dem Rechtsstaatsprinzip und dem daraus abgeleiteten Grundsatz der Effektivität des Rechtsschutzes widersprechen (vgl. VfSlg 15.218/1988, 17.340/2004; vgl. zu Art136 Abs2 B-VG zB VfSlg 19.922/2014; VfGH 12.3.2015, E58/2015).
2.3. Die Kriterien der Erforderlichkeit in Art11 Abs2 B-VG und in Art136 Abs2 B-VG verfolgen im Hinblick auf die Begrenzung der Ermächtigungen das Ziel der Wahrung einer Einheitlichkeit im Verfahrensrecht vor Verwaltungsbehörden bzw. Verwaltungsgerichten. Damit sind sie gleich den Bestimmungen über die Normenkontrolle auf die Verwirklichung der durch das Siebente Hauptstück maßgeblich ausgeformten Rechtsstaatlichkeit gerichtet.
2.4. Eine an diesem Regelungszweck ausgerichtete historisch-systematische Auslegung des Art139 Abs1a B-VG führt zum Ergebnis, dass die in dieser Bestimmung mit dem Kriterium der Erforderlichkeit beschränkte Ermächtigung an den Gesetzgeber, den Zugang zum Verfassungsgerichtshof zu begrenzen, eng im Sinne einer "Unerlässlichkeit" zu verstehen ist. Unerlässlich ist die Ausnahme von der Möglichkeit, einen Parteiantrag zu erheben, in Verfahren, in denen die Stellung eines Antrages nach Art139 Abs1 Z4 B-VG und die nachfolgende Durchführung eines Verfahrens vor dem Verfassungsgerichtshof den Zweck des Verfahrens vereiteln würde (zB in Provisorialverfahren). Im Hinblick auf Rechtssachen, für die der Ausschluss der Stellung eines Antrages nach Art139 Abs1 Z4 B-VG nicht in diesem Sinne unerlässlich ist, ist gegebenenfalls nach Art139 Abs7 B-VG durch Bundesgesetz zu bestimmen, dass das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes, mit dem die Verordnung als gesetzwidrig aufgehoben wird, eine neuerliche Entscheidung der Rechtssache vor dem ordentlichen Gericht ermöglicht.
3. Die im Prüfungsbeschluss vorläufig getroffene Annahme, dass es jedenfalls nicht für alle Fälle des §37 Abs1 MRG zur Sicherung des Zwecks des Verfahrens im beschriebenen Sinn unerlässlich sein dürfte, die Stellung eines Antrages nach Art139 Abs1 Z4 B-VG durch Bundesgesetz für unzulässig zu erklären, hat sich im Gesetzesprüfungsverfahren bestätigt.
3.1. §57a Abs1 Z4 VfGG sieht unter anderem vor, dass in Verfahren gemäß §37 Abs1 MRG die Stellung eines Antrages nach Art139 Abs1 Z4 B-VG unzulässig ist. §37 Abs1 MRG regelt die örtliche, sachliche und funktionelle Zuständigkeit in einer Reihe von wohnrechtlichen Angelegenheiten, nämlich im Wesentlichen bei mietrechtlichen Leistungs-, Feststellungs- und Rechtsgestaltungsbegehren. §37 Abs2 MRG enthält eine spezielle Regelung der örtlichen Zuständigkeit für Fälle des Tausches von Wohnungen in zwei verschiedenen Gerichtssprengeln. §37 Abs3 MRG enthält in zwanzig Ziffern besondere, von den allgemeinen Bestimmungen des AußStrG abweichende Verfahrensvorschriften. §37 Abs4 MRG enthält eine spezielle Regelung für Rückforderungen und Ersatzansprüche eines antragstellenden Mieters.
3.2. Für die Bestimmung des Inhalts des §57a Abs1 Z4 VfGG ist sohin unter anderem §37 Abs1 MRG maßgeblich.
Durch die Verweisung in §57a Abs1 Z4 VfGG wird der Kreis der durch die Aufzählung umschriebenen Verfahren vom Anwendungsbereich des Art139 Abs1 Z4 B-VG ausgenommen. Von §37 Abs1 MRG sind unterschiedliche Angelegenheiten umfasst (zB Anträge auf Anerkennung als Hauptmieter [Z1]; Überprüfung der Angemessenheit des vereinbarten oder begehrten Hauptmietzinses [Z8]) (s. VfGH 1.10.2015, G346/2015).
3.3. Die Materialien zur B-VG-Novelle, BGBl I 114/2013, enthalten keinen Hinweis darauf, dass der Verfassungsgesetzgeber die Verfahren nach §37 Abs1 MRG schlechthin als solche ansieht, anlässlich derer die Stellung eines Antrages nach Art139 Abs1 Z4 B-VG jedenfalls unzulässig sein soll.
3.4. Alleine der zeitliche Aspekt der "Verfahrensverzögerung" durch die Stellung eines Antrages nach Art139 Abs1 Z4 B-VG ist für sich genommen kein Grund, der den Bundesgesetzgeber berechtigte, von der ihm durch Art139 Abs1a erster Satz B-VG eingeräumten Ermächtigung in der Weise Gebrauch zu machen, dass er pauschal alle in §37 Abs1 MRG genannten Verfahren ausnimmt. Im Hinblick auf besonders dringliche Angelegenheiten werden gegebenenfalls andere Maßnahmen erforderlich sein bzw. wird das Gericht im Einklang mit §57a Abs6 VfGG Handlungen vorzunehmen und Anordnungen zu treffen haben, die im Sinne dieser Bestimmung keinen Aufschub dulden. Im Übrigen liegt es im rechtspolitischen Gestaltungsspielraum des Bundesgesetzgebers, entsprechende Vorkehrungen auf Grundlage des Art139 Abs1a zweiter Satz B-VG zu treffen (vgl. in diesem Zusammenhang zB §80a Abs2 AußStrG und die Erläuterungen zur RV dieser Bestimmung, 263 BlgNR 25. GP, 8).
3.5. Der Zweck der Verfahren nach §37 Abs1 MRG weist somit keine Besonderheiten auf, die es erforderlich (im Sinne von "unerlässlich") machten, zu seiner Sicherung die Stellung eines Antrages nach Art139 Abs1 Z4 B-VG durch Bundesgesetz für unzulässig zu erklären (s. VfGH 1.10.2015, G346/2015).
3.6. Die Prüfung der generellen Ausnahme aller Verfahren gemäß §37 Abs1 MRG erbringt daher das Ergebnis, dass diese nicht erforderlich zur Sicherung des Verfahrenszwecks ist. Die entsprechende Wortfolge in §57a Abs1 Z4 VfGG verstößt daher gegen Art139 Abs1a erster Satz B-VG.
1. Die Wortfolge "§37 Abs1 des Mietrechtsgesetzes – MRG, BGBl Nr 520/1981," in §57a Abs1 Z4 VfGG, BGBl 85/1953 idF BGBl I 92/2014, ist wegen Verstoßes gegen Art139 Abs1a erster Satz B-VG als verfassungswidrig aufzuheben.
ECLI:AT:VFGH:2016:G244.2016
JFT_20160926_16G00244_00

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