Source: http://hegel.abcphil.de/html/1__altere_tropen.html
Timestamp: 2018-12-09 19:49:40+00:00

Document:
1. Ältere Tropen <<< Philosophie der Skeptiker 2. Spätere Tropen >>>
An den älteren Tropen sehen wir selbst den Mangel der Abstraktion, die Unfähigkeit, ihre Verschiedenheit unter einfachere allgemeine Gesichtspunkte zusammenzufassen; sie laufen teils alle unter einen einfachen Begriff zusammen, teils in ihrem Unterschiede wieder unter einige notwendige einfache Bestimmungen. Sextus Empiricus bemerkt selbst59) , "daß drei Tropen sie alle unter sich begreifen: der eine ist das beurteilende Subjekt, der andere das, worüber geurteilt wird, der dritte, das beide Seiten enthält", - die Beziehung des Subjekts und Objekts. Wenn das Denken weitergebildet ist, so faßt es die Dinge in diese allgemeineren Bestimmungen zusammen.
Wir haben die Tropen nun kurz anzuführen; bei den älteren ist der Mangel der Abstraktion zu erkennen.
Aus diesen Tropen soll also die Unsicherheit des unmittelbaren Wissens dargetan werden. In Beziehung also auf die Unsicherheit dessen, wovon wir sagen "es ist", ist:
a) "der erste Tropus die Verschiedenheit der tierischen Organisation, daß verschiedenen Lebendigen verschiedene Vorstellungen und Empfindungen von demselben Gegenstande entstehen. Dies schließen die Skeptiker aus der verschiedenen Art ihres Ursprungs,
daß einige durch Begattung, andere ohne Begattung", aus einer generatio aequivoca, "entstehen: einige aus Eiern, andere unmittelbar lebendig zur Welt kommen usf. Sie haben verschiedenen Ursprung, und so ist denn für sie manches anders, sie haben also verschiedene Konstitution, Wesenheit, und dasselbe erscheint für andere anders, gibt eine verschiedene Vorstellung."
Die Gegenstände verändern sich nach dem Organismus, wie z. B. den Gelbsüchtigen die Farben: was weiß erscheint, sieht der Gelbsüchtige gelb, für grün sieht er das an, was anderen blau erscheint; das, was von einem so empfunden wird, wird von einem anderen anders empfunden. "So sind an den Tieren z. B. die Augen verschieden gebaut bei verschiedenen Gattungen und haben verschiedene Farben, sind blaß, grau, rot; mithin muß auch das Empfundene darin verschieden sein."60) -
Diese Verschiedenheit des Subjekts begründet allerdings eine Verschiedenheit der Empfindung, oder wie etwas für es ist, und diese eine Verschiedenheit der Vorstellung oder daß etwas so beschaffen sei; die Empfindung bestimmt die Vorstellung von der Beschaffenheit,
die also verschieden wird durch die Verschiedenheit der Empfindung. Sagen wir aber "das ist", so ist das etwas Festes, sich unter allen Umständen Erhaltendes; im Gegensatze dazu zeigen die Skeptiker auf, daß alles beweglich sei. Die Gleichheit, die Dieselbigkeit wird dadurch aufgehoben; allein insofern diese sinnliche Gleichheit aufgehoben wird, diese Allgemeinheit, so tritt eine andere ein.
Die Allgemeinheit oder das Sein liegt aber eben darin, daß man weiß, so erscheint es (in dem abgedroschenen Beispiele) den Gelbsüchtigen, oder daß das Gesetz gekannt ist, wodurch eine Veränderung der Empfindung entsteht. Es ist also eine sinnliche Allgemeinheit; sie wird verändert, der Gelbsüchtige sieht anders: so ist wieder eine Allgemeinheit vorhanden, das Gesetz, die Beziehung des Gelbsüchtigen auf seine Empfindung: Notwendigkeit. Aber freilich ist jene sinnliche Allgemeinheit nicht wahre Allgemeinheit,
weil sie unmittelbare, nicht erkannte ist; und ihr als sinnlicher Allgemeinheit, sinnlichem Sein wird mit Recht innerhalb ihrer selbst ihre Nichtallgemeinheit aufgezeigt, - die Notwendigkeit des Gesetzes ist eine andere Allgemeinheit. Gegen den Ausspruch "Dies ist blau, weil ich es so sehe", so daß dies als blau schlechthin behauptet wird, weil ich es sehe, wird mit Recht auf eine andere Unmittelbarkeit des Sehenden hingewiesen, für die es nicht blau ist.
b) "Der zweite Tropus, die Verschiedenheit der Menschen" in Rücksicht auf Empfindungen und Zustände, läuft im ganzen auf das Erste hinaus. "In Ansehung des körperlichen Unterschiedes" treiben die Skeptiker vielerlei "Idiosynkrasien" auf. Z. B. gegen den Satz
"Der Schatten ist kühl" führen sie an, daß einer in der Sonne gefroren, im Schatten aber warm geworden.
Der Schierling ist giftig, und doch "hat es einen anderen gegeben, der ohne Schaden eine große Dosis Schierling habe verschlucken können"; das Prädikat "Gift" ist also nicht objektiv, dem einen bekommt das gut, dem anderen nicht, - der empfindet so, der andere so. "Daher denn die Menschen ebenso eine Verschiedenheit des Geistes haben müssen und die widersprechendsten Urteile behaupten,
so daß man nicht wissen könne, wem man glauben solle. Der größeren Anzahl, ist läppisch, da man nicht alle fragen könne."61) -
Dieser Tropus bezieht sich wieder auf das Unmittelbare; wenn es darum zu tun ist, bloß zu glauben, darauf, daß es andere sagen,
so findet freilich nur Widerspruch statt. Aber ein solches Glauben, das nur glauben will, ist in der Tat unfähig, das zu vernehmen, was gesagt wird; es ist ein unmittelbares Auffassen eines unmittelbaren Satzes. Denn es wollte nicht den Grund; der Grund ist die Vermittlung erst und der Sinn der Worte des unmittelbaren Satzes. Verschiedenheit der Menschen überhaupt ist etwas, was jetzt auch in anderer Weise vorkommt. Man sagt, die Menschen seien verschieden in Ansehung des Geschmacks, der Religion usf.; die Religion müsse einem jeden überlassen werden, jeder sich seine Religion, Weltanschauung auf seinem Standpunkte machen.
Die Folge davon ist, daß es in Ansehung der Religion nichts Objektives, Wahrhaftes gibt, auf die Subjektivität alles hinausläuft und Indifferentismus gegen alle Wahrheit entsteht. Da gibt es denn keine Kirche mehr; jeder hat seine Kirche, seine Liturgie für sich, jeder hat seine eigene Religion.
- Hier kann schon das beigebracht werden: besonders reiten hier die Skeptiker - wie zu allen Zeiten diejenigen, die sich die Mühe des Philosophierens unter irgendeinem Vorwand ersparen und dies Ersparen rechtfertigen wollen - die Verschiedenheit der Philosophien; Sextus Empiricus sehr ausführlich. Wenn das Prinzip der Stoiker, wie es unmittelbar gilt, so hat das entgegengesetzte der Epikureer ebensoviel Wahrheit, es gilt ebenso. In der Tat diese einfache Weise des Vorhandenseins der Entgegengesetzten ist ein Moment unter der natürlichen Bildung des Menschen. Dies gilt in seiner Stadt, in seinem Lande; er lebt ganz bewußtlos in dieser Weise, nach dieser Sitte, ohne je daran gedacht zu haben, daß er diese Sitte hat. Er kommt in ein fremdes Land, verwundert sich höchlich, erfährt erst durch den Gegensatz, daß er diese Gewohnheit hat, und gerät zugleich in Ungewißheit, ob das Seinige oder das Entgegengesetzte Unrecht sei. Denn das Entgegengesetzte, was ihm galt, gilt ebensogut, und weiteren Grund hatte er nicht; - kahle Kategorie der Verschiedenheit. Wenn nach dieser Weise gesagt wird, dies ist der Satz, die Behauptung dieser Philosophie, so findet sich die größte Verschiedenheit. Und dann tritt das Geschwätze auf: Da die größten Köpfe aller Zeiten so verschieden gedacht und sich nicht haben vereinigen können,
so wäre es unbescheiden, sich das zuzutrauen, was ihnen nicht gelang; und die Scheu vor der Erkenntnis gibt die Trägheit ihrer Vernunft noch für Tugend aus. Es scheint nicht, daß die Verschiedenheit geleugnet werden könne, sie ist Faktum; Thales, Platon, Aristoteles haben anders philosophiert, - nicht nur uns scheinen sie so, sondern haben einander widerlegt.
- Allein schon diese Manier, die Philosophien in solchen Sätzen kennenlernen zu wollen, zeigt den Unverstand über die Philosophie an; solche Sätze sind keine Philosophie und drücken Philosophie nicht aus. Sie ist gerade nicht dies Unmittelbare eines Satzes; das Erkennen, das wesentlich, wird gerade weggelassen; solche Leute sehen alles an einer Philosophie, nur gerade die Philosophie derselben übersehen sie. Wenn die philosophischen Systeme noch sosehr verschieden wären, so sind sie nicht so verschieden wie Weiß und Süß, Grün und Rauh; sondern sie stimmen darin überein, daß sie Philosophien sind, und dies ist es, was übersehen wird. Was die Verschiedenheit der Philosophien betrifft, so ist hier ebenso auf dies unmittelbare Gelten zu merken und auf die Form, daß das Wesen der Philosophie auf eine unmittelbare Weise ausgesprochen wird. Gegen das Ist gilt dieser Tropus auch allerdings, alle Tropen gehen gegen das Ist; aber das Wahre ist auch nicht dieses trockene Ist, sondern wesentlich Prozeß. Die relative Verschiedenheit der Philosophien - der Stellung (Tropus 5) - ist immer als ein Zusammenhang, darum nicht Ist.
c) "Der dritte Tropus ist die Verschiedenheit in der Organisation der Sinneswerkzeuge gegeneinander" (eigentlich ein untergeordneter Tropus); "z. B. daß auf der gemalten Tafel dem Auge etwas erhaben scheine, dem Gefühl aber nicht"62) (eben, glatt) usf.
- In der Tat macht eine solche Bestimmung durch irgendeinen Sinn nicht die Wahrheit der Sache aus, nicht das, was sie an sich ist.
Das Bewußtsein ist notwendig, daß das gedankenlose Hererzählen nacheinander, "das Blaue, Eckige usf. ist", nicht das Sein des Dings erschöpft und ausspricht; es sind nur Prädikate, sie sagen nicht das Ding als Subjekt. Wichtig ist es, auf den Gegensatz der Sinne aufmerksam zu machen; sie widersprechen sich, dasselbe fassen verschiedene Sinne also anders auf.
d) "Der vierte ist die Verschiedenheit der Umstände im Subjekte nach seinen Zuständen, Veränderungen in ihm, welche eine Behauptung über etwas zurückhalten müssen. Dasselbe zeigt sich demselben Menschen anders, je nachdem er z. B. in Ruhe oder Bewegung ist; ebenso Schlafen und Wachen", Ruhe und Bewegung des Gemüts, Leidenschaften, "Haß oder Liebe, Nüchternheit oder Trunkenheit, Jugend oder Alter usf. In der Verschiedenheit dieser Umstände wird häufig sehr verschieden geurteilt über ein und denselben Gegenstand; es ist darum auch deswegen etwas nur als Erscheinung auszusprechen."63)
e) "Der fünfte betrifft die verschiedenen Stellungen, Entfernungen und Örter; aus jedem verschiedenen Standpunkte erscheint die Sache anders." Stellung: "Ein langer Gang erscheint dem, der vorne (an dem einen Ende) steht, hinten (an dem anderen Ende) spitz zuzulaufen; aber wenn man dorthin geht, so ist hinten gleiche Breite, als er vorne sah. Entfernung ist" eigentlich ebenso
"eine Verschiedenheit der Größe und Kleinheit der Gegenstände. Ort: Das Licht in einer Laterne ist im Sonnenschein ganz schwach und leuchtet doch in der Finsternis helle"; das Licht, kann man also nicht sagen, mache hell. "Taubenhälse schillern von einem anderen Standpunkte anders"; dies sieht von hier blau aus, von da gelb.64) Besonders über die Bewegung herrschen verschiedene Ansichten. Der bekannteste Gegensatz ist der des Umlaufs der Sonne um die Erde oder der Erde um die Sonne (und die Erde soll um die Sonne laufen, da doch das Gegenteil erscheint). Aber das letztere aus Gründen, gehört nicht hierher, - sondern daß, indem ein sinnliches Empfinden dem anderen widerspricht, nicht in ihm das Sein sich ausdrückt.
f) "Der sechste Tropus ist von der Vermischung hergenommen, indem nichts allein und isoliert unter die Sinne fällt, sondern nur vermischt mit anderen; Vermischung mit anderen verändert etwas." Z. B. ein Geruch findet sich in der Luft und ist verbunden mit dieser oder jener Temperatur; "Gerüche in der Sonnenwärme sind stärker als in kalter Luft usf. Ferner durchs Subjekt selbst tritt ebenso eine solche Vermischung ein. Die Augen bestehen aus verschiedenen Häuten und Feuchtigkeiten, Ohr hat verschiedene Gänge usf.; mithin können sie die Sensation - das Licht, die Stimme - nicht rein an uns kommen lassen, sondern das Sinnliche kommt erst vermischt mit diesen Häuten an unser Auge und ebenso auch mit den Gängen des Ohrs."65) - Es kann (in eben dieser Manier zu sprechen) ebenso gesagt werden, daß das Sinnliche darin eben gereinigt werde: Stimme z. B. aus einer Seele verkörpert komme, das auffassende Ohr sie wieder reinigt.
g) "Die siebente Wendung ist der Zusammenhalt (Kohäsion), die Größe oder Menge der Dinge, durch welche sie verschieden erscheinen." Z. B. das Glas ist durchsichtig; wird es aber zerstampft, wird also der Zusammenhang verändert, so verliert es seine Durchsichtigkeit. "Geschabtes Horn von Ziegenböcken sieht weiß aus, am ganzen Stück aber schwarz; oder karrarischer Marmor in Pulver zerrieben erscheint weiß, ganz aber gelb." Ebenso Menge, sie ist nicht Substanz: "Eine mäßige Portion Wein stärkt und ermuntert, eine Menge davon zerstört den Körper; ebenso mit Arznei."66) Es ist Abstraktion, daß Quantität und Zusammensetzung etwas Gleichgültiges seien gegen Qualität und Auflösung; aber Veränderung der Quantität verändert auch die Qualität.
h) "Der achte Tropus" (das Verhältnis, dies ist ein allgemeiner Tropus) "ist aus der Relativität der Dinge" (die Relativität von allem Seienden und Gedachten ist eine mehr innerliche, wesentlichere Bestimmtheit, worauf freilich eigentlich schon alle bisherigen Tropen gehen), "nach welchem wir schließen: daß wir, da alles im Verhältnis zu etwas ist" (nur in Verhältnis zu etwas Bestimmtem so bestimmt erscheint), "darüber die Zustimmung zurückhalten müssen, was es für sich und nach seiner Natur (Substanz) ist.
Es ist zu bemerken, wir gebrauchen hier Ist, aber bloß in dem Sinne von Scheinen. Verhältnis wird in zwei Rücksichten gesagt:
1. in Beziehung auf das Subjekt, das Urteilende, diese Verschiedenheit haben wir in den vorhergehenden Tropen gesehen;
2. in Beziehung auf das Objekt, das zu Beurteilende, wie rechts und links."67) Sextus argumentiert folgendermaßen:
"Was für sich und unterschieden von anderen gesetzt wird, wie unterscheidet es sich von dem bloß Relativen? Ist es verschieden von ihm oder nicht?
α) Ist es nicht verschieden von ihm, so wäre es selbst ein Relatives.
β) Ist es verschieden, so ist es wieder ein Relatives. Denn was verschieden ist, verhält sich zu etwas; denn es ist in Beziehung auf das gesetzt, wovon es unterschieden ist. Die Relativität überhaupt ist an dem, was absolut gesagt wird"; aber das Verhältnis selbst ist ein Verhältnis an ihm selbst, nicht zu einem Anderen. Das Verhältnis enthält den Gegensatz: was im Verhältnis zueinander ist, ist einmal selbständig für sich, das andere Mal aber, indem es im Verhältnis ist, ist es auch nicht selbständig.
Ist nämlich etwas nur in bezug auf ein Anderes, so gehört das Andere mit dazu; es ist also nicht für sich.
Wenn aber sein Anderes schon dazu gehört, so gehört auch schon sein Nichtsein zu ihm; und es ist ein Widersprechendes, sobald es nicht ist ohne sein Anderes. "Weil wir aber das Relative nicht von seinem Anderen trennen können, so wissen wir auch nicht, was es für sich und nach seiner Natur ist, müssen mithin unsere Zustimmung zurückhalten."68)
i) "Der neunte Tropus ist dann das seltenere oder öftere Geschehen der Dinge; es verändert ebenso das Urteil über die Dinge.
Was seltener ist, wird mehr in Wert gehalten als das häufig Vorhandene; und die Gewohnheit macht, daß der eine so, der andere so darüber urteilt. Die Gewohnheit ist also ein Umstand, welcher uns auch zu sagen erlaubt, daß die Dinge uns so scheinen, nicht allgemein und überhaupt, daß sie so sind."69) Wenn man sagt, das ist so, so kann man auch einen Umstand aufzeigen, wo ihnen das entgegengesetzte Prädikat zukommt. So bei der Abstraktion des Menschen: Ist es wesentlich, einen Fürsten zu haben? Nein. - Stände? Nein. - Republik? Nein; usf., weil sie da und dort nicht sind.
k) "Der zehnte Tropus geht das Ethische vorzüglich an und bezieht sich auf die Sitten, Gewohnheiten und Gesetze." Das Sittliche, Gesetzliche ist dann dies auch ebenso nicht; was hier für Recht gilt, gilt anderswo für Unrecht. Hierüber verhält sich der Skeptizismus so, "daß er das Gegenteil von dem als geltend aufzeigt, was als geltendes Gesetz behauptet wird". Bei dem gemeinen Verstand über das Gelten von diesem und jenem, z. B. daß der Sohn die Schulden seines Vaters zu bezahlen hat, ist dies der letzte Grund hiervon, daß gesagt wird, dies ist Gesetz oder Gewohnheit, - der einzige Grund, weil es unmittelbar so ist, dies als Gesetz gilt. Diesem entgegen zeigen die Skeptiker ebenso das Gegenteil als geltend auf. "Der Sohn übernimmt die Schulden des Vaters, dies ist Gesetz in Rhodus."
Der Skeptiker zeigt auf: "er übernimmt sie in Rom nicht, wenn er auf das väterliche Vermögen überhaupt Verzicht geleistet hat".70) Wenn, wie beim Seienden, dies Bestimmte als wahr gilt, weil es ist, so wird das Gegenteil aufgezeigt, daß es vielmehr ist; ebenso Gesetze, wenn ihr Grund ist, weil sie gelten, so ist auch ihr Gegenteil. Da jedes so gut gilt als das andere, so gilt keins.
Wir sehen nun an diesen Wendungen, daß sie eigentlich gar keine logischen Wendungen sind, nicht auf den Begriff gehen, sondern empirisch verfahren, - unmittelbar gegen das Empirische. Es wird von der unmittelbaren Gewißheit etwas als wahr ausgegeben; von diesem wird sein Gegenteil als ebenso gewiß nur aufgezeigt, also sein Anderssein als geltend, - in irgendeinem anderen Gesichtspunkte wird auch das Nichtgelten aufgewiesen. Dies Anderssein desselben, daß es gelte, bezieht sich nun auf verschiedene Umstände, welche die Wendungen enthalten. Wie schon erwähnt, fällt die Ungleichheit desselben, das erscheint, in das urteilende Subjekt; hierher gehören die vier ersten Tropen: das Urteilende ist entweder das Tier oder der Mensch oder ein Sinn desselben oder besondere Dispositionen an ihm. Oder in den Gegenstand; hierher gehört der siebente und zehnte: die Menge macht ein Ding zu etwas ganz anderem, und das Moralische gilt an verschiedenen Orten, als allein absolut mit Ausschließung und Verbot von anderem geltend.
Der fünfte, sechste, achte und neunte betrifft endlich eine Verknüpfung beider, oder diese alle zusammen enthalten das Verhältnis, - Aufzeigen, daß es nicht an sich sich darstellt, sondern in Beziehung auf anderes.
Aus Inhalt und Form sehen wir diesen Wendungen ihren älteren Ursprung an. Aus Inhalt, der nur mit dem Sein zu tun hat, nur Veränderung aufzeigt - oder das Anderssein, die Unbeständigkeit seiner Erscheinung aufnimmt, nicht seinen Widerspruch an ihm selbst, d. h. in seinem Begriffe aufzeigt. Form: Sie zeigen ein ungeübtes Denken, das die Menge dieser Wendungen noch nicht unter ihre allgemeinen Gesichtspunkte stellt, wie Sextus tut, oder das Allgemeine, die Relativität, neben seine besonderen Weisen stellt. - Sie sehen zum Teil sehr trivial und platt aus, und wir sind nicht gewohnt, auf solche Manier eben ein großes Gewicht zu legen und was darauf zu halten. Aber in der Tat gegen den Dogmatismus des gemeinen Menschenverstandes sind sie ganz treffend. Dieser sagt geradezu: dies ist so, weil es eben so ist; es nimmt einer es aus der Erfahrung auf. Er wird daran gewiesen, daß sein Aufnehmen Zufälligkeiten und Verschiedenheiten an ihm hat, die ihm das Ding bald so, bald anders darstellen, und ihn darauf aufmerksam machen, daß er selbst oder ein anderes Subjekt ebenso unmittelbar, aus demselben Grunde, d. h. aus keinem sagt, es ist nicht so, sondern es ist vielmehr das Gegenteil. - Der Sinn dieser Tropen hat noch immer sein Gelten. Soll Glaube, Recht durch Gefühl begründet werden, so ist dies Gefühl in mir; der andere kann sagen, dies ist nicht in mir. Das Finden soll das Gelten sein, da ist das Aufzeigen des Nichtfindens nicht schwer; damit ist das Seiende zu einem Scheinenden heruntergesetzt, bei jeder Versicherung gilt ebensogut die entgegengesetzte.
59) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, 14, § 38
60) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 40-44
61) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 79-80, 81-82, 85-89
62) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 91-92
63) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 100, 112
64) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 118-120
65) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 124-126
66) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 129-131, 133
67) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 135-136
68) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 137, 140
69) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 141-144
70) Sextus Empiricus, Pyrrhoniae hypotyposes I, § 145, 148-149
Freiheit des Selbstbewußtseins;
Stoizismus, Skeptizismus
und das unglückliche Bewußtsein
Hegel-Phänomenologie des Geistes
Dieser sich vollbringende Skeptizismus

References: § 38
 § 40
 § 79
 § 91
 § 100
 § 118
 § 124
 § 129
 § 135
 § 137
 § 141
 § 145