Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Tarifliche_Sonderpraemie_fuer_Sprengung_von_Wasserbomben_BAG_10AZR698-13.html
Timestamp: 2018-04-21 05:38:34+00:00

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BAG, Urteil vom 16.07.2014, 10 AZR 698/13 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 16.07.2014, 10 AZR 698/13
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Oldenburg, Urteil vom 9.7.2012 - 4 Ca 89/12 Ö
Landesarbeitsgericht Niedersachsen, Urteil vom 1.7.2013 - 13 Sa 1037/12
16. Ju­li 2014
hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 16. Ju­li 2014 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Linck, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Rein­fel­der, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Bru­ne so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Thiel und Bick­na­se für Recht er­kannt:
1. Auf die Re­vi­si­on des Klägers wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nie­der­sach­sen vom 1. Ju­li 2013 - 13 Sa 1037/12 - auf­ge­ho­ben.
Der TV-Mun-Nds enthält im Ab­schnitt II (An­ge­stell­te) un­ter an­de­rem fol­gen­de Re­ge­lun­gen:
Ge­fah­ren­zu­la­ge
Die Pro­to­koll­no­tiz lau­tet:
„Der Entschärfung ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder steht die Entschärfung ent­spre­chen­der See­mu­ni­ti­on (z. B. Tor­pe­dos, Was­ser­bom­ben, See­mi­nen) gleich.“
„Falls ei­ne frei­ge­leg­te Bom­be zur Entschärfung am Fund­ort der Bom­be ver­la­gert wer­den muss, gilt die­se Ver­la­ge­rung ein­ver­nehm­lich als ein zur Entschärfung oder zum Trans­port der Bom­be gehören­der Ar­beits­vor­gang. Die
Son­der­prämie erhält je­der Ar­beit­neh­mer, der aus die­sem An­lass im un­mit­tel­ba­ren Ge­fah­ren­be­reich tätig sein muss.“
das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, an ihn 59.023,12 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 1. Mai 2011 zu zah­len.
Das be­klag­te Land hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt. Es hat be­strit­ten, dass al­le 104 Was­ser­bom­ben mit be­son­ders gefähr­li­chen Zünd­sys­te­men ver­se­hen ge­we­sen sei­en, da sich auf den Ge­win­de­bol­zen der zu Do­ku­men­ta­ti­ons­zwe­cken fo­to­gra­fier­ten Was­ser­bom­ben des Typs MK11 - an­ders als sonst bei von Flug­zeu­gen ab­ge­wor­fe­nen Blindgängern - we­der Leit­wer­ke noch Frag­men­te da­von be­fun­den hätten. Sie sei­en da­her - man­gels Bezünde­rung - kei­ne „ent­spre­chen­de See­mu­ni­ti­on“ iSd. Pro­to­koll­no­tiz zu § 11 Abs. 1 TV-Mun-Nds. Zu­dem sei der Kläger nicht un­mit­tel­bar am Trans­port der Was­ser­bom­ben be­tei­ligt ge­we­sen. Sämt­li­che Ar­bei­ten im Zu­sam­men­hang mit der Ber­gung und Ver­la­ge­rung der Was­ser­bom­ben sei­en aus­sch­ließlich mit Gerät und Mit­ar­bei­tern
der hin­zu­ge­zo­ge­nen ge­werb­li­chen Fir­ma durch­geführt wor­den. Der Kläger sei nur an vier Spreng­ta­gen vor Ort ge­we­sen.
koll­no­tiz zu § 5 TV-Mun-Nds so­wohl das Spren­gen als auch das Entschärfen von Mu­ni­ti­on oder Mu­ni­ti­ons­tei­len so­wie de­ren Trans­port. In § 11 TV-Mun-Nds ist so­dann für ein­zel­ne Tätig­kei­ten (Entschärfung ein­sch­ließlich des et­wa er­for­der­li­chen Trans­ports) an ei­ner spe­zi­el­len Mu­ni­ti­ons­art (Bom­be mit Lang­zeitzünder) ei­ne wei­te­re als „Son­der­prämie“ be­zeich­ne­te Zu­la­ge ge­re­gelt. Die Ta­rif­sys­te­ma­tik ver­deut­lich da­mit, dass nach Auf­fas­sung der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en die „Entschärfung“ ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder ein­sch­ließlich des et­wa er­for­der­li­chen Trans­ports ganz be­son­de­re Ge­fah­ren in sich birgt, die über das hin­aus­ge­hen, was mit der Ge­fah­ren­zu­la­ge nach § 5 und § 10 TV-Mun-Nds ab­ge­gol­ten wer­den soll. Des­halb ha­ben sie für die­se Tätig­keit ei­ne Son­der­prämie vor­ge­se­hen, die glei­cher­maßen für al­le Ar­beit­neh­mer gilt und bei ei­nem An­ge­stell­ten mehr als 60 %, bei ei­nem Ar­bei­ter so­gar mehr als 75 % sei­ner ma­xi­ma­len mo­nat­li­chen Ge­fah­ren­zu­la­ge nach § 5 TV-Mun-Nds beträgt.
bb) Ei­ne Gleich­set­zung von „Spren­gung“ und „Entschärfung“ ei­ner Bom­be in § 11 Abs. 1 TV-Mun-Nds ist mit dem sich aus die­ser Ta­rif­sys­te­ma­tik er­ge­ben­den Re­ge­lungs­zweck un­ver­ein­bar. Ei­ne Bom­be, die nach ih­rem Ab­wurf nicht ex­plo­diert ist, stellt nach dem im ta­rif­li­chen Ge­samt­zu­sam­men­hang zum Aus­druck kom­men­den Wil­len der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­ne über die oh­ne­hin be­ste­hen­de all­ge­mei­ne Gefähr­lich­keit hin­aus­ge­hen­de be­son­de­re Ge­fahr dar, wenn sie über ei­nen Lang­zeitzünder verfügt, der ih­re so­for­ti­ge De­to­na­ti­on beim Auf­schla­gen im Ziel­ge­biet ver­hin­dern soll­te. Da ein Lang­zeitzünder übli­cher­wei­se mit ei­ner Aus­bau­sper­re ver­se­hen ist, die sei­ne Entschärfung ver­hin­dern oder zu­min­dest er­schwe­ren soll, ist des­sen Ent­fer­nung nicht nur außer­gewöhn­lich aufwändig, son­dern auch in be­son­de­rem Maße gefähr­lich. Dem­ent­spre­chend ist nach der be­rufs­ge­nos­sen­schaft­li­chen Richt­li­nie BGR 114 An­hang 5 Zif­fer 12.4 die Entschärfung von Fund­mu­ni­ti­on mit Zündern, bei de­nen kon­struk­ti­ons­be­dingt „ei­ne Auslösung nicht aus­ge­schlos­sen“ wer­den kann, „we­gen der ständi­gen aku­ten Ge­fahr“ nur durch­zuführen, „wenn ei­ne Spren­gung ... aus­nahms­wei­se nicht ge­bo­ten ist“. Dies ver­deut­licht das ta­rif­li­che Re­ge­lungs­ziel, mit der Son­der­prämie nach § 11 Abs. 1 TV-Mun-Nds die Ausübung ei­ner be­son­ders gefähr­li­chen Tätig­keit zusätz­lich zu der Ge­fah­ren­zu­la­ge nach §§ 5, 10 TV-Mun-Nds zu ho­no­rie­ren.
c) Die­ses Ta­rif­verständ­nis verstößt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on nicht ge­gen den Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG. Ein sol­cher Ver­s­toß ist dann an­zu­neh­men, wenn die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en es versäumt ha­ben, tatsächli­che Ge­mein­sam­kei­ten oder Un­ter­schie­de der zu ord­nen­den Le­bens­verhält­nis­se zu berück­sich­ti­gen, die so be­deut­sam sind, dass sie bei ei­ner am Ge­rech­tig­keits­ge­dan­ken ori­en­tier­ten Be­trach­tungs­wei­se hätten be­ach­tet wer­den müssen (BAG 11. De­zem­ber 2013 - 10 AZR 736/12 - Rn. 14). Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, de­nen in­so­weit ei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve zu­kommt (BAG 11. De­zem­ber 2013 - 10 AZR 736/12 - Rn. 14), ha­ben die all­ge­mei­ne Ge­fah­ren­zu­la­ge nach §§ 5, 10 TV-Mun-Nds als Zu­la­ge für die Tätig­keit ei­nes Ar­beit­neh­mers im un­mit­tel­ba­ren Ge­fah­ren­be­reich iSd. Pro­to­koll­no­tiz zu § 5 TV-Mun-Nds of­fen­bar für aus­rei­chend ge­hal­ten, so­weit der Ar­beit­neh­mer nicht un­mit­tel­bar an der Entschärfung ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder ein­sch­ließlich des et­wa er­for­der­li­chen Trans­ports mit­ar­bei­tet und sich da­durch ei­ner be­son­de­ren Ge­fahr aus­setzt. Ei­ne sol­che Un­ter­schei­dung nach der von der Tätig­keit aus­ge­hen­den Ge­fahr ist sach­ge­recht und aus Rechts­gründen nicht zu be­an­stan­den.
3. Die Gleich­stel­lung der „Entschärfung ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder“ mit der „Entschärfung ent­spre­chen­der See­mu­ni­ti­on“ nach der Pro­to­koll­no­tiz zu § 11 Abs. 1 TV-Mun-Nds be­schränkt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht auf den Vor­gang der „Entschärfung“, son­dern um­fasst auch den „Trans­port“ iSd. § 11 Abs. 1 TV-Mun-Nds. Nach dem Wort­laut der Pro­to­koll­no­tiz steht der Entschärfung ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder die Ent-
schärfung ent­spre­chen­der See­mu­ni­ti­on gleich. Der Trans­port der See­mu­ni­ti­on ist da­mit zwar in der Pro­to­koll­no­tiz nicht aus­drück­lich erwähnt. Hier­aus kann je­doch, an­ders als vom Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men, nicht der Schluss ge­zo­gen wer­den, die­ser löse die Son­der­prämie nicht aus. Hier­ge­gen spricht die in § 11 Abs. 1 TV-Mun-Nds er­folg­te Gleich­stel­lung bei­der Vorgänge. Wenn die Pro­to­koll­no­tiz für die Zah­lung ei­ner Son­der­prämie vor­aus­setzt, dass die See­mu­ni­ti­on in Be­zug auf die Gefähr­lich­keit ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder zu ent­spre­chen hat, be­trifft dies nicht nur die Ge­fah­ren bei ei­ner Entschärfung, son­dern auch bei ei­nem et­wa er­for­der­li­chen Trans­port. Ei­ne am Zweck der Pro­to­koll­no­tiz ori­en­tier­te Aus­le­gung ge­bie­tet da­her, nicht nur die Entschärfung, son­dern auch die un­mit­tel­ba­re Mit­ar­beit beim Trans­port ent­spre­chen­der See­mu­ni­ti­on als ei­ne Tätig­keit an­zu­se­hen, die ei­nen An­spruch auf ei­ne Son­der­prämie nach § 11 Abs. 1 TV-Mun-Nds auslöst. In der Re­gel kann da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en gleich ge­la­ger­te Sach­ver­hal­te nicht oh­ne sach­li­chen Grund un­gleich be­han­deln. Für ei­ne Un­gleich­be­hand­lung zwi­schen Bom­ben mit Lang­zeitzünder und ent­spre­chen­der See­mu­ni­ti­on ist in­so­weit kein Grund er­sicht­lich.
5. Zum Trans­port gehört nach Ziff. III 1 der Nie­der­schrift zum Ver­hand­lungs­er­geb­nis vom 11. Sep­tem­ber 1979 zum Ände­rungs­ta­rif­ver­trag Nr. 2 zum TV-Mun-Nds vom 25. Fe­bru­ar 1972 auch das Ver­la­gern ei­ner Bom­be. Er­fasst wird da­mit das An­he­ben, Zu­sam­men­le­gen und Übe­rein­an­der­schich­ten frei­ge­leg­ter Bom­ben und ent­spre­chend bezünder­ter See­mu­ni­ti­on. Dem liegt zu­grun-
de, dass nach Auf­fas­sung der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en je­de Be­we­gung ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder ganz be­son­de­re Ge­fah­ren in sich birgt, die für die dar­an un­mit­tel­bar mit­wir­ken­den Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch auf ei­ne Son­der­prämie be­gründen soll. Des­halb gilt dies nicht nur für den Nor­mal­fall der Entschärfung am Fund­ort, son­dern auch dann, wenn ei­ne sol­che Bom­be oder ent­spre­chen­de See­mu­ni­ti­on nach dem Trans­port an ei­nen an­de­ren Ort noch­mals ver­la­gert wer­den muss. Ob die Ver­la­ge­rung am Fund­ort oder an ei­nem an­de­ren Ort statt­fin­det, ist für die be­son­de­re Ge­fah­ren­la­ge, die den Grund für die Prämie bil­det, un­er­heb­lich.
Bezünde­rung der Was­ser­bom­ben mögli­cher­wei­se nicht vollständig do­ku­men­tiert wur­de, be­deu­tet da­bei nicht, dass sie ei­ner Be­weis­er­he­bung schlecht­hin ent­zo­gen ist. Viel­mehr er­scheint es denk­bar, dass ein Sach­verständi­ger so­wohl die Fra­ge der Bezünde­rung an sich als auch die von ihr aus­ge­hen­de Ge­fahr (ent­spre­chend Lang­zeitzünder) - et­wa an­hand von Kennt­nis­sen über die Art oder den Typ der ge­spreng­ten Was­ser­bom­ben - be­ant­wor­ten und sich auch da­zu äußern kann, ob die Was­ser­bom­ben nach Kriegs­en­de in un­bezünder­tem Zu­stand ver­klappt wur­den. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird so­dann al­le die­se Umstände im Rah­men der Be­weiswürdi­gung ab­zuwägen ha­ben.
Bick­na­se
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14/252 Ta­rif­li­che Son­der­prä­mie für die Spren­gung von Was­ser­bom­ben
17.07.2014. In vie­len Ta­rif­ver­trä­gen sind be­son­de­re Zu­la­gen für schwe­re, un­an­ge­neh­me oder ge­fähr­li­che Ar­bei­ten vor­ge­se­hen. Ges­tern hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass ...

References: § 11
 § 5
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 § 10
 § 5
 § 11
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 Art. 3
 § 5
 § 11
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