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Timestamp: 2020-04-10 04:41:59+00:00

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Lienzinger Geschichte(n): Selbst über den Kauf des Ziegenbocks musste der Gemeinderat entscheiden | Günter Bächles Weblog
"Gab allgemein seine Bereitwilligkeit kund"
GR am 27. Januar 1950, § 3, Wasserleitungsanschluss des Gebäudes des Revierförsters a. D. Ulmer, hier:
Das Ulmer‘sche Haus ist das erste Gebäude aus Richtung Mühlacker. Bereits 1929 und 1930 wollte Revierförster Ulmer, der Eigentümer, ans Wasserleitungsnetz der Gemeinde anschließen. Sein Anwesen - heute zwischen Landesstraße und Auffahrt zur B35 Richtung Bruchsal - in einem kleinen Park stehend, lag vor den Toren des Ortes. Jetzt, 20 Jahre später, bot sich die Chance für einen erneuten Vorstoß Ulmers. Denn die Kommune verlegte eine Wasserleitung bis zum Friedhof. Nun müssten nur, nachdem das Haus quasi in Nachbarschaft zu Frauenkirche und Friedhof stehe, 50 Meter Rohre bis zu dem Anwesen verlegt werden. „In der Aussprache gab der Gemeinderat allgemein seine Bereitwilligkeit kund, in der Frage der Kostentragung, insbesondere der eventuell späteren Unterhaltungskosten, gingen die Meinungen auseinander“, steht im Ratsprotokoll. Schließlich einigte sich das Gremium, Ulmer müsse 65 Prozent der auf 400 Mark geschätzten Kosten sowie die Unterhaltungskosten voll übernehmen, die Leitung bleibe im Eigentum der Gemeinde (STAM, Li B 324, S. 5).
GR am 2. Oktober 1950, § 8:
Bürgermeister Richard Allmendinger mit dem langjährigen Amtsboten Wilhelm Scheck (1981, Foto: STAM, Smlg. Gerhard Schwab). Scheck, Jahrgang 1899, war der letzte Amtsbote Lienzingens, der - bis Anfang 1969 - die amtlichen und andere Nachrichten noch "ausschelte". Für die Dorfjugend ein Erlebnis
Ein Achtzeiler, der mit dem Beschluss endet, zwei Aushängekästen in entsprechender Größe anfertigen und anbringen zu lassen, um Fahrpläne auszuhängen. Eisenbahnsekretär Hafner hatte, wie nachzulesen ist, angeregt, am Rathaus zwei solcher Aushängetafeln montieren zu lassen. Der Gemeinderat begrüßte „dieses Ansinnen“ (STAM, Li B 324, S. 45).
Geheime Abstimmung über ein Kinderfest
GR am 26. September 1958, § 4, Abhaltung eines Kinderfestes im Jahr 1959:
Dass selbst ein Kinderfest zum kommunalpolitischen Streitpunkt werden konnte, der in geheimer Abstimmung entschieden werden musste, zeigte sich in dieser Sitzung. Sechs Räte votierten im geheimen Verfahren für den Antrag des Fußballvereines Lienzingen, anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Vereines 1959 ein Kinderfest der Gemeinde zu organisieren. Drei Räte schrieben Nein auf den Stimmzettel. Das bedeutete eine Niederlage für Schulleiter Karl Kießling, der sich mit Vehemenz gegen ein Kinderfest wehrte. Die Lehrer bräuchten in der Regel vier Wochen Vorbereitungszeit für ein Kinderfest, sagte er vor den Ratsmitgliedern. In dieser Zeit könne ein normaler Unterricht nicht gewährleistet werden. Der Stundenplan, so wird es im Ratsprotokoll zitiert, sei so ausgefüllt, das wenig Zeit übrig bleibe für Aufgaben, die nicht in ihr Gebiet gehören. Zudem sah er auch „gewisse Gefahren für die heranreifende Jugend“. Zudem habe es 1958 anlässlich der Heimattage ein Kinderfest gegeben, schließlich stehe auch die Einweihung des Kindergartens sowie das Richtfest an der Volksschule an. Sein Appell gegen Feste „in rascher Folge“ verhallte ungehört (STAM, Li B 325, S. 228)
GR am 5. September 1958, § 1, Haushaltsplan für das Rechnungsjahr 1958:
Nicht nur in diesem einen Jahr verabschiedete das Lienzinger Ortsparlament erst neun Monate nach Beginn des Haushaltsjahres 1958 den Etat just für dieses Jahr. Heutzutage unvorstellbar, denn das Budget soll eigentlich vor Beginn des Haushaltsjahres den Rat passiert haben. Das seinerzeitige Volumen betrug 425.572 Mark, davon 196.572 Mark im so genannten ordentlichen Haushaltsplan, in dem die laufenden Einnahmen gelistet waren. Die Steuersätze (in Klammern die aktuellen von Mühlacker): Grundsteuer für landwirtschaftliche Grundstücke A 160 Prozent (340), Grundsteuer B für andere Grundstücke 150 (390) und Gewerbesteuer 300 Prozent (370) (STAM, Li B 325, S. 222).
Erstklässler durften singen
Der Bürgermeister besprach auch anstehende Einweihungen mit den inzwischen zehn Bürgervertretern, so in der Ratssitzung vom 24. April 1959 in § 8 die des Kindergartens. Das Gremium legte den Termin auf den 23. Mai 1959 um 14 Uhr fest. Ich erinnere mich an den Sommertag, an dem das neue „Kinderschüle“ dann feierlich in Betrieb ging. Denn wir Erstklässler der Volksschule durften die Feier gesanglich begleiten (STAM, Li B 325, S. 265).
Kirchenburggasse 15: Das alte (zweite) Lienzinger Schulhaus, 1837 bis Oktober 1960. Danach von der Gemeinde Lienzingen verkauft, dient es seitdem für Wohnzwecke
Um eine weitere Einweihung ging es am 27. September 1960 (STAM, Li B 326, S. 57), nämlich die der Volksschule, terminiert auf 15. Oktober 1960 um 15 Uhr. Allerdings gingen die Innenausbauarbeiten wegen Überlastung des Bauhandwerkers nur mühsam voran, doch Architekt Jakob Buck aus Mühlacker versicherte, diesen Termin einhalten zu können, protokollierte Bürgermeister Allmendinger. Selbst das Essen regelte der Gemeinderat: Es werde nach der offziellen Feier, die an der alten Schule begann und im Hof der neuen Schule mit anschließender Besichtigung endete, "im Gasthaus Adler (heute Bäckerei Schmid) an die geladenen Gäste verabreicht". Mit der Organisation der Feier beauftragten die Räte den Bürgermeister "im Benehmen mit der Schulleitung".
Forstdirektion schlecht beraten
GR am 3. März 1961, § 8, Abtretung einer Waldfläche für den Ausbau der Landstraße I. Ordnung, Mühlacker-Lienzingen:
Konsequent konnten die Lienzinger Bürgervertreter schon sein. Das zeigte sich in der Ratssitzung vom 3. März 1961, als unter § 8 über den Verkauf von 50 Ar Gemeindewald - die Parzellen Nummer 4762, 4764 und 492 - an das Land Baden-Württemberg für den Ausbau der Landesstraße zwischen Mühlacker und Lienzingen debattiert wurde. Die Kommune forderte 100 Mark für das Ar, das Land wollte nur 70 Mark bezahlen. Den Kaufvertrag schloss Allmendinger, wohl eher widerwillig, am 23. Januar 1961 ab, allerdings musste diesem noch der Gemeinderat zustimmen, was jener jedoch ablehnte. Denn der Schultes hatte zwischenzeitlich erfahren, dass die Forstdirektion des Landes von der Stadt Mühlacker für Baurohland 1200 Mark je Ar gefordert habe. Was wiederum Allmendinger zum Fazit brachte, bei der Forstdirektion sei man wirklich schlecht beraten (STAM, Li B 326, S. 81). Hartnäckigkeit zahlte sich aus: In der Ratssitzung am 11. August 1961 teilte der Bürgermeister mit, die Straßenbauverwaltung des Landes bezahle nun die verlangten 100 Mark pro Ar (STAM, Li B 326, S. 101).
Christbäume für vier Mark
GR 22. November 1963, § 4:
Ein für die Lienzinger höchst erfreulicher Beschluss: Heuer könnten wieder Christbäume im Gemeindewald eingehauen werden, berichtete der Gemeindeforstwart, worauf der Gemeinderat die Preise festlegte. Vier Mark für einen großen, drei Mark für einen mittleren und zwei Mark für einen kleinen Baum. "An Auswärtige sollen keine Christbäume abgegeben werden" (STAM, Li B 326., S. 239).
Bock- und Farrenhaltung - eine Kommunalaufgabe
Viehhaltung in Lienzingen: 1950 (in Klammer: 1961) Pferde 50 (20), Rinder 420 (477), Schweine 273 (217). Die Statistik wies die Zahlen von Schafen und Ziegen nicht aus (aus: Konrad Dussel, Lienzingen, Altes Haufendorf - moderne Gemeinde, 2016, Verlag Regionalkultur, S. 206). Bei mehr als hundert landwirtschaftlichen Betrieben im Dorf gehörten deren Anliegen zum festen Teil der Kommunalpolitik, schlugen sich in Themen nieder, die jedoch heutzutage eher skurril wirken oder uns ein Schmunzeln abringen. Bock und Farren als kommunale Pflichtaufgabe. Noch keine künstliche Besamung, die tierische Weiblichkeit wurde dem Bock oder Farren zugetrieben. Für sie galt: Allzeit bereit. So stehen im Protokoll der
Die Farren stehen in guter Pflege, bescheinigte das Staatliche Tierzuchtamt Ludwigsburg bei ihrer Körung am 9. Juli 1957 laut Ratsprotokoll. Der vor zwei Jahren abgekörte Farren „Kuno“ sei wieder in die Zuchtwertklasse II einbezogen worden. Dagegen habe leider der am 14. September 1956 in Herrenberg gekaufte Farren „Proteus L 1099/5“ wieder abgeschafft werden müssen, da er sich zu seinem Nachteil entwickelt habe. Welcher Art dieser Nachteil war, wird in den Aufzeichnungen über die Sitzung nicht erwähnt (STAM, Li B 325, S.157).
Selbst den Kauf eines Ziegenbockes mussten die Gemeinderäte genehmigen. Das geschah zum Beispiel in der Sitzung am 5. September 1958 (§ 5). Der Kaufpreis: 470 Mark und 25 Pfennige. Bockhalter und Landwirt Artur Benzenhöfer - übrigens mein Onkel - hatte Ende August bei einer Versteigerung in Heilbronn den Bock der Zuchtwertklasse III erstanden, sozusagen der Gemeinde-Bock, dem die Ziegen aus dem Flecken zwecks Nachwuchszeugung zugeführt wurden (STAM, Li B 325, S. 224).
Den Ziegenbockhalter entlohnte die Kommune mit Verpflegungsgeld für das Tier und Sprunggeld. Einen neuen Vertrag über die Entlohnung genehmigte der Gemeinderat am 9. November 1951, ebenso eine Vereinbarung mit Farrenhalter Pfullinger, dem sozusagen als Fressensgeld 360 Mark pro Eber zugebilligt wurden plus 80 Mark Nutzungsentschädigung für 79 ar und 14 qm Wiesen. Da Landwirt Pfullinger den Farren Profoss der Zuchtwertklasse III selbst aufzog, dessen Wert bei der Körung mit 1350 Mark ermittelt wurde, entschädigte ihn die Gemeinde mit einem Viertel des Betrags und somit 337,50 Mark (STAM, Li B 324, S. 103).

References: § 3
 § 8
 § 4
 § 1
 § 8
 § 8
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