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Timestamp: 2020-02-20 04:35:23+00:00

Document:
Aktenzeichen: C-280/18
Der EuGH hat entschieden, dass dann, wenn der Öffentlichkeit nicht ermöglicht wird, sich an der Umweltverträglichkeitsprüfung eines Projektes effektiv zu beteiligen, ihr keine Frist für die Einreichung eines Rechtsbehelfs gegen die Entscheidung über die Genehmigung dieses Projektes entgegengehalten werden kann.
Ein solcher Fall liege vor, wenn ein Prüfungsverfahren hauptsächlich auf einer 55 Seemeilen vom Standort des Projektes entfernten Insel durchgeführt werde, so der EuGH.
Die im Rahmen der Errichtung eines komplexen Beherbergungsbetriebes auf der Insel Ios (Kykladenarchipel, Griechenland) an jeden Betroffenen gerichtete Aufforderung, sich an der Umweltverträglichkeitsprüfung (im Folgenden: UVP) dieses Projektes zu beteiligen, wurde in der Lokalzeitung der Insel Syros (Kykladenarchipel, Griechenland) sowie in den Büroräumen der Verwaltung der Region Mittelägäis derselben Insel veröffentlicht. Diese Insel liegt 55 Seemeilen von der Insel Ios entfernt, und es besteht keine tägliche Schiffsverbindung zu ihr. Ein Jahr später erließen der Minister für Umwelt und Energie und der Minister für Tourismus die Entscheidung über die Genehmigung von Umweltauflagen (im Folgenden: Umweltauflagengenehmigung), mit der das Projekt der Errichtung des Betriebskomplexes auf der Insel Ios genehmigt wurde. Diese Entscheidung wurde im Bekanntgabe-Portal Diavgeia und auf der Website des Umweltministeriums veröffentlicht.
Mehrere Eigentümer von Immobilien auf der Insel Ios sowie drei Umweltschutzverbände haben gegen die Umweltauflagengenehmigung mehr als achtzehn Monate nach deren Erlass Klage erhoben. Sie machen geltend, sie hätten von der Umweltauflagengenehmigung erst Kenntnis erhalten, als die Arbeiten zur Erschließung des Gebietes begonnen hätten. Nach dem griechischen Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung wird bis zur Einführung eines elektronischen Umweltregisters die Konsultation der Öffentlichkeit mit der Bekanntmachung der Einzelheiten über das Projekt am Sitz der zuständigen Region und mit deren Veröffentlichung in der lokalen Presse sowie der Aufforderung an alle Betroffenen eingeleitet, von der Umweltverträglichkeitsprüfung Kenntnis zu nehmen und sich zu ihr zu äußern. Die griechische Regelung sieht für die Klageerhebung eine Frist von 60 Tagen vor, die mit der Veröffentlichung der Genehmigung des Projektes im Internet zu laufen beginnt.
Der mit der Klage befasste Symvoulio tis Epikrateias (Staatsrat, Griechenland) hat dem EuGH zwei Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt, die die Auslegung der Richtlinie über die Umweltverträglichkeitsprüfung bei bestimmten öffentlichen und privaten Projekten (RL 2011/92/EU (ABl. 2012, L 26, 1) - im Folgenden: UVP-Richtlinie) betreffen. Insbesondere möchte das vorlegende Gericht wissen, ob die UVP-Richtlinie nationalen Vorschriften entgegensteht, wonach das Verfahren vor der Genehmigung der Umweltauflagen auf der Ebene der Region und nicht der der betroffenen Gemeinde durchgeführt wird, und ob sie einer nationalen Regelung entgegensteht, wonach die Veröffentlichung der Genehmigung eines Projektes im Internet die Klagefrist in Lauf setzt.
Der EuGH hat zunächst festgestellt, dass die UVP-Richtlinie den Mitgliedstaaten vorbehält, dafür Sorge zu tragen, die genauen Vorkehrungen für sowohl die Unterrichtung der Öffentlichkeit als auch deren Beteiligung am Entscheidungsverfahren in Umweltangelegenheiten festzulegen, vorausgesetzt allerdings, dass sie nicht ungünstiger sind als die Modalitäten, die für gleichartige interne Sachverhalte gelten (Äquivalenzgrundsatz) und die Ausübung der vom Unionsrecht verliehenen Rechte nicht praktisch unmöglich machen oder übermäßig erschweren (Effektivitätsgrundsatz).
Zum Effektivitätsgrundsatz hat der EuGH darauf hingewiesen, dass die zuständigen Behörden sich vergewissern müssen, dass die verwendeten Informationskanäle vernünftigerweise als geeignet angesehen werden können, die betroffenen Bürger zu erreichen, damit ihnen eine angemessene Möglichkeit gegeben ist, sich über geplante Tätigkeiten, das Entscheidungsverfahren und ihre frühzeitigen Beteiligungsmöglichkeiten zu informieren.
Der EuGH ist der Ansicht, dass ein Anschlag in den Räumlichkeiten des regionalen Sitzes der Verwaltung, der sich auf der Insel Syros befindet, auch wenn er von einer Veröffentlichung in einer Lokalzeitung dieser Insel begleitet wird, nicht als geeignet erscheint, in angemessener Weise zur Information der betroffenen Öffentlichkeit beizutragen.
Sodann hat der EuGH festgestellt, dass die Bedingungen des Zuganges zu den Akten des Beteiligungsverfahrens so beschaffen sein müssen, dass es der betroffenen Öffentlichkeit möglich ist, ihre Rechte effektiv auszuüben, was eine Zugänglichkeit dieser Akten unter einfachen Bedingungen impliziert. Es sei Sache des vorlegenden Gerichts, festzustellen, ob diese Anforderungen eingehalten worden seien, und dass es dabei u.a. die Anstrengung, die die betroffene Öffentlichkeit für die Überfahrt von der Insel Ios zur Insel Syros unternehmen müsse, und die Möglichkeiten zu berücksichtigen haben werde, die den zuständigen Behörden zur Verfügung standen, um die Akten mit vertretbarem Aufwand auf der Insel Ios zugänglich zu machen.
Schließlich ist der EuGH der Auffassung, dass die nationale Regelung, die dazu führt, dass Mitgliedern der betroffenen Öffentlichkeit eine Frist für die Einreichung eines Rechtsbehelfs entgegengehalten wird, die mit der Bekanntmachung der Genehmigung eines Projektes im Internet zu laufen beginnt, nicht mit der UVP-Richtlinie vereinbar ist, wenn sie nicht zuvor die angemessene Möglichkeit hatten, sich über das Genehmigungsverfahren zu unterrichten.
Quelle: Pressemitteilung des EuGH Nr. 137/2019 v. 07.11.2019

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