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⭐Prof. Dr. Georg Bitter. Gläubigerbenachteiligung bei der Zahlung aus dem Überziehungskredit. Das Aus für die Insolvenzanfechtung?
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1 Prof. Dr. Georg Bitter Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Bank-, Börsen- und Kapitalmarktrecht Gläubigerbenachteiligung bei der Zahlung aus dem Überziehungskredit Das Aus für die Insolvenzanfechtung? WM-Tagung zum Insolvenzrecht 2. Juni 2008 in Frankfurt-Eschborn Zahlung auf Anweisung Anweisung Bank = Angewiesene Zahlung = Anweisender Gläubiger = Empfänger 22 Situation nach der Zahlung Zahlung aus einem Guthaben Reduzierung des Guthabens im Kontokorrent Bank = Angewiesene Leistung 1: Bank - Zahlung = Anweisender Leistung 2: - Gläubiger Gläubiger = Empfänger 3 Situation nach der Zahlung Zahlung aus einem Kredit Bank = Angewiesene Zahlung 488 I 2 BGB Gesamtbetrachtung: Austausch zweier Gläubiger = Anweisender Gläubiger = Empfänger 43 Abtretung einer Gläubigerbenachteiligung fehlt, da Gläubigeraustausch (unstreitig) Neugläubiger Kaufpreiszahlung skauf Abtretung Altgläubiger 5 Situation nach der Zahlung Zahlung aus einem Kredit Einzelbetrachtung: 1. erhält Kredit 2. Gläubiger erhält Zahlung Bank = Angewiesene Zahlung = Anweisender 488 I 2 BGB Leistung 1: Bank - Leistung 2: - Gläubiger Gläubiger = Empfänger 64 Rechtsprechung des Reichsgerichts 1. Das Urteil RGZ 48, 148 Anweisungsfall ohne Bankbezug: weist einen Geschäftspartner an, für seine Rechnung Mark an einen seiner Gläubiger zu leisten Aktivmasse des s nicht vermindert nur eine unteilbare Handlung ( zwei Rechtshandlungen, wenn die Kreditmittel erst an den fließen, der sie an den Gläubiger weitergibt) Vergleichbarkeit mit sabtretung: Entstehung der neuen des Geschäftspartners geht Hand in Hand mit der Tilgung der gleichgroßen des Gläubigers. 7 Rechtsprechung des Reichsgerichts RGZ 81, 144 Anweisung Bank = Angewiesene Zahlung 488 I 2 BGB Sicherungsabtretung der Außenstände = Anweisender Gläubiger = Empfänger 85 Rechtsprechung des Reichsgerichts 2. Das Urteil RGZ 81, 144 Bestätigung von RGZ 48, 148: Gläubigerbefriedigung durch Dritte für Rechnung des s ist keine Gläubigerbenachteiligung; keine Änderung der Aktiv- und Passivmasse Ausnahme: Ersatzforderung des Angewiesenen belastet die Masse stärker als die befriedigte Hauptfall: Ersatzforderung ist am Vermögen des s dinglich gesichert Absonderungsrecht des neuen Gläubigers statt Insolvenzforderung Aktivbestand des s in Gestalt des Anspruchs auf Rückgewähr von Sicherheiten wird verringert 9 Rechtsprechung des II. Senats des BGH zu 64 II GmbHG Das Urteil BGH WM 2007, 973 = ZIP 2007, 1006 Zahlung mit Kreditmitteln aus einem debitorisch geführten Bankkonto einer insolvenzreifen GmbH fällt nicht unter 64 II GmbH keine Verminderung der verteilungsfähigen Vermögensmasse, sondern bloßer Gläubigertausch Ausnahme: Bank verfügt über Gesellschaftssicherheiten Hinweis: Der II. Senat differenziert nicht zwischen Dispositions- und Überziehungskredit 106 Rechtsprechung des IX. Senats des BGH 1. Das Urteil BGH WM 1990, 649 Fall: Geschäftsführer der späteren Gemeinschulderin überweist von einem durch Bürgschaft gesicherten debitorischen Konto der Gemeinschulderin DM an sich zum Ausgleich seiner gegen die Gemeinschulderin Entscheidung: Gläubigerbenachteiligung kann bereits darin liegen, dass die als Kredit der Gemeinschuldnerin zur Verfügung stehenden Mittel für eine inkongruente Befriedigung verbraucht und nicht in anderer Weise zum Nutzen ihres Geschäftsbetriebs verwendet worden sind. 11 Rechtsprechung des IX. Senats des BGH 2. Das Urteil BGH WM 2002, 561 Fall: Überweisung an einen Gläubiger von einem durch Bürgschaften + Grundschulden gesicherten debitorischen Konto mit Dispokredit (= offene Kreditlinie) Vorinstanz OLG Dresden: keine Gläubigerbenachteiligung, da Austausch ungesicherter Gläubiger (Kritik an BGH WM 1990, 649) Bank fiel trotz Sicherheiten in Höhe des Anfechtungsbetrags aus BGH: Zahlung aus eigenem haftenden Vermögen, da Dispokredit nach Abruf pfändbar ( BGHZ 147, 193) Darlehensaufnahme + Verwendung = rechtlich getrennte Vorgänge Abgrenzung zur Auswechselung zweier Gläubiger bei sabtretung (fehlerhafter Verweis auf RGZ 48, 148) 127 Rechtsprechung des IX. Senats des BGH zur Kontenpfändung Unpfändbarkeit des Überziehungskredits BGHZ 93, 315 Pfändbarkeit des Dispositionskredits ( offene Kreditlinie ) BGHZ 147, 193: Pfändbarkeit nach Abruf durch den Kunden BGHZ 157, 350 und BGH WM 2004, 669: Keine Wirkung vor Abruf durch den Kunden richtig: generelle Unpfändbarkeit Weisungsbindung der Bank Privatautonomie des Kontoinhabers Kontenblockade unvereinbar mit Sinn + Zweck der Zwangsvollstreckung Soziale Folgen der Kontenblockade 13 Rechtsprechung der Oberlandesgerichte 1. OLG Köln WM 2005, 568 = WuB VI A. 129 InsO 3.05 Bitter offen, ob schlichte Gläubigerauswechselung Gläubigerbenachteiligung jedenfalls beseitigt, wenn die Bank (= neuer Gläubiger) seine sanmeldung zurückzieht keine Erhöhung der Passivmasse (sehr zweifelhaft) 2. OLG Stuttgart ZIP 2005, 1837 (Vorinstanz zu BGHZ 170, 276, b.w.) Gleichstellung zw. baren + unbaren Kreditmitteln Kreditvertrag kommt mit Inanspruchnahme zustande Darlehensaufnahme + Verwendung = rechtlich getrennte Vorgänge 3. OLG Hamburg ZIP 2006, 44 = ZInsO 2005, 937 Gleichstellung von Dispo- und Überziehungskredit zur Vermeidung von Zufallsergebnissen (insbesondere bei teilweiser Deckung) 148 Rechtsprechung des IX. Senats des BGH 3. Das Urteil BGHZ 170, 276 = WM 2007, 508 Weggabe unpfändbarer Gegenstände Gläubigerbenachteiligung an der Differenzierung zw. Dispositions- und Überziehungskredit (Kontenpfändung) wird auch für die Anfechtung festgehalten Beim Überziehungskredit besteht kein pfändbarer Anspruch. Zahlungen aus einem Überziehungskredit sind mangels Gläubigerbenachteiligung nicht anfechtbar Ausnahme: Kreditrückzahlungsanspruch der Bank ist ungünstiger für die Insolvenzmasse (insbes. [bessere] Sicherheiten) Kommentar: Ergebnis wie RGZ 81, 144 (s.o. Folien 8 f.) 15 Rechtsprechung des IX. Senats des BGH 4. Der Beschluss BGH WM 2007, 695 = ZIP 2007, 601 Schlüssigkeit einer Anfechtungsklage: Der Insolvenzverwalter muss darlegen, dass die Zahlung aus einem Guthaben oder im Rahmen einer eingeräumten Kreditlinie erbracht wurde. Konsequenzen: partielles Aus für die Insolvenzanfechtung wer zuletzt Geld bekommt, steht anfechtungsrechtlich am besten Abgrenzungsschwierigkeiten + Zufallsergebnisse (insbes. bei teilweiser Überschreitung der Kreditlinie durch die Zahlung) umfassende Kritik in der Literatur / Gesetzesvorschlag Marotzke 169 Rechtsprechung des IX. Senats des BGH 5. Das Urteil BGH WM 2008, 704 = ZIP 2008, 701 Fall: Kreditlimit deutlich überzogen; Eingang einer Pfändung; Bank veranlasst den Kontoinhaber, den Pfändungsgläubiger durch Überweisung vom überzogenen Konto zu befriedigen Anfechtbarkeit, wenn Kunde Anspruch auf Kreditgewährung hatte Angebot der Kreditgewährung durch Aufforderung der Bank Annahme durch Erteilung des Überweisungsauftrag Anspruch auch bei konkludenter Erweiterung der Kreditlinie offen, wann Kreditvertrag zustande kommt, wenn die Bank ohne vorherige Absprache einen Überweisungsauftrag ausführt Frage: Andeutung, die Rspr. zur Unpfändbarkeit des Überziehungskredits aufgeben / einschränken zu wollen? 17 Rechtsprechung des IX. Senats des BGH 6. Der Beschluss BGH WM 2008, 842 = ZIP 2008, 747 Schlüssigkeit des Klagevortrags, wenn Kontoaufstellung ergibt, dass der Kontostand die eingeräumte Kreditlinie nie überschritten hat; keine Darlegung erforderlich, dass einzelne Gutschriften nicht nur vorläufig sind Überziehungskredit nur, wenn sich die Bank die Zulassung der Verfügung von Fall zu Fall vorbehalten hat (Verweis auf Bitter) Annahme der Masseverkürzung bei Zahlung aus Kreditmitteln Divergenz zur Rspr. des II. Zivilsenats (oben Folie 10) Hinweis: ebenso Bitter, Festschrift Gero Fischer, 2008, S. 15, 32 f. 1810 Probleme der neuen Rechtsprechung 1. Koppelung von Pfändungs- und Anfechtungsrecht zur Erweiterung der als sachgerecht empfundenen Anfechtungsmöglichkeit wird der Bereich des Überziehungskredits eingeschränkt; dies führt zu ggf. unerwünschten Erweiterungen der Pfändbarkeit Verwirrung der bisher klaren Begrifflichkeit (Dispositions- und Überziehungskredit): Kredit im Fall BGH WM 2008, 704 = ZIP 2008, 701 (Folie 17) ist kein Überziehungskredit; richtig allein: der Anspruch auf Auszahlung des Kredits i.s.v. 488 I 1 BGB entstand vor Auszahlung; das gilt aber für jeden Überziehungs- und Dispositionskredit 2. Wenig sachgerechte Einschränkung der Insolvenzanfechtung Privilegierung des Gläubigers bei Zahlung aus einem wenn auch enger verstandenen Überziehungskredit ohne sachlichen Grund 19 Eigene Ansicht 1. Zufallsergebnisse + Abgrenzungsprobleme sind sowohl hinsichtlich der Pfändbarkeit als auch hinsichtlich der Anfechtbarkeit zu vermeiden 2. Trennung zwischen (Un-)Pfändbarkeit des Kontokorrentkredits und Gläubigerbenachteiligung Zahlung aus Kreditmitteln Verfügung über unpfändbare Gegenstände, da keine Abtretung des Anspruchs auf Kreditauszahlung richtige Einzelbetrachtung im Urteil BGH WM 2002, 561 (Folie 12): Darlehensaufnahme + Verwendung = rechtlich getrennte Vorgänge genereller Vergleich zum Bereicherungsausgleich bei Drei-Personen- Verhältnissen (so auch BGHZ 142, 284, 287): Trennung in zwei Leistungsbeziehungen: Valuta- und Deckungsverhältnis Vergleich zur Barauszahlung + anschließender Weitergabe an Gläubiger kein Vergleich zur Abtretung = Gläubigertausch ( RG, Folie 7): dort Zahlung aufgrund eigener Verpflichtung (aus dem skauf) 2011 Eigene Ansicht 3. Begriffliche Klarstellung zum Überziehungs- / Dispositionskredit Differenzierung zwischen zwei Ansprüchen: (1) vorheriger, abstrakt-genereller Anspruch auf Kreditgewährung (2) konkreter Auszahlungsanspruch aus 488 I 2 BGB Überziehungskredit: Anspruch (1) fehlt, Anspruch (2) entsteht mit der Entscheidung über die Duldung (arg.: keine Zahlung ohne Rechtsgrund) Dispositonskredit: Anspruch (1) besteht im Rahmen der (noch offenen) Kreditlinie; Anspruch (2) entsteht mit Abruf des Kredits 4. Ergebnis: generelle Unpfändbarkeit + generelle Anfechtbarkeit Grund für Unpfändbarkeit: Schutz der Privatautonomie des Kontoinhabers + Sicherung der Weisungsbindung der Bank Anfechtung betrifft die Befriedigung nach Ausübung der Privatautonomie im Rahmen der Weisungsbindung 21 Ende 2008 Prof. Dr. Georg Bitter Universität Mannheim Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Bank-, Börsen- und Kapitalmarktrecht Schloss, Westflügel W 241/ Mannheim Zentrum für Insolvenz und Sanierung an der Universität Mannheim e.v. 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