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Timestamp: 2020-06-02 18:18:19+00:00

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BVerfG zum Vertrauensschutz in den Fortbestand steuerrechtlicher Regelungen - Ebner Stolz
BVerfG zum Vertrauensschutz in den Fortbestand steuerrechtlicher Regelungen
Beschluss des BVerfG vom 10.10.2012 - 1 BvL 6/07
Klä­ge­rin des Aus­gangs­ver­fah­rens war eine im Juli 2000 gegrün­dete GmbH aus dem Bereich Betei­li­gungs- und Ver­mö­gens­ver­wal­tung. Im Streit­jahr 2001 hielt sie eine Streu­be­sitz­be­tei­li­gung von weni­ger als 10% des Stamm­ka­pi­tals einer ande­ren GmbH. Die Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung die­ser ande­ren Gesell­schaft besch­loss im Dezem­ber 2001 eine Vora­b­aus­schüt­tung von 3,75 Mio. DM. Hier­von ent­fiel auf die Klä­ge­rin ein Brut­to­be­trag von 257.953 DM, wel­cher ihr nach den Fest­stel­lun­gen des FG "spä­tes­tens am 19.12.2001" durch Kon­to­gut­schrift zuge­f­los­sen war.
Das Finanz­amt erfasste im Gewer­be­steu­er­mess­be­trags­be­scheid für das Jahr 2001 den Net­to­be­trag von 232.200 DM als Gewinn der Klä­ge­rin aus Gewer­be­be­trieb. Mit ihrer hier­ge­gen gerich­te­ten Klage, machte die Klä­ge­rin gel­tend, sie habe als Gesell­schaf­te­rin der aus­schüt­ten­den Gesell­schaft eine wirt­schaft­li­che Dis­po­si­tion in dem Ver­trauen dar­auf getrof­fen, dass die erhal­tene Divi­dende nicht der Gewer­be­steuer unter­fal­len werde. Durch die Geset­zes­än­de­rung sei das Hal­ten der Betei­li­gung wirt­schaft­lich unin­ter­es­sant gewor­den. Sie hätte die Ver­äu­ße­rung ihrer Betei­li­gung an der aus­schüt­ten­den Gesell­schaft noch vor der Aus­schüt­tung vor­ge­nom­men, wenn die Geset­zes­än­de­rung früher bekannt gewor­den wäre.
Das FG setzte das Ver­fah­ren aus und legte dem BVerfG die Frage vor, ob der frühere § 36 Abs. 4 GewStG in der Fas­sung des Geset­zes zur Fort­ent­wick­lung des Unter­neh­mens­steu­er­rechts vom 20.12.2001 (GewStG a.F.) die Anwen­dung des § 8 Nr. 5 GewStG mit ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ger Rück­wir­kung bereits für den Erhe­bungs­zei­traum 2001 anord­net. Das BVerfG hat ent­schie­den, dass das rück­wir­kende Inkraft­set­zen zwar ver­fas­sungs­ge­mäß ist, soweit es den Zei­traum nach dem Vor­schlag des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses vom 11.12.2001 betrifft. Soweit hin­ge­gen bis ein­sch­ließ­lich 11.12.2001 besch­los­sene und zuge­f­los­sene Vora­b­aus­schüt­tun­gen erfasst wer­den, ist dies unve­r­ein­bar mit den Grund­sät­zen des Ver­trau­ens­schut­zes nach Art. 20 Abs. 3 GG und des­halb ver­fas­sungs­wid­rig.
Die rück­wir­kend in Kraft gesetzte Hin­zu­rech­nungs­vor­schrift des § 8 Nr. 5 GewStG steht im Zusam­men­hang mit dem Sys­tem­wech­sel im Kör­per­schaft­steu­er­recht vom frühe­ren Anrech­nungs­ver­fah­ren zum sog. Hal­bein­künf­te­ver­fah­ren. Die nach Ein­kom­men- oder Kör­per­schaft­steu­er­recht außer Ansatz blei­ben­den Gewinn­an­teile (Divi­den­den) aus sog. Streu­be­sitz­be­tei­li­gun­gen von weni­ger als 10 % (seit 2008: weni­ger als 15 %) wer­den im Gewer­be­steu­er­recht dem Gewinn wie­der hin­zu­ge­rech­net.
Der Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung hatte zu die­ser Frage zunächst keine Rege­lung vor­ge­se­hen. Erst die Beschluss­emp­feh­lung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses vom 11.12.2001 ent­hielt die spä­ter Gesetz gewor­dene Vor­schrift. Der Bun­des­tag besch­loss am 14.12.2001 ent­sp­re­chend dem Vor­schlag des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses, der Bun­des­rat stimmte am 20.12.2001 zu. Am 24.12.2001 wurde das Gesetz im Bun­des­ge­setz­blatt ver­kün­det. Infol­ge­des­sen führte die Rege­lung des § 36 Abs. 4 GewStG a.F., nach der § 8 Nr. 5 GewStG erst­mals für den Erhe­bungs­zei­traum 2001 anzu­wen­den ist, zu einer unech­ten Rück­wir­kung.
Rück­wir­kende Ände­run­gen des Steu­er­rechts für einen noch lau­fen­den Ver­an­la­gungs- oder Erhe­bungs­zei­traum sind als Fälle unech­ter Rück­wir­kung aller­dings nicht grund­sätz­lich unzu­läs­sig. Sie ste­hen den Fäl­len ech­ter Rück­wir­kung nahe und unter­lie­gen daher beson­de­ren Anfor­de­run­gen unter den Gesichts­punk­ten von Ver­trau­ens­schutz und Ver­hält­nis­mä­ß­ig­keit. Das Ver­trauen in den Fort­be­stand der Rechts­lage wird durch die Ein­brin­gung eines Gesetz­ent­wurfs in Frage ges­tellt und jeden­falls durch den end­gül­ti­gen Beschluss des Deut­schen Bun­des­ta­ges über das rück­wir­kende Gesetz zer­stört. Im vor­lie­gen­den Fall war die Rege­lung erst­mals im Ver­mitt­lungs­ver­fah­ren zwi­schen Bun­des­tag und Bun­des­rat vor­ge­schla­gen wor­den. Infol­ge­des­sen wurde das Ver­trauen in den Fort­be­stand der Rechts­lage durch den Vor­schlag des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses besei­tigt.
§ 36 Abs. 4 GewStG a.F. ist ver­fas­sungs­ge­mäß, soweit er § 8 Nr. 5 GewStG auf Divi­den­den­vora­b­aus­schüt­tun­gen für anwend­bar erklärt, die nach dem 11.12. 2001 zuge­f­los­sen sind. Das gilt auch, soweit der Zufluss noch vor der Ver­kün­dung im Bun­des­ge­setz­blatt vom 24.12.2001 erfolgt ist.
Unan­wend­bar­keit des ErbStG bei nicht frist­ge­rech­ter Neu­re­ge­lung?
Mit Urteil vom 17.12.2014 (Az. 1 BvL 21/12, BStBl. II 2015, S. 50) setzte das BVerfG dem Gesetz­ge­ber eine Frist bis 30.6.2016, die in Tei­len als ver­fas­sungs­wid­rig beur­teil­ten Rege­lun­gen zur erb­schaft­steu­er­li­chen Begüns­ti­gung von Betriebs­ver­mö­gen durch ent­sp­re­chende Neu­re­ge­lun­gen zu erset­zen. Da ein gesetz­ge­be­ri­sches Han­deln inn­er­halb die­ser Frist noch nicht sicher ist, stellt sich die Frage, wel­che Fol­gen ein Über­sch­rei­ten der Frist haben kann. ...lesen Sie mehr

References: § 36
 § 8
 Art. 20
 § 8
 § 36
 § 8

§ 36
 § 8