Source: https://edition.mgh.de/001/html/einla.html
Timestamp: 2020-04-09 20:46:09+00:00

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Richental-Chronik: Einleitung A-Version
1Bei der heute in der New York Public Library liegenden ehemals Aulendorfer Handschrift dürfte es sich um die wichtigste vollständig erhaltene Richental-Handschrift handeln, die eine subjektive Chronik-Version bietet. Codicologisch beschrieben wurde der illustrierte, 505 Seiten umfassende Codex erstmals von Michael Richard Buck (1832–1888) im Jahr 18821, nachdem er ihn bereits am 4. November 1870 im „Verein für Kunst und Alterthum in Ulm und Oberschwaben“ in einem 1871 publizierten Vortrag näher vorgestellt und sogar Textauszüge – bezeichnenderweise zu dem böhmischen Reformator Jan Hus – aus dem Codex präsentiert hatte2.
2Bei der 1882 zu Tübingen herausgebrachten Edition handelt es sich um die erste kritische Chronikausgabe. Wie Michael Richard Buck im Vorwort ausführt, waren ihm damals fünf Handschriften bekannt. Der Text folgt dem Aulendorfer Codex3. Dieser befand sich damals noch im Besitz des Grafen Gustav zu Königsegg-Aulendorf (1813–1882), der die Handschrift 1930 indes zum Verkauf freigab4. Im November des Jahres 1935 wurde sie von dem Buchhändler Charles Sessler (1854–1935) für die New York Public Library erworben5. Sie ist heute Teil der dort verwahrten Spencer Collection of Illustrated Books (Nr. 32)6.
3Von Konstanz nach Aulendorf dürfte die Handschrift mit der Bibliothek des um 1480 amtierenden Konstanzer Domherrn Hans bzw. Johann von Königsegg gekommen sein7. Das Geschlecht wird im systematischen Chronikteil unter den Konzilsteilnehmern ausdrücklich genannt8. Es ist auch auf dem wohl zeitgenössischen Ravensburger Mohrenfresko mit Wappen vertreten9. Bei dem Codex handelt es sich um die wohl älteste erhaltene, mit Illustrationen, Wappen und Namenlisten versehene, um 1460 im Bodenseegebiet entstandene Richental-Handschrift10.
4Ein wichtiges Indiz für die relativ frühe Entstehung ist die subjektive Erzählhaltung, die sich indes auch in anderen zeitgenössischen Chronikwerken findet11. Der Chronist spricht von sich häufig in der ersten Person Singular und flicht in die Geschichtserzählung persönlich gehaltene Erzählerbemerkungen ein, die Rückschlüsse auf seine Person und seine soziale Stellung zulassen und ihn als Augenzeugen des Konzils ausweisen. Michael Richard Buck hat 1882 die entsprechenden Textpartien im Vorwort zu seiner Textausgabe erstmals vollständig zusammengestellt, analysiert und ausgewertet12.
5Der Autor ist mithin in der New Yorker Handschrift nicht nur auf der Erzähl-, sondern auch auf der Handlungsebene präsent. Anders verfährt bekanntlich die zweite Haupthandschrift, der Konstanzer Codex, der – von einigen wichtigen Ausnahmen abgesehen – in der dritten Person Singular, also in objektivierter Form, erzählt. Richental wird in dieser Handschrift als Verfasser eliminiert. Hier tritt die Stadt bzw. treten die erber lüt (= ehrbare Leute) als „Agenten“ ihrer eigenen Geschichte auf.
6Dass sich die Textgeschichte von der New Yorker zur Konstanzer und nicht von der Konstanzer zur New Yorker Handschrift entwickelt hat, wird durch Ich-Formen bestätigt, die sich in der Konstanzer Handschrift versehentlich (cc. 65,3, 86,2, 155,1, 313 und 474a) noch erhalten haben, eigentlich aufgrund der veränderten objektiven Erzählform aber eliminiert hätten werden müssen13. Sie weisen darauf hin, dass in der Konstanzer Handschrift noch Reste einer subjektiven Textvorlage vorhanden waren bzw. trotz Veränderung der Erzählform stehen geblieben sind.
7Dass der Konstanzer Bürger Ulrich Richental (ca. 1360/1365–1437) der Urheber des Werkes war, steht außer Zweifel. Der Konstanzer Chronist Gebhard Dacher (ca. 1425–1471) hat dessen Verfasserschaft im Vorspann der Prager Handschrift (Cod. XVI A 17) ausdrücklich betont14. Der Autorenvermerk (samt Dacherschem Familienwappen mit Fischsymbolen) in der Prager Handschrift fol. 4v* ist denn auch ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der älteren Text- und Überlieferungsgeschichte der Chronik, die, was die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte anbelangt, offensichtlich in eine Vor- und Nach-Dacher-Ära zerfällt.
8Das Verhältnis der Codices aus New York und Konstanz erstmals richtig bestimmt zu haben, ist das unbestrittene Verdienst von Michael Richard Buck. Josua (Joseph) Eiselein (1791–1856), der bereits 1847 eine Textedition der Konstanzer Handschrift projektiert und öffentlich angekündigt hatte15, aber – wohl wegen des hohen veranschlagten Preises von 50 Gulden und der revolutionären Märzereignisse in der Mitte des 19. Jahrhunderts – nicht ausführte, scheint sich diesbezüglich noch sehr unsicher gewesen zu sein16. Er vertrat, was der Konstanzer Archivar und Arzt Johann Marmor (1804–1879) zu Recht monierte17, diesbezüglich noch ganz widersprüchliche Ansichten18.
9Erst Michael Richard Buck hat hier, wie der Kunsthistoriker Rudolf Kautzsch (1868–1945) in einer ersten grundlegenden Studie zur handschriftlichen Überlieferung der Chronik 1894 bestätigend vermerkte19, mit seiner editio princeps klare Verhältnisse geschaffen. Seine bis 2010 maßgebliche Textedition hat er 1882 gezielt auf die ältere New Yorker Handschrift und nicht auf den Konstanzer Codex gegründet. Ein Jahr zuvor, im Jahr 1881, war bereits die Lichtdruckausgabe des Theologen Hermann Sevin in Karlsruhe erschienen20, die den heute in der New York Public Library liegenden Codex, der – anders als die Konstanzer Handschrift – nie faksimiliert wurde, stark verkleinert wiedergibt.
10Die durchgehend rubrizierte Handschrift, die den Chroniktext mit kolorierten Ereignisbildern unterlegt und zusätzlich mit Teilnehmernamen und Wappen versieht, ist, wie aus dem pag. 404 (nach c. 398) angebrachten Hinweis21 hervorgeht, in einem komplexen arbeitsteiligen Prozess entstanden. Man darf davon ausgehen, dass der New Yorker Textzeuge aufgrund der persönlichen Erzählhaltung, des nahezu vollständigen Bilderkreises und des umfangreichen Listen- und Wappenteiles der Ursprungssituation des Textes sehr nahe kommt.
11Dass es sich nicht um ein „Original“ bzw. ein Autograph handeln kann, wenn es ein solches überhaupt jemals gegeben hat22, geht indes aus verschiedenen Interpolationen und Unregelmäßigkeiten hervor, wozu z.B. die Illustrationen pag. 278–281 („Landolfo Marramaldi von Bari zu Grab getragen“) und pag. 426–428 („Einholung des Königspaares“) zählen, die an der Stelle, wo sie heute in der Handschrift begegnen, nachweislich falsch stehen. Das geht etwa aus einem Vergleich von foll. 184r bzw. 179r der Prager Handschrift (Cod. XVI A 17) mit pag. 425 in A hervor.
12Im Listenteil der New Yorker Handschrift findet sich pag. 375 vor der Erdteilgliederung, die pag. 376 mit Asien beginnt, ein leeres Blatt, ebenso pag. 424 vor den Illustrationen pag. 426–428, was eventuell auf Einschübe bzw. Umstellungen in der Gesamtkonzeption des Textzeugen hindeuten könnte. Die der ehemals Aulendorfer Handschrift zugrundeliegende Chronikversion kann jedenfalls laut Dieter Mertens nach 1421 datiert werden, weil Heinrich Chlum auf Latzembock in c. 191 „von R[ichental] tot gemeldet […], in diesem Jahr starb“23.
13Die 1464 entstandene, teilweise verstümmelte, 285 Blätter umfassende Prager Chronikversion (Cod. XVI A 17), früher im Besitz des Kapuzinerklosters auf dem Hradschin, wird heute in der Tschechischen Nationalbibliothek verwahrt24. Sie zählt aufgrund ihrer Erzählhaltung ebenfalls zu der Gruppe der Richental-Handschriften, in denen der Chronist von sich in der ersten Person Singular spricht (»subjektive Form«)25. Der Codex war, wie aus dem vorangestellten Autoren- und Eigentumsvermerk fol. 4v* hervorgeht, jedoch im Besitz des Konstanzer Chronisten Gebhard Dacher, der bei der Rezeption, Distribution und Transformation der Chronik in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte26.
14Er hat die Chronik, wie er in dem bereits genannten, mit roter Tinte geschriebenen Besitzervermerk ausführt, einer „Erneuerung“ unterzogen, was man unter dem Verb ernüwert auch immer verstehen mag27: Dis buͦch ist Gebhartt Dachers von Costentz und seitt von dem concilium, so28 danne zuͦ Costentz gewessen ist, als danne Uͦlrich Richental, ain burger von Costentz, zuͦ den selben zitten gar aigenlichen, was darinne beschechen ist, verschriben und laussen maulen haͮtt, und ich Gebhartt Dacher das ernüwert hab anno MCCCCLXIIII jar.
15Hier werden text- und wirkungsgeschichtlich deutlich zwei Phasen in der Überlieferung der Chronik unterschieden: Eine erste Phase, die auf den Verfasser, den Konstanzer Bürger und Chronisten Ulrich Richental, zurückgeht, und eine zweite Phase, die durch eine „Erneuerung“ des historiographischen Werkes gekennzeichnet ist, wie sie Dacher 1464 in der Prager Handschrift – aber nicht nur hier – vorgenommen hat. Diese „Erneuerung“ hat wohl weniger mit dem Inhalt als vielmehr mit der gegenüber A und K veränderten Text-, Bild- und Listengestaltung, also der formalen Komposition und narrativen Umorganisation der Chronik zu tun.
16Die Prager Handschrift, die oben rechts über eine alte und unten links über eine neue Blattzählung verfügt, ist nachweislich redaktionell überarbeitet worden. Sie ist – wie G, St1, Wo, St2 und D1 – Dacherscher Provenienz. Der Textzeuge ordnet sich damit in eine Rezeptionsstufe der Chronik ein, die auf unterschiedliche Vorlagen zurückgreift und diese redigiert, mischt und variiert. So werden die Illustrationen beispielsweise mit einer Ausnahme (foll. 31r, heute 35r), die das „Stechen Friedrichs IV. von Österreich mit Graf Friedrich II. von Cilli“ betrifft29, nachgestellt. Die ca. 750 Wappen (foll. 204v–273v, heute 199v–264v), die der Codex enthält, werden ebenfalls in einem eigenen „Wappenbuch“ zusammengefasst30, das auch imaginäre bzw. fiktive Namen und Wappen enthält (foll. 192v–194r, heute 187v–189r, 243r–252v, heute 237r–246v).
17Die Prager Handschrift zeigt insgesamt eine durchdachte und ausgearbeitete Komposition, die nur in einer „Schreibstube“ vorgenommen worden sein kann. Zunächst wird foll. 1r–94ra (heute foll. 6r–97ra) der erste narrative Chronikteil gebracht, der im Wesentlichen A folgt. Danach wird einer Liste der Erzbischöfe und Bischöfe (foll. 96r–105r, heute 99r–108r) zum besseren Verständnis der Nationen- und Erdteilkatalog vorangestellt. Dann schließen sich die Sekretäre, Räte, päpstlichen Beamten sowie Hofbedienstete und allerlei Handwerksberufe an (foll. 106r–108v, heute 109r–111v). Am Ende dieses Handschriftenteiles steht der Sprachenkatalog (fol. 109r–v, heute 112r–v).
18Darauf folgt das „Bilderbuch“ (foll. 111v–164r, heute 114v–166r) mit einer kleinen erzählenden Einleitung foll. 111r bzw. 114r, die notwendig wird, weil die Bilder in dem Codex aus dem Text herausgelöst und zusammengefasst bzw. geschlossen nachgestellt sind. Im Anschluss hieran wird – nach drei Leerblättern – ausgehend von Papst Johannes XXIII. die ausführliche systematische Teilnehmerstatistik gebracht (foll. 175r–203r, heute 170r–198r). Danach setzt foll. 203v bzw. 198v mit einem Bild des den Segen erteilenden Konzilspapstes das mit Beischriften versehene „Wappenbuch“ ein, das bis foll. 273v bzw. 264v reicht. Der Prager Codex wird zuletzt von einer Äbte- und Pröbsteliste (foll. 274r–280v, heute 265r–271v) beschlossen.
19Der singuläre Aufbau, der den Text der überkommenen Chronik partiell neu zusammenstellt und gliedert, ist ohne entsprechende Vorlagen nicht zu denken. Dacher muss die durchillustrierte Chronik, wie sie etwa in A, K oder W vorlag, oder zumindest eine ihrer Abschriften gekannt haben, denn nur im Rekurs auf sie vermochte er, eine die Text-, Bild- und Wappenanordnung variierende Fassung zu schaffen, die in der erhaltenen Richental-Überlieferung, was die Formalstruktur anbelangt, ganz exzeptionell dasteht. Sie variiert nicht nur das Vorhandene, sondern fügt diesem – wohl im Blick auf den zeitgenössischen Publikumsgeschmack und das durch den Frühdruck neu erwachte Leserinteresse – auch neue Elemente hinzu.
20Was den Text im ersten narrativen Chronikteil anbelangt, folgt der Prager Codex weitgehend der New Yorker Handschrift. Schrift, Rubrizierung und Deckfarbenkolorit der Bilder entsprechen der Richental-Handschrift aus dem ehemaligen Benediktinerkloster St. Georgen im Schwarzwald (heute BLB Karlsruhe, St. Georgen 63). Eine ähnliche Schrift- und Textgestaltung findet sich auch in der Stuttgarter Handschrift (HB V Hist. 22) aus dem oberschwäbischen Kloster Weingarten, aber auch in der St. Galler Handschrift (Cod. germ. 646), die 258 Blätter zählt und darüber hinaus die Konstanzer Weltchronik Dachers (von 309–1476, foll. 1–223) enthält, die Sandra Wolff 2008 sorgfältig ediert hat31.
21Der Listenteil der Prager Handschrift ist nachweislich bearbeitet, neu sortiert und ergänzt worden. Teilweise folgt er exakt der New Yorker Handschrift, weicht aber auch wieder von dieser ab – etwa bei der Aufzählung der in Konstanz versammelten Erzbischöfe und Bischöfe, die vor den Bilderteil gezogen werden. Manche Teilnehmernamen (etwa die englischen Konzilsteilnehmer, foll. 184v–185r, heute 179v–180r) werden sogar nach unterschiedlichen Traditionen gegeben (z.B. Hugx Halbach Swedonus foll. 184vb bzw. 179vb und Hugs Holbach, foll. 185ra bzw. 180ra), so dass verschiedene Varianten von Pr unterschieden werden müssen. Die Namenvarianz hat teilweise auch damit zu tun, dass viele Namen an verschiedenen Stellen der Handschrift mehrfach mit unterschiedlicher Schreibung auftauchen, mithin diverse Teilnehmertraditionen repräsentieren.
22Für manche in Pr aufgeführten Teilnehmer findet sich in A kein Pendant und umgekehrt. Auffällig ist, dass die Varianten der Dacher-Handschriften Pr, St1 und Wo im Listenteil (etwa in cc. 384 und 385) nicht selten mit den gekürzten Chronikredaktionen aus St. Gallen, Innsbruck und Zürich (Ms. A 172) zusammenstimmen. Johannes Kitzbuchel heißt hier in c. 384 beispielsweise Hainricus bzw. Henrich. Der Abt des Klosters Kreuzlingen, Erhard Lind, wird in c. 21 in Sg, I und Z1 irrtümlich als probst und nicht als apt bezeichnet. Alle diese Textzeugen scheinen hier offensichtlich aus einer gemeinsamen Textvorlage zu schöpfen.
23Dass die Teilnehmerliste in Pr neu zusammengestellt und bearbeitet wurde, geht auch daraus hervor, dass diese von einem Bildzyklus (foll. 111v–164r, heute 114v–166r) und einem umfänglichen Wappenbuch (foll. 204v–273v, heute 199v–259r) unterbrochen bzw. wohl nach unterschiedlichen Vorlagen neu komponiert wurde. Die Äbte und Pröbste sind darüber hinaus von den übrigen Teilnehmern separiert und nachgestellt (foll. 274r–280v, heute 265r–271v) worden, obwohl auch schon im voranstehenden systematischen Chronikteil foll. 178rb bzw. 173rb Äbte genannt werden.
24Die heute in der Österreichischen Nationalbibliothek zu Wien liegende Handschrift folgt eigentlich in ihrem bildlich-narrativen Hauptteil der Konstanzer Handschrift und damit der K-Version, ergänzt indes den stark verkürzten Konstanzer Listenteil, der sich in W foll. 159r–175r findet, ab fol. 176r nach A, was darauf schließen lässt, dass bei der Konzeption der Handschrift auch eine A-Version (oder zumindest deren Listenteil) vorgelegen haben muss, der Schreiber mithin auch hier – wie in Pr – mit mehreren Vorlagen arbeitete, um eine „vollständige“ Chronikhandschrift zu erstellen.
25Die Wiener Handschrift nimmt im statistischen Teil Ergänzungen vor, die sich in K nicht finden, aber in W offenbar für nötig befunden wurden. Die figürlichen Darstellungen mit Wappen blieben in dem A folgenden Wiener Listenteil allerdings unausgeführt. Zur Abgrenzung von W, das K folgt, wurde hier deshalb im kritischen Apparat von A die Sigle W1 verwendet.
26Nachdem die Handschriften des ehemaligen Benediktinerstifts Ettenheim-Münster im Gefolge der 1803 durchgeführten Säkularisation in die Großherzogliche Badische Hof- und Landesbibliothek nach Karlsruhe gekommen waren32, blieben sie dort, wie Karl Preisendanz 1932 festhielt, zunächst „noch etliche Jahrzehnte unkatalogisiert liegen“33. Erst Ende des Jahrhunderts wurden die Codices aufgenommen, beschrieben und registriert.
27Michael Richard Buck hat 1887 sogar von einer Entdeckung durch Alfred Holder gesprochen34. War es doch der Karlsruher Bibliothekar, der den Codex erstmals als Richental-Handschrift identifiziert und der Forschung damit zugänglich gemacht hatte. Bis dahin waren die Richental-Codices der badischen Hof- und Landesbibliothek der Wissenschaft nicht bekannt gewesen. In der Erstausgabe der Chronik aus dem Jahr 1882 wurden sie jedenfalls (noch) nicht erwähnt. Das gilt für die Ettenheimer wie für die St. Georgener Handschrift.
28Michael Richard Buck sah sich deshalb 1887 in der „Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins“ veranlasst, zu den beiden neu aufgefundenen Handschriften ausdrücklich Stellung zu beziehen35. Von den meisten Handschriften der Richental-Chronik unterscheidet sich der Ettenheimer Codex (BLB Karlsruhe, E. M. 11) schon rein äußerlich dadurch, dass es sich um eine umfangreiche, 481 Blätter umfassende Sammelhandschrift handelt, deren Entstehung Gerhard Piccard in einem in der BLB Karlsruhe vorliegenden Gutachten zu den Wasserzeichen zwischen 1467 und 1474 ansetzt36.
29Verschiedene historiographische Texte sind zu einer mehr oder weniger homogenen Einheit zusammengebunden. An erster Stelle steht die Richental-Chronik, die die ersten 124 Blätter (foll. 4r–124v) füllt37, dann folgt – nach 45 Leerblättern – die Chronik des Jakob Twinger von Königshofen (1346–1420) (foll. 171r–347v) sowie weitere historische Texteinheiten38. Die Handschrift, deren Text Kautzsch als „ein merkwürdig zusammengesetzter“ erschien39, ist vermutlich von mehreren Händen nach verschiedenen Vorlagen in einer Schreibwerkstatt entstanden40. Bis fol. 70r (c. 212) folgt E nahezu eindeutig K bzw. W und erscheint daher dort im kritischen Apparat41.
30Das ändert sich allerdings mit den cc. 212 und 213. Nun lässt sich eine Nähe zu A bzw. vor allem zu Pr ausmachen, was sich auch in den Varianten zeigt, so dass ein Vorlagen- bzw. ein Schreiberwechsel angenommen werden muss42. Ab fol. 82r (c. 246) wechselt E dann von A bzw. Pr wieder zurück zu K bzw. W und umgekehrt43, so dass davon ausgegangen werden muss, dass die Kopisten eventuell lagenweise mit mehreren, auch unterschiedlichen Vorlagen, arbeiteten, bis schließlich mit fol. 106r (c. 286) – nach drei voranstehenden Leerblättern – ein letzter Hand- und Vorlagenwechsel erfolgte44, und zwar zur G-Version. Man darf also davon ausgehen, dass E wohl alle Versionen der Chronik kannte. Die Varianten sind im kritischen Apparat denn auch je nach Vorlage entsprechend vermerkt worden.
31Die heute in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart liegende Handschrift St1, die ursprünglich aus dem oberschwäbischen Benediktinerkloster Weingarten stammt, zählt 243 Blätter. Sie ist wie die St. Georgener und die Prager Handschrift (Cod. XVI A 17) Dacherscher Provenienz, geht also auf die Redaktionstätigkeit des bereits erwähnten Konstanzer Chronisten zurück. Das geht aus dem entsprechenden Familienwappen und dem Namenseintrag fol. 1r in roter Tinte hervor: Gebhartt Dacher von Costentz.
32Der Stuttgarter Codex (HB V Hist. 22) vereinigt, wie sogleich aus der von späterer Hand nachgetragenen Titelei auf dem Vorsatzblatt fol. Ir (Jacobi Twingeri ab Königshofen Chronicon imperatorum et pontificum cum indice praemisso) hervorgeht, drei bekannte Chroniken (Jakob Twinger von Königshofen, Ulrich Richental und die Konstanzer Chronik Gebhard Dachers) in einem Band45. Er ist, wie bereits erwähnt, was Schrift und Gestaltung anbelangt, mit der Handschrift der St. Galler Stiftsbibliothek Cod. germ. 646 eng verwandt46.
33Die historiographische Sammelhandschrift setzt fol. 2r jedoch nicht mit der Konzilschronik, sondern mit einem Auszug aus dem Geschichtswerk des Jakob Twinger von Königshofen ein. Erst nach dem zweiten Kapitel der Twingerschen Chronik wird in der Stuttgarter Handschrift foll. 115vb bzw. 117ra eine stark gekürzte bzw. redigierte Fassung der Richental-Chronik eingeschoben, die – mit einem von anderer Hand geschriebenen Nachtrag zu Jan Hus und Hieronymus von Prag – bis fol. 142rb reicht.
34Wir sehen uns textlich in der Stuttgarter Handschrift in jedem Fall einer Redaktionsstufe der Chronik gegenüber, die nicht nur einen verkürzten und modifizierten Auszug aus der Vollchronik bietet, sondern diesen auch noch nahtlos in die Narration einer zusammenhängenden Weltchronik inseriert. Die Konzilschronik geht hier sozusagen in einer Weltchronik auf. Das hat natürlich Konsequenzen für die Kollation, da der Redaktor ständig in den Text eingreift und diesen kürzt. Es gibt aufgrund der nachgetragenen Texte auch unterschiedliche Textschichten, die nicht unbedingt gleichzeitig sind und zudem noch von unterschiedlichen Schreiberhänden stammen.
35In der Handschrift fehlt jeder äußere Anhalt, der die Chroniken hinsichtlich der Schriftgestaltung voneinander abgrenzen würde. Das narrative Richental-Exzerpt wird konsequent in eine fortlaufende, sich an der historischen Chronologie orientierende Geschichtserzählung eingefügt. Der Charakter des Textauszuges ist entsprechend reduziert, funktionalisiert und mit erklärenden Schreiberanmerkungen versehen, die den Leser vor allem auf Kürzungen hinweisen, also auf eine Vollchronik rekurrieren. Er setzt mit der Wahl König Sigmunds fol. 115vb ein. Von seinen herrscherlichen Leistungen will der Chronist berichten.
36Vor allem eine Tat greift er sogleich heraus: das Konzil, das er mitt hilff baubst Johannsen des XXIII. […] (fol. 116ra) zustande gebracht habe. Auf fol. 116r–v wird dann mit dem Einzug des Papstes in Konstanz sukzessive der Bezug zu Richentals Bericht hergestellt, wobei der Beginn des Richental-Auszuges nicht exakt zu bestimmen ist. Die Geschichte des Konzils wird foll. 115vb–142rb gegeben. Der zweite systematische Teil foll. 127ra–129vb – eingeleitet mit der Rubrik Dis sind ir namen – orientiert sich relativ exakt an Pr foll. 106ra-109vb. Das hat wohl damit zu tun, dass St1 zeigen will, dass Konstanz tatsächlich das größte bislang bekannte Konzil in seinen Mauern beherbergte47.
37Die Stuttgarter Handschrift kennt foll. 128r und 129r – wie A und Pr – den Ich-Erzähler (z.B. cc. 393, 395 und 406) und folgt deshalb der A-Version. Das gilt jedenfalls für den narrativen Chronikteil, der, wie bereits betont, stark gekürzt und redaktionell bearbeitet ist. Der Listenteil dagegen exzerpiert Pr. Auf fol. 129vb folgen dann ein deutlicher Hand- und wohl auch ein Vorlagenwechsel. St1 folgt jetzt G und wird, was die Varianten anbelangt, dort im Apparat verzeichnet.
38Die Text- und Kapitelauszüge, die St1 jetzt bringt, sind wohl jeweils später in vorhandene Textlücken der Handschrift (etwa foll. 129vb–130vb, 132rb–133vb, 134rb–134vb), nachgetragen worden. Inhaltlich handelt es sich u.a. um die Lebensmittel- und Gebrauchsgüterlisten sowie um die Hus-Geschichte (foll. 135va–136vb, 137va–138vb, 139rb–140vb). Nach der Erzählung von Hus und Hieronymus bringt St1 noch einmal Teile der (nachgetragenen) Lebensmittel- und Preislisten (foll. 141ra–141va), um sodann mit der in G ebenfalls separierten Fronleichnamsprozession foll. 141va–142rb (c. 142) das Richental-Exzerpt zu beschließen.
39Die wichtige, aber erst aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stammende, insgesamt 421 Blätter umfassende Wolfenbütteler Handschrift48 bringt foll. 3r–239v eine späte Bearbeitung der Konstanzer Konzilschronik Ulrich Richentals, die wie die Prager (Cod. XVI A 17), die St. Georgener und die Stuttgarter Handschrift (HB V Hist. 22) auf Gebhard Dacher zurückgeht. Voran steht foll. 1r–2r eine kurze, von der Schreiberhand vorgenommene historische Einordnung der nachfolgenden chronikalischen Beschreibung des Constantiense (foll. 3r–239v), die bis zum Basler Konzil (1431–1449) reicht, also auf jeden Fall später als dieses liegen muss49.
40Der Codex, der – allerdings von anderer Hand – auch Akten und Schriften zur Geschichte des Trienter Konzils (foll. 242r–421r) enthält, folgt bis fol. 63r zunächst K bzw. E, mit c. 140 kommen jedoch auch andere Vorlagen zum Tragen, so dass die Dacher-Handschrift jetzt und auch im Folgenden zwischen K bzw. E und A bzw. Pr changiert, was man foll. 87v–88r an c. 188 sehr gut sehen kann. Sofern der Codex A folgt, bietet er teilweise relevante Textzusätze (des Ich-Erzählers, aber auch darüber hinaus), die sich nur in Wo und in dessen Stuttgarter Abschrift St2 finden. Unser Wissen vom Chronisten, aber auch vom Konzil wird durch diese Informationen teilweise erheblich bereichert.
41Das betrifft beispielsweise die Frage, wie mit der Multilingualität der Synode konkret umgegangen wurde (hierzu etwa cc. 406/407 in Wo, foll. 167v–168r unmittelbar vor dem Sprachenkatalog in cc. 408–410). In c. 185 ist fol. 86r–v eventuell ein Zusatz Dachers zum kornhus (fol. 86v) bzw. Kaufhaus zu vermuten, dessen Hausherr er seit 1461 war50, der sich in den anderen Textzeugen in dieser Form nicht findet und der ebenfalls das Sprachenproblem aufgreift. Da die Vorlagen der Handschrift mehrfach wechseln, sind die entsprechenden Varianten in beiden Versionen, also in A und K, verzeichnet.
42Der Text des Wolfenbütteler Codex changiert aber nicht nur zwischen den beiden Vorlagen, er kennt darüber hinaus auch nicht unerhebliche Zusätze und Weiterungen (z.B. cc. 256,2 (foll. 115r–119r), 260,2 (foll. 120v–121r), 266 (foll. 127v–130v), 267,1 (foll. 130v–132r)), die sich in keiner anderen Vorlage finden. Woher diese detaillierten Informationen stammen und ob sie authentisch sind, ist unklar; aber gerade c. 267,1, das von der (nach römischem Ritus) traditionellen Begegnung des neu gewählten Papstes mit den Konstanzer Juden handelt, geht weit über das hinaus, was A und K dazu berichten, ohne unglaubwürdig zu wirken. Grundsätzlich könnte es sich dabei selbstverständlich auch um späte Redaktionen handeln, die Dacher aus eigener Kenntnis der historischen Vorgänge nachträglich in das Textcorpus eingefügt hat51.
43Zum Verhältnis der Wolfenbütteler Handschrift zu Richental und Dacher hat sich Wilhelm Berger in einem Dossier (mit einem Nachtrag Otto von Heinemanns52) geäußert, das dem Codex fol. I handschriftlich vorangestellt ist53. Die Wolfenbütteler Handschrift, von der in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart eine Abschrift liegt (Cod. theol. et philos. 2° 76, Bd. 37, foll. 1r–444r)54, bietet jedenfalls an vielen Stellen (z.B. zum Umbau des Kaufhauses, foll. 115r–119r, zu dem Empfang der jüdischen Gesandtschaft durch den neu gewählten Papst Martin V., fol. 131r–v, zum so genannten Vogelwunder nach der erfolgreichen Papstwahl, foll. 121r–122r, zur Weihe des neu gewählten Papstes, foll. 124v–127v) nicht nur überschießende, sondern auch singuläre Informationen, die entweder Zusätze Dachers sind oder anderen, heute nicht mehr erhaltenen Vorlagen, chronikalischen Überlieferungen oder historischen Aufzeichnungen entnommen wurden.
44Wer den historiographischen Blick vom Autor weg auf den Text und seine Überlieferung und Nachwirkung richtet, sollte die Handschrift deshalb keinesfalls übergehen. Aus fol. 181v geht ferner explizit hervor, dass Wo auf eine Vorlage zurückgreift, die über Wappen verfügte, die in Wo aber unausgeführt blieben55. Selbst wenn die Handschrift heute über keine Wappen mehr verfügt, müsste sie mithin für entsprechende heraldische Untersuchungen eigentlich berücksichtigt werden56. Es sind jedenfalls Räume für entsprechende Darstellungen frei gelassen (etwa foll. 183r–193v, 195r–198v).
45Der systematische Chronikteil setzt in Wo fol. 161r, in St2 fol. 345r mit c. 383 ein. Jetzt folgt Wo jedoch vornehmlich A, da K über einen stark reduzierten, nicht vollständigen Listenteil verfügt. Die Handschrift weist aber auch in diesem Bereich singuläre Zusätze auf, etwa fol. 202r zu Grigorij Camblak, der bereits foll. 139r–v und 144v erwähnt worden war, oder fol. 199r–v (c. 362), wo der Wolfenbütteler Codex den lateinischen Text, wie er sich in der A-Version an dieser Stelle findet, ins Deutsche übersetzt, was in den stärker adressatenorientierten und deshalb nicht selten übersetzten Dacher-Versionen allerdings häufiger vorkommt.
1Zu seiner Biographie vgl. W. Bleicher, Dr. Michel Buck 1832–1888. Eine Biographie, hg. von der Gemeindeverwaltung Ertingen (1982). Sein Nachlass liegt im Literaturarchiv Marbach. Siehe hierzu I. Kussmaul, Die Nachlässe und Sammlungen des Deutschen Literaturarchivs Marbach 1: Nachlässe und Sammlungen (1999) S. 106f.
2Vgl. M. R. Buck, Über Ulrich Richentalʼs Chronik S. 1–4. Die letzte eingehende Beschreibung der Handschrift stammt von Jeffrey Hamburger. Sie findet sich in dem die Ausstellung der New York Public Library begleitenden Katalog. Vgl. J. J. G. Alexander / J. H. Marrow / L. Freeman Sandler (Hg.), The Splendor of the Word. Medieval and Renaissance Illuminated Manuscripts at The New York Public Library (2005) S. 382–386 Nr. 89. Zu den Illustrationen der New Yorker Handschrift eingehend K. Domanski, Ulrich Richental S. 467–471.
3Zur Editionsgeschichte der Chronik vgl. Th. M. Buck, Zur Geschichte der Richental-Edition S. 433–448.
4Karl & Faber Antiquariat München: 350 ausgewählte Manuskripte und Bücher, Katalog 42 (1930) S. 84–86, Kat. Nr. 242, Abb. XVI.
5Vgl. zu den genauen Umständen J. Hamburger, Ulrich Richental »Chronicle of the Council of Constance« S. 385.
6Vgl. K. Küp, Ulrich von Richentalʼs Chronicle S. 303; ders., The Illustrations for Ulrich Richentalʼs Chronicle S. 1–16; S. de Ricci, Census of Medieval and Renaissance Manuscripts in The United States and Canada, (1937, ND 1961) Nr. 32 S. 1342; The Walters Art Gallery. Illuminated Books of the Middle Ages and the Renaissance (1949) Nr. 147 S. 54.
7Vgl. W. Berger, Johannes Hus und König Sigmund S. 218 Anm. 5 von S. 217; M. R. Buck, Chronik des Constanzer Concils, Vorwort S. 8f.; L. Fischel, Die Bilderfolge der Richental-Chronik S. 45; W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 403; Th. M. Buck, Von Konstanz über Aulendorf nach New York S. 9 mit Anm. 42 auf S. 18.
8Th. M. Buck, Chronik des Konstanzer Konzils S. 186 (c. 448).
9Vgl. B. Falk, Das Ravensburger „Mohrenfresko“ von 1417/31. Eine Verherrlichung des Konstanzer Konzils in der Firmenzentrale der Humpisgesellschaft?, in: SVG Bodensee 132 (2014) S. 57–78, hier S. 64.
10Die Innsbrucker Handschrift (Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Sammlung Di Pauli 873) wird ebenfalls auf 1460 datiert, enthält allerdings weder Illustrationen noch Wappen und bietet nur eine gekürzte Redaktion des Textes, der auf Gebhard Dacher zurückgehende Prager Codex entstammt dem Jahr 1464. Vgl. O. Feger, Vorwort S. 7; M. Holzmann, Die Konzilchronik des Ulrich Richental S. 74, 80; B. Konrad, Die Buchmalerei in Konstanz S. 288.
11Etwa in der Berner Chronik Konrad Justingers. Hierzu J.-P. Bodmer, Chroniken und Chronisten im Spätmittelalter (1976) S. 10.
12M. R. Buck, Chronik des Constanzer Concils S. 5–8. Siehe auch W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 76.
13Th. M. Buck, Chronik des Konstanzer Konzils S. XXXII mit Anm. 75.
14Zu ihm P. F. Kramml, Kaiser Friedrich III. und die Reichsstadt Konstanz (1440–1493). Die Bodenseemetropole am Ausgang des Mittelalters (1985) S. 311; W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 111; H. Maurer, Konstanz im Mittelalter 2 S. 158f.; E. Hillenbrand, Art. Dacher, Gebhard S. 562; S. Wolff, Die „Konstanzer Chronik“ Gebhart Dachers S. 52–77; V. Zapf, Art. Dacher, Gebhard, Sp. 799–801.
15Vgl. J. Eiselein, Begründeter Aufweis des Plazes bei der Stadt Constanz, auf welchem Johannes Hus und Hieronymus von Prag in den Jahren 1415 und 1416 verbrannt worden […]. Anhang mit gedrucktem Prospectus zur (projektierten) Herausgabe der Richental-Chronik (1847) S. 49–52. Hierzu W. Berger, Johannes Hus und König Sigmund S. 210 mit Anm. 3.
16In der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart liegt noch heute eine 150 Blatt starke, aus dem 19. Jahrhundert stammende Papierhandschrift Eiseleins im Folioformat, der auch die Editionsankündigung der Konstanzer „Verlagsbuchhandlung Belle-Vue“ von 1847 beigefügt ist. Die Handschrift stammt ursprünglich aus der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek (Cod. Don. 613); sie bietet eine zum Zwecke des Druckes gefertigte diplomatische Handschriftenabschrift. Der Raum für die Bilder und Wappen ist frei gelassen. Die Handschrift sollte wohl als Grundlage für die geplante Edition dienen, die aber wohl wegen der hohen Kosten nicht zustande kam. In einer Tasche sind Varianten der New Yorker Handschrift aus der Feder Eiseleins beigefügt. Vgl. K. A. Barack, Die Handschriften der fürstlich-fürstenbergischen Hofbibliothek zu Donaueschingen (1865) Nr. 613 S. 430; W. Berger, Johannes Hus und König Sigmund S. 210f.; W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 403; Th. M. Buck, Zur Geschichte der Richental-Edition S. 435f.
17Vgl. J. Marmor, Ulrich von Richental und seine Concilschronik S. 136f.
18Gemäß dem 1847 publizierten Verlags-Prospekt mit Editionsankündigung (Anm. 15) war der Aulendorfer Codex für Eiselein „der erste Entwurf“, der Konstanzer Codex dagegen „die Außarbeitung oder das vollendete Werk“. Siehe hierzu auch das Urteil von J. Marmor, Das Konzil zu Konstanz S. 5; ders., Geschichtliche Topographie der Stadt Konstanz S. 198 und W. Berger, Johannes Hus und König Sigmund S. 211.
19Vgl. R. Kautzsch, Die Handschriften S. 453, 462f.
20Uolrich Richental. Concilium ze Costenz 1414–1418, hg. von H. Sevin (Karlsruhe: Baeckmann 1881).
21Da sol nüntz gemaͧlt sin, wil man gern, der schriber hat es übersehen.
22Vgl. R. Gamper, Die Zürcher Stadtchroniken S. 31, der eine ganz ähnliche Überlieferungssituation für die Zürcher Stadtchroniken konstatiert. Es gibt kein Original, „sondern eine Mehrzahl von Werken, in denen der gleiche Stoff in verschiedener Weise verarbeitet ist“.
23D. Mertens, Art. Richental, Sp. 56.
24Vgl. J. A. Hanslik, Geschichte und Beschreibung der Prager Universitätsbibliothek (1851) S. 611; R. Kautzsch, Die Handschriften S. 446f., 479f.; L. Fischel, Die Bilderfolge der Richental-Chronik S. 43–45; B. Konrad, Rosgartenmuseum Konstanz S. 99; ders., Die Buchmalerei in Konstanz S. 120, 297f.; ders., Kostbarkeiten der Buchmalerei Nr. 11; G. Wacker, Ulrich Richentals Chronik S. 266–231, Anhang II S. IX–XI; S. Wolff, Die „Konstanzer Chronik“ Gebhart Dachers S. 66–68.
25Vgl. zur bildnerisch-illustrativen Gestaltung K. Domanski, Ulrich Richental S. 474–478.
26Vgl. W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 401; B. Konrad, Die Buchmalerei in Konstanz S. 126f., 297f.; G. Wacker, Ulrich Richentals Chronik S. 264–267; S. Wolff, Die „Konstanzer Chronik“ Gebhart Dachers S. 52–77.
27Vgl. W. Berger, Johannes Hus und König Sigmund S. 216 mit Anm. 1; R. Kautzsch, Die Handschriften S. 446f., 479f.; M. Holzmann, Die Konzilchronik des Ulrich Richental S. 77; W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 109, 111; B. Konrad, Die Buchmalerei in Konstanz S. 297; G. Wacker, Ulrich Richentals Chronik, Anhang II S. IX; S. Wolff, Die „Konstanzer Chronik“ Gebhart Dachers S. 67; K. Domanski, Ulrich Richental S. 474f.; J. Klöckler, Die Konstanzer Handschrift S. 8; ders., Nachwort S. 231f.
28Das Wort lässt sich im Original nicht mehr eindeutig lesen.
29Mit der Bildlegende: Grauff Fridrich von Zille, der jünger. Von dem Doppelbild ist nur die rechte Blattseite erhalten, davor ist ein Blatt ausgerissen. Es dürfte sich um einen Fehler des Bildmalers handeln. Im Erstdruck findet sich die Illustration foll. 85v–86r in die Fluchtgeschichte Papst Johannesʼ XXIII. integriert. Vgl. M. R. Buck, Zwei neue Richentalʼsche Codices S. 116; G. Wacker, Ulrich Richentals Chronik S. 230; Th. M. Buck, Figuren, Bilder, Illustrationen S. 417f., 423, 425f.; K. Domanski, Ulrich Richental S. 476.
30Vgl. W. Berger, Johannes Hus und König Sigmund S. 209f. und M. R. Buck, Zwei neue Richentalʼsche Codices S. 115f.
31Vgl. G. Scherrer, Verzeichniss der Handschriften der Stiftsbibliothek von St. Gallen (1875, ND 1975) S. 212; Ph. Ruppert, Das alte Konstanz in Schrift und Stift S. IV, XXIV–XXVI; Th. Ludwig, Die Konstanzer Geschichtschreibung bis zum 18. Jahrhundert (1894) S. 25–29; B. Konrad, Die Buchmalerei in Konstanz S. 295; ders., Kostbarkeiten der Buchmalerei Nr. 14; B. M. von Scarpatetti, Die Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen 1, Abt. IV: Codices 547–669. Hagiographica, Historica, Geographica 8.–18. Jahrhundert (2003) S. 279–281; S. Wolff, Die „Konstanzer Chronik“ Gebhart Dachers S. 88–97; N. H. Ott, Konstanz: Gebhard Dacher S. 212–216; V. Zapf, Art. Dacher, Gebhard, Sp. 799f.; P. Eckhart, Ursprung und Gegenwart. Geschichtsschreibung in der Bischofsstadt und das Werk des Konstanzer Notars Beatus Widmer (1475 – ca. 1533) (2016) S. 344–372.
32Vgl. W. Brambach, Die Grossherzogliche Hof- und Landesbibliothek in Carlsruhe (1875) S. 14f.; ders., Die Handschriften der Grossherzoglich Badischen Hof- und Landesbibliothek in Karlsruhe 1: Geschichte und Bestand der Sammlung (1891, ND 1970) S. 16, 24; E. Ettlinger, Die ursprüngliche Herkunft der Handschriften, die aus Kloster-, bischöflichen und Ritterschaftsbibliotheken nach Karlsruhe gelangt sind (1901, ND 1974) S. 3f., 43–56.
33K. Preisendanz, Die Handschriften der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe 9: Die Handschriften des Klosters Ettenheim-Münster (1932, ND 1973) Vorwort, [S. 2]. Nach W. Brambach, Die Grossherzogliche Hof- und Landesbibliothek (Anm. 32) S. 15 handelte es sich im Falle des Klosters St. Georgen immerhin um etwa 20.000 Bände.
34Vgl. M. R. Buck, Zwei neue Richentalʼsche Codices S. 111.
35Vgl. M. R. Buck, Zwei neue Richentalʼsche Codices S. 112f. zu E S. 113f. zu G.
36Nach einer Expertise, die in der BLB Karlsruhe vorliegt und dort eingesehen werden kann. Sie unterscheidet sechs Papiermarken. Als „wahrscheinlicher Zeitraum der Beschriftung“, so Piccard, wird 1467–1474 angesetzt. Die Illustrationen (nur bis fol. 42r) dürften einige Zeit nach dem Text entstanden sein. Die Datierung auf 1467 findet sich fol. 390ra. Vgl. B. Konrad, Die Buchmalerei in Konstanz S. 293f. Der Codex gehörte, das geht aus dem Vorsatzblatt mit Buchzeichen des Besitzers hervor, einst Marx Weyß, Priester und Kaplan im Überlinger Spital, der diesen 1587 an den Überlinger Chronisten Jakob Reutlinger (1545–1611) abtrat. Vgl. K. Preisendanz, in: Zentralblatt des Bibliothekswesens 39 (1922) S. 184–186, hier S. 185; W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 414f.; B. Konrad, Die Buchmalerei in Konstanz S. 293.
37Auf fol. 124v unten findet sich von der Hand des Überlinger Chronisten Jakob Reutlinger ein Autorenvermerk: Ulrich von Reichental hatt dises buch geschriben.
38Von foll. 347v–374v folgt beispielsweise ein Auszug aus dem Buch der Könige. Zum Handschrifteninhalt K. Preisendanz, Die Handschriften der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe (Anm. 33) S. 10–12; U.-D. Oppitz, Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters 2: Beschreibung der Handschriften (1990) Nr. 742 S. 578f.; U. Obhof, Die Handschriftensammlung der Badischen Landesbibliothek, in: P. M. Ehrle / Ute Obhof (Hg.), Die Handschriftensammlung der Badischen Landesbibliothek: Bedrohtes Kulturerbe? (2007) S. 9–48, hier S. 30f.; K. Domanski, Ulrich Richental S. 455–459.
39R. Kautzsch, Die Handschriften S. 465.
40Es lassen sich mindestens zwei Schreiber bzw. Buchillustratoren (foll. 4r–102v, 106r–124v) namentlich nachweisen: Anton Bitzer (fol. 127r) und Martin Walch bzw. Walckh (foll. 28r, 355v und 371v). Bitzer betrieb wohl eine Schreibwerkstatt, in der Walch als Bildmaler beschäftigt war. Vgl. H. Th. Bossert, Die Illustrationen der Richentalhandschrift E aus dem Kloster Ettenheim-Münster, in: ZGO 64 (1910) S. 697f.; K. Preisendanz, in: Zentralblatt (Anm 36) S. 184–186; H. Rott, Quellen und Forschungen zur südwestdeutschen und schweizerischen Kunstgeschichte im XV. und XVI. Jahrhundert 1: Bodenseegebiet (1933) S. 131–133; L. Fischel, Die Bilderfolge der Richental-Chronik S. 46; W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 401; B. Konrad, Die Buchmalerei in Konstanz S. 293; Th. M. Buck, Figuren, Bilder, Illustrationen S. 416f.
41Zu diesem Vorlagenwechsel von foll. 70v zu 71r vgl. K. Preisendanz, in: Zentralblatt (Anm. 36) S. 186.
42Gegen M. R. Buck, Zwei neue Richentalʼsche Codices S. 114, der davon ausgeht, „dass E eine wörtliche Abschrift von K“ sei, was nachweislich nur für Teile der Handschrift stimmt.
43Dass an dieser Stelle in E ein Schreiber- oder Lagenwechsel erfolgte, geht daraus hervor, dass fol. 81v unten der Anfang von fol. 82r oben handschriftlich verzeichnet ist. Der nächste Schreiber sollte wissen, wie der Text weitergeht.
44K. Preisendanz, in: Zentralblatt (Anm. 36) S. 185 geht davon aus, dass der fol. 106r anhebende letzte Teil der Richental-Chronik bis fol. 124v von Anton Bitzer geschrieben wurde. Siehe hierzu auch W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 104.
45Vgl. Th. Ludwig, Die Konstanzer Geschichtschreibung (Anm. 31) S. 30–34; W. Irtenkauf / I. Krekler, Die Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Zweite Reihe: Die Handschriften der ehemaligen Königlichen Hofbibliothek 2, 2: Codices historici (HB V 1–105) (1975) S. 37f.; W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 105; G. Wacker, Ulrich Richentals Chronik, Anhang II S. XVI; S. Wolff, Die „Konstanzer Chronik“ Gebhart Dachers S. 97–106; K. Domanski, Ulrich Richental S. 478f.; P. Eckhart, Ursprung und Gegenwart (Anm. 31) S. 522f.
46Digitalisat: http://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/csg/0646. Vgl. B. Konrad, Die Buchmalerei in Konstanz S. 295; S. Wolff, Die „Konstanzer Chronik“ Gebhart Dachers S. 88–97; N. H. Ott, Konstanz: Gebhard Dacher S. 212f.
47Auf fol. 126rb heißt es in St1: Nun ist ze wissen, das es als ain gros concilium was, das man maint, das kains so gros nie ward noch niemer werd.
48J. Lenfant, Histoire du Concile de Constance 1 (1714) S. XXIX und M. R. Buck, Chronik des Constanzer Concils S. 2 hatten sie noch Gebhard Dacher zugeschrieben. Vgl. R. Kautzsch, Die Handschriften S. 464f.; O. von Heinemann, Die Handschriften der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel. Zweite Abtheilung: Die Augusteischen Handschriften 3: Codex Guelferbytanus 32.7 Augusteus 2° bis 77.3 Augusteus 2° (1898, ND 1966) Nr. 2632 S. 327f.; H. Finke, ACC 4 (1928) S. XCV; W. Matthiessen, Ulrich Richentals Chronik S. 100, 103, 108, 112; D. Mertens, Art. Richental, Sp. 57; G. Wacker, Ulrich Richentals Chronik, Anhang II S. XVIII; S. Wolff, Die „Konstanzer Chronik“ Gebhart Dachers S. 71f. mit Anm. 381.
49Die historische Kontextualisierung schließt fol. 2r in Wo mit dem Satz: Nach dem concilio [von Konstanz] hat der kaiser Prag belagert, nichts ausgericht, unnd der babst das concilium zuͦ Basel verhindert. Auch die voranstehende Schilderung der Ergebnisse des Constantiense fällt kritisch aus, so heißt es etwa fol. 1v nach der Erwähnung des Verbrennungstodes von Jan Hus und Hieronymus von Prag: darmit ist das concilium zergangen, unnd khain reformation, wie der kaiser begert unnd gewolt hot, gemacht worden. Zur Frage, ob diese Vorrede eventuell von Dacher stammt, siehe W. Berger, Johannes Hus und König Sigmund S. 216.
50Vgl. R. Kautzsch, Die Handschriften S. 479; S. Wolff, Die „Konstanzer Chronik“ Gebhart Dachers S. 57f.; H. Müller / S. Strupp, Die Franzosen, Frankreich und das Konstanzer Konzil S. 265.
51Zu diesem Problem J. Klöckler, Die Konstanzer Handschrift S. 9; ders., Nachwort S. 232f.
52Auch O. von Heinemann schien der Ansicht zuzuneigen, dass Dacher der Verfasser der Chronik ist; er hat sie jedenfalls in seiner Handschriftenbeschreibung (Anm. 48) unter die Rubrik „Gebhard Dachers Chronik des Concils in Constanz“ gefasst.
53Hier heißt es fol. Ir: „Aus der Vergleichung der Wolfenbütteler Handschrift mit den Richental-Handschriften zu Konstanz und Aulendorf [heute NYPL] ergibt sich mit völliger Sicherheit, daß Gebhard Dacher keine selbständige Geschichte des Konstanzer Konzils geschrieben hat, daß vielmehr die Wolfenbütteler Handschrift nichts anderes enthält als eine Bearbeitung des Ulrich Richental, wahrscheinlich durch den Konstanzer Bürger Gebhard Dacher […]“. Siehe auch W. Berger, Johannes Hus und König Sigmund S. 214–218, bes. S. 216.
54Von der Hand des Helmstedter Professors Hermann von der Hardt (1660–1746) findet sich hier fol. 1r der Hinweis: In M[anu]sc[ripto] Wolffenb[üttelensi] Gebhart Dacher von Coßnitz, womit er sich wohl auf foll. IIIv (Gebhart Dacher von Costentz hat dieses zusamen geschrieben) und 229r (Gebhart Dacher von Costentz) in der Wolfenbütteler Handschrift bezieht. Von der Hardt sah Dacher – vielleicht in der Nachfolge Lenfants – offenbar als Verfasser der Chronik an, was Berger in seinem Wo vorangestellten Dossier fol. Iv allerdings zurückweist. Beide bezogen sich allerdings nur auf die drei Druckausgaben. Die New Yorker Handschrift war beiden unbekannt, die Konstanzer kannten sie nur aus den Angaben Johann Ulrich Pregitzers. Vgl. zu der zweiten Stuttgarter Handschrift die noch nicht publizierte Expertise von Carsten Kottmann in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, hier zu Bd. 37 von Cod. theol. et philos. 2° 76, S. 3–5 sowie D. Mertens, Art. Richental, Sp. 57.
55Am oberen Blattrand findet sich der Hinweis: Sequentes non affigebant arma. Der entsprechende Hinweis findet sich in St2 fol. 380v.
56C. Rolker, Die Richental-Chronik als Wappenbuch S. 57–103 ist auf die wichtige Handschrift nicht näher eingegangen.
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Ulrich Richental, Die Chronik des Konzils von Konstanz, hg. von Thomas Martin Buck (MGH DE 1, 2019), Einleitung A-Version § 12.
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