Source: https://www.diplom.de/document/225527
Timestamp: 2017-12-11 06:11:46+00:00

Document:
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (Landbau, Studiengang Gartenbau)
2.4.1 Ethnomedizin – volksmedizinischer Einsatz
2.4.2 Schulmedizin – belegte medizinische Wirkungen
Wie schon weiter oben bemerkt, stieß der Autor bei der Recherche auch auf weitere faszinierende Gegebenheiten. Der geschichtliche Sachverhalt soll in dieser Diplomarbeit genauso bearbeitet werden, wie die botanischen Besonderheiten und die vielfältigen medizinischen Eigenschaften dieser Pflanze. Da nun viele verschiedene Einzelbereiche zur Pflanze Kalanchoe pinnata in der vorliegenden Diplomarbeit behandelt werden, wird diese Arbeit in einen theoretischen Teil mit den Eigenschaften der Pflanze und einem praktischen Teil mit dem Versuch zur Blütenbildung unterteilt. Das Thema dieser Arbeit heißt aus diesem Grund: „Untersuchungen zu Kalanchoe pinnata“.
Kalanchoe pinnata ist die erste Pflanze ihrer Gattung, welche in Europa eingeführt wurde. Sicher hat sie sich mit der Entwicklung der Seefahrt auch in andere Gebiete der Erde ausgebreitet, aber in dieser Arbeit wird nur der geschichtliche Aspekt in Europa (speziell in Deutschland) behandelt. Außerdem wird ein zeitlicher Abriss der systematischen Einteilung, sowie Informationen der Erscheinung erster Veröffentlichungen im Zusammenhang mit Kalanchoe[1] gegeben. Auch Einflüsse in die Literatur und in allgemeine naturwissenschaftliche Studien sollen hier beleuchtet werden. Die besten Informationen darüber sind aus den zwei Monographien über Bryophyllum calycinum (Synonym von Kalanchoe pinnata, siehe Kapitel 2.2.4 Formen, Unterarten und Synonyme) von BALZER 1949 und STEIGER 1986 bezogen worden. Diese werden in der nachfolgenden Zeittafel (Tabelle 1) nun anschaulich dargestellt:
Tabelle 1: Zeitlicher Ablauf der Verbreitung in Europa, der Benennung und Veröffentlichung sowie der Ersten naturwissenschaftlichen Studien durch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) mit Kalanchoe pinnata
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[2] [3]
Kalanchoe pinnata ist eine mehrjährige Pflanze. Sie ist kahl, krautig und bis zu 2 m hoch. Der Stamm ist rund und glatt. Die Stammfarbe ist grün-braun, mit purpurnen Streifen. Die Blätter sind erst einfach, dann 3-5 fach gefiedert. Sie stehen gegenständig und fallen bei älteren und/oder blühenden Pflanzen von unten herauf ab. Die Blätter sind 2,5-12 cm (17 cm) lang und 1,5-8 cm (13 cm) breit. Die Blattfläche besitzt eine satt-grüne bis olivgrüne Farbe. Der purpurrot gefärbte Blattrand besitzt rundliche Zähne, an deren Einkerbungen bei älteren Blättern neue Brutpflanzen entstehen können. Wenn die Pflanze in der Blütephase ist, erscheinen die Blätter im oberen Bereich schlanker bzw. länger und spitzer eingekerbt, als bei nicht blühenden Pflanzen. Außerdem tritt an den besagten Blättern an kleinen Öffnungen (Drüsen) blattunter- und blattoberseits eine klare, flüssige und klebrige Flüssigkeit ähnlich wie Honigtau aus. Die Blüten erscheinen an Seitentrieben, die aus den Nodien der gegenständigen Blätter entspringen. An diesen Trieben treten die Blüten entweder direkt an einem Blattstiel, oder weiter verzweigt an weiteren Seitentrieben hervor. Die Blüten hängen relativ locker in reichblütigen, mehrstöckigen Blütenständen (Trugdolden). Die Herabhängenden, oben zylindrischen und nach unten vierkantigen, spitz zulaufenden Knospen können einen Durchmesser von bis zu 2 cm und einer Länge von 4,5 cm aufweisen. Sie haben eine gelbgrüne Farbe und sind oben an der Verbindungsstelle zum Blattstiel purpur gecheckt. Die orangerot bis weinrote Blütenröhre selbst, welche aus dem Inneren der Knospe entspringt, ist bis 3 cm lang. Die Blütenblattzipfel sind ein wenig auseinander zeigend. In Abbildung 2 auf Seite 7 ist noch eine Blüte dargestellt, welche sich gerade geöffnet hat.
Abbildung 3: Blühender Bestand der Kalanchoe pinnata im botanischen Garten (Jardin Botanico) von Puerto de la Cruz – Teneriffa
Die Pflanze Kalanchoe pinnata gehört zur Familie der Dickblattgewächse, der Crassulaceae, welche wiederum in die Ordnung Saxifragales (steinbrechartige Gewächse) eingeordnet werden. Die Crassulaceae sind eine umfangreiche Familie mit 35 Gattungen und 1500 Arten (EGGLI 1994). Sie sind annähernd weltweit verbreitet, wobei die Schwerpunkte in den gemäßigten Breiten der Nordhalbkugel, in Mexiko sowie im südlichen Afrika und da vor allem in Madagaskar liegen. Pflanzen dieser Familie sind meist ausdauernd und krautig, nur wenige sind verholzt. Fast alle Vertreter dieser Familie weisen Blattsukkulenz auf, wenige Stammsukkulenz. Somit sind sie in der Lage in den Blättern (oder ggf. Stämmen) Wasser zu speichern, womit diese Pflanzen der Crassulaceae auch an trockenen Stellen überlebensfähig sind. Viele Pflanzen der Dickblattgewächse sind in der Lage den CAM-Mechanismus (Crassulaceae-Acid-Metabolism) durchzuführen. Dazu mehr in Absatz 2.2.6 auf Seite 7.
„…5 Blüten hängend, Kelchblätter basal meist auffällig verwachsen: BryophyllumBlüten aufrecht; Kelchblätter meist völlig frei, schlank zugespitzt:
6 Wurzelstock nicht caudiciform[4] ; Blütenblätter röhrig verwachsen: Kalanchoe…“
„Incl.[5] Crassula pinnata Linné fil. (1782); ≡[6] Cotyledon pinnata Lamarck (1786) ≡ Vereia pinnata (Lamarck) Sprengel (1825) ≡ Bryophyllum pinnatum (Lamarck) Oken (1841); incl. Bryophyllum calycinum Salisbury (1805) ≡ Cotyledon calycina (Salisbury) Roth (1821); incl. Kalanchoe pinnata var. floripendula Persoon (1805); incl. Cotyledon calyculata Solander ex De Candolle (1828) (nom. inval., Art. 34.1c); incl. Bryophyllum germinans Blanco (1837); incl. Kalanchoe floripendula Steudel (1840); incl. Crassuvia floripendia Commerson ex Hiern (1869) (nom. illeg.); incl. Kalanchoe pinnata var. brevicalyx Hamet & H. Perrier (1915) ≡ Kalanchoe brevicalyx (Hamet & H. Perrier) Boiteau ex Allorge-Boiteau (1995) (nom. inval., Art. 33.2); incl. Kalanchoe pinnata var. genuina Hamet (1915) (nom. inval., Art. 24.3); incl. Kalanchoe pinnata var. calcicola H. Perrier (1928) ≡ Kalanchoe calcicola (H. Perrier) Boiteau ex Allorge-Boiteau (1995) ≡ Bryophyllum calcicola (H. Perrier) Byalt (2000); incl. Sedum madagascarium Clusius ex Fröderström (1936) (nom. inval., Art. 34.1c); incl. Kalanchoe macrodon hort. ex H. Jacobson (1954) (nom. inval., Art. 34.1c); incl. Kalanchoe madagascarium Allorge-Boiteau (1995) (nom. inval., Art. 32.1c).” (zit. nach EGGLI & HARTMANN 2003: 169)
Kalanchoe, der Gattungsname dieses Dickblattgewächses, ist ein chinesischer Volksname (SCHUBERT & WAGNER 2000). Pinnata kommt von „pinnátus“ aus dem Lateinischen. Dies bedeutet gefiedert, was auf die 3-5 fach gefiederten Blätter der Pflanze hinweist (ebenda). Bryophyllum stammt aus dem Griechischen, von „brýein“, was Sprossen bedeutet und „phýllon“, dessen Bedeutung Blatt ist. Dies meint Sprossblatt oder eben Brutblatt (ebenda). Calycinum ist Lateinisch und bedeutet mit einem Kelch versehen. Dies ist eine Anspielung auf die Form der Blüte (ebenda).
Pinnatum hat ihren Ursprung in „pinnatus“ und bedeutet wie oben gefiedert.
Die weite Verbreitung dieser Pflanze wird in der Vielfalt volkstümlicher Namen deutlich. Eine umfassende Darstellung der verschiedenen Bezeichnungen (sowie auch anderen Eigenschaften wie Medizin, usw.) bietet das Werk von Leslie Taylor (TAYLOR 2005). Hier sind Namen wie: Air Plant, Coirama und Hoja de Aire zu nennen. Die im deutschsprachigen Raum genutzten Bezeichnungen sind z.B: Brutblatt, Keimzumpe, Lebenszweig, Kindlipflanze, Goethepflanze, u.a. (RIST et al. 2006). Insgesamt waren in der Literatur 103 volkstümliche Namen zu finden. Die Bedeutung dieser im Einzelnen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, somit sind die Benennungen im Anhang unter Anhang Tabelle 1 auf Seite 7 aufgelistet.
„Was erst still gekeimt in Sachsen,
Merke wie es Wurzeln schlägt!
Blühen sie dir wohl dereinst.“
Wie in dem obigen Zitat von Goethe deutlich wird, ist die vegetative Vermehrung der Pflanze mittels einem Blatt sehr einfach. Entweder sie treiben schon an der Pflanze (ab einem bestimmten Alter) oder sie entwickeln sich (wie im Zitat) bei Bodenkontakt aus den Einkerbungen der Blätter. Die Vermehrung funktioniert in so einem großen Maße, dass man den Bestand innerhalb weniger Wochen um ein Vielfaches potenzieren könnte. In Abbildung 4 auf Seite 7 ist diese Brutpflanzenbildung aus dem Blatt zu sehen.
Auch die Vermehrung über Stecklinge ist bei dieser Pflanze leicht zu bewerkstelligen. Bei der Jungpflanzenaufzucht für den Versuch - welcher in dieser Arbeit noch behandelt wird (Kapitel 3 Praktischer Teil) - ließen sich probehalber gesteckte Kopfstecklinge innerhalb von 2 Wochen ohne Ausnahme und ohne Einsatz von Bewurzelungshormonen zur Wurzelbildung anregen. In Abbildung 5 auf Seite 7 ist dieser Sachverhalt noch einmal dargestellt.
Zur generativen Vermehrung wird bei dem Versuch im Kapitel Praktischer Teil ab Seite 7 noch ausführlicher eingegangen.
Kalanchoe verträgt keinen Frost. Sonst kann sie bei allen Temperaturen über dem Gefrierpunkt gezogen werden. Als optimal gelten Temperaturen um die zwanzig Grad. „K. pinnata gedeiht und blüht auch besser, wenn es nicht zu kühl, d. h. nicht unter 12 bis 15 °C, steht“ (zit. aus DIPNER 1969: 873). Sie kann ganzjährig im klimatisierten Haus gehalten, oder im Sommer ins Freiland gepflanzt werden. Durch die Fähigkeit den CAM-Stoffwechsel durchzuführen, ist sie auch unter trockeneren Bedingungen kultivierbar.
In der Literatur ist zum Zeitpunkt der Bearbeitung dieses Kapitels nichts über Krankheiten und Schädlinge im Bezug mit dieser Pflanze zu finden. Aus der Erfahrung des Autors - in dem Versuch, welcher im Rahmen dieser Diplomarbeit durchgeführt wird – können dennoch einige Erfahrungen mit Schädlingen geschildert werden. Hier ist von einer Topfkultur im Gewächshaus auf Tischen mit Vliesbewässerung auszugehen (weitere klimatische und sonstige Daten des Gewächshauses sind im Kapitel 3 Praktischer Teil aufgeführt).
„…Ethnomedizin beschäftigt sich mit den Definitionen und Interpretationen von Gesundheit und Krankheit in unterschiedlichen Kulturen sowie mit den daraus resultierenden kulturspezifischen Heil- und Behandlungsweisen … Sie beschäftigt sich mit traditionellen medizinischen Systemen im Kulturvergleich sowie mit der medizinischen Entwicklungshilfe … Ziel ist es, medizinische Kenntnisse und Praktiken in den verschiedenen Kulturen zu erfassen, kulturübergreifende und -vergleichende Studien anzustellen und das kulturelle Erbe der Volksmedizin in vielen Ländern der Welt zu bewahren…“ (zit. nach ANONYM 2007c).
Seither fanden viele In vitro (mittels Erreger im Labor) und In vivo Tests (mittels lebender Organismen z. B. Ratte oder Mensch) mit Auszügen oder Inhaltsstoffen aus der Pflanze Kalanchoe pinnata statt. Eine Wirkung gegen Bluthochdruck (OJEWOLE 2002) und Leber schützende Eigenschaften (YADAV & DIXIT 2003) sind herausgefunden worden. Auch eine endzündungshemmende Wirkung, sowie positive Funktionen beim Einsatz bei Diabetes konnten in einem Laborversuch ausgemacht werden (OJEWOLE 2005). Antimikrobielle Eigenschaften (AKINPELU 2000, AQIL & AHMAD 2003) sowie muskelentspannende und beruhigende Wirkungen auf das Nervensystem sind bekannt geworden (YEMITAN & SALAHDEEN 2005). Schweizer Wissenschaftler erforschten außerdem Effekte auf die Wehentätigkeit und die Gebärmutterkontraktion zur Geburtserleichterung bei schwangeren Frauen (GWEHENBERGER et al. 2004, PLANGGER et al. 2006, MANDACH & RIST 2005 und RIST et al. 2006). Eine schmerzlindernde Wirkung (IGWE & AKUNYILI 2005) sowie eine Aktivität gegen die Bildung von Geschwüren wurden erforscht (PAL & CHAUDHURI 1991). Ein weiteres bemerkenswertes Einsatzgebiet von Kalanchoe ist die Bekämpfung der Leishmaniose (TORRES-SANTOS et al. 2003, DA SILVA et al. 1995, DA SILVA et al. 1999a, MUZITANO et al. 2006a, MUZITANO et al. 2006b). Leishmaniose ist eine Krankheit, welche durch chronische Hautverletzungen gekennzeichnet ist. Übertragen wird diese Protozoonen-Infektion (Leishmania sp.) durch die Sandfliege (Phlebotomus sp.). Leishmaniose stellt ein großes Problem in vielen Entwicklungsländern dar, da keine Impfung möglich ist (TORRES-SANTOS et al. 2003: 801) und die Behandlung zurzeit nur mit Nebenwirkungsreichen, Teuren und wenig Effektiven (da die Erreger schnell resistent werden) Medikamenten stattfindet (DA SILVA et al. 1995: 201). Ein weiteres Einsatzgebiet ist die Malaria, da die Kalanchoe eine fiebersenkende Wirkung besitzt (WILLCOX & BODEKER 2004: 1157).
[1] Diese Bezeichnung wird weiterführend ggf. für Kalanchoe pinnata benutzt.
[2] Eine von Napoleon erstmalig am 21. November 1806 verhängte Wirschaftsblockade über die britischen Inseln.
[3] In dieser Arbeit immer mit diesem Synonym beschrieben, aber in einigen folgenden Zitaten auch Bryophyllum gennant.
[4] Entspricht wasserspeichernd.
[5] Kennzeichnung verschiedener Basynonyme (Ableitung des Synonyms eines gültigen wissenschaftlichen Namens).
[6] Kennzeichnung der Synonyme innerhalb eines Basynonyms.
V225527
9783836608763
kalanchoe goethepflanze brutblatt airplant bryophyllum
, 2007, Untersuchungen zu Kalanchoe pinnata, Hamburg, Diplomica Verlag GmbH, https://www.diplom.de/document/225527
Untersuchung der diffusiven dynamischen Lichtstreuung von Substanze...
Untersuchungen zur Optimierung eines Mehrkanal-Hochleistungsschalts...

References: Art. 34
 Art. 33
 Art. 24
 Art. 34
 Art. 34
 Art. 32