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Timestamp: 2017-05-29 05:39:33+00:00

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Sind Hierarchien Machtmittel? « jungs & mädchen
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Sind Hierarchien Machtmittel?	Die Begriffe der Macht und der Hierarchie spielen im Feminismsus eine zentrale Rolle: Wer mächtig ist – so scheint es – kann tun, was andere nicht tun können z.B. infolge von Zwang, Wissen, Verführung oder persönlicher Autorität. Das soziale Verhältnis der Geschlechter ist dem Feminismus zufolge ebenfalls von einem Machtgefälle gekennzeichnet und Feministen sprechen von einem Unterordnungsverhältnis der Geschlechter [1] und einer Vormachtstellung der Männer [2], die sich in Privilegien, Sexismus und rape culture manifestiere. Mit allen diesen Konzepten hat aber selbst der akademische Feminismus große, begriffliche Schwierigkeiten und es wird sich zeigen, daß dies einen von mehreren Gründen abgibt, aus dem Feminismus weder als Modell noch als Richtschnur sozialer Realität zwischen Geschlechtern funktionieren kann. Übersicht:
I. Kurz nachgedacht: Hierarchien
II. Macht – aus Strukturen heraus
III. Macht, Schwäche und Frauen
Da moderne Hierarchien in der Wirtschaft als Konzentrationspunkte ökonomischer Macht arbeitsteilig aufgebaut sind, stellen sie de facto Kooperationen dar und entstehen nicht, weil sich einige skrupellose Menschen gegen ersetzbare andere Menschen mit Eigenschaften durchgesetzt haben, die für das Funktionieren der Hierarchie unwesentlich sind. Eine Frauenquote für Führungspositionen als angeblich gerechtes Mittel zur Herstellung von Machtgleichheit zwischen den Geschlechtern führt daher gar nicht zu mehr Macht für Frauen und beruht auf der falschen Annahme, daß Hierarachien selbst Mittel der Macht seien. Zwar können sie Folgen von Macht sein, aber dafür, daß Personen Macht haben, ist keine hohe Position in einer Hierarchie erforderlich, denn unter einer Machtausübung verstehen wir tatsächlich eine Störung der im weitesten Sinne moralisch abgesicherten und humanistischen Gestaltungsrechte der einzelnen Personen. Die Folge ist, daß der Begriff der Macht nicht als basal vorausgesetzt werden kann, sondern bestimmt wird allein unter Voraussetzung einer erfolgreich abgeschlossenen, normativen Debatte über Moral und Humanität, in der festgelegt wird, wie solche Störungen aussehen. Nicht die Macht von Personen selbst ist daher relevant für die Frage der Geschlechtergerechtigkeit, sondern die Mittel solcher Störungen. Die Folge ist, daß der Machtbegriff nicht basal genug ist, um sozialen Phänomene als Machtphänomene adäquat zu beschreiben und zu verstehen.
Was mir da als erstes einfällt, sind diejenigen Hierarchien, in die der Feminismus per gesetzlicher Frauenquote hinein will, um die Macht zwischen den Geschlechtern in einer Marktwirtschaft gleich zu verteilen. Das Folgende gilt für wirtschaftliche Hierarchien, aber klarerweise nicht nur für sie.
Solche Hierarchien sind offenbar weitgehend mitbestimmungsfreie Steuerungs- und Koordinationsmechanismen kollektiver Anstrengungen, um komplexe Entscheidungsprozesse miteinander zu verknüpfen: Wenn viele ein Problem lösen wollen, können sie sich hierarchisch organisieren. Nur warum sollten sie das tun? Haben wir nicht gelernt, daß Hierarchien irgendwie „zur dunklen Seite gehören“? Schauen wir mal.
Hierarchien als Organisationsform eines Kollektivs werden ganz offenbar motiviert durch die Tatsache,
a) daß nicht alle, die für eine Führungsaufgabe geeignet sind, sich auch als Führer in irgendeiner Art demokratischem Prozeß wenigstens einmal durchsetzen können: Hierarchische Organisationen funktionieren auch dann, wenn man nicht die in jeder Hinsicht optimalen Mitarbeiter findet. Hierarchien sind in diesem Sinne anspruchslos.
b) daß Hierarchien immer aufs Neue festzulegen, Zeit und Energie kostet, sich aber am Ergebnis der kollektiven Anstrengung durch eine neue Führung nicht immer etwas verändert. Hierarchien sind in diesem Sinne sparsam.
c) daß in schwierigen Existenzphasen eines Kollektivs die richtigen Entscheidungen unpopulär und die populären Entscheidungen falsch sein können. Hierarchien sind in diesem Sinne selbsterhaltend.
d) daß Organisationen sich an die spezifischen, ökonomischen Anforderungen anpassen können, ohne von den schwer zu kalkulierenden Empfindlichkeiten ihrer Mitglieder ausgebremst zu werden. Hierarchien sind in diesem Sinne flexibel. Das gilt auch für die konkrete Ausformung der Hierarchie selbst.
e) daß alle Konflikte, finite Probleme sind, d.h. sie werden im Zweifel auf der jeweils nächst höheren Hierarchiestufe entschieden. Hierarchien in diesem Sinne entschärfend.
Soweit klingt das erst mal ganz normal, man versucht ein kollektives Organisationsproblem effizient zu lösen und bezahlt dafür damit, daß nicht jeder, der von der Hierarchie profitieren kann, machen kann, was er will: There are always good news and bad news.
Hierarchien können, müssen aber nicht in dem Sinne stabil sein, daß die Position aller Personen in der Hierarchie zeitlich invariant ist. Stattdessen sind alle möglichen Mischformen vorstellbar – etwa, daß für jede Aufgabe die Hierarchie komplett neu aufgebaut wird oder daß auf derselben Hierarchiestufe sich die Mitglieder für jede Aufgabe neu und selbständig als Substruktur hierarchisch anordnen dürfen, so daß die gloabl hierarchisch kontrollierte Arbeit lokal selbstbestimmt bleibt.
Um das Funktionieren einer Hierarchie zu erkennen, fragen wir uns, welche Probleme eine Hierarchie bekommen kann:
1. Es ist ziemlich einleuchtend, daß Hierarchien nur bis zu einer gewissen Größe effizient sind, ab der sie dezentralisiert werden müssen, um effizient zu bleiben: Wenn jeder für jede Entscheidung erst seinen Vorgesetzten fragen muß, muß die oberste Hierarchiestufe so viele Entscheidungen treffen, daß sie ab einer bestimmten Größe zeitlich nicht mehr hinterherkommt.
2. Wenn Hierarchien stabil sind, dann wird infolge der dadurch unvermeidlichen Arbeitsteilung auch das Wissen zur Lösung eines Problems oder der Aufgaben der Organisationsform hierarchisch aufgeteilt – was Konsequenzen hat: Die verschiedenen Hierarchieebenen müssen auf einmal kooperieren, weil sie deren jeweiliges Spezialwissen benötigen und die Hierarchie beschränkt sich auf einmal auf die Arbeitsorganisation und vielleicht grobe Richtungssentscheidungen, die jedoch ihrerseits erheblich von den zuarbeitenden, unteren Hierarchiestufen abhängen. So wurde z.B. die sog. Endlösung auf der Wannseekonferenz nicht erdacht, sondern nur abgenickt, während sie auf subalternen Ebenen in Eigeninitiative vorbreitet wurde.
3. Sogenannte Rationalisierungsstrategien können natürlich dazu benutzt werden, den Arbeitsprozess von den Erfahrungen und Kenntnissen der unteren Hierarchieebenen zu trennen, doch das minimiert natürlich die Flexibilität einer hierarchischen Organisation enorm, wenn die Lösungsmethode der Teilaufgabe z.B. zur Erzeugung eines Produktes oder zur Erbringung der Diensteistung die Eigenschaften der Arbeitsorganisation dominiert. Letzteres wird oft als Entfremdung beklagt, bedeutet aber im Grunde nur, daß über die Frage, welches die beste Methode zur Erledigung der Teilaufgaben ist, nicht mehr nachgedacht wird, so daß Arbeit und Autonomie getrennt werden.
4. Vor allem sind viele Arbeitsabläufe kontextabhängig, können deshalb schlecht dokumentiert und damit auch nur schlecht rationalisiert werden.
Insgesamt sollten Hierarchien der Tendenz nach deutlich leistungsfähiger sein, als nicht-hierarchische Organisationsformen. Die Schwierigkeiten 1.-4. sprechen dennoch dafür, daß Hierarchien sich als Machtmittel nicht gerade anbieten:
i) Denn 1. und 2. sprechen sehr dafür, daß Hierarchien ab einer gewissen Größe dezentral aufgebaut sein sollten, wenn Informationsfluß und Entscheidungsdichte in einer Hierarchie effizient bleiben sollen.
ii) Stabile Hierarchien sind eigentlich keine Unterordnungsverhältnisse, sondern verwandeln sich sofort in Kooperationsverhältnisse von Spezialisten – wenn die Hierarchie überhaupt funktionieren soll.
iii) Nicht-stabile Hierarchien sind überhaupt keine Mittel der Macht, sondern höchstens – aber nicht notwendigerweise – die Folge persönlicher Macht der Menschen auf den einzelnen Hierarchiestufen.
Meine first-guess-Diagnose von Hierarachien – und das sage ich selbstverständlich in aller soziologischen Naivität – lautet damit, wie folgt:
(A) Je besser eine Hierarchie als kollektive Organisationsform ein kollektives Problem oder eine kollektive Aufgabe lösen kann, desto schlechter ist sie als Mittel der Ausübung von Macht geeignet.
Empirisch wurde (A) in der Geschichte schon mal ausprobiert: Die hierarchisch organisierten Zünfte hatten auf bestimmte Arbeiten ein Monopol, taten eine Menge, um Konkurrenz zu vermeiden und prompt steigerte sich der allgemeine Wohlstand etwa ab 1820 drastisch, als die Gewerbefreiheit eingeführt wurde. Frauen, Juden und Slawen konnten am Verteilungssystem der Zünfte in den allermeisten Fällen nicht teilnehmen – wenngleich es reine Frauenzünfte gab, die genauso organisiert waren. Man kann wohl nicht ausschließen, daß einige Unternehmen bis heute – 200 Jahre nach Auflösung der Zünfte – wie Zünfte funktionieren oder danach streben. Ökonomisch klug wäre das aber nicht und mit großer Wahrscheinlichkeit verfügen solche Unternehmen daher nicht über nennenswerte ökonomische Macht. Das führt zu:
(B) Diejenigen Unternehmen, die ökonmische Macht konzentrieren, sind nur oberflächlich Hierachien, während de facto eine Kooperation von Spezialisten vorliegt und wirklich hierarchisch durchgeformte Unternehmen konzentrieren mit hoher Wahrscheinlichkeit keine nennenswerte ökonomische Macht.
Doch die Gleichverteilung der Macht in einer Marktwirtschaft in Bezug auf alle Geschlechter ist das zentrale Motiv einer Frauenquote – weswegen Argumente über individuelle Lebensentscheidungen von Männern und Frauen als Erklärung der Ungleichheiten eigentlich am Kern des Problems vorbeigehen: Machtgleichheit soll herrschen trotz individueller Lebensentscheidungen – DAS ist Feminismus. Wegen (B) bekommt man aber:
(C) In die Unternehmen, die wie Zünfte funktionieren, wollen Feministen mangels ökonomischer Macht nicht hinein und für die Unternehmen, die ökonomische Macht konzentrieren, brauchen Feministen keine Quote, weil sie wegen a)-e) offen sind für alle, die die ökonomische Effizienz des Unternehmens voranbringen und genau dafür abstrahieren hierarchische Unternehmen soweit für möglich von den persönlichen Eigenschaften ihrer Mitarbeiter.
Wie angesichts dessen das sog. Phänomen der Gläsernen Decke möglich sein soll, ist einigermaßen unklar. Das Ergebnis in (C) zeigt auch, daß es für Feministen, die an der Steigerung der Macht von Frauen interessiert sind, auf die Zerschlagung von Hierarchien – und seien sie auch ausschließlich durch Männer besetzt – gar nicht ankommt. Denn ob reine Männerorganisationen mächtig sind, hängt von ganz anderen Faktoren ab, als davon, daß alle ihre Angehörigen dasselbe Geschlecht haben oder ob sie hierarchisch aufgebaut sind.
Aber wie ist (C) überhaupt möglich? Haben wir nicht in Hollywood-blockbustern und endlosen trash-dokus gelernt, daß Hierarchien entstehen, wenn sich der Stärkste, der zugleich der Mächtigste ist, insofern er bereit ist, seinen Kumpanen seinen Willen mit Gewalt aufzuzwingen, durchsetzt? Das haben wir, doch der Unterschied dieser Art archaischer Hierarchie zu der oben besprochenen kollektiven Organisationsform besteht darin, daß innerhalb der Hierarchie jedes Hierarchiemitglied jede Aufgabe übernehmen kann, so daß im Grunde jeder im Hinblick auf den Erfolg ersetzbar ist. Erst diese Ersetzbarkeit läßt im Grunde unwesentliche Eigenschaften wie z.B. Gewaltbereitschaft für die Konstitution einer Hierarchie wichtig werden und genau deshalb sind in diesem Sinne archaische Hierarchien in modernen, arbeitsteiligen Gesellschaften niemals anzutreffen.
(D) Und daher verbreitet der Feminismus, der uns weiß zu machen versucht, daß ökonomisch erfolgreiche Unternehmen samt Mitarbeiter von gleichsam mordgierigen Potentaten geknechtet werden, die täglich nach Blut lechzen und daher so gerne schwache Frauen unterdrücken – oder noch besser: vergewaltigen oder wenigstens mit Alltagssexismus piesacken – ein läppisches Schauermärchen, das plumper eigentlich gar nicht erzählt werden kann: Denn nicht alle Hierarchien sind gleich – eine Tatsache, die Feministen zu verschleiern suchen.
Doch vielleicht ist ja das Verständnis des Hierarchiebegriffs im Feminismus völlig anders, richtet sich nach dem Machtbegriff und wir denken einfach nicht richtig über Macht nach. Vielleicht müssen wir erst die Phänomene der Macht verstehen, um Hierarchien als ihre Mittel finden zu können und eventuell klärt das dann auch darüber auf, wie wir die laut der feministischen Ideologie existierenden, sexistischen Strukturen einer Gesellschaft zu identifizieren haben.
Entweder das – oder die Einführung der Frauenquote folgt ganz anderen Motiven als denen der Machtsymmetrie der Geschlechter, die ja angeblich so rasend gerecht ist.
Nach feministischer Ansicht gibt es drei mögliche Folgen des postulierten Machtgefälles zwischen Geschlechtern:
Privilegien der Männer
In allen drei Fällen ist aber reichlich unklar, welche Phänomene eigentlich jeweils dazu gehören sollen. Das macht diese Punkte völlig ungeeignet, uns zu erklären, was Macht zwischen Geschlechtern eigentlich ist und wie sie funktioniert. Die unangenehme Folge von Letzterem ist aber, daß uns an dieser Stelle die angeblich existierende persönliche Macht des einzelnen Mannes über die einzelne Frau – bis zum nächsten Abschnitt – durch die analysierenden Finger schlüpft. Um repressive Macht zu verstehen, wenden wir uns daher einem anderen Beispiel zu, wo es zentral darum geht, daß eine Struktur oder eine Organisation Macht gegen Personen ausübt. Für den Feminismus ist das völlig angemessen, da er sowohl männliche Privilegien, Sexismus wie auch rape culture wenigstens zum Teil auf Frauen diskriminierende Strukturen zurückführt. Wie Macht gegen Personen funktioniert, die im weitesten Sinne gesellschaftliche Strukturen benutzt, kann man sich einem unkritischen Beispiel klarmachen: der Staat hat gegen die Rote Armee Fraktion durchaus zurückgeschlagen.
1. Strafprozeßordnungstricks
Insofern der Staat nicht nur das Gewaltmonopol hat, sondern auch Steuern erheben und Freiheitsrechte beschränken kann, kann man in Bezug auf das Verhältnis Staat-Mengen von Bürgern von einer Hierarchie sprechen, wenngleich im öffentlichen Recht die Auffassung einer freiheitlich-demokratichen Republik die Rede von einem Unterordnungsverhältnis verhindert. Auch geht nicht der Staat, sondern die unabhängige Justiz bei Verdacht auf Straftaten gegen die Staatsbürger vor, so daß Richter keine Beamten, sondern öffentlich Bedienste sind. Doch auch Richter müssen sich an Gesetze halten und die kommen nun mal von den Repräsentanten der Staatsgewalt. Und es ist kein Geheimnis, daß die Repräsentanten der Staatsgewalt für den Strafprozeß gegen die RAF die Strafprozeßordnung (StPO) gezielt angepaßt hat, um die Verteidigung der RAF-Mitglieder zu erschweren zu und die Prozeßposition der Bundesanwaltschaft zu stärken [1, 2] z.B.:
a) Verbot der Mehrfachverteidigung in §146 StPO: Vorher hatte die Strafprozessordnung die Verteidigung mehrerer Angeklagter durch einen einzigen Anwalt oder gemeinsam durch mehrere Anwälte erlaubt. Wenn unter den Angeklagten keine Interessengegensätze bestehen kann die Verteidigung einerseits besser koordiniert werden. Andererseits sind an größeren Verfahren häufig mehrere Staatsanwälte beteiligt und so daß Mehrfachverteidigung der vom ungeschriebenen Verfassungsgrundsatz des fairen Verfahrens geforderten Waffengleichheit zwischen Anklage und Verteidigung entspricht. Danach wurden Angeklagten im Prozeß als Einzelne isoliert, was gerade dann die Verteidigung schwächt, wenn der Prozess gegen eine verschworene Gemeinschaft geführt wird. In Stammheim sollte verhindert werden, daß der Prozeß als Angriff auf die gemeinsame politische Identität der Angeklagten als RAF verstanden wird.
b) Durchführung eines Strafprozesses ohne Anwesenheit der Angeklagten nach § 231 a StPO: Danach kann ein Strafverfahren auch in Abwesenheit eines Angeklagten durchgeführt werden, der sich schuldhaft in einen seine Verhandlungsfähigkeit ausschließenden Zustand versetzt hat. Die für eine Isolationshaft notwendige Gefährlichkeit der RAF-Gefangenen galt nach der Rechtsprechung der Gerichte als „schuldhaft“ im Sinne des § 231 a StPO.
c) Ausschluß von Verteidigern vom Prozeß insbesondere schon bei leichtem Verdacht nach §138 a,b StPO.
d) Überwachung des Schriftwechsels zwischen den Gefangenen und ihren Verteidigern
e) das sog. Kontaktsperregesetz in §§31-38a Gerichtsverfassungsgesetz (GVG)
In diesem Fall macht es durchaus Sinn, von der Einführung von diskriminierenden Strukturen zu sprechen, von Macht, die zwischen Hierarchiestufen ausgeübt wird, und die vor allem bei politisch motivierten Straftaten aus Gruppen heraus Rechtsnachteile für die Angeklagtenposition erzeugen: „Die oben“ können im Strafprozeß ihre Interessen leichter durchsetzen als die „die unten“.
Wie sieht das nun mit der Gruppe von Frauen aus? Explizit in Gesetzen für Frauen formulierte Nachteile gibt es meines Wissens nach nicht. Sie wären auch verfassungswidrig und daher leicht zu beseitigen, weil in den Parteien entsprechende Mehrheiten leicht zu finden sind. Gesetze, die sich aufgrund der Lebenssituationen der Geschlechter für Frauen nachteiliger auswirken als für Männer sind ebenfalls kaum in Sicht. Es gilt eher die Umkehrung:
Männer unterliegen nach dem Grundgesetz dem – gegenwärtig ausgesetzten – Zwangsdienst an der Waffe, Frauen nicht.
Männer konnten lange Zeit nur sexuell belästigt werden, der höhere Strafrahmen der Vergewaltigung war den Frauen vorbehalten.
Jungen und Männer werden durch §44 SGB IX (1) 3 bei der Rehabilitation benachteiligt.
Nur die sexuelle Würde von Soldatinnen wird per Gesetz geschützt, die von Männern – insbesondere bei der Musterung – nicht.
Schwule Sexualität war lange Zeit strafbar, lesbische Sexualität nicht.
Exhibitionismus ist nur für Männer strafbar.
Das gegenwärtige Scheidungs- und Familienrecht privilegiert Frauen.
Feministen machen oft das Abtreibungsrecht als Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung speziell für Frauen geltend. Was immer man davon halten mag – das Abtreibungsrecht wird motiviert durch die Rechte des ungeborenen Kindes, dessen Geschlecht dabei keine Rolle spielt. Schützenswerte Interessen und Rechte des werden Vaters wurden in diesem Zusammenhang noch nie diskutiert. Ich hoffe jedoch, daß sich das demnächst ändert.
Macht kann sich unter Benutzung von Hierarchien oder Strukturen auch noch völlig anders ereignen als in diesem Abschnitt besprochen wurde.
2. Machtpositionen ausnutzen
Natürlich handelt ein Staat durch diejenigen Personen, die hoheitliche Aufgaben wahrnehmen – weshalb ja auch die RAF Menschen in administrativen Schlüsselpositionen angriff. Zwar ist ein Straßprozeß keine hoheitliche Aufgabe, doch die Regeln des Strafprozesses werden laut GVG durch den vorsitzenden Richter exekutiert: Er wird vom Staat durch die StPO in eine Machtposition gegenüber allen anderen Prozeßbeteiligten eingesetzt, da er tun kann, was sonst niemand anderes tun kann: den Prozeß führen. Da ist es nur naheliegend, die Rolle des vorsitzenden Richters im sog. Stammheim-Prozeß zu untersuchen – wenigstens im Prinzip und dafür benutze ich den auf den Originalprotokollen des Prozesses gegen Baader, Meinhof, Enslin und Raspe beruhenden Film Stammheim von 1986.
Obwohl die sogenannte Folterdebatte, die entwürdigende Behandlung der RAF vor Gericht und während der Untersuchungshaft, in die auch Amnesty International eingegriffen hat, im Film eine ziemliche Rolle spielt, gehe ich nicht weiter auf sie ein, da dafür im Feminismus jedes Analogon fehlt.
Vergegenwärtigen wir uns zunächst die grundsätzlichen, juristischen Positionen sind in diesem Film:
Wenn ich diesen Film richtig verstehe, dann wird dort von Seiten der Verteidigung argumentiert, daß die RAF mit Angriffen gegen Personen in Exekutivfunktionen des Staates darauf reagiert, daß diese Personen mit den Mitteln und im Auftrag des Staates Verbrechen verüben. (Das Prinzip von Verbrechen von Privatpersonen mit den Mitteln des Staates ist bekannt und wurde schon mal besprochen.) Die Verteidigung beansprucht im Film, daß die RAF Nothilfe leistet i.S.v. §34 StGB z.B. für das vietnamesische Volk. Die RAF dagegen beansprucht, daß Terrorismus gesellschaftliche Probleme reflektiert, daher gerecht ist und folglich nicht strafbar sein kann.
Vorsitzender Richter und Bundesanwaltschaft versuchen, die politische Motivation aus dem Verfahren und auch aus der Beurteilung der für die schuldabhängige Strafzumessung abzuschätzenden kriminellen Energie herauszuhalten und den Stammheim-Prozeß als simplen Strafprozeß durchzuführen.
Stellt man sich allein auf den Standpunkt der RAF, dann exemplifiziert der Film einen ganz bestimmten Zug repressiver Macht:
(E) Macht bedeutet nicht einfach nur Möglichkeiten zu etwas zu haben i.S.e. Selbst-Herbeiführen-Könnens, sondern sie bedeutet auch, in bestimmter Weise handeln zu können, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden: Auch sich entziehen zu können z.B. unter Benutzung einer Struktur oder einer hierarchischen Position, beruht unter Umständen auf einer Machtposition.
Dies kann offenbar auch dann vorliegen, wenn man als Richter selbst einer Menge von halbwegs präzise formulierten z.B. strafprozeßrechtlichen Regeln unterworfen ist. Damit untersuchen wir den Fall, in dem ein Angehöriger (der vorsitzende Richter) einer Hierarchie (Justiz/Gesetzgeber) mit Hilfe des Schutzes und den Mitteln einer Struktur (StPO, GVG, StGB) Macht repressiv ausübt gegen Personen. Dieser Umstand motiviert, daß wir für die Ausübung von Macht bestimmte notwendige Bedingungen angeben, die wir den Aspekten Einfluß und Verantwortung zuordnen, und die dafür sorgen, daß Macht eine dreistellige Relation ist zwischen Mächtigem, Addressat und dem Verfügungsgegenstand.
Wir fixieren ein erstes, rudimentäres Verständnis von Macht damit dadurch, daß Macht vorliegt höchstens dann, wenn der Adressat die Konsequenzen der Machtausübung des Mächtigen
(1) allein nicht aufhalten oder nicht rückgängig machen kann z.B. Musterung für Männer durch die Bundeswehr.
(2) oder der Adressat bei der Erzeugung der Konsequenzen kein Mitspracherecht hat z.B. Kindesentzug durch das Jugendamt.
(3) oder der Mächtige wegen (E) unter keiner Bedingung z.B. wegen Willkür für sein Handeln haftbar gemacht werden kann z.B. Abtreibung bei völligem Wegfall von §218 StGB
(4) oder der Mächtige unverhältnismäßig hohe Preise oder Bedingungen für seine Kooperation durchsetzen kann z.B. Scheidung um den Preis des Umgangsrechts mit den eigenen Kindern.
Diesem Verständnis von Macht nach ist es offensichtlich nicht notwendig, daß Macht auf dem Mächtigen allein verfügbare, persönliche Fähigkeiten zurückgeht, daß er den Machtlosen in irgendeinem Sinne überragt. Ebenfalls ist es für Machtausübung nicht notwendig, daß ein persönliches, hierarchisches Verhältnis zwischen dem Mächtigen und dem Machtlosen besteht: Staatliche Funktionsträger z.B. sind mächtig nicht aufgrund der Eigenschaften oder Fähigkeiten ihrer Person, sondern aufgrund der Eigenschaften des Staates oder seiner Strukturen in einem bestimmte Bereich seiner Aufgaben. Das bedeutet:
(F) Selbst eine hohe Position in einer Hierarchie zu haben, ist keine notwendige Bedingung dafür, Inhaber einer Machtposition zu sein.
Doch klarerweise leiden (1)-(3) an einer nicht unerheblichen Voreiligkeit, da sie von Personen auch dadurch realisiert werden können, daß eine Person A höchstpersönliche Rechte, z.B. ihre Menschenrechte ausübt, was eventuell einer anderen Person B gar nicht in den Kram paßt. Doch in so einem Fall würde wir nicht von Macht sprechen, weil nicht die von dem Recht gedeckte Handlung allein, sondern ihr uneingeschränkter Schutz dazu führt, daß B bestimmte Konsequenzen nicht aufhalten kann, über keinerlei Mitspracherecht verfügt und A sich für keine noch so absurde, aber von seinen höchstpersönlichen Rechten gedeckte Willkür rechtfertigen muß. Natürlich wird das nicht für jedes beliebige Recht gelten und die Codifizierung irgendeines Anspruchs als Recht allein reicht dafür ebenfalls nicht aus.
Denn was wir als ausreichend wichtig und basal ansehen derart, daß wir daraus z.B. ein Menschenrecht machen, muß in einem normativen Diskurs über Moral und Humanität erst festgelegt werden: Eine Gesellschaft, die z.B. die alleinige Herrschaft eines Menschen über sich selbst so auslegt, daß sie einen Zwangsdienst bei der Armee verbietet, befindet sich auf einer viel höheren zivilisatorischen Stufe als eine, die die Verfügbarkeit des Lebens und der Gesundheit junger Männer für politische Zwecke als Ehre für die Toten und Verstümmelten ansieht.
Wenn wir aber das zugeben, dann kann Macht, soweit sie von Personen ausgeht, nur erkannt werden, wenn man zuvor eine Störung der moralisch berechtigten und zivilisatorisch abgesicherten Gestaltungsspielräume einzelner Menschen detektiert hat und der Machtbegriff erweißt somit sich als implizit normativer Begriff. Die Folge der Tatsache, daß der Machtbegriff folglich keineswegs ein basaler, sondern eine für bestimmte Störungen der verbrieften, im weitesten Sinne humanistischen Gestaltungsrechte der einzelnen Personen abgeleitete Klassifikation des Exzesses aufgrund persönlicher Fähigkeiten von Personen ist, ist für den Feminismus aber einigermaßen katastrophal.
(G) Denn dadurch wird nicht nur die Idee eines Gerechtigkeitsforderungen erfüllenden Machtgleichgewichts der Geschlechter ad absurdum geführt, sondern auch dargelegt, daß allein der Begriff des Respekts vor den Menschen- und humanistischen Gestaltungsrechten der einzelnen Personen im Sinne der vom Feminisms viel beschworenen Geschlechtergerechtigkeit relevant ist, nicht aber ein abseitiges Gleichgewicht des Schreckens, den die Vorstellung einer Gleichmächtigkeit, d.h. einer gleichmäßigen, wechselseitigen Störung der Würde und Rechte der Menschen tatschlich nahelegt.
Eine andere Folge von (G) ist, daß
a) man einerseits nicht mehr auf Phänomene der Macht zurückgreift, um Verletzungen der Gerechtigkeit zu detektieren, sondern Verletzungen einer über Gleichheit hinausgehenden Gerechtigkeit selbst als Störungen der moralischen und humanistischen Standards unter Personen analysieren kann: Der Machtbegriff sorgt dafür, daß Geschlechtergerechtigkeit nicht mehr auf Geschlechtergleichheit begrifflich reduziert werden kann.
b) und andererseits überhaupt nicht mehr wesentlich ist, ob solche Störungen zu Machtphänomen führen oder nicht. Denn daß Macht ausgeübt wurde, ist Dank (G) ja nun nicht mehr als eine Aussage über Eigenschaften der Störung, aber nicht mehr eine Aussage über den Grund dieser Störung.
c) Hierarchien keine Mittel der Macht mehr sein können, sondern höchstens Folgen der Ausübung von Macht. Es ist wahr, daß eine Hierarchie für alle keine andere Zukunft bietet, als denselben Aufstieg innerhalb der Hierarchie. Aber deshalb sind solche Hierarchien noch lange keine Mittel, um die Selbstbestimmung von Menschen zu brechen.
Unser Zwischenergebnis ist damit Folgendes: Wirklich mächtige, moderne Hierarchien sind weder Mittel, noch Folgen von Macht und wo Macht als Störung der im weitesten Sinne moralisch abgesicherten und humanistischen Gestaltungsrechte der einzelnen Personen vorkommt, muß es nicht zur Hierarchiebildung kommen. Das feministische Pro-Frauenquote-Argument, aus Gerechtigkeitsgründen ein Machtgleichgewicht der Geschlechter durch paritätische Besetzung von Hierarchien zu verlangen, ist falsch und beruht schlicht auf begrifflichem Unverständnis. Zwar kommt es vor, daß in Hierarchien unfaire, diskriminierende Strukturen geschaffen werden, doch dieser Fall hat nichts mit den Mitteln zu tun, die Personen anwenden, um Störungen erreichen, die wir als originäre Phänomene der Macht kennen. Eine Aufklärung des feministischen Strukturbegriffs selbst werden wir daher weder vom Begriff der Macht noch von dem der Hierarchie erwarten können.
Was uns noch fehlt, ist ein Verständnis der Mittel, die im weitesten Sinne moralisch abgesicherten und humanistischen Gestaltungsrechte der einzelnen Personen zu stören derart, daß wir von Macht zwischen Personen i. S.e. Überwältigung sprechen. Und die damit verbundenen Vorstellungen können offenbar durchaus zwischen den Kulturen und Zeiten variieren.
Die Folge dessen ist, daß eine Analyse des Gerechtigkeitsbegriffs in diesem post keine Rolle spielt. Denn die Vorstellung, daß der Inhalt des Gerechtigkeitsbegriffs oder zentrale moralische Intuitionen in Geschichte und Gegenwart von religiösen oder weltanschaulichen Vorverständnissen zu recht bestimmt wird und daher dem Wandel der Kulturen und der politisch etablierten Wertvorstellungen unterliegt, ist ein relativistischer Standpunkt, der auf diesem blog in jeder Form abgelehnt wird. Die Folge ist: Die zu untersuchenden Störungen können, müssen aber nicht ungerecht sein, so daß der Gerechtigkeitsbegriff kein Mittel ist, um solche Störungen zu analysieren.
Der in (G) gemacht move bleibt daher zahnlos, wenn wir keine Idee vorlegen können, wie Störungen der Gestaltungsrechte fremder Menschen detektiert werden können. Schauen wir uns dafür ein paar Beispiele an.
1. Macht mit Strukturen
1.1. Bei den Initiativen street harresment und Hollaback geht es darum, Männer davon abzuhalten, Frauen in sexualisierter Weise auf der Straße anzusprechen, wenn das von den Frauen nicht gewünscht wird. Offensichtlich gibt es an dieser Forderung vier Probleme:
i) Was gilt als sexualisierte Sprache? Ansichten darüber werden stark vom weltanschaulichen Standpunkt dominiert, den man den Menschen nun mal nicht an der Nasesptize ansieht und sie wird auch unterschiedlich stark willkommen geheißen: Man findet in derselben Stadt Frauen, die beleidigt sind, daß ihr Männer nicht hinterherpfeifen und solche, die sich darüber ärgern, wenn es geschieht.
ii) Wie kann ein Mann wissen, was von der Frau gewünscht wird? Ich persönlich glaube nicht, daß ich für eine Frau über 40 interessant bin, denn meine Familienplanung ist nicht abgeschlossen, aber vielleicht lecken sie sich stumm die Finger nach mir? Ich persönlich glaube auch nicht, daß ich für Frauen unter 20 attraktiv bin, aber vielleicht sehen 1/3 von ihnen einen zuverlässigen Versorger in mir, denken, daß sie mich im Bett schon rumkriegen und mein Alter und Aussehen ist ihnen ansonsten völlig egal? Kein Mann kann solche Sachen wissen, bevor er die Frau kennengelernt hat.
iii) Wie kann man nonverbale Kommunikation eindeutig machen? Viele Frauen sind der Meinung, daß sie durch ihr Äußeres z.B. Haare, Schuhe, Nägel oder Makeup anderen Männern und Frauen Signale darüber senden, wie sie in dem Moment so drauf sind oder was sie wünschen. Leider besteht unter den verschiedenen Männern und Frauen erhebliche Uneinigkeit darüber, was als Signal wofür gilt.
iv) Eine Annektion des öffentlichen Raumes durch Frauen als privaten Raum gegenüber sexuell interessierten Männern widerspricht der Wertung, daß wir es dort allen Menschen mit z.B. weltanschaulichen, politischen oder geschäftlichen Interessen erlauben, andere Menschen anzusprechen.
Wie gewöhnlich bei feministischen Intiativen hat die Sache normative Aufhänger:
(5) Der erste normative Aufhänger besteht darin, zu unterstellen, daß es die Pflicht des Mannes ist, das alles auf magische Weise zu wissen und richtig zu machen.
(6) Der zweite normative Aufhänger besteht darin, anzunehmen, daß der Mann der Frau schaden will, wenn nicht geschieht, was sich eine individuelle Frau von einem individuellen Mann wünscht.
Klarerweise sind (5) und (6) deshalb Störungen der Gestaltungsrechte von Männern, weil Mann unter diesen Bedingungen sein Recht, Frauen kennenzulernen und in sein Leben einzuladen, nicht ausüben kann, ohne den Preis der sozialen Diffamierung zahlen zu müssen. Das aber bedeutet, daß man von einem Recht im Grunde nicht mehr sprechen kann, denn ein Recht zu etwas zu haben, bedeutet, daß man etwas tun kann, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen und ohne Konsequenzen dafür befürchten zu müssen. Beide Existenzbedingungen eines Rechtes werden von (5) und (6) negiert.
(7) Doch wird dabei auch Macht ausgeübt? Ja, wird es, weil ein gesellschaftsweiter Konsens drüber besteht, daß Frauen vor Männern in besonderer Weise geschützt werden müssen und die Macht besteht genau darin, daß street harresment und Hollaback auch diejenigen Menschen für ihre Sache mobilisieren, die zwar mit dieser Sache nicht übereinstimmen, aber sich nicht nachsagen lassen wollen, daß sie schutzbedürftige, schwache und verletzliche Wesen in Not alleine lassen. Mit anderen Worten: Es ist die Schwäche der Frau, die ihr in diesem Fall ihre Macht verleiht, und andere Personen in irgendeiner Weise zu übertreffen, ist für diese Macht ebenso wenig notwendig, wie ein Verständnis der Machtmittel.
Ein des street harresment beschuldigter Mann sieht sich daher plötzlich einer Vielzahl von Gegnern gegenüber, die gar nicht darüber nachdenken wollen, ob der Anlaß ihre Intiative rechtfertigt, sondern die sich und anderen beweisen wollen, daß sie in Sinne von (7) zu den Guten gehören. Sie werden daher viel härter und kompromißloser gegen den Beschuldigten vorgehen als jemand, den interessiert, was wirklich vorgefallen ist. Schließlich reagieren sie nicht auf den Anlaß. sondern auf die Klage über den Anlaß. Die richtige Reaktion von Frauen würde darin bestehen, erstens selbst Männer anzusprechen (was wir wohl niemals als Massenphänomen erleben werden) und auf unerwünschte Initiativen von Männer freundlich zu reagieren. Damit sind street harresment und Hollaback Beispiele für (4).
1.2. LoMi berichtete hier einmal über eine kleine Konfrontation:
(8) „Eine lesbische Frau erklärte mir kürzlich, dass Männer Defizite hätten bei der Sozialkompetenz. Männer an sich. Sie berichtete nicht von einigen Deppen, die ihr komisch gekommen sind. Sie sprach einfach von “Männern”, ohne Unterschied.„
Anders als vielleicht LoMi das sehen würde, besteht das größte Problem an (8) imho nicht darin, daß einige Männer mit hoher Sozialkompetenz unsichtbar gemacht werden, daß einigen Männern Unrecht geschähe, sondern in einem Paradoxon, daß letztlich von einer Struktur lebt. Um das zu sehen, geben wir den Inhalt von (8) durch zwei Aussagen wieder, die als Prämissen einer im Alltag häufig anzutreffenden Konklusion fungieren:
i) Prämisse: Für alle Menschen gilt: Wenn jemand ein Mann ist, dann ist er nicht sozial kompetent.
ii) Prämisse: Für alle Menschen gilt: Man kann die soziale Kompetenz beurteilen genau dann, wenn man selbst sozial kompetent ist.
iii) Konklusion: Für alle Menschen gilt: Wenn jemand ein Mann ist, dann kann er soziale Kompetenz von Menschen nicht beurteilen.
Natürlich muß die Prämisse i) nicht wahr sein. Aber: Weil es paradox anmutet, daß jemand die Kompetenz hat, festzustellen, ob er selbst Kompetenz hat, wird sein Urteil über die Frage, ob er kompetent ist, scheinbar aus logischen Gründen immer irrelevant sein: Wer wenig von einer Sache versteht, wird kaum verstehen, wie es ist, mehr von ihr zu verstehen. Was aber ein Mann ist, wissen wir aus dem Alltag zuverlässig, ohne irgendwelche biologischen Studien zu bemühen: Denn dafür kommt es nicht auf die biologische Funktion eines Menschen an, bei der Fortpflanzung eine bestimmt Rolle zu spielen, sondern auf sein Äußeres und sein alltägliches, sexuelle Interesse an heterosexuellen Frauen. Denn was er deshalb unternimmt, dient uns gerade als vermeindlicher Beleg für seine soziale Inkompetenz. Lesbische Frauen sind Männern in diesem Sinne daher noch unähnlicher als es heterosexuelle Frauen sind, die ja ebenfalls Kontakt zu heterosexuellen Männer wollen und dadurch auch beeinflußt werden. Damit scheint die lesbische Frau prima facie die kompetenteste Person zu sein, männliche Sozialkompetenz zu beurteilen und (8) scheint darauf hinauszulaufen, daß (8) wahr ist, allein weil eine lesbische Frau diese Behauptung aufstellt. Und genau das wurde von mir rekonstruiert.
(9) Die irreführende Suggestion in (8) lebt natürlich von zweierlei: Erstens ist die Prämisse in ii) falsch. Denn man kann sehr gut beurteilen, ob z.B ein Ei gut ist auch dann, wenn man kein Ei legen kann und ich kann z.B. die diplomatischen Fähigkeiten eines Politikers an seinem Verhandlungserfolg ablesen, ohne wissen oder nachmachen können zu müssen, was er dafür tat. Und zweitens lebt sie von der Vermutung, daß soziale Kompetenz etwas mit dem gleichzeitigen Erleben dessen zu tun hat, was jemand anderes gerade erlebt. Doch das ist natürlich Unsinn: Kein Psychiater oder Psychologe muß selbst krank sein, um seinen Patienten helfen zu können. Und der Einwand, daß es dann aber doch leichter wäre, ist einfach zirkulär. Die Struktur, von der hier Gebrauch gemacht wird, hat mit Geschlechtern gar nichts zu tun, sondern besteht aus falschen Binsenweisheiten über Begriffe, wie sie von Gesellschaften in bestimmten Stadien ihrer Entwicklung immer wieder hervorgebracht haben.
Daher zeigt (9) ziemlich klar, daß (8) Männer in Fragen der sozialen Kompetenz anderen Personen ausliefert, er seine Autonomie in dieser Frage an nicht-Männer abzugeben hat, weshalb wir durchaus von einer Machtausübung mit Hilfe von Strukturen sprechen können – falls die Gestaltungsrechte von Männern dadurch gestört werden. Letzteres aber ist klarerweise der Fall, weil die Bekräftigung von (8) andere Menschen dazu bringt, Männer nicht mehr ernst zunehmen aufgrund dessen, was sie tun, sondern ihre sexuellen Präferenzen zum Anlaß zu nehmen, sie als Personen zu ignorieren – was die meisten Frauen ja auch tun, denn (8) ist eine Realisation von (3). Doch diese Macht ist freilich nur dann vorhanden, wenn alle Beteiligten die o.g. Konklusion für schlüssig halten – und dafür müssen sie von ihr wissen.
1.3. Andere – nicht zufällig propagandistisch anmutende – Realisationsmöglichkeiten ergeben sich ziemlich einfach wie folgt:
Indem Höflichkeitsregeln an die gesellschaftliche Stellung einer Person innerhalb einer Hierarchie gekoppelt werden, kann eine weltanschauliche oder politische Frage zu einer Verfahrensfrage gemacht werden. Widerstand dagegen kann damit lächerlich gemacht oder als unangebracht bezeichnet werden, da es doch nur um einen von mehreren möglichen Wegen zu gehen scheint, was die Beweislast über die Nicht-Äquivalenz dieser Wege zum Widerständler zurückgibt.
Garantien und Pflichten lasten nur auf niedrigen Hierarchiestufen, während sie auf hohen Hierarchiestufen zu erfolgsunabhängigen Bemühungen zusammenschrumpfen.
Menschen können kriminalisiert werden, indem z.B. Beleidigung als unabhängig von der Wahrheit ausgegeben wird. Beleidigung ist z.B. im deutschen Strafrecht der Angriff auf die Ehre einer anderen Person durch Kundgabe ihrer Mißachtung oder Nichtachtung. Ehre bedeutet hier die personale Würde des Menschen und sein Anspruch, entsprechend seinem moralischen, intellektuellen und sozialem Wert behandelt zu werden. Die Folge ist, daß man verschiedene Personen nicht mit derselben Äußerungen und mit derselben Äußerung verschiedene Personen verschieden beleidigen kann – oder eben auch gar nicht: Während §§ 185, 186, 187 StGB immer darauf abstellen, dass die Äußerung bewusst wahrheitswidrig ist, wollte der Gesetzgeber in § 192 StGB eine Regelung für Fälle schaffen, in denen die Äußerung eines wahren Sachverhaltes ein Leid zufügt. Deswegen auch Be-leid-igung, d.h. eine Handlung durch welche jemandem ein Leid zugefügt wird.
Beispiele dazu lassen sich unmittelbar bilden und brauchen von mir hier nicht vorgekaut zu werden. Wie zu erwarten, gibt es zusammenfassend wenig Gemeinsamkeiten zwischen den Strukturen und Störungen, deren überwältigenden Effekt auf andere Menschen wir typischerweise als Macht bezeichnen. Insbesondere erläutern sie nicht, was unter Hierarchien zu verstehen wäre und die möglichen Machtmittel, die Strukturen benutzen, lassen sich ebenfalls kaum alle über einen Kamm scheren.
2. Macht ohne Strukturen
2.1. Eine andere Konfrontation, über die LoMi hier einmal berichtete, sieht so aus:
(10) „Ebenfalls in den letzten Wochen hatte ich eine Diskussion mit einer Person – nennen wir sie hier A -, die gewisse Schwierigkeiten mit der sexuellen Identität hat, nicht für sich selbst, aber in der Konfrontation mit anderen Leuten, die ihre Identität nicht verstehen oder aggressiv ablehnen. Diese Person hat mich zunächst scharf angegriffen. Meine Fragen waren womöglich naiv und kenntnisfrei. Aber das habe ich auch gleichzeitig eingeräumt. Das half nichts, mein Verhalten galt ihr als “grenzverletzend” und “etikettierend”. „
Kommunikation zwischen Personen hat anders als die Kommunikation zwischen Maschinen etwas damit zu tun, daß der Adressat des kommunikativen Aktes die Menge seiner Meinungen verändert, weil
i) er den Inhalt des kommunikativen Aktes versteht.
ii) und erkennt, als was der Kommunikator sein intentionales Verhalten an ihn adressiert hat.
Es gibt verschiedene, darunter auch populäre Möglichkeiten, diesen Sachverhalt mißzuverstehen, z.B. hier und hier, doch was in (10) passiert ist, liegt auf der Hand: Weil A nicht gepaßt hat, was er verstand, veränderte er vorsätzlich ii) und es ist nicht schwer, sich auszumalen, wie das möglicherweise geschehen ist:
aa) Aus einer Frage von LoMi machte A eine Anschuldigung, auf die A reagiert.
bb) Aus einer Aussage von LoMi macht A ein Werturteil, auf das A reagiert.
cc) Aus einer Erklärung von LoMi macht A einen Vorwurf, auf den A reagiert.
dd) Aus LoMis Bericht über seine Motivation machte er eine propagandistische Unterstellung, auf die A reagiert.
Offenbar stört dies massiv die Gestaltungsrechte von LoMi, da er damit nicht mehr in der Lage ist, auf die Entwicklung der Unterhaltung Einfluß zu nehmen. Das hat eine Entmachtung innerhalb des Diskurses zur Folge, wenn aa)-dd) auch auf LoMis Korrekturen angewendet werden. Feministen verfolgen in öffentlichen Diskursen übrigens dasselbe Ziel der Entmachtung von Männern – wenngleich weder Männer noch Maskulisten das immer klar ist. Offensichtlich ist (10) eine Realisation von (4).
2.2. Andere, ganz analoge Realisationsmöglichkeiten dieser Art von Entmachtung ergeben sich ziemlich einfach wie folgt:
Das eigene Höflichkeitsverständnis kann in einem humanistischen Sinne normativ oder moralisch aufgeladen werden, indem man die Verletzung von Höflichkeit wie auf ein moralisches Problem reagiert, die Moral dahinter oder die verletzte menschliche Würde aber nicht begründet, sondern als selbstverständliche Konstituente der Reaktion vorausgesetzt wird. Dadurch kann die entstehende, willkürliche Repression besonders hinterhältig als unpersönliche Aufopferung für das Richtige hingestellt werden. Kritik und Widerspruch können dann berechtigt, aber dennoch unmoralisch oder entwürdigend, weil unhöflich sein – oder auch einfach nur der Zeitpunkt, zu dem sie geäußert wird, was für die Zurückweisung dennoch ausreicht.
Beispiele dazu lassen sich unmittelbar bilden. Etwas, was als Struktur innerhalb der Gesellschaft gelten kann, wird hier nicht benutzt und offenbar kann man auch nicht darauf verzichten, zu wissen, was man da macht, man muß den Machteffekt seines vorsätzlichen Mißverstehens auf den Diskurs verstehen und vorherzusehen, um diese Macht ausüben zu können.
Hierarchien sind im allgemeinen keine Machtmittel, die Begriffe von Macht und Hierarchie verhalten sich windschief zueinander, erläutern einander nicht und sind logisch unabhängig. Macht kann sich in allen möglichen Situationen zwischen allen möglichen Personen ereigenen, Machtphänomene werden nicht durch das Auftreten von Geschlechtern geordnet und auch das Auftreten von gesellschaftlichen Strukturen ändert nichts daran, daß Machtphönomene nicht dazu taugen, soziale Phänomene zu analysieren oder zu systematisieren. Auch die Ausübung von Macht und Verletzungen der Gerechtigkeit korrelieren nicht miteinander und wann immer der Feminismus das Gegenteil dieser Teilergebnisse behauptet, demonstriert er, wie verwirrt er eigentlich ist.
Aber feministischer Unsinn kann auch lustig sein, hier z.B.:
Schlagwörter: Feminismus, Frauenquote, Gerechtigkeit, Handlungsidentität, Höflichkeit, Hierarchien, hollaback, Macht, Misandrie, Persönlichkeit, RAF, Stammheim, street harresment. GeschlechtergerechtigkeitVon elmardiederichs in Aufklärung, Feminismus am Dezember 27, 2014.	← Frauenpräferenzen und maskulistische filter-bubbles	Offene Fragen an den Maskulismus 2015 →	11 Kommentare
quellwerk sagt:	Dezember 28, 2014 um 11:29 am	Die Macht, als Gleichgewicht des Schreckens, soll als Paradigma verschwinden und nur die Einschränkung humaninistischer Entfaltung als Beurteilungskriterium gelten. Aus einer Tiefenstruktur wird eine Oberflächenstruktur. Gut daran ist, der Machtgeilheit des Feminismus den Fetisch wegzunehmen, aber steht uns auf der anderen Seite nicht ein Ansturm der an humanistischer Entfaltung gehinderten Opfer bevor? Diesem Ansturm müsste der Humanismus mit einer Ächtung der Opferhaltung begegnen. Wie verhält sich das Ganze, wenn ein Staat sich einen humanistischen Anstrich gibt, aber selbst – ganz archaisch – seinen Machtgelüsten fröhnt? Muss man dann nicht, um sich dagegen zu wehren, wieder auf die Tiefenstruktur (Macht) zurückgreifen? Schöne Analyse, die du hier vorgelegt hast. Macht ist tatsächlich ein zentraler Begriff. Interessant, ihn ganz wegzuwerfen.
elmardiederichs sagt:	Dezember 28, 2014 um 2:22 pm	Schöner Kommentar! 🙂
„Gut daran ist, der Machtgeilheit des Feminismus den Fetisch wegzunehmen, aber steht uns auf der anderen Seite nicht ein Ansturm der an humanistischer Entfaltung gehinderten Opfer bevor?“
Du sprichst die strategische Komponente der Begriffsbildung an: Im Grunde läßt uns der Feminismus keine andere Wahl, als Kriterien für das Aufsprühen eines Machtgefälles zu entwickeln, denn könnten wir aus feministischer nicht mit bestimmten Geschlechterungleichheiten leben, dann müßten wir im Namen der Gleichheit durch – vermutlich staatlich gelenktes – social engineering dermaßen viel persönliche Freiheit vernichten, daß uns dagegen der real existierenden Sozialismus wie der Gipfel der Beliebigkeit vorgekommen wäre.
Welche für eine Analyse benötigten Begriffe man aber wie zuschneidet, ist in meinen Augen eine Sache von zwei Aspekten:
i) Verbirgt ein analysierender Begriff Komplexität i.e. begriffliche oder reale Abhängigkeiten?
ii) Ist er in versteckter Weise normativ?
Bejaht man beides, dann läßt man imho lieber die Finger von dem entsprechenden Definitionsvorschlag, weil da am Ende ohnehin nichts bei rauskommt, nämlich keine Erklärungen, die irgendwas Relevantes leisten.
Beim Machtbegriff ist offenbar beides der Fall: Einerseits ringen die Soziologen und Politologen mit den unterschiedlichsten Machtphänomenen und ich persönlich – ohne Experte zu sein – kenne keinen einleuchtenden Vorschlag, Machtphönomene irgendwie homogen zu analysieren oder zu klassifizieren. Zweitens gibt es eine Menge Störungen von sozialen Beziehungen zwischen Personen, die mit Macht nichts zu tun haben. Stattdessen scheint Macht der Antagonist der Herrschaft über sich selbst zu sein.
Und genau so ist ja auch die Analogie in der politischen Theorie: Demokratie ist entworfen worden, um das moralische der Herrschaft Weniger über Viele zu lösen unter der Annahme, daß nur die Herrschaft eines Menschen über sich selbst, wirklich in jeder Hinsicht unproblematisch ist. Und die Lösung lautet ja bekanntlich: Herrsche so, daß jedes herrschende Individuum als Einzelnes machtlos bleibt.
Machtphänomene als spezielle Störungen der sozialen Beziehungen zu analysieren, scheint mir daher geradezu unvermeidlich zu sein.
Du hast natürlich recht damit, daß mein Vorschlag einem anstelle des Machtbegriffs nichts Knackiges in die Hand legt. Aber ich weiß nicht, wie ich das vermeiden soll.
Daher hast du wohl ebenfalls recht mit deiner Vermutung, daß „ein Ansturm der an humanistischer Entfaltung gehinderten Opfer“ folgen wird. Doch stellt sich meiner Ansicht nach die Frage, ob das was mit der Geschlechterdebatte zu tun hat und ob wir uns nicht ohnehin fragen müssen, was uns wichtig ist, weil uns Probleme wie die Instabilität liberalisierter Wirtschaft, Flüchtlingsströme und Umweltprobleme langsam aber sicher zum Verzichten zwingen, so daß wir uns fragen müssen, was wichtig ist.
Genau das denke ich und anders als Hadmut Danisch und andere, die glauben, daß die Sozialwissenschaften am Ende sind, sage ich zwei völlig andere Trends vorher:
i) Erstens wird die Mathematik als einzig verfügbarer Dompteuer komplexer, offener Systeme wie Physik, Biologie oder Wirtschaft DIE dominante Wissenschaft der Zukunft werden.
ii) Zweitens werden die Sozialwissenschaften sich viel stärker in Richtung social engineering bewegen und von Philosophie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften Hilfedienste dafür anfordern, denn wir werden Beschränkungen, Verzicht und suboptimale Lösungen nicht nur finden, sondern auch so politisch vermitteln müssen, daß der soziale Frieden nicht dabei draufgeht.
Daher ist es genau der richtige Punkt, auf den du losgehst:
„Diesem Ansturm müsste der Humanismus mit einer Ächtung der Opferhaltung begegnen.“
Ist das der erste Schritt? Was können uns die Sozialwissenschaften darüber sagen, wie wir mit einer gesellschaftsweiten Diskussion über humanistisches design der Sturkturen in denen wir leben, fertig werden können? Was ist wichtig, welche Reihenfolge der Schritt, wie reden wir darüber, wo haben wir Spielraum? Können wir andere als staatliche Strukturen dabei akzeptieren und unter welchen Bedingungen? Leider bin ich kein Sozialwissenschaftler und habe keine Ahnung, wo deren Entwicklung im Moment hingeht.
„Wie verhält sich das Ganze, wenn ein Staat sich einen humanistischen Anstrich gibt, aber selbst – ganz archaisch – seinen Machtgelüsten fröhnt?“
Interessante Frage, denn soweit ich das gegenwärtige GG verstanden habe, ist unser Staat weltanschaulich neutral bis auf Abwehrrechte der Individuen gegen den Staat. Sollte der Staat davon abrücken, dann geht es ganz sicher auch um Macht und ich garantiere dir, daß ich dann da sein werde – mit einem Gewehr, um meine Freiheit zu verteidigen.
Daher müssen wir über weniger mächtige Gesellschaftsorganisationsformen nachdenken, die Strukturen=verteilte Vorteile schaffen, ohne von oben verordnet zu sein. Vorläufer davon scheint es mit einigen NGOs schon zu geben.
Das ist ein weites Feld und ich bin da erst am Anfang meines Verständnisses.
djadmoros sagt:	Dezember 28, 2014 um 7:02 pm	»i) Erstens wird die Mathematik als einzig verfügbarer Dompteuer komplexer, offener Systeme wie Physik, Biologie oder Wirtschaft DIE dominante Wissenschaft der Zukunft werden.»
Das halte ich zwar nicht für ausgeschlossen, sehe aber eine systematische Grenze dieser Dominanz dort, wo soziale und psychologische Prozesse »von außen« nur bedingt modellierbar und daher weiterhin auf »sinnverstehende« Untersuchungen angewiesen sind. Davon abgesehen gibt es bereits eine stark mathematisierte Schule der Soziologie, nämlich die Rational-Choice-Theorie beispielsweise in der Version von James S. Coleman.
Ich denke im Übrigen, dass in einer zukünftigen Soziologie insbesondere Computersimulationen eine große Rolle spielen werden, deren Potential vom Fach aus Unverständnis und Berührungsängsten bislang nicht annähernd ausgeschöpft wird.
»ii) Zweitens werden die Sozialwissenschaften sich viel stärker in Richtung social engineering bewegen und von Philosophie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften Hilfedienste dafür anfordern, denn wir werden Beschränkungen, Verzicht und suboptimale Lösungen nicht nur finden, sondern auch so politisch vermitteln müssen, daß der soziale Frieden nicht dabei draufgeht.«
Soziologie als »Sozialtechnologie« ist ja eigentlich schon der technokratische Traum des klassischen Funktionalismus. Ich halte eine Gesellschaft, die ihrer eigenen Bevölkerung nur noch mit Mitteln des social engineering begegnen kann, für eine Dystopie, denn deren Legitimationsgrundlagen müssen m. E. durch eine Erweiterung (bzw. Wiederbelebung) (basis-)demokratischer Prozesse neu geschaffen werden, also durch eine direkte, effektive und zweiseitige Kommunikation zwischen dem politischen System und dem »Souverän«. Die Sozialwissenschaften können hier (wie Philosophie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften auch) das Reflexionsvermögen der Beteiligten unterstützen, sie sollten aber nicht als bloßer Transmissionsriemen der Eliten für eine instrumentelle, einseitige Kommunikation oder technokratische Steuerung dienen.
elmardiederichs sagt:	Dezember 28, 2014 um 7:28 pm	@djadmoros
„ich halte eine Gesellschaft, die ihrer eigenen Bevölkerung nur noch mit Mitteln des social engineering begegnen kann, für eine Dystopie“
Wenn es überhaupt keine Probleme gibt, dann hast du vermutlich recht. Aber wenn es welche gibt, dann weiß ich nicht, was daran falsch sein soll, Mehrheiten für zunächst unpopuläre Entscheidungen zu beschaffen?
„also durch eine direkte, effektive und zweiseitige Kommunikation zwischen dem politischen System und dem »Souverän«.“
Soweit ich weiß, gibt es dafür noch keine Realisation in der Welt. Wie würdest du sie dir vorstellen?
djadmoros sagt:	Dezember 28, 2014 um 7:54 pm	»Wenn es überhaupt keine Probleme gibt, dann hast du vermutlich recht. Aber wenn es welche gibt, dann weiß ich nicht, was daran falsch sein soll, Mehrheiten für zunächst unpopuläre Entscheidungen zu beschaffen?«
Der Gedanke setzt ja voraus, dass die sinnvollen Entscheidungen von den politischen Eliten ausgehen, die sich im Rahmen einer repräsentativen Demokratie dazu entsprechende Mehrheiten verschaffen. Wenn man ein entsprechendes Vertrauen in diese Eliten hat, dann kann man das Problem so stellen.
Wenn man dieses Vertrauen nicht hat, wenn man der Meinung ist, dass die politische Klasse nur noch populistische Mehrheiten zur Sicherung der eigenen Macht beschafft, ohne den politischen Reformstau wirklich aufzulösen, wird man auch in social engineering nur ein weiteres Herrschaftsinstrument sehen. Dann muss man sich nach anderen Akteuren umschauen, und in diesem Fall bietet sich das »revolutionäre« Modell an, demzufolge eine künftige Elite aus einer gesellschaftlichen Mehrheit neu hervorgeht und eine entsprechende Legitimität daher bereits mitbringt. Davon, in welchen konkreten Formen sich das abspielen kann, habe ich leider keine genaue Vorstellung, aber ich schätze die Lernresistenz der politischen Klasse als so hoch ein, dass ich eher mit letzterem als mit ersterem Modell rechne.
»Soweit ich weiß, gibt es dafür noch keine Realisation in der Welt. Wie würdest du sie dir vorstellen?«
Ein Patentrezept habe ich dafür leider nicht, und nein, bislang existiert dafür auch noch kein Präzedenzfall. Ich möchte aber vermuten, dass eine Abschaffung der Parteiendemokratie eine unerlässliche Voraussetzung für einen solchen Wandel ist, da m. E. keine heutige Partei mehr einen zureichenden Bezug zur Realität hat. Das impliziert keine Abschaffung des Parlamentarismus, aber andere Verfahren einer Beschickung des Parlaments mit Delegierten, und andere Verfahren zur Aggregation von Mehrheiten.
elmardiederichs sagt:	Dezember 28, 2014 um 8:32 pm	@djadmoros
“ Ich möchte aber vermuten, dass eine Abschaffung der Parteiendemokratie eine unerlässliche Voraussetzung für einen solchen Wandel ist, da m. E. keine heutige Partei mehr einen zureichenden Bezug zur Realität hat. Das impliziert keine Abschaffung des Parlamentarismus, aber andere Verfahren einer Beschickung des Parlaments mit Delegierten, und andere Verfahren zur Aggregation von Mehrheiten.“
Das verstehe ich sofort und es leuchtet mir – anders als Weber-Kram – auch ein. Ich finde, es liegt durchaus in der Reichweite maskulistischen Interesses, eigene Vorschläge zu einer parlamentarischen Neustruktuierung zu diskutieren,i.e. andere Formen der Volksherrschaft als das bisherige Wahlsystem. Leider ist das für mich ebenfalls Neuland.
djadmoros sagt:	Dezember 28, 2014 um 6:42 pm	Das ist ein sehr interessanter Blogpost, und insofern er an soziologischen Grundbegriffen »Begriffsarbeit« leistet, fühle ich mich motiviert, an ein paar Grundbegriffe von Max Weber zu erinnern, deren Kenntnis ich für überaus nützlich auch dann halte, wenn man sie nicht als der Weisheit letzter Schluss nach hause tragen möchte.
»Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht. Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.« (Weber 2014: 38) »Nicht also jede Art von Chance, ›Macht‹ und ›Einfluß‹ auf andere Menschen auszuüben. Herrschaft (›Autorität‹) in diesem Sinn kann im Einzelfall auf den verschiedensten Motiven der Fügsamkeit: von dumpfer Gewöhnung angefangen bis zu rein zweckrationalen Erwägungen, beruhen. Ein bestimmtes Minimum an Gehorchen*wollen*, also *Interesse* (äußerem oder innerem) am Gehorchen, gehört zu jedem echten Herrschaftsverhältnis.« (Weber 2014: 152)
Herrschaft wiederum kann unterschieden werden nach der Quelle ihrer *Legitimitätsgeltung*:
»Keine Herrschaft begnügt sich, nach aller Erfahrung, freiwillig mit den nur materiellen oder nur affektuellen oder nur wertrationalen Motiven als Chancen ihres Fortbestandes. Jede sucht vielmehr den Glauben an ihre ›Legitimität‹ zu erwecken und zu pflegen. Je nach *Art* der beanspruchten Legitimität aber sind auch der Typus des Gehorchens, des zu dessen Garantie bestimmten Verwaltungsstabes und der Charakter der Ausübung der Herrschaft grundverschieden. Damit aber auch ihre Wirkung. Mithin ist es zweckmäßig, die Arten der Herrschaft je nach dem ihnen typischen *Legitimitätsanspruch* zu unterscheiden.
Es gibt drei *reine* Typen legitimer Herrschaft. Ihre Legitimitätsgeltung kann nämlich primär sein:
1. *rationalen* Charakters: auf dem Glauben an die Legalität gesatzter Ordnungen und des Anweisungsrechts der durch sie zur Ausübung der Herrschaft Berufenen ruhen (legale Herrschaft) – oder
2. *traditionalen* Charakters: – auf dem Alltagsglauben an die Heiligkeit von jeher geltender Traditionen und die Legitimität der durch die zur Autorität Berufenen ruhen (traditionale Herrschaft), oder endlich
3. *charismatischen* Charakters: auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnungen (charismatische Herrschaft).«
(Weber 2014: 152 ff.)
Hierauf kann man nun den Begriff der »Hierarchie« beziehen, denn die Quellen der Legitimität einer Herrschaft sind zugleich die Quellen der Rechtmäßigkeit der von ihr errichteten Hierarchie, insofern der Begriff Ämter und die sie innehabenden Personen entlang eines gerichteten Graphen von Weisungsbefugnissen anordnet. Der Inbegriff einer Hierarchie ist die *bürokratische* Hierarchie, die unabhängig von ihrer Einbindung in unterschiedliche Typen der Herrschaft (Bürokratie innerhalb traditionaler Herrschaft heißt »Patrimonialbürokratie«) auf einem *rationalen Kern* beruht: »Die bureaukratische Herrschaft ist spezifisch rational im Sinn der Bindung an diskursiv analysierbare Regeln«. (Weber 2014: 174)
Vor diesem Hintergrund möchte ich die Hauptaussagen des Blogposts einschätzen:
»(A) Je besser eine Hierarchie als kollektive Organisationsform ein kollektives Problem oder eine kollektive Aufgabe lösen kann, desto schlechter ist sie als Mittel der Ausübung von Macht geeignet.«
Dieser Satz lässt sich auf den obigen Begriffsrahmen so abbilden, dass die »Güte« einer Hierarchie ihrem Grad an Rationalität entspricht. Rationale Herrschaft ist um so weniger eine (willkürliche) »Durchsetzung von Willen auch gegen Widerstreben«, als sie »an diskursiv analysierbare Regeln« gebunden ist. Als Kriterium für ihre Rationalität kann ihre Fähigkeit gelten, ein kollektives Problem zu lösen.
»(B) Diejenigen Unternehmen, die ökonomische Macht konzentrieren, sind nur oberflächlich Hierarachien, während de facto eine Kooperation von Spezialisten vorliegt und wirklich hierarchisch durchgeformte Unternehmen konzentrieren mit hoher Wahrscheinlichkeit keine nennenswerte ökonomische Macht.«
Diesen Satz halte ich für empirisch unhaltbar. Diejenigen Unternehmen mit der größten ökonomischen Macht sind (aktuell gleichermaßen wie historisch) intern zum Teil hochgradig bürokratisch strukturierte *Konzerne*. In mittelständischen Unternehmen, insbesondere solchen der IT-Branche, können Hierarchien sehr flach sein, kommen aber ebenfalls nicht um eine hierarchische Anordnung von Ausführenden, Teamleitern und Projektleitern herum. Insbesondere in Krisenzeiten werden auch in mittelständischen Unternehmen zum Teil radikale Umstrukturierungen aufgrund hierarchischer Weisung durch die Geschäftsleitung vorgenommen.
»(C) In die Unternehmen, die wie Zünfte funktionieren, wollen Feministen mangels ökonomischer Macht nicht hinein und für die Unternehmen, die ökonomische Macht konzentrieren, brauchen Feministen keine Quote«
Meine Bewertung von Satz (B) kehrt daher auch die Bewertung von Satz (C) um: Gerade hierarchisch strukturierte Konzerne mit großer ökonomischer Macht sind für feministische Quotenprojekte interessant, und gerade bei diesen Unternehmen ist auch aufgrund ihrer öffentlichen Sichtbarkeit und ihrer Berücksichtigung von als reputierlich geltendem Verhalten die Rezeptivität für Quotenregelungen eher hoch.
Die Unterscheidung zwischen archaischen und modernen Hierarchien hinsichtlich der Ersetzbarkeit von Positionsinhabern finde ich sehr treffend.
Satz (D) verstehe ich in dem Sinne, dass die feministische Kennzeichnung moderner Hierarchien als »Patriarchat« empirisch unhaltbar ist.
Satz (E) verstehe ich dahingehend, dass auch innerhalb rationaler Hierarchien Machtausübung möglich ist, dass diese aber an den Rahmen der die Hierarchie konstituierenden Regeln gebunden und daher weniger willkürlich, besser beobachtbar und leichter öffentlich kritisierbar ist.
Satz (F) erscheint mir in seiner Bedeutung unklar. Den vorhergehenden Satz »Staatliche Funktionsträger z.B. sind mächtig nicht aufgrund der Eigenschaften oder Fähigkeiten ihrer Person, sondern aufgrund der Eigenschaften des Staates oder seiner Strukturen in einem bestimmte Bereich seiner Aufgaben.« halte ich für zutreffend, kann aber keinen klaren Bezug zu (F) herstellen. Die Macht staatlicher Funktionsträger beruht auf ihrem *Amt* und der damit verbundenen Befugnisse. Die faktische Ausübung von Befugnissen kann einen Stellenwert einnehmen, der eine formell höhere Position überragt, wie im Beispiel der Ablösung der merowingischen Könige durch die Hausmeier im fränkischen Reich. Insofern schiene mir (F) plausibler, wenn nicht von einer notwendigen, sondern von einer hinreichenden Bedingung die Rede wäre.
Ist der Machtbegriff »implizit normativ«? Bei Max Weber ist er strikt deskriptiv. Normativität kommt erst dann ins Spiel, wenn Machtausübung auf rationale, »diskursiv analysierbare Regeln« bezogen wird. Im Konzept der Menschenrechte liegt eine solche Regel vor. Satz (G) verstehe ich daher dahingehend, dass Gerechtigkeitsforderungen ausschließlich aus Regeln hergeleitet werden können und die Idee der Herstellung eines »Machtgleichgewichts der Geschlechter« um des bloßen Gleichgewichts willen sich zu Gerechtigkeitsideen orthogonal verhält und ihr daher keine normenschöpfende Kraft zukommt.
»Hierarchien sind im allgemeinen keine Machtmittel, die Begriffe von Macht und Hierarchie verhalten sich windschief zueinander, erläutern einander nicht und sind logisch unabhängig. Macht kann sich in allen möglichen Situationen zwischen allen möglichen Personen ereigenen«:
Hierarchien können im Weberschen Sinne als Herrschaftsstrukturen verstanden werden und sind dann vom Begriff der Macht zu unterscheiden. Macht ist Weber zufolge »soziologisch amorph« (a.a.O. S. 38), Herrschaft ist demgegenüber die »Chance, für einen Befehl Fügsamkeit zu finden« (a.a.O.)
»Machtphänomene werden nicht durch das Auftreten von Geschlechtern geordnet«
Es kann (zum Beispiel in Patrtnerschaften ioder Familien) auf das Geschlecht bezogene Machtverhältnisse geben, von diesen geht aber keine primäre soziale Strukturierungswirkung aus. Geschlechtsspezifisch gegliedert ist dagegen die »patriarchale Herrschaft«: »Patriarchalismus heißt der Zustand, daß innerhalb eines, meist, primär ökonomischen und familialen (Haus-)Verbandes ein (normalerweise) nach fester Erbregel bestimmter einzelner die Herrschaft ausübt. (…) Entscheidend ist dabei: daß die Gewalt der Gerontokraten sowohl wie des Patriarchen im reinen Typus an der Vorstellung der Beherrschten (›Genossen‹) orientiert ist: daß diese Herrschaft zwar traditionales Eigenrecht des Herren sei, amer *material* als präeminentes Genossenrecht, daher in ihrem, der genossen, *Interesse* ausgeübt werden müsse, ihm also nicht frei appropriiert sei. (…) Der Herr ist daher von dem Gehorchen*wollen* der Genossen noch weitgehend abhängig, da er keinen ›Stab‹ hat.« (a.a.O. S. 165)
»auch das Auftreten von gesellschaftlichen Strukturen ändert nichts daran, daß Machtphänomene nicht dazu taugen, soziale Phänomene zu analysieren oder zu systematisieren«
Das geht mir ein bißchen zu weit, denn auch wenn wir – sofern wir Weber hier folgen – Macht als »soziologisch amorph« betrachten, bedeutet dies m. E. nur, dass wir keine verallgemeinerten Gesetzmäßigkeiten angeben können, um Machtprozesse zu beschreibern, dass sie aber in jedem individuellen Einzelfall gleichwohl identifizierbar sein können.
Ich stimme aber der Generalthese Deines Posts zu, dass »Macht« und »Hierarchie« als auf das Verhältnis der Geschlechter bezogene feministische Grundbegriffe gravierende empirische Probleme haben. Das Hauptproblem des Feminismus sehe ich darin, das Verhältnis der Geschlechter zu einer fundierenden Dimension sozialer Strukturanalyse zu erheben, dem gegenüber andere analytische Dimensionen nachrangig oder abgeleitet seien.
– Weber, Max (2014), Wirtschaft und Gesellschaft: Soziologie. Unvollendet 1919-1920. Studienausgabe der Max-Weber-Gesamtausgabe Band I/23. Tübingen: Mohr (Siebeck)
elmardiederichs sagt:	Dezember 28, 2014 um 8:27 pm	@djadmoros
Ich bin nicht sicher, ob diese Definitionen von Weber Sinn machen:
Wenn da nicht noch Erläuterungen von Weber fehlen, dann ist das hier auch dann erfüllt, wenn jemand in einer Beziehung über sich selbst verfügt, ohne daß das dem Beziehungspartner gefällt.
„Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“
Scheint mir auch nicht richtig zu sein, denn Herrschaft liegt doch schon dann vor, wenn nachteilige Bedingungen für soziale Kooperation durchgesetzt werden. Das ist ja das Problem – Macht und Herrschaft haben so viele Erscheindungsformen, daß sie auf keinen Fall auf einfachen Intuitionen beruhen. Ist bei romantischer Liebe zwischen Personen genauso.
„Dieser Satz lässt sich auf den obigen Begriffsrahmen so abbilden, dass die »Güte« einer Hierarchie ihrem Grad an Rationalität entspricht.“
Ich sehe den Vorteil davon nicht – zumal ich nicht weiß, wie Webers Rationalitätsverständnis aussieht. Und ich weiß auch nicht genau, wie ich deine Behauptung verifizieren soll. „Als Kriterium für ihre Rationalität kann ihre Fähigkeit gelten, ein kollektives Problem zu lösen.“
Scheint mir auch falsch zu sein. Lösungen können schlecht sein, sie folgen in ihrem Schlechtsein diskursiv analysierbaren Regeln und sind doch irrational.
„Diesen Satz halte ich für empirisch unhaltbar. Diejenigen Unternehmen mit der größten ökonomischen Macht sind (aktuell gleichermaßen wie historisch) intern zum Teil hochgradig bürokratisch strukturierte *Konzerne*.“
Das ist als Begründung nicht hinreichend, da ich auf arbeitsteiliges Spezialwissen abstelle.
“ In mittelständischen Unternehmen, insbesondere solchen der IT-Branche, können Hierarchien sehr flach sein, “ Definiere „flach“.
„Satz (D) verstehe ich in dem Sinne, dass die feministische Kennzeichnung moderner Hierarchien als »Patriarchat« empirisch unhaltbar ist.“
Präzise formuliert ist meine Behauptung: „Selbst wenn es ein Patriarchat gibt, dann hat es andere Mittel als Hierarchien.“
„Satz (E) verstehe ich dahingehend, dass auch innerhalb rationaler Hierarchien Machtausübung möglich ist, dass diese aber an den Rahmen der die Hierarchie konstituierenden Regeln gebunden und daher weniger willkürlich, besser beobachtbar und leichter öffentlich kritisierbar ist.“
Nein, daran habe ich eigentlich nicht gedacht Ich sehe da eigentlich gar keinen Zusammenhang mit meiner These (E).
„Satz (F) erscheint mir in seiner Bedeutung unklar.“
(F) entkoppelt den Machtbegriff und den Hierarchiebegriff.
„Den vorhergehenden Satz … halte ich für zutreffend, kann aber keinen klaren Bezug zu (F) herstellen.“
Der vorhergehende Satz ist mir später eingefallen und er hätte wohl besser nach (F) stehen soll. Die räumliche Nähe soll hier nicht bedeuten, daß gefolgert oder erläutert wird.
„Die Macht staatlicher Funktionsträger beruht auf ihrem *Amt* und der damit verbundenen Befugnisse. Die faktische Ausübung von Befugnissen kann einen Stellenwert einnehmen, der eine formell höhere Position überragt,“
Warum korrelliert die Bedeutsamkeit der Folgen mit dem Ausmaß der Macht? Das ist nicht MEINE Behauptung!
„Insofern schiene mir (F) plausibler, wenn nicht von einer notwendigen, sondern von einer hinreichenden Bedingung die Rede wäre.“
Nein, dann wäre (F) völlig witzlos, siehe Bundespräsident.
„Ist der Machtbegriff »implizit normativ«? Bei Max Weber ist er strikt deskriptiv.“
„Normativität kommt erst dann ins Spiel, wenn Machtausübung auf rationale, »diskursiv analysierbare Regeln« bezogen wird.“
Welche Normativität? Warum soll das so sein?
„Satz (G) verstehe ich daher dahingehend, dass Gerechtigkeitsforderungen ausschließlich aus Regeln hergeleitet werden können“
Nein, darüber sage ich ein Wort, wie kommst du darauf?
„um des bloßen Gleichgewichts willen sich zu Gerechtigkeitsideen orthogonal verhält und ihr daher keine normenschöpfende Kraft zukommt.“
Wie kann ein deskriptives Gleichgewicht normschöpfend sein?
„Zur Zusammenfassung:“
Nun ja … Weber fand ich noch nie hilfreich.
„Hierarchien können im Weberschen Sinne als Herrschaftsstrukturen verstanden werden und sind dann vom Begriff der Macht zu unterscheiden. Macht ist Weber zufolge »soziologisch amorph« (a.a.O. S. 38), Herrschaft ist demgegenüber die »Chance, für einen Befehl Fügsamkeit zu finden« (a.a.O.)“
Mein Eindruck ist nicht, daß ich nur Weber reproduziert habe. Insbesondere kommt mir mein Text weniger verwirrt vor.
„Das geht mir ein bißchen zu weit, denn auch wenn wir – sofern wir Weber hier folgen – Macht als »soziologisch amorph« betrachten“
Ich folge Weber nicht und finde – was ich so aufgeschnappt habe – eher dumm. Besser man denkt unter diesen Bedingungen selbst nach. Dabei kann es vorkommen, daß man Sachen noch mal erfindet, die es schon gibt und ich freue mich, wenn ich darauf hingewiesen werde. Das webersche Entlangassozieren an dem post scheint mir aber alles andere als hilfreich zu sein und überflüssige Verwirung zu stiften.
„bedeutet dies m. E. nur, dass wir keine verallgemeinerten Gesetzmäßigkeiten angeben können“
*können* ist ein modaler Begriff – darüber sage ich nichts und ich finde es auch abschreckend, sowas ohne jede weitere Erläuteung oder Begründung zu lesen.
Und was ein Machtprozeß ist, weiß ich auch nicht. „Ich stimme aber der Generalthese Deines Posts zu“
Das konnte ich deinem Kommentar leider nicht entnehmen, was ja auch nicht schlimm ist. Schlimm ist eher, daß für mich die Pointe weberschen Assozierens nicht erkennbar ist. „Das Hauptproblem des Feminismus sehe ich darin, das Verhältnis der Geschlechter zu einer fundierenden Dimension sozialer Strukturanalyse zu erheben, dem gegenüber andere analytische Dimensionen nachrangig oder abgeleitet seien.“
Soweit geht mein post nicht. Obwohl ich eine gewisse Sympathie für diese Position habe, erfordert sie doch ein halbwegs vollständiges Verständnis von Macht zwischen Personen und das liefert mein Post nicht. Ich bringe nur Beispiele, die die Analyse des Machtbegriffs als Störung motivieren. Die Mittel dieser Störungen zu identifizieren, liegt – wie quellwerk sehr gut erkannt hat – bei einem gesellschaftsweiten Diskurs über Humanismus. Ich leiste das hier nicht.
Studie zum Geschlechterdiskurs – Desaster, Teil 1 « jungsundmaedchen sagt:	März 5, 2015 um 7:32 pm	[…] adäquat analysieren, was definitiv eine poststrukturalistische Prämisse ist, an der ich hier bereits beträchtliche Zweifel gesäht hatte. Zweitens wird ein Machtüberschuß der Männer […]
Die Herrschaft aus Schwäche: Was nützt es, ein Opfer zu sein? « jungs & mädchen sagt:	Juni 22, 2016 um 1:40 pm	[…] Analyse Menschenwürde, Menschenrechte, soziale Würde, vergeltende Gerechtigkeit und fügen einen bereits verfügbaren Machtbegriff hinzu: Machtausübung durch eine Person liegt vor, wenn sie die Gestaltungsrechte fremder Menschen […]
Freiheit, Macht und Feminismus « jungs & mädchen sagt:	Dezember 30, 2016 um 3:52 pm	[…] Macht habe ich schon einmal einen – leider nicht sehr guten – post gemacht. Seine Pointe bestand darin, […]

References: §146
 § 231
 § 231
 §138
 §44
 §34
 §218
 § 192