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Timestamp: 2020-01-24 17:14:09+00:00

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Konfessionsfreie und Weltanschauungspflege - Dr. phil. habil. Horst Groschopp
Das Inter­net­por­tal der Zei­tung Die Welt fass­te am 7. April 2010 unter der Über­schrift „Pri­vat­schul­all­er­gie“ in Bre­men den Kern des Urteils[1] über einen Antrag des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Bre­men (HVD Bre­men) wie folgt zusam­men: „Die Bre­mer Behör­de zwei­fel­te aber bis dato, ob der Huma­nis­mus über­haupt eine eige­ne Welt­an­schau­ung sei. Er durch­drin­ge doch heu­te die gesam­te Gesell­schaft und alle Bre­mer Schu­len. Doch das Gericht sah das anders: Wie­so soll eine Welt­an­schau­ung, nur weil sie sich durch­ge­setzt hat, kei­ne Welt­an­schau­ung mehr sein?“[2]
Das Zitat sagt zwei­er­lei, zum einen sei Deutsch­land stark vom Huma­nis­mus geprägt; zum ande­ren, dass man etwas als Welt­an­schau­ung haben und orga­ni­sie­ren kön­ne, was All­ge­mein­gut sei. Nun gibt es aber weder eine Ana­ly­se der „Durch­drin­gun­gen“ der deut­schen Gesell­schaft mit Huma­nis­mus (und was dann dar­un­ter ver­stan­den wird) oder gar der huma­nis­ti­schen Wir­kun­gen in Päd­ago­gik, Didak­tik, Geschich­te, Kunst, Lite­ra­tur, Medi­en und ande­ren Berei­chen.
Schon gar nicht liegt eine Stu­die vor, wie die bei­den im Zitat genann­ten Varia­tio­nen von Huma­nis­mus sich auf­ein­an­der bezie­hen, die all­ge­mei­ne in der Gesell­schaft (der Huma­nis­mus, der sich „durch­ge­setzt“ hat) und die spe­zi­el­le des Antrag­stel­lers HVD (der Huma­nis­mus, den die­se Orga­ni­sa­ti­on beför­dern will). Was hier „Welt­an­schau­ung“ aus­macht, wäre eben­falls genau­er zu bestim­men, unter Beach­tung der Selbst­aus­sa­ge des HVD, er sei „eine Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft im Sin­ne des Grund­ge­set­zes der Bun­des­re­pu­blik“.[3]
Der fol­gen­de Text geht eini­gen Vor­aus­set­zun­gen nach, die „Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten“ im deut­schen Rechts­sys­tem kon­sti­tu­ie­ren. Er beginnt mit eini­gen Hin­wei­sen auf die aktu­el­le demo­gra­phi­sche Rele­vanz von Kon­fes­si­ons­frei­en, die als his­to­ri­sche Nach­fol­ger der „Dis­si­den­ten“ beschrie­ben wer­den. Anschlie­ßend behan­delt der Auf­satz die Fra­ge, was „Welt­an­schau­ung“ mein­te, als die Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung 1919 ent­stand, und was unter „Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung“ in Art. 137 Abs. 7 WRV zu ver­ste­hen ist. Da die­ser Arti­kel über Art. 140 GG Teil der gel­ten­den Ver­fas­sung ist, fußt auf ihm die juris­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on von „Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten“ als Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten gleich­ge­stell­te Gebil­de. Am Ende kommt der Gedan­ken­gang zurück auf die The­se des Ein­gangs­zi­ta­tes. Er spitzt das dort ange­spro­che­ne Pro­blem auf den Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands (HVD) als bun­des­wei­te „Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft“ hin zu, in dem eini­ge Kri­te­ri­en für „Welt­an­schau­ungs­pfle­ge“ for­mu­liert wer­den.
Konfessionsfreie Bevölkerung
Die Kon­fes­si­ons­frei­en sind die am rasches­ten wach­sen­de Bevöl­ke­rungs­grup­pe in Deutsch­land.[4] Mehr als ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung ist der­zeit kon­fes­si­ons­frei.[5] Immer­hin knapp über sech­zig Pro­zent die­ser Bevöl­ke­rungs­grup­pe kann als athe­is­tisch gel­ten.[6] Das sind fast 15 Mil­lio­nen Men­schen. Noch 1961 wur­de die Grup­pe der Nicht­kir­chen­mit­glie­der als „Sons­ti­ge“ bezeich­net.[7] Ihr Anteil in den Alt­bun­des­län­dern betrug zu die­ser Zeit 3,5 Pro­zent. Er stieg bis 1990, vor dem Bei­tritt der DDR zum Gel­tungs­ge­biet des Grund­ge­set­zes, auf über elf Pro­zent. In Ost­deutsch­land umfass­te die­se Bevöl­ke­rung bei Kriegs­en­de fünf, Anfang der 1960er Jah­re 25 und im letz­ten Jahr der DDR 75 Pro­zent.[8] 1990 ergab dies eine gesamt­deut­sche Kon­fes­si­ons­frei­en­quo­te von 22 Pro­zent. Gegen­wär­tig – zwan­zig Jah­re spä­ter – sind es etwa 35 Pro­zent.
Beglei­tet war die­ses Wachs­tum mit einer gro­ßen Ost-West-Bevöl­ke­rungs­be­we­gung, die eine mil­lio­nen­fa­che „Athe­is­ten­um­sied­lung“ dar­stell­te.[9] So ent­stand hin­sicht­lich der rea­len Glau­bens­zu­stän­de in Deutsch­land eine neue Situa­ti­on. Die Grup­pe der Nicht­kir­chen­mit­glie­der steigt nun auch im Wes­ten rascher als frü­her, schon weil es „nor­ma­ler“ wird.
Die Reli­gi­ons­so­zio­lo­gen Det­lef Poll­ack und Olaf Mül­ler tei­len aktu­ell fol­gen­den Befund mit: „Weni­ger als die Hälf­te der deut­schen Bevöl­ke­rung misst christ­li­chen Wert­vor­stel­lun­gen und Über­zeu­gun­gen für ihr Leben zumin­dest eine gewis­se Bedeu­tung bei.“[10] Hier­aus ergibt sich die Fra­ge nach der ande­ren Hälf­te der Bevöl­ke­rung.
Erst vor weni­gen Jah­ren wur­de offen­sicht­lich, dass der Begriff „Kon­fes­si­ons­lo­se“ nicht hin­reicht zur Beschrei­bung der grö­ßer gewor­de­nen Bevöl­ke­rung, die kei­ner Kon­fes­si­on ange­hört, wie Kir­chen sie bil­den, zumal Mus­li­me rein for­mal auch Kon­fes­si­ons­lo­se sind, da ihre Gemein­schaf­ten sie nicht (sozu­sa­gen „stan­des­amt­lich“) regis­trie­ren. In die­ser Gemenge­la­ge ent­stand in gewis­ser Anleh­nung an die Frei­re­li­giö­sen im 19. Jahr­hun­dert der Begriff der Kon­fes­si­onsfrei­en. Damit wer­den der­zeit die­je­ni­gen Per­so­nen und Grup­pen bezeich­net, die sich als frei von bzw. in der Kon­fes­sio­na­li­tät im Sin­ne eines Bekennt­nis­ses ver­ste­hen.
Über Kon­fes­si­ons­freie wird gesagt, sie sei­en in sich homo­ge­ner in ihren Lebens­auf­fas­sun­gen als Kir­chen­an­ge­hö­ri­ge.[11] Des­halb spre­chen eini­ge, die sich als Säku­la­ris­ten ver­ste­hen, von den Kon­fes­si­ons­frei­en, als sei­en die­se eine den Kon­fes­sio­nen ver­gleich­ba­re Grup­pe. Sie ver­su­chen, die­se als Sub­jekt ins poli­ti­sche Spiel zu brin­gen. Ande­re nen­nen sie die Kon­fes­si­ons­frei­en und unter­schei­den in ihnen meh­re­re Grup­pen. Ihr Urteil stützt sich auf Über­zeu­gungs­dif­fe­ren­zen unter den Kon­fes­si­ons­frei­en, weil es nach ihrer Beob­ach­tung einen bis­her unbe­kann­ten Anteil von reli­giö­sen Men­schen in die­ser Bevöl­ke­rung gibt.
Mit der Bestim­mung „kon­fes­si­ons­frei“ ist es nicht so ein­fach. Die vor­lie­gen­den Befun­de zu den Glau­bens­rea­li­tä­ten wider­spre­chen – das ergibt sich aus der Dyna­mik zuneh­men­der Plu­ra­li­tät – den in Geset­zen sowie gesell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen ver­an­ker­ten kon­fes­sio­nel­len Zuord­nun­gen und kör­per­schaft­li­chen Rege­lun­gen, die ers­tens noch wie selbst­ver­ständ­lich mit einer Domi­nanz des orga­ni­sier­ten Chris­ten­tums in der Gesell­schaft rech­nen; zwei­tens sich ande­ren Gemein­schaf­ten öff­nen,[12] vor allem den Mus­li­men; und drit­tens mit den Kon­fes­si­ons­frei­en nichts anzu­fan­gen wis­sen, weil die­se als Sub­jekt unkennt­lich sind.
Fra­gen nach einer geson­der­ten Kon­fes­si­ons­frei­en­po­li­tik sind erst neue­ren Datums. Bis­her genüg­te in der Regel den­je­ni­gen, die sich in ihrem Selbst­ur­teil von Kir­chen und Reli­gio­nen „befreit“ haben, die recht­li­che Garan­tie, dass die­sen Schritt alle gehen dür­fen, die ihn voll­zie­hen wol­len. Die Ange­hö­ri­gen die­ser Grup­pe sind eini­ger­ma­ßen zufrie­den mit den Errun­gen­schaf­ten der nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit, den Kir­chen­aus­tritts­be­we­gun­gen, der Lehr­frei­heit (zumin­dest außer­halb der Theo­lo­gi­schen Fakul­tä­ten) und den For­de­run­gen nach Neu­tra­li­tät des Staa­tes und der öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen, von den Kin­der­gär­ten über die Schu­len bis zu den Fried­hö­fen. Die Intel­lek­tu­el­len unter den akti­ven Säku­la­ris­ten begrei­fen in ihrer Mehr­heit bis heu­te die Bekennt­nis­frei­heit, die Wis­sen­schaf­ten und die Phi­lo­so­phie als aus­rei­chen­de Instru­men­te gegen eine „Rück­kehr des Reli­giö­sen“. Sie ste­hen des­halb in ziem­li­cher Distanz zu jenen, die sich „welt­an­schau­lich“ orga­ni­sie­ren und ent­spre­chen­de Dienst­leis­tun­gen anbie­ten.
Dissidenten als Konfessionsfreie
Die Geschich­te der Kon­fes­si­ons­frei­en beginnt Mit­te des 16. Jahr­hun­derts. In die­ser Zeit wur­de für sie die Bezeich­nung „Dis­si­den­ten“ ein­ge­führt.[13] Der Begriff selbst kam im Frie­den von Kra­kow 1525 erst­mals in Gebrauch. Nach dem 25-jäh­ri­gen Liv­län­di­schen Krieg um die Vor­herr­schaft in Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa wur­de 1573 – der Augs­bur­ger Reli­gi­ons­frie­den von 1555 stand Pate – für das strit­ti­ge Gebiet ein Kom­pro­miss in Glau­bens­fra­gen gefun­den, der die „Dis­si­den­ten“ betraf.
Der Frie­den von War­schau (pax dis­si­den­ti­um) bezog sich auf die Akzep­tanz zunächst der Pose­ner, spä­ter aller gedul­de­ter pol­ni­scher Nicht­ka­tho­li­ken (Luthe­ra­ner, Refor­mier­te, Grie­chen, Arme­ni­er). „Dis­si­den­ten“ waren die Mit­glie­der staat­lich aner­kann­ter „Sek­ten“. Außen vor und ver­folgt blie­ben die Wie­der­täu­fer, Sozi­nia­ner, Unita­ri­er und Quä­ker. Bei all die­sen Grün­dun­gen han­del­te es sich um Abspal­tun­gen vom Chris­ten­tum. Der Staat garan­tier­te ihnen Reli­gi­ons­frei­heit – oder trieb sie außer Lan­des.
Der Begriff „Dis­si­den­ten“ ging dann in den West­fä­li­schen Frie­den von 1648 ein. Er bezeich­ne­te nun alle Ange­hö­ri­gen (Mit­glie­der) christ­li­cher und tole­rier­ter Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten außer­halb der katho­li­schen bzw. evan­ge­li­schen Kon­fes­sio­na­li­tät und dem Juden­tum (Syn­ago­gen­ge­mein­schaf­ten). Das waren die Herrn­hu­ter, Alt­lu­the­ra­ner, Men­no­ni­ten, Bap­tis­ten, dann die Metho­dis­ten, Irvin­g­ia­ner (Apos­to­li­sche Gemein­den), Quä­ker (nun gedul­det), Her­manns­bur­ger Frei­kirch­ler und die Reni­ten­te Kir­che Nie­der­hes­sen. Dar­aus und aus neu­en Grup­pie­run­gen wur­den spä­ter oft Frei­kir­chen.
Die ers­ten Dis­si­den­ten bis zum Ende des 18. Jahr­hun­derts waren dem­zu­fol­ge kei­ne Kon­fes­si­ons­frei­en im heu­ti­gen Ver­ständ­nis, son­dern Ange­hö­ri­ge christ­li­cher Son­der­grup­pen. Das änder­te sich erst nach 1840 durch die Frei­re­li­giö­sen, eben­falls zunächst noch christ­li­che „Sek­tie­rer“, von denen eini­ge Gemein­den beson­ders nach 1860 staat­li­che Aner­ken­nung fan­den und 1919 sogar Kon­fes­si­on und Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts wur­den.[14]
Eini­ge Frei­re­li­giö­se, gebil­de­te und frei­den­ke­ri­sche Ange­hö­ri­ge des städ­ti­schen Bür­ger­tums, wesent­lich moti­viert durch die Theo­ri­en von Charles Dar­win, sahen sich seit den 1860er Jah­ren nicht mehr nur frei in der Reli­gi­on, son­dern als frei von Reli­gi­on. Hier nahm die sozi­al­kul­tu­rell merk­ba­re Reli­gi­ons­lo­sig­keit ihren beschei­de­nen Anfang. Deren Orga­ni­sa­ti­on erhielt durch die grö­ße­re Ver­eins­frei­heit nach 1890 und wegen der Auf­he­bung des Ver­bots der Sozi­al­de­mo­kra­tie eine poli­tisch rele­van­te Dimen­si­on. Von wesent­li­chem Ein­fluss war die Auf­nah­me bzw. Kri­tik der Theo­ri­en von Karl Marx und ande­rer Sozia­lis­ten.[15]
Mit Hil­fe von Frei­re­li­giö­sen ent­stand ein nicht­kirch­li­ches Brauch­tum, z. B. Jugend­wei­hen.[16] Beson­ders in Groß­städ­ten wur­de nach 1900 Reli­gi­ons­lo­sig­keit in einem mehr­fa­chen Sin­ne pro­le­ta­ri­siert: Sie erfass­te gebil­de­te Lohn­ar­bei­ter, war kei­ne Sache mehr nur der „geho­be­nen Stän­de“, ver­lor den Cha­rak­ter einer ledig­lich phi­lo­so­phi­schen Rich­tungs­ent­schei­dung, berühr­te All­tags­fra­gen und wur­de um 1900 poli­tisch. Es waren, nach­dem der Libe­ra­lis­mus nach dem „Kul­tur­kampf“ (1872–1888) das The­ma zuneh­mend auf­gab, vor allem zwei Grup­pie­run­gen, die für kon­fes­si­ons­los Gewor­de­ne kon­zep­tio­nel­le Ange­bo­te mach­ten. Bei­de favo­ri­sier­ten ein Modell der Staat-Kir­che-Tren­nung unter Ein­be­zug des Aus­lau­fens der Staats­leis­tun­gen an die Kir­chen.
Die eine Grup­pe ent­fal­te­te ihre Zie­le in der sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung, beson­ders im Erfur­ter Pro­gramm der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei von 1891. Es for­der­te ganz gene­rell die Tren­nung von Staat und Kir­che und beson­ders von Schu­le und Kir­che.[17] In der zwei­ten Grup­pe wirk­ten vor­wie­gend huma­nis­ti­sche Intel­lek­tu­el­le und Fabri­kan­ten. Sie schlos­sen sich im Wei­ma­rer Kar­tell zusam­men, einem frei­geis­ti­gen Bünd­nis von Ver­bän­den.
Dort mach­te die­se Grup­pe 1909 zehn sehr detail­lier­te For­de­run­gen gel­tend.[18] Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Dis­si­den­ten fan­den hier ein Wir­kungs­feld und kon­kre­ti­sier­ten ihre eige­nen poli­ti­schen The­sen. Es ist vor allem Hein­rich Peus (1862–1937) zu erwäh­nen, der in Volks­häu­sern eine Alter­na­ti­ve sowohl zu Kir­chen als auch zu Knei­pen sah, Genos­sen­schaf­ten und die Kunst­spra­che Ido pro­pa­gier­te.[19] In der Funk­ti­on des Ers­ten Schrift­füh­rers des Deut­schen Monis­ten­bun­des lei­te­te Peus im Krie­ge fak­tisch die Geschäf­te des Ver­eins. So bekam über ihn und ande­re die Sozi­al­de­mo­kra­tie Ein­fluss auf das Wei­ma­rer Kar­tell.
Die schließ­lich in der Revo­lu­ti­on 1918/19 errun­ge­nen bür­ger­li­chen Frei­hei­ten, ein­ge­schlos­sen die­je­ni­gen Rech­te, die aus der Abschaf­fung der Staats­kir­che für die Dis­si­den­ten fol­ger­ten,[20] führ­ten dazu, dass sich in den 1920ern der Begriff des Dis­si­den­ten umgangs­sprach­lich nur noch auf die grö­ßer wer­den­de Grup­pe der Kon­fes­si­ons­lo­sen bezog. Frei­re­li­giö­se und Frei­kirch­li­che zähl­ten sich nicht mehr dar­un­ter, weil ihnen Orga­ni­sa­ti­ons­frei­heit zustand. Eini­gen wur­de der Kör­per­schafts­sta­tus gewährt, was sie for­mal zu einer Kon­fes­si­on mach­te. Über­dies ent­fal­te­ten nun frei­den­ke­ri­sche Orga­ni­sa­tio­nen ein eige­nes sozia­les und kul­tu­rel­les Dienst­leis­tungs­sys­tem, vom Arbei­ter-Sama­ri­ter­bund (ASB) bis zur Volks­haus­be­we­gung. Frei­den­ker bau­ten um die Feu­er­be­stat­tung her­um ein umfäng­li­ches Bestat­tungs­we­sen auf.
Bereits vor dem Ers­ten Welt­krieg gerie­ten die orga­ni­sier­ten Dis­si­den­ten (etwa 25–30.000) gegen­über den Kon­fes­si­ons­lo­sen ins­ge­samt (berech­net für 1914: 100–120.000) in die Min­der­heit.[21] Die Kon­fes­si­ons­lo­sen wie­der­um mach­ten etwa ein Drit­tel aller Dis­si­den­ten aus. Noch immer war der Orga­ni­sa­ti­ons­grad der „Bekennt­nis­lo­sen“[22] hoch – doch ange­sichts von 67 Mil­lio­nen Ein­woh­nern bil­de­ten die Dis­si­den­ten ins­ge­samt eine Mino­ri­tät. Die kirch­li­che Auf­re­gung dar­über erstaunt den­noch nicht, wenn man berück­sich­tigt, dass allein die Exis­tenz von Kon­fes­si­ons­lo­sen das juris­ti­sche und poli­ti­sche Staat-Kir­che-Sys­tem vor Legi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me stell­te.
Am Ende der Wei­ma­rer Repu­blik waren bei einer Ein­woh­ner­zahl von 65 Mil­lio­nen bereits 2,3 Mil­lio­nen kon­fes­si­ons­frei. Das ent­sprach einem Anteil von 3,5 Pro­zent.[23] Davon waren immer­hin noch 794.000 (also etwa ein Drit­tel) orga­ni­siert, davon allein 543.000 im Deut­schen Frei­den­ker­ver­band. Dafür lag die Ursa­che in der rela­tiv hohen Orga­ni­siert­heit im Arbei­ter­be­we­gungs­mi­lieu, in dem drei Par­al­lel­mit­glied­schaf­ten üblich waren: Arbei­ter­par­tei (SPD oder KPD), Gewerk­schaft und Frei­den­ker­ver­band.[24]
Die­se Milieu­bin­dung – die nach dem Natio­nal­so­zia­lis­mus und dem Zwei­ten Welt­krieg ver­lo­ren ging – ver­deck­te den bereits um 1900 ein­set­zen­den Wan­del, dar­un­ter das Aus­ein­an­der­drif­ten von frei­er und orga­ni­sier­ter Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit. Da die Frei­den­ke­rei in kom­mu­nis­ti­sche und sozi­al­de­mo­kra­ti­sche sowie wei­te­re poli­ti­sche Bin­dun­gen zer­fiel,[25] brach­te sie neben­ein­an­der­ste­hend zwei Stra­te­gi­en her­vor, zum einen die Umset­zung von Art. 138 Abs. 1 WRV (Ablö­sung der Staats­leis­tun­gen) und Art. 137 Abs. 7 WRV (Gleich­be­hand­lung welt­an­schau­li­cher mit reli­giö­sen Ver­bän­den).
Refor­mer in der Frei­den­ker­be­we­gung for­der­ten und bean­trag­ten schon in den 1920ern den Kör­per­schafts­sta­tus, was ein posi­ti­ves, unter­stüt­zen­des Ver­hält­nis zum demo­kra­ti­schen Staat und ein neu­es, prag­ma­ti­sches Ver­ständ­nis der Tren­nung von Kir­che und Staat impli­zier­te.[26] Der Deut­sche Frei­den­ker­ver­band (DFV) erhielt durch Erlass des Braun­schwei­gi­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums am 9. Sep­tem­ber 1930[27] die Kör­per­schaft im Frei­staat Braun­schweig. Aber am 7. April 1933 wur­de dem DFV von der Nazi-Regie­rung (dem Minis­ter für Volks­bil­dung) die­ser Sta­tus wie­der ent­zo­gen. Die 1930 gestell­ten Anträ­ge des DFV für Sach­sen und Sach­sen-Anhalt wur­den bis zum Macht­an­tritt der Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933 nicht mehr behan­delt.
Der Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­bot 1933 die Frei­den­ker. Zahl­rei­che Frei­re­li­giö­se wur­den völ­kisch. Zudem gab es die ras­sis­tisch-eso­te­ri­schen „Luden­dorf­fer“ und die Deut­sche Glau­bens­be­we­gung.[28] Der stan­des­amt­li­che Begriff des Dis­si­den­ten wur­de schließ­lich am 26. Novem­ber 1936 abge­schafft und durch „gott­gläu­big“ ersetzt.
Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de wie­der die Bezeich­nung „kon­fes­si­ons­los“ ein­ge­führt und in bei­den deut­schen Staa­ten üblich zur Kenn­zeich­nung der­je­ni­gen, die kei­ner Reli­gi­ons­ge­mein­schaft ange­hör­ten. Er rubri­zier­te dar­un­ter die­je­ni­gen, die aus den bei­den Volks­kir­chen aus­ge­tre­ten waren. Man nann­te sie des­halb auch „Kir­chen­freie“.[29]
Die Kon­fes­si­ons­frei­en set­zen sich gegen­wär­tig vor allem aus zwei Grup­pen zusam­men. Die gro­ße Mehr­heit, denen eine pri­va­te Reli­gi­on oder Nicht­re­li­gi­on (oder Welt­an­schau­ung) genügt, und klei­ne­re Grup­pen, die welt­an­schau­li­che Ver­ei­ne (dar­un­ter athe­is­ti­sche Ver­bän­de) oder Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten bil­den, von denen eini­ge den Kir­chen gleich­ge­stellt sein wol­len. Ange­sichts die­ser Geschich­te „Welt­an­schau­ung“ ein Schlüs­sel­be­griff zum Ver­ständ­nis der Kon­fes­si­ons­frei­en­be­we­gun­gen in Deutsch­land, beson­ders seit den frei­geis­ti­gen Bewe­gun­gen des 19. Jahr­hun­derts.
Verständnis von Weltanschauung 1919
Welt­an­schau­un­gen inter­es­sie­ren im Fol­gen­den als ver­fas­sungs­mä­ßig den Reli­gio­nen per Art. 4 Abs. 1 GG gleich­ge­stell­te Ide­en­kon­glo­me­ra­te über das Weltgan­ze mit einem hohen Anspruch auf Ver­bind­lich­keit. Unter „Welt­an­schau­ung“ wird dabei in aller Regel jede (scharf for­mu­liert: jede x‑beliebige) Leh­re ver­stan­den, „wel­che das Weltgan­ze uni­ver­sell zu begrei­fen und die Stel­lung des Men­schen in der Welt zu erken­nen und zu bewer­ten sucht“.[30]
Der Fra­ge, was dar­aus für ent­spre­chen­de Gemein­schaf­ten in der Gegen­wart folgt und wel­che mög­li­cher­wei­se hin­zu­rech­nen und wel­che nicht, geht die von Chris­ti­ne Mer­tes­dorf 2008 publi­zier­te Dis­ser­ta­ti­on über Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten nach. Eine Welt­an­schau­ung sei „eine wer­ten­de Stel­lung­nah­me zum Weltgan­zen, wel­che allein unter imma­nen­ten Aspek­ten Ant­wort auf die letz­ten Fra­gen nach Ursprung, Sinn und Ziel der Welt und des mensch­li­chen Lebens zu geben sucht. Eine sol­che Leh­re muss mit der aktu­el­len Lebens­wirk­lich­keit, der Kul­tur­tra­di­ti­on, sowie dem all­ge­mei­nen und reli­gi­ons­wis­sen­schaft­li­chen Ver­ständ­nis ver­ein­bar sein.“[31]
Dar­aus wird gefol­gert, eine Welt­an­schau­ungsgemein­schaft sei „ein Zusam­men­schluss von Per­so­nen, der ein Mini­mum an orga­ni­sa­to­ri­scher Bin­nen­struk­tur auf­weist, im Sin­ne der Gewähr der Ernst­haf­tig­keit auf Dau­er ange­legt ist und von einem sich nach außen mani­fes­tie­ren­den gemein­sa­men und umfas­sen­den welt­an­schau­li­chen Kon­sens der Mit­glie­der getra­gen und die­ser Kon­sens – soweit es um die Gemein­schaft als sol­che geht – nach außen bezeugt wird.“[32]
Die Autorin stellt schließ­lich fest, dass nach Art. 140 GG i.V.m. Art. 137, Abs. 7 WRV die Gleich­stel­lung mit Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten als selbst­ver­ständ­lich ange­nom­men wer­den kön­ne, da das Grund­ge­setz fest­hal­te, dass mit die­sen „die Ver­ei­ni­gun­gen gleich­ge­stellt [sind], die sich die gemein­schaft­li­che Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be machen“. Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten sei­en in den Aus­sa­gen des Grund­ge­set­zes wie Reli­gio­nen ver­stan­den.
Dass die Ver­fas­sungs­vä­ter 1919 auf den Begriff der Welt­an­schau­ung[33] zurück­grif­fen und ihn akzep­tier­ten als einen der (christ­li­chen) Reli­gi­on gleich­ge­stell­ten kul­tu­rel­len Sach­ver­halt, hat in den hier nicht näher zu ver­fol­gen­den „Glau­bens­ver­än­de­run­gen“ in der deut­schen Gesell­schaft bis zu Beginn des Welt­krie­ges sei­ne objek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen. Zum einen war „Welt­an­schau­ung“ zu einem Sam­mel­na­men für ver­schie­de­ne Anbli­cke und Sinn­ge­bun­gen des Daseins gewor­den. Zum ande­ren sym­bo­li­sier­te das Wort gera­de für die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche wie sozi­al­li­be­ra­le Lin­ke das gesam­te Ide­en­ge­bäu­de der­je­ni­gen sozia­len Bewe­gun­gen, die auf den Kapi­ta­lis­mus und die Ent­ste­hung wie Exis­tenz der Indus­trie­ar­bei­ter­klas­se reagier­ten.[34]
„Welt­an­schau­ung“ ist ein deutsch­spra­chi­ger Begriff, ohne Ent­spre­chun­gen in ande­ren euro­päi­schen Spra­chen. Er ent­stand Ende des 18. Jahr­hun­derts, zunächst in der tran­szen­den­ta­len Phi­lo­so­phie. Er ging von der Fach­spra­che der Phi­lo­so­phie aus und fand spä­ter Ein­gang und regen Gebrauch in Welt­deu­tungs­kon­zep­ten, die sich zwi­schen Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie ver­or­te­ten. Der Begriff hat­te eine gro­ße Nähe zur Dich­tung, war gera­de­zu ein „Ersatz­wort für Ästhe­tik“.[35] So kam er über die „gebil­de­ten Stän­de“ in die All­tags­spra­che hin­ein.
Welt­an­schau­ung als Gegen­wort zu reli­giö­sen Äuße­run­gen zu fas­sen, geht wohl zurück auf Fried­rich D. E. Schlei­er­ma­cher (1768–1834). Von dort führt eine Spur zur Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung. Schlei­er­ma­cher ver­stand zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts unter Welt­an­schau­ung alle Ide­en außer­halb reli­giö­ser Erklä­run­gen. Er gab dem Wort die Funk­ti­on eines Gegen­be­griffs zu der in den ver­schie­de­nen Glau­bens­wei­sen erfass­ba­ren Got­tes­idee.[36]
Da alle „Schrift­stel­ler“ außer­halb von Aka­de­mis­mus und Pries­ter­stand als Lai­en gal­ten, die sich sozu­sa­gen unbe­fugt und unge­fragt in das Geschäft der eta­blier­ten Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie ein­misch­ten, bekam der Begriff etwas Oppo­si­tio­nel­les, Anspruchs­vol­les und Pro­vo­kan­tes. Die pri­va­ten Sys­tem­ver­su­che im Beant­wor­ten von Sinn­fra­gen zeig­ten zunächst einer klei­nen bür­ger­li­chen Öffent­lich­keit (z. B. in den seit den 1840ern ent­ste­hen­den frei­re­li­giö­sen Gemein­den), dass das öffent­li­che Nach­den­ken und Ent­wer­fen von Natur‑, Mensch- und Welt­erklä­run­gen zuneh­mend – bei allen Repres­sio­nen bis in die 1890er Jah­re hin­ein – im Rah­men der Gewis­sens­frei­heit und der Wis­sen­schaft zuge­las­sen wur­de und Abneh­mer fand.
Das war vor allem im letz­ten Vier­tel des 19. Jahr­hun­derts der Fall, als die Arbei­ter­be­we­gung mit ihrer sozia­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung Erfolg bekam, Mas­sen­an­hang und Abge­ord­ne­te im Reichs­tag hat­te. In die­ser Gemenge­la­ge gedie­hen welt­an­schau­li­che Gedan­ken­ge­bäu­de gera­de in frei­den­ke­ri­schen Ver­ei­ni­gun­gen, die ver­schie­de­ne „Reli­gio­nen der Frei­heit“ defi­nier­ten, z. B. den Monis­mus von Ernst Haeckel (1834–1919) und Wil­helm Ost­wald (1853–1932).
Um 1900 ver­ließ der Begriff end­gül­tig das Sys­tem der Phi­lo­so­phie und wur­de von nun an von dort als unwis­sen­schaft­lich kri­ti­siert. Dadurch sogar beför­dert, geriet „Welt­an­schau­ung“ zu einem Haupt­wort in vor- und meta­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­sen.[37] Zudem nah­men die Welt­an­schau­un­gen an Zahl zu. Es gab nun diver­se natur­phi­lo­so­phi­sche, pan­the­is­ti­sche, ger­ma­nis­ti­sche, deutsch­gläu­bi­ge, sozia­lis­ti­sche, natio­na­le und vie­le wei­te­re. Ver­schie­de­ne Grup­pie­run­gen mit aka­de­mi­schen und / oder poli­ti­schen Ansprü­chen setz­ten Ras­sen, Klas­sen oder Völ­ker als Ker­ne ihrer Über­zeu­gun­gen und „hei­lig­ten“ dar­auf bezo­ge­ne The­sen, sei­en sie nun wis­sen­schaft­lich her­ge­lei­tet, ein­fach aus­ge­dacht oder bei­des zugleich.
Eine gro­ße Viel­falt sol­cher Welt­an­schau­un­gen eta­blier­ten und orga­ni­sier­ten sich in der deut­schen Gesell­schaft. Am Vor­abend des Krie­ges war, wie Fritz Mauth­ner 1924 fest­hielt, ein Zustand erreicht, in dem galt: „Der müß­te schon ein ganz arm­se­li­ger Tropf sein, wer heut­zu­ta­ge nicht sei­ne eige­ne Welt­an­schau­ung hät­te.“[38] Die poli­ti­sche Span­ne reich­te von rechts („Die Juden sind unser Unglück“) bis links („Die Arbei­ter­klas­se hat eine his­to­ri­sche Mis­si­on“). Über­all gedieh Welt­an­schau­ung als „Poe­ten­phi­lo­so­phie“.[39]
Frei­den­ker wie­der­um nutz­ten den Begriff „Welt­an­schau­ung“, um mit ihm ihr Recht auf staat­li­che Aner­ken­nung einer per­sön­li­chen Welt­sicht anzu­mel­den. Unmit­tel­bar nach der Revo­lu­ti­on, am 21. Novem­ber 1918, rich­te­te das Wei­ma­rer Kar­tells eine Ein­ga­be an die deut­sche und die preu­ßi­sche Regie­rung. Die in der frei­geis­ti­gen Sze­ne nam­haf­ten Unter­zeich­ner unter­stütz­ten aus­drück­lich von bür­ger­li­cher und libe­ra­ler Sei­te die Neue­run­gen von Adolph Hoff­mann, beson­ders die Fest­le­gung des Rates der Volks­be­auf­trag­ten vom 12. Novem­ber 1918 über die Frei­heit der Reli­gi­ons­aus­übung.[40] Das Kar­tell hob dann den Erlass des preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­ters Hoff­mann vom 15. Novem­ber her­vor, der die Kin­der von Dis­si­den­ten vom Reli­gi­ons­un­ter­richt befrei­te. Das Wei­ma­rer Kar­tell for­der­te dar­über hin­aus in allen Fra­gen die Gleich­stel­lung „aller deut­schen frei­re­li­giö­sen, frei­den­ke­ri­schen, ethi­schen, monis­ti­schen und ähn­li­chen Gemein­schaf­ten“ mit der evan­ge­li­schen und der römisch-katho­li­schen Kir­che.[41]
„Welt­an­schau­ung“, das geht aus dem all­ge­mei­nen Gebrauch des Wor­tes bis 1919 her­vor, hat­te eine deut­li­che beken­nen­de Kon­no­ta­ti­on. In die­sem Ver­ständ­nis ging der Begriff 1919 in die Wei­ma­rer Ver­fas­sung und 1949 ins Grund­ge­setz der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein. „Welt­an­schau­un­gen“ sind seit­dem – zumin­dest juris­tisch gese­hen – alle den Reli­gio­nen ver­gleich­ba­ren, aber von ihnen unter­scheid­ba­ren „irreligiöse[n] oder doch religionsfreie[n] Welt­an­schau­un­gen“[42] – jedoch kei­ne bestimm­ten. Als ver­ein­bart gilt, dass es sich um eine poten­zi­el­le Viel­heit und nicht um bestimm­te, von vorn­her­ein pri­vi­le­gier­te Welt­an­schau­un­gen han­delt.
Geburt der Formel „Pflege einer Weltanschauung“
Die Geburt der For­mel von der „Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung“ in der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung ist his­to­risch und per­so­nell belegt. Ihr vor­an gin­gen gene­rel­le Abspra­chen des evan­ge­li­schen Kir­chen­recht­lers Wil­helm Kahl (1849–1932; DVP), des katho­li­schen Sozi­al- und Moral­theo­lo­gen Carl Joseph Maus­bach (1861–1931; Zen­trum), des libe­ra­len evan­ge­li­schen Theo­lo­gen Fried­rich Nau­mann (1860–1919; DDP) und Gott­fried Traub (1869–1956, DNVP) vor den Ver­hand­lun­gen.
Man kann davon aus­ge­hen, dass beson­ders Traub, ein ent­las­se­ner Pfar­rer, der mit Frei­re­li­giö­sen ver­bun­den war und vor Kriegs­be­ginn im Umfeld des Deut­schen Bun­des für welt­li­che Schu­le und Moral­un­ter­richt wirk­te, in der Tren­nung von Kir­che und Staat neue Chan­cen für eine pro­tes­tan­ti­sche Vari­an­te einer letzt­lich völ­ki­schen Welt­an­schau­ung sah.[43] Über­haupt ist davon aus­zu­ge­hen, dass an Frei­re­li­giö­se gedacht wur­de und nicht an lin­ke Welt­an­schau­un­gen.
Der ent­spre­chen­de Antrag wur­de von Simon Kat­zen­stein (1868–1945; SPD) und Bru­no Ablaß (1866–1942; DDP) als Ände­run­gen am Antrag Johan­nes Meer­feld (1871–1956; SPD) und Fried­rich Nau­mann ein­ge­bracht und am 2. April 1919 im Ver­fas­sungs­aus­schuss in der For­mu­lie­rung ange­nom­men, den Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten die­je­ni­gen Ver­ei­ni­gun­gen gleich zu stel­len, die sich „die gemein­schaft­li­che Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be machen“.[44] Kat­zen­stein hat­te aller­dings selbst ein­ge­schränkt, man wol­le die Gleich­be­hand­lung und die Frei­heit aller Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten zwar errei­chen, aber deren bevöl­ke­rungs­po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Über­wa­chung durch den Staat müs­se blei­ben.[45]
Bru­no Ablaß, pro­mo­vier­ter Jurist und evan­ge­li­scher Christ, leb­te als Notar in Hirsch­berg (Schle­si­en), war dort Stadt­ver­ord­ne­ter, Vor­sit­zen­der des Libe­ra­len Bür­ger­ver­eins und des ört­li­chen Spar- und Bau­ver­eins. Bereits von 1913 bis 1918 Mit­glied der Reichs­ta­ges wur­de Ablaß 1918 Mit­be­grün­der der DDP und 1919/20 Mit­glied der Wei­ma­rer Natio­nal­ver­samm­lung.
Simon Kat­zen­stein, Bru­der der Frau­en­recht­le­rin Hen­ri­et­te Fürth, stamm­te aus einer Kauf­manns­fa­mi­lie, war ursprüng­lich jüdi­schen Glau­bens, dann aber in den 1890er Jah­ren Dis­si­dent gewor­den. Nach dem Stu­di­um der Geschichts- und Rechts­wis­sen­schaf­ten wur­de er aus poli­ti­schen Grün­den 1892 aus dem Staats­dienst ent­las­sen. In der Arbei­ter­be­we­gung wirk­te er zunächst als Redak­teur und Wan­der­leh­rer. 1917 begann er sei­ne Arbeit als Volks­wirt­schaft­ler beim Zen­tral­ver­band deut­scher Kon­sum­ver­ei­ne. Für das The­ma „Welt­an­schau­ungs­pfle­ge“ ist Kat­zen­steins Tätig­keit an der Ber­li­ner Arbei­ter­bil­dungs­schu­le (1903–1905) und SPD-Par­tei­schu­le wich­tig, wo er 1906–1908 unter­rich­te­te. Er stand in Kon­takt zu den Frei­re­li­giö­sen Badens in Mann­heim, wo er als gewerk­schaft­li­cher Arbei­ter­se­kre­tär um 1895 ange­stellt war.
Sym­pto­ma­tisch war sein Auf­tre­ten als Welt­an­schau­ungs­kämp­fer gegen den Alko­hol. Er focht lei­den­schaft­lich als Vor­sit­zen­der des Deut­schen Arbei­ter-Absti­nen­ten­bun­des (gegrün­det 1903) und als Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift Der Absti­nen­te Arbei­ter (1903–1931) für einen „tro­cke­nen“, an der Lebens­re­form­be­we­gung ori­en­tier­ten Sozia­lis­mus.[46] In der Absti­nenz gegen­über Alko­hol, Tabak und Reli­gi­on stand Kat­zen­stein Adolph Hoff­mann (1858–1930; USPD) nahe, der 1918 in der Revo­lu­ti­on die Tren­nung von Staat und Kir­che vor­an­trieb.[47]
Die Min­dest­for­de­rung der Gleich­be­hand­lung der­je­ni­gen, „die sich die gemein­schaft­li­che Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be machen“,[48] unter­stütz­te bei der zwei­ten Lesung der Kir­chen­be­stim­mun­gen in der Wei­ma­rer Natio­nal­ver­samm­lung auch der Dele­gier­te Fritz Kun­ert (1850–1931; USPD). Doch er ging weit dar­über hin­aus. Er for­der­te (ver­geb­lich) die Auf­he­bung jeg­li­cher Staats­leis­tun­gen an die Kir­chen, ja sogar deren Ent­eig­nung und das Ende kirch­li­cher Pri­vi­le­gi­en in Kran­ken­häu­sern, Gefäng­nis­sen und Mili­tär.
Bei Kun­ert wird offen sicht­lich, was vie­le Lin­ke unter „Welt­an­schau­ungs­pfle­ge“ ver­stan­den. Arbeit und Sozia­lis­mus­gal­ten als selbst­ver­ständ­li­che Ker­ne einer künf­ti­gen Reli­gi­on, die eine Welt­an­schau­ung der Arbei­ter­klas­se sei. Die­se Auf­fas­sung ent­wi­ckel­te sich bei Kun­ert und ande­ren nicht nur in der Rezep­ti­on des dama­li­gen Mar­xis­mus, son­dern in den Dis­kus­sio­nen über athe­is­ti­sche Ethik und Moral in den Frei­re­li­giö­sen Gemein­den, hier spe­zi­ell der Ber­li­ner Gemein­de.[49]
Hier erteil­te Kun­ert 1888/89[50], gelern­ter Volks­schul­leh­rer, Jugend­un­ter­richt und erar­bei­te­te ein Lehr­buch für Schu­len frei­re­li­giö­ser Gemein­den. In die­ser Schrift ging es gera­de nicht um Erzie­hung zur Got­tes­furcht, son­dern um „das eine Ide­al zu errei­chen: Frie­den und all­ge­mei­ne Men­schen­bil­dung“.[51] Adolph Hoff­mann berief nach sei­ner Ernen­nung zum Minis­ter Fritz Kun­ert zu einem sei­ner bei­den Bei­rä­te, doch lehn­te die­ser das Amt ab.[52]
Verständnis von „Pflege“
Wie­so heißt es nicht auch „Reli­gi­ons­pfle­ge“? Der wahr­schein­li­che Grund für die­se Unter­schei­dung ist wohl die his­to­risch gewach­se­ne Annah­me, Reli­gio­nen wür­den „gelebt“, z. B. in Ritua­len und im All­tag der Men­schen, wäh­rend Welt­an­schau­un­gen etwas Geis­ti­ges sei­en, die – wie Kul­tur – der „Pfle­ge“ bedür­fen, weil sie dem Leben selbst nicht tra­di­tio­nell inne­woh­nen. Welt­an­schau­ungspfle­ge ist in die­sem Ver­ständ­nis zwar umfäng­lich mehr als das, was der aktu­el­le sozi­al- und gesund­heits­ori­en­tier­te Pfle­ge­be­griff inten­diert,[53] aber doch weni­ger als das, was mit Reli­gio­nen „aus­ge­übt“ wird, was Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten „ord­nen“ und „ver­wal­ten“.[54] Vor allem, ob die Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung, um im Bild zu blei­ben, eines oder meh­re­rer Pfle­ger oder Pfle­ge­rin­nen bedarf, die Pfar­rern ver­gleich­bar sind, bleibt dabei offen.[55] Doch klar ist, dass zur Gleich­stel­lung mit den Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten mehr erfor­der­lich ist als der Ver­eins­sta­tus und die Behaup­tung, eine Welt­an­schau­ung zu pfle­gen.
Im Umkehr­schluss wird klar, dass eine Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft, die sich allein der Pfle­ge ver­bun­de­nen Tätig­kei­ten wid­met,[56] einer dar­über hin­aus rei­chen­den „Welt­an­schau­ungs­pfle­ge“ bedarf, um als „Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft“ aner­kannt zu sein, wenn sie das will, denn die huma­ni­tä­re Pfle­ge reicht nicht hin, sie aus­rei­chend zu legi­ti­mie­ren. Das hat mit dem Pfle­ge­be­griff in Art. 140 GG i.V.m. Art.137 Abs. 7 WRV zu tun. Die­ser hat eine eige­ne Vor­ge­schich­te, die begreif­lich macht, war­um die Ver­fas­ser der Ver­fas­sung mein­ten, mit der For­mel von der „gemein­schaft­li­chen Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung“ das Wesent­li­che gesagt haben. Der alte Pfle­ge­be­griff mein­te näm­lich nicht nur, man sol­le für jeman­den sor­gen, son­dern auch, „sich um etwas bemü­hen“ und „etwas anhal­tend aus­üben“. Bezo­gen auf Welt­an­schau­un­gen (und im Ver­gleich mit Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten) mein­te Pfle­ge, dass es nötig sei, Bräu­che zu haben und eine Gesin­nung zu ver­tre­ten.
Hin­zu kam, dass in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts der Begriff der Kul­tur­pfle­ge den der Kul­tur­po­li­zei end­gül­tig abge­löst hat­te.[57] Dar­aus folg­te für Staat-Kir­che-Zusam­men­hän­ge, dass die reli­giö­se Bil­dung des Vol­kes mit den preu­ßi­schen Refor­men zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts (dann von ande­ren deut­schen Staa­ten über­nom­men) als „Unter­richt und Erzie­hung“ selbst­ver­ständ­li­cher Teil die­ser umfas­sen­den Pfle­ge wur­de. Ver­wal­tung und Auf­sicht öffent­li­cher Reli­gi­ons- und Kir­chen­an­ge­le­gen­hei­ten waren dar­in ein­ge­schlos­sen. Bis zu den Preu­ßi­schen Refor­men schei­ter­ten alle Ver­su­che, kul­tu­rel­le Ein­rich­tun­gen des Staa­tes, z. B. das Schul­we­sen, von der Kir­chen­ver­wal­tung zu lösen. Erst in den 1920ern eng­te sich die Kul­tur­pfle­ge auf die Pfle­ge der Küns­te ein und das Schul­we­sen wur­de zuneh­mend ver­wal­tungs­tech­nisch ver­selb­stän­digt. Bis in die Gegen­wart (erst­mals 1817 in Preu­ßen) ist die Ver­wal­tung der äuße­ren Kir­chen­sa­chen eine Auf­ga­be der extra so genann­ten „Kul­tus­mi­nis­te­ri­en“.
Kultus und Kulturpflege
Ein kur­zer Blick auf den Ver­ständ­nis­wan­del von „Kul­tur­pfle­ge“ bis zum Zeit­punkt der Ver­hand­lun­gen über die Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung lie­fert einen Hin­weis dar­auf, was „Welt­an­schau­ungs­pfle­ge“ inten­dier­te.
Die moder­nen Ver­wal­tungs­for­men began­nen in ihrer Grund­le­gung und inhalt­li­chen Aus­rich­tung, sieht man von den Vor­ar­bei­ten von Georg Obrecht (1547–1612) ein­mal ab,[58] mit Veit Lud­wig von Secken­dorff und des­sen Schrift Teut­scher Fürs­ten-Stat von 1656.[59] „Poli­zei“ bedeu­te­te noch „Kul­tur“, Ord­nung, Gleich­maß, Sit­te und Ehr­bar­keit. Das Kirch­li­che war noch voll imma­nent, selbst lebens­welt­lich und bedurf­te kei­ner beson­de­ren Begrün­dung. Doch gibt von Secken­dorff der (evan­ge­li­schen) Herr­schaft einen gött­li­chen Auf­trag.
Erst in den 1860ern wird aus der Poli­zei- eine Ver­wal­tungs­wis­sen­schaft,[60] was den Wan­del in der Pra­xis doku­men­tiert. Für den Pfle­ge­be­griff nach­hal­tig war ein Arti­kel von Medi­cus im Deut­schen Staats­wör­ter­buch von 1861,[61] in dem der Autor – auf die­se moder­ne Inter­pre­ta­ti­on läuft sein Text hin­aus – die Kul­tur­pfle­ge von der befeh­len­den, gebie­ten­den, ver­bie­ten­den und Gewalt aus­üben­den Kul­tur­po­li­zei unter­schied. Kul­tu­rel­le Pfle­ge dage­gen sei anre­gend, beleh­rend, bil­dend und för­dernd.
Zu ihren Auf­ga­ben zähl­te – und dies ist die Beschrei­bung der damals gän­gi­gen Pra­xis – die Unter­stüt­zung der Kir­chen, die für sitt­lich-reli­giö­se Bil­dung aus­schließ­lich zustän­dig sei. Zur Kul­tur­pfle­ge gehör­te wei­ter­hin die Bezah­lung der Pfar­rer durch den Staat, die Ach­tung der Pfar­rer durch die Poli­zei, die Schul­auf­sicht durch die Pfar­rer, die Durch­füh­rung der Staats­fei­ern als Kir­chen­sa­che und die Siche­rung der Sonn­tags­fei­er durch die Poli­zei.
Die stren­ge Kir­chen­bin­dung der Kul­tur­pfle­ge ließ sich gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts aber immer weni­ger durch­hal­ten, vor allem durch die indus­tri­el­le und städ­ti­sche Ent­wick­lung, die weit­ge­hen­de Frei­ga­be des Ver­eins­we­sens nach 1890 und die Ent­wick­lung eines Kunst­mark­tes. Kul­tur­pfle­ge wur­de aber noch aus­schließ­lich als staat­li­che Auf­ga­be ver­stan­den und als unter poli­zei­li­cher Auf­sicht ste­hen­de Geschmacks­bil­dung gedacht. Dem Staat wur­de zudem zuge­stan­den, er wis­se, was schön und sitt­lich sei. Er besei­ti­ge bzw. unter­drü­cke das Unschö­ne und bekämp­fe das Böse.[62]
Die­se Deu­tungs­ho­heit wur­de um 1900 poli­tisch öffent­lich strit­tig. Kern­fall war die „Lex Hein­ze“.[63] Zu den ers­ten kul­tur­po­li­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen Deutsch­lands gehör­te das frei­geis­tig-frei­den­ke­ri­sche Wei­ma­rer Kar­tell von 1909, das im Kampf gegen die­ses Gesetz sich grün­de­te.
Gezwun­gen durch die neu­en gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen und fort­schrei­ten­den Säku­la­ri­sie­run­gen ergänz­te der Staat nun sei­ne eige­ne Pfle­ge­pra­xis durch För­de­rung ihm geneh­mer, in aller Regel christ­lich ori­en­tier­ter Ver­ei­ne. Kul­tur­pfle­ge geschah nun auch aus Grün­den der (sozi­al­po­li­ti­schen) Prä­ven­ti­on. Unsitt­li­ches Ver­hal­ten, z. B. bei Jugend­li­chen, soll­te ver­hin­dert wer­den durch Jugend­pfle­ge. Finan­zi­el­le Unter­stüt­zung beka­men (ab 1911) aus­schließ­lich Kir­chen und christ­li­che Ver­ei­ne.[64]
Damit began­nen „reli­giö­se Gesell­schaf­ten“ neben den Kir­chen zu wir­ken. Vor­bild hier­für war die Inne­re Mis­si­on (die heu­ti­ge Dia­ko­nie), wesent­lich begrün­det von Johann Hin­rich Wichern (1808–1881). Zu den wich­tigs­ten Ein­rich­tun­gen gehör­te Das Rau­he Haus in Ham­burg, an dem Fried­rich Nau­mann von 1883 bis 1886 als Theo­lo­ge wirk­te.
Mit der staat­li­chen För­de­rung von ver­eins­or­ga­ni­sier­ten Ein­rich­tun­gen der Kul­tur­pfle­ge und nun auch der Sozi­al­ar­beit war nicht nur das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip gebo­ren, son­dern wur­den die Rege­lun­gen des Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schlu­ßes von 1803 auf neue kirch­li­che Tätig­keits­fel­der aus­ge­dehnt.[65] Es wur­de die För­de­rung von beson­de­ren Kör­per­schaf­ten (z. B. den Kir­chen als Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten) von der Unter­stüt­zung „nor­ma­ler“ (zunächst nur christ­li­cher) Ver­ei­ne unter­schie­den.
Bis zur Revo­lu­ti­on 1918/19 waren Staat und Kir­chen nicht nur „staats­kirch­lich“ ver­bun­den, son­dern an vie­len Stel­len bereits „part­ner­schaft­lich“, wobei der Staat die Kir­chen för­der­te, weil sie noch orga­ni­scher Teil sei­nes Gefü­ges waren, also nicht „frei“ in ihrer Selbst­be­stim­mung. Die­se beka­men sie 1919 hin­zu, behiel­ten aber die gewähr­ten Staats­leis­tun­gen, um sie in der Wei­ma­rer Repu­blik aus­zu­wei­ten in bei­de Rich­tun­gen, als Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten und als reli­giö­se Ver­ei­ne.
„Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung“ – ana­log zur Tätig­keit der Kir­chen – bedeu­te­te in die­sem his­to­risch gewach­se­nen Kon­text die Unter­stüt­zung des Staa­tes bei des­sen, die Gesell­schaft regeln­den und for­men­den Auf­ga­ben durch ihm freund­lich geson­ne­ne Drit­te. Die Pfle­ge­auf­ga­be der Kir­chen soll­te nun auf Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten aus­ge­dehnt wer­den, und zwar auf sol­che, die die vor­han­de­nen Pfle­ge­for­men ergän­zen. Das bedeu­te­te 1919 die Preis­ga­be der Mono­pol­stel­lung der Kir­chen, deren Pri­vi­le­gi­en soll­ten aller­dings erhal­ten blei­ben. Nichts ande­res mein­te die For­mel von der „Gleich­stel­lung“ im damals vor­stell­ba­ren Spek­trum von Orga­ni­sa­tio­nen die­ser Art. Die Zahl mög­li­cher Ver­ei­ne, die eine Welt­an­schau­ung pfle­gen könn­ten, war über­schau­bar. Es han­del­te sich in aller Regel um frei­re­li­giö­se Gemein­den.
Die Gleich­stel­lungs­for­mu­lie­rung in Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 7 WRV ver­liert ihren Sinn, wenn sie sich nicht auf den för­dern­den Staat (oder die Kom­mu­nen) bezieht. Gemeint sind aber nicht vor­staat­li­che oder pri­va­te Gesell­schaf­ten (z. B. Kran­ken­kas­sen). Das Pri­vi­leg, bevor­zugt an öffent­li­ches Geld zu kom­men, ist ein Tausch mit dem Staat, ihm dafür bestimm­te Leis­tun­gen zu erbrin­gen.
Weltanschauungspflege und ihre Gemeinschaften
Wenn Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten sagen, dass sie gleich­be­han­delt sein wol­len, dann müs­sen sie auch ihre ein­ma­li­gen oder mit den Kir­chen ver­gleich­ba­ren Leis­tun­gen für das (demo­kra­ti­sche) Staats­we­sen dar­le­gen. Solan­ge die (sozia­lis­ti­schen) Frei­den­ker den (kapi­ta­lis­ti­schen) Staat ablehn­ten, stand die­se Fra­ge nicht für die­se Ver­ei­ne der Welt­an­schau­ungs­pfle­ge. Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 7 WRV wur­de für frei­den­ke­ri­sche Orga­ni­sa­tio­nen erst inter­es­sant bei einen posi­ti­ven Staats­be­zug, zu dem sich eini­ge Ver­bän­de – sieht man von den vorn ange­deu­te­ten Ansät­zen in der Wei­ma­rer Repu­blik ab – erst in der Bun­des­re­pu­blik durch­ran­gen, als sie 1993 den Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands (HVD) grün­de­ten.
Abge­se­hen von for­mal mög­li­chen und gemein­nüt­zi­gen Leis­tun­gen für die Gesell­schaft, die förm­lich gewoll­te Gleich­stel­lung setzt unab­hän­gig davon vor­aus, dass die Bedin­gung „gemein­schaft­li­che Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung“ erfüllt sein muss. Ohne die­se ist alles ande­re nichts (in Sin­ne einer Anwen­dung von Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 7 WRV). Zwar gehört – Erin­ne­rung an die Pfarr­er­be­sol­dung bei Medi­cus – der Erhalt der staat­li­chen Gemein­schaft zu den Bestand­tei­len des sub­si­dia­ren För­der­vor­gangs, jedoch nicht als Selbst­zweck. Auch gehört die Inter­es­sen­po­li­tik zu den Rech­ten einer Gemein­schaft, jedoch nicht aus­schließ­lich und nur zur Erfül­lung und Siche­rung ihres Bekennt­nis­ses – schon weil Reli­gi­ons- und seit 1919 auch Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten von Par­tei­en, Gewerk­schaf­ten und Wohl­fahrts­ver­bän­den gründ­lich unter­schie­den sind. Sie sind ethi­sche Zweck­ge­mein­schaf­ten mit einer eige­nen „Mis­si­on“, die reli­giö­se oder welt­an­schau­li­che Begrün­dun­gen haben.
Die Aner­ken­nung als Gemein­schaft der Welt­an­schau­ungs­pfle­ge – inso­fern die­ser Sta­tus bean­sprucht wird – setzt das Vor­han­den­sein einer Welt­an­schau­ung nicht allein in dem Sin­ne vor­aus, dass sie prag­ma­tisch nötig wäre, um die „Pfle­ge­richt­li­ni­en“ for­mal zu erfül­len. Sie ist viel­mehr die unhin­ter­frag­te Grund­vor­aus­set­zung über­haupt, näm­lich die tat­säch­li­che „Gewähr der Ernst­haf­tig­keit“.
Bezo­gen auf den HVD und sei­nen Huma­nis­mus bedeu­tet dies nichts weni­ger als die Aner­ken­nung der Tat­sa­che – jetzt kom­men wir auf die Ein­lei­tungs­sät­ze zurück –, dass den Mit­glie­dern der Huma­nis­mus ein Bekennt­nis ist. Das gilt nach innen und außen. Das schließt ein – wie in nahe­zu jeder Reli­gi­on –, dass Men­schen von Zwei­feln geplagt wer­den, Ansich­ten stets strit­tig sind und sich Wis­sen­schaf­ten mit Glau­ben und Glau­ben­den beschäf­ti­gen. Dass aber die eige­ne Über­zeu­gung gar kein Bekennt­nis, kein „Glau­be“ sein soll, son­dern z. B. eine phi­lo­so­phi­sche Sicht, das ist per Defi­ni­ti­on bei Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten aus­ge­schlos­sen.[66]
Dem Staat ist es zwar ver­bo­ten, den Welt­an­schau­ungs­cha­rak­ter der sich so selbst bezeich­nen­den Gemein­schaf­ten in Zwei­fel zu zie­hen mit zwei Begrün­dun­gen, zum einen, dass die­ser glau­be gar kei­ne sei, und zum ande­ren, dass nicht alle Mit­glie­der der Gemein­schaft die­sen Glau­ben voll und ganz tei­len. Mit­glied ist Mit­glied (auch in den Kir­chen). Doch wür­den die Gemein­schaf­ten durch ihre Pra­xis und ihre öffent­li­che Selbst­dar­stel­lung eher als Wirtschafts‑, Politik‑, Kul­tur- oder Sozi­al­in­sti­tu­te wahr­ge­nom­men, sie ver­lö­ren den Sta­tus einer beson­de­ren Gemein­schaft in der Beschrei­bung der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung und damit des Grund­ge­set­zes.
Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten sind über­dies von reli­giö­sen und welt­an­schau­li­chen Ver­ei­nen per Defi­ni­ti­on recht­lich geschie­den.[67] Bereits in den Ver­fas­sungs­bra­tun­gen 1919 wur­de der Begriff der „Reli­gi­ons­ge­mein­schaft“ mit dem­je­ni­gen der „Reli­gi­ons­ge­sell­schaft“ zwar weit­ge­hend iden­tisch gese­hen (was auch für den Begriff der „Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft“ bedeut­sam ist), doch soll­te der Ver­fas­sungs­text deut­lich von „reli­giö­sen Gesell­schaf­ten“ unter­schei­den (und damit auch von welt­an­schau­li­chen). Den Unter­schied macht das „Bekennt­nis“ sowie (bei einer ent­spre­chen­den Reli­gi­on) das öffent­li­che Fei­ern der Got­tes­ver­eh­rung.[68]
Im Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts stellt Peter Badu­ra 1994 zu Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten fest, die­se wid­men „sich als Bekennt­nis­ge­mein­schaf­ten umfas­send (‘all­sei­tig’) der Pfle­ge und der Aus­übung eines bestimm­ten Glau­bens“.[69] Die­se Annah­me hat ihre Ent­spre­chung in der Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung, gilt ana­log für Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten und fin­det sei­nen Höhe­punkt in der Ver­lei­hung der Kör­per­schafts­rech­te. Badu­ra gibt im Hand­buch die unmiss­ver­ständ­li­che Deu­tung durch die Väter der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung wie folgt wie­der:
„Auf die aus­drück­lich an ihn gerich­te­te Fra­ge Nau­manns, ob das Recht der öffent­li­chen Kör­per­schaft den bestehen­den klei­ne­ren Kir­chen, den Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten und Sek­ten, wie Metho­dis­ten, Bap­tis­ten, Alt­lu­the­ra­nern usw. ohne wei­te­res zuteil wer­den soll – ‘Da es kei­ne Staats­kir­che mehr gibt, so sind alle Neben­kir­chen glei­cher Ehre’ –, ant­wor­te­te Hugo Preuß als Ver­tre­ter des Reich­mi­nis­te­ri­ums, daß Sinn und Bedeu­tung die­ser Bestim­mung für die Sek­ten und Frei­kir­chen nur so auf­ge­faßt wer­den kön­nen, wie es der Herr Abge­ord­ne­te Nau­mann for­mu­liert hat.“[70] – Im Prin­zip kann danach jede „Sek­te“ KdÖR wer­den. Das bedeu­tet im Umkehr­schluss, dass es die­ses Sta­tus gar nicht bedarf, um in den Genuss der Gleich­be­hand­lung zu kom­men.
Die­se Ent­wick­lung und die durch­aus letzt­lich anti­kirch­li­chen Wir­kun­gen des Gleich­heits­ar­ti­kels pro­gnos­ti­zier­te der Begrün­der des deut­schen Genos­sen­schafts­rechts Otto von Gier­ke (1841–1921) in einem Gut­ach­ten zum Grund­rechts­ent­wurf an den Dele­gier­ten des Zen­trums in der Wei­ma­rer Natio­nal­ver­samm­lung Kon­rad Bey­er­le (1872–1933). Er schrieb am 18. Mai 1919, die Aus­sa­gen zur „Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung“ und die damit ver­bun­de­ne Gleich­set­zung mit Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten sei ange­sichts der Ver­eins­frei­heit sinn­los. Poli­tisch wür­de damit letzt­lich die Ent­christ­li­chung der Gesell­schaft beför­dert[71] – was sich rück­bli­ckend gese­hen bewahr­hei­te­te.
Da es reli­giö­se und welt­an­schau­li­che Ver­ei­ne gibt, die den Sta­tus einer beson­de­ren Gemein­schaft nach Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 7 WRV gar nicht anstre­ben,[72] weil ihnen eine reli­giö­se oder welt­an­schau­li­che Ori­en­tie­rung genügt, müs­sen dem­zu­fol­ge die­je­ni­gen Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten bzw. Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten, die den Sta­tus behal­ten oder bekom­men wol­len, meh­re­re Vor­aus­set­zun­gen erfül­len und bei Bedarf nach­wei­sen. Bei Ver­ei­nen, die den Sta­tus anstre­ben, ohne KdÖR wer­den zu wol­len, gilt dies ana­log.
Wer den Sta­tus einer Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft möch­te, muss ers­tens eine auf eine Ver­fas­sung (Sta­tut) grün­den­de und auf Dau­er­haf­tig­keit aus­ge­rich­te­te „ernst­haf­te“ Welt­an­schau­ung (Reli­gi­on) haben, die ihre Mit­glie­der nach außen bezeu­gen. Der Kör­per­schafts­sta­tus ist hilf­reich, aber nicht Bedin­gung, wie das Bei­spiel des Ber­li­ner HVD zeigt, der als Ver­ein agiert. Wie groß die­se Mit­glied­schaft sein muss, ist durch­aus strit­tig. Man geht, wird der Kör­per­schafts­sta­tus gewünscht, von drei Pro­mil­le der Bevöl­ke­rung in der ent­spre­chen­den staat­li­chen Ein­heit aus, jedoch ist den Evan­ge­lisch-Frei­kirch­li­chen Gemein­den (Bap­tis­ten) in Ber­lin am 13. Mai 2003 der Sta­tus bei viel gerin­ge­rer Mit­glied­schaft ver­lie­hen wor­den, allein abge­stellt auf deren lang­jäh­ri­ges Wir­ken.[73]
Zwei­tens muss die­se Welt­an­schau­ung eine gewis­se Ganz­heit­lich­keit besit­zen, ohne eine Dog­ma­tik oder „Lehr­mei­nung“ haben zu müs­sen.
Die Exis­tenz einer Gemein­schaft muss drit­tens nach­voll­zieh­bar sein, sie muss „leben“. Die Pfle­ge der Welt­an­schau­ung ist dabei der eigent­li­che Grund des Zusam­men­schlus­ses. Dazu gehö­ren auch ritu­el­le Hand­lun­gen, z. B. eine eige­ne Fei­er­kul­tur.
Erst die Bekennt­nis­ar­tig­keit der Grund­über­zeu­gun­gen und ihre Demons­tra­ti­on nach außen gestat­tet nach Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 7 WRV die Gleich­stel­lung mit Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten. Die Welt­an­schau­ung des HVD ist der Huma­nis­mus. Eine Ein­gren­zung die­ser Über­zeu­gung auf „welt­lich“ ist in die­ser Kon­struk­ti­on über­flüs­sig, da Welt­an­schau­ung schon per Defi­ni­ti­on säku­lar und als Pen­dant zu Reli­gi­on gefasst ist. Es müs­sen also ande­re Cha­rak­te­ri­sie­run­gen und prak­ti­sche Prä­zi­sie­run­gen hin­zu­kom­men, um den spe­zi­el­len Huma­nis­mus des HVD zu bele­gen.
Dies ist umso drin­gen­der, als der HVD sich bun­des­weit brei­ter auf­stellt und von sich sagt (hier der HVD Ber­lin bei sei­nem, damals abge­lehn­ten Antrag auf Kör­per­schafts­rech­te 1999), er sei nicht in ers­ter Linie eine mit­glied­schaft­lich ver­fass­te Orga­ni­sa­ti­on, son­dern dar­auf aus­ge­rich­tet, über sei­nen Mit­glie­der­stand hin­aus zu wir­ken.[74]
Drei prä­zi­se­re Nach­wei­se wer­den nötig sein: Ers­tens, wie die­se Welt­an­schau­ung von den Ver­bands­mit­glie­dern tat­säch­lich geäu­ßert und gepflegt wird; zwei­tens, wel­che Ver­bin­dun­gen die­se pfle­gen­de Gemein­schaft mit den Kon­fes­si­ons­frei­en hat, beson­ders denen, die sich huma­nis­tisch gesinnt ver­ste­hen, ohne Mit­glied zu sein; und drit­tens, wie der Huma­nis­mus des HVD mit den sons­ti­gen huma­nis­ti­schen Bestre­bun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen zusam­men­hängt.
Für den HVD erge­ben sich aus die­sen Pro­blem­fel­dern eini­ge grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen, etwa im Zusam­men­hang mit der Aus­wei­tung von sozi­al­kul­tu­rel­len Dienst­leis­tun­gen und den Antrag­stel­lun­gen auf Ertei­lung des Welt­an­schau­ungs­un­ter­richts Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de. Pro­ble­ma­tisch ist, wenn Ver­bän­de im HVD Tei­le der Welt­an­schau­ungs­pfle­ge, z. B. der Fei­er­kul­tur, nicht prak­ti­zie­ren, weil die­se von ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen ange­bo­ten wer­den. Da die Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft HVD bun­des­weit eine sol­che ist, bedarf es einer Kata­lo­gi­sie­rung, wel­che For­men als Aus­druck die­ser Gemein­schaft gel­ten, den gemein­sa­men und umfas­sen­den welt­an­schau­li­chen Kon­sens der Mit­glie­der nach außen zu mani­fes­tie­ren.
Völ­lig aus­ge­blen­det aus den vor­ste­hen­den Erwä­gun­gen wur­de die Fra­ge nach einem mög­li­cher­wei­se wach­sen­den Bedürf­nis kon­fes­si­ons­frei­er Men­schen nach einem offe­nen „kon­fes­sio­nel­len Huma­nis­mus“, wie er dem Kon­zept einer Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft nun ein­mal inne­wohnt. Eine Ant­wort hier­auf kann nur die Geschich­te selbst geben.
Vgl. Ver­wal­tungs­ge­richt der Frei­en Han­se­stadt Bre­men vom 25.2.2010 (Az: 1 K 1209/09). ↑
Vgl. http://www.welt.de/die-welt/politik/article7078811/Privatschulallergie-in-Bremen.html (Zugriff am 9.4.2010). ↑
Vgl. Huma­nis­ti­sches Selbst­ver­ständ­nis. Hrsg. vom Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands (HVD). Ber­lin 2001, S. 2. ↑
Vgl. Horst Gro­schopp: Von den Dis­si­den­ten zu den Reli­gi­ons­frei­en. Zur Kon­zep­ti­on einer Kon­fes­si­ons­frei­en­po­li­tik in Deutsch­land. Erscheint 2010 in: Fest­schrift für Horst Herr­mann, hrsg. von Yvon­ne Boen­ke, Müns­ter 2010. ↑
Vgl. http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Religionszugehoerigkeit_Bevoelkerung__1950-2008.pdf (Zugriff: 17.9.2009). – Hier haben auch die fol­gen­den Anga­ben zu den Kon­fes­si­ons­frei­en ihre Quel­le. ↑
Vgl. https://fowid.de/meldung/atheistenquote-2002 (Zugriff am 21.2.2019). ↑
Mus­li­me kom­men geson­dert erst 1970 in die Sta­tis­ti­ken, wobei meist von den Her­kunfts­län­dern nahe­zu auto­ma­tisch auf deren Islam­gläu­big­keit geschlos­sen wird. ↑
Vgl. Wolf­gang Kaul: Kir­chen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten in der DDR. Eine Doku­men­ta­ti­on. Ros­tock-War­ne­mün­de 1990, S. 4f. ↑
Det­lef Poll­ack u. Olaf Mül­ler: Gren­zen der Plu­ra­li­sie­rung: Wie die Deut­schen über die „neue reli­giö­se Viel­falt“ den­ken (zit. nach einem Vor­ab­druck, S. 5). Erscheint in: Det­lef Poll­ack, Rück­kehr des Reli­giö­sen? Stu­di­en zum reli­giö­sen Wan­del in Deutsch­land und Euro­pa II, Tübin­gen 2009. ↑
Vgl. https://fowid.de/meldung/dreiviertel-aller-berliner-haben-saekulare-lebensauffassung (Zugriff am 21.2.2019). ↑
Juden haben in der deut­schen Gesell­schaft einen Son­der­sta­tus, der eine Reak­ti­on auf den „Holo­caust“ ist. Das ist all­ge­mein akzep­tiert. – Inwie­fern jüdi­sches Volk und jüdi­sche Reli­gi­on neu zu den­ken wären vgl. Shlo­mo Sand: Die Erfin­dung des jüdi­schen Vol­kes. Isra­els Grün­dungs­my­thos auf dem Prüf­stand. Ber­lin 2010. ↑
Vgl. das Gan­ze aus­führ­li­cher bei Horst Gro­schopp: Dis­si­den­ten. Frei­den­ke­rei und Kul­tur in Deutsch­land. Ber­lin 1997. ↑
So weit heu­te der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands in eini­gen Bun­des­län­dern dar­auf zurück­geht, besitzt er auch Kör­per­schafts­rech­te. ↑
Vgl. Jochen-Chris­toph Kai­ser: Arbei­ter­be­we­gung und orga­ni­sier­te Reli­gi­ons­kri­tik. Pro­le­ta­ri­sche Frei­den­ker­ver­bän­de in Kai­ser­reich und Wei­ma­rer Repu­blik. Stutt­gart 1981. ↑
Auch die nach 1887 in eini­gen deut­schen Groß­städ­ten ent­ste­hen­den „Huma­nis­ten­ge­mein­den“ (ab 1892) der Deut­schen Gesell­schaft für ethi­sche Kul­tur boten eige­ne Gesel­lig­kei­ten und Ritua­le. – Vgl. Rudolph Pen­zig: Ohne Kir­che. Eine Lebens­füh­rung auf eige­nem Wege. M. e. Geleitw. von Wil­helm Böl­sche. Jena 1907. – Ders.: Lai­en-Pre­dig­ten von neu­em Men­schent­hum. Sonn­tags­vor­trä­ge, geh. in der huma­nis­ti­schen Gemein­de zu Ber­lin. Ber­lin-Schlach­ten­see 1906–1912 (10 Hef­te). ↑
Vgl. Pro­gramm der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (Erfur­ter Pro­gramm). In: Revo­lu­tio­nä­re deut­sche Par­tei­pro­gram­me, hrsg. u. ein­gel. von Lothar Bert­hold und Ernst Diehl, Ber­lin 1967, S. 85: „Abschaf­fung aller Auf­wen­dun­gen aus öffent­li­chen Mit­teln zu kirch­li­chen und reli­giö­sen Zwe­cken. … Welt­lich­keit der Schu­le.“ ↑
Vgl. Gro­schopp: Dis­si­den­ten, S.181ff. – Frank Simon-Ritz: Die Orga­ni­sa­ti­on einer Welt­an­schau­ung. Die frei­geis­ti­ge Bewe­gung im Wil­hel­mi­ni­schen Deutsch­land. Güters­loh 1997, S. 198ff. ↑
Vgl. Hein­rich Peus: Reli­gi­on und Sozi­al­de­mo­kra­tie. Des­sau 1894. – Ders.: Kul­tur­schäd­lich­keit von Kon­fes­si­on und Kir­che. Leip­zig 1914. – Ders.: Das Volks­haus wie es sein soll­te. Ber­lin o.J. (1913). ↑
Vgl. hier grund­sätz­lich bei Lud­wig Rich­ter: Kir­che und Schu­le in den Bera­tun­gen der Wei­ma­rer Natio­nal­ver­samm­lung. Düs­sel­dorf 1996. – Spe­zi­ell zur Rol­le des Preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums in der Revo­lu­ti­ons­zeit vgl. „Los von der Kir­che!“ Adolph Hoff­mann und die Staat-Kir­che-Tren­nung in Deutsch­land. Hrsg. von Horst Gro­schopp. Aschaf­fen­burg 2009. ↑
Tabel­len hier­zu fin­den sich bei Horst Gro­schopp: Von den „Dis­si­den­ten“ zur „drit­ten Kon­fes­si­on“. In: Umwor­be­ne „drit­te Kon­fes­si­on“, Befun­de über die Kon­fes­si­ons­frei­en in Deutsch­land, hrsg. i. A. der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie, Ber­lin 2006, S. 7ff (= huma­nis­mus aktu­ell, Hef­te für Kul­tur und Welt­an­schau­ung, H. 18; im Fol­gen­den ha). ↑
Einer­seits stie­ßen Sta­tis­ti­ker früh auf das Pro­blem der schwie­ri­gen Erfas­sung der Dis­si­den­ten und nann­ten sie 1914 und 1947 „Bekennt­nis­lo­se“. Die­ser Begriff litt aber unter der Kon­no­ta­ti­on „gesin­nungs­los“. Ander­seits lau­te­te die offi­zi­el­le Anre­de in vie­len frei­geis­ti­gen und frei­re­li­giö­sen Ver­ei­ni­gun­gen „Gesin­nungs­freund“, um die Gleich­heit des Bekennt­nis­ses aus­zu­drü­cken. ↑
1947 waren 4,3 Pro­zent der auf 46 Mil­lio­nen gesun­ke­nen „Stamm­be­völ­ke­rung“ bekennt­nis­los (zwei Mil­lio­nen). ↑
Es waren z. B. die Arbei­ter­par­tei­en und die Gewerk­schaf­ten, die wie ande­re Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen, Jugend­wei­hen aus­rich­te­ten, weni­ger die Frei­den­k­er­ge­mein­den, die eher die Orga­ni­sa­to­ren stell­ten und das Pro­gramm kon­zi­pier­ten. ↑
Vgl. Hart­mann Wun­de­rer: Frei­den­ker­tum und Arbei­ter­be­we­gung. In: Inter­na­tio­na­le Wis­sen­schaft­li­che Kor­re­spon­denz zur Geschich­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung, Ber­lin 1980, 16. Jg., H. 1, S. 14ff. – Ders.: Arbei­ter­ver­ei­ne und Arbei­ter­par­tei­en. Kul­tur- und Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen in der Arbei­ter­be­we­gung (1890–1933). Frank­furt a.M. u. New York 1980. ↑
Vgl. Fried­rich Maa­se: Welt­an­schau­ungs­or­ga­ni­sa­tio­nen als Kör­per­schaf­ten öffent­li­chen Rechts. In: Auf­bau, Erzie­hungs­wis­sen­schaft­li­che Zeit­schrift, hrsg. vom Bund der Frei­en Schul­ge­sell­schaf­ten, Ber­lin 1930, 3. Jg., H. 11, S. 334ff, Nach­dr. in: Das gute Recht der Frei­geis­ter, Ber­lin 2001, S. 37ff (= ha, H. 19). ↑
Erlaß Nr. V / 599–30. ↑
Vgl. Frei­den­ke­ri­sches Erbe. Hrsg. von Horst Gro­schopp i. A. der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie. Ber­lin 2006 (= ha, H. 19). – Ulrich Nan­ko: Die Deut­sche Glau­bens­be­we­gung. Eine his­to­ri­sche und sozio­lo­gi­sche Unter­su­chung. Mar­burg 1993. ↑
Vgl. Horst Herr­mann: Die Cari­tas-Legen­de. Wie die Kir­chen die Nächs­ten­lie­be ver­mark­ten. Ham­burg 1993, S. 287. ↑
Vgl. Ger­hard Anschütz: Die Ver­fas­sung des Deut­schen Rei­ches vom 11.8.1919. Bad Hom­burg 1960 (zuerst 1921), S. 649. ↑
Chris­ti­ne Mer­tes­dorf: Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten. Eine ver­fas­sungs­recht­li­che Betrach­tung mit Dar­stel­lung ein­zel­ner Gemein­schaf­ten. Frank­furt a.M. 2008, S. 129. ↑
Mer­tes­dorf: Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten, S. 243. ↑
Vgl. Hel­mut Gün­ter Mei­er: „Welt­an­schau­ung“. Stu­di­en zu einer Geschich­te und Theo­rie des Begriffs. Inaug.-Diss., Müns­ter 1967. – Wer­ner Betz: Zur Geschich­te des Wor­tes „Welt­an­schau­ung“. In: Kurs­buch der Welt­an­schau­un­gen, Schrif­ten der Carl Fried­rich von Sie­mens Stif­tung, hrsg. von Anton Persl u. Armin Moh­ler, Bd. 4, Frank­furt a.M., Ber­lin u. Wien 1981, S. 18ff. – Zur Wort­ge­schich­te vgl. auch Deut­sches Wör­ter­buch von Jacob u. Wil­helm Grimm. Vier­zehn­ter Bd., I. Abtei­lung, 1. Teil, bearb. von Alfred Göt­ze … Leip­zig 1955, Sp. 1530–1538. – Gro­schopp: Dis­si­den­ten, S. 42ff. ↑
Vgl. Ger­hard W. Brück: Von der Uto­pie zur Welt­an­schau­ung. Zur Geschich­te und Wir­kung der sozia­len Ide­en in Euro­pa. Köln 1989. ↑
Mei­er: „Welt­an­schau­ung“ ver­weist hier­zu S. 47 auf Wil­helm Heben­streit: Wis­sen­schaft­lich-lite­ra­ri­sche Ency­klo­pä­die der Aes­the­tik. Ein ety­mo­lo­gisch-kri­ti­sches Wör­ter­buch der ästhe­ti­schen Kunst­spra­che. Wien 1843. ↑
Vgl. Fried­rich Schlei­er­ma­cher: Über die Reli­gi­on. Reden an die Gebil­de­ten unter ihren Ver­äch­tern. Zum Hun­dert­jahr-Gedächt­niß ihres ers­ten Erschei­nens … Göt­tin­gen 1899. – Ders.: Über den Beruf des Staa­tes zur Erzie­hung. In: Päd­ago­gi­sche Schrif­ten, hrsg. von Erich Weni­ger, 2. Bd., Düs­sel­dorf u. Mün­chen 1957, S. 153–169. ↑
Vgl. Mei­er: „Welt­an­schau­ung“, S. 50. ↑
Fritz Mauth­ner: Wör­ter­buch der Phi­lo­so­phie. Neue Bei­trä­ge zu einer Kri­tik der Spra­che. 2., verm. Aufl., Drit­ter Bd., Leip­zig 1924, S. 430. ↑
Vgl. Albert Kalt­hoff: Die Reli­gi­on der Moder­nen. Jena u. Leip­zig 1905, S. 79. ↑
Vgl. Auf­ruf des Rats der Volks­be­auf­trag­ten an das deut­sche Volk vom 12. Novem­ber 1918: „5. Die Frei­heit der Reli­gi­ons­aus­übung wird gewähr­leis­tet. Nie­mand darf zu einer reli­giö­sen Hand­lung gezwun­gen wer­den.“ Zit. nach Ernst Rudolf Huber u. Wolf­gang Huber: Staat und Kir­che im 19. und 20. Jahr­hun­dert. Doku­men­te zur Geschich­te des deut­schen Staats­kir­chen­rechts. Bd. IV: Staat und Kir­che im 19. und 20. Jahr­hun­dert. Ber­lin 1988, S. 2. ↑
Ein­ga­be des Wei­ma­rer Kar­tells an die deut­sche Reichs­re­gie­rung und die preus­si­sche Regie­rung. In: Monis­ti­sches Jahr­hun­dert, Leip­zig 1918, 3. Jg., H. 12, S. 182f. – Das Schrei­ben ist unter­zeich­net von Hein­rich Röss­ler, Max Hen­ning, Ernst Hoch­sta­ed­ter, Hein­rich Peus, Rudolph Pen­zig, Max Tschirn und Hele­ne Stö­cker. – Zu den Per­so­nen vgl. Gro­schopp: Dis­si­den­ten. ↑
Anschütz: Die Ver­fas­sung, S. 650. ↑
Vgl. Rich­ter: Kir­che und Schu­le, S. 348, bes. Fn. 333. – Beschlos­sen wur­de auch: „Es besteht kei­ne Staats­kir­che“. ↑
Simon Kat­zen­stein. In: Ver­hand­lung über die Glau­bens­frei­heit im Ver­fas­sungs­aus­schuß der Wei­ma­rer Natio­nal­ver­samm­lung am 1. bis 3. April 1919. In: Huber u. Huber, Bd. IV, S. 125. ↑
Vgl. Simon Kat­zen­stein: Wofür kämp­fen wir? Ber­lin 1911. – Vgl. Wolf­gang R. Krab­be: Gesell­schafts­ver­än­de­rung durch Lebens­re­form. Struk­tur­merk­ma­le einer sozi­al­re­for­me­ri­schen Bewe­gung im Deutsch­land der Indus­tria­li­sie­rungs­pe­ri­ode. Göt­tin­gen 1974. – Hart­mann Wun­de­rer: Die Frei­den­ker. In: Die Arbei­ter, Lebens­for­men, All­tag und Kul­tur von der Früh­in­dus­tria­li­sie­rung bis zum „Wirt­schafts­wun­der“, hrsg. v. Wolf­gang Rup­pert, Mün­chen 1986, S. 335ff. ↑
Vgl. Rich­ter: Kir­che und Schu­le, S. 540 u. Fn. 249–251. ↑
Vgl. „Kein Jen­seits ist, kein Aufersteh’n“. Frei­re­li­giö­se in der Ber­li­ner Kul­tur­ge­schich­te. Begleit­buch zur gleich­na­mi­gen Aus­stel­lung im Prenz­lau­er Berg Muse­um Ber­lin vom 7. Juli 1998 bis 31. Janu­ar 1999. Ber­lin 1998. – Adolf Harndt: 75 Jah­re, Geschich­te der Frei­re­li­giö­sen Gemein­de Ber­lin 1845–1920, Ber­lin 1920, S. 32, 101–115. ↑
Vgl. Gott­hold Krapp: Die Kämp­fe um pro­le­ta­ri­schen Jugend­un­ter­richt und pro­le­ta­ri­sche Jugend­wei­hen am Ende des 19. Jahr­hun­derts. Ein Bei­trag zu den Anfän­gen der sozia­lis­ti­schen Erzie­hung der Arbei­ter­kin­der in der zwei­ten Haupt­pe­ri­ode der Geschich­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung. In: Monu­men­ta Paedago­gi­ca, Band XVII, Ber­lin 1977, S. 109. – Fritz Kun­ert: Zur Erin­ne­rung an die Fei­er der Jugend-Auf­nah­me in der Frei­re­li­giö­sen Gemein­de zu Ber­lin. Gewid­met v. Fritz Kun­ert, Ber­lin 1870. ↑
Vgl. Adolph Hoff­mann: Hae­nischs Gang nach Canos­sa (1919). In: „Los von der Kir­che!“, S. 139. ↑
All­ge­mein zugäng­li­che Lexi­ka ver­ste­hen unter „Pfle­ge“ die Sor­ge um gesund­heit­lich der Hil­fe bedürf­ti­ge Men­schen in sozi­al­me­di­zi­ni­schen Din­gen, so weit die­se das krank­heits­be­ding­te Man­ko betref­fen. Die Pfle­ge steht also zwi­schen medi­zi­ni­schen Hand­lun­gen und sozi­al­ar­bei­te­ri­schen Akti­vi­tä­ten und tan­giert Ver­si­che­rungs­fra­gen. Sie erstreckt sich bis in recht­li­che Betreu­ungs­auf­ga­ben, wofür sich seit dem Mit­tel­al­ter die Tätig­keit des Pfle­gers als (eines zunächst fürst­li­chen, spä­ter) staat­li­chen Beam­ten aus­bil­det. Es hat sich, Mit­te des 19, Jahr­hun­derts begin­nend, ein wei­tes Feld der Gesund­heits- und Kran­ken­pfle­ge ent­wi­ckelt, die von einer Pfle­ge­wis­sen­schaft und umfäng­li­chen sozi­al- und gesund­heits­recht­li­chen Fest­le­gun­gen, ein­ge­schlos­sen das Gebiet der Pfleg­schaft beglei­tet wird. Der prag­ma­tisch enge­re und neue­re Pfle­ge­be­griff kommt aktu­ell in Debat­ten um Pfle­ge­ver­si­che­rung, Pfle­ge­diens­te und bei der Dis­kus­si­on über Pfle­ge­not­stän­de zum Ein­satz. Hier ist der Pfle­ge­be­griff fast gänz­lich auf den der Für­sor­ge in den Berei­chen Gesund­heit und Sozia­les redu­ziert. ↑
Hier wird Bezug genom­men auf die For­mu­lie­run­gen in Art. 4 Abs. 2 GG und Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 WRV. ↑
Seit dem Beginn von Dissidenten‑, spä­ter Kon­fes­si­ons­frei­en­be­we­gun­gen beschäf­tigt die Akteu­re die­se Fra­ge. Die his­to­ri­schen Vor­schlä­ge lau­te­ten: „welt­li­cher Pfar­rer“ (Paul Natorp); „welt­li­cher Kle­rus“ (Fer­di­nand Tön­nies); „Pries­ter der Frei­heit“, „zivi­ler Leh­rer und geis­ti­ger Seel­sor­ger“ (August Horn­ef­fer); „ethisch-ästhe­ti­scher Pre­di­ger“ (Rudolph Pen­zig); „welt­li­cher Seel­sor­ger“ (Wil­helm Bör­ner). – In der aktu­el­len HVD-Debat­te: „huma­nis­ti­scher Bera­ter“ (nach hol­län­di­schem Vor­bild) bzw. „huma­nis­ti­sche Sol­da­ten­be­ra­tung“ als Pen­dant zur „Mili­tär­seel­sor­ge“. ↑
Der HVD hat beson­ders in Ber­lin eine Rei­he sozia­ler Pro­jek­te, dar­un­ter vier Hos­pi­ze, einen Mobi­li­täts­hil­fe­dienst, Betreu­tes Woh­nen usw. ↑
Vgl. Man­fred Abe­lein: Die Kul­tur­po­li­tik des Deut­schen Rei­ches und der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Ihre ver­fas­sungs­ge­schicht­li­che Ent­wick­lung und ihre ver­fas­sungs­recht­li­chen Pro­ble­me. Köln 1968. – Das Begriffs­paar „Kunst und Kul­tur­pfle­ge“ ist bis heu­te in eini­gen Bun­des­län­dern üblich. ↑
Vgl. Georg Obrecht: Fünff Under­schied­li­che Secre­ta Poli­ti­ca von Anstel­lung, Erhal­tung und Ver­meh­rung guter Poli­cey und von bil­li­cher recht­mäs­si­ger und nothwen­di­ger Erhö­hung eines jeden Regen­ten. Allen Hohen und Nidern Obrig­kei­ten beson­ders deß Hei­li­gen Römi­schen Reichs Stän­den in die­sen letz­ten und hoch­betrang­ten Zei­ten zum bes­ten Hie­be­vor gestel­let. Mit einer Ein­lei­tung hrsg. von Bertram Sche­fold (Straß­burg 1644). Hil­des­heim 2003 (Reprint). ↑
Vgl. Veit Lud­wig von Secken­dorff: Teut­scher Fürs­ten-Stat, oder Gründ­li­che und kurtze Beschrei­bung, wel­cher gestalt Fürs­t­ent­hü­mer, Graff- und Herr­schaff­ten im H. Römi­schen Reich teut­scher Nati­on … beschaf­fen zu seyn, regie­ret … zu wer­den pfle­gen. … (1656). Glas­hüt­ten i. Ts. 1976 (Reprint). – Das Buch (8. Aufl. 1754) beschreibt, wie die deut­schen Fürs­ten ihren Staat bestel­len, die Wohl­fahrt der Stän­de als Prin­zip set­zen und ihre Kam­mer- und Hof­sa­chen pfle­gen und Steu­ern ein­füh­ren sol­len. ↑
Vgl. Hans Mai­er: Die älte­re deut­sche Staats- und Ver­wal­tungs­leh­re. Mün­chen 1980. ↑
Medi­cus: Kul­tur­po­li­zei. In: Deut­sches Staats-Wör­ter­buch, in Ver­bin­dung mit deut­schen Gelehr­ten hrsg. von [Johan Cas­par] Blunt­schli u. [Karl Lud­wig Theo­dor] Bra­ter, Bd. 6, Stutt­gart u. Leip­zig 1861, S. 157. ↑
Die Unter­drü­ckungs­ver­su­che der Arbei­ter­be­we­gung gesche­hen z. B. mit der Begrün­dung, das sei­en Auf­rei­zun­gen zur Unsitt­lich­keit. ↑
Den Anlass für kon­ser­va­ti­ves Vor­ge­hen gegen jour­na­lis­ti­sche, reli­giö­se und künst­le­ri­sche Frei­hei­ten im Kunst­be­trieb lie­fer­ten im Herbst 1891 so genann­te Ent­hül­lun­gen über die unsitt­li­chen Ber­li­ner Zustän­de anläss­lich eines Mord­pro­zes­ses gegen den ange­klag­ten Zuhäl­ter Hein­ze und sei­ne Frau, eine Pro­sti­tu­ier­te. Das Gesetz geis­ter­te zwan­zig Jah­re durch die Par­la­men­te und zei­tig­te 1912 Erfolg in der Ber­li­ner Zen­tral­po­li­zei­stel­le zur Bekämp­fung unzüch­ti­ger Bil­der, Schrif­ten und Inse­ra­te. ↑
Vgl. Die preu­ßi­schen Minis­ter­er­las­se betr. Jugend­pfle­ge vom 18. Janu­ar 1911 und vom 30. April 1913. In: Hand­buch für Jugend­pfle­ge, hrsg. von der Deut­schen Zen­tra­le für Jugend­für­sor­ge, Schrift­lei­tung Frie­da Duen­sing, Lan­gen­sal­za 1913, S. 853ff. – Her­mann Gies­ecke: Vom Wan­der­vo­gel bis zur Hit­ler­ju­gend. Jugend­ar­beit zwi­schen Poli­tik und Päd­ago­gik. Mün­chen 1981, S. 60 ↑
Bis heu­te begrün­det sich die Kul­tur­pfle­ge auch als Teil der Rechts­pfle­ge (typisch: Anti-Gewalt-Pro­jek­te). ↑
Selbst­ver­ständ­lich gibt es christ­li­che Phi­lo­so­phi­en, Theo­lo­gi­en des Chris­ten­tums, Kir­chen­so­zio­lo­gie und dergl., das Chris­ten­tum ist aber eine Reli­gi­on, wie der Huma­nis­mus eine Welt­an­schau­ung ist, der Ver­gleich­ba­res bean­sprucht und hat. ↑
Vgl. Chris­ti­an Wal­ter: Reli­gi­ons­ver­fas­sungs­recht in ver­glei­chen­der und inter­na­tio­na­ler Per­spek­ti­ve. Tübin­gen 2006, S. 240f. ↑
Vgl. Rich­ter: Kir­che und Schu­le, S. 345, Fn. 318. ↑
Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Ers­ter Band. Hrsg. von Joseph Listl u. Diet­rich Pir­son. 2. Aufl., Ber­lin 1994, S. 226. ↑
Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, S. 235. ↑
Vgl. Rich­ter: Kir­che und Schu­le, S. 423. ↑
Zu nen­nen wären hier so ver­schie­de­ne Orga­ni­sa­tio­nen wie Green­peace, Amnes­ty Inter­na­tio­nal und Inter­na­tio­na­ler Bund der Kon­fes­si­ons­lo­sen und Athe­is­ten. ↑
Vgl. http://www.berlin.de/landespressestelle/archiv/2003/05/13/12531/ (Zugriff am 3.5.2010). ↑
Vgl. Staat­li­che För­de­rung einer Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft. VG Ber­lin, Urteil vom 3.6.1999 (27 A 58.08) u. Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft. Aner­ken­nung als Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts. VG Ber­lin, Urteil vom 3.6.1999 (27 A 179.98). In: Ent­schei­dun­gen in Kir­chen­sa­chen. Ber­lin 2001, S. 151ff u. 163ff. ↑
Quel­le: Horst Gro­schopp: Kon­fes­si­ons­freie und Welt­an­schau­ungs­pfle­ge. In: Ders. (Hrsg.): Kon­fes­si­ons­freie und Grund­ge­setz. Aschaf­fen­burg: Ali­bri Ver­lag 2010, S. 143–167 (Schrif­ten­rei­he der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Deutsch­land, Bd. 3).
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