Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/43d3980acb68d3259b1daa55c31e6baa66b45e3c9d6268af377cf6486c2434c1
Timestamp: 2018-05-20 10:13:20+00:00

Document:
BGH, VIII ZR 117/12: Leitsatzentscheidung
Urteil des BGH vom 19.12.2012, VIII ZR 117/12
Fahrzeug, Kaufvertrag, Anwaltskosten, Rückgabe, Sachmangel, Anschlussberufung, Kaufpreis, Rückabwicklung, Gewährleistung, Rücknahme
VIII ZR 117/12 Verkündet am: 19. Dezember 2012 Ermel, Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
BGH, Urteil vom 19. Dezember 2012 - VIII ZR 117/12 - OLG Frankfurt in Kassel LG Marburg
vom 14. November 2012 durch den Vorsitzenden Richter Ball, die Richterinnen
Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil des 15. Zivilsenats in
Kassel des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main vom 21. März
2012 - unter Zurückweisung des weitergehenden Rechtsmittels -
im Kostenpunkt und insoweit aufgehoben, als hinsichtlich des Begehrens der Klägerin, an sie 19.241,26 € nebst Zinsen Zug-um-
Zug gegen Rückgewähr des Fahrzeugs Audi A 6 mit der Fahrgestellnummer W. sowie vorgerichtliche Kosten
in Höhe von 859,80 € nebst Zinsen zu zahlen, zu ihrem Nachteil
Insoweit wird die Berufung des Beklagten gegen das Urteil der
7. Zivilkammer des Landgerichts Marburg vom 18. Oktober 2010
2Der Beklagte hatte dieses Fahrzeug selbst im Mai 2003 von einem Autohaus gebraucht erworben und im Dezember 2003 damit einen Unfall erlitten, als
beim Rückwärtsfahren aus einer Parklücke der Unfallgegner seine Fahrzeugtür
öffnete. Der entstandene Streifschaden an der hinteren rechten Tür und an der
Seitenwand belief sich einem eingeholten Gutachten zufolge auf 2.919,12 €.
Der Beklagte ließ das Fahrzeug anschließend für 819,89 € - nicht fachgerecht -
3Im Juli 2004 verkaufte die Klägerin dem Beklagten einen VW Passat und
nahm den Audi A 6 zum Preis von 19.000 € in Zahlung. Dabei wurde im Ankaufsschein unter der vorgedruckten Rubrik "Das Fahrzeug hat keine/folgende
Unfallschäden erlitten" das Wort "keine" eingekreist und unterstrichen.
4Die Klägerin veräußerte den Audi A 6 am 8. März 2005 für 19.500 € als
"laut Vorbesitzer unfallfrei" an den Kunden D. . Kurze Zeit nach der Übergabe verlangte dieser wegen verschiedener Mängel Rückabwicklung des Kaufvertrages. Im nachfolgenden Prozess stellte der gerichtlich beauftragte Sachverständige fest, dass an dem Fahrzeug neben einem Schaden an der Seitenwand hinten rechts auch ein schwerer Heckschaden repariert worden war. Die
Klägerin unterlag in dem vom Käufer D. gegen sie geführten Prozess und
nahm das Fahrzeug gegen Zahlung von 19.421,56 € nebst Zinsen in Höhe von
5.372,60 € zurück.
5 Die Klägerin, eine Autohändlerin, begehrt Schadensersatz wegen verschiedener Mängel eines vom Beklagten angekauften gebrauchten Audi A 6.
Die Klägerin hat Zug-um-Zug gegen Rückgabe des Fahrzeugs Zahlung
von 30.665,45 € (Erstattung des an den Käufer D. auf den Kaufpreis zu-
rückgezahlten Betrages von 19.241,56 € nebst Zinsen und Prozesskosten)
nebst Zinsen begehrt, ferner Ersatz vorgerichtlicher Anwaltskosten in Höhe von
1.099 € sowie weiterer Kosten des Vorprozesses in Höhe von 10.441,30 €,
ebenfalls jeweils nebst Zinsen.
6Das Landgericht hat der Klage stattgegeben. In der Berufungsinstanz hat
die Klägerin im Wege der Anschlussberufung zusätzlich die Feststellung begehrt, dass sich der Beklagte mit der Rücknahme des Fahrzeugs in Annahmeverzug befinde. Das Oberlandesgericht hat das Urteil des Landgerichts abgeändert, die Klage abgewiesen und die Anschlussberufung zurückgewiesen.
Hiergegen richtet sich die vom Senat zugelassene Revision der Klägerin, mit
der sie die Wiederherstellung des erstinstanzlichen Urteils sowie die Feststellung des Annahmeverzugs begehrt.
7Die Revision hat zum Teil Erfolg.
8Das Berufungsgericht hat zur Begründung seiner Entscheidung, soweit
9Zutreffend habe das Landgericht angenommen, dass das Fahrzeug im
Hinblick auf den in der Besitzzeit des Beklagten erlittenen Unfallschaden an der
Fahrzeugseite nicht die Beschaffenheit aufgewiesen habe, die bei Sachen der
gleichen Art üblich sei und die der Käufer erwarten könne. Es habe sich auch
nicht um einen bloßen Bagatellschaden in Form äußerer geringfügiger Lackschäden gehandelt, sondern um einen darüber hinausgehenden Schaden,
dessen ordnungsgemäße Instandsetzung einen erheblichen Reparaturaufwand
in Höhe von 2.919,12 € erfordert hätte. Gewährleistungsansprüche der Klägerin
wegen dieses Sachmangels seien auch nicht wegen Kenntnis der Klägerin
(§ 442 Abs. 1 Satz 1 BGB) ausgeschlossen. In der Beweisaufnahme habe nicht
geklärt werden können, ob der Beklagte die Klägerin auf den Unfallschaden an
der Fahrzeugseite hingewiesen habe.
10Ansprüchen der Klägerin wegen des Unfallschadens stehe jedoch der
zwischen den Parteien stillschweigend vereinbarte Haftungsausschluss entgegen, der den besonderen Umständen des zwischen den Parteien abgeschlossenen Geschäfts - des Verkaufs eines Pkw durch einen Händler unter Inzahlungnahme eines anderen Fahrzeugs - zu entnehmen sei. Der Kaufvertrag über
den Audi A 6 wäre nicht geschlossen worden, wenn der Beklagte nicht den VW
Passat von der Klägerin erworben hätte. Für beide Parteien ersichtlich habe der
Kaufvertrag über den VW Passat nur bei endgültiger Veräußerung des bisherigen Fahrzeugs des Beklagten Bestand haben sollen. Vor diesem Hintergrund
verstoße die Annahme, die Parteien hätten die Sachmängelgewährleistung für
den Audi A 6 nicht ausschließen wollen, gegen die Interessen des Beklagten.
Die Klägerin habe nicht erwarten können, dass das Fahrzeug als Gebrauchtfahrzeug im Alter von vier Jahren mit einer Laufleistung von 160.000 Kilometern
in jeder Hinsicht mangelfrei sei. Vielmehr habe es nahe gelegen, dass das
Fahrzeug einzelne Mängel aufweisen könne, die aber, wenn sie bekannt gewesen wären, dem Abschluss der beiden Kaufverträge nicht entgegengestanden
hätten. Es sei anzunehmen, dass die Klägerin bereit gewesen sei, auf die
Sachmängelgewährleistung zu verzichten, und die Parteien deshalb einen stillschweigenden Gewährleistungsausschluss vereinbart hätten. Dies gelte umso
mehr, als die Klägerin ohne weiteres in der Lage gewesen wäre, das zu erwerbende Fahrzeug auf das Vorliegen von Mängeln zu untersuchen. Wenn sie da-
von abgesehen habe, könne sie sich redlicherweise nicht darauf berufen, dass
der Beklagte für sämtliche bei Übergabe vorhandenen Mängel hafte.
11Für die Folgeschäden aus dem Prozess mit dem Käufer D. müsse
der Beklagte im Übrigen schon deshalb nicht einstehen, weil diese darauf beruhten, dass die Klägerin das Fahrzeug ohne eigene Untersuchung weiterverkauft und die gebotene Untersuchung nicht einmal im Zeitpunkt der vom Käufer
D. erhobenen Mängelrügen nachgeholt habe. Zumindest in jenem Zeitpunkt hätte sie das Fahrzeug in ihrer eigenen Werkstatt eingehend untersuchen
müssen, wobei die Unfallschäden erkannt worden wären. Durch eine Rückabwicklung des Kaufvertrags mit dem Käufer D. hätte die Klägerin den aussichtslosen Prozess vermeiden können.
12Die Anschlussberufung sei unbegründet, weil der Anspruch der Klägerin
nicht bestehe und der Beklagte deshalb mit der Rücknahme des Fahrzeugs
nicht in Annahmeverzug geraten sei. Darüber hinaus stehe einem Annahmeverzug des Beklagten entgegen, dass die Klägerin die Rückgabe des Fahrzeugs entgegen § 294 BGB nur gegen eine weit überhöhte Zug-um-Zug-
Leistung angeboten habe.
13Diese Beurteilung hält rechtlicher Nachprüfung nicht in allen Punkten
stand. Mit der vom Berufungsgericht gegebenen Begründung kann ein Anspruch der Klägerin auf Schadensersatz statt der Leistung (§ 437 Nr. 3, § 311a
Abs. 2 BGB) insoweit nicht verneint werden, als die Klägerin Rückerstattung
des an den Käufer D. in Höhe von 19.241,56 € zurückgezahlten Kaufpreises nebst Zinsen und Ersatz der darauf entfallenden vorgerichtlichen Kosten (859,80 €) begehrt. Denn das Fahrzeug war im Hinblick auf den in der Besitzzeit des Beklagten erlittenen Unfallschaden (Streifschaden) mit einem an-
fänglichen unbehebbaren Sachmangel behaftet und die Parteien haben die
Gewährleistung hierfür - entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts - nicht
durch einen (stillschweigenden) Haftungsausschluss abbedungen. Zu Recht hat
das Berufungsgericht hingegen angenommen, dass dem Beklagten die Folgeschäden nicht mehr zugerechnet werden können, die erst dadurch entstanden
sind, dass die Klägerin dem offensichtlich berechtigten Rückabwicklungsbegehren des Käufers D. nicht alsbald nachgekommen ist. Ebenfalls zu Recht
hat das Berufungsgericht einen Annahmeverzug des Beklagten mit der Begründung verneint, dass die Klägerin die Rückgabe des Fahrzeugs nur gegen eine
weit überhöhte Schadensersatzforderung und deshalb nicht wie geschuldet
(§ 294 BGB) angeboten hat.
141. Das der Klägerin verkaufte Fahrzeug war mit einem Sachmangel behaftet, weil es bei Gefahrübergang nicht die vereinbarte Beschaffenheit aufwies
(§ 434 Abs. 1 Satz 1 BGB). Denn die Parteien haben im Kaufvertrag eine Beschaffenheitsvereinbarung über die Unfallfreiheit des Fahrzeugs getroffen, indem sie im Ankaufsformular ausdrücklich festgehalten haben, dass das Fahrzeug keine Unfallschäden erlitten habe. Wie das Berufungsgericht im Ausgangspunkt zutreffend angenommen hat, geht der in der Besitzzeit des Beklagten entstandene Streifschaden an der rechten Fahrzeugseite über einen bloßen
Bagatellschaden hinaus, so dass das Fahrzeug als Unfallwagen anzusehen ist
und somit ungeachtet der erfolgten Reparatur einen nicht behebbaren Sachmangel aufweist.
152. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts ist die Haftung des
Beklagten für die fehlende Unfallfreiheit nicht durch einen (stillschweigenden)
Gewährleistungsausschluss ausgeschlossen. Ein Ausschluss der Gewährleistung für etwaige Unfallschäden kommt hier schon deshalb nicht in Betracht, weil
die Parteien, wie oben ausgeführt, im Kaufvertrag eine Beschaffenheitsverein-
barung über die Unfallfreiheit des Fahrzeugs getroffen haben. Nach der Rechtsprechung des Senats (Senatsurteil vom 29. November 2006 - VIII ZR 92/06,
BGHZ 170, 86 Rn. 30 f.) kann im Falle einer vertraglichen Beschaffenheitsvereinbarung selbst ein daneben ausdrücklich vereinbarter Gewährleistungsausschluss nur dahin ausgelegt werden, dass er nicht für das Fehlen der vereinbarten Beschaffenheit, sondern nur für solche Mängel gelten soll, die darin bestehen, dass die Sache sich nicht für die nach dem Vertrag vorausgesetzte Verwendung eignet (§ 434 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 BGB) beziehungsweise sich nicht für
die gewöhnliche Verwendung eignet und keine Beschaffenheit aufweist, die bei
Sachen der gleichen Art üblich ist und die der Käufer nach der Art der Sache
erwarten kann (§ 434 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BGB). Für einen stillschweigenden
Gewährleistungsausschluss kann nichts anderes gelten.
163. Das Berufungsgericht hat die Klage hingegen zu Recht abgewiesen,
soweit die Klägerin Erstattung der Kosten des Vorprozesses sowie der an den
Käufer D. gezahlten Zinsen begehrt. Diese Schäden hat das Berufungsgericht zu Recht als nicht ersatzfähig angesehen, denn sie beruhen darauf,
dass die Klägerin sich auf einen erkennbar aussichtslosen Prozess mit dem
Käufer D. eingelassen hat, und können dem Beklagten deshalb nicht
mehr zugerechnet werden. Dem Berufungsgericht ist darin beizupflichten, dass
in Anbetracht der vom Käufer D. erhobenen Beanstandungen eine eingehende Untersuchung durch einen Fachmann unerlässlich war, so dass die Klägerin angesichts der bei einer solchen Untersuchung ohne weiteres erkennbaren Unfallschäden der vom Käufer D. begehrten Rückabwicklung des
Kaufvertrages unverzüglich hätte zustimmen müssen. Auch die zusätzlichen
Kosten, die der Klägerin durch die außergerichtliche Geltendmachung der vorgenannten (unberechtigten) Ansprüche gegenüber dem Beklagten entstanden
sind, sind nicht ersatzfähig.
17Ohne Erfolg bleibt die von der Revision erhobene Verfahrensrüge, das
Berufungsgericht habe das Vorbringen der Klägerin zur Untersuchung des
Fahrzeugs anlässlich der vom Käufer D. erhobenen Rügen übergangen,
denn dieses Vorbringen ist angesichts der Feststellung des Berufungsgerichts,
dass die Unfallschäden bei der gebotenen Werkstattuntersuchung ohne weiteres zu erkennen waren, nicht erheblich. Auch mit der weiteren Rüge, das Berufungsgericht hätte gemäß § 139 ZPO auf die fehlende Ersatzfähigkeit (Zurechenbarkeit) der Kosten des aussichtslosen Prozesses gegen den Käufer D.
hinweisen müssen, dringt die Revision nicht durch. Eines derartigen Hinweises bedurfte es schon deshalb nicht, weil der Beklagte diesen Gesichtspunkt in seiner Berufungsbegründung aufgegriffen und eingehend dargestellt
hatte. Von einer weiteren Begründung zu den von der Klägerin erhobenen Verfahrensrügen sieht der Senat gemäß § 564 ZPO ab.
18Nach alledem kann das Berufungsurteil bezüglich der Entscheidung über
die Kosten und den Anspruch auf Ersatz des an den Käufer D. zurückgezahlten Betrages von 19.421,56 € nebst Zinsen und darauf entfallender vorgerichtlicher Anwaltskosten (859,80 €) keinen Bestand haben; es ist daher insoweit aufzuheben (§ 562 Abs. 1 ZPO). Die weitergehende Revision ist zurückzuweisen.
19Der Senat entscheidet in der Sache selbst, da es keiner weiteren Feststellungen bedarf (§ 563 Abs. 3 ZPO). Der Klägerin steht aus § 437 Nr. 3,
§ 311a Abs. 2 Satz 1 BGB Zug-um-Zug gegen Rückgewähr des Fahrzeugs ein
Anspruch auf Erstattung des an den Käufer D. auf den Kaufpreis zurückgezahlten Betrages von 19.421,56 € nebst Zinsen zu. Denn das der Klägerin
als unfallfrei verkaufte Fahrzeug war mit Rücksicht auf den erlittenen und dem
Beklagten bekannten Unfallschaden (Streifschaden) mit einem anfänglichen
unbehebbaren Mangel behaftet; wegen dieses Mangels musste die Klägerin
den vom Käufer D. erhaltenen Kaufpreis überwiegend zurückzahlen. Da
das Rückabwicklungsbegehren des Käufers D. schon wegen dieses Unfallschadens begründet war, kommt es auf den weiteren Unfallschaden (Heckschaden) und die Frage, ob dieser dem Beklagten unbekannt war (§ 311a
Abs. 2 Satz 2 BGB) nicht an. Die auf den Betrag von 19.241,56 € entfallenden
vorgerichtlichen Anwaltskosten (859,80 € nebst Zinsen) sind als Rechtsverfolgungskosten ebenfalls ersatzfähig.

References: BGH 
 § 294
 § 311
 § 139
 § 564
 § 437

§ 311