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Timestamp: 2020-05-30 13:48:20+00:00

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LAG Hessen, 07.06.2018 – 19 Sa 846/17 › Krau Rechtsanwälte
LAG Hessen, 07.06.2018 – 19 Sa 846/17
Unverbindliche Leistungsbestimmung der Arbeitgeberin (§ 315 Abs. 3 S. 1 BGB) Bestimmung durch Urteil gemäß § 315 Abs. 3 S. 2 BGB.
Die Berufung der Beklagten gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Wiesbaden vom 5. April 2017 – 11 Ca 99/16 – wird zurückgewiesen.
Die Parteien streiten im Berufungsrechtszug weiterhin um die Zahlung eines variablen Gehaltsbestandteils für die Fiskaljahre 2015 und 2016.
Der Kläger war bei der Beklagten auf der Grundlage des Anstellungsvertrags der Parteien, wegen dessen Inhalts auf Bl. 25-27 d.A. Bezug genommen wird (nachfolgend: Anstellungsvertrag) und einer Zusatzvereinbarung zu diesem Anstellungsvertrag, die vom 02. Juli 2013 datiert, wegen deren Inhalts auf Bl. 28-29 d.A. Bezug genommen wird (nachfolgend: Zusatzvereinbarung), vom 01. September 2011 bis zum 31. Dezember 2015 beschäftigt. Das Arbeitsverhältnis endete aufgrund einer Kündigung des Klägers.
€ 14.000,00 (i. W. Euro vierzehntausend).
Mit Eintritt in unser Unternehmen beträgt ihr vertraglich vereinbarter variabler Gehaltsbestandteil 40%, bezogen auf 100% Jahreszieleinkommen. Ihr derzeitiger variabler Gehaltsbestandteil beträgt € 112.000,00 p.a..
€ 280.000,00 (i. W. zweihundertachtzigtausend Euro).
Die Beklagte erstellte für die Geschäftsjahre 2015 und 2016 eine Richtlinie A zum Vergütungsmodell für den variablen Gehaltsbestandteil (nachfolgend: Richtlinie A) für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen sie individualvertraglich einen variablen Gehaltsbestandteil vereinbart hatte. Wegen des genauen Inhalts der Richtlinie A wird auf Bl. 31-41 und 42-47 d.A. Bezug genommen.
Für das Geschäftsjahr 2015 leistete die Beklagte keinen und für das Geschäftsjahr 2016 einen variablen Gehaltsbestandteil i.H.v. 891,71 EUR brutto an den Kläger, der die ihm persönlich vorgegebenen Ziele jeweils erreicht hatte.
Wegen des weiteren unstreitigen Sachverhalts, des Vortrags der Parteien im ersten Rechtszug und der dort gestellten Anträge wird auf den Tatbestand des angefochtenen Urteils des Arbeitsgerichts Wiesbaden vom 05. April 2017 – 11 Ca 99/16 – gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG Bezug genommen (Bl. 167-173 d.A.).
Das Arbeitsgericht Wiesbaden hat durch vorgenanntes Urteil der Klage stattgegeben und die Beklagte verurteilt, an den Kläger 195.108,29 EUR brutto nebst Zinsen zu zahlen. Es hat angenommen, dem Kläger stehe für die Geschäftsjahre 2015 und 2016 der geltend gemachte Anspruch brutto aus § 611 BGB i.V. mit der Zusatzvereinbarung i.V. mit § 315 BGB zu. Die Beklagte habe nach der vertraglichen Vereinbarung der Parteien eine Leistungsbestimmung nach billigem Ermessen gemäß § 315 BGB vorzunehmen gehabt. Deren Festsetzung auf Null für das Geschäftsjahr 2015 und auf 891,71 EUR brutto für das anteilige Geschäftsjahr 2016 entspreche nicht billigem Ermessen. Sie sei unverbindlich und habe durch Urteil zu erfolgen. Es entspreche nicht billigem Ermessen, wenn die Beklagte den Anspruch auf Auszahlung eines Bonus davon abhängig mache, dass 80% der mitgeteilten Planwerte für das B und für das C erreicht würden. So wäre nicht gewährleistet, dass die angestrebten persönlichen Leistungen angemessen honoriert werden.
Bei der gerichtlichen Leistungsbestimmung sei nur zu berücksichtigen, dass ein Jahreszielbonus bei voller Zielerreichung i.H.v. 112.000 EUR brutto vereinbart worden sei und dass nur solche Ziele billigem Ermessen entsprechen, die auch tatsächlich erreichbar seien. Ohne weitergehende Anhaltspunkte dafür, welche sonstigen Ziele billigerweise festgesetzt worden seien, die nicht erreicht werden konnten, habe bei der Festsetzung durch das Gericht nur von einer 100%igen Zielerreichung ausgegangen werden können. Wegen der weiteren Einzelheiten der Begründung wird auf Bl. 173-187 d.A. Bezug genommen.
Gegen dieses Urteil hat die Beklagte innerhalb der zur Niederschrift über die Berufungsverhandlung am 22. März 2018 festgestellten und dort ersichtlichen Fristen Berufung eingelegt.
Sie verfolgt ihr Begehren auf Klageabweisung unter Wiederholung und Ergänzung ihres erstinstanzlichen Vorbringens weiter. Sie vertritt die Ansicht, nach der für das Geschäftsjahr 2015 und 2016 jeweils geltenden Bonusrichtlinie seien die Voraussetzungen für eine Bonuszahlung nicht erfüllt, da es zu einer Auszahlung der variablen Vergütung nur dann komme, wenn die Unternehmensziele zu mindestens 80% erreicht worden seien. Dies sei in den Geschäftsjahren 2015 und 2016 nicht der Fall gewesen. Im Rahmen ihres Leistungsbestimmungsrechts habe sie einen ausschließlich anhand der globalen und regionalen Unternehmensziele zu bestimmenden unternehmerischen Schwellenwert (B) festgelegt. Dies sei nicht zu beanstanden. Soweit das Gericht die Leistungsbestimmung einer Billigkeitskontrolle unterziehe, habe es allein die Herleitung und Festlegung der Kennzahlen zum B zu bewerten. Die Festsetzung des Bonusanspruchs durch das Gericht i.H.v. 100% entbehre jeder Grundlage.
das Urteil des Arbeitsgerichts Wiesbaden vom 05. April 2017 – 11 Ca 99/16 – abzuändern und die Klage insgesamt abzuweisen.
Der Kläger verteidigt die angefochtene Entscheidung unter Wiederholung und Ergänzung seines erstinstanzlichen Vorbringens.
Wegen der Einzelheiten des Parteivorbringens wird auf den Inhalt der gewechselten Schriftsätze und auf die Sitzungsniederschrift vom 22. März 2018 (Bl. 491 d. A.) Bezug genommen.
Die Berufung der Beklagten gegen das am 05. April 2017 verkündete Urteil des Arbeitsgerichts Wiesbaden – 11 Ca 99/16 – ist zulässig. Das Rechtsmittel ist nach dem Wert des Beschwerdegegenstandes statthaft (§§ 64 Abs. 2, 8 Abs. 2 ArbGG). Die Beklagte hat es auch form- und fristgerecht eingelegt und begründet (§§ 519, 520 ZPO, 66 Abs. 1 ArbGG).
Die Berufung hat jedoch keinen Erfolg. Das Arbeitsgericht hat zu Recht die Beklagte verurteilt, an den Kläger 195.108,29 EUR brutto nebst Zinsen zu zahlen. Das Berufungsgericht kann daher zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen auf die Entscheidungsgründe des angefochtenen Urteils verweisen, denen es überwiegend folgt und deshalb auf sie gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG Bezug nimmt. Im Hinblick auf die Ausführungen der Beklagten im zweiten Rechtszug ist noch Folgendes auszuführen:
Die Berufung der Beklagten ist unbegründet. Der Kläger hat gegen die Beklagte einen Anspruch auf Zahlung eines variablen Gehaltsbestandteils in Höhe von insgesamt 195.108,29 EUR brutto für das Geschäftsjahr 2015 und anteilig für das Geschäftsjahr 2016 aus § 611 BGB i.V.m. dem Arbeitsvertrag der Parteien i.V.m. der Zusatzvereinbarung, § 315 BGB. Nach den Regelungen in der Zusatzvereinbarung haben die Parteien zusätzlich zum monatlichen Bruttogrundgehalt einen variablen Gehaltsbestandteil vereinbart, der sich nach den arbeitsvertraglichen Vereinbarungen sowie der jeweils für den Kläger gültigen Regelung zum “Vergütungsmodell für den variablen Gehaltsbestandteil” richtet. Nach dieser vertraglichen Vereinbarung hatte die Beklagte eine Leistungsbestimmung nach billigem Ermessen gemäß § 315 BGB vorzunehmen. Die Festsetzung der Leistung auf Null für das Geschäftsjahr 2015 und auf 891,71 EUR brutto, anteilig für das Geschäftsjahr 2016, ist unverbindlich, da sie nicht billigem Ermessen entspricht (§ 315 Abs. 3 Satz 1 BGB). Angesichts dessen hat die Bestimmung gemäß § 315 Abs. 3 Satz 2 BGB durch Urteil zu erfolgen. Das Berufungsgericht teilt die Auffassung des Arbeitsgerichts, wonach es billigem Ermessen entspricht, den für das Geschäftsjahr 2015 und anteilig für das Geschäftsjahr 2016 zu leistenden variablen Gehaltsbestandteil auf insgesamt 195.108,29 EUR brutto festzusetzen.
Die Leistungsbestimmung der Beklagten ist nicht verbindlich, weil sie nicht der Billigkeit entspricht (§ 315 Abs. 3 S. 1 BGB). Eine Leistungsbestimmung entspricht billigem Ermessen (§ 315 Abs. 1 BGB), wenn die wesentlichen Umstände des Falls abgewogen und die beiderseitigen Interessen angemessen berücksichtigt worden sind. Maßgeblich ist der Zeitpunkt, in dem der Bestimmungsberechtigte die Ermessungsentscheidung zu treffen hat. Die Darlegungs- und Beweislast dafür, dass die Leistungsbestimmung der Billigkeit entspricht, trägt der Bestimmungsberechtigte (BAG v. 03. August 2016 – 10 AZR 710/14 – NZA 2016, 1334). Dem Inhaber des Bestimmungsrechts nach § 315 Abs. 1 BGB verbleibt für die rechtsgestaltende Leistungsbestimmung ein nach billigem Ermessen auszufüllender Spielraum. Innerhalb des Spielraums können dem Bestimmungsberechtigten mehrere Entscheidungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen (vgl. BAG v. 19. März 2014 – 10 AZR 622/13 – NZA 2014, 595).
Die durch die Beklagte vorgenommene Festsetzung des variablen Gehaltsbestandteils für die Geschäftsjahr 2015 und 2016 ist zum einen ermessensfehlerhaft, weil die Beklagte ihre Entscheidung auf einer unwirksamen Grundlage getroffen hat. Die Beklagte hat neben dem Anstellungsvertrag der Parteien eine Zusatzvereinbarung mit dem Kläger geschlossen und einseitig für die Geschäftsjahre 2015 und 2016 jeweils die Richtlinie A erstellt. Die auf dieser Grundlage getroffene Ermessensentscheidung der Beklagten ist unwirksam, weil die Richtlinie A das Transparenzgebot verletzt (§ 307 Abs. 1 Satz 2 BGB).
Gemessen hieran verstößt die Regelung der Richtlinie A, indem diese festlegt, dass eine variable Vergütung überhaupt nur dann ausgezahlt werden kann, wenn im Unternehmensergebnis eine bestimmte Messgröße im “B” erreicht wird, gegen das Transparenzgebot des § 307 Abs. 1 BGB und ist deshalb unwirksam. Voraussetzung für einen Anspruch auf Auszahlung der variablen Vergütung ist danach eine effektive Zielerreichung von mindestens 80% für die Messgröße B (B Gate) und dem C (C Gate). Wird eines dieser beiden B,C Gates nicht erreicht, besteht nach der Richtlinie A kein Anspruch für den Mitarbeiter auf Auszahlung der variablen Vergütung. Diese Regelung steht im Widerspruch zum Anstellungsvertrag der Parteien und der Zusatzvereinbarung, wonach zu Gunsten des Klägers zusätzlich zu seinem monatlichen Brutto-Grundgehalt ein variabler Gehaltsbestandteil vereinbart ist. Diese genannte Regelung der Richtlinie A benachteiligt den Kläger, indem sie einen dem Grunde nach bestehenden Rechtsanspruch auf einen variablen Gehaltsbestandteil ausschließt. Sie birgt die Gefahr, dass der Kläger von der Durchsetzung seines Anspruchs auf einen variablen Gehaltsbestandteil abgehalten und damit entgegen Treu und Glauben unangemessen benachteiligt wird.Mit der Formulierung in der Zusatzvereinbarung: “Zusätzlich zu ihrem monatlichen Brutto-Grundgehalt ist ein variabler Gehaltsbestandteil vereinbart, …” haben die Parteien eine Verpflichtung der Beklagten zur Zahlung eines variablen Gehaltsbestandteils begründet. Die Formulierung “ist ein variabler Gehaltsbestandteil vereinbart” begründet typischerweise einen Entgeltanspruch. Auch die nachfolgende Regelung, wonach sich der vereinbarte variable Gehaltsbestandteil nach den arbeitsvertraglichen Vereinbarungen sowie der jeweils für den Kläger gültigen Regelungen zum “Vergütungsmodell für den variablen Gehaltsbestandteil” richtet, lässt nach ihrem Wortlaut nur das Verständnis zu, dass dem Kläger dem Grunde nach ein Anspruch auf Zahlung eines variablen Gehaltsbestandteils zustehen sollte, soweit die für eine solche Zahlung erforderlichen Voraussetzungen vorliegen. Zudem formuliert der Arbeitsvertrag ausdrücklich, dass “Ihr vertraglich vereinbarter variabler Gehaltsbestandteil … beträgt”. Die gewählte Formulierung im Arbeitsvertrag zeigt deutlich, dass der variable Gehaltsbestandteil vertraglich vereinbart ist, demzufolge dem Grunde nach ein Anspruch hierauf besteht.Nichts anderes folgt daraus, dass die Parteien in der Zusatzvereinbarung geregelt haben, dass das Jahreszieleinkommen je nach Grad der Zielerreichung über- aber auch unterschritten werden kann. Hier geht es nicht darum, dass der variable Gehaltsbestandteil unterschritten wird, sondern dass die Beklagte keine Zahlung des variablen Gehaltsbestandteils leistet. Die Möglichkeit eines gänzlichen Wegfalls eines variablen Gehaltsbestandteils haben die Parteien zu keinem Zeitpunkt vereinbart. Einen vollständigen Ausschluss des variablen Gehaltsbestandteils, oder die Möglichkeit zu dessen Festsetzung auf Null ergibt sich aus der gewählten Formulierung nicht zweifelsfrei.Angesichts der vertraglichen Vereinbarungen der Parteien einerseits und der demgegenüber widersprüchlichen Regelung der Richtlinie A andererseits besteht die Gefahr, dass der Kläger in der Annahme, er habe keinen Anspruch auf Zahlung des variablen Gehaltsbestandteils seinen dahingehenden Anspruch nicht geltend machen und insoweit seine Rechte nicht wahrnehmen könnte. Dies bewirkt nicht die Unwirksamkeit der gesamten Regelung zum variablen Gehaltsbestandteil. Nur die Reglung der Richtlinie A benachteiligt den Kläger und ist deshalb unwirksam (§ 306 Abs. 1 BGB). Die arbeitsvertraglichen Regelungen, die einen variablen Gehaltsbestandteil vereinbaren, beinhalten keine unangemessene Benachteiligung und sind deshalb wirksam.
Zum anderen teilt das Berufungsgericht die Auffassung des Arbeitsgerichts, wonach die erfolgte Festsetzung des variablen Gehaltsbestandteils auf Null für das Geschäftsjahr 2015 und auf 891,71 EUR brutto für das Geschäftsjahr 2016 deshalb unverbindlich ist, weil die gesetzten Ziele nicht billigem Ermessen entsprochen haben. Nach Ziffer 4.8 der Richtlinie A hat jeder Mitarbeiter die Möglichkeit, die Höhe der Auszahlung seines variablen Gehaltsbestandteils durch seine persönliche Leistung zu beeinflussen. Diese Möglichkeit nimmt die Beklagte dem Kläger, indem sie in der sogenannten ersten Stufe einen unternehmerischen Schwellenwert (B) festlegt, bei dem persönliche Ziele ausweislich des Vorbringens der Beklagten im Berufungsrechtszug “überhaupt keine Rolle” spielen. Die Beklagte weist ausdrücklich darauf hin, dass die Richtlinie A erst in einer zweiten Stufe die Höhe der Auszahlung eines etwaigen Bonus behandelt, was nur dann relevant werde, wenn der ausschließlich anhand der globalen und regionalen Unternehmensziele zu bestimmende unternehmerische Schwellenwert auf einer ersten Stufe überhaupt erreicht wird. Damit beachtet die Beklagte den Leistungsbezug des Bonussystems nicht ausreichend, der darin besteht, die durch den Abschluss von Zielvereinbarungen angestrebten und tatsächlich erbrachten Leistungen angemessen zu honorieren (BAG v. 19. März 2014 – 10 AZR 622/13 – BAGE 147, 322 – 341).Die Festlegung eines Schwellenwertes gewährleistet nicht nur nicht, dass die angestrebten persönlichen Leistungen angemessen honoriert werden. Hier führt der Umstand, dass die Beklagte in den betreffenden Geschäftsjahren hinter ihren Geschäftszielen zurückblieb und ihr “B” nicht erreichte dazu, dass gemäß der einseitigen Vorgaben der Beklagten die persönlichen Ziele des Klägers und deren Erreichung überhaupt keine Rolle spielten. Damit kann nicht mehr angenommen werden, dass durch die getroffenen Regelungen die angestrebte und tatsächlich erbrachte persönliche Leistung angemessen im Sinne der zuvor geschilderten Rechtsprechung honoriert wird. Auch aus diesem Grunde ist die vorgenommene Leistungsbestimmung durch die Beklagte ermessensfehlerhaft.
Darüber hinaus ist die Festsetzung des variablen Gehaltsbestandteils in den Geschäftsjahren 2015 und 2016 ermessensfehlerhaft und unwirksam, weil nach ihrem eigenen Vorbringen die “maßgebliche Kenngröße nicht allein durch die Beklagte, sondern durch die Konzernmutter für die D-Gruppe und somit auch für alle Mitarbeiter gleichermaßen festgelegt wurde”. Hat ein Arbeitgeber nach § 315 BGB über einen Bonusanspruch zu entscheiden, der gleichermaßen auf die Ertragslage des Unternehmens wie auf der Leistung des Arbeitnehmers beruht, muss ein festzusetzendes Bonusbudget – in Abhängigkeit von der Ertragslage – regelmäßig eine Größenordnung erreichen, die den Leistungsbezug des Bonussystems beachtet (BAG v. 19. März 2014 – 10 AZR 622/13 – NZA 2014, 595). Die Beklagte hätte in Ansehung dieser Grundsätze darlegen müssen, aufgrund welcher konkreten unternehmerischen Ergebnisse sie selbst jeweils entschieden hat, in welcher konkreten Höhe sie Beträge zur Zahlung des variablen Gehaltsbestandteils zur Verfügung stellt.Die Beklagte beruft sich zu Unrecht auf einen gemeinsam mit ihrer Konzernmutter festgesetzten Schwellenwert (B). Angesichts der eigenen arbeitsvertraglichen Verpflichtung der Beklagten einen variablen Gehaltsbestandteil festzusetzen, der billigem Ermessen entspricht, ist es deren eigene Verpflichtung, dieses Ermessen auszuüben. Demgegenüber legt die Beklagte nicht nur gemeinsam mit ihrer US-Muttergesellschaft die wirtschaftlichen Ziele fest, sondern es steht die Geschäftsführung nach dem eigenen Vortrag der Beklagten sogar unter dem besonderen Druck, sich bei der Festsetzung und der Vergabe variabler Vergütungen eng im Rahmen des zulässigen “Business Judgement” zu bewegen. Warum dies für die eigene geschuldete Verpflichtung der Beklagten als alleiniger Arbeitgeberin zu einer ermessensfehlerfreien Festsetzung des variablen Gehaltsbestandteils maßgeblich sein sollte, erschließt sich nicht.
Die Leistungsbestimmung hat gemäß § 315 Abs. 3 S. 2 BGB durch Urteil zu erfolgen (vgl. BAG v. 11. Dezember 2013 – 10 AZR 364/13 – AP BGB § 315 Nr. 112). Der Kläger hat gegen die Beklagte für die Geschäftsjahre 2015 und 2016 einen Anspruch auf Zahlung des vertraglich vereinbarten variablen Gehaltsbestandteils von 40 % bezogen auf 100% Jahreszieleinkommen, damit von 112.000 EUR für das Geschäftsjahr 2015 und anteilig für den Zeitraum 04. April 2016 bis 31. Dezember 2016 i.H.v. 83.108,29 EUR brutto aus § 611 Abs. 1 i. V. m. der Zusatzvereinbarung und dem Anstellungsvertrag i. V. m. § 315 Abs. 3 Satz 2 BGB.
Dem Kläger steht nach den arbeitsvertraglichen Regelungen der Parteien für beide Geschäftsjahre dem Grunde nach ein variabler Gehaltsbestandteil zu. Die Leistungen des Klägers im streitgegenständlichem Zeitraum sind mit 100% zu beurteilen.
Die Unternehmensergebnisse der Beklagten im streitgegenständlichem Zeitraum sind ebenfalls mit 100% zu beurteilen. Die richterliche Ersatzleistungsbestimmung nach § 315 Abs. 3 Satz 2 BGB ist auf der Grundlage des Vortrags der Parteien zu treffen. Durch richterliche Ermessensentscheidung wird direkt über den geltend gemachten Anspruch entschieden und nicht nur – etwa im Sinne einer Rechtskontrolle – überprüft, ob die Festsetzung des Leistungsberechtigten zutrifft. Diese Prüfung hat bereits in der ersten Stufe nach § 315 Abs. 3 Satz 1 BGB stattzufinden und ist Vorrausetzung dafür, dass es überhaupt zu einer gerichtlichen Leistungsbestimmung nach § 315 Abs. 3 Satz 2 BGB kommen kann. Die Ausübung des eigenen richterlichen Ermessens findet auf der Grundlage des gesamten Prozessstoffs statt. Eine Darlegungs- und Beweislast im prozessualen Sinn besteht insoweit nicht, doch ist jede Partei gehalten, die für ihre Position sprechenden Umstände vorzutragen, weil das Gericht nur die ihm bekannten Umstände in seine Bestimmung einbringen kann. Bringt der Bestimmungsberechtigte bestimmte Aspekte, die in seinem Konzept der Leistungsbestimmung möglicherweise zu berücksichtigen wären, nicht ein, können sie nicht berücksichtigt werden. Dies geht zu seinen Lasten. Fehlender Vortrag des Bestimmungsberechtigten führt nicht zur Entstehung einer besonderen Darlegungslast für den Anspruchsteller. Dieser hat lediglich im eigenen Interesse die Obliegenheit, die für ihn günstigen Umstände vorzutragen (BAG v. 03. August 2016 – 10 AZR 710/14 BAGE 147, 322-341).In Ansehung dieser Grundsätze entspricht die Festsetzung von insgesamt 195.108,29 EUR brutto für die Geschäftsjahre 2015 und 2016 billigem Ermessen. Dabei ist davon auszugehen, dass ein variabler Gehaltsbestandteil in Höhe von 40% des Jahreszieleinkommens von den Parteien vereinbart wurde. Hier kann bei der Festsetzung nur von einer 100%igen Zielerreichung ausgegangen werden. Denn die Beklagte hat auch im Berufungsrechtszug nicht dargelegt, warum die wirtschaftlichen Ziele nicht erreicht worden sind. Die Beklagte befasst sich zwar umfangreich im Rahmen ihres Berufungsvorbringens mit der Festlegung und Ermittlung der “B,C Gates”. Diese sind jedoch angesichts der Unwirksamkeit der Regelung der Richtlinie A nicht zu berücksichtigen. Weitergehenden Vortrag zu den Berechnungsgrundlagen für die Höhe des variablen Gehaltsbestandteils hat die Beklagte nicht gehalten. Einzig zu berücksichtigen ist der Vortrag des Klägers zu einer einhundertprozentigen Zielerreichung mit der Folge, dass auch bei der Festsetzung durch das Gericht nur hiervon ausgegangen werden kann.
Im Ergebnis entspricht es in Ansehung des gesamten Prozessstoffs billigem Ermessen, den variablen Gehaltsbestandteil des Klägers im streitgegenständlichem Zeitraum auf 40% bezogen auf 100% Jahreszieleinkommen festzusetzen. Es wäre unbillig, Abschläge vorzunehmen und einen geringeren Betrag als diesen festzusetzen. Sowohl die Leistung des Klägers als auch die Unternehmensergebnisse der Beklagten – als mögliche Minderungsfaktoren – betrugen jeweils (rechnerisch) 100%.
Die Kostenentscheidung folgt aus § 97 ZPO. Die Beklagte hat die Kosten der Berufung zu tragen, weil ihr Rechtsmittel keinen Erfolg gehabt hat.
LAG Hessen, 07.06.2018 – 19 Sa 750/17 LAG Hessen, 07.06.2018 – 19 Sa 1243/17

References: § 315
 § 69
 § 611
 § 315
 § 315
 § 69
 § 611
 § 315
 § 315
 § 315
 § 315
 § 307
 § 315
 § 315
 § 315
 § 611
 § 315
 § 315
 § 315
 § 315
 § 97