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Timestamp: 2019-10-23 02:14:49+00:00

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Medizinwelt | Homöopathie | Leitfaden Homöopathie | Homöopathie - Wissenschaft und Heilkunst
MedizinweltHomöopathieLeitfaden HomöopathieBuchkapitelHomöopathie - Wissenschaft und Heilkunst
B978-3-437-56353-9.00001-3
10.1016/B978-3-437-56353-9.00001-3
Krankheits-Klassifizierung (in Anlehnung an die aristotelischen Kausalitäten)CausamaterialisCausaformalisCausafinalisCausaefficiens
Tab. 1.1
Aristotelische Prinzipien Medizinische Kriterien Wortbedeutung Bezug Klassen Beispiel für eine Diagnose
Causa efficiens Ätiologie Entstehungsgeschichtlich Ursache, Causa Verletzung, Infektion, Mutation Endokrine Pankreas-Insuffizienz
Causaformalis Morphologie Beschreibend Phänomen, Symptom Hypotrophie, Wucherung, Geschwür Diabetes mellitus
Causa materialis Typologie Klassifizierend Syndrom Akut, chronisch Zuckerkrankheit
Causa finalis Prognose Therapieweisend Therapie Heilbar, unheilbar Insulinpflichtiger Diabetes mellitus
Homöopathie – Wissenschaft und Heilkunst
Homöopathie als phänomenologische Wissenschaft4
Allopathie und Homöopathie4
Gesundheit und Krankheit aus Sicht der Allopathie7
Gesundheit und Krankheit aus Sicht der Homöopathie8
Homöopathie, eine phänomenologische Wissenschaft8
Samuel Hahnemann – der Begründer der Homöopathie9
Die vorhomöopathische Zeit9
Die Geburtsstunde der Homöopathie10
Torgau und Leipzig12
Köthen12
Wegbegleiter und Nachfolger Hahnemanns12
Weitere einflussreiche Vertreter der Homöopathie14
Homöopathie als phänomenologische Wissenschaft
Reiz und Reizantwort – Grundsätzliches
Wissenschaft, phänomenologischeOrganismusReiz und ReizantwortReiz und ReizantwortAus energetischer Sicht gibt es drei verschiedene Arten, auf einen lebenden Organismus einzuwirken: mitsinnig, gegensinnig oder beliebig.
Der mitsinnige Einfluss greift Zustand, Impuls oder Bewegungsrichtung des Organismus auf und lenkt ihn um, damit die erwünschte Wirkung entsteht. Er ist das Prinzip der Pädagogik ohne Strafe, des überzeugenden Gesprächs mit guten Argumenten, der Verstärkung durch Belohnung, des Fremdenführers, das Prinzip der gezielten Unterstützung oder Stärkung eigener Kräfte und Fähigkeiten, welche in der Medizin als Selbstheilungskräfte bezeichnet werden.
Der gegensinnige Einfluss greift nicht auf, sondern an. Er richtet sich gegen einen unerwünschten Aspekt des Organismus durch Hemmen, Bremsen, Verringern, Entfernen, Abtöten. Er ist das Prinzip von Polizei und Militär, der Pädagogik mit Strafe oder Strafandrohung, der gezielten Unterdrückung. Er ist der bewährte Standard der Notfallmedizin und hat nicht zuletzt wegen seiner leichten Erlernbarkeit und der vermeintlich geringen Gegenwehr der betroffenen Organismen, Einzug gehalten in die gesamte Medizin unserer Zeit.
Er provoziert natürlich Widerstand, der durch entsprechend starke oder häufig wiederholte Einwirkung gebrochen werden muss. Er hält nur an, solange er einwirkt oder, bei Steuerung über das Bewusstsein, ein erneutes Einwirken erwartet und befürchtet wird. Er funktioniert also mit dem Mittel der Angst. Dadurch ist er auf Dauer unsicher und störanfällig und klingt ab, wenn keine Verstärkung mehr erfolgt.
Die beliebige Einwirkung ist ungezielt. Die Reaktion des beeinflussten Organismus ist nicht sicher einzuschätzen und geprägt von dessen spezifischen Eigenarten. In einem sehr begrenzten Rahmen kann durch vielfache Erfahrung mit einem solchen Reiz und einer immer wieder gleichen Antwort eine Systematik gelernt werden. Meist allerdings passiert auf eine beliebige Einwirkung nicht viel mehr als allgemeine Aufmerksamkeit oder Irritation. In der Medizin gehören dazu viele der sogenannten unspezifischen Regulationsverfahren wie Klimatherapie, „roborierende Maßnahmen“, „Ausleitung“ durch Senf- oder Canthariden-Pflaster und vieles andere.
Der medizinische Impuls
Impuls, medizinischerEine medizinische Einwirkung hat das Ziel, den kranken Organismus gesund oder wenigstens „gesünder“ zu machen. Sie muss ihn bewegen, also eine Reaktion in ihm hervorrufen. Ist sie falsch gewählt, falsch angesetzt oder trifft sie einen gesunden Organismus, kann sie krank machen.
Das gilt grundsätzlich. Medizin unter Ausschluss jeglichen Risikos ist nicht machbar. Daher kann ihre Wirkung im Organismus mit Recht als gewollt krank machend bezeichnet werden, mit dem Ziel, dadurch zu einer Reizantwort und mit ihr zu einem Ausgleich mit der bestehenden Krankheit zu führen. Samuel Hahnemann$Hahnemann, Samuel (1755–1843), der Begründer der Homöopathie, prägte dafür den Begriff „Kunstkrankheit“ (Organon der Heilkunst, § 34) und nannte die Arznei ein krank machendes Agens, ihre Wirkung „Arzneikrankheit“.
Ein solches Krankmachen zur Gesundung oder zur befristeten Rückführung zu einer gewünschten Norm kann, wie oben allgemein ausgeführt,
mitsinnig = homöopathisch,
gegensinnig = enantiopathisch oder
beliebig bzw. „anders“ = allöopathisch
Allopathie – Homöopathie: Begriffsbestimmung
AllopathieDie Begriffe „Allöopathie“ und ihr Gegenteil „Homöopathie“ wurden von Hahnemann geprägt und haben folgende Bedeutung:
All(ö)opathie: Leiden durch ein Anderes (griech. allos: anders, fremd), Unähnliches.
Homöopathie: Leiden durch ein Ähnliches (griech. homoios: ähnlich, gleich).
Abzugrenzen davon ist die Isopathie: Leiden durch das Selbige. Zu ergänzen ist bei diesen Definitionen jeweils: […] um gesund zu werden.
Im 18. und frühen 19. Jahrhundert war die Medizin in Europa geprägt von Aderlass, groben „ausleitenden“ Verfahren wie Abführen (Purgieren) und künstlichen Hautgeschwüren (Haarseile u. ä.) sowie der Gabe von Mixturen pflanzlicher und chemischer Herkunft in hohen Dosen. Die chronische Quecksilberintoxikation war z. B. eine häufige iatrogene Krankheit dieser Zeit.
Die Beliebigkeit und Undifferenziertheit dieser Medizin war für Hahnemann$Hahnemann, Samuel Anlass, den Arztberuf nach dem Studium zunächst nicht aufzunehmen und nach einer Phase chemischer Forschungen, Übersetzertätigkeit und eigener Publikationen eine neue Heilmethode zu entwickeln: die Homöopathie (1.2).
Der Begriff Allopathie hat sich erhalten, obwohl die Universitätsmedizin des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts mit der des 19. Jahrhunderts praktisch nichts mehr gemein hat. Ihre Pharmakotherapie ist gerade nicht beliebig, auch wenn der Gedanke des Universalheilmittels, der PanazeePanazee („AllheilkrautAllheilkraut s. Panazee“) des 19. Jahrhunderts, bei manch unreflektierter Anwendung von Cortison, Antibiose oder Immunsuppression noch auftaucht.
Die Gabe von Arzneimitteln ist – wenn sie nicht fehlende körpereigene Stoffe wie Insulin, Thyroxin, Vitamin B12 usw. substituiert – gegen krankhafte Symptome oder gegen krank machende Mikroorganismen gerichtet. Ihre Mittel sind Hemmer, Blocker, Inhibitoren und Antis (z. B. Antidepressiva, Antihypertonika etc.) jeder Art. Sie ist EnantiopathieEnantiopathie.
GesundheitDefinitionGesundheitGesundheit ist ein Idealzustand, der in der Realität immer nur annähernd erreicht werden kann. Die Definition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) lautet: „Gesundheit ist der Zustand des völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheiten und Gebrechen“. Dieser affirmativen, fast schon als einklagbar angesehenen Forderung („Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“ hieß es einmal) stehen andere Definitionen gegenüber, die Gesundheit als „normale“ oder „störungsfreie“ Funktion aller Lebensvorgänge beschreiben – eben als Abwesenheit von Krankheit.
DefinitionKrankheitKrankheitIm Deutschen leitet sich der Begriff ab von „kranc“, was schwach bedeutet. Im Englischen ist es das Gegenteil von Leichtigkeit, „dis-ease“. Das lateinische „morbus“ ist dem Tod, „mors“, klangähnlich und lebt in unserer Sprache im Wort „morbid“ weiter. Exemplarisch werden folgende Krankheitsdefinitionen aufgeführt.
Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 100.–106. Auflage 1952: Krankheit [mhd. kranc, schwach, ahd. chranchoien, kraftlos werden]: Störung der normalen Vorgänge im Körper oder in seinen einzelnen Teilen. – Rössle: Gesamtheit aufeinanderfolgender, abnorm gearteter Reaktionen eines Organismus oder seiner Teile auf einen krankmachenden Reiz.
Zetkin/Schaldach: Wörterbuch der Medizin, 6. Auflage 1973: Krankheit = Morbus (lat.): Störung der normalen Funktion des Körpers bzw. seiner Organe u. Organsysteme. Die K. ist das Resultat verschiedener von außen einwirkender Faktoren (Exposition, Milieu) in Zusammenhang mit der zeitweilig sich ändernden Anfälligkeit (Disposition) sowie der Reaktionseigentümlichkeit des Organismus (Konstitution).
Roche-Lexikon der Medizin, 5. Auflage 2003
Subjektives und/oder objektives Bestehen körperlicher und/oder geistig-seelischer Störungen bzw. Veränderungen. Im Arbeitsrecht und in der Sozialversicherung der regelwidrige Verlauf leiblicher, seelischer oder geistiger Lebensvorgänge, der Krankenpflege notwendig macht und Arbeitsunfähigkeit zur Folge haben kann, in der Rentenversicherung die eingeschränkte Erwerbsfähigkeit.
Krankheitsbegriff; das „Etikett“ für eine aus ätio-, morpho-, typologischen oder anderen Gründen zusammengefasste Gruppe von Krankheitsabläufen, die als Entität mit mehr oder weniger typischen Zeichen (Symptomen) aufgefasst wird.
Historisch Zitate: Die folgenden sieben historischen Zitate zu Krankheitsdefinitionen sind aus Otto Lippross, „Medizin und Heilerfolg“ (1971), entnommen.
Humoralpathologie (Antike bis 19. Jh. n. Chr.): Krankheit ist in einer fehlerhaften Mischung der Körpersäfte begründet.
Ontologischer Krankheitsbegriff (Thomas Sydenham, 1624–1689): Die verschiedenen Krankheiten sind stabile Phänomene, die nach einem zeitlos gültigen System klassifiziert werden können.
Zellularpathologie (Rudolf Virchow, 1821–1902): Krankheit ist eine Störung der Zelle. „Es gibt keine Allgemeinkrankheiten, es gibt nur noch Lokalkrankheiten.“
Ludwig Aschoff (1866–1942): Krankheit ist Gefährdung der Existenz.
Alfred Brauchle (1898–1964): Krankheit ist eine Störung des Gleichgewichtes.
Louis R. Grote (1886–1960): Krankheit ist gestörte Responsivität, eine Unstimmigkeit zwischen den an einen Organismus gestellten Forderungen und seinen möglichen Leistungen.
Samuel Hahnemann (1755–1843): „[…] an jeder einzelnen Krankheit [ist] nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr[zunehmen], das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentiren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit.“ (Organon, § 6)
„Es läßt sich nicht denken, […] daß, nach Hebung aller Krankheitssymptome und des ganzen lnbegriffs der wahrnehmbaren Zufälle, etwas anders, als Gesundheit, übrig bliebe […].“ (Organon, § 8)
Gesundheit und Krankheit aus Sicht der Allopathie
AllopathieAllgemein wird Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit gesehen. Mit dem Verschwinden von Befunden (also objektivierbaren Symptomen) endet oft die Aufgabe des Arztes. „Befindensstörungen“ ohne pathologische Befunde oder zumindest ohne gravierende Veränderungen werden gern ausgegrenzt, auch weil die konventionelle Medizin damit nicht viel anfangen kann. Eine Krankheit ohne objektivierbare, also durch Abbildungen oder physikalisch-chemische Reaktionen nachweisbare Veränderungen, ist schwer mit Gegenmaßnahmen zu behandeln. Wenn doch, ist meist der Schaden größer als der Nutzen.
Andererseits wird heute vielen objektivierbaren Veränderungen ohne Störung des Befindens ein Krankheitswert beigemessen: der Blutdruckerhöhung, dem Cholesterinanstieg über eine allgemein festgelegte Norm, dem Vorhandensein bestimmter Antikörper usw. Solche Veränderungen können, davon wird ausgegangen, zu einer manifesten Krankheit führen und, das ist meist wesentlich, sie gelten als „enantiopathisch“, also durch Gegenwirkung, behandelbar.
Die universitäre Medizin grenzt Krankheiten in mehr oder weniger kleinen Einheiten ab. Schon oft wurden absolute Zahlen aller bekannten Krankheiten genannt, sogar differenziert nach behandelbaren und noch nicht behandelbaren Krankheiten.
Die Benennung erfolgt nach bestimmten Grundsätzen und ist beschreibend nach den Kriterien
ätiologisch,
typologisch,
prognostisch,
also nach Ursprung, Form, Wesen oder Zustand (Tab. 1.1).
Die Diagnose – der Durchblick – erfolgt in der Reihenfolge Erklärung, Benennung, Therapiewahl, Prognose. Schon G. H. G. Jahr$Jahr, Georg Heinrich Gottlieb hat 1857 angemerkt, dass die Ursache „selten mit unbestreitbarer Gewissheit zu ermitteln“ ist. Aber auch bezüglich der Einteilung nach Syndromen oder der notwendigen Therapie kann es, nicht selten, Schwierigkeiten geben. Sicher bleibt nur die beschreibende Klassifizierung nach Phänomenen.
Im Folgenden werden einige Passagen aus Samuel Hahnemanns$Hahnemann, Samuel „Organon der Heilkunst“ verkürzt zitiert, in welchem er die Grundlagen der Heilmethode klar und eindrücklich dargestellt hat.
„Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autokratie) unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten, so daß unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unsers Daseyns bedienen kann.“ (Organon, § 9)
„Einzig die krankhaft gestimmte Lebenskraft bringt die Krankheiten hervor, so daß die, unsern Sinnen wahrnehmbare Krankheits-Aeußerung zugleich alle innere Veränderung, das ist, die ganze krankhafte Verstimmung der innern Dynamis ausdrückt und die ganze Krankheit zu Tage legt.“ Und „das Verschwinden aller Krankheits-Aeußerungen, …, [bedingt] eben so gewiß die Wiederherstellung der Integrität des Lebens-Princips und setzt folglich die Wiederkehr der Gesundheit des ganzen Organism nothwendig voraus.“ (Organon, § 12)
„Da man nun an einer Krankheit, von welcher keine, sie offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursache (causa occasionalis) zu entfernen ist, sonst nichts wahrnehmen kann, als die Krankheits-Zeichen, so müssen, …, es auch einzig die Symptome seyn, durch welche die Krankheit die … geeignete Arznei fordert und auf dieselbe hinweisen kann – so muß die Gesammtheit dieser ihrer Symptome, dieses nach außen reflectirende Bild des innern Wesens der Krankheit, d. i. des Leidens der Lebenskraft, das Hauptsächlichste oder Einzige seyn, wodurch die Krankheit zu erkennen geben kann, welches Heilmittel sie bedürfe, […] damit die Krankheit geheilt und in Gesundheit verwandelt werde.“ (Organon, § 7)
„Es läßt sich nicht denken, auch durch keine Erfahrung in der Welt nachweisen, daß, nach Hebung aller Krankheitssymptome und des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zufälle, etwas anders, als Gesundheit, übrig bliebe oder übrig bleiben könne, so daß die krankhafte Veränderung im Innern ungetilgt geblieben wäre.“ (Organon, § 8)
Homöopathie, eine phänomenologische Wissenschaft
PhänomenologieSomit wird deutlich, dass Krankheit die Anwesenheit von Symptomen – Hahnemann gebraucht die Begriffe „Zeichen“, „Krankheitszeichen“ und „Zufälle“ synonym – und Gesundheit die Abwesenheit von Symptomen ist.
Mit dieser Definition ist man nicht davon enthoben, in jedem Einzelfall Krankheitssymptome von nicht krankhaften Eigenschaften zu unterscheiden. Und natürlich sind Symptome nicht nur durch die Wahrnehmung des Patienten und die Sinne des untersuchenden Arztes zu erkennen, sondern auch durch Instrumente und Geräte, welche die Wahrnehmungsfähigkeiten der Sinne erweitern.
Eindeutig wendet sich Hahnemann $Hahnemann, Samuelgegen die Suche nach weiteren vermuteten Eigenschaften, Gründen oder nach dem Wesen der Krankheit außerhalb der wahrnehmbaren Zeichen, gegen jede „übersinnliche Ergrübelung“.
„Ist denn das, durch Zeichen an Krankheiten sinnlich Erkennbare nicht für den Heilkünstler die Krankheit selbst – da er das die Krankheit schaffende, geistige Wesen, die Lebenskraft, doch nie sehen kann und … bloß ihre krankhaften Wirkungen zu sehen und zu erfahren braucht, um hienach die Krankheit heilen zu können? Was will nun … die alte Schule für eine prima causa morbi im verborgnen Innern aufsuchen, dagegen aber die sinnlich und deutlich wahrnehmbare Darstellung der Krankheit […] als Heilgegenstand verwerfen? […] Was will sie denn sonst an Krankheiten heilen als diese?“ (Organon, § 6/Anm. 1)
„Es gibt nichts krankhaftes Heilbare und nichts unsichtbarer Weise krankhaft verändertes Heilbare im Innern des Menschen, was sich nicht durch Krankheits-Zeichen und Symptome dem genau beobachtenden Arzte zu erkennen gäbe […].“ (Organon, § 14)
$Hahnemann, Samuel„Ich ward am 10. April 1755 in einer der schönsten Gegenden Deutschlands, zu Meißen in Chursachsen geboren; dies mochte, wie ich allmählich zum Menschen ward, wohl vieles zu meiner Verehrung der schönen Natur beigetragen haben.“ So begann Christian Friedrich Samuel Hahnemann den Entwurf einer Autobiographie.
Sein Vater war Porzellanmaler und konnte in der Armut, die dem Siebenjährigen Krieg zwischen Preußen und Österreich folgte, die Schule für seinen Sohn nicht mehr finanzieren. Aber seinen Lehrern war der Zwölfjährige schon aufgefallen. Sie ließen ihn die Fürstenschule St. Afra kostenlos besuchen. Das Motto dieser Schule, „sapere aude“, Ausdruck der von Kant angeführten Zeit der Aufklärung, wurde auch Hahnemanns Leitsatz: „Aude sapere“, wage weise zu sein, oder frei übersetzt: Gründe deine Taten auf eigenem Wissen.
Es war die Zeit, in der Goethe$Goethe, Johann Wolfgang von (1749–1832), Novalis$Novalis (1772–1801) und Hölderlin$Hölderlin, Friedrich (1770–1843) die Literatur prägten und Kant (1724–1804), Hegel$Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1770–1831), Schlegel$Schlegel, August Wilhelm von (1772–1839), Schelling$Schelling, Friedrich Wilhelm (1775–1854) und Schopenhauer$Schopenhauer, Arthur (1788–1860) die Philosophie beeinflussten.
Die Medizin allerdings war von der Naturwissenschaft eines Newton$Newton, Sir Isaac (1643–1727) oder Lavoisier$Lavoisier, Antoine Laurent de (1743–1794) noch wenig berührt, wenn auch Militärchirurgie und Anatomie inzwischen weit entwickelt waren, das Mikroskop Einzug in die Forschung hielt, Pinel$Pinel, Philippe 1794 die Geisteskranken eines Pariser Irrenhauses von ihren Ketten befreite und Jenner 1796 die Kuhpockenimpfung einführte.
Die vorhomöopathische Zeit
Als Wegbereiter für Hahnemann und als prägend für die Grundlagen seiner Heilmethode müssen eine Reihe von Ärzten und Denkern genannt werden.
Hippokrates$Hippokrates (ca. 460–370 v. Chr.) und seine Schule: In der Schrift „Von den Stellen der Menschen“ heißt es: „Beschwerden werden durch das ihnen Entgegengesetzte behoben, jede Krankheit nach ihrer Eigenart. […] Eine andere Art ist folgende: durch das Ähnliche entsteht die Krankheit, und durch die Anwendung des Ähnlichen wird die Krankheit geheilt.“ Hier also sind beide Prinzipien der Heilung nebeneinander dargestellt, die gegensinnige (contraria contrariis curentur) und die mitsinnige (similia similibus curentur).
Paracelsus$Paracelsus – Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493–1541): Wichtige Impulse sind von Hahnemann aufgenommen worden, auch ohne dass er die Quelle benennt, v. a. der Ähnlichkeitsgedanke, die Idee der Lebenskraft und das Prinzip der nicht-materiellen Arzneiwirkung. Für Paracelsus vereint der Mensch die gesamte äußere Natur in sich, „also seind die creata buchstaben in denen gelesen wird, wer der mensch ist“.
Diese Auffassung von Natur und menschlicher Natur weist gleichzeitig auf die Möglichkeiten der Heilung: „Nach dem Inhalt und Maß dieser Anatomie sollt ihr die Krankheiten zu nehmen wissen und dieselbigen wissen zu verstehen und zu erkennen, damit ihr dann wisst, warum der Skorpion das skorpionische Gift heile; darum nämlich, weil er des andern Anatomie ist; so ist der äußere Mensch des innern Anatomie, je eins die des andern.“ Woraus folgt: „Contraria contrariis curantur, das ist: Heiß vertreibt Kaltes, das ist falsch, in der Arznei nie wahr gewesen. Sondern also: Arcanum (wörtlich: das Geheimnis, das Verschlossene; übertragen: die innere Heilkraft der Arznei) und Krankheit ist der Gesundheit widerwärtig. Diese zwei vertreiben einander, jedwedes das andere. Das sind die Widerwärtigkeiten, die einander vertreiben.“
Damit das Arcanum heilend wirken kann, muss die Arznei richtig zubereitet sein. „Der Leib nimmt nichts an mit Lust, außer das ihm spiritualisch ist.“ „So ein Arzt da betrachten soll, dass er den Balsam (= die natürliche Heilkraft) extrahier und zerbrech ihm die Qualitates.“ „Die Arznei […] ist ein unsichtbares Ding […], das allein arcanum ist, das unkörperlich ist. […] hat Macht, uns zu verändern, zu mutieren, zu renovieren, zu restaurieren.“
Und die Arznei muss richtig dosiert sein. „Das arcanum, das im Gift, ist gesegnet dermaßen, dass ihn das Gift nichts nimmt noch schad't.“ „Alle Dinge sind Gift, und nichts ohn Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ „Ich scheid das, das mit arcanum ist, von dem, das arcanum ist, und geb dem arcano seine rechte Dosis.“
Albrecht von Haller$Haller, Albrecht von (1708–1777): Gegen die Auffassung vom Menschen als Maschine wendete sich Haller ebenso wie gegen den Animismus, der alle körperlichen Regungen als unmittelbare Tätigkeit der unsterblichen Seele ansah. Zahlreiche Experimente an lebenden Tieren brachten ihn zu der Erkenntnis, dass sowohl der Nerv als auch die Seele an der Empfindung beteiligt sind. Er vertrat die Auffassung, dass die Kräfte der Arzneimittel an Gesunden geprüft werden sollten, worauf Hahnemann ausdrücklich im „Organon der Heilkunst“ (§§ 108, 118) verweist.
Anton von Störck$Störck, Anton von (1731–1803): Pulsatilla, Conium, Aconitum, Colchicum und Stramonium wurden von Störck mit gesunden Probanden geprüft. Der Arzt sollte die Krankheit kennen und die Symptome, die „ähnliche Heilmittel“ hervorrufen. Hier ist der Ansatz der Homöopathie zeitnah vorweggenommen. Joseph von Quarin$Quarin, Joseph von arbeitete eine Zeitlang mit von Störck zusammen; er leitete das Wiener Spital der Barmherzigen Brüder, als Hahnemann 1777 ein Dreivierteljahr dort lernte. Hahnemann später: „Quarin verdanke ich alles, was an mir Arzt genannt werden kann.“
Malaria Nach seinem medizinischen Examen 1779 in Erlangen arbeitete Hahnemann in verschiedenen Orten Sachsens als Arzt, allerdings nur unter großen Zweifeln an der damaligen Medizin. Immer mehr wandte er sich der Chemie und der Übersetzung wissenschaftlicher Werke zu. Im Jahr 1790 erschien seine Übersetzung der Materia medica von William Cullen$Cullen, William (1710–1790), einem Arzt und Chemiker aus Edinburgh. Die Behauptung Cullens, die Wirkung der ChinarindeChinarindeChinarindenversuchSelbstversuchChinarinde gegen Malaria sei auf ihren Magen stärkenden Einfluss zurückzuführen, kommentierte Hahnemann in einer Fußnote so:
„Man kann durch Vereinigung der stärksten bittern und der stärksten adstringirenden Substanzen eine Zusammensetzung bekommen, welche in kleinerer Gabe weit mehr von beiden Eigenschaften besitzt, als die Rinde hat, und doch wird in Ewigkeit kein Fieberspecifikum aus einer solchen Zusammensetzung. Dies hätte der Verf. beantworten sollen. … Man bedenke jedoch folgendes. Substanzen, welche eine Art von Fieber erregen (sehr starker Kaffee, Pfeffer, Wolferlei, Ignazbohne, Arsenik) löschen die Typen des Wechselfiebers aus. – Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimahl täglich jedesmahl vier Quentchen gute China ein; die Füsse, die Fingerspitzen u. s. w. wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das Herz an zu klopfen, mein Puls ward hart und geschwind; eine unleidliche Aengstlichkeit, ein Zittern (aber ohne Schauder), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder; dann Klopfen im Kopfe, Röthe der Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptomen erschienen nach einander, doch ohne eigentlichen Fieberschauder. Mit kurzem: auch die mir bei Wechselfibern gewöhnlichen besonders charakteristischen Symptomen, die Stumpfheit der Sinne, die Art von Steifigkeit in allen Gelenken, besonders aber die taube widrige Empfindung, welche in dem Periostium über allen Knochen des ganzen Körpers ihren Sitz zu haben scheint – alle erschienen. Dieser Paroxysm dauerte zwei bis drei Stunden jedesmahl, und erneuerte sich, wenn ich diese Gabe wiederholte, sonst nicht. Ich hörte auf, und ich war gesund. – Anm. d. Üb.“
Mit dieser Fußnote brachte Hahnemann$Hahnemann, Samuel das Prinzip der Homöopathie zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Er hatte nicht einfach das Werk Cullens$Cullen, William übersetzt, er hatte unplausibel erscheinende Behauptungen überprüft (aude sapere!), hatte einen SelbstversuchSelbstversuch unternommen und Bezüge zur möglicherweise selbst durchgemachten Malaria hergestellt. Das ÄhnlichkeitsprinzipÄhnlichkeitsgesetz war als Arzneiwirkprinzip wiedererkannt worden. Somit war auch der Auftrag – den Hahnemann v. a. an sich selbst stellte – klar: Arzneistoffe auf ihre wahren Heilwirkungen prüfen, indem Gesunde einnehmen und ihre Symptome protokollieren.
Als eigentliche Geburtsstunde der Homöopathie allerdings gilt die Veröffentlichung eines Artikels in Hufelands$Hufeland, Christoph Wilhelm Journal der practischen Arzneikunde im Jahr 1796: „Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen.“ Hier heißt es „zur Ausmittelung der Arzneikräfte der Pflanzen“: „Es bleibt uns nichts, als die Erfahrung am menschlichen Körper übrig. Aber welche Erfahrung? die ungefähre, oder die geflissentliche?“ Womit zum einen die zufällige Beobachtung beim zufälligen Gebrauch im Krankheitsfall, zum anderen die systematische Beobachtung in der Arzneiprüfung am Gesunden gemeint ist. „Jedes wirksame Arzneimittel erregt im menschlichen Körper eine Art von eigner Krankheit. … Man ahme der Natur nach, welche zuweilen eine chronische Krankheit durch eine andre hinzukommende heilt, und wende in der zu heilenden (vorzüglich chronischen) Krankheit dasjenige Arzneimittel an, welches eine andere möglichst ähnliche, künstliche Krankheit zu erregen im Stande ist, und jene wird geheilet werden; Similia similibusSimilia similibus.“
Torgau und Leipzig
Nach ständig wechselnden Wohnorten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen von 1780 bis 1804 ließ sich Hahnemann$Hahnemann, Samuel mit seiner inzwischen neunköpfigen Familie in Torgau (Sachsen) nieder. Dort entstand die erste Auflage des „Organon“, welche noch das Attribut „[…] der rationellen HeilkundeHeilkunde, rationelle“ hatte. 1811 zog Hahnemann mit noch zwei Kindern mehr in die Universitätsstadt Leipzig. 1812 habilitierte sich Hahnemann mit einer Arbeit über Helleborus. Neun Jahre lang hielt er in Leipzig Vorlesungen, schrieb währenddessen die zweite Auflage des Organon, nun mit dem Zusatz „[…] der Heilkunst“, sowie die sechs Bände seiner „Reinen Arzneimittellehre“ mit Symptomen aus Toxikologie und Prüfungen von 63 Arzneien.
Die Leipziger Zeit war geprägt von großen öffentlichen Erfolgen und viel Streit: um das ärztliche Dispensierrecht und um die richtige Medizin, welche an die Stelle von Aderlass und „Vielgemischen“ treten sollte. Hahnemann$Hahnemann, Samuel war ein Freund der klaren, häufig verletzenden Worte. Diplomatie und Bescheidenheit waren ihm fremd. Schließlich musste er, auf Beschluss des Rates der Stadt Leipzig, die Ausgabe von Arzneien unterlassen, was ihn zum Umzug nach Köthen in Sachsen-Anhalt bewog, wo ihm Herzog Ferdinand alle Freiheiten in der Ausübung seiner ärztlichen Praxis gewährte.
In Köthen lebte Hahnemann von 1821 bis 1835, schrieb drei weitere Auflagen des Organon, die zweite Auflage der „Reinen Arzneimittellehre“ und sein drittes Hauptwerk, „Die chronischen Krankheiten, ihre eigenthümliche Natur und homöopathische Heilung“ in zwei Auflagen. Der erste Band dieses Werkes ist ein Lehrbuch zur Behandlung der chronischen Krankheiten, welche Hahnemann auf die Psora (Krätzkrankheit), die Sykose (Feigwarzenkrankheit) und die Syphilis zurückführte. Die Bände zwei bis fünf beschreiben in größter Ausführlichkeit 47 Arzneien zur Behandlung dieser Krankheiten.
1829 feierte Hahnemann$Hahnemann, Samuel sein 50-jähriges Doktorjubiläum, aus dessen Anlass der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte gegründet wurde, welcher heute die älteste medizinische Fachgesellschaft Deutschlands ist. 1830 starb Hahnemanns Frau Henriette. 1834 besuchte ihn die 35-jährige französische Malerin Melanie d'Hervilly$d'Hervilly, Mélanie, die er sechs Monate später heiratete. Mit ihr zog er 1835 nach Paris, gründete dort eine neue florierende homöopathische Praxis und schrieb die sechste und letzte Auflage des Organon, welche allerdings erst 78 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1843, nämlich 1921 von Richard Haehl$Haehl, Richard, veröffentlicht wurde.
Wegbegleiter und Nachfolger Hahnemanns
Noch zu Lebzeiten Hahnemanns verbreitete sich die Homöopathie durch ihre ärztlichen Botschafter über ganz Europa und bis nach Süd- und Nordamerika, später auch nach Asien, Afrika und Australien. Besonders in Indien fand die Homöopathie fruchtbaren Boden und ist dort neben der westlichen Schulmedizin und der ayurvedischen Medizin das dritte Heilsystem mit eigener staatlicher Ausbildung.
Unzählige Heilkundige haben an der Verbreitung der Homöopathie, ihrer Weiterentwicklung, aber auch der Entwicklung von neuen Richtungen mitgewirkt. Exemplarisch sollen hier einige wenige genannt werden.
Clemens Maria Franz von Bönninghausen$Bönninghausen, Clemens von (1785–1864) war Jurist und Direktor des botanischen Gartens in Münster (Westfalen), als er mit 42 Jahren an Tuberkulose erkrankte und mit seinem Leben abschließen wollte. Sein Freund und Arzt Carl Ernst August Weihe$Weihe, Carl Ernst August (1779–1834) gab ihm je eine Dosis Pulsatilla und Sulfur, worauf er gesund wurde und noch 37 Jahre lebte. In kurzer Zeit arbeitete er sich in diese neue Heilmethode ein und bekam aufgrund seines Wissens und seiner therapeutischen Erfolge die ärztliche Approbation ohne Medizinstudium zuerkannt. Seine wichtigsten Impulse für die Homöopathie sind die Erarbeitung von „Genius-Symptomen“ der Arzneimittel (die Hervorhebung charakteristischer und spezifischer Symptome), die Systematisierung der Symptomgewichtung nach Causa, Hauptsymptom und Nebensymptomen sowie die Trennung der Symptom-Elemente Art, Ort, Zeit und Modalitäten, welche er in seinem „Therapeutischen Taschenbuch“ knapp und übersichtlich angeordnet hat (32.3).
Constantin Hering$Hering, Constantin (1800–1880) wurde in Sachsen geboren und fand zur Homöopathie, weil er als Student in Leipzig die Aufgabe bekam, das Heilsystem des damals dort lehrenden Hahnemann zu widerlegen. Von der Klarheit und den Erfolgen der Methode war er bald überzeugt. Er reiste 1827 nach Südamerika und wanderte 1833 in die USA aus. Eine große Zahl neuer Arzneimittel führte er mit eigenen Prüfungen in die Homöopathie ein, darunter Lachesis, Glonoinum, Bromum, Calcium phosphoricum und sulfuricum, Kalium bromatum, Aloe, Allium cepa u. v. a. Nach ihm sind die Hering-RegelnHering-Regel benannt (die eigentlich auf Hahnemann zurückgehen), welche die Entwicklung der Symptome bei der Heilung durch homöopathische Therapie beschreiben: von innen nach außen, von oben nach unten und in der umgekehrten Reihenfolge ihres Auftretens. 1848 gründete er das Hahnemann Medical CollegeHahnemann Medical College, welches noch heute besteht. Seine „Guiding Symptoms“, eine Beschreibung der Leitsymptome der bekannten Arzneimittel in zehn Bänden, setzten noch immer kaum erreichte Maßstäbe.
Georg Heinrich Gottlieb Jahr$Jahr, Georg Heinrich Gottlieb (1800–1875) assistierte Hahnemann in Köthen beim Verfassen der zweiten Auflage der „Chronischen Krankheiten“ und eines Symptomenlexikons und gab später selbst zahlreiche Werke heraus, die viel zur Verbreitung der Homöopathie beitrugen. Auch in Paris hatte er engen Kontakt zu Hahnemann.
James Tyler Kent$Kent, James Tyler (1849–1916) war der bekannteste und produktivste homöopathische Arzt der USA. Er übernahm von E. J. Lee dessen fast fertig gestelltes Repertorium, welches wiederum auf dem „Repertory“ von Adolph zur Lippe aufbaute, und ergänzte es aus den Symptomsammlungen anderer Autoren zu einem Werk, welches die Grundlage fast aller heute verwendeten Repertorien ist. Daneben veröffentlichte er seine „Vorlesungen über das Organon Hahnemanns“, welche für viele Jahrzehnte zum wichtigsten Lehrbuch wurden. Er gewichtete die Symptome, anders als Bönninghausen, in der Rangfolge: sonderliche Symptome, Geist und Gemüt, Allgemein- und Lokalsymptome. Seine hohe Wertung der Geistes- und Gemütssymptome lässt sich u. a. auch auf die religiösen Lehren von Emanuel Swedenborg$Swedenborg, Emanuel (1688–1772) zurückführen.
Adolph zur Lippe$Lippe, Adolph zur (1812–1888) wurde in der Nähe von Görlitz geboren und kam 1837 in die USA. Er praktizierte in Philadelphia und erwarb sich einen hervorragenden Ruf als erfolgreicher homöopathischer Arzt und Lehrer. Sein Repertorium floss in das von Kent ein. Er gründete den „Lippe Club“, ein ärztliches Diskussionsforum und Vorläufer unserer Qualitätszirkel.
Timothy Field Allen$Allen, Timothy Field (1837–1902) aus Westminster, Vermont, war Chirurg, bevor er zur Homöopathie kam. Sein Hauptwerk ist die zwölfbändige „Encyclopedia of Pure Materia Medica“, welche in einer einzigartigen Vollständigkeit sämtliche Prüfsymptome aller bekannten Arzneimittel in wörtlichen Zitaten enthält. Nicht verwandt mit ihm sind Henry Clay Allen (1836–1909), geboren in Ontario (Kanada), Autor der „Keynotes to the Leading Remedies of the Materia Medica“ und der „Materia Medica of the Nosodes“, sowie John Henry Allen$Allen, John Henry (1854–1925), Chicago, der „The Chronic Diseases“ schrieb.
Cyrus Maxwell Boger$Boger, Cyrus Maxwell (1861–1935) war Arzt und Apotheker. Er praktizierte in Parkersburg (West Virginia) und war ein ausgezeichneter Kenner der Literatur und Methode Bönninghausens. Sein Werk umfasst unter anderem wichtige Publikationen wie „Bönninghausen's Charakteristics and Repertory“, „Synoptic Key“ und „General Analysis“.
Weitere einflussreiche Vertreter der Homöopathie
Pierre Schmidt$Schmidt, Pierre (1894–1987) aus Neuchatel bzw. Genf (ab 1921) wollte als junger Mann Kent in den USA besuchen und musste feststellen, dass dieser schon sechs Jahre zuvor gestorben war. Margaret Tyler$Tyler, Margaret (1857–1943), Alonzo Austin$Austin, Alonzo und Frederica Gladwin$Gladwin, Frederica, alle drei Schüler von Kent, waren seine wichtigsten Lehrer. Er übersetzte das Organon ins Französische, war Mitherausgeber der sechsten Auflage des Kent-Repertoriums und 1925 Mitgründer der Liga medicorum homoeopathica internationalis. Pierre Schmidt$Schmidt, Pierre brachte die Homöopathie von den USA zurück nach Europa, nachdem sie Ende des 19. Jahrhunderts in ärztlichen Kreisen Europas fast jede Bedeutung verloren hatte. Mit seiner Frau Dora Nagel gründete er ein Herstellungslabor für homöopathische Hochpotenzen.
Jost Künzli$Künzli von Fimmelsberg, Jost von Fimmelsberg (1915–1992), St. Gallen, war ein wichtiger Schüler von Pierre Schmidt, übersetzte die Vorlesungen Kents aus der französischen Ausgabe Schmidts ins Deutsche, war Lehrer einer ganzen Generation homöopathischer Ärzte und belebte v. a. durch die Spiekerooger Wochen aufs Neue die Homöopathie in Deutschland (32.2).
Will Klunker$Klunker, Will (1923–2002) kam durch Künzli und Voegeli zur Homöopathie, wurde später Schüler von Pierre Schmidt und Mitglied der Groupement Hahnemannien. Er war lange Schriftleiter der „Zeitschrift für Klassische Homöopathie“, verfasste 88 wissenschaftliche Zeitschriftenbeiträge und war Autor von drei Büchern, darunter „Beziehungen der Arzneien unter sich“ (zusammen mit G. Miller) und „Synthetisches Repertorium, Band 3“.
Horst Barthel (1922–2008) arbeitete früh mit Pierre Schmidt und Jost Künzli, die seine homöopathische Sicht maßgeblich mitbestimmten. Als Autor des dreisprachigen synthetischen Repertoriums (zusammen mit Will Klunker) machte er sich international einen Namen. Nach einer Idee von Pierre Schmidt vervollständigte er das Konzept der Charakteristika, verfasste dazu eine zweibändige Arzneimittellehre und das Repertorium der Charakteristika. Aus seiner umfangreichen Praxistätigkeit entstand die Dokumentierte Kasuistik, eine genaue Analyse der Heilung von Schwerstkranken.
Georg von Keller$Keller, Georg von (1919–2003) praktizierte als homöopathischer Landarzt in den 1950er-Jahren in Persien, bevor er sich in Tübingen niederließ. Ihm ist die deutsche Übersetzung des Kent-Repertoriums zu verdanken. Er gab 14 zum Teil sehr umfangreiche Arzneimittelmonographien heraus, verfasste über 150 Zeitschriftenbeiträge und war langjähriger Mitarbeiter der „Zeitschrift für Klassische Homöopathie“. Sein Anliegen war es, die an den Quellen der alten Meister orientierte Homöopathie auszuüben und zu lehren. Außerdem hatte er große Erfahrung im Umgang mit Q-Potenzen, welche er seit seiner Praxisgründung fast ausschließlich verordnete.Essenz, Arzneimittel
Proceso Sánchez Ortega$Ortega, Proceso Sánchez (1919–2005), Mexiko, prägte die Homöopathie in Lateinamerika und gab mit seinen „Anmerkungen zu den Miasmen oder chronischen Krankheiten im Sinne Hahnemanns“ sowie mit seinem Lehrbuch der Homöopathie wichtige Impulse zur Interpretation der Miasmenlehre. Auf ihn geht die Zuordnung der typischen Reaktionsformen „Defekt“, „Exzess“ und „Perversion“ bzw. Hypotrophie (Mangel), Hypertrophie (Überfluss) und Destruktion (Zerstörung) zu den drei klassischen Miasmen Psora, Sykose und Syphilis zurück (32.5).
Alfonso Masi-Elizalde$Masi-Elizalde, Alfonso (1932–2003), Argentinien, hat eine eigene Auffassung von Krankheitsentstehung und -entwicklung und eine neue Form der Analyse von Arzneisymptomen erarbeitet, die sich unter anderem auf die philosophische Lehre des Thomas von Aquin beruft (32.8).
Georgos Vithoulkas$Vithoulkas, Georgos (∗1932), Athen, hat in Südafrika und Indien homöopathische Medizin studiert und lehrt sie seit 1967. In Athen, London und Esalen sowie in vielen anderen Städten leitete er Seminare und Kurse und bildet eine neue Generation von homöopathischen Ärzten und Heilpraktikern aus. Sein Schwerpunkt liegt auf der Einhaltung der klassischen Prinzipien einer individuellen Mittelwahl und der Erarbeitung der „Essenz“ jedes Arzneimittels. 1996 erhielt er für seine Arbeit den „alternativen Nobelpreis“ (32.6).
M. L. Sehgal$Sehgal, Mandan Lal (1929–2002) ist Begründer der nach ihm benannten Methode der Fallanalyse, die ausschließlich Gemütssymptome verwendet unter Ausschluss von Lokal- oder Allgemeinsymptomen, Modalitäten oder miasmatischen Überlegungen. Die Gemütsrubriken des Repertoriums hat er zu diesem Zweck in ihrer tieferen Wortbedeutung ausgeleuchtet und neu interpretiert (32.12).
Jan Scholten$Scholten, Jan (∗1951) veröffentlichte in zwei viel beachteten und kontrovers diskutierten Büchern eine systematische Einteilung von chemischen Elementen und ihren Salzen. Mit der Beschreibung von Gruppeneigenschaften und postulierten Themen innerhalb des Periodensystems regte er die Anwendung einer Vielzahl auch bisher ungeprüfter homöopathischer Mittel an (32.10).
Massimo Mangialavori$Mangialavori, Massimo (∗1958) hat seit den 1990er-Jahren in einer großen Zahl von Vorträgen und Seminaren viele Homöopathen ausgebildet und beeinflusst. Sein neuer Impuls für die Homöopathie ist die Berücksichtigung aller verfügbaren Informationen zu Arzneimitteln und ihren Ausgangsstoffen in der Natur, um die Mittelwahl zu präzisieren, d. h. auch solche Informationen, die nicht aus Prüfungen, Intoxikationen und therapeutischen Erfahrungen gewonnen werden (z. B. Toxikologie, Mythologie). Dieser Ansatz führt zur Auffindung vieler neuer Arzneimittel aufgrund biologischer, zoologischer oder chemischer Gruppenzugehörigkeit. Mangialavori ist ein „Experte der kleinen Mittel“ (32.11).
Rajan Sankaran$Sankaran, Rajan (∗1960) hat die homöopathische Welt in vielen Seminaren und einer Reihe von Büchern an der Entwicklung seiner Ideen teilhaben lassen. Die Begriffe „zentrale Wahnidee“ (Basic delusion) und „vitale Empfindung“ (Vital sensation) gehen auf ihn zurück. Er hat außerdem die Charakteristika der jeweiligen Naturreiche, aus denen die Arzneien stammen, beschrieben, verschiedene Ebenen des Zugangs zum Patienten aufgezeigt und lehrt eine besondere Technik der Anamnese über die Wiederholung und das Nachfragen charakteristischer Äußerungen des Patienten (32.9).

References: § 34
 § 6
 § 8
 § 9
 § 12
 § 7
 § 8
 § 6
 § 14