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Timestamp: 2019-07-17 23:33:51+00:00

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Big Brother, Dschungelcamp und die Menschenwürde - Telemedicus
Dienstag, 20. Januar 2009 , von Jan Wesselmann
Big Brother, Dschungelcamp und die Menschenwürde
Fernsehformate und die Menschenwürde
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlicher Gewalt.
Diesen obersten Grundsatz unserer Verfassung kennt jeder, der sich schon mal mit dem Grundgesetz beschäftigt hat. Mindestens ebenso bekannt sind Reality-TV-Shows wie „Big Brother“ und „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“. Inwiefern diese Reality-Shows auf Grund ihrer Konzeption mit Art. 1 Abs. 1 GG kollidieren, ist spätestens seit Ausstrahlung der ersten „Big Brother“-Staffel Anfang 2000 Gegenstand kontroverser Diskussionen. Seit Kurzem laufen die neuen Staffeln der beiden Shows. Grund genug, einen Überblick über die rechtlichen Hintergründe zur Menschenwürde darzustellen.
Den Jurastudenten wird schon im ersten Semester beigebracht, dass Grundrechte grundsätzlich zunächst nur im Verhältnis zwischen Staat und Bürger gelten. Dennoch erstrecken sich die Grundrechte über die Drittwirkung auch ins Privatrecht. Dadurch sind letztendlich auch Privatrechtssubjekte in einem gewissen Umfang an die Grundrechte gebunden. Dies muss in besonderem Maße für die Menschenwürde gelten, die als Basisgrundrecht – also als Quelle aller nachfolgenden Grundrechte – als einziges absolut gilt.
Konzeption der Reality-Shows
Die Reality-TV-Shows „Big Brother“ und „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ (auch „Dschungelcamp“ genannt) basieren auf unterschiedlichen Konzepten. In ersterer halten sich Menschen über einen längeren Zeitraum (mehrere Monate) freiwillig in einem abgegrenzten Bereich auf und werden dabei gefilmt. Derjenige, der es dort am längsten aushält, ohne von den Zuschauern über ein Televoting-Verfahren „herausgewählt“ zu werden, erhält am Ende einen Geldpreis.
Im Dschungelcamp halten sich die Kandidaten in einem dschungelähnlichen Areal auf und müssen Aufgaben mit unterschiedlichem „Ekelgrad“ erfüllen („Dschungelprüfungen“). Hierzu gehört beispielsweise das Verzehren von Maden oder das „Bad“ in einem Plexiglaskasten mit 40.000 Kakerlaken. Nach der ersten Woche wird täglich ein Kandidat von den Zuschauern herausgewählt. Ziel ist es, bis zum Schluss in der Show zu bleiben und sich so den Titel des „Dschungelkönigs“ zu sichern.
Bei beiden Formaten gab es bisher Diskussionen darüber, inwiefern sie mit der Menschenwürde zu vereinbaren sind. Um diese Unklarheiten zu beseitigen gilt es, drei zentrale Fragestellungen zu beantworten:
1. Was ist die Menschenwürde?
2. Kann ein Mensch freiwillig auf die Menschenwürde verzichten?
3. Wird die Menschenwürde in den angesprochenen Sendeformaten berührt?
Definition der Menschenwürde
Die Menschenwürde ist ein unbestimmter Rechtsbegriff. Eine allgemein akzeptierte Bestimmung dieses Begriffs existiert – trotz zahlreicher Definitionsversuche – jedoch zur Zeit nicht. Das Bundesverfassungsgericht hat in der Vergangenheit bei Fällen, in denen eine Verletzung der Menschenwürde geprüft wurde, des öfteren auf die sogenannte Objektformel abgestellt. Danach ist die Menschenwürde dann betroffen, wenn der Mensch zum Objekt herabgewürdigt und dadurch verdinglicht wird.
Dieser Versuch einer Negativdefinition hat in der Literatur vor allem Kritik einstecken müssen, weil er sehr vage und abstrakt ist. Auch lässt sich mit dieser Formel eine Verletzung der Menschenwürde nicht ohne weiteres bestimmen. Vielmehr lässt sie einen sehr breiten Spielraum für weitere Interpretationen und Abwägungen.
Ob eine bestimmte (Be-) Handlung die Menschenwürde berührt, muss also – da sich eine abstrakte Definition als schwierig erweist – am Einzelfall festgemacht werden. Dabei kann man sich auf Fallgruppen stützen, in denen die Menschenwürde anerkannterweise betroffen ist. Hierzu zählen beispielsweise Folter, systematische Unterdrückung, erniedrigende Behandlungen oder eine Degradierung zu „Menschen 2. Klasse“.
Für die Beurteilung der Menschenwürde im Einzelfall muss ferner auch das Selbstverständnis des jeweiligen Individuums einfließen. Als solches kann der Betroffene am ehesten selber beurteilen, welche Handlung er als Eingriff in die Menschenwürde empfindet und wann er seine Würde nicht berührt sieht. Die Menschenwürde ist also nicht abstrakt bestimmbar. Abstrakt kann allenfalls ein Kernbereich definiert werden, in dem die Menschenwürde auf jeden Fall betroffen ist. In den „Grauzonen“ kommt es dagegen maßgeblich auf das Selbstverständnis der Individuums an.
Möglichkeit des freiwilligen Verzichts
Zu klären ist ferner die Frage, ob ein freiwilliger Verzicht auf die Menschenwürde möglich ist, diese also zur Disposition steht. Mit Blick auf das Gebot der Unantastbarkeit der Menschenwürde scheint die Antwort hierauf zunächst eindeutig. Allerdings würde ein Ausschluss der freiwilligen Verzichtsmöglichkeit gleichzeitig eine Bevormundung des Bürgers bedeuten.
Hier ist die herausragende Stellung der Menschenwürde zu beachten. Sie ist das wertvollste, was ein Individuum besitzt, verfassungsrechtlich rangiert sie sogar über dem Recht auf Leben. Hieraus resultiert die ausdrücklich normierte Unantastbarkeit der Menschenwürde. Aus dieser Formulierung ergibt sich, dass ein Eingriff in dieses Rechtsgut nicht gerechtfertigt werden kann. Die Einwilligung des Individuums schließt jedoch nicht den Eingriff aus, sondern kann allenfalls rechtfertigend wirken. Folglich ist ein freiwilliger Verzicht auf die Menschenwürde nicht möglich. Im Zweifelsfall muss sie vielmehr sogar vor dem Zugriff des Individuums selbst geschützt werden.
Insofern ist allerdings zu beachten, dass es – wie oben dargelegt – keine allgemeingültige Definition der Menschenwürde gibt. Da bei einer Einzelfallabwägung auch das Selbstverständnis des Individuums zu berücksichtigen ist, stellt sich im Einzelfall die Frage, ob die Menschenwürde überhaupt betroffen ist. Unterzieht sich der Einzelne beispielsweise einer Behandlung, die von anderen als erniedrigend empfunden wird, muss dies für den Betroffenen nicht gelten.
Berührung der Menschenwürde durch die o.a. Formate
Es bleibt die Frage, ob „Big Brother“ und das „Dschungelcamp“ die Menschenwürde überhaupt berühren. Bei der Anwendung der Objektformel des Bundesverfassungsgerichts stellt sich unweigerlich die Frage, ob die Kandidaten in diesen Fällen „zum Objekt herabgewürdigt werden“. Bei „Big Brother“ könnte dies aus der umfassenden Beobachtung durch die Kamera resultieren. Diese filmt die Kandidaten an jedem Ort an einem Großteil des Tages. Alleine daraus lässt sich eine „Degradierung zum Objekt“ allerdings schwerlich festmachen.
Auch die Kandidaten scheinen dies nicht als eine Beeinträchtigung ihrer Würde zu empfinden. Nach acht abgeschlossenen Staffeln von Big Brother hat sich noch kein Kandidat über eine derartige Verletzung beschwert. Beim „Dschungelcamp“ verhält es sich ähnlich. Auch hier hat sich bisher noch kein Teilnehmer über eine Menschenwürdeverletzung auf Grund der gestellten Aufgaben beschwert. Vielmehr werden diese Shows als Spiele gesehen, aus denen die Kandidaten jederzeit wieder aussteigen können. Lediglich bei „Die Burg“ kam es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung, die allerdings nicht das Format direkt betraf.
Hinzu kommt, dass eine weite Auslegung des Begriffs der Menschenwürde zu einer Verwässerung von eben diesem führen würde. Eine Menschenwürdeverletzung sollte daher – gerade im Hinblick auf die Menschenwürde als höchstes Gut - auf schwerwiegende Fälle beschränkt werden und nicht jede Form des „unwürdigen Verhaltens“ erfassen. Anders gesagt: Die Befriedigung der voyeuristischen Zuschauerneigungen und eine "Vermarktung" der in den Sendungen der einzelnen Fernsehformate zur Schau gestellten Kandidaten stellt nicht grundsätzlich eine Verletzung der Menschenwürde dar.
Einzelfallabhängige Beurteilung
Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass innerhalb dieser Formate Kandidaten beliebig zur Schau gestellt werden können. Vielmehr kann im Einzelfall - bei besonders herabwürdigenden Darstellungen - eine Menschenwürdeverletzung angenommen werden.
Eine solche Annahme sollte aber aus oben genannten Gründen ausschließlich in Extremfällen erfolgen. Für sonstige Fälle bleibt eine Berufung auf das allgemeine Persönlichkeitsrecht. Dieses vom Bundesverfassungsgericht entwickelte Grundrecht stellt eine Konkretisierung der Würde des Menschen dar. Als solches hat es seine Grundlage in Art. 2 Abs. 1 GG und wird durch Art. 1 Abs. 1 GG beeinflusst. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht ist - im Gegensatz zur Menschenwürde - durchaus einschränkbar.
Zusätzlich besteht die Möglichkeit, gegen einzelne Sendungen oder gar ganze Sendeformate vorzugehen, wenn sie als "jugendgefährdend" eingestuft werden. So hat die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) beispielsweise RTL im vorigen Jahr mit einer Geldbuße von 100.000 Euro belegt. Grund hierfür war, dass RTL die Sendung "Deutschland sucht den Superstar" mehrfach im Nachmittagsprogramm zeigte (Telemedicus berichtete). Zu beachten ist allerdings, dass hiermit durch die KJM keine Beurteilung darüber erfolgte, inwiefern die Behandlung der Kandidaten an sich gegen die Menschenwürde, das allgemeine Persönlichkeitsrecht oder gegen Jugendschutzbestimmungen verstießen; Vielmehr wurde ausschließlich die Ausstrahlung dieser Sendungen beanstandet, weil sie für jugendliche Fernsehzuschauer aus jugendschutzrechtlicher Sicht bedenklich war.
Die Beurteilung von Reality-Shows und deren Bezug zur Menschenwürde ist auch neun Jahre nach Ausstrahlung der ersten „Big Brother“-Staffel umstritten. In der Literatur findet man sowohl Stimmen, die eine Verletzung der Menschenwürde annehmen als auch Stimmen, die dies ablehnen. Der Maßstab für eine Menschenwürdeverletzung (insbesondere bei einer freiwilligen Teilnahme an einer derartigen Show) ist jedoch richtigerweise hoch anzulegen. Weder Big Brother noch das Dschungelcamp verletzen daher als Sendeformat die Menschenwürde. Eine Verletzung kann allenfalls in Einzelfällen angenommen werden. Den Aufsichtsbehörden bleibt jedoch die Möglichkeit, im Rahmen der Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts oder aus jugendschutzrechtlichen Gründen gegen Sendungen und Sendeformate vorzugehen.
Jan Wesselmann, Telemedicus v. 20.01.2009, http://tlmd.in/a/1117
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Marc B. 20.01.2009 11:19
Stefan Niggemeier vertritt in der FAZ[1] die These, dass die Produzenten von ²Ich bin ein ..." sehr viel kompetenter mit der Würde ihrer Teilnehmer umgehen, als Journalisten in der Berichterstattung über das Format. Die Sendung selbst wäre menschlicher und würdevoller als die Schlagzeilen darüber, erst diese ziehen die Teilnehmer wirklich in den Dreck.
[1] http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EB544E3B9FEC84611997B42F2C4175E65~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Simon 20.01.2009 20:54
Das mag jetzt eine subjektive Meinung sein, aber ich kann mit der These, die Menschenwürde sei (auch) aus Sicht des Würdeträgers zu definieren, wenig anfangen. Schon der Wortlaut des Art. 1 Abs. 1 S. 1 GG ("unantastbar") macht doch deutlich, dass es sich hier um ein absolut, fernab jeder Rechtfertigung oder Einwilligung, geschütztes Rechtsgut handelt.
Versubjektiviert man den Begriff, verwässert man ihn auch: Die Würde ist Ausprägung der Mensch-Seins ihres Trägers, nicht seines Willens. Sie ist sogar unabhängig davon geschützt, ob ihr Träger überhaupt einen freien Willen bilden kann.
Es ist natürlich verständlich, die weite Ausprägung, die die Menschenwürde in der Rechtsprechung zu Peep-Show, Laserdrome, Zwergenweitwurf etc. gefunden hat, irgendwie wieder beschränken zu wollen. Aber es wäre aus meiner Sicht ein falscher Ansatz, über die Hintertür der "subjektiven" Betrachtungsweise letztlich doch die Menschenwürde einwilligungsfähig zu machen. Dann doch lieber eine generell enge Auslegung des Begriffs.
Ein anderer Aspekt: In verschiedenen rundfunkrechtlichen Bestimmungen ist ebenfalls von der Menschenwürde die Rede. Insbesondere § 3 Abs. 1 Satz 1 RStV besagt (auszugweise):
Alle Veranstalter bundesweit verbreiteter Fernsehprogramme haben in ihren Sendungen die Würde des Menschen zu achten und zu schützen
Ich frage mich, ob hier tatsächlich die Würde der dargestellten Menschen gemeint ist. Nicht vielleicht doch eher der abstrakte Inhalt des Programms? Die Bestimmung heißt ja "Programmgrundsätze". Hinzu kommt, dass hier vor allem auf die Schutzverpflichtung des Staates für die Menschenwürde Bezug genommen wird (objektivrechtliche Dimension), weniger auf deren Charakter als Abwehrrecht.
Ich würde daraus ableiten, dass es für § 3 RStV überhaupt nicht darauf ankommt, wie sich die Protagonisten einer Fernsehsendung fühlen. Sondern viel eher, welches Menschenbild eine Fernsehsendung vermittelt. Maßgeblich ist also nicht das Empfinden der verletzten Person, sondern das des Rundfunk-Rezipienten.
Vor diesem Hintergrund ist eine Show wie Dschungelcamp m.E. klar durchgefallen. Die Show vermittelt ein Bild, nach dem es in Ordnung ist, Menschen gezielt erniedrigenden Situationen auszusetzen. Oder, aus Opfersicht betrachtet: Es in Ordnung ist, sich nur für Geld und 5 Minuten Ruhm vollständig zu entblößen.
MrBrook 20.01.2009 23:48
Ich bin auch der Meinung, dass aus Art. 1 I GG klar hervorgeht, dass die Menschenwürde ein absolut geschütztes Rechtsgut ist. Deswegen glaube ich auch nicht daran, dass man in eine Verletzung der Menschenwürde einwilligen kann. Dennoch glaube ich, dass die Menschenwürde nicht abstrakt definierbar ist. Wenn ich die Menschenwürde aber nach den Einzelfällen definieren muss, muss ich auch die besonderen Umstände des Einzelfalls in die Definition des Begriffs einfließen lassen. Und da spielt - in einem beschränkten Rahmen - meiner Meinung nach durchaus eine Rolle, ob die Betroffenen es als Verletzung ihrer Würde empfinden (Wobei das nicht das einzige Kriterium ist, natürlich fließen auch allgemeine Überzeugungen in die Definition ein; Auch darüber, wie stark die Ansicht des Individuums letztendlich gewertet wird, bin ich bereit zu diskutieren).
Das wird meiner Überzeugung nach besonders im sexuellen Bereich deutlich: Bei viele Praktiken im BDSM-Bereich bekommt man mit einer abstrakten Definition ohne Berücksichtigung des Individuums massive Probleme. Dort gibt es Spielarten, die ohne Einwilligung des Betroffenen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit eine Menschenwürdeverletzung darstellen würden. Andererseits sind sie aber mit Einwilligung erlaubt.
Simon 21.01.2009 08:22
Das stimmt, das hatte ich auch nicht so bedacht. Ich denke allerdings, dass aufgezwungener Sex dieser Art vor allem dadurch zu einer Menschenwürdeverletzung wird, dass der Willen des Opfers gebrochen wird, nicht durch die durchgeführten Handlungen an sich. Ich kenne mich da ja nicht so aus ;-), aber so weit ich weiß, behandeln sich die Akteure abseits der "Rollen", die sie spielen, üblicherweise mit Respekt und Anstand. Es geht auch in der Szene niemand davon aus, dass die Teilnahme an BDSM-Praktiken "unmenschlich" oder auch nur "ehrenrührig" sei.
Ich tendiere also dazu, diese Fälle schon deswegen nicht als Menschenwürdeverletzung anzusehen, weil diese Verletzung hier nur "nachgespielt" wird, nicht tatsächlich erfolgt. Das unterscheidet BDSM-Sex auch von Fällen wie dem des Dschungelcamps: Hier willigen die Protagonisten zwar ebenso ein, aber sie tun dies nicht zu ihrem eigenen Vergnügen, sondern für Geld (und wahrscheinlich aus einer gewissen wirtschaftlichen Zwangslage heraus). Sie spiegel dabei auch keine Rolle, sondern bleiben sie selbst, auch in ihren Ekel- bzw. Schmerzgefühlen..
Außerdem bleibt ja noch der letzte Punkt: Ich meine, für die rundfunkrechtliche Beurteilung kann es ohnehin nicht darauf ankommen, wie die Protagonisten der Show sich fühlen. Maßgeblich ist die Reaktion beim Publikum. Insofern wäre auch BDSM-Sex im Fernsehen (abseits der Jugendschutzbestimmungen) rechtswidrig, sofern nicht sein artifizieller Charakter offengelegt wird,
MrBrook 21.01.2009 17:19
Ich wollte eigentlich zu deinem Kommentar Stellung nehmen, aber irgendwie lässt mich der Spamschutz nicht durch ;)
Ich probiere es heute Abend zu Hause noch einmal.
MrBrook 22.01.2009 10:32
Das Argument, dass die Menschenwürdeverletzung in der Brechung des Willens liegt, ist interessant. Das habe ich soweit nicht bedacht.
Ich hoffe mal, dass ich bei der folgenden Argumentation nichts übersehen habe: Aber widersprichst du damit nicht der Ansicht, dass die Verletzung nicht aus Sicht des Würdeträgers zu definieren sei? Denn indem du den Willen des Betroffenen berücksichtigst, machst du ja faktisch genau das, was ich im Artikel vorgeschlagen habe: Die Ansicht des Betroffenen einbeziehen und eine Behandlung nur dann als Menschenwürdeverletzung ansehen, wenn der Betroffene auch von einer Würdeverletzung ausgeht.
Deine Begründung mit der "wirtschaftlichen Zwangslage" halte ich ebenfalls für problematisch. Grade im Dschungelcamp befinden sich viele C-Promis, die sich wirtschaftlich durchaus über Wasser halten können. Soweit ich weiß, steht Nico Schwanz zum Beispiel wirtschaftlich nicht grade am Abgrund.
Im letzten Punkt gebe ich dir Recht. Sicherlich ist im Rundfunkbereich die Wirkung auf den Zuschauer relevanter. Allerdings drehte sich der Artikel ja um die Menschenwürde in derartigen Showformaten. Und die Würde der Zuschauer ist wohl kaum betroffen. Wenn man rein auf die Menschenwürde abstellt muss man überprüfen, ob diese innerhalb der Shows verletzt wird.
Simon 22.01.2009 19:02
Ich denke, es besteht schon ein Unterschied zwischen den beiden Fällen:
- Im einen Fall stelle ich das Rechtsgut Menschenwürde selbst zur Disposition des Rechtsträgers.
- Im anderen Fall sage ich, die Missachtung liegt gerade darin, dass die sexuelle Selbstbestimmung des Würdeträgers missachtet wird. Hier liegt also keine echte Frage der Einwilligung vor - nur eben, dass in diesem Fall der Wille selbst zur Menschenwürde zählt . Entfällt der entgegenstehende Wille, ist auch der Schutzbereich der Menschenwürde nicht eröffnet.
Von der Argumentation liegt das nah an der Abgrenzung "Einwilligung" / "Tatbestandsausschließendes Einverständnis" aus dem Strafrecht. Auch dort definierte ich ja das Einverständnis ja nicht nach dem Willen des Rechtsgutsträgers, sondern objektiv, nach dessen Verhalten und Äußerungen.
Ich gebe aber zu, dass die beiden Fälle unter dem Strich nah beieinander liegen. Dem zugrunde liegt ja auch die Annahme, dass die "Rollenspiele" des BDSM für sich gesehen noch keine Menschenwürdeverletzung darstellen. Auch darüber kann man sicher streiten.
MrBrook 22.01.2009 20:56
Da muss ich nochmal nachhaken: Das ist doch genau das, was ich im Artikel angesprochen habe. Eine Möglichkeit zur Einwilligung gibt der Wortlaut des Art 1 I GG nicht her, allerdings ist der Schutzbereich auch nach den Ansichten des Individuums zu definieren.
Simon 22.01.2009 21:26
Naja, ich meinte nicht die "Ansichten" des Menschenwürdeträgers, sondern:
1. (wenn man so will, die) Ansichten der betroffenen Verkehrskreise. Die betrachten im Fall von BDSM die Opfer-Rolle wohl nicht als Entwürdigung; im Fall von Dschungelcamp (oder Peep-Show etc.) tun die betroffenen Verkehrskreise das wohl schon.
2. ausschließlich die sexuelle Selbstbestimmung. Also nicht jede Form von Willen, sondern lediglich die Hoheit über die eigene Intimsphäre.
Wir unterscheiden uns hier, wenn ich dich richtig verstehe, vor allem im Ergebnis. Während du, wegen der Betrachtung am Einzelfall und der Berücksichtigung der Ansichten des Würdeträgers, eine Menschenwürdeverletzung ablehnen willst, will ich die annehmen. Denn ich richte mich an der (objektiven) Verkehrsanschauung aus, bzw. sehe hier keinen Fall gegeben, in dem allein die "Brechung" des Willens des Würdeträgers ausreicht, um eine Menschenwürdeverletzung anzunehmen (so wie das z.B. im Fall von aufgezwungenem BDSM-Sex der Fall wäre).
Nette Diskussion, übrigens! :-)
Hans Peter 16.03.2015 09:50
coller scheiss

References: Art. 1
 Art. 2
 Art. 1
 Art. 1
 § 3
 § 3
 Art. 1