Source: http://www.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Verdachtskuendigung_BAG_2AZR961-06.html
Timestamp: 2019-01-16 10:31:39+00:00

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hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf Grund der Be­ra­tung vom 13. März 2008 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Rost, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ey­lert und Schmitz-Scho­le­mann so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Ro­eckl und Eu­len für Recht er­kannt:
Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ham­burg vom 11. Mai 2006 - 2 Sa 71/05 - auf­ge­ho­ben.
„Der Behörde ist von der Staats­an­walt­schaft die Sie be­tref­fen­de Er­mitt­lungs­ak­te zur Ein­sicht­nah­me zu­ge­lei­tet wor­den. Sie ste­hen im Ver­dacht, in 8 Fällen meh­re­re Rei­fen des Fahr­zeugs von Herrn B, des Ehe­man­nes Ih­rer
frühe­ren Kol­le­gin Frau B, so­wie in 3 Fällen Rei­fen des Fahr­zeugs Ih­rer frühe­ren Kol­le­gin Frau S zer­sto­chen zu ha­ben. Hin­sicht­lich des ge­gen Sie er­ho­be­nen Ver­dachts be­zieht sich die Behörde auf den In­halt der Er­mitt­lungs­ak­te.
Der Kläger ist in­zwi­schen im Straf­ver­fah­ren rechts­kräftig frei­ge­spro­chen.
Das Amts­ge­richt Ham­burg hat im Ur­teil vom 10. Au­gust 2004 aus­geführt:
„Das Ge­richt glaubt, dass der An­ge­klag­te die ihm vor­ge­wor­fe­nen 11 Ta­ten be­gan­gen hat, hat je­doch letz­te - ge­rin­ge - Zwei­fel an der Be­ge­hung durch den An-ge­klag­ten, ...“
Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben, das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung der Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen und die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen. Mit die­ser er­strebt die Be­klag­te wei­ter­hin Kla­ge­ab­wei­sung.
gründen, die Ver­dachts­mo­men­te ge­eig­net sind, das für die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­for­der­li­che Ver­trau­en zu zerstören, und der Ar­beit­ge­ber al­le zu­mut­ba­ren An­stren­gun­gen zur Aufklärung des Sach­ver­halts un­ter­nom­men, ins­be­son­de­re dem Ar­beit­neh­mer Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ge­ge­ben hat (st. Rspr. statt vie­ler: Se­nat 6. De­zem­ber 2001 - 2 AZR 496/00 - AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 36 = EzA BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 11, zu B I 1 der Gründe; zu­letzt 29. No­vem­ber 2007 - 2 AZR 725/06 -).
a) Die Anhörung des Ar­beit­neh­mers hat im Zu­ge der ge­bo­te­nen Aufklärung des Sach­ver­halts zu er­fol­gen. Ihr Um­fang rich­tet sich nach den Um-ständen des Ein­zel­falls. Sie muss je­den­falls nicht den An­for­de­run­gen genügen, die an ei­ne Anhörung des Be­triebs­rats nach § 102 Abs. 1 Be­trVG ge­stellt wer­den (Se­nat 13. Sep­tem­ber 1995 - 2 AZR 587/94 - BA­GE 81, 27, zu II 3 der Gründe; 26. Sep­tem­ber 2002 - 2 AZR 424/01 - AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 37 = EzA BGB 2002 § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 1, zu B I 1 b bb der Gründe). Die An­for­de­run­gen an ei­ne ord­nungs­gemäße Be­triebs­rats­anhörung und In­for­ma­ti­on des Be­triebs­rats ei­ner­seits und an die Anhörung des Ar­beit­neh­mers im Rah­men ei­ner Ver­dachtskündi­gung an­de­rer­seits die­nen an­de­ren Zwe­cken und sind schon des­halb im An­satz nicht ver­gleich­bar (Ey­lert/Fried­richs DB 2007, 2203, 2205). Den­noch reicht es grundsätz­lich nicht aus, wenn der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer im Rah­men ei­ner Anhörung zu ei­ner Ver­dachtskündi­gung le­dig­lich mit ei­ner all­ge­mein ge­hal­te­nen Wer­tung kon­fron­tiert. Die Anhörung muss sich auf ei­nen greif­ba­ren Sach­ver­halt be­zie­hen. Der Ar­beit­neh­mer muss die Möglich­keit ha­ben, be­stimm­te, zeit­lich und räum­lich ein­ge­grenz­te Tat­sa­chen zu be­strei­ten oder den Ver­dacht ent­kräften­de Tat­sa­chen zu be­zeich­nen und so zur Auf­hel­lung der für den Ar­beit­ge­ber im Dun­keln lie­gen­den Ge­scheh­nis­se bei­zu­tra­gen. Al­lein um die­ser Aufklärung wil­len wird dem Ar­beit­ge­ber die Anhörung ab­ver­langt. Da­ge­gen ist sie nicht da­zu be­stimmt, als ver­fah­rens­recht­li­che Er­schwer­nis die Aufklärung zu verzögern und die Wahr­heit zu ver­dun­keln.
b) Ei­ne schuld­haf­te Ver­let­zung der Anhörungs­pflicht liegt dann nicht vor, wenn der Ar­beit­neh­mer von vorn­her­ein nicht be­reit war, sich auf die ge­gen ihn er­ho­be­nen Vorwürfe ein­zu­las­sen und nach sei­nen Kräften an der Aufklärung mit­zu­wir­ken. Erklärt der Ar­beit­neh­mer so­gleich, er wer­de sich zum Vor­wurf nicht äußern und nennt auch für sei­ne Ver­wei­ge­rung kei­ne re­le­van­ten Gründe (Hoefs Die Ver­dachtskündi­gung S. 201; KR-Fi­scher­mei­er 8. Aufl. § 626 BGB Rn. 231), dann muss der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer im Rah­men sei­ner Anhörung nicht über die Ver­dachts­mo­men­te näher in­for­mie­ren (BAG 28. No­vem­ber 2007 - 5 AZR 952/06 -). Ei­ne sol­che Anhörung des Ar­beit­neh­mers wäre überflüssig, weil sie zur Aufklärung des Sach­ver­halts und zur Wil­lens­bil­dung des Ar­beit­ge­bers nicht bei­tra­gen kann (Se­nat 30. April 1987 - 2 AZR 283/86 - AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 19 = EzA BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 3, zu B I 2 d aa der Gründe; KR-Fi­scher­mei­er aaO).
a) Noch zu­tref­fend ist die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, dass dem Kläger das Wis­sen sei­nes da­ma­li­gen Be­vollmäch­tig­ten nicht zu­ge­rech­net wer­den kann. Die Anhörung des Ar­beit­neh­mers vor Aus­spruch ei­ner Ver­dachtskündi­gung soll ihm die Möglich­keit ge­ben, den ge­gen ihn be­ste­hen­den Ver­dacht zu ent­kräften. Dies ist aber nur dann möglich, wenn der Ar­beit­neh­mer ei­ge­ne Kennt­nis von den ge­gen ihn er­ho­be­nen Vorwürfen hat. Die An­wen­dung des zi­vil­recht­li­chen Stell­ver­tre­tungs­rechts kommt nicht in Be­tracht. Zwar wird man dem Ar­beit­neh­mer die Zu­zie­hung ei­nes Rechts­an­walts für die Anhörung zu­zu­ge­ste­hen ha­ben(Ey­lert/Fried­richs DB 2007, 2203, 2204 f.). Maßgeb­lich für die Ver­dachtskündi­gung ist aber die Zerstörung der persönli­chen Ver­trau­ens­grund­la­ge für die Ver­trags­par­tei­en. Dies kann aus­sch­ließlich das un­mit­tel­ba­re Verhält­nis des Ar­beit­neh­mers und Ar­beit­ge­bers be­tref­fen. In die­se Rich­tung weist auch die Re­ge­lung des § 613 Satz 1 BGB.
b) Die Be­klag­te durf­te ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts da­von aus­ge­hen, dass dem Kläger die Ein­zel­hei­ten des Tat­ver­dachts be­kannt wa­ren und folg­lich im Anhörungs­schrei­ben nicht noch ein­mal be­nannt wer­den muss­ten.
1. Der Se­nat kann nicht selbst ent­schei­den, ob die Kündi­gung wirk­sam ist.
a) Nicht zu be­an­stan­den ist die Würdi­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, es lägen schwer­wie­gen­de Ver­dachts­gründe dafür vor, dass der Kläger die ihm vor­ge­wor­fe­nen Ta­ten be­gan­gen ha­be. Die zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung schon vor­han­de­nen Zeu­gen­aus­sa­gen der Geschädig­ten B und S, die den Kläger auf dem Po­li­zei­vi­deo als Täter iden­ti­fi­ziert hat­ten so­wie die Umstände der Tat­be­ge­hung und die Tat­sa­che, dass der Kläger ein Tat­mo­tiv hat­te, be­le­gen den schwer­wie­gen­den Ver­dacht. Auch das Amts­ge­richt hat in sei­nem Ur­teil fest­ge­hal­ten, dass le­dig­lich ge­rin­ge - sog. „letz­te“ - Zwei­fel an der Tat­be­ge­hung durch den Kläger be­stan­den.
2. Von sei­nem Rechts­stand­punkt aus kon­se­quent hat sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt mit der Ein­hal­tung der Kündi­gungs­erklärungs­frist des § 91 Abs. 3 SGB IX iVm. § 91 Abs. 5 SGB IX nicht aus­ein­an­der­ge­setzt. Dies wird es nach der Zurück­ver­wei­sung ggf. nach­zu­ho­len ha­ben. Da­bei kann es dar­auf an­kom­men, ob die Kündi­gung am 29. Sep­tem­ber 2003 un­verzüglich iSv. § 91
Abs. 3 SGB IX iVm. § 91 Abs. 5 SGB IX erklärt wur­de. Die Be­klag­te geht mögli­cher­wei­se da­von aus, dass erst mit der Zu­stel­lung des Be­scheids des In­te­gra­ti­ons­amts vom Mitt­woch, dem 24. Sep­tem­ber 2003, am Mon­tag, dem 29. Sep­tem­ber 2003, die Kündi­gung erklärt wer­den konn­te und dies un­verzüglich iSv. § 91 Abs. 3 SGB IX iVm. § 91 Abs. 5 SGB IX ist. Der Ak­te ist nicht zu ent­neh­men, ob die Be­klag­te zu­vor be­reits münd­lich oder fernmünd­lich über die Zu­stim­mung in Kennt­nis ge­setzt wur­de (vgl. Se­nat 12. Mai 2005 - 2 AZR 159/04 - AP SGB IX § 91 Nr. 5 = EzA SGB IX § 91 Nr. 2).
4. Nicht fest­ge­stellt ist, was der Kläger hin­sicht­lich der zunächst am 2. Sep­tem­ber 2003 aus­ge­spro­che­nen außer­or­dent­li­chen Kündi­gung un­ter­nom­men hat. Da die Be­klag­te von der Schwer­be­hin­de­rung des Klägers bei Aus­spruch die­ser außer­or­dent­li­chen Kündi­gung kei­ne Kennt­nis hat­te, muss­te der Kläger trotz § 4 Satz 4 KSchG sich in­ner­halb der Kla­ge­frist nach § 4 Satz 1 KSchG ge­gen die­se Kündi­gung wen­den und sich selbst auf den Son­derkündi­gungs­schutz nach §§ 85 ff. SGB IX be­ru­fen (s. da­zu jetzt auch Se­nat 13. Fe­bru­ar 2008 - 2 AZR 864/06 -). Ob dies ge­sche­hen ist oder ob die
Kündi­gung vom 2. Sep­tem­ber 2003 aus an­de­ren Gründen kei­ne Wir­kung ent­fal­tet, wird das Lan­des­ar­beits­ge­richt ggf. zu prüfen ha­ben.
zur Übersicht 2 AZR 961/06

References: § 626
 § 626
 § 102
 § 626
 § 626
 § 626
 § 626
 § 626
 § 613
 § 91
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 § 4
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