Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/sozial-ungerechtfertigte-kuendigungen-bei-schlecker-343461
Timestamp: 2020-01-22 11:16:06+00:00

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Sozi­al unge­recht­fer­tig­te Kün­di­gun­gen bei Schle­cker | Rechtslupe
Sozi­al unge­recht­fer­tig­te Kün­di­gun­gen bei Schle­cker
Mit dem Arbeits­ge­richt Heil­bronn hat jetzt – soweit erkenn­bar – das ers­te Arbeits­ge­richt eine Kün­di­gung aus der "ers­ten Kün­di­gungs­wel­le" bei der Dro­ge­rie­ket­te Anton Schle­cker als sozi­al unge­recht­fer­tigt ein­ge­stuft:
Nach § 125 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 InsO wird ver­mu­tet, dass die Kün­di­gung durch drin­gen­de betrieb­li­che Erfor­der­nis­se im Sin­ne von § 1 Abs. 2 KSchG bedingt ist, wenn bei einer Kün­di­gung auf­grund einer Betriebs­än­de­rung nach § 111 BetrVG die Arbeit­neh­mer, denen gekün­digt wer­den soll, in einem Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen Insol­venz­ver­wal­ter und Betriebs­rat nament­lich bezeich­net sind. Die sozia­le Aus­wahl kann nach § 125 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 InsO dann nur auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit hin über­prüft wer­den.
Ob die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­mu­tungs­wir­kung von § 125 Abs. 1 S.1 InsO vor­lie­gend gege­ben sind, kann dahin­ste­hen. Die getrof­fe­ne Sozi­al­aus­wahl stellt sich nach Ansicht des Arbeits­ge­richts Heil­bronn jeden­falls als grob feh­ler­haft dar.
Nach § 1 Abs. 3 S. 3 KSchG trifft den Arbeit­neh­mer die sub­jek­ti­ve Dar­le­gungs­last und die objek­ti­ve Beweis­last für die Tat­sa­chen, aus denen sich die Unrich­tig­keit der sozia­len Aus­wahl ergibt. Im Rah­men der Beweis­füh­rungs­last gilt aber auch hier eine abge­stuf­te Behaup­tungs­last: Zunächst muss der Arbeit­neh­mer die Feh­ler­haf­tig­keit der Sozi­al­aus­wahl rügen. Ist er zur nähe­ren Dar­le­gung der Feh­ler­haf­tig­keit der Sozi­al­aus­wahl nicht in der Lage, weil er über die hier­zu erfor­der­li­chen Infor­ma­tio­nen nicht ver­fügt, muss der Arbeit­neh­mer den Arbeit­ge­ber auf­for­dern, die Grün­de mit­zu­tei­len, die ihn zu der Aus­wahl ver­an­lasst haben.
Als Fol­ge sei­ner mate­ri­el­len Aus­kunfts­pflicht nach § 1 Abs. 3 S. 1 2. Halb­satz KSchG hat der Arbeit­ge­ber sodann einen mit tat­säch­li­chen Ein­zel­hei­ten ver­se­he­nen Vor­trag zu hal­ten 1. Der Arbeit­ge­ber hat dem Arbeit­neh­mer die von ihm her­an­ge­zo­ge­nen Aus­wahl­kri­te­ri­en als sol­che und den zu deren Gewich­tung her­an­ge­zo­ge­nen Maß­stab sowie die Namen der Arbeit­neh­mer mit­zu­tei­len, die nach sei­ner Ansicht in die Sozi­al­aus­wahl ein­zu­be­zie­hen sind 2.
Aus der Dar­stel­lung des Arbeit­ge­bers muss her­vor­ge­hen, wel­che kon­kre­ten Arbeit­neh­mer nach sei­ner Ansicht zum aus­wahl­re­le­van­ten Per­so­nen­kreis gehö­ren 3. Ein Arbeit­ge­ber, der die erfor­der­li­chen Aus­künf­te nicht erteilt, bestrei­tet die Behaup­tung des Arbeit­neh­mers, die Sozi­al­aus­wahl sei feh­ler­haft, nicht sub­stan­ti­iert. Dann gilt gemäß § 138 Abs. 3 ZPO die Behaup­tung des Arbeit­neh­mers als zuge­stan­den 4.
In den Fäl­len des § 125 Abs. 1 InsO sowie des inso­weit ent­spre­chen­den Absat­zes 5 von § 1 KSchG bleibt es bei der dem Arbeit­neh­mer oblie­gen­den Beweis­last, da bei­de Nor­men kei­ne Beweis­last­um­kehr ent­hal­ten. Der Arbeit­neh­mer muss mit­hin bewei­sen, dass die Sozi­al­aus­wahl grob feh­ler­haft ist.
Aller­dings hat auch in die­sen Fäl­len nach den Regeln der abge­stuf­ten Dar­le­gungs- und Beweis­last der Arbeit­ge­ber auf Ver­lan­gen des Arbeit­neh­mers zunächst die Grün­de für die getrof­fe­ne Sozi­al­aus­wahl anzu­ge­ben. Unter­lässt er dies, gilt die Kün­di­gung ohne wei­te­res als sozi­al unge­recht­fer­tigt. Erst nach Erfül­lung der Aus­kunfts­pflicht trägt der Arbeit­neh­mer die vol­le Dar­le­gungs- und Beweis­last für die gro­be Feh­ler­haf­tig­keit der Sozi­al­aus­wahl 5.
Vor­lie­gend hat der beklag­te Insol­venz­ver­wal­ter kei­ne voll­stän­di­ge Aus­kunft über sei­ne sub­jek­ti­ven Erwä­gun­gen gege­ben, da er die Namen der mit der Klä­ge­rin aus sei­ner Sicht ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mer nicht benannt hat. Viel­mehr ver­weist er ledig­lich dar­auf, dass die Sozi­al­da­ten der Klä­ge­rin sowie der aus Sicht des Beklag­ten ver­gleich­ba­ren Mit­ar­bei­ter einer Lis­te zur Betriebs­rats­an­hö­rung ent­nom­men wer­den könn­ten. Die ent­spre­chen­de Anla­ge war dem Schrift­satz jedoch nicht bei­gefügt. Auch der mit Auf­la­gen­be­schluss vom 08.05.2012 ange­for­der­te Inter­es­sen­aus­gleich mit Namens­lis­te der gekün­dig­ten Arbeit­neh­mer wur­de trotz erneu­ter Bit­te mit Ver­fü­gung vom 31.05.2012 nicht zu den Akten gege­ben. Allein eine kur­ze Vor­la­ge „zur Ansicht“ in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 21.06.2012 in Bezug auf einen klei­nen Teil der Namens­lis­te reicht zur Erfül­lung der Aus­kunfts­pflicht nicht aus.
Der Vor­trag der Klä­ge­rin, dass die Sozi­al­aus­wahl grob feh­ler­haft ist, ist damit als zuge­stan­den zu behan­deln.
Zudem spricht aus Ansicht des Arbeits­ge­richts Heil­bronn vor­lie­gend eini­ges dafür, dass die Sozi­al­aus­wahl tat­säch­lich grob feh­ler­haft sein dürf­te.
Die Sozi­al­aus­wahl ist dann grob feh­ler­haft, wenn ein evi­den­ter, ins Auge sprin­gen­der schwe­rer Feh­ler vor­liegt und der Inter­es­sen­aus­gleich jede Aus­ge­wo­gen­heit ver­mis­sen lässt 6.
Bei der Ver­wen­dung von Punk­te­sche­ma­ta ist eine Sozi­al­aus­wahl dann nicht grob feh­ler­haft, wenn der Punk­te­ab­stand ange­sichts der zugrun­de lie­gen­den Daten mar­gi­nal erscheint und damit das Aus­wahl­er­geb­nis objek­tiv aus­rei­chend ist 7.
Vor­lie­gend hat die Klä­ge­rin zumin­dest eine aus ihrer Sicht ver­gleich­ba­re Arbeit­neh­me­rin aus einer der benach­bar­ten Filia­len benannt, wel­che bei Zugrun­de­le­gung des vom Beklag­ten behaup­te­ten Punk­te­sche­mas weit weni­ger Sozi­al­punk­te auf­weist als die Klä­ge­rin, näm­lich 50 statt 61. Der Behaup­tung der Klä­ger­sei­te, dass inso­weit von einer gro­ben Feh­ler­haf­tig­keit der Sozi­al­aus­wahl aus­ge­gan­gen wer­den müs­se, ist der Beklag­te weder schrift­sätz­lich noch in der münd­li­chen Ver­hand­lung ent­ge­gen­ge­tre­ten.
Die Kün­di­gung ist daher auf­grund feh­ler­haf­ter Sozi­al­aus­wahl sozi­al unge­recht­fer­tigt gemäß § 1 Abs. 3 KSchG und damit rechts­un­wirk­sam.
Arbeits­ge­richt Heil­bronn, Urteil vom 21. Juli 2012 – 8 Ca 71/​12
HaKo/​Gallner/​Mest­wer­dt § 1 KSchG Rn 921[↩]
KR/​Grie­be­ling, 9. Auf­la­ge, § 1 KSchG Rnr. 681a[↩]
KR/​Grie­be­ling, 9. Auf­la­ge, § 1 KSchG Rn. 681a[↩]
KR/​Grie­be­ling, 9. Auf­la­ge, § 1 KSchG Rn. 686; Hako/​Gallner/​Mestwerdt, § 1 KSchG Rnr. 921, jeweils m.w.N.[↩]
BAG, Urteil vom 10.02.1999 – 2 AZR 715/​98; KR/​Grie­be­ling, 9. Auf­la­ge, § 1 KSchG Rn. 703p[↩]
BAG, Urteil vom 21.09.2006 – 2 AZR 284/​06; BAG, Urteil vom 17.01.2008 – 2 AZR 405/​06[↩]
BAG, Urteil vom 17.01.2008 – 2 AZR 405/​06[↩]

References: § 125
 § 1
 § 111
 § 125
 § 125
 § 1
 § 1
 § 138
 § 125
 § 1
 § 1
 § 1
 § 1
 § 1
 § 1
 § 1
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