Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Kuendigungsschutz_fuer_Alt_Arbeitnehmer_BAG_2AZR54-12.html
Timestamp: 2020-07-14 10:05:31+00:00

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3 Sa 157/11
Am 30. Ok­to­ber 2000 schlos­sen die Par­tei­en mit Wir­kung zum 31. Ok­to­ber 2000 ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag. Zu­gleich un­ter­zeich­ne­te die Kläge­rin ei­nen neu­en An­stel­lungs­ver­trag, der als Ar­beits­be­ginn den 1. No­vem­ber 2000 und als Tätig­keit die ei­ner „Fach­ex­per­tin für Pho­to­gram­me­trie“ vor­sah. Als Ar­beit­ge­be­rin war die „Fir­ma D“, ei­ne dem Sohn des Geschäftsführers der Be­klag­ten gehören­de Ein­zel­fir­ma, auf­geführt. Der neue Ver­trag wur­de auf Geschäfts­pa­pier der Be­klag­ten aus­ge­fer­tigt und von de­ren Geschäftsführer mit dem Zu­satz „i. V.“ un­ter­zeich­net. Laut Nr. 1 des Ver­trags „gilt [als Ein­stel­lungs­da­tum] der 01.09.1966“. In der Fol­ge­zeit be­ar­bei­te­te die Kläge­rin - in Zu­sam-
men­ar­beit mit ih­ren bis­he­ri­gen Ar­beits­kol­le­gen - am sel­ben Ar­beits­platz und mit den­sel­ben Ar­beits­mit­teln wie zu­vor Auf­träge der Be­klag­ten. Der Geschäftsführer der Be­klag­ten war - an­ders als sein Sohn - in den Geschäftsräum­en präsent und er­teil­te so­wohl der Kläge­rin als auch den übri­gen Mit­ar­bei­tern An­wei­sun­gen.
Die Kläge­rin war mitt­ler­wei­le ein Ar­beits­verhält­nis mit ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber ein­ge­gan­gen. Mit Schrei­ben vom 16. März 2010 for­der­te die Be­klag­te sie auf, die Ar­beit bei ihr am 22. März 2010 wie­der auf­zu­neh­men. Zu-gleich teil­te sie mit, der Ar­beits­ein­satz wer­de im ver­mes­sungs­tech­ni­schen Außen­dienst er­fol­gen. Am 6. April 2010 ver­lang­te sie von der Kläge­rin, ei­ne Erklärung gemäß § 12 KSchG ab­zu­ge­ben oder die für das an­de­re Ar­beits­verhält­nis maßge­ben­de Kündi­gungs­frist be­kannt zu ge­ben. Nach­dem die Kläge­rin die­se Schrei­ben und ei­ne wei­te­re Ar­beits­auf­for­de­rung vom 12. Mai 2010 un­be­ant­wor­tet ge­las­sen hat­te, kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en mit Schrei­ben vom 17. Mai 2010 „frist­los, hilfs­wei­se or­dent­lich zum nächst zulässi­gen Ter­min“. Zu die­ser Zeit wa­ren in ih­rem Be­trieb ne­ben der Kläge­rin re­gel-
mäßig wei­te­re acht Ar­beit­neh­mer beschäftigt, dar­un­ter min­des­tens drei, de­ren Ar­beits­verhält­nis be­reits vor dem 1. Ja­nu­ar 2004 be­gon­nen hat­te.
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en we­der durch die frist­lo­se Kündi­gung vom 17. Mai 2010, noch durch die hilfs­wei­se erklärte or­dent­li­che Kündi­gung auf­gelöst wor­den ist;
§ 23 Abs. 1 Satz 2 KSchG lägen nicht vor. Die or­dent­li­che Kündi­gung ver­s­toße nicht ge­gen Treu und Glau­ben. Sie be­ru­he auf sach­li­chen Erwägun­gen.
1. Gemäß § 23 Abs. 1 Satz 2 KSchG gilt der Ers­te Ab­schnitt des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes bis auf we­ni­ge Re­ge­lun­gen nicht in Be­trie­ben mit in der Re­gel fünf oder we­ni­ger beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern nach der Zähl­wei­se des § 23 Abs. 1 Satz 4 KSchG. Dies ent­spricht der Rechts­la­ge vor dem 1. Ja­nu­ar 2004 (In­kraft­tre­ten des Ge­set­zes zu Re­for­men am Ar­beits­markt vom 24. De­zem­ber 2003, BGBl. I, S. 3002). Mit Über­schrei­ten des Schwel­len­werts fin­det da­ge­gen grundsätz­lich ua. § 1 KSchG An­wen­dung.
4. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat an­ge­nom­men, die­se Vor­aus­set­zun­gen lägen schon des­halb nicht vor, weil das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en zum 1. De­zem­ber 2005 neu be­gründet wor­den sei. Die vor­aus­ge­gan­ge­ne Kündi­gung durch die g GmbH gel­te, weil die Kläge­rin ge­gen sie nicht ge­klagt ha­be, gemäß § 7 KSchG als wirk­sam. We­gen der da­mit ein­her­ge­hen­den recht­li­chen Un­ter­bre­chung schei­de die An­rech­nung von Vor­beschäfti­gungs­zei­ten aus. Da-
S. 14) und die Zu­gehörig­keit des Ar­beit­neh­mers zu die­sem Be­trieb ge­wahrt ge­blie­ben sind. Die­ses Verständ­nis ist vom Wort­laut der Vor­schrift ge­deckt und nach Sinn und Zweck des Ge­set­zes ge­bo­ten. Das Ge­setz will den zum „vir­tu­el­len Alt­be­trieb“ gehören­den Ar­beit­neh­mern den Kündi­gungs­schutz er­hal­ten, so­lan­ge der Per­so­nal­be­stand des „Alt­be­triebs“ dafür aus­rei­chend groß bleibt.
han­delt es sich aber nicht, wenn ein vor dem 1. Ja­nu­ar 2004 be­gründe­tes Ar­beits­verhält­nis später zwar recht­lich auf­gelöst wird, sich ein neu­es Ar­beits­verhält­nis der­sel­ben Par­tei­en aber oh­ne (re­le­van­te) Un­ter­bre­chungs­zeit an­sch­ließt. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass Er­satz­ein­stel­lun­gen für aus­ge­schie­de­ne „Alt-Ar­beit­neh­mer“ ei­ne Wei­ter­gel­tung des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes nach § 23 Abs. 1 Satz 2, Satz 3 KSchG nicht be­wir­ken können (vgl. da­zu BAG 5. No­vem­ber 2009 - 2 AZR 383/08 - Rn. 16 mwN; grund­le­gend: BAG 21. Sep­tem­ber 2006 - 2 AZR 840/05 - Rn. 18 ff., BA­GE 119, 343). Da nur „Alt-Ar­beit­neh­mer“ ei­nen am 31. De­zem­ber 2003 be­ste­hen­den Kündi­gungs­schutz be­hal­ten sol­len, zählen für den Schwel­len­wert in § 23 Abs. 1 Satz 2 KSchG nur die Ar­beit­neh­mer, die die­sen eben­falls ge­nießen (BAG 21. Sep­tem­ber 2006 - 2 AZR 840/05 - Rn. 41, aaO). Bei der Neu­be­gründung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses mit ei­nem Ar­beit­neh­mer, der be­reits am 31. De­zem­ber 2003 dem Be­trieb an­gehörte und in die­sem so­wohl vor als auch nach der recht­li­chen Un­ter­bre­chung kon­ti­nu­ier­lich wei­sungs­abhängig tätig war, han­delt es sich nicht um ei­ne Er­satz­ein­stel­lung. Der Ar­beit­neh­mer gehörte viel­mehr durch­weg zum Kreis der „Alt-Ar­beit­neh­mer“ des Be­triebs.
dd) Die Berück­sich­ti­gung ei­ner Vor­beschäfti­gung im Rah­men von § 23 Abs. 1 Satz 3 KSchG ist nach Maßga­be der ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen auch dann möglich, wenn die recht­li­che Un­ter­bre­chung des Ar­beits­verhält­nis­ses im Zu­sam­men­hang mit ei­nem Ar­beit­ge­ber­wech­sel steht.
(3) Der Rück­be­zug des Be­ginns des Ar­beits­verhält­nis­ses auf ei­nen vor der recht­li­chen Un­ter­bre­chung lie­gen­den Zeit­punkt kommt im Fall ei­nes Ar­beit­ge­ber­wech­sels auch dann in Be­tracht, wenn zwar kein Be­triebsüber­gang vor­liegt, der neue und der al­te Ver­trags­ar­beit­ge­ber den frag­li­chen Be­trieb aber ge­mein­sam führen oder zu­min­dest vor der Un­ter­bre­chung ge­mein­sam geführt ha­ben. Zwar ist der Kündi­gungs­schutz nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz nicht un­ter­neh­mens-, dh. ar­beit­ge­berüberg­rei­fend aus­ge­stal­tet. Ei­ne Aus­nah­me hier­von bil­den aber Fälle, in de­nen zwei oder meh­re­re Un­ter­neh­men die ge­mein­sa­me Führung ei­nes Be­triebs ver­ein­bart ha­ben, so dass der Kern der Ar­beit­ge­ber­funk­tio­nen im so­zia­len und per­so­nel­len Be­reich un­ter­neh­mensüberg­rei­fend von der­sel­ben in­sti­tu­tio­nel­len Lei­tung aus­geübt wird (BAG 16. Ja­nu­ar 2003 - 2 AZR 609/01 - zu B I 2 a der Gründe). Liegt ein ge­mein­sa­mer Be­trieb vor, sind die von den be­tei­lig­ten Un­ter­neh­men beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer bei der Er­mitt­lung der nach § 23 Abs. 1 Satz 2 KSchG maßge­ben­den Ar­beit­neh­mer­zahl zu­sam­men­zu­rech­nen (vgl. BAG 9. Ok­to­ber 1997 - 2 AZR 64/97 - zu II 2 der Gründe, BA­GE 86, 374). Dies kann auch im Rah­men von § 23 Abs. 1 Satz 3 KSchG Be­deu­tung ge­win­nen. Fin­det nach dem 31. De­zem­ber 2003 zwar ein Wech­sel des Ver­trags­ar­beit­ge­bers statt, bleibt die Beschäfti­gung des Ar­beit­neh­mers im Be­trieb aber un­verändert be­ste­hen, weil neu­er und al­ter Ar­beit­ge­ber die­sen ge­mein­sam führen, berührt der Ar­beit­ge­ber­wech­sel die Zu­gehörig­keit des Ar­beit­neh­mers zum „vir­tu­el­len Alt­be­trieb“ nicht. Der am Ge­mein­schafts­be­trieb be­tei­lig­te neue Ver­trags­ar­beit­ge­ber muss sich so be­han­deln las­sen, als ha­be das Ar­beits­verhält­nis schon während der Zeit der Vor­beschäfti­gung mit ihm selbst be­stan­den.
c) Da­nach durf­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt auf der Grund­la­ge sei­ner bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen nicht da­von aus­ge­hen, die Kläge­rin sei kei­ne „Alt-Ar­beit­neh­me­rin“ im Sin­ne des Ge­set­zes. Es hätte prüfen müssen, ob Umstände vor­lie­gen, die trotz der zum 30. No­vem­ber 2005 ein­ge­tre­te­nen recht­li­chen Un­ter­bre­chung da­zu führen, dass der Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses der Par­tei-en auf ei­nen Zeit­punkt vor dem 1. Ja­nu­ar 2004 zurück­zu­be­zie­hen ist.
so­gar In­ha­be­rin der Be­triebs­mit­tel ge­blie­ben sein, können die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen auch er­ge­ben, dass sie den Be­trieb mit den je­wei­li­gen Ver­trags­ar­beit­ge­bern der Kläge­rin ge­mein­sam geführt hat. Ei­ne ab­sch­ließen­de Be­wer­tung ist dem Se­nat nicht möglich. Da­zu fehlt es an den er­for­der­li­chen Fest­stel­lun­gen.
Ar­beit­neh­mers dar­zu­le­gen und ggf. zu be­wei­sen, dass der ab­ge­senk­te Wert maßgeb­lich ist.
aa) Ei­ne be­harr­li­che Ar­beits­ver­wei­ge­rung setzt vor­aus, dass der Ar­beit­neh­mer die ihm über­tra­ge­ne Ar­beit be­wusst nicht er­bringt und wei­ter­hin nicht er­brin­gen will, ob­wohl er zur Ar­beits­leis­tung ver­pflich­tet ist. Ei­ne Ar­beits­pflicht be­steht grundsätz­lich nur im un­gekündig­ten Ar­beits­verhält­nis. Der Ar­beit­neh­mer ver­letzt des­halb re­gelmäßig kei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten, wenn er nach Ab­lauf der Kündi­gungs­frist bis zur Rechts­kraft ei­ner Ent­schei­dung in ei­nem von ihm an­ge­streng­ten Kündi­gungs­schutz­pro­zess da­von ab­sieht, dem Ar­beit­ge­ber sei­ne Ar­beits­kraft an­zu­bie­ten.
Be­klag­te der Kläge­rin ei­ne Tätig­keit im ver­mes­sungs­tech­ni­schen Außen­dienst an­ge­tra­gen hat. Ob dies ver­trags­gemäß war, ist eben­so we­nig fest­ge­stellt. Ggf. wird zu prüfen sein, ob die Be­klag­te die Kläge­rin vor ei­ner Kündi­gung hätte ab-mah­nen müssen, um sie zu ver­trags­ge­rech­tem Ver­hal­ten an­zu­hal­ten.
wird, rich­tet sich nach den Verhält­nis­sen bei Aus­spruch der Kündi­gung (BAG 21. Ok­to­ber 1981 - 7 AZR 407/79 - zu I der Gründe).
(b) Ob dies auch im an­de­ren Fal­le aus­rei­chend ist oder dem das be­rech­tig­te In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers ent­ge­gen­steht, mit Blick auf die im un­gekündig-
III. Soll­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt er­neut zu dem Er­geb­nis ge­lan­gen, das Ar­beits­verhält­nis sei durch die or­dent­li­che Kündi­gung auf­gelöst wor­den, wird es zu er­mit­teln ha­ben, wel­che Kündi­gungs­frist ein­zu­hal­ten war. Sei­ne bis­he­ri­ge Auf­fas­sung, ob­jek­tiv maßge­bend sei ei­ne Frist von zwei Mo­na­ten, berück­sich­tigt nicht das Vor­brin­gen der Kläge­rin zum Vor­lie­gen von Be­triebsübergängen iSd. § 613a Abs. 1 BGB. Dar­aus kann sich - je nach den Umständen - das Er-
for­der­nis er­ge­ben, Beschäfti­gungs­zei­ten aus ei­nem vor­an­ge­gan­ge­nen Ar­beits­verhält­nis an­zu­rech­nen (vgl. da­zu BAG 23. Ok­to­ber 2008 - 2 AZR 131/07 - Rn. 48; 18. Sep­tem­ber 2003 - 2 AZR 330/02 - zu B I der Gründe).
zur Übersicht 2 AZR 54/12

References: § 12

§ 23
 § 23
 § 23
 § 1
 § 7
 § 23
 § 23
 § 23
 § 23
 § 23
 § 613