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Timestamp: 2019-12-15 15:49:24+00:00

Document:
Art. 22bis Abs. 4 und Abs. 5 BV; Art. 34 Abs. 1 ZSG; Art. 14 und Art. 4 Ziff. 3 EMRK; Zivilschutzdienstobligatorium für Männer.
Wird das Aufgebot des aufbietenden kommunalen Zivilschutzamtes zu einem Zivilschutzkurs mit dem Argument angefochten, dass das nur für Männer geltende Zivilschutzdienstobligatorium Art. 14 EMRK verletze, steht als einziges Rechtsmittel die staatsrechtliche Beschwerde offen (E. 1 und E. 2).
Art. 14 EMRK kann nur angerufen werden, wenn eine Diskriminierung im Genuss von durch eine andere Konventionsnorm eingeräumten Rechten und Freiheiten gerügt wird. Der Zivilschutzdienst ist gemäss Art. 4 Ziff. 3 EMRK nicht Zwangsarbeit im Sinne von Art. 4 Ziff. 2 EMRK. Anrufung von Art. 14 EMRK in Verbindung mit Art. 4 Ziff. 3 EMRK (E. 3)?
Das Diskriminierungsverbot nach Art. 14 EMRK geht nicht über das allgemeine Rechtsgleichheitsgebot von Art. 4 Abs. 1 BV hinaus; es geht weniger weit als Art. 4 Abs. 2 BV. Das auf Männer beschränkte Zivilschutzdienstobligatorium verletzt Art. 14 in Verbindung mit Art. 4 Ziff. 3 EMRK nicht (E. 4).
Art. 114bis Abs. 3 BV schliesst nicht aus, dass das Bundesgericht eine Feststellung über die EMRK-Konformität der vom Gesetzgeber (Art. 34 Abs. 1 ZSG) und vom Verfassungsgeber (Art. 22bis Abs. 4 und Abs. 5 BV) gewollten Ungleichbehandlung von Männern und Frauen im Bereiche des Zivilschutzes trifft (E. 5).
c) Gemäss Art. 34 Abs. 1 ZSG sind alle Männer, welche nicht militärdienstpflichtig sind (Art. 35 ZSG), vom Jahr an, in dem sie das 20. Altersjahr erreicht haben, bis zum Jahr, in dem sie das 60. Altersjahr vollendet haben, zivilschutzdienstpflichtig. Der
BGE 118 Ia 341 S. 345
Schutzdienstpflichtige wird in eine Schutzorganisation eingeteilt (Art. 41 ff. ZSG). Gegen die Einteilung kann Einsprache erhoben werden; kommt keine Einigung zustande, entscheidet das kantonale Amt für Zivilschutz endgültig über die Einsprache (Art. 54 ff. der bundesrätlichen Verordnung über den Zivilschutz vom 27. November 1978, Zivilschutzverordnung (ZSV); SR 520.11).
Art. 14 EMRK enthält kein allgemeines Gleichheitsgebot, das autonom und unabhängig von anderen Konventionsrechten Geltung hätte. Er verbietet Diskriminierungen nicht allgemein. Die Bestimmung schützt den einzelnen nur gegen jegliche Diskriminierung im Genuss der von der Konvention und ihren Zusatzprotokollen eingeräumten Rechte und Freiheiten, die anderen in gleicher Lage zuerkannt werden. Das heisst, dass eine Massnahme, die als solche unter dem Gesichtspunkt einer normativen Vorschrift der Konvention zulässig ist, diese Norm in Verbindung mit Art. 14 EMRK verletzen kann, wenn sie in diskriminierender Weise ergriffen wird. Das Diskriminierungsverbot ist somit gleichsam in allen anderen Konventionsbestimmungen enthalten, die ausdrücklich Rechte und Freiheiten einräumen, und ergänzt diese (Zusammenfassung der Rechtsprechung im Entscheid der Europäischen Kommission für Menschenrechte in Sachen Angeleni vom 3. Dezember 1986, Décisions et rapports de la Commission Européenne des Droits de l'Homme (DR) 51, 41, insbesondere 59/60; FROWEIN/PEUKERT, EMRK-Kommentar, Kehl am Rhein, Strassburg, Arlington 1985; N. 1 zu Art. 14, S. 305). Ist der Schutzbereich des konkreten Konventionsrechts nicht betroffen, so ist die Diskriminierungsrüge
BGE 118 Ia 341 S. 348
"ratione materiae" nicht vereinbar mit den Bestimmungen der Konvention und darum unzulässig (Entscheid in Sachen Kleine Starman gegen Niederlande vom 16. Mai 1985, DR 42, 162; Entscheid in Sachen Mata u. Kons. gegen Spanien, DR 41, 211).
Im Zusammenhang mit Art. 4 EMRK ist für die Frage der Anrufung von Art. 14 EMRK zu differenzieren. Ist zu prüfen, ob eine jemandem auferlegte Verpflichtung als Verpflichtung zu unerlaubter
BGE 118 Ia 341 S. 349
Zwangs- oder Pflichtarbeit im Sinne von Art. 14 Ziff. 2 EMRK zu werten ist, so ist für die Qualifizierung einer Arbeit als Zwangsarbeit unter anderem auch zu prüfen, ob die Massnahme diskriminierend ist (vgl. FROWEIN/PEUKERT, N. 5 und 6 zu Art. 4, S. 43; Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Sachen Van der Mussele vom 23. November 1983, Publications de la Cour Européenne des Droits de l'Homme, Série A, vol. 70, N. 42 ff.). In solchen Fällen besteht offensichtlich ein enger Zusammenhang zwischen dem Diskriminierungsverbot und dem konkreten Konventionsrecht. Anders verhält es sich dagegen, wenn nicht fraglich ist, ob die Auferlegung einer Dienstpflicht als Verpflichtung zur Zwangs- oder Pflichtarbeit zu gelten habe, das heisst, wenn es um eine Dienstleistung geht, die gemäss Ausnahmenkatalog von Art. 4 Ziff. 3 EMRK keine Zwangs- oder Pflichtarbeit ist. Da die Konvention für solche Dienstleistungen unter dem Gesichtspunkt der Zwangsarbeit gerade keine Rechte einräumt, stellt sich die Frage, ob jemand im Genuss von durch die Konvention eingeräumten Rechten und Freiheiten diskriminiert werde, nicht.
e) Die Europäische Kommission für Menschenrechte hat die Rüge, Art. 14 EMRK sei verletzt, im Zusammenhang mit unter Art. 4 Ziff. 3 EMRK fallenden Dienstleistungen denn auch nicht ohne weiteres zugelassen. In einem Fall stellte sie fest, dass ein Dienstverweigerer unter anderem darum zur Zivildienstleistung verpflichtet werden durfte, weil eine solche Dienstleistung nach Art. 4 Ziff. 3 lit. b EMRK nicht unter das Zwangsarbeitsverbot falle; damit aber stelle sich kein Problem hinsichtlich Art. 14 EMRK (Entscheid in Sachen Johansen gegen Norwegen vom 14. Oktober 1985, DR 44, 155). Und im Fall eines schwedischen Dienstverweigerers, der gleich wie die Zeugen Jehovas vom Militärdienst befreit werden wollte, prüfte sie die Rüge der Verletzung von Art. 14 EMRK nur unter dem Gesichtspunkt von Art. 9 EMRK; sie liess offen, ob dies auch unter dem Gesichtspunkt des ebenfalls angerufenen Art. 4 (Ziff. 3 lit. b) EMRK möglich gewesen
BGE 118 Ia 341 S. 350
wäre (Entscheid in Sachen N. gegen Schweden vom 11. Oktober 1984, DR 40, 203).
f) Da im vorliegenden Fall die Pflicht zur Leistung von Zivilschutzdienst klarerweise unter den Ausnahmenkatalog von Art. 4
BGE 118 Ia 341 S. 351
Ziff. 3 EMRK fällt, ist es nicht notwendig, Art. 14 EMRK zur Konkretisierung des Begriffs "Zwangs- und Pflichtarbeit" heranzuziehen. Es besteht keine genügende Beziehung der Diskriminierungsrüge zu einer anderen angerufenen normativen Vorschrift der Konvention.
Die Beschränkung der obligatorischen Schutzdienstpflicht auf eine Personengruppe erscheint darum grundsätzlich als notwendig und
BGE 118 Ia 341 S. 352
trägt insbesondere dem Verhältnismässigkeitsgebot Rechnung. Erforderlich ist indessen, dass die Kriterien zur Bestimmung der Personengruppe, für welche das Obligatorium gelten soll, sachgerecht sind.
BGE: 117 IB 373
Artikel: Art. 14 und Art. 4 Ziff. 3 EMRK, Art. 4 Ziff. 3 EMRK, Art. 34 Abs. 1 ZSG, Art. 4 Ziff. 2 EMRK mehr... , Art. 4 EMRK, Art. 22bis Abs. 4 und Abs. 5 BV, Art. 4 Abs. 1 BV, Art. 4 Abs. 2 BV, Art. 114bis Abs. 3 BV, Art. 34 Abs. 3 ZSG, Art. 22bis Abs. 4 und 5 BV, Art. 4 Ziff. 3 lit. b EMRK, Art. 18 BV, Art. 84 Abs. 1 OG, Art. 84 Abs. 2 OG, Art. 86 Abs. 1 OG, Art. 100 lit. d Ziff. 1 OG, Art. 82 Abs. 1 ZSG, Art. 35 ZSG, Art. 41 ff. ZSG, Art. 43 ff. ZSV, Art. 43 Abs. 1 ZSG, Art. 43 Abs. 2 ZSG, Art. 45 Abs. 1 ZSG, Art. 64 Abs. 1 ZSV, Art. 57 ZSV, Art. 62 Abs. 2 ZSV, Art. 53 und 54 ZSG, Art. 52 Abs. 1 ZSG, Art. 42 Abs. 1 ZSV, Art. 41 ZSV, Art. 43 Abs. 1 lit. a ZSG, Art. 8-11 EMRK, Art. 8 EMRK, Art. 8 Abs. 2 EMRK, Art. 14 Ziff. 2 EMRK, Art. 1 Abs. 1 und 2 ZSG, Art. 1 Abs. 3 ZSG, Art. 9 EMRK, Art. 4 Ziff. 3 lit. a EMRK, Art. 4 Ziff. 3 lit. a-c EMRK, Art. 4 Ziff. 3 lit. d EMRK, Art. 36 ZSG

References: Art. 34
 Art. 14
 Art. 4
 Art. 14

Art. 14
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 14
 Art. 4
 Art. 14
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 14
 Art. 4

Art. 114
 Art. 34

BGE 

Art. 14
 Art. 14
 Art. 14

BGE 
 Art. 4
 Art. 14

BGE 
 Art. 14
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 14
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 14
 Art. 14
 Art. 9
 Art. 4

BGE 
 Art. 4

BGE 
 Art. 14

BGE 
 Art. 14
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 34
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 22
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 114
 Art. 34
 Art. 22
 Art. 4
 Art. 18
 Art. 84
 Art. 84
 Art. 86
 Art. 100
 Art. 82
 Art. 35
 Art. 41
 Art. 43
 Art. 43
 Art. 43
 Art. 45
 Art. 64
 Art. 57
 Art. 62
 Art. 53
 Art. 52
 Art. 42
 Art. 41
 Art. 43
 Art. 8
 Art. 8
 Art. 8
 Art. 14
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 9
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 36