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Timestamp: 2019-10-23 15:50:13+00:00

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Feuerbach - Gassendi: Kritik der Gassendischen Atomlehre
Ludwig Feuerbach Geschichte der neueren Philosophie III. Peter Gassendi
§ 39. Kritik der Gassendischen Atomlehre
Das sich selbst Widersprechende, das Willkürliche dieser Verbindung des Prinzips der Atome und ihrer Bestimmungen mit den Vorstellungen der Theologie, den Vorstellungen von Erschaffung, Mitwirkung, Einpflanzung der Bewegungskräfte erhellt auf der Stelle. Denn von dem Atom ist die Bewegung oder das Prinzip und Vermögen derselben unzertrennlich. Das Atom nämlich ist ein Einfaches, Unteilbares; es ist für sich, getrennt von andern Atomen; das Leere des Epikurs ist nichts anderes als die sinnliche Vorstellung, der sinnliche Ausdruck dieser im Begriff des Atoms liegenden Trennung. Das Atom kann aber zugleich nur als viele Atome gedacht werden, es ist unmöglich, daß nur ein, nicht mehrere, nicht unzählig viele Atome sind; es ist daher in Beziehung, aber in einer äußerlichen, ihm selbst gleichgültigen Beziehung auf die andern Atome; der sinnliche Ausdruck, die sinnliche Erscheinung dieser mit dem Atom selbst identischen Bestimmung der Beziehung und Trennung ist die Bewegung, die Atome müssen sich stoßen, drängen oder sonstwie bewegen. Was soll also ein Atom bedeuten, das gar nicht ohne das Prinzip der Bewegung gedacht werden kann und dem doch die Bewegung erst eingegeben worden ist und werden soll? Und was soll man nun gar darunter denken, daß Gott mit den Atomen mitwirkt? Die Atome sind absolute Atheisten70) oder doch wenigstens Freigeister, die sich sowenig um Gott bekümmern als der Gott des Epikur um die Welt und die Atome; sie sind Autokraten, Monarchen, sie dulden keinen Mitregenten, sie sind eine Welt für sich.
Ebenso unzertrennlich vom atomistischen Prinzip wie die Bewegung und Freigeisterei ist die Bestimmung, daß die Welt, d. i. die Ordnung, der Inbegriff der konkreten, der bestimmten, d. i. aus den Atomen bestehenden Körper oder diese selbst zusammen ein Werk des Zufalls sind; denn die bestimmten Körper sind nur Zusammensetzungen von Atomen, die, obgleich das Atom sich seinem Begriffe nach auf andere bezieht, doch in der Zusammensetzung oder Verbindung in ein Aggregat außereinander bleiben, gegen die Zusammensetzung und die Verbindung gleichgültig sind, die daher nur ein Zufälliges ist; im Prinzip des Atoms liegt kein Grund, keine Notwendigkeit, daß es sich mit andern verbindet oder auf diese und jene Weise zu einem bestimmten Aggregat zusammensetzt, es tritt nur in eine äußerliche, d. i. zufällige Verbindung; die Welt ist nur ein Aggregat, kein System, ohne Einheit und Notwendigkeit, eine Sache, ein Werk des Zufalls. Äußerliche Notwendigkeit läßt sich wohl mit dem atomistischen Prinzip verbinden, aber diese ist vom Zufall nicht unterschieden. Das Atom zum Prinzip der Dinge machen, heißt daher nichts anderes, als den Zufall zum Prinzip der Welt machen. Was soll nun aber gar, um andere Widersprüche und Nachlässigkeiten zu übergehen, zwischen dem Atom, welches unauflöslich, das unteilbare Erste und Letzte der Welt, in einer sinnlichen Vorstellung, d. i. in bezug auf die Zeit ausgedrückt, ewig und unsterblich ist, wie es Lukrez (»De Rer. Nat.«, I, v. 237, 501, 520, 545 etc.) nennt, und zwischen dem Geschaffensein für ein Zusammenhang stattfinden?
Übrigens ist gerade in dieser seiner Inkonsequenz Gass. ein höchst konsequenter Atomist; in diesen seinen Widersprüchen befindet er sich gerade im Einklang mit dem atomischen Prinzip; gerade darin, daß sein Denken so inkohärent ist, stellt er in seinem Denken den Geist des Atomismus perfekt dar. Denn wie die Verbindung der Atome miteinander zu konkreten Körpern äußerlich und zufällig ist, ist es die Verbindung seines atomistischen Prinzips mit seinen anderweitigen Gedanken oder richtiger Vorstellungen; es läßt sich ebensowenig ein innerer Zusammenhang zwischen diesen auch nur einigermaßen denken als zwischen den aggregierten Atomen eine innere Einheit; sein Denken ist ein äußerliches zufälliges Aggregieren. Und wie die Atome nur da, wo kein Körper ist, in dem Leeren sich bewegen, aneinander kommen, sich verbinden, so verbinden sich in dem Kopfe des Gassendi nur da, wo kein Denken ist, in der Gedankenleerheit die Vorstellungen von den Atomen mit seinen anderweitigen Vorstellungen.
Gassendi stellt daher auch in dieser Verbindung des Atomismus mit den Vorstellungen christlicher Theologie den schon bei Bacon und Hobbes berührten Widerspruch dar, daß er anders denkt, als er gesinnt ist und fühlt, ein seinem Denkprinzip entgegengesetztes religiöses Prinzip hat, mit dem, was die wesentliche Art, das wesentliche Objekt seines Geistes, das Objektive also in ihm selbst ist (wenn man anders bei einem so eklektischen, in die Breite des gelehrten Wissens ausgedehnten Denker etwas Bestimmtes als das wesentliche Objekt seines Geistes aussprechen und einen entschiedenen Widerspruch annehmen kann), radicitus entgegengesetzte religiöse Vorstellungen verbindet, jenen Widerspruch also, der sich in neuerer und neuester Zeit auf die verschiedenste und krasseste Weise aussprach und endlich so weit ging, daß man der Vernunft nichts ließ als endliche eitle Begriffe, als die leere Schale, die abgezogene Haut von den Dingen, allen Inhalt aber in den Preßsack des Herzens hinabstopfte, Gott aus dem Tempel der Vernunft in den Schlupfwinkel, das Alteweiberspital, das asylum ignorantiae des Herzens jagte, aus der offnen, bestimmten, klaren und freien Welt des Denkens alles Göttliche wie eine die frische Luft nicht vertragende Treibhauspflanze in die wohlbehagliche Stubenwärme erkünstelter, sophistischer Gefühle versetzte, daß man bei Tage sozusagen in dem öffentlichen Geschäftskreis des Verstandes, d.h. im Kopfe, ein Atheist, im Herzen aber, bei der Nacht, privatim im Rücken der Vernunft der abergläubigste Christ, der religiöseste Mensch von der Welt war, aber eben deswegen auch nur einen Hauspenaten als Gott verehrte.
70) Cicero, »De Nat. Deo.«, I, 44. — Wie Gassendi sagt übrigens auch Magnenus in seinem »Democritus« (Hagae Comit. 1658, p. 268): »Opinio quae atomos admittit Deum creantem nullo modo respuit.« Überhaupt erklärten die christlichen Physiker, die sich zum Atomismus bekannten oder hinneigten, die Verbindung desselben mit dem Atheismus für nicht notwendig oder geradezu zufällig. Ja, Bacon sagt sogar, der Atomismus führe notwendig zum Theismus. Mit Recht: Jedes beschränkte Naturprinzip erfordert notwendig zu seiner Ergänzung eine außernatürliche Ursache.
§ 38. Die Physik oder Atomlehre Gassendis - § 40. Gassendis Lehre vom Geist
§ 35. Das Leben Gassendis und seine Bedeutung in der Geschichte der Philosophie
§ 36. Die Logik Gassendis
§ 37. Kritische Bemerkung über die Gassendische Theorie des Ursprungs der Erkenntnis
§ 38. Die Physik oder Atomlehre Gassendis
§ 40. Gassendis Lehre vom Geist
§ 41. Kritischer Rückblick auf Gassendi
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