Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Hinterbliebenenversorgung_VG-Muenchen_M3K05_1595.html
Timestamp: 2018-02-24 20:01:36+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: M 3 K 05.1595
Schlag­worte: Hinterbliebenenrente, Berufsständische Pflichtversorgung
Akten­zeichen: M 3 K 05.1595
Ent­scheid­ungs­datum: 01.06.2006
Baye­ri­sches Ver­wal­tungs­ge­richt München
3. Kam­mer
Bay­er­s­traße 30
München, 1. Ju­ni 2005
Per Ein­schrei­ben
Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten
- Kanz­lei -
L-2925 Lu­xem­burg
An t r a g auf V o r a b e n t s c h e i d u n g / Be­schluss
In der Ver­wal­tungs­streit­sa­che Az: M 3 K 05.1595
Rechts­anwälte ***,
die Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen,
Baye­ri­sche Ver­sor­gungs­kam­mer,
Ara­bel­las­traße 31, D - 81925 München,
Ver­sor­gung Bühnen
erlässt das Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richt München, 3. Kam­mer, durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Ver­wal­tungs­ge­richt *** *****, den Rich­ter am Ver­wal­tungs­ge­richt *****,
den Rich­ter ***,
oh­ne münd­li­che Ver­hand­lung
am 1. Ju­ni 2006
II. Dem Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten wer­den zur Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung gem. Art. 234 EGV vor­ge­legt:
1. Han­delt es sich bei ei­nem be­rufsständi­schen Pflicht­ver­sor­gungs­sys­tem - wie im vor­lie­gen­den Fall die Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen - um ein den staat­li­chen Sys­te­men gleich­ge­stell­tes Sys­tem im Sin­ne des Art. 3 Abs. 3 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (Abl L 303 vom 2.12.2000 S. 16)?
2. Sind un­ter Ar­beits­ent­gelt im Sin­ne von Art. 3 Abs. 1 Buch­sta­be c der Richt­li­nie 2000/78/EG Leis­tun­gen an Hin­ter­blie­be­ne in Form von Wit­wen- be­zie­hungs­wei­se Wit­wergeld ei­ner be­rufsständi­schen Pflicht­ver­sor­gungs­ein­rich­tung zu ver­ste­hen?
5. Wäre die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung auf­grund der Bar­ber-Recht­spre­chung (Rechts­sa­che C-262/88) auf Zei­ten ab dem 17. Mai 1990 be­grenzt?
1. Der Vor­la­ge liegt fol­gen­der Sach­ver­halt zu­grun­de:
Der Kläger be­gehrt Wit­wergeld als Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung aus der Ver­si­che­rung sei­nes ver­stor­be­nen ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ners.
Am ** No­vem­ber 2001 be­gründe­te der Kläger mit dem am *** ge­bo­re­nen Kostümbild­ner ei­ne Le­bens­part­ner­schaft gem. § 1 des Ge­set­zes über die Ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft (Le­bens­part­ner­schafts­ge­setz - LPartG) vom 16. Fe­bru­ar 2001 (BGBl I S. 266), zu­letzt geändert durch Ge­setz vom 6. Fe­bru­ar 2005 (BGBl I S. 203).
Der Le­bens­part­ner des Klägers war seit *. Sep­tem­ber 1959 als Kostümbild­ner bei der Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen ver­si­chert. Für Zeiträume, in de­nen er nicht pflicht­ver­si­chert war, zahl­te er frei­wil­lig Wei­ter­ver­si­che­rungs­beiträge, so bei­spiels­wei­se für den Zeit­raum vom *. Sep­tem­ber 1975 bis **. Sep­tem­ber 1991. Am **. Ja­nu­ar 2005 ver­starb der Le­bens­part­ner des Klägers.
Der Kläger stell­te mit Schrei­ben vom 17. Fe­bru­ar 2005 ei­nen An­trag auf Wit­wer­ren­te aus der Ver­si­che­rung sei­nes ver­stor­be­nen Le­bens­part­ners. Die­sen lehn­te die Be­klag­te mit Be­scheid vom **. Fe­bru­ar 2005 mit der Be­gründung ab, dass die Sat­zung der Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen ei­nen An­spruch auf Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung für ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner nicht vor­se­he.
Hier­ge­gen er­hob der Kläger am 10. März 2005 Wi­der­spruch bei der Be­klag­ten und reich­te, nach dem die­ser er­folg­los blieb, bei dem vor­le­gen­den Ge­richt Kla­ge ein.
Der Kläger ist der Auf­fas­sung, dass die Ab­leh­nung der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ge­gen den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung ver­s­toßen würde, da der bun­des­deut­sche Ge­setz­ge­ber seit 1. Ja­nu­ar 2005 ei­ne Gleich­stel­lung der ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaf­ten und der Ehe im So­zi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem - ins­be­son­de­re mit der Einführung des § 46 Abs. 4 So­zi­al­ge­setz­buch VI - voll­zo­gen ha­be. Die­se Gleich­stel­lung würde sich auch aus Art. 141 EGV so­wie die im Zu­sam­men­hang er­gan­ge­ne Richt­li­nie 2000/78/EG er­ge­ben. Es würde ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung der ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner dar­stel­len, wenn ih­nen nach Ver­ster­ben ih­res Le­bens­part­ners kei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ent­spre­chend Ehe­leu­ten gewährt würde. Ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner würden in der mit Ehe­gat­ten ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung er­fah­ren, ob­wohl die Le­bens­part­ner wie Ehe­leu­te ein­an­der zur Fürsor­ge und Un­terstützung so­wie zur ge­mein­schaft­li­chen Le­bens­ge­stal­tung ver­pflich­tet sei­en und Ver­ant­wor­tung fürein­an­der tra­gen würden. Zu­dem entsprächen die güter­stands­recht­li­chen Re­ge­lun­gen der ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­nern de­nen von Ehe­gat­ten.
Die Be­klag­te tritt dem Vor­brin­gen mit der Be­gründung ent­ge­gen, sie sei vom Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie 2000/78/EG nicht er­fasst, weil sie ein „staat­li­ches Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit“ im Sin­ne der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 des Ra­tes vom 14. Ju­ni 1971 zur An­wen­dung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit auf Ar­beit­neh­mer und de­ren Fa­mi­li­en, die in­ner­halb der Ge­mein­schaft zu- und ab­wan­dern (ABl L 149 vom 5.7.1971 S. 2), zu­letzt geändert durch Ver­ord­nung vom 31. März 2004 (ABl L 100 vom 6.4.2004 S. 1) sei. Dass die­se Ein­ord­nung trotz der in­halt­li­chen Nähe zur be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung rich­tig sei, sei vom auf­sichtsführen­den Bun­des­mi­nis­te­ri­um bestätigt wor­den. Die Ver­sor­gung bei der Be­klag­ten fal­le un­ter die Aus­nah­me­be­stim­mung des Art. 3 Abs. 3 der Richt­li­nie 2000/78/EG. Des wei­te­ren dürf­te die­se Richt­li­nie auf­grund der Be­gründungs­erwägung 22 auf die streit­ge­genständ­li­che
Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung bei der Be­klag­ten nicht an­wend­bar sein, da die­se Be­gründungs­erwägung we­sent­li­cher Be­stand­teil der Richt­li­nie und als sol­che mit­ent­schei­dend für ih­re Aus­le­gung sei. Vor­aus­set­zung für ei­ne Wit­wen- oder Wit­wer­ren­te von der Be­klag­ten sei das Vor­lie­gen ei­ner „bürger­li­chen Ehe“. Es hand­le sich des­halb um ei­ne Rechts­vor­schrift über den Fa­mi­li­en­stand be­zie­hungs­wei­se um ei­ne da­von abhängi­ge Leis­tung. Die Be­gründungs­erwägung dürf­te in en­gem Zu­sam­men­hang mit der Tat­sa­che zu se­hen sein, dass nach der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs die Ver­schie­den­be­hand­lung von Ehe­leu­ten und ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­nern nach wie vor kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts oder der se­xu­el­len Ori­en­tie­rung dar­stel­le.
2. Recht­li­cher Rah­men
Die Be­klag­te - die Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen - ist ei­ne bun­des­un­mit­tel­ba­re, rechtsfähi­ge An­stalt des öffent­li­chen Rechts mit Sitz in München, die von der Baye­ri­schen Ver­sor­gungs­kam­mer - ei­ner Behörde des Frei­staa­tes Bay­ern - ver­wal­tet und ver­tre­ten wird. Sie ist ei­ne be­rufsständi­sche Pflicht­ver­sor­gungs­ein­rich­tung. Sie hat die Auf­ga­be, den an deut­schen Thea­tern abhängig beschäftig­ten Bühnen­an­gehöri­gen ei­ne zusätz­li­che Al­ters-, Be­rufs­unfähig­keit- und Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung im We­ge der Ver­si­che­rung zu gewähren. Der Tätig­keits­be­reich er­streckt sich auf das Ge­biet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.
2.1 Die maßgeb­li­che Rechts­grund­la­ge für die Pflicht­ver­si­che­rung in der Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen ist die Ta­rif­ord­nung für die deut­schen Thea­ter mit fol­gen­den Wort­laut:
Ta­rif­ord­nung für die deut­schen Thea­ter vom 27. Ok­to­ber 1937 (Reichs­ar­beits­blatt 1937 Teil VI S. 1080) - im fol­gen­den: Ta­rif­ord­nung -
(1) Je­der Recht­sträger ei­nes Thea­ters (Thea­ter­un­ter­neh­mer) im Deut­schen Reich ist ver­pflich­tet, für die in sei­nem Thea­ter­be­trieb beschäftig­ten Bühnen­schaf­fen­den ei­ne Al­ters- und Hin­ter­blie­be­nen­ver­si­che­rung nach
Maßga­be der fol­gen­den Be­stim­mun­gen ab­zu­sch­ließen und die er­folg­te Ver­si­che­rung je­dem ein­zel­nen Bühnen­schaf­fen­den schrift­lich mit­zu­tei­len.
(2) Die Ver­si­che­rungs­an­stalt und die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen (Sat­zung) be­stimmt der Reichs­mi­nis­ter für Volks­aufklärung und Pro­pa­gan­da im Ein­ver­neh­men mit den be­tei­lig­ten Reichs­mi­nis­tern. Er be­stimmt auch den Zeit­punkt, von dem an die Ver­si­che­rung auf Grund die­ser Ta­rif­or­nung zu er­fol­gen hat.
(3) Bühnen­schaf­fen­de im Sin­ne die­ser Ta­rif­ord­nung sind kul­tur­schaf­fen-de Per­so­nen, die nach dem Reichs­kul­tur­kam­mer­ge­setz und sei­nen Durchführungs­ver­ord­nun­gen zur Mit­glied­schaft bei der Reichs­thea­ter­kam­mer (Fach­schaft Bühne) ver­pflich­tet sind, ins­be­son­de­re: Bühnen­lei­ter, Ein­zeldar­stel­ler, Ka­pell­meis­ter, Spiel­lei­ter, Dra­ma­tur­gen, Sing­chor­di­rek­to­ren, Re­pe­ti­to­ren, In­spi­zi­en­ten, Ein­hel­fer und Per­so­nen in ähn­li­cher Stel­lung, tech­ni­sche Vorstände (wie Vorstände des Ma­schi­nen­we­sens, des De­ko­ra­ti­ons- und Kostümwe­sens und Per­so­nen in ähn­li­cher Stel­lung, so­weit sie dem Be­trieb ver­ant­wort­lich vor­ste­hen), fer­ner künst­le­ri­sche Beiräte, Mit­glie­der des Chors und der Tanz­grup­pe und Thea­ter­fri­seu­re.
§ 2 Meh­re­re Ver­trags­verhält­nis­se
Ist der Bühnen­schaf­fen­de auf Grund ei­nes mit ei­nem an­de­ren Thea­ter­un­ter­neh­mer ab­ge­schlos­se­nen An­stel­lungs­ver­tra­ges be­reits nach § 1 ver­si­chert, so be­steht ei­ne Ver­si­che­rungs­pflicht aus wei­te­ren An­stel­lungs­verhält­nis­sen nur in­so­weit, als die be­reits be­ste­hen­de Ver­si­che­rung das in den Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen vor­ge­se­he­ne ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Höchst­ge­halt nicht er­reicht.
§ 3 Aus­nah­men der Ver­si­che­rungs­pflicht
Der vom Reichs- und Preußischen Ar­beits­mi­nis­ter be­zeich­ne­te Son­der­treuhänder der Ar­beit kann nach Anhören des Präsi­den­ten der Reichs­thea­ter­kam­mer Aus­nah­men von der Ver­pflich­tung zur Ver­si­che­rung durch schrift­li­che An­ord­nung zu­las­sen.
§ 4 An­tei­li­ge Bei­trags­pflicht
Die Ver­si­che­rungs­beiträge wer­den je zur Hälf­te vom Thea­ter­un­ter­neh­mer und vom Bühnen­schaf­fen­den ge­tra­gen. Der Thea­ter­un­ter­neh­mer ist ver­pflich­tet, die Ver­si­che­rungs­beiträge an die Ver­si­che­rungs­an­stalt ab-zuführen.
§ 5 In­kraft­tre­ten ...“
Die als Bun­des­recht fort­gel­ten­de Ta­rif­ord­nung bil­det die Grund­la­ge und den Rah­men der Auf­ga­be und Tätig­keit der Be­klag­ten und enthält die Grund­ent­schei­dung für das Ver­sor­gungs­werk. Mit Er­lass vom 3. März 1938 wur­den als Ver­si­che­rungs­an­stalt im Sin­ne von § 1 Abs. 2 Ta­rif­ord­nung die Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen in München und als Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen die Sat­zung die­ser An­stalt vom 25. Fe­bru­ar 1938 be­stimmt (Be­kannt­ma­chung des Präsi­den­ten der Baye­ri­schen Ver­si­che­rungs­kam­mer vom 3. März 1938, Deut­scher Reichs­an­zei­ger Nr. 70 vom 24. März 1938).
2.2 Die An­ge­le­gen­hei­ten der Be­klag­ten, ins­be­son­de­re Ein­zel­hei­ten der recht­li­chen Aus­ge­stal­tung der Ver­si­che­rungs­verhält­nis­se, wer­den durch die Sat­zung der Be­klag­ten ge­re­gelt. Maßgeb­lich für den vor­lie­gen­den Rechts­streit ist die Sat­zung der Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen vom 12. De­zem­ber 1991 (Bun­des­an­zei­ger S. 8326 und 1992 S. 546), zu­letzt geändert durch Sat­zung vom 29. De­zem­ber 2004 (Bun­des­an­zei­ger 2005 S. 1172) - im fol­gen­den: Sat­zung.
Die maßgeb­li­chen Be­stim­mun­gen der Sat­zung für die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung lau­ten:
(2) Die An­stalt leis­tet auf An­trag ... als Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ... Wit­wen­geld (§§ 32 und 33), Wit­wergeld (§ 34) ..., wenn der Ver­si­cher­te un­mit­tel­bar vor Ein­tritt des Ver­sor­gungs­fal­les pflicht­ver­si­chert, frei­wil­lig ver­si­chert oder wei­ter­ver­si­chert war und wenn die War­te­zeit erfüllt ist....
(1) An­spruch auf Wit­wen­geld hat die Ehe­frau ei­nes Ver­si­cher­ten oder Ru­he­ge­halts­empfängers, wenn die Ehe bis zu sei­nem Tod be­stan­den hat. ...
(1) An­spruch auf Wit­wergeld hat der Ehe­mann ei­ner Ver­si­cher­ten oder Ru­he­geld­empfänge­rin, wenn die Ehe bis zu ih­rem Tod be­stan­den hat. ...“
1. Das Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richt München setzt das Ver­fah­ren in ana­lo­ger An­wen­dung des § 94 Vw­GO aus und ruft gemäß Art. 234 EGV den Eu­ropäischen Ge­richts­hof mit der Bit­te um Vor­ab­ent­schei­dung der im Be­schluss­te­nor ge­stell­ten Fra­gen an. Der vom Kläger gel­tend ge­mach­te An­spruch lässt sich den Vor­schrif­ten des na­tio­na­len Rechts nicht ent­neh­men. Er hängt von der Aus­le­gung der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl L 303 vom 2.12.2000 S. 16) ab.
2. Da ge­gen die Ent­schei­dun­gen des vor­le­gen­den Ver­wal­tungs­ge­richts ein Rechts­mit­tel zum Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof statt­haft ist, ist das vor­le­gen­de Ge­richt ein nicht­letzt­in­stanz­lich ent­schei­den­des Ge­richt und macht von sei­nem Recht auf Vor­la­ge gemäß Art. 234 Abs. 2 EGV Ge­brauch.
3. Die Vor­la­ge­fra­ge ist ent­schei­dungs­er­heb­lich. Die Kla­ge des Klägers hätte vor­aus­sicht­lich Er­folg, wenn der Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie 2000/78/EG auf den streit­ge­genständ­li­chen Sach­ver­halt eröff­net wäre, die Ver­wei­ge­rung der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung des Le­bens­part­ners ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung im Sin­ne von Art. 1 und Art. 2 Abs. 1 und 2 Buch­sta­be a der Richt­li­nie 2000/78/EG dar­stell­te und die­se Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Be­gründungs­erwägung 22 nicht zulässig wäre.
An­dern­falls wäre die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Nach den - in­so­weit ein­deu­ti­gen - Sat­zungs­be­stim­mun­gen steht dem Kläger schon des­halb kein An­spruch auf Wit­wer­ren­te im Sin­ne des § 32 Abs. 1 und des § 34 Abs. 1 Sat­zung zu, weil zwi­schen dem Kläger und dem ver­stor­be­nen Ver­si­cher­ten kei­ne Ehe be­stand, son­dern ei­ne Le­bens­part-
ner­schaft. Ei­ne „er­wei­tern­de Aus­le­gung“ der Be­grif­fe „Wit­wer“, „Wit­we“ bzw. „Ehe­mann“ und „Ehe­frau“, die auch ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner er­fas­sen würde, ist u.a. schon des­halb von vor­ne­her­ein unmöglich, weil das In­sti­tut der ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft sich aus­sch­ließlich „an Per­so­nen wen­det, die mit­ein­an­der kei­ne Ehe ein­ge­hen können“ (so BVerfGE 105, 313/34/). Die Rechts­be­grif­fe „Ehe­gat­te“ und „Le­bens­part­ner“ schließen sich aus. Für ei­ne „Aus­le­gung“ oder Ana­lo­gie ist hier kein Raum. Die Sat­zungs­re­ge­lun­gen der Be­klag­ten wären zu­dem mit höher­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar. Aus dem Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 Grund­ge­setz folgt nicht, dass ein ent­spre­chen­der An­spruch auf Hin­ter­blie­be­nen­ren­te auch ei­nem Part­ner ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­ge­mein­schaft zu­steht (BVerwG Be­schluss vom 29.2.2000 Az. 1 B 82/99 NJW 2000, 2038). Es blie­be dem au­to­no­men Sat­zungs­ge­ber über­las­sen, un­ter wel­chen wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen und in wel­chem Um­fang Ver­sor­gungs­leis­tun­gen zu gewähren sind, ins­be­son­de­re, ob auch Part­ner ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft Hin­ter­blie­be­nen­ansprüche zu­ste­hen. Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz aus Art. 3 Grund­ge­setz ge­bie­tet es nicht, dass Ver­si­che­rungs-, Zu­satz­ver­si­che­rungs- und Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen un­ter­schied­li­cher Träger und mit un­ter-schied­li­cher Ziel­set­zung die Vor­aus­set­zun­gen für Ver­sor­gungs­leis­tun­gen ein­heit­lich nor­mie­ren (BayVGH vom 29.7.2005 Az. 9 ZB 05.737 JURIS-Do­kNr. BY-RE051005771).
4. Nach Auf­fas­sung der Kam­mer ist es je­doch möglich, dass die Sat­zungs­re­ge­lung der Be­klag­ten mit dem Ge­mein­schafts­recht un­ver­ein­bar und die Be­klag­te da­nach ver­pflich­tet ist, ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­nern in Form von Wit­wen- be­zie­hungs­wei­se Wit­wergeld zu gewähren, weil an­sons­ten ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Be­zug auf das Ar­beits­ent­gelt vorläge, die es nach Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG nicht ge­ben darf.
4.1 Frag­lich er­scheint, ob die Richt­li­nie 2000/78/EG für die Be­klag­te gemäß Art. 3
men gleich­ge­stell­tes Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit sein könn­te. Für die Aus­le­gung von Art. 3 Abs. 3 Richt­li­nie 2000/78/EG, ins­be­son­de­re der Be­griff­lich­kei­ten So­zi­al-ver­si­che­rungs- und So­zi­al­schutz­sys­te­me, kann die Be­gründungs­erwägung 13 der Richt­li­nie 2000/78/EG her­an­ge­zo­gen wer­den, weil sie ein we­sent­li­cher Be­stand­teil der Richt­li­nie und als sol­cher mit­ent­schei­dend für ih­re Aus­le­gung ist (EuGH Ur­teil vom 23.2.1998 Rs. 131/86 - Slg. 1988, I - 905 Rn. 37). Die Be­gründungs­erwägung 13 be­sagt, dass die Richt­li­nie we­der An­wen­dung auf die So­zi­al­ver­si­che­rungs-und So­zi­al­schutz­sys­te­me fin­det, de­ren Leis­tun­gen nicht ei­nem Ar­beits­ent­gelt in dem Sin­ne gleich­ge­stellt wer­den, der die­sem Be­griff für die An­wen­dung des Art. 141 des EG-Ver­trags ge­ge­ben wur­de, noch auf Vergütun­gen je­der Art sei­tens des Staa­tes, die den Zu­gang zu ei­ner Beschäfti­gung oder die Auf­recht­er­hal­tung ei­nes Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses zum Ziel ha­ben. Maßgeb­lich für die Be­ant­wor­tung der Fra­ge, ob die Be­klag­te von Art. 3 Abs. 3 der Richt­li­nie 2000/78/EG er­fasst wird, ist, ob die Leis­tun­gen der Be­klag­ten an Hin­ter­blie­be­ne in Form von Wit­wen- be­zie­hungs­wei­se Wit¬wergeld Ar­beits­ent­gelt im Sin­ne des Art. 141 EGV sind.
Ob die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung der Be­klag­ten un­ter den Ent­gelt­be­griff im Sin­ne des Art. 141 EGV fällt, ist auch un­ter Her­an­zie­hung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des EuGH frag­lich, da die Leis­tun­gen der Be­klag­ten ei­ner­seits Merk­ma­le ei­nes ge­setz­li­chen Al­ters­vor­sor­ge­sys­tems auf­wei­sen, an­de­rer­seits auch we­sent­li­che Kri­te­ri­en ei­nes be­trieb­li­chen Zu­satz­ren­ten­sys­tems erfüllen.
Die Be­klag­te ist der Auf­fas­sung, dass sie als Pflicht­ver­si­che­rungs­sys­tem auf ge­setz­li­cher Grund­la­ge ein „staat­li­ches Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit“ im Sin­ne der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 des Ra­tes vom 14. Ju­ni 1971 zur An­wen­dung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit auf Ar­beit­neh­mer und Selbständi­ge so­wie de­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge, die in­ner­halb der Ge­mein­schaft zu- und ab­wan­dern, sei. Hier­ge­gen be­ste­hen sei­tens des vor­le­gen­den Ge­richts Be­den­ken, da die Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 selbst kei­ne De­fi­ni­ti­on ei­nes staat­li­chen Sys­tems oder der da­mit gleich-
ge­stell­ten Sys­te­me enthält und be­reits frag­lich ist, ob ei­ne sol­che De­fi­ni­ti­on für die Aus­le­gung des Art. 3 Abs. 3 Richt­li­nie 2000/78/EG ver­bind­lich wäre.
Viel­mehr ist die Fra­ge, ob die Be­klag­te un­ter Art. 3 Abs. 3 Richt­li­nie 2000/78/EG fällt, an­hand des Schwer­punkts der Leis­tungs­er­brin­gung der Be­klag­ten und ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on zu ent­schei­den. Auf die vom EuGH ent­wi­ckel­ten Grundsätze zum Ent­gelt­be­griff des Art. 141 EGV ist hier­bei zurück­zu­grei­fen. Die­ses Er­geb­nis wird durch die Be­gründungs­erwägung 13 der Richt­li­nie 2000/78/EG gestützt. Hier­nach er­gibt sich fol­gen­des nicht ein­deu­ti­ge Bild:
4.1.1 Für ein den staat­li­chen Sys­te­men der so­zia­len Si­cher­heit gleich­ge­stell­tes Sys­tem spricht die auf ge­setz­li­cher Grund­la­ge be­ste­hen­de Pflicht­mit­glied­schaft bei der Be­klag­ten. Die Ta­rif­ord­nung re­gelt in § 1 die Ver­pflich­tung zur Mit­glied­schaft und in § 4 wird die an­tei­li­ge Bei­trags­pflicht ge­re­gelt. Die Ver­sor­gung bei der Be­klag­ten ist als öffent­lich-recht­li­che Pflicht­ver­sor­gung or­ga­ni­siert, d.h. die Ver­si­che­rungs­verhält­nis­se ent­ste­hen von Ge­set­zes we­gen bei Auf­nah­me der Tätig­keit. Pflicht­ver­si­chert bei der Be­klag­ten ist je­der un­ter die Ta­rif­ord­nung fal­len­de Bühnen­an­gehöri­ge - un­abhängig von sei­ner Staats­an­gehörig­keit -, der in ei­nem abhängi­gen Beschäfti­gungs­verhält­nis bei ei­nem Thea­ter­un­ter­neh­mer tätig ist, so­mit al­le abhängig beschäftig­ten Bühnen­an­gehöri­gen, die ge­gen Ent­gelt ei­ne künst­le­ri­sche oder über­wie­gend künst­le­ri­sche Tätig­keit ausüben. Die Pflicht­ver­si­che­rung tritt frühes­tens ab Voll­endung des 17. Le­bens­jah­res ein und ist nur so­lan­ge möglich, wie un­ter Berück­sich­ti­gung be­reits zurück­ge­leg­ter Bei­trags­mo­na­te bis zur Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res 60 Bei­trags­mo­na­te er­reicht wer­den können. Die Pflicht­ver­si­che­rung be­ginnt mit dem Beschäfti­gungs­verhält­nis. Sie en­det, wenn der Bühnen­an­gehöri­ge aus dem Beschäfti­gungs­verhält­nis aus­schei­det oder wenn er trotz Fort­dau­er des­sel­ben kei­ne Dienst- oder Kran­ken­bezüge mehr erhält (§ 17 Abs. 1 und 2 Sat­zung). Das Ver­si­che­rungs­verhält­nis wird dann als bei­trags­freie Ver­si­che­rung fort­geführt, wenn sich der Bühnen­an­gehöri­ge nicht frei­wil­lig wei­ter­ver­si­chert. Das Ver­si­che­rungs­verhält­nis en
det erst mit dem Be­zug von Leis­tun­gen oder wenn die Ver­si­che­rung zu ei­ner an­de­ren Ver­sor­gungs­ein­rich­tung über­ge­lei­tet wird.
Wei­ter­hin be­ste­hen kei­ner­lei ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen in den Thea­ter­un­ter­neh­men; die Leis­tun­gen der Be­klag­ten ste­hen al­len abhängig beschäfti­gen Bühnen­an­gehöri­gen zur Verfügung. In­so­fern würden Leis­tun­gen aus ei­nem ge­setz­li­chen Al­ters­ver­sor­gungs­sys­tem vor­lie­gen, die nicht vom Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Art. 141 EGV er­fasst sind, wie der EuGH in sei­nem Ur­teil vom 25. Mai 1971 in der Rechts­sa­che 80/70 - De­fren­ne I - Slg. 1971, 445 ent­schie­den hat. Al­ler­dings ist frag­lich, ob das wei­te­re Kri­te­ri­um, dass die Leis­tung Aus­druck ei­nes so­zi­al­po­li­ti­schen Bedürf­nis­ses ist und we­ni­ger vom Dienst­verhält­nis zwi­schen Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber abhängt, im streit­ge­genständ­li­chen Fall ge­ge­ben ist (EuGH Ur­teil vom 25.5.1971 Rs. 80/70 - De­fren­ne I - Slg. 1971, 445, Rd­nrn. 7 und 8; EuGH Ur­teil vom 17.5.1990 Rs. 262/88 - Bar­ber - Slg. 1990 I 1889 Rd­nrn. 22 ff.). Die Or­ga­ni­sa­ti­on und ins­be­son­de­re die Sat­zungs­au­to­no­mie der Be­klag­ten spre­chen eher für ein be­trieb­li­ches Sys¬tem, das dem sog. „contrac­ted-out-Sys­tem“ ver­gleich­bar ist, wel­ches dem EuGH-Ur­teil vom 17. Mai 1990 in der Rechts­sa­che 262/88 - Bar­ber - Slg. 1990 I 1889 zu­grun­de lag. Eben­so hat die Be­klag­te als be­ruf­li­che Zu­satz­ver­sor­gung die Auf­ga­be, ih­ren Ver­si­cher­ten ei­ne zusätz­li­che Leis­tung zu gewähren, wie dies im Rah­men der all­ge­mei­nen staat­li­chen So­zi­al­ver­si­che­rungs­sys­te­me vor­ge­se­hen ist (EuGH Ur­teil vom 13.5.1986 - Rs. 170/84 - BIL­KA-Kauf­haus/We­ber von Hartz - Slg. 1986, 1607).
4.1.2 Für ein be­trieb­li­ches Sys­tem spre­chen ins­be­son­de­re fol­gen­de Ele­men­te:
Der Bühnen­an­gehöri­ge hat die Möglich­keit der frei­wil­li­gen Wei­ter­ver­si­che­rung, so­fern er nicht un­un­ter­bro­chen bei ei­nem Thea­ter­un­ter­neh­mer der Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen beschäftigt und da­mit auch nicht kon­ti­nu­ier­lich durch ei­nen Thea­ter­un­ter­neh­mer ver­si­chert ist. Durch die Möglich­keit der Wei­ter­ver­si­che­rung zu ei­nem Min­dest­bei­trag (§ 19 Sat­zung) kann er Nach­tei­le durch ei­nen un­ter­bro­che­nen Pflicht-ver­si­che­rungs­ver­lauf ver­mei­den. Zu­dem kann ein Wei­ter­ver­si­cher­ter frei­wil­lig Zu-
satz­beiträge bis zum Jah­reshöchst­bei­trag in sei­ne Ver­si­che­rung ein­zah­len (§ 23b Abs. 2 Sat­zung).
Die Be­klag­te fi­nan­ziert ih­re Leis­tun­gen aus den Beiträgen der Ver­si­cher­ten und den Erträgen der Vermögens­an­la­gen. Sie erhält kei­ne staat­li­chen Zuschüsse. Die Leis­tun­gen der Be­klag­ten wer­den im sog. Ka­pi­tal­de­ckungs­ver­fah­ren fi­nan­ziert. Beim Ka­pi­tal­de­ckungs­ver­fah­ren spart je­der Ver­si­che­rungs­neh­mer die später fälli­gen Leis­tun­gen durch Bil­dung ei­nes Ka­pi­tal­stocks auf dem Ka­pi­tal­markt durch den Ver­si­che­rungs­träger an. Nach der Pha­se der Ka­pi­tal­an­samm­lung während des Er­werbs­le­bens folgt die Ka­pi­tal­auflösung durch Ver­brauch des Ka­pi­tal­stocks und des­sen Erträge (Zin­sen und Zin­ses­zin­sen). Die Leis­tun­gen der Be­klag­ten wer­den nicht im Um­la­ge­ver­fah­ren - wie bei der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung - fi­nan­ziert, in­dem die Aus­ga­ben ei­nes be­stimm­ten Ka­len­der­jah­res für die Al­ters­ver­sor­gung durch die Ein­nah­men des­sel­ben Ka­len­der­jah­res ge­deckt wer­den.
Die Beiträge ha­ben je­weils zur Hälf­te der Thea­ter­un­ter­neh­mer (Ar­beit­ge­ber­an­teil) und der Ver­si­cher­te (Ar­beit­neh­mer­an­teil) zu tra­gen. Sie be­lau­fen sich der­zeit auf 9 Pro­zent des bei­trags­pflich­ti­gen Ein­kom­mens, wenn gleich­zei­tig Beiträge zur ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ab­geführt wer­den, an­sons­ten auf 16 Pro­zent bei gleich­zei­ti­ger Be­frei­ung von der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung.
Die Be­klag­te re­gelt ih­re An­ge­le­gen­hei­ten in au­to­no­mer Selbst­ver­wal­tung, d.h. die recht­li­che Aus­ge­stal­tung des Ver­si­che­rungs­verhält­nis­ses er­folgt nicht durch den Bun­des­ge­setz­ge­ber, son­dern aus­sch­ließlich durch den Ver­wal­tungs­rat der Be­klag­ten. Der Ver­wal­tungs­rat ist das Norm­set­zungs- und Kon­troll­or­gan, das ins­be­son­de­re über die Sat­zung und die Richt­li­ni­en der Ver­sor­gungs­po­li­tik be­sch­ließt (§ 7 Sat­zung). Der Ver­wal­tungs­rat be­steht aus 30 Mit­glie­dern. Er setzt sich pa­ritätisch zu­sam­men aus je 15 Ar­beit­ge­ber- und Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tern. Be­nannt wer­den die Mit­glie­der und ih­re Stell­ver­tre­ter vom Deut­schen Bühnen­ver­ein (Thea­ter­ver­band, der die Stadt-und Staats­thea­ter ein­sch­ließlich al­ler Opernhäuser, die Lan­desbühnen, zahl­rei­che
Pri­vat­thea­ter und die Kul­tur­or­ches­ter ver­ei­nigt; 15 Mit­glie­der) so­wie von der Ge­nos­sen­schaft Deut­scher Bühnen-An­gehöri­ger (ge­werk­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on der Bühnen­an­gehöri­gen; 10 Mit­glie­der), der ver.di Ver­ei­nig­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft (3 Mit­glie­der) und der Ver­ei­ni­gung deut­scher Opernchöre und Bühnentänzer (2 Mit­glie­der). Ne­ben dem Ver­wal­tungs­rat fun­giert die Baye­ri­sche Ver­sor­gungs­kam­mer als ge­mein­sa­mes Geschäftsführungs- und Ver­tre­tungs­or­gan der Be­klag­ten. Die Baye­ri­sche Ver­sor­gungs­kam­mer ist ei­ne dem Baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­ri­um des In­nern un­mit­tel­bar nach­ge­ord­ne­te staat­li­che Ober­behörde, die von ei­nem Vor­stand ge­lei­tet wird.
Die Be­klag­te un­ter­liegt der Rechts- und Ver­si­che­rungs­auf­sicht durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zi­al­ord­nung, wo­bei die Rechts­auf­sicht vom Baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­ri­um des In­nern und die Ver­si­che­rungs­auf­sicht vom Baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft, Ver­kehr und Tech­no­lo­gie für den Bund aus­geübt wird (§ 1 Ge­setz über die Be­auf­sich­ti­gung der Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen und der Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Kul­tur­or­ches­ter vom 17. De­zem­ber 1990 (Bun­des­ge­setz­blatt I S. 2866), zu­letzt geändert durch Ge­setz vom 26. März 2002 (Bun­des­ge­setz­blatt I S. 1219). Maßgeb­li­che Be­stim­mun­gen des Ver­si­che­rungs­auf­sichts­ge­set­zes, das für Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men gilt, die nicht Träger der So­zi­al­ver­si­che­rung sind, gel­ten ent­spre­chend (§ 1 Satz 2 Ge­setz über die Be­auf­sich­ti­gung der Ver­sor­gungs­an­stalt der deut­schen Bühnen).
In An­be­tracht der Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur und des maßgeb­li­chen Ein­flus­ses der Thea­ter­un­ter­neh­mer und der Ver­si­cher­ten im Rah­men der Sat­zungs­au­to­no­mie neigt die Kam­mer da­zu, dass die Be­klag­te kein den staat­li­chen Sys­te­men der so­zia­len Si­cher­heit gleich­ge­stell­tes Sys­tem im Sin­ne des Art. 3 Abs. 3 der Richt­li­nie 2000/78/EG ist. Zu­dem hat die Be­klag­te im Schrift­satz vom 20. Ok­to­ber 2005 (Blatt 52 der Ge­richts­ak­te) selbst aus­geführt, dass es sich bei ihr um ei­ne öffent­lich-recht­li­che Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tung, d.h. ei­nen Be­stand­teil der zwei­ten Säule der Al­ters­ver­sor­gung han­delt. Die Al­ters­vor­sor­ge­sys­te­me können in Deutsch­land in drei ver­schie-
de­ne Säulen ein­ge­ord­net wer­den. Die ers­te Säule er­fasst die Al­ters­vor­sor­ge für abhängig Beschäftig­te und ei­nen großen Teil der Selbständi­gen der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung, die als öffent­lich-recht­li­che, spe­zi­fi­sche Re­gel­ver­si­che­rung aus­ge­stal­tet ist. Die zwei­te Säule er­fasst ins­be­son­de­re die be­trieb­li­che Al­ters­vor­sor­ge, wo­bei die drit­te Säule schließlich die ei­gen­ver­ant­wort­li­che pri­va­te Vor­sor­ge er­fasst (Preis in: Fuchs/Preis, So­zi­al­ver­si­che­rungs­recht, Köln 2005, § 41 Ab­schnitt II). In­so­fern könn­te die Be­klag­te als öffent­lich-recht­li­che Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tung der be­trieb­li­chen Al­ters­vor­sor­gung zu­ge­rech­net wer­den und da­mit wären ih­re Leis­tun­gen Ar­beits­ent­gelt im Sin­ne von Art. 141 EGV (sie­he hier­zu EuGH Ur­teil vom 13.5.1986 Rs. 170/84 - BIL­KA-Kauf­haus/We­ber von Hartz - Slg. 1986, 1607, wo­nach Leis­tun­gen, die von ei­nem ergänzen­den Ver­sor­gungs­sys­tem gewährt wer­den, un­ter den Be­griff des Ent­gelts im Sin­ne von Art. 119 EWG (ent­spricht Art. 141 EGV) fal­len). Die Si­tua­ti­on ist ver­gleich­bar mit der zum französi­schen Zu­satz­ren­ten­sys­tem in der Rechts­sa­che C-50/99 (EuGH Ur­teil vom 25.5.2000 - Po­des­ta/CRI­CA - Slg. 2000 I 4039) er­gan­ge­nen Ent­schei­dung, wo­nach Art. 119 EG-Ver­trag (ent­spricht Art. 141 EGV) auf ein über­be­trieb­li­ches, auf Ver­tei­lung be­ru­hen­des Zu­satz­ren­ten­sys­tem mit fest­ste­hen­den Beträgen an­wend­bar ist, wenn die­ses Sys­tem die ge­setz­li­chen Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit ergänzt oder an ih­re Stel­le tritt, und wenn die Ren­te dem Ar­beit­neh­mer auf­grund sei­nes Dienst­verhält­nis­ses mit sei­nem frühe­ren Ar­beit­ge­ber ge­zahlt wird; un­abhängig da­von, ob der Bei­tritt zu die­sem Sys­tem Pflicht ist oder nicht.
Nach der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes kommt es nicht dar­auf an, dass das Ren­ten­sys­tem durch den Ge­setz­ge­ber ein­geführt wur­de. Maßgeb­lich ist, dass es nur ei­ne be­son­de­re Grup­pe von Ar­beit­neh­mern be­trifft und ob die von ihm ge­zahl­ten Ren­ten un­mit­tel­bar von der zurück­ge­leg­ten Beschäfti­gungs­zeit und vom letz­ten Ent­gelt abhängen, so dass die Ren­te auf­grund des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses mit die­ser Ein­rich­tung ge­zahlt wer­den kann. Par­al­le­len hin­sicht­lich der ge­setz­lich ge­re­gel­ten Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung für An­ge­stell­te ei­nes öffent­li­chen Elek­tri­zitätsun­ter­neh­mes in Grie­chen­land (EuGH Ur­teil vom 17.4.1997 Rs. C-147/95
- DEI/Ev­reno­pou­los - Slg. 1997 I 2057, 2081) sind durch­aus er­kenn­bar, weil bei der Be­klag­ten al­le abhängig beschäftig­ten Bühnen­an­gehöri­gen der Pflicht­ver­si­che­rung un­ter­lie­gen und sich die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung nach den bei der Be­klag­ten zu-rück­ge­leg­ten Bei­trags­zei­ten und der Höhe der ein­ge­zahl­ten Beiträge be­misst (§ 32 Abs. 2 Satz 1 i.V.m. § 30 Abs. 5 Sat­zung).
4.2 So­fern sich die Be­klag­te nicht auf Art. 3 Abs. 3 der Richt­li­nie 2000/78/EG be­ru­fen kann, weil sie kein den staat­li­chen Sys­te­men so­zia­ler Si­cher­heit gleich­ge­stell­tes Sys­tem ist, ist frag­lich, ob so­mit gleich­zei­tig fest­steht, dass die als Wit­wen- oder Wit­wer­ren­te gewähr­te Leis­tung an Hin­ter­blie­be­ne als Ar­beits­ent­gelt im Sin­ne von Art. 3 Abs. 1 Buch­sta­be c der Richt­li­nie 2000/78/EG an­zu­se­hen ist. Die Fra­ge, ob ein den staat­li­chen Sys­te­men so­zia­ler Si­cher­heit gleich­ge­stell­tes Sys­tem vor­liegt oder nicht, wird maßgeb­lich durch die Aus­le­gung des Be­griffs „Ent­gelt“ im Sin­ne des Art. 141 des EG-Ver­trags be­stimmt (vgl. Be­gründungs­erwägung 13). In­so­fern liegt es na­he, den Be­griff des Ar­beits­ent­gelts in Art. 3 Abs. 1 Buch­sta­be c Richt­li­nie 2000/78/EG im Sin­ne des Art. 141 EGV aus­zu­le­gen. Hierfür spricht auch die Zweck­set­zung der Richt­li­nie, die auf die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf ab­zielt. Sie will Un­gleich­be­hand­lun­gen auf Grund ver­schie­de­ner Kri­te­ri­en bekämp­fen, wo­bei der Sach­be­reich auf das Ge­biet der Beschäfti­gung und des Be­rufs­le­bens be­schränkt ist. Zu­dem ist die Richt­li­nie 2000/78/EG auf den Ver­trag zur Gründung der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft gestützt, wo­bei sie ins­be­son­de­re Ar­ti­kel 13 her­vor­hebt, der ei­nen um­fas­sen­de­ren An­satz bezüglich der Bekämp­fung von Dis­kri­mi­nie­run­gen ver­folgt als dies bei dem spe­zi­el­len An­satz des Art. 141 EGV der Fall ist. Grundsätz­lich wird die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung vom Ent­gelt­be­griff des Art. 141 EGV er­fasst (vgl. EuGH Ur­teil vom 7.1.2004 Rs. C-117/01 - K.B./Na­tio­nal Health Ser­vice Pen­si­on Agen­cy - Slg. 2004 I 541; EuGH Ur­teil vom 9.10.2001 Rs. C-379/99 - Me­n­au­er - Slg. 2001 I 7275; EuGH Ur­teil vom 6.10.1993 Rs. C-109/91 - Ten Oever - Slg. 1993 I 4879). Die­ser Aus­le­gung steht, wie der Eu­ropäische Ge­richts­hof be­reits in der Rechts­sa­che C-109/91 (EuGH Ur­teil vom 6.10.1993 Rs. C-109/91 a.a.O.) ur­teil­te, nicht ent­ge­gen, dass die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ih-
rem Be­griff gemäß nicht dem Ar­beit­neh­mer, son­dern sei­nem Hin­ter­blie­be­nen ge­zahlt wird, denn der An­spruch auf ei­ne sol­che Leis­tung ist auf ei­ne Vergütung ge­rich­tet, die ih­ren Ur­sprung in der Zu­gehörig­keit des Ehe­gat­ten des Hin­ter­blie­be­nen zu dem Ren­ten­sys­tem hat, so dass der Hin­ter­blie­be­ne den Ren­ten­an­spruch im Rah­men des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses zwi­schen sei­nem Ehe­gat­ten und des­sen Ar­beit­ge­ber er­wirbt und ihm die Ren­te auf­grund des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses sei­nes Ehe­gat­ten ge­zahlt wird. So­mit liegt es na­he, im streit­ge­genständ­li­chen Fall die vom Kläger an­ge­streb­te Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung grundsätz­lich als Ar­beits­ent­gelt im Sin­ne des Art. 3 Abs. 1 Buch­sta­be c der Richt­li­nie 2000/78/EG an­zu­se­hen. Für die Be­griffs­be­stim­mung des Ar­beits­ent­gelts kann es nach Auf­fas­sung des vor­le­gen­den Ge­richts da­bei nicht dar­auf an­kom­men, dass der An­spruch­stel­ler der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung kein Ehe­gat­te - wie in der Ent­schei­dung in der Rechts­sa­che C-109/91 - ist, son­dern ein ein­ge­tra­ge­ner Le­bens­part­ner. Die Sach­ver­hal­te sind ver­gleich­bar, weil ent­spre­chend der Si­tua­ti­on in der Rechts­sa­che C-109/91 - da­mals be­gehr­te der An­spruch­stel­ler als Ehe­gat­te ei­ne Wit­wer­ren­te ob­wohl die Ren­ten­be­stim­mun­gen ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung nur für Wit­wen vor­sa­hen - der Kläger die Gewährung ei­ner Wit­wer­ren­te be­gehrt, die von der Be­klag­ten mit der Be­gründung ver­wei­gert wird, dass ei­ne sol­che Ren­te nach den Be­stim­mun­gen der Be­klag­ten nicht vor­ge­se­hen sei. Es blei­ben je­doch Zwei­fel, ob die Leis­tun­gen der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ei­ner be­rufsständi­schen Pflicht­ver­sor­gungs­ein­rich­tung Ar­beits­ent­gelt im Sin­ne der Richt­li­nie 2000/78/EG sind. Der oben auf­ge­zeig­te Zu­sam­men­hang zwi­schen der Be­stim­mung von Art. 3 Abs. 3 Richt­li­nie 2000/78/EG und dem Be­griff des Ar­beits­ent­gelts in Art. 3 Abs. 1 Buch­sta­be c Richt­li­nie 2000/78/EG ist nicht zwin­gend, ins­be­son­de­re des­we­gen nicht, weil die Be­gründungs­erwägung 13 auf die Ab­gren­zung zu den So­zi­al­ver­si­che­rungs- und So­zi­al­schutz­sys­te­men und so­mit auf Art. 3 Abs. 3 Richt­li­nie 2000/78/EG ab­zielt. Im Ge­gen­satz zu der Ent­schei­dung in der Rechts­sa­che C-109/91, der ein be­trieb­li­ches Ren­ten­sys­tem zu­grun­de lag, ste­hen vor­lie­gend Leis­tun­gen ei­ner zusätz­li­chen öffent­lich-recht­li­chen Pflicht­ver­sor­gung in Fra­ge.
4.3 So­fern der Gel­tungs­be­reich durch die Fra­gen 1 und 2 be­jaht wird, blei­ben trotz­dem Zwei­fel, ob Art. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 2 Abs. 2 Buch­sta­be a der Richt­li­nie 2000/78/EG Sat­zungs­be­stim­mun­gen ei­nes Zu­satz­ver­sor­gungs­sys­tems der hier vor-lie­gen­den Art ent­ge­gen­ste­hen, nach de­nen ein ein­ge­tra­ge­ner Le­bens­part­ner nach Ver­ster­ben sei­nes Le­bens­part­ners kei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ent­spre­chend Ehe­leu­ten erhält, ob­wohl er eben­falls in ei­ner for­mal auf Le­bens­zeit be­gründe­ten Fürsor­ge- und Ein­stands­ge­mein­schaft wie Ehe­leu­te lebt.
Die Be­klag­te ver­tritt die Auf­fas­sung, dass nach der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs die Ver­schie­den­be­hand­lung von Ehe­leu­ten und ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­nern nach wie vor kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts oder der se­xu­el­len Ori­en­tie­rung dar­stel­le (sie­he EuGH Ur­teil vom 7.1.2004 Rs. C-117/01¬- K.B./Na­tio­nal Health Ser­vice Pen­si­on Agen­cy - Slg. 2004 I 541 so­wie EuGH Ur­teil vom 31.5.2001 Rs. C-122/99 - D und Schwe­den/Rat - Slg. 2001 I 4319). Da­mit sei die Richt­li­nie 2000/78/EG in­so­weit nicht ein­schlägig.
Hier­ge­gen be­ste­hen Zwei­fel. Im Mit­tel­punkt der Ent­schei­dung in der Rechts­sa­che C-122/99 des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH Ur­teil vom 31.5.2001 - D und Schwe­den/Rat - a.a.O.) stand die Aus­le­gung des Be­am­ten­sta­tuts und so­mit Rechts­vor­schrif­ten, die sich auf die Or­ga­ne der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft be­zie­hen. Im Un­ter­schied zur Rechts­sa­che C-122/99 steht im streit­ge­genständ­li­chen Ver­fah­ren die Aus­le­gung der Richt­li­nie 2000/78/EG im Mit­tel­punkt. Sie ist an die Mit­glied­staa­ten ge­rich­tet, die in Art. 16 ver­pflich­tet wer­den, die er­for­der­li­chen Maßnah­men zu tref­fen, um si­cher­zu­stel­len, dass die Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, die dem Gleic-be­hand­lungs­grund­satz zu­wi­der­lau­fen, auf­ge­ho­ben wer­den (Art. 16 Buch­sta­be a) und dass die mit dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht zu ver­ein­ba­ren­den Be­stim­mun­gen in Ar­beits- und Ta­rif­verträgen, Be­triebs­ord­nun­gen und Sta­tu­ten der frei­en Be­ru­fe und der Ar­beit­ge­ber- und Ar­beit­neh­mer­or­ga­ni­sa­tio­nen für nich­tig erklärt wer­den oder erklärt wer­den können oder geändert wer­den. In­so­fern hat der Ge­mein­schafts­ge­setz­ge­ber mit der Richt­li­nie 2000/78/EG Rechts­vor­schrif­ten er­las­sen, die die Be-
kämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung un­ter an­de­rem we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung be­zwe­cken.
So­fern der Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie 2000/78/EG eröff­net und ei­ne nicht zulässi­ge Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung ge­ge­ben ist, kann sich der Kläger nach Auf­fas­sung des vor­le­gen­den Ge­richts auf die Be­stim­mun­gen der Richtl­nie 2000/78/EG be­ru­fen, weil die Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie in­halt­lich un­be­dingt und hin­rei­chend ge­nau er­schei­nen und die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die Richt­li­nie nicht frist­gemäß in na­tio­na­les Recht um­ge­setzt hat. Die Richt­li­nie 2000/78/EG ord­net in Art. 3 Abs. 1 Buch­sta­be c in Ver­bin­dung mit Art. 1 und Art. 2 an, dass al­le Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Be­rei­chen, ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len, beim Ar­beits­ent­gelt nicht we­gen se­xu­el­ler Aus­rich­tung be­nach­tei­ligt wer­den dürfen. Die Richt­li­nie 2000/78/EG war gemäß ih­rem Art. 18 bis zum 2. De­zem­ber 2003 in das Recht der Mit­glied­staa­ten und da­mit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land um­zu­set­zen. Der Eu­ropäische Ge­richts­hof hat mit Ur­teil vom 23. Fe­bru­ar 2006 (Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten/Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land - Rechts­sa­che C-43/05) für Recht er­kannt, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ih­re Ver­pflich­tun­gen aus der Richt­li­nie 2000/78/EG ver­letzt hat, in­dem sie nicht al­le Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten er­las­sen hat, die not­wen­dig sind, um die­ser Richt­li­nie in Be­zug auf die Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung so­wie der se­xu­el­len Aus­rich­tung nach­zu­kom­men.
Des wei­te­ren hat sich der Eu­ropäische Ge­richts­hof in der Rechts­sa­che C-122/99 (EuGH Ur­teil vom 31.5.2001 - D und Schwe­den/Rat - a.a.O.) nicht mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­ge­setzt, dass Ho­mo­se­xu­el­le auf­grund ih­rer se­xu­el­len Aus­rich­tung mit­ein­an­der kei­ne Ehe ein­ge­hen können. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in sei­nem Ur­teil vom 17. Ju­li 2002 fest­ge­stellt, dass sich das Rechts­in­sti­tut der ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft für gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re an Per­so­nen wen­det, die mit­ein­an­der kei­ne Ehe ein­ge­hen können (BVerfG Ur­teil vom 17.7.2002 Az. 1 BvF 1/01, 1 BvF 2/01 Leit­satz 3 BVerfGE 105, 313). In­so­fern zeigt sich ein ver­gleich­ba­rer Sach-
ver­halt zur Rechts­sa­che C-117/01, in der der Eu­ropäische Ge­richts­hof ei­ne Un­gleich­be­hand­lung nicht auf die Zu­er­ken­nung ei­ner Wit­wer­ren­te be­zog, son­dern auf ei­ne für de­ren Gewährung not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung, nämlich die Fähig­keit, mit­ein­an­der die Ehe ein­zu­ge­hen.
Im Ge­gen­satz zu he­te­ro­se­xu­el­len Paa­ren, die hei­ra­ten und ge­ge­be­nen­falls in den Ge­nuss ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ren­te kom­men können, die Be­stand­teil des Ent­gelts ei­nes der Part­ner ist, konn­te der Ver­si­cher­te mit dem Kläger we­gen ih­rer se­xu­el­len Aus­rich­tung un­ter kei­nen Umständen die Vor­aus­set­zun­gen der Ehe erfüllen, wie sie vom Ver­sor­gungs­sys­tem der Be­klag­ten für die Gewährung ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung vor­ge­se­hen ist. Aus die­sen Blick­win­kel be­trach­tet, könn­ten Art. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 2 Abs. 2 Buch­sta­be a der Richt­li­nie 2000/78/EG Sat­zungs­be­stim­mun­gen der Be­klag­ten ent­ge­gen­ste­hen, die ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­nern ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung des­halb ver­weh­ren, weil sie die Fähig­keit, mit­ein­an­der ei­ne Ehe ein­ge­hen zu können, vor­aus­set­zen. Der Kläger ist in ei­ner mit ei­nem Wit­wer ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on, wo­bei er auf­grund der feh­len­den Vor­aus­set­zung Ehe von den Leis­tun­gen der Be­klag­ten aus­ge­schlos­sen wird. Die ver­gleich­ba­re Si­tua­ti­on ist nach dem bun­des­deut­schen Recht ge­ge­ben, weil seit dem 1. Ja­nu­ar 2005 die ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft weit­ge­hend an die Ehe an­ge­gli­chen wur­de. Durch das am 1. Au­gust 2001 in Kraft ge­tre­te­ne Le­bens­part­ner­schafts­ge­setz (Ge­setz über die Ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft (Le­bens­part­ner­schafts­ge­setz - LPartG) vom 16. Fe­bru­ar 2001 (BGBl I S. 266), zu­letzt geändert durch Ge­setz vom 6. Fe­bru­ar 2005 (BGBl I S. 203)) ist ein ei­genständi­ges fa­mi­li­en­recht­li­ches In­sti­tut für gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re ge­schaf­fen wor­den. Mit dem am 1. Ja­nu­ar 2005 in Kraft ge­tre­te­nen Ge­setz zur Übe­r­ar­bei­tung des Le­bens­part­ner­schafts­rechts vom 15. De­zem­ber 2004 (BGBl I 3396) ist die­ses fa­mi­li­en­recht­li­che In­sti­tut der Ehe an­genähert wor­den. Die ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft er­for­dert ei­ne for­ma­le Be­gründung, die in ei­ner Erklärung be­steht, mit­ein­an­der ei­ne Part­ner­schaft auf Le­bens­zeit führen zu wol­len (§ 1 Abs. 1 Satz 1 LPartG). Die Le­bens­part­ner sind ein­an­der zur Fürsor­ge und Un­terstützung so­wie zur ge­mein­sa­men Le­bens­ge­stal­tung ver­pflich­tet und tra­gen für-
ein­an­der Ver­ant­wor­tung (§ 2 LPartG). Die Le­bens­part­ner sind ein­an­der ver­pflich­tet, durch ih­re Ar­beit und mit ih­rem Vermögen die part­ner­schaft­li­che Le­bens­ge­mein­schaft an­ge­mes­sen zu un­ter­hal­ten (§ 5 LPartG), wo­bei auf die un­ter­halts­recht­li­chen Vor­schrif­ten von Ehe­gat­ten des Bürger­li­chen Ge­setz­bu­ches ver­wie­sen wird. Die Le­bens­part­ner le­ben wie Ehe­gat­ten im Güter­stand der Zu­ge­winn­ge­mein­schaft, wenn sie nicht wie Ehe­gat­ten auch von der Möglich­keit ei­ner ab­wei­chen­den ver­trag­li­chen Re­ge­lung Ge­brauch ma­chen (§ 6 LPartG). Die für Ehe­gat­ten gel­ten­den Re­ge­lun­gen gel­ten ent­spre­chend. Nach Auf­he­bung der Part­ner­schaft be­steht bei Bedürf­tig­keit ein An­spruch auf nach­part­ner­schaft­li­chen Un­ter­halt (§ 16 Abs. 1 LPartG mit Ver­weis auf die für Ge­schie­de­ne gel­ten­den Vor­schrif­ten des Bürger­li­chen Ge­setz­bu­ches). Eben­so wie bei Ehe­gat­ten fin­det ein Ver­sor­gungs­aus­gleich statt (§ 20 LPartG). In An­be­tracht der auf­ge­zeig­ten for­mal auf Le­bens­zeit be­gründe­ten Fürsor­ge- und Ein­stands­ge­mein­schaft und der Fest­stel­lung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, dass der grund­recht­li­che Schutz der Ehe kein Be­nach­tei­li­gungs­ge­bot zur Schlech­ter­stel­lung nicht­ehe­li­cher Le­bens­ge­mein­schaf­ten be­inhal­te (BVerfG Ur­teil vom 17.7.2002 BVerfGE 105, 313), kann in der Ver­wei­ge­rung der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung ge­se­hen wer­den.
Über­dies ist seit 1. Ja­nu­ar 2005 durch die Anfügung des § 46 Abs. 4 Sechs­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB VI - Ge­setz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung) die Gleich­stel­lung der ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft mit der Ehe bei der ge­setz­li­chen Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung - die nach Art. 3 Abs. 3 der Richt­li­nie 2000/78/EG vom Gel­tungs­be­reich aus­ge­nom­men ist - er­folgt.
4.4 Un­ter­stellt, die vor­ste­hen­den Fra­gen würden be­jaht, be­ste­hen fer­ner Zwei­fel, ob ei­ne sol­che Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung auf­grund der Be­gründungs­erwägung 22 der Richt­li­nie 2000/78/EG zulässig wäre.
4.4.1 Frag­lich ist be­reits, ob die Be­gründungs­erwägung 22, die nicht in den Text der
Aus­le­gung ein­schränken kann. Die Be­gründungs­erwägung 22 kann kei­ner Re­ge­lung in dem Text der Richt­li­nie zu­ge­ord­net wer­den. Die an­sons­ten in der Richt­li­nie auf­ge­nom­me­nen Aus­nah­men des Gel­tungs­be­reichs ei­ner Be­gründungs­erwägung können je­weils zu­ge­ord­net wer­den. So kor­re­spon­diert die Aus­nah­me hin­sicht­lich der Streit­kräfte (Art. 3 Abs. 4 Richt­li­nie 2000/78/EG) mit der Be­gründungs­erwägung 19, die Aus­nah­me für die staat­li­chen Sys­te­me (Art. 3 Abs. 3) mit der Be­gründungs­erwägung 13 und die Aus­nah­me hin­sicht­lich der Staats­an­gehörig­keit (Art. 3 Abs. 2) mit der Be­gründungs­erwägung 12.
Die Be­klag­te ist der Auf­fas­sung, die Be­gründungs­erwägung sei we­sent­li­cher Be­stand­teil der Richt­li­nie und als sol­che mit­ent­schei­dend für ih­re Aus­le­gung. Dies würde auch gel­ten, wenn die Be­gründungs­erwägung nicht in den Text der Richt­li­nie auf-ge­nom­men wor­den wäre (BVerwG Ur­teil vom 26.1.2006 Az. 2 C 43/04 JURIS-Do­kNr. WBRE410012679 un­ter Ver­weis auf EuGH Ur­teil 23.2.1988 Rs. 131/86 - Ver­ei­nig­tes König­reich/Rat - Slg. 1988, 905). Die Er­wei­te­rung des Aus­sa­ge­ge­halts der EuGH-Ent­schei­dung in der Rechts­sa­che 131/86 durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in sei­nem Ur­teil vom 26. Ja­nu­ar 2006 be­gründet Zwei­fel. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt be­gründet sei­ne Fest­stel­lung nicht, son­dern geht da­von aus, dass die nicht in den Text der Richt­li­nie auf­ge­nom­me­ne Be­gründungs­erwägung 22 den Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie be­stim­men kann. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Ba­den-Würt­tem­berg hat in sei­nem Ur­teil vom 13. Ok­to­ber 2004 (Az. 4 S 1243/03 JURIS-Do­kNr. MWRE118620400) aus­geführt, dass die Richt­li­nie 2000/78/EG kei­ne na­tio­na­len Re­ge­lun­gen er­fas­se, de­ren An­knüpfungs­punkt der Fa­mi­li­en­stand ist. Dies würde sich aus der Be­gründungs­erwägung 22 er­ge­ben, die zwar als bloße Aus­le­gungs­hil­fe nicht ge­eig­net sei, ei­nen ent­ge­gen­ste­hen­den Wort­laut der Richt­li­nie außer Kraft zu set­zen, da aber die Richt­li­nie kei­nen ent­ge­gen­ste­hen­den Wort­laut ent­hal­te, könne ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Be­gründungs­erwägung 22 zulässig sein. Letzt­lich ha­be der Rat da­mit le­dig­lich klar­stel­len wol­len, dass der An­wen­dungs­be­reich der da­durch ver­bo­te­nen Dis­kri­mi­nie­run­gen die vom Fa­mi­li­en­stand abhängi­gen ge­setz­li­chen Leis­tun­gen nicht er­fas­sen soll.
Ge­gen die­se Aus­le­gung be­ste­hen be­son­ders in Hin­blick auf die ef­fek­ti­ve Durch­set­zung der Bekämp­fung von Dis­kri­mi­nie­run­gen (Art. 10 EGV) Be­den­ken. Die Richt­li­nie 2000/78/EG be­zweckt die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten (Art. 1 Richt­li­nie 2000/78/EG). Ver­let­zun­gen be­stimm­ter Aus­prägun­gen des all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes sol­len un­ter­bun­den und ver­mie­den wer­den. Die Richt­li­nie gewähr­leis­tet zu­sam­men mit der Richt­li­nie zur Gleich­be­hand­lung oh­ne Un­ter­schied der Ras­se (Richt­li­nie 2000/43/EG des Ra­tes vom 29. Ju­ni 2000 zur An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes oh­ne Un­ter­schied der Ras­se oder der eth­ni­schen Her­kunft ABl. L 180 S. 22) ein ge­mein­sa­mes Min­dest­ni­veau ge­gen al­le For­men von Dis­kri­mi­nie­rung. In An­be­tracht des Stel­len­wer­tes des ge­mein­schaft­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes, der zu den Grund­prin­zi­pi­en des Ge­mein­schafts­rechts gehört (EuGH Ur­teil vom 11.7.2002 Rs. C-210/00 - Hof­meis­ter - Slg. 2002 I 6453 Rand­nr. 71; EuGH Ur­teil vom 19.11.1998 Rs. C-85/97 - SFI/Bel­gi­scher Staat - Slg. 1998 I 7447 Rand­nr. 30; EuGH Ur­teil vom 12.3.1987 Rs. 215/85 - BALM - Slg. 1987, 1279 Rand­nr. 23; EuGH Ur­teil vom 19.10.1977 Rs. 117/76 - Ruck­de­schel - Slg. 1977, 1753 Rand­nr. 7), ist ei­ne solch weit­ge­hen­de In­ter­pre­ta­ti­on der Be­gründungs­erwägun­gen nicht ge­bo­ten. Ins­be­son­de­re kann der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs in der Rechts­sa­che 131/86 die­se Ziel­rich­tung nicht ent­nom­men wer­den, weil es um Ände­run­gen oder Kor­rek­tu­ren an den vom Rat an­ge­nom­me­nen Tex­ten ging. Viel­mehr könn­te im Um­kehr­schluss aus der For­mu­lie­rung der Ur­teils­be­gründung der Rechts­sa­che 131/86 (Rand­nr. 36) - die Ände­run­gen würden nur die Be­gründung der Richt­li­nie, oh­ne die Sub­stanz des Rechts­akts selbst zu berühren, be­tref­fen - ge­fol­gert wer­den, dass die Be­gründungs­erwägun­gen die Sub­stanz der Richt­li­nie nicht be­ein­flus­sen könn­ten. Da die Be­gründungs­erwägung 22 nicht in den Text der Richt­li­nie 2000/78/EG auf­ge­nom­men wur­de, liegt es na­he, dass der in Art. 3 be­stimm­te Gel­tungs­be­reich nicht durch die Be­gründungs­erwägung 22 ein­ge­schränkt wer­den kann.
Al­ler­dings könn­te die Be­gründungs­erwägung 22 als Erläute­rung zu Art. 3 Abs. 1 Richt­li­nie 2000/78/EG die­nen, wo­nach die Richt­li­nie nur im Rah­men der auf die Ge­mein­schaft über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten gilt. In­so­fern würde die Be­gründungs­erwägung 22 als Klar­stel­lung die­nen, da bis­lang die Ge­mein­schaft kei­ne Re­ge­lungs­kom­pe­tenz für den Fa­mi­li­en­stand hat. Al­ler­dings ha­ben sich die Gren­zen zwi­schen den Kom­pe­ten­zen der Mit­glied­staa­ten und der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft im Lau­fe der Zeit allmählich ver­wischt (sie­he Nr. 2 der Eu­ropäischen So­zi­al­agen­da auf der Ta­gung des Eu­ropäischen Ra­tes in Niz­za am 7., 8. und 9. De­zem­ber 2000 an­ge­nom­men ABl C 157 vom 30. Mai 2001 S. 4).
4.4.2 So­fern durch die Be­gründungs­erwägung 22 klar­ge­stellt ist, dass die ein­zel-staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten über den Fa­mi­li­en­stand und da­von abhängi­ge Leis­tun­gen un­berührt blei­ben, ist frag­lich, ob im vor­lie­gen­den Fall die Ver­wei­ge­rung der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung durch die Be­klag­te als Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung zulässig sein kann. So hat das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ver­wal­tungs­ge­richt in sei­nem Ur­teil vom 27. Au­gust 2004 (Az. 11 A 103/04) hin­sicht­lich des be­am­ten­recht­li­chen Fa­mi­li­en­zu­schla­ges den Stand­punkt ver­tre­ten, dass je­den­falls noch zum Zeit­punkt des Er­las­ses der Richt­li­nie Re­ge­lun­gen für an den Fa­mi­li­en­stand an­knüpfen­de Leis­tun­gen - wie der Fa­mi­li­en­zu­schlag - dem na­tio­na­len Recht vor­be­hal­ten blei­ben soll­ten. Dies würde zwar den primären Vor­ga­ben des Ge­mein­schafts­rechts ent­spre­chen, schließt aber ei­nen sich aus der Richt­li­nie un­mit­tel­bar ab­lei­ten­den Gleich­be­hand­lungs­an­spruch dann nicht aus, wenn oh­ne Zu­er­ken­nung ei­nes sol­chen Sinn und Zweck der Richt­li­nie 2000/78/EG ins Lee­re lie­fen. Die un­ter­schied­li­che Ein­stu­fung wäre viel­mehr al­lein Fol­ge an­de­rer se­xu­el­ler Aus­rich­tung (Ver­schie­den­ge­schlecht­lich­keit bei der Ehe, Gleich­ge­schlecht­lich­keit bei der ein­ge­tra­ge­nen Part­ner­schaft).
In­so­fern knüpft die Ar­gu­men­ta­ti­on des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ver­wal­tungs­ge­richts an die be­reits oben un­ter Punkt 4.3 (Sei­te 20) an­ge­spro­che­ne Fra­ge an, ob die Re­ge­lung nicht auf die Zu­er­ken­nung der Wit­wen­ren­te ge­rich­tet ist, son­dern auf ei­ne für
de­ren Gewährung not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung, nämlich die Fähig­keit, mit­ein­an­der ei­ne Ehe ein­zu­ge­hen. Die Richt­li­nie setzt an Dis­kri­mi­nie­run­gen an, die al­lein we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung be­gründet sind. Die Erwägun­gen, die der EuGH in sei­nem Ur­teil vom 7. Ja­nu­ar 2004 (RS C-117/01 - K. B./Na­tio­nal Health Ser­vice Pen­si­on Agen­cy - a.a.O.) fest­ge­stellt hat, gel­ten in­so­weit ent­spre­chend. Letzt­lich geht es dar­um, die vol­le Wirk­sam­keit des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung zu schaf­fen, wie es be­reits der Ge­ne­ral­an­walt Ruiz-Ja­rabo Co­lom­ber in den Schluss­anträgen vom 10. Ju­ni 2003 in der Rechts­sa­che C-117/01 for­mu­liert hat (Slg. 2004 I 541 Rand­nr. 76).
4.5 So­fern ei­ne nicht zulässi­ge Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung in der Ver­wei­ge­rung der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ge­se­hen wird, stellt sich die Fra­ge, ob die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung we­gen der Bar­ber-Recht­spre­chung (Rechts­sa­che C-262/88 a.a.O.) auf Zei­ten ab dem 17. Mai 1990 be­grenzt wäre.
Ei­ne der­ar­ti­ge Be­gren­zung könn­te durch die Tat­sa­che be­gründet wer­den, dass die maßgeb­li­chen Be­stim­mun­gen von der Be­griffs­be­stim­mung des Art. 141 EGV (früher Art. 119 EWG) abhängen und so­mit des­sen un­mit­tel­ba­re Wir­kung zur Stützung der For­de­rung nach Gleich­be­hand­lung auf dem Ge­biet der be­ruf­li­chen Ren­ten nur für Leis­tun­gen gel­tend ge­macht wer­den kann, die für Beschäfti­gungs­zei­ten nach dem 17. Mai 1990 ge­schul­det wer­den (sie­he EuGH Ur­teil vom 28.9.1994 Rs. C-200/91 - Co­lo­roll Pen­si­on Trus­tees LtD/Rus­sell u.a. - Slg. 1994 I 4389 Leit­satz 3).
Ge­gen ei­ne der­ar­ti­ge Be­gren­zung spricht, dass die Richt­li­nie 2000/78/EG nicht auf Art. 141 EGV, son­dern auf Art. 13 EGV gestützt ist und der be­son­de­ren Aus­prägung des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes Rech­nung trägt. Im Ge­gen­satz zu der Aus­le­gung der un­mit­tel­ba­ren Gel­tung des Art. 119 EWG (jetzt Art. 141 EGV) wird die For­de­rung auf ei­ne in den Mit­glied­staa­ten um­zu­set­zen­de Richt­li­nie gestützt. In­so­fern liegt es na­he, wenn nach Ab­lauf der Um­set­zungs­frist die all­ge­mei­nen Grundsätze hin­sicht­lich der un­mit­tel­ba­ren Wir­kung von Richt­li­ni­en gel­ten.
5. Da die Ent­schei­dung des Rechts­streits von der Aus­le­gung der Richt­li­nie 2000/78/EG abhängt, und die Aus­le­gungs­fra­gen we­der zwei­fels­frei zu be­ant­wor­ten noch bis­her durch ei­ne ge­si­cher­te Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes geklärt sind (vgl. EuGH, Ur­teil vom 6. Ok­to­ber 1982, Rs. 283/81 - Srl - Eu­GHE 1982, 3415, Rdn. 14 ff.), legt das Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richt München sie gemäß Art. 234 EGV dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof zur Vor­ab­ent­schei­dung vor.
6. Der Be­schluss über die Vor­la­ge ist un­an­fecht­bar.
7. Ei­ne Ko­pie der Hand­ak­ten die­ses Ge­richts sind bei­gefügt.
zur Übersicht M 3 K 05.1595

References: Art. 234
 Art. 3
 Art. 3
 § 1
 § 46
 Art. 141
 Art. 3

§ 2
 § 1

§ 3

§ 4

§ 5
 § 1
 § 94
 Art. 234
 Art. 234
 Art. 1
 Art. 2
 § 32
 § 34
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 2
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 141
 Art. 3
 Art. 141
 Art. 141
 EuGH 
 Art. 3
 Art. 3
 EuGH 
 Art. 141
 § 1
 § 4
 Art. 141
 EuGH 
 EuGH 
 Art. 3
 § 41
 Art. 141
 EuGH 
 Art. 119
 Art. 141
 Art. 119
 Art. 141
 § 30
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 141
 Art. 3
 Art. 141
 Art. 141
 Art. 141
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 1
 Art. 2
 EuGH 
 EuGH 
 Art. 16
 Art. 3
 Art. 1
 Art. 2
 Art. 18
 Art. 1
 Art. 2
 § 46
 Art. 3
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 Art. 3
 Art. 3
 EuGH 
 Art. 141
 Art. 119
 EuGH 
 Art. 141
 Art. 13
 Art. 119
 Art. 141
 Art. 234