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Timestamp: 2017-09-25 13:23:36+00:00

Document:
Hrsg: L. Burgmann u.a.
Löwenklau Gesellschaft e.V.
Frankfurt am Main, S. 73 - 86
"Et" oder "ou"?
Oder: Der Ausflug in eine deontische Welt
In der Wissenschaftsgeschichte (auch der Rechtswissenschaftsgeschichte, soweit es sie gibt) existieren gegenwärtig "mikroskopische" und "makroskopische" Betrachtungsweisen nebeneinander, ohne daß deren Verhältnis zueinander theoretisch oder auch nur forschungspraktisch geklärt wäre. Sofern ein Meinungsaustausch stattfindet, bleibt er eher im Unspezifischen. Wer vor allem an Synthesen hohen Allgemeinheitsgrades interessiert ist, sieht sich leicht dazu veranlaßt, dem vorzugsweise die Details Betrachtenden vorzuwerfen, er sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht. In umgekehrter Richtung könnte der in erster Linie an Einzelheiten Interessierte dem hauptsächlich global orientierten Beobachter entgegenhalten, er nehme vor lauter Wald die Bäume nicht mehr wahr. Auch wenn diese Umkehrung des Sprichworts nicht sprichwörtlich geworden ist, markiert sie doch ebenfalls eine Gefahr; diese besteht darin, daß auf Grund zu hoher Generalisierung das Konzept "Wald" (um im Beispiel zu bleiben) die kleinste für die Wahrnehmung zur Verfügung stehende Einheit geworden ist.
Der angedeutete Gegensatz ist vielleicht dadurch zu überbrücken, daß man den Blick für die im Detail erkennbare Gesamtheit bzw. für die im Ganzen aufgehobene Einzelheit schärft. Die folgenden Überlegungen stellen einen Versuch im Sinne des ersten Teils dieses Vorschlags dar. Es soll am Beispiel eines eng begrenzten logischen Problems gezeigt werden, wie die Analyse scheinbar nur partikulärer Einzelheiten den Blick auf größere Zusammenhänge freigibt.
Das Beispiel ist der von HULOT stammenden französischen Übersetzung der §§ 2 und 3 des JULIAN-Fragments D. 34.5.14 entnommen.[1] Die für die Untersuchung benötigten Passagen werden im folgenden zusammen mit dem von HULOT verwendeten lateinischen Text zitiert:
Cum ita stipulationem concipimus:
Si hominem aut fundum non dederis, centum dari spondes?
Utrumque est faciendum, ne stipulatio committatur:
id est, sive alterum, sive neutrum factum sit, tenebit stipulatio.
Lorsqu‘une stipulation est conçue en ces termes, si vous ne fournissez pas tel esclave et tel fonds, vous promettez donner telle somme,
il faut faire tous les deux, si on ne veut pas être soumis à la peine portée par la stipulation.
Cette peine aura lieu également dans le cas où le promettant n‘ aura fait ni l‘une ni l‘autre, ou seulement l‘une des deux choses.
Utrum ita concipias stipulationem,
Si illud, aut illud factum non erit:
an hoc modo, Si quid eorum factum non erit, quae ut fierent, comprehensa sunt:
hoc interest, quod quamvis altero facto verum sit, hoc aut illud vere factum esse, non ideo tamen verum erit hoc aut illud factum non esse.
Il y a de la différence entre les deux stipulations suivantes: Vous donnerez cent si vous ne faites pas telle ou telle chose, et celle-ci, si vous manquez à quelque chose de ce dont nous sommes convenus, vous donnerez cent.
Cette différence consiste en ce que dans la première stipulation, quand le promettant a fait l‘une des deux choses exprimées, quoiqu‘il soit vrai de dire qu‘il a fait l‘une ou l‘autre de ces deux choses, néanmoins il n‘ est pas vrai de dire qu‘ il ait satisfait à la stipulation qui lui ordonnoit de ne pas faire telle ou telle chose.
Nam cum ita concipio, Si illud aut illud non fuerit, quaeri debet, an aliquid factum non sit?
Illius effectus hic est, ut neutrum fiat;
Par exemple lorsque je dis, si vous ne faites pas telle ou telle chose, il faut voir si une des deux choses n‘ a pas été faite.
La force d‘ une proposition copulative, par laquelle on defend de faire telle et telle choses, et d‘obliger le promettant à ne faire ni l‘une ni l‘autre;
huius autem, ut utrumque fiat;
ou si on ordonne de faire telle et telle choses, le promettant doit les faire toutes deux.
Nec in ilo prodest aliquid non fecisse, si aliquid factum sit: Dans le premier cas, le prornettant ne pourra pas se soustraire à la peine portée par la stipulation, sous le prétexte qu‘il n‘a pas fait l‘une des deux choses, si on prouve qu‘il a fait l‘autre.
neque in hoc aliquid fecisse, si aliquid factum non sit. Dans le second cas, le promettant ne pourra pas pareillement se soustraire à la peine portée dans la stipulation, en prouvant qu'il a fait l'une des deux choses, si on lui prouve qu'il n'a pas fait l'autre.
Bereits bei einer vorläufigen Betrachtung der französischen Übersetzung fallen zwei Dinge auf:
In § 2 wird das lateinische "aut" durch das französische "et" wiedergegeben, was mindestens von den gängigen Übersetzungsregeln abweicht.
In § 3 werden die Stipulationen in einer Gebots- (... ordonnoit de ne pas faire telle ou telle chose ...,... ordonne de faire telle et telle choses. . . ) bzw. Verbotsterminologie (... défend de faire telle et telle choses ...) behandelt, was keine direkte Entsprechung im lateinischen Text findet.
Die genannten Auffälligkeiten stehen in einem inneren Zusammenhang miteinander, der sich allerdings erst vor dem Hintergrund einer logischen Analyse erschließt, wenn man einige nicht sofort ersichtliche Einzelheiten berücksichtigt.
In § 2 scheint dem ersten Eindruck nach die Wiedergabe von "aut" durch "et" auf einem Mißverständnis der logischen Situation zu beruhen. Das "aut" im lateinischen Text steht, wie die folgenden Bemerkungen zu den juristischen Folgen zeigen, für eine Disjunktion. Das ist zu erkennen, wenn man die theoretisch denkbaren Handlungsmöglichkeiten mit den angegebenen rechtlichen Konsequenzen zusammenstellt:[2]
p = hominem dare
q = fundum dare
nicht-q
(nicht-p oder nicht-q)
Stipulationssumme geschuldet?
wahr (utrumque factum)
wahr (alterum factum)
falsch (alterum factum)
falsch (neutrum factum)
Man muß also, wie angegeben, beides tun (utrumque est faciendum), um die Zahlung der Stipulationssumme zu vermeiden (vgl. Zeile 1). In allen anderen Fällen (sive alterum, sive neutrum factum sit) ist die Stipulationssumme fällig (vgl. die Zeilen 2 - 4).
Interpretiert man nun, indem man annimmt, daß "et" für die Konjunktion steht, die französische Übersetzung si vous ne fournissez pas tel esclave et tel fonds als (nicht-p und nicht-q), so entsteht ein Widerspruch zwischen der einleitenden Fassung der Stipulation und der folgenden Beschreibung von deren Wirkung:
p = fournir tel esclave
q = fournir tel fonds
In Zeile 1 ist das Ergebnis noch mit dem von Tabelle 1 identisch: Man vermeidet die Zahlung der Stipulationssumme, wenn man die beiden in der Bedingung aufgeführten Handlungen vollzieht. Es gibt aber nun bei Vollzug jeweils nur einer der beiden Handlungen zwei weitere Möglichkeiten, der Zahlung zu entgehen (vgl. die Zeilen 2 und 3). Im Falle der Unterlassung beider Handlungen unterscheiden sich die Ergebnisse wieder nicht voneinander (vgl. Zeile 4).
Bei HULOT zeigt sich also dieselbe Tendenz, wie sie MIQUEL mit Blick auf einen MOMMSEN-Text für den vorliegenden Zusammenhang herausgearbeitet hat:[3] (Nicht-p oder nicht-q) wird letzten Endes mit (nicht-p und nicht-q) identifiziert, so daß die Übersetzung si vous ne fournissez pas tel esclave et tei fonds für si hominem aut fundum non dederis im Sinne einer Gleichsetzung als möglich erscheint. Weil dadurch der dargestellte Widerspruch entsteht, drängt sich leicht die Deutung auf, daß ein logischer Fehler vorliegt. Diese Deutung hängt aber von der Ausgangsannahme ab, daß "et" die Konjunktion ausdrücken soll. Unterstellt man stattdessen, daß "et" hier im Sinne einer Disjunktion verwandt wird, so liegt kein Widerspruch vor.[4] Für diese auf den ersten Blick unwahrscheinlicher anmutende Hypothese sprechen die folgenden Erwägungen:
HULOT übersetzt den mit si hominem aut fundum non dederis völlig strukturgleichen Satz si illud aut illud factum non erit zu Beginn von § 3 als si vous ne faites pas telle ou telle chose. Er gibt also (anders als in § 2) "aut" in einem ansonsten strukturgleichen Kontext durch "ou" wieder. Dieser Umstand kann ihm angesichts der räumlichen Nähe der beiden entsprechenden Sätze nicht entgangen sein. Man darf deshalb annehmen, daß HULOT seine beiden in der Übersetzung von "aut" differierenden Versionen hinsichtlich der logischen Struktur für bedeutungsgleich hielt: "Et" in § 2 (si vous ne fournissez pas tel esciave et tel fonds) stünde für ihn also wie "ou" zu Beginn von § 3 (si vous ne faites pas telle ou telle chose) für die Disjunktion.
Daß "und" in bestimmten Kontexten die Bedeutung von "oder" haben kann, läßt sich auch heute noch beobachten. Das folgende Beispiel ist, ohne den Anspruch besonderer Lebensnähe oder Originalität zu erheben, auf die Verdeutlichung dieses Sachverhalts zugeschnitten. Angenommen, ein Lehrer erläutert einem Schüler das Prinzip seiner Notengebung folgendermaßen: "Wenn du nicht fleißig bist und wenn du nicht aufmerksam bist, bekommst du eine schlechte Note." Es spricht dann einiges dafür, daß der Lehrer ankündigen will, er werde bei fehlendem Fleiß, bei fehlender Aufmerksamkeit und natürlich vor allem bei Fehlen von Fleiß und Aufmerksamkeit eine schlechte Note geben. Anders ausgedrückt: Die semantische Hypothese lautet, daß der Lehrer im Beispiel das „und" im Sinne der folgenden Tabelle als "oder" versteht.
p = fleißig sein
q = aufmerksam sein
Schlechte Note als Folge?
Der Schüler hingegen könnte geneigt sein, in folgender Form für eine Interpretation des "und" im Sinne der Konjunktion nt plädieren:
Worauf beruht der Eindruck, daß den Schüler die Berufung auf den Fleiß bei fehlender Aufmerksamkeit (Zeile 2) bzw. auf die Aufmerksamkeit bei fehlendem Fleiß (Zeile 3) nicht vor der schlechten Note retten wird, obwohl der Lehrer "und" gesagt hat? Grund dafür dürfte sein, daß für zwei als positiv bewertete Verhaltensweisen das Problem der Unterlassung mit einer Sanktionsfolge in Verbindung gebracht wird. In einem so gefärbten Kontext will es nicht einleuchten, daß das Unterlassen von etwas als positiv Bewertetem (fehlende Aufmerksamkeit in Zeile 2 bzw. fehlender Fleiß in Zeile 3) das Ausbleiben der Sanktion zur Folge haben sollte (vgl. die Zeilen 2 und 3 in Tabelle 4). Denn das wäre ja (hier in Gestalt einer guten Note) eine Art indirekte Belohnung für ein nicht zu billigendes Verhalten.
Der eben skizzierte Kontext (Sanktion bei Unterlassung von als positiv bewerteten Handlungen) steht einem deontischen Kontext nahe, in dem Handlungen geboten werden, weil man sie als positiv bewertet, und aus dem gleichen Grund Sanktionen für den Fall der Nicht-Befolgung des Gebots angeordnet sind. Tatsächlich kann man auf deontischer Ebene ergebnisgleich die Situationen beschreiben, die in dem vorliegenden Fragment von JULIAN aussagenlogisch behandelt werden. Zur Verdeutlichung soll noch einmal das "Fleiß- Aufmerksamkeitsbeispiel" dienen. Aus der Perspektive einer deontischen Logik könnte die in Tabelle 3 veranschaulichte Deutung folgendermaßen erfaßt werden:
0(p) = Gebot, fleißig sein
0(q) = Gebot, aufmerksam sein
Gebot O(p) befolgt?
Gebot O(q) befolgt?
(Gebot O(p) und Gebot O(q) befolgt ?)
Sanktion (= schlechte Note als Folge der Nichtbefolgung)?
Für diese Transposition benötigt man die Kategorie der Befolgung eines Gebots und den Überleitungsgedanken, daß die Sanktion bei Nichtbefolgung des zusammengesetzten Gebots verhängt wird (und sonst nicht). Es sind dann in Tabelle 5 dieselben Ergebnisse wie in Tabelle 3 anzutreffen.
Auffällig ist nun, daß in der deontischen Umsetzung der Junktor "und" im Sinne der Konjunktion verwandt werden muß, will man die aussagenlogisch mit Hilfe von (nicht-p oder nicht-q) beschriebene Situation treffen. Das legt die Deutungshypothese nahe, daß jemand, der einen solchen deontischen Hintergrund imaginiert, selbst dann, wenn er sich aussagenlogisch ausdrückt, das "und" aus dem deontischen Kontext denkt, es aber der veränderten Umgebung wegen als "oder" meint. Wie ein solches "Zusammendenken" zweier unterschiedlicher logischer Orientierungen möglich werden kann, zeigt das "Fleiß-/Aufmerksamkeitsbeispiel": Sobald der Gesichtspunkt der positiven Handlungsbewertung in Verbindung mit einer Sanktion für Unterlassung ins Spiel kommt, wird der deontische Denkmodus so deutlich spürbar, daß selbst in der aussagenlogisch präsentierten Version ein "und" im Sinne von "oder" auftauchen kann, wie dies bei HULOT der Fall ist.
Die Hypothese, daß HULOT in § 2 "und" in disjunktivem Sinne als "oder" versteht, beruht in der eben beschriebenen Weise auf der Annahme, daß er in deontischen Kategorien denkt. Diese Annahme kann durch eine Interpretation von § 3 gestützt werden.
Gegen Ende von § 3 gibt HULOT, wie eingangs bereits bemerkt, die von JULIAN aussagenlogisch behandelten Stipulationen in einer Verbots- bzw. Gebotsterminologie wieder. In dem einen Fall ist der Bedingungsteil als proposition copulative gefaßt, par laquelle on défend de faire telle et telle choses. In dem anderen Fall geht es um das Gebot (... ordonne .. .) die eine und die andere Sache zu tun (... de faire telle et telle choses ...)
Der zweite Fall des mit "und" formulierten Gebots zweier Handlungen braucht nicht mehr näher erläutert zu werden. Tabelle 3 zeigt in Verbindung mit Tabelle 5, daß die folgenden beiden Formulierungen zu gleichen Ergebnissen führen:
Die Folge tritt genau dann ein, wenn (nicht-p oder nicht-q) wahr ist (Vgl. Tabelle 3).
Die Sanktion wird genau dann verhängt, wenn hinsichtlich von (0(p) und 0(q)) Nichtbefolgung gegeben ist.
(Vgl. Tabelle 5).
Eine ähnliche Entsprechung läßt sich für das mit Hilfe von "und" zum Ausdruck gebrachte Verbot zweier Handlungen finden. Die Folgen einer proposition copulative, par laquelle on défend de faire telle et telle choses können folgendermaßen dargestellt werden:
F(p) = Verbot der Handlung p
F(q) = Verbot der Handlung q
Verbot F(p) befolgt?
Verbot F (q) befolgt?
(Verbot F(p) und Verbot F(q) befolgt ?)
Sanktion als Folge der Nichtbefolgung?
Das entspricht im Ergebnis der Situation bei einer (hinreichenden und notwendigen) disjunktiven Bedingung, an die eine Folge geknüpft ist. Die folgende Tabelle verdeutlicht das in Parallele zu Tabelle 6:
(p oder q)
Damit führt die Analyse zu dem Ergebnis, daß auch die folgenden beiden Regeln ergebnisäquivalent sind:
Die Folge tritt genau dann ein, wenn (p oder q) wahr ist. (Vgl. Tabelle 7).
Die Sanktion wird genau dann verhängt, wenn hinsichtlich von (F(p) und F(q))
Nichtbefolgung gegeben ist. (Vgl. Tabelle 6).
Zusammenfassend kann man also sagen, daß HULOT die von JULIAN behandelten Stipulationen mit den komplexen Bedingungen (p oder q) bzw. (nicht-p oder nicht-q) korrekt in eine deontische Terminologie übertragen hat "Korrekt" bedeutet dabei, daß die von JULIAN zutreffend für die aussagenlogische Fassung angegebenen Charakteristika in der deontischen Version erhalten bleiben.
Wenn JULIAN feststellt, daß im Falle von illud aut illud non fuerit die beabsichtigte Wirkung die sei, daß beides geschehe (ut utrumque fiat), so erzielt man mit der Anordnung de faire telle et telle choses in der beschriebenen Weise die gleiche Wirkung (vgl. die Zeilen 1 der Tabellen 3 und 5 als die einzigen Fälle der Sanktionsvermeidung). Wie es bei illud aut illud non fuerit nichts nützt, die eine Handlung vollzogen zu haben (aliquid fecisse), wenn die andere unterlassen wurde (si aliquid factum non sit), kann man auch bei der Anordnung de faire telle et tllie choses der Sanktion unter diesen Umständen nicht entgehen (vgl. die Zeilen 2 und 3 in den Tabellen 3 und 5).
Für hoc aut lliud ... factum esse beschreibt JULIAN die Wirkung einer so gefaßten Bedingung richtig dahingehend, daß hier keines von beiden geschehen soll (ut neutrum fiat). Dasselbe bezweckt das Verbot de faire telle et telle choses (vgl. die Zeilen 4 der Tabelle 6 und 7). Der einzige Fall der Sanktionsvermeidung ist der, in dem sowohl p als auch q unterlassen wurde. Man kann sich bei hoc aut illud... factum esse wie bei dem Verbot de faire telle et telle choses nicht mit Erfolg darauf berufen, das eine getan zu haben (aliquid factum sit), wenn das andere unterlassen wurde (aliquid factum non sit). In beiden Fällen realisiert sich die an die Bedingung geknüpfte Folge (vgl. die Zeilen 2 und 3 in den Tabellen 6 und 7).
Ausgangspunkt der bisherigen Überlegungen war der Versuch, die auffällige Übersetzung von "aut" durch "et" in § 2 zu erklären. Die Hypothese, daß ein deontischer Kontext für diesen Umstand verantwortlich ist, wird durch die von HULOT für das Ende von § 3 gegebene Übersetzung bestätigt. Dort wird nämlich ausdrücklich die Umsetzung der von JULIAN behandelten Stipulationen in eine Gebots- bzw. Verbotsterminologie vorgenommen. Dabei zeigt sich, daß in dieser Version der Junktor "und" (im konjunktiven Sinne) verwandt werden muß, will man dieselben Ergebnisse wie bei den mit "oder" (im disjunktiven Sinne) formulierten aussagenlogischen Bedingungen erzielen.[5] Da HULOTS Übersetzung auf dieses Ergebnis zuläuft, liegt es nahe, in dem "et" in § 2 eine Art gedankliche "Vorwirkung" davon zu sehen.
Zwischen der Stelle zu Beginn von § 2 mit der ersten Andeutung des maßgeblichen deontischen Kontextes und der gelungenen Umsetzung der aussagenlogischen Formulierung in eine deontische gegen Ende von § 3 steht bei HULOT am Anfang von § 3 ein Passus, der zeigt, daß die Transposition nicht ohne Schwierigkeiten abläuft. Es handelt sich um die Identifizierung der "ersten Stipulation" (bei JULIAN mit dem Bedingungsteil nicht-p oder nicht-q) mit dem Gebot, "diese oder jene Sache nicht zu tun" (qui ... ordonnait de ne pas faire telle ou telle chose). Daß HULOT dabei ein Irrtum unterlaufen ist, erkennt man bereits an folgendem: Die deontische Entsprechung für die mit (nicht-p oder nicht-q) gebildete Stipulation ist (wie HULOT gegen Ende von § 3 selbst angibt), das Gebot, diese Sache zu tun und jene Sache zu tun (vgl. die Tabellen 3 und 5). Mit diesem Gebot ist das Gebot, "diese oder jene Sache nicht zu tun", in keiner denkbaren Deutung äquivalent.[6] Trotzdem ist der Gedanke, der bei HULOT für diesen Fehler verantwortlich ist, aufschlußreich. Er läßt nämlich erkennen, wie HULOT die in seinem deontischen Bezugsrahmen unverzichtbare Kategorie der Befolgung eines Gebots entwickelt und in den Kontext des Anfangs von § 3 einpaßt. Um diese Einpassung zu verstehen, muß man sich kurz die an dieser Stelle nicht ganz einfache Überlegung JULIANS klarmachen.
JULIAN vergleicht die Ausdrücke hoc aut illud vere factum esse und hoc aut illud factum non esse miteinander. Für den Fall, daß (mindestens) eine der beiden angeführten Handlungen vollzogen worden ist, stellt er fest: Zwar sei der Ausdruck (p oder q) wahr, nicht jedoch der Ausdruck (nicht-p oder nicht-q). Man könnte diese Feststellung auf den ersten Blick so auffassen, als wolle JULIAN die Wahrheitswerte von (p oder q) und (nicht-p oder nicht-q) für den Fall der Realisierung mindestens einer der beiden Handlungen direkt miteinander vergleichen. In dieser Interpretation würde JULIAN aber etwas aussagenlogisch Unzutreffendes sagen, wie man an der folgenden Tabelle ablesen kann:
In den Zeilen 2 und 3, in denen jeweils p bzw. q, d.h. eine der beiden Handlungen realisiert ist, stimmen die Wahrheitswerte für (p oder q) und (nicht-p oder nicht-q) überein. Damit stünde die Interpretation in Widerspruch, daß in diesen Fällen (p oder q) den Wahrheitswert "wahr" habe, nicht jedoch (nicht-p oder nicht-q). Da in Anbetracht des ganzen Fragments und der darin zum Ausdruck kommenden aussagenlogischen Kenntnisse nicht anzunehmen ist, daß JULIAN sich in diesen leicht zu durchschauenden Widerspruch verwickelt, verdient eine andere widerspruchsfreie Deutung den Vorrang: JULIAN will sagen, daß im Falle der Realisierung mindestens einer der beiden Handlungen für (p oder q) bereits feststeht, daß dieser Ausdruck wahr ist (vgl. die Zeilen 1 bis 3 in Tabelle 8). Im Falle von (nicht-p oder nicht-q) hingegen reicht diese Information nicht aus: Ist p gegeben, kann der Ausdruck wahr oder falsch sein (vgl. die Zeilen 1 und 2 in Tabelle 8). Das Gleiche gilt für den Fall, daß q gegeben ist (vgl. die Zeilen 1 und 3 in Tabelle 8). Der von JULIAN hervorgehobene Unterschied zwischen (p oder q) und (nicht-p oder nicht-q) besteht also darin, daß man aus der Realisierung von p bzw. q auf die Wahrheit von (p oder q) schließen kann, nicht jedoch auf die Wahrheit von (nicht-p oder nicht-q).
HULOT versucht, den von JULIAN bemerkten Zusammenhang abzubilden, indem er die bei (p oder q) zu beobachtende Situation mit der bei der Stipulation vergleicht, die gebietet, "das oder das nicht zu tun" (qui... ordonnoit de nepas faire telle ou telle chose). Da man Geboten nicht in der gleichen Weise wie Aussagen Wahrheitswerte zuordnen kann, benötigt HULOT eine vermittelnde Vergleichskategorie; er findet sie in dem Gedanken der Befolgung des Gebots und setzt den Fall, in dem (p oder q) wahr ist, mit dem Fall in Beziehung, in dem jemand so gehandelt hat, daß er die gebietende Stipulation befolgte (qu‘ il ait satisfait à la stipulation...). Tatsächlich entsteht so ein der Überlegung JULIANS äußerlich ähnliches Bild:
Gebot (nicht-p) befolgt?
Gebot (nicht-q) befolgt?
Gebot (nicht-p) oder Gebot (nicht-q) befolgt ?
Die Eintragungen in der rechten Spalte gleichen in ihrem Verlauf denen in der rechten Spalte von Tabelle 8, wenn man Wahrheitswert und Gebotsbefolgung miteinander assoziiert, wie dies HULOT hier tut Auf dieser gedanklichen Grundlage kann HULOT tatsächlich parallel zu dem Gedankengang JULIANS annehmen, daß die Wahrheit von p bzw. q allein noch nicht ausreicht, um etwas über die Befolgung des komplexen Gebotes zu sagen. Im Falle der Wahrheit von p ist noch Befolgung bzw. Nichtbefolgung möglich (vgl. Zeile 1 und 2 von Tabelle 9). Das Gleiche gilt im Falle der Wahrheit von q (vgl. Zeile 1 und 3 von Tabelle 9).
Die Ungenauigkeit in HULOTS Überlegung besteht darin, daß er zu Beginn von § 3 die Feststellungen über die Befolgung des komplexen Gebots zu dem Wahrheitswertverlauf für einen aussagenlogischen Ausdruck in Parallele setzt. Wie das Ende von § 3 zeigt, stellt sich eine widerspruchsfrei durchzuhaltende Parallelität erst ein, wenn man die Antworten auf die Frage nach dem Eingreifen der Sanktion im Fall der deontischen Version mit dem Wahrheitswertverlauf für die Stipulationsbedingung (und der davon abhängigen Antwort auf die Frage nach der Fälligkeit der Stipulationssumme) in Verbindung bringt (vgl. die Tabellen 3 und 5 einerseits und 6 und 7 andererseits). Daß HULOT zu Beginn von § 3 diese Unstimmigkeit stehen läßt, lenkt die Aufmerksamkeit darauf, daß er "auf halbem Wege" zu der stimmigen deontischen Rekonstruktion am Ende von § 3 noch nicht das Zusammenspiel aller Elemente seines "Parallelsystems" überblickt Trotzdem treten die Bauprinzipien der von HULOT angestrebten deontischen Umformulierung nach dieser Gesamtrekonstruktion so deutlich konturiert hervor, daß abschließend der Versuch unternommen werden kann, aus der logischen Einzelanalyse einige allgemeine Rückschlüsse auf die Vorstellungswelt zu ziehen, in der sich HULOT bewegt. Da HULOTS Übertragung an den untersuchten Stellen keine wörtliche Übersetzung ist, sondern eine Umsetzung in ein anderes Logiksystem, erschließt sich das für die Denkweise HULOTS Charakteristische am deutlichsten in einem Vergleich mit dem Text JULIANS.
Der erste Unterschied besteht darin, daß die aussagenlogischen Stipulationsformulierungen bei JULIAN für das Verständnis keine Handlungsbewertung voraussetzen; sie sind in dem Sinne "formal" konzipiert, daß man ohne Kenntnis von der Bewertung einer Handlung allein auf Grund des Wissens vom Vollzug bzw. Nichtvollzug der Handlung auf die Rechtsfolge schließen kann. Bei HULOT ist das anders: Das "et" zu Beginn von § 2 läßt sich widerspruchsfrei nur vor dem Hintergrund einer vorausgesetzten positiven Bewertung der im Bedingungsteil der Stipulation aufgeführten Handlungen deuten. Dieser mitgedachte Bewertungsakzent wird gegen Ende von § 3 sogar so stark, daß er sich in eine offen deontische Terminologie umsetzt. Weil die Handlungen als positiv bzw. negativ bewertet gedacht werden, gebietet bzw. verbietet man sie.
Der zweite Unterschied ist eine Konsequenz des ersten. JULIAN kann das Verhältnis von Stipulationsbedingung und Rechtsfolge "logisch" so verstehen, daß das Eintreten (bzw. Nicht-Eintreten) der rechtlichen Folgewirkung auf Grund der Realisierung (bzw. Nicht-Realisierung) der vorausgesetzten Bedingung deduzierbar ist HULOT kann diese Art von Verknüpfung nicht unmodifiziert annehmen, weil sie in seiner deontisch geprägten Welt nur in analoger Weise vorhanden ist Bestätigt wird diese Hypothese durch den von HULOT für die Wiedergabe der Stipulation gewählten deontischen Beschreibungsmodus. In diesem ist die Sanktionsfolge erst mit Hilfe der Zwischenkategorie "Befolgung/ Nichtbefolgung des Gebots/Verbots" ableitbar, nicht jedoch (wie bei JULIAN) aus der Tatsache der Realisierung/Nicht-Realisierung der Bedingung allein. Damit erweist sich der logisch-deduktive Ansatz für sich betrachtet als nicht mehr ausreichend für die Erläuterung des Zusammenhangs zwischen Handeln und daran geknüpften Folgen, weil erst eine Zurechnung (Sanktion bei Nichtbefolgung) diese Verbindung herstellt.
Der dritte Unterschied hat mit den Beziehungen zutun, in denen die Beteiligten der Stipulationsformulierung nach zueinander stehen. Obwohl auch bei JULIAN real bestimmte, unterschiedliche Positionen hinter der Tatsache eines konkreten Stipulationsinhaltes zu denken sind, bildet der Stipulationstext dieses Ungleichgewicht doch nicht direkt ab. Bei HULOT hingegen wird in der Sprachform des Gebietens und des Verbietens offen sichtbar, daß einer der Beteiligten dem anderen übergeordnet ist, weil er die Kompetenz hat, diesem etwas zu gebieten bzw. zu verbieten.
Betrachtet man die drei zuletzt skizzierten Unterschiede, so zeigt sich, daß das sprachliche und logische Detail über sich selbst hinausweist, indem es eine ganze Vorstellungswelt widerspiegelt. Man erkennt, daß HULOT Handlungen nicht formal denkt, sondern sie sich material als bewertete vorstellt. Rechtsfolgen sind für ihn nicht aus Bedingungsrealisierungen ableitbare Folgen, sondern normativ zugeordnete Sanktionen für Normbefolgung bzw. Normverletzung. Die beteiligten Individuen erscheinen nicht als gleichberechtigt, sondern als Handelnde in Über-/Unterordnungsverhältnissen.
Die bei HULOT anzutreffenden kategorialen Verlagerungen beziehen sich auf sehr allgemeine Komponenten: Man hat es mit handelnden Individuen, deren Handlungen und den Folgen dieser Handlungen zu tun. Auf diese Weise wird eine Struktur festgelegt, in der man sich eine ganze Welt vorstellen kann. Innerhalb dieser für JULIAN und den Übersetzer HULOT gemeinsamen Vorstellungsstruktur entstehen unterschiedliche Orientierungen dadurch, daß man die einzelnen Komponenten verschieden denkt: Die gedachte Einschätzung der Handlungen, die Sicht des Zusammenhangs zwischen Handlungen und Handlungsfolgen und die Charakterisierung der Position der Beteiligten kann variieren. Auf diese Weise treten die invarianten Strukturelemente in unterschiedlicher Art in Erscheinung: Der Autor und sein Übersetzer leben in zwei verschiedenen "möglichen Welten". Die logischen Schwierigkeiten, denen HULOT in der Welt JULIANS begegnet, veranlassen ihn dazu, die Probleme in eine ihm vertrauter vorkommende Umgebung zu transponieren. Der Akt der Umsetzung markiert den Unterschied, zeigt aber auch die Möglichkeit des Dialogs, da dieselbe Ausgangsfragestellung in beiden Systemen zu gleichen Ergebnissen geführt werden kann.
Am Anfang dieser Überlegungen stand die Frage, ob der Gegensatz zwischen detailorientierter und globaler Betrachtungsweise in der Wissenschaftsgeschichte vielleicht dadurch überbrückt werden kann, daß man das in den Einzelheiten erkennbare Ganze sucht. Ein einzelnes Interpretationsergebnis wie das vorliegende kann diese Frage natürlich nicht entscheiden. Es ist aber vielleicht in der Lage, die entsprechende Hoffnung ein Stück weit als realistisch erscheinen zu lassen. Denn so wie sich in einem kleinen See eine ganze Landschaft spiegeln kann, bildet sich im sprachlichen und logischen Detail unter Umständen eine vollständige Vorstellungswelt ab.[7] Der Vorwurf, man sähe den Wald vor lauter Bäumen nicht, trifft dann nicht, weil man den Wald gerade im Baum anschaut.
[1] Les cinquante livres du Digeste ou des Pandectes de l’empereur Justinien, traduits en français par feu M. HULOT, Docteur-agrégé de la Faculté de Droit de Paris et Avocat au Parlement, pour les quarante-quatre premiers Livres, et pour les six derniers par M. Berthelot, ancien Docteur-agrégé de la même Faculté, Avocat au Parlement, Censeur royal pour la Jurisprudence, et maintenant Professeur de législation à l’école de droit de Paris. Sur un Exemplaire des Pandectes Florentines, conféré avec l’édition originale de Contius, celle de Denis Godefroy par Elzévirs et plusieurs autres. ( Cette traduction a été exactement revue, corrigée et complétée par les éditeurs.), 7 Bde., Paris 1805. -Über die wechselvolle Vorgeschichte der Übersetzung HULOTS unterrichtet der „ Discours préliminaire" in Bd. 1(S. 8-13). HULOT, ein Schüler von POTHIER (Bd. 1, S. 11 Fn. 1), hatte seine Übersetzung der ersten 44 Bücher schon vor 1764 fertiggestellt. Der Druck wurde dann 1764 und 1782 u.a. auf Grund des Einwirkens der Pariser Rechtsfakultät verhindert, die ungünstige Auswirkungen auf ihren in Latein erteilten Rechtsunterricht fürchtete ( vgl. Bd. 1, S. 7 Fn. 2 und S. 8).
- Die Übersetzung von D. 34.5.14 befindet sich in Bd. 5, S. 80-82.
[2] Im folgenden wird der logische Zusammenhang zwischen Voraussetzung und (Rechts-)folge stets als Äquivalenz angenommen. Andernfalls blieben einige Fälle hinsichtlich des Ergebnisses indeterminiert, in Tabelle 1 z.B. der in Zeile 1 behandelte Fall.
Die logische Analyse baut, soweit das Verständnis des lateinischen Textes betroffen ist, auf den Ergebnissen von J. MIQUEL auf (vgl. Stoische Logik und römische Jurisprudenz, SZ (RA) Bd. 87 [1970], S. 85-122).
[3] MIQUEL, a.a.O. (Fn. 2), S. 112.
[4] Eine andere Möglichkeit, den Widerspruch in § 2 zu beseitigen, scheidet wegen der dann in § 3 entstehenden Konsequenzen aus :
Si vous ne fournissez pas tel esclave et tel fonds dürfte syntaktisch doppeldeutig sein und neben (nicht-p und nicht-q) auch die Lesart nicht (p und q) erlauben, was wegen der Äquivalenz von nicht (p und q) mit (nicht-p oder nicht-q) § 2 ebenfalls als widerspruchsfrei erscheinen ließe (vgl. zu einer ähnlichen Frage für den lateinischen Text MIQUEL, a.a.O. [Fn. 2], S. 110 Fn. 68a).
Aus Gründen der syntaktischen Kohärenz müßte man dann aber konsequenterweise si illud aut illud factum non erit in § 3 als nicht (p oder q) deuten, was sich mit den weiteren Angaben in § 3 nicht vereinbaren läßt. Deswegen verdient die Deutung im Text den Vorzug, zumal sie auch noch dem besonderen Umstand Rechnung trägt, daß HULOT in deontischen Kategorien denkt.
[5] Vgl. Zu einem ähnlichen Wechsel zwischen „oder" und „und" das Beispiel bei M. Herberger / D. Simon, Wissenschaftstheorie für Juristen, Frankfurt 1980, S. 43, 408 f.
[6] Das gilt selbst dann, wenn man qui...ordonnoit de ne pas faire telle ou telle chose als es ist geboten, daß nicht (p oder q) deutet.
[7] Vgl. zur wahrnehmungspsychologischen Seite der Angelegenheit P. WATZLWICK, Die Möglichkeit des Andersseins, Bern / Stuttgart / Wien 1982, S. 58.

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