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Timestamp: 2018-04-23 17:15:06+00:00

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Versicherungsrecht: Unwirksame Klauseln im Kleingedruckten - meyerhuber rechtsanwälte partnerschaft mbb
3. Januar 2016 8. Januar 2016 von Michael Schmidl
Ver­si­che­rer ver­zich­ten re­gel­mä­ßig bei Mas­sen­pro­duk­ten auf die Stel­lung von Ge­sund­heits­fra­gen. Um das so un­ge­prüft über­nom­me­ne Ri­si­ko den­noch ein­zu­gren­zen wur­den in die Ver­trags­be­din­gun­gen Klau­seln auf­ge­nom­men, die v.a. für “ernst­li­che Er­kran­kun­gen” und “Un­fall­fol­gen” zeit­lich be­fris­tet den Ver­si­che­rungs­schutz aus­schlie­ßen. Ei­ne der­ar­ti­ge Klau­sel hat nun­mehr der Bun­des­ge­richts­hof mit Ur­teil vom 10.12.2014 für in­trans­pa­rent und da­mit un­wirk­sam er­klärt, BGH IV ZR 289/13.
Sach­ver­halt: Der be­klag­te Ver­si­che­rer bie­tet u.a. Ratenschutz-Versicherungsverträge an und un­ter­hält mit ei­ner Bank als Ver­si­che­rungs­neh­me­rin ei­nem Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­trag. Ver­brau­cher, die bei der Bank ein Dar­le­hen auf­neh­men, kön­nen dem Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­trag als ver­si­cher­te Per­so­nen bei­tre­ten. Der Ra­ten­schutz­ver­si­che­rung la­gen u.a. die All­ge­mei­ne Be­din­gun­gen der Be­klag­ten für die Ratenschutz-Versicherung (AVB-RSV) zu­grun­de. Dort war un­ter “§ 6 Aus­schluss der Leis­tungs­pflicht für al­le ver­si­cher­ten Ri­si­ken” ge­re­gelt:
“Der Ver­si­che­rungs­schutz er­streckt sich nicht auf die der ver­si­cher­ten Per­son be­kann­ten ernst­li­chen Er­kran­kun­gen (das sind Er­kran­kun­gen des Her­zens, der Wir­bel­säu­le und Ge­len­ke, der Ver­dau­ungs­or­ga­ne, Krebs, HIV-Infektion/AIDS, chro­ni­sche Er­kran­kun­gen) oder Un­fall­fol­gen, we­gen de­rer die ver­si­cher­te Per­son in den letz­ten zwölf Mo­na­ten vor Be­ginn des Ver­si­che­rungs­schut­zes ärzt­lich be­han­delt wur­de.
Die­se Ein­schrän­kung gilt nur, wenn der Ver­si­che­rungs­fall bin­nen der ers­ten 24 Mo­na­te nach Be­ginn des Ver­si­che­rungs­schut­zes ein­tritt und mit die­sen Er­kran­kun­gen oder Un­fall­fol­gen in ur­säch­li­chem Zu­sam­men­hang steht.”
Ent­schei­dung: “Die Re­ge­lung be­nach­tei­ligt die Ver­si­cher­ten ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen, weil sie nicht klar und ver­ständ­lich ist (…). Wird der Ver­si­che­rungs­schutz durch AVB-Klauseln ein­ge­schränkt, so muss dem Ver­si­che­rungs­neh­mer oder Ver­si­cher­ten deut­lich vor Au­gen ge­führt wer­den, in wel­chem Um­fang Ver­si­che­rungs­schutz trotz der Klau­sel noch be­steht. Die­sen, den Trans­pa­renz­ge­bot ent­sprin­gen­den Vor­ga­ben ent­spricht die ver­wen­de­te Klau­sel nicht.
So for­dert die For­mu­lie­rung “ernst­li­che Er­kran­kung” von der ver­si­cher­ten Per­son ei­ne Ein­stu­fung be­kann­ter Er­kran­kun­gen, oh­ne dass kla­re Kri­te­ri­en vor­ge­ge­ben wür­den. Die Bei­spie­le im ver­wen­de­ten Klam­mer­zu­satz sind da­bei kein Hil­fe und tra­gen viel­mehr zur wei­te­ren Ver­un­si­che­rung des Ver­si­cher­ten bei. Wei­ter bleibt un­klar, ob je­de Un­fall­fol­ge aus­ge­schlos­sen sein soll oder nur “ernst­li­che”. Schließ­lich kann der Ver­si­cher­te den Zeit­raum nicht fest­le­gen, weil die­ser vom Aus­zah­lungs­zeit­punkt des Dar­le­hens ab­hängt und da­mit zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses nicht er­kenn­bar ist.”
An­mer­kung: Mit der Ent­schei­dung des BGH ist die Rechts­un­si­cher­heit, die auf­grund di­ver­gie­ren­der Ent­schei­dun­gen ver­schie­de­ner Ober­lan­des­ge­rich­te ent­stan­den ist, be­sei­tigt wor­den. Über­dies wur­de die Rechts­stel­lung der Ver­brau­cher da­mit (wei­ter) ge­stärkt. Ge­ra­de dann, wenn der Ver­si­che­rungs­schutz durch ei­ne Klau­sel ein­ge­schränkt wird, muss der Um­fang des tat­säch­lich ein­ge­kauf­ten Ver­si­che­rungs­schut­zes so klar um­ris­sen sein, dass der durch­schnitt­li­che Ver­si­cher­te ihr hin­rei­chend ent­neh­men kann, was noch ver­si­chert ist. Das ist zu be­grü­ßen.
Be­mer­kens­wert ist da­ge­gen, dass der BGH kei­ne Aus­füh­run­gen zu den Re­ge­lun­gen im Ver­si­che­rungs­ver­trags­ge­setz (VVG) über die vor­ver­trag­li­che Ri­si­ko­prü­fung an­stellt.
Die Ver­si­che­rer wol­len ih­ren Ver­wal­tungs­auf­wand im Mas­sen­ge­schäft — ent­spre­chend der re­la­tiv ge­rin­gen Bei­trä­ge — über­sicht­lich ge­stal­ten. Dies ist zwar nach­voll­zieh­bar, al­ler­dings wer­den da­durch letzt­lich die ge­setz­li­chen Vor­ga­ben um­schifft. So ent­hal­ten die §§ 19 ff VVG 2008 aus­führ­li­che Re­ge­lun­gen zur Ri­si­ko­prü­fung vor Ver­trags­schluss. Gem. § 32 VVG 2008 darf von die­sen ge­setz­li­chen Vor­ga­ben nicht zum Nach­teil des Ver­si­che­rungs­neh­mers ab­ge­wi­chen wer­den.
Es ist Sa­che des Ver­si­che­rers vor Ver­trags­schluss zu klä­ren, ob er das ihm an­ge­tra­ge­ne Ri­si­ko ein­de­cken möch­te. Das Ge­setz räumt ihm hier­zu ein weit rei­chen­des Fra­ge­recht ein, er­mäch­tigt ihn zur Ab­fra­ge von Ge­sund­heits­da­ten und sieht ent­spre­chend schar­fe Sank­tio­nen bei fal­schen oder un­voll­stän­di­gen An­ga­ben vor. Ver­zich­tet der Ver­si­che­rer aber be­wusst auf die Über­prü­fung des Ri­si­kos, so muss er auch mit dem ein­ge­gan­ge­nen Ri­si­ko le­ben. Ei­ne Über­bür­dung die­ses Ri­si­kos auf den Ver­si­che­rungs­neh­mer stellt da­mit letzt­lich ei­ne Um­ge­hung der halb­zwin­gen­den Nor­men zu den vor­ver­trag­li­chen An­zei­ge­pflich­ten des Ver­si­che­rungs­neh­mers dar.
Aus­blick: Trotz der ein­deu­ti­gen Aus­sa­gen des BGH ist mit ei­ner zeit­na­hen An­pas­sung der ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen nicht un­be­dingt zu rech­nen. Auch be­ru­fen sich Ver­si­che­rer im­mer wie­der auf Re­ge­lun­gen, die höchst­rich­ter­lich be­reits für un­wirk­sam be­fun­den wur­den; dies nicht zu­letzt vor dem Hin­ter­grund leicht ab­wei­chen­der For­mu­lie­run­gen in den je­wei­li­gen kon­kre­ten Ver­trags­be­din­gun­gen der ein­zel­nen Ver­si­che­rer. Die Chan­cen im Rah­men ei­ner ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung ste­hen bei Hin­weis auf die­se Ent­schei­dung dann aber zu­min­dest nicht schlecht. Auch kann ge­gen den durch die an­ge­führ­te Ent­schei­dung des BGH be­reits ge­bun­de­nen Ver­si­che­rer ein Ord­nungs­geld fest­set­zen wer­den.
Kategorien Versicherungsrecht, Vertragsrecht, Zivilrecht Beitrags-Navigation
Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung, Vor­sor­ge­voll­macht und Be­treu­ungs­ver­fü­gung

References: BGH 
 BGH 
 BGH 
 § 32
 BGH 
 BGH