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Timestamp: 2017-11-23 07:39:38+00:00

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"I am just a human being …". Ethnic Identification of Young Slovenes in Southern Carinthia | Vavti | Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research
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Volume 11, No. 2, Art. 29 – Mai 2010
Zusammenfassung: Demografische und sozioökonomische Entwicklungen, z.B. sinkende Geburtenzahlen, wechselnde Identifikationen durch Intermarriage sowie Migrationsprozesse, bedrohen den Fortbestand kleiner autochthoner Sprachgruppen wie die der Sloweninnen und Slowenen in Südkärnten (Österreich). Individualisierungs- und Globalisierungsprozesse zwingen junge Menschen zusätzlich, ihre (ethnischen) Identifikationen zu überdenken. Im vorliegenden Aufsatz wird anhand von drei biografischen Fallrekonstruktionen gezeigt, welche Rolle das ethnische Selbstverständnis in Lebenswelten und Selbstdarstellungen von jungen Sloweninnen und Slowenen im zweisprachigen Südkärnten einnehmen kann. Die Beispiele zeigen anschaulich, dass sich jene jungen Menschen, die in slowenischen und/oder zweisprachigen Schulen, Familien sowie kulturellen Organisationen verwurzelt sind, nach wie vor stark mit der ethnischen Herkunft identifizieren. Hingegen gibt es bei Intermarriage (Ehen oder Partnerschaften zwischen Personen unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit) sowie dem Leben im deutschsprachigen Umfeld deutliche Brüche, die sich in Ambivalenzen, Distanzierungen und Loyalitätskonflikten manifestieren.
Keywords: Identifikationen; Ethnizität; Postadoleszenz; slowenische Sprachgruppe; Südkärnten
2. Geschichtlicher und demografischer Hintergrund
3. Ethnische Identifikationen im zweisprachigen Südkärnten, Begriffsbestimmungen und Bemerkungen zur Identitätsdiskussion
4. Method(olog)ischer Zugang
5. Fallrekonstruktionen
5.1 Martins Zugehörigkeitsdilemma
5.2 Lidijas "tiefe Verwurzelung"
5.3 Marijan, ein slowenischer "Nomade"?
Im vorliegenden Aufsatz möchte ich anhand von drei biografischen Fallrekonstruktionen zeigen, welche Rolle das ethnische Selbstverständnis in Biografien von jungen Sloweninnen und Slowenen in Südkärnten, Österreich, einnimmt, und welchen Stellenwert ethnische Identifikationen im Zuge von Individualisierungs- und Globalisierungsprozessen überhaupt noch haben. [1]
In einem Überblick werden die geschichtlichen und demografischen Rahmenbedingungen im untersuchten Gebiet dargestellt (Abschnitt 2). Weiter gibt es einen Hinweis zu relevanten Untersuchungen in diesem Raum sowie zur Identitätsdiskussion allgemein (Abschnitt 3). Sodann wird kurz auf für den Beitrag relevante methodologische Fragestellungen und auf die verwandten Verfahren eingegangen (Abschnitt 4). Drei konkrete Fallbeispiele in Form von kurzen Lebensgeschichten junger Menschen beleuchten schließlich die Rolle ihrer ethnischen Identifikationen und (ethnischen) Selbstverortung (Abschnitt 5). [2]
Die Sloweninnen und Slowenen in Südkärnten sind jene autochthone Sprachgruppe, die von allen ethnischen Gruppierungen in Österreich auf die längste Siedlungsgeschichte zurückblickt: Ihre Vorfahren ließen sich schon vor rund 1.400 Jahren in weiten Gebieten des heutigen Österreichs nieder. Eine Bedrohung für den Fortbestand dieser Sprachgruppe ist die seit Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Assimilation, das heißt die ethnische Anpassung an die deutschsprachige Kärntner Mehrheitsbevölkerung. Assimilationsprozesse wurden sowohl durch objektive als auch subjektive Faktoren mitbestimmt. Alle diese Faktoren haben mit ungleichen ökonomischen, sozialen und politischen Machtverhältnissen zu tun, die im Verlauf der Geschichte in Südkärnten eine Rolle spielten. An dieser Stelle sollen nur überblicksartig die wichtigsten Punkte angerissen werden: [3]
Um 1900 wurden in Kärnten bei der Volkszählung rund 85.000 Sloweninnen und Slowenen gezählt; politische Ereignisse wie die Gebietsansprüche seitens der Truppen des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen nach dem Ersten Weltkrieg und die darauf folgende Volksabstimmung 1920, bei der sich die Mehrheit in Südkärnten für den Verbleib bei Österreich ausgesprochen hatte, ließen die Zahl der sich zu ihrer Sprachgruppe "bekennenden"1) Sloweninnen und Slowenen deutlich schrumpfen. Während des Zweiten Weltkrieges kam es zu Deportationen zahlreicher slowenischer Familien (MALLE & SIMA 1992; VALENTIN, HAIDEN & MAIER 2002; HAAS & STUHLPFARRER 1977). Nach dem Krieg gab es neuerliche Gebietsansprüche seitens des ehemaligen Jugoslawien. Die Antwort darauf war schließlich der Artikel 7 des Österreichischen Staatsvertrages von 1955 mit den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der autochthonen Minderheiten in Österreich. [4]
In Kärnten blieb das Verhältnis zwischen den beiden Sprachgruppen angespannt. Streitpunkte waren vor allem die Minderheitenschulfrage und die zweisprachigen topografischen Aufschriften, wobei Letztere bis heute nicht befriedigend gelöst sind. So sind etwa in vielen zweisprachigen Ortschaften die gesetzlich zuerkannten zweisprachigen Ortstafeln bis heute nicht aufgestellt worden (vgl. dazu VAVTI 2002; PANDEL, POLZER, POLZER-SRIENZ & VOSPERNIK 2004). [5]
Die gespannte Atmosphäre führte zur Assimilation vieler Sloweninnen und Slowenen; ihre Zahl ist zwischen 1910 und 1980 um 75% gesunken.2) Dieser drastische Rückgang hat verschiedene Ursachen: Der Assimilationsdruck im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist dafür ebenso verantwortlich wie die Modernisierung und die Notwendigkeit der ökonomischen und sozialen Mobilität, die gerade jüngere Generationen weg aus dem traditionalen ethnischen Umfeld in größere österreichische Städte führt. [6]
Viele Menschen, die sich während der letzten Jahrzehnte assimiliert haben, zeigen noch eine partielle Identifikation mit ihrer Herkunftssprache (GUGGENBERGER, HOLZINGER, PÖLLAUER & VAVTI 1994)3), in weiten Teilen der Bevölkerung fehlt allerdings eine klare Identifikation mit dem Slowenischen. Zugleich sinkt die Zahl jener Personen, die über eine gute Sprachkompetenz in ihrer Herkunftssprache verfügen (DOMEJ 2008). So verwundert es nicht, dass klare ethnische Selbstzuordnungen und Identitäten brüchig werden. Meist sind sie nur mehr dort anzutreffen, wo Menschen eng in die slowenischen Schul- und Vereinsstrukturen eingebunden sind und bleiben (VAVTI 2009). [7]
Zu erwartende demografische Entwicklungen, allen voran die zunehmende Überalterung der Bevölkerung und die Abwanderung aus ländlichen Gebieten, werden in Zukunft ihre Zahl weiter verringern.4) Zur Abwanderung jüngerer Menschen trägt auch die wirtschaftliche Situation Kärntens bei, zählt es doch im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung und den Arbeitsmarkt zum Schlusslicht Österreichs.5) [8]
Im zweisprachigen Südkärnten wurden in den vergangenen Jahrzehnten in verschiedenen Studien ethnische Identitäten bzw. Identifikationen erforscht (vgl. BOECKMANN et al. 1988; GUGGENBERGER et al. 1994; NECAK LÜK & JESIH 2002; VAVTI 2009). BOECKMANN et al. (1988) unterschieden fünf Identitätstypen – je nach Nähe und Distanz zur slowenischen Kultur und Sprache. GUGGENBERGER et al. (1994) und VAVTI (2009) weiteten diese Typisierungen aus, wobei besonders die Doppelidentitäten und die angepassten Identitäten auf verschiedene Nuancen von Nähe bzw. Distanz zur ethnischen Herkunft eingehen. [9]
MERKAČ untersuchte 1986 die Lebenswelten slowenischer Jugendlicher und unterschied sie nach der Tiefe der ethnischen Verbundenheit: Er unterschied dabei drei Gruppen: neutrale, bewusste und solche, die sich mit beiden Kärntner Sprachgruppen identifizierten. Eigene Untersuchungen zeigten aufgrund veränderter Rahmenbedingungen eine Vielfalt von Nuancen, die zwischen diesen Kategorisierungen liegen. Im vorliegenden Aufsatz soll ein vertiefter Einblick in das (ethnische) Selbstverständnis ausgewählter Postadoleszenter gegeben werden, wobei folgende Fragen im Vordergrund stehen: Was beeinflusst ihre Identifikationen und welche Bedeutung hat Ethnizität in ihrem konkreten Lebensalltag? [10]
Ethnizität bezeichnet eine relativ große Gruppe von Menschen, die Kultur, geschichtliche und aktuelle Erfahrungen teilen, Vorstellungen über eine gemeinsame Herkunft haben und auf dieser Basis ein Identitäts- und Solidarbewusstsein entwickeln (vgl. HECKMANN 1992, S.30). Der Begriff beinhaltet kollektive Identifikationen und Bindungen an das sogenannte Eigene sowie die Unterscheidung vom Anderen und Fremden (BARTH 1969; ERIKSEN 1993). Ethnizität wird nicht als statisch begriffen, sie kann sich – so wie auch diverse Bindungen an Menschen und Gruppen – immer wieder wandeln und an neue Gegebenheiten anpassen. [11]
Ethnische Gruppen6) (Sprachgruppen) werden als Teilbevölkerungen mit gemeinsamer Herkunft, einem Zusammengehörigkeitsbewusstsein und mit gleichen geschichtlichen und kulturellen Erfahrungen und Wurzeln verstanden. Die kollektiven Identifikationen stützen sich auf das Bewusstsein der Gruppe von sich selbst, aber auch auf die Zuschreibung von außen. [12]
Von symbolischer Ethnizität (GANS 1979) wird ausgegangen, wenn die ethnische Zugehörigkeit im Alltagsleben nur insofern von Bedeutung ist, als an bestimmten Symbolen, Gebräuchen und Gewohnheiten festgehalten wird, die Sprachkompetenz aber weitgehend fehlt. Im vorliegenden Aufsatz wird in Anlehnung an BRUBAKER und COOPER (2000) schwerpunktmäßig der Begriff "Identifikation" gebraucht. [13]
Die persönliche Identität beruht auf der Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit7) und der Wahrnehmung, dass auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen (ERIKSON 1981, S.18). Neben der individuellen, "personalen" Identität gibt es auch eine gemeinsame, kollektive (oder "soziale", vgl. GOFFMAN 1975; STRAUB 2000) Identität,8) die im vorliegenden Fall die einzelnen Mitglieder miteinander als "Kärntner Sloweninnen und Slowenen" identifiziert.9) Es gibt hier eine alltagsweltliche Gemeinsamkeit, wobei zwischen Vertrautem und Fremdem unterschieden wird.10) Die sogenannten "Wir-Gruppen" sind in den Südkärntner Dörfern in direkter Kommunikation und Interaktion gewachsen, so identifiziert man sich etwa mit den jeweiligen Traditionen und Gebräuchen bzw. mit dem eigenen Kulturverein (vgl. dazu auch STRAUB 1998, S.96-104). In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert: Alte Institutionen und Strukturen haben sich aufgelöst, es gibt keine Standardbiografien mehr, viele neue Muster der Lebensführung konkurrieren miteinander, der Rückhalt eines entlastenden und bewährten sozialen Umfeldes aber fehlt weitgehend (vgl. dazu BECK & BECK-GERNSHEIM 1994). Dies beeinflusste die Lebenswelten der Betroffenen nachhaltig: Gerade junge Menschen sind geprägt von Migrationserfahrungen und fließenden Sprachzugehörigkeiten aufgrund von Intermarriage, aber auch durch wechselnde Konsum- und Freizeitorientierungen.11) [14]
Ethnische Identifikationen sind somit nicht mehr stabil und immer gleichbleibend, auch wenn Zugehörigkeit zu und Anerkennung durch eine Gruppe menschliche Grundbedürfnisse bleiben und für das Identitätsgefühl von zentraler Bedeutung sind.12) Wichtige Faktoren für die Identitätsarbeit sind somit das Individuum mit seinen Ressourcen und die gesellschaftlichen sowie die institutionellen Vorgaben13), die es prägen. So gibt es grundlegende Orientierungen, die beibehalten und Teile der Identität, die immer wieder umgeformt werden (müssen). Mit GOFFMAN (1975) könnte auch vom Balancieren zwischen eigenen Interessen (z.B. offen sein für Neues), den Erwartungen der anderen (z.B. der slowenischen Verwandtschaft) und den Zuschreibungen von außen (z.B. als Mitglied des slowenischen Kulturvereines der slowenischen Sprachgruppe zugeordnet werden) gesprochen werden. [15]
GERGEN (1996) geht als Vertreter des sozialen Konstruktivismus davon aus, dass Identität sich in der Artikulation der Sprache konstruiert. Die gesellschaftliche Entwicklung (samt ihren modernen Technologien und dadurch notwendiger Flexibilität und Kreativität) begünstige flexible Identitäten. BECK und BECK-GERNSHEIM (1994) sprechen in diesem Zusammenhang von der Individualisierung der Lebensformen, die zur Dynamisierung der Lebensstile führe. Diese werden beeinflusst von ökonomischen, politischen, rechtlichen, demografischen, sozialen, kulturellen, sprachlichen, geschichtlichen und psychologischen Rahmenbedingungen und wirken ihrerseits auf Möglichkeiten und Ressourcen.14) [16]
In der modernen Gesellschaft muss sich das Individuum in einer rasch wandelnden Welt behaupten, ohne die innere Kontinuität und den Kontakt zu seinen Ursprüngen zu verlieren. Die gesellschaftlichen Bedingungen wie zunehmende Individualisierung und Auflösung traditionaler Beziehungen, mit denen sich Jugendliche heute konfrontiert sehen, legen Unverbindlichkeit nahe, und das gilt nicht zuletzt auch für die ethnische Identifikation: Man legt sich nicht mehr auf nur eine Möglichkeit fest. In Einzelfällen geht das hin bis zur nur mehr symbolischen Ethnizität mit emotionaler Bindung an die ethnische Herkunft, die sich in der Teilnahme oder Wiederbelebung von alten Gebräuchen zeigt, und sprachlicher Anpassung an das Lebensumfeld. [17]
Die Vielfalt der Möglichkeiten kann schließlich zu Gefühlen von "Heimatlosigkeit" führen: So wird etwa das zugleich Alles-Sein und Sich-doch-nirgends-so-richtig-dazu-gehörig-Fühlen angesprochen. Hier fehlen Zugehörigkeitsgefühle, die sich in Mischidentitäten manifestieren, mit kontext- und situationsabhängigen sprachlichen bzw. symbolischen Schwerpunktsetzungen. [18]
GERGEN (1996, S.29) ist überzeugt, dass Menschen durch die Vielfalt an Beziehungen in zahllose Richtungen "gezogen" werden, die sie einladen, viele verschiedene Rollen zu spielen, sodass das Konzept eines "authentischen Selbst" in der Betrachtung immer mehr zurückweiche. Das einheitliche Empfinden, wie noch bei ERIKSON formuliert, weiche der Vielfalt von verschiedenen untereinander konkurrierenden Potenzialen des Selbst. Dieser ständige Fluss, in dem der Mensch sich befindet, führe zum Verlust des fixen Kerns, des Identifizierbaren.15) In Südkärnten zeigt sich zwar die Tendenz zur Zweisprachigkeit, das ist eine Art des Wegbewegens von der traditionalen, klaren Ethnizität, vom "Ich bin Slowenin" hin zum "Ich bin zweisprachig"16), allerdings bleibt auch bei der Vielfalt, der junge Menschen ausgesetzt sind, ein Kern der ethnischen Zugehörigkeit erhalten (VAVTI 2009). [19]
Der für die Studie, die ich derzeit (2009-2010) im Rahmen des Slowenischen Wissenschaftlichen Instituts in Klagenfurt durchführe, gewählte methodische Ansatz liegt im Bereich der qualitativen Sozialforschung. Die Theorieentwicklung und die Beobachtung der sozialen Wirklichkeit werden dabei als unlösbar miteinander verschränkter Prozess verstanden. Nach GLASER und STRAUSS (1979; vgl. auch GLASER 2001) ist eine Theorie ihrem Gegenstand nur dann angemessen, wenn sie aus ihm heraus entwickelt wurde (grounded theory). In Anlehnung an diesen Ansatz werden Hypothesen und Erklärungsansätze aus der Beobachtung der sozialen Wirklichkeit in Südkärnten heraus entwickelt.17) [20]
Die soziale Welt, in der sich die befragten Jugendlichen und Postadoleszenten bewegen, hat für sie eine besondere Sinn- und Relevanzstruktur und beeinflusst ihr Denken und Handeln (SCHÜTZ 1974). Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind demzufolge mit "subjektivem Sinn" behaftet, den Menschen ihnen geben. Bei meiner Forschungsarbeit stand somit die Analyse von Strukturen im Vordergrund, die im Lebensalltag so selbstverständlich sind, dass sie den Betroffenen oft gar nicht bewusst sind. [21]
Der qualitative methodologische Zugang meiner Studie ist im Rahmen der Einzelfallanalyse angesiedelt, und die Annäherung an das Feld erfolgte durch biografische Forschung, denn sie richtete sich auf das Leben und Zusammenleben in Familie, Dorf und Schule (vgl. ALHEIT & DAUSIEN 2000; ROSENTHAL 1995; FUCHS-HEINRITZ 2005; KOHLI & ROBERT 1984 sowie die Argumentation bei BREUER 2000). Diese Biografien werden als sprachliche Konstruktionsleistungen verstanden, die vom sozialen, familiären und gesellschaftlichen Kontext, in den sie eingebunden sind, beeinflusst werden. Es wird davon ausgegangen, dass in biografischen Erzählungen auf Erfahrungsstrukturen zurückgegriffen wird, die im Verlauf des Lebens erworben wurden. ROSENTHAL (1995; vgl. auch ROSENTHAL & KÖTTIG 2009) sieht etwa das Ereignis, das sich darauf beziehende Erleben und die Erzählung als ein dialektisches Verhältnis, in dem sich Ereignen, Erinnern und Erzählen wechselseitig durchdringen. [22]
Für Interviews wurden Jugendliche und Postadoleszente im Alter zwischen 17 und 30 Jahren ausgesucht, die sich zumindest partiell noch mit der slowenischen Sprachgruppe identifizierten und im zweisprachigen Gebiet beheimatet sind. Dabei wurde das gesamte zweisprachige Gebiet berücksichtigt: Die Notwendigkeit für diesen Schritt ergab sich aus der unterschiedlichen Siedlungsdichte und demzufolge auch der slowenischen Infrastruktur in den einzelnen Tälern, wobei in einigen Dörfern des Bezirks Völkermarkt noch sehr viele Slowen/innen leben und über eine Vielfalt an kulturellen Einrichtungen verfügen, in die auch junge Menschen eingebunden sind; hingegen sind aber im Gailtal nur mehr vereinzelt slowenische Familien anzutreffen. In Klagenfurt/Celovec haben sich seit den 1980er Jahren viele slowenische Akademiker/innen angesiedelt – das Leben im deutschsprachigen Umfeld schafft hier im Vergleich zu den Dörfern unterschiedliche Rahmenbedingungen, die sich entsprechend auf die Identifikationen der Menschen auswirken. Im Hinblick auf die Altersverteilung zeigten erste Interviews bei 17-20-Jährigen, die noch eng in die dörflichen Vereine sowie zweisprachigen Bildungseinrichtungen eingebunden sind/waren, dass die Erzählungen sich beinahe "plakativ" ähnelten, während sich dies bei älteren Befragten (in der Altersgruppe zwischen 20 und 30) deutlich änderte: etwa bei Student/innen, die im Rahmen des Hochschulstudiums in anderen österreichischen Städten leb(t)en. Hier zeigten sich zum Teil kritische Distanzierungen von den verschiedenen Einrichtungen und den politischen Vertretungen der Herkunftsethnie. In Bezug auf die Geschlechterzugehörigkeit beobachtete ich bei weiblichen Befragten eine stärkere Neigung zur sprachlichen Anpassung und/oder ethnischen Assimilation. Aus den angeführten Gründen achtete ich auf eine relativ ausgewogene Alters- und Geschlechterverteilung. Weiter wurde darauf Wert gelegt, dass die Befragten im Hinblick auf Nähe oder Distanz zur ethnischen Herkunft möglichst große Unterschiede aufwiesen – dies vor allem, um eine möglichst große Bandbreite an Identifikations- bzw. Abgrenzungsmustern zu erhalten. [23]
Bei der Suche nach Interviewpartner/innen waren Kontaktpersonen in den verschiedenen Dörfern hilfreich. Die Interviewsprache, Deutsch oder Slowenisch, konnte von den Interviewten frei gewählt werden, wobei sich die Mehrheit für das Slowenische entschieden hat. 2009 wurden insgesamt 20 Interviews durchgeführt, im vorliegenden Beitrag werden allerdings nur drei Beispiele besprochen. Diese wurden unter dem Gesichtspunkt ausgewählt, dass sie sich im Hinblick darauf, wie die Interviewten mit dem Thema ihrer ethnischen Zugehörigkeit umgingen bzw. wie sie es in der Erzählung präsentierten, deutlich voneinander unterschieden. [24]
Als Erhebungsmethode wurde das narrative Interview (SCHÜTZE 1983, 1999) gewählt, weil es mir wichtig war zu sehen, wie, in welchem Kontext und wann die Interviewten das Thema ihrer ethnischen Zugehörigkeit einführten und in welchen Bereichen sich diesbezüglich Unterschiede in den verschiedenen Narrationen zeigten. Das narrative Interview wurde schließlich bei Bedarf mit einem Leitfaden ergänzt (vgl. problemzentriertes Interview nach WITZEL 1989, 2000): In der erzählten Lebensgeschichte, die zugleich der Verarbeitung und Evaluierung von Erfahrungen diente und übergreifende Handlungszusammenhänge sichtbar machte, legten die jungen Menschen "ihr Leben" aus der Retrospektive dar.18) Mit einer erzählgenerierenden Einstiegsfrage19) wurden sie eingeladen, aus ihrem Leben und von ihren konkreten Lebenserfahrungen zu erzählen. Diese Narration wurde in einem zweiten Teil des Interviews mithilfe eines Leitfadens20) mit zusätzlichen Fragen ergänzt ("problemzentriert"). Diese Entscheidung musste getroffen werden, da die Erzählung oft sehr kurz war, beschränkt auf einige Eckdaten des Lebenslaufs mit dem Schlussstatement: "Das war's" oder "Das war mein Leben!" Zur narrativen Kompetenz ist hier anzumerken, dass einige jüngere Personen keine Narration im herkömmlichen Sinne präsentieren wollten oder konnten. Dies äußerte sich etwa darin, dass sie mit Seufzern begannen, die Überforderung ausdrückten, sowie einem eher kurzen, auf Eckdaten beschränkten "Lebenslauf". Äußerungen wie: "Was soll ich da erzählen?" oder "Da gibt es nichts zu erzählen, ich hab' nichts Besonderes erlebt", ließen darauf schließen, dass sie ihre Lebensgeschichte nicht als erzählenswert empfanden: sei es, weil sie in ihrem eher noch kurzen Leben nicht viel Erzählenswertes erlebt hatten, ihr Leben als zu eintönig empfanden, oder aber weil sie einer fremden Person gegenüber "ihr Leben" nicht preisgeben wollten. Möglicherweise ist auch die Erzählkompetenz bei jungen Menschen, da in ihrem Lebensalltag kaum mehr gefordert, nicht so entwickelt wie bei älteren Personen (vgl. VAVTI 2009, S.47). [25]
Gerade in diesen Fällen hat sich der Leitfaden mit offenen Fragen als nützlich erwiesen, um weitere Erzähleinheiten und andere Textsorten zu stimulieren. Die Gespräche wurden auf Tonband aufgezeichnet und transkribiert. In slowenischer Sprache durchgeführte Interviews wurden ins Deutsche übersetzt. Bislang haben auch alle Befragten von sich aus ihre ethnisch-slowenische Zugehörigkeit in irgendeiner Weise thematisiert, sodass diese nicht dezidiert nachgefragt werden musste.21) [26]
Die Auswertung und Interpretation der Daten erfolgt(e) in mehreren Stufen und stellt im Hinblick auf das Gesamtprojekt eine Mischform dar, wobei Elemente der qualitativen Inhaltsanalyse (MAYRING 1990, 2000), der Grounded-Theory-Methodologie (vor allem im Hinblick auf die gleichzeitige Datenerhebung und Auswertung, das Schreiben von Memos, das Vergleichen der Fälle u.ä. (vgl. GLASER & STRAUSS 1979), der dokumentarischen Methode (NOHL 2008) sowie der Diskursanalyse (WODAK et al.1998) berücksichtigt wurden. [27]
Diese Methodenvielfalt begründet sich aus meiner "Forschungsbiografie" und dem Versuch, meinen method(olog)ischen Zugang entsprechend den Notwendigkeiten, Bedürfnissen und Erfahrungen im Hinblick auf die Untersuchung von ethnischen Identifikationen zu modifizieren (vgl. auch VAVTI 2005), sie ist zum Teil "mitgewachsen": [28]
Meine ersten Untersuchungen (1992-1994) begann ich mit der gegenstandsbezogenen Theoriebildung (grounded theory) und verknüpfte diese mit der qualitativen Inhaltsanalyse (MAYRING 1990). Letztere half u.a. bei der Bewältigung des umfangreichen Datenmaterials und wurde bei bestimmten interessierenden Themenbereichen aus dem Leitfaden angewendet.22) Für die Untersuchung von ethnischer Identifikation war für mich in weiterer Folge die Diskursanalyse (WODAK et al. 1998) eine Bereicherung, weil ich in den jeweils vorliegenden Texten eine Vielfalt von unterschiedlichen linguistischen Besonderheiten vorfand, die Identifikationen und/oder Abgrenzungen ausdrückten.23) Im Hinblick auf die Fallrekonstruktionen habe ich in der vorliegenden Studie auf Elemente der dokumentarischen Methode (NOHL 2008) zurückgegriffen, weil meine Erfahrung zeigte, dass den Eingangssequenzen in den Interviews eine besondere Bedeutung in Bezug auf die zu untersuchenden Fragestellungen zukommt, z.B. das erste Thema der biografischen Selbstpräsentation; in weiterer Folge wird diese Methode eventuell auch noch für die Typenbildung hilfreich sein. [29]
Die Vorgehensweise: Zuerst wurden die aufgezeichneten Gespräche noch einmal abgehört und die transkribierten Narrationen aufmerksam gelesen. Anschließend wurden sie systematischer gelesen, wobei erste Interpretationsschritte erfolgten: z.B. wann, wo und wie wird die ethnische Zugehörigkeit in der Erzählung eingeführt, welche Themen werden sonst noch angesprochen, was ist das Hauptthema der Erzählung etc. Zugleich wurden auch die eigene Subjektivität und durch die Erzählung/Aussagen ausgelöste Gefühlsreaktionen reflektiert. Aus den bruchstückhaften Erzählbausteinen und Erinnerungen wurden sodann im Rahmen einer Strukturierung des Materials verschiedene Kategorien herausgearbeitet (vgl. "induktive Kategorienentwicklung" nach MAYRING 2000), wobei für den vorliegenden Aufsatz die Kategorien "ethnische Identifikation, verschiedene Zugehörigkeiten und Abgrenzungen" von besonderem Interesse waren. Sodann wurden jene Textpassagen, die diesen Kategorien zugeordnet werden konnten, einer Feinanalyse unterzogen und miteinander verglichen – in Anlehnung an die komparative Sequenzanalyse (vgl. NOHL 2008, S.11-12) bzw. das Kontrastieren von Fällen bzw. ihr Vergleich (vgl. GLASER 2001, 2005). In diesem Zusammenhang wurden besonders auch die Eingangserzählungen detaillierter analysiert (z.B. das Thema der 1. Äußerung, vgl. NOHL 2008, S.56). Im Zuge dieser Feinanalyse wurde jedoch die Narration als Ganzes nicht aus den Augen verloren, da die Einzelpassagen erst im Gesamtkontext der Erzählung verständlich sind (BOHNSACK 1991, S.19-20). Im Rahmen der Feinanalyse bin ich in Anlehnung an MEY (1999, 2004) vorgegangen, der mit verschiedenen Fragen an den Text herangegangen ist: Was ist das Besondere in dieser Sequenz? Wer ist beteiligt? In welcher Art und Weise wird das Thema eingeführt? Wie werden verschiedene Aspekte herausgearbeitet? Welche Strategien gebrauchen die Erzähler/innen u.ä.m. [30]
Im Rahmen der Feinanalyse wurden in der weiteren Folge auch Antworten auf folgende Fragen gesucht: Wie und mit wem identifiziert sich die Person? Wie äußert sie ihre ethnische Selbstzuordnung? Von wem grenzt sie sich ab? Wie sehen die Abgrenzungsstrategien aus? Wo gibt es Widersprüche zu anderen Passagen der Erzählung? Von zentralem Interesse waren auch grammatikalische Besonderheiten (vgl. WODAK et al. 1998), so etwa der Gebrauch von Wir- und Sie-Formen und andere linguistische "Identitäts-Marker" wie persönliche und unpersönliche Pronomen, die Identifikationen oder Abgrenzungen ausdrückten. Berücksichtigt wurden schließlich auch nonverbale Äußerungen, verschiedene Gefühlsäußerungen sowie Pausen. [31]
Die weiteren Auswertungsschritte lassen sich wie folgt zusammenfassen: Es wurden anhand der vorliegenden Transkripte und der daraus erarbeiteten Feinanalyse mit allen aufgezeichneten Anmerkungen und Interpretationen erste Lebensgeschichten rekonstruiert, wobei (vorläufige) Rückschlüsse auf Identifikationen gezogen wurden (FISCHER-ROSENTHAL & ALHEIT 1995; STRAUB 2000). Dabei interessierten vor allem die ethnische Identifikation und entsprechende Einflussfaktoren: Wer beeinflusste die Identifikationsmuster des/der Postadoleszenten? Wie waren die familiären, sozialstrukturellen, sprachlichen und kulturellen Rahmenbedingungen? Wie wurden sie subjektiv erlebt? [32]
Die im Folgenden vorgestellten Fallrekonstruktionen stellen im Gesamtkontext der Untersuchung nur einen Auswertungsschritt dar und geben einen ersten Einblick in Rahmenbedingungen und mögliche Identifikationen postadoleszenter Sloweninnen und Slowenen in Südkärnten. [33]
Somit besteht im vorliegenden Aufsatz auch kein Anspruch auf Repräsentativität, denn es geht um das Verstehen von Identifikationsmustern. Die Beispiele lassen sich auch nicht auf andere Gruppen übertragen. [34]
5. Fallrekonstruktionen24)
Martin war zum Zeitpunkt der Durchführung des narrativen Interviews 23 Jahre alt. Er wuchs in einer größeren Kärntner Stadt im deutschsprachigen Umfeld auf und entstammt einer Mischehe mit deutschsprachigem Vater und slowenischsprachiger Mutter, wobei die Sprache der frühen Kindheit größtenteils die slowenische Schriftsprache war. Über die Besuche des Vaters, der nach der Trennung der Eltern im Kleinkindalter nicht mehr im selben Haushalt lebte, hatte aber auch Deutsch einen Platz in Martins Leben. Als Kleinkind besuchte er einen zweisprachigen Kindergarten, wobei er als Kind aus einer Mischehe der gemischtsprachigen Gruppe, in der mehr deutsch als slowenisch gesprochen wird, zugeteilt war. In der Retrospektive der Erzählung hatte Martin schon damals das Gefühl, nicht so richtig dazuzugehören. Dieses Gefühl verstärkte sich in der zweisprachigen Volksschule, in der seine Spielkamerad/innen vorwiegend deutsch- bzw. gemischtsprachig waren. Auch mit dem Wechsel in das Bundesgymnasium für Slowen/innen in Klagenfurt veränderte sich seine Situation nicht grundlegend, denn er hatte keinen Zugang in den "slowenischen Kreis" gefunden. Ein neuerlicher Schulwechsel in ein deutschsprachiges schulisches Umfeld bewirkte schließlich, dass er zum Zeitpunkt des Interviews fast nur mehr deutsch sprach, mit folgender Begründung:
"Weil i in Deitsch besser reden konn, meine Gedanken schneller in Worte fassen kann .. eh ... weil i in der slowenischen Sprache, wenn i reden muss, dann kann i ... Es hot in der [Schulbezeichnung] angfangen, wo praktisch überhaupt nit mehr slowenisch gredet worden is, praktisch, und dann ist es eben abgesackt ... daham a nit immer ... so wors nit, dass man slowenisch reden muss ... Es gibt ja Familien, wo sehr viel Wert darauf gelegt wird, dass man slowenisch reden muss ... do gibt’s nix onderes, obwohl olle Deutsch können ... Jo es wär sicher praktischer, wenn i jetzt noch besser reden tät ... schad ist es a bissl, dass i nimmer so gut konn, eh, verstehen alles ... und wenn i wo bin, wo i slowenisch reden muss, do hob i a ka Problem damit, das zu tun, obwohl ... is manchmal blöd, wenn mir die Wörter nit einfallen ... oder so folsch, die Einzahl, Zweizahl, Mehrzahl ... und folsch reden ... oba des ist, wenn man nit geübt is" (Int. 1, S.3). [35]
In diesem Abschnitt wird implizit auf die Teilung der Slowen/innen in "Hardliner" und "Angepasste" hingewiesen, wie sie in Kärnten politisch und medial stark präsent ist. Der eigene Sprachverlust wird damit in Beziehung gebracht und begründet: In Martins Familie wurde nämlich der Sprachgebrauch relativ offen gehandhabt, d.h., es musste nicht immer Slowenisch gesprochen werden. Dies habe in weiterer Folge dazu geführt, dass er heute im slowenischen Sprachgebrauch nicht mehr geübt sei, Fehler mache und letztendlich kaum mehr slowenisch spreche. In einem späteren Abschnitt wird die Tatsache reflektiert, dass der Vater nur deutsch gesprochen habe, was als "kein Hindernis für den Gebrauch des Slowenischen" verortet wird. Dennoch zeigte sich in der Retrospektive ein Loyalitätskonflikt:
"Des wor nie a Hindernis für mi, slowenisch zu reden ... a nit wenn i denk wenn der Papa ... i denk ma holt so, wenn mei Mutter erzählt, dass i zuerst slowenisch gredet hob, bevor i deitsch gredet hob ... und der Papa nix verstondn hot ... nojo, als Kind sieht man des sowieso anders ... Und jetzt is es so, dass ma getrennt leben und dadurch spielt's eh ka Rolle ... was soll ma sogn? Einfacher ist es Deutsch reden, weil man einfach flüssiger redet. Slowenisch musst jedes Wort überlegen [unverständliches Murmeln]" (S.4). [36]
Gerade zum Zeitpunkt, in dem es keine Rolle mehr spielte, es sozusagen kein Hindernis mehr gab, slowenisch zu sprechen, entschied sich Martin für die Sprache des Vaters. "Als Kind sieht man des sowieso anders" – in der Kindheit hatte sozusagen die emotionale Verbundenheit mit der Mutter eine wichtigere Rolle innegehabt, auch wenn der Vater nichts verstanden hatte. [37]
Nach der Trennung bzw. heute könnte er die Sprachen zwar je nach Bezugsperson und ohne Loyalitätskonflikt wechseln, dennoch spricht er seit der Pubertät auch mit der Mutter kein Slowenisch mehr, mit folgenden Begründungen: Sie habe ihn nicht dazu gezwungen ("so wors nit, dass man slowenisch reden muss"), Deutsch reden sei einfacher, im Slowenischen mache er Fehler, weil er – aufgrund der Rahmenbedingungen – in der Sprache nicht mehr geübt sei. [38]
Auf die Frage, was ihm das Slowenischsein bedeute, hob er sich in der Einstiegssequenz von den anderen Kärntner/innen als etwas Besonderes ab. Eine Distanzierung erfolgte allerdings sowohl von den Deutschsprachigen ("man ist kein 0815 Kärntner Einwohner") als auch von den Slowenischsprachigen (nicht "ich", sondern "man" hat eine Abstammung). Die Zugehörigkeit wurde hier auf die Abstammung reduziert.
"Zu wissen, dass ma a Abstammung hat ... dass ma was Besonderes is ... also man is quasi nit a 0815 Kärntner Einwohner ... Aus meiner Einstellung ist man was Besonderes, man ist, man hat andere Dinge im Kopf, insbesondere Politik und so" (S.7). [39]
Die Themen Zugehörigkeit und Ausgrenzung sind in Martins Lebensgeschichte stark präsent, wie das folgende Beispiel zeigt:
"Ganz ehrlich? ... Als ... z.B. im slowenischen Gymnasium ... enorme Cliquenbildung ... i weiß nit, ob man des auf die Gesellschaft jetzt zurückführen kann oba so wie i es domols erlebt hob, bilden sich immer Cliquen von einflussreicheren Kindern [betont], die einflussreichere zweisprachige Eltern hom ... ansatzweise ... des war so ... Jo ... dadurch dass i ka einflussreiches Kind wor ... mit einflussreiche Eltern, wor i holt a Außenseiter ... und des hot mi zu dem gmocht, was i jetzt bin: kritischer gegenüber eben solchen Machtgruppierungen [betont]. Um es jetzt ganz zugespitzt zu sogn ... eh, dass i distanzierter bin ... und eben sehr ungern einer solchen Gruppe beitrete, wie ... mi würd es nie reizen, dass i zu anar Gruppe ... mi zu solchen Gruppen zugezogen fühle, wo i den Eindruck hob, dass alles auf Einfluss und Mocht ... eh ... bin i lieber in kleineren kompakteren Gruppen, wo jeder gleichberechtigt is ... wie a normaler Mensch holt, deshalb geh ... i a nit in solche Szenen, do bin i kritisch und i such mir Freunde, di ... gleichgesinnt sind, die nit durch irgendwelche äußeren Umstände bevorzugt sind [betont] ... Dadurch, dass i immer die Außenseiterposition ghobt hob, im slowenischen Gymnasium ... und in der [Name der Schule] die ersten Jahre a, hot sich donn oba gändert ... weil ma donn egal war [betont] ... und ... dann war es den ondern a egal" (S.5). [40]
In diesem Abschnitt geht es um Cliquenbildung, um einflussreiche Kinder mit einflussreichen zweisprachigen Eltern, um die eigene Außenseiterposition, um Machtgruppierungen, um Distanz/Distanzierung, um auf Einfluss und Macht aufgebaute Sozialstrukturen. Interessant ist vor allem, dass die "geschichtlichen Opfer" (=Angehörige der slowenischen Sprachgruppe = ethnische Minderheit) in Martins Erzählung zu "Tätern" werden und mit Einfluss und Macht ausgestattet sind: Sie seien durch die Umstände bevorzugt (= einflussreiche zweisprachige Eltern), und er als Kind aus einer Mischehe habe sich in der Außenseiterposition gefunden. Der Zugehörigkeitskonflikt ist das Hauptthema seiner Lebensgeschichte. [41]
Grundsätzlich ist die Selbstverortung von Jugendlichen eine aktive und flexible Bezugnahme auf ein Netz von Zugehörigkeiten, in denen Geschlecht, Nation, Ethnizität, Jugendkulturen sowie geografische Räume eine Rolle spielen können. Die subjektive Positionierung kann auch einen strategischen Charakter annehmen, z.B. als Reaktion auf ethnisierte Zuschreibungen oder auf Ausgrenzungserfahrungen, wenn eben die Zugehörigkeit infrage gestellt ist. [42]
Im hier beschriebenen Fall wird von ethnisierten Zuschreibungen Abstand genommen, indem der Erzähler sich zu kleineren Gruppierungen hingezogen fühlt und besonders die Gleichberechtigung und die gleiche Gesinnung hervorhebt. Aus späteren Passagen wird ersichtlich, dass er sich einer "Jugendkultur" zuordnet, in der Ethnizität keine Rolle spielt. Er betont schließlich sein "Menschsein" und grenzt sich von ethnischen Kategorien ab:
"[Seufzt] i fühl mi ... als Mensch [betont], nit als Italiener oder Ungar, ... Slowene oder Kärntner oder Kärntner Slowene ... irgendwos. I moch do keine Unterschiede . es wor egal ... es wor zwar Fakt, dass i Kärntner Slowene wor, oba in meinem Umfeld könnt i genausogut ... hätt ich genausogut Brite sein können oder Amerikaner" (S.9). [43]
Von seiner Abstammung spricht er in der Vergangenheit – "es wor zwar Fakt, dass i Kärntner Slowene wor ..." –, auch das könnte als Abgrenzung von seiner ethnischen Herkunft gedeutet werden: Ist er es heute nicht mehr? Einiges spricht für die Distanzierung: So hat die slowenische Sprache in seinem Lebensumfeld tatsächlich keinen Platz und Gebrauchswert mehr. Sein Vater ist deutschsprachig und versteht kein Slowenisch. Aber selbst im Kontakt zur Mutter, die − wie er erzählt − nach wie vor slowenisch mit ihm spricht, wählt er heute den deutschen Kärntner Dialekt. Unter der fehlenden Zugehörigkeit in der Mittelschulzeit, im Alter, in dem die Peergroup von herausragender Bedeutung ist (vgl. u.a. HURRELMANN 2007), habe er gelitten:
"Domols im slowenischen Gymnasium wor i geistig nit so weit, dass i gsogt hätt, es is ma egal ... es war ... i hob ma immer gedacht: 'Jo, die sind olle in anar Clique, jo und wieso bin i do nit drin' [betroffen]" (S.12). [44]
Martins Zugehörigkeitskonflikt ist ein wiederkehrendes Thema in seiner Erzählung. Zugleich bedauert er auch den Verlust der Herkunftssprache ("schad ist es a bissl, dass i nimmer so gut konn" – es geht hier um die slowenische Sprache). Daraus könnte man auf ein Dilemma schließen, in dem er sich im Hinblick auf seine Sprachzugehörigkeit befindet: Der junge Mann will oder kann sich heute ethnisch nicht mehr klar zuordnen, er distanziert sich von ethnischen Zuschreibungen und verweist auf sein "Menschsein". [45]
Lidija war zum Zeitpunkt des Interviews 21 Jahre alt. Sie wuchs in einem vorwiegend slowenischsprachigen Kärntner Dorf an der Grenze zu Slowenien auf. Die Kindheit verbrachte sie sowohl innerfamiliär als auch vom dörflichen Umfeld her gesehen im rein slowenischsprachigen Lebensumfeld. Sie besuchte durchgehend zweisprachige bzw. slowenische Bildungseinrichtungen und absolvierte zum Zeitpunkt der Befragung gerade ein Auslandssemester in Slowenien. Weiter ist sie bis heute eng mit der slowenischen Kultur verbunden, wobei sie besonders im Bereich der Musik aktiv engagiert ist. Ihr Freundeskreis war von klein auf vorwiegend im slowenischen Kreis angesiedelt und sie sieht sich auch selber im "slowenischen Umfeld" gut aufgehoben:
"Ja ... ich bin in einem Dorf aufgewachsen, wo eigentlich auch noch jetzt ... hundert Prozent slowenisch, und ... ich weiß nicht, als Kind hatte ich das Gefühl, jo ich rede slowenisch, und dass andere auch deutsch reden ... eh ... im weiteren Umfeld oder in der Gemeinde oder aber ... jetzt, dass Österreich halt ein deutschsprachiges Land ist ... und ich habe gleich schnell gewusst, dass wir eine Minderheit sind [Int.: ja] aber ... ich habe mich wegen dem nie schlecht gefühlt, in der Familie habe ich genug Selbstbewusstsein mitbekommen, wegen dem ... [Int.: mh], Deutsch habe ich später in der Schule gelernt ... uuund und ich bin in eine sehr kleine Volksschule gegangen [Int.: mhm], wo, wo vier Klassen in einer waren, .. in einem Raum, und in der Schule war ... war der Unterricht slowenisch hm ... immer sehr eng verknüpft mit dem Lesen von Büchern und mit der Kultur, ist mir so vorgekommen. So hat unsere Lehrerin darauf ... sie hat darauf großen Wert gelegt ... eh gelegt ... und ja ... und ich denke, dass mir das, das bis heute, dass mir das wichtig ... eh dass mir das wichtig ist, dass ich slowenische Bücher lese und dass ... ich slowenische Lieder singe" (Int. 2, S.3; übersetzt aus dem Slowenischen). [46]
In diesem klaren ethnischen Umfeld habe sie von der Familie "das Selbstbewusstsein als Slowenin" mitbekommen, und auch die Lehrerin in der Volksschule habe es verstanden, den Kindern die Kultur und die Liebe zur slowenischen Sprache zu vermitteln. Später in der Hauptschule sei der Besuch des Slowenischunterrichtes selbstverständlich gewesen. In dieser Zeit weitete sich ihr Freundeskreis über das Dorf und das engere Umfeld hinaus aus: Sie hatte Kontakte zu Jugendlichen aus anderen slowenischen Dörfern und zu den verschiedenen slowenischen Dialekten:
"In der Phase dann, zwischen zehn und fünfzehn Jahren, habe ich über die Cousins ... habe, ja .... über Freunde halt, in Kärnten auch ... Kontakte gefunden zu anderen Slowenen, ich würde sagen außerhalb unserer Gemeinde, wie könnt ich sagen ... unserer Gemeinde [Int.: mhm]. Und das ist mir sehr fein vorgekommen ... andere Dialekte kennen zu lernen" (a.a.O.). [47]
In der Pubertät spielten Freundschaftsbeziehungen eine wichtige Rolle, und selbst diese etablierten sich ausschließlich im slowenischen Sprachraum und Umfeld und wurden im Nachhinein positiv bewertet. Somit verstärkte sich die durch Familie und Volksschule mitgegebene ethnische Verwurzelung noch. Die Umgebungsbedingungen gestalteten sich auch weiterhin günstig für den Erhalt der tiefen Bindung an das Slowenische:
"Und ja dann bin ich zuerst in die höhere slowenische Bildungseinrichtung in [Ort] gegangen, ... und ... dort kommt mir vor habe ich, eh ... das erste Mal halt ... eh ... halt gehabt längere Beziehungen, halt längerfristige, mit Slowenen aus Slowenien. Und dort habe ich auch erkannt, dass es notwendig ist noch viel [lacht auf], viel zu lernen, wenn du perfekt slowenisch reden willst ... dann ein Gefühl, wenn du dich fließend auf Slowenisch unterhalten willst, dann [lacht] ... dann fehlen dir manchmal schon die Worte ... und ja ... dort habe ich dann das erste Mal die Motivation gehabt, dass es notwendig ist immer weiter Slowenisch zu lernen" (S.3). [48]
Lidija ist heute – im Gegensatz zu Martin, der um seine Zugehörigkeit "ringt" oder sie zum Teil schon aufgegeben hat – ihrer ethnischen Herkunft tief verbunden und bereit, sich auch in Zukunft für deren Erhalt einzusetzen. Das Beispiel könnte als Hinweis darauf interpretiert werden, wie wichtig die Sozialisation im Elternhaus, in Bildungseinrichtungen und in der Gleichaltrigengruppe für den Fortbestand der slowenischen Sprachgruppe ist. Hier werden jedenfalls erste Grundsteine gelegt, auf denen später aufgebaut werden kann. Die junge Frau will weiter an ihrer Bindung zum Slowenischen arbeiten und zeigt sich motiviert, ein Leben lang zu lernen. Dennoch werden die politischen Rahmenbedingungen in Südkärnten zum Teil als kontraproduktiv erlebt, sie appelliert aber beinahe kämpferisch an die Eigenverantwortung:
"Aber ich denke, dass, dass ... ein Volk nicht damit überleben kann, damit dass ... ihm sozusagen die Politik geneigt ist ... meiner Meinung nach ist es wichtig, dass die Kultur gefördert wird und dass zu Hause slowenisch gesprochen wird ... aber nicht ... Politik ... und slowenische Aufschriften. Natürlich wäre es schön, wenn wir überall slowenische Aufschriften hätten ... denke ich ... aber ... dass ... slowenische Aufschriften die Slowenen nicht retten werden [betont] [Int: mhm]... in diesem Fall ist, wie gesagt, Kultur, aber auch Schule ... ist viel viel wichtiger" (S.9). [49]
Selbst in der Einstiegssequenz auf die Zusatzfrage, was es ihr bedeute, Slowenin zu sein, antwortet sie sehr persönlich und emotional mit dem Hinweis auf ihre Familie:
"Eh ... Slowenin sein, oder mh, oder slowenische Sprache, dass ich die Sprache sprech verbind ich immer zuerst mit der Familie ... mh ... es war dies die erste, oder dort habe ich die Sprache gelernt . dort habe ich gelernt, slowenisch zu reden ... eh" (S.11). [50]
Hier ist die tiefe Verwurzelung spürbar im "Slowenisch = Familie", so wie überhaupt die ganze Biografie unter dem Gesichtspunkt ihrer Zugehörigkeit erzählt wird. Dazu kontrastieren geradezu die unpersönlichen Verweise Martins auf seine Abstammung und seine fehlende Zugehörigkeit.25) [51]
Marijan war zum Zeitpunkt des Interviews 29 Jahre alt. Er ist in einer größeren Kärntner Stadt im deutschsprachigen Umfeld aufgewachsen und entstammt einer slowenischen Familie. Er besuchte zweisprachige Bildungseinrichtungen und wurde innerfamiliär slowenisch sozialisiert. Nach der Matura entschied er sich für ein Hochschulstudium in Wien. Marijan lebt derzeit in Wien und macht es von den Rahmenbedingungen abhängig, ob er nach Kärnten zurückkehren wird. Seine Ethnizität sieht er als "biografische Sache" und Resultat seiner Sozialisation im slowenischsprachigen familiären und schulischen Umfeld. Das Slowenische hat nach wie vor einen wichtigen Platz in seinem Leben, denn auch seine Freundin ist Kärntner Slowenin. Mit ihr hält er intensiveren Kontakt zu Kärnten, zur eigenen und zur Familie seiner Freundin. In Kärnten besucht er gelegentlich noch slowenische Theater- und Musikveranstaltungen und ist gerne im zweisprachigen Gebiet unterwegs. Das Slowenische und der slowenische Widerstand (gegen den Nationalsozialismus)26) haben in seinem Leben eine konkrete Bedeutung, die er wie folgt zusammenfasst:
"Wie gesagt. Das ist eine sehr komplexe Sache, der slowenische Widerstand und so ... mit der man sich auseinandersetzt. Im Wesentlichen kommt es mir so vor, als ob sich jeder Kärntner damit befasst [betont] ... viele Kärntner befassen sich damit ... es sei ... dass sie das in sich selber und in anderen ablehnen, oder aber sie konfrontieren sich damit, oder setzen sich damit auseinander [Anm: sagt es in deutscher Sprache] ... [Int.: ja] ... mir fällt das Wort nicht ein" (Int. 5, S.2, übersetzt aus dem Slowenischen). [52]
Er selbst versteht sich als einer, der sich damit auseinandersetzt, und schreibt den Hauptverdienst dafür seiner Mutter zu, die ihn so sozialisiert habe, dass es für ihn relativ klar gewesen sei, wohin er gehört.
"Mhhh ... ich glaube, dass es meiner Mutter gelungen ist, dass ich das alles ziemlich ruhig erlebe ... eh ... dass es nicht ... so ... es gibt schon Anekdoten, dass es bei mir so mit Nachbarn und so weiter, dass es da negative Reaktionen gegeben hat ... dazu, ma das ist im Grunde, ich erinner' mich nur so halb daran, zum Beispiel ... wenn wir uns halt auf Slowenisch unterhalten haben, dass die Leute komisch schauen ... in Gesellschaft" (S.4). [53]
In diesem Abschnitt verweist er unter Bezugnahme auf Anekdoten (= ist eigentlich etwas Lustiges, die Schilderung einer komischen Begebenheit, und könnte somit als eine Form der Distanzierung interpretiert werden) auf strukturelle Gewalt gegenüber Slowen/innen im Kärntner Alltag. Später spricht er davon, dass diese Stimmung es der slowenischen Sprachgruppe erschwert habe, sich "entspannt zu entwickeln" − also ganz im Gegensatz zum eigenen "ruhigen Erleben" in der vorliegenden Passage. [54]
Diese Erschwernis oder Schwere sei auch sein Bild von Kärnten und spiegele sich für ihn in vielen kleinen Situationen im Alltag wider, wie etwa im Folgenden dargestellt wird:
"Was konkret? ... Ich glaube, das ist jetzt reflektiert ... die slowenischen Wurzeln und die Kärntner Identität und all das ... das ist für viele hier ein Thema, eine bestimmte Form von Diskriminierung in der Gesellschaft, die sich in vielen kleinen zwischenmenschlichen Beziehungen zeigt ... das wird weiter getragen ... und diese Stimmung hier ist nicht gerade so, dass man sich entspannt entwickeln könnte ... das ist mein Eindruck und für mich spiegelt sich das in vielen kleinen Alltäglichkeiten wieder" (S.8). [55]
Die Stimmung in Kärnten sei jedenfalls nicht so, dass "man" sich entspannt entwickeln könne. Seine Mutter aber habe dazu beigetragen, dass er sich zumindest innerfamiliär entspannt entwickelte. Diese Beispiele zeigen zwei gegensätzliche Welten, die sich für den jungen Mann auftun: die Geborgenheit in der slowenischen Familie und die Diskriminierung als Slowene in der Öffentlichkeit. Letzteres wird in viele Beziehungen hineingetragen, es ist aber auch im öffentlichen Diskurs omnipräsent und Thema in Politik, Kultur, Schule, Kirche und Nachbarschaft. Auf die "Alltäglichkeiten" geht er zwar hier nicht näher ein, sie sind aber in anderen Äußerungen zu finden, so etwa in seiner Erinnerung, "dass die Leute komisch schauen", wenn er als Kind in der Öffentlichkeit slowenisch gesprochen habe. [56]
In Marijan's konkretem Lebensumfeld in Wien ist heute Deutsch die erste Sprache. Die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit sieht er im folgenden Abschnitt – im Gegensatz zu obigen Passagen – als "keine große Frage" und verweist auf andere Lebensbereiche, die wichtiger seien:
"Mir ist das wichtiger, als die Nationalität ... und im Grunde ... puhhhh ... alltägliche Sachen, nicht wahr? ... So allgemeine Fragen ... ich muss mich mit meinem Alltag konfrontieren, ich muss schauen, dass ich überlebe, dass ich meine Sachen mache, dass das ... Das ist es in erster Linie, und nicht was es für mich bedeutet Slowene zu sein ... Das habe ich, so glaube ich, in gewisser Weise abgeschlossen ... So ... ich akzeptiere mich als das und Slowene zu sein ist für mich ganz was normales und das hat auch irgendwie ... damit zu tun ... wie es der Mutter gelungen ist, dass sie mir das-das-das ermöglicht hat ... beziehungsweise das Umfeld und sie" (S.9). [57]
Die ethnische Zugehörigkeit wird in dieser Passage wieder als normal erlebt und nimmt einen untergeordneten Stellenwert ein, weil existenzielle Fragen und das alltägliche Überleben des Studenten wichtiger seien. Auch hier wird an die Mutter verwiesen, die es zusammen mit dem Lebensumfeld ermöglicht habe, dass er heute einigermaßen entspannt mit der eigenen ethnischen Zugehörigkeit umgehen könne. Für die Zukunft sind ihm folgende Dinge wichtig:
"Wegen dem Slowenentum, wahrscheinlich werde ich ... eigentlich werde ich, wenn ich Kinder haben werde, dann spreche ich mit ihnen slowenisch ... das ist für mich klar ... und ... ja ... im Grunde ist es wegen dem Slowenentum so ... dadurch, dass das ein Thema ist, überhaupt, dass du dich damit soviel beschäftigst ... oder dich konfrontierst, als junger Mensch, wenn es dir nicht gleichgültig ist ... wenn du es nicht negierst und so ... und was für Pläne habe ich? ... Ja dass ich das Studium abschließen werde ... und so ... dass ich das [Anm: er spricht von seinen Schulden] einmal los werde ... sozusagen" (S.11). [58]
Das Slowenisch-Sein ist für ihn zum einen ein wichtiges Thema, und er möchte das Slowenische auch an die nachfolgende Generation weitergeben, zum anderen gibt es immer wieder Relativierungen ("das habe ich, so glaube ich, in gewisser Weise abgeschlossen"). Auch hier wird das Weitergeben des Slowenischen zuerst relativiert ("wahrscheinlich werde ich ... eigentlich werde ich"), bevor es für ihn klar ist. Er zählt sich zwar nicht zu jenen, denen Ethnizität gleichgültig ist bzw. die sie negieren, dennoch spricht er in der distanzierenden Du-Form. In dieser Sequenz kommt er ganz plötzlich wieder auf existenziellere Probleme zu sprechen: den Studienabschluss und die finanzielle Absicherung. Das Slowene-Sein gefällt ihm zum einen, zum anderen findet er es wieder zu "eng" und familiär:
"Slowenisch (...) zum Teil gefällt es mir und zum Teil denke ich ... schon ein bisschen eng ... kommt es mir auch vor ... und mit dem Geld ... dass es etwas zu familiär ist und damit ... ist es im Grunde eine Illusion, als ob die Welt so klein ist, in Wirklichkeit aber ist die Welt groß ... und hier wird die Welt in der Vorstellung plötzlich ganz klein [Int.: hm] ... eh ... ja ... das" (S.13). [59]
Ist die Welt nicht so klein, wie die Slowen/innen sie sehen? Ist deshalb für ihn die Rückkehr nach Kärnten keine wirkliche Option, denn er bekennt sich zum Nomadentum: Könnte man hier mit BAUMAN (1997) von einem "Flaneur" sprechen, der sich nicht an einen Ort binden will? In Kärnten wird jedenfalls nur ein Wochenendhaus als Möglichkeit angedacht.
"Nach Kärnten kommen ... das ist eine ökonomische Frage, nicht ... wenn es mir ökonomisch, finanziell gelingt, wenn ich beispielsweise viel Geld hätte, dann kann ich mir ein Wochenendhaus gut vorstellen ... das kann ich mir auch überhaupt nicht vorstellen, das Leben so zu leben ... dass du durchgehend wo bist, dass du dich bindest, an einen Ort [Int.: mh] ... ich würde gern mehr ... ein Nomade bleiben" (S.13). [60]
In Marijans Geschichte zeigen sich jedenfalls zwei unterschiedliche Linien, die miteinander konkurrieren: Zum einen fühlt er sich zugehörig, zum anderen wird die Welt für ihn in Kärnten ganz klein. Er möchte das Slowenische den Kindern weitergeben, zugleich aber auch Nomade bleiben, was zumindest für ein gewisses Offenhalten seiner räumlichen Zugehörigkeit spricht. Man könnte es auch so interpretieren: Er hält zwar an seiner Herkunft und der damit verknüpften Tradition fest, zugleich aber will er beweglich bleiben und sich dadurch nicht einengen lassen. Hier haben sozusagen beide Momente einen Platz: die ethnische Herkunft und Identifikation als auch die globalisierte Welt der Postmoderne, mit ihren fließenden Zugehörigkeiten. In dieser Ambivalenz zwischen Nähe und Zugehörigkeit, zwischen Distanz und Offenheit für Anderes, bewegt sich Marijan knapp vor dem Abschluss seines Hochschulstudiums. [61]
Anhand von drei Fallrekonstruktionen konnte gezeigt werden, wie vielfältig bzw. vielschichtig ethnische Zugehörigkeitskontexte von Postadoleszenten erlebt und erzählt werden. Hier haben sowohl Zugehörigkeitsdilemmata als auch Verwurzelung sowie gemischte oder ambivalente Sichtweisen ihren Platz. Ethnische Identifikationen sind nicht mehr unumstritten, sie müssen fallweise anderen Identifikationen wie der Geschlechterzugehörigkeit oder einfach dem "Menschsein" Platz machen. Die vorgestellten jungen Menschen wehren sich zum Teil dezidiert gegen ethnische Zuschreibungen und wollen die Welt nicht "so klein" oder "so eng" sehen. Hier wird ein Hauch der globalisierten Welt spürbar, die Offenheit gegenüber dem sogenannten Anderen/Fremden. Dennoch gibt es nach wie vor die Bindung an das Eigene, auch wenn sie sich zum Teil nur mehr symbolisch (vgl. die "symbolische Ethnizität" bei GANS 1979) ausdrückt: Das Slowene-Sein als Thema, mit dem sich Marijan auch als Student in Wien beschäftigt; oder sein Hinweis auf den "slowenischen Widerstand" als Mythos und große "Erzählung der Nationalkultur" (ANDERSON 1983), auf dem ein Teil seiner slowenischen Identifikation aufgebaut ist. [62]
In der (post-) modernen Gesellschaft müssen sich jüngere Menschen in einer rasch wandelnden Welt behaupten, ohne die innere Kontinuität und den Kontakt zu den Ursprüngen zu verlieren. Die gesellschaftlichen Bedingungen wie die zunehmende Individualisierung und die Auflösung traditionaler Beziehungen, mit denen sich Jugendliche heute konfrontiert sehen, legen Unverbindlichkeit nahe (vgl. dazu GERGEN 1996), und das gilt nicht zuletzt auch für die ethnische Identifikation: Man legt sich nicht mehr auf nur eine Möglichkeit fest. In Einzelfällen geht das hin bis zur nur mehr symbolischen Ethnizität mit emotionaler Bindung an die ethnische Herkunft, die sich in der Teilnahme oder in der Wiederbelebung von alten Gebräuchen27) zeigt, und sprachlicher Anpassung an das Lebensumfeld. [63]
Wie sich ethnische Identifikationen im Leben junger Menschen konkret zeigen, hängt aber vor allem von den Rahmenbedingungen ab, in denen sie sozialisiert worden sind: Wie hat die Familie, das Lebensumfeld, die konkrete Lebenssituation die Postadoleszenten geprägt und beeinflusst? In Martins Familie war die ethnische Zugehörigkeit schon aufgrund von Intermarriage kein so großes Thema. Die schulische Sozialisation in zweisprachigen Bildungseinrichtungen hat ihn später zum Außenseiter gemacht, und heute spricht er in seinem Lebensumfeld kaum mehr slowenisch. Im Gegensatz dazu ist Lidija von klein auf in das slowenische Umfeld eingebettet gewesen und fühlt sich entsprechend verwurzelt in der Herkunftsethnie. In ihrem Lebensumfeld spielt das Slowenische nach wie vor eine wichtige Rolle. [64]
Die vorgestellten Beispiele zeigen auch, dass die jeweilige konkrete Lebenssituation eine wichtige Rolle bei der Selbstpräsentation spielt: Lidija war zum Zeitpunkt der Befragung im Rahmen eines Auslandssemesters in Ljubljana (Slowenien) und präsentierte eine Geschichte der slowenischen Verwurzelung; Marijan lebte mit seiner slowenischsprachigen Freundin in Wien und konnte sich eine Rückkehr nach Kärnten nach Abschluss des Studiums nicht vorstellen − er präsentierte eine von Ambivalenz geprägte Geschichte; Martin schließlich fühlte sich einer Jugendkultur zugehörig, in der Ethnizität keine Rolle spielt und distanzierte sich von ethnischen Zugehörigkeiten, indem er vor allem sein "Menschsein" betonte. [65]
In diesem Zusammenhang wäre es interessant, in einem bis drei Jahren ein neuerliches Interview mit Martin, Lidija28) und Marijan durchzuführen und zu überprüfen, inwieweit die konkrete Lebenssituation die heutige Sichtweise der eigenen Ethnizität mitbestimmt (hat) (vgl. dazu MEY 2004). In jedem Fall bin ich davon überzeugt, dass dies im Hinblick auf die Erforschung von ethnischer Identifikation bei Jugendlichen und Postadoleszenten eine Bereicherung wäre und darüber hinaus vertiefte Erkenntnisse bringen könnte.29) [66]
Die angeführten Beispiele enthalten überdies auch Hinweise, dass unter postmodernen Rahmenbedingungen einer immer schnelleren, globalisierten Welt ethnische Identifikationen bei jungen Menschen brüchig geworden sind. Dennoch manifestiert sich in allen Beispielen auch etwas "Fixes", eine zumindest symbolische Bindung an die ethnische Herkunft und somit ihre bleibende Bedeutung im Leben der befragten jungen Menschen. [67]
1) Aufgrund von "Germanisierungsbestrebungen" im Bereich der Schule und Politik wurden Sloweninnen und Slowenen in der Vergangenheit in sogenannte "deutschfreundliche" Slowen/innen, die sich öffentlich nicht zu ihrer ethnischen Herkunft bekannten, und in "Bekenntnisslowenen" aufgeteilt (vgl. u.a. HAAS & STUHLPFARRER 1977). <zurück>
2) 1910 wurden noch 74.210 Slowen/innen gezählt, 1991 nur mehr 14.850 und 2001 rund 12.600 (vgl. entsprechende Volkszählungen; vgl. auch REITERER 2000). <zurück>
3) REITERER (2000) merkt in diesem Kontext an, dass heute rund 50.000 bis 60.000 Kärntner/innen zumindest partielle Sprachkenntnisse in Slowenisch haben, wenngleich sich bei der Volkszählung 2001 nur mehr rund 12.600 offiziell zur slowenischen Herkunft "bekannten". <zurück>
4) Vgl. dazu auch die Ausführungen von DOMEJ (2008). So waren etwa bei der Volkszählung 2001 rund die Hälfte jener Menschen, die Slowenisch als ihre Umgangssprache angegeben hatten, älter als 65 Jahre. Bei den unter 14-Jährigen gab es, so DOMEJ, nur mehr 1.600 Personen mit Slowenisch als "Muttersprache". <zurück>
5) Während etwa die Arbeitslosigkeit in anderen Bundesländern gleich geblieben oder gesunken ist, ist in Kärnten ein Anstieg zu vermerken, besonders drastisch steigt die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen: Im Februar 2009 waren in Kärnten 3.642 Jugendliche unter 25 ohne Arbeit, ein Plus von 47,1% im Vergleich zum Vorjahr, vgl. dazu Kärntner Tageszeitung v. 22.3.2009, S.4-5. Auch beim Einkommen rangiert Kärnten im untersten Bereich, vgl. dazu Kleine Zeitung v. 16.5.2009, S.27. <zurück>
6) In der vorliegenden Studie wird der Begriff "Sprachgruppe" verwendet. <zurück>
7) Hierbei sind die Begriffe Kohärenz und Kontinuität von zentraler Bedeutung. Kohärenz besagt in diesem Zusammenhang, dass unter "Identität" ein in sich stimmiger Zusammenhang zu verstehen ist. Von Kontinuität wird ausgegangen, wenn es um den zeitlichen, vor allem historischen und biografischen Zusammenhang geht. Die Bildung von Kontinuität ist an das Erzählen von Geschichten gebunden; Kontinuität wird so gesehen in der Retrospektive, im Nachhinein gebildet und ist eine synthetische und integrative Leistung des Erzählers/der Erzählerin (vgl. dazu auch STRAUB 2000). <zurück>
8) Vgl. dazu auch den Begriff "kulturelle Identität" etwa bei HALL (2002), der sich mit der verinnerlichten Kultur in der Postmoderne auseinandersetzt. Unter anderem geht er davon aus, dass sich Identitäten als einheitliche Gebilde auflösen. Die Kultur wird als sozialer Prozess verstanden, in dem ständig neue Bedeutungen konstruiert werden. HALL (1996) spricht in diesem Zusammenhang auch von "Hybridizität"; vgl. auch ANDERSON (1983), der den Begriff "Nation" als mentales Konstrukt sieht, dieses sei soweit real, als man sich mit ihm emotional identifiziere (z.B. Erzählungen der Nationalkultur etc.). <zurück>
9) GOFFMAN (1975) unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen der "sozialen" (auch "kulturellen" oder "kollektiven") und der "personalen" Identität: Die soziale Identität werde dem Individuum in einem sozialen System aufgrund bestimmter Merkmale, Symbole und Mitgliedschaften (z.B. Kleidung, Ehering) zugeschrieben: Individuen zeigen sich als Angehörige eines bestimmten Systems: "wir Slowenischsprachigen" (kollektive Identität). <zurück>
10) Vgl. dazu etwa die Ausführungen bei GIESEN (1999), besonders die Codes kollektiver Identität, und auch die Ergebnisse der Untersuchungen von ethnischen Bindungen und Unterscheidungen (membership and exclusion) von BARTH (1969). <zurück>
11) Vgl. dazu auch HURRELMANN (2007) besonders im Hinblick auf die wachsende Bedeutung der Phase der Postadoleszenz. <zurück>
12) Die vielen fundamentalistischen Bewegungen zeugen davon; auch die Betonung von "Heimat" und "Heimatgefühl" bis hin zu mancherorts wieder aufkeimenden Blut-und-Boden-Ideologien. Die Ausdehnung des Identitätsbegriffs auf die kollektive Ebene, etwa auf ganze Ethnien und Nationen, birgt laut KEUPP (1998, S.30) politische Brisanz (vgl. dazu auch HEITMEYER, MÜLLER & SCHRÖDER 1997). <zurück>
13) Die allgemeinen Strukturen der Lebenswelt spielen dabei ebenso eine Rolle wie die kollektiven Lebensformen und die individuelle Lebensgeschichte. Sie machen den Menschen zu einem einzigartigen Individuum. Identität setzt die Abgrenzung von Anderen voraus, denn Nähe zu etwas beinhaltet automatisch Distanz zu etwas anderem. Sie ist aber zugleich auch eine gelungene Synthese von Individuum und Gemeinschaft. <zurück>
14) AHBE (1998) spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die soziale Welt kein Raum der Chancengleichheit sei, nämlich im Hinblick auf Ressourcen wie ökonomisches Kapital (materielle Ressourcen), Sozialkapital (Gruppenzugehörigkeiten), aber auch Kulturkapital (Bildung u.ä.m.). Dies trifft auch auf Südkärnten zu, wo diese Ressourcen zum Teil unterschiedlich verteilt sind, zum Beispiel die fehlende Präsenz des Slowenischen in der Öffentlichkeit oder noch immer nicht umgesetzte Rechte der slowenischen Sprachgruppe (vgl. VAVTI 2009). <zurück>
15) GERGEN (1996) veranschaulicht dies durch das postmoderne Medium des Musikfernsehens, wo sich eine Person in einem kurzen Videoclip ständig verändert, d.h. es gibt keine Kontinuität des Selbst mehr. Die Jugendlichen sind verstärkt solchen Einflüssen ausgesetzt, und das wirkt auch auf ihre Identität, die nicht mehr stabil ist, sondern im Fluss, vielleicht noch mit einem kleinen fixen Kern von in der Sozialisation vorgegebenen Traditionen, in anderen Teilbereichen aber ständigen Veränderungen unterworfen. <zurück>
16) Immer mehr junge Menschen verstehen sich als "zweisprachig" und nicht mehr nur "slowenisch". Der institutionelle Ausdruck dieser Entwicklung sind zweisprachige Bildungseinrichtungen oder die Betonung der Zweisprachigkeit bei manchen Vereinsveranstaltungen. Bereits in den 1990er Jahren gab es verbreitet die Aufkleber "Zweisprachig ist besser" u.ä.m. In jedem Fall ist die Öffnung zum sogenannten "Anderen" in dieser Zweisprachigkeit beinhaltet. In meinen laufenden Forschungen antworteten slowenischsprachige Kärntner Jugendliche auf die Frage, als was sie sich denn fühlten, oft "Als ein ganz normaler Mann" oder "Ich fühl mich einfach als Mensch!" – Es gab hier keine klare ethnische Selbstzuordnung. <zurück>
17) Vgl. dazu auch BOHNSACK (1991, S.8); zur Methodologie der Grounded Theory vgl. auch GLASER (2001, 2005). Grundsätzlich gibt es bei diesem Zugang folgende wesentliche Arbeitsschritte: Datenerhebung, Bildung von Kategorien und die Zuordnung von Daten, das Kontrastieren von Fällen bzw. ihr permanenter Vergleich, die Fallauswahl und daraus entstehende Ideen und Konzepte, die im Schreiben von Memos ihren Niederschlag finden: Dabei werden alle Ideen, Notizen, Kommentare usw. schriftlich festgehalten. Wichtig ist, dass die Kategorien erst im Verlauf des Kodierprozesses entstehen und je nach Fortgang der Auswertung erweitert und verfeinert werden, bis eine Sättigung eintritt, d.h. keine neuen Codes mehr auffindbar sind. Zu den verschiedenen Arten des Kodierens vgl. auch BERG und MILMEISTER (2008). <zurück>
18) Die Problematik der Retrospektive ist durchaus bekannt; vgl. dazu die angeführte Literatur. <zurück>
19) Der Wortlaut der Einstiegsfrage: "Wir interessieren uns für das Leben und Zusammenleben der Menschen hier in Südkärnten. Wenn Du/Sie dazu einfach aus deinem Leben erzählst/erzählen, über die Kindheit, Familie, Dorf und Schule herauf bis heute." <zurück>
20) Er beinhaltete ergänzende Fragen zum Lebenslauf bzw. zur Biografie, zum dörflichen Umfeld, zur Familie, Schule, Berufsausbildung, zur kulturellen und politischen Partizipation u.ä.m. <zurück>
21) In der Einstiegsfrage wurde das Zusammenleben der Menschen thematisiert, welches im zweisprachigen Gebiet auch Konflikte zwischen den Sprachgruppen beinhaltet. Mir war es wichtig, das "Sprachproblem" nicht vorzugeben. Der Vorteil dieser Herangehensweise war, dass ich sehen konnte, wie Betroffene selbst das Thema einführten. Einige der Interviewten fragten aber dezidiert nach, ob es mir um die Sprachen ginge, worauf ich ungefähr wie folgt antwortete: "Mir geht es darum, was Ihnen/Dir wichtig ist." <zurück>
22) Dies sei an einem Beispiel aus der vorliegenden Studie veranschaulicht: In den ersten narrativen Interviews mit Jugendlichen wurde immer wieder die Bedeutung des lokalen Dorfdialekts (= Identifikation mit dem lokalen Dialekt bzw. Bedauern der fehlenden Kenntnisse) thematisiert. Das führte schließlich dazu, dass ich das Thema/die Kategorie "lokaler Dorfdialekt und seine Bedeutung" bewusst in den Leitfaden aufgenommen und sodann bei der Auswertung u.a. gezielt jene Passagen hinzugezogen habe, in denen diese Kategorie angesprochen wurde, weil das Thema im Rahmen des Gesamtprojekts von Interesse ist – z.B. als Ausdruck des Festhaltens der Jugendlichen an lokalen Bezügen in der globalisierten Welt. <zurück>
23) Einige Beispiele zur Veranschaulichung: "Jo, UNSERE Slowenen [lacht], mich stört immer nur das, dass SIE sich so spalten" oder "WIR sind eh nicht viele und noch DIE müssen sich spalten auf alle Seiten" (vgl. VAVTI 2009, S.134). Und aus der vorliegenden Studie: "Meiner Meinung nach ... zumindest was ICH jetzt sagen kann, dass WIR [hier geht es um die Jugendlichen] uns wünschen [betont], dass es endlich zu einer Lösung kommt, dass SIE [die slowenischen politischen Vertretungen] sich einig sind. Weil dann wird es leichter sein, nicht wahr? ... Es wird trotzdem schwer [betont, lacht] ... aber wenigstens, dass wenigstens DIE Slowenen [betont] sich einig wären. Das wär schon was. [Pause]" (Int.11, S.13) <zurück>
24) Alle biografischen Daten und Namen wurden anonymisiert. Kursive Passagen in den Zitaten wurden in der Narration stark betont. Punkte stehen jeweils für eine Sekunde Pause. Vgl. zu den Fallrekonstruktionen auch NOHL (2008). <zurück>
25) Vgl. dazu NOHL (2008, S.53ff.). <zurück>
26) Dieser Widerstand ist eine "große Geschichte" bzw. ein Mythos = Erzählung der Nationalkultur, auf dem ein Teil der slowenische Identität aufgebaut ist (vgl. ANDERSON 1983). <zurück>
27) In vielen der durchgeführten Interviews wird den lokalen Dialekten eine wichtige Bedeutung zugesprochen. Das geht soweit, dass Jugendliche, die nicht mehr im Dialekt sozialisiert worden sind, dies ausdrücklich bedauern. In diesem Zusammenhang kann – so glaube ich – von einer Bindung an das Lokale in einer globalisierten Welt gesprochen werden. <zurück>
28) Während des Begutachtungsverfahrens des Beitrages führte ich ein weiteres Interview mit Lidija, die vor einem halben Jahr von ihrem Auslandsaufenthalt in Slowenien wieder nach Kärnten zurückgekehrt ist. Das Ergebnis ist zwar noch nicht ausgewertet, die erste Auseinandersetzung mit dem Text zeigt aber einen deutlichen Einfluss der neuen Lebenssituation und Rahmenbedingungen auf ihre Erzählung. <zurück>
29) Dies scheitert derzeit an der unzureichenden Finanzierung des Forschungsprojektes. <zurück>
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Stefanie VAVTI, Dr. phil., Studium der Politologie und Publizistik in Wien und Wissenschaftliche Mitarbeiterin in verschiedenen Forschungsprojekten und -einrichtungen. Arbeitsschwerpunkte und Interessen: ethnische Minderheiten, Migration, Biografieforschung, qualitative Forschungsmethoden, Identifikationen und Identität.
Slovenski znanstveni institut, Celovec
Mikschalle 4
Tel.: 0043-463-319222-14
E-Mail: st.vavti@gmx.net
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Copyright (c) 2010 Stefanie Vavti

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