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Timestamp: 2020-08-15 02:57:44+00:00

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Pauschalreise: Abflugzeit um 8 Std. nach hinten verlegt im Forum für Reiserecht
Pauschalreise: Abflugzeit um 8 Std. nach hinten verlegt
tibeh
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Beitrag von tibeh » 19.03.15, 17:57
über ein bekanntes großes Internet-Reisebüro wurde eine Pauschalreise für 2 Personen gebucht.
Der Abflug war geplant (und postalisch mittels der Reiseunterlagen bestätigt) für den 28.03.2015, 6:30 Uhr
Heute, am 19.03.2015, erreicht mich die Nachricht seitens des Online-Reisebüros, es gebe eine Flugzeitenänderung,
die ich online einsehen und bestätigen könne.
Anstatt 6:30 Uhr soll der Abflug nun um 14:25 Uhr stattfinden, also 8 Std. später!
Telefonisch ist das Reisebüro nicht zu erreichen (nach 1,5 Std. Warteschleife habe ich aufgelegt).
Welche Rechte haben die Reiseteilnehmer, steht ihnen eine Entschädigung zu? Bei achtstündiger "Verspätung" geht wohl ein ganzer Tag verloren, aber auch gebuchte Leistungen (alles inklusive).
Stornieren möchten wir die Reise nicht. Ideal wäre, den ursprünglich zugesagten Flug oder einen anderen Flug zu gleicher oder früherer Abflugzeit zu bekommen, akzeptabel wäre aber auch eine angemessene Entschädigung. Eine Rechtsschutz-Versicherung ist vorhanden. Wäre es empfehlenswert, schon vorab einen Rechtsanwalt einzuschalten?
Details: Flug geplant für 28.3.2015, 6:30 ab TXL (Flug 8920)
Änderungsmitteilung: heute, 19.03.2015
Reise bereits vollständig bezahlt, Unterlagen (Flug-&Hotelvoucher) postalisch mit bestätigter Zeit 6:30 Uhr erhalten
Airline: europäisch (deutsch)
- Wie ist die Rechtslage?
Re: Pauschalreise: Abflugzeit um 8 Std. nach hinten verlegt
Beitrag von winterspaziergang » 19.03.15, 18:13
tibeh hat geschrieben:
Telefonisch ist der Veranstalter nicht zu erreichen (nach 1,5 Std. Warteschleife habe ich aufgelegt).
Das wird unterschiedlich bewertet, wenn man sich einschlägige Urteile anschaut. Der BGH hat zwar entschieden, dass der Veranstalter nicht willkürlich die Zeiten ändern darf, andererseits jedoch festgestellt, dass An- und Abreisetag nicht als Urlaubs- und Erholungstag zu sehen sind.
Ob der ganze Tag als verloren zu gelten hat, hängt wohl auch von der Flugzeit ab, da dürfte eine Ankunft um 16 Uhr anders bewertet werden, als eine um 2 Uhr morgens.
Gehen gebuchte Leistungen verloren, stehen dem Kunden eine Entschädigung zu, Minderung des Reisepreises u.ä.
Stornieren möchten wir die Reise nicht. Ideal wäre, den ursprünglich zugesagten Flug zu bekommen, akzeptabel wäre aber auch eine angemessene Entschädigung.
Eine Entschädigung vergleichbar der, wenn der Flieger vor Ort 8 Stunden später abfliegt und man den Tag am Flughafen sitzt, ist nicht vorgesehen. Eine Minderung des Reisepreises ist vielleicht möglich.
Beitrag von tibeh » 19.03.15, 18:17
Nun, bei Abflug 6:30 Uhr hätte durchaus noch Erholung vor Ort stattgefunden, nicht zuletzt durch das umfangreiche Wellness- und All-Inclusive-Angebot.
Ich werde mich wegen der Reisepreisminderung schlau machen bzw. einen Rechtsanwalt konsultieren und bei Interesse den Ausgang hier veröffentlichen.
Registriert: 21.06.12, 17:23
Beitrag von klausschlesinger » 21.03.15, 19:31
Die Antwort von 'winterspaziergang' zu diesem Thema ist gelinde ausgedrückt so 'nicht ganz richtig'!
Der Pauschalreisende hat zwei Anspruchsgegner mit jeweils anderen Rechtsgrundlagen, und zwar zum einen
-den Reiseveranstalter und zum anderen
-die Airline.
Zwischen beiden kann er frei wählen, kann aber nicht beide gleichzeitig in Anspruch nehmen! Siehe hierzu: http://biztravel.fvw.de/bgh-urteil-zu-f ... 36182/4070
Der Pauschalreisende kann den Reiseveranstalter in Anspruch nehmen und zwar wegen eines Mangels.
Ist die Reise mit einem Mangel behaftet, hat der Reisende nach deutschem (Pauschal-)Reiserecht das Recht auf Preisminderung; vgl. § 651d BGB.
Bis zur vierten Verspätungsstunde stellt eine Flugzeitenverlegung im Reiserecht eine vom Reisenden hinzunehmende Unannehmlichkeit dar, die nicht ausgleichspflichtig ist.
Ab der fünften Verspätungsstunde, so haben zahlreiche Gerichte in der Vergangenheit entschieden hat der Reisende das Recht auf Preisminderung. Gerichte erkannten hier eine Preisminderungsquote von 5 % pro angefangener Verspätungsstunde ab Beginn der fünften Verspätungsstunde an, also im vorliegenden Sachverhalt von 15 %, allerdings bezogen auf den anteiligen Tagesreisepreises! Vgl. hierzu Kemptner Reisemängeltabelle unter Pkt. 2.1.4 http://www.reiserecht-fuehrich.de/PDFs/ ... 7.2013.pdf
Voraussetzung für eine Preisminderung ist allerdings ein Abhilfeverlangen des Reisenden an den Reiseveranstalter; sh. § 651d Abs. 2 BGB.
Mein Resümme: Dies sind nur 'Peanuts'. Sinnvoller ist es, sich an die Airline zu wenden:
Der Flugreisende hat gem. der 'Europ. Fluggastrechteverordnung', der VO (EG) 261/2004 ein Recht auf eine entfernungsabhängige Ausgleichzahlung, gegen die Airline und nicht gegen den Reiseveranstalter.
Die Verordnung gilt für alle Flüge, seien es Linienflüge, Billigflüge oder Charterflüge im Rahmen eines Pauschalreisearrangements.
Weitere Voraussetzung ist, daß der Flug aus einem EU-Mitgliedsland startet, ganz egal, wo die Airline ihren Sitz hat. Das ist hier gem. Sachverhalt gegeben.
('Die europäischen Fluggastrechte gelten für alle Flüge, die innerhalb der EU starten oder von europäischen Fluggesellschaften durchgeführt werden. Beginnt der Flug nicht in der EU, ist es also entscheidend, ob der Flug von einer europäischen Fluggesellschaft durchgeführt wird.' Quelle: http://www.kanzlei-narewski.de/reiserec ... erordnung/)
Der Anspruch auf eine entfernungsabhängige Ausgleichszahung ergibt sich aus Art. 5 der VO (EG) 261/2004 und der EuGH-Rechtsprechung:
'Die VO (EG) Nr. 261/2004 sieht in ihrem Gesetzestext keine Ausgleichsleistungen vor, wenn es sich 'lediglich' um eine 'große' Verspätung handelt. Nach dem reinen Gesetzestext gäbe es Ausgleichsleistungen nur im Falle von Annullierungen oder Nichtbeförderungen.
Aber: Gemäß höchstrichterlichen Urteilen des EuGH, Az.: 402/07 und 432/07, bestätigt durch EuGH, Az.: C-581/10 und C-629/10, steht Fluggästen eine Ausgleichsleistung im Falle einer 'großen' Verspätung von über drei Stunden zu, denn sie befinden sich in einer ähnlich prekären Situation und dürfen daher nicht schlechter behandelt werden als Fluggäste, deren Flüge ganz gestrichen oder annulliert wurden. - Als höchstrichterliche Urteile haben diese EuGH-Entscheidungen Gesetzescharakter, d. h., sie sind gleichwertig wie ein Gesetz, aus welchem man einen Rechtsanspruch ableiten kann.
Bei der 'großen Verspätung' von über drei Stunden kommt es immer auf die Ankunftsverspätung am Endziel an!
Fazit: Auch im Falle einer 'großen' Verspätung von über drei Stunden hat der Fluggast einen Anspruch auf eine Ausgleichsleistung.
-250 € für eine Flugstrecke kürzer gleich 1500 km und einer Verspätung um mehr als zwei Stunden,
-400 € für eine weitere Strecke innerhalb der EU oder kleiner gleich 3500 km und einer Verspätung um mehr als drei Stunden und
-600 € bei Flugstrecken länger als 3500 km und einer Verspätung um mehr als vier Stunden '
Quelle: http://fluggastrecht.blogspot.de/2013/0 ... atung.html
Die Entfernung wird nach der Großkreismethode berechnet, also die direkte Luftlinie. Hier ein Rechner: http://www.luftlinie.org/
Die weitere Voraussetzung für eine Ausgleichszahlung ist, daß die Flugzeitenänderung binnen 14 Tagen vor Abflug erfolgt. Erfolgt sie vorher, entfällt das Recht aus Art. 5 der Verordnung auf eine entfernungsabhängige Ausgleichsleistung.
Der Flug wurde hier im Rahmen einer Pauschalreise durchgeführt. Dazu: Der Anspruch nach der 'EU-Fluggastrechte-Verordnung' ist direkt an das Luftfahrtunternehmen zu richten. Hierzu auch: BGH v. 11.03.2008, Az.: X ZR 49/07, veröffentlicht in RRa 2008, 175, besagt: VO (EG) Nr. 261/2004 gewährt Ansprüche ausschließlich gegen das ausführende Luftfahrtunternehmen, nicht gegen den Reiseveranstalter.
Interessant zum Thema auch ein Thread in einem anderen Forum mit einem etwas anderen Sachverhalt: http://www.finanztip.de/community/thema ... d?pageNo=1
Abschließend: Die entfernungsabhängige Ausgleichsleistung stellt einen pauschalen Schadeneersatz dar, ohne daß der Passagier hier einen konkreten persönlichen Schaden der Airline nachweisen muß. Im vorliegenden Sachverhalt dürfen die versäumten all-inclusive-Leisungen des Pauschalreisearrangements wohl mehr als voll ausgeglichen werden.
Zuletzt geändert von klausschlesinger am 21.03.15, 21:06, insgesamt 1-mal geändert.
Beitrag von klausschlesinger » 21.03.15, 20:24
winterspaziergang hat geschrieben: Eine Entschädigung vergleichbar der, wenn der Flieger vor Ort 8 Stunden später abfliegt und man den Tag am Flughafen sitzt, ist nicht vorgesehen. Eine Minderung des Reisepreises ist vielleicht möglich.
'Karlsruhe (jur). Pauschalreisende, die einige Tage vor Abflug auf einen anderen Flug verwiesen werden, können Anspruch auf eine Fluggastentschädigung wegen „Nichtbeförderung“ haben. Das hat am Dienstag, 17. März. 2015, der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe entschieden (Az.: X ZR 34/14). Voraussetzung ist danach, dass der ursprüngliche Flug bereits bindend zugesagt war und der Veranstalter nun aber die Beförderung mit diesem Flug verweigert.
Im Streitfall hatte eine Familie einen Pauschalurlaub in der Türkei gebucht. Am 28. Oktober 2011 sollte um 9 Uhr der Flieger von Düsseldorf nach Antalya starten. Zwei Wochen vor der Reise teilte der Veranstalter mit, der Flug sei umgebucht worden. Nunmehr gehe es erst um 15.30 Uhr los.
Mit ihrer Klage verlangt die Familie von der Fluggesellschaft eine sogenannte Ausgleichszahlung „wegen Nichtbeförderung“ von 400 Euro je Person. Eine solche Entschädigung wird nach EU-Recht fällig, wenn eine Fluglinie einen Passagier auf einem fest gebuchten Flug nicht mitnehmen kann oder will – etwa bei Überbelegung.
Die Fluggesellschaft wehrt sich mit dem Hinweis, die Reisenden hätten die Umbuchung akzeptiert und seien jedenfalls zum Abflug der ursprünglich gebuchten Maschine nicht rechtzeitig am Flughafen gewesen.
Wie nun der BGH entschied, kann dennoch ein Entschädigungsanspruch entstehen. Die rechtzeitige Anwesenheit zum gebuchten Flug sei entbehrlich, wenn die Umbuchung bereits im Vorfeld deutlich mit der Weigerung verbunden ist, die Reisenden mit der ursprünglichen Maschine zu befördern. Voraussetzung sei zudem, dass die Reisenden bereits einen Flugschein oder eine andere feste Buchungsbestätigung hatten.' Quelle: http://www.lto.de/recht/nachrichten/n/b ... oerderung/
Beitrag von tibeh » 23.03.15, 09:59
Lieber klausschlesinger,
ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihre Informationen!
Die Mühe, die Sie sich bei der Beantwortung meiner Frage(n) gemacht haben, ist wirklich beispiellos.
Die Sache habe ich bereits einem Rechtsanwalt übergeben, der hoffentlich was "draus macht".
Ich wünsche Ihnen eine gute Woche,

References: BGH 
 § 651
 § 651
 Art. 5
 Art. 5
 BGH 
 BGH