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Timestamp: 2020-07-08 00:40:35+00:00

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Sukzessive Massenentlassungen - und das einheitliche Konsultations- und Anzeigeverfahren | Rechtslupe
Sukzessive Massenentlassungen - und das einheitliche Konsultations- und Anzeigeverfahren
Eine ein­zel­ne Ent­las­sungs­wel­le kann Teil einer anzei­ge­pflich­ti­gen Mas­sen­ent­las­sung nach § 17 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 KSchG sein.
Maß­geb­lich für die Zahl der in der Regel Beschäf­tig­ten ist im Still­le­gungs­fall auch bei einem suk­zes­si­ven Vor­ge­hen des Arbeit­ge­bers mit meh­re­ren Ent­las­sungs­wel­len der Zeit­punkt, in dem zuletzt noch eine nor­ma­le Betriebs­tä­tig­keit ent­fal­tet wur­de [1].
Der Arbeit­ge­ber braucht in die­sem Fall nicht für jede Ent­las­sungs­wel­le ein eigen­stän­di­ges Mas­sen­ent­las­sungs­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren, wenn sowohl das mit den Inter­es­sen­aus­gleichs­ver­hand­lun­gen ver­bun­de­ne Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren (§ 17 Abs. 2 KSchG) als auch das Anzei­ge­ver­fah­ren (§ 17 Abs. 1, Abs. 3 KSchG) bezüg­lich aller wegen der beab­sich­tig­ten Betriebs­still­le­gung zu ent­las­sen­den Arbeit­neh­mer zusam­men­ge­fasst vor der ers­ten Ent­las­sungs­wel­le durch­ge­führt wur­de.
Der in § 17 KSchG gere­gel­te beson­de­re Kün­di­gungs­schutz bei Mas­sen­ent­las­sun­gen unter­fällt in zwei getrennt durch­zu­füh­ren­de Ver­fah­ren mit jeweils eige­nen Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zun­gen, näm­lich die in § 17 Abs. 2 KSchG nor­mier­te Pflicht zur Kon­sul­ta­ti­on des Betriebs­rats einer­seits und die in § 17 Abs. 1, Abs. 3 KSchG gere­gel­te Anzei­ge­pflicht gegen­über der Agen­tur für Arbeit ande­rer­seits. Das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren steht selb­stän­dig neben dem Anzei­ge­ver­fah­ren. Bei­de Ver­fah­ren die­nen in unter­schied­li­cher Wei­se der Errei­chung des mit dem Mas­sen­ent­las­sungs­schutz ver­folg­ten Ziels [2]. Dies ent­spricht der mit § 17 KSchG umge­setz­ten Richt­li­nie 98/​59/​EG des Rates vom 20.07.1998 zur Anglei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen (Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie – MERL) [3]. Jedes die­ser bei­den Ver­fah­ren stellt ein eigen­stän­di­ges Wirk­sam­keits­er­for­der­nis für die im Zusam­men­hang mit einer Mas­sen­ent­las­sung erfolg­te Kün­di­gung dar [4].
Sol­len in einem Betrieb nach­ein­an­der meh­re­re Mas­sen­ent­las­sun­gen iSv. § 17 Abs. 1 KSchG durch­ge­führt wer­den, kann uU das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren eben­so wie das Anzei­ge­ver­fah­ren bezo­gen auf alle beab­sich­tig­ten Kün­di­gun­gen zusam­men­ge­fasst wer­den. Die Mas­sen­ent­las­sun­gen bedür­fen nach dem Wort­laut des § 17 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Satz 1 KSchG nicht zwin­gend geson­der­ter Ver­fah­ren nach § 17 Abs. 2 und Abs. 3 KSchG. Im Gegen­teil dient es der voll­stän­di­gen Infor­ma­ti­on des Betriebs­rats und der Agen­tur für Arbeit, wenn im Rah­men eines ein­zi­gen Kon­sul­ta­ti­ons- und Anzei­ge­ver­fah­rens ein voll­stän­di­ger Über­blick über die beab­sich­tig­ten Kün­di­gungs­wel­len gege­ben wird. Dies ent­spricht § 17 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 bzw. Abs. 3 Satz 4 KSchG, wonach die erfor­der­li­chen Anga­ben über den Zeit­raum, in dem die Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len, zu machen sind. Gege­be­nen­falls bedarf es aller­dings nach § 18 Abs. 4 KSchG einer erneu­ten Anzei­ge.
Die Kon­sul­ta­ti­ons­pflicht ist der Sache nach regel­mä­ßig erfüllt, wenn der Arbeit­ge­ber bei einer Betriebs­än­de­rung iSv. § 111 BetrVG, soweit mit ihr ein anzei­ge­pflich­ti­ger Per­so­nal­ab­bau ver­bun­den ist oder sie allein in einem sol­chen besteht, einen Inter­es­sen­aus­gleich abschließt und dann erst kün­digt [5].
Soweit die ihm oblie­gen­den Pflich­ten aus § 17 Abs. 2 Satz 2 KSchG mit denen nach § 111 Satz 1 BetrVG über­ein­stim­men, kann der Arbeit­ge­ber sie gleich­zei­tig erfül­len. Dabei muss der Betriebs­rat aller­dings klar erken­nen kön­nen, dass die statt­fin­den­den Bera­tun­gen (auch) der Erfül­lung der Kon­sul­ta­ti­ons­pflicht des Arbeit­ge­bers aus § 17 Abs. 2 Satz 2 KSchG die­nen sol­len [6].
Bezog sich die Mas­sen­ent­las­sung­an­zei­ge auf alle Beschäf­tig­ten und damit auch auf die erst in der zwei­ten Wel­le gekün­dig­ten Arbeit­neh­mer, bedarf es hin­sichl­tich der zwei­ten Ent­las­sungs­wel­le kei­ner erneu­ten Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nach § 18 Abs. 4 KSchG.
Gemäß § 18 Abs. 4 KSchG bedarf es unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 17 Abs. 1 KSchG einer erneu­ten Anzei­ge, wenn die Ent­las­sun­gen nicht inner­halb von 90 Tagen nach dem Zeit­punkt, zu dem sie nach § 18 Abs. 1 und Abs. 2 KSchG zuläs­sig sind, "durch­ge­führt" wer­den. Damit ist nach all­ge­mei­nem Sprach­ge­brauch ein akti­ves Han­deln, näm­lich das "Umset­zen in die Tat" [7], bspw. die "Ver­wirk­li­chung", die "Aus­füh­rung" oder die "Bewerk­stel­li­gung" [8], gemeint. Die Rege­lung ist des­halb dahin zu ver­ste­hen, dass der Arbeit­ge­ber ver­pflich­tet wird, die Kün­di­gun­gen inner­halb der 90-Tage-Frist zu erklä­ren [9]. Er muss nach Ablauf der sog. Frei­frist eine erneu­te Anzei­ge erstat­ten, wenn er von der Mög­lich­keit der Kün­di­gungs­er­klä­rung bis dahin kei­nen Gebrauch gemacht hat. Auf die­se Wei­se wer­den "Vor­rats­an­zei­gen" ver­hin­dert, die dem Zweck des Geset­zes zuwi­der­lie­fen, die Agen­tur für Arbeit über das tat­säch­li­che Aus­maß der Been­di­gun­gen von Arbeits­ver­hält­nis­sen ins Bild zu set­zen [10].
BAG 24.02.2005 – 2 AZR 207/​04, zu B II 1 b der Grün­de; KR/​Weigand 11. Aufl. § 17 KSchG Rn. 45; ErfK/​Kiel 16. Aufl. § 17 KSchG Rn. 11[↩]
Wah­rig Deut­sches Wör­ter­buch 9. Aufl. Stich­wort "Durch­füh­rung"[↩]
Duden Das Syn­onym­wör­ter­buch 5. Aufl. Stich­wort "Durch­füh­rung"[↩]
vgl. BAG 6.11.2008 – 2 AZR 935/​07, Rn. 29 mwN, BAGE 128, 256[↩]
vgl. BAG 23.02.2010 – 2 AZR 268/​08, Rn. 33, BAGE 133, 240; zustim­mend: Her­gen­rö­der EWiR 2010, 579, 580; Cle­menz Anm. EzA KSchG § 18 Nr. 2; Boem­ke juris­PR-ArbR 35/​2010 Anm. 4; vgl. auch BAG 20.01.2016 – 6 AZR 601/​14, Rn. 33 mwN; 22.04.2010 – 6 AZR 948/​08, Rn. 21, BAGE 134, 176; v. Hoy­nin­gen-Hue­ne in vHH/​L 15. Aufl. § 18 Rn. 25; ErfK/​Kiel 16. Aufl. § 18 KSchG Rn. 7; Lembke/​Oberwinter in Thüsing/​Laux/​Lembke KSchG 3. Aufl. § 18 Rn. 21 f.; AR/​Leschnig 7. Aufl. § 18 KSchG Rn.20; Schaub/​Linck ArbR-HdB 16. Aufl. § 142 Rn. 37; APS/​Moll 4. Aufl. § 18 KSchG Rn. 38; Bader/​Bram/​Suckow Stand April 2016 § 18 KSchG Rn.19; HaKo/​Pfeiffer 5. Aufl. § 18 Rn.20; Beck­OK ArbR/​Volkening Stand 15.03.2016 KSchG § 18 Rn. 17; Stahlhacke/​Vossen 11. Aufl. Rn. 1664; KR/​Weigand 11. Aufl. § 18 KSchG Rn. 40; Wert­hei­mer in Löwisch/​Spinner/​Wertheimer KSchG 10. Aufl. § 18 Rn. 18; aA Kittner/​Däubler/​Zwanziger/​Deinert BAG­chR 9. Aufl. § 18 KSchG Rn. 17[↩]
BetriebsratEntlassungswelleKonsultationsverfahrenMassenentlassung

References: § 17
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 § 111
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 § 142
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