Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BFH&Datum=08.09.1993&Aktenzeichen=I%20R%2030/93
Timestamp: 2020-02-28 18:57:00+00:00

Document:
BFH, 08.09.1993 - I R 30/93 - dejure.org
https://dejure.org/1993,168
BFH, 08.09.1993 - I R 30/93 (https://dejure.org/1993,168)
BFH, Entscheidung vom 08.09.1993 - I R 30/93 (https://dejure.org/1993,168)
BFH, Entscheidung vom 08. September 1993 - I R 30/93 (https://dejure.org/1993,168)
Tipp: Um den Kurzlink (hier: https://dejure.org/1993,168) schnell in die Zwischenablage zu kopieren, können Sie die Tastenkombination Alt + R verwenden - auch ohne diesen Bereich zu öffnen.
AO 1977 § 233 a; BGB § 242
Verzinsung - Nachzahlungszinsen
AO (1977) § 233a; BGB § 242
Abgabenordnung; Zinsfestsetzung bei verzögerter Bearbeitung der Steuererklärung
BFHE 172, 304
NJW 1994, 1023
BB 1994, 130
BStBl II 1994, 8
BStBl II 1994, 81
Im Streitfall hindere der Grundsatz von Treu und Glauben die Geltendmachung des Zinsanspruchs (vgl. Urteil des Bundesfinanzhofs - BFH - vom 8. September 1993 I R 30/93, BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81).
Nach dem BFH-Urteil in BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81 steht der Grundsatz von Treu und Glauben einer Festsetzung von Nachforderungszinsen grundsätzlich auch dann nicht entgegen, wenn der Veranlagungsbeamte die Bearbeitung der Steuererklärung schuldhaft verzögert.
Die von der Entscheidung in BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81 angesprochene Kumulation von unverzinslicher Anlage und Verschulden der Finanzbehörde ist im Streitfall nicht gegeben.
b) Der Anwendbarkeit des § 227 AO 1977 steht nicht entgegen, daß § 233a AO 1977 - anders als § 234 Abs. 2 AO 1977 für Stundungszinsen und § 237 Abs. 4 AO 1977 für Aussetzungszinsen - keine ausdrückliche Ermächtigung enthält, nach der die Finanzbehörde auf die Zinserhebung aus Billigkeitsgründen verzichten kann (…Tipke/Kruse, Abgabenordnung-Finanzgerichtsordnung, 15. Aufl., § 233a AO 1977 Rz. 22;… Höllig in Koch/Scholtz, Abgabenordnung, Kommentar, 4. Aufl., § 233a Rz. 37;… Schwarz, Kommentar zur Abgabenordnung, § 233a Rz. 38;… Krabbe, Die Vollverzinsung im Steuerrecht, 2. Aufl., S. 96; Schreiben des Bundesministers der Finanzen vom 4. Juli 1990 IV A 5 - S-0460a - 16/90, BStBl I 1990, 304, Tz. 10.2; a. A. Specht, Der Betrieb - DB - 1992, 807; offengelassen für Billigkeitsmaßnahmen nach § 163 AO 1977 im Urteil des Bundesfinanzhofs - BFH - vom 8. September 1993 I R 30/93, BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81).
d) Offenbleiben kann, ob der Grundsatz von Treu und Glauben schon der Festsetzung von Nachforderungszinsen entgegensteht, oder ob diese Zinsen wegen sachlicher Unbilligkeit zu erlassen sind, wenn der Steuerpflichtige - entgegen der § 233a AO 1977 zugrundeliegenden Annahme - die für die Nachzahlung benötigten Mittel unverzinslich oder mit einem Zinssatz unter 6 v. H. angelegt hat und ein schuldhaftes Verhalten von Bediensteten der Finanzbehörde (vgl. BFH-Urteil in BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81) oder Organisationsmängel durch unzureichende personelle Ausstattung der Veranlagungsstellen zu einer übermäßig langen Bearbeitungszeit und damit zu Nachforderungszinsen führen.
bb) In Bezug auf die Festsetzung von Zinsen gilt, dass der Grundsatz von Treu und Glauben der Festsetzung von Nachzahlungszinsen (§ 233a AO) trotz schuldhaft verzögerter Bearbeitung einer Steuererklärung durch das FA jedenfalls dann nicht entgegen steht, wenn der Steuerpflichtige tatsächlich einen Zinsvorteil hatte, der nicht geringer war als die vom FA festgesetzten Zinsen (BFH-Urteil vom 8. September 1993 I R 30/93, BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81, unter II.3.).
Damit ist die vom Senat im Urteil vom 8. September 1993 I R 30/93 (BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81) offengelassene Rechtsfrage entschieden.
Entscheidend ist deshalb, ob der Schuldner der Steuernachforderung Zins- oder Liquiditätsvorteile erlangt hat (BTDrucks 11/2157 S. 194 und 8/1410 Tz. 4; BFH-Urteil vom 8. September 1993 I R 30/93, BFHE 172, 304 , BStBl II 1994, 81 ;… Tipke/Kruse, aaO., § 233a AO 1977 Tz. 3) oder doch zumindest erlangen konnte bzw. anderweitige Zinsbelastungen vermeiden konnte.
Die Liquiditätsvorteile sollten durch § 233a AO 1977 aus Gründen der Gleichmäßigkeit der Besteuerung abgeschöpft werden (BFH in BFHE 172, 304 , BStBl II 1994, 81 m.w.N.).
b) § 233a AO will einen Ausgleich für Liquiditätsvorteile herstellen, die dem Grundsatz der Gleichmäßigkeit der Besteuerung widersprechen (z.B. Senatsurteile vom 8. September 1993 I R 30/93, BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81; vom 26. April 2006 I R 122/04, BFHE 212, 426, BStBl II 2006, 737; s. auch Heuermann in HHSp, § 233a AO Rz 17).
Über Billigkeitsmaßnahmen ist nicht im Steuer- oder Zinsfestsetzungsverfahren, sondern in einem gesonderten Verfahren zu entscheiden (BFH-Urteil vom 8. September 1993 I R 30/93, BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81).
Der Grundsatz von Treu und Glauben steht einer Festsetzung von Nachforderungszinsen in der Regel auch dann nicht entgegen, wenn dem FA bei der Bearbeitung der Steuererklärung Fehler unterlaufen sind (vgl. BFH-Urteil in BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81;… Ruban in Hübschmann/Hepp/Spitaler, Abgabenordnung-Finanzgerichtsordnung, § 233a AO 1977 Rz. 81, m.w.N.).
* die Rechtfertigung für die Entstehung einer solchen steuerlichen Nebenleistung nicht nur im abstrakten Zinsvorteil des Steuerschuldners, sondern auch in einem ebensolchen Nachteil des Steuergläubigers zu sehen ist (…BFH-Entscheidungen vom 19. März 1997 I R 7/96, BFHE 182, 293, BStBl II 1997, 446, und in BFH/NV 2001, 1003; unklar insoweit noch das BFH-Urteil vom 8. September 1993 I R 30/93, BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81);.
Der I. Senat des BFH hat in BFHE 182, 293, BStBl II 1997, 446 entschieden, dass es sachlich nicht unbillig ist, Zinsen gemäß § 233a AO 1977 zu erheben, wenn die verspätete Festsetzung der Steuer auf einer durch das FA verzögerten Veranlagung --dort ca. 20 Monate nach Erklärungsabgabe-- beruht (vgl. im Grundsatz ebenso BFH-Urteil vom 8. September 1993 I R 30/93, BFHE 172, 304, BStBl II 1994, 81).
Gemäß § 239 Abs. 1 und § 1 Absatz 3 AO sind auf Zinsen die für Steuern geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden (offen gelassen BFH-Urteil vom 08.09.1993 - I R 30/93 wegen § 234 Abs. 2 AO , der für Billigkeitsmaßnahmen eine ausdrückliche Sonderregelung enthält, die in § 233a AO 1977 fehlt).
Die Verzinsung von an Steuerpflichtige zurücküberwiesenen Vorauszahlungen widerspricht jedenfalls dann dem Gesetzeszweck des § 233a AO 1977, wenn die Rückzahlung ausschließlich auf einem Fehler des FA beruht, der Steuerpflichtige das FA unverzüglich auf diesen Fehler aufmerksam macht und den Betrag zur sofortigen Rückzahlung auf einem Konto bereithält, über das er täglich verfügen kann und dessen Verzinsung niedriger ist als der Zins des § 238 AO (vgl. BFH. Urteil vom 25.11.1997 - IX R 28/96, BStBl II 1998, 550 und vom 08.09.1993 - I R 30/93, BFHE 172, 304 ).
Hierin unterscheidet sich der Streitfall vom BFH-Urteil vom 08.09.1993 ( I R 30/93, BFHE 172, 304 ).
FG München, 01.02.1995 - 1 K 2252/93
Erhebung von Nachzahlungszinsen bei zu einer Steuernachforderung führenden …
FG Hamburg, 28.02.2006 - VI 401/03
Abgabenordnung: Verzinsung gem. § 233a AO und zinsfreie Stundung nach UmwStG § 21 …
FG München, 24.04.1996 - 1 K 2026/92
Verzinsbarkeit von Steuernachforderungen; Einfluss der durch das Finanzamt …
FG Hessen, 09.02.1995 - 4 V 2648/94
Sinn und Zweck der Regelung des § 233a Abs. 3 AO (Abgabenordnung); Erfordernis …

References: § 233
 § 242
 § 233
 § 242
 § 227
 § 233
 § 234
 § 237
 § 233
 § 233
 § 233
 § 163
 § 233
 § 233
 § 233
 § 233
 § 233
 § 233
 § 233
 § 239
 § 1
 § 234
 § 233
 § 233
 § 238
 § 233
 § 21
 § 233