Source: https://auras-uraz.hpage.com/erinnerungen/widerstand-in-auras.html
Timestamp: 2019-11-15 10:13:10+00:00

Document:
Widerstand in Auras
Walter Schmidt veröffentlich hier seinen Beitrag über den Widerstand in Auras.
Der folgende Beitrag erschien in: Cornelia Domaschke / Daniela Fuchs-Fortscher / Günther Wehner (Hrsg.): Wiederstand und Heimatverlust. Deutsche Antifaschisten in Schlesien (Rosa-Luxenburg-Stiftung Texte 73), Karl Dietz Verlag Berlin 2012. S. 165-203. Der Text wurde für die auras-uraz Homepage durchgesehen und an einigen Stellen etwas erweitert.
Die Fußnoten im Text sind am Ende zu finden.
Widerstand in Auras/Oder, Kreis Wohlau 1933 bis 1945
Eine Geschichte des kleinen Städtchens an der Oder, zumal der neuesten Zeit, existiert noch nicht. Sie zu schreiben dürfte angesichts der äußerst schmalen Quellenlage auch sehr schwer sein. Allzu viel ist durch die Kriegseinwirkungen unwiederbringlich verloren gegangen. Was hier versucht wird, muss bescheiden bleiben. Die folgende Darstellung will den Widerstand von einzelnen Bewohnern der Kleinstadt gegen die Naziherrschaft nachzeichnen. Sie stützt sich auf das wenige überlieferte Material, das einige Quellen und mehr sporadische Publikationen bieten, weiter auf zumeist eigene biografische Untersuchungen über drei Einwohner von Auras, die der Naziherrschaft widerstanden haben, schließlich auf Erinnerungen, eigene und solche von Bekannten und Freunden, die heute das achte Lebensjahrzehnt erreicht oder gar schon überschritten haben, also in der zu behandelnden Zeit dem Kindesalter noch nicht entwachsen waren. Folglich sind es meist nur mehr bruchstückhafte, episodische Erinnerungen aus Erzählungen der Eltern, die im Gedächtnis der Kinder haften blieben und so auf uns gekommen sind.
Das Oderstädtchen in der Weimarer Republik
Auras, etwa 20 km nördlich von der schlesischen Hauptstadt Breslau am rechten Oderufer, am Anfang des großen Oderknies nach Westen gelegen, war die nach ihrer Bevölkerungszahl kleinste der insgesamt sechs Städte (Wohlau, Steinau, Winzig, Dyhernfurth, Köben, Auras), die zum 1932 unter Einschluss des Kreises Steinau gebildeten Groß-Kreis Wohlau gehörten.1 Das Landstädtchen zählte 1933 1719 und 1939 1639 Einwohner, von denen etwa drei Fünftel evangelisch, zwei Fünftel katholisch waren. Auras hatte ein 1847 umgebautes Rathaus,2 das die letzten Kriegseinwirkungen unbeschadet überlebte, eine katholische und eine evangelische Kirche sowie eine katholische und eine evangelische Schule, die 1940/41 zu einer einheitlichen nicht konfessionellen Schule zusammengelegt wurden.
Erstmalig erwähnt wurde der Ort 1203, wie das nach dem ältesten Wappen von 1433 (mit der Unterschrift Sigillum civitatis auriensis) nach gestaltete modernere Wappen des Bürgermeisters auswies. Es zeigte einen nach links gerichteten kampflustigen silberner Stier auf grünem festem Erdreich stehend. Seit 1312 besaß Auras nachweislich Stadtrecht. Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war sein Wahrzeichen ein als Wasserburg in eigenartiger Dreiecksform angelegtes Schloss, das aber bis ins 19. Jahrhundert mit dem dazu gehörigen Gutsbesitz und etwa 700 Bewohnern als so genanntes Burglehen nicht zur Stadt gehörte. Aura-Burglehen wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts und endgültig in der Weimarer Republik in die Stadt eingemeindet.3 Über die Jahrhunderte wechselten die zahlreichen adligen Besitzer des Schlosses4 und des dazu gehörigen Dominiums, das offiziell Auras-Fischergasse hieß. Der letzte Eigentümer war der „Herr von Auras“ Hans Georg Maria Karl Joachim Hentschel von Gilgenheimb (1885-1945), der, katholischen Glaubens, in der Auraser Kirche des Sankt Michael für seine Familie eine „Stammbank“ direkt vor der Kanzel besaß.5 Das Schloss, das nach Kriegsende und bis in den Herbst 1946 noch vollkommen intakt war (wir haben im Sommer 1946 als Jugendliche darin noch Versteckspiele gemacht und den intakten Fahrstuhl zwischen Küche und Speisesaal benutzt), wurde erst in den folgenden Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben und ist heute völlig zerstört.
Das Städtchen hatte es wegen der geringen Einwohnerzahl nach der preußischen Städtereform von 1808 schwer, sich als selbständiges Gemeinwesen zu behaupten. Auras galt bis ins 19. Jahrhundert nur als so genannte Mediatstadt,6 hatte demzufolge keine eigene Gerichtsbarkeit, sondern unterstand der jeweiligen adligen Herrschaft derer vom Burglehne und zählte mithin zum platten Land. In den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts sollte Auras sein Stadtrecht sogar ganz verlieren und eine Landgemeindeverfassung erhalten.7 Den Hintergrund dafür bildeten enorme Schwierigkeiten der armen und stark verschuldeten Stadt, das Amt eines besoldeten Bürgermeisters zu besetzen. Einen eigenen ordentlich bezahlten Bürgermeister konnte sich die Stadt nicht leisten. Darüber gab es in den 1920er Jahren Auseinandersetzungen zwischen dem Magistrat und den Stadtverordneten. Um dem zu begegnen schlug der Breslauer Regierungspräsident 1932 vor, Auras in eine Landgemeinde zu verwandeln. Dies lehnten die städtischen Körperschaften, vor allem die Stadtverordnetenversammlung, strikt ab. Eine Lösung bot sich dann aber dank einer Verordnung vom 1. September 1932 an, nach der Städten unter 3000 Einwohnern erlaubt wurde, ehrenamtliche unbesoldete Bürgermeisterstellen einzurichten. Das Amt führte seit August 1931 kommissarisch der als Rendant für die Sparkasse zuständige Hauptmann a.D. Ernst Schwabe auf der Grundlage eines Privatdienstvertrages für 1800 RM im Jahr, wovon die rentable Sparkasse der Stadt noch die Hälfte trug. Schwabe war bis zur Räumung von Auras Ende Januar 1945 als Beigeordneter „mit der Wahrnehmung der Geschäfte der Bürgermeisters beauftragt“. Erst viel später, als aus dem deutschen Auras das polnische Uraz geworden war, hat der Ort das Stadtrecht tatsächlich aufgeben müssen.8
Das große Plus von Auras war seine Lage an der Oder. Fluss-Schifffahrt, Schiffseigner wie Schiffer, eine Schiffsbauwerft mit ihren Schiffsbauern sowie Arbeiter zur Flussregulierung, so genannten Strombauarbeiter, bildeten seit dem 19. Jahrhundert einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung von Auras. Nach den Angaben im Einwohnerverzeichnis von 19409 lebten in der Stadt 29 Schiffseigner, 40 Schiffer, 12 Schiffsbauer, die auf der Schiffswerft von Max Wedemann beschäftigt waren, und 40 Strombauarbeiter. Ferner wurden ca. 60 Arbeiter gezählt, darunter zahlreiche Maurer und Landarbeiterinnen und Landarbeiter. Der Anteil an eigentumslosen Arbeitern, die sich im Schiffbau, vor allem aber als Schiffer bei den Schiffseignern, bei der Stromregulierung und auf dem herrschaftlichen Dominium oder bei Bauern verdingten, war mit über 150 relativ hoch und übertraf die Zahl der 17 Handwerksmeister, darunter fünf Tischlermeister, der Gewerbetreibenden oder Händler, darunter fünf Gastwirte.10
Stark litt die Stadt darunter, dass sie im 19. Jahrhundert von den modernen Verkehrswegen geradezu abgeschnitten wurde. Die großen Eisenbahnlinien von Breslau nach Posen in nordöstlicher wie nach Berlin im nordwestlicher Richtung liefen in großem Abstand weit an der Stadt vorbei. Der Bahnhof an der Eisenbahnlinie Breslau – Rawitsch - Posen, von dem aus man am schnellsten in die Hauptstadt Breslau gelangen konnte, hieß zwar Auras-Hennigsdorf, war aber nur eine bescheidene und sicher freundlich gemeinte, aber recht formale Konzession an das Oderstädtchen. Denn er lag fünf Kilometer von Auras entfernt und war nur durch eine private Busverbindung mit der Stadt verbunden. Die meisten Auraser, die in Breslau arbeiteten oder zur Schule gingen, nutzten allerdings das Fahrrad.
Die Industrialisierung des Städtchens beschränkte sich auf eine Kartoffelflockenfabrik, die eng an die Landwirtschaft gebunden war und nur wenige Arbeitsstellen brachte. Wirtschaftlich vorherrschend blieben neben der Oderschifffahrt und dem Schiffbau sowie einem Sägewerk, das die Forstwirtschaft bediente, und einer (ursprünglichen Wasser-) Mühle bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts das kleine Handwerk und Gewerbe sowie die Landwirtschaft. Letztere gab Auras nicht nur an den Rändern, vor allem in den zu Auras gehörenden Vorwerken Raake und Weite Walke, das Gepräge eines Ackerbürgerstädtchens. Das Einwohnerverzeichnis11 zählte immerhin etwa 51 Landwirtschaftsbetriebe. Zugleich war nördlich der Stadt seit 1931 eine Siedlung entstanden.
In der Weimarer Republik gehörte Auras zu den ärmsten Städten des Kreises.;12 Die Stadt litt wiederholt unter dem Oderhochwasser, das die Landwirtschaft besonders traf und dort zweimal rund 90% der Ernte vernichtete. 77 Landwirte reichten deshalb im Februar 1927 eine Petition um Unterstützung ans preußische Landwirtschaftsministerium ein.13 Der Magistrat beantragte im gleichen Jahr, das sonst den „goldenen Zeiten“ der Republik zugerechnet wird, einen finanziellen Zuschuss von 10 000 RM zur Entlastung der Gewerbetreibenden und begründete dies mit den schlechten Arbeitsverhältnissen, der hohen Erwerbslosenziffer als Folge des Niedergangs des Schifffahrtsgewerbes und der gewachsenen Fürsorge für arbeitslose Landarbeiter.14 Die Zahl der Gewerbebetriebe hätte sich um 20% verringert. Es herrschten Wohnungsnot und –elend und es gäbe keinerlei Entwicklungsmöglichkeiten, da Arbeitskräfte werbende Betriebe fehlten. Der Apotheker Max Bartsch beklagte die außerordentliche Notlage eines Kleinstadtapothekers und erbat wegen drohender Pfändungen Steuer- und vor allem Nachzahlerlass.15 Die Breslauer Regierung sah einen Ausweg vor allem darin, Auras das Stadtrecht zu nehmen und es fortan der Landgemeindeverfassung zu unterwerfen, was die Stadtverordnetenversammlung - wie bereits gesagt - trotz der schwierigen Wirtschaftslage jedoch schlankweg ablehnte.16 Noch im Mai 1932 wurde der Stadt von der Regierung allerdings bescheinigt, dass „die politischen Verhältnisse in Auras ... durchaus übersichtlich“ seien und in den städtischen Körperschaften „nennenswerte Gegensätze“ nicht bestünden, was immer dies zu bedeuten hatte.17
Die politischen Verhältnisse vor und nach 1933. Erster Widerstand
Leider schweigen die wenigen zentralen Quellen, über die wir nur verfügen, über die tatsächlichen politischen Verhältnisse, etwa über die politische Zusammensetzung der Stadtverordneten-versammlung in und vor allem am Ende der Weimarer Republik. Nach Erinnerungen hatte die Sozialdemokratie zunächst einen signifikanten Einfluss. Sicher gab es eine Ortsorganisation der SPD, über die leider nichts überliefert ist und auch die Erinnerungen nichts mehr bieten. Ob auch die KPD über eine eigene Organisation in der Stadt verfügte, ist nicht bekannt; aber es wirkten in der Stadt nachweislich mehrere Kommunisten, die in der Erinnerung geblieben sind. Vor allem aber scheint die NSDAP angesichts der Notlage in der Stadt seit den beginnenden dreißiger Jahren zunehmend an Einfluss und wohl bald auch die Wählermehrheit gewonnen zu haben. Es bildete sich offenbar schon vor 1933 eine Ortsgruppe der NSDAP, der bis 1945 zunächst der Tischlermeister Paul Wende, später der Baumeister Otto Raepe und zuletzt, als die meisten Männer zur Wehrmacht eingezogen waren, seit 1941 der Hauptlehrer der Volksschule Erich Geister vorstanden. Die Auraser NSDAP-Ortsgruppe hatte mit dem Sägemühlenbesitzer Max Titze in ihren Reihen einen so genannten Blutordensträger, der sich in der so genannten Kampfzeit in der Weimarer Republik offenbar durch besonderen Einsatz für die Partei und erlittene staatliche Verfolgungen ausgezeichnet hatte.18 Wie stark die NSDAP-Ortsgruppe war lässt sich heute nicht mehr feststellen. Mitglieder der NSDAP waren zumeist Handwerksmeister, Eigentümer von Unternehmen, Verwalter, der Arzt Dr. Richard Goldbach,19 der im Januar 1945 Suizid gemacht haben soll, und der Apotheker Bartsch, aber auch Angestellte, weniger jedoch Arbeiter. Die meisten NSDAP-Mitglieder waren alles andere als aktive oder gar fanatische Nazis, sondern sicher nur mehr oder weniger Mitläufer. Allerdings war der Wählerzulauf zur NSDAP nicht zu übersehen Über die Märzwahlen von 1933 sind für das Landstädtchen leider keine Ergebnisse ausfindig zu machen gewesen. Aber: Während der Stimmenanteil der NSDAP im Reich 43,9% betrug,20 stimmten im Kreis Wohlau allerdings bei einer hohen Wahlbeteiligung von 91,6% von 36.628 Wählern 22.260 für die NSDAP (ca. 61%), also ein weit über dem Reichsdurchschnitt liegender Teil. SPD, Zentrum und DNVP erhielten mit rund 4000 ca. 11% der Stimmen und die KPD erreichte gegenüber dem Reich, wo sie 12.3% gewann, mit 1156 Stimmen lediglich 2%.21 Es ist anzunehmen, dass die Stimmenverhältnisse in Auras nicht wesentlich anders waren. Die NSDAP erreichte hier einen überdurchschnittlich hohen Stimmenanteil.
Nach dem 30. Januar 1933 spricht eine Aktion jedoch auch dafür, dass zumindest kommunistischer Widerstand noch existierte. Die auf dem Schornstein der Flockenfabrik gehisste Naziflagge wurde nachts heruntergerissen, in den Schornstein geworfen und durch die rote Fahne ersetzt, was in der Stadt ziemlich Furore machte.22 Die Namen einzelner Kommunisten gerieten auch in den zwölf Jahren der faschistischen Diktatur nicht in Vergessenheit. Man wusste, dass der Strombauarbeiter Franz August Kitschke früher ebenso der KPD angehört oder ihr nahe gestanden hatte wie der Strombauarbeiter Paul Baschwitz und die Arbeiter Karl Boiok und Erich Röhl, der auch kurzfristig verhaftet worden war.23 Ob später noch weitere antifaschistische Aktionen stattfanden ist unbekannt. Unvergessen blieb in der Stadt aber, dass der Tischlermeister Fritz Kipke (1891-1977) neben anderen Handwerkern und Arbeitern in der Weimarer Republik Mitglied der SPD war. Er gehörte bis 1933 der sozialdemokratischen Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung an, war Beigeordneter in der Stadt und wirkte als Schöffe am Landgericht in Breslau. Er leistete in der Weimarer Republik auch durch Herstellung von Flugblättern politische Arbeit für die SPD.24 Auch der Herrenschneider Stanislaus Strozyk aus der Siedlung war SPD-Mitglied oder hatte dieser Partei zumindest sehr nahe gestanden. Bei Strozyks fanden meine Mutter und ich Zuflucht, als wir wegen der Nähe zur Oder, die Frontlinie wurde, unser Haus in der Breslauer Straße 32 Ende Januar 1945 vorsorglich verließen. Haussuchungen, die in den ersten Jahren der Naziherrschaft gegen Kitschke, stattfanden, verliefen durchweg ergebnislos, weil die antifaschistische Literatur in einer verputzten Nische des Hauses versteckt worden war.25 Auch in unserer Familie, beim Händler Josef Schmidt, der erst im Frühjahr 1933 nach Auras gezogen, dessen nazifeindliche, kommunistische Gesinnung in der Stadt aber nicht unbekannt war, fanden in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre ebenfalls zwei Haussuchungen statt, die ohne Ergebnis verliefen.
Als politisch unzuverlässig galten in der Stadt darüber hinaus außer den beiden Pfarrern der pensionierte Studienrat Alfons Exner, von dem man insgeheim wusste, dass er Feindsender hörte, der Arbeiter Bernhard Tonder und der Händler Bruno Kunze, die beide wohl linksorientiert waren, der Fleischermeister Fritz Gimmel und der Kaufmann Paul Urbanski.26 Es war ein offenes Geheimnis, dass nicht wenige Gläubige katholischer wie evangelischer Konfession, die in einem festen Verhältnis zu ihrer Kirche standen, sich stillschweigend distanziert zum nationalsozialistischen Regime verhielten, so etwa der Bäcker Johann Heinze aus der Breslauer Straße. Auch nach fünf Jahren Nazidiktatur war Widerständiges in Auras nicht ganz erloschen. Die Wahlen nach der Eingliederung Österreichs ins Großdeutsche Reich unter dem Slogan: „Ein Volk, Ein Reich, Ein Führer“ erbrachten zum Erstaunen und Unmut der Nazis 25 Gegenstimmen; und man glaubte zu wissen, wessen Opposition gegen das Nazisystem sich darin ausgedrückt hatte.27
Man konnte sich denken und war sich sicher, dass die Pfarrer der beiden Kirchen nicht zu den Freunden und Unterstützern der Nationalsozialisten gehörten. Pastor Johannes Halm, der seit Januar 1928 an der Spitze der evangelischen Kirchgemeinde stand,28 widerstand als einer der ersten in der Stadt der Absicht der Nazi-Tyrannei, die evangelische Kirche mit den so genannten Deutschen Christen ihrer Politik gleichzuschalten. Der im ersten Weltkrieg als Leutnant schwer verwundete Theologiestudent war 1921 in Breslau ordiniert worden und vor seiner Berufung nach Auras Pfarrer in Dittersbach gewesen. Er schloss sich 1933 der Bekennenden Kirche an29. Anfang 1934 verlas er im Gottesdienst von der Kanzel eine Kundgebung des Pfarrernotbundes mit scharfen Anklagen gegen den Reichsbischof wegen dessen Verletzung des Bekenntnisstandes der evangelischen Kirche. Als er deswegen von der nazihörigen Kirchenleitung wegen angeblichen „Missbrauchs des Gottesdienstes“ einem Verfahren unterzogen wurde und einen Verweis erhielt, wehrte er sich energisch.30 Er zwang den Oberkirchenrat, den Verweis gegen ihn aufzuheben. Pastor Halm blieb in den Vorkriegsjahren bei seiner ablehnenden Haltung des Nazisystems. Den Behörden galt er um so mehr als politisch unzuverlässig, als er den „Treueeid auf den Führer“ nicht leistete.31 1935 wurde er wegen seiner Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche und einer erneuten Kanzelabkündigung, die sich christenfeindlichen Angriffen widersetzte, zusammen mit zahlreichen schlesischen Pastoren erstmals kurzfristig in Breslau in Haft genommen.32
Mit Beginn des zweiten Weltkriegs wurde der kirchenpolitische Widerstand in Auras erneut evident. Pastor Halm wurde am 8. September 1939 auf Anordnung des Landrats wegen seiner politischen Unzuverlässigkeit als Vorsichtsmaßnahme in Schutzhaft genommen und in der Kreisstadt Wohlau inhaftiert.33 Nur aufgrund seiner schweren Kriegsverletzung musste ihn der den Haftbefehl erlassende Landrat Johannes Slawik (der sich 1941 germanisch zu Wieck umbenennen ließ) nach Intervention eines Arztes und Einlieferung ins Krankenhaus vier Tage später wieder freilassen.
Zweieinhalb Jahre später – 1942 – ging die Gestapo erneut gegen ihn vor. Pastor Halm hatte energisch gegen Störungen des Konfirmandenunterrichts durch einen neu eingerichteten Kindergarten protestiert. Nach einer Denunziation von der Gestapo wurde daraufhin gegen ihn ein Strafgeld von 1000 RM verhängt. Dagegen wandte sich sofort eine Intervention des Gemeindekirchenrats, die es sich nicht erklären konnte, wie ein politisch Unzuverlässiger 1939 als Wehrmachtsoffizier gefragt war, und sich darauf berief, dass Deutschland doch ein Rechtsstaat sei, in dem die Anzeige eines Gegners der christlichen Kirche oder Parteigenossen ohne die Gelegenheit einer Aussprache nicht zu solcher Maßnahme führen dürfe.34 Aber weder diese noch eine Eingabe des Konsistoriums Breslau führten zu einer Aufhebung der Strafe. Die Gestapo-Leitstelle Breslau ließ Pastor Halm Ende März 1942 wissen, dass er erst am 31.5.1945 über das eingezahlte Geld verfügen könne, wenn er sich bis dahin „politisch einwandfrei geführt“ hätte.35
Die Sicherheitsbehörden waren um so mehr von der „gegen Partei und Staat eingestellte Haltung“ des Pastors überzeugt, als er Ende 1941 mit dem Gemeinderat einen in Auras und Umgebung bekannt gewordenen Fall von Euthanasie behandelt hatte.36 In Auras war die Urne eines Geisteskranken aus einer Heilanstalt eingetroffen. Dies hatte in der Bevölkerung von Auras und Umgebung große Empörung ausgelöst. Es wurde geäußert: „Wie sieht es bei uns aus, in den Klöstern und Irrenanstalten. Von dort erhalten die Angehörigen ohne jede weitere Mitteilung die Nachricht, dass der Verstorbene bereits beerdigt oder verbrannt ist und die Urne zur Abholung bereit stehe. Sogar bei Kriegsverletzten ist dies schon geschehen.“ Der Evangelische Gemeinderat fragte auf diesem Hintergrund in seiner Sitzung am 16. November 1941 kritisch an, „warum von Seiten der Kirchenleitung gegen die Euthanasie nichts unternommen worden sei“. Pastor Halm hatte daraufhin erklärt, „dass doch von Seiten der Kirche schon etwas unternommen worden sei und las aus dem Schreiben des Landesbischofs Dr. Wurm aus Stuttgart an den Herrn Reichsminister des Innern einige Stellen vor.“ Und er ergänzte in seinem Bericht ans Konsistorium vorsichtshalber: „Dies scheint irrtümlich als meine eigene Auslassung aufgefasst worden zu sein.“37
Pfarrer Martin Scholl
Auch in der katholischen Kirche regte sich mit Kriegsbeginn insgeheim Widerstand. Er trat in Auras vor allem unter katholischen Theologen zutage, die Ende August 1939 hier als Soldaten in Vorbereitung auf den Überfall auf Polen einquartiert waren. Als katholischer Pfarrer amtierte in Auras Martin Scholl, ein Mann, der nach Herkunft, gesellschaftlicher Erfahrung und Bildung von Anfang an in deutlicher Distanz zum nationalsozialistischen System stand.38 Er stammte aus einem tiefgläubigen Elternhaus Oberschlesiens,39 hatte in Breslau katholische Theologie studiert und war nach seiner Priesterweihe am 17. März 1923 als Kaplan bereits an verschiedenen Orten in Schlesien, darunter auch in Wohlau, tätig gewesen, bis er Ende April 1933 zum Pfarrer der katholischen Gemeinde von Auras und Kottwitz berufen wurde. Bis 1928 hatte er sich als Mitglied der Zentrumspartei, der politischen Vertretung des deutschen Katholizismus, auch direkt politisch engagiert. Wir wissen nicht, welche politischen Auffassungen er nach 1933 vertrat und welche Kompromisse er auf dem Hintergrund der angepassten nazifreundlichen Haltung des deutschen Episkopats unter Adolf Kardinal Bertram nach dem Konkordat zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich vom 20. Juli 1933 eingehen musste. Wohl aber war im Ort unter den Gläubigen und darüber hinaus bekannt, dass er mit den Faschisten nichts zu tun haben wollte. Jederzeit achtete er auf strikte Distanz gegenüber den politischen Bestrebungen der neuen Machthaber, zumal diese den Bewegungsspielraum der Kirche zunehmend einengten. Nicht wenigen galt der Mann, der seine Aufgaben und Pflichten als Priester unbeirrt und mit eiserner Konsequenz erfüllte, und seine Kirche als Zufluchtsort vor den Bedrängungen durch die allgegenwärtige Politik.
Kein Wunder, dass sich bei seiner Verhaftung durch die Gestapo im Mai 1941 in der Stadt das Gerücht verbreitete, auf Pfarrer Scholls Schreibmaschine seien im Herbst 1939 Flugblätter gegen den Krieg verfasst und dann verbreitet worden. Das konnte ihm zwar nicht nachgewiesen werden; doch hatte er die antinazistischen Texte, deretwegen er in Haft genommen wurde, im Frühjahr 1941 von einem Soldaten erhalten, der im Herbst 1939 in Auras einquartiert gewesen und mit dem er wohl in engerem Kontakt geblieben war.40 Es handelte sich bei den zwei Schriften, die Martin Scholl übergeben worden waren, um religiöse Weissagungen eines Theologiestudenten Johannes Cierpke, nach denen der Katholizismus sich erst nach Siegen der Gottlosen – als solche wurden die Nationalsozialisten bezeichnet – vollständig durchsetzen werde. Nach Auffassung des Gerichts enthielten die Schriften „von niedriger Gesinnung zeugende böswillige Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates und von Einrichtungen der NSDAP. Die Nationalsozialisten werden als gottlos, ihre Führung als Luzifer bezeichnet. Ihnen wird Raub, Plünderung und Verwüstung des Weinbergs des Herrn nachgesagt, die nationalsozialistische Weltanschauung wird als Irrlehre bezeichnet, die SS wird den Rot-Milizen in Spanien gleichgestellt.“41 Martin Scholl hatte diese Schriften nicht nur selbst gelesen und natürlich auch nicht angezeigt, was nach Meinung der Nazis korrekt gewesen wäre, sondern sie an seinen Amtsbruder Oskar Bänsch in der Nachbargemeinde Schebitz weitergereicht und dieser hatte sie seiner Schwester Helene Bänsch, der Ursulinerin Tarsatia in Oberweistritz zum Lesen übergeben, die sogar auszugsweise zwei Abschriften davon anfertigte. Beide wurden nach Abbüßung der Strafhaft nicht freigelassen, sondern in die berüchtigte Schutzhaft genommen und überlebten das Ende der Naziherrschaft in einem Konzentrationslager.
Während die Breslauer Kirchenführung trotz Bemühungen der Schwester Martin Scholls nichts zur Verteidigung des Pfarrers unternahm, setzte sich Hans Georg von Gilgenheimb, Mitglied der Auraser katholischen Gemeinde, für die Gewinnung eines Wahlverteidigers ein.42 Martin Scholl wurde am 1. Juni 1942 gemeinsam mit dem Pfarrer von Schebitz und dessen Schwester nach dem Heimtückegesetz von 1934 wegen Billigung und Verbreitung nazifeindlicher Schriften unter Anrechnung der Untersuchungshaft zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er saß nach der Breslauer Untersuchungshaft die Reststrafe teils in Breslau, teils aber wahrscheinlich in einem Arbeitslager in Glatz ab. Nach der Entlassung Mitte August 1942 nahm er seine Tätigkeit als Pfarrer der Auraser Gemeinde wieder auf, wobei ihm fortan die bisher gezahlte staatliche Pfarrerbesoldungsbeihilfe gesperrt wurde.
Elektromeister Josef Schmidt
Wenige Wochen nach der Entlassung Martins Scholls wurde Ende September 1942 ein dritter Nazigegner aus Auras, der Elektromeister Josef Schmidt, von der Gestapo auf seiner Arbeitsstelle, einem Arbeitsdienstlager bei Zobten, verhaftet. Das Folgende ist die Geschichte meines Vaters Josef Paul Schmidt.43 Geboren in einer katholischen Kleinbauernfamilie im schlesischen Dorf Glambach, Kreis Münsterberg, war er in seiner Jugend von kirchlichen Institutionen gehindert worden, sich zum Lehrer (sein Berufswunsch), ausbilden zu lassen. Er trat daraufhin eine Lehre als Elektriker an und brachte es 1921 bis zum Meister, fand aber in den zwanziger Jahren keine Arbeit in seinem Beruf. Er hatte deshalb mit seiner Frau - die Ehe war im Februar 1929 geschlossen worden - 1930 ein mühseliges ambulantes Handelsgeschäft mit landwirtschaftlichen Produkten aufgemacht. Josef Schmidt war aufgrund der Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg spätestens seit der Novemberrevolution ein entschiedener Linker. Nach seinen Schutz-Aussagen vor Gericht gehörte er zwar nur in den ersten Jahren der Weimarer Republik der KPD an, doch war er im Grunde in der ganzen Zeit der Weimarer Republik kommunistischen Idealen treu geblieben und wegen entsprechender, meist illegaler Aktivitäten auch wiederholt verfolgt worden.
Von diesen Positionen aus lehnte er das Nazisystem rigoros ab und betrieb, in Absprache mit Gesinnungsgenossen aus Breslau, immer wieder antifaschistische Agitation, die er seit Kriegsbeginn, insbesondere nach dem Überfall auf die Sowjetunion, intensivierte. Er war, wie es in der späteren Anklageschrift hieß, „ein erbitterter Feind des nationalsozialistischen Deutschland“44 und wollte das Volk zum Widerstand und schließlichen Sturz des Faschismus, zur Selbstbefreiung von der Nazi-Diktatur wachrütteln. Er hatte 1938 wieder in seinem Beruf bei der AEG Breslau als Elektromonteur Arbeit bekommen und installierte in verschiedenen Objekten der Wehrmacht oder des Reichsarbeitsdienstes Elektroanlagen. Dabei suchte er die ihm zur Arbeit zugewiesenen Arbeitsdienstmänner über die Lage und die tatsächlichen Perspektiven des von den Faschisten vom Zaun gebrochenen Krieges aufzuklären. „Ihm tue das junge Blut leid“, so heißt es im Urteil des Volksgerichtshofs vom 15. Oktober 1943, „das aussichtslos dahinfließe; ... der Krieg werde dann zuende sein, wenn ihn das deutsche Volk beenden werde. Aus diesem Zusammenhang ergab sich, dass er damit eine Revolution meinte.“45
Für ihn war der Krieg nach dem Überfall auf die Sowjetunion für Deutschland verloren. Seine in der Anklageschrift wiedergegebenen Argumente sind eindeutig: „Die Politik des Führers bedeute die völlige Katastrophe Europas. Deutschland hätte unbedingt mit der Sowjetunion zusammenhalten sollen, statt diese mit Krieg zu überfallen. Russland habe gar nicht die Absicht gehabt, das deutsche Reich anzugreifen; seine an der Westfront stehenden Truppen hätten nur Friedensstärke gehabt. - Der Krieg werde für das deutsche Volk auf jeden Fall verloren gehen, da Sowjetrussland aus dem Nichts Gewaltiges geschaffen hätte und niemals besiegt werden könne. Die Frage sei nur, ob Roosevelt oder Stalin das Rennen mache.“46 Den Krieg sah er als eine große Tragödie für das russische wie für das deutsche Volk, vor allem für die deutsche Jugend an. Er wollte jungen Männern, die vor der Einberufung zur Wehrmacht standen, die Augen über die tatsächliche Lage öffnen und sie, soweit er konnte, vor dem Schlimmsten bewahren. Und er hatte in zumindest einem Falle auch den Erfolg, dass ein Arbeitsmann – nach den Angaben seiner Mutter - seine „gläubige nationalsozialistische Einstellung“ aufgab und sogar die Absicht äußerste, in Russland überzulaufen.47 Denunziert wurde Josef Schmidt nicht von den Arbeitsdienstmännern, sondern vom Leiter des Zobtener RAD-Lagers, einem Obertruppführer Auschner, der die Arbeitsmänner ausdrücklich anhielt, den Elektromonteur Schmidt auszuhorchen und das Gehörte ihm zu melden. Dieser Obertruppführer erstattete Anzeige bei der Gestapo.
Daraufhin wurde Josef Schmidt am 25. September 1942 von der Gestapo verhaftet und in Untersuchungshaft nach Breslau gebracht. Der 3. Strafsenat des Oberlandesgerichts Breslau verurteilte ihn am 24. Mai 1943 wegen „Heimtücke“ zu drei Jahren Gefängnis und hielt dies für eine hohe Strafe.48 Mein Vater meinte dazu nach der Verhandlung zu meiner Mutter, dass er die drei Jahre – zumal nach der Niederlage der Naziarmee bei Stalingrad – nicht mehr würde absitzen müssen. Doch gerade die Stalingrader Niederlage hatte inzwischen zu einer Verschärfung des Kriegsstrafrechts geführt. Was anfangs als „Heimtücke“ bewertet wurde, galt jetzt als „Wehrkraftzersetzung“. Ernst Lautz, der Oberreichsanwalt am Volksgerichtshof legte gegen das Breslauer Urteil „außerordentlichen Einspruch“ ein und verfasste eine neue Anklageschrift, in der er feststellte: Als Feind des Nationalsozialismus „habe er die Zuversicht der jungen Arbeitsdienstmänner auf einen für das Reich siegreichen Ausgang des Krieges untergraben und zwar im Falle ‚Weber’ auch mit Erfolg.“ Er sei deshalb der Wehrkraftzersetzung schuldig und es sei „härteste Sühne“ geboten“.49 Josef Schmidt wurde aus der Festung Glatz, wo er in einem Sägewerk arbeiten musste, nach Berlin ins Zuchthaus Plötzensee verlegt.
Der Anklage entsprechend verurteilte der Volksgerichtshof in einer von Roland Freisler geleiteten Verhandlung Josef Schmidt am 15. Oktober 1943 zum Tode.50 Drei Wochen darauf wurde er am 8. November 1943 im Zuchthaus Brandenburg-Görden auf dem Schafott umgebracht. Seine Urne, zunächst auf dem Friedhof Brandenburg beigesetzt, fand die letzte Ruhestätte im Ehrenhain des Friedhofs Brandenburg unter dem „Ehrenmal für die im faschistischen Zuchthaus Brandenburg-Görden ermordeten Antifaschisten“.51 Auf einer der Grabplatten ist verzeichnet: „Josef Schmidt – 8.11.1943“.
Zwar wurde, wie wir erfuhren, das Urteil zur Abschreckung in dem Kreisteil Wohlau der „Breslauer Neuesten Nachrichten“ veröffentlicht52 und auch in NSDAP-Versammlungen behandelt. Doch ließen die Bewohner der Stadt die Familie keinerlei Aversionen, sondern eher Mitgefühl spüren.53 Der kommissarische Bürgermeister Ernst Schwabe erließ meiner Mutter, der Witwe Klara Schmidt, fortan die Steuer und setzte für den Sohn eine Halbwaisenrente durch.54
Das Schicksal der beiden Geistlichen
Pfarrer Martin Scholl erlitt ein besonders tragisches Schicksal. Er blieb seiner antifaschistischen Haltung bis zuletzt treu und lehnte ab, mit der Naziherrschaft westwärts zu flüchten, bevor die Rote Armee Ende Januar 1945 das rechte Oderufer aufrollte und Auras besetzte. Scholl wollte die zurückgebliebenen meist Alten und Gebrechlichen seiner Gemeinde nicht allein lassen. Daher entgegnete er auf die Bitte einer Familie, die sich aus dem zur Frontlinie werdenden Auras in ein weiter zurückliegendes Dörfchen zurückzog, doch mitzukommen: Die Russen sind auch Menschen. Es ließ sich nicht bis zuletzt aufklären, was in den Tagen des Einmarschs der Roten Armee, als noch Kämpfe mit der Waffen-SS stattfanden, in der Stadt geschah. Wir wissen, dass die Waffen-SS noch die beiden Kirchtürme anbrannte und ihre nachweisliche Drohung auch wahrmachte, Zurückbleibende eventuell zu erschießen. Ebenso wenig ist auszuschließen, dass die meisten im Stadtzentrum verbliebenen Bewohner von durch den Krieg verrohten und angesichts der Verbrechen der Faschisten in ihrer Heimat gegen alle Deutschen hasserfüllten Rotarmisten umgebracht wurden. Es spricht vieles dafür, dass Pfarrer Scholl der Kriegsfurie und dem Hass der erobernden Soldaten zum Opfer fiel. Sein Leichnam war zuerst in einem Massengrab unweit der Stelle, an der er getötet wurde, bestattet worden.
Am Silvestertag 1945 wurde er von Auraser Männern und Jugendlichen in einem provisorisch gezimmerten Sarg auf den städtischen Friedhof umgebettet und von einem polnischen Franziskaner eingesegnet. Seit langem weist ein schlichter Grabstein auf sein Grab hin. Ungelenk, weil wohl von einem Laien, ist in Latein die Erinnerung an den Auraser Priester in den Stein gemeißelt: „Martin Scholl. Parochus in ecclesia Auras. *29.12.98 + 27.1.45. sac. 13.3.23. Rip.“ Die Grabpflege liegt heute in den Händen von Schulkindern der Szkola Podstawowa im. „Unii Europejskiej“ von Uraz.
Pastor Johannes Halm begab sich mit seiner Familie im Januar 1945 auf die Flucht und erlebte die fürchterlichen Luftangriffe vom 13. und 14. Februar 1945 in Dresden. Er kehrte im Juli noch einmal nach Schlesien zurück, arbeitete in Breslau im Konsistorium und betreute als Seelsorger bis September 1945 Auras, Riemberg und Klein Bresa. Aus Schlesien ausgewiesen, nahm er kurzzeitig mehrere Pfarrstellen in Thüringen und Sachsen-Anhalt wahr und wirkte von Oktober 1948 bis zu seinem Tode als Pfarrer in Klein-Rodensleben im Kreis Wanzleben. Im Einstellungsschreiben der Superintendentur des Kirchenkreises Wanzleben55 heißt es, dass seine seelsorgerliche Arbeit bereits Früchte trägt. Vor allem gelinge es ihm, Einheimische und Flüchtlinge zusammenzubringen und „den schmerzlichen Riß, der in dieser Hinsicht durch unsere Gemeinden geht,“ zu heilen. Und man verwies darauf, dass er „als B.K.-Pfarrer in Schlesien mancherlei Kampf und Leiden durchgemacht hat“. Johannes Halm starb mit 60 Jahren am 1. November 1953 an einem Herzschlag und wurde nach einer Trauerfeier in seiner Rodenslebener Kirche in der Familiengruft im Dresdener Johannesfriedhof beigesetzt. Das Kondolenzschreiben des Magdeburger Konsistorialrats würdigt, „mit welcher Aufopferungsfreudigkeit und Hingabe der Dahingeschiedene nach den vielen schweren Prüfungen, die ihm das Leben bisher auferlegt hatte, ... seine neuen pfarramtlichen Aufgaben fern seiner alten Heimat Schlesien erfüllt hat. Nun hat er sich in all seinen Mühen verzehrt. Und wir achten und lieben ihn darum.“56
Auras unterschied sich in der Haltung wie im Verhalten seiner Bewohner gegenüber dem Nationalsozialismus sicher kaum von der Mehrzahl der deutschen Städte gleicher oder ähnlicher Größenordnung. Die Mehrheit hatte sich angepasst und bewegte sich im sogenannten politischen mainstream jener zwölf Jahre, ja unterstützte in großen Teilen das Nazisystem. Da hierüber Quellen für Auras ganz fehlen oder nur vereinzelt vorhanden sind, wissen wir darüber jedoch kaum Genaueres. Es gab in diesen Jahren nur wenige, die sich dem damaligen Zeitgeist entzogen haben, und nur Einzelne, die ihm auf diese oder jene Weise auch aktiv widerstanden. An diese Einzelnen und ihr Lebensschicksal aus einer schlesischen Kleinstadt sollte hier erinnert werden. Wenn wir über die Widersacher und Gegner des Systems heute etwas mehr wissen als über die Mehrheit, dann verdanken wir das nicht zuletzt der Tatsache, dass sie von den Herrschenden verfolgt wurden und dabei schriftliche Zeugnisse entstanden, die uns überliefert sind.
Dokumentation zu Johannes Halm
Beihilfegesuch von Pfarrer Johannes Halm an das Evangelische Konsistorium der Kirchenprovinz Schlesien. Auras, den 13.2.194057
Abschrift zu IV 995 III
Ohne Erlaß
Beihilfegesuch
Auras a. Oder, den 13.2.1940
Das Evangelische Konsistorium bitte ich ergebenst um Beihilfe zur Deckung der unten angeführten Unkosten.
In der Zeit vom 8. –12. September 1939 wurde ich auf Anordnung des Herrn Landrat Slawik - Wohlau in Schutzhaft gehalten. Eine Antwort auf meine schriftliche Anfrage, weshalb ich in Schutzhaft genommen wurde, habe ich lt. Mitteilung des Herrn Regierungspräsidenten in Breslau nicht zu erwarten. Da die Zelle, in der ich in Wohlau untergebracht war, mit Zementfussboden im Erdgeschoss eines Hinterhauses, meinem durch Kriegsdienst geschwächten Gesundheitszustand (Ischias beiderseits, Nervensystem) unbedingt nachteilig sein musste, machte ich sofort den betreffenden Wachtmeister darauf aufmerksam, ebenso in einem schriftlichen Gesuch am 9. September Vormittag den Herrn Landrat. Doch trotzdem wurde ich erst Montag, den 11. September 18 Uhr 40 Minuten durch Medizinalrat Freihuber untersucht und noch am selben Abend 21 Uhr 10 in das Wohlauer Krankenhaus gebracht. Dienstag, den 12. September wurde ich auf Anordnung des Herrn Landrats aus der Schutzhaft entlassen. Infolge dieser Aufregung musste ich das Sanatorium von Dr. Schön in Landeck aufsuchen, um nach Stärkung meiner Nerven meine Pfarramtstätigkeit wieder aufnehmen zu können. Hier hielt ich mich vom 14. September – 7. Oktober auf. Die Kosten betrugen 314,55 RM. Nur unter der Bedingung, dass ich nicht sogleich meinen Dienst wieder aufnahm, entliess mich Dr. Schön. Da ich durch das Verhalten des Herrn Landrats Slawik – Wohlau diesen Nervenzusammenbruch erlitt und darum das Sanatorium aufsuchen musste, bitte ich ergebenst um eine Unterstützung zur Deckung der entstandenen Ausgaben.
gez. Johannes Halm, Pfarrer
An das Evangelische Konsistorium, Breslau d.d. Superintendenten in Winzig.
Geheime Staatspolizeileitstelle Breslau an Pastor Johannes Halm in Auras, Kreis Wohlau; Breslau den 30.03.1942
Breslau, den 30. März 1942.
B. – Nr. 11 B/2 – 3303/41
Gegen Pastor Johannes Halm, geb. 23.7.1893 in Riemberg haben wir ein Sicherungsgeld von 1000 RM festgesetzt. Der Betrag ist bis zum 10. jedes Monats in Monatsraten von 100 RM bei der Kreissparkasse Wohlau, Zweigstelle Auras einzuzahlen. Das Konto wird auf den Namen von Pastor Johannes Halm–Auras errichtet. Es wird bis auf weiteres mit staatspolizeilichen Sperrvermerk versehen. Falls sich Pastor Halm bis zum 31. Mai 1945 politisch einwandfrei geführt hat, wird die Löschung des staatspolizeilichen Sperrvermerks erfolgen, sodaß der Kontoinhaber einschließl. der bis dahin aufgelaufenen Zinsen wieder frei über das Konto verfügen kann. Sollten dagegen in dieser Zeit erneute Verstöße vorkommen, so wird der Gesamtbetrag an die NSV überwiesen.
Dr. Harke
An Pastor
in Auras Kr. Wohlau
Auras, d. 6.4.1942
LS. gez. Halm Pf.
Bericht des Evangelischen Konsistoriums an den Oberkirchenrat in der Sache Pastor Johannes Halm; Breslau, den 18. Juli 1942
Evangelisches Konsistorium Breslau 4, den 18. Juli 1942
der Kirchenprovinz Schlesien Schlossplatz 8
Nr. IV 3211 Postscheckkonto Breslau 16021
Fernruf Sammelnummer 58641
Betr.: Festsetzung eines Sicherungsgeldes gegen Pfarrer Johannes H a l m in Auras,
Kirchenkreis Wohlau.
Erlaß vom 8. Juni 1942 – E.O. III 871/42 II -.
Berichterstatter: Konsistorialrat Dr. Kunisch
Der Herr Inspekteur der Sicherheitspolizei und des S.D. hat uns unter dem 30. Mai 1942 – Aktenzeichen IV-1005/42 – auf unsere Anfrage über den Tatbestand, der zur Festsetzung des Sicherungsgeldes gegen Pfarrer Halm geführt hat, folgendes geantwortet:
„Gegen Pastor H a l m, geb. 23.7.1893 in Riemberg, Krs. Wohlau, wohnhaft in Auras, wurde am 30.3.42 ein Sicherungsgeld in Höhe von 1000 RM verhängt, weil er am 16. und 18.8.41 aus seiner gegen Partei und Staat eingestellten Haltung heraus die NSV-Kindergärtnerin des neu übernommenen Kindergartens in ihrer Arbeit insofern behindert hat, als er seine Konfirmandenschüler während der Pause auf den Hof trieb und die Kindergärtnerin in der unflätigsten Weise aufforderte, mit den Kindern sofort den Hof zu verlassen. Ausserdem hat er sich über ein an der Tür des Kindergartens befestigtes Plakat der NSV ‚Für die Kinder schaffender Frauen wird gesorgt im Kindergarten des NSV’ mit beleidigenden Äußerungen bei der NSV-Kindergärtnerin beschwert. In der darauf folgenden Nacht wurde das Plakat abgerissen und entwendet. Halm behauptet, daß der Wind es abgerissen habe.
Am 16.11.41 hat H. den Ratsherrn T r u n s c h zur Gemeindekirchenratssitzung beordert und hat bei der Beratung über Kündigung des NSV-Kindergartens gemäß Erlass des Führers folgendes geäußert:
‚Wie sieht es denn bei uns aus, in den Klöstern und Irrenanstalten. Von dort erhalten die Angehörigen ohne jede weitere Mitteilung die Nachricht, daß der Verstorbene bereits beerdigt bezw. verbrannt sei und die Urne zur Abholung bereit stehe. Sogar bei Kriegsverletzten ist dies schon geschehen’
Das Verhalten des Pastors Halm hat in der Bevölkerung von Auras und Umgebung bereits eine große Empörung ausgelöst. H. ist Schwerkriegsverletzter aus dem Weltkrieg und musste im Jahre 1939 auf Grund eines ärztlichen Zeugnisses aus der Haft entlassen werden.“
Wir haben hierzu Pfarrer Halm gehört, der folgendes zu Protokoll gegeben hat:
„Es war vereinbart worden, daß während des Konfirmandenunterrichts von Seiten des NSV-Kindergartens eine Störung des Unterrichts nicht erfolgen sollte. Trotzdem wurden an dem fraglichen Tage auf dem Hofe von der Helferin der NSV-Kindergärtnerin Spiele, insbesondere Klatschspiele veranstaltet. Die Kinder im Konfirmandenunterricht wurden hierdurch abgelenkt. Ich ging daraufhin hinaus und sagte zu der Helferin, die meine Konfirmandin und höchstens 16-17 Jahre alt ist, sie möge die Spiele einstellen. Kaum war ich in den Konfirmandenunterrichtsraum zurückgekehrt, als die Spiele im Hof fortgesetzt wurden. Meine Konfirmandenschüler lachten über die Fortsetzung der Spiele und meinen Mißerfolg. Mir riß deshalb, da ich nervös bin, die Geduld. Ich ging deshalb nochmals hinaus, fasste die Helferin beim Genick und wies sie in den Kindergartenraum. Sie ging auch darauf mit den Kindern hinein. Heute stehe ich mit dieser Helferin wieder auf gutem Fuße.
An dem zweiten Tage, der hier in Rede steht, ließ ich die Konfirmandenschüler während der Pause auf den Hof. Wie Schüler in diesem Alter sind, tollten sie herum. Ich ging deshalb auf den Hof und forderte die Kindergärtnerin auf, die Kinder des NSV-Kindergartens, damit sie nicht von den grossen Jungs umgerannt würden, beiseite zu nehmen. Sie nahm sie daraufhin auch beiseite. Es ist möglich, daß die Aufforderung etwas laut – ich bin alter Frontoffizier mit entsprechender Stimme – erfolgt ist.
Zu dem Vorfall mit dem Plakat bemerke ich folgendes: Ich sagte zu der Kindergärtnerin: da wir die Plakate für die ev. Kirchengemeinde auch nicht an die Tür des Gemeindehauses anbrächten, gehöre das Plakat des NSV-Kindergartens auch nicht an die Gemeindehaustür. Sie möge das Plakat in das Fenster des Kindergartens stellen, wie wir es auch tun. Ich bestreite, das Plakat entfernt zu haben. Ich erkläre dies bei meiner Ehre als alter Frontoffizier. Ich kann dazu nur sagen, daß das Plakat am anderen Morgen von der Aufräumefrau des Kindergartens auf der Erde liegend gefunden worden ist. Ich kann mir dies nur so erklären, dass es in der stürmischen Nacht von Wind und Wetter heruntergerissen worden ist.
Hinsichtlich des Vorfalls in der Gemeindekirchenratssitzung vom 16. November 1941 erkläre ich:
Der Ratsherr Trunsch erschien auf Einladung als Patronatsvertreter. In der Sitzung wurde von einem der Mitglieder des Gemeindekirchenrats die Frage aufgeworfen, warum von Seiten der Kirchenleitung gegen die Euthanasie nichts unternommen worden sei. Anlaß hierzu gab ein Fall aus dem Orte Auras, da einige Zeit vorher in Auras die Urne mit den Ascheresten eines Geisteskranken eingetroffen war. Ich erklärte, dass doch von Seiten der Kirche schon etwas unternommen worden sei und las aus dem Schreiben des Landesbischofs Dr. Wurm aus Stuttgart an den Herrn Reichsminister des Innern einige Stellen vor. Dies scheint irrtümlich als meine eigene Auslassung aufgefaßt worden zu sein.“
Zur Vervollständigung des Sachverhalts glauben wir, dies berichten zu sollen und bemerken, dass der NSV-Kindergarten seinerzeit mittels Beschlagnahme der Räume in das Gemeindehaus der Kirchengemeinde Auras hineingelegt worden ist. Eine Entschädigung für die Benutzung der Räume hat die Kirchengemeinde von der NSV bisher nicht erhalten. Im übrigen haben sich die Vorgänge, wie aus der Anhörung des Pfarrers Halm hervorgeht, zwangsläufig ergeben. Dafür, daß Pfarrer Halm aus einer gegen Partei und Staat eingestellten Haltung heraus gehandelt hätte, liegt u. E. kein Anhalt vor.
Geheimes Staatspolizeiamt an den evangelischen Oberkirchenrat;
Berlin, den 18. August 1942
Geheime Staatspolizei Berlin SW 11, den 18. August 1942
Geheimes Staatspolizeiamt Prinz-Albrecht- Str. 8
IV B 2 – 629/42 E Fernsprecher 120040
An den evangelischen Oberkirchenrat
Betrifft: Pfarrer Halm in Auras
Bezug: Schreiben vom 8.6.42 EO. III 871/42 II
Nach Prüfung der Angelegenheit teile ich mit, daß ich keine Veranlassung sehe, die gegen Pfarrer Halm in Auras getroffenen Maßnahmen zu beanstanden.
Zu Martin Scholl
Urteil des Sondergerichts II bei dem Landgericht Breslau gegen Pfarrer Martin Scholl, Pfarrer Oskar Bänsch
und Ordenschwester Helene Bänsch vom 1. Juni 194258
Der Oberstaatsanwalt Breslau, den 23. Juni 1942
als Leiter der Anklagebehörde
bei dem Sondergericht
Durch den Herrn Generalstaatsanwalt in Breslau
an den Herrn Reichsminister der Justiz in ...
Sondervorlage vom 1.5.42 - IIIa 16 95/42
Letzter Bericht vom 10.3.42
Anlagen: Schriftstücke
Gegen das Urteil sind Bedenken nicht zu erheben.
Sichtvermerk Seite – 14 -
42 Sg 15 KMs 32/42/233/42
gegen 1.) den Pfarrer Martin Thomas Scholl aus Auras Kreis Wohlau, geboren am 29.12.1898 in Kattowitz, Reichsdeutscher, ledig, katholisch,
2.) den Pfarrer Oskar Richard Karl Bänsch aus Schebitz Kreis Trebnitz, geboren am 15.12.1883 in Märzdorf Kreis Löwenberg, Reichsdeutscher, ledig, katholisch,
3.) die Ordensschwester Helene Antonie Bänsch, Ordensname Tarsitia, aus Oberweistritz, Haus Ursula, geboren am 5. Februar 1892 in Märzdorf Kreis Löwenberg, Reichsdeutsche, ledig, katholisch,
wegen Vergehens gegen § 2 Absatz 1,2,3 des Heimtückegesetzes vom 20.12.1934 (RGBl. I S. 1269)
Das Sondergericht II bei dem Landgericht in Breslau hat in der Sitzung vom 1. Juni 1942 in Breslau, an der teilgenommen haben:
Landgerichtsdirektor Dr. Teuchert, als Vorsitzender,
Landgerichtsrat Jost,
Landgerichtsrat Oesterreich
Staatsanwalt Dr. Jaeger
als Vertreter des Leiters der Anklagebehörde bei dem Sondergericht,
Justizobersekretär Wallusch
Die Angeklagten werden wegen Vergehens gegen § 2 des Heimtückegesetzes wie folgt verurteilt:
Oskar Bänsch zu zwei Jahren Gefängnis,
Martin Scholl zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis,
Helene Bänsch zu einem Jahr und einem Monat Gefängnis.
Die von den Angeklagten erlittene Polizei- und Untersuchungshaft wird auf die erkannten Strafen voll angerechnet.
Die Kosten des Verfahrens fallen den Angeklagten zur Last.
Der Angeklagte Scholl besuchte in Oppeln zunächst die Volksschule und dann das Gymnasium. Im Jahre 1917 wurde er Soldat und im Jahre 1919 wieder entlassen. Während seiner Militärzeit machte er das Abitur. Dann studierte er in Breslau Theologie und wurde am 17. März 1923 als Priester geweiht. Vom Jahre 1923 bis zum Jahre 1933 war er als Kaplan in Groß-Wartenberg, Wohlau und Breslau tätig. Seit April 1933 amtiert er in Auras als Pfarrer.
Der Angeklagte war bis 1928 in der Zentrumspartei tätig. Anderen politischen Parteien oder Organisationen hat er nicht angehört.
2.) Der Angeklagte Bänsch besuchte vom 6. bis 13. Lebensjahr die Volksschule in Märzdorf und anschließend das Gymnasium in Glogau und Patschkau O/S. Nach dem Bestehen der Reifeprüfung besuchte er die Universität in Breslau und studierte 4 Jahre lang katholische Theologie. Nachdem er in 8 verschiedenen Orten als Kaplan tätig gewesen war, wurde er als Pfarrer in der Gemeinde Schebitz angestellt.59
Der Angeklagte war Mitglied der Zentrums-Partei bis zu deren Auflösung.
3.) Die Angeklagte Helene Bänsch besuchte vom 6. bis 14. Lebensjahr die Volksschule in ihrem Heimatort. Mit 16 Jahren besuchte sie eine Haushaltungsschule. Vom 14. – bis 16. und vom 17. bis zum 21. Lebensjahr war sie bis auf kurze Unterbrechungen im Hause ihrer Eltern. Dann trat sie in den Orden der Ursulinen in Schweidnitz ein. 1921 legte sie den Profeß ab und wurde 1923 nach St. Ursula in Oberweistritz versetzt, wo sie seither als Klavierlehrerin tätig ist.
Politisch hat sich die Angeklagte nicht betätigt. Sie wählte ihrer Angabe nach die Zentrums-Partei.
Ihrem Geständnis nach haben die drei Angeklagten zwei von dem katholischen Theologiestudenten Johannes Cierpke verfasste Schriften politisch-religiösen Inhalts, die staatsabträgliche Äusserungen enthalten, nach Kenntnisnahme von deren Inhalt weitergegeben bezw. sich an der Vervielfältigung derselben beteiligt. Gegen Cierpke ist durch Urteil der 3. Strafkammer des hiesigen Landgerichts vom 10. April 1942 (33 – 13 K. Ls. 2/42 - 31/42) die Unterbringung in einer Heil- oder Pflegeanstalt angeordnet worden.
Im einzelnen hat die Hauptverhandlung folgendes ergeben:
Cierpke, der nach den gutachterlichen Feststellungen des Nervenarztes Dr. Willibald Sossinka in Breslau an einer paranoiden Geisteskrankheit leidet, hat, angeblich auf Grund verschiedener Träume, die er als „Eingebung Gottes“ auffasste, zwei Schriften gefertigt, die folgende Titel tragen:
„Die entscheidende Stunde ist nun gekommen“
„Wie das Schriftchen ‚Die entscheidende Stunde ist nun gekommen’ entstanden ist.“
Der Inhalt der Schriften ist im wesentlichen religiös, doch enthalten sie auch zahlreiche gehässige und hetzerische Äußerungen gegen die nationalsozialistische Staatsführung. In der Hauptschrift wird ausgeführt, dass Gott Richter der Menschen und Völker sei. Er richte die Völker nach ihrer Haltung der gottgewollten Religion gegenüber. Wenn über ein Volk Unglück komme, dann entweder, weil die Unzucht und Unkeuschheit ein zu großes Ausmaß angenommen habe, oder, weil ein zu großer Teil von der gottgewollten Religion abgefallen sei. Die Bestrafung erfolge oft, indem Gott es zulasse, dass ein glaubensloseres Volk siege.
„Vor der Entscheidung siegen die Gottlosen, deren sich Gott bedient, um die Halbchristen zu schlagen. In der Entscheidung siegen die Guten. Wenn die gottlosen Mächte glauben, alles erreicht zu haben, kommt das Strafgericht über sie.“
Eine Schuld der Völker liege dann vor, wenn sie sich gegen die gottgewollte Religion gewandt hätten, oder wenn sich ein großer Teil nicht mehr um diese gottgewollte Religion kümmere.
Im weiteren versucht dann der Verfasser an Hand geschichtlicher Ausführungen nachzuweisen, dass die gottgewollte Religion die römisch-katholische sei und sagt:
„Jedes Land, jedes Volk, jede Nation, die einst römisch-katholisch war und sich von dieser Religion bis auf wenige Ausnahmen getrennt hat, wird zur Strafe dafür einer antichristlichen Macht, den Heiden preisgegeben. Jede Nation, die in ihrer Geschlossenheit von der römisch-katholischen Kirche abgefallen ist, wird nach Ablauf der Gnadenfrist weggefegt.“
Als Beispiel dafür führt er folgendes an:
1. Norwegen: Es hat seine Selbständigkeit verloren. (König Haaken verjagt)
2. Schweden: Es ist noch nicht gefallen, aber jedem Angriff preisgegeben. Es wird auch
3. Dänemark ist gefallen. ...
4. Ist jedem Angriff ausgesetzt wie Schweden (Finnland).
5. Die baltischen Staaten sind dem russischen Bolschewismus preisgegeben.
6. Wie steht es mit der Schweiz?
7. Holland ist gefallen, die Königsfamilie verjagt. [...] Die Fürstenhäuser sind immer die
Beschützer der protestantischen Kirche gewesen.
8. Norddeutschland – Preußen: Das Haus der Hohenzollern wurde hinweggefegt. Im übrigen ist
Deutschland nur zur Hälfte abgefallen, während sich Deutsche bemühten, diese Saat auszurotten
(Gegenreformation).
Unter der Abschnittsüberschrift: „Wie steht es nun mit Deutschland“ heißt es dann:
Die französische Ordenschwester Nativitas (gestorben 1798) prophezeite:
Ich sah eine große Macht sich gegen die Kirche erheben. Sie raubte, plünderte und verwüstete den Weinberg des Herrn und gab ihn dem Hohen aller Nationen preis. Nachdem sie den Zölibat geschändet und den Mönchsstand unterdrückt hatte, riß sie frech die Güter der Kirche an sich und kleidete sich gleichsam mit der Gewalt unseres heiligen Vaters, des Papstes, dessen Gesetze sie verachtete.
Der Gegenreformation entspricht in der entscheidenden Stunde die Gegenrevolution der Guten gegen die Antichristen zur Rettung der Kirche, des Abendlandes und damit Deutschlands selbst. Dieselbe Seherin sagt:
„Und ich sehe eine 2. große vom heiligen Geist geführte Macht, welche zwar das 2. Mal die bestehende Ordnung umstürzen, aber gerade dadurch die gottgewollte Ordnung wiederherstellen wird.“
Anschließend daran folgen geschichtliche Ausführungen über die Entwicklung des deutschen Reiches, an deren Schluss es heißt:
„Preußen wuchs im Reich empor, es erlangte die Führung in Deutschland. Dem protestantischen Preußen gelang eine Einigung der Deutschen, die aber weder politisch noch religiös vollständig war. Im Weltkriege erlangte das prot. Preußen (Hohenzollern) seine größte Ausdehnung, dann brach es zusammen. [....]. Es folgte eine Periode der Verwirrung.[...]. Dann trat eine andere Macht auf, welche ihrem Wesen nach rein preußischen Charakter zeigt. Dieses Preußen ist antichristlich, gegen das gesamte Christentum. Diesem Preußen gelingt ebenfalls eine Einigung in Deutschland, welche politisch nun vollständig ist. Religiös gelingt sie nicht. [....] Das antichristliche Preußen bekommt eine noch viel größere Macht als das protestantische Hohenzollern. Es verschlägt sämtliche protestantischen Staaten und einige katholische.
Wenn das letzte protestantische Volk, das ist England, gefallen ist, dann ist die entscheidende Stunde da. ..... Die Antichristen werden die religiöse Einigung erzwingen wollen und zwar in ihrem Sinne. Die Folge ist ein Kampf gegen die Kirche auf Leben und Tod. Rottet aus die verruchte Kirche! Gegenreformation – Gegenrevolution der Guten (Süddeutschland). Deutsche werden auftreten, die Antichristen schlagen und Europa, das sich nicht mehr helfen kann, wieder befreien. Dann wird die Bekehrung folgen. Preußen, erst protestantisch, dann antichristlich, wird in der entscheidenden Stunde genau so verschwinden, wie Norwegen, Schweden, Holland England usw.
Die Führung in Deutschland geht wieder auf diejenigen über, die sie vor der Glaubensspaltung hatten: Süddeutschland!
Ein neues christliches Deutschland wird über Schlachtengetöse hinweg von Süden ausgehend das antichristliche Deutschland ablösen. ...
Preußen hört auf zu existieren.
Damit ist politisch die Einigung Deutschlands wiederhergestellt. Religiös gesehen: Die Norddeutschen werden ebenso wie die Schweden, Norweger, Engländer, Holländer, Dänen usw. durch eine Schreckensherrschaft zur Besinnung gebracht, ganz von selbst zur Religion der Befreiung zurückkehren.
Damit ist die für Deutschland so verhängnisvolle Glaubensspaltung überwunden und die Einigung nunmehr vollständig und endgültig.
Die Kirche geht einer blutigen Verfolgung entgegen! Laßt euch durch ihre bedrängte Lage nicht in Verwirrung bringen. Gott ist auch Herr über den Satan. Er hat die Macht, ihm zu gebieten, wenn er will!
Die Ereignisse sprechen nur scheinbar für die Ungläubigen, in Wirklichkeit sprechen sie für uns, wie ich bewiesen habe. Wenn die Antichristen uns heut von allen Seiten ankündigen, dass nach dem Kriege – der übrigens gar nicht mehr aufhören wird, bis dies alles geschehen ist – eine Revolution gegen die Pfaffen kommt, dann können wir nur sagen: Wenn euch das Beispiel Spaniens nicht genügt, dann müsst ihr die Konsequenzen ziehen!
Es ist jedenfalls ein schlimmes Zeichen für den Unglauben, wenn sein Auftreten und sein Sturz bereits vor mehr als 100 Jahren angekündigt worden ist.
Der Angeklagte Scholl erhielt von einem katholischen Geistlichen(,) z. Zt. Schützen (,) Alois Stigler, der im Dorf im Quartier lag, im April 1941 je ein Stück der beiden Schriften. Gegen Stigler hat der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof das Verfahren eingestellt, da ihm nicht mit hinreichender Sicherheit nachgewiesen werden konnte, dass er bei der Weitergabe der Schriften des Cierpke mit dem Vorsatz gehandelt hat, hochverräterische Bestrebungen zu fördern oder herabwürdigende Äußerungen gegen die nationalsozialistische Staatsführung einem weiteren Personenkreis zugänglich zu machen.
Stigler hatte dem Angeklagten Scholl schon vorher von Cierpke erzählt und ihm berichtet, dass es sich um einen Menschen handle, der sehr merkwürdige Träume habe. Als er ihn sodann wieder einmal aufsuchte, brachte er ihm die beiden Schriften zum Lesen mit. Scholl hat die Schriften durchgelesen. Wie er angibt, kamen ihm bei der Lektüre derselben Bedenken darüber, dass der Inhalt der Schriften für den Verfasser gefährlich sei. Als er sodann gelegentlich nach Schebitz zu dem ihm seit Jahren befreundeten Mitangeklagten, dem Pfarrer Bänsch, fuhr, nahm er die Schriften auf die Reise mit und übergab sie diesem zur Lektüre, er erklärte dabei, er halte die Schriften für etwas sehr Sonderbares, gab auch in kurzen Worten eine Inhaltsübersicht über die Schriften. Nach den Angaben des Angeklagten Bänsch verhielt sich Scholl zu dem Inhalt der Schrift aber nicht ablehnend.
Bänsch las die Schriften ebenfalls durch. Sie interessierten ihn so stark, dass er sie teilweise abschrieb, mit der Überschrift versah:
„Das Schicksal der protestantischen Kirche und katholischen Religion, in Deutschland schließlich.“
sowie folgenden Zusatz machte:
„Das sind Gedanken eines Hellsehers, die er auf grund von 9 Gesichten von Februar 1939 bis Januar 1941 entworfen hat (Blut über Ländern, Truppen marschieren, Polen, Tyroler, Russen, Deutsche.)“
Er machte die Schrift auch seiner in Schebitz wohnhaften nicht mit angeklagten Schwester Hedwig zugänglich und gab sie der Oberin des Oswald-Stiftes in Schebitz, Schwester Liberata, zum Lesen, als diese einmal bei ihm war, und besprach sie mit seiner Schwester und der Oberin.
Die Oberin hatte er zur Erörterung der Schriften besonders eingeladen und sie dabei gebeten, allein zu ihm zu kommen, damit „von dem Inhalt der Schriften nichts ins Dorf komme.“ Ferner fuhr er nach Oberweistritz, wo seine Schwester, die Angeklagte Helene Bänsch Ordensschwester im Ursulinen-Orden ist. Er zeigte dieser die Schrift, die davon so beeindruckt war, dass sie auf der dem Orden gehörigen Schreibmaschine zwei auszugsweise Abschriften herstellte. Ein Stück stellte sie ihrem Bruder und eines der Präfektin des Ordens, Anna Hübner (Schwester Mechthild) zur Verfügung. Bänsch machte die Schrift weiter zum Gegenstand der Unterhaltung im Ordenshause in Oberweistritz, an der 4 Schwestern teilnahmen. Die vier anwesenden Schwestern bat er, dritten Personen, insbesondere dem Dorfpfarrer von dem Inhalt der Schriften nichts zu erzählen, damit die Sache nicht ins Dorf komme.
Dieser Sachverhalt ist auf Grund der eigenen Angaben der Angeklagten festgestellt.
Die Angeklagten verteidigen sich dahin, den Inhalt der Schriften nur für religiös angesehen und die politische Tendenz derselben nicht erkannt zu haben; Scholl behauptet weiterhin, dass er die Schriften nur kurz überflogen und den Inhalt der Schriften gar nicht recht in sich aufgenommen habe. Er habe sie für eine unreife Seminararbeit eines Theologiestudenten angesehen und beurteilt und sie auch nur in diesem Sinne an den Angeklagten Bänsch weitergegeben.
Das ist den Angeklagten jedoch nicht zu glauben.
Der religiöse Inhalt der Schriften ist durchaus geeignet, besonders auf fromme Katholiken Eindruck zu machen. Gleichzeitig mit dem religiösen Inhalt, gleichsam in das religiöse Mäntelchen gehüllt, werden dem Leser dann aber Dinge rein politischer Natur vorgesetzt, die im Verfahren gegen Cierpke mit Recht als hochverräterisch bezeichnet worden sind. Das haben die Angeklagten auch erkannt. Sie waren sich mindestens darüber klar, daß der Inhalt staatsfeindlich war. Bei Bänsch ergibt sich das ohne weiteres daraus, daß er die Schwestern darum bat, nichts von dem Inhalt des Gehörten verlauten zu lassen, damit „nichts ins Dorf käme“ und daß er die Schriften für so wichtig ansah, daß er sie auszugsweise abschrieb und mit eigenen Zusätzen versah. Aber auch der Angeklagte Scholl muß einräumen, dass er den Inhalt der Schriften als für deren Verfasser gefährlich beurteilte. Er muß sie auch aufmerksam durchgelesen haben, weil er dazu imstande war, Bänsch eine Inhaltsübersicht der Schriften zu geben. Er sah die Schriften auch für derart wichtig an, daß er sie sich für eine Reise zu Bänsch besonders einsteckte, um sie dort seinem Freunde zur Kenntnis zu geben.
Die Angeklagte Bänsch muß einräumen, daß ihr Bruder ihr und den anderen Teilnehmern eingeschärft habe, von den Schriften nichts weiter zu erzählen. Sie erkannte schon daraus, daß es sich um Schriften politischer und staatsfeindlicher Natur handelte. Das hat sie jedoch nicht davon abgehalten, zwei Abschriften zu fertigen und eine davon an die Präfektin des Ordens Anna Hübner weiter zu geben.
Nach dem als festgestellt erachteten Sachverhalt haben sich die drei Angeklagten des Vergehens der Heimtücke gegen § 2 des Heimtückegesetzes vom 20. Dezember 1934 schuldig gemacht.
Die Schriften enthalten gehässige, hetzerische und von niedriger Gesinnung zeugende böswillige Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates und über Einrichtungen der NSDAP. Die Nationalsozialisten werden als gottlos, ihre Führung als Luzifer bezeichnet. Ihnen wird Raub, Plünderung und Verwüstung des Weinberges des Herrn nachgesagt; die nationalsozialistische Weltanschauung wird als Irrlehre bezeichnet, die SS wird den Rot-Milizen in Spanien gleichgestellt. Der Schluß der Hauptschrift muß in besonders hohem Maße als hetzerisch und staatsfeindlich bezeichnet werden.
Die Angeklagten haben diesen Charakter der Schriften erkannt und sie dennoch weitergegeben, sich also die darin enthaltenen Äußerungen zu eigen gemacht. Sie mussten bei der Weitergabe damit rechnen, dass der Inhalt der Schriften an die Öffentlichkeit dringen werde.
Zu dieser Öffentlichkeit zählen auch die einem Orden zugehörigen Schwestern, sodaß es gleich bleibt, ob die Ordensschwestern auch mit anderen Personen im Dorfe zusammen kommen konnten oder nicht. Daß jedoch auch diese Gefahr bestand und der Angeklagte Bänsch dies erkannte, ergibt sich aus den Warnungen des Angeklagten Bänsch, von den Schriften nichts zu erzählen, damit „nichts ins Dorf käme.“ Gleiches gilt für seine mitangeklagte Schwester. Ebenso musste auch der Angeklagte Scholl damit rechnen, dass der Inhalt der Schriften an die Öffentlichkeit dringen werde. Er hatte sie selbst von einem katholischen Geistlichen erhalten, gab sie an einen ebensolchen weiter und konnte nicht erwarten, dass dieser sich verschwiegener erweisen würde, als er selbst es war.
Die Angeklagten waren daher aus § 2 des Heimtückegesetzes zu bestrafen. Die Strafverfolgung ist durch Sondererlaß des Reichsministers der Justiz vom 1. Mai 1942 angeordnet.
Bei der Strafzumessung fiel strafverschärfend ins Gewicht, dass die Weiterverbreitung solcher unter Umständen äußerst zersetzend wirkenden Schriften während der Kriegszeit eine außerordentliche Gefahr bedeutet. Der Inhalt der Schriften, die letztlich nur die Behauptung vertreten, Deutschland würde den Krieg zwar gewinnen, aber sodann selbst in einem Spaltungsprozeß untergehen, kann, in ein religiöses Mäntelchen gekleidet, einen erheblichen Eindruck insbesondere auf gläubige Katholiken machen und dieses um so mehr, wenn sich wie hier katholische Geistliche dafür einsetzen.
Die Strafe musste daher empfindlich ausfallen.
Strafmildernd wurde dagegen die bisherige Unbescholtenheit der Angeklagten berücksichtigt und daß sie im großen und ganzen geständig waren. Es ist ihnen auch zu glauben, daß sie nicht aus ausgesprochen staatsfeindlicher Gesinnung tätig geworden sind. Politisch Nachteiliges ist insbesondere sonst über sie nicht bekannt geworden.
Das Gericht hat daher folgende Strafen für angemessen, aber auch ausreichend angesehen:
bei Bänsch, der am meisten aktiv geworden ist, 2 Jahre Gefängnis,
bei Scholl ein Jahr und drei Monate Gefängnis,
und bei der Angeklagten Helene Bänsch ein Jahr und ein Monat Gefängnis.
Wegen ihres Geständnisses ist den Angeklagten die erlittene Polizei- und Untersuchungshaft auf die Strafe angerechnet worden.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 464 St.P.O.
gez. Dr. Teuchert Jost Oesterreich
Matthäus Justizobersekretär,
Der Generalstaatsanwalt Breslau, den 30. Juni 1942
143B – 2a –148/42
Das Urteil ist im Schuldausspruch zutreffend. Die erkannten Strafen erscheinen mir ausreichend.
gez. Dr. Stoll
Zu Josef Schmidt
Die Vorladung60
Der Vorsitzende des 1. Senats Berlin, W 9, den 7. Oktober 1943
beim Volksgerichtshof Bellevuestr. 15
Fernsprecher: 218341
Geschäftszeichen: 7 J 436/43
BS 9/43
In der Strafsache gegen S c h m i d t
wegen Vorbereitung zum Hochverrat
werden Sie auf
Freitag, den 15. Oktober 1943, 9 Uhr
vor den 1. Senat des Volksgerichtshofs zu der im Sitzungssaal I im 1. Stockwerk des Volksgerichtshofs, hier W 9, Bellevuestraße 15, stattfindenden Hauptverhandlung geladen.
Zugleich werden Sie aufgefordert, zu erklären, ob und welche Anträge Sie in Bezug auf Ihre Verteidigung in der Hauptverhandlung zu stellen haben.
Zur Hauptverhandlung sind geladen:
als Pflichtverteidiger:
Rechtsanwalt Justizrat Hercher in Berlin W 8, Charlottenstraße 68.
Die in der Anklageschrift unter Beweismittel Ziff. II genannten Zeugen.
Zur Zeit im Strafgefängnis
Die Anklageschrift61
Der Oberreichsanwalt Berlin W 9, den 24 September 1943
(handschriftlich): BS 9/43
Herrn Präsidenten des Besonderen Senats Strafhaft!
des Volksgerichtshofs
Anlagen: 1 Band Hauptakten,
1 Band Beiakten.62
In der Strafsache gegen den Elektromeister Josef S c h m i d t aus Auras, geboren am 16. März 1895 in Glambach, erhebe ich gegen das Urteil des 3. Strafsenats des Oberlandesgerichts in Breslau vom 24. Mai 1943 (Bl. 94/99 der Beiakten 2 OJs 216/42) auf Grund des § 3 Abs. 1 und 3 des Gesetzes zur Änderung von Vorschriften des allgemeinen Strafverfahrens, des Wehrmachtstrafverfahrens und des Strafgesetzbuches vom 16. September 1939 (RGBl. I S. 1841) den
außerordentlichen Einspruch.
Zugleich beantrage ich gegen Josef Schmidt Haftbefehl zu erlassen, da er dringend verdächtig erscheint,
im Jahre 1942 in Zobten durch hetzerische Äußerungen gegenüber jungen
Arbeitsdienstmännern öffentlich den Willen des deutschen Volkes zur wehrhaften
Selbstbehauptung zu lähmen und zu zersetzen gesucht zu haben,
Verbrechen gegen § 5 Abs. 1 Nr. 1 KSSVO.63
Der Verurteilte führte im Jahre 1942 im Auftrage der AEG. im Arbeitsdienstlager in Zobten Elektroarbeiten aus. Diese Gelegenheit benutzte er immer wieder zu hetzerischen und wehrkraftzersetzenden Äußerungen gegenüber den ihm zur Hilfeleistung zugeteilten jungen Arbeitsmännern. So unterhielt er sich z. B. mit dem Arbeitsdienstmann Wallasch wiederholt über die politische Lage und äußerte hierbei unter anderem im Frühjahr 1942 folgendes:
„Die Nachrichten des deutschen Rundfunks brächten nicht immer die Wahrheit. Vor
allem würden die schweren und blutigen Verluste der deutschen Wehrmacht
geflissentlich verschwiegen. Wenn der Krieg noch einen Winter dauere, werde das
deutsche Volk kaputt gehen. Schon die Einführung der Lebensmittelkürzungen sei ein
Beweis dafür, dass es nicht mehr lange so weitergehen könne.“
In ähnlicher Weise ließ sich der Verurteilte auch gegenüber dem Arbeitsmann Schwan aus. Fast täglich zog er diesem gegenüber über die Reichsregierung und deren politische Maßnahmen her, schimpfte auf den Krieg und betonte dabei, dass das deutsche Volk nicht mehr mitmachen und damit die Niederlage des Reichs besiegelt sein werde.
Als ihm später die Arbeitsdienstmänner Fischer und Buhl zur Hilfeleistung zugeteilt wurden, setzte er sein hetzerisches Treiben unentwegt fort. So führte er diesen gegenüber unter anderem folgendes aus:
„Die Politik des Führers bedeute die völlige Katastrophe Europas. Deutschland hätte
unbedingt mit der Sowjetunion zusammenhalten müssen, statt diese mit Krieg zu
überfallen. Russland habe gar nicht die Absicht gehabt, das deutsche Reich
anzugreifen; seine an der Westfront stehenden Truppen hätten nur Friedenstärke gehabt.
Der Krieg werde für das deutsche Volk auf jeden Fall verloren gehen, da
Sowjetrussland aus einem Nichts Gewaltiges geschaffen hätte und niemals besiegt
werden könne. Die Frage sei nur, ob Roosevelt oder Stalin das Rennen mache. Die
großen Erzlager Amerikas würden alle Schiffsverluste der Feindmächte wieder
ausgleichen. Diese Tatsache werde sich schon in nächster Zeit durch das Erscheinen der
Langstreckenbomber über deutschem Gebiet bemerkbar machen. In seinem Tagebuch
habe er sich die Namen verschiedener Personen notiert, denen es mit an den Kragen gehen
würde, wenn einmal sein Kopf rollen sollte.“
Im Anschluss an derartige hetzerische Ausführungen ermahnte der Verurteilte einmal den Arbeitsdienstmann Fischer zum Schweigen und betonte hierbei, dass „er sowieso mit der Schlinge um den Hals herumlaufe und nur auf denjenigen warte, der sie ihm zuziehen werde.“
Nachdem der Arbeitsdienstmann Weber im März 1942 dem Verurteilten zur Hilfeleistung zugeteilt worden war und sich mit diesem offen über politische Dinge unterhalten hatte, mussten dessen Mutter und dessen Dienstvorgesetzter alsbald feststellen, das er seine gläubige nationalsozialistische Einstellung mehr und mehr aufgab, störrisch und aufsässig wurde und vor seinem Abrücken zur Wehrmacht sogar erklärte, er werde, falls er an die Ostfront käme, ohnehin zu den Russen überlaufen. Zwei bei dem Verurteilten sichergestellte selbstverfasste Hetzgedichte sind nur eine Bestätigung seiner nach dem Vorgeschilderten klar und eindeutig zu Tage tretenden politischen Einstellung. Für diese Einstellung ist seine Einlassung bezeichnend, dass „er nur über die Illusionen, in denen die jungen Arbeitsmänner lebten, verärgert gewesen sei und deshalb es für angezeigt gehalten habe, sie beizeiten über den Ernst der Lage aufzuklären.“
Der Verurteilte will nur im Jahre 1920 für wenige Wochen der KPD angehört und sich dann nicht mehr politisch betätigt haben.
Auf Grund des geschilderten Sachverhalts ist Schmidt wegen eines fortgesetzten Vergehens gegen § 2 des Heimtückegesetzes zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Gegen die Richtigkeit dieses Urteils bestehen schwere Bedenken.
Zwar mag es zweifelhaft erscheinen, ob der Verurteilte die Arbeitsdienstmänner durch seine Auslassungen zu einer hochverräterischen Einstellung hat bestimmen wollen und sich damit der Vorbereitung zum Hochverrat schuldig gemacht hat. Hingegen ergibt sich aus seinen Äußerungen mit voller Eindeutigkeit, dass er ein erbitterter Feind des nationalsozialistischen Deutschlands ist und den Sieg der Feinde des Reiches im gegenwärtigen Krieg herbeiwünscht. Aus dieser Einstellung heraus hat er es unternommen, die Zuversicht der jungen Arbeitsdienstmänner auf einen für das Reich siegreichen Ausgang des Krieges zu untergraben und zwar im Falle „Weber“ offenbar auch mit Erfolg. Dass er bei seiner Hetztätigkeit damit gerechnet hat, dass die Arbeitsdienstmänner seine defaitistischen Reden weiter verbreiten könnten und auf diese Weise der Wehrwille eines größere Personenkreises gelähmt und zersetzt werden würde, ergibt sich zwangsläufig aus dem Gesamtsachverhalt.
Schmidt erscheint somit der Wehrkraftzersetzung schuldig. Besonders im Hinblick darauf, dass er dieses Verbrechen im Kriege gegen die U.d.SSR. gegenüber jungen Arbeitsdienstmännern, die unmittelbar vor ihrer Einberufung zur Wehrmacht standen, verübt und dabei zum Teil (Fall „Weber“) offenbar auch Erfolg gehabt hat, ist härteste Sühne geboten. Die vom Oberlandesgericht ausgeworfene Gefängnisstrafe ist völlig unzureichend.
Zu der neuen Hauptverhandlung beantrage ich die Ladung folgender Zeugen anzuordnen:
Obertruppführer Auschner,64 RAD. Abt. 8/115, Freiburg i. Schlesien,
Kanonier Günter Fischer, 3. Sturmgeschütz-Ausb. Abt. Guben,
Panzerjäger Josef Schwan, Panzerjägerausbildungsabteilung 8, Oppeln, Ludendorff-Kaserne,
Grenadier Fritz Wallasch, Marsch-Kompanie, Gren.Ers.Btl. 164, Freudenthal.
gez. Lautz65
Das Urteil66
7 J 436/43
B S 9/43
In der Strafsache gegen den Elektromeister Josef S c h m i d t aus Auras, geboren am 16. März 1895 in Glambach
zur Zeit in Haft, wegen Vorbereitung zum Hochverrat, hat der Volksgerichtshof, Besonderer Senat, auf Grund der Hauptverhandlung vom 15. Oktober 1943, an welcher teilgenommen haben
Präsident des Volksgerichtshofs Dr. Freisler,67 Vorsitzender,
Volksgerichtsrat Lämmle,68
SS-Brigadeführer Oberst a.D. Goetze,
Generalmajor der Landespolizei a.D. Meißner69,
Kapitän zur See Symons70
als Vertreter des Oberreichsanwalts
Oberstaatsanwalt Weisbrod71
Josef S c h m i d t ist daran gegangen, im Kriege systematisch die Einsatzbereitschaft deutscher Arbeitsdienstmänner zu zersetzen und ihre Kriegszuversicht zu zermürben.
Als Zersetzungspropagandist unserer Kriegsfeinde ist er für immer ehrlos.
Der Elektromeister Josef S c h m i d t war im Jahre 1942 für die AEG zweimal im Arbeitsdienstlager Zopten am Berg72 tätig. Als er das zweite Mal hinkam, verbot der Obertruppführer Auschner den Arbeitsdienstmännern, mit ihm zu verkehren, wie uns heute der damalige Arbeitsdienstmann, jetzige Kanonier Günter Fischer bekundet hat. Denn Auschner hatte von der ersten Anwesenheit Schmidts her Meldung bekommen, dass er staatsfeindliche Reden führe. Deshalb beauftragte Auschner nach Fischers Bekundung diesen, zu hören, was Schmidt sage, und staatsfeindliche Äußerungen ihm zu melden. Fischer wurde zu diesem Zweck Schmidt zugeteilt und hat etwa 10 Tage lang mit ihm zusammen gearbeitet. Gleich am ersten Tage sagte er ihm: „Die von Hitler eingeschlagene Politik sei die völkische Katastrophe Europas“, legte, als Fischer wegging, seinen Finger auf den Mund als Zeichen, Fischer möge schweigen und sagte dazu: „Ich laufe sowieso mit der Schlinge um den Hals herum und bin neugierig, wer sie mir zuziehen wird.“ Am Abend ging Fischer wieder zu Schmidt, und da lobte dieser Russland und hob hervor, was dieses alles geschafft habe. An diesem oder an nächsten Tagen führte er weitere verhetzende Reden. So sagte er, ihm tue das junge Blut leid, das aussichtslos dahinfließe, und bemerkte, der Krieg werde dann zu Ende sein, wenn ihn das deutsche Volk beenden werde. Aus diesem Zusammenhang ergab sich, dass er damit eine Revolution meinte. Wieder hob er Russland hervor, sagte, dessen Bauwerke erregten die Bewunderung unserer Soldaten und erklärte, Deutschland werde den Krieg verspielen. Er wisse nur noch nicht, ob Roosevelt oder Stalin der Hauptsieger sein würden. Als Fischer meinte, die Niederlage sei für uns aber sehr schlimm, beruhigte ihn Schmidt, auch die Russen hätten Facharbeiter nötig, und meinte weiter, der Führer sei wortbrüchig geworden, er habe Russland angegriffen, genau wie Polen, und Russland habe gar nicht die Absicht gehabt, Deutschland zu überfallen.
Der Kanonier Günter Fischer hat auf uns heute in der Hauptverhandlung den besten Eindruck gemacht. Er ist intelligent, er ist offen, er hat ein sehr gutes Gedächtnis (denn er sagt heute noch so aus wie seinerzeit vor der Polizei, und zwar auch in Einzelheiten). Er redet kein Wort zuviel. Ihm muss man glauben. Ohne jeden Grund will Schmidt ihn damit abtun, dass er unehrlich sei.
Übrigens passt das, was Schmidt zu Fischer gesagt hat, auch ganz zu dem, was er anderen Arbeitsdienstmänner damals sagte.
So bekundet der jetzige Panzerjäger, damalige Arbeitsdienstmann Josef Schwan, auch ihm habe Schmidt öfters gesagt, Deutschland werde den Krieg verlieren, und zwar weil das Volk Revolution machen werde; fast jeden Tag habe er etwas gegen den Nationalsozialismus gesagt.
Und der Grenadier Fritz Wallasch, ebenfalls damals Arbeitsdienstmann, bekundet, auch ihm habe Schmidt seinerzeit gesagt, er zweifle am Siege Deutschlands, die wenigen Lebensmittel würden das Volk kaputt machen. Auch habe er erklärt, unsere Rundfunknachrichten seien nicht wahr und vorausgesagt, noch ein Winter und unser Volk werde kaputt gehen. Er habe sehr viel vom Kommunismus gesprochen, und er – Wallasch – habe den festen Eindruck gehabt, dass Schmidt ihn in seiner festen nationalsozialistischen Haltung habe wankend machen wollen.
Schmidt hat auf alles das nicht viel zu erklären gehabt. Auf die Frage des Vorsitzers, wie er denn innerlich stehe, antwortete er , er sei völkischer Sozialist. Damit wollte er zwar zugeben, dass er nicht Nationalsozialist ist, aber doch sein wahres Wesen verstecken. Das kann er aber nicht. Denn er hat selbst zugegeben, folgenden Gedichtentwurf verfasst zu haben:
„Soweit habt Ihrs gebracht, ein ganzes Volk zu Sklaven gemacht.
In Eurer Selbstsucht, Gemeinheit und Niedertracht
dass Ihr ein ganzes Volk dem Moloch Krieg geopfert
in Eurem Dünkel, Eurer Dummheit“.
Gefragt, wen er damit gemeint habe, antwortete er heute in der Hauptverhandlung, darüber wolle er seine Erklärung zurückhalten.
Ein für immer ehrloser Wicht, wer unseren jungen deutschen Arbeitsdienstmännern Zweifel in die Brust legt, ihren Siegglauben zu erschüttern unternimmt, sie verhetzt. Das sind gerade solche Zersetzungspropagandisten unserer Kriegsfeinde, wie diese sie sich wünschen (§ 5 KSSVO.; § 91b StGB.). Wühlmäusen gleich versuchen sie, den Boden zu untergraben, auf dem allein der Sieg wachsen kann. Der Volksgerichtshof aber ist dazu da, zu seinem Teil dafür zu sorgen, dass es diesen Kreaturen nicht gelingt, ein Jahr 1918 wieder heraufzuführen. Deshalb musste Schmidt zum Tode verurteilt werden.73
Weil Schmidt verurteilt ist, muss er auch die Kosten tragen.
gez.: Dr. Freisler Lämmle
Josef Schmidt: Ansatz für ein Gnadengesuch74
„Der Endunterzeichnete, Elektromeister Josef Schmidt aus Auras Kr. Wohlau, z. Zt. im Strafgefängnis Bl.- Plötzensee, am 15. Oktober 1943 vom Bes. Senat des Volksgerichtshofes Berlin zum Tode verurteilt, erlaubt sich dem Herrn Oberreichsanwalt dies Gnadengesuch einzureichen. Folgende Gedankengänge (Ausführungen) unterbreitet er zu diesem Zwecke dem Herrn Oberreichsanwalt. Am 16. Oktober, also erst 1 Tag nach dem Todesspruch, wurden ihm folgende Schriftstücke ausgehändigt 1.) eine Abschrift der Anklage, geschrieben am 24. September 1943, also bereits 22 Tage vorher; 2.) ein Haftbefehl vom 4. Oktober 1943, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er innerhalb 3 Tagen Anträge oder Einwendungen erheben könne75 (Aber erst 12 Tage später erhält er überhaupt erst diese Mitteilung; 3.) Eine Vorladung zum Termin, geschrieben am 7.10.43, die ihn erst 9 Tage später, 1 Tag nach dem Termin erreicht. Irgend etwas Wirksames zu seiner Verteidigung zu unternehmen war ihm durch diese zu späte Zustellung zur Unmöglichkeit gemacht. Diese zu späte Zustellung hat ihn, wo es um Leben und Tod eines Menschen ging, recht sonderbar berührt.
Noch sonderbarer, geradezu unfassbar war für ihn der Urteilsspruch vom 15.10.43. Nach 8-monatlicher Untersuchung durch den Herrn Generalstaatsanwalt in Breslau kam der Vorsitzende des 3. Strafsenats des Oberlandesgerichts in Breslau zu der Überzeugung, dass die Straftat als Vergehen § 2 des Heimtückegesetzes mit 3 Jahren Gefängnis gesühnt werden müsse. Diese Strafe erschien ihm damals außerordentlich hoch.“76
Der Verteidiger Justizrat Hercher an Clara Schmidt Berlin, den 3. November 194377
Justizrat Hercher, Notar Berlin W 8, den 3. November 1943
Rechtsanwalt beim Landgericht Berlin Charlottenstraße 62
Fernsprecher: 16 37 37
Clara S c h m id t
Auras Kr. Wohlau
Hierdurch teile ich Ihnen auf Ihr Schreiben vom 28. Oktober 43, das erst heute, am 3. November, bei mir einging, mit, dass Ihr Mann bereits am 15. Oktober wegen Zersetzung der Wehrmacht zum Tode verurteilt worden ist. Gegen das Urteil, in dem Ihr Mann vom Oberlandesgericht Breslau wegen Heimtücke verurteilt worden war, war vom Generalstaatsanwalt ausserordentlicher Einspruch eingelegt worden und die Sache kam dann vor dem Volksgerichtshof am 15. Oktober 1943 zur Verhandlung, wo es sich herausstellte, dass die Straftat Ihres Mannes unter den heutigen Verhältnissen so schwer war, dass das Gericht sie nur mit dem Tode für sühnbar hielt. Ich muss Ihnen anheim geben, evtl. ein Gnadengesuch einzureichen, doch ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass ein Gnadengesuch meiner Ansicht nach kaum Erfolg haben dürfte mit Rücksicht auf die Feststellungen, die gegen Ihren Mann in der Hauptverhandlung getroffen worden sind.
Der teilweise ergänzte und korrigierte Text des Beitrags wurde veröffentlicht in:
Cornelia Domaschke / Daniela Fuchs-Frotscher / Günther Wehner (Hrsg.): Widerstand und Heimatverlust. Deutsche Antifaschistischen in Schlesien (Rosa-Luxemburg-Stiftung Texte 73), Karl Dietz Verlag Berlin 2012, S. 165-203.
1 Hierzu siehe Richard Juhnke: Wohlau. Geschichte des Fürstentums und der Kreises, Würzburg 1965, S. 105f., 264f., 342, 449, 450; Franz Josef von Gilgenheimb: Kleine Chronik über Auras Kreis Wohlau; Stadt Auras, hg. von Pfarrer Hoppe, Wiesbaden 1950; Handbuch der historischen Stätten. Schlesien, Stuttgart 1977, S. 8; Heinrich Bartsch: Die Städte Schlesiens, Frankfurt am Main 1983, S. 41f.; Paul Urbanski: Auras in Zahlen und Fakten, o.O.,O.J.; Klaus Ullmann: Schlesien-Lexikon, Mannheim 1985, S. 24f.
2 Dazu gibt es eine preußische Akte: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (im Folgenden: GStA PK), I. HA Rep. 77 Tit. 2962 Nr. 4: Das Rathaus von Auras.
3 Dokumentiert in: GStA PK, I. HA Rep. 77 Tit. 2962 Nr. 5: Der Gemeindebezirk der Stadt Auras (1851-15.6.1922).
4 Die Besitzerwechsel bis 1900 verzeichnet Juhnke: Wohlau, S. 264.
5 Zu der speziellen Linie der v. Gilgenheimbs, eines alten verzweigten schlesischen Adelsgeschlechts, siehe Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Adeligen Häuser, Teil B, 31. Jg. 1939, S. 242-244 und Teil B, Bd. I, 1954, S. 165f.
6 Juhnke: Wohlau, S. 264.
7 Hierzu siehe GStA PK, I. HA Rep. 77 Tit. 2963 Nr. 2: Die Anstellung der Communalbeamten in der Stadt Auras, die sonstigen Personalangelegenheiten sowie die Verwaltung der Communal-Angelegenheiten der Stadt Auras vom 10. August 1841 bis 4.12.1932, unpaginiert.
8 Klaus Ullmann: Schlesien-Lexikon, Mannheim 1985, S. 24f.
9 Einwohnerverzeichnis der Stadt Auras von 1940, o.O., o.J., 14 S.
10 Siehe dazu: Die Gewerbetreibenden in Auras nach Handels Adressbuch von Niederschlesien 1927, in: http://auras-uraz.npage.de.
11 Einwohnerverzeichnis von 1940.
12 Hierzu und zum Folgenden GStA PK, I. HA Rep. 77 Tit. 2962 Nr. 2: Regierungspräsident Breslau an MdI, Mai 1932.Ferner schriftliche Mitteilungen von Vera Brinkhoff (verw. Stiller, geb. Reimann), Walsrode, vom 22.1.2009.
13 GStA PK, I. HA Rep. 77 Tit. 2962b Nr.1: Kommunalhaushalt und die Aufbringung der Fonds zur Bestreitung der Kommunalbedürfnisse der Stadt Auras (Mai 1856 bis März 1927), unpaginiert: Petition vom 16.2.1927.
14 Ebenda: Antrag des Magistrats, 27.2.1927.
15 Ebenda: Schreiben von Max Bartsch an den Oberpräsidenten, 5.2.1927.
16 GStA PK, I. HA Rep. 77 Tit. 2962 Nr. 2: Regierungspräsident Breslau an MdI, Mai 1932.
18 Auskunft von Vera Brinkhoff, 6.9.2011.
19 Auskunft von Vera Brinkhoff, 6.9.2011.
20 Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, 1933, S. 539.
21 http://www.verwaltungsgeschichte.de/wohlau.html
22 Dazu die Mitteilungen aus den Erinnerungen des Vaters von Gerhard Kitschke vom 11.5.2011.
23 Ebenda. Zu den Namen siehe das Einwohnerverzeichnis der Stadt Auras von 1940.
24 Informationen seiner Tochter Christa Kipke, Obermeitingen vom 12.2.2005.
25 Mitteilungen von Gerhard Kitschke, April 2011.
26 Angaben von Paul Urbanski vom 13.1.2009 und Vera Brinkmann vom 22.1.2009 und 2.9.2011.
27 Aus eigener Erinnerung und nach Aussagen der Eltern.
28 Zur Biografie von Johannes Halm siehe: Richard Hoppe: Pastor Johannes Halm, Auras, in: Wohlauer Rundbrief, 1953, S. 7, auch in: 1932. Leben im Kreis Wohlau ... und das Leben danach, Würzburg 2007, S. 353; Walter Schmidt: Widerstand und Repressionen des Auraser evangelischen Pastors Johannes Halm in nationalsozialistischer Zeit, in: Wohlau-Steinauer Heimatblatt, 10/2008, S. 14f.
29 Ernst Hornig: Die Bekennende Kirche in Schlesien 1933-1945. Geschichte und Dokumente, Göttingen 1977, S. 361: Mitgliederliste der Pfarrerschaft der Bekennenden Kirche Schlesiens nach dem Stand vom 1. Oktober 1934: „Kirchenkreis Wohlau – Halm, Auras über Obernigk“.
30 Hierzu und zum Folgenden siehe Evangelisches Zentralarchiv Berlin (EZA), Bestand 7, Nr. 14.271: Kirchenpolitische Vorgänge aus der Kirchgemeinde Auras, Kirchenprovinz Schlesien, unpaginiert: Johannes Halm an Oberkirchenrat und Konsistorium, Auras, 6.3.1934
31 EZA, Bestand 7 Nr. 14270: Die evangelischen Kirchen- und Pfarrangelegenheiten in der Stadt Auras sowie die Berufung, Anstellung und Besoldung der Geistlichen und Kirchenbedienten daselbst, ab November 1851, unpaginiert: Konsistorium Breslau an Oberkirchenrat, 1.5.1942.
32 Schriftliche Information von Christine und Eberhard Halm von Januar 2008. Gerhard Ehrenforth: Die schlesische Kirche im Kirchenkampf 1932–1945, Göttingen 1968, S. 235-246, bes. 240f.; Ernst Hornig: Die Bekennende Kirche in Schlesien, S. 9f, 43.
33 EZA, Bestand 7, Nr. 14270: Pfr. Halm an das Evangelische Konsistorium Breslau, Auras, 13.2.1940; Dokumentation Johannes Halm, Dok. 1, .
34 EZA, Bestand 7, Nr. 14270: Evangelischer Gemeindekirchenrat Auras über Evangelisches Konsistorium an Regierungspräsident von Breslau, Auras, 12.4.1942.
35 Ebenda: Geheime Staatspolizei-Leitstelle Breslau an Pastor Halm, Breslau, 3.3.1942, Dokumentation Johannes Halm, Dok. 2 .
36 Hierzu siehe ebenda Dok. 3: Bericht des Konsistoriums Breslau an den Oberkirchenrat, Breslau, 18. 7.1942.
38 Zu seiner Biografie siehe Walter Schmidt: Martin Scholl (1898-1945). Pfarrer in Auras in nationalsozialistischer Zeit, in: Archiv für schlesische Kirchengeschichte, Bd. 63, Münster 2005, S. 1055-134; gekürzt auch in: Wohlau-Steinauer Heimatblatt, r. 9,10 und 12/2005.
39 Für Auskünfte zur Familie Scholl und über Persönliches zu Martin Scholl danke ich seinen Neffen Johannes M. Jaschick , Bensberg.
40 Dazu und zum Folgenden: Urteil des II. Sondergerichts beim Landgericht Breslau vom 1.6.1942, in: Bundesarchiv Berlin, R.5101: Reichsministerium für kirchliche Angelegenheiten, Nr. 22249: Beschwerden und Strafverfahren gegen katholische Geistliche pp. im Regierungsbezirk Breslau von Juni 1940-1944, Bl. 184-190. Siehe Dokumentation Martin Scholl; Kurt Engelbert: Schlesische Pfarrer im Dritten Reich. Nach Aufzeichnungen des Kapitularvikars Bischof Dr. Piontek, in: Archiv für Schlesische Kirchengeschichte, 23, 1965, S. 228; Martin Scholl. Pfarrer in Auras, in: Wohlauer Rundbrief, Nr. 85, 1977, S. 17f.; Leben im Kreis Wohlau, S. 381.
41 Dokumentation Martin Scholl: Urteil des II. Sondergerichts, Bl. 189-189v.
42 Auskunft von Johannes Jaschick vom 31.01.2005.
43 Zur Biografie siehe Walter Schmidt: Josef Schmidt (16. März 1895 bis 8. November 1943). Erinnerungen an meinen Vater, in: Antifaschismus als humanistisches Erbe in Europa. Festschrift zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Rolf Richter, Berlin 2005, S. 63-86; Kurzfassung in: Leben im Kreis Wohlau, S. 379f..
44 Anklageschrift gegen Josef Schmidt vom 24.9.1943, Dokumentation Josef Schmidt, Dok. 2.
45 Urteil gegen Josef Schmidt vom 15.10.1943, in: Ebenda, Dok. 3.
46 Anklageschrift, Dokumentation Josef Schmidt, Dok. 2
48 Die Akten des Breslauer Oberlandesgerichts aus den Jahren 1929 bis 1945 wurden durch Kriegseinwirkungen vernichtet. Information von Magister Wacław Sobocinski / Wrocław vom 17.11.2004. Ein Band Hauptakten und ein Band Beiakten von dem Breslauer Prozess gingen im Spätsommer an den Berliner Volksgerichtshof, hier aber wohl ebenfalls durch Kriegseinwirkungen verloren.
49 Anklageschrift, Dokumentation Josef Schmidt, Dok. 2.
50 Urteil, Dokumentation Josef Schmidt, Dok. 3.
51 Bernhard Bogedain und Klaus Heß: Revolutionäre Gedenkstätten in Brandenburg, Brandenburg 1985, S. 43-47.
52 In den Breslauer Zeitungen: „Schlesische Volkszeitung“, „Breslauer Neueste Nachrichten“, „Schlesische Tageszeitung“ waren keine derartigen Inserate zu finden; allerdings sind die Kreisteile von Wohlau nicht überliefert. Ich danke Magister Wacław Sobocinski / Wrocław für die Recherchen. Mitteilungen vom 17.11. und 23.12.2004.
53 So unterstützte uns – um nur ein Beispiel zu nennen, die Nachbarfamilie Kipke seit der Verhaftung des Vaters mit monatlich 5 RM. Auskunft von Christa Kipke, Obermeitingen vom 12.2.2005.
54 Handschriftlicher Vermerk auf einem Original der Strebeurkunde:“1 Kind ... Antrag stellen“. Information von Vera Brinkmann, Walesrode vom 22.1.2009.
55 Archiv Ev. Kirche der Kirchenprovinz Sachsen Magdeburg, Rep. A Spec. G Nr. 8966: Superintendentur Wanzleben an Ev. Konsistorium der Kirchenprovinz Sachsen in Magdeburg, Wanzleben, 12.2.1948.
56 Ebenda, Rep. A Spec. P. H 794: Konsistorialrat Dr. Holdefleiß an Frau Pastor Käthe Halm, Magdeburg, 9.11.1953
57 Sämtliche Dokumente zu Johannes Halm sind entnommen: Evangelisches Zentralarchiv in Berlin (EZA), Bestand 7, Nr. 14270: Die evangelischen Kirchen- und Pfarr-Angelegenheiten der Stadt Auras sowie die Berufung, Anstellung und Besoldung der Geistlichen und Kirchenbedienten daselbst. (unpaginiert)
58 Bundesarchiv (BArch) Berlin, R. 5101( Reichsministerium für kirchliche Angelegenheiten), Nr. 22249: Beschwerden und Strafverfahren gegen katholische Geistliche pp. im Regierungsbezirk Breslau von Juni 1940 bis 1944, Bl. 184-191. Einige Zitierungen aus den Schriften des Theologiestudenten aus seinen Träumen wurden gekürzt und mit [.... .... ....] gekennzeichnet.
59 Schebitz ist eine Nachbargemeinde von Auras, eine Bahnstation vor Auras-Hennigsdorf auf der Bahnlinie von Breslau nach Rawitsch und Posen.
60 Privatarchiv Walter Schmidt. Die Vorladung wurde dem Angeklagten zusammen mit einer Abschrift der Anklage und dem Haftbefehl erst einen Tag nach der Verhandlung, am 16. Oktober 1943, überreicht. Siehe dazu Dok. 4.
61 Privatarchiv Walter Schmidt. Die Abschrift der Anklage befand sich wie auch die Vorladung im Futter des Mantels, der mit anderen Kleidungsstücken des Verurteilten im Dezember 1943 der Familie übersandt wurde. Eine Kopie der Anklageschrift befand sich auch in: Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung, Zentrales Parteiarchiv Berlin, Bestand: Materialsammlung der VVN, Sign.: V 287/797 und müsste sich jetzt im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde befinden.
62 Die beiden Aktenbände, die offensichtlich vom Breslauer Oberlandesgericht zum Volksgerichtshof nach Berlin kamen, waren nicht auffindbar. Sie sind möglicherweise beim Bombentreffer auf die Bellevuestraße am 3.2.1945 vernichtet worden.
63 Es handelt sich um die berüchtigte unmittelbar vor Kriegsausbruch am 17. August 1939 veröffentlichte Kriegssonderstrafrechtsverordnung, deren § 5 Abs. 1 Nr. 1 die Zersetzung der Wehrkraft mit Todesstrafe bedrohte. Vgl. dazu Wagner, Der Volksgerichtshof, S. 57f.
64 Max Auschner, geb. 14.7.1912; Mitglied der NSDAP seit 1.5.1937 (Mitglieds-Nr. 4936899); Truppführer in verschiedenen schlesischen RAD-Lagern, darunter außer in Zobten auch bei Namslau und Ohlau; wohnhaft 1937 in Buchwitz, Landkreis Breslau. (BArch; NSDAP-Reichskartei)
65 Ernst Lautz (1887-1977) war vom 20. September 1939 bis Kriegsende 1945 Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof. Er beantragte nachweisbar 393 Mal die Todesstrafe. Am 4.12.1947 verurteilte ihn ein US-amerikanisches Militärtribunal in Nürnberg wegen Beteiligung an den Justizverbrechen des Volksgerichtshofs zu 10 Jahren Freiheitsentzug. Er erhielt seit 1952 in der Bundesrepublik Deutschland eine monatliche Pension von 1342,- DM. 1956 wurde die Pension aufgrund von Protesten nach einem „Disziplinarverfahren“ auf monatlich 800,- DM gekürzt. Vgl. Fall 3. Das Urteil im Juristenprozess, gefällt am 4. Dezember 1947 vom Militärgerichtshof I der Vereinigten Staaten von Amerika. Hg. von P. A. Steiniger und K. Leszcyński, Berlin 1969, S. 243ff.; Gestern Hitlers Blutrichter. Heute Bonner Justiz-Elite. Hg. vom Ausschuss für deutsche Einheit, Berlin 1957; Wir klagen an. 800 Nazi-Blutrichter – Stützen des Adenauer-Regimes. Hg. vom Ausschuss für deutsche Einheit, Berlin 1959, S. 179ff.; Günther Wieland: Das war der Volksgerichtshof. Ermittlungen – Fakten - Dokumente, Berlin 1989, S. 164.
66 Kopie von 1991 aus: Bundesarchiv. Außenstelle Berlin, Freiwalder Str. 16/17, Bestand. Volksgerichtshof: Sgn. NJ 16078. Die Abschrift müsste jetzt im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde deponiert sein.
67 Dr. Roland Freisler (1893 - 3.2.1945). Seit 20.8.1942 Präsident des Volksgerichtshofs. Vgl. Wieland, S. 75ff.; Hermann Weiß (Hg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 1998, S. 130f.
68 Paul Lämmle (1892 – 20. 7.1945) Volkgerichtsrat. Siehe Wieland, S. 159.
69 Hans Meißner, 1933 Oberst der Schutzpolizei, wurde im Mai 1933 zum Generalmajor befördert und als Inspekteur der Landespolizei in Sachsen und Thüringen eingesetzt; er trat nicht wie die anderen Senioren der Landespolizei in die Wehrmacht ein; wirkte als Mitglied de Volksgerichtshofes. (siehe Axis History Factbook. View topic – Polizeigenerals)
70 Alfred Hans Symons, von Januar 1942 bis Oktober 1943 in der Militärabteilung des Marinewehramts; er wirkte als Mitglied des Volksgerichtshofs. (siehe: Axis History Factbook. Marinewehramt.)
71 Dr. Rudolf Weisbrod (geb. 10.1.1902; 1945 verschollen) Oberstaatsanwalt; seit 1937 Staatsanwalt beim Volksgerichtshof. Siehe Wieland, S. 167. Von den Staatsanwälten und Richtern des VGH ist in der Bundesrepublik Deutschland von den Gerichten kein einziger rechtskräftig verurteilt worden. Zu den durchgeführten Prozessen vgl. Wagner, Der Volksgerichtshof, S. 844ff.; Wieland, S. 134-148; Jörg Friedrich: Freispruch für die Nazi-Justiz. Die Urteile gegen NS-Richter seit 1948. Eine Dokumentation, Berlin 1998, S. 543-643; Bernhard Jahntz/Volker Kähne: Der Volksgerichtshof. Darstellung der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Berlin gegen ehemalige Richter und Staatsanwälte am Volksgerichtshof . Hg. von der Senatsverwaltung für Justiz Berlin, 19861, 19923. Erst am 25. Januar 1985 nahm der Bundestag eine Entschließung an, in der festgestellt wurde, dass „die als ‚Volksgerichtshof’ bezeichnete Institution kein Gericht im rechtsstaatlichen Sinne, sondern ein Terrorinstrument zur Durchsetzung nationalsozialistischer Willkürherrschaft war. Den Entscheidungen des ‚Volksgerichtshofs’ kommt deshalb nach der Überzeugung des Deutschen Bundestags keine Rechtswirkung zu.“ (Ebenda, S. 48a). Zur Verfolgung und Aburteilung von Jusristen des VGH in der DDR siehe Wieland, S. 127ff.
72 Richtig: Zobten am Berge
73 Dieser letzte Absatz ist zitiert bei Wagner, S. 316.
74 Handschriftlicher Text auf der Rückseite der Vorladung vom 7. Oktober 1943. Privatarchiv Walter Schmidt.
75 Der Haftbefehl ist nicht überliefert.
76 An dieser Stelle bricht der Text ab. Warum dies geschah, bleibt im Dunkeln. Möglicherweise hat Josef Schmidt zu diesem Zeitpunkt erfahren, dass er selbst kein Gnadengesuch einreichen darf, sondern dies nur von der über den Rechtsanwalt zu benachrichtigenden Familie eingereicht werden kann. Woraufhin er nach Hause schrieb und uns aufforderte, uns an den Rechtsanwalt zu wenden, was wir umgehend taten. Der Brief meines Vaters an meine Mutter ist ebenso wenig erhalten geblieben wie der meiner Mutter an Justizrat Hercher, in dem sie wegen eines Gnadengesuchs anfragte.
77 Privatarchiv Walter Schmidt

References: § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 464
 § 3
 § 5
 § 2
 § 91
 § 2
 § 5