Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=17.07.2003&Aktenzeichen=IX%20ZR%20215/02
Timestamp: 2019-07-20 14:50:21+00:00

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BGH, 17.07.2003 - IX ZR 215/02 - dejure.org
https://dejure.org/2003,1561
BGH, 17.07.2003 - IX ZR 215/02 (https://dejure.org/2003,1561)
BGH, Entscheidung vom 17.07.2003 - IX ZR 215/02 (https://dejure.org/2003,1561)
BGH, Entscheidung vom 17. Juli 2003 - IX ZR 215/02 (https://dejure.org/2003,1561)
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Wirksamkeit eines Insolvenzeröffnungsbeschlusses ohne namentliche Bezeichnung des Schuldners; Rückzahlung von Sozialversicherungsbeiträgen im Wege der Insolvenzanfechtung; Pfändung wegen Beitragsrückständen; Inkongruente Deckungshandlungen bei Zahlungen nach Einsatz von Vollstreckungszwang; Inkongruenz als Beweisanzeichen für Benachteiligungsvorsatz des Schuldners
Anfechtbarkeit einer "Druckzahlung" bei Kenntnis der Tatsachen, aus denen Gläubigerbenachteiligungsvorsatz des Schuldners folgt
InsO §§ 129, 130, 133, 27 Abs. 2
InsO §§ 133 129
§§ 27, 129, 131, 133 InsO; § 319 ZPO
Anspruch auf Rückzahlung von SV-Beiträgen bei Insolvenz und Insolvenzanfechtungsvoraussetzungen (RA Dr. Kristof Biehl; Neue Justiz 4/2004, S. 175-176)
NJW-RR 2004, 342
ZIP 2003, 1900
NZI 2004, 86
NZI 2004, 87
NJ 2004, 175
Mithin kennt ein solcher Gläubiger zugleich die Gläubigerbenachteiligung (vgl. BGHZ 155, 75, 85 f; BGH, Urt. v. 17. Juli 2003, aaO S. 1902;… HK-InsO/Kreft, § 133 Rn. 23;… MünchKomm-InsO/Kirchhof, § 133 Rn. 24 ff).
Jeder Gläubiger, der in Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit des Schuldners vollstreckt, hat folglich den Benachteiligungsvorsatz im Sinne von § 133 Abs. 1 InsO; denn der Senat bejaht in aller Regel beim Schuldner, der seine Zahlungsunfähigkeit kennt, den von der Norm vorausgesetzten subjektiven Tatbestand (vgl. BGHZ 155, 75, 84; BGH, Urt. v. 17. Juli 2003, aaO; v. 13. Mai 2004 - IX ZR 190/03, WM 2004, 1587, 1588).
Rechtshandlungen, die während dieses Zeitraums auf hoheitlichem Zwang beruhen, sind daher inkongruent (…BGH, Urt. v. 11. April 2002, aaO S. 1160 f; v. 17. Juli 2003 - IX ZR 215/02, ZIP 2003, 1900, 1902;… Uhlenbruck/Hirte, InsO 12. Aufl. § 131 Rn. 20;… MünchKomm-InsO/Kirchhof, § 131 Rn. 26;… HK-InsO/Kreft, 3. Aufl. § 131 Rn. 15;… a.A. Kübler/Prütting/Paulus, InsO § 130 Rn. 23).
In diesem Zusammenhang wird auch zu berücksichtigen sein, daß ein Schuldner, der die Forderungen eines einzelnen Gläubigers vorwiegend deshalb erfüllt, um diesen von einer Zwangsvollstreckung abzuhalten, sogar dann mit Benachteiligungsvorsatz handeln kann, wenn es sich bei der Zahlung - weil diese vor dem Dreimonatszeitraum der §§ 130, 131 InsO erfolgte - um eine kongruente Deckung handelt (…vgl. BGH, Urt. v. 27. Mai 2003 - IX ZR 169/02, ZIP 2003, 1506, 1509; v. 17. Juli 2003 - IX ZR 215/02, ZIP 2003, 1900, 1901 f; v. 17. Juli 2003 - IX ZR 272/02, ZIP 2003, 1799, 1800).
Hat die Beklagte in einer aus ihrer Sicht kritischen Lage der Schuldnerin Zwangsvollstreckungsmaßnahmen ergriffen und die Schuldnerin zu deren Abwendung gezahlt, liegt eine Anfechtbarkeit nach § 133 Abs. 1 InsO nicht fern (…vgl. hierzu BGH, Urt. v. 27. Mai 2003 - IX ZR 169/02, aaO S. 1509 f; v. 17. Juli 2003 - IX ZR 215/02, aaO S. 1902;… v. 17. Juli 2003 - ZR 272/02, aaO S. 1800 f).
Wer weiß, dass der Schuldner zahlungsunfähig ist, dem ist in aller Regel auch bewusst, dass dieser nicht in der Lage ist, seine weiteren fälligen Verbindlichkeiten zu erfüllen (vgl. BGH, Urt. v. 17. Juli 2003 - IX ZR 215/02, ZIP 2003, 1900, 1902;… HK-InsO/Kreft, aaO § 133 Rn. 23).
Der Senat hat - in Übereinstimmung mit der Rechtsauffassung des Berufungsgerichts - entschieden, daß eine Leistung, die der Schuldner dem Gläubiger auf eine fällige Forderung früher als drei Monate vor dem Eröffnungsantrag gewährt, nicht bereits deshalb eine inkongruente Deckung darstellt, weil sie zur Vermeidung einer unmittelbar bevorstehenden Zwangsvollstreckung erfolgt (…BGH, Urt. v. 27. Mai 2003 - IX ZR 169/02, z.V.b. in BGHZ; Urt. v. 17. Juli 2003 - IX ZR 215/02, z.V.b.).
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs reicht es für diese Vermutung aus, wenn der Gläubiger Umstände kennt, die zwingend auf eine drohende Zahlungsunfähigkeit hindeuten (BGHZ 155, 75, 85 f ; BGH, Urt. v. 17. Juli 2003 - IX ZR 215/02, ZIP 2003, 1900, 1902;v. 17. Februar 2004 - IX ZR 318/01, ZInsO 2004, 385, 386;v. 13. Mai 2004 - IX ZR 190/03, ZInsO 2004, 859, 860 f;…v. 20. Dezember 2007 - IX ZR 93/06, ZInsO 2008, 273, 276 Rn. 36 f).
a) Eine zur Abwehr oder aus Anlaß einer Zwangsvollstreckung erfolgte Vermögensverlagerung, an welcher der Schuldner mitgewirkt hat, ist unter den Voraussetzungen des § 133 InsO anfechtbar (BGHZ 155, 75, 79; BGH, Urt. v. 17. Juli 2003 - IX ZR 215/02, NZI 2004, 87).
Wenn ein Schuldner zur Vermeidung einer unmittelbar bevorstehenden Zwangsvollstreckung an einen einzelnen Gläubiger leistet, obwohl er weiß, daß er nicht mehr alle seine Gläubiger befriedigen kann und infolge der Zahlung an einen einzelnen Gläubiger andere Gläubiger benachteiligt werden, so ist in aller Regel die Annahme gerechtfertigt, daß es dem Schuldner nicht in erster Linie auf die Erfüllung seiner vertraglichen oder - wie hier - gesetzlichen Pflichten, sondern auf die Bevorzugung dieses einzelnen Gläubigers ankommt (vgl. BGHZ 155, 75, 83 f; BGH, Urt. v. 17. Juli 2003 - IX ZR 215/02, NZI 2004, 87, 88).
Der Bundesgerichtshof hat allerdings seit der Entscheidung vom 9. September 1997 (BGHZ 136, 309, 311 ff) in ständiger Rechtsprechung angenommen, daß eine inkongruente Deckung im Sinne des Anfechtungsrechts auch dann vorliegt, wenn der Schuldner in der Krise zur Vermeidung einer unmittelbar bevorstehenden Zwangsvollstreckung geleistet hat (…vgl. zuletzt BGH, Urt. v. 15. Mai 2003 - IX ZR 194/02, ZIP 2003, 1304 f; v. 27. Mai 2003 - IX ZR 169/02, ZIP 2003, 1506, 1507 f, zur Veröffentlichung in BGHZ vorgesehen; v. 17. Juli 2003 - IX ZR 215/02, ZIP 2003, 1900, 1901 f).
Gleiches gilt für die auf diverse BGH-Rechtsprechung (z. B. BGH NJW 2002, 2568; NJW 2003, 3560; NZI 2004, 87; NZI 2005, 692; BGHZ 155, 75, 79 f.) gestützte Auffassung Kirchhofs (…in MüKo a.a.O. Rdn. 9 a ), dass ein Schuldner einen Geldbetrag von seinem Konto überweist oder dem Gerichtsvollzieher einen auf sein Konto gezogenen Scheck aushändigt.
Die vom Bundesgerichtshof entschiedenen und vom Kläger angeführten Fälle (NJW 2003, 3347 und BGH NJW-RR 2004/342) beträfen keine vergleichbaren Fallgestaltungen.
Dass ein Schuldner nur unter dem Druck der drohenden Zwangsvollstreckung zahlt, rechtfertigt keine Gleichsetzung dieser Leistungen des Schuldners mit Vermögenszugriffen, die durch die Vornahme von Zwangsvollstreckungsmaßnahmen erfolgen (vgl. BGHZ 155, 75 ff; BGH, ZIP 2003, 1900 ff).
Erhält ein Gläubiger trotz anhaltender Vollstreckungsbemühungen über einen längeren Zeitraum lediglich Teilleistungen, so dass der Rückstand auf dem Beitragskonto insgesamt bestehen bleibt oder sogar anwächst, so muss der Gläubiger daraus schließen, dass die Mittel weder zur Erfüllung seiner Forderungen und erst recht nicht mehr zur Befriedigung anderer Gläubiger ausreichen (vgl. BGH, ZIP 2003, 1900 ff).
Wer solche Tatsachen kennt, kann daraus regelmäßig auf den entsprechenden Vorsatz des Schuldners schließen (vgl. BGH, ZIP 2003, 1900 ff).

References: § 319
 § 133
 § 133
 § 133
 § 131
 § 131
 § 131
 § 130
 § 133
 § 133
 § 133
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