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Timestamp: 2019-12-07 09:54:41+00:00

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Fragment: Zufall und Notwendigkeit bei Hegel – Daily Hegel
am 25. Mai 2019 1. Juni 2019 von Daily Hegelin Essays & Fragmente
Über Hegel meint das gemeine Bewußtsein zu wissen, dass ihm zufolge die Welt von absoluter Vorherbestimmung regiert werde und untermauert wird dieser Glaube durch die Meinung, Hegel zufolge ende die weltliche Geschichte im preußischen Staate und die geistige in seiner Philosophie. Diese ganze Sammelsurium an falschen Ansichten aufzudröseln und ein angemesseneres Verständnis Hegelscher Philosophie herzustellen, kann nur über eine Reihe elementarer Begriffsklärungen geschehen, darunter einige der wichtigsten und am meisten missverstandenen wie Teleologie und Freiheit. Mit einem Blick in das ansonsten enorm bedeutsame und aber in Hegel-Seminaren an Universitäten leider selten genutzte Hegel-Lexikon von Paul Cobben hilft hier mit seinen sehr kompakten und voraussetzungsreichen Artikeln leider nur bedingt weiter. Die Begriffsklärungen sollen auf diesem Blog in ausführlicheren Essays geschehen, der Beginn hier aber zunächst mit einer knappen Darstellung der Dialektik von Zufall und Notwendigkeit gemacht werden, um das platte Vorurteil aus dem Weg zu räumen, der Fortgang der Dialektik sei gleichzusetzen mit absoluter Notwendigkeit in landläufiger Auffassung.
Denn eines der vielen Verdienste von Hegels Philosophie – und gerade dies mag verblüffen – ist in den Worten Dieter Henrichs, dass sein spekulativer Idealismus „zwar die Notwendigkeit des Ganzen des Seienden behauptet, daß er aber dennoch so wenig beansprucht, alles Individuelle deduzieren zu können, daß er vielmehr die einzige philosophische Theorie ist, die den Begriff des absoluten Zufalls kennt.“1 Besonders den letzten Part sollte man sich auf der Zunge (oder Hirnwindungen) zergehen lassen. Stimmt diese Aussage, so wird es plausibel, warum Friedrich Engels in seinen als „Dialektik der Natur“ zusammengefassten Schriften gerade dort, wo er auf Darwins Evolutionstheorie zu sprechen kommt, zur Dialektik von Zufall und Notwendigkeit bei Hegel zurückgreift, ist doch für die evolutionäre Entwicklung absolute Kontingenz vonnöten.2 So kann Hegels Dialektik, obwohl er in seiner Naturphilosophie dem Gedanken einer natürlichen Evolution widerspricht (siehe Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 249), eine enorm wichtige Hilfestellung für eine wohl begründete Evolutionstheorie geben.
Doch der Reihe nach. Das Problem des Zufalls bzw. der Kontingenz und des Determinismus wurde in Folge der streng rationalistischen und deduktiven Wissenschaftslehre Fichtes um 1800 höchstaktuell. Berühmt-berüchtigt ist die Forderung des Philosophen Wilhelm Traugott Krug geworden, der Idealismus in Gestalt der Wissenschaftslehre möge doch die Existenz seiner Schreibfeder a priori aus Vernunftgründen deduzieren, und „Krugs Schreibfeder“ ist darüber zu einem geflügelten Wort in der Philosophie geworden. Hegel polemisierte in seiner Jenaer Zeit (1801-1807) stark gegen diese Forderung, weiß sich aber hier noch nicht mit dem entwickelten Begriff des Zufalls zu helfen und greift Krug nur mit dem Argument an, dass einzelne empirische Gegenstände keine angemessene Beschäftigung für die Philosophie darstellen (im Übrigen trifft auch dies Krugs meist missverstandene Position nicht, denn Krug verlangte streng genommen nicht die Deduktion der Schreibfeder als Anspruch, den der Idealismus umzusetzen habe, sondern er wollte die Unmöglichkeit dieser Ableitung, die er selbst einsah, parallel setzen mit der Unmöglichkeit des Anspruches an seine eigene realistische Erkenntnistheorie, sie müsse den Erkenntnisvorgang en detail erläutern können.3 Dies zur Ehrenrettung Krugs).
Seine elaborierte Theorie des Zufalls entwickelte Hegel erst rund 10 Jahre später, in der Arbeit an seiner „Wissenschaft der Logik“. In aller Grobheit und als erste Annäherung lässt sich festhalten: Hegel zufolge muss es absolut Zufälliges oder Kontingentes existieren, da ohne dieses es überhaupt keine Notwendigkeit geben könne. Denn als notwendig fassen wir etwas, das egal unter welchen Umständen eintritt oder in der Zukunft eintreten muss. So ist es beispielsweise dem Gesetz der Gravitation – einer Naturnotwendigkeit – „gleichgültig“, auf welchen Gegenstand es angewendet wird, es gilt unabhängig von den empirischen Einzeldingen, auf welche sie wirkt. Es gehört also zur Definition von Notwendigkeit, dass sie sich als unabhängig von den empirischen Tatsachen setzt – andernfalls wäre die Notwendigkeit nicht notwendig, sondern selbst zufällig, da sie durch Zufälliges bedingt wäre. Die empirischen Tatsachen können selbst aber auch keine notwendige Existenz haben (das wäre die deterministische Position), da in dem Falle Notwendiges aus anderem Notwendigem abgeleitet, beides daher wieder in ein Bedingungsverhältnis gesetzt würde. Engels verweist hierauf in seiner Kritik am Determinismus, wenn er schreibt: „Wenn das Faktum, daß eine bestimmte Erbsenschote sechs Erbsen enthält und nicht fünf oder sieben, auf derselben Ordnung steht, wie das Bewegungsgesetz des Sonnensystems oder das Gesetz der Verwandlung der Energie, dann ist in der Tat nicht die Zufälligkeit in die Notwendigkeit erhoben, sondern die Notwendigkeit degradiert zur Zufälligkeit.“4 Also bleiben Zufall und Notwendigkeit aufeinander verwiesen, können aber nicht als eigene Begriffsbestimmungen sein, wenn sie nicht kategorial deutlich differenziert werden.
Soweit die erste Vorabbestimmung. Gehen wir in eine genauere Darstellung der Argumentation Hegels in der „Logik“. Hegel entwickelt den Begriff der Zufälligkeit im Kapitel über die Modalitäten Wirklichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit. Möglichkeit ist dort die erste Kategorie der übergreifenden Wirklichkeit, sie ist allerdings nur formelle Wirklichkeit, d.h. eine Wirklichkeit, die bereits wirklich ist, insofern sie nur mit sich identisch ist, ohne Rücksicht auf alle anderen Gegebenheiten. Daraus entspringt der Gedanke, dass alles (denk)möglich ist, weil zur Möglichkeit nur gehört, sich nicht selbst zu widersprechen, sprich mit sich selbst übereinzustimmen. Daher spricht Hegel von dem Reich der Möglichkeit als „grenzenloser Mannigfaltigkeit“. Er führt aus: „Weil die Möglichkeit zunächst gegen das Konkrete als Wirkliche die bloße Form der Identität-mit-sich ist, so ist die Regel für dieselbe nur, daß etwas sich in sich nicht widerspreche, und so ist alles möglich; denn allem Inhalte kann diese Form der Identität durch die Abstraktion gegeben werden. Aber alles ist ebensosehr unmöglich, denn in allem Inhalte, da er ein Konkretes ist, kann die Bestimmtheit als bestimmter Gegensatz und damit als Widerspruch gefaßt werden.“5
Letztendlich hat jedes Mögliche eine Wirklichkeit, weil jede Möglichkeit ist (ein Sein hat). Auf dieser Stufe ist alles noch ein Zufälliges. Hegel schreibt: „Diese Einheit der Möglichkeit und Wirklichkeit ist die Zufälligkeit. Das Zufällige ist ein Wirkliches, das zugleich nur als möglich bestimmt, dessen Anderes oder Gegenteil ebensosehr ist.“ Und weiter: „Das Zufällige aber ist zweitens das Wirkliche als ein nur Mögliches oder als ein Gesetztsein; so auch das Mögliche ist als formelles Ansichsein nur Gesetztsein. Somit ist beides nicht an und für sich selbst, sondern hat seine wahrhafte Reflexion-in-sich in einem Anderen, oder es hat einen Grund.“6 Einfacher formuliert: Die Realisation oder Verwirklichung eines Möglichen zum Zufälligen beruht immer auf Bedingungen, die selbst bereits wirklich und nicht nur möglich sein müssen. Es gilt zwar für jedes Mögliche, dass es identisch ist, wie im Identitätssatz A=A ausgedrückt wird, aber ebenso wie dieser Identitätssatz die Existenz von anderen Buchstaben zur Abgrenzung voraussetzt (A ungleich B), setzt auch das Mögliche als Zufälliges (also als Realisiertes) andere Zufällige als Grund oder Bedingung für sich voraus. Es lässt sich abstrakt beschreiben, wie es zu einer solchen Grund-Beziehung kommt. Sehen wir ein, dass ein Mögliches nur in der Form der Identität mit sich wirklich und seiend ist, (also wie in A=A), so ist darin implizit, dass auch andere Inhalte möglich sind, sofern sie nur identisch mit sich sind. So ist daher A=A möglich, ebenso aber B=B. Und dies lässt sich formulieren: gerade weil A=A möglich ist, ist auch B=B möglich, denn die Möglichkeit von A=A liegt in der auf alles „übertragbaren“ Identitätsbeziehung auf sich. Dies heißt aber nichts anderes als dass ein Mögliches durch andere Mögliche begründet wird, B=B ist möglich aufgrund der Möglichkeit von A=A. Man darf sich an dieser Stelle noch keine festen Gründe vorstellen, wie wir es aus unserer Alltagskausalität gewohnt sind, mag diese auch noch so sehr mit Zufälligkeit behaftet sein. Jedoch gerade an diesem Punkt des logischen Denkens muss man sich bemühen, die Kategorien in völliger Allgemeinheit zu denken, ohne sogleich sich Beispiele als Denkhilfe beizulegen. Wir sehen so, dass im Begriff des Möglichen als Wirklichen der Widerspruch angelegt, dass einerseits A=A, B=B, C=C, etc. nur mit sich identisch sind und andererseits sich eben dadurch gegenseitig begründen (das Begründen muss gegenseitig sein, weil es beliebig viele mit sich identische Möglichkeiten gibt und diese unterschiedlos möglich sind, also keinerlei Begründungshierarchien oder ähnliches bilden können). Zu den beiden Bestimmungen dieses Widerspruchs schreibt Hegel: „Diese absolute Unruhe des Werdens dieser beiden Bestimmungen ist die Zufälligkeit. Aber darum weil jede unmittelbar in die entgegengesetzte umschlägt, so geht sie in dieser ebenso schlechthin mit sich selbst zusammen, und diese Identität derselben, einer in der anderen, ist die Notwendigkeit.“7
Jedes Seiende hat jedenfalls Gründe und insofern Bedingungen seiner Verwirklichung. Diese Bedingungen können aber auf dieser Stufe der begrifflichen Entwicklung nur andere Zufälligkeiten sein (ein absolut notwendiges Sein gibt es kategorial noch nicht). Anders gesagt: alles Zufällige ist durch anderes Zufälliges notwendig bedingt und bedingt wiederum notwendig anderes Zufälliges. Hegel definiert dies folgerichtig: „Das Zufällige ist überhaupt ein solches, welches den Grund seines Seins nicht in sich selbst, sondern in anderem hat.“8 und weiter: „Das Zufällige, als die unmittelbare Wirklichkeit, ist zugleich die Möglichkeit eines Anderen, jedoch nicht mehr bloß jene abstrakte Möglichkeit, die wir zuerst hatten, sondern die Möglichkeit als seiend, und so ist dieselbe Bedingung.“9 Weil aber insofern alle Bedingungen an ihnen selbst gesetzte mögliche sind, sprich nur zufällige Bedingungen, ist die gegenseitige Bedingtheit zwar notwendig, aber nur relativ notwendig. Wir haben hier einen unendlichen Regreß und Kreislauf von gegenseitigen Begründungen und Bedingtheiten, die aber niemals den Status absoluter Notwendigkeit erlangen. Absolute Notwendigkeit ist demgegenüber definiert als das Selbst-Setzen seiner eigenen Bedingungen. Henrich bringt es auf den Punkt: „Jene Notwendigkeit ist also immer nur eine relative. Prinzipiell ist die Zufälligkeit des Gesetzten durch sie keineswegs aufgehoben. Den Begriff der Bedingung einzuführen war aber gerade dadurch gefordert, daß ein Grund für die Verwirklichung des Möglichen angenommen werden muß. Der Regressus der Bedingtheiten führt nicht zu realer Notwendigkeit. Also muß dieser Begriff einer wirklich begründenden Notwendigkeit so gedacht werden, daß in ihm das Setzen der eigenen Bedingungen impliziert ist. Das wirklich gewordene Mögliche ist nicht zufällig, sondern notwendig, weil es sich selbst seine eigenen Bedingungen setzt. Damit ist der Begriff der Zufälligkeit durch diese höhere Kategorie aufgehoben.“10
Um seinem Begriff zu entsprechen, kann die Notwendigkeit nur real sein, insofern ihre Bedingungen, die sie sich selbst setzt, zufällige Bedingungen sind. Die absolute Notwendigkeit existiert dadurch, dass sie sich jede beliebige Zufälligkeit als ihre Bedingungen setzen kann. Das Gesetz regiert alle Phänomene, die unter es fallen. Hegel beschreibt dies ausführlicher: „Wenn von etwas gesagt wird, es sei notwendig, so fragen wir zunächst nach dem Warum. Das Notwendige soll sich somit als ein Gesetztes, als ein Vermitteltes erweisen. Bleiben wir indes bei der bloßen Vermittlung stehen, so haben wir noch nicht dasjenige, was unter der Notwendigkeit verstanden wird. Das bloß Vermittelte ist das, was es ist, nicht durch sich selbst, sondern durch ein Anderes, und damit ist dasselbe auch bloß ein Zufälliges [dies ist die relative Notwendigkeit]. Von dem Notwendigen dagegen verlangen wir, daß es das, was es ist, durch sich selbst sei und somit vermittelt zwar, doch zugleich die Vermittlung als aufgehoben in sich enthalte. […] Von der Notwendigkeit pflegt gesagt zu werden, daß sie blind sei, und zwar insofern mit Recht, als in ihrem Prozeß der Zweck noch nicht als solcher für sich vorhanden ist. Der Prozeß der Notwendigkeit beginnt mit der Existenz zerstreuter Umstände, die einander nichts anzugehen und keinen Zusammenhang in sich zu haben scheinen. Diese Umstände sind eine unmittelbare Wirklichkeit, welche in sich zusammenfällt, und aus dieser Negation geht eine neue Wirklichkeit hervor. […] Die unmittelbaren Umstände gehen als Bedingungen zugrunde, werden aber auch zugleich als Inhalt der Sache erhalten. Man sagt dann, aus solchen Umständen und Bedingungen sei etwas ganz anderes hervorgegangen, und nennt deshalb die Notwendigkeit, welche dieser Prozeß ist, blind.“11 Die Blindheit meint hier eben, dass für die Notwendigkeit die konkreten Bedingungen/Umstände gleichgültig sind. Um ein Beispiel aus der Geschichtsphilosophie zu bemühen: Notwendigkeit in der Geschichte drückt sich etwa darin aus, dass im Gefolge der Französischen Revolution die Parteistreitigkeiten und der Terreur beendet werden mussten, indem ein Individuum sich in diesen Kämpfen durchsetzte. Die konkreten Individuen, die darüber zugrunde gingen, wer wen guillotinierte oder verhaftete und wer schließlich Kaiser wurde, sind gegenüber der blinden Notwendigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung Zufälligkeiten.
Soweit die Begriffsbestimmungen in der Logik. Zufall und Notwendigkeiten werden hier als Kategorien entwickelt, ihren eigentümlichen Ort haben sie aber in der Natur, denn für Kontingentes ist in der stringenten Entwicklung der reinen Gedankenbestimmungen zur Idee, welche die Logik darstellt, kein Platz. Erst in der Natur, dem Reich der materiellen Besonderheiten, kommen die Kategorien zum Tragen: „Die Zufälligkeit und Bestimmbarkeit von außen hat in der Sphäre der Natur ihr Recht. Am größten ist diese Zufälligkeit im Reiche der konkreten Gebilde, die aber als Naturdinge zugleich nur unmittelbar konkret sind. […] Jene Ohnmacht der Natur setzt der Philosophie Grenzen, und das Ungehörigste ist, von dem Begriffe zu verlangen, er solle dergleichen Zufälligkeiten begreifen…“12 Es ist wiederum kein Zufall, dass gerade an dieser Stelle Hegel auf seine Krug-Kritik zurückgreift. Eine andere Passage weist bereits am Beginn der Naturphilosophie über diese hinaus: „In dieser Äußerlichkeit [der Natur] haben die Begriffsbestimmungen den Schein eines gleichgültigen Bestehens und der Vereinzelung gegeneinander; der Begriff ist deswegen als Innerliches. Die Natur zeigt daher in ihrem Dasein keine Freiheit, sondern Notwendigkeit und Zufälligkeit.“13
Freiheit als das im-Anderen-bei-sich-Sein, wie Hegel es fasst (und die Geschichte als der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit), ist das Überwinden der bloßen Unterworfenheit unter Notwendigkeit und Zufall, welche in der Natur nur als starre Gegensätze existieren. Freiheit findet daher nur im Geist, in der menschlichen Geschichte und Gesellschaft statt. Nichtsdestotrotz behält der Zufall auch im menschlichen Bereich weiter seine Geltung. Im Subjekt beispielsweise identifiziert Hegel die Leidenschaften und rein subjektiven Neigungen, kurz: die Willkür als das Zufällige im Menschen und auch auf höheren Ebenen macht sich immer wieder Zufälliges geltend. So heißt es etwa in den Grundlinien der Philosophie des Rechts: „Es läßt sich nicht vernünftig bestimmen noch durch die Anwendung einer aus dem Begriffe herkommenden Bestimmtheit entscheiden, ob für ein Vergehen […] eine Geldstrafe von fünf Talern oder aber auch von vier Talern […] das Gerechte sei. […] Die Vernunft ist es selbst, welche anerkennt, daß die Zufälligkeit, der Widerspruch und Schein ihre beschränkte Sphäre und Recht hat und sich nicht bemüht, dergleichen Widersprüche ins Gleiche und Gerechte zu bringen.“14 So reproduziert sich der Zufall auf jeder Stufe der natürlichen und geistigen Entwicklung neu, allerdings als immer untergeordneteres Element, dessen Rolle zunehmend gleichgültig und von Vernunft eingerahmt wird.
Mit einer letzte Bemerkung will ich dieses Fragment nicht nur schließen, sondern zugleich hinausweisen lassen auf kommende Blogbeiträge. Bekanntermaßen schreibt Friedrich Engels in seinem „Anti-Dühring“ Hegel die Auffassung zu, dass Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit sei – ein durchaus fragwürdiger Satz, wenn man die unmittelbar folgenden Erläuterungen Engels‘ mitberücksichtig: „Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äußern Natur, wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des Menschen selbst regeln – zwei Klassen von Gesetzen, die wir höchstens in der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit voneinander trennen können. […] Freiheit besteht also in der auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur; sie ist damit notwendig ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung.“15 Bedenklich erscheint hier vor allem, dass Engels die Differenzierung zwischen Naturgesetzen und Gesetzen menschlicher Gesellschaften nahezu auflöst, denn die Notwendigkeit, welche in der menschlichen Geschichte herrscht, ist eine gänzliche andere Form der Notwendigkeit als jene „blinde“, die in der Natur dominiert. Hegel jedenfalls setzt Freiheit viel stärker als Aufhebung der Einseitigkeit der Gegenüberstellung von Zufall und Notwendigkeit. Der Mensch ist nach Hegel nicht durch passives Rezipieren und anschließendes Manipulieren strikter Naturnotwendigkeit definiert, sondern durch einen schrittweisen Fortschritt nicht allein im Erkennen, sondern auch im Selbst-Setzen seiner eigenen Gesetzmäßigkeit.
1 Henrich, Dieter: Hegels Theorie über den Zufall. In: Hegel im Kontext. S. 158-186. Hier: S. 160. Ebenso spannend ist im übrigen Henrichs Hinweis: „Man kann Hegels Kontingenzlehre in diesem Zusammenhang als eine Erneuerung des Aristoteles verstehen.“ Ebd, S. 171.
2 Vgl. Engels, Friedrich: Dialektik der Natur. Dietz Verlag Berlin, 1952. S. 234.
3 Siehe Jaeschke, Walter: Hegel-Handbuch. Leben – Werk – Schule. 2. Aufl. Stuttgart, 2010. S. 132.
4 Vgl. Engels, Friedrich: Dialektik der Natur. Dietz Verlag Berlin, 1952. S. 233.
5 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich.Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I. Werke 8. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986. § 143, S. 282.
6 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich.Wissenschaft der Logik II. Werke 6. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986. S. 205/206.
7 Hegel, Wissenschaft der Logik, S. 206.
8 Hegel,Enzyklopädie I. § 145, S. 284 f.
9 Ebd., § 146, S. 287.
10 Henrich, S. 163 f.
11 Hegel, Enzyklopädie I, § 147, S. 289.
12 Hegel, Enzyklopädie II, § 250, S. 34 f.
13 Ebd., § 248, S. 27.
14 Hegel, Georg Friedrich Wilhelm: Grundlinien der Philosophie des Rechts. Werke 7. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986. § 214, S. 366 f.
15 Karl Marx/ Friedrich Engels: Werke. »Herrn Eugen Dührung’s Umwälzung der Wissenschaft«, Dietz Verlag, Berlin. Band 20. Berlin/DDR. 1962. S. 106.

References: § 249
 § 143
 § 145
 § 146
 § 147
 § 250
 § 248
 § 214