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Timestamp: 2019-08-24 05:05:56+00:00

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Gerüstbauerhandwerk – Vermieten von Bauaufzügen – Sozialkassenverfahren
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.10.2017, 10 AZR 327/16
Die Revision des Klägers gegen das Urteil des Hessischen Landesarbeitsgerichts vom 30. März 2016 – 18 Sa 18/15 – wird zurückgewiesen.
10 AZR 327/16 > Rn 1
10 AZR 327/16 > Rn 2
10 AZR 327/16 > Rn 3
Die Beklagte unterhält einen Betrieb, der mittels elektrischer Anlagen betriebene Bauaufzüge für Lasten und/oder Personen sowie Hubzeuge vermietet und – in geringem Umfang – verkauft. Die vermieteten Aufzüge werden teilweise von Mitarbeitern der Beklagten montiert und demontiert, wobei der Anteil an der Gesamtarbeitszeit streitig ist.
10 AZR 327/16 > Rn 4
10 AZR 327/16 > Rn 5
10 AZR 327/16 > Rn 6
10 AZR 327/16 > Rn 7
Die Beklagte hat – soweit für das Revisionsverfahren von Interesse – beantragt, die Klage abzuweisen. Sie sei kein Betrieb des Gerüstbauerhandwerks. Bauaufzüge seien keine Gerüstteile, sondern Baumaschinen, die zum Transport verwendet würden. Die von ihr vermieteten Aufzüge würden nicht an Gerüsten befestigt, sondern an den Gebäuden selbst. Teilweise seien gar keine Gerüste an den Gebäuden errichtet. Auf die Montage und Demontage vermieteter Bauaufzüge entfielen in den Jahren 2011 und 2012 weniger als 6 % der Arbeitsstunden. Sie beschäftige nur Elektriker, Monteure und Fahrer als gewerbliche Arbeitnehmer, jedoch keine Gerüstbauer.
10 AZR 327/16 > Rn 8
10 AZR 327/16 > Rn 9
10 AZR 327/16 > Rn 10
I. Ein Betrieb unterfällt nach § 1 Abs. 2 Abschn. I und Abschn. II VTV-Gerüstbau dem betrieblichen Geltungsbereich des VTV-Gerüstbau, wenn er nach seiner durch die Art der betrieblichen Tätigkeit geprägten Zweckbestimmung arbeitszeitlich überwiegend mit eigenem oder fremdem Material gewerblich Gerüste erstellt oder Gerüstmaterial bereitstellt. Auf wirtschaftliche Gesichtspunkte oder auf handels- oder gewerberechtliche Kriterien kommt es danach nicht an. Den Gerüstbauarbeiten sind diejenigen Nebenarbeiten zuzuordnen, die zu ihrer sachgerechten Ausführung notwendig sind (BAG 17. Oktober 2012 – 10 AZR 629/11 – Rn. 9 mwN).
10 AZR 327/16 > Rn 11
10 AZR 327/16 > Rn 12
1. Das „Erstellen“ von Gerüsten setzt schon nach dem Wortsinn der tarifvertraglichen Regelung regelmäßig Montagearbeiten voraus. Synonyme für „Erstellen“ sind „Aufbauen“ oder „Errichten“. Zumindest ist für ein „Erstellen“ die Planung oder Konstruktion des Gerüsts und die Überwachung seines Aufbaus erforderlich (vgl. BAG 17. Oktober 2012 – 10 AZR 629/11 – Rn. 16).
10 AZR 327/16 > Rn 13
2. Vorliegend kann dahinstehen, ob die Montage von Bauaufzügen einen Teilaspekt des „Erstellens von Gerüsten“ darstellt, etwa weil diese durch Bauaufzüge (besser) nutzbar werden oder die Bauaufzüge als Bestandteil oder Zubehör der Gerüste anzusehen wären (zur Montage und Demontage von Netzen und Planen an Gerüsten vgl. Hess. LAG 11. Mai 2011 – 18 Sa 23/11 -). Jedenfalls führt die Beklagte nicht arbeitszeitlich überwiegend Montagearbeiten durch, wie es nach § 1 Abs. 2 Abschn. II Satz 1 VTV-Gerüstbau erforderlich wäre. Nach den mit der Revision nicht angegriffenen Feststellungen des Landesarbeitsgerichts hat der Kläger nicht dargelegt, dass die Montage und Demontage von Bauaufzügen durch Arbeitnehmer der Beklagten arbeitszeitlich in ihrem Betrieb überwog. Die Beklagte selbst gibt den arbeitszeitlichen Anteil mit weniger als 6 % an. Der Kläger behauptet in diesem Zusammenhang auch keine Planungs-, Konstruktions- oder Überwachungsarbeiten der Beklagten.
10 AZR 327/16 > Rn 14
10 AZR 327/16 > Rn 15
1. Allerdings fällt unter den Begriff des „Bereitstellens“ iSv. § 1 Abs. 2 Abschn. I Buchst. a Satz 3 VTV-Gerüstbau auch das „Vermieten“ von Gerüstmaterial (BAG 17. Oktober 2012 – 10 AZR 629/11 – Rn. 16).
10 AZR 327/16 > Rn 16
10 AZR 327/16 > Rn 17
a) Bauaufzüge sind keine „Gerüste“ iSd. VTV-Gerüstbau. Der Einbezug „aller Arten“ der in § 1 Abs. 2 Abschn. I Buchst. a Satz 4 VTV-Gerüstbau näher bezeichneten Gerüste sowie von „Sonderkonstruktionen der Rüsttechnik“ verdeutlicht, dass der Begriff des „Gerüsts“ umfassend zu verstehen ist und der Tarifvertrag mit seinem betrieblichen Geltungsbereich alle Betriebe erfasst, die mit Gerüstmaterial Gerüste und sonstige Konstruktionen erstellen bzw. Gerüstmaterial dafür bereitstellen. Maßgebend für den Geltungsbereich des VTV-Gerüstbau ist dabei die Art der Konstruktion unter Verwendung von Gerüstbauteilen, die einen relativ einfachen Auf- und Abbau und die mehrfache Verwendung für weiteren Gerüstbau (Rüsttechnik) ermöglicht (BAG 17. Oktober 2012 – 10 AZR 629/11 – Rn. 12).
10 AZR 327/16 > Rn 18
aa) Bauaufzüge können insofern aber schon vom Wortlaut der tariflichen Regelung – von dem bei der Auslegung vorrangig auszugehen ist (BAG 12. Dezember 2012 – 10 AZR 922/11 – Rn. 10, BAGE 144, 117) – nicht unter den Begriff „Gerüst“ gefasst werden. Ein Gerüst ist eine vorübergehende, im Allgemeinen wieder verwendbare Hilfskonstruktion aus meist standardisierten Gerüstbauteilen, die insbesondere als Arbeitsplattform, zur Befestigung einer Schalung oder als Schutzeinrichtung verwendet wird.
10 AZR 327/16 > Rn 19
(1) Der Begriff „Bauaufzug“ bezeichnet durchweg maschinell angetriebene Apparaturen, die der vertikalen Beförderung von Personen und Material dienen. Dagegen betrifft der Begriff „Arbeitsgerüst“ iSv. § 1 Abs. 2 Abschn. I Buchst. a Satz 4 VTV-Gerüstbau statische Konstruktionen für den Aufenthalt von Personen in erhöhter Position (BAG 17. Oktober 2012 – 10 AZR 629/11 – Rn. 13). Bauaufzüge sind begrifflich auch offenkundig keine Schutz- oder Traggerüste.
10 AZR 327/16 > Rn 20
10 AZR 327/16 > Rn 21
10 AZR 327/16 > Rn 22
(a) „Sonderkonstruktionen der Rüsttechnik“ sind – wie Gerüste – mit Gerüstmaterial erstellte Gebilde, die aber nicht standardisiert errichtet, sondern speziell geplant oder konzipiert werden (vgl. BAG 17. Oktober 2012 – 10 AZR 629/11 – Rn. 14). Sie sollen zumeist aufgrund ihrer Festigkeit und Unveränderlichkeit ihre Funktion erfüllen. Darunter werden bspw. Wetterschutzhallen, Einhausungen, Bühnen oder Tribünen verstanden (vgl. § 9 Abs. 3 Nr. 2 GerüstbAusbV 2000).
10 AZR 327/16 > Rn 23
10 AZR 327/16 > Rn 24
10 AZR 327/16 > Rn 25
10 AZR 327/16 > Rn 26
10 AZR 327/16 > Rn 27
10 AZR 327/16 > Rn 28
(a) Zwar können zur Auslegung eines Tarifvertrags andere Tarifverträge nicht ohne weiteres herangezogen werden. Da es entscheidend auf den Willen der Vertragschließenden ankommt, ist nur bei gewichtigen Anhaltspunkten davon auszugehen, dass der Sprachgebrauch anderer Tarifvertragsparteien und die von ihnen getroffene Regelung von Bedeutung sein sollen. Das kann etwa dann der Fall sein, wenn mehrere Tarifverträge eine gewisse Einheit bilden (vgl. BAG 2. November 2016 – 10 AZR 615/15 – Rn. 49; 28. Januar 2009 – 4 ABR 92/07 – Rn. 41 mwN, BAGE 129, 238). Durch die Bezugnahme auf den Bundesrahmentarifvertrag für das Baugewerbe (BRTV-Bau) in den Geltungsbereichsregelungen des VTV-Gerüstbau geben die dortigen Tarifvertragsparteien zu erkennen, dass sie teilweise von einer eigenständigen Regelung absehen und insoweit das Regelungskonzept des BRTV-Bau übernehmen.
10 AZR 327/16 > Rn 29
10 AZR 327/16 > Rn 30
10 AZR 327/16 > Rn 31
(a) Zwar kann der Inhalt öffentlich-rechtlicher Ausbildungsregelungen ggfs. ergänzend für die Auslegung einer tarifvertraglichen Regelung herangezogen werden (vgl. BAG 17. Oktober 2012 – 10 AZR 629/11 – Rn. 15). Dies kann eine vornehmlich am Wortlaut auszurichtende Auslegung aber nur bestärken oder in Frage stellen, nicht jedoch ein eigenständiges Argument für eine bestimmte Auslegung eines Tarifvertrags sein.
10 AZR 327/16 > Rn 32
(b) Vorliegend erwähnen bspw. die Verordnung über die Berufsausbildung zum Gerüstbauer/zur Gerüstbauerin vom 26. Mai 2000 (GerüstbAusbV 2000; BGBl. I S. 778) sowie die Verordnung über das Meisterprüfungsberufsbild und über die Prüfungsanforderungen in den Teilen I und II der Meisterprüfung im Gerüstbauer-Handwerk vom 12. Dezember 2000 (GerüstbMstrV; BGBl. I S. 1694) idF von Art. 2 der Verordnung vom 17. November 2011 (BGBl. I S. 2234) an einzelnen Stellen „Aufzüge“. Dies besagt aber – gegen die aus Wortlaut und Systematik gewonnenen Argumente – nichts darüber, ob Bauaufzüge als Gerüste oder Gerüstmaterial iSd. VTV-Gerüstbau anzusehen sind. Den Verordnungen ist allein zu entnehmen, dass Auszubildende und angehende Meister im Rahmen der Ausbildung auch Kenntnisse von Materien erlangen sollen, die nicht unmittelbar zu dem zu erlernenden Handwerk gehören, diesem aber benachbart sind. Wenn bspw. in der Anlage zu § 5 GerüstbAusbV 2000 (BGBl. I S. 781 ff.) in Nr. 11 Buchst. h auch der Einsatz von Gabelstaplern zu den zu vermittelnden Fertigkeiten und Kenntnissen gezählt wird, folgt daraus offenkundig nicht, dass diese als Gerüste oder Gerüstmaterial bzw. das sie vermietende Unternehmen als Betrieb des Gerüstbauerhandwerks iSd. des VTV-Gerüstbau anzusehen sind.
10 AZR 327/16 > Rn 33
10 AZR 327/16 > Rn 34
10 AZR 327/16 > Rn 35
aa) Bauaufzüge sind – anders als bspw. die Verstrebungen, der Gerüstbelag oder das Geländer – nicht konstitutiver Bestandteil eines Gerüsts, ohne den ein solches nicht einsetzbar wäre. Die einzelnen Ebenen eines Gerüsts können durchweg über Leitern erreicht werden. Andererseits kann ein Bauaufzug unabhängig von einem Gerüst verwendet werden und bspw. bei einem nicht eingerüsteten Rohbau Material in höhere Stockwerke befördern. Er ist allenfalls ein Hilfsmittel zum Aufbau oder zur Nutzung eines Gerüsts, aber nicht dessen Bestandteil.
10 AZR 327/16 > Rn 36
10 AZR 327/16 > Rn 37
Klein Petri
Sozialkassenverfahren,
Vermieten von Bauaufzügen
VTV-Gerüstbau v. 20.01.1994 (i.d.F.des Änderungstarifvertrags v. 11.06.2002) § 1 Abs. 2 Abschn. I Buchst. a)
VTV-Gerüstbau v. 20.01.1994 (i.d.F.des Änderungstarifvertrags v. 11.06.2002) § 1 Abs. 2 Abschn. II S. 1
VTV-Gerüstbau v. 20.01.1994 (i.d.F.des Änderungstarifvertrags v. 11.06.2002) § 1 Abs. 2 Abschn. III S. 1
Das Urteil BAG – 10 AZR 327/16 wird zitiert in:

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 § 9
 Art. 2
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