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GAIR-MITTEILUNGEN 2013
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Minna Diefenbach
1 Gesellschaft für Arabisches und Islamisches Recht e. V. جمعية دراسات الشريعة اإلسالمية وقوانين البالد العربية GAIR-MITTEILUNGEN Jahrgang Herausgegeben von Hatem Elliesie Peter Scholz Beate Backe durch die Gesellschaft für Arabisches und Islamisches Recht e. V.
2 EDITORIAL Sehr geehrte Mitglieder der GAIR, sehr geehrte Interessenten, mit ihrem fünften Erscheinen in Folge begehen die GAIR-Mitteilungen in diesem Jahr ihr erstes kleines Jubiläum. Dies wollen wir zum Anlass nehmen, um mit einer kurzen Bestandsaufnahme einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen zu geben. Wie in den vergangenen Jahren konnten auch dieses Jahr wieder zahlreiche Autor(inn)en gewonnen werden, die mit ihren Beiträgen die GAIR-Mitteilungen bereichern. Ihrem Engagement und Einsatz ist es zu verdanken, dass wir Ihnen inhaltlich wieder ein breites Spektrum an arabisch- bzw. islamisch-rechtlich relevanten Themen anbieten können, das sich in diesem Jahr geografisch von Ägypten über Deutschland und Oman nach Indonesien erstreckt. Dabei sei besonders hervorgehoben, dass ein Großteil der Aufsätze aus der Feder von Nachwuchswissenschaftler(inne)n stammt. Damit bilden die GAIR-Mitteilungen zum Zeitpunkt ihres fünfjährigen Bestehens eine Plattform für den Austausch zwischen etablierten und Nachwuchswissenschaftler(inne)n und -praktiker(inne)n. Diese positive Entwicklung wollen wir fortführen. Zu diesem Ziel und aufgrund des regen Anklangs, auf den die Vereinszeitschrift der GAIR seit ihrer Gründung auch über den Kreis an Mitgliedern hinaus gestoßen ist, wollen wir (die Herausgeber[in] und Redaktionsmitglieder) die Mitteilungen weiterentwickeln. Für die kommenden Jahre planen wir daher, die Zeitschrift durch Erweiterung und Vertiefung des (inter-)disziplinären Spektrums arabisch- bzw. islamisch-rechtlicher Themen prominenter unter den Fachzeitschriften zu platzieren und durch ihre Inhalte hervorzuheben. Hierzu eruieren wir derzeit Möglichkeiten, ob und wie auch eine entsprechende Druckfassung der Online- Publikation der interessierten Leserschaft zur Verfügung gestellt werden kann. Dabei ist uns auch weiterhin ein fächerübergreifender Diskurs in Wissenschaft und Praxis sowie ein hohes Maß an Qualitätssicherung äußerst wichtig. Daher bündeln wir derzeit das institutionelle Wissen der GAIR, um es für die Zeitschrift noch stärker nutzbar zu machen. Wir freuen uns sehr, wenn Sie uns in unserem Bestreben unterstützen, indem Sie einen Teil Ihres Wissens und Ihrer Expertise in Form von Aufsätzen, Berichten und/oder Rezensionen zur Verfügung stellen. Beiträge können jederzeit gern über die neue (!) -Adresse an die Redaktionsleitung oder an die Herausgeber selbst gesendet werden, und auch für Anregungen und Kritik stehen wir Ihnen immer gerne zur Verfügung. 2
3 An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Mitwirkenden bedanken, ohne deren Engagement diese Ausgabe nicht möglich gewesen wäre. Zu diesen Mitwirkenden gehört seit September letzten Jahres Kai Kreutzberger, dessen Anregungen und Mitarbeit eine große Bereicherung für die Redaktion darstellen. Auch Sina Nikolajew sei an dieser Stelle gedankt. Ihrem technischen Wissen, ihrer Erfahrung und ihrem unermüdlichen Engagement ist es zu verdanken, dass wir Ihnen auch in diesem Jahr wieder rechtzeitig eine Ausgabe der GAIR-Mitteilungen vorlegen und in redaktioneller Hinsicht eine Weiterentwicklung der Mitteilungen anstreben können. All diese positiven Entwicklungen lassen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ereignisse in einigen arabischen Ländern nach wie vor Anlass zur Sorge bieten und die zukünftigen Entwicklungen nach wie vor ungewiss sind. Nicht alle, doch zumindest einige politische und nicht zuletzt rechtliche Systeme können als instabil, wenn nicht als fragil bezeichnet werden. Welche Folgen dies nicht zuletzt für die Bevölkerung nach sich ziehen wird, bleibt abzuwarten. Diese Entwicklungen sind wenngleich nicht immer offen thematisiert hintergründig stets präsent. Dies werden sie auch sein, wenn wir uns am 11. und 12. Oktober zur jährlichen Tagung (mit angeschlossener Mitgliederversammlung) der GAIR in Zürich treffen, die sich in diesem Jahr mit dem Verhältnis von arabischem/islamischem Recht und Internationalem Privatrecht sowie dem Schuldrecht in der islamischen Welt befassen wird. Vor diesem Hintergrund hoffen wir, Ihnen eine informative und ansprechende Ausgabe zusammengestellt haben zu können. Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen verbleiben die Herausgeber Beate Backe, Hatem Elliesie und Peter Scholz sowie das Redaktionsteam Mehrnaz Jafari, Kai Kreutzberger und Sina Nikolajew. 3
4 INHALTSVERZEICHNIS NEUE ENTWICKLUNGEN ZUM UND IM RECHT ISLAMISCH GEPRÄGTER STAATEN Rechtsprechung und fatāwā... 7 KG, Urteil vom unbegründete Besetzungsrüge wegen einer Schöffin mit Kopftuch Peter Scholz... 7 KG, Beschluss vom keine konkludente Wahl ägyptischen Ehewirkungsstatuts Peter Scholz... 9 OLG Hamm, Beschluss vom iranisches Scheidungsrecht und deutscher ordre public Peter Scholz OLG Hamm, Beschluss vom Scheidung iranischer Ehefrau aufgrund ehevertraglicher Vereinbarung Peter Scholz ArbG Berlin, Urteil vom religiöse Diskriminierung im Bewerbungsverfahren wegen Tragens eines Kopftuchs Peter Scholz HessVGH, Urteil vom kein Anspruch eines muslimischen Mädchens auf Befreiung vom koedukativen Schwimmunterricht Peter Scholz LITERATURHINWEISE Besprechung von Rainer Grote und Tilman J. Röder (eds.), Constitutionalism in Islamic Countries, Oxford (Oxford University Press) 2012, 730 Seiten, 95 GBP / 88 Achim-Rüdiger Börner BERICHTE Internationale Konferenz Islam and International Law, Innsbruck, Juni 2012 Marisa Altenberger / Normann Schwarz Islam, Law and Modernity A new research group at Durham University Mohammad Hedayati-Kakhki / Michael Bohlander Bericht zum Workshop Islamisches Recht in Theorie und Praxis, Osnabrück, Januar 2013 Jan Felix Engelhardt
5 Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding zwischen der Philosophischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen und der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Islamischen Universität Sunan Kalijaga in Yogyakarta (Indonesien) Irene Schneider / Fritz Schulze Tagung Islamic Gender Discourse and Legal Thought, Mai 2013 in Göttingen Fritz Schulze Understanding Property in Moslem Transitional Environments: The French-German PROMETEE research project Baudouin Dupret / Jörn Thielmann Max-Planck-Forschungsgruppe: Das Recht Gottes im Wandel: Rechtsvergleichung im Familien- und Erbrecht islamischer Länder Nadjma Yassari AUFSÄTZE Ägyptens neue Verfassung Ein islamistischer Staatsstreich? Michael Bohlander Rule of Law auf islamisch? Das Beispiel Ägyptens Manuela Hager Die Reform der Sozialversicherung in Ägypten: Die verschobene Revolution Stefan Kurzmann Comparative View on the New Competition Law in the UAE Andrés Ring / Thomas Wilson Entwicklungen der islamischen Ehe im globalen Kontext: die nichtregistrierte Ehe (zawāǧ ʿurfī ), die Gelegenheitsehe (zawāǧ misyār) und die Freundehe (zawāǧ frind) Oliver Ritter Iǧtihād versus taqlīd ein Monopol der Gelehrten? Ibrahim Salama The Impact of Islamization of Regional Laws in the Post-Suharto Democratization Era Arskal Salim Rechtliche Konsequenzen ungedeckter Schecks in den Vereinigten Arabischen Emiraten Jörg Seifert The Praise of Female Empowerment in Oman Sung Rightly? Samira Selle Blasphemie und verwandte Delikte in der Strafgesetzgebung muslimischer Länder Ein Überblick Silvia Tellenbach
6 VERANSTALTUNGSHINWEISE Konferenz The Dynamics of Legal Development in Islamic Countries, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht, Oktober Conference Law and the Muslim World, Oxford, 30 October International Conference Rethinking classical Islamic law: can fiqh be applied law?, Centre Jacques Berque (CJB), Rabat (Morocco), November Conference International Seminar on Islamic Jurisprudence in Contemporary Society 2013 (ISLAC 2013), Kuala Terengganu (Malaysia), 30 November 1 December Conference Legal Research, Sudan and the Durham Archive, University of Durham, December Conference Religion, Democracy and Law, London Metropolitan University, January Conference: Islamic Banking and Finance: Theoretical Development and Experiencing Realities, Oxford Institute of Islamic Banking and Finance, 29 April AUFRUF ZUM EINREICHEN VON BEITRÄGEN FÜR DIE GAIR-MITTEILUNGEN IMPRESSUM
7 NEUE ENTWICKLUNGEN ZUM UND IM RECHT ISLAMISCH GEPRÄGTER STAATEN Rechtsprechung und fatāwā KG, Urteil vom unbegründete Besetzungsrüge wegen einer Schöffin mit Kopftuch Peter Scholz Der Revisionsentscheidung des Kammergerichts zum Az. (3) 121 Ss 166/12 (120/12) 1 lag folgender Sachverhalt zugrunde: Mit ihrer gegen eine amtsgerichtliche Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung eingelegten Sprungrevision hat die Staatsanwaltschaft Berlin unter anderem die Verletzung formellen Rechtes nach 338 Nr. 1 Strafprozessordnung (StPO) gerügt. Diesbezüglich hat sie die Auffassung vertreten, das Gericht sei nicht vorschriftsmäßig besetzt gewesen, da eine beteiligte Schöffin in der Hauptverhandlung ein sogenanntes ḥiǧāb-kopftuch getragen habe, das die Stirn bis zu den Augenbrauen, die Ohren und den Hals bis unter das Kinn vollständig abdeckte. Das Kammergericht hat die zulässige Revision als unbegründet verworfen. Zu Recht sieht es in einem religiös begründeten Kopftuch keinen Umstand, der die Unfähigkeit zum Schöffenamt zu begründen vermag. Die 32 ff. Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) sähen keinen einschlägigen Ausschlussgrund vor. Insbesondere lägen die Voraussetzungen der Unfähigkeit zum Schöffenamt gemäß 32 GVG nicht vor und seien Schöffinnen und Schöffen, die nach 33 und 34 GVG nicht zum Schöffenamt berufen werden sollen, nicht grundsätzlich unfähig, das Schöffenamt zu bekleiden. Denn letztere sollten lediglich nicht in die Vorschlagslisten aufgenommen (vgl. 37 GVG) bzw. von den Schöffenlisten gestrichen werden (vgl. 52 Abs. 1 Nr. 2 GVG). Dass der Gesetzgeber Schöffinnen mit Kopftuch nicht grundsätzlich vom Schöffenamt habe ausschließen wollen, ergebe sich auch aus der Regelung des 34 Nr. 6 GVG, der Ordensleuten und Priestern, die ebenfalls aufgrund religiöser Vorschriften eine bestimmte Art von Bekleidung trügen, gerade nicht die Fähigkeit abspreche, das Schöffenamt zu bekleiden. Eine entsprechende erweiterte Auslegung des 32 GVG verbiete sich schon deshalb, weil das Tragen eines Kopftuchs aus religiösen Gründen durch die in Art. 4 Abs. 1, Abs. 2 Grundgesetz (GG) vorbehaltlos gewährleistete Religionsfreiheit geschützt werde und es daher eine hinreichend bestimmte gesetzliche Grundlage für eine entsprechende Auslegung geben müsse, 2 die nicht vorliege. 1 Abgerufen aus der Rechtsprechungsdatenbank am Vgl. BVerfGE 108, 282,
8 Ergänzend führt das Kammergericht der ganz herrschenden Meinung folgend aus, dass ein etwaiges Verbot des Tragens religiös motivierter Kleidungsstücke für Berufsrichterinnen und -richter 3 nicht auf Schöffinnen und Schöffen übertragen werden könne. Denn diese stünden nicht in einem Beamten- oder sonstigen Dienstverhältnis zum Staat, sondern übten ein Ehrenamt aus. 4 Zudem sollten Schöffinnen und Schöffen die Bevölkerung angemessen repräsentieren; 36 Abs. 2 S. 1 GVG sehe nämlich vor, dass in den Vorschlagslisten zur Schöffenwahl alle Gruppen der Bevölkerung nach Geschlecht, Alter, Beruf und sozialer Stellung angemessen zu berücksichtigen seien. Personen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit könnten daher nicht von vornherein vom Schöffenamt ausgeschlossen werden. 5 Dies sei mit dem Grundsatz der staatlichen Neutralität gegenüber Religionen gemäß Art. 140 GG i. V. m. Art. 136 Abs. 1 Weimarer Reichsverfassung (WRV) wie auch mit Art. 33 Abs. 3 GG nicht vereinbar. 6 Diese ergänzenden Ausführungen überzeugen nur teilweise. Die religiöse Repräsentativität der Schöffinnen und Schöffen würde nicht dadurch berührt, dass Schöffinnen während der Ausübung ihres Ehrenamts das Tragen religiös motivierter Kleidungsstücke verboten würde, sondern lediglich dann, wenn Schöffinnen, die grundsätzlich ein Kopftuch tragen, von vornherein vom Schöffenamt ausgeschlossen werden würden. Ein bloßes Verbot, während der Ausübung des Ehrenamts ein Kopftuch zu tragen, stellte lediglich eine Beschränkung der Religionsfreiheit der betroffenen Schöffinnen dar, schlösse Musliminnen, die generell ein Kopftuch tragen, aber nicht generell vom Schöffenamt aus. Prof. Dr. Dr. Peter Scholz, Mitglied des Kuratoriums der GAIR, ist Honorarprofessor der Freien Universität Berlin und Vizepräsident des Amtsgerichts Tiergarten. 3 Das Kammergericht hat es folglich dahinstehen lassen, ob das in 1, 5 WeltanschauungssymboleG Berlin statuierte Verbot für hoheitlich handelnde Beamtinnen und Beamten sowie Angestellte und Auszubildende u. a. der Rechtspflege und des Justizvollzugs des Landes Berlin, auffallend religiös geprägte Kleidungsstücke zu tragen, auch für Berliner Richterinnen und Richter gilt. Dafür spricht, dass 10 des Berliner Richtergesetzes die beamtenrechtlichen Vorschriften des Landes für die Rechtsverhältnisse der Richterinnen und Richter für entsprechend anwendbar erklärt. 4 Johan Bader, Die Kopftuch tragende Schöffin, NJW 2007, 2964, 2966; Kathrin Groh, Angewandte Verfassungsrechtsprechung? Die Schöffin mit Kopftuch, NVwZ 2006, 1023, Groh, Angewandte Verfassungsrechtsprechung, Dirk Gittermann, in: Löwe/Rosenberg, StPO, 26. Auflage, 31 GVG Rz
9 KG, Beschluss vom keine konkludente Wahl ägyptischen Ehewirkungsstatuts Peter Scholz Die Entscheidung des kammergerichtlichen Zivilsenats (Az. 1 VA 9/12) 1 basierte auf folgendem Sachverhalt: Der deutsche Beteiligte zu 1) heiratete in Ägypten eine Ägypterin nach ägyptischem Recht. Der Ehevertrag enthielt eine Brautgabevereinbarung und wies eine gemeinsame Anschrift in Berlin aus. Im November 2011 wurde die Ehe in Ägypten nach ägyptischem Recht im Wege der Verstoßung der Ehefrau durch ihren Ehemann in Anwesenheit von Zeugen vor einem ägyptischen Urkundsbeamten und unter Eintragung der Verstoßung in das Personenstandsregister geschieden. Letzter gemeinsamer gewöhnlicher Aufenthaltsort der Eheleute war Berlin, wo der Beteiligte zu 1) auch im Zeitpunkt der Entscheidung noch lebte. Im Dezember 2011 beantragte der Beteiligte zu 1) bei der Beteiligten zu 2) die Anerkennung seiner Ehescheidung, was diese zurückwies. Der hiergegen eingelegte zulässige Antrag auf gerichtliche Entscheidung gemäß 107 Abs. 5 des Gesetzes über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG) des Beteiligten zu 1) hatte zu Recht in der Sache keinen Erfolg, da nach dem auf die Ehescheidung anzuwendenden deutschen Recht eine Ehe gemäß 1564 Abs. 1 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) nur durch ein Gericht, nicht hingegen im Wege einer Privatscheidung geschieden werden kann. Die Anwendung deutschen Rechtes folge so führt das Gericht überzeugend aus aus Art. 17 Abs. 1 S. 1 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch (EGBGB), der auf Art. 14 EGBGB verweise. Dessen Abs. 1 Nr. 2 berufe deutsches Recht, da letzter gemeinsamer gewöhnlicher Aufenthalt der Eheleute Berlin gewesen sei und der Beteiligte zu 1) dort noch immer seinen gewöhnlichen Aufenthalt habe. Anderes ergebe sich auch nicht aus einer Wahl ägyptischen Rechtes, die zwar nach Art. 14 Abs. 3 S. 1 Nr. 2 EGBGB grundsätzlich möglich gewesen wäre, jedoch nicht erfolgt sei. Mangels ausdrücklicher Rechtswahl könne lediglich eine konkludente Rechtswahl vorgenommen worden sein, für die jedoch hinreichende Anhaltspunkte nicht vorlägen. Solche Anhaltspunkte sieht das Gericht zu Recht weder in der Vereinbarung einer Morgengabe noch in der ehevertraglich festgelegten gemeinsamen Berliner Anschrift. Überzeugend weist es darauf hin, dass die Parteien mit der Vereinbarung einer Morgengabe lediglich islamischen Gepflogenheiten hätten Rechnung tragen wollen. Eine Brautgabevereinbarung könne auch bei Anwendung deutschen Rechtes zu Ansprüchen der Ehefrau gegen ihren Ehemann aufgrund ehevertraglicher Zusagen führen. Die gemeinsame Anschrift genügt dem Gericht trotz des gemeinsamen islamischen Glaubens und der ägyptischen Staats- 1 BeckRS 2013, 01485, abrufbar unter beck-online.beck.de (letzter Aufruf ). 9
10 angehörigkeit der Ehefrau zu Recht ebenfalls nicht, da eine gemeinsame Staatsangehörigkeit der Ehegatten zu keinem Zeitpunkt vorgelegen habe. Das Gericht hätte hier noch deutlicher ausführen können, dass gerade die ausschließlich deutsche Staatsangehörigkeit des Beteiligten zu 1) gegen eine derartige Rechtswahl spricht. Prof. Dr. Dr. Peter Scholz, Mitglied des Kuratoriums der GAIR, ist Honorarprofessor der Freien Universität Berlin und Vizepräsident des Amtsgerichts Tiergarten. 10
11 OLG Hamm, Beschluss vom iranisches Scheidungsrecht und deutscher ordre public Peter Scholz In dem Verfahren 4 UF 172/12 1 hatte das Oberlandesgericht Hamm über folgenden Fall zu entscheiden: In Deutschland lebende iranische Eheleute schiitischen Glaubens hatten 1991 im Iran geheiratet. Nach dem Ehevertrag sollte die Ehefrau zum gerichtlichen Scheidungsantrag unter anderem dann berechtigt sein, wenn der Ehemann sich für sechs Monate weigert, die Unterhaltskosten seiner Frau zu bezahlen und keine Möglichkeit besteht, ihn hierzu zu zwingen, sowie auch dann, wenn das Benehmen und Verhalten des Ehemanns so unerträglich wird, dass das Eheleben nicht fortgesetzt werden kann. Nach der Trennung der Ehegatten 2009 erhielt die Frau über sechs Monate hinaus keinen Unterhalt. Die Ehefrau beantragte beim zuständigen Familiengericht die Scheidung der Ehe. Der Ehemann widersprach der Scheidung; er könne nicht zustimmen, solange sich seine Frau ihm gegenüber für den Vorwurf gewalttätigen Verhaltens nicht entschuldige habe und sie nicht bereit sei, auf die noch nicht gezahlte Brautgabe zu verzichten. Das Amtsgericht schied die Ehe nach deutschem Recht. Die Anwendung des an sich berufenen iranischen Rechtes lehnte es unter Anwendung der Vorbehaltsklausel des Art. 6 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch (EGBGB) ab. Nach jenem Recht lägen die Voraussetzungen weder für eine gesetzliche noch für eine vertragliche Scheidung vor, da beide Regelungen keinen Trennungsunterhaltsanspruch erfassten. Dass die Ehefrau nach iranischem Recht die Scheidung nicht beantragen könne, weil keiner der enumerierten Scheidungsgründe vorliege, sondern darauf angewiesen sei, dass ihr Ehemann die Scheidung betreibe, der viel weiter gehende Scheidungsbefugnisse besitze, sei mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz des Art. 3 Abs. 2 Grundgesetz (GG) nicht zu vereinbaren. Auf Beschwerde des Ehemanns hat das Oberlandesgericht die Beschwerde zurückgewiesen, jedoch die Ehescheidung auf iranisches Recht gestützt. Das Ergebnis der Anwendung des nach 8 Abs. 3 des Deutsch-Persischen Niederlassungsabkommens von berufenen materiellen iranischen Scheidungsrechts verstößt nach überzeugender Auffassung des Gerichts nicht gegen den deutschen ordre public (vgl. Art. 6 EGBGB). Einschlägig seien sowohl der gesetzliche Scheidungsgrund der schweren Notlage (Art iranisches Zivilgesetzbuch 1 BeckRS 2013, 03604, abrufbar unter beck-online.beck.de (letzter Aufruf ). 2 Die Weitergeltung des zwischen dem Deutschen Reich und dem Kaiserreich Persien abgeschlossenen Abkommens vom (RGBl II, 1002, 1006; 1931 II 9) ist durch das deutsch-iranische Protokoll vom (BGBl II, 829) ausdrücklich bestätigt worden. Zum Abkommen siehe ausführlich Peter Finger, Familienrechtliche Rechtsanwendung im Verhältnis zum Iran, FuR 1999, 58 ff., 158 ff. und 215 ff. 11
12 [iran. ZGB]) 3, da der Ehemann eine Fortsetzung der Ehe nunmehr ebenfalls ablehne, aber seine Zustimmung zur Scheidung von einem bestimmten Verhalten der Ehefrau abhängig mache, als auch die vertraglichen Ehescheidungsgründe der mangelnden Unterhaltsleistung abweichende gesetzliche Regelungen im iran. ZGB seien mit dieser Klausel abbedungen und des unerträglichen Verhaltens des Ehemanns. Letzteres liege in denselben Umständen begründet, die die schwere Notlage ergäben. Angesichts dieses Ergebnisses, dass der Ehefrau bereits nach iranischem Recht ein Scheidungsrecht zusteht, lässt das Gericht zu Recht nicht die Vorbehaltsklausel des Art. 6 EGBGB wegen eines Verstoßes gegen Art. 3 Abs. 2 GG durchgreifen. Eine Benachteiligung der Ehefrau liegt nämlich gerade nicht vor, wenn ihr Scheidungsbegehren nach iranischem Recht erfolgreich ist, mag es auch an besondere Voraussetzungen geknüpft sein. Erst recht könne so führt das Gericht weiter aus von einer krassen Ungleichbehandlung wegen der Geschlechtszugehörigkeit nicht mehr gesprochen werden, wenn wie hier nach Art iran. ZGB 4 von der Möglichkeit der Vereinbarung vertraglicher Scheidungsgründe Gebrauch gemacht werde. Denn im Rahmen dieser Gestaltungsfreiheit könne die Ehefrau fast eine Gleichstellung mit der Stellung des Ehemanns erreichen. Diese hilfsweisen Ausführungen vermögen nicht zu überzeugen, soweit sie nicht lediglich auf die Konstellation abzielen sollten, dass die nach dem gesetzlichen Scheidungsrecht schlechter gestellte Ehefrau lediglich ein vertragliches Scheidungsrecht haben sollte, sondern auch für die Konstellation gelten sollte, dass sie ein entsprechendes Scheidungsrecht rechtlich für sich hätte ausbedingen können, eine solche Vereinbarung aber nicht vorliegt. Allein die theoretische Möglichkeit, sich als Frau vertraglich Scheidungsgründe auszubedingen, wie sie dem Mann gesetzlich eingeräumt werden, vermag es nicht auszuschließen, dass das Ergebnis der Rechtsanwendung im Einzelfall untragbar erscheint. Zum einen kann bereits eine erhebliche Benachteiligung darin liegen, dass die Ehefrau bereits bei Eheschließung über ein etwaiges Scheitern der Ehe nachdenken und sich veranlasst sehen muss, eine derartige Vereinbarung abzuschließen, die dann noch alle Eventualitäten zu berücksichtigen hat. Zum anderen muss sich die Ehefrau auch tatsächlich in der Lage sehen, ihre Interessen durchzusetzen und den Ehemann zum Abschluss der gewünschten Vereinbarung zu bewegen. Sollte die Ehefrau keinerlei Veranlassung gehabt haben, bereits bei Eheschließung eine Scheidungsvereinbarung abzuschließen oder sollte sie tatsächlich nicht in der Lage gewesen sein, eine solche Vereinbarung durchzusetzen, wird man ihr eine Scheidung unter Anwendung des deutschen 3 Das iranische Zivilgesetzbuch wurde sukzessive ab 1928 erlassen und seitdem mehrfach geändert. Dazu sowie zu dessen Art siehe ausführlich Nadjma Yassari, Überblick über das iranische Scheidungsrecht, FamRZ 2002, 1088 ff. und vor allem 1091, sowie Hassan Siapoosh, Das Familien- und Erbrecht im Iran, 2006, 138 ff. 4 Zu dieser Norm siehe ausführlich Yassari, Überblick über das iranische Scheidungsrecht, 1088, 1092 f., und Siapoosh, Das Familien- und Erbrecht im Iran, 138 ff. 12
13 ordre public wegen Verstoßes gegen Art. 3 Abs. 2 und 3 GG nicht versagen können. Prof. Dr. Dr. Peter Scholz, Mitglied des Kuratoriums der GAIR, ist Honorarprofessor der Freien Universität Berlin und Vizepräsident des Amtsgerichts Tiergarten. 13
14 OLG Hamm, Beschluss vom Scheidung iranischer Ehefrau aufgrund ehevertraglicher Vereinbarung Peter Scholz Das Oberlandesgericht Hamm hatte unter dem Az. 3 UF 267/12 1 über folgenden Sachverhalt zu entscheiden: Ein iranisches Ehepaar hatte 2009 im Iran geheiratet. Der Ehevertrag enthält eine Vollmacht zugunsten der Ehefrau, nach welcher sie unter bestimmten Bedingungen die Scheidung beantragen kann. Zu diesen Scheidungsgründen gehört, dass der Ehemann seiner Frau während des Zusammenlebens mindestens sechs Monate lang keinen Unterhalt gezahlt hat und dass der Ehefrau das weitere Zusammenleben nicht zuzumuten ist, weil sich der Mann ihr gegenüber schlecht benommen und schlecht verhalten habe. Seit April 2011 lebte die Familie in Essen. Im Oktober 2011 trennten sich die Eheleute und im Juni 2012 beantragte die Ehefrau die Scheidung beim Amtsgericht Essen. Das Familiengericht schied die Ehe im November 2012 aufgrund der von der Ehefrau im Prozess abgegebenen Scheidungserklärungen. Die dagegen vom Ehemann erhobene Beschwerde hat das Oberlandesgericht zurückgewiesen. Das Beschwerdegericht hat dem Ehevertrag eine Vereinbarung iranischen Scheidungsrechts entnommen. Die Notwendigkeit einer entsprechenden Auslegung des Ehevertrags und die Zulässigkeit einer derartigen Vereinbarung des anzuwendenden Rechtes kann allerdings nicht nachvollzogen werden. Nach dem gemäß 8 Abs. 3 des Deutsch-Persischen Niederlassungsabkommen von berufenen materiellen iranischen Scheidungsrechts ist die ehevertragliche Vereinbarung eines Verstoßungsrechts der Frau bei bestimmten Scheidungsgründen erlaubt, wobei die Scheidungsgründe der Unterhaltsverletzung und der üblen Behandlung durch ihren Ehemann ausdrücklich genannt werden (Art iranisches Zivilgesetzbuch). 3 Das Gericht hat entsprechend der Vorinstanz die vor Gericht abgegebenen Erklärungen der Ehefrau als Ausspruch der Verstoßung gewertet und die Scheidungsgründe der Unterhaltsverletzung und der üblen Behandlung durch den Ehemann für gegeben erachtet. Hinsichtlich letzterem hat es überzeugend auf Erkenntnisse strafrechtlicher Ermittlungsverfahren abgestellt, nach denen der Ehemann seine Frau eifersüchtig überwacht, bedroht 1 Mitteilung der Entscheidung abgerufen aus der Rechtsprechungsdatenbank am Siehe auch Pressemitteilung des Oberlandesgerichts Hamm vom , zu finden unter Scheidung-mit-Talaq.pdf (letzter Aufruf ). 2 Die Weitergeltung des zwischen dem Deutschen Reich und dem Kaiserreich Persien abgeschlossenen Abkommens vom (RGBl II, 1002, 1006; 1931 II 9) ist durch das deutsch-iranische Protokoll vom (BGBl II, 829) ausdrücklich bestätigt worden. Zum Abkommen siehe ausführlich Peter Finger, Familienrechtliche Rechtsanwendung im Verhältnis zum Iran, FuR 1999, 58 ff., 158 ff. und 215 ff. 3 Zu dieser Norm siehe ausführlich Nadjma Yassari, Überblick über das iranische Scheidungsrecht, FamRZ 2002, 1088, 1092 f., und Hassan Siapoosh, Das Familien- und Erbrecht im Iran, 2006, 138 ff. 14
15 und beleidigt habe. Die Anwendung der Vorbehaltsklausel (Art. 6 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch [EGBGB]) hat das Gericht zu Recht nicht erwogen. Prof. Dr. Dr. Peter Scholz, Mitglied des Kuratoriums der GAIR, ist Honorarprofessor der Freien Universität Berlin und Vizepräsident des Amtsgerichts Tiergarten. 15
16 ArbG Berlin, Urteil vom religiöse Diskriminierung im Bewerbungsverfahren wegen Tragens eines Kopftuchs Peter Scholz Dem Verfahren (Az. 55 Ca 2426/12) 1 lag folgender Sachverhalt zugrunde: Die Klägerin bewarb sich um einen Ausbildungsplatz als Zahnarzthelferin in einer Zahnarztpraxis der Beklagten zu 1), zu deren Gesellschaftern der Beklagte zu 2) gehörte. In ihrem Bewerbungsschreiben verwendete die Klägerin eine gläubige Muslimin ein Bewerbungsfoto, auf dem ein Kopftuch das Haupthaar vollständig verdeckt. Im Bewerbungsgespräch wurde der Klägerin vom Beklagten zu 2) erläutert, dass in der Praxis eine einheitliche Kleidung getragen werde und sie nur eingestellt werden könne, wenn sie bereit sei, das Kopftuch während der Arbeit abzulegen. Die Klägerin lehnte dies ab und wurde aus dem Kreis der Bewerber und Bewerberinnen ausgeschlossen. Die Klägerin erhob u. a. unter Berufung auf die Religionsfreiheit des Art. 4 Abs. 1, 2 Grundgesetz (GG) Klage mit dem Antrag, die Beklagte zu 1) und den Beklagten zu 2) gesamtschuldnerisch zu verurteilen, ihr eine angemessene Entschädigung wegen religionsbedingter Benachteiligung zu zahlen. Die Beklagten beantragten Klageabweisung u. a. mit der Begründung, die bei der Beklagten zu 1) herrschende Kleiderordnung sei Ausfluss der unternehmerischen Freiheit, geschützt von Art. 12 Abs. 1 GG. Das Arbeitsgericht hat die zulässige Klage zu Recht für begründet erachtet und die Beklagten verurteilt, als Gesamtschuldner der Klägerin eine Entschädigung in Höhe von 1.470, zu zahlen. Den Zahlungsanspruch hat es überzeugend aus 15 Abs. 2 S. 1 i. V. m. 15 Abs. 1 Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) hergeleitet. Die Beklagten hätten im Bewerbungsverfahren gegen das Benachteiligungsverbot aus Gründen der Religion gemäß 7 Abs. 1 Halbsatz 1, 1 AGG verstoßen. Das Tragen des Kopftuchs sei unmittelbarer Ausdruck der Religiosität der Klägerin und damit Akt der Religionsausübung. Der Ausschluss der Klägerin vom Bewerbungsverfahren aufgrund des Kopftuchtragens stelle sich als eine religiöse Diskriminierung dar. Eine objektive Notwendigkeit für eine Ungleichbehandlung im Sinne des 8 Abs. 1 AGG bestehe nicht; insbesondere gebe es keine hygienischen Gründe, während der Tätigkeit in der Praxis kein Kopftuch zu tragen. Die Berufsausübungsfreiheit der Gesellschafter der Beklagten zu 1) stehe unter einem allgemeinen Gesetzesvorbehalt (Art. 12 Abs. 1 S. 2 GG). Ein entsprechendes Gesetz sei das AGG. Die Kammer hat den Nicht-Vermögensschaden auf drei Monatsbruttoentgelte festgesetzt. Zu Sinn und Zweck des AGG macht das Gericht Ausführungen, die allerdings weniger plakativ-emphatisch hätten ausfallen können: Das Gesetz stelle den Versuch eines gesellschaftlichen Erziehungsprogramms dar, das bewirken solle, dass 1 Abgerufen aus der Rechtsprechungsdatenbank am
17 sich die Subjekte der Vertragsfreiheit nicht von dem Gedanken leiten lassen, der potentielle Vertragspartner zeige eine Haltung, die von der Mehrheitshaltung abweiche. Es solle einem menschlichen Grundübel entgegengewirkt werden, der Xenophobie. Die Frau mit Kopftuch gelte als unemanzipiert und rückständig. Dabei sei sie in Wahrheit nicht verkehrt, sondern nur anders. Und Mensch, unter dem Schutze der Gesetze. Prof. Dr. Dr. Peter Scholz, Mitglied des Kuratoriums der GAIR, ist Honorarprofessor der Freien Universität Berlin und Vizepräsident des Amtsgerichts Tiergarten. 17
18 HessVGH, Urteil vom kein Anspruch eines muslimischen Mädchens auf Befreiung vom koedukativen Schwimmunterricht Peter Scholz Auf der Linie der bisherigen verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung und diese fortentwickelnd liegt der Fall, den der Hessische Verwaltungsgerichtshof zum Az. 7 A 1590/12 zu entscheiden hatte. 1 Die damals 11-jährige Klägerin muslimischen Glaubens beantragte eine Befreiung vom koedukativen Schwimmunterricht in der Jahrgangsstufe 5. Die Schule hatte einen hohen Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund, wobei viele von ihnen dem Islam angehörten. Mehrere Schülerinnen trugen im Schwimmunterricht einen sog. Burkini bzw. eine sog. Haschema, d. h. eine Schwimmbekleidung, die den Körper mit Ausnahme der Hände und des Gesichts bedeckt und im nassen Zustand nicht eng am Körper anliegt. Die Klägerin sah sich aufgrund ihres Glaubens als verpflichtet an, außerhalb ihres engen Verwandtschaftskreises ihren ganzen Körper mit Ausnahme ihrer Hände und ihres Gesichts zu verhüllen sowie sich nicht dem Anblick anderer in Badebekleidung auszusetzen, die nicht den islamischen Bekleidungsvorschriften entspricht, und körperliche Berührungen mit Jungen zu vermeiden. Aus diesem Grunde sei es ihr nicht gestattet, am gemischten Schwimm- und Sportunterricht teilzunehmen. Nach Ablehnung des Antrags und erfolglosem Widerspruch klagte die Klägerin vor dem Verwaltungsgericht, hatte aber keinen Erfolg. Auch die Berufung vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof blieb erfolglos. Das Berufungsgericht verneinte ebenfalls das Vorliegen eines besonderen Grundes, den 69 Abs. 3 S. 1 Hessisches Schulgesetz (HSchG) für eine Befreiung vom Unterricht voraussetzt. Soweit die Klägerin der religiösen Überzeugung sei, dass sie ihren ganzen Körper mit Ausnahme ihrer Hände und ihres Gesichts verhüllen müsse, könne dieser Überzeugung dadurch in zumutbarer Weise Rechnung getragen werden, dass sie in einem sog. Burkini bzw. einer sog. Haschema, die der von der Klägerin vertretenen engen Auslegung der muslimischen Bekleidungsvorschriften gerecht würde, am Schwimmunterricht teilnehme. Da bereits andere Schülerinnen eine entsprechende Schwimmbekleidung trügen, würde die Klägerin dadurch weder ausgegrenzt noch stigmatisiert werden. Diese überzeugende Argumentation des Gerichts liegt auf der Linie der aktuell herrschenden Auffassung in Rechtsprechung und Literatur, die sich für einen schonenden Ausgleich der verfassungsrechtlichen Positionen der Religionsfreiheit des Art. 4 Abs. 1, 2 GG einerseits und des staatlichen Erzie- 1 Abgerufen aus der Rechtsprechungsdatenbank am ; vollständig abgedruckt auch in DVBl 2013, 59 ff. und NVwZ, 159 ff. Kommentiert von Stefan Muckel, Keine Befreiung einer muslimischen Schülerin vom koedukativen Schwimmunterricht, JA 2013, 74 ff.; Sigmar Roll, Erziehungsziele und Kindeswohl, KJug 2013, 25, 29 ff.; Gabriele Boos- Niazy, Von der Leibesübung zum Lackmustest für eine geglückte Integration, MiGAZIN , (letzter Aufruf ). 18
19 hungsauftrags aus Art. 7 Abs. 1 GG andererseits durch Verweis auf islamkonforme Schwimmbekleidung ausspricht. 2 Soweit es die Klägerin für sich als religiös verpflichtend ansieht, sich nicht dem Anblick anderer auszusetzen, die eine Badebekleidung tragen, die nicht den islamischen Bekleidungsvorschriften entspricht, geht das Gericht zunächst zu Recht davon aus, dass mit der Teilnahmepflicht der Klägerin am koedukativen Schwimmunterricht ein Eingriff in ihre Religionsfreiheit vorliegt. Allerdings sieht es diesen zumindest im Ergebnis als überzeugend durch den in Art. 7 Abs. 1 GG verankerten staatlichen Erziehungsauftrag als gerechtfertigt an: Nach der bundesverfassungsgerichtlichen Rechtsprechung umfasse der staatliche Erziehungsauftrag die Erziehung zu sozialer Kompetenz im Umgang auch mit Andersdenkenden, zu gelebter Toleranz, zu Gleichberechtigung der Geschlechter und zu Offenheit. 3 Diese verfassungsrechtlichen Vorgaben seien einfachgesetzlich in den 2, 3 HSchG ausgestaltet worden. Bei der gebotenen Abwägung der verfassungsrechtlichen Güter sei entscheidend, dass das verfassungsrechtliche Erziehungsziel der Integration unterschiedlicher Kulturen die Teilnahme der Klägerin in einer ihren Glaubensregeln entsprechenden Badebekleidung am koedukativen Schwimmunterricht erfordere, um die Schülerinnen und Schüler auf ein Dasein in der säkularen und pluralistischen Gesellschaft in Deutschland vorzubereiten. Das Grundrecht der Glaubensfreiheit habe dahinter zurückzustehen, da es weder in der Gesellschaft noch in der zum staatlichen Bereich zählenden Schule einen umfassenden Konfrontationsschutz vermittle. Ein milderes dem staatlichen Integrationsauftrag Rechnung tragendes Mittel als die Teilnahme der Klägerin am koedukativen Unterricht gebe es nicht; insbesondere sei eine Verpflichtung der Mitschülerinnen und -schüler zum Tragen einer den Körper verhüllenden Badebekleidung rechtlich nicht begründbar. Der Eingriff in die Religionsfreiheit der Klägerin sei auch verhältnismäßig im engeren Sinne. Denn bezogen auf die allgemeine Schulpflicht habe das Bundesverfassungsgericht ausgeführt, 4 die Allgemeinheit habe ein berechtigtes Interesse daran, der Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften entgegenzuwirken und Minderheiten zu integrieren. Integration verlange nämlich auch, dass sich Minderheiten nicht selbst abgrenzten und sich einem Dialog mit Andersdenkenden und -gläubigen nicht verschlössen. Die vorstehend skizzierte Argumentation des Gerichtshofs bleibt defizitär, da wichtige Gesichtspunkte nicht erörtert werden. Soweit das Gericht auf den Integrati- 2 Vgl. Peter Scholz, Anmerkungen zu OVG Münster vom , VG Gelsenkirchen vom , VG Augsburg vom , VG Düsseldorf vom (Befreiung vom koedukativen Schwimmunterricht), in: GAIR-Mitteilungen 2009, 20 ff., sowie Thorsten Anger, Sport und Islam in der Schule, NWVBl 2013, 96, 98 f. m. w. N. Anders noch die ältere Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahre 1993, nach der eine muslimische Schülerin von der Teilnahme an einem koedukativen Sportunterricht befreit und der Schule aufgegeben wurde, einen geschlechtergetrennten Unterricht zu organisieren, BVerwGE 94, 82 ff. 3 Der Hessische Verwaltungsgerichtshof zitiert u. a. BVerfG DVBl 2003, 999 und BVerfG FamRZ 2006, Der Hessische Verwaltungsgerichtshof zitiert BVerfG DVBl 2003,
20 onsauftrag des Grundgesetzes und das verfassungsrechtliche Erziehungsziel der Integration unterschiedlicher Kulturen abstellt, fehlen fundierte Ausführungen zu deren Herleitung und Inhalt. 5 Insbesondere hätte das Gericht sich mit der Frage beschäftigen müssen, ob ein etwaiger staatlicher Integrationsauftrag nicht seine Grenzen dort findet, wo Migrantinnen und Migranten Grundrechte wie hier die Religionsfreiheit ausüben, zumal sie verfassungsrechtlich nicht verpflichtet sind, sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. Auch hätte es sich damit auseinandersetzen müssen, dass es eine steigende Anzahl von kopftuchtragenden Musliminnen ohne Migrationshintergrund gibt. Vor diesem Hintergrund hätte es nahegelegen, auf die integrationsspezifische Komponente bei seiner Argumentation zu verzichten. Weiter hätte das Gericht bei seinen Ausführungen den besonderen Wert der Koedukation gerade beim Sport- und Schwimmunterricht angesichts des Umstandes herausstellen müssen, dass bereits alle anderen Fächer koedukativ unterrichtet werden. Dabei hätte es weitergehender differenzierter Ausführungen deswegen bedurft, weil es durchaus monoedukative Schulen sowie koedukative Schulen im Bundesgebiet gibt, die in bestimmten Klassen den Sport- bzw. Schwimmunterricht monoedukativ durchführen. 6 Angesichts dieser Begründungsmängel kann der rechtliche Umgang mit Befreiungswünschen muslimischer Mädchen vom koedukativ erteilten Sport- und Schwimmunterricht noch nicht als vollständig geklärt angesehen werden. 7 Prof. Dr. Dr. Peter Scholz, Mitglied des Kuratoriums der GAIR, ist Honorarprofessor der Freien Universität Berlin und Vizepräsident des Amtsgerichts Tiergarten. 5 Vgl. Boos-Niazy, Von der Leibesübung zum Lackmustest für eine geglückte Integration, MiGAZIN , (letzter Aufruf ). 6 Siehe ebd. 7 So aber Thorsten Anger, Sport und Islam in der Schule, NWVBl 2013, 96,

References: Art. 4
 Art. 140
 Art. 136
 Art. 33
 Art. 17
 Art. 14
 Art. 14
 Art. 6
 Art. 3
 Art. 6
 Art. 6
 Art. 3
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 12
 Art. 4
 Art. 7
 Art. 7