Source: http://mmmann.de/Sprache/Humor/Neubildungen.html
Timestamp: 2018-10-20 19:20:57+00:00

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Für die Reaktivierung alter Ableitungsmuster
Anglizismen-"Denglisch", Dumm-Deutsch, Neusprech, Werbesprache - der Niedergang der deutschen Sprache wird vielerseits beklagt. Wer oder was ist schuld daran, daß anscheinend so viele Menschen der Sprache, mit der sie aufgewachsen sind, den Rücken kehren und stattdessen neue Möglichkeiten suchen, sich auszudrücken? Liegt es am schlechten Einfluß der Werbetexter? Am Fernsehprogramm? Daran, daß in den Haushalten zwar Computer stehen, aber keine Bücherregale mehr? Oder sitzt das Problem nicht viel tiefer - ist es nicht schlicht und ergreifend so, daß die deutsche Sprache, mit der wir aufgewachsen sind, objektiv langweilig ist?
Ein Satz wie "Das Liegen auf den Grünflächen ist verboten" - langweilig! "Das Liegen" kommt vom Verb "liegen" - wo ist denn da das überraschende Element, der kleine Gedankensprung, der die Sache erst interessant macht? Oder ein Satz wie "Das Lachen wird Euch schon vergehen" - gähn! "Das Lachen" vom Verb "lachen". Diese Methode ist so durchschaubar wie das Küchenfenster nach dem Frühjahrsputz. Da ist keine Spannung dahinter, das ist so offensichtlich, daß man dabei fast einschläft.
Dabei hat die deutsche Sprache durchaus Überraschungen zu bieten. "Die Flucht" kommt vom Verb "fliehen" - da freut sich das gelangweilte Auge über ein bißchen Abwechslung. "Die Kunst" kommt vom Verb "können" - da wird man doch schon wieder munter. Diese Methoden bringen Farbe in den Alltag. Ähnlich, aber doch ein bißchen anders - damit die grauen Zellen nicht vor Langeweile den Geist aufgeben. Vor einigen Jahrhunderten gab es noch spannende Methoden, neue Wörter zu bilden: mit Ablautwechsel, ti-Abstrakta u.a.m.; im Laufe der Zeit hat sich jedoch das süße Gift der Faulheit schleichend in uns und in unserer Sprache festgesetzt. Heute sind wir bequem und wollen möglichst wenig Veränderung, wir kennen das Verb "lachen" und bilden daraus das Substantiv "das Lachen".
Hat nicht jedes Verb das Recht auf ein zugehöriges Substantiv, das mit Spannung erwartet wird? Ich meine: Ja! Im Folgenden werden deshalb, ausgehend von alten, existierenden Mustern, neue, abgeleitete Substantive vorgeschlagen, die an die Stelle der bisher verwendeten Substantivierungen treten können. Wenn möglich und sinnvoll werden auch Rückbildungen zu diesem Muster angegeben: "neue" Verben, die aus einem existierenden Substantiv rückerschlossen werden können. Denn auch neue Verben machen das Leben interessanter.(1)
2. Ableitungsmuster
§1 Muster biegen > Bucht
§2.1 Muster schlagen > Schlacht
§2.2 Muster wachen > Wacht
§3 Muster können > Kunst
§4.1 Muster reiten > Ritt
§4.1 Muster treten > Tritt
§5 Muster sehen > Sicht
3. Generelle Anmerkungen
6. Dieses Dokument
§1: Muster biegen > Bucht
1) Belege für dieses Ableitungsmuster sind etwa:
biegen Bucht
wiegen Wucht
fliehen Flucht
ziehen Zucht
siechen Sucht
2) Nach diesem Muster können neu gebildet werden:
liegen Lucht Das Liegen auf den Grünflächen ist verboten:
Die Lucht auf den Grünflächen ist verboten.
kriegen Krucht Es geht an Weihnachten nicht um das Kriegen, sondern um das Geben:
Es geht an Weihnachten nicht um die Krucht, sondern um das Geben.
(an-)schmiegen (An-)Schmucht Durch Anschmiegen zeigt man, daß man sich mag:
Durch Anschmucht zeigt man, daß man sich mag.
riechen Rucht Bitte die Süßigkeiten nicht anfassen, das Riechen ist erlaubt:
Bitte die Süßigkeiten nicht anfassen, die Rucht ist erlaubt.
Die so gebildeten Substantive sind Feminina. Sie werden dekliniert wie die unter §1(1) als Belegbeispiele genannten Substantive. Dies soll hier am Beispiel von die Lucht demonstriert werden:
Nominativ die Lucht die Luchten
Genitiv der Lucht der Luchten
Dativ der Lucht den Luchten
Akkusativ die Lucht die Luchten
3) Aus Substantiven können nach diesem Muster Verben rückgebildet werden:
Schlucht schliegen Im Gebirge gibt es tiefe Schluchten:
Ins Gebirge schliegen sich tiefe Einschnitte.
Frucht friegen In diesem Jahr haben die Apfelbäume besonders schöne Früchte:
In diesem Jahr friegen die Apfelbäume besonders schön.
A1) Bei folgenden Wörtern darf nicht davon ausgegangen werden, daß zwischen ihnen eine Ableitungsbeziehung besteht (siehe Generelle Anmerkungen 2):
Sucht siegen Der FC Bayern München hat das Siegen verlernt:
*Der FC Bayern München hat die Sucht verlernt.
Flucht fliegen Einer der Träume der Menschheit ist das Fliegen:
*Einer der Träume der Menschheit ist die Flucht.
Mit dem Asterisk (*) werden Sätze gekennzeichnet, bei denen das Substantiv nicht durch das Ableitungsmuster hergeleitet werden kann.
§2.1: Muster schlagen > Schlacht
1) Belege für dieses Ableitungsmuster sind etwa
tragen Tracht
verzagen Verzacht Kein Verzagen - Hugo fragen:
Keine Verzacht - gucken, was Hugo macht.
sagen Sacht Wer hat hier das Sagen?:
Wer hat hier die Sacht?
(heraus-)ragen (Heraus-)Racht Das Herausragen eines Metallstücks führte zu dem Unfall:
Die Herausracht eines Metallstücks führte zu dem Unfall.
Die so gebildeten Substantive sind Feminina. Sie werden dekliniert wie die unter §2.1(1) als Belegbeispiele genannten Substantive. Dies soll hier am Beispiel von die Verzacht demonstriert werden:
Nominativ die Verzacht die Verzachten
Genitiv der Verzacht der Verzachten
Dativ der Verzacht den Verzachten
Akkusativ die Verzacht die Verzachten
auch: Obacht agen,
obagen Du mußt Acht geben, wenn du über die Straße gehst:
Du mußt agen, wenn du über die Straße gehst.
§2.2: Muster wachen > Wacht
wachen Wacht
lachen Lacht Das Lachen wird Euch schon vergehen:
Die Lacht wird Euch schon vergehen.
verflachen,
abflachen Verflacht,
Abflacht Das Verflachen des Fernsehprogramms wird allgemein beklagt:
Die Verflacht des Fernsehprogramms wird allgemein beklagt.
Die so gebildeten Substantive sind Feminina. Sie werden dekliniert wie die unter §2.2(1) als Belegbeispiele genannten Substantive. Dies soll hier am Beispiel von die Lacht demonstriert werden:
Nominativ die Lacht die Lachten
Genitiv der Lacht der Lachten
Dativ der Lacht den Lachten
Akkusativ die Lacht die Lachten
Fracht fragen Das Fragen kommt vor dem Antworten:
*Die Fracht kommt vor dem Antworten.
Wacht wagen Nur anzugeben ist leichter als das Wagen eines Abenteuers:
*Nur anzugeben ist leichter als die Wacht eines Abenteuers.
§3: Muster können > Kunst
können Kunst
gönnen Gunst
brennen Brunst,
auch: Feuersbrunst
rennen Runst Das 100-Meter-Rennen gewann Hans Müller:
Die 100-Meter-Runst gewann Hans Müller.
Auch statt "run": Es kam zu einem Run auf die reduzierte Ware:
Es kam zu einer Runst auf die reduzierte Ware.
flennen Flunst Dein Flennen hilft dir jetzt auch nicht weiter:
Deine Flunst hilft dir jetzt auch nicht weiter.
Die so gebildeten Substantive sind Feminina. Sie werden dekliniert wie die unter §3(1) als Belegbeispiele genannten Substantive (die Gunst ist hierbei eine Ausnahme, da dieses Wort ein Singularetantum ist (2)). Dies soll hier am Beispiel von die Runst demonstriert werden:
Nominativ die Runst die Rünste
Genitiv der Runst der Rünste
Dativ der Runst den Rünsten
Akkusativ die Runst die Rünste
Dunst dönnen Es dönnt so sehr, man sieht kaum die Hand vor Augen.
§4.1: Muster reiten > Ritt
schneiden Schnitt
verbreiten Verbritt Das Verbreiten von Werbematerial ist untersagt:
Der Verbritt von Werbematerial ist untersagt.
leiden Litt Das Leiden muß gelindert werden:
Der Litt muß gelindert werden.
weiden Witt Das Weiden macht den Schafen Spaß:
Der Witt macht den Schafen Spaß.
Die so gebildeten Substantive sind Maskulina. Sie werden dekliniert wie die unter §4.1(1) als Belegbeispiele genannten Substantive. Dies soll hier am Beispiel von der Verbritt demonstriert werden:
Nominativ der Verbritt die Verbritte
Genitiv des Verbritt(e)s der Verbritte
Dativ dem Verbritt(e) den Verbritten
Akkusativ den Verbritt die Verbritte
§4.2: Muster treten > Tritt
auch: antreten, auftreten Tritt,
Antritt, Auftritt
auch: vertreten Betritt,
Vertritt Das Betreten der Baustelle ist verboten:
Der Betritt der Baustelle ist verboten.
beten Bitt
Sonntags geht man zum Beten in die Kirche:
Sonntags geht man zum Bitt in die Kirche.
Die so gebildeten Substantive sind Maskulina. Sie werden dekliniert wie die unter §4.2(1) als Belegbeispiele genannten Substantive. Dies soll hier am Beispiel von der Betritt demonstriert werden:
Nominativ der Betritt die Betritte
Genitiv des Betritt(e)s der Betritte
Dativ dem Betritt(e) den Betritten
Akkusativ den Betritt die Betritte
§5: Muster sehen > Sicht
sehen Sicht
pflegen Pflicht
drehen Dricht Das Drehen an dem Regler ändert die Lautstärke:
Die Dricht an dem Regler ändert die Lautstärke.
(auf-)regen (Auf-)Richt Das Aufregen ist schlecht für den Magen:
Die Aufricht ist schlecht für den Magen.
Die so gebildeten Substantive sind Feminina. Sie werden dekliniert wie die unter §5(1) als Belegbeispiele genannten Substantive (die Sicht ist hierbei eine Ausnahme, da dieses Wort ein Singularetantum ist (2) - nicht jedoch die Aussicht). Dies soll hier am Beispiel von die Dricht demonstriert werden:
Nominativ die Dricht die Drichten
Genitiv der Dricht der Drichten
Dativ der Dricht den Drichten
Akkusativ die Dricht die Drichten
Gicht gehen Das Gehen im Wald ist gesund:
*Die Gicht im Wald ist gesund.
Wicht wehen Das Wehen der Fahne auf Halbmast zeigt einen Trauerfall an:
*Die Wicht der Fahne auf Halbmast zeigt einen Trauerfall an.
Laut Duden-Universalwörterbuch kommt Gicht von ahd. jehan, Sicht kommt von sehen, ahd. sehan. Gicht ist also auch nach diesem Muster gebildet, wenn auch nicht aus nhd. gehen.
1) Die Tatsache, daß aus einigen Verben (etwa ziehen) noch nach einem anderen Muster ein Substantiv abgeleitet wird (wie in §1 Zucht, aber zusätzlich Zug), steht der Möglichkeit des beschriebenen - und schließlich auch belegten - Ableitungsmusters nicht entgegen. (zurück)
2) Um Mißverständnisse zu vermeiden, ist eine Neubildung, die ein zu einem bereits existierenden Substantiv homonymes Substantiv ergäbe, nicht anzuraten.
- bereits existent: siechen > Sucht
- möglich, aber nicht anzuraten: siegen > Sucht (nach §1)
Mit diesen Mustern sowie einem bißchen Kreativität und gutem Willen sind uns die Werkzeuge an die Hand gegeben, vergessene Ableitungsmuster zu reaktivieren. Sie werden Büchern und Zeitungsartikeln, E-Mails und Internetseiten, Radiomoderationen und TV-Ansagen wieder Schwung geben und frischen Wind durch die Hirnwindungen der Sprecher und Leser ziehen lassen. Damit alle, ob sie die deutsche Sprache nun aktiv verwenden oder ihr hauptsächlich passiv ausgesetzt sind, Spaß und Freude daran haben. Und wer dann trotzdem noch zur Lacht in den Keller gehen mag, dem ist auch nicht mehr zu helfen.
(1) Neue Verben sind interessant - und noch interessanter, wenn sie stark - unregelmäßig - konjugiert werden. Siehe dazu die Internetseite der Gesellschaft zur Stärkung der Verben (http://www.soviseau.de/verben/). (zurück)
(2) Dies heißt aber nicht, daß dieser Zustand ewig anhalten würde. Siehe dazu ebenfalls das entsprechende Dokument auf der Internetseite der Gesellschaft zur Stärkung der Verben (http://www.soviseau.de/verben/numeri.htm). (zurück)
URL: http://mmmann.de/Sprache/Humor/Neubildungen.html
Fassung vom: 29.03.2005

References: §1

§2

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§3

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