Source: http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&zoom=&type=show_document&highlight_docid=aza%3A%2F%2F22-06-2016-8C_177-2016
Timestamp: 2016-10-24 09:04:22+00:00

Document:
8C_177/2016 (22.06.2016)
{T�0/2} 8C_177/2016 � � Urteil vom 22. Juni 2016
Die 1955 geborene A.________ war seit August 2008 bei der Stiftung B.________ als Betagtenbetreuerin angestellt und dadurch bei der SWICA Versicherungen AG, Winterthur (nachfolgend SWICA), obligatorisch gegen die Folgen von Unf�llen versichert. Am 25. Oktober 2011 stolperte sie, st�rzte auf die H�nde und verletzte sich am rechten Ringfinger (Unfallmeldung UVG vom 1. November 2012). Die SWICA erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlung; Taggeld). Laut dem von ihr eingeholten Gutachten des Dr. med. C.________, Spezialarzt f�r Chirurgie, speziell Handchirurgie FMH, vom 12. Dezember 2012 bestand ein Status nach Stolpersturz mit Kontusion des rechten Ringfingers. F�r die ungew�hnliche postprim�re Schmerzentwicklung, die zu einer anhaltenden Arbeitsunf�higkeit im zuletzt ausge�bten Beruf f�hrte, gab es keine Erkl�rung, insbesondere fehlten Befunde, die f�r die Diagnose eines CRPS (Complex Regional Pain Syndrome) sprachen. Insgesamt war von einer Schmerzverarbeitungsst�rung mit Symptomausweitung auszugehen. Mit Schreiben vom 11. Februar 2013 stellte die SWICA in Aussicht, sie werde die Taggeldleistungen l�ngstens bis 30. Juni 2013 erbringen, hingegen werde sie weiterhin Heilbehandlung gew�hren. Angesichts der von Dr. med. C.________ abweichenden Auffassung des behandelnden Dr. med. D.________, Spezialarzt Neurologie FMH, (vgl. u.a. Schreiben vom 12. Oktober 2013), veranlasste sie eine Begutachtung bei Dr. med. E.________, Chirurgie FMH, speziell Handchirurgie. Gem�ss dessen Expertise vom 28. November 2013 war u.a. ein posttraumatisches CRPS Typ I mit Allodynie, Hyperalgesie und Hyperpathie zu diagnostizieren. Im angestammten Beruf als Betagtenpflegerin war die Versicherte nicht mehr einsetzbar, hiegegen war sie f�r eine den genannten Einschr�nkungen angepasste T�tigkeit zu 75 bis 80 % bezogen auf ein Pensum von 80 % arbeitsf�hig. Mit Verf�gung vom 2. Februar 2015 hielt die SWICA fest, nach der Rechtsprechung k�nne ein unfallbedingtes CRPS nur angenommen werden, wenn es u.a. ausweislich der echtzeitlichen medizinischen Akten innerhalb von sechs bis acht Wochen nach dem Unfall oder nach einer unfallbedingten Operation diagnostiziert worden sei. Erstmals am 6. November 2012 habe Dr. med. D.________ einen Verdacht auf ein CRPS ge�ussert, weshalb der nat�rliche Kausalzusammenhang mit dem Unfall vom 25. Oktober 2011 zu verneinen sei. Auf Einsprache hin zog die SWICA die Stellungnahme des Dr. med. C.________ vom 26. Juni 2015 zum Gutachten des Dr. med. E.________ vom 28. November 2013 bei. Mit Einspracheentscheid vom 10. Juli 2015 lehnte sie den eingelegten Rechtsbehelf ab.
In Gutheissung der hiegegen eingereichten Beschwerde hob das Sozialversicherungsgericht des Kantons Basel-Stadt den Einspracheentscheid vom 10. Juli 2015 auf und wies die Sache zu neuem Entscheid entsprechend den Erw�gungen an die SWICA zur�ck (Entscheid vom 21. Dezember 2015).
1.1.�Die Beschwerde in �ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten (Art. 82 ff. BGG) ist zul�ssig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen (Art. 90 BGG) sowie gegen selbst�ndig er�ffnete Vor- und Zwischenentscheide �ber die Zust�ndigkeit und �ber Ausstandsbegehren (Art. 92 Abs. 1 BGG). Gegen andere selbst�ndig er�ffnete Vor- und Zwischenentscheide ist die Beschwerde nach Art. 93 BGG zul�ssig, sofern - alternativ - der Entscheid einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken kann (Abs. 1 lit. a) oder die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endentscheid herbeif�hren und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten f�r ein weitl�ufiges Beweisverfahren ersparen w�rde (Abs. 1 lit. b).
1.2.�Beim vorinstanzlichen R�ckweisungsentscheid, mit dem die SWICA verpflichtet wird, entsprechend der Beurteilung des Dr. med. E.________ vom 28. November 2013 �ber die der Versicherten zustehenden gesetzlichen Leistungen neu zu verf�gen, handelt es sich in der Terminologie des BGG um einen Zwischenentscheid, der einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil darstellt, weil die SWICA gezwungen w�rde, entgegen ihrer Auffassung die geltend gemachten gesundheitlichen Einschr�nkungen als unfallkausal anerkennen und gest�tzt darauf weitere Leistungen aus der obligatorischen Unfallversicherung erbringen zu m�ssen (vgl. dazu BGE 133 V 477 E. 5.2 S. 483 ff.). Daher ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.1.�Die Beschwerde kann wegen Rechtsverletzung gem�ss Art. 95 und Art. 96 BGG erhoben werden. Das Bundesgericht wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 106 Abs. 1 BGG). Es ist somit weder an die in der Beschwerde geltend gemachten Argumente noch an die Erw�gungen der Vorinstanz gebunden; es kann eine Beschwerde aus einem anderen als dem angerufenen Grund gutheissen und es kann sie mit einer von der Argumentation der Vorinstanz abweichenden Begr�ndung abweisen (vgl. BGE 132 II 257E. 2.5 S. 262; 130 III 136E. 1.4 S. 140). Gem�ss Art. 42 Abs. 1 BGG ist die Beschwerde hinreichend zu begr�nden, andernfalls wird darauf nicht eingetreten (Art. 108 Abs. 1 lit. b BGG). Das Bundesgericht pr�ft grunds�tzlich nur die geltend gemachten R�gen; es ist nicht gehalten, wie eine erstinstanzliche Beh�rde alle sich stellenden rechtlichen Fragen zu pr�fen, wenn diese vor Bundesgericht nicht mehr vorgetragen wurden. Es kann die Verletzung von Grundrechten und von kantonalem und interkantonalem Recht nur insofern pr�fen, als eine solche R�ge in der Beschwerde vorgebracht und begr�ndet worden ist (Art. 106 Abs. 2 BGG).
Streitig und zu pr�fen ist, ob die Beschwerdegegnerin an einem CRPS im Bereich des rechten Ringfingers leide, das als nat�rlich kausale Folge des Unfalls vom 25. Oktober 2011 anzusehen sei. Das kantonale Gericht hat die hiebei zu beachtenden rechtlichen Grundlagen zutreffend dargelegt. Darauf wird verwiesen.
4.1.�Die Vorinstanz hat erwogen, zur Beurteilung des Streitgegenstands sei auf das in allen Teilen beweiskr�ftige Gutachten des Dr. med. E.________ vom 28. November 2013 abzustellen. Er habe einl�sslich dargelegt, weshalb - entgegen der Auffassung des Dr. med. C.________ - anhand der von der IASP (International Association for the Study of Pain) festgelegten Kriterien ein posttraumatisches CRPS zu diagnostizieren sei. Die Entz�ndungszeichen (Schwellung; vaskul�re St�rungen; Hidrosis) seien anamnestisch zwar klinisch kaum je feststellbar gewesen, indessen seien andere massgebliche Befunde wie aussergew�hnlicher Schmerz, neurologische und motorische St�rungen ausgepr�gt vorhanden.
4.2.�Die SWICA bringt wie schon im kantonalen Verfahren vor, nach der Rechtsprechung seien �tiologie und Pathogenese eines CRPS unklar, weshalb zur Bejahung des Kausalzusammenhangs mit einem Unfall drei anhand der echtzeitlichen medizinische Akten zu beurteilende Kriterien kumulativ erf�llt sein m�ssten: 1) Nachweis eines K�rperschadens nach Unfall oder das Auftreten einer Algodystrophie nach einer wegen einer Unfallverletzung durchgef�hrten Operation; 2) Ausschluss anderer nicht traumatischer, urs�chlicher Faktoren; 3) Kurze Latenzzeit zwischen Unfall und dem Auftreten der Algodystrophie (maximal sechs bis acht Wochen). Keiner der diversen Handchirurgen und anderen Fachspezialsten habe ein CRPS erw�hnt. Erstmals Dr. med. D.________ habe im Bericht vom 6. November 2012 einen Verdacht darauf ge�ussert, welche Auffassung er nach Einsicht in das Gutachten des Dr. med. C.________ korrigiert habe (Bericht vom 28. Februar 2013), um sie - nach Ablehnung der Leistungspflicht der SWICA - gest�tzt auf die Expertise des Dr. med. E.________ erneut zu �ndern. Angesichts dieser widerspr�chlichen Ausk�nfte k�nne auf seine zuletzt gemachten Angaben, anamnestisch sei ausgewiesen, dass die Versicherte schon kurze Zeit nach dem Unfall an der f�r ein CRPS typischen Symptomatik gelitten haben m�sse, nicht abgestellt werden. Offen gelassen werden k�nne, ob der medizinische Sachverhalt anhand des Gutachtens des Dr. med. C.________ oder desjenigen des Dr. med. E.________ zu beurteilen sei. Fest stehe, dass die allenfalls vorhandene typische Symptomatik eines CRPS nicht innerhalb der Latenzzeit von maximal sechs bis acht Wochen nach dem Unfall vom 25. Oktober 2011 anhand echtzeitlicher medizinischer Aktenst�cke festgestellt werden k�nne.
4.3.�Die SWICA �bersieht, dass Dr. med. C.________ mit der Stellungnahme vom 26. Juni 2015 die Befunde des Dr. med. E.________ in allen Teilen best�tigte. Er hielt fest, dass er die Diagnose einer somatoformen Schmerzst�rung einzig aufgrund der Ziffer 4 der Proposed Diagnostic Criteria for CRPS gestellt habe, wonach ein CRPS nicht angenommen werden sollte, wenn andere Krankheitsbilder in Betracht zu ziehen seien; die Medizin sei keine exakte Wissenschaft, weshalb das schwierige Krankheitsbild letztlich keiner Diagnose schl�ssig zugeordnet werden k�nne. Aus diesen Ausf�hrungen ist zumindest zu schliessen, dass Dr. med. C.________ die Auffassung des Dr. med. E.________, es sei ein CRPS Typ I mit Allodynie, Hyperalgesie und Hyperpathie zu diagnostizieren, nicht nur nachvollziehen konnte, sondern implizit auch best�tigte, dass die Symptomatik, sei sie als somatoforme Schmerzst�rung zu diagnostizieren oder aber als CRPS, bereits kurze Zeit nach dem Unfall vom 25. Oktober 2011 vorgelegen haben musste. Anders ist nicht zu erkl�ren, weshalb die Versicherte w�hrend langer Zeit im angestammten Beruf als Betagtenbetreuerin aus �rztlicher Sicht vollst�ndig arbeitsunf�hig gewesen war. Zur Erh�rtung dieses Umstands hat die Vorinstanz erwogen, Dr. med. D.________ habe im Bericht vom 24. Januar 2015 einl�sslich dargelegt, er habe das CRPS erst im November 2012 verdachtsweise diagnostizieren k�nnen, weil er die Patientin erstmals �ber ein Jahr nach dem Unfall untersucht habe; sie habe bei der ersten Konsultation klare Angaben gemacht und insbesondere der Annahme der SWICA, wonach sie nach der Kontusion beschwerdefrei gewesen und das CRPS erst sp�ter, aus nicht gekl�rten Gr�nden, aufgetreten sein soll, deutlich widersprochen. In diesem Zusammenhang hat das kantonale Gericht weiter darauf hingewiesen, dass Dr. med. D.________ bei den klinischen Untersuchungen festgestellt habe, die arbeitswillige Versicherte wirke weiterhin nicht depressiv oder somatisierend und schildere ihre Beschwerden ad�quat. Inwiefern sich Dr. med. D.________ widerspr�chlich zum medizinischen Sachverhalt ge�ussert haben soll, ist angesichts der vorinstanzlichen Feststellungen und ausweislich der medizinischen Akten nicht ersichtlich. Insgesamt betrachtet ist festzuhalten, dass die Auffassung des Dr. med. E.________, wonach die Diagnose einer somatoformen Schmerzst�rung nach der medizinischen Literatur nur gestellt werden d�rfe, sofern kein anderes plausibleres somatisches - hier CRPS - Krankheitsbild die gesundheitlichen Beschwerden zu erkl�ren verm�ge, ohne Weiteres nachvollziehbar ist. Damit ist auch gekl�rt, dass f�r die Annahme eines CRPS entgegen der Auffassung der SWICA nicht erforderlich ist, die Diagnose m�sse von den �rzten bereits innerhalb von sechs bis acht Monaten nach dem Unfall gestellt worden sein, um sie als unfallbedingt anzusehen. Entscheidend ist allein, dass anhand echtzeitlich erhobener mediznischer Befunde der Schluss gezogen werden kann, die betroffene Person habe innerhalb der Latenzzeit von sechs bis acht Wochen nach dem Unfall zumindest teilweise an den f�r ein CRPS typischen Symptomen gelitten. Etwas anderes ergibt sich aus der Rechtsprechung - entgegen den Vorbringen der SWICA - nicht und eine solche Annahme st�nde zudem dem �rztlichen Auftrag entgegen, die betroffene Person schnellst- und bestm�glich zu therapieren. Darauf wies denn auch Dr. med. C.________ in der Stellungnahme vom 26. Juni 2015 explizit hin.
4.4.�Insgesamt betrachtet ist in Best�tigung des angefochtenen Entscheids der nat�rliche Kausalzusammenhang zwischen der beim Sturz vom 25. Oktober 2011 erlittenen Kontusion am rechten Ringfinger und dem in diesem K�rperbereich bestehenden CRPS Typ I mit Allodynie, Hyperalgesie und Hyperpathie zu bejahen. Die Beschwerde der SWICA ist daher abzuweisen.
5.1.�
5.2.�Sie hat die Beschwerdegegnerin angemessen zu entsch�digen (Art. 68 Abs. 1 und 2 BGG).
Die Beschwerdef�hrerin hat die Beschwerdegegnerin f�r das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr. 1'800.- zu entsch�digen.

References: Art. 93
 BGE 
 Art. 95
 Art. 96
 BGE 
 Art. 42