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Timestamp: 2020-01-23 10:40:08+00:00

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ArbG Stuttgart, Urteil vom 16.03.2011, 30 Ca 1772/10 - HENSCHE Arbeitsrecht
ArbG Stutt­gart, Ur­teil vom 16.03.2011, 30 Ca 1772/10
Schlagworte: Kündigung, Diskriminierung, Entschädigung
Ha­ben Sie ei­ne Kur be­an­tragt X Nein Ja von bis
Lei­den Sie an ei­ner chro­ni­schen Krank­heit X Nein Ja
an wel­cher
Wa­ren Sie in den letz­ten 12 Mo­na­ten krank Nein X Ja Schul­ter­band-OP 6 Mo­na­te Schul­ter­band­a­b­riss 3fach
Sind Sie Kriegs-/Schwer-/Un­fall­be­hin­dert X Nein Ja
Sind Sie in der Ausübung ih­rer be­rufl.Tätig­keit in ir­gend­ei­ner Form be­hin­dert X Nein Ja
Be­fin­den Sie sich in ei­nem Er­mitt­lungs­ver­fah­ren X Nein Ja
Sind Sie vor­be­straft (außer Ver­kehrs­de­lik­te) X Nein Ja
Wa­ren Sie schon ein­mal bei uns X Nein Ja
Bei ei­ner wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 35 St­un­den und ei­nem St­un­den­lohn von 8,00 EUR ste­he ihm für den Mo­nat De­zem­ber 2009 ein Ent­gelt von 1.288,00 EUR zu. Zusätz­lich könne er nach § 7 des Ar­beits­ver­trags Fahrt­geld in Höhe von 171,44 EUR und Auslöse in Höhe von 806,25 EUR ver­lan­gen.
Fer­ner ste­he ihm des­halb ei­ne Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG zu. Er ha­be be­reits bei sei­ner Ein­stel­lung auf sei­nen Knie­scha­den hin­ge­wie­sen. Sei­ne Knie­ver­let­zung stel­le sich als Be­hin­de­rung im Sin­ne der Richt­li­nie 2000/78 und auch des en­ge­ren Be­hin­de­rungs­be­griffs in § 2 Abs. 1 SGB IX dar. Die Be­klag­te ha­be ihn in un­mit­tel­ba­rem zeit­li­chen Zu­sam­men­hang mit ih­rer Kennt­nis­nah­me von der Ope­ra­ti­ons­bedürf­tig­keit und in der An­nah­me, dass die Ver­let­zung nicht nur von kur­zer Dau­er sein wer­de, gekündigt. Die Kündi­gung sei zu­min­dest auch we­gen sei­ner Be­hin­de­rung er­folgt. Der Geschäftsführer der Be­klag­ten sei in der Ver­gan­gen-heit be­reits mehr­fach durch be­hin­der­te Men­schen dis­kri­mi­nie­ren­de und er­nied­ri­gen­de Maßnah­men auf­ge­fal­len. We­gen der Ein­zel­hei­ten des Vor­trags des Klägers wird in­so­weit auf Bl. 83 f und 88 d.A. ver­wie­sen. Im Te­le­fo­nat vom 21.12.2009 ha­be er Frau L. u.a. mit­ge­teilt, dass er am 14.01.2010 ei­nen OP-Ter­min ha­be, bei dem das Knie, das be­reits ein Im­plan­tat ent­hal­te, er­neut ope­riert wer­den müsse. Frau L. ha­be die Krank­mel­dung des Klägers ent­ge­gen ge­nom­men und den Geschäftsführer der Be­klag­ten über den In­halt des Te­le­fo­nats un­ter­rich­tet, wor­auf­hin sich die­ser ihr ge­genüber sinn­gemäß wie folgt geäußert ha­be: „Am Knie hat er´s wie­der? Bei dem dau­ert ei­ne Knie­ge­schich­te be­stimmt lan­ge. Der ist doch frühes­tens im April wie­der ein­satzfähig. So­lan­ge zahl ich den aber nicht. Dem schi­cken wir ei­ne Kündi­gung. Er kann sich im April noch­mal mel­den. Schi­cken Sie ei­nen neu­en Ar­beits­ver­trag mit. Ich re­de gleich noch mit der Buch­hal­tung“.
Der in al­len mögli­chen For­men nach Be­hin­de­run­gen und körper­li­chen und ge­sund­heit­li­chen Ein­schränkun­gen fra­gen­de Be­wer­bungs­bo­gen stel­le ein In­diz für ei­ne Be­nach­tei­li­gung von Be­hin­der­ten dar.
Der Kläger ha­be an 14 Ta­gen im De­zem­ber 2009 ins­ge­samt 128,75 St­un­den ge­ar­bei­tet. Ihm ste­he ei­ne An­fahrts­pau­scha­le in der gel­tend ge­mach­ten Höhe von 171,44 EUR zu, al­ler­dings kein Auslöse­an­spruch.
Sie ha­be das Ar­beits­verhält­nis mit dem Kläger in der Pro­be­zeit kündi­gen müssen, da sie für die­sen über­ra­schend ab Ja­nu­ar 2010 kei­ne Beschäfti­gung mehr ge­habt ha­be. Hätte sich der Kläger nicht mehr in der Pro­be­zeit be­fun­den, wäre ihm aus be­triebs­be­ding­ten Gründen gekündigt wor­den. Die Auf­trags­la­ge der Be­klag­ten ha­be sich zur da­ma­li­gen Zeit er­heb­lich ver­schlech­tert ge­habt. Da sie mit dem Kläger grundsätz­lich zu­frie­den ge­we­sen sei, ha­be man ihm die Wie­der­ein­stel­lung zum 01.03.2010 an­ge­bo­ten. Dies zei­ge, dass die Kündi­gung nicht im Zu­sam­men­hang mit der Per­son des Klägers ge­stan­den ha­be, son­dern le­dig­lich we­gen be­trieb­li­cher Gründe er­folgt sei. An­lass der Kündi­gung sei nicht die Er­kran­kung des Klägers ge­we­sen. Selbst wenn -was wei­ter­hin be­strit­ten wer­de- die Kündi­gung im Zu­sam­men­hang mit der Krank­heit des Klägers ge­stan­den hätte, lie­ge kei­ne Be­nach­tei­li­gung im Sin­ne des AGG vor. Dem Geschäftsführer der Be­klag­ten als ju­ris­ti­schem Lai­en sei im Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung nicht be­kannt ge­we­sen, dass es sich beim Krank­heits­bild des Klägers um ei­ne Be­hin­de­rung im Sin­ne des AGG han­deln könn­te.
Im Kam­mer­ter­min vom 15.09.2010 hat die Be­klag­te vor­ge­tra­gen:
Die Fa. F. ha­be den Ein­satz des Klägers zum 18.12.2009 be­en­det. Die Fa. F. ha­be sich über die schlech­te Ar­beits­leis­tung des Klägers be­schwert.
An­trag Zif­fer 1:
Hin­sicht­lich An­trag Zif­fer 1 ist der Streit­ge­gen­stand nicht hin­rei­chend be­stimmt im Sin­ne des § 253 Abs. 2 S. 2 ZPO, was in­so­weit zur Un­zulässig­keit der Kla­ge führt. Der Kläger hat drei Ein­zel­po­si­tio­nen, die je­weils un­ter­schied­li­che Streit­ge­genstände be­tref­fen, zu­sam­men ge­rech­net, nämlich Fahrt­geld in Höhe von 171,44 EUR, Auslöse in Höhe von 806,25 EUR und 1.079,68 EUR, die wahr­schein­lich als Vergütung für De­zem­ber 2009 ge­zahlt wer­den sol­len, und vom Ge­samt­be­trag den ge­zahl­ten Vor­schuss in Höhe von 600,00 EUR ab­ge­zo­gen. Da­mit ist nicht mehr er­sicht­lich, worüber das Ge­richt ent­schei­den soll. Der Kläger hat nicht vor­ge­tra­gen, wie sich der Be­trag aus 1.079,68 EUR er­rech­net, al­so aus wel­chem Rechts­grund (z.B. ge­leis­te­te Ar­beit, An­nah­me­ver­zug, Fei­er­tags­vergütung, Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall) Zah­lun­gen für wel­chen Zeit­raum in wel­cher Höhe ver­langt wer­den. Der Vor­trag steht auch im Wi­der­spruch zu den sons­ti­gen, al­ler­dings auch nicht näher sub­stan­ti­ier­ten Dar­le­gun­gen des Klägers, wo­nach er für De­zem­ber 2009 Ent­gelt in Höhe von 1.288,00 EUR brut­to be­an­spru­chen könne. Wei­ter­hin schei­nen auch Brut­to- und Net­to­beträge ver­mischt wor­den zu sein. Auf die Man­gel­haf­tig­keit der Dar­le­gun­gen hat das Ge­richt mit Verfügung vom 10.03.2010, 04.05.2010 und 03.01.2011 hin­ge­wie­sen. Die­se hat der Kläger un­be­ach­tet ge­las­sen, wes­halb die Kla­ge als un­zulässig ab­zu­wei­sen war (vgl. BAG, 21.03.1978 -1 AZR 11/76- BA­GE 30, 189; BGH, 27.10.1999 -VIII ZR 184/98- NJW 2000, 958; LAG Ba­den-Würt­tem­berg, 29.06.1995 -6 Sa 27/95- LNR 1995, 28197).
An­trag Zif­fer 2:
Die Kla­ge ist in­so­weit zulässig, aber un­be­gründet.
Da für ei­nen Entschädi­gungs­an­spruch nach § 15 Abs. 2 AGG die we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des er­folgt sein muss, ist ein Kau­sal­zu­sam­men­hang er­for­der­lich. Die­ser ist dann ge­ge­ben, wenn die Be­nach­tei­li­gung an ei­nen in § 1 AGG ge­nann­ten oder meh­re­re der in § 1 AGG auf­geführ­ten Gründe an­knüpft und da­durch mo­ti­viert ist. Aus­rei­chend ist, wenn das ver­bo­te­ne Merk­mal Teil ei­nes Mo­tivbündels ist (BAG, 17.12.2009 -8 AZR 670/08- AP Nr. 2 zu § 7 AGG = EzA § 15 AGG Nr. 6; 24.04.2008 -8 AZR 257/07- AP Nr. 2 zu § 33 AGG = EzA § 611a BGB 2002 Nr. 6). Auf ein schuld­haf­tes Han­deln oder gar ei­ne Be­nach­tei­li­gungs­ab­sicht kommt es nicht an (BAG, 19.08.2010 -8 AZR 530/09- NZA 2010, 1412).
Hin­sicht­lich der Kau­sa­lität zwi­schen Nach­teil und dem verpönten Merk­mal ist in § 22 AGG ei­ne Be­weis­last­re­ge­lung ge­trof­fen, die sich auch auf die Dar­le­gungs­last aus­wirkt. Der Beschäftig­te genügt da­nach sei­ner Dar­le­gungs­last, wenn er In­di­zi­en vorträgt, die sei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes ver­bo­te­nen Merk­mals ver­mu­ten las­sen. Dies ist der Fall, wenn die vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen aus ob­jek­ti­ver Sicht mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit dar­auf schließen las­sen, dass die Be­nach­tei­li­gung we­gen die­ses Merk­mals er­folgt ist. Durch die Ver­wen­dung der Wörter „In­di­zi­en“ und „ver­mu­ten“ bringt das Ge­setz zum Aus­druck, dass es hin­sicht­lich der Kau­sa­lität zwi­schen ei-nem der in § 1 AGG ge­nann­ten Gründe und ei­ner ungüns­ti­ge­ren Be­hand­lung genügt, Hilfs­tat­sa­chen vor­zu­tra­gen, die zwar nicht zwin­gend den Schluss auf die Kau­sa­lität zu­las­sen, die aber die An­nah­me recht­fer­ti­gen, dass die Kau­sa­lität ge­ge­ben ist (BAG, 20.05.2010 -8 AZR 287/08 (A)- NZA 2010, 1006). Liegt ei­ne Ver­mu­tung für die Be­nach­tei­li­gung vor, trägt nach § 22 AGG die an­de­re Par­tei die Be­weis­last dafür, dass kein Ver­s­toß ge­gen die Be­stim­mun­gen zum Schutz vor Be­nach­tei­li­gun­gen vor­ge­le­gen hat (BAG, 19.08.2010 -8 AZR 530/09- NZA 2010, 1412; LAG Nie­der­sach­sen, 12.03.2010 -10 Sa 583/09- LA­GE Nr. 11 zu § 15 AGG).
c) Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen ist ein Entschädi­gungs­an­spruch des Klägers ge­ge­ben.
Mit der For­mu­lie­rung im Be­wer­bungs­bo­gen der Be­klag­ten wird auch Druck auf dem Ar­beit­neh­mer auf­ge­baut, um ei­ne wahr­heits­gemäße Be­ant­wor­tung zu er­rei­chen. Es wird nicht et­wa dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich um Fra­gen han­de­le, zu de­ren Be­ant­wor­tung der Ar­beit­neh­mer nicht ver­pflich­tet sei, son­dern es er­folgt der Hin­weis, dass un­wah­re An­ga­ben zur Lösung ei­nes mögli­chen späte­ren Ar­beits­verhält­nis­ses führen könn­ten, es wird al­so -recht­lich un­zu­tref­fend- da­mit ge­droht, dass Falsch­an­ga­ben zur Kündi­gung oder An­fech­tung des Ar­beits­ver­trags be­rech­ti­gen könn­ten.
Die mas­si­ve Häufung sol­cher Fra­gen, die in un­zulässi­ger Wei­se auf die Er­lan­gung von de­tail­lier­ten In­for­ma­tio­nen über den Ge­sund­heits­zu­stand und das Vor­lie­gen ei­ner Be­hin­de­rung ab­zie­len, stellt ein In­diz dafür dar, dass die Kündi­gung vom 21.12.2009 durch die Be­hin­de­rung des Klägers, von de­ren Vor­lie­gen der Geschäftsführer am sel­ben Tag er­fah­ren hat­te -der Vor­trag des Klägers, er ha­be schon im Ein­stel­lungs­gespräch auf Knie­pro­ble­me hin-ge­wie­sen, ist un­sub­stan­ti­iert und da­mit un­be­acht­lich und im Hin­blick auf die er­folg­ten schrift­li­chen An­ga­ben im Be­wer­bungs­bo­gen auch eher fern­lie­gend-, je­den­falls mit mo­ti­viert war. Die­se In­dizwir­kung wird durch den un­mit­tel­ba-ren zeit­li­chen Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Be­kannt­wer­den der lang­wie­ri­gen Ver­let­zung des Klägers am 21.12.2009 und der post­wen­den­den Re­ak­ti­on des Geschäftsführers der Be­klag­ten, der noch am sel­ben Tag ei­ne Kündi­gung aus­stel­len ließ, die dem Kläger be­reits am Fol­ge­tag zu­ge­stellt wur­de, verstärkt. Zwar knüpft die Kündi­gungs­erklärung als sol­che als ge­stal­ten­de Wil­lens­erklärung nicht an ein Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­mal an. In­so­weit können aber et­wa die Kündi­gungs­mo­ti­va­ti­on oder die der Kündi­gungs­ent­schei­dung zu­grun­de lie­gen­den Über­le­gun­gen durch­aus An­halts­punk­te für ei­ne Re­la­ti­on der Erklärung zu ei­nem Merk­mal nach § 1 AGG sein. Auf sol­che kann aus der Kündi­gungs­be­gründung oder aus an­de­ren äußeren Umständen ge­schlos­sen wer­den (BAG, 22.10.2009 -8 AZR 642/08- AP Nr. 2 zu § 15 AGG = EzA § 15 AGG Nr. 4).
aa) Da der Kläger so­mit In­di­zi­en vor­ge­tra­gen hat, die je­den­falls in ih­rer Ge­samt­schau (zu de­ren Er­for­der­lich­keit vgl. BAG, 24.04.2008 -8 AZR 257/07- AP Nr. 2 zu § 33 AGG = EzA § 611 a BGB 2002, Nr. 6) ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen sei­ner Be­hin­de­rung ver­mu­ten las­sen, wäre es nun­mehr Sa­che der Be­klag­ten ge­we­sen, dar­zu­le­gen und ggfs. zu be­wei­sen, dass kein Ver­s­toß ge­gen die Be­stim­mun­gen zum Schutz vor Be­nach­tei­li­gung vor­ge­le­gen hat, sie al­so aus­sch­ließlich aus Gründen gekündigt hat, die nichts mit der Be­hin­de­rung des Klägers zu tun ha­ben (BAG, 17.08.2010 -9 AZR 839/08- NJW 2011, 550). Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten kommt es auf ei­ne Be-nach­tei­li­gungs­ab­sicht nicht an (BAG, 19.08.2010 -8 AZR 530/09- NZA 2010, 1412).
zur Übersicht 30 Ca 1772/10

References: § 7
 § 15
 § 2
 § 253
 § 15
 § 1
 § 1
 § 1
 § 7
 § 15
 § 33
 § 611
 § 22
 § 1
 § 22
 § 15
 § 1
 § 15
 § 15
 § 33
 § 611