Source: https://www.wirtschaftslupe.de/wertaufholungsverpflichtung-nach-der-einbringung-von-betriebsvermoegen-4120759/
Timestamp: 2019-05-20 01:12:15+00:00

Document:
Wertaufholungsverpflichtung – nach der Einbringung von Betriebsvermögen | Wirtschaftslupe
Nach § 6 Abs. 1 Nr. 2 Satz 1 EStG i.V.m. § 8 Abs. 1 KStG ist eine zum Betriebsvermögen gehörende Beteiligung grundsätzlich mit den Anschaffungskosten anzusetzen. Entspricht der Ansatz einer Beteiligung, die bereits am Schluss des vorangegangenen Wirtschaftsjahrs zum Anlagevermögen gehört hat, dieser Maßgabe durch den Ansatz eines niedrigeren Teilwerts nicht, ist die Bewertung dennoch mit den Anschaffungskosten vorzunehmen, es sei denn, der Steuerpflichtige weist nach, dass ein niedrigerer Teilwert angesetzt werden kann (§ 6 Abs. 1 Nr. 2 Satz 3 i.V.m. Nr. 1 Satz 4 EStG).
Der für diese Bewertungsregelung häufig verwendete Begriff der Wertaufholung umschreibt den Gesetzesbefehl nur ungenau. Denn die Bewertung der Beteiligung mit den -höheren historischen- Anschaffungskosten bildet für jedes Wirtschaftsjahr, in dem die Beteiligung zum Betriebsvermögen des Steuerpflichtigen rechnet, die maßgebliche Regel1, die nur ausnahmsweise nach sich jährlich wiederholender Prüfung des Vorliegens der Voraussetzungen für eine Bewertung mit dem niedrigeren Teilwert und Ausübung des diesbezüglich eingeräumten steuerlichen Wahlrechts, durchbrochen wird2. Bei einer im vorangegangenen Wirtschaftsjahr vorgenommenen Abschreibung der Beteiligung auf den Teilwert setzt nicht dieser niedrigere Wert den Maßstab, an dem sich die Bewertung mit den höheren Anschaffungskosten durch Vorliegen bestimmter Sachgründe rechtfertigend messen lassen müsste. Vielmehr muss stets der niedrigere Wertansatz durch vom Gesetzgeber benannte Sachgründe gerechtfertigt werden. Nach dem Gesetz geht es somit ausnahmslos um die Zulässigkeit einer Wertabschreibung und nicht um das Vorliegen der Voraussetzungen für eine Wertaufholung.
Nach diesen Maßstäben kommt im hier vom Bundesfinanzhof entschiedenen Streitfall eine Wertabschreibung nicht in Betracht, weil diese gesetzlich nicht zugelassen ist.
Das Gesetz lässt -allein- im Fall einer voraussichtlich dauernden Wertminderung die Wertabschreibung zu. Nach den tatrichterlichen Feststellungen des Finanzgericht ist nicht zweifelhaft, dass eine solche Wertminderung im Streitfall nicht in Rede steht. Denn zum maßgeblichen Bilanzstichtag war die Beteiligung an der GmbH 2 werthaltig, weil diese Gesellschaft -in Folge der Einbringung der beiden Teilbetriebe- über erhebliche Vermögenswerte verfügte. Es kommt hierbei nicht darauf an, ob die konkreten Gründe, die die frühere Teilwertabschreibung rechtfertigten, weggefallen sind. Auch Erhöhungen des Teilwerts aus anderen Gründen führen zur Zuschreibung3. Denn entscheidend ist stets, ob zum fraglichen Bilanzstichtag (irgend)ein Grund für eine Bewertung unterhalb der historischen Anschaffungskosten vorliegt.
Weder im Einkommensteuergesetz noch im Umwandlungssteuergesetz 1995 finden sich Bestimmungen, die im Streitfall entweder eine Wertabschreibung zulassen oder die anordnen, dass an die Stelle der historischen Anschaffungskosten “neue” (niedrigere) Anschaffungskosten treten oder die historischen Anschaffungskosten sich lediglich auf einen Teil des Alt-Anteils beziehen.
Gegenstand der Bewertung im Streitjahr ist der Alt-Anteil. Für die Bewertung dieses Anteils sind die historischen Anschaffungskosten maßgeblich. Denn der Anteil als solcher wurde im Zuge der Einbringung der Teilbetriebe nicht verändert und er wurde auch nicht durch ein anderes, neu zu bewertendes Wirtschaftsgut ersetzt4.
Lediglich der steuerliche Status des Altgeschäftsanteils wurde im Zuge der Einbringung insoweit verändert, als er -quotal- von der Steuerverhaftung des § 21 UmwStG 1995 erfasst wurde. Auch dies rechtfertigt im Streitfall allerdings keine Teilwertabschreibung.
Nach ständiger Bundesfinanzhofsrechtsprechung5 erfasst die Steuerverhaftung des § 21 Abs. 1 UmwStG 1995 nicht nur die neuen Anteile, die der Einbringende für die Buchwerteinbringung des Betriebsvermögens (Betrieb, Teilbetrieb oder Mitunternehmeranteil) in die Kapitalgesellschaft i.S. der §§ 20 Abs. 1, 21 Abs. 1 UmwStG 1995 erhält (einbringungsgeborene Anteile). Die Steuerverhaftung des § 21 UmwStG 1995 kann auch andere Anteile erfassen (sog. mitverstrickte Anteile, vgl. jetzt auch § 22 Abs. 7 UmwStG i.d.F. des Gesetzes über steuerliche Begleitmaßnahmen zur Einführung der Europäischen Gesellschaft und zur Änderung weiterer steuerrechtlicher Vorschriften vom 07.12 20066). Zu einer solchen Mitverstrickung kann es insbesondere in zwei Fällen kommen:
Bestehen an der betreffenden Kapitalgesellschaft bereits einbringungsgeborene (Alt-)Anteile und führt die Gesellschaft eine nicht wertkongruente Kapitalerhöhung durch, gehen stille Reserven der einbringungsgeborenen (Alt-)Anteile auf die bei der Kapitalerhöhung durch Bareinlage erworbenen (Neu-)Anteile über (Transport der steuerverstrickten stillen Reserven vom Alt- zum Neu-Anteil mit der Folge der Mitverstrickung des Neu-Anteils)7. Zum anderen werden -nicht einbringungsgeborene- (Alt-)Anteile dann von der Steuerverhaftung des § 21 UmwStG 1995 erfasst, wenn eine spätere Kapitalerhöhung im Wege einer Sacheinlage durchgeführt wird und die Kapitalgesellschaft das eingebrachte Betriebsvermögen (Betrieb, Teilbetrieb oder Mitunternehmeranteil) mit dem Buchwert ansetzt. In diesem Fall findet ein unmittelbarer Übergang der im eingebrachten Betriebsvermögen ruhenden stillen Reserven auf den Alt-Anteil statt, der zu dessen (quotaler) Mitverstrickung führt8. Die Mitverstrickung des Alt-Anteils kann allerdings im Unterschied zur erstgenannten Konstellation (Mitverstrickung des Neu-Anteils) nicht auf eine Substanzabspaltung9 gestützt werden, weil keine Substanz von dem für die Sacheinlage gewährten (einbringungsgeborenen) Neu-Anteil abgespalten wurde. Vielmehr gingen die stillen Reserven des eingebrachten Betriebsvermögens unmittelbar (anteilig) auf den Alt-Anteil über und verstrickten diesen10.
Im Streitfall kam es zu einer solchen Mitverstrickung eines Alt-Anteils. Die steuerverstrickten stillen Reserven der beiden eingebrachten Teilbetriebe gingen zu einem geringen Teil auf die (nominal sehr kleinen) Neu-Anteile, zum ganz überwiegenden Teil aber auf den Alt-Anteil über. Nach der Berechnung des Finanzgericht resultierte hieraus ein Verstrickungsgrad des Alt-Anteils von über 99 %.
Ob es in Zusammenhang mit der (nachträglichen) Mitverstrickung von Alt-Anteilen auch zu einem Übergang und einer Neuverteilung der -gemäß § 20 Abs. 4 UmwStG 1995 fingierten (“gilt”)- Anschaffungskosten kommt, ist in der Bundesfinanzhofsrechtsprechung bisher offen geblieben11. In der Literatur wird die Frage unterschiedlich beurteilt12.
Der Bundesfinanzhof ist mit dem Finanzgericht der Auffassung, dass unter den Gegebenheiten des Streitfalls eine etwaige Verteilung der -gemäß § 20 Abs. 4 UmwStG 1995 für den (originär) einbringungsgeborenen Neu-Anteil fingierten- Anschaffungskosten auf diesen und den mitverstrickten Alt-Anteil jedenfalls nicht zu einem vollständigen Wegfall oder einem steuerlichen Unbeachtlichwerden der tatsächlich beim früheren Erwerb des Alt-Anteils angefallenen Erwerbskosten führen kann. Denn dabei würde es sich um eine Fiktion handeln, die einer ausdrücklichen gesetzgeberischen Anordnung vorbehalten bleiben muss. Eine solche ist nicht ersichtlich. § 20 Abs. 4 UmwStG 1995 fingiert die Anschaffungskosten -allein- für den (originär) einbringungsgeborenen Anteil13 und schweigt hinsichtlich der Anschaffungskosten für den mitverstrickten Anteil. Der Gedanke der Substanzabspaltung gründet zwar nicht auf einer Fiktion, weil er an den “echten” historischen Anschaffungskosten als Aufteilungsmaßstab anknüpft14. Er kann aber den Übergang von Anschaffungskosten i.S. des § 20 Abs. 4 UmwStG 1995 im Streitfall nicht erklären, weil es bei den Neu-Anteilen zu keiner Substanzabspaltung gekommen ist.
Kommt es mithin nicht zu einem “Untergang” oder “Wegfall” der für die Bewertung maßgeblichen historischen Anschaffungskosten für den Alt-Anteil, so lässt sich dem Gesetz schließlich auch keine Aussage entnehmen, dass ein etwaiger Übergang eines Teils der gemäß § 20 Abs. 4 UmwStG 1995 für die Bewertung der Neu-Anteile fingierten Anschaffungskosten auf den mitverstrickten Alt-Anteil ausschließlich dem verstrickten Teil dieses Anteils und die historischen Anschaffungskosten ausschließlich dem nicht verstrickten Teil zuzuordnen sind15. Eine solche gezielte Zuordnung der Anschaffungskosten ist erstens zur Durchführung des speziellen Regelungskonzepts der §§ 20, 21 UmwStG 1995 nicht erforderlich, weil die fiktiven Anschaffungskosten i.S. des § 20 Abs. 4 UmwStG 1995 nur insgesamt sachgerecht den einbringungsgeborenen und den mitverstrickten Anteilen als solchen zugeordnet werden müssen, um im Realisationsfall den zutreffenden -auf die steuerverstrickten Reserven des eingebrachten Vermögens entfallenden- Veräußerungsgewinn ermitteln zu können. Zweitens läuft die vom Gesetz nicht vorgesehene gezielte Zuordnung dem Zweck der Wertaufholungspflicht zuwider, weil sie im Umfang der Mitverstrickung den -nach der Gesetzesintention gerade noch nicht endgültig realisierten- Verlust aus der früheren Teilwertabschreibung über den Umwandlungsvorgang hinaus auf unabsehbare Zeit faktisch konserviert. Und schließlich hat der Bundesfinanzhof einer gegenständlichen Aufteilung des Beteiligungsrechts in steuerverhaftete und nicht steuerverhaftete Einheiten eine Absage erteilt16. Die Vorstellung der gegenständlichen Zuordnung von Anschaffungskosten zu bestimmten Anteilsteilen ist damit nicht zu vereinbaren.
Es trifft zu, dass die Versagung des Teilwertansatzes (Wertaufholung) Umwandlungsvorgänge der vorliegenden Art erschweren wird, weil die von §§ 20, 21 UmwStG 1995 begünstigte Einbringung werthaltigen Betriebsvermögens die Voraussetzungen für eine erneute Teilwertabschreibung der Alt-Anteile zunächst entfallen lässt. Andererseits wird mit der vom Finanzgericht favorisierten Gesetzesanwendung17 die Wertaufholung faktisch auf Dauer verhindert. Denn die Mitverstrickungsquote des Alt-Anteils lässt sich im Gestaltungswege, z.B. durch die Festlegung eines vergleichsweise geringen Nennbetrags des Neu-Anteils im Verhältnis zum Wert des eingebrachten Vermögens und zum Alt-Anteil, beliebig wählen und lässt bei einer hohen Quote keinen nennenswerten Raum für künftige Wertaufholungen aus sonstigen, nicht mit der Einbringung in Zusammenhang stehenden Gründen. Es ist aber nicht einsichtig, weshalb künftige Wertsteigerungen des Gesellschaftsvermögens -z.B. in Folge einer erfolgreichen Restrukturierung- keine Wertaufholung nach sich ziehen sollten.
Wie die Obergrenze für die Wertaufholung im Einzelnen zu bestimmen ist, ob z.B. die historischen Anschaffungskosten für den Alt-Anteil mit übergehenden Anschaffungskosten i.S. des § 20 Abs. 4 UmwStG 1995 zu addieren sind, kann im Streitfall dahinstehen, da das Finanzamt in den angegriffenen Bescheiden die Wertaufholung lediglich bis zur Höhe der historischen Anschaffungskosten des Alt-Anteils vorgenommen hat. Das ist nach dem vorstehend Gesagten nicht zu beanstanden.
Bundesfinanzhof, Urteil vom 8. November 2016 – I R 49/15
so ausdrücklich § 6 Abs. 1 Nr. 1 Satz 4 Halbsatz 1 EStG [↩]
vgl. BFH, Urteil vom 11.07.2012 – I R 50/11, BFH/NV 2013, 40; BFH, Urteil vom 21.05.2015 – IV R 15/12, BFH/NV 2015, 1561 [↩]
vgl. Gabert in Herrmann/Heuer/Raupach, § 6 EStG Rz 470, m.w.N. [↩]
vgl. BFH, Urteil in BFH/NV 2013, 40, zu “neu” angeschafften Anteilen bei einer Verschmelzung [↩]
BFH, Urteile vom 08.04.1992 – I R 128/88, BFHE 167, 424, BStBl II 1992, 761; – I R 160/90, BFHE 167, 429, BStBl II 1992, 763; – I R 162/90, BFHE 167, 432, BStBl II 1992, 764; vom 28.11.2007 – I R 34/07, BFHE 220, 58, BStBl II 2008, 533; vom 25.07.2012 – I R 88/10, BFHE 238, 108, BStBl II 2013, 94 [↩]
BGBl I 2006, 2782, BStBl I 2007, 4 [↩]
vgl. BFH, Urteile in BFHE 167, 424, BStBl II 1992, 761, und in BFHE 167, 432, BStBl II 1992, 764 [↩]
vgl. dazu BFH, Urteile in BFHE 167, 429, BStBl II 1992, 763, und in BFHE 238, 108, BStBl II 2013, 94 [↩]
vgl. BFH, Urteile vom 06.12 1968 – IV R 174/67, BFHE 94, 251, BStBl II 1969, 105; vom 21.01.1999 – IV R 27/97, BFHE 188, 27, BStBl II 1999, 638; BFH, Urteil in BFHE 167, 424, BStBl II 1992, 761 [↩]
Kellner, Einbringungsgeborene Anteile im Einkommen- und Körperschaftsteuer-recht, 2003, S. 130 [↩]
vgl. aber BFH, Urteil in BFHE 188, 27, BStBl II 1999, 638 zur -nicht streitgegenständlichen- Situation des Übergangs von Anschaffungskosten auf neue Anteile bei einer Kapitalerhöhung gegen Einlagen [↩]
vgl. z.B. Kellner, a.a.O., S. 159 ff.; Schmidt/Heinz, GmbH-Rundschau 2005, 525, jeweils m.w.N. [↩]
vgl. BFH, Urteil vom 17.10.2001 – I R 111/00, BFH/NV 2002, 628; BFH, Beschluss vom 19.12 2007 – I R 111/05, BFHE 220, 152, BStBl II 2008, 536 [↩]
BFH, Urteil in BFHE 188, 27, BStBl II 1999, 638 [↩]
so aber das Finanzgericht und Teile der Literatur, vgl. Schmidt/Heinz, a.a.O. [↩]
BFH, Urteil in BFHE 220, 58, BStBl II 2008, 533 [↩]
dem FG Münster, aaO., im Ergebnis zustimmend Schmidt/Heinz, a.a.O.; Schmidt/Kulosa, EStG, 35. Aufl., § 6 Rz 372 [↩]

References: § 6
 § 8
 § 21
 § 21
 § 21
 § 22
 § 21
 § 20
 § 20
 § 20
 § 20
 § 20
 § 20
 § 20
 § 6
 § 6
 § 6