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Timestamp: 2019-10-19 22:10:12+00:00

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Kin­der­geld­rück­for­de­rung – und der Bil­lig­keits­er­lass | Rechtslupe
Kindergeldrückforderung - und der Billigkeitserlass
Allein der Umstand, dass zu Unrecht gewähr­tes Kin­der­geld auf Sozi­al­leis­tun­gen (hier: Arbeits­lo­sen­geld II) ange­rech­net wur­de, ver­pflich­tet die Fami­li­en­kas­se nicht zu einem Bil­lig­keits­er­lass der Rück­for­de­rung die­ses Kin­der­gelds.
Die Ent­schei­dung über den Erlass ist eine Ermes­sens­ent­schei­dung der Behör­de 1. Dem folgt die stän­di­ge Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs zu § 227 AO 2. Im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren kann die behörd­li­che Ermes­sens­ent­schei­dung nach § 102 FGO nur dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob die Gren­zen der Ermes­sens­aus­übung ein­ge­hal­ten wor­den sind 3.
Eine Unbil­lig­keit aus sach­li­chen Grün­den i.S. des § 227 AO ist anzu­neh­men, wenn die Gel­tend­ma­chung eines Anspruchs aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis im Ein­zel­fall zwar dem Wort­laut einer Vor­schrift ent­spricht, aber nach dem Zweck des zugrun­de lie­gen­den Geset­zes nicht (mehr) zu recht­fer­ti­gen ist oder des­sen Wer­tun­gen zuwi­der­läuft (sog. Geset­zes­über­hang) 4.
Der Bun­des­fi­nanz­hof hat mehr­fach dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ein Bil­lig­keits­er­lass nach § 227 AO gerecht­fer­tigt sein kann, wenn Kin­der­geld zurück­ge­for­dert wird, das bei der Berech­nung der Höhe von Sozi­al­leis­tun­gen als Ein­kom­men ange­setzt wur­de, aber eine nach­träg­li­che Kor­rek­tur der Leis­tun­gen nicht mög­lich ist 5.
Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Finanz­ge­richt hat daher für die­sen Fall zu Unrecht unter Beru­fung auf die­se Recht­spre­chung einen Anspruch auf Bil­lig­keits­er­lass bejaht 6. Denn es besteht in die­sem Fall kei­ne Ermes­sens­re­duk­ti­on auf Null dahin­ge­hend, dass nur ein Erlass das ein­zig mög­li­che Ergeb­nis der Ermes­sens­aus­übung sein kann.
Allein der Umstand, dass das Kin­der­geld im Streit­fall auf die von der Mut­ter bezo­ge­nen Sozi­al­leis­tun­gen ange­rech­net wur­de, ver­pflich­tet die Fami­li­en­kas­se nicht zu einem Bil­lig­keits­er­lass. Die Anrech­nung kann nach der Recht­spre­chung der Sozi­al­ge­rich­te nicht rück­ab­ge­wi­ckelt wer­den, weil es allein auf den tat­säch­li­chen Zufluss des Kin­der­gelds beim Hil­fe­emp­fän­ger ankommt und die nach­träg­li­che Gewäh­rung von Sozi­al­leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen ist 7. Es fehlt zwar eine gesetz­li­che Rege­lung der sys­tem­über­grei­fen­den Rück­ab­wick­lung von zu Unrecht gewähr­tem Kin­der­geld, das auf ALG II-Leis­tun­gen ange­rech­net wur­de. Dies ist jedoch noch kein Grund in ein­schlä­gi­gen Fäl­len, einen Bil­lig­keits­er­lass als zwin­gend anzu­se­hen.
Der Umstand, dass das Job­cen­ter die Fami­li­en­kas­se nicht über die Inhaf­tie­rung des F infor­mier­te, muss bei der Ent­schei­dung über den Bil­lig­keits­an­trag außer Betracht blei­ben. Das Job­cen­ter war zu einer der­ar­ti­gen Infor­ma­ti­on nicht ver­pflich­tet und auch nicht befugt. Die für die Fest­set­zung von Kin­der­geld nach § 62 ff. EStG zustän­di­ge Fami­li­en­kas­se ist kein Sozi­al­leis­tungs­trä­ger i.S. des § 12 SGB I, so dass die für Sozi­al­leis­tungs­trä­ger gel­ten­de Ver­pflich­tung zur engen Zusam­men­ar­beit (§ 86 SGB X) nicht gilt. Daher sind die den Sozi­al­be­hör­den gegen­über gemach­ten Anga­ben durch das Sozi­al­ge­heim­nis nach § 35 Abs. 1 SGB II geschützt, so dass der Fami­li­en­kas­se rele­van­te Sach­ver­hal­te nicht nach § 69 Abs. 1 Nr. 1 SGB X ggf. mit­ge­teilt wer­den kön­nen. Dies­be­züg­lich ist ledig­lich der umge­kehr­te Fall in § 21 Abs. 4 SGB X gere­gelt, näm­lich dass die Finanz­be­hör­den Aus­kunft über die ihnen bekann­ten Ein­kom­mens- oder Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se des Leis­tungs­emp­fän­gers ertei­len müs­sen.
Es lag somit an der Mut­ter, der Fami­li­en­kas­se die Infor­ma­tio­nen zu über­mit­teln, die für die Kin­der­geld­fest­set­zung von Bedeu­tung waren. Ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter ist nach § 68 Abs. 1 EStG ver­pflich­tet, alle Ände­run­gen in den Ver­hält­nis­sen, die für die Leis­tung erheb­lich sind, unver­züg­lich mit­zu­tei­len. Die Vor­schrift regelt das Ver­hält­nis zwi­schen dem Kin­der­geld­be­rech­tig­ten und der Fami­li­en­kas­se und soll gewähr­leis­ten, dass der Fami­li­en­kas­se alle not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung ste­hen, um recht­zei­tig die Recht­mä­ßig­keit der Aus­zah­lung von Kin­der­geld beur­tei­len zu kön­nen und feh­ler­haf­te Aus­zah­lun­gen und damit zusam­men­hän­gen­de spä­te­re Rück­for­de­run­gen zu ver­mei­den. Zahlt die Fami­li­en­kas­se das Kin­der­geld zu Unrecht aus, weil der Kin­der­geld­emp­fän­ger es unter­las­sen hat, die Fami­li­en­kas­se über tat­säch­li­che Ver­hält­nis­se zu infor­mie­ren, die für den Anspruch auf Kin­der­geld von Bedeu­tung sind, ist der Fami­li­en­kas­se aus die­sem Grund kein Fehl­ver­hal­ten vor­zu­wer­fen. Dann liegt kein Geset­zes­über­hang vor, der einen Bil­lig­keits­er­lass gebie­tet.
Der Streit­fall bie­tet dar­über hin­aus kei­nen Anlass, abschlie­ßend zu ent­schei­den, in wel­chen Fäl­len allein ein Bil­lig­keits­er­lass in Betracht kommt.
Denk­bar sind Kon­stel­la­tio­nen, in denen der Kin­der­geld­be­rech­tig­te sei­ner Mit­wir­kungs­pflicht nach­ge­kom­men ist, der Rück­for­de­rungs­an­spruch aber auf­grund eines über Gebühr lan­gen Zuwar­tens der Fami­li­en­kas­se ent­stan­den ist oder sich erhöht hat 8 oder in denen die Fami­li­en­kas­se aus den ihr bekann­ten Tat­sa­chen die unzu­tref­fen­den Schlüs­se gezo­gen hat 9.
Für einen Erlass aus Bil­lig­keits­grün­den kann auch von Bedeu­tung sein, ob ein Betei­lig­ter eine fal­sche Aus­kunft erteilt hat oder einen gebo­te­nen Hin­weis unter­las­sen hat 10 oder ob eine gebo­te­ne Rück­fra­ge an den Kin­der­geld­be­rech­tig­ten unter­blie­ben ist 11.
Die Ent­schei­dung des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Finanz­ge­richts 12, dass allein schon eine lücken­haf­te recht­li­che Aus­ge­stal­tung des Drei­ecks­ver­hält­nis­ses zwi­schen der Fami­li­en­kas­se, dem Sozi­al­leis­tungs­trä­ger und dem Kin­der­geld­be­rech­tig­ten und Hil­fe­emp­fän­ger zu des­sen Benach­tei­li­gung führt und des­halb einen Bil­lig­keits­er­lass gebie­tet, kann nach den vor­ste­hen­den Grund­sät­zen kei­nen Bestand haben.
Die Sache ist spruch­reif, der Bun­des­fi­nanz­hof kann in der Sache selbst ent­schei­den (§ 126 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 FGO). Die Ermes­sens­er­wä­gun­gen der Fami­li­en­kas­se, einen Erlass abzu­leh­nen, sind nicht zu bean­stan­den (§ 102 FGO).
Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt (§ 118 Abs. 2 FGO) lag kein feh­ler­haf­tes oder zöger­li­ches Ver­wal­tungs­han­deln der Fami­li­en­kas­se vor, das Anlass für einen Bil­lig­keits­er­lass sein könn­te.
Die Fami­li­en­kas­se hat bei ihrer Ableh­nung die Anrech­nung des Kin­der­gelds auf die Sozi­al­leis­tun­gen gemäß § 11 SGB II berück­sich­tigt und bei ihrer Ent­schei­dung die Mit­wir­kungs­pflicht­ver­let­zung der Mut­ter nach § 68 Abs. 1 EStG gewür­digt, die den Abbruch der Berufs­aus­bil­dung des F nicht recht­zei­tig der Fami­li­en­kas­se mit­teil­te. Dabei hat sie berück­sich­tigt, dass weder von ihr noch von ande­ren Behör­den Ursa­chen für die­se Mit­wir­kungs­pflicht­ver­let­zung gesetzt wur­den. Zutref­fend hat sie beach­tet, dass allein die Mut­ter es ver­säumt hat, die Mit­tei­lung zu machen. Ermes­sens­feh­ler sind der Fami­li­en­kas­se somit nicht unter­lau­fen. Die Kla­ge war daher abzu­wei­sen.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Sep­tem­ber 2018 – III R 19/​17
grund­le­gend: GmS-OBG, Beschluss vom 19.10.1971 – GmS-OGB 3/​70, BFHE 105, 101, BSt­Bl II 1972, 603[↩]
z.B. BFH, Urtei­le vom 29.08.1991 – V R 78/​86, BFHE 165, 178, BSt­Bl II 1991, 906, Rz 15; vom 16.11.2005 – X R 3/​04, BFHE 211, 30, BSt­Bl II 2006, 155, Rz 19; vom 19.04.2012 – III R 85/​11, BFH/​NV 2012, 1411, Rz 12[↩]
Gräber/​Stapperfend, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 102 Rz 15, m.w.N.[↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 21.10.1987 – X R 29/​81, BFH/​NV 1988, 546, Rz 16; vom 20.12 2000 – II R 74/​99, BFH/​NV 2001, 1027, Rz 15; vom 21.06.2006 – XI R 29/​05, BFH/​NV 2006, 1833, Rz 12; vom 05.05.2011 – V R 39/​10, BFH/​NV 2011, 1474, Rz 15; und vom 24.04.2014 – V R 52/​13, BFHE 245, 105, BSt­Bl II 2015, 106[↩]
BFH, Urtei­le vom 15.03.2007 – III R 54/​05, BFH/​NV 2007, 1298, Rz 36; vom 19.11.2008 – III R 108/​06, BFH/​NV 2009, 357, Rz 11; vom 18.12 2008 – III R 93/​06, BFH/​NV 2009, 749, Rz 20; vom 30.07.2009 – III R 22/​07, BFH/​NV 2009, 1983, Rz 16; vom 22.09.2011 – III R 78/​08, BFH/​NV 2012, 204, Rz 24; vgl. auch BFH, Beschlüs­se vom 06.05.2011 – III B 130/​10, BFH/​NV 2011, 1353, Rz 6; vom 27.12 2011 – III B 35/​11, BFH/​NV 2012, 696, Rz 5; vom 23.02.2015 – III B 41/​14, BFH/​NV 2015, 658, Rz 5[↩]
Schles­wig-Hol­stei­ni­sches FG, Urteil vom 04.07.2017 – 1 K 34/​16[↩]
vgl. BSG, Urteil vom 23.08.2011 – B 14 AS 165/​10 R, Die Sozi­al­ge­richts­bar­keit 2012, 470; BVerwG, Urteil vom 13.11.2003 5 C 26/​02, DöV 2004, 793, m.w.N.; LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 07.06.2018 – L 34 AS 201/​15 Rz 39; LSG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 21.03.2012 – L 2 AS 5392/​11 Rz 34; Hes­si­sches LSG, Urteil vom 24.04.2013 – L 6 AS 376/​11 Rz 29 ff., Schles­wig-Hol­stei­ni­sches LSG, Beschluss vom 25.05.2010 – L 3 AS 64/​10 B PKH Rz 14; und vom 21.07.2017 – L 3 AS 125/​17 B PKH Rz 15; LSG für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 05.12 2013 – L 6 AS 926/​13 B Rz 14; Sozi­al­ge­richt für das Saar­land, Urteil vom 22.03.2012 – S 12 AS 362/​11 Rz 17[↩]
vgl. Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 06.03.2014 – 16 K 3046/​13 AO, EFG 2014, 977, Rz 24; FG Bre­men, Urteil vom 28.08.2014 – 3 K 9/​14 (1), EFG 2014, 1944, Rz 72; FG Müns­ter, Urteil vom 12.12 2016 – 13 K 91/​16 Kg Rz 36[↩]
vgl. FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 22.09.2011 – 16 K 1279/​11 Kg, AO, EFG 2011, 2176[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2007, 1298, Rz 36[↩]
vgl. FG Düs­sel­dorf, Urteil in EFG 2014, 977, Rz 24; FG Bre­men, Urteil in EFG 2014, 1944, Rz 72; FG Müns­ter, Urteil vom 12.12 2016 – 13 K 91/​16 Kg Rz 36[↩]
Schles­wig-Hol­stei­ni­sches FG, a.a.O.[↩]

References: § 227
 § 102
 § 227
 § 227
 § 62
 § 12
 § 35
 § 69
 § 21
 § 68
 § 11
 § 68
 § 102