Source: http://www.deliberationdaily.de/2013/11/vermischtes-2/?replytocom=3821
Timestamp: 2019-04-21 04:42:14+00:00

Document:
Die NATO überlegt zur Gesundheitsreform und Gabriel will Schuldirektor werden – Vermischtes 18.11.2013
by Stefan Sasse on 18. November 2013
Die Nato will ihre Afghanistan-Mission nach dem Abzug der Isaf-Kampftruppen Ende 2014 stark eingrenzen. Das werden die Verteidigungsminister am Dienstag in Brüssel beschließen. Ein als geheim eingestuftes Strategiepapier schließt für die Nato-Soldaten jegliche Teilnahme an Kampfmissionen und die Begleitung von Operationen der afghanischen Armee nach 2014 strikt aus. Zudem sollen Trainings nur in bewachten Ministerien und Kommandozentren stattfinden. So soll ein „minimaler Risiko-Level“ eingehalten werden, heißt es in Dokumenten, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. Mit dem 24-seitigen „Strategic Planning Assessment“ (SPA) formuliert die Nato erstmals konkret ihre Planung. Die neue Mission trägt den etwas euphorischen Namen „Resolute Support“ – „Entschlossene Unterstützung“. Das Papier nennt zwar keine Zahlen für das künftige Nato-Kontingent, legt aber die wichtigsten Eckpunkte für den Einsatz nach 2014 fest. Als „notwendige Voraussetzung“ für die Mission fordern die Verteidigungsminister eine gültige Uno-Resolution und ein formales Truppenabkommen, das die Immunität der internationalen Soldaten garantieren soll. Über diese beiden Punkte gibt es seit Monaten Streit mit der Regierung von Afghanistans Präsident Hamid Karzai, der sich zunehmend störrisch zeigt.
Die NATO hat immer noch keine konkreten Pläne, wie es in Afghanistan 2014 nach dem eigentlichen Abzug weitergehen soll. Man will nur noch Ausbilder im Land haben, schön und gut, keine Kampfeinsätze mehr, aber wer wie viel und was macht ist völlig unklar, trotz des mit nicht einmal mehr zweieinhalb Monaten eher eng gesteckten Zeitrahmens. Wir müssen uns auch klar machen, was das überhaupt bedeutet: effektiv gibt der Westen Afghanistan auf, und Karsai weiß das, weswegen er auch seit Monaten versucht, mit den Taliban eine neue Ordnung auszuhandeln. Es ist völlig absurd zu glauben, der Westen würde erneut intervenieren, wenn die Taliban den Laden wieder übernehmen – der Abzug ist eine so teure Angelegenheit und so hyperkompliziert (allein die Frage über welche Länder man zu welchen Bedingungen das Land verlässt ist ein logistischer, politischer und kultureller Albtraum), dass sich ein Zurückverlegen von einsatzfähigen Kampftruppen von selbst verbietet, vom zu erwartenden Widerstand zuhause ganz zu schweigen. Afghanistan ist nach Lage der Dinge mittelfristig verloren. Die Frage ist nur noch, wie viel von den Erfolgen bei der Öffnung seiner Gesellschaft gerettet werden können.
CDU und SPD können sich bei Gesundheitsreform nicht einigen
Lauterbach zufolge wolle die SPD weiterhin Schritte in Richtung einer Bürgerversicherung und damit eines einheitlichen Systems durchsetzen. Die Zusatzbeiträge, die finanziell angeschlagene Krankenkassen von den Arbeitnehmern erheben dürfen, müssten weg. „Das ist für die SPD eine ganz harte Forderung“, fügte er hinzu. Das „System der Kopfpauschalen“ sei für sie nicht verhandelbar. Zusatzbeiträge allein zulasten der Kassenmitglieder können Krankenkassen heute erheben, wenn sie mit dem Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommen. Sie spielen derzeiten wegen der Milliardenreserven der Kassen praktisch keine Rolle. Doch nach offiziellen Prognosen rutscht die Krankenversicherung spätestens 2015 ins Defizit, 2017 soll das Minus auf bis zu zehn Milliarden Euro wachsen. Lauterbach sagte, in drei, vier Jahren drohten vielen Versicherten Zusatzbeiträge von bis zu 30 Euro pro Monat.
Wie in den USA auch ist die Gesundheitspolitik in Deutschland ein extrem strittiges und hochkomplexes Feld, auf dem ein zufriedenstellender Kompromiss kaum möglich ist. Dazu liegen Bürgerversicherung und Kopfpauschale an polaren Enden des Spektrums. Ich würde erwarten, dass die beiden sich hier schlicht gar nicht einigen können und mit irgendeinem Minikompromiss rausgehen (Begrenzung, aber nicht Abschaffung des privaten Zuschlags bei Nicht-Ausreichen des Gesundheitsfonds etwa). Das würde beiden Seiten etwas wehtun, in der Sache praktisch nichts ändern und das Problem auf später vertagen.
Gute Lehrer wollen nicht immer Direktoren werden
“I’m not sure that I want to be a principal,” she tells me. “I think that ideally I would still want to work with kids in some capacity…I don’t perceive leaving the classroom for a while, but I do want to have some other leadership opportunities before that.” Sam’s dilemma—the seemingly conflicting desires of wanting to advance in her career while remaining a classroom teacher—is one that many teachers face. Many teachers want to lead inside and outside of their classrooms, but often it seems the only way to do that is to become a dean or a principal. While these positions typically provide more money and greater flexibility, they ultimately move teachers further away from the students. In 2013, MetLife surveyed teachers and found that nearly 25 percent of teachers were interested in a hybrid role of teaching and some sort of leadership position, and that 84 percent of them were either “not very” or “not at all” interested in becoming a principal.
Das sollte nicht großartig überraschen, denn Direktoren haben viel Arbeit und unterrichten fast gar nicht mehr. Gute und engagierte Lehrer aber unterrichten gerne und sind selten erpicht auf eine Karriere; warum sollten sie also Direktoren werden wollen? Dazu ist es für den Direktorenjob kaum eine hinreichende Qualifikation, ein „guter Lehrer“ (was auch immer das genau ist) zu sein, denn der Job beinhaltet viel Verwaltung, Personalführung und Politik – nichts davon ist ein Kernkompetenzfeld derjenigen, die eigentlich losziehen um Lehrer zu werden. Ich für meinen Teil kann mir jedenfalls nicht vorstellen, Direktor zu werden – ohne dabei die Behauptung aufstellen zu wollen, in die Kohorte der „guten“ Lehrer zu gehören, bevor jemand diese etwas narzistische Interpretation aufstellt. Es ist halt ein spezielles Anforderungsprofil, und wer gut in einem Bereich ist muss nicht zwingend gut im anderen Bereich sein.
Will Gabriel 2015 Merkel stürzen?
Wann hat jemals eine Partei eine Niederlage so geschickt in einen Triumph gewandelt, wie die SPD es uns derzeit vormacht? Und wann hat eine SPD-Führung das letzte Mal eine so spielerische Leichtigkeit im Umgang mit der Macht und ihren Möglichkeiten demonstriert, wie wir sie in diesen Tagen erleben? Die SPD hat neulich das zweitschlechteste Wahlergebnis seit Bestehen der Republik erzielt, und Sigmar Gabriel hat damit wahrhaftig keine guten Karten in der Hand – aber er nutzt sein Blatt souverän. Der Mann ist ein Spieler, und das ist gut so. Denn man muss schon ein Spieler sein, um die eigene Partei einerseits auf den Weg in die Große Koalition zu schicken und andererseits den Weg zum Bündnis mit der Linkspartei frei zu machen. Rechts blinken, links abbiegen – das ist nicht paradox, das ist schlau. „Wir mussten das jetzt machen“, wird SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles im neuen SPIEGEL zitiert: „Nicht lange fackeln, sondern machen.“ Jetzt war der richtige Moment, die SPD auf einen neuen Kurs zu bringen. Gerade jetzt, während der Verhandlungen zur Großen Koalition.
Diese Theorie ist unter einigen Journalisten sehr beliebt, fast genauso wie die, dass Merkel zu dem Zeitpunkt einen Rücktritt plant (oder 2017 nicht mehr antreten will). Ich kann mir das Zustandekommen nur mit einem zu tiefen Blick in die Glaskugel erklären, denn gesagt hat sicher keiner der beiden etwas Derartiges, und ihre Handlungen lassen nicht gerade darauf schließen. Ich halte es für reines Wunschdenken, das auf die Wirklichkeit projiziert wird. Das ist schade, denn Augsteins Analyse entspricht ansonsten den Tatsachen: Gabriel taktiert äußerst geschickt. Was er gerade macht ist unerwartet große Politik für eine SPD, die gerade ziemlich krachend Wahlen verloren hat. Das aber ist auch wieder ein schöner Beweis dafür, dass Prozentzahlen und Sitze bei so einer Wahl eben nicht alles sind, sondern es auf Spielräume und Gestaltungsoptionen ankommt. Das auch als Hinweis für die, die 2005 bis 2013 ständig von R2G als realistischer Option fabuliert haben, nur weil sie theoretisch die entsprechende Zahl Sitze hatten. Über diese Fehleinschätzung ist auch Ypsilanti gestolpert.
Auf den ersten Blick scheint es wie ein kleiner Kompromiss, ein geringer Fortschritt. Denn die Quote ist für die meisten Konzerne leicht umsetzbar. Seit mehr als zehn Jahren haben Unternehmen unter zunehmendem öffentlichen Druck freiwillig nachgebessert. In diesem Jahr liegt der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der Dax-Konzerne bei knapp 22 Prozent. Es wird also nicht allzu schwer sein, in zwei Jahren 30 Prozent zu erreichen. Zudem sieht die Regelung keine Strafzahlungen vor. Wird die Quote nicht erreicht, sollen die für das unterrepräsentierte Geschlecht vorgesehenen Plätze einfach nur frei bleiben. Die Quote tut niemandem wirklich weh. Union und SPD verlangen nicht mehr als das, was die meisten Firmen ohnehin schon auf der Agenda haben. Die Klagen aus der Wirtschaft sind deshalb unglaubwürdig. Es gibt genügend gut ausgebildete Frauen, die sich hervorragend eignen. Und es geht nur um Aufsichtsräte, nicht um Vorstandsposten. Eine 30-Prozent-Quote benachteiligt auch nicht die Männer – schließlich werden nur wenige Posten an Frauen gehen, die Mehrheit der Aufsichtsräte wird weiterhin männlich besetzt sein.
Ich habe aus meiner Gegnerschaft zur Frauenquote kein Geheimnis gemacht, aber der aktuelle Kompromiss (ab 2016 muss ein Drittel der Aufsichtsratneubesetzungen Frauen sein) ist grundsätzlich in Ordnung. Er betrifft nur Neuaufstellungen und macht damit weder abrupte Umstrukturierungen noch Aufblähungen bestehender Aufsichtsräte nötig, er betrifft die eigentlichen Entscheidungsetagen nicht (sondern nur den symbolischeren Aufsichtsrat, aber da die Frauenquote eh nur als symbolische Maßnahme betrachtet wird, ist das angemessen) und er entspricht mit einem Drittel auch den realen Verhältnissen und den selbstgesteckten Zielen der Unternehmen eher als die starre 40%-Quote.
Verbot von Kinderarbeit sorgt für mehr Kinderarbeit
Verbot von Kinderarbeit führt zu mehr Kinderarbeit. Das ist das Ergebnis einer Studie, die drei US-amerikanische und kanadische Wissenschaftler in Indien durchgeführt haben. Sie untersuchten die Auswirkungen des sogenannten „Child Labor (Prohibition and Regulation) Act“. Dieses Gesetzt verschärfte seit 1986 die Regulierungen von Kinderarbeit in Indien. Kinder unter 14 Jahren dürfen keine gefährlichen Arbeiten erledigen, wie etwa auf Baustellen, in Autowerkstätten oder in vielen Fabriken. Zudem wurden dadurch die zulässigen Arbeitsstunden reduziert, auch in ungefährlichen Berufen, wie etwa in der Gastronomie. Die Forscher belegen nun aber, dass diese Maßnahmen der Regierung nach knapp 30 Jahren keineswegs Erfolg zeigen. Ganz im Gegenteil.1)
Insgesamt wenig überraschend ist der Befund, dass nach einem Verbot von Kinderarbeit Familien, die zur Sicherung des Lebensunterhalts auf die Arbeit der Kinder angewiesen sind, sich nicht plötzlich für den Hungertod entscheiden. In jeder Angebot-Nachfrage-Situation, in der ein Partner auf den Verkauf angewiesen, der andere aber aus einem großen Fundus auswählen kann, drückt das dann natürlich noch zusätzlich den Preis. Die einzige zuverlässige Beseitigung von Kinderarbeit lässt sich durch die Beseitigung absoluter Armut erreichen, und das geht nur über vernünftige Sozialpolitik.
Einfache Regulierungen sind schwierig
This is one of my perpetual problems with complaints about regulation. It’s easy to say we should have less of it, and probably we should. And yet, the plain fact is that we live in a really big, really complicated society. There’s just no getting around that. And that means our regulatory apparatus is going to be big and complicated too. I’m not sure there’s any getting around that either. In the case of high finance, I happen to think that I’d probably trade all of Dodd-Frank for a simple but severe minimum leverage requirement. But even if we all agreed about that, it’s not as if that would be a trivially easy regulation to write. Leverage is a ratio, and you have to define both the numerator and the denominator, both of which are very complex when you’re dealing with big banks. You also have to make sure your new reg applies not just to chartered banks, but to the shadow banking system as well. (AIG wasn’t a bank, but its failure caused plenty of problems.) That adds yet more complexity. And then you have to stay ahead of all the bright boys and girls who will figure ways around your shiny new rule as time goes by.
Kevin Drum stellt fest, dass abgesehen vom libertären Minimal-Staat einfache Regulierungen praktisch unmöglich sind und wir daher wohl mit komplexen Regeln leben müssen. Ich denke, der Weg ist das Ziel.
Walmarts Charme-Offensive
The storage containers are attractively displayed at the Walmart on Atlantic Boulevard in Canton. The bins are lined up in alternating colors of purple and orange. Some sit on tables covered with golden yellow tablecloths. Others peer out from under the tables. This isn’t a merchandise display. It’s a food drive – not for the community, but for needy workers. „Please Donate Food Items Here, so Associates in Need Can Enjoy Thanksgiving Dinner,“ read signs affixed to the tablecloths. The food drive tables are tucked away in an employees-only area. They are another element in the backdrop of the public debate about salaries for cashiers, stock clerks and other low-wage positions at Walmart, as workers in Cincinnati and Dayton are scheduled to go on strike Monday.
Walmart stellt Spendenkisten auf, damit seine Angestellten ein Thanksgiving-Dinner haben können. Das ist schon eine besondere Dimension von „…wow…“
Ariane 18. November 2013, 21:58
Ich mag dieses Format übrigens 😉
zu Afghanistan: Ich sehe ehrlich gesagt noch nicht mal die Ausbilder-Mission wirklich kommen. Wen will man da ausbilden, wenn es unwahrscheinlich ist, dass Karzai sich länger an der Macht hält? Die künftige Taliban-Armee oder die Milizen für den langen Bürgerkrieg? Und die Armee abzuziehen und gleichzeitig für die US-Soldaten einen Freibrief von Karzai zu verlangen, ist doch völlig verrückt. Das gibts wahrscheinlich nur, wenn sie Karzais Macht mit absichern und dann müssten doch wieder etliche Kampfeinheiten dableiben.
zu Gabriels Königinnenmord
Manchmal frag ich mich ja schon, was die Journalisten für Zeug rauchen, wenn ihnen langweilig ist. Ich finde auch die jetzige Öffnung zur Linkspartei clever. Es steht gerade nicht ernsthaft zur Debatte und man hat das Thema aus den Wahlkämpfen damit entschärft und alle können sich die nächsten vier Jahre damit anfreunden. Ich kann mir auch beim besten Willen keine Putschpläne vorstellen, bei denen die Spd und gerade Gabriel keinen politischen Selbstmord begehen würden. Es wäre cleverer, jetzt weiterhin viel rauszuschlagen, vier Jahre ordentlich zu regieren, Gabriel könnte an seinem Image arbeiten und dann vielleicht auf die Kanzlerschaft hoffen.
Stefan Sasse 19. November 2013, 16:44
Oder den Boden für einen anderen Kandidaten bereiten – Schwesig etwa.
Ariane 20. November 2013, 00:02
Ich glaube, für Schwesig käme das viel zu früh. Und sie müsste irgendwie von diesem Quotenbarbie-Image wegkommen, vielleicht wenn sie die Nahles-Position übernehmen würde, aber so glaub ich nicht. Mal abgesehen davon, dass sie momentan wohl nur Politikinsidern bekannt ist. Stand jetzt würde ich Kraft oder Gabriel sagen, aber mal sehen was in vier Jahren ist.
In Dubio 25. November 2013, 10:15
Schwesig ist ein absolutes politisches Leichtgewicht. Jede mediale Aufmerksamkeit, die sie bisher erfahren hat, war geliehen und auf ihr Geschlecht und Aussehen zurückzuführen. In Talksendungen verliert sie regelmäßig und kommt als keifende Sozialtante daher. Anfang der letzten Legislatur verborte sie sich mit ihrer Gegenspielerin von der Union bei der Neuregelung der Hartz-IV-Berechnung für Kinder so sehr, dass ihr die Verhandlungsführung von der Parteispitze genommen werden musste.
Sie ist weder geschmeidig noch politisch intelligent. Das sind keine Voraussetzungen für Spitzenämter.
Am_Rande 19. November 2013, 22:18
@ Einfache Regulierungen sind schwierig
Da hat einer mal wieder(!) vom Klassischen Liberalismus (a.k.a. Libertarismus) aber so gar keine Ahnung.
„If you’re a libertarian who thinks a modern mixed economy can work great with only minimal regulation in the first place, this isn’t a problem. You’ll just take a chainsaw to the regulatory state.“
Welcher Liberale denkt denn so schlicht?
Die Liberalen, die es wert sind, bedacht zu werden, berufen sich seit jeher auf z. B. diese Zitate:
“Die Schwierigkeit besteht darin, nur solche Gesetze zu erlassen, die notwendig sind; darin, immer nur dem einen Prinzip treu zu bleiben, das eine echte Gesellschaft bilden kann; darin, sich dagegen zu verwahren, mit Übereifer regieren zu wollen, dieser unheilvollsten Erkrankung aller gegenwärtigen Regierungen.” – Mirabeau der Ältere, Über die öffentliche Erziehung, 1768
„Wenn es nicht notwendig ist, ein Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, kein Gesetz zu machen.“ – Charles de Montesquieu
Die Klassisch Liberalen sind sich also der Schwierigkeiten voll bewußt.
Und arbeiten schon an den Lösungen, bevor Etatisten auch nur anfangen, das Problem zu sehen.
Z. B. das Problem „to rein in big banks“:
Wie wäre es mit der freien Konkurrenz im freien Wettbewerb einer freien Marktwirtschaft?
Hayek – „Denationalisation of money” (1976):
„Wir haben immer schlechtes Geld gehabt, weil wir den privaten Unternehmen nicht gestattet haben, uns besseres zu geben. In einer Welt, die vom Druck der organisierten Interessen regiert wird, ist es als sehr wichtige Wahrheit im Auge zu behalten, dass wir uns nicht auf Intelligenz oder Verstand verlassen können; sondern, dass wir nur auf das schiere Eigeninteresse setzen können, um zu den Institutionen zu gelangen, die wir brauchen. Der Tag wird in der Tat gesegnet sein, wenn wir nicht mehr von der Gutmütigkeit der Regierung abhängig sein werden, wenn wir gutes Geld erwarten, sondern nur vom Sorgen der Banken um ihre eigenen Interessen.“
Mises – “Human Action” (1949):
„Was man braucht, um eine weitere Ausweitung der Kreditvergabe zu verhindern, ist es, das Bankgeschäft unter die allgemeinen Vorschriften des Handels-und Zivilrechts zu platzieren, die jeden Einzelnen und jedes Unternehmen zwingen, alle Verpflichtungen in voller Übereinstimmung mit den Bedingungen des Vertrages zu erfüllen.
Wenn die Banken weiterhin als privilegierte Unternehmen mit besonderen gesetzlichen Bestimmungen aufgefasst werden, bleibt dies ein Werkzeug, das die Regierungen für ihre fiskalischen Zwecke nutzen können. Dann hängt jede Beschränkung der Ausgabe von geldwerten Mitteln von der Gutmütigkeit der Regierung und des Parlamentes ab.“
Friedman – „Has Government Any Role in Money?“ (1986):
„[…] Wir kommen zu dem Schluß […], dass, hätte man die Ausgestaltung des Geld- und Bankwesens ganz dem Markt überantwortet, man ein befriedigenderes Ergebnis erzielt hätte, als das, was das Ergebnis des staatlichen Einflusses war. Wir sind auch der Auffassung, dass die Kräfte, die dies bessere Ergebnis in der Vergangenheit verhindert haben, es auch in Zukunft verhindern werden. […]
[D]ie breite Diskussion über mögliche, tiefgreifende monetäre Reformen wird nur geringe Auswirkungen auf den Verlauf der Ereignisse haben, wenn das vorliegende Fiat-Geld-System, in welches die Welt abgetrieben ist, in einer einigermaßen zufriedenstellenden Weise arbeiten wird – wenn es weder riesige Inflationen, noch riesige Depressionen hervorrufen wird.
Jedoch, die Möglichkeit, dass es nicht in zufriedenstellenden Weise arbeiten wird, ist sehr real […], insbesondere die Möglichkeit, dass das Fiat-Geld-System zu großer Inflation führen wird.
Wenn und falls es dazu kommt, wird viel davon abhängen, welche anderen Organisationsmöglichkeiten des Geldsystems von der Gemeinschaft der Intellektuellen erarbeitet wurden, und in welchem Maße diese als intellektuell respektabel angesehen sein werden. Dieses – die Ausbreitung der Palette von Optionen und deren verfügbar machen – ist, glauben wir, der wichtigste Beitrag des gegenwärtigen Aufschwungs des wissenschaftlichem Interesse in einer Reform des Geldwesens. „
Marc 20. November 2013, 11:26
Zu Hayek: Die Banken haben es geschafft, ihr Geschäft von der Verantwortung zu trennen, indem sie mit der Formel „too big to fail“ das Risiko erfolgreich von der Rendite abgespalten haben. Die Gewinne verleiben sie sich ein, die Verluste aus den eingegangenen Risiken werden jedoch sozialisiert. Dadurch wird das im Grunde funtkionierende Konzept des Eigeninteresses pervertiert. Die systemrelevanten Banken können jedes Risiko eingehen, denn sie können nicht verlieren, nur gewinnen. Die Banken sorgen sich völlig sorglos nur um ihr Eigeninteresse, genau das ist aber das Problem!
Zu Mises: Er betont zu recht den die staatliche Regulation über die allgemeinen Vorschriften des Handels-und Zivilrechts. Leider agieren gerade die systemrelevanten Banken global, die nationalen Vorschriften können und werden spielend leicht umgangen.
Zu Friedmann: Intellektuell erscheinendes Geschwafel ohne Gehalt.
Am_Rande 20. November 2013, 16:28
Warum wurde es den Banken von staatlicher Seite erlaubt, ihre Verluste zu sozialisieren?
Warum sind sie „systemrelevant“?
Sollte man solch ein „bank-sozialistisches“ System nicht abschaffen?
Das von Ihnen vorgebrachte Argument trifft nicht.
Auch Microsoft, Coca-Cola oder McDonald’s sind „Global Player“.
Trotzdem werden sie nicht als „systemrelevant“ oder „too-big-to-fail“ angesehen.
Einer der interessantesten Texte unserer Zeit.
Denn der Begründer(!) des „Monetarismus“, des ideologischen Eckpfeilers des herrschenden Neo-Liberalismus, des „Banken-Sozialismus“, muss zugeben, dass der Monetarismus gescheitert ist.
Und? Wen kümmert das…?
Marc 20. November 2013, 23:01
Warum sind sie “systemrelevant”?
Sollte man solch ein “bank-sozialistisches” System nicht abschaffen?
In der Tat, am liebsten gestern. Und es ist richtig, den realexistierenden Bankensozialismus hat die Politik zu verantworten. Doch die Bänker sind daran nicht unschuldig. Die Idee der Systemrelevanz ist bestimmt ihren Think Tanks entsprungen, Politiker sind für solche Ideen einfach zu unbedarft. Ich erinnere mich übrigens noch sehr genau daran, als bei der Schieflage der IKB der Joe ganz laut Mutti gerufen hat.
Ich halte daher überhaupt nichts von Hayeks Wunderkonzept der Eigeninteressen der Banken, da die Bänker, wenn es prenzlig wird, sehr schnell die Verantwortung abschieben. Es ist kindlich-naiv zu glauben, dass die Banken aus einer Art Ehrgefühl die Verantwortung für ihre einegangenen Risiken tragen werden.
Auch Microsoft, Coca-Cola oder McDonald’s sind “Global Player”.
Trotzdem werden sie nicht als “systemrelevant” oder “too-big-to-fail” angesehen.
Mir ging bei Mises weniger um die Systemrelevanz, sondern vielmehr um die vergebliche Regulierung. Auch diese Global Player entziehen sich, z.B. bei Steuernerzahlungen, weitestgehend dem Zugriff der Nationalstaaten. Wobei vor allem die Schattenbanken weitaus problematischer sind.
Ich glaube ich habe jetzt verstanden, was Friedmann meint: Für ihn ist das Scheitern der Fiat-Währung wahrscheinlich, weil es eine – uiuiui – Hyperinflation geben wird. Dann braucht man ein neues Geldsystem.
Ungefähr so? Was für ein Schwachsinn! Es gibt nichts leichteres, als in einer Fiat-Währung die Inflation zu bekämpfen! Leitzinsen rauf und es ist Ruhe!
Am_Rande 21. November 2013, 10:17
„Es ist kindlich-naiv zu glauben, dass die Banken aus einer Art Ehrgefühl die Verantwortung für ihre eingegangenen Risiken tragen werden. “
Eben! Daher muss man sie dazu zwingen. Und dieses „man“ ist der Konkurrenzdruck in einem freien Markt. Die Banken würden nur noch die Risiken eingehen, die sie vor ihren Eigentünmern verantworten können. Die beste Bankenregulierung ist die des freien Marktes – weil sie die gnadenloseste ist.
„Wobei vor allem die Schattenbanken weitaus problematischer sind. “
Eben! Weil sie anders als die Global Player der Realwirtschaft besonderer Bevorzugung der Staaten und Zentralbanken anteilig werden.
Dass alle Global Player sich der nationalen Steuerpflicht entziehen, ist ein „Problem“, das mit dieser Thematik nichts zu tun hat.
„Es gibt nichts leichteres, als in einer Fiat-Währung die Inflation zu bekämpfen! Leitzinsen rauf und es ist Ruhe!“
Ich fürchte, Sie haben wenig von der politischen Natur unseres Fiat-Geld-Wesens verstanden.
Natürlich könnte der Herr der FED/der Herr der EZB die Leitzinsen wieder auf – sagen wir – gesunde 12% hochsetzen.
Wenn er bereit ist, einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft als Preis zu zahlen!
Das gilt vor allem auch in der Politik.
Marc 21. November 2013, 12:41
Und dieses “man” ist der Konkurrenzdruck in einem freien Markt.
Ach ja, dieses lustige Märchen. Gerade der Finanzmarkt ist derart komplex und intransparent, dass die Marktkräfte nicht wirken können. Gerade längerfristige Finanzbeziehungen, wie Hypothekenkredite, Lebensversicherungen & Co, sind ohne Spezialwissen und Studium an Bergen von AGB’s nicht zu bewältigen. Ich habe mir mal den Spaß erlaubt, ein 300-seitiges Vertrag eines CDS zu überfliegen. Das ist nur noch krank!
Kurz: im Finanzsektor gibt nahezu keinen Konkurrenzdruck, den die ganzen Mogeleien und Betrügereien merken die meisten erst, wenn es zu spät ist oder die Wechselkosten zur Konkurrenz sind durch vertragliche Fallstricke zu hoch.
Natürlich könnte der Herr der FED/der Herr der EZB die Leitzinsen wieder auf – sagen wir – gesunde 12% hochsetzen. Wenn er bereit ist, einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft als Preis zu zahlen!
Ach ja, immer diese ach so schlimmen Horrorgeschichten der Ökonomen. Geht der Leitzins rauf ist es das Ende der Welt, geht er runter, ist es noch viel mehr Ende der Welt.
Echt, auf diesem Kindergartenniveau diskutiere ich nicht.
Am_Rande 21. November 2013, 16:49
Sie scheinen mir ein echter Linker zu sein:
Wenn man sieht, dass die eigenen Argumente zu schwach sind, wird man beleidigend…
Mit Leuten Ihres geistigen Kalibers hat es wirklich keinen Sinn, diskutieren zu wollen.
Marc 21. November 2013, 20:52
Und sie sind wohl ein echter rechter: nur im Rudel stark.
In Dubio 24. November 2013, 09:56
Ich lese immer nur die Banken. Schaut man genauer hin, ist die einseitige Beschuldigung der Kreditinstitute Unsinn. In den USA wurde die weltweite Finanzkrise ausgelöst, weil der Staat sowohl den Banken als auch den Immobilienbesitzern jegliches Risiko abgenommen hatte. Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Durchgriffshaftung. D.h. wer die Hypotheken seiner Immobilie nicht mehr bedienen kann, schickt einfach den Schlüssel an seine Bank und die Sache ist damit für ihn erledigt. Mit Zwangsversteigerung, Belastung des eigenen Einkommens etc. hat er nichts zu schaffen. So lebte man halt ein paar Jahre mit Null Eigenfinanzierung im schmucken Häuschen und wenn’s nicht mehr passte – Schlüssel abgeben. Warum liest man so nichts darüber?!?
In Griechenland hängen die Banken am Fliegenfänger, weil der Staat ihnen mit Sonderkonditionen (Null Eigenkapitalhinterlegung) beständig die eigenen Schuldscheine aufdrängt und Versicherungen sind sogar hier und dort gezwungen (!) Staatsanleihen zu zeichnen.
In Spanien drängte der Staat seine inzwischen unter der Banka vereinigten öffentlich-rechtlichen Institute, den Bauboom im Land fleißig anzuheizen und jedem Spanier ein eigenes Häuschen zu ermöglichen. Komisch, die ebenfalls aus Spanien stammende Santander ist von den Turbulenzen nicht erfasst, ebenso italienische Institute, die immer eine gewisse Distanz zu ihrem Staat walten ließen. In Deutschland hat es neben der HypoRealEstate ohnehin praktisch nur öffentlich-rechtliche Institute erwischt.
Merke: wer mit dem Staat ins Bett geht, stirbt darin.
Marc 24. November 2013, 23:53
Herr In Dubio, sie sprechen mich an? Ich bin erstaunt, nur wenige Kommentare zuvor schrieb ich: Und es ist richtig, den realexistierenden Bankensozialismus hat die Politik zu verantworten. Die Einseitigkeit, die sie mir vorwerfen, dürften sie schwerlich in meiner Argumentation finden, sie sollten hingegen ihren eigenen Kommentar im Hinblick auf Einseitigkeit überprüfen. Sollten sie nicht fündig werden, rate ich ihnen dringendst, sich Unterstützung zu holen. Ich käme niemals auf die merkwürdige Idee, dass die weltweite Finanzkrise, die Griechenland-Tragödie und die Spanien-Krise eine gemeinsame, monokausale Ursache hätten. Bei diesem Gedanken käme ich mir einfach nur lächerlich vor.
Wissen sie, ich würde mir die Frage stellen: Weshalb hat die Wissenschaft vor diesen Krisen nicht gewarnt? Wieso schlugen die Medien nicht Alarm? Warum findet die Krisen in Europa kein Ende, obwohl doch die monokausale Ursache in den USA war?
Ich kann sie ja verstehen, die Komplexität der modernen Welt kann nun mal einfachere Gemüter leicht überfordern. Statt sich die Mühe zu machen, ein Problem aus verschiedenen Perspektiven zu analysieren und die Anteile zu bestimmen, die jeder Akteur zum Problem beigetragen hat, um letztendlich vernünftige Lösungswege identifizieren zu können, ist es natürlich wesentlich leichter, sich einen Sündenbock auszusuchen und alles, was Böse ist und was man nicht versteht, auf ihn abzuladen. Das einzige, was ich wirklich nicht verstehe, ist, dass man andere von der eigenen Dummheit überzeugen möchte, obwohl die Diskrepanz zwischen dem primitiven Schwarz-Weiß-Sündenbock-Schuhkarton und der vielschichtigen Realität doch so offensichtlich ist.
In Dubio 25. November 2013, 08:09
Wie Am Rande schon meinte: kaum treffen Sie auf andere Sichtweisen, werden Sie ausfallend und persönlich. Ich habe kein einziges persönliches oder beleidigendes Wort geschrieben, Sie kommen gleich mit einer ganzen Suade. Entschuldigung, solche Kommentatoren fasse ich nur mit spitzen Fingern an.
Ein typischer Marc Schanz:
Doch die Bänker sind daran nicht unschuldig. Die Idee der Systemrelevanz ist bestimmt ihren Think Tanks entsprungen (..).
Die Eröffnung mit einer Herabwürdigung einer Gruppe / Schicht / Person. Anschließend eine These. Und zum Beweis der These eine Vermutung. Kurz: das Gegenteil von Seriosität.
Grundstudium Volkswirtschaftslehre: die Marktteilnehmer tragen Chancen und Risiken ihres Handelns. Externe Effekte sind möglichst verursachungsgerecht zuzurechnen. Volkswirtschaftslehre für Fortgeschrittene: Die Haftungsbeschränkung der Marktteilnehmer ermöglicht erst Prosperität.
Was macht die Politik daraus? Mische Dich weitgehend in die Preisbildung der Märkte ein und schütze vor allen Risiken. Das gilt insbesondere für den amerikanischen Immobilienmarkt, für den Handel von Staatsanleihen, für die Sozialversicherungen oder für den Markt der Erneuerbaren Energien.
Bekanntlich soll die EZB 2014 die Bankenaufsicht über die europäischen Finanzinstitute übernehmen. Vorher möchte sie zur Risikoeinschätzung einen Stresstest durchführen. 15 bei der Notenbank angesiedelte Wissenschaftler sollen über Systemrisiken beraten. Das haben diese dann auch getan. Heraus kam die Empfehlung Klumpenrisiken zu vermeiden, in dem Banken nur beschränkt Staatstitel kaufen dürfen. Zudem wären diese mit Eigenkapital zu hinterlegen. Die unbedarften Wissenschaftler wurden von Mario Draghi sofort zur Überarbeitung zurückgeschickt.
Insbesondere die Vertreter der Südländer schätzen es gar nicht, wenn den Banken solche Limitierungen auferlegt würden, die bei der Staatsfinanzierung wieder das Element der Haftung einführen würden. Wundert es da, dass die Notenbank zwar wie wild die Druckerpresse rotieren lässt, am Ende das Geld aber nicht im Wirtschaftskreislauf, in Sachinvestitionen, landet, sondern in Staatsanleihen?
Weshalb hat die Wissenschaft vor diesen Krisen nicht gewarnt? Wieso schlugen die Medien nicht Alarm?
Es gab ja Hinweise darauf, dass sich eine gefährliche Blase gebildet hatte. Und die Frühindikatoren zeigten das auch an. Nur weiß man meist erst, dass man sich in einer Blase befindet, wenn diese platzt. Sonst könnten Sie mit Ihrer Schlauheit viel Geld verdienen.
Marc 25. November 2013, 16:59
Ich sage dazu, sie haben nicht mehr alle Tassen im Schrank. Zu dieser Meinung stehe ich, denn ein vernüntiges Gespräch ist mit einem solchen Standpunkt nicht möglich.
Grundstudium Volkswirtschaftslehre: die Marktteilnehmer tragen Chancen und Risiken ihres Handelns. Externe Effekte sind möglichst verursachungsgerecht zuzurechnen.
Eben dieses Prinzip ist im Finanzsektor erfolgreich ausgehebelt worden. Weshalb können sich überhaupt Blasen bilden? Die Antwort ist doch ganz einfach: im Finanzsektor können die Risiken so verschleiert werden, dass sie für den unbedarften Ökonomen nicht mehr sichtbar sind. Die Verschleierung der Risiken findet aber nicht durch den Staat, sondern durch Banken und Ratingagenturen statt. Der Staat hilft durch mangelnde Regulierung, durch das absurde Konzept der Systemrelevanz und durch die Bail-outs den Banken, dieses Spiel der Risikoverschleierung aufrecht zu erhalten.
Volkswirtschaftslehre für Fortgeschrittene: Die Haftungsbeschränkung der Marktteilnehmer ermöglicht erst Prosperität.
Für die private Altersvorsorge ist das ein perverses Konzept.
Die ordoliberale Ökonomie reicht aus, um die Phänomene eines Gemüsemarktes zu beschreiben, aber um den Finanzmarkt verstehen zu können, ist dieser Ansatz reinster Kindergarten. Die Risiken werden auf lange Zeitdimensionen gestreckt und auf mehrere Akteure verteilt. Die Algorithmen werden von nerdigen Physikern entwickelt, die in unbekannte mathematische Dimensionen vordringen können, aber von der Lebensrealität weit entfernt sind. Das alles ist weitaus komplexer als ein Gemüsemarkt und hat mit der Formel die Marktteilnehmer tragen Chancen und Risiken ihres Handelns rein gar nichts mehr zu tun. Die Marktkräfte helfen nicht, weil sie das Füllen einer Blase nicht verhindern können. Die Marktkräfte sind für komplexere Zusammenhänge einfach blind. Sehr schön sieht man das an der Börse. Obwohl sich an den Fundamentaldaten nichts ändert, können die Preisausschläge absurde Ausmaße annehmen, weil irgendein sonderbares Detail angeblich das rechtfertigen würde. Wäre der Marktpreis eine rationale Preisfindung, müssten Preisänderungen immer mit Änderungen der Fundamentaldaten korrelieren.
Der ganze unregulierte Finanzsektor ist im Grunde nichts anderes als eine riesiger Schaumberg aus abertausenden Blasen. Welche Blase als nächtes Platz, weiß niemand, denn es gibt für das Platzen keinen rationalen Grund.
In Dubio 25. November 2013, 19:21
Ich sage dazu, sie haben nicht mehr alle Tassen im Schrank.
So etwas würde ich über Sie nie sagen. Gut, vielleicht denken. Auf den Punkt gebracht: Sie meinen, der Staat sei im Grunde ein Wohltäter, leider nur manchmal durch falsche Ideologie fehlgeleitet. Ich weise dagegen darauf hin, dass der Staat immer dann, wenn er Wohltäter ist, zuvor genau das Gegenteil sein musste. Außerdem haben alle demokratischen Staaten den Hang, ständig ihre Kompetenzen auszuweiten. Das bedeutet zwangsläufig eine Einschränkung von Freiheit. In den USA betrifft das eher den Bereich der öffentlichen Sicherheit, in Europa die Einschränkung der wirtschaftlichen Freiheit. Das ist ein krakenhaftes Verhalten. Wie ich denkt die Mehrheit in den angelsächsischen Ländern. Sie bezeichnen mithin flugs so 300-500 Millionen demokratisch denkende Menschen als irre. Auch eine Überhöhung der eigenen Position.
Eben dieses Prinzip ist im Finanzsektor erfolgreich ausgehebelt worden.
Lesen Sie ab und zu auch die Beiträge, bevor Sie darauf antworten? Ich hatte kurz skizziert, was der Finanzkrise zuvor ging, nämlich die Bildung einer Blase im Immobilienmarkt. Kann ja sein, dass das alles eins für Sie ist, wo Sie doch angeblich nicht monokausal betrachten. Andere sehen das etwas differenzierter. Mit Finanzmarkt bezeichnet man originär eigentlich nur das, was direkt mit Finanzprodukten aller Art zu tun hat.
Wenn Häuslebauer einfach ihre Immobilie, die noch gar nicht ihnen gehört, zurückgeben können, ohne dass es eine Durchgriffshaftung auf ihr sonstiges Vermögen oder Einkommen (beides ist in den USA verboten) gibt, ist die Ursache Ihrer Meinung nach die fehlende Regulierung auf den Finanzmärkten? Auch eine Sichtweise.
Die Verschleierung der Risiken findet aber nicht durch den Staat, sondern durch Banken und Ratingagenturen statt.
Ratingagenturen haben nichts verschleiert, sondern geprüft. Und Sie übersehen völlig, dass es auch in diesem Markt zwei Seiten gibt, eine Anbieter- und eine Nachfragerseite. Auf der Nachfrageseite standen aber nicht unbedarfte Amateure, sondern ebenfalls Banken, Finanzinvestoren und staatliche Institutionen. Für Sie gibt es immer nur einen Schuldigen. Aber ich vergesse immer: Sie denken ja nicht monokausal.
Die Marktkräfte sind für komplexere Zusammenhänge einfach blind.
Bei weisen Politikern und Bloggern ist das natürlich anders. Die verstehen zwar oft selber Finanzprodukte nicht und in der Mathematik steigen sie bei allem aus, was über die Grundrechenarten hinausgeht, aber sie wissen wie der Hase läuft.
Sie haben sich nun mal die AGB zu einem CDS reingezogen. Schön. Sie hätten sich just for fun auch mal einen handelsüblichen Mietvertrag für eine US-amerikanische Gewerbeimmobilie reinziehen sollen. Der ist nicht viel weniger umfangreich. Die Ursache hierfür ist das amerikanische Recht, was von Richtern geprägt ist. Und Richter sind – Teil des Staates.
Marc 27. November 2013, 11:45
Sie meinen, der Staat sei im Grunde ein Wohltäter, leider nur manchmal durch falsche Ideologie fehlgeleitet.
Nein, der Staat hat vielfältige Aufgaben:
– Gewährleistung der Demokratie
– Ausübung von Hoheitsrechten
– Setzen von Rahmenbedingungen, auch wirtschaftlicher
– Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands
Ich weise dagegen darauf hin, dass der Staat immer dann, wenn er Wohltäter ist, zuvor genau das Gegenteil sein musste.
Der Staat kann nur umverteilen. Das, was er umverteilt, muss er zuvor jemand anderem wegnehmen. Das haben sie richtig erkannt. Was sie nicht verstehen wollen: wenn wir durch die Umverteilung Armut verhindern, werden andere Probleme, wie Kriminalität, Gewalt, Unruhen, etc, erfolgreich bekämpft, und auch der angeblich Bestohlene erhält dafür etwas viel Wertvolleres: sozialen Frieden.
Außerdem haben alle demokratischen Staaten den Hang, ständig ihre Kompetenzen auszuweiten. Das bedeutet zwangsläufig eine Einschränkung von Freiheit.
Das mit der Freiheit ist nicht so einfach. Wenn ich das tolle Auto des Nachbarn fahren möchte und es nicht darf, bin ich eingeschränkt. Wenn ich nicht einfach meinen Müll auf die Straße kippen darf, bin ich eingeschränkt. Wenn ich nicht einfach sagen darf, der Kreditvertrag mit der Bank ist mir schnuppe, bin ich eingeschränkt.
Die Einschränkung der Freiheit ist notwendig, um andere Freiheiten zu ermöglichen. Eigentum muss geschützt werden, damit der Besitzer darüber verfügen kann. In öffentliche Räumen müssen Regeln herrschen, damit sie nutzbar bleiben. Verträge müssen eingehalten werden.
Mir ist echt schleierhaft, weshalb die fehlende Durchgriffshaftung die Finanzkrise ausgelöst haben soll. Die Vertragspartner kannten die Klausel und können den Vertrag entsprechend ausgestalten. Wenn die Risikokalkulation fehlerhaft ist, ist das kein Problem der fehlenden Durchgriffshaftung.
Ratingagenturen haben nichts verschleiert, sondern geprüft.
Und das mehr als mangelhaft. Wenn ein Produkt das höchste Rating triple A erhält und nur wenige Wochen später sich als Ramsch herausstellt, liegt der Fehler offensichtlich bei der Beurteilung der Ratingagenturen.
Der ist nicht viel weniger umfangreich. Die Ursache hierfür ist das amerikanische Recht, was von Richtern geprägt ist. Und Richter sind – Teil des Staates.
Genau, der Staat muss die Rahmenbedingungen sicherstellen. Im übrigen sehe ich als kleines Rädchen des Exportweltmeisters bei den deutschen Rahmenbedingungen keine Probleme.
In Dubio 28. November 2013, 09:03
Gewährleistung der Demokratie
Der Staat gewährleistet nicht Demokratie, er organisiert sich demokratisch. Das steht so in Artikel 20 Grundgesetz. Daraus leitet sich kein Recht ab, das demokratische Prinzip im Privaten oder in Unternehmen durchzusetzen.
Ausübung von Hoheitsrechten
Staatliches Handeln sind immer Hoheitsrechte.
Das haben schon die früheren Fürsten getan.
Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands
Woraus leiten Sie das bitte ab?! Gesellschaftlicher Wohlstand ist nicht einfach da, er muss erarbeitet werden. Was wiederum keine Selbstverständlichkeit ist. Will der Staat nun einfach nach Ihrer Formulierung umverteilen, stößt er sich an zahlreichen Grundrechtsartikeln und Grundrechten.
Ihnen fällt erstaunlich wenig ein, vor allem nicht die Grundaufgaben jeden demokratischen und Rechtsstaates. Als da wären Gewährung der inneren und äußeren Sicherheit, Gewährleistung des Eigentums, Gewährleistung des Rechts. Das sind die Grundpfeiler der liberalen Anschauung. Weiter gefasst gehören noch die Gewährleistung des Rechts auf Bildung sowie die Bereitstellung der Infrastruktur dazu. Fällt Ihnen alles nicht ein. Das sind die Grundaufgaben des modernen Staates. So, nun schauen Sie sich die Staatsausgaben an und sie werden erkennen, dass die kontinentaleuropäischen Länder für diese Aufgaben eher einen geringen Anteil ihres Steueraufkommens aufwenden. Das ist das, was Liberale kritisieren!
Was sie nicht verstehen wollen: wenn wir durch die Umverteilung Armut verhindern, werden andere Probleme, wie Kriminalität, Gewalt, Unruhen, etc, erfolgreich bekämpft, und auch der angeblich Bestohlene erhält dafür etwas viel Wertvolleres: sozialen Frieden.
Das ist die linke Einfaltigkeit, die an dieser Stelle nie fehlen darf. Frei von sozialer Expertise, monokausal gezogen. Frankreich weist mehr Umverteilung und mehr gleichmäßige Verteilung der Einkommen auf als Deutschland, trotzdem gibt es bei unseren Nachbarn weit mehr Proteste und Streiks. Italien verteilt mehr um und weist mehr Ungleichheit in Einkommen und Vermögen auf. Die angelsächsischen Staaten haben weniger soziale Unruhen, aber mehr individuelle Kriminalität.
In den 1960er Jahren war die Kriminalität (insbesondere die von Schwarzen) in den USA besonders hoch. Seitdem ist sie deutlich gesunken. Ursache war der weit hohe Anteil von jungen, männlichen Schwarzen. So Paul Kruman in „Nach Bush“. Strukturelle Zusammensetzung einer Gesellschaft, Anteil von Jungen, Verhältnis Männer / Frauen, kulturelle Geschichte, Religion, Organisation des Rechts spielen für den sozialen Frieden in einer entwickelten Gesellschaft eine weit größere Rolle als das Maß an Umverteilung. Das ist in den OECD-Staaten Konsens zwischen Dänemark und den Vereinigten Staaten. Niemand will auf den Stand von Schwellenländern, für deren Entwicklung eben ein hohes Maß an Ungleichheit notwendig ist.
Ich bin nicht eingeschränkt, wenn ich nicht das gleiche Auto wie mein Nachbar fahren kann. Was ist denn das für ein alberner Begriff von Freiheit?! Sie verwechseln sozial-biologische Konkurrenz mit einem so hohen Gut! Frei ist, nicht mit Menschen arbeiten zu müssen, mit denen man nicht arbeiten will. Und sei es, dass ich zu einem anderen, lausig bezahlten Job wechsle oder mich mit anderen geringen Zuverdiensten durchs Leben schlage. Frei ist, mein Land verlassen zu können, wenn mir danach ist. Frei ist, sich staatliche Betüttelung zu verbitten und nicht, dass ich schon beim Aufstehen mit staatlicher Regulierung in Kontakt komme. Und das hat nichts mit Geld zu tun!
Mir ist echt schleierhaft, weshalb die fehlende Durchgriffshaftung die Finanzkrise ausgelöst haben soll.
Für Sie ist die fehlende Haftung der Anbieter (Banken als Kreditgeber) ursächlich für die Finanzkrise, die fehlende Haftung der Nachfrager (Hausbesitzer) jedoch hat keinen Einfluss. Sie haben ein sehr einseitiges Marktverständnis. Der Sinn von Markt und Freiheit ist immer, dass jeder für das die volle Verantwortung für sein Tun trägt in allen Konsequenzen. Je mehr Haftung aufgelöst wird, desto stärker steigt die Risikoneigung. Eigentlich ein ganz einfacher ökonomischer Zusammenhang.
Organisationen bestehen aus Menschen und Menschen machen Fehler. Entscheidend ist, das Organisationen wie Menschen aus den gemachten Fehlern lernen. Das scheint bei den Ratingagenturen der Fall, die heute bei Finanzprodukten weit genauer und detaillierter hinschauen. Staaten scheinen weit langsamer zu lernen.
Marc 28. November 2013, 11:13
Der Sinn von Markt und Freiheit ist immer, dass jeder für das die volle Verantwortung für sein Tun trägt in allen Konsequenzen.
Hieran ist ihr Denkfehler sehr schön erkennbar: das ist schlicht nicht möglich! Bei einem Hypothekenkredit kann das Risiko zwischen den Parteien nur – ups, Tabuwort – verteilt werden! Es gibt nur folgende Möglichkeiten:
– Volles Risiko beim Hypothekennehmer, kein Risiko bei der Bank
– Volles Risiko bei der Bank, kein Risiko beim Hypothekennehmer
– Risiko wird auf beide verteilt
Es ist aber logisch nicht möglich, dass jeder das volle Risiko trägt!
Ihre egozentrische Sichtweise, die Umverteilungen und andere soziale Beziehungen negiert, ist in sich unlogisch und führt zu den abstrusesten Theorien und Rechtfertigungen.
Strukturelle Zusammensetzung einer Gesellschaft, Anteil von Jungen, Verhältnis Männer / Frauen, kulturelle Geschichte, Religion, Organisation des Rechts spielen für den sozialen Frieden in einer entwickelten Gesellschaft eine weit größere Rolle als das Maß an Umverteilung.
Diese Aussage ist nicht möglich. Ihre genannten Faktoren können sowohl Auslöser als auch Mittel zum Zweck zur Durchsetzung von Verteilungsinteressen missbraucht werden. Ob Kausalitäten vorliegen und welche Richtung sie haben, ist mit wissenschaftlichen Methoden nicht zu beweisen. Im Gegensatz zu ihnen kenne ich mich aufgrund meines Studium mit der Stochastik aus. In der Empirie können immer nur Korrelationen ermittelt werden, niemals Kausalitäten!
Ich entschuldige mich, dass ich in der Diskussion grob zu ihnen war. Meine Abneigung gegen ihre radikal-individualistische Sichtweise und einem libertären Gesellschaftsentwurf habe ich natürlich weiterhin.
In Dubio 28. November 2013, 20:40
Bei einem Hypothekenkredit kann das Risiko zwischen den Parteien nur (..) verteilt werden!
Kleine Rechtskunde: Ein Hypothekendarlehen begründet ein Schuldverhältnis nach §241 BGB. Seine Grenzen finden sich nach §138 BGB: soweit Rechtsgeschäfte sittenwidrig sind, sind sie nichtig. D.h. die Bank schuldet aus dem Rechtsgeschäft die Bereitstellung des Darlehens, der Kunde schuldet die Tilgung und Zinszahlungen. Für die Gewährung des Darlehens kann der Darlehensgeber Sicherheitsleistungen in Geld, Einkommen oder in Form von Bürgen verlangen. Der Schuldner der Bank muss also alles tun, um seinen Verpflichtungen aus dem Vertrag nachzukommen. Damit sich beide Parteien ihrer Verantwortung bewusst sind, sind an den Erwerb von Immobilien strenge Auflagen (Notar, Grundbucheintragung) geknüpft.
Die Bank trägt nach unserer, römischen, Rechtsauffassung das Risiko, dass der Schuldner trotz der erhaltenen Sicherheiten ausfällig werden kann, wenn das mit der Hypothek belastete Vermögen sowie das Einkommen des Schuldners nicht zur Befriedigung der entstandenen Ansprüche ausreichen. Der Schuldner trägt das Risiko aus dem Rechtsgeschäft soweit, als dass die Bank Zugriff auf sein derzeitiges und zukünftiges Vermögen und Einkommen erhält.
Risiko und Haftung sorgen dafür, dass beide Parteien sehr gut abwägen, ob sie ein solches Rechtsgeschäft eingehen sollen und können. Wird die Haftung nun, wie in den USA, weitgehend beschränkt, so wird die Bank nur insoweit solche Kredite weiter vergeben, als auch ihr eine Haftungsbeschränkung erlaubt wird. Eigentlich alles logisch, oder?
Ob Kausalitäten vorliegen und welche Richtung sie haben, ist mit wissenschaftlichen Methoden nicht zu beweisen.
Ich glaube, Sie haben diese Kausalität in Bezug auf die Wirkung von Umverteilungsmaßnahmen des Staates hergestellt. Nun drehen Sie noch den Spieß um. Keine feine Art. Glauben Sie mir, ein bisschen Ahnung habe ich auch von statistischen Methoden, bei ein bisschen Nachdenken könnten Sie selbst darauf kommen, dass ich hier vorgebildet sein muss.
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