Source: http://www.physiotalk.de/2014/11/das-heilmittelwerbegesetz-neuerungen-fuer-physios/
Timestamp: 2018-01-23 03:42:05+00:00

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Das Heilmittelwerbegesetz - Neuerungen für Physios - Physiotalk
Das Heilmittelwerbegesetz – Neuerungen für Physios
Interview mit Anna von Eisenhart Rothe
Kurzinfo Anna von Eisenhart Rothe
Anna von Eisenhart Rothe ist Physiotherapeutin und Herausgeberin der
Rubrik “praxisprofi“ in den Fachzeitschriften physio- und ergopraxis.
PHYSIOtalk: Frau von Eisenhart Rothe, Sie sind Buchautorin und Herausgeberin der Rubrik “praxisprofi” und beschäftigen sich somit mit allen wirtschaftlichen Fragestellungen für ergo- und physiotherapeutische Praxisinhaber. Ein Ziel der Zeitschrift ist es, niedergelassene Therapeuten zu größtmöglichem ökonomischem Erfolg anzuregen. Welche Rolle spielt dabei das Heilmittelwerbegesetz?
Anna von Eisenhart Rothe: Grundsätzlich ist es für jeden Unternehmer wichtig, die rechtliche Grundlage seines Tuns zu kennen, denn Nichtkennen schützt bei Fehlern oder Verstößen nicht. Speziell das Heilmittelwerbegesetz regelt den Rahmen der gesetzlich erlaubten Marketing- Maßnahmen u.a. von Ergo- und Physiotherapeuten. Marketing hat zum Ziel, den ökonomischen Erfolg einer Praxis direkt und indirekt zu steigern, daher ist die überschaubare Zahl an Paragraphen, die sich auf unsere Praxisaktivitäten beziehen, schnell und einfach nachzulesen und auch für den juristischen Laien verständlich. Ebenso grundsätzlich gilt „ wo kein Kläger, da kein Richter“, was bedeutet, wer bisher gegen Vorschriften aus dem HWG wissentlich oder unwissentlich verstoßen hat und nicht verklagt wurde, ist jetzt rechtlich auf sicherem Boden.
PHYSIOtalk: Vor etwa 2 Jahren gab es einige Neuerungen im Heilmittelwerbegesetz. Welche bisherigen Verbote wurden gelockert?
Anna von Eisenhart Rothe: Für uns Therapeuten bzw. Praxisinhaber sind die Änderungen des §11 HWG relevant, die die Öffentlichkeitswerbung regelt.
§ 11 (1) 1 Das Verbot außerhalb von Fachkreisen für Verfahren und Behandlungen mit Gutachten, Zeugnissen, wissenschaftlichen oder fachlichen Veröffentlichungen oder Hinweisen auf diese ist aufgehoben worden. Wir dürfen nun in der Öffentlichkeit mit Studienergebnissen für z.B. bestimmte Therapieformen werben und entsprechende Publikationen in der Praxis aushängen und / oder in Flyern vervielfältigen.
§ 11 (1) 3 Das generelle Verbot, mit erfolgreich verlaufenden Krankengeschichten unserer Patienten zu werben, ist gelockert worden. Jetzt ist es mit der Einschränkung zugelassen, dass die Wiedergabe nur dann verboten ist, wenn diese in missbräuchlicher, abstoßender oder irreführender Weise erfolgt oder die Darstellung zu einer falschen Selbstdiagnose verleiten kann. Betroffen hiervon sind v.a. Informationen über Therapien im Internet mit drastischem Bildmaterial – u.U. nachbearbeitetem und geschöntem Bildmaterial…. Daran knüpft auch nochmal der Abschnitt 5 an, was die Bedeutung des Bildmateriales zeigt!
§ 11 (1) 4 Speziell die Bildliche Darstellung von uns selbst in Berufskleidung oder bei der Ausübung therapeutischer Tätigkeit wurde aufgehoben. Wir dürfen uns nun so bildlich präsentieren, wie wir wollen- ob mit oder ohne Patient, auch in weißer Arbeitskleidung….
§ 11 (1) 6 Bisher durften wir nicht mit Fachausdrücken oder fremdsprachlichen Begriffen werben, da die klare und möglichst einfache Verständlichkeit für die Patienten höher gewichtet war. Dies ist ebenfalls aufgehoben worden: Fachbegriffe sind nun ok!
§ 11 (1) 10 Das Verbot von Publikationen und audiovisuellen Medien, die zu Selbstdiagnose und Eigentherapie anregten, ist aufgehoben worden. Wir dürfen nun offen mit Übungsmaterial, das unsere Patienten in der Praxis erhalten, werben.
§ 11 (1) 11 Dankesbekundungen oder Empfehlungen erfolgreich therapierter Patienten, sog. „Testimonials“ sind nur noch verboten, wenn darin missbräuchliche, irreführende oder abstoßende Äußerungen enthalten sind. Dies bezieht sich häufig auf Abwertungen anderer Therapieformen oder auf Therapievergleiche, bei denen z.B. die Konkurrenz negativer dargestellt wird….
“Grundsätzlich ist es für jeden Unternehmer wichtig, die rechtliche Grundlage seines Tuns zu kennen, denn Nichtkennen schützt bei Fehlern oder Verstößen nicht.”
PHYSIOtalk: Und welche Verbote wurden verschärft?
Anna von Eisenhart Rothe: Für uns Therapeuten keine, was z.B. die Vorschriften von Arzneimitteln- z.B. § 10 die Werbung für Schlafmittel und Wirkstoffe, die Abhängigkeit erzeugen könnten… betrifft, hier wurde nachgelegt.
PHYSIOtalk: Gibt es auch neue Verbote oder Regeln?
Anna von Eisenhart Rothe: Auch das nicht für uns Therapeuten. Wenn jedoch in der Praxis auch Arzneimittel im Sinne des Arzneimittelgesetzes verkauft werden, ist in § 8 der Arzneimittelhandel in der EU verschärft geregelt worden.
PHYSIOtalk: Was ist Ihr persönliches Fazit bezüglich dieser Neuerungen? Sind diese auch im Sinne der Physiotherapie sinnvoll?
Anna von Eisenhart Rothe: Früher beobachtete ich gelegentlich sog. Verstöße gegen das HWG v.a. im Bereich der Bildgestaltung, d.h. Therapeuten im Einsatz am Patienten und in weiß gekleidet. Das suggerierte ärztliche Tätigkeit und galt somit als Irreführung. Das ist jetzt vom Tisch und ist m. M. gut so. Dass abwertend oder abstoßend geworben wurde, habe ich persönlich nie beobachtet oder gelesen und ist, soweit ich weiß, in unseren Berufsgruppen auch nicht Usus. Daher regelt das Gesetz für Physio- und Ergotherapeuten eigentlich nichts was früher einer Regelung bedurft hatte. Das Gesetz schafft jedoch mehr Klarheit.
PHYSIOtalk: Was ist für Sie persönlich das Wichtigste an der Rubrik „praxisprofi“?
“Im „praxisprofi“ haben wir das konkrete Ziel, ökonomisches Denken, Wissen und Handeln praxisnah zu vermitteln.”
Anna von Eisenhart Rothe: Mir persönlich liegt seit meinem BWL-Studium die Vermittlung zwischen beiden Welten am Herzen. Therapeuten und Ökonomen ticken grundsätzlich verschieden, dennoch haben beide Denk- und Handlungsweisen ihre Berechtigung. Der gegenseitige Respekt und das Verstehen können und Wollen ist m. E. im Gesundheitswesen heute mehr denn je wichtig. Mich hat dabei immer gestört, dass wir Therapeuten im Zweifelsfall unterlegen waren, da wir die Terminologie und die Denkweise der Entscheidungsträger nicht kannten und nicht verstanden haben und daher in Verhandlungen meist im Nachteil waren. Wir haben uns nicht auf Augenhöhe bewegt.
Im „praxisprofi“ haben wir das konkrete Ziel, ökonomisches Denken, Wissen und Handeln praxisnah zu vermitteln. Wir versuchen so zu schreiben und Themen plastisch alltagstauglich darzustellen, dass das eigentlich als trocken und langweilig verschriene BWL-Knowhow durchaus als interessant und lesenswert empfunden wird, da es etwas mit jedem Praxisinhaber zu tun hat. Dahinter steht natürlich die Stärkung unserer beiden Berufsgruppen als ebenbürtige Partner im Gesundheitswesen, wo wir inzwischen eindeutig auf einem guten Wege sind.
PHYSIOtalk: Welchen Nutzen hat eine Praxis von der Rubrik?
Anna von Eisenhart Rothe: Das müssten Ihnen eigentlich die Praxisinhaber und die Leser beantworten. Ob wir unser internes Ziel, umsetzungsnah die relevanten Themen für Praxisinhaber aufzuarbeiten erreichen, können wir zwar aus vielen positiven Rückmeldungen an die Redaktion schließen. Das Feedback ist sehr motivierend. Ob sich aber tatsächlich Praxisabläufe verändern, Handlungsweisen gegenüber den Wünschen und Bedürfnissen der Patienten verbessern, Umsatzzahlen steigen, unnötige Kosten konkret nach Lesen der Artikel eingespart werden, entzieht sich leider meiner Kenntnis.
“Praxiserfolg ist genau das – Hineindenken in den Patienten, seine Bedürfnisse, seine Erwartungen an Therapie, seine Handicaps, seine Einschränkungen und Schmerzen, seinen Alltag.”
PHYSIOtalk: Welche Rolle sprechen Sie dem Marketing bei dem Erfolg einer Praxis zu?
Anna von Eisenhart Rothe: Ich bin auch nach so vielen Jahren Beschäftigung mit Marketing davon fest überzeugt, dass die „Mund- zu Mund“ Propaganda das wichtigste Marketinginstrument für Praxiserfolg ist. Wird Marketing fundiert betrieben, ist eigentlich alles drin, was man für einen Praxisbetrieb braucht – von Personal über Praxis-Ausstattung, Prozessabläufe, die Behandlungen selbst sowie die Werbung für das Ganze. Ich bedauere sehr, dass diese Komplexität und das strukturierte, analytische Vorgehen im Marketing häufig nicht gesehen werden, sondern es auf „Werbung“ reduziert wird. Aus der Patientenperspektive heraus aus Denken ist Marketing. Praxiserfolg ist genau das – Hineindenken in den Patienten, seine Bedürfnisse, seine Erwartungen an Therapie, seine Handicaps, seine Einschränkungen und Schmerzen, seinen Alltag. Im Perspektivwechsel liegt das Geheimnis des Erfolges und das ist ernstzunehmendes Marketing statt „nur“ Werbung.
PHYSIOtalk: Wo sehen Sie die Physiotherapie in den nächsten 10 Jahren?
Anna von Eisenhart Rothe: Oh, das ist eine sehr spannende Frage. Vor 10 Jahren hätte ich noch nicht gewagt davon zu träumen, dass heute fast jeder „seinen Physio“ hat. Unser Beruf ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und ein fester Bestandteil in der Wahrnehmung und dem Bedarf der Bevölkerung geworden, das finde ich ganz wunderbar. Es hat sich viel bewegt und wird sich weiterhin bewegen.
Thema Nr. 1 ist aus meiner Sicht klar der Direktzugang, den ich gerade aus dem o.g. Blickwinkel der Begegnung auf Augenhöhe für unerlässlich halte. Wie sich die prozentuale Akademisierung und deren Arbeitsfelder der Therapeuten entwickeln, wage ich nicht vorherzusagen. Weiterentwicklung in den Bereichen Forschung und Wissenschaft sind für unsere Berufsgruppen für evidenzbasiertes Arbeiten sehr wichtig und ist mir ein Anliegen. Vorstellen kann ich mir, dass uns in 10 Jahren nicht mehr Ärzte unterrichten, sondern wir an Berufsfachschulen und in den Studiengängen unser Knowhow bundesweit selbst an unsere Berufsanfänger grundständig vermitteln dürfen Ich vermute, dass sich unsere Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft auch deshalb verändern wird, weil Medizin heute zu 70 % von Frauen studiert und Physiotherapie regional bereits bis zu 50 % von Männern erlernt wird. Zumindest in meiner Region werden die wirklich großen einflussreichen Physiopraxen von Männern geführt. Da Karriere, Führungspositionen und Vergütung in Deutschland noch deutlich der „Gender- Thematik“ unterliegen, wird das sicherlich mittelfristig einiges an Veränderung bringen.
Wünschen und mich dafür einsetzen werde ich mich zudem für eine bessere Dotierung unserer hochqualifizierten therapeutischen Leistungen. In der Wirtschaft ist es das normalste der Welt, das langjährige Forschungs- und Entwicklungskosten in den Verkaufspreis eines Produktes eingerechnet werden. Unsere Ausbildungskosten, Fortbildungskosten, Studiengebühren und Verlust an Freizeit für Weiterbildung werden bei uns Therapeuten als Investition intensiv getätigt, amortisieren sich aber in der Regel nicht. Dies ist schlicht unangemessen und hochgradig unökonomisch. Hier besteht schon seit vorgestern Handlungsbedarf.
Copyright Titelbild: Anna von Eisenhart Rothe
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