Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/erbst/widerstreitende-steuerfestsetzungen-zwischen-deutschem-und-schweizerischem-steuerbescheid-3144343
Timestamp: 2019-12-07 18:55:03+00:00

Document:
Wider­strei­ten­de Steu­er­fest­set­zun­gen zwi­schen deut­schem und schwei­ze­ri­schem Steu­er­be­scheid | Rechtslupe
Der Begriff des "bestimm­ten Sach­ver­halts" i.S. des § 174 Abs. 1 Satz 1 AO knüpft an einen ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang an, an den das Gesetz steu­er­li­che Fol­gen knüpft. Eine wider­strei­ten­de Steu­er­fest­set­zung liegt nur vor, wenn der­sel­be Lebens­vor­gang in ver­schie­de­nen Steu­er­be­schei­den unter­schied­lich berück­sich­tigt wor­den ist. Die Anwen­dung des § 174 Abs. 1 Satz 1 AO erfor­dert nach ein­hel­li­ger Auf­fas­sung das Vor­lie­gen von (posi­tiv) wider­strei­ten­den Steu­er­fest­set­zun­gen zu Las­ten eines oder meh­re­rer Steu­er­pflich­ti­ger. Ein "Wider­strei­ten" in die­sem Sin­ne setzt vor­aus, dass die in den (kol­li­die­ren­den) Beschei­den getrof­fe­nen Rege­lun­gen (Steu­er­fest­set­zun­gen oder Fest­stel­lun­gen) auf­grund der mate­ri­el­len Rechts­la­ge nicht mit­ein­an­der ver­ein­bar und daher wider­sprüch­lich sind, weil nur eine der fest­ge­setz­ten oder ange­ord­ne­ten Rechts­fol­gen zutref­fen kann. Die in der mehr­fa­chen Erfas­sung eines bestimm­ten Sach­ver­halts lie­gen­den Unrich­tig­kei­ten müs­sen ein­an­der nach mate­ri­el­lem Recht zwin­gend (den­knot­wen­dig) aus­schlie­ßen 1.
Die "Berück­sich­ti­gung" eines bestimm­ten Sach­ver­halts i.S. von § 174 Abs. 1 Satz 1 AO setzt vor­aus, dass er dem Finanz­amt bei der Ent­schei­dungs­fin­dung bekannt war und als Ent­schei­dungs­grund­la­ge her­an­ge­zo­gen und ver­wer­tet wor­den ist 2.
Es kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob "Steu­er­be­scheid" i.S. des § 174 Abs. 1 AO auch eine Maß­nah­me einer Steu­er­be­hör­de eines Dritt­staa­tes sein kann 3.
Nach Art. 8 Abs. 1 DBA-Schweiz kann das nicht nach den Art. 5 bis 7 DBA-Schweiz zu behan­deln­de Ver­mö­gen nur in dem Ver­trags­staat besteu­ert wer­den, in dem der Erb­las­ser im Zeit­punkt des Todes sei­nen Wohn­sitz hat­te. Die­se Vor­schrift erfasst alle Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de, die in den Art. 5 bis 7 DBA-Schweiz genannt wer­den, aber nicht unter die­se spe­zi­el­len Zutei­lungs­re­geln fal­len, weil sich der Nach­lass­ge­gen­stand im Wohn­sitz­staat des Erb­las­sers und nicht im ande­ren Ver­trags­staat befin­det, wie dies z.B. Art. 5 Abs. 1 DBA-Schweiz für das unbe­weg­li­che Ver­mö­gen vor­aus­setzt. Art. 8 Abs. 1 DBA-Schweiz ist des­halb auf Grund­stü­cke anwend­bar, die im Wohn­sitz­staat des Erb­las­sers lie­gen 4. Dies ent­spricht dem in einem DBA all­ge­mein anzu­tref­fen­den Grund­satz, dass der Bele­gen­heits­staat unbe­weg­li­ches Ver­mö­gen besteu­ern darf 5. Nach die­sen Regeln hat­te im Streit­fall die Schweiz das Besteue­rungs­recht für die dort gele­ge­nen Grund­stü­cke der E.
Abs. 2 Satz 1 DBA-Schweiz wird durch die Son­der­re­ge­lung des Art. 8 Abs. 2 Satz 3 DBA-Schweiz wie­der ein­ge­schränkt. Danach ist Art. 10 Abs. 1 DBA-Schweiz, der die Ver­mei­dung der Dop­pel­be­steue­rung für den Fall regelt, dass der Erb­las­ser im Zeit­punkt des Todes sei­nen Wohn­sitz in Deutsch­land hat­te, ent­spre­chend anzu­wen­den. Die ent­spre­chen­de Anwen­dung von Art. 10 Abs. 1 DBA-Schweiz bedeu­tet, dass nicht die Vor­aus­set­zun­gen des Ein­lei­tungs­sat­zes des Art. 10 Abs. 1 DBA-Schweiz zum Wohn­sitz des Erb­las­sers in Deutsch­land, son­dern die Rege­lun­gen in den Buchst. a und b des Art. 10 Abs. 1 DBA-Schweiz gel­ten 6.
Abs. 1 DBA-Schweiz bezieht sich auf­grund des Wort­lauts sei­nes Ein­lei­tungs­sat­zes nur auf die Ver­mei­dung der Dop­pel­be­steue­rung, die durch den Wohn­sitz des "Erb­las­sers" in Deutsch­land aus­ge­löst wird. Auch im Fall des Nach­be­steue­rungs­rechts, das an den Wohn­sitz des "Erwer­bers" in Deutsch­land anknüpft, muss Deutsch­land jedoch die Dop­pel­be­steue­rung ver­mei­den. Nach Art. 10 Abs. 1 Buchst. a DBA-Schweiz nimmt Deutsch­land in der Schweiz gele­ge­nes unbe­weg­li­ches Ver­mö­gen i.S. des Art. 5 Abs. 2 DBA-Schweiz (u.a. Grund­stü­cke) von der Besteue­rung aus, wenn der "Erb­las­ser" im Zeit­punkt sei­nes Todes schwei­ze­ri­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger war. Die Ver­wei­sung in Art. 8 Abs. 2 Satz 3 DBA-Schweiz auf Art. 10 Abs. 1 Buchst. a DBA-Schweiz schränkt inso­fern das Deutsch­land zuste­hen­de Nach­be­steue­rungs­recht ein 7.
Auf­grund des inlän­di­schen Pro­gres­si­ons­vor­be­halts nach Art. 10 Abs. 1 Buchst. a Satz 2 DBA-Schweiz i.V.m. § 19 Abs. 2 ErbStG wäre eine dop­pel­te Berück­sich­ti­gung des Werts der Grund­stü­cke ‑in der Schweiz im Rah­men der Bemes­sungs­grund­la­ge für die Steu­er und in Deutsch­land im Rah­men des Pro­gres­si­ons­vor­be­halts- mög­lich gewe­sen. Ein Wider­streit i.S. des § 174 Abs. 1 Satz 1 AO schei­det daher auf­grund der mehr­fa­chen Berück­sich­ti­gungs­mög­lich­keit aus. Die DBA-Vor­schrif­ten, die einen par­al­le­len Zugriff bei­der Ver­trags­staa­ten auf das glei­che Steu­er­sub­strat ver­hin­dern, sind Bestand­teil der mate­ri­el­len Rechts­la­ge, auf­grund derer der "Wider­streit" zu beur­tei­len ist 8. Der Pro­gres­si­ons­vor­be­halt gehört zur abkom­mens­recht­li­chen Ver­tei­lung der Besteue­rungs­kom­pe­ten­zen und darf des­halb bei der Prü­fung des Wider­streits nicht außer Acht gelas­sen wer­den.
BFH, Urteil vom 09.05.2012 – I R 73/​10, BFHE 238, 1, BSt­Bl II 2013, 566, Rz 31[↩]
BFH, Urteil in BFHE 238, 1, BSt­Bl II 2013, 566, Rz 28[↩]
BFH, Urteil in BFHE 238, 1, BSt­Bl II 2013, 566, Rz 33[↩]

References: § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 Art. 8
 Art. 5
 Art. 5
 Art. 5
 Art. 8
 Art. 8
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 5
 Art. 8
 Art. 10
 Art. 10
 § 19
 § 174