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Bayerischer VGH, Urteil vom 24.10.2013 - 13a B 13.30031 - openJur
Urteil vom 24.10.2013 - 13a B 13.30031
Bayerischer VGH, Urteil vom 24.10.2013 - 13a B 13.30031
openJur 2013, 44592
Für aus dem europäischen Ausland zurückkehrende alleinstehende männliche arbeitsfähige afghanische Staatsangehörige ist angesichts der aktuellen Auskunftslage im Allgemeinen derzeit nicht von einer extremen Gefahrenlage auszugehen, die zu einem Abschiebungsverbot in entsprechender Anwendung von § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG führen würde (wie bisherige Rechtsprechung). Dies gilt grundsätzlich auch dann, wenn Afghanistan bereits im Kleinkindalter verlassen wurde.Asylrecht Afghanistan; erhebliche Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit; Sperrwirkung der Erlasslage; verfassungskonforme Anwendung bei extremer Gefahrensituation
Der nach seinen Angaben am 16. Juni 1992 in Jakaulang in der Provinz Bamian in Afghanistan geborene Kläger ist afghanischer Staatsangehöriger schiitischen Glaubens und Hazara. Er reiste am 7. August 2010 in das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland ein und stellte am 20. August 2010 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bundesamt) Asylantrag.
Bei seiner Anhörung vor dem Bundesamt am 23. August 2010 gab der Kläger an, er habe nur ein Jahr in seinem Geburtsort gelebt. Damals sei sein Vater, der Mitglied der kommunistischen Partei gewesen sei, getötet worden. Mit seiner Mutter sei er dann nach Khomeine Shar in der Provinz Isfahan in den Iran gereist. Dort habe er bis vor ca. zweieinhalb Jahren bei seinem Onkel gelebt. Seine Mutter sei gestorben, als er vier Jahre alt gewesen sei. Im Iran habe er fünf Jahre einen Alphabetisierungskurs besucht, er habe Tischler gelernt und abends schwarz als Tischler gearbeitet. Den Iran habe er Ende 2008 verlassen; er habe dann längere Zeit in Griechenland gelebt und auch dort gearbeitet. Dann sei er nach Deutschland gekommen. Eine Rückkehr nach Afghanistan sei nicht möglich, da seine Familie wegen seines Vaters weiterhin verfolgt werde und er zudem Angst vor Entführung habe. Auch in den Iran könne er nicht mehr. Dort sei er illegal gewesen; er sei mehrfach belästigt und von der Polizei verhaftet worden.
Am 16. Februar 2011 erklärte das Bundesamt, das zunächst ein Übernahmeersuchen an Griechenland nach der Dublin-II-Verordnung gerichtet hatte, seine Zuständigkeit. Mit Bescheid vom 3. September 2012 lehnte es (1.) den Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigter ab, stellte fest, dass (2.) die Voraussetzungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und (3.) Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 2 bis 7 AufenthG nicht vorliegen und forderte (4.) den Kläger auf, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb 30 Tage zu verlassen. Für den Fall der nicht fristgerechten Ausreise wurde die Abschiebung nach Afghanistan angedroht. Umstände für die Anerkennung als Asylberechtigter oder die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft seien nicht ersichtlich. Auch Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 2 bis 7 AufenthG lägen nicht vor. Insbesondere dürfte der Kläger bei einer Rückkehr nach Afghanistan angesichts seiner persönlichen Voraussetzungen in der Lage sein, sich eine hinreichende Existenzgrundlage zu schaffen.
Am 25. September 2012 erhob der Kläger beim Verwaltungsgericht Regensburg Klage mit dem Antrag, das Bundesamt zu verpflichten ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 7 AufenthG festzustellen. Er habe Afghanistan verlassen, als er ein Baby gewesen sei und sei nie dorthin zurückgekehrt. Er kenne Afghanistan nicht und habe dort niemanden mehr. In den Iran könne er nicht zurück, da er dort keine Aufenthaltserlaubnis hätte. Wenn er nach Afghanistan abgeschoben würde, müsse er möglicherweise schlimme Dinge tun, um zu überleben und nicht zu verhungern. Am 8. November 2012 zeigte die Bevollmächtigte des Klägers ihre Vertretung an und beantragte wegen eines anderweitigen Gerichtstermins und der Erkrankung ihrer Vertreterin die Verlegung des für Montag, den 12. November 2012 angesetzten Termins. Dies wurde vom Verwaltungsgericht abgelehnt; es bestehe die Möglichkeit einen örtlichen Rechtsanwalt als Terminsvertreter zu entsenden. Zu der mündlichen Verhandlung am 12. November 2012 erschienen weder der Kläger noch dessen Bevollmächtigte. Mit Urteil vom selben Tage wurde die Klage abgewiesen. Klagegegenstand seien sowohl der unionsrechtliche wie auf der nationale Abschiebungsschutz. Die Klage sei unbegründet. Das Vorbringen des Klägers sei nicht geeignet, das Gericht davon überzeugen, dass er bei einer Rückkehr nach Afghanistan dort einer Gefährdung ausgesetzt wäre.
Auf Antrag des Klägers hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof mit Beschluss vom 29. Januar 2013 die Berufung zugelassen (Az. 13a ZB 12.30469). Die Ablehnung des Terminsverlegungsantrags und die Verhandlung in Abwesenheit sowie die daraufhin ergangene Klageabweisungsentscheidung verletzten den klägerischen Anspruch auf rechtliches Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG.
Mit Schreiben vom 7. Februar 2013 begründet der Kläger die Berufung. Die aktuelle Lage in Afghanistan speziell in seinem Herkunftsgebiet stelle für ihn eine extreme existenzielle Gefahr dar. Zu berücksichtigen sei insbesondere der Umstand, dass er zuletzt im Alter von einem Jahr in Afghanistan gewesen sei und dort keine Familienangehörigen mehr habe. Der im Iran lebende Onkel, ein Bruder seines verstorbenen Vaters, habe selbst große Schwierigkeiten den Lebensunterhalt für sich und seine Familienangehörigen zu bestreiten. Der Kläger beantragt,
den Bescheid des Bundesamts und das Urteil des Verwaltungsgerichts aufzuheben und die Beklagte zu verpflichten, ein national begründetes Abschiebungsverbot hinsichtlich Afghanistan festzustellen.
Die Berufung ist zulässig und begründet. Das Bundesamt ist nach der maßgeblichen Sach- und Rechtslage (§ 77 Abs. 1 Satz 1 Halbsatz 1 AsylVfG) nicht verpflichtet festzustellen, dass für den Kläger ein national begründetes Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 5 oder Abs. 7 Satz 1 AufenthG besteht. Beim national begründeten Abschiebungsverbot handelt es sich um einen einheitlichen und nicht weiter teilbaren Verfahrensgegenstand, weshalb alle entsprechenden Anspruchsgrundlagen zu prüfen sind (BVerwG, U.v. 8.9.2011 – 10 C 14.10 – BVerwGE 140, 319 Rn. 16 und 17). Allerdings sind weder die Voraussetzungen des § 60 Abs. 5 noch die des § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG erfüllt.
Nach § 60 Abs. 5 AufenthG darf ein Ausländer nicht abgeschoben werden, soweit eine Abschiebung nach den Bestimmungen der Europäischen Menschenrechtskonvention unzulässig (EMRK) ist. Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zur Vorgängerregelung in § 53 Abs. 4 AuslG (U.v. 11.11.1997 – 9 C 13.96 – BVerwGE 105, 322) umfasst der Verweis auf die EMRK lediglich Abschiebungshindernisse, die in Gefahren begründet liegen, welche dem Ausländer im Zielstaat der Abschiebung drohen ("zielstaatsbezogene" Abschiebungshindernisse). Dabei sind alle Verbürgungen der EMRK in den Blick zu nehmen, aus denen sich ein Abschiebungsverbot ergeben kann. Schlechte humanitäre Bedingungen im Abschiebezielstaat können jedoch nur in besonderen Ausnahmefällen in Bezug auf Art. 3 EMRK ein Abschiebungsverbot begründen. In Afghanistan ist die Lage jedoch nicht so ernst, dass eine Abschiebung ohne weiteres eine Verletzung von Art. 3 EMRK wäre (BVerwG, U.v. 31.1.2013 – 10 C 15.12 – NVwZ 2013, 1167 unter Verweis auf EGMR, U.v. 21.1.2011 – M.S.S./Belgien und Griechenland, Nr. 30696/09 – NVwZ 2011, 413; U.v. 28.6.2011 – Sufi und Elmi/Vereinigtes Königreich, Nr. 8319/07 – NVwZ 2012, 681; U.v. 13.10.2011 – Husseini/Schweden, Nr. 10611/09 – NJOZ 2012, 952).
Auch ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG liegt nicht vor. Nach dieser Vorschrift soll von der Abschiebung eines Ausländers in einen anderen Staat abgesehen werden, wenn dort für diesen Ausländer eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht. Gemäß § 60 Abs. 7 Satz 3 AufenthG sind die Gefahren nach Satz 1, denen die Bevölkerung oder die Bevölkerungsgruppe, der der Ausländer angehört, allgemein ausgesetzt ist, bei Anordnungen nach § 60a Abs. 1 Satz 1 AufenthG zu berücksichtigen. Nach § 60a Abs. 1 Satz 1 AufenthG kann die oberste Landesbehörde anordnen, dass die Abschiebung für längstens sechs Monate ausgesetzt wird.
Eine individuelle erhebliche konkrete Gefahr i.S.v. § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG droht dem Kläger nicht. Anhaltspunkte hierfür sind weder vorgetragen noch ersichtlich.
Eine Gefahr im Sinn von § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG kann allerdings grundsätzlich auch in einer unzureichenden Versorgungslage in Afghanistan, die insbesondere für Rückkehrer ohne Berufsausbildung und ohne familiäre Unterstützung besteht, begründet sein. Dies stellt jedoch eine allgemeine Gefahr im Sinn des § 60 Abs. 7 Satz 3 AufenthG dar, die auch dann nicht als Abschiebungshindernis unmittelbar nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG berücksichtigt werden kann, wenn sie durch Umstände in der Person oder in den Lebensverhältnissen des Ausländers begründet oder verstärkt wird, aber nur eine typische Auswirkung der allgemeinen Gefahrenlage ist (BVerwG, U.v. 8.12.1998 – 9 C 4.98 – BVerwGE 108, 77). Dann greift grundsätzlich die Sperrwirkung des § 60 Abs. 7 Satz 3 AufenthG. Eine Abschiebestoppanordnung besteht jedoch für die Personengruppe, der der Kläger angehört, nicht (mehr). Das Bayerische Staatsministerium des Innern hat durch die Verwaltungsvorschriften zum Ausländerrecht (BayVVAuslR) mit Rundschreiben vom 10. August 2012 (IA2-2081.13-15) in der Fassung vom 16. April 2013 bezüglich der Rückführungen nach Afghanistan verfügt, dass nach wie vor vorrangig zurückzuführen sind alleinstehende männliche afghanische Staatsangehörige, die volljährig sind (s. BayVVAuslR Nr. C.3.2).
Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ist jedoch im Einzelfall Ausländern, die zwar einer gefährdeten Gruppe im Sinn des § 60 Abs. 7 Satz 3 AufenthG angehören, für welche aber ein Abschiebestopp nach § 60a Abs. 1 AufenthG oder eine andere Regelung, die vergleichbaren Schutz gewährleistet, nicht besteht, ausnahmsweise Schutz vor der Durchführung der Abschiebung in verfassungskonformer Handhabung des § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG zuzusprechen, wenn die Abschiebung wegen einer extremen Gefahrenlage im Zielstaat Verfassungsrecht verletzen würde. Das ist der Fall, wenn der Ausländer gleichsam sehenden Auges dem sicheren Tod oder schwersten Verletzungen ausgeliefert würde (st. Rspr. des BVerwG; vgl. nur BVerwGE 99, 324; 102, 249; 108, 77; 114, 379; 137, 226). Diese Grundsätze über die Sperrwirkung bei allgemeinen Gefahren und die Voraussetzungen für eine ausnahmsweise verfassungskonforme Anwendung in den Fällen, in denen dem Betroffenen im Abschiebezielstaat eine extrem zugespitzte Gefahr droht, sind auch für die neue Rechtslage nach dem Inkrafttreten des Aufenthaltsgesetzes maßgeblich (BVerwG, B.v. 23.8.2006 – 1 B 60.06 – Buchholz 402.242 § 60 Abs. 2 ff. AufenthG Nr. 19).
Die allgemeine Gefahr in Afghanistan hat sich für den Kläger aber nicht derart zu einer extremen Gefahr verdichtet, dass eine entsprechende Anwendung von § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG geboten ist (vgl. ständige Rspr. des Senats, z.B. U.v. 3.2.2011 – 13a B 10.30394 – juris; U.v. 8.12.2011 – 13a B 11.30276 – EzAR-NF 69 Nr. 11 = AuAS 2012, 35 -LS-; U.v. 20.1.2012 – 13a B 11.30425 – juris; U.v. 22.3.2013 – 13a B 12.30044 – juris; U.v. 4.6.2013 – 13a B 12.30063 – juris; so auch VGH BW, U.v. 27.4.2012 – A 11 S 3079/11 – juris = DÖV 2012, 651 -LS-). Die von der höchstrichterlichen Rechtsprechung hierfür aufgestellten Voraussetzungen sind nicht erfüllt. Wann allgemeine Gefahren von Verfassungs wegen zu einem Abschiebungsverbot führen, hängt wesentlich von den Umständen des Einzelfalls ab und entzieht sich einer rein quantitativen oder statistischen Betrachtung. Die drohenden Gefahren müssen jedoch nach Art, Ausmaß und Intensität von einem solchen Gewicht sein, dass sich daraus bei objektiver Betrachtung für den Ausländer die begründete Furcht ableiten lässt, selbst in erheblicher Weise ein Opfer der extremen allgemeinen Gefahrenlage zu werden. Bezüglich der Wahrscheinlichkeit des Eintritts der drohenden Gefahren ist von einem im Vergleich zum Prognosemaßstab der beachtlichen Wahrscheinlichkeit erhöhten Maßstab auszugehen. Die Gefahren müssen dem Ausländer daher mit hoher Wahrscheinlichkeit drohen. Dieser Wahrscheinlichkeitsgrad markiert die Grenze, ab der seine Abschiebung in den Heimatstaat verfassungsrechtlich unzumutbar erscheint. Das Erfordernis des unmittelbaren –zeitlichen – Zusammenhangs zwischen Abschiebung und drohender Rechtsgutverletzung setzt zudem für die Annahme einer extremen Gefahrensituation wegen der allgemeinen Versorgungslage voraus, dass der Ausländer mit hoher Wahrscheinlichkeit alsbald nach seiner Rückkehr in sein Heimatland in eine lebensgefährliche Situation gerät, aus der er sich weder allein noch mit erreichbarer Hilfe anderer befreien kann (Renner/Bergmann/Dienelt, Ausländerrecht, 10. Aufl. 2013, § 60 AufenthG Rn. 54). Das bedeutet nicht, dass im Falle der Abschiebung der Tod oder schwerste Verletzungen sofort, gewissermaßen noch am Tag der Abschiebung, eintreten müssen. Vielmehr besteht eine extreme Gefahrenlage auch dann, wenn der Ausländer mangels jeglicher Lebensgrundlage dem baldigen sicheren Hungertod ausgeliefert werden würde (vgl. BVerwG, U.v. 29.6.2010 – 10 C 10.09 – BVerwGE 137, 226).
Nach der Rechtsprechung des Senats (z.B. U.v. 22.3.2013 – 13a B 12.30044 – juris) ergibt sich aus den Erkenntnismitteln nicht, dass ein alleinstehender arbeitsfähiger männlicher afghanischer Rückkehrer mit hoher Wahrscheinlichkeit alsbald nach einer Rückkehr in eine derartige extreme Gefahrenlage geraten würde, die eine Abschiebung in den Heimatstaat verfassungsrechtlich als unzumutbar erscheinen ließe. Zwar ist die Versorgungslage in Afghanistan schlecht, jedoch ist im Wege einer Gesamtgefahrenschau nicht anzunehmen, dass bei einer Rückführung nach Afghanistan alsbald der sichere Tod drohen würde oder alsbald schwere Gesundheitsbeeinträchtigungen zu erwarten wären. Der Senat hat sich dabei u.a. auf den Lagebericht des Auswärtigen Amtes (im letztgenannten Urteil Lagebericht vom Januar 2012, S. 26 ff.) gestützt, wonach sich nahezu alle volkswirtschaftlichen Indikatoren Afghanistans positiv entwickelt hätten. Von den verbesserten Rahmenbedingungen profitierten dem Lagebericht zufolge grundsätzlich auch Rückkehrer. Die Versorgung mit Wohnraum zu angemessenen Preisen in den Städten sei allerdings nach wie vor schwierig. Das Ministerium für Flüchtlinge und Rückkehrer bemühe sich um eine Ansiedlung der Flüchtlinge in Neubausiedlungen für Rückkehrer. Dort erfolge die Ansiedlung unter schwierigen Rahmenbedingungen; für eine permanente Ansiedlung seien die vorgesehenen „Townships“ kaum geeignet. Auch sei der Zugang für Rückkehrer zu Arbeit, Wasser und Gesundheitsversorgung häufig nur sehr eingeschränkt möglich.
Ähnliche Erkenntnisse haben sich für den Senat aus den weiter zu Grunde gelegten Berichten ergeben. So geht der Sachverständige Dr. Danesch in seinem Gutachten vom 7. Oktober 2010 an den Hessischen Verwaltungsgerichtshof hinsichtlich der Arbeitsmöglichkeiten davon aus, dass am ehesten noch junge kräftige Männer, häufig als Tagelöhner, einfache Jobs, bei denen harte körperliche Arbeit gefragt sei, fänden. In diesen Sektor, meist im Baugewerbe, ströme massiv die große Zahl junger Analphabeten. Ein älterer Mann, der vorher schon lange im Westen gelebt habe, hätte keine Chance auf einen solchen Arbeitsplatz. Hieraus konnte der Senat im Umkehrschluss die Folgerung ziehen, dass bei anderen Voraussetzungen eine Beschäftigung möglich ist. Nach der Stellungnahme vom 8. Juni 2011 an das OVG Rheinland-Pfalz (zum dortigen Verfahren 6 A 11048/10.OVG) von Dr. Karin Lutze (stellvertretende Geschäftsführerin der AGEF – Arbeitsgruppe Entwicklung und Fachkräfte im Bereich der Migration und der Entwicklungszusammenarbeit i.L.) gebe es für qualifiziertes Personal ein umfangreiches Angebot an offenen Stellen. Für einen nicht oder gering qualifizierten Rückkehrer bestünden nur geringe Chancen für eine dauerhafte Beschäftigung mit geregeltem Einkommen. Das Existenzminimum für eine Person könne durch Aushilfsjobs ermöglicht werden (S. 9). Fälle, in denen Rückkehrer aufgrund von Hunger oder Unterernährung verstorben seien, seien nicht bekannt. Schließlich hat der Senat auch die Auskunft von ACCORD (Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation) vom 1. Juni 2012 herangezogen, in der ebenfalls auf die schwierige Arbeitssuche hingewiesen wird. Die meisten Männer und Jugendlichen würden versuchen, auf nahe gelegenen Märkten als Träger zu arbeiten. Aufgrund dieser Auskünfte sah der Senat deshalb die Annahme als gerechtfertigt an, dass grundsätzlich Arbeitsmöglichkeiten bestehen.
Der aktuelle Lagebericht vom 4. Juni 2013 (Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl-und abschiebungsrelevante Lage in der Islamischen Republik Afghanistan, Stand: März 2013) formuliert die maßgeblichen Passagen zwar anders (S. 17 ff: „IV. Rückkehrerfragen“). Danach ist der Entwicklungsbedarf in Afghanistan weiterhin beträchtlich. Die Möglichkeiten des afghanischen Staats, die Grundbedürfnisse der eigenen Bevölkerung zu befriedigen und ein Mindestmaß an sozialen Dienstleistungen, etwa im Bildungsbereich, zur Verfügung zu stellen, würden aufgrund des rapiden Bevölkerungswachstums zusätzlich unter Druck geraten. Die Situation am Arbeitsmarkt stelle das Land vor besondere wirtschaftliche und soziale Herausforderungen. Die Grundversorgung sei für große Teile der Bevölkerung eine tägliche Herausforderung. Andererseits wird im Lagebericht dargestellt, dass zunehmend Arbeiter aus Bangladesch, Iran und Pakistan nach Afghanistan kommen, da hier höhere Gehälter bezahlt würden, wenngleich es an einer politischen Strategie zur Schaffung von Arbeitsplätzen fehle (S. 17). Auch sei die afghanische Wirtschaft in den vergangenen Jahren aufgrund der internationalen Präsenz ständig gewachsen, unterliege allerdings derzeit besonderen Herausforderungen. Die medizinische Versorgung sei zwar immer noch unzureichend, Verbesserungen seien aber erkennbar (S. 18). Zusammenfassend lassen sich dem Lagebericht vom 4. Juni 2013 damit keine für die Beurteilung der Gefahrenlage relevanten Änderungen entnehmen.
Aufgrund der in den Auskünften geschilderten Rahmenbedingungen geht der Senat weiterhin davon aus, dass trotz großer Schwierigkeiten grundsätzlich auch für Rückkehrer durchaus Perspektiven im Hinblick auf die Sicherung des Lebensunterhalts bestehen und jedenfalls der Tod oder schwerste Gesundheitsgefährdungen alsbald nach der Rückkehr nicht zu befürchten sind. Insbesondere Rückkehrer aus dem Westen sind in einer vergleichsweise guten Position. Allein schon durch Sprachkenntnisse sind ihre Chancen, einen Arbeitsplatz zu erhalten, gegenüber den Flüchtlingen, die in die Nachbarländer geflüchtet sind, wesentlich höher (Lagebericht 2012, S. 27). Hinzu kommt, dass eine extreme Gefahrenlage zwar auch dann besteht, wenn der Ausländer mangels jeglicher Lebensgrundlage dem baldigen sicheren Hungertod ausgeliefert werden würde (vgl. BVerwG, U.v. 29.6.2010 – 10 C 10.09 – BVerwGE 137, 226), jedoch Mangelernährung, unzureichende Wohnverhältnisse und eine schwierige Arbeitssuche nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit „alsbald“ zu einer extremen Gefahr führen. Diese muss zwar nicht sofort, also noch am Tag der Ankunft eintreten. Erforderlich ist allerdings eine hinreichende zeitliche Nähe zwischen Rückkehr und unausweichlichem lebensbedrohenden Zustand. Die Gefahr muss sich alsbald nach der Rückkehr realisieren. Dies ist aus den genannten Erkenntnismitteln nicht ersichtlich.
Bei dieser Ausgangslage ist davon auszugehen, dass auch der Kläger selbst ohne nennenswertes Vermögen und ohne familiären Rückhalt im Falle einer zwangsweisen Rückkehr in sein Heimatland in der Lage wäre, durch Gelegenheitsarbeiten, etwa in Kabul, aber auch in seiner Heimatprovinz Bamian, wenigstens ein kleines Einkommen zu erzielen, sich damit zumindest ein Leben am Rand des Existenzminimums zu finanzieren und allmählich in die afghanische Gesellschaft zu integrieren. Der Kläger hat nach seinen Angaben in Iran den Handwerksberuf eines Tischlers gelernt und den Beruf, wenngleich auch nur „schwarz“, ausgeübt. Während seines Aufenthalts in Griechenland hat er auf einer Orangenplantage gearbeitet. „Eine schwere Arbeit“, wie er in der Anhörung vor dem Bundesamt angegeben hat. Auf einer anderen Insel habe er Zwiebeln geerntet und sich so zwei Jahre lang durchgeschlagen. Er spricht, wie vom Dolmetscher in der mündlichen Verhandlung vor dem Verwaltungsgerichtshof bestätigt, eine der afghanischen Landessprachen, nämlich Dari mit persischem Dialekt. In Deutschland hat er zusätzlich als Reinigungskraft gearbeitet. Mit diesen Kenntnissen und Erfahrungen wird der Kläger bei einer Rückkehr nach Afghanistan jedenfalls eine Tagelöhner- oder Gelegenheitsarbeit ausüben können. Daran ändert auch nichts, dass er im Alter von einem Jahr Afghanistan verlassen und anschließend in Iran gelebt hat. Zum einen hat er damit den größten Teil seines Lebens in einer islamisch geprägten Umgebung verbracht. Zum anderen hat er gerade durch seinen Aufenthalt in Griechenland gezeigt, dass er sich auch in einer fremden Umgebung „durchschlagen“ kann. Unter diesen Umständen ist anzunehmen, dass ihm eine im Rahmen der analogen Anwendung von § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG ausreichende Sicherung seines Lebensunterhalts in Afghanistan gelingen wird. Ein spezielles „Vertrautsein mit den afghanischen Verhältnissen“ mag die Sicherung des Lebensunterhalts vereinfachen. Anhaltspunkte, dass dies erforderlich sein könnte, sind jedoch – sofern wenigstens eine der Landessprachen beherrscht wird – nicht ersichtlich. Damit liegt die für eine verfassungskonforme Anwendung des § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG erforderliche hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Kläger alsbald existenzbedrohenden Mangellagen ausgesetzt wäre, nicht vor.
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