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Timestamp: 2017-12-15 00:47:05+00:00

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Crossing Boundaries in Qualitative Research—Towards an Empirical Reflexivity of Qualitative Methods in Germany and the United States | Bethmann | Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research
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Volume 16, No. 2, Art. 19 – Mai 2015
Crossing Boundaries in Qualitative Research – Entwurf einer empirischen Reflexivität der qualitativen Sozialforschung in Deutschland und den USA
Stephanie Bethmann & Debora Niermann
Zusammenfassung: Der vorliegende Beitrag widmet sich der Analyse von Prozessen der Wissenskonstruktion in der qualitativen Sozialforschung im transatlantischen Vergleich. Basierend auf explorativen Forschungsergebnissen stellen wir mit den Idealtypen engaging und observing zwei Forschungsstile vor, die sich in den Praktiken der Konstruktion von Nähe und Distanz zum Gegenstand deutlich unterscheiden. Beides, Nähe und Distanz, wird dabei nicht als innere Haltung von Forschenden oder als rigoros nationaler Stil verstanden, sondern als Produkte konkreter Arbeitspraktiken, die in Zusammenhang mit nationalen Forschungskonventionen, Rahmenbedingungen und Epistemologien stehen. Gemeinsam ist beiden Interaktionsmustern die zentrale Fundierung im amerikanischen Pragmatismus, wobei die These einer auffallend unterschiedlichen Bezugnahme auf den amerikanischen Pragmatismus in den beiden Länderkontexten diskutiert wird: Stehen in Deutschland vorwiegend dessen erkenntnistheoretische Prämissen im Mittelpunkt, sieht sich die gegenwärtige US-amerikanische Methodenlandschaft eher dessen gesellschaftspolitischen Traditionen verpflichtet. Ausgehend von diesen Beobachtungen wird abschließend die Forderung formuliert, Reflexivität in der qualitativen Sozialforschung stärker auf den Boden empirischer Analysen zu stellen.
Keywords: Wissenschaftssoziologie; Ethnografie; Grounded-Theory-Methodologie; rekonstruktive Methoden; Analyse; amerikanischer Pragmatismus; Epistemologie; Wissenschaftsverständnis; Reflexivität; Deutschland; USA
2. Engaging und observing als Heuristiken der Komparation
2.1 Engaging – Intimität mit dem Gegenstand und gesellschaftspolitische Intervention
2.2 Observing – Methodologische Strenge und analytische Distanz
3. Amerikanischer Pragmatismus als gemeinsamer Nenner und Leitdifferenz
4. Crossing Boundaries: Ein Beitrag zu empirischer Reflexivität in der qualitativen Sozialforschung
Als der Chicagoer Soziologe Everett HUGHES 1948 ins Nachkriegsdeutschland reiste, fand er ein wunderbares Laboratorium für soziologische Studien vor: eine Gesellschaft nach ihrem Zusammenbruch – "the cake of custom is broken" (HUGHES, zit.n. FLECK 2007, S.453). Verwundert musste er feststellen, dass deutsche KollegInnen und Studierende seine empirische Neugierde nicht teilten, er mit diesem Thema sogar ein Tabu zu brechen schien. Mit seiner Überzeugung, dass die Gegenstände der Soziologie sich aus akuten Problemlagen der Gesellschaft ergeben sollten, stand er alleine da. So reflektierte er über seine Erfahrungen in einem Seminar an der Universität Frankfurt/Main:
"I jumped at once into the forbidden subject by saying that the leading theme of American sociology grew out of the leading theme of American life – the relations of a variety of ethnic and racial groups to each other. I am convinced it is the right way" (S.449). [1]
Anstatt sich empirisch mit der offensichtlich bemerkenswerten gesellschaftlichen Situation zu befassen, entschuldigten sich deutsche SoziologInnen mit dem Hinweis auf ihre mangelnde Methodenkompetenz. HUGHES' deutsche Studierende wussten noch nicht einmal, wie man Fragebögen konzipiert (FLECK 2007, S.453). [2]
Versuchen wir HUGHES' Verwunderung zu verstehen und gehen dafür einige Jahrzehnte zurück ins Chicago um die Jahrhundertwende. Dort treffen wir eine Reihe erfindungsreicher SoziologInnen, deren Devise es war, sich vor der eigenen Haustüre umzusehen. Entdeckten sie einen soziologisch interessanten Gegenstand, dann entwickelten sie kurzum die zu ihm passenden Methoden. Zum Beispiel Jane ADDAMS und George Herbert MEAD in der legendären Hull House Siedlung, einem Wohnprojekt intellektueller AktivistInnen inmitten eines Chicagoer Armenviertels: Um Situation und Bedürfnisse ihrer NachbarInnen zu erfassen, konstruierten die beiden die sogenannten Hull House Maps, Stadtkarten, die soziale Lagen kartografieren (vgl. RESIDENTS OF HULL HOUSE 1895). Damit legten sie methodische Grundlagen für eine moderne Stadtsoziologie. In den nächsten Jahrzehnten setzte sich dieser pragmatische Pionier- und Erfindungsgeist (vgl. DELLWING & PRUS 2012, S.17ff.) fort. Weil sich in der Megacity Chicago drängende Fragen der noch jungen Soziologie gut studieren ließen, begaben sich die Forschenden hinaus in die empirische Welt und setzten dabei methodische Meilensteine. [3]
Von einer deutschen Empirie-Abstinenz wie 1948 kann heute kaum mehr die Rede sein. Auch methodisch ist die deutschsprachige Soziologie im Bereich der qualitativen Forschung längst den Kinderschuhen entwachsen und kaum mehr auf Importe aus den USA angewiesen. Insbesondere in den 1980er Jahren haben die Methoden in Deutschland eigensinnige Züge angenommen mit einer stärker hermeneutischen, gesprächs- und narrationsanalytischen Orientierung und dem Diktum der Sequenzanalyse (vgl. MAIWALD 2005; OEVERMANN, ALLERT, KONAU & KRAMBECK 1979, S.415; REICHERTZ 2004, §6). Ein prominentes Beispiel hierfür ist die aus der Grounded-Theory-Methodologie (GTM) heraus entwickelte Narrationsanalyse nach SCHÜTZE. Er verknüpfte Kernprinzipien der GTM (Modellbildung durch komparative Analyse, Interpretation in der Auswertungsgruppe u.a.) mit einem sequenzanalytischen Vorgehen und narrationsanalytischen Instrumenten.1) Auch vermittelt über die Konversationsanalyse Jörg BERGMANNs und durch die methodischen Vorschläge von Ulrich OEVERMANN und Hans-Georg SOEFFNER wurde die Sequenzanalyse in Deutschland prominent (vgl. KNORR CETINA 2012, S.85; REICHERTZ 2004, §6) und kann seither als ein wichtiger gemeinsamer Nenner der originär in Deutschland entwickelten qualitativen Methoden in der Soziologie gelten. Ein weiteres Beispiel für diesen distinkten "deutschen Weg" ist das an Karl MANNHEIMs dokumentarische Methode angelehnte Programm des Gruppendiskussionsverfahrens (BOHNSACK 1999), das in der US-amerikanischen Literatur zu focus groups oder group discussions keine echte Entsprechung findet und trotz englischsprachiger Publikationen (BOHNSACK, PFAFF & WELLER 2010; FLICK 2009) dort auch kaum rezipiert wird (vgl. HOLLANDER 2004; WALDEN 2012). Ähnliche Rezeptionsbarrieren lassen sich auch für andere in Deutschland geprägte Methoden beobachten (vgl. FLICK 2005, §44). [4]
Gemeinsame Publikationen und wechselseitige Bezüge finden sich am stärksten in der Grounded-Theory-Methodologie2) (GTM) (z.B. BRYANT & CHARMAZ 2010; CLARKE 2012; MEY & MRUCK 2011; MORSE et al. 2009). Auf eine Bekanntheit deutschsprachiger Methodenentwicklungen in den USA lässt auch das indes nicht schließen. Das transatlantische Verhältnis bleibt von einer – nicht nur sprachbedingten – einseitigen Rezeption geprägt. Das ist jedoch nicht mit einer affirmativen Aneignungsmentalität zu verwechseln. Paradigmatisch ist schon weit vor den 1980er Jahren das Zerwürfnis zwischen Theodor ADORNO und Paul LAZARSFELD um administrative research – ein frühes Zeugnis des Eigensinns deutschsprachiger Methodenentwicklung: Nachdem der Empirie-Novize ADORNO im Radioprojekt3) wegen seiner Theorielastigkeit aneckte, ging er bald offen in Opposition zu LAZARSFELD (siehe FLECK 2007, S.246ff. oder JUNG 2013). Seine intensive, aber kritische Auseinandersetzung mit der "empiristischen" Soziologie amerikanischer Prägung (vgl. WACQUANT 1996, S.56) legte erste Grundsteine für die Erkenntnislogik der späteren objektiven Hermeneutik (JUNG 2013). [5]
Man kann also sagen, dass den deutschsprachigen Raum ein Reichtum methodischer Innovationen kennzeichnet. Wie wir im vorliegenden Beitrag zeigen, sind bei aller Heterogenität innerhalb der Länder Spuren von HUGHES' Befremden angesichts divergenter methodischer Entwicklungen in Deutschland und den USA auch heute zu spüren – auf beiden Seiten. Gleichwohl zeigt der vergleichende Blick auch Gemeinsamkeiten, Dialog und geteilte Geschichte(n). [6]
Im Folgenden befassen wir uns mit der Gegenüberstellung von Tendenzen in der US-amerikanischen Methodenlandschaft mit Tendenzen der genuin in Deutschland entstandenen, "eigensinnigen" Methodendebatten, in deren Zentrum stark textzentrierte Methoden (narratives Interview, objektive Hermeneutik, dokumentarische Methode, hermeneutische Wissenssoziologie) stehen. In ersten empirischen Beobachtungen zu qualitativem Forschungshandeln in Deutschland und den USA4) haben wir im Stil der GTM heuristische Konzepte entwickelt, um Unterschiede in den Logiken der Wissensproduktion zu rekonstruieren. Wir bedienten uns in der Forschung an Kernprinzipien der GTM (GLASER & STRAUSS 1967): der Komparation, dem theoretical sampling sowie der Entwicklung und Verfeinerung von sensitizing concepts (BLUMER 1954, S.7) in einem iterativ strukturierten Forschungsprozess. Im Auswertungsvorgehen orientierten wir uns an den von Kathy CHARMAZ (2006, 2014) vorgeschlagenen Kodierschritten des open und focused coding. Letzteres diente uns zur Herausarbeitung der im Folgenden dargestellten sensitizing concepts. Gemäß unserem Verständnis von Daten als interaktiver Praxis ergänzten wir das analytische Instrumentarium um Prinzipien der Positioning-Analyse (DEPPERMANN 2013). Die Daten resultierten aus ExpertInnengesprächen, teilnehmenden Konferenz-, Kolloquien- und Seminarbeobachtungen an einschlägigen Universitäten in beiden Ländern unter Rückbezug auf Positionierungen und Darstellungskonventionen in der Methodenliteratur. Gemäß dem Datenverständnis der GTM – "all is data" (GLASER 2001, S.145) – wurden die unterschiedlichen Datenarten zur Theorieentwicklung iterativ-zyklisch aufeinander bezogen. Die Schriftquellen, Situationsbeobachtungen und Selbstaussagen wurden dabei als Dokumente einer zu rekonstruierenden Praxis erachtet, denn wissenschaftssoziologisch betrachtet ist wissenschaftliches Arbeiten – mit AMANN (1997), BECHER und TROWLER (2001) und KNORR CETINA (1988) – eine kontextgebundene, kulturelle Aktivität. [7]
Um die Besonderheiten der jeweiligen Methodenlandschaft nicht auszublenden, begrenzten wir die Beobachtungen und Interviews nicht auf die Untersuchung ein und derselben Methode in beiden Ländern, sondern haben ein breites Spektrum forscherischer Praxis von den hermeneutisch geprägten, textzentrierten Methoden (s.o.) über die GTM bis hin zu interaktionistischen und postmodernen Ethnografien berücksichtigt. In unserer Analyse trugen wir dabei einerseits der unterschiedlichen Relevanz bestimmter Methoden in den jeweiligen Ländern Rechnung: Wie schon erwähnt, sind die textzentrierten, sequenzanalytischen Methoden deutscher Provenienz in den USA kaum bekannt, Ethnografie hingegen ist in den USA viel breiter in der Soziologie verankert als in Deutschland, nicht zuletzt durch die Chicagoer Tradition sowie eigene Journals (Ethnography, Journal of Contemporary Ethnography). Andererseits betrachten wir auch nationale Eigenheiten in der Anwendung einzelner Methoden – etwa Binnendifferenzen in der Auswertungspraxis innerhalb der GTM (s.a. CHARMAZ 2014, S.328ff.) und der Ethnografie (s.a. KUSENBACH 2005). [8]
Der Vergleich zwischen zwei Ländern ist dabei Erkenntnisinteresse und methodisches Mittel zugleich. Als gut sozialisierte Sozialforscherinnen sind wir selbst indigen und verlieren die Selbstverständlichkeiten der eigenen Disziplin leicht aus dem Blick. Die komparative Analyse verschiedener Phänotypen des Forschens (vgl. BECHER & TROWLER 2001, S.43) schärfte unsere Aufmerksamkeit für Charakteristika der jeweiligen Praktiken – ganz gemäß der viel zitierten Formulierung von Everett HUGHES: "How is a priest like a prostitute?" (zit.n. STRÜBING 2008, S.23): Die Alterität des anderen wirft ein erhellendes Licht auf die Identität des eigenen. Des Weiteren geht es uns um Übersetzungsleistungen zwischen den nationalen Methodendebatten; die folgenden Analysen wollen einen Beitrag zu dieser interkulturellen Kommunikation leisten. [9]
Um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Blick zu nehmen, unterscheiden wir im Folgenden zunächst zwei Interaktionsprinzipien, die qualitative Erkenntnisprozesse strukturieren: engaging (Praktiken der Konstruktion von Nähe) und observing (Praktiken der Konstruktion von Distanz) (Abschnitt 2). Diese Kategorien sind nicht als Ergebnis, sondern als Instrument der Analyse zu verstehen und somit keine Typologie, sondern Idealtypen im WEBERschen Sinne (WEBER 1988 [1904]) bzw. sensitizing concepts (BLUMER 1954, S.7), die aus ersten Erhebungswellen mit maximalen Kontrasten zwischen stark textzentrierten und stark erhebungszentrierten Methoden hervorgegangen sind. Als analytische Dichotomie folgen die beiden Konzepte einer fraktalen Logik5): Sie lassen sich als Gegensätze zwischen nationalen Praktiken unterscheiden, aber je nach Fokus der Betrachtung kann man sie auch zur Differenzierung zwischen methodischen Schulen innerhalb eines Landes oder zwischen Phasen eines Forschungsprozesses heranziehen. Denn engaging ist in allen Forschungsprozessen ein untrennbares Pendant zu observing. Wir verwenden die Unterscheidung im Folgenden, um konträre Muster der Wissensproduktion in der US-amerikanischen Tradition einerseits und den in Deutschland entwickelten Methoden andererseits zu charakterisieren. Das führt uns zur These einer De- und Rekontextualisierung von amerikanischen Wissenspraktiken in der deutschsprachigen Rezeption (Abschnitt 3) – ein Prozess, der Missverständnisse hervorrufen kann, aber auch innovatives Potenzial birgt (Abschnitt 4). Um aus der Differenz Positives zu schöpfen, wird abschließend diskutiert, dass ein vergleichender empirischer Blick auf die Praktiken der Wissensproduktion von großem Nutzen sein kann. [10]
Die Kategorie engaging bezeichnet Interaktionsmuster, die Nähe zwischen Forschenden und ihrem Gegenstand herstellen und diese Nähe auch als elementaren Teil der Erkenntnisproduktion sichtbar machen. Zwei Formen von engagement, die aber oftmals koinzidieren, sind zu unterscheiden: 1. engagement als gesellschaftspolitische Intervention durch Forschung und 2. engagement als Involvierung ins Untersuchungsfeld im Vollzug der Forschung. Um die Prominenz dieses Interaktionsmodus in den USA verständlich zu machen, blicken wir noch einmal zurück nach Chicago um 1900, einem der bis heute wichtigsten Bezugspunkte der amerikanischen Sozialforschung (siehe u.a. DELLWING & PRUS 2012; DENZIN 1992; FLECK 2007; KELLER 2012). [11]
Zum Gründungsmythos der amerikanischen Soziologie gehörte, von den Chicagoer Pragmatisten John DEWEY (2008 [1937]) und George Herbert MEAD (1964 [1930]) emphatisch beschrieben, der Pioniergeist der amerikanischen SiedlerInnen in den menschenleeren Weiten des Westens, der Raum für all jene bot, die mutig und erfindungsreich waren (vgl. DELLWING & PRUS 2012). Der American character sollte die philosophische Auffassung begründen, dass Wissen und Handeln ausschließlich problembezogen und keiner anderen Moral als dem kooperativen Engagement für das Gemeinwohl verpflichtet seien (vgl. (MEAD 1964 [1930]). Das Prinzip, alles Handeln als Problemlösen zu verstehen, wurde zur erkenntnis- und gesellschaftstheoretischen Losung des amerikanischen Pragmatismus und zum Lebensmodell der Generation vor der sogenannten ersten Chicago School (DEEGAN 1988): Waren Charles S. PEIRCE Beiträge zur Theorieentwicklung noch von primär sozialphilosophischer Natur, unterschied sich die Intellektuellengruppe um John DEWEY, George Herbert MEAD und Jane ADDAMS darin, dass diese ihre eigenen philosophischen Überlegungen nur dann als sinnhaft begriffen, wenn sie zu praktischen Konsequenzen führten, deren Realisierung sie selbst als Personen vorantrieben (DEEGAN 1988). Zentraler Ort ihres Wirkens war neben der Universität Chicago auch Hull House, das eingangs genannte Siedlungsprojekt inmitten eines Armenviertels, das sie zeitgleich zu erforschen und sozialpolitisch zu gestalten suchten (a.a.O.). Das geteilte Ziel dieser frühen PragmatistInnen war gelebte Demokratie. Mit DEWEYs Worten gesprochen, bot Amerika für sie vor allem eines: "boundless opportunity for all" (2008 [1937], S.248) – einen unendlichen Gestaltungsraum.6) [12]
Dieses politische Engagement ist seit der ersten Generation der Chicago School heftig umstritten: Teile der amerikanischen Soziologie distanzierten sich bewusst von diesem ausdrücklichen gesellschaftspolitischem Impetus sozialwissenschaftlicher Forschung. Entscheidend für die Abwendung der Soziologie von den Anliegen des doing good waren Robert Ezra PARK und Ernest BURGESS (DEEGAN 1988; KELLER 2012; LINDNER 2004). Sie forderten in den 1920er Jahren eine neue Soziologie, die einen amoralisch sezierenden Blick auf die dunklen, unbekannten Seiten der Stadt werfen sollte (LINDNER 2004) und schlossen so ihrerseits wieder an den Mythos der Pioniere, Abenteurer und Entdecker an.7) Doch nicht aus der Distanz, sondern mit größtmöglicher Nähe galt es, diese Lebenswelten zu erkunden: Der Chicago touch lebte von der Intimität mit dem Gegenstand. Hiermit wird neben bzw. nach dem gesellschaftspolitischen Anspruch eine zweite Form des engagement prägend für die Methodenentwicklung in der US-amerikanischen Soziologie: Erkenntnisproduktion setzt bei der leiblichen, persönlichen Involvierung ins Feld an. PARK, ein Schüler des Pragmatisten William JAMES, machte wie schon DEWEY und MEAD vor ihm explizit Alltagserfahrungen zum Ausgangspunkt der Erkenntnis. Er und seine KollegInnen förderten konsequent die Inklusion von Insidern und sogenannten "Halfies" (ABU-LUGHOD 1991, S.137f.) in die Wissensproduktion. Halfies sind sowohl Teil der Forschungsgemeinschaft als auch indigene Mitglieder der Gruppe, die sie beforschen. Ein frühes und berühmtes Beispiel ist Nels ANDERSON, der 1923 als ehemaliger Wanderarbeiter die Ethnografie "The Hobo" (2006 [1923]) verfasste (vgl. INOWLOCKI, RIEMANN & SCHÜTZE 2010; LINDNER 2004; SALERNO 2004, S.2f.). Die Privilegierung erfahrungsgebundenen Wissens ist heute zu einem wichtigen methodologischen Prinzip der postmodernen Soziologie avanciert und spiegelt sich auch in institutionellen Strukturen an nordamerikanischen Universitäten: Black studies, Chicano studies8), disability studies, women's studies – eine Karriere in diesen Disziplinen setzt eine Zugehörigkeit zur jeweiligen Identitätskategorie beinahe voraus. Bei den nahezu segregierten Studiengängen und Instituten handelt es sich heute entsprechend um eine institutionalisierte Praxis der Förderung von doppelter (bzw. jeweils halber) Mitgliedschaft. Diese Identitätspolitik ist sicherlich als eine Antwort auf die Fragen der in den USA umfassend geführten writing culture-Debatte in den 1980er Jahren zu interpretieren (CLIFFORD & MARCUS 1986; vgl. auch BEHAR & GORDON 1996). In deren Zentrum stand die Frage, wer warum legitim über wen etwas aussagen dürfe, und zweifellos besteht mit der Formel "nur Gruppenangehörige dürfen für die Gruppe sprechen" eine Möglichkeit, den kolonialisierenden Diskursen über die eigene Lebenswelt durch Fremde die Stirn zu bieten (vgl. ABU-LUGHOD 1991). Das Verständnis der Gleichwertigkeit aller Wissensformen ist elementarer Ausgangspunkt des auf gegenseitiger Anerkennung fußenden demokratischen (Wissenschafts-) Projekts. [13]
Allerdings wäre es weit gefehlt, von einer egalitären Partizipation aller an der akademischen Wissensproduktion zu sprechen. Obwohl in der urban sociology seit jeher das Wissen von Insidern hoch geschätzt wurde, waren und sind es weiße Männer, die diese Disziplin am prominentesten vertreten und insbesondere schwarze Delinquenten und Underdogs repräsentieren – mit denen sie weder Klasse noch Rasse, jedoch das Geschlecht verbindet (z.B. BOURGOIS 2003; DUNEIER 1992; VENKATESH 2008; WACQUANT 2006, 2009). Ethnografische Autorität wird in einer solchen "sociology noir" (SALERNO 2004, 2007) unter anderem durch die Selbststilisierung in der Figur des Helden hergestellt (vgl. HARTMAN 2007; SONTAG 1994 [1963]). Der Held scheut keine Gefahren und körperlichen Blessuren, um sich den Respekt und das Vertrauen der Beforschten zu verdienen und wird so symbolisch "einer von ihnen". Loïc WACQUANT (2006, 2009, 2011) zum Beispiel lässt sich als Preisboxer die Nase brechen und wird schließlich in einem schmerzhaften Initiationsritual in die Riege der schwarzen Boxer im Chicagoer Getto aufgenommen; von der Trainer-Legende Deedee, wie er schreibt, adoptiert. [14]
Ob die Figur des Halfies oder die des Heldens – beides sind Repräsentationspraktiken, die Nähe zum Gegenstand ins Zentrum soziologischer Wissensproduktion stellen. In ihnen kommt zum einen ein invasives, engagiertes Wissenschaftsverständnis zum Ausdruck, das sich der Demokratisierung aller Lebensbereiche verschreibt. Forschende werden darin zu AgentInnen eines sozialen Wandels, sie machen Lebenswelten unterprivilegierter Gruppen von innen heraus sichtbar, verleihen ihnen im Sinne des voicing eine Stimme; eine Position, die heute alles andere als marginal ist, wird sie doch unter anderem vom gegenwärtigen Präsidenten der American Sociological Association offensiv vertreten (FEAGIN 2001). Zum anderen ist die Involvierung ins Feld eine notwendige Bedingung dieser Art von Geltungsansprüchen für sozialwissenschaftliches Wissen und überdies ein wichtiges Erkenntnisprinzip, ganz unabhängig von politischen Positionierungen. [15]
Da Geltungsansprüche über Nähe erfolgreich untermauert werden, schöpfen Ethnografien, aber auch US-amerikanische Interviewstudien die Erkenntnisse schwerpunktmäßig aus der Erhebung selbst – ohne eine explizite Beschreibung von Auswertungspraxis. An Publikationen ist das zwar nur bedingt abzulesen, da die wissenschaftlichen Verlage in den USA stark redaktionellen Einfluss nehmen und häufig dazu drängen, auf methodische Ausführungen zu verzichten oder diese in den Appendix zu verbannen.9) Es zeigt sich aber auch bei Tagungsbeiträgen, in denen kaum Einordnungen der Auswertung vorgenommen werden. Bei Panels, die qualitativen Studien gewidmet sind, ist Auswertung im Sinne systematischer und begründeter Verfahrensschritte kein Thema. Von uns danach gefragt, beschreibt eine vortragende Ethnografin bei einer Tagung der Pacific Sociological Association, wie sie ihre Daten und Memos am Schreibtisch zu immer neuen Collagen umsortiert. Sie verortet sich nicht im Sinne eines bestimmten Auswertungsverfahrens, und dies wird auch vom Fachpublikum nicht eingefordert. Auswertungsstrategien werden, wenn sie überhaupt zur Sprache kommen, flexibler, offener und weniger begründungspflichtig präsentiert. Zum Teil liegt das an der Bedeutung der Ethnografie in den USA, die seit der frühen Chicago School das dort wohl wichtigste qualitative Forschungsverfahren der Soziologie ist. Manchmal wird der Begriff Ethnografie auch synonym für qualitative Forschung verwendet (FLICK 2005, §30) oder gilt als das übergeordnete Forschungsprogramm, in das man qualitative Verfahren wie Interviewforschung, Fallstudien und GTM integrieren kann (vgl. KUSENBACH 2005).10) [16]
Überaus sichtbar wird auf solchen Tagungen hingegen die exponierte Rolle des Forschers bzw. der Forscherin als körperlich involviertes Erkenntnissubjekt: Bei fast allen von uns in den USA beobachteten Vorträgen kommt in der Diskussion routiniert die soziale Identität und Rolle der Forschenden im Feld zur Sprache – eine in Deutschland selten so öffentlich geführte Diskussion.11) Wie haben sich race, class und gender der Forschenden auf den Erkenntnisprozess ausgewirkt?12) Problematisiert wird dabei eine mögliche soziale Distanz zwischen Forschenden und Beforschten, die das echte Eintauchen ins Feld verhindern könnte. Kritische Diskussionen über zu große Nähe hingegen bleiben eine diskursive Leerstelle. Ähnliches beobachteten wir in einem Seminar für PhD-Studierende an einer Chicagoer Universität: Der Dozent forderte die Studierenden auf, bei der Wahl ihrer Forschungsfragen nie ihre "Leidenschaft" für ein soziales Anliegen aus den Augen zu verlieren. Intensive persönliche Involvierung und Wissenschaft? Im Erkenntnisstil des engaging kein Widerspruch. [17]
Die Priorisierung der Erhebung gegenüber der Auswertung zeigt sich auch in Debatten um die Güte von Forschungsergebnissen, zum Beispiel in den Kriterien für gute Forschung, zusammengefasst von ADLER und ADLER (1995, S.20ff.), den langjährigen HerausgeberInnen der Zeitschrift Journal of Contemporary Ethnography: Hier werden die Tiefe der Datenerhebung und die Art der Präsentation, nicht aber Auswertung oder Analyse als eigene Schritte thematisiert. Folglich ist an vielen US-amerikanischen Universitäten die ethnografische Schreibwerkstatt ein typisches kollektives Setting der Interpretation, um persönliche Erfahrungen der Forschenden in einen erzählenden und/oder analytischen Text zu transformieren. Die regelgeleitete Arbeit an einem schriftlichen Gesprächsprotokoll hat darin einen untergeordneten Stellenwert. Das Schreiben schließt gleichsam unmittelbar an das Erleben an. PhD-Studierende an mehreren unserer Forschungsstandorte berichten, dass sie kaum Hilfestellungen für das Analysieren ihrer Daten erhalten – sondern vielmehr den Hinweis, ausreichend viele und ausreichend tiefgehende Daten zu produzieren. Die Schreibwerkstatt gibt somit einen Hinweis auf die Praktiken, die wir mit der heuristischen Kategorie engaging charakterisieren. Lisa WADEs Ethnografie über den Tanz Lindy Hop veranschaulicht prägnant einige Charakteristika dieser Schreibpraxis, die Erfahrung und Leiblichkeit betonen:
"As the start of this inquiry I had been dancing lindy hop intensely for three years. My dancing, then, was one mode of data collection. My ability also offered me some cultural capital with my informants and the ability to interpret and make insights available only to those whose body has achieved a high level of specialization" (2011, S.228). [18]
Der Körper der Forscherin tritt als Instrument der Datenerhebung in Erscheinung. WADE betont die Dauer und Intensität ihrer Beziehung zu den Beforschten und zum Gegenstand. Sie präsentiert ihre Involvierung ins Feld nicht etwa wie ein verschämtes Geständnis, sondern als Quelle der Erkenntnis und als Ausweis der Qualität ihrer Forschung. Paradigmatisch für diesen Stil ist auch die oben erwähnte Forschung WACQUANTs (2006) über das Boxen als soziale Praxis im Getto Chicagos. Hierfür wird er selbst Preisboxer und kokettiert sogar damit, seine Laufbahn als Soziologe zugunsten dieser Karriere ganz aufzugeben. Der Akzent der soziologischen Deutungsarbeit liegt deutlich auf der Erhebung, oder genauer gesagt: Erhebung und Auswertung sind überhaupt nicht zu trennen. Interpretationen vollziehen sich im gesamten Prozess einer Forschung, im kontinuierlichen Teilnehmen, Beobachten, Interviewen und Schreiben – und nicht in einer hermetisch abgetrennten, methodisch kontrollierten Auswertung zuvor erhobener Daten (vgl. ADLER & ADLER 1995, S.20ff.; CHARMAZ & MITCHELL 2010, 161f.; s.a. AMANN & HIRSCHAUER 1997, S.29ff.; STRÜBING 2013, S.71f.). Das kann so weit gehen, dass Personen, die nicht selbst im Feld waren, keinerlei Deutungsmacht beanspruchen dürfen, wie eine Studie von BROOM, CHESHIRE und EMMISON (2009) nahe legt: Die AutorInnen identifizieren "going it alone" (S.1171) als Ideal qualitativer Forschung, das den gesamten Prozess der Wissenskonstruktion holistisch in die Hände einer (leiblich erfahrenden) Person legt.13) [19]
Die beschriebenen Praktiken sind nicht als der amerikanische Forschungsstil per se zu verstehen und finden sich wie erwähnt selbstverständlich auch in deutschen Kontexten. Sie sind aber charakteristisch für Ethnografien und Interviewstudien US-amerikanischer Provenienz und korrespondieren mit methodologischen Glaubenssätzen: Während die im Folgenden beschriebenen rekonstruktiven Verfahren die Ordnung der Welt in geordnete Methoden zu überführen versuchen, stellen theoretische Bezüge in der US-amerikanischen Sozialforschung (insbes. in der Tradition des amerikanischen Pragmatismus und des Postkolonialismus) die Möglichkeit kohärenter Erklärungen in einer "Welt in Stücken" (GEERTZ 2007) viel stärker infrage (vgl. ATKINSON 2005). Sie betonen die Prozesshaftigkeit bzw. Fragmentiertheit sozialer Wirklichkeiten. Einige Forschungsstile nutzen hierzu literarische und künstlerische Genres der Darstellung (vgl. JONES et al. 2008) – insbesondere bei Norman DENZINs jährlichem Congress of Qualitative Inquiry und in den von ihm herausgegebenen Handbooks (u.a. DENZIN & LINCOLN 2005) und Journals (International Review of Qualitative Research). ATKINSON (2005) diagnostiziert in diesem Zusammenhang eine postmoderne Beliebigkeit, die in einer anti-methodischen Grundhaltung kulminiere, und BOHNSACK (2010, S.102) identifiziert den Subjektivismus als leitende Überzeugung der qualitativen Forschung in den USA. Treffender als die despektierlichen Attribute "subjektivistisch" oder "beliebig" erscheint uns die Formulierung "erfahrungsbezogen". Als gemeinsamen epistemologischen Nenner verschiedener Forschungsverfahren kann man hier Standpunktepistemologien bzw. epistemologies of the opressed (z.B. AU 2007; SULLIVAN & TUANA 2007) identifizieren: Alle Formen des Wissens gelten als basierend auf Erfahrungen, die von sozialen Standpunkten aus gemacht werden, und eine Vereinnahmung unterdrückter Standpunkte durch einen wissenschaftlichen "Blick von oben" ist potenziell ein Akt der Unterdrückung. So handelt sich beispielsweise der weiße Soziologe WACQUANT bei einer öffentlichen Präsentation die Entrüstung seines akademischen Publikums ein, als er den schwarzen Dialekt seiner Informanten imitiert.14) Es steckt mehr dahinter als ein Verstoß gegen Political Correctness, es geht auch um erkenntnistheoretische Prämissen der Repräsentation. John DEWEY machte Erfahrung zum Schlüsselbegriff des amerikanischen Pragmatismus – man kann ihn durchaus als Standpunkttheoretiker lesen (SEIGFRIED 1996, 2002; SULLIVAN 2001).15) PARK und seine Kollegen haben street wisdom als Quelle soziologischen Wissens propagiert und unter Studierenden gefördert (vgl. INOWLOCKI et al. 2010). Streetwise ist bis heute ein geflügeltes Wort der urban ethnography (vgl. ANDERSON 1992). Dieses Erbe des amerikanischen Pragmatismus zeigt sich sowohl in der Ethnografie als auch in der GTM und in Interviewstudien darin, dass Wissensbestände von Beforschten sehr ernst und oftmals wörtlich genommen werden – wobei sich Letzteres auf die oft wenig elaboriert wirkenden Auswertungsverfahren auswirkt (ATKINSON 2005; ATKINSON & SILVERMAN 1997). Einige postmoderne und feministische Strömungen sehen im voicing unterdrückter Positionen den Ausgangspunkt für jede kritische Gesellschaftsbeschreibung (HARDING 1993). So sind qualitativ Forschende in den USA insgesamt sehr stark primären Sinnstrukturen verpflichtet, die analytisch oftmals eng an den Selbstbildern der Beforschten und deren wortwörtlichen Selbstaussagen bleiben (vgl. "face value", ATKINSON 2005, §8; BOHNSACK 2010, S.102; DENZIN 1992, S.23). Nicht Distanz, sondern Nähe zum Gegenstand, zu den Beforschten und deren Erfahrungen, ist dabei das Schlüsselprinzip soziologischer Erkenntnis. Wie im Folgenden herausgearbeitet wird, spielen demgegenüber in der deutschsprachigen Soziologie Auswertungsverfahren eine wichtige Rolle, die der analytischen Überwindung gerade jener primärer Sinnstrukturen dienen. [20]
Als observing bezeichnen wir ein Interaktionsmuster, das die Forschenden in einer Position der Distanz zu ihren Forschungsgegenständen verortet. Anzeichen einer solchen Positionierung finden wir in den in Deutschland entwickelten und geprägten Methoden zum Beispiel in der Prominenz von Auswertungspraktiken. Bei allen Differenzen einzelner Schulen – die regelgeleitet praktizierte Datenanalyse, idealerweise in der Interpretationsgruppe, ist eine weit verbreitete Kulturtechnik des Forschens (vgl. DAUSIEN 2007; REICHERTZ 2013a; SCHÜTZE 2008). Hier werden wörtlich transkribierte Gesprächs- (manchmal auch Beobachtungs-, Video- oder Bild-) Daten gemeinsam, gemäß den Schritten einer Auswertungsmethodik, z.B. sequenzanalytisch, verlangsamt und datenzentriert interpretiert (vgl. KRUSE 2014; MAIWALD 2005; REICHERTZ 2004, §26). Je nach Methode wird reglementiert, was wann über die Daten gesagt werden darf.16) Diese kollektive Technik wird im Forschungsalltag, in Seminaren, Kolloquien und jährlich auf den großen überregionalen Methodenworkshops praktiziert. Jahr für Jahr strömen NachwuchswissenschaftlerInnen in Deutschland zu extracurricularen Veranstaltungen,17) auf denen sie vor allem eines zu lernen hoffen: Eine methodisch saubere Auswertungstechnik, die i.d.R. von engagierten und reputierten methodischen Autoritäten vermittelt wird. Eine allgegenwärtige Frage bei diesen Veranstaltungen, gleich welchen Verfahrens, ist: "Darf ich das?" Legitime Praktiken der Interpretation werden hier nicht nur gelernt und geübt, sondern auch ko-konstruktiv definiert.18) [21]
Es ist gibt mittlerweile punktuell empirische Erkenntnisse über den Prozess der Wissenskonstruktion in Interpretationsgruppen (MEYER & MEIER ZU VERL 2013; REICHERTZ 2013a). Für die deutsche Methodenlandschaft ist gerade wegen der Verbreitung dieser Praxis eine große Heterogenität festzustellen mit vielen Kontinuitäten insbesondere zur Praxis der GTM in den USA (RIEMANN 2011; SCHÜTZE 2008) – schließlich hat die "typisch deutsche" Auswertungsgruppe wichtige Wurzeln in San Francisco (GTM) und in Los Angeles (Ethnomethodologie). Im vorliegenden Beitrag möchten wir die Praktiken von Auswertungsgruppen nicht im Detail untersuchen, sondern stattdessen das Phänomen textzentrierter Auswertung als Beispiel für soziologische Forschungspraktiken behandeln, die eine beobachtende Distanz (observing) zwischen Forschenden und Beforschten herstellen – Praktiken, die im deutschsprachigen Raum eine wichtige Funktion für die Legitimierung von qualitativen Forschungsergebnissen haben. [22]
Mit der Kategorie observing beschriebene Praktiken stellen wiederum nicht die deutsche Methode im Sinne eines nationalkulturellen Stereotyps dar (vgl. BECHER & TROWLER 2001, S.44). Sie sind aber durchaus charakteristisch für in Deutschland entwickelte und prominente Verfahren (s.a.o.) – z.B. das narrative Interview, die dokumentarische Methode, die hermeneutische Wissenssoziologie und die objektive Hermeneutik –, Verfahren die von einigen unter dem Begriff "rekonstruktive Methoden" zusammengefasst werden (BOHNSACK 1999, 2011; KRUSE 2014; PRZYBORSKI & WOHLRAB-SAHR 2013).19) Distanz im Sinne des observing ist keine innere Haltung, sondern ein Produkt von konkreten Arbeitspraktiken, wie etwa der Sequenzierung von Arbeitsschritten: So wird im deutschsprachigen Raum aufgrund der großen Bedeutung stark textzentrierter methodischer Verfahren meist deutlich zwischen Datenerhebung und -auswertung als zwei unterschiedlichen Phasen unterschieden (vgl. HIRSCHAUER 2001, S.435). Die interpretative Leistung der Forschenden wird dabei auf die Auswertung verschoben (vgl. DEPPERMANN 2013, §26). Wie AMANN und HIRSCHAUER (1997, S.29ff.) schreiben: Diese Art der Analyse legt den Schwerpunkt auf das "Lesen" schriftlich fixierter Daten. Der Prozess der Erhebung ist, verglichen mit der Auswertung, kurz und wird häufig an Dritte delegiert, etwa an Hilfskräfte oder Studierende. In manchen Verfahren ist die personelle Trennung von Erhebung und Auswertung sogar Pflicht (vgl. REICHERTZ 2013a, S.56), um die persönlichen und spontanen Eindrücke, die während der Tätigkeit des Interviewens entstehen, aus der Auswertung herauszuhalten. Eine sequenzanalytische Auswertung im strengen Sinne, die Gesprächs- bzw. Handlungsabläufe Schritt für Schritt rekonstruiert, muss das Vorgreifen auf später stattfindende Sequenzen verbieten (vgl. BERGMANN 1985, S.313; MAIWALD 2005). Das Mehr-Wissen und unweigerliche Vorgreifen der InterviewerInnen bricht mit der sequenziellen Logik und schadet in diesem Verständnis potenziell dem Auswertungsprozess. Die Erhebung ist folglich auch nicht mit Ansprüchen auf AutorInnenschaft für Ergebnisse verbunden und kann somit kaum im Kern von Forschungsarbeit verortet werden. Die Interpretation lässt sich vom Leib des "Zeugen" bzw. der "Zeugin" im Feld lösen.20) [23]
Von dieser Beschreibung auszunehmen sind im Prinzip die Ethnografie mit ihrem simultanen und die GTM mit ihrem iterativen Verschränken von Erhebung und Auswertung – in diesen nicht genuin in Deutschland entwickelten Methoden ist jedoch die Orientierung an US-amerikanischen Forschungsprogrammen groß. Für deutsche Variationen, z.B. die lebensweltliche Ethnografie (HONER 2007), lässt sich wiederum eine relativ rigide Positionierung bezüglich der Passung von Erhebung, Art der Daten und Auswertungsmethodik feststellen. Auch spielt in deutschsprachigen Ethnografieworkshops die textzentrierte Arbeit an zeilennummerierten Beobachtungs- oder Gesprächsprotokollen eine erhebliche Rolle. Beides dokumentierte sich deutlich in den von uns beobachteten Seminaren und Kolloquien. [24]
Doch vor allem die oben genannten, in Deutschland entwickelten methodischen Schulen definieren sich stark über die Kanonisierung von Auswertungsprozeduren, die strikt reglementiert und langwierig sind. In solchen sequenzierten Forschungsprozessen ist ein zeilennummeriertes Transkript eines der wichtigsten Artefakte, denn es ermöglicht die Rückbindung von Interpretationen an eine fixierte Datenbasis (BERGMANN 1985). Es schafft ein "neues Original" der untersuchten Situation, hinter das die Forschenden nicht mehr zurückgehen (müssen), und auf das sie sich bei allen weiteren Verfahrensschritten beziehen können (vgl. HIRSCHAUER 2001, S.434f.). Mit dem Transkript liegt der Gegenstand also in hochgradig objektivierter Form vor und kann in aller Ruhe, allein oder in der Auswertungsgruppe, seziert werden. Voreilige Schlüsse, die der Alltagsintuition oder dem eigenen Vorwissen entspringen, sollen dabei unter großem Aufwand vermieden werden. [25]
Der Distanz zwischen Forschenden und Beforschten wird ein zentraler epistemischer Stellenwert zugeschrieben: Den textzentrierten, rekonstruktiven Methoden liegt eine geteilte Vorstellung davon zugrunde, wo der Sinn in den Daten zu suchen sei. Grundannahme ist die Unterscheidung zwischen erstens den primären Sinnkonstruktionen der Beforschten und zweitens deren lebensweltlichen oder sozialstrukturellen Bedingungen (BOHNSACK 2011). Primäre Sinnkonstruktionen sind die eigenen Deutungen der AkteurInnen. Doch sie sind lediglich oberflächliche Ausdrucksgestalten einer tiefer liegenden Ebene: Das "soziologische Geheimnis" muss "hinter" den sichtbaren Phänomenen aufgespürt werden (AMANN 1997, S.304) – eine stark durch die deutschsprachige Hermeneutik geprägte Perspektive (z.B. DILTHEY 2004 [1900]). So ist es für rekonstruktiv Forschende tabu, die primären Sinnstrukturen der sozialen AkteurInnen einfach zu reproduzieren und ihre Aussagen "wörtlich" zu nehmen (z.B. MEUSER 1998, S.180). Sie müssen diese "durchschauen" (AMANN 1997, S.304), situieren und erklären und somit Sinnstrukturen zweiter Ordnung erzeugen (BOHNSACK 2011; REICHERTZ 2004). Distanznahme ist hierfür unerlässlich. [26]
Unklar bleibt im Forschungsstil des observing hingegen oftmals der Umgang mit Nähe: Über die Beziehung der Forschenden zu ihrem Gegenstand und den Beforschten erfahren wir fast nichts. Ohne Frage gibt es auch in der deutschsprachigen Forschung Reflexionen über diese Beziehung (vgl. MRUCK, BREUER & ROTH 2002; ROTH, BREUER & MRUCK 2003), ganz besonders in reflexiven Ansätzen innerhalb der psychologisch bzw. ethnopsychoanalytisch orientieren GTM (z.B. BREUER 2010; BREUER, MEY & MRUCK 2011) und in durch die Krise der Repräsentation (BEHAR & GORDON 1996; CLIFFORD & MARCUS 1986) geprägten Varianten der Ethnografie. Bemerkenswert ist jedoch, dass die darin vorgeschlagenen Praktiken von anderen textorientierten Verfahrensschulen kaum rezipiert oder angewandt werden (u.a. BOHNSACK, PFAFF & WELLER 2010; OEVERMANN et al. 1979; SCHÜTZE 1983; SOEFFNER 1989). Von einem geteilten Common Sense, in dem Selbstverortung und Beziehungsthematisierung selbstverständlich sind, kann keine Rede sein. Einige AutorInnen stellen in diesem Zusammenhang fest, dass in den USA geprägte Formen der Selbstreflexion und -thematisierung kaum Eingang in die deutschsprachige Soziologie gefunden haben – teils mit Bedauern (PLODER 2013; WINTER 2011), teils mit Erleichterung (KELLER 2014). In der Tat fiel die große "Krise der Repräsentation", die in den 1980er Jahren die nordamerikanische Sozialforschung konstruktiv verunsicherte und neue, teils anti-methodische Entwicklungen anstieß (s.o.), in Deutschland in eine Phase gerade beginnender Konsolidierung (vgl. FLICK 2005). Zudem kamen viele Argumente dieser Methodenkritik zunächst aus der anthropologischen Ethnografie (BEHAR & GORDON 1996; CLIFFORD & MARCUS 1986), die in den USA der Soziologie methodisch viel näher steht als in Deutschland: Die Methode der Ethnografie hat als soziologisches Verfahren in Deutschland niemals eine vergleichbare Rolle gespielt wie in den USA. [27]
Ohne sich von der Krise allzu sehr berühren zu lassen, beschritt die deutschsprachige Soziologie eigene Wege der Etablierung in der soziologischen scientific community. Die Konsolidierungsbemühungen der nächsten Jahrzehnte stützten sich stark auf eigene erkenntnistheoretische Überlegungen und setzten auf die legitimierende Kraft theoretischer Bezüge (vgl. HIRSCHAUER 2008; KALTHOFF, HIRSCHAUER & LINDEMANN 2008). In der nunmehr ausgeprägten methodischen Vielfalt bleiben Theorien somit in der Hierarchie soziologischer Wissensproduktion ganz weit oben, ähnlich wie es schon HUGHES 1948 erlebte. So sind die seit den 1980er Jahren in Deutschland entwickelten Methoden durchweg durch elaborierte theoretische Programme fundiert, die dem konkreten methodischen Vorgehen je ein theoretisches Modell der Ordnungsstruktur der sozialen Welt zugrunde legen (vgl. ATKINSON 2005) – FLICK (2005, §43) spricht mit Blick auf die deutschen hermeneutischen Verfahren von einem methodologischen Purismus. Wer in diesem wissenschaftlichen Kontext entweder den Befragten auf den "Leim" der primären Sinnkonstruktion geht oder wer sich über die "Prämissen und Ablaufstrukturen" der methodischen Deutungsarbeit "keine Rechenschaft auferlegt" (SOEFFNER 1989, S.53), handelt sich schnell den Vorwurf eines naiven Empirismus ein – den einige europäische Autoren ja auch mit Blick über den Atlantik formulieren (ATKINSON 2005; BOHNSACK 2010; s.a. WACQUANT 1996, S.56). [28]
Als Norman DENZIN zum Konferenzbeginn in den vollen Tagungsaal "We are a growing concern" hineinschmetterte und dabei mit Kampfespose die Faust reckte, schallte ihm ein stürmischer Zwischenapplaus entgegen. Es war der Auftakt einer Konferenz im Mai 2012 in Urbana-Champaign (Illinois), bei der sich die Teilnehmenden – wissenschaftsanthropologisch gesprochen (vgl. BECHER & TROWLER 2001; TROWLER, SAUNDERS & BAMBER 2012) – in verschiedenen Ritualen einer spezifischen kollektiven Identität versicherten: der eines forschenden Aktivismus. In ihrem Zentrum steht die Beschwörung einer gemeinsamen Mission für soziale Gerechtigkeit und damit verbunden das Selbstbild, zugleich wissenschaftliche wie soziale Bewegung zu sein (vgl. FEAGIN 2001; PASCALE 2011). Die Botschaft richtete sich auch an all jene außerhalb der Mauern des Kongressgebäudes: Für die Unterdrückten (the oppressed) setzte sie das Zeichen, auf eine sich solidarisierende Forschungsbewegung hoffen zu können, den zum Teil noch immer positivistischen Idealen anhängenden KollegInnen galt der Ausruf als Proklamation, mit dieser zunehmend relevanten epistemologischen Kraft rechnen zu müssen. [29]
Eine vergleichbar interventionistische Positionierung wäre auf einer deutschen Methodentagung wenig vorstellbar. Im Juli 2013 eröffnete Günter MEY das für den deutschsprachigen Raum einschlägige Berliner Methodentreffen mit der an einen Vortragenden gerichteten Bitte, seine Zustandsbeschreibungen zur Verfasstheit der qualitativen Methodenlandschaft mit durchaus kritischer Brille anzugehen. Gemünzt war dies im Hinblick auf die Sorge, die Forschenden könnten vor lauter florierender Entwicklung qualitativer Ansätze ihren methodenreflexiven Blick verlieren (MEY 2013). Tatsächlich lässt sich in der Tradition des Berliner Methodentreffens ein roter Faden identifizieren, der im Aussprechen von Appellen zur kritischen Selbstreflexion besteht. Das bezieht sich einerseits auf die Notwendigkeit, sich elaborierter Methoden zu bedienen und andererseits auf das Gütekriterium, eine methodisch kohärente Forschung zu realisieren. [30]
Ein gemeinsamer Bezugspunkt in beiden Szenerien ist die tiefe Verwurzelung qualitativer Methoden in dem von PEIRCE, JAMES und DEWEY geprägten amerikanischen Pragmatismus. Explizit wurde das bspw. bei der eröffnenden Mittagsvorlesung des Berliner Methodentreffens im Jahr 2011. Dort vertrat Rainer DIAZ-BONE die Position, dass die Kohärenz zwischen Theorie, Methodologie und methodischem Instrument ausschlaggebend für die Qualität einer Forschung sei (s.a. DIAZ-BONE 2011) und identifizierte die "performative Methodologie des Pragmatismus" (§7) als geteilten Bezugsrahmen mehrerer aktueller Methodologien. Dabei stützen unsere ersten Beobachtungen die These einer auffallend unterschiedlichen Bezugnahme auf dieses theoretische Erbe in den beiden Länderkontexten, die auch in den oben skizzierten Praktiken ihre Ausdrucksformen findet. Anhand von vier Punkten möchten wir einige Besonderheiten der deutschsprachigen Rezeption herausstellen, die unseres Erachtens mit einer De- und Re-Kontextualisierung US-amerikanischer Methoden und Debatten in Deutschland zusammenhängen:
In einigen deutschen Methodenschulen ist die handlungstheoretische Prämisse des Pragmatismus, alles Handeln als Problemlösen zu verstehen, der leitende Analyseblick. Das Handeln der Beforschten gilt als Ausdruck der Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme.
Der amerikanische Pragmatismus wird zudem als epistemologische Fundierung von soziologischen Erkenntnisprozessen herangezogen. Bezug genommen wird dabei insbesondere auf John DEWEYs Forschungslogik des operational a priori (2002 [1938], S.27f.), also auf das Primat der gegenstandsangemessenen Entwicklung von Methoden im Forschungsprozess, und auf PEIRCEs Modell der Abduktion (vgl. REICHERTZ 2013b).
Vor dem Hintergrund der in Deutschland starken hermeneutischen Tradition verknüpfen sich US-amerikanische Methodologien in weiten Teilen der deutschen Soziologie mit methodischen Praktiken, die nicht Nähe, sondern Distanz zum Gegenstand konstruieren. Die im Pragmatismus implizierte zentrale Relevanz von gelebter Erfahrung und Nähe zum beforschten Gegenstand (die in Halfies und Helden zwei unterschiedliche Ausdrucksformen findet) bildet also mitnichten den Schwerpunkt der deutschsprachigen Pragmatismus-Rezeption.
Die gesellschaftspolitischen Ziele des amerikanischen Pragmatismus bleiben dabei weitgehend ausgeblendet. In den USA wird die Eingebettetheit in praktische Lebenszusammenhänge nicht nur zum Fundament, sondern auch zum Maßstab aller Wissensproduktion gemacht: Gelebte Demokratie und wissenschaftliche Erkenntnis sind für DEWEY und seine ErbInnen ein simultanes Projekt. Eine so stark interventionistische Positionierung wäre für deutsche SozialforscherInnen mehr als ungewöhnlich. Auch die derzeit in Deutschland aufkommende Forschungsethik-Debatte (VON UNGER et al. 2014) orientiert sich auffallend an Fragen des Schadens für ForschungsteilnehmerInnen und der Reflexion von Forschungsbeziehungen, nicht aber an Themen globaler politischer Verantwortung qualitativer Wissensproduktion – wie unter anderem beim Symposium des Berliner Methodentreffens 2014 zu beobachten war. [31]
Während der amerikanische Pragmatismus also 1. als handlungstheoretischer und 2. als epistemologischer Ansatz in der deutschen Methodendebatte bedeutungsvoll ist, wird 3. auf Ebene der Forschungspraktiken nicht das Schwergewicht auf Nähe (engaging) gelegt und 4. die gesellschaftspolitische Dimension dieser Theorie kaum rezipiert. Die Diagnose der epistemologisch verengten Rezeption des amerikanischen Pragmatismus erklärt auch, warum in Praktiken des observing einfache und exklusive Zugehörigkeiten präferiert werden und Mehrfachmitgliedschaften (im Sinne des Halfie oder Helden) kaum von Interesse oder Relevanz sind. Was zählt, ist nicht die Nähe zum Gegenstand, sondern die Nähe zur Methode. Während also umfassend darüber reflektiert wird, dass es sich bei Methoden um erkenntnistheoretisch fundierte Instrumente handelt, die einen jeweils spezifischen Blickwinkel erlauben – eine Debatte, die in den USA im Gegenteil (zu) wenig geführt wird (vgl. KATZ 2002; PASCALE 2011) –, findet gleichzeitig eine De-Thematisierung statt, die erst im Kontrast mit der US-amerikanischen Forschungslandschaft deutlich wird. Es ist das Nicht-Sprechen über den spezifischen sozial gebundenen Blick derjenigen, die forschen. Ganz im Sinne der distanzierten BeobachterInnen gilt es, jeden Eindruck der übergroßen Nähe zum Gegenstand möglichst zu vermeiden. Eine politische Positionierung oder gar Solidarisierung wäre, wenn überhaupt, im marginalisierten Feld der Aktionsforschung vorstellbar, müsste sich dort jedoch ebenfalls auf kritische Fragen nach übergroßer Vereinnahmung durch das Feld einstellen.21) [32]
Während die gesellschaftspolitischen Ziele des Pragmatismus in Deutschland weitgehend ausgeblendet werden, sieht sich die gegenwärtige US-amerikanische Methodenlandschaft dieser Tradition aber bis heute stark verpflichtet: "Philosophy and Democracy" (DEWEY 1993 [1919], S.38) sind ein simultanes Projekt. PEIRCE formulierte die philosophischen Grundlagen dieser Haltung in einer seiner Vorlesungen zu Pragmatismus und Abduktion folgendermaßen:
"Die Elemente eines jeden Begriffs treten in das logische Denken durchs Tor der Wahrnehmung ein und gehen durchs Tor des zweckvollen Handelns wieder hinaus; und alles, was sich an diesen beiden Toren nicht ausweisen kann, ist als von der Vernunft nicht autorisiert festzuhalten" (PEIRCE 2004 [1903], S.222). [33]
Auch in der deutschen Methodendiskussion werden sporadisch Stimmen laut, sich den "emanzipatorisch-normativen Agenden" (KELLER 2014, §12) und damit den politischen Implikationen des amerikanischen Pragmatismus und Postkolonialismus anzuschließen (vgl. PLODER 2013; WINTER 2011). Doch Methoden, die sich bewusst einer demokratischen, gesellschaftsintervenierenden Forschungspraxis verschrieben haben – das sind vorrangig partizipative Forschungsansätze (vgl. BERGOLD & THOMAS 2010, 2012; VON UNGER 2014) – treten im deutschsprachigen Raum erst seit Kurzem wieder aus ihrem "Schatten- oder Nischendasein" (VON UNGER 2014, S.5) hervor. Anstelle einer politisch invasiven und problemlösenden Wissenschaftspraxis, bei der Fragen nach praktischen, ethischen und politischen Implikationen des Forschens im Mittelpunkt stehen (FLICK 2005, §14; siehe auch DENZIN & LINCOLN 2005), dominiert in Deutschland eine stärker erkenntnistheoretisch geleitete Debatte (vgl. Bethmann & Niermann 2012; Diaz-Bone 2011; Scherr & Niermann 2014). [34]
Gehen wir kurz zurück zu Everett HUGHES' Befremden gegenüber der deutschen Soziologie 1948. Qualitative Forschungsmethoden sind, darüber wird heute kaum mehr gestritten, auch in Deutschland ein etabliertes Erkenntnisinstrument der soziologischen Wissensproduktion. Doch finden wir noch immer Spuren dieser Sorge, alles ja methodisch korrekt zu realisieren, und auch heute dominiert noch eine gewisse Distanz, mit aktuellen, auch tagespolitischen Themen "heiße Eisen" zum Forschungsgegenstand zu machen. Das Befremden existiert immer noch – und es ist keine Einbahnstraße: Wir sehen es ebenso bei deutschen SoziologInnen. Die ringen zum Beispiel bei US-amerikanischen Kongressen um Contenance, wenn Forschungsergebnisse in Form von Gedichten und Theaterstücken präsentiert werden und das social justice-Mantra erklingt. Dabei könnten beide Seiten vom interkulturellen Dialog deutlich profitieren. [35]
Zwar werden auch in der US-amerikanischen Debatte immer wieder einzelne Stimmen laut, die ein Epistemologiedefizit beklagen (PASCALE 2011), doch gelingt es diesen kaum, das zuweilen naiv anmutende Selbstbild als KämpferInnen für die gute Sache ebenfalls kritisch zu hinterfragen. Die analytischen und methodologischen Stärken, die wir in der deutschen Methodenlandschaft finden, könnten hierfür wertvolle Instrumente bieten. Das gilt insbesondere für die aus der Tradition der deutschen Hermeneutik entwickelte Sequenzanalyse. Sie bietet reflexive Strategien im Umgang mit textzentrierten Daten (OEVERMANN et al. 1979) und setzt damit an einer weitgehenden Leerstelle in der nordamerikanischen Methodenlandschaft an.22) Das spezifische Potenzial der deutschen Sequenzanalyse zeigt sich exemplarisch bei der Kontrastierung mit Kodierungsverfahren in Teilen der US-amerikanischen GTM-Logik. Gilt es in der Sequenzanalyse, die Daten entlang der zeitlichen Sinnkonstituierung der AkteurInnen zu rekonstruieren und stark kontextgebundenes Wissen regelgeleitet zurückzustellen, empfiehlt bspw. Kathy CHARMAZ (2006) ein spontaneistisches, temporeiches Coding. Alltagsweltliche Wissensbestände und Eindrücke aus der Erhebungssituation spielen eine leitende Rolle. Kombiniert mit wiederholtem "close reading" (S.46) der Daten soll so die Deutungswelt der Befragten erschlossen werden. Dem sequenzanalytischen Prinzip der Verlangsamung steht hier Beschleunigung zur Aktivierung von Assoziationsketten gegenüber23). Fragen der Segmentierung werden dabei auffallend pragmatisch verhandelt. Ob line-by-line oder word-by-word kodiert wird, ist vorrangig eine Frage der Aufmerksamkeitssteuerung der Interpretierenden (S.50), nicht aber der (sprachlichen) Strukturiertheit von untersuchten Sinnwelten. Das Beispiel der GTM ist aufschlussreich, gerade weil es sich um eine Forschungslogik mit vergleichsweise großer Sensibilität gegenüber Sprache handelt: Man denke nur an die Bedeutung von In-Vivo-Kodes oder die Einblicke in Anselm STRAUSS' Interpretationspraxis unter Einsatz der microscopic analysis (2004 [1995]). Doch kann weder für die erste (z.B. GLASER & STRAUSS 1967; STRAUSS & CORBIN 1996) noch für die zweite Generation (z.B. CHARMAZ 2014; CLARKE 2012; MORSE et al. 2009) von einer methodologisch begründeten Programmatik im Umgang mit sprachlichen Äußerungen die Rede sein24). Die Frage, wofür eine sprachliche Äußerung steht und wie mit ihr deshalb zu verfahren ist, bleibt letztlich, zumindest aus hermeneutischer Sicht, theoretisch wie methodisch unterbestimmt. Die Sequenzanalyse liefert hier einen Verfahrensvorschlag, der durchaus gewinnbringend in ein nordamerikanisches Verfahren wie die GTM integriert werden kann: Erstens leistet sie einen Beitrag zu Fremdverstehensprozessen (KRUSE 2009; SCHÜTZ 1974 [1932]), indem eine intensive, verlangsamte Auseinandersetzung mit den Sinnkonstruktionen der Befragten vollzogen wird; alltagsweltliche Deutungen treten dabei in den Hintergrund. Die Interpretierenden sind aus dem zeitlichen Abstand eben nicht den gleichen Handlungszwängen ausgesetzt wie die Befragten und können deshalb Daten so "aufbrechen" (STRAUSS & CORBIN 1996, S.45), dass das untersuchte Phänomen über die regelgeleitete Rekonstruktion von Sinnstrukturen erschlossen wird. Das bietet eine Möglichkeit zu größerer Transparenz im Prozess des offenen Kodierens. Zweitens ermöglicht die Sequenzanalyse einen neuen empirischen Umgang mit der ko-produktiven Dimension von Daten. Dass es sich bei Interviews um Interaktionen handelt, ist unter den STRAUSS-SchülerInnen (z.B. CHARMAZ 2014; CLARKE 2012) Common Sense; gleichzeitig bestehen keine datengestützten25) Strategien, um dieser Beschaffenheit des Materials gerecht zu werden. Bei einschlägigen Workshops in den USA werden die Fragen und Kommentierungen der InterviewerInnen daher schlichtweg ausgespart. Kodiert werden lediglich die Äußerungen der Befragten. Deren Sinnkonstruktionen lassen sich jedoch erst dann einordnen, wenn auch ihr Entstehungszusammenhang mit seinen möglichen sozialen Präformierungen rekonstruiert wird (DEPPERMANN 2013, §7). Anders ausgedrückt: Kenne ich die Frage zu einer Antwort nicht, bleibt auch die scharfsinnigste Analyse dieser Antwort unzureichend. Sequenzanalyse verzichtet daher auf die oben beschriebenen Selektionen, sondern trägt den interaktiven Herstellungsprozessen bewusst Rechnung. Somit können mittels der Sequenzanalyse auch Datenarten mit hoher interaktiver Dichte zum Beispiel in die GTM integriert werden. [36]
Auch mit Blick auf die Praxis der focus groups lässt sich aus dem Dialog ein Gewinn ableiten: Das Gruppendiskussionsverfahren, wie Ralf BOHNSACK (2011) es vorschlägt, findet sich zwar in einer verwandt anmutenden Form auch in der US-amerikanischen Methodenlandschaft (HOLLANDER 2004), deutliche Parallelen bestehen jedoch ausschließlich für die Empfehlungen zur Gestaltung der Erhebungssituation. Ein ausdifferenziertes Modell für Auswertungsstrategien, die Interaktionsdynamiken systematisch berücksichtigen, liegt bei den nordamerikanischen Varianten nicht bzw. allenfalls für die sozialpsychologische Analyse von Gruppenphänomenen vor (a.a.O.; s.a. WALDEN 2012). [37]
Diese hier nur kurz skizzierten Vorschläge am Beispiel der GTM und des Gruppendiskussionsverfahrens gilt es dabei keinesfalls als naive Exportempfehlungen zu verstehen. Inwiefern die Integration hermeneutischer Ansätze mit ihrer Oberflächen-Hintergrund-Figur für GTM-Auswertungsverfahren und focus groups anschlussfähig ist, wird in den spezifischen Zusammenhängen im Dialog mit US-amerikanischen KollegInnen zu diskutieren sein. Wie fruchtbar solche Integrationswege im Umgang mit methodischen Exporten, Importen und (Re-) Importen sein können, zeigen in Deutschland entwickelte Produkte der transatlantischen Auseinandersetzung: Fritz SCHÜTZEs Narrationsanalyse (1976) greift zahlreiche Elemente der STRAUSSschen Soziologie auf und entwickelt sie gerade vor dem Hintergrund eine sprachfokussierten deutschen Soziologie innovativ weiter (SCHÜTZE 2008). Die hermeneutische Wissenssoziologie nach SOEFFNER und auch REICHERTZ' Verfahrensvorschläge (2004, §48) führen Prinzipien des amerikanischen Pragmatismus und der deutschen Hermeneutik zusammen. Grundsätzlich bleibt festzuhalten: Die Frage nach deutschen Stärken verweist auf die Praktiken der Datenauswertung und auf differenzierte methodologische Diskussionen. Jenseits des Atlantiks ist beides anschlussfähig, weil Forschungsarbeit zunehmend dahingehend problematisiert wird, primären Sinnstrukturen "aufzusitzen" und entsprechend reifizierende Ergebnisse zu produzieren (SMALL 2009, 2014). In Deutschland wiederum gilt es zu lernen, sich kritisch mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Das betrifft sowohl methodische Fragen, beispielsweise inwiefern sich die deutsche Methodenszene partizipativen Verfahren in Zukunft stärker öffnen wird oder nicht, aber genauso Fragen der Wahl von Forschungsgegenständen (BOLTANSKI 2010, S.56). Angesichts einer Drittmittellandschaft, auf deren Agenda anwendungsbezogene Forschung steht, werden diese Themen in der qualitativen Forschung ohnehin zu diskutieren sein. [38]
Für diese Auseinandersetzungen sollten wir dem Wissen darüber, wie wir Wissen produzieren, eine neue Basis verleihen: eine empirisch fundierte Reflexivität über Prozesse der Wissensproduktion. Mangelnde Reflexivität kann man der qualitativen Forschung in der Tat nicht vorwerfen. Unser Vorschlag ist aber von existierenden Formen der Reflexivität qualitativer Forschung deutlich abzugrenzen: Als soziologisches Konzept verweist Reflexivität erstens darauf, dass die Beobachtung und Beschreibung von (sozialer) Wirklichkeit Letztere verändern (LANGENOHL 2009; LYNCH 2004). Beschreibungen sind Interventionen in die Konstitution der Wirklichkeit. Insofern ist qualitative Forschung ontologisch reflexiv: Ihre Praktiken haben eine wirklichkeitskonstituierende Wirkung – umso mehr, je etablierter sie ist, je anwendungsbezogener und je mehr gesellschaftliche Deutungsmacht ihr zuerkannt wird. Qualitative Forschung ist zweitens reflexiv, weil sie die eigenen Praktiken beobachtet und rekursiv expliziert, wodurch diese sich laufend verändern und weiterentwickelt werden (BOHNSACK 1999). Diese methodologische Reflexivität dient dazu, sich und anderen über das eigene Tun Rechenschaft abzulegen und es in Form von methodologischen Reflexionen zu kanonisieren und zu systematisieren. Im gängigen Sprachgebrauch wird Reflexivität drittens vor allem als Selbstreflexivität im Sinne einer Offenlegung der eigenen Person als ForschendeR und AutorIn gebraucht. Diese Form wird seit den 1980er Jahren vor allem in den USA, aber auch in Deutschland geprobt und kanonisiert. Sie fokussiert vor allem auf die Introspektionen der Forschenden und die literarische Ausdifferenzierung ihrer Darstellungspraktiken. Darunter fällt die übliche Verwendung des Pronomens "Ich" in der Darstellung von Forschungsarbeiten (in vielen Disziplinen weitgehend als unwissenschaftlich verschrien), das Thematisieren der eigenen politischen und persönlichen Positionierung bis hin zur radikal ich-zentrierten Autoethnografie (BEHAR & GORDON 1996; BERG & FUCHS 1993; CLIFFORD & MARCUS 1986; DENZIN & LINCOLN 2005; GEERTZ 1988; MRUCK et al. 2002; ROTH et al. 2003; zur Kritik s. ABU-LUGHOD 1990; ATKINSON 2005; WACQUANT 1996). BOURDIEU (1993) nennt diese Form scharfzüngig narzißtische Reflexivität. [39]
In jüngster Zeit fordern einige VertreterInnen der qualitativen Methoden nun viertens eine empirische Reflexivität der qualitativen Forschung im Sinne der Wissens-, Wissenschafts- oder Arbeitssoziologie (z.B. AMANN 1997; DAUSIEN 2007; DIAZ-BONE 2011; KNOBLAUCH 2013; LANGENOHL 2009; LATOUR & WOOLGAR 1986; MÉTRAUX 2005; REICHERTZ 2013a; RICKEN & REH 2014; SCHÜTZE 2008; SUTTER 2012). In einigen Projekten werden bereits erste Schritte gemacht, Prozesse der Wissenskonstruktion in den qualitativen Methoden empirisch zu erforschen und Ergebnisse zu diskutieren26) – darunter unsere eigene laufende Forschung. Mit dem Entstehen eines qualitativen Forschungsfeldes, das die eigene Wissensproduktion zum Gegenstand macht, wird sich zeigen, wie einsichtsreich es ist, den empirisch-reflexiven Blick nicht nur auf Andere, sondern auch auf uns selbst und die eigenen Praktiken anzuwenden. [40]
Die heuristischen Kategorien engaging und observing verweisen auf tief greifende Differenzen in den Praktiken, Zielen und Grenzen der Wissensproduktion in beiden Ländern. Tatsächlich verlaufen die Unterschiede nicht getreu entlang von Länder- oder Sprachgrenzen. Das mindert aber nicht den analytischen Wert der komparativen Analyse: Forschungspraktiken in gleich welchen Ländern sind mit Konstruktionen von Nähe und Distanz zu Forschungsgegenständen verwoben, die für die Art der Wissensproduktion folgenreich sind. Im Sinne einer explorativen Systematisierung von verschiedenen Forschungskulturen wollen wir mit den hier vorgeschlagenen Kategorien den Blick auf wichtige Fragen der Wissensproduktion lenken. [41]
Wir hoffen, damit auch zu den bestehenden Bemühungen um Austausch und Dialog beizutragen – zumal ein Interesse an der Globalisierung qualitativer Methoden auch in den USA derzeit deutlich spürbar ist. So stand bspw. der jährliche Congress of Qualitative Inquiry in Urbana-Champaign 2012 unter dem Motto "Qualitative Inquiry as Global Endeavor". Uwe FLICK leitete dort ein wichtiges Panel; auch mit Publikationen bei Sage engagiert er sich für eine grenzüberschreitende Methodenlandschaft (2009, 2013). Das Berliner Methodentreffen lud mit Adele CLARKE im Jahr zuvor eine US-amerikanische Keynote ein. Und Kathy CHARMAZ hat in die neueste Auflage von "Constructing Grounded Theory" ein Kapitel über internationale Verwendungsweisen der GTM – darunter auch eine deutsche Perspektive – eingefügt (2014, S.328ff.). Beiträge deutscher AutorInnen finden sich gerade für die GTM auch in US-amerikanischen Sammelbänden und Handbüchern (z.B. BRYANT & CHARMAZ 2010). Wichtige Ressourcen in diesem Dialog sind explizit international orientierte Zeitschriften mit entsprechend besetzen Redaktionen wie z.B. das International Journal of Qualitative Methods und – besonders bedeutsam für die Internationalisierung methodischer Debatten im deutschsprachigen Raum – FQS. ATKINSON (2005) betont das Potenzial Europas, US-amerikanische Methodendebatten durch Einflüsse von europäischen Forschungsstilen kritisch zu erneuern. Dem deutschsprachigen Beitrag zu einer globalen qualitativen Forschung darf wohl kaum eine belehrende oder revolutionierende Funktion zugetraut werden – doch eine Analyse der Eigenschaften, Bedingungen und Möglichkeiten der Wissensproduktion in beiden Ländern hält zweifelsohne inspirierende Momente für beide Seiten bereit. [42]
Unser erster Dank gilt all jenen WissenschaftlerInnen in Deutschland und den USA, die uns bereits in den Vorarbeiten unserer Studie großzügig unverzichtbare Einblicke in ihre Forschungsarbeit gewährt haben. Nina DEGELE danken wir für umfassende Unterstützung und maßgebliche Impulse.
1) Die genannten Gemeinsamkeiten zur GTM lassen sich aus den methodologischen Schriften SCHÜTZEs vor allem implizit ableiten (z.B. 1981, 1983). Zur Explizierung seiner Prägung durch STRAUSS siehe SCHÜTZE (2008). <zurück>
2) Das ist zum einen den zahlreichen deutschen SchülerInnen und KollaborationspartnerInnen von Anselm STRAUSS (u.a. Heiner LEGEWIE in der Psychologie, Gerhard RIEMANN, Fritz SCHÜTZE, Hans-Georg SOEFFNER in der Soziologie) zu verdanken und zum anderen dem von Reiner KELLER, Günter MEY, Katja MRUCK, Jörg STRÜBING u.a. seit Jahren engagiert betriebenen Dialog mit der ersten und zweiten Generation der US-amerikanischen GTM. <zurück>
3) Das Radioprojekt mit dem Titel "The Essential Value of Radio to All Types of Listeners" an der Universität Princeton wird 1938 für den Emigranten Adorno zum ersten praktischen Berührungspunkt mit empirischer Sozialforschung. ADORNOs Forschungserfahrungen, insbesondere seine konfliktreiche Kollaboration mit dem Projektleiter Paul LAZARSFELD prägten ADORNOs spätere Entwürfe qualitativer Forschung maßgeblich (JUNG 2013). <zurück>
4) "Crossing Boundaries in Qualitative Research. An Ethnography of Sociological Practice in Germany and the U.S.", Forschungsprojekt am Institut für Soziologie, Universität Freiburg. Für finanzielle Unterstützung danken wir der Fritz Thyssen Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Im Rahmen der Studie untersuchen wir, wie durch Praktiken qualitativer Forschung soziologisches Wissen hergestellt wird. Dies darf nicht mit einem disziplinär verengten Blick geschehen, da wesentliche methodische Entwicklungen an Lehrstühlen in Nachbardisziplinen und interdisziplinären Studiengängen betrieben werden (Erziehungswissenschaft, Ethnologie, Gender Studies, Cultural Studies, Pflegewissenschaft u.a.). Der Fokus unseres Interesses liegt allerdings in der Soziologie – gerade weil viele US-soziologische Praktiken in Deutschland viel stärker in anderen Disziplinen zu finden sind, z.B. die reflexive Ethnografie in der Ethnologie. <zurück>
5) Der Mathematiker Benoît B. MANDELBROT (1977) bezeichnete solche geometrischen Muster als fraktal, die u.a. die Eigenschaft der Selbstähnlichkeit besitzen. Dabei reproduziert sich bei unterschiedlichen Auflösungsgraden des gleichen Untersuchungsobjekts die jeweils gleiche Gestalt. Es handelt sich also um ein Muster, das sich in sich wiederholt (a.a.O.). In unserer Untersuchung dient die fraktale Logik als theoretischer Zugang zur Überwindung dichotomer Denkfiguren; insbesondere beugt sie der Homogenisierung und Stereotypisierung vermeintlich nationaler Stile vor. <zurück>
6) Mit Abstand lässt sich unschwer feststellen, dass dieser politische Idealismus in einer Position des Privilegs situiert war (MARGONIS 2007). Der Zug nach Westen ging keineswegs durch leere Lande, und unterworfen wurde nicht nur das Land, sondern auch seine BewohnerInnen. Der Genozid an den Native Americans und die Folgen der Sklaverei taten MEADs und DEWEYs demokratietheoretischem Optimismus keinen Abbruch; hierüber schwiegen sie sich aus. Im Zusammenhang mit der Chicagoer Soziologie wird bis heute dieser von Beginn an gepflegte Mythos in der Regel kritiklos angerufen (z.B. DELLWING & PRUS 2012). <zurück>
7) Die männliche Form ist an dieser Stelle angebracht – nicht weil es zu dieser Zeit keine Soziologinnen in Chicago gegeben hätte, sondern weil gerade PARK aktiv an der Unsichtbarmachung von deren Arbeiten gewirkt hat (DEEGAN 1988). <zurück>
8) Unter diese Bezeichnung fallen Studiengänge, die sich mit der Kultur und Position von in den USA lebenden Menschen süd- und mittelamerikanischer Abstammung befassen. <zurück>
9) Diese Information basiert auf erfahrungsbasierten Erzählungen in Interviews mit nordamerikanischen SoziologInnen. <zurück>
10) Auch quantitative Methoden gehören potenziell dazu (a.a.O.), entsprechend relevant sind gegenwärtig Mixed-Methods-Ansätze (SMALL 2011). <zurück>
11) Einen Vorstoß zur transparenteren Selbstthematisierung in qualitativen Forschungen machten kürzlich VON UNGER, NARIMANI und M'BAYO (2014). Sie verweisen dabei explizit darauf, dass die deutsche Methodendiskussion mit ethischen Reflexionen über die Forschungsbeziehungen insbesondere im Vergleich zu den Entwicklungen in Nordamerika eine ausgesprochene Spätzünderin ist (S.5f.). <zurück>
12) Bezeichnenderweise wurde in Deutschland ein Ansatz entwickelt, der Intersektionalität erstmals zu einem systematischen methodischen Programm ausarbeitet, welches mittels klar definierter Analyseschritte die Ungleichheitskategorien auf die Beforschten, nicht aber auf die Forschenden bezieht (WINKER & DEGELE 2009, s.a. PAULUS 2015). <zurück>
13) Ein ähnliches Autonomieideal von Forschenden ist an anderer Stelle in einer Onlinebefragung von deutschen EthnografInnen im fremdsprachigen Ausland rekonstruiert worden (KRUSE, BETHMANN, ECKERT, NIERMANN & SCHMIEDER 2012). <zurück>
14) Diese Information basiert auf der Erzählung einer unserer Beforschten. <zurück>
15) Seine Philosophie der Erfahrung und Aussagen wie die folgende machen DEWEY zu einer prädestinierten Referenz für feministische und andere Standpunkttheorien: "When women who are not mere students of other persons' philosophy set out to write it, we cannot conceive that it will be the same in viewpoint or tenor as that composed from the standpoint of the different masculine experience of things" (1993 [1919], S.40). <zurück>
16) Dieser Prozess der Fremd- und Selbstdisziplinierung im Umgang mit den Daten wird etwa in den von REICHERTZ (2013a) und SCHÄFFER (2010) publizierten Transkripten von Auswertungssitzungen sehr anschaulich. <zurück>
17) Entsprechende Aus- und Weiterbildungsangebote, die sich schwerpunktmäßig an PromovendInnen richten, bieten unter anderem das Institut für qualitative Forschung in Berlin, das Weiterbildungszentrum Berlin (WBZ), das Hildesheimer Methodenbüro, zahlreiche Spring-, Summer- und Winterschools für Methoden sowie Graduiertenschulen an Hochschulen in ganz Deutschland. <zurück>
18) In vielen Seminaren beobachten wir ein Bemühen der Dozierenden, ihre mit Deutungsmacht ausgestattete Rolle als RepräsentantInnen "der reinen Methode" zu relativieren. Auch in der Literatur wird die Auswertungsgruppe vielfach als Versuch der Wissensproduktion mit flachen Hierarchien gerahmt (vgl. DAUSIEN 2007; REICHERTZ 2013a; RIEMANN 2011). Doch begegnen die Teilnehmenden den Dozierenden zumindest situativ mit der Erwartungshaltung, Definitionsmacht auszuüben und Autorität zu verkörpern – selbst da, wo institutionelle Hierarchien wie Angestelltenverhältnisse die Kommunikation nicht prägen. Dozierende sollen mit der Stimme der Methode sprechen und übernehmen diese Rolle mehr oder weniger willfährig. Die Teilnehmenden wiederum werden häufig explizit als "Nachwuchs" adressiert, wodurch die Hierarchie ebenfalls bekräftigt wird. Diese Asymmetrie wird im vielfach geäußerten Bild der "Familie" metaphorisch repräsentiert: Die "Altvorderen" (GÖTSCH, KLINGER & THIESEN 2009) und die Jungen sind wie Familienmitglieder in hierarchische Beziehungen zwischen Ehrfurcht und Rebellion verstrickt. <zurück>
19) Man kann dieses Label als Abgrenzung gegenüber Inhaltsanalysen, "Ad-hoc-Methoden" und einem als "quick and dirty" devaluierten Vorgehen verstehen (vgl. GARZ 2007; KRUSE 2014, S.24f.; REICHERTZ 2009, §16; zur kritischen Diskussion s. HERZOG & HOLLENSTEIN 2007); eine Differenzlinie, die in den USA keine Rolle spielt, weil sie nicht an die dort wesentlichen Prämissen der Interpretation anschließt (s.o.). <zurück>
20) Speziell im Bereich von Qualifizierungsarbeiten ist hierfür eine gegenteilige Beobachtung hervorzuheben. Eine qualitative E-Mailbefragung (KRUSE et al. 2012) zeigte, dass Promovierende die Eigenständigkeit ihrer wissenschaftlichen Leistung nicht zuletzt dadurch untermauern, dass sie die Datenerhebung selbst in schwierig zu bewältigenden fremdsprachlichen Kontexten nicht aus der Hand geben möchten, um sie z.B. an muttersprachliche ForschungsassistentInnen zu delegieren. <zurück>
21) Auffallend ist in diesem Zusammenhang auch die in der gegenwärtigen deutschsprachigen Methodenliteratur weitgehende Abwesenheit von Verweisen auf methodologische Klassikerinnen der Frauen- und Geschlechterforschung, die aus der Standortgebundenheit des Wissens teils Formen der Solidarisierung mit sozialen Bewegungen ableiten oder zumindest diskutieren – klassisch in der deutschen Geschlechterforschung etwa Maria MIES' (1978) methodische Postulate. <zurück>
22) Ein anderer Stil der Sequenzanalyse ist in der nordamerikanischen ethnomethodologischen Konversationsanalyse Programm (vgl. MAIWALD 2005), die wir hier aber aus zwei Gründen außen vorlassen möchten: Erstens handelt es sich nicht um ein hermeneutisches Verfahren, sondern es bleibt auf Ebene der Textinterpretation deskriptiv, bezogen auf formale Strukturen der Kommunikation. AMANN (1997, S.304) pointiert in diesem Sinne den Gegensatz zur Hermeneutik: "Das soziologische 'Geheimnis' sozialer und kultureller Ordnung muß sich bei dieser Betrachtungsweise nicht 'hinter', sondern in und an den Aktivitäten zeigen lassen." Zum zweiten konstituiert die Konversationsanalyse mit ihren stringenten Verfahren und der grundlegenden, scharfen Kritik an anderen soziologischen Wissenstechniken (vgl. etwa GARFINKEL & SACKS 2004 [1976]) einen relativ abgeschlossenen Diskussionsraum, der mit anderen methodischen Entwicklungen in der US-amerikanischen Soziologie relativ wenig im Austausch steht. <zurück>
23) Diese Analyse stützt sich sowohl auf Literatur als auch auf teilnehmende Beobachtungen bei einschlägigen Workshops in den USA. <zurück>
24) Bemerkenswert ist diese Aussparung gerade angesichts der ansonsten ausgeprägten Selbstreflexivität und der Betonung des Konstruktionscharakters von Daten (CHARMAZ 2014; CLARKE 2012). <zurück>
25) Die interaktive Dimension fließt anderweitig mit ein, etwa wenn die InterviewerInnen während der Auswertungssitzung nach persönlichen Eindrücken von ihrem Gegenüber gefragt werden oder die Gesprächsatmosphäre schildern sollen. Diese "Erfahrungsberichte" werden allerdings nicht zum Gegenstand der Analyse gemacht, sondern im Status des face value behandelt. <zurück>
26) Erste Ergebnisse laufender Studien wurden beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2014 in Trier vorgestellt (POFERL & KELLER 2014). Angelika POFERL und Reiner KELLER vergleichen die diskursiven Praktiken qualitativer Forschung in Frankreich und Deutschland, Andrea PLODER untersucht die Etablierung qualitativer Methoden im deutschsprachigen Raum, Kornelia ENGERT und Björn KREY (2013) befassen sich mit Sprechen, Schreiben und Denken als Praktiken soziologischer Wissensproduktion. Christian MEIER ZU VERL hat den Prozess der Wissensproduktion in einem qualitativen Forschungsprojekt begleitet (MEYER & MEIER ZU VERL 2013) und Jo REICHERTZ plant, Interpretationsgruppen zu videografieren. SCHÄFFER (2010) und REICHERTZ (2013a) haben die Arbeit in Auswertungsgruppen am eigenen Institut einer rekonstruktiven Analyse unterzogen: SCHÄFFER rekonstruiert die Aneignung von Praxiswissen des Auswertens durch Studierende in einer Seminarveranstaltung. REICHERTZ präsentiert das Transkript einer Auswertungssitzung und weist auf einige Merkmale der kommunikativen Konstruktion von Auswertungsergebnissen hin. Weitere empirische Analysen zu Wissenspraktiken in der Soziologie finden sich in CAMIC, GROSS und LAMONT (2012). <zurück>
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Stephanie BETHMANN, promovierte Soziologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Ihre bisherigen Forschungsthemen umfassen Liebe und Paarbeziehung, Familie, Migration, Geschlechterverhältnisse, Okzidentalismus, Wald und Gesellschaft sowie qualitative Sozialforschung als Gegenstand der Wissenschaftssoziologie. Ausgewählte Publikationen: "Liebe. Eine soziologische Kritik der Zweisamkeit" (BETHMANN 2013, Juventa); mit Debora NIERMANN u.a.: "Agency. Qualitative Rekonstruktionen und gesellschaftstheoretische Bezüge von Handlungsmächtigkeit" (BETHMANN et al. 2012, Juventa), "Qualitative Interviewforschung in und mit fremden Sprachen. Eine Einführung in Theorie und Praxis" (KRUSE et al. 2012, Juventa).
Rempartstraße 15, D-79098 Freiburg i. Brsg.
Tel.: +49 761 203-8526
E-Mail: stephanie.bethmann@soziologie.uni-freiburg.de
URL: https://www.soziologie.uni-freiburg.de/personen/sbethmann
Debora NIERMANN (M.A.), Dipl. Soz.-Päd. (FH), ist Doktorandin im DFG-Graduiertenkolleg "Freunde, Gönner und Getreue" an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Ihre bisherigen Forschungsarbeiten bewegten sich in den Bereichen Familie und Migration im Lebenslauf, der anwendungsbezogenen Kinder- und Jugendhilfeforschung sowie der Diskriminierung in institutionellen Kontexten. Derzeitige Arbeitsschwerpunkte: Methodologien qualitativer Sozialforschung (v.a. symbolischer Interaktionismus und amerikanischer Pragmatismus) sowie die Rekonstruktion ethnografischer Praktiken. Ausgewählte Publikationen: mit Stephanie BETHMANN (BETHMANN et al. 2012, Juventa), mit Jan KRUSE (KRUSE et al. 2013, Juventa) sowie (2012) mit Albert SCHERR: "Wider den Forschungsmethodenzwang. Ein Plädoyer für die theoriegeleitete Entdeckung interessanter Daten. In Eric Mührel & Bernd Birgmeier (Hrsg.), Perspektiven (sozial-)pädagogischer Forschung. Wiesbaden: Springer VS . Zurzeit Vorstandsmitglied am Institut für Qualitative Sozialforschung, Freiburg (iqs).
Tel.: +49 761 203-97715
URL: http://www.grk-freundschaft.uni-freiburg.de/personen/stipendiaten/Doktoranden/niermann
Bethmann, Stephanie & Niermann, Debora (2015). Crossing Boundaries in Qualitative Research – Entwurf einer empirischen Reflexivität der qualitativen Sozialforschung in Deutschland und den USA [42 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 16(2), Art. 19,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1502191.
Copyright (c) 2015 Stephanie Bethmann, Debora Niermann

References: Art. 19
 §6
 §6
 §44
 §30
 §8
 §26
 §26
 §43
 §12
 §14
 §7
 §48
 §16
 Art. 26
 Art. 30
 Art. 13
 Art. 22
 Art. 23
 Art. 30
 Art. 9
 Art. 16
 Art. 12
 Art.16
 Art. 47
 Art. 4
 Art. 31
 Art. 21
 Art. 29
 Art. 30
 Art. 19