Source: http://posaunenchor-langgoens.de/html/1890-1980.html
Timestamp: 2019-05-25 03:01:23+00:00

Document:
Posaunenchor Langgöns - Chronik - 1890-1980
Der Posaunenchor Langgöns
Vorgeschichte, Gründung und Weiterführung
aufgezeichnet von Richard Boller
Der erste Posaunenchor in Deutschland
Pastor Johannes Kuhlo
Der Posaunenchor Klein-Linden
Die Anfänge in Lang-Göns
Gründung des Lang-Gönser Posaunenchores
Die offizielle und organisierte Form
Landesverband Oberhessischer Posaunenchöre
Nochmals Posaunengeneral Johannes Kuhlo
Die Verbands-Posaunenfeste
Ausbau des Chores
Vereinsordnung und Disziplin
Der Posaunenchor und das dritte Reich
Der nochmalige Wiederbeginn - 1945
Die Wandlung in der Posaunenmusik
Die Kirchenmusik in Lang-Göns der 50-er Jahre
Das Chorleben ab der 60-er Jahre
Rückschau und Hoffnung
Die Geburtsstätte der Posaunenchöre in Deutschland ist das Ravensberger Land. Hier zog im vorigen Jahrhundert eine gewaltige Erweckungsbewegung auf. Man besann sich wieder auf die grundlegenden Wahrheiten der Bibel, fand zurück zum Gebet und erlebte durch Umkehr und Buße diesen christlichen Glauben, der alles neu macht!
Vater dieser Erweckungsbewegung war Pastor Johann Heinrich VOLKENING in Jöllenbeck. Durch ihn wirkte der heilige Gottesgeist gegen die bis dahin waltende Herrschaft des Vernunftglaubens und Unglaubens und es fanden sich überall, zuerst im Ravensburger Land, dann auch in Hessen und in anderen deutschen Gebieten Menschen zusammen, die das Wirken des heiligen Geistes an sich erfahren hatten. Wo sich diese kleinen Gruppen auch bildeten, bedeuteten sie für ihre Umgebung eine Herausforderung. Es stellten sich Kampf und Verfolgung ein. Die öffentliche Meinung stand im krassen Gegensatz zu dieser neuen Bewegung und in der Überlieferung ist viel von offenen Auseinandersetzungen, Schmähungen, Haß und Verfolgung die Rede.
Dieser Johann Heinrich Volkening war neben einem gewaltigen Rufer zur Buße und Umkehr, auch ein sehr musikliebender Mann und als er erfuhr, daß in den „DüsselthalerAnstalten" ein Militärmusiker mit den Zöglingen derAnstalt Musik machte, entsandte er einige junge Männer aus Jöllenbeck nach Düsselthal, um sie dort im Blasen ausbilden zu lassen. Es waren zuerst zwei, dann sechs Jugendliche, welche z.T. zwei Jahre hintereinander tagsüber im Anstaltswald rodeten, als Gegenleistung für diesen abendlichen Musikunterricht. Die 200 km legten sie zu Fuß zurück. Für ihre Waldarbeiten erhielten sie kein weiteres Entgelt, die Instrumente wurden aus eigenen Mitteln beschafft. Fürwahr, eine außerordentliche Opferwilligkeit!
entstand aus diesen so im Blasen ausgebildeten Jungen im Jahre 1843 in Jöllenbeck im Ravensberger Land.
Über die Besetzung dieses ersten Chores liegen widersprüchliche Angaben vor, man sprach von einer Trompete, einer Klarinette und Posaunen, dann aber auch von einer Trompete, einer Geige und Posaunen. Johannes Kuhlo schreibt in seinen „Posaunenfragen": „Bei jenem ersten Chorwar die Melodiestimme mit einem Klapphorn besetzt, die übrigen Stimmen mit Zugposaunen, daher der Name „Posaunenchor".
Erst zehn Jahre später entstand der zweite Posaunenchor und zwar in Hüllhorst, im Jahre 1853.
Als dritter Posaunenchor in Deutschland ist wohl der in Klein-Linden im Juli 1854 gegründete Chor anzusehen, über den später noch ausführlich berichtet wird. Bis zum Jahre 1857 folgten die Posaunenchöre in Laar bei Herford, Kirchlengern, Bergkirchen im Kreis Lippe, in Gohfeld und einigen anderen Orten.
Bereits 1856 soll das erste Posaunenfest in Kirchlengern stattgefunden haben, beteiligt waren etwa fünf Chöre.
Nun nahm sich der in Gohfeld stationierte Pastor EDUARD KUHLO, damals Präses der Minden-Ravensberger Jünglings- und Jungfrauenvereine, der Posaunensache an. Er organisierte die Vereine, gab neue Notenbücher heraus, erarbeitete Richtlinien und Programme für die einheitliche Durchführung der nun regelmäßig stattfindenden Posaunenfeste. Bald wurde Eduard Kuhlo in diesen Aufgaben von seinem Sohn Johannes Kuhlo unterstützt und nach dem Tod des Vaters 1891 übernahm Johannes Kuhlo die Leitung aller Posaunenchöre. Er wohnte in Bethel und war der Vorsteher des Bruderhauses Nazareth.
Dieser Name darf in keiner Posaunenchronik fehlen. Ohne das Wirken dieses Mannes wäre die Entwicklung der Posaunensache nicht denkbar. Er führte eine neue Notenschreibweise, die s.g. Klavierschreibweise ein. Danach war es allen Bläsern möglich, direkt von der Partitur, also die Lieder und Choräle aus den Liederbüchern für gemischten Chor zu blasen, ohne sie in die besonderen Schlüssel für jedes Instrument zu versetzen, wie vorher in der s.g. Militärschreibweise nötig. Die Kuhlo-Posaunenbücher wurden herausgegeben, zuerst Band I und II, später III und IV.
Die in den ersten Jahren für die Oberstimmen benutzten Trompeten, Kornetts und Waldhörner wurden abgelöst durch das von ihm selbst entwickelte „Kuhlo-Flügelhorn", ein eiförmiges, etwas weit mensuriertes Instrument, das einen weichen, der menschlichen Stimme nahekommenden Ton abgibt.
Allmählich stellten sich alle Posaunenchöre auf dieses Kuhlo-Flügelhorn um, man benutzte auch bei den tieferen Stimmen, den Tenorhörnern, Posaunen und Bässen auf „B" abgestimmte Instrumente, was sich sehr zum Vorteil auf die Stimmreinheit in den Chören auswirkte.
Über das weitere Wirken und über Begegnungen mit Pastor Kuhlo werde ich später noch berichten. Bleiben wir jetzt noch in der Frühzeit!
Ich berichte über die Anfänge dieses Posaunenchores ausführlicher, denn aus diesem Chor ist der Lang-Gönser Posaunenchor später hervorgegangen, hier hatte er seine geistliche und musikalische Weisung und Ausrüstung empfangen. Die Kenntnisse über die nun folgenden Ereignisse entnahm ich der „Denkschrift zum sechzigjährigen Jubelfeste des Klein-LindenerPosaunenchores" von PfarrerOtto Lenz, die ich z.T. wörtlich wiedergeben werde.
In Klein-Linden hatte sich im Jahre 1848, einer Zeit des Rationalismus mit seiner religiösen Dürftigkeit und erklärten Feindschaft gegen alles biblische Christentum, eine kleine Gruppe gebildet, aufgerüttelt durch den in Größen-Linden stationierten und auch für Klein-Linden zuständigen Vikar Henrici. Er ist ein treuer Zeuge der Wahrheit gewesen. Es war eine lebendige Gemeinschaft der ersten Liebe, die sich da zusammenfand, die allen Anfechtungen und Schmähungen widerstand und deren Spur noch heute sichtbar ist.
Pfarrer Lenz berichtet darüber:
„Die regelmäßig stattfindenden Erbauungsstunden wurden meist vom jeweiligen Leiter der Versammlung gehalten. Meist war es so, daß eine Predigt gelesen wurde. Man benutzte Luther's Hauspostille, die Predigten von Hofacker, Ludwig Harms u.a. — Selten wurde von den Laienbrüdern selbst das Wort verkündigt. Nach der Predigt pflegte ein Glied der Versammlung, das dazu Lust hatte, frei aus dem Herzen zu beten.
Zu den Versammlungen erschien öfter der Diakon Wilhelm Rüter vom Wetzlarer Krankenhaus, „Wetzlarer Wilhelm" genannt. Er war gebürtig aus Jöllenbeck, der Wirkungsstätte von Pastor Volkening, dem Ort des ersten Posaunenchores. Wenn der Wetzlarer Wilhelm kam, dann ruhten einmal die sonst benutzten Erbauungsbücher und Rüter legte selber ein Schriftwort aus. Von ihm nahm man das Wort gerne an.
Dieser Wetzlarer Wilhelm vermißte in Klein-Linden sehr die festlichen Posaunenklänge, die er in seinem Heimatort Jöllenbeck kennengelernt hatte. „Jungens, ihr müßt blasen, ihr solltet einmal sehen, daheim da blasen unsere Jungens und das müßt ihr auch lernen!" Das war seine öftere Ermahnung und er hätte gerne einige Klein-Lindener zur Anschauung nach Jöllenbeck geschleppt, aber das war zu weit. Als aber einmal jenseits Wetzlar „auf dem Kesselberg" ein Jünglingsfest gefeiert wurde, bei dem der Jöllenbecker Posaunenchor mitwirkte, ließ er nicht nach, bis er zwei zum Besuch dieses Festes überredet hatte. Es waren Ludwig Jung (der Holzheimer) und Johannes Lenz, mein Großvater. Sehr früh am Sonntag machten sie sich auf den Weg, und erst nach Mitternacht waren sie wieder daheim. Aber wenn sie auch, wie es hieß, vor Müdigkeit die Beine nachschleifen ließen, so waren sie doch voll Begeisterung über das Gehörte. Von meinem Großvater habe ich es oft vernommen, daß dort der Entschluß gefaßt worden sei, einen Posaunenchor auch in Klein-Linden ins Leben zu rufen. Noch oft, wenn er in seinen alten Tagen mit uns Knaben auf dem „Schlangenzahl" oder sonstwo spazieren ging, hat er mit den Augen fern an den Rändern des Lahntals den „Kesselberg" gesucht, den Ort seiner Jugendbegeisterung. Er wurde übrigens nie mit Sicherheit festgestellt. Vielleicht ist er auf der Karte auch anders genannt, oder die Benennung „Kesselberg" ist überhaupt ein Irrtum. Aber das dort gefeierte Fest war Tatsache und hat seine tatsächlichen Wirkungen gehabt".
Soweit die Aufzeichnungen von Pfarrer Otto Lenz hierüber.
Übrigens, der vom „Kesselberg" begeistert zurückgekehrte Teilnehmer Johannes Lenz war mein Urgroßvater, meine Mutter stammte aus Klein-Linden und war eine Cousine von Pfr. Otto Lenz.
Die Berichte der beiden Abgesandten nach dem Kesselberg haben dann in Klein-Linden ihre Wirkung nicht verfehlt. Sofort tat man nun die ersten Schritte. Der damalige Leiter der Versammlung Philipp Jung veranstaltete eine Sammlung zur Anschaffung von Instrumenten. Die Liste dieser Sammlung liegt noch vor, ebenfalls ein von Ph. Jung verfaßtes erstes Statut über den „Zweck des Vereins". Darin heißt es zum Schluß: „Wir werden uns bestreben, ganz auf Grund und Boden des Wortes Gottes zu stehen, sollte aber jemand etwas Unchristliches an uns wahrnehmen, so bitten wir denselben, es uns zu sagen".
Nun wurden Instrumente angeschafft, über die Schwierigkeiten hierüber können wir uns heute kein Bild mehr machen. Aber es konnten insgesamt 9 Instrumente sehr alter Bauart beschafft werden.
Es wurde geübt. Anfangs muß es eine üble Musik gewesen sein. Zwei Alte unterhielten sich einmal über diese frühe Zeit. Der eine sagte: „Ich weiß, wie's war". Darauf der andere: „Weißt Du's, dann schweig still"!
Im Juli 1854 war der Posaunenchor gegründet worden, an Weihnachten wurde das erste öffentliche Auftreten gewagt. Das war in Kinzenbach, dem Filial des Pfarrer Imhäuser in Krofdorf. Drei Lieder gingen einigermaßen, nämlich „Allein Gott in der Höh' sei Ehr," „Meinen Jesum laß ich nicht" und „Valet will ich dir geben". Der Chor- und Versammlungsleiter Phil. Lenz meinte danach: „Es geht noch ziemlich rauh, dem Herrn aber sei Lob und Dank dafür."
Ähnlich wie in Klein-Linden, hatte sich auch in Lang-Göns ein kleiner Kreis gebildet, der sich regelmäßig unter Gottes Wort zusammenfand. Von Anfang an hatte eine enge Verbindung zu der Versammlung in Klein-Linden bestanden. Zu diesem Lang-Gönser Kreis gehörten mein Urgroßvater Eberhard Boller und seine beiden Brüder Heinrich und Anton. Die beiden ersten waren von Beruf Schäfer, der letztere war Schreinermeister.
Viel ist aus dieser Zeit nicht überliefert worden, aber Großvater Konrad Boller erzählte später von den Feindseligkeiten und Nachstellungen gegenüber dieser Gruppe in der Gemeinde, aber auch von der Treue, in der diese Leute zur Sache standen. Oft, wenn sein Vater und die beiden Onkel nach einem zweistündigen Weg von der Versammlung aus Klein-Linden zurückgekommen seien, hätten sie noch stundenlang beisammen gesessen, um das gehörte zu verarbeiten und sich gegenseitig aufzurüsten. Es wurden Fußmärsche nach Bad Nauheim und anderen entfernteren Orten in Kauf genommen, um einen gläubigen Pfarrer predigen zu hören.
Nach seiner Konfirmation, etwa ab 1863 nahm auch mein Großvater Konrad Boller an den Wanderungen nach Klein-Linden teil. Erfand bald Interesse an dem noch jungen Posaunenchor und da er durch Gelegenheit von einer in Lang-Göns eingegangenen Tanzkapelle eine Trompete erstehen konnte, erlernte er in Klein-Linden das Blasen und war bald eifriges Mitglied des Chores. Er blies meist die zweite, oder wenn es nötig war, die erste Stimme. Wenn ihm anfangs mal ein Ton mißglückte, meinte der Dirigent: „Da stecken noch die Kirmestöne drin." Auf seinem nächtlichen Heimweg von Klein-Linden blies er dann viel und erzählte später, er hätte immer zweistimmige Musik gehabt, indem er die zweite Stimme geblasen, und sich die erste dazu gedacht habe. Später, nachdem sein Vater(Eberhard Boller) gestorben und er selbst verheiratet war und im Beruf stand (er war Gemeindeschäfer), war es ihm nicht mehr möglich, weiter regelmäßig nach Klein-Linden zu wandern. Aber die Freude an der Sache und am Blasen war geblieben und er erzählte später oft von der für ihn so glücklichen Zeit.
Hierüber und über die Gründung des Lang-Gönser Posaunenchores und seiner Fortführung bis zum Beginn des ersten Weltkrieges 1914, lasse ich den Bericht meines Vaters Karl Konrad Boller folgen. Entnommen aus seiner „Denkschrift zum 60-jährigen Jubiläum des Lang-Gönser Posaunenchores:"
„Schon als Kind reifte der Entschluß in mir, auch nach Klein-Linden zu gehen, wenn ich nur erst groß wäre. So kam es denn auch, daß ich am Sonntag nach Pfingsten 1887, mit einem Brief von meinem Vater an den Linnesser Chor, voller Erwartung den Weg nach Klein-Linden antrat.
Da Klein-Linden damals noch keinen eigenen Pfarrer hatte und von Größen-Linden aus bedient wurde, war der Gottesdienst schon um 8.00 Uhr. So war um 10 Uhr eine passende Zeit für die Übungsstunde. Außerdem wurde auch Samstag abends und im Winter noch Mittwoch abends geübt. Zu jener, für mich ersten Übungsstunde, war ich rechtzeitig angekommen und konnte mich, nachdem ich meinen Brief abgegeben hatte, schon „aktiv" beteiligen, ich durfte nämlich die Noten halten. Notenständer kannte man damals in Klein-Linden noch nicht. Die sonntägliche Übungsstunde wurde bei schönem Wetter oft vor dem Ort unter schattigen Bäumen abgehalten. Als ich die mir bekannten Choräle zum ersten Male blasen hörte, warich überwältigt. Ich gelobte mir, feste zu üben und sah mich schon im Geiste binnen 14 Tagen mitblasen. Nach dem Üben im Freien ging es gemeinsam zum Übungslokal. Ich höre noch heute den damaligen Dirigenten sprechen: „No, woas gaewwe mer dann dem Bollerche für e' Instrument, ohm beste lernt er emohl offem Klapphoam". Dies galt schon zur damaligen Zeit als ein sehr veraltetes Instrument. Ich habe in dieser Zeit und auch späterhin nie wieder ein solches gesehen. Man denke sich ein langes Flügelhorn ohne Ventilstock, ähnlich einem Signalhorn. Hieran befanden sich 6 Klappen wie an einem Saxophon, mit Schafleder gefüttert. Mit dem linken Zeigefinger und Daumen hatte ich je eine Klappe zu bedienen, der rechte Mittelfinger ruhte auf einer Stütze am oberen Teil des Schallstückes und konnte dabei noch eine Klappe drücken. Dann hatte der Daumen, der Zeigefinger und der kleine Finger noch je eine Klappe zu versehen, letzterer eine Klappe mit langem Gestänge, die nahe am Becher offenstand und beim Drücken der Taste durch Hebelbewegung geschlossen wurde. Nun ging das Üben an. Aus den 14 Tagen wurde nichts. Mein Vater, dem das Klapphorn auch fremd war und es einmal probierte, konnte ganz schnell einige Lieder auswendig blasen. Bei mir wollte das Klapphorn nicht klappen, so daß mein Vater schalt und etliche Male sagte, so schlecht hätte er sich zum Lernen nicht angestellt. Auch die Noten machten mir viel zu schaffen, allerdings fehlte es auch an der richtigen Anleitung. Als ich nach einiger Zeit die Töne etwas beherrschte, blies ich die Lieder, nachdem ich sie mühsam nach Noten einige Male durchgearbeitet hatte, gleich auswendig. Dies hatte ich vom Vater geerbt, der auch alles auswendig blasen konnte. Nun durfte ich das Erlernte im Chor schon mitblasen. Zu einem vollwertigen Bläser, der alle vorkommenden Stücke mitblasen konnte, brachte ich es aber erst im zweiten Jahre. Mein Klapphorn hatte allerlei Krankheiten. Einmal waren die Klappen undicht und mußten gefüttert werden, manchmal ging es zu hoch, dann wieder zu tief. Schreinermeister Joh. Lenz (Vater unseres Verbands-Ehrenvorsitzenden Pfarrer Otto Ph. Lenz, jetzt wohnhaft im Elisabethenstift, Darmstadt) hatte die Pflege des Klapphornes übernommen. Als es bei einer Übung wieder gar nicht klappen wollte, meinte er, ich soll es beim Heimweg bei Größen-Linden in den Lückebach werfen.
Es ist heute interessant einen Blick auf die Besetzung der damaligen Chöre zu werfen und ich will im folgenden den Klein-Lindener Chor einmal beschreiben:
l. Stimme: l Cornett in Es, 2 Flügelhörner in C, l Trompete in As. 2. Stimme:
2 Flügelhörner in C, l Trompete in F. Tenor: l Tenorhorn in C, l Althorn in Es. Baß: l Posaune in B, l Tuba in F.
Zylinderventile hatten nur das Es-Cornett und das Es-Althorn, alle übrigen Instrumente waren sehr veraltete Bauarten. Eine B-Tuba kannte man damals bei Posaunenchören noch nicht.
In heutiger Zeit würde ein Chor mit diesen Instrumenten viel Heiterkeit hervorrufen. Man hatte auch damals noch keinerlei Posaunenliteratur. Die Kuhlo'schen gebrauchten Instrumenten an, die er irgendwo billig gekauft hatte. Textor war gebürtig aus Leihgestem und hielt von Zeit zu Zeit in unserem Haus Versammlungen ab. Wir erstanden die beiden Instrumente, ein C-Flügelhorn und eine G-Trompete. Nun konnten wir zweistimmig blasen.
Ich stand damals noch nicht in der Lehre und mußte im ersten Jahr nach meiner Konfirmation noch zu Hause in der Landwirtschaft helfen, da mein Vater als Gemeindeschäfer beschäftigt war. Jeden Abend brachte ich meinem Vater das Abendessen an die Schäferhütte. Im Strohbett der Hütte hatten wir die Instrumente gut verwahrt. Nach dem Abendessen holten wir die beiden Hörner herbei, setzten uns auf die Deichsel der Hütte und nun wurde geblasen; alle Lieder die uns einfielen, ohne Noten zweistimmig. Wir wechselten ab, einmal blies mein Vater die zweite Stimme, dann wieder ich, solange bis wir müde wurden und der Ansatz nachließ. Anschließend übernachteten wir gemeinsam in der Schäferhütte.
Um Mitternacht wurde der Pferch weitergerückt. Dies war besonders auf einem schmalen Acker ein ziemliches Stück Arbeit, da die umzuschlagenden Längsseiten des Stalles verhältnismäßig größer waren. Eine solche Arbeit erforderte ihren Lohn und bald erschallten unsere Lieder durch die stille Nacht. Wir brauchten keine Zuhörer und außer der Scharherde und den drei Schäferhunden waren wahrscheinlich keine vorhanden. Manchmal, wenn der Acker breiter und das Weiterschlagen dadurch leichter war, ließ mich Vater schlafen und vollbrachte die Arbeit allein. Anschließend rief er dann zur Hüttentür hinein: „Los Karl, heraus, weiterschlagen!" Ich dehnte und streckte mich und konnte nicht zu mir kommen. Aber wenn er nun rief: „Der Stall ist gemacht, komm wir wollen ein's blasen," war alle Müdigkeit verflogen und im Nu war ich draußen und es wurde geblasen solange der Ansatz hielt und das war damals recht lange.
Karl Kd. Boller - Gründer u. Chorleiter von 1890 -1938
Richtig genommen waren dies damals die Geburtsstunden des Lang-Gönser Posaunenchores.
Nun sollte es bis zum vierstimmigen Blasen und bis zur Gründung nicht mehr lange dauern.
Ich hatte einen etwas älteren Freund, Ludwig Weiß, der als Waisenknabe beim Bruder meines Großvaters aufgezogen worden war. Er hatte mich einige Male nach Klein-Linden begleitet und Lust zum Blasen bekommen. Auch mein jüngerer Bruder Friedrich wollte gerne mitmachen, hatte auch auf meinem Instrument schon etwas geübt. Aber zum Anschaffen neuer Instrumente fehlte es an Mitteln. Nun erfuhren wir, daß in einem Trödlergeschäft in Wetzlar alte Instrumente zu kaufen wären. Weiß und ich machten uns zusammen auf den Weg nach Wetzlar und konnten dort eine noch gut erhaltene F-Tuba für siebenundzwanzig Mark erstehen. Weiß hatte sich aber nur fünfundzwanzig Mark ersparen können, die er gleich anzahlte, die restlichen zwei Mark schickte er später nach. Ludwig Weiß war sehr musikalisch und bald blies er seinen Baß nach fleißigem Üben sehr sauber. Um vierstimmig blasen zu können, fehlte uns noch ein Tenorhorn. Dieses erhielten wir leihweise vom Posaunenchor Rechtenbach. Es war ein altes Hörn in „C", am Mundstück etwas undicht und mußte erst mit Kordel geflickt werden. Nun waren wir vierstimmig. Ich blies die erste, mein Bruder Friedrich die zweite, Vater nahm das Tenorhorn und Weiß blies auf seiner F-Tuba. Geübt wurde fast jeden Abend bei uns zu Hause.
Vom Klein-Lindener Chor, in dem ich noch immer eifriges Mitglied war, wurde für mich ein Flügelhorn in B mit Pumpenventilen für achtzehn Mark angeschafft. Weiß wurde oft vom Linneser Chor angefordert.
Im Jahre 1890 wurde unsere Pfarrstelle neu besetzt durch Pfarrer Walz, der vorher in Grüningen war. Der alte Kirchenrat Strack war in den Ruhestand getreten. Pfarrer Walz hatte uns eines Abends, er war kurz vor Weihnachten, im Vorbeigehen üben hören und uns daraufhin aufgefordert, zu Weihnachten in der Kirche zu blasen. Das war sehr aufregend für uns und es fehlte uns sehr an Mut. Jedoch ließen wir uns überreden, am Heiligen Abend bei der Christmette zum Ausgang zu blasen. Der Gemeinde war hiervon nichts bekannt und wir verfügten uns mit unserem Quartett auf die oberste Bühne neben der Orgel, um ungesehen nach rückwärts verschwinden zu können, wenn die Sache schiefgehen sollte. Es klappte aber ganz gut. Sobald die Gemeinde die Posaunen hörte, blieb alles an seinem Platz stehen, bis der letzte Ton verklungen war. Dies war unsere erste öffentliche Mitwirkung am Weihnachtsgottesdienst 1890. Nun drängte uns Pfarrer Walz und wir wirkten im Sylvestergottesdienst mit, hatten sogar soviel Mut, uns im Chorraum hinter dem Altar aufzustellen. Die ganze Woche über hatten wir fleißig geübt. Den Gemeindegesang wollten wir gerne mit der Orgel zusammen begleiten. Dazu getraute sich aber der damalige Organist, ein alter gebrechlicher Lehrer auf einer ebensolchen Orgel nicht. So wechselten wir denn in der Begleitung der Choräle versweise ab. Die Orgel spielte dazu das Vorspiel und wir übernahmen die Musik am Ausgang.
Bald darauf kamen einige junge Burschen aus Groß-Rechtenbach und holten ihr Tenorhorn wieder ab, weil sie auch lernen wollten. Nun war es wieder aus mit unserem vierstimmigen Chor. Jetzt aber nahm sich Pfarrer Walz unser an. Er schickte den Kirchendiener zu einer Haussammlung in die Gemeinde die soviel einbrachte, daß wir außer einem neuen Tenorhorn in C mit B-Bogen noch eine gebrauchte aber gut erhaltene Trompete in B kaufen konnten. Der Kirchenvorstand bewilligte ferner einen jährlichen Zuschuß aus der Kirchenkasse von 30 Mark, so daß wir auch noch eine gute B-Zugposaune erstehen konnten.
Weiß bekam nun die neue Posaune und Glasermeister Heinrich Stoll, der neu hinzukam, übte auf der F-Tuba. Heinrich Müller übernahm das Tenorhorn. Er hatte immer sein Taschentuch neben sich liegen, um sich öfters den Schweiß abzuwischen. Heinrich Stoll, der am Ende des Dorfes an den Wiesen wohnte, machte seine ersten Blasversuche in der Werkstatt, auf der Hobelbank sitzend. Er hatte einen guten Humor und meinte: schön sei sein Blasen ja nicht gerade aber nützlich, denn die Ratten, die er durch den nahen Bach im Gebäude gehabt hatte, seien spurlos verschwunden.
Posaunenchor Lang-Göns um 1895
Pfarrer Walz war ein guter Prediger und ein großer Missionsfreund. Man mußte am Sonntag, um noch einen Sitzplatz zu bekommen, schon frühzeitig zur Kirche gehen. Außer dem Hauptgottesdienst am Vormittag, war um l Uhr ein zweiter Gottesdienst, der ebenfalls gut besucht war. Einmal im Monat wurde dieser zweite Gottesdienst in eine Missionsstunde umgewandelt, bei der wir stets mitwirkten. Auch an den von Pfarrer Walz eingeführten Passionsandachten in der Passionszeit an jedem Donnerstagabend haben wir uns immer beteiligt.
Allmählich wuchs unser Chor, es kamen immer noch einige dazu, sogar von auswärts hatten wir Mitglieder. So von Leihgestern Jäger und Heß, später aus Pohl-Göns Wilhelm Langsdorf, von Dornholzhausen Mack, meist mit eigenen Instrumenten. Wir konnten oft bei Missionsfesten in der Umgegend mitwirken. Mit Klein-Linden hielten wir noch immer enge Fühlung. Oft marschierten wir gemeinsam nach dort um mitzublasen, dann kamen die Linneser auch zu uns und wirkten oft bei den Missionsstunden mit. Zu den Missionsfesten, die auf Anregung von Pfarrer Walz alle zwei Jahre, wie auch heute noch auf dem Kirchplatz abgehalten wurden, waren die Klein-Lindener immer bei uns zu Gast.
Als Nachfolger von Pfarrer Walz, der nach Darmstadt-Bessungen versetzt wurde, erhielten wir im Jahre 1900 Pfarrer Weber, der von Lißberg kam. Seine vier Buben waren, wie auch der Vater, sehr musikalisch. Die zwei älteren, Karl und Gottfried, sie waren damals Theologiestudenten, lernten gleich blasen. Ihr Instrument war die Zugposaune, die sie nach einiger Zeit gut beherrschten. Später kamen dann auch die beiden jüngeren Brüder Paul und Emil dazu, die beide ebenfalls gute Bläser auf der Zugposaune wurden. Sie waren dann noch mehrere Jahre nach dem ersten Weltkrieg zuverlässige Chormitglieder und waren bei dem Wiederaufbau des Posaunenchores im Jahre 1918 gegenüber den Anfängern eine gute Hilfe.
Posaunenchor Lang-Göns um 1912 Stehend von links: Heinr. Müller, Paul Weber, Wilh. Wagner, Karl Kd. Boller, Friedr. Boller, Gottfr. Weber, Ludw. Weiß, Karl Weber. Sitzend: Anton Müller, Konr. Boller, Heinrich Stoll.
Pfarrer Weber war, wie sein Vorgänger, ein eifriger Förderer des Posaunensache und später lange Zeit Präses im Verband Oberhessischer Posaunenchöre.
Die Literatur unseres Blasens bestand in der ersten Zeit neben unseren Chorälen hauptsächlich in englischen Weisen und in Stücken von dem seinerzeit bekannten Posaunenmann Überwasser. Allmählich fanden wir jedoch keinen Gefallen mehr an dieser faden Musik und wir entdeckten den Gehalt in unserer so wertvollen Kirchenmusik. Hierin haben uns auch die in der damaligen Zeit herauskommenden KUHLO-Posaunenbücher wesentlich gefördert. Besonders die Bachchoräle gefielen uns bald sehrund je mehr wir diese Musik übten, um so mehr Erkenntnis und Verständnis für sie bekamen wir.
Unser Übungslokal war damals das Stübchen über dem Flur der Schule in der Neugasse, später dann längere Zeit der Rathaussaal.
Die erste Unterbrechung in dieser Entwicklung erlitt der Chor durch den ersten Weltkrieg. Wir wurden nach und nach eingezogen. Ich selber rückte im Oktober 1914 nach Gießen zum Landsturm ein, und damit mußte alle Chorarbeit vorerst unterbleiben. Als dann in Gießen die Krankenhäuser und verschiedene öffentliche Gebäude mit Verwundeten belegt wurden, sammelte ich oft an Sonntagnachmittagen die noch verfügbaren Bläser der Umgebung, und nach vorheriger Probe spielten wir unseren Verwundeten an den verschiedenen Orten."
Soweit der Bericht meines Vaters Karl Konrad Boller.
Über die Folgezeit, die ich selbst miterlebt habe, kann ich aus eigener Erfahrung berichten.
Zwei Ereignisse der Vergangenheit, die mein Vater ausgelassen hat, erscheinen mir noch erwähnenswert. Beide spielten sich ab in den Jahren 1905 und 1906.
Der 1890 gegründete Lang-Gönser Posaunenchor entbehrte bis dahin:
Die offizielle und organisierte Form des Vereins.
Durch sein Wirken in der Gemeinde hatte der Chor inzwischen viele Freunde gewonnen. Mitblasen konnten nicht alle, aber man wollte sein Interesse nicht auf das Zuhören beschränken, sondern sich beteiligen an organisatorischen Fragen und besonders wollte man finanziell unterstützen. Diese Freunde des Chores wurden, zusammen mit den Bläsern zu einer ersten Generalversammlung eingeladen. Das dabei abgeschlossene Protokoll gebe ich hier im Wortlaut wieder:
„Geschehen zu Lang-Göns, am 31. Dezember 1904
Auf Grund des vorgelegten Statutenentwurfes beschließen die Unterzeichneten dem mit dem heutigen Tage neuorganisierten evangelischen Posaunenchor zu Lang-Göns als Mitglieder beizutreten.
Die endgültige Festsetzung der Statuten und die Wahl des Vorstandes soll von der demnächstigen Generalversammlung vorgenommen werden:
Karl Konrad Boller, Friedrich Boller, Konrad Boller, Karl Weber (cand. theol.), Paul Weber, Konrad Weil, Eduard Schwinn, Ludwig Weiß, Wilhelm Weil, Heinrich Stoll II., Wilhelm Wagner, Heinrich Müller
Rompf, Bürgermeister, Henrich, Beigeordneter, Wentzel, Velten VII., Spies, Konrad Ebel II., Wilhelm Weil, Heinrich Boller II., Kd.Joh. Velten, Johannes Henrich XI., Emil Konr. Schaum, Anton Karl Wentzel, Weil, Polizeidiener, Heinrich Kühl, Weber, Pfarrer, Karl Nern, Johannes Bingel, Heinrich Artz, Joh. Anton Wagner, Adam Wenzel, Carl Berg, Konr. Ant. Müller, Heinr. Schäfer I., Heinr. Wilh. Schäfer, Wilhelm Rudolph, Wilh. Aug. Rompf,
NB.: Gem. Beschluß vom 28.1.1909 wurde der Jahresbeitrag für passive Mitglieder auf 1 Mark festgelegt.
In den Vorstand wurden gewählt: Weber, Pfarrer; Rompf, Bürgermeister (umstand. Mitglied); Johannes Spies (umstand. Mitglied); Karl Konrad Boller, (Dirigent), Friedrich Boller (Rechner).
Die Statuten (Abschrift vom Original)
§ l Der Posaunenchor zu Lang-Göns ist gegründet am Weihnachtsfest 1890, Gott zur Ehre, seinen Mitgliedern und der Gemeinde zur Erbauung und Freude.
§ 2 Er macht es sich zur Aufgabe, bei kirchlichen Feierlichkeiten, zu denen seine Mitwirkung erwünscht wird, bei Missionsfesten, Gottesdiensten usw. seine Kräfte in den Dienst der Gemeinde zu stellen.
§ 3 Weiterhin sucht er allen Gefahren möglichst entgegenzuwirken, welche unter den Versuchungen der Welt, sonderlich durch anstößigen Wirtshausbesuch an seine Mitglieder heranzutreten.
§ 4 In christlicher Geselligkeit und Freundschaft sollen sich diese stets fühlen als ein im Dienste des Reiches Gottes stehender Bund.
§ 5 Die Mitglieder sollen sich das Ansehen des Vereins so am Herzen liegen lassen, daß es als eine Ehre erscheint, ihm anzugehören.
§ 6 Aktives Mitglied kann jeder werden, der einen ehrbaren Christenwandel führen will, musikalische Veranlagung hat und möglichst lange im Chor bleiben kann und will. Als passive Mitgliederkönnen nursolche aufgenommen werden, die sich die Förderung des Vereins angelegen sein lassen.
§ 7 (Nachtrag, bzw. Ergänzung im Protokoll vom 28.1.1909): Bei etwaigen Familienfestlichkeiten oder bei Todesfällen seiner Mitglieder oder ihren nächsten Angehörigen stellt sich der Verein, soweit es ihm möglich ist, auf Wunsch zur Verfügung.
§ 8 Der Neueintretende hat sich durch Namensunterschrift auf die Statuten zu verpflichten.
§ 9 Präses ist der Ortspfarrer. Ist derselbe abgeneigt, die Leitung zu übernehmen, so wird ein Präses von den stimmberechtigten Mitgliedern gewählt.
§ 10 Den Dirigenten bestimmt der Verein. Er sorgt für zweckmäßige Verteilung der Instrumente und leitet die Übungsstunden.
§ 11 Die Instrumente sind Eigentum des Vereins. Mitglieder, welche auf ihre Kosten ein Instrument anschaffen wollen, müssen solche nehmen, wie sie für den Chor passend und fördernd sind.
§ 12 Jedes Mitglied hat das ihm anvertraute Instrument sorgfältig zu bewahren und bei jedem öffentlichen Auftreten für guten Putz zu sorgen. Putzmaterial wird aus der Vereinskasse bestritten.
§ 13 Jedes Mitglied bezahlt einen vierteljährlichen Beitrag von '/2 Mark. Über einzelne Ausnahmen entscheidet der Vorstand. Außerdem erhält die Vereinskasse einen jährlichen Zuschuß von 20 Mark von der Kirche.
§ 14 Die Geldangelegenheiten besorgt der Kassierer, der dem Verein alle Jahre zur Rechnungsablage verpflichtet ist.
§ 15 Es wird jedem aktiven Mitglied zur Pflicht gemacht, die Übungen pünktlich und regelmäßig zu besuchen.
§ 16 Jedes Fehlen ist durch Angabe der wirklichen Hinderungsgründe bei dem Dirigenten oder einem aktiven Mitglied rechtzeitig zu entschuldigen.
§ 17 Bei allen Wahlen und Beschlüssen, die den ganzen Verein betreffen, entscheidet Stimmenmehrheit. Bei Stimmengleichheit entscheidet das Los. Jedes Mitglied hat den Beschlüssen unbedingt Folge zu leisten. Im Einzelfall kann der Vorstand Dispens erteilen. Zusatz zu § 17 (Nachtrag):
Über die musikalische Beteiligung der aktiven Mitglieder bei auswärtigen Gelegenheiten, entscheidet die Gesamtheit der aktiven Mitglieder in Verbindung mit dem Vorstand nach Stimmenmehrheit. Auch hier kann im Einzelfall der Vorstand Dispens erteilen.
§ 18 Der Vorstand besteht aus 5 Mitgliedern. Ständige Mitglieder sind der Präses, der Dirigent und der Rechner. Der letztere wird von der Gesamtzahl aus den aktiven Mitgliedern gewählt. Außerdem entsenden die passiven Mitglieder aus ihrer Mitte ein 4. und 5. Mitglied in den Vorstand. Die umständigen Vorstandsmitglieder werden durch Stimmzettel auf 3 Jahre gewählt und sind nach Ablauf ihrer Amtsperiode wieder wählbar.
Das zweite Ereignis, von dem nachzuberichten ist, da hieran der Lang-Gönser Posaunenchor und sein Leiter maßgeblich beteiligt waren, ist die Gründung des
Landesverbandes Oberhessischer Posaunenchöre.
Um die Jahrhundertwende waren in der näheren und weiteren Umgebung mehrere Posaunenchöre entstanden, die meist enge Beziehungen miteinander pflegten. Man traf sich zu gemeinsamen Festen und half sich gegenseitig bei der schwierigen Beschaffung von Instrumenten und Noten.
Diese Chöre und einige von dem entfernteren Vogelsberg vereinten sich zwecks engerer Zusammenarbeit und geeigneter Bläserausbildung. Die Gründungsversammlung fand am 21.1.1906 in Lang-Göns statt. Der damalige Direktor des Friedberger Predigerseminars Wurster wurde als l. Vorsitzender, Pfarrer Kalbhenn aus Ober-Mockstadt als Verbandsdirigent und mein Vater Karl Konrad Boller als Rechner gewählt. Letzterer wurde gleichzeitig als Vertreter des Dirigenten bestimmt mit der Aufgabe, die einzelnen Chöre zu besuchen und anzuleiten, während Pfr. Kalbhenn die Massenchöre bei den Posaunenfesten zu dirigieren hatte.
Das erste Landesposaunenfest fand am 29. Juli 1906, ebenfalls in Lang-Göns statt, es wirkten folgende Posaunenchöre mit: Klein-Linden (20), Stockhausen(17), Bad Nauheim (10), Gießen (3), Friedberg (12), Holzheim (10), Nieder-Weisel (7), Beuern (6), Lang-Göns (12).
Dazu noch einige Gastchöre aus dem damals benachbarten Preußen und dem Kreis Marburg, so daß ein, für die damalige Zeit, ungewöhnlich großer Chor mit 173 Bläsern zustande kam. Dieser Chor wurde geleitet von Pastor Johannes Kuhlo, der auch predigte. Die Zuhörerschar wurde auf 3000 geschätzt, das Sammelopfer für die Mission ergab 458,— Mark.
Auch die nächsten Jahresfeste erbrachten starke Beteiligung sowohl an Bläsern als auch an Gemeinde: in Gambach 1907 waren es 140 Bläser und etwa 3000 Teilnehmer.
Diese Veranstaltungen erfüllten ihren volksmissionarischen Auftrag, sie bewirkten aber auch wachsendes Interesse an der Posaunensache und führten zu mancher Neugründung.
Bei dem zuvor geschilderten ersten Verbands-Posaunenfest 1906 hatte der Lang-Gönser Chor seine erste Begegnung mit Johannes Kuhlo.
Mein Vater hat oft darüber erzählt: „Am Vorabend des Festes hatte sich der Lang-Gönser Chor zu einer letzten Übungsstunde in seinem Übungslokal eingefunden. Dieses befand sich im Schulhaus gegenüber dem Pfarrhaus, einem Zimmer im II. Stock. Plötzlich erklang vom Treppenhaus her der Choral „Ich will dich lieben meine Stärke" in einer so überaus reinen, zarten und doch vollen Weise, daß wir alle noch ganz benommen dasaßen, als die Tür aufging und Pastor Kuhlo, sein Flügelhorn unter dem Arm, begleitet von unserem Gemeindepfarrer, den Übungsraum betrat.,, Mein Vater und seine Leute waren von diesem Blasen so stark beeindruckt, daß sie auch in späteren Jahren noch meinten, noch nie eine solch reine Bläsmusik gehört zu haben. Diese Art zu blasen hat den Lang-Gönser Chor beflügelt, man bemühte sich um diesen weichen Anschlag, diesen reinen Ton und dieses beschwingte Blasen.
Mir ging es ähnlich, als ich bei einer Kundgebung am Frankfurter Römer, es war wohl 1921, erstmals das Kuhlo-Sextett hörte. Ich habe diese Klänge noch heute im Ohr: „Sollt' ich meinem Gott nicht singen," „Dir dir Jehova will ich singen," usw. Ich habe mich damals monatelang um diesen Ton, diese Klarheit und Reinheit bemüht, leider mit geringem Erfolg.
Etwa ein Jahr später lernte ich Kuhlo auf einer von ihm geleiteten Bläserfreizeit in Hephata persönlich kennen. Es waren erlebnisreiche Tage mit einem Mann fröhlichen Glaubens und eines gesunden Humors. Seine lustigen Erlebnisse und Anekdoten, die er zwischendurch zum Besten gab, lockerten die Arbeit auf und bewirkten eine frohe Bläsergemeinschaft.
Kuhlo war nie ohne sein Flügelhorn anzutreffen, es war sein ständiger Begleiter. Eine Predigt von ihm war nicht denkbar, ohne daß er einige zu seiner Ansprache passende Choräle von der Kanzel über die Köpfe der Gemeinde hinwegerklingen ließ.
Später hatte unser Chor noch engeren Kontakt mit Kuhlo. Ich erinnere mich an eine Abendmusik unseres Posaunenchores in der Giessener Johanniskirche, an der sich Pastor Kuhlo mit einer Ansprache und einigen Chorälen, in seiner unnachahmlichen Weise geblasen, beteiligte.
Pastor Johannes Kuhlo ist als „Posaunengeneral" in die Posaunengeschichte eingegangen. Er bezeichnete sich selbst einige Male als „Spielmann Gottes". Ich finde diese Benennung passender.
Es war eine schlimme Zeit 1918. Die Soldaten auf dem Rückmarsch durch unsere Dörfer nahmen Quartier in Häusern und Schulen, oft auf mehrere Wochen. Das bedeutete für uns Kinder lange Schulferien, in denen wir Zeit hatten, Kriegsmaterial und Ausrüstung zu sammeln, sich mit den Soldaten anzufreunden, ihre Pferde, die in unserer Scheune untergebracht waren zu pflegen und zu reiten, sehr zum Leidwesen unserer Mutter die uns anhielt, doch lieber im Wald Holz zu sammeln und für den nötigen Hausbrand zu sorgen, was wir zwischendurch auch taten. Auch nach dem Krieg nahmen die Hamsterfahrten der benachbarten Städter um ein paar Kartoffel oder etwas Brot nicht ab, es fehlte überall am Nötigsten. Auch in den nächsten Jahren hatten wir im Winter oft monatelang Kohleferien, weil es an Heizmaterial fehlte, um die Schule zu heizen. Oft sagte meine Mutter am frühen Abend: „Laßt uns schlafen gehen, wir müssen Strom sparen". Die Wirtschaft erholte sich sehr viel langsamer als nach dem zweiten Weltkrieg. Doch wir hatten auf dem Land den Leuten in den Städten voraus, daß wir nicht hungern mußten. Der Eigenbedarf wurde meist gedeckt durch eine, wenn auch kleine Landwirtschaft, auch half man sich innerhalb der Nachbarschaft gegenseitig aus.
Vater, der an den Feldzügen in Frankreich und Rußland teilgenommen hatte, wurde 1917 aus Altersgründen zur Arbeit in einer Munitionsfabrik in Ober-Kleen UK gestellt. Ich war damals 9, mein Bruder Karl 14 Jahre alt. Vater brachte nun sehr bald seinem Ältesten das Blasen bei. Fast jeden Abend konnte man die Beiden zweistimmig blasen hören. Mir gefiel diese Musik, jedoch ein größeres Interesse meldete sich bei mir noch nicht an. Dies wurde anders, als im Frühjahr 1918 einige Freunde und Schulkameraden meines Bruders meinen Vater bedrängten, auch ihnen das Blasen beizubringen.
Von den Vorkriegsbläsern waren nur noch wenige vorhanden. Zwei waren gefallen, einige fühlten sich zu alt und wollten der nun herandrängenden Jugend nicht im Wege sein.
Es begann ein eifriges Üben. Auch drei meiner Vettern hatten sich eingefunden. Wir waren 11 Jungen zwischen 9 und 17 Jahren. Fast jeden Abend fanden wir uns zur Blasstunde ein, außerdem wurde tagsüber geübt. Ich habe nie wieder einen Verein kennengelernt, in dem mit einer solchen Begeisterung und Zielstrebigkeit gearbeitet wurde. Wir hatten im Frühjahr 1918 begonnen und waren bei unserem ersten Verbands-Posaunenfest im Sommer 1919 beinahe fertige Bläser. Wir konnten bei diesem Fest in Wallenrod im Vogelsberg sogar schon mit einem Marsch aufwarten, dem s.g. Anfangsmarsch, eine sehr leichte und einfache Marschmusik. Damals waren Märsche beim Festzug noch üblich.
Posaunenchor Lang-Göns 1925 Von links: Pfr. Weber, Pfr. Waldeck, Ernst Boller, Karl Zeiß, Herrn. Boller, Karl Boller, Willi Boller, Erich Spieß, Heinr. Schäfer, Erich Heidbrink, Friedr. Boller, Karl Kd. Boller, Eduard ?, Paul Boller, Rieh. Boller, Heinr. Schäfer II., Wilh. Rudolph (Pätter), Karl Reh, Otto Jochen.
Der Verband „Oberhessischer Posaunenchöre" feierte im Sommer eines jeden Jahres sein Jahresfest. Es fand in den verschiedensten Orten der beteiligten Chöre statt, meist gelegentlich einer Jubiläumsfeier. Die Bläserliteratur dazu wurde jeweils bei der Vertretersitzung im November des Vorjahres zum Üben bekannt gegeben. Vater hatte es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Chor jährlich einmal zu besuchen. Er tat dies immer im Winter, für ihn als Weißbindermeister die ruhigste Zeit. In der Woche nahm er sich an 2-3 Tagen allabendlich je einen Chor vor, um mit ihm die Festmusik zu üben. Die Reisen bewältigte er meist mit dem Fahrrad. Wenn er im Vogelsberg tätig war, fuhr er meist mit der Eisenbahn bis Mücke, holte dort sein Rad aus dem Gepäckwagen und strampelte dann den Ort seines Dienstes an. Ob er die Fahrtkosten für seine ehrenamtliche Tätigkeit ersetzt bekam, konnte ich nicht feststellen. Diese Arbeit bewirkte aber, daß die für das Fest vorgesehenen Stücke, meist aus den Kuhlo-Büchern, sorgsam vorbereitet waren und im Massenchor (ca. 200 bis 300 Bläser) klappten.
Wir freuten uns schon immer Wochen vorher auf das Posaunenfest. Am Samstag Nachmittag war die Anreise. Vom Bahnhof aus zogen wir oft mit einem schneidigen Marsch in das geschmückte Festdorf ein. Hier wurden wir in die verschiedenen Familien einquartiert. Chöre, die dazu Lust hatten, machten am Samstag Abend noch ein kleines Platzkonzert. Am Sonntag um 8.00 Uhr war Choralblasen der einzelnen Chöre an den verschiedenen Plätzen des Dorfes. Um 9.00 Uhr war Probe in der Kirche oder auf dem Festplatz, um 10.00 Uhr fand der Festgottesdienst statt. Nach dem Mittagessen in den Quartieren und einer kurzen Freizeit, traf man sich um 14.00 Uhr zum eigentlichen Posaunenfest auf dem geschmückten Festplatz. Hier war meist eine große Festgemeinde anwesend. Nicht nur die eigene, auch die Nachbargemeinden beteiligten sich. Viele waren auf geschmückten Leiterwagen angefahren. Als Festprediger hatte man meist einen bekannten Redner verpflichtet. Da diese Feste volksmissionarisch ausgerichtet waren und der Großteil der Kollekte der äußeren Mission zugute kam, nahm auch ein Missionar, meist der Baseler oder Rheinischen Mission das Wort. Die Nachmittagsveranstaltung wurde durch eine einstündige Kaffeepause unterbrochen und dauerte meist bis gegen 18.00 Uhr.
Bei diesen Festen wurden oft zwischen Chören und auch zwischen einzelnen Bläsern dauerhafte Freundschaften geschlossen. Das miteinander Feiern und Musizieren bewirkte in uns allen ein Frohgefühl, das der segensreichen Arbeit im Chor und der Posaunensache überhaupt sehr zustatten kam.
Der Anfang war gemacht und der Chor war im Wachsen begriffen. Die Anzahl der vorhandenen Instrumente behinderte eine größere zahlenmäßige Aufstockung. Es kamen hinzu mein jüngerer Bruder Hermann und Vetter Ernst Boller, der Schulfreund meines Bruders, der später als Olympiadepfarrer bekannt gewordene Karl Zeiß und auch einige etwas Ältere. Es wurde weiterhin eifrig geübt. Die Neuen erhielten Einzelunterricht, Chorprobe war Mittwoch und Samstag Abend. Inzwischen waren einige Instrumente angeschafft worden: drei Kuhlo-Flügelhörner, eine Zugposaune, ein Tenorhorn und eine große Baßtuba, der Kaiserbaß. Er war der Stolz des Chores: Außerdem war noch ein B-Helikon im Gebrauch. Den Kaiserbaß bekam der Neuzugang Wilhelm Rudolph. Von Form und Statur her paßten die Beiden gut zusammen. Rudolph war Pätter (Pate) unseres Tenorhornbläsers Heinrich Schäfer, der ihn natürlich mit „Pätter" anredete. Bald war Rudolph unser aller Pätter, und da er ziemlich stark war, wurde er der „dicke Pätter". Diesen Namen behielt er zeitlebens, er hat sich uns Jungen gegenüber auch immer als Pätter erzeigt. Vom Vorkriegschor waren nur noch Emil und Paul Weber, die jüngsten Söhne unseres Pfarrers, geblieben. Beide waren gute Posaunisten. Emil Weber wurde Pfarrerund war mehrere Jahre Dekan in Büdingen.
Neben dem anstrengenden Üben hatte sich eine enge und fröhliche Gemeinschaft gebildet. An den freien Abenden trafen wir uns meist in „Rudolph's", dem Elternhaus von Heinrich Schäfer, dessen Vater inzwischen auch das Blasen erlernt hatte. Die Altersunterschiede taten unserer Freundschaft keinen Abbruch. Im Gegenteil, die Jungen fühlten sich wohl im Kreis der Älteren und nahmen auch manchen Rat und manche Zurechtweisung von ihnen an.
Posaunenfreizeit in Lang-Göns 1928 Von links sitzend: Joh. Germer, KI.-Linden; Karl Kd. Boller; Pfr. Otto Lenz; Heinr. Schäfer.
Der Chor hatte nun eine Stärke von 18 Bläsern erreicht, die sich mehrere Jahre hindurch hielt. Durch ständiges intensives Üben waren wir zu einem guten Chor herangereift, der fast an jedem Sonntag zum Dienst gerufen wurde. Neben den vielen bläserischen Aufgaben in der eigenen Gemeinde, wurden wir oft von den umliegenden Dörfern angefordert zur Mitwirkung bei Missionsfesten oder anderen kirchlichen Veranstaltungen. Es kam vor, daß wir von zwei Orten gleichzeitig gebeten wurden. Um nicht absagen zu müssen, teilten wir dann den Chor und wirkten an beiden Stellen mit. Unser Transportmittel war meist das Fahrrad.
Pfarrer Weber bekam zu seiner Hilfe verschiedene Assistenten, zuletzt als Verwalter Pfarrer Waldeck. Er hatte keine Familie und widmete dem Chor sehr viel Zeit und Liebe. Nur selten fehlte er bei einer Übungsstunde. Während des Blasens machte er oft ein kleines Schläfchen, aber zum Schluß hielt er uns immer eine gute Andacht. Er wurde später nach dem Elisabethenstift nach Darmstadt versetzt. Im Jahre 1925 nahm Pfarrer Weber seinen Abschied, sein Nachfolger wurde Pfarrer Wahl. Er hatte in seiner vorigen Gemeinde Gimbsheim einen Posaunenchor gegründet und war der Posaunensache zugetan. Durch ihn entstand nun bald ein neues Gemeindehaus, in dem wir endlich ein eigenes und geeignetes Übungslokal erhielten.
Vereinsordnung und -disziplin
Der geregelte Ablauf des Vereinsgeschehens wurde noch immer von den Statuten bestimmt. Alljährlich fand eine Generalversammlung statt, bei welcher der Vorstand gewählt bzw. bestätigt und die Beiträge festgesetzt wurden. Auch die sonstigen Belange des Chores, den Dienst in der Gemeinde und der Choreinsätze betreffend, wurden eifrig diskutiert. Seit Beginn wurde eine sehr abgegrenzte Chordisziplin durchgeführt. Den Mitgliedern war es versagt, an weltlichen Festen, Tanzvergnügungen usw. teilzunehmen. Diese aus der Erweckungszeit stammende und in den Statuten verankerte enge Auslegung wurde in der Gemeinde nicht immer verstanden und diese Abkapselung gegenüber allem „Weltlichen" brachte auch im Chor Probleme. Die nach den Entbehrungen während des ersten Weltkrieges einsetzende Auflockerung vieler Grundsätze, die nun aufkommende Vergnügungssucht blieb auch in unseren Reihen nicht ohne Auswirkung. Zwei gute Bläser, unser aller Freunde, 18 und 19 Jahre alt, hatten an einer Kirmes teilgenommen und auch vorgesehen, einem weltlichen Verein beizutreten. Dies stellte den Chor damals in eine Zerreißprobe. Ich erinnere mich noch gut an die Chorstunde, in der mein Vater die Beiden eindringlich und väterlich ermahnte, doch bei der Sache zu bleiben und diesen weltlichen Vergnügungen zu entsagen. Er bat sie, sich die Sache ernstlich zu überlegen und stellte sie vor die Verantwortung, sich selber zu entscheiden. Nach ein paar Tagen spannender Sorge brachten die Beiden ihre Instrumente und Noten zurück, sie hatten sich entschieden. Uns junge Bläser verwickelte diese Sache in Anfechtungen. Waren die Verfehlungen der Freunde denn so schlimm, daß sie einen Ausschluß rechtfertigten. Kamen denn bei uns selbst und auch in unseren Reihen ständig nicht andere und manchmal schlimmere, auch heimliche Übertretungen vor, die nicht gerügt wurden? Aber hier lag eine Übertretung der Statuten vor, die nicht hingenommen werden konnte. Damals sahen wir das dann auch ein, da wir auch merkten, wie schwer sich Vater mit dieser Entscheidung tat.
Inzwischen sind wir von dieser, wie wir jetzt sagen würden „Engstirnigkeit" weit abgekommen, das Richten steht uns nicht zu. Zum Anderen glaube ich aber doch, daß diese damalige Absonderung des Chores von allen Ablenkungen und Aufteilungen in verschiedene Aufgaben- und Unterhaltungsgebiete eine auf unsere Aufgaben ausgerichtete Geschlossenheit bewirkt hat, die sich auch auf die Leistungen niederschlug.
Unser Chor hatte im Blasen gute Fortschritte gemacht. Wir wurden in der eigenen Gemeinde und auch in der näheren und weiteren Umgebung oft zum Dienst gerufen, denn damals gab es noch nicht so viele Posaunenchöre wie heute. Unsere Bemühungen um den weichen runden Ton und um eine reine Chorstimmung hatten Erfolg. Vorbild für diese Blasweise war noch immer Kuhlo. Trompeten und engmensurierte Instrumente, außer den Zugposaunen, waren bei uns verpönt. „Auch ein Porte durfte nicht schmettern". Wir hatten nur auf „B" abgestimmte Instrumente, in den Oberstimmen ausschließlich Kuhlo-Flügelhörner. Unsere Literatur beschränkte sich in der Hauptsache auf die Kuhlo-Posaunenbücher. Die technischen Anforderungen waren gering, die heutige Bläserliteratur verlangt in dieser Hinsicht den Bläsern wesentlich mehr ab, aber unser textgemäßes, beschwingtes, dem Singen nahekommendes Blasen erforderte einen guten Ansatz, einen leichten Anschlag auch in den hohen Tonlagen und ein gutes Gehör. Durch eifriges zielgerichtetes Üben hatten wir im Laufe der Jahre einen gewissen Fertigkeitsgrad erreicht.
Bläserische Höhepunkte für uns waren die alljährlich stattfindenden Passionsmusiken, in den ersten Jahren nur in Lang-Göns, später auch in Gießen und anderen hessischen Städten. Ich erinnere mich an unsere erste Passionsmusik in Gießen, am 19.2.1928. Die Sitzplätze in der Johanneskirche reichten nicht aus und viele mußten stehen. In unserem dreiteiligen Programm brachten wir vorwiegend Choralmusik, meist von Bach, aber auch von Palästrina, Händel, Schütz und Eccard. Wir legten Wert darauf, daß unsere Darbietungen nicht nur als „Konzert" aufgefaßt wurden, sondern sie sollten in erster Linie in ihrer ganz besonderen Art „Verkündigung" sein. Die Texte wurden jeweils vorher verlesen. Hierzu hatten wir Frau Dr. Aubel, ein Mitglied der Rotenburger Sprech- und Sing schule gewinnen können. Sie tat dies in einer sehr schlichten, aber doch eindringlichen Weise, die sowohl uns Bläser, wie auch die Zuhörer auf das anschließende Blasen einstimmte und so das Musizieren belebte und erleichterte.
Bei den Gemeinden kamen diese Veranstaltungen sehr gut an. Ähnliche Konzerte haben wir dann auch in anderen Städten unseres Hessenlandes aufgeführt, wie in der Dankeskirche in Bad Nauheim, oder der Stadtkirche in Darmstadt.
Nach dem, was man bisher lesen konnte, muß man annehmen, daß es sich bei unserem Chor um eine ideale, problemlose christliche Gemeinschaft gehandelt hat. Das war nicht so. Auch bei uns gab es Unstimmigkeiten, Auseinandersetzungen, Ärger und menschliches Versagen wie in jeder anderen Gruppe. Jedoch in der Erinnerung, aus der ich dies schreibe, erscheinen die dunklen Stellen heller und manches Üble ist vergessen, das Positive dagegen erstrahlt umso heller.Es kam das Jahr 1933, die Nationalsozialisten übernahmen die Regierung. Ich muß gestehen, ich war anfangs mit Begeisterung bei der Sache. Warum auch nicht? Alles wurde besser, die Arbeitslosen verschwanden, Zucht und Ordnung kehrten ein und Deutschland erlebte einen unvergleichlichen Aufschwung, alles atmete auf, auch die Kirchen füllten sich am Anfang. Der Dienstplan der S.A. in Lang-Göns sah in jedem Monat einmal Kirchgang vor. Die Emporen rundum waren gefüllt mit Trägem der braunen Uniform. Man sah darunter junge Männer, die seit Jahren die Kirche nicht mehr von innen gesehen hatten. Ich hatte damals manche Auseinandersetzung mit meinem Vater, der den Geist der Zeit von Anfang an erkannt hatte. Ich selbst wurde Mitglied im NSKK, andere von uns gingen zur SA. Natürlich ging die Chorarbeit weiter, aber ein gutes Stück Interesse und Zeit hatten wir an die neue Bewegung verloren. Es dauerte aber nicht lange, bis auch uns Jüngeren die Augen aufgingen. Als die von der Regierung geförderten „Deutschen Christen" ihre Thesen bekanntgaben, merkten wir, daß wir einem Ungeist zum Opfer gefallen waren. Bereits im Juni 1935 trat der Lang-Gönser Posaunenchor geschlossen der „Bekennenden Kirche" bei, etwas später folgte der Verband Oberhessischer Posaunenchöre.
Nun wurden wir neben unserem gewohnten Dienst in der Gemeinde und Umgebung auch tätig für die „Bekennende Kirche" und wirkten bei verschiedenen Veranstaltungen mit. Die Lutherlieder „Ein feste Burg", „Erhalt uns Herr" und andere kamen zu ihrem Recht. Es war damals für uns nicht ganz ungefährlich, jedoch sind wir nie in wirkliche Schwierigkeiten gekommen, auch wurden wir bei unserem üblichen Dienst in der Gemeinde und sonst nie behindert.
Im Jahre 1938 übertrug mein Vater seine beiden Chöre, die er gegründet hatte auf mich. Den Posaunenchor hatte er 48 Jahre, den Kirchenchor 39 Jahre geleitet.
Bis zum zweiten Weltkrieg 1939 konnten wir unseren Chordienst ohne größere Einschränkungen fortsetzen, aber mit dem Ausbruch des Krieges und der Einziehung der meisten Bläser hatte jede Chorarbeit ein vorläufiges Ende.
Der nochmalige Wiederbeginn 1945
Der zweite Weltkrieg nahm uns wieder einige treue Mitglieder:
Paul Boller, Erich Heidbrink, Gustav Kromp und Ewald Herbei.
Von den alten Bläsern waren nicht viele geblieben. Einige befanden sich noch in Gefangenschaft, andere waren nach auswärts verzogen und verschiedene fühlten sich zu alt, um sich an einem Neubeginn zu beteiligen. Es kam aber eine Anzahl noch schulpflichtiger Jungen und mit frischem Eifer ging es wieder ans Werk. Die Anfangsschwierigkeiten waren bald überwunden und wir konnten unseren gewohnten Dienst in der Gemeinde wieder aufnehmen. Unsere Musik am Anfang war noch recht eckig und rauh, allmählich wurde es besser, jedoch unseren Vorkriegsleistungsstand konnten wir nicht mehr erreichen. Es war auch nicht mehr möglich, die jungen Bläser für den Chor und ein intensives Üben zu motivieren. Bald konnte nur noch eine Übungsstunde, am Samstag Abend, festgesetzt werden, die zwar im Allgemeinen gut besucht war, unseren Aufgaben konnten wir in der Gemeinde, gelegentlich auch außerhalb, ohne Schwierigkeiten nachkommen, aber an dem rechten Auftrieb, den wir damals als Jungen erlebt hatten, fehlte es. Früher galt unser ganzes Interesse nur dem Posaunenchor, für ihn hatten wir Zeit, andere Vereine gab es für uns nicht, abgesehen von Kirchenchor und CVJM, die unsere Freude am Blasen nicht schmälerten, eher beflügelten. Die vorher geschilderte, bis zum zweiten Weltkrieg geübte, statutenbegründete Abkapselung, das Verbot der gleichzeitigen Mitgliedschaft an weltlichen Vereinen hatten wir aufgegeben, weil wir diese enge, gesetzliche Chorführung für falsch hielten, auch wären diese Einschränkungen nach dem zweiten Weltkrieg auf Unverständnis und Gegnerschaft in der Gemeinde gestoßen. Die Schwierigkeiten, die diese Verzettelung unserer Mitglieder mit sich brachte, mußten wir bald feststellen.
Es gab Überschneidungen unserer Übungsstunden und Veranstaltungen mit Terminen der anderen Vereine, die unsere Bläser oft vor die Frage stellten, was ist uns wichtiger? Nicht immer schnitt dabei das Interesse für den Chor gut ab. Nach Vorhaltungen erlebten wir dann manchmal den Austritt eines Bläsers, einige Male waren es auch gleichzeitig mehrere.
Diese Ausscheidungen aus dem Posaunenchor kannten wir früher nicht. Für mich als Chorleiter und auch für die wenigen alten Bläser tauchte immer wieder die Frage auf: „Was machen wir falsch, ist es mein bzw. unser Verschulden?" Auch waren diese Abgänge nicht geeignet, bei den verbleibenden Mitgliedern die Einsatzfreude für den Chor zu stärken, im Gegenteil, bald machte sich eine spürbare Vereinsmüdigkeit breit.
Im Verlauf der nächsten Jahre erlebte der Chor ein wechselseitiges Auf und Ab. Manchmal freuten wir uns über junge verheißungsvolle Neuzugänge, es wurde mit Eifer geübt und bald ein gewisser Leistungsstand erreicht, aber dann, meist wenn aus den Knaben junge Männer geworden waren, fielen sie ab und wendeten sich anderen Interessen zu. Der Chor wurde kleiner, es wurde weiter geübt, wir kamen auch unserem Dienst, soweit wir gefordert wurden nach, aber die rechte Freude fehlte.
Ohne eine kleine aber treue Stammmannschaft, Söhne aus nur 3-4 Familien, die sich ihrer Verantwortung gegenüber Kirche und christlichem Glauben bewußt war, hätte der Lang-Gönser Posaunenchor in diesen Jahren kaum überlebt. Über diese Familien wird später noch zu reden sein.
Die zuvor geschilderte, von Kuhlo eingerührte und geförderte weiche, singähnliche Vokalmusik, die unser Chor besonders gepflegt hatte, entsprach nicht mehr dem Geschmack und der Musikauffassung der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg.
Parallel mit der Entwicklung der Orgel haben auch die Posaunenchöre aus dieser weichen, vollen Legatomusik eine Wandlung zur Obertönigkeit und klanglichen Helle der einzelnen Stimmen erfahren. In den neuen Orgeln wurden mehr helle, oft schrille Register verwendet, bei den Posaunenchören verschwanden allmählich die weitmensurierten, früher so bewährten Kuhlo-Flügelhörner und immer mehr kamen die engen Trompeten zur Geltung. Von den Posaunenverbänden wurde eine neue bläsereigene Literatur angeboten, die eine Umstellung und Umschulung der Bläser erforderte. Anstelle der gewohnten Vokalmusik trat eine speziell auf die Bläser abgestellte neue Instrumentalmusik, die eine für uns ungewohnte Blastechnik verlangte.
Die Umstellung war für unseren Chor nicht leicht, da wir in Auffassung und Ausführung der Posaunenmusik noch ganz in der Ausrichtung unseres Vorbildes Johannes Kuhlo standen. Mancher der Bläser, besonders der älteren, hatte seine Schwierigkeiten, jedoch sah man ein, daß unser Blasen nicht schablonenhaft und unbeweglich auf seinem Stand beharren darf, sondern wie alle lebendige Arbeit einer Weiterentwicklung unterliegen muß, der wir uns nicht widersetzen können. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatten wir die Umstellung nun doch bald geschafft. Allmählich fanden wir Gefallen an den Intraden, Vorspielen und neuen Choralbearbeitungen, wie sie uns zuerst in dem von Fritz Bachmann 1949 herausgegebenen „Laß dir unser Lob gefallen" angeboten wurden.
Viel schwieriger war die Umstellung im Verband Oberhessischer Posaunenchöre, dessen Verbandsdirigent ich 1945, als Nachfolger meines Vaters geworden war. Hier bedurfte es jahrelanger Arbeit um Vorurteile zu beseitigen und um die in der alten Auffassung festgefahrene Posaunenmusik zu erneuern.
Die Kirchenmusik in Lang-Göns der fünfziger Jahre
Im Jahre 1950 trat Pfarrer Wahl nach 25-jähriger Amtstätigkeit in der Gemeinde, in den Ruhestand. Sein Nachfolger Pfarrer Dr. Hofmann blieb nur 6 Jahre, er wurde nach Frankfurt versetzt. Er war sehr musikalisch und hatte viel Verständnis für unsere Belange. 1956 folgte Pfarrer Karl Alt. Er kam aus Schwickartshausen bei Nidda. Seine beiden Söhne wurden bald Chormitglieder. Pfarrer Alt teilte alle Sorgen und Freuden des Chores mit uns. Er war in der Gemeinde in allen persönlichen Fragen ein echter Seelsorger und uns ein guter Freund.
Seit 1926 wurde aus unseren Reihen auch der Organistendienst versehen. Zuerst war ich selber Organist, später teilte ich mit Helmut Reh dieses Amt, bis er es nach meinem Umzug nach Gießen im Jahre 1949 voll übernahm. Während des Krieges hatte Vater Karl Reh die Orgel gespielt. So kam es, daß die drei kirchenmusikalischen Ämter in den Händen von Posaunenchormitgliedern lagen, eine reizvolle Möglichkeit zum wechselseitigen liturgischen Dienst und zum gemeinsamen und alternativen Musizieren. Der 1899 gegründete Kirchenchor stand bis zum zweiten Weltkrieg sehr im Schatten des Posaunenchores. Mehr zur Geltung kam er erst nach dem Krieg. Ich hatte 1946 und 1947 an Singwochen in Assenheim unter Kantor Reich teilgenommen und war 1948 Mitbegründer und anschließend langjähriges Mitglied der „Hessischen Kantorei". Dabei habe ich meine Liebe zum Chorgesang entdeckt. Wie früher in der Posaunenmusik Pastor Kuhlo, so wurde im Chorsingen jetzt Kantor Philipp Reich mein Vorbild. Er hat mich in diesen Jahren bezüglich Chorführung, Musikverständnis und Literatur sehr beeinflußt. Eine tiefe christliche Einstellung war Richtschnur seiner Arbeit. Die Begegnung mit Reich gab mir Auftrieb und wirkte sich auf meinen Dienst im Lang-Gönser Kirchenchor aus.
Wie vor dem Krieg, fand auch jetzt wieder fast in jedem Jahr eine Passionsmusik statt. Erstmals 1950 hatten wir uns auch zu einer Weihnachtsmusik entschlossen. Außer unseren beiden Chören und der Orgel beteiligte sich ein Streichquartett, (Freunde aus Gießen) das neben eigenen Darbietungen, mit dem Kirchenchor zusammen eine Buxtehude-Kantate aufführte. In den folgenden Jahren wurden diese weihnachtlichen Abendfeiern zu einer ständigen Einrichtung, sie kamen bei der Gemeinde gut an. Als musikalischer Höhepunkt stand meist eine für uns anspruchsvollere Aufführung auf dem Programm. Dies waren meist kleine Kantaten alter Meister, aber auch neue, sehr reizvolle Bläserkantaten, die das miteinander Musizieren der beiden Chöre ermöglichten und förderten.
Unser Dienst in der Gemeinde verlief auf gewohnten Bahnen: Mitwirkung nicht nur an den festlichen Gottesdiensten, sondern auch an Feierstunden und anderen Anlässen der Kirchengemeinde. An den Festen mit zwei Feiertagen übernahm meist der Posaunenchor den Chordienst am ersten, und der Kirchenchor den Dienst am zweiten Feiertag, manchmal auch umgekehrt. Turmblasen fand am heiligen Abend, zur Jahreswende und am ersten Ostertag Früh statt. Auch von der politischen Gemeinde wurde der Posaunenchor zuweilen angefordert, z.B. zum Volkstrauertag auf dem Friedhof, zu Altennachmittagen, zu Einweihungen und sonstigen Anlässen. Aufgaben außerhalb der Gemeinde beschränkten sich meist auf Blasen an oder in Krankenhäusern, Altersheimen und Haftanstalten. Anforderungen aus Nachbargemeinden kamen im Gegensatz zu früher nur noch selten, da leider kaum noch kirchliche Feste im Freien, und man kann sagen, keine Missionsfeste mehr stattfanden. Außerdem standen nun viel mehr Chöre zur Verfügung. An den noch immer alljährlich durchgeführten Posaunenfesten des Oberhessischen Verbandes, der inzwischen in „Posaunenwerk der evang. Kirche in Hessen und Nassau" umbenannt worden war, beteiligten wir uns regelmäßig, auch nahmen oft Chormitglieder an den Posaunenfreizeiten zwischen den Jahren teil, die seit Mitte der 20-er Jahre zur ständigen Einrichtung des Verbandes gehörten und in ihrem bläserischen Teil, wie auch die Verbandsfeste, von mir geleitet wurden. 1954 legte ich das Amt des Verbandsdirigenten nieder, da hierfür in Hessen eine Planstelle für einen hauptberuflichen „Obmann" geschaffen worden war. Der erste Obmann war Diakon Kurt König.
Unser Posaunenchor war bis Ende der 50-er Jahre auf ca. 30 Bläser angewachsen, die Chorarbeit machte wieder Freude. Was fehlte uns auch? Wir hatten ausreichend gute Instrumente, eine große Auswahl guter Posaunenliteratur, ein geeignetes Übungslokal und eine aufgeschlossene Gemeinde, die uns zugetan war. Was hatten wir nicht alles den früheren Zeiten voraus?
Um die Anzahl der am Blasen interessierten Jungen hatten wir eigentlich nie Sorgen. Manchmal kam eine ganze Schar, oft waren es Schulkameraden, die sich gegenseitig ereifert hatten. Sie kamen mit den besten Vorsätzen, erhielten Instrumente, Noten und Anleitung; ein fleißiges Üben begann. Bald merkten sie wie schwer es ist, nur einen klaren Ton zu erzeugen, die Noten mußten erlernt werden. Die Vorstellung vieler Anfänger, nach kurzer Anleitung bald fertige Bläser werden zu können, machte der enttäuschenden Erkenntnis Platz, daß zum vollwertigen Bläser ein hoher Einsatz von Zeit und Mühe gehört. Schon in dieser ersten Phase fielen einige ab. Die Übrigen kamen weiter und wurden in der zweiten Mannschaft, d.h. dem Anfängerchor geschult und an das chorische Blasen gewöhnt. Die Eingliederung in den Chor erfolgte erst später, da wir die Erfahrung gemacht hatten, daß zu früh in den Chor aufgenommene Mitglieder meist unsichere „Mitbläser" blieben, die sich an ihre Nachbarn hielten und selten selbständige Bläser wurden. Nach erlangter Fähigkeit wurde die Anfängergruppe meist geschlossen dem Chor zugeführt. Das Zusammenblasen mit den „Alten", die Teilnahme an den Übungsstunden und am Chorleben machte zuerst Spaß, bald fühlten sich aber einige überfordert, der notwendige Aufwand an Zeit und Mühe wurde ihnen zur Last und sie blieben weg. Die dritte und schwierigste Phase trat ein im Alter von etwa 16 bis 20 Jahren. Hier waren es die Einflüsse der Umwelt mit ihrem Überangebot an Unterhaltung und Zerstreuung, Interessenaufteilungen, andere Vereine und andere Bindungen. Wer diese drei Phasen unbeschadet überstanden hatte, blieb meist ein treues Chormitgleid; leider waren dies bisher immer nur ganz wenige. Wenn alle Lang-Gönser Jungen, die im Laufe der Jahrzehnte einmal angefangen hatten, bei der Sache geblieben wären, könnte man heute über einen stattlichen Massenchor verfügen. Aber die wenigen verbleibenden Mitglieder hielten dem Posaunenchor meist die Treue, auch nachdem sie selbst Kinder hatten, die dann dem Chor fast wie selbstverständlich zugeführt wurden.
Diese von der Posaunensache geprägten Familien bilden den „Stamm" des Chores, von dem vorher die Rede war und der bis heute alle Krisen in der Vereinsarbeit mitbewältigt und überstanden hat. In Lang-Göns besuchen Väter mit ihren Söhnen, neuerdings auch Töchtern, einträchtig die Chorstunden und nehmen gemeinsam am Chorleben teil, wobei auch die Mutti's mit einbezogen sind, auch wenn sie selbst nicht mitblasen. In einigen Lang-Gönser Familien wird bereits in der dritten, vierten und fünften Generation geblasen, aber auch in den letzten Jahren sind neue Familien hinzugekommen. Meine Großneffen sind im Blick auf meinen Urgroßvater mütterlicherseits seit 1854 in der sechsten, und gleichzeitig meinem Großvater väterlicherseits, seit 1865 in der fünften Generation ohne Überspringung Bläser.
Das Chorleben ab den sechziger Jahren
Die schmerzliche Erfahrung des Abfalls wiederholte sich auch im Jahre 1963; diesmal war es eine besonders starke Gruppe. Es begann damit, daß die Übungsstunden wochenlang unentschuldigt versäumt wurden und endete damit, daß die wiederholten Aufforderungen, persönliche Gespräche und zuletzt eine Terminsetzung nicht beachtet wurden und damit der Austritt erfolgte. Aber der „Stamm" blieb. Unser Chor war sehr zusammengeschmolzen, aber die Qualität unseres Blasens hatte durch die Reduzierung nicht gelitten, die Chorarbeit konnte ohne weitere Behinderung weitergehen, und unsere Aufgaben, die in gleichem Umfang auf uns zu kamen, konnten wir erfüllen.
Posaunenchor Lang-Göns 1965
Oben: Karl-Ludwig Christ, Willi Spies, Richard Boller, Reinhard Meidt
Mitte: Wilhelm Lang, Gerhard Lauber, Peter Alt, Friedel Boller, Günther Andreas
Unten: Helmut Reh, Frieder Boller, Wolfgang Reh, Hans-Joachim Reh,
Hartmut Schuster, Gerhard Schmitt
Bei vielen Veranstaltungen wurden Posaunenchor und Kirchenchor gemeinsam eingesetzt. Dies bewirkte eine immer enger werdende Verbindung der beiden Chöre. Bei einem Mangel an Männerstimmen im Kirchenchor, wurde an die erwachsenen Bläser appelliert. Die meisten kamen und verstärkten die Chorstimmen Tenor und Baß. Der gesellschaftliche Zusammenhalt der Chormitglieder, auch ihrer Familien untereinander, wurde gepflegt durch Familienabende, gemeinsame, oft mehrtägige Busfahrten und andere Kurzweil.
Bald hatten wir auch wieder Nachwuchs. Ein junger Bläser, Hans Joachim Reh, Sohn unseres Organisten und meines bisherigen Vertreters in der Chorleitung, Helmut Reh, hatte eine Anzahl Jungen um sich versammelt und im Blasen unterrichtet. Diese Gruppe hatte bald einen erstaunlichen Leistungsstand erreicht und konnte, unterstützt durch einen erwachsenen Tubabläser auch schon selbständig eingesetzt werden. H.J. Reh ist auch ein guter Organist und hatte die Organistenstelle in der amerikanischen Flughafenkirche Kirch-Göns übernommen und sich auch beim dortigen Singekreis betätigt. Dies erbrachte gute Beziehungen zwischen unseren Chören und der amerikanischen Gemeinde. Wir wurden einige Male zur Mitwirkung im amerikanischen Gottesdienst eingeladen und waren anschließend Mittagsgäste. Der amerikanische Singekreis machte seine Gegenbesuche und wirkte auch einmal bei einer Abendmusik in Lang-Göns mit.
1971/72 war die Lang-Gönser Kirche umgebaut worden. Die Einweihung sollte zusammen mit dem Erntedankfest im Herbst 1972 erfolgen. Dazu hatten wir in den Chören ein anspruchsvolles Programm in Vorbereitung. Leider erlitt ich gerade in dieser Zeit einen Herzinfarkt, der mich zu einer mehrwöchigen Pause zwang. Die Chorarbeit erlitt aber keine Unterbrechung, denn H.J. Reh hatte mich vertreten und das Programm gut vorbereitet, er leitete dann auch die Chöre bei diesem Fest.
Unser Posaunenchor war durch die Eingliederung der Anfängergruppe wieder gewachsen. Dank der guten Vorbereitung der Jungen hatte unser Blasen keine Einbuße erlitten. Inzwischen hatte H. J.Reh wieder mit einer neuen Anfängergruppe begonnen, die als „Jugendchor" bereits in Erscheinung getreten war. Im Dezember 1975 wurde mit Beteiligung der beiden Lang-Gönser Gesangvereine ein sehr gut besuchtes Gemeinschaftskonzert, zu Gunsten der Orgelanschaffung durchgeführt. Hierbei trat unser Jugendchor erstmals im größeren Rahmen selbständig auf. Eine sehr erfreuliche Feststellung machten wir, daß im Gegensatz zu früher, weniger Abgänge aus den Reihen der Jugendlichen zu verzeichnen waren. Dies, wie überhaupt die gründlichere Ausbildung des Nachwuchses war ein Verdienst von H.J. Reh, der bei großem Einsatz und Zeitaufwand, auch über die Übungszeiten hinaus, die Jungen zum Blasen, aber auch zur Geselligkeit in der Gruppe besser motivieren konnte, als dies früher der Fall war. In Hans-Joachim Reh erwuchs den Lang-Gönser Chören zur rechten Zeit aus den eigenen Reihen ein begabter, befähigter, im Christentum verwurzelter Chorleiter, m. E. ein Beweis der gnädigen göttlichen Führung, die unsere Lang-Gönser Chöre seit Bestehen immer wieder sichtbar erfahren haben und die auch für die Zukunft hoffen läßt.
Der in unserer Gemeinde und besonders den beiden Chören so beliebte Pfarrer und Seelsorger Karl Alt war durch einen Herzinfarkt plötzlich von uns gegangen. Die Mitwirkung bei seiner Beerdigung am 12.8.76 sah ich als geeigneten Anlaß zu meinem letzten offiziellen Dienst. Meine Verabschiedung als Chorleiter fand in einem Gottesdienst am 19.12.76 statt.
Richard Boller Chorleiter von 1938 –1976 Hans-Joachim Reh Chorleiter 1976 – 1986
Bilder von 1980
Neunzig Jahre Lang-Gönser Posaunenchor, eine lange Zeit, jedoch im Blick auf die Ewigkeit ein kurzer Augenblick. Aber diese kurze Zeitspanne ist geprägt durch eine sich überschlagende Entwicklung auf allen Gebieten, die heute als Explosion bezeichnet wird. Die Überlegung aus unserer Sicht, daß sich während der letzten Jahrzehnte eine weit stärkere Wandlung zugetragen hat, als in den Jahrmillionen davor, läßt uns erschauern. Es tut sich was! Verstehen wir die Zeichen der Zeit? Erkennen wir bei aller Unrast und den Planungen für die Gegenwart, in all den verwirrenden Geschehnissen noch die ordnende und führende Hand des Schöpfers? Nur der gewisse Glaube an seine Allmacht gibt uns Geborgenheit.
Ist die Posaunensache in Deutschland nicht ein sichtbarer Beweis seiner Führung? Aus einer Handvoll junger Männer in Jöllenbeck hat er ein Werk geschaffen, das heute den Namen „Posaunenwerk" verdient, trotz aller Schwachheit und Unzulänglichkeit. Sehen wir auf unseren Lang-Gönser Chor. Gott hatte Gefallen an unserem Blasen, auch wenn es nicht immer „schön lieblich" war, auch wenn oft der nötige Fleiß fehlte, wenn wir eigene Wege gingen und eigene Geltung suchten. Haben wir nicht Grund, besonders dankbar zu sein?
Sehen wir zurück auf die Anfänge, auf den „Geist der ersten Zeugen!" Es ist heute vieles anders geworden, die Verhältnisse haben sich grundlegend verändert. Aber das dürfen wir auch heute feststellen und immer wieder erfahren: Gott und sein Wort behalten ihre Gültigkeit, seine Verheißungen, aber auch seine Gebote bleiben bestehen im Wandel aller Zeiten.
Wenn wir dazu stehen und bekennen:
„Die Sach' ist dein Herr Jesu Christ
die Sach' an der wir steh'n"
dann können wir es getrost glauben:
„und weil es deine Sache ist,
kann sie nicht untergeh'n!"
Richard Boller im Jahre 1980
Posaunenchor Lang-Göns 1980

References: § 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6

§ 7

§ 8

§ 9

§ 10

§ 11

§ 12

§ 13

§ 14

§ 15

§ 16

§ 17
 § 17

§ 18