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Timestamp: 2020-01-19 01:43:17+00:00

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Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren | Rechtslupe
Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren
Nach § 596 ZPO kann ein Klä­ger, ohne dass es der Ein­wil­li­gung des Beklag­ten bedarf, bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung von dem Urkun­den­pro­zess in der Wei­se abste­hen, dass der Rechts­streit im ordent­li­chen Ver­fah­ren anhän­gig bleibt. Eine sol­che Erklä­rung führt dazu, dass der gel­tend gemach­te Anspruch rechts­hän­gig bleibt und der Rechts­streit im ordent­li­chen Ver­fah­ren ohne die Beschrän­kun­gen der §§ 592, 595 ZPO fort­ge­führt wird 1.
Das Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess ist, obwohl weder in § 596 ZPO noch in einer ande­ren Vor­schrift aus­drück­lich bestimmt, auch im Beru­fungs­rechts­zug noch mög­lich, und zwar unter den ent­spre­chend anwend­ba­ren Vor­aus­set­zun­gen einer Kla­ge­än­de­rung (§ 533 ZPO). Erfor­der­lich ist des­halb ent­we­der die Ein­wil­li­gung des Beklag­ten oder, dass das Beru­fungs­ge­richt das Abste­hen für sach­dien­lich hält 2. Dar­an hat sich durch das Inkraft­tre­ten des Zivil­pro­zess­re­form­ge­set­zes am 1.01.2002 nichts geän­dert 3.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs erfor­dert die Beur­tei­lung der Sach­dien­lich­keit eine Berück­sich­ti­gung, Bewer­tung und Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen. Dabei ist ent­schei­dend, ob und inwie­weit die Zulas­sung der geän­der­ten, hier der im ordent­li­chen Ver­fah­ren fort­zu­set­zen­den, Kla­ge den Streit im Rah­men des anhän­gi­gen Rechts­streits aus­räumt, so dass sich ein wei­te­rer Pro­zess ver­mei­den lässt. Eine Kla­ge­än­de­rung und ein Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess sind danach einer­seits nicht sach­dien­lich, wenn ein völ­lig neu­er Streit­stoff zur Beur­tei­lung und Ent­schei­dung gestellt wird, ohne dass dafür das Ergeb­nis der bis­he­ri­gen Pro­zess­füh­rung ver­wer­tet wer­den kann. Der Sach­dien­lich­keit steht ande­rer­seits grund­sätz­lich nicht ent­ge­gen, dass auf­grund der Kla­ge­än­de­rung oder des Abste­hens vom Urkun­den­pro­zess neue Par­tei­er­klä­run­gen und gege­be­nen­falls Beweis­erhe­bun­gen not­wen­dig wer­den und die Erle­di­gung des Pro­zes­ses ver­zö­gert wird 4.
Die Sach­dien­lich­keit eines Abste­hens vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren kann nicht mit der Begrün­dung ver­neint wer­den, den Par­tei­en gehe eine Instanz ver­lo­ren. Ent­schie­den ist das für die in zwei­ter Instanz vor­ge­nom­me­ne Kla­ge­än­de­rung 5. Für das Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren gilt nichts ande­res. Wäre es rich­tig, dass ein Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess nicht sach­dien­lich ist, weil es den Par­tei­en eine Tat­sa­chen­in­stanz im ordent­li­chen Ver­fah­ren nimmt, wäre es im Ergeb­nis stets von vorn­her­ein unzu­läs­sig. Das aber steht im Wider­spruch zu der für die Kla­ge­än­de­rung in § 533 ZPO getrof­fe­nen Wer­tung des Gesetz­ge­bers und zu der dar­an aus­ge­rich­te­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, der die Vor­aus­set­zun­gen für die Kla­ge­än­de­rung im Beru­fungs­ver­fah­ren auf das Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im zwei­ten Rechts­zug über­trägt.
Eben­falls nicht trag­fä­hig ist die wei­te­re Begrün­dung des Beru­fungs­ge­richts, wegen der Kom­ple­xi­tät der Vor­gän­ge kön­ne sich eine auf­wen­di­ge Beweis­auf­nah­me als erfor­der­lich erwei­sen. Sie ist der Rege­lung in § 538 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO zu den Vor­aus­set­zun­gen für eine Zurück­ver­wei­sung der Sache an die ers­te Instanz ent­lehnt, wird dort aber im Regel­fall gera­de nicht als Grund für eine Zurück­ver­wei­sung aner­kannt. Nach § 538 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO ist die Not­wen­dig­keit einer umfang­rei­chen oder auf­wen­di­gen Beweis­auf­nah­me nur dann ein Grund für die Zurück­ver­wei­sung, wenn sie auf einem wesent­li­chen Man­gel des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens beruht und eine Par­tei die Zurück­ver­wei­sung bean­tragt. Wenn ein sol­cher Aus­nah­me­fall – wie hier – nicht vor­liegt, hat das Beru­fungs­ge­richt auch eine umfang­rei­che und auf­wen­di­ge Beweis­auf­nah­me selbst durch­zu­füh­ren. Aus der Not­wen­dig­keit einer sol­chen Beweis­auf­nah­me lässt sich des­halb kein Argu­ment gegen die Sach­dien­lich­keit des Abste­hens vom Urkun­den­pro­zess ablei­ten.
Des­sen Sach­dien­lich­keit lässt sich schließ­lich auch nicht mit der Kom­ple­xi­tät der Vor­gän­ge und damit begrün­den, dass der gel­tend gemach­te Scha­dens­er­satz­an­spruch nach Grund und Höhe strei­tig ist. Auf sol­che Gesichts­punk­te kommt es nach der zitier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht an. Ent­schei­dend ist viel­mehr, ob die Zulas­sung auch nichtur­kund­li­cher Beweis­mit­tel dazu führt, dass dem Beru­fungs­ge­richt ein völ­lig neu­er Pro­zess­stoff vor­ge­legt wird, für des­sen Bewäl­ti­gung die Ergeb­nis­se der bis­he­ri­gen Pro­zess­füh­rung nicht ver­wer­tet wer­den kön­nen. Das ist hier nicht der Fall. Das Urteil des Land­ge­richts stützt sich auf die Aus­le­gung der urkund­lich nach­ge­wie­se­nen Ver­trä­ge der Par­tei­en einer­seits und deren eben­so nach­ge­wie­se­nen Kor­re­spon­denz ande­rer­seits. Der Streit der Par­tei­en beruht im Kern auf einem unter­schied­li­chen Ver­ständ­nis die­ser Unter­la­gen. Ihre Bewer­tung durch das Land­ge­richt kann im Beru­fungs­ver­fah­ren voll­stän­dig ver­wer­tet wer­den. Dass die Par­tei­en nach dem Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess wei­te­re Beweis­mit­tel oder, wie die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Bun­des­ge­richts­hof gel­tend gemacht hat, Gegen­an­sprü­che ein­füh­ren kön­nen, ändert an dem Nut­zen der bis­he­ri­gen Pro­zess­füh­rung für das Beru­fungs­ver­fah­ren nichts. Denn die von dem Land­ge­richt ver­wer­te­ten Ver­trä­ge der Par­tei­en bil­den die Grund­la­ge der wech­sel­sei­ti­gen Ansprü­che.
Das Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess erlaubt es, die bis­her nur urkunds­be­weis­lich ver­wer­te­ten Ver­trä­ge der Par­tei­en umfas­send zu wür­di­gen und damit den Streit der Par­tei­en im lau­fen­den Rechts­streit zu einem end­gül­ti­gen Abschluss zu brin­gen.
Ob für ein Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren zusätz­lich die Vor­aus­set­zun­gen des § 533 Nr. 2 ZPO erfüllt sein müs­sen, hat der Bun­des­ge­richts­hof bis­lang dahin­ste­hen las­sen kön­nen, weil die­se Vor­aus­set­zun­gen jeweils vor­la­gen 6. Die Fra­ge muss auch hier nicht ent­schie­den wer­den.
Zu den nach § 533 Nr. 2, § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO zu berück­sich­ti­gen­den Tat­sa­chen gehö­ren auch sol­che, die in dem Urteil des erst­in­stanz­li­chen Gerichts trotz ent­spre­chen­den Par­tei­vor­trags nicht fest­ge­stellt sind, auf die es aber aus der maß­geb­li­chen Sicht des Beru­fungs­ge­richts auf Grund einer Kla­ge­än­de­rung oder – wie hier – eines Abste­hens vom Urkun­den­pro­zess für die Ent­schei­dung ankommt 7. Um die Berück­sich­ti­gung sol­cher Tat­sa­chen geht es hier. Die Par­tei­en haben im ers­ten Rechts­zug umfas­send auch zu den nichtur­kund­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für und Ein­wän­de gegen den gel­tend gemach­ten Anspruch vor­ge­tra­gen.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Janu­ar 2014 – V ZR 36/​13
Steu­er­hin­ter­zie­hung – und der beson­ders schwe­re Fall Bei Hin­ter­zie­hungs­ta­ten aus Jah­ren bis 2007 liegt nach § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 AO 8 ein beson­ders schwe­rer Fall in…
BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, BGHZ 189, 182 Rn. 17[↩]
BGH, Urteil vom 25.02.1959 – V ZR 139/​57, BGHZ 29, 337, 339 f.; BGH, Urtei­le vom 06.06.1977 – III ZR 116/​75, BGHZ 69, 66, 69; und vom 19.10.1999 – XI ZR 308/​98, NJW 2000, 143 unter – II 2 b cc[↩]
BGH, Urtei­le vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, BGHZ 189, 182 Rn. 24; und vom 04.07.2012 – VIII ZR 109/​11, NJW 2012, 2662 Rn. 14[↩]
BGH, Urtei­le vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, aaO Rn. 41; und vom 04.07.2012 – VIII ZR 109/​11, NJW 2012, 2662 Rn.20[↩]
BGH, Urteil vom 10.01.1985 – III ZR 93/​83, NJW 1985, 1841, 1842; BGH, Urteil vom 27.01.2012 – V ZR 92/​11 18[↩]
BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, BGHZ 189, 182 Rn. 34; und vom 04.07.2012 – VIII ZR 109/​11, NJW 2012, 2662[↩]
BGH, Urtei­le vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, aaO Rn. 3437; und vom 04.07.2012 – VIII ZR 109/​11, aaO Rn. 16[↩]
Geset­zes­fas­sung vom 01.10.2002[↩]
Berufung.BerufungsverfahrenUrkundsbeweisUrkundsprozessZivilprozess

References: § 596
 § 596
 § 533
 § 538
 § 538
 § 533
 § 533
 § 529
 § 370