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Timestamp: 2018-10-20 17:23:01+00:00

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Adolf Hitler schützte seinen Duzfreund so lange, wie dieser ihm nützlich war. Als Ernst Röhm jedoch Reformen forderte, ließ er ihn zusammen mit vielen anderen ehemaligen Parteigenossen in der „Nacht der langen Messer“ vom 30. Juni zum 1. Juli 1934 ermorden. Hintergrund waren Konflikte um die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik, die Zukunft der Reichswehr, aber eben auch um den Umgang mit dem Thema Homosexualität. SS- und Gestapo-Chef Heinrich Himmler, der für die Ausschaltung Röhms maßgeblich verantwortlich war, sah die Homosexualität als eine Bedrohung des Staates, den er im Sinne des Philosophen Hans Blüher als eine Domäne des Mannes betrachtete. Homosexuelle Männer strebten in seinen Augen danach, staatliche Strukturen zu unterwandern, was diese aber nicht, wie Blüher meinte, stärke, sondern im Gegenteil zur „Zerstörung des Staates“ führe. In Röhm, der in seinem engeren Umfeld tatsächlich auch einige homosexuelle SA-Funktionäre installiert hatte, sah Himmler eine Art Kronzeugen seiner Verschwörungstheorie. Die Ermordung Röhms und einiger anderer Homosexueller aus seinem engeren Führungszirkel, die Himmler im Juni 1934 im Auftrag Hitlers organisierte, wurde gegenüber der Öffentlichkeit denn auch als die Abwehr eines Putschversuches legitimiert. Dass es sich bei der Verknüpfung der angeblichen Putschabsichten Röhms mit einer homosexuellen Verschwörung eben nicht nur um „Propaganda“, sondern um ein aus den Thesen Blühers erwachsenes und zur Wahnvorstellung verkehrtes ideologisches Konstrukt handelte, zeigte sich daran, dass Himmler diese Linie auch intern gegenüber seinen Mitarbeitern vertrat. So berichtete der spätere Gestapa-Verwaltungschef Werner Best, Himmler habe bereits kurz nach der Mordaktion den versammelten SS-Führern erklärt, man sei nur „knapp der Gefahr entgangen, einen Staat von Urningen zu bekommen“.[2]
„Von einem bekannten Wissenschaftler gehen uns die nachfolgenden Ausführungen zu, die sich mit den letzten Vorgängen in Deutschland unter einem besonderen Aspekt beschäftigen. Seit einigen Wochen erhalte ich mündliche und schriftliche Berichte, aus denen hervorgeht, dass unter den homosexuell veranlagten Personen Deutschlands eine schwere Panik ausgebrochen ist. Sie gleicht ungefähr dem panischen Schrecken, der sich der deutschen Juden nach dem 1. April 1934, dem Boykotttage, bemächtigte. Diese Angstzustände der Homosexuellen begannen bereits an dem blutigen 30. Juni 1934, doch das wahre Entsetzen hat sie erst seit der Nacht vom 8. bis 9. Dezember gepackt, in der viele Hunderte von ihnen in den Wirtschaften, in denen sie sich treffen, von der geheimen Staatspolizei überrascht, gefangen genommen und direkt in Konzentrationslager verbracht wurden, wo man sie mit wüsten Beschimpfungen und Misshandlungen empfing.“
– Pariser Tageblatt: Die „Ausrottung“ der Homosexuellen im Dritten Reich. 1. Januar 1935, S. 1–2.
Hitler sah Homosexualität als ein „entartetes“ Verhalten, das die Leistungsfähigkeit des Staates und den männlichen Charakter des deutschen Volkes bedrohe. Schwule Männer wurden als „Volksfeinde“ denunziert. Man beschuldigte sie, Verschwörercliquen und einen "Staat im Staate" zu bilden, die öffentliche Moral zu zerrütten und die Geburtenrate in Deutschland zu gefährden. Man versuchte, deutsche Schwule, die nach Ansicht des Nationalsozialismus Teil der „Herrenrasse“ waren, in die sexuelle und soziale Konformität zu zwingen.
Ziel des NS-Regimes waren vorgeblich „Umerziehungsmaßnahmen“, um den Geschlechtstrieb von Schwulen in Richtung einer heterosexuellen Betätigung zu verändern (z. B. zwangsweise Besuche von KZ-Bordellen, wobei das Verhalten der Männer durch SS-Offiziere beobachtet wurde). Dokumentiert sind darüber hinaus – nicht nur aus Konzentrationslagern – zwangsweise, jedoch angeblich „freiwillig beantragte“ Kastrationen.[11] Ebenso wurden zahlreiche medizinische Menschenversuche durchgeführt, um die Ursachen von männlicher Homosexualität zu ergründen (z. B. operative Einpflanzung einer „künstlichen Sexualdrüse“, dies auch nach zuvor durchgeführter Kastration) und nach Möglichkeit endgültig zu eliminieren. Zudem wurden Schwule ebenso wie andere Verfolgte für von vorneherein tödlich angelegte „medizinische Experimente“ von KZ-Ärzten herangezogen, z. B. in Hinblick auf die Untersuchung der Übertragung der Erreger von Infektionskrankheiten. Unter anderem unternahm der dänische Arzt Carl Værnet im KZ Buchenwald Versuche, Häftlinge von ihrer Homosexualität zu „heilen“.[12]
Schwule, die sich nicht anpassten und ihre sexuelle Orientierung unterdrückten, sollten in Konzentrationslager geschickt werden, um sie durch Arbeit umzuerziehen oder zu vernichten. Ein Beispiel einer gezielten Mordaktion ist die Ermordung von rund 200 homosexuellen Männern von Juli bis September 1942 im Außenlager Klinkerwerk des KZ Sachsenhausen. In Buchenwald wurde von Juni bis September 1942 fast die Hälfte der damaligen Rosa-Winkel-Häftlinge getötet. Und auch in Ravensbrück, wo im März ein Transport mit 33 Homosexuellen aus Buchenwald eintrifft, kamen im Frühjahr und Sommer 1942 auffällig viele homosexuelle Männer ums Leben.[13][14]
Antihomosexuelle Gesetze waren in der westlichen Welt weit verbreitet, doch die Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten waren beispiellos. Bis in die 1970er Jahre, als zahlreiche dieser Gesetze entschärft wurden, fühlten sich viele schwule Männer nicht sicher genug, um ihre Geschichte zu erzählen. So galten die Paragraphen 175 und 175a in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR nach der Befreiung vom Nationalsozialismus fort (unverändert in der Bundesrepublik Deutschland bis 1969, mit gewissen Modifikationen in der DDR bis 1968).
Verfolgung homosexueller Geistlicher
In den Jahren 1936 und 1937 organisierte der NS-Staat eine Serie von rund 250 Sittlichkeitsprozessen gegen Ordensangehörige und Priester, hauptsächlich wegen des Vorwurfs homosexueller Handlungen, aber auch des Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen. Die Prozesse endeten zumeist mit hohen Zuchthausstrafen, waren aber zum Teil sehr nachlässig vorbereitet worden. So wollte im Sommer 1937 beispielsweise ein Zeuge im vorsitzenden Richter statt im Angeklagten seinen angeblichen Belästiger erkennen. Auf Anweisung von Propagandaminister Joseph Goebbels berichtete die Presse ausführlich und zum Teil hämisch über die Verfahren. Ziel war eine Diskreditierung der Kirche und eine Aufweichung ihrer im Reichskonkordat zugesagten Rechte. Die Kampagne wurde während der Olympischen Spiele im Sommer 1936 kurzzeitig ausgesetzt und endete erst ein Jahr später ohne erkennbaren Anlass.[15]
Umgang mit homosexuellen Frauen
Inwieweit homosexuelle Frauen vom NS-Regime verfolgt wurden, ist umstritten. Der Historiker Alexander Zinn vertritt die These, dass lesbische Frauen nicht als solche verfolgt wurden.[16] In Deutschland fielen sie nicht unter den Homosexuellenparagraphen 175, obwohl NS-Juristen dieses immer wieder diskutierten. Claudia Schoppmann und Jens Dobler weisen aber darauf hin, dass Lesben mitunter nach anderen Straftatbeständen verfolgt wurden wie etwa Unzucht mit Abhängigen, Sexueller Missbrauch, Erregung öffentlichen Ärgernisses oder Prostitution.[17] In den Akten der Konzentrationslager finden sich auch Hinweise auf lesbisches Verhalten, das mit Prügelstrafe bestraft wurde.[18] Beispielsweise die in Ravensbrück inhaftierte Jüdin Mary Pünjer wurde am 12. Oktober 1940 mit dem Haftgrund „asozial“ im Konzentrationslager Ravensbrück registriert; auf einer am 30. November 1940 angefertigten Transportliste wurde neben dem Haftgrund auch der Hinweis „lesbisch“ notiert.[19] Die US-amerikanische Historikerin Laurie Marhoefer zeigte am Beispiel der Würzburger Widerstandskämpferin Ilse Totzke, dass es oft vom sozialen Kapital homosexueller Frauen und Männer abhing, inwieweit diese geduldet wurden.[20] Einen ausführlichen Vergleich der Lebenssituation lesbischer Frauen mit der schwuler Männer in der Zeit des Nationalsozialismus stellte 2007 Joachim Müller zusammen.[21][22] Anna Hájková hat eine Bibliographie mit PDFs zu Situation lesbischer und Transfrauen im Nationalsozialismus zusammengestellt.[23]
In Österreich sowie dem Protektorat Böhmen und Mähren war die Lage anders: Hier blieb der § 129 Abs. 1 b des österreichischen Strafgesetzbuches (der auch in der nach-1918 Tschechoslowakei galt), der homosexuelle Handlungen ohne Ansehung des Geschlechts unter Strafe stellte, nach dem Anschluss vorläufig in Kraft. Vom Ausschuss für die Angleichung der deutschen Strafrechte wurde in dem für das gesamte Reich geplanten nationalsozialistischen Strafgesetzbuch für die lesbische Liebe aber „eine Bestrafung nicht in Aussicht“ genommen. Am 31. März 1942 wies Roland Freisler, Staatssekretär im Reichsjustizministerium, die OLG-Präsidenten und Generalstaatsanwälte schließlich an, „die lesbische Liebe nicht mehr zu bestrafen (gilt für die Ostmark)“.[24] Die von Claudia Schoppmann untersuchten Gerichtsurteile gegen Frauen aufgrund dieses Paragraphen blieben in Zahl und Strafmaß unbedeutend, zumeist wurde nicht einmal die Mindeststrafe des Gesetzestextes verhängt und die Strafe zur Bewährung ausgesetzt.[25] Frauen machten in der österreichischen NS-Zeit etwa fünf Prozent der wegen § 129 Verurteilten aus. Angela Mayer und Sylvia Köchl haben gezeigt, dass lesbische Frauen aufgrund einer Verurteilung nach § 129 KZ-eingewiesen worden waren.[26][27][28]
Die nationalsozialistische Gesetzgebung bezüglich § 175 hatte bis 1969 in der Bundesrepublik Deutschland bestand, in der DDR kehrte man 1950 durch eine Entscheidung des Obersten Gerichts der DDR zur Fassung vor 1935 zurück.[29] 1968 wurde § 175 im Zuge einer Strafrechtsreform in der DDR abgeschafft und durch den Jugendschutzparagrafen 151 ersetzt, der für homosexuelle Kontakte ein Schutzalter von 18 Jahren vorsah. Im Dezember 1988 wurde in der DDR auch das Mindestschutzalter bei Hetero- und Homosexualität gleichgestellt. In der Bundesrepublik Deutschland kam es zu einer derartigen Gleichstellung erst 1994, als auch hier der verbliebene Jugendschutzparagraf 175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde. Im Jahr 2002 bat der Deutsche Bundestag die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes um Entschuldigung und hob mit einer Ergänzung des NS-Aufhebungsgesetzes symbolisch alle Urteile nach § 175 aus der NS-Zeit auf. Bei den Urteilen nach § 175a kam es nur zu einer halbherzigen Lösung: hier wurden lediglich die Urteile nach Ziffer 4 (Prostitution) aufgehoben.[30]
Hugo Walleitner (1909–1982) aus Bad Ischl veröffentlichte 1947 im Selbstverlag das Buch Zebra. Ein Tatsachenbericht aus dem Konzentrationslager mit 32 selbstgezeichneten Abbildungen. Gezwungenermaßen verschwieg er darin jedoch, weshalb er verschleppt wurde. Im Buch wird auch Josef K. porträtiert, welcher bis 1945 sechs Jahre im Konzentrationslager überlebt hatte. In einer Serie von Beiträgen in der in Hamburg erscheinenden Schwulenzeitschrift „Humanitas“ veröffentlicht Leo Clasen (Pseudonym: L.D. Classen von Neudegg) 1954/55 als erster seine Erinnerungen an die KZ-Haft in Sachsenhausen.[31][32] Harry Schulze lieferte 1969 (Änderung des § 175) unter seinem Standard-Pseudonym Harry Wilde mit Das Schicksal der Verfemten die erste literarische Auseinandersetzung mit der Homosexuellenverfolgung durch das NS-Regime.[33] Hans Neumann veröffentlichte unter dem Pseudonym Heinz Heger die Lebensgeschichte von Josef Kohout im Jahre 1972 (1971 wurde der § 129 Abs. 1 StG geändert, später § 209 StGB). Die Männer mit dem Rosa Winkel war erstmals ein Bericht schwuler KZ-Überlebender in Buchform. Dies wurde dann auch in mehrere Sprachen übersetzt. Der Rosa Winkel von Josef Kohout, der im United States Holocaust Memorial Museum aufbewahrt wird, ist auch einer der letzten erhaltenen.[34] Eine umfassendere historische Aufarbeitung dieser Zeit begann erst ab den 1980ern.
Als erste israelische Stadt erhielt Tel Aviv im Januar 2014 ein Mahnmal für verfolgte sexuelle Minderheiten. Das Denkmal hat die Form eines rosa Winkels.[35]
Joachim Müller: Vergleichbarkeit der Lebenssituation lesbischer Frauen mit der Lebenssituation schwuler Männer im Nationalsozialismus (und nach 1945). Berlin 2007, OCLC 837407894 und OCLC 837407888. (über die Standardsuche bei voebb.de auffindbar) Der Band grauer Literatur ist im Lesesaal der Amerika-Gedenkbibliothek (Zentral- und Landesbibliothek Berlin) einsehbar. , abgerufen am 26. August 2018
Joachim Müller: Eine reichsweit organisierte Lesbenverfolgung hat es nicht gegeben. , abgerufen am 7. April 2017

References: § 129
 § 129
 § 129
 § 175
 § 175
 § 175
 § 175
 § 175
 § 129
 § 209