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BVerfG: Einzelfallgerechtigkeit bei Hartz IV-Sätzen. Pfändungsschutz bei Sozialleistungen + Arbeitseinkommen - PDF
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Kora Meissner
1 Prof. Dr. Georg Bitter Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Bank- und Kapitalmarktrecht, Insolvenzrecht Wertende Betrachtungen im Insolvenzund Vollstreckungsrecht Zur Sicherung existenzieller Freiheitsräume bei Hartz IV und Lohnzahlungen Vortrag an der Universität Bonn am 9. März Anlass zum Nachdenken Debatte um staatliche Transferleistungen BVerfG: Einzelfallgerechtigkeit bei Hartz IV-Sätzen Pfändungsschutz bei Sozialleistungen + Arbeitseinkommen Gesetz zur Reform des Kontopfändungsschutzes v Neues Pfändungsschutzkonto zum 1. Juli 2010 Schutzproblem im Insolvenzrecht: Rückforderung von Beträgen, die aus unpfändbarem Einkommen zur Sicherung der Lebensgrundlage geleistet wurden Widerspruch des Insolvenzverwalters gegen Lastschriften Insolvenzanfechtung aller bargeldlosen Zahlungen BGH ZIP 2009, 2009: Anfechtbarkeit trotz Unpfändbarkeit 2
2 Gliederung 1. Der Weg zum Urteil des BGH v IX ZR 191/05 (ZIP 2009, 2009) 2. Rückforderung vorinsolvenzlich gezahlter Beträge Pfändungsverbote und Insolvenzrecht Sicherung existenzieller Freiheitsräume Regelungslücke für Rückforderungsfälle Wertentscheidungen zur Ausfüllung der Lücke 3 Urteil des IX. Senats des BGH vom BGHZ 170, 275 = WM 2007, 508 Zahlungen des Schuldners an seine Gläubiger aus einem Überziehungskredit sind mangels Gläubigerbenachteiligung nicht anfechtbar Weggabe unpfändbarer Gegenstände Gläubigerbenachteiligung Überziehungskredit unpfändbar ( BGHZ 93, 315) Abgrenzung zur Zahlung aus Dispokredit (BGH WM 2002, 561) Zahlung aus eigenem haftenden Vermögen, da Dispokredit nach Abruf pfändbar ( BGHZ 147, 193) 4
3 Rechtsprechung des IX. Senats des BGH zur Anfechtung Der Beschluss BGH WM 2007, 695 = ZIP 2007, 601 Schlüssigkeit einer Anfechtungsklage: Der Insolvenzverwalter muss darlegen, dass die Zahlung aus einem Guthaben oder im Rahmen einer eingeräumten Kreditlinie erbracht wurde. Konsequenzen (Bitter, Festschrift Gero Fischer, 2008, S. 15 ff.) partielles Aus für die Insolvenzanfechtung Zahlungen im Vorfeld der Insolvenz erfolgen oft nur noch aus einer geduldeten Überziehung wer zuletzt Geld bekommt, steht anfechtungsrechtlich am besten Abgrenzungsschwierigkeiten + Zufallsergebnisse (insbes. bei teilweiser Überschreitung der Kreditlinie durch die Zahlung) 5 Zahlung auf Anweisung aus Kredit These 1 Einzelbetrachtung: 1. Schuldner erhält Kredit 2. Gläubiger erhält Zahlung Bank = Angewiesene Zahlung Anweisung 488 I 2 BGB Leistung 1: Bank Schuldner Leistung 2: Schuldner Gläubiger Schuldner = Anweisender Forderung (z.b. 433 II BGB) Gläubiger = Empfänger 6
4 Zweiter Begründungsstrang (Bitter, Festschrift Karsten Schmidt, 2009, S. 123 ff.) 1. Weggabe unpfändbarer Gegenstände ist generell kein Fall fehlender Gläubigerbenachteiligung (These 2) Abgrenzung zur Weggabe schuldnerfremder oder wertloser (insbes. wertausschöpfend belasteter) Sachen 2. Potenzielle Insolvenzmasse = Zwischensphäre zwischen verwertbarem Schuldnervermögen und schuldnerfremden Sachen (These 3) kein zwangsweiser Zugriff zur Befriedigung der Gläubiger ( 36 InsO) bei Weggabe gleichwohl Gläubigerbenachteiligung (bei normativer = wertender Betrachtung) 7 Urteil des IX. Senats des BGH vom BGH ZIP 2009, 2009 (für BGHZ bestimmt) Gläubigerbenachteiligung auch bei Zahlung aus einem Überziehungskredit (Aufgabe von BGHZ 170, 276) Direktzahlung entspricht Mittelzufluss beim Schuldner + Weitergabe an den Gläubiger Bonität des Schuldners für Überziehungskredit = mindestens potenzieller Vermögenswert; Verbrauch zugunsten des Gläubigers Frage: Nun generell Anfechtbarkeit bei Weggabe unpfändbarer Gegenstände? Problem: Befriedigung von Gläubigern aus unpfändbarem Einkommen bzw. Sozialleistungen 8
5 Pfändungsverbote und Insolvenzrecht Sicherung existenzieller Freiheitsräume Existenzsicherung im Vollstreckungsrecht einzelgegenständliche Vollstreckungsverbote ( 811 ZPO) - persönlicher Gebrauch + Haushalt - Nahrungs-, Feuerungs-, Beleuchtungsmittel (für 4 Wochen) - Tiere und Geräte für landwirtschaftlichen Betrieb - Gegenstände zur Fortsetzung der Erwerbstätigkeit - Apothekengeräte - Dienstkleidung / -ausrüstung - Schulbücher, Trauringe, künstliche Gliedmaßen, Brillen etc. - Bargeld aus wiederkehrenden Einkünften i.s.d. 850 bis 850b ZPO geldsummenmäßige Vollstreckungsverbote b.w. 9 Pfändungsverbote und Insolvenzrecht Sicherung existenzieller Freiheitsräume Existenzsicherung im Vollstreckungsrecht geldsummenmäßige Vollstreckungsverbote - Arbeitseinkommen u.a. ( 850 ff. ZPO) Grundbetrag: 985,15 Euro ( 850c Abs. 1 ZPO) - Sozialleistungen ( 54 Abs. 3, 4, 5 SGB I) - Kindergeld ( 76 EStG) - verlängerter Pfändungsschutz bei Zahlung auf ein Girokonto Arbeitseinkommen ( 850k ZPO) neues Pfändungsschutzkonto zum 1. Juli 2010 Sozialleistungen ( 55 SGB I) Kindergeld ( 76a EStG) 10
6 Pfändungsverbote und Insolvenzrecht Sicherung existenzieller Freiheitsräume Existenzsicherung im Insolvenzrecht Insolvenzmasse = Vermögen des Schuldners ( 35 InsO) Ausnahme: unpfändbare Gegenstände ( 36 InsO) - einzelgegenständliche Vollstreckungsverbote Rückausnahme: Geschäftsbücher, Unternehmensgegenstände - geldsummenmäßiger Vollstreckungsschutz gilt auch bei verlängertem Schutz (Zahlung auf Girokonto) Problem: Rückforderung für vergangene Zeiträume (These 4) Insolvenzanfechtung (Ausnahme: Bargeschäft i.s.v. 142 InsO) Lastschriftwiderruf 11 Lösung für die Rückforderung vorinsolvenzlich gezahlter Beträge (Thesen 5 + 6) Regelungslücke Problem einer Analogie: Rechtsfolgenseite wertende Betrachtung Gläubigerbenachteiligung i.s.v. 129 InsO Sinn + Zweck des Pfändungsverbots - Sicherung der Entscheidungsfreiheit Fälle des 852 ZPO Anwartschaftsrechte bei geistigem Eigentum - Sicherung der Existenz Differenzierung: Einzelgegenstände laufender Unterhalt Pflichten des Insolvenzverwalters ( 60 InsO) 12
7 Lösung für die Rückforderung vorinsolvenzlich gezahlter Beträge (Thesen 5 + 6) Ablehnung eines geldsummenmäßigen Schutzansatzes in Rückforderungsfällen vollstreckungsrechtliche Sicht verfassungsrechtliche Sicht Insolvenzanfechtung + Lastschriftwiderruf sind unzulässig bei Leistungen, die dem laufenden, existenziellen Lebensunterhalt dienen Problemfall: Ausgaben für laufenden, existenziellen Lebensunterhalt übersteigen den pfändungsfreien Betrag 13 Ende 2010 Prof. Dr. Georg Bitter Universität Mannheim Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Bank-, Börsen- und Kapitalmarktrecht Schloss, Westflügel W 241/ Mannheim Zentrum für Insolvenz und Sanierung an der Universität Mannheim e.v. 14
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