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Timestamp: 2017-06-29 00:15:37+00:00

Document:
Männerbüro Trier Service-Angebot 1
Jungentag Hermerkeil 2004 + 2009
Jungenarbeit in Dresden
Kontroverse -Jungen-/Mädchenarbeit
Verlierer in der Schule
Ungleichheitsforschung«In der soziologischen Ungleichheitsforschung ist es ein bekannter Befund,
dass Mädchen im Zuge der Bildungs­expansion ihre ehemals existierenden
Nachteile gegenüber Jungen mehr als ausgeglichen haben. Schon von daher -
also in Abwesenheit von diesbezüglichen Nachteilen macht es keinen Sinn, von
einer Benachteiligung von Mädchen im Bildungssystem, die sich in ihren Folgen
für die Bildungskarriere empirisch fassen ließe, zu sprechen. Der Topos der
angeblichen Benachteiligung von Mädchen bzw. der Bevorzugung von Jungen gehört
in den Bereich der symbolischen Politik, nicht jedoch in den empirischer
Forschung.»
Dr. Heike Diefenbach, Soziologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in
München, in Walter Hollstein (2004): Geschlechterdemokratie.
J U N G E N T A G 2 0 0 9
Fotos: Hier kannst du viele Fotos des Jungentages 2009 sehen:
hier klicken, dann > weitere Fotos > Jungentag 2009
Zeitungsbericht: Der folgende Zeitungsartikel im Trierischen Volksfreund vom 28.4.09 ist hier zu finden:
Hermeskeil. (doth) Ganz bewusst wurde das Angebot für Jungs auf den "Girls' Day" gelegt, denn Jugendpfleger Bernd Hermesdorf ist sich mit dem Initiator des "Jungentages", Rainer Schnettler, einig: "Jungs haben es beim Erwachsenwerden viel schwerer als Mädels." Da muss etwas getan werden, beschloss man 2004 am runden Tisch. Die zweite Auflage ließ jedoch fünf Jahre auf sich warten. In den sechs Angeboten wurden für die 70 Teilnehmer zwischen 13 und 16 Jahren Aktions- und Gefühlserlebnisse gleichermaßen verteilt. Jeder Junge erlebte an diesem Tag jeden dieser Aspekte. Angeboten bekamen die Teilnehmer: BMX-Fahren, Kochen, den "Kondomführerschein", Lebens- und Berufsplanung, die Entspannungstechnik "Wing Tsun" sowie viele nützliche Informationen zu körperlicher Fitness und gesunder Ernährung. Aus verständlichen Gründen wollten die Teilnehmer des "Kondomführerscheins" unter sich bleiben. Hier wurde Klartext gesprochen und am Holzmodell die richtige Handhabung des "Gummis" geübt. Deutscher Meister führt BMX-Tricks vor Richtig viel Spaß hatten die Jungs beim BMX- Fahren, denn hier konnte der ehemalige Deutsche Meister Axel Reicherts aus Trier als Kursleiter gewonnen werden. "Diese Tricks sind eine echte Herausforderung", fand der 15-jährige Paul Lüling aus Hermeskeil, der diesen Sport schon seit zwei Jahren ausübt. Richtig gut im Kochen, auch zu Hause für die Eltern, sind Simon Klein aus Hilscheid, Tobias Konrad aus Hermeskeil und Nils Conrad aus Dhronecken, die in der Küche der Realschule die Kochlöffel schwangen.
"Wir wollen den Jungs vermitteln, dass sie so wie sie sich verhalten und fühlen, gut und richtig sind", fasst Schnettler zusammen. Das Selbstbewusstsein wurde geschult und Erfolgserlebnisse vermittelt. Die jahrelange Pause zwischen zwei "Jungentagen" sehen Hermesdorf und Schnettler jedoch als Defizit. "Alle zwei Jahre sollte das stattfinden, damit für Mädels nicht mehr getan wird als für Jungs", meint Jugendpfleger Hermesdorf. Jungen
brauchen in einer Gesellschaft, in der sich die Lebensbedingungen für
Männer und Frauen stark verändern, Orientierung und Unterstützung.
gibt aber keine allgemeingültigen Konzepte mehr für Männlichkeit
und Weiblichkeit. Die Forderungen an die Jungen sind häufig
Überforderungen. Sie sollen alte Rollenklischees erfüllen, suchen
verständlicherweise in ihnen Sicherheit. Andererseits werden sie
ständig aufgefordert, neue Lebenskonzepte auszuprobieren (Stichwort:
Vaterschaftsurlaub, Gefühle zeigender Mann etc).
geht es um geschlechtsbewusste Arbeit, die allerdings Toleranz und
Akzeptanz verlangt: in dem Maße wie gegenüber dem männlichen
Geschlecht, so auch zum weiblichen. Aber eben ständig sich bewusst
seiend, dass jedes Geschlecht seine Eigenheiten wie Qualitäten hat
und ausleben soll. Hier liegt ein positiver Ansatz für den Begriff
der "parteilichen" Jungenarbeit.
wenn es verlockend sein könnte, aus einer als defizitär empfundenen
Situation heraus Ziele der Jungenarbeit zu definieren, so sollten wir
versuchen, es aus den positiven Visionen heraus zu tun. Auch das ewige
Herumreiten auf dem Thema "Aggressionsverarbeitung" als
Jungenarbeits-Bereich hat den Nachteil, dass es immanent behauptet,
Jungen seien per se ein "aggressives Geschlecht".
haben uns in Hermeskeil nur begrenzt mit Definitionen von Jungenarbeit
herumgeplagt. Vielmehr hatte jeder den untenstehenden Zielen
zugestimmt bzw. sie mitformuliert. Auf diese Wiese haben wir eine
angenehm große Lebendigkeit der Arbeitsstile erhalten, die ja eben
auch persönlich sein sollen. Insofern ist Jungenarbeit natürlich
auch für alle beteiligten Workshopleiter auch immer eine
Auseinandersetzung mit der eigenen Jungen- bzw. Männergeschichte.
Übrigens waren alle Workshopleiter vom Jungentag vollauf begeistert.
Ziele lassen sich für unsere Jungenarbeit nennen:
Unterstützung beim "Mannwerden heute"
Entwicklung eines Selbstwertgefühls ohne die Abwertung anderer
Entdecken und Schätzen der eigenen geschlechtsspezifischen
positive Einstellung zur eigenen Körperlichkeit und Sexualität
Förderung von Rollenbewusstsein, -toleranz und –erweiterung
Workshops am Jungentag 2004 in Hermeskeil
als heiße Luft, oder ?
Workshop für Jungs von 10 bis 14 Jahren
Interesse am Basteln hat und Spaß an Flugmodellen, ist in diesem
Workshop gut aufgehoben. Aus Papier und anderen Naturmaterialien einen
echten Heißluftballon zu bauen und dann zu starten ist eine Sache für
und Boxen Für
Jungen von 11 bis 16 Jahren
vormittags: „Jungs
kochen!“: Kraft-Salate, Natur-Suppen und Kreativ-Braten
"Jungs
Kochen (!)", so heißt ein Kochkurs von der Evangelischen Jugend.
Hier sollen Jungs unter sich auch dort kochen, wo sich sonst vor allem
Mädchen und Frauen aufhalten...
Hamburger - jetzt Hermeskeiler! Nicht immer "fast food"
sondern herausfinden, welches Essen wirklich Kraft gibt und gesund
ist! Immerhin entscheidet die Ernährung über 60% unserer heutigen
Erkrankungen...
Chips und Cola - jetzt werden die Chips selbst gebraten und dazu gibt
es interessante Soßen aus der regionalen Küche! Wir zeigen
Alternativen zur industriellen (Fehl-)Ernährung auf und entdecken,
wie wir uns schnell, leicht und gesund selbst versorgen können. Nicht
Mikrowellen-Suppe oder Minuten-Pizza, sondern umweltfreundliche,
regionale und fair gehandelte Produkte lassen uns eine gesunde Küche
nachmittags: „Box
dich frei!“ Miteinander lernen, Stress
nicht in Aggression, sondern in Boxsport abzubauen. Ein
Anti-Aggressionstraining durch besondere sportliche Aktivitäten, z.B.
durch Sandsacktraining oder Pratzentraining.
und Kochen Für
Jungen zwischen 11 und 16 Jahren
vormittags: Lasst
uns die Trommeln hören ...
Trommelbauer und –lehrer bringt seine Trommeln mit und findet mit
euch gemeinsam den richtigen Rhythmus auf seinen schönen
afrikanischen Handtrommeln.
nachmittags: „Jungs
kochen“ Vollwert-Obstteller, Vollkorn-Kuchen, Schokolade-Nudeln
mit süßer Soße.
im grünen Bereich“ und total normal Ein
Workshop für Jungs zwischen 12 und 13 Jahren
vormittags: „You
are always on my mind“
mir doch endlich mal zu!!!“ „Sag
doch endlich mal, was los ist!!!“ ......wenn das so einfach wäre...
unserem Workshop suchen wir aus Songtexten, Gedichten und Graffitis
die schönsten aus und machen eine Textkollage. Bitte mitbringen:
Stifte, Papier. Und wenn ihr habt: Gedichte, Songtexte, Musik zum
Thema Liebe. Für die Mittagspause nur etwas zu Trinken mitbringen,
denn der Mittagshunger wird für die Teilnehmer dieses Workshops bei
dem Kurs „Jungs kochen!“ gestillt.
nachmittags: „Total
Normal!“
diesem Workshop wollen wir uns mit dem Lebensabschnitt beschäftigen,
den man Pubertät nennt. Während dieser Zeit finden jede Menge körperliche
Veränderungen statt - Ihr entwickelt Euch vom Jungen zum Mann. Aber
auch Eure Gefühle, Interessen, Beziehungen und Einstellungen werden
andere (verliebt sein, erste Freundin,…). Manche Veränderungen
gehen schneller vor sich, andere
verlaufen sehr langsam. Da den Überblick zu behalten, fällt nicht
immer leicht… Gemeinsam
wollen wir in lockerer Atmosphäre all das mit Euch besprechen, was
Euch momentan beschäftigt. Gerade auch was die körperliche
Entwicklung und die J1 (Gesundheitscheck) betrifft, erhaltet Ihr
Antworten auf alle Fragen, die Ihr habt. Damit das ganze nicht
peinlich oder zu trocken wird, haben wir uns einige Spiele zum Thema
(z.B. ein Sex-Quiz) ausgedacht. Lasst Euch überraschen…Die J1 ist
übrigens ein kompletter Gesundheits-Check, auf den alle Jungendliche
zwischen 12 und 15 Jahren einen gesetzlichen Anspruch haben. Bei der
J1 erhältst du neben Antworten auf deine Fragen eine gründliche
Untersuchung von deinem Kinder- und Jugendarzt. Dabei kann er
Krankheiten erkennen, bevor sie für dich gefährlich werden. Auch bei
Schulstress und anderem „trouble“ kannst du hier ganz offen reden.
In absolut vertraulichen Gesprächen.
und doch cool bleiben
vormittags: „Box
dich frei!“ Miteinander
lernen, Stress nicht in Aggression, sondern in Boxsport abzubauen. Ein
durch Sandsacktraining oder Pratzentraining. Euer Coach ist der ---
nachmittags: Cool
bleiben - bei Provokation oder Mobbing
für Jungen, die miteinander etwas über Möglichkeiten erfahren
wollen, sich gegen Hänseleien, Mobbing, Beleidigungen oder Androhung
von Gewalt zu wehren. In einer kurzen Gesprächsrunde werden wir
gemeinsam besprechen, was bei denjenigen passiert, die hänseln,
schlagen, mit Erpressung drohen oder mobben. Und wie es dabei den
Opfern ergeht. Anschließend werden wir in Gruppenübungen und kleinen
Selbstbehauptungsspielen miteinander Möglichkeiten austauschen und
einüben, wie man sich als Opfer von Gewalt wehren kann und wie man
Unterstützung und Hilfe erhält.
mir und anderen: kreativ Konflikte lösen Für
Jungen zwischen 10 und 18 Jahren
Konflikte zwischen dir und deiner Umgebung müssen nicht nur
nerven. In diesem Workshop erfährst du, wie du Konflikte erkennst und
ansprichst. Wie einfach es sein kann, sie zu lösen, wenn du sie
aussprichst. Und was sie mit dir zu tun haben. Unter der Leitung von
Streitschlichtern geht es auch darum, eigene Schwächen zu akzeptieren
und eigene Stärken zuerkennen. In einer anschließenden Malaktion auf
großem Papierformat (hierzu brauchst du keinerlei künstlerische Fähigkeiten)
probierst du, wie du Gefühle wie Freude, Wut und Trauer usw. in
Bildern ausdrücken kannst.
Backpack-Rocker
komplettes Musikstudio passt im Jahre 2004 in jeden Rucksack
(Backpack). Es geht in dieser ersten Einführung um
Musikprogrammierung und – aufnahme. Es werden gängige
Softwarepakete ausprobiert und professionelle Techniken vermittelt.
Vielleicht steht am Ende euer eigenes, in diesem Workshop
programmiertes Stück. Bitte mitbringen, wenn vorhanden: ein
Instrument (ist aber keine Voraussetzung), eventuell schon eigene
Aufnahmen auf CD oder Diskette. Englischkenntnisse sind hilfreich,
aber keine Voraussetzung.
kleine Räder für zu große Jungs
den vielen, manchmal recht schweren Tricks geht es beim Skateboard-
und BMX-Fahren vor allen Dingen um Spaß und Gemeinschaft. Dabei
wirken die jugendlichen Fahrer nach außen hin manchmal ziemlich
einschüchternd. Euer Workshopleiter lädt in diesem Workshop
ein, die ach so geheimen Regeln dieser „Geheimbünde“ zu
verstehen. Euer Workshopleiter ist Musikproduzent und moderiert seit
Jahren die BMX-Weltmeisterschaften. Möglichst eure Skateboards und
BMX-Räder mitbringen! © Gymnasium Hermeskeil 2004
Bei Fragen und Interesse: Tel 0651 / 99 18 90 36
unter www.gymherm.de
Jungenarbeit in Dresden (2008)
sehr geehrte kollegen, nach zwei jahren rückzug bin ich wieder an deck. inzwischen habe ich ein eigenes atelier und die kunst ist ein wichtiges standbein geworden, an dem ich zumindest seelisch sehr satt werde. das materielle wird folgen. jungen- und männerarbeit halte ich nach wie vor für sehr wichtig: ikaros landet.
begonnen hat es mit einer überraschenden ausstellung in der galerie "Gaia" im februar und mit einem glücklichen zusammentreffen von eigenen wünschen und äußeren möglichkeiten. das ergebnis ist eine internetseite, die über zwei domäns erreicht werden kann:
ich wünsche euch viel spass und auch besinnung beim besuchen dieser seiten. sie sind nicht nur zur information gedacht. es ist eine art von vermächtnis der letzten 10 jahre. ---------------------------------------------
Subjekte ihres Lebens - nicht
Objekte unserer Erziehung
Geschlechterblick auf Mädchen und Jungen in der Jugendhilfe:
• Ralf Dollweber
veröffentlicht: Dollweber, Ralf (2001): Switchboard. - Zeitschrift für Männer- und Jungenarbeit, Heft 149, Dezember, S. 4-10. (Homepage)
stellen wir - aus Platzgründen leicht gekürzt - Auszüge aus einem
9-seitigen Offenen Brief von Ralf Dollweber zur Diskussion [1]. Er geht ein
auf den in der Ausgabe 4/2000 der "proJugend" [2] veröffentlichten
Artikel "Qualitätskriterien im erzieherischen Kinder- und
Jugendschutz" von Claudia Ramminger, die dort verantwortliche Redakteurin
und zugleich Geschäftsführerin der bayrischen Aktion Jugendschutz ist. Zuvor
jedoch zitieren wir - aus Platzgründen ebenfalls in Auszügen - die Passagen
des Beitrags von Claudia Ramminger, auf die sich Ralf Dollweber bezieht (beide
Texte in vollständiger Länge sind beim Autor erhältlich; Adresse s. u.). Wir
dokumentieren beide Standpunkte, weil sie von Bedeutung sind für die
Interpretationen und Zielsetzungen von geschlechtsbezogener Jugendhilfe.
Obwohl der § 9/3 des Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) seit Anfang der
90er Jahre als die zentrale gesetzliche Neuerung gilt, um auf die
unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen adäquater eingehen zu können,
belegen die Positionen von Ramminger und Dollweber, wie weit manche Frauen und
Männer in dieser Frage auseinander sein können. Brisanz enthält die
Kontroverse vor allem dadurch, daß der § 9/3 KJHG auch der Gefahr einer
geschlechterpolitischen Instrumentalisierung ausgesetzt ist. Von daher meinen
wir, daß die Diskussion unbedingt weitergeführt werden muß. (Alexander
Bentheim)
Anstoß zur Qualitätsdiskussion...
erzieherischen Kinder- und Jugendschutz“ gibt Claudia Ramminger - so die
ihrem Beitrag vorangestellte Zusammenfassung in „proJugend“-, „indem sie
bereits formulierte Qualitätskriterien aus dem KJHG sowie den Jugendberichten
der Bundesregierung und dem Jugendprogramm der bayrischen Staatsregierung
aufgreift und auf die präventive Kinder- und Jugendschutzarbeit überträgt.
Sie plädiert dafür, Qualitätskriterien aus Gesetzen und Förderprogrammen
zu nutzen, und ermutigt dazu, auch Satzungen und Leitbilder als
Instrumentarien der Qualitätsentwicklung heranzuziehen" (S.8). Wie
diese Kriterien hinsichtlich ihrer Struktur-, Prozeß- und Ergebnisqualität
definiert sind und von wem, und was dann letztlich überprüfbare "gute
Arbeit" ausmacht, erläutert sie anhand einiger Schlüsselbegriffe (z.B.
Subjektcharakter sowie Lebenswelt- und Sozialraumorientierung der
Zielgruppenangehörigen, institutionelle Vernetzung und Zusammenarbeit). Im
Rahmen dieser Analyse geht sie auch auf Mädchen und Jungen, Selbsthilfe und
Ressourcenorientierung sowie die Bedeutung von Mitarbeiter/innen ein. Im
Auf der Grundlage des § 9 KJHG „besteht die Pflicht, die unterschiedlichen
Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen
abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern“
[3]. Die stärkere Einbeziehung von Mädchen und jungen Frauen in alle
Angebote und Dienste kann als Qualitätskriterium für Prozeß und Ergebnis
verstanden werden. Neben den Zielen, die in § 9 KJHG zum Ausdruck kommen,
formuliert das Jugendprogramm zum Bereich Gewaltprävention "Maßnahmen
zu entwickeln, die präventiv zum Abbau männlicher Gewalt gegen Mädchen und
Frauen beitragen" [4]. Im Blick auf die Prozeßqualität wird ein
geschlechtsspezifischer Zugang in den üblichen Präventionsfeldern explizit
Sechste Jugendbericht der Bundesregierung [5] fordert als Maßnahme der
Strukturqualität weibliche Fachkräfte in allen Feldern der Jugendhilfe und
der 10. Kinderbericht [6] die Beteiligung von Frauen an allen wesentlichen
Planungs- und Entscheidungsprozessen. Also ist Quotierung ein Qualitätsmerkmal!
Eine andere Konsequenz aus diesem Kriterium war und muß auch bleiben,
geschlechtsspezifische Gefährdungen aufzugreifen. Insbesondere die
"leisen", weil autoaggressiven Thematiken der Mädchen müssen bewußt
gemacht werden, sie drängen sich nicht auf. Vermeintlich allgemeine Gefährdungen
müssen spezifiziert werden. Bei der Gewaltproblematik ist z.B. bekannt, daß
Jungen bei den jugendlichen Tätern und Mädchen bei den Opfern überrepräsentiert
sind. (...) Im
KJHG wird gefordert, "Selbsthilfe als Engagement zur Lösung von
Problemen des Gemeinwesens" [7] zu fördern. Eine Orientierung an diesem
Ziel, aber auch die Erfahrungen in der Präventionsarbeit legen eine
Ausrichtung an den Ressourcen der Zielgruppen nahe. So formuliert
beispielsweise das Jugendprogramm als Kriterien für Prozeßqualität: (a)
"Sachgerechte Reaktionen auf neue gesellschaftliche Bedarfslagen
erfordern (...) eine verstärkte Mitwirkung der Betroffenen" [8]; (b)
"Moderne Jugendhilfemethoden setzen nicht an den Defiziten, sondern an
den Selbsthilfepotentialen und den Fähigkeiten der Betroffenen an" [9].
Dieses Kriterium könnte auch über die klassischen Felder des erzieherischen
Kinder- und Jugendschutzes hinaus angelegt werden (...) Die Wirksamkeit von Maßnahmen
entsteht nicht nur aus Inhalt und Methode, sondern auch aus den persönlichen
Ressourcen, die Mitarbeiter/innen mitbringen. Hieraus können
Strukturkriterien ... abgeleitet werden, [z.B.] ... Erfahrungen in den
spezifischen Gefährdungsbereichen (...).
die hier relevanten Auszüge des Beitrages, dem Ralf Dollweber bescheinigt, daß
die Autorin mit dem Versuch, "Qualitätskriterien im erzieherischen
Kinder- und Jugendschutz" aus den einschlägigen Bestimmungen des KJHG
abzuleiten, einen an sich begrüßenswerten Einstand als neue Geschäftsführerin
der bayerischen Aktion Jugendschutz liefert.
aber findet er es "um so bedauerlicher ..., daß ihr die Ausführungen zu
den geschlechtsspezifischen Aspekten der Prävention (S. 10) widersprüchlich
und wenig schlüssig, ziemlich einseitig und in einem wesentlichen Punkt
schlichtweg falsch geraten sind" und führt seinerseits aus: Einseitig.
Ramminger beruft sich ... auf den § 9/3 KJHG (...) Das KJHG fordert ausdrücklich,
die Lebenslagen von Mädchen und Jungen in den Blick zu nehmen mit dem Ziel
der Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen. Und es fordert,
Benachteiligungen abzubauen, d. h. nicht nur Benachteiligungen von Mädchen.
Untersuchungen, so z.B. die Aschaffenburger Jugendstudie [10], kommen zu dem
Schluß, daß es Benachteiligungen von Mädchen und jungen Frauen in Bildung,
Beruf und Freizeit in der pauschalen Undifferenziertheit nicht mehr gibt (wohl
aber ausländische Mädchen und junge Aussiedlerinnen massiv betroffen sind):
Mehr junge Frauen als junge Männer machen inzwischen Abitur und beginnen ein
Studium, weniger Mädchen als Jungen sind von Jugendarbeitslosigkeit
betroffen. Andererseits waren schon immer 60% der Schülerschaft an allen
Formen der Sonderschulen männlich [11]. Aufgrund eigener Beobachtungen
scheinen zwischenzeitlich die Jungen auch an der Hauptschule deutlich überrepräsentiert
zu sein. Zudem waren und sind 2/3 aller Sitzenbleiber männlich [12].
Aschaffenburger Jugendstudie kommt auch zu dem Ergebnis: "Die Teilnahme
an Angeboten der offenen Jugendarbeit ist nicht männlich dominiert,
Jugendarbeit ist somit nicht Jungenarbeit, wie häufig unterstellt wurde"
[13]. Wenn Frau Ramminger im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen "die stärkere
Einbeziehung von Mädchen und jungen Frauen in alle Angebote" zum
"Qualitätskriterium für Prozeß und Ergebnis" erhebt, zielt sie
wohl an der Realität vorbei und trifft allenfalls die Situation von Mädchen
aus Migranten- und Aussiedlerfamilien. Die Formel `Jugendarbeit = Jungenarbeit´ "entstand in der Szenerie der offenen Jugendarbeit der 70er Jahre
und hatte hier zweifellos auch ihre Berechtigung ... Was dann jedoch
passierte, war, daß dieses Bild ... sich als unumstößliches Faktum
verewigte" [14]. ROSE & SCHERR sprechen in diesem Zusammen-hang von
"Denkblockaden, die Innovationen verhindern" [15] und damit
kontraproduktiv i .S. von Qualitätssicherung sind.
dieser Denkblockaden ist es vielleicht auch, wenn Frau Ramminger unkommentiert
und unreflektiert die Forderung nach weiblichen Fachkräften in allen Feldern
der Jugendhilfe widergibt. Als Quelle für diese Forderung nennt sie eine Veröffentlichung
der Sachverständigenkommission Sechster Jugendbericht von 1984 (!), d.h.
diese Forderung bezieht sich auf die alten Bundesländer zu Zeiten der
Ost-West-Konfrontation. Aus diesem - zeitgebundenen - Postulat zieht sie den
unvermittelten Schluß: "Also ist Quotierung ein Qualitätsmerkmal!".
Legt man diesen Maßstab aber zugrunde, so muß man konsequenterweise zur
Qualitätssicherung auch über Männerförderpläne für die weiblich
dominierten pädagogischen Felder Kindergarten, Grundschule und Hort
weiteren reduziert Frau Ramminger den Auftrag des § 9/3 KJHG - dem
Jugendprogramm der Bayerischen Staatsregierung folgend - auf "Maßnahmen
..., die präventiv zum Abbau männlicher Gewalt gegen Mädchen und Frauen
beitragen". Liest man dann den folgenden mit "Selbsthilfe und
Ressourcenorientierung" betitelten Abschnitt, so springt ein weiteres,
dem ersten widersprechendes Zitat aus dem Jugendprogramm der Staatsregierung
ins Auge, ohne daß Frau Ramminger diesen Widerspruch auflöst: "Moderne
Jugendhilfemethoden setzen nicht an den Defiziten, sondern an den
Selbsthilfepotentialen und den Fähigkeiten der Betroffenen an". Wenn ich
aber, wie vorher geschehen, Jungen und Männer nur als - potentielle oder tatsächliche
- Täter sehe, so ist dies Defizitorientierung in Reinkultur! Der
Lebenskompetenzansatz in der (Sucht)Prävention verweist u.a. auf die
Ausbildung einer positiven Geschlechtsidentität als Frau bzw. Mann als
entscheidenden Widerstandsfaktor gegen (selbst)schädigendes Verhalten [16].
D.h., ich muß den Auftrag des § 9/3 KJHG wirklich ernst nehmen und
ressourcenorientierte Angebote für beide Geschlechter einfordern, anstatt Mädchen
zu fördern und Jungen zu pathologisieren.
Pathologisierung von Jungen zeigt sich aber überdeutlich, wenn Frau Ramminger
demagogisch behauptet: "Bei der Gewaltproblematik ist ... bekannt, daß
Jungen bei den Tätern und Mädchen bei den Opfern überrepräsentiert
sind". So undifferenziert und pauschal geäußert ist diese Behauptung
schlichtweg falsch, erfaßt bestenfalls nur einen Teilaspekt der Realität und
verkennt dabei die Lebenswirklichkeit vieler, wenn nicht gar der meisten
Jungen und Männer. Mit der gebotenen Sorgfalt formuliert und vor allem
belegbar müßte es heißen: Es sind überwiegend Jungen und Männer, die körperliche
Gewalttaten (Schlagen, Treten, Waffengebrauch) gegen Andere verüben. Und überwiegend
Mädchen und Frauen sind Opfer von sexueller Gewalt (Mißbrauch,
Vergewaltigung, Belästigung) und von Mißhandlungen in heterosexuellen
Gewalt: Vor allem - aber nicht nur - Frauen sind die Opfer.
bestreite also nicht, daß vorwiegend Mädchen und Frauen Opfer sexuell
motivierter männlicher Gewalt sind. Und in diesem Punkt soll auch kein Mann,
kein Vater, kein Onkel, kein Bruder oder Cousin aus der Verantwortung für
sein inakzeptables Tun entlassen werden. Auch ist ein Ausbau der Hilfs- und
Schutzangebote für die weiblichen Opfer weiterhin geboten.
es gibt auch Jungen und Männer als Opfer von sexueller Gewalt und sexuellem
Mißbrauch durch Männer. Dabei dürfte die Dunkelziffer ... weitaus höher
sein als bei Frauen und Mädchen, da männliche Opferschaft sowohl in der Öffentlichkeit
wie auch in Kreisen professioneller Helfer nach wie vor tabuisiert wird.
"Die gegenwärtige Situation männlicher Opfer ähnelt der von
vergewaltigten und mißhandelten Frauen vor dreißig Jahren: Verleugnung der
Problematik und Ignoranz den Betroffenen gegenüber" [17] (...)
Gewalt trifft vor allem Männer.
ist, wie bereits gesagt, daß vor allem Jungen und Männer körperliche Gewalt
wie Schlagen und Treten ausüben. Die Mehrheit der Opfer körperlicher Gewalt
ist aber auch männlich: 70% der Opfer von Gewalttaten sind Männer, wobei die
Altersgruppe der 14-26jährigen, also Jugendliche und junge Erwachsene i. S.
des KJHG, die höchste Opferrate ausweist [18]. In jüngster Zeit durchgeführte
Untersuchungen zur Gewalt an Schulen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Eine
vom BKA geförderte Studie der Universität Erlangen-Nürnberg an Schülerinnen
und Schülern der 7. u. 8. Jahrgangsstufe ergab, daß rd. 69% der Täter, aber
auch 65% der Opfer Jungen waren [19]. Jungen mit einem hohen Gewaltpotential
sind aber immer noch die Minderheit: Mindestens einmal pro Woche eine andere
Person geschlagen oder getreten haben nach der Studie von LÖSEL et al. 7,9%
der Jungen [20]. Bei anderen Untersuchungen schwanken die Werte der Jungen je
nach Klassenstufe bei häufiger und sehr häufiger körperlicher Aggression
gegen Andere zwischen 1,9 und 15,8% [21], bzw. bei körperlicher und
psychischer Gewalt gegen Andere zwischen 8,1 und 12,8% [22]. Knapp 2/3 der
Opfer ausländerfeindlicher Übergriffe und 3/4 der Mordopfer sind männlich
[23]. (...)
klare Abgrenzung zwischen Tätern und Opfern ist nicht möglich.
In der Standarduntersuchung schlechthin zur Gewaltproblematik an Schulen - von
Dan Olweus durchgeführt an 130.000 norwegischen Schülerinnen und Schülern
im Alter von 7-16 Jahren - konnte der Typ des `provozierenden Opfers´ (oder
`Täter-Opfer´) herausgearbeitet werden: "Diese Gruppe gerät aufgrund
ihrer als provozierend erlebten Art - sowohl als Opfer als auch als Täter - häufig
in aggressive Auseinandersetzungen. Diese Gruppe fällt auf durch
Konzentrationsprobleme, häufig auch durch Hyperaktivität. Die überwiegende
Zahl der Mitschüler fühlt sich von ihnen provoziert und bewertet sie extrem
negativ. Zu dieser Gruppe zählen 6-18% der Opfer ..." [24]. Die o.g.
Studie von LÖSEL et al. bestätigt diese Kategorie und ermittelt einen
Jungenanteil von 64% [25]. Dies ist nicht weiter überraschend, ist doch auch
Hyperaktivität zu fast 90% ein Jungenproblem [26]. Und Hyperaktivität hat
nicht nur den Aspekt des entgrenzten, provozierenden Verhaltens, sondern auch
den der ständigen Selbstgefährdung.
und männertypisch: Autoaggressives und selbstschädigendes Verhalten - Mädchentypisch:
Vor allem Magersucht.
den 10-20jährigen unternehmen 4 mal mehr Mädchen als Jungen einen
Selbstmordversuch. Allerdings sterben in dieser Altersgruppe 3,3 mal mehr
Jungen als Mädchen durch Selbsttötung [27]. In der Altersgruppe der 20-24jährigen
sind es 6 mal mehr Männer als Frauen, die Selbstmord begehen [28]. 3/4 aller
Selbstmörder sind männlich [29]. Sind dies nun Täter oder Opfer?
nicht als Akt bewußter Selbsttötung, aber dennoch als un- oder halbbewußter
Hang zur Selbstzerstörung sind die "typisch männlichen" Fälle von
Selbstüberschätzung und Risikoverhalten mit Todesfolge zu werten: In der
Altersgruppe der unter 16jährigen sterben im Vergleich zu den Mädchen 1,6
mal mehr Jungen an Verletzungen. und Vergiftungen, 1,5 mal mehr Jungen an Unfällen
im Straßenverkehr, 2,2 mal so viele Jungen als Folge von Stürzen und fast
doppelt so viele Jungen durch Ertrinken. In der Altersgruppe der 20-25jährigen
ist die Sterberate der Männer dreimal so hoch wie die der Frauen [30].
man Sucht - und vieles spricht dafür - in die Kategorie "Selbstschädigung/Autoaggression"
ein, so ist in diesem Zusammenhang auch Folgendes von Bedeutung: Schätzungsweise
2/3 aller behandlungsbedürftigen Alkoholiker und 80% der Patienten in
Suchtkliniken sind Männer [31]. LENZ vermutet aufgrund eigener Recherchen, daß
eine beträchtliche Anzahl der Männer in Suchtkliniken sexuelle Gewalt
erfahren hat [32].
Magersucht kehrt sich der Geschlechterproporz um, kommen auf einen betroffenen
Jungen 20 betroffene Mädchen. In jüngster Zeit nehmen allerdings Anorexien
und Bulimien bei Jungen und Männern zwischen 10 und 25 Jahren zu [33]. Bei
Adipositas liegt die Rate der Jungen knapp 1,5 mal über der der Mädchen
man weitere psychische und psychosomatische Störungen und Erkrankungen bei
Kindern und Jugendlichen mit autoaggressiver Dynamik mit ein, so sind nur bei
der Symptomatik "Haareausreißen" die Mädchen überrepräsentiert
(4 Mädchen zu 1 Jungen). Bei Magen-/Darmgeschwüren kommen 6 erkrankte Jungen
auf ein erkranktes Mädchen. An Krebs sterben 1,7 mal mehr Jungen unter 16
Jahren als Mädchen; 1,5 mal so viel Männer wie Frauen erkranken an Krebs
Ramminger fordert: "Insbesondere die `leisen´, weil autoaggressiven
Thematiken der Mädchen müssen bewußt gemacht werden, sie drängen sich
nicht auf". Dies spiegelt eher ein klischeehaftes Frauenbild denn die
gesellschaftliche Realität. Ich jedenfalls würde Suizid, Adipositas,
Magen-/Darmgeschwüre und Krebs auch als leise und unaufdringliche
"autoaggressive Thematiken" charakterisieren, die aber vor allem
auch die Jungen betreffen. Zwar leiden doppelt so viele Mädchen als Jungen
`leise´ an Depressionen, aber 4 mal mehr Jungen als Mädchen entwickeln
Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen [36]. Hinter der Zwanghaftigkeit
verbergen sich aber (d.h.: "... drängen sich nicht auf ...")
massive, teils existentielle Ängste.
Männer sind Opfer patriarchalischer Herrschaftsstrukturen.
wenn der Begriff "strukturelle Gewalt" im fachlichen Diskurs leider
ziemlich aus der Mode gekommen ist und struktureller Jugendschutz im
Zusammenhang mit Gewaltprävention wenig diskutiert wird, möchte ich doch
auch diesem Aspekt Beachtung schenken. Es gibt einige Indizien, die darauf
hindeuten, daß Männer nicht nur Gewinner, sondern mehrheitlich auch Opfer
patriarchalischer Strukturen sind.
Sterberate männlicher Personen ist in allen Altersgruppen höher als die der
weiblichen Personen. Erst in der Altersgruppe der 75-80jährigen kehrt sich
dieses Verhältnis um: Die meisten Männer sind dann halt schon gestorben
[37]. Nur 1/3 der männlichen Erwerbstätigen geht gesund in Rente. Ein
weiteres Drittel wird vorzeitig berufsunfähig, ein letztes Drittel stirbt vor
Erreichen des Rentenalters. Mit ein Grund dürfte sein, daß Männer nach wie
vor in riskanten und extrem gesundheitsschädlichen Berufssparten dominieren,
z.B. Straßenbau, Stahlerzeugung, Feuerwehr, Dachdeckerhandwerk. Auch sind 70%
der Obdachlosen Männer und Obdachlosigkeit ist nicht gerade eine gesundheitsfördernde
Lebensform [38]. 2/3 der Notfallpatienten sind männlich [39]. Es gibt zwar männertypische
Erkrankungen wie z. B. Durchblutungsstörungen, Bluthochdruck, Herzinfarkte,
Schlaganfälle - aber keinen männerspezifischen Arzt im Gesundheitssystem
die im Vergleich zu den Mädchen schlechtere Schulerfolgsbilanz der Jungen
(niedrigerer Schulabschluß, Sonderschuleinweisung, Sitzenbleiben) habe ich
bereits hingewiesen. Die von der Kohl-Regierung eingesetzte
"Gewalt-Kommission" stellte in ihrem Abschlußgutachten einen
eindeutigen Zusammenhang zwischen schulischem Mißerfolg und Gewalttaten in
der Schule fest. Hinzukommt, daß auch in Erziehungsberatungsstellen, bei
schul-psychologischen Diensten und in jugendpsychiatrischen Einrichtungen 2/3
der vorgestellten Klienten männlich sind [41].
Täterschaft: Frauen sind nicht nur Opfer.
gibt - weitgehend tabuisiert - in Fällen des sexuellen Mißbrauchs der
Tochter durch den Vater auch die stille Mitwisserschaft der Mutter, die sich
dadurch zur Mit-Täterin macht. Und es gibt weibliche Täterschaft an Jungen,
wenn auch wohl weniger in Form von sexueller Gewalt oder erzwungenem
Beischlaf, so doch auch als gewalttätige Mißhandlungen. Vor allem aber gibt
es weibliche Täterschaft als punktuelle Grenzverletzung und dauerhafte Grenzüberschreitung:
Mütter, die die Eigenimpulse und Autonomiebestrebungen ihrer Kinder ersticken
"in der einhüllenden Watte mütterlich besorgter Liebe" [42]. Mütter,
die aus - vermeintlich - hygienischen und medizinischen Gründen den
Genitalien ihrer heranwachsenden Söhne übergroße Aufmerksamkeit schenken, Mütter,
die ihre Söhne `ins Vertrauen ziehen´, als emotionalen Partnerersatz nehmen,
als Tröster und Verbündeten gegen den Partner/Vater. Der Psychoanalytiker
Riemann prägte in seinem bereits 1961 erstmalig erschienen Werk
"Grundformen der Angst" hierfür den Begriff "weiche
Vergewaltigung" [43]: "Mir erscheint die häufig vorgenommene
Einengung oder Reduktion des Begriffs `Mißbrauch´ auf den sexuellen Mißbrauch
... wenig hilfreich. Ich glaube, daß der Begriff `generationenüberschreitender
Verkehr´ umfassender ist und daher die Realität besser abbildet. Noch
genauer müßte es heißen `generationen-grenzüberschreitender Verkehr´".
Diese ersatzweise, d.h. nicht auf der altersentsprechenden Ebene sich
vollziehende Bedürfnisbefriedigung eines Elternteils bzw. sonstigen
Erwachsenen "kann sich auf den emotionalen und/oder intellektuellen
und/oder körperlichen, sexuellen Bereich erstrecken" [44].
Gewalt: Bei beiden Geschlechtern gleichermaßen "beliebt".
umfassender Blick auf die Gewaltproblematik muß die Ausdrucksformen der
psychischen Gewalt mit einbeziehen, auch wenn diese weniger offensichtlich
sind: Hänseleien, Intrigen, Verleumdungen, üble Nachrede, Beschimpfungen,
spitze Bemerkungen, Manipulation von Beziehungen, Bloßstellen, Ausgrenzung,
abwertende Gesten, Spott. "Bei den selbstberichteten psychischen
Aggressionen erreicht der Mädchenanteil zwar nie eine Spitzenposition, aber
ihre Beteiligung kann nicht als gering interpretiert werden. Denn immerhin 51%
von ihnen - gegenüber 63% der Jungen gaben zu, im vergangenen Schuljahr
andere gehänselt zu haben" [45]. LÖSEL et al. kommen zu dem Ergebnis,
daß beim Ausüben verbaler Gewalt die Mädchen gegenüber den Jungen annähernd
gleichziehen [46]. Nach OLWEUS sind die o.g. Ausprägungen psychischer Gewalt
mädchentypisch [47].
ich nun vor allem die Behauptung von Frau Ramminger, daß (jugendliche)
Gewalttäter vorwiegend männlich, (jugendliche) Gewaltopfer aber überwiegend
weiblich seien, auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft habe, so will ich
damit auf keinen Fall einen Wettstreit der Geschlechter beginnen, ob denn nun
Männer oder Frauen die besseren Opfer sind. Ich möchte dies vielmehr als ein
Plädoyer für eine mehrdimensionale
"Sowohl-als-auch"-Betrachtungsweise verstanden wissen. "Die
eindimensionale Betrachtungsweise von Männlichkeit als Macht, Erfolg und
Unterdrückung anderer muß um die dialektische Sichtweise erweitert werden,
welche Folge diese Rolle für ihre eigenen Träger hat. Das soll mitnichten
bedeuten, Täter von Schuld freizusprechen, sondern statt dessen zu begreifen,
wie Männer zu Tätern werden, wie Täter- und Opferaspekte ineinander-greifen
und wie - in Kindheit und Jugend - gebrachte Opfer zur Tat generieren können"
ist es notwendig, nicht nur die ... Benachteiligung der Frauen anzuprangern
und Frauen [als] Opfer zu sehen, sondern auch anzuerkennen, welche
manipulative Macht diese Rolle birgt. "Die bestehende gesellschaftliche
Machthierarchie zwischen den Geschlechtern kann (auch; RD) nicht einfach auf
die einzelnen Individuen runtergebrochen werden ... D.h., jede Biographie ist
durchzogen von einem Nebeneinander von Macht- und Ohnmachtserfahrungen,
Grandiosität und Irritation, Wohlbefinden und Leiden ... Beide Bilder, das
von den benachteiligten Mädchen wie auch das von den bevorteilten Jungen,
verkürzen, vereindeutigen, verfälschen die Ambivalenzen jugendlicher
Lebenswelten. Pädagogische Konzeptionen, die hierauf fußen, müssen im
Grunde genommen immer wieder an ihren Zielen scheitern, weil sich die
Adressaten und Adressatinnen letztlich nicht verstanden fühlen" [49].
weiterhin die Augen davor verschließt, daß Männer auch Opfer und Frauen
auch Täterinnen sind, und statt dessen das Geschlechterverhältnis in
schwarz/weiß-Kategorien betrachtet - hier das weiblich Gute, die Frau als
Opfer und Verliererin, ohnmächtig und benachteiligt / dort das männliche Böse,
der Mann als Täter und Gewinner, mächtig und privilegiert - der geht genau
den Kategorien zwanghafter Männlichkeit (nämlich Herrschaft und Unterdrückung,
Sieger und Besiegte) auf den Leim, d.h. frau stützt eigentlich das System,
das sie glaubt zu bekämpfen.
glaube, gerade Frauen in Mädchen- und Frauenprojekten laufen Gefahr, sich in
diesem System zwanghafter Männlichkeit (oder sagen wir: Patriarchat) zu gut
einzurichten und jede Infragestellung dieses Systems - unbewußt oder
kalkuliert? - zu sabotieren. Schließlich legitimiert sich ihr eigener
Arbeitsplatz vor dem Hintergrund ungleicher Machtverteilung zwischen den
Geschlechtern. "Eine veränderte Sichtweise hinsichtlich der
Geschlechterungleichheit käme einem immer nur schwer in Gang zu bringenden
Paradigmenwechsel gleich, zumal es auf Seiten der professionellen
`Jugendarbeiterinnen´ um die Erhaltung ehemals notwendiger und erkämpfter
Ressourcen und zwischenzeitlich aufgebauter Organisationsstrukturen geht"
[50]. Die Sicherung von Pfründen ist zwar menschlich verständlich, hat aber
mit Qualitätssicherung nichts zu tun.
Frauen Jungen und Männer nur als Gewalttäter registrieren und Maßnahmen
einfordern, "die präventiv zum Abbau männlicher Gewalt gegen Mädchen
und Frauen beitragen", so schwingt dabei die Erwartung an die männlichen
Jugendarbeiter mit, diese Maßnahmen doch bitteschön zu ergreifen und diese
gewaltbereiten Jungs zu zähmen. Damit drängt frau die männlichen Kollegen
aber in die traditionelle Rolle des Beschützers, füllt somit neuen Wein in
alte Beziehungsschläuche. "Solange die `neuen´ Männer gegen (männliche)
Täter und für weibliche Opfer kämpfen, sind sie aktive Beschützer der
Frauen. Sie bleiben dann aktiv - und können damit ihre eigenen Erfahrungen
von `Opfer-sein´ weiterhin verdrängen. Lieber Märtyrer (oder Held) als
Opfer. Zu fragen ist, in welchem Auftrag die `neuen´ Männer eigentlich
handeln" [50].
die männliche wie die weibliche Gesellschaft Jungen und Männern nur
Aufmerksamkeit schenkt und Angebote macht, wenn sie Gewalt ausüben, so lautet
die damit mitschwingende Botschaft: "Wenn Ihr Aufmerksamkeit wollt, müßt
Ihr rücksichtslos und gewalttätig werden und auf den Putz hauen". D.h.
im Klartext: "Benehmt Euch wie `richtige´ Männer!". Solange männliches
Leid allgemein ignoriert und männliche Opfer damit diskriminiert werden,
tradiert sich die patriarchalische Überzeugung, daß Schwäche unmännlich
der Jugendhilfe im Allgemeinen, der Jugendarbeit und des erzieherischen
Jugendschutzes im Besonderen zeichnen sich unter dem Aspekt einer
geschlechtsbezogenen Pädagogik dann durch Qualität aus,
· wenn sie
die Lebenslagen von Mädchen und Jungen immer wieder neu auf
Entwicklungsbeschränkungen, Diskriminierungen und Viktimisierungen hin überprüfen,
Strategien zur Überwindung der je aktuell bestehenden Entwicklungsbeschränkungen,
Diskriminierungen und Viktimisierungen entwickeln,
die Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen fördern, ohne ihnen ihre
Eigenart zu nehmen,
sensibel sind "für Formen des Leidens an dem Zwang, Junge oder Mädchen
zu sein, d.h. sich in den sozial vorgegebenen Formen akzeptierter Männlichkeit
und Weiblichkeit darstellen zu müssen" [52]
zum Abbau von Klischees beitragen, wie Jungen und Mädchen, Männer und Frauen
zu sein haben,
die Vielfalt der Entwürfe von Weiblichkeit und Männlichkeit akzeptieren und
jedem und jeder einzelnen Jugendlichen das Angebot machen, die individuellen
Ressourcen zu stärken und die individuellen Potentiale zu entfalten, und
er/sie aus eigener Verantwortung entscheiden darf, ob er dieses Angebot
annimmt, d.h.
· wenn Mädchen
und Jungen als Subjekte ihres Lebens und nicht als Objekte unserer Erziehung
von mir kritisierte Textpassage ist m.E. ein Rückfall hinter [die] bisher ...
in der Geschlechterfrage vertretene Position der Aktion Jugendschutz Bayern.
Die Textpassage ignoriert die seit der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking geführte
Diskussion um das Gender Mainstreaming. Ich reagiere inzwischen allergisch auf
die gebetsmühlenhafte Wiederholung der empirisch nicht überprüften
pauschalen Behauptung von der Benachteiligung der Mädchen und der Reduktion
von Genderpädagogik auf das perspektivlose `Wir gründen eine Mädchengruppe´
oder `Wir machen einen Mädchenaktionstag´, wie es in Bayern immer noch
vorherrscht und etwa durch das kürzlich ausgelaufene FamTotal-Förderprogramm
des Bayrischen Jugendringes weiter forciert wurde". Ralf Dollweber Sozialwissenschaftler, Gestalttherapeut
Die Hervorhebungen im Text stammen vom Autor. • [2] Vierteljahreszeitschrift
der "Aktion Jugendschutz" in Bayern und Schleswig-Holstein. • [3]
HALLER: Kinder- und Jugendhilfegesetz: Motorwechsel in der Jugendhilfe. Köln
1990, S. 36 • [4] Bayrisches Staatsministerium für Arbeit und
Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit und Bayrisches Staatsministerium
für Unterricht und Kultus (Hg.): Kinder- und Jugendprogramm der Bayrischen
Staatsregierung / Fortschreibung 1998. München 1999, S. 68 • [5] Sachverständigenkommission
Sechster Jugendbericht (Hg.): Alltag und Biografie von Mädchen. 17. Bericht
der Kommission. Opladen 1984 • [6] Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend (Hg.): Zehnter Kinderbericht der Bundesregierung.
Bundestagsdrucksache 13/11368. Bonn 1998 • [7] HALLER, a.a.O., S. 32 • [8,
9] Bayrisches ..., a.a.O., S. 18 • [10] siehe hierzu SCHWAB et al.:
Gesellschaftlicher Wandel und blinde Flecken der traditionellen Jugendhilfe.
In: deutsche jugend 12/2000, S. 519 ff. • [11] Statistisches Bundesamt, zit.
n. SCHNACK & NEUTZLING: Kleine Helden in Not. Reinbek 1990, S. 109 •
[12] HOLLSTEIN: Männlichkeit ist eine hochriskante Lebensform. In: Dr. med.
Mabuse 3/2000, S. 32 • [13] SCHWAB et al., a.a.O., S. 521 • [14] ROSE
& SCHERR: Der Diskurs zur Geschlechterdifferenzierung in der Kinder- und
Jugendhilfe. Ein kritischer Blick. In: deutsche jugend 2/2000, S. 67 • [15]
ebd., S. 66 • [16] Dem trägt z. B. die Ausstellung "Boys &
Girls" der LZG Bayern Rechnung. • [17] LENZ: Männer als Opfer. In: Dr.
med. Mabuse 3/2000, S. 46; siehe hierzu auch LENZ: Spirale der Gewalt. Jungen
und Männer als Opfer von Gewalt. Berlin 1996. - Bei einer kürzlich in
Schwabach angebotenen Abendveranstaltung mit Hans-Joachim Lenz zu dieser
Thematik kamen lediglich drei ZuhörerInnen: 2 Kolleginnen vom
Abenteuerspielplatz und 1 Kollege aus der Jugendgerichtshilfe. Nicht ein
einziger Vertreter oder eine Vertreterin der heilenden und beratenden Berufe
war erschienen! • [18] LENZ, a.a.0., S. 47 • [19] LÖSEL et al.: Erlebens-
und Verhaltensprobleme von Tätern und Opfern. In: Holtappels et al.:
Forschung über Gewalt an Schulen. Weinheim/München 1997, S. 146 • [20]
ebd., S. 144 • [21] BUSCH & TODT: Aggression in Schulen. In: Holtappels
et al., a.a.0., S. 334 • [22] OLWEUS: Täter-Opfer-Probleme in der Schule.
Erkenntnisstand und Interventionsprogramm. In: Holtappels et al., a.a.0., S.
284 • [23] HOLLSTEIN, a.a.0., S. 32 • [24] BUSCH & TODT, a.a.0., S.
338 • [25] LÖSEL et al., a.a.O., S. 146 • [26] SCHNACK & NEUTZLING,
a.a.O., S. 107 • [27] ebd., S. 105 • [28] vgl. "Männer und
Gesundheit". In: Dr. med. Mabuse 3/2000, S. 62 • [29] HOLLSTEIN,
a.a.0., S. 32 • [30] SCHNACK & NEUTZLING, a.a.O., S. 105 u. 107 • [31]
VOSSHAGEN: "Männer sind schon als Baby blau...". In: Dr. med.
Mabuse 3/2000, S. 36 • [32] LENZ, a.a.O., S. 50 • [33] OSTERLOH-SCHÄFER
& VOGELBACH-WOERNER: Eßstörungen bei Männern. In: Landesstelle
Jugendschutz Nieder-sachsen (Hg.): Mal dick, mal dünn. Hannover o. J., S. 33
ff. • [34, 35] SCHNACK & NEUTZLING, a.a.O., S. 107 • [36] ebd., S. 106
• [37] ebd., S. 102 • [38] LENZ, a.a.O., S. 48ff • [39] HOLLSTEIN,
a.a.O., S. 32 • [40] siehe hierzu das Interview mit Haydar KARATEPE in:
Dr.med. Mabuse 3/2000, S. 42 ff. • [41] SCHNACK & NEUTZLING, a.a.O., S.
107 u. 110 • [42, 43] RIEMANN: Grundformen der Angst. München/Basel 1993,
S. 78 • [44] ROEDEL: Praxis der Geno-grammarbeit. Dortmund 1992, S. 89 •
[45] POPP: Geschlechtersozialisation und Gewalt an Schulen. In: Holtappels •
et al., a.a.O., S. 214 • [46] LÖSEL et al., a.a.O., S. 142 • [47] OLWEUS,
a.a.O., S. 285 • [48] HOLLSTEIN, a.a.O., S. 32 • [49] ROSE & SCHERR,
a.a.O., S. 69 • [50] SCHWAB et al., a.a.O., S. 520 • [51] LENZ, a.a.O., S.
50, Fußn. 18 • [52] ROSE & SCHERR, a.a.O., S. 70
Eine Aufsehen erregende These findet immer mehr Anhänger: Nicht mehr die Mädchen sind heute das benachteiligte Geschlecht, sondern die Knaben.
Artikel 05. August 2002:
"Schlaue
Mädchen Dumme Jungen"
und Verlierer in der Schule
sorgen sich um die Männer von morgen: Immer mehr Jungen verlassen die Schule
mit miserablen Noten. Sie sind tief verunsichert, männliche Vorbilder fehlen.
Forscher rufen bereits die "Jungenkatastrophe" aus, die Leistungen
der Mädchen werden unterdessen immer besser.
Nr. 21 vom 17. Mai 2004 - Dossier

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