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Timestamp: 2019-07-18 04:59:39+00:00

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Der (fehlende) Rechtsbehelf gegen eine überlange Verfahrensdauer | Rechtslupe
Eine Individualbeschwerde nach Art. 6 Abs 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention wegen überlanger Verfahrensdauer in einem Mitgliedstaat ist dann nicht zulässig, wenn der innerstaatliche Rechtsweg, der nach Einlegung der Individualbeschwerde erst ermöglicht worden ist, noch nicht ausgeschöpft wurde. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hält es auch unter diesen Umständen für angemessen und gerechtfertigt, den Beschwerdeführer zu verpflichten, von dem durch das Rechtsschutzgesetz eingeführten neuen innerstaatlichen Rechtsbehelf Gebrauch zu machen. Die Rüge ist daher in einem solchen Fall nach Artikel 35 Abs. 1 und Abs. 4 EMRK wegen Nichterschöpfung des innerstaatlichen Rechtswegs zurückzuweisen.
So die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in dem hier vorliegenden Fall des deutschen Beschwerdeführers Herrn T., der sich durch die überlange Verfahrensdauer bei seinem Kampf gegen den Legehennenstallbau seines Nachbarn in seinen Rechten verletzt fühlt.
Schaffung eines neuen innerstaatlichen Rechtsbehelfs
Das weitere Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
Die Rügen des Beschwerdeführers
Der Beschwerdeführer lebt in einem ländlichen, überwiegend für die landwirtschaftliche Nutzung vorgesehenen Gebiet außerhalb der Wohnbebauung. Im Juli 2000 erteilte der Landkreis D. dem Nachbarn des Beschwerdeführers die Genehmigung für den Bau eines Legehennenstalls in einer Entfernung von etwa 265 m zum Wohnhaus des Beschwerdeführers. Alle vom Beschwerdeführer eingelegten Rechtsmittel und damit verbundenen Anträge auf Aussetzung der Vollziehung der Genehmigung wurden zurückgewiesen. Die Genehmigung wurde am 29. September 2003 rechtskräftig, als das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht den Antrag des Beschwerdeführers auf Zulassung der Berufung verwarf. Am 20. Juli 2005 erhob der Beschwerdeführer beim Verwaltungsgericht Hannover Klage auf Wiederaufnahme des Verfahrens über den ersten Legehennenstall. Das Verwaltungsgericht Hannover hat über diese Klage noch nicht entschieden.
Am 21. Juni 2004 erteilte der Landkreis D. dem Nachbarn des Beschwerdeführers für die Errichtung eines zweiten Legehennenstalls in einer Entfernung von etwa 580m zum Wohnhaus des Beschwerdeführers eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz. Dagegen legte der Beschwerdeführer am 25. Juni 2004 Widerspruch ein. Am 26. Juli 2004 erteilte der Landkreis D. dem Nachbarn des Beschwerdeführers die Erlaubnis, von der Genehmigung Gebrauch zu machen, obwohl das Verfahren des Beschwerdeführers noch anhängig war. Die vier Anträge des Beschwerdeführers auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung seines beim Verwaltungsgericht Hannover eingelegten Widerspruchs wurden alle zurückgewiesen. Am 29. September 2005 befand das Verwaltungsgericht Hannover, dass die zahlreichen Schriftsätze des Beschwerdeführers erkennen ließen, dass er nicht mehr in der Lage sei, sich sachgemäß selbst zu vertreten, und entschied, dass er seine Postulationsfähigkeit in dem Verfahren verloren habe. Der daraufhin vom Beschwerdeführer gestellte Antrag auf Gewährung von Prozesskostenhilfe wurde mangels hinreichender Erfolgsaussichten zurückgewiesen. Am 15. Februar 2007 reichte der anwaltlich vertretene Beschwerdeführer beim Verwaltungsgericht Hannover Untätigkeitsklage ein. Nachdem das Verwaltungsgericht Diepholz den Widerspruch des Beschwerdeführers vom 25. Juni 2004 am 12. März 2007 zurückgewiesen hatte, betrieb der Beschwerdeführer sein Klageverfahren weiter und griff diese Entscheidung der Sache nach an. Das Verwaltungsgericht führte am 17. November 2008 eine mündliche Verhandlung durch und wies die Klage des Beschwerdeführers noch am selben Tag als unbegründet zurück. Das Gericht hörte einen Sachverständigen, der zur den Unweltauswirkungen der Geflügelfarm Stellung nahm, den Beschwerdeführer und den Nachbarn des Beschwerdeführers an. Am 8. und 28. Januar 2009 beantragte der Beschwerdeführer beim Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht die Zulassung der Berufung gegen das Urteil. Am 14. Februar 2011 lehnte das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht den Antrag des Beschwerdeführers auf Zulassung der Berufung ab.
Am 7. Dezember 2011 teilte die Regierung dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mit, dass am 3. Dezember 2011 ein Bundesgesetz über den Rechtsschutz bei überlangen gerichtlichen Verfahren und strafrechtlichen Ermittlungen in Kraft getreten sei, mit dem das Piloturteil in der Rechtssache R. ./. Deutschland1 umgesetzt werde.
Das Gesetz über den Rechtsschutz bei überlangen Gerichtsverfahren und strafrechtlichen Ermittlungsverfahren (im Folgenden: Rechtsschutzgesetz) wurde am 2. Dezember 2011 im Bundesgesetzblatt2 veröffentlicht und trat am nächsten Tag in Kraft.
Das Rechtsschutzgesetz enthält allgemeine, für Zivil- und Strafverfahren geltende Bestimmungen, die als §§ 198 bis 201 in das GVG eingefügt wurden. Bezüglich der Spezialgerichtsbarkeiten – wie hier der Verwaltungsgerichtsbarkeit – wurde nur eine Vorschrift in die entsprechenden Prozessordnungen eingefügt, nämlich § 173 Satz 2 der Verwaltungsgerichtsordnung, der auf die allgemeinen Regeln Bezug nimmt und nur hinsichtlich des zuständigen Gerichts marginale Anpassungen enthält.
Das neue Rechtsmittel kombiniert ein Instrument zur Beschleunigung des Verfahrens, die Verzögerungsrüge, die vor dem Gericht erhoben werden muss, bei dem die angebliche Verfahrensverzögerung eingetreten ist (das mit der Sache befasste Gericht), mit einer späteren Entschädigungsklage, die bei dem Rechtsmittelgericht (Entschädigungsgericht) erhoben werden muss (siehe § 198 Abs. 1 und 3 GVG).
Nach § 198 Abs. 1 GVG hat ein Verfahrensbeteiligter, der infolge unangemessener Verfahrensdauer einen Nachteil erleidet, Anspruch auf angemessene Entschädigung. Die Höhe der Entschädigung richtet sich nach der Dauer des Verfahrens im Einzelfall, wobei die Schwierigkeit und Bedeutung des Verfahrens sowie das Verhalten der Verfahrensbeteiligten und Dritter berücksichtigt werden. Die Zubilligung einer Entschädigung hängt nicht von der Feststellung eines Verschuldens ab.
Die Entschädigung erfolgt in monetärer Form, wenn keine anderen Formen der Wiedergutmachung für überlange Verfahren zur Verfügung stehen. Eine andere Form der Wiedergutmachung kann darin bestehen, dass das Gericht feststellt, dass die Verfahrensdauer unangemessen war (§ 198 Abs 4 GVG).
Die Entschädigung beträgt 1.200 Euro für jedes Jahr der Verzögerung. Ist der Betrag nach den Umständen des Einzelfalles unbillig, kann das Gericht einen höheren oder niedrigeren Betrag festsetzen.
Eine Verzögerungsrüge vor dem mit der Sache befassten Gericht ist Voraussetzung für eine spätere Entschädigungsklage. Die Entschädigungsklage kann frühestens sechs Monate nach Einlegung der Verzögerungsrüge erhoben werden (siehe § 198 Abs. 5 GVG). Die Entschädigungsklage muss innerhalb von sechs Monaten nach der endgültigen Entscheidung des mit der Sache befassten Gerichts erhoben werden.
Bei Verfahren auf Zubilligung einer Entschädigung fallen Gerichtskosten an. Dem Kläger werden die Kosten jedoch in Höhe des Anteils erstattet, der seinem Erfolg vor Gericht entspricht.
Gegen das Urteil des Entschädigungsgerichts ist nur die Revision zulässig.
Nach der Übergangsbestimmung des Artikel 23 gilt das Rechtsschutzgesetz sowohl für anhängige als auch für abgeschlossene Verfahren, deren Dauer bereits Gegenstand einer Individualbeschwerde bei dem Gerichtshof ist oder noch werden kann.
In anhängigen Verfahren sollte die Verzögerungsrüge unverzüglich nach Inkrafttreten des Rechtsschutzgesetzes erhoben werden. In diesen Fällen wahrt die Verzögerungsrüge einen Entschädigungsanspruch auch für den vorausgegangenen Zeitraum.
Bei abgeschlossenen Verfahren, deren Dauer bereits Gegenstand einer Individualbeschwerde bei dem Gerichtshof ist oder noch werden kann, ist es nicht erforderlich, vor Erhebung einer Entschädigungsklage eine Verzögerungsrüge zu erheben. Die Klage nach Artikel 23 des Gesetzes muss spätestens am 3. Juni 2012 beim zuständigen Gericht erhoben werden.
Im Dezember 2011 teilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dem Beschwerdeführer in der vorliegenden Rechtssache sowie anderen, sich in der gleichen Situation befindenden Beschwerdeführern mit, dass ein neuer innerstaatlicher Rechtsbehelf gesetzlich eingeführt worden sei. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nahm auf die Rechtssache Brusco ./. Italien3 Bezug und bat den Beschwerdeführer, dem Gerichtshof mitzuteilen, ob er beabsichtige, innerhalb der in der Übergangsvorschrift des Gesetzes festgelegten Frist von diesem neuen Rechtsbehelf Gebrauch zu machen. Mit Schreiben vom 17. Februar 2012 teilte der Beschwerdeführer mit, dass er es für unzumutbar halte, von einem weiteren innerstaatlichen Rechtsbehelf Gebrauch zu machen. Er wies darauf hin, dass sein Fall bereits vier Jahre bei dem Europäische Gerichtshof für Menschenrechte anhängig gewesen sei, und die Sachlage daher eine andere sei als die in der Rechtssache Brusco ./. Italien4. Die Einleitung eines neuen Verfahrens, zu dem es noch keine innerstaatliche Rechtsprechung gebe, würde zu weiteren Verzögerungen führen. Schließlich beantragte er, seine Beschwerde vor dem Europäische Gerichtshof für Menschenrechte aufrechtzuerhalten.
Nach Artikel 6 Abs. 1 EMRK rügte der Beschwerdeführer die überlange Dauer des Verfahrens im Zusammenhang mit seinen Rechtsmitteln gegen die Genehmigung der Errichtung eines Legehennenstalls sowie die immissionsschutzrechtliche Genehmigung des zweiten Legehennenstalls in seiner Nachbarschaft. Darüber hinaus rügte er nach Artikel 13 EMRK, dass das deutsche Recht keinen wirksamen Rechtsbehelf gegen eine überlange Verfahrensdauer vorsehe.
Unter Bezugnahme auf Artikel 6 Abs. 1 EMRK rügte er darüber hinaus, dass das Verwaltungsgericht ihm keine Prozesskostenhilfe gewährt hatte, obwohl es ihm zuvor die Postulationsfähigkeit in dem Verfahren entzogen und bestimmt hatte, dass er sich anwaltlich vertreten lassen müsse, wenn er das Verfahren fortführen wolle.
Schließlich rügte der Beschwerdeführer unter Bezugnahme auf Artikel 2 EMRK die Entscheidungen des Verwaltungsgerichts Diepholz, die Errichtung des ersten Legehennenstalls und vier Jahre später die Errichtung eines zweiten Legehennenstalls zu genehmigen. Er brachte vor, dass die Emissionen aus diesen Ställen seine Gesundheit und die Gesundheit seiner Familie beeinträchtigten. Ferner machte er geltend, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für die Erteilung der maßgeblichen Genehmigungen keinen ausreichenden Schutz vor Gefahren für die Gesundheit und das Leben des Beschwerdeführers böten.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wird zunächst darüber entscheiden, ob der Beschwerdeführer die in Artikel 35 EMRK niedergelegte Regel der Erschöpfung des innerstaatlichen Rechtswegs beachtet hat; Artikel 35 lautet, soweit maßgeblich, wie folgt:
„Der Gerichtshof kann sich mit einer Angelegenheit erst nach Erschöpfung aller innerstaatlichen Rechtsbehelfe in Übereinstimmung mit den allgemein anerkannten Grundsätzen des Völkerrechts und nur innerhalb einer Frist von sechs Monaten nach der endgültigen innerstaatlichen Entscheidung befassen.”
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte weist erneut darauf hin, dass der Zweck des Grundsatzes der Rechtswegerschöpfung darin besteht, den Vertragsstaaten Gelegenheit zu geben, behauptete Verstöße – normalerweise auf gerichtlichem Wege – zu verhindern oder ihnen abzuhelfen, bevor der Gerichtshof mit ihnen befasst wird. Folglich müssen sich die Konventionsstaaten erst dann vor einem internationalen Organ für ihre Handlungen verantworten, wenn sie die Möglichkeit hatten, durch ihre eigenen Rechtssysteme Abhilfe zu schaffen. Der Grundsatz gründet sich auf der in Artikel 13 EMRK – mit dem er eng verbunden ist – zum Ausdruck kommenden Annahme, dass in der innerstaatlichen Rechtsordnung eine wirksame Beschwerde bezüglich des behaupteten Verstoßes vorgesehen ist. Damit ist er ein wichtiger Aspekt des Grundsatzes der Subsidiarität des auf der Konvention basierenden Kontrollsystems gegenüber den nationalen Systemen zum Schutz der Menschenrechte5.
Dennoch muss nach Artikel 35 EMRK nur von solchen Rechtsbehelfen Gebrauch gemacht werden, die sich auf die behaupteten Verletzungen beziehen und gleichzeitig auch zur Verfügung stehen und hinreichend geeignet sind. Das Vorhandensein solcher Rechtsbehelfe muss nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis hinreichend sicher sein; andernfalls fehlt ihnen die erforderliche Zugänglichkeit und Wirksamkeit6. Außerdem können gemäß den „allgemein anerkannten Grundsätzen des Völkerrechts“ besondere Umstände vorliegen, die den Beschwerdeführer von der Verpflichtung entbinden, die ihm zur Verfügung stehenden Rechtsbehelfe zu erschöpfen7. Der bloße Zweifel hinsichtlich der Erfolgsaussichten eines bestimmten Rechtsbehelfs, der nicht offensichtlich sinnlos ist, stellt jedoch keinen triftigen Grund für die Nichterschöpfung der innerstaatlichen Rechtsbehelfe dar8.
Die Entscheidung darüber, ob die innerstaatlichen Rechtsbehelfe erschöpft worden sind, erfolgt üblicherweise mit Blick auf das Datum, an dem die Individualbeschwerde bei dem Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erhoben worden ist. Jedoch sind Ausnahmen von dieser Regel möglich, die durch die besonderen Umstände des Einzelfalls gerechtfertigt sein können9.
In der hier vorliegenden Sache stellt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zu Beginn fest, dass der Beschwerdeführer erklärt hat, er habe nicht die Absicht, ein Verfahren nach § 198 GVG anzustrengen.
Der Beschwerdeführer bestritt vor dem Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zwar die Wirksamkeit und Eignung des neuen Rechtsbehelfs, zweifelte jedoch nicht daran, dass er ihm zur Verfügung stand. Das Gericht sieht auch keinen Grund, daran zu zweifeln, dass der Beschwerdeführer berechtigt war, seinen Anspruch gemäß Artikel 23 des Rechtsschutzgesetzes vor den innerstaatlichen Gerichten geltend zu machen. Die Tatsache, dass das Verfahren nach dem Rechtsschutzgesetz mit Gerichtskosten verbunden ist, schränkt seine Zugänglichkeit nicht unangemessen ein, da die allgemeinen Prozesskostenhilfevorschriften des deutschen Rechts anwendbar sind, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wiederholt für mit den Vorgaben der Konvention vereinbar befunden hat10.
Was die Wirksamkeit des neuen Rechtsbehelfs angeht, ergibt sich aus dem Rechtsschutzgesetz (s. o.) ganz eindeutig, dass die innerstaatlichen Gerichte bei ihrer Entscheidung über Entschädigungsansprüche die Konventionskriterien so anwenden müssen, wie es der Rechtsprechung des Gerichtshofs entspricht. Insbesondere sollte die Entschädigung im Hinblick auf die Umstände des Einzelfalls, die Dauer der Verzögerung und die Bedeutung ihrer Folgen für den Beschwerdeführer festgesetzt werden. Die Zubilligung einer Entschädigung ist nicht von der Feststellung eines Verschuldens abhängig.
In Anbetracht dieser Merkmale erkennt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte an, dass das Rechtsschutzgesetz verabschiedet wurde, um das Problem der überlangen Dauer innerstaatlicher Verfahren in wirksamer und sinnvoller Weise unter Berücksichtigung der Anforderungen der Konvention anzugehen. Es trifft zu, dass die innerstaatlichen Gerichte nicht in der Lage gewesen sind, in den wenigen Monaten seit seinem Inkrafttreten eine Rechtsprechung zu entwickeln. Der Gerichtshof sieht zu diesem Zeitpunkt jedoch keinen Grund für die Annahme, der neue Rechtsbehelf werde dem Beschwerdeführer nicht die Möglichkeit bieten, angemessene und hinreichende Entschädigung für seine berechtigten Klagen zu erhalten, oder ihm keine hinreichende Erfolgssaussichten bieten. Bloße Zweifel daran, dass mit dem neuen Rechtsbehelf eine angemessene Entschädigung erwirkt werden kann, können an der Schlussfolgerung des Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nichts ändern.
Darüber hinaus weist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erneut darauf hin, dass die Staaten im Hinblick darauf, wie der innerstaatliche Rechtsbehelf bezüglich der Erfordernis der „angemessenen Frist“ ausgestaltet werden soll, einen gewissen Beurteilungsspielraum genießen11. Daher hält der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte es nicht für angemessen, zu diesem Zeitpunkt, zu dem er keinen Grund zu der Annahme hat, dass das Rechtsschutzgesetz die Zwecke, zu denen es geschaffen wurde, nicht erfüllen wird, jede einzelne Bestimmung des Rechtsschutzgesetzes abstrakt zu prüfen.
Schließlich lässt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nicht außer Acht, dass der neue Rechtsbehelf erst verfügbar wurde, nachdem die vorliegende Individualbeschwerde erhoben worden war, und dass nur außergewöhnliche Umstände den Beschwerdeführer zwingen können, von einem solchen Rechtsbehelf Gebrauch zu machen. Er stellt fest, dass in mehreren die Verfahrensdauer betreffenden Fällen festgestellt wurde, dass solche außergewöhnlichen Umstände vorlagen12. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte betont, dass die Art des Rechtsmittels und der Zusammenhang, in dem es eingeführt wurde, bei seiner Beurteilung, ob eine solche Ausnahme vorliegt, eine gewichtige Rolle spielt13.
Wie in den oben erwähnten Fällen hält der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte es auch unter den Umständen des vorliegenden Falles für angemessen und gerechtfertigt, den Beschwerdeführer zu verpflichten, von dem durch das Rechtsschutzgesetz eingeführten neuen innerstaatlichen Rechtsbehelf Gebrauch zu machen. Erstens wäre, wie er in der Rechtssache Kudla ./. Polen ([GK], Individualbeschwerde Nr. 30210/96, Rdnr. 152, ECHR 2000-XI)) festgestellt hat, das Recht auf Verhandlung innerhalb angemessener Frist weniger effektiv, wenn es nicht die Möglichkeit gäbe, Ansprüche nach der Konvention zunächst einer nationalen Behörde vorzulegen. Ist ein innerstaatlicher kompensatorischer Rechtsbehelf eingeführt worden, wird es besonders wichtig, dass solche Beschwerden an erster Stelle und ohne Verzögerung von den nationalen Behörden geprüft werden, die besser in der Lage und besser gerüstet sind, den entscheidungserheblichen Sachverhalt festzustellen und die finanzielle Entschädigung zu berechnen14. Zweitens misst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte der Tatsache besondere Bedeutung bei, dass der Beschwerdeführer berechtigt ist, seine Ansprüche gemäß den Übergangsbestimmungen des Rechtsschutzgesetzes vor den innerstaatlichen Gerichten geltend zu machen, was den Willen des deutschen Gesetzgebers widerspiegelt, den Personen, die bereits vor Inkrafttreten des Rechtsschutzgesetzes Beschwerde vor dem Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erhoben hatten, auf innerstaatlicher Ebene Wiedergutmachung zu leisten15. Er weist erneut darauf hin, dass er seine in Artikel 19 EMRK definierte Aufgabe weder dadurch, dass er an Stelle der innerstaatlichen Gerichte in diesen Fällen ein Urteil fällt, noch dadurch, dass er sie parallel zu dem innerstaatlichen Verfahren prüft, optimal erfüllen würde16. Darüber hinaus hält der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte es nicht für unzumutbar, den Beschwerdeführer an die innerstaatlichen Gerichte zu verweisen, da das Rechtsschutzgesetz lediglich ein Verfahren in zwei Instanzen vorsieht.
Aus Gründen der Fairness und Effizienz sieht der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte keine Notwendigkeit, bei ihm anhängige Verfahren anders zu behandeln und nur bei nach dem Piloturteil eingelegten Individualbeschwerden von den Beschwerdeführern zu verlangen, von diesem neuen Rechtsbehelf Gebrauch zu machen17. Nach dem Urteil in der Rechtssache S. ./. Deutschland18 war klar geworden, dass die bestehenden Rechtsvorschriften in Deutschland nicht ausreichten, um Verfahren zu beschleunigen und eine Entschädigung für überlange Verfahren zu gewährleisten. Seither hat der deutsche Gesetzgeber auf verschiedene Weise versucht, die Anforderungen der Konvention zu erfüllen, was schließlich zu dem oben erwähnten Rechtsschutzgesetz führte.
Die Position des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte kann jedoch in der Zukunft der Überprüfung unterliegen, was insbesondere von der Fähigkeit der innerstaatlichen Gerichte abhängen wird, im Hinblick auf das Rechtsschutzgesetz eine konsistente und den Erfordernissen der Konvention entsprechende Rechtsprechung zu etablieren. Darüber hinaus wird die Beweislast hinsichtlich der Wirksamkeit des neuen Rechtsbehelfs in der Praxis bei der beschwerdegegnerischen Regierung liegen.
In Anbetracht der vorstehenden Erwägungen stellt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte fest, dass der Beschwerdeführer nach Artikel 35 Abs. 1 EMRK verpflichtet ist, durch Fortführung des innerstaatlichen Verfahrens von dem neuen innerstaatlichen Rechtsbehelf Gebrauch zu machen. Daraus folgt, dass diese Rüge nach Artikel 35 Abs. 1 und Abs. 4 EMRK wegen Nichterschöpfung des innerstaatlichen Rechtswegs zurückzuweisen ist.
Weitere Verstöße gegen die Art. 6, 13 EMRK
Da die nach Artikel 6 EMRK erhobene Rüge des Beschwerdeführers bezüglich des zweiten Legehennenstalles wegen Nichterschöpfung der innerstaatlichen Rechtsbehelfe zurückgewiesen wird, ist die damit im Zusammenhang stehende Rüge nach Artikel 13 EMRK offensichtlich unbegründet und muss gemäß Artikel 35 Abs. 3 Buchstabe a und 4 EMRK zurückgewiesen werden.
Der Beschwerdeführer rügte darüber hinaus, dass ihm im Sinne von Artikel 6 Abs. 1 EMRK kein hinreichender Zugang zum Verwaltungsgericht Hannover gewährt worden sei, da dieses ihm, auch nachdem es ihm die Postulationsfähigkeit entzogen habe, keine Prozesskostenhilfe gewährt habe. Unter Bezugnahme auf Artikel 2 EMRK rügte er darüber hinaus die angeblich unrechtmäßigen Betriebsgenehmigungen für die beiden Legehühnerställe, die die Gefahren für ihn und seine Familie außer Acht gelassen hätten.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die übrigen von dem Beschwerdeführer vorgebrachten Rügen geprüft. Unter Berücksichtigung aller ihm zur Verfügung stehenden Unterlagen stellt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte jedoch fest, dass, selbst wenn die vollständige Erschöpfung des innerstaatlichen Rechtwegs unterstellt wird, diese Rügen keine Anzeichen für eine Verletzung der in der Konvention oder den Protokollen dazu bezeichneten Rechte und Freiheiten erkennen lassen.
Daraus folgt, dass die Individualbeschwerde im Übrigen nach Artikel 35 Abs. 3 Buchstabe a und 4 EMRK als offensichtlich unbegründet zurückzuweisen ist. Aus diesen Gründen erklärt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Beschwerde einstimmig für unzulässig.
Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Entscheidung vom 29. Mai 2012 – Nr. 53126/07, Taron v. Deutschland
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EGMR, Urteil vom 02.09.2010 – 46344/06 [↩]
EGMR, Entsch.2001-IX – 69789/01 [↩]
siehe Akdivar u. a. ./. Türkei, 16. September 1996, Rdnr. 65, Urteils- und Entscheidungssammlung 1996-IV; und Demopoulos u. a. ./. Türkei (Entsch.) [GK], Individualbeschwerden Nrn. 46113/99 et al., Rdnr. 69, ECHR 2010-… [↩]
siehe Akdivar u. a., a.a.O., Rdnr. 66, und Dalia ./. Frankreich, 19. Februar 1998, Rdnr. 38, Sammlung 1998-I [↩]
siehe Van Oosterwijck ./. Belgien, 6. November 1980, Rdnr. 36, Serie A Band 40, A, und Akdivar u. a., a.a.O., Rdnr. 67 [↩]
siehe Van Oosterwijck, a.a.O., Rdnr. 37; Akdivar u. a., a.a.O., Rdnr. 71; und Brusco ./. Italien, a.a.O. [↩]
siehe Brusco, a.a.O., und Fakhretdinov u. a. ./. Russland (Entsch.), Individualbeschwerden Nrn. 26716/09, 67576/09 und 7698/10, 23. September 2010 [↩]
siehe E. ./. Deutschland (Entsch.), Individualbeschwerde Nr. 23947/03, 10. April 2007 [↩]
siehe Scordino ./. Italien (Nr. 1) [GK], Individualbeschwerde Nr. 36813/97, Rdnrn. 188- 189, ECHR 2006-V, Fakhretdinov u. a. ./. Russland, a.a.O., und Žunic ./. Slowenien (Entsch.), Individualbeschwerde Nr. 24342/04, 18. Oktober 2007 [↩]
siehe Brusco ./. Italien, a.a.O.; Nogolica ./. Kroatien, a.a.O.; Andrášik u. a. ./. Slowakei (Entsch.), Individualbeschwerden Nrn. 57984/00 et al., ECHR 2002-IX; Michalak ./. Polen (Entsch.), Individualbeschwerde Nr. 24549/03, Rdnrn. 41-43, 1. März 2005; and Korenjak ./. Slowenien, Individualbeschwerde Nr. 463/03, Rdnrn. 63-71, 15. Mai 2007, Fakhretdinov u. a. ./. Russland, a.a.O. [↩]
siehe Scordino (Nr. 1), a.a.O., Rdnr. 144 [↩]
siehe sinngemäß Demopoulos u. a. (Entsch.) [GK], a.a.O., Rdnr. 69 [↩]
vgl. Brusco, a.a.O. [↩]
siehe sinngemäß E.G. ./. Polen (Entsch.), Individualbeschwerde Nr. 50425/99, Rdnr. 27, 23. September 2008 [↩]
[GK], Individualbeschwerde Nr. 75529/01,S. ./. Deutschland – 2006-VII, 8. Juni 2006 [↩]
BeschwerdeEMRKÜberlange Verfahrensdauer

References: Art. 6
 § 173
 § 198
 § 198
 § 198
 § 198
 Art. 6
 § 172
 Art. 2
 Art.20