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Timestamp: 2020-08-13 17:50:19+00:00

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Kant on consciousness in general, by Amrhein
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20 Ansichten230 Seiten
C. Spaltung und Fügung_ Vorwort
markowitz_vereinfachungen
Der Wolf Lauert Immer in Uns
Martin Potschka: Konstruktion von Verbindlichkeit
Buchenau - Kants Lehre Vom Kategorischen Imperativ
Lettre de Kant.pdf
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BOOK 193.2.K135 1 v. 10 c. 1
# KANT-STUDIEN ERGANZUNGSHEFTE
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fNAlEsWEICHNER
WEICHNERGEZft
Ergänzungshefte im Auftrag der Kantgesellschaft
^^^^ herausgegeben von H. Vai hinger und B. Bauch.
Lehre vom „Bewusstsein überhaupt"
Weiterbildung iiis auf die Gegenwart.
Dr. Hans Amrhein
Direktor der Deutschen Schule in Lüttich.
Mit einem Geleitwort vod H. Vai hinger.
Verlag von Reuther & Reichard
Jahresmitglieder der „Kantgesellschaft" erhalten die „Kantstudien", sowie die Ergänzungshefte zu denselben
Satzungen der Gesellschaft
durch Professor Dr. Vaihinger in Halle a. S. (Reichardtstrasse 15),
welcher auch Beitrittserklärungen entgegennimmt.
Da ich die Entstehung und Ausführung dieser Schrift von Anfang
an bis zum Schluss mit Aufmerksamkeit verfolgt habe, weil ich an ihrem
Gegenstand ein besonderes Interesse genommen habe, so widme ich ihr
bei ihrem Schritt in die Welt hinaus gerne noch einige Abschiedsworte
Ich tue dies mit einiger Wehmut, denn in
Augenleidens, das mich vor einiger Zeit zwang, meine amtliche Tätigkeit
niederzulegen, ist dies wohl die letzte von mir hervorgerufene Dissertation
an hiesiger Universität.
Das Thema der vorliegenden Arbeit, jedoch mit Beschränkung auf
Kant, hatte die hiesige philosophische Fakultät auf meine Veranlassung
hin als Preisaufgabe gestellt : „Kants Lehre vom Bewusstsein überhaupt".
Ganz zufällig erfuhr ich, dass der nunmehrige Verfasser dieser Schrift
das Preis-Thema bearbeiten woUe, und sich zu diesem Zwecke schon
stark mit der sekundären Literatur über Kant beschäftige. Ich hatte Ge- legenheit, ihm zu sagen, er solle die Literatur über Kant zunächst gar
nicht berücksichtigen und sich vielmehr ein ganz selbständiges Urteil
über den Gegenstand erwerben; zu diesem Zwecke brauche er aber nur
drei Dinge: auf der linken Seite
die sämtHchen Werke Kants, auf der
rechten Seite einige Buch weisses Papier und dazu noch sein Schreibgerät,
um sich aus den ersteren in die zweiten die nötigen Auszüge zu machen.
Wenn er sich auf diese Weise selbständig in den Gegenstand hinein-
gearbeitet habe, müsse er über das Thema — wenigstens historisch — mehr
wissen als sämtliche sekundären Schriftsteller zusammengenommen, die er
eben deshalb auch erst nachher vielleicht noch mit einigem Nutzen werde
heranziehen können. Dies war der
Verfasser damals geben
einzige Rat, den ich
durfte. Diesen Rat hat er aber auch treulich befolgt, und so war es ihm
vergönnt, dass seine damalige Arbeit den Preis davontrug: die Arbeit
hatte ihn reichlich verdient, denn sie gab schon in ihrer damaligen Form
eine vollständige Zusammenstellung und kritische Verarbeitung des bei
Kant selbst vorliegenden Materials. Auf Grund sorgfältigsten Studiums
der sämtlichen Kantischen Schriften, das ihn zu mehreren wertvollen
Nebenergebnissen führte, konstatierte der Verfasser, auf Grund eingehender
Erörterung aller in Frage kommender Gesichtspunkte, dass Kant ausdrück-
lich nicht mehr als etwa neunmal vom „Bewusstsein überhaupt" gesprochen hat — wenigstens in dem bis jetzt gedruckten Material: die Kantischen
Inedita, welche seitens der Berliner Akademie, speziell durch Adickes' Be-
mühung, bald im Druck zu erwarten sind, werden dies Resultat wohl nicht
wesentlich ändern. Erst auf Grund des vollständig festgestellten Quellen-
materials konnte nun Kants Lehre vom „Bewusstsein überhaupt" authen-
tisch dargestellt, definiert und diskutiert werden.
Zum Zweck der Promotion hat nun aber der Verfasser seine damals preisgekrönte Arbeit wesentlich umgearbeitet, vertieft und erweitert. Er
tat dies trotz grosser äusserer Schwierigkeiten : diesen und nicht bloss der
inneren Schwierigkeit des Gegenstandes ist zuzuschreiben, was etwa an der Arbeit auszusetzen sein mag.
Ich selbst habe, soweit ich bei der oben erwähnten Behinderung meiner Sehkraft noch vermochte, die Erweiterung der Arbeit mit Auf- merksamkeit verfolgt: auf meinen Rat hin sind speziell die §§ 10, 11 und
15 eingefügt worden. Der Verfasser hat an verschiedenen Stellen und besonders am Schluss
in seinem kritischen Rückblick auf die Wichtigkeit des Gegenstandes hin-
gewiesen. Ich selbst möchte hierzu noch einige wenige Bemerkungen
Seit ich vor etwa 30 Jahren durch Laas auf die Wichtigkeit des Be- griffes „Bewusstsein überhaupt" aufmerksam geworden bin, habe ich seine
Entwicklung nicht aus den Augen gelassen. Man kann, wie das der Ver-
fasser auch getan hat, fast die ganze Geschichte der deutschen Philosophie
in den letzten vierzig Jahren an diesem Faden aufreihen. Aber in dieser
Geschichte hat sich eine namhafte Umwendung, oder sagen wir deutlicher:
Rückwendung vollzogen.
Entsprechend dem allgemeinen Gang des deutschen Geisteslebens von dem Kritizismus im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts zu der
Neu-Romantik der Gegenwart, hat auch unser Begriff diese Wandlung
mitgemacht; bei seinen letzten Verwendern sprang aus diesem kritischen
Grenzbegriff Kants, aus dieser seiner rein methodischen Hilfsvorstellung
ein Gebilde heraus, das dem ehemaligen „Absoluten" seligen Angedenkens
Absolute", seit Schopenhauers boshaftem, aber berechtigtem Spott über das-
Man vermeidet ja wohl das Wort „das
selbe,
aber die Sache hat man nun glücklich wieder.
Und die jetzige
Jugend, mit ihren romantischen Neigungen und mit ihrem missverstan-
denen sog. religiösen Bedürfnis — wie nennt das nur die Pathologie? —
wendet sich von dem kritisch fundierten Relativismus ab, verkennt, dass alles, Sein wie Erkennen, Werden wie Wissen, aus Relationen besteht
und nur in Relationen bestehen kann, und geht — oder vielmehr fliegt
wieder dem philosophischen Absolutismus zu; ja, einigen ihrer jüngsten
Vertreter ist das „Bewusstsein überhaupt" schon wieder zum Äöyog ge- worden, sie legen die „Kritik der reinen Vernunft" durch das Evayyehoy
xara 'icoäyyi^y aus, und SO kommt diese Jugend glücklich wieder bei dem-
jenigen Punkte an, den die älteren Vertreter des Kritizismus einst mit
Protest verlassen haben. Kurz: sage mir, wie du zum „Bewusstsein über- haupt" stehst, und ich sage dir, wer du bist, ob ein Vertreter des Kriti-
zismus oder des Dogmatismus.
Was den Freund des Kritizismus (des Kritizismus im weiteren Sinn, dessen Typus doch trotz allem stets Kant, der „Preussische Hume",
bleiben wird) angesichts dieser Sachlage tröstet, ist die Beobachtung, dass die Zeiten und ihre Bedürfnisse wechseln. Der neubeginnende Dogmatis- mus muss sich jetzt zunächst noch weiter entwickeln, er muss wieder bis zur völligen Reife gedeihen : dann wird die Philosophie ihre Heilung schon
von selbst wieder im Kritizismus suchen und finden.
Halle a. S., im April 1909.
Indem der vorliegende Versuch als Ergänzungsheft der „Kantstudien"
erscheint, möchte er die in diesem Titel der Zeitschrift liegende Neben-
bedeutung einer „Studie" für sich in besonderem Masse zur Deckung
denn den Charakter einer Studie kann und will die Arbeit,
die als Vorarbeit gewürdigt und benutzt werden möchte, nicht verleugnen.
Äusserlich, dem Umfange nach betrachtet, tritt im 1. Teil das Philosophi-
sche hinter dem Philologischen zurück, und im 2. Teile scheint das kriti-
sche Ergebnis auf eine un verhältnismässig breite historische Basis gestellt
zu sein; in beiden Teilen wird der nachprüfenden und weiterbauenden
Arbeit das Material in einer Fülle von Zitaten unterbreitet. Es wäre ein
Leichtes gewesen, diirch Weglassung oder Kürzung des Beiwerks meine
Untersuchung auf das rein Systematische zu bechränken, aber damit wäre
sicher der überwiegenden Mehrzahl der Leser nicht gedient gewesen,
welche das historische Material, auf dem ich fusse, selbst nachprüfen wollen.
Die Anregung zur Behandlung des Themas sowie manche wertvolle
Hinweise während der Bearbeitung schulde ich im dankbaren Gefühl wissenschaftlicher Förderung der hingebenden Teilnahme von Professor Dr.
Vaihinger in Halle.
Lüttich, April 1909.
Vorbemerkung zu den Zitaten,
Ich zitiere nach der Dürrschen Ausgabe der sämtlichen Werke
Kants in 9 Bänden von Gedan,
Valentiner und Vorländer.
Kinkel, v. Kirchmann, Schiele,
I. K. d. r. V. 8. revidierte Aufl. (Valentiner) 1901.
K. d. pr. V. 4. Aufl. (v. Kirchmann) 1897.
II^. K. d. U. 3. Aufl. (Vorländer) 1902.
IIP. Prolegomena 3. Aufl. (v. Kirchmann) 1893. III^. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 2. Aufl. (v. Kirchmann)
IIP. Metaphysik der Sitten 1. Aufl. (v. Kirchmann) 1870.
IV\ Logik 3. Aufl. (Kinkel) 1904.
IV^. Anthropologie 4. Aufl. (v. Kirchmann) 1899.
IV^. Die Eeligion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft 3. Aufl. (Vorländer) 1903.
V^-^ Kleinere
(v. Kirchmann) 1870.
und Metaphysik 1. Aufl.
VP. Kleinere Schriften zur Ethik und Religionsphilosophie 1. Aufl.
VP. Kleinere Schriften zur Ethik und Religionsphilosophie 2. Aufl.
(Schiele) 1902.
VII^. Kleinere Schriften zur Naturphilosophie und Naturwissenschaft
1. Aufl. (v. Kirchmann) 1872.
VIP. Kleinere Schriften zur Naturphilosophie und Naturwissenschaft
1. Aufl. (v. Kirchmann) 1873.
Vm. Die vermischten Schriften 1. Aufl. (v. Kirchmann) 1898.
IX^-^ (Supplementband) Physische Geographie 2. Aufl. (Gedan)
1905, — Die vier lateinischen Dissertationen 1. Aufl.
(v. Kirchmann) 1878.
Die erste Aufl. der Kr. d. r. V. von 1781 und die zweite von bezeichne ich mit A und B, gebe aber die Seiten nach I
(siehe oben) an.
Vorbemerkung zu den Zitaten.
Kants Briefwechsel zitiere ich nach der Ausgabe der Kgl.
Preuss. Akad. d. Wissensch. in BerKn, 1900 und 1902. Das Opus posthumum (,,Ein ungedrucktes Werk von Kant aus seinen letzten Lebensjahren", als Manuskript herausgegeben von Rudolf Eeicke),
welches „von dem auf Prinzipien a priori gegründeten Übergange von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft über- haupt zur Physik" handelt, zitiere ich ohne Angabe des Titels
nach der Zeitschrift, in der es als Fragment erschienen ist, nämüch
der „Altpreuss. Monatsschrift" 1882, 1883, 1884.
§ 1. Einleitung-: Der Sinn des Themas
Kants Lehre vom „Bewusstsein überhaupt".
A. Historisch-terminologisclie und begriffsstatistische Bereitstellung des Materials.
Historische Vorbemerkung-
§ 2. Die Termini „Bewusstsein" und „Apperzeption" in
den vorkritischen Schriften Kants
§ 3. Das Vorkommen des Ausdrucks Bewusstsein und ver-
wandter Termini in der 1. Aufl. der Kr. d. r. V.
§ 4. Der Ausdruck Bewusstsein in den Schriften zwischen 1781 bis 1787
§ 5. Der Gebrauch von „Bewusstsein" und ähnlichen Aus-
drücken in der 2. Aufl. der Kr. d. r. V.
§ 6. Das Vorkommen der Ausdrücke Bewusstsein und Apper-
zeption in den von 1787 bis 1804 erschienenen
Schriften Kants
§ 7. Der Gebrauch der Termini in Kants nachgelassenen
Schriften und im Briefwechsel
§ 8. Aufzählung und allgemeine Erläuterung derjenigen
Stellen in Kants Schriften,
an denen der Aus-
druck „Bewusstsein überhaupt" vorkommt
§ 9. Die Bedeutung der Verallgemeinerungspartikel „über- haupt" in Kants Philosophie
§ 10. Der Doppelsinn des „überhaupt" in dem Ausdruck „Bewusstsein überhaupt"
§ 11. Das „empirische Bewusstsein überhaupt"
B. Erläuterung der Kantischen Lehre vom „Bewusstsein überhaupt".
§12. Die erkenntnistheoretische Unzulänglichkeit der em-
pirischen Apperzeption
§ 13. Die transscendentale Apperzeption
§ 14. Das „Bewusstsein überhaupt"
§ 15. Zusammenfassung und Ergebnis
Die Lehre vom „Bewusstsein überhaupt" in der
nachkantischen Philosophie.
§16. Das „Bewusstsein überhaupt" bei K. L. Reinhold . §17. Das „Bewusstsein überhaupt" bei Salomon Maimon .
§ 18. Das „Bewusstsein überhaupt" bei J. G. Fichte
§19. Das „Bewusstsein überhaupt" bei Schelling
§ 20. Das „Bewusstsein überhaupt" bei Hegel
§ 21. Das „Bewusstsein überhaupt" in der Fundamental-
und Glaubensphilosophie
§ 22. Das „Bewusstsein überhaupt" bei Fries
§ 23. Das „Bewusstsein überhaupt" bei Riehl und anderen Neukantianern
§ 24. Das „Bewusstsein überhaupt" in der positivistischen
Philosophie von Ernst Laas
§ 25. Das „Bewusstsein überhaupt" in der immanenten Philo-
sophie Schuppes
§ 26. Das „Bewusstsein überhaupt" bei Wilhelm Windelband
§ 27. Das „Bewusstsein überhaupt" bei Eickert
§ 28. Das „Bewusstsein überhaupt" bei H. Münsterberg .
§ 29. Das „Bewusstsein überhaupt" bei Th. Lipps
§ 30. Einwände gegen das „Bewusstsein überhaupt" (Drews, E. V. Hartmann, Rehmke, Michaltschew, Uphues,
Nelson, Baumann-Tiedemann)
§31. Rückblick und kritische Stellungnahme
Der Sinn des Themas.
Auf allen Gebieten der Wissenschaft schreitet mit den Er-
gebnissen der Forschung- die Neubildung von Fachausdrücken fort.
Indem die Untersuchung gerade des jüngsten Besitzzuwachses auf dem Wege sorgfältiger Unterscheidung, Zerlegung und Zusammen- fassung eine Bereicherung der Erkenntnis zu versprechen pflegt,
erfahren doch auch andererseits jene wissenschaftlichen Kunst-
ausdrücke vielfach eine genauere Bestimmung durch einschränkende
oder erweiternde Zusätze. Angesichts der wortrealistischen Neigung,
Beschreibungen von Eigenschaften und Handlungen kurz durch ein
„Ding" -wort zu ersetzen und die technische Bezeichnung eines
Problems für dessen Lösung zu halten, ist jedoch oft darauf hin-
gewiesen worden, dass Terminologie nicht Erklärung und Beweis
ist, sondern nur Meinungen fixiert und Übersichtlichkeit schafft.
Aber selbst diesen Dienst leisten der Wissenschaft die Kunstaus-
drücke sehr unvollkommen; denn sie sind Symbole der Begriffe
eines einzelnen, des sprachschöpferischen Denkers, der zwar mittels
der Definition die streng logische Abgrenzung seiner Termini
sichern, nicht aber zugleich Vorkehrungen treffen kann, dass sich
die psychologischen Bestandteile der neuen Begriffe auch im Geiste derer, die sie in umgekehrter Folge, von den sprachlichen
Neuprägungen ausgehend, nachdenken müssen, mit den eigenen
ursprünglichen Vorstellungen des Urhebers genau decken.
kann sogar das Wort sich einstellen, ohne dass der Empfänger
einen Begriff damit zu verbinden vermag, meist aber bemächtigt
sich der wissenschaftlichen Nomenklatur ein allmählich zunehmender
Bedeutungswandel, der auch dann zu missverständlichen Auf-
fassungen der Termini führt, wenn deren Objekte selbst einen Entwicklungsprozess nicht durchmachen. — So ist die Geschichte
der Wissenschaften zum teil eine Geschichte der gelehrten Termino-
logie; ja die Wissenschaft selbst ist vielfach der blosse Nachweis
einer Verwechselung von Abstraktionen mit der Wirklichkeit, ein
KkBtitudlan, £rg.-Heft 10.
Kampf gegen die Herrschaft der Terminologie und der Schlagworte,
— es sei nur erinnert an die Ausdrücke Atom, Element, Affinität,
Wahlverwandtschaft, Attraktion, Anziehung, Schwere, Kraft, Stoff,
Seele, Seelenvermögen u. v. a. Die zahlreichsten Beispiele und
P>läuterungen bietet gemäss ihrer Stellung zu den Einzelwissen-
schaften die Philosophie.
Die neuere Philosophie hat seit Descartes das Erkenntnis-
problem in den Vordergrund gerückt; der wichtigste Terminus des
letzteren ist das „Bewusstsein". Die Philosophie der Gegenwart
hat besonders die Untersuchungen über die Beziehungen zwischen
Vorstellungen und Aussenwelt und über die Allgemeingiltigkeit des
„Gegenstandes" vertieft, und in Verbindung damit hat sie den Aus-
druck „Bewusstsein überhaupt" in den Mittelpunkt der Erklärung
Schon äusserlich verrät sich dieser Terminus durch sein
häufiges Vorkommen als ein Lieblingsausdruck der modernen
Philosophie. Man braucht nur Nachschlagewerke wie „Ueberwegs
Grundriss der Geschichte der Philosophie des 19. Jahrhunderts" (Berlin 1902) und Eislers „Wörterbuch der philosophischen Be-
oder die Literatur-
griffe" (Berlin 1904)
zur Hand zu nehmen,
berichte der philosophischen Zeitschriften^) durchzusehen, um ihm
Aber auch die eigentümliche, zuweilen fast ge-
heimnisvolle Stellung, die dem „Bewusstsein überhaupt" in den
Lehrsystemen einiger zeitgenössischer Philosophen eingeräumt wird,
bekundet seine hervorragende Bedeutung. Wilhelm Schuppe legt laut Heinze den Schwerpunkt seiner Philosophie in das „Bewusst-
sein überhaupt" (Erkenntnistheoretische Logik, Bonn 1878. Grund-
riss der Erkenntnistheorie und Logik, Berlin 1894).
dasselbe eine Ich oder Subjekt überhaupt, welches sich an so und so vielen Orten im Raum und Teilchen in der Zeit findet (dadurch
eo ipso nicht mehr Bewusstsein überhaupt, sondern indivi-
duelles, nicht mehr reines Ich, sondern individuelles) und
ganzen Raum und die ganze Zeit ausserhalb dieses . Teilchens nur
von ihm aus sieht, und eben deshalb löst sich der Raum und die
^) Im Inhaltsverzeichnis z. B. der „Kantstiidien", herausgegeben von
Vaihinger und Bauch (Berlin 1896 [1. Jahrg.] bis 1907 [12. Jahrg.]), wird der Ausdruck „Bewusstsein überhaupt" besonders registriert. — Vorländer hat
den Terminus in das Sachregister zu seiner Ausgabe der K. d. r. V. (Halle, Hendel) jedoch nicht aufgenommen. Collen dagegen führt ihn im Index
zu seinem Kommentar der K. d. r. V. (Leipzig 1907, Dürr) an.
Zeit aus dem individuellen Bewusstsein und gewinnt objektive, d. h.
von den Individualitäten unabhängige, vom Bewusstsein über-
haupt abhängige und zu ihm gehörige Existenz — der eine und
selbe Raum
(Das Zitat wird ohne genauere
Angabe der Stelle mitgeteilt von Überweg-Heinze, Grundriss der
Gesch. der Philos. IV. 1902, S. 241 in dem Bericht über Schuppes
Philosophie.)
Ernst Laas bemerkt (Idealismus und Positivismus,
und positivistische Erkenntnistheorie,
Berlin 1884, S. 47), dass er den Ausdruck „Bewusstsein über-
haupt" „für eminent wichtig halte" und „häufig gebrauchen
werde".
Im Index weist er dem Terminus eine eigene Stelle an.
Wilhelm Windelband sagt in seinem Aufsatze: „Schillers trans-
scendentaler Idealismus" (Kantstudien von Vaihinger und Bauch X. 1905, S. 401) : „Als das , Bewusstsein', dem die autonome Erzeugung des Gegenstandes zuzuschreiben ist, können drei verschiedene In- stanzen betrachtet werden: das Individuum, die Menschheit, das
(Bewusstsein überhaupt'." Hugo Münsterberg (Grnndzüge
der Psychologie, I. Bd.: Die Prinzipien der Psychologie, Leipzig 1900)
unterscheidet (S. 73) ein „bewertendes Bewusstsein überhaupt"
und ein „vorfindendes Bewusstsein überhaupt", die „beide sich durchaus verschieden zum individuellen Subjekt verhalten".
Münsterberg führt auch im Register den Terminus „Bewusstsein überhaupt" von dem Ausdruck „Bewusstsein" getrennt auf. Heinrich
Rickert hat in seiner Schrift: „Der Gegenstand der Erkenntnis"
(Tübingen 1892 [1. Aufl.] und 1904 [2. Aufl.]) im IV. Kapitel den
§ 3 überschrieben: „Das urteilende Bewusstsein überhaupt".
Derselbe hat in seinem Buche: „Die Grenzen der naturwissenschaft-
lichen Begriffsbildung" (Tübingen 1902) die Probleme aus Windel-
bands Strassburger Rede über „Geschichte und Naturwissenschaft" (Freiburg i. Br. 1894, 2. Aufl. 1900) weiter ausgeführt und unter-
scheidet dort wie Münsterberg, auf den er sich bei Erörterung
psychologischer Fragen mehrfach beruft, ein vorstellendes und ein
wertendes Subjekt (S. 661); diese Unterscheidung führt ihn zu dem
„Bewusstsein überhaupt", dessen Inhalt das absolute Sein ist,
während die Erscheinung der Wirklichkeit vom psychologischen
Subjekt erfahren wird. Die Namen der aufgezählten Autoren, deren Reihe sich noch
fortsetzen liesse, bezeichnen zugleich verschiedene Richtungen in
der Philosophie der Gegenwart. Alle diese Vertreter der immanen-
ten Philosophie, des Positivismus, des Kritizismus, des Subjektivis-
1. Kants Lehre vom ,Bewusstsein überhaupt*.
mus oder des Idealismus, — sie alle verstehen aber doch gemeinsam
unter dem „Bewusstsein überhaupt" ein überindividuelles, allge- meines Normalbewusstsein.
Wie überhaupt die moderne Philosophie die reichste Fülle
ihrer Anregungen Kant verdankt, so hat sie auch den Terminus
„Bewusstsein überhaupt" von ihm übernommen. Ob Kant
dem Ausdruck aber auch jene weittragende Bedeutung beigelegt
oder wenigstens den umfassenden Sinn, den die jetzige Philosophie
mit ihm verbindet, bereits angebahnt habe, ist eine berechtigte
Frage. Sie ist der Kernpunkt der Aufgabe, deren Lösung um so
erwünschter sein muss, je deutlicher man sich vergegenwärtigt,
welchen Verschiebungen philosophische Termini überhaupt ausge-
setzt sind und welche Umwandlung im besonderen Kantische
Lehrbegriffe erfahren haben. Es sei nur an die Erweiterung des
Ichbegriffes durch Fichte erinnert. Durch Fichte ist Kants
Lehre vielfach umgebildet und in umgebildeter Form weitergegeben
worden, und bei der Einwirkung gerade Fichtes auf die erwähnten
Philosophen ist es nicht ausgeschlossen, dass ihr Kantischer
Terminus „Bewusstsein überhaupt", der eben auch im System
Fichtes eine wichtige Rolle spielt, im Laufe der Entwicklung umgedeutet worden ist. Es verlohnt daher der Mühe, den Terminus
an der Quelle zu untersuchen und die Lehre vom „Bewusstsein
überhaupt" in ihrer reinen, ursprünglichen Gestalt bei Kant
selber darzustellen. Von dem Ergebnis der Untersuchung hängt
die Entscheidung der Frage ab, ob und inwiefern die nachkantische Philosophie den Begriff „Bewusstsein überhaupt" umgewandelt hat.
Die Darlegung dessen, was aus Kants originärer Lehre im
Laufe der Zeit geworden ist, ist Gegenstand einer späteren Unter-
suchung. Zunächst wollen wir die Frage beantworten: Welche Rolle spielt das „Bewusstsein überhaupt" terminologisch und sach-
lich bei Kant?
I. Kanis Lehre vom ^Bewusstsein überhaupt^
Historisch-terminologische und begriffsstatistische Bereitstellung
des Materials bei Kant.
Historische Vorbemerkung.
Um sich im allgemeinen von der Meinung Kants über irgend
eine erkenntnistheoretische Frage — und so auch über die vor-
liegende des „Bewusstseins überhaupt" — zu unterrichten, hat
man sich an das Hauptwerk seiner Lebensarbeit zu wenden, an
die Kritik der reinen Vernunft,
sie vorliegt in der Gestalt
ihrer zweiten Auflage, die Kant als die allein massgebende be-
trachtet wissen wollte. Dort ist im § 20 des Buches : „Die Analytik der Begriffe" vom ,Bewusstsein überhaupt* die Rede, das zufolge jener Stelle im engsten Zusammenhang mit Kants Lehre von der ur- sprünglichen synthetischen Einheit der Apperzeption steht. Die
bekannte Gleichung von Bewusstsein und Apperzeption kommt nun
hier zunächst allein für uns in Betracht. Zur historischen Erklärung dieser Ausdrücke genügen einige
kurze Bemerkungen. — Als Descartes das Problem des Bewusst-
seins zum Ausgangs- und Mittelpunkt der neueren Philosophie
machte, bediente er sich noch der scholastischen Bezeichnung
conscientia. ^)
Zwar bemerkt
passion d'apercevoir
er bereits,
sei „une
l'äme pour cause"
(Les Passions de l'Ame I, 19), ein Affekt, den
man statt ,,passion" gewöhnlich „action" nenne.
Aber erst Leib-
niz führte den Terminus Apperzeption in die philosophische
L. die Apperzeption eine die
Perzeptionen verstärkende, ordnende und umfassende Funktion,
anderseits eine spontane Reflexion (la conscience ou la connaissance
reflexive de cet etat Interieur, 2) durch welche die Perzeptionen
zum Selbstbewusstsein gebracht werden. Lediglich in dieser zweiten
Bedeutung übernahmen Wolff^) und dessen Schüler Baum-
Einerseits ist nach
^) Im Anschluss an den berühmten Satz : „Haec cognitio : ego cogito,
ergo sum, est omnium prima et certissima, quae cuilibet ordine philoso-
phanti occurat", sagt Descartes: „Cogitationis nomine intellego illa omnia,
quae nobis consciis in nobis fiunt, quatenus eorum in nobis
conscientia est."
(Principia Philosophiae, Amstelodami, Elzev. 1644,
Pars I, 9.) — Thomas von Aquino: „
dicimur habere conscientiam
alicuius actus, inquantum scimus, illum actum esse factum vel non
factum" (Verit. 17, Ic).
') Leibniz, Die philos. Schriften, herausg. von Gerhardt, Bd. VI,
S. 600.
3) Wolff, Psych, rat. §13. Psych, emp, §25: Dum attentionem no-
stram in hoc convertimus, quod rerum perceptarum nobis conscii sumus,
nostri enim conscii sumus. Sed tum apperceptionem, actionem quan-
dam animae, percipimus et nos per eam tanquam subiectum percipiens ab obiectis, quae pereipiuntur, distinguimus agnoscentes utique percipiens
subiectum esse quid diversum a re percepta.
I. Kants Lehre vom ,Bewusstsein überhaupt'.
garten^) den Begriff der Apperzeption von Leibniz, jener, „der
berühmte Wolff",^) noch 1787 (in der Vorrede zur 2. Aufl. der
d. r. V.)
um seiner vorbildlichen Methode und deutschen
Gründlichkeit willen von Kant als der grösste unter allen dogma-
tischen Philosophen gerühmt, der die Philosophie deutsch reden
lehrte und auch das deutsche Wort „Bewusstsein" ^) prägte, dieser,
„der vortreffliche Analyst Baumgarten",*) dessen lateinische und
deutsche Änderungen der scholastischen Terminologie Kaut grossen-
teils adoptierte. 5) Kant hat Leibnizens Terminus „Apperzeption"
und Wolffs neuen Ausdruck „Bewusstsein" sich nicht nur zu eigen
gemacht, sondern auch durch Unterscheidung zwischen einer trans-
scendentalen und einer empirischen Apperzeption sowie durch Auf-
steUung eines „Bewusstseins überhaupt" die Terminologie beider
Begriffe bereichert.
§ 2. Die Termini „Bewusstsein" und „Apperzeption"
in den vorkritischen Schriften Kants.
Nur allmählich hat sich Kant an den Gebrauch jener philo-
sophischen Bezeichnungen gewöhnt. Der Umstand, dass das Wort
Bewusstsein erst in Kants Jugendzeit aufgekommen war, macht
es erklärlich,
dass in den Schriften Kants, die er, seit zwanzig
Jahren literarisch tätig und bereits im vierzigsten Lebensjahre
1) Baumgarten, Acroasis Logica §3: Quae ens aliquod distinguit,
illa appercipit, seu eorum sibi est conscium. Perceptio appercepta
est cogitatio, et ens facultate cogitandi praeditum est cogitans.
*) Wie in der Vorrede zur 2. Aufl. der K. d. r. V. so ist auch noch
einmal am Schluss des Werkes (in beiden Aufl.) auf der letzten Seite des
„berühmten" Wolff gedacht.
^ Deutsches Wörterbuch von J. u. W. Grimm, Art. „Bewusstsein".
Paul Piur, Studien zur sprachl. Würdigung Chr. Wolffs, Halle 1903,
S. 48, 49, 53, 56, 96, 108,
." (S. 49).
„manche von Wolff wirklich neugebildete, wie
*) AB 76, Anm. (Seiten nach v. Kirchmann-Valentiner, Leipzig 1901).
*) „Die Terminologie für sein Werk entlehnte Kant den für ihre
Zeit ganz vortrefflichen Lehrbüchern von Baumgarten (Baumgarten ist
,der Autor', an welchen Kant ohne weitere Namensnennung bei seinen
Vorlesungen anknüpfte)." Riehl, Methodologisches aus Kant. Einleitung
zur 2. Aufl. des „Philosophischen Kritizismus", abgedruckt in den „Kant-
studien" von Vaihinger und Bauch IX, S. 503ff. — Vgl. Kants Vorrede

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§ 10

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§ 13

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