Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Betriebsratssitzung_LAG_Berlin-Brandenburg_2TaBV2694-09.html
Timestamp: 2017-08-18 06:55:20+00:00

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Schlag­worte: Betriebsratssitzung, Betriebsrat
Akten­zeichen: 2 TaBV 2694/09
1. Gem. § 30 Satz 2 Be­trVG hat der Be­triebs­rat bei der Fest­le­gung der zeit­li­chen La­ge von Be­triebs­rats­sit­zun­gen auf die be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten Rück­sicht zu neh­men.
2. Die­ser Re­ge­lung ist kein da­mit kor­re­spon­die­ren­der all­ge­mei­ner "Un­ter­las­sungs­an­spruch" des Ar­beit­ge­bers zu­ge­ord­net; bei Verstößen des Be­triebs­rats re­geln sich die Fol­gen nach § 23 Abs. 3 Be­trVG
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Berlin, Beschluss vom 5.11.2009, 33 BV 12192/09
33 BV 12192/09
auf die Anhörung vom 18. März 2010
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herr R.-R. und Frau J.
I. Die Be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 05.11.2009 - 33 BV 12192/09 - wird zurück­ge­wie­sen.
Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat strei­ten darüber, ob der Be­triebs­rat ver­pflich­tet ist oder sein soll, sei­ne re­gelmäßigen Sit­zun­gen nicht vor 11:30 Uhr statt­fin­den zu las­sen.
Der Ar­beit­ge­ber be­treibt ei­ne Se­nio­ren­re­si­denz und beschäftigt im frag­li­chen Be­trieb ca. 65 Ar­beit­neh­mer; der aus fünf Per­so­nen ge­bil­de­te Be­triebs­rat hält sei­ne Sit­zun­gen re­gelmäßig je­de zwei­te Wo­che in vol­ler Länge ei­ner Schicht von 7.00 Uhr bis 15.18 Uhr ab. Hier­in sieht der Ar­beit­ge­ber ei­ne Ver­let­zung der Pflicht des Be­triebs­rats, bei der An­be­rau­mung von Sit­zun­gen auf be­trieb­li­che Not­wen­dig­kei­ten Rück­sicht zu neh­men. Denn in die­ser Zeit fin­de die Grund­pfle­ge der Be­woh­ner statt, mit­hin die zen­tra­le Tätig­keit des Ar­beit­ge­bers. Er­satz­kräfte für die­se Zeit sei­en kos­ten­in­ten­siv und wie­sen nicht die glei­che Qua­li­fi­ka­ti­on wie die dann ab­we­sen­den Be­triebs­rats­mit­glie­der auf. Dem­ge­genüber ist der Be­triebs­rat der Auf­fas­sung, ganztäti­ge Sit­zun­gen al­le 2 Wo­chen sei­en er­for­der­lich und auch ef­fek­tiv, die An­be­rau­mung ei­ner (kürze­ren) Sit­zung wöchent­lich nach Ab­sol­vie­rung selbst ei­ner vierstündi­gen Schicht sei schwie­rig.
Von ei­ner nähe­ren Dar­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Par­tei­vor­brin­gens wird un­ter Be­zug­nah­me auf die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung ab­ge­se­hen, § 69 Abs. 2 ArbGG.
Das Ar­beits­ge­richt hat den auf Ver­pflich­tung des Be­triebs­rats, sei­ne Sit­zun­gen nicht vor 11:30 Uhr zu be­gin­nen, ge­rich­te­ten Haupt­an­trag als un­be­gründe­ten Glo­balan­trag zurück­ge­wie­sen; es sei­en je­den­falls Fall­ge­stal­tun­gen denk­bar, in de­nen der Ar­beit­ge­ber den von ihm gel­tend ge­mach­ten An­spruch auf Vor­rang der be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten nicht ha­be. Auch der auf Fest­stel­lung der ent­spre­chen­den Ver­pflich­tung des Be­triebs­rats ge­rich­te­te Hilfs­an­trag zu 2) sei un­be­gründet. „Be­trieb­li­che Not­wen­dig­kei­ten“ im Sin­ne von § 30 Satz 2 Be­trVG stünden ei­ner Be­triebs­rats­sit­zung in der Zeit von 7.00 Uhr bis 15:00 Uhr nicht ent­ge­gen. Un­ter „be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten“ im Sin­ne von § 30 Satz 2 Be­trVG sei­en nur sol­che Gründe zu se­hen, die zwin­gend Vor­rang vor den In­ter­es­sen des Be­triebs­rats hätten. Sol­che Umstände lägen im Streit­fall nicht vor. Der Ar­beit­ge­ber könne ent­spre­chen­de Dienst­pläne auf­stel­len, um die Ver­sor­gung der Be­woh­ner si­cher zu stel­len.
So sei es in den letz­ten vier Jah­ren im Übri­gen auch ge­sche­hen. Das Ge­setz neh­me dies­bezüglich ent­ste­hen­de Mehr­kos­ten in Kauf. Die Ar­gu­men­ta­ti­on des Be­triebs­ra­tes, dass ganztäti­ge Sit­zun­gen al­le 2 Wo­chen ef­fek­ti­ver sei­en als kürze­re wöchent­li­che Sit­zun­gen, sei je­den­falls nach­voll­zieh­bar. Si­cher sei rich­tig, dass die fach­li­che Ex­per­ti­se der Be­triebs­rats­mit­glie­der durch Er­satz­kräfte nicht auf­ge­wo­gen wer­den könne; dies stel­le aber kein un­erläss­li­ches Er­for­der­nis für die be­trieb­li­che Tätig­keit des Ar­beit­ge­bers dar. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten wird auf die Be­schluss­gründe (Bl. 65 ff. d. A.) Be­zug ge­nom­men.
Ge­gen die­sen am 16.11.2009 zu­ge­stell­ten Be­schluss rich­tet sich die Be­schwer­de des Ar­beit­ge­bers, die er mit ei­nem beim Lan­des­ar­beits­ge­richt am 10. De­zem­ber 2009 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz ein­ge­legt und mit ei­nem beim Lan­des­ar­beits­ge­richt am 8. Ja­nu­ar 2010 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet hat.
Der Ar­beit­ge­ber rügt, das Ar­beits­ge­richt ha­be nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt, dass es ihm bei sei­nem An­trag nur um die re­gelmäßigen „Sit­zun­gen“ des Be­triebs­ra­tes ge­he. In ein­zel­nen Fällen, et­wa bei ei­li­gen An­ge­le­gen­hei­ten, sei es dem Be­triebs­rat auch nach Auf­fas­sung des Ar­beit­ge­bers un­be­nom­men, ei­ne ent­spre­chend frühe­re Sit­zung statt­fin­den zu las­sen. Dem­ent­spre­chend han­de­le es sich bei dem Haupt­an­trag nicht um ei­nen „Glo­balan­trag“. Im Übri­gen fol­ge aus § 30 Abs. 2 Be­trVG ein Un­ter­las­sungs­an­spruch des Ar­beit­ge­bers ge­genüber dem Be­triebs­rat, wenn die­ser auf die „be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten“ nicht Rück­sicht neh­me. Das Ar­beits­ge­richt ha­be den Be­griff der „be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten“ zu weit aus­ge­legt. In ei­nem Ver­gleich mit an­de­ren Vor­schrif­ten des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes, die eben­falls auf „be­trieb­li­che Not­wen­dig­kei­ten“ ver­wie­sen, han­de­le es sich hier um den Be­reich von „ein­fa­che­ren“ be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten. Mit­hin müsse ei­ne In­ter­es­sen­abwägung statt­fin­den zwi­schen den In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers auf Berück­sich­ti­gung der be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten und den­je­ni­gen des Be­triebs­rats auf Ab­hal­tung der Be­triebs­rats­sit­zung. Bei die­ser In­ter­es­sen­abwägung sei dem In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers der Vor­zug zu ge­ben; die­ses lie­ge ins­be­son­de­re dar­in, dass in den Vor­mit­tags­stun­den der Ar­beits­an­fall am höchs­ten sei, weil zu die­ser Zeit die mor­gend­li­che Grund­pfle­ge durch­geführt wer­de. Die­se be­gin­ne um 6:30 Uhr und sei frühes­tens um 11.00 Uhr be­en­det; die Grund­pfle­ge sei für das Wohl­be­fin­den und die Ge­sund­heit der Heim­be­woh­ner von außer­or­dent­lich großer Be­deu­tung. Sie las­se sich nicht ver­schie­ben und ge­nieße obers­te Prio­rität. Ab ca. 11:30 Uhr las­se die von den Pfle­ge­kräften zu bewälti­gen­de Ar­beit lang­sam nach, so dass ab die­sem Zeit­punkt die re­gelmäßigen Be­triebs­rats­sit­zun­gen oh­ne Ver­s­toß ge­gen das Rück­sicht­nah­me­ge­bot aus
§ 30 Satz 2 Be­trVG ab­ge­hal­ten wer­den könn­ten. Wei­ter sei zu berück­sich­ti­gen, dass es den Be­woh­nern in al­ler Re­gel dar­auf an­kom­me, von „be­kann­ten Ge­sich­tern“ be­treut zu wer­den. Sch­ließlich sei auf die Kos­ten­si­tua­ti­on zu ver­wei­sen. Dem­ent­spre­chend müss­te den be­trieb­li­chen In­ter­es­sen Prio­rität ein­geräumt wer­den; so dass die Anträge be­gründet sei­en.
un­ter Abände­rung des Be­schlus­ses des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 05.11.2009 den Be­triebs­rat zu ver­pflich­ten, den Be­ginn der re­gelmäßigen Be­triebs­rats­sit­zung nicht vor 11.30 Uhr an­zu­set­zen;
fest­zu­stel­len, dass der Be­triebs­rat auf­grund ent­ge­gen­ste­hen­der be­trieb­li­cher Not­wen­dig­kei­ten nicht be­rech­tigt ist, den Be­ginn der re­gelmäßigen Be­triebs­rats­sit­zun­gen vor 11:30 Uhr an­zu­set­zen.
Der Be­triebs­rat ver­tritt die Auf­fas­sung, bei­de vom Ar­beit­ge­ber ge­stell­ten Anträge sei­en Glo­balanträge, die im Übri­gen sprach­lich un­klar sei­en, weil das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz den Be­griff „re­gelmäßige Be­triebs­rats­sit­zun­gen“ nicht ken­ne. Im Rah­men des § 30 Satz 2 Be­trVG ste­he dem Ar­beit­ge­ber kein Un­ter­las­sungs­an­spruch ge­genüber dem Be­triebs­rat zu. Er könne „Rück­sicht­nah­me“ ver­lan­gen, aber nicht Un­ter­las­sung be­geh­ren. Dies sei al­len­falls bei gro­ben Verstößen des Be­triebs­rats ge­gen sei­ne be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Pflich­ten möglich. Der Be­triebs­rat ha­be im Übri­gen die „be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten“ nicht miss­ach­tet, er ha­be viel­mehr sach­li­che Gründe für die zeit­li­che La­ge der Sit­zung. Die­se wer­den aus­geführt.
We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des zweit­in­stanz­li­chen Par­tei­vor­brin­gens wird auf den Schrift­satz des Ar­beit­ge­bers vom 8. Ja­nu­ar 2010 (Bl. 84 ff. d. A.) und auf den­je­ni­gen des Be­triebs­rats vom 12. März 2010 (Bl. 110 ff. d. A.) Be­zug ge­nom­men.
1. Die gemäß § 87 Abs. 1 ArbGG statt­haf­te Be­schwer­de ist form- und frist­ge­recht im Sin­ne von §§ 89 Abs. 1 und 2 ArbGG ein­ge­legt und be­gründet wor­den.
Die Be­schwer­de ist da­her zulässig.
2. Die Be­schwer­de hat in der Sa­che kei­nen Er­folg.
Das Ar­beits­ge­richt hat die Anträge des Ar­beit­ge­bers zu Recht zurück­ge­wie­sen. Das Be­schwer­de­ge­richt schließt sich den sorgfälti­gen und über­zeu­gen­den Ausführun­gen des Ar­beit­ge­richts an, § 69 Abs. 2 ArbGG.
Im Hin­blick auf das Vor­brin­gen der Par­tei­en in der Be­schwer­de­instanz ist ergänzend nur auf fol­gen­des hin­zu­wei­sen:
Der auf Ver­pflich­tung ge­rich­te­te und da­mit ei­ne Un­ter­las­sungs­pflicht für an­der­wei­ti­ges Ver­hal­ten sta­tu­ie­ren­de Haupt­an­trag ist nicht be­gründet.
§ 30 Satz 2 Be­trVG gibt dem Ar­beit­ge­ber kei­nen „Un­ter­las­sungs­an­spruch“ ge­genüber dem Be­triebs­rat.
2.1.1 Gemäß § 30 Satz 2 Be­trVG hat der Be­triebs­rat bei der An­set­zung von Be­triebs­rats­sit­zun­gen auf die be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten Rück­sicht zu neh­men. Der Be­triebs­rat, dem das Pri­mat bei der zeit­li­chen Fest­le­gung der Be­triebs­rats­sit­zun­gen zu­steht, wird mit die­ser Vor­schrift dar­auf ver­wie­sen, dass er bei der Fest­le­gung der zeit­li­chen La­gen der Be­triebs­rats­sit­zun­gen nicht gänz­lich „frei“ ist, son­dern auf die be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten „Rück­sicht“ neh­men muss. Da­bei sind „be­trieb­li­che Not­wen­dig­kei­ten“ im Sin­ne des § 30 Satz 2 Be­trVG sol­che Gründe, die zwin­gend Vor­rang vor dem In­ter­es­se des Be­triebs­rats auf Ab­hal­tung der Be­triebs­rats­sit­zun­gen zu dem von ihm vor­ge­se­he­nen Zeit­punkt ha­ben. Dies ent­spricht der – vom Ar­beits­ge­richt her­aus­ge­ar­bei­te­ten – Aus­le­gung des Be­grif­fes der „be­trieb­li­chen Not­wen­dig­kei­ten“, dies wird in der – vom Ar­beits­ge­richt eben­falls dar­ge­stell­ten – herr­schen­den Li­te­ra­tur­mei­nung so ge­se­hen (vgl. bspw. Fit­ting,
Be­trVG, 24. A., § 30 Rd­nr. 10; ErfK/Koch, 9. A. § 30 Rd­nr. 1; GK-Wie­se/Raab, 8. A., § 30 Rd­nr. 8, Düwell/Blan­ke, Be­trVG, 2.A., § 30 Rd­nr. 7).
2.1.2 Der Re­ge­lung in § 30 Satz 2 Be­trVG ist kein da­mit kor­re­spon­die­ren­der „Un­ter­las­sungs­an­spruch“ des Ar­beit­ge­bers ge­gen den Be­triebs­rat zu­ge­ord­net.
Da­bei ist im Grund­satz da­von aus­zu­ge­hen, dass nicht je­de Rechts­pflicht, die die Be­triebs­par­tei­en aus dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz trifft, ein „Un­ter­las­sungs­an­spruch“ der­ge­stalt zu­ge­ord­net ist, dass die je­wei­li­ge Ge­gen­sei­te ei­nen ge­richt­lich durch­setz­ba­ren An­spruch gel­tend ma­chen könn­te. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat ei­nen all­ge­mei­nen Un­ter­las­sungs­an­spruch an­er­kannt bei dro­hen­den Verstößen des Ar­beit­ge­bers ge­gen Mit­be­stim­mungs­rech­te aus § 87 Abs. 1 Be­trVG ( Be­trVG BAG vom 03.05.1994 – 1 ABR 24/93 – NZA 1995, 40); eben­so im Fal­le des § 95 Abs. 1 Be­trVG (BAG vom 26.5.2005 – 1 ABR 29/04 – NZA 2005, 1372). Dies be­ruht dar­auf, dass im Rah­men die­ser Vor­schrif­ten jeg­li­ches Han­deln des Ar­beit­ge­bers der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats be­darf. Die Be­son­der­hei­ten ei­nes nor­mier­ten Mit­be­stim­mungs­tat­be­stan­des und die sich aus dem Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats er­ge­be­ne Rechts­po­si­ti­on er­for­dern hier ei­nen ef­fek­ti­ven Rechts­schutz. An­de­rer­seits be­steht für den Be­triebs­rat im Rah­men der Be­tei­li­gungs­rech­te aus § 99 Be­trVG kein Un­ter­las­sungs­an­spruch, mit dem ei­ne ge­gen §§ 99 Abs. 1, 100 Abs. 2 Be­trVG ver­s­toßen­de per­so­nel­le Ein­zel­maßnah­me ver­hin­dert wer­den könn­te.; dies wird zum Ei­nen mit der be­son­de­ren Re­ge­lung in § 102 Be­trVG, zum An­de­ren da­mit be­gründet, dass das Ge­setz durch die Re­ge­lung in § 100 Be­trVG in Kauf neh­me, dass ei­ne per­so­nel­le Maßnah­me zu­min­dest vorüber­ge­hend prak­ti­ziert wird, oh­ne dass ih­re ma­te­ri­el­le Rechtmäßig­keit fest­steht (BAG vom 23.6.2009 – 1 ABR 23/08 – NZA 2009, 1430).
Dar­aus er­gibt sich, dass nicht je­der sich aus dem Be­trVG er­ge­ben­den Pflicht ein ge­son­der­ter Un­ter­las­sungs­an­spruch zu­zu­ord­nen ist (vgl. bei­spiels­wei­se BAG vom 17.03.2010 – 7 ABR 95/08 – zum Ver­bot der par­tei­po­li­ti­schen Betäti­gung des Be­triebs­rats nach § 74 Abs. 2 Be­trVG). Die Ver­let­zung be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Pflich­ten ist im Grund­satz in der Norm des § 23 Abs. 3 Be­trVG ge­re­gelt; § 23 Abs. 3 Be­trVG ist die Grund­norm zu be­triebs­ver­fas­sungs­wid­ri­gem Ver­hal­ten ei­ner der Be­triebs­par­tei­en. Dort sind zu­gleich die je­wei­li­gen Sank­tio­nen nor­miert, die bei be­triebs­ver­fas­sungs­wid­ri­gem Ver­hal­ten ein­tre­ten können.
Da­bei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass sons­ti­ge Pflich­ten­krei­se im Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz auch nicht et­wa in glei­cher Wei­se fi­xiert sind wie ein nor­mier­tes Mit­be­stim­mungs­recht. Dies zeigt sich auch im Be­reich des § 30 Satz 2 Be­trVG. Die dort vom Be­triebs­rat ge­for­der­te „Rück­sicht­nah­me­pflicht“ ist nur „rah­menmäßig“ um­schrie­ben und muss – be­zo­gen auf den Ein­zel­fall – kon­kre­ti­siert und kon­tu­riert wer­den. Die hier­aus re­sul­tie­ren­den Pflich­ten können in dem ei­nen oder an­de­ren Be­trieb, in der ei­nen oder an­de­ren kon­kre­ten Ein­zel­si­tua­ti­on va­ri­ie­ren. Das Er­geb­nis der in die­sem Zu­sam­men­hang vor­zu­neh­men­den In­ter­es­sen­abwägung kann je nach dem Ein­zel­fall un­ter­schied­lich aus­fal­len; fi­xe Gren­zen und Kon­tu­ren exis­tie­ren nicht.
In die­ser Si­tua­ti­on wäre es sys­tem­wid­rig, im Rah­men des § 30 Abs. 2 Be­trVG ei­nen „Un­ter­las­sungs­an­spruch“ an­zu­er­ken­nen, der sei­ner­seits auch sank­ti­ons­be­wehrt und voll­streck­bar sein müss­te. Ei­ne sol­che recht­li­che Struk­tur wohnt der Pflicht des Be­triebs­ra­tes aus § 30 Satz 2 Be­trVG nicht in­ne (da­ge­gen auch Thon in Gross/Thon/Ah­mad/Woi­ta­schek, Be­trVG, § 30 Rd­nr. 1).
Im Rah­men des § 30 Satz 2 Be­trVG ist der Ar­beit­ge­ber viel­mehr im Grund­satz auf ei­nen „Fest­stel­lungs­an­trag“ ver­wie­sen, der dann sei­ner­seits Grund­la­ge ei­ner späte­ren Fest­stel­lung ei­nes „gro­ben Ver­s­toßes“ im Sin­ne von § 23 Abs. 3 sein könn­te. Auch wird es dem Ar­beit­ge­ber möglich sein, in Ein­z­elfällen, und zwar durch­aus auch im We­ge ei­ner einst­wei­li­gen Verfügung, ei­ne Ver­schie­bung ei­ner kon­kre­ten Sit­zung be­geh­ren zu können. Das Recht, „glo­bal“ auf die zeit­li­che La­ge der re­gelmäßigen Be­triebs­rats­sit­zun­gen ein­wir­ken zu können, steht ihm aus der Vor­schrift des § 30 Satz 2 Be­trVG in­des nicht zu.
2.2 Bezüglich des hilfs­wei­se ge­stell­ten Fest­stel­lungs­an­tra­ges folgt das Be­schwer­de­ge­richt – wie ge­zeigt – den zu­tref­fen­den Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts.
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beit­ge­bers sind be­trieb­li­che Not­wen­dig­kei­ten im Sin­ne des § 30 Satz 2 Be­trVG (nur) sol­che Gründe, die zwin­gend Vor­rang vor dem In­ter­es­se des Be­triebs­rats auf Ab­hal­tung der Be­triebs­rats­sit­zung zu dem von ihm vor­ge­se­he­nen Zeit­punkt ha­ben.
Sol­che „In­ter­es­sen“ des Ar­beit­ge­bers, die „zwin­gend Vor­rang“ vor ei­ner Be­triebs­rats­sit­zung, die um 7:00 Uhr be­ginnt, hätten, wa­ren auch für das Be­schwer­de­ge­richt nicht zu er­ken­nen. Zwar ist die Ar­gu­men­ta­ti­on des Ar­beit­ge­bers plau­si­bel und nach­voll­zieh­bar, dass ge­ra­de die mor­gend­li­che Grund­pfle­ge ei­ne zen­tra­le Auf­ga­be dar­stellt, die von den ein­ge­ar­bei­te­ten und für Qua­lität bürgen­den Ar­beit­neh­mern, die Mit­glie­der des Be­triebs­rats sind, „am bes­ten“ aus­geführt wer­den können. Die­se Kon­stel­la­ti­on dürf­te je­doch in al­len Be­trie­ben, in de­nen Be­triebsräte ge­bil­det sind, ähn­lich bis gleich sein. Denn stets ist es so, dass während der in der Ar­beits­zeit statt­fin­den Be­triebs­rats­sit­zun­gen die Be­triebs­rats­mit­glie­der die ih­nen kon­kret ob­lie­gen­den Ar­beits­auf­ga­ben nicht erfüllen können und er­setzt wer­den müssen, wenn es nicht möglich ist, die Ar­bei­ten zeit­lich zu ver­schie­ben oder an­der­wei­tig zu ver­tei­len. Dies ist der „Grund­tat­be­stand“ der Si­tua­ti­on der Be­triebs­rats­sit­zun­gen, wie er sich in sämt­li­chen Be­trie­ben bei sämt­li­chen Be­triebs­rats­sit­zun­gen dar­stellt. Dass den­noch die Be­triebs­rats­sit­zun­gen während der Ar­beit be­triebs­ver­fas­sungs­recht­lich nicht in Fra­ge ste­hen, be­darf kei­ner wei­te­ren Dar­le­gung.
Es war für das Be­schwer­de­ge­richt nicht er­kenn­bar, dass ge­ra­de im Be­trieb des hie­si­gen Ar­beit­ge­bers Be­son­der­hei­ten ge­ge­ben wären, die die­ser grundsätz­li­chen Kon­stel­la­ti­on ein an­de­res Ge­wicht gäben. Si­cher ist der Be­reich der Pfle­ge ei­ne in­ti­me­re und per­so­nen­ge­bun­de­ne­re Tätig­keit als viel­leicht die Tätig­keit ei­nes Mon­tie­rers am Band. Aber auch hier sind stets Aus­fall­zei­ten, sei es durch Ur­laub oder Krank­heit, zu über­brücken, dies­bezüglich wer­den Dienst­pläne er­stellt, in de­nen – je­den­falls so­weit vor­her­seh­bar – sol­che Aus­fall­zei­ten durch Um­or­ga­ni­sa­ti­on „auf­ge­fan­gen“ wer­den. Zwar ist nach­voll­zieh­bar, dass dies auch zu höhe­ren Kos­ten führen wird, wenn es et­wa um den Ein­satz von Er­satz­kräften geht. Aber auch dies wird von der Wer­tung des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes mit um­fasst.
Mit­hin ist nicht zu er­ken­nen, dass „ge­ne­rell“, und ei­ner dies­bezügli­chen ge­richt­li­chen Fest­stel­lung zugäng­lich, „be­trieb­li­che Not­wen­dig­kei­ten“ bei dem Ar­beit­ge­ber da­hin bestünden, dass die re­gelmäßigen Be­triebs­rats­sit­zun­gen „stets“ erst ab 11:30 Uhr be­gin­nen können. So­weit in Ein­z­elfällen auf­grund kon­kre­ter Umstände ein dies­bezügli­ches, und zwar über­wie­gen­des In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers bestünde, wäre dies im Rah­men ei­nes kon­kre­ten Ein­zel­fal­les – wie oben ge­zeigt – zu re­geln.
Ein An­spruch der hier gel­tend ge­mach­ten Art steht dem Ar­beit­ge­ber mit­hin nicht zu.
3. Die Be­schwer­de des Ar­beit­ge­bers war da­her zurück­zu­wei­sen.
Ge­setz­li­che Gründe, die Rechts­be­schwer­de zu­zu­las­sen, wa­ren nicht ge­ge­ben.
Ge­gen die­sen Be­schluss ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben. Auf die Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wird hin­ge­wie­sen.
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References: § 30
 § 23
 § 69
 § 30
 § 30
 § 30

§ 30
 § 30
 § 87
 § 69

§ 30
 § 30
 § 30
 § 30
 § 30
 § 30
 § 30
 § 30
 § 87
 § 95
 § 99
 § 102
 § 100
 § 74
 § 23
 § 23
 § 30
 § 30
 § 30
 § 30
 § 30
 § 23
 § 30
 § 30