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Timestamp: 2019-09-17 14:32:58+00:00

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Mate­ri­ell-recht­li­che Vor­schrif­ten des Uni­ons­zoll­ko­dex – und ihre rück­wir­ken­de Anwen­dung | Rechtslupe
Materiell-rechtliche Vorschriften des Unionszollkodex - und ihre rückwirkende Anwendung
Der Uni­ons­zoll­ko­dex ist nach der Rege­lung in Art. 288 Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 UZK ab 1.05.2016 anzu­wen­den. Dies gilt auch für die Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten. Auch den Vor­schrif­ten der Art. 116 ff. UZK über die Erstat­tung und den Erlass des Ein­fuhr- oder Aus­fuhr­ab­ga­ben­be­trags kommt inso­weit kei­ne Rück­wir­kung zu.
Die Fra­ge, ob ein Anspruch auf Erlass des begehr­ten Ver­wal­tungs­akts besteht, beant­wor­tet sich nach dem mate­ri­el­len Recht. Hat sich seit dem Erlass der ableh­nen­den Ver­wal­tungs­ent­schei­dung das mate­ri­el­le Recht geän­dert, ist zu prü­fen, ob sich die­se Rechts­än­de­rung auch auf das mit der vor­an­ge­gan­ge­nen Rechts­la­ge zusam­men­hän­gen­de Bestehen bzw. Nicht­be­stehen des sei­ner­zeit gel­tend gemach­ten Rechts­an­spruchs aus­wirkt1.
In die­sem Zusam­men­hang ist die stän­di­ge Recht­spre­chung des Gericht­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zu berück­sich­ti­gen, wonach Ver­fah­rens­vor­schrif­ten im All­ge­mei­nen auf alle bei ihrem Inkraft­tre­ten anhän­gi­gen Rechts­strei­tig­kei­ten anwend­bar sind, wäh­rend mate­ri­ell-recht­li­che Vor­schrif­ten gewöhn­lich so aus­ge­legt wer­den, dass sie grund­sätz­lich nicht für vor ihrem Inkraft­tre­ten ent­stan­de­ne Sach­ver­hal­te gel­ten2.
Wie der Uni­ons­ge­richts­hof wei­ter­hin ent­schie­den hat, ver­bie­tet es der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit im All­ge­mei­nen, den Beginn der Gel­tungs­dau­er eines Rechts­akts der Gemein­schaft auf einen Zeit­punkt vor des­sen Ver­öf­fent­li­chung zu legen; dies kann aber aus­nahms­wei­se dann anders sein, wenn ein im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­des Ziel es ver­langt und das berech­tig­te Ver­trau­en der Betrof­fe­nen gebüh­rend beach­tet ist oder wenn aus Wort­laut, Zweck oder Auf­bau der betref­fen­den Gemein­schafts­vor­schrif­ten ein­deu­tig her­vor­geht, dass ihnen eine sol­che Wir­kung bei­zu­mes­sen ist3.
Bei den hier Rege­lun­gen bezüg­lich der Erstat­tung von Ein­fuhr­ab­ga­ben han­delt es sich um Vor­schrif­ten des mate­ri­el­len Rechts4. Dies gilt sowohl hin­sicht­lich Art. 236 und Art. 239 ZK als auch hin­sicht­lich Art. 116 Abs. 1 UZK, in den die Erlass- bzw. Erstat­tungs­vor­schrif­ten der Art. 236 und 239 ZK ohne grund­sätz­li­che Ände­run­gen über­nom­men wur­den.
Soweit die Vor­schrif­ten über die Erstat­tung von Ein­fuhr­ab­ga­ben auch Ver­fah­rens­vor­schrif­ten beinhal­ten, sind die­se in dem hier ent­schie­de­nen Fall nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Viel­mehr strei­ten die Betei­lig­ten über die Fra­ge, ob ein Grund für die Erstat­tung der Ein­fuhr­ab­ga­ben vor­liegt.
Aus dem Urteil "Kauf­ring u.a." des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on5 ergibt sich nicht, dass es sich bei den Vor­schrif­ten über Erlass und Erstat­tung aus­schließ­lich um Ver­fah­rens­vor­schrif­ten han­delt, die rück­wir­kend ange­wandt wer­den kön­nen. Viel­mehr unter­schei­det das EuG zwi­schen den mate­ri­ell-recht­li­chen Rege­lun­gen der Erlass­vor­schrif­ten, wie z.B. das Vor­lie­gen eines beson­de­ren Umstan­des, und den Ver­fah­rens­vor­schrif­ten, wie z.B. die Antrag­stel­lung und eine Vor­la­ge des Erlass­an­trags an die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on.
Da sich die Erlass- bzw. Erstat­tungs­vor­schrif­ten im UZK gegen­über dem ZK nicht grund­le­gend geän­dert haben, hat die dar­ge­stell­te Recht­spre­chung wei­ter­hin Gül­tig­keit6. Allein der Umstand, dass es zum Über­gang zwi­schen dem ZK und dem UZK noch kei­ne Recht­spre­chung des EuGH gibt, reicht zur Begrün­dung der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung der Rechts­sa­che nicht aus7.
Schließ­lich ent­hal­ten weder der Wort­laut der Vor­schrift noch die Erwä­gungs­grün­de der Ver­ord­nung einen Hin­weis dar­auf, dass Art. 116 Abs. 1 UZK ent­ge­gen der Rege­lung in Art. 288 Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 UZK (Gül­tig­keit ab 1.05.2016) eine Rück­wir­kung zukommt.
Der Bun­des­fi­nanz­hof sieht es auch als nicht zwei­fel­haft an, dass es sich bei Art. 124 Abs. 1 Buchst. k UZK um eine Vor­schrift des mate­ri­el­len Rechts han­delt, die ‑unab­hän­gig davon, ob ihre Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gend erfüllt sind- grund­sätz­lich kei­ne Rück­wir­kung im Hin­blick auf Ein­fuhr­ab­ga­ben, die vor dem Inkraft­tre­ten des UZK ent­stan­den sind, ent­fal­tet.
Bei die­ser Vor­schrift han­delt es sich um eine sol­che des mate­ri­el­len Rechts, weil die Ein­fuhr­zoll­schuld im Fall des Art. 124 Abs. 1 Buchst. k UZK erlischt. Das Ver­brin­gen der Waren aus dem Zoll­ge­biet der Uni­on hat unter den dort gere­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen unmit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen auf den Bestand der Ein­fuhr­zoll­schuld8.
Anhalts­punk­te dafür, dass Art. 124 Abs. 1 Buchst. k i.V.m. Abs. 6 UZK ent­ge­gen Art. 288 Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 UZK Rück­wir­kung zukommt, bestehen auch hier nicht.
Selbst wenn der Uni­ons­ge­setz­ge­ber durch die Ein­füh­rung des Art. 124 Abs. 1 Buchst. k UZK mög­li­cher­wei­se die EuGH-Recht­spre­chung zur Zoll­schul­dent­ste­hung auf­grund einer nicht frist­ge­rech­ten Vor­la­ge der Abrech­nung im Rah­men der akti­ven Ver­ede­lung hat kor­ri­gie­ren wol­len, hat die Klä­ge­rin nicht dar­ge­legt, war­um Art. 124 UZK Rück­wir­kung haben soll. Aus den von ihr ange­ge­be­nen Fund­stel­len in der Lite­ra­tur ist zu einer even­tu­el­len Rück­wir­kung nichts zu ent­neh­men.
vgl. BVerwG, Urtei­le vom 21.05.1976 – IV C 80.74, BVerw­GE 51, 15; vom 27.04.1990 8 C 87.88, NVwZ 1991, 360; BFH, Beschluss vom 28.11.2008 – VII B 59/​08, BFH/​NV 2009, 806 [↩]
EuGH, Urtei­le Molen­berg­na­tie vom 23.02.2006 – C‑201/​04, EU:C:2006:136, ZfZ 2006, 161; De Haan vom 07.09.1999 – C‑61/​98, EU:C:1999:393, ZfZ 1999, 371 [↩]
EuGH, Urteil Mit­sui & Co. Deutsch­land vom 19.03.2009 – C‑256/​07, EU:C:2009:167, ZfZ 2009, 101, Rz 32, m.w.N. [↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 26.01.2001 – VII B 19/​00, BFH/​NV 2001, 945 [↩]
EuG, Urteil Kauf­ring u.a. vom 10.05.2001 – T‑186/​97 u.a., EU:T:2001:133, ZfZ 2001, 229 [↩]
vgl. zur Ein­füh­rung des Art. 239 ZK EuGH, Urteil Söhl & Söhl­ke vom 11.11.1999 – C‑48/​98, EU:C:1999:548, ZfZ 2000, 12 [↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 18.07.2016 – VI B 128/​15, BFH/​NV 2016, 1752; BFH, Beschluss vom 14.02.2006 – VII B 269/​05, BFH/​NV 2006, 1159 [↩]
vgl. zu Art. 221 Abs. 3 ZK: EuGH, Urteil Molen­berg­na­tie, EU:C:2006:136, ZfZ 2006, 161 [↩]

References: Art. 288
 Art. 116
 Art. 236
 Art. 239
 Art. 116
 Art. 236
 EuG 
 EuGH 
 Art. 116
 Art. 288
 Art. 124
 Art. 124
 Art. 124
 Art. 288
 Art. 124
 Art. 124
 Art. 239
 Art. 221