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Timestamp: 2020-04-08 22:52:56+00:00

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Regionalplanung und –kooperation im Verdichtungsraum Halle-Leipzig im Zeichen kumulativer Schrumpfungsprozesse
2 Regionalplanung
2.1 Die Stellung der Regionalplanung
2.2 Aufgaben und Ziele der Regionalplanung
3 Der Verdichtungsraum Halle - Leipzig
3.1 Raumliche Abgrenzung
3.2 Wirtschaftliche Entwicklung von Halle
3.3 Wirtschaftliche Entwicklung von Leipzig
4 Schrumpfungsprozesse im Verdichtungsraum
4.1 Transformation der Wirtschaft
4.2 Demographische Schrumpfung
5 Regionale Kooperation im Verdichtungsraum
5.1 Definition und Grunde regionaler Kooperation
5.2 Systematik regionaler Kooperationsformen
5.3 Beispiele regionaler Kooperation im Raum Halle-Leipzig
5.3.1 Der Staatsvertrag zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt
5.3.2 Regionale Entwicklungskonferenz und -konzept Halle-Leipzig
5.3.3 Regionalforum Mitteldeutschland
5.3.4 Regionenmarketing Mitteldeutschland
6 Bewertung der regionalen Kooperation
6.1 Positive Aspekte
6.2 Negative Aspekte
Abb. 1: Stellung der Regionalplanung im raumlichen Planungssystem (Quelle: Bundes- amt fur Bauwesen und Raumordnung 2000, S. 197)
Abb. 2: Zentralortliches Gefuge im Verflechtungsraum Halle-Leipzig (Quelle: Friedrich et al. 2003, S. 24)
Abb. 3: Administrative Abgrenzung des Verdichtungsraumes Halle-Leipzig (Quelle: Kranepuhl 2004, S. 62)
Abb. A1: Ruckgang der sozialversicherungspflichtig Beschaftigten im Verdichtungsraum Halle-Leipzig 1993 - 2003 (Datenquelle: STADT LEIPZIG 2004c) A
Abb. A2: Bevolkerungsruckgang im Verdichtungsraum Halle-Leipzig 1991 - 2003 (Daten­quelle: Stadt Leipzig 2004c) A
Abb. A3: Kooperationsmoglichkeiten nach dem Staatsvertrag zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt fur die Zusammenarbeit im Rahmen der Raumordnung und Landesplanung im Raum Halle-Leipzig (Quelle: Sahner 1995) E
Tab. 1: Beschaftigte nach Wirtschaftssektoren im Verdichtungsraum Halle- Leipzig 1989 und 1994 (Quelle: Oelke 1998, S. 387; eigene Berechnung) B
Tab. 2: Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschaftigten im Verdichtungsraum Halle- Leipzig im Zeitraum 1999 - 2001 (Quelle: Stadt Leipzig 2002, S. 25; eigene Be­rechnung) C
Tab. 3: Geburtendefizit im Verdichtungsraum Halle-Leipzig im Zeitraum von 1999 - 2001 (Quelle: Stadt Leipzig 2002, S. 11) C
Tab. 4: Wanderungssalden im Verdichtungsraum Halle-Leipzig im Zeitraum von 1999 - 2001 (Quelle: Stadt Leipzig 2002, S. 13) C
Tab. 5: Veranderung der Einwohnerzahl im Verdichtungsraum Halle-Leipzig zwischen 1999 und 2001 (Quelle: Stadt Leipzig 2002, S. 9; eigene Berechnung) D
Abb. A3: Kooperationsmoglichkeiten nach dem Staatsvertrag zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt fur die Zusammenarbeit im Rahmen der Raumordnung und Landesplanung im Raum Halle-Leipzig (Quelle: Sahner 1995) E Leitbilder der Regionalen Entwicklungskonferenz Halle-Leipzig (Quelle: SchAdlich 1997, S. 171) F
Einhergehend mit dem Wandel des politischen Systems im Jahr 1989 wurde der Verdichtungsraum Halle-Leipzig von einem tief greifenden Transformationsprozess erfasst. Der „Transformationsschock“ wirkte auf die industrielle Struktur ebenso wie auf den gesamten Bereich des offentlichen Lebens (Bez 1995, S. 109). Die offentlich- rechtlichen und privatrechtlichen Akteure des Verdichtungsraumes fanden sich schlagartig in einer von Konkurrenz und Wettbewerb bestimmten Realitat wieder, in der es galt, Standortvorteile in Wert zu setzen und sich nach Moglichkeit das „groftte Stuck vom Kuchen“ zu sichern.
Halle und Leipzig sind die beiden Oberzentren des Verdichtungsraumes. Die raumliche Nahe und die enge wirtschaftliche Verflechtung beider Stadte bedingen ein wechselhaftes Konkurrenz- und Kooperationsverhalten zueinander. Durch die Landesgrenze zwischen dem Land Sachsen-Anhalt und dem Freistaat Sachsen wird jedoch jede Stadt einer anderen administrativen Einheit zugewiesen. Die politische Trennlinie wirkt sich somit hemmend auf eine gemeinsam abgestimmte regionale Planung und Entwicklung aus (Kranepuhl 2004, S. 66). Die Landes- bzw. Regionalplanung der beiden Bundeslander kann sich deshalb nicht nur auf den jeweiligen Hoheitsbereich beziehen und an der Landesgrenze enden. Dieses egozentrierte Insel-Denken wurde dem Leitbild der nachhaltigen Raumentwicklung[1] und dem Grundsatz der Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen[2] nicht zutraglich sein.
Eine Landergrenzen ubergreifende regionale Kooperation zwischen den einzelnen Akteuren des Verdichtungsraumes konnte demzufolge die Grundlage fur eine erfolgreiche Entwicklung der Gesamtregion bedeuten (ARL 1999, S. 130 f. u. S. 139 ff.). Wie die regio­nale Planung bzw. Kooperation im Verdichtungsraum Halle-Leipzig gestaltet wird, soll anhand ausgewahlter Beispiele in dieser Arbeit gezeigt werden. Dazu erfolgt im zweiten Kapitel eine kurze Einfuhrung in die Aufgaben und Ziele der Regionalplanung. Danach wird der Untersuchungsraum vorgestellt. Im vierten Kapitel wird auf den Schrumpfungs- prozess der Region eingegangen. Inhalt des funften Kapitels sind die Kooperations- beispiele des Verdichtungsraumes. Anschlieftend wird eine Bewertung der regionalen Kooperation erfolgen. Eine Zusammenfassung und ein Ausblick wird Gegenstand des letzten Kapitels sein.
Die Regionalplanung ist die „zusammenfassende, ubergeordnete und uberortliche Landesplanung fur das Gebiet einer Region[3] " (Bundesamt fur Bauwesen und Raumordnung 2000, S. 319). In der Hierarchie der deutschen Raumplanung ist die Regionalplanung ein Bestandteil der Landesplanung (Abb. 1) und bildet ein wichtiges
Abb. 1: Stellung der Regionalplanung im raumlichen Planungssystem (Quelle: Bundesamt fur Bauwesen und Raumordnung 2000, S. 197)
Bindeglied zwischen den ubergeordneten Planen und der Kommunalplanung. In mehr als 100 Regionen des Bundesgebietes wird regionale Planung als regionale Stufe der Landesplanung betrieben. Die Regionalplanung ist gesetzlich im Raumordnungsgesetz des Bundes (ROG) verankert und besitzt einen landerspezifisch geregelten, eigen- standigen Planungsauftrag. Um einer isolierten und egozentrischen Planungspraxis vor- zubeugen, soll das Gegenstromprinzip[4] angewendet werden (ARL 1995, S. 823 ff.).
In § 8 und § 9 Abs. I Satz 2 des Raumordnungsgesetzes des Bundes (ROG) ist fur verdichtete Raume, deren Verflechtungsbereich uber die Landesgrenze hinausreicht, die Notwendigkeit einer abgestimmte Regionalplanung vorgegeben.
Aufgabe der Regionalplanung ist die uberortliche und uberfachliche Planung der raumlichen und siedlungsstrukturellen Entwicklung der Region. Um dies zu gewahrleisten muss sie die Grundsatze der Raumordnung und Landesplanung konkretisieren, regionale Struktur- und Entwicklungsprobleme aufarbeiten, Zielvorstellungen formulieren und uberregionale Vorgaben mit regionalen Bedurfnissen abstimmen. Aufgabenbereiche regionaler Tragweite sind beispielsweise der offentliche Personennahverkehr, Versorgung und Entsorgung, Naherholung und Wirtschaftsforderung (ARL 1995, S. 823 u. S. 829).
Ziel der Regionalplanung ist es, einen Regionalplan zu erstellen, der die landes- planerischen Absichten inhaltlich prazisiert. Der Regionalplan ist dabei die Schnittstelle zwischen der uberortlichen Landesplanung und der ortlichen Bauleitplanung. In ihm finden die Ziele der Raumordnung und Landesplanung ihren Ausdruck. Unter Berucksichtigung sich verandernder soziookonomischer Gegebenheiten wird der Regionalplan fort- geschrieben. Er gilt verbindlich fur die Trager des offentlichen Rechts und die Akteure des Privatrechts (Hein 1998, S. 193 ff.).
In § 10 des Landesplanungsgesetzes (LPlG) von Sachsen-Anhalt werden die Landkreise und die kreisfreien Stadte als Trager der Regionalplanung bestimmt. Demzufolge werden funf Planungsregionen festgelegt. Zur Planungsregion Halle gehoren die Landkreise Burgenlandkreis, Mansfelder Land, Merseburg-Querfurt, Weiftenfels, Saalkreis und die kreisfreie Stadt Halle. In § 3 LPlG wird grundsatzlich die Moglichkeit der landeruber- greifenden Zusammenarbeit formuliert.
Trager der Regionalplanung in Sachsen sind die funf in § 9 des sachsischen Landes­planungsgesetzes (SachsLPlG) festgelegten Planungsverbande. ]Das Gesetz ordnet der Planungsregion Westsachsen die kreisfreie Stadt Leipzig und die Landkreise Delitzsch, Dobeln, Muldentalkreis, Torgau-Oschatz sowie Leipziger Land zu.
Im Verdichtungsraum Halle-Leipzig sind die historisch gewachsenen, raumlich- funktionalen Verflechtungen jedoch sehr komplex (Oelke 1998, S. 393 ff.). Die regionale Planung kann daher nicht nur bis zur jeweiligen Landesgrenze denken, wenn sie den realen Verhaltnissen der engen raumlichen Beziehungen gerecht werden und den hinter der Landesgrenze liegenden Raum nicht ganzlich ignorieren will. Im Folgenden wird der Verdichtungsraum Halle-Leipzig vorgestellt.
Der Verdichtungsraum Halle-Leipzig bildet die Kernregion des mitteldeutschen Raumes[5]. Die raumliche Abgrenzung kann je nach Betrachtung verschiedener raumlich-funktionaler Verflechtungen variieren und zeichnet sich somit durch eine „raumliche Unbestimmtheit“ aus (Kranepuhl 2004, S. 61 f.). Aus diesem Grund fasst Kranepuhl (2004, S. 62) den Verdichtungsraum Halle-Leipzig als offenen Verflechtungsraum auf (Abb. 2).
Versucht man die Region administrativ einzugrenzen (Abb. 3), so gehoren zum Verdich­tungsraum auf sachsen-anhaltinischer Seite die kreisfreie Stadt Halle und die Landkreise Merseburg-Querfurt, Saalkreis und Bitterfeld sowie auf sachsischer Seite die kreisfreie Stadt Leipzig und die Landkreise Delitzsch und Leipziger Land (Friedrich et al. 2003,
Abb. 2: Zentralortliches Gefuge im Verflech-tungsraum Halle-Leipzig (Quelle: FRIEDRICH et al. 2003, S.
Abb. 3: Administrative Abgrenzung des Ver- dichtungsraumes Halle-Leipzig (Quelle: Kranepuhl 2004, S. 62)S. 7).
Die Struktur des Verdichtungsraumes ist durch den pragenden Einfluss der Stadte Halle und Leipzig bipolar bzw. polyzentrisch. Aufgrund vielfaltiger Verflechtungen[6] zahlen zum Verdichtungsraum auch Gebiete, die geringer verdichtet sind (Oelke 1998, S. 393). Im Raum Halle-Leipzig leben 1.327.130 Einwohner[7] auf einer Flache von 3.947 km2 (Stadt Leipzig 2004c). Damit ist der Großtraum der zehntgroßtte Verdichtungsraum[8] in Deutschland (Friedrich 2002, S. 13).
Halle und Leipzig bildeten jedoch nie ein einheitliches Verwaltungsgebiet. So gehorten beide Stadte bis 1871 zu verschiedenen deutschen Staaten, bis 1947 zu verschiedenen Provinzen, von 1947 bis 1952 zu verschiedenen Landern, bis 1990 zu verschiedenen Be- zirken und ab 1990 zu unterschiedlichen Bundeslandern. Die seit Jahrhunderten beste- hende Grenze fuhrte somit zu einer differenzierten Entwicklung beider Groftstadte (Oelke 1998, S. 402; Kaiser u. Scholz 2002, S. 212; Kranepuhl 2004, S. 63).
Ein wesentlicher Gunstfaktor fur die Anlage der Stadt Halle war das Vorhandensein von Solequellen. Die erste schriftliche Erwahnung der Siedlung stammt aus dem Jahr 806, in der „Halla“ als ostlicher Grenzpunkt des Frankenreiches genannt wird. Bereits im Jahr 984 erhielt die Siedlung Markt-, Munz und Zollrechte. Durch die Salzgewinnung wuchs die wirtschaftliche Bedeutung Halles im Mittelalter erheblich. 1280 trat die Stadt der Hanse bei. Aufgrund ihrer herausragenden Stellung war die Stadt von 1503 - 1680 erzbischof- liche Residenzstadt. Die kulturelle Entwicklung setzte mit der Grundung der Universitat 1694 und den Franckeschen Stiftungen 1698 wesentliche Wachstumsimpulse (Walossek 2002, S. 33 ff.).
Die Industrialisierung begann um 1830. Wesentliche Gunstfaktoren fur die wirtschaftliche Entwicklung waren fruchtbare Boden, die Anbindung an die Hauptverkehrslinie der Eisen- bahn, die Erschlieftung von Bodenschatzen, insbesondere Braunkohle, die Verfugbarkeit von Arbeitskraften und die Konzentration von Kapital und Industrieunternehmen (Oelke 1998, S. 382 f.; Walossek 2002, S. 42 ff.).
Pragend fur den halleschen Raum war jedoch die Entwicklung der chemischen Industrie und der Braunkohleindustrie. Der Bergbau hat eine jahrhundertealte Tradition. Der wichtigste Tagebau war das Geiseltal. Dort wurden um 1960 von uber 20.000 Bergleuten jahrlich etwa 40 Millionen Tonnen Kohle gefordert. Heute ist das ehemalige Abbaugebiet Kernstuck der Rekultivierungsmaßtnahme Halle-Geiseltal-Seenplatte. Bedeutendster Chemiestandort waren die Werke Buna und Leuna. Bis 1990 wurde dort von insgesamt 50.000 Beschaftigten ca. 40% der Chemieproduktion der ehemaligen DDR geleistet (Schonfelder 1993, S, 14 ff.; Tauche u. Zinke 2002, S. 221 ff.; Walossek 2002, S. 47).
Leipzig ist eine slawische Ortsgrundung aus dem 9. Jahrhundert. Obwohl die Siedlung „Lipsia“ am Schnittpunkt wichtiger europaischer Handelswege zu einem bedeutenden mittelalterlichen Marktort heranwuchs, stand sie lange Zeit im Schatten von Halle. Im Jahr 1165 erhielt Leipzig das Stadtrecht. Mit Erhalt des Messeprivilegs 1497 wandelten sich die Verhaltnisse grundlegend und Leipzig wurde zur fuhrenden Stadt in der Region. Der Handel und die Messe pragten seitdem die Entwicklung der Stadt (Tzschaschel u. Woll- kopf 1996, S. 11 f.; Kaiser u. Scholz 2002, S. 212).
Im Zuge der Industrialisierung entwickelten sich Verkehrsinfrastruktur, Metallverarbeitung, Druckereigewerbe und Maschinen- und Geratebau in der Stadt. In der sozialistischen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die industrielle Entwicklung durch das „Chemie-, Kohle- und Energieprogramm“ vorangetrieben. Leipzig wurde somit zu einem wichtigen Standort des Maschinen- und Chemieanlagenbaus. In den Groftbetrieben des Maschinen- baus arbeiteten etwa 50 % aller Beschaftigten. Im sudlichen Umland der Stadt entwickelte sich eine der bedeutendsten Bergbau- und Braunkohleveredlungsregionen (Bez 1995, S. 109; Tzschaschel u. Wollkopf 1996, S. 13 ff.).
Ab 1970 erfolgte die Ansiedlung von Elektrotechnik und Fahrzeugbau. Da Leipzig Bezirks- hauptstadt war, waren auch Verwaltung, Verkehr und Handel von Bedeutung. Die Leipziger Messe, mit Fruhjahrs- und Herbstmesse, zog jahrlich hunderttausende Besucher an und verlieh der Stadt einen weltoffenen Charakter. In den achtziger Jahren war Leipzig nach Ostberlin die wirtschaftlich bedeutendste Stadt der DDR (Kaiser u. Scholz 2002, S. 212; Tzschaschel u. Wollkopf 1996, S. 15 f.).
Die Region Halle-Leipzig wurde durch die wirtschaftliche Starke der beiden Groftstadte wesentlich gepragt. Seit dem politischen Umbruch 1989/90 unterliegen die Stadte und der Verdichtungsraum verstarkt Schrumpfungsprozessen. Diese Tendenz setzte teilweise bereits vor 1989 ein (Raschke u. Schultz 2002, S. 50 ff.). Im folgenden Kapitel sollen diese Prozesse naher betrachtet werden.
Mit dem politischen Umbruch 1989/90 wurde in der ehemaligen DDR die sozialistische Planwirtschaft von der kapitalistischen Marktwirtschaft abgelost. Seitdem unterliegt die Wirtschaftsstruktur des Verdichtungsraumes Halle-Leipzig einer tief greifenden Trans­formation. Die personelle Uberbesetzung in den Groftbetrieben, der katastrophale Zustand der veralteten Produktionsanlagen und die daraus resultierende mangelnde Konkurrenzfahigkeit fuhrten zu einem Deindustrialisierungsprozess, der vom „Weg- brechen der Industriearbeitsplatze“ gekennzeichnet war (Oelke 1998, S. 396 f.; Walossek 2002, S. 48).
In Leipzig beispielsweise sank die Beschaftigungszahl der Metallindustrie zwischen 1989 und Marz 1993 von 28.400 auf 6.400. Das entspricht einem Ruckgang von mehr als 75 %. Insgesamt erlitt Leipzig schon in diesem relativ kurzen Zeitraum einen Verlust von 80.000 Arbeitsplatzen im sekundaren Sektor (Karrasch 1993, S. 50).
Die Zahl der Beschaftigten des Chemiestandorts Leuna im Raum Halle sank in der Zeit von 1989 bis 2002 von 32.000 auf knapp 9.000 (Tauche u. Zinke 2002, S. 228 f.). Der Ruckgang der Arbeitsplatze betragt hier uber 70 %. Obwohl namhafte Konzerne wie ELF und ESSO hohe Investitionen tatigten, wird die Zahl der Industriearbeitsplatze dauerhaft niedrig bleiben.
Die beiden dargestellten Falle des Beschaftigungsruckganges in Halle und Leipzig zu Beginn der neunziger Jahre stehen beispielhaft fur die Entwicklung der Arbeitsplatze im primaren und sekundaren Sektor des gesamten Verdichtungsraumes. Von 1989 bis 1994 sank die Zahl der Beschaftigten des primaren und sekundaren Sektors um 75,1 % bzw. um 47,5 % (siehe Tab. 1 im Anhang). Lediglich im tertiaren Sektor kam es zu einer Beschaftigungszunahme, was allerdings weniger auf einen Wirtschaftsaufschwung als vielmehr auf das Dienstleistungsdefizit vor der Wende zuruckzufuhren ist (Friedrich et al. 2003, S, 7; Oelke 1998, S. 387).
Die Tendenz der schrumpfenden Beschaftigungszahlen setzte sich in den neunziger Jahren kontinuierlich fort. In den Jahren 2000 und 2001 betrug der Ruckgang der sozial- versicherungspflichtig Beschaftigten im Verdichtungsraum 3,2 % bzw. 3,6 % (siehe Tab. 2 im Anhang). Der Beschaftigungsruckgang in der Region hat sich im Vergleich zum Vorjahr also sogar noch verstarkt (Stadt Leipzig 2002, S. 25). Insgesamt verlor der Verdich­tungsraum in der Dekade von 1993 bis 2003 ca. 150.000 Arbeitsplatze (siehe Abbildung A1 im Anhang), was einem Ruckgang von 24,7 % entspricht (Stadt Leipzig 2004c).
[1] Das Leitbild der Nachhaltigkeit ist in § 1 Abs. II des Raumordnungsgesetzes (ROG) verankert.
[2] Der Grundsatz zur Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen ist in Art. 72 Abs. II des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland (GG) und als Leitbild der Raumordnung in §1 Abs. II des Raumordnungsgesetzes des Bundes (ROG) verankert.
[3] Als Region wird ein durch „bestimmte Merkmale gekennzeichneter, zusammenhangender Teilraum mittlerer Groftenordnung in einem Gesamtraum“ bezeichnet (ARL 1995, S. 805).
[4] Gegenstromprinzip = Abstimmung der Planung zwischen untergeordneter und ubergeordneter Ebene (ARL 1995, S. 370 f. u. ROG § 1 Abs. III).
[5] In der Literatur finden sich verschiedenen Darstellungen und Argumentationen zur Abgrenzung des mitteldeutschen Raumes bzw. des Verdichtungsraumes Halle-Leipzig. Zum Beispiel Rother 1995, S. 9ff.; Oelke 1998, S. 382 ff.; Schonfelder 2001, S. 161 ff.; Friedrich et al. 2003, S. 7.
[6] Z. B. Pendelverflechtungen von Erwerbstatigen.
[7] Stand zum 31.12.2003 (eigene Berechnung nach Daten aus Stadt Leipzig 2004c).
[8] Als „wesentliche Voraussetzung“ fur die Ausweisung eines Verdichtungsraumes werden unter anderem mehr als 150.000 Einwohner in einem zusammenhangenden Gebiet zu Grunde gelegt (Bundesamt fur Bauwesen und Raumordnung 2000, S. 49).
9783640644971
9783640644865
v152519
Halle Leipzig Regionalplanung Verdichtungsraum schrumpfen Schrumpfungsprozess shrinking city demographischer Wandel Raumplanung Transformation Kooperation Geographie Stadtgeographie Witschaftsgeographie Bevölkerungsgeographie
Raumplanung auf Ebene der EU - Europäische Raumentwicklung und Zusammenarbeit

References: § 8
 § 9
 § 10
 § 3
 § 9
 § 1
 Art. 72
 §1
 § 1