Source: https://www.grin.com/document/370084
Timestamp: 2019-07-18 22:01:15+00:00

Document:
Struktur und Verhältnis von Monade und Gott in der Leibniz'schen ... | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
2. Der Begriff der Monade bei Leibniz
3. Die Monade und Gott
3.1 Die Schöpfung und das göttliche ÄAufleuchten“
3.2 Einordnung in die Erkenntnishierarchie
3.3 Gegensätzliche und vereinende Strukturen
4. Der Gottesstaat und sein vollkommener Monarch
Gottfried Wilhelm Leibniz konstruiert 1714 in seiner metaphysischen Abhandlung: ÄEc- laircissement sur les Monades“, der (später so genannten) Monadologie, eine Wirk- lichkeit, die auf einfachen Entitäten beruht: den Monaden. Diese auf 90 Paragraphen bzw. Thesen komprimierte Schrift war ursprünglich nicht an eine breite Öffentlichkeit gerichtet, sondern lediglich für die Pariser Intellektuellen um den Platoniker Nicolas François Rémond (1676-1716) bestimmt.1 1720 wurden sie erstmals unter dem Titel ‚Monadologie‘ von Heinrich Köhler ins Deutsche übersetzt.2 Zusammen mit den ÄPrin- cipes de la nature et la grâce fondés en raison“, die ebenfalls 1714 entstanden sind, rekapitulieren sie, wenn auch auf stark verkürzte Weise, die Konzepte der Leib- niz’schen Metaphysik. Der verdichtete und auf den Adressatenkreis zugespitzte Inhalt der so genannten Monadologie, erscheint in weiten Teilen rätselhaft, verschlüsselt, zu- sammenhangslos und fremd im mechanistischen Weltbild des 17. und 18. Jahrhunderts, was ihn nicht zuletzt bis heute zum Sujet zahlreicher Fragestellungen in der Forschung macht.
Die einfache Substanz, die durch die inneren Prinzipien der Perzeption und Appetition tätig und individualisiert ist, ist das Grundelement der wahren Wirklichkeit bei Leibniz, aus dem alles zusammengesetzt ist. In einer durch die einheitliche, ebenfalls tätige Ur- substanz, d.h. Gott prästabilisierte Harmonie, stimmen die Monaden in ihrer Tätigkeit überein. Gott ist der kontinuierliche Schöpfer seiner Kreaturen, die sich gemäß ihrem Perzeptionsvermögen und dem daraus resultierenden Erkenntnisgrad in eine Hierarchie gliedern lassen.
In welcher Korrespondenz stehen sich nun Schöpfer und Geschöpfe gegenüber? Was trennt und verbindet sie und wie wirken sie? Der Fokus folgender Arbeit richtet sich auf das Verhältnis von Verursacher und Verursachtem, insbesondere aus der Perspektive der weltlichen Monade. Dabei sollen sämtliche Begleitaspekte, wie der apriorische Got- tesbeweis, das Konzept der bestmöglichen Welt oder die stets präsente Leib-Seele- Problematik, beiseitegelassen werden um den Umfang der Arbeit nicht zu sprengen. Zunächst soll die innere Systematik der Monade umfassend erläutert werden, da sie die Grundlage für alle Konzepte in der Monadologie bildet. Anschließend soll der Gottes- begriff in Bezug auf seine Schöpfungsaktivität und seine Tätigkeit beleuchtet werden, um ihn im Folgenden in die Erkenntnishierarchie einzuordnen. Schließlich sollen verei- nende und gegenläufige Charakteristika zusammengefasst werden. Im Abschluss soll die Leibniz’sche Überlegung eines Gottesstaates als ‚praktische‘ Auswirkung seiner Wirklichkeitskonzeption erläutert werden. Ein Resümee soll die Erkenntnisse der Arbeit abschließend zusammenfassen.
Grundlage dieser Arbeit sind vor allem die französisch-deutsche Übersetzung der Monadologie,3 sowie die Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade4, und die Aufsätze in Hubertus Busche: Monadologie.5
2. DIE MONADE BEI LEIBNIZ
Das fundamentalste Charakteristikum der Monade ist ihre Einfachheit. Das unterschei- det sie von allem Zusammengesetzten. Einfachheit bedeutet, dass sie ohne Teile ist und somit nicht teilbar. Das Konzept der Monaden begründet Leibniz in der Tatsache, dass es Zusammengesetztes gibt. Die mögliche Teilbarkeit eines Aggregats ist somit nicht unendlich, sondern endet mit der letzten einfachen Substanz, der Monade. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Monade eine physische Größe hat. Seine einfachen Substanzen haben Äweder Ausdehnung noch Figur“6, sie Äsind die wahren Atome der Natur oder […] die Elemente der Dinge“7. Im Gegensatz zu der naturwissenschaftlichen Auffas- sung eines Atoms entspricht die Leibniz sche Monade jedoch nicht einer mathemati- schen Grenzfunktion. Leibniz beschreibt die Struktur der Monaden als eine metaphy- sisch punktuelle.8 Damit grenzt er sie von physischen und mathematischen Punkten ab und vereinigt doch beide Begriffe in seiner Konstruktion der Äbeseelte[n] Punkte“9. 10 Die Unmöglichkeit einer ÄAuflösung […] auf natürliche Weise“11 und eines Beginns, der für Leibniz auf einer Bildung durch Zusammensetzung beruht, was die Monade be- grifflich ausschließt, verdeutlicht ihren übernatürlichen Charakter. Sie sind also nur in dem Sinne endlich, wie Schöpfung und absolute Vernichtung sie bedingen und treten damit Äauf einen Schlag“12 ins Dasein bzw. Nichtsein.13 Die Einfachheit der Substanz bedingt auch, dass in ihr keine Bewegung sein kann. Es kann kein ÄWechsel zwischen den Teilen“14 geben, die eine solche Bewegung verursacht. Des Weiteren kann es dadurch auch keine Umwandlung durch andere bzw. von außen geben.15 Die Monade ist also fensterlos.16 Damit verneint er aber nicht Äjegliche kausale Beziehung zwischen den Monaden“17, denn er betont in §51: die einfachen Substanzen haben einen idealen Einfluss untereinander.18 Entscheidend für das gegenseitige Einwirken ist die Individua- lität der Monade, die Leibniz in einem Prinzip der unterscheidbaren Qualität formu- liert.19 Das heißt: jede Monade hat Äirgendwelche Qualitäten“20, die sie von jeder ande- ren notwendigerweise unterscheidet, ansonsten Ägäbe es kein Mittel, eine Veränderung an den Dingen zu bemerken“21. Die Veränderung in den Monaden ist kontinuierlich und beruht auf einem inneren Prinzip.22 ÄDer vorübergehende Zustand, der eine Vielheit in der Einheit oder in der einfachen Substanz einschließt und vorstellt“23, den Leibniz als Perzeption bezeichnet, und der zu unterscheiden ist von dem Begriff der Apperzeption oder dem Bewusstsein,24 individualisiert jede Monade als eine bestimmte. Ergänzt durch die Appetition, die den Übergang von einer zur anderen Perzeption schafft, bilden sie Ädie beiden Momente der Tätigkeit“25 in der Substanz. Da die Quelle dieser Tätig- keiten in ihr selbst liegt, sie gewissermaßen in sich selbst Bewegung erfährt, ist sie au- tark und steht in keiner kausalen Verpflichtung gegenüber anderen und besitzt eine Ägewisse Vollkommenheit“26. Die Perzeption ist das passive Moment, in der die äußere Vielheit oder Mannigfaltigkeit in einer inneren Vorstellung vorübergehend fixiert und repräsentiert wird.27 Im aktiven Moment der Appetition wird Äder Zusammenhang des Mannigfaltigen als ein tätiges Streben thematisch“28. Leibniz stellt die Seele als eine solche, Perzeptionen und Appetitionen aufweisende Substanz vor. Der Unterschied zwi- schen einer Monade, die Seele und einer, die bloße Entelechie ist, ist die Deutlichkeit ihrer Perzeptionen. So entsteht eine Hierarchie der Monaden, deren Zentrum die Seele ist. Umgeben wird sie Ävon einer aus unendlich vielen anderen Monaden zusammenge- setzten Masse“29, die den organischen Körper eines Lebewesens ausmacht.30 Leibniz reiht damit die Monade in die Kausalkette der wirkenden Körper ein, wobei ihr mathe- matisches Zentrum durch seine Immaterialität und Tätigkeit separiert steht.31 Durch diese Affizierbarkeit von außen werden die Monaden zum lebendigen Spiegel des gan- zen Universums.32 Sie beschränkem sich somit nicht nur auf eine rein metaphysische Ebene, sondern sind Äontologische Zwitter“33, da sie Äeinerseits etwas Übernatürliches besitzen, andererseits aber zur Natur gehören.“34 Die Zugehörigkeit der Monaden zu zwei verschiedenen Seinsbereichen fasst Cramer wie folgt zusammen:
ÄWo es Teile gibt, da gibt es das, was aus ihnen zusammengesetzt ist. Also ist die Ausdehnung und das Ausgedehnte etwas Zusammengesetztes. Alles Zusammengesetzte besteht jedoch aus einfachen Teilen. Also besteht die Ausdehnung aus Einfachem. Das Einfache hat die positive Bestimmung, ein erlebendes Wesen zu sein. Also besteht die Ausdehnung und das Ausgedehnte aus erlebenden Wesen, aus Monaden.“35
Die Monaden sind zwar trotz ihrer Affizierbarkeit unabhängig voneinander und Äden- noch [sind sie] miteinander in ein und derselben Welt koexistent“36.
1 Busche, Hubertus (Hrsg.), Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie, Berlin 2009, 3.
3 Leibniz, Gottfried Wilhelm, Mondaologie. Französisch/ deutsch, übers. und hrsg. v. Hartmut Hecht, Stuttgart 1998. (in den folgenden Fußnoten abgekürzt als M, § X)
4 Leibniz, Gottfried Wilhelm, Monadologie und andere metaphysische Schrift. Discours de métaphysique. La Monadologie, principes de la nature et la grâce fondés en raison. Französisch/ deutsch, übers. hrsg., mit Einleitung, Anmerkungen und Registern versehen v. Ulrich Johannes Schneider, Hamburg 2002. (in den folgenden Fußnoten abgekürzt als P, § X)
5 s. Anm. 1.
6 M, § 3.
8 Busche, Hubertus, Übernatürlichkeit und Fensterlosigkeit der Monaden (§§ 4-7, 49-52), in: Mo- nadologie, hrsg. v. Hubertus Busche, Berlin, 2009, 51.
9 Gerhardt, Carl Immanuel (Hrsg.), Die philosophischen Schriften von Leibniz, 7 Bände, Berlin 1875-1890, Nachdruck Hildesheim, 1978, IV 478. ( in den folgenden Fußnoten abgekürzt als GP Bd., Seitenzahl)
10 Vgl. Busche, 51: Der mathematische Punkt, der Äohne jeden Bezug zur Ausdehnung und damit ohne physische Realität“ (GP IV 478) ist, bildet das Zentrum der Monade und wird ergänzt um Ädas materielle ‚Instrument und gleichsam Vehikel der Seele‘, vermittelst dessen die Seele in die Natur eingreifen kann, ein ‚punctum physicum‘, d.h. eine Sphäre von winziger Größe.“
11 M, § 4.
12 Ebd,., § 5.
13 Busche beschreibt die Argumentation von Leibniz in einem logischen Syllogismus: (Busche,53) P1: Nur das, was Teile hat, kann auf natürliche Weise aus diesen zusammengesetzt werden (ent- stehen) und in diese aufgelöst werden (vergehen). P2: Nun hat aber die Monade keine Teile. _______________________________ Folglich kann die Monade auf natürliche Weise weder entstehen noch vergehen Vgl. auch: P, § 2.
14 M, § 7.
15 Vgl. ebd. und § 11.
16 M, § 7.
17 Busche, 57: Busche versteht die Fensterlosigkeit als Unmöglichkeit einer Ärealen, natürlichen oder physischen“ Einflussnahme. In M, §7 schließt Leibniz für die Monaden nur ein ÄEintreten“ von anderen Substanzen und Akzidenzen aus. Das ist meines Erachtens ergänzend zu seiner spä- teren Verneinung einer Äinfluence reelle“ (GP 133) zwischen den Monaden zu betrachten.
18 Vgl. M, § 51.
19 Vgl. ebd., § 9.
20 Vgl. ebd., § 8.
22 Ebd., § 10 und 11.
23 Ebd., § 14.
25 Hecht, Hartmut, Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie, Französisch/ deutsch, übers. und hrsg. von Hartmut Hecht, Stuttgart 1998, Anmerkungen, 74.
26 M, § 18. Da der Begriff der Vollkommenheit abhängig von Gott als ursprünglicher Substanz abhängig ist, werde ich erst im entsprechenden Kapitel weiter darauf eingehen.
27 Leibniz vergleicht den Zustand der Perzeption mit einem Gedanken, der an sich eine Einheit ist, jedoch einen komplexen Inhalt in sich einschließt.
28 Hecht, Anm., 74.
29 P, § 3.
30 Die Problematik des Zusammentreffens von Erst- und Zweitmaterie soll hier aufgrund ihrer Komplexität nur ansatzweise eröffnet werden. s. dazu v.a.: Beeley, Philip, Auf den Spuren des Unendlichen. Leibniz‘ Monaden und die physikalische Welt, in: Der Monadenbegriff zwischen Spätrenaissance und Aufklärung, hrsg. v. Hanns-Peter Neumann, Berlin/New York, 2009, 113 - 141.
31 Busche, 59.
32 Die Affektion betrifft nur die materia prima, die den mathematischen Kern umgibt. Die Erstma- terie ist die passive Kraft der Monade. Diese Affektionen werden abschließend Äin genuin seeli- sche Tätigkeiten, nämlich in Perzeptionen, übersetzt“ (s. Busche, 2009, 59). Einerseits wird also ein Einwirken auf das aktive Prinzip der Monade, d.h. dem mathematischen Mittelpunkt ent- spricht, von Leibniz bezweifelt (vgl. Busche, 59 bzw. GP VI 521) und andererseits bestätigt sein Prinzip der präetablierten Harmonie die Interaktion Äzwischen den Perzeptionen der Monade und den Bewegungen der Körper“ (P, § 3).
33 Busche, 50.
35 Cramer, Konrad, Einfachheit, Perzeption und Apperzeption. Überlegungen zu Leibniz‘ Theorie der Substanz als Subjekt, in: Studia Leibnitiana, Sonderh. 22, Stuttgart, 1994, 23-24. Mit Äerle- bendem Wesen“ meint Cramer: Perzeptionen habend.
36 Holze, Erhard, Gott als Grund der Welt im Denken des Gottfried Wilhelm Leibniz, in: Studia Leibnitiana, Sonderh. 20, Stuttgart, 1991, 145.
V370084
9783668475649
9783668475656
struktur, verhältnis, monade, gott, leibniz, monadologie
Luise Schubert (Autor), 2016, Struktur und Verhältnis von Monade und Gott in der Leibniz'schen Monadologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370084
Zu Leibniz' Körperbegriff in sein...
Die Begriffe "Gut" und &quo...

References: §51
 § 3
 § 4
 § 5
 § 2
 § 7
 § 11
 § 7
 §7
 § 51
 § 9
 § 8
 § 10
 § 14
 § 18
 § 3
 § 3