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Timestamp: 2020-08-12 04:47:57+00:00

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Kindergeld und die EU-Verordnung 1408/71 | Rechtslupe
Kin­der­geld und die EU-Ver­ord­nung 1408/​71
Die Vor­schrif­ten des Titels II der VO Nr. 1408/​71 begrün­den als Kol­li­si­ons­re­geln kei­nen unmit­tel­ba­ren Anspruch auf Kin­der­geld aus Uni­ons­recht. Ein Anspruch auf Kin­der­geld nach dem EStG besteht nur, wenn die mit dem Uni­ons­recht im Ein­klang ste­hen­den natio­na­len Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind.
nach § 1 Abs. 3 als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird.
In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te der Klä­ger im Streit­zeit­raum jedoch weder einen Wohn­sitz i.S. des § 8 AO noch sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt i.S. des § 9 AO im Inland.
Der Umstand, dass dem­ge­gen­über das Finanz­amt bei der Fest­set­zung der Ein­kom­men­steu­er 2005 und 2006 von einem inlän­di­schen Wohn­sitz (Z-Stra­ße, L) aus­ge­gan­gen ist und des­halb eine unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 1 EStG ange­nom­men hat, ent­fal­tet kei­ne Bin­dungs­wir­kung für die Kin­der­geld­fest­set­zung durch die Fami­li­en­kas­se. § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG setzt für die Anspruchs­be­rech­ti­gung nur einen Wohn­sitz oder einen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland vor­aus und stellt nicht auf die ein­kom­men­steu­er­recht­li­che Behand­lung ab. Das Gesetz geht daher davon aus, dass es sich bei der Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zung und der Kin­der­geld­fest­set­zung um unter­schied­li­che Ver­fah­ren han­delt, so dass der Ein­kom­men­steu­er­be­scheid hin­sicht­lich des inlän­di­schen Wohn­sit­zes oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halts für die Kin­der­geld­fest­set­zung nicht bin­dend ist [1].
Der Klä­ger ist auch nicht Anspruchs­be­rech­tig­ter i.S. des § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG.
Anders als bei § 62 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 Buchst. a EStG macht das Gesetz bei § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG die Anspruchs­be­rech­ti­gung von der ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Behand­lung des Antrag­stel­lers abhän­gig [2]. Der Bun­des­fi­nanz­hof ver­weist zur wei­te­ren Begrün­dung auf sein Urteil in BFHE 237, 239, BStBl II 2012, 897, mit dem der III. Senat die in dem Urteil des BFH in BFH/​NV 2009, 564 im Rah­men eines obiter dic­tums ver­tre­te­ne ande­re Auf­fas­sung auf­ge­ge­ben hat. Der III. Senat hat dort u.a. dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­se Aus­le­gung ver­hin­de­re, dass der Antrag­stel­ler gegen­über Finanz­amt und Fami­li­en­kas­se unter­schied­li­che Anga­ben machen kann, indem er z.B. zunächst gegen­über dem Finanz­amt einen tat­säch­lich nicht bestehen­den Wohn­sitz in Deutsch­land angibt, um dort bei gerin­gen Ein­künf­ten einen Null­be­scheid auf Basis der unbe­schränk­ten Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 1 EStG zu erlan­gen, und dann –im Fal­le einer genaue­ren Prü­fung der Wohn­ort­vor­aus­set­zun­gen im Ver­fah­ren der Kin­der­geld­fest­set­zung– gegen­über der Fami­li­en­kas­se eine Behand­lung nach § 1 Abs. 3 EStG bean­tragt.
Nach den Fest­stel­lun­gen wur­de der Klä­ger von dem zustän­di­gen Finanz­amt nicht auf Antrag nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt, son­dern nach § 1 Abs. 1 EStG zur Ein­kom­men­steu­er ver­an­lagt. Eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG schei­det daher aus.
Die hier­ge­gen erho­be­nen Ein­wen­dun­gen des Klä­gers grei­fen nicht durch.
Ohne Erfolg wen­det der Klä­ger ein, die in der Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 7. April 2011 [3] dar­ge­stell­ten Grün­de trä­fen auch auf ihn zu.
Denn der die­ser Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­de Sach­ver­halt ist nicht mit dem des Streit­falls ver­gleich­bar. Dort hat der Arbeit­neh­mer behaup­tet, mehr als sechs Mona­te zeit­lich zusam­men­hän­gend im Inland gear­bei­tet und sei­nen Inlands­auf­ent­halt jeweils nur kurz­fris­tig für Heim­fahr­ten nach Polen unter­bro­chen zu haben. Wenn dies zutrifft und er an sei­nen Arbeits­ta­gen im Inland über­nach­tet hat, wären die Vor­aus­set­zun­gen eines gewöhn­li­chen Auf­ent­hal­tes im Inland nach § 9 Satz 2 AO erfüllt [4]. Abwei­chend hier­von liegt der Vor­ent­schei­dung im Streit­fall zugrun­de, dass der Klä­ger von März 2005 bis April 2006 in Öster­reich auf Mon­ta­ge war und sich auch für den Zeit­raum danach in einem Arbeits­ein­satz außer­halb Deutsch­lands befun­den haben könn­te. Die­se Wür­di­gung des Finanz­ge­richt ist –wie dar­ge­legt– revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den.
Eine abwei­chen­de recht­li­che Beur­tei­lung ergibt sich auch aus dem Rege­lungs­zweck der VO Nr. 1408/​71.
Die Ansicht, durch die Rege­lun­gen der VO Nr. 1408/​71 wer­de das Ter­ri­to­ria­li­täts­prin­zip ver­drängt, beruft sich auf die Erwä­gungs­grün­de und die Vor­schrif­ten des Titels – II der VO Nr. 1408/​71, nach denen sich die auf inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on zu- und abwan­dern­de Erwerbs­tä­ti­ge anzu­wen­den­den Rechts­vor­schrif­ten bestim­men.
Die Erwä­gungs­grün­de 1, 4, 8 bis 10 der VO Nr. 1408/​71 lau­ten:
„1. Die Vor­schrif­ten zur Koor­di­nie­rung der inner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten über sozia­le Sicher­heit gehö­ren zur Frei­zü­gig­keit von Per­so­nen und sol­len zur Ver­bes­se­rung von deren Lebens­stan­dard und Arbeits­be­din­gun­gen bei­tra­gen.“
„4. Es ist ange­zeigt, die Eigen­hei­ten der ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten über sozia­le Sicher­heit zu berück­sich­ti­gen und nur eine Koor­di­nie­rungs­re­ge­lung vor­zu­se­hen.“
„8. Für Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern, soll jeweils das Sys­tem der sozia­len Sicher­heit nur eines Mit­glied­staats gel­ten, so dass eine Kumu­lie­rung anzu­wen­den­der inner­staat­li­cher Rechts­vor­schrif­ten und die sich dar­aus mög­li­cher­wei­se erge­ben­den Kom­pli­ka­tio­nen ver­mie­den wer­den.“
„9. Zahl und Reich­wei­te der Fäl­le, in denen ein Arbeit­neh­mer oder Selb­stän­di­ger als Aus­nah­me von der all­ge­mei­nen Regel gleich­zei­tig den Rechts­vor­schrif­ten zwei­er Mit­glied­staa­ten unter­liegt, sind so klein wie mög­lich zu hal­ten.“
„10. Um die Gleich­be­hand­lung aller im Gebiet eines Mit­glied­staats erwerbs­tä­ti­gen Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­gen am bes­ten zu gewähr­leis­ten, ist es zweck­mä­ßig, im All­ge­mei­nen die Rechts­vor­schrif­ten des Mit­glied­staats anzu­wen­den, in des­sen Gebiet der Betref­fen­de sei­ne Arbeit­neh­mer- oder Selbständig[entätigkeit] aus­übt.“
Die Vor­schrif­ten des Titels II der VO Nr. 1408/​71 bezwe­cken, wie sich ins­be­son­de­re aus den Erwä­gungs­grün­den 4 und 8 sowie aus Art. 13 Abs. 1 der VO Nr. 1408/​71 ergibt, dass der Betrof­fe­ne grund­sätz­lich nur dem Sys­tem der sozia­len Sicher­heit eines ein­zi­gen Mit­glied­staats unter­liegt, damit es nicht wegen der par­al­le­len Anwen­dung meh­re­rer natio­na­ler Rechts­vor­schrif­ten zur gänz­li­chen Ver­sa­gung sozia­len Schut­zes oder zur Kumu­lie­rung von Ansprü­chen und Bei­trags­pflich­ten kommt [5]. Sie stel­len daher Kol­li­si­ons­re­geln dar und begrün­den kei­nen eigen­stän­di­gen Anspruch auf Kin­der­geld [6]. Da Art. 48 des Ver­trags über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on ledig­lich eine Koor­di­nie­rung und kei­ne Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten vor­sieht, ent­schied der EuGH in dem Urteil „Hud­zinski und Wawr­zy­ni­ak“ [7], dass „im Übri­gen die mate­ri­el­len und for­mel­len Unter­schie­de zwi­schen den Sys­te­men der sozia­len Sicher­heit der ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten und folg­lich zwi­schen den Ansprü­chen der dort Ver­si­cher­ten durch die­se Bestim­mung nicht berührt [wer­den], so dass jeder Mit­glied­staat dafür zustän­dig bleibt, im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht in sei­nen Rechts­vor­schrif­ten fest­zu­le­gen, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die Leis­tun­gen eines Sys­tems der sozia­len Sicher­heit gewährt wer­den“. Der EuGH geht daher davon aus, dass ein Anspruch auf Kin­der­geld nur besteht, wenn die natio­na­len Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind [8]. Die­se sind –wie dar­ge­legt– im Streit­fall nicht gege­ben.
Soweit der Klä­ger vor­bringt, aus dem Urteil des EuGH „Hud­zinski und Wawr­zy­ni­ak“ [9] erge­be sich, dass er die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für das Kin­der­geld erfül­le, ist dem aus den erläu­ter­ten Grün­den nicht zu fol­gen. Die Vor­schrif­ten des Titels II der VO Nr. 1408/​71 stel­len nach dem genann­ten EuGH-Urteil ledig­lich Kol­li­si­ons­re­geln dar.
Der Klä­ger kann sich für sei­ne Auf­fas­sung nicht auf den vom Finanz­ge­richt Müns­ter [10] ent­schie­de­nen Fall stüt­zen. Denn die­ser ist mit dem Streit­fall nicht ver­gleich­bar. Der Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt Müns­ter lag ein Sach­ver­halt zugrun­de, in dem ein Arbeit­neh­mer, der nach Been­di­gung eines inlän­di­schen Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses sei­nen Wohn­sitz und gewöhn­li­chen Auf­ent­halt nach Polen ver­legt, noch für eine Über­gangs­zeit von 90 Tagen inlän­di­sches Kin­der­geld erhielt, weil er für die­sen Zeit­raum sozia­le Leis­tun­gen aus der inlän­di­schen Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung (vgl. Art. 69 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Buchst. a ii und Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 1408/​71) bezog. Die für die­sen Per­so­nen­kreis bestehen­den Son­der­re­ge­lun­gen sind auf den Streit­fall nicht anwend­bar.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. März 2013 – XI R 37/​11
vgl. BFH, Urtei­le vom 20.11.2008 – III R 53/​05, BFH/​NV 2009, 564; vom 24.05.2012 – III R 14/​10, BFHE 237, 239, BStBl II 2012, 897, Rz 12[↩]
eben­so BFH, Urteil in BFHE 237, 239, BStBl II 2012, 897, Rz 13; Helm­ke in Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Kom­men­tar, Fach A, I. Kom­men­tie­rung, § 62 Rz 42 ff.; Hil­des­heim in Bordewin/​Brandt, § 62 EStG Rz 56; Lange/​Novak/​Sander/​Stahl/​Weinhold, Kin­der­geld­recht im öffent­li­chen Dienst, § 62 EStG Erl. III/A.1 Rz 57; Lehner/​Waldhoff, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 1 Rz D 206[↩]
BFH, Urteil vom 07.04.2011 – III R 89/​08, BFH/​NV 2011, 1324[↩]
BFH, Urteil in BFH/​NV 2011, 1324, Rz 13 f.[↩]
vgl. z.B. EuGH, Urtei­le vom 14.10.2010 – C‑16/​09 [Schwem­mer], Slg. 2010, I‑9717, Rz 40; [Hud­zinski und Wawr­zy­ni­ak] in DSt­RE 2012, 999, Rz 41; Wendl, DStR 2012, 1894[↩]
vgl. EuGH, Urteil [Hud­zinski und Wawr­zy­ni­ak] in DSt­RE 2012, 999, Rz 42, 44; Blümich/​Trei­ber, § 62 EStG Rz 23[↩]
EuGH, DSt­RE 2012, 999, Rz 42[↩]
vgl. Wendl, DStR 2012, 1894, 1896 f.[↩]
EuGH, DSt­RE 2012, 999[↩]
FG Müns­ter, EFG 2010, 2006[↩]

References: § 1
 § 8
 § 9
 § 1
 § 62
 § 62
 § 62
 § 62
 § 1
 § 1
 § 1
 § 1
 § 62
 § 9
 Art. 13
 Art. 48
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 Art. 69
 Art. 1
 Art. 2
 § 62
 § 62
 § 62
 § 1
 § 62