Source: http://www.art5drei.de/artikel.cfm?aid=653
Timestamp: 2018-01-20 01:31:44+00:00

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Singe, Seufze, Saufe
Düsseldorf - the next generation. Ein Interview mit den Broilers.
20 Jahre Bandgeschichte. Bei den Broilers bedeutet das große Entwicklungsschritte. Von der antifaschistischen Skinhead-Oi-Band in die Hall Of Fame deutschsprachiger (Punk-)Rockmusik, das ist nicht nur ein absoluter Einzelfall, sondern auch ein musikalischer und ideeller Spagat, der seinesgleichen sucht. Viele Fans der ersten Stunde dürften dabei verloren gegangen sein. Doch weit mehr neue Anhänger sind dazu gekommen. Heute stehen Broilers in einer Reihe mit den Toten Hosen, den Ärzten & Co., klingen sehr Mainstream und tendieren an manchen Stellen gar gegen Blumfeld & Artverwandtes. Doch sie machen, so zumindest ist es immer wieder zu lesen, doch einfach nur nach wie vor IHR Ding. Menschen verändern sich. Bands auch. Das ist ganz normal. Und doch spricht die aktuelle Single „Nur nach vorne gehen“ ein wenig für den Wunsch nun starr nach vorne zu blicken, statt zurück zu sehen auf einen steinigen Weg einer nachweislich durchsetzungsfähigen Düsseldorfer Band. Düsseldorf. Immerhin das war klar. Wenn irgendwann eine Band nach den Toten Hosen den Walk Of Fame der deutschen Punkrockgeschichte zieren sollte, dann muss sie auch aus Düsseldorf sein. Aus der Stadt, die seit vielen Jahren ihr Geheimnis erfolgreich bewahrt, was sie zur Idealkulisse für erfolgreiche (Punk-)Rockmusik „Made in Germany“ macht. Schlecht beraten waren die Broilers nicht, auf das Management und den Produzenten ihrer Düsseldorfer Vorgänger zu setzen. Mit ihnen schließlich haben sie den Scheitelpunkt ihrer bisherigen Karriere eben noch einmal um einige Maßeinheiten nach oben geschraubt. Sie zählen heute zur kleinen Auswahl der großen deutschsprachigen Musikgruppen. Nicht als Die Toten Hosen II, sondern in ihrer sehr eigenwilligen Position zwischen Punk, Rock, Pop und deutschen Texten.
Art5drei näherte sich dem Phänomen Broilers im Interview mit Sänger Sammy Amara:
„Nur nach vorne gehen“ lautet der Titel Eurer aktuellen Single. Nach zwanzig Jahren seid ihr es sicher längst müde geworden, immer wieder über die Vergangenheit und die verschiedenartigen Identitätswandel der Band und ihrer Köpfe zu sprechen? Wie bringt ihr dieses Thema heute gerne auf den Punkt, um denen gerecht zu werden, die meinen, dass das alles der Erklärung bedürfte? Worin würdet ihr sagen unterscheidet ihr Euch heute zu den Anfangsjahren und was ist vielleicht doch bis heute geblieben?
Sammy Amara:
Das, was wir heute sind, sind wir vor allem durch den Weg, der hinter uns liegt. Wie Du es eingangs schon schriebst, so wie es bei jedem Menschen ist, ist es auch bei dem »Monstrum« Band. Wir leben und lernen, wir entwickeln uns und probieren gerne neue Dinge aus. Ich finde das ist etwas sehr Gutes, so lange man nicht vergisst, wo man herkommt. Warum sollten wir auch, war doch eine super Zeit!
Eure musikalischen Wurzeln sind klar, wenngleich vermutlich vielen Eurer heutigen Fans nicht mehr ganz so bekannt - aber welche Musik bewegt Euch aktuell, gibt es alte und neue Anknüpfungspunkte, von denen ihr gegenwärtig und vielleicht auch künftig zehrt?
Es ist tatsächlich so, dass ich vor allem in letzter Zeit wieder ordentlich Bock habe auf die ganz alten Punk-Scheiben. Angelic Upstarts, Stiff Little Fingers, alte Punk-Sampler aus den 80ern. The Clash waren und sind eh immer konstant dabei, daneben auch weiterhin elektronische Musik, als kleiner Kontrast. Wenn es mir aber nach intensiver Zeit im Proberaum, vor allem jetzt, da wir uns auf die anstehende Tour vorbereiten, aus den Ohren blutet, beginne ich mein Heil zunehmend (brace yourself!) in klassischer Musik zu finden. Das ist dann wie nach zu viel Parfum-Teststreifen einmal an Kaffeebohnen riechen.
Art.5|III: Was genau verbindet Euch mit den Toten Hosen heute und/oder verband Euch in früheren Zeiten? Und was macht dann doch den feinen Unterschied?
Sammy Amara: Die Toten Hosen waren, was Punkrock betrifft, unser Anfang. Ihre Coverplatte »Learning English« hat uns Bands wie Ramones, Sham 69 und Co. vorgestellt und quasi die Rolle des großen Bruders übernommen. Ich war vollkommen geflashed, als ich 1991 auf diese Art und Weise eine Musikrichtung kennenlernte, die sowohl melodisch als auch aggressiv ist und zudem eine Attitüde hat, die mir gut gefällt. Schön, dass sich nach vielen Jahren der Kreis geschlossen hat. Ein feiner Unterschied zwischen beiden Bands? Ich kann mir noch nicht vorstellen, dass wir in 15 Jahren körperlich noch so fit sind, wie die Toten Hosen.
Art.5|III: Rein visuell gesehen begleitet Euch das Hard & Smart-Prinzip schon lange. Du zeichnest, was man hört, für Grafik und Corporate Design der Band selbst verantwortlich. Wie funktionieren all die vermeintlichen Symbolwelten zwischen Punkrock, Oi-Skins, Gothic, Tattoo-Kultur, Mafia-Attitüde, schicken Klamotten und der Bild- und Symbolsprache der Broilers selbst miteinander? Und wie passt das zum Düstermann-Image und dem vielen Schwarz des neuen Albums?
Kontraste sind etwas sehr reizvolles und cooles für mich. Ich finde zum Beispiel gut gekleidete Jungs und Mädels noch interessanter, wenn es einen »Störer« oder kleinen Bruch gibt. Perfekt ist nicht nur unnatürlich, sondern auch eher unwahrscheinlich. Deshalb finde ich, dass auch auf der neuen Platte, mit ihren düsteren Texten und hin und wieder poppigen Einflüssen, durchaus Härte und Stolperer zu finden sind, und nicht nur, weil wir bis heute nicht gelernt haben vernünftig Gitarre zu spielen.
Art.5|III: Inwieweit tangiert Euch der Teil einer so genannten Deutschrock-Szene im Sinne eines langen Schattens der Böhsen Onkelz? Seid ihr darin oder dazu ein Gegenpol, da Ihr politisch immer klar gewesen seid und dem nervtötenden Graubereich deshalb eine klare Alternative für dieses Genre entgegensetzt? Oder seht ihr Euch in dieser Hinsicht eher als außenstehend und vielleicht gerade deshalb als wichtige Alternative für ein großes potentielles Publikum?
Sammy Amara: Diese Szene interessiert uns nicht und wir möchten nicht Teil sein. Wir kochen weiter unser Süppchen und legen Wert darauf, auch weiterhin unseren politischen Standpunkt klar zu machen.
Art.5|III: Texte mit viel Platz zwischen den Zeilen. Das ist spätestens seit der Bibel ein Erfolgsrezept, das Freiraum für Anhänger und Spielraum für deren Interpretationen schafft. Sonderlich direkt sind Eure Texte nicht immer. Das ist ihrer Aussagekraft mal zuträglich und auch mal nicht. Es scheint aber ein wichtiges Element des Broilers-Sounds zu sein – richtig?
Ich schreibe Texte so, wie ich sie auch gerne lesen oder hören möchte. Ich mag es, mich bei anderen Autoren (emotional) wiederzufinden oder auch erst nach ein paar Mal nachdenken den Groschen fallen zu hören. Dennoch gibt es Themen, die sehr klar formuliert werden müssen. Zum Beispiel der Text zu »Ich will hier nicht sein«. Es bedarf nicht zwingend Begleitliteratur um zu verstehen, worum es hier geht - noch konkreter wird es dann zum Beispiel bei »An all den Schmutz«.
Art.5|III: Es gibt mehrere eindrucksvolle Unplugged-Konzerte, insbesondere auch für Radiosender. Wann kommt die Broilers-Unplugged-Platte?
Eines feinen Tages vielleicht. Macht uns immer Spaß, im engen Kreis zusammen zu sitzen und den Songs eine etwas andere Farbe zu geben.
Art.5|III: Was können Broilers-Fans und die, die es noch werden wollen bei der anstehenden Tournee und vor allem auch im nächsten Jahr von der Band erwarten? Gibt es jenseits von Konzerten in großen Hallen und zahlreichen Festivalslots im kommenden Jahr irgendeinen Kontrapunkt, auf den sich Eure Anhänger freuen dürfen?
Wie ich oben schon erwähnte, wir blicken auf einen langen Weg zurück, 20 Jahre Broilers, und eben das wird sich auch weiterhin in unseren Konzerten widerspiegeln, auch wenn eine Setlist mit jeder neuen Platte immer schwerer wird. Wir freuen uns tierisch in ein paar Tagen wieder auf der Bühne zu stehen. Da fühlen wir uns wohl und das können wir irgendwie auch.
Broilers live in Bamberg am Montag, den 22. Dezember 2014 in der brose ARENA.
Broilers, Foto © Robert Eikelpoth
Cover der aktuellen CD „Noir Live“ von der Band „Broilers“

References: Art.5

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