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Timestamp: 2018-09-22 21:41:08+00:00

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hartz 4 anwalt, hartz 4, arbeitslosengeld 2 - Urteile
Die Nutzungsüberlassung eines Kraftfahrzeugs an einen Arbeitnehmer stellt keine Einnahme des Arbeitnehmers in Geldeswert dar.
Landessozialgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 23. Februar 2016 – L 9 AS 2108/13 –, juris
Mehrfache Mittelzweckentfremdung: Keine Übernahme der Mietrückstände!
Die wiederholte zweckwidrige Mittelverwendung für Mietzahlungen spricht dafür, dass der Leistungsempfänger bewusst die Miete nicht zahlt im Vertrauen darauf, dass Rückstände später übernommen werden. In einem solchen Fall sozialwidrigen Herbeiführens von Mietrückständen trotz ausreichender Mittel erscheint eine Hilfegewährung nicht gerechtfertigt.*
LSG Baden-Württemberg, Beschluss vom 13.03.2013 - L 2 AS 842/13 ER-B
Die Mieterin erhält Leistungen nach dem SGB II (Hartz 4). Während des Leistungsbezugs erhält die Mieterin einen einkommensorientierten Mietzuschuss sowie aufstockend den Restbetrag der Miete als SGB II-Leistungen. Dennoch wird in diesem Zeitraum der einkommensorientierte Mietzuschuss nicht an den Vermieter weitergeleitet. Während der Unterbrechung des Leistungsbezugs über einen Zeitraum von drei Monaten laufen weitere erhebliche Mietrückstände auf. Nach Wiederaufnahme des Leistungsbezugs werden die Kosten für Unterkunft seitens des Jobcenters übernommen, jedoch nicht oder nicht vollständig an den Vermieter weitergeleitet. Im Ergebnis betrug der Rückstand gegenüber dem Vermieter ca. 3.100 Euro. Die Mieterin hat beim Jobcenter die Übernahme der Mietschulden als Darlehen gemäß § 22 Abs. 8 SGB II beantragt. Dies lehnte das Jobcenter ab. Ein Antrag der Mieterin auf einstweiligen Rechtsschutz wird vom Sozialgericht zurückgewiesen. Dagegen richtet sich die Beschwerde der Mieterin beim LSG.
Ohne Erfolg! Nach § 22 Abs. 8 SGB II können, sofern Leistungen für Unterkunft und Heizung erbracht werden, auch Schulden übernommen werden, soweit dies zur Sicherung der Unterkunft oder zur Behebung einer vergleichbaren Notlage gerechtfertigt ist. Die Schulden sollen übernommen werden, wenn dies gerechtfertigt und notwendig ist und sonst Wohnungslosigkeit einzutreten droht. Vorliegend hat das LSG das Vorliegen des Tatbestandsmerkmals "gerechtfertigt" verneint. Grundsätzlich kommt es auf die Umstände des Einzelfalls an, wobei die Höhe der Rückstände, ihre Ursachen, das Alter sowie eventuelle Behinderungen der jeweiligen Mitglieder einer Bedarfsgemeinschaft, das in der Vergangenheit vom Hilfesuchenden gezeigte Verhalten (erstmaliger oder wiederholter Rückstand, eigene Bemühungen, die Notsituation abzuwenden und die Rückstände auszugleichen) und ein erkennbarer Wille zur Selbsthilfe zu berücksichtigen sind (vgl. LSG Bayern, Beschluss vom 21.12.2012 - L 11 AS 850/12 B ER; LSG Schleswig-Holstein, Beschluss vom 29.03.2012 - L 3 AS 28/12 B ER). Die Mieterin ist bereits wiederholt mit Mietzahlungen in Rückstand geraten, obwohl das Jobcenter entsprechende Leistungen bewilligt hat. Die wiederholte zweckwidrige Mittelverwendung spricht dafür, dass die Mieterin bewusst die Miete nicht bezahlte im Vertrauen darauf, dass Rückstände später übernommen werden. In einem solchen Fall sozialwidrigen Herbeiführens von Mietrückständen trotz ausreichender Mittel erscheint eine Hilfsgewährung nicht gerechtfertigt (LSG Baden-Württemberg, Beschluss vom 01.03.2011 - L 12 AS 622/11 ER-B).
Noch nicht geklärt ist die Frage, ob eine Schuldübernahme nach § 22 Abs. 8 SGB II nur dann in Betracht kommt, wenn der Hilfebedürftige nach den Gesamtumständen unverschuldet in Rückstand geraten ist. Sind jedoch die Rückstände durch eine rechtswidrige Leistungsablehnung des Grundsicherungsträgers entstanden, so ist die Übernahme der Schulden gerechtfertigt und das Übernahmeermessen des Jobcenters auf Null reduziert (LSG Hamburg, Beschluss vom 24.01.2008 - L 5 B 504/07 ER AS; Berlit in LPK - SGB II, 4. Auflage, § 22 Rz. 188).
Mietrecht – Leistungsbescheid rechtswidrig: Kein Regress gegen Vermieter
LSG Bayern, Urteil vom 21.01.2013 – L 7 AS 381/12
BGB, § 812 Abs. 1; SGB I, § 53 Abs. 6; SGB II 2006, § 22 Abs. 4, 7; SGB X, §§ 44, 45, 48, 50 Abs. 1, 3 S. 2
1. Ein Vermieter, dem das Jobcenter die Wohnungsmiete gem. § 22 Abs. 7 SGB II direkt überweist, erhält dadurch keinen Leistungsanspruch, nur eine Emp-fangsberechtigung. Durch die Direktzahlung an den Vermieter erbringt das Jobcenter eine Leistung an den Leistungsberechtigten, dem das Arbeitslosen-geld II bewilligt wurde.*
2. Wenn die Leistungsbewilligung rechtswidrig ist oder wird, kann das Jobcenter den Bescheid zurücknehmen oder aufheben und von den Leistungsberechtig-ten die Erstattung der an den Vermieter überwiesenen Miete verlangen. Den Vermieter kann das Jobcenter nicht gem. § 50 SGB X durch Verwaltungsakt zur Erstattung der Miete verpflichten.
3. Die §§ 44 ff. SGB X sind ein geschlossenes System für die Aufhebung und Er-stattung von zu Unrecht erbrachten Leistungen im Verhältnis zum Leistungsbe-rechtigten und schließen einen öffentlich-rechtlichen Erstattungsanspruch ge-genüber dem Leistungsberechtigten aus.*
Ein Mieter erhält Leistungen nach dem SGB II (Hartz IV). Das Jobcenter zahlt die Miete direkt an den Vermieter. Das Jobcenter hebt für ei-nen Monat die Bewilligung per Bescheid ge-genüber dem Mieter auf. Ebenso verlangt das Jobcenter vom Vermieter die für diesen Monat gezahlte Miete zurück. Der Vermieter kommt der Aufforderung des Jobcenters nicht nach. Daraufhin erhebt das Jobcenter Klage. Das Sozialgericht weist die Klage ab. Dagegen richtet sich die Berufung des Jobcenters.
Ohne Erfolg! Dem Jobcenter steht kein öffentlich-rechtlicher Erstattungsanspruch zu. Nach den allgemeinen Grundsätzen des Verwaltungsrechts, insbesondere dem Prinzip der Gesetzesmäßigkeit der Verwaltung ist beim öffentlich-rechtlichen Erstattungsanspruch eine Analogie zu den §§ 812 ff. BGB vorzunehmen. Ein etwaiger öffentlich-rechtlicher Erstattungsanspruch besteht aufgrund des Vorrangs der Leistungskonditionen nicht. Bereicherungsrechtliche Leistungsbeziehungen, die nach §§ 812 ff. BGB abzuwickeln wären, bestehen bei dieser Konstellation zum einen im Verhältnis Jobcenter zu Mieter (Deckungsverhältnis), zum anderen im Verhältnis Mieter zu Vermieter (Valutaverhältnis). Erfolgt die Vermögensschiebung wie vorliegend durch Leistung, also aufgrund bewusster und zweckgerichteter Vermehrung fremden Vermögens ist nach den Grundsätzen zu § 812 Abs. 1 S. 1 Alternative 1 BGB der Vorrang der Leistungsbeziehung zu beachten. Dies bedeutet, dass der Gläubiger des Erstattungsanspruches wegen desselben Gegenstandes keinen Anspruch auf Bereiche-rung in sonstiger Weise (§ 812 Abs. 1 S. 1 Alternative 2 BGB) gegen einen Dritten haben kann. Deshalb kommt in einer Dreierkonstellation, sofern es in einer Rechtsbeziehung in einem rechtlichen Grund für die erbrachte Leistung fehlt, ein Erstattungsanspruch grundsätz-lich nur zwischen den in dieser Rechtsbezie-hung Beteiligten in Betracht (Pahlandt /Sprau, BGB, 72. Auflage 2013, § 812 Rnr. 7, 54 ff., 63, ff.). Dieser Vorrang der Leistung vor der Eingriffskoordination bejaht auch das Bundes-sozialgericht (BSG, Urteil vom 28.08.2008, B 8 SO 23/07). Deshalb war die Klage abzuweisen.
Das Landessozialgericht prüft das Ergebnis selbst auf Praxistauglichkeit. So führt es rich-tigerweise aus, dass es nur schwer vorstellbar sei, dass ein Vermieter, der eine Direktzahlung nach § 22 Abs. 7 SGB II erhält, im Wege des öffentlich-rechtlichen Erstattungsanspruches die Risiken der Behörde zu übernehmen hat, die in einer Leistungsbewilligung enthalten sein können.
SG Leipzig hält gesetzliche Regelung des zu den Kosten der Unterkunft (§ 22 I 1 SGB II) für verfassungswidrig!
Urteil des Sozialgerichts Leipzig vom 15.2.2013 mit dem Aktenzeichen S 20 AS 2707/12
Die Beteiligten streiten um Leistungen für Unterkunft und Heizung nach dem SGB II.
Der 49-jährige, alleinstehende Kläger ist schon seit geraumer Zeit erwerbslos und bezieht Alg-II. Ende des Jahres 2011 wurde er obdachlos. Mitte März 2012 kam es zwischen dem Kläger und der Wohnungsbau-Genossenschaft „K…“ zum Abschluss eines Mietvertrages über eine Wohnung in der B…-Straße in L... Dies teilte der Kläger dem Beklagten mit Schreiben vom 21.03.2012 unter Vorlage des Mietvertrages mit. Der danach ab 01.06.2012 zu zahlende Mietzins belief sich -einschließlich Nebenkostenvorauszahlung- auf monatlich 342,41 € (§§ 2; 3 des Mietvertrages). Am 11.07.2012 erließ der Beklagte einen Bescheid, mit dem er dem Kläger im genannten Zeitraum für Unterkunft und Heizung nicht die vollständige Kosten der Unterkunft und Heizung, sondern monatlich nur 303,90 € bewilligte. Dagegen richtet sich die vorliegende Klage.
Das Sozialgericht Leipzigsieht dies anderes und gibt dem Hartz 4 Empfänger Recht!
Der Kläger kann für die Zeit vom 01.06. bis 31.08.2012 für Unterkunft und Heizung höhere Leistungen beanspruchen, als ihm vom Beklagten bislang bewilligt und gewährt wurden. Als Bedarf für Unterkunft und Heizung sind die tatsächlichen Aufwendungen anzuerkennen. Tatsächlich hat der Beklagte dem Kläger jedoch für Unterkunft und Heizung im streitigen Zeitraum monatlich nur 303,90 €, mithin 98,51 € zu wenig, bewilligt. Der Leistungsanspruch des Klägers war nicht auf den bewilligten Betrag von 303,90 € begrenzt. Denn die tatsächlichen Unterkunftskosten waren angemessen im Sinne von § 22 Abs. 1, S.1, 2. HS SGB II. Was insoweit unter Angemessenheit zu verstehen ist, darüber besteht derzeit Unsicherheit. Der Gesetzgeber selbst hat den Begriff nicht näher definiert oder konkretisiert, weder im SGB II noch andernorts. Die Dokumente zur Entstehungsgeschichte des SGB II geben ebenfalls nur wenig her. Ihnen ist lediglich zu entnehmen, dass sich der Begriff der Angemessenheit am Maßstab der bis dahin geltenden Sozialhilfepraxis – nach dem BSHG – orientieren soll (BT-Drucks. 15/1516, S. 57). Entgegen der -ursprünglichen- gesetzgeberischen Vorstellung (vgl. BT-Drucks. a.a.O.) wurde jedoch nach Einführung des SGB II von der sozialgerichtlichen Rechtsprechung ein anderer Weg beschritten und bei der Frage nach der Angemessenheit der Unterkunftskosten auf die Werte der Wohngeldtabelle nach dem Wohngeldgesetz (WoGG) zurückgegriffen (u.a. LSG Niedersachsen-Bremen, Urteil vom 23.03.2006, Az.: L 8 AS 388/05). Dem hat jedoch das Bundessozialgericht (BSG) in der Folge eine Absage erteilt. Die Frage der Angemessenheit sei vielmehr in mehreren Schritten, nämlich anhand des Produkts aus Wohnfläche, Wohnungsstandard und Höhe des Mietzinses zu bestimmen (u.a. BSG, Urteil vom 07.11.2007, Az.: B 7b AS 10/06 R; Urteil vom 07.11.2006, Az.: B 7b AS 18/06 R; ebenso Berlit in: LPK-SGB II, 4. Auflage, § 22, Rdnr. 40 ff; ferner Lang/Link in: Eicher/Spellbrink, SGB II, 2. Auflage, § 22, Rdnr. 41 ff.). Dafür sei auf die Gegebenheiten am Wohnort des Hilfebedürftigen abzustellen. Zu deren Feststellung müsse der Grundsicherungsträger auf hinreichend zuverlässiges Datenmaterial zurückgreifen, z.B. einen qualifizierten Mietspiegel oder ein sogenanntes „schlüssiges Konzept“. Nur wenn keine derartigen Erkenntnisquellen vorhanden seien, dürfe auf die Werte nach dem WoGG zurückgegriffen werden (u.a. BSG, Urteil vom 19.03.2008, Az.: B 11 b AS 43/06 R; Urteil vom 18.06.2008, Az.: B 14/7 b AS 44/06 R; Urteil vom 22.09.2009, Az.: B 4 AS 18/09 R; Urteil vom 17.12.2009, Az. B 4 AS 50/09 R).
Es muss aber die Frage aufgeworfen werden, ob sie tatsächlich (noch) dem erklärten Willen des Gesetzgebers entspricht. Denn das Bundesministerium für Arbeit und Soziales verweist in der neuesten Ausgabe (Januar 2013) seiner Broschüre „Grundsicherung für Arbeitssuchende – SGB II – Fragen und Antworten“ (siehe: http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen/a430-grundsicherung-fuer-arbeitsuchende-sgb-ii.pdf?__blob=publicationFile – Seite 81, Ziff. 66) zur Frage der Angemessenheit von Unterkunftskosten selbst auf das WoGG. Die erkennende Kammer vermag sich aber letztlich aus folgenden Überlegungen der derzeitigen Rechtspraxis nicht anzuschließen.§ 22 Abs. 1, S. 1 SGB II genügt nicht den verfassungsrechtlichen Anforderungen. Das Gesetz duldet nämlich an dieser Stelle keine Unbestimmtheit. Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat in seinem Urteil vom 09.02.2010 (Az. 1 BvL 1/09; 1 BvL 3/09; 1 BvL 4/09) ausgeführt: „…Die Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums muss durch einen gesetzlichen Anspruch gesichert sein (Rn.136)…Der gesetzliche Leistungsanspruch muss so ausgestaltet sein, dass er stets den gesamten existenznotwendigen Bedarf jedes individuellen Grundrechtsträgers deckt. Wenn der Gesetzgeber seiner verfassungsmäßigen Pflicht zur Bestimmung des Existenzminimums nicht hinreichend nachkommt, ist das einfache Recht im Umfang seiner defizitären Gestaltung verfassungswidrig (Rn. 137)…Der Umfang des Anspruchs…ist danach vom Gesetzgeber konkret zu bestimmen…Ihm obliegt es, den Leistungsanspruch in Tatbestand und Rechtsfolge zu konkretisieren (Rn. 138)... Zur Konkretisierung des Anspruchs hat der Gesetzgeber alle existenznotwendigen Aufwendungen folgerichtig in einem transparenten und sachgerechten Verfahren nach dem tatsächlichen Bedarf, also realitätsgerecht, zu bemessen (Rn. 139)…“.
Daraus folgt: Es ist weder Aufgabe der Verwaltung noch der Rechtsprechung die Höhe bzw. den Umfang des sich aus § 22 Abs. 1 Satz 1 SGB II ergebenden Leistungsanspruchs zu bestimmen. Dies ist allein Sache des Gesetzgebers und zwar, da es sich beim SGB II um Bundesrecht handelt, primär des Bundesgesetzgebers. Denn auch die Leistungen für Unterkunft und Heizung gehören mit zum existenznotwendigen Bedarf. Letzteres ist dem Gesetzgeber durchaus bewusst (siehe BT-Drucks. 17/3404, Seite 42 – 44). Die derzeit geltende Regelung ist jedoch als gesetzliche Grundlage für einen individuellen Sozialleistungsanspruch in Tatbestand und Rechtsfolge gerade nicht hinreichend bestimmt. Denn ließen sich angemessene Kosten ebenso einfach und klar bestimmen wie tatsächliche Kosten, gäbe es nicht schon seit Jahren die andauernde Flut von Rechtsstreitigkeiten um die von den Leistungsträgern anzuerkennenden Unterkunftskosten. Auch dies ist dem Gesetzgeber bewusst (BT-Drucks. 17/3404, Seite 44 und 99). Durch die Satzungslösung (§§ 22 a – c SGB II) ist bislang noch keine Abhilfe geschaffen. Die oben zitierten Forderungen des BVerfG sind dadurch weder konsequent noch umfassend umgesetzt (so aber BT-Abgeordneter Dörflinger, CDU-CSU-Fraktion, Rede vom 27.09.2012 zu Kosten der Unterkunft und Heizung). Die eigentliche Problemlösung, die Konkretisierung des sich aus § 22 Abs. 1 S. 1 SGB II ergebenden Anspruchs, ist nur verschoben, nämlich auf die nachgeordneten Gesetzgebungsinstanzen, die Länder und Kommunen. Ob auch sie als „der Gesetzgeber“ im Sinne der oben zitierten Entscheidung des BVerfG anzusehen sind, kann hier dahinstehen. Denn jedenfalls hat der Freistaat Sachsen hat von der Ermächtigung nach § 22 a SGB II -soweit ersichtlich- bislang keinen Gebrauch gemacht. Allein die sächsische VwV-Wohnflächenhöchstgrenzen vom 07.06.2010 führt nicht weiter. Denn sie verhält sich ausschließlich zum Wohnflächenbedarf, aber nicht zum Unterkunftsbedarf insgesamt.
Deshalb kann auch dahinstehen, ob die vom Beklagten derzeit zur Bemessung der Unterkunftskosten von Alg-II-Empfängern herangezogene städtische Richtlinie den Anforderungen an ein „schlüssiges Konzept“ genügt.
Bis zum Vorliegen eines vom BVerfG geforderten, hinreichend konkreten Gesetzes zum existenznotwendigen Unterkunftsbedarf stellt sich für die Rechtsprechung und Verwaltung nur die Frage, ob und ggf. wie § 22 Abs. 1, S. 1 SGB II verfassungskonform ausgelegt werden kann (Benda/Klein, Verfassungsprozessrecht, 2. Auflage, Heidelberg 2001, Seite 531, Rn. 1284 ff). Eine verfassungskonforme Interpretation ist aus Sicht der Kammer möglich. Denn die Regelung erscheint nicht insgesamt verfassungswidrig. Verfassungswidrigkeit ist der Ausnahmefall, wenn der Gesetzesverstoß evident ist (Hesse, Grundzüge des Verfassungsrechts der Bundesrepublik Deutschland, 20. Auflage, Heidelberg 1999, Seite 31 mit Verweis auf BVerfGE 9, 167, 174 sowie BVerfGE 12, 281, 296). § 22 Abs. 1 S. 1 SGB II ist jedoch nicht völlig unklar bzw. unbestimmt. Die Vorschrift wird es nur durch den angehängten zweiten Halbsatz. Erst dieser stellt den sich aus dem ersten Halbsatz zunächst eindeutig ergebenden Leistungsanspruch wieder in Frage. Allerdings kann der zweite Halbsatz, nicht vollständig außer Acht gelassen werden. Damit wäre die Grenze verfassungskonformer Auslegung überschritten. Der Regelung wäre inhaltlich ein gänzlich anderer Wortlaut gegeben, der zudem dem erkennbaren Willen des Gesetzgebers ersichtlich zuwiderliefe (BVerfGE 54, 277, 299; BVerGE 90, 263, 275). Denn über das Tatbestandsmerkmal der Angemessenheit wollte der Gesetzgeber den Leistungsanspruch ersichtlich der Höhe nach begrenzen. Dem folgend legt die Kammer die Vorschrift so aus, dass vorrangig der Teil maßgeblich ist, der den verfassungsrechtlichen Vorgaben genügt. Das ist der erste Halbsatz, der auf die tatsächlichen Kosten abstellt. Der verbleibende Teil, der defizitäre zweite Halbsatz, ist lediglich in Ausnahmefällen heranzuziehen. Er kann vorläufig nur als eine Art Korrektiv dienen, nämlich dann, wenn die Unterkunftsverhältnisse bzw. -kosten in einem offensichtlichen Missverhältnis zu den sonstigen Lebensumständen des Alg-II-Empfängers stehen. Mit anderen Worten: Das Maß ist überschritten, wenn Empfänger von Sozialleistungen in Luxusunterkünften wohnen. Bewegen sich die Unterkunftsverhältnisse bzw. -kosten hingegen im gewöhnlichen, d.h. durchschnittlichen Rahmen, sind sie vollständig zu übernehmen (ähnlich: SG Mainz, Urteil vom 08.06.2012, Az. S 17 AS 1452/09). Im vorliegenden Fall sind die Kosten des Klägers, die dieser im fraglichen Zeitraum für seine Wohnung aufzuwenden hatte, vollständig zu übernehmen, weil weder die Wohnung als solche noch die zu zahlende Miete in einem auffälligen Missverhältnis zu seinen sonstigen Lebensumständen standen. Insoweit bedarf es in tatsächlicher Hinsicht, namentlich in Bezug auf Lage, Größe und Ausstattung der Wohnung, keiner weiteren Feststellungen mehr. Dass kein evidentes Missverhältnis vorliegt, zeigt schon der Vergleich zwischen der Höhe der laut Mietvertrag geschuldeten Miete im Vergleich zum Höchstbetrag gemäß § 12 WoGG. Letzterer beläuft sich, da die Stadt L... dort zur Mietenstufe III gehört, für einen Ein-Personen-Haushalt auf 330,00 €. Die Differenz zur Kaltmiete des Klägers (einschließlich Nebenkosten) beträgt also gerade mal 12,41 €. Dies stellt keinen Fall augenfälliger Unangemessenheit dar.
Keine Minderung des Bedarfs bei nicht geflossenen (fiktiven) Einnahmen!
Urteil des Bundessozialgericht vom 29.11.2012 mit dem Aktenzeichen B 14 AS 161/11 R
Am 19.4.2007 schloss der Kläger (Hartz 4 Empfänger) mit einer anderen Person einen Untermietvertrag, wonach für das halbe Zimmer der Wohnung (ca 8 qm) 211 Euro monatlich gezahlt werden sollten, also die Hälfte der Kaltmiete und der kalten Betriebskosten. Der Untermieter zahlte den Mietzins an den Kläger nicht, obwohl ihm - dem Untermieter - zumindest teilweise Leistungen für die Kosten der Unterkunft und Heizung durch den Beklagten bewilligt worden waren. Der Kläger kündigte den Untermietvertrag und der Untermieter zog aus, ohne den geschuldeten Mietzins zu zahlen. Der Kläger machte seine Mietzinsansprüche nicht gerichtlich geltend. Im Juni 2007 erhielt der Beklagte (Jobcenter) Kenntnis davon, dass der Vermieter am 19.4.2007 die Erlaubnis für die Untervermietung erteilt hatte. Am 15.6.2007 stellte der Kläger einen Antrag für den folgenden Bewilligungsabschnitt und gab dabei an, dass sich hinsichtlich der Kosten der Unterkunft und Heizung keine Änderung ergeben habe. Bei einem Vorsprachetermin am 17.7.2007 bat der Kläger den Beklagten, die Miete voll zu berücksichtigen, da sein Mitbewohner ohne Vorankündigung ausgezogen sei und seinen Mietanteil nie gezahlt habe. Mit Bescheid vom 23.7.2007 hob der Beklagte den Bescheid vom 5.3.2007 für die Zeit vom 1.4. bis 30.6.2007 teilweise in Höhe von 543,59 Euro auf und begründete dies mit der Untervermietung in der Zeit vom 19.4. bis 15.7.2007. Der Kläger habe in dieser Zeit nur einen Anspruch auf die halbe Miete gehabt, was er habe wissen müssen. Der zu Unrecht gezahlte Betrag werde zurückgefordert. Auf den Widerspruch des Klägers forderte der Beklagte mit Bescheid vom 27.9.2007 Leistungen für die Zeit vom 19.4.2007 bis zum 15.7.2007 zurück, insgesamt aber lediglich noch in Höhe von 492,85 Euro, weil im Bescheid vom 23.7.2007 versehentlich weniger als die Hälfte der Kaltmiete berücksichtigt worden sei. Mit Widerspruchsbescheid vom 2.10.2007 setzte der Beklagte einen Erstattungsbetrag in Höhe von 368,14 Euro fest. Der Widerspruch im Übrigen blieb ohne Erfolg.
Die dagegen erhobene Klage ist in beiden Instanzen ohne Erfolg geblieben (Urteil des Sozialgerichts Itzehoe vom 25.2.2010; Urteil des Schleswig-Holsteinischen Landessozialgerichts <LSG> vom 12.4.2011).
Das Bundessozialgericht sieht dies anderes und gibt dem Hartz 4 Empfänger Recht!
Eine Bescheid kann für die Vergangenheit gem § 48 Abs 1 Satz 1 SGB X nur dann aufgehoben werden, wenn eine wesentliche Änderung in den tatsächlichen oder rechtlichen Verhältnissen eingetreten ist. Dies ist vorliegend nicht der Fall
Die tatsächliche Nutzung der Wohnung durch zwei Personen führt vorliegend nicht zu einer Änderung der wesentlichen Verhältnisse, die bei Bewilligung der Kosten der Unterkunft und Heizung auf Grundlage des § 22 Abs 1 Satz 1 SGB II vorgelegen haben. Zutreffend ist das LSG davon ausgegangen, dass die tatsächlich gegenüber dem Vermieter angefallenen Aufwendungen für Unterkunft und Heizung nicht zwischen dem Kläger und dem Untermieter nach Kopfteilen aufzuteilen sind (zur Aufteilung nach Kopfteilen BSG vom 23.11.2006 - B 11b AS 1/06 R - BSGE 97, 265 = SozR 4-4200 § 20 Nr 3, RdNr 28; BSG vom 27.2.2008 - B 14/11b AS 55/06 R - SozR 4-4200 § 22 Nr 9 RdNr 18 f = SGb 2010, 163 ff; BSG vom 18.6.2008 - B 14/11b AS 61/06 R - SozR 4-4200 § 22 Nr 12 = SGb 2009, 614 ff; BSG vom 27.1.2009 - B 14/7b AS 8/07 R - SozR 4-4200 § 21 Nr 4 RdNr 19; BSG vom 24.2.2011 - B 14 AS 61/10 R - SozR 4-4200 § 22 Nr 44 RdNr 18). Hintergrund für das auf das Bundesverwaltungsgericht (vom 21.1.1988 - 5 C 68/85 - BVerwGE 79, 17) zurückgehende "Kopfteilprinzip" sind Gründe der Verwaltungsvereinfachung sowie die Überlegung, dass die gemeinsame Nutzung einer Wohnung durch mehrere Personen (regelmäßig Familienangehörige) deren Unterkunftsbedarf dem Grunde nach abdeckt und in aller Regel eine an der unterschiedlichen Intensität der Nutzung ausgerichtete Aufteilung der Aufwendungen für die Erfüllung des Grundbedürfnisses Wohnen nicht zulässt. Wie der Senat bereits entschieden hat, liegt eine solche Situation nicht vor, wenn der Nutzung durch mehrere Personen bindende vertragliche Regelungen zugrunde liegen (BSG vom 18.6.2008 - B 14/11b AS 61/06 R - SozR 4-4200 § 22 Nr 12 RdNr 19; BSG vom 29.11.2012 - B 14 AS 36/12 R - zur Veröffentlichung in SozR vorgesehen, RdNr 28). Dies ist nach den Feststellungen des LSG vorliegend aber der Fall.
Allein durch die rechtliche Verpflichtung eines Untermieters zur Zahlung des Mietzinses an den Hauptmieter verändern sich die für die Bewilligung von Leistungen für Unterkunft und Heizung maßgeblichen tatsächlichen Verhältnisse nicht, weil allein durch den Vertragsschluss am 19.4.2007 die dem Vermieter geschuldeten und damit grundsätzlich (im Rahmen ihrer Angemessenheit) zu berücksichtigenden Unterkunftskosten nicht berührt werden. Der Untermietvertrag setzt die rechtliche Verpflichtung des Hauptmieters zur Zahlung des vollen Mietzinses gegenüber seinem Vermieter nicht außer Kraft. Daran ändert insbesondere die vorliegend eingeholte Erlaubnis zur Untervermietung (vgl § 540 Bürgerliches Gesetzbuch) nichts, denn sie bezieht sich nur darauf, dass weitere Personen außer denen im Mietvertrag genannten die Wohnung nutzen dürfen. Sie schafft dagegen keinen Anspruch des Vermieters gegenüber dem Untermieter auf Zahlung von (Teilen der) Miete. Eine Minderung der vom Kläger tatsächlich zu erbringenden Mietzahlungen und damit die Senkung seines Bedarfs für Unterkunft und Heizung ist allein mit dem Abschluss eines Untermietvertrags zum Zwecke der Kostensenkung nicht verbunden.
SG Itzehoe - S 13 AS 397/07 -
Schleswig-Holsteinisches LSG - L 6 AS 37/10 -
Bundessozialgericht - B 14 AS 161/11 R -
Quelle: www.bundessozialgericht.de

References: § 22
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 § 812
 § 53
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 § 22
 § 50
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 § 12
 § 48
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 § 540