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Timestamp: 2020-02-29 12:40:51+00:00

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Geist und Gegenwart: Freiheit oder Arbeit - Hannah Arendt und das BGE
8. Juni 2012 Tweet
Als das Private noch nicht politisch war... Claudia Schmoll von lumen versucht einen anderen Blick auf das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) und zwar durch die Augen Hannah Arendts und mit Hilfe des antiken Freiheitsbegriffes, der mit Arbeit und Individualismus noch unvereinbar war. Bereits zuvor hatten wir mit Nietzsche festgestellt, dass wir manchmal dumm wie Steine sind, wenn wir den Lebenssinn lediglich in Arbeit suchen. Schmoll zeigt uns mit Arendt, wie Arbeit und aktives Leben einander sogar ausschließen können. Aber lesen Sie selbst...
In Hannah Arendts "Vita activa oder Vom tätigen Leben“ geht es um die Bedeutung des Tätigseins für den Menschen. Arendt untersucht, was hinter den Begriffen arbeiten, produzieren und handeln steckt. Handeln meint hier nicht die Tätigkeit von Kauf und Verkauf, sondern das aktive Handeln, eine dem Menschen eigens vorbehaltene Fähigkeit, die ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Um das zu verstehen, muss man einen Blick in den Denkraum Arendts werfen. Als Schülerin von Jaspers und Heidegger knüpft sie an die alte Schule der griechischen Philosophie an, die mit ihrem Verständnis von polis als Begriff der vollkommenen Gemeinschaft einen der Grundsteine für das gelegt hat, was heute unter Politik verstanden wird. Aber der Reihe nach: Von Platon stammt die Überlegung der Trennung von öffentlichem und privatem Raum. Im privaten Raum lebt der private Mensch, der hier zweckgebunden die Tätigkeiten ausführt, die dazu dienen, seinen Lebenserhalt zu sichern: Er arbeitet, ob als Bauer, als Magd, als Sklave oder als Ehegattin am häuslichen Herd. Des Weiteren kann er produzieren, wobei das Herstellen immer ebenso zweckgebunden bleibt wie die Arbeit. Das ist der private Bereich eines Menschen, hier soll er unbehelligt von Politik agieren können, er bleibt unsichtbar, eben privat, hier gehen die Dinge niemanden etwas an, nicht einmal die häusliche Gewalt. Im Gegensatz dazu steht der öffentliche Raum, in dem der freie Mensch, der seine Arbeit getan hat – oder sie nicht tun muss, weil er Sklaven hat – sein öffentliches Wesen offenbaren kann. Er betritt die polis, den Raum der öffentlichen Gemeinschaft, ein freier Raum unter Gleichen, wo er öffentlich sichtbar wird. Dieses Sichtbarwerden der Persönlichkeit vollzieht sich dann durch Sprechen und Handeln in der Öffentlichkeit: Und so wird der Mensch politisch. Politische Tätigkeit wird hier als eine Aktivität im Gemeinwesen, im Gruppenkontext gesehen und hat wenig mit der parteipolitischen Cliquenwirtschaft gemein, in der sich heute das Politikverständnis erschöpft.
"Aufgabe und Zweck der Politik ist die Sicherung des Lebens im weitesten Sinn. Sie ermöglicht dem Einzelnen, in Ruhe und Frieden seinen Zwecken nachzugehen, das heißt, unbehelligt von Politik zu sein..."1
Dieser politische Mensch ist bei Hannah Arendt nur im Zusammenhang mit dem Begriff Freiheit zu denken. Freiheit in der Antike bedeutete, aus sich heraus, selbst gewählt zu handeln, ohne die Verpflichtung der Sicherung des Lebensunterhalts zu haben. Denn solange ein Mensch der Notwendigkeit unterliegt zu arbeiten, ist er insofern unfrei, als dass die Arbeit zweckgebunden seine Existenz sichern muss. Wahrhaft frei ist im Sinne von Aristoteles nur, wer frei über seine Zeit und seinen Aufenthaltsort bestimmen kann.2 Im Raum dieser Freiheit ist der Mensch erst in der Lage zweckfrei zu handeln, also einen Anfang zu machen. Dieses antike Verständnis von Freiheit ist in den Hintergrund getreten und wird heute von einem Begriff verdeckt, der Freiheit als das höchste Gut mit Willensfreiheit gleichsetzt und als Wahlmöglichkeit zwischen Gut und Böse begreift. Diese Freiheit zielt aber – im Gegensatz zur antiken Freiheit – weg von der Öffentlichkeit und hin zum Privaten. Im Privaten aber ist keine Politik und kein Handeln in Arendts Sinn möglich.3
Spinnt man diesen Faden weiter, dass Freiheit mehr ist, als "ja" und "nein" zu sagen oder beim Wahltag ein Kreuzchen zu machen, dann eröffnet sich die Frage, wie frei wir als Menschen in einer Demokratie tatsächlich sind. Nach Arendt kann die Freiheit zu handeln nur im Zusammensein mit anderen erlebt werden. Für sie kann Freiheit immer nur im Bezug zu anderen Menschen gelebt werden, in dem sie alle frei sind, wenn sie in einer öffentlichen, einer gleichen Beziehung zueinander stehen. Mit sich selbst alleine, im Privaten, kann man keine wirkliche Freiheit erleben. Arendts Schlussfolgerung ist, dass diese ausschließlich dem Menschen mögliche Freiheit somit in nichts anderem als im Bereich des Handelns und damit im Politischen zu verwirklichen ist. Diese Freiheit kann immer erst dann stattfinden, wenn um die Erhaltung der Art und des Lebens Sorge getragen ist.4
Und hier kommen wir zum Schnittpunkt von Freiheit und dem bedingungslosen Grundeinkommen. Das BGE wäre die Art von Sicherung, die jedem Menschen ein gleiches Grundeinkommen zugestehen würde, damit die verlässliche finanzielle Absicherung von Geburt an für jeden und in der Folge das Tor zur Freiheit, öffentlich aktiv zu handeln. Es würde die Wahlfreiheit mit sich bringen, das Basis-Einkommen temporär oder dauerhaft als alleiniges finanzielles Mittel zu nutzen oder als verbürgtes Einkommen, das durch eine weitere Erwerbstätigkeit aufgebessert werden kann. Die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen finanziellen Mittellosigkeit fiele damit weg. Die Grundsicherung würde eine "gesellschaftliche Verlässlichkeit" darstellen und den Menschen von einiger Existenzangst befreien.5 Das Schreckgespenst des Existenzverlusts könnte im Sinne von Arendt auch als Gewalt im privaten Raum gesehen werden.
"Ein Klima der Verantwortung lässt so etwas wie soziales Vertrauen entstehen, soziale Fantasie, Freiräume werden geöffnet; der Mut zu Experimenten wird gefördert; da die Erpressbarkeit des Menschen sinken würde, würde auch die Veränderungsbereitschaft der Menschen zunehmen."6
Arendt, Hannah (1993) Was ist Politik? München: Piper. S. 36
Arendt, Hannah (2007) Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper. 22ff.
Arendt, Hannah (1993) Was ist Politik? München: Piper. S. 34/35
Arendt, Hannah (1994) Zwischen Vergangenheit und Zukunft - Übungen im politischen Denken I. München: Piper. S. 201)
Büchele, Herwig (1986) Auf dem Weg zu einer gastfreundlicheren Gesellschaft. Zur linken Kritik am Mindesteinkommen. In: Schmid, Thomas (Hrsg.) Befreiung von falscher Arbeit S. 71 – 82. Berlin: Wagenbach. S. 78
a.a.O. S. 79
>> Mehr zu Arbeit, Fachliteratur, Gastbeitrag, Menschheit, Philosophie
Anonym 9. Juni 2012 um 09:26
Danke für diesen Artikel, der ein weitere Baustein ist, den Sinn eines Bedingungslosen Grundeinkommens darzulegen.
Ich hatte im letzten Jahr das Thema schon einmal im Zusammenhang des immer perfider wirkenden Lobbyismus angesprochen:
Wenn wir ein Grundeinkommen hätten, bräuchten wir keine Lobbyisten mehr
Anonym 9. Juni 2012 um 14:20
Ich bin sehr einverstanden, dass einmal ohne Rechnerei über das BGE nachgedacht wird, auch dass es vom Aspekt des Freiheitsbegriffs getan wird. In diesem positiven Sinne ist der Gedanke so nachvollziehbar, um die wirtschaftliche Seite sollten sich die Ökonomen kümmern, und zwar einmal ernsthaft.
Dem gegenüber steht auf der anderen Seite die Frage der Verantwortung des einzelnen für sein Leben und die Art und Weise, wie eine solche radikal gewandelte Gesellschaft aussehen könnte. Das gilt zum einen für die Frage der Kinder und den Bildungseinrichtungen, es gilt für die Frage nach Zeiten, in denen soziale Aufgaben obligatorisch sein müssten, und es gilt nachzudenken, wie Freiheit in Verantwortung möglich ist, und zwar so, dass nicht das Nachmittagsfernsehen der kulturelle Stand einer solchen Gesellschaft ist. Und vieles mehr.
Geist und Gegenwart 9. Juni 2012 um 18:21
Ich sehe diese Gefahren und Herausforderungen ganz so, wie UKaiser sie hier darlegt... und das sind sicher nicht einmal alle (denken wir z.B. nur an die Rechnerei).
Es sollte möglich sein, den Begriff Arbeit von seiner heutigen Fetischisierung zu befreien und andere Tätigkeiten Teile der heute von der Erwerbsarbeit eingenommenen Bedeutungen übernehmen zu lassen. Siehe Altenbetreuung etc.
Ich bin hin und hergerissen zwischen dem Optimismus, dass die Leute schon wissen, was gut und richtig für sie ist, selbst wenn man sie nicht den ganzen Tag ins Büro sperrt und der Skepsis, ob nicht doch viele einfach vor dem Fernseher landen.
Aber selbst dann... vielleicht sollten wir sie lassen und uns jenseits moralischer Bedenken eher darum kümmern, ob Erwerbsarbeit so weitergehen kann wie bisher und welches Modell besser sein könnte.
In dem Zusammenhang muss ich an einen FAZ-Artikel denken, den ich kürzlich gelesen hatte, und dessen Inhalt mir heute vor dem Pfandflaschenautomat im Supermarkt plötzlich glasklar überzeigend vor Augen stand. Vor zehn Jahren hat da eine Frau den ganzen Tag gestanden und Flaschen entgegen genommen. Ich denke, es ist gut, dass sie das heute nicht mehr muss. Aber sie hat eben nicht nur das getan, sondern auch in Sozialkassen eingezahlt, Steuern gezahlt etc. Müssten wir solche Maschinen nicht besteuern und ebenso in die Sozialkassen einzahlen lassen, damit unser Sozialsystem überlebt? Wäre das ein kritischer Baustein dafür, dass das BGE auch vor dem Taschenrechner besteht?
Claudia Schmoll 10. Juni 2012 um 21:55
Ich denke, es braucht beides: Den Taschenrechner (Ausgaben für Rente + Arbeitslosigkeit + Kindergeld + "Automatisierungsdiviende?" + ?) UND eine verantwortungsvolle Bildung, nicht nur der Kinder, auch der Erwachsenen - am besten, dass Leben = Lernen bedeutet. Nur dann, und da gehe ich mit Herrn Kaiser konform, kann Freiheit zu mehr genutzt werden als am Wahltag ein Kreuzchen zu machen.
Verloren gegangene Beschäftigungen wie die/den Pfandflaschenfrau/-mann, die Leute, die in meinem Büro, wo ich die Lehre gemacht habe, Blumen gegossen und Botengänge erledigt haben, die die Zeitungen manuell gebündelt haben im Verlag u.s.w. beschäftigen mich auch. Aber soziale Verantwortung muss gelernt werden - und dann sind wir wieder beim Thema "Bildung". Aber es sind ja nicht nur die Sozialversicherungsbeiträge, die fehlen. In dem FAZ-Artikel steht im letzten Absatz "Arbeit ist für die meisten Menschen nicht nur Broterwerb, sie trägt auch einen erheblichen Teil zum Selbstwertgefühl und zur Strukturierung des Lebens bei." Ich denke, das ist das Wichtige: Ein BGE würde das Leben sichern ohne zu stigmatisieren und auszuschließen, eine Beschäftigung sichert zum Teil den Wert, den wir dem eigenen Leben beimessen, und die Tagesstruktur. Zusammen mit einer verantwortungsvollen Bildung könnte das ein Grundstein für eine neue Gesellschaft sein.
Anonym 12. Juni 2012 um 20:50
Schreiben eigentlich Männer anders als Frauen, oder welche Vermutung ordnet mich der "Herrlichen" Spezies zu?
Davon abgesehen und zur Bildungsfrage, die ich eigentlich um die Erziehungsfrage, und zwar die gesellschaftliche, nicht nur die familien-interne erweitern möchte: Ich plädiere für einen Sozialdienst von mindestens einem Jahr nach Ende der Schule für beide Geschlechter, und dann möglichst das gleiche alle zehn Jahre wiederkehrend, egal, ob einer arbeitet oder nicht (Altenpflegerinnen, Erzieherinnen und Krankenpflegerinnen vielleicht ausgenommen?).
Und: Nur mit Ganztagsschule. Anders schaffen wir keine Chancengleichheit, Bildung sowieso nicht, da sind Unterschichtenfernsehen und andere Verlockungen zu groß.
Was Arbeit und Selbstwertgefühl angeht, so ist das nichts Biologisches, sondern eher eine Statusfrage etc. Persönlich habe ich sowieso nie verstanden, was so ein Arbeitsalltag bieten soll, der schon in überfüllten S-Bahnen beginnt (wenn sie fahren). Ohne Geldsorgen wüsste ich Sinnvolleres mit meiner Zeit anzufangen. Tucholsky hat mal an Mary Gerold geschrieben, er sei Millionär ohne Millionen. Das ist mal eine Geisteshaltung, da würde das BGE helfen - mir wenigstens.
Geist und Gegenwart 13. Juni 2012 um 15:19
"Ich plädiere für einen Sozialdienst von mindestens einem Jahr nach Ende der Schule für beide Geschlechter, und dann möglichst das gleiche alle zehn Jahre wiederkehrend, egal, ob einer arbeitet oder nicht..."
Alle 10 Jahre? Da ziehst du dir aber gleich alle Sozialismus-Ängste auf den Hals :) Ich glaube, das ist gesellschaftlich nicht durchzusetzen. Da muss man nicht in der FDP sein, um das als einen groben Eingriff ins Leben des Individuums abzulehnen. Aber bekanntlich sind solche Toleranzen dehnbar. Wenn die Rente von 65 auf 67 hochgesetzt wird, ist das de facto für die Mehrheit auch ein grober Eingriff ins Leben des Individuums.
Ganztagsschule, Arbeit und Selbstwertgefühl sehe ich auch so. Will mir nicht in den Kopf, aber ich merke schon, dass sich viele die überfüllten S-Bahnen nicht nehmen lassen würden. Vielleicht müssen wir da auch begreifen, dass wir individuell anders sind und nicht alle unseren Lebenstraum teilen (siehe auch U-Fernsehen).
Anonym 20. Juni 2012 um 12:13
Der Sozialdienst galt aber nur für den Fall eines BGE. Irgendwo muss ja auch was zurückkommen, bedingungslos hin oder her.
Und dass die FDP jammert, kommentiere ich nicht, wäre zu ordinär ;-)
Anonym 21. Juni 2012 um 19:17
Steuern zu erheben bedeutet Diebstahl. Geld jemand anderem ungefragt und unter Gewaltandrohung(Gefängnis)nehmen ist nicht Rechtens. Ein BGE kann ja in dem Sinne nur über Steuern finanziert werden. Als freier Mensch kannst Du alles tun was Du willst, so lange du die Freiheit des anderen nicht einschränkst. Sie können freiwillige Vereine gründen, die sich nach dem Prinzip des BGE für Arbeitslose stark machen. Aber das Konzept staatliches BGE widerspricht sich mit dem Begriff der Freiheit.
Geist und Gegenwart 21. Juni 2012 um 21:37
Ihre Freiheit ist die Freiheit des Stärkeren. Wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, dann müssen wir auch bereit sein, für einander zu sorgen. Dafür sind u.a. Steuern da. In dem Zusammenhang von Diebstahl reden ist großer Quatsch. Diebstahl ist ein Begriff aus dem Strafrecht (§ 242 StGB). Wenn Sie diskutieren wollen, dann müssen Sie aufpassen, nicht unredlich Begriffe durcheinander zu werfen. Vielleicht meinen Sie, dass Sie sich ungerecht behandelt fühlen, wenn man bei Ihnen Steuern erhebt. Das ist aber etwas anderes, als ein Opfer einer Straftat zu sein.

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