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Timestamp: 2018-10-16 06:45:24+00:00

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Guitarre-Schule 1802: V. Von der Fingersetzung | Gitarrenlehre
Guitarre-Schule 1802: V. Von der Fingersetzung
V. Kapitel. Von der Fingersetzung.
§ 1. Der Umfang der ersten Stufe auf der Gitarre besteht aus zwei, der Spielraum des ganzen Griffbretts aber aus drei Oktaven. Es ist hier eine genaue Sorgfalt sowohl in Rücksicht der Fingersetzung auf dem Griffbrette als auch der Berührung der Saiten mit der rechten Hand [Anschlagshand] sehr zu empfehlen.
§ 2. a) Vom Griffbrette. Die Einteilung der Finger der linken Hand auf dem Griffbrette ist im I. Kap. § 4 u. 5 angegeben. Der Daumen wird auch oft bei vollstimmigen Akkorden auf dem tiefen E mitgebraucht. Man legt diesen herum, so dass alle 5 Finger auf dem Griffbrett zu sehen sind.[1]
1te Anmerkung: Diese Lage der Finger behalte man ja unverändert bei, ausgenommen bei veränderter Applikatur [Fingersatz], sonst entstehen viele Verwechslungen der Plätze auf dem Griffbrette, wodurch das Spielen erschwert wird. Man nehme im III. Kap. Fig. 11 bis 17 hier mit zu Hilfe, wo die Fingersetzung durch die Ziffern schon angegeben wurden. Die laufenden Noten und zweistimmigen Gänge - als Terzen, Sexten, Oktaven usw. - werden im folgenden § zusammen erklärt werden.
§ 3. Die in einer ununterbrochenen Tonfolge befindlichen Noten nehme man mit der Fingersetzung wie in I. Kap. § 5. Sind noch mehr Töne auf einer Saite, z. B. auf der Chanterelle [hohe e-Saite], in der Höhe zu nehmen, so setze man nach dem zuletzt gebrauchten Finger den ersten oder Zeigefinger ein und schreite mit den übrigen Fingern eben so fort, wie im III. Kap. Fig. 7, 8, 9 [gezeigt].
[Fingersätze über den Noten für die Greifhand: 1 = Zeigefinger, 2 = Mittelfinger, 3 = Ringfinger, 4 = kleiner Finger]
Die beim Spielen der Terzen und Sexten, Oktaven usw. zu beobachtende Fingersetzung ist unter den Beispielen III. Kap. von Fig. 11 bis 17 schon angegeben. Diese übe man sorgfältig und vernachlässige nicht, die Finger bei Terzen, Sexten und Oktaven frei zu lassen, damit man die vorkommenden Zwischentöne ohne Veränderung der Finger sogleich nehmen [greifen] kann.
§ 5. Dieser § enthält die Regeln, drei- oder mehrstimmige Akkorde zu halten. Jeden Dreiklang oder vollstimmigen Akkord greife man wo möglich mit den bestimmten Fingern der angewiesenen Plätze, wie in I. Kap. § 5 [beschrieben]. Doch finden hier viele Ausnahmen und Veränderungen der Finger auf den Plätzen statt, welche in dem Kapitel von den Akkorden deutlich gezeigt sind, z. B. Fig. 18. Die hier angeführten G-, D- und A-Dur- und A-, D- und C-Moll-Akkorde usw. weichen ganz von der zuerst gegebenen Regel ab, weil sich die in den Akkorden befindlichen Töne nicht in der Entfernung von einer Stufe zur andern auf den obersten Stufen nehmen lassen (wie z. B. C-Dur, F-Dur), sondern zwei, auch drei Töne müssen auf einer Stufe nebeneinander genommen werden.
2te Anmerkung: Das hier Angeführte schränkt sich aber nur auf die ersten Bünde des Griffbretts ein, weil sich die nämlichen Akkorde in der oberen Applikatur auch mit der zuerst angeführten Lage der Finger nehmen lassen.
§ 6. Die vier-, fünf- und sechsstimmigen auseinandergesetzten Akkorde (gebrochene Harmonien, Arpeggiaturen) werden mit den nämlichen Fingern auf dem Griffbrett gegriffen, wie die zuerst angeführten Akkorde, nur dass letztere zusammen angeschlagen werden und die ersteren einen Ton nach dem anderen hören lassen.
3te Anmerkung: Dies bestimmt der folgende Paragraph näher, da es die rechte Hand angeht.
§ 7. b) Von den Saiten. Da wir auf diesem Instrumente 6 Saiten haben, und doch nur 4 oder 5 Finger der rechten Hand zum Anschlagen derselben brauchen können, so muss der Daumen oft zwei- auch dreifache Dienste tun. Er wird also zum Anschlagen des tiefen E, A, D und auch G gebraucht, je nachdem die Akkorde auseinandergesetzt sind. Doch gibt er allemal den Grundton an, wie Fig. 19 zeigt.
4te Anmerkung: Natürlich muss hier der Grundton einer zu spielenden Stelle den Anfang machen und die folgenden Töne nach diesem folgen. Fängt man mit den oberen Tönen an, so schlägt der bestimmte Finger der Saite den Ton erst an, wie in Fig. 20.
§ 8. Der zweite oder Spitzfinger [Zeigefinger] schlägt die 4te [G-Saite], der 3te die 5te, der 4te die 6te Saite (Chanterelle) an. Die hier gegebene Einteilung der Finger gilt sowohl bei auseinandergesetzten als zusammengesetzten Akkorden.
5te Anmerkung: Da die Verschiedenheit und Abwechslung der Akkorde zu groß ist, als dass man sie alle hier in Beispielen anführen könnte, so mögen einige Beispiele dazu dienen, die verschiedenen Abwechslungen der auseinandergesetzten Akkorde näher zu bestimmen. Die Ziffern über den Noten bestimmen auf dem Griffbrette die Finger der linken Hand. Die Ziffern unter den Noten zeigen die Finger der rechten Hand auf den Saiten an.
Die auf den 6 Linien [Tabulatur] befindlichen Ziffern zeigen den Platz auf dem Griffbrette und das (◻) [o] die leere Saite an. Zur Übung sind folgende Figuren aus verschiedenen Tonarten dargestellt, man gebe also genau darauf Acht.
§ 9. Fig. 21. Hier, wo nur der Daumen, der 2te und 3te Finger gebraucht wird, sieht man, dass der Daumen mit den Grundtönen wechselt, da hingegen der 2te und 3te die Töne auf den bestimmten Saiten anschlagen.
Fig. 22. Bei dieser Figur wird der 4te Finger [Ringfinger] mit zum Anschlagen des kleinen e gebraucht, die übrigen Finger wechseln auf den ihnen angewiesenen Saiten.
Fig. 23. Wenn zwei [oder] auch drei Töne übereinander stehen, wie hier, so werden die übereinander stehenden Töne zusammen angeschlagen und die folgenden [da]nach. Die Ziffern bestimmen die Finger.
§ 10. Fig. 24. Diese Akkorde werden mit dem 1ten, 2ten, 3ten und 4ten Finger geknippen [sic!]. Steht der Grundton erst allein, so wird dieser allein mit dem Daumen und die übrigen zwei und drei Töne mit dem 2ten, 3ten und 4ten Finger nachgeschlagen. Und ebenso ist es, wenn der Akkord erst steht und der Grundton nachfolgt.
Bei 4-, 5- und 6-stimmigen Akkorden brauche man die Regeln, wie in diesem Kap. § 7 Fig. 19 zeigt, wo der Daumen die ersten 3 Saiten berührt, und der 2te, 3te und 4te Finger die folgenden. Fünf- und sechsstimmige Akkorde werden auch vorzüglich beim Schluss eines Stücks mit dem Daumen überstrichen. Dies bestimmt die Klammer vor den Noten.
§ 11. Dieser § bestimmt kürzlich noch die Fingersetzung der rechten Hand auf den Saiten bei Terzen, Sexten und Oktaven usw. unter Fig. 25. Zum Anschlagen der Terzen brauche man, sobald sie die Melodie führen, den 2ten und 3ten Finger; beim bloßen Accompagnement aber auch den 3ten und 4ten Finger, wie in derselben Fig. [gezeigt].
Fig. 26. Beim Anschlagen der Sexten und Oktaven nehme man auf den Grundton den Daumen, auf die oberen Noten den 3ten [und] auch 4ten Finger, damit die noch vorkommenden Zwischentöne ohne Veränderung können angeschlagen werden.
1 Die Anweisung, eine Note auf der tiefen E-Saite mit dem Daumen zu greifen, findet sich in den Notenbeispielen ("Figuren") der "Guitarre-Schule" sehr selten, ein Beispiel: Der letzte Akkord in Fig. 22. Hier soll g im 3. Bund auf der E-Saite mit dem Daumen gegriffen werden, der Zeigefinger greift währenddessen einen kleinen Barré im dritten Bund über die h- und e-Saite, der Mittelfinger greift h im 4. Bund, der Ringfinger g im fünften Bund. Dieser 'Daumen-Griff' diente wohl dazu, einen kompletten Barré-Griff über alle sechs Saiten zu vermeiden. Es war damals offenbar eine gängige Praxis - auch Matteo Carcassi wird dies Mitte der 1830er Jahre in seiner "Guitareschule" (op. 59) erwähnen: "Oft gebraucht man den Daumen […], einige Noten auf der sechsten Saite zu greifen den übrigen Fingern gegenüber."

References: § 1

§ 2
 § 4

§ 3
 § 5

§ 5
 § 5

§ 6

§ 7

§ 8

§ 9

§ 10
 § 7

§ 11