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BAG – 8 AZR 662/13
Frist des § 15 Abs. 4 AGG – Anwendbarkeit des § 167 ZPO
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 22.05.2014, 8 AZR 662/13
Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil des Landesarbeitsgerichts Schleswig-Holstein vom 30. Mai 2013 – 4 Sa 62/13 – aufgehoben.
8 AZR 662/13 > Rn 1
8 AZR 662/13 > Rn 2
8 AZR 662/13 > Rn 3
8 AZR 662/13 > Rn 4
8 AZR 662/13 > Rn 5
8 AZR 662/13 > Rn 6
8 AZR 662/13 > Rn 7
8 AZR 662/13 > Rn 8
A. Das Landesarbeitsgericht hat die Klage wegen Nichteinhaltung der Frist des § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG abgewiesen. Wie auch aus der Entscheidung des Senats vom 21. Juni 2012 (- 8 AZR 188/11 – BAGE 142, 143) hervorgehe, finde – entgegen der Auffassung der Klägerin – § 167 ZPO auf diese Frist keine Anwendung.
8 AZR 662/13 > Rn 9
8 AZR 662/13 > Rn 10
8 AZR 662/13 > Rn 11
II. Die Klägerin, die mit dem Zugang des auf die Behinderung als Ablehnungsgrund Bezug nehmenden Ablehnungsschreibens der Beklagten am 28. Dezember 2011 Kenntnis von der behaupteten Benachteiligung erlangt hatte, hat ihren Anspruch mit ihrer am 20. Februar 2012 bei Gericht eingegangenen Klageschrift rechtzeitig geltend gemacht. Die Zustellung der Klage an die Beklagte am 29. Februar 2012 ist „demnächst“ iSd. § 167 ZPO – also ohne der Klägerin zuzurechnende Verzögerungen im Zustellungsverfahren (vgl. ua. BAG 23. August 2012 – 8 AZR 394/11 – Rn. 30 ff., BAGE 143, 50) – vorgenommen worden. Gleichzeitig wurde die im Hinblick auf den Entschädigungsanspruch maßgebende dreimonatige Klagefrist des § 61b Abs. 1 ArbGG eingehalten.
8 AZR 662/13 > Rn 12
8 AZR 662/13 > Rn 13
8 AZR 662/13 > Rn 14
8 AZR 662/13 > Rn 15
8 AZR 662/13 > Rn 16
8 AZR 662/13 > Rn 17
Das gilt auch für rechtsgeschäftsähnliche Erklärungen (ohne Weiteres vorausgesetzt auch durch BGH 17. Juli 2008 – I ZR 109/05 – Rn. 24 f., BGHZ 177, 319). Sie stehen Willenserklärungen regelmäßig so nahe, dass viele Bestimmungen über Willenserklärungen – etwa betreffend den hier interessierenden Zugang – grundsätzlich entsprechend anzuwenden sind (BAG 9. Dezember 2008 – 1 ABR 79/07 – Rn. 36 mwN, BAGE 128, 364; BGH 17. Oktober 2000 – X ZR 97/99 – zu II 1 b der Gründe mwN, BGHZ 145, 343; vgl. im Übrigen BAG 19. August 2010 – 8 AZR 530/09 – Rn. 43 mwN; 26. April 2006 – 5 AZR 403/05 – Rn. 19 mwN, BAGE 118, 60). § 132 Abs. 1 Satz 1 BGB findet auch im Arbeitsrecht Anwendung (so setzen die Anwendbarkeit des § 132 BGB im Arbeitsrecht voraus ua.: BAG 7. November 2002 – 2 AZR 475/01 – zu B II 3 a der Gründe, BAGE 103, 277; 12. Juli 1984 – 2 AZR 290/83 -; 30. Juni 1983 – 2 AZR 10/82 – zu B I 1 b bb der Gründe, BAGE 43, 148; 25. Februar 1983 – 2 AZR 298/81 – zu I 2 b bb der Gründe; vgl. auch KR-Friedrich 10. Aufl. § 4 KSchG Rn. 115 f.).
8 AZR 662/13 > Rn 18
8 AZR 662/13 > Rn 19
8 AZR 662/13 > Rn 20
8 AZR 662/13 > Rn 21
8 AZR 662/13 > Rn 22
8 AZR 662/13 > Rn 23
8 AZR 662/13 > Rn 24
8 AZR 662/13 > Rn 25
8 AZR 662/13 > Rn 26
8 AZR 662/13 > Rn 27
aa) Im Falle einer Bewerbung beginnt die Frist des § 15 Abs. 4 Satz 2 AGG grundsätzlich mit dem „Zugang der Ablehnung“, jedoch nicht vor dem Zeitpunkt, in dem der Bewerber von seiner Benachteiligung Kenntnis erlangt. Hierüber gibt die bloße Ablehnung der Bewerbung durch den Arbeitgeber nicht in jedem Fall zwingend Auskunft (vgl. BAG 21. Juni 2012 – 8 AZR 188/11 – Rn. 24 mwN, BAGE 142, 143; 15. März 2012 – 8 AZR 37/11 – Rn. 54 ff. mwN, BAGE 141, 48). Erfährt der Betroffene den benachteiligungsbezogenen Ablehnungsgrund erst Monate nach dem Zugang der Ablehnung (Kenntnis), beginnt der Fristlauf erst dann.
8 AZR 662/13 > Rn 28
8 AZR 662/13 > Rn 29
cc) Unbeachtlich ist, dass eine absolute Zeitgrenze nicht besteht und bei Auslandszustellungen auch eine Zustellung nach mehreren Monaten noch „demnächst“ sein kann (ua. BAG 23. August 2012 – 8 AZR 394/11 – Rn. 31, BAGE 143, 50). Eine solche Sondersituation kann nicht ausschlaggebend sein.
8 AZR 662/13 > Rn 30
8 AZR 662/13 > Rn 31
8 AZR 662/13 > Rn 32
8 AZR 662/13 > Rn 33
1. Eine unmittelbare Benachteiligung iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 AGG liegt vor; die Beklagte hat sich für ihre Ablehnung auf die Behinderung der Klägerin und damit auf einen in § 1 AGG genannten Grund bezogen. Ob diese Benachteiligung nach § 8 Abs. 1 AGG zulässig ist – wie die Beklagte meint, das Arbeitsgericht aber verneint hat -, hat das Landesarbeitsgericht zu prüfen.
8 AZR 662/13 > Rn 34
a) Eine unterschiedliche Behandlung wegen eines in § 1 AGG genannten Grundes ist nach § 8 Abs. 1 AGG zulässig, wenn „dieser Grund“ wegen der Art der auszuübenden Tätigkeit oder der Bedingungen ihrer Ausübung eine wesentliche und entscheidende berufliche Anforderung darstellt, sofern der Zweck rechtmäßig und die Anforderung angemessen ist (vgl. auch Art. 4 Abs. 1 der Richtlinie 2000/78/EG des Rates vom 27. November 2000 zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf [Richtlinie 2000/78/EG]). Allerdings muss – wenn dies auch in § 8 Abs. 1 AGG nicht wortwörtlich zum Ausdruck kommt – nach der bei der Auslegung heranzuziehenden Bestimmung des Art. 4 Abs. 1 Richtlinie 2000/78/EG nicht der Grund, auf den die Ungleichbehandlung gestützt ist, sondern ein mit diesem Grund im Zusammenhang stehendes Merkmal eine wesentliche und entscheidende berufliche Anforderung darstellen (vgl. EuGH 13. September 2011 – C-447/09 [Prigge] – Rn. 66, Slg. 2011, I-8003; 12. Januar 2010 – C-229/08 [Wolf] – Rn. 35, Slg. 2010, I-1). Das Merkmal, das im Zusammenhang mit einem der in § 1 AGG genannten Benachteiligungsgründe steht, – oder sein Fehlen – kann nur dann eine wesentliche und entscheidende berufliche Anforderung iSd. § 8 Abs. 1 AGG sein, wenn davon die ordnungsgemäße Durchführung der Tätigkeit abhängt (BAG 18. März 2010 – 8 AZR 77/09 – Rn. 26).
8 AZR 662/13 > Rn 35
8 AZR 662/13 > Rn 36
8 AZR 662/13 > Rn 37
8 AZR 662/13 > Rn 38
8 AZR 662/13 > Rn 39
8 AZR 662/13 > Rn 40
8 AZR 662/13 > Rn 41
8 AZR 662/13 > Rn 42
dd) Zudem wird entscheidend zu berücksichtigen sein, dass ein Arbeitgeber, der eine Nichteinstellung darauf stützt, dass der Arbeitnehmer wegen seiner Behinderung nicht eingesetzt werden könne, sich nur dann auf § 8 Abs. 1 AGG berufen kann, wenn auch angemessene Vorkehrungen iSv. Art. 5 der Richtlinie 2000/78/EG iVm. Art. 27 Abs. 1 Satz 2 Buchst. i, Art. 2 Unterabs. 4 des Übereinkommens der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ergriffen werden. Art. 5 der Richtlinie 2000/78/EG, der im AGG keine wortwörtliche Umsetzung erfahren hat, ist einerseits bei der Auslegung des Begriffs der „angemessenen“ Anforderung in § 8 Abs. 1 AGG einzubeziehen (soweit es um Menschen mit Behinderung geht) und ist zudem im Wege einer unionsrechtskonformen Auslegung von § 241 Abs. 2 BGB zu berücksichtigen (für Letzteres BAG 19. Dezember 2013 – 6 AZR 190/12 – Rn. 53). Im Zusammenhang mit der Richtlinie 2000/78/EG ist der Begriff „angemessene Vorkehrungen“ dahin gehend zu verstehen, dass er die Beseitigung der verschiedenen Barrieren umfasst, die die volle und wirksame Teilhabe der Menschen mit Behinderung am Berufsleben, gleichberechtigt mit den anderen Arbeitnehmern, behindern. Unterlässt der Arbeitgeber notwendige Vorkehrungen, die keine unverhältnismäßige oder unbillige Belastung darstellen, ist das in die gerichtliche Beurteilung mit einzubeziehen (vgl. EuGH 11. April 2013 – C-335/11 ua. [Ring, Skouboe Werge] – Rn. 49 ff., 66, 68; 11. Juli 2006 – C-13/05 [Chacón Navas] – Rn. 50, Slg. 2006, I-6467; BAG 19. Dezember 2013 – 6 AZR 190/12 – Rn. 50 ff.).
8 AZR 662/13 > Rn 43
8 AZR 662/13 > Rn 44
2. Bei der Höhe einer festzusetzenden Entschädigung ist zu berücksichtigen, dass sie nach § 15 Abs. 2 AGG angemessen sein muss. Sie muss einen tatsächlichen und wirksamen rechtlichen Schutz der aus dem Unionsrecht hergeleiteten Rechte gewährleisten (vgl. EuGH 25. April 2013 – C-81/12 [Asociatia ACCEPT] – Rn. 63; 22. April 1997 – C-180/95 [Draehmpaehl] – Rn. 24, 39 f., Slg. 1997, I-2195). Die Härte der Sanktionen muss der Schwere des Verstoßes entsprechen – indem sie insbesondere eine wirklich abschreckende Wirkung gewährleistet -, zugleich aber den allgemeinen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit wahren (EuGH 25. April 2013 – C-81/12 [Asociatia ACCEPT] – Rn. 63 mwN). Dabei sind alle Umstände des Einzelfalls – wie etwa die Art und Schwere der Benachteiligung, ihre Dauer und Folgen, der Anlass und der Beweggrund des Handelns – und der Sanktionszweck der Entschädigungsnorm zu berücksichtigen (vgl. ua. BAG 23. August 2012 – 8 AZR 285/11 – Rn. 38; 17. Dezember 2009 – 8 AZR 670/08 – Rn. 38; 22. Januar 2009 – 8 AZR 906/07 – Rn. 82 mwN, BAGE 129, 181).
Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 30.05.2013, 4 Sa 62/13
Anwendbarkeit des § 167 ZPO,
Frist des § 15 Abs. 4 AGG
Das Urteil BAG – 8 AZR 662/13 wird zitiert in:

References: § 15
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 § 15
 § 167
 § 167
 § 61
 BGH 
 BGH 
 § 132
 § 132
 § 4
 § 15
 § 3
 § 1
 § 8
 § 1
 § 8
 Art. 4
 § 8
 Art. 4
 EuGH 
 § 1
 § 8
 § 8
 Art. 5
 Art. 27
 Art. 2
 Art. 5
 § 8
 § 241
 EuGH 
 § 15
 EuGH 
 § 167
 § 15