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Anfechtungsobjekt und Zugang zum Rechtsschutz bei realem Verwaltungshandeln - PDF
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1 St.Galler Tagung zur Verwaltungsrechtspflege Kongresshaus Zürich (1105.) 5. Juni 2014 Anfechtungsobjekt und Zugang zum Rechtsschutz bei realem Verwaltungshandeln Benjamin Schindler 1
2 Übersicht I. Traditionelle verwaltungsrechtliche Unterscheidung zwischen Verfügung und Realakt II. Verfassungsrechtliche Anforderungen an den Rechtsschutz (seit 2007/2009) III. Herausgefordertes Verfahrensrecht IV. Lösungsansätze in ausgewählten Bereichen: a) Wegweisungen/Fernhaltungen durch die Polizei b) Leistungsbewertungen an (Hoch )Schulen Benjamin Schindler 3 «Im Gegensatz zur vorausgehenden Entwicklungsstufe hat unser Rechtsstaat nicht bloß die flutende Masse der Verwaltungstätigkeit eingedämmt durch das Gesetz, sondern er läßt auch noch mitten drin fort und fort feste Punkte auftauchen, welche dem Einzelnen Halt gewähren und ihn darüber sicherstellen, wohin es geht. Die Rechtseinrichtung, die das bewirkt, ist der Verwaltungsakt, ein der Verwaltung zugehöriger obrigkeitlicher Ausspruch, der dem Untertanen im Einzelfall bestimmt, was für ihn rechtens sein soll.» (OTTO MAYER, Deutsches Verwaltungsrecht, I. Band, 3. A. Berlin 1924, S. 92 f.) Benjamin Schindler 4 2
3 Ebene Verwaltungsrecht (Handlungsformen) Ebene Verfassungsrecht (Rechtsweggaranti e: Art. 29a BV) Ebene Verfahrensrecht Beispiele Unterscheidungskriterium: angestrebter Erfolg (Motiv) Verfügung: Gestaltung der Rechtslage (Rechtserfolg) Realakt: Gestaltung der Faktenlage (Taterfolg) Unterscheidungskriterium: Rechtsschutzbedürfnis (Wirkung) individuelle Betroffenheit in einer rechtlich geschützten Sphäre Anfechtungsobjekt (mit vorgängigem Verfahren) Rayonverbot (Art. 5 «Hooligan Konkordat») Anfechtungsobjekt (ohne vorgängiges Verfahren) vorübergehende Wegweisung (Art. 29bis PG SG; BGE 130 I 369) keine individuelle Betroffenheit in einer rechtlich geschützten Sphäre kein Anfechtungsobjekt Schliessung Poststelle (Art. 34 Abs. 7 VPG; BGE 109 Ib 253) Benjamin Schindler 5 Bundesverfassung (Auszug) Art. 29a Rechtsweggarantie Jede Person hat bei Rechtsstreitigkeiten Anspruch auf Beurteilung durch eine richterliche Behörde. Bund und Kantone können durch Gesetz die richterliche Beurteilung in Ausnahmefällen ausschliessen. Benjamin Schindler 6 3
4 Rechtsstreitigkeit als erste Voraussetzung Frage: Ist der Lebensvorgang durch das Recht erfasst? (vgl. KIENER/KÄLIN, Grundrechte, 2.A. Bern 2013, S. 516) «unechte Ausnahmen» Benjamin Schindler 7 Rechtsstreitigkeit als erste Voraussetzung «Der hier angefochtene Entscheid stützt sich auf 43 des Volksschulgesetzes [ ]. Nach dieser Bestimmung kann der Regierungsrat die Gemeinden zum Zusammenschluss zu einem Schulkreis verpflichten und bestehende Schulkreise abändern, sofern dies den Grundsätzen einer vernünftigen Schulplanung entspricht (Abs. 1). [ ] Was unter einer vernünftigen Schulplanung zu verstehen ist, ist kaum justiziabel und gibt dem Regierungsrat einen relativ grossen Ermessensspielraum.» (Urteil BGer 2C_885/2011 vom 25. Juli 2012, E ) Benjamin Schindler 8 4
5 Individuelle Betroffenheit durch den Rechtsstreit als zweite Voraussetzung Frage: Sind diejenigen, die eine Rechtsverletzung geltend machen, durch den Lebenssachverhalt besonders berührt? Verwaltung Betroffene «jedermann/ jedefrau» Benjamin Schindler 9 Individuelle Betroffenheit als zweite Voraussetzung «Vorliegend haben die Beschwerdeführer geltend gemacht, die Streichung der Sportlektionen verstosse gegen die einschlägigen bundesrechtlichen ([ ]) und kantonalrechtlichen ([ ]) Vorschriften. Sie haben damit geltend gemacht, der Kanton sei rechtlich verpflichtet, diesen Unterricht durchzuführen, was umgekehrt einen Anspruch der Schüler auf den entsprechenden Unterricht zur Folge haben könnte. Es wird damit in vertretbarer Weise die Verletzung eines Rechtsanspruchs geltend gemacht, wogegen eine Anfechtungsmöglichkeit offen stehen muss. [ ] Die Beschwerdeführer sind als Schüler an den Berufsschulen von der Streichung der Lektionen besonders berührt, zumindest soweit sie Abschlussklassen besuchen, in denen die Streichung erfolgt; sie müssen deshalb vor der Vorinstanz zur Anfechtung legitimiert sein ( ).» Urteil BGer 2C_272/2012 vom 9. Juli 2012, E. 4 Benjamin Schindler 10 5
6 Individuelle Betroffenheit als zweite Voraussetzung «Die Rechtsweggarantie setzt voraus, dass eine Rechtsstreitigkeit vorliegt, d.h. eine Streitigkeit, die im Zusammenhang mit einer individuellen schützenswerten Rechtsposition steht; sie gibt aber keinen Anspruch darauf, dass jedermann jedes staatliche Handeln ungeachtet prozessualer Vorschriften auf seine Rechtmässigkeit hin überprüfen lassen kann ( ).» BGE 139 II 185 E S. 218 Aus der Rechtsweggarantie ergibt sich kein Anspruch auf eine Popularbeschwerde! (Urteil BGer 2C_457/2011 vom 26. Oktober 2011, E. 4.5) Benjamin Schindler 11 Rechtsprechung Bundesgericht (Auszug) «Die (nachträgliche) Verwaltungsrechtspflege knüpft traditionell an die Verfügung an ( ). Der Schulunterricht und die damit zusammenhängenden Handlungen der Schulorgane sind in besonderem Masse dadurch gekennzeichnet, dass sie weitestgehend in Form von Realhandeln erfolgen und typischerweise einer Anfechtbarkeit nicht zugänglich sind. Interne schulorganisatorische Massnahmen sind grundsätzlich nicht anfechtbar ( ). Eine Rechtsmittelmöglichkeit muss jedoch dann gegeben sein, wenn es um die Rechtsstellung der Schüler geht oder wenn diesen besondere Pflichten oder sonstige Nachteile auferlegt werden, ( ).» (Urteil des Bundesgerichts 2C_272/2012 vom 9. Juli 2012, E. 4; Kürzung der Pflichtlektionen Turnen und Sport) Benjamin Schindler 12 6
7 Rechtsprechung Bundesgericht (Auszug) «Diese Rechtsweggarantie hat Auswirkungen auf die Auslegung von Art. 82 lit. a BGG bzw. Art. 5 VwVG oder 4 VRG/LU, indem das Vorliegen einer Rechtsstreitigkeit im Sinne von Art. 29a BV eine Verfügung indiziert, sofern der Rechtsschutz nicht auf andere Weise möglich oder aufgrund einer gesetzlichen Bestimmung ausgeschlossen ist (BGE 128 I 167 E. 4.5 S. 175 f.).» (Urteil des Bundesgerichts 2C_272/2012 vom 9. Juli 2012, E. 4; Kürzung der Pflichtlektionen Turnen und Sport) Benjamin Schindler 13 Hin zu einem «wirkungsorientierten» Verfügungsbegriff? Klassischer Verfügungsbegriff Alternativer Verfügungsbegriff 1. Anordnung einer Behörde, 1. Anordnung einer Behörde, die die 2. gestützt auf öffentliches 2. gestützt auf öffentliches Recht Recht 3. im Einzelfall 3. im Einzelfall 4. einseitig und 4. einseitig und 5. verbindlich 5. verbindlich 6. auf Rechtswirkungen ausgerichtet ist. 6. bestimmte Personen in individuellen Rechtsschutzinteressen berührt. (vgl. KIENER/RÜTSCHE/KUHN, Öffentliches Verfahrensrecht, Zürich/St. Gallen 2012, Rz. 360) Benjamin Schindler 14 7
8 Rechtsprechung Bundesgericht (Auszug) «Der Umstand, dass sich diese polizeilichen Massnahmen rechtlich auf den Beschwerdeführer auswirken und ihn, wie dargelegt, in verfassungsmässigen Rechten berühren, macht diese für sich allein nicht zu Verfügungen im Sinne der Verwaltungsrechtspflege. Bei dieser Sachlage rechtfertigt es sich, das polizeiliche Handeln nicht als eigentliche Verfügung zu bezeichnen, sondern es lediglich als Ausgangspunkt für eine wirksame Beschwerde eigener Natur im Sinne von Art. 13 EMRK zu betrachten.» (BGE 130 I 369 E. 6.1 S. 379; Verweigerung des Zugangs zum WEF) Benjamin Schindler 15 Lösungsansätze (generell): Kernfrage: Wie soll das Anfechtungsobjekt definiert werden? a) Festhalten an der Verfügung als Anfechtungsobjekt: Ausweitung des Verfügungsbegriffs (KIENER/RÜTSCHE/KUHN) Ausweitung der Verfügungspflicht (Art. 49 VRPG BE) nachträgliche Verfügung über Realakte (Art. 25a VwVG) b) Realakt als eigenständiges Anfechtungsobjekt (Art. 28 Abs. 4 VRG GR; BGE 130 I 369) c) Wechsel vom Beschwerdeverfahren zum Klageverfahren (einzelne Kantone im Bereich der Staatshaftung) Benjamin Schindler 16 8
9 Weitere Fragen: Zeitliche Dimension des Rechtsschutzes a) Wann soll das Zeitfenster für den Rechtsschutz geöffnet werden? (Bsp. Einzelnoten oder Schlusszeugnis) b) Wie oft soll das Zeitfenster für den Rechtsschutz geöffnet werden? (Bsp. Einzelnoten oder/und Schlusszeugnis) c) Wie lange soll das Zeitfenster für den Rechtsschutz geöffnet werden? (Bsp. Frist zur Beantragung einer Verfügung über Realakte) Information der Betroffenen über Rechtsschutzmöglichkeiten a) Rechtsmittelbelehrung (Bsp. Verfügung) b) aus dem Gesetz (Bsp. polizeiliches Realhandeln) c) individueller Hinweis (Bsp. Mitteilung Einzelnote) Benjamin Schindler 17 Anfechtungsmöglichkeiten bei polizeilichem Realhandeln Variante 1 (direkte Anfechtung des Realakts) Realakt Variante 2 (Anspruch auf nachträglichen Erlass einer Verfügung über den Realakt) Verfügung Realakt Variante 3 (Pflicht zum vorgängigen Erlass einer Verfügung) Realakt Verfügung Beschwerde Beschwerde Beschwerde Art. 28 Abs. 4 VRG GR BGE 130 I 369 Art. 25a VwVG 10c VRG ZH Art. 29ter Abs. 1 PG SG Art. 29 PolG BE 34 PolG ZH Benjamin Schindler 18 9
10 Art. 28 Abs. 4 Verwaltungsrechtspflegegesetz Graubünden (VRG GR) Als Entscheide gelten auch Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung sowie Realakte, die in Rechte und Pflichten von Personen eingreifen. Art. 29 ter Abs. 1 Polizeigesetz St. Gallen (PG SG) c) Rechtsweg Bei einer mündlichen Wegweisung und Fernhaltung kann innert fünf Tagen eine schriftliche Verfügung verlangt werden. Benjamin Schindler 19 Anfechtungsmöglichkeiten bei schulischen Leistungsbewertungen Variante 1 (jede Einzelbewertung wird automatisch als Verfügung eröffnet) Einzelnote = Verfügung Variante 2 (Anspruch auf nachträglichen Erlass einer Verfügung über Einzelbewertung) Verfügung über Einzelnote Einzelnote wird formlos mitgeteilt Variante 3 (nur [Schluss oder Semester ] Zeugnis wird als Verfügung eröffnet) Zeugnis = Verfügung Einzelnote nicht anfechtbar Beschwerde Beschwerde Beschwerde Universität SG ( Verfügungen p.a.) Grosszahl CH Universitäten Schulen bis Maturität Berner Hochschulen (BVR 2013, 301 ff.) Benjamin Schindler 20 10
Übungen im Öffentlichen Recht II (Gruppen D F und Q S) Fall 3 Prof. A. Griffel - Übungen im Öffentlichen Recht II - Herbstsemester 2012 Folie 1
Übungen im Öffentlichen Recht II (Gruppen D F und Q S) Fall 3 Prof. A. Griffel - Übungen im Öffentlichen Recht II - Herbstsemester 2012 Folie 1 I. Anfechtbarkeit des Entscheids des Rektors auf kantonaler
Übungen im Öffentlichen Recht III (Gruppen D F und Q S) Fall 2 Prof. A. Griffel - Übungen im Öffentlichen Recht III - Frühjahrssemester 2017 Folie 2
Übungen im Öffentlichen Recht III (Gruppen D F und Q S) Fall 2 Prof. A. Griffel - Übungen im Öffentlichen Recht III - Frühjahrssemester 2017 Folie 2 I. Anfechtbarkeit des Entscheids des Rektors auf kantonaler

References: Art. 29
 BGE 
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 Art. 29
 BGer 
 BGer 
 BGE 
 BGer 
 Art. 82
 Art. 5
 Art. 29
 Art. 13
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 Art. 28
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 Art. 25
 Art. 29
 Art. 29
 Art. 28
 Art. 29