Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/massregelung-unbotmaessiger-pflichtverteidiger-3104435
Timestamp: 2019-08-20 20:24:33+00:00

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Maß­re­ge­lung unbot­mä­ßi­ger Pflicht­ver­tei­di­ger | Rechtslupe
Maß­re­ge­lung unbot­mä­ßi­ger Pflicht­ver­tei­di­ger
Der Wider­ruf der Bestel­lung eines Pflicht­ver­tei­di­gers begrün­det die Besorg­nis der Befan­gen­heit des Vor­sit­zen­den Rich­ters, wenn des­sen Begrün­dung den Ein­druck erweckt, es han­de­le sich um einen nur vor­ge­scho­be­nen Grund, mit dem das Ziel ver­folgt wur­de, einen miss­lie­bi­gen, weil unbe­que­men Ver­tei­di­ger aus dem Ver­fah­ren zu ent­fer­nen.
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof beur­teil­ten Fall aus Frank­furt/​Main hat­te die Ange­klag­te den Vor­sit­zen­den Rich­ter zu Beginn der (zwei­ten) Haupt­ver­hand­lung wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit abge­lehnt, da die­ser ihren als Pflicht­ver­tei­di­ger bei­geord­ne­ten Ver­tei­di­ger mit Ver­fü­gung vom Tag der (ers­ten) Haupt­ver­hand­lung wegen man­geln­der Zuver­läs­sig­keit ent­bun­den und ihm die durch die gleich­zei­tig ver­füg­te Aus­set­zung der (ers­ten) Haupt­ver­hand­lung ent­stan­de­nen Kos­ten auf­er­legt habe. Dem lag zugrun­de, dass der Ver­tei­di­ger weni­ge Tage vor Beginn der (ers­ten) Haupt­ver­hand­lung einen Antrag auf ergän­zen­de Akten­ein­sicht gestellt und, nach­dem ihm die Akten in der Fol­ge­zeit nicht zuge­sandt wor­den waren, die Aus­set­zung des Ver­fah­rens bean­tragt hat­te. Die man­geln­de Zuver­läs­sig­keit begrün­de­te der Vor­sit­zen­de in sei­ner Ver­fü­gung damit, dass der Ver­tei­di­ger schuld­haft „nicht zei­tig nach Ankla­ge­er­he­bung … son­dern erst weni­ge Tage vor dem Ter­min” sein ergän­zen­des Akten­ein­sichts­ge­such gestellt habe. Auf die Beschwer­de des Ver­tei­di­gers hat das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main die ange­foch­te­ne Kos­ten­ent­schei­dung und die Ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den auf­ge­ho­ben.
In der dienst­li­chen Erklä­rung zum Ableh­nungs­an­trag hat der Vor­sit­zen­de Rich­ter aus­ge­führt, „an den Ent­schei­dun­gen mit­ge­wirkt bzw. die Ent­schei­dung getrof­fen” zu haben und sich im Übri­gen „nicht für befan­gen” zu hal­ten.
Das Land­ge­richt hat den Befan­gen­heits­an­trag – ohne Mit­wir­kung des abge­lehn­ten Rich­ters – als unbe­grün­det zurück­ge­wie­sen. Es sei nicht ersicht­lich, dass die Ent­bin­dungs- oder die Kos­ten­ent­schei­dung des Vor­sit­zen­den will­kür­lich oder von sach­frem­den Erwä­gun­gen beein­flusst gewe­sen sei­en. Der Bun­des­ge­richts­hof sah dies anders und hob das Urteil auf:
Das Ableh­nungs­ge­such gegen­über dem Vor­sit­zen­den Rich­ter ist zu Unrecht zurück­ge­wie­sen wor­den. Durch die Erwä­gung, auf wel­che er den Wider­ruf der Pflicht­ver­tei­di­ger­be­stel­lung stütz­te, gab er der Ange­klag­ten berech­tig­ten Grund zu der Annah­me man­geln­der Unvor­ein­ge­nom­men­heit.
Das Vor­lie­gen eines Ableh­nungs­grun­des im Sin­ne von § 24 Abs. 2 StPO ist grund­sätz­lich vom Stand­punkt der Ange­klag­ten zu beur­tei­len1. Miss­trau­en im Hin­blick auf die Unpar­tei­lich­keit eines Rich­ters ist dann gerecht­fer­tigt, wenn der Ableh­nen­de bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung des ihm bekann­ten Sach­ver­halts Grund zu der Annah­me hat, der Rich­ter neh­me ihm gegen­über eine Hal­tung ein, die des­sen Unpar­tei­lich­keit und Unvor­ein­ge­nom­men­heit stö­rend beein­flus­sen kann2.
Zwar lässt sich die­se Besorg­nis grund­sätz­lich nicht schon allein mit einer feh­ler­haf­ten Sach­be­hand­lung begrün­den. Ver­fah­rens­ver­stö­ße, die auf einem Irr­tum oder auf einer unrich­ti­gen Rechts­an­sicht beru­hen, stel­len grund­sätz­lich kei­nen Ableh­nungs­grund dar3, son­dern nur dann, wenn die Ent­schei­dun­gen unver­tret­bar sind oder den Anschein der Will­kür erwe­cken. So liegt der Fall hier.
Die Ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den Rich­ters, mit der der Pflicht­ver­tei­di­ger der Beschwer­de­füh­re­rin ent­pflich­tet wor­den ist, und der Beschluss, dem Ver­tei­di­ger die durch die Aus­set­zung der (ers­ten) Haupt­ver­hand­lung ent­stan­de­nen Kos­ten auf­zu­er­le­gen, sind rechts­feh­ler­haft.
Der Wider­ruf der Bestel­lung eines Pflicht­ver­tei­di­gers, der das Ver­trau­en der Ange­klag­ten besitzt, berührt die Ver­tei­di­gungs­be­lan­ge auf das stärks­te. Er setzt daher einen wich­ti­gen Grund vor­aus. Es müs­sen Umstän­de vor­lie­gen, die den Zweck der Pflicht­ver­tei­di­gung ernst­haft gefähr­den. Die­ser besteht dar­in, dem Beschul­dig­ten einen geeig­ne­ten Bei­stand zu sichern und einen geord­ne­ten Ver­fah­rens­ab­lauf zu gewähr­leis­ten4.
Die – angeb­lich – ver­spä­te­te Stel­lung eines ergän­zen­den Akten­ein­sichts­ge­suchs durch den Ver­tei­di­ger der Ange­klag­ten, recht­fer­tig­te es hier nicht, einen geord­ne­ten Ver­fah­rens­ab­lauf für gefähr­det zu hal­ten. Viel­mehr konn­te die­se Begrün­dung den Ein­druck erwe­cken, es han­de­le sich um einen nur vor­ge­scho­be­nen Grund, mit dem das Ziel ver­folgt wur­de, einen miss­lie­bi­gen, weil unbe­que­men Ver­tei­di­ger aus dem Ver­fah­ren zu ent­fer­nen.
Eine sol­che blo­ße Demons­tra­ti­on von Macht rich­te­te sich dann aber nicht nur gegen den Ver­tei­di­ger, der es ledig­lich ver­se­hent­lich, kei­nes­wegs grob pflicht­wid­rig unter­las­sen hat­te, zeit­nah ein ergän­zen­des Akten­ein­sichts­ge­such zu stel­len. Er traf viel­mehr unmit­tel­bar auch die Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft der Ange­klag­ten. Die­se konn­te zu Recht befürch­ten, der Vor­sit­zen­de wer­de ihre Inter­es­sen auch sonst nicht aus­rei­chend berück­sich­ti­gen und geneigt sein, auf nicht geneh­mes Ver­hal­ten ihrer selbst oder ihres Ver­tei­di­gers in einer für sie nach­tei­li­gen Wei­se sach­fremd zu reagie­ren5.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Sep­tem­ber 2015 – 2 StR 434/​14
Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhau­se: JVA… Auch ein pri­va­tes Face­book-Pro­fil kann den Anschein der Unvor­ein­ge­nom­men­heit und Unpar­tei­lich­keit zer­stö­ren, wie jetzt der Vor­sit­zen­de der 2. Gro­ßen Straf­kam­mer des Land­ge­richts Ros­tock vom Bun­des­ge­richts­hof ler­nen konn­te. Was war gesche­hen?…
Der pro­zess­ver­schlep­pen­de Befan­gen­heits­an­trag Die Vor­schrift des § 26a StPO gestat­tet nur aus­nahms­wei­se, dass ein abge­lehn­ter Rich­ter selbst über einen gegen ihn gestell­ten Befan­gen­heits­an­trag ent­schei­det. Vor­aus­set­zung für die­se Aus­nah­me von dem in § 27…
BGH, Beschluss vom 27.04.1972 – 4 StR 149/​72, BGHSt 24, 336, 338↩
vgl. BGH, Urteil vom 02.03.2004 – 1 StR 574/​03, BGHR StPO § 24 Abs. 2 Befan­gen­heit 14; BGH, Beschluss vom 08.05.2014 – 1 StR 726/​13, NJW 2014, 2372, 2373; BGH, Urteil vom 17.06.2015 – 2 StR 228/​14, NJW 2015, 2986, jeweils mwN↩
st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 20.06.2007 – 2 StR 84/​07, BGHR StPO § 24 Abs. 2 Befan­gen­heit 19 mwN↩
BVerfGE 39, 238, 245; vgl. auch BGH, Urteil vom 31.01.1990 – 2 StR 449/​89, BGHR StPO § 24 Abs. 2 Vor­sit­zen­der 3↩
vgl. BGH, Urteil vom 09.03.1988 – 3 StR 567/​87, BGHR StPO § 24 Abs. 2 Vor­sit­zen­der 1; Beschluss vom 09.08.1988 – 4 StR 222/​88, BGHR StPO § 24 Abs. 2 Vor­sit­zen­der 2↩
BefangenheitPrlichtverteidigerStrafprozess

References: § 24
 § 26
 § 27
 § 24
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 § 24
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