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Timestamp: 2019-11-15 20:53:09+00:00

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Nach § 128 Abs. 3 i.V.m. § 69 Abs. 3 Satz 1, Abs. 2 Satz 2 FGO ist die Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes ganz oder teil­wei­se aus­zu­set­zen, wenn ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes bestehen. Ernst­li­che Zwei­fel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO lie­gen bereits dann vor, wenn bei sum­ma­ri­scher Prü­fung des ange­foch­te­nen Beschei­des neben für sei­ne Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Umstän­den gewich­ti­ge Grün­de zuta­ge tre­ten, die Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung von Rechts­fra­gen oder Unklar­heit in der Beur­tei­lung ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Tat­fra­gen bewir­ken 1. Die Ent­schei­dung hier­über ergeht bei der im AdV-Ver­fah­ren gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung auf­grund des Sach­ver­halts, der sich aus dem Vor­trag der Betei­lig­ten und der Akten­la­ge ergibt 2. Zur Gewäh­rung der AdV ist es nicht erfor­der­lich, dass die für die Rechts­wid­rig­keit spre­chen­den Grün­de im Sin­ne einer Erfolgs­wahr­schein­lich­keit über­wie­gen 3. Ernst­li­che Zwei­fel kön­nen auch bestehen, wenn die strei­ti­ge Rechts­fra­ge höchst­rich­ter­lich noch nicht ent­schie­den wur­de und im Schrift­tum oder auch in der Recht­spre­chung der Finanz­ge­richt unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wer­den 4.
Der­ar­ti­ge Zwei­fel fol­gen bereits dar­aus, dass zu den Anfor­de­run­gen an die Leis­tungs­be­schrei­bung im Nied­rig­preis­seg­ment noch kei­ne höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung vor­liegt und die­se Fra­ge in der Recht­spre­chung der Finanz­ge­rich­te unter­schied­lich beant­wor­tet wird: Wäh­rend der 5. Senat des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf in einem nicht ver­öf­fent­lich­ten Urteil vom 03.07.2017 5 davon aus­geht, dass bei Groß­ein­käu­fen von Bil­lig­ar­ti­keln die Anga­be der Gat­tung mit Stück­zahl aus­reicht, ver­tre­ten der 1. Senat des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf 6, das Hes­si­sche Finanz­ge­richt 7 sowie das Finanz­ge­richt Ham­burg 8 die Auf­fas­sung, dass im Nied­rig­preis­seg­ment die blo­ße Anga­be einer Gat­tung für eine hin­rei­chen­de Leis­tungs­be­schrei­bung nicht genü­ge. Not­wen­dig sei viel­mehr eine wei­ter­ge­hen­de Umschrei­bung der Ware über die Her­stel­ler­an­ga­be, die Eigen­mar­ke, den Modell­typ oder unter Bezug­nah­me auf eine Arti­kel- oder Char­gen­num­mer. Zu die­ser Fra­ge ist unter dem Akten­zei­chen XI R 2/​18 ein Revi­si­ons­ver­fah­ren beim Bun­des­fi­nanz­hof anhän­gig.
Ernst­li­che Zwei­fel erge­ben sich für den Bun­des­fi­nanz­hof dar­über hin­aus im Hin­blick auf die Bedeu­tung und Reich­wei­te des Beschlus­ses des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 29.11.2002 9. Danach reicht es als Leis­tungs­be­schrei­bung nicht aus, wenn über "hoch­prei­si­ge" Uhren und Arm­bän­der mit Kauf­prei­sen von jeweils 5.000 DM und mehr mit blo­ßen Gat­tungs­be­zeich­nun­gen Anga­be "diver­se Arm­band­uh­ren" oder "diver­se Arm­bän­der" abge­rech­net wird. Die Iden­ti­fi­zie­rung der Lie­fe­rung des jewei­li­gen Gegen­stands sei unter die­sen Umstän­den erst durch eine Abrech­nung unter Auf­zeich­nung der han­dels­üb­li­chen Bezeich­nung des Gegen­stands leicht und ein­wand­frei mög­lich, ins­be­son­de­re dann, wenn in der Rech­nung nicht auf bestimm­te Lie­fer­schei­ne Bezug genom­men wird.
Ob die­sem Beschluss ent­nom­men wer­den kann, dass im Han­del mit Waren im Nied­rig­preis­seg­ment gerin­ge Anfor­de­run­gen an die Leis­tungs­be­schrei­bung zu stel­len sind, erscheint im Hin­blick dar­auf klä­rungs­be­dürf­tig, dass die für den Vor­steu­er­ab­zug erfor­der­li­chen Anga­ben nicht durch ihre Zahl oder ihre tech­ni­sche Kom­pli­ziert­heit die Aus­übung des Rechts zum Vor­steu­er­ab­zug prak­tisch unmög­lich machen oder über­mä­ßig erschwe­ren dür­fen 10. Denn der Auf­wand für die Kon­kre­ti­sie­rung des Leis­tungs­ge­gen­stands in Rech­nun­gen könn­te bei Groß­ein­käu­fen ver­schie­de­ner Waren und gerin­gen Stück­prei­sen unver­hält­nis­mä­ßig erschei­nen.
Ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit eines Ver­wal­tungs­ak­tes kön­nen sich schließ­lich auch aus einem mög­li­chen Ver­stoß des Steu­er­ge­set­zes gegen eine uni­ons­recht­li­che Bestim­mung erge­ben 11.
Es ist daher klä­rungs­be­dürf­tig, ob der natio­na­le Gesetz­ge­ber mit dem Klam­mer­zu­satz auf die han­dels­üb­li­che Bezeich­nung über die Vor­ga­ben des Uni­ons­rechts hin­aus­geht. Denn "han­dels­üb­lich" ver­weist auf die (beson­de­ren) Abrech­nungs­ge­pflo­gen­hei­ten unter Kauf­leu­ten. Die­se haben die gelie­fer­ten Waren zu unter­su­chen und etwai­ge Män­gel dem Ver­käu­fer unver­züg­lich anzu­zei­gen, da die gelie­fer­te Ware ansons­ten als geneh­migt gilt (§ 377 Abs. 2 HGB). Die Unter­su­chung erfor­dert den jewei­li­gen Ver­gleich zwi­schen der kon­kret bestell­ten und der gelie­fer­ten und in Rech­nung gestell­ten Ware. Der Ver­weis auf die han­dels­üb­li­che Bezeich­nung könn­te somit wei­te­re Anga­ben erfor­dern als die blo­ße Anga­be der Art des gelie­fer­ten Gegen­stands und damit mög­li­cher­wei­se dem Uni­ons­recht wider­spre­chen. Nach dem EuGH, Urteil Bar­lis 06 12 müs­sen Rech­nun­gen nur die in Art. 226 genann­ten Anga­ben ent­hal­ten. Dar­aus folgt, dass die Mit­glied­staa­ten die Aus­übung des Rechts auf Vor­steu­er­ab­zug nicht nach eige­nem Gut­dün­ken von der Erfül­lung von Vor­aus­set­zun­gen abhän­gig machen dür­fen, die in Art. 226 MwSt­Sys­tRL nicht aus­drück­lich vor­ge­se­hen sind. § 14 Abs. 4 Nr. 5 UStG könn­te daher uni­ons­rechts­kon­form dahin­ge­hend aus­zu­le­gen sein, dass dem Erfor­der­nis einer "han­dels­üb­li­chen Bezeich­nung" kei­ne Bedeu­tung zukommt, soweit damit eine über die Art des gelie­fer­ten Gegen­stands hin­aus­ge­hen­de Leis­tungs­be­schrei­bung gefor­dert wird. Dafür könn­te auch spre­chen, dass die nach Art. 226 Nr. 6 MwSt­Sys­tRL erfor­der­li­che Leis­tungs­be­schrei­bung nicht bedeu­tet, dass bei­spiels­wei­se die kon­kret erbrach­ten Dienst­leis­tun­gen erschöp­fend beschrie­ben wer­den müs­sen 13.
Das Beschwer­de­ver­fah­ren gegen die AdV der ange­foch­te­nen Umsatz­steu­er­be­schei­de ist aber nicht geeig­net, die auf­ge­wor­fe­nen Rechts­fra­gen end­gül­tig zu klä­ren. Die Ent­schei­dung muss dem Haupt­sa­che­ver­fah­ren vor­be­hal­ten blei­ben 14.
vgl. BFH, Beschluss vom 07.09.2011 – I B 157/​10, BFHE 235, 215, BSt­Bl II 2012, 590, unter II. 2., m.w.N.[↩]
BFH, Beschluss in BFHE 235, 215, BSt­Bl II 2012, 590, unter II. 2.[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 21.07.2009 – II B 8/​09, BFH/​NV 2009, 1845, m.w.N.; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 69 FGO Rz 91[↩]
BFH, Urteil vom 03.07.2017 – 5 K 1992/​14 U, zit. nach Haber­land, Umsatz­steu­er-Rund­schau 2018, 342[↩]
FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 15.09.2017 – 1 K 2978/​15 U[↩]
Hess. FG, Urtei­le vom 12.10.2017 – 1 K 2402/​14, EFG 2018, 335; vom 31.07.2017 – 1 K 323/​14, EFG 2017, 1772; vom 23.06.2015 – 6 K 1826/​12[↩]
FG Ham­burg, Beschluss vom 29.07.2016 – 2 – V 34/​16, DSt­RE 2017, 990; Urteil vom 30.09.2015 – 5 K 85/​12[↩]
EuGH, Urteil Petro­ma Trans­ports u.a. vom 08.05.2013 – C‑271/​12, EU:C:2013:297, Rz 28, unter Hin­weis auf das EuGH, Urteil Jeu­nehom­me und EGI vom 14.07.1988 Rs. 123, 330/​87, EU:C:1988, 408, Slg. 1988, 4517, Rz 17[↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se vom 12.12 2013 – XI B 88/​13, BFH/​NV 2014, 550; vom 30.11.2000 – V B 187/​00, BFH/​NV 2001, 657, unter II. 3.; fer­ner Gräber/​Stapperfend, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 69 FGO Rz 162, m.w.N.[↩]
EuGH, Urteil Bar­lis 06 vom 15.09.2016 – C‑516/​14, EU:C:2016:690, Rz 25[↩]
EuGH, Urteil Bar­lis 06, EU:C:2016:690, Rz 26[↩]
vgl. dazu BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2014, 550, Rz 26; vom 24.02.2000 – IV B 83/​99, BFHE 191, 304, BSt­Bl II 2000, 298; vom 30.10.2007 – V B 170/​07, BFH/​NV 2008, 627; vom 08.08.2011 – XI B 39/​11, BFH/​NV 2011, 2106, jeweils m.w.N.[↩]

References: § 128
 § 69
 § 69
 Art. 226
 Art. 226
 § 14
 Art. 226
 § 69
 § 69