Source: http://www.franzluerbke.de/70901.html
Timestamp: 2017-12-12 23:49:28+00:00

Document:
erlebt von Gerd Newiger
Die teure Tasse Kaffee
Auf Empfehlung eines Freundes sollte ich seiner Schwester beim Verkauf des Elternhauses behilflich sein. Es wurde ein Beratungstermin vereinbart. Die Schwester, eine resolute Kriegerwitwe, empfing mich misstrauisch und voller Argwohn. Einen leibhaftigen Makler hatte sie bis dahin noch nicht zu Gesicht bekommen und nur weil der Bruder ihr den Rat gegeben hatte, durfte ich kommen.
“Wollen Sie erst eine Tasse Kaffee trinken, oder?” Ich wollte es, ich roch es, er war schon fertig. Beim Kaffeetrinken fragte ich beiläufig: “Was soll denn ihr schönes Haus kosten?” Kratzbürstig, beinahe vorwurfsvoll kam ihre Antwort: “Dafür habe ich Sie ja kommen lassen, junger Mann, das müssen Sie doch wissen!”. Sprach es und schaute mich wie ein General von oben herab an. Als ich dann vorschlug, das Haus erst einmal anzuschauen, zeigte sie mir alles bis in den kleinsten unwichtigen Winkel, und dass die Sonne den ganzen Tag am Haus scheine und kucken sie mal hier und sehen sie mal dort. Und haben sie auch Kunden, haben die auch Geld, können die auch bezahlen? Es nahm kein Ende. Endlich wieder im Wohnzimmer angekommen, fragte ich nach Unterlagen, die mir, fein säuberlich aufbewahrt, vorgelegt wurden. Ich fing an zu rechnen und bezog die Dame mit ein, indem ich immer wieder nach Einzelheiten fragte. Schließlich nannte ich den Preis: 240.000 DM.
Jetzt wurde die resolute Witwe ganz aufgeregt, offensichtlich war sie ganz aus der Fassung, denn sie wurde rot, dann wieder bleich, es sprudelte nur so aus ihr heraus: “Was, so viel? Das ist zu viel, stimmt das auch, oder? 120.000 DM hätte ich gedacht, aber so viel? Prüfen Sie Ihre Rechnung noch mal nach!!”. Als Makler hat man ein Gespür für den Preis, aber ich tat so, als ob ich alles noch einmal durchrechnen würde, ehe ich ihr versicherte, dass die genannte Summe in Ordnung wäre.
“Gut, junger Mann, geben Sie mir mal Ihren Auftragschein, wo soll ich denn unterschreiben und was bekommen Sie?” Sie unterschrieb den Schein und entließ mich gnädig und voller Überzeugung, ich hätte einen Fehler gemacht mit den Worten: “Dann sehen Sie mal zu, ich glaube ja nicht daran, wir werden ja sehen, glauben Sie das denn wirklich?”.
Eine Woche später hatte ich ein nettes Paar zur Besichtigung des Hauses eingeladen. Während die junge Frau mit der Witwe durchs Haus wuselte, hatte der Mann mit einem Blick das Wesentliche erkannt, er fand, das Haus sei in Ordnung, Lage und Preis würden stimmen, also, wann zieht die Frau aus und wann können wir den Kaufvertrag machen. Wir einigten uns auf Mittwoch. Ob sie vorher noch einmal zum Gardinen ausmessen vorbeikommen dürfe, fragte die junge Frau beim Abschied noch beiläufig. “Natürlich“, war die Antwort, “rufen Sie vorher an, ich bin ja immer im Haus und ich koche uns dann noch eine schöne Tasse Kaffee!”. Sie wurde am Dienstag getrunken, die schöne Tasse Kaffee.
Am Abend klingelte bei mir das Telefon. Die Verkäuferin meldete sich und fragte scheinheilig, ob denn für morgen alles klar wäre, beim Beurkundungstermin. Ich konnte ihr das bestätigen und erinnerte sie noch daran, ihren Ausweis nicht zu vergessen. Den habe sie schon herausgelegt, antwortete sie sehr freundlich, aber sie möchte noch etwas sagen und dann klang es aus dem Hörer: “Ich habe noch einmal 40.000 DM vom Kaufpreis nachgelassen!”. Mir verschlug es die Sprache. Ob ich noch am Telefon wäre und ob ich ihr wegen der Provision böse wäre, fragte sie dann. Ich antwortete ihr, es sei ja ihr Haus und auch ihr Geld und darüber könne sie ganz alleine verfügen, über meine Provision solle sie sich keine Sorgen machen, das sei schon in Ordnung. Die Beurkundung fand am nächsten Tag wie vorgesehen statt und alle waren zufrieden. Es war eine teure Tasse Kaffee!
Das Telefon klingelt, Herr Heinel (Name geändert) meldet sich und teilt mir mit, dass er sein Haus verkaufen möchte. Wenn ich auch ohne Alleinauftrag arbeiten würde, könne ich ja zu ihm kommen und mir alles ansehen. Ich versprach, alles zu tun um einen schnellen Verkauf zu ermöglichen, setzte mich ins Auto und fuhr hin. Das Verkaufsobjekt war eine alte Bahnhofsgaststätte mit Saal, Gästezimmern und einer kompletten Wohnung.
Aus gesundheitlichen Gründen und weil er und seine Frau schon über 70 Jahre alt wären, sollte das alte Gemäuer nun so schnell wie möglich verkauft werden. Meine Mitbewerber, klagte Herr Heinel, hätten so wie ich alles mögliche versprochen, sich aber innerhalb eines Jahres kaum um das Geschäft gekümmert und nicht einen einzigen Kaufinteressenten vermittelt, er sei sehr enttäuscht. Der Preis, den er mir nannte, stehe fest und ich sollte mal schnell einen Käufer bringen, aber diskret, die Stammgäste in seiner Kneipe sollten auf gar keinen Fall merken, dass er sein Geschäft aufgeben wolle.
Ich fuhr ins Büro zurück. Einen Kundenstamm für ein so außergewöhnliches Objekt hatte ich natürlich nicht, außerdem war Freitag und damit bestand auch keine Möglichkeit mehr zum Annoncieren in der Samstagausgabe der Zeitungen. So stellte ich mich darauf ein, eine ganze Woche lang abwarten zu müssen.
Am Samstag studierte ich dann den Anzeigenteil unserer Zeitung und fand eine Anzeige: Große Familie sucht großes Haus! Ich rief sofort die angegebene Telefonnummer an und vereinbarte einen Besichtigungstermin für Montag, 18,00 Uhr. Mein anschließender Anruf bei Herrn Heinel rief großes Erstaunen hervor. Montag schon? Geht klar, kommen sie man. Dann wollte er wissen, was das denn für Leute wären. Ich musste schwindeln, kannte ich diese Leute doch nur durch das Telefongespräch, aber meine Antwort, es sind gute Kunden von mir, genügte ihm.
Am Montag war ich pünktlich und sehr nervös in der gut besuchten Gaststätte. Herr Heinel wollte dann doch mehr über meine Kunden wissen, was mir sehr unangenehm war, da es nicht viel zu erzählen gab. Gedehnt und betont langsam, immer aus dem Fenster schauend, versuchte ich mir etwas aus den Fingern zu saugen, die Zeit des Wartens wurde zur Qual. Endlich, zehn Minuten nach sechs Uhr hielt ein klappriger VW-Käfer vor der Tür, ich spürte intuitiv, das sind sie. Die Tür des Wagens ging auf und dann quälten sich, oh Schreck, sieben Leute aus dem Auto, vier Erwachsene und drei Kinder. Die Kinder stürmten sofort in die Gaststube, laut sprudelten sie los, oh wie schön, das wollen wir kaufen, guck mal hier eine Theke und hier ist ja auch ein Zapfhahn und sieh mal hier, wie schön, ein alter Kachelofen, sie stürmten ungebremst in den Saal und spielten “Kriegen”.
Dann standen die vier Erwachsenen im Lokal: Oh je! Zwei Vollbärtige mit langen Haaren, asketische Gesichter, mit Parka bekleidet, Brotbeutel über der Schulter, Jesuslatschen an den Füßen, die Frauen sahen auch nicht besser aus. Was in meinem Kopf vorging, kann sich keiner ausmalen, mein Image, mein Gott, was hatte ich versprochen, gute Kunden von mir! Es sollte doch alles diskret vor sich gehen, und nun das, furchtbar. Nun gut, es war nichts mehr zu retten, also ergriff ich die Initiative. Nach kurzer Begrüßung bat ich, doch die Kinder schon aus versicherungstechnischen Gründen wegen der Unfallgefahr nach draußen zu bringen, nur unter großem Murren gehorchten sie. Dann begann die Besichtigung, bis in den kleinsten Winkel wollte man alles sehen, ich dachte dabei immer nur, wie komme ich hier nur schnell wieder raus? Aber nein, man nahm die Einladung zu einer Tasse Kaffee in der guten Stube auch noch an. Bei Kaffee und Kuchen begann man dann, sich persönlich vorzustellen: Ein Pfarrer, ein Psychologe, eine Dipl. Psychologin, eine Pädagogin, nicht anwesend aber als Mitkäufer benannt, ein Therapeut und ein Kaufmann.
Ich fasste es nicht, konnte es nicht glauben, sie wollten kaufen, ohne über den Kaufpreis zu verhandeln, es sei genau das richtige Objekt wonach sie schon lange gesucht hätten. Es wurde ein Beurkundungstermin vereinbart und Herr Heinel sagte, wenn man nichts dagegen hätte, sollte man das bei einem Notar machen, bei dem schon sein Vater früher immer beurkundet hätte. Damit waren alle einverstanden, obwohl ich überlegte, wenn Herr Heinel schon 72 Jahre alt ist, wie alt muss dann wohl erst der Notar sein, vermutlich fast schon scheintot.
Aber der Termin fand statt. Fünf Käufer waren anwesend, vom sechsten wurde eine notariell beglaubigte Vollmacht eines Berliners Notars vorgelegt. Hier sagte der Notar zum ersten Mal: “Das beurkunde ich hier und heute nicht!” Mir schwoll der Kamm, doch noch langer Debatte fing er dann doch an zu verlesen, bis er im § 3 wieder etwas zu bemängeln hatte. Sein Kommentar: “Das beurkunde ich hier und heute nicht!”. Man fand eine Lösung und es ging zunächst weiter bis zum § 6, sein Kommentar dazu: “Das beurkunde ich hier und heute nicht!”. Sprach`s und ging erst einmal zur Toilette.
Ich ging hinterher und wartete auf dem Flur auf seine Rückkehr. Als er kam, trat ich so dicht wie möglich an den zwei Zentner schweren Mann heran und sagte erregt aber bestimmt: “Wenn Sie noch einmal sagen, das beurkunde ich hier und heute nicht, dann wird ihr alter kranker Freund Heinel sein Haus zu diesem Preis überhaupt nicht mehr verkaufen können und Sie tun ihm einen ganz schlechten Gefallen! So, und nun gehen wir wieder hinein und es wird nur noch verlesen, schließlich haben Sie diesen Vertragsentwurf doch selbst gemacht!”. Verdutzt und ein wenig erschrocken sagte er, dass er alle vier Wochen seinen Skatabend hätte und das sei heute. “Den Abend vergessen Sie mal schnell, es wird verlesen und unterschrieben”, war meine Antwort. Undeutlich vor sich hinmurmelnd ging er in sein Amtszimmer und verlas den Vertragsentwurf, der dann von allen unterschrieben wurde. Beim Hinausgehen hörte ich den Notar noch sagen: “Mensch Heinel, wo hast Du denn den bemerkenswerten, jungen Makler aufgetrieben, der hat mir draußen vor der Türe ganz schön den Magen rein gemacht.”
Ich aber schwor mir, nie wieder einen Notar zu akzeptieren, bei dem schon der Vater eines älteren Herrn beurkundet hatte.
A) Eine Dame wollte ihr kleines Häuschen verkaufen, ich fand einen Interessenten.
B) Diese Dame wollte aber auch gleich wieder eine Eigengtumswohnung kaufen, ich hatte eine Wohnung die ihr gefiel im Angebot.
C) Der Eigentümer dieser Wohnung wollte ein kleines Häuschen kaufen, ich hatte ein Häuschen das seinen Vorstellungen entsprach im Angebot.
D) Dieser Verkäufer suchte ein größeres Zweifamilienhaus, auch dieses Objekt war vorhanden.
Nun ging es los, alle wollten verkaufen und auch wieder kaufen, aber jeder wollte sicher gehen, dass er nach dem Verkauf auch das gewünschte Objekt bekam. Ohne Verkauf kein Kauf und das bei allen Beteiligten. Eine richtig schöne Aufgabe, die nur von einem Makler gelöst werden kann.
Ich ging daran alle erforderlichen Unterlagen aufzubereiten. Dann rief ich am nächsten Morgen um 7,00 Uhr einen mir gut bekannten Notar an, sagte ihm was ich vor hatte, bat ihn, aufzustehen, ins Büro zu fahren, eine Schreibkraft zu besorgen und um 13,00 zu beurkunden. Wo es denn brenne, fragte er verdutzt und noch schlaftrunken. Ich erklärte ihm, dass vier miteinander verbundene Objekte verkauft und gleichzeitig gekauft werden sollten. “Donnerwetter”, hörte ich nur, und “ich fahre sofort los!”.
Wir trafen uns in seinem Büro, ich übergab die vorbereiteten Unterlagen und er begann sofort mit der Vertragsgestaltung. Ab 11,00 Uhr wurde der erste Vertag beurkundet und danach halbstündlich der nächste. Der Notar unterschrieb erst, als alle Verträge abgeschlossen waren, damit jeder sicher sein konnte, dass er bekam was er haben und los wurde, was er los werden wollte.
Am Ende war ich schweißgebadet, denn wenn ein Vertrag nicht zustande gekommen wäre, wären alle anderen Verträge auch geplatzt. Aber nach zwei Stunden war es zum Wohle aller Beteiligten geschafft. Schließlich konnte um 15,00 Uhr sogar noch ein größeres Gewerbeobjekt beurkundet werden, dieser Vertrag war aber schon länger vorbereitet worden.
Weder der Notar noch der Makler haben je wieder eine so aufregende Sache erlebt. Es war doch eine kleine Meisterleistung.
Mein Auftrag lautete, ein gerade fertig gestelltes, noch nicht bezogenes Einfamilienhaus zu verkaufen. Die Bauherren, ein kinderloses Ehepaar, waren durch das Baugeschehen mit seinen vielseitigen Problemen derartig gestresst, dass sie nur noch eines wollten, in Ruhe in ihrer kleinen Dreizimmerwohnung bleiben. Also weg mit dem Haus, so schnell wie möglich!
Ein Kaufinteressent war schnell gefunden und man wurde handelseinig. Ich sollte sofort bei einem Notar, der von beiden Vertragspartnern bestimmt wurde, einen Vertragsentwurf bestellen. Aber bitte, wurde mir ans Herz gelegt, ein ganz einfacher Vertrag, ohne Haken und Ösen, sagen sie das dem Notar, wir sind ja beide Juristen, ein ganz einfacher Vertrag! Keiner wollte den anderen übervorteilen, beide wollten nur einen schnellen, reibungslosen Übergang der Immobilie. Also erfüllte ich den Wunsch: “Bitte, Herr Notar, ein ganz einfacher Vertrag. Sie kennen ja die beiden Vertragsschließenden!”. Geht in Ordnung, mein Herr, versprach der Notar.
Der Entwurf wurde zugestellt, auch dem Makler. Dann klingelte mein Telefon, es war der Verkäufer, was der Notar wohl im § 3 meinte, fragte er. Es war eine Kleinigkeit, klar, lasse ich ändern. Dann meldete sich der Käufer, was da in § 8 gemeint sei. In Ordnung, wird geändert. Der so geänderte Vertragsentwurf wurde zugestellt. Und wieder klingelte das Telefon, der Käufer fragt nach dem Grund der Änderung in § 3. Dann meldet sich der Verkäufer und fragt nach dem Grund der Änderung in § 8. Per Konferenzbeschluss ließ sich eine Einigung erzielen, man wollte ja schließlich nur einen einfachen Vertrag.
Der dritte Entwurf erreichte die Beteiligten. Und wieder klingelte zwei Mal das Telefon. Nach dem sechsten Vertragsentwurf wollte ich aufgeben, sollten die beiden Juristen doch sehen, wie sie zu ihrem Vertrag kommen. Völlig genervt rief ich einen väterlichen Freund, einen Bänker an. Der hörte sich geduldig die mit entsprechenden unlöblichen Zusätzen verzierte Geschichte an und lud mich dann zu einem Bier ein. Das Bier in unserer Stammkneipe war schnell serviert und ich wollte mir gerade wieder Luft machen, da fragte Peter: “Was bist Du eigentlich Bauingenieur oder Makler?”. Gereizt antwortete ich, ich sei ja wohl beides. Ich würde seine Frage nicht verstehen und er wolle wissen was ich hier und heute sei. Der Fragerei überdrüssig antwortete ich trotzig: “Makler!”.
Peter wurd lebhaft, aufgeregt fragte er, ob der eine verkaufen will, ob der andere kaufen will und ob beide das gleiche Objekt meinten. Nachdem ich seine Fragen mit einem klaren “Ja” beantwortet hatte ging es weiter “…und Du bist der Makler der die beiden zusammenbringen soll?”. Völlig genervt und gequält, ich hatte mich so auf ein Bier gefreut, sagte ich “Ja”.
Jetzt wurde Peter laut: “Wenn die Situation so ist, wie Du sie geschildert hast und Du Makler sein willst, was machst Du denn hier? Trink Dein Bier aus, setz Dich in Bewegung und bring die beiden Parteien zum Notar. Hier bist Du mit Deinen maklerischen Fähigkeiten doch endlich einmal richtig gefragt!”. Dann schob er mich aus dem Lokal.
Im Büro angekommen telefonierte ich mit dem Notar, legte den Beurkundungstermin fest, sagte, der letzte Entwurf wird beurkundet, teilte Verkäufer und Käufer den Termin mit und erklärte beiden: “Es wird nur verlesen, keine Diskussion mehr, der Vertrag ist ausgereift und wird so ausgeführt!”. Dann lehnte ich mich in meinen Sessel zurück, eigenartig, weder der Verkäufer (Syndikus) noch der Käufer (Staatsanwalt) hatten protestiert, beide hatten den Termin ohne weitere Worte bestätigt. Es wurde dann auch zur festgesetzten Zeit beurkundet und unterschrieben, aber man sagte sich weder “Guten Tag” noch “Auf Wiedersehen“.
Nur der Makler wusste, es sollte der einfachste Vertrag der Welt werden, zwischen zwei Juristen, ausgeführt von einem dritten Juristen.
Weil ich als angestellter Immobilien-Sachbearbeiter für eine Ferienwohnung an der See ohnehin schon einen Termin mit einem Kunden vereinbart hatte, teilte mir mein Chef eine Kundin zu, die auch an dieser Wohnung interessiert war. Die Dame stieg zu mir in den Wagen und in eineinhalb Stunden waren wir am Ziel angelangt. Die kleine Wohnung gefiel der Kundin und sie wollte sie sofort kaufen. Was nun? In einer halben Stunde würden die anderen Kunden erscheinen, weit angereist vom Rhein. Aus Höflichkeit müsse ich diese Leute ja wohl empfangen, tröstete ich die Dame, aber das bekommen wir schnell in den Griff, wir trinken erst einmal eine Tasse Kaffee in dem kleinen Cafe nebenan. Viel Gesprächsstoff gab es nicht, aber die Kunden aus Köln waren pünktlich.
Aus einem Mittelklassewagen stieg ein stattliches, vornehm gekleidetes Ehepaar, das mich sehr freundlich mit gewählten Worten begrüßte, wirklich sehr vornehm. Innerlich frohlockte ich, diese kleine Wohnung würde diesen Leuten sicher nicht gefallen, zum Glück, denn der Käufer war ja schon gefunden. Frohgemut ging ich also mit einer Negativtaktik auf die Kölner zu, ist ja ein bisschen klein das Ding, für ihre Ansprüche sicher nicht geeignet, der Weg zum Strand etwas zu weit und was mir sonst noch einfiel. “So, so…“, klang es gedehnt zurück, “….was wissen Sie über unsere Ansprüche und was wir suchen? Gerade so etwas kleines, schnuckeliges suchen wir, die Wohnung ist gerade richtig, die nehmen wir!”.
Wie ein begossener Pudel stand ich da, was nun? Man sah mir meine Sorgen an und fragte, ob etwas nicht in Ordnung wäre. "Nein, nein", sagte ich und bat die beiden zu einer Tasse Kaffe nach nebenan, wo die andere Kundin schon wartete. Ich stellte die Leute einander vor, erklärte die Situation und fragte, wie man verfahren sollte, ob vielleicht doch einer noch zurücktreten möchte. Es wollte keiner. Dann dachte ich, man könnte ja eventuell über den Preis verhandeln. Alle lehnten entrüstet ab, was mir wohl einfiel. Mein Vorschlag, zu losen, fand auch keine Zustimmung.
Ich entschuldigte mich für einen Augenblick und rief meinen Chef an. Der war aber auch keine Hilfe und rüffelte, ich sei vor Ort und solle das Problem gefälligst selber lösen. In meinem Kopf rasten die Gedanken, du willst doch keinem wehtun, es sind so nette Leute, aber mit der einen musst du noch eineinhalb Stunden im Auto nach Hause fahren und außerdem hat sie zuerst zugesagt, gut, dann soll sie auch das Objekt bekommen.
Gespannt erwartete man mich, was ist nun? Ich erklärte, mein Chef hätte entschieden, wer zuerst ja gesagt hätte, der solle die Wohnung auch bekommen. Das vornehme Ehepaar, nun gar nicht mehr freundlich, verließ laut schimpfend das Lokal. Ich fuhr mit der Dame zurück ins Büro, der Kaufvertrag wurde besiegelt, alles war in Ordnung. Wirklich alles?
Zwei Monate später kam ein Brief vom Vormundschaftsgericht: “Uns liegt ein Kaufvertrag vor, zu dem wir Ihnen leider mitteilen müssen, dass Frau….. nicht zurechnungsfähig ist, der Vertrag kann aus diesem Grunde nicht zur Durchführung gelangen, es tut uns sehr leid!”.
Mein Chef sprang im Dreieck: “Nun hat man mal gleichzeitig zwei Kaufkunden und Sie entscheiden sich für den falschen, rufen Sie sofort den anderen Kunden an und fragen Sie, ob der noch will!”. Ich rief an, kühl dankend lehnte man ab, man habe eine viel schönere Wohnung gefunden. Des Maklers Müh` ist eben oft umsonst!
Einige Jahre später, ich war inzwischen selbstständiger Immobilien-Makler, erlebte ich eine ähnliche Geschichte.
Ein freundlicher Mann ruft an und fragt, ob sich eine Eigentumswohnung oder ein kleines Einfamilienhaus in meinem Angebot befände, es sei als Kapitalanlage gedacht, dürfte also auch vermietet sein. “Selbstverständlich”, war meine Antwort. Er sei Handwerksmeister, hätte aber zur Zeit kein Auto zur Verfügung, ob man ihn am nächsten Tag vom Bahnhof abholen könne, möchte er dann wissen. Auch das könne man.
Mein Mitarbeiter holte ihn am nächsten Tag vom Bahnhof ab, brachte ihn ins Büro, wir bewirteten ihn mit Kaffee und Kuchen und offerierten ihm dabei ein Objekt, das ihm nicht nur gefiel, er wollte es auch sofort besichtigen. Nach einer halben Stunde rief mein Mitarbeiter, der den Kunden begleitet hatte, im Büro an und sagte mir, der Herr wollte kaufen, möchte aber nicht noch einmal mit dem Zug anreisen, ob der Kaufvertrag nicht sofort gemacht werden könnte. Kurze Rücksprache mit dem Notar, es war möglich.
Während der Verkäufer, der Käufer und mein Mitarbeiter sich auf den Weg zum Notar machten, bereitete ich alle zur Beurkundung erforderlichen Unterlagen auf und faxte sie ins Notariat. Geschafft, dachte ich und lehnte mich zufrieden in meinen Schreibtischsessel zurück. Und dann fiel mir ein Satz ein, den mein Vater mir einmal gesagt hatte: “Hüte Dich vor schnellen Kaufleuten und vor schnellen Geschäften!” Ein ganz dummer Satz doch wohl, oder war da vielleicht was dran?
Ich schaute ins Telefonbuch, suchte die Heimatgemeinde des Meisters heraus, rief dort an und fragte nach Herrn sowieso. Auf der anderen Seite wollte mich dann eine ganz aufgeregte Dame sofort mit dem Jugendamt verbinden. “So jung ist der Mann doch nicht mehr”, hätte ich gerne noch gesagt, aber da war die Verbindung schon hergestellt: “Jugendamt hier, machen Sie um Gottes Willen mit dem Mann keine Geschäfte, er ist unzurechnungsfähig, reist im ganzen Land umher und schließt Kaufverträge ab, die nicht erfüllt werden können!”.
Ich erschrak, war wie von einer Keule getroffen einige Sekunden regungslos, dann aber griff ich zum Telefon, rief den Notar an und fragte ob die Leute schon da sind. “Nein”, war die Antwort. Schnell erklärte ich dem verblüfften Juristen die Situation und der fand es toll, dass ich das so schnell herausgefunden hatte. Nach seinem Erscheinen im Notariat wurde der “Käufer” dann mit einer kleinen Ausrede zum Bahnhof gebracht, der Verkäufer war zwar enttäuscht, verstand aber die Situation. So wurde ein beträchtlicher finanzieller Schaden gerade noch rechtzeitig abgewendet.
Etwa zehn Jahre später rief der “Handwerksmeister” wieder an, ich erkannte ihn eigenartigerweise sofort an der Stimme. Nicht schon wieder, dachte ich, und legte den Telefonhörer sanft auf.
Ein überheblicher Notar
Auf Wunsch des Käufers einer Immobilie wurde ein Notar bestimmt, der die Beurkundung durchführen sollte. Beim Termin begrüßte der Notar die Parteien sehr herzlich und führte sie ins Notariat. Ganz nebenbei und etwas abfällig begrüßt er mich: “Ach, da ist ja auch der Herr Makler!”. Es schwoll mir ein wenig der Kamm, ich ließ mir aber nichts anmerken.
Der Notar begann den Vertrag zu verlesen, bis es ein Problem gab, das ich ruhig und sachlich aufzuklären versuchte. Unwirsch wurde ich dabei vom Notar unterbrochen. Beim weiteren verlesen kam bald das nächste Problem. Man debattierte und fand zu keinem zufrieden stellenden Ergebnis. Langsam, beinahe bedächtig nahm ich das Wort, beruhigte die Parteien wieder mit sachlichen Erklärungen und löste so auch dieses, eigentlich kleine Problem. Dem Notar gefiel das gar nicht, er versuchte immer wieder mich zu unterbrechen, unruhig rutschte er auf seinem Stuhl hin und her und sah mich fast feindselig an, als die Vertragschließenden mit meinen Erklärungen einverstanden waren. Innerlich kochte ich vor Unmut über so viel Intoleranz.
Im weiteren Verlauf tauchten noch ein paar Fragen auf, die ich, garniert mit unfreundlichen Seitenhieben des Notars, alle durch sachliche Erläuterungen klärte, bis der Vertrag schließlich zu Ende verlesen und von allen Seiten unterschrieben werden konnte. Man trennte sich zufrieden, aber ich war böse. Heute ist es zu spät, dachte ich, aber morgen, so schwor ich mir, morgen rufst du diesen Notar an und sagst ihm in ruhigen Worten was du von ihm hälst. Zu Hause berichtete ich meiner Frau schimpfend von der Sache und was sich ein Notar so alles einbildet.
Der nächste Tag begann wie immer, das Telefon stand nicht still, ich kam gar nicht dazu den Notar anzurufen, bis der sich plötzlich selber meldete. Er sprach mich sehr freundlich mit meinem Familiennamen an und sagte, gestern, bei der Beurkundung, “Sie erinnern sich doch…” (und ob ich mich erinnerte), da wäre ich ihm sehr positiv aufgefallen, meine Ruhe, meine Sachlichkeit, mein Geschick die Dinge zu lenken, alle Achtung, das habe ihm sehr imponiert. Meine Überraschung war perfekt, das konnte doch nicht der Notar von gestern sein? Aber er redete weiter und es kam noch besser, er besitze selbst Immobilien und von einigen möchte er sich gerne trennen, ob ich ihm dabei helfen würde.
Es wurde eine sehr gute Zusammenarbeit mit weiteren Empfehlungen von seiner Seite. So kann es kommen wenn man die Ruhe behält.
Vom alten Taucher und seiner Frau
“Wir wollen unser Haus verkaufen”, was gibt es Schöneres für einen Makler als einen Anruf, der so beginnt. Ein Termin war schnell vereinbart. Ich fuhr hin, klingelte an der Haustüre, die Dame des Hauses öffnete und überfiel mich mit einem Redeschwall, kommen Sie herein, legen Sie ab, wollen Sie erst eine Tasse Kaffee oder das Haus ansehen, es ging immer weiter. Na, was möchte wohl ein Makler zuerst, natürlich eine Tasse Kaffe, der ja immer schon fertig ist, wenn man kommt, man macht der Hausfrau ja auch eine Freude, wenn man den Kaffee frisch genießt und auch noch überzeugend zur Kenntnis gibt, dass er sehr gut schmeckt. Das macht Freunde. Man kann dabei auch so einiges erfragen, was man früher so beruflich gemacht hat und eigenartigerweise übernehmen in der Regel sofort die Frauen das Kommando. So auch hier.
“Ja, mein Mann war Taucher, ein harter Beruf, nicht wahr Papa!?”. Papa sitzt in der Ecke des Hauses, zieht an seiner Pfeife und nickt mit dem Kopf. “Wir müssen ja nicht verkaufen, aber die Arbeit am Haus wird uns zu viel, nicht wahr Papa!?”. Papa zieht an seiner Pfeife und nickt. Dann wird das Haus besichtigt, die Hausfrau wuselt immer vor mir herum, gucken Sie mal hier und schauen Sie mal da und haben Sie das schon gesehen, hat mein Mann alles gebaut, ist das nicht schön? In meinen Gedanken sehe ich schon vor mir, wie der neue Eigentümer alles rausreißt und es nach seinem Geschmack ändert, ist sowieso alles alt und auch nicht schön. Sag ich natürlich nicht, für mich ist schön, was dem Auftraggeber gehört, was der Käufer nachher macht, ist eine ganz andere Sache. Nebenbei frage ich, was es denn kosten soll, das Haus. Die Frauen zieren sich dann immer zuerst ein wenig und verzögern die Antwort. “Aber eine Preis-Idee haben Sie doch sicher”, fragte ich, als wir wieder im Wohnzimmer angekommen waren. Sehr bestimmt und im Brustton der Überzeugung kam die Antwort: “Unter 90.000 DM verkaufen wir nicht, nicht wahr Papa!”. Papa, der alte Taucher, zog genüsslich an seiner Pfeife und nickte, aber dieses Mal sagte er noch: “Wenn Du meinst!”. Er dachte wohl, seine Frau hätte zu hoch gegriffen.
Ich machte eine kurze Berechnung schrieb die Summe auf einen Zettel und sagte, hier steht es schwarz auf weiß. Nun wird Tauchers Frau aufgeregt und meint, sie habe wohl zu viel verlangt. “Aber nein“, sagte ich beruhigend, als Berater hätte ich ganz gewissenhaft gerechnet und ihr Haus sei 220.000 DM wert.
Einen Moment herrschte absolute Stille, dann platzte es aus ihr heraus: “Wenn Sie das bekommen für unser Haus, dann kriegen Sie 10.000 DM extra von uns, nicht wahr Papa!”. Papa wusste auch nur mit dem Kopf zu nicken und zog, na, sie wissen schon, an seiner Pfeife.
Ich lehnte die zugesagte Zusatzprämie ab und sagte ihr, dass sie das Geld besser für die Sicherung ihres Lebensstandards im Alter behalten solle und was ist erst, wenn einer pflegebedürftig wird. Unter Protest unterschrieb sie dann meinen Auftrag, jedenfalls würde ich meine Prämie bekommen, wenn ich den genannten Preis erzielen könnte. Und tatsächlich wurde der Verkauf schon nach kurzer Zeit mit dieser Summe abgewickelt.
Die Prämie floss natürlich nicht, ich hätte sie auch konsequent abgelehnt. Aber was kam, zählte viel mehr, ein zufriedener Kunde spricht Empfehlungen aus und das spürte ich immer wieder, aus welcher Ecke sich dieser so genannte Segen einstellte.
Die Melodie "Erfolgsspur" komponierte und spielt Fredy Dörpinghaus

References: § 3
 § 6
 § 3
 § 8
 § 3
 § 8