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Timestamp: 2019-10-14 13:31:42+00:00

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Ent­schä­di­gungs­kla­ge wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er – und der PKH-Antrag in der Kla­ge­frist | Rechtslupe
Entschädigungsklage wegen überlanger Verfahrensdauer - und der PKH-Antrag in der Klagefrist
Ent­schä­di­gungs­kla­ge wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er – und der PKH-Antrag in der Kla­ge­frist
Eine Ent­schä­di­gungs­kla­ge ist gemäß § 198 Abs. 5 Satz 2 GVG spä­tes­tens sechs Mona­te nach Ein­tritt der Rechts­kraft der Ent­schei­dung, die das Ver­fah­ren been­det, oder einer ande­ren Erle­di­gung des Aus­gangs­ver­fah­rens zu erhe­ben.
Soweit die­se Frist an die Rechts­kraft anknüpft, ist bei Ent­schei­dun­gen, die nicht der mate­ri­el­len Rechts­kraft fähig sind, auf die for­mel­le Rechts­kraft abzu­stel­len, d.h. maß­geb­li­cher Zeit­punkt ist deren Zustel­lung bzw. Bekannt­ga­be 1.
Dass die Klä­ge­rin ihre Kla­ge erst außer­halb der Sechs-Monats-Frist des § 198 Abs. 5 Satz 2 GVG erho­ben hat, ist unschäd­lich, wenn ihr PKH-Antrag für die vor­lie­gen­de Kla­ge den Bun­des­fi­nanz­hof als zustän­di­ges Ent­schä­di­gungs­ge­richt bereits vor Ablauf der Frist erreicht hat und sie zudem unver­züg­lich nach Zustel­lung des PKH-Bewil­li­gungs­be­schlus­ses Kla­ge erho­ben hat.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts han­delt es sich bei der Kla­ge­frist des § 198 Abs. 5 Satz 2 GVG nicht um eine pro­zes­sua­le und damit auch nicht um eine wie­der­ein­set­zungs­fä­hi­ge, son­dern um eine mate­ri­ell-recht­li­che Aus­schluss­frist, deren Ver­säum­nis den Ent­schä­di­gungs­an­spruch grund­sätz­lich ohne Wei­te­res zum Erlö­schen bringt 2. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt nimmt inso­weit Bezug auf die Geset­zes­be­grün­dung zum Gesetz über den Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren und straf­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­ren vom 24.11.2011 3 ‑ÜberlVfRSchG‑, nach der es sich bei der Kla­ge­frist ent­spre­chend § 12 des Geset­zes über die Ent­schä­di­gung für Straf­ver­fol­gungs­maß­nah­men (StrEG) um eine "abso­lu­te Aus­schluss­frist" han­de­le, nach deren Ablauf eine Ver­wir­kung des Anspruchs ein­tre­te 4.
Gleich­wohl hält es das Bun­des­so­zi­al­ge­richt wegen des bereits oben dar­ge­leg­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Gebots der Rechts­schutz­gleich­heit bemit­tel­ter und unbe­mit­tel­ter Rechts­schutz­su­chen­der für frist­wah­rend, wenn eine finan­zi­ell unbe­mit­tel­te Par­tei zumin­dest noch inner­halb einer Aus­schluss­frist PKH bean­tragt, sofern die anschlie­ßen­de Kla­ge unver­züg­lich nach der Ent­schei­dung über den PKH-Antrag zuge­stellt wird. Inso­weit beruft es sich auf die gleich­lau­ten­de Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, nach der ein frist­ge­recht gestell­ter PKH-Antrag sowohl mate­ri­ell-recht­li­che Aus­schluss­fris­ten im Pri­vat­recht 5 als auch sol­che bei öffent­lich-recht­li­chen Ent­schä­di­gungs­an­sprü­chen 6 wah­ren kann. Ent­schie­den hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt dies für die (Übergangs-)Frist des Art. 23 Satz 6 ÜberlVfRSchG 7; sel­bi­ges dürf­te für die vor­lie­gend rele­van­te Frist des § 198 Abs. 5 Satz 2 GVG gel­ten.
Bil­ligt man dem unbe­mit­tel­ten Betei­lig­ten nach der Zustel­lung des PKH, Beschlus­ses eine Über­le­gens­frist von zwei Wochen zu, um dem Unver­züg­lich­keits­kri­te­ri­um hin­rei­chend Genü­ge zu tun 8, wäre die von der Klä­ge­rin am 31.10.2018 ‑und dem­nach vier Tage nach der Zustel­lung des PKH, Beschlus­ses- erho­be­ne Kla­ge als frist­ge­recht zu behan­deln. Für die Wah­rung der Kla­ge­frist ist trotz der Rege­lung in § 66 Satz 2 FGO, wonach bei Kla­gen nach § 198 GVG die Streit­sa­che erst mit der Zustel­lung beim Beklag­ten rechts­hän­gig wird, auf den Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung, d.h. dem Kla­ge­ein­gang bei Gericht, abzu­stel­len 9.
Die Sechs-Monats-Frist des § 198 Abs. 5 Satz 2 GVG wür­de eben­falls als gewahrt gel­ten, soll­te die­se abwei­chend von der BSG-Recht­spre­chung als gesetz­li­che Ver­fah­rens­frist ein­zu­ord­nen sein, bei deren schuld­lo­ser Ver­säu­mung Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nach § 56 FGO zu gewäh­ren wäre. Hier­für könn­te ‑ohne dass dies vor­lie­gend ent­schie­den wer­den muss- zum einen der Wort­laut des § 198 Abs. 5 Satz 2 GVG spre­chen, der eine "Kla­ge­er­he­bung", d.h. ein pro­zes­sua­les Ereig­nis bin­nen vor­ge­nann­ter Frist, vor­aus­setzt. Dage­gen wird in der vom Gesetz­ge­ber inso­weit als ver­gleich­bar ange­se­he­nen Frist des § 12 StrEG der Begriff der "Gel­tend­ma­chung" ver­wandt 10. Zum ande­ren wäre unter dem Gesichts­punkt einer effek­ti­ven Rechts­schutz­ge­wäh­rung bedenk­lich, wenn ins­be­son­de­re schuld­lo­se per­sön­li­che Ver­hin­de­run­gen, die Frist zu wah­ren, ‑z.B. eine plötz­li­che Erkran­kung-, einen mate­ri­el­len Anspruchs­aus­schluss zur Fol­ge hät­ten.
Wäre die Kla­ge­frist des § 198 Abs. 5 Satz 2 GVG somit als gesetz­li­che Ver­fah­rens­frist ein­zu­ord­nen, wäre das inner­halb der Frist des § 198 Abs. 5 Satz 2 GVG noch nicht abge­schlos­se­ne, aber frist­ge­recht und wirk­sam ein­ge­lei­te­te PKH-Ver­fah­ren als unver­schul­de­ter Hin­de­rungs­grund i.S. von § 56 Abs. 1 FGO anzu­se­hen 11. Der Hin­de­rungs­grund wäre mit der Zustel­lung des PKH-Bewil­li­gungs­be­schlus­ses am 27.10.2018 ent­fal­len, die Kla­ge bin­nen der Zwei-Wochen-Frist des § 56 Abs. 2 Satz 1 Halb­satz 1 FGO von der Klä­ge­rin erho­ben wor­den.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. März 2019 – X K 4/​18
Die nicht ent­schie­de­ne Hilfs­auf­rech­nung – und der Streit­wert Dass das Gericht über den Hilfs­wi­der­kla­ge­an­trag nicht ent­schie­den hat, weil es sei­ne inner­pro­zes­sua­le Bedin­gung als nicht erfüllt ange­se­hen hat, steht dem Ansatz eines Streit­werts nicht…
vgl. inso­weit zu § 198 Abs. 6 Nr. 1 GVG: BSG, Urteil vom 21.02.2013 – B 10 ÜG 1/​12 KL, BSGE 113, 75, Rz 24[↩]
vgl. BSG, Urtei­le vom 10.07.2014 – B 10 ÜG 8/​13 R, SozR 4 – 1720 § 198 Nr. 2, Rz 12; sowie vom 07.09.2017 – B 10 ÜG 1/​17 R, SozR 4 – 1710 Art. 23 Nr. 5, Rz 22, 29 [zu Art. 23 Satz 6 ÜberlVfRSchG][↩]
BGBl I 2011, 2302[↩]
BT-Drs. 17/​3802, 22; eben­so Zöller/​Lückemann, ZPO, 32. Aufl., § 198 GVG Rz 11[↩]
z.B. BGH, Urteil vom 01.10.1986 – IVa ZR 108/​85, BGHZ 98, 295, unter 3.c bis e, m.w.N.[↩]
BGH, Beschluss vom 30.11.2006 – III ZB 23/​06, NJW 2007, 441, unter II. 2.a und b, m.w.N.[↩]
BSG, Urteil in SozR 4 – 1710 Art. 23 Nr. 5, Rz 24[↩]
vgl. hier­zu BSG, Urteil in SozR 4 – 1710 Art. 23 Nr. 5, Rz 25 ff. unter Hin­weis auf die in § 91a Abs. 1, § 269 Abs. 2 ZPO ent­hal­te­nen Rechts­ge­dan­ken[↩]
BFH, Urteil vom 12.07.2017 – X K 3 – 7/​16, BFHE 259, 393, BSt­Bl II 2018, 103, Rz 25[↩]
vgl. hier­zu auch Röhl in: Schlegel/​Voelzke, juris­PK-SGG, § 198 GVG Rz 155, m.w.N.[↩]
vgl. statt vie­ler BFH, Beschluss vom 22.03.2012 – XI B 1/​12, BFH/​NV 2012, 1170, Rz 12; Bran­dis in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 142 FGO Rz 15 ff., m.w.N.[↩]
EntschädigungsklageFinanzgerichtsverfahrenKlagefristPKH-AntragÜberlange Verfahrensdauer

References: § 198
 § 198
 § 198
 § 12
 Art. 23
 § 198
 § 66
 § 198
 § 198
 § 56
 § 198
 § 12
 § 198
 § 198
 § 56
 § 56
 § 198
 § 198
 Art. 23
 Art. 23
 § 198
 Art. 23
 Art. 23
 § 91
 § 269
 § 198
 § 142