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Timestamp: 2017-02-24 19:40:52+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 7 Sa 109/10
7 Sa 109/10
Auf die Anhörung des Be­triebs­rats gemäß § 102 Abs 1 Be­trVG ist § 174 BGB je­den­falls ana­log an­zu­wen­den.(Rn.18) Lei­tet die Anhörung des Ver­fah­rens ein be­triebs­frem­der Drit­ter (hier: Rechts­an­walt) ein, hat er dies­bezüglich ei­ne Ori­gi­nal­voll­macht dem Be­triebs­rat vor­zu­le­gen. In­so­weit han­delt es sich je­den­falls um ei­ne geschäftsähn­li­che Hand­lung, da sie ei­ne auf ei­nen tatsächli­chen Er­folg ge­rich­te­te (Wil­lens-) Hand­lung ist, de­ren Rechts­fol­ge kraft Ge­set­zes - vor­lie­gend: Be­ginn des Laufs der Stel­lung­nah­me­frist des Be­triebs­rats - ein­tritt. Die ana­lo­ge An­wen­dung des § 174 BGB, das heißt die ent­spre­chen­de Gleich­set­zung der geschäftsähn­li­chen Hand­lung mit dem Tat­be­stands­merk­mal Rechts­geschäft, recht­fer­tigt sich aus der be­ste­hen­den Re­ge­lungslücke und der ver­gleich­ba­ren In­ter­es­sen­la­ge, die dem Norm­zweck des § 174 BGB zu Grun­de liegt. Auf­grund der durch bei­de Tat­bestände ein­tre­ten­den Rechts­wir­kung soll die Un­ge­wiss­heit, ob ein ein­sei­ti­ges Rechts­geschäft oder ei­ne geschäftsähn­li­che Hand­lung von ei­nem wirk­lich Be­vollmäch­tig­ten aus­geht und der Ver­tre­te­ne die­se ge­gen bzw. für sich gel­ten las­sen muss, aus­ge­schlos­sen wer­den.(Rn.19)
Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 24.09.2010, 18 Ca 481/10
18 Ca 481/10 (ArbG Stutt­gart)
Ha­nold, An­ge­stell­teUr­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le
- Be­klag­te zu 1/Be­ru­fungs­be­klag­te -
- Be­klag­te zu 2/Be­ru­fungs­be­klag­te -
hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg - 7. Kam­mer - durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Pfeif­fer, den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herr­mann und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Spie­ler auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 11.03.2011
1. Auf die Be­ru­fung des Klägers wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 24.09.2010 - 18 Ca 481/10 - in Be­zug auf die Be­klag­te zu 2 teil­wei­se ab­geändert und wie folgt neu ge­fasst:
a) Es wird fest­ge­stellt, dass das zwi­schen dem Kläger und der Be­klag­ten zu 1 be­gründe­te Ar­beits­verhält­nis durch die or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten zu 2 vom 29.12.2009 nicht auf­gelöst wor­den ist.
c) Die wei­ter­ge­hen­de Be­ru­fung wird zurück­ge­wie­sen.
2. Der Kläger und die Be­klag­te zu 2 tra­gen die Ge­richts­kos­ten je zur Hälf­te. Der Kläger trägt die außer­ge­richt­li­chen Kos­ten der Be­klag­ten zu 1. Die Be­klag­te zu 2 trägt die außer­ge­richt­li­chen Kos­ten des Klägers zur Hälf­te. Im Übri­gen tra­gen die Par­tei­en ih­re außer­ge­richt­li­chen Kos­ten selbst.
Die Par­tei­en strei­ten über die von der Be­klag­ten zu 2 in ih­rer Ei­gen­schaft als Son­der­li­qui­da-to­rin am 29.12.2009 zum 31.03.2010 aus­ge­spro­che­ne or­dent­li­che be­triebs­be­ding­te Kündi-gung des zwi­schen dem Kläger und der Be­klag­ten zu 1 be­gründe­ten Ar­beits­verhält­nis­ses.
Das Ar­beits­ge­richt hat mit Ur­teil vom 24.09.2010 das ge­gen die Be­klag­te zu 1 mit ei­nem all-ge­mei­nen Fest­stel­lungs­an­trag ver­bun­de­ne Kündi­gungs­schutz­be­geh­ren als un­zulässig und die nämli­chen Anträge ge­gen die Be­klag­te zu 2 als un­be­gründet ab­ge­wie­sen. We­gen der Be­gründung des Ar­beits­ge­richts wird, so­weit vor­lie­gend von In­ter­es­se, auf die Ent­sch­ei-dungs­gründe un­ter I und II 1 bis 6 Be­zug ge­nom­men und ver­wie­sen.
Der Kläger hat ge­gen das ihm am 12.10.2010 zu­ge­stell­te Ur­teil mit beim Be­ru­fungs­ge­richt am 05.11.2010 ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und sie mit beim Lan­de­sar-beits­ge­richt am 13.12.2010 (Mon­tag) ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz aus­geführt.
Er rügt auf der Grund­la­ge sei­nes Be­gründungs­schrift­sat­zes vom 13.12.2010, auf den Be­zug ge­nom­men und ver­wie­sen wird, näher be­stimmt feh­ler­haf­te Rechts­an­wen­dung des Ar­beits-ge­richts.
Der Kläger be­an­tragt zu­letzt:
Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 24.09.2010, Az.: 18 Ca 481/10, wird wie folgt ab­geändert:
Es wird fest­ge­stellt, dass das zwi­schen der Be­klag­ten Zif­fer 1 und dem Kläger be-ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis durch die Kündi­gung vom 29.12.2009 nicht zum 31.03.2010 auf­gelöst wor­den ist. Die Be­klag­ten be­an­tra­gen Zurück­wei­sung der Be­ru­fung und ver­tei­di­gen das erst­in­stanz­li-che Ur­teil auf der Grund­la­ge ih­res je­wei­li­gen Schrift­sat­zes vom 12.01.2011, auf den so­wie auf den wei­te­ren Schrift­satz des Klägers vom 18.01.2011 so­wie auf das Sit­zungs­pro­to­koll vom 11.03.2011 Be­zug ge­nom­men und ver­wie­sen wird.
Die statt­haf­te, frist- und form­ge­recht ein­ge­leg­te und auch im Übri­gen zulässi­ge Be­ru­fung des Klägers ist ge­genüber der Be­klag­ten zu 1 un­be­gründet, hat je­doch ge­genüber der Be­klag­ten zu 2 in der Sa­che Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend er­kannt, dass die Kla­ge ge­gen die Be­klag­te zu 1 man­gels de­ren Pro­zessführungs­be­fug­nis un­zulässig ist. Ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts ist die zulässi­ge Kla­ge ge­gen die Be­klag­te zu 2 be­gründet. Die streit­ge-genständ­li­che or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten zu 2 vom 29.12.2009 ist un­wirk­sam. Der Be­triebs­rat wur­de nicht an­gehört. Die Ein­lei­tung des Anhörungs­ver­fah­rens durch den Pro-zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­klag­ten zu 2 wur­de vom Be­triebs­rat gemäß § 174 Satz 1 BGB zu Recht zurück­ge­wie­sen.
1. Hin­sicht­lich der vom Ar­beits­ge­richt als un­zulässig be­wer­te­ten Kla­ge ge­gen die Be­klag­te zu 1 teilt die Be­ru­fungs­kam­mer die Be­gründung des Ar­beits­ge­richts. Von da­her ver­weist die Be­ru­fungs­kam­mer zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG auf die Be­gründung des Ar­beits­ge­richts un­ter I sei­ner Ent­schei­dungs­gründe. Die in­so­weit mit der Be­ru­fung vor­ge­brach­ten Über­le­gun­gen des Klägers sind zwar be­acht­lich und erör-te­rungswürdig, recht­fer­ti­gen aber letzt­end­lich kei­ne von den vor­ste­hend in Be­zug ge-nom­me­nen Ent­schei­dungs­gründen des Ar­beits­ge­richts ab­wei­chen­de Be­ur­tei­lung. Von da­her be­darf es in­so­weit kei­ner er­neu­ten Dar­stel­lung der Obersätze und der Sub­sum­ti­on des fest­ge­stell­ten Sach­ver­hal­tes.
Ent­ge­gen der zweit­in­stanz­lich an­ge­brach­ten Rüge des Klägers ist mit dem Ar­beits­ge­richt da­von aus­zu­ge­hen, dass mit der An­ord­nung der Son­der­li­qui­da­ti­on durch den Be­schluss des Be­ru­fungs­ge­richts Athen vom 02.10.2009 auf der Grund­la­ge der als Ar­ti­kel 14 A in Ka­pi­tel I des Ge­set­zes 3429/2005 ein­gefügten Son­der­li­qui­da­ti­on öffent­li­cher Un­ter­neh­men die Ver­wal­tungs- und Verfügungs­be­fug­nis über die Be­klag­te zu 1 auf die Be­klag­te zu 2 als Son­der­li­qui­da­to­rin über­ge­gan­gen ist. Dafür spricht der Wort­laut des Ge­set­zes. In Ar­ti­kel 14 A Nr. 4 Satz 3 ist be­stimmt, dass der Li­qui­da­tor die Geschäfte des Un­ter­neh­mens führt, es ver­wal­tet und ver­tritt. Nach Nr. 20 des Ge­set­zes wer­den für die Dau­er von 18 Mo­na­ten ab der Veröffent­li­chung des durch das Be­ru­fungs­ge­richt er­las­se­nen Be­schlus­ses über die Son­der­li­qui­da­ti­on des Un­ter­neh­mens al­le ge­gen das Un­ter­neh­men er­grif­fe­nen Maßnah­men der Zwangs­voll­stre­ckung so­wie Si­che­rungs­maßnah­men vorläufig außer Kraft ge­setzt. Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend er­kannt, dass über Ar­ti­kel 10 der
Ver­ord­nung Nr. 1346/2000 des Ra­tes vom 29.05.2005 über In­sol­venz­ver­fah­ren (fort­an EU­Ins­VO) die na­tio­na­len ar­beits­recht­li­chen In­sol­venz­vor­schrif­ten so­wohl in ma­te­ri­el­ler als auch in pro­zes­sua­ler Hin­sicht zur An­wen­dung kom­men. Dem­ent­spre­chend ist der Be­klag­ten zu 1 die Pro­zessführungs­be­fug­nis nach § 80 Abs. 1 In­sO vollständig ent­zo­gen. Ent­ge­gen der auch zweit­in­stanz­lich ver­tre­te­nen An­sicht des Klägers ist die mit Ge­setz vom 21.10.2008 am 23.10.2008 in Kraft ge­tre­te­ne Son­der­li­qui­da­ti­on öffent­li­cher Un­ter­neh­men vom Gel­tungs­be­reich der Eu­Ins­VO er­fasst. Es han­delt sich um ein im An­hang B un­ter der Länder­ken­nung Grie­chen­land im Sin­ne des Ar­ti­kels 2 lit.) die­ser Ver­ord­nung an­er­kann­tes Ver­fah­ren, das ei­nem In­sol­venz­ver­fah­ren die­ser Ver­ord­nung gleich­ge­stellt ist. De­ment-spre­chend ist es auch fol­ge­rich­tig, dass der so ge­nann­te Son­der­li­qui­da­tor un­ter der Län-der­ken­nung Grie­chen­land im An­hang C gemäß Ar­ti­kel 2 lit.) die­ser Ver­ord­nung auf­geführt ist. Ar­ti­kel 45 der Ver­ord­nung, wor­in ein Ände­rungs­vor­be­halt nor­miert ist, steht die­ser Be-ur­tei­lung an­ge­sichts der zeit­li­chen Rei­hen­fol­ge des In­kraft­tre­tens der Ver­ord­nung am 31.05.2002 und der erst da­nach er­folg­ten ge­setz­li­chen Re­ge­lung der in Re­de ste­hen­den Son­der­li­qui­da­ti­on öffent­li­cher Un­ter­neh­men nicht ent­ge­gen. Zum ei­nen gibt es Son­der­li-qui­da­ti­ons­ver­fah­ren in Grie­chen­land schon seit dem Jahr 1956, zum an­de­ren wur­den die Anhänge A, B und C die­ser Ver­ord­nung auch noch nach In­kraft­tre­ten des Ar­ti­kels 14 A ak­tua­li­siert. Der Rat der Eu­ropäischen Uni­on hat sich in­so­weit nicht zu ei­ner Ände­rung ver­an­lasst ge­se­hen. Im Übri­gen geht der grie­chi­sche Ge­setz­ge­ber aus­weis­lich der Nr. 14 des Ar­ti­kels 14 A da­von aus, dass das Son­der­li­qui­da­ti­ons­ver­fah­ren öffent­li­cher Un­ter­neh­men mit der Ver­ord­nung har­mo­niert.
Zu­tref­fend hat das Ar­beits­ge­richt er­kannt, dass sich die Wir­kun­gen des In­sol­venz­ver­fah­rens auf ei­nen Ar­beits­ver­trag und auf das Ar­beits­verhält­nis ab­wei­chend von dem in Ar­ti­kel 4 Abs. 1 der Ver­ord­nung ent­hal­te­nen Grund­satz lex fo­ri con­cur­sus ge­ne­ra­lis nach der Son­der­vor­schrift des Ar­ti­kels 10 der Ver­ord­nung be­stimm­ten. In Ver­bin­dung mit dem die Son­der­vor­schrift kon­kre­ti­sie­ren­den Erwägungs­grund 28 der Ver­ord­nung, wo­nach ins­be-son­de­re auch die Fort­set­zung oder Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen In­halt des Ar­ti­kels 10 der Ver­ord­nung sind, ist die Er­kennt­nis des Ar­beits­ge­richts, die Verfügungs­be­fug­nis be­tref­fe un­mit­tel­bar die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses und da­mit auch sein pro-zes­sua­les Kleid, nicht zu be­an­stan­den.
2. Die von der Be­klag­ten zu 2 am 29.12.2009 zum 31.03.2010 aus­ge­spro­che­ne or­dent­li­che be­triebs­be­ding­te Kündi­gung des zwi­schen dem Kläger und der Be­klag­ten zu 1 be­gründe­ten Ar­beits­verhält­nis­ses ist un­wirk­sam. Ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts ist die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung un­wirk­sam, weil der Be­triebs­rat nicht an­gehört wor­den ist.
a) Die Be­klag­te zu 2 war be­rech­tigt, die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung aus­zu­spre­chen. Mit Be­schluss des Be­ru­fungs­ge­richts Athen vom 02.10.2009 wur­de sie als Son­der­li­qui­da­to­rin nach Maßga­be des Ar­ti­kels 14 A be­stellt, der in sei­ner Nr. 4 die Kündi­gungs­be­rech­ti­gung be­inhal­tet.
b) Die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung ist gemäß § 102 Abs. 1 Satz 3 Be­trVG un­wirk­sam. Die Anhörung des Be­triebs­ra­tes schei­tert an der feh­len­den Vor­la­ge ei­ner Voll­machts­ur­kun­de durch den die Anhörung des Be­triebs­ra­tes ein­lei­ten­den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­klag­ten zu 2.
aa) Nach § 174 Satz 1 BGB ist ein ein­sei­ti­ges Rechts­geschäft, das ein Be­vollmäch­tig­ter ei­nem an­de­ren ge­genüber vor­nimmt, un­wirk­sam, wenn der Be­vollmäch­tig­te ei­ne Voll­machts­ur­kun­de nicht vor­legt und der an­de­re das Rechts­geschäft aus die­sem Grund un­verzüglich zurück­weist. Ein Rechts­geschäft be­steht aus ei­ner oder meh­re­ren Wil­lens­erklärun­gen, die al­lein oder in Ver­bin­dung mit an­de­ren Tat­be­stands­merk­ma­len ei­ne Rechts­fol­ge her­beiführen, weil die­se ge­wollt ist (BAG 14. Au­gust 2002 - 5 AZR 341/01 - AP Nr. 16 zu § 174 BGB zu II 2 b aa der Gründe = Rn. 17). § 174 BGB gilt für ein­sei­ti­ge emp­fangs­bedürf­ti­ge Wil­lens­erklärun­gen, wie zum Bei­spiel die Kündi­gung, die An­fech­tungs­erklärung oder der Rück­tritt durch ei­nen Be­vollmäch­tig­ten. Nach all­ge­mei­ner An­sicht fin­det § 174 BGB je­den­falls auch auf so ge­nann­te geschäftsähn­li­che Hand­lun­gen An­wen­dung (vgl. Pa­landt/Hein­richs, BGB, 70. Aufl., § 174 Rn. 2; Stau­din­ger/Schil­ken, BGB, Ergänzungs­band 2009, § 174 Rn. 2). Geschäftsähn­li­che Hand­lun­gen sind auf ei­nen tatsächli­chen Er­folg ge­rich­te­te Erklärun­gen, de­ren Rechts­fol­gen kraft Ge­set­zes ein­tre­ten (zB BAG 14. Au­gust 2002 - 5 AZR 341/01 - aaO zu II 2 b aa der Gründe = Rn. 17).
bb) § 174 Satz 1 BGB ist vor­lie­gend je­den­falls ent­spre­chend an­zu­wen­den.
(1) Ob die form­frei mögli­che Ein­lei­tung des Anhörungs­ver­fah­rens und da­mit er­folg­te Un­ter­rich­tung des Be­triebs­ra­tes nach § 102 Abs. 1 Be­trVG ei­ne Wil­lens­erklärung ist, kann vor­lie­gend da­hin­ge­stellt blei­ben. Die Ein­lei­tung des Anhörungs­ver­fah­rens durch Un­ter­rich­tung des Be­triebs­ra­tes ist je­den­falls ei­ne geschäftsähn­li­che Hand­lung, da sie ei­ne auf ei­nen tatsächli­chen Er­folg ge­rich­te­te (Wil­lens-) Erklärung ist, de­ren Rechts­fol­ge kraft Ge­set­zes - vor­lie­gend Be­ginn des Laufs der Stel­lung­nah­me­frist - ein­tritt (vgl. LAG Hes­sen
29. Ja­nu­ar 1998 - 5 TaBV 122/97 - NZA 1999, 878 zu II der Gründe = Rn. 36; Zu­stim­mungs­er­su­chen gemäß § 103 Be­trVG als ein­sei­ti­ge emp­fangs­bedürf­ti­ge Wil­lens­erklärung; Ha­Ko/Näge­le, 3. Aufl., § 102 Be­trVG Rn. 52). Die ana­lo­ge An­wen­dung des § 174 BGB, das heißt ent­spre­chen­de Gleich­set­zung der geschäftsähn­li­chen Hand­lung mit dem Tat­be­stands­merk­mal des Rechts­geschäfts, recht­fer­tigt sich aus der be­ste­hen­den Re­ge­lungslücke und der ver­gleich­ba­ren In­ter­es­sen­la­ge. Auf­grund der durch bei­de Tat­bestände ein­tre­ten­den Rechts­wir­kung soll die Un­ge­wiss­heit, ob ein ein­sei­ti­ges Rechts­geschäft oder ei­ne geschäftsähn­li­che Hand­lung von ei­nem wirk­lich Be­vollmäch­tig­ten aus­geht und der Ver­tre­te­ne die­se ge­gen bzw. für sich gel­ten las­sen muss, aus­ge­schlos­sen wer­den. Dem steht nach Auf­fas­sung der Be­ru­fungs­kam­mer auch die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 14. Au­gust 2002 (5 AZR 341/09 - aaO) nicht ent­ge­gen. Dar­in hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­den, dass § 174 BGB auf die Gel­tend­ma­chung von Ansprüchen zur Wah­rung ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist kei­ne ent­spre­chen­de An­wen­dung fin­det. So­weit er­kenn­bar wur­de die ana­lo­ge An­wen­dung des § 174 BGB mit dem Sinn und Zweck der - ta­rif­li­chen - Aus­schluss­frist be­gründet (BAG 14. Au­gust 2002 aaO zu II 2 b bb der Gründe = Rn. 18). Aus­schluss­fris­ten dien­ten dem Rechts­frie­den und der Rechts­si­cher­heit. Der Schuld­ner sol­le sich dar­auf ver­las­sen können, dass nach Ab­lauf der Aus­schluss­frist ge­gen ihn kei­ne Ansprüche mehr er­ho­ben wer­den. Bei ei­ner schrift­li­chen Gel­tend­ma­chung durch ei­nen be­vollmäch­tig­ten Ver­tre­ter, der kei­ne Voll­machts­ur­kun­de vor­le­ge, wer­de die­ser Zweck der Aus­schluss­fris­ten ge­wahrt. Der Schuld­ner könne sich auch in die­sem Fall nicht mehr dar­auf ver­las­sen, dass nach Ab­lauf der Aus­schluss­frist ge­gen ihn kei­ne Ansprüche mehr gel­tend ge­macht würden. An­ders als bei ei­nem ein­sei­ti­gen Rechts­geschäft, das wie bei­spiels­wei­se ei­ne Kündi­gung rechts­ge­stal­tend auf das Ar­beits­verhält­nis ein­wir­ke und die­ses verände­re, ha­be der Empfänger ei­ner schrift­li­chen Gel­tend­ma­chung kein durch § 174 BGB zu schützen­des In­ter­es­se, un­verzüglich kla­re Rechts­verhält­nis­se zu schaf­fen. Die mit § 174 BGB be­zweck­te Wah­rung der Ge­wiss-heits­in­ter­es­sen des Drit­ten er­for­de­re kei­ne ana­lo­ge An­wen­dung auf die Gel­tend­ma­chung von Ansprüchen zur Wah­rung von Aus­schluss­fris­ten (BAG aaO zu II 2 b bb der Gründe = Rn. 18). Aus­weis­lich die­ser Be­gründung wird die ana­lo­ge An­wen­dung des § 174 BGB aus­sch­ließlich mit dem be­son­de­ren Sinn und Zweck ei­ner Aus­schluss­frist und da­mit nicht we­gen ih­res feh­len­den rechts­geschäft­li­chen Cha­rak­ters ver­neint. Der Be­triebs­rat hat vor­lie­gend in­so­fern ein schützens­wer­tes In­ter­es­se an Si­cher­heit darüber, ob die das Anhö-
rungs­ver­fah­ren ein­lei­ten­de Per­son be­vollmäch­tigt war und die wil­lent­lich aus­gelöste, aber ge­setz­lich be­stimm­te Rechts­fol­ge ein­ge­tre­ten ist, als ein außer­halb des Be­trie­bes ste­hen­der Drit­ter ge­han­delt hat.
(2) Der Pro­zess­be­vollmäch­tig­te der Be­klag­ten zu 2 hat dem aus ei­ner Per­son be­ste­hen­den Be­triebs­rat bei Ein­lei­tung des Ver­fah­rens mit Schrei­ben vom 14.12.2009 kei­ne Voll­macht vor­ge­legt. Dem emp­fangs­zuständi­gen Be­triebs­rat, E. M., ging das Schrei­ben am 21.12.2009 zu. Der Be­triebs­rat hat auch un­verzüglich das Anhörungs­schrei­ben man­gels Vor­la­ge ei­ner Ori­gi­nal­voll­macht aus die­sem Grund zurück­ge­wie­sen. Am Tag des Zu­gangs des Anhörungs-schrei­bens hat der Be­triebs­rat ein ent­spre­chen­des Schrei­ben for­mu­liert und kraft der Emp­fangs­bedürf­tig­keit die­ser Wil­lens­erklärung ge­genüber dem han­deln­den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­klag­ten zu 2 ab­ge­ge­ben. Da der Be­triebs­rat am Stand­ort S. le­dig­lich aus ei­ner Per­son be­steht (bis zur No­vel­le vom 20.12.1988, BGBl. I S. 2312, Be­triebs­ob­mann ge­nannt), konn­te in­so­weit auch kein ent­spre­chen­der Zurück­wei­sungs­be­schluss des Be­triebs­ra­tes als Kol­le­gi­al­or­gan er­ge­hen (vgl. da­zu Ha­Ko/Näge­le, aaO, § 102 Be­trVG Rn. 52; vgl. auch Ri­char­di/Thüsing, Be­trVG, 12. Aufl., § 9 Rn. 22). Da die in § 174 Satz 1 BGB dem Adres­sa­ten zu­ge­bil­lig­te Zurück­wei­sung die­sel­be Rechts­na­tur wie die Zurück­wei­sung gemäß § 111 BGB hat, kann die Zurück­wei­sung als emp­fangs­bedürf­ti­ge Wil­lens­erklärung ent­we­der ge­genüber dem als Voll­macht­ge­ber Be­nann­ten oder auch ge­genüber dem Han­deln­den ab­ge­ge­ben wer­den (Stau­din­ger/Schil­ken, aaO, § 174 Rn. 7 mwN).
cc) Die Zurück­wei­sung des Anhörungs­schrei­bens war auch nicht gemäß § 174 Satz 2 BGB aus­ge­schlos­sen, weil der Pro­zess­be­vollmäch­tig­te der Be­klag­ten zu 2 der Ei­ni­gungs­stel­le als Bei­sit­zer des Ei­ni­gungs­stel­len­ver­fah­rens zwi­schen der Be­klag­ten zu 1 und dem Ge­samt­be­triebs­rat am Sit­zungs­tag 04.12.2009 ei­ne Ko­pie und die Ori­gi­nalüber­set­zung der vom ge­setz­li­chen Ver­tre­ter der Be­klag­ten zu 2 un­ter dem 29.10.2009 aus­ge­stell­ten Voll­macht vor­ge­legt hat.
(1) § 174 Satz 2 BGB bil­det die Aus­nah­me zu § 174 Satz 1 BGB. Das Zurück­wei­sungs­recht ist nach § 174 Satz 2 BGB nur dann aus­ge­schlos­sen, wenn der Voll­macht­ge­ber dem­je­ni­gen, ge­genüber dem das ein­sei­ti­ge Rechts­geschäft vor­ge­nom­men wer­den soll, die Be­vollmäch­ti­gung (vor­her) mit­ge­teilt hat. Ei­ne kon­klu­den­te Mit­tei­lung genügt, die Er­lan­gung der Kennt­nis auf an­de­rem Weg da­ge­gen nicht (BAG 12. Ja­nu­ar 2006 - 2 AZR 179/05 - AP Nr. 54 zu § 1
KSchG 1969 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung zu B I 2 a der Gründe = Rn. 36; „ei­ne zufälli­ge Er­lan­gung der Kennt­nis genügt nicht“; Stau­din­ger/Schil­ken, aaO, § 174 Rn. 11).
(2) Der Be­triebs­rat M. wur­de we­der aus­drück­lich noch kon­klu­dent über die Be-vollmäch­ti­gung des Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten zu 2, ihm ge­genüber das vor­lie­gend in Re­de ste­hen­de Anhörungs­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten, in Kennt­nis ge­setzt. Es kann da­hin­ge­stellt blei­ben, ob ei­ne In-Kennt­nis-Set­zung un­mit­tel­bar durch den Voll­macht­ge­ber er­fol­gen muss. Un­be­scha­det des In­hal­tes und der Reich­wei­te der Voll­macht vom 29.10.2009 war der Be­triebs­rat M. we­der Mit­glied der Ei­ni­gungs­stel­le noch wur­de ihm die dort in Ko­pie und in der Ori­gi­nalüber­set­zung vor­ge­leg­te Voll­macht zu­sam­men mit dem Pro­to­koll vom 04.12.2009 über­mit­telt. Aus dem Pro­to­koll er­gibt sich le­dig­lich ei­ne In­ter­pre­ta­ti­on des In­hal­tes und der Reich­wei­te der Voll­macht vom 29.10.2009 durch den Ei­ni­gungs­stel­len­vor­sit­zen­den in Be­zug auf die Ent­sen­dung und Ver­tre­tung der Be­klag­ten zu 1 im Ei­ni­gungs­stel­len­ver­fah­ren. Al­lein die Vor­la­ge des Sit­zungs­pro­to­kol­les an den Be­triebs­rat M. be­sei­tigt kei­nes­falls die Un­ge­wiss­heit, ob die vom Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­klag­ten zu 2 vor­ge­nom­me­ne geschäftsähn­li­che Hand­lung von ei­nem wirk­lich Be­vollmäch­tig­ten aus­geht. Die an­walt­li­che Ver­si­che­rung ord­nungs­gemäßer Be­vollmäch­ti­gung und die Be­zug­nah­me auf das Sit­zungs­pro­to­koll vom 04.12.2009 durch den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­kla­gen zu 2 im Anhörungs­schrei­ben vom 14.12.2009 genügt we­der dem Grund­tat­be­stand des § 174 Satz 1 BGB (Vor­la­ge ei­ner Ori­gi­nal­voll­macht) noch sei­nem Aus­nah­me­tat­be­stand nach § 174 Satz 2 BGB. Et­was an­de­res er­gibt sich auch nicht aus dem Um­stand, dass der Ge­samt­be­triebs­rat im Ei­ni­gungs­stel­len­ver­fah­ren über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich und So­zi­al­plan auch für den Be­trieb S. ver­han­delt hat. Dar­aus er­gibt sich für den Be­triebs­rat in S. kei­ne Zu­rech­nung ei­ner Kennt­nis im Sin­ne des § 174 Satz 2 BGB. Auf­grund des über­be­trieb­li­chen Cha­rak­ters der Be­triebsände­rung han­del­te der Ge­samt­be­triebs­rat in Be­zug auf den In­ter­es­sen­aus­gleich kraft ori­ginärer Kom­pe­tenz im Sin­ne des § 50 Abs. 1 Be­trVG. In Be­zug auf die an sich dem ört­li­chen Be­triebs­rat zu­ste­hen­de So­zi­al­plan­kom­pe­tenz wur­de we­der be­haup­tet noch ist es sonst er­sicht­lich, dass der Ge­samt­be­triebs­rat kraft Auf­tra­ges des S. Be­triebs­ra­tes gemäß § 50 Abs. 2 Be­trVG ge­han­delt hat. Dem­ent­spre­chend fehlt in­so­weit jeg­li­cher An­satz­punkt für ei­nen Zu­rech­nungs­tat­be­stand.
(3) An­halts­punk­te für ein rechts­miss­bräuch­li­ches Ver­hal­ten des Be­triebs­ra­tes sind we­der schlüssig vor­ge­tra­gen noch sonst er­sicht­lich. Der Be­triebs­rat in S. hat in der Ver­gan­gen­heit nicht et­wa mehr­fach Erklärun­gen des Voll­macht­ge­bers durch den­sel­ben Be­vollmäch­tig­ten oh­ne Vor­la­ge ei­ner Voll­machts­ur­kun­de an­er­kannt (zB Stau­din­ger/Schil­ken, aaO, § 174 Rn. 12).
(4) Ob der In­halt der Voll­macht vom 29.10.2009 die An­nah­me ei­ner Be­vollmäch­ti­gung zur Ein­lei­tung des Ver­fah­rens nach § 102 Abs. 1 Be­trVG le­gi­ti­miert, kann vor­lie­gend un­ent­schie­den blei­ben.
Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus §§ 92 Abs. 1, 100 Abs. 1, 516 Abs. 3 Satz 1 ZPO.
1. Ge­gen die­ses Ur­teil können der Kläger und die Be­klag­te zu 2 schrift­lich Re­vi­si­on ein­le­gen. Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat, die Re­vi­si­ons­be­gründung in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten bei dem
Die Re­vi­si­on und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen: a) Rechts­anwälte,b) Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,c) ju­ris­ti­sche Per­so­nen, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 11 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 ArbGG er-füllen.
2. Für die Be­klag­te zu 1 ist ge­gen die­ses Ur­teil ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben. gez. Pfeif­fer
gez. Dr. Spie­ler
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References: § 102
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 69
 § 80
 § 102
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 102
 § 103
 § 102
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 102
 § 9
 § 174
 § 111
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 1
 § 174
 § 174
 § 174
 § 174
 § 50
 § 50
 § 174
 § 102
 § 11