Source: https://www.bvkj.de/presse/pressemitteilungen/ansicht/article/entwurf-eines-bundesgesetzes-zur-verbesserung-des-kinderschutzes-bkischg/
Timestamp: 2020-04-07 19:50:46+00:00

Document:
Entwurf eines Bundesgesetzes zur Verbesserung des Kinderschutzes (BKiSchG): www.bvkj.de
Gemeinsame Stellungnahme der in der Deutschen Akademie für Kinder- und
Jugendmedizin e. V. (DAKJ) zusammengeschlossenen Verbände: Deutsche
Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ), Berufsverband der
Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ) und Deutsche Gesellschaft für
Soziapädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSPJ)
Die DAKJ begrüßt grundsätzlich die Initiative zur Schaffung eines übergreifenden Bundesgesetzes zum Kinderschutz (BKiSchG). Ärztinnen und Ärzte sind einerseits
durch ihre Berufsordnung
und andererseits durch den § 203 des Strafgesetzbuches zur Verschwiegenheit verpflichtet.
Dieser Gesetzentwurf bestärkt aufgrund seiner positiven Formulierungen in § 1 den Kinderschutz und betont die staatliche Mitverantwortung. Wichtig erscheint der DAKJ das Primat der verbesserten Unterstützung von Eltern. In der alltäglichen Praxis zeigt sich, dass die große Mehrheit der Eltern sich nach besten Kräften bemüht, ihre Kinder liebevoll zu erziehen und zu fördern. Manche Familien scheitern aber an begrenzten materiellen oder psychosozialen Umständen oder stoßen durch eigene Belastungen oder Erkrankungen an Grenzen und können ihre Ziele nicht ohne Hilfen verwirklichen.
Kritisch sieht die DAKJ jedoch die Festlegung der Ziele des Gesetzes bezogen auf den Einzelfall. Zusätzlich zu den Verpflichtungen der Eltern und der ihnen individuell zukommenden Unterstützung würde die DAKJ auch eine höhere Verpflichtung der „staatlichen Gemeinschaft“ insgesamt für den Kinderschutz begrüßen, d.h. eine Verpflichtung von Einrichtungen (wie Angebote der Jugendhilfe, Kindertagesstätten, Schulen und Freizeiteinrichtungen), ein (ganztägiges) kinder- und jugendgerechtes Bildungs- und Freizeitangebot zu machen, um hier die Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Dazu gehört insbesondere die kostenfreie Betreuung von Kleinkindern in geeigneten Kindertagesstätten und Krippen, wenn das häusliche Umfeld eine angemessene Erziehung, Förderung und Bildung nicht sicherstellen kann. Auch dies ist ein wirksamer Bestandteil von Kinderschutz! Weiterhin sollten Einrichtungen verpflichtet werden, ausreichende Ressourcen für frühe, präventive Aufgaben zur Verfügung zu stellen.
Die den Ärztinnen und Ärzten für Kinder- und Jugendmedizin bekannten, gravierenden Fälle von schwerster Kindeswohlgefährdung zeigen im Vorfeld zahlreiche „Warnhinweise“, auf die nicht in geeigneter Weise mit Frühen Hilfen und präventiven Maßnahmen reagiert wurde. Diese frühen, interdisziplinär ausgerichteten Hilfen dürfen nicht auf Modellprojekte beschränkt werden, sondern müssen in der Fläche niedrigschwellig erreichbar sein, ohne dass es bereits zu einer Gefährdung des Kindes gekommen ist. Die Fälle, in denen eine Risikokonstellation zu erkennen ist, ohne dass gewichtiger Anhalt für eine Gefährdung des Kindeswohles vorliegt, kommen in der Praxis zahlenmäßig weit häufiger vor als Fälle mit konkretem, gewichtigem Anhalt für eine Gefährdung.
In Artikel 1, § 1 (Kinderschutz und staatliche Mitverantwortung) sollte aus Sicht der DAKJ das Kindeswohl stärker in den Vordergrund gerückt werden. Daher sollte man wie folgt formulieren:
(1) Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und ein gesundes Aufwachsen, auf Förderung ihrer Entwicklung sowie auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Es ist die besondere Pflicht der Eltern, dies durch Fürsorge und Erziehung zu gewährleisten. Über die Einhaltung dieser elterlichen Pflichten wacht die staatliche Gemeinschaft.
(2) Aufgabe der staatlichen Gemeinschaft ist es, soweit erforderlich, Eltern bei ihrer Erziehungsverantwortung ergänzend zu unterstützen, damit
2. im Einzelfall Risiken für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen frühzeitig erkannt werden und
Die Bestimmungen über die Wahrnehmung des Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung nach § 8a des SGB VIII bleiben unberührt.
Der § 2 des Artikels 1 greift nach unserer Ansicht zu kurz und entspricht nicht in ausreichendem Maße den Erfordernissen der Praxis. Bei gewichtigen Anhaltspunkten für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen sind Ärztinnen und Ärzte schon jetzt verpflichtet, das Jugendamt oder ggf, auch die Polizeibehörden einzuschalten. Dies hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in seinem Beschluss vom Februar 2008 noch einmal bekräftigt:
Bekanntmachung [1488 A] eines Beschlusses des Gemeinsamen Bundesausschusses über eine Änderung der Kinder-Richtlinien: Verdacht auf Kindesmisshandlung
Der Gemeinsame Bundesausschuss hat in seiner Sitzung am 21. Februar 2008 beschlossen, die Richtlinien über die Früherkennung von Krankheiten bei Kindern bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres („Kinder-Richtlinien“) in der Fassung vom 26. April 1976 (Beilage Nr. 28 zum BAnz. Nr. 214 vom 11. November 1976), zuletzt geändert am 21. Dezember 2004 (BAnz.2005, S. 4833), wie folgt zu ändern:
Im Abschnitt A „Allgemeines“ wird unter Nummer 4, nach Satz 1 folgender Absatz angefügt: „Bei erkennbaren Zeichen einer Kindesvernachlässigung oder -misshandlung hat der untersuchende Arzt die notwendigen Schritte einzuleiten.“
Im Interesse des Kindeswohls müssen Vertragsärzte und andere Geheimnisträger in und außerhalb des Gesundheitswesens auch bei vagen Verdachtsfällen (Bauchgefühl) die Möglichkeit haben, miteinander zu sprechen, um abzuklären, ob dieser Verdacht auch bei anderen Berufsgruppen besteht oder, was in vielen Fällen die Regel sein wird, entkräftet werden kann. Dies ist im Interesse von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Alle werden sich bemühen, in diesen Fällen immer vorher das Einverständnis der Eltern einzuholen. Ist dies aber im Einzelfall nicht möglich, darf der Informationsaustausch nicht am fehlenden Einverständnis der Eltern scheitern. Das Wohl von Kindern und Jugendlichen hat hier die oberste Priorität und nicht das vermeintliche Recht der Eltern.
Positiv bewertet die DAKJ deshalb in § 2 die Hinweise zur (1) sorgfältigen Prüfung („gewichtige Anhaltspunkte“), zur (2) Ausschöpfung eigener fachlicher Mittel, zum (3) gemeinsamen Gespräch mit den Sorgeberechtigten und Werben, geeignete Hilfen in Anspruch zu nehmen, sowie schließlich (4) die Möglichkeit der Kontaktaufnahme zur Jugendhilfe.
Zutreffend erscheint auch der Hinweis, dass das Jugendamt auch angerufen werden kann, wenn durch die Information der Sorgeberechtigten eine Eskalation der Gefährdung des Kindes zu befürchten ist und deshalb unterbleiben muss. Dies sollte jedoch eine Ausnahmesituation sein.
Kritisch sieht die DAKJ allerdings die Konsequenzen einer grundsätzlichen Weitergabe der Informationen an das Jugendamt. Hier würden dann die Regelungen von § 3 des BKiSchG in Verbindung mit den vorgeschlagenen Änderungen von SGB VIII § 8a greifen, die von der DAKJ abgelehnt werden (s.u.)
Zu § 3 und Änderungen von SGB VIII
Hier wird ausgeführt, dass alle Personengruppen, die professionell mit Kindern und Jugendlichen außerhalb der Jugendhilfe arbeiten, bei gewichtigem Anhalt für eine Kindeswohlgefährdung das Jugendamt „zu informieren haben“. Dies entspricht in der Praxis einer Meldepflicht über jeden Verdacht auf Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung an das Jugendamt und zwar ohne, dass vorher (1) eine Güterabwägung erfolgt ist, (2) fachlicher Sachverstand herangezogen wurde, (3) eine Phase des Gesprächs, des Werbens für Hilfeangebote, des Brücken-Bauens erfolgt ist. Dies überrascht umso mehr, als bei den genannten Berufsgruppen noch weniger als bei Kinder- und Jugendärzten davon ausgegangen werden kann, dass Hinweise für eine Kindeswohlgefährdung fachlich sicher eingeschätzt werden können. Vor einer „Meldung“ an die Jugendhilfe sollte beispielsweise mindestens ein Gespräch mit den pädagogischen Leitungen oder psychosozialen Beratungsangeboten innerhalb der Einrichtung erfolgen. Weiterhin sollten diese Berufsgruppen darauf hinwirken, dass das Kind / der Jugendliche bei dem / der behandelnden Kinder- und Jugendärzte/in vorgestellt wird oder in einer anderen geeigneten medizinischen Einrichtung. Die Kommunikation zwischen allen Personengruppen, die professionell mit Kindern und Jugendlichen umgehen, muss grundsätzlich straffrei möglich sein.
Den Eltern muss ein umfassendes Gespräch angeboten werden, statt sie nur zu informieren. Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichen, sind selbstverständlich auch diese Berufsgruppen befugt, das Jugendamt einzuschalten und um geeignete Unterstützung zu bitten.
Die DAKJ befürwortet generell eine Stärkung der Qualifizierung und der Kompetenzen von allen Berufsgruppen, die mit Kindern, insbesondere jungen Kindern (<6 Jahren) zu tun haben, was das Erkennen von drohenden körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklungsstörungen angeht. Diese Entwicklungsstörungen können ein Hinweis auf Kindesmisshandlung und Vernachlässigung sein, dies muss jedoch differentialdiagnostisch sorgfältig abgeklärt werden. Es sind solche Entwicklungsstörungen, die am ehesten und eindeutigsten auf eine Kindeswohlgefährdung hinweisen, weniger akute, situativ erhobene Beobachtungen. Eine generelle Meldepflicht ohne eine entsprechende Qualifizierung stellt aber eine massive Gefahr für das hilfeorientierte Kinderschutzsystem in Deutschland dar. Die Rate der „falsch positiven“ Hinweise auf eine mögliche Misshandlung durch eine/n wenig qualifizierte/n Mitarbeiter/in ohne vorherige fachliche Abklärung wird eine Atmosphäre des Misstrauens schaffen und zahllose Kinder und Jugendliche schädigen durch fehlgeleiteten Aktionismus und Interventionen. Es gibt nach unserer Einschätzung keine Hinweise darauf, dass bei gravierenden Fällen von Kindeswohlgefährdung die in § 3 genannten Berufsgruppen bewusst von Kooperationen mit der Jugendhilfe abgesehen hätten. In der Regel zeigen sich in solchen, schlecht verlaufenen Fällen, ein Mangel an Kooperation und klarer Kommunikation. Diese Missstände sind wiederum nur durch eine bessere Qualifizierung in den fachlichen, aber auch persönlichen Kompetenzen der Mitarbeiter/innen anzugehen.
Zu den Änderungen § 8a SGB VIII
Besonders kritisch und ablehnend beurteilt die DAKJ die geplanten Änderungen in dem erst kürzlich eingeführten § 8a des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Wenngleich diese Ausführungen für Ärztinnen und Ärzte keine verpflichtenden Aspekte enthalten, sondern die im BKiSchuG Entwurf unter § 3 genannten Personengruppen und die Jugendhilfe betreffen, implizieren die Änderungen doch Aspekte, die die unter § 2 positiv formulierten Ziele zunichte machen könnten. Der jetzt notwendige Besuch in der Familie („persönliche Umgebung des Kindes“) greift nach Meinung der DAKJ stark in eine rationale Güterabwägung und therapeutische Überlegungen ein, die der Fachlichkeit der Jugendhilfe vorbehalten sein sollten. Sollte ein/eine Arzt/Ärztin gewichtigen Anhalt für eine Gefährdung des Kindeswohls sehen, würde er/sie das Gespräch suchen und bei den Erziehungsberechtigten um eine Kooperation mit der Jugendhilfe werben („Ich will Ihnen gerne helfen, aber ich kann das nicht alleine“). In vielen Fällen werden präventiv angelegte, frühe Hilfen ausreichend sein, Abhilfe zu schaffen. Der/die Arzt/Ärztin muss nun aber darüber aufklären, dass bei einer entsprechenden Informationsweitergabe durch die Arztpraxis in der Regel ein Hausbesuch durch Mitarbeiter/innen des Jugendamtes erfolgen wird. Dies kann bei vielen Familien, gerade solchen mit auch negativer Hilfeerfahrung, dazu führen, dass die Zusammenarbeit abgelehnt wird.
Selbstverständlich kann der/die Arzt/Ärztin dennoch die Meldung machen, das eben aufgebaute Vertrauensverhältnis wird jedoch bei grundsätzlicher Einschaltung des Jugendamtes möglicherweise nachhaltig gestört sein. Die antizipierte Kette von Ereignissen kann dazu führen, dass die intendierten positiven Veränderungen im Sinne einer besseren Einbindung von Ärztinnen und Ärzten konterkariert wird.
Im Übrigen begrüßt die DAKJ die im Gesetz ausdrücklich genannte Beteiligung der Kinder und Jugendlichen selbst. Ein Hausbesuch kann durchaus, und wird in vielen Fällen auch tatsächlich der geeignete Weg sein, dies zu tun. Es muss jedoch offen bleiben, welcher Weg der Kontaktaufnahme und des Gesprächs hier der fachlich geeignete ist.
Zu § 86c SGB VIII
Die Änderungen in § 86c werden begrüßt, allerdings sollten die Sorgeberechtigten über Art und Umfang des Informationsaustausches informiert werden. Ihnen sollten die jeweils neuen Ansprechpartner vor Ort mitgeteilt werden.

References: § 203
 § 1
 § 1
 § 8
 § 2
 § 2
 § 3
 § 8
 § 3
 § 3
 § 8
 § 8
 § 3
 § 2
 § 86
 § 86