Source: https://www.zvs.be/2019/07/texte-zur-ausstellung-wechselweise-grenzverschiebungen-im-gebiet-von-eupen-malmedy-und-st-vith-seit-1815/
Timestamp: 2019-07-22 23:26:15+00:00

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Texte zur Ausstellung „wechselweise“ – Grenzverschiebungen im Gebiet von Eupen, Malmedy und St.Vith seit 1815 | Geschichts- und Museumsverein Zwischen Venn und Schneifel (ZVS)
Schlagwörter: "Die Baltia-Zeit", "Eupen Malmedy", "Herman Baltia", "Unabhängigkeit 1830", "Versailler Vertrag", "Wiener Kongress", 1919, Baltia, Belgien, Erster Weltkrieg, Eupen, Gebietsansprüche, Malmedy, Preußen, Sankt Vith, Schlieffen, Schlieffen-Plan, St.Vith, Versailles, Völkerbund, Volksbefragung
Thema 1: Staatenbildung und Grenzverschiebungen im „langen 19. Jahrhundert“
1.1. Der Wiener Kongress
1.2. Eupen, Malmedy und St.Vith werden preußisch (1814 – 1850)
1.3. Die Folgen des Wiener Kongresses für unser Gebiet
1.4. Eupen, Malmedy und St.Vith als Teil Preußens
1.5. Die belgische Unabhängigkeit 1830
1.6. Belgische Gebietsansprüche (Verträge der XVIII und der XXIV Artikel)
Thema 2: Erster Weltkrieg und Versailles
2.1. Deutsche Kriegsvorbereitungen (Schlieffen-Plan)
2.2. Deutsches Ultimatum und Überfall
2.3. Kriegsgräuel der Deutschen / Belgien als Märtyrernation
2.4. Belgien wird besetzt
2.5. Belgische Gebietsansprüche (ab 1915)
2.6. Die belgische Position in Versailles
2.7. Stimmen aus Eupen-Malmedy zum möglichen Staatenwechsel
2.8. Belgien schafft Fakten
2.9. Der Versailler Vertrag
Thema 3: Die Baltia-Zeit (1920-1925)
3.1. Herman Baltia
3.2. Die Volksbefragung (23.1.-23.7.1920)
3.3. Der Entscheid des Völkerbundes
3.4. Im neuen Vaterland
Unter der Leitung des österreichischen Außenministers Fürst von Metternich berieten politisch bevollmächtigte Vertreter aus rund 200 europäischen Staaten, Herrschaften, Körperschaften und Städten, darunter alle bedeutenden Mächte Europas, mit Ausnahme des Osmanischen Reiches.
Die führende Rolle spielten Russland, England, Österreich und Preußen sowie das wiederhergestellte Königreich Frankreich und der Vatikan. Die Wiener Schlussakte wurde 9 Tage vor der Schlacht von Waterloo unterzeichnet.
Nach dem Zusammenbruch der französischen Herrschaft Ende 1813 trat Preußen das Erbe aller rheinischen Territorialherren an, indem es nicht nur die bereits 1794 in seinem Besitz befindlichen Territorien und die in der napoleonischen Ära gewonnenen Gebiete (Essen, Werden, Elten, Teile des Fürstbistums Münster) übernahm, sondern auch die ehemals kurkölnischen und bergisch-jülichen Besitzungen sowie die ehemaligen Kleinherrschaften am Niederrhein übernahm.
Preußen erhielt nämlich entgegen den ursprünglichen Plänen und Erwartungen nicht ganz Sachsen, sondern nur den nördlichen Teil der zum Teil der neuen Provinz Sachsen zugeschlagen wurde. Dafür erzielte es im Westen erhebliche Gebietszuwächse und konnte die Provinzen Jülich-Kleve-Berg, Großherzogtum Niederrhein (zur der Eupen, Malmedy und St.Vith gehörten) und Westfalen errichten – ein Gebiet von der niederländischen Grenze bis Kreuznach und Saarbrücken mit gut zwei Millionen Menschen, die zu den gut vier Millionen Alt-Preußen kamen.
Es ist bekannt, dass der preußische König Friedrich Wilhelm III. diese „Wacht am Rhein“ weder angestrebt noch ohne Bedenken angenommen hat, doch Preußen war die einzige Macht, die ein ausreichendes Gegengewicht gegen mögliche neue französische Ansprüche garantieren konnte. Im Rheinland war man auch nicht begeistert, aber auch nicht empört. Dem Kölner Bankier Abraham Schaaffhausen wird ein sarkastischer Kommentar zugeschrieben: „Da hierode mer ever en ärm Familich.„
Nach dem gescheiterten Russlandfeldzug Napoleons und der Völkerschlacht bei Leipzig (16.-19.10.1813) brach das französische Herrschaftssystem in Deutschland und in den südlichen Niederlanden (heutiges Belgien und Luxemburg) rasch zusammen. Das rechte Rheinufer befand sich seit dem Jahresende 1813 fest in alliierter Hand, das linke Rheinufer wurde bis zum März 1814 zurückerobert. Um diese Gebiete zu verwalten entstanden 1814 die Generalgouvernements Niederrhein (zu dem Eupen, Malmedy und St.Vith gehörten), Mittelrhein und Belgien. Diese waren organisatorisch Teil des Zentralverwaltungsdepartements für die besetzten Gebiete.
Die Generalgouvernements Nieder- und Mittelrhein wurden im Ersten Pariser Frieden (30. Mai 1814) zum Generalgouvernement Niederrhein zusammengeschlossen. Das Generalgouvernement Nieder- und Mittelrhein mit Sitz in Aachen und das Generalgouvernement Berg, die unter preußischer Verwaltung waren, wurden zusammen der Leitung Johann August Sacks unterstellt.
Aus diesem Zusammenschluss der Generalgouvernements entstanden am 22. April 1816 die Provinzen Großherzogtum Niederrhein und Jülich-Kleve-Berg. Aus Jülich-Kleve-Berg und dem Großherzogtum Niederrhein wurde in der Folge die 1822 geschaffene preußische Rheinprovinz mit Sitz in Koblenz. Das Generalgouvernement Belgien unterstand von Juni 1815 bis zum Zusammenschluss mit den nördlichen Niederlanden (21.09.1815) der Souveränität des Hauses Oranien.
Die Rheinprovinz war in 5 Regierungsbezirke (Aachen, Düsseldorf, Koblenz, Köln, Trier) eingeteilt und diese wiederum in Landkreise.
Der Kreis Eupen mit den Bürgermeistereien Eupen, Eynatten, Hauset, Hergenrath, Kettenis, Lontzen, Preußisch-Moresnet, Raeren und Walhorn, vor der Franzosenzeit zum Herzogtum Limburg gehörig, war seit 1816 Teil des Regierungsbezirks Aachen.
Der Kreis Malmedy Regierungsbezirk Aachen) wurde 1816 gebildet und war in die fünf Bürgermeistereien Bellevaux, Büllingen, Bütgenbach, Malmedy und Weismes gegliedert. Das Gebiet gehörte vor der Franzosenzeit zum Herzogtum Luxemburg bzw. zur Fürstabtei Stavelot-Malmedy und wurde infolge des Wiener Kongresses 1815 preußisch. Am 1. Februar 1821 wurde der ebenfalls 1816 gegründete Nachbarkreis St.Vith in den Kreis Malmedy eingegliedert, wodurch zehn weitere Bürgermeistereien (Amel, Crombach, Lommersweiler, Manderfeld, Meyerode, Recht, Reuland, St.Vith, Schönberg und Thommen) zum Kreis Malmedy hinzukamen. Im Ancien Régime gehörten Manderfeld und Schönberg zum Kurfürstentum Trier und die anderen Gemeinden zum Herzogtum Luxemburg.
Die neue Grenze zwischen den Niederlanden und Preußen teilte historisch gewachsene Gebiete. So forderte und erhielt Preußen 1815 die Kantone, die das Ourthe-Departement zu französischer Zeit auf Kosten des ehemaligen Herzogtums Luxemburg erhalten hatte: nämlich Schleiden, Kronenburg, Reuland und St.Vith. Das französischsprachige Vielsalm blieb indes bei den Niederlanden. Im Westen verlief die Grenze entlang der Sauer und der Our; im Kanton St.Vith bildete der „Große Luxemburger Verkehrsweg“ (zwischen Stavelot und Luxemburg) die Westgrenze zum Königreich der Niederlande.
Ebenso verfuhr der Kongress in Bezug auf die ehemalige Fürstabtei Stavelot-Malmedy: Rheinpreußen erhielt Malmedy und Weismes, Luxemburg bzw. die Niederlande den Rest. Ähnliche Überlegungen, ausgehend von Fragen der Raumordnung und der Kommunikation, spielten bei der Forderung und dem Erhalt des Gebietes von Eupen (alias Néau) eine Rolle, das zur österreichischen Zeit dem Herzogtum Limburg angehört hatte.
Da sich die beiden Staaten (Niederlande und Preußen) nicht über die Zugehörigkeit des 3,4 km² großen Galmeiabbaugebietes vom Altenberg einigen konnten, vereinbarten sie die gemeinsame Verwaltung und die Zuerkennung des neutralen Status. Neutral-Moresnet existierte von 1816 bis 1919.
Das Herzogtum Luxemburg, das einige östliche Teile (u.a. Bitburg, St.Vith, Kronenburg und Schleiden) an Preußen verloren hatte, behielt vorerst (bis 1839) auf belgischer Seite seine zur Zeit der Österreichischen Niederlande gekannten Gebiete. Der niederländische König Wilhelm I. von Oranien-Nassau hatte auf rechtsrheinische Besitzungen zu Gunsten von Preußen verzichtet und als Entschädigung das Herzogtum Luxemburg erhalten, das nunmehr zum Großherzogtum wurde. Luxemburg trat dem Deutschen Bund bei und die Festung wurde mit einer preußischen Garnison besetzt.
Ungeachtet der sprachlich-kulturellen Gegebenheiten der Region erklärte man einerseits die deutschsprachigen Bewohner der altlimburgischen Hochbanken Montzen und Baelen sowie der einst luxemburgischen Arel (Arlon) und Bochholz (Beho) zu Niederländern. Andererseits wurden die französisch- und wallonischsprachigen Einwohner von Malmedy (nicht jedoch Stavelot!), Bellevaux und Waimes (Weismes) zu Preußen. Letztere, die so genannten preußischen Wallonen, zählten mit der deutschsprachigen Bevölkerung im Eupener und im St.Vither Land zum Regierungsbezirk Aachen des Großherzogtums Niederrhein, aus der 1822 die Rheinprovinz hervorging.
Wie fast überall in den Rheinlanden sahen anfangs auch die Menschen in den Kreisen Eupen, Malmedy und St. Vith – letzterer wurde 1821 mit Malmedy vereinigt – die preußische Herrschaft distanziert und kritisch, lehnten sie jedoch nicht grundsätzlich ab. Das Misstrauen gründete vor allem im konfessionellen Gegensatz zwischen der katholischen Mehrheitsbevölkerung und dem evangelisch(-reformiert) geprägten Königshaus sowie dem preußischen Beamten- und Militärwesen. Hinzu kamen bildungsbürgerlich gepflegte Vorurteile gegenüber den aus rheinischer Sicht kulturell rückständigen ‚Litauern’ sowie gerade in den früh industrialisierten Zentren und damit auch in Eupen konkrete wirtschafts- und zollpolitische Bedenken. Nunmehr abgetrennt von dem bis weit nach Frankreich hineinreichenden Wirtschaftsraum und gebunden an das verarmte Agrarland Preußen, waren ökonomische Krisen zugleich soziale Krisen in der mit knapp 9.000 Einwohnern zehntgrößten Stadt der Rheinprovinz. Dies verdeutlicht unter anderem der Maschinensturm des Jahres 1821, als Hunderte von Arbeitslosigkeit bedrohte Textilarbeiter eine neue Schermaschine zerstörten und Polizei, Bürgerwehr, Forst-, Zoll- und Grenzbeamte weitere Übergriffe auf Tuchfabrikanten nur knapp verhindern konnten.
Doch auch die ländlichen Unterschichten in den Kreisen Malmedy und St.Vith standen vor existenziellen Problemen: Im Hungerwinter 1816/1817, als die Bürokratie eine der schlimmsten Agrarkrisen der ersten Jahrhunderthälfte mit Getreidelieferungen aus Pommern erst spät bekämpfen ließ, erhielten Hohes Venn und Eifel ihren wenig schmeichelhaften Beinamen „Preußisch-Sibirien“. Nicht zuletzt die weiteren durch Missernten ausgelösten Krisenjahre 1845-1850 und 1882/1883 bedingten eine bis zur Jahrhundertwende andauernde Massenauswanderung, besonders nach Amerika, aber auch nach Frankreich, Belgien und in das rheinisch-westfälische Industrierevier. Erst der späte Bau der Vennbahn (ab 1885) brachte die lang ersehnte Erlösung: wirtschaftlicher Aufschwung im Gebiet sowie erreichbare Arbeitsplätze in den Industriezentren. Eine verbesserte Gesundheitsversorgung durch den Bau von Krankenhäusern brachte der Eifel langsam den Anschluss an andernorts schon längst etablierten Standards.
Die Territorien, die heute die Niederlande, Belgien und Luxemburg umfassen, waren im Mittelalter kulturell und politisch miteinander verbunden und gehörten, mit Ausnahme des Fürstbistums Lüttich, vom 14./15. Jahrhundert bis ins Ende des 18. Jahrhundert als burgundische, bzw. habsburgische Niederlande gemeinsam mit Lüttich zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Im Zuge der Glaubensspaltung und des Achtzigjährigen Krieges befreite sich der reformierte (calvinistische) Norden als Republik der Sieben Vereinigten Niederlande von den Spanischen Niederlanden im Süden.
Nach dem Wiener Kongress 1815 wurden Nord und Süd – gemeinsam mit dem ehemaligen Fürstbistum Lüttich und dem heutigen Großherzogtum Luxemburg– unter König Wilhelm I. als Königreich der Vereinigte Niederlande wieder vereinigt. Dieses Staatengebilde stand allerdings unter keinem guten Stern.
Die religiöse, sprachliche und wirtschaftliche Kluft, die sich in den rund 250 Jahren getrennter Geschichte entwickelt hatte, erwies sich aber bald als unüberbrückbar für eine gemeinsame Zukunft. Obwohl die Politik des neuen Königs dem belgischen Bürgertum zugute kam, erhob sich Protest gegen die von ihm verordneten Maßnahmen. Die Katholiken widersetzten sich der Einmischung des protestantischen Königs in klerikale Angelegenheiten. Die Liberalen forderten mehr Freiheit. 1828 stellten die Katholiken und Liberalen einen gemeinsamen Forderungskatalog auf.
Nach einigen Zwischenfällen brach Ende August 1830 in Brüssel die Revolution aus. Wilhelm I. setzte sofort seine Truppen ein, die aber nach 4 Tagen vertrieben wurden. Die vorläufige Regierung verkündete am 4. Oktober 1830 die Unabhängigkeit. Im Londoner Protokoll (20.1.1831) erkannten die europäischen Großmächte Großbritannien, Frankreich, Österreich, Preußen und Russland die Unabhängigkeit Belgiens an
Laut Londoner Protokoll sollten die Niederlande in den Grenzen von 1790 fortbestehen; Belgien sollte aus den restlichen Territorien gebildet werden, die 1815 als Königreich der Vereinigten Niederlande geschaffen worden waren (u.a. Flandern, Hennegau, Brabant, Namur und Lüttich), allerdings ohne das Großherzogtum Luxemburg, das seit 1815 Eigentum Wilhelms von Oranien-Nassau war und überdies dem Deutschen Bund angehörte.
Belgien sollte demnach einen Teil Limburgs und das Großherzogtum Luxemburgs wieder an die Niederlande abgeben.
Da Belgien das Protokoll ablehnte, wurde neu verhandelt. Begründet wurden die belgischen Forderungen mit dem Argument, dass wenn das Land als unabhängiger Staat existieren wolle, man das linke Scheldeufer, die ganze Provinz Limburg, die immer zu den belgischen Provinzen gehört habe, und das Großherzogtum Luxemburg, das ja von Wilhelm I. immer wie eine belgische Provinz behandelt worden sei, ins Staatsgebiet integrieren müsse. Die Großmächte, die einen Krieg vermeiden wollten, kamen Belgien entgegen, machten aber auch Druck, damit ein neues Abkommen zustande kam. Zudem hatte der designierte König der Belgier, Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha, seine Zustimmung zur Übernahme der Königswürde an eine vertragliche Regelung mit den Niederlanden gebunden.
Der daraufhin ausgehandelte „Vertrag der XVIII Artikel“ vom 26. Juni 1831 legte u.a. fest, dass die Zugehörigkeit Limburgs und Luxemburgs zwischen Belgien und den Niederlanden auszuhandeln bleibe. Mit dieser Regelung war nun der niederländische König nicht einverstanden. Am 2. August marschierten holländische Truppen ins abtrünnige Belgien ein. Am 8. August bat König Leopold Frankreich als Schutzmacht der belgischen Neutralität um Hilfe. Die Niederländer, die schon vor den Toren Brüssels standen, wollten es zu keiner Schlacht kommen lassen, zumal England mit der Entsendung der Marine gedroht hatte und die Niederlande nicht auf die Hilfe ihrer Verbündeten (Preußen und Russland) zählen konnten. Nach zehn Tagen stimmten sie einem Waffenstillstand zu, hielten aber die Zitadelle von Antwerpen (noch bis 1832) besetzt.
König Wilhelm von Oranien musste einsehen, dass das „perfekte Amalgam“ zwischen den nördlichen und den südlichen Niederlanden gescheitert war.
Nach dem Zehn-Tage-Feldzug setzten sich alle Beteiligten wieder in London zu Gesprächen zusammen. Angesichts der unversöhnlichen Haltung der beiden Gegner entschieden die Großmächte, den Konflikt selbst ein für allemal zu lösen. Im „Vertrag der XXIV Artikel“ vom 14. Oktober 1831 legten sie u.a. fest, dass das Großherzogtum Luxemburg der Sprachengrenze entlang aufgeteilt werden solle. Der deutschsprachige Teil (das heutige Großherzogtum) verblieb demnach unter holländischer Souveränität im Deutschen Bund und der französischsprachige Teil (die heutige belgische Provinz Luxemburg) kam zu Belgien. Die deutsch- bzw. luxemburgischsprachige Gegend um Arlon verblieb indes bei Belgien, da die Straße Arlon -Martelange – Bastogne – Lüttich, die durch dieses Gebiet führte, zum belgischen Territorium gehören sollte Als Ausgleich für diesen Zuwachs sollte Belgien die Gebiete in Nordlimburg (Roermond, Venlo und Maastricht mit den Gebieten auf dem rechten Maasufer) an die Niederlande abgeben.
Nachdem das belgische Parlament diesem Entwurf am 1. November 1831 zähneknirschend zugestimmt hatte, unterzeichneten die 5 Großmächte und Belgien den Vertrag am 15. November 1831. Die Niederlande verweigerten die Unterschrift.
Zur allgemeinen Überraschung zeigte König Wilhelm sechs Jahre später Bereitschaft, den Vertrag zu unterschreiben, was dann wieder in Belgien mit Empörung zur Kenntnis genommen wurde, da man sich mittlerweile an das Provisorium gewöhnt hatte und Luxemburg nicht mehr teilen wollte. Nach heftigen Debatten in der Kammer stimmte das Parlament schließlich für den Vollzug des Vertrages mit den Niederlanden, der am 19. April 1839 zwischen den Niederlanden und den 5 Großmächten in London unterzeichnet wurde. Damit war neben der Abtretung Nordlimburgs an die Niederlande auch die Teilung Luxemburgs besiegelt.
Der 1905 entwickelte Schlieffen-Plan, benannt nach seinem Autor, dem preußischen Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen (1833-1913), bildete die Grundlage der deutschen Militäroperationen zu Beginn des Ersten Weltkriegs.
Er sah für den Fall eines möglichen Zweifrontenkrieges vor, das deutsche Heer zunächst im Westen gegen Frankreich einzusetzen, wobei der Hauptangriff durch das neutrale Belgien von Norden erfolgen sollte. Nach einem Sieg über Frankreich innerhalb weniger Wochen sollte das deutsche Heer sich nach Osten wenden, um gegen Russland vorzugehen.
Der Schlieffen-Plans scheiterte letztlich, da er die Kapazitätsvergrößerung des Transportwesens in den Jahrzehnten vor dem Krieg nicht ausreichend berücksichtigt hatte. Der Vorstoß der deutschen Einheiten wurde durch zerstörte Brücken und Eisenbahnlinien aufgehalten, während die Franzosen auf der Eisenbahn schneller waren. Die Umsetzung des Plans scheiterte auch, weil sich die dem Plan zugrunde liegenden politischen und militärischen Allianzen zwischenzeitlich zu Ungunsten Deutschlands verändert hatten.
Belgien wurde dennoch Kriegsschauplatz, denn der Angriff auf Frankreich sollte von Norden, durch Belgien geführt werden. Die Vennbahn und das Lager Elsenborn boten dafür wichtige Infrastrukturen.
Am 2. August hatte Deutschland – eine der Garantiemächte der belgischen Neutralität – Belgien ultimativ aufgefordert, den Durchmarsch seiner Truppen nach Frankreich zu gestatten. In Belgien wertete dieses Ultimatum als Bedrohung der Neutralität und der Unabhängigkeit und lehnte ab mit dem Hinweis, man werde sich mit aller Macht verteidigen. Am gleichen Tag hatte das VIII. Armeekorps Luxemburg besetzt, wogegen die luxemburgische Regierung protestierte. Der deutsche Kanzler Bethmann-Hollweg versicherte indes, dass dies keine feindseligen Maßnahmen gegen Luxemburg seien; er versprach, nach Kriegsende Reparationen zu zahlen.
In Belgien betrachtet man dieses Ultimatum nicht nur als Angriff auf die Neutralität, sondern auch auf die Unabhängigkeit und die Existenz des Landes. Mit Betroffenheit, Entrüstung und Wut steigerte sich die Reaktion der belgischen Öffentlichkeit. König Albert beschwor seine Landsleute, man müsse sich verteidigen; Regierung und Opposition bildeten die „Union sacrée“, eine Allparteienregierung.
Das erste militärische Ziel war die Eroberung des Festungsrings von Lüttich. Auf ihrem Weg dorthin verübten Angehörige der 2. und 3. Armee gegenüber der Zivilbevölkerung zahlreiche Übergriffe und völkerrechtswidrige Hinrichtungen, so u.a. in Baelen, Battice, Blegny, Soumagne, Francorchamps, Herve und Mélen.
Die Deutschen waren von einem regelrechten „Heckenschützen-Wahn“ besessen. Diese Angst wurde bei Beschuss aus den eigenen Reihen („friendly fire“), bei selbst­ver­schuldeten Unfällen durch Trunkenheit oder Panik oder aus Wut über den belgischen Widerstand bzw. über Gerüchte, dass Belgier grausam gegen deutsche Verwundetet vorgegangen seien, ent­sprechend brutal beantwortet. Nahezu 6.000 unschuldige Zivilisten wurden in den ersten vier Wochen auf belgischem Boden getötet und viele Dörfer und Städte wie Löwen oder Dinant in Schutt und Asche gelegt.
Der Vormarsch auf den Lütticher Festungsring erfolgte vom 4. bis zum 16. August. Nach verlustreichen Kämpfen und dem Einsatz der „Dicken Bertha“, einem festungsbrechenden 42-cm -Mörser, konnten die Forts am 16. August besetzt und der Vormarsch ins Innere des Landes fortgesetzt werden. Durch den Einsatz der 1. deutschen Armee gelang der Durchbruch nach Brüssel am 20. August. Bis zum 25. August räumte die belgische Armee die Festung Namur und zog sich in die Festung Antwerpen zurück, die am 10. Oktober in deutsche Hände fiel. Die belgische Armee zog sich hinter die Yser (Westflandern) zurück, wo König Albert mit seinen Soldaten bis zum Kriegsende ausharrte und sich strikt weigerte, an den in seinen Augen nutzlosen alliierten Offensiven teilzunehmen.
Seit Beginn des „Großen Krieges“ beschäftigten sich belgische Politiker und Publizisten vermehrt mit Plänen zu einem „Groß-Belgien“, wobei die Verletzlichkeit der Grenzen und die Wehrlosigkeit des Landes nach dem deutschen Überfall im August 1914 diese Gedanken beflügelten. So war beispielsweise eine Ausdehnung des Landes bis zum Rhein in Planung, die eher strategischen als sozialen oder ökonomischen Zielen dienen sollte.
Hintergrund dieser Expansionsgelüste war nicht nur die schnelle Niederlage der belgischen Verteidigung zu Beginn des Ersten Weltkriegs, sondern der mit der Loslösung von den Niederlanden im Zuge der belgischen Revolution einhergegangene Unmut über die Festlegung der Grenzen des neuen Staates – ein Unmut, der als Ungerechtigkeit auf belgischer Seite empfunden wurde und nach Beginn des Ersten Weltkriegs und bei den Verhandlungen in Versailles wieder zu Tage trat.
Aufgrund der Neutralitätsverpflichtung in den belgischen Unabhängigkeitsverträgen waren Überlegungen zur Vergrößerung des Staatsgebiets vor 1914 in politischen Kreisen nie angestellt worden. Im Gegensatz dazu diskutierten einige nationalistisch eingestellte Journalisten und Publizisten schon vor Kriegsbeginn einen möglichen Anschluss Luxemburgs an Belgien und verdeutlichten damit die immer noch nicht überwundene Demütigung durch den „Vertrag der XXIV Artikel“ und den Wunsch nach Revision dieser Verträge. In Bezug auf Luxemburg machte das Wort von „unserem Elsass-Lothringen“ die Runde. Von einer Annektierung Limburgs war zu dem Zeitpunkt nicht mehr die Rede, da sich ein entspannteres Verhältnis zwischen Belgien und seinem nördlichen Nachbarn abzeichnete. Doch gingen diese Überlegungen vor dem Krieg nicht über diesen kleinen Kreis hinaus.
Der Krieg hatte eine nationalistische Ideologie hervorgebracht, oder wie es Pierre Nothomb, der bekannteste Vertreter dieser Strömung formulierte: „Patriotismus ist ein Gefühl, doch Nationalismus ist eine Doktrin.“ Diese Ideologie trat in manchen seiner Publikationen und die seiner Gesinnungsgenossen zu Tage.
Durch den überraschend schnellen Vormarsch des deutschen Heeres und die ebenso überraschend schnelle Einnahme des Festungsrings von Lüttich war offensichtlich geworden, dass die Maas als Verteidigungslinie nur einen Sinn machen konnte, wenn die Grenze weiter nach Osten in die Eifel verschoben würde. Dabei musste der Truppenübungsplatz Elsenborn, von dem aus u.a. die deutschen Kanonen gegen Belgien losgezogen waren, unbedingt eingegliedert werden. Zur Verstärkung der Ostgrenze wurden, neben Niederländisch Limburg, auch die preußischen Gebiete um Eupen, Malmedy, Schleiden, Kronenburg und St.Vith sowie das Großherzogtum Luxemburg („chair de notre chair“) gefordert. Und schließlich erachtete man die Scheldemündung (Seeländisch-Flandern) als unabdingbar zum Schutz des Antwerpener Hafens.
Der König zeigte sich sehr zurückhaltend und wollte das Fell des Bären nicht vor seiner Erlegung verkaufen, sprich die Gebiete erst dann verteilen, wenn sie auch erobert waren. Der König konnte sich schließlich durchsetzen, unter Hinweis auf die Risiken, die die Annexionspolitik beinhaltete: die Niederlande würden Belgien gegenüber misstrauisch und feindselig eingestellt sein, Deutschland und Luxemburg ebenso. Die neutralen Länder würden den Eindruck haben, dass Belgien einen Eroberungskrieg geführt habe, womit alle Glaubwürdigkeit und alles Vertrauen verspielt seien. Die Position des Königs wurde jedoch durch offizielle belgische Noten ans britische und ans französische Außenministerium geschwächt, in dem Luxemburg als Kriegsziel erklärt wurde, was wiederum in Luxemburg zu einer antibelgischen Stimmung führte. Letztlich wurde die Frage der Gebietsgewinne in Versailles bekanntlich quasi ohne Belgien entschieden.
Durch die Schaffung eines verdeckt agierenden „Comité de Politique Nationale“ versuchte die Regierung, die öffentliche Meinung für die Gebietserweiterung zu sensibilisieren, ohne dabei selbst als Verfechter eines „Groß-Belgien“ in Erscheinung zu treten. Das Comité unter der Federführung Pierre Nothombs, der als inoffizieller Mitarbeiter des Außenministeriums geführt wurde, machte seit Ende Dezember 1918 eifrig Propaganda für die Annexionspläne, wobei man von den Maximalforderungen (Schaffung eines rheinischen Pufferstaates) ausging.
Die belgische Regierung hat sich offiziell nie zu dem Comité bekannt; dessen Strategie darin bestand, den Großmächten bei den Verhandlungen in Versailles das Wort zu überlassen und darauf zu hoffen, dass man die belgischen Ansprüche schon würdigen würde. Was nobel aussehen sollte, wirkte in Wirklichkeit recht dilettantisch, da die belgische Delegation durch diese Haltung schlecht vorbereitet erschien. Zudem musste man ernüchtert feststellen, dass weder Frankreich (in Bezug auf Luxemburg) noch Großbritannien (in puncto Scheldemündung) den belgischen Annexionswünschen nachgaben.
Im Laufe der Verhandlungen in Versailles wurde indes immer deutlicher, dass keine Großmacht die belgischen Interessen zu vertreten beabsichtigte. Nicht einmal der Sitz des Völkerbundes war an Belgien gegangen, wie man es belgischerseits, angesichts des Leids, das der Krieg dem Land und den Menschen gebracht hatte, beantragt hatte. Die Stimmung in Regierungskreisen schlug in Resignation um, als deutlich wurde, dass weder Luxemburg noch niederländische Territorien zur Disposition standen, da sie Länder betrafen, die im Krieg nicht beteiligt waren. In den Kammerdebatten der Monate April und Mai wurde viel Verbitterung über die Tatsache laut, dass als Entschädigung nur das Gebiet von Neutral-Moresnet sowie die preußischen Kreise Eupen und Malmedy als Gebietszugewinne in Frage kamen.
Was Malmedy anging, war die in Versailles eigens geschaffene Kommission für belgische Angelegenheiten wegen der sprachlichen Situation geneigt, Entgegenkommen zu zeigen. Das Eupener Gebiet wurde wegen des Waldreichtums und wegen der Weser zugestanden, die die Eupener und Vervierser Tuchindustrie versorgte und als Trinkwassergebiet nicht in Preußen bleiben sollte. Das Zugeständnis war aber noch mit der Durchführung einer Volksbefragung verknüpft, deren Prozedere allerdings zu Gunsten Belgiens festgelegt wurde. Der Frust über diesen minimalen Zugewinn war auch noch im Juni 1919 in der Kammer zu hören, ohne dass die breite Bevölkerung davon viel mitbekommen hätte. Über den Premierminister rief der König dann am 2. Juli die Bürger zur Einheit auf und ließ eine Grußbotschaft an die Bewohner der neuen Gebiete verlesen. Von den „getrennten Brüdern“ in Holland und Luxemburg war fürderhin nicht mehr die Rede, dafür umso mehr von den „wiedergefundenen“ Brüdern in Eupen, Malmedy und St.Vith.
Der Begriff „Eupen-Malmedy“ geht auf den Versailler Vertrag zurück. Vor 1919 kannten beide Gebiete völlig unterschiedliche Entwicklungen. Geografisch durch das Hohe Venn getrennt verband erst ab 1854 eine Straße und ab 1887 eine Eisenbahn beide Städte, die als wirtschaftliche Zentren (Eupen: Textil, Malmedy: Leder und Papier) der jeweiligen Gegend galten. Im Gebiet von Eupen-Malmedy lebten rund 10.000 französischsprachige Einwohner in der Gegend von Malmedy (Preußische Wallonie), die eine Minderheit im überwiegend deutschsprachigen Gebiet darstellten. Während das Bürgertum und die Verwaltung sich der jeweiligen Hochsprache bedienten, herrschte in weiten Kreisen der Bevölkerung die Mundart vor (in Eupen eine limburgische, in der Malmedyer Gegend eine wallonische und im restlichen Teil des Kreises Malmedy eine moselfränkische Mundart).
Zum Ende des Ersten Weltkriegs machte sich hierzulande, wie andernorts auch, Kriegsmüdigkeit breit. Von den rund 10.000 Soldaten der beiden Kreise fielen deren rund 1700 und 900 kehrten als Kriegsversehrte zurück. Die russische Oktoberrevolution (1917) hatte zwar wieder Hoffnung aufkommen lassen, doch war Deutschland am Ende. Der Rückzug der deutschen Truppen im November 1918 führte durch die beiden Kreise Eupen und Malmedy, die sogleich durch englische Truppen besetzt wurden. Die durch den Krieg ernüchterte und hungernde Bevölkerung blieb diesem Treiben gegenüber teilnahmslos.
In Malmedy regten sich, früher als in Eupen, pro-belgische Stimmen.
Durch Bismarcks „Kulturkampf“ (1876) war die sprachliche Besonderheit der Malmedyer Wallonie in Bedrängnis geraten. Lehrer, die aus dem Gebiet stammten, wurden durch solche aus dem Innern des Reiches ersetzt; Priester durften nicht mehr in Französisch predigen, was den Sourbrodter Pfarrer Nicolas Pietkin veranlasste, auf Wallonisch zu predigen.
Als Reaktion auf die Germanisierungsbestrebungen Preußens gründeten sein Neffe Henri Bragard, Guillaume Bodet und andere 1898 den „Club Wallon“, eine literarische Gesellschaft, die sich den Schutz des Wallonischen und der romanischen Kultur in der Malmedyer Wallonie auf die Fahnen geschrieben hatte.
Nach der deutschen Niederlage 1918 plädierten der „Club Wallon“, einige in Brüssel ansässige Malmedyer und namhafte Malmedyer Fabrikanten zu Beginn des Jahres 1919 offen für eine Angliederung ihrer Heimat an Belgien. Das Thema rückte zwar etwas mehr ins öffentliche Licht, ohne jedoch wirklich zu interessieren. Der im „Kulturkampf“ in Faymonville geborene und für die wallonische Sprache und Kultur eintretende Abbé Joseph Bastin sowie der sozialistische Ministerberater Louis de Brouckère hatten indes auf die Tatsache hingewiesen, dass die Malmedyer Wallonen im Kreis Malmedy in der Minderheit seien und dass eine Abstimmung der Bevölkerung zur Angliederung an Belgien keine Mehrheit finden würde. Dennoch ließ Pfarrer Bastin nicht nach, in Faymonville, Sourbrodt und Weismes für die pro-belgische Sache zu werben.
Die Bestrebungen der Pro-Belgier fanden auch im Inland Gehör, denn Pierre Nothomb und das „Comité de Politique Nationale“ übernahmen die Forderungen der Malmedyer in ihren Zielsetzungen.
Als Gegenspieler der Malmedyer Wallonen trat der Malmedyer Landrat Freiherr von Korff auf, dem zufolge die Mehrheit der Wallonen pro-deutsch eingestellt sei. Zu diesen seien noch 2.000-2.500 Beamte zu zählen, die nicht aus der Gegend stammten und die nicht für einen Anschluss an Belgien seien. Noch im Februar 1919 sprach sich der Kreistag mehrheitlich gegen einen Anschluss an Belgien aus; 6 der 8 wallonischen Vertreter schlossen sich der Position an.
Die englischen Besatzer nahmen dieses Votum zur Kenntnis, blieben ihrer Verpflichtung zur Neutralität jedoch treu, wenngleich ihr Kommandeur, General Hyslop, das Verteilen von Propagandaschriften Henri Bragards verbot. Auch gegenüber belgischen Bemühungen zur Stationierung einer belgischen Militärmission in Malmedy zeigten die Briten die kalte Schulter. Erst Ende März 1919 gestattete man Belgien, eine zweiköpfige Militärmission in Malmedy einzurichten.
In Eupen traten keine Protagonisten für oder gegen den Anschluss an Belgien auf. Französische Truppen, die unter belgischem Oberkommando standen, besetzten das Gebiet. Der Vervierser Notar Léon Xhaflaire, der den lokalen Dialekt sprach, fungierte als belgischer Zivilkontrolleur und hatte insofern viel mehr Einflussmöglichkeiten, als seine pro-belgischen Kollegen in Malmedy.
In einer Note an Präsident Wilson wies der Eupener Bürgermeister Metternich auf die engen wirtschaftlichen Beziehungen zum Aachener Raum hin und befürchtete eine Minderheitensituation für die Eupener Bevölkerung im Falle eines Anschlusses an Belgien.
Nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 28. Juni 1919 standen die Gebiete von Eupen und Malmedy noch formell unter deutscher Souveränität. Erst am 10. Januar 1920 trat der Vertrag in Kraft und erst dann befanden sich beide Kreise unter belgischer Hoheit. Tatsächlich aber gehörten Eupen und Malmedy zur besetzten Zone, in der die deutsche Regierung nur mehr wenig Einfluss hatte. Dies nutzte die belgische Regierung aus, in dem sie schon vor Unterzeichnung des Vertrages von der britischen Besatzungsbehörde wichtige Zugeständnisse erreichte. Seit April 1919 bestand eine belgische Militärmission neben dem britischen Kommandanten in Malmedy. Die Militärmission suchte den Kontakt zur Bevölkerung und beruhigte sie über die bevorstehenden Änderungen. Der Anschluss an Belgien sollte begehrenswert erscheinen. Im Mai 1919 erschien in den Kreisen eine Zivilmission, die alle Verwaltungsbefugnisse übernahm. In jedem Kreis wurde ein „Zivilkontrolleur“ eingesetzt, die später als Distriktkommissare fungierten. Für Eupen wurde Léon Xhaflaire, Notar in Verviers bestimmt; in Malmedy amtierte der ehemalige Kommissar des Bezirks Bastogne, Adolf Schnorrenberg. Beiden gelang es, die noch im Amt befindlichen Landräte auszubooten und die Befürchtungen der Bevölkerung zu zerstreuen. Beide bemühten sich, eine Abschottung des Gebiets von der übrigen Rheinprovinz zu erzielen. Post- und Pressezensur, Gerüchte, denen zu Folge eine Ausweisung drohe, falls man für Deutschland optiere, aber auch lukrative Angebote zur Erlangung von Lebensmittelkarten und ein günstiger Wechselkurs zum Tausch von Mark in belgische Franken wurden eingesetzt. Am 11. und 12. August rückten belgische Truppen in Eupen und Malmedy ein und lösten die bisherige Besatzung ab. Am 15. September verabschiedete die Kammer ein Gesetz, welches die Kreise Eupen und Malmedy zu einem unabhängigen Verwaltungsbezirk machte, das durch einen Hohen Kommissar übernommen werden sollte, der unter Aufsicht des Premierministers mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet werden sollte und dem ein „Hoher Rat“ mit beratender Funktion zur Seite stand. Die Dauer des kommissarischen Mandats war nicht begrenzt.
Mit der Angliederung der Kreise Eupen und Malmedy erhielt Belgien auch die Eisenbahnlinien in diesem Gebiet. Damit Eupen und Malmedy per Bahn verbunden bleiben konnten und dadurch keine deutschen Exklaven zu bilden, forderte Belgien auch die Angliederung der Teile des Kreises Monschau, durch den der 28,5 km lange Vennbahnabschnitt zwischen Raeren und Kalterherberg verlief. Der Ausschuss zur Festsetzung der belgisch-deutschen Grenze war nicht bereit, 4000 Einwohnern wegen einer Eisenbahnlinie einen Staatenwechsel zuzumuten. Daher wurde beschlossen, Belgien allein die Vennbahntrasse in diesem Gebiet zuzugestehen. Dadurch entstanden im Kreis Monschau einige Exklaven, was bei der dortigen Bevölkerung Protest und Streik hervorrief. Als belgisches Militär im Mai 1920 in Monschau einrückte und Bestrafungen verhängte, wurde deutlich, dass das Recht des Siegers der betroffenen Bevölkerung aufgezwungen wurde. Mit der Übernahme des Abschnitts Raeren – Kalterherberg ins belgische Streckennetz am 1. November 1921 ging die Vennbahn endgütig in belgisches Eigentum über. Diese kuriose Situation besteht bis heute.
Der Versailler Vertrag wurde am 28. Juni 1919 unterzeichnet und am 10. Januar 1920 von den alliierten und assoziierten Mächten sowie Deutschland ratifiziert.
II. Teil: Grenzen Deutschlands
Art. 27: „Die Grenzen Deutschlands werden folgendermaßen festgelegt:
Mit Belgien:
Von der Treffpunkt der drei Grenzen Belgiens, Hollands und Deutschlands in südlicher Richtung:
Die Nordostgrenze des ehemaligen Gebiets von Neutral-Moresnet, dann die Ostgrenze des Kreises Eupen; dann die Grenze zwischen Belgien und dem Kreis Montjoie, dann die Nordost- und Ostgrenze des Kreises Malmedy bis zum Treffpunkt mit der Grenze zu Luxemburg.“
III. Teil: Politische Bestimmungen für Europa
Erster Abschnitt: Belgien
Art. 31: „Deutschland erkennt an, dass die Verträge vom 19. April 1839, die die Rechtslage Belgiens vor dem Kriege bestimmten, den gegenwärtigen Verhältnissen nicht mehr entsprechen. Es stimmt daher der Aufhebung dieser Verträge zu und verpflichtet sich schon jetzt zur Anerkennung und Beachtung aller Abkommen, die zwischen den alliierten und assoziierten Hauptmächten oder zwischen irgendeiner dieser Mächte und den Regierungen von Belgien und von Holland zum Ersatz für die genannten Verträge von 1839 getroffen werden können. Sollte Deutschlands formeller Beitritt zu solchen Abkommen oder irgendeiner Bestimmung solcher Abkommen verlangt werden, so verpflichtet sich Deutschland schon jetzt, ihnen beizutreten.“
Art. 32: „Deutschland erkennt die volle Staatshoheit Belgiens über das gesamte strittige Gebiet von Moresnet (so genanntes Neutral-Moresnet) an.“
Art. 33: „Deutschland verzichtet zu Gunsten Belgiens auf alle rechte und Ansprüche auf das Gebiet von Preußisch-Moresnet, westlich der Straße von Lüttich nach Aachen: der Teil dieser Straße am Rande dieses Gebietes gehört zu Belgien.“
Art. 34: „Ferner verzichtet Deutschland zugunsten Belgiens auf alle Rechte und Ansprüche auf das gesamte Gebiet der Kreise Eupen und Malmedy. Während der ersten sechs Monate nach dem Inkrafttreten dieses Vertrages werden in Eupen und Malmedy durch die belgischen Behörden Listen ausgelegt. Die Bewohner dieser Gebiete haben das Recht, darin schriftlich ihren Wunsch auszusprechen, dass diese Gebiete ganz oder teilweise unter deutscher Staatshoheit bleiben. Es ist Sache der belgischen Regierung, das Ergebnis dieser Volksabstimmung zur Kenntnis des Völkerbundes zu bringen, dessen Entscheidung anzunehmen Belgien sich verpflichtet.“
Art. 35: „Eine Kommission von 7 Mitgliedern, von denen 5 durch die alliierten und assoziierten Hauptmächte, eins durch Deutschland und eins durch Belgien bestimmt werden, wird 14 Tage nach dem Inkrafttreten dieses Vertrages gebildet, um an Ort und Stelle die neue Grenzlinie zwischen Belgien und Deutschland festzusetzen unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage und der Verkehrswege.
Die Entscheidungen werden mit Stimmenmehrheit getroffen und sind für die Beteiligten bindend.“
Art. 36: Sobald der Übergang der Staatshoheit über die oben genannten Gebiete endgültig geworden ist, erwerben die in diesen Gebieten ansässigen deutschen Reichsangehörigen ohne weiteres und endgültig die belgische Staatsangehörigkeit und verlieren die deutsche Reichsangehörigkeit.
Die deutschen Reichsangehörigen jedoch, die sich in diesen Gebieten nach dem 1. August 1914 niedergelassen haben, können die belgische Staatsangehörigkeit nur mit einer Genehmigung der belgischen Regierung erwerben.“
Art. 37: „Während der zwei ersten Jahre nach dem endgültigen Übergang der Staatshoheit über die Belgien auf Grund dieses Vertrages zugesprochenen Gebiete sind die deutschen Reichsangehörigen, die älter als 18 Jahre und in diesen Gebieten ansässig sind, berechtigt, für die deutsche Reichsangehörigkeit zu optieren.
Die Option des Ehegatten hat de der Ehegattin, die Option er Eltern die ihrer noch nicht 18 Jahre alten Kinder zur Folge.
Die Personen, die von dem oben vorgesehenen Optionsrecht Gebrauch gemacht haben, müssen in den darauf folgenden 12 Monaten ihren Wohnsitz nach Deutschland verlegen.
Es steht ihnen frei, die unbeweglichen Güter, die sie in den durch Belgien erworbenen Gebieten besitzen, zu behalten. Sie können ihre bewegliche Habe aller Art mitnehmen. Es wird ihnen dafür keinerlei Zoll, weder für die Ausfuhr noch für die Einfuhr, auferlegt.“
Art. 38: „Die deutsche Regierung hat der belgischen Regierung unverzüglich die Archive, Register, Pläne, Urkunden und Dokumente aller Art auszuliefern, die die Zivil-, Militär-, Finanz- und Justizverwaltung oder andere Verwaltungen des unter belgische Staatshoheit gelangten Gebietes betreffen.
Desgleichen hat die deutsche Regierung der belgischen Regierung die Archive und Dokumente aller Art zurückzuerstatten, die im Laufe des Krieges durch die deutschen Behörden aus den öffentlichen belgischen Verwaltungen, namentlich aus dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Brüssel, fort genommen wurden.“
Art. 39: „ Umfang und Art der finanziellen Lasten Deutschlands und Preußens, die Belgien für die ihm abgetretenen Gebiete u übernehmen hat, werden gemäß den Artikeln 254 und 256 des IX. Teils (finanzielle Bestimmungen) dieses Vertrages festgelegt.“
In der Person des Kavalleriegenerals Herman Baltia (1863-1937) fand die belgische Regierung offenbar die geeignete Persönlichkeit, um sich den Aufgaben des Hohen Kommissars in den neuen Gebieten zu stellen. Aus einer alteingesessenen luxemburgischen Familie stammend, katholisch, deutschsprachig und als energisch auftretender Offizier schien er für diese Aufgabe prädestiniert. Mit den Worten „Sehen Sie zu, dass alles gut geht und nicht zuviel kostet. Sie werden wie der Gouverneur einer Kolonie sein, einer Kolonie mit direkter Verbindung zum Mutterland.“ umriss Premierminister Delacroix Baltias Auftrag.
Zu seinem Amtssitz wählte Baltia Malmedy – nicht nur wegen der zentralen Lage und dem verfügbaren geräumigen Gebäude, sondern auch aufgrund der sprachlichen Situation, die in Malmedy eine schnellere Eingliederung ins neue Vaterland versprach.
In seiner Proklamation vom 11. Januar 1920 sicherte General Baltia der Bevölkerung Eupen-Malmedys die Gleichberechtigung der deutschen Sprache gegenüber den beiden anderen Landessprachen zu. Des Weiteren garantierte er Religionsfreiheit und den Schutz des öffentlichen Unterrichts. Er übernahm die Regelungen des deutschen Arbeitsschutzes und die geltenden Sozialversicherungsbestimmungen bis zur Einführung eines belgischen Regelwerks. Loyale einheimische Beamte blieben in Dienst. Die Kriegsinvaliden wurden mit denen Altbelgiens gleichgestellt, Kriegsschäden wurden nach belgischem Recht entschädigt und Kriegsgefangene wurden zurückgeführt. Der Geldumtausch sollte nach einem für die Neubelgier vorteilhaften Kurs erfolgen, die Steuern sollten auf belgisches Niveau gesenkt werden und der Militärdienst wurde für vier Jahre ausgesetzt. Diese Proklamation hatte den Anspruch, als Richtschnur einer noch auszuarbeitenden Gesetzgebung zu dienen.
Baltias Amts- und Wohnsitz befand sich im ehemaligen Landratsamt in Malmedy. Die Wahl Malmedy war sowohl aus geografischen Gründen als auch aus sprachlichen Gründen erfolgt.
Eine vom König ernannte „Commission interministérielle“ aus Vertretern jedes Ministeriums unter der Leitung des Hohen Kommissars bildete die Verwaltungsspitze des Gouvernements.
Ein „Hoher Rat“, dem sechs von General Baltia auswählte Eupen-Malmedyer und sechs vom Premierminister bestimmten Altbelgier angehörten, bildeten ab 1923 eine Art Staatsrat, der Baltia mit beratender Funktion zur Seite stand.
Die im Rahmen des Versailler Vertrages in Art. 34 vom Völkerbund vorgeschriebene Volksbefragung sollte den Einwohnern der Kreise Eupen und Malmedy die Gelegenheit geben, ihre Meinung zum Staatenwechsel kundzutun und damit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker genüge tun. Nicht nur der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte dieses Prinzip seinem 14-Punkte-Programm zu einer Friedensordnung in Europa zugrunde gelegt; auch der Malmedyer Kreistag bat in seiner Sitzung vom 27. Februar 1919 einstimmig darum, „aufs dringendste bei der kommenden Friedenskonferenz auch dem Kreise Malmedy das allen Volksstämmen zugesicherte Selbstbestimmungsrecht gegebenenfalls durch Erwirkung einer Geheimabstimmung der Bevölkerung zu wahren.“ Das von den alliierten Mächten als „Friedensvertrag“ und von deutscher Seite als „Diktat“ bezeichnete Versailler Abkommen berief sich zwar auf das amerikanische 14-Punkte-Programm und damit auch auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, doch zeigte der Umgang mit dem besiegten Deutschen Reich, dass Theorie und Praxis erheblich voneinander abwichen. Die als „petite farce belge“ und als „Abstimmungskommödie“ in die Geschichte eingegangene Volksbefragung in Eupen-Malmedy ist demnach ein Beispiel, wie sehr das Rechtsprinzip der Selbstbestimmung der „Besatzungsgewalt des Siegers“ geopfert wurde. Die Volksbefragung sollte demnach die Angliederung der beiden Kreise legitimieren, doch war sie ein Mittel zur Festigung einseitig beschlossener Gebietsabtretungen. Doch nicht nur die eigentliche Durchführung der Volksbefragung, auch die Rahmenbedingungen vor- und nachher können als Farce bezeichnet werden, da ja nie ein anderes Ergebnis als das erwünschte eintreten sollte. Allen Beteiligten war nämlich durchaus bewusst, dass eine frei und unabhängig durchführte Abstimmung wohl unweigerlich zu einer massiven Ablehnung der Annexion geführt hätte. Schon vor Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 28. Juni 1919 hatte es aus verständlichen Gründen deutscherseits massive Proteste gegen die vorgesehene Form der Volksbefragung gegeben.
Ab dem 26. Januar 1920 lagen in den Distriktkommissariaten von Eupen und Malmedy Listen aus, in denen sich protestwillige Bewohner namentlich eintragen konnten. Stimmberechtigt waren alle männlichen oder weiblichen Einwohner der beiden Kreise, die die deutsche Staatsangehörigkeit hatten, mindestens 21 Jahre alt waren und mindestens seit dem 1. August 1914 und am 10. Januar 1920 im Gebiet der beiden Kreise wohnhaft waren. Die Listen waren werktags von 9 -12 Uhr und von 14 -16 Uhr sowie feiertags von 9 -12 Uhr zugänglich. Die Distriktkommissare von Eupen und Malmedy hatten die Aufsicht über die Listen, wobei die Frage erlaubt sei, ob sie nicht eher die Aufsicht über die Abstimmungswilligen hatten.
Am 23. Juli 1920 wurde die Volksbefragung mit dem Schließen der beiden Register in den Distriktkommissariaten von Eupen und Malmedy beendet. Von den 33.726 Stimmberechtigten trugen sich 271 Personen (0,8%) in die Protestlisten ein, davon 202 deutsche Beamte, die ohnehin nicht in Belgien bleiben wollten. Laut Art. 34, Abs. 3, des Versailler Vertrages oblag es der belgischen Regierung, dem Völkerbund das Ergebnis der Volksabstimmung zur Kenntnis zu bringen. Dessen Entscheidung sollte für Belgien bindend sein. Angesichts dieses Ergebnisses konnte Belgien diese Entscheidung getrost abwarten.
Zunächst galt zu prüfen, ob die Volksbefragung gültig war, d.h. ob sie getreu der Vorgaben im Versailler Vertrag stattgefunden hatte. Das Referat Eupen-Malmedy im deutschen Auswärtigen Amt hatte es nicht versäumt, dem Völkerbund in allen Einzelheiten die Unzulänglichkeiten dieses Referendums aufzulisten. Die belgische Regierung wurde nicht müde zu versichern, dass die Volksbefragung nach den Vorgaben des Versailler Vertrages abgelaufen sei, laut dem Belgien ausdrücklich mit der Durchführung beauftragt worden war. Zudem versicherten einige deutschstämmige, und damit in den Augen Belgiens besonders glaubhafte Bürgermeister des Kreises Malmedy, dass die Volksbefragung eigentlich störungsfrei über die Bühne gegangen sei, wenngleich bestimmte Gerüchte in Umlauf gewesen seien, die von der allzu leichtgläubigen Bevölkerung geglaubt wurden. Trotz des eindeutigen Ergebnisses hatte die Bevölkerung kein eindeutiges Votum für einen Anschluss an Belgien, wohl aber für den Verbleib in der angestammten Heimat abgegeben. Ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Vaterland, wie es zur preußischen Zeit zweifelsohne bestand, war einem ernüchterten Pragmatismus gewichen.
Nachdem der Völkerbund die Register am 19. August 1920 in Empfang genommen hatte, ernannte der Generalsekretär den brasilianischen Boschafter da Cunha zum Berichterstatter. Deutscherseits versuchte man vergeblich, ihn über die vielfältigen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der Volksbefragung zu informieren; da Cunha blieb solchen Versuchen gegenüber immun.
Am 20. September traf sich der Völkerbundsrat und beschloss, nach Anhörung da Cunhas und nach Abweisung der deutschen Proteste, Belgien die Kreise Eupen und Malmedy zuzuerkennen. Begründet wurde dies mit dem Argument, dass es der belgischen Regierung oblag, die Bedingungen der Volksbefragung festzulegen, da Belgien die volle Souveränität über Eupen und Malmedy ausübte. Zudem war man der Meinung, dass diese Bedingungen mit Buchstaben und Geist des Vertrages übereinstimmten. Angesichts des eindeutigen zahlenmäßigen Ergebnisses müsse die Angliederung der beiden Kreise “effektiv und gültig” bleiben. Dies könne nur angefochten werden, wenn bewiesen werden könne, dass Einschüchterungen oder Repressalien angewandt worden wären, die die freie Meinungsäußerung behindert hätten. Da solche Beweise nicht vorgelegt werden konnten, entschied der Völkerbundsrat die endgültige Übernahme der Gebiete von Eupen und Malmedy durch Belgien. Im Januar 1921 bestätigte die Vollversammlung die Entscheidung des Rates. Generalsekretär Sir E. Drummond teilte der deutschen Regierung mit, dass die Entscheidung des Völkerbundes in Bezug auf Eupen und Malmedy “definitiv und ohne Berufungsmöglichkeit” sei
Noch während der Abstimmungszeit begann die Regierung Baltias mit der Integration Eupen-Malmedys ins belgische Rechts- und Verwaltungssystem. Die beiden Kreise und die 24 Bürgermeistereien wurden zum 1. Dezember 1921 aufgehoben und zu einem provisorischen Arrondissement mit 30 Gemeinden zusammengefasst. Die Verwaltungsspitze des Gouvernements bestand neben dem Gouverneur aus einem Generalsekretär, zugleich auch Vizegouverneur und 12 Räten (conseillers) als Vorsteher der einzelnen Fachabteilungen. Der mit beratender Funktion amtierende Hohe Rat wurde erst 1923 eingesetzt.
Baltias autoritäre Regierungsweise, die ihm den Vorwurf der Diktatur einbrachte, entsprang seinem militärischen Denken: „Rétablir le respect de l’autorité, faire regner l’ordre et la tranquilité.“, so seine Absicht. Seine Dekrete und Gesetze wurden im „Amtsblatt Malmedy-Eupen“ veröffentlicht. Als Amtssprachen bestanden deutsch und französisch gleichberechtigt nebeneinander. Die Angleichung der Rechtsvorschriften verlief zögerlich. Die deutschen Gesetze blieben gültig, wenn in der belgischen Gesetzgebung nichts Gleichwertiges vorgesehen war.
b. Schulwesen
Das Gouvernement Baltia fürchtete (zu Recht), dass die deutsche Lehrerschaft in den Volksschulen sich nicht loyal zur neuen Obrigkeit verhalten und aktiv Widerstand betreiben werde. Im Sommer 1920 waren neben 106 reichsdeutschen Lehrern nur 8 einheimische und 76 altbelgische Lehrer in Dienst. Zum neuen Schuljahr erklärten sich nur 12 reichsdeutsche Lehrer bereit, auch unter belgischer Hoheit zu arbeiten. Baltia vergab die unbesetzten Stellen daraufhin an deutschsprachige Luxemburger und Altbelgier. Die deutschen Schulbücher wurden ersetzt und der Französischunterricht, neben Deutsch als Muttersprache, eingeführt. Die Unterrichtszeiten (Schuljahr endet im Juni statt wie bisher zu Ostern) wurde dem altbelgischen System angeglichen. Eine Verordnung vom April 1922 verbot den neubelgischen Schulpflichtigen den Besuch ausländischer Schulen.
c. Die Presse in Eupen-Malmedy
Die Verbreitung deutscher Presseerzeugnisse in Eupen-Malmedy bereitete General Baltia Sorgen. Aber auch hiesige Zeitungen, wie die „Eupener Nachrichten“, der Malmedyer „Landbote“ oder die „Malmedy-St.Vither Volkszeitung“ zeigten belgienfeindliche Tendenzen. Statt jedoch Zensurmaßnahmen durchzuführen, befürwortete Baltia die Schaffung einer probelgischen Presse, was aber an fehlenden finanziellen Mitteln scheiterte. Erst mit der Gründung des „Grenz-Echo“ 1927 wurde dieses Ziel erreicht.
d. Wirtschaftliche Probleme
Das Abschnüren von bisherigen Absatzmärkten, die inländische Konkurrenz, Verluste beim Geldumtausch und die zahlreichen Behinderungen des Grenzverkehrs trafen fast jeden Neubelgier und förderten eine antibelgische Stimmung. Der Geldumtausch erfolgte ab März 1920 zum sehr günstigen Kurs von 1:1; Privatpersonen konnten 1.000 Mark eintauschen. Durch Verzögerungen in der Auszahlung kam es jedoch zu erheblicher Missstimmung. Wirtschaftsförderung betrieb das Gouvernement durch die Vermittlung von Überbrückungskrediten und durch die Vermittlung von Geschäftsbeziehungen zum Inland. Höchstpreisverordnungen und das Verbot, an Ausländer zu verkaufen, sollten steigende Lebensmittelpreise verhindern. Die landwirtschaftlichen Vereine wurden dem „Boerenbond“ angeschlossen, der erhebliche Gelder nach Ostbelgien leitete. Die anfänglich ungünstige Konjunktur zeigte sich nach zwei Jahren (1922) schon auf dem Wege der Erholung. Ein Generalstreik in Eupen im April 1920 wurde nach wenigen Tagen militärisch beendet und führte zur Einführung paritätisch besetzter Schlichtungsausschüsse.
e. Militärdienst
In seiner Proklamation hatte Baltia den neubelgischen Milizpflichtigen eine vierjährige Aussetzung versprochen. Das Kriegsministerium warb unterdessen Freiwillige an, die später als Ausbilder der neuen Rekruten fungieren sollten. Deren Ausbildung sollte in deutscher Sprache erfolgen.
Die ersten Wehrpflichtigen wurden 1924 eingezogen und zumeist an flämische Kasernen überwiesen; ihre deutschsprachigen Ausbilder stammten aus dem deutschsprachigen Altbelgien. Die neubelgischen Offiziere dienten indes in wallonischen Regimentern.
f. Kirchliche Organisation
Wie bei den Lehrern, so achtete das Gouvernement auch auf die nationale Einstellung der Geistlichkeit. In Neubelgien orientierte diese sich jedoch noch sehr an den Anweisungen der Heimatdiözese Köln und widersetzte sich belgischen Eingliederungsbemühungen. Baltia scheute sich angesichts der überwiegend katholischen Bevölkerung, radikale Maßnahmen zu ergreifen. Erst im Oktober 1921 trat das belgische Kirchenrecht in Eupen-Malmedy in Kraft, was eine bessere Entlohnung der Geistlichkeit zur Folge hatte. Dennoch machten sich die meisten Priester keine Anstalten, ihre deutsch-nationale Haltung aufzugeben. Um den Übergang der politischen Souveränität durch eine analoge kirchliche Regelung zu stärken, hatte die belgische Regierung 1920 schon vergeblich versucht, das Gebiet dem Bistum Lüttich einverleiben zu lassen. Der Hl. Stuhl hatte lediglich den Brüsseler Nuntius, Msgr. Nicotra, zum Apostolischen Administrator für Eupen-Malmedy ernannt, dem allerdings dort jegliche Anerkennung seitens der Ortsgeistlichen verwehrt blieb. „Der Kölner Erzbischof regiert in Malmedy“ titelte eine Brüsseler Zeitung. Durch Vermittlung von Kardinal Mercier gelang es im Juli 1921, Eupen-Malmedy von Bistum Köln zu trennen und in ein eigenes Bistum mit Sitz in Malmedy umzuwandeln. Der Lütticher Bischof Rutten war in Personalunion auch Bischof von Eupen-Malmedy. Die Ausbildung von Priestern wurde dem Lütticher Seminar übertragen.
Die stark geschrumpften evangelischen Gemeinden Moresnet, Eupen, Malmedy und St.Vith wurden zu einer einzigen zusammengefasst und 1923 in die „Union des églises évangéliques-protestantes de Belgique“ aufgenommen.

References: Art. 27

Art. 31

Art. 32

Art. 33

Art. 34

Art. 35

Art. 36

Art. 37

Art. 38

Art. 39
 Art. 34
 Art. 34