Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Zeugnis_mit_Note_zur_vollen_Zufriedenheit_Durchschnitt_BAG_9AZR584-13.html
Timestamp: 2016-12-07 12:26:52+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 9 AZR 584/13
Zeugnis, Arbeitszeugnis, Zeugnisnote, Zeugnis: Beweislast
Hat der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer im Zeug­nis be­schei­nigt, er ha­be sei­ne Leis­tun­gen „zur vol­len Zu­frie­den­heit“ er­bracht, hat der Ar­beit­neh­mer im Rechts­streit vor den Ge­rich­ten für Ar­beits­sa­chen die Tat­sa­chen vor­zu­tra­gen und zu be­wei­sen, die ei­ne bes­se­re Schluss­be­ur­tei­lung recht­fer­ti­gen sol­len.
Arbeitsgericht Berlin, Schlussurteil vom 26.10.2012 - 28 Ca 18230/11Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 21.3.2013 - 18 Sa 2133/12
9 AZR 584/13 18 Sa 2133/12Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg Im Na­men des Vol­kes!
Verkündet am18. No­vem­ber 2014
hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 18. No­vem­ber 2014 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer und Klo­se so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Schmid und Ro­pertz für Recht er­kannt:
- 2 - 1. Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 21. März 2013 - 18 Sa 2133/12 - auf­ge­ho­ben.
2. Die Sa­che wird zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung - auch über die Kos­ten der Re­vi­si­on - an das Be­ru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten über die Ge­samt­be­wer­tung der Leis­tung der Kläge­rin in ei­nem Zeug­nis.
Die Kläge­rin war in der Zahn­arzt­pra­xis der Be­klag­ten ab dem 1. Ju­li 2010 im Emp­fangs­be­reich und als Büro­f­ach­kraft beschäftigt. Zu ih­ren Auf­ga­ben gehörten ua. die Pra­xis­or­ga­ni­sa­ti­on, Be­treu­ung der Pa­ti­en­ten, Ter­min­ver­ga­be, Führung und Ver­wal­tung der Pa­ti­en­ten­kar­tei, Aus­fer­ti­gung von Rech­nun­gen und Auf­stel­lung der Dienst- und Ur­laubspläne. Darüber hin­aus half die Kläge­rin bei der Er­stel­lung des Pra­xis­qua­litäts­ma­nage­ments. Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te auf­grund ei­ner Kündi­gung der Kläge­rin mit Ab­lauf des 30. Ju­ni 2011. Nach­dem die­se die Be­klag­te En­de Sep­tem­ber 2011 an die Aus­stel­lung ei­nes qua­li­fi­zier­ten Zeug­nis­ses er­in­nert hat­te, er­hielt sie ein Ar­beits­zeug­nis.
Mit ih­rer Kla­ge hat sich die Kläge­rin ge­gen den In­halt des von der Be­klag­ten er­teil­ten Zeug­nis­ses ge­wandt. Hin­sicht­lich der in der Re­vi­si­ons­in­stanz al­lein noch strei­ti­gen Ge­samt­be­wer­tung ih­rer Leis­tun­gen hat die Kläge­rin die Auf­fas­sung ver­tre­ten, ihr stünde die Be­ur­tei­lung „stets zur vol­len Zu­frie­den­heit“ zu, weil ih­re Ar­beit ta­del­los ge­we­sen sei, sie ver­schie­de­ne Ver­bes­se­run­gen in der Pra­xis ein­geführt ha­be und die von der Be­klag­ten an­geführ­ten Mängel nicht zu­träfen.
- 3 - Die Kläge­rin hat - so­weit für die Re­vi­si­on von Be­deu­tung - be­an­tragt, die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihr ein qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis zu er­tei­len mit dem In­halt:
In der Zu­sam­men­ar­beit er­leb­ten wir Frau ... als en­ga­gier­te Mit­ar­bei­te­rin, die sich für die Be­lan­ge un­se­rer Pra­xis ein-setz­te und die ihr über­tra­ge­nen Ar­bei­ten stets zu un­se­rer vol­len Zu­frie­den­heit ausführ­te.
Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie hat ge­meint, der Kläge­rin sei al­len­falls die Ge­samt­be­wer­tung „zur vol­len Zu­frie­den­heit“ zu at­tes­tie­ren. Die Kläge­rin ha­be kei­ne über­durch­schnitt­li­chen Leis­tun­gen er­bracht. Es sei zu zahl­rei­chen Fehl­leis­tun­gen in Be­zug auf das im Ar­beits­ver­trag ver­ein­bar­te Leis­tungs­spek­trum ge­kom­men.
Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge über­wie­gend statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die auf die Ge­samt­be­wer­tung be­schränk­te Be­ru­fung der Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen. Mit ih­rer Re­vi­si­on ver­folgt die­se ihr Ziel der Kla­ge­ab­wei­sung hin­sicht­lich der von der Kläge­rin be­gehr­ten Ge­samt­be­wer­tung wei­ter.
Die zulässi­ge Re­vi­si­on der Be­klag­ten hat Er­folg. Mit der Be­gründung des Lan­des­ar­beits­ge­richts durf­te die Be­ru­fung der Be­klag­ten nicht zurück­ge­wie­sen wer­den. Ob die Kläge­rin gemäß § 109 Abs. 1 Satz 3 Ge­wO An­spruch auf ein Zeug­nis mit der End­no­te „gut“ hat und sich die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts im Er­geb­nis als rich­tig er­weist, lässt sich auf der Grund­la­ge der von ihm ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen nicht be­ur­tei­len. Die Sa­che ist da­her nicht zur End­ent­schei­dung reif und war so­mit zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Be­ru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 563 Abs. 1 ZPO).
- 4 - I. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist zwar un­ter Hin­weis auf die vom Se­nat im Ur­teil vom 14. Ok­to­ber 2003 (- 9 AZR 12/03 - zu IV 2 b der Gründe, BA­GE 108, 86) auf­ge­stell­ten Rechtssätze zur Dar­le­gungs- und Be­weis­last zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, dass der Ar­beit­neh­mer, der ei­ne über­durch­schnitt­li­che Be­ur­tei­lung im Zeug­nis er­strebt, ent­spre­chen­de Leis­tun­gen vor­tra­gen und ggf. be­wei­sen muss. Je­doch hat es den Be­griff „über­durch­schnitt­li­che Be­ur­tei­lung“ ver­kannt. Ent­ge­gen sei­ner An­nah­me liegt ei­ne über­durch­schnitt­li­che Leis­tung vor, wenn sie der Schul­no­te „gut“ oder „sehr gut“ ent­spricht. Wel­che Schul­no­ten in den Zeug­nis­sen ei­ner Bran­che am häufigs­ten ver­ge­ben wer­den, ist oh­ne un­mit­tel­ba­ren Ein­fluss auf die Dar­le­gungs- und Be­weis­last.
1. Nach § 109 Abs. 1 Satz 3 Ge­wO kann der Ar­beit­neh­mer ver­lan­gen, dass sich die An­ga­ben im Zeug­nis auch auf Leis­tung und Ver­hal­ten im Ar­beits­verhält­nis (qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis) er­stre­cken. Al­ler­dings be­gründet die­se Vor­schrift kei­nen An­spruch auf ein „gu­tes“ oder „sehr gu­tes“ Zeug­nis, son­dern „nur“ auf ein leis­tungs­ge­rech­tes Zeug­nis. Erst wenn der Ar­beit­neh­mer dar­ge­legt hat, leis­tungs­ge­recht sei aus­sch­ließlich ei­ne über­durch­schnitt­li­che Be­ur­tei­lung, hat der Ar­beit­ge­ber die Tat­sa­chen vor­zu­tra­gen, die dem ent­ge­gen­ste­hen sol­len (BAG 14. Ok­to­ber 2003 - 9 AZR 12/03 - zu IV 2 b cc der Gründe, BA­GE 108, 86; ähn­lich zur Leis­tungs­be­ur­tei­lung bei ta­rif­li­chem Leis­tungs­ent­gelt BAG 18. Ju­ni 2014 - 10 AZR 699/13 - Rn. 43).
a) Die Recht­spre­chung zur Dar­le­gungs­last des Ar­beit­neh­mers, wenn er mit der Ge­samt­be­wer­tung „be­frie­di­gend“ im Zeug­nis nicht ein­ver­stan­den ist, wur­de nicht auf der Grund­la­ge em­pi­ri­scher Un­ter­su­chun­gen ent­wi­ckelt. Sol­che Er­kennt­nis­se sind nur zur Er­mitt­lung ei­nes so­ge­nann­ten Zeug­nis­brauchs, der zB in häufig ver­wen­de­ten For­mu­lie­run­gen („Zeug­nis­spra­che“) sei­nen Aus­druck fin­den kann, von Be­deu­tung. In­so­fern hat der Se­nat auf ei­ne em­pi­ri­sche Un­ter­su­chung von Weus­ter/Scheer zurück­ge­grif­fen, um zu er­mit­teln, wel­chen Be­deu­tungs­ge­halt die in qua­li­fi­zier­ten Zeug­nis­sen häufig ge­nutz­te so­ge­nann­te Zu­frie­den­heits­ska­la hat (vgl. BAG 14. Ok­to­ber 2003 - 9 AZR 12/03 - zu III 4 a der Gründe, BA­GE 108, 86). Aus­ge­hend von den dem Ar­beit­neh­mer über­tra­ge­nen Tätig­kei­ten und dem sich dar­aus er­ge­ben­den An­for­de­rungs­pro­fil wird da­nach
- 5 - die Leis­tung des Ar­beit­neh­mers dar­an ge­mes­sen, wie der Ar­beit­ge­ber mit der Auf­ga­ben­erfüllung „zu­frie­den“ war. Der Be­griff „zu­frie­den“ be­zeich­net ab­wei­chend vom übli­chen Sprach­ge­brauch nicht die sub­jek­ti­ve Be­find­lich­keit des Ar­beit­ge­bers. Er enthält viel­mehr ei­ne auf die Ar­beits­auf­ga­be ab­ge­stell­te Be­ur­tei­lung, die sich an den ob­jek­ti­ven An­for­de­run­gen ori­en­tiert, die übli­cher­wei­se an ei­nen Ar­beit­neh­mer mit ver­gleich­ba­rer Auf­ga­be ge­stellt wer­den (vgl. da­ge­gen zum in­di­vi­du­el­len Maßstab im Kündi­gungs­recht: BAG 17. Ja­nu­ar 2008 - 2 AZR 536/06 - Rn. 15 mwN, BA­GE 125, 257; 11. De­zem­ber 2003 - 2 AZR 667/02 - zu B I 2 b der Gründe, BA­GE 109, 87). Verstärken­de oder ab­schwächen­de Zusätze führen zu ei­ner Schul- oder Prüfungs­no­ten ver­gleich­ba­ren Ska­la, die von „sehr gut“ bis hin zu „man­gel­haft“ reicht.
b) Wird dem Ar­beit­neh­mer be­schei­nigt, er ha­be „zur vol­len Zu­frie­den­heit“ oder „stets zur Zu­frie­den­heit“ des Ar­beit­ge­bers ge­ar­bei­tet, wird das der No­te „be­frie­di­gend“ zu­ge­rech­net, teils ei­ner Zwi­schen­no­te „voll be­frie­di­gend“ oder auch als „gu­tes be­frie­di­gend“ oder „ge­ho­be­nes be­frie­di­gend“ ver­stan­den. In glei­cher Wei­se wer­den den Gra­den der Zu­frie­den­heits­ska­la - aus­ge­hend von ei­ner durch­schnitt­li­chen Leis­tung - Aus­sa­gen wie über- oder un­ter­durch­schnitt­lich zu­ge­rech­net. Da­nach setzt die End­no­te „gut“ vor­aus, dass der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer mehr als die „vol­le Zu­frie­den­heit“ be­schei­nigt. Das kann durch Berück­sich­ti­gung des für die Be­ur­tei­lung be­son­ders wich­ti­gen Zeit­mo­ments ge­sche­hen, mit dem der Ar­beit­ge­ber die Beständig­keit der Leis­tun­gen cha­rak­te­ri­siert. „Gut“ im Sin­ne der Zu­frie­den­heits­ska­la ist ein Ar­beit­neh­mer nur dann, wenn ihm be­schei­nigt wird, er ha­be „stets“, „im­mer“ oder „durch­ge­hend“ zur vol­len Zu­frie­den­heit des Ar­beit­ge­bers ge­ar­bei­tet (BAG 14. Ok­to­ber 2003 - 9 AZR 12/03 - zu III 4 a der Gründe mwN, BA­GE 108, 86). Die­ses Verständ­nis der mit­hil­fe der Be­grif­fe der Zu­frie­den­heits­ska­la zum Aus­druck ge­brach­ten Ge­samt­be­ur­tei­lung gilt un­verändert. Auch die Kläge­rin hat nicht gel­tend ge­macht, dass die For­mu­lie­rung „stets zur vol­len Zu­frie­den­heit“ in­zwi­schen der Schul­no­te „be­frie­di­gend“ ent­spre­che. Eben­so we­nig fin­den sich in der Li­te­ra­tur An­halts­punk­te für ei­ne ent­spre­chen­de Verände­rung der Zeug­nis­spra­che (vgl. ErfK/Müller-Glöge 15. Aufl. § 109 Ge­wO Rn. 32 f.; HWK/Gänt­gen 6. Aufl. § 109 Ge­wO Rn. 32; Schaub/Linck ArbR-HdB 15. Aufl. § 147 Rn. 23; Kütt­ner/Poe­che - 6 - Per­so­nal­buch 2014 Zeug­nis Rn. 31; Sch­leßmann Das Ar­beits­zeug­nis 20. Aufl. S. 194 ff.; Hu­ber/Müller Das Ar­beits­zeug­nis in Recht und Pra­xis 15. Aufl. S. 69 ff.).
c) Dar­an ge­mes­sen han­delt es sich bei der von der Be­klag­ten zu­ge­stan­de­nen Ge­samt­be­ur­tei­lung „zur vol­len Zu­frie­den­heit“ um die Be­schei­ni­gung ei­ner durch­schnitt­li­chen Leis­tung ent­spre­chend ei­ner mitt­le­ren No­te in der Zu­frie­den­heits­ska­la. Dies gilt un­abhängig da­von, ob man von ei­ner sechs­stu­fi­gen (Schaub/Linck aaO) oder ei­ner fünf­stu­fi­gen (ErfK/Müller-Glöge aaO Rn. 32; zu „Zwi­schen­no­ten“ vgl. Sch­leßmann aaO S. 196) Ska­la aus­geht. Der Se­nat hat im Ur­teil vom 14. Ok­to­ber 2003 (- 9 AZR 12/03 - zu III 4 a der Gründe mwN, BA­GE 108, 86) auf ei­ne Schul- oder Prüfungs­no­ten ver­gleich­ba­re Ska­la ab­ge­stellt, die von „sehr gut“ über „gut“ und „be­frie­di­gend“ bis hin zu „aus­rei­chend“ und „man­gel­haft“ reicht. Es ist we­der von der Kläge­rin be­haup­tet wor­den noch sonst er­kenn­bar, dass sich in der Pra­xis ober­halb der Be­ur­tei­lung „stets zur volls­ten Zu­frie­den­heit“ bzw. der End­no­te „sehr gut“ ei­ne wei­te­re Be­ur­tei­lungs­stu­fe eta­bliert hätte mit der Fol­ge, dass die Be­ur­tei­lung „zur vol­len Zu­frie­den­heit“ der un­te­ren Hälf­te der Ska­la zu­zu­ord­nen wäre. Ei­ner neu­en Höchst­no­te in der Zu­frie­den­heits­ska­la, zB durch ei­ne - ge­gen je­des Spra­ch­emp­fin­den ver­s­toßen­de - wei­te­re Stei­ge­rung der „volls­ten“ Zu­frie­den­heit durch ei­ne „al­ler­volls­te“ Zu­frie­den­heit, be­darf es nicht (zur Wortschöpfung „volls­te“: vgl. BAG 21. Ju­ni 2005 - 9 AZR 352/04 - zu I 2 der Gründe, BA­GE 115, 130; ErfK/Müller-Glöge aaO).
d) Nach der ver­brei­te­ten De­fi­ni­ti­on der Schul­no­ten (Be­schluss der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz vom 3. Ok­to­ber 1968; vgl. § 58 Abs. 3 SchulG Ber­lin; § 48 Abs. 3 SchulG NRW; § 5 Abs. 2 No­ten­bil­dungs­ver­ord­nung Ba­den-Würt­tem­berg; § 59 Abs. 2 Thürin­ger SchulO) soll die No­te „be­frie­di­gend“ er­teilt wer­den, wenn die Leis­tung im All­ge­mei­nen den An­for­de­run­gen ent­spricht. Da­ge­gen wird mit „gut“ be­wer­tet, wenn die Leis­tung den An­for­de­run­gen voll ent­spricht. Ein „sehr gut“ ist zu er­tei­len, wenn die Leis­tung den An­for­de­run­gen in be­son­de­rem Maße ent­spricht. Die von der Kläge­rin be­gehr­te Ge­samt­be­wer­tung ih­rer Leis­tung mit „stets zur vol­len Zu­frie­den­heit“ bringt vor die­sem Hin­ter­grund zum Aus­druck, - 7 - dass der Ar­beit­neh­mer we­ni­ger Feh­ler ge­macht und/oder mehr bzw. bes­se­re Leis­tun­gen er­bracht hat, als nach den ob­jek­ti­ven An­for­de­run­gen er­war­tet wer-den konn­te, die übli­cher­wei­se an ei­nen Ar­beit­neh­mer mit ver­gleich­ba­rer Auf­ga­be ge­stellt wer­den. Da­bei ist zu be­ach­ten, dass auch die Aus­drücke „stets“ oder „im­mer“ im vor­lie­gen­den Zu­sam­men­hang der Zeug­nis­spra­che ei­ne ei­genständi­ge Be­deu­tung ha­ben. Sie be­deu­ten ein „Mehr“ im Ver­gleich zu dem, was übli­cher­wei­se er­war­tet wer­den konn­te. Sie mei­nen aber nicht, dass dem Ar­beit­neh­mer während der ge­sam­ten Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses nie ein Feh­ler un­ter­lau­fen ist. Dies kann ein Ar­beit­ge­ber von ei­nem Ar­beit­neh­mer re­gelmäßig nicht er­war­ten.
2. Die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt in den Ent­schei­dungs­gründen ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen zu den Er­geb­nis­sen der Un­ter­su­chun­gen der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­sität Er­lan­gen-Nürn­berg und der Per­so­nal­ma­nage­ment Ser­vices GmbH sind auch aus an­de­ren Gründen nicht ge­eig­net, der Be­klag­ten die Dar­le­gungs- und Be­weis­last dafür auf­zu­er­le­gen, dass die Leis­tun­gen der Kläge­rin nicht mit der Schluss­be­ur­tei­lung „stets zur vol­len Zu­frie­den­heit“ zu be­wer­ten sind. Bei die­sen Stu­di­en han­delt es sich nicht um Sach­verständi­gen­gut­ach­ten iSd. § 144 iVm. §§ 402 ff. ZPO (vgl. zur Zu­zie­hung ei­nes Sach­verständi­gen zur Fest­stel­lung ei­nes Zeug­nis­brauchs BAG 12. Au­gust 2008 - 9 AZR 632/07 - Rn. 25, BA­GE 127, 232) oder amt­li­che Sta­tis­ti­ken. Die Kläge­rin hat sie we­der als Pri­vat­gut­ach­ten und da­mit ur­kund­lich be­leg­tes Par­tei­vor­brin­gen nach § 138 ZPO (Baum­bach/Lau­ter­bach/Al­bers/Hart­mann ZPO 73. Aufl. Übers. § 402 Rn. 21) in das Ver­fah­ren ein­geführt, noch wur­den sie auf an­de­re Art und Wei­se Be­stand­teil der Ge­richts­ak­te. Auch hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Of­fen­kun­dig­keit iSd. § 291 ZPO der von ihm an­ge­nom­me­nen Er­geb­nis­se die­ser Un­ter­su­chun­gen, die ihm nach dem In­halt der Ge­richts­ak­te nicht vor­la­gen, nicht aus­drück­lich fest­ge­stellt. Al­ler­dings hat die Be­klag­te ge­gen die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt - auf­grund der vom Ar­beits­ge­richt her­an­ge­zo­ge­nen Stu­di­en - ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen kei­ne zulässi­gen Re­vi­si­ons­an­grif­fe er­ho­ben, so­dass die Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts gemäß § 559 Abs. 2 ZPO für den Se­nat bin­dend sind. Sie sind je­doch nicht ge­eig­net, die Kläge­rin von ih­rer Dar­le­gungs- und Be­weis­last zu ent­bin­den.
- 8 - a) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat un­ter Be­zug­nah­me auf die Ent­schei­dung des Se­nats vom 15. No­vem­ber 2011 (- 9 AZR 386/10 - BA­GE 140, 15) dar­auf ab­ge­stellt, Adres­sat ei­nes Zeug­nis­ses sei ein größerer Per­so­nen­kreis, der nicht zwangsläufig über ein ein­heit­li­ches Sprach­verständ­nis verfüge. Dem­ent­spre­chend sei als maßgeb­li­cher ob­jek­ti­ver Empfänger­ho­ri­zont die Verständ­nismöglich­keit ei­nes durch­schnitt­lich Be­tei­lig­ten oder An­gehöri­gen des vom Zeug­nis an­ge­spro­che­nen Per­so­nen­krei­ses zu­grun­de zu le­gen. Zur Be­ur­tei­lung ei­ner For­mu­lie­rung sei auf die Sicht ei­nes ob­jek­ti­ven und da­mit un­be­fan­ge­nen Ar­beit­ge­bers mit Be­rufs- und Bran­chen­kennt­nis­sen ab­zu­stel­len.
b) Die Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts be­zie­hen sich je­doch nicht auf die Ge­sund­heits­bran­che. Die Stu­die der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­sität Er­lan­gen-Nürn­berg ba­siert auf der Aus­wer­tung von 802 an­ony­mi­sier­ten Zeug­nis­sen, die ei­ne ent­spre­chen­de An­zahl von Ar­beit­neh­mern (ein Zeug­nis pro Per­son) der Man­power GmbH & Co. KG von ih­ren vor­an­ge­gan­ge­nen Ar­beit­ge­bern er­hal­ten hat­ten. Da­bei stamm­ten gemäß dem vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zi­tier­ten Auf­satz von Düwell/Dahl 47,6 % der Zeug­nis­se aus dem Be­reich kaufmännisch/ver­wal­tend, 17,1 % aus dem Be­reich Kun­den­ser­vice/ Ver­kauf, 16,2 % aus dem Be­reich ge­werb­lich/hand­werk­lich, 9,5 % aus dem Be­reich tech­nisch/Kon­struk­ti­on, 2,0 % aus dem Be­reich For­schung/Ent­wick­lung, 1,6 % aus dem Be­reich Ge­sund­heit/Pfle­ge so­wie 6,0 % aus an­de­ren Ar­beits­be­rei­chen (Düwell/Dahl NZA 2011, 958, 959). In Be­zug auf den streit­ge­genständ­li­chen Ar­beits­be­reich ist die Da­ten­ba­sis da­mit nicht aus­sa­ge­kräftig. Es wur­den le­dig­lich die Zeug­nis­se von et­wa 13 Ar­beit­neh­mern aus dem Be­reich Ge­sund­heit/Pfle­ge, in dem die Be­klag­te tätig ist, aus­ge­wer­tet (1,6 % von 802). Die Be­klag­te ver­weist zu­tref­fend dar­auf, dass Rück­schlüsse auf die „Durch­schnitts­no­te“ in die­sem Be­reich da­nach nicht möglich sind, zu­mal nach An­ga­ben des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts zum 31. De­zem­ber 2012 rund 5,2 Mil­lio­nen Men­schen und da­mit et­wa je­der ach­te Beschäftig­te in Deutsch­land im Ge­sund­heits­we­sen tätig war (Pres­se­mit­tei­lung Nr. 75/14 des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts vom 5. März 2014). - 9 - c) Ent­spre­chen­des gilt für die zwei­te vom Lan­des­ar­beits­ge­richt her­an­ge­zo­ge­ne Un­ter­su­chung der Per­so­nal­be­ra­tungs­ge­sell­schaft Per­so­nal­ma­nage­ment Ser­vices GmbH. Aus wel­chen Bran­chen die Zeug­nis­se stamm­ten, die in die­ser Un­ter­su­chung ana­ly­siert wur­den, wird we­der im Be­ru­fungs­ur­teil erläutert noch in dem dort zi­tier­ten Auf­satz, in dem die­se Stu­die oh­ne­hin nur im Rah­men ei­ner Fußno­te ergänzend erwähnt wird (Düwell/Dahl NZA 2011, 958 [Fn. 15]).
d) Selbst wenn die Er­geb­nis­se der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt her­an­ge­zo­ge­nen Stu­di­en re­präsen­ta­tiv wären und im Be­reich Ge­sund­heit/Pfle­ge über­wie­gend gu­te oder sehr gu­te End­no­ten ver­ge­ben würden, muss ein Ar­beit­neh­mer, wenn er ei­ne bes­se­re Schluss­be­ur­tei­lung als „zur vol­len Zu­frie­den­heit“ be­an­sprucht, im Zeug­nis­rechts­streit ent­spre­chend bes­se­re Leis­tun­gen vor­tra­gen und ggf. be­wei­sen.
aa) Ein vom Ar­beit­ge­ber gemäß § 109 Abs. 1 Satz 3 Ge­wO aus­zu­stel­len­des qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis muss in ers­ter Li­nie wahr sein (st. Rspr., vgl. zu­letzt BAG 11. De­zem­ber 2012 - 9 AZR 227/11 - Rn. 21 mwN, BA­GE 144, 103). Der Ge­set­zes­ent­wurf zu die­ser Be­stim­mung spricht von ei­nem „schutzwürdi­gen In­ter­es­se der ein­stel­len­den Ar­beit­ge­ber an ei­ner möglichst wahr­heits­gemäßen Un­ter­rich­tung über die fach­li­chen und persönli­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen“ (BT-Drucks. 14/8796 S. 25). Bei der Wahr­heits­pflicht han­delt es sich um den be­stim­men­den Grund­satz des Zeug­nis­rechts (Müller AiB 2012, 387, 388: „obers­ter Grund­satz“; vgl. auch ErfK/Müller-Glöge aaO Rn. 22 ff.). Sie um­fasst al­le Fra­gen des Zeug­nis­rechts (BAG 9. Sep­tem­ber 1992 - 5 AZR 509/91 - zu III der Gründe). Ins­be­son­de­re wird auch der Wohl­wol­lens­grund­satz, wo­nach das Fort­kom­men des Ar­beit­neh­mers durch den Zeug­nis­in­halt nicht unnötig er­schwert wer­den darf, durch die Wahr­heits­pflicht be­grenzt. Ein Zeug­nis muss nur im Rah­men der Wahr­heit wohl­wol­lend sein (BAG 11. De­zem­ber 2012 - 9 AZR 227/11 - aaO).
bb) Auch in der Li­te­ra­tur wer­den die Er­geb­nis­se der an­geführ­ten Un­ter­su­chun­gen nicht not­wen­dig als Zei­chen ei­ner ge­ne­rell ge­stie­ge­nen Leis­tungsfähig­keit ge­wer­tet (Düwell/Dahl NZA 2011, 958, 959: „Si­cher dürf­te sein, dass bei
- 10 - 86,6 % [sehr] gu­ten Leis­tungs­be­ur­tei­lun­gen dem Ar­beits­zeug­nis nichts mehr über die tatsächli­che Leis­tungsfähig­keit der Ar­beit­neh­me­rin oder des Ar­beit­neh­mers ent­nom­men wer­den kann“). Viel­mehr wird die von den „Per­so­na­lern selbst ver­schul­de­te ... No­ten­in­fla­ti­on“ (Dahl ju­ris­PR-ArbR 6/2013 Anm. 5) da­mit erklärt, dass Ar­beit­ge­ber die Kos­ten und Mühen ei­nes Zeug­nis­rechts­streits verstärkt scheu­en und des­halb ei­ne Nei­gung zu „Gefällig­keits­zeug­nis­sen“ be­ste­he (laut Düwell/Dahl aaO ent­spricht dies ei­ner Selbst­einschätzung der „Per­so­na-er“; vgl. auch Sen­de/Ga­lais/Dahl Per­so­nal­wirt­schaft 7/2011, 35: „Ten­denz zu Ku­schel­no­ten“).
cc) Wird von ei­ner Ten­denz zur Er­tei­lung von „Gefällig­keits­zeug­nis­sen“ aus­ge­gan­gen, kann die­se frei­lich kei­ne Rechts­pflicht ei­nes Ar­beit­ge­bers be­gründen, die­ser Ten­denz Rech­nung zu tra­gen und trotz ei­ner nur durch­schnitt­li­chen Leis­tung des Ar­beit­neh­mers die­sem ei­ne gu­te Leis­tung zu be­schei­ni­gen. Da­durch würden zu­gleich Ar­beit­neh­mer be­nach­tei­ligt, die den An­for­de­run­gen „gut“ ge­recht ge­wor­den sind. Zwar mag es für man­chen Ar­beit­ge­ber nach­voll­zieh­ba­re Gründe ge­ben, als „lästig“ emp­fun­de­ne Zeug­nis­strei­tig­kei­ten zu mei­den und in­fol­ge­des­sen dem Wohl­wol­lens­grund­satz mehr Raum zu ge­ben als ihm recht­lich zu­steht (vgl. Sen­de/Ga­lais/Dahl aaO: „zu gut ver­stan­de­ne ... Wohl­wol­lens­pflicht“). Zeug­nis­se mit Schluss­no­ten, die den Leis­tun­gen ei­nes Ar­beit­neh­mers nicht ent­spre­chen, sind je­doch un­wahr und da­mit ge­set­zes­wid-ig. Ei­ne Rechts­pflicht, sich ei­ner ge­set­zes­wid­ri­gen Übung an­zu­sch­ließen, exis­tiert nicht.
II. Der Se­nat kann in der Sa­che nicht selbst ent­schei­den. Die Sa­che ist nicht zur End­ent­schei­dung reif (§ 563 Abs. 3 ZPO), weil tatsächli­che Fest­stel­lun­gen nach­zu­ho­len sind und ei­ne um­fas­sen­de tatrich­ter­li­che Würdi­gung des Vor­brin­gens der Par­tei­en im Rah­men des § 286 Abs. 1 Satz 1 ZPO vor­zu­neh­men ist.
- 11 - 1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat - aus sei­ner Sicht kon­se­quent - nicht ge­prüft, ob die Kläge­rin Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen hat, die ei­ne Be­ur­tei­lung mit „stets zur vol­len Zu­frie­den­heit“ recht­fer­ti­gen. Dies wird es nach der Zurück­ver­wei­sung nach­zu­ho­len ha­ben. Recht­fer­tigt der Vor­trag der Kläge­rin - vor al­lem zu ih­ren über­ob­li­ga­to­ri­schen und ta­del­lo­sen Leis­tun­gen - die von ihr ver­lang­te Ge­samt­be­wer­tung, wird das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu prüfen ha­ben, ob die Be­klag­te be­acht­li­che Einwände vor­ge­bracht und ins­be­son­de­re dar­ge­tan hat, aus wel­chen Gründen sie der Kläge­rin über die ver­trag­lich ver­ein­bar­te Vergütung hin­aus ei­nen Bo­nus ge­zahlt hat, ob­wohl die Leis­tun­gen der Kläge­rin ih­rer An­sicht nach we­der „sehr gut“ noch „gut“ wa­ren. Die­se Zah­lung könn­te dafür spre­chen, dass auch die Be­klag­te der Auf­fas­sung war, dass die Kläge­rin be­son­de­re An­er­ken­nung ver­dien­te (zur Bin­dung des Ar­beit­ge­bers an frühe­re Be­ur­tei­lun­gen des Ar­beit­neh­mers nach Treu und Glau­ben vgl. BAG 21. Ju­ni 2005 - 9 AZR 352/04 - zu I 2 der Gründe mwN, BA­GE 115, 130).
2. An­ge­sichts der Dar­le­gungs- und Be­weis­last­ver­tei­lung wird der Kläge­rin ggf. die Möglich­keit zu eröff­nen sein, wei­te­re Tat­sa­chen zur Stützung ih­res Kla­ge­be­geh­rens vor­zu­tra­gen, und der Be­klag­ten ggf. Ge­le­gen­heit zu ge­ben sein, ih­re Einwände zu ergänzen. Im Hin­blick auf die Sub­stan­zi­ie­rungs­last der Kläge­rin wird das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu berück­sich­ti­gen ha­ben, dass der Grad der not­wen­di­gen Kon­kre­ti­sie­rung im­mer auch von den Ein­las­sun­gen der Ge­gen­sei­te abhängt.
3. Ob­gleich der Be­klag­ten bei der Be­wer­tung der Leis­tun­gen der Kläge­rin ein Be­ur­tei­lungs­spiel­raum zu­zu­bil­li­gen ist (vgl. BAG 14. Ok­to­ber 2003 - 9 AZR 12/03 - zu IV 2 b cc der Gründe, BA­GE 108, 86), hätte die Be­klag­te die­sen über­schrit­ten, wenn sie sich bei der Be­ur­tei­lung er­kenn­bar von sach­frem­den Mo­ti­ven hätte lei­ten las­sen. Dafür könn­ten die For­mu­lie­run­gen in dem der Kläge­rin von der Be­klag­ten zunächst er­teil­ten Zeug­nis spre­chen. In­so­fern wird das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu be­wer­ten ha­ben, ob die Ge­samt­be­ur­tei­lung im Zeug­nis - 12 - auch Aus­druck der Enttäuschung der Be­klag­ten über den mit der Ei­genkündi­gung zum Aus­druck ge­brach­ten Ab­kehr­wil­len der Kläge­rin war.
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References: § 109
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 § 109
 § 147
 § 58
 § 48
 § 5
 § 59
 § 144
 § 138
 § 402
 § 291
 § 559
 § 109
 § 286