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⭐Brandenburgische Archive. Berichte und Mitteilungen aus den Archiven des Landes Brandenburg
Brandenburgische Archive. Berichte und Mitteilungen aus den Archiven des Landes Brandenburg
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1 Brandenburgische Archive Berichte und Mitteilungen aus den Archiven des Landes Brandenburg Herausgegeben vom Brandenburgischen Landeshauptarchiv und dem Landesverband Brandenburg im VdA - Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.v.2 Links oben: Schloss Plessow, 1859/60 (Alexander Duncker: Die ländlichen Wohnsitze in der preußischen Monarchie, Bd. 2, Berlin , Nr. 94). Rechts oben: Schloss Stülpe, 1859/60 (Alexander Duncker: Die ländlichen Wohnsitze in der preußischen Monarchie, Bd. 2, Berlin , Nr. 115). Unten: Plan von Stülpe, 1724 (BLHA, Rep. 37 Stülpe, Nr. 6, Bl. 1b). (s. W. Heegewaldt u. K. Grzegorzewski, Die Gutsarchive von Stülpe und Plessow, S. 54)3 INHALT 15. Brandenburgischer Archivtag in Perleberg vom 26. bis 27. April 2012: Personenstandsregister. Quellenkunde und Auswertungsmöglichkeiten...3 Thomas Brakmann Familiengeschichtlicher Wegweiser personenbezogene Quellen im Stadtarchiv Halle...12 Christiane von Nessen Die Überlieferung aus dem NS-Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Brandenburgischen Landeshauptarchiv (BLHA)...24 Frank Schmidt Der Brandenburgische Archivpreis Förderinstrument und Hilfe für kleine Archive...32 Wolfgang Krogel Vorgestellt: Das Stadtarchiv Forst (Lausitz)...34 Jan Klußmann Quellen zur brandenburgischen Landesgeschichte: Ständetum und Regionalismus als Grundthema der niederlausitzischen Geschichte: König Wladislaw II. von Böhmen bestätigt die Privilegien der niederlausitzischen Stände, 1507 Februar Klaus Neitmann Brandenburgisches Landeshauptarchiv...46 Jahresbericht 2012 Kommunales Archivwesen in Brandenburg Jahresbericht der Landesfachstelle für Archive und öffentliche Bibliotheken im Brandenburgischen Landeshauptarchiv 2012 Mitteilungen Die Gutsarchive von Stülpe und Plessow ein gemeinsames Erschließungsprojekt von Landeshauptarchiv und Kreisarchiv Teltow-Fläming...54 Werner Heegewaldt und Karin Grzegorzewski Landsberg an der Warthe Gorzów Wielkopolski Jedno miasto wspólna historia zwei Namen eine Geschichte...58 Resümee einer Gemeinschaftsausstellung des Brandenburgischen Landeshauptarchivs und des polnischen Staatsarchivs Gorzów Falko Neininger DFG-Projekt Retrokonversion archivischer Findmittel im BLHA...62 Katrin Verch 14 Verschollen in Putlitz (Prignitz)...63 Wie das Stadtarchiv Kiel seine Schätze nach Brandenburg auslagerte, wiederfand und zum Teil noch immer sucht. Johannes Rosenplänter Neuerscheinungen aus dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv Rezension zu Ramona Ruhl: Ehrenamt im Archiv. Ein Leitfaden...67 Hartwig Walberg Aus der Landesfachstelle für Archive und öffentliche Bibliotheken im Brandenburgischen Landeshauptarchiv: Adaptierung denkmalgeschützter Gebäude für archivfachliche Zwecke im Land Brandenburg...67 Jana Tempelhoff Der brandenburgische Schülerwettbewerb Friedrich II. Preußens Superstar!? Möglichkeiten archivpädagogischer Arbeit im Jubiläumsjahr...72 Marie-Luise Adlung Ein Auslandspraktikum im Stadtarchiv Doncaster...74 Mara Kohnen Vierter berufsbegleitender Lehrgang zur Ausbildung von Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste erfolgreich abgeschlossen...76 Susanne Taege Impressum Schriftleitung: Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Postfach , Potsdam, Tel.: ; Fax: ; Redaktion: PD Dr. Klaus Neitmann (BLHA), Dr. Wolfgang Krogel (Evangelisches Landeskirchliches Archiv Berlin, Prof. Dr. Mario Glauert (BLHA), Kärstin Weirauch (BLHA) Mitarbeiter dieser Ausgabe: Marie-Luise Adlung, Dr. Thomas Brakmann (Landesarchiv Nordrheinwestfalen, Abt. Ostwestfalen-Lippe, Detmold), Werner Heegewaldt (BLHA), Dr. Jan Klußmann (Stadtarchiv Forst), Mara Kohnen (BLHA), Dr. Wolfgang Krogel (Evangelisches Landeskirchliches Archiv Berlin), Dr. Falko Neininger (BLHA), PD Dr. Klaus Neitmann (BLHA), Christiane von Nessen (Stadtarchiv Halle), Johannes Rosenplänter (Stadtarchiv Kiel), Frank Schmidt (BLHA), Susanne Taege (BLHA), Jana Tempelhoff (Magdeburg), Dr. Katrin Verch (BLHA), Prof. Dr. Hartwig Walberg (FH Potsdam), Gesamtherstellung: DRUCKMACHEN24 Ihre Onlinedruckerei mit Service. Titelbild: Karte der Mark Brandenburg aus dem 16. Jahrhundert (BLHA, AKS 610 B) Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Landesverband Brandenburg im VdA Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e. V. Die Beiträge geben die Meinung ihrer Verfasser wieder. Erscheint einmal jährlich, kostenlose Abgabe. Alle bisher erschienenen Ausgaben sind im Internet abrufbar unter: ISSN5 15. Brandenburgischer Archivtag in Perleberg vom 26. bis 27. April 2012: Personenstandsregister. Quellenkunde und Auswertungsmöglichkeiten* Thomas Brakmann Einleitung Die Identität, den Status einer Person festzuhalten, ist so alt wie die überlieferte Geschichte selbst. Kirchenbücher, Kirchenbuchduplikate, Zivil- und Personenstandsregister sind wertvolle historische Quellen, die für viele Fragestellungen offen sind: für wissenschaftliche Themen zu sozialgeschichtlichen oder biographischen Aspekten oder für persönliche Belange zur Klärung der Frage nach der eigenen Herkunft. Die historische Fachwissenschaft hatte lange Zeit stärker strukturgeschichtliche Ansätze im Blick: sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen dominierten. Biographien fanden allenfalls im populärwissenschaftlichen Bereich Verbreitung. 1 Dem Desinteresse der Fachwissenschaft stand lange Zeit das große Interesse des breiten Publikums an der Individualgeschichte gegenüber. Gerade für historisch Interessierte waren Fragestellungen nach dem eigenen Herkommen und damit die Geschichte der eigenen Familie der zentrale Zugang zur Geschichte überhaupt. Genealogen suchen von daher die Archive in großer Zahl auf. 2 Seit einiger Zeit erlebt die Biographie aber auch in der Geschichtswissenschaft eine neue Wertschätzung. 3 Erleichtert wird dieser individualgeschichtliche Zugang zur Geschichte auch dadurch, dass in den öffentlichen Archiven umfangreiches Quellenmaterial für die genealogisch ausgerichtete Familienforschung vorgehalten wird. Denn insbesondere der moderne Staat strebte einen Zugriff auf sämtliche Lebenslagen aller in seinem Gebiet lebenden Menschen an. Die zentrale Amtsbuchserie zur Familienforschung des 19. und 20. Jahrhunderts sind die Personenstandsregister. 4 1 Vgl. Peter Müller (Hg.), Individualisierung von Geschichte. Neue Chancen für die Archive? Vorträge vom 67. Südwestdeutschen Archivtag, Stuttgart 2008, bes. S Schon 2006 plädierte Bettina Joergens für eine Annäherung der Archive an die Familienforschung: Bettina Joergens / Christian Reinike (Hgg.), Archive, Familienforschung und Geschichtswissenschaft. Annäherung und Aufgaben (Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 7), Düsseldorf Georg Fertig, Genealogie und Geschichtswissenschaft, in: Computergenealogie 2012, Heft 1, S Die folgenden Ausführungen basieren auf dem inhaltlichen Überblick über die einzelnen Registertypen sowie dem historischen Abriss über das Personenstandswesen von Jörg Füchtner, Wolfgang Schütz und Fritz Rietdorf. Jörg Füchtner, Personenstandsregister und Personen- Als Geburts-, Heirats- und Sterberegister enthalten sie zunächst einmal nur die wesentlichen Rahmendaten all jener Menschen, die in dem jeweils zuständigem Gebiet geboren oder gestorben sind oder die Ehe geschlossen haben. Die Angaben in den Beurkundungen ermöglichen darüber hinaus die Recherche in weiteren Aufzeichnungen wie Kirchenbüchern (bzw. Kirchenbuchduplikaten), Zivilstandsregistern oder Unterlagen der freiwilligen Gerichtsbarkeit. 5 Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln sind die Personenstandsregister eine wahre Fundgrube, zumal sie auch solche Personen nachweisen, die durch die kirchliche Registerführung nicht erfasst wurden. Heiratsnebenregister des Dortmunder Standesamtes II der Jahre 1921 und 1922 im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abteilung Ostwestfalen-Lippe in Detmold. (LAV NRW Abt. OWL, P 6/6 Nr ) Personenstandsregister Im Laufe des 19. Jahrhunderts zeichnete es sich bereits ab, dass die kirchliche Zuständigkeit auf dem Gebiet des Personenstandswesens nicht mehr den Anforderungen einer pluralistischen Gesellschaft entsprach. 6 In Anlehnung an die 1848 in der Frankfurter Paulskirche verabschiedeten Grundrechte des deutschen Volkes übernahmen einzelne Länder und Städte die obligatorische Zivilehe und die staatliche Personenstandsregisterführung. Die preußische Verfassung von 1850 sah schließlich die Einführung der Zivilehe vor. standsbücher im Archiv, in: Das Standesamt 35 (1982), S ; Wolfgang Schütz, 100 Jahre Standesämter in Deutschland. Kleine Geschichte der bürgerlichen Eheschließung und der Buchführung des Personenstandes, Frankfurt a. M. 1977; Fritz Rietdorf, Die geschichtliche Entwicklung des Personenstandswesens: Rückblick und Ausblick; Vortrag vor dem Fachverband der Standesbeamten Westfalen und Lippe anlässlich der Jahreshauptversammlung am 21. Mai 1957 in Dortmund, Hamm Vgl. auch Ulrike Hammes /Lars Lüking, Familienforscher und Amtsgerichtsbestände am Beispiel des Landesarchivs NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe, in: Bettina Joergens (Hg.), Biographie, Genealogie und Archive gemeinsam im digitalen Zeitalter; Detmolder Sommergespräche 2006 und 2007, Insingen 2009, S Vgl. Thomas Brakmann, Genealogische Quellen des 19. und 20. Jahrhunderts in der Abteilung Ostwestfalen-Lippe des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen in Detmold, in: Ravensberger Blätter 2012, Heft 2, S , bes. S6 Verschiedene Gesetzesinitiativen seit 1859 führten letztlich zur endgültigen Säkularisierung des Personenstandswesens mit dem Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Form der Eheschließung (kurz: Personenstandsgesetz [PStG]) vom 9. März Dessen Regelung vereinheitlichte ab dem 1. Oktober 1874 die Beurkundung des Personenstandes (Geburt, Heirat, Tod) für alle Einwohnerinnen und Einwohner in Preußen unabhängig von ihrer Religions- bzw. Konfessionszugehörigkeit. An die Stelle der kirchlichen Mitwirkung bei der Personenstandsregisterführung traten die staatlichen Standesbeamten. Die Personenstandsregisterbände sind seither jahrgangsweise in zwei identischen Serien zu führen und als Hauptund Nebenregister getrennt voneinander dauerhaft aufzubewahren: Von jedem Eintrag in das Hauptregister musste der Standesbeamte eine von ihm beglaubigte Abschrift in ein so genanntes Nebenregister vermerken ( 14 PStG 1875). Am Jahresende musste der jeweilige Jahresband des Personenstandshaupt- und Nebenregisters geschlossen werden. Das Nebenregister wurde dann der jeweiligen Aufsichtsbehörde übergeben, die es wiederum bei dem zuständigen Amtsgericht zur Aufbewahrung hinterlegte. Nachträge und Berichtigungen von Personenstandsbeurkundungen (so genannte Randvermerke) hatten im jeweiligen Haupt- und Nebenregisterband zu erfolgen ( 14 PStG 1875). Die Nebenregister traten damit an die Stelle der bisherigen Kirchenbuchduplikate, die ebenfalls bei den Gerichten erster Instanz verwahrt worden waren. Das Personenstandsgesetz von 1937 bezeichnete die Nebenregister als Zweitbücher und beauftragte die unteren Verwaltungsbehörden (Kreisverwaltungen) mit ihrer Prüfung und Aufbewahrung ( 44 Abs. 2 PStG 1937); eine Aufbewahrung bei den Amtsgerichten findet seither nicht mehr statt. Zu den Geburts-, Heirats- und Sterberegistern mussten alphabetische Namensverzeichnisse erstellt werden, 8 und zwar für jeden Jahrgang je einen Index 9. Allerdings wurde eine Abschrift des Verzeichnisses für die Nebenregister nicht ausdrücklich vorgeschrieben, so dass sie auch nur selten erfolgte. Seit dem 1. Januar 1928 mussten die Namensverzeichnisse in doppelter Ausfertigung geführt werden; bei Abgabe der Nebenregister an die Aufsichtsbehörde waren die Indizes mit den Registern zu übergeben. 10 Aufbau und Veränderungen der Personenstandsregister Anlässlich der Beurkundung der Geburt wurden im Geburts(neben)register die folgenden Angaben erfasst: 11 Vornamen und Geburtsdatum des Geborenen, Namen, Geburtsnamen, Religion und Familienstand der Eltern bzw. (bei unehelichen Kindern) nur der Mutter, Beruf des Vaters sowie die Adresse der Eheleute (oder nur der Mutter). Bei einer Eheschließung wurden die nachstehenden Angaben im Heirats(neben)register verzeichnet: Datum und Ort der Heirat, Name, Familienname, Stand (wenn Witwe oft Nennung des verstorbenen Partners), Beruf, Geburtsdatum/- ort, Religion und Wohnadresse der Braut, Name, Beruf, ggf. Familienstand, Geburtsdatum/-ort, Religion und Wohnadresse des Bräutigams, Name (ggf. ob verstorben), Geburtsname, Beruf und Wohnort der Eltern der Brautleute, Name, Beruf, Alter und Wohnort der Trauzeugen. Die Beurkundung eines Todesfalls im Sterbe(neben)- register enthält die folgenden Angaben: Ort und Zeitpunkt des Todes, Name, ggf. Geburtsname, Beruf, Alter, Wohn- und Geburtsort, Religion und Familienstand des/der Verstorbenen, Name, Beruf und Adresse des/der Anzeigenden des Todesfalls, Eltern des/der Verstorbenen. Die Inhalte der Personenstandsregister sind alles andere als statisch und abhängig von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. So untersagte das Personenstandsgesetz vom 11. Juni 1920 die Eintragung der Religion in allen drei Registerreihen. Darüber hinaus fehlen seitdem die Angaben über die Eltern des bzw. der Betroffenen, was die Rekonstruktion familiengeschichtlicher Zusammenhänge erschwert. 12 Die Standesbeamten verzeichneten auch sämtliche Veränderungen im Personenstand, korrigierten und aktualisierten die Registereinträge oder verzahnten mit so genannten Hinweisen am Rand der Beurkundungen die einzelnen Einträge registerübergreifend miteinander. So wurden in Preußen erstmals ab dem 1. Januar Gesetzsammlung für die Königlichen-Preussischen Staaten 1874, S. 95 ff. 8 Vgl. 10 Nr. 1 Ausführungsverordnung [AusfVO] des Bundesrats vom 6. Februar 1875; vgl. auch Ministerial-Blatt für die Preußische innere Verwaltung [MBl.] 1875, S MBl. 1878, S Amtliches Handbuch für die preußischen Standesbeamten und ihre Aufsichtsbehörden, hrsg. v. Preußischen Ministerium des Innern, Berlin 1932, Zu formalen Aufbau, Inhalt und Veränderung der Personenstandshauptund -nebenregister vgl. ausführlich: Thomas Brakmann, Personenstandsregister, in: Unbekannte Quellen: Massenakten des 20.Jahrhunderts. Untersuchungen seriellen Schriftguts aus normierten Verwaltungsverfahren, Band 2; im Auftrag des Landesarchivs hrsg. von Jens Heckl (Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 43), Düsseldorf 2013 (im Druck). 12 Reichsgesetzblatt [RGBl.] 1920, S f. 47 Hinweise eingeführt, 13 die seit dem 1. März 1935 dann im gesamten Reichsgebiet verbindlich zu setzen waren 14. Von nun an war beispielsweise im Heiratseintrag auf die Geburt von Kindern aus dieser Partnerschaft hinzuweisen und im Geburtseintrag auf eine spätere Eheschließung oder den Sterbeeintrag. Beurkundung der Heirat zwischen August Wilhelm Eismann und Frieda Alma Niemeyer am im Heiratsnebenregister des Standesamtes Westerkappeln. Am Rand ein Hinweis über die Geburt eines Kindes und ein Randvermerk, dass die Ehe geschieden wurde. (LAV NRW Abt. OWL, P 9/15 Nr [Nr. 6/1931]) Das Personenstandsgesetz von 1937 ersetzte die bisherige Bezeichnung Register durch Buch. Im Sterbebuch wurden fortan auch die Eltern des Verstorbenen aufgenommen sowie die Todesursache. Der Kern des Gesetzes war aber die Ablösung des Heiratsregisters durch das Familienbuch, das in einem ersten Teil die Eheschließung beurkundete und in einem zweiten Teil den verwandtschaftlichen Zusammenhang der Familienangehörigen abbildete. Dieser zweite Teil, der die meisten bisherigen Hinweise aufnahm, enthielt Angaben über die Eltern der Brautleute (Vor- und Familienname, Beruf, Wohnort, Ort und Tag ihrer Geburt und der Heirat, Religionszugehörigkeit), Angaben über die Staatsangehörigkeit, das Reichsbürgerrecht und die rassische Einordnung der Ehegatten ( 14 PStG 1937) sowie Einträge zu den gemeinsamen, 13 Preußische Gesetzessammlung 1926, S RGBl I, S unehelichen, für ehelich erklärten oder adoptierten Kindern ( 15 PStG 1937). 15 Die mit dem Personenstandsgesetz von 1937 verpflichtende Eintragung des religiösen Bekenntnisses in allen Personenstandsbüchern diente vor allem der Kenntlichmachung von Personen jüdischer Herkunft. Die 1. AusfVO vom 19. Mai bestimmte in diesem Sinne, dass auch eine frühere Zugehörigkeit zum Judentum vermerkt werden sollte ( 12 Abs. 3 der 1. AusfVO 1938). Wenige Wochen später ordnete die Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17. August 1938 an, 17 dass deutsche Juden ausschließlich Vornamen aus einer vom Reichsinnenministerium aufgestellten Namensliste führen durften. Trugen Juden einen anderen Namen, musste jede jüdische Frau zwangsweise den Vornamen Sara, jeder jüdische Mann den Zwangsnamen Israel annehmen. Die Standesbeamten hatten die entsprechenden Randvermerke über die veränderte Vornamensführung in den Geburts- und Heiratseinträgen beizuschreiben. Der Zusammenbruch des Dritten Reiches markierte das Ende der Instrumentalisierung des Personenstandswesens für die nationalsozialistische Ideologie. Das Kontrollratsgesetz Nr. 1 betreffend die Aufhebung von NS-Recht vom 20. September 1945 (in Kraft getreten am 20. September 1945) setzt ausdrücklich die Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17. August 1938 außer Kraft. Für die Britische Zone beseitigte die Verordnung zur Änderung des Personenstandsrechts vom 20. Dezember 1946 wesentliche Elemente des nationalsozialistischen Gedankenguts aus dem geltenden Personenstandsgesetz von Mit dem Gesetz zur Änderung und Ergänzung des Personenstandsgesetzes vom 15. Januar 1951 wurde für Vertriebene die Zuständigkeit des Standesamtes I in Berlin festgelegt. 19 Für Sterbefälle in Konzentrationslagern wurde das Sonderstandesamt in Arolsen eingerichtet. Das Personenstandsgesetz vom 18. Mai 1957, das zum 1. Januar 1958 in Kraft trat, trug zwei Notwendigkeiten Rechnung: Zum einen mussten die von Flucht und Vertreibung betroffenen Deutschen mit beweiskräftigen Personenstandsunterlagen ausgestattet werden, zum anderen musste die Personenstandsbuchführung in Westdeutschland vereinheitlicht werden. 15 Für Hinweise zu Adoptionen greift nach dem Personenstandsgesetz von 1937 und der 1. AusfVO vom 19. Mai 1938 für die Führung eines Familienbuches eine Übergangsregelung, die in 46 Abs. 1 der 1. AusfVO insbesondere Hinweise zu Adoptionen betrifft. Vgl. Ernst Brandis / Franz Maßfeller, Das neue Personenstandsgesetz vom 3. November 1937 und Ausführungsvorschriften, Berlin 1938, S RGBl I, S RGBl I, S Verordnungsblatt für die Britische Zone 1947, S Bundesgesetzblatt [BGBl.] 1951 I, S8 zember 2013 dem Standesamt, das den Heiratseintrag für die Ehe führt, übersandt werden. Dort werden sie als Heiratseinträge, aus denen zukünftig Heiratsurkunden ausgestellt werden, fortgeführt. Das Heiratsbuch, das bis 1958 als zweiter Teil des Familienbuches mit Randvermerken weitergeführt wurde, wird nun nicht mehr fortgeschrieben und verbleibt dauerhaft im Standesamt der Eheschließung. Der jeweilige Heiratseintrag sagt seitdem nichts mehr über den aktuellen Bestand einer Ehe aus oder ob sich der Personenstand einschließlich des Namens eines Ehegatten geändert hat; in ihm sollten lediglich Berichtigungen oder Gerichtsentscheidungen vermerkt werden ( 18 PStG 1957). Neben dem Heirats- und Familienbuch werden weiterhin das Geburten- und Sterbebuch geführt. Beurkundung der Geburt der Else Mildenberg am im Geburtsnebenregister der Stadt Münster. Am Rand ein Randvermerk vom , der die Führung des Zwangsnamens Sara verfügte. Darunter ein Randvermerk vom , der die Löschung des Zwangsnamens Sara auf Anordnung des Oberpräsidenten der Provinz Westfalen gemäß 134 Dienstanweisung veranlasste (Löschung durch das Personenstandsarchiv aufgrund einer Verordnung vom ). (LAV NRW Abt. OWL, 9/10 Nr. 53 [Nr. 1588/1900]) Unklar war nach wie vor die Zukunft des zweiten Teils des Familienbuchs, dessen Fortführung im September 1944 temporär ausgesetzt worden war. 20 Das Personenstandsgesetz von 1957 teilte das bisherige Familienbuch alter Art, das die Beurkundung der Eheschließung ebenso enthielt wie umfassende Angaben zu Familienangehörigen, in ein Heiratsbuch und ein Familienbuch. Während der Heiratseintrag nur die Momentaufnahme der Eheschließung wiedergibt und sich die Fortführung des Heiratsbuchs hierauf beschränkt, handelt es sich beim Familienbuch um eine echte Fortführung, die auch später eintretende, in die Zukunft wirkende Änderungen umfasst, beispielsweise Erklärungen zur Namensführung. Im Familienbuch konzentrieren sich daher die meisten Hinweise und Randvermerke. Zudem legt es - wie sein Vorgänger auch - den jeweiligen Personenstand der einzelnen Familienangehörigen offen ( 2 Abs. 2 PStG 1957). Das neue Familienbuch wandert mit der Familie und wird im Standesamt des jeweiligen Wohnortes der Eheleute hinterlegt. Für im Ausland lebende Deutsche wird das Familienbuch im Standesamt I in Berlin hinterlegt; im Falle einer Trennung verbleibt das Familienbuch im Wohnortstandesamt des Mannes. Nach dem neuen Personenstandsgesetz von 2007 müssen die Familienbücher bis zum 31. De- 20 RGBl I, S In der SBZ bzw. in der DDR blieb das Personenstandsrecht von 1937 im Wesentlichen bestehen. Die Standesämter der DDR führten ein Geburtenbuch, ein Ehebuch und ein Sterbebuch ( 6 Abs. 2 PStG DDR vom ). Leichte Abweichungen gab es bei Personenstandsmerkmalen (so gab es beispielsweise einen generellen Verzicht auf Angaben zu Beruf und Konfessionszugehörigkeit). Mit dem Einigungsvertrag erlangte das bundesrepublikanische Personenstandsrecht deutschlandweit Geltung. Einen wesentlichen Unterschied zur bundesrepublikanischen Praxis stellt der Umgang mit den Nebenregistern in der DDR dar. Das Personenstandsgesetz von 1981 sah eine Anlegung von Zweitbüchern nämlich nicht mehr vor. Der Verzicht auf die Zweitbücher erstreckte sich allerdings nicht nur auf die nach dem 1. Januar 1982 vollzogenen Beurkundungen. Die Weisung Nr. 110/76 des Ministers des Innern und Chefs der Deutschen Volkspolizei über das Verfahren in Personenstands-, Staatsbürgerschafts- und Kriegsgräberangelegenheiten in der Fassung vom 23. März 1982 bestimmte, dass die bisher geführten Zweitbücher einschließlich der Namensverzeichnisse vernichtet werden konnten. Ausgenommen wurden hiervon nur die Sterbezweitbücher der Jahrgänge 1933 bis Diese wurden von den Urkundenstellen über den Rat des Bezirkes der Staatlichen Archivverwaltung übergeben und bis zum Ende der DDR im Archivdepot Dornburg/Elbe eingelagert. Mit der Auflösung des Archivdepots Dornburg nach dem Ende der DDR wurden die dort gelagerten Sterbezweitbücher an die einzelnen Länder aufgeteilt. 21 In Brandenburg gelangten sämtliche noch vorhandene Sterbezweitbücher in das Brandenburgische Landeshauptarchiv und wurden dort als Bestand Rep. 46 Standesämter Sterbezweitbücher aufgestellt. 21 Vgl. Thekla Kluttig, Sterbezweitbücher im Staatsarchiv Leipzig, in: Sächsisches Archivblatt, 1 (2009), S9 Mit dem Personenstandsgesetz vom 19. Februar 2007, das am 1. Januar 2009 in Kraft trat, wurde das Personenstandgesetz von 1957 mitsamt den untergesetzlichen Verwaltungsvorschriften grundlegend reformiert. Die Reform führte zur Abschaffung des Familienbuches mit der Darstellung der Kernfamilie durch die Zusammenfassung sämtlicher Beurkundungen. Seither gibt es nur noch eine einmalige Tatsachenbeurkundung im Standesamt des Ereignisortes, und zwar im Geburten-, Ehe-, Lebenspartnerschafts- und Sterberegister. Darüber hinaus werden die erfassten Daten weiter reduziert, indem akademische Grade und Berufe nicht mehr aufgenommen werden. Nach einer Übergangsfrist ist die Führung Elektronischer Register zwingend vorgeschrieben, die die Beurkundung von Papiereinträgen ablösen werden. Schließlich ist die Befristung der Einträge vorgesehen, die bislang dauerhaft fortgeschrieben wurden: Die Einträge werden künftig nach 30 (Sterberegister), 80 (Ehe- und Lebenspartnerschaftsregister) und 110 (Geburtenregister) Jahren geschlossen und unterliegen dann keiner Fortführungs- und Berichtigungspflicht mehr. Die Personenstandsregister sowie die Nebenregister bzw. Zweitbücher, im PStG 2007 Sicherungsregister genannt, werden nach Ablauf der Fortführungsfristen zu Archivgut und müssen den zuständigen Archiven angeboten werden, die diese übernehmen und öffentlich zugänglich machen. Die Personenstandsregister gehören in den Kommunalarchiven zu der am häufigsten genutzten Quellengruppe, insbesondere seitens der historischen Familienforschung und der Genealogie. Darüber hinaus werden die Personenstandsregister von Gerichten, Behörden, anderen Stellen, die Aufgaben im öffentlichen Interesse wahrnehmen (u.a. auch Suchdiensteinrichtungen des Deutschen Roten Kreuzes oder der Kirchen), diplomatischen Vertretungen, Notaren oder Rechtsanwälten, Betroffenen und Dritten zur Klärung rechtlicher Belange intensiv genutzt. Warum aber hat sich die (familien-)geschichtliche Forschung mit diesen Personenstandsunterlagen, die quasi das Rückgrat der Personen- und Bevölkerungsgeschichte für die vergangenen 130 Jahre sind, bislang so wenig beschäftigt? Benutzung Dies lag weniger an den Historikern und Genealogen. Diese haben sich in den vergangenen Jahrzehnten vehement gegen die strikten und überholten Regelungen des Personenstandsgesetzes der alten Fassung von 1957 gewandt, insbesondere gegen die Sperrfristen, die quasi für alle Beurkundungen seit 1876 galten. 22 In der Reichs- 22 Josef Heinzelmann, Zur Reform des Personenstandsgesetzes, in: Archiv für Familiengeschichtsforschung 11 (2007), S ; Jürgen Kocka, Übertriebener Datenschutz behindert die historische Forschung. Die üblen Folgen eines zweifelhaften Urteils, in: Historical Social Research 40 (1986) Heft 4, S und Bundesgesetzgebung ist seither eine deutlich zunehmende Restriktion festzustellen: Mussten nach dem Personenstandsgesetz von 1875 noch jedermann gegen Zahlung der Gebühren ohne weitere Voraussetzung Personenstandsunterlagen zur Einsicht vorgelegt werden ( 16), so differenzierte das Personenstandsgesetz von 1937 zwischen dem Einsichtsrecht einerseits von Behörden und den Personen, auf die sich der Eintrag bezieht, deren Ehegatten, Vorfahren und Abkömmlingen also Verwandten in gerader aufsteigender und absteigender Linie und andererseits von Personen, die ein berechtigtes Interesse an der Einsicht in die Personenstandsbücher, auf Durchsicht dieser Bücher oder auf Erteilung von Personenstandsurkunden haben ( 61). Dass diese Regelung der nationalsozialistischen Gesetzgebung für rassenideologische Zwecke missbraucht werden konnte und wurde, dürfte mit ein Grund dafür gewesen sein, bei der Novellierung des bundesrepublikanischen Personenstandsgesetzes von 1957 die Möglichkeiten der Einsicht und Durchsicht an noch strengere Voraussetzungen zu binden. Statt eines berechtigten Interesses brauchte es nun ein rechtliches Interesse ; allerdings wurde eine genaue Klärung dieses Begriffs vermieden. Das Gesetz zielte darauf, die Personenstandsdaten gegen den Zugriff Dritter abzuschotten. Während die Datenschutzgesetze bekanntlich die personenbezogenen Daten noch lebender Personen schützten, galt der Paragraph 61 PStG a.f. auch für die seit dem 1. Januar 1876 angelegten Personenstandsregister auch dann, wenn alle Beteiligten längst verstorben waren. 23 Genealogen und Wissenschaftlern war es kaum zu vermitteln, dass sie beispielsweise noch im 21. Jahrhundert ein rechtliches Interesse für den Erhalt einer Urkunde über eine im 19. Jahrhundert verstorbene Person glaubhaft machen mussten, sofern sie nicht zu den benutzungsberechtigten Verwandten gehörten. Geradezu peinlich wurde es, wenn Forschungsvorhaben, die sich mit dem Schicksal jüdischer Familien während der Zeit des Nationalsozialismus befassten, unter Hinweis auf die Bestimmungen des Personenstandsgesetzes blockiert wurden. 24 Mit der Reform des Personenstandsgesetzes, die am 1. Januar 2009 vollständig in Kraft trat, ist das eingetreten, was sich bis vor einigen Jahren nur wenige vorstellen konnten: ein beachtlicher Teil der Personenstandsregister wurden nach Ablauf von festgelegten Fristen ( 5 Abs. 5 PStG) (Geburtsregister nach 110 Jahren, Heiratsregister nach 80 Jahren und Sterberegister nach 30 Jahren) an die zuständigen Archive abgegeben. 23 Vgl. auch Berthold Gaaz: Die Benutzung der Personenstandsregister, in: Das Standesamt 63 (2010) Heft 3, S , hier S. 65 f. 24 Vgl. Jürgen Sielemann: German Laws Regulating Access to Genealogical Records, in: Avotaynu 10 (1994) Heft 2, S ; Gunnar Nebelung: Datenschutz und Familienforschung, in: Genealogie (1992) Heft 9 10, S10 Sie werden dann nicht mehr fortgeführt und dauerhaft archiviert; zudem ist eine deutlich vereinfachte Nutzung unter Beachtung der jeweiligen archivrechtlichen Bestimmungen möglich. Zwar kennen natürlich auch die Archivgesetze allgemeine und personenbezogene Schutzfristen; geht man aber davon aus, dass sich die Fristberechnung auf die Jahrgänge der Register beziehen, sind alle Register nach Ablauf der in 5 Abs. 5 PStG festgelegten Fristen frei benutzbar. Damit fallen bislang unüberwindbare Forschungsgrenzen. Welche Möglichkeiten der Forschung, ob für Laien oder Wissenschaftler, eröffnen sich aber durch den freien Zugriff auf die Personenstandsregister? Im Folgenden werden drei Themenfelder skizziert, die durch die historische Quelle Personenstandsregister wichtige Impulse erhalten. Im Einzelnen sind dies die Ahnen- und Familienforschung, die Orts- und Regionalgeschichte sowie als ein Aspekt der Stadtgeschichte die Erforschung der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Quellenwert und Auswertungsmöglichkeiten von Personenstandsregistern a) Familienforschung Insbesondere für Genealogen begann mit dem 1. Januar 2009 eine neue Zeitrechnung, die sie alle lange herbeigesehnt haben dürften, und das nicht nur aufgrund des Wegfalls der standesamtlichen Gebühren. 25 Die Personenstandsregister sind für die Ermittlung wenigstens der vorhergehenden vier bis fünf Generationen unerlässlich, enthalten doch die Geburts-, Heirats- und Sterberegister sämtliche notwendigen Grundfakten zu jeder Person, auch zu jenen Personengruppen, die aufgrund ihrer Religion oder anderer Gründe zuvor in den Kirchenbüchern nicht erfasst wurden. Sie sind damit als Einstiegsquelle der Ahnenforscher bei ihren ersten Forschungen über ihre Vorfahren die erstrangige und unbedingt zu befragende Quelle für die Erforschung der eigenen Familiengeschichte. Die Personenstandsregister enthalten zahlreiche Angaben, die wichtige Hinweise auf den Ort oder Raum geben, wo vor Einsetzen dieser Aufzeichnungen weiter gesucht werden kann. Diese Informationen ermöglichen die Recherche in den Unterlagen der Freiwilligen Gerichtsbarkeit, wie Vormundschaftsakten, Todeserklärungen, Testamente oder Grundbücher und Grundakten. 26 Darüber hinaus erforschen die fortgeschrittenen Genealogen nicht nur ihre Ahnen, sondern auch Nachkommen ihrer Vorfahren, nicht mit ihnen verwandte Familien oder 25 Vgl. auch Bettina Joergens, Tagungsbericht Das Personenstands Reformgesetz ist sexy. Neue Perspektiven für die Genealogie, Geschichtswissenschaft, Archive und Standesämter. 5. Detmolder Sommergespräch vom , in: H-Soz-u-Kult, , geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id= Vgl. Brakmann (wie Anm. 6). sogar die Bevölkerung ganzer Orte in Form eines Ortsfamilienbuches. b) Orts- und Regionalgeschichte Die Personenstandsregister bilden zwar das Leben einzelner Menschen ab, erlauben aber weitergehende Auswertungsmöglichkeiten auf Fragen zur sozialen Mobilität und dem sozialen Heiratsverhalten in den verschiedenen sozialen Schichten in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert. So können die Register für die Erforschung demographischer Fragen wie der Zu- und Abnahme der Bevölkerung, der Konfessionsverschiebungen oder dem Heiratsmuster herangezogen werden. Auch ließen sich Heiraten zwischen Bürgerlichen und Adeligen untersuchen, konfessions- oder gar religionsverschiedene Ehen oder das Heiratsalter und den Altersabstand zwischen Braut und Bräutigam. Dem Wandel der Mortalität, insbesondere der Kinder- bzw. Säuglingssterblichkeit, könnte ebenso nachgegangen werden wie der Häufung von bestimmten Todesursachen oder der Größe von Familien. Die Personenstandsregister halten zudem für die Historische Migrationsforschung, die Historische Demographie und die Sozialgeschichte ganz neue Erkenntnisse bereit. So könnte die Bevölkerungsverschiebung durch Zuwanderung erforscht werden. Darüber hinaus können Aspekte der Binnenmobilität und der kleinräumigen Wanderungen in den Blick genommen werden, die bislang im Gegensatz zu Fernwanderungen wenig Aufmerksamkeit genossen haben. 27 Mit Hilfe der Heiratsregisterüberlieferung der Gemeinde Wickede (Ruhr), einer Kleinstadt östlich von Dortmund, für die Jahre 1894 bis 1914 (LAV NRW Abt. OWL, P 6/20 Nr ) untersuchten Jochen von Nathusius, Franz Haarmann und Josef Kampmann die Herkunftsorte und Konfession der teilweise hochspezialisierten Arbeiterschaft in der Glasindustrie. 28 Diese Untersuchung ist aufgrund der genauen Berufsangaben in den Registern möglich, denn der damalige Standesbeamte differenzierte zwischen Arbeitern und Glasarbeitern, Glasbläsern, Glasschmelzern sowie Glasmachern. In der Wickeder Heimatgeschichte war es allgemein bekannt, dass es zwischen 1894 und 1914 eine Glasfabrik in Wickede gab, die Firma Hibbeln. Diese Firma festigte zwar die Rolle Wickedes als Industriestandort, aber sie veränderte auch die soziale, insbesondere die konfessionelle Struktur der bis um 1830 unbedeutenden und fast ausschließlich von 27 Hannelore Oberpenning / Annemarie Steidl, Einführung: Kleinräumige Wanderungen in historischer Perspektive, in: IMIS-Beiträge 18 (2001), S. 7 18, bes. S Von Jochen Nathusius / Franz Haarmann / Josef Kampmann, Zur kurzen wechselvollen Geschichte der Wickeder Glasfabrik und zu ihren Eigentümern, Arbeiterinnen, Arbeitern und deren Familien, in: Information für Heimatfreunde 41 (2011), S11 Katholiken bewohnten Bauerngemeinde gehörig. Nur handfeste Zahlen für diese Entwicklung ließen sich in den Quellen nicht belegen. In den ersten Jahren sind in der Standesamtsüberlieferung keine Arbeiter und Arbeiterinnen überliefert, die aus Wickede und Umgebung stammten. Zwischen 1894 und 1914 wurden in Wickede 341 Ehen geschlossen, davon 82 Eheschließungen im Milieu der Glasarbeiterschaft, wobei die Zahl nach 1911 rapide absinkt. Bei 34 Eheschließungen im Glasmachermilieu waren beide Partner evangelischer Konfession, bei 25 Vermählungen gehörten beide Eheleute der römisch-katholischen Konfession an. Es wurden 23 sogenannte Mischehen geschlossen, wobei in zehn Fällen der Ehemann evangelisch, die Ehefrau katholisch, in 13 Fällen umgekehrt der Ehemann katholisch und seine Braut evangelisch waren. Mehr als 65 % der zukünftigen Ehefrauen ging zwischen 1894 und 1914 zum Zeitpunkt der Eheschließung einer bezahlten Tätigkeit nach; bei der Firma Hibbeln arbeiteten 43 Frauen und Mädchen unter Umständen sogar noch mehr. Die Analyse der Geburtsorte der Ehemänner ergab, dass 27 gebürtig aus Schlesien waren, 19 Ehemänner aus Sachsen und der Ober- und Niederlausitz, zwei stammten aus Westpreußen, vier aus Böhmen, drei aus dem Harz und dem Harzvorland, einer aus den Niederlanden, einer aus Frankreich und einer aus Russland. In Wickede selbst, sowie in den Kreisen Hamm (heutiger Kreis Unna) und Soest wurden 15 Ehemänner geboren, sechs stammten aus anderen Regionen Westfalens; weitere fünf Ehemänner stammten aus dem übrigen Reichsgebiet innerhalb der Grenzen von Bei den Ehefrauen ergab sich ein vergleichbares Bild: 26 Ehefrauen wurden in Schlesien geboren, 16 in Sachsen, zwei im Harz, eine in Westpreußen, drei in Böhmen, eine in Russisch-Polen, drei in den Niederlanden, eine in Belgien. Aus Wickede und den Kreis Hamm (heutiger Kreis Unna) stammten 19 Ehefrauen, aus dem übrigen Westfalen sechs und fünf aus dem verbleibenden Reichsgebiet. Schwerpunktmäßig stammen die Wickeder Glasfamilien aus Bischofswerda in Sachsen (Glasfabrik und Herkunftsort des Firmengründers; östlich von Dresden), aus dem Raum Potschappel (in der Nähe von Dresden), Deuben (östlich von Leipzig) und Döhlen (Glasfabrik in Döhlen; zwischen Leipzig und Chemnitz) sowie Penzig am Ostufer der schlesischen Neiße (heute in Polen liegend). Dort gab und gibt es eine bedeutende Glasindustrie. Nicht alle Erkenntnisse der Studie sollen hier skizziert werden: Über die genannten Daten hinaus könnten die Geburts- und Sterbeeinträge untersucht werden, um die Größe der Familien festzustellen, Aussagen über Kindersterblichkeit zu machen und bei verstorbenen Erwachsenen deren Berufe und Geburtsorte zu ermitteln. Die Beispiele zeigen, welche Erkenntnismöglichkeiten der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte sich auf kommunaler Ebene durch die Öffnung der Standesamtsüberlieferung ergeben. Die allgemein bekannte Entwicklung eines Bauerndorfes zu einer Industriegemeinde sowie zur konfessionellen Entwicklung erhält so eine solide Grundlage. Jochen von Nathusius konnte darüber hinaus durch eine Auswertung der Heiratsregister der Stadt Fröndenberg, ebenfalls östlich von Dortmund gelegen, Migrationsbewegungen von Landjuden identifizieren. 29 Die Einträge in den Sterberegistern geben Rückschluss auf den Herkunftsort und auf die Eltern des Verstorbenen, die Beurkundungen der Eheschließungen enthalten die Namen und Wohnort der Eltern und somit den Herkunftsort des unter Umständen nicht vor Ort geborenen Ehegatten. Die soziale Vernetzung der Brautleute und der Eltern ist schließlich der Nennung der Trauzeugen mit Alter, Wohnort und Berufsangabe zu entnehmen. Nach Durchsicht der Beurkundungen ergab sich das konkrete Bild, dass Fröndenberg am Ostrand des Ruhrgebiets ab Mitte des 19. Jahrhundert eine Scharnierfunktion hatte für die Migration der Landjuden aus dem märkischen wie kurkölnischen Sauerland in die Zentren des großindustriellen Ruhrgebiets und die rheinischen Metropolen wie Köln, Düsseldorf oder Wuppertal. Der Einzugsbereich Fröndenbergs erstreckte sich hinsichtlich jüdischer Familien und Einzelpersonen frappierend genau entlang der 1870/71 eröffneten Eisenbahnstrecke der Oberen Ruhrtalbahn über Brilon, Olsberg bis nach Warburg, Höxter und Kassel. 30 Von Nathusius konnte anhand der Standesamtsüberlieferung zahlreiche weitere jüdische Bürgerinnen und Bürger Frödenbergs identifizieren, die bislang unbekannt waren. Er kommt zu dem Schluss, dass die empfindlichen Verluste zu jüdischen Betreffen in der kommunalen Überlieferung durch die Auswertung der Personenstandsregister kompensiert werden konnten. c) Geschichte der lokalen Zwangsarbeit im Dritten Reich Die Sterbebücher sind eine zuverlässige Quelle für die Erforschung der nationalsozialistischen Zwangsarbeit zwischen 1940 bis 1945 auf kommunaler Ebene. 31 Bei der Beurkundung eines Sterbefalls erfassten in den 1940er Jahren die Standesbeamten sehr gewissenhaft die folgenden Angaben: 29 Von Jochen Nathusius, Die Reform des Personenstandsgesetzes und ihre Auswirkungen auf die Erforschung der Regionalgeschichte am Beispiel von Fröndenberg/Ruhr und Wickede (Ruhr), in: Südwestfalen- Archiv 11 (2011), S Ebd. 31 Bernhard Bremberger, Standesamtsunterlagen: Geburten und Sterbebücher. Forschungen und Forschungsverhinderung in Berlin-Neukölln, in: Wilfried Reininghaus / Norbert Reimann, Zwangsarbeit in Deutschland Archiv- und Sammlungsgut, Topographie und Erschließungsstrategien, Bielefeld 2001, S12 1. den Beruf, Vorname, Familienname (ggf. Geburtsname), die Religion (Konfession), den Geburtstag und den Geburtsort (bei Deutschen auch die Geburtsregister-Nummer) des Verstorbenen, 2. das Lager bzw. den Wohnort (samt Adresse) des Verstorbenen, 3. den Todestag, die Todesuhrzeit und den Todesort, 4. Name und Wohnort des Vaters und der Mutter (samt Geburtsname) des Verstorbenen, 5. Ehepartner (Name, Familienname, ggf. Geburtsname, Wohnort) des Verstorbenen (Datum und Ort der Eheschließung sowie Standesamt samt Registernummer), 6. Name des Anzeigenden des Sterbfalles, 7. die Todesursache. Höchstwahrscheinlich sind in den Sterberegistern nicht alle Todesfälle von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern erfasst worden. Die Gründe können verschieden sein: entweder, es gab für große Lager eigene Register, oder aber, die Todesfallanzeigen wurden vorsätzlich oder aus anderen Gründen nicht beurkundet. Ein Beispiel ist das Kriegsgefangenenlager Staumühle bei Paderborn: Während der Kriegszeit wurden keine Sterbefälle an das zuständige Standesamt Hövelhof gemeldet. Erst in den Jahren 1959 bis 1961 wurden rund 400 Sterbefälle überwiegend russischer und polnischer Kriegsgefangener der Jahre 1943 bis 1945 nachbeurkundet auf der Grundlage der Meldungen der Deutschen Dienststelle in Berlin-Borsigwalde (LAV NRW Abt. OWL, P 13 Hövelhof Nr ). Es gibt noch weitere Indizien, die Verluste annehmen lassen: Vereinzelt wurden Sterbefälle gesammelt, um sie dann nach Wochen dem zuständigen Standesamt zu melden. Hier liegt es nur nahe, dass nicht alle Informationen zum Standesamt gelangten. Auch totgeborene Kinder lassen sich oft nur nachweisen, wenn medizinisches Personal involviert war, das dann die verstorbenen Kinder dem jeweiligen Standesamt gemeldet hat. Die vorliegenden Eintragungen erlauben aber noch immer beeindruckende Rückschlüsse. In den Sterbezweitbüchern sind natürlich die einzelnen Personen nicht ausdrücklich mit dem Kennzeichen Zwangsarbeiter versehen worden. Daher sind die Angaben nach Plausibilität zu prüfen, und zwar entweder über die Geburtsorte oder über nähere Bezeichnungen der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, die oft pauschal als russischer Kriegsgefangener, polnischer Zivilarbeiter (LAV NRW Abt. OWL, P 16 Nr [Nr. 580/1943]), holländischer Zivilarbeiter (ebd., P 16 Nr. 9995, [Nr. 544/1943]) oder französischer Zivilarbeiter (ebd., P 16 Nr [Nr. 582/1943]) bezeichnet wurden. Die Sterbebücher erfassen die Adressen der Lager, in vielen Anschriften ist sogar ausdrücklich der Zusatz Lager zu lesen. Diese Eintragungen erlauben die Identifizierung von Lagerstandorten. Natürlich sind nicht alle Lager-standorte aktenkundig: in unserem Fall eben nur jene, wo auch Insassen verstarben. Eine nähere Charakterisierung der Unterkunft findet sich hingegen nicht. Adressen, die häufiger auftauchen, scheinen Sammelunterkünfte gewesen zu sein. Die Klärung der Standorte von Zwangsarbeiterlagern oder Privatunterkünften eröffnet die Chance, gezielter Dokumente zur Geschichte dieses Lagers zu ermitteln. Die Angabe des Berufes ermöglicht noch weitere Rückschlüsse: Es ist auffällig, dass in einzelnen Lagern in Dortmund explizit ausgebildete Metallarbeiter wohnten: unter anderem Dreher, Schlosser, Schleifer und Schweißer. In dem Lager an der Parsevallstraße in Dortmund in unmittelbarer Nachbarschaft zur Zeche Hansa wohnten Bergleute. Es wurden offensichtlich hochqualifizierte Bevölkerungsgruppen direkt von der Werkbank oder aus den Gruben in Osteuropa in metallverarbeitende Betriebe oder auf Dortmunder Zechen zur Zwangsarbeit verschleppt. Die Sterbebücher schweigen zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Gefangenen, allerdings erlauben die dort aufgezeichneten Angaben insbesondere zur Todesursache, die seit der Novelle von 1937 vermerkt werden musste ( 38 PStG 1937), Schlussfolgerungen. Der Tod ausländischer Arbeiterinnen und Arbeiter aufgrund allgemeiner Körperschwäche oder Erschöpfung ist ein Indiz für die Überlastung durch die Arbeit und die ungenügende Verpflegung. Die Erwähnung der Todesursache Schädelbruch ist ein Indiz für Gewalteinwirkung oder für einen Unfall des Arbeiters (LAV NRW Abt. OWL, P 16 Nr [Nr. 483/1943]). Überhaupt fällt es auf, dass Zwangs- und Zivilarbeiter tendenziell häufiger Opfer von Betriebs- und Arbeitsunfällen geworden sind als deutsche Arbeiter. Die medizinische Versorgung der Arbeiterinnen und Arbeiter war sehr schlecht. Im Jahre 1943 kam es im Zwangsarbeiterlager der Zeche Tremonia zu einer Flecktyphus-Epidemie und zu zahlreichen Todesfällen, im Juli 1944 starben zahlreiche russische Zivilarbeiter in einem Lager in der Landwehrstraße in Dortmund- Hörde an Lungentuberkulose (LAV NRW Abt. OWL, P 16 Nr , [Nr. 561/1944]). Es fällt auf, dass selbst bei lebensgefährlichen Erkrankungen keine Verlegung in nahegelegene Krankenhäuser erfolgte. Säuglinge wurden gewöhnlich in den Lagern entbunden, allerdings zuweilen mit Unterstützung von Pflegerinnen, Hebammen oder anderen Besucherinnen. In der Regel meldete das Lagerpersonal die Sterbefälle an das Standesamt: Dies konnte der Leiter des Großreviers Dortmund der Organisation Todt sein, aber auch das Wach- und Hilfspersonal. Gelegentlich sind sie in ihrer Funktion genannt, dann wieder mit ihrer zivilen Berufsbezeichnung als Arbeiter oder kaufmännischer Angestellter (LAV NRW Abt. OWL, P 16 Nr [Nr. 544/1943]). Auch Dolmetscher (ebd., 1013 P 16 Nr [Nr. 812/1944]) melden Todesfälle; diese wohnten offenbar außerhalb der Lager. Aus diesen Angaben können sich Anhaltspunkte für die weitere Suche ergeben: Eventuell hatten diese Personen engeren Kontakt zu den Zwangsarbeiterinnen; unter Umständen haben sich Aufzeichnungen erhalten; vielleicht lassen sich sogar Zeitzeugen ermitteln. Beurkundung eines nach der Geburt verstorbenen Säuglings im Lager Willig in Dortmund. Die Meldung beim Standesamt erfolgte durch einen Zivilisten, dem Krankenbesucher Josef Elbrecht. (LAV NRW Abt. OWL, P 16 Nr [Nr. 99/1944]) Auffallend ist auch, dass Kinder von Zwangsarbeiterinnen auffallend häufig direkt nach der Geburt oder schon nach wenigen Wochen an Ernährungsstörungen oder plötzlicher Herzschwäche verstarben. Hier wäre ein Vergleich mit der Zivilbevölkerung erforderlich, um dies besser einordnen zu können. Dieser knappe Einblick deutet an, dass die systematische Durchsicht von Sterberegistern sehr ertragreich für die Erforschung der lokalen Zwangsarbeit im Dritten Reich sein kann und die Amtsbücher Hinweise zum Lagerleben und zum Alltag der Betroffenen bereithalten. Schluss Die Öffnung der Personenstandsregister ist ein Glück für die Forschung, gerade auch aufgrund des Blickwechsels in der Geschichtswissenschaft, eben der Verschiebung des Erkenntnisinteresses weg von einer Erforschung von Strukturen hin zu den historischen Subjekten. Die Register erfassen gemäß dem Anspruch des modernen Staates sämtliche zentralen persönlichen Daten aller Menschen, unabhängig von ihrer Religion, und zwar von der Wiege bis zur Bahre. Die Einträge in diesen Registern bieten aufgrund ihrer Genauigkeit und Verlässlichkeit wie gesehen zentrale Angaben nicht nur für Genealogen, sondern auch für verschiedene Fragestellungen der historischen Forschung. Aber auch aus archivischer Sicht liegt in der Benutzung der Register eine ganz große Chance. Durch die Verankerung eines Zugangsrechts für jedermann in den Archivgesetzen sind die Archive zunächst einmal als Zentren der Recherche gefragt; denn selten zuvor wurden die öffentlichen Archive so stark als Einrichtungen für jedermann wahrgenommen wie durch die Öffnung der Personenstandsregister. Dies geht einher mit einer breiten Aufmerksamkeit für die Genealogie, wobei Genealogen und Heimatforscher seit jeher eine der zentralen Nutzergruppen der Archive waren und sind. Ob es sich um eine zeitlich begrenzte Konjunktur handelt oder ob sich dieser positive Effekt verstärken und auf die Zukunft übertragen lässt, wird auch davon abhängen, wie sich die Archive vor der Öffentlichkeit positionieren und diese Register zugänglich machen und mit welchen Dienstleistungsangeboten sie dem berechtigten biografischen Verlangen nachzukommen suchen. 32 Kontakt Dr. Thomas Brakmann Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abteilung Ostwestfalen-Lippe Leiter des Dezernats Personenstandsarchiv Westfalen-Lippe (OWL 4) Willi-Hofmann-Straße 2, Detmold Tel.: * Vortrag auf dem 15. Brandenburgischen Archivtag am 26. April 2012 in Perleberg. 32 Vgl. auch Kurt Hochstuhl, Todos os nomos. Archivische Dienstleistungsangebote für Genealogen, in: Robert Kretzschmar (Hg.): Staatliche Archive als landeskundliche Kompetenzzentren in Geschichte und Gegenwart; zum 65. Geburtstag von Volker Rödel (Werkhefte der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Serie A Heft 22), Stuttgart 2010, S , bes. S. 357 f. 1114 Familiengeschichtlicher Wegweiser personenbezogene Quellen im Stadtarchiv Halle* Christiane von Nessen Einleitung Die edelste Beschäftigung des Menschen ist der Mensch Dieser Ausspruch von Gotthold Ephraim Lessing mag in seiner optimistischen Bewertung zum Nachdenken anregen, die inhaltliche Richtigkeit seiner Feststellung ist jedoch unbestreitbar. Am Anfang jeder schriftlichen archivischen Überlieferung stehen Informationen über das Verhältnis von Menschen oder von diesen geschaffenen Institutionen zueinander und die Organisation des Zusammenlebens in einer menschlichen Gesellschaft. Diese kann unterschiedlichster Zusammensetzung sein, kann auf der Basis von Geographie, Nationalität oder religiösem Bekenntnis stehen. Kommunale Archive bergen auf überschaubarem räumlichem Bereich eine große Vielfalt von Quellen, welche Informationen zu Personen beinhalten, die je nach der Fragestellung und Herangehensweise späterer Generationen ausgewertet und genutzt werden können. Die Motivation, die hinter der Anlegung der im Weiteren hier vorzustellenden Dokumente stand, muss stets aus der Entstehungszeit heraus verstanden werden. Ziele waren die Organisation einer lokalen Verwaltung, die Regelung des menschlichen Zusammenlebens und die Ahndung von Verstößen gegen die Regeln dieses Zusammenlebens, die Finanzierung kommunaler Verwaltungsaktivität wie Bautätigkeit, Schulwesen, Armenpflege oder im Kriegsfalle auch die Verteidigung der Stadt. Notwendiges Hilfsmittel hierfür war gespeichertes Wissen über die Bewohner der jeweiligen Stadt, ihre Wohnsitze, beruflichen Aktivitäten oder ihre Finanzkraft. Diese im Verlauf der Jahrhunderte angehäuften Rohdaten über Menschen und deren Zusammenleben stellen seit Jahrzehnten ein Objekt des Interesses wissenschaftlicher Forschung und auch privaten Interesses dar und sind somit für Archivare und Archivarinnen ein häufig wiederkehrender Arbeitsgegenstand, der sowohl für diese als auch für die Benutzer der Archive nach optimiertem Herangehen und der Erstellung von Hilfsmitteln zur Erleichterung dieser Forschungstätigkeit ruft. Die Intensität dieser Forschung ist dabei auch abhängig von der jeweiligen aktuellen politischen Verfassung, in der sich eine Gesellschaft befindet. Informationen über genealogische Sachverhalte früherer Epochen können vor diesem Hintergrund von stark differierendem Gewicht und Interesse sein. So ist es nicht verwunderlich, dass im Stadtarchiv Halle ein solches Forschungshilfsmittel gerade im Jahre 1939 als Handreichung für Menschen erstellt wurde, die entweder von Dienststellen des NS-Staates zur Erbringung von sogenannten Ariernachweisen genötigt wurden oder bedingt durch den Zeitgeist zu privater Forschungsaktivität auf genealogischem Gebiet angeregt wurden. Ich spreche hier von dem im Verlag Degener & Co. bekannt durch dessen Publikation des Wer ist`s?, der deutschen Ausgabe des Who is Who veröffentlichten Heft 13 des Familiengeschichtlichen Wegweisers durch Stadt und Land zur Quellenlage in der Stadt Halle. Zielsetzung der Schriftenreihe, in der ab 1936 die Städte Darmstadt, Plauen, Liegnitz, Hannover, Danzig, Wetzlar und Bautzen sowie die Grafschaft Wertheim, das Land Anhalt und das Land Schaumburg-Lippe dargestellt worden waren, sollte sein, für örtlich oder landschaftlich begrenzte Gebiete alle Nachweise zusammenzustellen, die der Familiengeschichtsforscher für seine Arbeiten in diesen Gebieten nötig hat. Die Reihe wurde nach dem Zweiten Weltkrieg noch durch Ausgaben über Nürnberg, Bremen und Kempten im Allgäu fortgeführt und endete Bearbeitet wurde die Quellenlage in der Stadt Halle durch den seinerzeitigen Stadtarchivdirektor Richard Bräutigam und seinen Mitarbeiter Dr. Rolf Hünicken. Die beiden Autoren breiteten dort nach einer historisch-geographischen Einleitung ein vielfältiges Spektrum von Institutionen aus, die sie in Amtsstellen mit systematischen Quellen wie Standesamt, Einwohnermeldeamt, Kirchenbuchämter oder das Stadtarchiv sowie in Amtsstellen mit Sonderquellen wie dem Amtsgericht, der Marienbibliothek und der Universitätsbibliothek gliederten. Zur besseren Verständlichkeit des Gegenstandes fügten sie eine graphische Übersicht der wichtigsten familiengeschichtlichen Quellen in einem chronologischen Rahmen ein. Anders als die beiden Autoren des Wegweisers möchte ich mich heute auf die im Stadtarchiv Halle verwahrten handschriftlichen und gedruckten Quellen mit personengeschichtlicher Relevanz beschränken, die mein Kollege Roland Kuhne mit mir zusammengestellt hat. Originalquellen Handschriften Die Bürgerbücher Sie stellen heute die älteste im handschriftlichen Original im Stadtarchiv Halle verwahrte personengeschichtliche Quelle dar. Zwei auch nach langer und häufiger Benutzung noch eindrucksvolle großformatige Folianten mit lederbezogenen Holzdeckeln bergen die Eintragungen der hallischen Neubürger von 1400 bis 1830 wie der im jeweiligen Jahr amtierenden Mitglieder des städtischen Rates, Band 2 ( ) ist durch das Exlibris eines farbigen Stadtwappens zusätzlich aufgewertet. (s. Umschlagseite 3) 1215 Titelblatt Familiengeschichtlicher Wegweiser durch Stadt und Land Die Stadt Halle, Seit dem Jahre 1805 wurde parallel zum Band 2 der Bürgerbücher eine weitere Erfassung der neuen Bürger vorgenommen, die zur Verbesserung der Übersichtlichkeit die Informationen in Spalten registrierte. Diese zweite Dokumentation besteht aus zwei Bänden, welche die Zeiträume von 1805 bis 1830 und 1831 bis 1853 umfassen. Hier sind die neuen Bürger chronologisch durchnummeriert worden und insbesondere die Abgaben in die verschiedenen städtischen Kassen auf den ersten Blick erkennbar. Die Altsignatur E 20 verrät, dass diese Bücher wie zu vermuten in der städtischen Kämmerei geführt wurden, da die Abteilung E der Handschriften die Rechnungssachen beinhaltet. Als Findhilfsmittel dienen alphabetische Registerbände sowie Karteien, die nach Name, Beruf und Herkunftsort geführt wurden. Heute stehen diese wertvollen Archivalien den privat oder wissenschaftlich Forschenden auf Mikrofilm zur Recherche zur Verfügung. Der hallische Chronist Johann Christoph von Dreyhaupt beschreibt im 1755 erschienenen 2. Band seiner Chronik der Stadt Halle und des Saalkreises die Umstände des Erwerbs des Bürgerrechts in der zu seiner Zeit üblichen umständlichen Weise: Wer zu Halle wohnen und bürgerliche Nahrung treiben, oder Grundstücken ankauffen will, muß das Bürger-Recht bey E.E. Rathe gewinnen, der hohen Landes-Obrigkeit die Erbhuldigung, dem Rath aber den Bürger-Eyd leisten, und dabey ein gewisses Geld, so nach Unterscheid der Personen und Gewerbes veränderlich und mehr oder weniger, zum Bürgermahl an die Cämmerey bezahlen; ein Bürgers-Sohn aber, der sich häuslich besetzet, oder bürgerliche Nahrung anfängt, muß zwar ebenfalls die Erbhuldigung und Bürger-Eyd abschweren, ist aber von Erlegung des Bürgermahles befreyet, und darff nichts weiter als zwey Feuer-Eymer geben. Wer Bürger weren will, muß sich bey der Raths-Stube, in Begleytung zweyer Bürger, die ihn in die Mitte nehmen, angeben, da dann der eine von denen Bürgern, die ihn begleiten, das Wort führet, ihn E.E. Rathe präsentiret, und um Ertheilung des Bürger-Rechts bittet, ein Fremder muß dabey seinen Geburts-Brieff und eine Kundschafft seines Verhaltens von seiner vorigen Obrigkeit aufweisen; darauf wird ihm gesetzt, was er zum Bürgermahl zu erlegen, und wann er solches bey der Cämmerey abgetragen, ihm der Bürger-Eyd durch den Stadt-Secretarium vorgelesen, nach dessen Abschwerung er an den Tisch zu dem Stadt-Präsidenten oder in dessen Abwesen dirigirenden Rathsmeister tritt, der ihm seinen Hut darreichet, welchen der neue Bürger angreiffen muß, und also mit dem Bürgerrecht beliehen wird. Hierauf muß sich der neue Bürger mit seinen Beyständen in denen Königlichen Berggerichten melden, dem Schultheissen vermittelst Handschlages Gehorsam angeloben, und 16 Pfennige erlegen, die in der Gerichts-Rechnung an die Landesfürstliche Renth- Cammer berechnet werden. Die Bürgerbücher beginnen als reine Namenslisten der Neubürger, flankiert von den Namen der Ratsmitglieder des Jahrgangs. Ab 1462 folgen Eintragungen des entrichteten Bürgerrechtsgeldes, ab 1493 dann auch die Namen der Zeugen oder Promotoren begann der Ratsschreiber mit der Registrierung der Berufsangaben, 1526 mit der Aufnahme des jeweiligen Herkunftsortes auswärtiger Neubürger. Seit 1524 wurde das genaue Datum der Eidesleistung festgehalten. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Ausweitung der registrierten Daten in den gesellschaftlichen Umwälzungen im Umfeld der Reformation und des Bauernkrieges und einer wachsenden mentalen Unsicherheit und einem Kontrollbedürfnis den Bewerbern um das Bürgerecht gegenüber verbunden ist. Die zu zahlenden Gebühren wurden ab 1730 nach den einzelnen kommunalen Kassen wie Laternen-, Kirchen-, Schützen- oder Armenkasse aufgeschlüsselt, zeitweilig wurden auch Alter und Konfession festgehalten. Diese aus Verwaltungsgründen festgehaltenen Informationen bilden für den heutigen Forscher zusätzliche Daten zu den registrierten Personen. Die quantitative Tendenz ist allgemein steigend, doch ab- 1316 hängig von der jeweiligen politischen Situation. Ein besonders augenfälliger Sprung vollzog sich von 1813 auf 1814, als die Zahl der Neubürger von 11 auf 107 hochschnellte. Insgesamt muss jedoch festgehalten werden, dass es sich bei den in den Bürgerbüchern registrierten Personen nur um einen schmalen Ausschnitt der Stadtbevölkerung handelte. Neben den hier vorgestellten Bürgerbüchern der Stadt Halle ist ferner ein Bürgerbuch der dem Amt Giebichenstein unterstehenden Amtsstadt Neumarkt überliefert, das im Zeitraum von 1595 bis 1758 geführt wurde. Die Angaben zu den jeweiligen Neubürgern entsprechen den der hallische Altstadt; eine Besonderheit stellt die Herangehensweise des Registrators dar. Die Einträge erfolgten nicht chronologisch, sondern nach einzelnen Grundstücken und Gebäuden geordnet. Die Verbindung von Grundbesitz und Bürgerrecht wird an diesem Dokument besonders augenfällig. Konsequenterweise finden wir diesen Folianten nicht unter den Bürger- und Ratsmatrikeln, sondern unter den Grund-, Steuer- und Zinsbüchern in der Handschriftenabteilung des Stadtarchivs. Handschriften Die Ratsmatrikel Seit 1405 wurden die Namen der Mitglieder des städtischen Rates mit den Angaben ihrer jeweiligen Ämter neben dem Bürgerbuch noch zusätzlich in einem Matrikel verzeichnet, dem die selbstbewusste und auf Tradition verweisende Bezeichnung Senatus Hallensis verliehen wurde. Purpurfarbene römische Jahreszahlen unterstreichen die Würde der Amtsträger. Seit der kommunalpolitischen Umwälzung der Jahre 1478/79, der Besetzung der Stadt Halle durch die Truppen des Erzbischofs Ernst von Wettin und der Oktroyierung einer neuen Regimentsordnung wurden auch die Oberbornmeister, Schöppen und Vorsteher des Thals, der Salzproduktionsstätte, die einen eigenen Rechtsbezirk bildete, mit in dieser Handschrift registriert. Sie weist für die Jahre 1436 und 1437 eine Lücke auf und endet im Jahre Parallel wurden seit 1601 die Raths-Matricul geführt, die seit 1719 auch die Namen der Ratsbediensteten enthalten. Band 1 umfasst den Zeitraum bis 1735, Band 2 das knappe Jahrhundert von 1736 bis Im zweiten Band wurden 1854 noch die Mitglieder des von Oberbürgermeister Carl August Wilhelm Bertram geleiteten Magistrats nachgetragen. Die Verzeichnisse ermöglichen neben familiengeschichtlichen Fragestellungen auch die Verfolgung des Einflusses einzelner Familien auf die Kommunalpolitik als ansatzweise Bildung bürgerlicher Dynastien von Ratsmitgliedern über mehrere Generationen hinweg. Handschriften Die Bürgerrollen und Wählerverzeichnisse Im Rahmen der am 17. März 1831 erlassenen Preußischen Städteordnung erfuhren das Bürgerrecht und die Umstände seines Erwerbs in Tit. III eine neue Regelung. Der 12 verfügte: Das Bürgerrecht ertheilt nach vorgängigem Gutachten der Stadtverordneten der Magistrat, von welchem stets ein vollständiges Verzeichniß aller vorhandenen Bürger (Bürgerrolle) geführt werden soll. Der neu aufgenommene Bürger muß den in der Beilage vorgeschriebenen Bürgereid leisten. 1 Der neue Bürgereid hatte folgenden Wortlaut: Ich N.N. schwöre dem Könige unterthänig, treu und gehorsam zu seyn, dem Magistrate Folge zu leisten, meine Pflichten als Bürger, wie sie mir durch die Städte-Ordnung vorgeschrieben sind, nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen und zum Wohle der Stadt nach allen meinen Kräften beizuwirken. So wahr etc. etc. 2 An die Stelle der Bürgerbücher traten jedoch erst ab 1855 die neuen Bürgerrollen, in denen nicht mehr nur die Neubürger registriert, sondern jährlich der gesamte Bestand an Stadtbewohnern mit Bürgerrecht erfasst wurde. Dabei traten bei der Strukturierung der Erfassung wiederholt Veränderungen auf: Bis 1868 finden wir eine Trennung in Angesessene und Unangesessene mit der Registrierung von Name, Adresse, Stand bzw. Gewerbe, Veranlagung des Einkommens und daraus resultierend die Angabe der Wählerklasse I, II und III. Die Gesamtzahlen der enrollierten Personen wiesen entsprechend der Bevölkerungsentwicklung der Stadt eine wachsende Tendenz auf, wobei der Anteil der als Bürger registrierten Personen zwischen 5 und 7 % schwankte und erst in den 1890er Jahren spürbar anstieg: Jahr Bevölkerung Bürger Anteil der Bürger an der Bevölkerung ,26 % ,42 % ,58 % ,79 % ,00 % ,43 % ,90 % ,62 % ,45 % ,86 % 1869 wurde eine topographische Gliederung nach fünf Wohnbezirken und ab 1875 die neue Bezeichnung Namentliche Liste der stimmfähigen Bürger in der Stadt Halle a.s. für das Jahr eingeführt. 1 Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten Nr. 3 von 1831, S Ebenda, S17 Die Koppelung von Wahlrecht und Steuerkraft wird an der stärkeren Differenzierung der Steuerangaben zu den einzelnen Personen deutlich. Ab 1878 wechselte die Benennung abermals, die Einträge in der Wählerliste wurden mit dem Verweis auf 5 der Städte-Ordnung für die sechs östlichen Provinzen der Preußischen Monarchie vom 30. Mai 1853 begründet: Das Bürgerrecht besteht in dem Rechte zur Theilnahme an den Wahlen, sowie in der Befähigung zur Uebernahme unbesoldeter Aemter in der Gemeindeverwaltung und zur Gemeindevertretung. Jeder selbstständige Preuße erwirbt dasselbe, wenn er seit einem Jahre Einwohner des Stadtbezirks ist und zur Stadtgemeinde gehört ( 3), keine Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln empfangen, die ihn betreffenden Gemeinde-Abgaben gezahlt hat und außerdem entweder ein Wohnhaus im Stadtgebiet besitzt ( 16), oder ein stehendes Gewerbe selbstständig als Haupterwerbsquelle und in Städten von mehr als Einwohnern mit wenigstens zwei Gehülfen selbstständig betreibt, oder zur klassifizirten Einkommensteuer veranlagt ist, oder an Klassensteuer einen Jahresbetrag von mindestens vier Thalern entrichtet. In den mahl- und schlachtsteuerpflichtigen Städten sind statt dessen die Einwohner von dem Magistrat nach den Grundsätzen der Klassensteuerveranlagung einzuschätzen; es können jedoch auch die Stadtbehörden beschließen, an die Stelle des Klassensteuersatzes von mindestens vier Thalern ein jährliches Einkommen treten zu lassen, welches beträgt: in Städten von weniger als Einwohnern: 200 Rthlr. in Städten von bis Einwohnern: 250 Rthlr. in Städten von mehr als Einwohnern: 300 Rthlr. Steuerzahlungen, Einkommen, Haus- und Grundbesitz der Ehefrau werden dem Ehemann, Steuerzahlungen, Einkommen, Haus- und Grundbesitz der minderjährigen, beziehungsweise der in väterlicher Gewalt befindlichen Kinder, dem Vater angerechnet. In Fällen, wo ein Haus durch Vererbung auf einen andern übergeht, kommt dem Erben bei Berechnung der Dauer des einjährigen Wohnsitzes die Besitzzeit des Erblassers zu Gute. Als selbstständig wird nach vollendetem vierundzwanzigsten Lebensjahre ein Jeder betrachtet, der einen eigenen Hausstand hat, sofern ihm nicht das Verfügungsrecht über sein Vermögen oder dessen Verwaltung durch richterliches Erkenntniß entzogen ist. Inwiefern über die Erlangung des Bürgerrechts von dem Magistrat eine Urkunde (Bürgerbrief) zu ertheilen ist, bleibt den statuarischen Anordnungen vorbehalten. 3 Die Bürgerrollen sind bis zum Jahre 1898 überliefert, wobei der Zeitraum von 1885 bis 1891 durch einen Registerband erschlossen ist. Aus dem frühen 20. Jahrhundert liegen isoliert noch die Jahrgänge 1906 und 1915 vor, hier erfolgte eine topographische Gliederung nach 3 Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten Nr. 24 von 1853, S. 264 f. Altstadt und Vororten, die sich durch die 1900 erfolgte Eingemeindung der bevölkerungsreichen Gemeinden Giebichenstein, Trotha und Kröllwitz im Norden Halles erklärt. Diese Gliederung wird uns später bei den hallischen Standesämtern ab 1900 nochmals begegnen. Die bisher differenzierten verschiedenen Steuersummen wurden nun in der Erfassung zu einem Gesamtsteuerbetrag zusammengefasst. Die Einträge in die Bürgerrollen erfolgten nach dem jeweiligen Wohnsitz. Handschriften Die Grund-, Steuer- und Zinsbücher Neben der Registrierung des Personenkreises, der über das Bürgerrecht verfügte, wurden mit dem Ziel der Erfassung der Abgaben- und Steuerpflichtigen die Besitzverhältnisse an Häusern und Grundstücken besonders korrekt dokumentiert und auch in großem Umfang der Nachwelt überliefert. Ältestes Objekt dieser Quellengattung ist das sogenannte Lehenbuch von Die Zeitangabe ist irreführend, es handelt sich nicht um einen Querschnitt der Eigentümer eines konkreten Jahrgangs, sondern um Verzeichnisse der Namen der Hausbesitzer aller altstädtischen Grundstücke für den Zeitraum von ca bis Diese wurden auf der Grundlage der Hoffebücher (Hofbücher) des hallischen Berggerichts erstellt, indem der Schreiber Stephan Hayer im Jahre 1608 einen Auszug aus diesen Hoffebüchern anfertigte, der von späteren Generationen von Schreibern bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts weitergeführt wurde. Angegeben wurden der Name des jeweiligen Besitzers, der Zeitpunkt des Besitzübergangs sowie der gezahlte Kaufpreis, schließlich ein Verweis auf die Stelle in den Hoffebüchern, aus der die Information entnommen wurde. Die Angaben zu den Schultheißenlehen wurden mit roter Tinte eingetragen, was die Benutzung des vorhandenen Mikrofilms problematisch macht und zu Informationsverlusten führt. Zur Erleichterung der Arbeit mit dem Lehenbuch sind am Rand mit Bleistift die Hausnummern der Viertelzählung der Häuser des Marien-, Ulrichs-, Moritz- und Nikolaiviertels nachgetragen worden, da in der Titelzeile jeder Seite vom Schreiber nur die Straßennamen verzeichnet wurden. Weitere Hilfsmittel sind eine maschinenschriftliche Abschrift des Originals, die zur Verbesserung der Übersichtlichkeit die in drei Spalten im Original festgehaltenen Informationen auf sechs Spalten aufteilt. Zur Lokalisierung der Grundstücke bis zur aktuell gültigen Adresse steht eine Konkordanz zur Verfügung wurden unter den Ratsmeistern Johann Andreas Ockel und Christian Zeise unter dem Titel Hauptbücher der Stadt Halle über die gewöhnlichen Unpflichten zwei Zinsregister angelegt, von denen Band 1 das Marien- und Ulrichsviertel, Band 2 das Moritz- und Nikolaiviertel umfassen. Aus ihnen können bis 1735 die Namen der Grundeigentümer und die Lage der jeweiligen Grundstücke entnommen werden. Diese Register werden ab 1744 bis 1518 1827 durch die Grund- und Lagerbücher fortgeführt. Für den Zeitraum von 1665 bis 1827 steht zur Ermittlung der Grundbesitzer oder von Adressen ein Register zur Verfügung, das alphabetisch aufgebaut, innerhalb jedes Buchstaben nach den vier Stadtvierteln und innerhalb dieser nach der Viertelzählung der Häuser geordnet ist. Parallel zu diesen auf die Steuererhebung orientierten Büchern sind für die Jahrzehnte von 1753 bis 1823 in drei Bänden die Besitzveränderungen und dabei gezahlter Kaufschoß festgehalten worden. Aus der Zeit der Zugehörigkeit der Stadt Halle zum Königreich Westphalen ist für 1812 ein Verzeichnis der Häuser von Halle mit den Vorstädten Neumarkt und Glaucha mit Angabe der jeweiligen Hausbesitzer überliefert. Ein zweibändiges Grundbuch setzt die Dokumentation des Haus- und Grundbesitzes für den Zeitraum von 1827 bis 1890 fort. Neben diesen flächendeckend das gesamte Stadtgebiet umfassenden Dokumentationen sind auf einzelne Stadtteile begrenzte Überlieferungen erhalten, so das bereits erwähnte Bürgerbuch der Amtsstadt Neumarkt, das von einem Haus- und Grundbesitz-Verzeichnis von 1589 und einem Rathäußlichen Catastrum ueber alle und jede Häußer in der Amtsstadt Neumarkt für den Zeitraum von 1598 bis 1814 und einem Neumärktischen Grund- und Lagerbuch von 1744 begleitet wird. Für das Marienviertel liegen Auszüge aus Grundbüchern für den Zeitraum von 1650 bis 1820 vor, ferner ein Erb-, Lehn- und Zinsregister für den Vorort Beesen von 1747 bis 1831, an das sich ein Grund- und Lagerbuch des Rittergutes Beesen von 1830 bis 1849 anschließt. Für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ist eine Vielzahl personenbezogener Informationen aus den Hypothekenbüchern sowie aus den Verzeichnissen der Stadtbraugerechtigkeiten und der Siedegerechtigkeiten an den Salzkothen zu gewinnen. Eine personengeschichtliche Quelle besonderer Art stellen die 9 noch vorhandenen Erb- und Lehntafeln für die vier Solequellen Gutjahr, Deutscher Born, Meteritz und Hackeborn aus den Jahren 1656, 1715 und 1765 dar, welche für diese Zeitpunkte Besitzrechte an den Erträgen der Salzquellen festhalten. Handschriften Die Kirchenbücher Zum Dokumentationsprofil eines Kommunalarchives gehören in der Regel keine Kirchenbücher, welche der an Genealogie Interessierte in kirchlichen Archiven für Halle z. B. in der Marienbibliothek und im Archiv der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen in Magdeburg vorfindet. In Verwahrung des Ratsarchivs befanden sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts für den Zeitraum von 1577 bis 1808 Personenstandsregister in Form von 46 Bänden mit Duplikaten der Tauf-, Trau- und Totenregister der altstädtischen Kirchengemeinden sowie eines Neumärktischen Totenregisters von 1688 bis Ursächlich für diese Doppelüberlieferung war das seit der Einführung der Reformation 1541 bestehende Patronat des städtischen Rates über die Kirchen. Diese Personenstandsregister wurden 1850 an das Königliche Kreisgericht (das heutige Amtsgericht) übergeben und 1929 vom Staatsarchiv Magdeburg (heute Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt) übernommen. Diese Dokumente stehen in einer langen Reihe von Verlusten archivischer Quellen, welche in den Jahrzehnten nach den napoleonischen Kriegen entweder aus Geldnot verkauft oder wegen Platzproblemen in den Archivräumen abgegeben wurden. Heute sind in der Handschriftenabteilung noch zwei Bände als Überrest dieser Quellengattung vorhanden, die entweder religiösen Minderheiten oder Kirchengemeinden von Vororten entstammen: Für den Zeitraum von 1772 bis 1814 wurden Kirchenbücher-Auszüge der Geburten männlichen Geschlechts angelegt, welche die reformierte Domgemeinde, die katholische Gemeinde, die Militärgemeinde sowie die Georgengemeinde und die Laurentiusgemeinde der beiden Vorstädte Glaucha und Neumarkt umfassen. Registriert wurden der Name des Vaters, bei den beiden vorstädtischen Gemeinden auch dessen Stand, der Name des Sohnes, der Geburtstag und bei Todesfällen im frühen Kindesalter auch das Sterbedatum. Daneben ist das Kirchenbuch für die Deutsch-Katholische Gemeinde zu Halle aus den Jahren 1845 bis 1850 vorhanden, in dem Geburten, Trauungen und Todesfälle registriert wurden. Diese Gemeinde war am 17. August 1845 nach einem offenen Brief des Priesters Johannes Ronge ( ) gegen den katholischen Reliquienkult gegründet worden, zerfiel jedoch schon bis 1853 wieder und hatte auch zu ihrer Blütezeit nie mehr als 100 Mitglieder. Nach der Auflösung der Gemeinde wurde deren Kirchenbuch an das Ratsarchiv übergeben. Handschriften Die Urbevölkerungslisten Im Gefolge des am 22. März 1833 zwischen Bayern, Hessen-Darmstadt, Kurhessen, Preußen und Württemberg geschlossenen Zollvereinsvertrages, der am 1. Januar 1834 in Kraft trat, wurden in dreijährigem Turnus Volkszählungen im gesamten Zollvereinsgebiet durchgeführt, um die so genannte Zollabrechnungsbevölkerung zu ermitteln. Als Stichtag wurde jeweils der 3. Dezember festgelegt, die Zählungen waren möglichst an diesem Tag auch abzuschließen. In Städten bis Einwohnern wurde ein zeitliches Maximum von drei Zähltagen festgelegt, das in größeren Städten nur um das unerlässliche Maß überschritten werden durfte. Die erste Zählung von 1834 ergab eine Gesamtzahl von Einwohnern des Zollvereinsgebiets, der fünf oben genannten Gründerstaaten des Deutschen Zollvereins. Weitere Zäh- 1619 lungen fanden 1837, 1840 und im weiteren Dreijahresrhythmus bis 1867 statt. Zur Ermittlung der benötigten Daten erteilten in Preußen die jeweils zuständigen Regierungen der Regierungsbezirke für Halle die Königliche Regierung zu Merseburg eine Anweisung zur Aufnahme von Ur-Bevölkerungs- Listen. Für Halle sind diese Listen für den Zeitraum von 1840 bis 1864 in der Handschriftenabteilung des Stadtarchivs überliefert, wobei zunächst eine topographische Gliederung nach den alten vier Stadtvierteln (Marien-, Ulrichs-, Moritz- und Nikolaiviertel) sowie den Amts- und Vorstädten Neumarkt, Petersberg, Steintorvorstadt, Leipziger Torvorstadt, Glaucha, Strohhof und Klaustorvorstadt) erfolgte. Seit 1855 waren die zwölf Polizeibezirke neue Erhebungsgrundlage der Urbevölkerungslisten. Für die Jahrgänge 1843 (Glaucha sowie Strohhof und Klaustorvorstadt), 1849 (Marienviertel und Ulrichsviertel), 1855 (7. und 8. Polizeibezirk mit Neumarkt, Petersberg und Steintorvorstadt) und 1861 (6. Polizeibezirk mit Teilen des Moritz- und Nikolaiviertels) sind Lücken vorhanden. In den Listen erfasst wurden entsprechend der durchlaufenden Häuserzählung, die bis 1854 in Halle galt (ab 1855 dann in der Zählung nach Hausnummern in Straßen), sämtliche Bewohner eines Gebäudes, also im Gegensatz zu den bisher vorgestellten Quellen auch Ehefrauen, Kinder oder Unselbständige wie Dienstmägde und -knechte mit Angabe des Namens, des Standes und Gewerbes, des Lebensalters und der Konfession. Jedem einzelnen Band wurden statistische Tabellen mit den Summen der im jeweiligen Stadtviertel gezählten Personen, gegliedert nach Geschlecht und Lebensalter, vorangestellt, Taubstumme und Blinde wurden nochmals gesondert erfasst. Hier liegt zum ersten Male ein kompletter Überblick über die Stadtbevölkerung vor, der vielfältige Möglichkeiten der Recherche und Auswertung bietet, neben Verwandtschaftsbeziehungen, Lebensdaten oder Wohnsitzen auch soziale Fragen wie die Dichte der Wohnbevölkerung, Belegung von Wohnungen oder vorhandene Gewerbe und deren Lokalisierung in der verschiedenen Vierteln und Straßen der Stadt. Nachteilig sind fehlende Namenverzeichnisse der registrierten Personen, sodass über die Adressbücher zunächst der Wohnsitz eines Familienvorstands ermittelt werden muss. Handschriften Die Stammrollen und Militärpflichtigenlisten Nicht nur für zivile Zwecke, sondern auch im Interesse der Erfassung und Mobilisierung der Bevölkerung für die Verteidigung der Stadt und des Landes wurden familiengeschichtlich relevante Registraturen angelegt. Die Stadt Halle wurde nach ihrer Eingliederung in den brandenburgisch-preußischen Staat Standort einer Garnison der Armee des neuen Landesherrn. Aus der Zeit des Kommandos des Generalleutnants Johann Leopold von Thadden von 1788 bis 1799 ist eine aufschlussreiche Stammrolle dieses Regiments vom Mai 1792 überliefert. Einführend sind die Vorgänger der seinerzeitigen Kompaniechefs aufgelistet, es folgen die Rangliste der Offiziere mit Angabe des Dienstgrads, Name, Alter, Vaterland (man findet hier neben preußischen Gebieten eine nicht unbeträchtliche Zahl von ausländischen Territorien), Dienstalter und Datum des Eintritts in das Regiment. Nach Aufstellungen der Fähnriche und des Unter-Staabes, zu dem der Feldprediger, der Quartiermeister, Büchsenmacher und Profoß gehörten, sind die Maß- und Stammlisten der Soldaten der einzelnen Kompanien zu finden, beginnend mit den Feldwebeln, Sergeanten, Korporalen, Tambours, Artilleristen und Schützen, gefolgt von den Mannschaften des jeweils 1., 2. und 3. Gliedes der Kompanie. Die aufgeführten Daten Vorname, Name, Größe, Alter, Dienstzeit, Geburtsort (es überwiegen Orte im mitteldeutschen Raum), Provinz, Religion, Zahl der mitgemachten Kriege, erlittene Verwundungen ( blessiert ), Beruf, Familienstand ( beweibt ), Kinder (gegliedert nach Geschlecht), Invalide, Abgang aus dem Dienst lassen vor dem Auge des Forschers die menschliche Vielfalt einzelner Personen auch aus unteren Gesellschaftschichten entstehen und bieten breit gefächerte Fragestellungen im Rahmen wissenschaftlicher Auswertung. Wir haben es hier mit einem Dokument der auf Rekrutenwerbung auch im Ausland aufgebauten altpreußischen Armee zu tun, von der sich die Register für die Ergänzung der auf allgemeiner Wehrpflicht aufgebauten Armee nach den napoleonischen Kriegen beträchtlich unterscheiden. Für die Geburtsjahrgänge von 1808 bis 1868 liegen Alphabetische General-Listen der Militärpflichtigen vor, die jeweils im 20. Lebensjahr der erfassten Personen im Rahmen der Musterung für den Militärdienst angelegt wurden. Sie beruhten auf dem Territorialprinzip, erfassten also die jeweils in einem Kreis oder in unserem Falle in der Immediat-Stadt Halle ansässigen jungen Männer des jeweiligen Jahrgangs. Registriert wurde in alphabetischer Reihenfolge der Wohnsitz, eine laufende Nummer, Zu- und Vorname, Geburtsort und Geburtsdatum des Gemusterten, seine Körpergröße, Gewerbe oder Stand, Religion, die Namen der Eltern (hier war hinzuzufügen, ob diese noch am Leben waren), Bemerkungen (dieses Feld wurde in Körperliche Fehler konkretisiert), die Losnummer des Militärpflichtigen sowie die Entscheidungen der Kreis-Ersatz-Kommission und der Departements-Ersatz- Kommission. In insgesamt 63 Bänden finden wir hier jährlich einen kompletten Datensatz für die im 20. Lebensjahr stehende männliche Bevölkerung der Stadt, ihre Herkunft, soziale Stellung, Wohnsitz und den körperlichen Zustand bzw. eventuelle Krankengeschichte. Im Aktenbestand 1720 des Militärbüros des Magistrats der Stadt Halle befinden sich schließlich noch im Rahmen der Mobilmachung bei Beginn des ersten Weltkrieges angelegte Akten zu den Stammrollen des Landsturms. Handschriften Das Schwibbogenbuch und die Totenregister Schon Bräutigam und Hünicken sprachen in ihrem Wegweiser für Genealogen vom Stadtgottesacker als einer steinernen Familienchronik des alten Halle. Errichtet in den Jahren von 1557 bis 1594 nach Plänen des Baumeisters Nickel Hoffmann gilt er als einer der eindrucksvollsten Renaissancefriedhöfe nördlich der Alpen. 94 Schwibbögen umschließen das innere Gräberfeld. Die in diesen im Zeitraum von 1720 bis 1819 erfolgten Beisetzungen Verstorbener wurden im so genannten Schwibbogenbuch festgehalten, dessen familiengeschichtliche Bedeutung der ehemalige hallische Stadtarchivar Dr. Erich Neuß in einer Artikelserie in der genealogischen Zeitschrift Ekkehard 1929/30 dargestellt und gewürdigt hat. Das 239 Blatt umfassende Buch wurde 1760 begonnen, die Angaben aus den davor liegenden Jahrzehnten sind Nachträge. Es ist nach den Nummern der Schwibbögen geordnet, in einem jeweiligen Vorsatzblatt werden Angaben zu den Besitzverhältnissen festgehalten und nachfolgend die in den Grüften bestatteten Personen in chronologischer Reihenfolge verzeichnet. Zu entnehmen sind ferner Informationen über die Vorgehensweise beim Aussterben von Familien, die sich im Besitz eines Schwibbogens befanden, der nun eigentümerfrei an den Rat als Rechtsträger des Stadtgottesackers zurückfiel und erst nach wieder erfolgtem Verkauf weiter belegt wurde. Ergänzende Informationen zu diesen Transaktionen beinhalten auch Grundakten über Schwibbögen. Über die Beisetzungen in den Schwibbögen hinaus sind ferner Bestattungen in den altstädtischen Kirchen St. Marien, St. Ulrich, St. Moritz, in der 1828 abgebrochenen Schulkirche und im Dom registriert worden. Urheber der Eintragungen zu den Eigentumswechseln war der jeweils zum Gottesackerherrn bestellte Ratsmeister, die Verzeichnung der Bestattungen, Exhumierungen und Überführungen übernahmen die jeweiligen Totengräber. Ein alphabetisches Namenverzeichnis erschließt die im Schwibbogenbuch registrierten Bestattungen. Seit 1833 wurden über die in der Stadt Halle erfolgten Todesfälle und Begräbnisse amtliche Register geführt, die wechselnd die Bezeichnungen Totenregister und Begräbnisregister führten. Ihnen wurde ein Namenverzeichnis der Verstorbenen mit Angabe der laufenden Nummer der Eintragung vorangestellt oder am Ende angeschlossen. In den Tabellen wurden die Adresse des Toten, das Datum der Eintragung, Name und Vorname, das Alter in Jahren, Monaten und Tagen, das Sterbedatum, Todesursache, die Kirchengemeinde, Tag und Ort der Beerdigung und der Name des den Tod bescheinigenden Arztes festgehalten. Die Namensangaben wurden oft noch ergänzt mit Verweisen auf den Ehemann oder bei Kindern auf den Vater. Die Bedeutung der Rubriken Schule und Klasse erschließt sich bei einem Blick auf ein Vorsatzblatt Uebersicht der zu erhebenden Begräbnißgebühren. Die Bestattungen wurden in die Klassen I bis VI eingeteilt, wobei die Klassen I und II die Bestattungen in Grabbögen umfassten, die übrigen Klassen Erdbestattungen beinhalteten. Jede Klasse war in drei Rubriken mit der Angabe der Liegezeit über 15 Jahre, von 5 bis 15 Jahre und unter 5 Jahre gegliedert betrug z. B. die Gebühr für Klasse I über 15 Jahre 3 Taler, 27 Groschen und 6 Pfennige, Klasse VI unter 5 Jahren wurde mit 7 Groschen 6 Pfennig berechnet. Die jahrgangsweise durch alphabetische Namenverzeichnisse erschlossenen Totenregister ermöglichen einen raschen Überblick über die Mortalität der hallischen Stadtbevölkerung über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten, wobei den traurigen Tiefpunkt das Jahr 1866 mit 3066 Toten, davon 1508 Choleraopfer brachte. Neben diesen kommunalen Registern sind für den Zeitraum von November 1844 bis März 1881 und von April 1881 bis April 1904 noch zwei Bände Begräbnisregister der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Nietleben, einer der Provinz Sachsen unterstehenden geschlossenen Nervenheilanstalt überliefert. In den Listen wurden Name, Geburtsort oder letzter Wohnsitz, Stand bzw. Gewerbe, Sterbetag, Begräbnisstelle und Todesursache verzeichnet; verwunderlich erscheint in diesem Zusammenhang das durchgehende Fehlen von Geburtsdaten. Alle bisher vorgestellten Quellen sind im Original von der Benutzung ausgeschlossen und nur noch auf Mikrofilm einsehbar. Personenstandsunterlagen Am 23. Januar 1874 verabschiedete der preußische Landtag das Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Form der Eheschließung, welches am 9. März jenes Jahres durch den König ausgefertigt wurde und am 1. Oktober 1874 in Kraft trat. 1 des Gesetzes legte fest: Die Beurkundung der Geburten, Heirathen und Sterbefälle erfolgt ausschließlich durch die vom Staate bestellten Standesbeamten mittelst Eintragung in die dazu bestimmten Register. 4 Auf der Grundlage dieses Gesetzes wurden nach dem Vorbild der während der französischen Annexion des Rheinlandes bestehen- 4 Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten Nr. 7 vom 9. März Mehr anzeigen
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