Source: http://pom.bbaw.de/exist/servlet/db/JDG/scripts/search.xql?full=urkundenwesen
Timestamp: 2018-11-14 02:16:51+00:00

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Mit dem Brief- wie dem Urkundenwesen hängen außer den Briefsammlungen (hierzu aus dem Vorjahr 811) die artes dictandi zusammen. War der Einfluß italienischer Lehrbücher dieser Art auf Deutschland bereits von Wattenbach festgestellt worden, so wird eine gleichartige Einwirkung derselben auf Frankreich von Holtzmann durch Untersuchung einer vielleicht in Bologna entstandenen und möglicherweise mit Albertus von Samaria zusammenhängenden ars dictaminis nachgewiesen ( 815), die im Augustinerstift St. Jean zu Sens, vermutlich durch Prior Peter, als Unterrichtsbehelf benutzt und durch Einfügung von Musterbeispielen vermehrt wurde.
Endlich müssen hier zwei sprachwissenschaftliche Untersuchungen (zum Urkundenlatein vgl. 633a) hervorgehoben werden. Noordijks Schrift über die Sprache der Kaiserurkunden des 15. Jahrhunderts ( 655a) dürfte für die Geschichte
der Reichskanzlei von Belang sein. Carlies durch die Abbildung einer auf deutschem Boden ausgestellten Urkunde Waldemar Atterdags unterstützte Ausführungen ( 656) dagegen, die den bekannten deutschen Einfluß auf das nordische Urkundenwesen neuerlich beleuchten, zeigen, wie in der dänischen Königskanzlei (zur dänischen Königsurkunde vgl. auch 852), deren Schreiber anfangs wohl meist Deutsche waren, unter dem Einfluß der deutschen Vormachtstellung im Norden und der südwärts gerichteten Beziehungen Dänemarks neben dem Lateinischen das Mittelniederdeutsche seit 1315 vereinzelt, seit den vierziger und besonders den sechziger Jahren des 14. Jahrhunderts immer häufiger bei Ausfertigung solcher Urkunden, namentlich solcher für deutschsprachige Empfänger, verwendet wurde, während dänisch, schwedisch oder norwegisch abgefaßte Königsurkunden erst in den sechziger Jahren desselben Zeitraums allmählich einsetzten. Beschränkt sich auch das über Urkunden- und Kanzleiwesen Gesagte auf Andeutungen, so wäre doch zu wünschen, der Verfasser möge in der Lage sein, seine Untersuchungen über 1430 hinaus, also in die Zeit zu führen, aus der Kanzleibücher erhalten sind, in der die Zahl der mittelniederdeutschen Ausfertigungen noch stieg und in der eine eigene deutsche Kanzlei entstand. (Zur Urkundensprache Niederdeutschlands vgl. auch 654, 655.)
Wendet man sich den sonstigen Urkundengruppen des Mittelalters zu, so kommen hier zunächst die Traditionsbücher in Betracht. An Arbeiten über solche Bücher sind zu nennen: Wagners Aufsatz über die gefälschten Bleidenstadter Traditionen ( 873), die von einer Abbildung begleitete Veröffentlichung einer auf einem Einzelblatt geschriebenen, in den Traditionsbüchern fehlenden Notiz über eine Güterschenkung an das Hochstift Brixen von 1067 durch Redlich ( 836) sowie kurze Mitteilungen über das im 12. Jahrhundert geführte, im 13. und gelegentlich auch noch im 14. Jahrhundert zu Einträgen benutzte Traditionsbuch sowie über die jüngeren Kopialbücher des Chorherrnstiftes Neustift bei Brixen, die Sparber im Rahmen eines dem Archiv dieses Stiftes gewidmeten Aufsatzes ( 67) macht. Zu den für Klöster ausgestellten Urkunden vgl. auch 2067 und 2093. Für das kirchliche Urkundenwesen des Frühmittelalters ist auch 2115 mittelbar von Belang.
Wie das Gesagte erkennen läßt, ist Falces Untersuchung auch ein Beitrag zur Geschichte des öffentlichen Notariats. Für diese liegt außer der Schrift Chiaudanos ( 425), die zwar in der Hauptsache einem rechts- und handelsgeschichtlichen Gegenstand gilt, daneben aber Nachrichten über zwei der ältesten Genueser Imbreviaturbücher enthält, die Darstellung der Anfänge des deutschen Notariats bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts durch Koechling ( 424) vor. Gelangt dieser auch zu keinen unsere bisherige Auffassung wesentlich beeinflussenden Ergebnissen -- solche sind, wenn überhaupt, nur von Einzelforschungen zu erwarten --, so muß seine Abhandlung doch als fleißige und nützliche Zusammenstellung dessen mit Dank begrüßt werden, was sich derzeit ohne umfänglichere Heranziehung ungedruckten Quellenstoffes über das urkunden- wie kulturgeschichtlich so bedeutsame Eindringen des öffentlichen Schreibertums in Deutschland ermitteln läßt. Zur Geschichte des für das Urkundenwesen so bedeutsamen Offizialats vgl. 2132.
II. Die einzelnen Territorien.
Kirn ( 2130) macht auf jene Erscheinungen im Urkundenwesen des Kurfürstentums Mainz aufmerksam, die die Tatsache einer Nebenregierung des Domkapitels erkennen lassen. Einmal ergibt sich die Abhängigkeit des Erzbischofs sehr deutlich aus den mit 1431 einsetzenden Domstiftsprotokollen. Schon über die Entwürfe von Urkunden werden die Gutachten der Domherren eingeholt. Außerdem zeigen aus dem 15. Jahrhundert noch vorhandene Registraturbücher, daß für die Urkunden, an deren Ausstellung das Domkapitel interessiert war, ein eigenes Reinschriftregister geführt wurde, ja 1482 begegnen wir der Forderung, es möge die kurfürstliche Kanzlei doppelte Register führen, sogar ein eigenes Lehenbuch wurde angefertigt, schließlich erlangte das Domkapitel ein Verfügungsrecht über den Urkundenbesitz und einen Einfluß auf die Organisation der Kanzlei. Seit 1453 hat das Domkapitel auch eigene Kanzleibeamte gehabt. Diese Beteiligung des Domkapitels an der Regierung ist bedeutungsvoll, während die Teilnahme der Stände nur kurze Zeit wichtig wurde. --Schrohe ( 2131) veröffentlicht den Wortlaut der letztwilligen Verfügung des am 2. April 1502 verstorbenen Scholasters Dr. Bernhard Groß, die aus dem Archiv von St. Stephan in Mainz stammt und 1908 bei einem Antiquar aufgetaucht ist. Das Schriftstück, das rechtsgeschichtlich von keinerlei Belang ist, bietet eine Aufzählung der im Besitz des Testators befindlichen Bücher. --Gescher ( 2132) ist die Auffindung des ältesten Kölnischen Offizialstatuts (1306--1331) gelungen, wodurch nun klar wird, was an dem bisher ältesten Statut von 1356 neu ist -- die Einteilung der Gerichtsnotare in vier Klassen -- und was bereits einige Jahrzehnte vorher festgelegt worden ist.
III. Geschichtliche Landeskunde.
A. Helboks Regesten zur Geschichte Vorarlbergs und Liechtensteins ( 182) sind gleicherweise ein erster Abschluß und ein vielversprechender Auftakt. Denn die historische Landeskommission hatte zunächst ein Urkundenwerk ins Auge gefaßt, für das H. im 8. Bande des Archivs für
Geschichte und Landeskunde Vorarlbergs das Programm entwarf. Indes mußte jenes Urkundenwerk zunächst einem Regestenwerke weichen, das, bis 1500 geplant, mit dem Jahre 1260 einen ersten Abschluß gefunden hat. H.s Programm hatte erst das Territorium selbst näher zu umschreiben, ein doppelt schwieriges Beginnen bei einem Lande wie Vorarlberg, das sich erst spät zu leidlicher Einheit entwickelt hat. Dazu kam weiter die Schwierigkeit, daß das Urkundenwesen des Landes bis tief ins 10. Jahrhundert hinein im wesentlichen den eigenartigen Charakter der das römische Urkundenwesen lange forterhaltenden rätoromanischen Urkunde aufweist. Begreiflich, daß ihr bei dieser Sachlage H. im Verein mit R. v. Planta besondere Exkurse widmen mußte. Das Vorwort der 3. Lieferung unterrichtet über Umkreis und Überlieferung der aufgenommenen Stücke, sowie über die Grundzüge der Bearbeitung. Ein Gesamtregister sowie ein Siegelverzeichnis samt Siegeltafeln sind beigegeben. -- Die Genealogie der Grafen von Montfort-Werdenberg hat H. besonders behandelt ( 484). -- Auch A. Ulmers historisch-topographische Beschreibung der vorarlberg-liechtensteinischen Burgen und Edelsitze ( 223) ist eine weitausholende wissenschaftliche Unternehmung, die eine methodische, literarisch und archivalisch wohl unterbaute Zusammenfassung der Geschichte der rund hundert Burgen (Edelsitze) und ihrer Inhaber anstrebt. In diesem Sinne hat U. dem zweiten, beschreibenden Abschnitte, der die ehemalige Burg in der Bregenzer Oberstadt, das Schloß Hohenbregenz auf dem Gebhardsberg und die »Alteburga« auf dem Amberg bei Feldkirch (?) umfaßt, eine ausführliche Einleitung über die vorrömischen und römischen Baureste, sowie über Adel und Adelssitze im allgemeinen vorausgeschickt. -- Ins 19. Jahrhundert führt uns Gsteu ( 1673), der die Schwierigkeiten aufzeigt, die der Absolutismus Franz II. den Vorarlbergern bereitete, als es anläßlich der Wiedervereinigung ihres Landes mit der Monarchie (nach dem bayrischen Zwischenspiel) galt, den Artikel 13 der Bundesakte durchzuführen, d. h. eine landständische Verfassung einzurichten. Zwar wurden 1816 Wahlen ausgeschrieben und vollzogen, aber es fehlte an einer Feststellung der Befugnisse dieser Landstände. Daß es in dieser Hinsicht zu keiner endgültigen Entscheidung kam, dazu trug auch die Furcht bei, die Wiederbelebung der Stände würde den Einfluß der Schweizer Umstürzler im Lande stärken. Dem 1832 gemachten Ansinnen, Vorarlberg mit Tirol auch in der Verfassung zu verbinden, antworteten die Vorarlberger Stände mit einem Nein. (B.)
A. Urkunden und ihre Schreiber im fränkischdeutschen Bereich.
Für das Urkundenwesen der Frankenzeit (zu den bischöflichen gesta 170) kommen die oben S. 184 erwähnten Darlegungen über das Gerichtschreibertum ( 1511) in Betracht. Die Schrift der provenzalischen Urkunden des 12. Jahrhunderts untersucht Brunel ( 367; zum flamischen Urkundenwesen 399). Wonisch bespricht unter Beigabe von Abbildungen, eine Reihe von Fälschungen erörternd, die großenteils von den Empfängern hergestellten, z. T. in Form besiegelter Notizen gehaltenen Ausfertigungen der Markgrafen Otakar II., Leopold, Otakar III. und IV. von Steiermark und zeichnet so ein Bild des, den südostdeutschen Verhältnissen entsprechenden Urkundenwesens dieser Fürsten ( 395). Den von einem Unbekannten, vielleicht dem Empfänger, besiegelten, undatierten Parteientwurf zu einer noch in Urschrift erhaltenen Urkunde Herzog Friedrichs II. von Österreich und Steiermark für den als »frater noster« bezeichneten Leopold von Blumenau und die Frage, welchem Adelsgeschlecht dieser Mann angehört habe, behandelt Mitis unter Beigabe einer Siegeltafel ( 926; zu den Fürstenurkunden auch 401, 404, 906). Über Schreibstube und Bücherei des Klosters Heilsbronn an der Wende des 13. und 14. Jahrhunderts macht Grießer Mitteilungen ( 365a). Vock sucht nachzuweisen, daß die in gleichartigen Formen gehaltenen Urkunden des Stiftes und der Stadt Kempten in der Zeit von 1320--1380/82 nicht von Kanzleikräften, sondern von selbständigen Berufsschreibern hergestellt wurden, deren es in der Stadt stets 2--4 gab und von denen manche nachmals Stadtschreiber wurden, dann aber keine Urkunden mehr fertigten ( 365). Halten diese Ausführungen einer Nachprüfung, deren sie noch bedürfen, stand, so wäre ihr Ergebnis sehr beachtenswert (zum städtischen Urkundenwesen auch 188, 324, 399a, 402, 672, 984, 1560, 1566, 1757, 1817, 1859).
Das Urkundenwesen der Traungauer Grafen (und Herzoge) des 12. Jahrhunderts, die der Steiermark den Namen gegeben haben, ist nunmehr von Pater O. Wonisch einer kritischen diplomatischen Untersuchung unterzogen worden ( 395). Das Urkundenmaterial ist geringfügig an Zahl und arm an Originalen, auch vielfach gefälscht: Schwierigkeiten besonderer Art, die W. gleichwohl überwunden hat. Der Stoff ist nach den 21 Urkundenempfängern gegliedert, die Spuren der Anfänge eines eigenen Kanzleiwesens sind sorgfältig festgehalten. Unter den Urkunden für die steirischen Ministerialen (Empfängergruppe 17) ist der Georgenberger Handfeste von 1186 das Hauptaugenmerk gewidmet. Eine Urkundenübersichtstafel und drei Schriftprobentafeln sind beigegeben.
--Pircheggers Abriß ( 247) ist im ersten Bande S. 629 bereits angezeigt.
§ 6. Urkunden- und Zeitrechnungslehre.
IV. Urkundenwesen des Frankenreiches. (Hiezu auch 648, 652, 1285, 1700). Neben dem Urkundenlatein der Merowingerzeit, dem sich eine umfangreiche Arbeit Vielliards ( 444) und -- unter Beschränkung auf die Königsurkunden -- ein ohne jede diplomatische Sachkenntnis geschriebener Aufsatz Martins ( 445) zuwenden, wurden besonders die Formulae Marculfi zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht. Levillain hatte im Gegensatz zu Krusch und unter Wiederaufnahme einer älteren Ansicht zu beweisen versucht, daß die genannte Sammlung auf Grund uns verlorener Vorlagen im Auftrag des im Jahr 657 verstorbenen Bischofs Landerich von Paris entstanden sei. Sproemberg widerlegt erfolgreich diese Annahmen, übernimmt aber unter Beibringung neuer Gründe die Ansicht des Franzosen, Markulf, der kein Schulmeister und nicht Mönch in Resbach gewesen sei, sowie dessen Auftraggeber Landerich, der nicht mit Sicherheit als Bischof von Meaux angesehen werden könne, hätten -- letzterer als Referendar -- der Reichskanzlei angehört und tritt -- allerdings von einem etwas einseitigen Standpunkt aus -- dafür ein, daß die Formulae Marculfi als Behelf zum Gebrauch der königlichen Notare zwischen 721 und dem Beginn der Dreißigerjahre des 8. Jhds. (also nicht, wie Krusch angenommen hatte, 721--22) im Zusammenhang mit dem Hervortreten der Hausmeierkanzlei geschaffen worden seien ( 272). Bedeutung und Wirkung der Markulfschen Sammlung beleuchtet eine umfassende Abhandlung Zatscheks ( 273), deren sehr beachtenswerte Ergebnisse gelegentlich Sproembergs Ansichten berichtigen, so vor allem betreffs der unteren Zeitgrenze für die Entstehung der Formulae Marculfi. Zatschek zeigt, daß westliche Formularsammlungen, namentlich die schon 724 in Weißenburg verwendeten Formulae Marculfi und die Formulae Salicae Lindenbrogianae, an deren salischem Ursprung festzuhalten sei, dank der Tätigkeit des Gerichtschreibertums weit stärker und nachhaltiger, als man bisher vermutet hat, in den Privaturkunden des Ostfrankenreichs benützt worden seien, wobei man sich in dessen westlichen Landschaften eng an die Vorlagen angeschlossen habe, während in Bayern bald neue, rasch wechselnde Formulare geschaffen worden wären. Er verfolgt weiter, wie die -- vielleicht unter Auswertung merowingischer Register gefertigten -- Markulfformulare, vermutlich auf dem Umweg über die Hausmeierurkunde 726--44 in die Reichskanzlei eindrangen, wo sie vor allem unter
Pipin benützt wurden, um dann gegen Ende des 8. Jhds. allmählich zurückzutreten und nur noch einmal vorübergehend wieder herangezogen zu werden. Mit den Formulae epistolares Augienses (Collectio C) beschäftigt sich Beyerle ( 244), der unter Beigabe einer chronologischen Übersichtstabelle über diese Sammlung 13 Stücke derselben mit Sicherheit, einige andere mit Wahrscheinlichkeit als Briefe Walahfried Strabos erweist. Sparbers Ausführungen über die von ihm -- nach der Abschrift im Freisinger Traditionsbuch -- abgebildete Schenkungsurkunde des Edlen Quartinus für Innichen von 827--28 ( 280) sind wertlos.
V. Kaiser-, Königs- und Papsturkunden. Verschiedene Arbeiten gelten dem Urkundenwesen der deutschen Herrscher (hiezu auch 271, 276, 281, 398, 666--68, 670, 672, 734a, 1292). Sie beleuchten vor allem die Kanzleigeschichte. Während sich mit Urkunden des ersten Saliers nur ein Aufsatz Heubergers befaßt, der die Grafschaftsverleihungen dieses Herrschers und seines Vorgängers an die Hochstifter Trient und Brixen bespricht ( 1309a), fördern einige höchst wertvolle Neuerscheinungen tiefgreifende Aufschlüsse über Tätigkeit und politische Bedeutung der Reichskanzlei unter Heinrich IV. und dessen beiden Nachfolgern zutage. Hirsch zeigt, wie der Codex Udalrici aus den Beziehungen Bambergs zur Reichskanzlei unter den drei letzten Saliern und Lothar III. erwuchs, wertet diese Sammlung demgemäß als kaiserliches Gegenstück zum Register Gregors VII. und kommt auf Grund der dadurch gegebenen Anschauung zum Schluß, daß die Kanzlei gewisse, durch Udalrich überlieferte Aktenstücke (gefälschte Investiturprivilegien Hadrians I. und Leos VIII., kaiserliche Fassung des Papstwahldekrets von 1059 und des Wormser Konkordats) für den politischen Gebrauch bereitgehalten und somit in den Kampf der Geister eingegriffen habe ( 274). Dabei ergeben sich Einblicke in die geistig-politische Bedeutung der beiden ostfränkischen Bistümer unter Saliern und Staufern und in die Stellung der Hofkreise zum endgültigen Abkommen Heinrichs V. mit der Kirche. Namentlich muß aber auch an dieser Stelle auf Schmeidlers großes Buch über Heinrich IV. und seine Helfer im Investiturstreit ( 691) verwiesen werden. Dieses Werk arbeitet mit Hilfe verfeinerter Stilvergleichung Persönlichkeit, Kanzleitätigkeit und diplomatisch-politische Wirksamkeit von vier Schreibern Heinrichs IV. (vgl. hiezu auch Jahresberichte 1926, S. 186, 264) heraus und gewinnt auf diese Weise ganz neue Erkenntnisse über Einrichtung, Arbeitsweise und politischen Einfluß der Reichskanzlei, über die Entstehung des Codex Udalrici und verwandter Sammlungen (aus Briefbüchern von Notaren, vgl. hiezu auch Jahresberichte 1925, S. 229 und 1926, S. 262) und über vieles andere, so über Konzeptfertigung in der Reichskanzlei und über die Entstehung verschiedener wichtiger Urkunden. Einzelne Bedenken gegen Schmeidllers Methode und Ergebnisse vermögen den Wert seiner ungewöhnlichen, die Forschung nachhaltig anregenden Leistung nicht zu mindern. Endlich erfährt unser Wissen von der Kanzlei Lothars III., dessen im wesentlichen von Petrus Diaconus verfaßte Besitzbestätigung für Monte Cassino Zatschek sachlich und diplomatisch erläutert (Neues Archiv 47, S. 174--224) eine bedeutsame Erweiterung durch die von Hirsch und v. Ottenthal besorgte Ausgabe der Urkunden dieses Herrschers und der Kaiserin Richenza ( 669). Es erweist sich dabei, wie aus den Vorbemerkungen zu den einzelnen Stücken und aus der von Hirsch verfaßten Einleitung hervorgeht, daß die Schreiber des Kaisers
etwa die Hälfte des Auslaufes ohne Beteiligung des Empfängers erledigten, daß sie sich nur vorübergehend und äußerlich vom Vorbild der Papsturkunde beeinflussen ließen und vor allem, daß die Zeit Lothars in der Geschichte der Reichskanzlei keinen Einschnitt, sondern nur einen Einschub darstellt.
VI. Sonstiges Urkundenwesen (hiezu auch 88, 283 a, 284, 289, 673, 677, 678, 720, 738, 740, 767, 1304, 1325, 1334, 1343, 1348, 1378, 1469, 1488, 1710, 1711, 1835, 1840). Nicht nur anläßlich der Veröffentlichung von Urkunden (s. o. S. 126), sondern auch im Rahmen verschiedener geschichtlicher Arbeiten wurden einschlägige Gegenstände berührt. So behandelt H. Meier in seinem Aufsatz über Gertrud, Herzogin von Österreich und Steiermark ( 762) anhangsweise unter Beifügung einer Tafel die neun zum größeren Teil in Urschrift erhaltenen Urkunden dieser Fürstin, während Stolz in seiner Geschichte der Ausbreitung des Deutschtums in Südtirol ( 373 a) wertvolle Mitteilungen über das Aufkommen der deutschen Urkundensprache in dieser Landschaft, namentlich im Bozner Unterland sowie über Notare dieser Gegend macht. Im übrigen ist hier nur auf wenige Neuerscheinungen zu verweisen. Schnettler untersucht Zeugenreihen westfälischer Urkunden ( 286), St. Ketrzynski (Kwartalnik
Historyczny 41, S. 257--273) die unregelmäßige Datierung der polnischen Urkunden. Daß die von Erzherzog Karl, Kaiser Rudolf II. und Papst Sixtus V. im Jahr 1586 ausgestellten Stiftungsbriefe für die Universität Graz rückdatiert seien, weist Erben in einem mit drei Tafeln ausgestatteten Aufsatz nach ( 281) (zu den Fürstenurkunden u. a. auch 763, 1526). Delehayes Abhandlung über die von mehreren Bischöfen ausgestellten Ablaßbriefe, deren zweiter Teil jetzt erschienen ist ( 1611), wurde bereits in den Jahresberichten 1926, S. 188 angezeigt. Kirn veröffentlicht die erste Hälfte seiner Untersuchung über das Kanzlei- und Urkundenwesen der Mainzer Erzbischöfe im 15. Jhd. ( 282). Er behandelt an Hand der von ihm in Würzburg und München eingesehenen Urschriften Arten, Sprache und Datierung der Urkunden sowie die Stufen der Beurkundung und wendet sich dann den Registern, den (kopialen) Lehenbüchern sowie dem Archivwesen zu. Seine frisch und lebendig geschriebene Darstellung läßt neben Zügen, für die sich im Urkundenwesen der andern deutschen Fürsten allerwärts Seitenstücke nachweisen ließen, auch einzelne Besonderheiten hervortreten, deren auffallendste die starke Einmischung des Domkapitels in die Kanzleigeschäfte ist (vgl. hiezu Jahresberichte 1925, S. 392). Ein von sechs Tafeln begleiteter Aufsatz Möllenbergs ( 288) beschäftigt sich mit dem aus dem Prämonstratenserstift U. L. Fr. zu Magdeburg stammenden, jetzt im dortigen Staatsarchiv befindlichen Codex Viennensis, der 89 von vier Schreibern des ausgehenden 12. Jhds. eingetragene, größtenteils jenes Kloster oder die Reichspolitik unter Friedrich I. betreffende Schriftstücke und elf von zwei Händen des 14. Jhds. hinzugefügte, auf das Frauenstift bezügliche Urkunden enthält. Es wird nachgewiesen, daß der im 12. Jhd. entstandene Teil dieses Bandes nicht als Formularbuch, sondern als eine in ihrer Art einzig dastehende Urkundensammlung zu betrachten ist, die von drei, dem Magdeburger Prämonstratenserstift entnommenen Schreibern Erzbischof Wichmanns hergestellt wurde. Santifaller veröffentlicht unter Beigabe einer Tafel eine kurze Übersicht über die aus den Jahren 1445--1794 stammenden Brixner Lehenbücher und die den Jahren 1781--1805 angehörigen hochstiftischen Lehentaxbücher und teilt ein Bruchstück aus dem ältesten jener Bände mit ( 278). Auf die Ausgabe des um 1300 entstandenen Eppsteinischen Lehenbuches ( 1482) sei hingewiesen. Martin behandelt den mit Unrecht als Briefbuch Erzbischof Eberhards I. von Salzburg angesprochenen, in Wahrheit zu dessen Zeit in Admont entstandenen Kodex 629 (ius. can. 133) der Wiener Nationalbibliothek und den z. T. auf diese und eine zweite Salzburger Briefsammlung zurückgehenden, aus dem 16. Jhd. stammenden Kodex XI, 671 der Hannoverschen Provinzialbibliothek (Mitteilungen des österr. Institut für Geschichtsforschung 42, S. 313--342), Davidsohn eine nach 1265 wohl zu Mailand zusammengestellte Briefsammlung und ein aus der zweiten Hälfte des 15. Jhd. stammendes Urkundenbuch der Grafen Fieschi von Lavagna ( 671).
Dankbar ist zu begrüßen, daß Rehme in Fortsetzung seiner Vorarbeiten für ein Werk über die deutschen Stadtbücher des MA. den ersten Teil einer alphabetisch angelegten Übersicht über die vorhandenen Bücher dieser Art veröffentlicht ( 1297). Er behandelt -- im wesentlichen nur auf Grund des gedruckten Stoffes und des sonstigen Schrifttums -- teils in knappen Mitteilungen, teils in umfangreicheren Untersuchungen die einschlägigen Archivalien, vor allem die Justizbücher von 170 Städten. Mag sich diese Zusammenstellung etwa auch im einzelnen noch vervollständigen lassen, so ist doch durch sie eine äußerst wertvolle Grundlage für alle weitere Forschung geschaffen. Pahncke setzt seine Erschließung der Stadtbücher von Neuhaldensleben (für die Jahre 1480--82) fort ( 128; vgl. Jahresberichte 1926, S. 188). Weiter werden veröffentlicht bzw. bearbeitet oder ausgewertet: das in den Jahren 1297--1628 geführte älteste Stadtbuch von Osnabrück, das im wesentlichen eine Statutenbuch ist, aber auch anderes, so Einträge über Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit enthält, durch Fink ( 1340), das Witzenhauser Stadtbuch von 1558--1612 durch Eckhardt ( 1331), das älteste Berliner Bürgerbuch aus den Jahren 1453--1700 durch v. Gebhardt ( 319), das Konitzer Bürgerbuch aus der Zeit von 1550--1850 durch Kloss ( 322), das »Blutbuch« (Register über die peinlichen Fragen) von Braunau in Böhmen aus dem Jahr 1550 durch Weiß ( 1391), das »schwarze Buch« (Gerichtsbuch) von Gleiwitz durch Chrzaszcz ( 1390) und das derzeit wieder verschollene, im wesentlichen aus dem 16. Jhd. stammende Gerichtsbuch von Pfalzfeld im Hunsrück, das außer Gerichtsprotokollen auch mancherlei andere Einträge, so altertümliche Hegungsfragen des Vogteigerichtes aus der zweiten Hälfte des 18. Jhd. enthält, durch Frommhold ( 1329). Pfitzners Arbeit über die Achtverzeichnisse von Neisse aus dem Ende des 13. Jhd. wurden schon in den Jahresberichten 1926, S. 188, 381, 568 angezeigt. Während Schier Schreiberverse aus Friedländer Stadtbüchern ( 252) mitteilt, bringt Fr. v. Klocke Nachrichten aus dem untergegangenen ältesten Ratswahlbuch von Münster von 1354--1531 ( 203). Inhaltlich beuten Th. Hampe die Nürnberger Malefizbücher des 14.--18. Jhds. ( 1310) und Schuster die Görlitzer Ratsrechnungen von 1375--1419 ( 1503) aus (zu den Urbaren und verwandten Quellen 320, 1321, 1434, 1471, 1502, 1590, zu den Hochschulmatrikeln 2077, wohl auch 1958, 2079, zu den Totenbüchern 1682, 1692). Hier sei auch der von Bretschneider besorgten Übersetzung des auch für das schlesische Urkundenwesen wichtigen Gründungsbuches von Heinrichau ( 1691) sowie einer neuen Lieferung von Podlahas Libri erectionum archidioecesis Pragensis ( 1654) gedacht.
Den urkundlichen Quellen der Merowingerzeit gelten die Untersuchungen ihrer Sprache von Vielliard ( 444) und Martin ( 445) und die in anderem Zusammenhang zu würdigenden Arbeiten über das Formularbuch des Markulf von Sproemberg ( 272) und Zatschek ( 273) (vgl. S. 129), von denen die zweite in die Karolingerzeit hinübergreift; zur Ergänzung verweise ich auf die wenig bekannten »Untersuchungen zu den Urkunden Karls des Großen« von Georg Kleeberg, eine Berliner Dissertation von 1914, die auch die Verwendung Markulfs in der Kanzlei Karls behandelt. Mit dem 634 in Verdun ausgestellten Testament des Diakons Adalgisel-Grimo, einer der ältesten echten Urkunden des Frankenreichs, beschäftigt sich Levison in dem ersten Teil seines Aufsatzes zur Geschichte des Klosters Tholey ( 1676), der von erzählenden Quellen über jene Zeit namentlich auch die späte Vita des Bischofs Paulus von Verdun und die Vita Chraudingi des Abtes Richard von St. Vannes ( 1046) berührt. Die große Urkundensammlung der Académie des inscriptions et belles-lettres ist um die von Levillain bearbeiteten Urkunden der Karolinger Pippin I. und Pippin II. von Aquitanien bereichert worden ( 652); die Ausgabe bedeutet nicht
sowohl eine Vermehrung der vorher bekannten Diplome wie ihre kritische Bearbeitung. Die umfangreiche Einleitung behandelt nicht nur das Urkundenwesen der beiden Könige, sondern auch die Ausdehnung Aquitaniens in der ersten Hälfte des 9. Jhds. und die in den Urkunden erwähnten Gaue des Landes.
VII. Kirchengeschichte.
In sorgfältiger Editionsarbeit hat Clemm ( 1678, vgl. Jahresber. 1925, 2093 und 1926, 1994) die Regestierung der Urkunden des Prämonstratenserstiftes Ober- und Niederilbenstadt bis zum Übergang Ilbenstadts in Hessen-darmstädtischen Besitz 1806 weitergeführt und beendet. Hervorzuheben ist das reichhaltige Wort- und Sachregister, in dem z. B. unter dem Stichwort: Urkundenwesen zweieinhalb Spalten gebracht werden.
I. Urkundenfälschungen, Geschichte der Urkundenforschung.
Während sich Vercauteren ( 202) mit einem angeblichen Diplom Chilperichs I. beschäftigt und Bertolini ( 203) einen vorgeblichen Gerichtsbrief Landolfs VI. von Benevent von 1061 als ein 1061--1075 gefertigtes Machwerk erweist, zeigt Bauermann ( 214), daß die von ihm in Nachbildung und Abdruck wiedergegebene Gründungsurkunde des Klosters Abdinghof zu Paderborn von 1031 -- nach seiner Ansicht vom Verfasser der Vita Meinwerci -- in den Jahren 1146--1165 zusammen mit anderen Urkunden gefälscht worden sei. Mit Hilfe umfassender Sach- und Stilkritik untersucht Meinert ( 204, vgl. Jberr. 1925 Nr. 422) in Fortführung der Forschungen Halphens und anderer französischer Gelehrter die größtenteils verunechteten oder ganz gefälschten Gründungsurkunden und ältesten Papstprivilegien von St. Trinité zu Vendôme und weist in klarer Gedankenführung Gottfried, der 1093--1132 dem genannten Kloster vorstand, als Urheber der Fälschungen nach. Oppermann widmet ein umfangreiches, von einem Atlas mit 32 Lichtdrucktafeln begleitetes Werk ( 134) einer eingehenden Prüfung der von deutschen, französischen und englischen Königen, Grafen von Flandern, Päpsten, Bischöfen und Privaten ausgestellten Urkunden des Klosters St. Peter auf dem Berge Blandinium zu Gent aus dem (angeblich) 7. bis 12. Jhd. sowie einer Darstellung der älteren Geschichte dieser Stadt. Das in jahrzehntelanger Arbeit entstandene Buch, dessen Ausführungen allerdings, besonders soweit sie die Verfassungsgeschichte betreffen, teilweise bestritten worden sind, enthält eine Fülle von Beobachtungen zum Urkundenwesen und zur Geschichte Flanderns. Der beschränkte Raum verbietet, auf Einzelheiten einzugehen und dadurch eine Anschauung vom Reichtum des Gebotenen zu geben. Es sei nur hervorgehoben, daß Oppermann -- großenteils mit Erfolg -- den Nachweis unternimmt, daß die meisten der von ihm untersuchten Blandinium- Urkunden -- vor allem um 1070 und 1225 -- verunechtet oder ganz gefälscht worden seien, wie denn auch die Geschichtschreibung, besonders die Hagiographie des genannten Klosters mit ähnlichen Mitteln gearbeitet habe, und daß er die ältere Geschichte von Gent sehr eingehend, und zwar so darstellt, als sei die
Entwicklung dieser Stadt von Anfang an und noch verhältnismäßig spät im Zeichen der feudalen Grundherrschaft gestanden. (Vgl. auch S. 525.) Trinks ( 206), der die unten besprochene Abhandlung Hirschs ( 205) erst während des Druckes seiner Arbeit benützen konnte, sucht die Übereinstimmung der urkundlichen und chronikalischen Nachrichten über die ins Jahr 1146 fallende Gründung der Zisterze Wilhering bei Linz a. D. sowie das einstige Vorhandensein einer heute verlorenen, auf diesen Vorgang bezüglichen Aktaufzeichnung zu erweisen und zeigt u. a., daß ein Privileg Innozenz' III. sowie Urkunden B. Eberhards II. von Bamberg von 1146 und 1154 -- nach seiner Ansicht zum Vorteil B. Eckberts von Bamberg ( 1237) -- gefälscht worden seien. Das freche und erfolgreiche Treiben eines landkundigen, von Herzog Friedrich IV. von Österreich, Grafen von Tirol, geschützten Fälschers, des Kanzleischreibers Ulrich Kassler, schildert Stolz ( 210). Seine Ausführungen lassen erkennen, daß man in Tirol bereits in der ersten Hälfte des 15. Jhds. bei Prüfung verdächtiger Urkunden Schrift- und Siegelvergleich übte. Auch in innerdeutschen Landschaften entwickelten sich in der Folge bei Untersuchung von Fälschungen (zu diesen vgl. auch 1028, 1268, 1298, 1306) Ansätze zu paläographischer Urkundenkritik. Dies zeigen J. K. Mayrs Mitteilungen ( 209) über die Art und Weise, in der der Salzburger Hofrat 1543 eine unechte Privaturkunde von 1479 verwarf. Die Entstehung einer außerdeutschen Fälschung und ihre Entlarvung in der Kanzlei Bonifaz VIII. behandeln H. Finke und Elsbeth Jaffé in ihrem Aufsatz über den gefälschten Ehedispens für König Sancho IV. von Kastilien und Maria de Molina (Archiv f. Kulturgesch. 19, 1 S. 139--157). Beiträge zur Geschichte der eigentlichen Urkundenforschung (hierzu auch 106) liefern Bergkamp ( 194) mit seiner Arbeit über Mabillon und die Mauriner und Schmitz-Kallenberg ( 197), der auf die bereits durchaus wissenschaftlich eingestellte Dissertatio de diplomatibus pontificiis des Dominikanergenerals A. Bremond ( 1755) aufmerksam macht. Mittelbar hierher gehören auch Hessels Ausführungen ( 196), die Deutschland das Verdienst zuweisen, den schon von Mabillon gefaßten Gedanken der Anlegung von Regestensammlungen aufgegriffen, in die Tat umgesetzt und aufs vollkommenste ausgebaut zu haben, sowie die Erörterungen Prous ( 195) über die Veröffentlichung von Urkunden.
Ein sehr wichtiges Korrektiv zu den in der schlesischen Forschung namentlich durch die Arbeiten W. Schultes verbreiteten Anschauungen W. Kętrzyńskis über das älteste polnische Urkundenwesen bringt die Untersuchung K. Maleczyńskis über die polnischen Kanzler des 12. Jhds. ( 137). Aus der Heranziehung aller Zeugnisse über ihre Tätigkeit ergibt sich, daß sowohl den Senioren des Piastenhauses wie den groß- und kleinpolnischen und -- gegen Ende des Jahrhunderts -- den schlesischen Teilfürsten Kanzler dienten, die man nicht etwa, wie das geschehen ist, als Funktionäre der Domkapitel betrachten kann, mochten sie auch regelmäßig den Domkapiteln der in Frage kommenden Bischofsstädte als Kanoniker angehören. Auch die Annahme T. Wojciechowskis, daß die polnischen Senioratskanzler regelmäßig auf den Posener Bischofsstuhl erhoben worden seien, erweist sich als unhaltbar.
Ein Erzkanzleramt nach fränkischem Muster läßt sich in Polen nicht nachweisen, die Kanzleiorganisation entspricht vielmehr derjenigen der Nachbarländer Böhmen und Ungarn; im einzelnen weist sie beachtenswerte, auch durch die Entwicklung im 13. Jhd. bestätigte Unterschiede in ihrer Ausgestaltung in Groß- und Kleinpolen auf. Wichtige Beiträge zur Geschichte der Kanzlei Władysław Łokieteks und Kasimirs des Großen bringt die tiefschürfende Untersuchung St. Kętrzyńskis über die Entstehung des polnischen Kronkanzleramtes ( 94). Endlich mag in diesem Zusammenhang auf die Arbeit A. Wolffs über die Relationsformel in der Kanzlei der masovischen Herzöge ( 239) hingewiesen werden.
II. Antikes Urkundenwesen. Formeln und Formularbücher. Urkundenfälschungen.
Die Bedeutung von Steinackers Darstellung der antiken Grundlagen der frühma.lichen Privaturkunde (vgl. Jberr. 3, S. 127) kommt in einer Reihe von eingehenden Besprechungen ( 259) zum Ausdruck, deren eine, verfaßt von Ferrari ( 260), den Umfang eines selbständigen Aufsatzes erreicht. Voltelini ( 267) beleuchtet an einem Einzelfall in aufschlußreicher Weise das Nachleben antiken Erbes im ma.lichen Urkundenwesen, indem er zeigt, wie die Fluch- und Strafformeln des Altertums von der christlich-germanischen Welt übernommen, zum Teil fast unverändert beibehalten, zum Teil mit anderm Geist erfüllt wurden und so in den Urkunden des MA. zu neuer Bedeutung gelangen konnten, weil sie im Rechtsbewußtsein dieser Zeit einen Halt fanden. Schillmanns Buch über Entstehung und Inhalt der Formularsammlung des Marinus von Eboli ( 265) und die der Entwicklung einzelner Formeln gewidmeten Arbeiten Falces ( 266), Menths ( 268), Fliniaux' ( 269) und Dumas' ( 270) waren dem Berichterstatter nicht zugänglich. Dasselbe gilt von L. v. Winterfelds Untersuchung der Echtheit der ältesten Soester Stadturkunde ( 283) (vgl. § 60), von Schieß' Abhandlung über Tschudis Meieramtsurkunden ( 280) (vgl. § 68) und von Mays Aufsatz über zwei moderne Urkundenfälschungen zur ältern Geschichte der Stadt Diez ( 282). Hirsch ( 277) erweist Privilegien Cölestins III. für Murbach (J. L. 16 706) und Kalixts II. für Hugshofen (J. L. 7130) sowie eine Urkunde Friedrichs I. für denselben Empfänger (St. 3971) mit Hilfe diplomatisch-rechtsgeschichtlicher Betrachtung als im 13. Jhd. gefälscht bzw. verunechtet. Zu den Urkundenfälschungen vgl. auch 1333, 1714.
III. Urkunden und Kanzleien der Päpste und Könige.
Lücken unserer Kenntnisse von den ma.lichen Herrscherkanzleien und deren Ausfertigungen füllen zwei Veröffentlichungen des Berichtsjahrs aus. Heuberger ( 264) gibt, vor allem auf Grund einiger Stellen bei Viktor von Vita und zweier durch diesen Schriftsteller überlieferter Erlasse Hunerichs eine Darstellung des bislang noch ganz unerforschten Urkunden- und Kanzleiwesens der Vandalenkönige. Diese erweitert sich durch Heranziehung der abschriftlich erhaltenen Urkunden anderer ostgermanischer Herrscher und durch Verwertung unserer derzeitigen Kenntnisse von Kanzlei- und Urkundenwesen der römischbyzantinischen Kaiser, der Päpste, der Merowinger und Langobardenkönige zu einem vergleichenden Überblick über die bisher noch nicht im Zusammenhang behandelte Gesamtentwicklung der Formen der Herrscherurkunden und der Einrichtungen der Reichskanzleien der Völkerwanderungszeit. Rassow ( 272) hingegen stellt in einer umfangreichen, von 5 Tafeln begleiteten Arbeit auf Grund der in Madrid vorhandenen Stücke Kanzlei- und Urkundenwesen Kaiser Alfons VII. von Spanien dar und schließt Regesten dieses Herrschers an. Seine gründlichen und ertragreichen Ausführungen, in denen zum erstenmal in vollwertiger Weise ein Ausschnitt aus dem noch wenig bekannten Urkundenwesen des ma.lichen Spaniens behandelt erscheint, lassen deutlich grundsätzliche Unterschiede zwischen der spanischen und der deutschen Königsurkunde erkennen. Es wäre lebhaft zu wünschen, daß weitere Forschungen in ähnlicher Art auch über Schreibstuben und Ausfertigungen anderer Herrscher der iberischen Halbinsel Aufschluß geben möchten. Denn das letzte Ziel der Forschung auf dem Gebiet der ma.lichen Königsurkunden, eine auf vergleichender Betrachtung beruhende Erkenntnis der Gesamtentwicklung dieser Schriftstücke und der Reichskanzleien des Abendlandes, kann erst erreicht werden, wenn man wenigstens in großen Zügen Klarheit über alle einschlägigen Erscheinungen besitzt.
V. Deutsches Urkunden- und Kanzleiwesen des Hoch- und Spätmittelalters.
Martin ( 276) legt dar, daß dem Schriftvergleich zufolge in der zweiten Hälfte des 13. Jhds. am Hof der Salzburger Erzbischöfe eine geordnete Kanzlei nicht bestand und zeigt, daß das öffentliche Notariat erst 1314 von Südtirol aus im Erzbistum Salzburg eindrang, hier jedoch erst gegen Ende des 14. Jhds. einige
Bedeutung erlangte. Eine umfangreiche und gründliche Untersuchung Schöffels ( 278) behandelt eingehend die fast ausnahmslos in lateinischer Sprache gehaltenen Bamberger Bischofsurkunden des 13. Jhds. Die auf Schrift- und Diktatvergleichung gestützten Darlegungen des Verfassers lehren, daß die bischöflichen Notare schon zu Beginn des in Frage kommenden Zeitraums den weitaus größten Teil der Urkunden ihres Herrn verfaßten und schrieben und daß die Ausstellerherstellung zu Bamberg in der Folge rasch noch weiter an Boden gewann. Schröders Aufsätze über das hochma.liche Urkunden- und Kanzleiwesen der Bischöfe von Augsburg und über den Kursus in den damaligen Urkunden dieser Kirchenfürsten ( 279) und die Arbeit Klymenkos über die Urkunden Mindowes für den livländischen Orden ( 285) waren dem Berichterstatter nicht zugänglich (vgl. S. 435). Zu den deutschen Bischofs- und Fürstenurkunden vgl. auch 70, 229, 331, 703, 733, 778, 787. Das bemerkenswerteste Ergebnis der in mehr als einer Hinsicht höchst aufschlußreichen Abhandlung Weises ( 281) für die Urkundenlehre ist, daß im Kloster St. Pantaleon zu Köln schon in der ersten Hälfte des 12. Jhds. die Urkundenherstellung einigermaßen organisiert war und daß der weitaus größte Teil der im genannten Jhd. für dieses Stift ausgestellten Urkunden von Empfängerschreibern herrührt (vgl. auch S. 512). Zum städtischen Urkundenwesen vgl. 60, 160 f., 509, 792, 1394, 1548; zum Offizialat 1762; zur Urkundensprache 502, 508 f.
Die im ganzen recht nützliche Arbeit von Heydel über das Itinerar Heinrichs des Löwen ( 733) bedarf hinsichtlich der westfälischen Beziehungen des Herzogs mehrfach der Ergänzung (vgl. J. Bauermann, Sachsen u. Anhalt 7, 1931, S. 204; S. 234 f.). -- Im Anschluß an die Behandlung der »ältesten Soester Stadturkunde« (von 1166/70) durch von Klocke (vgl. Jberr. Bd. 3, 1927, Nr. 1334 u. S. 546) hat sich zwischen ihm und L. von Winterfeld eine lebhafte Kontroverse über die Echtheit dieses Dokuments entsponnen. von Winterfeld behauptet, es sei »sehr stark der Fälschung verdächtig«; sie sucht den Fälscher im Soester Patroklistift, den Zeitpunkt der Fälschung etwa im zweiten Drittel des 13. Jhds. ( 283); Grund zu solchem Verdacht geben ihr gewisse äußere und innere Unstimmigkeiten (Rasuren, ungeübte Schrift und Sprache, Art der Siegelbefestigung, Zeugen). Inzwischen hat die Auseinandersetzung mit zwei Aufsätzen, einer Verteidigung von Klockes und einer Entgegnung von Winterfelds (Westfäl. Ztschr. 87, 1930, I, S. 1 ff. bzw. S. 81 ff.), weiteren Fortgang genommen; es wird im nächsten Jahrgang wie auch bei beabsichtigten eigenen Studien über das ältere westfälische Urkundenwesen darauf zurückzukommen sein. Nur so viel sei schon hier gesagt, daß die Schrift der Urkunde mit größtmöglicher Bestimmtheit der zweiten Hälfte des 12. Jhds. zuzuweisen, also durchaus zeitgemäß ist, und daß manchen Bedenken von Winterfelds keine ausreichende Beweiskraft innewohnt; die von ihr neuerdings beanstandete Arenga, die den Wert und den Zweck der Beurkundung betont, ist um 1170 schon durchaus möglich. Zur Interpretation des Textes bringen von Winterfelds Ausführungen wertvolle Beiträge; den verfassungsgeschichtlich wichtigsten Satz über die Soester »meliores« erkennt sie als glaubwürdig an, tritt aber von Klockes auf diese Stelle gestützter (an R. Koebner sich anlehnender) Auffassung von einer Patriziatsherrschaft als Vorstufe der Ratsverfassung entgegen.
III. Bistums- und Klostergeschichte.
»Irgendwelche Bestände des Archivs der Augsburger Kirche sind durch den Brand von Rotenfels (etwa 1463) nicht in Mitleidenschaft gezogen worden«, beweist Schröder ( 62). Vier Heimsuchungen sind über Augsburg in den Jahren 1026--1132 gekommen. Der erste Überfall von 1026 muß das Unheil im Archiv angerichtet haben, weil nach einem 1450 angelegten Repertorium damals schon das Hochstiftsarchiv keine Originalurkunde vor 1040 mehr hatte. Schröders zweiter Aufsatz ( 279) untersucht im Anschluß an eine Besprechung der Arbeit von Feist und Helleiner über das Augsburger Urkundenwesen (vgl. Jberr. 4, S. 103) die Entwicklungsstufen des bischöflich Augsburgischen Notariats, dann eine Kaiserurkunde für Kaisheim und bringt ein Domherrnleben aus dem 12. Jhd. (Notar Rudiger, ein Bruder des berühmten Gerhoh von Reichersberg). --Kraft ( 150) behandelt Handschriften des Klosters St. Mang zu Füßen und der Abtei St. Ulrich zu Augsburg aus dem Besitze des Historikers P. Placidus Braun, die bis heute fast unbekannt waren. Es folgt die genaue Beschreibung von den 22 ältesten dieser Handschriften vom 9.--13. Jhd. -- Ein Bistum Neuburg an der Donau hat es nicht gegeben, wohl aber ein kleines Bistum Neuburg im Staffelsee als das des bayerischen Huosigaues. Das ist der Beweis, den Bauerreiß ( 1682) glücklich durchführt. -- Der zweite Teil der deutschen Freisinger Bischofschronik ( 1683) geht vom Bischof Albert bis Franz Ecker (1158--1727), beginnt also mit dem Brande der Bischofsstadt im J. 1159, der besonders auf dem Domberge gewütet hat, und mit der Gründung Münchens. -- In Schröders Arbeit über die Aufhebung des St. Ulrich- und Afrastiftes in Augsburg ( 1807) werden zunächst die geistigen Strömungen der Aufklärungszeit und die allgemeine Vorgeschichte der Säkularisation gut gezeichnet. Auch der »Rückblick« ist mehr allgemeiner Natur. Das nächste Kapitel bringt ein Inventar der Gebäude und Gärten der Reichsabtei in der Reichsstadt, auch aller Besitzungen in Bayern und in der Markgrafschaft Burgau. Es gab zwischen der Reichsstadt und Bayern lange Ausgleichverhandlungen wegen der Massa. Das letzte Kapitel bilden die Schicksale der Stiftsgebäude und ihrer Bewohner, die Organisation der Pfarrei, die Geschicke der Bibliothek, des Archivs und der Kunstschätze. -- Zu der Abhandlung von Brackmann über die Entstehung der Andechser Wallfahrt ( 1712) vgl. das Referat S. 369. -- Der erst mit 62 Jahren Abt von Ensdorf gewordene Anselm Desing ( 1810) war schon mit 18 Jahren in seine Abtei eingetreten. Als Lehrer wirkte er in Freising und Salzburg. Er war viel literarisch tätig, namentlich für die Schulen. Mehrere seiner Bücher haben viele Auflagen erlebt. -- Die Geschichte des Franziskanerklosters in Bad-Tölz von
L. Lins, 96 S. mit Abb. (Bad-Tölz, J. Dewitz). Dieses Kloster hebt mit 1624 an. Nach der allgemeinen Aufhebung (i. J. 1802) verrannen gut 25 Jahre, bis das heutige Kloster wieder zu neuem Leben kam. Vor 1802 hat es ständig die Pfarrkanzel besorgt.
Das Werk von Chr. Greinz über die fürsterzbischöfliche Kurie und das Stadtdekanat zu Salzburg ( 399), in erster Linie als Handbuch für den praktischen Gebrauch gedacht, wird auch dem Historiker als nützliches Nachschlagebuch zur ersten Orientierung gut dienen. Es sei nur auf die darin enthaltenen Listen der Erzbischöfe und der Mitglieder des Domkapitels, die Übersicht über die geistlichen Behörden und die kirchliche Organisation der Stadt Salzburg verwiesen. -- Aus der Bearbeitung der salzburgischen Urkunden erwuchs Franz Martin eine Untersuchung über das spätma.liche Urkundenwesen Salzburgs ( 276). Er handelt hier über die Kanzlei der Erzbischöfe 1247--1290, die noch sehr primitive Verhältnisse zeigt und über das Aufkommen des öffentlichen Notariats in Salzburg, für das sich das J. 1314 erweisen läßt. -- Die Arbeit von Herbert Klein über die bäuerlichen Leihen im Erzstift Salzburg ( 1525) führt in mehrfacher Hinsicht zu wichtigen Ergebnissen. Denn sie gibt vor allem eine saubere Darstellung der Rechtsformen der bäuerlichen Leihen auf den salzburgischen Grundherrschaften von den Anfängen bis zur Aufhebung des Untertanswesens und ihrer Verbreitung. Außerordentlich wichtig aber ist die Einsicht, daß der schroffe Unterschied von Erbleihe und Freistift (Zeitpacht von Jahr zu Jahr) in Wirklichkeit ganz gering war. Da Klein sich nicht begnügt, die rechtliche Struktur dieser Leihen darzustellen, sondern vor allem an Hand der Urbare nach ihrer tatsächlichen Funktion im sozialen Leben fragt, ergibt sich, daß auch das Freistift gewohnheitsrechtlich erblich wurde und sich von der Erbleihe nur mehr durch eine jährliche Abgabe unterschied. Kleins Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der bäuerlichen Leiheformen in den österreichischen Ländern, für die, abgesehen von Tirol, bisher nur wenige brauchbare Arbeiten vorliegen. -- Hier sei
auch auf die Arbeit von S. Steinherz ( 1680) über einen Streit um die Salzburger Domprobstei (1385--90) verwiesen. -- Der zweite Teil von A. Altmanns ( 1974) Geschichte der Juden in Salzburg (der erste Teil erschien 1913) behandelt die Neuzeit. Es muß allerdings in der Hauptsache von Maßnahmen der erzbischöflichen Regierung zur Fernhaltung der Juden berichten, da nach der Vertreibung im J. 1498 erst in der zweiten Hälfte des 18. Jhds. wieder einzelne Juden ausnahmsweise zugelassen wurden. Eine größere Judengemeinde hat sich in Salzburg erst seit 1867 entwickelt. -- Das Herannahen des zweihundertjährigen Jubiläums der Austreibung der Protestanten aus dem Erzstift Salzburg hat das historische Interesse neuerdings stärker auf diesen Gegenstand gelenkt. Aus den Materialien, die Gustav Rohrer in jahrelanger Sammelarbeit zusammengebracht hat, ist die Arbeit Loesches geschöpft ( 1898). Der Wert der Arbeit liegt fast ausschließlich in der Vorlage neuen Materials, vor allem über die diplomatischen Verhandlungen Salzburgs in Wien, Rom und am Regensburger Reichstag. Die in etwas grober Holzschnittmanier vorgebrachten Werturteile des Herausgebers dürfte sich die Forschung kaum zu eigen machen. Inzwischen hat eine vornehmlich aus dem Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv geschöpfte eindringende Darstellung des »Spiels der politischen Kräfte« um die Salzburger Emigranten von J. K. Mayr zu erscheinen begonnen, über die nach ihrem Abschluß noch zu berichten sein wird. Einstweilen liegt auch eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse vor ( 1897).
4. Sonstiges Urkundenwesen.
A. Visconti, Su alcune »notitiae investiturae« contenute nel Codice diplomatico Lombardo (Estratto dagli Annali della R. università di Macerata, Vol. 6, Tolentino, 32 SS.; dazu U. Stutz, Zeitschr. f. Rechtsgesch., germ. Abt. 51, S. 731 f) weist darauf hin, daß sich im Cod. dipl. Lang. bloß 16 »notitiae investiturae« finden, die sämtlich in den Jahren 844--78 in Sachen der erzbischöflichen Kirche von Mailand und des Mailänder Ambrosiusklosters ausgestellt sind, und vertritt die durchaus einleuchtende Meinung, daß derartige Urkunden nur vorübergehend unter fränkischen Einfluß in der Lombardei ausgefertigt worden seien (zu den italienischen Formularsammlungen vgl. 227, 485 f.). Gebauer ( 259) bespricht die von B. Bruno von Hildesheim ausgestellte, von dessen Domkapitel und Reinald von Dassel mitbesiegelte Stiftungsurkunde des Johannishospitals zu Hildesheim, deren Urschrift sich jetzt gefunden hat, und sucht gegen Ficker nachzuweisen, daß dieses Schriftstück tatsächlich in dem in seiner Datierung genannten J. 1161 entstanden sei (zum bischöflichen und klösterlichen Urkundenwesen vgl. auch 143 f., 1529, 1539, 1541, 1562 f., 1565). Die teils von Empfänger-, teils von Kanzleischreibern gefertigten Urkunden der Vögte von Weida, Gera und Plauen behandelt mit Hilfe genauer Diktat- und Schriftuntersuchung und unter besonderer Berücksichtigung von Fälschungen eingehend Flach ( 262). Ausführliche Erörterungen widmet Goldfriedrich ( 263) der Geschichte der wettinischen Kanzlei bis 1435, dem Geschäftsgang in dieser Schreibstube und den von ihm in Register, Sammelbände und Hilfsbücher eingeteilten kursächsischen Geschäftsbüchern des 15. Jhds. Endlich erweist Grieser ( 266) ein im sogen. Ordensfolianten 105 des Königsberger Staatsarchivs eingebundenes Pergamentheft, in das Landverleihungsurkunden von Hochmeistern aus den Jahren 1337 bis 58 eingetragen sind, als das älteste erhaltene Originalregister der Marienburger Schreibstube und untersucht sorgfältig Anlage und Führung dieses Kanzleibuchs. Die Arbeit Krägelohs ( 257) über die Lehnskammer des Frauenstifts Essen und der Aufsatz Fredrichs ( 265) über die älteste Papierurkunde Pommerns waren dem Berichterstatter nicht erreichbar (zu den Fürstenurkunden vgl. auch 146, 760; zum städtischen Urkundenwesen, zu den Stadtbüchern und verwandten Quellen vgl. 319 f., 326, 328 f., 331, 511, 522, 1283 f.).
b) Staufer.
Zur Geschichte Friedrich Barbarossas liegen einige Einzeluntersuchungen vor. Den Reigen eröffnet H. Zatschek mit seiner Studie über den Konstanzer Vertrag von 1153 und seine Erneuerung ( 717). Für den Vertrag selbst werden die benutzten Vorurkunden nachgewiesen; in seiner Beurteilung neigt Z. zu einer stärkeren Betonung des Erfolges der Kurie. Die Erneuerung des Vertrages von 1155 wird genauer auf Februar--März datiert und zum ersten Male im vollen Wortlaut mitgeteilt. Darüber hinaus glaubt Z. aber noch die Existenz einer weiteren, im Wortlaut nicht erhaltenen Abmachung wahrscheinlich machen zu können, deren Bruch Friedrich I. in Pavia 1160 der Kurie mit Recht zum Vorwurf gemacht habe. Er stützt sich dafür auf die Angaben der sog. oratio advocati Victoris (Const. I 257 n. 187), eines eigentümlichen Stückes, dessen Form und übriger Inhalt aber erst noch ausreichend erklärt werden
müßten. -- Das Buch von O. Frhr. von Dungern ( 720) versucht in sonderbar populärer Form, der Glaubwürdigkeit des privilegium minus von der rechtsgeschichtlichen Seite her zu Leibe zu gehen. Der Angriff wird eröffnet mit einem Ausflug in die Diplomatik; aber die Kritik der Zeugenreihe mit Hilfe jener von St. 3755 ist als mißlungen abzulehnen. Von den rechtsgeschichtlich neuen Bestimmungen des Privilegs führt v. D. das vielumstrittene ius affectandi auf byzantinisches Vorbild zurück und hält es für echt. Dagegen sollen die Befreiung von der Hoftags- und Heerfahrtpflicht und die Bestimmung über die Gerichtshoheit Fälschungen sein. Das Buch fordert fast auf Schritt und Tritt zum Widerspruch heraus und hat dadurch zum mindesten das Verdienst, anregend zu wirken. -- F. Güterbock nimmt in seiner Untersuchung über den Grafen Rudolf von Pfullendorf ( 721), den »schönsten Mann in Barbarossas Heere«, Stellung zu einer oft erörterten genealogischen Frage. Danach ist dieser Rudolf der Schwiegersohn (nicht der Schwager) des 1154/7 verstorbenen Grafen Rudolf von Bregenz und Teilerbe von dessen Lehen; gestorben ist er nach 1180 und durch seine Tochter ein Ahnherr Rudolfs von Habsburg. -- Die Dissertation von A. Jost ( 716) betrachtet die Arengen der Urkunden Friedrichs I. als geistesgeschichtliche Quelle und stellt in ihnen »eine stärkere Betonung der kaiserlichen Majestät« im Gegensatz zu der früheren Zeit, also den staufischen Reichsgedanken fest, der dann auch bis in die Arengen der späteren Staufer verfolgt wird. Das ist nicht gerade neu; ob der imperiale Gedanke aber erst durch italienische Notare oder durch Schüler Wibalds, der »mit dem Titelwesen des oströmischen Reiches vertraut war« (nur damit?), in das Urkundenwesen Barbarossas hineingekommen ist, das müßte durch diplomatische Untersuchung nachgewiesen werden. -- Bei der Benutzung der unter dem Eindruck von v. Belows These stehenden Arbeit von H. Meyer über Barbarossas Militärpolitik in Italien ( 718; vgl. dazu auch 379) ist die förderliche Besprechung von F. Güterbock heranzuziehen, der die Ursachen aufgedeckt hat, weshalb die Arbeit zu keinem befriedigenden Ergebnis kam. Der Hauptfehler liegt in der Vernachlässigung des zeitlichen Moments; der Stoff hätte nach den durch die Jahre 1167 und 1180 gebildeten großen Etappen von Friedrichs I. Italienpolitik gegliedert werden müssen, dann wären statt der »Unbeständigkeit aller Verhältnisse« doch einige großen Linien hervorgetreten und das Bild nicht so rein negativ ausgefallen.
§ 72. Beiträge zur Geschichte der deutsch-ungarischen Beziehungen
Die Geschichte des ungarischen Urkundenwesens gibt ein ziemlich getreues Spiegelbild der Kultureinflüsse, die sich im ungarischen Königreich gekreuzt haben. Die ungarische Diplomatik, die dank der befruchtenden Wirkung des Österr. Instituts für Geschichtsforschung eine Reihe recht beachtlicher Leistungen verzeichnen kann, vermochte diese Zusammenhänge im großen und und ganzen bereits klarzustellen. Die »Ungarische Urkundenlehre« Szentpéterys ( 1), des gegenwärtig führenden Budapester Diplomatikers, stellt vier ma.liche Perioden auf: 1. 1000--1077, die Zeit Stephans des Heiligen, in der durch Heribert C die deutschen Königsurkunden nach Ungarn verpflanzt wurden, und die Zeit seiner Nachfolger, in der dieser deutsche Einfluß und zugleich das Urkundenwesen überhaupt wieder verkümmert sind. 2. 1077--1205, die Zeit der stufenweisen Ausbildung eines spezifisch ungarischen Urkundenwesens, aus primitiven Anfängen, unter französischem, kroatisch-dalmatinischem, kurialem und deutschem Einfluß. 3. 1205--1308, die Zeit der Festigung des ungarischen Kanzleiwesens zu ausgeprägten Formen, und 4. 1308--1526, die Zeit der massenhaften Urkundenausstellung und der vereinfachten Formen, die in ganz Mitteleuropa durch gegenseitige Annäherung sich internationalisieren. Im Spät-MA. wird auch seitens der kgl. Kanzlei nicht nur im Verkehr mit dem deutschen Ausland, sondern auch mit den deutschen Städten Ungarns die deutsche Sprache angewendet, während man im übrigen beim Latein verharrt und auf die Heranziehung des Ungarischen völlig verzichtet. Eine indirekte Bestätigung der Ergebnisse Merkels, daß die Anwendung der Volkssprache zunächst dem kleineren Adel zu verdanken ist, der sich kein lateinisch geschultes Personal leisten konnte! Denn in Ungarn spielte die Institution der sog. glaubwürdigen Orte eine so beherrschende Rolle, daß Urkunden privater Aussteller, vor allem aus dem geringeren Adel, so gut wie völlig fehlen. Der Verf. betont mit Recht die Sonderstellung Ungarns innerhalb des mitteleuropäischen Urkundenwesens. Doch hätte u. E. ein Vergleich mit Polen, das ganz außerhalb des nach Westen gerichteten Gesichtskreises des Verf. liegt, dies Ergebnis in mancher Hinsicht modifiziert (z. B. Aufzählung der geistlichen und weltlichen Würdenträger im Eschatokoll). -- Derselbe Verf. bringt gleichzeitig den 1. Band seiner Königsregesten durch ein 3. Heft zum Abschluß ( 2), das die
Jahre 1257--1270 umfaßt und etwa 600 Urkunden verzeichnet, von denen die bisher ungedruckten in extenso publiziert werden. Der Band wird durch ein sehr eingehendes Verzeichnis der etwa 2500 Orts- und Personennamen abgeschlossen. -- Sz. konnte für seine Urkundenlehre eine recht gründliche, auf den noch ungedruckten Königsurkunden aufgebaute Untersuchung von L. Szilágyi noch nicht benutzen, die das ungarische Kanzleiwesen des ausgehenden MA. behandelt ( 3). In der Zeit der ersten Ansätze zu einer bürokratischen Zentralisation unter Matthias Corvinus gewann die Kanzlei neben der einzigen bisher vorhandenen und noch nicht behördenmäßig konsolidierten Zentralstelle, dem königlichen Rat, eine weit über ihren eigentlichen Kompetenzbereich hinausgehende Bedeutung, die zugleich mit einer Differenzierung der Kompetenzen verbunden war. Neben der Cancellaria maior hatte sich seit dem 14. Jhd. eine cancellaria minor entwickelt. Der ersten blieben die auswärtigen und die administrativen, der zweiten die jurisdiktionellen Angelegenheiten vorbehalten. Die Relationen für die kanzleimäßige Schriftenausfertigung, die zunächst den Mitgeliedern des kgl. Rates vorbehalten waren und später großenteils an Angehörige der Kanzlei übergingen, gruppierten sich anfangs mehr nach territorialen, später mehr nach sachlichen (z. B. für das Finanzwesen der Thesauriarius) und sogar nach nationalen Kompetenzkreisen (Georg von Stein für die deutschen Angelegenheiten und deutschsprachigen Reichsteile).
Reproduktionen und Handschriften-Verzeichnisse.
Ihms ( 195) Palaeographia latina ist in unveränderter Neuauflage erschienen. -- Von Chrousts Monumenta palaeographica ( 194) liegen zwei Lieferungen vor. Die eine bringt Proben von theologischen Handschriften, die aus dem Kloster Pegau in die Universitätsbibliothek Leipzig gelangt sind. Sie verteilen sich auf das zwölfte Jahrhundert, und einige weisen reichen Buchschmuck auf. Wieweit das Pegauer Scriptorium von der Corveyer Schule beeinflußt worden ist, bedarf noch näherer Untersuchung. Das andere Faszikel bildet die Fortsetzung zum » Urkundenwesen der Markgrafen von Brandenburg« (vgl. Jberr. 6, S. 111). Von dem berühmten Landbuch Karls IV. sind zwei Handschriften reproduziert, ferner Geschäftsbücher aus der ersten Zeit der hohenzollernschen Kurfürsten, endlich Urkunden von 1379--1423 sowie zwei Entwürfe von 1424. 558a und auch andere Nummern zeigen Schrifteigentümlichkeiten, die für die Entstehungsgeschichte der Fraktur in Betracht kommen. -- In der Sammlung »Bildwiedergaben ausgewählter Urkunden und Akten zur Geschichte Westfalens« veröffentlicht v. Winterfeld ( 209) als Materialien zum »Städtewesen und die Hanse« eine Folge von Urkunden, Briefen, Stadtbüchern, Protokollen und chronikalen Aufzeichnungen, beginnend mit dem Marktprivileg Ludwigs des Frommen für Corvey und endend mit einem Bericht über die Schließung der Hansekontors in Nowgorod. Schon in Jberr. 6 (S. 407) ist auf die Mängel des Reproduktionsverfahrens hingewiesen worden.
4. Einzelne Urkundenformeln. Briefbücher und Formularsammlungen
(hierzu auch 463). Weitausgreifend und aufschlußreich verfolgt Granzin ( 222) das Vorkommen von Einleitungsformeln in den antiken Urkunden, Gesetzen, Briefen usw., die Entwicklung dieser Formeln zu den eigentlichen Arengen des MA. und deren Behandlung in den artes dictandi (zum römischen Urkundenwesen auch 1242). --Erdmann ( 228) veröffentlicht 36 von ihm in Cod. Par. Lat. 2909 entdeckte Briefe des 1088 als Würzburger Gegenbischof verstorbenen Domscholasters Meinhard von Bamberg, legt dar, daß sie eines der von Schmeidler als Vorlagen des Codex Udalrici angenommenen Briefhefte bildeten, weist auch 21 Stücke der hannoverschen Sammlung einem Briefbuch jenes Geistlichen zu, behandelt
Meinhards Persönlichkeit, zeigt, daß die von Schmeidler dem Dominus G. aus Bamberg zugeteilten Schreiben von mehr als 6 Diktatoren herrühren und vertritt -- Schmeidlers diesbezügliche Auffassung im wesentlichen bestätigend -- die Ansicht, der Codex Udalrici sei als ein unter Benützung privater Briefhefte und einer Bamberger Aktensammlung angelegtes Formularbuch anzusehen. Andrerseits weist Pivec ( 229) die von Schmeidler dem Ogerius A zugeschriebenen Schriftstücke aus Heinrichs IV. letzter Zeit Bischof Erlung von Würzburg zu, erklärt diesen auch mit Giesebrecht und anderen und gegen Schmeidler für den Verfasser der Vita Heinrici IV., schildert die sprachliche und geistige Eigenart der durch Meinhard, Erlung und einen dritten Diktator vertretenen Bamberger Schule, behandelt die zeitliche Einreihung der für diese Schule in Anspruch genommenen Schreiben und schließt mit Bemerkungen über die Zusammensetzung des Codex Udalrici, wobei er u. a. Wesen und Beschaffenheit der von Udalrich benützten Briefbücher anders bewertet, als Schmeidler und Erdmann. Erdmanns und Pivec' treffliche Forschungen klären namentlich die Frage der Anwendbarkeit des Stilvergleichs bei Briefen (zu diesen auch 454, 458, 1633). Schließlich bespricht Heimpel ( 233) unter Beigabe von Regesten und Textabdrücken ein vor 1436, wahrscheinlich 1424, entstandenes, in Cod. Pal. Lat. 701 enthaltenes Formularbuch, das neben pfälzischen Stücken einen Großteil der politischen Korrespondenz K. Sigismunds aus den Jahren 1410--1414 verwertet, und zwar auf Grund einer von einem königlichen, später pfalzgräflichen Notar zusammengebrachten Sammlung von Entwürfen, Vorakten und Einlaufstücken.
7. Nichtkönigliches Urkundenwesen Deutschlands
(hierzu auch 773--775, 1242, 1879) Bruckner ( 226) veröffentlicht die bisher nur z. T. beachteten Vorakte zu St. Gallner Urkunden und bespricht sie sehr eingehend. Er zeigt u. a., daß derartige Notizen in der Blütezeit des alamannischen Urkundenwesens, d. h. während der Jahre 770--830 von den Gerichtsschreibern ziemlich regelmäßig, in der Folgezeit hingegen von den als Schreiber tätigen Klostergeistlichen viel seltener und seit dem Anfang des 10. Jhds. überhaupt nicht mehr angefertigt wurden (zum fränkischen Urkundenwesen auch 207, 222, 673, zum klösterlischen Bücherwesen 117, 125). Bauermann ( 243) behandelt unter Beigabe einer Abbildungstafel eine in Fulda geschriebene, auch im Codex Eberhardi eingetragene Urkunde des Klosters Vessra sowie -- zugleich die von Kardinal Johannes Salernitanus während seines Aufenthalts in Deutschland 1195/96 ausgestellten Urkunden untersuchend -- zwei eigenhändige Bestätigungsvermerke dieses Legaten auf Ausfertigungen P. Innozenz' II. und EB. Konrads I. von Mainz (zu den deutschen Bischofsurkunden 206, 1616). In höchst ertragreicher, mannigfache diplomatische, gelegentlich auch rechtsgeschichtliche Fragen berührender Darstellung, der 5 Tafeln beigefügt sind, schildert Zatschek ( 247) Entstehung, Entwicklung und Verbreitung des mährischen Immunitätsformulars, das 1207 geschaffen, namentlich 1234 weitergebildet und z. T. bis 1286 gebraucht wurde. Sehr zu begrüßen ist eine Sonderausgabe der von Meyer in Chrousts Monumenta Palaeographica veröffentlichten, erläuterten und mit einer verdienstlichen Einleitung versehenen Tafeln
( 246), die das Urkundenwesen der brandenburgischen Markgrafen für die Zeit von 1160--1424 veranschaulichen (zu den deutschen Fürstenurkunden auch 1246 f.). Endlich behandelt v. Winterfeld ( 244) die älteste Nachricht über das Stadtschreiberamt in Westfalen und Dersch ( 245) ein in Meiningen aufbewahrtes, bisher unbekanntes Wachstafeltriptychon des ausgehenden 12. Jhds. (zu den Stadt- und Gerichtsbüchern 1281, 1288, 1307 f., 1826, zu den Universitätsmatrikeln 1957 f., 1962).
§ 28. Städtewesen des Mittelalters
Wenn unter den Städten, die zuerst als Träger der bürgerlichen Verfassungsentwicklung in Deutschland hervortreten, Köln immer aufs neue eine Behandlung für sich fordert, so dankt es diese Sonderstellung nicht zuletzt dem starken Eigenleben seiner Bezirksverbände, seiner »Parochien«, deren Schreinskarten ein einzigartiges Dokument gemeinbürgerlicher Selbstverwaltung im 12. Jhd. darstellen. K. Beyerle, dessen Hingang wir in diesem Jahre zu beklagen haben, hat diesen Gebilden eine seiner letzten Arbeiten gewidmet ( 1281). Seine Untersuchung teilt ihr Interesse zwischen einer neuen Erforschung der Struktur und der Funktionen jener Verbände und zwischen einer Würdigung der Entwicklung, die das Recht der Grundbesitz-Übereignung im parochialen Schreinswesen Kölns durchlaufen hat. Stärker, als es bisher geschehen ist, zieht B. hierbei die Amtleutebücher des späteren MA. zur Kennzeichnung der älteren Verhältnisse heran; zugleich bahnt er sich den Weg zur Annahme einer in das frühe MA. zurückreichenden Entstehung der Institution, indem er die Kölner parochiale Genossendisziplin mit den im »Gilden«-Edikt Hinkmars von Reims regulierten religiösen Brüderschaften in Beziehung bringt. Von beiden Seiten
her tritt das bisher noch kaum beachtete Rügerecht der Parochialbehörden ans Licht; als sehr alt erscheint auch ihr Gericht um Geldschuld. Über die Entstehung der bestbekannten Parochial-Institution, des Schreinswesens, spricht B. eine völlig neuartige Meinung aus. Daß Verfügungen über Grundbesitz unter Parochialzeugnis auf der Schreinskarte verzeichnet werden, dieser in der direkten Überlieferung fast allein sichtbare Vorgang stelle für die älteste Zeit gar nicht das Hauptmoment des parochialen Zeugniswesens dar. Das Weistum des Bezirks Niederich repräsentierte ein älteres, schriftloses Verfahren; das Urkundenwesen der Schreine aber beginne mit einer amtlichen Hinterlegung von Einzel-Urkunden, neben der die Verzeichnung auf der Karte zunächst nur eine Registerführung bedeute. Wenn auch die Kölner Überlieferung diesen Zustand nicht direkt bezeuge, so lasse ihn doch das Edikt Bischof Bertrams von Metz von 1197 als sein Vorbild erschließen; B. geht so weit, ein verlorenes Statut Erzbischof Brunos II. als Grundlage des Kölner Schreinswesens anzusetzen. Die weiteren Ausführungen B.s gelten der Klarstellung der Formen und der Rechtsnatur der Auflassungsakte nach dem Rechte des Schreinswesens; ausgehend von einer exakten terminologischen Klärung der Einträge verfolgen sie den Weg von dem durch Zeugengabe erwirkten Parochialgenossen-Zeugnis zum behördlichen Akt, der den dringlichen Rechtserwerb in amtlicher Währschaft verankert und die Prinzipien der Grundbuchführung zur Entfaltung bringt.
2. Urkundenwesen des Römerreiches, des mittelalterlichen Italiens und Deutschlands
(mit Ausschluß der Herrscher- und Papsturkunden). Sehr dankenswert und aufschlußreich sind Sachers' selbständig durchdachte, zusammenfassende Ausführungen über tabellio, tabula, tabularium und tabularius < 359>. Namentlich gilt dies von den auch die Entwicklung im griechisch-ägyptischen Osten bis tief ins MA. hinein berücksichtigenden Darlegungen über die tabelliones und tabularii sowie über deren Urkunden <zum antiken Urkundenwesen vgl. auch 360, 362>. Unser Wissen vom langobardischen Urkundenwesen fördert höchst bedeutsam Schiaparelli < 363>. Er sucht Wesen und Stellung der verschiedenen langobardischen Notare, auch der am Königshof tätigen, zu ermitteln und vertritt die einleuchtende Ansicht, die Karolinger hätten durch ihre Anordnungen über die Grafschaftsnotare lediglich jenes an römische Grundlagen anknüpfende Schreibertum weiter entwickelt. Dann zeigt er, daß die Fassungen der tuszisch-lombardischen Urkunden der Langobardenzeit im wesentlichen gleichartig, örtlich aber verschiedentlich abgewandelt waren und daß sie gelegentlich -- so nachweisbar in Piacenza -- einem altrömischen, meist aber einem neurömischen (römischravennatischen) Formular folgten. Hierauf wird von ihm -- m. E. nicht überzeugend -- der Nachweis versucht, daß die in der post traditam-Formel der ravennatischen und langobardischen Urkunden erwähnte traditio cartae gemeinhin der von einer Eidesleistung begleiteten Altarlegung der Urkunde gleichzusetzen sei. Endlich verficht er -- leider hier, wie im vorangehenden rechtsgeschichtliche Erörterungen möglichst vermeidend -- die Meinung, mit der traditio ad proprium des Chartularium Langobardicum sei eine den Übereignungswillen bekundende Begebung der Urkunde an den Empfänger gemeint, die der bloß eine Bekräftigung ausdrückenden traditio cartae vorangegangen sei. Schadelbauer bespricht die von einem Vinschgauer Edelmann des 15. Jh.'s geschaffene Bücherei sowie eine ihr entstammende Handschrift, die einen aus dem bekannten Werk des Rolandinus Passagerii geschöpften Traktat de arte notariatus enthält < 380> und druckt diesen letzteren ab < 379>.
Moeser verfolgt, die in Betracht kommenden, im Abdruck beigegebenen Stücke näher erläuternd, die letzten Nachwirkungen der rätoromanischen Urkunde in Tirol, die sich namentlich in Georgenberger Ausfertigungen des 12. und des beginnenden 13. Jhds. und zuletzt in mittelvinschgauischen Stücken aus dem Ende des 13. Jh.'s nachweisen lassen < 381>. Zum fränkischen Urkundenwesen 180, 657, 1508, 1511. Die ältesten, der Zeit von 1200--1286 entstammenden Urkunden des Klosters Betlehem bei Doetinchem im holländischen Gelderland untersucht sorgfältig Ketner unter Beigabe von Abdrücken bisher unveröffentlichter Stücke in einem von einem schönen Tafelheft begleiteten Buch < 375>. Auf Grund genauer
Prüfung der äußeren und inneren Merkmale kommt er dabei zum Schluß, daß die große Mehrzahl dieser Ausfertigungen im Stift selbst geschrieben wurde und daß ein sehr beträchtlicher Teil derselben als im letzten Viertel des 13. Jh.'s gefälscht oder verunechtet zu betrachten ist, ohne diese Ansicht jedoch überzeugend begründen zu können. Zu den Urkunden der Klöster 378, 400, 404, 2237. Zu den Urkundenfälschungen 374. Zu den Bischofsurkunden 184, 661, 684, 2235. Zum fürstlichen Urkundenwesen 372 f., 376, 691, 1619, 1640, 2225. Zu den Formularbüchern 377, 2219. Zum städtischen Urkundenwesen 399, 401 f., 486, 1629--1631. Zu den Amts-, Stadtbüchern und verwandten Quellen 172, 181, 186, 1615, 1650, 1665, 1673, 2008, 2032 f. Zu den Briefen und Briefsammlungen 682 f., 726 f., 1943.
3. Papst- und Herrscherurkunden.
Mit Karolingerdiplomen befassen sich gemeinhin nur Sonderuntersuchungen, wie Tessiers Abhandlung über die neugefundene, in Abbildung wiedergegebene Urschrift der Urkunde Karls des Kahlen für Saint-Philibert de Tournus < 365>. Daß sich aber auch für das Urkundenwesen der Arnulfinger weitergehende neue Erkenntnisse gewinnen lassen, lehrt Kehrs mit zwei Tafeln ausgestatteter Aufsatz, der die Hauptergebnisse der anläßlich der Herausgabe der Ausfertigungen Ludwigs d. D. < 660> angestellten Untersuchungen über die Kanzlei dieses Königs vorführt < 364>. Es ist erstaunlich, wie sehr sich durch diese Forschungen das von Sickel gezeichnete Bild der genannten Schreibstube verändert. Genauer darauf einzugehen, fehlt der Raum. Es genüge der Hinweis darauf, daß es Kehr gelang, die Beziehungen zwischen Kapelle und Kanzlei, Erzkaplanat und Oberkanzleramt sowie die Entwicklung der Rekognition in neuem Licht darzustellen, den Einfluß politischer Vorgänge auf die Gestaltung der Schreibstube schärfer herauszuarbeiten, nachzuweisen, daß der Bruch mit der alten Kanzleiüberlieferung schon 854 mit dem Auftreten des Schreibers Hadebert eingeleitet und vom Notar Hebarhard um 860 nur vollendet wurde und festzustellen, daß letzterer Mann wohl nicht aus Weißenburg kam, trotz seines späteren Kanzlertitels niemals mehr als ein fleißiger Subalternbeamter war und nicht die ihm bisher zugemessene Bedeutung besaß. Ein Exkurs über die unregelmäßigen Rekognitionen in Ludwigs Urkunden beschließt die grundlegende Abhandlung. --Huter billigt und unterstützt durch neue Erwägungen die Annahme, die Angaben über die Grenze der Grafschaft Bozen seien 1280 in Konrads II. Urkunde für Trient vom 1. 6. 1027 (DK. II. 102) eingefügt worden, erklärt sich aber gegen die Vermutung, auch die die Grafschaft Vinschgau betreffende Wendung dieses Schriftstücks sei als späterer Einschub zu betrachten < 368>. Wertvollste Ergebnisse für Urkundenlehre, Quellenkunde und Reichsgeschichte fördert Pivec in Fortsetzung seiner Forschungen
über den Codex Udalrici <1931, 229 S. 116, 175> zutage < 367; zum Codex Udalrici vgl. auch 366>. Es wird u. a. gezeigt, daß Heinrichs V. Politik gegenüber der Kurie 1106--1110 von Kanzler Adalbert, dem späteren Erzbischof von Mainz, im Sinn der bisherigen Haltung des Reiches, dann bis 1120 vom Schottenmönch David, dem nachmaligen Bischof von Bangor, einem geistesverwandten Reinalds von Dassel, beeinflußt wurde, daß jener Mann einige Schreiben, dieser aber zahlreiche Briefe, Manifeste und wahrscheinlich zeitweise auch Urkunden im Dienst des Saliers verfaßte, daß das Buch Davids über den Romzug von 1111 der Redaktion C der Chronik des Ekkehard von Aura zugrunde lag und daß die im Codex Udalrici überlieferten Fassungen der Wormser Konkordatsurkunden kaiserliche, zum Teil an die Verhandlungen von Mouzon anknüpfende Entwürfe wiedergaben, dann -- auf die Datierung der einzelnen Stücke eingehend -- eine Ordnung der Briefe E 233--320 des Codex Udalrici in Sach- und Herkunftsgruppen vorgenommen und die Entstehungsgeschichte dieser Sammlung in selbständiger Weise beleuchtet, wobei als Vorlagen im wesentlichen in Bamberg entstandene Aktensammlungen angenommen werden. Die scharfsinnige und ertragreiche Arbeit lehrt aufs neue, wie fruchtbar die von Schmeidler gegebenen Anregungen waren, namentlich hinsichtlich der Herausarbeitung führender politischer Persönlichkeiten mit Hilfe von Diktatuntersuchungen. Endlich bietet eine Abhandlung Ladners < 369> wichtige Aufschlüsse zur Geschichte der hochmittelalterlichen Reichskanzlei. Der Verfasser weist nach, daß Friedrichs II. Schreiber Formularbehelfe für die Abfassung ganzer Urkunden und für die Gestaltung von Arengen benutzten, daß letztere sich bis in die Normannenkanzlei zurückverfolgen lassen, daß die Briefe des Petrus de Vinea der Schreibstube des Staufers entstammen, teilweise Formulare der ersterwähnten Art darstellen und daß die Urfassung der dem Andreas von Rode zugeschriebenen Sammlung mit jener des Petrus de Vinea zusammenhing und die Verwertung staufischer Formulare durch die Notare Rudolfs I. vermittelte. Auch gelangt er noch zu manchen andern belangreichen Wahrscheinlichkeitsschlüssen, so hinsichtlich der Urfassung der Sammlung des Petrus de Vinea und bezüglich des Auftretens von Arengenformularen in der Reichskanzlei des 13. Jh.'s. Zu den Herrscherurkunden vgl. auch 382, 392 f., 485, 680, 686, 690, 722, 772.
2. Quellenveröffentlichungen, Quellenkunde. Fr. Bujak
Für die Entwicklung der polnischen Urkundenforschung hat die Untersuchung R. Taubenschlags über die polnischen Urkunden über Privatrechtssachen aus dem 12. und 13. Jhd. und die in ihnen verwandten Formulare < 369, 370> die größte Bedeutung; schon die Zusammenstellung des privatrechtlichen Urkundenmaterials und seine Gliederung nach sachlichen Gesichtspunkten ist höchst verdienstlich, der Vergleich der in den polnischen Urkunden zur Verwendung kommenden Formeln mit inhaltlich entsprechenden Formularen deutscher, böhmischer, französischer und italienischer Herkunft lehrreich, die Annahme, daß das polnische Urkundenwesen durch dasjenige dieser Herkunftsgebiete beeinflußt worden ist, einleuchtend -- die Behauptung endlich, daß bestimmte Spielarten der in Betracht kommenden Rechtsgeschäfte auf dem Wege der Rezeption der sie betreffenden Urkundenformeln in Polen bekannt geworden sind, überzeugend. Nicht gelungen ist Taubenschlag dagegen der Nachweis, daß gerade bestimmte Formularien oder Formulargruppen in Polen in bestimmten Zeiten und Gebieten Anwendung gefunden hätten, also etwa zunächst und am allgemeinsten die Formulare deutscher Herkunft, dann die aus Italien stammenden: das konnte K. Maleczyński in seiner Besprechung deutlich feststellen; er hat selbst die in polnischen Handschriften bis zur Mitte des 14. Jhds. überlieferten Formelsammlungen zusammengestellt < 211>; seine umfassende Untersuchung der fremden Einflüsse auf das älteste polnische Urkundenwesen < 213> ist inzwischen (1932) in ausgeführter Gestalt erschienen. Taubenschlags Verdienst bleibt es, die Forschung auf diesem wichtigen Gebiete in Fluß gebracht zu haben; ebenso werden zahlreiche rechtshistorische Einzelergebnisse seiner Untersuchung ihren Wert behalten.
§ 8. Urkunden- und Zeitrechnungslehre
Unsere Kenntnisse von den ma.'lichen Amtsbüchern bereichert in wertvoller Weise E. Gerland mit seiner Abhandlung über das byzantinische Registerwesen (Archiv für Urkundenforschung 13, S. 30--44). Er legt dar, daß die Buchung des Auslaufs am oströmischen Kaiserhof, an dem Kataster bis zum Untergang des Reiches geführt wurden, während des früheren MA.'s in recht unvollkommener Art, zeitweise sogar vielleicht überhaupt nicht besorgt wurde, daß sie seit der Lateinerzeit ganz außer Übung geriet und daß es ungewiß ist, ob ein 1393/94 gemachter Versuch, sie wieder zu beleben, Erfolg hatte; daß dagegen am Patriarchenhof zu Konstantinopel und jedenfalls auch bei allen andern Bischofskirchen und Klöstern neben Kopialbüchern allzeit Register geführt wurden, die in ihrer Anlage den ältesten commentarii principis glichen. Beachtenswertes über Arten und Merkmale der byzantinischen Herrscherurkunden und über einzelne der in den Faksimiles byzantinischer Kaiserurkunden <1931, S. 117> wiedergegebenen Stücke enthalten von vier Tafeln begleitete Auseinandersetzungen F. Dölgers mit zwei Kritikern des genannten, von ihm herausgegebenen Abbildungswerkes (Epikritisches zu den Faksimiles byzantinischer Kaiserurkunden. Mit Bemerkungen zur byzantinischen Despotenurkunde, Archiv für Urkundenforschung 13, S. 43--68). Unsere Kenntnis von einem äußeren Merkmal ma.'licher Herrscherurkunden fördert Sella < 439> mit seinem den Goldsiegeln des vatikanischen Archivs gewidmeten Tafelwerk. Kehr < 436> teilt die Ergebnisse seiner tiefschürfenden und abschließenden Untersuchungen über die Kanzlei Ludwigs des Deutschen <1932, 364, S. 152> im einzelnen mit. Ferner behandelt er < 435> unter Beigabe von zwei Tafeln ebenso genau und eingehend die Kanzleien Karlmanns und Ludwigs des Jüngeren, in denen sich der in Ludwigs des Deutschen Schreibstube begonnene Auflösungsund
Schrumpfungsvorgang fortsetzte. Es wird dabei die bisher maßgebende Auffassung Sickels in verschiedener Hinsicht berichtigt, manches beachtenswerte Einzelergebnis zutage gefördert und u. a. vor Augen geführt, wie die Urkunden Karlmanns durch die bayrischen Privaturkunden und durch das italienische Urkundenwesen teilweise beeinflußt wurden, während Ludwigs des Jüngeren Kanzlei nur mehr von den Überlieferungen der Zeit Ludwigs des Deutschen zehrte. Ferner weist Zinsmaier < 437> in der Formularsammlung des Andreas von Rode Urkunden Wilhelms von Holland und Richards von Cornwallis entnommene Arengen nach und folgert daraus, daß zu eigenem Gebrauch gefertigte Behelfe eines königlichen Schreibers der Zwischenreichszeit in die Kanzlei Rudolfs von Habsburg übergingen. Weiter beschäftigt sich B. Seuffert (Drei Register aus den Jahren 1478--1519, Untersuchungen zu Politik, Verwaltung und Recht des Reiches, besonders des deutschen Südostens. Innsbruck, Universitätsverlag Wagner, 1934. XXXII, 467 S., 48 Schrifttafeln) mit dem Landtagsregister Kaiser Friedrichs III., einem Register des niederösterreichischen Regiments von 1507 und dem krainischen Landtagsregister von 1519. Das eigenartige, gedankenreiche, mit Scharfsinn und großer Gelehrsamkeit geschriebene Buch, in dem für den Schriftvergleich mit Erfolg das Poppsche Schriftwinkelmessungsverfahren verwendet wird, enthält nicht bloß für den Bereich der Kanzleigeschichte, sondern auch für den der politischen und besonders der Rechts-, namentlich der Verwaltungsgeschichte die verschiedenartigsten, sehr beachtenswerten und fruchtbaren Aufschlüsse und mannigfache Anregungen. Endlich widmet L. Gross der Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559 bis 1806 ein umfangreiches, mit gewohnter Gründlichkeit gearbeitetes Werk <106, S. 186>. Zu den fränkisch-deutschen Herrscherurkunden vgl. auch 107, 442, 634, 738, 965, 970, 1012, 1019, 1027, 1032, 1082, 1156 f., 1177, 2941, 3009. In den Bereich des Kanzlei- und Urkundenwesens der Przemysliden <hierzu auch 462> führen zwei dem Berichterstatter unzugängliche Aufsätze Zatscheks < 447 f.>. Zu den übrigen deutschen Fürstenurkunden 107 f., 233, 454, 660, 1035, 1084, 1086, 1094, 1196, 2133 f., 2181, 2931, 2983, zu den deutschen Bischofsurkunden 449, 455, 661, 667, 2227, 2952, 2959, 2983, 3001, zu den deutschen Offizialatsurkunden 2942, zum städtischen Urkundenwesen Deutschlands 92, 662, 668, 2189 f., 2193, zu den deutschen Stadtbüchern 2146, 2148, zu den deutschen Kirchenbüchern 450, zu den ma.'lichen Formularsammlungen und Briefbüchern 234, 635, 2910, zu den ma.'lichen Briefen 639, 965, 2892. Ein wertvolles Anschauungsmittel zur Geschichte der Papsturkunden <zu diesen vgl. 216, 440, 537, 1126, 2098, 2834, 2843, 2850, 2873, 2926, 2959, 2972> liefert Battellis Tafelwerk < 438>, in dem unter Bevorzugung des MA.'s und des 16. Jh.'s schöne, wenn auch teilweise stark verkleinerte Abbildungen päpstlicher Urkunden aus der Zeit von 819 bis 1842 geboten werden.
I. Quellen und Geschichtschreibung.
Honselmann < 2972> rekonstruiert den Text eines verlorenen Privilegs Papst Eugens III. für Korvey vom J. 1148; er zeigt ferner, daß ein gefälschtes Privileg desselben Papstes für Helmarshausen (JL. 9209) die Vorlage für die echte Bestätigung durch Cölestin III. von 1192 (JL. 16 905) gewesen ist. -- Fr. von Fürstenbergs bis 1247 reichende Untersuchungen über das Urkundenwesen der Bischöfe von Münster < 449> folgen in der Anlage stark dem Muster älterer ähnlicher Arbeiten und zeigen nur geringe Ansätze zu selbständiger kritischer Betrachtung. Die Bestimmung der Schriftprovenienz und der Schreiberhände führt zu dem Ergebnis, daß ein Überwiegen der Aussteller- über die Empfängerausfertigungen seit Bischof Hermann II. (1174--1203) zu beobachten ist, ein sehr hoher Anteilsatz aber überhaupt unbestimmbar bleibt. Statt einer Diktatuntersuchung hat F. sich damit begnügt, den Formelbestand aufzunehmen.
Hohes Verdienst um unser Wissen vom ältesten ma.'lichen Urkundenwesen gebührt Johns tiefschürfender und klar geschriebener Doktorarbeit < 356>, die, sachlich und räumlich weit über Zatscheks ähnliche Forschungen <1927, 273, S. 129 f.> hinausführend, unter Mitberücksichtigung der Merowingerdiplome die formalen Beziehungen der privaten Schenkungsurkunden Italiens und des Frankenreichs und die Wirksamkeit der Formulare verfolgt. John begnügt sich nicht damit, sorgfältig die Verbreitung einzelner Formeln und die ganzer Urkundenformulare (von ihm zum Unterschied von den zu Musterzwecken gefertigten Aufzeichnungen »Formen« genannt) über kleinere oder größere Teile des ins Auge gefaßten Raumes festzustellen. Er untersucht vielmehr, damit zugleich methodische Grundfragen klärend, auch die durchaus nicht überall gleichen Ursachen der von ihm beobachteten Erscheinungen und zeigt namentlich, in der Beweisführung Scharfsinn mit Vorsicht verbindend, daß die urkundlichen Formalbeziehungen in Italien gemäß der Meinung Brunners nicht und im Frankenreich viel seltener, als man bisher annahm, durch Benützung von Formularsammlungen zu erklären sind. Dabei werden im einzelnen mannigfache wichtige Aufschlüsse und Einsichten gewonnen, so betreffs der im Urkundenwesen erkennbaren Beziehungen zwischen Italien und dem fränkischen Reich sowie zwischen dem Westen und dem Osten dieses Staates und betreffs der Gründe, die es veranlaßten, daß im spätmerowingischen Reich zahlreiche Formularsammlungen angelegt, aber von den Urkundenschreibern nicht allzuoft unmittelbar benutzt wurden. Zu den Formular- und Briefsammlungen s. 360 f., 372, 681, 724 f., 728.
Erwünschte Mitteilungen über Form und Entstehungsgeschichte der Staatsverträge des Deutschordens seit 1400 macht Weise < 367>. In dem gedruckt vorliegenden, von 5 Bildbeilagen begleiteten Teil seiner Arbeit über die äußeren
Merkmale der Breslauer Bischofsurkunden bis zum Jahr 1319 < 368> zeigt Allamoda auf Grund sorgfältiger kritischer Untersuchung der Buchstabenformen und Wortbilder, wie sich während des 13. Jh.'s im Zusammenhang mit dem Entstehen der bischöflichen Schreibstube eine Kanzleischrift herausbildete und wie sich diese dann weiterentwickelte. Zu den Bischofs- und Fürstenurkunden 385 f., 389, 451--53, 457--59, 1967, 2171. Zum Offizialat 2187, Zum städtischen Urkundenwesen 379, 384 f., 451, 453--455, 458 f., 805, 1572. Zu den Urkunden bürgerlicher und bäuerlicher Kreise 456, 843. Zu den Stadt- und Gerichtsbüchern 1549, 1552, 1921. Zu den Kirchenbüchern 1927. Zu den Urbaren 1996, 2007 f., 2015, 2017.
II. Archive, Urkunden und Kanzleiwesen, Siegel.
Wutke < 67> beschäftigt sich eingehend mit dem Schicksal der seit der Säkularisation verschollenen Warmbrunner Propsteiurkunden und gibt ein Verzeichnis der im Original, in Abschriften oder nur in Auszügen bzw. Vermerken erhaltenen Stücke. Die Arbeit bietet manch interessanten Einblick in die Praxis der Säkularisationsbehörden. -- Einteilung und Bestände des Schweidnitzer Stadtarchivs werden von Bunke < 66> übersichtlich dargestellt. A. Steinert gibt einen Überblick über die Urkunden, Folianten und Akten des Oppelner Stadtarchivs (Oppelner Heimatbl. 10, 1--4; 11). Die Ergänzungen und Berichtigungen zu den Regesten zur schlesischen Geschichte werden von Bruchmann < 202> durch Veröffentlichung von sechs lateinischen Urkunden aus der 1. Hälfte des 14. Jh.'s fortgesetzt. --Schilling < 370> tritt im Gegensatz zu Schulte, in erster Linie auf Grund der inneren Merkmale, für die Echtheit der Urkunde Heinrichs I. für Heinrichau von 1229 o. T. ein. G. Türk (Aus Goldbergs Vergangenheit. Elf Urkunden aus d. Goldb. Heimathalle, Breslau 1934, 14 Bl.) veröffentlicht 11 Goldberger Urkunden aus den Jahren 1477--1617. -- Die Veröffentlichung deutscher Texte aus schlesischen Kanzleien des 14. und 15. Jh.'s durch Helene Bindewald < 451> unter Mitwirkung von K. Burdach und P. Piur bietet wertvollstes Material zur Erforschung der für die Entstehung des Neuhochdeutschen so bedeutsamen schlesischen Kanzleisprache und hilft damit den Anteil Schlesiens an dieser Kulturleistung ins rechte Licht rücken. Wenn auch hier »nicht in erster Linie Geschichtszeugnisse, sondern Sprachquellen« vorgelegt werden, so sind doch die Grundsätze dieser Edition für den Historiker besonders beachtenswert, weil sie ihn über die Anforderungen unterrichten, die der Philologe an eine Publikation mhd. Urkundentexte stellt. Begrüßenswert ist es, daß der Ausgabe auch von K. G. Bruchmann verfaßte Kopfregesten beigegeben wurden. Man hat davon abgesehen, die Rolle der schlesischen Kanzleisprache in der Sprachentwicklung in einer größeren einleitenden Untersuchung darzustellen, weil eine derartige Arbeit den Rahmen einer Einleitung gesprengt hätte; auch findet man in den Werken Burdachs und seiner Schule die Grundgedanken. -- Daß unser Wissen von der Persönlichkeit Johanns von Neumarkt noch mancher Bereicherung fähig ist, zeigen zwei Spezialuntersuchungen: H. Zatschek (Karolinische Studien 1. Zu Johannes von Neumarkt. In: Mitt. Ver. Gesch. Deutschen Böhmen, 73, S. 1--19) weist nach, daß Johann nie Domherr von Olmütz gewesen ist, sondern nur schlesische Kanonikate erwerben konnte, nimmt gegen die These von seiner Herkunft aus Hohenmauth Stellung und arbeitet seine Beziehungen zu den Augustinereremiten, besonders zu St. Thomas in Prag, heraus. Genzsch < 808> veröffentlicht eine Urkunde, aus der einwandfrei hervorgeht, daß Johann Landschreiber des Herzogs Nikolaus von Münsterberg gewesen ist; tatsächlich gelingt es, seine Tätigkeit in der Münsterbergischen Kanzlei zu erfassen. -- Als Vorarbeiten zu dem unter Leitung von L. Santifaller in Angriff genommenen Schlesischen Urkundenbuch sind zwei Untersuchungen erschienen. Krahmer < 389> schildert unter Heranziehung reichen Vergleichsmaterials
Aufkommen und Verbreitung des geistlichen Siegels in Schlesien bis zum Jahre 1319 sowie Siegelstempel und Siegelinschrift desselben. Swientek < 369> charakterisiert die Tätigkeit der Notare in der Kanzlei Herzog Heinrichs III. von Schlesien und die äußeren und inneren Merkmale der Urkunden dieses Fürsten. Die Arbeit ist ein Ausschnitt aus einer Dissertation über Kanzlei- und Urkundenwesen der niederschlesischen Herzöge im 13. Jh.
Von den Erscheinungen des Berichtsjahres, die für den Urkundenforscher Bedeutung besitzen, aber in andern Abschnitten dieses Bandes besprochen werden, sind vorerst zu nennen: Urkundenausgaben und Regesten < 188--192, 194 bis 202, 401, 667, 692, 795, 2127, 2151, 2160, 2171, 2253>, Faksimilewerke < 316, 668>, sowie Veröffentlichungen über Archive < 57, 60--65, 67--69>, Siegel < 338, 341, 343, 346--349>, Urkundenfälschungen < 689, 697, 2194, 2205>, Urbare < 701, 2092, 2115, 2222>, Briefe < 315> und Briefsammlungen < 691>. In Fortsetzung seiner grundlegenden Forschungen über das Urkundenwesen der deutschen Karolinger <1932, 364, S. 152; 1933/ 34, 435 f., S. 207 f.> untersucht Kehr < 324> mit gewohnter Meisterschaft die Kanzlei Karls III. Seine von 10 Abbildungstafeln begleiteten Darlegungen führen weit über die Ergebnisse Mühlbachers und Sickels hinaus und zeigen die Schreibstube jenes Herrschers in ganz verändertem Licht. So ersieht man, daß diese Kanzlei keineswegs eine so straffe beamtenmäßige Organisation mit fester Rangabstufung besaß, wie bisher angenommen wurde, daß die ständigen Mitglieder dieser Schreibstube, die meist Schwaben, vor allem Reichenauer Mönche waren, den ihrer in Italien harrenden Aufgaben nicht gewachsen, in diesem Land hauptsächlich entsprechend angeleitete Empfängerschreiber arbeiten ließen und daß sie später bei Karls Anwesenheit im Westfrankenreich ähnlich verfuhren. Daraus, wie aus den früheren Forschungen Kehrs, ergibt sich die Notwendigkeit, den Begriff der Kanzleimäßigkeit weniger scharf zu fassen, als bisher, und bei kritischen Untersuchungen demgemäß zu verfahren. Diese Ergebnisse besitzen eine weit über den Einzelfall hinausreichende Bedeutung und beleuchten die grundsätzlichen Fortschritte der diplomatischen Methode seit den Tagen Sickels. -- Unsere Kenntnisse über Beziehungen deutscher Hochstifter zur Reichskanzlei während der Salier- und Stauferzeit erweitert in sehr erheblichem Maße eine Abhandlung Achts < 328>, die auch einen Abschnitt über gefälschte Speyerer Bischofsurkunden für Maulbronn enthält. Acht erweist einen Speyerer Geistlichen als Verfasser von 5 Urkunden Bischof Johanns von Speyer (1090--1104) und zugleich von 6 Ausfertigungen Heinrichs IV., die Schmeidler seinem Mainzer Diktator zugeteilt hatte, zeigt, daß ein Speyerer Bischofsschreiber 1156--1157 und 1161--1164 im Dienst Friedrichs I. arbeitete, und erbringt den Beweis dafür, daß unter diesem Herrscher und dessen Nachfolgern bis auf Friedrich II. verschiedene Speyerer Geistliche, namentlich Pröpste von St. German, in die Reichskanzlei eintraten und in ihr zu leitenden Stellungen gelangten. Zum Urkundenwesen der fränkisch-deutschen Herrscher vgl. auch 397, 667 f., 689, 692, 697, 713, 734 f., 739, 810 f., 2205, 2247. -- Dankbar wird es der Urkunden- und mehr noch der Geschichtsforscher begrüßen, daß Heinemeyer < 325> mit gutem Erfolg als erster den Versuch unternimmt, Formen und Rechtsinhalt ma.'licher Verträge festzustellen. Seine Ausführungen, die das 13. Jh. in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen, gelten den Staatsverträgen der europäischen Großmächte, berücksichtigen aber auch die Abmachungen zwischen deutschen Territorialherren und verfolgen Entwicklung wie Verbreitung des Schiedsvertragsverfahrens, des unmittelbaren, des zusammengesetzten und des byzantinischen Vertragsschließungsverfahrens. Damit wird eine empfindliche
Lücke unseres Wissens ausgefüllt und ein erster Baustein zu einer Lehre von den ma.'lichen Staatsverträgen gelegt.
Wesen und Bedeutung des Liber Diurnus sind bekanntlich noch nicht einwandfrei klargestellt. Als höchst förderlich muß daher eine Abhandlung Santifallers < 326> bezeichnet werden, in der auf Grund vieljähriger Arbeit <1925, 1982, S. 164> eine Antwort auf die Frage gegeben wird, inwieweit jene Sammlung bei Anfertigung von Papstprivilegien bis zum Ende des 11. Jh.'s wirklich benutzt worden sei. S. vermag festzustellen, daß diese Urkunden nur verhältnismäßig selten einen unmittelbaren Anschluß an den Liber Diurnus zeigen und daß sie andrerseits mit dem Fortschreiten der Zeit immer häufiger gleichbleibende Formulare u. dgl. enthalten, die sich in jener Sammlung nicht finden. Daraus ergibt sich, daß bei Herstellung der älteren Papstprivilegien uns nicht mehr erhaltene Kanzleibücher oder sonstige Formularbehelfe benutzt wurden und daß der Liber Diurnus in der überlieferten Gestalt, wie bereits gelegentlich vermutet wurde, lediglich als ein unter Heranziehung jener Aufzeichnungen angelegtes, höchstens bis ins 10. Jh. hinein gebrauchtes Schul- und Übungsbuch für angehende Notare der Kurie anzusehen ist. -- Des Aufsatzes von Fink < 327> über die ältesten Breven und Brevenregister wurde bereits im letzten Band der Jahresberichte gedacht <1935, S. 158>. Zum päpstlichen Urkundenwesen vgl. auch 2124, 2131, 2148, 2151, 2154 f., 2157, 2171, 2193, 2197, 2206, 2229, 2253.
Neben seinen bereits besprochenen Ausführungen, die manches über das älteste Urkundenwesen der Bischöfe von Speyer bringen, legt Acht < 329> eine Untersuchung über die fünf ältesten Ausfertigungen dieser Kirchenfürsten aus der zweiten Hälfte des 10. und dem Beginn des 11. Jh.'s vor. An Hand dieser Stücke, von denen nur eines (von 1020 4. 7., besiegelt) urschriftlich überliefert ist, vermag er festzustellen, daß sich in Speyer der Übergang vom Gebrauch der in fränkischer Zeit üblichen Urkunde zu jenem der vollentwickelten Siegelurkunde ähnlich vollzog, wie in Augsburg. Er vermeidet es jedoch mit Rücksicht auf den derzeitigen Stand unseres Wissens im allgemeinen, aus dieser Einzelbeobachtung weitergehende Schlüsse zu ziehen. Zum Urkundenwesen geistlicher und weltlicher Fürsten 60, 401, 798, 1950, 2004, 2194, 2226. -- Der Bearbeiter des inzwischen erschienenen ersten Bandes des Tiroler Urkundenbuches (Abt. 1, Bd. 1, Innsbruck 1937), Huter < 330> gibt einen für das Verständnis weiterer Kreise berechneten, in mancher Hinsicht aber (z. B. betreffs des Vordringens des Notariatsinstrumentes) Neues bietenden Überblick über das Urkundenwesen Deutsch-Südtirols bis zum Jahr 1200. Derselbe Forscher untersucht ferner < 2249> die in einer mit dem Siegel B. Altmanns von Trient ( 1149) beglaubigten (A 1) und in einer zweiten, ursprünglich wohl ebenso besiegelten Urschrift (A 2) sowie in einer jüngeren deutschen Übersetzung (B) überlieferten, nach deutscher Weise auf Grund von Aktnotizen hergestellten Aufzeichnungen über Gründung und Ausstattung des Augustinerstiftes St. Michael an der Etsch. Dabei erweist sich A 1, das in Abbildung vorgeführt wird, als die älteste, aber erst nach Altmanns Tod hergestellte Ausfertigung, A 2 als nicht wesentlich jünger und die mittelbare Vorlage von B als eine zu Beginn des 14. Jh.'s entstandene Fälschung, die vermutlich mit dem einst an A 2 befestigten Bischofssiegel beglaubigt war. Endlich wendet sich Huter < 331> dem nur in notarieller Abschrift von 1191 überlieferten Vigiliusbrief, einer aus Urkunden
und Notizen über Weihe, Ausstattung und Grenzen der Kirchen des Pfarrsprengels Kaltern (bei Bozen) zusammengesetzten Aufzeichnung zu, von der ein Abdruck beigegeben ist, und zeigt, daß dieses merkwürdige, die Mischung nördlicher und südlicher Einflüsse in der Bozner Gegend beleuchtende Schriftstück vermutlich im Auftrag Bischof Udalrich II. von Trient ( 1055) auf Grund formloser Vorlagen des 9. bis 11. Jh.'s angefertigt wurde. Zum städtischen Urkundenwesen 341, 348 f., 1979, 1983, 2053, 2062, 2096. Zum sonstigen deutschen Urkundenwesen 818, 2252. -- Der Aufsatz Kromans < 332> über die Handschrift des Liber census Daniae blieb dem Berichterstatter unzugänglich <vgl. S. 463>.
Überzeugend erweist Klewitz < 397> die Unhaltbarkeit der bereits durch M. Tangl und P. Kehr erschütterten Lehre Sickels vom Verhältnis zwischen Kapelle und Kanzlei und legt dar, daß in Deutschland, Frankreich, Italien, Sizilien und England Besorgung und Leitung des Beurkundungsgeschäftes an den Königshöfen im Früh- und Hochmittelalter Angehörigen der Kapelle anvertraut waren, und daß
sich erst seit der zweiten Hälfte des 12. Jh.'s im Abendland Herrscher- und Fürstenkanzleien im eigentlichen Sinn entwickelten, was sich im Aufkommen des Wortes Cancellaria spiegelt. Diese Ausführungen sind, obgleich bei ihnen gelegentlich das Terminologische etwas zu stark in den Vordergrund geschoben sein dürfte, sehr aufschlußreich und sie verdienen volle Beachtung. Im Zug einer Untersuchung über die jeweils führenden Notare Heinrichs V. befaßt sich Pivec < 398>, die Arbeit des Adalbert D. beleuchtend, mit den Urkunden jenes Herrschers für S. Benedetto di Polirone (St. 3061, 3122, 3138, 3195), S. Severo in Classe (St. 3153) und S. Donato in Imola (St. 3156), wobei er als Vorurkunde von St. 3153 ein Deperditum Ottos II. und das bereits von Sickel verdächtigte St. 3195 sowie das bisher unbeanstandete St. 3156 als Fälschungen erweist. Hirsch < 399> zeigt, daß Kanzler Arnold, der dann Erzbischof von Köln wurde, drei Diplome Konrads III. (St. 3372, 3373, 3382) sowie die Vorlage eines auf seinen Namen gefälschten Stückes (St. 3383) geschrieben und teilweise auch verfaßt haben dürfte. Eine im Auszug vorgelegte Untersuchung Krupickas < 402>, deren baldige Veröffentlichung im vollen Wortlaut lebhaft zu begrüßen wäre, wendet sich den in den Jahren 1273--1378 ausgestellten Urkunden des deutschen königlichen Hofgerichtes sowie deren Schreibern und Kanzleivermerken zu, belegt für die Zeit von 1313--1376 die Führung eines Reichsachtbuches und vermag auf diese Weise ein Bild davon zu entwerfen, wie sich auf Grund der durch den Mainzer Reichslandfrieden von 1235 geschaffenen Voraussetzungen seit den Tagen Rudolfs von Habsburg und besonders unter Karl IV. beim deutschen Reichshofgericht eine leistungsfähige Kanzlei entwickelte. Zum Urkundenwesen der fränkischen und deutschen Herrscher vgl. auch 89, 381, 719 f., 745, 750, 754, 2025, 2029, 2114.
Während Gallo < 395> der Cassineser Überlieferung der südlangobardischen Fürstenurkunden nachgeht und dabei auch auf Petrus Diaconus zu sprechen kommt, vertieft Hasenritter < 400> mit einer gründlich gearbeiteten Doktorschrift sehr wesentlich unsere Kenntnis von Urkunden und Schreibern Heinrichs des Löwen. So kann er feststellen, daß diese Urkunden ihrer Schrift nach nur zu etwa einem Viertel und ihrem Diktat nach zu einem nicht viel größeren Teil von Ausstellerseite stammen, daß der Herzog aber doch in den Jahren 1161--1171 drei Schreiber zugleich beschäftigte und daß von ihm 8 oder 9 Siegelstempel nachzuweisen sind, von denen in den Sechzigerjahren drei nebeneinander in Gebrauch standen. Zu den Urkunden weltlicher Fürsten vgl. auch 77, 421, 755, 2127 f. Zu den Bischofsurkunden 419, 721. Zum Offizialat 2340. Zu den Urkunden und Schreibern der Klöster 375 f., 379, 756, 2353, 2357, 2359, 2378. Zum städtischen Urkundenwesen, zu den Stadt- und Gerichtsbüchern 413, 473, 862, 2044, 2075, 2081, 2099, 2116.
Die Erscheinungen des Berichtsjahres aus dem Bereich der Urkundenlehre sind dürftig. Von den in andern Abschnitten dieses Bandes besprochenen Schriften kommen für den Urkundenforscher in Betracht: Urkundenausgaben und Regesten < 206--218, 220--223, 888, 934, 942, 2669>, ein Faksimilewerk < 775>, Handschriftenkataloge < 204 f.>, Nachrufe < 158, 163>, Veröffentlichungen über Archive < 72--103>, Siegel < 417--419, 422--425, 427, 431, 436 f.>, Briefe < 767, 774, 808, 928>, Briefsammlungen < 765>, Urkundenschrift < 401>, Urkundensprache < 485, 490 f., 496, 505>, Urkundenfälschungen < 807, 2632, 2640, 2651, 2663>, Herrscherurkunden < 207 f., 766, 809, 849, 928, 2622, 775>, päpstliches Urkundenwesen < 209, 886, 2602 f.>, weltliche Fürstenurkunden < 222, 422, 496, 769>, Bischofsurkunden < 217, 424>, Traditionen < 216, 530>, klösterliches Urkundenwesen < 213 f., 216>, Kirchenbücher < 1660, 1664, 1667, 1673, 1677--1679>, städtisches Urkundenwesen < 426, 431, 436, 490, 1657 f., 1663, 1670 f.>, Stadtbücher < 1672, 1674> und Handelsbücher < 1675>.
II. Hilfswissenschaften und Sprachgeschichte.
Opitz < 414> über Urkundenwesen, Rat und Kanzlei des Markgrafen Friedrich des Streitbaren von Meißen ist bei den engen Beziehungen dieses Wettiners zu Thüringen vergleichsweise auch für die Betrachtung der innerstaatlichen und verwaltungsmäßigen Verhältnisse in Thüringen am Ende des 14. und Anfang des 15. Jh.'s heranzuziehen.

References: § 6
 § 60
 § 68

§ 72

§ 28

§ 8