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Timestamp: 2020-01-21 11:22:54+00:00

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1914 / 21 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger)
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den Abgeordneten mitgeteilten Selbstmordfälle infolge angeblicher Mißhandlungen habe ergeben, daß von 40 Fällen bloß einer auf Mißhandlung zurüczuführen sei. Jn Beantwokttung einer Inter- pellation, betr: ffend die Zugebörigkeit von Kadetten und Offizieren der Neserve zu stuoentischen Kocporation-n, die prinzipiell Juden die Satisfaktion verweigern, betonte der Vêinister, daß die grundfäßliche Verweigerung der Genugtuung gegenüber Angebörigen jüdisher Kon- fession den in der Armee herrschenden Ehrbegriffen widersprehe. Der Offizier habe sih den Angehörigen jeder Nationalität und jeder Kon- fession gegerüber ganz gleih zu verhalten. Auf den Beitritt der Neserveoffiziere und Kadetten zu politishen Vereinen könne die Kciegs- verwaltung keinen Einfluß nehmen, da der Beitritt weder dem Militär- reglement, noch den Gesezen widerspreche.
Die nächste Sizung findet im Falle der Erledigung des Budgetprovisoriums im Budgetausshuß am Donnerstag statt. __— Die deutsh-t\{chechische Ausgleihskonferenz ist gestern durch besondere Besprehung des Ministerpräsidenten mit den Vertretern der tschechishen Landesparteien und mit den, Vertretern des Verbandes der deutsh-böhmi- schen Abgeordneten ® wieder aufgenommen worden. Der Ministerpräsident erläuterte, obiger Quelle zufolge, die Absichten der- Regierung und übergab den Konferenz- teilnehmern die * ‘vorbereiteten Regierungsvorlagen, stellte die noh erforderlihen Ergänzungen in Ausficht und fügte hinzu, daß er sich vorbehalte, den Minister des Jnnern Frei- herrn von Heinold und den Statthalter von Böhmen, den Fürsten Thun, zu weiteren Verhandlungen einzuladen. Die Konferenzteilnehmer erklärten, daß fie nah Prüfung der Negierungsvorlagen ihre Stellungnahme in der nächsten Kon- ferenz bekannt geben wollen.
— Jn der gestrigen Sizung des ungarischen Abge- ordnetenhauses kam es bei der Spezialberatung über den Preßreformentwurf zwishen dem Präsidenten und den Oppositionellen, die der Geschäftsordnung mehrfah Widerstand entgegenseßzten, zu heftigen Auseinandersezungen. Zahlreiche Oppositionelle wurden zur Ordnung gerufen. Ueber den VBer- lauf. der Sigung berichtet „W. T. B.“, wie folgt:
Während der Spezialdebatte verlanate Graf In ltus Andrassy das Wort zur Hautordnung. Der Ministeryräsident Graf Tisza befragte das Haus, ob es den Grafen Andrassy hören wolle. Die Mehrheit lehnte es ab, diese Erlaubnts zu erteilen. Graf Andrasfsy betonte demgegenüber, daß ihm gemäß der alten Hautordnung das Recht zustehe, unabhängig von der Erlaubnis des Hauses zur Haus- ordnung zu sprechen.“ Mehrere Oppositionelle \hrieen unausgeseßt: Höret Andrassy! Der Lärm wuchs von Minute zu Minute. Da die Verhandlungen wegen der ständigen Ruhestörungen nidt fortgésezt werden konnten, war der Präsident ge- nötigt, sechs oppositionelle Abgeordnete durch die Parlaments- wahe aus dem Sitzungssaal entfernen zu lassen. Graf Andrassy widersezte sih erneut den Anordnungen des Präsidenten und begann zu reden. Inmitten großen Lärms {loß der Präsident die Debatte über den Paragraphen 1 des Preßges! Bes, der darauf von der Vehrheit angenommen wurde. Graf Andrassy wurde, da er fortfuhr zu \prehen, an den Immuaitätsaus\{huß verwiesen, und die gesamte Nechte erhob sich für diefen Antrag des Präsidenten. Graf Andrassy seyte troßdem seine Nede fort. (Großer Lärm.) Zahl- reiche Abgeordnete, darunter Graf Albert Apponyti, wurden zur Ord- nung gerufen. Der Sch!iftführer verlas darauf den Paragraphen 2 der Vorlage. Der Präsident erteilte dem oppositionellen Abgeord- neten Geza Polonyi das Wort. In dem herrshenden Lärm sprachen Polonyi und Andrassy zu gleicher Zeit. Der Präsident suspendterte hierauf die Sitzung. Die Rechte verließ den Saal. Nach einer Pause von 10 Minuten erschien die Parlamentswache und focdertie die Abgg. Sraf Andrassy, Graf Batthyany und Stefan Haller auf, ich aus dem Saale zu entfernen. Diese leßteren leisteten der Aufforderung Folge und verließ-n, von je zwei Gardisten begleitet, den Saal und das Gebäude. Nach der Wiedereröffnung der Sitzung erklärte Graf Albert Appony i, daß die Opposition nunmehr der neuen H iu8ordnung, da der Präsident sie willkürlih bhandhabe, entschiedenen Widerstand entgegenseßen werde. Hierauf erhob sich G1af Aladar Zichy und versuchte zu sprezen, troßdem ibm nicht das Wort erteilt worden war. Zwvischen ihm und dem Präsidenten entstanden unter großem Lärm heftige Ausetinandersetzungen, weil Zichy darauf beharrte, zu sprechen. Die Sitzung wurde aufs neue suépendiert und wieder erschien die Par!amentswahe. Der Saaltommissar forderte die Abzug. Grafen Zichy und Johann Ju sth auf, das Haus zu verlassen. Beide entfernten sich, worauf die Wache abzog. Nach Wiederaufnahme der Sizung wurde die Verfügung des Präsidenten mit 154 gegen 60 Stimmen genehmigt und die Abgg. Zihy und Justh wurden dem Immunitätsausshuß überwiesen. Darauf erhob Graf Albeit Apponyi Einspruch gegen das Vorgehen der Mehrheit, die es der Opposition unmöglih mache, an den Beratungen teilzunehmen. Uater seiner Führung verließ hierauf die g samte Opposition den S'tungssaal. Der Präsident erklärte, daß der Einspruh des Abg. Apponyi, der sich gegen die Beschlüsse des Hauses richte, null
und nichtig sei.
Das Haus setzte sodann in Abwesenheit der Opposition die Spezialdebatte über die Preßvorlage fort, die bis zum § 17 angenommen wurde.
Der griechishe Ministerpräsident Venizelos ist heute früh aus London in Paris eingetroffen.
Die Minister des Krieges, der Marine und der Finanzen haben in der gestrigen Kammersißzung den bereits an- gekündigten Geseßentwurf, betreffend die Eröffnung der Kredite Fu Die nalibvnale Veérteidigung, eingebracht. Wie „W. T: B.“ meldet, betcagen diese Kredite 754!/, Millionen für das Heer und 1351/4 Millionen Francs für die Kriegsflotte und sind zum großen Teil für die Ver- besserung des Kriegsmaterials und namentlih der Festungs- artillerie, für Uebungszwecke, Eisenbahnen, das Flugwesen, die Jntendantur und den Sanitätsdienst bestimmt. Eine be- fondere Bestimmung des Geseßentwurfs gestattet die Kiellegung von drei Aufklärungsschiffen im Jahre 1914 fowie eine Aus- gabe von 30 000 000 Fr. für das Marine-Flugwesen. Die Gesamtausgaben von 890 Millionen, von denen bereits unter dem vorhergegangenen Ministerium 250 Millionen ihrem Zweck zugeführt worden sind, werden nicht in das ordentliche Budget, sondern in besonderer Rechnung eingestellt werden.
Die Kammer nahm gestern die Erörterung der Uenza- Interpellationen wieder auf.
Der Sozialist Bedouce warf obiger Quelle zufolge dem Generalgouvernement von Algerien vor, systematish dem Parlament einen Teil der Wahrheit über die Uenza- Ungelegenheit vorenthalten zu haben. Bedouce bestand darauf, daß es für Aigerien notwendig sei, ständig Herr seiner Eisenbahnen zu bleiben, und verlangte foztale Garantien für die Arbeiter. Der frühere Minister für öffentliche Arbeiten Thierry unterbrach ihn und bemerkte, daß fch im Anhang zur Konvention folhe Garantien finden. Bedouce drückte die Befürchtung aus, daß man Algerien selbs nicht genug Eisenerze gelassen babe, um sie an Oct und Stelle zu verarbeiten und daraus das beste Gußeisen und den feinsten Stahl herzu- stellen. Der Abg Jaurès sprach über die deutschen, in Uenza interessierten Minenbesizer. In diesem Zusammenhang erklärte er, er sei gegen Deutshland niht voreing?-nommen; man habe ihm ost das Gegenteil vorgeworfen. Er sei davon überzeugt, daß cin dauer-
hafter Frieden zwischen Deutshland und Frankreich notwendig fei, der vorbereitet werden müsse durch ein Zusammenarbeiten der betden Nölker. Jn Uen:a aber kandeite es fih um eine Betriebeführung, die bis zum Monopol ginge. Es lasse sich garniht absehen, welche Zroischenfälle sich eretgnen würden, wenn Frankrei eines Tages in
| einer Zeit der Not erfahren würde, daß Deutschland an erster Stelle
von dea M-.nen in U?nza bedient würde. Ale großen Nattonen dächten daran, sih den B-siz von Eisendahren, Kohle und P.troleum und selbst von radiumhaltiyen Gebieten zua sichern. Zu einer Zeit, in der die Autgaben für Kriegszwecke wüch)en, nähmen auch die segenéreichen
Ausgaben für Werke des Friedens zu. (Ina diesem Augenblide betrat der Progressist Pierre Leroi-Beaulieu den Sizungsaal und“ war]
ziemlih lebhaft einen Saß bin, in dem er seinem Mißvergnügen, Jaurès auf der Tribüne zu sehen, Ausdruck gab. riefen einstimmigen Protest hervor, und tin der ganzen Kaminer ers{oll
Beifall, als Jaurès erklärte, er kehre fih nicht an Unflätigfkeiten. Der Präsident Deschanel erklärte, der amtlihe Berichti würde diese
Ünterbrehung nicht veröffentlichen.) . Zum Schluß beschwor
Faurès die Negterung, Uenza nicht ungewisseæ oder zweifelhaften
Gruppkterungen auftzultefern. Dér Minister Fecnand David be- stätigte das aufrichtige Zusammenarbeiten des Generalgouverneurs
von Algier Jonnart wit dem Ministerium. Dann erinnerte der
Minister an die ernsten Unannehmiichkeiten, zu denen die erste Kon- vention der Anlaß war, besonders wegen dec Beschlagnahme der Eisenbahnen.
Algerien die Herrschaft über seine Etsenbahren sib-re, und erklärte dann, Algerien habe daran denken müssen, seinen Erzen Absatz zu ver- \{affen. Hierin liege ter Grund, daß 31 9/6 des Geschäfts in den Händen von Metallindustciellen seien und 36 °/a in den Händen von Geld!euten. Das französische Interesse sei gewahrt, da ja 67 °/9 des Kapitals rein franzößicher Besiy, 33 9/6 in ausländischem Besiy feten. Aber diese autländishen Gesellshaften hätten noch französishe Teil- haber, was den Anteil des fremden Kapitals vermindere. Der Minister {loß mit der Bitte, sich zu einer friedlichen und gerechten Lösung der Frage zu vereinigen.
— Jm Senat beantwortete gestern der Unterstaatssekretär im Kriegsministerium Maginot eine Anfrage des Senators D'Estournelles de Constant nah dem Zustande der für die Durchführung des Dreijahresgeseßes vorgesehenen Kasernen laut Meldung des „W. T. B.“, wie folgt:
Die Lage sei nicht derartig, daß fie Besorgnisse hervorrufen müßte. Zweifellos hätten die Soldaten niht alie wünschenswerte Bequemlichkeit, aber es sei unmöglich, mehr zu tun, wegen der de- trächtlihen Vermehrung der Effettivstreitkräfte und der ungünstigen Witterung8verhältnisse. Maginot beshrieb sodann den Zustand der Kasernen und ve1sicherte, die Gesundheit der Leute werde nicht ge- fährdet. Moral und Gesundheit der Truppen seten ausgezeihnet.
Jm weiteren Verlauf der Sißung brachte der Senator Neymond eine Jnterpellation über die militärische Luft- \hiffahrt ein.
Der Interpellant verglih die Zahl und Stärke der deutschen und der franzéfisch-n Lustshiffe uud stellte fest, daß die deutschen Luft, \chiffe cine fehr starke Kriea8waffe darstellter. Er kritisierte sodann die Langsamkeit der Ausführung des franisischen Bauprogramms für Lufischiffe und unterzog die Fragen der Ballonhüle und des Wasserstoffes einer technischen Prüfung. Er wies darauf hin, daß es in Frankceih feine \staatlide Wasserstoffabrik gebe; eine Fabrik sei die Filiale einer teutschen Fabrik. Frank reich stehe Deutschland nach in der Zahl und der Einrichtung der Luftschiffhallen und der Häufigkeit der Aufsti-ege. Man hätte das Flugwesen so weit entwickeln müssen, daß fein deutsches Luftschiff weder nach Fiaakreih herein-, noch aus Frankreich hinausfönnte. Frankceih habe nidts getan, um den Flugzeugen Mittel zur Ver- nihtung der Luftschiffe zu geben, Dec Redner machte auf die unge- nügende Anzabl von Fliegeroffizieren aufmerksam. Der Kriegs-
minister Noulens warf ein, daß alle Waffengattungen im Jahre 1913 ihre Ojfiziere notwendig gehabt hätten wegen des Dreijahrs„esetzes. Dzr Minister fügte hinzu, daß
38 Gesuhe von Offizieren zur Aufnahme in die Fliegertruppe im März angenommen werden würden. Reymond bemänyelte die Art der Er„änzung der Fliegeroffiziere und beklagte sih über gewisse Korpskommandanten, die ihren Untergebenen abrieten, sh in die Fl'egertruppe aufnehm:n zu lassen. Der Redner bemängelte ferner, daß die höheren Offiziere aws Bekehlshaber von Flugzeuaführern teil- weise versagten. Man müßte die Flieger von der Verpflichtung ent- binden, eine bestimmte Zeit bei der Truppe abzudienen, um zu einem höheren Grade befördert werden z können. : Die Sizung wurde darauf geschlossen.
Gestern fand in St. Petersburg im Beisein des Kaisers, der Großfürsten und sämtlicher Minister ein von den Semstwos veranstalteter Rout statt. Der Präsident des St. Petersburger Semsiwos dankte dem Kaiser für das hohe Glück seines Be- suches und versicherte, die Semstwomitglieder würden eingedenk der anädigen Kaiseriwvorte im Winterpalais über die Bedürfnisse des Landes zu ihrer Tätigkeit mit erneuten Kräfteft zurü kehren. Er bitte den Kaiser, Salz und Brot entgegenzunehmen. Der Kaiser dankte für den herzlichen Empfang und sprach seine Genugtuung darüber aus, in der Hauptstadt einen großen Teil der Semstwomitglieder versammelt zu sehen. Er wünsche den Semstwos fruchtbare Tätigkeit.
_— Der Reichsrat begann gestern mit der Beratung des Gesezentwurfs, betreffend die Bekämpfung der Trunksucht.
Wie „W. T. B.“ meldet, legte Graf Witte in langer Rede dar, seine Nachfolger im Amt alis Finanzminister hätten sein Werk, das Branntweinmonopal, das die Unterdcückung der Trunksucht er- zi-len sollte, entstellt. Das Volk bezahle für den Monopolschnaps über eine Milltard?, während für Voltsaufklärung nur 160 Millionen verausgabt würden. In zehn Jahren seien die Monopoleinnahmen
um eine halbe Milliarde gesticzen. Es sei nicht zu ver- wundern, daß dadurch ein großer Barbestand gebildet worden fei. Doch das Mittel, durch welches dieser vornehmlich für die Landesverteidigung bestimmte Barbe|stand erzielt worden sei, sei anormal. Es wäre besser, die Meonopoleinnahmen zu fixkeren und die Uebershüse zur Bekämpfung des Volks-
ubels zu verwenden. Mittel zur Landetêverteidigung müßten bereit gehalten werden, sie dürften aber nicht durch Förderung der Volk8- ichwäche gesammelt, sondern müßten dur neue Anleihen und Steuern beschafft werden. Der Ministerpräsident Kokowßow erwiderte, die Ziele des Grafen Witte seien nicht vergessen und würden wie früber gefördert. Der Schnapsfonsum auf den Kopf sei in den legten zehn Jahren nicht gestiegen. Die Einkünfte des Monopols seien nit nur dur Erhöhung des Alkoholabsaßtzes, fondern auch durch Preiserhöhung des Branntweins und durch Herabseßung der Exploitationsausgaben infolge technif{cer Vervollklommnungen erreiht worden. Die Maß- nahmen zur Bekämpfung der Lrunksucht würden ebenso energiich fort- geführt wte zu Wittes Zeiten, und eine dieser Maßnahmen bilde der vorliegende Gesetzentwurf.
Der Kronprinz Alexander und der Ministerpräsident Paschitsch sind gestern nah St. Petersburg abgereist, um der Taufe des Sohnes der Prinzessin Helene, der Tochter des Königs Peter, beizuwohnen. Während der Abwesenheit von Paschitsh übernimmt der Finanzminister Patschu interimistisch das Ministerium des Auswärtigen.
Der Nednec verglich die erste Konvention mit der fürzlih unterzeichneten, deren Vorteile er besonders hervorhob, da sie
Ueber die Ursachen der Demission des Präsidenten der vorläufigen Regierung Jsmail Kemal wird dem Ver- treter des „Wiener K. K. Telegraphen-Korrespondenz-Bureaus“ von maßgebender Seite mitgeteilt :
Angesichis der seit geraumer Zeit \{wierigen Lage Albaniens \{ch!ug Jomail Kemal vor etwa zwei Wochen der Kontrollkommission vor, die Arkunft des Fürsten von Albanien möglichst zu beschleunigen, oder daß der Fürst, falls er den Moment der Thronbesteigung nicht gekommen erate, seinen bevollmächtigten Kommissar entsende, oder daß die Großmächte die Kontrollklommi'sion als ihre Reprä- sentantin ermächtigen, bis zur Ankunft des Kürsten die Regierung zu übernehmen. Auf Grund- des Einv-erständnisses der Groß- mähhte erhtelt die Kontrollfommission die Vollmacht, die Regierung interimistisch zu übernehmen und teilte dies den Mitgliedern der vor- läufigen Regierung mit. Daraufhin erklärte J8mail Kemal, er sei gleiche# Sinnes mit den übrigen Mitgliedern der Regierung, wenn er erfläre, im diesem Vorgang das Heil des Landes zu erbliden. Er danke den Großmächten, daß sie neuerlich den Beweis geliefert hätten, wie fehr ihnen das Wohl des neuen Staats am Herzen liege. Die Kontrolikommission ernannte hierauf Fev,t-Bei zum Negtierungs- direktor für das gesamte der Regierung von Valona unterstehende Gebiet. Die bisherigen Regierungsmitglieder, ausgenommen Jtmail Kemal, dessen Funktionen die Kontrollfommifsion übernimmt, wurden mit Nücksicht auf die Schwierigkeiten, die ihr Gesamtrücktritt herbei- führen würde, ersucht, die Leitung threr Nessorts weiterhin beizube- haiten, wozu fie sih bereit erklärten.
Der zurücgetretene Präsident Jsmail Kemal Bei, hat an den österreichisch - ungarishen Minister des Aeußern Grafen Berchtold, wie „W. T. B.“ meldet, folgendes Telegramm gerichtet :
In dem Augenblick, wo ih die Regierungégewalt, die mir die Bertreter des albani!chen Volkes anvertraut haben, in die Hände der Verireter der Großmächte zurücklege, erahte ih es für meine Pflicht, Eurer Exzellenz und der Kaiserlih - König- lichen Regierung meinen aufrihtigen Dank auszusprechen, daß Sie die Güte hatten, meiner Bitte zu willfahren , die internationale Kommission mit der Leitung der MNogterungégeschäfte von ganz Albanten zu betrauen, worin das einzige Mittel liegt, die Einheitlichkeit der Negierung zu verwirtlihen, obne die die Ordnung nicht hergestellt werden konnte. Ich benuge die Gelegenheit, um den Dank aller meiner Landsleute für das Wohlwollen zu erneuern, mit dem Eure Exzellenz Albanten während setner Konstituierung unaus- geseßt überhäuft haben sowie meine volle Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen für all das Gute, dessen ih peisönlih in den vierzehn Dtonaten, während welcher ich die Verwaltung des Landes. innehatte, teilhaftig geworden bin. Ich bitte Eure Erz-llenz nohmals, diefem tapferen, unglüdlihen Volfe beistehen und jeinz2 von seinen Feinden so wenig geachteten Nechté verteidigen zu wollen.
(gez.) Der gewesene Präsident der vorläufigen albanisGen Ne- gierung Ismail Kemal.
__ Der Präsident Wilson hat zu seinem Vorschlage über die Regelung der Einwanderung, wie „W. T. B.“ meldet, die Erklärung abgegeben, daß er nicht beabsichtige, die Ver- träge mit Japan zu verlegen. Seine Vorschläge zielten in erster Linie auf die Ausschließung der Hindus ab. Angesichts der Einschränkungen, denen die Einwanderung von Hindus in verschiedenen britischen Kolonien unterworfen ist, erwartet man feinen Einspruch von seiten Großbritanniens.
Die chilenishèn Kammern haben na einer Meldung des „W. T. B.“ ein Geseß über die Reorganisation der Eisenbahnen und die Verbesserung des Betriebes angenommen und 4 710 000 Pfd. Sterl. zur Beschaffung von Betriebsmateriäl und zum Bau neuer Linien bewilligt.
U : l 2 A
Jm japanischen Parlament hielt gestern der Minister des Auswärtigen Baron Makino bei der Einbringung des Etais laut Meldung des „W. T. B.“ folgende Rede:
Die Beziebungea des Reichs zu den Vertragsmäcbten werden immer vertrauliher und berzliher, und besonders in China haben wir hinsihtlih der allgemeinen Lage zu unserer großen Freude mit den Großmächten zusammenwirken fönnen, um die Ordnung in Ost- asien aufrecht zu erhalten, wie es denn ja überhaupt ein fundamen- taler Gcundsaz unserer Chinapol itik ist, die Unabhängigkeit und Inte- grität diefer Macht zu fichern. Gegenstand unse: es Bündnisses mit Großbritannien war, praktisch dasseibe Grundprinzip hochzuhbalten, und wenn die Welt fih aufrihtig darüber freuen kann, daß F iede und Nuhe fo {nell tn China wiedechergestelt wurde, ist es gleich- zeitig eine unbestreitbare Tatfachz, daß die Wiederherstellung von Friede und Nuhe niht zum wenigsten ein Verdienst dec Existenz des jaypanis{ch-englischen Bündnisses ist, von dem zu erwarten steht, taß es fünftightin seine Kraft zur Erhaltung des Friedens noch 1tärker bewzisen wird. Was3 die Fcagen betrifft, die sh auf folhe G-b?ete Chinas beziehen, in denen japanish2 und russishe Interessen sich berühren, so hat die Kuserliße Regierung entsprehend den zwishen den beiden Ländern besteher den Konventionen unablässig an einer Versländigung mit Rußland - gearbeitet: und kann mit großer Befriedigung feststellen, daß die Beziehungen zwishen den beiden Kaiserreihen immer inniger werden. In der Südmandschuret und der östlichen inneren Mongolei nimmt Japan kraft seiner Verträge und aus anderen Gründen etne befondere St Uung ein und da diese Provinzen an unser Gebiet stoßen und spezielle Be- ziehungen zu Japan haben, fo stehen wir ihnen anders gegenüber als den anderen Provinzen Chinas, Wtr haben nicht unterlassen, von Zeit zu Zeit, je nach Bedürfnis, angemessene Erklärungen abzugecen, um unsere spezielle Lage in jenen Gegenden sicherzuiiellen. Wir bemerken ferner zu unserer Freude, daß wir nit nur mit China als Ganzem innig verbunden sind, sondern daß die Grundlage unserer Macht in wirtshaftlißer Beziehung neuer- dings stark befestigt ist, und daß wir bemerkenswerte Fortschritte in Handel und Schiffahrt gemacht haben sowie daß die Anzabl ter in China lebenden Japaner ein autgesprohenes Wachëtum aufweist, und da die Grundlagen unserer Stellung in ganz China nunmehr \{peil an Stärke zunehmen, so zeigen die wiitschaftlihen Beziehvngen zwischen den beiden Ländern die Tendenz, inniger zu werden, als je zuvor. Der hierin liegende Anreiz ist eine unentbehrlide Vorbe- dingung zur Förderung unserer Interessen und daher von der höchsten Wichtigkeit b-i der Durhführung unserer Chinapolitik. d
Die Nede berührt darauf die chinesischen / Anleihen und wendet sich sodann zu den zweiten Unruhen ip. China; hierbei wird Wert darauf gelegt, daß die Kaiserlihe Regierung die Gesandten Und die in Betracht kommenden Generalkonsuln bei mehr als einer Gelegenheit angewiesen hat, die beiderseitigen Führer in freundschaftliher Offenheit darauf aufmerksam zu machen, daß fie durch den Appell an die Gewalt die Grund- lagen des neuen Systems und vielleicht sogar den Frieden in ganz Ostasien gefährdeten, und daß ihnen daher vorsichtiges und umsichtiges Handeln obläge. Die Rede berührt sodann die Erledigung der Yenchow-, Hankau- und Nankingangelegenheiten sowie die Frage der Anerkennung der chinesishen Republik und gibt weiter die folgende Darlegung des Sachverhalts bei der Entsendung der „Jzumo“ nach Meriko.
Im Februar v. J. brach eine Revolution in der Haupytstad! Meriros aus und der General Huerta wurde am 19 desselben Monat: vorläufiger Präsident. Das ganze Land blieb in Wirren und seit der (Finnahme von Torreon wurde die Lage sogar allgemein noch ernster-
Da die Anzahl der in Mexiko lebenden Japaner nahezu 3000 beträgt, Da s selbstverständlih nötig, geeignete Shußmaßregeln für den Fall der Gefährdung ihres Lcbens oder Cigentums zu treffen, und die Kaiserliche Regierung entsandte am 20. November v. J. ck21 Kreuzer „Zzumo“ nah Mexiko. Dieser steht jeyt mit unserem Gesandten in . Mexiko in Verbindung, sodak jede möglihe Vorsorge getroffen ist, um die in M.xiko lebenden Japaner zu süßen. Ferner haben die in der Stadt Neriko lebenden Japaner im Verein mit anderen Bewohnern Freiwilligenkorps or„anisiert, und unser Gesandter hat sih mit den Vertretern der anderen Machte über die Ergreifung von Verteidigungsmaßregeln verständigt. Da einige ¡ener Japaner in, großer Not sind, fo unternimmt der Gesandte in erbindung mit dem Kommandeur der „Fzumo“ Schritte zu ihrer Unterstüßung. Die Kaiserliche Regierung hofft aufrichtig, daß Friede und Nuhe sobald wie möglih in Mexiko wiederhergestellt sein werden, und daß die Bewohner dieses Landes, Eingeborene wie Fremde, frei von Besorgnissen werden leben können.
Nach Meldungen des „W. T. B.“ aus Pretoria find mit ganz geringen Ausnahmen alle Arbeiter zur Arbeit zurü- gekehrt. Die Kommandos in den Bezirken Pretoria und Franfkfort, die noch nit entlassen sind, werden heute aufgelöst werden.
Der Sthlußbericht über die gestrige Sißzung des Reichs- tags sowie der Bericht über die gestrige Sizung des H auses der Abgeordneten befinden fih in der Ersten und Zweilen Beilage.
Auf der Tagesordnung der heutigen (199.) Sißzung des Reichstags stand zunächst die erste Beratung des von der fortschrittlihen Volkspartei (Ablaß und Genossen) eingebrachten Ynitiativgeseßentwurfs, betreffend die Befugnis der bewaff- neten Macht zur Ausübung der staatlihen Zwangs; gewalt. Der Gesezentwurf hat folgenden Worlaut: “8 1. Die bewaffnete Macht kann zur Unterdrückung innerer Unruhen nur auf Ersuchen der zuständigen Zivilbehörde verwendet werdea. Die Fälle, in denen ein folhes Ersuchen zulässig ist, und die Formen, in denen es zu ecfolgen bat, bestimmt dzr Bundesrat.
S 2. Unberührt bleibt das Necht der bewaffneten Macht, die Auéübung ihrer dienstlihen Tätigkeit gegen Angriffe und Störungen zu |MuBen,.
f f 3. In den Fällen der §8 1 und 2 is der Gebrauch der Waffen, abgesehen vom Fall der Iotwehr, nur gestattet: / 1) Zur Abwehr eines Angriffes oder zur Ueberwältigung eines durch Tätlichkeit oder (Ee Drohung geleisteten Widerstandes. 2) Zur Erzwinaung ker Ablegung der Waffen oder anderer zum Ängriff oder Widerstand geeigneter oder fonst gefährlicher Werkzeuge. x 3) Zum Sqhugze der ihrer Bewachung anvertrauten Personen oder Sachen. 4) Zur Vereitlung der Fluht von Personen, welhe ißr als Gefangene zur Bewachung anvertraut oder von ihr ergriffen oder festgenommen sind. a
8 4. Die Bestimmungen über den Belagerungszustand werden dur dieses Geseß nicht berührt.
Auf Vorschlag des Präsidenten wurde mit der ersten Lesung dieses Geseßentwurfs verbunden die Beratung der vier auf den gleichen Gegenstand bezüglichen, von anderen Parteien eingebrachten Anträge:
1) Antrag Delsor und Genossen (Elsässer und Polen) :
Fn Anbetracht: 1) des durch das Vorgehen des Obersten von Reuter in Zabern entstandenen Konfliktä' zwischen der Militär- behörde und der Zivilverwaltung; 2) der Meinungsverschiedenheit zwischen der Militärbehörde und der Militärjustiz einerseits und dem Unterstaa!ssekietär des Innern im Ministerium für Clsaß- Lothringen andererseits über die Gültigkeit der preußiihen Kabinetts- order von 1820 in Elsaß-Lothringen; 3) der Gefahren, welche für die öffentliche Sicherheit und Rechtéordnung, für die perjon- lie bürgerlihe Freiheit aus dieser Rechtsungewißheit h ergeben, die um so größer ist, als für die in Elsaß Lothringen stebenden bayerishen Truppenteile andere Vorschriften gelten; den Reichs- fanzler zu ersuhen, baldigst einen beshleunigten Geseßentwurf etn- zubringen, welcher die Befugnis der bewaffneten Macht zur Aus- übung der staatlihen Zwangsgewalt für das Reich einheitlich regelt und der R-chtsauffassung Geltung verschafft, daß das Militär nur auf Nequisition der Zivilbehörde zu poltzeilichen Zwecken ver- wendet werden darf.
9) Antrag Albrecht und Genossen (S0oz.):
den Reichskanzler zu ersuchen, einen Geseßentwurf ein- ¿ubringen, dur den. unter Authebung der Militärgerichtsbar- feit die Militärpersonen des aktiven Heeres und der aktiven Marine und die übrigen in § 1 der Militärstrafgerihtsordnung für das Deutsche Reih genannten Personen der bürgerlichen Straf- gerichtsbarkeit unterstellt werden.
3) Antrag Bassermann und Genossen (nl.):
Der Reichêtag nimmt davon Kenntnis, daß eine Nachprüfung der Dienstvorshrift über den Waffengebrauh des Militärs vom Fabre 1899 angeordnet worden ift, nachdem si bet den jüngsten Ereignissen in Biber Zweifel daran eraeben haben, ob diese Vor- chrift die Befugnisse der Zivil- und Militärbehörden richtig ab- gremt. Der Reichstag ersuht den Herrn Reichskanzler, das Er- gebnis dieser Nahprüfung baldigst dem Reichstag bekannt zu geben.
4) Antrag Spahn (Zentr.): :
Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, bei den verbündeten Ne- gierungen dahin zu wirken, daß die Voraussezungen für das Cin- \{reiten des Militärs in poltzeilichen Angelegenhelten überein- stimmead in einer die Selbstverwaltung der Zivilverwaltung sihernden Weise geregelt werden. e
Abg. Dr. Müller- Meiningen (fortscr. Volksp.): Ich be- antrage, den Antrag, wona der Reichskanzler ersucht wird, dahin zu wirken, daß die Vorauésezungen für das Einschreiten des Militärs in volizeilichen Ange!egenheiten überetnstimmend in einer die Selbständig- feit der Zivilverwaltung sihernden Weise geregelt werden, sofort anzunehmen und die anderen Anträge an eine Kommission von 21 Mitgliedern zu verweisen. Wir haben vom Stadium des Urtzils zum Vollzug überzugehen. Die Antwort des Reichskanzlers war für uns vollständig ungenügend, da er nicht gesagt hat, was ge- \chechen soll, damit in Zukunft solhe Affären vermieden werden. Eine Nejolution zu fassen genügt niht. Wir haben mit den Neso- lutionen ganz besonders in der legten Vergangenheit sehr s{leckte Erfahrungen gemaht. Was mit den Resolutionen geschieht, darüber hat fich ja der Reichskanzler im preußischen Herrenhause ausgesprochen. Gs \cheint dana die Absicht zu bestehen, auf die Anträge, die der Neichstag mit großer Mehrheit gefaßt hat, überhaupt „nichts zu tun. Jch muß bei dieser Gelegenheit dagegen prokeslieren, daß auf die Wünsche des Neichstags nicht eingegangen wird. Der Ton, in dem hier geredet ist, entspriht ja ganz dem Auftreten des Kriegsministers am 3. und 4. Dezember. Wir protestteren son jet dagegen, daß die Wünsche des Parlaments fo bebondelt werden Die Antworten in der Zusammenstellung der Beschlüsse des Bundesrats Knd eine ununterbrochene Kette von Provokatioyen der Volksvertre- tung. Es sieht so aus, als ob man seitens der Heeresverwaltung den Konflikt vom Zaune brehen will. Das Zentrum hat einen sehr be-
merfen8werten Antrag eingebraht. Es will, daß die Zufainmenstellung der Beschlüsse erst der Budgetkommission zur Prüfung vorgelezt wird.
Ich fasse das als etnen Protest des Zentrums auf. Keine Partei, die }
etwas auf sich bâlt, kann fo etwas sih gefallen lafjen. Ganz be- sonders möchte ih an die Nattonalliberalen appellieren, die damals alle unsere Beschlüffe mitgrefaßt haben. Fch begrüße von diesem Standpunkt aus alle Anträge. Wenn je ein Aft parla- men1arischer Solidarität notwendig ist, so ist es der jeßige, die Herren von der Nechten nehme ich natürli davon aus. Aus all diesen Gründen haben wir- den Weg der geseßlichen Jnitiative beschritten. Ich kann mich kurz fassen, da mein Freund von Liszt die Antrâge {hon genügend begründet hat. Von gewisser Seite sollen einige partifularistihe Bedenken erhoben worden sein. Aber die Süddeutschen brauchen nichts zu befürhten. Wir halten infolge der ganzen Entwicklung den Erlaß eines Neichs- geseßzes für dringend notwendig. Der. § 1 enthält die Recht9- zustände in Bayern und Württemberg und enthält auch die preußischen Kantonnementsvorschriften von 1902, ebenso wie den Grundsaß des Art. 36 der preußishen Verfassung. Mit Ausnahme der Rechten kann dieser Paragraph voa allen Parteien angenommen werden. Unser Antrag hat allerdings gewisse Lücken, darauf hat {on mein Freund Liszt hingewiesen. Aber wir sind mit allen Verbesse- rungen unseres Antrags einverstanden. Wir wollen den Frieden zwishen dem Militär und der Zivilbevölkerung, zwischen der obersten Kommandogewalt und dem Volke. Affärea wie die in Zabern können nur dur den Erlaß eines derartigen Neich8geseßes verhindert werden. Ich bitte deshalb, unfern Antrag anzunehtnen. ;
Abg. Fehrenbach (Z.): Dem Vorschlage des Abg. Müller-Meis- ningen, den Zentrums8antrag anzunehmen und alle übrigen Anträge einer Kommission von 21 Mitgliedern zu überweisen, {ließe ich mich an. Was unseren Antrag anlangt, so hat ja der Neichsfanzler gestern im wesentlihen und im allgemeinen eine zustimmende Haltung dazu eingenommen. Aber es ist dem Abg. Müller-Veeiningen zuzugeben, daß es angesihts der Erfahrungen, die wir mit der Behandlung unferer Resolutionen durch die Regierung gemacht haben, notwendig ist, den fiarken Willen des Reichttags zum Ausdruck zu brinaen. Hoffentlich wird dadur auch eine energische Cinflußnahme auf den Willen der Regierung herbeigeführt. Es lieat uns deshalb daran, daß durch die Stellungnahme des Hauses und \chließlich durch eine recht einmütige Annahme unsere? Antrages der Wille der deuts{en Volksvertretung der Regierung gegenüber zu einem flaren und bestimmten Ausdruck kommt. Jm übrtgen kann ih mich zur Begründung unseres Antrages auf das beziehen, was ih gestern hon gesagt habe. Wir siimmen in weitestem Umfange ejner geseßlihen Regelung zu. Wir haben uns in unserem Antrage n cht auf eine reidsgeseßlide Regelung festgelegt, nicht etwa weil wir gegen eine reihs8geseßlihe Regelung Bedenken hätten, aber wir wollen NRüesicht nehmen auf gewisse partikularre{tliche Strömungen. Wir möchten nicht, daß dur eine reihsge!eßlithe Nege- lung die Cinzelstaaten benachteiligt werden. Auch wir find der Meinung, daß die Nequisition des Militärs zu polizeilihen Zweckten nur auf Requisition der Zivilbehörden erfolgen darf. Und wir find der Meinung, daß, wenn die Sache auf partikularem Wege in Preußen ge- regelt wird, es nit anders ges{ehen kann, als in dem gleichen Sinne.
Art. 36 der preußischen Verfassung besagt ausdrücklich, daß die bewaff-
nete Macht zur Unterdrückung innerer Unruhen und zur Aus- führung der Geseße nur in den vom Gesege bestimmten Fällen verwendet werden darf. Ausnahmen können nur dur Geseß bestimmt werden. Was den Antrag anbetrifft, die Udrigen
Anträge einer Kommission zu überweisen, so folgen wir bet dessen Annahme einer vom Reichstage stets gebrauchten Uebung, daß, wenn eine bedeutende Partei einen folhen Antrag stellt, die anderen Parteien hier au Gelegenheit geben, alle Details darzutun Diese Möglichkeit ergibt sich aus der Ueberweisung an eine Kommission. Gew'!sse Erfahrungen der letzten Tage lehren uns, daß die Kommisston die Möglichkeit zu einem weiteren energisden Verfolgen der Sache gibt. Schließlich bitte ih auch den Antrag Bassermann anzunehmen.
Abg. Tr. Müll er-Meiningen (Fortichr. Vpt.) zur Geschäfts- ordnung: Ich habe beantragt, sämtlihe Anträge einer Kommission zu überweisen, weil ih der Meinurg wor, daß der Antrag Basser- mann zurückgezogen werden sollte. Da dies nicht der Fall ist, erkiâre ih, daß wir unsererseits bereit find, auch diesen Antrag sofort anzu- nehmen. / S i : j
Abg. Haase (Soz.): Daß der Kiiegsminister setne Zusagen bei der Wehrvorlage niht erfüllen würde, haben wir voräuszelagt. Unsere Forderungen mußten in das Gesetz hineingearbeiiet werden. Es find von anderer Seite sehr starke Worte ge- brauht worden, aber di-e Worte bedeuten garnichts, wenn hinter thnen nicht energische Taten stehen. Wie sehr die Negterung den Reichstag mißachtet, beweisen die leeren Bänke der Regierung. Wenn der Neichstag auch nur etnen Funk-n Achtung vor sich selbst hat, so muß er nunmehr der Regierung seine ganze Macht zeigen. Wir werden abwarten, wie die bürgerlihen Abgeordneten fi gegen den Fußtritt der Regierung, einen auderen Ausdruck kann ich nicht gebrauchen, in Zukunft verhalten werden. a |
Präsident Dr. Kaempf: Es ist meiner Ansicht nah nit zu- ässia, von einem Fußtritt zu sprehen, den die Negterung dem Neichstage verseyt hat, und ih rufe deshalb den Abg. Haase zur Ordnung.
Aba. Haase (S9z.) fortfahrend: Es | l unter allen Umständen festgestellt werten, daß das Militär nur auf Neguisition der Zivilbehörde einschreiten darf. Die Selbständigkeit der Verwaltung darf durch das Verhalten des Militärs nicht ge- fährdet werden. Wir werden den Antrag Spahn annehmen. Der Antrag Bassermann besagt eig?entlih faît nihts. Wir haben aber feinen Anlaß, ihn niht anzunehmen. Unser Antrag spricht für sich, Er ist oft genug gestellt worden. Seine nähere Begründung kann aber nur in dec Kommission geschehen, wir {ließen uns deshalb dem Antrag auf Kommi|sionsvecweisung unseres Antrages und auch der übrigen Anträge an. L
Abg. Hauß (Els.): An der Erklärung des Reichskanzlers isl erfreulich, daß er eine Prüfung für notwendig darüber hielt, ob die Kabinettsorder von 1820 sich mit der Verfassung, mit den Geseßen und allgemeinen Rechtsgrundsäßen vertrage. Wir Elsässer haben allerdings gar f-inen Anlaß, auf diese Ankündigung hin himmelhoch zu jauhzen und den Tag vor dem Abend zu loben, denn wir sind wiederholt nach der Nichtung schwer getäuscht worden. íImmerbin bieten uns die gestrigen Erklärungen des Reichskanzlers die Gewähr, daß wenigstens der Versuch unternommen werden soll, den s{chwankenden Nechtsboden in Elsaß-Lothringen wieder zu be- festigen. Bei uns im Elsaß ift nah französishem Gefeß in erster Linie der Bürgermeister befugt, wenn die Zivilgewalt nicht mehr auéreiht, die Hilte des Militärs zu requirieren. Wir be- dauern, daß dieser Nechtéboden bei uns vom Militär verlassen worden ist. Man hat eingewendet, daß durch die Einführung der Neichoverfassung in Elsaß - Lothringen auh jene Kabinettsorder eingeführt fet. Das ift total fals. Wäre das richtig, so hätte kein Anlaß bestanden, ipäter das preußishe Militärgeseß dur etn be- fonderes Gesetz in Clsaß-Lothtinzen einzuführen. Auch die Kabinetts- order fönnte nur im Wege des Geseygcs oder dur eine Kaiserliche
muß au für Preußen
Verordnung eivgeführt werten. Zn welchen Zuständen führt es, wenn jeder Soldat im Elsaß die Dienstvorschriften seines Landes in seinem Tornister trägt! Wäre das richtig, so hätten wir im Elsaß nit nur Reichs- und Landes- recht, sondern au preußisches, bayerishes und würlttem-
brähe in Mey ein Dann könnten auf preußischen Truppen
bergilhes Recht. Nebmen wir an, es Aufruhr aus und es müßte Militär ein\chGreiten. Grvnd der Kabinetts8order von 1820 dte
obne weiteres vorgehen, während die bayerishen nur auf Nequisition der Ztivilgewalt folgen könnten. Dann würde auf dem nächsten Preußentage gesagt werden: die Preußen mußten wieder vorgehen, um den Bayern Courage beizubringen. Zur Be- gründung unseres Antrages brauche ich nichts weiter hinzuzufügen. Ich hätte nunmehr allen Anlaß, auf verschiedene Aeußerungen, die g: stern gefallen sind, näher einzugehen. Angesichts der Geschäftslage will ich darauf verzichten; es wird später dazu Gelegcnheit sein.
leber das Verhältnis des Zivils zum Militär, über die Nationalisten- frage, insbesondere darüber, wie die elsässishe Verfassung ausgeführt Zunäch't kommt es darauf an, daß
wird, wird noch zu fprehen sein. l ; dafür gesorgt würde, daß Recht und Geseg auch in Elsaß-Lothringen
| wieder eine Heimstätte finde.
Abg. Basjermann (nl): Ich bitt? um Annahme unferes An- trages, der bezweckt, die Dienstvo:schrift von 1899 einer Nachprüfung zu unterzieh:n, da Zweifel über die Abgrenzung der Machtbefugnisse der Zivil- und Militärbehörde entstanden find. Daß dtiese Zweifel berechtigt sind, hat der Reichskanzler auch anerfannt. Jn Ausnahme- fällen muß dem Militär das Recht zum selbitändigen Einschreiten vorbehalten bleiben, da der Fall eintreten fann, daß die Zivilhehörden nicht mehr am Playe sind. Diese Fälle müssen aber geseßlih geregelt sein. Deswegen sind die in unserm Gesezentwurf vorge)ehenen Aus- nahmen bereckchtigt.
Damit {loß die Diskussion der Anträge und die erste Beratung des Geseßentwurfs Ablaß. In der Abstimmung wurde leßterer und die Anträge Albrecht und Delsor einer Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen, der Antrag Spahn mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Deutschkonser- vativen und der Reichspartei angenommen und ebenso der Antrag Bassermann. Geaen den Antrag auf Kommissions- überweisung stimmte die Rechte ebenfalls.
Es lief ein Antrag auf Vertagung ein, gestellt von den Abgg. Dr. Müller-Meiningen, Gröber und Haase. Der Antrag wurde ausreichend unterstüßt. Für die Vertagung stimmten die Sozialdemokraten, die Fortschrittlihe Volkspartei, das Zentrum, die Polen und die Elsässer. Die Vertagung wurde beschlossen.
Schluß 11 Uhr. Nächste Sizung Mittwoch, den 28. Ja- nuar, Nachm. 2 Uhr (Etat des Reichsamts des Innern).
— Jn der heutigen (11.) Sißzung des Hauses der Abgeordneten, welcher der Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten Dr. Freiherr von Schorlemer bei- wohnte, wurde die zweite Beratung des Etats der land- wirtschaftlihen Verwaltung bei dem Kapitel ¡der allgemeinen Ausgaben fortgeseßt.
Zu dem Dispofitionsfonds zur Unterstüßung der landwirtschafilihen Vereine und zur Förderung der Landkultur im allgemeinen bemerkt
Abg. Dr. Varenhorst (freikon\.): In der Kartoffelnahrung müssen wir uns vom Auslande unabhängig machen. Die Kartoffel ist aber wegen ihres großen Wafßsergehalts sehr der Fäulnis auztgesetßt. Deshalb muß das Trockensystem mehr ausgebildet werden. Wenn man die Kartoffel dann jabrelang fkonservieren kann, so wird dies für das Heer und die Marine von großer Bedeutung. Die Konservierung ist aber vorläufig nur auf genofsenschaftlihem
Wege möglich, weil die Apvyarate für den einzelnen Land- wirt zu teuer ind. P bitte den MinifleL - desen Ge-
Augenmerk zuzuwenden. Ich bitte thn Ermäßigung der Eisenbahnfrahten hinzuwirken. nimmt der Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten Dr. Freiherr von Schorlemer das Wort, dessen Rede am Montag im Wortlaut wiedergegeben werden wird.
nossenschaften sein
aub. Q eue Hierauf
Wohlfahrispflege.
Die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung hat im Deutschen Reiche in den lezten 5 Jahren 47435 Volks- bibliotheken mit 1015783 Bänoen begründet und unterstügt. Die G ellschaft gibt gegen mäßige JIahresbeiträge Wander- bibliotheken und Eigenbüchereien im Werte von 60 bis 200 Æ ab. Die Wanderbibliotheken können alljährlih bei völlig freier Wahl neuer Bestände umgetauscht werden. Die Eigen - büchereten, die von den betreffenden Körperschaften völlig frei zusammengestellt werden können, werden in 4 Jahren freies Eigentum der Gemeinden. Im legten Jah1e hat die Gesellschaft neben ihren regelmäßigen Leistungen noch als Kaiser Wilhelm-Jubiläumsgabe an 1500 wentg bemittelte Büchereien 18000 Bände im Werte von 37 500 unentgeltlich abgegeben. Anträge sind zu rihten an die Gesellichaft für Verbreitung von Volksbildung, Berlin NW., Lüne- burgerstr. 21. Von der Geschäftsitelle werden über die Gesellschaft unterrichtende Drucksachen kostenfrei versandt.
Fgnaß Waghalter, der, als er noch Kapellmeister an der Komischen Dper war, mit einem eigenen Werk „Der Teufelsweg“ niht ohne Erfolg hervorgetreten war, kam gestern auch an seiner neuen Wirkfungsstätte, dem Charlottenburger Opernhause, als Koms- poaist zum Wort, und zwar mit „Mandragola“, einer komischen Oper in dret Akten, die eine von Paul Cger bearbeitete Komödte des Macchiavell zur Tertunterlage hat. Das Stück ist vor Jahren als literarische Merfwürdigkeit von einem hiesigen dramatischen Berein aufgeführt worden. Lie Wahl just dieses Stoffes, in der die Schrankenlosigkeit des Nenaifsancezettalters in erotischen Dingen all- zustark he! vortritt, ist aber für ein Famtlien- und Abonnententheater niht gutzuheißen. Selbst zugegeben, daß sowobl der Textverfasser wie der Komponist darauf ausgingen, allzu Krasses und Anstößiges zu mildern, es bleibt doch immer die verweriflihe Grundidee, daß die: Gutgläubigkeit cines mit einem jungen Weibe vermählten närrischen
Alten dazu au2genüßt wird, ihn um sein Eheglück zu betrügen, und die Zumutung, sih darüber zu erheitern, daß der Che- mann selbst den als Arzt verkleideten Verführer seiner jungew
Frau vertrauensselig zuführt. Vom rein musikalischen Standpunkt aus betrachtet, ist die Waghaltershe Oper freilich nit übel geraten ; sie ist zwar das Werk eines Mannes, der in mancherlei Partituren Bescheid weiß, also Kapellmeistermusik, aber immerhin Kapellmeister- mußik im besseren Sinne. Der leihte Ton des musikalischen Lustspiels. ist etwa im Stile der Jungitaliener recht gut getroffen, und es fehlt: nicht an gefälligen melod1schen Einfällen, an Eigenart der Harmonie und an Anmut der rhythmtschen Bew-gunga. Auf eine kurze orhestrale Cin- leitung tolgt beim esten Aufgehen des Vorhangs ein hübsches Ständchen, dessen Weise; als Vorspiel zum zweiten Akt im Orchester wiederholt, starken Beifall auslöste. Auch eine motivisch verarbeitete, häufig; wiede.fehrende Liebeëmelodie fällt, wcnn sle auch an {on Vor- handenes gemahnt, angenehm ins Ohr. Necht geschickt ist der auf den Plaudeiton gestimmte musikalishe Dialog behandelt, nur hier und da orcheitral ein wenig dicker untermalt als nötig; die Streicher treíen gegenüber den Holzinstrumenten zu sehr zwüdck, doch ist es möglich, daß die akusti\hen Verhältnisse des Deutschen Opernhauses daran mebr {huld haben als die Instrumentterung. Jedenfalls würde der: Orchesterleiter gut tun, wenn er den Klang etwas mehr dämpfte. Neben den erwähnten Vorzügen hat die Musik unverkennbar aber auch leere Stellen, sinkt zuweilen zu einer nihtésagenden Begleitung herab, die neben dem gesungenen Worte ausdruckslos verläuft und sih allein auf die
Wirkung der Situationékomik der Szene verläßt. — Die Auf- führung der neuen Oper, deren musikalishe Leitung Herr Waghalter seinem trefflihen Kollegen Nudolf Krasselt über- lassen hatte, wies die gediegene fünstlerishe Arbeit auf,
die man am Deutschen Opernhause bisher stets rühmen konnte. In der Nolle des alten Pandolfo bewähite #ich Jultus Lieban als Meister des Sprechgesangs wie der Darstellung, Er suchte mit

References: § 17
 §8
 § 1
 § 1
 Art. 36

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