Source: http://www.art5drei.de/artikel.neo?aid=668
Timestamp: 2018-01-19 15:07:02+00:00

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ART. 5|III: Haben Sie in Bochum auch den ein oder anderen Schauspieler ausgetauscht? Wie haben Sie es mit Wechseln während Ihrer Zeit am Prinz-Regent-Theater gehalten?
Sibylle Broll-Pape: Ich hatte ja immer nur Honorarkräfte. Ich habe nur mit Gastensembles, mit Gastschauspielern gearbeitet. Ich hatte in Bochum die Situation, wie wir sie im Ausland haben. Deutschland ist ja in dieser Hinsicht das Paradies für Schauspieler, weil wir hier Festverträge haben. Das gibt es sonst nirgends. Anderswo arbeiten die Schauspieler nur auf Honorarbasis. Das heißt, man wird für ein einziges Stück engagiert, kriegt ein gewisses Probengeld, bekommt Abendgagen. Fertig.
ART. 5|III: In Bochum gab es also keine festen Verträge?
Sibylle Broll-Pape: Nein. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen. Das Bochumer Haus hatte nicht so viel Mittel, dass wir da irgendwie fest hätten anstellen können. Ich habe das ja von null aufgebaut. Wir haben mit null Geld angefangen. Mit nichts. Das möchte ich jetzt nicht nochmal machen müssen. Dafür haben wir mit dem Prinz-Regent neben dem Bochumer Schauspielhaus ein weiteres inzwischen wirklich etabliertes Theater. Das ist schon toll. Das haben wir schon geschafft. Und dafür kann man sich wirklich einmal auf die Schulter klopfen.
Dr. Christian Lange: Das war ja von Seiten des Stadtrates mit ein Grund bei der Verpflichtung von Frau Broll-Pape. Wir haben uns gesagt: Hier hat jemand ein Theater aufgebaut und erfolgreich geführt. Das war ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Auswahl.
ART. 5|III: Waren Sie eigentlich die einzige Frau, die sich beworben hat?
Sibylle Broll-Pape: Das weiß ich nicht.
Dr. Christian Lange: Ich bitte um Verständnis, wenn ich zu den Bewerbungen nichts Näheres sagen darf.
Sibylle Broll-Pape: Ich finde es trotzdem sehr schön, dass man sich hier einmal für eine Frau entschieden hat. Ganz unabhängig von meiner Person.
Dr. Christian Lange: Wir haben jetzt gerade im Bamberger Kulturbereich doch viele weibliche Führungskräfte. Das jüngste Beispiel ist die VHS-Leiterin, Dr. Anna Scherbaum. Da sie zwei Kinder hat, ist das ein klares Signal in Richtung Vereinbarkeit von Familie und Beruf, für die ich mich immer eingesetzt habe. Aber was ich ergänzend dazu sagen möchte: Das Theater in Bamberg ist ja ein kommunales, ein städtisches Haus. Das heißt, die Intendantin ist verantwortlich für den künstlerischen Bereich. Den gestaltet sie, das ist die Aufgabe von Frau Broll-Pape. Und wir setzen das Vertrauen in sie. Den technisch-administrativen Bereich hingegen übernehmen wir. Dieser obliegt dem Verwaltungsleiter Dieter Strattner. Mit Herrn Strattner gibt es ja einen ganz engen Austausch. Und ich bin als Kulturreferent dann sozusagen das Bindeglied zwischen den beiden, zwischen Intendantin und Verwaltungsleiter.
ART. 5|III: Man hält Ihnen, Frau Broll-Pape, sozusagen den Rücken frei von diesen administrativen Dingen. Finden Sie das gut?
Sibylle Broll-Pape: Ich mische mich eigentlich überall ganz gern mit ein. Ich bin es so gewöhnt, denn ich habe in Bochum alles selber gemacht. Auf der anderen Seite ist es ja auch gut, wenn ich mich jetzt um einige Dinge vielleicht gar nicht so sehr mehr kümmern muss. Letzten Endes glaube ich aber trotzdem, dass ich die Verantwortung für das gesamte Haus trage. Und das tue ich auch für jeden einzelnen Techniker, der da ist. Das heißt, ich spreche auch mit jedem. Ich kann das nicht einfach anderen überlassen. Geht ja gar nicht. Denn wir gehören ja alle zu einem großen Gesamtkunstprozess, Und da brauche ich die Unterstützung aller. Über Gehaltsverhandlungen kann ich nicht mit denen reden, das ist richtig. Aber über alles andere schon. Und ansonsten würde ich mich immer auch für sie einsetzen. Weil ich finde, dass die Leute, die im Augenblick da sind, so wie ich sie erlebt habe, alle sehr gute Arbeit machen und sehr motiviert sind. Ich freue mich wirklich schon jetzt darauf, mit denen etwas zusammen zu machen. Ich hoffe, dass das Verhältnis weiterhin so gut bleiben wird.
Dr. Christian Lange: Der künstlerische Bereich ist natürlich der, der die Akzente setzt, und der administrative ist der begleitende, der unterstützende Bereich.
Sibylle Broll-Pape: Dadurch, dass das Theater sozusagen als Amt der Stadt da ist, schaue ich auf Wirtschaftspläne und denke mir: „Was ist das denn? Warum geht denn das ganze Geld da und dort hin? Wir brauche es doch an ganz anderer Stelle!“ Und dann geht die Diskussion natürlich los: „Nein, das können wir nicht so machen.“ Warum nicht?
Dr. Christian Lange: Kommunale Haushalte.
Sibylle Broll-Pape: Nun ja. Aber ich finde, dass man sich doch auch in den Kommunen einmal ein bisschen bewegen könnte, oder? Auf jeden Fall werde ich nicht diejenige sein, die immer abwartet. Sondern ich werde schon versuchen, Sie, Herr Lange, in eine andere Richtung zu schubsen. Das ist doch klar. Ob das jetzt klappt oder nicht. Aber man muss es wenigstens versuchen. Sonst ändert man nie etwas.
ART. 5|III: Eine Frage noch zur freien Szene. Wenn jetzt das Angebot an frei werdenden Schauspielern nicht dazu führt, dass diese neu angestellt werden, gibt es ja nicht nur in Bamberg sondern auch andernorts Tendenzen, dass freie Ensembles ins Leben gerufen werden. Könnten Sie sich das als eine Art Stolperstein vorstellen? Denken wir zum Beispiel an das Theater im Gärtnerviertel, das in diesem Jahr gegründet wurde.
Sibylle Broll-Pape: Nein, im Gegenteil. Ich finde das eigentlich gut. Je mehr Theater in der Stadt ist, desto besser! Das habe ich in Bochum ja schließlich auch erlebt, wo ich gegen ein sehr, sehr, sehr großes Schauspielhaus gestanden habe und wo es nach unserem Prinz-Regent noch eine weitere Theaterneugründung gab. Je mehr man gemacht hat für Theater, desto größer war die Stimmung für Theater. Ich empfinde das durchwegs positiv.
Dr. Christian Lange: Diese Einschätzung teilen auch wir seitens der Stadt. Wir haben ja noch über das Theater im Gärtnerviertel hinaus unser Brentano-Theater, wir haben das Theater am Michelsberg, wir haben das Kinder- und Jugendtheater Chapeau Claque, wir haben jetzt neu Martin Neubauer auf der Altenburg. Wir vertreten die gleiche Auffassung, wie Frau Broll-Pape sie darstellt: Je mehr Bewusstsein für Theater da ist, umso schöner ist es. Wir wollen das ja auch ganz intensiv einbinden zum Beispiel in „1000 Jahre Michelsberg“, wo wir das Ziel verfolgen, dieses Kulturfestival mit heimischen, in Bamberg angesiedelten Kunstschaffenden gemeinsam zu gestalten. Es muss ein Miteinander sein. Ich glaube, dass man gemeinsam mehr Interesse, mehr Bewusstsein für Theater in Bamberg überhaupt entwickeln kann. Und davon wird dann auch das E.T.A.-Hoffmann-Theater profitieren.
Sibylle Broll-Pape: Zumal, und das würde ich auch so sagen, das Haus am Schillerplatz ja nicht solistisch dasteht. Das ist etwas, was ich nicht verändern, aber doch modifizieren möchte: Ich möchte das Haus sehr, sehr offen gestalten. Ich möchte auf die Stadt zugehen, auf die Leute, die darin arbeiten, ob sozial oder künstlerisch oder in Bürgerinitiativen, wie auch immer. Ich werde sie zum Teil auch einladen. Einerseits also mit dem Theater raus-, andererseits reingehen. Sodass das E.T.A.-Hoffmann-Theater zu einem stärkeren Ort der innerstädtischen Kommunikation wird. Es geht mir schon – und explizit in der ersten Spielzeit – sehr, sehr, sehr stark um diese Stadt. Theater muss in der Stadt, mit der Stadt, für die Stadt gemacht werden. Ich meine, es ist das Theater der Leute hier, die bezahlen dafür.Also müssen die Bürger auch vorkommen dürfen. Sie müssen sich darin wiederfinden.
ART. 5|III: Sie bleiben weiterhin im Vorstand des Prinz-Regent-Theaters?
Sibylle Broll-Pape: Ich bleibe auf jeden Fall in dessen Verein, ja.
ART. 5|III: Aktiv oder passiv?
Sibylle Broll-Pape: Als Kassenprüfer oder so etwas in der Art, denn das kann ich ja immer noch recht locker von hier aus machen. Ich bin wahrscheinlich die einzige von allen Vereinsmitgliedern, die das richtig beherrscht [lacht]. Es reicht, wenn ich als Kassenprüferin einmal im Jahr vorbeifahre.
ART. 5|III: Kommen wir noch zum von Ihnen zu erwartenden Programm.
Sibylle Broll-Pape: Dazu möchte ich jetzt noch nicht viel sagen.
ART. 5|III: Etwas Generelles vielleicht? Sie haben in Bochum sehr viel Zeitgenössisches gemacht.
Sibylle Broll-Pape: Wir haben sicherlich einen Schwerpunkt auf der zeitgenössischen Dramatik. Das wird auch hier so sein. Allerdings heißt das nicht, dass wir das andere nicht spielten. Das machen wir eben auch. Ich glaube, dass dies gerade in der Ergänzung sehr wichtig ist. Ich finde aber schon, dass man eben das Zeitgenössische nicht unterschlagen sollte, gerade wenn man sich mit der Jetztzeit, mit jetzigen Problemen auseinandersetzen möchte. Andererseits ist es natürlich spannend, die großen Stoffe eben auch daraufhin zu hinterfragen, auf ihre Jetztbezüge. In diesem Zusammenwirken glaube ich und hoffe ich, dass wir es schon schaffen werden, die Stadt auch wirklich zu erreichen.
ART. 5|III: Um dann doch einmal ein paar Namen anzuführen – Peter Turrini, Theresia Walser, John von Düffel, Moritz Rinke?
Sibylle Broll-Pape: Ja, ja. Das sind alles Namen, die im Laufe der Zeit auftauchen werden, wenn auch vielleicht nicht gleich in der ersten Spielzeit. Natürlich gibt es auch auf der Seite der Autoren einige Leute, mit denen ich häufiger gearbeitet habe. Es gibt jetzt aber auch noch viele neue, junge Autoren, die es noch zu entdecken gilt. Und da denke ich sowieso: Ganz gleich, wie, wir werden auch sehr viel mit ganz jungen Regisseuren arbeiten. Es geht wirklich darum, einerseits das Etablierte zu suchen und sehr versierte, renommierte Regisseure zu haben, dann aber wiederum auch ganz junge, die neuen Wind hineinbringen werden. Das kann auch mal schief gehen, muss ich Ihnen ehrlich sagen. Dieses Risiko muss man manchmal einfach eingehen in Kunstproduktionen. Es darf eben nicht mehr als einmal passieren, aber es ist schon interessant, andere Sichtweisen zu erleben. Und die Jungen gehen ja zum Teil wirklich schon ganz anders vor.
ART. 5|III: Wird das Ballett eine Rolle spielen?
Sibylle Broll-Pape: Wenn ich mir die Zuschauerzahl im letzten Jahr ansehe, würde ich erst einmal sagen: Nein. Mich wundert dieses doch recht geringe Interesse allerdings. Im Ruhrgebiet läuft Tanz sehr, sehr viel besser. Warum das hier jetzt nicht so toll angenommen worden ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich werde zumindest im ersten Jahr keinen Schwerpunkt auf den Tanz setzen. Mir geht es 2015/2016 ohnehin sehr stark darum, ein neues Ensemble mit neuen Menschen zu präsentieren. Und von denen tanzt keiner. Tanz könnte man hier nur als Gastspiel bringen. Wenn ich die Auslastungszahlen sehe, habe ich nicht das Gefühl, dass daran in Bamberg ein wirklich großes Interesse besteht.
ART. 5|III: Nun haben Sie als erste Reaktion nein zum Tanz gesagt, im Nebensatz aber, dass sie in diesem Bereich keinen Schwerpunkt setzen wollen. Ja oder nein?
Sibylle Broll-Pape: Nun ja, ich habe den Spielplan ja noch gar nicht fertig. Tanz ist jedenfalls definitiv nicht das Erste gewesen, worüber wir nachgedacht haben. Das wurde zunächst nach hinten geschoben. Wir machen erst unseren Schauspiel-Spielplan fertig, und dann bleibt ja die Frage, inwiefern wir ihn noch mit Gastspielen auffüllen. Wieviel Geld ist denn dafür noch da? So oft hängt es wirklich am Gelde!
ART. 5|III: Sind Sie denn über die freie Szene, über die wir bereits gesprochen haben, informiert, kennen Sie deren Protagonisten?
Sibylle Broll-Pape: Im Theater im Gärtnerviertel war ich schon mal. Und mit den Leuten von Chapeau Claque habe ich auch Kontakt aufgenommen, allerdings noch nichts gesehen. Grundsätzlich werde ich mich um die freie Szene kümmern und mir das alles auch ansehen. Im Gärtnerviertel habe ich schon eine Vorstellung besucht. Die Kömödie „Dreier“ von Jens Roselt. Das war interessant, im Bettenhaus, eine spannende Geschichte [lacht]. Es ist klasse, dass es so etwas geben kann. Mir hat das gezeigt, dass sich die Bamberger auch für solche Sachen interessieren. Das finde ich gut, das sollte man weitermachen.
ART. 5|III: Und wir sind gespannt, wie es unter und mit Ihnen am E.T.A.-Hoffmann-Theater weitergehen wird, werte Frau Broll-Pape. Besten Dank für das Gespräch und: Toi, toi, toi!

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