Source: https://www.hausarbeiten.de/document/91957
Timestamp: 2019-11-20 00:15:13+00:00

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Das Dilemma der Sozialarbeit - Ambulante Maßnahmen zwischen ... | Hausarbeiten publizieren
Ausgangssituation für die Bearbeitung des Themas, soll ein konstruierter, fiktiver Fall einer „Zwangszuweisung“ eines straffällig gewordenen und verurteilten Jugendlichen sein, der sich einer Betreuungsweisung unterstellen muss.
Nach meinem letzten Gespräch in der Jugendgerichtshilfe (JGH), bekam ich die Anfrage, eine neue Betreuungsweisung zu übernehmen. Die zuständige Sozialarbeiterin klärte mich über die Lebenssituation, die sozialen Umstände und den vermuteten Hintergrund der Tat des Jugendlichen auf. Anhand dieser Informationen formulierte sie Inhalte und Ziele, die in der Betreuung bearbeitet und erreicht werden sollen. So standen die Erwartungen der JGH an meine Arbeit fest. Der jugendliche Straftäter war in seiner Gerichtsverhandlung mit einer Betreuungsweisung einverstanden, da er sonst in Haft gekommen wäre. Im Hilfeplangespräch hatte ich den Eindruck, als habe er wenig Interesse an der Hilfe. Auch er hat Erwartungen an die „Zusammenarbeit“ mit mir. So habe ich mich genau mit dieser Situation in dieser Arbeit auseinandergesetzt.
Ich habe mich gezielt für diesen Teilausschnitt aus dem Bereich Hilfe zur Erziehung entschieden, da er meiner Meinung nach das von mir beschriebene Problem am deutlichsten kennzeichnet. Um den Kontext zum Grundkurs Soziale Arbeit herzustellen, werde ich kurz auf die beteiligten Personen und die Institutionen der sozialen Kontrolle eingehen, mich aber nur auf die Jugendgerichtshilfe, den jugendlichen Straftäter und den Betreuungshelfer beschränken. Die von mir gewonnenen Ergebnisse habe ich in die primäre und sekundäre Grundstruktur eingeordnet. Konkret werde ich mich danach mit dem Spannungsfeld in der Betreuung und den Erwartungen der beteiligten Personen und Institutionen auseinandersetzen. Danach habe ich mich mit der Frage beschäftigt, welche Alternativen es zu Betreuungsweisungen geben kann. Somit ist die theoretische Bearbeitung des Themas, Grundlage für meine Präsentation. Im Folgenden werde ich die Professionellen der ambulanten Maßnahmen als Betreuungshelfer definieren, da das dem Wortlaut des § 10 Jugendgerichtsgesetz (JGG) entspricht.
Als besonderes Problem stellen sich die unterschiedlichen Erwartungshaltungen aller Beteiligten bei der Betreuung eines delinquenten Jugendlichen dar. So sind die Erwartungen der Öffentlichkeit, der JGH, der Justiz, und der Familie des Klienten, sowie die des Betreuungs-Helfers in den meisten Fällen nicht miteinander zu vereinbaren. Weiterhin sollen auch die Bedürfnisse und Erwartungen des betroffenen Jugendlichen in diesen Verfahren zum Tragen kommen. In vielen Fällen haben die Jugendlichen kein Problem, sondern die Umwelt. Die unterschiedlichen Erwartungshaltungen im Arbeitsfeld Betreuungsweisungen nach dem JGG habe ich das „Dilemma der Sozialen Arbeit“[1] genannt.
3. Wer sind die beteiligten Personen bzw. Institutionen?
Die Institutionen der sozialen Kontrolle im Jugendstrafverfahren sind auf der einen Seite die Polizei, der Jugendrichter, die Jugendstaatsanwaltschaft und die JGH. Auf der anderen Seite ist es der j ugendliche Straftäter und der Betreuungshelfer der die Betreuungsweisung umzusetzen hat.
2.1 Die Jugendgerichtshilfe
Die JGH ist Aufgabe des Jugendamtsund nimmt eine besondere Rolle als Prozessbeteiligte Institution im Jugendstrafverfahren[2] ein, da sie im Vorfeld eine psychosoziale Diagnose des Angeklagten erstellen soll und das Gericht über mögliche schädliche Neigungen informiert. Sie erforscht die Persönlichkeit des jugendlichen Tatverdächtigen, die sozialen Umstände des Jugendlichen und die Hintergründe der Tat. Demgegenüber soll sie den Jugendlichen in seiner individuellen und sozialen Entwicklung fördern und somit auf diese Entwicklung und Erziehung zu einer eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit Einfluss nehmen. Dabei kann sie beim Jugendrichter eine Betreuungsweisung anregen.
2.2 Der jugendliche Straftäter
StraftäterInnen die zur Tatzeit 14- bis 21-Jahre alt sind, müssen sich wegen ihrer strafbaren Handlungen vor dem Jugendgericht verantworten. Dabei haben sie häufig persönliche Entwicklungsdefizite und/oder Schwierigkeiten in ihrem sozialen Umfeld. Devianz ist in dieser Lebensphase nichts Ungewöhnliches und ist aufgrund vieler Einflüsse und Unsicherheiten, mit denen Jugendliche konfrontiert werden „fast zu erwarten“. So ist das Jugendalter als eine Übergangsphase zu betrachten, die von Veränderungen und neuen Eindrücken geprägt ist. In diesem Lebensabschnitt erfolgt auch die notwendige Abspaltung und Distanzierung von den Eltern. Jugendliche müssen sich in ihrem sozialen Umfeld behaupten, ihren Platz in der Gesellschaft finden und eigene Werte und Normen entwickeln. Häufig sind sie damit überfordert und können mit abweichenden Verhaltensweisen reagiert. Daneben können auch Reifeverzögerung und/oder jugendtypisches Fehlverhalten zu solchen Reaktionen führen.
2.3 Der Betreuungshelfer
Betreuungsweisungen[3] sind eine Form der Straffälligenarbeit die es ermöglichen, mit den Jugendlichen oder Heranwachsenden individuell an deren Problematiken zu arbeiten.Sie sind eine längerfristige intensive Einzelbetreuung, die durch die JGH angeregt und/oder dem Richter angeordnet werden kann. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt nicht auf Bestrafung, Beaufsichtigung und Kontrolle, sondern auf der Hilfestellung in individuellen und komplexen Lebenssituationen.
Ziel ist es, jugendlichen StraftäterInnen in ihrer Lebenswelt zu begegnen und sie bei der Bewältigung der eigenen Lebenssituationen zu unterstützen. Bedeutsam ist es für den Betreuungshelfer, dass Problem hinter dem eigentlichen Problem zu erkennen und zu bearbeiten. Neben familiären Problemen sind auch Behördengänge, Wohnungssuche, der schulische und berufliche Werdegang zentrales Thema der Betreuung. Dabei sollen Jugendliche motiviert und ressourcenorientiert gearbeitet werden, um im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe entsprechende Handlungskompetenzen zu vermitteln. Neben der Arbeit mit der persönlichen Perspektive der Jugendlichen soll im Rahmen der Betreuungsweisung auch eine Kooperation aller beteiligten Instanzen erreicht werden. Im Vordergrund stehen die Befähigung zur Übernahme von Eigenverantwortung und die Entwicklung grundlegender sozialer und emotionaler Fähigkeiten.
3. Versuch einer Einordnung in die primäre und sekundäre Grundstruktur
Ausgangssituation für die Einordnung in die primäre und sekundäre Grundstruktur, soll die „Zwangszuweisung“ des anspruchsberechtigten Jugendlichen sein, der sich einer Betreuungs-weisung unterstellen muss. Als gewährende Instanz treten die JGH bzw. das Gericht und als durchführende Instanz der Betreuungshelfer und der freie Träger der Jugendhilfe auf.
Unter dem Aspekt der Rationalisierung sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen des SGB VIII § 30 KJHG und § 10 JGG zu verstehen. Nach ihnen richtet sich das Handeln aller Beteiligten. Betrachtet man die Professionalisierung des Arbeitsfeldes, so ist die Profession der Personen in den gewährenden und durchführenden Instanzen gemeint. Das kann z.B. die päd. Beziehungs- und Handlungsstruktur sein, um Betreuungsweisungen nach § 10 JGG durchzuführen zu können.
Die Kolonialisierung wird vom Gesetzgeber realisiert und bestimmt in seiner Ausdifferenzierung die geforderten gesellschaftlichen und sozialen Verhaltensweisen. Diese sind ebenfalls im SGB VIII § 30 KJHG und § 10 JGG festgelegt. Darüber hinaus nimmt auch das Konzept des Trägers, das Team, sowie die eigene Identifikation Einfluss auf die Ausführung der Betreuungsweisung. Der Klient bleibt hier mit seinen Bedürfnissen fast außen vor.
Bei der Aktivierung wird Bezug nehmend auf die Straftat des Jugendlichen, Anklage durch einen signifikanten Dritten (z.B. Staatsanwalt o. Gericht) erhoben. Dabei stehen die Sanktionierung des Jugendlichen und das öffentliche Interesse im Mittelpunkt.
Die JGH, aber auch der Richter sind in der Verantwortung, die Strafe so „auszuhandeln“, damit diese positiv auf die Entwicklung und Erziehung des Jugendlichen Einfluss nehmen kann. So kann die gemeinsame Zielvereinbarung als Solidarisierung verstanden werden, welche durch das Urteil zum Tragen kommt. Des Weiteren werden noch konkrete Ziele zw. der JGH, dem Betreuungshelfer und dem Klienten vereinbart. Erst hier hat der Jugendliche einen gewissen Einfluss an der Gestaltung der Hilfe.
Der Aspekt der Selbstregulierung, ist wie folgt zu erklären. Für die Berteuungszeit werden gemeinsame Ziele, angelehnt am Hilfeplan und am Urteil, vereinbart. Außerdem hat der Betreuungshelfer unter persönlichen und pädagogischen Gesichtspunkten einen gewissen Handlungsspielraum. Dabei steht die Kooperation (Mitwirkungspflicht) an zentraler Stelle. Der Betreuungshelfer unterstützt den Jugendlichen in seiner Problembewältigung, stärkt seine Fähigkeiten und soll ihn unabhängig von fremder Hilfe machen.
[1] Siehe Schaubild 1
[2] Jugendgerichtsgesetz (JGG), in: http://www.blja.bayern.de/Textoffice/Gesetze/TextOfficeJGG.htm
[3] SGB VIII § 30 KJHG in: http://bundesrecht.juris.de/sgb_8/__30.html
Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg (Institut des Rauen Hauses für Soziale Praxis)
Thomas Schneider (Autor)
V91957
9783638053297
Dilemma Sozialarbeit Ambulante Maßnahmen Institutionen Kontrolle
Thomas Schneider (Autor), 2006, Das Dilemma der Sozialarbeit - Ambulante Maßnahmen zwischen Institutionen der sozialen Kontrolle, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/91957
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