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Timestamp: 2018-12-19 15:19:33+00:00

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102. Print-Ausgabe, Frühlings-LUST 10
Die Lesben- und Schwulenbewegung
Was könnte die Lesben- und Schwulenbewegung sein und was ist sie? Brauchen wir sie und wozu? Was soll und was kann sie leisten? Kann sie das?
In der Szene ist eigentlich recht unklar, was unsere Bewegung ist.
Die meisten meinen, dass unsere Szene die Bewegung wäre. Früher wurde die Szene der Lesben und Schwulen in der Schwulenbe-wegung die Szene die Sub genannt, also die homosexuelle Subkultur. Subkultur heißt, dass man keine Parallelgesellschaft oder eine Gegenkultur ist, sonder eine Unterkultur, also eine Randkultur in den Nischen, in die man uns gedrängt hat. Und die Bewegung, ursprünglich die meist studentischen Schwulengruppen und was aus ihnen wurde, war gewissermaßen auch Teil der Sub, während die Sub kein Teil der Bewegung ist, weil sie diesen Anspruch nicht hat und demzufolge auch keine entsprechenden Anstrengungen übernimmt.
Gibts da wirklich zwei Einrichtungen für uns? Einerseits die Szene mit ihren Lokalen, Läden und Discotheken, den Events und dem CSD. Andererseits die Bewegung der Lesben- und den Schwulengruppen, die sich um die Verbesserung unseres Lebens kümmern, sich mit den Behörden und Politikern auseinandersetzen, z.B. auch gegen das Auftreten von antihomosexuellen, meist antischwulen, Hasssängern protestieren und Events sowie ebenfalls den CSD organisieren bzw. mitorganisieren?
1. Bewegung, was ist das eigentlich?
Mit Bewegung wird eine sogenannte soziale Bewegung gemeint, beispielsweise die Friedensbewegung, die Umweltschutzbewegung, die Frauenbewegung.
Es ist die gemeinsame Identität, die eine Bewegung ausmacht. Man erkennt sich als gemeinsames Opfer von Zuständen, die als unerträglich ausgemacht werden und die deutlich beseitigt werden müssen. Das ermöglicht das bedingungslose Aufbegehren, den Kampf gegen Übermacht, die gegenseitige Solidarität und die Visionen von Freiheit und Gleichheit für z.B. die homosexuellen Lebensweisen.
Man benötigt in einer Bewegung denkplanungs- und handlungsermöglichende Strukturen sowie ein kommunikatives Netzwerk innerhalb der Bewegung und ein weiteres nach außen. Doch dazu wären die interessierten und engagierten Personen notwendig, die dies alles mit Leben füllen wollen.
Nun ja, irgendwie mögen wir ja Teile davon erkennen, aber in Wirklichkeit haben wir das alles wohl nicht. Solidarität zum Beispiel? Die gibt es nur spärlich zwischen Lesben und Schwulen und auch kaum zwischen Lesben untereinander und Schwulen untereinander. Erkennen wir überhaupt eine Gemeinschaft? Und erkennen wir überhaupt die Strukturen gegen uns?
Mit einem gemeinsamen Selbstbewusstsein sieht es wegen des gebrochenen Coming-outs und der narzistischen Kränkung von Lesben und Schwulen schlecht aus, da es Lesben und Schwule gibt, die sich z.B. gegenüber dem heterosexuellen Umfeld nicht zu erkennen geben, weil sie im beruflichen oder im familieren bzw. zwischenmenschlichen Umfeld Nachteile befürchten, und weil die antihomosexuelle Grundstimmung in der Gesellschaft oftmals dazu führt, dass nicht nur die Freunde und Bekannten schlecht über homosexuelle Menschen denken, sondern sie selber auch. Viele fühlen sich schuldig, dass sie homosexuelle Begegnungen anstreben, denn die Kirchen, besonders die katholische Kirche, verkünden die Moral, dass homosexuelle Menschen bei ihnen aufgehoben seien und nicht sündigen würden, wenn sie enthaltsam leben.
Professor Lautmann beschrieb unsere Situation im Oktober 1985 wie folgt:
Den Homosexuellen fehlt weiterhin das Wir, d. i. das Band einer Solidarität. Die traditionelle Subkultur zerstückelt die ·Beziehung: hier kommunizieren bloß einzelne für die kurze Zeit eines sexuellen Kontakts. (Dieser Kontakt ist in sozialer, zeitlicher und sachlicher Hinsicht atomisiert.) Am Anfang war die Bar - ja, aber auch nur am Anfang. Gesellschaftlich, politisch handlungsfähig werden wir erst auf anderer Grundlage: jede/r Homosexuelle ist einbezogen, und das Interesse ist außersexuell, d.h. es bezieht sich auf die Person und nicht auf ihre sexuellen Qualitäten.
Erst mit einer kollektiven Identität wird eine Gruppe organi-sations- und bewegungsfähig. Inwieweit also summieren sich bei uns die Einzelorientierungen zu einem Gruppenbewusstsein?
Immerhin sind die westlichen Gesellschaften der Gegenwart historisch erstmals der Schauplatz einer weitergehenden Gesellung (freiwillige Vereinigungen aller Art; Begegnungsstätten; Wohngemeinschaften; dauerhafte Beziehungen; manchmal sogar Stadtteile; und als Übergangsform von herkömmlicher Subkultur zu neuer Organisation etwa die touristischen Orte, die von Homosexuellen frequentiert werden). Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Eine soziale Bewegung bilden wir nämlich nicht.
Was als Schwulen- und Lesbenbewegung vor zwölf Jahren (*1) begann, ist heute ein ältliches Kind. Wir segeln im Windschatten anderer Bewegungen (von Jugend- über Studenten- und Frauen- bis zur Friedens- und Umweltbewegung). Vorsichtig und mit zeitlichem Abstand vollziehen wir gesellschaftliche Entwicklungen nach. Allenfalls steht an, ein kommunikatives Netzwerk zu schaffen, wie es eine wirkliche Bewegung voraussetzen würde. *1: (Lautmann setzt die Fernsehausstrahlung von Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt als Beginn der Schwulenbewegung, wobei er hier die Lesben mitbenennt, denn es sind 1972 ja auch einige Schwulen- und Lesbengruppen entstanden. Außerdem, was Schwule zur Verbesserung der Lage homomosexueller Menschen erreichten, erreichten sie ja für die Lesben mit.).
Die Homosexuellen werden fast nie genannt, wenn von den neuen sozialen Bewegungen die Rede ist. Damit ist ihnen beinahe eine kollektive Identität implizit abgesprochen. Aber das wäre zu einfach: die Homosexuellen haben hundert Jahre kollektiver Außendefinition hinter sich, in denen ihnen stets, neben der einheitlichen Abartigkeit des individuellen Wesens, auch ein Zusammenhalt wie Pech und Schwefel zugeschrieben worden ist: die berühmte Cliquentheorie, d.h. wo eine/r ist, zieht er/sie andere nach. Vielleicht werden unsere Zeitdiagnostiker nur deshalb nicht auf die Homosexuellen aufmerksam, weil die nur eine alte Randgruppe und keine neue soziale Bewegung sind.
Ich glaube: was wir an kollektiver Identität haben, verdankt sich tatsächlich der Verachtung und Verfolgung. Im guten wie im schlechten ist es vom Randstatus geprägt. Wir haben Formen der Kommunikation und des Austauschs entwickelt, insoweit es nötig war, um in den eng gesteckten Grenzen zu leben und zu überleben. Wir haben allerdings kein Wir-Gefühl und keine Gruppenstruktur in dem Sinne entwickeln können, dass wir ein solidarisches und in sich selbst einiges Kollektiv bildeten.
2. Die Schwulen- und Lesbenbewegung, was ist das eigentlich?
Lesben und Schwule treten zuweilen in einer gemeinsamen oder in zwei Bewegungen für ihre Interessen ein, um ihre jeweilige Lage im Rahmen der Mehrheitsgesellschaft zu verbessern?
Gibt es also eine breite Bewegung innerhalb unserer Szene, die von vielen Lesben und Schwulen getragen wird und so ihre politische Kraft erhält?
Und wenn es sie gibt, was sollte und könnte sie denn anstreben? Und für welche Rahmenbedingungen, unter denen wir leben können, müssen wir eintreten?
Professor Rüdiger Lautmann schlägt vor, dies nach Lage der Dinge so (siehe Kasten unten) zu begreifen und zu sehen:
2.1. Die Schwulenbewegung,
also die jeweiligen ortsansässigen Schwulengruppen beziehungsweise Lesben- und Schwulengruppen, gründeten den schwulen Bundesverband Homosexualität BvH mit dem Anspruch auch für Lesben offen zu sein, weil ja in einer ganzen Reihe von Gruppen auch Lesben mitgemacht haben und es u.a. auch gemeinsame Problemstellungen gibt.
Der BvH wollte die Interessen der regionalen Gruppen bündeln und uns so die Fähigkeit verschaffen, auch in landespolitischen sowie in bundespolitischen Fragen präsent zu sein. Da es ganz unterschiedliche Ansätze gab, nutzte man das Schlagwort der Einheit in der Vielfalt. Das machte es jedoch unmöglich, so etwas wie eine Bewegungs-Ideologie zu entwickeln. Für Perspektiven über die Gleichstellung mit den Möglichkeiten der heterosexuellen Menschen hinaus gab es keine gemeinsame Basis.
Die damalige Lage: Die Schwulenbewegung der Bundesrepublik entstand in den späten 60er Jahren als Kind der linken 68er Jugendrevolte, die ja auch eine Sexrevolte gegen das spießige konservative Weltbild der Adenauer-Zeit war. Wenn es also überhaupt eine gemeinsame ideologische Basis gab, dann die Tatsache, dass man sich gegen die schwulenfeindlichen konservativen Ideologen wehrte und daher diffus links war. Links zu sein war damals auch deshalb leicht, weil die gesamte 68er Jugendbewegung links war.
Die männliche Homosexualität stand noch immer unter Strafe. Die Adenauer-Republik hatte die von den Nazis verschärften antischwulen Strafgesetze einfach weiter bestehen lassen. Staat und Kirche waren unsere Gegner und das Bild homosexueller Männer war in der Öffentlichkeit derart schlecht, dass sich viele Menschen als antischwule Hilfspolizisten verstanden.
Das Denunziantentum, die Erpressung und viele Fälle unterschiedlicher Kriminalität waren der Alltag vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der verlogenen Moral, wo z.B. Menschen wegen Kuppelei bestraft wurden, wenn sie unverheirateten Paaren nicht jegliche Möglichkeit entzogen, sich sexuell zu begegnen.
Dagegen und gegen andere Formen des Spießertums wandte sich die akademische Jugend in der 68er Revolte, was die Jugend in allen Schichten der Bevölkerung freudig aufgriff.
Homosexue lle Männer waren darüber hinaus Freiwild, weil sie sich nicht hilfesuchend an die Polizei und die Behörden wenden konnten, denn sie wurden ja auch staatlicherseits verfolgt.
In den jungen Jahren der Bundesrepublik und unter der damaligen CDU/CSU/FDP- Regierung wurden mehr homosexuelle Männer nach dem § 175 StGB verurteilt als in der Nazizeit. Und Teile der Bevölkerung ging der Lust nach, zum Beispiel schwule Männer auszurauben, aber auch körperliche Übergriffe auf schwule Männer bis hin zum Mord waren üblich. Die betraf die meisten 68er eher weniger, beziehungsweise machte man sich darüber keine Gedanken.
Es gab zwar Lokale für homosexuelle Männer mit plüschiger Wohnzimmeratmosphäre und es gab auch homophile Vereinigungen, in denen sich wohlhabende homosexuellen Männer mit ihren Partnern diskret zusammenschlossen.
Aufgrund der Erfahrungen im Nazi-Hitlerstaat und der CDU-Adenau-errepublik beziehungsweise des antischwulen gesellschaftlichen Klimas und der Strafgesetze gegen männliche Homosexualität lebte man Homosexualität verschämt und verborgen aus. Auch dagegen revoltierte die nun neu entstehende eher junge Schwulenbewegung der 68er Jugend. Es war dies eine echte Bewegung, weil sie mit ihren Inhalten eine ganze Generation junger Schwuler ergriff, die mit frechen Provokationen und selbstbewussten Selbstdarstellungen erfolgreich auftraten, wie das in der ganzen Jugend der 68er Sexrevolte Mode war.
Die älteren Schwulen in den Lokalen waren entsetzt: Ihr lenkt doch nur die Aufmerksamkeit auf uns, war der dort oft erhobene Vorwurf, was seine berechtigte Begründung in ihrem bislang erlebten gesellschaftlichen Umfeld hatte. Dies konnten die jungen 68er Schwulen, die sich vor dem Hintergrund der 68er Revolte Freiräume ertrotzt hatten, nicht nachvollziehen.
Sie lebten einfach, trotz der Gesetze, wie sie wollten. Und da man überall behauptete, Schwule seien keine richtigen Männer, machte es vielen 68er Schwulen Spaß, sich demonstrativ besonders feminin zu geben (Diese Mode hat sich unterdessen wieder gewandelt.). Linke 68er Frauen mochten die Schwulen aus den Lokalen wegen ihres bescheidenen und freundlichen Auftretens lieber als die selbstbewussten 68er Schwulen.
Auch Sexualwissenschaftler meldeten sich öffentlich und unterstützten sowohl das sexuelle Aufbegehren der 68er Jugend als auch den 68er Schwulen. Die nun aufkommenden Diskussionen in den Medien erreichten so auch die Schwulen der traditionellen und an unsichtbar-Machen interessierten Szene, die von den Bewegungsschwulen Subkultur oder die Sub genannt wurde.
Das ist ja einer der großen Pluspunkte unserer Szene bzw. Bewegung, dass nämlich trotz großer innerer Widersprüche und trotz großer Giftigkeiten und gegenseitigen Verleumdungen usw. die Grenzen zwischen den Fraktionen nicht zu ziehen sind. Die gegenseitige sexuelle Anziehung hält sich nicht an solche Abgrenzungen. Das könnte aber auch eine Schwäche sein, denn eine Art Befreiungsideologie oder ähnliches wird so immer wieder unterlaufen, wenn man dadurch für Sexkontakte Vorteile hat. In der Schwulenszene triumphiert der Individualismus und kaum die Solidarität.
Die Arbeit der damaligen Bewegung: Die aufbegehrenden Jugendlichen 68er Revoluzzer waren allerdings auch Kinder des miefigen Adenauer-Staates und so kümmerten sich viele in ihrem Revoluzzertum um solche Belange, die ihnen gerade wichtig waren. Daher konnte man sich nicht immer auf Solidarität verlassen und öffentliches Schwulsein ging schon garnicht. 1. war man nicht schwule und 2. wollte man mit Schwulitäten nichts zu tun habeben. Immerhin wollten die linken Macker eher den Frauen imponieren.
Die 68er Schwulen hatten daher noch ein anderes Problem. Als 68er Schwule bekamen sie es mit solchen 68ern zu tun, die überhaupt kein Verständnis für Schwule hatten und sie dies spüren ließen. Ob sie damit erfolgreich waren, das kam natürlich in den unterschiedlichsten Städten auf die jeweiligen Menschen an, die sich in der jeweiligen Bewegung zusammen fanden.
Auf jeden Fall ist der Rosa Winkel in Teilen der studentischen Schwu-lenbewegung in Mode gekommen, mit dem die Nazis die schwulen KZ-Häftlinge kennzeichneten.
Den trugen jetzt so manche 68er Schwulebewusst in der 68er Szene, es gab ihn als Anstecknadel, um ihren politischen Anspruch gegen Nazis und die Erinnerung an die schwulen KZ-Opfer gegenüber den anderen 68ern deutlich zu machen und die 68er SchwulengegnerInnen zu beschämen.
In vielen größeren und kleineren Städten entstanden Schwulengruppen, einfach weil ein Bedarf an ihnen war, unter phantasievollen Namen, wie im Rhein-Main-Gebiet zum Beispiel in Frankfurt Rotzschwul (Rote Zelle Schwul), in Rüsselsheim Rosa Rüssel, in Wiesbaden Rosa Lüste als deutliche Bewegungsnamen, oder dezenter als Szenenamen in Koblenz KUSS (Koblenzer Unabhängige schwule Selbsthilfegruppe), in Mainz IHM (Initiativgruppe Homosexualität Mainz) usw.
Und was geschah in diesen Gruppen und durch diese Gruppen? Auch das kam wieder auf die jeweiligen Menschen an, die sich hier trafen. Man traf sich regelmäßig und man quatschte miteinander, und das war nur scheinbar unpolitisch, weil man hier nebenbei erfuhr, wie sich ein schwules Leben einrichten und leben lässt. Man lernte sich gegenseitig kennen, die Gruppen waren also gleichzeitig eine Kontakt- beziehungsweise Beziehungsbörse. Das waren natürlich gute Voraussetzungen, denn diese Gruppen waren eher links und das Kennenlernen wie auch das Coming-out geschahen daher oft unter emanzipatorischen Vorstellungen und Bedingungen.
Allerdings über das Bekämpfen der Diskriminierung hinaus gab es weder in der Schwulenszene der Lokale noch in der gemeinsamen 68er Bewegung nennenswerte Resonanz, wohl weil damit keine kurzfristigen Vorteile verknüpft waren und weil man glaubte, dass es andere wichtigere linke Ziele gab. Doch die damalige kurzzeitig auftauchende Männerbewegung, Softies genannt, hatte ideologische Vorarbeit geleistet. Über unsere sexuelle Befreiung hinaus wäre es, so sahen das doch einige von uns, notwendig und sinnvoll gewesen, die Begriffe und Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zu hinterfragen. Doch dafür gab es nirgendwo Interesse und die sogenannte Männerbe-wegung hielt sich in dieser Form nicht lange.
Besonders zornig wurden Lesben in unserer Gruppe, als Frauen aus der linken Szene verkündeten, sie hätten gerne solch einen Softie aus den Männerbewegung zum Putzen und Kinderversorgen, aber im Bett hätten sie doch lieber einen richtigen Mann.
Recht schnell zerfiel diese emanzipatorische Bewegung der Männer und aus den Trümmern der aus der Männerbewegung entstanden Gruppen, die übers Wochenende immer mal in den Wald gingen, die Natur liebten und die sich dort von Brombeeren, Pilzen und Regenwürmern ernährten.
Damit Schwule und Linke überhaupt erfahren konnten, dass man existierte und über was man so diskutierte, musste man auch in die Öffentlichkeit gehen. Dies geschah durch Anzeigen in den alternativen Blättern, durch Artikel in diesen Blättern und dem Durchführen von Festen, die besonders in den kleineren Städten von der gesamten links-alternativen Szene angenommen wurden, besonders wenn sie gut vorbereitet waren.
Man wandte sich auch an die bürgerlichen Tageszeitungen, wenn dort schwulenfeindliche Artikel oder Leserbriefe zu lesen waren. In einigen Gruppen ging es überwiegend ständig um Beziehungsfragen usw. In anderen wurden Projekte gegründet wie Theatergruppen, eigene Medien, Infostände usw. (In manchen Städten wurden Infostände von den Ordnungsbehörden verboten, was diese zu Straftaten auffordern würden, also zu Sex zwischen Männern.)
Was jeweils passierte, das hatte damit zu tun, ob an diesen Projekten genügend Leute mitmachten, die über die Kontaktsuche hinaus Interesse hatten, in und mit der Gruppe zusammen ihr Schwulsein zu leben.
In vielen dieser Gruppen waren auch so genannte Schwulenmutties. Diese Sorte von Frauen sind in allen Ländern von Schwulen bekannt, in denen Schwulengruppen oder eine kommunikative Schwulenszene existieren. In Holland nennt man sie Homomodder und in den USA Fag Hag.
Es handelte sich hier um wortgewaltige eher dominant auftretende meistens heterosexuelle Frauen, die mit homosexuellen Männern enge Freundschaften pfleg(t)en, in die Schwulengruppen mitkamen oder mitgebracht wurden und in den Gruppen das große Wort führten. Sie gaben zwar meistens nicht zu, hier auch Sexpartner zu suchen, doch fand dies faktisch statt. Sie nannten sich bisweilen auch schwule Frauen.
Da die schwulen Frauen bzw. Schwulenmutties meistens Lesben genauso wenig leiden konnten wie Emanzen, waren Gruppen, in denen sie das Sagen hatten, in dieser Zeit auch eher unpolitische Gruppen. Sie mochten Schwule als beste Freundinnen, mischten sich dort in die Kontaktfindungen und Beziehungen ein und wussten ihre Stellungen in den Gruppen gegen Kritik durchaus zu verteidigen.
Wenn ein schwuler Mann in einer solchen Gruppe einen Vorschlag machen wollte, konnte er nur damit durchkommen, indem er die schwule Frau positiv mit einbaute.
Wir haben allerdings in manchen Gruppen auch gute engagierte Schwulenfreundinnen kennen gelernt, die überwiegend konstruktiv mitwirkten und sich nicht vorrangig in die Beziehungen anderer einmischten.
Sie waren heterosexuell und genossen es, in den Schwulengruppen einen Raum vorzufinden, in dem offen über freizügige Sexualität gesprochen wird und wurde und wo eben weder Männer da waren, die das Frauen gegenüber ausnutzten, noch Frauen da waren, die gemäß der gesellschaftlichen Rolle der Frau ständig moralisierend eingriffen und eingreifen.
Der Einfluss von Frauen in der Schwulenbewegung war relativ groß, es gab und gibt in der Szene und in der Bewegung nämlich ausgesprochen frauenhörige und infol-ge eben auch ausgesprochen unreflektiert frauenfeindliche Schwule.
Schwule Männer sind in ihren verschiedenen Lebensgeschichten und sexuellen Vorlieben sowie gesell-schaftspolitischen Vorstellungen sehr unterschiedlich, was sich in den Gruppenprozessen auswirkte. Es gibt sehr stille und sehr laute Schwule. Es gibt sehr politische und sehr unpolitische Schwule.
Es gibt Schwule, die in einer Gruppe eine Art mitmenschliche Heimat suchen und andere, die immer mal schauen wollen, ob jemand da ist, den sie aus der Gruppe rausholen können.
All dies fand über Jahre in diesen Gruppen statt. In großen Städten sind damals auch Schwulenzentren entstanden, um denen einen Raum zu geben, die sich das Szeneleben nicht leisten konnten oder wollten, die dann wieder aus der Mode kamen. Es gab und gibt Gruppen, die setzten sich eher aus Schwulen und Lesben zusammen und sie beschäftigten sich mit gesellschaftspolitischen Themen.
Was es gebracht hat und was draus wurde: Politisch bekamen es also die 68er Schwulengruppen (und die nach-68er Schwulengruppen) mit den konservativen Schwulen, mit Teilen der 68er Bewegung und im lokalen Raum mit ortsansässigen Behörden zu tun.
Aber der immer noch existierende § 175 StGB brachte die Gruppen schließlich dazu, sich den o.a. Dachverband zu gründen, den Bundesverband Homosexualität BvH, der ca. 10 Jahre bestand und durch eine Vorstand aufgelöst wurde, der basislos Entscheidungen fällte und sich längst auch im Vorstand einer anderen Organisation befand, die es heute noch gibt.
Nahezu alle dieser 68er Schwulengruppen, in denen ja angeworbene jüngere und älter gewordene Schwule sowie Coming-outler zusammen waren, konnten freilich so nicht mehr existieren, als sich die sogenannten schwulen Jugendgruppen bildeten und alle, die es von ihrem Alter her noch konnten, dort noch schnell hineingingen.
Man grenzte sich mit der perfiden Begründung von den bisherigen Gruppen mit einer Argumentation ab, nämlich dass man die jüngeren Schwulen vor der Anmache von älteren Schwulen schützen wolle. Diese Argumentation wurde von außerhalb der Schwulenbewegung sofort engagiert aufgegriffen, sie kam auch den SchwulengegnerInnen gelegen und solche Gruppen erhielten auch schnell staatliche Zuwendungen.
Diese Jugendgruppen opponierten auch gegen die eher emanzipatorische Grundausrichtung der 68er Schwulengruppen. Oft waren die Gründer dieser Jugendgruppen Mitglieder der Jungen Union. Der Jugendkult unserer Szene hat schon viele Probleme geschaffen. So blieben in vielen Städten die älteren unter sich, ihres Nachwuchses beraubt und die linken 68er Schwulengruppen versiegten nach und nach und die vielen wichtigen gesell-schaftspolitischen Diskussionen versiegten mit ihnen.
Durch das Auftauchen der Krankheit AIDS und dem Tod vieler engagierter Schwuler und guter Köpfe der Bewegung frustriert, gingen nun weitere Schwule aus den bisherigen Gruppen in die neu entstehenden AIDS-Hilfen. Sie fanden, dies sei nun wichtiger. Nur noch in wenigen Städten, z.B. auch in Wiesbaden, überlebte eine der traditionellen 68er Schwulen- und Lesbengruppen.
Die engagierte 68er Schwulenbewegung hat Staat und Gesellschaft nicht dazu gebracht, homosexuelle Menschen mit heterosexuellen überall gleichzustellen. Zu stark waren die religiösen Seilschaften und die offiziellen konservativen Medien. Dennoch, sie trugen dazu bei, dass die Gesellschaft schritt-weise positiver und ehrlicher in sexuellen Fragen wurde, was uns auch nutzte, und infolge davon auch schwulenfreundlicher bzw. weniger schwulenfeindlich wurde. Daraus entstanden schrittweise Verbesserungen am § 175 StGB.
Die letztliche Abschaffung des § 175 StGB geschah im Zuge der Rechtsangleichung mit dem Strafrecht der DDR, wo es im Gegensatz zur Bundsrepublik eine staatliche Bestrafung der Homosexualität nicht mehr gab.
Die 68er Schwulenbewegung erarbeitete die Grundlagen für die heute erreichten Ziele und brachte konkrete Forderungen in verschiedene Parteien. Diese damalige Bewegung war links-emanzipatorisch, wegen des eigenen Selbstverständnisses von Emanzipation und weil nur mit der damaligen politischen Linken, parlamentarisch (hauptsächlich Grüne, zum Teil auch SPD) und außerparlamentarisch Fortschritte gegenüber den demonstrativ schwulenfeindlichen Unionsparteien und den bis in die Justiz hinein verzahnten klerikalkonservativen Seilschaften möglich waren.
In ihrem Absatzwunsch gegenüber den bisherigen Schwulengruppen sind die sogenannten schwulen Jugendcliquen oder Coming-out-Gruppen eher unpolitisch bis konservativ. Sie brauchten sich nicht mehr an die Verfolgung der Schwulen durch die CDU/CSU und die Kirchen zu erinnern, weil inzwischen die staatliche Verfolgung der Schwulen schrittweise abgebaut wurde.
Besonders durch die Krankheit AIDS wurde auch in konservativen Kreisen klar, dass man Menschen nicht durch Gesundheitsappelle erreichen kann, wenn man sie gleichzeitig diskriminiert und dass man nicht über Safer-Sex sprechen kann, wenn man die Sexualität dieser Menschen und die betroffenen Menschen generell gleichzeitig herabwürdigt und verachtet.
Was blieb: Heute im Jahr 2010 haben wir in vielen Städten Themengruppen, also Gruppen, die nur einen Teil der schwulen Szene ansprechen wollen, und zwar so genannte Jugendgruppen, Kulturgruppen, Ärzte- und Therapeutengruppen sowie andere Berufsgruppen, Gewerkschafts- und elitäre Managergruppen usw. Es gibt parteinahe Gruppen der unterschiedlichen Parteien von links bis rechts, religiöse Gruppen, an einigen Unis oder Hochschulen noch Hochschulgruppen, Sport- und Wandergruppen, Freizeitgruppen usw.
Durch neue Zentren in größeren Städten, die zum Teil von den AIDS-Hilfen und zum Teil von anderen Trägern geführt werden, gibt es immerhin noch thematische Angebote an alle, die in der Szene dann unterschiedlich genutzt werden.
Außerdem gibt es noch einen Lob-byverband, den Lesben- und Schwulenverband in Deutschland LSVD, der sich um viele Themen kümmert, von der sogenannten Homoehe über die wechselseitige internationale Unterstützung und die politischen Parteien bis zum Abwehren des Auftretens von Hasspredi-gern unterschiedlicher Religionen und Hasssängern in großen Konzerten.
Die meisten dieser Gruppen und Verbände sind lesbisch-schwul, oder es gibt getrennt sowohl lesbische und schwule Gruppen, die jedoch zusammenarbeiten, wenn es sinnvoll ist.
2.2. Die Lesbenbewegung
Wir finden, was die Lesbenbewegung betrifft, einige regionale lesbische Gruppen ganz unterschiedlicher Struktur vor, Themengruppen wie Sport- und Wirtschaftsgruppen, oft in Frauenzentren oder in Lesben- und Schwulenzentren, und schon vor dem BvH ist der Lesbenring entstanden, der nach Gründung des BvH zum bundesweiten Netzwerk für Lesben strukturiert wurde, der die Arbeit der verschiedenen Lesbengruppen zu einer gemeinsamen politischen Stärke bündeln will und so für lesbische Interessen eintreten möchte. Man wollte vermeiden, dass der BvH lesbisch-schwul würde. Auch hier in der politischen Lesbenszene muss festgehalten werden, dass es keine einheitliche lesbenpolitische Ideologie gibt. Im Gegensatz muss man feststellen, dass sich hier zwei Denkansätze gegenüberstehen. Darüber später mehr.
Die Lage damals: Auch unter Lesben muss man zwischen der Lesbenszene und der Lesbenbewegung unterscheiden, wobei man zugeben muss, dass es zu der Zeit, wo die 68er Bewegung entstand, die der Ursprung diverser Bewegungen war, keine Lesbenbewegung, sondern eine 68er Frauenbewegung entstand.
Ebenso wie die Schwulenbewegung wandte sie sich zuerst einmal gegen das linke Mackertum in der 68er Bewegung.
Eine 68er Lesbenbewegung konnte damals erst einmal nicht entstehen, weil dazu alle inhaltlichen Voraussetzungen fehlten. Es gab keine spezielle Strafbarkeit des lesbischen Lebens. Aber um lesbisch erträglich leben zu können, war es notwendig, den gesellschaftlichen Spielraum der Frau an sich zu erweitern.
Die 68er Bewegung wandte sich, als jugendliche Sexbewegung, auch gegen die konservative Ehe-Moral und die traditionelle Ehe-Falle. Wer als Hetenmann auf eine Hetenfrau scharf war und Sex wollte, musste vorher eine längere Freundschaft pflegen, bis Sex möglich wurde, was in der Regel in die Falle der Ehe führte, und der Mann war ja der Ernährer, während die Frau auf die Rolle der Hausfrau reduziert wurde. Das war die Ausgangslage der 68er Bewegung.
Doch ebenso wie es in den Reihen der 68er auch unüberlegte Macker gab, die die Belange der Schwulen nicht nur nicht interessierten, ging das Einfordern der Gleichberechtigung der Geschlechter verschiedenen linken Mackern dann doch zu weit. Gegen das linke Mackertum in der 68er Bewegung formierte sich eine neue Frauenbewegung, die die Gleichstellung der Frau in allen Lebensbereichen einforderte. Und auch wenn es für die Frauenbewegung ohne wesentlichen Belang war, dass die Schwulenbewegung mit der Frauenbewegung gemeinsame Interessen sah und sie daher unterstützte, muss dies festgehalten werden.
Die 68er Frauenbewegung war eine linke Frauenbewegung, eine femistische Ideologie, die aus den Geschlechtern gesellschaftliche Klassen im Sinne eines Klassenkampfes machte, wurde erst später erfunden.
Man muss sich bewusst sein, dass damals Frauen ohne Erlaubnis ihrer Ehemänner kein eigenes Konto führen durften, keinen Beruf ausüben konnten usw.
Und viele linken 68er Männer mit ihrer nun selbst genehmigten freien Sexualität sahen es unkritisch, wenn ihr Sexhäschen ihnen den Kaffee kochte, die Wäsche und das Geschirr spülte usw. Die linken Frauen der 68er Bewegung hatten also Grund genug, und so kam die neue Frauenbewegung der Bundesrepublik erst einmal in der politischen Linken in Bewegung.
Für die damaligen 68er Lesben gab es viele Gründe, sich massenhaft in die neuen 68er Frauenbewegung einzubringen, denn ihre Möglichkeit für Lesben, sich zu entfalten, hatte und hat viel damit zu tun, wie viel Entfaltungsraum die Frau in der Gesellschaft überhaupt hat. Sich gegen eine staatliche Verfolgung der Lesben zu wehren, stand nicht an, weil z.B. der § 175 StGB nur für Schwule galt. Es gab Lesben, die mit Schwulen befreundet waren und sich solidarisch auch für die schwulen Ziele mit einsetzte, aber daraus konnte keine lesbische Bewegung entstehen.
Es gab eine lesbische Subkultur, die kleiner war als die schwule und im wesentlichen familiär wirkte, aber Lesben in Bewegung waren überwiegend bis ausschließlich Teil der Frauenbewegung, und dies aus dem oben beschriebenen für alle nachvollziehbaren gutem Grund.
Allerdings konnten die Lesben der Frauenbewegung nicht die Frauen der lesbischen Subkultur erreichen. Die Lesben der Subkultur hatten in der Regel wenig mit dem heterosexuellen Ehestreit, Abtreibungsfragen und prügelnden Ehemännern zu tun.
Erreichtes: Tatsächlich war die 68er Frauenbewegung in ihren vielen vielfältigen Ansätzen auf Gleichstellung schrittweise recht erfolgreich und war bis weit ins Bürgertum verzahnt.
Ihr gelang es, die rechtliche Gleichstellung der Frau in allen Bereichen durchzusetzen. In der Frauenbewegung der 68er Revolte und der Nach68er, so wird das rückblickend gesehen, dominierte die Egalitätstheorie, die eine Gleichstellung von Männern und Frauen einforderte, denn das war ja vorher nicht gegeben.
Nach dem Erreichen der rechtlichen Gleichstellung stellten sich für die Frauenbewegung neue Fragen, die zur oben schon angedeuteten Ideologie und neuen Zielen führte, da es bei Frauenunterdrückung nicht nur um juristische Fragen geht, sondern auch um Traditonen, Gewohnheiten, dem gesellschaftlich angelegten und erwartetem Geschlechtrollenverhalten, als Kern:
Es gibt überall Männermacht und nirgendwo Frauenmacht im Patriarchat als Herrschaftsform der systematischen Frauenunterdrückung, und das muss geändert werden.
Anders ausgedrückt, in den Schlüsselbereichen und wo man besser verdienen konnte saßen überall Männer.
Kurswechsel in der Frauenbewegung: Diese realen Benachteiligungen hätten dazu führen können, Den Abbau der gesellschaftlich zugeordneten Eigenschaften Männlichkeit und Weiblichkeit einzuforden unde zu betreiben.
Sie führten stattdessen einerseits zu Forderungen wie z.B. die Frauenquote sie führte allerdiungs auch zu einer neuen Ideogie, die sich gegen die Gleichstellung der Frauen stellte. Sprecherinnen der Bewegung verkündeten, dass Frauen immer Opfer von Männern sind und Männer generell immer die Täter, auch die schwulen Männer.
Es wurde auch von einem Hausfrauengehalt gesprochen, das der Ehemann zu zahlen habe. Solche Forderungen führten freilich in die Isolation, weil die normalen Frauen der Gesellshaft darin überhaupt keinen Sinn erkannten. Arbeitnehmerinnen wussten nämlich, dass der Ehemann, der das Familieneinkommen nach Hause brachte und seiner Frau aushändigte, für solche Forderungen gar kein Geld hatte.
Diese inhaltliche Verwirrung in der Frauenbewegung führt dazu, dass es in der neuen Phase der Frauenbewegung nicht mehr um den Abbau von Männlichkeit und Weiblichkeit, sondern um das recht auf Weiblichkeit ging. Die Geschlechtrolle Weiblichkeit hat nämlich auch den Vorteil, aus der zweiten Reihe heraus durchaus Macht zu haben, indem an der Macht der ersten Reihe partizipiert wird, ohne offen in Erscheinung zu treten. Hier spielt auch die Moralwächterinrolle der Frau eine große Bedeutung. Aber eine Frau kann ja nicht gleichzeitig aus der 2, Reihe vom Männergehalt partizipieren und gelichzeitig in der 1. Reihe stehen.
In den 80er Jahren tauchte also in der Frauenbewegung zunehmend die sogenannte Differenztheorie auf. Die Geschlechter seien in Wirklichkeit sehr unterschiedlich, und das vorrangig in biologischer, daher auch in psychischer und daraus folgend auch in sozialer Hinsicht. Die Forderungen wurden darauf abgestellt, Frauen anders (bevorzugt) zu behandeln als Männer. Zum Beispiel wurde erwartet, dass durch Gesetze (Quotenreglung) Männer daran gehindert werden sollten, alleine die Führungspositionen zu besetzen. Bei gleichen Voraussetzungen, so wurde Argumentiert, seien Frauen immer noch benachteiligt und daher bevorzugt zu behandeln.
Dies führte jedoch nicht nennenswert dazu, dass Frauen in Führungspositionen kamen, da einfach nicht genügend infragekommende Frauen in den Gremien vorhanden waren. Diese Situation wurde wiederum als Bestätigung der Differenz angesehen, statt die immer noch vorherrschenden Geschlechtsrollen zu hinterfragen.
So wurde z.B. die eben erst errungene Co-Edukation (Jungen und Mädchen in der gleichen Klasse und mit gleichem Lehrstoff) in Teilen der Frauenbewegung und auch in der emma wieder in Frage gestellt, da diese nicht Mädchengerecht sei. Genau diese Differenztheorie arbeitete den patriarchalisch denkenden SexistInnen in Kirche und CDU in die Hände und stellte Erreichtes wieder in Frage.
In den Frauenzentren wurden, wohl gerade wegen dieser verwirrenden Zielsetzungen, Lesben bzw. Lesbengruppen moralisch von Feministinnen gemaßregelt, durch offenes Auftreten von Lesben in Frauenzentren würden andere Frauen in den Zentren verdächtigt, lesbisch zu sein, was dazu führe, dass normale Frauen nicht mehr in die Zentren kämen.
Lesben beschwerten sich in den femnistischen Einrichtungen über ihre Unsichtbarkeit und bestanden z.B. bei Parties und anderen Veranstaltungen dass diese Parties z.B. FrauenLesbenParty genannt wurden, was zwar sprachlicher Unsinn ist aber das Dilemma aufzeigte, in dem sich Lesben befanden.
Das Buch Ketzerinnen von Sheile Jeffreys, aus dem Amerikanischen übersetzt, erschienen im Verlag Frauenoffensive wurde unter feministischen Lesben heiß diskutiert. Hier wurden u.a. Lesben, die Sexualität nicht ausschließlich in monogamen Bindungen erleben als Schlampen definiert und bei den lesbischen Rollenspielen Femme und Butch die Femme als eine Lebe definiert, die sich letztlich der vom Mann zugeordneten Rolle unterwerfe und die Butch als eine Lesbe, die mit Männern gegen die Frauen paktiere.
Lesbische sexuelle SM-Praktiken seien der Kult des Faschismus. Lesben wurden davor gewarnt, mit Schwulen zusammenzuarbeiten, weil sie durch schwule Männer zur Unsichtbarkeit gedrängt würden.
Entstehen einer Lesbenbewegung: Dann erschien 1983 in Hamburg die kleine Broschüre Lesben offensiv der Lesben aus der lesbisch-schwulen Unabhängen Homosexuellen Alternative. Hier lesen wir: Viele Lesben wurden von den Projekten der Frauenbewegung aufgesogen. Sie gaben und geben sich der Täuschung hin, dass Frauen, die Frauen lieben, mit ihrem Kampf um Emanzipation am besten in der Frauenbewegung aufgehoben sind. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß das nicht so ist. Auch in der Frauenbewegung wurde unsere Arbeit im hohen Maße durch Homosexualitättsfeindlichkeit behindert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Zu schnell gaben sich viele unserer Schwestern dem theoretischen Trugschluss hin, sie müssten nur kräftig für die Emanzipation der Frau arbeiten, dann erledige sich ihr lesbischen Problem gleich mit.
Wir haben uns mit der Ideologie, die uns als Weg und Ziel einzig Partnerschaft und Bündnis mit Frauen vorschreiben, auseinandergesetzt - ... Diese Lesben kamen letztlich zu dem Schluss, mit schwulen Männern gemeinsam gegen die Anti-Homosexualität einzutreten, wo immer sie auch auftaucht, also Teil einer schwul-lesbischen Bewegung sein zu wollen.
Das Buch von Susie Bright Susie Sexperts Sexwelt für Lesben, in Deutschland erschienen bei Krug & Schadenberg, befreite sozusagen die Sexualität der Lesben aus der von Bewegungsfrauen verkörperten moralischen Fesselung. Und Bücher von Laura Merrit, die als deutsche Susie Bright bezeichnet wurde, meistens erschienen im Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, halfen eifrig mit, nicht zuletzt Lauras Animösitäten & Sexkapaden, Queerlesbisches Sexikon.
Was die gesellschaftlich Frauenrolle Moralwächterin betrifft, die Frauen eine gewisse Macht auch über Männer geben kann, so fällt diese Moral als Moralfessel auf die Frauen selber zurück und hat letztlich die Funktion, die Sexualität der Frau der des Mannes unterzuordnen.
Diese Moral stammt aber aus der katholischen Sexualethik und hat u.a. die Frauen um die Macht über sich selbst und über ihren eigenen Körper gebracht.
Worin ein Hintergrund des konfrontierende Verhaltens mancher lesbischen und heterosexuellen Frauen gegenüber solchen Lesben besteht, die eine echte Lesbenbewegung aufbauen wollen, lässt sich aus einem Interview erkennen, das in der taz am 28.06.97 zu lesen war. Daran nahm Klaudia Brunst teil, die damalige Chefredakteurin der taz, die hier für eine eigenständige Lesbenbe-wegung eintrat, die ihre Pflicht als Lesbenorganisation wahrnimmt und gegebenenfalls auch zusammen mit den Schwulen für das Recht auf Homosexualität und ein besseres Leben für homosexuelle Menschen kämpfen soll. Und Jutta Oesterle-Schwerin, die zu diesem Zeitpunkt Geschäftsführererin der Feministischen Partei DIE FRAUEN war, die dafür eintrat, dass die Lesben in der feministischen Bewegung arbeiten müssten und die gegen die Zusammenarbeit von Lesben mit Schwulen eintrat, weil Schwule eben zum Gegner gehören würden, denn Schwule seien eben auch Männer. Hier lesen wir u.a.:
Brunst: Nichts gegen das Ende des Patriarchats. Aber bis dahin würde es mir schon helfen, als Homosexuelle die gleichen gesellschaftlichen Rechte zu haben. Ihre Argumentation scheint mir sehr im Dienst der großen feministischen Sache zu stehen ...
Oesterle-Schwerin: Ohne Utopie werden wir keinen Schritt vorankommen, auch keinen kleinen.
Brunst: ... und in den Frauenzentren sitzen derweil die Lesben und erklären den Heterofrauen, wie man vernünftig verhütet.
Oesterle-Schwerin: Das ist genauso wenig sinnvoll, wie wenn Lesben sich in der Aidshilfe engagieren oder sich rote Schleifchen an die Jacke stecken, schließlich haben wir das geringste Aidsrisiko.
Brunst: Aber ziehen Sie mal alle Lesben aus Frauenprojekten ab, dann fallen die Projekte zusammen ...
Oesterle-Schwerin: Da haben Sie recht.
Brunst: ... uns Sie nennen sich trotzdem Frauenradio, Frauenzen-trum. Sie sind ja Geschäftsfüh-rerin einer Frauenpartei ...
Oesterle-Schwerin: ... einer feministischen Partei!
Brunst: ... die Die Frauen heißt.
Oesterle-Schwerin: Aber die Lösung besteht nicht darin, Lesben aus Frauenprojekten abzuziehen und der Schwulenbewegung zuzuführen ...
Brunst: ... Homosexuellenbewegung ... (...)
Der Streit um Women-Power zwischen dem Konzept einer Lesbenbewegung und dem der Lesben in der feministischen Frauenbewegung scheint auch gegenwärtig noch das größte Problem beim Aufbau einer Lesbenbewegung zu sein, die den Namen Bewegung auch zurecht benutzen könnte.
Eine Kampagne, geführt von der feministischen Zeitschrift emma gegen das Mahnmal in Berlin, gehört auch zu den unschönen Seiten in diese Auseinandersetzung, in der sich die feministische Seite nicht scheute, die gesellschaftliche Verfolgung der Schwulen, für die der von den Nazis verschärfte § 175 StGB angewandt wurde, in der Nazizeit zu verharmlosen, indem von geringen Zahlen geschrieben wurde, ohne die gesellschaftliche Verfolgung der ganzen Schwulenszene mitzuberücksichtigen, und wahrheitswidrig den Eindruck erweckte, dass Lesben dort ebenso verfolgt worden seien wie Schwule.
Vor der Nazizeit und danach wurden ebenfalls nur die Schwulen staatlich verfolgt und die Lesben eher ignoriert, was sich die Schwulen gewünscht hätten, statt eingesperrt, diskriminiert, geschlagen usw. zu werden.
Das Problem, dass das Leiden und die Diskriminierung wie Verfolgung schwuler Männer, die den politischen Antrieb ihrer Bewegung darstellt, von einem wesentlichen Teil der Feministinnen nicht anerkannt werden und eher heruntergespielt werden, hat damit zu tun, dass Männer angeblich immer die Täter gegen Frauen sind, die immer Opfer sind, was so sachlich nicht richtig ist, was man aber als Grundlage ihrer Ideologie erkennen muss und folgendes annehmen kann:
Die Frauenbewegung wäre inhaltlich am Ende, nachdem bei uns und weltweit die gesetzliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Frau erreicht wäre.
Doch entsprechend der Differenztheorie (siehe oben) ist auch bei Gleichstellung der Mann noch nicht besiegt. Und weil es immer noch und schon wieder mehr und mehr Männer gibt, die sich Frauen gegenüber so verhalten, als ob es die Kämpfe der Frauenbewegung gar nicht gegeben hätte, werden auch ständig neue Gründe geboren, Lesben davon abzuhalten, endlich für sich selber einzutreten und ihren homosexuellen Lebensstil besser zu entwickeln und entfalten.
Dennoch, eine eigenständige Lesbenbewegung, die für die Lesben in der Gesellschaft arbeitet, die zusammen mit der Frauenbewegung arbeitet, wo es die Lage erfordert, für die Rechte aller Frauen zu kämpfen, und die auch zusammen mit der Schwulenbewegung arbeitet, wenn die Lage es erfordert, für das Recht auf ein homosexuelles Leben und für die Rahmenbedingungen dazu einzutreten, das wäre sicher sinnvoll.
3. Brauchen wir eine Lesben- und Schwulenbewegung und wozu?
Lesbische Frauen, die ihrer Erwerbsarbeit und ihren bescheidenen Feierabendvergnügungen nachgehen, die möglicherweise in ihrer Wahlfamilie leben, wie sollen die erkennen, dass mit der scheinbar uns wohlwollenden psychologischen Definition Ichdystone Sexualorientierung man dabei ist, zu versuchen, Homosexualität wieder in die Richtung einer Geisteskrankheit zu rücken.
Es handelt sich hier angeblich um die Störung, die eigene sexuelle Orientirung nicht akzeptieren zu können. Dies ist aber keine psychische Krankheit, sondern das Problem aller Lesben und Schwulen im Coming-out, wenn sie die gesellschaftlich anerzogenen antihomo-sexuellen Vorgaben in ihren Köpfen überrwinden müssen.
Und der junge scharfe Gayman, auf dem Weg in die Disco, um den Mann für die Nacht kennenzulernen, wie soll der wissen, dass die fetzigen Reggae-Rhythmen, die mit den für ihn sprachlich unverständlichen Reggae-Texten geschmückt waren, dass in denen dazu aufgerufen wird, homosexuellen Männern in den Kopf zu schießen.
Wie sollen beide wissen, dass bei einem internationalen Psychotherapeuten-Kongress an der Universität in Marburg religiöse Fundamentalisten auftreten, die überall herumerzählen und verbreiten, dass Homosexualität heilbar sei, indem die Männer in ihren Männlichkeit und die Frauen in ihrer Weiblichkeit verstärkt würden und beide zu Gott kommen würden.
Und viele aus der Szene wissen viel-leicht nicht, dass diese Homo-Heiler, wenn sie behaupten, dies nur mit dem Willen der Betreffenden zu können, dass sie während der ohne-hin problematischen inneren Kämpfe im Coming-out durch solche Machenschaften auf tragische Weise oftmals in ihrem Coming-out um Jahre herausgezögert werden.
Dieses alles und weitere Anschläge auf unser Recht, so zu leben, wie wir nun mal sind (wir haben uns dies schließlich nicht ausgesucht), müssen permanent beobachtet, aufgedeckt, zurückgewiesen, publiziert werden, es muss zu Protesten aufgerufen werden, dazu benötigen wir Menschen mit klugem Kopf und sinnvolle Einrichtungen, die Beobachtungen aufgreifen, sammeln und weiterleiten.
Wer versucht mit wirksamen Argumenten auf Parteien einzuwirken, wer beobachtet Behörden bei ihrem Umgang mit Homosexuellen und ihren Einrichtungen? Wer deckt antilesbische bzw. antischwule Machenschaften von Behörden auf? Wer traut sich, Hetze gegen Lesben und Schwule bzw. unsere Lebensart und unsere Einrichtungen seitens KirchenvertreterInnen oder Sprechern unterschiedlicher Religionen aufzudecken und zu bekämpfen?
Wer hilft mit, entsprechende Übergriffe gegen Lesben und Schwule im Ausland aufzudecken, dies zu publizieren, mit RegierungsvertreterInnen zu verhandeln, wie z.B. den Außenminister oder Entwicklungshilfeminister damit umgehen könnten und wer hilft mit, Solidaritätskampagnen für Lesben und Schwule in den Ländern zu organisieren?
Wir brauchen Organisationen, die sich für uns dieser und noch weiterer Themen annehmen.
Und damit genügend engagierte Menschen ihre Fähigkeiten dort einbringen können und wollen, benötigen wir um diese Organisationen herum weitere Strukturen des lesbischen und schwulen kulturellen Lebens, selbstverständlich der Aids-hilfen, die alle über Wochenendvergnügungen in der Szene hinausgehen und jeweils einen oder mehrere Bereich unseren Lebens gut bearbeiten und vertreten.
Ziel wäre es, dass jede lesbische Frau und jeder schwule Mann sich in mindestens einer diese Organisationen engagieren wollen. Dann kämen wir einer Bewegung nahe.
4. Was ist unsere Lesben- und Schwulenbewegung und was könnte sie sein?
Die Frage, was eine Lesbenbewe-gung und eine Schwulenbewegung in Zusammenarbeit für uns homosexuelle Menschen alles sein könnte, das, so wird jede und jeder sagen, kann man nicht voraussehen. Das stimmt, aber es stimmt auch nicht.
Eine gut organisierte Bewegung, getragen von einer breiten Szene, von außen unterstützt von vernünftigen Menschen anderer Bewegungen, politischer Parteien und ganz besonders der Soialwissenschaf-ten, könnte und müsste in der Lage sein, dafür zu sorgen, dass die Gründe verschwinden, die aus Lesben und Schwulen Menschen dritter Klasse machten und machen.
Wir haben derzeit einen etwas größeren Verband, den Lesben- und Schwulenverband, der sich bemüht, alles, was im Moment ansteht, so gut wie möglich zu bewältigen.
Wir haben den Lesbenring, der die Lesbenbewegung zu koordinieren versucht. Auch das Lesbenfrühlingstreffen geht auf Aktivitäten im Lesbenring zurück. Der Lesbenring kümmert sich vorrangig um das lesbische Leben und arbeitet auch mit Schwulenorganisationen dann zusammen, wenn es sinnvoll ist. Er hat u.a. in Solidarität mit den Schwulen den Verdienst, im Vorfeld zum Mahnmal in Berlin diese abwertende Kampagne nicht mitzumachen. Deshalb wurde er dann von emma öffentlich niedergemacht.
Wir haben unterschiedliche The-mengruppen, die mit dem Lesbenring, wenn es sich um lesbische Gruppen handelt oder dem LSVD, wenn es sich um lesbische oder schwule Gruppen handelt, zusammenarbeiten oder die dort Mitglied sind. Man könnte das Netzwerk unserer Organisationen weiter ausbauen und auch die Kommunikationsnetzwerke verbessern. Man könnte auch die Szene noch besser informieren als jetzt.
Über die Gleichstellung von Lesben und Schwulen in allen Bereichen der Gesellschaft und die Solidarität mit unterdrückten homosexuellen Menschen im Ausland hinaus, haben wir vielleicht noch weitere Interessen. Zu denen gehört, dass die Ursachen für Homophobie angegangen werden müssen.
Zu ihnen gehört das Verhetzen von Menschen zur Sexfeindlichkeit und besonders zur Homosexualitätsfeindlichkeit durch religiöse Gruppierungen und die gesellschaftliche Dressur zur Weiblichkeit bei Frauen und zur Männlichkeit bei Männern.
Die wichtigste Partnerin, mit der wir verbündet sein müssen, ist die Frauenbewegung in ihrem Ziel der Gleichstellung der Geschlechter in allen Gesellschaftsbereichen sowie besonders solche Teile der neuen Frauenbewegung, denen es um die Dekonstruktion der bekanntermaßen künstlich entwickelten Eigenschaften Weiblichkeit und Männlichkeit geht.
Weitere BündnispartnerInnen von uns sind solche Organisationen, die sich gegen rechtsradikale politische Kräfte zur Wehr setzen, die bekann-termaßen übel mit homosexuellen Menschen und anderen Minderheiten umgingen und umgehen, nämlich die Nazis. In unserem Interesse liegt es nämlich, dass Nazis nie mehr die Gelegenheit bekommen, so mit Mitmenschen umzugehen.
Weitere Bündnispartner könnten solche Organisationen sein, die für eine sozial gerechtere Zukunft eintreten, denn Menschen in schlechten sozialen Verhältnissen werden gerne gegen Sündenböcke gehetzt, und zu dem möglichen Sündenböcken gehören auch wir.
Wir können Bündnispartner von Organisationen der Friedensbewegung sein und für Gruppen, die für eine gesunde Umwelt und für das Menschenrecht eintreten, sich nicht ir-gendwelchen Religionen unterwerfen zu müssen. (js)

References: § 175
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