Source: http://archiv.jura.uni-saarland.de/repetitorium/ss06/ss06fb044.html
Timestamp: 2019-11-15 08:46:50+00:00

Document:
JIPS / Repetitorium / SS 2006 / Fall 2
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Fallbesprechung 2: "Wahlwerbung"
Verfassungsrecht, Verfassungsprozessrecht (UNI-044/SS06)
Der Saarländische Rundfunk (SR) räumt vor den bevorstehenden Landtagswahlen den politischen Parteien auf der Grundlage von § 19 Abs. 2 SMG Sendezeiten für Werbespots ein. Er teilt der CDU und der SPD je acht Sendezeiten zu zweieinhalb Minuten, den Parteien Bündnis 90/Die Grünen und FDP je vier Sendezeiten zu zweieinhalb Minuten und allen anderen sich an den Landtagswahlen beteiligenden und im Landtag nicht vertretenen Parteien je zwei Sendezeiten zu je zweieinhalb Minuten zu. Zu diesen anderen Parteien gehört die erstmals zu Wahlen antretende "Linkspartei". Sie hält die Zuteilung von lediglich zwei Sendezeiten für eine völlig ungerechtfertigte Benachteiligung, zumal die Parteien Bündnis 90/Die Grünen und FDP vier Sendezeiten erhalten sollen und Umfragen der Linkspartei aufgrund der noch immer vorhandenen Popularität ihres saarländischen Spitzenkandidaten erheblich höhere Stimmenanteile als beiden versprechen.
Der SR hatte das Anliegen auf Zuteilung weiterer Sendezeiten mit der Begründung abgelehnt, die Zuteilung von Sendezeiten stehe in seinem Ermessen. Das hält die Linkspartei schon vorab für verfassungswidrig. Ein Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung mit dem Ziel, vier Sendezeiten zu erhalten, hat vor dem VG und dem OVG keinen Erfolg.
Die gleichfalls im Landtag nicht vertretene "Rechtspartei", die ebenfalls vergeblich Sendezeiten beansprucht hatte, scheitert hier auch mit einem im Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes verfolgten Begehren, die von ihr beabsichtigten zwei Werbespots zu senden. Der SR hatte die Ausstrahlung abgelehnt, weil die Rechtspartei in ihnen die Behauptung aufstellt, "Wahlen können die Lage nicht ändern", "Politiker unterdrücken das Volk", "Das bürgerliche Parlament ist eine korrupte Schwarzbude, die nichts anderes verdient als von den nationalen Kräften auseinandergejagt zu werden", "Deutschland den Deutschen". Der SR hält diese Behauptungen für strafrechts- und verfassungswidrig. Zu ihrer Verbreitung dürfe er nicht gezwungen werden.
Schließlich verlangt die Rechtspartei auch vergeblich, dass ihr Spitzenkandidat zu einer - redaktionell auch durch filmische Unterbrechungen und Kommentare gestalteten - Sendung "Wahl-Zeit" des SR eingeladen wird, in der Journalisten und Bürger die vier Spitzenkandidaten von CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP befragen sollen. Auch insoweit scheitert das Verlangen im Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes.
Werden von der Linkspartei und von der Rechtspartei gegen die drei Entscheidungen des OVG sofort erhobene Verfassungsbeschwerden zum Bundesverfassungsgericht Erfolg haben?
Könnten die Parteien vor dem Bundesverfassungsgericht, das über die Verfassungsbeschwerden wegen Überlastung nicht alsbald entscheiden kann, auch - und unter welchen Voraussetzungen - vorläufigen Rechtsschutz erlangen?
Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (UNI-044/ SS06/ Stand: 04/06):
Voraussetzungen der Zulässigkeit einer Verfassungsbeschwerde
Abgrenzung Verfassungsbeschwerde/Organstreit
Erschöpfung des Rechtswegs und vorläufiger Rechtsschutz/§ 5 PartG
Ablehnung von Wahlwerbesendungen von Parteien
Die Aufgabe war verschiedentlich in ähnlicher Fassung Gegenstand von Examensklausuren. Sie verlangt im Wesentlichen die Prüfung der Zulässigkeit einer Verfassungsbeschwerde durch eine politische Partei, die Herleitung eines "Grundrechts auf Chancengleichheit" und die Abgrenzung zum Grundrecht der Rundfunkfreiheit.
I. Zulässigkeit der Verfassungsbeschwerden der Linkspartei und der Rechtspartei
(Aus Vereinfachungsgründen wird die Zulässigkeit der Verfassungsbeschwerden beider Parteien zusammen geprüft).
Der Verfassungsrechtsweg für die Erhebung von Verfassungsbeschwerden ist nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4 a GG, § 13 Nr. 8 a, §§ 90 f. BVerfGG grundsätzlich eröffnet.
2. Statthaftikeit
Die Statthaftigkeit einer Verfassungsbeschwerde der Parteien setzt allerdings voraus, dass sie nicht auf den Organstreit verwiesen sind (Das Problem kann auch unter einem anderen Gliederungsgesichtspunkt - z.B. Beschwerdebefugnis - erörtert werden).. Für die Abgrenzung kommt es darauf an, ob eine Partei ihr Recht auf Teilhabe am Verfassungsleben geltend macht – dann ist sie auf den Organstreit verwiesen – oder ob sie die Verletzung von Rechtspositionen rügt, die von ihrem Status unabhängig sind und jedermann zustehen.
Eine Erhebung einer Organklage kommt allerdings dort, wo es um die Zuteilung von Sendezeiten geht, schon deshalb nicht in Betracht, weil nicht zwei Verfassungsorgane um die ihnen verfassungsrechtlich zugewiesenen Kompetenzen streiten; vielmehr geht es darum, dass eine Partei sich durch die Maßnahme einer Rundfunkanstalt in ihrem Recht auf gleichberechtigte Benutzung einer öffentlichen Anstalt verletzt sieht (-> Lesen: BVerfGE 67, 149 f.). Also geht es nicht um Kompetenzen sondern um Grundrechte (Art. 3 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 21 Abs. 1 GG).
Die Verfassungsbeschwerde ist statthaft.
Gegenstand der Verfassungsbeschwerde muss nach § 90 Abs. 1 BVerfGG ein Akt öffentlicher Gewalt sein. Bei diesem Akt handelt es sich um die den einstweiligen Rechtsschutz ablehnenden Entscheidungen des OVG. Darüber hinaus sind Gegenstand der Verfassungsbeschwerden die vorinstanzlichen Entscheidungen und die ablehnenden Bescheide des SR.
Die Parteien sind beschwerdebefugt, weil die Verletzung eines Grundrechts möglich erscheint. Beide rügen eine Ungleichbehandlung der Parteien bei der Zuteilung von Sendezeiten. Die Parteien sind durch die angegriffenen Maßnahmen der öffentlichen Gewalt auch selbst, gegenwärtig und unmittelbar betroffen. (Es empfiehlt sich, dies nur kurz anzusprechen, um in der Begründetheitsprüfung den Rechtsgrundlagen eines Grundrechts auf Chancengleichheit nachzugehen).
5. Erschöpfung des Rechtswegs (§ 90 BVerfGG)
Vor der Erhebung der Verfassungsbeschwerde muss der Rechtsweg erschöpft sein. Im Bereich des vorläufigen Rechtsschutzes endet der Instanzenzug beim OVG. Damit ist der Rechtsweg erschöpft. Die Möglichkeit von Klagen in der Hauptsache eröffnet einen anderen Instanzenzug.
6. Subsidiarität der Verfassungsbeschwerde
Über das Gebot der Erschöpfung des Rechtswegs nach § 90 BVerfGG hinaus sind Verfassungsbeschwerden auch nur nach Maßgabe eines Subsidiaritätsgrundsatzes zulässig. Bei gerichtlichen Entscheidungen in Eilverfahren ist die Behebung der Grundrechtsverletzung grundsätzlich auch noch im Hauptverfahren möglich. Bietet sich also nach Art des gerügten Grundrechtsverstoßes die Chance, der verfassungsrechtlichen Beschwer durch ein Verfahren in der Hauptsache abzuhelfen, so ist eine Verfassungsbeschwerde subsidiär. Das gilt allerdings dort nicht, wo Rechtsschutz in der Hauptsache gar nicht mehr erreicht werden kann, weil die Zeit drängt, die verfassungsrechtliche Beschwer also gerade in der Ablehnung des Eilrechtsschutzes besteht, und wenn in der Hauptsache keine weitere Sachaufklärung zu erwarten ist.
Die Einhaltung der Verfassungsbeschwerdefrist nach § 93 Abs. 1 BVerfGG ist anzunehmen.
II. Begründetheit der Verfassungsbeschwerden
1. Die Verfassungsbeschwerde der Linspartei
Die Verfassungsbeschwerde der Linkspartei ist begründet, wenn die Ablehnung der Zuteilung weiterer Sendezeiten durch den SR einen Grundrechtsverstoß enthält. Ein solcher Grundrechtsverstoß kann sich nur aus Art. 3 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 21 Abs. 1 GG – dem Recht der Parteien auf Chancengleichheit – ergeben.
Der Anspruch einer Partei auf Chancengleichheit ergibt sich nicht unmittelbar aus Art. 21 GG, der ohnehin kein Grundrecht darstellt. Er folgt allerdings aus der Parteienfreiheit des Art. 21 Abs. 1 GG und dem der Verfassung zugrunde liegenden Mehrparteienprinzip. Der Grundsatz der Chancengleichheit zwischen den Parteien ist strikt und formal, Differenzierungen sind also nur zulässig, wenn zwingende Gründe dies erfordern. Solche Differenzierungen sind gerade bei der Gewährung staatlicher Leistungen zulässig, wenn die Leistungskapazität beschränkt ist und gewichtige Gründe – das unterschiedliche Informationsbedürfnis der Wähler im Wahlkampf – dafür sprechen. Die Verfassungsrechtsprechung lässt also eine "abgestufte Gleichbehandlung" zu (-> Lesen: BVerwGE 75, 67).
Insoweit ist es folglich zulässig, zwischen der nicht im Landtag vertretenen Linkspartei und den im Landtag vertretenen Parteien, auch wenn ihre Wählerpotenziale gering gewesen sind, zu differenzieren (andere Auffassungen dazu sind gut vertretbar).
2. Verfassungsbeschwerde der Rechtspartei
a) Ablehnung der Werbespots
Fraglich ist, ob – im Lichte des Art. 3 Abs. 1 i.V.m. Art. 21 GG – die Ablehnung zweier Werbespots der Rechtspartei aus inhaltlichen Gründen zulässig ist.
Einfachrechtlich verweist § 19 SMG auf § 5 Abs. 1 – 3 PartG. Nach § 5 Abs. 1 – 3 PartG sind alle Parteien bei der Zurverfügungstellung von Einrichtungen oder anderen öffentlichen Leistungen gleich zu behandeln. Der Umfang der Gewährung kann nach der Bedeutung der Parteien bis zu dem für die Erreichung ihres Zwecks erforderlichen Mindestmaß abgestuft werden, wobei sich die Bedeutung auch nach den Ergebnissen vorausgegangener Wahlen zu Volksvertretungen bemisst. Allerdings lässt § 5 Abs. 3 PartG zu, dass öffentliche Leistungen an bestimmte sachliche von allen Parteien zu erfüllende Voraussetzungen gebunden werden können. Von einer solchen ausdrücklichen Bindung sagt die Aufgabe indessen nichts. Jedoch unterliegen auch Parteien den allgemein geltenden Gesetzen. Insoweit kann zwar Art. 9 Abs. 2 GG nicht herangezogen werden, weil für Parteien das Privileg des Art. 21 Abs. 2 GG gilt. Jedoch kann von einer an die Verfassung und die Gesetze gebundenen Rundfunkanstalt nicht verlangt werden, Wahlwerbespots auszustrahlen, die gegen die allgemeinen Strafgesetze verstoßen. Allerdings wird im Hinblick auf die Gefahr der Irreführung von Wählern und das Parteienprivileg verlangt, dass ein Verstoß gegen die Strafgesetze evident und schwer ist.
Die Werbespots der Rechtspartei haben zweifellos eine den Grundsätzen der freiheitlich demokratischen Grundordnung zuwiderlaufende Tendenz. Ob sie allerdings strafbar sind (der Tatbestand der Volksverhetzung dürfte nicht erfüllt sein) ist fraglich. Ihre Verfassungswidrigkeit festzustellen ist nicht Aufgabe des Intendanten des SR. Daher bestehen Bedenken dagegen, die Ausstrahlung wegen des Inhalts der Wahlwerbespots für unzulässig zu halten.
Fraglich ist weiter, ob die Versagung der Ausstrahlung nicht gegen das Verbot der Vorzensur verstößt (Art. 5 Abs. 1 Satz 3 GG). Damit ist allerdings nur das generelle Verbot gemeint ungeprüfte Texte zu senden verbunden mit dem Gebot, diese zuvor einer zuständigen Stelle vorzulegen, die sie nach Zensurgrundsätzen kontrolliert und je nach dem Ergebnis der Prüfung die Veröffentlichung erlaubt oder verbietet. Darum geht es hier nicht.
b) Beteiligung an "Wahlzeit"
Fraglich ist, ob die Versagung der Beteiligung an der Sendung "Wahlzeit" zulässig ist.
Die Chancengleichheit der Parteien (Art. 3 Abs. 1 i.V.m. Art. 21 Abs. 1 GG) ist zweifellos berührt. Allerdings kann dieser Eingriff durch die Rundfunkfreiheit (Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG) gedeckt sein, weil die Sendung redaktionell gestaltet ist. Insoweit muss es auch in der Wahlvorbereitungsphase Redaktionen möglich sein, ein bestimmtes Format zu entwerfen und zu verwirklichen und dabei – so lange es sich nicht um eine gezielte Ausschließung von Minderheiten handelt – Parteien ungleich in Sendungen zu behandeln.
Fraglich ist, ob ein Eilrechtsschutz nach § 32 BVerfGG erreichbar ist. Soweit eine Verfassungsbeschwerde nicht offensichtlich unzulässig oder unbegründet ist entscheidet die Verfassungsrechtsprechung aufgrund einer "doppelten" Folgenabwägung, nicht aber aufgrund einer Einschätzung der Erfolgsaussichten der Verfassungsbeschwerden. Diese Abwägung (welche Folgen entstehen, wenn einstweiliger Rechtsschutz gewährt wird und sich die Verfassungsbeschwerde später als unbegründet erweist und wie groß ist ihr Gewicht? Welche Folgen entstehen, wenn einstweiliger Rechtsschutz versagt wird und sich die Verfassungsbeschwerde später als begründet erweist und wie groß ist ihr Gewicht?) wird zu Lasten der Beschwerdeführerinnen ergehen, weil ihnen ein Zugang zur Öffentlichkeit durch die geringere Zahl der Werbespots nicht verschlossen wird.

References: § 19
 Art. 93
 § 13
 Art. 21
 § 90
 § 90
 § 93
 Art. 3
 Art. 21
 Art. 21
 Art. 21
 Art. 3
 Art. 21
 § 19
 § 5
 § 5
 § 5
 Art. 9
 Art. 21
 Art. 21
 § 32