Source: http://www.meinhard-creydt.de/archives/53
Timestamp: 2020-01-25 19:31:51+00:00

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Regeln (nicht nur) der soziologischen Methode | Meinhard Creydt
Sozialwissenschaft gilt gemeinhin als verwirrend und kompliziert. Nach einigen Semestern stellt sich aber etwas anderes heraus. Die Beherzigung einiger einfacher Regeln erspart pragmatischerweise gedankliche Arbeit, Mühe und Zeit. Und darauf kommt es an, wo der heute so viel thematisierte Erfolg des Studiums darin gesehen wird, daß man - frau auch - es aufnimmt und schnell abschließt. Es kleidet den Akademiker nicht nur ungemein, wenn er alles im Fachjargon zu besprechen weiß. [1] Neben der Ersetzung von Wissen durch Terminologie helfen auch einige Forme(l)n des Denkens. Ihrem Erwerb verdankt sich der Erfolg des Studiums ebenso sehr wie der z. Zt. ungleich mehr besprochenen ‘Didaktik’. Wir präsentieren nachfolgend das Ergebnis eines bislang unveröffentlichten Stückes empirischer Sozialforschung über die Effizienzsteigerung soziologischen Denkens durch die Bemühung einiger anwenderfreundlicher Kniffe und Tricks. Insbesondere überzeugt die interdisziplinäre Anschlußfähigkeit dieser Denkfiguren, deren Nutzen nicht an den Grenzen der Soziologie haltmacht.
1) Formelle Abstraktion
Mit ihr wird ein Gegenstand Thema nicht nach den spezifischen Gründen, Zwecken und Eigendynamiken, die ihm eigen sind, sondern auf einen Aspekt oder ein Prädikat hin, den er a u c h hat. Eine Fabrik oder ein Gefängnis wird z.B. a l s Organisation, a l s System usw. behandelt. Niemand mußt jetzt mehr an der qualitativen Spezifik des Gegenstandes entlang denken. Der Gegenstand gerät zum Anwendungsbeispiel für die Abstraktion, die aus ihm herausgezogen wurde. Der Anwender erleichtert sich die Arbeit, spart Mühe und Zeit, indem er die Seite der Identität und Isomorphie der Gegenstände (alle sind jetzt Systeme, Organisationen o. ä.) an die erste Stelle setzt, sodann die Unterschiede und inhaltlichen Be-stimmtheiten auf der Seite der Verschiedenheit am Gleichen aufträgt - als Akzidenzien an einer vorausgesetzten Substanz. Die bestimmten Regeln zum Beispiel, die in einer Gesellschaft herrschen, lassen sich als Regeln überhaupt auffassen, entkleidet von aller gesellschaftsformationsbezogenen Spezifizik und mit der dann plausiblen Wertschätzung versehen, ohne sie blieben Konflikte ungeregelt. [2] Und die bestimmten Gegensätze in einer Gesellschaft lassen sich zum Konflikt formalisieren, der alle Momente der Gesellschaft aus ihrem dumpfen Vor-sich-hin-Leben herausreißt und für … Dynamik sorgt. [3] Oder: Aus einer komplexen Gesellschaft, deren Attribut sich immer noch aus ihren bestimmten Strukturen erklärt, wird so übergegangen zur Gesellschaft als Beispiel für Komplexität. Der thematisierte Gegenstand gerät “zum Prädikat seines Prädikates.” (MEW 1, 215)
Die Formalisierung ist mit Simmel in der Soziologie von Beginn an präsent, solle doch “eine eigentliche Soziologie nur das Spezifisch-Gesellschaftliche behandeln, die Form und Formen der Vergesellschaftung als solcher, in Absonderung von den besonderen Interessen und Inhalten, die sich in und vermöge der Vergesellschaftung verwirklichen.” Sie bilden “das Material des sozialen Prozesses”, von dem deutlich abzuheben sei die “Form, in die jene Inhalte sich kleiden und auf deren Abtrennung von den letzteren vermöge wissenschaftlicher Abstraktion die ganze Existenz einer speziellen Gesellschaftswissenschaft beruht.” Die Trennung zwischen Inhalt und Form impliziert, daß “die gleiche Form, die gleiche Art der Vergesellschaftung an dem allerverschiedensten Material, für die allerverschiedensten Ziele eintreten kann.” (Simmel 1987,43f.) Diese Betrachtungsweise hypostasiert und hypertrophiert die Abstraktionen, die aus einem bestimmten Typus des Reichtum erwachsen, um den es in der jeweiligen Gesellschaftsform geht, unterbestimmt die in ihr potentiell freisetzbaren Kräfte, die mit der gesellschaftlichen Form nicht umstandslos identisch sind [4], und verwandelt die Form formalisierend zur Synthesis, derer keine gesellschaftlicher ‘Stoff’ entbehren könne.
2) Analogie und Vergleich
Insofern der Gegenstand ärmer geworden ist [5], gleicht der Anwender der Methode 1 den Verlust mit Methode 2 dadurch aus, daß er sich mit Modellen aus anderen Wissenschaften versorgt - z.B. mit Organismusmetaphern, mit Anleihen an die Allgemeine Systemtheorie, mit überall sonst außer in der Biologie und Neurologie modischer Rede von ‘Autopoiesis’[6] usw. Foucault liefert schöne Beispiele des Denkens in Analogien und Vergleichen, wenn er das Gefängnis als das institutionelle Normalvorbild der Organisationen in modernen Gesellschaften darstellt. [7] Foucaults Kritik ist nicht, daß das Denken im ‘Modell’ der Sprache und der Zeichen ein Denken ist, das bereits über ein Wesen (eben das Modell) und damit einen Universalschlüssel verfügt, dem es die konkreten Gegenstände subsumiert. Foucault will vielmehr an die Stelle dieses passepartouts ein anderes setzen: “Auf was man sich meiner Meinung nach beziehen muß, ist nicht das große Modell der Sprache und der Zeichen, sondern das des Krieges und der Schlacht.” (Foucault 1978, 29) Wer erst einmal ein Modell oder einen Ansatz sein eigen nennt, der kann ungeheuer kreativ alles mögliche a l s das besprechen, was es zwar nicht i s t, was man sich aber d a z u denken kann.
Eine auch nur mäßig phantasievolle Nutzung der Analogie verspricht mannigfaltige Vorteile: “Zwei Begriffe, die als Abstraktionen nur einen relativen Tatbestand darstellen, werden als absolute betrachtet, miteinander verglichen und trotz der vorhandenen Ungleichheiten für gleich befunden. Aus dieser Ähnlichkeit werden Folgerungen gezogen, der Abstraktionsvorgang vergessen und später auch solche Merkmale, Tatsachen und Vorgänge als ähnlich erklärt, die bei der Analogiebildung nur Unähnlichkeiten zeigten… Von dem verblüffenden Reichtum der Perspektive berauscht, übertreiben die begeisterten Anhänger den Abstraktionsvorgang, vernachlässigen die schreienden Unähnlichkeiten und verlieren so den Zusammenhang mit den Tatsachen.” (Szende 1923, 451, vgl. a. Gabel 1964)
Bei der Verwandlung von Gegenständen zu formellen Abstraktionen hilft der Vergleich. Mit ihm lassen sich ganze Theorien gewinnen: Es werden nicht nur zwei völlig verschiedene Objekte im Denken gleichgesetzt, womit das Objekt, zu dessen genauerer Bestimmung der Vergleich unternommen wurde (z.B. ‘der Mensch’), gerade als das bestimmt wird, was er n i c h t ist (als menschliches Tier). Zugleich werden beide Seiten des Vergleichs (hier: Mensch und Tier) noch unter eine weitere Abstraktion gestellt, unter der sie erst vergleichbar werden (’Überleben’ als Maßstab). In der Willkür dieser beiden Abstraktionen liegt die besondere Tauglichkeit des Vergleichs als argumentatives Hilfsmittel, das sich den jeweiligen Zwecken des Anwenders widerstandslos anschmiegt. Ist der Mensch erst einmal durch Instinktmangel ausgezeichnet, also am Standpunkt des Tieres gemessen und für zu leicht befunden, dann entstehen als Kompensation dieses Mangels Institutionen, Erziehung usw. Dabei stört der Widerspruch nicht, daß dem Mensch für die Institution, für die Erziehung etc. wohl Kompetenzen zugerechnet werden müssen, die die des Tieres nun auf ein Mal übersteigen. Dem Nutzer dieser Methode wird vielmehr an dieser Stelle angeraten, seine Entfernung von den Charakterstika der Gegenstände und die gesteigerte Subsumtionspotenz seines den Gegenständen gegenüber äußerlichen Konstrukts als Zugewinn an ‘Abstraktionsniveau’ und ‘Reichweite’ der Theorie zu loben.
Bisher wurden Gegenstände a l s andere gedacht, nun wird der zu theoretisierende Gegenstand als einer vorgestellt, zu dessen Charakteristikum es gehört, diese Abstraktion an sich selbst durchzusetzen bzw. auf anderes zu verweisen. Aus der abstrakten Eigenschaft (z.B. eine Gesellschaft ist geordnet, damit ist die Gesellschaft aber nicht bestimmt, das Überhaupt-geordnet-Sein ist nur eine ihrer vielen Bestimmungen), die dem Gegenstand zugeschrieben wurde, entsteht denkerisch eine Bedingung des Gegenstandes (ohne Ordnung kein Erhalt der Gesellschaft). Der Anwender dieser Methode unterstellt dem Gegenstand dann (teleologisch) das Ziel, diese Bedingung seiner selbst optimal zu sichern (die Gesellschaft verfolgt nun das Ziel der Erhaltung der Ordnung, moderner gesprochen ‘System- und Sozialintegration’). Da der Anwender von allen anderen Bestimmungen des Gegenstandes abstrahiert hat, gewinnt er aus seinen Schwierigkeiten mit dem Gegenstand (’Gesellschaft’) einen weiteren neuen Gegenstand des Denkens. Das anschließende Vorgehen folgt nun der Devise, die Schwierigkeiten, den Gegenstand zu denken, in Schwierigkeiten der Gesellschaft selbst, überhaupt eine Ordnung hinzubekommen (’Komplexitätsreduktion’) zu verwandeln. Die Gesellschaft wird mit diesen wenigen Operationen zurechtgemacht zu einer Lösung von allerhand Problemen. Beispielsweise hat sie die Funktion, das ‘Orientierungsproblem’ der Menschen zu lösen. [8]
Um Märkte als Lösung des Problems der Koordination der Handlungen aufzufassen, muß man einige Denkschritte hinter sich bringen - frau auch:
trenne den Markt von den Interessen, die sich auf ihm begegnen, tue so, als seien Flohmärkte, Arbeitsmärkte und Kapitalmärkte eben vor allem … Märkte (nutze den Vorteil der formellen Abstraktion);
konstruiere ein den Märkten überhaupt zuzuordnendes Problem (Abstimmung) und definiere Produktion und Bedarf als Pole eines Abstimmungsproblems, ordne nun funktional das Marktgeschehen ein als Lösung dieser Aufgabe;
abstrahiere wiederum per formeller Abstraktion und per Vergleich vom Inhalt der Aktivitäten auf dem Markt und behalte nur die Bestimmung zurück, es handele sich um eine große Zahl von Aktivitäten und den Zweck, sie sollen möglichst reibungslos und effektiv zusammenpassen;
führe dann die Preise funktional ein als unschuldige ‘Information’, was produziert und konsumiert werden kann. Weniger nützlich ist es, hinter diese formelle Abstraktion zurückzugehen und sich daran zu erinnern, daß der Preis für den Anbieter die Instanz ist, welche die Transaktion zu einem Geschäft macht und für den Nachfrager die Besiegelung seiner Armut oder Vorschuß für ein Geschäft darstellt. In der vorgestellten Manier, über den Markt zu reden, braucht und kann man nicht mehr unterscheiden zwischen dem Endverbraucher, der weitgehend besitzlos bleibt, und der Geschäftswelt, die die eingekauften Maschinen, Waren und Grundstücke als Vermögen wertschätzt, als Anrecht auf mehr Geld. Auf dem Markt erscheint eben nicht, wie Armut und Reichtum gebildet werden. Daß sich die Produktion an der Profiterwartung bei der Erstellung des Gutes orientiert, erscheint ebensowenig wie die Konstitution der (zahlungsfähigen!) Nachfrage im Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital.
Nicht daß es keine Funktionen gibt, sondern daß ‘Funktion’ zum gegenanalytischen Placebo gerät, ist das Problem. Dies passiert, wenn die ‘Funktion’ in folgenden Funktionen funktioniert:
a) Die Kriterien und Maße der Gesellschaft muten als derart unverdächtig und menschlich allgemein, daß niemand sie bestreiten wird. Dieser Social-fiction zufolge muß die ‘Komplexität’ schließlich immer reduziert, das “Orientierungsproblem” immer gelöst werden, die ‘Integration’ bleibt für jede Gesellschaft eine notwendige Bedingung. Allerdings keine hinreichende. Die Frage wird vermieden, ob das als Bedingung der Gesellschaft und das für sie als lebensnotwendig Erachtete nicht bestimmter gefaßt werden muß und sich dann als Resultat jener Gesellschaft erweist, als deren voraussetzungslose Voraussetzung (da Moment jeder Gesellschaftlichkeit) es plausibel erscheinen soll. [9]
b) Die Objekte des Nachdenkens müssen nicht in ihrer eigenen Aufbauordnung gedacht werden, sondern allein auf den (vorgestellten!) Dienst hin, den sie leisten. Dieser Betrachtungsweise sozialwissenschaftlicher Ideologiebewirtschaftung gemäß ist eine Sache nie etwas für sich, sondern besteht in ihrer Wirkung auf eine andere Sache. Mittel- Zweck- und Problem-Lösungs-Relationen dekomponieren die Wirklichkeit. Die Antwort auf die Frage nach dem ‘Warum’ führt zur Zuordnung eines ‘Wofür’. Neben dieser Verengung des Denkens neigt funktionales Denken imperial zur Überschreitung seiner Grenzen. Die Welt gerät dann tendenziell zur nützlichen Einrichtung und zur prinzipiellen Zweckmäßigkeit. [10] Alles was ist, ist so zu etwas gut - die dazugehörige ‘Problem’formulierung vorausgesetzt. Mit diesem positiven Denken läßt sich auch der Tod begrüßen - als eine gute Gelegenheit, weniger Geld auszugeben (Woody Allen).
c) Beides - das ‘Bezugsproblem’, auf das hin die Gegenstände gedacht werden, und sie selbst - werden aufeinander bezogen und die Verbindung als problematisch befunden. Ob die Einrichtungen dieser Gesellschaft als Lösung für die ‘Probleme’ gelten können, gibt den Maßstab zur Erörterung vor. Der Kurzschluß zwischen Frage und Antwort wird durch die Unterbestimmung der Strukturen vorbereitet, in die beide eingelagert sind. In der Manöverkritik an der Feinabstimmung von Momenten, deren eigene Konstitution nicht in den Blick gerät, können auch sonst eher affirmative Gemüter mal so richtig kritisch werden. Die vorausgesetzte Problemstellung und begriffliche Anordnung brauchen sie dann nicht mehr denken. Ob z.B. der jeweiligen Jugend ‘die Werte’ fehlen, ob die Schule oder die Familie da zu wenig leisten - all dies wird diskutiert, weniger aber, was ‘Werte’, ‘Sinn’, ‘Orientierung’ sind und wer sie warum ‘braucht’. [11] Für gesellschaftliche Phänomene springt das Lob heraus, sie sei-en immerhin mögliche Lösungen für ein Problem. Man muß sich bspw. nur eine Gesellschaft vorstellen, in der die Religion nötig wird, dann die Religion kurz wegdenken, um sie als Verhinderung ihrer Abwesenheit zu ‘begründen’.
d) Besonders viel Gedankenmühe erspart der anwenderfreundliche und denkökonomische funktionalistische Schluss, die behauptete Notwendigkeit (z.B. ‘Leistungssteigerung’) als Ursache eines Phänomens (z.B. funktionale Differenzierung) auszugeben. Wie in einer bestimmten Gesellschaft sich Leistungen begründen und welche realen Folgezwänge, Entwicklungsdynamiken und Beteiligungsmotive herrschen, davon kann absehen, wer es auf die Gewährleistung ganz abstrakt definierter ‘Bezugsprobleme’ absieht. Dieser Schluß überspielt den Unterschied zwischen Beweggründen und Mechanismen der Verwirklichung dieser Beweggründe und die Differenz zwischen Zielzuständen und mit durch Eigenaktivität begabten Entitäten. Bei Nichtbeachtung dieser Differenz erscheint die Gesellschaft als Quasisubjekt mit eigenem Problemsensorium und Reaktionsvermögen.
4) Versubjektivierung
Wenn so Institutionen als den Menschen dienlich verstanden werden, liegt es nahe, zwischen dem Verhältnis des Individuums zum Gegenstand und dessen eigener Begründung nicht mehr zu unterscheiden (vgl. auch Almasi 1977, 205ff.). Ob ‘kritisch’ oder ‘affirmativ’ gemeint - die Rede von ‘Nutzen’ und ‘Zweckrationalität’ weist einen Mangel auf: Die dem Nutzen gemäß Handelnden bedienen sich “der Verhältnisse, in die sie als Dienende eintreten. Sie benutzen die Bedingungen,die ihnen fremd gegenübertreten. Ihre Anpassung ist hier eine Funktion ihres partikularen Interessenkalküls, ihre Heteronomie das Medium ihrer Disposition als autonome Utilitaristen, ihre Unterwerfung das Instrument zur Verwirklichung ihrer Souveränität als nutzenmaximierender Subjekte. In dieser Hinsicht synthetisiert die utilitaristische Praxis den Zwang zur Anpassung mit der Souveränität einer Funktionalisierung aller Umweltbezüge für privatisierte Interessen und markiert somit eine spezifische Form der Verschränkung von Heteronomie und Autonomie” (Prodoehl 1983,131)
Bspw. sind Ware und Lohnarbeit in der gegenwärtigen Gesellschaft als Mittel des Kapitals konstituiert und fungieren zugleich als Mittel der Individuen. In der Figur der ‘Zweckrationalität’ wird das Selbstbewußtsein einer kalkulierenden Stellung zur Welt ausgegeben als Wahrheit des praktischen Umgangs mit ihr. Aus der Erfolgskalkulation des Individuums, dem nichts anderes übrigbleibt, als in den bestehenden Strukturen diese möglichst optimal für sich auszunutzen, wird qua Zweckrationalität ein Begriff, der die Analyse dieser Strukturen ersetzt. Die Strukturen, in denen die Individuen ihre Zwecke verfolgen und dabei sich gegenteilige Effekte einhandeln, werden so nicht analysierbar. Vielmehr muß im Begriff der Zweckrationalität über bestimmte Zwecke in der Gesellschaft, ihren Inhalt und ihre Struktur nichts ausgesagt werden. Thema ist allein das Verhältnis zu ihnen und ihre vermeintliche Instrumentalisierung. [12] So kann das Individuum nicht anders als zweckrational handeln, wenn es die gegebenen (!) Bedingungen, Mittel, Kosten und Nutzen in ein Verhältnis setzt und vergleicht. Die Nutzen - und Zweckrationalitätstheorie reichert ihre Unkenntnis der Bestimmung der “hauptsächlichen Verhältnisse … unabhängig von dem Willen der Einzelnen durch die Produktion im Großen und Ganzen” an durch Gedanken über “die Stellung der Einzelnen zu diesen gesellschaftlichen Verhältnissen, die Privat-Exploitation einer vorgefundenen Welt durch die einzelnen Individuen.” (MEW 3, 398) [13]
Sind gesellschaftliche Einrichtungen erst einmal eingeführt und dem wohlwollenden Verständnis behutsam nahegebracht durch den Vorteil, den die Individuen von ihnen erwarten sollen, so kann vielerlei als Angebot, Gelegenheit und Herausforderung der Individuen verstanden werden. So avanciert die mit dem Eigentum besiegelte Trennung von den Existenzbedingungen zu einem Recht auf Eigentum. Wird die bestimmte Gesellschafts f o r m ihrer Bestimmtheit entkleidet und als Geselllschaft überhaupt aufgefaßt als Bedingung der Existenz von Individuen, so kann der Anwender der Methode ‘Versubjektivierung’ umgekehrt auch aus dem unmittelbaren Verhalten des Individuums zu gesellschaftlichen Tatbeständen deren Erhalt erklären. Die Gesellschaft erscheint dann dauernd durch das Handeln der Individuen bedroht oder gesichert. Die Systemintegration wird in die Sozialintegration aufgelöst, als gäbe es kein handlungstheoretisch allerdings nicht faßbares nichtnormatives Substrat der Gesellschaft (vgl. Berger 1978, 1987). Stattdessen wird (’konservativ’) überall der Verfall des Abendlands gewittert - Süchtige ruinieren nicht nur sich, sondern - der Auffassung von Leuten zufolge, die die Sitten für das Fundament der Gesellschaft halten - den Sinn für Fleiß, Maßhalten, Ordnung usw. und damit die Wertefundamente ‘unserer’ Gesellschaft. Damit fällt die Gesellschaft, ob nun als gut oder schlecht befunden, so aus, wie ‘wir’ sind. So wie sie ist, ist s i e, weil w i r so sind, wie wir sind. Die Versubjektivierung geht so über in die Verobjektivierung - hier: des menschlichen Wesens, das den Individuen als selbst keiner Erklärung fähiger und bedürftiger Selbstverständlichkeit unterstellt wird, als Substanz, aus der alles hervorgeht, deren Dignität aber jede Frage nach ihrer Begründung vereitelt. “Alles was ersten Ranges ist, muß causa sui sein. Die Herkunft aus Anderem gilt als Einwand, als Wert-Anzweifelung.” (Nietzsche, zit.n. Conze 1932, § 438)
5) Verobjektivierung
Was dem Horizont des Subjekts und dem vorgestellten Dienst an ihm entgeht, das gilt ihm dann schon gleich als bedeutungshaft numinos oder als fremd wie die erdabgewandte Seite des Mondes. Mit der Verobjektivierung werden gesellschaftliche Sachverhalte als der Gestaltung entzogen (weil: sachlich, natürlich) stilisiert. Das Denken begnügt sich damit, regelmäßige Abläufe zu identifizieren, die Konstitution des Gegenstands, die Gründe seines Wirklichwerdens und -bleibens werden dethematisiert. [14] Die Verobjektivierung lebt auch bei Durkheim (1984, 91f., 115ff.) von ihrer Opposition dagegen, das dem vereinzelten Individuum gegenüber Unabhängige seinem Horizont gedanklich anzuverwandeln und individuelle mit allgemeinen Grenzen zusammenfallen zu lassen. Aus der auf die Individuen nicht zurückführbaren Realität sui generis der Gesellschaft läßt Durkheim, ohne zwischen Unabhängigkeit sozialer Strukturen (gegenüber den Individuen) und deren Verselbständigung zu unterscheiden, ein sich selbst genügendes Wesen werden, das notwendig in Gegensatz zu den Individuen steht und jede Gestaltung in ihrem Sinn ausschließt. Komplementär dazu wird das Individuum mit seiner Vereinzelung identifiziert und sein Wille mit Willkür (126). Die Assoziation der Individuen zur Gestaltung der Gesellschaft bleibt außerhalb des Horizont der ‘Regeln’. Die gegenüber dem unmittelbaren Wollen und Meinen zu analysierende Unabhängigkeit und Eigengesetzlichkeit ’sozialer Tatsachen’ gerät zur jeder sozialen Gestaltung vorgeordneten und sie räumlich einschränkenden Größe, statt zu einem i n ihr zu berücksichtigenden, ihre Ergebnisse aber nicht präjudizierenden Moment von Gestaltung selbst. Durkheims Vergleich ‘der Gesellschaft’ mit der den Individuen gegenüber ebenfalls “exterioren” Natur (125) zeigt angesichts der trotz aller Probleme im Umgang mit ihr erreichten Annehmlichkeiten für die Menschen nicht, was er zeigen soll. Zeitlich, sachlich und sozial soll die Emergenz der Gesellschaft im Vergleich zum vereinzelten Individuum ihm imponieren und es einschüchtern. Die Eigenstrukturiertheit von gesellschaftlichen Institutionen, ihr Gegensatz gegen das Individuum, dessen Vereinzelung und die normative Überlegenheit ‘der Gesellschaft’ gegenüber dem Individuum bilden vier voneinander unterschiedene Momente, die Durkheim miteinander als untrennbar amalgamiert, um der Subalternität gegenüber ‘der Gesellschaft’ nun auch ‘wissenschaftlich’ höhere Weihen zukommen zu lassen. [15]
In der Versubjektivierung wird idealistisch ein Wesen der Existenz übergeordnet und diese unterbestimmt. Probleme erscheinen als Umsetzungsschwierigkeiten des ‘eigentlich’ Guten in einer ihm gegenüber spröden Materie. [16] In der Verobjektivierung wird positivistisch der Existenz das Wesen zugeschrieben. Probleme erscheinen als Schwierigkeiten der in ihrer Subjektivität verfangenen Individuen, sich auf das einzustellen, was ist.
6) Faktoren- und Komponenten-Scheidung und -Kombinatorik
In analytischen Aufgliederung verschiedener Komponenten hat man es mit disjunktiven Urteilen [17] zu tun (’Es gibt A,B,C,D,E… und wir befinden uns jetzt bei B und nicht bei…’). So nützlich sie sind, so bleibt man doch auf dieser Stufe - im Verstand - “bei der festen Bestimmtheit und der Unterschiedenheit derselben gegen andere stehen.” (Hegel 1970, § 80). “Klassifikation ist Bedingung von Erkenntnis, nicht sie selbst, und Erkenntnis löst die Klassifikation wiederum auf.” (Adorno, Horkheimer 1969,231) Umgekehrt Luhmann, der das disjunktive und dann noch das negative Urteil zum Dreh- und Angelpunkt macht: “Die Sachdimension wird dadurch konstituiert, daß der Sinn die Verweisungsstruktur des Gemeinten zerlegt in ‘dies’ und ‘anderes’. Ausgangspunkt einer sachlichen Artikulation von Sinn ist mithin eine primäre Disjunktion, die etwa noch Unbestimmtes gegen anderes noch Unbestimmtes absetzt.” (Luhmann 1984, 114). Hegel zeigt (1970, § 173), wie wenig mit dem negativen Urteil allein anzufangen ist und welche komplizierteren Urteils- und vor allem Schlußformen erst eine vernünftige Bestimmung erlauben. “Sachlich erscheint Sinn im Anderssein - darin, daß ein Pferd keine Kuh … ist .” (Luhmann in Habermas/Luhmann 1971, 48). Der Einwand liegt auf der Hand: “Man weiß erst, daß ein Pferd keine Kuh ist, wenn man weiß, was ein Pferd ist; was ein Pferd ist, weiß man aber nicht schon dann, wenn man nur weiß, daß es keine Kuh ist; es könnte dann immer noch auch ein Esel sein.” (Künzler 1989, 113)
In den bisher skizzierten denkökonomischen Eselsbrücken wird die Desaggregation in entspezifizierte und entkontextualisierte Faktoren und Komponenten sowie deren dann mögliche kreative Kombination in Anspruch genommen. Aus der erst eigens zu begreifenden Aufbauordnung der Gesellschaft werden Momente herausgebrochen und quer zu den Ebenen dieser Aufbauordnung mit anderen Momenten verbunden. [18] Egal, ob das eine Moment der Grund für das andere oder die Bedingung, eine Funktion usw. sein soll; gleich wie die Momente isoliert und rekombiniert werden, die Methode dieses Denkens in Faktoren und Komponenten emanzipiert aufs Luftigste von ihrem wirklichen Zusammenhang in einer gesellschaftlichen Aufbauordnung, an der dieses willkürliche Vorgehen nur dann abprallt, wenn man sie erklären will. [19] Sonst nicht. “Befriedigt schiebt begriffliche Ordnung sich vor das, was Denken begreifen will.” (Adorno 1975,17)
Wer sich nur für Zusammenhänge überhaupt interessiert, wird sie immer gewinnen - eben durch das Verbinden von voneinander getrennten, abstrakten Entitäten, deren konstitutive Zusammenhänge ausgeblendet bleiben und denen sich auf dieser Grundlage mannigfaltige Kombinationsmöglichkeiten eröffnen wie bei den vor einiger Zeit populären ‘Zauberwürfeln’. [20] ‘Spannend’ - so die postmoderne Vermischung sämtlicher Geltungsmaßstäbe - und ‘kreativ’ mag es dann erscheinen, etwas mit anderem zu ‘relationieren’. [21] Dann gilt: “So wie ein Schwimmbad für die da ist, die schwimmen wollen, ist eine Erklärung für die da, die glauben wollen.” (Brecht: Turandot oder der Kongreß der Weißwäscher, Szene 5a)
An das Faktoren’denken’ schließen die nächsten, hier aus Platzgründen nicht mehr ausführbaren Denkformen an: In der Verbesonderung (7) schütten die Stoffhuber die Erklärung mit pseudokonkreten ‘Aspekten’ und ‘Fakten’. Vor lauter wirklichen oder vermeintlichen Zufällen verblassen die Notwendigkeiten. Umgekehrt finden Sinnhuber [22] in der Weltanschauung (8) die Einheit in einem Wesen oder Prinzip und machen es überall geltend. Auch Letztbegründungsfragen und Ursprungsdenken gehören hierher. Die Alternative von Verbesonderung und Weltanschauung (vulgo: “Nur Bäume, kein Wald’ oder ‘Nur Wald, keine Bäume’) soll mit der ganzheitlichen Auffassungsweise (9) überwunden werden. Im Denken in den Formen von Ideal und Wirklichkeit (10) (nicht sie werden gedacht, sondern geben das Denken vor), zerfällt die Realität in gute und schlechte Seiten und meist folgt die ‘Herrschaft’ - des Schlechten über das Gute. Eine Gewaltenteilung des Ideals findet statt im Denken in Gleichgewichts- und Balanceanordnungen (11). Im teleologischen Denken (12) wird die Wirklichkeit als sich auf das Ideal hin entwickelnd verstanden. Im Denken in Reflexionsbeziehungen (13) geraten die verschiedenen Momente der Wirklichkeit für einander zu Grund - Folge, Ding - Eigenschaften, Ganzes - Teile, Kraft - Äußerung, Innen - Außen, Bedingung, Substanz - Akzidenz, Ursache - Wirkung (vgl. Hegel 1970, § 121ff.)
PS.: Wenn Unglück sein soll, muß selbst das Gute Schaden bringen, heißt es im ‘Wallenstein’. Die Kenntnis der Methoden, die die Beschäftigung mit den Gegenständen der Gesellschaftstheorie überlagern bis ersetzen, unterscheidet sich von einer Wissenschaftskritik, die sich ihrerseits methodisch zu ihrem Gegenstand verhält. Sie tut das, insofern sie die Theorien allein auf die hier skizzierten Methoden u.a. durchkämmt[23], ihre Kenntnis bereits für das Ganze und für die Erkenntnis ihrer Gegenstände nimmt und in solcher Unmittelbarkeit ihr Wissen subsumtiv appliziert, dabei ihren Gegner selbst nicht in der Sache ernst nimmt, im bei allen Verkehrungen in soziologischen Theorien enthaltenen Wissen über die moderne Gesellschaft. Nur weil Soziologen meist kapitalistische Strukturen mit ihren Theorien über Strukturen moderner Vergesellschaftung dethematisieren, müssen Marxisten nicht ihrerseits mit der Retourkutsche aufwarten. [24]
[1] “Man hat die aller Welt bekannten ökonomischen Kategorien in eine wenig bekannte Sprache übersetzt, in der sie ausehen, als seien sie soeben funkelneu einem reinen Vernunftskopf entsprungen; dergestalt scheinen diese Kategorien einander zu erzeugen, sich zu verketten und auseinanderzugliedern.” (MEW 4 /129f.)
[2] Bei den Regeln des Fußballspiels würde niemand darauf kommen, daß es nicht um ein bestimmtes Spiel ginge (Fußball, nicht: Schach) und das für alle Spiele relevante Konfliktmanagement im Zentrum stehe, als ob beim Fußball die gleichen Kollisionen relevant seien wie beim Schach, auch wenn bisweilen Fußballspieler wenig schmeichlerisch aus dem Publikum heraus als ‘Bauer’ tituliert werden.
[3] vgl. kritisch dazu Adorno, Jaerisch 1968.
[4] vgl. zur hier dethematisierten ´Gesellschaftsformation´ und zum ‘Doppelcharakter’ meinen Artikel über die ‘Protestantische Ethik’.
[5] Allerdings eröffnet schon die Verdoppelung des Gegenstands in sich selbst und die aus ihm gezogene Abstraktion besondere Genüsse: “Der moderne Intellektuelle … nimmt … das Abstrakte, den Begriff oder die Idee an der Sache selbst gar nicht mehr wahr, als etwas, was an ihr ist, und zugleich von ihr verschieden. Seinem Bewußtsein gilt das Abstrakte als mit der Sache Vermischtes, beide werden miteinander verwechselt …” (Lefebvre 1977, 127f.) Ohne den “Nervenschock dieser besonderen Duplizität … finden das Interesse, die Begierde, die Liebe kein Objekt mehr. Sie sind unfähig zu leben, die menschlichen Wesen zu begreifen und zu lieben, wenn sie keinen ambivalenten, äquivoken oder berauschenden Charakter haben - kein Extra, keinen doppelten Boden präsentieren. Die Dualität von Geist und Materie, von Idee und Wirklichkeit, Absolutem und Relativem, Metaphysischem und Sinnlichem, des Übernatürlichen und der Natur ist zur praktizierten Duplizität geworden … unter dem Deckmantel des Denkens, der Poesie, der Kunst.” (ebda., 131)
[6] Eine “Durchsicht der aktuellen Standardliteratur zur Zellbiologie, Neurologie und Neurobiologie ergibt, daß Maturanas und Varelas Autopoiesis-Konzept offensichtlich nicht nur keine wissenschaftliche Revolution im Sinne eines Paradigmawechsels ausgelöst hat, sondern dort selbst überhaupt nicht präsent ist. Jedenfalls finden sich in der folgenden Grundlagenliteratur keinerlei Hinweise auf Maturana und Varela. (Es folgt eine umfangreiche Literaturliste Verf.) Könnte diese Absenz … vielleicht daher rühren, daß es sich bei dem Autopoiesis-Modell mitnichten um den Motor einer wissenschaftlichen Revolution handelt, sondern viel eher um ein weiteres Stück esoterischen Obskurantismus, passend zur Zeitlage von New Age?” (Wagner1993, 43Of.)
[7] “Was ist daran verwunderlich, wenn das Gefängnis den Fabriken, den Schulen, den Kasernen, den Spitälern gleicht, die allesamt den Gefängnissen gleichen.” (Foucault 1976, 291) “Daß die Fabriken Gefängnisse sind, ist ohnehin klar: man braucht nur den Werkeingang von Renault zu sehen.” (Foucault 1974, 11O) Der Panoptismus sei “so etwas wie das Ei des Kolumbus im Bereich der Politik.” (1976, 265) F. “kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Panopticon seinen spezifischen Ort in der Strafjustiz hat und nirgends sonst und daß die genannten Institutionen andere Formen der Disziplinierung kennen. Der Zusammenhang ist offensichtlich abstrakter, wie Foucault selbst mit dem Hinweis auf das ‘panoptische Schema’ deutlich macht, das man von seiner spezifischen Verwendung ablösen könne und müsse (1976, 264); aber anstatt von hieraus zu einer Strukturanalyse überzugehen, die die Bedingungen und Modalitäten der Ablösung dieses ‘Schemas’ aus seinem spezifischen Kontext präzisierte, bricht er den Gedanken ab und verliert sich in höchst wolkigen und in dieser Form wohl kaum ernstgemeinten Reflexionen über das ‘große Kerker-Kontinuum.’” (Breuer 1985, 3O5)
[8] “Auf eine Kurzformel gebracht, ist die folgende Analyse ein Versuch, die Gesellschaft der Gegenwart aus dem allgemeinen Bemühen um Orientierung zu deuten.” (Schulze 1992, 72) Die sozialen Milieus der so gedeuteten ‘Erlebnisgesellschaft’ gliedern sich dann nach einer semantischen Ordnung und diese begründet sich “kognitionspsychologisch”. (ebenda, 351)
[9] Gegen die Einführung des Monarchen aus der Ungeordnetheit des Volkes wandte schon Marx ein: “Das Ganze eine Tautologie. Wenn ein Volk einen Monarchen und eine mit ihm notwendig und unmittelbar zusammenhängende Gliederung hat, d.h. wenn es als Monarchie gegliedert ist, so ist es allerdings, aus dieser Gliederung herausgenommen, eine formlose Masse…” (MEW 1 , 23O)
[10] “Das methodische Raffinement, das der F.begriff in den anhaltenden Disputen um ihn gewonnen hat, kommt bei seiner Verwendung im Alltag der sozialwissenscahftlichen Forschung und Lehre kaum zum Vorschein.” Es “wird gewöhnlich nur gemeint, daß eine bestimmte soziale Größe eine dem sozialen Bewußtsein außerhalb der Wissenschaft nicht präsente, in der Regel positive, d.h. bestandsförderliche Wirkung auf eine andere ausübt.” (Messelken 1989, 222)
[11] vgl. Argument-Sonderbd. 58, 1981; vgl. Das Argument H. 205 (1993), 412ff.
[12] Zweckrational mag je nach Situation sein, den absoluten (oder relativen) eigenen Nutzen zu maximieren, den absoluten (oder relativen) eigenen Verlust zu minimieren, die Verluste anderer zu maximieren oder den gemeinsamens Nutzen aller Beteiligten.
[13] vgl. auch Bader, Berger, Ganßmann 1976, 23. Kapitel § 2: Webers “Definition (des Tauschmittel - Verf.) ist gewonnen an der Perspektive des Einzelnen, der ein Tauschmitel benutzt. Die Frage: was ist ein Tauschmittel, wird aufgelöst in die Frage: warum benutzt irgendein x- beliebiges Subjekt ein Tauschmittel?”
[14] vgl. MEW-Erg.bd.1, 510
[15] “Die Reflexion, die den Menschen einsehen läßt, um wieviel reicher, differenzierter und lebenskräftiger das soziale Wesen ist als das individuelle, kann ihm nur einleuchtende Gründe für die Unterordnung, die von ihm gefordet wird, und für die Gefühle der Ergebenheit und des Respekts, welche die Gewohnheit in seinem Inneren fixiert hat, vermitteln.” (Durkheim 1984, 203)
[16] Vgl. zum Übergehen dieses Idealismus in den Positivismus MEW-Erg.bd. 1, 581ff., MEW 1, 207f., 354f.
[17] Hegel zeigt die unterkomplexe Qualität dieses Urteils (vgl. Enzyklopädie § 177).
[18] Vgl. bspw. die Kritik an der heute stark im Umlauf befindlichen Theorie ‘funktionaler Differenzierung’ bei Creydt 1996.
[19] “Rohheit und Begriffslosigkeit liegt eben darin, das organisch Zusammengehörige zufällig aufeinander zu beziehen, in einen bloßen Reflexionszusammenhang zu bringen.” (GR 91)
[20] “Jede Fragestellung entfaltet sich in den Brechungen zirkulär aufeinander verweisender Lektüren, Interpretationen und Zitationen, verbleibt im Binnenraum immer komplexer werdender Intertextualität. Der herrschende Tonfall der Debatte äußert sich in Fragen des Typs: ‘Welche Stellung nimmt X im Denken von Y ein, der ja auch ein Leser von Z war?’ Die Naivität eines argumentativen Streits um die Richtigkeit von philosophischen Thesen und Behauptungen (und nicht nur um die philologische Plausibilität von Lesarten) kann auf diese Weise im Großen und Ganzen vermieden werden.” (Koczyba 1987) Vgl. allerdings auch schon Habermas: “Cassirer hat Humbold mit den Augen eines durch Haman nicht abgestoßenen, sondern aufgeklärten Kant gelesen.” (Habermas 1970,9)
[21] Helmut Fleischer hat das Mißverhältnis zwischen der luxurierenden Verausgabung von Intelligenz und ihrer Not-Wendigkeit beschrieben: “Es wirkt immer wieder faszinierend, welcher geistig-kulturelle Reichtum uns auf dem jetzigen Stand der Kulturindustrie jederzeit und bequem zugänglich wird, und es kann sich darin eine schrankenlose Beliebigkeit von lauter hochrespektablen Interessen und Kennerschaften ergehen. Um so mehr mag man es als einen Mangel empfinden, wenn inmitten solcher Fülle eine Konzentration gmeinschaftlicher Aufmerksamkeit auf einiges wenige streng Obligate, weil Lebenswichtig nicht stattfindet. Ein wichtiger Effekt des verbindlichen Zusammenwirkens wäre es, eine Konzentration auf den Kreis von Schlüsselproblemen des Zivilisationsprozesses zustande zu bringen.” (Fleischer 1987, 231)
[22] Ein drittes ‘Lager’ bilden die Schöngeister: “So scharfsinnig ihre Argumente sind, das Ganze ist meist noch um eine Spur besser gesagt als gedacht … Die Sprache, die funkelnde, wendige Rhetorik läuft den durchtrainierten Schreibern stets rasch über die ungestalten Probleme weg davon zu pointenflinken Schlüssen, die sich endgültig geben und es doch gar nicht sind. Sie können, scheint es, gar nicht mehr so langsam, so zäh und mühselig schreiben, wie heute allein noch gedacht werden darf.” (Matt 1993) Die Aneignung der Resultate des Denkens ohne deren gedanklicher Konstitution hält sich an die Manier ihrer Darbietung und mißrät zum Jargon. “Die Gesellschaft rächt sich an Adorno lediglich durch ihre Indifferenz. Das übrige erledigen seine Bewunderer. Diese pflegen die Faktizität der negativen Philosophie als die Faktizität des Gehalts, des Telos’ der Philosophie zu feiern. Altem Brauch gemäß begrüßen sie die Absicht schon als das Ereignis selbst. Damit holen sie Adorno endlich heim in die Geschicht der abendländischen Philosophie. Fraglos kommt ihnen dabei Adornos Diktion entgegen. Lakonisch und virtuos, präzis und feierlich, traditionell und unkonventionell zugleich, bewirkt sie gerade das, was sie sich untersagt hat: sie merzt die Spuren der Anstrengung aus. Das Bemühen um Eleganz, Perfektion und eine gewisse Erhabenheit und die verhaltene Affinität zu subjektiver Rückhaltlosigkeit werben um die Erfahrungsbereitschaft und gewiß auch um die Zuneigung des Lesers. So verleitet gerade die Philosophie, die sich derzeit mit nichts und niemandem versöhnen möchte, zu vorschneller Identifizierung. … Dem als genialem Individuum Bewunderten wird zugesprochen, was dieser erst als fernes Ziel erkannt hat. Gerade dieses Wohlwollen verrät Gleichgültigkeit. Behaglich würdigt man den, der einem sagt, daß noch nichts glückte.” (Böckelmann 1969, 26f.)
[23] Dennoch sind einige Spitzenprodukte der hier kritisierten Kritik mit den vorgebrachten Einschränkungen von Gewinn für den Leser: Vgl. die Bücher von T. Stahl über (Industrie-)Soziologie, von R. Assling über den ‘Werther’, von J. Gröll über Moral, L. Brix über Kunst, K. Held über Kommunikationstheorie, vgl. Zängles Auseinandersetzung mit Weber, P. Deckers Adornokritik, K. Heckers Faschismusbuch.
[24] Die Kritik daran bspw., die heute existierenden Märkte in der Abstraktion ‘Koordination von Handlungen’ aufgehen zu lassen, impliziert nicht, daß diese Koordination nicht auch ohne den Kapitalismus in einer modernen Gesellschaft mit hoher Arbeitsteilung ein Problem darstellt.
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References: § 438
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