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Gericht bvwg entscheidungsdatum 23. 09. 2014 Geschäftszahl
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W206 1416200-1
Das Bundesverwaltungsgericht hat durch die Richterin Dr. Alexandra SCHREFLER-KÖNIG als Einzelrichterin über die Beschwerde von XXXX, StA. Äthiopien, gegen den Bescheid des Bundesasylamtes vom 13.10.2010, Zl. 09 09.666-BAG, zu Recht erkannt:
Der Beschwerde wird stattgegeben und XXXX gemäß § 3 Abs. 1 AsylG 2005 idgF der Status der Asylberechtigten zuerkannt. Gemäß § 3 Abs. 5 AsylG 2005 idgF wird festgestellt, dass XXXX damit kraft Gesetzes die Flüchtlingseigenschaft zukommt.
1. Die Beschwerdeführerin, eine Staatsangehörige Äthiopiens, reiste am 12.08.2009 illegal in das österreichische Bundesgebiet ein und stellte am selben Tag den verfahrensgegenständlichen Antrag auf internationalen Schutz.
2. Am 13.08.2009 wurde die Beschwerdeführerin gemäß § 19 AsylG 2005 einer Erstbefragung durch ein Organ des öffentlichen Sicherheitsdienstes unterzogen. Dabei gab sie an, Äthiopien, ausgehend von ihrer näher bezeichneten Heimatstadt, mit dem PKW vor rund drei Monaten (im April) verlassen und sich zunächst in die Hauptstadt begeben zu haben, von wo aus sie schlepperunterstützt mit dem Flugzeug - mit einer Zwischenlandung in einem ihr unbekannten Land- nach Österreich weitergereist sei. Zu ihren Fluchtgründen führte die Beschwerdeführerin aus, ihr Mann wäre Mitglied der Partei "Ginbot 7" gewesen. Nachdem es am 25.April 2009 zu einer Verhaftungswelle von Mitgliedern gekommen sei, wäre ihr Mann geflüchtet und wüsste sie bis heute nichts über dessen Aufenthalt. Nach dem Verschwinden ihres Mannes seien zwei Mal Polizisten zu ihr gekommen, um sie zu befragen. Sie sei geschlagen worden und die Polizei hätte auch einige Schriftstücke mitgenommen. Man habe sie als Lügnerin bezeichnet. Die Beschwerdeführerin fürchte sich nunmehr vor weiteren Übergriffen der Polizei bzw. hätte sie Angst um ihr Leben. Besonders Angehörige ihrer Volksgruppe würden von Regierungsseite unterdrückt.
3. Am 20.05.20109 erfolgte eine niederschriftliche Einvernahme der Beschwerdeführerin vor dem Bundesasylamt. Dabei betonte sie, in ihrem Herkunftsstaat sehr viele Probleme gehabt zu haben, die sich aufgrund ihres Ehemannes ergeben hätten. Dieser sei Mitglied von "Ginbot 7" gewesen, einer Organisation, deren Mitglieder von der Regierung gesucht und verfolgt würden. Nachdem ihr Mann verschwunden sei, hätte man begonnen, die Beschwerdeführerin zu belästigen; immer wieder habe man sie zu Hause aufgesucht und zum Verbleib ihres Mannes befragt. In diesem Zusammenhang sei sie auch vergewaltigt worden. Über Nachfrage gab die Beschwerdeführerin zu Protokoll, selbst nicht politisch tätig gewesen zu sein. Die Befragung wurde aufgrund des behaupteten Eingriffs in die sexuelle Selbstbestimmung abgebrochen, da sie von einem männlichen Einvernahmeleiter geführt wurde.
4. Am 17.08.2010 erfolgte eine weitere niederschriftliche Einvernahme der Beschwerdeführerin vor dem Bundesasylamt, durchgeführt von einer weiblichen Einvernahmeleiterin. Dabei wiederholte sie ihre bisherigen Angaben zur Mitgliedschaft ihres Mannes bei der näher bezeichneten Partei und zu den im April gesetzten Verfolgungshandlungen der Polizei gegen Mitglieder dieser Organisation, die ihren Mann zum Untertauchen bewegt hätten. Es habe konkret einen Bericht in den Nachrichten gegeben und ihr Mann habe befürchtet, ebenfalls auf der dort genannten Liste von zu Verfolgenden aufzuscheinen.
Am Tag nach seinem Verschwinden seien am Abend drei Leute zu ihr nach Hause gekommen und hätten sich nach dem Aufenthaltsort ihres Mannes erkundigt. Sie hätte angegeben, dass er am Vortag wegen seiner Arbeit in die Landeshauptstadt gegangen wäre. Man habe der Beschwerdeführerin nicht geglaubt. Infolge dessen sei die Beschwerdeführerin geschlagen worden und man habe zudem auch das ganze Haus durchsucht. Bereits am folgenden Tag seien die Männer, diesmal nur zu zweit, ungefähr zur selben Zeit wieder gekommen und sich erneut nach ihrem Ehemann erkundigt. Nachdem sie angegeben hätte, dass er nicht zu Hause sei und nichts über seinen Verbleib sagen könnte, habe man die Beschwerdeführerin als Lügnerin bezeichnet, sie geschlagen und vergewaltigt. Weiters drohten sie, ihren Mann umzubringen. Die Beschwerdeführerin hätte sich am nächsten Tag zu ihrer Familie begeben und schließlich nach Addis Abeba gefahren, wo sie von ihrem Schwager abgeholt und versorgt worden sei. Rund drei bis vier Wochen später hätte ihr Schwager entschieden, dass sie das Land verlassen sollte und hätte ihre Ausreise organisiert. Nähere Angaben zu den politischen Aktivitäten ihres Mannes könne sie nicht machen; sie wüsste nur, dass er Mitglied der genannten Partei sei und regelmäßig an Treffen teilgenommen habe.
Die Beschwerdeführerin wurde abschließend aufgefordert, nähere Angaben zu den Männern, die sie zu Hause aufgesucht hätten sowie zu den Ereignissen während dieser "Besuche" zu machen.
5. Mit dem nunmehr angefochtenen Bescheid wies das Bundesasylamt den Antrag der Beschwerdeführerin auf internationalen Schutz sowohl bezüglich der Zuerkennung des Status der Asylberechtigten als auch des Status der subsidiär Schutzberechtigten ab und wies sie aus dem österreichischen Bundesgebiet nach Äthiopien aus.
Begründend führte die belangte Behörde im Wesentlichen aus, dass sich die Ausführungen der Beschwerdeführerin als nicht glaubhaft erwiesen hätten. So hätte sie einmal behauptet, ihr Mann sei aufgrund von Verhaftungen anderer Mitglieder seiner Partei geflüchtet, ein anderes Mal habe sie aber behauptet, ihr Mann hätte in einer Nachrichtensendung von der bevorstehenden Verhaftung gehört und sei deshalb untergetaucht. Auch in Bezug auf ihren Schwager hätte sich die Genannte in Widersprüche verstrickt, da sie zunächst angegeben hätte, auch ihr Schwager würde gesucht und dann behauptet hätte, er würde nicht gesucht, sondern lediglich zum Verbleib seines Bruders befragt. Die Vergewaltigung hätte sie bei der Erstbefragung nicht erwähnt, auch aus den vorgelegten gynäkologischen Befunden sei nicht hervorgegangen, dass sie dieses Ereignis gegenüber dem Arzt vorgebracht hätte. Auch die Schilderungen der Vergewaltigung selbst seien "blass" gewesen, so dass nicht davon ausgegangen werden könne, dass dieser Vorfall tatsächlich stattgefunden hätte.
Hinsichtlich der Nichtzuerkennung subsidiären Schutzes führte die belangte Behörde aus, dass keine außergewöhnlichen Umstände im Sinne der Judikatur des EGMR feststellbar wären. Aufgrund fehlenden Privat- und Familienlebens in Österreich erweise sich die Ausweisungsentscheidung vor dem Hintergrund des Art. 8 EMRK als rechtmäßig.
6. Die Beschwerdeführerin bekämpfte die Entscheidung des Bundesasylamtes fristgerecht mittels Beschwerde und monierte darin deren inhaltliche Rechtswidrigkeit infolge wesentlicher Verfahrensmängel und unrichtiger rechtlicher Beurteilung. Sie betonte die langjährige - schon in Schulzeiten zurückreichende - Mitgliedschaft bei der "Ginbot 7"- Partei. Dass sie über seine genaue Funktion keine Auskunft geben könnte, entspräche dem Kulturverständnis ihres Herkunftsstaates, es sei nicht üblich, dass Männer ihren Frauen über politische Aktivitäten Auskunft geben würden. Die ihr vorgehaltenen Widersprüche resultierten daraus, dass die Erstbefragung nicht den Rahmen für eine detaillierte Darstellung der Fluchtgründe geboten habe und sie erst im Zuge der Einvernahmen Gelegenheit gehabt hätte, die Geschehnisse ausführlicher zu schildern.
In einer Beschwerdeergänzung führte sie aus, dass ihre Erstbefragung zudem von einem männlichen Organ des Sicherheitsdienstes durchgeführt worden sei und sie zudem von diesen ausdrücklich auf die spätere Möglichkeit einer Detaildarstellung hingewiesen worden sei. Dass sie bei den Untersuchungen nichts von der Vergewaltigung erwähnt habe, liege an ihrem großen Schamgefühl, sie sei aber infolge dieses Ereignisses in regelmäßiger psychologischer Behandlung. Ihre diesbezügliche Traumatisierung hindere die Beschwerdeführerin außerdem, die Einzelheiten der Vergewaltigung gegenüber Dritten darzulegen, sie habe auch versucht, das Geschehene zu verdrängen und leide bis heute unter den psychosomatischen Auswirkungen. Daraus resultiere wohl auch die bei ihr diagnostizierte Gastritis. Ergänzend brachte die Beschwerdeführerin auch vor, dass sexuelle Übergriffe auf Frauen in ihrem Herkunftsstaat häufig vorkämen und gesellschaftlich ein großes Tabuthema darstellten.
Weiters legte die Genannte eine psychologische Stellungnahme und einen Endoskopiebefund sowie Deutschkursbestätigungen vor.
6. Der Asylgerichtshof beraumte für den 17.02.2011 eine mündliche Verhandlung an, in deren Vorfeld die Beschwerdeführerin XXXX psychiatrischen Befund vorlegte, aus dem sich die Diagnose "posttraumatische Belastungsstörung, somatoforme Schmerzstörung, Spannungskopfschmerz" ergab. Die Verhandlungsfähigkeit sei in ausreichendem Maße gegeben, die belastenden Erlebnisse sollten nur in Gegenwart von Frauen angesprochen werden, wobei mit emotionalen Reaktionen wie Weinen oder leiser werdender Stimme zu rechnen sei.
Im Rahmen der mündlichen Verhandlung wurden die Fluchtgründe der Beschwerdeführerin erörtert, wobei sie im Kern dabei blieb, aufgrund der Mitgliedschaft ihres Mannes bei "Ginbot 7" nach seinem Verschwinden Schwierigkeiten mit der Polizei bekommen zu haben. Sie sei misshandelt und vergewaltigt worden und sei drei Monate lang von ihrem Schwager, der in der Hauptstadt lebte, versteckt gehalten worden. Über die Organisation, der ihr Mann angehöre, wisse nur, dass es sich um eine regimekritische Partei handle, über konkrete politische Inhalte oder Aktivitäten könne sie keine Angaben machen.
Im Ergebnis ordnete der Asylgerichtshof eine psychiatrische Untersuchung der Beschwerdeführerin zum Zweck der Abklärung ihres Gesundheitszustandes an. Diese fand am XXXX bei einer Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie statt.
7. Mit Gutachten XXXX wurde zusammengefasst ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin eine psychiatrische Erkrankung in Form eines ausgeprägten depressiven Zustandsbildes bestünde. Dieses Zustandsbild sei mit der Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung vereinbar. Die Erkrankung sei behandelbar, unzureichend erscheine die gegenwärtige Behandlung mit gelegentlicher Gabe eines Schlafmittels, das nur unregelmäßig eingenommen würde. Eine kontinuierliche Behandlung mit einem Antidepressivum erscheine zur Stabilisierung erforderlich, auch eine psychotherapeutische Unterstützung zur Bewältigung ihrer Lebenssituation sei notwendig. Die gegenwärtige psychische Belastbarkeit sei als äußerst gering zu betrachten, auch müsste mit einer deutlichen Verschlechterung des psychischen Zustandsbildes im Fall einer Abschiebung gerechnet werden.
Im Rahmen des Parteiengehörs äußerte sich die Beschwerdeführerin mit Schriftsatz vom 24.06.2011 dahingehend, dass das bei ihr festgestellte Krankheitsbild entsprechend den Berichten über die medizinische Versorgung im Herkunftsland kaum behandelt würde. Im gesamten Land stünden nur zwei Fachärzte für die Behandlung von Trauma und PTBS- Patienten zur Verfügung. Ebenso schwierig sei der Zugang zu Psychopharmaka, die vielfach nicht einmal erhältlich seien.
8. In einem weiteren Schritt übermittelte der Asylgerichtshof der Beschwerdeführerin einen aktuellen Lagebericht über das Gesundheitswesen im Allgemeinen und über die Behandlungsmöglichkeiten psychiatrischer Erkrankungen im Speziellen sowie über die Versorgung mit Medikamenten (konkret auch mit Psychopharmaka).
Dazu äußerte sich die Beschwerdeführerin im Rahmen des Parteiengehörs mit Schriftsatz vom 21.10.2011 dahingehend, dass die Länderberichte den fehlenden Zugang zur notwendigen psychiatrischen Behandlung, inklusive der Medikamente, bestätigten. Ergänzend brachte sie vor, in Österreich nun bei einer Familie in Graz ein Zuhause gefunden zu haben. Es sei ihr auf diese Weise möglich geworden, Vertrauen aufzubauen und Sicherheit zu fühlen. Zu ihren Angehörigen in der Heimat bestünde kein Kontakt mehr, sie wüsste weder, wo diese sich aufhielten noch wie es ihnen ergehe.
9. Mit e- mail vom 11.08.2014 verwies die Beschwerdeführerin im Wege ihrer Vertretung auf die zwischenzeitlich gesetzten integrativen Schritte. So habe sie mittlerweile zahlreiche Deutschkurse besucht, weiters hätte sie erfolgreich die Externistenprüfung an einer näher bezeichneten Hauptschule abgelegt. Am 22.09.2014 würde sie nunmehr ihre Ausbildung an der Schule für Sozialbetreuungsberufe beginnen, nachdem sie die Aufnahmeprüfung dort Ende Juni positiv absolviert hätte. Sie lebe nach wie vor im familiären Verband mit einer Grazer Familie.
1.1. Feststellungen zur Beschwerdeführerin:
Die Beschwerdeführerin ist äthiopische Staatsbürgerin und lebt seit ihrer Asylantragstellung in Österreich. Im Rahmen ihres Asylverfahrens konnte eine psychiatrische Erkrankung in Form eines depressiven Zustandsbildes diagnostiziert werden, das mit einer ebenfalls festgestellten posttraumatischen Belastungsstörung vereinbar ist. Festgestellt wurden eine geringe psychische Belastbarkeit und die Notwendigkeit einer adäquaten medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung
Festgestellt wird, dass die Behandlungsmöglichkeiten in Äthiopien für das konkrete Krankheitsbild der Beschwerdeführerin als unzureichend zu qualifizieren sind, zumal weder eine ausreichende Anzahl an spezialisierten Fachärzten zur Verfügung stehen noch die Versorgung und der Zugang mit und zu den erforderlichen Psychopharmaka als gegeben angenommen werden kann.
Festgestellt wird weiters, dass die Beschwerdeführerin seit ihrer Einreise in das österreichische Bundesgebiet zahlreiche Schritte zur Integration gesetzt hat und sich nicht nur sprachlich, sondern auch sozial in die österreichische Gesellschaft eingepasst hat. Im September 2014 beginnt ihre Ausbildung an der Schule für Sozialbetreuungsberufe, privat hat sie in einer Grazer Familie Aufnahme gefunden und lebt mit dieser in gemeinsamen Haushalt.
Festgestellt wird, dass die Beschwerdeführerin ihre Heimat aufgrund von Schwierigkeiten mit der äthiopischen Regierung bzw. dem dortigen Sicherheitsapparat verlassen hat, die daraus resultieren, dass der Ehemann der Genannten bei einer (verbotenen) politischen Vereinigung aktiv war und deshalb gesucht wurde.
1.2. Feststellungen zu Äthiopien (insbesondere auf Basis von:
Schweizerische Flüchtlingshilfe: Äthiopien - Update - Aktuelle Entwicklungen bis Juni 2014, vom 17. Juni 2014)
Die Parlamentswahlen von 2005 führten zur Zersplitterung der politischen Opposition. Viele Schlüsselfiguren der Oppositionsbewegung wurden damals verhaftet oder sind ins Exil geflohen. Dementsprechend war die Opposition bei den Parlaments-wahlen von 2010 schwach vertreten. Die Medrek-Koalition9 war gegenüber der Regierungskoalition Ethiopian People's Revolutionary Democratic Front (EPRDF) landesweit die einzige oppositionelle Kraft von politischer Bedeutung. Dennoch erhielten die oppositionellen politischen Parteien lediglich einen Sitz. Ein weiterer Sitz ging an einen unabhängigen Kandidaten. Die Koalitionsregierung besteht zwar aus mehreren Parteien, jedoch gibt es keine politische Auseinandersetzung zwischen den Regierungsparteien. Das niederschmetternde Resultat der Opposition widerspiegelt die repressive Politik der äthiopischen Regierung. Mitglieder von oppositionellen Parteien werden verhaftet, bedroht oder verlassen aus Angst vor staatlicher Repression das Land. So befand sich die bekannte Oppositionsführerin Birtukan Mideksa von der Unity for Democracy and Justice (UDJ) während den Wahlen 2010 in Haft. (Bertelsmann Stiftung, Ethiopia Country Report, 2014, S. 2.) Andererseits werden Mitglieder von Parteien der Regierungskoalition gemäss US State Department (USDOS, Country Report on Human Rights Practices 2012, Ethiopia, 19. April 2013:
www.ecoi.net/local_link/245084/368532_de.html; Bertelsmann Stiftung, Ethiopia Country Report, 2014, S. 7) bevorzugt. Sie haben beispielsweise bessere Chancen auf eine Anstellung oder erhalten eher einen Kredit. Gemäss USDOS verlieren Lehrpersonen sowie weitere Staatsangestellte ihre Arbeitsstelle, wenn sie Mitglied einer oppositionellen Partei sind. Die Wahlbeobachterkommission der Europäischen Union kritisierte in ihrem Bericht die repressive Politik der Regierung gegenüber oppositionellen Parteien. Gemäß der Kommission verunmöglicht die Regierung die Arbeit der Opposition. Im Vorfeld der Wahlen kam es zu Einschüchterungen und Bedrohungen von Oppositionspolitikern. Zudem ist eine unabhängige Berichterstattung nicht möglich, da die meisten Medien unter staatlicher Kontrolle stehen. (European Union Election Observation Mission, Ethiopia, Mai 2010, S. 1; 16-19) Im Sommer 2013 fanden zum ersten Mal seit acht Jahren regierungskritische De-monstrationen statt, die von oppositionellen Parteien organisiert wurden. Die Sema-yawi Partei (Blue Party), eine Newcomerin in der politischen Landschaft Äthiopiens sowie die Unity for Democracy and Justice Party (UDJ) organisierten in den Städten Addis Abeba, Gondar und Dessie Kundgebungen.( Amnesty International, Ethiopia, End Stifling of Peaceful Protests, 5 September 2013:
www.amnesty.org/en/library/asset/AFR25/003/2013/en/b4370501-9436-4311-bf75-c8d0b3eb70f7/afr250032013en.pdf.) Die Parteien forderten die Freilassung von politischen Gefangenen und politische Reformen. Weiter wurden das staatliche Verhalten gegenüber der muslimischen Gesellschaft sowie die Zwangsumsiedlungen von indigenen Völkern und ethnischen Minderheiten angeprangert. Im Rahmen dieser Demonstrationen kam es zu Einschüchterungen und Verhaftungen (Inter Press Service (IPS), News Agency, Ethiopia's Protest Leaders Say No Change in Government, 6. Juni 2013:
www.ipsnews.net/2013/06/ethiopias-protest-leaders-say-no-change-in-government/).
Der langjährige Premierminister Meles Zenawi starb im August 2012, nachdem er Äthiopien während 21 Jahren regiert hatte. Der Tod Zenawis hat jedoch nicht zu einer Verbesserung der menschenrechtlichen Situation geführt (The Ethiopian Women's Human Rights Alliance (EWHRA), September 2013, S. 2). So haben auch die Regionalwahlen im April 2013 keine Trendwende gebracht. Aufgrund der andauernden Unterdrückung haben die bedeutendsten oppositionellen Parteien die Regionalwahlen boykottiert. Die EPRDF konnte nahezu alle Sitze mit ihren Kandidaten besetzen (USDOS, Country Report on Human Rights Practices 2013, Ethiopia, 27. Februar 2014, S. 20. ).
Gemäß Human Rights Watch (HRW) unterhält die Regierungskoalition ein äusserst effektives Überwachungssystem. Die EPRDF verfügt im ganzen Land über ein gutes Netzwerk an Informanten, welche die Tätigkeiten von Organisationen und Personen überwachen. Die Kenntnisse der äthiopischen Bevölkerung von dieser Überwachung führt zu Selbstzensur und bewirkt eine Einschränkung der Meinungsäußerungsfreiheit (HRW, Telecom and Internet Surveillance in Ethiopia, 25. März 2014, S. 13). Gemäß Freedom House trauen sich viele Äthiopierinnen und Äthiopier selbst in privaten Gesprächen nicht, Kritik an der Regierung zu üben (Freedom House, Freedom in the World 2013, Ethiopia, 9. Mai 2013). Obwohl lediglich 1 Prozent der äthiopischen Bevölkerung über einen regelmäßigen Internetzugang verfügt, sperrt die äthiopische Regierung Websites und geht konsequent gegen regierungskritische Blogger vor (AI, Amnesty International Report 2013, Äthiopien, 23. Mai 2013; CPJ et al. September 2013, S. 9.; EWHRA, September 2013, S. 3). Der aktuelle Bericht von Reporters Sans Frontières berichtet über die zunehmende Internetkontrolle in Äthiopien. Das äthiopische Parlament hat im Jahr 2013 die Information Network Security Agency (INSA) mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet. Die INSA kann seither Computernetzwerke sowie das Internet, Radio, Fernsehen und Social Media überwachen (Reporters Sans Frontières (RSF), Enemies of the Internet 2014, Ethiopia, Full Online Powers, 12. März 2014:
Äthiopien kämpft sowohl gegen interne wie auch externe Gruppierungen. Es kommt regelmäßig zu Unruhen und zu bewaffneten Einsätzen der äthiopischen Armee. Im Juni 2011 hat das äthiopische Parlament drei nationale oppositionelle Gruppierungen, namentlich die Ogaden National Liberation Front (ONLF), die Oromo Liberation Front (OLF) und Ginbot 7, sowie die zwei internationalen Gruppierungen Al-Kaida und Al-Shabab zu terroristischen Organisationen erklärt. Trotz laufenden Friedensgesprächen mit der ONLF und einem Friedensangebot der OLF bleiben die Gruppierungen auf der Liste terroristischer Gruppierungen und werden mit Gewalt bekämpft. Das militärische Engagement Äthiopiens in Somalia und der Grenzkonflikt mit Eritrea sind weitere Faktoren, die das Land destabilisieren.
Die Oppositionspartei Ginbot 7 wurde im Mai 2008 von Berhanu Nega in den USA gegründet. Ginbot 7 will in Äthiopien einen Machtwechsel erreichen, bricht aber mit der 2005 von der CUD und der UEDF vertretenen Ansicht, dass dies im Rahmen von freien Wahlen geschehen solle- dies sei unter Meles nicht möglich. Deshalb ließ sich Ginbot 7 in Äthiopien nicht registrieren und wird von der Regierung als illegal angesehen.
Ziel ist es aber dennoch "to create the conditions where power is obtained through the expressed will of people in a peaceful, legal and democratic manner thereby making the current dictatorship the last in Ethiopia¿s history."
Gemäß Berhanu leben aber die meisten Mitglieder in Äthiopien, die Partei soll vor allem im Untergrund aktiv sein. Im Kampf gegen die Regierung sollen "alle zweckdienlichen Mittel" eingesetzt werden. Laut Angaben der Regierung wurde bei Mitgliedern der Gruppe, die enge Beziehungen zu Gesinnungsgenossen in den USA unterhält und sich wenigstens zum Teil aus unzufriedenen früheren Armeeangehörigen rekrutiert, Waffen gefunden.
Amnesty International beschreibt die Zustände in äthiopischen Gefängnissen als sehr prekär. Es gibt weder genügend Nahrung noch sauberes Wasser. Zudem sind die sanitären Anlagen in einem bedenklichen Zustand. Der Zugang zu einem rechtlichen Beistand wird oftmals nicht gewährleistet. Gewissen Häftlingen ist es nicht erlaubt, ihre Familien zu kontaktieren (HRW, World Report 2014, Ethiopia, 21. Januar 2014.). Die medizinische Versorgung wird den Gefangenen teilweise bewusst verweigert (Olbana Lelisa und Bekele Gerba, beides Führungspersonen der politischen Opposition, wird die medizinische Behandlung verweigert; Berichten zufolge befinden sie sich im Kaliti-Gefängnis; AI, Further Information on Urgent Action, 25. April 2014, S. 1:
www.amnesty.org/en/library/asset/AFR25/001/2014/en/6a05e90f-4a9a-443b-95b4-02c69b54e990/afr250012014en.pdf). Misshandlungen und Folter sind weit verbreitet. Es gibt Berichte über Gefangene, die in Haft gestorben sind. Geständnisse werden unter Folter erpresst. Laut Amnesty International kommt es insbesondere bei Verhören durch die Polizei und in Untersuchungshaft zu Folterhandlungen (AI, Amnesty International Report 2013, Äthiopien, 23. Mai 2013). Einer Delegation des Europäischen Parlaments wurde der Zugang ins Kaliti-Gefängnis in Addis Abeba im Juli 2013 verweigert, obwohl sie zuvor eine Bewilligung erhalten hatte (HRW, World Report 2014, Ethiopia, 21. Januar 2014). Selbst das IKRK hat zu vielen Haftanstalten im Land keinen Zutritt.
www.amnesty.org/en/library/asset/AFR01/002/2014/en/45fe21d5-eae0-4248-bb96-8f099bc467ca/afr010022014en.pdf. www.icrc.org/eng/assets/files/annual-report/current/icrc-annual-report-ethiopia.pdf). Aufgrund der generellen Intransparenz und den rechtlichen Einschränkungen für Menschenrechtsorganisationen ist es äußerst schwierig, Informationen über die Todesstrafe in Äthiopien zu erhalten.
Sexuelle Gewalt gegen Frauen und Diskriminierung von Frauen und Mädchen sind in Äthiopien weit verbreitet. Vergewaltigung gilt zwar als Straftatbestand, jedoch werden viele Fälle nicht angezeigt, da sich die Frauen schämen oder kein Vertrauen in das chronisch überlastete Justizsystem haben. Bei einer Anzeige werden die Täter oft nicht strafrechtlich belangt oder erhalten lediglich kleine Geldstrafen. Die Diskriminierung von Frauen ist insbesondere auf dem Land ausgeprägt, wo 85 Prozent der äthiopischen Bevölkerung lebt. Spezifische gesetzliche Bestimmungen verankern die vorhandenen patriarchalen Strukturen und verstärken somit die Diskriminierung von Frauen. So gilt beispielsweise der Mann gesetzlich als "Familienoberhaupt". Er erhält das alleinige Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder über fünf Jahre. Bei einer Scheidung erhält die Frau laut Gesetz lediglich während drei Monaten finanzielle Unterstützung. Auf dem Arbeitsmarkt haben Frauen weniger Arbeitsmöglichkeiten. Zudem verdienen sie weniger als Männer. Die Beschneidung von Mädchen (Female Genital Mutilation, FMG) wird in Äthiopien nach wie vor praktiziert (Gemäß einer Umfrage im Jahr 2009 gaben 66 Prozent der befragten Frauen im Alter von 21 und 24 Jahren an, dass sie eine Form der Beschneidung erlebten. In den Regionen Afar (90.3%), Oromia (77.4%) und SNNPR (74.6%) ist die Zahl der Betroffenen am höchsten.
USDOS, Ethiopia, 27. Februar 2014, S. 29). Die Täter werden in der Regel nicht bestraft, da das Beschneiden von Mädchen von einer breiten Masse der äthiopischen Bevölkerung nicht als Straftat angesehen wird. Das US-DOS weist zudem auf die Problematik von Zwangs-und Kindsheiraten hin. In den Regionen Amhara und Tigray werden Mädchen häufig bereits im Alter von sieben Jahren verheiratet (Ebenda, S. 26-28). Seit der Verabschiedung des NGO-Gesetzes hat die Zahl von Organisationen, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen, stark abgenommen. Betroffene, die sich aus einem Umfeld von geschlechtsspezifischer Gewalt befreien, haben große Mühe, Organisationen oder Stellen zu finden, die sie unterstützen (UKFCO, The 2012 Foreign and Commonwealth Office Report, April 2013, S. 41).
Betreffend Feststellungen zur Ethiopian People¿s Patriotic Front (EPPF) wird auf den im angefochtenen Bescheid (S. 73 bis 85) wiedergegebenen Auszug aus dem D-A-CH FFM-Bericht zur Mission Äthiopien/Somaliland 2010 vom 15.04.2010 verwiesen. In diesem wurde festgestellt, dass die EPPF von Eritrea unterstützt werde, dass die Informationslage bezüglich einer Verfolgung der illegalen Opposition dürftig sei; die EPPF wird als kleine Rebellengruppe in der Region Amhara beschrieben.
Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass die Angaben der Beschwerdeführerin zu ihren Fluchtgründen während des gesamten Verfahrens gleichlautend waren. So hatte sie stets angegeben, dass ihr Mann Mitglied der Organisation "Ginbot 7" sei und aus Angst vor einer Festnahme untergetaucht wäre. In weiterer Folge sei die Beschwerdeführerin von der äthiopischen Polizei insgesamt zwei Mal aufgesucht worden, man habe sie nach dem Verbleib ihres Mannes befragt und sie geschlagen sowie vergewaltigt. Aus Angst vor weiteren Übergriffen sei die Genannte schließlich zu ihren Verwandten gegangen und von ihrem Schwager in der Hauptstadt drei Monate lang versteckt gehalten worden.
Das Bundesverwaltungsgericht vermag nach Durchsicht der Einvernahmeprotokolle sowie nach Durchführung einer mündlichen Verhandlung die Ansicht des Bundesasylamtes nicht zu teilen, dass sich die Angaben der Beschwerdeführerin als unglaubwürdig dargestellt hätten. Vielmehr erscheinen die vom Bundesasylamt aufgestellten Thesen im bekämpften Bescheid das Ergebnis mangelnder fallspezifischer Auseinandersetzung mit dem Vorbringen der Genannten.
Dass die Beschwerdeführerin etwa selbst keine Aussagen zu den näheren politischen Inhalten der Organisation "Ginbot 7" oder zur daraus resultierenden politischen Gesinnung ihres Mannes tätigen konnte, kann nach Meinung des Bundesverwaltungsgerichts nicht als Argument dafür herangezogen werden, dass der von ihr geschilderte Sachverhalt nicht den Tatsachen entspricht. Schließlich hat die Beschwerdeführerin niemals behauptet, selbst für diese Organisation tätig gewesen zu sein oder sich jemals näher damit befasst zu haben.
Die vom Bundesasylamt angenommenen Widersprüche erwecken über weite Strecken den Eindruck einer Konstruktion, etwa im Zusammenhang damit, dass die Beschwerdeführerin bei der Erstbefragung durch ein Organ des öffentlichen Sicherheitsdienstes die Vergewaltigung mit keinem Wort erwähnt hat. Dazu ist festzuhalten, dass die Erstbefragung explizit dazu da ist, die Fluchtgründe im Groben zu skizzieren und erst bei einer späteren Einvernahme zu konkretisieren. Die bei der Erstbefragung erfolgte - allgemein gehaltene- Darstellung körperlicher Gewalt erscheint kein Widerspruch zu der später ins Treffen geführten - konkreten-Vergewaltigung. Ebenso wenig besteht ein die Glaubwürdigkeit erschütternder Widerspruch zwischen der bei der Erstbefragung getätigten Aussage, wonach im April Mitglieder der Partei verhaftet worden seien und ihr Mann die Flucht angetreten hätte und dem späteren Statement, wonach ihr Mann die Flucht ergriffen hätte, nachdem er in einer Sendung von (bevorstehenden) Verhaftungen gemäß einer Liste mit namentlich genannten Mitgliedern gehärt habe.
Es erscheint auf Basis der gesellschaftlich- kulturellen Stellung der Frau in Äthiopien keineswegs ausgeschlossen, dass die Beschwerdeführerin über keine Informationen betreffend etwaiger Aktivitäten und politischen Interessen ihres Mannes verfügte, sondern lediglich Kenntnis hatte, dass er Mitglied war und regelmäßig an Treffen teilnahm. Es erscheint vor dem Hintergrund, dass "Ginbot 7" seitens der äthiopischen Regierung zwischenzeitlich auch offiziell als terroristische und regimefeindliche Vereinigung qualifiziert wurde, auch nicht unglaubwürdig, dass gegen Mitglieder von staatlicher Seite Maßnahmen, wie etwa Verhaftungen, gesetzt wurden und werden. Soweit die Beschwerdeführerin nach dem Untertauchen ihres Mannes alleinstehend und somit auch schutzlos war, sind die von ihr geschilderten Übergriffe auf Basis der Behandlung von Frauen in Äthiopien keinesfalls denkunmöglich.
Die amtswegig durch Veranlassung einer psychiatrischen Untersuchung der Beschwerdeführerin veranlassten Ermittlungen des Asylgerichtshofes haben unzweifelhaft ergeben, dass die Erlebnisse in ihrer Heimat gesundheitlich nachteilige Folgen nach sich gezogen haben und eine Therapie samt Einnahme entsprechender Medikamente angezeigt war. Auf dem Boden dieses Untersuchungsergebnisses steht auch für das Bundesverwaltungsgericht fest, dass die Beschwerdeführerin traumatische Erlebnisse - in Form der Misshandlungen und Vergewaltigungen - durchgemacht hat. Wie die Beschwerdeführerin auch selbst zutreffend ausführt, sind Übergriffe auf Frauen in Äthiopien keine Seltenheit und würden gesellschaftlich tabuisiert. Es kann auch nicht festgestellt werden, dass der Genannten in Bezug auf diese Eingriffe in ihre sexuelle Selbstbestimmung (durch staatliche Organe) Schutzmöglichkeiten offen gestanden wären oder ihr im Fall einer Rückkehr offen stünden.
Insgesamt ist aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichtes festzustellen, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Äthiopien mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit befürchten müsste, aufgrund ihrer Ehe mit einem (untergetauchten) Mitglied einer von staatlicher Seite als verboten qualifizierten politischen Vereinigung (und sohin aufgrund der ihr indirekt selbstunterstellten politischen Gesinnung) und ihrer nunmehriger Stellung als alleinstehender Frau von staatlicher Seite verfolgt zu werden.
§ 1 BFA-VG (Bundesgesetz, mit dem die allgemeinen Bestimmungen über das Verfahren vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl zur Gewährung von internationalem Schutz, Erteilung von Aufenthaltstiteln aus berücksichtigungswürdigen Gründen, Abschiebung, Duldung und zur Erlassung von aufenthaltsbeendenden Maßnahmen sowie zur Ausstellung von österreichischen Dokumenten für Fremde geregelt werden, BFA-Verfahrensgesetz, BFA-VG), BGBl I 87/2012 idF BGBl I 144/2013 bestimmt, dass dieses Bundesgesetz allgemeine Verfahrensbestimmungen beinhaltet, die für alle Fremden in einem Verfahren vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl, vor Vertretungsbehörden oder in einem entsprechenden Beschwerdeverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht gelten. Weitere Verfahrensbestimmungen im AsylG und FPG bleiben unberührt
Gemäß § 31 Abs. 1 VwGVG erfolgen, soweit nicht ein Erkenntnis zu fällen ist, die Entscheidungen und Anordnungen durch Beschluss. Gemäß Abs. 3 sind auf die Beschlüsse des Verwaltungsgerichtes § 29 Abs. 1 zweiter Satz, Abs. 4 und § 30 sinngemäß anzuwenden. Dies gilt nicht für verfahrensleitende Beschlüsse.
Gemäß § 28 Abs. 2 VwGVG hat das Verwaltungsgericht über Beschwerden gemäß Art. 130 Abs. 1 Z 1 B-VG dann in der Sache selbst zu entscheiden, wenn der maßgebliche Sachverhalt feststeht (Z1) oder die Feststellung des maßgeblichen Sachverhalts durch das Verwaltungsgericht selbst im Interesse der Raschheit gelegen oder mit einer erheblichen Kostenersparnis verbunden ist (Z2).
Gemäß § 28 Abs. 3 VwGVG hat das Verwaltungsgericht im Verfahren über Beschwerden gemäß Art. 130 Abs. 1 Z 1 B-VG wenn die Voraussetzungen des Abs. 2 nicht vorliegen, in der Sache selbst zu entscheiden, wenn die Behörde dem nicht bei der Vorlage der Beschwerde unter Bedachtnahme auf die wesentliche Vereinfachung oder Beschleunigung des Verfahrens widerspricht. Hat die Behörde notwendige Ermittlungen des Sachverhalts unterlassen, so kann das Verwaltungsgericht den angefochtenen Bescheid mit Beschluss aufheben und die Angelegenheit zur Erlassung eines neuen Bescheides an die Behörde zurückverweisen. Die Behörde ist hiebei an die rechtliche Beurteilung gebunden, von welcher das Verwaltungsgericht bei seinem Beschluss ausgegangen ist.
3.3. Zuerkennung des Status einer Asylberechtigten
Gemäß § 3 Abs. 1 AsylG ist einem Fremden, der einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, soweit dieser Antrag nicht wegen Drittstaatsicherheit oder Zuständigkeit eines anderen Staates zurückzuweisen ist, der Status des Asylberechtigten zuzuerkennen, wenn glaubhaft ist, dass ihm im Herkunftsstaat Verfolgung im Sinne des Art. 1, Abschnitt A, Z. 2 der Genfer Flüchtlingskonvention droht und keiner der in Art. 1 Abschnitt C oder F der Genfer Flüchtlingskonvention genannten Endigungs- oder Ausschlussgründe vorliegt.
Zentrales Element des Flüchtlingsbegriffs ist die "wohlbegründete Furcht vor Verfolgung". Eine Furcht kann nur dann wohlbegründet sein, wenn sie im Licht der speziellen Situation des Asylwerbers unter Berücksichtigung der Verhältnisse im Verfolgerstaat objektiv nachvollziehbar ist (vgl. zB. VwGH 22.12.1999, Zl. 99/01/0334; VwGH 21.12.2000, Zl. 2000/01/0131; VwGH 25.1.2001, Zl. 2001/20/0011). Es kommt nicht darauf an, ob sich eine bestimmte Person in einer konkreten Situation tatsächlich fürchtet, sondern ob sich eine mit Vernunft begabte Person in dieser Situation (aus Konventionsgründen) fürchten würde. Unter Verfolgung ist ein ungerechtfertigter Eingriff von erheblicher Intensität in die zu schützende persönliche Sphäre des einzelnen zu verstehen. Erhebliche Intensität liegt vor, wenn der Eingriff geeignet ist, die Unzumutbarkeit der Inanspruchnahme des Schutzes des Heimatstaates bzw. der Rückkehr in das Land des vorigen Aufenthaltes zu begründen. Die Verfolgungsgefahr steht mit der wohlbegründeten Furcht in engstem Zusammenhang und ist Bezugspunkt der wohlbegründeten Furcht. Eine Verfolgungsgefahr ist dann anzunehmen, wenn eine Verfolgung mit einer maßgeblichen Wahrscheinlichkeit droht, die entfernte Möglichkeit einer Verfolgung genügt nicht. (VwGH E vom 21.12.2000, Zl. 2000/01/0131; VwGH 25.1.2001, Zl. 2001/20/0011).
Für eine "wohlbegründete Furcht vor Verfolgung" ist es nicht erforderlich, dass bereits Verfolgungshandlungen gesetzt worden sind; sie ist vielmehr bereits dann anzunehmen, wenn solche Handlungen zu befürchten sind (VwGH 26.02.1997, Zl. 95/01/0454, VwGH 09.04.1997, Zl. 95/01/055), denn die Verfolgungsgefahr - Bezugspunkt der Furcht vor Verfolgung - bezieht sich nicht auf vergangene Ereignisse (vgl. VwGH 18.04.1996, Zl. 95/20/0239; VwGH 16.02.2000, Zl. 99/01/0397), sondern erfordert eine Prognose.
Verfolgungshandlungen, die in der Vergangenheit gesetzt worden sind, können im Rahmen dieser Prognose ein wesentliches Indiz für eine Verfolgungsgefahr sein (vgl. VwGH 09.03.1999, Zl. 98/01/0318).
Im gegenständlichen Fall sind die dargestellten Voraussetzungen, nämlich eine aktuelle Verfolgungsgefahr aus einem in der Genfer Flüchtlingskonvention angeführten Grund gegeben. Es ist mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass die BF bei einer Rückkehr in ihren Heimatstaat Äthiopien aufgrund ihrer Ehe zu einem (untergetauchten) Mitglied einer (verbotenen) politischen Vereinigung (und damit aufgrund ihr indirekt unterstellter eigener politischer Gesinnung) sowie aufgrund ihrer Stellung als (nunmehr) alleinstehender Frau einer asylrelevanten, von staatlichen Organen ausgehenden Verfolgung ausgesetzt wäre.
Besteht für den Asylwerber die Möglichkeit, in einem Gebiet seines Heimatstaates, in dem er keine Verfolgung zu befürchten hat, Aufenthalt zu nehmen, so liegt eine inländische Flucht- bzw. Schutzalternative vor, welche die Asylgewährung ausschließt (vgl. VwGH 24.3.1999, Zl. 98/01/0352; VwGH 21.3.2002, Zl. 99/20/0401; VwGH 22.5.2003, Zl. 2001/20/0268, mit Verweisen auf Vorjudikatur). § 11 Abs. 1 AsylG 2005 idgF behandelt die innerstaatliche Fluchtalternative und bestimmt das Nachfolgende: Kann Asylwerbern in einem Teil ihres Herkunftsstaates vom Staat oder sonstigen Akteuren, die den Herkunftsstaat oder einen wesentlichen Teil des Staatsgebietes beherrschen, Schutz gewährleistet werden, und kann ihnen der Aufenthalt in diesem Teil des Staatsgebietes zugemutet werden, so ist der Antrag auf internationalen Schutz abzuweisen (Innerstaatliche Fluchtalternative). Schutz ist gewährleistet, wenn in Bezug auf diesen Teil des Herkunftsstaates keine wohlbegründete Furcht nach Art. 1 Abschnitt A Z 2 Genfer Flüchtlingskonvention vorliegen kann und die Voraussetzungen zur Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten (§ 8 Abs. 1) in Bezug auf diesen Teil des Herkunftsstaates nicht gegeben sind. Abs. 2 leg. cit. bestimmt: Bei der Prüfung, ob eine innerstaatliche Fluchtalternative gegeben ist, ist auf die allgemeinen Gegebenheiten des Herkunftsstaates und auf die persönlichen Umstände der Asylwerber zum Zeitpunkt der Entscheidung über den Antrag abzustellen. Im vorliegenden Fall ist aber nicht ersichtlich, wo und wie in Äthiopien die Beschwerdeführerin Schutz vor den staatlichen Behörden finden sollte.
Da sich im Verfahren überdies keine Hinweise auf Ausschlussgründe iSd § 6 AsylG 2005 ergeben haben, ist der Beschwerdeführerin gemäß § 3 Abs. 1 AsylG 2005 der Status der Asylberechtigten zuzuerkennen. Gemäß § 3 Abs. 5 leg.cit. ist die Entscheidung über die Zuerkennung des Status des Asylberechtigten mit der Feststellung zu verbinden, dass dem betroffenen Fremden damit kraft Gesetzes die Flüchtlingseigenschaft zukommt.
ECLI:AT:BVWG:2014:W206.1416200.1.00

References: § 3
 § 3
 § 19
 EGMR 
 Art. 8

§ 1
 § 31
 § 29
 § 30
 § 28
 Art. 130
 § 28
 Art. 130
 § 3
 Art. 1
 Art. 1
 § 11
 Art. 1
 § 6
 § 3
 § 3