Source: http://www.hensche.de/Urlaub_bei_Teilzeit_Urlaub_bei_Wechsel_von_Vollzeit_zu_Teilzeit_EuGH_C-415-12_Brandes_u.html
Timestamp: 2019-05-27 13:18:12+00:00

Document:
EuGH, Beschluss vom 13.06.2013, C-415/12 - Brandes - HENSCHE Arbeitsrecht
EuGH, Be­schluss vom 13.06.2013, C-415/12 - Bran­des
Schlagworte: Urlaub, Teilzeit, Arbeitszeitverringerung
Aktenzeichen: C-415/12
Leitsätze: Das einschlägige Unionsrecht, insbesondere Art. 7 Abs. 1 der Richtlinie 2003/88/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 4. November 2003 über bestimmte Aspekte der Arbeitszeitgestaltung und Paragraf 4 Nr. 2 der am 6. Juni 1997 geschlossenen Rahmenvereinbarung über Teilzeitarbeit im Anhang der Richtlinie 97/81/EG des Rates vom 15. Dezember 1997 zu der von UNICE, CEEP und EGB geschlossenen Rahmenvereinbarung über Teilzeitarbeit in der durch die Richtlinie 98/23/EG des Rates vom 7. April 1998 geänderten Fassung, ist dahin auszulegen, dass es nationalen Bestimmungen oder Gepflogenheiten wie den im Ausgangsverfahren fraglichen entgegensteht, nach denen die Zahl der Tage bezahlten Jahresurlaubs, die ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer im Bezugszeitraum nicht in Anspruch nehmen konnte, wegen des Übergangs dieses Arbeitnehmers zu einer Teilzeitbeschäftigung entsprechend dem Verhältnis gekürzt wird, in dem die von ihm vor diesem Übergang geleistete Zahl der wöchentlichen Arbeitstage zu der danach geleisteten Zahl steht.
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Pa­ra­graf 4 der am 6. Ju­ni 1997 ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit (im Fol­gen­den: Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit) im An­hang der Richt­li­nie 97/81/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 zu der von UN­ICE, CEEP und EGB ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit (ABl. 1998, L 14, S. 9) in der durch die Richt­li­nie 98/23/EG des Ra­tes vom 7. April 1998 (ABl. L 131, S. 10) geänder­ten Fas­sung so­wie je­der an­de­ren im Hin­blick auf den Aus­gangs­rechts­streit für ein­schlägig er­ach­te­ten uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mung.
2 Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Bran­des und dem Land Nie­der­sach­sen über Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für die Jah­re 2010 und 2011, den Frau Bran­des in die­sen Jah­ren, die die Be­zugs­zeiträume dar­stel­len, nicht neh­men konn­te.
3 Pa­ra­graf 4 („Grund­satz der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung“) der Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit be­stimmt in den Nrn. 1 und 2:
5 Das Bun­des­ur­laubs­ge­setz vom 8. Ja­nu­ar 1963 (BGBl. 1963 S. 2) be­stimmt in § 3 Abs. 1, dass „[d]er Ur­laub … jähr­lich min­des­tens 24 Werk­ta­ge“ beträgt.
§ 11 Abs. 1 die­ses Ge­set­zes sieht vor:
„Das Ur­laubs­ent­gelt be­misst sich nach dem durch­schnitt­li­chen Ar­beits­ver­dienst, das der Ar­beit­neh­mer in den letz­ten drei­zehn Wo­chen vor dem Be­ginn des Ur­laubs er­hal­ten hat, mit Aus­nah­me des zusätz­lich für Über­stun­den ge­zahl­ten Ar­beits­ver­diens­tes. …“
7 § 26 Abs. 1 des Ta­rif­ver­trags für den öffent­li­chen Dienst der Länder vom 12. Ok­to­ber 2006 in der Fas­sung des Ände­rungs­ta­rif­ver­trags Nr. 4 vom 2. Ja­nu­ar 2012 be­stimmt:
„Beschäftig­te ha­ben in je­dem Ka­len­der­jahr An­spruch auf Er­ho­lungs­ur­laub un­ter Fort­zah­lung des Ent­gelts (§ 21). Bei Ver­tei­lung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit auf fünf Ta­ge in der Ka­len­der­wo­che beträgt der Ur­laubs­an­spruch in je­dem Ka­len­der­jahr bis zum voll­ende­ten 30. Le­bens­jahr 26 Ar­beits­ta­ge, bis zum voll­ende­ten 40. Le­bens­jahr 29 Ar­beits­ta­ge und nach dem voll­ende­ten 40. Le­bens­jahr 30 Ar­beits­ta­ge.
8 Das deut­sche Recht re­gelt nicht aus­drück­lich, wel­che Aus­wir­kun­gen ei­ne Ände­rung der Ar­beits­zeit auf nicht ge­nom­me­nen Ur­laub hat.
9 § 4 Abs. 1 des Ge­set­zes über Teil­zeit­ar­beit und be­fris­te­te Ar­beits­verträge vom 21. De­zem­ber 2000 lau­tet:
„Ein teil­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer darf we­gen der Teil­zeit­ar­beit nicht schlech­ter be­han­delt wer­den als ein ver­gleich­ba­rer voll­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer, es sei denn, dass sach­li­che Gründe ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung recht­fer­ti­gen. Ei­nem teil­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer ist Ar­beits­ent­gelt oder ei­ne an­de­re teil­ba­re geld­wer­te Leis­tung min­des­tens in dem Um­fang zu gewähren, der dem An­teil sei­ner Ar­beits­zeit an der Ar­beits­zeit ei­nes ver­gleich­ba­ren voll­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mers ent­spricht.“
10 Frau Bran­des war beim Land Nie­der­sach­sen auf der Grund­la­ge ei­nes 2009 ge­schlos­se­nen un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags voll­zeit­beschäftigt.
11 Im Jahr 2010 un­ter­lag Frau Bran­des we­gen ih­rer Schwan­ger­schaft bis zur Ent­bin­dung am 22. De­zem­ber 2010 ei­nem Beschäfti­gungs­ver­bot. Nach dem Mut­ter­schutz nahm sie vom 17. Fe­bru­ar bis zum 21. De­zem­ber 2011 El­tern­zeit in An­spruch.
12 Ab dem 22. De­zem­ber 2011 übte Frau Bran­des gemäß ei­ner Ver­ein­ba­rung mit dem Land Nie­der­sach­sen ei­ne Teil­zeit­beschäfti­gung im Um­fang von drei Ar­beits­ta­gen pro Wo­che aus.
13 In den Jah­ren 2010 und 2011 konn­te Frau Bran­des auf­grund des mit ih­rer Schwan­ger­schaft zu­sam­menhängen­den Beschäfti­gungs­ver­bots, des Mut­ter­schut­zes und der in An­spruch ge­nom­me­nen El­tern­zeit un­strei­tig ei­nen auf der Grund­la­ge ih­rer Voll­zeit­beschäfti­gung er­rech­ne­ten Ur­laubs­rest in Höhe von 22 bzw. 7 Ta­gen nicht neh­men.
14 Im Rah­men des beim Ar­beits­ge­richt Nien­burg anhängi­gen Aus­gangs­rechts­streits be­an­tragt Frau Bran­des, ih­ren während ih­rer Voll­zeit­beschäfti­gung er­wor­be­nen An­spruch auf die­se 29 Ta­ge be­zahl­ten Ur­laubs fest­zu­stel­len.
15 Das Land Nie­der­sach­sen be­ruft sich für die Wei­ge­rung, die­sem An­trag statt­zu­ge­ben, auf ei­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 28. April 1998, aus der her­vor­ge­he, dass bei ei­ner Ände­rung der Ar­beits­zeit ei­nes Ar­beit­neh­mers die von die­sem be­reits er­wor­be­nen Ur­laubs­ansprüche ent­spre­chend dem Verhält­nis der neu­en Zahl zur al­ten Zahl der Ar­beits­ta­ge an­zu­pas­sen sei­en. Dar­aus fol­ge, dass Frau Bran­des An­spruch auf ei­nen Rest­ur­laub von 17 Ta­gen ha­be, nämlich 29 Ta­ge, ge­teilt durch 5 Ta­ge, mul­ti­pli­ziert mit 3 Ta­gen, er­gibt 17,4 Ta­ge, ab­ge­run­det auf 17 Ta­ge.
16 Die­se an­tei­li­ge Be­rech­nung der Ur­laubs­ta­ge im Verhält­nis zu den Ar­beits­ta­gen ha­be kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Dau­er des Frau Bran­des zu­ste­hen­den Ur­laubs, da sich an die­ser Dau­er - in Ur­laubs­wo­chen aus­ge­drückt - nichts ände­re. In­so­weit sei zu berück­sich­ti­gen, dass Frau Bran­des als Teil­zeit­beschäftig­te we­ni­ger Ur­laubs­ta­ge benöti­ge, um ei­ne Wo­che frei­zu­be­kom­men. Würde die Zahl der Ur­laubs­ta­ge da­ge­gen nicht im Verhält­nis zu den Ar­beits­ta­gen be­rech­net, hätte dies zur Fol­ge, dass Frau Bran­des ei­ne höhe­re Zahl von Ur­laubs­wo­chen neh­men könn­te als die­je­ni­ge, auf die sie An­spruch ge­habt hätte, wenn sie wei­ter Voll­zeit ge­ar­bei­tet hätte, was ihr ei­nen un­ge­recht­fer­tig­ten Vor­teil ge­genüber ei­nem voll­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer ver­schaf­fen würde.
17 Der bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­ge Rechts­streit un­ter­schei­de sich in­so­weit von der dem Ur­teil vom 22. April 2010, Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols (C-486/08, Slg. 2010, I‑3527), zu­grun­de lie­gen­den Rechts­sa­che, als es dort um ei­ne Ur­laubs­re­ge­lung ge­gan­gen sei, in der der Ur­laub in St­un­den aus­ge­drückt ge­we­sen sei. Während der Ar­beit­neh­mer im vor­lie­gen­den Rechts­streit we­gen der Ver­wen­dung des Be­zugs­zeit­raums „Wo­che“ hin­sicht­lich des Um­fangs des ihm zu­ste­hen­den Ur­laubs kei­ne Nach­tei­le er­lei­de, sei dies im Rah­men je­ner Rechts­sa­che nicht der Fall ge­we­sen, weil sich bei in St­un­den aus­ge­drück­tem Ur­laub je­de Ände­rung der Ar­beits­zeit un­mit­tel­bar auf die Ur­laubs­dau­er aus­wir­ke.
18 Das Ar­beits­ge­richt Nien­burg ist der Über­zeu­gung, dass aus dem Ur­teil Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols ein­deu­tig her­vor­ge­he, dass ei­ne Quo­tie­rung der von ei­nem voll­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer be­reits er­wor­be­nen Ansprüche auf Jah­res­ur­laub, wie sie das Land Nie­der­sach­sen vor­zu­neh­men ver­su­che, ge­gen das Uni­ons­recht ver­s­toße. Ins­be­son­de­re be­gründe ei­ne sol­che Quo­tie­rung ei­ne nach Pa­ra­graf 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung zwi­schen voll­zeit- und teil­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern.
19 Zu dem in Rand­nr. 16 des vor­lie­gen­den Be­schlus­ses an­geführ­ten Vor­brin­gen des Lan­des Nie­der­sach­sen führt das Ar­beits­ge­richt Nien­burg aus, dass da­bei die Zeit des „Ur­laubs“ mit der Zeit der „be­trieb­li­chen Ab­we­sen­heit“ ver­wech­selt wer­de. Die Un­zulässig­keit der Min­de­rung des be­reits im vor­an­ge­gan­ge­nen Be­zugs­zeit­raum er­wor­be­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Ur­laub um­fas­se bei zu­tref­fen­der Be­trach­tung zwei As­pek­te, und zwar die Ur­laubs­dau­er und das Ur­laubs­ent­gelt.
20 In An­be­tracht ins­be­son­de­re der in Rand­nr. 15 des vor­lie­gen­den Be­schlus­ses an­geführ­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts hält es das Ar­beits­ge­richt Nien­burg je­doch für er­for­der­lich, den Ge­richts­hof um Klärung die­ser Fra­gen zu er­su­chen.
21 Un­ter die­sen Umständen hat das Ar­beits­ge­richt Nien­burg be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
Ist das ein­schlägi­ge Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re Pa­ra­graf 4 Nrn. 1 und 2 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit, da­hin aus­zu­le­gen, dass es na­tio­na­len ge­setz­li­chen oder ta­rif­li­chen Be­stim­mun­gen oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, nach de­nen bei ei­ner mit der Ände­rung der Zahl der wöchent­li­chen Ar­beits­ta­ge ver­bun­de­nen Ände­rung des Beschäfti­gungs­aus­maßes ei­nes Ar­beit­neh­mers das Aus­maß des noch nicht ver­brauch­ten An­spruchs auf Er­ho­lungs­ur­laub, des­sen Ausübung dem Ar­beit­neh­mer im Be­zugs­zeit­raum nicht möglich war, in der Wei­se an­ge­passt wird, dass der in Wo­chen aus­ge­drück­te Ur­laubs­an­spruch der Höhe nach zwar gleich bleibt, je­doch hier­bei der in Ta­gen aus­ge­drück­te Ur­laubs­an­spruch auf das neue Beschäfti­gungs­aus­maß um­ge­rech­net wird?
22 Nach Art. 99 sei­ner Ver­fah­rens­ord­nung kann der Ge­richts­hof, wenn ei­ne zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­leg­te Fra­ge mit ei­ner Fra­ge übe­rein­stimmt, über die er be­reits ent­schie­den hat, wenn die Ant­wort auf ei­ne sol­che Fra­ge klar aus der Recht­spre­chung ab­ge­lei­tet wer­den kann oder wenn die Be­ant­wor­tung der zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­leg­ten Fra­ge kei­nen Raum für vernünf­ti­ge Zwei­fel lässt, auf Vor­schlag des Be­richt­er­stat­ters und nach Anhörung des Ge­ne­ral­an­walts je­der­zeit die Ent­schei­dung tref­fen, durch mit Gründen ver­se­he­nen Be­schluss zu ent­schei­den.
23 Die­se Ver­fah­rens­vor­schrift ist in der vor­lie­gen­den Rechts­sa­che an­zu­wen­den.
24 Mit sei­ner Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob das ein­schlägi­ge Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re Pa­ra­graf 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit, da­hin aus­zu­le­gen ist, dass es na­tio­na­len Be­stim­mun­gen oder Ge­pflo­gen­hei­ten wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, nach de­nen die Zahl der Ta­ge be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs, die ein voll­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer im Be­zugs­zeit­raum nicht in An­spruch neh­men konn­te, we­gen des Über­gangs die­ses Ar­beit­neh­mers zu ei­ner Teil­zeit­beschäfti­gung ent­spre­chend dem Verhält­nis gekürzt wird, in dem die von ihm vor die­sem Über­gang ge­leis­te­te Zahl der wöchent­li­chen Ar­beits­ta­ge zu der da­nach ge­leis­te­ten Zahl steht.
25 Auch wenn sich das vor­le­gen­de Ge­richt in sei­ner Fra­ge so­mit der Form nach spe­zi­ell auf Pa­ra­graf 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit be­zo­gen hat, hin­dert dies den Ge­richts­hof nicht dar­an, dem vor­le­gen­den Ge­richt al­le Hin­wei­se zur Aus­le­gung des Uni­ons­rechts zu ge­ben, die ihm bei der Ent­schei­dung der bei ihm anhängi­gen Rechts­sa­che von Nut­zen sein können, un­abhängig da­von, ob es in sei­ner Fra­ge dar­auf Be­zug ge­nom­men hat (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rand­nr. 49 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). Im Übri­gen hat das vor­le­gen­de Ge­richt in sei­ner Fra­ge selbst auf das ge­sam­te ein­schlägi­ge Uni­ons­recht Be­zug ge­nom­men.
26 Vor­ab ist al­ler­dings dar­auf hin­zu­wei­sen, dass zu den uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mun­gen, die für die Be­ant­wor­tung der vom vor­le­gen­den Ge­richt ge­stell­ten Fra­ge ein­schlägig sind, ins­be­son­de­re Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, der den An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub be­trifft, gehört, wie auch Frau Bran­des, die deut­sche Re­gie­rung und die Eu­ropäische Kom­mis­si­on aus­geführt ha­ben.
27 Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs, auf die das vor­le­gen­de Ge­richt im Übri­gen selbst Be­zug ge­nom­men hat, ist die­ser An­spruch je­des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub als ein be­son­ders be­deut­sa­mer Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on an­zu­se­hen (vgl. u. a. Ur­teil Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rand­nr. 28 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
28 Der Ge­richts­hof hat fer­ner wie­der­holt dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, der je­dem Ar­beit­neh­mer zu­steht, als Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on aus­drück­lich in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on ver­an­kert ist, der von Art. 6 Abs. 1 EUV der glei­che recht­li­che Rang wie den Verträgen zu­er­kannt wird (vgl. u. a. Ur­teil vom 8. No­vem­ber 2012, Hei­mann und Tolt­schin, C-229/11 und C-230/11, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 22 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
29 Aus die­ser Recht­spre­chung er­gibt sich auch, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht re­strik­tiv aus­ge­legt wer­den darf (vgl. u. a. Ur­tei­le Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rand­nr. 29, so­wie Hei­mann und Tolt­schin, Rand­nr. 23 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
30 Wie so­wohl das vor­le­gen­de Ge­richt als auch Frau Bran­des und die Kom­mis­si­on her­vor­ge­ho­ben ha­ben, hat der Ge­richts­hof in die­sem Zu­sam­men­hang in Rand­nr. 32 des Ur­teils Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols be­reits ent­schie­den, dass die In­an­spruch­nah­me des Jah­res­ur­laubs zu ei­ner späte­ren Zeit als dem Be­zugs­zeit­raum in kei­ner Be­zie­hung zu der in die­ser späte­ren Zeit vom Ar­beit­neh­mer er­brach­ten Ar­beits­zeit steht und dass folg­lich durch ei­ne Verände­rung, ins­be­son­de­re ei­ne Ver­rin­ge­rung, der Ar­beits­zeit beim Über­gang von ei­ner Voll­zeit- zu ei­ner Teil­zeit­beschäfti­gung der An­spruch auf Jah­res­ur­laub, den der Ar­beit­neh­mer in der Zeit der Voll­zeit­beschäfti­gung er­wor­ben hat, nicht ge­min­dert wer­den darf.
31 Zu Pa­ra­graf 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit genügt hier der Hin­weis, dass der Ge­richts­hof in Rand­nr. 33 des Ur­teils Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols zu dem in Nr. 2 die­ser Vor­schrift ge­nann­ten Pro-ra­ta-tem­po­ris-Grund­satz aus­geführt hat, dass die­ser zwar auf die Gewährung des Jah­res­ur­laubs für ei­ne Zeit der Teil­zeit­beschäfti­gung an­zu­wen­den ist. Denn für die­se Zeit ist die Min­de­rung des An­spruchs auf Jah­res­ur­laub ge­genüber dem bei Voll­zeit­beschäfti­gung be­ste­hen­den An­spruch aus sach­li­chen Gründen ge­recht­fer­tigt. Hin­ge­gen kann die­ser Grund­satz nicht nachträglich auf ei­nen An­spruch auf Jah­res­ur­laub an­ge­wandt wer­den, der in ei­ner Zeit der Voll­zeit­beschäfti­gung er­wor­ben wur­de.
32 Der Ge­richts­hof hat dar­aus ge­fol­gert, dass we­der aus den ein­schlägi­gen Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2003/88 noch aus Pa­ra­graf 4 Nr. 2 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit der Schluss ge­zo­gen wer­den kann, dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung als ei­ne der Mo­da­litäten der Ausübung des An­spruchs auf Jah­res­ur­laub den teil­wei­sen Ver­lust ei­nes in ei­nem Be­zugs­zeit­raum er­wor­be­nen Ur­laubs­an­spruchs vor­se­hen dürf­te, und dar­an er­in­nert, dass dies nur gilt, wenn der Ar­beit­neh­mer tatsächlich nicht die Möglich­keit hat­te, die­sen An­spruch aus­zuüben (Ur­teil Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rand­nr. 34).
33 In Be­ant­wor­tung der Fra­ge, die ihm in der je­nem Ur­teil zu­grun­de lie­gen­den Rechts­sa­che zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt wor­den war, hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass das ein­schlägi­ge Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re Pa­ra­graf 4 Nr. 2 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit, da­hin aus­zu­le­gen ist, dass es ei­ner na­tio­na­len Be­stim­mung ent­ge­gen­steht, nach der bei ei­ner Ände­rung des Beschäfti­gungs­aus­maßes ei­nes Ar­beit­neh­mers das Aus­maß des noch nicht ver­brauch­ten Er­ho­lungs­ur­laubs in der Wei­se an­ge­passt wird, dass der von ei­nem Ar­beit­neh­mer, der von ei­ner Voll­zeit- zu ei­ner Teil­zeit­beschäfti­gung über­geht, in der Zeit der Voll­zeit­beschäfti­gung er­wor­be­ne An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, des­sen Ausübung dem Ar­beit­neh­mer während die­ser Zeit nicht möglich war, re­du­ziert wird oder der Ar­beit­neh­mer die­sen Ur­laub nur mehr mit ei­nem ge­rin­ge­ren Ur­laubs­ent­gelt ver­brau­chen kann (Ur­teil Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rand­nr. 35).
34 Wie das vor­le­gen­de Ge­richt selbst aus­geführt hat und wie auch Frau Bran­des und die Kom­mis­si­on gel­tend ge­macht ha­ben, liegt es auf der Hand, dass die in den Rand­nrn. 27 bis 33 des vor­lie­gen­den Be­schlus­ses wie­der­ge­ge­be­nen Erwägun­gen im­pli­zie­ren, dass die im Rah­men des vor­lie­gen­den Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens vor­ge­leg­te Fra­ge ent­spre­chend zu be­ant­wor­ten ist.
35 Im vor­lie­gen­den Fall steht nämlich fest, dass Frau Bran­des Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub über­tra­gen hat, de­ren Ausübung ihr in den frag­li­chen Be­zugs­zeiträum­en, in de­nen sie voll­zeit­beschäftigt war, we­gen ei­nes mit ih­rer Schwan­ger­schaft zu­sam­menhängen­den Beschäfti­gungs­ver­bots, des an­sch­ließen­den Mut­ter­schut­zes und der dar­auf­fol­gen­den El­tern­zeit nicht möglich war. Das vor­le­gen­de Ge­richt und die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens se­hen es fer­ner als un­strei­tig an, dass der über­tra­ge­ne be­zahl­te Jah­res­ur­laub, auf den Frau Bran­des An­spruch ge­habt hätte, wenn sie nach ih­rer El­tern­zeit wei­ter voll­zeit­beschäftigt ge­we­sen wäre, 29 Ta­ge be­tra­gen hätte.
36 Un­ter die­sen Umständen kann, wie ins­be­son­de­re aus dem Ur­teil Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols her­vor­geht, des­sen ein­schlägi­ge Rand­num­mern in den Rand­nrn. 30 bis 33 des vor­lie­gen­den Be­schlus­ses an­geführt sind, die Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit von Frau Bran­des, die auf dem Über­gang von ei­ner Voll­zeit- zu ei­ner Teil­zeit­beschäfti­gung be­ruht, nicht mit ei­nem nachträgli­chen Teil­ver­lust des be­reits er­wor­be­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, wie er sich aus der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung er­gibt, ein­her­ge­hen, ins­be­son­de­re in Er­man­ge­lung ei­nes sach­li­chen Grun­des, der die­sen Ver­lust recht­fer­ti­gen könn­te.
37 Dem Vor­brin­gen des Lan­des Nie­der­sach­sen, der von Frau Bran­des be­reits er­wor­be­ne An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub wer­de nicht gekürzt, weil er - in Ur­laubs­wo­chen aus­ge­drückt - vor und nach ih­rem Über­gang zu ei­ner Teil­zeit­beschäfti­gung un­verändert blei­be, kann, wie so­wohl das vor­le­gen­de Ge­richt als auch die Kom­mis­si­on aus­geführt ha­ben, nicht ge­folgt wer­den.
38 Dass ein teil­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer, der nor­ma­ler­wei­se drei vol­le Ta­ge pro Wo­che ar­bei­tet, in ei­ner be­stimm­ten Wo­che nicht im Be­trieb er­scheint, be­deu­tet nämlich ent­ge­gen dem Vor­brin­gen des Lan­des Nie­der­sach­sen kei­nes­wegs, dass er da­mit das Äqui­va­lent von fünf Ur­laubs­ta­gen er­hiel­te, die, da er sie während sei­ner Voll­zeit­beschäfti­gung er­wor­ben hat, of­fen­kun­dig als fünf vol­le Ta­ge zu ver­ste­hen sind, während de­ren der Be­tref­fen­de von sei­ner Ar­beits­pflicht, die ihn oh­ne die­sen Ur­laub tref­fen würde, be­freit ist.
39 Wird ihm aber, im Rah­men sei­ner neu­en Teil­zeit­beschäfti­gung im Um­fang von drei vol­len Ar­beits­ta­gen pro Wo­che, ei­ne „Wo­che“ Ur­laub zu­er­kannt, wird er da­mit of­fen­sicht­lich nur für drei vol­le Ta­ge von sei­ner Ar­beits­pflicht be­freit.
40 Zurück­zu­wei­sen ist auch die ent­spre­chen­de – und im Übri­gen schon in der dem Ur­teil Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols zu­grun­de lie­gen­den Rechts­sa­che vor­ge­brach­te – Ar­gu­men­ta­ti­on der deut­schen Re­gie­rung, wo­nach die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung nicht uni­ons­rechts­wid­rig sei, weil ein Ar­beit­neh­mer, der nicht mehr an sämt­li­chen Ar­beits­ta­gen der Wo­che zur Ar­beits­leis­tung ver­pflich­tet sei, an we­ni­ger Ta­gen von der Ar­beit frei­ge­stellt wer­den müsse, um ei­ne gleich lan­ge Frei­zeit­pha­se wie zu­vor in An­spruch neh­men zu können.
41 Ei­ne sol­che Ar­gu­men­ta­ti­on ver­wech­selt nämlich die Ru­he­pha­se, die dem Zeit­ab­schnitt ei­nes tatsächlich ge­nom­me­nen Ur­laubs ent­spricht, und die nor­ma­le be­ruf­li­che In­ak­ti­vität während ei­nes Zeit­ab­schnitts, in dem der Ar­beit­neh­mer auf­grund des Ar­beits­verhält­nis­ses, das ihn an sei­nen Ar­beit­ge­ber bin­det, nicht zu ar­bei­ten braucht.
42 Nach al­le­dem ist auf die Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass das ein­schlägi­ge Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 und Pa­ra­graf 4 Nr. 2 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit, da­hin aus­zu­le­gen ist, dass es na­tio­na­len Be­stim­mun­gen oder Ge­pflo­gen­hei­ten wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, nach de­nen die Zahl der Ta­ge be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs, die ein voll­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer im Be­zugs­zeit­raum nicht in An­spruch neh­men konn­te, we­gen des Über­gangs die­ses Ar­beit­neh­mers zu ei­ner Teil­zeit­beschäfti­gung ent­spre­chend dem Verhält­nis gekürzt wird, in dem die von ihm vor die­sem Über­gang ge­leis­te­te Zahl der wöchent­li­chen Ar­beits­ta­ge zu der da­nach ge­leis­te­ten Zahl steht.
43 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.
zur Übersicht C-415/12

References: Art. 7
 § 3

§ 11
 § 26
 § 4
 Art. 99
 Art. 7
 Art. 31
 Art. 6
 Art. 7