Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=10.07.2012&Aktenzeichen=VI%20ZR%20127/11
Timestamp: 2019-05-25 22:28:53+00:00

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BGH, 10.07.2012 - VI ZR 127/11 - dejure.org
https://dejure.org/2012,19524
BGH, 10.07.2012 - VI ZR 127/11 (https://dejure.org/2012,19524)
BGH, Entscheidung vom 10.07.2012 - VI ZR 127/11 (https://dejure.org/2012,19524)
BGH, Entscheidung vom 10. Juli 2012 - VI ZR 127/11 (https://dejure.org/2012,19524)
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Schadenersatzanspruch bei Unfallverletzungen: Zurechnungszusammenhang zwischen unfallbedingten Verletzungen und Folgeschäden wegen einer Begehrensneurose
Voraussetzungen für die Verneinung des Zurechnungszusammenhangs zwischen unfallbedingten Verletzungen und Folgeschäden wegen einer Begehrensneurose
Schadensersatz - Verneinung des Zurechnungszusammenhangs zwischen unfallbedingten Verletzungen und Folgeschäden - Begeh-rensneurose - Beschwerden entscheidend durch eine neurotische Begehrenshaltung geprägt
Zurechnungszusammenhang für Folgeschäden
Verneinung des Zurechnungszusammenhangs zwischen unfallbedingten Verletzungen und Folgeschäden wegen einer Begehrensneurose
Haftung für psychische Folgeschäden eines Unfallopfers - Inwieweit sind diese dem verantwortlichen Schädiger zuzurechnen?
Schmerzensgeld für psychische Folgeschäden
Keine Zurechnung von Folgeschäden ab dem Zeitpunkt ihrer Prägung durch eine neurotische Begehrenshaltung
Kurznachricht zu "Anmerkung zum Urteil des BGH vom 10.07.2012, Az.: VI ZR 127/11 (Keine Zurechnung von Folgeschäden ab dem Zeitpunkt ihrer Prägung durch eine neurotische Begehrenshaltung)" von Dr. Tobias Mergner, original erschienen in: VersR 2012, 1133 - 1138.
LG Stuttgart, 30.07.2010 - 24 O 293/96
NJW 2012, 2964
MDR 2012, 965
NZV 2012, 527
VersR 2012, 1133
Der Zurechnungszusammenhang ist nur ausnahmsweise dann zu verneinen, wenn der Geschädigte den Unfall in neurotischem Streben nach Versorgung und Sicherheit lediglich zum Anlass nimmt, um den Schwierigkeiten und Belastungen des Erwerbslebens auszuweichen (vgl. nur Senatsurteile vom 30. April 1996 - VI ZR 55/95, BGHZ 132, 341, 346; vom 11. November 1997 - VI ZR 376/96, BGHZ 137, 142, 150 und vom 10. Juli 2012 - VI ZR 127/11, VersR 2012, 1133 Rn. 8, 10).
Es handelt sich um eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde (…Dilling/Mombour/Schmidt, Internationale Klassifikation psychischer Störungen, 9. Aufl., S. 207; vgl. Senatsurteil vom 10. Juli 2012 - VI ZR 127/11, VersR 2012, 1133 Rn. 33).
Die sich aus der Äquivalenz ergebende weite Haftung für Schadensfolgen grenzt die Rechtsprechung durch die weiteren Zurechnungskriterien der Adäquanz des Kausalverlaufs und des Schutzzwecks der Norm ein (vgl. BGH, Urteil vom 10. Juli 2012 - VI ZR 127/11, NJW 2012, 2964 Rn. 12).
Der Schutzzweck einer Rechtsnorm aufgrund des ihr zugrunde liegenden vom Normgeber anerkannten Schutzbedürfnisses des Begünstigten ist ein ua im deliktischen Haftungsrecht anerkanntes Zurechnungskriterium, das neben der Kausalität erfüllt sein muss (stellv eingehend BGH vom 10.7.2012 - VI ZR 127/11 - juris RdNr 12 f mwN zu § 823 Abs. 1 BGB; stellv zum Schutzzweck allgemeiner Gesetze iS von Art. 5 Abs. 2 GG BVerfG vom 4.11.2009 - 1 BvR 2150/08 - BVerfGE 124, 300, 322 f, 325 f mwN; zum Schutzzweck von Nichtraucherschutzgesetzen BVerfG vom 30.7.2008 - 1 BvR 3262/07 ua - BVerfGE 121, 317, 349 f) .
Deshalb wirkt der Schutzzweck der Norm in der gesetzlichen Unfallversicherung nicht haftungslimitierend (vgl BGH vom 10.7.2012 - VI ZR 127/11 - juris RdNr 12 f mwN zu § 823 Abs. 1 BGB) , sondern pflichtbegründend.
a) Der für eine Körperverletzung oder Gesundheitsschädigung verantwortliche Schädiger muss grundsätzlich auch für Folgewirkungen einstehen, die auf einer psychischen Prädisposition oder einer neurotischen Fehlverarbeitung beruhen; für die Ersatzpflicht als haftungsausfüllende Folgewirkung des Unfallgeschehens genügt die hinreichende Gewissheit, dass diese Folge ohne den Unfall nicht eingetreten wäre (BGH, Urteil vom 9. April 1991 - VI ZR 106/90, VersR 1991, 704, 705; vom 30. April 1996 - VI ZR 55/95, BGHZ 132, 341, 343 f, 346; vom 25. Februar 1997 - VI ZR 101/96, VersR 1997, 752, 753; vom 11. November 1997 - VI ZR 376/96, BGHZ 137, 142, 145; vom 16. März 2004 - VI ZR 138/03, NJW 2004, 1945, 1946; vom 10. Juli 2012 - VI ZR 127/11, NJW 2012, 2964 Rn. 8;… MünchKomm-BGB/Oetker, 6. Aufl., § 249 Rn. 189 ff;… Staudinger/Schiemann, BGB, 2005, § 249 Rn. 39).
Wer einen gesundheitlich schon geschwächten Menschen verletzt, kann nicht verlangen, so gestellt zu werden, als wäre der Betroffene gesund gewesen (BGH…, Urteil vom 30. April 1996, aaO S. 345; vom 19. April 2005 - VI ZR 175/04, VersR 2005, 945, 946; vom 10. Juli 2012, aaO).
In Extremfällen scheitert die Zurechnung psychischer Folgeschäden allerdings dann, wenn das schädigende Ereignis ganz geringfügig ist, nicht gerade speziell die Schadensanlage des Verletzten trifft und deshalb die psychische Reaktion im konkreten Fall, weil in einem groben Missverhältnis zu dem Anlass stehend, schlechterdings nicht mehr verständlich ist (BGH…, Urteil vom 30. April 1996, aaO S. 346;… vom 25. Februar 1997, aaO;… vom 11. November 1997, aaO S. 146 ff; vom 11. November 1997 - VI ZR 146/96, NJW 1998, 813, 814; vom 10. Juli 2012, aaO Rn. 9;… MünchKomm-BGB/Oetker, aaO Rn. 192).
Ebenfalls nicht zurechenbar sind psychische Folgeschäden dem Schädiger dann, wenn sie auf einer sogenannten Begehrensneurose beruhen und wesentlich durch die Begehrenshaltung des Geschädigten geprägt sind (BGH, Urteil vom 10. Juli 2012, aaO Rn. 10).
Mit einem - unterstellten - Verstoß (auch) des Beklagten Ziff. 1 gegen diese Regeln stünde bei der insoweit gebotenen, wertenden Betrachtung der klägerseits geltend gemachte Schaden nicht - wie erforderlich - in einem inneren Zusammenhang, sondern allenfalls in einem rein äußerlichen, gewissermaßen zufälligen, was jedoch nicht genügt (vgl. BGH VersR 2000, 370; 2012, 1133, Tz. 12 m.w.N.).
Der Zurechnungszusammenhang wäre nur ausnahmsweise dann zu verneinen, wenn der Geschädigte den Unfall in neurotischem Streben nach Versorgung und Sicherheit lediglich zum Anlass genommen hätte, um den Schwierigkeiten und Belastungen des Erwerbslebens auszuweichen (BGH, Urteil vom 10.02.2015, Az.: VI ZR 8/14, u.a. in: VersR 2015, Seiten 590 ff.; BGH, Urteil vom 10.07.2012, Az.: VI ZR 127/11, u.a. in: NJW 2012, Seiten 2964 ff.; BGH, BGHZ 137, Seiten 142 ff. = NJW 1998, Seiten 810 ff.; BGH, NJW 1996, Seiten 2425 ff. = VersR 1996, Seiten 990 ff.).
Wer einen gesundheitlich schon geschwächten Menschen verletzt, kann nicht verlangen, so gestellt zu werden, als wäre der Betroffene völlig gesund gewesen (BGH, Urteil vom 10.07.2012, Az.: VI ZR 127/11, u.a. in: NJW 2012, Seiten 2964 ff.; BGH, Urteil vom 19.04.2005, Az.: VI ZR 175/04, u.a. in: VersR 2005, Seiten 945 f.; BGH, NJW 2004, Seiten 1945 f.; BGH, NJW 1996, Seiten 2425 f.; OLG München, Urteil vom 21.05.2010, Az.: 10 U 2853/06, u.a. in: "juris"; OLG Düsseldorf, Urteil vom 12.03.2007, Az.: I-1 U 206/06, u.a. in: "juris"; LG Bonn, Schaden-Praxis 2010, Seiten 249 f.).
In Extremfällen scheitert die Zurechnung psychischer Folgeschäden zwar, wenn das schädigende Ereignis ganz geringfügig ist, nicht gerade speziell die Schadensanlage des Geschädigten trifft und deshalb die psychische Reaktion im konkreten Fall - weil in einem groben Missverhältnis zu dem Anlass stehend - schlechterdings nicht mehr verständlich ist (BGH, Urteil vom 10.07.2012, Az.: VI ZR 127/11, u.a. in: NJW 2012, Seiten 2964 ff.; BGH, Urteil vom 16.03.2004, Az.: VI ZR 138/03, u.a. in: VersR 2004, 874; BGH, NJW 2000, Seite 862; OLG Hamburg, Beschluss vom 16.04.2014, Az.: 14 U 202/13, u.a. in: "juris"; OLG Frankfurt/Main, Urteil vom 19.06.2012, u.a. in: "juris"; LG Leipzig, NZV 2012, Seiten 329 ff.).
Seine weitere Aussage, eine rein psychische Fehlverarbeitung sei von der Versicherung nicht entschädigungspflichtig, ist dagegen als rechtliche Bewertung in einem medizinischen Gutachten unbeachtlich und steht zudem im Widerspruch zur gefestigten Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (vgl. zuletzt das von den Beklagten zitierte Urteil des BGH vom 10.07.2012 -VI ZR 127/11, Rz. 8 m.w.N.).
bb) Die damit eröffnete sehr weite Haftung für Schadensfolgen grenzt die Rechtsprechung jedoch durch die weiteren Zurechnungskriterien der Adäquanz des Kausalverlaufes und des Schutzzweckes der Norm ein (vgl. BGH, Urteile vom 10.07.2012 -VI ZR 127/11; vom 11.11.1999 -III ZR 98/99 und vom 11.01.2005 -X ZR 163/02).
(2) Zum Erfordernis des Zusammenhanges mit dem Schutzzweck der Norm ist in diesem Zusammenhang zu prüfen, ob die äquivalent und adäquat kausal herbeigeführten Verletzungsfolgen, für die Ersatz begeht wird, in den Schutzbereich des Gesetzes fallen, ob sich also Gefahren verwirklicht haben, zu deren Abwendung die verletzte Norm erlassen wurde (vgl. BGH, Urteil vom 10.07.2012 -VI ZR 127/11, Rz. 13 m.w.N.).
Dies entspricht der ständigen Rechtsprechung des BGH (…vgl. Urteile vom 30.04.1996 -VI ZR 55/95 = BGHZ 132, 341 ff., Rz. 19;… vom 25.02.1997 -VI ZR 101/96, Rz. 7; vom 11.11.1997 -VI ZR 376/96 = BGHZ 137, 142 ff., Rz. 10 oder zuletzt vom 10.07.2012 -VI ZR 127/11, Rz. 8).
Grenzen der Haftung im Sinne einer Beschränkung der Einstandspflicht auf adäquate Schäden und auf solche Schäden, die in den Schutzzweck der Norm fallen, zeigt der BGH allein für Bagatellfälle und für Fälle der sogenannten Begehrensneurosen auf (vgl. BGH…, Urteil vom 30.04.1996, a.a.O., Rz. 20 und 21;… vom 25.02.1997, a.a.O., Rz. 7; vom 11.11.1997, a.a.O., Rz. 11 ff. und zuletzt vom 10.07.2012, a.a.O., Rz. 9 ff.).
Hierfür wäre erforderlich, aber auch ausreichend, dass die Beschwerden des Geschädigten entscheidend durch eine neurotische Begehrenshaltung geprägt sind (BGH, Urteile vom 10.07.2012, a.a.O., Rz. 24;… vom 11.11.1997 -VI ZR 376/96, a.a.O., Rz. 17).
Im Einzelfall kann nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes die Wertung schon dann eine das Beschwerdebild prägende Begehrenshaltung ergeben, wenn 90 % des Krankheitsbildes auf eine Begehrenshaltung zurückzuführen ist (BGH, Urteil vom 10.07.2012, a.a.O., Rz. 24).
Eine Haftung besteht nur für diejenigen äquivalenten und adäquaten Schadensfolgen, die aus dem Bereich der Gefahren stammen, zu deren Abwendung die verletzte Norm erlassen wurde (…Senat, Urteile vom 20. Mai 2014 - VI ZR 381/13, BGHZ 201, 263 Rn. 10;… vom 26. Februar 2013 - VI ZR 116/12, NJW 2013, 1679 Rn. 12; vom 10. Juli 2012 - VI ZR 127/11, NJW 2012, 2964 Rn. 13; BGH, Urteil vom 25. Januar 2018 - VII ZR 74/15, NJW 2018, 944;… Versäumnisurteil vom 22. September 2016 - VII ZR 14/16, BGHZ 211, 375 Rn. 14 jeweils mwN).
Eine posttraumatische Belastungsstörung entsteht nach den auch von SV1 zugrunde gelegten Kriterien des ICD-... als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde (BGH, VI ZR 127/11, juris RN 33 m. w. N.).
Eine den Zurechnungszusammenhang unterbrechende, völlig unverständliche Reaktion kann hier eindeutig nicht erkannt werden (vgl. BGH, VI ZR 127/11, RN 9 m. w. N.).
Es ist anerkannt, dass auch im Falle psychischer Schäden die besondere Schadenanfälligkeit des Geschädigten dem Schädiger zuzurechnen ist (BGH, IX ZR 155/11, RN 15 m. w. N.; BGH VI ZR 127/11 RN 9, 10 m. w. N.).
Im Einzelfall kann die Wertung schon dann eine das Beschwerdebild prägende Begehrenshaltung ergeben, wenn 90 % des Krankheitsbildes auf eine Begehrenshaltung zurückzuführen sind (BGH, VI ZR 127/11, RN 24).
Nicht erforderlich ist, dass die aus der Verletzungshandlung resultierenden (haftungsausfüllenden) Folgeschäden für den Schädiger vorhersehbar waren (BGH, Urteil vom 30. April 1996 - VI ZR 55/95, BGHZ 132, 341; Urteil vom 10. Juli 2012 - VI ZR 127/11, VersR 2012, 1133).
Der Schädiger kann sich nach ständiger Rechtsprechung nicht darauf berufen, dass der Schaden nur deshalb eingetreten oder ein besonderes Ausmaß erlangt hat, weil der Verletzte infolge von körperlichen Anomalien oder Dispositionen zur Krankheit besonders anfällig gewesen sei: Wer einen gesundheitlich schon geschwächten Menschen verletzt, kann nicht verlangen, so gestellt zu werden, als wenn der Betroffene gesund gewesen wäre; deshalb ist eine volle Haftung auch dann zu bejahen, wenn der Schaden - wie hier - auf einem Zusammenwirken körperlicher Vorschäden und der Unfallverletzungen beruhte (BGH, Urteil vom 30. April 1996 - VI ZR 55/95, BGHZ 132, 341; Urteil vom 10. Juli 2012 - VI ZR 127/11, VersR 2012, 1133;… Knerr, in: Geigel, a.a.O., § 1 Rn. 25).
Eine Haftung scheidet aber aus für Renten- oder Begehrensneurosen, in denen der Geschädigte den Unfall in dem neurotischen Streben nach Versorgung und Sicherheit lediglich zum Anlass nimmt, den Schwierigkeiten und Belastungen des Erwerbslebens auszuweichen, oder wenn das schädigende Ereignis ganz geringfügig ist (Bagatelle) und nicht gerade speziell die Schadensanlage des Verletzten trifft und deshalb die psychische Reaktion im konkreten Fall, weil in einem groben Missverhältnis zu dem Anlass stehend, schlechterdings nicht mehr verständlich ist (BGH, Urteil vom 30. April 1996 - VI ZR 55/95, BGHZ 132, 341; Urteil vom 10. Juli 2012 - VI ZR 127/11, VersR 2012, 1133;… Knerr, in: Geigel, a.a.O., § 1 Rn. 25).

References: BGH 
 BGH 
 § 823
 Art. 5
 BGH 
 § 823
 § 249
 § 249
 BGH 
 BGH 
 BGH 
 BGH 
 BGH 
 § 1
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