Source: https://www.ris.bka.gv.at/JustizEntscheidung.wxe?Abfrage=Justiz&Dokumentnummer=JJT_20020904_OGH0002_009OBA00195_02W0000_000&IncludeSelf=True
Timestamp: 2017-12-17 23:26:18+00:00

Document:
RIS - Rechtssätze und Entscheidungstext 9ObA195/02w - Justiz (OGH, OLG, LG, BG, OPMS, AUSL)
Rechtssatz für 9ObA30/89 9ObA195/02w
RS0028858
9ObA30/89; 9ObA195/02w
AngG §23 IA
KollV für die Angestellten und sonstigen Dienstnehmer der ausländischen Luftverkehrsgesellschaften in Österreich §11 Z1
Beim selben Arbeitgeber zurückgelegte, lückenlos aneinanderschließende Arbeitsverhältnisse sind für die Bemessung der Abfertigung auch dann zusammenzurechnen, wenn für die Vordienstzeiten im Ausland nach ausländischem Recht keine Abfertigung gebührt hätte.
9 ObA 30/89
Entscheidungstext OGH 19.04.1989 9 ObA 30/89
9 ObA 195/02w
Entscheidungstext OGH 04.09.2002 9 ObA 195/02w
Abweichend; Beisatz: Der Oberste Gerichtshof vertritt die Auffassung, dass § 23 Abs 1 AngG teleologisch dahin zu reduzieren ist, dass er die Zusammenrechnung nur solcher unmittelbar aufeinanderfolgender Arbeitsverhältnisse zum selben Arbeitgeber normiert, in denen der Arbeitnehmer nach dem darauf anzuwendenden Recht Ansprüche auf Abfertigung (oder auf vergleichbare Leistungen des Arbeitgebers) erwerben konnte. (T1); Veröff: SZ 2002/113
SW: Kollektivvertrag, Flugzeuggesellschaften, international, Berechnung, Einrechnung, Anrechnung, Höhe, Umfang, Ausmaß, Kettenarbeitsvertrag, Kettendienstvertrag, Zusammenrechnung, Ausland, Ende, Beendigung, Auflösung, Satzung
ECLI:AT:OGH0002:1989:RS0028858
JJR_19890419_OGH0002_009OBA00030_8900000_001
Rechtssatz für 8ObA91/97h 9ObA73/97v 9...
RS0108458
8ObA91/97h; 9ObA73/97v; 9ObA55/98y; 9ObA193/98t; 9ObA197/99g; 9ObA213/99k; 8ObS219/99k; 9ObA5/00a; 9ObA8/01v; 9ObA272/00s; 8ObA7/01i; 9ObA195/02w; 9ObA232/02m; 8ObA122/03d; 8ObA140/04b; 8ObA64/07f; 9ObA121/09y; 3Ob150/10w; 8ObA41/10b; 9ObA49/14t
AVRAG §3
EWG-RL 77/187/EWG - Betriebsübergangsrichtlinie 377L0187
Die Tragweite der Betriebsübergangs-Richtlinie kann nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshof (EuGHSlg 1991, 4.105) nicht allein auf Grund einer wörtlichen Auslegung bestimmt werden. Entscheidend ist vielmehr der Zweck, welcher darin besteht, die Aufrechterhaltung der Rechte der Arbeitnehmer bei einem Wechsel des Unternehmensinhabers so weit wie möglich zu gewährleisten, indem sie den Arbeitnehmern die Möglichkeit einräumt, ihr Beschäftigungsverhältnis mit dem neuen Inhaber zu denselben Bedingungen fortzusetzen, die mit dem Veräußerer vereinbart waren.
9 ObA 73/97v
Entscheidungstext OGH 22.10.1997 9 ObA 73/97v
9 ObA 55/98y
Entscheidungstext OGH 10.06.1998 9 ObA 55/98y
Auch; Veröff: SZ 71/100
9 ObA 193/98t
Entscheidungstext OGH 07.10.1998 9 ObA 193/98t
nur: Entscheidend ist vielmehr der Zweck, welcher darin besteht, die Aufrechterhaltung der Rechte der Arbeitnehmer bei einem Wechsel des Unternehmensinhabers so weit wie möglich zu gewährleisten, indem sie den Arbeitnehmern die Möglichkeit einräumt, ihr Beschäftigungsverhältnis mit dem neuen Inhaber zu denselben Bedingungen fortzusetzen, die mit dem Veräußerer vereinbart waren. (T1); Veröff: SZ 72/134
nur: Entscheidend ist vielmehr der Zweck, welcher darin besteht, die Aufrechterhaltung der Rechte der Arbeitnehmer bei einem Wechsel des Unternehmensinhabers so weit wie möglich zu gewährleisten. (T2); Veröff: SZ 72/180
8 ObS 219/99k
Entscheidungstext OGH 27.01.2000 8 ObS 219/99k
9 ObA 8/01v
Entscheidungstext OGH 11.04.2001 9 ObA 8/01v
Auch; nur T1; Beisatz: Hingegen ist es nicht Zweck der Richtlinie, dem Arbeitnehmer durch den Betriebsübergang Rechte aus der beim bisherigen Arbeitgeber zurückgelegten Tätigkeit zu verschaffen, die ihm gegenüber diesem nicht erwachsen sind und auch nicht bei Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses erwachsen wären. (T3); Beisatz: Hier: Hat der Arbeitnehmer durch seine beim bisherigen Arbeitgeber zurückgelegte Dienstzeit (in Lichtenstein) gegenüber diesem keinerlei abfertigungsrechtlich relevante Rechtsposition erworben, kann eine solche durch den Betriebsübergang nicht - nunmehr gegenüber dem neuen Inhaber - begründet werden. (T4)
9 ObA 272/00s
Entscheidungstext OGH 25.04.2001 9 ObA 272/00s
8 ObA 7/01i
Entscheidungstext OGH 25.06.2001 8 ObA 7/01i
Vgl auch; Beis wie T3; Beisatz: Hier: Es wäre ein nicht zu rechtfertigender Wertungswiderspruch, wollte man die im Ausland zurückgelegte (nicht abfertigungswirksame) Dienstzeit (in Deutschland) bei der Beurteilung des Abfertigungsanspruchs der Klägerin im Wege der Zusammenrechnung nach § 23 Abs 1 AngG berücksichtigen. (T5); Veröff: SZ 2002/113
8 ObA 122/03d
Entscheidungstext OGH 23.01.2004 8 ObA 122/03d
Auch; nur T1; Beisatz: Für das Vorliegen eines Überganges im Sinne der Richtlinie 77/187/EWG, ist die Wahrung der Identität der Einheit entscheidend, wobei allein die Ähnlichkeit der vom alten und neuen Auftragnehmer erbrachten Dienstleistung nicht den Schluss auf den Übergang einer wirtschaftlichen Einheit zulässt. (T6)
8 ObA 140/04b
Entscheidungstext OGH 16.11.2005 8 ObA 140/04b
nur T1; Beisatz: Der Zweck des § 3 Abs 1 AVRAG darf weder durch zwei Unternehmen, die einen einheitlichen Betrieb führen (siehe 8 ObA 15/95), noch durch das Zusammenwirken mehrerer Unternehmen im Rahmen eines Konzerns umgangen werden. (T7); Veröff: SZ 2010/139
3 Ob 150/10w
Entscheidungstext OGH 14.12.2010 3 Ob 150/10w
nur T1; Veröff: SZ 2011/21
ECLI:AT:OGH0002:1997:RS0108458
JJR_19970828_OGH0002_008OBA00091_97H0000_005
Rechtssatz für 9ObA195/02w 9ObA113/03p
RS0116928
9ObA195/02w; 9ObA113/03p
AngG §23 Abs1 IA
Bei der Abfertigung handelt es sich um Entgelt, sie ist - wie Sonderzahlungen - Bestandteil des österreichischen Entgeltsystems.
Veröff: SZ 2002/113
9 ObA 113/03p
Entscheidungstext OGH 03.12.2003 9 ObA 113/03p
Auch; Veröff: SZ 2003/156
ECLI:AT:OGH0002:2002:RS0116928
JJR_20020904_OGH0002_009OBA00195_02W0000_001
Rechtssatz für 9ObA195/02w
RS0116929
9ObA195/02w
AngG §23 Abs1 IB
Der Oberste Gerichtshof vertritt die Auffassung, dass § 23 Abs 1 AngG teleologisch dahin zu reduzieren ist, dass er die Zusammenrechnung nur solcher unmittelbar aufeinanderfolgender Arbeitsverhältnisse zum selben Arbeitgeber normiert, in denen der Arbeitnehmer nach dem darauf anzuwendenden Recht Ansprüche auf Abfertigung (oder auf vergleichbare Leistungen des Arbeitgebers) erwerben konnte. (Hier:
keine Berücksichtigung der im Ausland zurückgelegten (nicht abfertigungswirksamen) Dienstzeit.
ECLI:AT:OGH0002:2002:RS0116929
JJR_20020904_OGH0002_009OBA00195_02W0000_002
Entscheidungstext 9ObA195/02w
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht in Arbeits- und Sozialrechtssachen durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofes Dr. Maier als Vorsitzenden und durch die Hofräte des Obersten Gerichtshofes Dr. Spenling und Dr. Hradil sowie die fachkundigen Laienrichter Dr. Helmut Szongott und Univ. Doz. Mag. Dr. Michaela Windischgrätz als weitere Richter in der Arbeitsrechtssache der klagenden Partei Beatrice F*****, Angestellte, *****, vertreten durch Saxinger, Chalupsky, Weber & Partner, Rechtsanwälte GmbH in Linz, gegen die beklagte Partei D***** AG, *****, vertreten durch Siemer-Siegl-Füreder & Partner, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 5.485,25 sA, über die Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichtes Linz als Berufungsgericht in Arbeits- und Sozialrechtssachen vom 7. Mai 2002, GZ 11 Ra 81/02i-13, womit über Berufung der klagenden Partei das Urteil des Landesgerichtes Linz als Arbeits- und Sozialgericht vom 7. Dezember 2001, GZ 11 Cga 100/01t-8, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 884,14 bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens (darin EUR 147,36 Umsatzsteuer) und die mit EUR 1.029,39 bestimmten Kosten des Revisionsverfahrens (darin EUR 83,23 Umsatzsteuer und EUR 530,- Barauslagen) binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Die Klägerin war in Deutschland bei der Beklagten vom 1. 7. 1988 bis zum 30. 6. 1994 beschäftigt. Das (deutschem Arbeitsrecht) unterliegende Arbeitsverhältnis wurde durch Arbeitnehmerkündigung beendet. Mit 15. 7. 1994 schloss die Klägerin einen (nach österreichischem Arbeitsrecht zu beurteilenden) neuen Arbeitsvertrag mit der Beklagten, der eine Tätigkeit in der Zweigniederlassung in Österreich vorsah. Bereits am 6. 6. 1994 hatten die Vertragsparteien vereinbart, dass die Vordienstzeiten der Klägerin bei "unserer Gesellschaft" vom 1. 7. 1988 bis 30. 6. 1994 für die Berechnung verschiedener Ansprüche, nicht aber für die Abfertigung und die betriebliche Zusatzversorgung in Österreich angerechnet werden. Am 1. 7. 2000 trat ein neuer Arbeitgeber gemäß § 3 AVRAG in das Arbeitsverhältnis ein. Auf Grund einer zwischen der Beklagten und ihrem Betriebsrat getroffenen Vereinbarung hatte die Klägerin aber das Recht, die Auszahlung der ihr auf Grund des Gesetzes gegen die Beklagte erwachsenen Ansprüche zu verlangen. Die Klägerin machte von diesem Recht Gebrauch und erhielt eine Abfertigung in der Höhe von zwei Monatsentgelten ausgezahlt.
Mit ihrer Klage begehrt sie die Zahlung weiterer sechs Monatsentgelte an gesetzlicher Abfertigung. Für die Berechnung der Abfertigung seien nämlich gemäß § 23 AngG die beiden Arbeitsverhältnisse mit der Beklagten zusammenzurechnen.
Die Beklagte beantragte, das Klagebegehren abzuweisen. Die Zusammenrechnung der beiden Arbeitsverhältnisse komme nicht in Betracht, weil die Klägerin das erste Arbeitsverhältnis selbst durch Kündigung beendet habe und das zweite Arbeitsverhältnis überdies nicht lückenlos an das erste angeschlossen habe. Zudem habe die Klägerin auf die Anrechnung der Vordienstzeiten für die Abfertigung, die ihr nach deutschem Recht für das erste Arbeitsverhältnis nicht zugestanden wäre, verzichtet.
Das Erstgericht wies das Klagebegehren ab. Der Oberste Gerichtshof habe zwar in seiner Entscheidung 9 ObA 30/89 in einem völlig vergleichbaren Fall die aufeinander folgenden Arbeitsverhältnisse für die Berechnung der Abfertigung zusammengerechnet. Diese Rechtsprechung sei aber durch den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union überholt. Nach EU-Recht dürfe nämlich die Freizügigkeit der Arbeitnehmer nicht behindert werden. Müsse aber der Arbeitgeber im Inland Leistungen für Auslandszeiten erbringen, die er für die im Ausland geleistete Dienstzeit nicht erbringen müsse, wäre der Wechsel der betroffenen Arbeitnehmer nach Österreich erschwert. Zur Berechnung der Abfertigung nach § 23 Abs 1 AngG könnten daher nur solche Vordienstzeiten aus dem EU-Ausland herangezogen werden, die auch im EU-Ausland Anspruch auf Abfertigung oder auf ähnliche Leistungen vermittelt hätten. Es sei davon auszugehen, dass bei der Gehaltsvereinbarung im EU-Ausland der Umstand, dass keine Abfertigung zustehe, berücksichtigt worden sei, wie auch bei der neuen Gehaltsvereinbarung in Österreich die Möglichkeit des Bezugs einer Abfertigung grundsätzlich einbezogen werde. Würden daher die deutschen Vordienstzeiten der Klägerin bei der Berechnung ihrer Abfertigung aus dem in Österreich abgeschlossenen Arbeitsverhältnis berücksichtigt, erhielte sie für ihre deutschen Vordienstzeiten sowohl das damals als adäquat vereinbarte Gehalt und zusätzlich auch auf diesen Zeitraum bezogene Abfertigungsleistungen. In diesem Sinne habe der Oberste Gerichtshof bereits in seiner Entscheidung 9 ObA 8/01v im Zusammenhang mit § 3 AVRAG entschieden.
Das Berufungsgericht änderte dieses Urteil im Sinne der Stattgebung des Klagebegehrens ab und sprach aus, dass die ordentliche Revision zulässig sei.
Es vertrat die Rechtsauffassung, dass die beiden Arbeitsverhältnisse zusammenzurechnen seien und der Klägerin daher der behauptete Anspruch zustehe. Die Voraussetzungen des § 23 Abs 1 AngG seien gegeben. Wie der Oberste Gerichtshof in 9 ObA 30/89 ausgesprochen habe, gehe es nicht um die Zusammenrechnung von Abfertigungsansprüchen im Ausland und im Inland oder um die Kombination arbeitsrechtlicher Ansprüche aus mehreren Rechtsordnungen, sondern um die Ermittlung der Höhe des im Inland erworbenen Abfertigungsanspruchs. Dafür enthalte § 23 Abs 1 AngG einen Mechanismus, der zur Anrechnung von Vordienstzeiten unabhängig davon führe, ob für diese Zeiten eine Abfertigung gebührt hätte oder nicht. Dies entspreche auch - wie der Oberste Gerichtshof ebenfalls schon in der Vorentscheidung ausgeführt habe - § 11 Z 1 des auch hier anzuwendenden Kollektivvertrages für die Angestellten und sonstigen Arbeitnehmer der ausländischen Luftverkehrsgesellschaften in Österreich, der ausdrücklich auf § 23 AngG verweise, ohne zwischen nicht abfertigungspflichtigen und abfertigungspflichtigen Vordienstzeiten zu differenzieren. Es sei systemwidrig, in das Sachrecht territoriale Beschränkungen hineinzulesen, die der Gesetzgeber nicht vorgesehen habe, wenn der Grund hiefür nur darin gesehen werde, dass die Verweisung des Gesetzgebers im Rahmen des IPRG bzw. des EVÜ im Ergebnis nicht akzeptabel erscheine. Sachgerechte Gründe für eine Differenzierung inländischer und ausländischer Beschäftigungszeiten gebe es nicht. Dieses Ergebnis sei auch nicht gemeinschaftsrechtswidrig, weil von einer Beschränkung der Freizügigkeit des Arbeitnehmers keine Rede sei. Vielmehr mache die Rechtsprechung des EuGH, der wiederholt Vordienstzeiten aus dem EU-Ausland als anrechenbar erachtet habe, die vom Berufungsgericht vorgenommene Auslegung geradezu notwendig.
Die Entscheidung 9 ObA 8/01v betreffe einen Betriebsübergang und sei mit der hier zu beurteilenden Konstellation nicht vergleichbar. Die Vereinbarung, mit der die Klägerin auf die Berücksichtigung der Zeit des ersten Arbeitsverhältnisses für die Abfertigung verzichtet habe, sei nicht wirksam.
Die ordentliche Revision sei zulässig, weil die Entscheidung 9 ObA 30/89 vereinzelt geblieben sei und überdies einen Sachverhalt betreffe, der vor dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union gelegen sei.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Revision der Beklagten mit dem Antrag, es im Sinne der Wiederherstellung des Ersturteils abzuändern. Hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Klägerin beantragte, die Revision zurückzuweisen, hilfsweise, ihr nicht Folge zu geben.
Der Revisionswerberin ist beizupflichten, dass die vor dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union ergangene Entscheidung 9 ObA 30/89 nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.
Völlig zutreffend weist diese Entscheidung darauf hin, dass es in Fällen wie dem hier zu beurteilenden nicht um die Zusammenrechnung von in- und ausländischen Abfertigungsansprüchen oder um die Kombinierung arbeitsrechtlicher Ansprüche aus mehreren Rechtsordnungen geht, sondern um die Ermittlung der Höhe des im Inland erworbenen Abfertigungsanspruchs, für den § 23 Abs 1 AngG maßgebend ist. Ebenso richtig ist, dass diese Bestimmung, die die Zusammenrechnung der Zeiten unmittelbar aufeinander folgender Arbeitsverhältnisse mit dem selben Arbeitgeber anordnet, nach ihrem Wortlaut zwischen in- und ausländischen Arbeitsverhältnissen nicht differenziert.
Es kann aber nicht unbeachtet bleiben, dass sich seit der damaligen Entscheidung der für die hier vorzunehmende Auslegung des § 23 Abs 1 AngG maßgebende wirtschaftliche Hintergrund durch den seither erfolgten Fortschritt der europäischen Integration radikal geändert hat. Die Freizügigkeit der Arbeitnehmer, die mittlerweile den europäischen Arbeitsmarkt zunehmend prägt, führt im Arbeitsrecht zu einer rasanten Steigerung grenzüberschreitender Konstellationen, die für den Gesetzgeber bei Schaffung des § 23 Abs 1 AngG in keiner Weise vorhersehbar waren und demgemäß nicht bedacht wurden. Aus heutiger Sicht und im Wissen um diese Entwicklung kann aus dem Schweigen des Gesetzgebers zum Problem der unmittelbaren Aufeinanderfolge von abfertigungspflichtigen und nicht abfertigungspflichtigen Arbeitsverhältnisses nicht geschlossen werden, dass der Gesetzgeber Arbeitszeiten, die in einem ausländischen Staat zurückgelegt wurden, der keine der Abfertigung vergleichbaren Rechtsinstitute kennt, für die Berechnung der Abfertigung den inländischen Arbeitszeiten gleich stellen wollte. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass der Gesetzgeber dieses Problem überhaupt nicht bedacht und daher auch nicht regeln wollte.
Dass - wie das Berufungsgericht meint - kein sachlicher Grund für eine Differenzierung in- und ausländischer Arbeitszeiten bestehe, trifft nicht zu.
Das Erstgericht hat in diesem Zusammenhang zu Recht darauf verwiesen, das das im Bereich eines Staates gegebene System der Entlohnung als Einheit gesehen und mit anderen Entgeltsystemen nur in seiner Gesamtheit verglichen werden kann. In Österreich bestehende Entgeltbestandteile wie Abfertigung - auch bei ihr handelt es sich um Entgelt (Martinek/M.Schwarz/W.Schwarz, AngG7 441 f; Arb 10.683; zuletzt 9 ObA 178/01v; vgl auch EuGH 14. 9. 1999 RS C 249/97 = ARD 5061/8/99) - oder Sonderzahlungen sind Bestandteil des österreichischen Entgeltsystems und haben daher Auswirkungen auf seine sonstige Ausgestaltung, wie auch das Fehlen vergleichbarer Rechtsinstitute in anderen Entgeltsystemen Auswirkungen auf die Ausgestaltung dieser Systeme - also auf die Höhe des laufenden Entgelts - hat. Schon deshalb ist es problematisch, für die Bemessung der Abfertigung die im deutschen Entgeltsystem zurückgelegten Arbeitszeiten den inländischen Arbeitszeiten gleichzusetzen, weil das zur Folge hätte, dass der Arbeitnehmer im Verhältnis zu ein- und demselben Arbeitgeber für einen Teil der bei ihm zurückgelegten Arbeitszeit in den Genuss der Vorteile beider Entgeltsysteme kommen würde. Dazu kommt, dass der Arbeitgeber während der Zeit des ausländischen Arbeitsverhältnisses mit Abfertigungsansprüchen nicht rechnen und daher auch keine Rücklagen anlegen konnte. Dies führt - wie das Erstgericht ebenfalls richtig erkannt hat - naturgemäß dazu, dass durch die vom Berufungsgericht vorgenommene Auslegung des § 23 Abs 1 AngG für die in Betracht kommenden Arbeitnehmer ein Arbeitsplatzwechsel wie der hier zu beurteilende erheblich erschwert wäre, weil der Arbeitgeber, der mit dem Entstehen von Abfertigungsansprüchen für bisher nicht abfertigungspflichtige Zeiten rechnen müsste, dazu wohl kaum seine Zustimmung geben würde. Derartige Überlegungen liegen auch der von der Revisionswerberin zu Recht ins Treffen geführten Entscheidung 9 ObA 8/01v = DRdA 2001, 563 zugrunde. Diese Entscheidung betraf einen grenzüberschreitenden Betriebsübergang, der für den bisher (nach liechtensteinischem Recht) in Liechtenstein tätigen Kläger einen Wechsel zu einer dem österreichischen Arbeitsrecht unterliegenden Tätigkeit in Österreich zur Folge hatte. Auch in dieser Entscheidung vertrat der Oberste Gerichtshof die Rechtsauffassung, dass die (nicht abfertigungspflichtige) Zeit des Arbeitsverhältnisses in Liechtenstein bei der Beurteilung des nach österreichischem Recht geschuldeten Abfertigungsanspruchs des Klägers nicht zu berücksichtigen sei, weil die Betriebsübergangsrichtlinie und - ihr folgend - § 3 AVRAG die Wahrung der dem Arbeitnehmer gegenüber dem Veräußerer des Betriebs erwachsenen Rechte anstrebe, nicht aber bezwecke, dem Arbeitnehmer durch den Betriebsübergang Rechte aus der bisherigen Tätigkeit zu verschaffen, die ihm gegenüber dem Veräußerer nicht entstanden sind und auch bei Fortsetzung des bisherigen Arbeitsverhältnisses nie entstanden wären. Es wäre daher ein nicht zu rechtfertigender Wertungswiderspruch, wollte man im hier zu beurteilenden Fall, in dem es um die (durchaus vergleichbare) Berücksichtigung eines nicht abfertigungswirksamen Arbeitsverhältnisses im Wege der Zusammenrechnung nach § 23 Abs 1 AngG geht, die im Ausland zurückgelegte (nicht abfertigungswirksame) Dienstzeit bei der Beurteilung des Abfertigungsanspruchs der Klägerin berücksichtigen.
Der Oberste Gerichtshof vertritt daher die Auffassung, dass § 23 Abs 1 AngG teleologisch dahin zu reduzieren ist, dass er die Zusammenrechnung nur solcher unmittelbar aufeinanderfolgender Arbeitsverhältnisse zum selben Arbeitgeber normiert, in denen der Arbeitnehmer nach dem darauf anzuwendenen Recht Ansprüche auf Abfertigung (oder auf vergleichbare Leistungen des Arbeitgebers) erwerben konnte. Im hier zu beurteilenden Fall, in dem die Klägerin im ersten Arbeitsverhältnis in Deutschland keine Abfertigungsansprüche erwerben konnte, ist demgemäß die in diesem ersten Arbeitsverhältnis zurückgelegte Dienstzeit bei der nunmehr nach österreichischem Recht zu erfolgenden Beurteilung ihres Abfertigungsanspruchs nicht zu berücksichtigen.
Aus dem anzuwendenden Kollektivvertrag ist für die Klägerin nichts zu gewinnen, weil er lediglich auf die Bestimmung des § 23 AngG verweist, die aber den behaupteten Anspruch der Klägerin nicht rechtfertigt.
Die vom Berufungsgericht ins Treffen geführten Entscheidungen des EuGH (23. 2. 1994, C-419/92 = DRdA 1994, 436 und 27. 1. 2000, C-195/98 = ARD 5102/1/2000) stellen die Richtigkeit dieses Ergebnisses nicht in Frage. Sie betreffen die Anrechnung von im maßgebenden Zusammenhang vergleichbaren Vordienstzeiten und erlauben daher keine Rückschlüsse auf die hier zu lösende Rechtsfrage. In Stattgebung der Revision war daher die angefochtene Entscheidung im Sinne der Wiederherstellung des das Klagebegehren abweisenden Ersturteils abzuändern.
Die Entscheidung über die Kosten des Berufungs- und des Revisionsverfahrens gründet sich auf die §§ 41, 50 Abs 1 ZPO.
E66904 9ObA195.02w
ECLI:AT:OGH0002:2002:009OBA00195.02W.0904.000
JJT_20020904_OGH0002_009OBA00195_02W0000_000

References: §23
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 EuGH 
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