Source: https://www.wf-frank.com/detail/article/pflichtteilsentziehung-gruende-verzeihung-form-rechtsschutz-4344.html
Timestamp: 2020-04-06 12:50:54+00:00

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Als Fachanwalt für Erbrecht vertrete ich oft enterbte Kinder bei der Durchsetzung des Pflichtteils. Dabei wird nicht selten von dem Erben eingewandt, dass der Pflichtteil entzogen wurde. Der Beitrag zeigt auf, unter welchen Voraussetzungen der Pflichtteil entzogen werden kann und ob/wie der Pflichtteilsberechtigte sich hiergegen verteidigen kann.
Unterscheidung von Enterbung und Pflichtteilsentziehung
Der Erblasser kann – ohne Gründe – Pflichtteilsberechtigte enterben (siehe auch Enterbung). Wird ein Pflichtteilsberechtigter enterbt, verbleibt ihm aber der Pflichtteil. Soll er auch den Pflichtteil nicht erhalten, muss ihm der Pflichtteil entzogen werden (Pflichtteilsentziehung).
Eine solche Pflichtteilsentziehung ist nur zulässig, wenn Gründe für die Entziehung des Pflichtteils bestehen. Diese Gründe sind in § 2333 (1) BGB abschließend aufgezählt. Danach kann der Erblasser einem Abkömmling (d.h. Kind, Enkel oder Urenkel) den Pflichtteil entziehen, wenn der Abkömmling
Entsprechendes gilt für die Entziehung des Eltern- oder Ehegattenpflichtteils.
Form der Entziehung
Die Entziehung des Pflichtteils erfolgt durch Testament oder Erbvertrag, § 2336 (1) BGB. In dem Testament oder Erbvertrag muss der Grund der Entziehung angegeben werden, § 2336 (2) BGB. Der Erblasser muss dabei nicht einen konkreten Tatbestand des Gesetzes bezeichnen (also nicht: "ich entziehe nach § 2336 (1) Nr. 1 BGB"). Es genügt, wenn er erkennbar ist, auf welchen konkreten Lebenssachverhalt er die Entziehung stützen will.
Muster für Pflichtteilsentzug: Ich entziehe meinem Sohn den Pflichtteil, da er böswillig seine Unterhaltspflicht verletzt hat. Er war gemäß Urteil des Amtsgerichts Hannover zur Zahlung von Unterhalt verpflichtet. Obwohl ich ihn mit Schreiben vom 14.01.2013 und 7.2.2013 zur Zahlung von Unterhalt aufgefordert habe und ihm bekannt war, dass ich nicht über ausreichende Mittel verfüge, hat er sich geweigert den Unterhalt zu zahlen.
Nicht erforderlich ist es, den Begriff „Entziehung des Pflichtteils“ zu verwenden. Erklärt der Erblasser im Testament, dass sein Kind „enterbt“ sein soll und nimmt er dabei Bezug auf Entziehungsgründe, so kann hierin ein Entzug des Pflichtteils zu sehen sein (OLG Celle OLGR 01, 350).
Der Grund der Entziehung auch bei der Errichtung des Testaments oder Abschluss des Erbvertrags bestehen. Wird der Pflichtteil entzogen, weil der Abkömmling (Kind oder Enkel) seinem Vater nach dem Leben trachtet, muss die Tat zur Zeit der Errichtung begangen worden sein und die Unzumutbarkeit muss bei Errichtung des Testaments noch bestehen.
Verzeihung durch den Erblasser
Verzeiht der Erblasser dem Pflichtteilsberechtigten ein zur Pflichtteilsentziehung berechtigendes Verhalten, darf er den Pflichtteil nicht mehr entziehen. Eine bereits angeordnete Pflichtteilsentziehung wird dann unwirksam, § 2337 BGB.
Rechtsschutzmöglichkeiten gegen die Entziehung des Pflichtteils
Ist der Pflichtteilsberechtigte der Auffassung, dass der Pflichtteil nicht wirksam entzogen wurde, sollte er den Pflichtteil geltend machen. Zahlt der Erbe nicht freiwillig, sollte er Stufenklage oder – sofern die Werte bekannt sind – Klage auf Zahlung erheben. Innerhalb des Verfahrens wird dann geprüft, ob der Pflichtteil wirksam entzogen wurde. Der Pflichtteilsberechtigte kann schon zu Lebzeiten des Erblassers gerichtlich feststellen lassen, dass eine im Testament angeordnete Pflichtteilsentziehung unwirksam ist (BGH, Urteil vom 10.3.2004 - IV ZR 123/03). Statthafte Klageart ist die negative Feststellungsklage. Das Feststellungsinteresse entfällt mit dem Tod des Erblassers. In diesem Zeitpunkt muss Klage auf Zahlung des Pflichtteils erhoben werden.
Für den Ausgang des Verfahrens ist dabei oftmals entscheidend, ob der Erbe das Vorliegen von Entziehungsgründen (z.B. dass der Pflichtteilsberechtigte seien Unterhaltspflicht böswillig verletzt hat) auch beweisen kann. Das Gesetz bürdet ihm insoweit die Beweislaust auf, § 2337 BGB.
Praxishinweis: Es ist dem Erblasser daher zu empfehlen, Beweismittel (z.B. Geständnis, ärztliche Atteste) zu sichern und sicherzustellen, dass die Erben diese auch finden. Das Nichtvorliegen von Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründen (z.B. das Nichtvorliegen eines Notwehrrechts), muss der Pflichtteilsberechtigte beweisen.
Veit Klinger 04.11.2019

References: § 2333
 § 2336
 § 2336
 § 2336
 § 2337
 § 2337