Source: https://www.ra-kotz.de/verkehrssicherungspflicht_bundesligafussballspiel.htm
Timestamp: 2017-09-20 21:51:24+00:00

Document:
Verkehrssicherungspflicht Bundesligafußballspiel - RA Kotz
Az: 3 U 140/10
Die Berufung des Klägers gegen das Urteil des Landgerichts Frankfurt a. M. vom 22.04.2010 wird zurückgewiesen.
Die Beklagte veranstaltete am ….2008 das Bundesligafußballspiel A gegen B in der …. in Stadt1. Der Beklagte war bei diesem Spiel als Rasenpfleger für den Stadionbetreiber, die C GmbH eingesetzt. Während des Spiels kam es – vermutlich aus einem mit Anhängern des B besetzten Block heraus – zur Zündung mehrerer Feuerwerkskörper.
Der Kläger hat behauptet, er habe sich zu diesem Zeitpunkt weisungsgemäß in der Nähe eines der vier Marathontore aufgehalten. Zumindest ein Feuerwerkskörper sei in der Nähe seines Kopfes explodiert. Er habe dadurch einen Tinitus verbunden mit einer Minderung der Hörfähigkeit auf einem Ohr um 35% als Dauerschaden erlitten. Zudem leide er unter Kopfschmerzen, Schwindel und Schlafstörungen.
Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, der der Senat folgt, ist derjenige, der eine Gefahrenlage – gleich welcher Art – schafft, grundsätzlich verpflichtet, die notwendigen und zumutbaren Vorkehrungen zu treffen, um eine Schädigung anderer möglichst zu verhindern (vgl. BGH VersR 1990, 498, 499 [BGH 19.12.1989 – VI ZR 182/89]; BGH VersR 2002, 247, 248 [BGH 04.12.2001 – VI ZR 447/00]; BGH VersR 2003, 1319 [BGH 15.07.2003 – VI ZR 155/02]; BGH VersR 2005, 279, 280 [BGH 05.10.2004 – VI ZR 294/03] BGH VersR 2006, 233, 234 [BGH 08.11.2005 – VI ZR 332/04]; BGH VersR 2007, 659, 660 [BGH 06.02.2007 – VI ZR 274/05] – jeweils m.w.N.). Die rechtlich gebotene Verkehrssicherung umfasst diejenigen Maßnahmen, die ein umsichtiger und verständiger, in vernünftigen Grenzen vorsichtiger Mensch für notwendig und ausreichend hält, um andere vor Schäden zu bewahren. Sie kann sich auch auf Gefahren erstrecken, die erst durch den unerlaubten und schuldhaften Eingriff eines Dritten entstehen (vgl. Senat, Urteile vom 16. September 1975 – VI ZR 156/74 – VersR 1976, 149, 150; vom 19. Dezember 1989 – VI ZR 182/89 – aaO.).
Eine solche Verkehrssicherungspflicht trifft auch den Veranstalter einer Sportveranstaltung gegenüber den Zuschauern. Für deren Verletzung muss er einstehen; denn der Veranstalter eines solchen planmäßig durchgeführten sportlichen Wettkampfes mit öffentlichem Interesse, zu dem Zuschauer gegen Entgelt eingeladen werden, „schafft“ die Gefahr, indem er den Zustand, von dem für die Zuschauer eine Gefährdung ausgehen kann, herbeiführt oder andauern lässt. Auch das entspricht ständiger Rechtsprechung (s. RGZ 138, 21; BGH VersR 1960, 22 betreffend ein öffentliches Skispringen; BGH VersR 1962, 618 [BGH 02.04.1962 – III ZR 15/61] hinsichtlich eines Autorennens; BGH VersR 1975, 133 für ein besuchsoffenes Reitertraining; BGH VersR 1975, 329 für ein internationales Motorrad- und Wagen-Grasbahn- Rennen; BGH VersR 1984, 164 bei einem Bundesliga-Eishockeyspiel).
Zu berücksichtigen ist jedoch, dass nicht jeder abstrakten Gefahr vorbeugend begegnet werden kann. Ein allgemeines Verbot, andere nicht zu gefährden, wäre utopisch. Eine Verkehrssicherung, die jede Schädigung ausschließt, ist im praktischen Leben nicht erreichbar. Haftungsbegründend wird eine Gefahr daher erst dann, wenn sich für ein sachkundiges Urteil die nahe liegende Möglichkeit ergibt, dass Rechtsgüter anderer verletzt werden (vgl. BGH VersR 2006, 233 [BGH 08.11.2005 – VI ZR 332/04] und BGH VersR 2007, 659, [BGH 06.02.2007 – VI ZR 274/05] beide m.w.N.). Deshalb muss nicht für alle denkbaren Möglichkeiten eines Schadenseintritts Vorsorge getroffen werden. Es sind vielmehr nur die Vorkehrungen zu treffen, die geeignet sind, die Schädigung anderer tunlichst abzuwenden (vgl. BGH VersR 1978, 1163, 1165; BGH VersR 2003, 1319 [BGH 15.07.2003 – VI ZR 155/02] und BGH VersR 2006, 233 [BGH 08.11.2005 – VI ZR 332/04]). Der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt (§ 276 Abs. 2 BGB) ist genügt, wenn im Ergebnis derjenige Sicherheitsgrad erreicht ist, den die in dem entsprechenden Bereich herrschende Verkehrsauffassung für erforderlich hält (vgl. BGH VersR 1972, 559, 560 [BGH 16.02.1972 – VI ZR 111/70]; BGH VersR 2003, 1319 [BGH 15.07.2003 – VI ZR 155/02] und BGH VersR 2006, 233 [BGH 08.11.2005 – VI ZR 332/04]). Daher reicht es anerkanntermaßen aus, diejenigen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, die ein verständiger, umsichtiger, vorsichtiger und gewissenhafter Angehöriger der betroffenen Verkehrskreise – hier: der Sportveranstalter – für ausreichend halten darf, um andere Personen – hier: Zuschauer und andere im Stadion anwesende Personen – vor Schäden zu bewahren, und die ihm den Umständen nach zuzumuten sind (vgl. BGH VersR 1963, 532 [BGH 12.02.1963 – VI ZR 145/62]; BGH VersR 1967, 801; BGH VersR 2002, 247, 248 [BGH 04.12.2001 – VI ZR 447/00]; BGH VersR 2003, 1319 [BGH 15.07.2003 – VI ZR 155/02]; BGH VersR 2006, 233 [BGH 08.11.2005 – VI ZR 332/04]; BGH VersR 2006, 1083 [BGH 16.05.2006 – VI ZR 189/05] und BGH VersR 2007, 1683).
Diesen Gefährdungen hat die Beklagte ein Sicherheitskonzept entgegen gesetzt, nach dem alle Zuschauer vor dem Betreten des Stadions einer Kontrolle – insbesondere auch auf das verbotene Mitführen von Feuerwerkskörpern – unterzogen wurden, alle Fans des Gästevereins zusätzlich ein zweites Mal vor Betreten des Stadionblocks kontrolliert wurden und zudem stichprobenweise einzelne Fans ein drittes Mal untersucht wurden.

References: BGH 
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