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Timestamp: 2018-02-20 07:54:35+00:00

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Identität = Heimat? Interdisziplinäre Untersuchungen zu scheinbar ... | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
1.1 Themenstellung und Forschungsfrage
1.2 Stand der Wissenschaft
1.4 Textkritische Hinweise
1.5 Einführung
2. HEIMAT: EINE ANNÄHERUNG
2.1 Der Heimatbegriff
2.1.1 Zur Etymologie des Wortes „Heimat“
2.1.2 Begriffgeschichte – Ein Streifzug durch lexikalische Standardwerke
2.2 Heimatbewegung versus Regionalismus
2.3 Wurzeln und Anfänge der deutschen Heimatbewegung
2.4 Wie ein Begriff in das schmutzige Fahrwasser der Nationalideologie geriet – Wie soll man heute mit „Heimat“ umgehen?
2.5 Heimat als Politikum
2.6 Subjektive Aspekte von Heimat
2.6.1 Heimat in der Literatur und in der Sprache
2.6.2 Heimat im Glauben und in der Religion
2.6.3 Heimat als „gutes Gefühl“
2.7 Die Bedeutung von Mythen, verbindender Tradition und Bräuchen und Festen für die Bindung zur Heimat
3. HEIMAT: EIN NATURWISSENSCHAFATLICHES THEMA?
3.1 Heimat als conditio sine qua non?
3.1.1 Die Bedürfnispyramide nach Maslow
3.2 Der Kulturbegriff
3.3 Kulturökologie: Natur und Kultur im Zusammenspiel
3.3.1 Das „Mängelwesen“ Mensch
3.4 Zum Begriff der Universalie im Zusammenhang mit der conditio humana
3.4.1 Ist der menschliche Wille frei?
3.4.2 Anlage und Umwelt EXKURS: Zur Stammes- und Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens
3.5 Sesshaftigkeit: Geburtsstunde der Territorialität?
3.6 Erkenntnisse soziobiologischer und ethologischer Forschung im Zusammenhang mit Territorialität EINSCHUB: Soziobiologie versus Ethologie Universalität der Territorialität
3.7 Heimatgefühle: Voraussetzung im gehirnorganischen Bereich
3.8 Gerüche und Geschmacksempfindungen als Auslöser heimatbezogener Gefühle
3.9 Prägungsvorgänge
3.10 Die Mutter-Kind-Bindung als Voraussetzung für andere Bindungsprozesse
4.1 Wesen und Funktion von Mode- oder Plastikwörtern
4.2 Der Identitätsbegriff
4.3 Wie entsteht Identität?
4.4 Denken und Gedächtnis als Grundlagen für ein Identitätsbewusstsein
4.5 Philosophisch-theoretische Überlegungen
4.6 Konzepte aus der Psychologie
4.6.1 Erik H. Eriksons Ich-Identität: ein psychoanalytisches Konzept
4.6.2 George H. Mead: Identität als gesellschaftlicher Prozess
4.6.3 Heiner Keupp: Identität als tägliche Knochenarbeit
4.7 Kollektive Identität
4.7.1 Das „Kollektive Gedächtnis“, die „Archetypen“ und das „Kulturelle Gedächtnis“
4.7.2 Die Theorie der sozialen Identität
4.7.3 Ein Streiflicht auf die Völkerpsychologie („Psychische Ethnologie“)
4.7.4 Der Völkergedanke bei Adolf Bastian (Hinweise)
4.7.5 Das Habituskonzept von Bourdieu
4.8 Politische Aspekte von Identität
4.8.1 Identitätspolitik und Ethnizität
Einschub: Psychologische Theorie der Entwicklung der ethnischen Identität im Individuum
4.8.2 Abschiedsgrüsse an den Nationalstaat – Der Nationalismus verwelkt dennoch nicht
4.8.3 Die europäische Identität
5. HEIMAT UND IDENTITÄT IM VERHÄLTNIS ZUM FREMDEN
5.2 Homo homini lupus?
5.3 Die Fremdwahrnehmung
5.4 Shifting-Identity
6. SYNOPSE: HEIMAT UND IDENTITÄT
Themenkomplexen oder Phänomenen, problematischen und phantomhaften Begriffen wie „Heimat“ oder „Identität“, kann man sich nicht mit einer bestimmten Theorie annähern; man vermag sie nicht in einen vorgezeichneten Rahmen pressen, anhand dessen sie dann restlos erklärt werden können – dies zu glauben wäre vermessen. Man wird sich von der vorliegenden Untersuchung auch keine abschließenden, befriedigenden Antworten auf jene Fragen erwarten dürfen, die in Zusammenhang mit diesen Begriffen auftauchen werden. Damit würde man der Komplexität nicht Rechnung tragen.
„Heimat“ und „Identität“ sind zwei beinahe inflationär verwendete Begriffe: Dies beweist beispielsweise die Eingabe der Wörter in die Internet-Suchmaschine „Google“, welche aktuell 459.000 Ergebnisse zu Identität und unglaubliche 1.480.000 Resultate für Heimat liefert![1] Allein diese Zahlen zeigen uns, dass über die zur Diskussion stehenden Themen bereits eine Unzahl von Artikeln und Büchern geschrieben, eine Menge Dinge gesagt und Gemeinplätze vergeben wurden. Diese Tatsache hätte eigentlich Grund genug sein können auf das Anfertigen einer weiteren Arbeit zu verzichten.
Als mein Diplomarbeitsbetreuer Univ. Prof. Dr. Karl R. Wernhart in einer seiner Vorlesungen sein Interesse daran bekundete, diesen Gegenstand von einem Studenten oder einer Studentin bearbeiten zu lassen, spürte ich dennoch große Lust, derjenige Student zu sein, der mit dieser Aufgabe betraut werden würde. Ich führe meine Motivation, mich mit dieser Thematik auseinander zu setzten auf zwei persönliche Schlüsselerlebnisse zurück, die ich daher kurz schildern möchte:
Ein besonders einschneidendes Erlebnis war für mich eine eintägige Schiffsreise von Triest ins griechische Igoumenitsa im Jahre 2000. Auf dem Schiff befanden sich vor allem Griechen, die in Deutschland und Österreich als Gastarbeiter oder schon in der zweiten Generation ihre neue Heimat gefunden hatten und nun ihren Urlaub in der alten Heimat oder der ihrer Eltern und Großeltern zu verbringen gedachten. Diese Menschen unterhielten sich wahlweise auf Griechisch oder Deutsch, wobei ich den Inhalt dieser Gespräche und die dialektmäßige Prägung leider nur dann verstehen und erahnen konnte, wenn sie miteinander Deutsch sprachen. Sie wechselten von einer Sekunde auf die andere die Sprache, während sie über Wien, Freistadt, Berlin oder Altötting oder von Orten in Griechenland sprachen. Hier wurde mir in besonderer Art und Weise klar, was es bedeuten muss, von zwei Kulturen und Sprachen geprägt zu sein, vielleicht zwei Heimaten zu haben. Ich konnte damals sozusagen „Ethnologie auf dem Schiff“ („Bordethnologie“) betreiben und der Besonderheiten dieser „Shipping-Identities“, wie ich sie in Anlehnung an die „Shifting-Identities“ genannt habe, gewahr werden.
Eine weitere persönliche Erfahrung, die ich in meinem persönlichen familiären Umfeld machen konnte ist jene mit zwei indischen Adoptivkindern. Auch hier sind beide Bereiche, Heimat und Identität berührt; diese Kinder, die in frühesten Jahren von einer Welt in die andere tauchten, setzten sich und werden sich, in einer Weise wie keine anderen Menschen mit sich und ihrer Identität auseinandersetzten, um eine für sie akzeptable Balance zu finden. Die Thematik fesselte mich so sehr, dass ich mich vor einigen Jahren dazu entschloss, in einem Seminar diesbezüglich eine Arbeit zu verfassen.
Die Schnittstellen zwischen Heimat und Fremde, eigener und fremder Identität sind für mich also nicht erst seit der Beschäftigung mit dem vorliegenden Elaborat von großem Interesse.
Die Inspirationen zu dieser Arbeit stammen keineswegs ausschließlich aus Werken, die als wissenschaftlich deklariert sind. Anstöße kamen aus Zeitungen, Interviews, aus dem Internet, ja sogar aus Werbungen, Filmen oder Photos, ergänzt durch Erzählungen und Diskussionen mit Freunden und Verwandten.
Die Arbeit an dieser Thematik hat mir in vielen Phasen Freude bereitet, in manchen Momenten habe ich aber zugegebenermaßen starke Gefühle von Unlust verspürt und jenen Tag verflucht, an dem ich mich entschlossen hatte, eine Karriere als Fußballer nicht weiter zu verfolgen, sondern mich meiner universitären Ausbildung zu widmen.
Nach diesen einleitenden Bemerkungen möchte ich der angenehmen Pflicht nachkommen, all jenen zu danken, die zum Zustandekommen und Gelingen des vorliegenden Schriftstückes in irgendeiner Form beigetragen haben. Zunächst möchte ich zum „historischen“ Kapitel meiner Danksagung kommen.
Isaac Newton (1643-1727) soll im Februar an seinen Kritiker Robert Hooke den berühmt gewordenen Satz geschrieben haben: „Wenn ich immer weiter blicken konnte als alle anderen, dann deswegen, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“ Das Zitat soll ursprünglich lediglich eine Anspielung auf Hookes gebeugte Haltung gewesen sein, vermerkt der Naturwissenschaftler Kevin Davies (2003) in seinen Dankesworten.[2]
Heute freilich verwendet man den Satz gerne, um den großen wissenschaftlichen Fundamenten, die unsere Vorgänger errichtet haben, den wohlverdienten Respekt entgegen zu bringen. Auch ich möchte am Beginn meiner Danksagung ihren Leistungen Tribut zollen: Denn die vorliegende Arbeit ist zugegebenermaßen – auch wenn das Wort nicht unbedingt einen positiven Beigeschmack hat – eine eklektizistische, wobei aber der Versuch, die Ideen und Gedanken vieler großer Gelehrter in einen Zusammenhang zu bringen, erkennbar sein sollte. Durch das Arrangement von vielen Erkenntnissen und Theorien ist vielleicht etwas Neues entstanden.
Nun werde ich zum „persönlichen“ Teil meiner Dankesworte kommen, vielleicht dem schönsten Teil meiner Arbeit an dieser Diplomarbeit:
In erster Linie gebührt mein Dank meinen Eltern, die mich auf allen Unwegsamkeiten meiner bisherigen Ausbildung mit großer Toleranz und liebevoller Anteilnahme begleiteten und mir, abgesehen von der großzügigen finanziellen Unterstützung auch sonst stets mit Rat und Tat und großem Einfühlungsvermögen zur Seite standen.
Mein Vater hat sich zudem als geflissentlicher Lektor und Redakteur der folgenden Seiten Sporen verdient und mich mit konstruktiver Kritik auf Widersprüche und Unklarheiten hingewiesen, wofür ich ihm meinen Dank aussprechen möchte.
Von jenen Personen, die mich über das ganze Studium hinweg in allem unterstützt haben und mir immer das Gefühl gaben, für mich da zu sein, möchte ich besonders meine „große“ Schwester Eva und meine liebe Isi, die in meinem Leben zu einer uferlosen Heimat geworden ist, die keine geographischen Grenzen kennt, hervorheben.
Außerdem möchte ich allen anderen Freunden, Bekannten und Verwandten danken, die mir seelisch die Kraft gaben, angesichts des Berges von Material und der Talsohlen der Ernüchterung und Verbitterung nicht die Flucht anzutreten und zu resignieren, sondern die Sache mit Leidenschaft zu einem Ende zu bringen. Die Begegnungen und Gespräche mit diesen Menschen haben mir immer wieder dabei geholfen, mich zu zerstreuen.
Abschließend gilt mein besonderer Dank meinem sehr geschätzten Diplomarbeitsbetreuer Univ. Prof. Dr. Karl R. Wernhart, der mir jede erdenkliche Freiheit hinsichtlich der Ausarbeitung meines Themas ließ, mir aber immer wieder nützliche Anregungen, Inspirationen und Hinweise gab. Ich habe mich trotz dieses Freiraums nicht alleingelassen gefühlt und immer das Gefühl gehabt, dass mir im Fall der Fälle seine Hilfe sicher sein würde. Ich möchte ihm dafür danken, dass bei ihm der Mensch, mit seinen Problemen und Sorgen, an erster Stelle steht.
Die vorliegende Arbeit stellt den Versuch dar, die in diesem Zusammenhang diagnostizierbare „babylonische Sprachverwirrung“ um die elastischen und polyvalenten Begriffe Heimat und Identität ein wenig aufzulösen und auf deren synonymen Gebrauch einzugehen. Der lange Zeit verpönte und totgesagte Begriff Heimat feiert heute eine unerwartete Wiederauferstehung, manchmal vermag er nach wie vor zu provozieren. Heimat wurde in den letzten Jahrzehnten immer mehr zum Wirtschaftsfaktor und auf diesem Weg nicht selten durch kitschige Phantasmagorien entstellt; die Regionalkultur erlebt in den Zeiten der Globalisierung paradoxerweise einen neuen Aufschwung. Auch der Begriff Identität ist in aller Munde, manche warnen vor dem Verlust von Identität, andere diskutieren über die Abschaffung des Begriffes. Nach Meinung des Autors ist eine Tabuisierung oder Abschaffung von Begriffen jedoch nur dann sinnvoll, wenn es bessere Alternativen zu ihnen gibt. Solche sind nicht in Sicht.
Die vorliegende Arbeit beabsichtigt keine allgemeingültigen Bedeutungskonkretisierungen oder gar endgültige Definitionen der zur Diskussion stehenden Begriffe, ihr Ziel und Anliegen ist vielmehr, zur Illumination bestimmter Aspekte in diesem Zusammenhang beizutragen und auf Probleme und Gefahren hinzuweisen. Weiters soll versucht werden Schnittstellen und Zusammenhänge auszuloten.
Sowohl die Themenstellung(en), als auch die Forschungsfrage gehen bereits aus dem Titel der Arbeit „Identität = Heimat?“ hervor. Es wird die Aufgabe des Autors sein, zunächst beide Begriffe genau zu analysieren, bevor daran gedacht werden kann, eventuelle Zusammenhänge in einer Zusammenschau herauszuarbeiten und zu erörtern. Es geht im Kern um die - auch politisch - brisante Frage, ob oder in welcher Weise beide Begriffe in ein Relational- oder Deckungsverhältnis gebracht werden können.
Zum Begriff Heimat ist zu sagen, dass seine Geschichte eine relativ junge ist. Erst vor etwas mehr als hundert Jahren wurde er popularisiert und erlangte dabei eine starke emotionale Konnotation. Noch viel jünger als seine Begriffsgeschichte liest sich aber die Geschichte der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat, denn aufgrund der starken Verknüpfung mit „Blut und Boden“ – Ideologien in der Zeit des Nationalsozialismus war es schlicht und einfach nicht en vogue. In den letzten Jahrzehnten wurde zwar vieles, oft kritisches geschrieben, wobei einmal dieser und einmal jener Aspekt apostrophiert wurde, erschöpfende, multiperspektivische Betrachtungen des Phänomens blieben dennoch eine Rarität. Ganz anders verhält es sich mit der Identitätsthematik. Diese hat Forscher verschiedenster Disziplinen dazu angeregt, Theorien und Ideengebäude, bezogen auf das Subjekt und auf Kollektive, zu entwerfen; wir werden später auf einige wichtige Modelle zu sprechen kommen. Was den Zusammenhang von Heimat und Identität anbelangt, so ist die Forschungssituation sehr dünn: Sieht man von einigen volkskundlichen Reflexionen und einer humangeographischen Betrachtung ab, werden Schnittstellen zwischen den beiden Konstrukten kaum oder nur mit jeweils kurzen Bemerkungen thematisiert. Angesichts der im alltäglichen Diskurs und in der politischen Propaganda doch mit einiger Regelmäßigkeit hergestellten Bezüge zwischen den Begriffen, ist dieses wissenschaftliche Vakuum einigermaßen überraschend.
In den Naturwissenschaften würde man methodisch auf der Basis von wissenschaftlichen Experimenten mit Hilfe unterschiedlicher Bedingungen und Abhängigkeiten versuchen, in das Wesen des zu untersuchenden Gegenstandes einzudringen, allein die Möglichkeiten dieser Herangehensweise sind in den Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, wenn es darum ginge Massenphänomenen experimentell auf den Grund zu gehen, nachgerade äußerst beschränkt. In diesem Sinne findet für uns das Experiment in der historischen und rezenten Realität statt. Eine weitere Möglichkeit wäre die Konzeption und Anwendung mehr oder weniger standardisierter Fragebögen, die eine hohe Anzahl von Befragten erforderlich machen würden. In dieser Arbeit wird auch von dieser Möglichkeit kein Gebrauch gemacht: Es handelt sich bei vorliegender Darstellung um eine reine Theoriearbeit, die auf der Basis des bisher zum Thema Geschriebenen und Gesagten aufbaut. Die wiedergegebenen Ansichten verschiedener Autoren sind zum Teil widersprüchlich und spiegeln nicht immer die Meinung des Verfassers dieser Arbeit wider, was sich in kritischen Äußerungen zu verschiedenen Punkten zeigen wird.
Angesichts der (Un)menge an Literatur besteht die vordringliche Problematik einmal darin, eine Selektion vorzunehmen, welche in jedem Fall subjektiv sein muss. Es stellte sich die Frage, ob man die Rezeption auf die Literatur einer bestimmten Disziplin eingrenzen würde können. Nach dem Befund des Autors würde man durch eine solche Beschränkung der Komplexität und Vielschichtigkeit der Thematik nicht Rechnung tragen können. Daher wurde der Versuch gemacht, eine interdisziplinäre Methode (Vorgehensweise) zu wählen und dabei verschiedene Bereiche zu verknüpfen, die bisher nur Gegenstand isolierter Betrachtung waren. Erkenntnisse folgender Wissenschaften wurden herangezogen: Ethnologie, Volkskunde, Philosophie, Anthropologie, Human- und Soziobiologie, Ethologie, Soziologie, Psychologie, Geschichte, Politikwissenschaft und Theologie. Dass diesem Unternehmen daher eklektizistische Züge anhaften, ist nicht zu vermeiden, es wurde letztlich aber der vielfach propagierten Forderung, interdisziplinär zu arbeiten entsprochen.
Ein besonderes und wohl nicht immer gelungenes Kunststück im Rahmen der auf die Rezeption der Literatur folgenden Aufbereitung des gesammelten Materials lag darin, sich nicht in barocken Ausuferungen und Weitschweifigkeiten zu verlieren. Das Interesse an einzelnen Aspekten und der Wunsch, vieles zu sagen, überwogen nicht selten die rationale Intention, Sachverhalte in kurzer und bündiger Form auf den Punkt zu bringen – dies muss selbstkritisch angemerkt werden. Jedoch stand eine andere Forderung ständig im Raum, nämlich sich vor den „terribles simplifications“ zu hüten.
Prinzipiell wurden in der vorliegenden Arbeit die Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung angewandt, soweit sie dem Computerprogramm und dem Autor selbst bekannt waren bzw. soweit sie dem Autor nicht als missverständlich erscheinen (wie etwa wohlbekannt statt wohl bekannt).
Zunächst einmal sei die Zitierweise des Autors erklärt. Der Nachweis der Quellen erfolgt jeweils im fließenden Text, wobei die Referenzwerke im Literaturverzeichnis zu finden sind. Was die Rechtschreibung bei den Zitaten anbelangt, so werden einerseits die Regeln der entsprechenden Orthographie genau beachtet, das heißt es erfolgt eine originalgetreue Wiedergabe, andererseits werden Hervorhebungen und Abkürzungen nur dann verwendet, wenn sie sich auch im Originaltext finden. In einigen Fällen wurden englischsprachige Zitate wortgetreu wiedergegeben. Von einer Übersetzung ins Deutsche wurde abgesehen, weil vorausgesetzt werden darf, dass der Leser oder die Leserin der Fremdsprache Englisch mächtig ist.
Auf die Anlegung von Fußnoten wurde weitgehend verzichtet, in manchen Fällen erschien es aber doch sinnvoll, etwas unter dem Text näher zu erklären, weiter zu spezifizieren bzw. eine Zusatzinformation anzufügen.
Zuletzt sei darauf hingewiesen, dass Begriffe wie etwa die Österreicher oder die Wissenschafter zumeist eine geschlechtsneutrale Bedeutung haben, d.h. dass mit ihnen selbstverständlich beide Geschlechter gemeint sind. Auf die Verwendung des so genannten „Binnen-I“ wurde aus ästhetischen Gesichtspunkten und Gründen der Lesbarkeit verzichtet.
Die Tatsache, dass es sich bei den Schlüsselwörtern „Heimat“ und „Identität“ um schwer fassbare bzw. schwierig zu definierende Begriffe oder Konstrukte handelt, deren Bedeutungen über die Zeit hinweg unklar und uneindeutig waren, eröffnet uns theoretisch dreierlei Optionen, die allgemein im Umgang mit „schwierigen“ oder „komplizierten“ Begriffen zu bestehen scheinen: Zum einen besteht die Möglichkeit, unscharfe Begriffe zu meiden, so zu tun als gäbe es sie nicht. Diese „Strategie“ wird nicht selten von wissenschaftlicher Seite auch eingehalten, indem tabuisierte Wörter tatsächlich erfolgreich ausgesperrt werden, aus dem nicht-wissenschaftlichen, alltäglichen Sprachgebrauch lassen sich Vokabel wie „Heimat“ jedoch nicht leicht verdrängen. Ein zweiter Weg besteht darin, zu versuchen eine möglichst enge, eindimensionale, auf eine Qualität begrenzte Definition vorzunehmen, wobei es eben die Eigenart derartiger Begriffe ist, dass man ihrer Vielschichtigkeit und Bandbreite damit nicht gerecht zu werden droht. So bleibt noch eine dritte Möglichkeit, die nichts anderes als den Versuch darstellt, sozusagen durch das Kaleidoskop auf den jeweiligen Begriff zu blicken und seine facettenartig anmutenden Bedeutungsinhalte in einer multiperspektivischen Untersuchung zu charakterisieren (vgl. Bausinger 1984, 11f.). Die Anwendung dieser Strategie bedingt, dass eine Annäherung an die Begriffe durch die Hintertür, um nicht zu sagen über die Hintertreppe, zu erfolgen haben wird. Gerade jene Begriffe, denen gegenüber ambivalente Meinungen und Einschätzungen bestehen, die die einen für unbedingt notwendig, die anderen für geradezu verzichtbar halten, bergen ein großes Maß an Spannung und Diskussionsstoff.
Die vorliegende Arbeit lässt sich in vier Teile untergliedern: Im ersten Teil (Kapitel 2 und Kapitel 3) wird es um die Thematik Heimat gehen, im zweiten Teil (Kapitel 4) werden wir uns mit Fragen individueller und kollektiver Identität beschäftigen, bevor wir im dritten Teil (Kapitel 5) Heimat und Identität in Relation zum Fremden, zur Alterität setzten wollen. Der vierte Teil (Kapitel 6) soll sich der schwierigen Aufgabe widmen, eventuelle Zusammenhänge, Gemeinsamkeiten, aber auch Widersprüche zwischen den zur Diskussion stehenden Begriffen auszuloten und zu erörtern.
Nach der groben Darstellung des Aufbaus der Abhandlung soll nun eine etwas detailliertere Vorstellung der einzelnen Bereiche erfolgen, damit der Leser sich einen Überblick über die behandelten Themen, Konzepte und Theorien verschaffen und gleichsam ein Verständnis für die Auseinandersetzung mit ihnen erhalten kann.
In Kapitel 1 wollen wir uns dem Thema Heimat einmal annähern: Hiefür ist es unabdingbar, den Heimatbegriff mit seiner Etymologie und Begriffsgeschichte, die im Rahmen eines Streifzuges durch lexikalische Standardwerke näher gebracht werden soll, zu analysieren. Der Begriffsgeschichte wurde ein recht großer Raum gewidmet, weil anhand einer genauen Darstellung der Bedeutungswandel des Begriffes Heimat nachvollzogen werden kann. Anschließend geht es um das Herausarbeiten der historischen und aktuellen Ideologisierung von Heimat. Es wird versucht, einen weiten Bogen von den Anfängen der deutschen Heimatbewegung über den Missbrauch des Begriffes in der Zeit des Nationalsozialismus bis zur gegenwärtigen Politisierung von Heimat zu spannen.
In der Folge wird von subjektiven Aspekten von Heimat die Rede sein, von Heimaterfahrungen, die nicht auf örtlich-räumliche Strukturen fokussiert sind, sondern durch andere Hintergründe genährt werden. Der letzte Aspekt in diesem Kapitel hat jene Bereiche zum Inhalt, die zu einer Festigung der Bindung an Orte beitragen können.
In Kapitel 2 wird der Frage nachgegangen, ob es für Heimatgefühle, vor allem aber raumgebundenes Verhalten naturwissenschaftliche Erklärungen gibt. Wir werden zum Zwecke dieser Untersuchung einige Exkurse machen müssen, die dem Verfasser im Hinblick auf eine profunde Auseinandersetzung mit der Thematik jedoch notwendig erscheinen.
Es wird sich die Frage stellen (Kapitel 3), ob das Bedürfnis nach Heimat, welches zu Beginn mit jenem nach Sicherheit in Zusammenhang gebracht werden wird, ob Heimatgefühle Universalien menschlicher Existenz darstellen. Die Besonderheit der conditio humana, die den Menschen als Natur- und Kulturwesen charakterisiert, wird einer genauen Analyse unterzogen, wofür die Klärung des Kulturbegriffes eine notwendige Voraussetzung ist. Das Verhältnis des Menschen zur Natur und die Wechselwirkungsprozesse, die dieses Verhältnis prägen, sollen durch die Darstellung der Disziplin Kulturökologie einer Betrachtung unterzogen werden, bevor die Sichtweise des Menschen als „Mängelwesen“ wiedergegeben wird.
Nach der Auseinandersetzung mit dem Universalienbegriff wird nun eine Perspektive des Menschen als Natur- und Kulturwesen geboten, wobei mit einem ausführlichen Kapitel auf den Aspekt der Willensfreiheit eingegangen und in einem weitern Abschnitt die Anlage-Umwelt-Problematik thematisiert wird.
In der Folge soll die Sonderstellung des Menschen mit Hilfe eines Exkurses zu seiner Stammes- und Entwicklungsgeschichte weiter spezifiziert werden. Nun erst können wir uns mit territorialen Verhaltensweisen beim Menschen befassen. Zunächst ist die Frage, ob Territorialität beim Menschen schon immer vorhanden war oder erst mit der Sesshaftigkeit erworben wurde, von Interesse. Danach werden zwei Disziplinen, zum einen die Soziobiologie und zum anderen die Ethologie vorgestellt, weil diese sich mit dem Phänomen Territorialität bei den Tieren und bei den Menschen ausführlich auseinandergesetzt haben. Die Erkenntnisse der beiden Wissenschaften werden nachfolgend sehr detailliert präsentiert und partiell auch kritisiert.
Das naturwissenschaftliche Kapitel wird durch weitere Abschnitte ergänzt, die Hinweise dafür geben sollen, dass Heimatempfindung als Teil der conditio humana besonderer Voraussetzungen im gehirnorganischen Bereich bedarf und mit Erlebnissen in der frühesten Kindheit steht. Damit ist der erste Teil zum Thema Heimat, bestehend aus Kapitel 2 und 3 abgeschlossen.
Der zweite Teil der Abhandlung oder Kapitel 4 beschäftigt sich mit dem großen Themenkomplex Identität. Eingangs wird auf den hohen Grad an Unschärfe in Zusammenhang mit dem Begriff Identität hingewiesen und seine etymologische Herleitung wiedergegeben. In der Folge werden das Denken und das Gedächtnis als Grundlagen für das Entstehen von Identität, für Identitfikationsprozesse gedeutet.
Im nächsten Abschnitt werden einige philosophisch-theoretische Überlegungen zu Identität berichtet, bevor wichtige Konzepte aus der Psychologie behandelt werden. Es geht in diesen Konzepten zunächst um die individuelle Identität des Menschen, die aber in allen Konzepten auch mit dem Überindividuellen, mit Kultur und Gesellschaft in Verbindung gebracht wird. Anschließend werden kollektive Identitäten zur Sprache gebracht und auf Problembereiche, die dem Thema immanent sind, hingewiesen. Nun werden zahlreiche Konzepte und Theorien von Vertretern verschiedenster Disziplinen dargestellt, die kollektives Denken, Fühlen und Handeln zum Inhalt haben, auf die hier nicht näher eingegangen werden muss.
Den Abschluss dieses zweiten Teiles bildet die Behandlung und Diskussion einiger politischen Aspekte, die bei der Konstruktion von kollektiven Identitäten von Bedeutung zu sein scheinen. Zunächst wird auf die Identitätspolitik in Zusammenhang mit Ethnizität, die anhand von klassischen Theorien in Bezug auf das Ethnos umschrieben wird, eingegangen. Es wird auch eine psychologische Theorie der Entwicklung ethnischer Identität im Individuum vorgestellt. Anschließend werden wir Parameter und Aspekte nationaler Identität ins Auge fassen, bevor wir uns beispielhaft der europäischen Identität zuwenden wollen.
Im folgenden dritten Teil (Kapitel 5) werden Heimat und Identität erstmals, wenn auch indirekt, miteinander in Verbindung gebracht. Beide Konstrukte werden nämlich in Relation zur Alterität gesetzt. Es wird auf bestimmte Aspekte, wie Globalisierung oder die Angst vor dem Fremden eingegangen, weil Situationen, in denen Heimat und Identität bedroht gesehen werden, diese Konstrukte erst konkret werden lassen. Anschließend werden die verschieden Ebenen der Fremdwahrnehmung, angelehnt an Schäffter (1991) dargestellt, bevor wir in einem weiteren Punkt die Erfahrung und das Erleben von zwei verschiedenen Identitäten, Stichwort „Shifting-Identity“, ansprechen wollen.
Der letzte Teil (Kapitel 6) wird eine Synopse sein, in der der Autor versuchen wird, Schnittstellen zwischen Heimat und Identität herauszuarbeiten und eine Antwort auf die eingangs gestellte Forschungsfrage zu finden. Weiters sollen wichtige Punke des bisher Gesagten in einen lebhaften und sinnvollen Zusammenhang gebracht werden.
Mit der Schlussbemerkung (Kapitel 7) soll die vorliegende Arbeit abgerundet werden.
’Weh dem, der keine Heimat hat.‘ (Friedrich Nietzsche)
In den folgenden Kapiteln wird eine Annäherung an den Begriff Heimat gesucht. Zuerst wollen wir auf die Vielschichtigkeit des Begriffs hinweisen, anschließend die Etymologie des Wortes betrachten, bevor wir uns auf einen Streifzug durch lexikalische Werke begeben werden. In der Folge sollen die Unterschiede zwischen Heimatbewegung und Regionalismus herausgearbeitet werden; die deutsche Heimatbewegung im speziellen wird anschließend dargestellt. Bevor wir auf subjektive Aspekte von Heimat und die Bedeutung von Mythen und Bräuchen in diesem Zusammenhang zu sprechen kommen, wird der Missbrauch des Begriffes zu beleuchten sein.
„Heimat“ ist einer jener Begriffe, die sich besonders schwer definieren lassen. Der Grund mag wohl darin liegen, dass es sich um einen Begriff handelt, mit dem die Menschen entsprechend ihrer individuellen Erfahrungen unterschiedliche Gefühle verbinden – kurz die individuell-emotionale Komponente des Begriffs ermöglicht keine allgemein gültige Definition (vgl. Mertens 2001: 43). Die begriffliche Bedeutung des Wortes für den Einzelnen scheint sich aus der spezifisch, individuell-biographischen Situation zu ergeben, die Vorstellungen von Heimat sind daher interindividuell, aber auch intraindividuell verschieden und veränderlich, sie werden geprägt durch Landschaft, Sprache, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, vor allem aber auch durch die individuelle Befindlichkeit. Man könnte somit sagen, „Heimat“ kann nicht nur neu gefunden sondern auch immer wieder neu erfunden werden. Das Definitionsproblem ersparen sich viele politische Lexika und Handbücher[3], indem sie das Wort erst gar nicht aufnehmen (ebd.).
Wohl kaum ein Begriff in der deutschen Sprache ist also derartig „gefühlsbeladen“ wie das Wort „Heimat“, kaum ein anderer Begriff hat einen so starken subjektiven Gehalt. Der Begriff hat in anderen Sprachen Entsprechungen oder besser gesagt Übersetzungen (z.B. „rodina“ auf Russisch, „vatan“ auf Türkisch, „home“ auf Englisch oder „la patria chica“ auf Spanisch), inwieweit mit ihnen Emotionen verbunden werden, vermögen wir nicht zu beurteilen, auf Heimatliebe haben wir Deutschsprachigen jedenfalls keine Erbpacht, sie ist universell menschlich (vgl. Pieper & Haderer 1991: 9). Die Darstellung der Etymologie des Wortes und seine Begriffsgeschichte sowie die folgenden Kapitel sollen Hinweise zur Klärung der Frage geben, warum wir, wenn wir das Wort auch nur hören oder lesen emotional bewegt werden bzw. zumindest nicht völlig unberührt bleiben. Eine einzig richtige Definition von „Heimat“ kann es angesichts der Affinität zu Emotionen sicher nicht geben. Noch pessimistischer urteilt Riedmann (1991: 35), wenn er sagt „Heimat“ sei ein „ausgeprägter deutscher Seelenwert mit Mehrdeutigkeit, der begrifflich nicht schlüssig gefasst werden kann“.
Das Wort „Heimat“ wird als eine alte Ableitung (vgl. Der Duden, Bd. 7, 1989: 276; siehe „Heim“) bzw. Weiterbildung (vgl. Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 4, 1995: 1364) des gemeingermanischen[4] Wortes „Heim“ betrachtet, welches sich im Mhd. und Ahd. als heim mit den Bedeutungen „Haus, Wohnort, Heimat“, im Got.[5] als heims in der Bedeutung von „Dorf“ findet. Parallel sind dazu engl. home für „Haus, Wohnung, Aufenthaltsort, Heimat“ und das schwed. hem in den Bedeutungen von „Haus, Wohnung, Heimat“ zu betrachten. „Heim“ ist eine Substantivbildung zur idg. Wurzel * kei-, was soviel bedeutet wie „liegen“. Die ursprüngliche Bedeutung des Substantivs „Heim“ ist daher „Ort, wo man sich niederlässt, Lager“. Auch in anderen idg. Sprachen finden sich „Verwandte“ dieses Wortes, nämlich z.B. griech. kōmē („Dorf“) oder die baltoslaw. „Sippe“, die auf russ. sem’ja („Familie“) zurückzuführen ist (Der Duden, Bd. 7, 1989: 276; siehe „Heim“). Die Ableitung „Heimat“ geht zurück auf „ahd. heimōti, -uot(e), -üete n.f., mhd. hēmōde n.f. (got. nur die im zweiten Glied abweichende Zusammensetzung haimō li n. ’Grundbesitz’, die in ahd. heimōdil, oberösterr. hoamatl n. ’Gut, Anwesen’ wiederkehrt)“ (Kluge 1963: 299; siehe „Heimat“). In der aktuellen Auflage dieses Herkunftswörterbuches (vgl. Kluge 2002: 402; siehe „Heimat“) wird die ursprüngliche Bedeutung mit ‚ungefähr Stammsitz‘ “ übersetzt, ein zweiter Bestandteil sei unklar, „besonders im Vergleich mit ahd. heimuodil, heimōdil m., gt. haimōÞli gleicher Bedeutung, die semantisch zwar zu *oÞhala- ´Erbbeseitz` gehören, aber lautlich (Mittelvokal) nicht dazu stimmen“ (ebd.). Die Ableitung „heimat ist seit dem 15. jahrh. aus verschiedenen gegenden nachweisbar […], LUTHER braucht diese form, ebenso kennt sie MAALER“ (Grimm, Bd. 4, 1877: Sp. 864; siehe „Heimat“). Heute ist das Wort „Heimat“ auf das dt. Sprachgebiet beschränkt, die Ableitung heimatlich ist ab dem 18. Jahrhundert bekannt (Der Duden, Bd. 7, 1989: 276; siehe „Heimat“). In Bezug auf das Geschlecht des Wortes wird festgehalten, es „ist ursprünglich nur [ein] neutrales gewesen, bereits im mhd. entwickelt sich daneben das weibliche und erscheint bald häufig“ (Grimm, Bd. 4, 1877: Sp. 865; siehe “Heimat“). Im 16. Jh. Ist die Verwendung als Neutrum weiterhin häufig, ebenso ist es auch im 17. Jh. in dieser Form wenigstens gebräuchlich (ebd.). Das Geschlecht des Wortes schwankt zwischen Neutrum und Femininum, „bis das N. seit dem 18 Jh. auf mundartlichen Gebrauch beschränkt wird“ (Trübners Deutsches Wörterbuch, Bd. 3, 1939: 387; siehe „Heimat“). „Noch jetzt ist das neutrale geschlecht mundartlich vielfach ausschlieszlich üblich, so z.B. in Hessen das heimed, hêmed, bair. das haimât, plur. die haimâter, ebenso in Kärnthen hâmat“ (Grimm, Bd. 4, 1877: 865; siehe „Heimat“). In der heutigen deutschen Standard- und Hochsprache ist das Wort „Heimat“ ausschließlich als Femininum in Gebrauch (Bastian 1995: 22).
Bausinger (1984: 11) bezeichnet die Begriffgeschichte von „Heimat“ in seinem Essay „Auf dem Wege zu einem neuen, aktiven Heimatverständnis“ zu Recht als Problemgeschichte. Er vergleicht die Problematik der Definition von „Heimat“ mit den Betrachtungen von Augustinus über das Problem der Zeit. Da fragt Augustinus: „Was ist also die Zeit?“ Und er antwortet darauf: „Solange mich niemand danach fragt ist mir, als wüßte ich es; fragt man mich aber und soll ich es erklären, dann weiß ich es nicht mehr.“
Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „Heimat“. Insbesondere die Durchschau der gesammelten Belege im Deutschen Wörterbuch der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm (Bd. 4, 1877: Sp. 864ff., siehe „Heimat“) lässt augenscheinlich werden, dass die Bedeutung schon früh und über die Jahrhunderte, sowie in unterschiedlichen Gegenden immer variierte. Daher sollen die reichhaltigen Befunde des Grimmschen Nachschlagwerkes den nachfolgenden lexikalischen Definitionsversuchen, welche zum Teil spezielle Aspekte in den Vordergrund zu rücken scheinen, vorangestellt werden.
Im Grimmschen Wörterbuch werden vier Bedeutungsschwerpunkte akzentuiert: so wurde mit „Heimat“ einerseits im engen Sinne ein Ort, nämlich der der Geburt oder eines ständigen Wohnsitzes gemeint (ebd.: Sp. 865), andererseits darunter in einer weiteren räumlichen Definition „das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden aufenthalt hat“ (ebd.) bezeichnet. Eine dritte Bedeutung beinhaltete einen besitzanzeigenden Aspekt, denn „selbst das elterliche haus und besitzthum heiszt so, in Baiern [...], woraus der sinn haus und hof, besitzthum überhaupt sich ausbildet, auszer in Baiern namentlich auch in der Schweiz […]“ (ebd.). Bei Jeremias Gotthelf[6] ist z.B. zu lesen: „Das neue Heimat kostet ihn wohl 10 000 Gulden“ (Gotthelf 1854: 19, zit. nach Bausinger 1984: 12), womit das Augenmerk auf den ökonomischen Wert gelegt wird. Weiters arbeiten die Brüder Grimm (Bd. 4, 1877: Sp. 866; siehe „Heimat“) eine Verwendung des Begriffs in „freier Anwendung“ heraus, nämlich sowohl „dichterisch“ als auch in „Redensarten“ bzw. im Sinne eines zusätzlichen Bedeutungsschwerpunktes als Synonym für „Himmel“. Damit werden die Grenzen der irdischen Welt durchbrochen, es wird eine räumlich nicht mehr fassbare Dimension in die Semantik des Wortes einbezogen, eine Verlagerung in die Transzendenz vollzogen. Dadurch muss sich konsequenterweise auch die Bedeutung eines Daseins auf der Erde wandeln, „dem christen ist der himmel die heimat, im gegensatz zur erde, auf der er als gast oder fremdling weilt […]“ (ebd.). In einem Lied aus dem Jahre 1666 von Paul Gerhardt[7] heißt es etwa „Mein Heimat ist dort droben“ (Bausinger 1984: 12).
Dem juristischen und rechtsbegründenden Charakter von „Heimat“, nämlich dem Recht auf „Heimat“ bzw. „Heimatrecht“[8] wird in vielen Abhandlungen des 19. Jahrhunderts breiter Raum gewidmet.
In einem etwas früher publizierten Nachschlagewerk, der „Allgemeinen deutschen Real=Encyklopädie für die gebildeten Stände“ heißt es beispielsweise einleitend:
„Heimat, d.h. der Geburtsort eines Menschen, ist da, wo ihm, wenn er sonst nirgends ein Unterkommen findet, Armenpflege und die letzte Ruhestätte gewährt werden müssen. In seiner Heimat müssen ihm diejenigen Rechte zugestanden werden, welche zur physischen und bürgerlichen Existenz gehören, die Aufnahme zum Orts= und Staatsbürger, wenn er die allgemeinen Bedingungen erfüllt, die Betreibung erlaubter Gewerbe, die Erlangung öffentlicher Ämter und Würden, wenn er sich dazu fähig gemacht hat, die Gründung eines eigenen Hauswesens und einer Familie, und die Versorgung, wenn er verarmt ist“ (Real=Encyklopädie, Bd. 5, 1843: 166; siehe „Heimat“).
Das historische Heimatrecht ist ein (geburts)ortsbezogenes oder gemeindebezogenes Recht, das „immer seine Geltung behält, und selbst wenn es freiwillig aufgegeben wurde wacht es wieder auf z.B. bei Ausgewanderten, die nirgends anders unterkommen können“ (ebd.). Jedoch werden mit dem Heimatrecht nicht nur Rechte begründet, sondern es erwachsen daraus auch Pflichten, der Bürger bleibt der Heimat auch im Ausland verpflichtet und er „darf auch im Auslande keine Handlung begehen, wodurch die Gesetze und Rechte der Heimat verletzt werden […]“ (ebd.). Heimatrecht wurde allerdings nicht allein im Zusammenhang mit dem Geburtsort verstanden, sondern konnte auch durch Erfüllung entsprechender Bedingungen geltend gemacht werden, woraus sich eine Problematik ergab, die gerade in der unmittelbaren Gegenwart von eminenter Bedeutung ist, nämlich der Umgang mit Zugezogenen, mit Ausländern und Fremden. In der Real=Encyklopädie (Bd. 5, 1843: 166f.) heißt es weiter:
„Am Schwierigsten gehen einzelne Orte daran, Fremden das Heimatrecht durch Aufnahme zu bewilligen, weil sie immer an die Möglichkeit denken, dass die Versorgung Derer, welche etwa verarmen der Ortsgemeinde zur Last fällt. Da nun nach einem beinahe allgemeinen Princip der selbständige Aufenthalt an einem Orte, mit eigner Wohnung und Haushaltung, wenn er eine gewisse Reihe von Jahren gedauert hat, das Heimatrecht gibt, so sind die Gemeinden sehr wachsam, Auswärtige, welche auf irgend eine Weise einen vorübergehenden Aufenthalt im Orte haben, vor Ablauf dieser Zeit zu entfernen, wodurch nicht selten die ganze bürgerliche Existenz einer redlichen und arbeitsamen Familie ohne alle Nothwendigkeit vernichtet wird.“
Eine weitere Schwierigkeit ergab sich daraus, dass die Gesetzeslage in Bezug auf die Zuerkennung bzw. den Verlust des Heimatrechtes alles andere als einheitlich war (ebd.: 167), weshalb das Schicksal der „Heimatlosigkeit“ und die daraus resultierende Nichtintegration in ein Versorgungssystem für viele Menschen eine veritable Bedrohung darstellte. Bei den „Heimatlosen“ handelte es sich also um Menschen, die nicht im Besitz von Haus und Hof, bzw. Grund und Boden waren (Bausinger 1980: 11f.). Das Heimatrecht begründete historisch auf der einen Seite zwar einen Versorgungsanspruch, wurde auf der anderen Seite aber auch als Ausschlussprinzip angewendet: es entsprach dem Konzept für eine Gesellschaft, die nicht von Mobilität geprägt war, sondern die vielmehr auf einer stationären Struktur basierte, an deren Rändern die Zahl der Heimatlosen, Bettelleute und Landstreicher ständig im Ansteigen war (Bausinger 1984: 13f.). Mit der zunehmenden Mobilisierung der arbeitenden Bevölkerung, eingeleitet durch die Prozesse der Industrialisierung, war das auf dem „Heimatrecht“ basierende Versorgungs- und Sicherungssystem nicht mehr ausreichend bzw. zweckmäßig. Dieser Tatsache wurde ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der staatlichen Gesetzgebung Rechnung getragen, von der deutschen Reichsgesetzgebung etwa wurde „das allgemeine Rechtsbewußtsein im Reiche mit der erweiterten Bewegung des öffentlichen Verkehrs über die isolierten kleinen Armenbezirke hinausgeführt, ohne das Grundprincip der zu localisierenden Armenpflege zu beseitigen. Das Problem wird auf ein weiteres Gebiet übertragen; es handelt sich jetzt um eine principielle Ausgleichung zwischen Zugfreiheit und Armenpflege […]“ (Conversations-Lexikon, Bd. 8, 1877: 94f.; siehe „Heimat“). Das Niederlassungsrecht wurde sukzessive neu gestaltet und das Heimatrecht verlor zunehmend an praktischer Bedeutung und musste in Richtung eines „Bürgerrechts“ modifiziert werden, der Mensch sollte zum Citoyen werden. Die Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes regelte das „Niederlassungsrecht auf den Grundlagen der Freizügigkeit, Gewerbe= und Verehelichungsfreiheit“ (Meyers Lexikon, Bd. 5, 1926: Sp. 1307f.; siehe „Heimat“) mit dem Freizügigkeitsgesetz von 1867, das die allgemeinen rechtlichen Verhältnisse des Aufenthalts regelte und 1870 zum Reichsgesetz erklärt wurde, und dem Unterstützungswohnsitzgesetz aus dem Jahre 1870. Nach § 9 dieses Gesetzes wird der so genannte Unterstützungswohnsitz durch Aufenthalt (§10: Wer innerhalb eines Ortsarmenverbandes nach zurückgelegtem 24. Lebensjahre zwei Jahre lang ununterbrochen seinen Aufenthalt gehabt hat, erwirbt dadurch in demselben den Unterstützungswohnsitz), Verehelichung und Abstammung (Conversations-Lexikon, Bd. 8, 1877: 95; siehe „Heimat“). Auch in Bayern, wo auf Grund eines entsprechenden Gesetzes (1868; neue Fassung 1899) die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde noch länger eine gewisse Bedeutung hatte, wurde 1913 der Unterstützungswohnsitz per Gesetz eingeführt (Meyers Lexikon, Bd. 5, 1926: Sp. 1308; siehe „Heimat“). In Österreich wurden die Heimatrechtverhältnisse zunächst durch das Gesetz vom 3. Dezember 1863, RGBl. Nr. 105, geregelt. Wirksamkeit hatte das Gesetz für „Böhmen, Dalmatien, Galizien und Krakau, Österreich unter und ob der Enns, Salzburg, Kärnten, Krain und die Bukowina, Mähren, Schlesien, Tirol, Vorarlberg, Görz und Gradiska, Istrien und die Stadt Triest mit ihrem Gebiete“ (vgl. Wortlaut des Gesetzes z.B. bei Weiss 1906: 59). Das Gesetz enthält unter anderem Bestimmungen zur Begründung, Veränderung und zum Verlust des Heimatrechts, zur Armenversorgung und zum Umgang mit Heimatlosen. In den allgemeinen Bestimmungen steht in §1. „Das Heimatrecht in einer Gemeinde gewährt in derselben das Recht des ungestörten Aufenthaltes und den Anspruch auf Armenversorgung“ (ebd.: 59), der Heimatberechtigte erhält damit durch den Besitz des Heimatrechts in einer österreichschen Gemeinde sowohl ein politisches, als auch ein materielles Recht (ebd.: 1). Dieses Recht hat nach §2 nur für Staatsbürger Geltung und umfasst §3 zu Folge „den gesamten Umfang des Gemeindegebietes“ (ebd.: 59f.). Eine Gesetzesnovelle vom 5. Dezember 1896, RGBl. 222 versucht die beiden Rechte, nämlich das politische und das materielle, „mit den faktischen Lebensverhältnissen des einzelnen Individuums in Einklang zu bringen“ (ebd.: 1). Wesentlich sind vor allem zwei Neuregelungen in Bezug auf die Aufnahme in eine neue Heimatgemeinde. Einerseits berechtigt ein zehnjähriger freiwilliger und ununterbrochener Aufenthalt in einer anderen Gemeinde als der ursprünglichen Heimatgemeinde den österreichischen Staatsbürger dazu, „die ausdrückliche Aufnahme in den Heimatverband“ zu erwirken (vgl. §2 ebd.: 73), andererseits hat neben dem Anspruchberechtigten (bzw. seinen Nachfolgern) auch die bisherige Heimatgemeinde einen Anspruch darauf, den Anspruch auf die ausdrückliche Aufnahme in den Heimatverband geltend zu machen (vgl. §3 ebd.: 74). Weiss (ebd.: 1f.) interpretiert die Gesetzesnovelle wie folgt:
„Einerseits bezweckt dieses Gesetz, das einzelne Individuum in die Möglichkeit zu versetzen, die Stätte seines Lebens und Wirkens, die ihm durch seinen langjährigen Aufenthalt und seinen Beruf zur wirklichen (natürlichen) Heimat geworden, auch zu seiner rechtlich anerkannten, gesetzlichen Heimat zu machen; ebenso soll der Einzelne in seiner materiellen Notlage, wenn er der Armenversorgung bedürftig geworden ist, diese Versorgung von derjenigen Gemeinde erhalten, in der er gelebt und gewirkt und nicht angewiesen sein, an seine ihm meistens ganz entfremdete, rechtliche Heimat sich zu wenden, die diese Pflicht zur Armenversorgung dann jedenfalls als eine in den faktischen Verhältnissen begründete Last empfinden wird. Andererseits soll auch die Heimatgemeine, die von ihrem Angehörigen infolge seiner langjährigen Abwesenheit aus ihrer Gemeinde keinen Vorteil gezogen, an seinem Schaffen und Wirken keinen Anteil genommen hat, in die Lage versetzt werden, denselben aus ihrem Verbande auszuscheiden, um nicht im Falle seiner Armenversorgung diese Pflicht für ein ihr rechtlich zwar angehöriges, faktisch jedoch fremdes Individuum übernehmen zu müssen.“
Heimat wurde demzufolge eher pragmatisch gesehen, man orientierte sich in der Gesetzgebung an rationalen und ökonomischen, nicht an emotionalen Gesichtspunkten: Heimat war dort, wo man sich lange genug aufgehalten hatte, nicht dort wohin man möglicherweise gefühlsmäßig tendierte.
Die legislativen Modifikationen haben auch in Bezug auf die Heimatdefinitionen in den bekannten Lexika einen merklichen Einfluss. In einer Neuauflage der allgemeinen deutschen Real=Encyklopädie, dem Conversations-Lexikon (Bd. 8, 1877: 94; siehe „Heimat“) heißt es:
„Heimat nennt man denjenigen Ort, wo jemand seßhaft ist und wo ihm, wenn er sonst nirgends ein Unterkommen findet, Aufenthalt und Armenpflege gewährt werden muß. Fast alle Staaten halten gegenwärtig streng darauf, daß jedermann eine H. besitzt, welche ihn aufzunehmen verpflichtet ist.“
War im Conversations-Lexikon von 1834 die Bedeutung des Geburtsort noch als prioritär akzentuiert worden, so findet sich gut 40 Jahre später in einer neuen Auflage des Lexikons nur in einem Zusatz diese Möglichkeit beschrieben, nämlich wenn es heißt, „sowohl das Heimatrecht im Staate als in der Gemeinde wird in verschiedener Weise erworben, am häufigsten durch Geburt“ (Conversations-Lexikon, Bd. 8, 1877: 94; siehe „Heimat“), mittels Geburt „Heimat“ zu erhalten. Ausdrücklich wird in der Folge auf die Rechtsituation von Beamten hingewiesen, die dort heimatberechtigt waren, wo sie ihre Anstellung hatten. Ausländer konnten im Wege der Naturalisation von Staatsbehörden die Staatsbürgerschaft verliehen bekommen, vorausgesetzt sie konnten nachweisen, dass sie in einer inländischen Gemeinde Aufnahme fänden und auf ihr altes Staatsbürgerrecht bereits verzichtet hatten (ebd.).
Meyers Lexikon (Bd. 5, 1926: Sp. 1307, siehe „Heimat“) verortet Heimat zwar einerseits im Geburtsort einer Person, benennt aber auch die Gemeinde, das Land und den Staat, dem jemand angehört mit dem Begriff. Das in der Zeit des Nationalsozialismus publizierte „Trübners Deutsches Wörterbuch“ (Bd. 3, 1939: 387f.; siehe „Heimat“) skizziert den Bedeutungswandel bzw. Bedeutungsgewinn des Begriffes seit „germ. Zeit“, in der sich der Heimatbegriff auf das „väterliche Erbgut (f. Vaterland)“ beschränkt hätte. Diese Bedeutung „ist ahd. nicht zu erkennen, kann aber recht wohl bestanden haben“, heißt es dort. Von dem jüngeren Wort „Vaterland“ hätte sich das Wort „Heimat“ dadurch unterschieden, dass ihm dessen politische Bedeutung gefehlt hätte. Selbst die Zusammensetzung „Heimatland“ „kann ohne politischen Sinn wie einfaches Heimat gebraucht werden“, mitunter „erscheinen aber Heimat und Vaterland völlig gleich“. Diese Feststellungen muten einigermaßen überraschend an, wenn man sich vor Augen hält, in welcher Zeit sie getroffen wurden. Das Wort könne auch im Sinne von „Herkunft“ (z.B. von Tieren, Gebräuchen oder geistigen Erzeugnissen) verwendet werden. Für Bayern und die Schweiz werden ferner die Bedeutungen „Heimathaus, der väterliche Hof“ nachgewiesen. Wie im Wörterbuch der Brüder Grimm wird auch hier vermerkt, dass die Kirchensprache „das Wort schon früh für die himmlische Heimat gebraucht“ hat.
Mehrerlei Bedeutungen führt auch das Deutsche Rechtswörterbuch (Bd.5, 1953-1960: 587f.; siehe „Heimat“) in Erwähnung zahlreicher Quellen in lateinischer und deutscher Sprache an. Heimat kann 1. „eingefriedetes Stück Land“ bedeuten, sei es „zu einer Stadt gehörig“ oder „übertr. die Umzäunung selbst“; 2. kann damit das „Land der Geburt, Herkunft oder des dauernden Aufenthalts“ gemeint sein, 3. der „Wohnort, Wohnsitz“, 4. „Heimstätte, Heimwesen“ und in einer fünften Bedeutung das „Gesinde“. Der letzte Punkt wird schlechterdings nicht weiter ausgeführt.
Einige neuere Lexika bieten ebenfalls mehr oder weniger umfassende Definitionen zu dem Begriff. Eine auf der einen Seite nicht gänzlich unkritische, auf der anderen Seite jedoch ein wenig antiquiert klingende Umschreibung findet sich in Meyers Enzyklopädischem Lexikon (Bd. 11, 1974: 629; siehe „Heimat“). Heimat ist hier ein:
„subjektiv von einzelnen Menschen oder kollektiv von Gruppen, Stämmen, Völkern, Nationen erlebte territoriale Einheit, zu der ein Gefühl besonders enger Verbundenheit besteht. Die Vorstellung von H. entwickelt sich als Ergebnis von ersten persönlichkeitsbildenden Kindheits- und Jugenderfahrungen. Mitunter kommt es bei Erwachsenen jedoch zur späteren „Entdeckung“ einer Wahlheimat. H. als bes. Struktur von Bewusstseinsinhalten ist ein wirksamer Orientierungs- u. Bewertungsmaßstab für spätere soziale Erfahrungsräume und Zugehörigkeiten; für Menschen aus einsamen, verkehrsabgeschnittenen u. gegenüber der Umwelt beziehungsarmen Gegenden u. gegenüber der Umwelt beziehungsarmen Gegenden in der Regel stärker als für Menschen aus urbaner Gesellschaftsstruktur mit hohen Mobilitätsraten. Übersichtl. ländl., klein- und mittelstädt. kulturelle Traditionen und Geschichtsbewußtsein pflegende Lebensräume begünstigen die Entwicklung von H.verbundenheit. In Zeiten persönlicher Krisen oder sozial verursachter Risiken vermittelt die H. ein Gefühl von (zumeist allerdings nur mehr scheinbarer Sicherheit und Rückzugsmöglichkeit, wodurch individuelle Stabilisierungs- und Konsolidierungsprozesse angeregt werden können. Andererseits behindert allzu ausgeprägtes H.bewußtsein den Blick für globale bzw. gesamtgesellschaftliche Strukturen u. Wirkungszusammenhänge, läßt es borniert–lokale Beschränktheit sowie harmon.-integrative und romant.-verklärte Gesellschaftsbilder entstehen. Die Konsequenzen sind entweder sozial aggressiv-emotionale Schwarz-Weiß- (Freund –Feind -) Einstellungen oder die Unfähigkeit, vorhandene soziale Antinomien oder Konflikte überhaupt erkennen und aktiv bewältigen zu können.“
Diese Definition beinhaltet einige interessante Punkte. Zum einen scheint hier deutlich die Gefühlkomponente von „Heimat“ angesprochen, zum anderen wird suggeriert, dass die mit dem Begriff assoziierten Empfindungen nicht nur einem Individuum, sondern auch einem Kollektiv gleichermaßen zu Teil werden können – eine Kongruenz des Heimatbegriffes mit Begriffen wie etwa Patriotismus scheint angenommen zu werden. Trotz der wortreichen Betonung der Notwendigkeit von „Heimat“ wird darauf hingewiesen, dass allzu starke Anhaftung und Glorifizierung der Heimat die Menschen zu bornierten Scheuklappenträgern werden lässt. Ein weiteres Augenmerk wird in dieser Definition auf die Bedeutung der frühen Kindheitserfahrungen im Zusammenhang mit dem späteren gefühlsmäßigen Erleben gelegt, wobei eine Prägung im Lorenzschen Sinne nahe gelegt wird, wenn auch eingeräumt wird, dass eine Entdeckung einer zweiten Heimat, einer „Wahlheimat“ nicht auszuschließen ist. Dazu finden wir in einem zwei Jahrzehnte vorher veröffentlichten Lexikon eine ähnliche, aber etwas breiteren Raum lassende Interpretation. Heimat ist wohl:
„zunächst Ort u. Landschaft der Geburt, der Jugendzeit (‚Ur-H.‘), an deren Stelle aber vielfach bei dem von der Wirtschaftsstruktur bedingten starken Ortswechsel Landschaft u. Menschen treten, mit denen der einzelne in einem für das ‚Einleben‘ fähigen Alter sich am vertrautesten gemacht hat (‚Wahl-H.‘), so dass er ihnen den Vorzug gibt. Die stärkste Bedeutung hat die H. noch immer, trotz Durchbrechung des Dorfkreises (Kriege, Verkehrswesen) für den Bauern; doch kann auch die Großstadt echte H. sein […]“ (Der Große Herder, Bd. 4, 1954, Sp. 768; siehe „Heimat“).
Eine aktuellere Definition liefert Brockhaus (Bd.6, 1997: 161f.; siehe „Heimat“). Der erste Satz ist identisch mit dem Einleitungssatz bei Meyer[9]. Dann heißt es weiter:
„Im allgemeinen Sprachgebrauch ist H. zunächst auf den Ort (auch als Landschaft verstanden) bezogen, in den der Mensch hineingeboren wird, wo die frühen Sozialisationserlebnisse stattfinden, die weithin Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und schließlich auch Weltauffassungen prägen. Insoweit kommen dem Begriff grundlegend eine äußere, auf den Erfahrungsraum zielende, und eine auf die Modellierung der Gefühle und Einstellungen zielende innere Dimension zu, die (zumal der Begriff H. zunächst mit der Erfahrung der Kindheit verbunden ist) dem Begriff eine meist stark gefühlsbetonte, ästhet., nicht zuletzt ideolog. Komponente verleihen.“
Die neueren Umschreibungen des Heimatbegriffs weisen manche Ähnlichkeiten und Überschneidungen auf, lassen jedenfalls aber eines evident werden: Der Begriff beinhaltet mannigfache Bedeutungselemente oder –steinchen, die das Mosaik „Heimat“ entstehen lassen. Interessanterweise ist der häufige Gebrauch des Wortes „Heimat“ relativ neu, „es fällt auf, dass der Begriff Heimat noch vor 130 oder 140 Jahren kaum irgendwo auftaucht“ (Bausinger, 1980: 11).
Dass es auch heute nicht leicht fällt, spontan oder relativ unreflektiert, eine Antwort auf die Frage „Was bedeutet Heimat?“ zu finden zeigen zahlreiche Umfragen dazu (vgl. z.B. Spiegel Spezial 1999: 13; Schneider 1986: 57-77, zit. nach Bastian 1995: 86), die recht heterogene Ansichten der Menschen hinsichtlich der Bedeutung dieses Begriffs widerspiegeln, wobei das Spektrum von Familie und Freunde, Vereine und Geborgenheit, über Wohn- und Geburtsort bis zu Vaterland reicht. Diese Schwierigkeit verdeutlicht aber auch der Versuch, selbst eine Definition in Angriff zu nehmen: Sofort gehen einem üblicherweise, wie bei einem Blick durch ein Kaleidoskop, zahlreiche Bilder durch den Kopf, dann drängen Gefühle an die Oberfläche; Heimat kann unendlich vieles bedeuten, von konkreten Dingen, wie Wohnort oder Familie, bis zu abstrakten, wie Gefühlen oder Gerüchen.
In der Folge soll das Mosaik „Heimat“ analytisch betrachtet werden und auch im Hinblick darauf untersucht werden, ob es dazu geeignet sein mag, eine Identität zu generieren bzw. zu garantieren.
Grundsätzlich scheint, trotz aller bestehenden Gemeinsamkeiten und Parallelen eine Differenzierung zwischen Heimatbewegung und Regionalismus, wie sie z.B. Lipp (1999: 77ff.) vornimmt, sinnvoll und notwendig. Wenden wir uns aber vorerst dem zu, was beide Phänomene verbindet bzw. als verwandt erscheinen lässt. Lipp (1999: 89) beschreibt die beiden zur Diskussion stehenden Phänomene als „Bewegungen“, die „immer eigendynamische, von Netzwerken getragene, realitätsschaffende“ Kräfte darstellen, einem raumbezogenen Prinzip, dem „Territorialprinzip“ folgen und eine „Neuverortung, Neubestimmung auch ihrer selbst“ zum Ziele haben.
Die Heimatbewegung kann, dem Konzept von Alfred Schütz folgend, als eine auf „Lebenswelten“[10] gerichtete Strömung begriffen werden, während der Regionalismus auf größere und organisatorisch komplexere sozialräumliche Einheiten als Bezugssysteme fokussiert ist (Lipp 1999: 80). Heimatbezüge werden im allgemeinen im Lokalen hergestellt, sie sind primär „im Kernbereich der Familie, der Nachbarschaft, Schule und Pfarre“(ebd.), also in Räumen oder Bereichen des Alltagslebens verankert, das Heimatbewusstsein wird von sich auf örtlichem Terrain und regionalen Aktionsfeldern bewegenden und (inter)agierenden Vereinen und Gruppierungen geschärft und vertieft; Heimat wird also zwar mehr oder weniger lokal gelebt, geschützt und gepflegt, der Impetus der Heimatbewegung ist jedoch als wesentlich übergreifender zu sehen, er ist auf die Bewahrung von Kultur und Umwelt gerichtet – man könnte sagen, lokale Keimzellen stellen Garanten für eine Erhaltung der Heimat dar.
Regionalismus als „Bewegung“ basiert auf dem Spannungsverhältnis zwischen Peripherie und Zentrum, woraus sich ein Unterschied zur Heimatbewegung in Konturen abzeichnet: Die Größenordnung ist eine andere. Regionalismus ist auf Bereiche bezogen, die sich aus dem Verhältnis zu „Zentren“, sei es in der politischen und administrativen, sei es in der kulturellen oder wirtschaftlichen Relation ergeben, „Regionalisierung selbst“, schreibt Köstlin (1980: 36), „ ist ein sich verstärkendes Phänomen, das mit der Zentralisierung der Instanzen korrespondiert“. Ähnlich wie bei der Heimatbewegung spielen Geschehnisse im Ort oder in der Region eine große Rolle, es wird indessen jedoch auch im Rahmen von nationalstaatlichen Gebilden die Territorialität subnationaler Untereinheiten thematisiert und in der Weise darauf insistiert, dass die Entscheidungsträger des übergeordneten Zentrums veranlasst werden, auf dieses Thema zu reagieren (vgl. Lipp 1999: 89f.). Regionalismus ist immer politisch akzentuiert und motiviert, die spezifischen Ziele, die im Sinne der „regionalistischen Bewegung“ verfolgt werden definieren sich auf Grund von spezifischen Inhalten, das übergeordnete Ziel ist im Wesentlichen eine Neukonstruktion bzw. Abwandlung eines herrschen Ordnungssystems. Jene, die als Träger bzw. Motoren der jeweiligen „Bewegung“ fungieren sind häufig soziale, kulturelle oder ethnische Minoritäten, die für eine bestimmte Region einen besonderen rechtlichen Status einfordern, der bis zur Selbstverwaltung gehen, oder eine ökonomische Intervention von Seiten des Zentralorgans fordern kann (ebd.: 90ff.).
Heimatbewegung und Regionalismus weisen nach Ansicht des Autors Parallelen auf und ergänzen sich in vielerlei Bereichen. Ist das Agitationsfeld der Akteure und Verfechter des Regionalismus die politische Bühne, so findet die Heimatbewegung im Sinne von Heimatschutz und Heimatpflege zwar auch, aber nicht ausschließlich in einem institutionell vorgegebenen Rahmen statt, sie spielt sich im wesentlichen im „lebensweltlichen“ Kontext des Menschen ab. Immer wieder überlappen sich beide Phänomene bis zur vollständigen Kongruenz und in gewissem Sinne kann die Heimatbewegung auch in das Spannungsfeld des Nationalismus geraten, was weiter unten zu erörtern sein wird.
Bis in das späte 19. Jahrhundert ist das Heimatverständnis von der dem Begriff immanenten Bedeutungsvielfalt geprägt, einige Aspekte, wie insbesondere der rechtsbegründende Charakter oder die eschatologische Ausrichtung oder Perspektive von „Heimat“ sind in den Ausführungen weiter oben zur Begriffsgeschichte thematisiert. Wiewohl die „rationale“, mit der juristischen Definition korrespondierende Interpretation von „Heimat“ über weite Strecken dominierte, ist auch der mit dem Wort mitschwingende emotionale Anteil von Bedeutung gewesen. Dies beweisen zahlreiche, oft pathetische Beschreibungen in der Lyrik und der Literatur im Allgemeinen.
Welche Gründe mögen aber dazu geführt haben, dass sich um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Bewegung bildete, deren Akteure und Anhänger es sich zum Ziel erklärten, das was mit „Heimat“ assoziiert wurde auf der einen Seite zu würdigen und zu preisen, auf der anderen Seite zu schützen und zu pflegen?
Während der mit dem Begriff Heimat in einer beinahe komplementären Beziehung stehende Begriff „Heimweh“, der das emotionale Phänomen, dem der reale Verlust oder die Abwesenheit, das Entferntsein von der Heimat zu Grunde liegt, das melancholische Gefühl, welches durch die eben genannten Umstände evoziert wird, semantisch erfasst bereits spätestens im 17. Jahrhundert behandelt wird, so beginnt die Diskussion über Heimat erst im 19. Jahrhundert einzusetzen (Bausinger 2001: 126), es lässt sich für diese Zeit eine „auffallende Konjunktur des Wortes Heimat“ (Bausinger 1984: 17) feststellen. Dies mag auf den ersten Blick überraschen, hatte doch der mit Heimat assoziierte Rechtsanspruch an Bedeutung verloren, war Heimat nicht mehr im Sinne eines Zuständigkeitsraumes zu verstehen, sondern waren an die Stelle von Heimatrechten und –pflichten Bürgerrechte und –pflichten getreten. Trotz „dieser Entleerung von Zuständigkeit“ (Greverus 1979: 64) kommt die „Hochkonjunktur“ des Wortes aber nicht von ungefähr, denn sie steht im Zusammenhang mit der in dieser Zeit bereits erkennbaren Bedrohung ihrer räumlich-konkreten Existenz (Gunzelmann 2002: 2). Unter Heimat werden nun die Dörfer und die ländlichen Lebensräume, welche im Gegensatz zu den mehr und mehr in Verruf geratenen städtischen Zentren – Bausinger (1984: 17) spricht in diesem Zusammenhang von „Stadtfeindschaft“ als einer „Konstante bürgerlicher Haltung im 19. Jahrhundert“ - als Inseln der Seligen, wo die heile Welt noch intakt geblieben war, verstanden. Für die immer größer werdende Skepsis gegenüber der Stadt als Lebensraum zeichneten die Konsequenzen der rasanten Beschleunigung der Industrialisierung und der damit einhergehenden Landflucht verantwortlich. Die Situation der ländlichen Bevölkerung hatte sich sowohl rechtlich, als auch ökonomisch verändert. Auf der einen Seite waren Schritte in Richtung einer Abkehr vom herrschenden Feudalsystem und damit zu einem freien Bauernstand initiiert, auf der anderen Seite jedoch keine wirtschaftlichen Schutzmaßnahmen für die freien Bauern gesetzt worden, wodurch viele „kleinere“ Bauern ihre Existenzgrundlage angesichts der Konkurrenz durch vermögendere Bauern und Großgrundbesitzer verloren und zu Landarbeitern wurden. Diese waren zwar rechtlich frei, aber nicht ökonomisch und mussten in dem von einer zunehmenden agrarkapitalistischen Rationalisierung geprägten landwirtschaftlichen Sektor unter den Bedingungen eines ländlichen Proletariats um ihre wirtschaftliche Existenz bangen. Auf Grund des Bevölkerungswachstums konnte die Überschussbevölkerung, respektive die Landarbeiterschaft, mehr und mehr in der Landwirtschaft nicht mehr beschäftigt werden und bildete so ein Reservoir für die Arbeiterschaft in den industriellen Bereichen (vgl. Brakelmann 1975: 32ff.). Die Landarbeiter kamen aber sozusagen vom Regen in die Traufe: Denn der starke Sog, der von den Städten als Zentren der Industrialisierung ausging, führte dazu, dass auch in den Städten breite proletarische Bevölkerungsschichten unter den schlechter werdenden sozialen Lebensbedingungen zu leiden hatten und eine Pauperisierung erfuhren. Brakelmann (ebd.: 41) formuliert: „Die Stadt um ihn [den Arbeiter] herum wuchs in einem rasenden Tempo, mit ihr wuchsen aber auch die Schattenseiten städtischen Massendaseins. Aus kleinen Ackerstädten wurden in kurzer Zeit Großstädte.“ Die negativen Erfahrungen in Verbindung mit enttäuschten Erwartungen in der neuen Heimat, der seelische Bruch des Übergangs und die Gesamtheit der sozialpolitischen Probleme, die mit dem Schlagwort „soziale Frage“ bezeichnet werden, trugen zu einer Idealisierung und sentimentalen Romantisierung (vgl. Lipp 1999: 82), einer Nostalgisierung dessen bei, dem man entrückt war, wo sich die Wurzeln befanden. Den Dorfgemeinschaften wurde in Bezug auf das soziale Leben Vorbildcharakter zugeschrieben, wobei dieses idealisierende Bild in der Literaturgattung der „Bauernromane“ um die Jahrhundertwende relativiert scheint, werden doch hier einerseits das karge Leben, andererseits die rigiden sozialen Strukturen geschildert (Bausinger 1984: 17f.). Die während und in Folge der galoppierenden Prozesse der Industrialisierung neu entstandene romantische und idealisierende Bedeutung eines sentimental angereicherten Heimatbegriffs hat nach Lipp (1999: 82f.) zwei Quellen: Einerseits ist es eine „proletarisch-großstädtische Reaktion auf Vermissungserlebnisse“, das heißt im Sinne von Heimweh als Gefühl der Entrückung von zu Hause zu verstehen, andererseits die von der bürgerlichen Gesellschaft ausgehende Pflege des Gefühles eines „trauten Heimes“, das sie „im Alltag verankert und zur Kulturform gesteigert hat“. Heimat wurde in jenen Bereichen gesucht, die angeblich besonders klar und viel Heimat in sich bargen (Bausinger 1980: 17). Sicherlich waren es auch diese idyllischen und romantischen Bilder eines Ideals, die zur Konstituierung der Heimatbewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts beitrugen und sie bis zum Beginn des ersten Weltkrieges aufrechterhielten.
Applegate (1990: 59) charakterisiert das Phänomen so: „Building on local traditions new and old, this movement devised new forms of celebrating the locality, and it involved unprecedented numbers of provincial people in the effort. It transformed people´s conceptions of nature, of folklore, of history, and localness - or Heimat – itself”. Pointiert bemerkt die Autorin weiter: „It gloried in nature at a time when the city was changing the landscape, in ruins when new buildings where springing up everywhere, in handicrafts when factory work predominated. The Heimat movement reflected the reality of centralization, urbanisation, and industrialization by reacting against each of them” (ebd.: 62).
Diese Bewegung kann aber nicht einfach singulär betrachtet werden, sie steht in einem Verhältnis zu einer Vielzahl an um 1890, insbesondere aber um die Jahrhundertwende einsetzenden Reform-, Schutz-, Rettungs- und Aufbruchsbewegungen, die trotz des Fehlens hervorstechender politischer oder ökonomischer Ereignisse in dieser Zeit ihren Anfang nahmen. Diese Bewegungen setzten oft nachhaltig wirkende Gedanken und Ideen in die Welt und nährten die Hoffnung, dass sie Orientierungshilfen und Auswege aus einer sich immer mehr zuspitzenden Identitätskrise bieten könnten. Diese Ideen wurden vor allem vom bürgerlichen Lager und dort insbesondere vom Bildungsbürgertum reflektiert und aufgenommen und ließen eine breite Palette an Denk- und Deutungsmustern entstehen (Reulecke 1991: 1). Die Frage, ob die Heimatbewegung in all ihren Facetten, wie z.B. auch die bürgerliche Jugendbewegung (das heißt der Wandervogel und die Freideutschen) oder die Arbeiterjugendbewegung, in einem „zivilisationskritischen Hauptstrom“ mitschwimmt, oder ob jede einzelne Bewegung „den Charakter eines eigenständigen Aufbruchs“ im Sinne einer Originalität besessen hat, ist nach Reulecke (ebd.: 2) dennoch zu stellen.
Die Heimatbewegung manifestierte sich unter anderem in der Heimatschutzbewegung, der Heimatkunstbewegung, in der Einrichtungen von Heimatmuseen, der Gründung von Heimatbünden, Heimatvereinen, der Abhaltung von Heimattagen und schließlich in der Erfüllung eines bildungspolitischen und pädagogischen Auftrages, nämlich der Installierung der Disziplin „Volkskunde“ auf Universitätsebene bzw. des Unterrichtsgegenstandes „Heimatkunde“ in den Schulen des deutschsprachigen Raumes (vgl. z.B. Lipp 1999: 84; Bausinger 1984: 17). Ein besonders umfassendes Konzept im Hinblick auf die Bewahrung der Heimat, deren scheinbare Idylle am ehesten noch in den ländlichen Gebieten gesehen wurde, beinhaltete der Heimatschutz, welcher die zunehmende Urbanisierung mit Misstrauen betrachtete und der mit der Industrialisierung und dem steigenden Tourismus einhergehende Zerstörung von Kulturdenkmälern, Landschaft und Natur Einhalt gebieten wollte, gleichzeitig auch vor der Bedrohung traditioneller Kultur (Sitten, Bräuche, Feste und Trachten) im Hinblick auf eine Volkstumspflege warnte. Der Gründervater der Heimatschutzes, sowohl begrifflich als auch in Bezug auf die inhaltliche Ausgestaltung war der Pianist und Komponist Ernst Rudorff (1840-1916), der als Ahnherr des Naturschutzes und der Denkmalpflege bezeichnet werden kann. Er hatte die Konzeption für einen Schutz der Heimat bereits Ende der 70er Jahre des 19.Jahrhunderts entworfen und ohne zunächst auf große Resonanz zu stoßen, propagiert. Das Wort „Heimatschutz“ führte er erst 1897 durch zwei Publikationen, in denen programmatisch bereits die eigentlichen Anliegen der Bewegung formuliert waren, in den öffentlichen Sprachgebrauch ein. Diese beiden Publikationen und die Schrift „Heimatschutz“ bildeten die Grundlage für die Tätigkeit der in den Folgejahren entstehenden Heimatschutzvereine. Der 1904 in einer konstituierenden Sitzung gegründete „Bund Heimatschutz“ versuchte das Programm Rudorffs in die Praxis umzusetzen. Der Erfolg war trotz einiger Anerkennung wie im Bereich der Denkmalpflege allerdings mäßig, wurde doch die Bewegung von vielen Seiten als fortschrittsfeindlich und altertümelnd eingeschätzt (vgl. Knaut 1991: 20-49). Rudorff selbst wird als reaktionärer Exzentriker beschrieben, der von Verachtung und Hass gegenüber Berlin mit seinen Cafés, Literaten, Sozialisten, aber auch mit seinen technologischen Neuerungen und all jenen Entwicklungen der Stadt, die das schlichte Leben der bäuerlichen Gesellschaft verschmutzen und zerstörten, erfüllt war (Bergmann 1970: 124). Was sich exemplarisch in Rudorffs Einstellungen offenbarte, zeigt eine psychologisch durchaus nachvollziehbare Tendenz vieler Menschen in Zeiten rasanter Veränderungen, seien diese politischer, ökonomischer oder sozialer Natur: Eine konservative Haltung, ein Insistieren auf dem Vertrauten, auf dem Bekannten und Gewachsenen scheint unter diesen Bedingungen eine allgemeinmenschliche Reaktion zu sein.
Mit der Heimatbewegung wird „Heimat“ zunehmend zu einem sentimental besetzten Begriff, für die Umschreibung regionaler Zugehörigkeit oder Identität.
Die frühe Heimatbewegung, die also auf Grund ihres immanenten konservativen bis reaktionären Charakters, vielerorts als fortschrittsfeindlich betrachtet wurde, vermochte während des ersten Weltkrieges nicht in Schwung gehalten werden, sie überlebte aber dennoch, „[…]the celebrating had to end, but for many thousands who had been drawn into the Heimat movement, their new Heimat sensibilities survived as the most intimate expression of national loyalities“ (Applegate 1990: 59).
Parallelen zwischen jener frühen Heimatbewegung und der aktuellen Apostrophierung der Bedeutung der Heimat bzw. der eigenen Region (vgl. z.B. „Europa der Regionen“) sind evident und dies ist vor dem Hintergrund der wie ein Damoklesschwert über uns schwebenden Globalisierung, als deren Konsequenz vor allem ein Verlust der heimatlichen Geborgenheit befürchtet wird, leicht nachzuvollziehen.
Die folgende Darstellung der Heimatbewegung und des Heimatkonzeptes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis ins „Dritte Reich“ ist eine skizzenhafte, die der Komplexität der politischen und gesellschaftlichen Strömungen in dieser Zeit wahrscheinlich nur unzureichend gerecht wird. Dennoch soll darauf nicht verzichtet werden, weil dadurch vielleicht eine Vorstellung vermittelt werden kann, wie Konnotationen von bedeutungsschwangeren Wörtern, wie Heimat eines zu sein scheint, in der Geschichte generiert werden.
So verdienstvoll die Arbeit der Institute der frühen Heimatbewegungen, durch die vieles, was vielleicht dem Vergessen anheim gefallen wäre, bewertet werden mag, ihre politische Stoßrichtung, die durch die Idyllisierung und Verherrlichung der Heimat begünstigt wurde, wird als fatal beurteilt: Einerseits wurden im Inneren gegenüber der Arbeiterbewegung, die Demokratieforderungen stellte, Aggressionen geschürt, andererseits wurden die Ressentiments gegenüber dem Feind, der die „deutsche Idylle“ von außen bedrohte gestärkt (vgl. von Krockow 1989: 124). Mit dem ersten Weltkrieg wurde, wie oben erwähnt, die frühe, lokal geprägte Heimatbewegung nachhaltig geschwächt. Der Heimatgedanke ist dennoch nicht untergegangen, im Gegenteil man setzte wohl größere Hoffnungen denn je in die Heimat, wobei nach 1918 die nationale Ausrichtung einen starken Aufschwung erlebte (Bausinger 1980: 15). Viktor von Geramb (1884-1958), der Gründer des Grazer Instituts für Volkskunde (1949) verleiht dem Geist dieser Zeit durch Worte Ausdruck:
„Es liegt ein Trost in diesem Heimatgedanken. Ein großer Trost für uns alle, denen es vom Schicksal aufgesetzt worden ist, in einer Zeit der größten Umwälzung und der schwersten Not unseres Volkes zu leben […] jener unleugbare Zug nach der Heimat und jene wunderbare Heilkraft der Heimat [müssen] ein Licht sein, das in der Finsternis leuchtet wie ein trauter Weihnachtsstern. Denn es ist das einzig Bejahende, das heute aus dem Meere der Verneinungen hervorragt, wie eine rettende Insel, wie ein Fels der guten Hoffnung“ (Geramb 1919: 122).
Die romantisierende Diktion lässt Heimat als Hoffnungsschimmer am Horizont erscheinen, sie soll die Verlierer des ersten Weltkrieges, Deutschland und Österreich aus der tiefen Depression herausführen und kurieren. In der Zwischenkriegszeit, vor allem aber mit Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland in den 30er Jahren wurde der nationalistische Impetus von Heimat und Heimatgefühl verstärkt, während ein autonomes lokales Leben mehr und mehr unterbunden wurde. Applegate (1990: 18) merkt an: „In the writings of the Nazi ideologues of the 1930s Heimat became simply one more term among many that revolved around the central themes of race, blood, and German destiny“. Damit wurde der Begriff immer mehr von einem lokalen oder regionalen Bezugsrahmen abgelöst und mit dem Gemeinschaftlichen, der „Volksgemeinschaft“ assoziiert. Der Königsberger Philosoph Kurt Stavenhagen (1885-1951) etwa schwelgt über den Sinn der Heimat: „Es ist eine Folgerung der „Logik des Herzens“, für die auch äußerlich zu wirken, deren Leben man innerlich teilt“ (1939: 80). Heimat erhielt die Bedeutung eines „Miteinander“ und „Füreinander“, es erforderte vom Einzelnen, dass er sich dem Gemeinwohl und den Zielen der Gemeinschaft bedingungslos unterordnete.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Heimat schließlich in besonderer Weise beschworen, in einem immer heftigeren Ausmaß, je näher die unabwendbare Katastrophe rückte, man denke an die bekannten Ausdrücke „Front und Heimat“, „Heimaturlaub“ oder „Grüße der Heimat“ (vgl. von Krockov: 126). Die „Blut und Boden“-Ideologien brachten den Begriff nachhaltig in Misskredit. „Ein Buch über Heimat zu schreiben, ist eine ziemlich schwierige Angelegenheit. Uns kam sofort die Nazizeit mit ihrer Blut- und Bodenideologie in den Sinn […]“ bemerken Pieper und Haderer als „Vorabnotiz“ ihres Buches „Traumschiff Heimat – Ein neues deutsches Abenteuer“ noch im Jahre 1991.
Nach dem zweiten Weltkrieg wusste man offenbar lange – in Österreich noch mehr als in Deutschland – mit dem Begriff nichts anzufangen und vermochte nicht, ihm eine neue, entstaubte Bedeutung zu geben, die eine umfassende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einzuschließen gehabt hätte. Stattdessen wurde das Bild der Heimat, wie etwa in den eine Idylle konstruierenden Heimatfilmen der 1950er und 1960er Jahre, weiterhin verklärt. Erst später begann man sich kritischer mit dem Heimatbild auseinanderzusetzen, wofür wiederum der Film ein dokumentarisches Beispiel ist. Die Deutschen und die Österreicher haben sich wahrscheinlich aber noch nicht endgültig von den verschiedensten Assoziationen zu Heimat gelöst, die der Rückblick auf die Geschichte wachruft. Der Psychoanalytiker Paul Parin merkt ein wenig überkritisch an (1996: 13): „Allzuleicht sind wir geneigt, „Heimat“ als etwas spezifisch Deutsches, als ein rückständiges, sentimentales und mit Ressentiments beladenes Phänomen zu betrachten: Heimatverbände, Heimatvolksgruppen, Heimatvereine und –chöre, und dergleichen. Diese alle enthalten eine Perversion von Heimat […]“.
Der Heimatbegriff ist durch die Pervertierung des Heimatgedankens vor und in der Zeit des Nationalsozialismus für die Deutschen und Österreicher nicht mehr ausschließlich positiv belegt, es werden oft totalitäre Assoziationen einer obrigkeitsstaatlichen Bevormundung hervorgerufen (vgl. Bandion 2001: 16). Man würde sich daher, insbesondere was die Jugend anbelangt, eine große Skepsis gegenüber dem Begriff erwarten, worin wir allerdings nicht bestätigt zu werden scheinen: Das Wort „Heimat“ rangierte in einem Wettbewerb nach dem Motto „Deutschland sucht das Superwort“, in welchem der deutsche Sprachrat dazu aufforderte, das schönste deutsche Wort zu küren, zur Halbzeit in der Hitliste der Wörter auf dem zweiten Platz, hinter „Liebe“ aber noch vor dem Wort „Glück“.[11] Dies ist doch einigermaßen überraschend.
„Der Nationalfeiertag ist aber mehr als ein Anlass zur Rückbesinnung und Rückschau. Er ist in erster Linie Auftrag, an Gegenwart und Zukunft verantwortungsvoll zu arbeiten, damit unser Land und unsere Gemeinschaft auch für unsere Kinder und Enkel Heimat bleiben. Eine Heimat, zu der sie sich überzeugt und mit berechtigtem Stolz bekennen wollen. Eine Heimat, in der kulturelle Traditionen gepflegt und auch in Zukunft Teil unserer österreichischen Identität bleiben“ (Schüssel 2000).
Dieses Zitat stammt aus einer Rede des österreichischen Bundeskanzlers Dr. Wolfgang Schüssel im Ministerrat anlässlich des Nationalfeiertages 2000. Es ist ein ganz typisches Zitat, in welchem die Heimat beschworen und auf das Hochhalten von Traditionen gepocht wird, wobei Heimat als unersetzliche Basis für Identität bezeichnet wird. Heimat soll Identität schaffen und Geborgenheit geben, man darf auch stolz auf sie sein. Die Politik sucht sich in turbulenten Zeiten, in denen die Wirtschaft und die Staatshaushalte in Krisen zu schlittern drohen, in denen die Umwelt bedroht ist und die Gesellschaft vor strukturellen Problemen steht und darüber hinaus globale Entwicklungen schwer einschätzbar und daher beängstigend sind, gerne Themen, die diese Verunsicherungen einzudämmen oder zu lösen versprechen. Abgesehen von Potenzialen im Hinblick auf Wahlstimmenfang, worauf wir nicht näher eingehen müssen, wollen die Politiker den Menschen damit Halt und Sicherheit vermitteln. In Wirklichkeit lenken sie damit von den eigentlichen Problemen ab, denen sich Gesellschaften und Staaten zu stellen haben. Denn sie propagieren eine Unveränderlichkeit von Heimat, eine Stagnation, die zum einen nicht realistisch, zum anderen auch gar nicht wünschenswert zu sein scheint. Der Erfolg der so genannten Neokonservativen steht freilich mit ihrem „Heimat-Rezept“ und den geförderten Traditionalismen in Verbindung, der Bewusstseinshorizont kann auf einen kleinen Bereich öffentlichen Lebens eingeschränkt werden, wodurch komplexere gesellschaftliche Zusammenhänge erst gar nicht in Frage gestellt werden (vgl. Kansy & Sebald 1987: 98).
Im etymologischen und begriffsgeschichtlichen Teil dieser Arbeit war vornehmlich von an Orte gebundener Heimaterfahrung die Rede.
Jene Emotionen, die sich zumeist in Bezug auf örtliche Gegebenheiten oder territoriale Konstrukte und die damit assoziierten Traditionen, Bräuche, Sitten auf der einen Seite, die Familie, alte Freunde bzw. vertraute menschliche Beziehungen im allgemeinen beim Menschen im Sinne eines „Heimatgefühls“ manifestieren, können abgesehen von diesem geographischen Rekurs, auch gegenüber anderen Dingen entwickelt werden.
Immer wieder hört man aber – nicht selten aus dem Munde von Menschen, die ihre reale Heimat verlassen oder verloren hatten – dass Heimat auch abstrahiert vom Örtlichen subjektiv existieren kann. Der Mensch ist als denkendes Wesen in der Lage, Heimat auch jenseits der Grenzen des Räumlichen zu begründen.
Man könnte einen langen Katalog von möglichen dislozierten, nicht-geographisch bestimmten Heimatassoziationen behandeln. Da folgende Aspekte relativ häufig genannt werden, wollen wir sie mit jeweils kurzen Reflexionen zur Sprache bringen.
„Das Wort der Dichter wurde zum Vertrauten, zu dem, dem man trauen konnte. Dichtung, Sprache als Heimat, als das Zuverlässige, in das man zurückkehren konnte, auch in schlimmer Zeit, auch dann, wenn kein Ausweg mehr möglich schien.“ Mit diesen Worten schildert der Journalist und Schriftsteller Walter Flemmer (1989: 64) seine Erinnerungen an die Märchen, Geschichten und Gedichte, die er und seine Geschwister von der Mutter während der Bombenangriffe im Krieg vorgelesen bekamen. Die Mutter habe ihn in die „Heimat Literatur“ hineingeführt, die ihm geblieben sei. Sprachheimat ist in diesem Sinne ein Rettungsanker. Beil (1988) konnte anhand der Lyrik von Nelly Sachs und Rose Ausländer herausarbeiten, wie wichtig das Vertrauen auf eine Heimat in der Sprache für Menschen sein kann, die gezwungen wurden, ihr Heimatland zu verlassen und ihre Exilerfahrungen zu verarbeiten.
„Ich will nicht verschweigen, daß ich mich daheim fühle in meiner Kirche und daß ich Heimat habe in meinem Glauben, bei Gott“ schreibt der evangelische Kirchenvertreter Theodor Glaser (1989: 48). Für viele Menschen, nicht selten gerade wiederum für solche, die ihre Heimat verlassen mussten, ist die Gemeinschaft in der Kirche und im Gottesdienst, in den kirchlichen Festen und Feierlichkeiten echte Heimat oder Ersatz für Heimat. Mehr als dies, kann im Glauben an Gott neben Geborgenheit auch eine eschatologische Heimat gesucht werden, die Trost verspricht hinsichtlich der Tatsache, dass wir unsere irdische Heimat früher oder später verlassen müssen. Die präsumptive Heimat bei Gott im Himmel bedeutet sicher nicht nur für Heimatlose, sondern auch besonders für gläubige Menschen, die sich in ihrer Heimat fremd fühlen, Hoffnung.
’Eines Menschen Heimat ist auf keiner Landkarte zu finden, nur in den Herzen der Menschen, die ihn lieben.‘ (Margot Bickel)
Der oben stehende Aphorismus hat einen älteren Vorgänger aus der Antike. Das bekannte Wort des Teukros, „Patria est, ubicumque est bene“ - durch den bekannten Autor Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) populär geworden - kann etwa mit „Wo immer es gut ist, dort ist (meine) Heimat“ übersetzt werden (vgl. Cicero 1997: 468f.; Tusculanae disputationes, Buch 5, 37, 108). Der Spruch abstrahiert Heimat von bestimmten lokalen Festschreibungen und führt sie einem allgemeinen Gefühlszustand zu. Dort wo ich mich wohl fühle, wo meine Bedürfnisse, seien diese emotionaler, sozialer oder wirtschaftlicher Art, ausreichend befriedigt werden, bin ich daheim: Dort wo man geliebt wird und wo einem die Möglichkeit geboten wird, ein relativ unbeschwertes Leben zu führen, dort kann man sich zu Hause fühlen.
[1] Diese Ergebnisse wurden am 14.08.2004, dem letzten Tag der Recherche, im gesamten „Web“ erhoben. Unter dem Auswahlkriterium „Seiten auf Deutsch“ konnten 448.000 Ergebnisse für Identität und 881.000 für Heimat gefunden werden, unter „Seiten aus Österreich“ fanden sich 79.000 bzw. 147.000. Demgegenüber ließen sich nicht einmal ein Jahr zuvor, am 17.09.2003, dem Beginn der Arbeiten, im „Web“ 272.000 Resultate für Identität bzw. 1.280.000 für Heimat finden, bei den „Seiten auf Deutsch“ waren es 266.000 bzw. 684.000 und unter „Seiten aus Österreich“ 72.000 bzw. 117.000 Ergebnisse. Mit diesen Zahlen soll einerseits veranschaulicht werden, welche Dimension diese Begriffe heute haben, andererseits auf die rasante Zunahme des Materials hingewiesen werden.
[2] Nebenbei bemerkt, handelt es sich bei diesem Zitat keineswegs um eine Schöpfung Newtons, sondern um eine Sentenz aus dem Mittelalter, die auch in Umberto Ecos glänzenden Roman „Der Name der Rose“ Eingang fand (vgl. Eco 1982: 114).
[3] Der Autor führt als Referenzen folgende Standardwerke an: Walter Theimer: Lexikon der Politik; Carola Stern u.a. (Hg.): Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert; Otto Brunner u.a. (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Auch das Politische Lexikon der ÖVP aus dem Jahre 1969 verzichtet auf eine Definition des Begriffs „Heimat“.
[4] Nach der Stammbaumtheorie von August Schleicher (1821-1868), der die Lehren Darwins auf die Sprachwissenschaft übertragen wollte, soll aus einem einheitlichen Indogermanisch eine einheitliche, auch als „Urgermanisch“ bezeichnete Sprache, das „Germanische“ entstanden sein. Diese Sprache sei in der Folge in eine noch immer einheitliche Sprachform, die allen Germanenstämmen gemeinsam war, in das „Gemeingermanische“ übergegangen. Dieses habe sich dann, bedingt durch Abwanderung in „Nordgermanisch“, „Ostgermanisch“ und „Westgermanisch“ aufgespalten. Der Nachweis einer vollkommenen Einheitlichkeit gilt jedoch nicht als gesichert (Ernst & Fischer 2001: 15 und 43).
[5] Die gotische Sprache, die zum ostgermanischen Zweig der germanischen Sprachen gehört, ist die älteste in längeren Texten erhaltene und weist, wie das Urnordische eine besonders archaische Struktur auf (Der Brockhaus, Bd. 5, 1997: 368; siehe „gotische Sprache“)
[6] Der unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf schreibende schweizerische Pfarrer und Volksschriftsteller Albert Bitzius wurde 1797 als Pfarrerssohn in Murten (Kanton Freiburg) geboren und starb 1854 in Lützeflüh (Kanton Bern). Seine Dorfgeschichten schrieb er in volkserzieherischer Absicht (Biographisches-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 1, 1990: Sp. 605f.; siehe „Albert Bitzius“).
[7] Der deutsche Kirchenlieddichter und Pfarrer wurde 1607 in Gräfenhainichen bei Wittenberg geboren und starb 1676 in Lübben (Niederlausitz). Er gilt neben Martin Luther als der bedeutendste Liederdichter der evangelischen Kirche (Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 2, 1990: Sp. 219ff.; siehe „Paul Gerhardt)
[8] Aus heutiger Sicht wird Heimatrecht im Allgemeinen im Zusammenhang mit den von den Vereinten Nationen im Jahre 1948 verabschiedeten Menschenrechten gesehen (vgl. z.B. Bausinger 1984: 13). Diese „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ sieht dieses Recht insbesondere in Artikel 13 vor. Dort heißt es in Punkt (2): „Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen zu verlassen und in sein Land zurückzukehren“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948: Artikel 13). Das Recht auf Heimat ermöglicht als individuelles und kollektives Recht erst die Inanspruchnahme der meisten anderen Menschenrechte. Juristisch gesehen sind jeder Mensch und jede Volksgruppe Rechtsträger. Die Vereinten Nationen haben erst 1997 und 1998 ihr Bekenntnis zum Heimatrecht erneuert; die Unterkommission für die Förderung und für den Schutz der Menschenrechte bekräftigte in zwei Resolutionen (1997/29 und 1998/26) zum einen „das Recht jedes Menschen, in Frieden in seinem eigenen Heim, auf seinem eigenen Grund und Boden in seinem Land zu leben“ und zum anderen „das Recht von Flüchtlingen und Vertriebenen, in Sicherheit und Würde in ihre Herkunftsländer zurückzukehren“. Somit wird das Recht auf Heimat, vor allem in Hinblick auf das weltweite Problem von Vertreibungen noch einmal formuliert und unterstrichen (de Zayas 2001: 13ff.). Es kommt ihm eine besondere Bedeutung im Rahmen der Schaffung eines permanenten Friedens zu, daher sollte das Heimatrecht „ein Postulat aller Menschen sein, die sich sittlichen Normen verpflichtet fühlen, nach ihnen denken, handeln und leben“ (Koschyk 1992: 11f.).
[9] Der Verlag Bibliographisches Institut & FA Brockhaus AG ist nunmehr das Firmendach der Marken Brockhaus, Meyer und Duden.
[10] Die Begrifflichkeit der „Lebenswelt“ geht auf den Philosophen Edmund Husserl (1859-1938) zurück, dessen phänomenologische Konzeption vom Soziologen Alfred Schütz (1899-1959) grundlegend modifiziert und für die theoretische Fundierung der Sozialwissenschaften nutzbar gemacht wurde. Husserl beschreibt die „Lebenswelt“ als Erfahrungswelt des Subjekts, welche einen „Boden“ für die Wissenschaft darstellt, selbstverständlich vorgegeben ist und nicht gewählt werden kann. Schütz betont in seiner Konzeption die Relevanz räumlicher, zeitlicher und sozialer Strukturen der alltäglichen, lebensweltlicher Erfahrung, die jedoch keinesfalls die einzige Erfahrungsmöglichkeit darstellt. Schütz postuliert nämlich die Existenz zahlreicher Wirklichkeiten, die alle Derivate der lebensweltlichen sind, wie die der Wissenschaft, die der Phantasie oder die des Traumes. Der Bedeutung des Subjekts trägt Schütz dadurch Rechnung, dass er auf die individuelle und subjektive Organisation lebensweltlichen Wissens verweist (vgl. dazu Welz 1996: 82f. und 190ff.). Der Begriff „Lebenswelt“ wird heute vielfach synonym mit Begriffen wie „Alltagswelt“ oder „Alltagsleben“ verwendet (vgl. Lipp 1999: 80)
[11] Das Endergebnis soll im Herbst 2004 über die Medien bekannt gegeben werden.
MMag. Georg Christoph Heilingsetzer (Autor)
V85828
9783638900768
9783638905442
Identität Heimat
MMag. Georg Christoph Heilingsetzer (Autor), 2004, Identität = Heimat? Interdisziplinäre Untersuchungen zu scheinbar einfachen Begriffen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85828

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