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Timestamp: 2019-07-21 03:09:24+00:00

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JIPS / Repetitorium / SS 2004 / Fall 2
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Fallbesprechung 2: "Folgen der Obdachlosigkeit"
Polizeirecht; Staatshaftungsrecht (069/SS04)
K ist Eigentümer eines Zweifamilienhauses in der saarländischen Stadt St. J. Die eine der beiden Wohnungen des Zweifamilienhauses hat er an B vermietet, der dort mit seiner Ehefrau und seinen vier Kindern wohnt. Nachdem B längere Zeit keinen Mietzins mehr gezahlt hat, hat K gegen B ein rechtskräftiges Räumungsurteil erwirkt; B, dessen - nicht sehr intensive - Bemühungen um eine andere Wohnung ebenso erfolglos geblieben sind wie seine Versuche, gerichtlich weiteren Räumungsschutz zu erlangen, zieht nicht aus. Daraufhin beauftragt K den Gerichtsvollzieher mit der Vollstreckung; dieser bestimmt den Räumungstermin auf den 29.5. Am Morgen des Tages weist der Oberbürgermeister von St. J. B mit seiner Ehefrau und seinen Kindern durch an K und B gerichtete Verfügungen "zur Abwendung der Obdachlosigkeit" bis zum 31.7. in die von K gemietete Wohnung ein und ordnet die sofortige Vollziehung dieser Verfügungen an. Ab dem 1.8. steht St. J. für B und seine Familie eine andere Unterbringungsmöglichkeit zur Verfügung. B, dem seine Wohnung gefällt, zieht indessen auch am 31.7. nicht aus. Versuche des K, die saarländische Stadt St. J. zur Räumung der Wohnung durch B zu veranlassen, scheitern. Ein Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung, dem Oberbürgermeister von St. J. die Räumung aufzugeben, ist bei dem zuständigen Verwaltungsgericht erfolglos; das Verwaltungsgericht vertritt die Auffassung, es sei die Sache des K, seinen titulierten Räumungsanspruch zu verwirklichen. Daraufhin lässt K schließlich die Wohnung durch den Gerichtsvollzieher räumen. Das gelingt allerdings erst am 30.11. Dabei stellt sich heraus, dass B und seine Familie in der Zeit vom 1.8. bis 30.11. erhebliche Schäden in der Wohnung - Schnitzereien mit Messern an den Türen, Graffiti auf den Tapeten, Entfernung von Steckdosen und Schaltern - verursacht haben.
K, der jedes Vorgehen gegen B und seine Familie zu Recht für aussichtslos hält, nimmt - aus allen denkbaren Rechtsgründen - St. J. auf Ausgleich der durch den Verbleib des B und seiner Familie in der Wohnung über den 31.7. hinaus erlittenen Nachteile in Anspruch. In erster Linie verlangt er Ersatz des Mietzinsausfalls, der Kosten der Räumung durch den Gerichtsvollzieher und im Übrigen Ersatz der Kosten der notwendigen Reparaturen. Im Rechtsstreit stellt sich der Oberbürgermeister von St. J. auf den Standpunkt, St. J. hafte für keine der geltend gemachten Nachteile. Die Einweisung des B und seiner Familie sei bis zum 31.7. befristet gewesen, alle von K geltend gemachten Nachteile seien erst danach entstanden, am eigenwilligen Verbleib des B treffe sie kein Verschulden. Auch seien die Räumungskosten dem K ohnehin entstanden.
Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (069/SS04), Stand 05/04:
Ansprüche aus öffentlicher Verwahrung
Rechtmäßigkeit einer Einweisung zur Vermeidung der Obdachlosigkeit
Zurechnung von Schäden bei Dazwischentreten Dritter
§ 8 Abs. 1 SPolG
Die Frage nach der Rechtslage bedeutet, dass Verf. klären müssen, ob K ein Anspruch auf Ausgleich der nach dem 31.7. durch das Verbleiben des B in der Wohnung erlittenen Nachteile zusteht. Für den Aufbau müssen sich Verf. Gedanken darüber machen, welche Anspruchsgrundlagen in Betracht kommen -im Wesentlichen Ansprüche aus öffentlich-rechtlicher Verwahrung, aus § 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG und § 68 Abs. 1 SPolG – und in welcher Reihenfolge sie geprüft werden sollen. Eine strenge Systematik würde die Reihenfolge Vertrag/Schadensersatz aus Amtshaftung/Entschädigung aus § 68 Abs. 1 SPolG wählen. Da verschiedene möglicherweise unterschiedlich zu berücksichtigende Schadensposten geltend gemacht werden, stellt sich die Frage, ob in Bezug auf die verschiedenen denkbaren Ansprüche jeweils nur ein Schadensposten (mit Zinsausfall, Räumungskosten, Kosten der Reparaturen) "durchgeprüft" werden soll; das erscheint nicht sinnvoll. Vergleichbare Fallbeispiele finden sich bei ->Lesen: Detterbeck JURA 1990,38 und Volkmann JuS 2001, 888.
A. Öffentlich-rechtliches Verwahrungsverhältnis
Verlangen des K gegen St. J. auf Ersatz des Mietzinsausfalls, der Räumungskosten und der Reparaturkosten aus Verletzung eines öffentlich-rechtlichen Verwahrungsverhältnisses
Voraussetzung ist, dass durch die Einweisung des B und seiner Familie ein verwaltungsrechtliches Schuldverhältnis - ö.-r.-Verwahrung - begründet worden ist. Die Rechtsprechung hat das i.Erg. offen gelassen (-> Lesen: BGH NJW 1995, 2919; NJW 1996, 315). Ob durch die Einweisung eine Sonderbeziehung zwischen Verwaltung und Bürger entstanden ist, die nach Struktur und Gegenstand den bürgerlich-rechtlichen Schuldverhältnissen vergleichbar ist, ist eher fraglich. Das Verhältnis zwischen St. J. und K ist durch die hoheitliche Aufgabe der Gefahrenabwehr geprägt und durch die Regeln des polizeilichen Notstands begrenzt. Im Übrigen fehlt es an einem Bedürfnis für die entsprechende Anwendung der schuldrechtlichen Haftungsvorschriften [vertretbar ist auch eine gegenteilige Annahme].
B. § 839 BGB iVm Art. 34 GG
Verlangen des K gegen St. J. auf Ersatz des Mietzinsausfalls, der Räumungskosten und der Reparaturkosten aus § 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG
Eine Haftung kann an die Einweisung des K durch den Oberbürgermeister von St. J. angeknüpft werden. Dabei hat er zweifelsfrei von polizeirechtlichen Befugnissen zur Abwendung der Obdachlosigkeit des B und seiner Familie Gebrauch gemacht, also ein öffentliches Amt wahrgenommen.
Verf. könnten sich die Frage stellen, ob schon die Einweisung des B und seiner Familie eine Amtspflicht verletzt hat, die kausal zu allen Nachteilen des K bis zum 30.11. geführt hat.
a) Rechtssgrundlage
(1) Sicherstellung/Beschlagnahme
Dann müssen Verf. darauf eingehen, ob der Oberbürgermeister von St. J. zur Einweisung befugt war. Die speziellen Regelungen des SPolG zur Sicherstellung der Beschlagnahme sind nicht anwendbar, weil sie auf Fälle zugeschnitten sind, in denen die Gefahr von der Sache selbst ausgeht oder wenigstens mittelbar mit dieser zusammenhängt.
(2) § 8 SPolG
Rechtsgrundlage der Einweisung von Obdachlosen ist die polizeiliche Generalklausel, § 8 SPolG. Der Oberbürgermeister von St. J. kann sie in Anspruch nehmen, wenn eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung vorlag. Tatsächliche oder drohende Obdachlosigkeit gefährdet mit Leib und Leben des Obdachlosen wichtige Individualrechtsgüter und Grundrechtspositionen. Zwar dürfen die Polizei- und Ordnungsbehörden insoweit nur subsidiär einschreiten (§ 1 Abs. 3 SPolG). B hatte jedoch mit seinen Versuchen, sich selbst zu schützen, - wenn auch aufgrund fehlender Initiative - wenig Erfolg. Umgekehrt sind die Polizei- und Ordnungsbehörden auch nicht durch die Titulierung der Rechte des K in irgendeiner Hinsicht gebunden. Im zivilprozessualen Räumungs- und Vollstreckungsschutzverfahren gelten andere Maßstäbe als für die Befugnis zur ordnungsbehördlichen Einweisung von Obdachlosen.
b) Richtiger Adressat
Fraglich ist, ob A richtiger Adressat in der Einweisungsverfügung war.
(1) Verhaltensstörer
Als verhaltensverantwortlicher nach § 4 Abs. 1 SPolG kann er nicht in Anspruch genommen werden, da er von einer ihm zustehenden - sogar titulierten - Befugnis Gebrauch gemacht hat.
(2) Zustandsstörer
Eine Zustandsverantwortlichkeit nach § 5 Abs. 1 SPolG scheidet aus, weil die Gefahr nicht von der Wohnung des K ausging.
(3) § 6 SPolG
Die Inanspruchnahme des K könnte daher nur unter den Voraussetzungen des polizeilichen Notstands nach § 6 SPolG zulässig gewesen sein. Eine gegenwärtige erhebliche Gefahr liegt vor. Sie kann durch den Oberbürgermeister von St. J. auch nicht anders abgewendet werden, da St. J. andere Möglichkeiten nicht schon zum 29.5. zur Verfügung gestanden haben.
Verf. müssen sodann erörtern, ob die Einweisung des B verhältnismäßig und ermessensfehlerfrei erfolgt ist; daran bestehen keine Zweifel.
Im Ergebnis ist festzustellen, dass der Oberbürgermeister von St. J. durch die Einweisung keine Amtspflicht verletzt hat.
2. Rückgabe nach Ablauf
Fraglich ist indessen, ob er dadurch eine Amtspflicht verletzt hat, dass er nicht bewirkt hat, nach Ablauf der Einweisungszeit zum 1.8. die Wohnung K wieder zur Verfügung zu stellen. Das ist nur dann der Fall, wenn St. J. eine Pflicht zur Herausgabe der Wohnung traf. Sie kann sich aus einem Folgenbeseitigungsanspruch ergeben. Das setzt voraus, dass durch hoheitlichen Eingriff in ein subjektives Recht ein rechtswidriger und noch andauernder Zustand geschaffen worden ist, dessen Beseitigung der Verwaltung rechtlich möglich und zumutbar gewesen ist.
Die Voraussetzungen liegen zweifellos vor. Als Grundlage für das Einschreiten gegen B - St. J. müsste rechtlich in der Lage gewesen sein, die Wohnung wieder frei zu machen - kommt § 8 SPolG in Betracht. Dessen Voraussetzungen liegen zweifelsfrei vor.
III. Drittbezogenheit der Amtspflicht
IV. Verschulden der Verwaltung
Verf. müssen insoweit erkennen, dass es nicht auf ein Verschulden an der Verursachung der Schäden durch B ankommt sondern auf ein Verschulden an dem Ausbleiben einer Rückgabe der Wohnung in geräumtem und gereinigtem Zustand an K zum 1.8.
Verf. sollten erkennen, dass die Verwaltung einwenden könnte, ein Verwaltungsgericht habe dem Antrag des K auf Erlass einer einstweiligen Anordnung, St. J. die Räumung der Wohnung aufzugeben, nicht stattgegeben. Zum einen bezog sich diese Ablehnung einer einstweiligen Anordnung aber auf die Einweisung - die als rechtmäßig zu beurteilen ist -, zum anderen hilft der Verweis auf die mit der Rechtsauffassung der Verwaltung übereinstimmende Rechtsauffassung eines Kollegialgerichts dann nicht, wenn ein Kollegialgericht von einem unzutreffenden Sachverhalt ausgegangen ist, wenn die Rechtslage trotz klarer und eindeutiger gesetzlicher Vorschriften verkannt worden ist oder wenn sie allgemein einfach zu beantworten ist - davon müsste hier ausgegangen werden.
1. Mietausfall/Räumungskosten
Verf. können hier trennen zwischen dem Mietzinsausfall (§ 252 BGB) und den Räumungskosten (Verf. können das Problem der Sowieso-Kosten aufwerfen, aber durch die Unterlassung der Räumung hat K keine Kosten erspart) und müssen sich dann dem Problem der Reparaturkosten widmen.
Insoweit taucht die Frage auf, ob die Schäden, deren Reparatur Kosten verursacht hat, St. J. zuzurechnen sind.
Verf. müssen insoweit das Zurechnungsproblem ("Kausalitätsproblem") erkennen, das bei einer Schadensverursachung durch Dazwischentreten Dritter - hier des B und seiner Familie - entsteht. In solchen Fällen scheidet eine Zurechnung nach allgemeinen zivilrechtlichen Grundsätzen nur dann aus, wenn die Schadensverursachung durch den oder die Dritte in der Folge der vom Inanspruchgenommenen einmal gesetzten Bedingung gänzlich atypisch und unvorhersehbar war, dass "unmittelbar" schädigende Verhalten des Dritten also nicht gewissermaßen herausgefordert worden ist durch das pflichtwidrige Verhalten des Inanspruchgenommenen. Da eine polizei- und ordnungsbehördliche Einweisung Obdachloser typischerweise zu besonderen Spannungen zwischen dem vormaligen Vermieter und dem nunmehr Eingewiesenen führt, die sich regelmäßig in einem wenig sorgfältigen Umgang des Eingewiesenen mit der ihm überlassenen Wohnung manifestieren, dürfte viel für eine Zurechnung sprechen - ein anderes Ergebnis ist vertretbar (-> Lesen: BGH NJW 1996, 316).
VI. Subsidiarität, § 839 Abs. 3 BGB
Ob K mit einem Verlangen nach einstweiligem Rechtsschutz durch das Verwaltungsgericht in der Zeit zwischen dem 1.8. und dem 30.11. durchgreifenden Erfolg gehabt hätte ist offen. Verf. sollten das lediglich problematisieren.
C. § 68 Abs. 1 SPolG
Verlangen des K gegen St. J. auf Ersatz des Mietzinsausfalls, der Räumungskosten und der Reparaturkosten aus § 68 Abs. 1 SPolG
Verf. sollten darauf hinweisen, dass § 68 Abs. 1 SPolG zu einem Anspruch auf angemessenen Ausgleich für die Schäden führt. Voraussetzung ist - neben der Inanspruchnahme eines Nichtstörers, die bereits geklärt ist - der unmittelbare Zusammenhang der Schäden mit der Inanspruchnahme. Insoweit gelten die gleichen Gesichtspunkte im Rahmen der Amtshaftung. Denn das Kriterium der Unmittelbarkeit ist nicht formal zu verstehen sondern verlangt eine wertende Zurechnung der Schadensfolgen nach Verantwortlichkeiten und Risikosphären: dass ein eingewiesener Obdachloser eine Wohnung nach Ablauf der Einweisungsfrist nicht herausgibt und Schäden verursacht liegt nicht fern.
D. Enteignungs-/aufopferungsrechtl. Ansprüche
Verf. könnten sich schließlich noch die Frage stellen, ob Ansprüche nach enteignungsrechtlichen oder aufopferungsrechtlichen Gesichtspunkten in Betracht kommen. Sie sollten sehen, dass insoweit § 68 Abs. 1 SPolG lex specialis sein dürfte.

References: § 8
 § 839
 Art. 34
 § 68
 § 68
 BGH 
 § 839
 Art. 34
 § 839
 Art. 34
 § 8
 § 8
 § 4
 § 5
 § 6
 § 6
 § 8
 BGH 
 § 839
 § 68
 § 68
 § 68
 § 68