Source: https://www.hausarbeiten.de/document/108124
Timestamp: 2020-01-25 00:13:57+00:00

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Die Heuristik in der Historik Johann Gustav Droysens | Hausarbeiten publizieren
2. Die Heuristik
2.1. Die historische Frage
2.2. Die Art der Materialien
2.2.1. Die Überreste
2.2.2. Die Denkmale
2.2.3. Die Quellen
2.3. Das Finden des Materials
Anhang: Die Gliederung der Heuristik in ihrer ersten Fassung (Leyh-Ausgabe) und in der Fassung von 1881 (Hübner-Ausgabe)
a) Die Gliederung der Heuristik in der von Peter Leyh rekonstruierten ersten Fassung von 1857
b) Die Gliederung der Heuristik nach den Kolleg-Manuskripten von 1881 (herausgegeben von Rudolf Hübner)
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Historik Johann Gustav Droysens, einer Vorlesungsreihe über die "Methodologie und Enzyklopädie der Geschichte", die bis in die heutige Zeit viel beachtet und geschätzt blieb. Jörn Rüsen, wohl einer der besten Kenner Droysens, spricht beispielsweise von einem „besondere[n] Glücksfall in der Entwicklung der Geschichtswissenschaft [...], daß in Droysens Werk grundlegende historische Forschung, Geschichtsschreibung verschiedener Epochen und systematische Theorie der historischen Methode und ihres Gegenstandsbereiches zusammenfallen und eine Einheit bilden“[1]. Dennoch war die Resonanz zu Lebzeiten Droysens eher verhalten. So zeigt Peter Leyh beispielsweise auf, dass diese Vorlesung anfangs nur von einer einstelligen Zahl von Zuhörern besucht wurde, und auch in späteren Jahren blieb die Anzahl der Studenten in dem Kolleg der Historik weit hinter der zurück, die Droysen mit seinen sonstigen Vorlesungen in den Hörsaal lockte[2]. Dennoch hielt Droysen an seinem Konzept eisern fest und hielt diese Vorlesung zwischen 1857 und 1883 insgesamt 18 mal[3] - was die große Bedeutung eindrucksvoll unterstreicht, die Droysen diesem Themenkomplex beimisst. Droysen unterteilte seine Historik in zwei Teile, die "Methodik" und die "Systematik", wobei die Methodik eher als hilfswissenschaftliche Anleitung zum historischen Forschen zu sehen ist, und die Systematik eine "Selbstreflexion" einer "verstehende[n] Geschichtswissenschaft"[4] darstellt. In der Geschichtswissenschaft zur Zeit Droysens wurde unter Propädeutik vorrangig Quellenkritik verstanden, weshalb Droysen in seinen Vorlesungen die Methodik quasi fokussieren musste. "Von 1865 an verzichtete er auf die Behandlung der Systematik ganz"[5] ; Droysen beschäftigte sich also hauptsächlich mit der Heuristik und der Kritik in seinen Vorlesungen, obwohl dies in der Konzeption der Historik einen nur relativ kleinen Teil ausmachte.
Zur Überlieferung der Historik ist zu sagen, dass Droysen sie niemals vollständig veröffentlichte - sieht man einmal von dem äußerst knappen "Grundriss der Historik" ab, den Droysen hauptsächlich als Verständnishilfe für seine Studenten drucken ließ. Eine Rekonstruktion der ersten Fassung der Vorlesung wurde 1977 von Peter Leyh publiziert. Er wollte im Rahmen seiner historisch-kritischen Ausgabe auch spätere Fassungen der Historik der Öffentlichkeit zugänglich machen, allerdings wurde dieses Projekt nie realisiert[6]. Die wesentlich ältere Ausgabe der Historik von Rudolf Hübner[7] stützt sich hauptsächlich auf die letzte Fassung der Historik Droysens, die in Manuskriptform erhalten ist. Allerdings beinhaltet diese Fassung "an einigen Stellen"[8] auch Blätter aus älteren Fassungen, was zwar der Vollständigkeit des Textes zuträglich ist, allerdings den Umgang mit diesem Dokument erschwert – wenn nicht gar der wissenschaftliche Wert der Veröffentlichung Hübners geschmälert wird, ist doch die zeitliche Stringenz nicht gegeben[9]. So konstatiert Leyh, dass nur etwa 70% der Hübner-Ausgabe aus der letzten Kollegienhandschrift Droysens entstammen[10]. Trotz dieser offenkundigen Missstände soll im Folgenden versucht werden, statt einer bloßen Darstellung der Heuristik auch Vergleiche zwischen der ursprünglichen Historik und der letzten, gereiften Fassung anzustellen. Dabei kommt mir der Umstand zu Hilfe, dass Droysen insgesamt drei Versionen des Grundrisses der Historik veröffentlichte, wobei in diese Hausarbeit nur Betrachtungen der jüngsten (1882) und der ältesten Fassung (1857/58) einfließen werden.
In den Vorbemerkungen zur Methodik ordnet Droysen die Heuristik zunächst in den Prozess des historischen Forschens ein: „Das Objekt für unser Tun ist ein gegebenes; heuristisch bestimmen wir es, durch Kritik machen wir es fertig zum Verständnis, durch die Interpretation bemächtigen wir uns seines Inhalts, um es apodeiktisch in seine wahre Stelle einzuordnen. Aber erst durch die Kenntnis dieser wahren Stelle können wir der Kritik ihr Material zuführen.“[11] Hier wird deutlich, dass die Methodik Droysens einen Prozess aus mehreren, systematisch aufeinander aufbauenden Teilschritten darstellt. Dabei ist jedoch nicht zu vergessen, dass es sich hierbei um einen idealtypischen Verlauf handelt. In der praktischen Anwendung können die hier einzeln behandelten Teilschritte auch vermischt auftreten.[12]
Nach diesen einleitenden Worten geht Droysen in seiner ersten Fassung der Historik unmittelbar zur Einteilung der Materialien über. An dieser Stelle treten die ersten gravierenden Unterschiede in den beiden zu untersuchenden Fassungen auf, denn in der Spätversion der Historik beginnt Droysen erst mit der Abhandlung über die historische Frage, bevor auf die Heuristik eingegangen wird. Die historische Frage ist also der Heuristik übergeordnet, während in der rekonstruierten ersten Fassung die historische Frage – hier als heuristische Frage bezeichnet – am Ende der Heuristik steht, ihr also untergeordnet wurde[13]. Da mir einerseits das Konzept der Historik in der Hübnerausgabe schlüssiger erscheint und andererseits den „Grundriss[en] der Historik“ von 1857/58 und 1882 ebenfalls die historische Frage vorangestellt ist, wird sich der Aufbau dieser Arbeit an der Gliederung der Fassung von 1881 orientieren.
Das Finden einer Aufgabenstellung ist für Droysen der Ausgangspunkt allen historischen Forschens, wie er in beiden Fassungen der Historik konstatiert[14]. Gerade im Blick auf diese Aussage erscheint es sehr befremdlich, das betreffende Kapitel an das Ende der Heuristik zu stellen. Auch in den Vorbemerkungen zur Methodik in der Urfassung lässt sich herauslesen, dass der erste Schritt immer das Suchen nach der Frage sein muss[15] – was die Strukturierung der Heuristik in dieser Fassung recht schwer nachvollziehbar werden lässt. Droysen hat das betreffende Kapitel mit „Die heuristische Frage“ überschrieben, ein Begriff, der synonym für die historische Frage verwendet wird und der in der Hübner-Ausgabe dann gar nicht mehr auftaucht, was deren Verständlichkeit zugute kommt. Die Entstehung der historischen Frage wird von Droysen recht abstrakt erklärt, beginnend mit Schilderungen der Wissensaufnahme. Demzufolge versucht jeder Mensch zunächst, Wissen wahllos in sich aufzunehmen, „und bildet so eine innere Welt von Vorstellungen, die, so subjektiv sie ist, den guten Glauben hat, der objektiven Welt zu entsprechen.“[16] Auf diese bloße „Assimilation“[17] hat nun der zweite Schritt zu erfolgen, die „Reflexion, der Zweifel an dem so Geglaubten“[18], also ein selbständiges Anwenden des gesammelten Wissens. Erst an dieser Stelle, wenn man sich über die Herkunft des Wissens klar ist, beginnt laut Droysen das ίstoreϊu[19]. Das „Ergebnis unserer inneren Entwicklung [...] ist [...] die reife Frucht der geistig durchlebten Totalität, aber diese Frucht ist zugleich bestimmt, das Samenkorn eines neuen Wachstums zu werden.“[20] Die historische Frage entwickelt sich demzufolge erst nach langen Mühen um umfassende oder vielmehr vollständige Erkenntnis und springt dann unvermittelt in einem „Akt der Empfängnis“[21] als „Gedankenblitz“[22] aus uns heraus. Erst an diesem Punkt beginnt die Arbeit richtig, Droysen bemüht hier in der Urfassung der Historik und in beiden Grundrissen einen Vergleich Niebuhrs mit dem „Bau unter der Erde“[23]. Anhand dieses enorm langen Arbeitsprozesses, der jetzt noch intensiviert von vorn beginnt, erkennt man den hohen Anspruch, den Droysen an den Historiker stellt – allerdings sollte nicht vergessen werden, dass es sich hier um eine idealtypische Anleitung handelt, der auch Droysen selbst nie völlig gerecht werden konnte. Dafür spricht weiterhin, dass es laut Droysen nur Wenigen vergönnt ist, den „zündende[n] Funke[n]“[24] der historischen Frage zu erleben, ohne die jedes Forschen nur „ein zufälliges Finden und Sammeln von Notizen“[25] ohne großem wissenschaftlichen Wert darstellt.
Die Darstellung der verschiedenen Kategorien von geschichtswissen-schaftlich relevanten Materialien nimmt innerhalb der Heuristik Droysens den meisten Raum ein; auch in den Grundrissen ist eine deutliche Fokussierung der Materialienunterscheidung spürbar, was sich wohl auf das bereits in der Einleitung angesprochene Problem der propädeutischen Anforderungen des Wissenschafts-betriebes seiner Zeit zurückführen lassen kann.
Als Einstieg in dieses Kapitel wählte Droysen in der Fassung von 1857 einige grundlegende Sätze zum Verständnis der uns zur Verfügung stehenden geschichtlichen Stoffe. Der Inhalt dieser Ausführungen kann in der Historik von 1881 zwar ansatzweise bei der Erörterung der historischen Frage[26] herausgelesen werden, aber leider bei weitem nicht in dieser Klarheit. So kann nur das unser Geschichtsbild beeinflussen und prägen, was tatsächlich aus der Vergangenheit erhalten blieb. „Nur was erinnert wird, ist unvergangen, d.h. wenn auch gewesen, doch noch gegenwärtig, und nur was so ideell gegenwärtig ist, ist für uns gewesen“[27]. Die Geschichte ist somit laut Droysen eine „Projektion aus der Gegenwart in die Vergangenheit“[28], was ein sehr unvollständiges und vor allem epocheabhängiges Bild von vergangenen Zeiten zur Folge hat. Daraus ergibt sich die große Bedeutung der Heuristik für die Geschichtsforschung, denn „je größer der Kreis dessen, was wir so vergegenwärtigen und ideell haben, desto ideell reicher sind wir.“[29] Die Materialien teilt Droysen eigentlich in nur zwei Gruppen, zum einen in die Überreste und zum anderen in die Quellen. Unter dem Begriff der Überreste fasst er alles das zusammen, was aus der betreffenden Zeit unmittelbar erhalten blieb, während die Quellen sämtliche Materialien umfassen, die bewusst geschaffen wurden, um der Nachwelt als Zeugnis zu dienen. Überreste, „bei deren Hervorbringung die Absicht dauernder Erinnerung wirkte“[30], die also Elemente von Überresten und Quellen in sich vereinigen, bezeichnet der Jenaer Historiker als Denkmale, er konstruiert damit de facto eine dritte Gruppe von Materialien[31].
Nach einigen einleitenden, althistorischen Beispielen für vom Menschen geschaffene Gebilde, die als historische Quellen herangezogen werden können, geht Droysen der Frage nach, ab wann diese Materialien bewusst zum Zwecke der Erhaltung für die Nachwelt gesammelt wurden, was für ihn ein bedeutendes Zeichen für den Fortschritt, die geistige Entwicklung der Menschheit, darstellt[32]. Hier konstatiert der Historiker, dass die Anfänge des Sammelns zwar sehr weit zurückreichen, aber erst mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wurde wirklich mit einer historischen Intention gesammelt und zusammengetragen. Erst jetzt definiert er die Überreste, indem er eine Kategorisierung vornimmt. Die erste Kategorie ist die der Überreste, „in der die künstlerische oder technische Formgebung der nächste Zweck der Arbeit [...] war“[33]. Weitere Kategorien sind erhaltene „Zustände der sittlicher Gemeinsamkeiten“[34] (wie beispielsweise Verfassungen oder Rechtsordnungen) und Traditionen, zu denen Droysen Sitten, Gebräuche, die Sprachentwicklung an sich oder auch geistige Produktionen im Allgemeinen zählt. Hieran lässt sich ein umfassender Anspruch der Heuristik belegen, rekrutiert Droysen seine Materialien doch aus einem sehr weiten Feld, indem er sich bei einer Vielzahl verwandter Disziplinen bedient. Obwohl Droysen bei seiner Unterteilung nur drei Kategorien ankündigte, eröffnet er an dieser Stelle eine weitere, die der Dokumente, die aus öffentlichen oder privaten Geschäften hervorgingen (Akten, Korrespondenz u.ä.). Abschließend weist Droysen darauf hin, dass gerade diese geschichtlichen Stoffe in den Archiven zu finden sind, „und daß kaum erst ein Anfang gemacht ist, so, wie es sich gebührt, aus diesen zu arbeiten.“[35]
Diese Zwischengattung beinhaltet Materialien, die nicht ausschließlich für die jeweilige Gegenwart bestimmt waren, sondern auch in der Zukunft ihre Bestimmung hatten. Darunter zählt Droysen die Inschriften, die insbesondere für die Beschäftigung mit dem Altertum große Bedeutung haben, Münzen, Medaillen, Wappen, aber auch monumentale Gemälde oder Holz- bzw. Kupferstiche. Auffallend, und sicherlich der Erwähnung wert, ist in diesem Abschnitt, dass die Zuordnung der Urkunden variiert. In der Urfassung der Historik erscheinen die Urkunden sowohl bei den Überresten[36], als auch bei den Denkmalen[37]. In der letzten Fassung der Historik von 1881 hingegen taucht der Begriff der Urkunde zwar noch bei den Überresten auf, allerdings vermeidet es Droysen hier, sie explizit als Element der Überreste zu bezeichnen[38] - was die Eindeutigkeit nicht gerade fördert. Weiterhin gehören die Urkunden in der Leyh-Ausgabe nur „in gewissem Sinn“[39] zu den Denkmalen, in der Spätfassung dagegen „im vollen Sinn“[40]. Diese Dissonanzen lassen sich analog sogar in den beiden betrachteten Grundrissen der Historik nachweisen; so führt Droysen 1857/58 die Urkunden sowohl unter den Überresten, als auch unter den Denkmalen[41] auf. In dem letzten gedruckten Grundriss von 1882 sind die Urkunden dann ausschließlich den Denkmalen zugeordnet.[42] An diesem Beispiel zeigt sich eine gewisse anfängliche Unsicherheit Droysens bei der Einordnung dieser doch recht bedeutenden Materialien, die er erst später beseitigte.
Diesem Punkt widmet Droysen seine größte Aufmerksamkeit, rein quantitativ betrachtet nimmt dieses Kapitel in der Urfassung etwa ein Drittel der Heuristik ein, in der Fassung von 1881 gar zwei Fünftel. Dies kann eventuell darauf zurückgeführt werden, dass diese Materialien den angehenden Historikern, für welche Droysen das Kolleg der Historik schließlich konzipiert hatte, die gebräuchlichsten und am leichtesten zugänglichen waren.
Zunächst postuliert Droysen als wichtigste Eigenschaft der Quellen, „daß der äußere Verlauf der Tatsachen in die menschliche Vorstellung, in ein geistiges Gegenbild des Vorganges übersetzt scheint.“[43] Diese überlieferten „Auffassungen“ stellen eine Veränderung der ursprünglichen Wirklichkeiten dar, welche von der Zeit, der sie entstammen, entscheidend geprägt wurden. Somit kann es möglich sein, dass eine Quelle mehr zu der Zeit aussagt, der sie entstammt, als zu der in ihr behandelten Epoche.[44] Auch in diesem Kapitel nimmt Droysen weitere Untergliederungen vor, eine erste Möglichkeit wäre das Unterscheiden der Quellen nach ihrer Überlieferungsform in mündliche oder schriftliche Traditionen. Als weitere Möglichkeit der Unterscheidung nennt er die „subjektive Reihe“ und die „pragmatische Auffassung“. Zur ersten Gruppe bleibt Droysen dem Leser eine wirkliche Definition schuldig, er führt im Grunde nur Beispiele auf, die er zu den subjektiven Auffassungen zählen würde, und schließt mit der Hoffnung, der Leser werde nach Betrachtung dieser Beispiele „über die[se] Gattung von Quellen [...] nicht zweifelhaft sein“.[45] Zur pragmatischen Auffassung wird Droysen deutlich konkreter, hierunter versteht er solche Überlieferungen, die von ihrer Intention her so sachgemäß wie nur irgend möglich sein wollen. Hier legt Droysen allerdings großen Wert darauf, dies nicht mit Objektivität gleichzusetzen, da dieses Ideal in Quellen unmöglich zu erreichen ist, geben sie doch immer nur Auffassungen wieder[46]. Dies belegt er anhand persönlicher Erfahrungen im Umgang mit Quellen, die er während der Auswertung von Berichten preußischer Offiziere über ein Gefecht an der Katzbach für seine Biographie des Grafen York[47] machte. Die „pragmatischen Auffassungen“ werden von Droysen nochmals unterteilt, in der Urfassung in vier, in der Fassung von 1881 in sieben Quellengruppen[48]. Eine detaillierte Beschreibung aller einzelnen Gruppen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, des weiteren bietet der Anhang eine knappe Übersicht über den Inhalt der Unterpunkte, weshalb hier nur auf die augenscheinlichsten Änderungen hingewiesen werden soll. So enthalten beispielsweise die indirekten Auffassungen in der Fassung von 1857 unter anderem auch die Tagebücher[49], denen Droysen später einen eigenständigen Unterpunkt widmete[50]. Weiterhin wurden die Chroniken in der Ausgabe von Leyh in einem gesonderten Punkt – also nicht bei den pragmatischen Auffassungen – als abgeleitete Quellen behandelt[51], während sie in der Hübner-Ausgabe den pragmatischen Auffassungen untergeordnet sind[52].
Wer nach diesem verheißungsvollen Titel eine detaillierte Anleitung zur idealen Vorgehensweise eines Historikers erwartet hatte, wird leider enttäuscht. Dieses Kapitel, welches eigentlich die Quintessenz der Heuristik als „problemorientierte Suche nach historischen Materialien“[53] enthalten sollte, fällt, in Relation zu seinem Anspruch gesehen, äußerst knapp aus. Die Grundlage der Quellensuche ist ein systematisches Vorgehen, was zunächst die Aufstellung der historischen Frage verlangt. „Je reicher seine Kenntnis, je tiefer seine Bildung, d.h. seine Gewöhnung an allgemeine Gesichtspunkte ist, desto größere Mittel wird er [der Historiker, d. Verf.] haben, seine Frage richtig zu stellen und sich das Material, seine Antwort zu geben, zu suchen.“[54] Somit fordert Droysen eine Totalität erworbenen Wissens, ein „Sich-Hineinleben“[55] in das Thema, was ja bereits die Vorraussetzung für die historische Frage darstellte. Erst dann kann eine ernsthafte Suche nach den Quellen erfolgen. Die naheliegendste und demzufolge auch zuerst angewandte Möglichkeit stellt hier das Recherchieren in Bibliotheken und Archiven dar, allerdings stößt diese Vorgehensweise rasch an ihre Grenzen. Erst an dieser Stelle beginnt laut Droysen „die eigentliche heuristische Kunst“[56], indem „auf indirektem Wege“[57] nach Materialien geforscht wird. „Es ist immer viel mehr Material vorhanden, als es auf den ersten Blick scheint, aber es liegt tief eingehüllt, gleichsam latent da“[58], und es ist die Aufgabe des Historikers, dieses Material für seine Zwecke zu nutzen.
In der Urfassung der Historik beschränkt sich dieses Kapitel im Folgenden auf die Darstellung einiger Beispiele, wie es einzelnen Wissenschaftlern gelang, „durch Kombination sich Material zu schaffen, wo scheinbar keines oder ungenügendes vorhanden war“[59]. Dabei fordert Droysen eine stärkere Abwendung von rein politisch betrachteter Geschichte – was Christian-Georg Schuppe in seiner Dissertation besonders betont[60], die Politikgeschichte ist demnach nur ein Teil der Gesamtgeschichte. In der Fassung der Historik von 1881 ist die Schilderung der Vorgehensweise zum Finden des Materials bedeutend ergiebiger, hier beschränkt sich Droysen nicht auf die vage Formulierung der Kombination, sondern differenziert diesen Punkt weiter aus[61]. Diese Differenzierung lässt sich auch wieder parallel in den Grundrissen der Historik beobachten. So besteht die Möglichkeit, wenn die Archive und Bibliotheken erschöpft zu sein scheinen, per Zufall weiteres Material zu entdecken. Einen weiteren Weg stellt das etwas rätselhaft formulierte „divinatorische[] Suchen und Entdecken“[62] dar, Droysen verlangt also scheinbar seherische Fähigkeiten vom Historiker ab. Dahinter verbirgt sich jedoch nur, dass man der Entstehungsgeschichte des gesuchten Stücks nachgehen muss, um auf mögliche Spuren des Verbleibs zu stoßen. Indirekte Quellen kann sich der geschichtlich Forschende dadurch erschließen, dass er „Dinge, die nicht historisches Material zu sein scheinen, dazu [...] mach[t]“[63], sie also in einem anderen Kontext betrachtet, um ihnen dadurch etwas über die Geschichte zu entlocken. Als weitere mögliche Vorgehensweise nennt Droysen die Analogie. Durch sie werden vergleichbare Situationen herangezogen, um durch Rückschlüsse zum Verständnis eines unklaren Sachverhaltes beizutragen. Droysen schließt die Anleitung zum Finden des Materials mit der Hypothese ab, was bedeutet, dass eine Vermutung zunächst als Fakt betrachtet wird, um damit arbeiten zu können, bevor diese Hypothese dann bewiesen wird[64]. Hier führt Droysen unter anderem die Entzifferung der persischen Keilschrift als Beispiel an.
Obwohl sich Droysen in der Historik-Fassung von 1881 um stärkere Ausdifferenzierung der möglichen Arbeitsschritte zum Ausfindigmachen der geeigneten Quellen bemüht, scheint es diesem Kapitel noch ein wenig an Tiefe zu fehlen; so beschränkt sich Droysen hier zumeist auf etwas plakativ wirkende Formulierungen und einige Beispiele, ohne nähere Erläuterungen zu geben.
Am Ende der Heuristik in der Hübner-Ausgabe erläutert Droysen noch kurz, dass das Resultat der Forschungen nicht immer völlig deckungsgleich mit der historischen Frage sein kann, da während des Arbeitprozesses neue Aspekte auftauchen können, an die bisher nicht gedacht wurde. Die historische Frage ist somit nicht statisch, sondern auch Veränderungen unterworfen.
Zusammenfassend zeigt sich im Vergleich der verschiedenen Fassungen der Heuristik, dass Droysen im Laufe der Zeit tiefgreifende Veränderungen vornahm, betrachtet man nur allein die Gliederung. Ferner ist auch eine leichte Prioritätenverschiebung spürbar, so stand die Art der Materialien 1857 eindeutig im Mittelpunkt der Betrachtungen der Heuristik. Später, bei der Manuskriptfassung von 1881, ergibt sich ein harmonischeres Gesamtbild. Der historischen Frage und der Suche nach den Materialien, was die Heuristik per definitionem erst ausmacht, wird mehr Geltung verschafft – obwohl der Unterscheidung der Materialien in Überreste, Denkmale und Quellen noch immer eine recht dominante Stellung innerhalb der Heuristik zugestanden wird. Insgesamt gesehen, scheint die Heuristik meiner Meinung nach benutzerfreundlicher und verständlicher geworden zu sein, der Aufbau ist nachvollziehbarer, der gesamte Text ist stärker durchgegliedert und einige kleinere begriffliche Ungereimtheiten wurden geglättet, was auch als Dienst Droysens an seinen Studenten verstanden werden kann. Diese Evolution der Heuristik lässt eine sehr intensive Beschäftigung Droysens mit der Materie erkennen, was den großen Stellenwert, den er seiner Historik beimaß, nochmals bestätigt.
Erster Teil: Methodik
§1 Welcher Art sind die Materialien?
§2 Die Überreste
§3 Die Denkmale
§4 Die Quellen
a) Die subjektive Reihe
b) Die pragmatische Auffassung
a. indirekte Auffassung
b. individuelle Überlieferung / Denkwürdigkeiten
c. "wenn bedeutende Männer die Geschichte ihrer Zeit von ihrem Standpunkt aus darstellen"*
d. "Überlieferungen mit Reflexion"*
§5 Das Finden des Materials
§6 Die heuristische Frage
b) Die Gliederung der Heuristik nach den Kolleg-Manuskripten von 1881(Hübner)
Die historische Frage
a) "alles und jedes, was die Spur von [...] Menschen- hand an sich trägt [...] aus solchen Zeiten, [...] von denen die Quellen [...] wenig oder nichts sagen"*
b) "Überreste von Formungen oder Anordnungen"*
c) "Überreste [...] des sprachlichen Ausdruckes"*
d) "Überreste aus dem schriftlichen Verlauf von allerlei Geschäften"*
c) Monumentale Bau- und Kunstwerke
d) Numismatik
e) Wappen
a) Die subjektive Reihe der Quellen
b) Die pragmatische Reihe
1. Die Briefe
4. Die Chroniken
5. Denkwürdigkeiten, "in denen bedeutende Per- sonen mitteilen, was sie mithandelnd erlebt haben"*
6. Memoiren*
7. Kombinierende Quellen*
Das Finden des Materials
a) "Materialien, die man auf den ersten Anlauf gewinnen kann"*
b) Materialien, "die bis dahin nicht bekannt waren"*
c) divinatorisches Suchen*
d) "Dinge, die nicht historisches Material zu sein scheinen, durch richtige Einreihung dazu zu machen"*
e) Analogie
f) Hypothese
* Hier beginnt Droysen zwar einen neuen Unterpunkt, unterlässt es aber, ihm eine eigene Überschrift zu geben. Um die Gliederung möglichst vollständig wiederzugeben, sah ich mich gezwungen, die betreffenden Stücke selbst zu überschreiben. Diese Teilüberschriften sind zumeist Zitate aus den jeweiligen Passagen, die den Inhalt möglichst genau treffen sollen.
Bauer, Christoph Johannes: "Das Geheimnis aller Bewegung ist ihr Zweck." Geschichtsphilosophie bei Hegel und Droysen, Hamburg 2001.
Droysen, Johann Gustav: Grundriss der Historik, hrsg. v. Erich Rotacker, Halle/Saale 1925.
Droysen, Johann Gustav: Historik. Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977.
Droysen, Johann Gustav: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte, hrsg. von Rudolf Hübner, Darmstatt 71974.
Droysen, Johann Gustav: Politische Schriften, hrsg. v. Felix Gilbert, München / Berlin 1933.
Droysen, Johann Gustav: Texte zur Geschichtstheorie. Mit ungedruckten Materialien zur „Historik“, hrsg. v. Günter Birtsch und Jörn Rüsen, Göttingen 1972.
Rüsen, Jörn: Für eine erneuerte Historik. Studien zur Theorie der Geschichts-wissenschaft, Stuttgart 1976.
[1] Rüsen, Jörn: Einleitung, in: Droysen, Johann Gustav: Texte zur Geschichtstheorie. Mit ungedruckten Materialien zur „Historik“, hrsg. v. Günter Birtsch und Jörn Rüsen, Göttingen 1972, S. 5-10, hier S. 6.
[2] Vgl. Leyh, Peter: Vorwort des Herausgebers, in: Droysen, Johann Gustav: Historik. Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, S. IX-XXX, hier S. IXf.
[3] Vgl. Wagner, Christine: Die Entwicklung Johann Gustav Droysens als Althistoriker, Bonn 1991, S. 167.
[4] Leyh, Vorwort, 1977, S. XI.
[5] Ebd., S. XIII.
[6] Vgl. ebd., S. XVIIIf.
[7] Die Erstausgabe erschien bereits im Jahr 1937.
[8] Hübner, Rudolf: Vorwort des Herausgebers, in: Droysen, Johann Gustav: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte, hrsg. von Rudolf Hübner, Darmstatt 71974, S. IX-XXI, hier S. XII.
[10] Vgl. Leyh, Vorwort, 1977, S. XV.
[11] Droysen, Johann Gustav: Historik. Die Vorlesungen von 1857 (Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung aus den Handschriften), in: Droysen, Johann Gustav: Historik. Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, S. 1-393, hier S. 65.
[12] Vgl. Barrelmeyer, Uwe: Geschichtliche Wirklichkeit als Problem. Untersuchungen zu geschichtstheoretischen Begründungen historischen Wissens bei Johann Gustav Droysen, Georg Simmel und Max Weber, Münster 1997, S. 66.
[13] Vgl. Anhang: Die Gliederung der Heuristik in ihrer ersten Fassung (Leyh-Ausgabe) und in der Fassung von 1881 (Hübner-Ausgabe), S. 13f.
[14] Vgl. Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 31; bzw. Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 105.
[15] Vgl. Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 66.
[18] Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 31.
[19] [griech.] Erforschen/ Nachforschen/ Geschichtsforschung. Die Verwendung griechischer Bezeichnungen, wofür Droysen eine gewisse Affinität entwickelt hat, ist wohl mit seiner Ausbildung als Althistoriker zu erklären.
[20] Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 107.
[21] Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 33.
[22] Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 109.
[23] Ebd.; Ders.: Grundriß der Historik. (= 1. vollständige handschriftliche Fassung von 1857 bzw. 1858), in: Droysen, Johann Gustav: Historik. Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, S. 395-412, hier S. 400; Ders.: Grundriß der Historik (= Neudruck der letzten Ausgabe von 1882), hrsg. v. Erich Rotacker, Halle/Saale 1925, S. 13.
[24] Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 109.
[26] Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 31-36.
[27] Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 69
[29] Ebd., S. 69.
[30] Droysen, Grundriß (1857/1858), 1977, S. 400.
[31] Vgl. Droysen, Johann Gustav: Texte zur Geschichtstheorie. Mit ungedruckten Materialien zur „Historik“, hrsg. v. Günter Birtsch und Jörn Rüsen, Göttingen 1972, S. 63; bzw. Barrelmeyer, Geschichtliche Wirklichkeit, 1997, S. 66f.
[32] Vgl. Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 40.
[33] Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 74.
[35] Ebd., S. 78.
[36] Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 77.
[38] Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 50.
[39] Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 79.
[40] Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 50.
[41] Droysen, Grundriß (1857/1858), 1977, S. 400.
[42] Droysen, Grundriß (1882), 1925, S. 14.
[43] Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 88.
[44] Vgl. das Beispiel der Darstellung über Friedrich Barbarossa in den Ausführungen Droysens zu den abgeleiteten Quellen, in: Ders., Historik (Leyh), 1977, S. 100.
[45] Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 70.
[46] Vgl. Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 93f.
[47] Vgl. Droysen, Johann Gustav: Das Leben des Feldmarschalls Grafen York von Wartenburg, Berlin 1854.
[48] Vgl. Anhang: Die Gliederung der Heuristik in ihrer ersten Fassung (Leyh-Ausgabe) und in der Fassung von 1881 (Hübner-Ausgabe) , S. 13f.
[49] Vgl. Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 95.
[50] Vgl. Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 75f.
[51] Vgl. Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 98-100.
[52] Vgl. Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 76-79.
[53] Barrelmeyer, Geschichtliche Wirklichkeit, 1997, S. 66.
[54] Droysen, Historik (Leyh), 1977, S. 100.
[58] Ebd., S. 102.
[60] Vgl. Schuppe, Christian-Georg: Der andere Droysen. Neue Aspekte seiner Theorie der Geschichts-wissenschaft, Stuttgart 1998, S. 42-62.
[61] Vgl. Anhang: Die Gliederung der Heuristik in ihrer ersten Fassung (Leyh-Ausgabe) und in der Fassung von 1881 (Hübner-Ausgabe) , S. 13f.
[62] Droysen, Grundriß (1882), 1925, S. 16.
[63] Droysen, Historik (Hübner), 1974, S. 87.
[64] Vgl. ebd., S. 88f.
Die griech. Schriftzeichen werden nur in der Druckversion korrekt dargestellt.
Heuristik Historik Johann Gustav Droysens
Stefan Solle (Autor), 2002, Die Heuristik in der Historik Johann Gustav Droysens, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/108124

References: §1

§2

§3

§4

§5

§6