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Timestamp: 2020-05-31 18:37:23+00:00

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BOAG - Skepsis-Reservat: Gedanken zu Wissenschaftstheorie, Methodologie & Ethik: 30 Thesen zur Depression
«30 Thesen zur Depression» von Hannibal Milde
«Man kann nicht abstreiten, dass die Depressionsdoktoren es geschafft haben,
auch den Unglücklichen die Ressourcen zuzubilligen,
die wir sonst den Kranken vorbehalten - Gelder für Forschung und Behandlung,
Zeit bei Ärzten und Pflegern und - vielleicht das Wichtigste -
das Ausmaß an Sympathie, das einem Leidenden gebührt. […]
Das könnte eine gute Arbeitsdefinition von Krankheit sein:
kein Zustand mit einer biochemischen Ursache,
sondern eine Form des Leidens,
die eine bestimmte Gesellschaft für so wichtig erachtet,
dass sie ihr Mittel zur Linderung aus dem Gesundheitssystem zubilligt.»
(Gary Greenberg, Manufacturing Depression, S. 357)
§1) Depressionen sind keine Krankheiten.
§2) Antidepressiva sind keine Heilmittel.
§3) Antidepressiva sind aufgrund ihrer chemischen Bestandteile nur bei schwersten Depressionen hilfreich.
§4) Antidepressiva haben schwere Nebenwirkungen.
§5) Antidepressiva sind aufgrund des zu erwartenden Absetzsyndroms schwer wieder abzusetzen.
§6) Antidepressiva sind aber durchaus bei allen depressiven Zuständen hilfreich. Das liegt zu einem großen Teil am Placebo-Effekt.
§7) Die restliche Wirkung lässt sich durch ihre chemischen Bestandteile erklären. Diese ähneln chemisch und von der Wirkweise her Substanzen wie Ecstasy.
§8) Die Abgrenzung zwischen Drogen und Medikamenten bei der Behandlung von psychischen Problemen ist daher willkürlich. Hauptunterschied: Die einen werden von Ärzten verschrieben, die anderen nicht.
§9) Für Depressionen gibt es kein physiologisches Erklärungsmodell, das sich empirisch stützen ließe.
§10) Da kein direkter hirnphysiologischer Effekt von Antidepressiva auf das Depressionsgeschehen nachweisbar ist, sind die chemischen Modelle nicht nur nicht bestätigt, sondern in der Behandlung auch nicht hilfreich. Im Gegenteil: Sie machen hilflos, weil sie auf eine chemische Veränderung abzielen, von der niemand weiß, wie man sie hervorruft oder wie sie funktioniert. Das wird auch so bleiben, denn:
§11) Die Diagnose Depression beschreibt keine in der Natur vorkommende Krankheit.
§12) Die Diagnose Depression ist stattdessen ein Produkt eines Abstimmungsprozesses innerhalb einer mehr oder weniger willkürlich zusammengestellten Gruppe von Experten, meist Psychiatern.
§13) Die Diagnose ist daher das Produkt eines Mehrheitsentscheids einer Gruppe von Spezialisten, die ihre eigenen Wertentscheidungen in die Benennung von „Symptomen“ einbringen, die sie pathologisch oder eben normal finden.
§14) Damit transportieren diese Experten ein bestimmtes Modell des Menschen. Dieser soll z.B. fröhlich, leistungsstark und motiviert sein, um nicht depressiv genannt zu werden.
§15) Wer diesen Kriterien nicht entspricht, wird pathologisiert. Er ist behandlungsbedürftig, sein Gehirn ist nicht in Ordnung.
§16) Depressionen lassen sich alternativ (z.B. durch verhaltenstherapeutische Modelle) beschreiben und auch verändern.
§17) Auch diese Modelle sind willkürlich, wählen nach subjektiven Gesichtspunkten einzelne Verhaltensweisen, Lebensumstände und (emotionale) Zustände aus.
§18) Dies geschieht, um eine Veränderung möglich zu machen. Die Beschreibung wird so gewählt, dass dem Betroffenen Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden (etwa Beziehungsprobleme kompetenter bewältigen, Aktivitäten so planen, dass diese als befriedigend erlebt werden, oder in der Psychoanalyse: ein Verständnis für die eigene Emotionalität entwickeln, so dass diese als natürlich und normal begriffen werden kann).
§19) Depression ist auch als Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse beschreibbar.
§20) Mit dem Ansteigen von Arbeitslosigkeit und Schulden steigt auch die Rate an Selbstmorden.
§21) Depression ist ein Schutzraum vor (un-)berechtigten Anforderungen. Deswegen sind so viele Betroffene wenig begeistert von der Nachricht, dass sie - chemisch betrachtet - Placebos schlucken.
§22) Dass Depressionen durch Placebos so gut „heilbar“ sind, ist bemerkenswert und wird zu schnell übersehen. Die Induktion von Hoffnung ist offenbar in einigen Fällen ausreichend, um massive Besserung zu bewirken.
§23) Das verrät uns einiges über die „Natur“ der Depression. Hoffnung vermittelt einen Ausblick auf einen guten Ausgang der aktuellen Schwierigkeiten, was immer diese sein mögen. Entsprechend geht es also darum, die eigene Geschichte als Erfolgsgeschichte konstruieren zu können und Sinn darin zu finden.
§24) Antidepressiva sind also ein Sinnangebot.
§25) Depressionen sind demnach ebenfalls ein Sinnangebot.
§26) Das depressive Erklärungsmuster nach dem biomedizinischen Muster legt Selbstbeschreibungen nahe, die gesellschaftlich schädlich sind. Es entwickelt sich ein Zirkel zunehmender Zerbrechlichkeit, der die Betroffenen hilflos macht. Sie erwarten und hoffen auf Hilfe, sie können sich aber selber nicht mehr helfen. Entsprechend steigen Verrentungs- und Erkrankungszahlen.
§27) Depressive Reaktionen sind als selbstverständlich auftretende Reaktionen auf aversive Ereignisse sinnvoll konstruierbar und hilfreich.
§28) Depressive Reaktionen nehmen tatsächlich zu, auch wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Es ist nur aktuell ein Plateau erreicht worden. Gleichzeitig sind historische Vergleiche schwer zu ziehen, weil Depressions-Definitionen stark wandelbar sind.
§29) Selbstbeschreibungen lenken unser Verhalten von Innen und Außen. Die depressive Selbst-Beschreibung behindert die Gesellschaft materiell und zerstört ihren Zusammenhalt aufgrund ihrer Ignoranz für soziale Zusammenhänge.
§30) Die depressive Reaktion kann demnach als ein emotionaler Hinweis auf die Unmöglichkeit verstanden werden, an den von der Gesellschaft und dem unmittelbaren sozialen Umfeld bereitgestellten Optionen und Sinnangeboten teilhaben zu können. Sie sind ein Marker für eine Lücke im sozialen Geschehen, in der sich das Individuum befindet.
Ins Netz gestellt am 18. Oktober 2016

References: §1

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§13

§14

§15

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§18

§19

§20

§21

§22

§23

§24

§25

§26

§27

§28

§29

§30