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Timestamp: 2019-09-20 08:09:38+00:00

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Bei einem finanz­ge­richt­li­chen Kla­ge­ver­fah­ren, das im Ver­gleich zu dem dar­ge­stell­ten Ver­fah­rens­ab­lauf kei­ne wesent­li­chen Beson­der­hei­ten auf­weist, spricht eine Ver­mu­tung dafür, dass die Dau­er des Ver­fah­rens ange­mes­sen ist, wenn das Gericht gut zwei Jah­re nach dem Ein­gang der Kla­ge mit Maß­nah­men beginnt, die das Ver­fah­ren einer Ent­schei­dung zufüh­ren sol­len und die damit begon­ne­ne ("drit­te") Pha­se des Ver­fah­rens­ab­laufs nicht durch nen­nens­wer­te Zeit­räu­me unter­bro­chen wird, in denen das Gericht die Akte unbe­ar­bei­tet lässt. Der Bun­des­fi­nanz­hof hält auch hin­sicht­lich der wei­te­ren Grund­sät­ze und Ein­zel­hei­ten ein­schließ­lich der Auf­tei­lung des typi­schen finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens in drei Pha­sen an sei­ner Recht­spre­chung fest1.
Aus der Ent­schei­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts des Lan­des Sach­sen-Anhalt in NVwZ 2012, 1637 lässt sich eben­falls nichts gegen die BFH-Recht­spre­chung her­lei­ten. Zunächst hat sich das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in sei­nem Urteil vom 11.07.20132, in dem es die Ent­schei­dung des OVG des Lan­des Sach­sen-Anhalt bestä­tigt hat, nicht zuletzt von der Viel­ge­stal­tig­keit ver­wal­tungs­ge­richt­li­cher Ver­fah­ren lei­ten las­sen, die in die­ser Form in der Finanz­ge­richts­bar­keit nicht exis­tiert3. Ins­be­son­de­re beruh­ten die dor­ti­gen Ent­schei­dun­gen auf Beson­der­hei­ten (jah­re­lan­ge per­sön­li­che Belas­tun­gen auch im Bereich der täg­li­chen Lebens­füh­rung bei einem bereits für einen frü­he­ren Zeit­raum zuguns­ten der dama­li­gen Klä­ge­rin abge­schlos­se­nen ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Rechts­streit), die im Finanz­pro­zess nicht typisch sind und nur als beson­de­re Umstän­de im Ein­zel­fall gewür­digt wer­den könn­ten4.
Soweit das Bun­des­so­zi­al­ge­richt5 davon aus­geht, eine Ver­fah­rens­dau­er von bis zu zwölf Mona­ten je Instanz sei regel­mä­ßig als ange­mes­sen anzu­se­hen, hat es dies nicht zuletzt mit der beson­de­ren Natur sozi­al­ge­richt­li­cher Ver­fah­ren begrün­det. Gegen­stand der Ver­fah­ren vor dem BSG ist vor allem die Gewäh­rung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen6. Dies fin­det im Finanz­pro­zess regel­mä­ßig kei­ne Ent­spre­chung.
Das BFH-Urteil in BFHE 246, 136, BSt­Bl II 2014, 933 setzt, anders als die Klä­ge­rin wohl meint, kei­ne ande­ren Maß­stä­be zur Beur­tei­lung des Zeit­ab­laufs. Ins­be­son­de­re bedeu­tet die im Janu­ar 2014 erho­be­ne Ver­zö­ge­rungs­rü­ge nicht, dass das Finanz­ge­richt kurz dar­auf, etwa im Febru­ar 2014, mit der Bear­bei­tung des Ver­fah­rens hät­te begin­nen müs­sen. Bei Erhe­bung der Ver­zö­ge­rungs­rü­ge war der dem Finanz­ge­richt zur Ver­fü­gung ste­hen­de Zeit­raum von in der Regel gut zwei Jah­ren noch nicht abge­lau­fen. Die Par­al­le­len, die die Klä­ge­rin zu den Aus­füh­run­gen des Bun­des­fi­nanz­hofs in BFHE 246, 136, BSt­Bl II 2014, 933 zieht, sind unzu­tref­fend. In dem jener Ent­schei­dung zugrun­de­lie­gen­den Ver­fah­ren hät­te das Finanz­ge­richt nach dem Maß­stab "gut zwei Jah­re" im Juli 2011 mit der Bear­bei­tung begin­nen müs­sen, wor­aus der Bun­des­fi­nanz­hof einen ers­ten Ver­zö­ge­rungs­zeit­raum ab Juli 2011 her­ge­lei­tet hat. Die Ver­zö­ge­rungs­rü­ge wur­de deut­lich nach Ablauf die­ser zwei Jah­re und erst wäh­rend der bereits ein­ge­tre­te­nen Ver­zö­ge­rung erho­ben. Sie war Aus­lö­ser für die nächs­te ver­fah­rens­för­dern­de Maß­nah­me des Finanz­ge­richt, die den Ver­zö­ge­rungs­zeit­raum unter­bro­chen hat. Ent­schei­dend für die sei­tens des Bun­des­fi­nanz­hofs fest­ge­stell­ten Ver­zö­ge­rungs­zeit­räu­me war nicht die Ver­zö­ge­rungs­rü­ge, son­dern der Zeit­ab­lauf und die Ver­fah­rens­för­de­rung durch das Finanz­ge­richt. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat ins­be­son­de­re nicht ent­schie­den, dass eine Ver­zö­ge­rungs­rü­ge die zwei­te Pha­se vor­zei­tig been­den und die unver­züg­li­che Auf­nah­me ver­fah­rens­för­dern­der Maß­nah­men erzwin­gen könn­te. Viel­mehr hat der Bun­des­fi­nanz­hof bereits erkannt, dass der Betei­lig­te eines Ver­fah­rens nicht allein des­halb einen Anspruch auf beschleu­nig­te Bear­bei­tung hat, weil er die­sen Anspruch für sich rekla­miert7. Mit die­sem Ver­ständ­nis hät­te der Betei­lig­te es ansons­ten in der Hand, sich über eine früh­zei­ti­ge Ver­zö­ge­rungs­rü­ge Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che zu schaf­fen. Anders liegt es nur dann, wenn der Ver­fah­rens­be­tei­lig­te mit sei­ner Ver­zö­ge­rungs­rü­ge beson­de­re Umstän­de i.S. des § 198 Abs. 3 Satz 3 GVG benennt, die eine Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung nahe­le­gen.
Die Ent­schä­di­gung in Geld setzt nach § 198 Abs. 3 Satz 1 GVG vor­aus, dass der Ver­fah­rens­be­tei­lig­te bei dem mit der Sache befass­ten Gericht die Dau­er des Ver­fah­rens gerügt hat (Ver­zö­ge­rungs­rü­ge). Nach § 198 Abs. 3 Satz 2 Halb­satz 1 GVG kann die Ver­zö­ge­rungs­rü­ge erst erho­ben wer­den, wenn Anlass zur Besorg­nis besteht, dass das Ver­fah­ren nicht in einer ange­mes­se­nen Zeit abge­schlos­sen wird. Wird die Rüge zur Unzeit erho­ben, geht die Rüge "ins Lee­re"8 und wird auch dann nicht wirk­sam, wenn spä­ter tat­säch­lich eine unan­ge­mes­se­ne Ver­fah­rens­dau­er ein­tritt9.
Die Besorg­nis der Ver­zö­ge­rung i.S. des § 198 Abs. 3 Satz 2 Halb­satz 1 GVG erfor­dert zwar noch nicht, dass eine Ver­zö­ge­rung bereits ein­ge­tre­ten ist10, ist aber auch nicht vor­aus­set­zungs­los. Maß­geb­lich ist, wann ein Betrof­fe­ner erst­mals Anhalts­punk­te dafür hat, dass das Ver­fah­ren als sol­ches kei­nen ange­mes­sen zügi­gen Fort­gang nimmt11.
Sol­che Anhalts­punk­te bestan­den objek­tiv noch nicht, als die Klä­ge­rin im Janu­ar 2014 die Ver­zö­ge­rungs­rü­ge erhob. Das Ver­fah­ren war zu die­sem Zeit­punkt 14 Mona­te und fünf Tage anhän­gig. Von der Schwel­le der "gut zwei Jah­re" ab Kla­ge­ein­gang war die­ser Zeit­punkt noch zehn Mona­te ent­fernt. Umstän­de, die sei­ner­zeit dafür spre­chen könn­ten, dass das Finanz­ge­richt das Ver­fah­ren nicht zügig bear­bei­ten wür­de, gab es nicht. Ein Rück­schluss von der tat­säch­li­chen ‑wenn auch gering­fü­gi­gen- spä­te­ren Ver­zö­ge­rung wäre unzu­läs­sig, da das Tat­be­stands­merk­mal "Anlass zur Besorg­nis" auf den Zeit­punkt der Ver­zö­ge­rungs­rü­ge zu beur­tei­len ist. Die fol­gen­den Schrift­sät­ze der Klä­ge­rin ent­hal­ten auch unter den rechts­schutz­ge­wäh­ren­den Aus­le­gungs­maß­stä­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts12 kei­ne Ver­zö­ge­rungs­rü­ge mehr.
vgl. zum Maß­stab "gut zwei Jah­re": BFH, Zwi­schen­ur­teil vom 07.11.2013 – X K 13/​12, BFHE 243, 126, BSt­Bl II 2014, 179, unter II. 2.d dd; zur Aus­ein­an­der­set­zung mit der Recht­spre­chung ande­rer Gerich­te BFH, Urteil vom 17.06.2014 – X K 7/​13, BFH/​NV 2015, 33, dort unter II. 1.a, m.w.N. zur BFH-Recht­spre­chung [↩]
BVerwG, Urteil vom 11.07.2013 – 5 C 27/​12 D, BayVBl 2014, 149, dort unter 1.b aa (2) der Ent­schei­dungs­grün­de [↩]
vgl. zu die­sem maß­ge­ben­den Unter­schei­dungs­merk­mal bereits BFH, Urteil in BFH/​NV 2015, 33, unter II. 1.a mit Hin­weis auf BVerwG, Urteil vom 11.07.2013 – 5 C 23/​12 D, BVerw­GE 147, 146 [↩]
so bereits das BFH, Urteil vom 19.03.2014 – X K 3/​13, BFH/​NV 2014, 1053, unter II. 2.c; unter aus­drück­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung mit den Urtei­len des OVG des Lan­des Sach­sen-Anhalt in NVwZ 2012, 1637, sowie des BVerwG in BayVBl 2014, 149 [↩]
BSG, Urteil in SozR 4 – 1720 § 198 Nr. 6, dort unter 2.c hh der Ent­schei­dungs­grün­de, Rz 44, 45 [↩]
eben­so bereits das BFH, Urteil in BFHE 252, 233, BSt­Bl II 2016, 405, unter II. 2.a aa; unter aus­drück­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Urteil des BSG eben­falls vom 03.09.2014 B 10 ÜG 2/​13 R, BSGE 117, 21, SozR 4 – 1720 § 198 Nr. 3 [↩]
vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2015, 33, unter II. 1.b bb aaa [↩]
BT-Drs. 17/​3802, S.20 [↩]
LSG NRW, Beschluss vom 17.12 2014 – L 11 SF 832/​14 EK AS PKH [↩]
vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2015, 33, unter II. 2. [↩]
BGH, Urteil vom 21.05.2014 – III ZR 355/​13, NJW 2014, 2443, unter II. 3.a [↩]
BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 17.12 2015 – 1 BvR 3164/​13, AnwBl. 2016, 362 [↩]

References: § 198
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