Source: https://shiftingreality.wordpress.com/2014/06/07/brot-und-rosen-3/
Timestamp: 2017-09-26 16:29:05+00:00

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Brot und Rosen (3) | shifting reality
Die Frauenbewegung in der BRD (32)
„Im Kampf um die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen entwickelt die Frauenbewegung die Theorie zur Befreiung der Frauen aus der Geschlechtsunterdrückung unter den spezifischen Bedingungen des Kapitalismus.“
Brot und Rosen, 1974
Was bisher geschah: Der Autor dieses Blogs ist dabei, seine Küche zu renovieren und muß gestehen, damit immer noch nicht fertig zu sein. Doch für die Leserinnen interessanter ist wohl die Erkenntnis aus dem letzten Blogbeitrag, daß die Gruppe Brot und Rosen 1972 ein sogenanntes „Frauenhandbuch“ verfaßte. Dieses Frauenhandbuch klärte einerseits über Verhütung und Abtreibung auf, machte aber andererseits auch die politische Dimension dieses vermeintlich privaten Themenkomplexes sichtbar.
Wenn man so will, kann man die Erstellung des Frauenhandbuches und in der Folge dann dessen Überarbeitung für die zweite Auflage als die theoretische Seite von Brot und Rosen ansehen. Gleichzeitig war die Gruppe aber auch praktisch tätig. Mit ihrer praktischen Tätigkeit wurde sowohl in der privaten, individuelle Sphäre interveniert wie auch in der politischen Öffentlichkeit. Und auch wenn ich das hier schon mehrfach geschrieben habe: Gerade dieser Versuch, Individuelles mit Kollektivem, Privates mit Öffentlichem zu verknüpfen, macht meines Erachtens den Kern der antiautoritären Revolte aus. Brot und Rosen blieben diesem antiautoritären Konzept treu – im Gegensatz zu denen, die in irgendwelchen marxistisch-leninistischen Gruppen diese Spaltung von Privatleben und Politik, gegen die sich die antiautoritäre Revolte einmal richtete, wieder herstellten.
Was hieß das nun für Brot und Rosen konkret? Beginnen wir mit der öffentlichen, politischen Seite. Natürlich war das Frauenhandbuch selbst bereits praktisch und ein Politikum. Und so wurde es auch aufgefaßt. Schnell waren Brot und Rosen wegen ihres „Expertinnenwissens“ auch überregional gefragt und eine der tonangebenden Gruppen in der Aktion 218, dem bundesweiten Bündnis von Frauengruppen im Kampf gegen den § 218. Deutlich wird dies beim Tribunal gegen den § 218, das im Mai 1972 in Köln stattfand. Das originelle an diesem Tribunal war, daß nicht einfach trocken Zahlen, Fakten, Argumente heruntergebetet wurden, sondern die unterschiedlichen Themenkomplexe in kleinen Theaterstücken dargestellt werden sollten. Brot und Rosen fiel die Aufgabe zu, die Rolle der pharmazeutischen Industrie offenzulegen – und das, obwohl die Gruppe gerade einmal ein halbes Jahr existierte.
Das Tribunal selbst geriet zu einem Fiasko – zu unterschiedlich war das Publikum, zu unterschiedlich die Erwartungen. Doch darauf will ich an dieser Stelle noch nicht eingehen, denn das gehört in die Geschichte des Kampfes gegen den § 218. Für den aktuellen Zusammenhang interessant ist die Kritik, die Brot und Rosen danach formulierten. Denn diese zeigt, daß die Gruppe recht klare politische Vorstellungen hatte und diese auch zu artikulieren verstand:
„Ziel des Tribunals war es, die Öffentlichkeit über die Forderungen der Aktion 218 zu informieren und den Weg zu zeigen, wie wir sie durchsetzen wollen. Dazu wäre folgendes notwendig gewesen:
1. Das Entstehen der Aktion zu erklären
2. Die Forderungen ausführlich zu nennen und zu begründen
3. Die katastrophalen Zustände im medizinischen, pharmazeutischen, kirchlichen, politischen, juristischen und journalistischen Bereich anzuklagen
4. Weitere Schritte zur Abschaffung des § 218 zu erarbeiten.
Bei dem Tribunal lag die Betonung nahezu ausschließlich auf Demonstration und Anklage, also Punkt 3. Für uninformierte Frauen fehlte 1.) und 2.). Für bereits organisierte der letzte Punkt.“ ([3], S. 69)
Diese Fehler wurden nicht wiederholt, als Brot und Rosen kurz vor der Dritten Lesung des „reformierten“ § 218 selbst eine Großveranstaltung auf die Beine stellten. Am 6. Februar 1974 organisierten sie an der TU Berlin ein Teach-In, das es dann auch in die überregionalen Medien schaffte. Zu diesem Zweck hatten sich die Brot und Rosen-Frauen eine besondere Aktion überlegt, auf die weiter unten noch einzugehen sein wird.
Doch wenden wir uns zunächst einmal dem anderen Teil der Praxis von Brot und Rosen zu, dem Teil, der scheinbar nur auf das Private, Individuelle zielte. Denn die Gruppe agitierte nicht nur öffentlichkeitswirksam auf großen Veranstaltungen, sondern richtete im Kleinen auch eine regelmäßige Sprechstunde ein. In diese Sprechstunde konnten Frauen kommen, die Fragen zur Verhütung hatten oder die Beratung wegen einer Abtreibung brauchten. Das war zunächst einmal ganz konkrete Hilfe im Einzelfall, der aber scheinbar die politische Dimension fehlte:
„Am Anfang machten wir die Sprechstunde nicht gerne. Wir fanden sie auch unpolitisch. Wir machten sie hauptsächlich deswegen, weil wir nicht dauernd zu Hause angerufen werden wollten. Wir wollten die Frauen nicht in der Sprechstunde agitieren. Wir wußten, daß sie von uns einen Rat haben wollten und sich sonst für nichts interessierten. Für manche Leute wurden wir eine Art barmherziger roter Schwestern, die man gern in Anspruch nahm, wenn Hilfe nötig war, deren Tätigkeit man aber für belanglos und unpolitisch hielt.“ ([2], S. 10)
Doch die Sprechstunde erwies sich als interessanter, als das zunächst den Anschein hatte. Denn zusehends mauserte sich diese zu einer Quelle von Informationen. Sie war eben nicht nur eine Beratung durch Expertinnen, die anderweitig angesammeltes Wissen weitergaben. Sondern die „Expertinnen“ verlangten – und bekamen auch – Rückmeldungen von den Hilfesuchenden. Schon bald wurde ein detaillierter Fragebogen ([2], S. 170-173) entwickelt, um systematisch Informationen zu sammeln:
„In der Sprechstunde versuchten wir den Frauen klarzumachen, warum wir von ihnen eine Rückantwort, d.h. Erfahrungsberichte über Verhütung und ihre Abtreibungen erwarteten (bei wem, mit welcher Methode, unter welchen Bedingungen, in welcher Woche, zu welchem Preis usw.) und wieso das ihr Beitrag sein muß zum Gelingen der 218-Kampagne. Durch diese Erfahrungen veränderte sich allmählich unser Verhältnis zu Sprechstunde: sie war nicht mehr nur eine lästige Pflichtübung, sondern wir lernten darin die sexuelle Misere der Frauen und die Bedingungen unseres Gesundheitswesens kennen.“ ([2], S. 11)
Und das führte dann zur wohl spektakulärsten Aktion, die die Gruppe Brot und Rosen durchführte. Der Spiegel berichtete:
„Sechs Wochen vor der dritten Lesung der Bonner Abtreibungsreform haben in West-Berlin 13 Mitglieder der Frauengruppe »Brot und Rosen« fünf Ärzte angezeigt. Die Vorwürfe der Feministinnen gegen die Mediziner reichen von »Unzucht mit Abhängigen« (Paragraph 174 im Strafgesetzbuch) bis zur »Steuerhinterziehung« (Paragraph 392 der Reichsabgabenordnung) – Paragraph 218 des Strafgesetzbuches aber, nach dem die Abtötung einer »Leibesfrucht« noch immer mit maximal zehn Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden kann, ist nicht dabei.“ ([5])
Diese Strafanzeigen, die auf dem Teach-In in der TU-Berlin öffentlich gemacht wurden, waren unmittelbares das Resultat der Sprechstundenpraxis:
„In der Sprechstunde haben wir erfahren, daß jede Frau, die abtreiben will, die notwendigen Schritte dazu privat und isoliert auf sich nehmen muß. Am Ende ist sie mürbe, dankbar und zu allem bereit: sich demütigen, vergewaltigen, medizinisch unzureichend versorgen zu lassen, sich von Ärzten behandeln zu lassen, die ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig sind, die kaum mehr sehen können oder ein zittrige Hand haben.“ ([2], S. 12)
Es ist wichtig zu betonen, daß Brot und Rosen diese fünf Ärzte nicht wegen Abtreibung angezeigt hatte, sondern wegen anderer Vergehen und Verbrechen, die sie im Umfeld ihrer Praxis als Abtreibungsärzte begingen. Diese Anzeigen sollten nur der Beginn einer größeren Kampagne sein, doch das beruhte, wie damals Frauen aus dem Frankfurter Frauenhaus schrieben, auf einer Überschätzung der realen Möglichkeiten:
„Die Brot und Rosen-Frauen hatten gehofft, daß diese ersten Anzeigen eine ganze Anzeigenkampagne in der BRD und in Westberlin folgen würde. Hierbei hatten sie jedoch nicht überlegt, daß die Abtreibungslage in Berlin sich wesentlich unterscheidet von anderen Städten in der BRD, in denen es zum Teil nur sehr wenige Abtreiber gibt. […] Anzeigen sind jedoch nur möglich, wenn wir von den Ärzten, die abtreiben, unabhängig sind. Das sind wir leider nicht.“ ([1], S. 5)
So blieb es bei den öffentlichkeitswirksamen Anklagen von Brot und Rosen. Was aus diesen Anklagen wurde, ob irgend einer der Ärzte verurteilt wurde, konnte ich nicht herausfinden. Auch Brot und Rosen zogen sich im Laufe des Jahres 1974 zurück. Nach dem Teach-In im Februar brachten sie noch die zweite Auflage ihres Frauenhandbuches heraus. Darin kündigen sie bereits an, daß sie „bis Ende des Jahres 1974 nicht mehr öffentlich auftreten werden“ ([2], S. 8) – und auch danach hörte man nichts mehr von der Gruppe.
Damit hätten wir auch die zweite Linie, die aus dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen hervorgegangen war, zu ihrem historischen Recht verholfen. Und wenn wir der (rudimentären) offiziellen Geschichtsschreibung der Frauenbewegung folgen, dann sind mit dem Sozialistischen Frauenbund einerseits und Brot und Rosen andererseits alle Spaltprodukte des Aktionsrates abgehandelt. Doch es gibt noch eine inoffizielle, selten bis gar nicht thematisierte Linie, die auch vom Aktionsrat ausging.
Freuen Sie sich deshalb ganz besonders auf nächste Woche, wenn die Frauenbefreiungsfront 1970 meint:
„Der Aktionsrat ist eingegangen, nur noch vereinzelte Frauengrüppchen murkeln vor sich hin, überlegen sich dauernd, wie sie sich organisieren sollen, und machen nichts. Nichts von dem, was wir im Aktionsrat erreichen wollten, ist in Verhalten und Praxis der einzelnen eingegangen.“ ([4])
[1] 218-Gruppe Frauenzentrum Frankfurt, § 218. Dokumentation einer Aktionswoche, Frankfurt a.M. o.J. [1974].
[5] Redaktioneller Beitrag, „Sehkraft geschwächt“, in: Der Spiegel, Jg.28 (1974), Nr.7 (11. Februar 1974), S.122 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41784145.html).
7. Juni 2014 um 14:26
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