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Timestamp: 2020-01-20 14:18:07+00:00

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Dif­fe­renz­kin­der­geld bei Erwerbs­tä­tig­keit in der Schweiz | Rechtslupe
Woh­nen Eltern mit ihren Kin­dern in Deutsch­land, arbei­ten aber bei­de in der Schweiz, ent­fällt der nach den §§ 62 ff. EStG bestehen­de Kin­der­geld­an­spruch des nach dem EStG (vor­ran­gig) Anspruchs­be­rech­tig­ten nicht dadurch, dass er gemäß Art. 13 Abs. 2 Buchst. a der VO (EWG) Nr. 1408/​71 nicht den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten unter­liegt. Es ist ein Anspruch nach Art. 10 Abs. 1 Buchst. a der VO (EWG) Nr. 574/​72 auf die Dif­fe­renz zwi­schen dem in der Schweiz
Nach dem Abkom­men zwi­schen der Euro­päi­schen Gemein­schaft und ihren Mit­glied­staa­ten einer­seits und der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft ande­rer­seits über die Frei­zü­gig­keit vom 21.06.1999 –Frei­zü­gig­keits­ab­kom­men– 1, das am 2.09.2001 als Gesetz beschlos­sen wor­den ist 2, gel­ten seit dem In-Kraft-Tre­ten am 1.06.2002 3 im Ver­hält­nis zwi­schen Deutsch­land und der Schweiz die VO Nr. 1408/​71 und die VO Nr. 574/​72 (Anhang II) 4. Danach sind die –dem § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG vor­ge­hen­den– Anti­ku­mu­lie­rungs­re­geln des Art. 76 der VO Nr. 1408/​71 und des Art. 10 der VO Nr. 574/​72 zu beach­ten. Sie regeln Fäl­le, in denen eine Kumu­lie­rung der Ansprü­che auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten des Wohn­staats mit den Ansprü­chen des Beschäf­ti­gungs­staats ein­tre­ten kann 5. Ist der Kin­der­geld­an­spruch –wie hier– im Wohn­staat des Kin­des (Deutsch­land) nicht von der Aus­übung einer Erwerbs­tä­tig­keit abhän­gig, kommt allein eine Anwen­dung des Art. 10 der VO Nr. 574/​72 in Betracht.
Uner­heb­lich für die Anwen­dung des Art. 10 der VO Nr. 574/​72 ist, ob der Vater als der nach deut­schem Recht Kin­der­geld­be­rech­tig­te selbst die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 erfüllt. Aus­rei­chend ist viel­mehr, wenn das Kind als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger des Eltern­teils, der Arbeit­neh­mer ist, von dem per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 erfasst wird 6.
Eine sol­che Kon­stel­la­ti­on ist im Streit­fall ab Juni 2002 gege­ben. E hat in der Schweiz eine Tätig­keit als Arbeit­neh­me­rin i.S. von Art. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 aus­ge­übt. Eben­so ist T eine Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge von E nach Art. 1 Buchst. f Ziff. i der VO Nr. 1408/​71, so dass sowohl E als auch T in den per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 fal­len.
Nach Art. 10 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 574/​72 wird die Kumu­lie­rung der Ansprü­che des Vaters im Wohn­staat (Deutsch­land) mit den Ansprü­chen der E im Beschäf­ti­gungs­staat (Schweiz) dadurch besei­tigt, dass der deut­sche Kin­der­geld­an­spruch in Höhe der schwei­ze­ri­schen Kin­der­zu­la­gen ruht. Ein wei­ter gehen­der deut­scher Kin­der­geld­an­spruch wird nicht aus­ge­schlos­sen 7. Danach stand dem Vater zunächst deut­sches Dif­fe­renz­kin­der­geld zu.
Eine –die "Prio­ri­tä­ten­um­kehr" aus­lö­sen­de– Berufs­tä­tig­keit des Vaters in Deutsch­land i.S. des Art. 10 Abs. 1 Buchst. b Ziff. i der VO Nr. 574/​72 ist vom Finanz­ge­richt nicht fest­ge­stellt wor­den, im Übri­gen auch nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, weil der Vater ledig­lich deut­sches Dif­fe­renz­kin­der­geld begehrt.
Die­ser Anspruch auf Dif­fe­renz­kin­der­geld ist nicht dadurch ent­fal­len, dass der Vater eine nicht­selb­stän­di­ge Tätig­keit in der Schweiz aus­ge­übt hat, für die er spä­tes­tens ab 2003 Bei­trä­ge in die AHV ent­rich­tet hat.
Der BFH erkann­te nach sei­ner frü­he­ren Recht­spre­chung in einem Fall, in dem bei­de Kin­der­geld­be­rech­tig­te als in Deutsch­land leben­de Grenz­gän­ger unter den per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 fie­len und nach Art. 13 der VO Nr. 1408/​71 aus­schließ­lich den Rechts­vor­schrif­ten des Beschäf­ti­gungs­staa­tes unter­la­gen, kei­nen Anspruch auf deut­sches Dif­fe­renz­kin­der­geld zu 8. Dem lag die Über­le­gung zugrun­de, dass nach dem vor­ran­gi­gen Grund­satz des Art. 13 der VO Nr. 1408/​71 aus­schließ­lich die Rechts­vor­schrif­ten des Beschäf­ti­gungs­lan­des gel­ten soll­ten (Aus­schließ­lich­keits­prin­zip). Danach bestand für die Grenz­gän­ger in deren Wohn­staat kein Anspruch auf Kin­der­geld 9. Ein sich ggf. aus Art. 10 der VO Nr. 574/​72 erge­ben­der Anspruch auf Dif­fe­renz­kin­der­geld wur­de daher abge­lehnt, weil bei Grenz­gän­gern man­gels eines Anspruchs auf Fami­li­en­leis­tun­gen im Wohn­staat nicht meh­re­re Ansprü­che zusam­men­tra­fen. Viel­mehr regel­te Art. 10 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 574/​72 nach frü­he­rer Ansicht nur den Fall, dass ein Anspruchs­be­rech­tig­ter einen Anspruch in sei­nem Beschäf­ti­gungs­staat hat, wäh­rend ein ande­rer Anspruchs­be­rech­tig­ter (ins­be­son­de­re der ande­re Eltern­teil) für den­sel­ben Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen einen Anspruch in dem Wohn­staat der Fami­lie hat 10.
Die­se zum Aus­schließ­lich­keits­prin­zip ergan­ge­ne höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung ist zwi­schen­zeit­lich über­holt.
Der Bun­des­fi­nanz­hof hat bereits in sei­nem Urteil vom 16. Mai 2013 11 ent­schie­den, dass die Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 kei­ne uni­ons­recht­li­che Sperr­wir­kung für die Anwen­dung des Rechts des nicht zustän­di­gen Mit­glied­staats ent­fal­ten. An sei­ner gegen­tei­li­gen Auf­fas­sung hat er mit Blick auf die Urtei­le "Bos­mann" und "Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak" des Uni­ons­ge­richts­hofs 12 nicht mehr fest­ge­hal­ten. Zur wei­te­ren Begrün­dung wird auf die genann­te BFH, Ent­schei­dung Bezug genom­men. Nach die­ser Recht­spre­chung kön­nen auch Ansprü­che auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten des Wohn­staats mit den Ansprü­chen des Beschäf­ti­gungs­staats in einer Per­son zusam­men­tref­fen. Fol­ge­rich­tig hat der BFH zwi­schen­zeit­lich in sei­nem Urteil vom 18. Juli 2013 13 ent­schie­den, dass Art. 10 der VO Nr. 574/​72 auch im Fall einer Ein-Per­so­nen-Kon­kur­renz anwend­bar sein kann, vor­aus­ge­setzt Wohn- und Beschäf­ti­gungs­staat fal­len aus­ein­an­der.
Danach behiel­te der Vater im Streit­fall selbst dann sei­nen Kin­der­geld­an­spruch nach den §§ 62 ff. EStG, wenn er auf­grund sei­ner Tätig­keit in der Schweiz unter den per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 fie­le und nach Art. 13 Abs. 2 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 aus­schließ­lich den Rechts­vor­schrif­ten der Schweiz unter­lä­ge. Es wäre unver­än­dert eine von Art. 10 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 574/​72 erfass­te Kon­stel­la­ti­on in Gestalt einer Zwei-Per­so­nen-Kon­kur­renz gege­ben. Der Vater besä­ße einen Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld im Wohn­staat der Kin­der, die E einen Anspruch auf Kin­der­zu­la­gen in der Schweiz als Beschäf­ti­gungs­staat.
Auch wenn die genann­ten BFH-Urtei­le das Ver­hält­nis Deutsch­lands zu ande­ren EU-Mit­glied­staa­ten (Polen und Nie­der­lan­de) betref­fen, kann infol­ge des genann­ten Frei­zü­gig­keits­ab­kom­mens und der dar­in in Art. 8 i.V.m. Anhang II, Abschn. A des Frei­zü­gig­keits­ab­kom­mens ange­ord­ne­ten Gel­tung der VO Nr. 1408/​71 und der VO Nr. 574/​72 nichts ande­res im Ver­hält­nis zur Schweiz gel­ten. Die Schweiz wird inso­weit wie ein EU-Mit­glied­staat behan­delt. Dem­nach ist Deutsch­land auch im Ver­hält­nis zur Schweiz als unzu­stän­di­ger Mit­glied­staat nicht dar­an gehin­dert, nach sei­nem Recht Fami­li­en­leis­tun­gen zu gewäh­ren.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 12. Sep­tem­ber 2013 – III R 32/​11
BGBl II 2001, 810 ff.[↩]
BGBl II 2001, 810[↩]
BGBl II 2002, 1692[↩]
BGBl II 2001, 822[↩]
z.B. EuGH, Urteil vom 07.06.2005 – C‑543/​03, Dodl und Ober­hol­len­zer, Slg. 2005, I‑5049 Rdnr. 49[↩]
EuGH, Urteil vom 04.07.1985 – C-104/​84, Krom­hout, Slg. 1985, 2205 Rdnr. 15; vgl. auch EuGH, Urteil vom 14.10.2010 – C‑16/​09, Schwem­mer, Slg. 2010, I‑9717 Rdnr. 38; BFH, Urteil vom 26.07.2012 – III R 97/​08, BFHE 238, 120, BSt­Bl II 2013, 24[↩]
vgl. EuGH, Urteil Krom­hout in Slg. 1985, 2205 Rdnr. 23[↩]
BFH, Urtei­le vom 24.03.2006 – III R 41/​05, BFHE 212, 551, BSt­Bl II 2008, 369; vom 24.03.2006 – III R 42/​05, BFH/​NV 2006, 1639[↩]
vgl. auch BVerfG, Beschluss in BVerfGE 110, 412, unter A.I.2.a[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss in BVerfGE 110, 412, unter A.I.2.a[↩]
BFH, Urteil vom 16.05.2013 – III R 8/​11, BFH/​NV 2013, 1698[↩]
EuGH, Urtei­le Bos­mann in Slg. 2008, I‑3827 Rdnr. 30; und vom 12.06.2012 – C‑611/​10, C‑612/​10, Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak, Zeit­schrift für euro­päi­sches Sozi­al- und Arbeits­recht 2012, 475, Rdnr. 47[↩]
BFH, Urteil vom 18.07.2013 – III R 51/​09[↩]
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References: Art. 13
 Art. 10
 § 65
 Art. 76
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 13
 Art. 13
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 13
 Art. 10
 Art. 13
 Art. 10
 Art. 8