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Timestamp: 2020-07-09 12:23:46+00:00

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BAG, Urteil vom 09.06.2011, 6 AZR 132/10 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 09.06.2011, 6 AZR 132/10
Aktenzeichen: 6 AZR 132/10
Leitsätze: Wird ein Arbeitnehmer eines öffentlichen Arbeitgebers von diesem einer in der Rechtsform einer GmbH gebildeten Arbeitsgemeinschaft zur Dienstleistung zugewiesen, ist grundsätzlich vor der Kündigung des Arbeitnehmers nicht der bei der Arbeitsgemeinschaft gebildete Betriebsrat gemäß § 102 Abs. 1 Satz 1 BetrVG anzuhören, sondern der beim Arbeitgeber errichtete Personalrat zu beteiligen.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Frankfurt, Urteil vom 22.01.2009, 1 Ca 7211/08
li­chen Rich­ter Dr. Au­gat und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Jer­chel für Recht er­kannt:
„Fol­gen­de Grundsätze der per­so­nel­len Zu­sam­men­ar­beit sol­len für die Ar­beit der AR­GE ver­bind­lich sein:
1. Die Ver­trags­part­ner stel­len das not­wen­di­ge Per­so­nal
zur Erfüllung der ihr über­tra­ge­nen Auf­ga­ben zur Verfügung.
2. Die Agen­tur für Ar­beit F stellt das Per­so­nal im We­ge
ei­nes Dienst­leis­tungsüber­las­sungs­ver-tra­ges, der mit der Geschäftsführung der AR­GE ab­ge­schlos­sen wird.
Be­triebs­rats­wahl ca. 400 Ar­beit­neh­mer zu­ge­wie­sen bzw. über­las­sen wa­ren, focht die Wahl beim Ar­beits­ge­richt an.
Die R GmbH war je­doch nicht Ar­beit­ge­be­rin des Klägers. Die­ser hat den Ar­beits­ver­trag vom 12. Fe­bru­ar 2008 mit der Be­klag­ten ge­schlos­sen.
a) Der Um­stand, dass der am 13. Au­gust 2008 bei der R GmbH gewähl­te
Be­triebs­rat erst mit der rechts­ge­stal­ten­den Fest­stel­lung der Ungültig­keit der Be­triebs­rats­wahl durch das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt am 3. Sep­tem­ber 2009 (- 9 TaBV 64/09 -) sein Amt ver­lo­ren hat, recht­fer­tigt zwar die An­nah­me, dass je­den­falls bis zu die­sem Zeit­punkt auch vom Be­ste­hen ei­nes Be­triebs iSd. Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes aus­zu­ge­hen ist, je­doch nicht den Schluss, dass der Be­triebs­rat für ei­nen ge­mein­sa­men Be­trieb der Be­klag­ten und der Agen­tur für Ar­beit F gewählt wor­den ist.
b) Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG
14. De­zem­ber 1994 - 7 ABR 26/94 - BA­GE 79, 47; 24. Ja­nu­ar 1996 - 7 ABR 10/95 - BA­GE 82, 112), der sich das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt an­ge­schlos­sen hat (BVerwG 13. Ju­ni 2001 - 6 P 8.00 - BVerw­GE 114, 313), ist von ei­nem ge­mein­sa­men Be­trieb meh­re­rer Un­ter­neh­men aus­zu­ge­hen, wenn die in ei­ner Be­triebsstätte vor­han­de­nen ma­te­ri­el­len und im­ma­te­ri­el­len Be­triebs­mit­tel für ei­nen ein­heit­li­chen ar­beits­tech­ni­schen Zweck zu­sam­men­ge­fasst, ge­ord­net und ge­zielt ein­ge­setzt wer­den und der Ein­satz der men­sch­li­chen Ar­beits­kraft von ei­nem ein­heit­li­chen Lei­tungs­ap­pa­rat ge­steu­ert wird. Da­zu müssen sich die be­tei­lig­ten Un­ter­neh­men zu­min­dest still­schwei­gend zu ei­ner ge­mein­sa­men Führung recht­lich ver­bun­den ha­ben. Die­se ein­heit­li­che Lei­tung muss sich auf
die we­sent­li­chen Funk­tio­nen ei­nes Ar­beit­ge­bers in so­zia­len und per­so­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten er­stre­cken. Zu den we­sent­li­chen, be­triebs­ver­fas­sungs­recht­lich re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen ei­nes Ar­beit­ge­bers gehören zB Ein­stel­lun­gen, Ent­las­sun­gen, Ver­set­zun­gen oder die An­ord­nung von Über­stun­den (Fran­zen GK-Be­trVG 9. Aufl. § 1 Rn. 49).
dass un­ter den ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen ein ge­mein­sa­mer Be­trieb meh­re­rer Un­ter­neh­men - wi­der­leg­bar - ver­mu­tet wird. Das ist gemäß § 1 Abs. 2 Nr. 1 Be­trVG der Fall, wenn zur Ver­fol­gung ar­beits­tech­ni­scher Zwe­cke die Be­triebs­mit­tel so­wie die Ar­beit­neh­mer von den Un­ter­neh­men ge­mein­sam ein­ge­setzt wer­den.
Be­klag­ten oder der Agen­tur für Ar­beit F, son­dern ein­heit­lich vom Geschäftsführer der R GmbH wahr­ge­nom­men wor­den ist. Der Kläger hat dies auch nicht be­haup­tet. Wo aber für die R GmbH nichts zu ent­schei­den war, gab es für den bei ihr gewähl­ten Be­triebs­rat auch nichts mit­zu­be­stim­men (vgl. BAG 23. Ju­ni 2009 - 1 ABR 30/08 - Rn. 23, AP Be­trVG 1972 Ein­stel­lung § 99 Nr. 59 = EzTöD 100 TVöD-AT § 2 Mit­be­stim­mung Nr. 5).
an­de­ren Sach­ver­halt. In je­nem Fall ha­ben die Mit­ar­bei­ter ei­nes pri­va­ten For­schungs­in­sti­tuts und des In­sti­tuts ei­ner Körper­schaft öffent­li­chen Rechts im Ge­gen­satz zu den Ar­beit­neh­mern und Be­am­ten der Be­klag­ten und der Agen­tur für Ar­beit F in ei­nem ge­mein­sa­men Be­trieb zu­sam­men­ge­wirkt, wo­bei der Kern der Ar­beit­ge­ber­funk­tio­nen in per­so­nel­len und so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten von ei­ner ge­mein­sa­men In­sti­tuts­lei­tung wahr­ge­nom­men wor­den ist.
a) Nach § 44b Abs. 1 Satz 1 SGB II aF ha­ben die Träger der Leis­tun­gen
nach dem SGB II zur ein­heit­li­chen Wahr­neh­mung ih­rer Auf­ga­ben durch pri­vat­recht­li­che oder öffent­lich-recht­li­che Verträge Ar­beits­ge­mein­schaf­ten zu er­rich­ten. Die Geschäfte der Ar­beits­ge­mein­schaft führt gemäß § 44b Abs. 2 Satz 1 SGB II aF ein Geschäftsführer, der die Ar­beits­ge­mein­schaft nach § 44b Abs. 2 Satz 2 SGB II aF außer­ge­richt­lich und ge­richt­lich ver­tritt. So­weit die Ar­beits­ge­mein­schaft pri­vat­recht­lich or­ga­ni­siert ist, gilt für ih­re Ar­beit­neh­mer das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz. Sind der Ar­beits­ge­mein­schaft Ar­beit­neh­mer ei­nes Trägers der Leis­tun­gen nach dem SGB II zur Dienst­leis­tung zu­ge­wie­sen bzw. über­las­sen, oh­ne dass ihr bezüglich die­ser Ar­beit­neh­mer die we­sent­li­chen Ar­beit­ge­ber­be­fug­nis­se im per­so­nel­len und so­zia­len Be­reich über­tra­gen wor­den sind, kann aus der Geschäftsführungs- und Ver­tre­tungs­re­ge­lung in § 44b Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 SGB II aF nicht ab­ge­lei­tet wer­den, dass dem Geschäftsführer ge­genüber den zu­ge­wie­se­nen bzw. über­las­se­nen Ar­beit­neh­mern die we­sent­li­chen Ar­beit­ge­ber­be­fug­nis­se in per­so­nel­len und so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten zu­ste­hen (aA wohl Fit­ting/En­gels/Schmidt/Tre­bin­ger/Lin­sen­mai­er Be­trVG 25. Aufl. § 5 Rn. 271).
b) Hat ein Ar­beit­neh­mer den Ar­beits­ver­trag mit ei­nem öffent­li­chen Ar­beit-
ge­ber ge­schlos­sen und ist er ei­ner pri­vat­recht­lich or­ga­ni­sier­ten Ar­beits­ge­mein-
schaft gemäß § 44b SGB II aF zur Dienst­leis­tung zu­ge­wie­sen wor­den, oh­ne dass die­ser die Kern­funk­tio­nen ei­nes Ar­beit­ge­bers im per­so­nel­len und so­zia­len Be­reich über­tra­gen wor­den sind, un­ter­schei­det sich die be­triebs­ver­fas­sungs­recht­lich re­le­van­te Si­tua­ti­on die­ses Ar­beit­neh­mers nicht we­sent­lich von der ei­nes Leih­ar­beit­neh­mers.
macht ab (vgl. für Leih­ar­beit­neh­mer BAG 19. Ju­ni 2001 - 1 ABR 43/00 - BA­GE 98, 60). Ver­blei­ben bei dem öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber, wie dies bei der Be­klag­ten der Fall war, die den Be­stand und den In­halt des Ar­beits­verhält­nis­ses be­tref­fen­den ma­te­ri­el­len Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se, hat dies zur Fol­ge, dass er den bei ihm er­rich­te­ten Per­so­nal­rat bei der Ausübung sol­cher Be­fug­nis­se zu be­tei­li­gen hat. Die­ser ver­tritt ihm ge­genüber auch die In­ter­es­sen der ei­ner pri­vat­recht­lich or­ga­ni­sier­ten Ar­beits­ge­mein­schaft zu­ge­wie­se­nen Ar­beit­neh­mer. In­so­weit ist in § 6 der Rah­men­ver­ein­ba­rung vom 15. März 2005 zu­tref­fend ei­ne Zuständig­keit des beim Ju­gend- und So­zi­al­amt der Be­klag­ten er­rich­te­ten Per­so­nal­rats fest­ge­hal­ten. Darüber, dass der beim Ju­gend- und So­zi­al­amt der Be­klag­ten er­rich­te­te Per­so­nal­rat vor der Kündi­gung ord­nungs­gemäß be­tei­ligt wor­den ist, be­steht kein Streit. Der Kläger macht auch nicht gel­tend, dass die Be­klag­te so­wohl den Per­so­nal­rat ih­res Ju­gend- und So­zi­al­amts als auch den am 13. Au­gust 2008 bei der R GmbH gewähl­ten Be­triebs­rat vor der Kündi­gung hätte anhören müssen.
a) Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat zwar am 20. De­zem­ber 2007
(- 2 BvR 2433/04, 2 BvR 2434/04 - BVerfGE 119, 331) und da­mit vor dem Kündi­gungs­zeit­punkt ent­schie­den, dass Ar­beits­ge­mein­schaf­ten gemäß § 44b SGB II aF dem Grund­satz ei­gen­ver­ant­wort­li­cher Auf­ga­ben­wahr­neh­mung wi­der­spre­chen, der den zuständi­gen Ver­wal­tungs­träger ver­pflich­tet, sei­ne Auf­ga­ben grundsätz­lich durch ei­ge­ne Ver­wal­tungs­ein­rich­tun­gen, al­so mit ei­ge­nem Per­so­nal, ei­ge­nen Sach­mit­teln und ei­ge­ner Or­ga­ni­sa­ti­on wahr­zu­neh­men. Für die Fra­ge, ob die Be­klag­te den bei der R GmbH am 13. Au­gust 2008 gewähl­ten Be­triebs­rat vor der Kündi­gung vom 22. Sep­tem­ber 2008 anhören muss­te, ist die­se Ent­schei­dung je­doch schon des­halb oh­ne je­de Be­deu­tung, weil das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die wei­te­re An­wen­dung des § 44b SGB II aF bis zu ei­ner ge­setz­li­chen Neu­re­ge­lung (vgl. zu die­ser Neu­re­ge­lung ei­ner­seits Schlei­cher PersV 2011, 124, an­de­rer­seits Vo­gel­ge­sang PersV 2011, 126), längs­tens bis zum 31. De­zem­ber 2010, zu­ge­las­sen hat.
b) Das Ge­setz zur Er­rich­tung ei­nes Bun­des­auf­sichts­am­tes für Flug-
si­che­rung und zur Ände­rung und An­pas­sung wei­te­rer Vor­schrif­ten vom 29. Ju­li 2009 (BGBl. I S. 2424) hat zum 4. Au­gust 2009 § 5 Abs. 1 Be­trVG den Satz 3 an­gefügt, wo­nach als Ar­beit­neh­mer fer­ner Be­am­te (Be­am­tin­nen und Be­am­te), Sol­da­ten (Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten) so­wie Ar­beit­neh­mer des öffent­li­chen Diens­tes ein­sch­ließlich der zu ih­rer Be­rufs­aus­bil­dung Beschäftig­ten gel­ten, die in Be­trie­ben pri­vat­recht­lich or­ga­ni­sier­ter Un­ter­neh­men tätig sind. Die­se erst nach dem Kündi­gungs­zeit­punkt in das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz ein­gefügte Re­ge­lung führt je­doch nicht da­zu, dass die vor der Neu­re­ge­lung er­folg­te Kündi­gung der Be­klag­ten vom 22. Sep­tem­ber 2008 man­gels Anhörung des am 13. Au­gust 2008 bei der R GmbH gewähl­ten Be­triebs­rats gemäß § 102 Abs. 1 Satz 3 Be­trvG un­wirk­sam ist. Im Übri­gen be­gründet die Fik­ti­on in § 5 Abs. 1 Satz 3 Be­trVG kein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats, wo der Be­triebs­in­ha­ber we­der ma­te­ri­ell noch for­mell et­was zu ent­schei­den hat (vgl. BAG 23. Ju­ni 2009 - 1 ABR 30/08 - Rn. 23, AP Be­trVG 1972 § 99 Ein­stel­lung Nr. 59 = EzTöD 100 TVöD-AT § 2 Mit­be­stim­mung Nr. 5). Die Ent­schei­dung über die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses oder die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält-
nis­ses durch Kündi­gung vor Ab­lauf der Pro­be­zeit ob­lag nicht der R GmbH, son­dern al­lein der Be­klag­ten.
Jer­chel Au­gat
zur Übersicht 6 AZR 132/10

References: § 102
 § 1
 § 1
 § 99
 § 2
 § 44
 § 44
 § 44
 § 44
 § 5
 § 44
 § 6
 § 44
 § 44
 § 5
 § 102
 § 5
 § 99
 § 2