Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=VGH%20Baden-W%FCrttemberg&Datum=22.05.2014&Aktenzeichen=10%20S%201719%2F13
Timestamp: 2019-02-24 00:05:42+00:00

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VGH Baden-Württemberg, 22.05.2014 - 10 S 1719/13 - dejure.org
Antizipation der Bewilligungspraxis durch veröffentlichte Subventionsrichtlinie; Aufhebung unionsrechtlicher Zuwendungsbescheide; Maßgeblichkeit der unionsrechtlichen Bestimmungen für den Vertrauensschutz; Differenzierung nach Tatsachen- und Rechtsirrtum; kein Herstellungsanspruch bei Verletzung behördlicher Auskunfts- und Hinweispflichten
Art 86 Abs 1 EGV 1122/2009, Art 73 Abs 1 EGV 796/2004, Art 73 Abs 4 EGV 796/2004, Art 3 Abs 1 GG, § ... 10 MOG, § 48 Abs 4 S 1 VwVfG BW, § 48 Abs 2 VwVfG BW, § 48 Abs 3 VwVfG BW, Art 73 Abs 5 EGV 796/2004, Art 73 Abs 6 EGV 796/2004, Art 73 Abs 7 EGV 796/2004, Nr 7.2 VVBW-7801-MLR-20080619-SF
Antizipierung der Bewilligungspraxis durch Veröffentlichung der Subventionsrichtlinie; Aufhebung von Zuwendungsbescheiden auf der Grundlage der landesrechtlichen Richtlinie zur Förderung von Agrarumweltmaßnahmen nach MEKA III-RL
Rückforderung von Ökolandbau-Subvention bei konventioneller Rinderhaltung
VG Stuttgart, 16.11.2012 - 11 K 2111/12
NVwZ-RR 2014, 806
VBlBW 2015, 69
DÖV 2014, 806
Subventionsrichtlinien sind keine Rechtsnormen, sondern verwaltungsinterne Weisungen, die eine gleichmäßige Ermessensausübung der zur Verteilung von Fördermitteln berufenen Stelle regeln (VGH Bad.-Württ., Urteil vom 22.5.2014 - 10 S 1719/13 - juris Rn. 33).
Unter einem Irrtum i. S. d. Art. 80 Abs. 3 VO (EG) Nr. 1122/2009 ist unter Berücksichtigung des Integrierten Verwaltungs- und Kontrollsystems ein Fehler zu verstehen, der dem behördlichen Verantwortungsbereich zuzuordnen ist; mit dem Irrtumsbegriff der Vorschrift wird nicht nur eine Ursache beschrieben, sondern eine Zurechnung vorgenommen (VGH Bad.-Württ., Urteil vom 22.5.2014 - 10 S 1719/13 - juris Rn. 47).
Die unionsrechtlichen Bestimmungen des Art. 73 Abs. 4 bis 7 VO (EG) Nr. 796/2004 (juris: EGV 796/2004) regeln den dem Begünstigten gegenüber einer Rückforderung zustehenden Vertrauensschutz abschließend und verdrängen daher die nationalrechtlichen Vertrauensschutzregelungen gemäß § 48 Abs. 2 bis 4 LVwVfG (juris: VwVfG BW), sodass insbesondere die Jahresfrist des § 48 Abs. 4 Satz 1 LVwVfG (juris: VwVfG BW) für die Rücknahme eines Bewilligungsbescheids nicht zur Anwendung gelangt (Bestätigung der ständigen Senatsrechtsprechung, vgl. Senatsurteil vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 - juris).
Auch soweit Zuwendungen auf der Grundlage von Unionsrecht gewährt und aus Unionsmitteln kofinanziert werden, richtet sich die Aufhebung der Zuwendungsbescheide wegen Fehlens einer umfassenden unionsrechtlichen Rücknahme- bzw. Widerrufsregelung grundsätzlich nach nationalem Recht, wobei jedoch die durch das Unionsrecht gezogenen Grenzen zu beachten sind (vgl. EuGH, Urteile vom 21.09.1983 - Rs. C-215/82 - Slg. 1983, 2633; sowie vom 17.05.1993 - Rs. C-290/91 - NVwZ 1993, 973; BVerwG, Urteil vom 10.12.2003 - 3 C 22.02 - Buchholz 316 § 49 VwVfG Nr. 44; Senatsurteile vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 - juris; sowie vom 07.04.2011 - 10 S 2545/08 - DÖV 2011, 657).
Die Anwendung der jeweiligen nationalen Regelungen ließe sich mit dieser Intention nicht vereinbaren (vgl. BVerwG, Beschluss vom 29.03.2005 - 3 B 117.04 - Buchholz 316 § 48 VwVfG Nr. 112;… Senatsurteile vom 19.03.2009 - 10 S 1578/08 - a.a.O.; sowie vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 - juris; OVG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 27.02.2008 - 8 A 11153/07 -NVwZ-RR 2008, 530; OVG Niedersachsen, Urteil vom 19.11.2013 - 10 LB 57/12 - juris; OVG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 19.04.2007 - 11 B 6.05 - RdL 2007, 319; anderer Ansicht das vom Kläger herangezogene Urteil des VG Schleswig vom 08.03.2004 - 1 A 71/02 - juris).
Direktzahlungen in diesem Sinne sind die in den Regelungen des Absatzes 2 Nr. 1 bis 3 im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik als Direktzahlungen bezeichneten Vergünstigungen und Einkommensstützungsregelungen, ausgenommen Maßnahmen zur Förderung des ländlichen Raums (VGH Bad.-Württ., Urteil vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 -, juris Rn. 30, m.w.N.).
Dies dient der einheitlichen Handhabung bei der Wiedereinziehung zu Unrecht gezahlter Beihilfen, wie dies Art. 5 Abs. 3 der VO (EU) Nr. 65/2011 zum Ausdruck bringt (VGH Bad.-Württ., Urteil vom 10.05.2014 - 10 S 1719/13 -, juris Rn. 37 m.w.N., dazu sogleich II.).
Die Ausübung von Ermessen hinsichtlich der Frage, ob die Rückforderung zu Unrecht gewährter Unionsmittel zweckmäßig ist, ist nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs mit dieser Verpflichtung unvereinbar (vgl. EuGH, Urteil vom 21.09.1983 - Rs. C-215/82 -, NJW 1984, 2024 (2025); BVerwG, Urteil vom 10.12.2003 - 3 C 22.02 -, NVwZ-RR 2004, 413; VGH Bad.-Württ., Urteil vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 -, juris Rn. 53).
Kommt danach § 10 MOG nicht zur Anwendung, verbleibt es bei der Anwendung des Landesrechts (vgl. zum Ganzen: VGH Bad.-Württ., Urt. v. 22.05.2014 - 10 S 1719/13 - NuR 2014, 794).
Deshalb kommt die Gewährung von Vertrauensschutz nach den nationalrechtlichen Bestimmungen des § 48 Abs. 2 bis 4 LVwVfG auch insoweit nicht in Betracht, als die hier zu beurteilende Zuwendung aus Mitteln des Landes kofinanziert wird (vgl. VGH Bad.-Württ., Urt. v. 22.05.2014, aaO).
Der im Falle des Eingreifens der unionsrechtlichen Vertrauensschutzregelungen angeordnete Ausschluss der Rückzahlungsverpflichtung führt nach deutschem Recht dazu, dass die Ermächtigung zur Aufhebung rechtswidriger Bewilligungsbescheide eingeschränkt ist; insoweit wird der unionsrechtlich gebotene Vertrauensschutz bereits auf der Ebene der Aufhebung des Bewilligungsbescheids gewährleistet (VGH Bad.-Württ., Urt. v. 22.05.2014, aaO).
vgl. allg. BVerwG, Beschluss vom 27.12.2012 - 3 B 16/12 -, juris; Beschluss vom 20.12.2012 - 3 B 20/12 -, juris; VGH BW, Urteil vom 19.03.2009 - 10 S 1578/08 -, juris, zum Vertrauensschutz nach Art. 71 Abs. 2 VO (EG) Nr. 817/2004 i.V.m. Art. 49 Abs. 1 VO (EG) Nr. 2419/2001; VGH BW, Urteil vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 -, juris, zum Vertrauensschutz nach Art. 73 Abs. 4 - 7 VO (EG) Nr. 796/2004 als Nachfolgeregelung zu VO (EG) Nr. 2419/2001; ebenso Nds. OVG, Beschluss vom 20.12.2012 - 10 LB 191/11.
vgl. VGH BW, Urteil vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 -, juris.
Auch soweit Zuwendungen auf der Grundlage von Unionsrecht gewährt und aus Unionsmitteln kofinanziert werden, richtet sich die Aufhebung der Zuwendungsbescheide wegen Fehlens einer umfassenden unionsrechtlichen Rücknahme- bzw. Widerrufsregelung grundsätzlich nach nationalem Recht, wobei jedoch die durch das Unionsrecht gezogenen Grenzen zu beachten sind (vgl. EuGH, Urteile vom 21.09.1983 - Rs. C-215/82 - Slg. 1983, 2633; sowie vom 17.05.1993 - Rs. C-290/91 - NVwZ 1993, 973; BVerwG, Urteil vom 10.12.2003 - 3 C 22.02 - Buchholz 316 § 49 VwVfG Nr. 44; VGH BW vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 - juris; sowie vom 07.04.2011 - 10 S 2545/08 - DÖV 2011, 657).
Die Anwendung der jeweiligen nationalen Regelungen ließe sich mit dieser Intention nicht vereinbaren (vgl. BVerwG, Beschluss vom 29.03.2005 - 3 B 117.04 - Buchholz 316 § 48 VwVfG Nr. 112;… VGH BW Urteile vom 19.03.2009 - 10 S 1578/08 - a.a.O.; sowie vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 - juris; OVG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 27.02.2008 - 8 A 11153/07 -NVwZ-RR 2008, 530; OVG Niedersachsen, Urteil vom 19.11.2013 - 10 LB 57/12 - juris; OVG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 19.04.2007 - 11 B 6.05 - RdL 2007, 319; anderer Ansicht Urteil des VG Schleswig vom 08.03.2004 - 1 A 71/02 - juris).
Zur Herstellung der Entscheidungsreife, nach deren Eintritt die Entscheidungsfrist des § 48 Abs. 4 Satz 1 LVwVfG erst zu laufen beginnt, gehört regelmäßig der Abschluss des Anhörungsverfahrens, und zwar unabhängig von dessen Ergebnis, denn die Einwände des Beteiligten können nur dann ernstlich zu Kenntnis genommen und in Erwägung gezogen werden, wenn sich die Behörde ihre Entscheidung bis zum Abschluss des Anhörungsverfahrens offen hält (VGH Bad.-Württ., Urteil vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 -, VBlBW 2015, 69).
Ein Folgenbeseitigungsanspruch auf Wiedereinsetzung in eine abgelaufene Ausschlussfrist scheidet grundsätzlich aus (vgl. VGH Mannheim, Urteil vom 22. Mai 2014 - VGH 10 S 1719/13 -, juris, Rn. 58; sowie VGH Kassel…, Beschluss vom 1. November 2010 - VGH 11 A 686/10 -, juris, Rn. 33).
Die entsprechenden Erwägungen sind dann auch in der Begründung kenntlich zu machen (vgl. BVerwG, Urteil vom 16.06.1997 - 3 C 22/96 -, NJW 1998, 2233; Urteil vom 10.12.2003 - 3 C 22/02 -, NVwZ-RR 2004, 413; VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 -, juris).
Liegt ein vom Regelfall abweichender Sachverhalt nicht vor, versteht sich das Ergebnis der Abwägung von selbst, und es bedarf insoweit nach § 39 Abs. 1 Satz 3 LVwVfG auch keiner das Selbstverständliche darstellenden Gründe (vgl. BVerwG, Urteil vom 16.06.1997 - 3 C 22.96 -, BVerwGE 105, 55; VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 22.05.2014 - 10 S 1719/13 -, Rn. 53, juris).

References: § 48
 § 48
 § 48
 Art. 80
 Art. 73
 § 48
 § 48
 § 49
 § 48
 Art. 5
 § 10
 § 48
 Art. 71
 Art. 49
 Art. 73
 § 49
 § 48
 § 48
 § 39