Source: https://lgbtiq-history-ffm.jimdo.com/rotzschwul/rotzschwul-chronologie/
Timestamp: 2017-10-19 19:44:43+00:00

Document:
RotzSchwul Chronologie - lgbtiq-history-ffm
Von 'bedfellows', 'fairies' und 'faggots'
Chronologie der Gruppe "RotZSchwul" (i.e. "Rote Zelle Schwul) 1971 bis 1975
© 2013 Michael Holy, Frankfurt
Die modifizierte Fassung des Paragraph 175, der homosexuelle Handlungen generell unter Strafe stellte, tritt in Kraft. Erstmals in der Geschichte des deutschen Strafgesetzbuches (StGB) ist Homosexualität unter erwachsenen Männern bundeseinheitlich straffrei. "Der Spiegel" titelt dazu: "§175 - Das Gesetz fällt - bleibt die Ächtung?"
Die Soziologen Martin Dannecker und Reimut Reiche beginnen mit der bisher größten bundesweiten sozialwissenschaftlichen Befragung von homosexuellen Männern über ihre Sexualität, ihre Einstellungen und Lebensweise. Martin Dannecker wird ein Jahr später Mitbegründer der "Roten Zelle Schwul" (RotZSchwul) in Frankfurt, einer der ersten Emanzipationsgruppen der westdeutschen Schwulenbewegung nach der Reform des § 175 StGB.
Uraufführung des Films „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ von Rosa von Praunheim und Martin Dannecker beim „Forum des jungen Films“ im Rahmen der Berlinale. (Plakat). Der Film schildert den Weg des jungen Daniel durch verschiedene Stationen der schwulen Subkultur: Sentimentale Liebe, Luxus, und schließlich die subkulturellen Treffpunkte der Schwulen: Bar, "Klappe", Park. Noch nie zuvor war der deutschen Öffentlichkeit ein so ungeschminktes Bild der homosexuellen Lebensweise gezeigt worden. Es folgt ein ungeheures Presse-Echo mit bundesweiten Leserbrief-Diskussionen über die Notwendigkeit der Emanzipation der Homosexuellen.
Die "Frankfurter Neue Presse" und die "Frankfurter Rundschau rezensieren den Praunheim-Film.
Das erste überlieferte Protokoll der "Roten Zelle Schwul" (RotZSchwul) berichtet über die geplante "Pflichtlektüre": u.a. Engels "Ursprung der Familie", Freud "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse", Freuds "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", Marx "Lohnarbeit und Kapital". Es wird auch eine Auseinandersetzung mit den anti-homosexuellen Thesen des amerikanischen Psychoanalytikers Charles Socarides vorgeschlagen. Außerdem erste protokollierte Diskussion innerhalb der neu entstehenden Schwulenbewegung, ob man bei öffentlichen Aktionen den "Rosa Winkel" als Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung von Homosexuellen durch das NS-Regime tragen solle. (vgl. Protokoll mit dem Datumseintrag 9.18.71).
Oktober 1971 ca.
Die RotZSchwul beginnt sich regelmäßig als geschlossene Gruppe von zunächst etwa 8 Mitgliedern zu treffen. Nahezu zeitgleich kommt es auch zu informellen Treffen von Interessenten des späteren „Homosexuellen Arbeitskreises Frankfurt“ (HAF). Während die RotZSchwul sich politisch an der radikalen undogmatischen Linken orientiert, verstehen sich die meisten HAF-Mitglieder eher als sozial-liberal. Neben diesen beiden Gruppen gibt es in Frankfurt lediglich noch einen Club von homosexuellen Leder- und Sado-Maso-Freunden, die ihren sozialen und sexuellen Bedürfnissen bei nicht-öffentlichen Ledertreffen nachgehen. (Ausschnitt über Lederschwule aus dem Praunheim-Film).
Im Rahmen der theoretischen Arbeit der RotzSchwul übersetzt ein RotzSchwul-Mitglied eine Rede von Huey P. Newton, einem Gründungsmitglied der militanten amerikanischen „Black-Panther-Party“ über die politische Relevanz der als "neue soziale Bewegungen" bezeichneten Frauen- und Homosexuellen-bewegung. Trotz Kenntnisnahme des amerikanischen "Gay Liberation Movement", werden weder die militanten „Stonewall Riots“ vom Juni 1969 noch die ersten "Christopher-Street-Day"-Demonstrationen in New York seit Juni 1970 zunächst jedoch nicht Vorbild für die Arbeit der beginnenden deutschen Schwulenbewegung.
Der Sender Freies Berlin berichtet unter dem Titel "Aufstiegsbewusst, freizeitbewusst, normal" über erste Ergebnisse der Dannecker/Reiche-Studien, die 1974 unter dem Titel "Der gewöhnliche Homosexuelle" erscheinen wird.
Die Vorführung des Praunheim-Films in vielen Städten, bei denen meistens Martin Dannecker oder Rosa von Praunheim anwesend waren, um die provozierenden Thesen des Films zu erläutern, initiiert in über 30 Städten die Gründung homosexueller Emanzipationsgruppen, die sich in ihrer politischen Ausrichtung deutlich von den zwischen 1969 und 1971 neu gegründeten homophilen Verbänden und Selbsthilfegruppen unterschieden. Ab dieser Phase kann man von einer "Lesben- und Schwulenbewegung" in Deutschland sprechen.
Die RotZSchwul diskutiert anhand weiterer selbst erarbeiteter Theoriepapiere über ihre politische Strategie. Man wendet sich gegen eine Integration der „Schwulen“ in die Gesellschaft, weil darunter eine Anpassung an die heterosexuelle Mehrheitskultur verstanden werde. Um mit den Subkultur-Schwulen ins Gespräch zu kommen, trifft sich die RotZSchwul gelegentlich in den Schwulenkneipen "Alligator“ oder "Come Back". Solche Agitationsversuche stoßen aber bei den meisten Subkultur-Schwulen auf Ablehnung.
Ein Delegierter der RotZSchwul nimmt an einer der ersten offiziellen Treffen des HAF teil. Berichtet von "reformistischen" Zielen des HAF. Innerhalb der RotzSchwul kommt es zu ersten Konflikten über die Frage der Öffnung der Gruppe, wegen sexueller Konkurrenz und wegen der Relevanz persönlicher Probleme für die politische Emanzipation.
Die RotZSchwul protestiert mit einem Brief gegen die Absetzung des Praunheim-Films im 1. Programm der ARD. Der Film wird dann am 31.1.1972 zunächst nur im 3. Programm des WDR gezeigt, der den Film produziert hatte. Die Absetzung des Films auf Betreiben des Bayerischen Rundfunks gilt als einer der größten Medien-Skandale der ARD, der erneut ein großes Presse-Echo provoziert.
Martin Dannecker nimmt nach der Ausstrahlung des Praunheim-Film im 3. Fernsehprogramm des WDR
an "Experten"-Diskussion teil. Er greift die "Scheintoleranz" der Gesellschaft gegenüber den Homosexuellen an, die seiner Ansicht nach meistens sehr schnell endet, wenn es konkret um die Realität der Homosexuellen und um Homosexualität geht.
Noch während der Sendung waren die WDR-Telephone blockiert. 95 Prozent aller Anrufer beschwerten sich. Klage-Tenor laut WDR-Pressestelle: "Die Homos sollen in der Ecke bleiben und gefälligst nicht herauskommen." (Der Spiegel Nr. 11/1973)
"Instandbesetzung" des Hauses Kenntenhofweg 51. Auch zwei Mitglieder der RotZSchwul ziehen ein.
1. bundesweiter Frauenkongress: Beginn der Feminismus-Debatte in Westdeutschland. Für die radikale Schwulenbewegung ist die Autonomiedebatte der Frauenbewegung wichtig, weil sie gegenüber den Männer-dominierten linken Gruppen auch die Existenz einer autonomen Schwulenbewegung legitimiert.
Martin Dannecker hält beim HAF einen Vortrag über Emanzipation der Homosexuellen. Seine Thesen stoßen auf Abwehr bei den eher an sozialer Integration interessierten Mitgliedern des HAF.
Die RotZSchwul diskutiert erneut, ob das Tragen des "Rosa Winkel" in der Öffentlichkeit für das heterosexuelle Publikum signifikant ist. Die Gruppe hat sich mittlerweile auf 12 Mitglieder vergrößert.
Plenum der RotZSchwul diskutiert Thesenpapier über die Subkultur der Homosexuellen als Vorbereitung zum "Grundlagen-Papier", das vor Öffnung der Gruppe fertiggestellt werden soll. Als eine der wenigen Emanzipationsgruppen in der BRD besteht die RotZSchwul an der Notwendigkeit von Bars, Klappen, Saunen und Park-Treffs für Homosexuelle, auch wenn die Gruppe die entfremdeten Umgangsformen in der homosexuellen Subkultur kritisiert.
Die RotZSchwul macht in der Wohngemeinschaft von Martin Dannecker ein gemeinsames Essen im "Fummel"(Frauen-kleidern). Man will den theoretischen Anspruch, jeder Schwule sei auch Tunte (feminin), durch Selbsterfahrung in die Praxis umsetzen. (Ein Foto dieses Ereignisses befindet sich in der "Bibliothek der Alten" im Historischen Museum in der Namens-Box von Martin Dannecker).
RotZSchwule nehmen trotz politischer Bedenken wegen der integrationistischen Ausrichtung der "Homosexuellen Studentengruppe Münster" (HSM) an der ersten bundesweiten Tagung homosexueller Emanzipationsgruppen in Münster teil. Bei der ersten Demonstration von Lesben und Schwulen in der Geschichte Deutschlands trägt Martin Dannecker ein Plakat mit der Parole "Brüder und Schwester, ob schwul oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist eure Pflicht".
Zitat aus "Der Spiegel" 11/1973: "Nach dem Umzug wieder unter sich. machte die aus Frankfurt angereiste "Rote Zelle Schwul - Rotzschwul" durch linkes Gerede und elitäres Gehabe die Gemeinsamkeit fragwürdig".
Drei Wochen später nehmen RotZSchwul-Mitgliedern auch am ersten "Pfingsttreffen" der sozialistisch orientierten "Homosexuellen Aktion Westberlin" teil. Es wird u.a. auch über Teile des Grundlagen-Papiers der RotZSchwul diskutiert. Der Auftritt in Berlin festigt den Ruf der Gruppe innerhalb der Schwulenbewegung als "radikal".
Der Chef-Redakteur des bundesweit erscheinenden Homo-Magazins "HIM" wettert gegen die RotZSchwul: die Gruppe hätte mit ihrer linken Rhetorik das erste bundesweite Treffen in Münster "umfunktioniert".
Im gerade eröffneten "Kommunalen Kino" wird der Praunheim-Film erstmals in Frankfurt gezeigt. Die RotZSchwul und der HAF nutzen die Vorführungen für erste öffentliche Auftritte und Diskussionen über Schwulenemanzipation.
Der erste öffentliche Auftritt der RotZSchwul bei der Vorführung des Praunheim-Films in Frankfurt löst intern eine heftige Debatte über die Notwendigkeit aus, die Gruppe endlich für weitere Interessenten zu öffnen.
Die RotZSchwul verteilt beim jährlichen "Fummelball" der Frankfurter Subkultur-Wirte ein Flugblatt mit dem Titel "Warum denn weinen? Wir sind doch frei!". Das Flugblatt greift die "gewöhnlichen Homosexuellen" wegen ihrer angepassten Haltung und ihrer Bereitschaft zum Doppelleben an. Wird kurze Zeit später auch in dem linken Szene-Info "Rote Presse" Nr.5 abgedruckt, ein Anzeichen dafür, dass sich der undogmatische Teil der Frankfurter Linken gegenüber der Homosexuellenfrage zu öffnen beginnt.
Die RotZSchwul diskutiert im Plenum die vorläufige Fassung des "Grundlagen-Papiers", die im März 1973 vervielfältigt wird. Eine endgültige Fassung wird es nicht geben. Damit ist die theoretische Grundsatzdiskussion in der RotZSchwul praktisch beendet. Kurze Zeit später öffnet sich die Gruppe für Interessenten.
Das 1.Programm der ARD, ausgenommen der Bayerische Rundfunk, zeigt mit einjähriger Verzögerung den Praunheim-Film mit anschließender Diskussion. Auch zwei Mitglieder der RotZSchwul nehmen daran teil. Martin Dannecker, der als "Experte" geladen ist, setzt sich zu Beginn der Diskussion zu den "Betroffenen", um deutlich zu machen, das es in der Sache für ihn als Homosexuellem keine wissenschaftliche Neutralität gibt.
Die RotZSchwul sieht sich die Ausstrahlung des Praunheim-Films im ARD-Programm gemeinsam an. Der HAF protestiert gegen die Ausstrahlung des Films, den er einen "Agit-Schocker" nennt. Die "Frankfurter Neue Presse" meint in einer Glosse "Rosa", es gebe Wichtigeres als Homosexualität.
Die RotZSchwul protestiert in einem offenen Brief an den Frankfurter Polizeipräsidenten gegen die zunehmenden Razzien in öffentlichen Toiletten, die als Treffpunkte von Homosexuellen bekannt sind. Polizeipräsident Müller antwortet am 7.2.1973: Die Razzien würden zum Schutz der Homosexuellen vor Überfällen durchgeführt. Außerdem hätten diese nach der Liberalisierung doch wohl diese schäbigen Orte als Treffpunkte nicht mehr nötig.
Aufgrund des Aufrufs der RotZSchwul bei der Vorführung des Praunheim-Films im "Kommunalen Kino" vom 25.1.1973 finden sich zwei Interessenten im besetzten Haus Kettenhofweg 51 ein, in dem zwei RotZSchwul-Mitgliedern zu der Zeit in einer Wohngemeinschaft mit anderen Sponti-Linken wohnen.
Flugblattaktion der RotZSchwul gegen die zunehmenden Polizei-Razzien auf bekannten Frankfurter "Klappen": "Schwule Säue: Raus!". Der HAF befürchtet eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Polizei und Homosexuellen.
Der provisorische Mietvertrag mit den Besetzern des Kettenhofwegs 51 läuft aus. Auch die zwei RotZSchwul-Mitglieder, die dort wohnen, sind von der drohenden Räumung betroffen. Die Bewohner beschließen kollektiv, ihre Wohnungen nicht freiwillig zu räumen und verbarrikadieren das Haus.
März 1973 ca.
Die RotZSchwul trifft sich nach ihrer Öffnung im "Dietrich-Bonhoeffer-Haus", der Evangelischen Studentengemeinde Frankfurt. Das vorläufige "Grundlagen-Papier" liegt nun in vervielfältigter Form vor. Es wird auch von Gruppen in anderen Städten angefordert.
Drei Frankfurter Frauengruppen rufen in einem Flugblatt mit der Parole "Frauen gemeinsam sind stark" zur Streichung des Abtreibungs-Paragraphen 218 StGB und zur Gründung eines Frauenzentrums in Frankfurt auf.
Bei einem bundesweiten Treffen von Delegierten der am 9.12.1972 in Bochum gegründeten "Deutschen Aktionsgemeinschaft Homosexualität" in der Wohngemeinschaft von Martin Dannecker wird ein Plakat für eine bundesweite Plakataktion gegen den §175 entworfen. Die integrationsorien-tierten Gruppenvertreter lehnen es ab, die Parole "Weg mit §175" durch Abbildung einer geballten Faust zu unterstreichen. Und auch der "Fleischerhaken" am Paragraphenzeichen, der an die Ermordung von Homosexuellen in den KZs während des "3.Reiches" erinnern sollte, wird abgelehnt. Die Faust sei ein Symbol der radikalen Linken. Letztlich werden zwei Plakat-versionen geklebt, eins mit und eins ohne Faust und Fleischer-haken.
Aus Anlass der erneuten Beratungen des Bundestages über eine weitere Liberalisierung des §175 bringt der "Spiegel" 11/1973 eine Titelstory "Befreit - aber geächtet". Darin werden erste Ergebnisse der Dannecker/Reiche-Studie dargestellt und über den Konflikt zwischen "Radikalen" und "Integrationisten" in der beginnenden Schwulenbewegung berichtet.
Erster Versuch der Frankfurter Polizei, das besetzte Haus Kettenhofweg 51 zu räumen. Nach außerordentlich militanten Straßenschlachten im Westend zieht die Polizei zunächst ab. Ein Delegierter der RotZSchwul nimmt am Plenum des Häuserrates teil. Auch die RotZSchwul unterzeichnet das Flugblatt "Widerstand ist möglich!", dass am nächsten Tag in einer großen Auflage in der ganzen Stadt verteilt wird.
Die RotZSchwul diskutiert betroffen über das Thema "Selbstmord unter Homosexuellen". Ein paar Tage vorher hatte ein Gruppenmitglied versucht sich umzubringen, weil er seinen Eltern nicht sagen konnte, dass er schwul ist.
700 Polizisten räumen in einer Blitzaktion das besetzte Haus Kettenhofweg 51. Die nun obdachlosen Hausbesetzer demonstrieren mit Betten und Matratzen auf der "Hauptwache" gegen die Räumung. Als Reaktion darauf kommt es in den folgenden Wochen mehrfach zu militanten Demonstrationen in Frankfurt, an denen bis zu 5000 Menschen teilnehmen, auch Mitglieder der RotZSchwul. Die Gruppe diskutiert, ob man nicht ein Haus für ein eigenes Schwulenzentrum besetzen solle.
RotZSchwul und HAF kleben nachts illegal die Plakate zur DAH-Aktion für die Abschaffung des §175.
Im Rahmen der bundesweiten DAH-Aktion für die Streichung des §175 machen die inzwischen 3 Frankfurter Emanzipationsgruppen RotZSchwul, HAF und Schwule Zelle sowie vereinzelte Lesben auf der "Hauptwache" erstmals einen Infostand. Sie sammeln 406 Unterschriften und verteilen rund 8000 Flugblätter mit dem Titel "Hans ist schwul", das auf die isolierte und teure Wohnsituation von vielen Homosexuellen hinweist. "60% aller Schwulen leben allein". RotzSchwule tragen dabei erstmals in der Nachkriegsgeschichte "Rosa Winkel" mit der Aufschrift "Schwul", um an die Verfolgung von Homosexuellen in der NS-Zeit zu erinnern.
Die "Frankfurter Rundschau" (FR) berichtet in einem kurzen Artikel mit Bild vom Infostand der Frankfurter Schwulengruppen.
Artikel der RotZSchwul in der Studentenzeitung "Diskus" über Ihre Arbeit und Ziele. Erstmals nimmt die linke Szene in Frankfurt von der Existenz einer linken Schwulengruppe Kenntnis.
Auf dem zweiten "Pfingsttreffen" der "Homosexuellen Aktion Westberlin" kommt es bei der abschließenden Demonstration zu einem Eklat, weil französische und italienische Delegierte in Frauenkleidern demonstrieren wollen, was die sozialistischen Schwulen aus politischen Gründen ablehnen. Die anwesenden RotZSchwul-Delegierten schlagen sich sofort auf die Seite der "Feministen". Das HAW-Papier "Wider die Männerherrschaft in der HAW" wird auch in Frankfurt diskutiert.
Die RotZSchwul verteilt in der Subkultur Flugblätter, die zu einem "Park- und Klappenfest" im Grüneburgpark einladen: "Schwule Lust können wir nur als Schweinerei erleben. So wagen wir es nicht, bei Licht in der Kneipe jemanden anzusprechen, und schleichen uns frustriert und mit schlechtem Gewissen auf die Klappe...Wir wollen schwul sein! So schwul, wie es unseren Bedürfnissen entspricht, und nicht, wie man es uns vorschreibt."
Die RotZSchwul veranstaltet neben der "Klappe" im Grüneburgpark das erste "Park- und Klappenfest", um sich mit den Klappen-Schwulen" gegen die häufigen Polizeirazzien der letzten Zeit zu solidarisieren. Diese Aktion im Umfeld von öffentlichen Homo-Treffs bleibt in der westdeutschen Schwulenbewegung einmalig.
Die Frankfurter Jugendzeitschrift "Joco" bringt eine Reihe von Artikeln über Homosexualität und die neue Schwulenbewegung. Auch über die RotZSchwul wird berichtet. Die Jugendzeitung "Logbuch" bringt ebenfalls einen RotZSchwul-Artikel zum Thema "Coming-out".
RotZSchwul-Flugblatt "Auch Schwule verteidigen die besetzten Häuser Bockenheimer/Schumann-Strasse" ruft zum Widerstand gegen die Räumung auf.
RotZSchwule nehmen an nächtlichem Teach-In sowie an "Nachtwache" zum Schutz der besetzten Häuser Schumannstrasse/Bockenheimer Landstrasse teil.
Einige RotZSchwule ziehen trotz der Räumungsdrohung in den "Block" Schumannstrasse/Bockenheimer Landstrasse ein, und gründen "die erste schwule Wohnkommune". Man wolle zusammenleben und nicht isoliert in kleinen und teuren Wohnung leben. Der "Block" ist die größte und zugleich letzte Bastion des Häuserkampfes. In den Wohnungen wohnen Linke, die es Jahrzehnte später zu einiger Prominenz bringen sollten: Joschka Fischer, Außenminister von 1998-2005; Daniel Cohn-Bendit, heute Europa-Abgeordneter der Grünen, oder Johnny Klinke, Direktor des Frankfurter Varieté-Theater "Tigerpalast" u.a.
Leserbrief von RotZSchwulen an das integrationistische Homo-Magazin "HIM": Man solle möglichst schnell den Untertitel "Das Magazin mit dem Mann" entfernen und sich dazu bekennen, dass es sich um ein Magazin für Schwule handele.
RotZSchwul-Mitglieder erstellen ein Papier "Beiträge zum Thema Homosexualität" für eine gemeinsam mit Schülern der Ernst-Reuter-Schule geplante Unterrichtseinheit über Homosexualität.
Beim Silvesterfest des besetzten "Blocks" in der Schumannstrasse/Bockenheimer Landstrasse treten RotZSchwule im "Fummel" (Frauenkleidern) auf und führen vor der versammelten Sponti-Szene einen kurzen Agit-Prop-Sketch auf.
Das Plenum der RotZSchwul diskutiert über Militanz im Häuserkampf. Es gibt auch Kritik an der "Ersten schwulen Wohnkommune", die in den besetzten "Block" der Sponti-Linken gezogen ist. Sollte die RotZSchwul nicht eher ein eigenes Haus besetzen?
In der Zeitschrift "Leviathan" erscheint der Artikel "Die kollektive Neurose der Homosexuellen" von Martin Dannecker und Reimut Reiche, in dem sie die These vertreten, dass der durch die gesellschaftliche Ächtung hervorgerufene kollektive Selbsthass der Homosexuellen die Ausbildung eines Selbstbewusstseins verhindere.
Viele RotZSchwule halten regelmäßig Nachtwache in den besetzen Häuser Schumannstrasse/Bockenheimer Landstrasse. Der Eifer lässt jedoch nach, weil keine Räumung stattfindet.
Überraschende Räumung der besetzten Häuser Bockenheimer Landstrasse/Schumannstrasse. Während sofort mit dem Abriss begonnen wird, kommt es im Westend zu militanten Auseinandersetzung mit Pflastersteinen und Molotow-Cocktails. Die Polizei setzt Schlagstöcke und Wasserwerfer ein. Auch RotZSchwule beteiligen sich aus Wut über die Räumung.
Eine auffallend resignierte Demonstration von rund 6000 Menschen protestiert gegen die Räumung des "Block". Als die Demonstration zum abgerissenen Häuserblock an der Ecke Bockenheimer/Schumannstrasse kommt, schlägt die Trauer in Wut um, weil die Bewachung der Trümmer durch eine Hundertschaft Polizei als Provokation empfunden wird. Es kommt zu den heftigsten Straßenschlachten, die Frankfurt je erlebt hat.
April 1974 ca.
Die Soziologiestudentin Barbara Wackernagel interviewt die Mitglieder der ursprünglichen RotZSchwul für Ihre Diplomarbeit mit dem Titel "Die Gruppe Rotzschwul". Nach ihren Angaben besteht die Kerngruppe aus 10-12 Mitgliedern, auf dem Protokoll der ersten festgehaltenen Sitzung seien 8 Personen verzeichnet. Sie zitiert Dannecker: "Effektive Arbeit mit Homosexuellen ist nichts weniger als politische Arbeit. Indem man ihnen hilft, die Normen dieser Gesellschaft, ihre Fragwürdigkeit und Irrationalität zu erkennen, hilft man ihnen sich selbst nicht als fragwürdig und irrational zu begreifen. Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch die einzige Möglichkeit, den Homosexuellen Selbstbewusstsein zu vermitteln."
Auch RotZSchwule nehmen an dem sogenannten "Duhm-Kongress" über das Verhältnis von politischer Praxis und persönlicher Emanzipation teil. Die RotZSchwulen fühlen sich plötzlich von der Sponti-Linken ernst genommen bzw. empfinden sich sogar als Avantgarde der neuen Strömung. Auch HAW-ler nehmen teil und führen dort die sogenannten HAW-Lieder zum erstenmal vor.
Der RAF-Anwalt und ehemaliges RotZSchwul-Mitglied Rainer Demski wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er starb vermutlich an einer Überdosis Medikamente. Die RotZSchwul nimmt einige Tage später an seiner Beerdigung teil.
Auch einzelne RotZSchwule nehmen an den militanten Demonstrationen gegen die Fahrpreiserhöhungen des "Frankfurter Verkehrsverbundes" (FVV) teil.
Artikel "Entwicklungsstufen der Homosexualität: vom Coming-out zur Selbstwahrnehmung" von Dannecker/Reiche in der Zeitschrift Sexualmedizin 8/1974
Das "Boots" öffnet als erstes offenes Lederlokal in Frankfurt, nachdem an gleichem Ort die "Goldene 13" abgebrannt war. Auch Mitglieder der RotZSchwul suchen den Kick des neuen Trends zu Leder und Fetischen.
Der "HAF" fragt an, ob er das geplante Schwulenzentrum in der Wittelsbacher Allee 139 mitbenutzen dürfe. Einige RotZSchwule sind wegen der weiterhin bestehenden politischen Differenzen dagegen.
Das erste Schwulenzentrum in Frankfurt wird im Hinterhof der Wittelsbacher Allee eröffnet. Gnädig wird dem HAF gestattet, das Zentrum mitzubenutzen. Die alten RotZSchwulen sind eher zurückhaltend, denn sie befürchten eine Entpolitisierung durch "Kaffeeklatsch" und Parties. Es entstehen erste "wilde" Selbsterfahrungsgruppen, d.h. ohne therapeutische Begleitung.
Die bisher größte soziologische Studie über Homosexuelle "Der gewöhnliche Homosexuelle" von Martin Dannecker und Reimut Reiche erscheint im S. Fischer-Verlag. Die Studie zeigt u.a. einen hohen Anteil promisken Sexualverhaltens unter Homosexuellen. Die Studie wird in einer Reihe von Printmedien und Rundfunksendungen vorgestellt.
Die RotZSchwul beschließt, zusammen mit dem Uni-Kino "Pupille" einen Filmmonat mit Filmen zum Thema Homosexualität zu machen.
Die "FR" berichtet in einem Artikel "Für die einen ein Ärgernis, für die anderen ein Ausweg" über öffentliche Toiletten als Treffpunkte für anonymen schwulen Sex. Die RotZSchwul protestiert mit einem "Go-In" in die Redaktion der "FR", weil sich der Redakteur zunächst weigert, über seinen Artikel mit der RotZSchwul zu diskutieren.
Das lange geplante Eröffnungsfest des Schwulenzentrums in der Wittelsbacher Allee 139 findet mit Theatersketchen und Modeschau statt.
ca. 15.12.1974
Die "FR" erklärt sich nun doch bereit, mit der RotZSchwul über den Klappenartikel zu diskutieren. Die Schwulen versuchen den Redakteuren klar zu machen, dass die öffentlichen Toiletten auch nach der Liberalisierung für Homosexuelle ein notwendiger Treffpunkt sind.
Der bundesweit erste schwule Filmmonat in der BRD eröffnet mit dem Film "Fuzzy's Kampf ohne Gnade". Es folgen Filme wie "Menschen hinter Gittern", "My Hustler" von Andy Warhol, "Fireworks" und "Scorpio Rising" von Keneth Anger und natürlich der Praunheim-Film, mit dem alles anfing.
Die traditionelle Gruppenadresse der RotZSchwul in der Bettinastraße wird aus der bundesweiten Adressliste der homosexuellen Emanzipationsgruppen gestrichen.
Barbara Wackernagel (Saarbrücken) stellt ihre wissenschaftliche Hausarbeit "Die Gruppe Rotzschwul" fertig. In ihrem Fazit stellt sie fest, dass es zum Zeitpunkt ihrer Interviews eine große Diskrepanz der mittlerweile größer gewordenen Gruppe gibt.
"In der Innenarbeit der Gruppe prallen - etwas vereinfacht dargestellt - zwei Positionen aufeinander: Die ´jungen´ Schwulen fordern von der Gruppe psychische Abstützung durch intensive persönliche Kontakte, durch Gespräche und durch sogenannte Selbsterafhrungsgruppen, in denen durch gruppendynamische Prozesse persönliche Schwierigkeiten aufgefangen und Gruppeninteraktionen verbessert werden können. Die ´älteren´ (´alt´ im Sinne von erfahren) Homosexuellen, die durch einen grossen Teil der Gründungsmitglieder repräsentiert werden, jedoch sich nicht ausschließlich aus solchen zusammensetzen, sehen dagegen die Innenarbeit als Vorbereitung für die politischen Aussenaktivitäten, indem die Mitglieder über eine Diskussion der eigenen Erfahrungen zu einer Einschätzung eines politischen Vorgehens der Gruppe kommen. Sie sind eher bereit, auf unmittelbare Befriedigung persönlicher Bedürfnisse zu verzichten und diese zunächst in politische Arbeit zu sublimieren. Das bedeutet nicht eine Ausklammerung ihrer persönlichen Bereiche aus dem politischen Engagement, vielmehr erwarten sie aus dem politischen Arbeiten eine Rückwirkung auf ihre psychische Situation, insbesondere eine Stabilisierung ihrer homosexuellen Persönlichkeit. Eine Hilfe beim Schwulwerden, wie die ´Jungen´ sie von der Gruppe erwarten, wird von den Älteren explizit abgelehnt."
RotzSchwul Chronologie

References: § 175
 §175
 §175
 §175
 §175
 §175