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Timestamp: 2018-03-17 22:02:27+00:00

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LAG Hamm, Urteil vom 02.02.2006, 8 Sa 476/05 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Hamm, Ur­teil vom 02.02.2006, 8 Sa 476/05
Aktenzeichen: 8 Sa 476/05
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Herford, Urteil vom 28.10.2004, 3 Ca 406/04
Nachfolgend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 26.09.2007, 10 AZR 570/06
Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil Ar­beits­ge­richts Her­ford vom 28.10.2004– 3 Ca 406/04 – wird auf Kos­ten der Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen.
Mit ih­rer Kla­ge nimmt die Kläge­rin die Be­klag­te auf Zah­lung ei­nes „Weih­nachts­gel­des“ für das Jahr 2003 in An­spruch. Zur Be­gründung die­ses Be­geh­rens ver­weist die Kläge­rin auf den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz und das Maßre­ge­lungs­ver­bot des § 612 a BGB.
Wie un­strei­tig ist, gewähr­te die nicht ta­rif­ge­bun­de­ne Be­klag­te ih­ren Beschäftig­ten in der Ver­gan­gen­heit auf der Grund­la­ge ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung ein Weih­nachts­geld, wel­ches mit ei­ner Rück­zah­lungs­klau­sel ver­bun­den und des­sen Höhe nach der An­zahl et­wai­ger Krank­heits­ta­ge ge­staf­felt war. Mit Rück­sicht auf ih­re schwie­ri­ge wirt­schaft­li­che La­ge kündig­te die Be­klag­te die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung mit Schrei­ben vom 25.09.2001 zum 31.12.2002 und bot den Beschäftig­ten fer­ner zur Um­set­zung von Ein­spa­rungs­maßnah­men Mit­te De­zem­ber 2001 neue Ar­beits­verträge mit ei­ner Ab­sen­kung der Vergütung so­wie ei­ner Her­auf­set­zung der be­trieb­li­chen Ar­beits­zeit mit Wir­kung ab dem 01.01.2002 an. Hier­mit erklärte sich die große Mehr­zahl der Beschäftig­ten ein­ver­stan­den, nicht je­doch die Kläge­rin so­wie wei­te­re ca. 50 von 450 Beschäftig­ten. Nach letzt­ma­li­ger Zah­lung des Weih­nachts­gel­des ent­spre­chend der gekündig­ten Be­triebs­ver­ein­ba­rung im Jah­re 2002 bot die Be­klag­te An­fang Fe­bru­ar 2003 den­je­ni­gen Mit­ar­bei­tern, wel­che die neu­en Ar­beits­verträge un­ter­schrie­ben hat­ten, ei­ne Zu­satz­ver­ein­ba­rung zum Ar­beits­ver­trag an, wel­che – im We­sent­li­chen ent­spre­chend dem In­halt der frühe­ren Be­triebs­ver­ein­ba­rung – die Zah­lung ei­nes Weih­nachts­gel­des, al­ler­dings un­ter Frei­wil­lig­keits­ und Wi­der­rufs­vor­be­halt, vor­sieht. Mit Rück­sicht auf die Tat­sa­che, dass die Kläge­rin die vor­an­ge­hen­de Ver­tragsände­rung nicht ak­zep­tiert hat­te, er­hiel­ten sie ein ent­spre­chen­des An­ge­bot nicht.
Die Kläge­rin sieht hier­in ei­nen Ver­s­toß ge­gen den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz und das Maßre­ge­lungs­ver­bot des § 612 a BGB. Dem tritt die Be­klag­te mit Rechts­ausführun­gen ent­ge­gen und macht ins­be­son­de­re gel­tend, die vor­ge­nom­me­ne Dif­fe­ren­zie­rung die­ne nicht et­wa der Maßre­ge­lung und Be­stra­fung der­je­ni­gen Mit­ar­bei­ter, wel­che zu­vor der Ver­tragsände­rung nicht zu­ge­stimmt hätten, viel­mehr stel­le sich die Weih­nachts­geld­zah­lung als Teil des neu­en Vergütungs­sys­tems dar. Nach­dem die Be­klag­te ha­be er­ken­nen müssen, dass nicht sämt­li­che Mit­ar­bei­ter die an­ge­bo­te­ne Ent­geltände­rung ak­zep­tier­ten, sei es ihr mit der ver­trag­li­chen Einführung ei­nes Weih­nachts­gel­des für den be­tref­fen­den Per­so­nen­kreis dar­um ge­gan­gen, die ent­stan­de­ne Loh­nun­ge­rech­tig­keit zu­min­dest teil­wei­se zu kom­pen­sie­ren. Letzt­lich sei­en hier­durch zwei ne­ben­ein­an­der­ste­hen­de Vergütungs­sys­te­me ge­schaf­fen wor­den, wo­bei die­je­ni­gen Mit­ar­bei­ter, wel­che an den al­ten Ver­trags­be­din­gun­gen fest­hiel­ten, ih­re bis­he­ri­ge (höhe­re) Ar­beits­vergütung er­hiel­ten, wo­hin­ge­gen die an­de­re Grup­pe der Mit­ar­bei­ter, wel­che die neu­en Ver­trags­be­din­gun­gen ak­zep­tiert hätten, nun­mehr ne­ben der nied­ri­gen St­un­den­vergütung als wei­te­ren Vergütungs­be­stand­teil das von der Be­klag­ten un­ter Frei­wil­lig­keits­ und Wi­der­rufs­vor­be­halt ge­zahl­te Weih­nachts­geld er­hiel­ten. Un­ter die­sen Umständen könne die vor­ge­nom­me­ne Dif­fe­ren­zie­rung nicht be­an­stan­det wer­den, erst Recht lie­ge ein Ver­s­toß ge­gen das Maßre­ge­lungs­ver­bot nicht vor.
Durch Ur­teil vom 28.10.2004, auf wel­ches we­gen des wei­te­ren Sach­ver­halts ver­wie­sen wird, hat das Ar­beits­ge­richt die Be­klag­te an­trags­gemäß zur Zah­lung ver­ur­teilt. Mit ih­rer recht­zei­tig ein­ge­leg­ten und be­gründe­ten Be­ru­fung ver­folgt die Be­klag­te un­ter Wie­der­ho­lung und
Ver­tie­fung ih­rer Rechts­ausführun­gen ihr Be­geh­ren auf Kla­ge­ab­wei­sung wei­ter und be­an­tragt,
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Her­ford vom 28.10.2004 ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
Die Be­ru­fung der Be­klag­ten bleibt oh­ne Er­folg. Zu­tref­fend hat das Ar­beits­ge­richt der Kläge­rin die be­gehr­te Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on für das Jahr 2003 zu­er­kannt. Die Kam­mer folgt in vol­lem Um­fang der zu­tref­fen­den Be­gründung des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils. Die mit der Be­ru­fung vor­ge­tra­ge­nen Ge­sichts­punk­te recht­fer­ti­gen kei­ne an­de­re Be­wer­tung.
a) Un­strei­tig hat die Be­klag­te im Jah­re 2003 nicht nur ein­zel­nen Ar­beit­neh­mern, son­dern sämt­li­chen Beschäftig­ten, wel­che zu­vor der Ände­rung ih­res Ar­beits­ver­tra­ges zu­ge­stimmt hat­ten, ein An­ge­bot zum Ab­schluss ei­ner Zu­satz­ver­ein­ba­rung zum Ar­beits­ver­trag un­ter­brei­tet, wel­ches für die­sen Per­so­nen­kreis die Zah­lung ei­nes Weih­nachts­gel­des für das Jahr 2003 vor­sieht. Mit ei­ner Aus­nah­me ist das ent­spre­chen­de Ver­trags­an­ge­bot von al­len An­ge­bots­empfängern ge­gen­ge­zeich­net wor­den. Die Kläge­rin so­wie die wei­te­ren Mit­ar­bei­ter, wel­che der vor­an­ge­hen­den Ver­tragsände­rung nicht zu­ge­stimmt ha­ben, ha­ben ein sol­ches Ver­trags­an­ge­bot nicht er­hal­ten.
b) In­dem die Be­klag­te ei­ne ent­spre­chen­de Zu­satz­ver­ein­ba­rung zum Ar­beits­ver­trag al­lein dem vor­be­zeich­ne­ten Per­so­nen­kreis an­ge­bo­ten und auf der Grund­la­ge der Zu­satz­ver­ein­ba­rung al­lein die­sem ei­ne ent­spre­chen­de Leis­tung gewährt hat, hat sie im Er­geb­nis die vom Leis­tungs­be­zug aus­ge­schlos­se­nen Ar­beit­neh­mer im Sin­ne des § 612 a BGB be­nach­tei­ligt.
c) Der Aus­schluss der Kläge­rin von der Gra­ti­fi­ka­ti­ons­leis­tung war nicht durch sach­li­che Gründe ge­recht­fer­tigt, viel­mehr muss von ei­nem un­mit­tel­ba­ren Zu­sam­men­hang zwi­schen vor­an­ge­hen­der Rechts­ausübung und Aus­schluss von der Gra­ti­fi­ka­ti­ons­leis­tung und da­mit von ei­ner Maßre­ge­lung im Sin­ne des Ge­set­zes aus­ge­gan­gen wer­den.
(1) Die Kläge­rin hat in zulässi­ger Wei­se ih­re Rech­te aus­geübt, als sie sich ei­ner Her­ab­set­zung ih­rer Ar­beits­vergütung und Erhöhung der ver­trag­li­chen Ar­beits­zeit wi­der­setz­te. Auch wenn die Mehr­zahl der ver­gleich­ba­ren Ar­beit­neh­mer ei­ner ent­spre­chen­den Ver­tragsände­rung zu­ge­stimmt hat, war sie un­ter kei­nem recht­li­chen Ge­sichts­punkt ver­pflich­tet, dies auch zu tun.
(3) So­weit die Be­klag­te dem­ge­genüber ausführt, die An­wen­dung der Vor­schrift des § 612 a BGB schei­te­re schon dar­an, weil es am Merk­mal der „Rechts­ausübung“ feh­le,
über­zeugt dies nicht. Der Um­stand, dass die Kläge­rin die ihr an­ge­tra­ge­ne Ände­rung ih­res Ar­beits­ver­tra­ges mit ver­schlech­tern­den Ar­beits­be­din­gun­gen nicht an­ge­nom­men hat, lässt sich oh­ne wei­te­res als „Rechts­ausübung“ im Sin­ne des § 612 a BGB auf­fas­sen. Von ei­nem sol­chen Verständ­nis ist auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung vom 12.06.2002 oh­ne wei­te­res aus­ge­gan­gen. Wenn es dort heißt, die dor­ti­ge Kläge­rin ha­be in zulässi­ger Wei­se ih­re Rech­te aus­geübt, als sie sich ei­ner Verlänge­rung der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rungs­zeit wi­der­setz­te, so wird hier­mit er­kenn­bar nicht auf ei­ne ak­ti­ve Wi­der­stands­leis­tung, son­dern – wie sich aus dem nach­fol­gen­den Satz der Ent­schei­dungs­gründe er­gibt – al­lein dar­an an­ge­knüpft, dass die dor­ti­ge Kläge­rin der Ar­beits­zeit­verlänge­rung nicht zu­ge­stimmt hat, wo­zu sie un­ter kei­nem recht­li­chen Ge­sichts­punkt ver­pflich­tet ge­we­sen sei.
(4) Eben­so we­nig kann der Be­klag­ten dar­in ge­folgt wer­den, es feh­le an ei­ner „be­nach­tei­li­gen­den Maßnah­me“ im Sin­ne des § 612 a BGB. Wie be­reits aus­geführt, er­gibt sich ei­ne sol­che schon – un­abhängig von Mo­ti­va­ti­on und sach­li­chem Grund – aus dem Ver­gleich zwi­schen dem Kreis der begüns­tig­ten und nicht­begüns­tig­ten Ar­beit­neh­mer. Die Kläge­rin hat kein Ver­trags­an­ge­bot und dem­ent­spre­chend kein Weih­nachts­geld er­hal­ten und be­fin­det sich da­mit in ei­ner ungüns­ti­ge­ren La­ge als die Weih­nachts­geld­empfänger.
(6) So­weit die Be­klag­te schließlich dar­auf ver­weist, im Be­trieb exis­tier­ten nun­mehr zwei ver­schie­de­ne Vergütungs­sys­te­me, je­der Beschäftig­te könne al­lein ver­lan­gen, Leis­tun­gen nach dem für ihn maßgeb­li­chen Vergütungs­sys­tem gewährt zu er­hal­ten, trifft auch die­ser Ein­wand nicht zu. Die Be­klag­te hat sich nicht dar­auf be­schränkt, ih­ren Beschäftig­ten die je­weils ver­trag­lich ver­spro­che­ne Leis­tung zu gewähren. Für die­sen Fall wäre in der Tat ein Ver­s­toß ge­gen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz zu ver­nei­nen, da sich die­ser auf Fall­ge­stal­tun­gen be­schränkt, in de­nen der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer außer­halb recht­li­cher Bin­dun­gen „be­han­delt“. Al­lein die Erfüllung un­ter­schied­li­cher Rechts­ansprüche kann ei­nen Ver­s­toß ge­gen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht be­gründen. Die maßgeb­li­che Un­gleich­be­hand­lung liegt je­doch dar­in, dass die Be­klag­te al­lein ei­nem Teil der Beschäftig­ten ein ent­spre­chen­des Ver­trags­an­ge­bot un­ter­brei­tet und hier­bei dar­auf ab­ge­stellt hat, dass nur für die­je­ni­gen Per­so­nen ein An­spruch auf Weih­nachts­geld be­gründet wer­den soll­te, wel­che der früher an­ge­tra­ge­nen Ver­tragsände­rung zu­ge­stimmt hat­ten. Dass hier­in kein zulässi­ges Dif­fe­ren­zie­rungs­kri­te­ri­um liegt, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in der be­reits zi­tier­ten Ent­schei­dung zur Er­folgs­be­tei­li­gung (AP Nr. 8 zu § 612 a BGB) über­zeu­gend aus­geführt. Für die hier gewähr­te Weih­nachts­geld­zah­lung gilt nichts an­de­res. Dem­ent­spre­chend kann die Kläge­rin wie die übri­gen begüns­tig­ten Beschäftig­ten für das Jahr 2003 ei­ne ent­spre­chen­de Zah­lung be­an­spru­chen.
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References: § 612
 § 612
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