Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/gesellschaftsrecht/auskunftspflichten-des-ehemaligen-geschaeftsfuehrers-im-insolvenzeroeffnungsverfahren-392444
Timestamp: 2020-08-08 18:34:34+00:00

Document:
Auskunftspflichten des (ehemaligen) Geschäftsführers im Insolvenzeröffnungsverfahren | Rechtslupe
Auskunftspflichten des (ehemaligen) Geschäftsführers im Insolvenzeröffnungsverfahren
Aus­kunfts­pflich­ten des (ehe­ma­li­gen) Geschäfts­füh­rers im Insol­venz­eröff­nungs­ver­fah­ren
Wird gegen eine GmbH ein Insol­venz­an­trag gestellt, hat der Geschäfts­füh­rer über die recht­li­chen, wirt­schaft­li­chen und tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se der von ihm ver­tre­te­nen Gesell­schaft ein­schließ­lich gegen Gesell­schaf­ter und ihn selbst gerich­te­ter Ansprü­che Aus­kunft zu ertei­len. Er ist hin­ge­gen nicht ver­pflich­tet, über sei­ne eige­nen Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se und die Rea­li­sier­bar­keit etwai­ger gegen ihn gerich­te­ter Ansprü­che Anga­ben zu machen.
Die Aus­kunfts- und Mit­wir­kungs­pflich­ten des Schuld­ners aus § 97 InsO gel­ten gemäß § 20 Abs. 1 Satz 2 InsO auch im Insol­venz­eröff­nungs­ver­fah­ren. Da sich das Eröff­nungs­ver­fah­ren hier gegen eine GmbH und damit nicht gegen eine natür­li­che Per­son rich­tet, sind gemäß § 20 Abs. 1 Satz 2, § 101 Abs. 1 Satz 1 InsO die Mit­glie­der des Ver­tre­tungs­or­gans zur Aus­kunft ver­pflich­tet. Wer bin­nen zwei Jah­ren vor Antrag­stel­lung als Geschäfts­füh­re­rin der GmbH abbe­ru­fen wur­de, unter­liegt gemäß § 20 Abs. 1 Satz 2, § 101 Abs. 1 Satz 2 InsO wei­ter­hin einer Aus­kunfts­pflicht. Ver­wei­gert der Ver­pflich­te­te die Aus­kunft, kann das Gericht ihn gemäß § 20 Abs. 1 Satz 2, § 98 Abs. 2 Nr. 1 InsO zwangs­wei­se vor­füh­ren und nach Anhö­rung in Haft neh­men. Die Aus­kunft kann auch gegen­über einem ehe­ma­li­gen Ver­tre­tungs­or­gan im Wege der Haft erzwun­gen wer­den [1].
Jedoch beschränkt sich die den (ehe­ma­li­gen) Geschäfts­füh­rer gemäß § 97 Abs. 1, § 101 Abs. 1 Satz 2, § 20 Abs. 1 Satz 2 InsO tref­fen­de Aus­kunfts­pflicht auf die Ver­hält­nis­se der Schuld­ne­rin, mit­hin die der GmbH. Der Geschäfts­füh­rer ist daher nicht ver­pflich­tet, im Blick auf die Durch­setz­bar­keit gegen ihn gerich­te­ter, auf § 64 GmbHG beru­hen­der Ansprü­che Anga­ben zu sei­nen per­sön­li­chen Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen zu machen.
Die Rege­lung des § 101 Abs. 1 Satz 2 InsO will dem Miss­brauch begeg­nen, dass Geschäfts­lei­ter ihr Amt in der Kri­se nie­der­le­gen, um sich ihren ver­fah­rens­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen zu ent­zie­hen [2]. Vor die­sem Hin­ter­grund unter­lie­gen die ehe­ma­li­gen Mit­glie­der des Ver­tre­tungs­or­gans nicht einer ledig­lich sub­si­diä­ren Aus­kunfts­pflicht, die erst ein­greift, wenn neu bestell­te Orga­ne die Aus­kunft nicht ertei­len kön­nen oder wol­len [3]. Viel­mehr ist der Aus­kunfts­pflicht im Inter­es­se einer effek­ti­ven Ver­fah­rens­för­de­rung auch dann unein­ge­schränkt zu genü­gen, wenn neu bestell­te Ver­tre­tungs­or­ga­ne vor­han­den sind [4].
Die Aus­kunfts­pflicht des Geschäfts­füh­rers einer GmbH erstreckt sich inhalt­lich auf sämt­li­che recht­li­chen, wirt­schaft­li­chen und tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se der Gesell­schaft. In die­sem Rah­men hat er auch Tat­sa­chen zu offen­ba­ren, die For­de­run­gen der insol­ven­ten Gesell­schaft gegen ihn selbst – etwa aus § 64 GmbHG – nahe­le­gen kön­nen. Kei­ne Aus­kunft ist hin­ge­gen über die eige­nen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se zu geben.
Aus­kunft ist nach §§ 20, 97 InsO über alle das Ver­fah­ren betref­fen­den Ver­hält­nis­se zu ertei­len. Die­ser Begriff ist weit aus­zu­le­gen und umfasst alle recht­li­chen, wirt­schaft­li­chen und tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se, die für das Ver­fah­ren in irgend­ei­ner Wei­se von Bedeu­tung sein kön­nen. Die Ver­pflich­tung zur Aus­kunft ist nicht davon abhän­gig, dass an den Schuld­ner ent­spre­chen­de Fra­gen gerich­tet wer­den. Der Schuld­ner muss viel­mehr die betrof­fe­nen Umstän­de von sich aus, ohne beson­de­re Nach­fra­ge offen­le­gen, soweit sie offen­sicht­lich für das Insol­venz­ver­fah­ren von Bedeu­tung sein kön­nen und nicht klar zuta­ge lie­gen [5]. Von dem Geschäfts­füh­rer einer GmbH ist nament­lich über alle Akti­va und Pas­si­va der Gesell­schaft, also sämt­li­che For­de­run­gen und Ver­bind­lich­kei­ten, Aus­kunft zu ertei­len [6]. Die Aus­kunfts­pflicht des Geschäfts­füh­rers erstreckt sich auch auf die tat­säch­li­chen Umstän­de, durch die For­de­run­gen der Gesell­schaft oder gegen sie gerich­te­te Ver­bind­lich­kei­ten ent­stan­den sind [7].
Ansprü­che der insol­ven­ten Gesell­schaft gegen Gesell­schaf­ter und Geschäfts­füh­rer sind Bestand­teil der Insol­venz­mas­se. Die Aus­kunfts­pflicht dient dar­um auch dem Zweck, Ansprü­che des insol­ven­ten Unter­neh­mens gegen Gesell­schaf­ter oder Geschäfts­füh­rer auf­zu­de­cken [8]. Mit Rück­sicht auf den Vor­rang der Gläu­bi­ger­inter­es­sen sind von den Geschäfts­füh­rern folg­lich Infor­ma­tio­nen zu offen­ba­ren, die sich zum Nach­teil der Gesell­schaf­ter oder auch zum eige­nen Nach­teil aus­wir­ken kön­nen [9]. Da der Geschäfts­füh­rer selbst zur Offen­ba­rung sol­cher Tat­sa­chen ver­pflich­tet ist, die geeig­net sind, eine Ver­fol­gung wegen einer Straf­tat oder einer Ord­nungs­wid­rig­keit her­bei­zu­füh­ren [10], hat er auch Umstän­de preis­zu­ge­ben, die eine For­de­rung des insol­ven­ten Unter­neh­mens gegen ihn begrün­den [11]. Im Blick auf For­de­run­gen der Gesell­schaft gegen Gesell­schaf­ter hat der Geschäfts­füh­rer etwa auf Ansprü­che aus Kapi­tal­er­satz und auf Leis­tung von Nach­schüs­sen hin­zu­wei­sen [12]. Eben­so hat der Geschäfts­füh­rer Umstän­de offen­zu­le­gen, die Ansprü­che der Gesell­schaft gegen ihn selbst, sei es aus §§ 43, 64 GmbHG oder ande­ren Vor­schrif­ten, nahe­le­gen kön­nen [13].
Da die Aus­kunfts­pflicht der organ­schaft­li­chen Ver­tre­ter aus § 101 Abs. 1 InsO auf das Ver­mö­gen der frü­her oder gegen­wär­tig von ihnen gelei­te­ten Gesell­schaft bezo­gen ist, sind sie jedoch ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Vor­der­ge­rich­te nicht ver­pflich­tet, über ihre eige­nen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se und die Rea­li­sier­bar­keit gegen sie gerich­te­ter For­de­run­gen Aus­künf­te zu ertei­len.
Ist der Schuld­ner kei­ne natür­li­che Per­son, tref­fen die Ver­pflich­tun­gen aus § 97 InsO die organ­schaft­li­chen Ver­tre­ter des Schuld­ners [14]. Die Vor­schrift des § 101 Abs. 1 InsO stellt eine Ergän­zung des § 97 InsO dar [15], indem sie die Organ­ver­tre­ter zu einer Aus­kunfts­er­tei­lung nach Maß­ga­be des § 97 InsO ver­pflich­tet [16]. Folg­lich oblie­gen den Orga­nen die glei­chen insol­venz­ver­fah­rens­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen wie dem Schuld­ner [17]. Die Geschäfts­füh­rer haben damit Aus­kunfts­pflich­ten im Umfang des § 97 Abs. 1 InsO zu genü­gen [18].
Dem Wort­laut des § 101 Abs. 1 InsO und dem Rege­lungs­zu­sam­men­hang mit § 97 Abs. 1 InsO kann sonach ent­nom­men wer­den, dass die Aus­kunfts­pflich­ten der Organ­ver­tre­ter auf die Ver­hält­nis­se der insol­ven­ten oder mit einem Insol­venz­an­trag kon­fron­tier­ten Gesell­schaft beschränkt sind. Da die Aus­kunfts­pflicht an die Ver­tre­ter­stel­lung anknüpft, kann von dem Organ nur Aus­kunft über die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se der von ihm ver­tre­te­nen Gesell­schaft, aber nicht über sei­ne eige­nen Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se ver­langt wer­den. Aus dem Umstand, dass bei einer juris­ti­schen Per­son die Aus­kunft nur durch die Organ­ver­tre­ter erteilt wer­den kann, folgt kei­ne Erwei­te­rung der Aus­kunfts­pflicht auch auf die per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se die­ser Per­so­nen [19]. Eine Aus­kunfts­pflicht hin­sicht­lich recht­li­cher, wirt­schaft­li­cher und tat­säch­li­cher Ver­hält­nis­se einer drit­ten, an dem Ver­fah­ren nicht betei­lig­ten Per­son fin­det im Gesetz kei­nen Anhalt. Die Aus­kunfts­pflicht des Geschäfts­füh­rers einer GmbH beschränkt sich dar­um aus­schließ­lich auf das Ver­mö­gen und die Rechts­ver­hält­nis­se der Gesell­schaft. Eben­so wenig wie von einem Schuld­ner ver­langt wer­den kann, über die Ver­hält­nis­se einer GmbH, deren Geschäfts­füh­rer er ist, Aus­kunft zu ertei­len [20], besteht eine Ver­pflich­tung des Geschäfts­füh­rers einer GmbH, gegen die ein Insol­venz­an­trag gestellt wur­de, sei­ne per­sön­li­chen Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se zu offen­ba­ren. Aus­kunfts­an­sprü­che gegen den Geschäfts­füh­rer umfas­sen dar­um nicht Anga­ben hin­sicht­lich der Rea­li­sier­bar­keit gegen ihn gerich­te­ter Haf­tungs­an­sprü­che [21].
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. März 2015 – IX ZB 62/​14
Münch­Komm-InsO/S­te­phan, aaO § 101 Rn. 24b; Jaeger/​Schilken, InsO, § 101 Rn. 21; HK-InsO/­Kay­ser, 7. Aufl., § 101 Rn. 10[↩]
HK-InsO/­Kay­ser, aaO § 101 Rn. 1; Münch­Komm-InsO/S­te­phan, aaO § 101 Rn. 23; Schmidt/​Jungmann, InsO, 18. Aufl., § 101 Rn. 9[↩]
in die­sem Sin­ne aber Hens­s­ler, ZIn­sO 1999, 121, 124; Jaeger/​Schilken, aaO § 101 Rn. 21[↩]
Schmidt/​Jungmann, aaO § 101 Rn. 12[↩]
BGH, Beschluss vom 11.02.2010 – IX ZB 126/​08, WM 2010, 524 Rn. 5; vom 15.04.2010 – IX ZB 175/​09, WM 2010, 976 Rn. 9; vom 17.03.2011 – IX ZB 174/​08, WM 2011, 760 Rn. 7; vom 08.03.2012 – IX ZB 70/​10, ZIn­sO 2012, 751 Rn. 13; vom 22.11.2012 – IX ZB 23/​10, ZIn­sO 2013, 138 Rn. 4; vom 11.04.2013 – IX ZB 170/​11, WM 2013, 1030 Rn. 18[↩]
Münch­Komm-InsO/S­te­phan, 3. Aufl., § 97 Rn. 14a; HK-InsO/­Kay­ser, 7. Aufl., § 97 Rn. 11; Schmidt/​Jungmann, InsO, 18. Aufl., § 97 Rn. 8; Jaeger/​Schilken, aaO § 97 Rn. 17; Pie­ken­b­rock in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., § 97 Rn. 6[↩]
Münch­Komm-InsO/S­te­phan, aaO; Pie­ken­b­rock in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, aaO[↩]
Pape/​Uhländer/​Wedekind, InsO, § 97 Rn. 25; Stob­be, Die Durch­set­zung gesell­schafts­recht­li­cher Ansprü­che der GmbH in Insol­venz und mas­se­lo­ser Liqui­da­ti­on, 2001, Rn. 37[↩]
Hens­s­ler, ZIn­sO 1999, 121, 123[↩]
Jaeger/​Schilken, aaO § 101 Rn. 15[↩]
Hens­s­ler, aaO; Uhlen­bruck, Fest­schrift Kreft, S. 543, 556[↩]
Hens­s­ler, aaO; Jaeger/​Schilken, aaO; HK-InsO/­Kay­ser, 7. Aufl., § 97 Rn. 11[↩]
Hens­s­ler, aaO; Stob­be, aaO Rn. 36, 38; Uhlen­bruck, InsO, 13. Aufl., § 97 Rn. 7; Hmb­Komm-InsO/Her­chen, 5. Aufl., § 97 Rn. 12[↩]
BT-Drs. 12/​2443, S. 143[↩]
HK-InsO/­Kay­ser, 7. Aufl., § 101 Rn. 1[↩]
HK-InsO/­Kay­ser, aaO § 101 Rn. 6[↩]
Münch-Komm-InsO/S­te­phan, 3. Aufl., § 101 Rn. 21[↩]
Jaeger/​Schilken, aaO § 101 Rn. 15; Uhlen­bruck in Fest­schrift Kreft, 2004, S. 543, 548[↩]
vgl. Stob­be, Die Durch­set­zung gesell­schafts­recht­li­cher Ansprü­che der GmbH in Insol­venz und mas­se­lo­ser Liqui­da­ti­on, 2001, Rn. 38[↩]
LG Dort­mund, NZI 2005, 459; Pie­ken­b­rock in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., § 97 Rn. 7[↩]
Uhlen­bruck in Fest­schrift Kreft, 2004, S. 543, 554 ff; ders., InsO, 13. Aufl., § 97 Rn. 7; aA Hmb­Komm-InsO/Her­chen, 5. Aufl., § 97 Rn. 12[↩]
Aus­kunfts­pflich­ten des (ehe­ma­li­gen) Geschäfts­füh­rers im… Wird gegen eine GmbH ein Insol­venz­an­trag gestellt, hat der Geschäfts­füh­rer über die recht­li­chen, wirt­schaft­li­chen und tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se der von ihm ver­tre­te­nen Gesell­schaft ein­schließ­lich gegen Gesell­schaf­ter…
Der nicht voll­stre­ckungs­fä­hi­ge Aus­kunfts­ti­tel – und die… Hat die Aus­kunfts­ver­pflich­tung, gegen die sich der Rechts­mit­tel­füh­rer zur Wehr setzt, kei­nen voll­streck­ba­ren Inhalt, erhöht sich die Beschwer um die mit der Abwehr einer inso­weit…
Steu­er­be­ra­tungs­kos­ten des Insol­venz­ver­wal­ters Gemäß § 63 Abs. 1 Satz 1 InsO hat der Insol­venz­ver­wal­ter für sei­ne Geschäfts­füh­rung einen Anspruch auf Ver­gü­tung. Mit der Ver­gü­tung sind die dem Insol­venz­ver­wal­ter…
Löschung einer ver­mö­gens­lo­sen GmbH – und die… Die Löschung einer ver­mö­gens­lo­sen GmbH nach § 394 Abs. 1 FamFG hat zur Fol­ge, dass die Gesell­schaft ihre Rechts­fä­hig­keit ver­liert und damit nach § 50…
GmbH-GeschäftsführerInsolvenzeröffnungsverfahren

References: § 97
 § 20
 § 20
 § 101
 § 20
 § 101
 § 20
 § 98
 § 97
 § 101
 § 20
 § 64
 § 101
 § 64
 § 101
 § 97
 § 101
 § 97
 § 97
 § 97
 § 101
 § 97
 § 101
 § 101
 § 101
 § 101
 § 101
 § 101
 § 101
 § 101
 § 97
 § 97
 § 97
 § 97
 § 97
 § 97
 § 101
 § 97
 § 97
 § 97
 § 101
 § 101
 § 101
 § 101
 § 97
 § 97
 § 97
 § 63
 § 394
 § 50