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Timestamp: 2017-03-23 06:12:57+00:00

Document:
Theresienstadt Lexikon: Ältestenrat
Theresienstadt www.ghetto-theresienstadt.info - Ein Nachschlagewerk
=>Leitung
des Ghettos =>Struktur
des Ältestenrates vom 6. Mai 1945
=>Geschäftsordnung des Ältestenrats =>Lagerordnung
des Ältestenrats vom 5. Januar 1943 =>Neujahrsproklamation
des Ältestenrates =>Erklärung des Ältestenrates vom 9. November 1944
=>Aufruf
=>Kontakte
zwischen der SS und dem Ältestenrat =>Vermögen der Selbstverwaltung
des Ghettos „Die jüdische Leitung hatte es unsagbar
schwer. Selbst größte Lauterkeit hätte
es nicht verhindern können, daß die Summe
ihrer Entscheidungen, absolut verstanden, schlecht
gewesen wäre. Der Leitung wäre keine andere
Freiheit geblieben als Selbstvernichtung, wenn sie
jenen Widerstand geleistet hätte, den ein unbedingt
Gutes dem Bösen entgegensetzt. Aber in den gesteckten
Grenzen hätte unendlich viel Gutes getan werden
können. Die konservierenden Sonderpläne der
SS mit diesem Lager hätten sich besser zum Vorteil
tausender Menschen nutzen lassen. Hier beginnt jenseits
der rein tragischen eine viel gemeinere Schuld der
Leitung. Die unsittlichen Grundsätze der Umwelt
mußten nicht so bedenkenlos übernommen werden.
Ein viel entschiedenerer Kampf gegen Schmutz, Bestechlichkeit,
Diebstahl und schlimmste Protektionswirtschaft war
möglich, die hier doppelt und zehnfach verbrecherisch
waren. Fast alles, um diese Dinge zu bessern, unterblieb.
Die Leitung war uneinig; Verdacht, Mißtrauen
und niedrige Gesinnung gingen häßliche Wege.
Groß waren die Rechte, die der Leitung offiziell
oder geduldetermaßen zustanden. Zu wenig und
viel zu kurze Zeit lehnte Edelstein für die leitenden
Funktionäre Sonderrechte ab, mit denen die SS
ihn köderte. Zu bald lebte sich eine bevorzugte
Klasse als führende Gesellschaft ein, wozu Edelstein
schwieg; auch blieb er selbst nicht ganz unbeteiligt.
Als sein Einfluss sank und er endlich fiel, war die
Korruption der Oberschicht bereits so fortgeschritten,
daß alles einem Sumpfe glich. In Klüngeln
hielt man zusammen und konnte jeden energischen Angreifer
fällen. =>Leo Baeck, =>Robert Stricker und =>Karl Loewenstein wurden nicht müde entgegenzuwirken, ohne je entscheidende
Erfolge zu erringen.=> Loewenstein brach über seinem
Draufgängertum zusammen. Die Männer, die
ab 1943 das Feld beherrschten, waren nicht mehr gewillt,
Wandel zu schaffen und schlossen sich bedenkenlos dem
allgemeinen Treiben an.
Und nun folgte Schuld auf
Schuld: Die Schutzlosigkeit der Gebrechlichen,
die man schädigte und nicht
nach dem Gebote „du sollst Vater und Mutter ehren“ behandelte;
die Unmenschlichkeit, mit der man das Unmenschliche
des Lagers vermehrte, zumindest duldete, statt es zu
mindern. Trotz manchen schönen Worten ließ man
Gemeinschaftsdiebstahl und Raub an der Habe der Neulinge
zu, Raub und Diebstahl, der sich als tausendfacher
Mord ausgewirkt hat, obwohl den leitenden Funktionären
im eigenen Kompetenzbereich viele ungenützte Mittel
zu Gebote standen, wenn schon nicht Ordnung, so doch
erträgliche Zustände zu schaffen – Kontrollen
und Strafen wie Schreibverbot, Beschlagnahme von Paketen
und Verlust des Amtes hätten Wunder gewirkt!
Junge tschechische Juden
sangen ein Lied, daß die
Spitzenfunktionäre in einem deutsch-tschechischen
Mischtext durchhechelte:
Mein Vater ist im Ältestenrat.
Krade rad, Krade rad, Krade rad.
Krade rad heißt: er
stiehlt gern. ...........Dennoch beleuchten (diese
Worte: J.W.) sie, die allgemeine Moral, die in
einer Gemeinschaft gefunden wird.
Der Judenälteste erschien als Herrscher des „Ghettos“ mit
diktatorischen Befugnissen. Er war viel mehr als Bürgermeister
oder Präsident, er war unbeschränkter Herrscher – soweit
ihn die SS nicht einschränkte. Fast alles im „Ghetto“ geschah
in seinem Namen. In seinem Namen wurde Recht gesprochen
und begnadigt. Er bestimmte die Politik der Gemeinschaft
und er allein war der SS gegenüber für alles
verantwortlich. Dem Lager gegenüber mußte
er sich theoretisch nicht verantworten, für seine
Maßnahmen mußte er den Gefangenen nicht
Rede stehen. Alle in seinem Namen ausgeübten Funktionen
gewannen Rechtskraft durch die Repräsentation
seiner Stellung. Darum war jeder Gefangene unmittelbar
ihm verantwortlich, solange nicht die SS intervenierte.
In seinem Namen bestätigte die „Personalkanzlei“ die
wichtigeren Angestellten der Selbstverwaltung und berief
sie ab. Als einzigem Juden stand ihm das grundsätzliche,
wenn auch beschränkte, Recht des Verkehrs mit dem
=>Kommandanten der SS zu, dessen Befehle er entgegennahm
und dem er Bitten und Wünsche vortragen durfte,
während der Vorschrift nach sonst kein Gefangener
einen SS-Mann anreden durfte., außer wenn „Gefahr
im Verzuge“ war.
Es ist schwierig, seine
Lage zu würdigen. Da
er dem letzten SS-Mann gegenüber ohnmächtig
war, verlor seine Stellung nach innen hin jeden Glanz.
So stand der Judenälteste zwar als Oberhaupt da – doch
mit gebundenen Händen. Er konnte beneidet, geliebt,
gefürchtet und gehaßt werden – aber
er war machtlos. Seine Beschlüsse und Befehle,
ob gut oder schlecht, konnten zwar Schicksale bestimmen,
ein Leben retten oder verdammen, aber sie hatten dennoch
kein Gewicht. In einem unvergleichlich höheren
Maße als in einer normalen Gesellschaft hing
unendlich viel von seiner Persönlichkeit ab. Keiner
seiner persönlichen Vorzüge mußte seinen
Untergebenen bereits wirklichen Gewinn bringen, doch
jeder Fehler in der eigenen Lebensführung und
Schwächen in Klugheit, Voraussicht, Auftreten,
Mut, kurz, in allen Eigenschaften, ja schon ein Irrtum,
mußten sich unbedingt für die Gemeinschaft
verhängnisvoll auswirken.
Die Welt des „Ghettos“ spielte sich
in so beängstigend engen Kreisen ab, daß jede
Maßnahme unmittelbar Leben oder Tod bedeuten
konnte..........“ Quelle: 521) Zur Kritik an der hier wiedergegebenen Darstellung von H. G. Adler s. => Karl Loewenstein (der Verf.).
Struktur des Ältestenrates Vorsitzender des Ältestenrates Stellvertreter Zentralsekretariat Personalkanzlei Dem Vorsitzenden des Ältestenrates direkt unterstellt waren die Ghettowache, die Detektivabteilung und die Bank der jüdischen Selbstverwaltung. I Amt für innere Verwaltung Gebäudeleitung Zentralevidenz Matrikel- und Beerdigungswesen Raumwirtschaft Transportleitung Post und Verkehr Rechtswesen
II Wirtschaftsabteilung Zentrale Proviantlagerung Zentrallager Landwirtschaft Gewerbebetriebe Spedition Produktion III Technische Abteilung Bauausführung Wasserreservat Kanalisation Strassenbau Eisenbahnbau Installation Wärmetechnik Technische Gebäudeverwaltung Arbeitszentrale Arbeiterkartei Einsatzstellen Fraueneinsatz Einsatz für Jugendliche Arbeitskontrolle Arbeiterbetreuung IV Finanzabteilung Zentrale Buchhaltung Produktionsbuchhaltung Bezugsscheinstellen V Gesundheitswesen Gesamte Evidenz Krankenfürsorge Heilmittellager Amtsarzt Entwesung Fürsorgeabteilung Jugendfürsorge Quelle: 477) Geschäftsordnung des Ältestenrates Die nachfolgender Geschäftsordnung wurde von =>Janowitz ausgearbeitet, immer wieder verändert und dann angenommen: An der Spitze des Ghettos steht der Judenälteste. Ihm nachgeordnet ist der Judenälteste-Stellvertreter, der mit dem Judenältesten alle Belange leitet. Der Ältestenrat bildet das beschließende Organ des Ghettos und besteht aus dem Judenältesten, seinem Stellvertreter, den Leitern der Abteilungen III bis VII und ihren Stellvertretern und dem Zentralsekretär.
Die Mitglieder des Ältestenrates werden vom Judenältesten ernannt. Neuernennungen und Umbesetzungen nimmt der Judenälteste nach Anhörung des Ältestenrates vor. Der Ältestenrat beschließt über grundsätzliche und für das Leben des Ghettos Richtung gebende Fragen. Als solche werden angesehen:
a) Angelegenheiten, die das ganze Ghetto betreffen und den vorgesetzten Behörden zur Entscheidung vorgelegt werden. Dies bezieht sich auf die Gründung und Auflösung von Abteilungen des Ältestenrates. b) Interne Entscheidungen, die geeignet sind, Veränderungen im Leben des Ghettos herbeizuführen, wie z. B. grundlegende Änderungen in den Fragen der Ernährung, Unterbringung, Arbeit usw.. c) Angelegenheiten, die geeignet sind, die Eintracht und das friedliche Zusammenleben der Ghettoinsassen zu beeinflussen. In allen übrigen Fragen entscheidet jeweils der Judenälteste oder sein Stellvertreter, ob sie auf die Tagesordnung des Ältestenrates gelangen sollen. Der Judenälteste und sein Stellvertreter erachten sich in den prinzipiellen wichtigen Fragen an die Entscheidungen des Ältestenrates gebunden. Sollte jedoch vom Ältestenrat ein Beschluß gefaßt werden, der nach Überzeugung des Judenältesten oder seines Stellvertreters nicht vertretbar ist, wird ihnen das Recht eingeräumt, den Beschluß mit Begründung abzulehnen. Der Ältestenrat tritt zusammen: a) zu regelmäßigen Sitzungen mindestens einmal wöchentlich. b) Zu außerordentlichen Sitzungen über Einberufung durch den Judenältesten oder seinen Stellvertreter. c) Zu außerordentlichen Sitzungen über den Antrag von mindestens 5 Mitgliedern des Ältestenrates. Den Vorsitz im Ältestenrat führt der Judenälteste, in seiner Abwesenheit der Judenälteste-Stellvertreter.
Das Zentralsekretariat ist verpflichtet, jede ordentliche Sitzung des Ältestenrates allen seinen Mitgliedern mindestens 24 Stunden vorher bekanntzugeben. Bei außerordentlichen Sitzungen ist diese Frist nicht erforderlich. Wichtige Anträge, die in der ordentlichen Sitzung behandelt werden sollen, müssen ordnungsgemäß schriftlich beim Zentralsekretariat in 13facher Ausfertigung eingereicht werden. Das Zentralsekretariat sorgt für die rechtzeitige Zustellung dieser Abschrift an die Mitglieder des Ältestenrates. Sämtliche 13 Mitglieder des Ältestenrates sind stimmberechtigt. Die Entscheidungen erfolgen mit einfacher Stimmenmehrheit. Bei Stimmengleichheit entscheidet der Vorsitzende. Der Ältestenrat ist bei Anwesenheit von mindestens 9 Mitgliedern, darunter der Judenälteste oder sein Stellvertreter, beschlußfähig. Ist eine beschlußfähige Sitzung nicht zu erzielen, dann entscheiden der Judenälteste in Beratung mit den anwesenden oder erreichbaren Mitgliedern des Ältestenrates und berichtet der nächsten Vollsitzung des Ältestenrates. Ergibt sich die Notwendigkeit, daß der Judenälteste oder sein Stellvertreter eine sofortige Entscheidung treffen muß, ohne daß eine Möglichkeit gegeben wäre, den Ältestenrat einzuberufen, so hat der Judenälteste oder sein Stellvertreter nach Fortfall des Hindernisses den Ältestenrat einzuberufen und über die getroffene Entscheidung zu berichten, sowie die Dringlichkeit zu begründen. Die Mitglieder des Ältestenrates haben Zutritt zu allen Büros und Betrieben des Ältestenrates und können bei allen Sitzungen und Kommissionen der Abteilungen zugegen sein. Die Mitglieder des Ältestenrates sind an die Beschlüsse des Ältestenrates gebunden und verpflichtet, über den Inhalt und Verlauf der Beratung Stillschweigen zu wahren. In ihren Funktionen als Abteilungsleiter unterstehen sie den Weisungen des Judenältesten bzw. des Judenältesten-Stellvertreters, für deren Durchführungen sie in ihren Abteilungen dem Judenältesten oder seinem Stellvertreter verantwortlich sind.
Gemäß Beschluß des Ältestenrates vom 2. Juni 1942 Die Sitzungen fanden gewöhnlich am Sonntagvormittag statt und dauerten bis zu drei oder vier Stunden. Sie wurden vom Judenältesten eröffnet
und geschlossen. Quelle: 247)
Lagerordnung Allgemeine Ordnung der Jüdischen
Selbstverwaltung (besondere Lagerordnung) laut Genehmigung
des Herr Lagerkommandanten SS-Hauptsturmführer
=>Dr. Seidl vom 5. Januar 1943 mit Ergänzung vom
2. Mai 1943 A Allgemeiner Teil
Jeder Ghettoinsasse ist zur
strengsten Befolgung der Vorschriften
und Anordnungen verpflichtet. Verstöße dagegen werden bestraft. § 2 Das höchste jüdische
Organ ist der ÄR (Ältestenrat) unter Leitung
des JÄ (Judenältesten). § 3 Das Ghetto ist in
vier Verwaltungsbezirke eingeteilt. An der Spitze
jedes Bezirkes steht der Bezirksälteste, die
Leitung der Gebäude liegt in den Händen
der Gebäudeältesten. § 4 Für jedes Haus
ist ein Hausältester bestellt, für jede
Gruppe von Häusern resp. für jeden Teilabschnitt
ist ein Gruppenältester bestimmt. Er ist für
Ruhe, Ordnung und Reinlichkeit in seinem Abschnitt
verantwortlich und sorgt für die Durchführung
der Anordnungen des Gebäude- bzw. Bezirksältesten
und höheren Stellen in seinem Abschnitt. § 5 In jedem Zimmer ist
ein Zimmerältester bestellt, der in seinem Zimmer
für Ruhe, Ordnung und Reinlichkeit verantwortlich
ist. Es ist seine Pflicht, den Insassen seines Zimmers die von höheren Stellen
erlassenen Verfügungen bekanntzugeben. Seinen Anordnungen haben alle Insassen
des Zimmers Folge zu leisten. § 6 Die Reinigung des
Hofes, der Gänge, Stiegen, Waschräume und
Aborte besorgen die eingesetzten Putz- und Reinigungskolonnen. Ihre Leiter sind verantwortlich für die tägliche gründliche
Reinigung. § 7 Das Essen muß zimmerweise
in geschlossenen Reihen unter Führung des Zimmerältesten
abgeholt werden. § 8 Für die Gesundheit
der Insassen sorgen die bestellten Ärzte. Ihnen
werden die Kranken zur festgesetzten Stunde vorgeführt.
Schwerkranke werden von den Ärzten auf ihren
Zimmern besucht. Die Ärzte sorgen für den
Transport ins Krankenzimmer. Ihnen obliegt auch die
Aufsicht über die Einhaltung sanitärer
Vorschriften in den Zimmern. § 9 Für die Sicherheit
des Lebens und des Eigentums der Insassen sorgt die
Ghettowache. Ihren Anordnungen muß Folge geleistet
werden. § 10 Die Arbeitsverteilung
erfolgt durch die Einsatzstellen. Jeder, der zur
Arbeit bestimmt wird, ist verpflichtet, die ihm aufgelegte
Arbeit zeitgerecht nach bestem Können und Wollen
durchzuführen. Eigenmächtiges Verlassen
der Arbeitsstätte wird als Arbeitsverweigerung
gewertet und gemäß der Lagerordnung geahndet.
Die Marschkolonne am Wege vom und zum Arbeitsplatz
darf nicht verlassen werden. Die Anordnungen des
Leiters der Arbeitskolonne sind unverzüglich
durchzuführen. § 11 Vorgesetzter ist
jene Person, die durch die berufenen Organe zur Anordnungserteilung
ermächtigt ist. § 12 Vorgesetzte dürfen
nur im Rahmen der ihnen erteilten Vollmachten Anordnungen
und Verfügungen treffen. § 13 Anordnungen und Verfügungen
sind in einer allen verständlichen Form zu treffen. § 14 Der Bezirks- bzw.
der Gebäudeälteste kann bei Ordnungswidrigkeiten
resp. Disziplinarverstößen gegen die in
den §§ 3 und 4 genannten Anordnungen, soweit
sie von Ghettoinsassen innerhalb der Häuser
seines Bezirkes und deren Höfen, resp. innerhalb
der Gebäude und der dazu gehörenden Höfe
begangen werden, folgende Strafen verwenden: Ordnungsstrafen:
Strenger Verweis Arbeit während der freien Zeit, höchstens an 3 Tagen durch 4 Stunden
Entzug der Tagesbrotration Entzug einer warmen Mahlzeit Entzug einer warmen Tageskost Geldstrafe bis zum Höchstbetrag von 50 GK (Ghetto-Kronen) Disziplinarstrafen Geldstrafe bis zur Höhe einer monatlichen Barauszahlung Entzug der Freiheit nach der Arbeit mit oder ohne Anwendung von Id und e höchstens
an 3 Tagen (Entzug der Ausgeherlaubnis) Entzug der Freiheit bis höchstens 8 Tage mit oder ohne Anwendung von Id
und e. Entzug des Brotes und der Warmkost darf nur für 24 Stunden erfolgen Disziplinarstrafen sind nach Rechtskraft in das vom Gebäude- bzw. Bezirksältesten
geführte Strafregister einzutragen. Ordnungsstrafen werden nicht registriert. Ist der Schuldige wegen seiner Tat
bereits durch das Ghettogericht bzw. vom Leiter des
Sicherheitswesens (Anm. jetzt der Detektivabteilung)
bestraft worden, so scheidet Strafbefugnis des Gebäude-
bzw. Bezirksältesten aus. § 15 Vor Anwendung der
Strafmittel muß die dem Beschuldigten zur Last
gelegte strafbare Handlung festgestellt werden. § 16 Gegen Insassen, die
dreimal disziplinarisch vorbestraft wurden, wird
strafrechtlich eingeschritten. § 17 Gegen Ordnungsstrafen
(§ 14 I) ist binnen drei Tagen nach Verkündigung
bzw. Zustellung die mündlich oder schriftlich
beim Gebäude- bzw. Bezirksältesten, der
die Strafe verhängt hat, anzumeldende Beschwerde
an die Berufungskammer des Ghettogerichts zulässig. Die Beschwerde kann insbesondere die Unzulässigkeit oder Mangelhaftigkeit
des Verfahrens geltend machen und sich gegen den Ausspruch über Schuld
und Strafe richten. Die Berufungskammer des Ghettogerichts entscheidet nach durchgeführter
Verhandlung in der Sache endgültig, falls der Bezirks- bzw. Gebäudeälteste
nicht im eigenen Wirkungskreise der Beschwerde stattgegeben hat. Bei dieser
Verhandlung führt die Funktion des öffentlichen Anklägers ein
rechtskundiger Vertreter der Abteilung für innere Verwaltung. Die Verhandlung
einer schweren Strafe durch das Berufungsgericht ist nicht ausgeschlossen. B Besonderer Teil
§ 1 Die Ghettoinsassen haben
jeden Angehörigen des Lagerkommandos, der SS-Wache
und der Regierungsgendarmerie durch Abnehmen der Kopfbedeckung
zu grüßen. Frauen haben sich zu verneigen.
Darüber hinaus ist jeder Uniformträger zu
grüßen. (Grußpflicht wurde am 4.3.44 aufgehoben) § 2 Bei Ansprache ist
sofort straffe Haltung anzunehmen. § 3 Sofern nicht anders
angeordnet, ist jeweils ein Abstand von einem Meter
zu bewahren. § 4 Den Ghettoinsassen
ist es grundsätzlich verboten, den unter § 1
genannten Personenkreis unaufgefordert anzusprechen.
Ausgenommen sind jene Fälle, in denen Gefahr
im Verzuge ist. § 5 Vorsprachen beim Lagerkommando
sind grundsätzlich verboten. Eine Ausnahme macht
lediglich der Judenälteste bzw. sein Stellvertreter. § 6 Die Ghettoinsassen
haben Anordnungen von Angehörigen des Lagerkommandos,
der SS-Wache und der Gendarmerie bedingungslos und
sofort nachzukommen. § 7 Das Gleiche gilt für
Anordnungen jüdischer Organe. § 8 Den Ghettoinsassen
ist es gestattet, einmal im Monat zu schreiben. Für
Angehörige des ÄR gilt Sonderbestimmung.
Der Postverkehr von Kaserne zu Kaserne ist erlaubt.
Briefschmuggel wird mit dem Tode bestraft. Der Versuch
wird der Tat gleichgestellt. § 9 Den Ghettoinsassen
ist die Benutzung des Fernsprechers grundsätzlich
verboten. Ausnahmen bedürfen der Genehmigung
des Lagerkommandanten. § 10 Unberechtigtes Verlassen
des Ghettos gilt als Fluchtversuch. Die Gendarmerie ist ermächtigt, bei Fluchtversuchen sofort von der Schußwaffe
Gebrauch zu machen. § 11 Das Betreten für
Ghettoinsassen nicht zugelassenen Geländes ist
grundsätzlich verboten. Ausnahmen bedürfen
der Genehmigung des Lagerkommandanten. § 12 Lärmen ist strengstens
verboten. § 13 Gänge, Höfe
und Straßen sind peinlich reinzuhalten. Der
Ghettoinsasse, der Papier, Stroh usw. umherliegen
sieht, hat ohne weitere Aufforderung diese Dinge
sofort aufzuheben und in die dafür bestimmten
Behälter zu werfen. § 14 Das freie Ausspucken
ist strengstens verboten. § 15 Männliche Ghettoinsassen
tragen das Haupthaar 3 mm lang, weibliche im kurzem
Herrenschnitt. Jeder Insasse hat innerhalb 3 Wochen
einmal zum Friseur zu gehen. Für Angehörige
des Ältestenrates gilt Sonderverfügung. § 16 An Begräbnissen
oder Verbrennungen dürfen Verwandte ersten Grades
teilnehmen. Lagerkommandant Dr. Seidl e.h.,
SS-Hauptsturmführer Quelle: 502)
Neujahrsproklamation
des Ältestenrates Tagesbefehl vom 11. September
1942 "An alle Ghettoinsassen.
Zum erstenmal seit Bestand des Ghettos Theresienstadt
feiern wir das Neue Jahr.
Der Ältestenrat wünscht
aus diesem Anlaß allen Ghettoinsassen das Beste
und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß es auch
im kommenden Jahr möglich sein wird, mit Erfolg
zu arbeiten und das kameradschaftliche Zusammenwirken
zu sichern. Der Ältestenrat dankt zum
Jahreswechsel allen Arbeitern in den Werkstätten,
Betrieben und anderen Arbeitsstätten, den Betreuern
und Pflegern, sowie allen Mitarbeitern in den Kanzleien
für ihre aufopfernde Arbeit und ruft alle Ghettoinsassen
gleichzeitig auf, weiterhin eiserne Disziplin zu
bewahren und alle Kräfte für eine erträgliche
Gestaltung des Daseins der Gemeinschaft einzusetzen.“ Im gleichen Tagesbefehl ist die nüchterne
Nachricht zu lesen, daß der =>Transport BK mit
1.000 Personen aus dem Ghetto Theresienstadt in den
Osten abgegangen ist. Nur 4 Menschen aus diesem =>Transport,
dem 111 Kinder angehörten, sind nach dem Krieg
heimgekehrt. Quelle: 602)
Erklärung des Ältestenrates vom 9. November 1944
„Die Juden in Theresienstadt haben in diesen letzten Wochen ihren Sinn für Ordnung, Disziplin und gemeinschaftliche Verantwortung neuerlich unter Beweis gestellt. Besonders soll die Leistung jener Mitarbeiter hervorgehoben werden, welche ein Vielfaches ihrer bisherigen Aufgaben zu erfüllen haben und ihren Pflichten unermüdlich nachkommen. Die Neugestaltung des Ältestenrates und die Neubildung der jüdischen Selbstverwaltung sind im Zuge. Inzwischen gilt es dafür zu sorgen, daß den Lebensnotwendigkeiten des jüdischen Siedlungsgebietes.....nach wie vor im vollem Umfange genüge geleistet wird, als auch dafür, daß sämtliche Arbeiten unbeeinträchtigt fortgesetzt werden.“
Quelle: 1155)
Im Dezember 1944, nach den verheerenden =>Herbsttransporten, wurde ein neuer ÄR mit je einem Vertreter aus fünf Ländern ernannt. Den Vorsitz führte =>Leo Baeck, dem auch die Vertretung des Judenältesten =>Murmelstein übertragen wurde. Mitglieder waren außer =>Baeck und =>Friediger für die deutschen und dänischen Juden für die Österreicher =>Dr. Heinrich Klang (Leiter der „Rechtsabteilung“), für die Tschechen =>Dr. Alfred Meissner, für die Holländer =>Prof. Dr. Eduard Meijers. Bis auf =>Murmelstein bestand der Ältestenrat nur aus alten Männern und blieb (auch nach =>Friedigers Befreiung) bis zum Kriegsende im Amt. In seinen Händen ruhte nach =>Murmelsteins Entfernung die Verantwortung bis zur Übernahme durch Ingenieur =>Jiří Vogel. Quelle: 1156) Kontakte zwischen der SS und dem Ältestenrat Die =>SS-Dienststelle (vorher =>Kommandantur genannt) wurde täglich nur vom Judenältesten und dem Leiter der Wirtschaftsabteilung aufgesucht. Außer an Sonntagen und großen Feiertagen fanden die Treffen zwischen dem Judenältesten und dem Lagerkommandanten jeweils um 8.00 Uhr morgens statt. Der Judenälteste erschien beim Kommandanten oder seinem Stellvertreter. Zu =>Burgers Zeiten durfte kein SS-Funktionär mit einem Juden unter vier Augen verhandeln, was =>Burger auch selbst immer einhielt. =>Seidl und =>Rahm verhandelten mit dem Judenältesten oft allein. Die Ergebnisse eines jeden Gespräches mußten vom Judenältesten jeweils in einem „Aktenvermerk“ fixiert werden. Diese bereits in Prag zwischen der Jüdischen Kultusgemeinde und der „Zentralstelle“ genutzte Praxis wurde in Theresienstadt bis Kriegsende fortgesetzt. Die Autorität der SS beschränkte sich hier auf das gesprochene Wort. Das war verbindlich und verpflichtend für die Juden, verpflichtete die SS aber zu nichts, die Verantwortung wurde auf die Juden abgewälzt. So wurde das Lager indirekt von der SS verwaltet und bestimmt und so gibt es kaum schriftliche Befehle und Anweisungen der SS. Die Autonomie der Juden blieb scheinbar bewahrt
Die Diktatur der SS war uneingeschränkt aber verdeckt Die SS gab nichts aus der Hand (vor allem keine schriftlichen Befehle) und konnte sich, wie ein Orakel, hinter der jüdischen Exekutive verstecken Die SS ersparte sich selbst viel Arbeit Die von Heydrich gewünschte jüdische Selbstvernichtung wurde bereits durch die administrative Versklavung vorbereitet, was Die Selbstangleichung der Juden an die nationalsozialistische Doktrin förderte, die sich am konsequentesten im System der SS verwirklichte Den jüdischen Funktionären wurde ihre Ohnmacht täglich vor Augen geführt Ihre Widerstandskraft geschwächt und
Ihr autoritäres Scheindasein, als gespiegelte Macht, aufrecht erhalten.
Bei seinen Besuchen in der „Dienststelle“ musste der Judenälteste die tägliche „Standmeldung“ überreichen und über die Ausführung von Befehlen berichten. Weitere Punkte waren: Krankenstand, geplante Veranstaltungen, Weisungen aller Art, Ankündigung ankommender oder abgehender =>Transporte. Die gleich nach den Besuchen verfassten Aktenvermerke wurden ganz oder in Auszügen an die Abteilungen geleitet. Anliegen der Abteilungen wurden dem Judenältesten meist schriftlich zugestellt, damit er sie in der „Dienststelle" vorbringen konnte. Das „Zentralsekretariat“ gab die „Tagesbefehle“ (später „Mitteilungen der jüdischen Selbstverwaltung“) heraus, außerdem „Rundschreiben“ z. B. an die Hausältesten. Die SS bekam monatlich und jährlich Tätigkeitsberichte, dazu Sonderberichte zu speziellen Themen. Die Abteilungen und Unterabteilungen mussten ebenfalls Berichte für die Leitung anfertigen. So wurde die Geschichte des Lagers von den Juden selbst geschrieben. Quelle: 452)
Vermögen der Selbstverwaltung
Nach einer am 18. Juni 1945 erstellten Inventarliste werden folgende Vermögenswerte, Investitionen und verwaltetes Gut festgestellt, das im Eigentum bzw. in der Verwaltung der Selbstverwaltung lag: Angeführt werden die landwirtschaftlichen und die städtischen Liegenschaften samt den Neubauten; die Investitionen, die sich auf Neubauten, Ausbau von Eisenbahn, Straßen, Wasserwerk, Kanalisation, Elektrizitätsversorgung und landwirtschaftliche Anlagen beziehen; landwirtschaftliche Betriebe (Gärtnereien, Viehzucht und Betriebsmittel); öffentliche Einrichtungen und Betriebe (Feuerwehr, Krematorium, Fernheizwerk, Zentralwäscherei, Krankenhauswäscherei); Versorgungbetriebe (Großbäckerei, drei Bäckereien, Fleischerei, 4 Dampfküchen und 12 weitere Küchen); Gewerbebetriebe (16 Werkstätten); Gesundheits- und sanitäre Einrichtungen (2 Krankenhäuser, Ambulatorien, Siechenheim, Desinfektionsstation, Zentralbad usw.); Inventar (Fahrzeuge, Maschinen, Möbel – z. B. 5.000 Betten und 20.000 Stockbettplätze – Büromaschinen z. B. 300 Schreibmaschinen – Heilgeräte usw.); diverse Materialien und Vorräte (z. B. 10.000 kg Medikamente, 20.000 kg =>Glimmer, davon die Hälfte fertiger Splitting). Quelle: 856)

References: § 2
 § 3
 § 4
 § 5
 § 6
 § 7
 § 8
 § 9
 § 10
 § 11
 § 12
 § 13
 § 14
 § 15
 § 16
 § 17

§ 1
 § 2
 § 3
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 § 1
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 § 7
 § 8
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