Source: http://ruessmann.jura.uni-sb.de/Kredit/Entscheidungen/Buergschaft/1_BvR_567_89-1_BvR_1044_89.htm
Timestamp: 2018-11-21 20:39:44+00:00

Document:
Bürgschaften einkommens- und vermögensloser Familienmitglieder
Datum: 1993-10-19
Az: 1 BvR 567/89
Az: 1 BvR 1044/89
NK: GG Art 2 Abs 1, GG Art 20 Abs 1, GG Art 28 Abs 1, BGB § 138 Abs 1, BGB § 138 Abs 2, BGB § 242
(Richterliche Inhaltskontrolle von Bürgschaftsverträgen bei starkem Übergewicht eines Vertragspartners - grundrechtlich gewährleistete Privatautonomie für beide Vertragspartner)
1. Die Zivilgerichte müssen - insbesondere bei der Konkretisierung und Anwendung von Generalklauseln wie § 138 und § 242 BGB - die grundrechtliche Gewährleistung der Privatautonomie in Art 2 Abs 1 GG beachten. Daraus ergibt sich ihre Pflicht zur Inhaltskontrolle von Verträgen, die einen der beiden Vertragspartner ungewöhnlich stark belasten und das Ergebnis strukturell ungleicher Verhandlungsstärke sind.
1. Die grundrechtlich gewährleistete Privatautonomie ist notwendigerweise begrenzt und bedarf der rechtlichen Ausgestaltung. Dabei ist der Gesetzgeber an die objektiv- rechtlichen Vorgaben der Grundrechte gebunden. Er muß der Selbstbestimmung des Einzelnen im Rechtsleben einen angemessenen Betätigungsraum eröffnen.
Da im Zivilrechtsverkehr alle Beteiligten den Schutz von GG Art 2 Abs 1 genießen und sich gleichermaßen auf ihre Privatautonomie berufen können, darf nicht nur das Recht des Stärkeren gelten. Die kollidierenden Grundrechtspositionen sind in ihrer Wechselwirkung zu sehen und so zu begrenzen, daß sie für alle Beteiligten möglichst weitgehend wirksam werden. Hat einer der Vertragsteile ein so starkes Übergewicht, daß er den Vertragsinhalt faktisch einseitig bestimmen kann, bewirkt dies für den anderen Vertragsteil Fremdbestimmung (vgl BVerfG, 1990- 02-07, 1 BvR 26/84, BVerfGE 81, 242 <255>).
2. Die Zivilgerichte müssen gegebenenfalls im Rahmen der Generalklausel des geltenden Zivilrechts korrigierend eingreifen, wenn der Inhalt des Vertrages für eine Seite ungewöhnlich belastend und als Interessenausgleich offensichtlich unangemessen ist, sie dürfen sich nicht mit der Feststellung begnügen: "Vertrag ist Vertrag". Haben hingegen die Vertragspartner eine an sich zulässige Regelung vereinbart, so wird sich regelmäßig eine weitergehende Inhaltskontrolle erübrigen.
3. Ein Verstoß gegen die grundrechtliche Gewährleistung der Privatautonomie und des Sozialstaatsprinzips (GG Art 20 Abs 1, Art 28 Abs 1) kommt dann in Betracht, wenn das Problem gestörter Vertragsparität gar nicht gesehen oder seine Lösung mit untauglichen Mitteln versucht wird.
a) Hier: Verfassungsverstoß bei ausgeprägter Unterlegenheit des einen Partners eines Bürgschaftsvertrags durch Übernahme eines hohen und schwer abschätzbaren Unternehmerrisikos, ungewöhnlich hohes Haftungsrisiko einer Bürgin ohne eigenes wirtschaftliches Interesse.
b) Verfassungsrechtlich unbedenkliche Übernahme einer Bürgschaft für gewöhnlichen Konsumkredit des Ehegatten ohne ersichtliche Beeinträchtigung der Entscheidungsfreiheit des Bürgen.
BVerfGE 89, 214-236 (LT)
ZIP 1993, 1775-1781 (LT)
WM IV 1993, 2199-2204 (ST)
EuGRZ 1993, 577-583 (LT)
ZAP EN-Nr 1099/93 (S)
ZAP Fach 8, 155 (L)
NJ 1994, 46 (L)
DB 1993, 2580-2581 (LT)
NJW 1994, 36-39 (LT)
EzFamR aktuell 1994, 2-4 (LT)
EWiR 1994, 23 (L)
BB 1994, 16-22 (LT)
Information StW 1994, 95-96 (LT)
FamRZ 1994, 151-154 (LT)
VuR 1994, 1-6 (ST)
WuB I F 1 a Bürgschaft 4.94 (LT)
JA 1994, 125-128 (ST)
JZ 1994, 408-411 (LT)
EzA Art 2 GG Nr 8 (LT)
JA 1994, 1 (L)
KTS 1994, 201-208 (LT)
NVwZ 1994, 781 (L)
DNotZ 1994, 523-530 (LT)
ArbuR 1994, 311 (L)
BuW 1994, 28 (K)
EzFamR BGB § 138 Nr 8 (LT)
JR 1995, 59-66 (LT)
EzA § 611 BGB Inhaltskontrolle Nr 1 (L)
AP Nr 35 zu Art 3 GG (LT)
BGH 1994-04-26 XI ZR 184/93 Vergleiche
LG Mannheim 1994-03-02 3 O 488/93 Vergleiche
BAG 1994-03-16 5 AZR 339/92 Anschluß
OLG Düsseldorf 1994-05-19 17 W 29/94 Anschluß
BVerfG 1994-08-05 1 BvR 1402/89 Vergleiche
LArbG Köln 1994-04-21 5 Sa 102/94 Vergleiche
OLG München 1994-05-30 15 W 898/94 Abgrenzung
KG Berlin 1994-09-16 7 U 2280/94 Anschluß
OLG Koblenz 1994-05-24 5 W 280/94 Vergleiche
OLG München 1995-01-16 17 U 2788/94 Anschluß
OLG Zweibrücken 1994-12-08 4 U 113/93 Vergleiche
OLG Koblenz 1994-09-16 5 W 459/94 Anschluß
OLG Frankfurt 1995-03-23 16 U 33/94 Anschluß
ZIP 1993, 1759, Löwe, Walter (Entscheidungsbesprechung)
MDR 1994, 5-8, Westphalen, Friedrich von (Entscheidungsbesprechung) EWiR 1994, 23-24, Köndgen, Johannes (Anmerkung)
ZAP Fach 8, 155-156, Huff, Martin W (Entscheidungsbesprechung)
NJW 1994, 565-566, Honsell, Heinrich (Entscheidungsbesprechung)
FamRZ 1994, 129-135, Heinrichsmeier, Paul (Anmerkung)
FLF 1994, 57-61, Scholz, Franz Josef (Entscheidungsbesprechung)
DB 1994, 261-268, Preis, Ulrich (Entscheidungsbesprechung)
WuB I F 1 a Bürgschaft 4.94 , Bydlinski, Peter (Anmerkung)
ZIP 1993, 1759-1759, Löwe, Walter (Aufsatz)
FamRZ 1994, 129-135, Heinrichsmeier, Paul (Entscheidungsbesprechung)
JZ 1994, 411-413, Wiedemann, Herbert (Anmerkung)
WM IV 1994, 713-724, Grün, Beate (Entscheidungsbesprechung)
Kreditwesen 1994, 208-209, XX (Aufsatz)
JuS 1994, 251-252, Emmerich, Volker (Entscheidungsbesprechung)
JA 1994, 125-128, Kemper, Rainer (Entscheidungsbesprechung)
Bank 1994, 104-105, Wenzel, Frank (Entscheidungsbesprechung)
WuB I F 1 a Bürgschaft 4.94, Bydlinski, Peter (Anmerkung)
DB 1994, 982-984, Zwanziger, Bertram (Entscheidungsbesprechung)
ZIP 1994, 515-520, XX (Entscheidungsbesprechung)
NJW 1994, 2128-2131, Reich, Norbert (Entscheidungsbesprechung)
DNotZ 1994, 543-547, Loritz, Karl-Georg (Anmerkung)
VuR 1994, 61-67, Wellkamp, Ludger (Aufsatz)
ZBB 1994, 172-178, Kohte, Wolfhard (Entscheidungsbesprechung)
BB 1994, 725-728, Groeschke, Peer (Entscheidungsbesprechung)
JuS 1994, 707-708, Emmerich, Volker (Entscheidungsbesprechung)
FLF 1994, 57-61, Scholz, Franz-Josef (Aufsatz)
FLF 1994, 75-76, Hannes, Rudi (Rechtsprechungsübersicht)
EWiR 1994, 531-532, Honsell, Heinrich (Anmerkung)
EWiR 1994, 555-556, Honsell, Heinrich (Anmerkung)
BB 1994, 1312-1314, Groeschke, Peer (Anmerkung)
NJW 1994, 2128-2131, Reich, Norbert (Aufsatz)
JuS 1994, 797-798, Emmerich, Volker (Entscheidungsbesprechung)
DVBl 1994, 1222-1229, Spieß, Gerhard (Entscheidungsbesprechung)
NJW 1994, 2467-2469, Adomeit, Klaus (Entscheidungsbesprechung)
JA 1994, 1-3, Heintschel-Heinegg, B von (Entscheidungsbesprechung)
NVwZ 1994, 1079-1082, Eschenbach, Jürgen (Entscheidungsbesprechung) DZWir 1994, 485-493, Hergenröder, Curt Wolfgang (Entscheidungsbesprechung) DZWir 1994, 397-409, Becker, Christoph (Aufsatz)
JA 1994, 265-268, Klanten, Thomas (Entscheidungsbesprechung)
WM IV 1994, 2049-2054, Lecheler, Helmut (Aufsatz)
WiB 1994, 426-429, Fuchs-Wissemann, Hans, Dr Vorsitzender Richter am OLG aD (Aufsatz)
WiB 1994, 445-446, Beyer, Hans-Joachim (Entscheidungsbesprechung)
JR 1995, 45-50, Rehbein, Dieter (Entscheidungsbesprechung)
DVBl 1994, 1222-1229, Spieß, Gerhard (Aufsatz)
NJW 1994, 3330-3331, Rittner, Fritz (Aufsatz)
BB 1994, 2291-2295, Kiethe, Kurt (Entscheidungsbesprechung)
JZ 1995, 219-223, Hesse, Hans Albrecht (Entscheidungsbesprechung)
WuB I F 1 a Bürgschaft 11.94, Bydlinski, Peter (Anmerkung)
EWiR 1994, 1197-1198, Tiedtke, Klaus (Anmerkung)
DZWir 1994, 485-493, Hergenröder, Curt Wolfgang (Kongreßvortrag)
JA 1995, 1-3, Klanten, Thomas (Entscheidungsbesprechung)
WM IV 1995, 461-467, Schimansky, Herbert (Kongreßvortrag)
BB 1995, 978-984, Bengelsdorf, Peter (Entscheidungsbesprechung) Kreditwesen 1995, 487-488, XX (Entscheidungsbesprechung)
Kreditwesen 1995, 487-488, XX (Entscheidungsbesprechung)
JA 1995, 441-443, Heintschel-Heinegg, Bernd von (Entscheidungsbesprechung)
AgrarR 1995, 257-261, Deselaers, Josef (Aufsatz)
EWiR 1995, 561-562, Honsell, Heinrich (Anmerkung)
WuB I F 1 a Bürgschaft 6.95, Weber, Ahrend (Anmerkung)
BuW 1995, 236-242, Wischnewsky, Lothar (Aufsatz)
MDR 1995, 1086-1088, Hasler, Jürgen (Aufsatz)
WuB I F 1 a Bürgschaft 12.95, Pecher, Hans Peter (Anmerkung)
DZWir 1996, 9-15, Kerls, Kathrin (Entscheidungsbesprechung)
AcP 196, 1-36 (1996), Zöllner, Wolfgang (Kongreßvortrag)
WM IV 1996, 1612-1616, Frey, Kaspar (Entscheidungsbesprechung)
ZIP 1997, 774-781, Wellenhofer-Klein, Marina (Entscheidungsbesprechung)
vorgehend BGH 1989-03-16 IX ZR 171/88 EBE/BGH 1989, 126
nachgehend BGH 1994-02-24 IX ZR 227/93
Die Verfassungsbeschwerden betreffen die Frage, inwieweit Zivilgerichte von Verfassungs wegen verpflichtet sind, Bürgschaftsverträge mit Banken einer Inhaltskontrolle zu unterziehen, soweit einkommens- und vermögenslose Angehörige von Kreditnehmern als Bürgen hohe Haftungsrisiken übernehmen. I.
In der Sicherungspraxis der Kreditinstitute ist es üblich geworden, bei Konsumkrediten und bei Geschäftskrediten mit mittelständischen Unternehmen Bürgschaftsverträge mit Familienangehörigen zu schließen. Deren Einkommens- und Vermögensverhältnisse bleiben dabei vielfach ungeprüf. Der Zweck solcher Verträge besteht nicht ausschließlich darin, die Haftungsmasse zu erweitern, vielmehr geht es auch darum, Vermögensverschiebungen zu begegnen und Kreditnehmer durch die Einbeziehung ihrer Angehörigen zu sorgfältigem Wirtschaften zu veranlassen (Stellungnahme des Bundesverbandes deutscher Banken).
Andere Oberlandesgerichte knüpften vor allem an die Aufklärungs- und Rücksichtspflichten an, die sich aus § 242 BGB ergeben und schon vor Abschluß des Vertrages bestehen (vgl. die Rechtsprechungsübersichten bei Canaris, Bankvertragsrecht, 3. Aufl., Bd. 1 Rdnr. 100 ff.; Roth, in: Münchener Kommentar zum BGB, Rdnr. 217). Die Oberlandesgerichte Celle (WM 1988,S. 1436 <1438>) und Hamm (NJW-RR 1993, S. 113) wiesen Zahlungsklagen gegen mithaftende Familienangehörige mit der Begründung ab, die klagenden Banken hätten Mißverständnisse nicht in der gebotenen Weise ausgeräumt, daher ihre Hinweispflichten verletzt und sich schadenersatzpflichtig gemacht.
1. Das Verfahren 1 BvR 567/89 a) Der Vater der Beschwerdeführerin war zunächst als Immobilienmakler tätig; er errichtete und verkaufte Eigentumswohnungen. Im Jahre 1982 begehrte er von der Stadtsparkasse C. eine Verdoppelung seines Kreditlimits von 50.000 DM auf 100.000 DM. Als die Stadtsparkasse eine Sicherheit verlangte, unterzeichnete die damals 21jährige Beschwerdeführerin am 29. November 1982 eine vorgedruckte Bürgschaftsurkunde mit einem Höchstbetrag von 100.000 DM zuzüglich Nebenleistungen, in der es unter anderem
1. Die Bürgschaft wird zur Sicherung aller bestehenden und künftigen, auch bedingten oder befristeten Forderungen der Sparkasse gegen den Hauptschuldner
... aus ihrer Geschäftsverbindung ... übernommen.
Auf die Berufung der Beschwerdeführerin änderte das Oberlandesgericht die Entscheidung des Landgerichts und wies die Widerklage ab (WM 1988, S. 1436 <1438>): Die Stadtsparkasse sei unter dem Gesichtspunkt des Verschuldens bei Vertragsverhandlungen verpflichtet, die Beschwerdeführerin aus der Bürgschaft zu entlassen, da sie die ihr obliegenden Auskunftspflichten verletzt habe. Zwar müsse der Gläubiger den Bürgen im allgemeinen nicht über dessen Risiko aufklären. Eine Ausnahme von diesem Grundsatz sei aber geboten, wenn der Gläubiger durch sein Verhalten erkennbar einen Irrtum des Bürgen veranlasse. Dem stehe es gleich, wenn ein Kreditinstitut als Gläubiger gegenüber einem erkennbar geschäftsungewandten Bürgen Art und Umfang der Bürgenhaftung bagatellisiere und dadurch dessen Willensentschluß beeinflusse. Dieser Fall sei hier gegeben. Nach der Beweisaufnahme stehe fest, daß der Vertreter der Stadtsparkasse bei der Unterzeichnung der Bürgschaftsurkunde sinngemäß erklärt habe: "Hier bitte, unterschreiben Sie mal, Sie gehen dabei keine große Verpflichtung ein, ich brauche das für meine Akten." Damit habe er das tatsächliche Risiko für die Beschwerdeführerin wesentlich "geschönt" und bagatellisiert. Daß diese bei realistischer Einschätzung bereit gewesen wäre, die Bürgschaft zu übernehmen, sei nicht anzunehmen.
2. Das Verfahren 1 BvR 1044/89 a) Die Beschwerdeführerin verbürgte sich 1979 gegenüber der klagenden Bank selbstschuldnerisch zur Sicherung eines sogenannten "Versicherungsdarlehens", das ihrem Ehemann in Höhe von insgesamt 30.000 DM gewährt worden war. Zum Zeitpunkt der Bürgschaftserklärung war sie ohne Einkommen und Vermögen. Sie betreute als Hausfrau ihre zwei 1971 und 1978 geborenen Kinder. Als ihr Ehemann mit den Zinszahlungen in Verzug geriet, kündigte die Bank im Jahre 1988 das Darlehen. Der Schuldsaldo betrug damals 32.140,31 DM. Durch Einziehung des Rückkaufwertes der Lebensversicherung wurde er auf 16.274,02 DM zurückgeführt. In Höhe dieses Betrages erhob die Bank Klage gegen die Beschwerdeführerin.
b) Das zweite Gutachten erörtert vor allem die übermäßige Verschuldung junger Erwachsener als Folge der Mithaftung für Bankkredite. Die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs verkenne das allgemeine Persönlichkeitsrecht der Betroffenen.
Gerade volljährig gewordene Personen verfügten in der Regel nur über sehr wenig rechtsgeschäftliche Erfahrung. Mit Kreditgeschäften und Einstandsverpflichtungen könnten sie erst nach Erreichen der Volljährigkeit Erfahrungen sammeln und adäquate Verhaltensformen entwickeln. Die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ermögliche es, daß junge Menschen mit einer einzigen Unterschrift auf einem banküblichen Formular aus altruistischen oder familiären Motiven in eine so hohe Verschuldung gerieten, daß ihnen der Aufbau einer eigenen wirtschaftlichen Existenz lebenslang verbaut werde. Ihre individuelle Selbstbestimmung gehe in finanzieller und sozialer Hinsicht verloren.
Die Verfassungsbeschwerden sind im wesentlichen zulässig. Teilweise unzulässig ist nur die Verfassungsbeschwerde der Beschwerdeführerin zu 1), soweit sie sich gegen das Urteil des Landgerichts richtet. Insoweit fehlt das Rechtsschutzinteresse. Das Landgericht hatte die Beschwerdeführerin allerdings zur Zahlung verurteilt, dieses Urteil wurde jedoch schon durch das Oberlandesgericht zugunsten der Beschwerdeführerin abgeändert. Der Bundesgerichtshof hat dann zwar auf die Revision der Sparkasse das erstinstanzliche Urteil wiederhergestellt; jedoch genügt, um diese Rechtsfolge zu beseitigen, eine Verfassungsbeschwerde gegen das Revisionsurteil. Ein weitergehendes Rechtsschutzinteresse käme nur dann in Betracht, wenn sich auf diese Weise erreichen ließe, daß die Sache an das Landgericht zurückverwiesen wird. Das ist jedoch nicht möglich. Das Bundesverfassungsgericht muß zunächst die angegriffene Entscheidung des Bundesgerichtshofs überprüfen. Kommt es zur Aufhebung des Revisionsurteils, wird damit zunächst das Urteil des Oberlandesgerichts wiederhergestellt. Da dieses die Beschwerdeführerin nicht beschwert und deshalb von ihr auch nicht angegriffen wird, bleibt für eine Zurückverweisung an das Landgericht kein Raum. C.
Das Grundgesetz enthält in seinem Grundrechtsabschnitt verfassungsrechtliche Grundentscheidungen für alle Bereiche des Rechts. Diese Grundentscheidungen entfalten sich durch das Medium derjenigen Vorschriften, die das jeweilige Rechtsgebiet unmittelbar beherrschen, und haben vor allem auch Bedeutung bei der Interpretation zivilrechtlicher Generalklauseln (vgl.BVerfGE 7, 198 <205 f.>; 42, 143 <148>). Indem § 138 und§ 242 BGB ganz allgemein auf die guten Sitten, die Verkehrssitte sowie Treu und Glauben verweisen, verlangen sie von den Gerichten eine Konkretisierung am Maßstab von Wertvorstellungen, die in erster Linie von den Grundsatzentscheidungen der Verfassung bestimmt werden. Deshalb sind die Zivilgerichte von Verfassungs wegen verpflichtet, bei der Auslegung und Anwendung der Generalklauseln die Grundrechte als "Richtlinien" zu beachten. Verkennen sie das und entscheiden sie deshalb zum Nachteil einer Prozeßpartei, so verletzen sie diese in ihren Grundrechten (vgl. BVerfGE 7, 198 <206 f.>; st. Rspr.).
Dennoch hat das Bundesverfassungsgericht die Auslegung und Anwendung des einfachen Rechts grundsätzlich nicht nachzuprüfen. Ihm obliegt es lediglich, die Beachtung der grundrechtlichen Normen und Maßstäbe durch die ordentlichen Gerichte sicherzustellen. Daher kann es einer rechtskräftigen zivilgerichtlichen Entscheidung nicht schon dann entgegentreten, wenn es selbst bei der Beurteilung widerstreitender Grundrechtspositionen die Akzente anders gesetzt und daher anders entschieden hätte. Die Schwelle eines Verfassungsverstoßes, den das Bundesverfassungsgericht zu korrigieren hat, ist erst erreicht, wenn die angegriffene Entscheidung Auslegungsfehler erkennen läßt, die auf einer grundsätzlich unrichtigen Auffassung von der Bedeutung eines Grundrechts, insbesondere vom Umfang seines Schutzbereichs, beruhen und auch in ihrer materiellen Bedeutung für den konkreten Rechtsfall von einigem Gewicht sind (BVerfGE 18, 85 <93>; 42, 143 <149>; st. Rspr.). Daran gemessen, kann im Falle der Beschwerdeführerin zu 1) das Urteil des Bundesgerichtshofs keinen Bestand haben (II). Hingegen läßt sich im Falle der Beschwerdeführerin zu 2) nicht erkennen, daß die Zivilgerichte in den angegriffenen Entscheidungen die Bedeutung von Grundrechten grundsätzlich verkannt hätten (III).
1. Der Bürgschaftsvertrag, den der Bundesgerichtshof zu bewerten hatte, unterschied sich wesentlich von alltäglichen Kreditsicherungen. Die Beschwerdeführerin zu 1) übernahm darin ein außerordentlich hohes Risiko, ohne an dem gesicherten Kredit ein eigenes wirtschaftliches Interesse zu haben. Unter Verzicht auf nahezu alle abdingbaren Schutzvorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs verbürgte sie sich selbstschuldnerischfür das Unternehmerrisiko ihres Vaters in einem Umfang, der ihre wirtschaftlichen Verhältnisse weit überstieg. Es war von vornherein abzusehen und für das Kreditinstitut auch leicht feststellbar, daß die Beschwerdeführerin im Haftungsfall voraussichtlich bis an ihr Lebensende nicht in der Lage sein würde, sich aus eigener Kraft von der übernommenen Schuldenlast zu befreien. Bei dieser Sachlage mußte sich die Frage nach den Voraussetzungen und Gründen des Vertragsschlusses geradezu aufdrängen, zumal sich der Parteivortrag hierauf konzentrierte.Die Beschwerdeführerin hatte in den Tatsacheninstanzen geltend gemacht, die Stadtsparkasse habe vorvertragliche Rücksichtspflichten verletzt und unter Ausnutzung ihrer geschäftlichen Unerfahrenheit eigene Interessen durchgesetzt. Das Oberlandesgericht war dem im Ergebnis gefolgt. Im Gegensatz dazu sah der Bundesgerichtshof keine Veranlassung zu einer Inhaltskontrolle des Bürgschaftsvertrages. Die Frage, ob und inwieweit beide Vertragspartner über den Abschluß und den Inhalt des Vertrages tatsächlich frei entscheiden konnten, stellte sich der Bundesgerichtshof nicht. Darin liegt eine Verkennung der grundrechtlich gewährleisteten Privatautonomie.
2. a) Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ist die Gestaltung der Rechtsverhältnisse durch den Einzelnen nach seinem Willen ein Teil der allgemeinen Handlungsfreiheit (vgl. BVerfGE 8, 274 <328>; 72, 155 <170>). Art. 2 Abs. 1 GG gewährleistet die Privatautonomie als "Selbstbestimmung des Einzelnen im Rechtsleben" (Erichsen, in: Isensee/Kirchhof, Handbuch des Staatsrechts, Bd. VI, S. 1210 Rdnr. 58).
Im Vertragsrecht ergibt sich der sachgerechte Interessenausgleich aus dem übereinstimmenden Willen der Vertragspartner. Beide binden sich und nehmen damit zugleich ihre individuelle Handlungsfreiheit wahr. Hat einer der Vertragsteile ein so starkes Übergewicht, daß er den Vertragsinhalt faktisch einseitig bestimmen kann, bewirkt dies für den anderen Vertragsteil Fremdbestimmung (vgl. BVerfGE 81, 242 <255>). Allerdings kann die Rechtsordnung nicht für alle Situationen Vorsorge treffen, in denen das Verhandlungsgleichgewicht mehr oder weniger beeinträchtigt ist. Schon aus Gründen der Rechtssicherheit darf ein Vertrag nicht bei jeder Störung des Verhandlungsgleichgewichts nachträglich in Frage gestellt oder korrigiert werden. Handelt es sich jedoch um eine typisierbare Fallgestaltung, die eine strukturelle Unterlegenheit des einen Vertragsteils erkennen läßt, und sind die Folgen des Vertrages für den unterlegenen Vertragsteil ungewöhnlich belastend, so muß die Zivilrechtsordnung darauf reagieren und Korrekturen ermöglichen. Das folgt aus der grundrechtlichen Gewährleistung der Privatautonomie (Art. 2 Abs. 1 GG) und dem Sozialstaatsprinzip (Art. 20 Abs. 1, Art. 28 Abs. 1 GG).
c) Das geltende Vertragsrecht genügt diesen Anforderungen. Die Schöpfer des Bürgerlichen Gesetzbuchs gingen zwar, auch wenn sie verschiedene Schutznormen für den im Rechtsverkehr Schwächeren geschaffen haben, von einem Modell formal gleicher Teilnehmer am Privatrechtsverkehr aus, aber schon das Reichsgericht hat diese Betrachtungsweise aufgegeben und "in eine materiale Ethik sozialer Verantwortung zurückverwandelt" (Wieacker, Industriegesellschaft und Privatrechtsordnung, 1974, S. 24). Heute besteht weitgehende Einigkeit darüber, daß die Vertragsfreiheit nur im Falle eines annähernd ausgewogenen Kräfteverhältnisses der Partner als
Mittel eines angemessenen Interessenausgleichs taugt und daß der Ausgleich gestörter Vertragsparität zu den Hauptaufgaben des geltenden Zivilrechts gehört (vgl. die Übersicht bei Limbach, Das Rechtsverständnis in der Vertragslehre, JuS 1985, S. 10 ff. mit zahlr.Nachw.; zuletzt Preis, Grundfragen der Vertragsgestaltung im Arbeitsrecht, 1993, S. 216 ff.). Im Sinne dieser Aufgabe lassen sich große Teile des Bürgerlichen Gesetzbuchs deuten (Hönn, Kompensation gestörter Vertragsparität, 1982). In diesem Zusammenhang haben die Generalklauseln des Bürgerlichen Gesetzbuchs zentrale Bedeutung. Der Wortlaut des § 138 Abs. 2 BGB bringt das besonders deutlich zum Ausdruck. Darin werden typische Umstände bezeichnet, die zwangsläufig zur Verhandlungsunterlegenheit des einen Vertragsteils führen und zu denen auch dessen Unerfahrenheit gerechnet wird. Nutzt der überlegene Vertragsteil diese Schwäche aus, um seine Interessen in auffälliger Weise einseitig durchzusetzen, so führt das zur Nichtigkeit des Vertrages. § 138 Abs. 1 BGB knüpft ganz allgemein die Nichtigkeitsfolge an einen Verstoß gegen die guten Sitten. Differenziertere Rechtsfolgen ergeben sich aus § 242 BGB. Die Zivilrechtswissenschaft ist im Ergebnis darüber einig, daß der Grundsatz von Treu und Glauben eine immanente Grenze vertraglicher Gestaltungsmacht bezeichnet und die Befugnis zu einer richterlichen Inhaltskontrolle des Vertrages begründet (vgl. zuletzt Fastrich, Richterliche Inhaltskontrolle im Privatrecht, 1992, S. 70 ff.; Preis, Grundfragen der Vertragsgestaltung im Arbeitsrecht, 1993, S. 249 f.). Über die Voraussetzungen und die Intensität dieser Inhaltskontrolle besteht zwar im juristischen Schrifttum Streit. Für die verfassungsrechtliche Würdigung genügt jedoch die Feststellung, daß das geltende Recht jedenfalls Instrumente bereit hält, die es möglich machen, auf strukturelle Störungen der Vertragsparität angemessen zu reagieren.

References: § 138
 § 138
 § 242
 § 138
 § 242
 § 138
 § 611

BGH 
 BGH 
 BGH 
 § 242
 § 138
 Art. 2
 Art. 28
 § 138
 § 138
 § 242