Source: https://www.jen-juelich.de/projekte/avr-brennelemente/hintergrund?L=0
Timestamp: 2020-03-29 06:12:54+00:00

Document:
Hintergrund - JEN Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen
AVR-Brennelemente
Die 3 Optionen
AVR Hochtemperaturreaktor
Forschungsreaktor FRJ-1 (Merlin)
Forschungsreaktor FRJ-2 (Dido)
Chemiezellen
TEXTOR - Rückbau abgeschlossen -
Nukleare Entsorgungsdienstleistung
Große Heiße Zellen
ANORDNUNG NACH § 19 ABS. 3 ATG
Im September 2015 wurden die Nuklearkompetenzen des Forschungszentrums Jülich und der AVR GmbH am Standort Jülich in einer neuen Gesellschaft zusammengeführt. Die „Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen mbH“ (JEN) ist seitdem verantwortlich für den weiteren Umgang mit den AVR-Brennelementen sowie den Rückbau des früheren AVR-Versuchsreaktors.
Die JEN lagert auf ihrem Gelände Kernbrennstoffe (bestrahlte kugelförmige Brennelemente, Moderator- und Absorberelemente aus dem AVR-Versuchskernkraftwerk).
Grundlage für die Lagerung war die bis zum 30.06.2013 befristete atomrechtliche Genehmigung des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) vom 17.06.1993 – ET 3.1 – 2.4, die erste Änderungsgenehmigung des BfS vom 27.04.1995 und die zweite Änderungsgenehmigung vom 07.07.2005.
Seit dem 01.07.2013 erfolgt die Aufbewahrung der AVR-Brennelemente im Rahmen von Anordnungen der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde nach § 19 Abs. 3 AtG. Da davon ausgegangen wurde, dass die beantragte Verlängerung der Aufbewahrungsgenehmigung nach § 6 AtG für das AVR-Behälterlager absehbar erwirkt werden kann, wurden die ersten beiden Anordnungen bis zum 31.12.2013 respektive bis 31.07.2014 befristet.
Vor dem Hintergrund der fehlenden Aufbewahrungsgenehmigung und der Erkenntnis, dass zumindest kurz- und mittelfristig nicht mit einer Erteilung der beantragten Genehmigung nach § 6 AtG für das AVR-Behälterlager zu rechnen ist, hat die atomrechtliche Aufsichtsbehörde am 02.07.2014 eine weitere atomrechtliche Anordnung nach § 19 Abs. 3 AtG erlassen, nach der die Kernbrennstoffe nun unverzüglich aus dem AVR-Behälterlager zu entfernen sind und der Verbleib der Kernbrennstoffe bei einem zum Besitz Berechtigten nach § 5 Abs. 1 S. 1 AtG sicherzustellen ist.
Pressemitteilung des Forschungszentrums Jülich
Pressemitteilung der Atomaufsicht NRW
AVR-Behälterlager
AVR-Expertengruppe
In einem Zwischenlager der JEN mbH in Jülich lagern 288.161 kugelförmige Brennelemente in 152 Castoren. Die AVR-Brennelemente stammen aus dem 1988 abgeschalteten AVR-Versuchsreaktor.
Das Zwischenlager Jülich (nachfolgend: AVR-Behälterlager) war gemäß § 6 Atomgesetz befristet bis zum 30. Juni 2013 genehmigt. Das Forschungszentrum Jülich – als damals noch verantwortliche Einrichtung – beantragte daher bei der zuständigen Genehmigungsbehörde, dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfE), eine Verlängerung der Genehmigung zur Aufbewahrung in Jülich. Als Voraussetzung für die Erteilung dieser Genehmigung sind insbesondere Nachweise zum Prüfpunkt Erdbebensicherheit nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik zu erbringen.
Um diesen Nachweis zu führen, hat das Forschungszentrum externe Sachverständige mit den hierfür geforderten komplexen Untersuchungen und Berechnungen beauftragt. Sie kommen nach aufwendigen Erkundungsarbeiten des Untergrundes zu dem Ergebnis, dass der geforderte Nachweis der Erdbebensicherheit für das derzeitige Zwischenlager nicht mit standardisierten Verfahren erbracht werden kann. Die maßgebliche technische Regel fordert in einem solchen Fall weiterführende Untersuchungen, welche derzeit durchgeführt werden.
Um den Eintritt eines genehmigungslosen Zustands nach dem 30. Juni 2013 zu verhindern, hatte die zuständige Atomaufsichtsbehörde des Landes Nordrhein-Westfalen, das Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk (Wirtschaftsministerium NRW), zunächst zwei atomrechtliche Anordnungen zur weiteren Aufbewahrung der AVR-Brennelemente im bestehenden AVR-Behälterlager in Jülich erteilt.
Am 2. Juli 2014 schließlich hat das Wirtschaftsministerium NRW eine atomrechtliche Anordnung zur unverzüglichen Entfernung der AVR-Brennelemente aus dem bestehenden Zwischenlager in Jülich (AVR-Behälterlager) erlassen. In ihrer Begründung weist die Atomaufsicht darauf hin, dass ihr das BfE als zuständige Genehmigungsbehörde mitgeteilt habe, dass aufgrund neuer Erkenntnisse zur Erdbebensicherheit eine Prognose zum Abschluss des laufenden Genehmigungsverfahrens nicht mehr möglich sei. Deshalb ergebe sich jetzt die Notwendigkeit zur Anordnung der Räumung.
In ihrer Begründung weist die Atomaufsicht darauf hin, dass ihr das Bundesamt für Strahlenschutz (BfE) als zuständige Genehmigungsbehörde mitgeteilt habe, dass aufgrund neuer Erkenntnisse zur Erdbebensicherheit eine Prognose zum Abschluss des laufenden Genehmigungsverfahrens nicht mehr möglich sei. Deshalb ergebe sich jetzt die Notwendigkeit zur Anordnung der Räumung.
Mit der Bündelung der Nuklearkompetenzen von Forschungszentrum Jülich und der AVR GmbH zum 01.September 2015 ist auch die atomrechtliche Anordnung auf die neue Gesellschaft JEN übergegangen. Diese ist somit bis zur Entfernung aller AVR-Brennelemente aus dem AVR-Behälterlager zum Besitz der Kernbrennstoffe berechtigt. Die weitere sichere und rechtskonforme Lagerung der AVR-Brennelemente ist damit gewährleistet.
UNABHÄNGIGE WISSENSCHAFTLER ERSTELLEN BERICHT ZUR AVR-BETRIEBSGESCHICHTE
Bericht der AVR-Expertengruppe
Das Forschungszentrum Jülich und die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor hatten 2011 eine unabhängige Expertengruppe beauftragt, die Betriebsgeschichte des 1988 stillgelegten AVR-Reaktors aufzuarbeiten. Die Experten haben ihre Arbeit im April 2014 abgeschlossen, die Ergebnisse stehen zum Download zur Verfügung.
Bericht der AVR-Expertengruppe (Kurzfassung)
Bericht der AVR-Expertengruppe (Langfassung)
Stellungnahme des Forschungszentrums Jülich zum Bericht
Informationsveranstaltung zum Bericht
Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, Fragen zum Bericht einzusenden, welche die Experten bei einer öffentlichen Veranstaltung im Juni 2014 im Technologiezentrum Jülich beantworteten.
Was ist der AVR-Versuchsreaktor?
Am 3. Februar 1959 gründete ein Zusammenschluss von 15 kommunalen Elektrizitätsversorgungsunternehmen die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH (AVR GmbH). Die AVR GmbH hatte das Ziel, die Machbarkeit und Funktionsfähigkeit eines gasgekühlten, grafitmoderierten Hochtemperaturreaktors nachzuweisen. Hierzu wurde ihr vom Land NRW im Rahmen eines Erbbaurechtsvertrages ein 3,7 ha großes Grundstück in unmittelbarer Nachbarschaft zur damaligen Kernforschungsanlage (jetzt: Forschungszentrum) zur Verfügung gestellt. Diese Nähe wurde gewählt, um einerseits eine enge, wissenschaftliche Zusammenarbeit sicherzustellen, andererseits konnte so die im Forschungszentrum vorhandene Infrastruktur genutzt werden. Auf dem Grundstück entstand in der Folge der AVR-Versuchsreaktor, der von 1967 bis 1988 von der AVR-GmbH betrieben wurde. Das Forschungszentrum befasste sich während dieser Jahre begleitend mit Fragen zum gesamten Themenspektrum der Hochtemperaturreaktortechnologie.
Gegenwärtig befindet sich der AVR-Reaktor in der Rückbauphase, da durch eine Verwaltungsvereinbarung zwischen dem Bund und dem Land NRW festgelegt wurde, den Zustand „grüne Wiese“ wiederherzustellen.
Warum externe Wissenschaftler?
Die katastrophalen Ereignisse in Fukushima im März 2011 hatten eine breite gesellschaftliche Diskussion zum Thema Kernenergie ausgelöst. Als in der Folge die Überprüfung der kerntechnischen Anlagen in Deutschland beschlossen wurde, nahmen das Forschungszentrum Jülich und die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH (AVR GmbH) dies zum Anlass, um am Standort Jülich die Betriebsgeschichte des 1988 stillgelegten Reaktors untersuchen zu lassen.
Ziel dieser historischen Aufarbeitung war es, eine unabhängige Bewertung der Reaktortechnologie und der Vorkommnisse während des Leistungsbetriebs zu erhalten. Um diese neutrale Bewertung zu garantieren, wurden externe Wissenschaftler verschiedener Disziplinen gebeten, mit Ihrer Expertise das Vorhaben umzusetzen.
Welche Themen bearbeiteten die Expertengruppe?
Die Mitglieder der AVR-Expertengruppe fokussierten sich auf folgende Themen:
Dampferzeugerstörfall von 1978
Im Jahr 1978 kam es in Folge einer Dampferzeugerleckage zu einem Wassereintritt in den Reaktor. Dies wurde von der AVR GmbH den Aufsichtsbehörden in Land und Bund damals umgehend gemeldet und in den Medien wurde ausführlich berichtet. Auch die Tatsache, dass 1999 Kontaminationen in einem unterirdischen Regenwassersammler (Betonwasserkammer) und in der Nähe des Reaktorgebäudes festgestellt wurden, ist von den Betreibern den Aufsichtsbehörden unmittelbar gemeldet worden. Die AVR-Expertengruppe nahm den Vorfall und die Umstände die dazu führten in ihre Analyse mit auf und nahmen eine sicherheitstechnische und radiologische Bewertung der Ereignisse vor.
Studie von Rainer Moormann
Im Jahre 2008 veröffentlichte Dr. Rainer Moormann eine Studie über den Betrieb des 1988 stillgelegten Hochtemperaturreaktors der AVR GmbH, in der er sicherheitsrelevante Aspekte behandelte. Das Forschungszentrum Jülich ist daran interessiert, dass in der nuklearen Sicherheitsforschung auch kontroverse Meinungen zu Wort kommen, vorausgesetzt, sie erfüllen die Kriterien guter wissenschaftlicher Praxis. Die von Dr. Moormann dargestellten Fakten werden – nach Einschätzung des Forschungszentrums – in der Fachwelt nicht in Frage gestellt. Wissenschaftlich kontrovers wird hingegen diskutiert, wie die Schlussfolgerungen von Dr. Moormann im Hinblick auf die Spaltproduktfreisetzung innerhalb des Reaktors und die Sicherheit des Betriebes des AVR damals zu bewerten sind. Hierzu sollte die Arbeit der AVR-Expertengruppe einen zusätzlichen Beitrag leisten.
Konzept des Kugelhaufenreaktors
Durch die Bearbeitung der genannten Themenschwerpunkte sollte am Ende der Arbeit eine Bewertung des Konzepts „Kugelhaufenreaktor“ erfolgen. Auf dem Prüfstand stand demnach nicht die betriebene Forschung, wohl aber die zugrunde liegende Technologie im Allgemeinen.
Wer waren die Mitglieder der Expertengruppe?
Die Mitglieder der Gruppe waren Experten unterschiedlicher Disziplinen.
Christian Küppers, Dipl. Physiker
Sprecher der Expertengruppe
Christian Küppers arbeitet seit 25 Jahren am Öko-Institut e.V. im Büro Darmstadt und ist dort stellvertretender Bereichsleiter „Nukleartechnik & Anlagensicherheit“ und Leiter der Gruppe „Strahlenschutz“. Darüber hinaus ist er Mitglied in verschiedenen Beratungsgremien, z.B. in der Strahlenschutzkommission (SSK) des Bundes­umwelt­ministeriums, wo er u. a. Vorsitzender des Ausschusses „Strahlenschutz bei Anlagen“ ist. Seine Tätigkeits­schwerpunkte umfassen Radioökologie, Fragen des Strahlenschutzes bei kerntechnischen Anlagen (Normalbetrieb, Störfälle, Unfälle), Entsorgung radioaktiver Abfälle und Umweltverträglichkeitsprüfungen in Genehmigungsverfahren nach Atomgesetz und Strahlenschutzverordnung.
Mitglied der Expertengruppe
Lothar Hahn studierte Physik in Mainz und Kaiserslautern, danach war er in der Industrie tätig. Seit 1980 befasst er sich hauptberuflich mit der Sicherheit kerntechnischer Anlagen. Seine Tätigkeitsschwerpunkte: Sicherheits- und Risikoanalysen, insbesondere für Kernkraftwerke, Gutachtertätigkeit und Methodenentwicklung. Von 1980 bis 2001 war Lothar Hahn beim Öko-Institut in Darmstadt tätig, von 2002 bis 2010 war er technisch-wissenschaftlicher Geschäftsführer der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS). 2010 ging er in Ruhestand. Lothar Hahn arbeitet seit vielen Jahren in nationalen und internationalen Gremien, unter anderem in der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK); von 1999 bis 2001 war er ihr Vorsitzender.
Prof. Dr. Volker Heinzel
Volker Heinzel studierte Maschinenbau und promovierte an der Universität Karlsruhe (TH). Er war langjähriger Mitarbeiter an der Universität Karlsruhe und habilitierte im Fach „Energiesysteme“. Zuletzt leitete er das Institut für Reaktorsicherheit am Forschungszentrum Karlsruhe. Zu seinen Tätigkeitsschwerpunkten zählen: Auslegungsfragen zu Forschungsreaktoren – darunter die Kernoptimierung, Anlagenplanung und Brennstoff-Management, Alkali-Metal-Thermo-Elektric-Converter, Auslegung einer Neutronenquelle für die Bor-Neutronen-Einfang-Therapie, Entwicklungsarbeiten zur International-Fusion-Material-Irradiation-Facility. Im zuletzt genannten Bereich ist er auch nach der Pensionierung weiterhin aktiv.
Dr.-Ing. Leopold Weil
Dr. Leopold Weil ist am 27. April 2014 nach schwerer Krankheit verstorben. Die Mitarbeiter des Forschungszentrums und der AVR GmbH haben Herrn Dr. Weil als äußerst liebenswürdigen Menschen kennen gelernt. Für seine kompetente und engagierte Mitarbeit in der Expertengruppe ist das Forschungszentrum und die AVR GmbH Dr. Weil zu großem Dank verpflichtet. Seinen wichtigen Beitrag zur Arbeit der Expertengruppe werden alle daran Beteiligten in guter Erinnerung behalten.
Leopold Weil war zuletzt Leiter des Fachbereichs „Sicherheit in der Kerntechnik“ des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfE). Zuvor arbeitete er bereits für das Bundesinnenministerium in der Abteilung „Reaktorsicherheit und Strahlenschutz“ und für das Umweltministerium in Bonn. Leopold Weil habilitierte 2003 an der RWTH Aachen. Das Thema seiner Habilitationsschrift lautete: „Charakterisierung der Risiken der Kernenergienutzung“. Zu seinen Tätigkeits­schwerpunkten zählten die probabilistische Risikoanalyse, die Sicherheit kerntechnischer Anlagen und der Bereich der ABC-Sicherheit.

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