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Timestamp: 2019-09-16 06:09:13+00:00

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"Und immer enger wird Dein Kreis" - Relevanz und Möglichkeiten der ... | Hausarbeiten publizieren
244 Seiten, Note: 1,0
2. Die Relevanz der beruflichen Tätigkeit für die Allgemeinbevölkerung
2.1 Die Rolle der Arbeit in der Geschichte
2.2 Gesellschaftliche und (welt)wirtschaftliche Ursachen für Arbeitslosigkeit
2.3 Die Konsequenzen der Geschichte für heutige Werte und Normen
2.4 Risikofaktoren für Arbeitslosigkeit
2.4.1 Das Alter
2.4.2 Das Geschlecht
2.4.3 Die berufliche Qualifikation
2.4.4 Krankheit
2.5 Auswirkungen der Arbeitslosigkeit für die Betroffenen
2.5.1 Langzeitarbeitslosigkeit als Teufelskreis
2.5.2 Die finanzielle Situation in der Arbeitslosigkeit
2.5.3 Sozialer Status und Selbstwert
2.5.4 Soziale Kontakte
2.5.5 Auswirkungen auf die Familie
2.5.6. Auswirkungen auf den Gesundheitszustand
2.5.6.1 Objektive Daten zum Gesundheitszustand
2.5.6.2 Angaben zum subjektiven Gesundheitszustand
2.5.6.3 Daten zur Bestimmung potentieller Gesundheitsgefährdung
2.5.6.3.1 Ergebnisse der Blutdruckmessungen
2.5.6.3.2 Ergebnisse der Body – Mass – Index - Messungen
2.5.6.3.3 Untersuchungen zu Cholesterinwerten
2.5.6.3.4 Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen
2.5.6.3.5 Untersuchungen zu Ernährungs – und Rauchgewohnheiten
2.5.6.4 Beurteilung der Forschungsergebnisse
2.5.6.5 Auswirkungen auf den psychischen Gesundheitszustand
2.5.6.5.1 Arbeitslosigkeit als traumatische Erfahrung
2.5.6.5.2 Abnorme Erlebnisreaktionen nach dem Verlust des Arbeitsplatzes
2.5.6.5.3 Arbeitslosigkeit als Streßsituation
2.5.6.5.4 Die erlernte Hilflosigkeit
2.5.6.5.5 Soziokulturelle Erklärung psychischer Störungen bei Arbeitslosen
2.5.6.5.6 Resümee
2.5.6.6 Auswirkungen auf den physischen Gesundheitszustand
2.5.6.6.1 Somatoforme Störungen
2.5.6.6.2 Psychophysiologische Störungen
2.5.6.6.2.1 Das Fehlregulationsmodell
2.5.6.6.2.2 Das Streß - Modell
2.5.6.6.2.3 Psychoneuroimmunologisches Modell
2.5.6.6.2.4 Resümee
2.6 Resümee der vorgestellten Modelle für Ursachen und Auswirkungen
3. Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention
3.1 Verschiedene arbeitsmarktpolitische Maßnahmen
3.2 Prävention im Vorfeld einer Kündigung
3.3 Prävention während der Arbeitslosigkeit
3.4 Unemployment – Management als Aggregat gesundheitsrelevanter Dienstleister
4. Die Relevanz der beruflichen Eingliederung in das Arbeits- und Berufsleben für psychisch kranke Menschen
4.1 Chronisch psychische Erkrankungen als Risikomerkmal für Arbeitslosigkeit
4.1.1 Mangelnde berufliche Qualifikation
4.1.2 Diskontinuität beruflicher Tätigkeit
4.1.3 Anerkannte Schwerbehinderung
4.1.4 Niedriges Alter
4.1.5 Männliches Geschlecht
4.1.6 Der Familienstand
4.1.7 Chronischer Krankheitsverlauf
4.1.8 Fehlende Kontakt – und Unterstützungsmöglichkeiten
4.1.9 Individuelle psychologische Determinanten
4.2 Folgen beruflicher Desintegrationsprozesse in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen
4.2.1 Das tägliche Training der sozialen Kompetenz bzw. sozioemotionalen Fähigkeiten
4.2.2 Das tägliche Training instrumenteller und intellektueller Fertigkeiten bzw. Fähigkeiten
4.2.3 Der soziale Status
4.2.4 Das Selbstwertgefühl
4.2.5 Die Tagesstrukturierung
4.2.6 Die finanzielle Unabhängigkeit
4.2.6.1 Die finanzielle Situation der EmpfängerInnen von Arbeitslosengeld bzw. Arbeitslosenhilfe
4.2.6.2 Die finanzielle Situation der EmpfängerInnen von Erwerbsminderungsrente
4.2.6.3 Die finanzielle Situation der Leistungsberechtigten von Sozialhilfe
5. Gesetzliche Grundlagen der beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker und Behinderter
5.1 Die Systematik der Gesetze zur beruflichen Rehabilitation Behinderter
5.1.1 Das RehaAnglG zur Anpassung der Leistungen
5.1.2 Die Zuständigkeiten der Träger der beruflichen Rehabilitation
6. Gesetzliche Leistungen nach den Besonderen Teilen des SGB
6.1 Leistungen an Behinderte
6.1.1 Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung nach SGB VII
6.1.1.1 Aufgaben der Unfallversicherung
6.1.1.2 Der anspruchsberechtigter Personenkreis
6.1.1.3 Die Anspruchsvoraussetzungen
6.1.1.4 Leistungen zur beruflichen Rehabilitation
6.1.1.5 Leistungen zur sozialen Rehabilitation und ergänzende Leistungen
6.1.1.6 Das Übergangsgeld
6.1.2 Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung nach SGB V
6.1.3 Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung nach SGB VI
6.1.3.1 Der anspruchsberechtigte Personenkreis
6.1.3.2 Die Anspruchsvoraussetzungen
6.1.3.3 Das Leistungsspektrum der Rentenversicherung nach SGB VI
6.1.3.3.1 Medizinische Leistungen
6.1.3.3.2 Berufsfördernde Leistungen (§ 16 SGB VI)
6.1.3.3.3 Leistungen zum Auswahlverfahren
6.1.3.3.4 Das Übergangsgeld
6.1.4 Leistungen der Bundesanstalt für Arbeit nach SGB III
6.1.4.1 Der anspruchsberechtigte Personenkreis
6.1.4.2 Anspruchsvoraussetzungen
6.1.4.3 Leistungen zum Auswahlverfahren
6.1.4.4 Leistungen zur beruflichen Rehabilitation
3.1.4.4.1 Die allgemeinen Leistungen nach § 100 SGB III
6.1.4.4.2 Die besonderen Leistungen nach § 103 SGB III
6.1.5 Leistungen der Hauptfürsorgestelle nach SchwbG
6.1.6 Leistungen der Sozialhilfeträger nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG)
6.1.6.1 Der anspruchsberechtigte Personenkreis
6.1.6.2 Aufgaben und Ziele der Eingliederungshilfe
6.1.6.3 Anspruchsvoraussetzungen
6.1.6.4 Leistungen zur beruflichen Rehabilitation
6.1.7 Die Sozialversicherung Behinderter
6.2 Leistungen an ArbeitgeberInnen
6.2.1 Leistungen der Unfallversicherung nach SGB VII
6.2.2 Leistungen der Rentenversicherung nach SGB VI
6.2.3 Leistungen der Bundesanstalt für Arbeit nach SGB III
6.2.3.1 Leistungen zur beruflichen Eingliederung von ArbeitnehmerInnen nach SGB III
6.2.3.2 Leistungen zur beruflichen Eingliederung Behinderter nach SGB III
6.2.4 Leistungen der Hauptfürsorgestelle nach dem Schwerbehindertengesetz
6.2.5 Modellförderung für Integrationsfachdienste und Integrationsfirmen
7. Die Einrichtungen zur beruflichen Rehabilitation Behinderter
7.1 Berufsbildungswerke
7.2 Berufsförderungswerke
7.3 Das Berufliche Trainingszentrum
7.4 Rehabilitationseinrichtungen für psychisch Kranke (RPK)
7.5 Übergangseinrichtungen für psychisch Kranke und Behinderte
7.6 Die Werkstatt für Behinderte (WfB)
8. Reiserouten durch das „Reha – Land“
8.1 Versorgungslücken im Bereich der beruflichen Rehabilitation
8.2 Arbeit neu definieren
9. Die Relevanz des 3. Arbeitsmarktes für die berufliche Rehabilitation psychisch behinderter Menschen
9.1 Die besonderen Betriebe des 3. Arbeitsmarktes als potente Alternative bei der beruflichen Reintegration psychisch Behinderter
9.2 ArbeitgeberInnen mit psychiatrischer Fachkompetenz
9.3 Die volkswirtschaftliche Relevanz des 3. Arbeitsmarktes
9.4 Folgerungen und Forderungen
10. Die Möglichkeiten einer beruflichen Tätigkeit auf dem 3. Arbeitsmarkt
10.1 Charakteristika der verschiedenen Betriebsmodelle
10.1.1 Die Integrationsfirma
10.1.2 Die Zuverdienstfirma
10.1.3 Die Übergangsfirma
10.1.4 Die Geschützte Abteilung
10.1.5 Der technische Sozialbetrieb
10.1.6 Der soziale Betrieb
10.1.7 Die Leiharbeitsfirma
10.2 Fazit und Visionen
Psychisch kranke und behinderte Menschen leiden in doppeltem Maß an der Arbeitslosigkeit. Sie erfahren nicht nur durch ihre Erkrankung, sondern auch durch den beruflichen Ausstieg gesellschaftliche Isolation. Wahrgenommen habe ich selber diese Problematik während meines Praktikums in einer psychosozialen Kontaktstelle in Hamburg-Harburg. Im Gesprächskreis, einer Art Gruppentherapie auf der Basis von Gestalttherapie, befanden sich zu jener Zeit einige Frauen, die gerade einen Antrag auf Rente wegen Erwerbsunfähigkeit gestellt hatten. Obwohl sie selber diesen Status bevorzugten, fühlten sie sich wertlos und gesellschaftlich ausgegrenzt.
In diesem Bezirk existiert lediglich eine anerkannte Werkstatt für psychisch Behinderte, die über eine lange Warteliste verfügt. Auf die prekäre Lage des besonderen Arbeitsmarktes in diesem Bezirk angesprochen, entgegneten die MitarbeiterInnen der komplementären Einrichtungen, daß die Idee der Schaffung von Arbeitsplätzen schon seit einiger Zeit im Raum stehe, jedoch keine der Einrichtungen die Initiative ergreifen wollte.
Stark beeindruckt vom Engagement eines gemeinnützigen Betriebes in Gütersloh, der seinen Mitarbeiterstamm nur aus psychisch kranken Menschen rekrutiert und trotzdem nur die in der freien Wirtschaft üblichen Subventionen erhält, habe ich mich mit der Idee, einen Integrationsbetrieb zu gründen, auseinandergesetzt. Schnell wurde mir jedoch klar, daß auf den Betrieben des 3. Arbeitsmarktes enorme Anforderungen lasten. Einerseits müssen Gewinne erwirtschaftet werden, andererseits gilt es, psychisch kranken und behinderten MitarbeiterInnen einen ihrer Leistungsfähigkeit entsprechenden Arbeitsplatz zu schaffen, und all das auf dem Spielfeld der freien Marktwirtschaft. Wenn die Integrationsfirmen trotz dieser Gegebenheiten wirtschaftliche Erfolge und bedeutende Rehabilitationseffekte nachweisen können, dann liegt das vor allen Dingen an der hohen Motivation und der betriebswirtschaftlichen Kompetenz der Geschäftsführung.
Mit meiner Diplomarbeit möchte ich die besondere Relevanz der Integrationsbetriebe für die berufliche Situation psychisch kranker und behinderter Menschen herausstellen. Sollte die Arbeit auch Lesern außerhalb der Fachhochschule in die Hände fallen, dann könnte sie Menschen aus Politik und Wirtschaft von der Förderungswürdigkeit dieser Betriebe überzeugen und für psychiatrisch Tätige eine Hilfe bei Fragen zur beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker darstellen.
Diese Arbeit befaßt sich mit der Relevanz der beruflichen Rehabilitation für psychisch kranke und behinderte Menschen. Um zu analysieren, ob sich die Relevanz der Erwerbstätigkeit aus einem generellen Grundbedürfnis des Menschen nach Arbeit ableiten läßt, und somit zu der Forderung nach einem „Recht auf Arbeit“, insbesondere für den betreffenden Personenkreis, führt, oder ob die „Arbeit“ lediglich als Therapieform für psychisch kranke und behinderte Menschen zu werten ist, werden zunächst die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit bei der Allgemeinbevölkerung aus sozialmedizinischer Blickrichtung untersucht.
Vorausgesetzt, daß die Situation der Arbeitslosigkeit für den Bevölkerungsdurchschnitt eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes zur Folge hat, so muß, nach einer Ursachenanalyse, seitens der sozialpolitisch Verantwortlichen mit entsprechenden Interventionsmaßnahmen reagiert werden. In den Kapiteln 2 und 3 wird diese Fragestellung erörtert. (Die Hausarbeit der Verfasserin - „Die Relevanz beruflicher Tätigkeit aus sozialmedizinischer Sicht“, 20.11.1998, S. 6-60 – wurde vollständig als Zitat verwandt.)
Wenn sich aber die Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit der Allgemeinbevölkerung destabilisierend auswirkt, dann ist zu erwarten, daß sich die Krankheitssymptome bei psychisch kranken und behinderten Menschen, die arbeitslos werden oder wegen einer im Lebensverlauf früh eingetretenen chronischen Erkrankung überhaupt noch nicht in das Erwerbsleben integriert waren, verstärken beziehungsweise häufen. Die Tatsache, daß dieser Personenkreis zur Risikogruppe für Arbeitslosigkeit gehört, erhöht die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung eines Teufelskreises, der dann unweigerlich in der gesellschaftlichen Isolation endet. Das Kapitel 4 befaßt sich mit dieser Thematik.
Die in Kapitel 4 beschriebene Problematik ist hinreichend bekannt. Entstanden ist aus dem Bewußtsein darüber ein vielfältiges Paket gesetzlicher Regelungen zur Förderung der beruflichen Rehabilitation. In welcher Situation und wem stehen die Leistungen zur Verfügung? Entsprechen sie den Bedürfnissen der psychisch kranken und behinderten Menschen? Gibt es Lücken im rehabilitationsfördernden Versorgungssystem? Mit diesen Fragen setzten sich die Kapitel 5 bis 8 auseinander. (Kapitel 4 bis 8 sind der Hausarbeit der Verfasserin - „Die gesetzlichen Ansprüche psychisch kranker und behinderter Menschen auf berufliche Rehabilitation“, 29.3.1999, S.6-99 – entnommen.)
Die Erkenntnis, daß der Arbeitsmarkt für chronisch psychisch Kranke weitestgehend verschlossen ist und die Erfahrung, daß Arbeit bei der gesellschaftlichen Integration psychisch Kranker und Behinderter eine wichtige Rolle spielt, haben zur Entstehung eines 3. Arbeitsmarktes, insbesondere für diesen Personenkreis, geführt. Welchen Stellenwert haben die besonderen Betriebe? Wie können sie ihren Charakteristika entsprechend differenziert werden? Und in welcher Weise kann die Stabilisierung ihrer Position am Markt weiter vorangetrieben werden? Diese höchst aktuelle Diskussion findet ihren Niederschlag in den Kapiteln 9 und 10.
Arbeit im Sinne eines zeitgemäßen Arbeitsbegriffs schließt drei Bedingungen ein: Erstens muß es sich um eine tatsächliche Tätigkeit handeln, zweitens muß ein anderer für diese Tätigkeit bezahlen und drittens muß diese Tätigkeit gesellschaftlich erlaubt, rechtskonform, sein. Weitere Bedingungen gibt es nicht, denn die moderne Erwerbsarbeit unterscheidet sich „ von anderen Tätigkeiten nicht mehr durch mögliche Inhalte, Zwecke, Reproduktionsbeiträge, sondern durch das Kriterium der Bezahlung durch andere “ (GANSSMANN, 1996, 116). Unberücksichtigt dabei bleibt jene Arbeit, welche zwar einen hohen Reproduktionsnutzen für die Gesellschaft hat, z.B. die Arbeit einer Mutter, die jedoch nicht entsprechend finanziell honoriert wird. Wenn ich im weiteren Verlauf also von Arbeit oder beruflicher Tätigkeit spreche, meine ich immer jene Tätigkeit, die die oben genannten Bedingungen erfüllt.
Bei der Bearbeitung des Themas dieses Kapitels geht es letztendlich um die Frage, wie sich die Situation in Arbeitslosigkeit insbesondere auf den Gesundheitszustand auswirkt. Um zu klären, ob der Verlust der Arbeit generell, d.h. für den Bevölkerungsdurchschnitt, primär oder sekundär Auswirkungen auf die Gesundheit hat, wird auf neuere Forschungsstudien zurückgegriffen. Die Beweisführung für eine Kausalität von Arbeitslosigkeit und Verschlechterung des Gesundheitszustandes ist schwierig, da viele Komponenten der Probanden zu berücksichtigen sind und jeweils eine Kontrollgruppe zu untersuchen ist. Das ist aber in der Praxis nicht zu realisieren. Dennoch sprechen die Statistiken der Studien eine deutliche Sprache. Von Arbeitslosigkeit Betroffene müssen aber auch mit ihren ganz individuellen Schicksalen gesehen werden, denn insbesondere die Synthese aus Empathie für das Individuum und Erkenntnissen aus sozialpolitischen Untersuchungen ermöglichen eine sinnvolle, auf den einzelnen Menschen abgestimmte Sozialarbeit, die aber auch größere Zusammenhänge erkennt und gegebenenfalls auf der politischen Ebene interveniert.
Die griechisch – römischen Gesellschaftsformen des Altertums schufen eine Analogie von körperlicher Arbeit und Armut. Manuelle Tätigkeiten wurden nur gering geschätzt. Sie wurden entweder durch die Sklaven, Lohnarbeiter oder Handwerker verrichtet. Als Voraussetzung für persönliche Unabhängigkeit, welche einen hohen Wert darstellte, galt die Ausübung einer „edlen“ Tätigkeit. Neben den körperlich Arbeitenden gab es noch die Gruppe der Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht durch eigene Kraft erwirtschaften konnten. Armut, Krankheit und andere ungünstige Sozialkomponenten wurden als Unglück oder sogar Schicksal des Einzelnen betrachtet. Ein Verantwortungsbewußtsein für Benachteiligte und eine positive Wertschätzung körperlicher Arbeit als Mittel zur Selbsterziehung entwickelte sich erst mit dem Aufkommen des Christentums (vgl.: KIRCHLER, 1993, 15). Die Stellung innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie galt es allerdings im frühen Mittelalter demütig anzunehmen und das Verteilen von Almosen an Arme, Arbeitsunfähige wurde eher zum Zweck des eigenen Weiterlebens nach dem Tod vollzogen, und nicht überwiegend aus Nächstenliebe oder einem sozialen Verantwortungsgefühl heraus. Trotzdem gab es grundlegende Änderungen der Werthaltungen durch den Einfluß des Christentums.
Wenn vorher die Herrschenden und Reichen für sich arbeiten ließen und somit zur Zeit des Altertums und frühen Mittelalters harte körperliche Arbeit im Zusammenhang mit Armut gesehen werden muß, kam es nach mehreren Pestwellen im 14. Jahrhundert zu einer Gegenbewegung. 30% der Gesamtpopulation waren der Seuche zum Opfer gefallen. Das Arbeitsangebot reduzierte sich und die Löhne stiegen deutlich an. Armut wurde jetzt zum „ Ausdruck von Nicht-Arbeit “ (SACHßE/TENNSTEDT, in: WÜSTENBECKER, 1995, 12). In Zusammenhang damit begann sich die Vorstellung von der Existens einer Arbeitspflicht auszubreiten, welche sich auch in der Nürnberger Bettelordnung von 1370 widerspiegelte. Darin wurde u.a. geregelt, daß die Vergabe von Bettelzeichen, die zum Betteln berechtigten, nur auf die Bedürftigen beschränkt werden sollte. Leuten, „(...) die gut handeln oder arbeiten könnten und des Almosens nicht bedürften “ (Bettelordnung der Stadt Nürnberg von 1370, in: SACHßE/TENNSTEDT, 1983, 63 f.), denen sollte der Armenvogt (der städtische Amtspfleger) keine Erlaubnis zum Betteln ausstellen.
Zum Ende des 15. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung in Mitteleuropa wieder an. Im Verbund mit Mißernten trieb diese Situation viele hungernde Menschen in die Städte. Das Bettlertum nahm zu und bewirkte damit eine rigorosere Einschränkung der Bettelerlaubnis. „ Starke Bettler und Vagabunden, „(...) die offensichtlich arbeitsfähig waren, den Müßiggang aber – so die zeitgenössische Wahrnehmung – vorzogen “ (WÜSTENBECKER, 1995, 13), konnten keine Unterstützung erwarten. Wüstenbecker spricht hier von einer pauschalen Unterstellung arbeitsmoralischer Defizite durch das fehlende Verständnis für „(...) jenseits des Verantwortungsbereichs des einzelnen Individuums liegende Ursachen “ (WÜSTENBECKER, 1995, 14).
Mit der Einrichtung von Arbeitshäusern im 17.Jahrhundert wurden neben armenpflegerischen Versorgungsmotiven zwei Ziele verfolgt: Die Angst vor den Arbeitshäusern sollte die Bevölkerung davon abhalten, als Alternative insbesondere zur schlecht entlohnten Manufakturarbeit das Nicht – Arbeiten in Erwägung zu ziehen. Die bürgerliche Gesellschaft benutzte die aus ihrer Sicht notorisch Arbeitslosen dazu, „(...) ein Exempel an staatlicher Autorität und Unterdrückung zu statuieren “ (NIESS, 1982, 11). Schuld - und Verantwortungsgefühle für die prekäre Lage sollten bei den Betroffenen selbst erzeugt werden. Der zweite Aspekt betrifft die merkantilen Überlegungen des Staates, der durch das kostengünstige Arbeitskräftepotential der Armen in den Arbeitshäusern einen Gewinn zu erwirtschaften vermochte. (Vgl. WÜSTENBECKER, 1995, 14)
„Die klassische Nationalökonomie ging davon aus, daß der Marktpreismechanismus die ganze Wirtschaft ständig in Balance halten würde.“ (NIESS, 1982, 11) Der Markt bzw. Arbeitsmarkt wird „(...) definiert als auf leistungsorientierter Konkurrenz fußender dynamischer Prozeß des Austausches von Waren, Dienstleistungen und Geld.“ (HAUCK/NOFTZ, SGB III E 010 Rz 104) Unberücksichtigt der Tatsache, daß bei diesem Prozeß leistungsschwächere Menschen einer Selektion unterworfen sind, herrschte die manchesterlich liberale Ansicht, daß alle, die keine Arbeit hatten, auch keine Arbeit wollten, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Deshalb blieb das Schicksal der Arbeitslosen im Wirtschaftsliberalismus zunächst privater Mildtätigkeit, vor dem Hintergrund wirtschaftlichen Eigennutzes, überlassen. Die Armenpflege antwortete seit Beginn der Industrialisierung auf die Arbeitslosigkeit eher mit Regression ihrer Fürsorglichkeit und entwickelte sich zur rigiden Zwangsinstitution. Gerade zu dieser Zeit, im Verlauf des 18. Jahrhunderts, kam es zu einer Bevölkerungsexplosion. Die Not der arbeitenden Masse und die große Anzahl an Arbeitslosen bewegte viele Arbeiter zum Auswandern. Aus dieser Situation heraus entstand Robert Malthus‘ „Bevölkerungsgesetz“, daß den Zeitgeist charakteristisch wiedergibt: „There is one right which man has generally been thought to possess, which I am confident he neither does nor can possess – a right to subsistence when his labour will not fairly purchase it.(...) A man who is born into a world already possessed, if he cannot get subsistence from his parents on whom he had a just demand, and if the society do not want his labour, has no claim of right to the smallest portion of food, and in fact, has no business to be where he is. At nature’s mighty feast there is no vacant cover for him. She tells him to be gone, and will quickly execute her own orders, if he do not work upon the compassion of some of her guests. If these guests get up and make room for him, other intruders immediatly appear demanding the same favour.(...) The order and harmony of the feast is disturbed...“ (MALTHUS; 1803, in: WÜSTENBECKER; 1995, 15/16)
Durch das Herausschälen marktwirtschaftlich – kapitalistischer aus den vorherigen feudalistischen Produktionsverhältnissen, verlor ein großer Teil der Bevölkerung seine traditionellen Versorgungssysteme, die eine gewisse Minimalabsicherung bedeutet hatten, so z.B. die Gemeinheitenpartizipation und die grundherrschaftliche Versorgungsverpflichtung im Krankheits – und Altersfall. Auch die Arbeitslosen, die nun in Massen aus den ländlichen Gebieten in die Städte strömten, und einen, durch die Industrialisierung entstandenen, Arbeitsplatz erhielten, konnten noch nicht zurückgreifen auf ein soziales Sicherungssystem. Da diese Arbeitsplätze ebenfalls dem kapitalistischen Arbeitsmarkt unterzogen waren, und deshalb mit Niedriglöhnen bezahlt wurden, gab es auch nicht die Möglichkeit zur privaten Vorsorge, mehr noch, es entwickelte sich die „ proletarische Armut “ (WÜSTENBECKER, 1995, 16). Für diejenigen und deren nicht erwerbstätigen Angehörigen, die keine Arbeit hatten, sei es wegen mangelnder Arbeitsnachfrage oder einer physischen Beeinträchtigung, oder sei es, daß das erzielte Erwerbseinkommen den Reproduktionsbedarf nicht deckte, wurde die Armut zum Problem (vgl. WÜSTENBECKER, 1995, 17). Fehlende soziale Sicherungssysteme und die Unmöglichkeit einer privaten Vorsorge, zwangen die Arbeiter, ihre Arbeitskraft unentwegt anzubieten. Der Hunger wurde staatlicherseits als willkommenes Mittel angesehen, um die Menschen zur Arbeit zu motivieren. Ist gesetzlicher Zwang doch immer „ verbunden mit viel Mühe, Geräusch und Gewaltsamkeit “ (TOWNSEND, 1976, 676, in: Wüstenbecker, 1995, 17).
Eine „Arbeitslosigkeit“ nach heutigem Verständnis entstand durch die Abhängigkeit der Industriearbeiterschaft, und zwar seitdem der Lohnarbeiter eingebunden war in einen fremdbestimmten Produktionsprozeß, der zur Basis der wirtschaftlichen Existens und des sozialen Status wurde. Erwerbs – und Privatleben erfuhren seit der industriellen Revolution eine strikte Trennung. „ Anerkennung errang nur noch, was sich in Heller und Pfennig ausdrücken ließ. “ (HEUSER/MARTENS, DIE ZEIT, 1998, Nr. 10) Nach Niess waren die industrielle Revolution und die Gewerbefreiheit Wegbereiter für das „ chronische Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt “ (NIESS, 1982, 25).
Durch die „offene Armenpflege“, die 1853 eingeführt wurde, sollte versucht werden, der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken, indem man arbeitslos gewordene Menschen wieder in Arbeit vermittelte. Die erfolgreichen Vermittlungsbemühungen der verschiedenen staatlichen, privaten und gemeinnützigen Einrichtungen, die entstanden, waren jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Der Wandel der bürgerlichen Ideologie während der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, der einherging mit der Entwicklung des liberalen in den organisierten Kapitalismus mit wirtschaftsdarwinistischer Orientierung, verstärkte noch einmal um so mehr die sozialdarwinistische These, daß die Ursache für Arbeitslosigkeit in der Person des Arbeitslosen zu suchen sei. Diese Theorie hielt noch während der Debatte über den Ausbau der Arbeitsvermittlung und die Einführung der Arbeitslosenversicherung an. Die Wahrnehmung, die sich aus dieser sozialpolitischen Theorie heraus begründet, ließ „ Übergänge zwischen Arbeitslosigkeit und Asozialität “ (KÖHLER, 1977, 66, in Niess, 1982, 57) so sehr verschwimmen, daß es nicht wundert, wenn an erster Stelle sicherheits – und gesundheitspolitische Maßnahmen gestartet wurden.
Die Not der Arbeiterschaft mobilisierte deren Organisationen, die Gewerkschaften und die sozialdemokratische Partei, die zu einer neuen politischen Kraft heranwuchsen. Unter diesem staatsgefährdenden Druck wurden unter Bisamrck 1883 das Krankenversicherungsgesetz für Arbeiter und 1884 das Unfallversicherungsgesetz als erste Sozialversicherungsgesetze verabschiedet. Unternehmer der verschiedenen Industriezweige waren nun verpflichtet, ihre Arbeiter gegen Arbeitsunfall, nach Einführung der Reichsversicherungsordnung 1911 auch gegen Berufskrankheiten und Invalidität aufgrund Arbeitsunfalls oder – krankheit, zu versichern. Die Rentenversicherung (damals Invaliditäts – und Altersversicherung) für Arbeiter folgte 1889, sie wurde 1913 auf die Angestellten ausgeweitet. 1927 wurde dann die Arbeitslosenversicherung (Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, AVAVG) als letzter Zweig der sozialen Sicherung eingeführt. Mit dem Beginn der Sozialgesetzgebung löste sich die Arbeiterpolitik von der Armenpolitik. Die gesellschaftliche Stellung der „würdigen“ Armen der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Jahrhunderte, die, weil gesellschaftlich entschuldigt, Almosen bekamen und deshalb privilegiert gegenüber den angeblich arbeitsscheuen Armen waren, kehrte sich damit ins Gegenteil um. Menschen, die wegen physischer oder psychischer Beeinträchtigungen nicht arbeitsfähig waren, waren nun gegenüber den Arbeitern und Arbeitslosen benachteiligt. Letztere hatten schließlich von nun an die Möglichkeit, einen Rechtsanspruch auf Versicherungsleistungen zu erwerben.
Die Weltwirtschaftskrise 1929, der Kapitalmangel durch die Kriegslasten, die Bevölkerungsentwicklung und Rationalisierung ließen die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellen. Die Leistungen des AVAVG wurden aufgrund dessen heruntergeschraubt, sie betrugen 1933 nur noch die Hälfte von 1927, die Beiträge wurden erhöht und die Bedingungen für den Leistungsbezug erschwert. Im Nationalsozialismus entfielen dann auch die Reste der AVAVG aus ideologischen und konjunkturgeschichtlichen Gründen. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände wurden liquidiert. Der Arbeitsmarkt, noch nach dem ersten Weltkrieg durch einen hohen Überschuß an Arbeitskräften gekennzeichnet, wies im zweiten Weltkrieg, durch die expansionistische Politik und der damit einhergehenden Kriegsindustrie, einen Mangel an Arbeitskräften auf. Die Arbeitslosenzahlen stiegen nach Ende des zweiten Weltkrieges wieder drastisch an und die Sozialpolitik in Westdeutschland „ knüpfte auf vielen Gebieten da wieder an, wo die rechtliche und institutionelle Entwicklung am Ende der Weimarer Republik abgebrochen war.“ (NIESS, 1982, 188) Wie schon zu Zeiten der Weimarer Republik schwankte die Liquidität der Arbeitslosenversicherung, seit 1952 „Bundesanstalt für Arbeit“, mit den konjunkturellen Gegebenheiten, ebenso natürlich die Beitragshöhe und die Leistungen für die Versicherten. Seit Mitte der 70er Jahre erhöht sich das Defizit der BA, äquivalent zur Arbeitslosenstatistik, ständig.
Obwohl der Bezug von Arbeitslosengeld auf ein Jahr beschränkt wurde und es als Anschlußleistung die Arbeitslosenhilfe mit ca. 2/3 des ausfallenden Nettoarbeitsentgeltes gab, wurde die Arbeitslosenunterstützung von vielen Nicht – Betroffenen wahrgenommen als „ soziale Hängematte, in der sich die Arbeitslosen, sprich: Faulenzer, vom Nichtstun ausruhen.“ (NIESS, 1982, 197/198) Dieses Bild veränderte sich in der Folgezeit mit der Steigerung der schichten – und berufsunabhängigen Arbeitslosigkeit nur ganz allmählich. Daß die Arbeitslosigkeit nun endlich seitens der Bevölkerung mehrheitlich auch im sozialpolitischen Verantwortungsbereich festgemacht wird und von dieser Lösungen erwartet werden, sieht man am Marketing der politischen Parteien. Es gibt in Deutschland jedoch keinen revolutionären Druck seitens einer geschlossenen Arbeitslosenbewegung, es sei denn es handelt sich um eine homogene Arbeitslosengruppe, wie z. B. die von einer Stillegung betroffenen Werftarbeiter. Die Gewerkschaften haben die Aufgaben zur Prävention oder Beseitigung von Arbeitslosigkeit schon früh übernommen. Es stellt sich aber die Frage, ob diese ihre politischen Interventionen öffentlichkeitsgerecht handhaben, um damit gesellschaftliche Verantwortung deklarieren zu können. Denn immer noch geistert der Gedanke in den Köpfen der Gewinner des Neoliberalismus: „Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit.“
Quelle: Repräsentative Erhebung des Berliner Meinungsforschungsinstitut Infratest Burke im Auftrag der ZEIT im Juni 1996, in: ZEITPunkte, 1/97, 62
Das oben angeführte Klischee müßte richtiger heißen: „Wer beruflich flexibel, sich also dem ständigen technologischen Wandel der Berufsbilder anpassen kann, wer vorhersehen kann, welche Berufe zukunftsträchtig sind, wer eine hohe Qualifikation mitbringt, jung und gesund ist und über die nötigen Fähigkeiten verfügt, um Beziehungen (Connections) herzustellen oder familiäre Beziehungen besitzt, die für die berufliche Laufbahn förderlich sind, wer Phantasie und Selbstbewußtsein etc. mitbringt, der hat eine Chance auf dem Arbeitsmarkt.“ Denn der Arbeitsmarkt ist generell von der Evolution der (Welt)Wirtschaft und der Wissenschaft und damit der Rationalisierung und der Technologie abhängig. Die fortschreitende Rationalisierung und Automatisierung, der Produktionsfortschritt, macht viele Arbeitsplätze überflüssig. Die sich entwickelnde Technologie erfordert von den Arbeitnehmern in steigendem Maße berufliche Mobilität und Qualität. (Vgl.: HAUCK/NOFTZ, SGB III E 010 Rz 110) Ebenfalls kausal für die hohen Arbeitslosenzahlen sind demografische Entwicklungen, wie z.B. die höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen und die Zuwanderungsraten ab Mitte der 80er Jahre (vgl.: HAUCK/NOFTZ, SGB III E 010 Rz 111). Eine dritte hauptsächliche Ursache ist die Globalisierung, die durch eine „(...) Liberalisierung von Produktion, Handel, Geld- und. Kapitalverkehr sowie der Verlagerung der Arbeitsmärkte (...)“ (HAUCK/NOFTZ, SGB III E 010 Rz 109) die konjunkturelle Arbeitslosigkeit zur Folge hat. Deren Anteil am Gesamtbestand schätzt das ifo – Institut für Wirtschaftsforschung, München, z.Zt. auf 40 %, die OECD lediglich auf 10 % (vgl.: HAUCK/NOFTZ, SGB III E 010 Rz 109).
Im geschichtlichen Überblick zur Arbeit und Arbeitslosigkeit wurde deutlich, daß sich die Einstellung zur Arbeit mit dem Aufkommen des Christentums veränderte. Insbesondere durch die Armut der Arbeitslosen entwickelte sich durch das Bürgertum der Begriff der Arbeitspflicht. Gekoppelt mit der Tatsache, daß die Erwerbsarbeit durch die industrielle Revolution einzige Einnahmequelle war und den Status der Person darstellte und daß als Sanktion für Arbeitslosigkeit das Armenhaus fungierte, kann man sich den innerpsychischen Druck vorstellen, der im Laufe der Generationen in eine hohe Arbeitsmoral mündete. Diese Attitüde bestimmt auch heute noch gesellschaftliche Normen. Sie trifft auf eine „ Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, als die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“ (ARENDT, 1960, 11/12, in:Hoffmann/Kramer, 1994, 33/34) Denn verlernt hat diese Gesellschaft jene Tätigkeiten, die in der Antike verherrlicht wurden. Höhere sinnvolle Tätigkeiten, wie Arendt sie nennt, kennen die Menschen kaum vom Hörensagen. Aber wie auch? Unser Schulsystem hat lediglich die Aufgabe, die Kinder auf das Arbeitsleben vorzubereiten, Waldorfschulen mit einem hohen Anteil künstlerischer Fächer werden als weltfremd abgestempelt. Für wissenschaftliche Experimente und künstlerische Spinnereien ist hier kein Platz – jedenfalls bislang. Denn der Bildungssektor wird seinen Lehrauftrag und damit Lehrprogramm den gegebenen Verhältnissen anpassen müssen. Kreativität, Phantasie, Flexibilität, Selbstbewußtsein und natürlich eine gute Allgemeinbildung sind präventiv aber auch bei Eintritt der Arbeitslosigkeit wichtige Attribute.
Auch Hoffmann und Kramer verschreiben der Gesellschaft die Suche nach neuen Sinnstrukturen, damit Arbeit nicht mehr zum zentralen Lebensinhalt wird, denn eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung ist aussichtslos (vgl.: HOFFMANN/ KRAMER, 1994, 7). Gegen diese „ einigermaßen hilflose Empfehlung“ hat Ganßmann einzuwenden, daß solche Umbewertungsversuche erfolglos bleiben müssen, solange die „ Teilnahme am gesellschaftlich organisierten Erwerbsprozeß (...) die Eintrittskarte in die bürgerliche Gesellschaft bleibt.“ (GANSSMANN, 1996, 16/17) Damit verweist Ganßmann auf die Bedingung, daß eine Veränderung von Sinnstrukturen oder Werten nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie nicht nur auf das Individuum, sondern auch auf die Gesellschaft bezogen, stattfindet. Werte, wie z.B. „Arbeit haben“, die durch die Sozialisation und das momentane soziale Umfeld verinnerlicht werden, an deren Umsetzung der Arbeitslose jedoch gehindert wird, werden bei lang anhaltender Unerreichbarkeit verworfen und führen zur Sinnkrise und Depression. Hält die Persönlichkeit und die Gesellschaft keine weiteren gewichtigen Wertvorstellungen parat, wird die Reaktion um so stärker sein. In einer Studie aus Sachsen wird der hohe Stellenwert der Arbeit deutlich, denn zwei Drittel der Befragten sagen aus, daß sie sich überflüssig vorkommen würden, wenn Arbeitslosigkeit eintritt. (Vgl.: HARYCH, 1997, 59)
„Herbert, ein entfernter Verwandter von mir, jetzt 55 Jahre alt, war fast zwei Jahre arbeitslos. (...) Er hat in diesen 20 Monaten eine Erfahrung der Sinnlosigkeit gemacht, die anderen, die außer der Arbeit andere Formen des Selbstausdrucks gelernt haben, fremd bleiben muß. Herbert kannte nichts als seine Arbeit. Als sie weg war, war sein Leben weg. Es fand nichts mehr statt. (...) Es war ein existentielles Problem, eine Frage nach dem Sinn des Lebens.“ (SÖLLE, in: Wustmans, 1996, 53)
Es wird deutlich, wie wichtig eine Flexibilität im Bereich der Wertvorstellungen ist. Schon während der Erziehung muß den Kindern eine große Bandbreite an Werten und damit sinnvollen Tätigkeiten angeboten werden. Aber wenn Arbeit zu einem sinnerfüllten Leben beiträgt, dann sollte sie unter denen, die gerne arbeiten möchten, auch deutlich gerechter aufgeteilt werden. Nach Koslowski ist Arbeit nicht nur Erwerbsarbeit, sondern „ zugleich Beziehungsarbeit, Selbstverwirklichungsarbeit und Selbstfindung “ (KOSLOWSKI, in: Hoffmann/Kramer, 1994, 129) und wegen der hohen Relevanz deshalb ein Grund für einen Ausgleich zwischen Überbeschäftigten und Unterbeschäftigten. Wer aber sind diese Unterbeschäftigten? Zeichnen sie sich durch bestimmte Merkmale aus und kann man sich gegen Arbeitslosigkeit wappnen?
Im neoliberalistischen Wirtschaftssystem, in dem nur bestehen kann, wer wirtschaftlich denkt und handelt, wer eben ein guter Kaufmann oder eine gute Kauffrau ist, siegt natürlich der/die Schnellere, Günstigere, qualitativ Bessere etc. Die Zielgruppen wählen den Anbieter unter den Konkurrenten mit dem besten Preis – Leistungs – Verhältnis aus und kaufen bei ihm. Die erstrebten Wettbewerbsvorteile stellen einen hohen Druck auf den Unternehmer / die Unternehmerin dar. Der betriebswirtschaftliche Blickwinkel, der alle Ebenen des Unternehmens erfaßt, vom Management bis zum Büromaterial, betrifft auch die Mitarbeiter. Sie werden ebenfalls auf ihr Lohn – Produktivitäts – Verhältnis geprüft. Die Produkte des freien Marktes werden durch den wachsenden Druck der Konkurrenz günstiger, technisch perfekter, qualitativ besser und sind immer zu haben. Um das leisten zu können, wächst jedoch gleichzeitig der Anspruch an die Mitarbeiter. Wer sich so schnell nicht anpassen kann, wird als erster entlassen. Das versteht sich von selbst, wie gesagt – aus dem kaufmännischen Blickwinkel. Obwohl es schon innerbetriebliche Umstellungen auf ein soziales Management gibt, um ein menschliches Betriebsklima, ein positives Firmenimage und eine funktionierende Corporate Identity herzustellen, ist doch die Zielvorgabe stets die Existenzsicherung und das Wachstum des Unternehmens. Die Verantwortung für „nicht tragbare“ Mitarbeiter wird somit dem Staat übergeben. Obwohl dieser nun der Kündigung leistungsschwächerer Mitarbeiter vorbeugen will, indem er Gesetze wie z.B. den Kündigungsschutz für Schwerbehinderte und Schwangere erläßt, sind es oft gerade diese, die eine Einstellung der benachteiligten Gruppen erst verhindern. Die Rentabilitätsrechnung vieler Firmen zeigt, daß die Zahlung der Ausgleichsabgabe immer noch kostengünstiger ist als die eventuellen sekundären Kosten, die mit einer Einstellung unkündbarer Schwerbehinderter verbunden sind.
Basierend auf diesen Gedanken, kann man vermuten, daß Arbeitnehmer, die längere Fehlzeiten haben, langsamer arbeiten, und keine zeitgemäße Qualifikation mitbringen, eher von Arbeitslosigkeit bedroht sind als andere. Wenn Kirchler bei Hinderungsgründen für eine Wiedereingliederung mehrere Prädiktoren erahnt, die da heißen: körperliche Behinderungen, psychische Erkrankungen, Unerfahrenheit, Alter, Geschlecht und häusliche Situation, dann beschreibt er damit sogleich die Risikofaktoren für Arbeitslosigkeit (KIRCHLER, 1993, 21).
In der sächsischen Studie von Harych 1993/1994 ermitteln die Autoren, daß mit zunehmendem Lebensalter die Sorge sichtbar größer wird, den Arbeitsplatz zu verlieren. 62% der Männer unter 30 Jahren, aber nur noch 11% der über 50jährigen meinen, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Bei den Frauen waren es 35% gegenüber 10%(vgl.: HARYCH; 1997, 22). Bezüglich eines prozentualen Verhältnisses der Arbeitslosen gegenüber den Erwerbstätigen lagen alle vier Altersgruppen bei ca. 30%, am höchsten aber in der Gruppe der 50jährigen und älteren. Auch Schach et al. weisen in ihrer Studie ein erhöhtes Risiko für die Altersgruppe der über 55jährigen nach. Im Beobachtungszeitraum 1981 und 1982 liegt diese Altersgruppe noch bei ca. 10% aller Arbeitslosen, im September 1990 bei 18,4% und damit 4 Prozentpunkte über der allgemeinen Arbeitslosenquote (SCHACH et al., 1994, 35). Wüstenbecker gewinnt aus der Arbeitslosenstatistik von 1993 die Erkenntnis, daß die Altersgruppe von 45 bis 65 Jahren zwar ein unterdurchschnittliches Risiko, arbeitslos zu werden, trägt, dafür allerdings ihr Verbleiberisiko beträchtlich ist. Während die Dauer der Arbeitslosigkeit dieser Altersgruppe ansteigt, nimmt sie bei den jüngeren Altersgruppen ab (WÜSTENBECKER, 1995, 68).
Durch den Mangel an Ausbildungsstellen gibt es auch ein Übergewicht der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 25 Jahre unter den Arbeitslosen. Besonders prägnant war die „drop – out rate from the work-force“ mit ca. 30% bei den arbeitslosen Jugendlichen 1980. Schach et al. nennen für 1980 die Arbeitslosenzahlen von 10,7% bei den unter 20jährigen und 19,6% bei den 20 – 24jährigen, 1990 sind es noch 3,5% und 15,8% (SCHACH u.a., 1994, 36).
Aus der sächsischen Studie wurden folgende Erkenntnisse gewonnen:
„Männer hatten sich zu wesentlich höheren Anteilen am Arbeitsmarkt behaupten können (hs), darüber hinaus auf subjektiv sicheren Arbeitsplätzen.
Frauen trugen zu wesentlich höheren Anteilen die Arbeitslosigkeit.
Rund 1/3 der Probanden, Männer wie Frauen, hatten einen Arbeitsplatz, fühlten ihn aber so bedroht, daß sie sich Sorgen machten.
78,5% der männlichen Probanden waren berufstätig, aber nur noch 63,5% der weiblichen.“
(Harych, 1997, 23, siehe hierzu auch Tabelle 4 im Anhang)
In den alten Bundesländern zeigte die Arbeitslosenquote der Frauen zwar für 1997 einen niedrigeren Jahresdurchschnitt als die der Männer (Frauen: 10,7 % gegenüber den Männern mit 11,2 %), die Arbeitslosigkeit nahm bei den Frauen aber stärker zu (+8,5 % gegenüber +7,7 % bei den Männern) (vgl.: BA, Geschäftsbericht 1997, 15). Insbesondere unqualifizierte und gering qualifizierte Frauen sind vom Schicksal der Arbeitslosigkeit betroffen. Aber auch Hochschulabsolventinnen sind der Arbeitslosigkeit stärker ausgeliefert und weniger ausbildungsadäquat beschäftigt als Männer. Hinzu kommt die sogenannte „Stille Reserve“, die hauptsächlich aus Frauen besteht (vgl.: BA, Geschäftsbericht 1997, 15). Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Arbeit waren schon 1982 802.000 Menschen ohne Arbeit, die jedoch auch nicht arbeitslos gemeldet waren (vgl.: SCHACH et al., 1994, 37).
Aus den Studien von Harych (1997) und Schach et al., (1994) wird deutlich, daß eine niedere oder keine berufliche Qualifikation zu den Risikofaktoren für Arbeitslosigkeit gehört, und das im besonderen Maße bei Frauen. 54,8% der Arbeitslosen waren Ende September 1981 ohne Berufsausbildung. Seit Mitte der 80er Jahre ist dann ein Absinken bei dieser Gruppe zu verzeichnen bis der Anteil der Arbeitslosen ohne Ausbildung an allen Arbeitslosen 1990 46,8% beträgt. (Vgl.: SCHACH et al., 1994, 35; siehe hierzu auch Tabelle 5 im Anhang)
Büchtemann, in Harych 1997 zitiert, stellt fest, daß auch Sekundärfaktoren einer niederen Qualifikation, wie z.B. niedriges Einkommen und hohe Arbeitsbelastung zur Beeinträchtigung der psychologischen Gesundheit führen können, die wiederum eher zu Entlassungen führe und eine Wiedereinstellung erschwere. (Vgl.: BÜCHTEMANN, 1985, in: Harych, 1997, 34)
Auch während der Arbeitslosigkeit besteht die Gefahr, einer Minderung der Qualifikation. Vorhandene Potentiale gehen verloren – es beginnt der Prozeß der Dequalifikation. Niess mahnt deshalb zurecht an, daß mit dem Zumutbarkeitserlaß eine Dequalifikation der Arbeitslosen einhergehen kann, die in einen Teufelskreis mit Wechsel zwischen Arbeitslosigkeit und Wiedereinstellung in ein Beschäftigungsverhältnis mit niedrigerem Qualifikationsanspruch mündet. (Vgl.: NIESS, 1982, 236)
Ramsden und Smee schließen aus der DHSS Kohortenstudie unter arbeitslosen Männern, daß viele Personen, die arbeitslos werden, ihre schlechte Gesundheit schon aus der Erwerbstätigkeit mitbringen oder sozial benachteiligten Gruppen entstammen (vgl.: RAMSDEN/ SMEE, 1981, in: Schach et al., 1994, 22). Obwohl Harych kurz nach der Wende in Ostdeutschland einen Selektionsmechanismus so schnell nicht erwartet hat, ergibt sich aus der Studie in Sachsen, daß „mehr als eine chronische Erkrankungen“ einen Selektionsfaktor oder auch Risikofaktor für Arbeitslosigkeit darstellt (vgl.: HARYCH/ HARYCH, 1997, 106/107). Besonders in Zeiten großer Massenarbeitslosigkeit sind, nach Meinung von Büchtemann und Rosenbladt, Personen mit reduziertem Gesundheitszustand die ersten, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind und die besonders geringe Chancen haben, eine neue Arbeit zu finden (vgl.: BÜCHTEMANN/ ROSENBLADT, 1981, in: Harych, 1997, 114). Warr glaubt an eine Selbstselektion der Personen mit vermindertem psychischen Gesundheitszustand (vgl.: WARR, 1982, in: Harych, 1997, 114) Wüstenbecker sieht den Schwerpunkt in der relativ langen Verweildauer von durchschnittlich 10 Monaten in Arbeitslosigkeit bei Arbeitslosen mit gesundheitlichen Einschränkungen (vgl.: WÜSTENBECKER, 1995, 68).
Einen Teufelskreis mit dem Ergebnis einer längeren Verweildauer gibt es auch hier zu verzeichnen. Harych beschreibt einen Zusammenhang zwischen subjektiv empfundenen geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt und schlechterem Gesundheitszustand. Letzterer führt dann wieder zu noch geringeren Chancen auf dem Arbeitsmarkt und so weiter. (Vgl.: HARYCH, 1997, 99)
Eine Übersicht der Problemgruppen am Arbeitsmarkt gibt die Bewegungserhebung ST 9 im Vergleich zur Strukturbewegung ST 4 von 1992 der IAB (Institut für Arbeitsmarkt – und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit) (vgl.: IAB, IAB Kurzbericht, Nr. 6/3.6.1993, 4). Durch die Gegenüberstellung der Gruppenanteile bei Abgängen und Beständen wird der Anteil des Arbeitslosigkeitsvolumens erkennbar, welches auf diese Gruppe von Arbeitslosen entfällt und damit die Konzentration der Arbeitslosigkeit auf bestimmte Gruppen. Betrachten wir die Verteilung des Arbeitslosigkeitsvolumens auf die Problemgruppen mit einem der folgenden drei Merkmale, dann können wir eine Abstufung des Verbleiberisikos erkennen. Am stärksten diesem Risiko ausgeliefert ist die Gruppe der 55jährigen und älteren, dann folgt die Gruppe der Arbeitslosen mit gesundheitlicher Einschränkung und am geringsten haben dieses Risiko die Arbeitslosen ohne Ausbildung zu tragen. (Siehe hierzu auch Tabelle 6 im Anhang.)
Die aufgeführten Risikofaktoren können auch im Verbund auftreten, zumal sie sich teilweise gegenseitig bedingen wie z.B.:
die höhere Vulnerabilität im Alter oder
die „Kinderpause“ der Frauen (überwiegend übernehmen die Mütter diese Aufgabe). Sie führt zum Verlust zeitgemäßer Qualifikation, denn die spezifischen Kenntnisse verändern sich mit der zunehmenden Technisierung zu rasch. Frauen, die sich erstens im gebärfähigen Alter befinden und die zweitens wegen ihres Kindes pausiert haben, haben demnach ein höheres Verbleiberisiko zu tragen.
Menschen mit niedriger oder keiner Qualifikation sind bedingt durch das niedrige Einkommen und der damit häufig verbundenen harten körperlichen Arbeit öfter gesundheitlich eingeschränkt.
Immer, wenn es zu einer Häufung der Risikomerkmale kommt, erhöht sich das Verbleiberisiko für die/den Arbeitslose/n (siehe hierzu Abb.2). Aus dem Vergleich der Abgänge aus Arbeitslosigkeit mit dem Bestand an Arbeitslosen und der Betrachtung der durchschnittlichen Arbeitslosigkeitsdauer wird die Konzentration des Arbeitslosigkeitsvolumens bei Gruppe III deutlich.
Quelle: IAB Kurzbericht, Nr.6/3.6.1993,Deckblatt
Risikogruppen als nicht vollwertige Arbeitslose beschrieben und deshalb der Meinung, daß „ (...) Arbeitssuchende über 55, Behinderte oder gesundheitlich eingeschränkte Menschen“ (RICHTER, 1998, Nr. 019) aus der Arbeitslosenstatistik herausgerechnet werden müssen, ist Schommer, Wirtschaftsminister von Sachsen. Deutlich an dieser Aussage des Wirtschaftsministers wird die Verschiebung arbeitsmarktpolitischer Verantwortung für diese Risikogruppen an eine staatliche „ soziale Entschädigung “ (DEUTSCHER VEREIN FÜR ÖFFENTLICHE UND PRIVATE FÜRSORGE, 1993, 380). Ein „Recht auf Arbeit“, welches in der Realität nicht existiert, will Herr Schommer diesen Menschen aber auch moralisch oder theoretisch nicht zugestehen.
Im besonderen bei den Risikogruppen, aber auch bei anderen Arbeitslosen, die keiner dieser Gruppen zuzuordnen sind, hinterläßt jede Art und Zeit der Arbeitslosigkeit seine Spuren. Um auf sozialpolitischer Ebene agitieren zu können, müssen die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit für den Einzelnen bekannt und deren negative Folgen für Gesellschaft und Volkswirtschaft errechnet oder auch hypothetisch erfaßt werden.
Die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit im persönlichen Bereich hängen unmittelbar mit dem Wert, die diese Person und die Gesellschaft der Arbeit zuschreibt, zusammen. Was bekommt der/die Arbeitende im Tausch? Daß es sich dabei nicht nur um Geld handelt, geht schon aus Punkt 2.3 hervor. Negt bezeichnet Arbeit auch als wichtiges Sozialisationsmedium und verweist auf Freud: „ Keine andere Technik der Lebensführung bindet den einzelnen so fest an die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher einfügt.“ (NEGT, in: Wustmans, 1996, 25) Und weiter interpretiert Negt, daß eine frei gewählte Arbeit, Befriedigung ermöglicht, indem die eigenen Triebregungen durch Sublimierung fortgesetzt werden. Arbeit erweist sich ebenfalls als fähig, vergesellschaftungsfremde Triebkomponenten, wie narzistische, aggressive oder erotische Strebungen, in gemeinschaftsbildende umzuformen (vgl.: NEGT, in: Wustmans, 1996, 26). Unter diesem Punkt werden die in der Literatur beschriebenen persönlichen psychosozialen, sozialmedizinischen, wie auch finanziellen Folgen benannt und versucht, Empathie und Gedanken zur sozialpolitischen Lage zu wecken anstatt die durch den Neoliberalismus geprägten Verdrängungsmechanismen zu nähren.
Da sich Arbeitslosigkeit mit all ihren Primär – und Sekundärfolgen erschwerend auf eine potentielle Neueinstellung auswirkt und somit auch zu den Risiken für Arbeitslosigkeit zählen muß, sei die Langzeitarbeitslosigkeit, Arbeitslosigkeit, die länger als ein Jahr andauert, an erster Stelle genannt. Dies bestätigen Karr und John, hier allerdings in Bezug auf die Mehrfacharbeitslosigkeit, bei einer Betrachtung von zwei 5 – Jahreszeiträumen anhand von Daten aus der Leistungsempfängerdatei. Der Anteil der Leistungsempfänger, der lediglich eine Leistungsperiode aufwies, sank von 62 % im Zeitraum 1/1977 – 12/1981 auf 58% im Zeitraum 1/1982 – 12/1986. Die Hyothese, „ einmal eingetretene Arbeitslosigkeit sei die Hauptursache für erneute Arbeitslosigkeit, werden indirekt bestätigt.“ (KARR / JOHN, 1989 16, in: Wüstenbecker, 1995, 79) Harych nennt als Gründe für diesen Hysterese – Effekt: „(...) die Abschreibung des Humankapitals während der längeren Arbeitslosenphase, eine sinkende Motivation, sich um Arbeit zu bemühen, und die verminderten Einstellungschancen der Langzeitarbeitslosen gegenüber den Bewerbern aus ungekündigter Stellung.“ (HARYCH, 1997, 62) Nach Harych sind in besonderem Maße von diesem Kreislauf die Arbeitslosen mit chronischen Erkrankungen betroffen. Ihre Chance auf Wiederbeschäftigung sinkt erheblich. Der längere Verbleib in Arbeitslosigkeit wirkt sich wiederum negativ auf ihren Gesundheitszustand aus. Den Zusammenhang von relativ hoher Häufigkeit einer chronischen Erkrankung und schlechtem subjektivem Gesundheitszustand nach Stand im Berufsleben sieht Harych durch seine Befragung bestätigt. (Vgl.: HARYCH, 1997, 109)
Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an der Gesamtarbeitslosigkeit wuchs in den letzten Jahren stetig an. 1981 waren 16,2%, 1982 21,2% und 1990 schon 29,8% langzeitarbeitslos. 10% der Arbeitslosen, die die längsten Arbeitslosigkeitsdauern aufweisen, trugen 1990 48% des Arbeitslosigkeitsvolumens. (Vgl.: WÜSTENBECKER, 1995, 63) Diese Zahlen bestätigen einmal mehr, daß ein Selektionsprozeß auf Kosten der Risikogruppen, insbesondere jener mit einer Häufung der Merkmale, auf dem Arbeitsmarkt stattfindet. Belegt wird die Hypothese durch die Beobachtung einer Überschneidung der Langzeitarbeitslosen und der Risikogruppen für Arbeitslosigkeit. 1990 zählen nur 36,8% aller Arbeitslosen zu keiner der Risikogruppen (vgl.: SCHACH et al., 1994, 36; siehe hierzu auch Abb. 2). Die Risikogruppen sind wiederum in besonderem Maße von negativen Folgen der Arbeitslosigkeit betroffen. Die Faktoren, die zur Arbeitslosigkeit führten, kumulieren und potenzieren sich und verhindern eine mögliche Einstellung (vgl.: HAUCK/NOFTZ; SGB III E 010 Rz 115).
Wie schon weiter oben festgestellt, kann Arbeit einen gewissen Selbstzweck bedeuten, denn durch sie kann der Mensch schöpferisch und sinnstiftend tätig werden. Außerdem klang die psychosoziale Relevanz an. Der Hauptzweck besteht allerdings nach wie vor in der Erlangung eines sicheren Einkommens (vgl.: WILPERT, in: Hoffmann/Kramer, 1994, 30). Dieses trägt zur „(...) Erfüllung einer Bedingung des Überlebens in der modernen Gesellschaft bei: die Verfügung über Geld. Der Zugang zu wichtigen Mitteln der individuellen Reproduktion ist nur über Geldzahlungen möglich. Deshalb wird die Verfügung über Geld zum abstrakten Reproduktionsmittel.“ (GANSSMANN, 1996, 116) Die Möglichkeit zur Reproduktion wird durch eine Kündigung abrupt vermindert. Mit dem Bezug von Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Übergangsgeld oder Sozialhilfe kann und soll (als Motivationshilfe) der vorherige Lebensstandard nicht mehr erreicht werden.
Je nach Arbeitsmarktkonjunktur schwanken die Variablen des Rechtsanspruchs auf Arbeitslosengeld und die Anspruchsvoraussetzungen. Je höher der Anteil der Arbeitslosen an der Gesamtbevölkerung ist, desto niedriger ist der Anteil der Arbeitslosengeldempfänger und desto höher ist der Anteil der Arbeitslosenhilfeempfänger und der Arbeitslosen, die keine Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung erhalten, im Verhältnis zueinander. Letztgenannte Gruppe beträgt gemäß Schach et al.. etwa ein Drittel aller Arbeitslosen während des Beobachtungszeitraumes (vgl.: SCHACH et al., 1994, 31) Andersherum ausgedrückt: Schon 1984 liegt der Anteil der registrierten Arbeitslosen, die Hauptunterstützung, also Arbeitslosengeld, erhalten bei lediglich 35%. Ursache dafür ist das Haushaltsbegleitgesetz 1983 (Gesetz vom 20.12.1982 – BGBl. S. 1857), welches bezüglich des Arbeitslosengeldes die Anspruchsdauer reduzierte und die benötigte Versicherungszeit verlängerte. Seit 1984 (AFG – Änderungsgesetz vom 20.12.1984 – BGBl. S. 1713) wurde dann aber die Anspruchsdauer für Arbeitslose ab 42 Jahren, gestaffelt nach Alter und Dauer der beitragspflichtigen Beschäftigungsdauer, verlängert, um generell den Bezug von Arbeitslosengeld und die Schutzfunktion der Arbeitslosenversicherung zu stärken (vgl.: HAUCK/NOFTZ, SGB III K § 127 Rz 4 u. 5).
Als Voraussetzung für den Erhalt von Arbeitslosengeld gilt eine Mindestversicherungszeit von 12 Monaten in den vorangegangenen 3 Jahren. Die Anspruchsdauer (gemäß § 127 SGB III) ist nach Versicherungszeit[1] und Lebensalter gestaffelt, sie beträgt mindestens 6 Monate und bei jüngeren Personen unter 45 Jahren höchstens 12 Monate. Die maximale Anspruchsdauer liegt bei 32 Monaten für Arbeitslose ab 57 Jahren mit einer Versicherungszeit von mindestens 64 Monaten. Gegen die Staffelung nach Alter und Versicherungszeit gibt es Einwände aus zwei Richtungen. Es bestehen verfassungsrechtliche Bedenken, denn die Staffelung sei willkürlich und gleichheitswidrig (BT – Drucks 11/435 S.9). Das Bundesverfassungsgericht allerdings hält eine stärkere Anbindung der Anspruchsdauer an Bedürftigkeitskriterien, mit Verweis auf Art 3 GG, bei der Staffelung für grundgesetzkonform. (Vgl.: HAUCK/NOFTZ, SGB III K § 127 Rz 10) Das SGB III nimmt dabei eine Mittelstellung ein. Es berücksichtigt einerseits, daß ältere Arbeitslose wesentlich stärker von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind, und andererseits die Forderung langjährig Versicherter, eine entsprechende Versicherungsleistung zu erhalten.
Nach dieser Zeit kann die Anschluß – Arbeitslosenhilfe beantragt werden. Die Leistungsdauer unterliegt keiner Begrenzung. Wer im letzten Jahr vor Antragstellung mindestens 5 Monate beitragspflichtig beschäftigt[2] war, kann die Originäre Arbeitslosenhilfe beantragen. Die Alhi (Arbeitslosenhilfe) wird jeweils für ein Jahr bewilligt, danach werden die Anspruchsvoraussetzungen neu geprüft.
Die Höhe des Alg (Arbeitslosengeldes) beträgt 60% des infolge einer Arbeitslosigkeit ausfallenden pauschalierten Nettoarbeitsentgelts, bei mindestens einem zu berücksichtigenden Kind erhöht sich dieses auf 67%. Die Arbeitslosenhilfesätze liegen deutlich niedriger. Kinderlose erhalten 53%, Anspruchsberechtigte mit mindestens einem zu berücksichtigenden Kind erhalten 57% des pauschalisierten Nettoarbeitsentgelts. Der Anspruch auf Arbeitslosenhilfe ist gemäß § 193 SGB III stets bedürftigkeitsabhängig. Die ohnehin finanziell schlechter gestellten Arbeitslosenhilfebezieher sind einer zunehmenden Kontrolle ausgesetzt. Wer z.B. mehr als 8.000,- DM an Vermögen angespart hat, kann mit Hilfe eines Datenabgleichs beim Bundesamt für Finanzen aufgespürt werden. Auch die Banken und Krankenkassen - die Daten der Krankenkassen geben Aufschluß über weitere, evtl. auch beitragsfreie, Beschäftigungsverhältnisse - geben dem Arbeitsamt Auskunft. (Vgl.: Hamburger Abendblatt, Nr.198, 26.8.1998, S.19 „Arbeitsamt prüft Bankkonten“)
Aber selbst wenn das Arbeitsamt während der ersten 3 Monate der Arbeitslosigkeit einen Arbeitsplatz anbietet, kann das eine Verschlechterung bedeuten, denn zumutbar[3] sind Beschäftigungen, deren Vergütung mindestens 80% des Arbeitsentgelts erreicht, das der Bemessung des/der Alg/Alhi – Leistungen zugrunde liegt. Nach einer Arbeitslosigkeitsdauer von mehr als 3 bis zu 6 Monaten muß der/die Arbeitslose unter Umständen eine Beschäftigung annehmen, die mit 70% der Bemessungsgrundlage vergütet wird und ab dem 7. Monat der Arbeitslosigkeit gilt der Grundsatz: „ Beschäftigungen sind zumutbar, wenn das daraus erzielbare Nettoeinkommen nach Abzug der mit der Beschäftigung zusammenhängenden Aufwendungen (z.B. tägliche Fahrkosten) das Arbeitslosengeld bzw. die Arbeitslosenhilfe nicht unterschreitet.“ (BA, Geschäftsbericht 1997, 66; siehe auch § 121 Abs.3 S.3 SGB III) Tritt nach einer Erwerbstätigkeit in einem Arbeitsverhältnis mit einem niedrigeren Arbeitsentgelt erneut Arbeitslosigkeit ein und muß ein Neuantrag gestellt werden, richtet sich die Höhe des Alg/der Alhi nach der letzten und niedrigeren Nettoarbeitsvergütung. Dieser Kreislauf stellt eine Gefahr für die finanzielle Situation Mehrfacharbeitsloser dar.
Da die Höhe der Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung an das vorangegangene Einkommen gekoppelt ist, kann das Alg bzw. die Alhi bei Arbeitslosen, die ein niedriges Einkommen hatten, häufig nicht vor der Abhängigkeit von Sozialhilfeleistungen schützen. Besonders betroffen von dieser Problematik, die sich u.a. aus den oben angeführten Kreisläufen ergibt, sind auch Langzeitarbeitslose und Mehrfacharbeitslose. Die Langzeitarbeitslosen vertraten 1989 einen Anteil von 31,4 % aller Arbeitslosen, jedoch 68 % aller Arbeitslosen, die zusätzlich HLU (Hilfe zum Lebensunterhalt) bezogen. Mehrfacharbeitslose waren in dieser Gruppe immerhin mit 29 % vertreten. (Vgl.: WÜSTENBECKER, 1995, 88/89) Aus der Tabelle 7 (im Anhang) wird ersichtlich, daß der haushaltliche Kontext eine arbeitslosigkeitsbedingte Armut nach sich ziehen kann. Vergleicht man die Struktur der HLU – empfangenden Haushalte, in denen mindestens ein arbeitsloser Angehöriger lebt, mit den HLU – empfangenden Haushalten insgesamt, dann ist festzustellen, daß Einzelpersonen und Haushalte mit mehr als drei Personen überrepräsentiert sind. Das heißt im Umkehrschluß, daß ein erwerbstätiger Anghöriger die finanzielle Belastung eines/einer Arbeitslosen dämpfen kann. Eine Einzelperson oder Ehepaare, bei denen ein Partner wegen der Kinder nicht erwerbstätig sein kann, sind dagegen im besonderen Maße gefährdet, Armut zu erfahren (HLU – Bedürftigkeit wird z.B. von WÜSTENBECKER, 1995, 34/35 mit Armut gleichgesetzt).
Dem fünften Familienbericht kann dazu in Verbindung mit einer Tabelle zum Alter und Familienstand der Arbeitslosen (siehe hierzu Tabelle 8 im Anhang) eine Kritik an der Familienpolitik entnommen werden: „ Es kann die Familienpolitik nicht unberührt lassen, daß gerade in jener Familienphase, in der das Familieneinkommen zu einem erheblichen Teil der Deckung der Kinderkosten dient, Familien besonders von der Gefahr der Arbeitslosigkeit betroffen sind.“ (Fünfter Familienbericht, 1994, 162)
Wenn eine Vielzahl von Unternehmungen, die mit sozialen Kontakten verbunden sind, wie z.B. Essengehen, der Besuch von kulturellen Ereignissen, selbstorganisierte Feste, Reisen, etc. nicht mehr bezahlt werden können, hat das Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen (vgl.: BARWINSKI FÄH, 1990, 228). Der finanziellen Belastung der Arbeitslosen können weiterhin Auswirkungen auf die Psyche, auf die subjektive und später auf die objektive Gesundheit und auf das Verhalten folgen. Jahoda erforschte die psychischen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit 1930 in Marienthal. Dabei kristallisierten sich vier Haltungstypen der Arbeitslosen heraus, die in engem statistischen Zusammenhang mit der Höhe der Unterstützung oder Sozialhilfe pro Konsumptionseinheit stand. „ Setzt man die Geldmittel derjenigen mit ungebrochener Moral bei einem Wert von 100 an, dann rangieren die Resignierten bei 88, die Verzweifelten bei 74 und die Apathischen bei 56.“ (JAHODA, 1983, 43/44) Je höher der Grad der ökonomischen Deprivation ist, desto negativer wird Arbeitslosigkeit erlebt, desto stärker wächst die Tendenz zum sozialen Rückzug und desto stärker ist die Tendenz zur Verschlechterung des Gesundheitszustandes (vgl.: HARYCH, 1997, 100/101).
Mit der Art des Leistungsbezuges, welche oben aufgeführt wurden, ist auch der soziale Status verbunden. Die Beantragung von Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung, des Arbeitslosengeldes, wäre, laut einer Umfrage in den alten Bundesländern von 1992, 29% der Befragten peinlich. Bei der Arbeitslosenhilfe lag der entsprechende Anteil bei 47 % und bei regelmäßigen Zahlungen der Sozialhilfe sogar bei 71 % (vgl.: HARYCH, 1995, 81). Mit Zunahme der Bedürftigkeitsvoraussetzungen für die Leistungen sinkt demnach der soziale Status. Dieser, den Empfängern der unterschiedlichen Leistungsarten zugeschriebene soziale Status, hat einen großen Einfluß auf das Selbstwertgefühl. „ Arbeit bedeutet in sozialer Hinsicht, einen Platz in der Gemeinschaft und damit einen persönlichen Stellenwert zu haben.(...) Verwandte, Freunde, Nachbarn schätzen einen danach ein – und wer wäre bei einer Selbsteinschätzung frei von diesem Fremdurteil?“ (HEINICHEN, in: Hoffmann/Kramer, 1994, 62)
Neben der Fremdeinschätzung, die den sozialen Status prägt, trägt zur Selbsteinschätzung oder auch zur Aufrechterhaltung eines „ narzistischen Gleichgewichts“ (BARWINSKI FÄH, 1990, 228) zu einem großen Teil das durch die Arbeit gewonnene Kompetenzgefühl, die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz sowie „(...) die Bestätigung der eigenen Identität durch die Bedeutung, die die Arbeit für den Einzelnen hat (...)“ (BARWINSKI FÄH, 1990, 228) bei. Mittels der Untersuchungen von Barwinski Fäh konnten folgende Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl herausgestellt werden: Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes als Bestätigungsquelle, kommen – je länger in Arbeitslosigkeit desto stärker – Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit. Die meisten befragten Arbeitslosen zeigten aufgrund einer Verringerung des Kompetenzgefühls Verhaltensweisen, die bei depressiven Krankheitsbildern üblich sind, wie Rückzug, Antriebshemmung, Gedankenkreisen, Sinnlosigkeitsgefühle und Selbstanklagen. Dagegen waren konstruktive Bewältigungsmuster wie z.B. die Verwirklichung eigener, evtl. anderer, Fähigkeiten in Nebenbeschäftigungen eher selten. Eine Stabilisierung des Selbstwertgefühls hing von individuellen Ressourcen wie Flexibilität, Kreativität und Interaktionskompetenz ab. Außerdem spielten die objektiven Chancen auf dem Arbeitsmarkt und die Dauer der Arbeitslosigkeit eine wesentliche Rolle.
In der Studie von Harych gab die Hälfte der Befragten an, weniger Kontakte mit Freunden und Kollegen zu haben (vgl.: HARYCH, 1997, 197). „ Kontakte mit familienexternen Personen liegen oft Monate zurück.“ (KIRCHLER, 1993, 63) Die Intensität einer Isolationstendenz nimmt mit der Dauer der Arbeitslosigkeit zu (vgl.: KIRCHLER, 1993, 63 und BARWINSKI FÄH, 1990, 233/234). Außerdem sind besonders jene Arbeitslose von diesem Problem betroffen, die allgemein Mühe haben, Kontakt zu finden. Die am Arbeitsplatz geknüpften Kontakte sind bei diesen Menschen oftmals die einzigen, denn sie verlangen eine weit geringere Interaktionskompetenz durch den vorgegebenen und gesicherten Rahmen des Arbeitsumfeldes (vgl.: BARWINSKI FÄH, 1990, 232).
Die Ursachen für Isolationsverhalten liegen darin begründet, daß der gemeinsame Erfahrungsbereich mit ehemaligen Arbeitskollegen verlorengeht, daß durch die Stigmatisierung und das verminderte Selbstwertgefühl der Arbeitslosen diese in die Isolation, in die Anonymität flüchten und daß die finanzielle Lage keine kostenpflichtigen kommunikationsfördernden Unternehmungen mehr zulassen.
Die Folgen des Isolationsverhaltens setzen einen Teufelskreis in Gang. Denn in der Isolation verkümmert die Interaktionskompetenz. Im extremen Fall wird der/die Arbeitslose regelrecht menschenscheu (vgl.: BARWINSKI FÄH, 1990, 232 und BALSEN u.a., 1983, 104).
Relevante Faktoren bei der Frage, ob es Arbeitslosen gelingt, aus der sozialen Isolation auszubrechen, sind ihre Interaktionskompetenz und Persönlichkeitsfaktoren wie Extra – bzw. Introversion (vgl.: BARWINSKI FÄH, 1990, 234). Eine wichtige Rolle spielt auch die Zuschreibung der Verantwortung für die Arbeitslosigkeit. Gibt sich der/die Arbeitslose selbst die „Schuld“ am Verlust des Arbeitsplatzes, dann wird die Isolationstendenz steigen. Sucht er/sie die Verantwortung u.a. in der Politik und Wirtschaft, wird die Interaktionstendenz steigen. Das gilt allerdings nur, wenn die geistigen Innovationsbemühungen der Arbeitslosen auch Aussicht auf praktische Umsetzung haben (vgl.: BARWINSKI, 1990, 211-214, 234).
Da Arbeitslosigkeit häufig mit einem Rückzug aus den sozialen Beziehungen in die Kleinfamilie hinein verbunden ist, und damit „(...) ein Großteil des alltäglichen Konfliktmaterials auf den familiären Bereich übertragen“ (KIRCHLER, 1993, 58) wird, steigt die Relevanz des familialen Support – Potentials. Die Probleme, die der/die Arbeitslose im gesellschaftlichen Rahmen erlebt, können auch hier auftreten, denn er/sie begegnet den Familienangehörigen mit seiner/ihrer geringen Selbstwertschätzung und mit der Erwartung, daß die Familienangehörigen ihn/sie ähnlich einschätzen (vgl.: BARWINSKI FÄH, 1990, 224). In einigen Fällen wird der Familie sogar die Arbeitslosigkeit verheimlicht und der/die Betroffene hofft, vor dem Versiegen der finanziellen Ressourcen eine neue Stelle gefunden zu haben.
Die Stabilität der Familie kann ebenfalls stark durch die veränderte Rollenverteilung ins Schwanken geraten. Den Arbeitsplatz zu verlieren, nicht mehr für die eigene Familie aufkommen zu können, sich vom erwerbstätigen Partner oder Partnerin abhängig zu fühlen, bedeutet oft auch den Verlust der Rollenidentität (vgl.: BARWINSKI FÄH, 1990, 210). Die Situation der Familien mit einem/einer oder mehreren Arbeitslosen verändert sich jedoch auch schon durch die Tatsache, daß die Familienangehörigen jetzt wesentlich mehr Zeit miteinander verbringen (müssen).
Ob die familiale Situation als Unterstützung für das arbeitslose Familienmitglied wirken kann oder ob sich die Betroffenen an den zusätzlich auftretenden Problemen zerreiben, ist nach Barwinski Fäh davon abhängig, ob Probleme generell, und während der Arbeitslosigkeit insbesondere die bestehenden Selbstzweifel des/der Arbeitslosen, offen angesprochen und reflektiert werden (vgl.: BARWINSKI, 1990, 225). Die unterschiedliche Quantität der familialen Unterstützungsmechanismen definieren Wetzels und Schindler als die Ursache für die moderierende oder verstärkende Wirkung der durch Arbeitslosigkeit ausgelösten psychischen Belastungen Arbeitsloser (vgl.: WETZELS/SCHINDLER, 1990, in: HARYCH, 1997, 57). Allerdings stellt Harych aufgrund seiner Studie fest, daß das „ Solidaritätsgefühl in der Familie, (..) angesichts der zusätzlichen sozialen Belastungen bei den Arbeitslosen, Einwirkungen auf den Gesundheitszustand nicht verhindern (..)“ (HARYCH/HARYCH, 1997, 103) konnte.
Eine besondere Belastung in den Familien Arbeitsloser haben die Kinder zu tragen. Die finanzielle Belastung spüren auch sie direkt durch den Zwang zu Einsparungen bei den Lebenshaltungskosten. Die psychischen Belastungen der Eltern bzw. des Elternteils wirken, evtl. auch durch Kompensationsverhalten dieser, indirekt auf die Kinder ein. Internalisiert werden die Verarbeitungsmechanismen der Arbeitslosigkeit wie z.B. sozialer Rückzug, Depressivität und Verminderung des Selbstwertgefühls. Kieselbach beschreibt die Kinder Arbeitsloser wie folgt: Sie „(...) weisen ein geringes Selbstwertgefühl auf, machen häufig selbstabwertende Bemerkungen, sind depressiver, einsamer, empfindsamer, weniger gesellig, mißtrauischer und weniger in der Lage, Streß zu bewältigen.“ (KIESELBACH, zit. n. Harych, 1997, 59)
Auf der sozialmedizinischen Grundlage basierende Hypothesen formulieren die Erwartung, daß nach den oben genannten psychosozialen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit nun auch eine Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustandes, insbesondere bei den Langzeitarbeitslosen eintreten müßte. Ergebnisse der verschiedenen Untersuchungen, die diese Hypothese zu bestätigen scheinen, lassen allerdings nicht immer eindeutig erkennen, ob der im Verhältnis zu Erwerbstätigen schlechtere Gesundheitszustand eine Ursache für oder eine Folge von Arbeitslosigkeit ist. Im Folgenden werden verschiedene Studien zitiert. Bevor allerdings die verursachenden Faktoren für Gesundheitsbeeinträchtigungen bei von Arbeitslosigkeit Betroffenen analysiert werden, erfolgt eine Differenzierung in psychische und psychophysiologische Auswirkungen, die sich in ihren Symptomen unterscheiden.
Um den Gesundheitszustand objektiv zu beurteilen, müssen meßbare Daten vorhanden sein, die nicht mit subjektiven Annahmen, Gefühlen etc. verknüpft werden. In der Literatur werden auch die ärztlichen Diagnosen als objektive Daten behandelt, wenngleich diese einem Etikettierungsprozeß (siehe auch Punkt 2.5.6.5.5 ) unterliegen können. Andererseits fehlt bei der Betrachtung der meßbaren Daten und Fremddiagnosen die Untersuchung der subjektiven Empfindung des Individuums. Dieser Aspekt folgt deshalb im nächsten Punkt.
Aus der Studie von Harych 1993/1994 ist zu ersehen, daß die Rate der Arbeitslosen, bei denen sich der durch den Arzt festgestellte objektive Gesundheitszustand verschlechtert hatte, höher war als bei einer Vergleichsgruppe Erwerbstätiger (vgl.: Harych, 1997, 114; siehe hierzu Tabelle 9 im Anhang). Genannt werden in diesem Zusammenhang die Häufung folgender Krankheiten: Bluthochdruck, Rückenleiden (z.B. Halswirbelsäulensyndrom) und diverse chronische Erkrankungen, u.a. Magen – Darm – Störungen und Erkrankungen des Herzens, wie Angina Pectoris (vgl.: HARYCH, 1997, 134/168/169).
Schach et al. ermitteln in ihrer Studie für Lang – und Kurzzeitarbeitslose[4] häufigere und längere Arbeitsunfähigkeitszeiten, insbesondere während einer Erwerbstätigkeit, und Krankenhausaufenthalte als für durchgehend Erwerbstätige (vgl.: SCHACH et al., 1994, 150/151, 166-168). Sie kommen zu dem Schluß, daß Langzeitarbeitslose einen schlechteren Gesundheitszustand aufweisen als Kurzzeitarbeitslose und daß letztere wiederum gesundheitlich schlechter gestellt sind als durchgängig Beschäftigte (vgl.: SCHACH et al., 1994, 97). Leider differenzieren die Autoren bei den Arbeitsunfähigkeitszeiten und Krankenhausaufenthalten die Diagnosegruppen nicht in Bezug zur jeweiligen Beobachtungsgruppe (Langzeit -, Kurzzeitarbeitslose, durchgängig Beschäftigte). Auch einen Beweis für eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes durch Arbeitslosigkeit bleibt uns diese Studie schuldig. So kann z.B. auch angenommen werden, daß die längeren Arbeitslosigkeitszeiten gerade durch eine gesundheitliche Beeinträchtigung verursacht wurden.
Aus dem Datensatz des Nationalen Untersuchungssurveys, zweite Erhebungsrunde von 1987-1989 ( NUS t 1 ), der Deutschen Herz – Kreislauf – Präventionsstudie, seien an dieser Stelle die Aussagen der Probanden über die Anzahl von Tagen mit Bettlägerigkeit und das Auftreten ausgewählter Krankheiten, die ich zum objektiven Gesundheitszustand zähle, angeführt. Bei den meisten dieser ausgewählten Krankheiten, nach denen die Probanden gefragt wurden, waren die Arbeitslosen, das sind jene Probanden, die zur Zeit der Befragung arbeitslos waren, statistisch signifikant schlechter gestellt. Dies gilt für Herzschwäche, Diabetes, Durchblutungsstörungen in den Beinen, Arthritis u.ä., chronische Bronchitis, Leberentzündung u.ä., Leberzirrhose, Magengeschwüre u.ä., Schilddrüsenkrankheiten und diverse Behinderungen. Männliche Arbeitslose trugen nach der geschlechtsspezifischen Untersuchung zu urteilen, ein besonders hohes gesundheitliches Risiko (vgl.: SCHACH et al., 1994, 225/226). Arbeitslose wiesen außerdem durchschnittlich einen wesentlich längeren Zeitraum mit Bettlägerigkeit auf als Erwerbstätige (vgl.: SCHACH et al., 1994, 224). Besonders ausgeprägt war die lange Bettlägerigkeit bei arbeitslosen Männern.
Ebenfalls Aufschluß über den Gesundheitszustand, aber auch über das Gesundheitsverhalten geben Untersuchungen über die Medikamenteneinnahme. Harych beobachtet bei den Arbeitslosen und in besonderem Maße bei den Langzeitarbeitslosen eine häufigere Einnahme von Schlaf –, Beruhigungs und Schmerzmitteln (vgl.: HARYCH, 1997, 129-132). Da diese Medikamente selten vom Arzt verschrieben worden waren, geht Harych davon aus, daß die Probanden die Kosten für die Arzneimittel selber tragen mußten und die Einnahme eher einschränkten. Ein ebenfalls relevanter Faktor für die von Harych beobachtete Zurückhaltung vieler Langzeitarbeitsloser bei der Medikamenteneinnahme ist der steigende Modus der Zuzahlung für die Versicherten. Der daraus resultierende Verzicht auf medikamentöse Behandlung ohne wirksame Alternativen kann wiederum als Risikofaktor für eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes gesehen werden.
Aufgrund mangelnder Forschungsergebnisse sind neue Studien, die den psychischen und somatischen Gesundheitszustand der Arbeitslosen, in Zusammenhang mit der Art der Diagnoseverfahren, den Behandlungen, den Überweisungen oder Verweisungen (z.B. an soziale Einrichtungen, Selbsthilfegruppen etc.)durch die Ärzte/innen und dem Medikamentenverbrauch der Arbeitslosen, untersuchen, notwendig
Ein weiterer Faktor, der auf die epidemiologische Relevanz von Arbeitslosigkeit für den Gesundheitszustand hinweist, ist die Mortalitätsrate. In der Literatur wird für Arbeitslose übereinstimmend ein höheres Mortalitätsrisiko definiert (vgl.: SCHACH et al., 1994, 188/189). Zum Zusammenhang von sozioökonomischem Status und Mortalitätsrate siehe auch KLEES/WEYERER, 1986, 131-135 und SIEGRIST, in: Kaiser et al., 1996, 95-98.
Relevant für eine multidimensionale Erfassung des allgemeinen Gesundheitszustandes der Probanden ist auch der subjektive Gesundheitszustand. Franke et al. (1987) behaupten, daß subjektive Angaben zum Gesundheitszustand habituelle Einstellungen erkennen lassen und somit das subjektive Befinden mehr sei als nur die Reflexion des körperlichen Zustandes (vgl.: HARYCH, 1997, 86). Diese These ist allerdings noch um einige Faktoren zu ergänzen, denn tatsächlich spiegeln sich in der subjektiven Aussage nicht nur disponierte oder erlernte Verhaltens – oder Charaktermerkmale, sondern auch alle psychosozialen und kulturellen Erfahrungen, Einflüsse und Möglichkeiten.
Im Gegensatz zu einigen anderen Studien diesbezüglich liegt der Vorteil bei Harych in der Differenzierung der Probanden in vier Gruppen. Dabei werden die Erwerbstätigen in zwei Gruppen eingeteilt: Berufstätige ohne - beziehungsweise in Sorge um ihren Arbeitsplatz. Die Arbeitslosen werden unterteilt in Lang – beziehungsweise Kurzzeitarbeitslose. Hierbei tritt der große Unterschied des subjektiven Gesundheitszustandes bei den einzelnen Gruppen ans Licht. Die Langzeitarbeitslosen gaben ihren Gesundheitszustand zu 25,9% mit „mehr schlecht“ oder „schlecht“ an, von den Berufstätigen in Sorge waren es 23%, Kurzzeitlose waren mit 17,5% und Berufstätige ohne Sorgen mit 14,1% nach eigenen Angaben von einem schlechteren Gesundheitszustand betroffen (vgl.: HARYCH, 1997, 92). Männer und Frauen unterschieden sich bezüglich des subjektiven Gesundheitszustandes in dieser Studie nicht signifikant. Mit zunehmendem Alter verschlechterte sich dieser aber, was aus epidemiologischer Sicht jedoch normal ist. Besonders betroffen waren ältere Berufstätige in Sorge. Ein weiterer Faktor, der einen statistischen Zusammenhang mit einer Verschlechterung des subjektiven Gesundheitszustandes hat, ist die Qualifikation. Für alle Gruppen galt: Je höher die Qualifikation war, desto besser war der Gesundheitszustand. Dieses Ergebnis stimmt mit vielen Studien überein, die sich mit sozialen Schichten und Armut auseinandersetzen. Oppolzer stellt z.B. fest, daß sich Ungleichheiten im Produktionsprozeß in Ungleichheiten in den materiellen Lebensverhältnissen und im Reproduktionsprozeß fortsetzen (vgl.: OPPOLZER, in: Mielck, 1993, 125/126).
Durch weitere Fragestellungen, wie z.B. zum Einfluß der familiären Situation, der Hoffnung auf einen Arbeitsplatz und sozialer Belastungen auf den selbst wahrgenommenen Gesundheitszustand, und deren Ergebnisse wird die These, daß die Angaben zum subjektiven Gesundheitszustand auch aus psychosozialen Erfahrungen, Einflüssen und Bewältigungspotentialen des Individuums resultieren, bestätigt (vgl.: HARYCH, 1997, 98-101). Personen, die allein lebten und ein Kind zu betreuen hatten, gaben häufiger einen schlechten subjektiven Gesundheitszustand an, insbesondere dann, wenn sie in Sorge um ihren Arbeitsplatz waren. Als schlecht beurteilten die Probanden ihren Gesundheitszustand weniger häufig (15,9%), wenn sie die Hoffnung auf einen Arbeitsplatz hatten und häufiger (23,9%), wenn diese Hoffnung nicht vorlag. Zusätzliche soziale Belastungen, die mit Haushalt, Pflege, Erziehung, familiären Auseinandersetzungen, Wohnverhältnissen, Arbeitslosigkeit des/der PartnerIn einhergehen, belasteten den subjektiven Gesundheitszustand von Berufstätigen in Sorge und Arbeitslosen mehr als von Berufstätigen ohne Sorgen. Einen Überblick der Beschwerdeliste mit einer Differenzierung nach Stand im Berufsleben bietet die Tabelle 10 im Anhang.
Auch der NUS t 1 beinhaltet eine Beschwerdeliste. Danach haben Arbeitslose in vielen Bereichen größere gesundheitliche Beschwerden als Erwerbstätige. Dies gilt besonders für Schmerzen im Bewegungsapparat, starkes Schwitzen, Grübelei, Schweregefühl in den Beinen und Überempfindlichkeit gegen Wärme (vgl.: SCHACH et al., 1994, 223/224). Hauptsächlich lassen sich die Unterschiede in der Häufigkeit der Beschwerden bei den Männern beobachten (siehe hierzu Tabelle 11 des NUS t 1.)
Entsprechend dem subjektiven Gesundheitszustand, wird der Arzt/die Ärztin häufiger oder seltener in Anspruch genommen. Die Gruppe der Berufstätigen in Sorge war hier am häufigsten (mit 54,9%) vertreten, bei den Arbeitslosen waren 54,1% in den letzten vier Wochen vor der Befragung beim Arzt gewesen. Dagegen waren es nur 47,6% der Berufstätigen ohne Sorgen (vgl.: HARYCH, 1997, 140). Der NUS t 1 zählt 44,6% der Arbeitslosen gegenüber 39% der Berufstätigen mit einem als schlecht wahrgenommenen Gesundheitszustand (vgl.: SCHACH et al., 1994, 225).
Relevant für eine Bestimmung der potentiellen Gefahr einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes oder einer Erkrankung sind folgende Faktoren : Blutdruck und Body – Mass – Index, Inanspruchnahme der ärztlichen Heilbehandlung und Prophylaxe, Ernährung, Cholesterinwerte, Alkohol – und Tabakkonsum. Hier sollen insbesondere die Ergebnisse der Untersuchungen von Harych (1997), Schach et al. (1994) und dem Nationalen Untersuchungssurvey (Schach et al., 1994, 195-231) präsentiert werden.
Der Blutkreislauf, welcher hormonell gesteuert wird, reagiert auf äußere Einflüsse regulierend. Andauernde Störungen desselben sind häufig ein Zeichen dafür, daß äußere Reize nicht mehr kompensiert werden können (vgl.: HARYCH, 1997, 133). Ein ständig erhöhter Blutdruck kann gefährliche Folgekrankheiten nach sich ziehen. Eine wichtige Präventionsmaßnahme ist deshalb die ständige Kontrolle des Blutdrucks. Harych stellt anhand seiner Untersuchung an Probanden aus Sachsen fest, daß die Rate der Personen mit „zu hohem“ Blutdruck (gemäß der WHO von 1978) bei der Gruppe der Arbeitslosen mit 18,4% am höchsten ist. Danach folgen die Berufstätigen in Sorge mit 15,5%, zuletzt die Berufstätigen ohne Sorgen. Als eventuell gefährlich schätzt er das Ergebnis des subjektiv eingeschätzten Blutdrucks ein, denn dieser lag generell über dem objektiv gemessenen. Auch Kasl/Cobb (1970) und Cook et al. (1982) fanden bei ihren Untersuchungen erhöhte Blutdruckwerte bei Arbeitslosen, Kasl/Cobb sogar schon damals bei Personen, die ihre Entlassung erwarteten und bei jenen, die sich in der Probezeit befanden (vgl.: HARYCH, 1997, 136). Der NUS t 1 weist bezüglich des Blutdrucks eine unwesentliche Differenz bei den Frauen auf, während bei den Männern 21,3% arbeitslose 17,7% erwerbstätigen Männern mit erhöhtem Blutdruck gegenüberstehen.
Der Body – Mass – Index mißt das Verhältnis zwischen Körpergröße und Gewicht. Er ist bei höherem Wert ein Indikator für Übergewicht, welches wiederum ein Risikofaktor für Herz – Kreislauferkrankungen darstellt. Veränderungen des Indexes nach unten treten bei diversen Erkrankungen, psychosomatischen Beschwerden und längerem Streß auf. Harych stellt fest, daß sich bei den Probanden insgesamt keine Unterschiede beobachten ließen. Bei der geschlechtsspezifischen Betrachtung allerdings entdeckte er, daß insbesondere übergewichtige Frauen ungleich auf die verschiedenen Erwerbsstatusgruppen verteilt waren. 63,2% der arbeitslosen Frauen gegenüber 46,9% der beschäftigten Frauen in Sorge und 33,2% ohne Sorgen galten als übergewichtig. Harych schließt nicht aus, daß das Übergewicht Kündigungsgrund oder Einstellungshemmnis darstellen könnte. Morris et al. (1992) konnten durch ihre Untersuchung ein Ansteigen des Körpergewichts zum Zeitpunkt der Entlassung feststellen und somit die Arbeitslosigkeit als Ursache erkennen. Aus dem NUS t 1 ist nur ein leicht höherer Prozentsatz an Übergewichtigen bei Arbeitslosen (15,0%) als bei Erwerbstätigen (14,0%) ersichtlich (vgl.: SCHACH et al., 1994, 228).
Cholesterin wird in der Leber produziert und dient als Baustoff für Zellwände und als Grundstoff für Hormone, Vitamin D und Gallensäuren. Bei einer Überproduktion von Cholesterin oder einer erhöhten Zufuhr durch die Nahrung lagert sich dieses in den Blutgefäßen ab. Sind die Gefäße dann verengt, die Gefäßwände verhärtet, spricht man von Arteriosklerose. Blut- und Sauerstoffversorgung funktionieren unzureichend und es besteht die Gefahr eines vollständigen Gefäßverschlusses, einer Thrombose.
Die Ergebnisse des NUS t 1 , die von Schach et al. als Ergänzung zur eigenen Studie beschrieben werden, enthalten auch Untersuchungsergebnisse zum erniedrigten HDL – Cholesterin bzw. zum erhöhten Gesamtcholesterin und zum erhöhten Quotienten aus Gesamtcholesterin und HDL – Cholesterin. In der Gruppe der Arbeitslosen zeigen sich in allen Untersuchungen höhere Raten mit gesundheitsgefährdenden Cholesterinwerten als bei den Erwerbstätigen (vgl.: SCHACH et al., 1994, 230/231).
Die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen bezieht sich hier einerseits auf die prophylaktischen Leistungen, die, wenn sie vernachlässigt werden, ein Gesundheitsrisiko darstellen können. Hierzu liegt lediglich die Studie von Harych vor. Er stellt bezüglich der Erwerbsstatusgruppen keinen Unterschied in der Inanspruchnahme von prophylaktischen Leistungen fest. Prophylaktische Untersuchungen seitens des Arztes wurden allerdings von allen Probanden erheblich stärker in Anspruch genommen, wenn dieses Verhalten von den Krankenkassen finanziell honoriert wurde. Auf der anderen Seite ist Harych’s Frage nach gesundheitlichen Beschwerden ohne Konsultation eines Arztes interessant. Die Berufstätigen in Sorge waren hier am häufigsten betroffen. Harych mutmaßt, daß diese häufig aus Angst um ihren Arbeitsplatz nicht krank – oder arbeitsunfähig geschrieben werden wollten. Die Unterschiede sind statistisch allerdings nicht nachweisbar. Die Gruppe der Arbeitslosen zeigt keine große Differenz zu den Berufstätigen.
Während Harych keinen signifikanten Unterschied im Alkohol – und Tabakkonsum bei Berufstätigen und Arbeitslosen sieht, muß er allerdings einen Zusammenhang von Rauch – und Trinkgewohnheiten und einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes bei den Arbeitslosen vermerken (vgl.: HARYCH, 1997, 123-126). Die Auswertung zum NUS ergibt, wie bei Harych, keine großen Unterschiede beim durchschnittlichen Alkoholkonsum von Arbeitslosen und Erwerbstätigen. Anders ist es bezüglich des Tabakkonsums. Der NUS t 1 ermittelt 60% der Arbeitslosen, die im Alter von 25-69 Jahren durchschnittlich 21 Zigaretten pro Tag rauchen. Im Gegensatz dazu sind es nur 37% bei den Erwerbstätigen mit durchschnittlich 19 Zigaretten pro Tag, wobei Männer jeweils mehr rauchen als Frauen (vgl.: SCHACH, 1994, 219-221). Die qualitative Ernährung wurde von Harych leider nicht untersucht. Aus den Angaben von SCHWARZER (1992, zit.n. SIEGRIST, in: Kaiser et al., 1996, 96), die besagen, daß der Konsum von präventivmedizinisch empfohlenen, in der Regel teureren Nahrungsmitteln, wie frisches Obst und Gemüse stärker abhängig ist vom Bildungsstand und Wissensniveau und von vorhandenen gesundheitsfördernden Motivationen als von der Höhe des verfügbaren Einkommens, kann allenfalls die Hypothese, daß die Arbeitslosigkeit keinen Einfluß auf die qualitative Ernährung hat, formuliert werden. Ungesunde Eßgewohnheiten (z.B. das Essen unter Zeitdruck) stellt er in größerem Maße bei Berufstätigen fest.
Im Vordergrund meines Literaturstudiums standen neuere Untersuchungen von Schach et al. (1994) aus dem süddeutschen Raum und Harych (1997) aus Sachsen. Im Hintergrund standen ältere Untersuchungen zum Vergleich. Aus den oben beschriebenen Ergebnissen zum objektiven und subjektiven Gesundheitszustand wird ersichtlich, wie schwierig eine Trennung nach Aspekten des Risikos für die Arbeitslosigkeit und des Risikos einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes bei Eintritt in die Arbeitslosigkeit ist. Aufgrund aller in Betracht kommenden Studien kann man davon ausgehen, daß zwei Prozesse parallel verlaufen. Der erste Prozeß stellt einen Selektionsmechanismus dar, bei dem insbesondere alte, kranke oder Menschen mit niedriger beruflicher Qualifikation aus dem Arbeitsprozeß ausgesondert werden (siehe auch Punkt 2.4.5). Der zweite Prozeß besteht aus den psychosozialen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit, die einen psycho – oder physiopathologischen Vorgang initiieren können. Diese beiden Prozesse verlängern durch Kumulation den Verbleib vieler Arbeitsloser in der Arbeitslosigkeit wesentlich. Weil jeder Arbeitnehmer /jede Arbeitnehmerin von der aussichtslosen Situation in Arbeitslosigkeit weiß und den Leistungsdruck spürt, der auf den Unternehmen lastet, haben viele von ihnen Angst um den Arbeitsplatz. Daß gerade diese, in Angst, von einem schlechten Gesundheitszustand betroffen sind, zeigt Harych mit seiner Studie. Diese Tatsache verdeutlicht, welche Relevanz die psychischen Aspekte der „Existenzangst“ für die Gesundheit hat. In diesem Sinne sind die sozialpolitischen Maßnahmen nicht nur auf die von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen auszurichten, sondern müssen Innovationen der Arbeitsplatzstrukturen und das Personalmanagement mit sozialmedizinischem Know – how begleiten. Das Interesse an der Gesundheit der ArbeitnehmerInnen und deren Krankenstand besteht auch seitens der Unternehmer. Wenn diese die Krankentage ihrer ArbeitnehmerInnen reduzieren wollen, müssen sie eine Motivationsstrategie entwickeln, die durch ein Belohnungssystem gekennzeichnet ist und nicht mit dem Verlust des Arbeitsplatzes droht.
Schach et al. (SCHACH et al., 1994, 159) stellen anhand ihrer Untersuchung fest, daß Arbeitsunfähigkeitsphasen und Krankenhausaufenthalte wegen psychiatrischer Krankheiten bei den von ihnen untersuchten Personen in Arbeitslosigkeit häufiger sind und länger andauern als bei erwerbstätigen Personen. Brenner (1973) machte in einer Langzeitstudie in den USA die Beobachtung, daß Einweisungen in psychiatrische Krankenhäuser kurzfristig auf Perioden mit Einkommens – und Arbeitsverlust für größere Bevölkerungsanteile folgten (vgl.: SCHACH et al., 1994, 3). Mit den Untersuchungsergebnissen treten aber zwei Fragen auf: Ist die Arbeitslosigkeit Auslöser oder verstärkt sie lediglich die vorhandenen psychischen Beeinträchtigungen und welche intrapersonalen Vorgänge der Psyche sind für eine psychische Störung verantwortlich? Um eine Antwort beziehungsweise Erklärungsmodelle zu erhalten, muß auf psychologisch fundierte Untersuchungen zurückgegriffen werden.
Der Arbeitsplatzverlust und frustrierende Bewerbungsbemühungen, insbesondere bei längerer Dauer, führen zu seelischen Verletzungen und damit zur Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls (vgl.: BARWINSKI – FÄH, 1990, 13 und KIRCHLER, 1993, 53). Fassen wir die verschiedenen Aspekte der psychischen Befindlichkeit der Arbeitslosen, die als Folge sämtlicher Auswirkungen der Arbeitslosigkeit(s.o., Punkt 2.5.1 – 2.5.5), oder als Synthese oder Kausalkette jener Auswirkungen zu sehen ist, zusammen, dann können wir beschreiben, daß sich diese hilflos, wertlos, abhängig, depressiv, ängstlich und unfähig fühlen, Alltagsprobleme zu bewältigen und daß diese unzufrieden mit sich selbst und der sozialen und physischen Umgebung sind (vgl.: KIRCHLER, 1993, 54). Barwinski – Fäh zählt folgende Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens auf: Schwinden der Lebensfreude und der Zufriedenheit, Unsicherheit, innere Spannungen, Depressionen und Erschöpfungszustände. Barwinski – Fäh unterteilt die emotionale Reaktion auf Arbeitslosigkeit, aufgrund der durch ihre Befragung erhaltenen Empireme, in vier Phasen (vgl.: BARWINSKI – FÄH, 1990, 240): Zu Beginn herrscht bei einigen Arbeitslosen noch Erleichterung darüber, daß sie sich momentan nicht den Belastungen am Arbeitsplatz aussetzen müssen, ausgenommen einiger Arbeitsloser, bei denen die Kündigung wie ein Schock wirkt. Nach einigen Wochen realisieren diese erst die Konsequenz eines Arbeitsplatzverlustes. Die meisten beginnen nun mit der zuversichtlichen Suche nach einer neuen Stelle. Erst nach Wochen und Monaten vergeblicher Suche ändert sich die Grundstimmung, die Befragten wirken deprimiert. Hatten die eher routinemäßigen „Pro – Forma“ – Bewerbungen auch weiterhin keinen Erfolg, „sanken die Befragten immer tiefer in Apathie“. (BARWINSKI – FÄH, 1990, 240) Wie schon weiter oben erwähnt, treten insbesondere Beeinträchtigungen des Selbstvertrauens in die eigenen Fähigkeiten auf. Damit sind die Veränderungskompetenz – der Glaube an die eigene Veränderungsfähigkeit – , die Sozialkompetenz – die Fähigkeit, den Umgang mit anderen Menschen positiv zu gestalten -, sowie die Regulationskompetenz – die Fähigkeit mit sich und den eigenen Gefühlen umgehen zu können – gemeint. Außerdem tritt eine massive Verunsicherung des Bewußtseins über die eigene Identität ein. (Vgl.: BARWINSKI – FÄH, 1990, 247)
Die Folgen einer derartigen Verunsicherung, die sich als diffuse Unzufriedenheit bis hin zu psychosomatischen Beschwerden und Suizidalität bei den Betroffenen niederschlagen, können nach Barwinski – Fäh anhand dreier Modelle erklärt werden: die psychoanalytische Traumatheorie, die Streßtheorie und das psychoanalytische Konfliktmodell. Kirchler präferiert die Theorie der gelernten Hilflosigkeit von Seligman (1979), die von Frese (1977) differenziert wurde. Zuletzt werden psychische Beeinträchtigungen aus der gesellschaftliche Aspekte berücksichtigenden soziokulturellen Theorie heraus erklärt. Im Folgenden werden die Theorien kurz vorgestellt.
Das Trauma ist ein „Ereignis im Leben eines Subjekts, das definiert wird durch seine Intensität, die Unfähigkeit des Subjektes, adäquat darauf zu antworten, die Erschütterung und die dauerhaften pathologischen Wirkungen, die es in der psychischen Organisation hervorruft“ (LAPLANCHE/PONTALIS, 1977, 513, in: BARWINSKI – FÄH, 1990, 248). Wenn Barwinski – Fäh wegen der Ursachen für ein Trauma, nämlich die wiederkehrende Erfahrung von spezifischen Einzelerlebnissen, wie Verlusterlebnisse, Mißerfolge und Kränkungen, die möglichen Folgen der Arbeitslosigkeit eher dem kumulativen Trauma zuordnet, sieht sie bei den von ihr Befragten Symptome des Wiedererlebens, der emotionalen Betäubung, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen etc., die den Symptomen des Schocktraumas (als „posttraumatische Belastungsstörung“ in der DSM IV aufgeführt) ähneln. Bzgl. der psychoanalytischen Ursachenforschung für das Trauma gibt Barwinski –Fäh der Theorie von Ulmann/Brothers (1988) die Präferenz (vgl.: BARWINSKI – FÄH, 1990, 252). Sie gehen davon aus, daß Traumen durch die Zerstörung narzißtischer Phantasien entstehen. Die zwei Typen narzißtischer Phantasie sind das archaische Größenselbst (der Glaube an die eigenen einzigartigen Attribute oder magischen Kräfte) und das idealisierte Eltern – Imago (das Gefühl eins mit einer machtvollen Person zu sein oder einen mit außergewöhnlichen Kräften ausgestatteten Beschützer zu haben). Werden diese beiden Formen der narzißtischen Phantasien modifiziert und altersentprechend im Laufe der Entwicklung in die Persönlichkeit integriert, entsteht ein narzißtisches Gleichgewicht und damit die Fähigkeit, mit Kränkungen und Krisen umzugehen. Dieser Prozeß kann durch ein kaltes, abweisendes Verhalten der Eltern, welches das Kind unzureichend spiegelt, befriedigt und wertschätzt, negativ beeinflußt werden (vgl.: COMER, 1995, 627). Aber auch das entgegengesetzte Verhalten der Eltern, wenn diese das Kind abgöttisch lieben oder sogar idealisieren, kann sich negativ auswirken. Es entwickeln sich realitätsferne, der Persönlichkeit nicht entsprechende, narzißtische Phantasien. Auf das Verhalten der Eltern wiederum wirken deren eigene Sozialisation und gesellschaftliche und persönliche Werte ein.
Narzißtische Phantasien, die während einer Krise oder Kränkung Bewältigungsversuche darstellen, werden durch die Realität der Arbeitslosigkeit, die durch Hilflosigkeit und Abhängigkeit gekennzeichnet ist, ständig in Frage gestellt (vgl.: BARWINSKI – FÄH, 1990, 252). Das narzißtische Gleichgewicht gerät ins Schwanken. Besonders schwer betroffen sind jene Menschen, die, wie oben beschrieben, einen Mangel an positiver Zuwendung in der frühen Kindheit erfahren haben und auch jene, die von ihren Eltern idealisiert wurden.
Der Oberbegriff „abnorme Erlebnisreaktion“ umfaßt alle sinnvoll motivierten gefühlsmäßigen Reaktionen auf ein Erlebnis, welche in Ausmaß, Dauer, Aussehen und Verhalten vom Durchschnitt der normalen Erlebnisreaktionen abweicht. Die ungewöhnliche Intensität der Reaktionen ist im Verhältnis zum Anlaß unangemessen (vgl.: VETTER, 1989, 83). Die abnormen Erlebnisreaktionen werden differenziert in „abnorme unmittelbare Reaktionen auf akute äußere Erlebnisse“ und „abnorme Reaktionen auf innere Konflikte“. Als Mit - Ursache für eine „reaktive Depression“, die der erstgenannten Gruppe angehört, kann der Arbeitsplatzverlust in Erwägung gezogen werden, auch wenn Persönlichkeitsanteile einen Einfluß haben. Dieses Krankheitsbild, welches zur Gruppe der charakterunabhängigen Reaktionen zählt, zeigt Symptome wie quälende Selbstvorwürfe, Angstgefühle, schwermütige Grundstimmung, teilweise auch Versteinerung, Abkapselung, Verbitterung und Aggression (vgl.: VETTER, 1989, 86/87). Da jedoch die negativen seelischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit eine Vielzahl der Arbeitslosen betreffen, können diese nicht in der Regel als abnorme Erlebnisreaktionen diagnostiziert werden. Sie sind auch den in der Persönlichkeit liegenden Aspekten zuzuschreiben und treten im Zusammenhang mit einem äußeren Anlaß eher zufällig auf. Unter den Oberbegriff „abnorme Reaktionen auf innere Konflikte“ fallen zwei Kategorien von Reaktionen. Die „einfachen bewußten Konfliktreaktionen“, die sich innerhalb einer dauernden bewußten Konfliktsituation, wie z.B. körperlicher Behinderung oder Entstellung, entwickeln, können einen Menschen psychoreaktiv verändern. Die Symptome dieser Art der Konfliktreaktion, wie Depressionen, Versagensgefühle, Beeinträchtigungen der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Leistungsfähigkeit sowie der Körperfunktionen stimmen mit den bei Arbeitslosen beobachteten überein. Vetter beurteilt jedoch die Ursachenforschung für dieses Krankheitsbild als äußerst schwierig, da der Mensch unterschiedlichen Umweltbedingungen ausgesetzt ist (vgl.: VETTER, 1989, 91 ). Die „neurotischen Entwicklungen“, die zweite Kategorie der aus inneren Konflikten resultierenden Reaktionen, unterscheidet sich in der Art der Konflikte. Diese liegen meistens in der frühen Kindheit und sind dem Bewußtsein nicht mehr zugänglich. Neurosen, die nach Freud, eine Abwehr dieser frühkindlichen ungelösten Konflikte darstellen, können nicht als direkte Auswirkung der Arbeitslosigkeit definiert werden. Es kann lediglich in schweren Belastungssituationen zur Schwächung des „Ich“ kommen und dadurch ein alter, ins Unbewußte verdrängter, ungelöster Konflikt des/der Betroffenen reaktualisiert werden (vgl.: BAEWINSKI – FÄH, 1990, 261). Der Verlust des Arbeitsplatzes liegt allerdings in einer Untersuchung von Rudolf (1974) an 6. Stelle in der Rangfolge der symptomauslösenden Ereignisse bei neurotischen und psychosomatischen Patienten (vgl.: VETTER, 1989, 97). Das mag wohl daran liegen, daß die Charakteristika der Belastungssituation während der Arbeitslosigkeit oder bei einer Kündigung, die Möglichkeit, eine Analogie zu frühkindlichen Konfliktsituationen zu bilden, anbieten. Arbeit kann insofern „(..) eine die eigene Neurose stabilisierende Wirkung haben (...)“ (BARWINSKI – FÄH, 1990, 262).
Die Situation der Arbeitslosigkeit erzeugt insofern Streß, als sie von der Person als Bedrohung angesehen wird. Und eine gewisse Bedrohung empfinden wir immer dann, „(...) wenn wir mit Forderungen oder Anlässen konfrontiert sind, die uns irgendeine Änderung abverlangen “ (COMER, 1995, 192). Comer zählt die Arbeitslosigkeit zu den persönlichen Stressoren, belastende Ereignisse oder life - events, die viele Menschen in ihrem Leben einmal treffen. Dörner schreibt dazu, daß man vor einer Depression zu 10 bis 40 Prozent „(...) typische, meist belastende psychosoziale Situationen oder Ereignisse (...)“ findet (DÖRNER, 1996, 233). Außerdem nennt er Brown und Wing, die in einem Vergleich von depressiven und nicht – depressiven Menschen, bei erstgenannten wesentlich mehr Ereignisse vor einer Depression zählen konnten (vgl.: DÖRNER, 1996, 234). Holmes und Rahe haben die Belastungsstärke der verschiedenen Lebensereignisse in eine Rangfolge gestellt. Auf dieser Belastungsskala figuriert die Entlassung unter 43 Streßsituationen an 8. Stelle (vgl.: DÖRNER, 1996, 411). Wenn der Streß nicht konstruktiv abgebaut und die Ausrichtung auf neue Handlungsweisen gerichtet werden kann, ist es möglich, daß die Person, je nach Situation, eine Entwurzelungs -, Berentungs - oder Entlastungsdepression ausbildet (vgl.: DÖRNER, 1996, 233). Physiologisch läßt sich der Zusammenhang von Streß und Depression mit der erhöhten Ausschüttung von Katecholaminen erklären, die auf den Serotoninstoffwechsel einwirken und somit eine Depression verursachen können (vgl.: WALLER, 1993, 23).
Neben der Primärbewertung, in der die Situation möglicherweise als bedrohlich interpretiert wird, ist die Sekundärbewertung von großer Relevanz. Hierbei werden die eigenen Ressourcen und ihre Einsatzmöglichkeit beurteilt. Menschen, die das Gefühl haben, über ausreichende Ressourcen zu verfügen und diese erfolgversprechend einsetzen zu können, reagieren eher konstruktiv auf Stressoren (vgl.: COMER, 1995, 193).
Das kumulative Trauma, wie oben beschrieben, kann auch als Stressor bezeichnet werden, jedoch nicht umgekehrt. Streß bedeutet eine Vielzahl von Belastungen, das Trauma bezieht sich auf die Qualität der Erfahrung.
Würden wir die Streßtheorie alleine zur Begründung der psychischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit heranziehen, würden die Unterschiede der Symptome und ihrer Intensität nicht nachvollziehbar sein. Deshalb hält Barwinski – Fäh das Hinzuziehen von anderen Modellen, wie z.B. das Konfliktmodell (Streß aufgrund der persönlichen Lebensgeschichte) und die Einbeziehung der in der Gesellschaft und der Person vorherrschenden Werte für notwendig (vgl.: BARWINSKI – FÄH, 1990, 260/263). Die Streßgröße wird demnach durch die Variablen - intrapsychische Verarbeitung - und in der Gesellschaft vorherrschende Ideologie - bestimmt (vgl.: BARWINSKI- FÄH, 1990, 260). Comer resümiert etwas ausführlicher, denn er beschreibt folgende Faktoren als abhängig zu der jeweiligen persönlichen Reaktion auf einen Stressor: die Natur des Stressors selbst, die eigenen früheren Erfahrungen, die Verhaltensfertigkeiten, das Selbstbild, die soziale Unterstützung und die biologische Ausstattung (vgl.: COMER, 1995, 193).
Der Streß durch äußere Stressoren korreliert mit dem Streß, der durch innere Stressoren bewirkt wird. Das sind frühkindliche unbewußte und ungelöste Konflikte, deren Wiederholung es abzuwehren gilt, kognitive Vorgänge, wie die der Sekundärbewertung und internalisierte Werte der Gesellschaft und der Herkunftsfamilie. Als eine Art der Prävention, gerade bezüglich der Arbeitslosigkeit, nennt Dörner deshalb „ (..) alle Bemühungen, die das pflichtbewußt – selbstüberfordernde Leistungsstreben als Selbstzweck in Frage stellen und Untätigkeit moralisch wieder erlaubt sein lassen (...)“ (DÖRNER, 1996, 236).
Die von Seligmann entwickelte Depressionstheorie der gelernten Hilflosigkeit entspricht einer Synthese aus dem kognitiven und dem behavioristischen Paradigma. Die Grundlage der Theorie bildet die Behauptung, „(...) daß Menschen depressiv werden, wenn sie glauben, daß sie 1) keine Kontrolle mehr über die Verstärkungen in ihrem Leben haben und 2) für diesen hilflosen Zustand selbst verantwortlich sind.“ (COMER, 1995, 302) Diese Theorie entwickelte Seligmann aufgrund seines Versuches mit Versuchstieren in der „Shuttle – Box“. Bei diesem Experiment hatte ein naiver Hund, ohne experimentelle Vorerfahrungen, bessere Voraussetzungen, die koordinierten Elektroschocks in der Shuttel Box vermeiden zu lernen, als ein Hund, der zuvor unvermeidbaren elektrischen Schocks ausgesetzt worden war. Das Verhalten des Hundes, der zuvor aversiven Verstärkern ausgesetzt war, glich dem menschlichen depressiven Verhaltensmuster: Die Erfahrung der Unkontrollierbarkeit der Verstärker wurde generalisiert, Appetitlosigkeit trat ein, das Interesse an sexuellen und sozialen Aktivitäten nahm ab.
Die Weiterentwicklung der Theorie ergab, daß neben der generalisierten Wahrnehmung eines Kontrollverlustes sogenannte Attributionen bei depressiven Störungen vorherrschen . Ein Mensch, der Ereignisse außerhalb seiner Kontrolle wahrnimmt, sucht die Ursache hierfür schließlich in der eigenen Person. Diese Attributionen setzen das größte Maß an empfundener Hilflosigkeit frei, wenn sie internal, global und stabil formuliert sind: „ Ich bin unzulänglich bei allem und werde es immer sein“ (COMER, 1995, 305). Frese (FRESE, 1979, in: Kirchler, 1993, 56), der den Zusammenhang von Kontrollerwartungen / – hoffnungen, Hilflosigkeit und depressiven Störungen bei Arbeitslosen analysierte, fand in seiner 1975/1977 an 147 arbeitslosen Männern durchgeführten Studie heraus, daß die individuellen Kontrollerwartungen (internale Attributionen) hoch mit Depressivität korrelieren. Eine Kontrollhoffnung, die Erwartung, trotz gegenwärtig fehlender Kontrollmöglichkeiten, in Zukunft Kontrolle zu erlangen, konnte zunächst aufrechterhalten werden, mit anhaltender Arbeitslosigkeit wurde diese aber zerstört und die Betroffenen daher depressiver. Je höher die Kontrollhoffnungen zu Beginn der Arbeitslosigkeit waren, desto höher waren auch die Depressionswerte bei den betroffenen Langzeitarbeitslosen. (Vgl.: KIRCHLER, 1993, 56) Eine Erklärung hierfür sehe ich, basierend auf der Theorie der operanten Konditionierung, darin, daß die Wirkung der aversiven Verstärker (Mißerfolg bei der Stellensuche, finanzielle Einbußen, Stigmatisierung etc.) und damit das Ausmaß der Reaktion (depressives Verhalten) an Intensität gewinnt, je mehr sich die Person einen positiven Verstärker erhofft oder erwartet.
Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit kann nur eingeschränkt als Grundlage für einen Erklärungsansatz dienen. Man kann z.B. von der Depression nicht rückschließen auf das Vorhandensein von Attributionen (vgl.: COMER, 1995, 306). Die Herkunft solcher Attributionen kann auch in der frühen Kindheit liegen und neurotischen Ursprungs sein. Sie können ebenfalls in der Kindheit erlernt worden sein, wenn es galt, die elterlichen Aggressionen abzuwehren oder fürsorgliches Verhalten bei den Eltern zu stimulieren. Zum Verständnis der komplizierten intrapsychischen Vorgänge bei Arbeitslosen trägt diese Theorie allerdings bei. Die Theorie von Seligmann und die Studie von Frese korrespondieren mit den von Barwinski – Fäh beschriebenen vier Phasen der Arbeitslosigkeit (siehe Punkt 2.5.6.5). Wenn der/die Betroffene nicht schon zur Zeit der Kündigung oder aus Angst vor einer Kündigung das Gefühl des Kontrollverlustes hat, denn diese steht selten mit dem bewußten Arbeitsverhalten des/der Betroffenen in Zusammenhang, dann stellt sich ein solches zumindest während des längeren Verbleibens in Arbeitslosigkeit ein. Positive Verstärker für die zahlreichen Bewerbungsbemühungen bleiben aus, wenn die Stellensuche erfolglos bleibt. Im Gegenteil – die Bedingungen der Arbeitslosigkeit wirken als aversive Verstärker. In Abhängigkeit zum Kontrollverlust treten auch die für eine erlernte Hilflosigkeit charakteristischen Attributionen auf. Keiner der von Barwinski - Fäh Befragten sah z.B. die Schwierigkeiten bei der Stellensuche als Folge eines soziokulturellen Problems (vgl.: BARWINSKI – FÄH, 1990, 218). Das Gefühl der Selbstverschuldung wirkt in diesem Fall weiterhin destruktiv, bei den wenigsten führt es zur Eigeninitiative und Entwicklung der Handlungskompetenz im Sinne eines Selbstmanagements oder sogar zu politischem Engagement.
2.5.6.5.5 Soziokulturelle Erklärung psychischer Störungen be Arbeitslosen
Zunächst ist festzustellen, daß die Aufnahmestatistik der Psychiatrien / psychiatrischen Abteilungen in Abhängigkeit zur konjunkturellen Lage schwankt. In Zeiten wirtschaftlicher Rezession und Depression ist ein beträchtlicher Anstieg der Erst – und Wiederaufnahmen in psychiatrische Krankenhäuser zu verzeichnen (vgl.: COMER, 1995, 64 und KLEES/WEYERER, 1976, 139). Die Konjunktur wirkt sich wiederum auf die Arbeitslosenstatistik aus (siehe hierzu Abbildung 10 im Anhang). Steigende Arbeitslosigkeit, aber auch die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen und Normen, bewirken Streß und Angst. Nicht jeder Mensch verfügt über die nötigen psychophysischen Adaptionsmöglichkeiten für eine Anpassung an die sich ständig schneller erneuernden Anforderungen, insbesondere der Arbeitswelt. Da Arbeitslosigkeit auf Dauer zur „ einschränkenden Armut“ (JAHODA, 1983, 43) führt, belasten die Arbeitslosen auch alle mit ihr verbundenen psychosozialen Aspekte, die weiter oben erörtert wurden.
Andererseits kann die von der Konjunktur abhängige Anzahl der psychiatrischen Patienten auch einen Etikettierungsprozeß im Sinne des labeling - Ansatzes (vgl.: z.B. Becker, 1963) darstellen, dem viele Arbeitslose zum Opfer fallen. Die behandelnden Ärzte gehen bei Arbeitslosen generell von einer erhöhten Erkrankungsgefahr aus und sind eher bereit, ihnen einen Krankheitsstatus zuzuerkennen, als Erwerbstätigen (vgl.: KIRCHLER, 1993, 54). Dieser Status stellt allerdings für einige Arbeitslose eine Konfliktlösungsmöglichkeit dar, wenn das Selbstwertgefühl eher durch die Arbeitslosigkeit als durch Krankheit oder Invalidität gefährdet erscheint (vgl.: BARWINSKI – FÄH, 1990, 238).
Der leistungsorientierte neoliberalistische Wertmaßstab der Gesellschaft steht einer größtenteils noch hierarchischen Ordnung mit stringenter Rollenverteilung in der Familie und Arbeitswelt gegenüber. Das Resultat dieser Aspekte in der Kombination ruft bei vielen Gefühle, wie Angespanntheit, Versagensangst oder Resignation hervor, ohne den verursachenden Faktoren, wie z.B. dem steigenden Konkurrenzkampf, dem Fortschritt der Technologie, der zunehmenden Auflösung alter Arbeitsplatzstrukturen, den steigenden Qualifikationsanforderungen die nötigen Fähigkeiten, wie Kreativität, Eigenverantwortlichkeit, Durchsetzungskraft entgegensetzen zu können.
Psychische Störungen können entweder durch Arbeitslosigkeit ausgelöst oder verursacht werden. Das Ausmaß der Beteiligung der Erbanlagen und frühen Kindheitserfahrungen an einer psychischen Erkrankung ist allerdings variabel. Als Erklärung für den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und psychischen Störungen wird in der Literatur der Streß – Theorie, insbesondere der life – event – Theorie als sozialepidemiologisches Erklärungsmodell für psychische Störungen der Vorzug gegeben. Unumstritten ist aber auch, daß ein Ereignis, welches Streß auslöst, in Abhängigkeit mit individuellen Voraussetzungen zu sehen ist. Dies sind nach Ciompi (1982), hier allerdings auf die Schizophrenie bezogen, einerseits genetische Einflüsse, wie die Konstitution, die Reagibilität, die Sensibilität etc. und andererseits psychosoziale Einflüsse, wie der familiäre Kommunikationsstil, erworbene Assoziations – und Bezugssysteme, Coping – Mechanismen etc. Sämtliche Faktoren bilden dann die Grundlage, die prämorbide Vulnerabilität, für die Verarbeitung eines „life – events“. Katschnig bezieht in sein Modell der sozialen Entstehung von Depressionen zwar auch sozialökonomische Aspekte ein (KATSCHNIG, 1980, 299, zit.n. Waller, 1993, 180), die soziokulturellen Faktoren, wie gesellschaftliche Werte und Etikettierungsprozesse, fehlen allerdings. Aus der Verknüpfung der verschiedenen Faktoren, die kausal verbunden zu einer psychischen Störung in der Situation der Arbeitslosigkeit führen können, wird anschaulich, daß bei Ansätzen zu Coping – Strategien und Präventionsmaßnahmen das entsprechend breit gefächerte Spektrum an Interventionsebenen berücksichtigt werden sollte.
Die psychischen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit und die Auswirkungen der notwendigen finanziellen Einschränkungen auf die Wohnsituation, Urlaub, Körperpflege, Heilbehandlung etc. lassen eine allgemeine Verschlechterung des physischen Gesundheitszustandes der Arbeitslosen erahnen. Tatsächlich konnte in vielen Studien nachgewiesen werden, daß Arbeitslosigkeit krank macht (siehe auch Punkte 2.5.6.1 bis 2.5.6.3). Wie aber der/die einzelne Arbeitslose die Situation wahrnimmt, bewältigt und entsprechend reagiert, hängt von der Persönlichkeit, den Erbanlagen, den individuellen Erfahrungen und den sozialen Unterstützungsmöglichkeiten ab. Jahoda schreibt, daß „ (...) jeder Erwerbslose in gewisser Hinsicht wie alle Erwerbslosen ist (nämlich ohne einen Arbeitsplatz); in gewisser Hinsicht ist jederErwerbslose wie einige Erwerbslose (zum Beispiel hat er ähnliche Berufserfahrungen); und in gewisser Hinsicht ist jeder Erwerbslose wie kein anderer Erwerbsloser (nämlich ein einmaliges Individuum).“ (JAHODA, 1983, 84) Die Bewältigungsstile sind abhängig von der individuellen Persönlichkeit (siehe auch Punkt 2.5.6.6). So sind bei einigen Betroffenen psychische Beeinträchtigungen zu vermerken, bei anderen wirkt sich die Situation auf den körperlichen Gesundheitszustand aus und wieder andere verfügen über entsprechende Coping – Mechanismen, die es ihnen ermöglichen , den Streß etc. zu transformieren.
Physische Symptome, die während und in Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit auftreten, werden zu einem großen Teil durch die Verknüpfung verschiedener psychosozialer Belastungsfaktoren und Bewältigungsversuche verursacht. Sie sind den Diagnosen der Psychosomatik beziehungsweise Somatik oft schwer zuzuordnen. Daß viele Ärzte Schwierigkeiten bei der Diagnose und der medikamentösen Behandlung bei psychosomatischen Störungen haben, mutmaßt Harych aufgrund seiner Untersuchungsergebnisse. Aus der Feststellung, daß Arbeitslosen relativ selten Medikamente gegen psychosomatische Beschwerden verschrieben werden, obwohl diese erklärtermaßen unter ihnen leiden, leitet er die Fragen ab, ob die „(...) Ärzte methodisch nicht in der Lage sind, psychosomatische Beschwerden und soziale Ursachen zu verknüpfen und ob sie eher für die vom Patienten mitgeteilten Beschwerden naturwissenschaftliche Hintergründe vermuten und entsprechend diagnostisch vorgehen und therapieren.“ (HARYCH, 1997, 190/191)
Um die Entstehung von Krankheiten mit physischen Symptomen auf der Grundlage psychischer Probleme oder Belastungssituationen zu verstehen, müssen wir zunächst differenzieren nach somatoformen und psychosomatischen bzw. psychophysiologischen Störungen. Die somatoformen Störungen sind ausschließlich psychogen, d.h. verursacht durch psychische Faktoren. Die psychosomatischen Störungen sind zurückzuführen auf eine Wechselwirkung von organischen und psychischen Faktoren (vgl.: COMER, 1995, 394). Dabei ist allgemein eine steigende Tendenz in der Medizin zu beobachten, psychische und psychosoziale Aspekte bei der Ursachenforschung für viele Krankheiten einzubeziehen.
Bei der Darstellung der folgenden Erklärungsmodelle für psychophysiologische Störungen schließe ich jene aus, bei denen genetisch veranlagte oder in der frühen Kindheit des/der Betroffenen erworbene Faktoren eine ursächliche Bedeutung haben. Für die epidemiologischen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf den Gesundheitszustand sind diese nicht relevant.
Als Ursache für somatoforme Störungen, die nach Freud den Neurosen zuzuordnen sind, gelten unbewußte ungelöste Konflikte in der frühen Kindheit (psychodynamisches Modell), nach der kognitiven Theorie als das Erlernen von Krankheit als Ausdruck der Gefühle und nach der behavioristischen Theorie als ein Weg, um eine Belohnung zu erhalten. Doch diese Art der Störungen können wir nicht als direkte Auswirkung der Belastungssituation „Arbeitslosigkeit“ sehen, weil hier die Verursachung hauptsächlich in der Persönlichkeit und in den frühen Kindheitserfahrungen liegt. Sicherlich aber kann, ebenso bei den Neurosen, die Erwerbstätigkeit ein Schutz gegen eine Erkrankung bedeuten.
Psychosomatische oder auch psychophysiologische Störungen / Erkrankungen bedingen ein Zusammenwirken von psychischen und organischen Faktoren. Während ältere Annahmen von einem Zusammenhang psychischer Aspekte und speziellen somatischen Symptomen, wie z.B. Ulzera, Asthma, Bluthochdruck, ausgingen, gibt es neuere Erkenntnisse über eine Einflußnahme psychosozialer Belastungsfaktoren auf das köpereigene Immunsystem (vgl.: COMER, 1995, 404). Nach Dörner (1996, 296) bedeutet das Auftreten einer reinen psychischen oder somatischen Störung mit psychogener Ursache eine Einschränkung der Ausdrucksmöglichkeiten. Dixhorn betrachtet den Prozeß von der anderen Seite, und bezeichnet das gestörte somatische Geschehen als Anzeichen dafür, daß das bewußte Ich des Betroffenen nicht auf die Signale des Körpers hört, die Beziehung zwischen Ich und Körper gestört ist. (Vgl.: DIXHORN, in: Kaiser et al., 1996, 210) Ob und wie stark der Mensch mit somatischen Symptomen auf belastende Ereignisse reagiert, hängt von seinem Selbstbild, seinen psychischen Abwehrmechanismen, seinen Ausdrucksmöglichkeiten und seiner genetischen Veranlagung ab. Auf diese persönlichkeitsbedingten Faktoren, die zum Teil schon in Punkt 2.5.6.5 behandelt wurden, werde ich im weiteren Verlauf dieses Kapitels nicht mehr eingehen. Ihnen sollte zwar in der Einzelhilfe große Aufmerksamkeit geschenkt werden, doch zur Aufklärung allgemeiner Gesundheitsgefahren durch Arbeitslosigkeit können sie nicht herangezogen werden. Welche Erklärungsmodelle gibt es nun für den Transformationsprozeß belastender Situationen, welche Streß auslösen, in physiopathologische Reaktionen? Nachfolgend werden einige Modelle dargestellt.
Das von Schwartz entwickelte Modell beschreibt einen Regulationsprozeß beginnend bei umweltbedingten Anforderungen an den Organismus, die vom Gehirn als Informationen verarbeitet und von diesem dann an die entsprechenden Organe weitergeleitet werden (vgl.: COMER, 1995, 406). Eine negative Rückmeldung der Organe an das Gehirn bestätigen eine ausreichende Stimulierung. Funktioniert diese negative Rückkoppelungsschleife nicht, kommt es zur Fehlregulation. Dabei kann der „Fehler“ an verschiedenen Abschnitten liegen: 1.wenn die Anforderungen der Umwelt außergewöhnlich starken Streß erzeugen, 2.wenn bei der Informationsverarbeitung persönlichkeitsspezifische genetisch bedingte oder in der frühen Kindheit erworbene Störungen eine Rolle spielen und 3. Wenn eine periphere Organstörung vorliegt oder der Rückmeldemechanismus versagt. Die Situation der Arbeitslosigkeit kann als umweltbedingte Anforderung an den Organismus starken und dauernden, insbesondere bei der Langzeitarbeitslosigkeit, Streß erzeugen. Die anderen Bedingungen für eine Fehlregulation können vernachlässigt werden, da individuelle Voraussetzungen verursachend sind.
Für den physiologischen Vorgang der Streßreaktion gibt es zwei Varianten. Selye z.B. (vgl.: COMER, 1995, 409) entdeckte das Zusammenspiel von Streß und vegetativem Nervensystem. Bei Bedrohung steigert das sympathische Nervensystem seine Aktivität und löst im gesamten Körper Reaktionen aus, die zur Flucht oder zum Kampf vorbereiten sollen – auch Alarmphase genannt. Als Gegenpart versucht das parasympathische Nervensystem diesen Reaktionen entgegenzuwirken und den Körper wieder zu beruhigen – auch Resistenzphase. Hält die Einwirkung oder Wahrnehmung von Streß an, versagt das parasympathische Nervensystem und die vom vegetativen Nervensystem gesteuerten Organe brechen zusammen – auch Erschöpfungsphase genannt.
Die zweite Variante der Streßreaktion stellt das endokrine System von Hypophyse und Nebennieren dar. Die Hypophyse kann bei Belastungen Hormone ausschütten, die die Funktionen des gesamten Körpers beeinflussen.
(Zur Art der bei einer Arbeitslosigkeit beteiligten Stressoren siehe auch Punkt 2.5.6.5.3. )
Im Zusammenhang mit Herz – Kreislauf – Erkrankungen wurden einige neue Streß – Modelle entwickelt. Gemeinsam haben sie die Grundannahme, daß es gesellschaftliche Erfahrungsfelder relativer Benachteiligung gibt, die die „(...) Vermittlungsprozesse zwischen selbstregulatorischen Bedürfnissen und gesellschaftlicher Chancen – und Belohnungsstruktur beeinträchtigen und blockieren“ (SIEGRIST, in: Kaiser et al., 1996, 100/101) und durch ihre psychosoziale Belastungskonstellation Distreß bewirken. Die Folge andauernder, durch Distreß verursachter funktioneller Dysregulation, sind z.B.: Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, veränderte Blutgerinnungsneigung, ein erweiterter Herzmuskel und atherosklerotisch eingeengte Herzkranzgefäße (vgl.: SIEGRIST, in: Mielck, 1993, 414). Analog zu Siegrist’s Modell beruflicher Gratifikationskrisen, welches fortgesetzte psychomentale und sozio-emotionale Belastungen am Arbeitsplatz als Ergebnis einer Diskrepanzerfahrung zwischen hoher beruflicher Verausgabung und niedrigen Belohnungschancen beschreibt (vgl.: SIEGRIST, in: Mielck 1993, 415), definiere ich die Bemühungen und den Wunsch Arbeitsloser, eine neue Erwerbsmöglichkeit zu finden gegenüber den Frustrationen, die eine vergebliche Stellensuche, die finanzielle Situation und Vorurteile gegen Arbeitslose und Selbstvorwürfe derselben hervorrufen, als Distreß verursachendes Zusammenwirken diametraler Faktoren.
Bei Versuchstieren, die unter starken Streß gesetzt werden, sinkt die Konzentration der Antikörper im Blut und deren Reaktion auf Antigene wird schwächer. Auch die Lymphozyten reproduzieren sich langsamer und ihre Reaktions – und Vernichtungsfähigkeit läßt nach (vgl.: COMER, 1995, 413). Neuere Untersuchungen lassen vermuten, daß das Adrenalin und Noradrenalin, welche bei Streß im Zusammenhang mit der Aktivierung des sympathischen Nervensystems ausgeschüttet werden, verantwortlich sind für die Schwächung des Immunsystems. Die Neurotransmitter, die sich an die Rezeptoren der Lymphozyten binden, reduzieren deren Aktivität. Damit kann insbesondere jede bakterielle und Virusinfektion ein Hinweis auf einen verstärkten Einfluß von Streß sein. Aber auch Krebs wird schon mit Streß als verursachendem Faktor in Zusammenhang gesehen. Zu vermuten ist, daß Streßreaktionen alle Körperorgane und Lebensvorgänge betreffen kann. Wie die Prozesse im Einzelnen aussehen, wird in den nächsten Jahren zu untersuchen sein.
Aus Versuchen mit Ratten, die man zufälligen Elektroschocks aussetzte und bei denen nach dem Spritzen von Antigenen eine langsamere Lymphozytenvermehrung zu beobachten war als bei anderen Ratten, die ein Verhindern der Elektroschocks erlernen konnten, schlossen Roll und Theorell (1987, zit. n. COMER, 1995, 416), daß Streß dann eine immunologische Störung verursachen kann, wenn eine belastende Situation nicht der eigenen Kontrolle unterliegt. (Vgl. hierzu auch Punkt 2.5.6.5.4)
Je weniger ein Mensch in einer belastenden Situation auf soziale Unterstützung zurückgreifen kann, desto schwächer ist seine Immunabwehr. Comer führt als Beweis z.B. die Studie von Glaser et al. (1992) an, die 48 Medizinstudenten am letzten Tag einer dreitägigen Prüfungsphase mit einem Hepatitis – B – Vakzin impften. „ Die Studenten, die die beste soziale Unterstützung angaben, wiesen stärkere Immunreaktionen auf den Impfstoff auf.“ (COMER, 1995, 419)
Während ich auf tiefenpsychologische Erklärungsmodelle zur Ursachenanalyse körperlicher Beschwerden und Krankheiten in Arbeitslosigkeit verzichtet habe, weil diese stets auf frühkindlichen Entwicklungen beruhen, zeigen die medizinischen Modelle eine zunehmende Integration sozialpsychologischer und sozioökonomischer Aspekte. Huber sieht in der Psychoneuroimmunologie eine die Medizin relativierende Theorie. Damit sei „(...) das Maschinenbild vom Leben und die biomedizinischen Postulate (..) von dynamischen biopsychosozialen Konzepten der Gesundheitsbewältigung abgelöst.“ (HUBER, in: Kaiser et al., 1996, 359) Den Modellen ist jedoch anzumerken, daß sie erste Ergebnisse einer neuen Forschungsrichtung der Medizin darstellen. Fundierte und wesentlich komplexere Modelle, die multifaktorielle Einflüsse auf die Gesundheit selbstverständlich als Grundlage der Betrachtung einbeziehen, werden voraussichtlich folgen.
Die Diskrepanz zwischen zeitgeschichtlich- und kulturgeprägten Werten bezüglich der beruflichen Tätigkeit und dem Mangel an Arbeitsplätzen stürzt viele Arbeitslose in die Sinnkrise. Dabei steht dem größten Anteil an von Arbeitslosigkeit Betroffenen nicht das entsprechende Potential zur Verfügung, um in Eigeninitiative kreativ nach neuen Möglichkeiten der bezahlten Arbeit zu suchen oder diese zu entwickeln.
Von Arbeitslosigkeit besonders betroffen sind Risikogruppen, wie z.B. alte, (chronisch) kranke, beruflich gering qualifizierte Menschen und (besonders in den neuen Bundesländern) Frauen. Sie werden, insbesondere bei Kumulation mehrerer Risikomerkmale, durch verschiedene Mechanismen vom Arbeitsmarkt verdrängt.
Die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit sind mannigfaltig. Angefangen bei der finanziellen Krise, die besonders Alleinerziehende und Arbeitslose mit Partner ohne Arbeit betrifft, die wiederum neben der gesellschaftlichen Wertorientierung eine der Ursachen für einen verminderten sozialen Status und das damit verbundene geringe Selbstwertgefühl ist, treibt die Arbeitslosigkeit letztendlich in die Isolation. Der Rückzug aus der Gesellschaft ist vorprogrammiert. Ob die Familie dabei eine ausgleichende, kompensierende Rolle spielt oder ob die Frustrationen und Kränkungen, die während der Arbeitslosigkeit erlebt werden, in die Familie hineingetragen werden und diese erschüttern oder zerbrechen lassen und dadurch eine weitere psychische Belastung entsteht, hängt u.a. vom Support – Potential der Familie und der Flexibilität der Rollenverteilung ab.
Die umfangreichen und kausal miteinander verwobenen, in alle Bereiche des Lebens hineinreichenden Auswirkungen der Arbeitslosigkeit für die Betroffenen lassen eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes erahnen. Die Forschung bestätigt diese Annahme. Bestehende Krankheiten verschlimmern sich, Anzeichen einer möglichen zukünftigen Gesundheitsgefährdung treten häufiger auf. Ärzte und Krankenhäuser werden häufiger frequentiert. Dies trifft allerdings auch auf Erwerbstätige zu, die ihren Arbeitsplatz bedroht sehen. Die pathologischen Veränderungen der Psyche und des Körpers werden mit verschiedenen Streß – Theorien erklärt.
Welche gesundheitspolitischen Forderungen resultieren nun aus der Feststellung, daß Arbeitslosigkeit und die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, krank oder kränker macht? Die kulturell gewachsenen Werte werden sich nur langsam ändern, hier kann aber präventiv im Elternhaus, Kindergarten und Schule vorgesorgt werden, indem Kreativität, Flexibilität und Durchsetzungsfähigkeit auf dem Lehrplan stehen und in pädagogische Maxime einfließen. Die ErzieherInnen sollten den Kindern außerdem eine Vielfalt von Werten vorleben und vermitteln, sodaß der Wunsch nach Selbstverwirklichung, Selbstbestätigung und Sinnerfüllung nicht nur über den Beruf erfüllt werden kann.
Die Selektionsmechanismen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen aus dem Arbeitsmarkt verdrängen, sind eine Folgewirkung der marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten. Ihnen wird man nur zum Teil entgegenwirken können, denn eine gesunde Mischung aus Marktwirtschaft und staatlicher Kontrolle in der sozialen Marktwirtschaft schließt eine Verpflichtung zur Einstellung jener Risikogruppen aus. Eine vollständige Verantwortlichkeit seitens des Staates gibt es auch nicht. Das Grundgesetz kennt ein Recht auf Arbeit nicht, wie von den Gewerkschaften in der Diskussion um die Verfassungsreform nach der Deutschen Einheit gefordert worden ist (vgl.: Meiser, 1996, 24). Die Kosten für einen z.B. riesigen Zweiten Arbeitsmarkt würden die Steuern in die Höhe treiben und die Position Deutschlands im Wettbewerb des Weltmarktes schwächen. Außerdem würde der mächtige zweite Arbeitsmarkt die Arbeitsplätze des ersten Arbeitsmarktes gefährden. Staatliche Subventionen können aber eine Einstellung von Arbeitskräften aus dieser Gruppe fördern. Gemäß SGB III, welches in §§ 3,4 generell der aktiven Arbeitsförderung (und hier insbesondere der Vermittlung in Ausbildung und Arbeit) und somit einer Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt den Vorrang vor der passiven Arbeitsförderung, einer Arbeitsentgeltersatzleistung, gibt, zählt der Gesetzgeber diese Risikogruppen zu den besonders förderungsbedürftigen Personengruppen (§ 7 Abs.3 SGB III). Frauen (gem. § 8 SGB III) und die in §7 Abs.3 SGB III genannten Personengruppen sollen bei Ermessensleistungen der aktiven Arbeitsförderung entsprechend ihrem jeweiligen Anteil an den Arbeitslosen gefördert werden. Gerade die aktive Arbeitsförderung[5] und auch schulpolitische Maßnahmen, die präventiv und zugunsten der Chancengleichheit wirken könnten, sind aber während einer Rezession rückläufig, weil die öffentlichen Haushalte in Verbindung mit der Konjunktur stehen. Es ist zu überlegen, ob die Beteiligung der Wirtschaft an der schulischen Ausbildung von Vorteil wäre. Zwei Argumente sprechen jedenfalls dafür: Die Unternehmen des freien Marktes kennen die Anforderungen bezüglich der Qualifikation für Berufsanfänger; ihre Mitwirkung am Lehrplan, und der Organisationsstruktur der Schulen könnte deren Effizienz steigern.
Langfristig muß darüber hinaus dafür gesorgt werden, daß Arbeit umverteilt und neue Arbeitsplätze eingerichtet werden, denn das Volumen der Arbeit, und damit meine ich auch derzeit unbezahlte Arbeit, wie Ehrenämter etc., ist groß genug.
[1] Bei Erfüllung der Anwartschaftszeit werden auch Zeiten während der um vier Jahre verlängerten Rahmenfrist berücksichtigt (§ 127 Abs. 1 Nr.1 SGB III).
[2] Alle Sonderregelungen, die sich aus den §§ 191ff SGB III ergeben, sind hierbei nicht berücksichtigt.
[3] Die Neuregelung der Zumutbarkeitsbestimmungen (§ 121 SGB III) kennt keinen besonderen Berufsschutz mehr. Sie soll die Versicherten verpflichten, die Kosten für die Versicherungsgemeinschaft möglichst gering zu halten.
[4] Langzeitarbeitslose werden hier die Personen genannt, die mindestens die Hälfte der Versicherungszeit arbeitslos waren, Kurzzeitarbeitslose sind diejenigen, die weniger als 50% ihrer Krankenversicherungszeit arbeitslos waren.
[5] 1991 waren in den alten Bundesländern noch 83.000 Beschäftigte in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme tätig, 1997 waren es nur noch 59.000. (Vgl.: BA, Geschäftsbericht 1997) Die neuen Bundesländer eignen sich nicht für einen Vergleich wegen der intensiven Bereitstellung von ABM – Maßnahmen direkt nach der Deutschen Einheit.
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Nicola Pantelias (Autor)
V87334
9783638010689
Auszeichnung mit dem Hochschulförderpreis 2000 der Sparkasse Lüneburg
Dein Kreis Relevanz Möglichkeiten Rehabilitation Kranke Behinderte Arbeitsmarkt
Nicola Pantelias (Autor), 1999, "Und immer enger wird Dein Kreis" - Relevanz und Möglichkeiten der beruflichen Rehabilitation für arbeitslose psychisch Kranke und Behinderte, insbesondere auf dem 3. Arbeitsmarkt, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/87334

References: § 100
 § 103
 § 127
 § 127
 § 127
 § 193
 § 121
 § 8
 §7