Source: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news_inv&id=1654
Timestamp: 2017-03-29 15:15:20+00:00

Document:
25.10.2016 Desiderata
Ein realistischer Blick auf den gegenwärtigen Zustand der amtlichen Schulorthographie: Wünschenswertes und Machbares.
Die „Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“ ist auch nach den bisherigen Revisionsarbeiten noch verbesserungsbedürftig. Kollateralschäden wie eine erschwerte Lernbarkeit in gewissen Bereichen oder die problematische Umsetzung in Wörterbüchern sollen hier außer Betracht bleiben. Auch die Wiedereinführung der „Heyseschen s-Schreibung“, die zwar die allermeisten Änderungen in Texten ausmacht und das wichtigste Erkennungszeichen der Reform ist, soll hier nicht erörtert werden. (Eigentlich betrifft sie eine eher typographische Frage, nämlich die Auflösung der Ligatur ß in bestimmten Positionen.)
Es gibt aber einige reformierte Schreibweisen, die der sprachlichen Intuition gebildeter Sprachteilhaber widersprechen und linguistische Bedenken auslösen.
1. Großschreibung pronominaler Elemente
Die Neuregelung fordert Großschreibung bei folgendes, letzterer und einigen ähnlichen anaphorischen und kataphorischen Wörtern, falls sie nicht attributiv auf ein Substantiv bezogen werden können. Sogar der führende Rechtschreibreformer Peter Gallmann stellt jedoch in der Dudengrammatik zutreffend fest:
„Einige Adjektive nähern sich den Demonstrativen an, man spricht daher auch von demonstrativen Adjektiven (...) Das zeigt sich auch daran, dass sie schon überwiegend ohne definiten Artikel gebraucht werden. (...) folgender, obiger, ersterer, letzterer“ (Dudengrammatik 2016:280)
„Diese Wörter tendieren dazu, Artikelwörter bzw. Pronomen zu werden, was sich daran zeigt, dass der definite Artikel oft weggelassen wird:
Ich habe Edward und Alfred verwechselt. Nicht Ersterer ist mein Ahnherr, sondern Letzterer!“ (ebd. 286; beides schon in der 7. Auflage 2005)
Syntaktisch gesehen, ist der Gebrauch ganz und gar pronominal. Die Kleinschreibung scheint daher am angemessensten.
Dasselbe gilt für einige weitere Ausdrücke, die heute unterschiedlich geregelt sind, bisher aber einheitlich klein geschrieben wurden: jeder einzelne, der andere, jeder zweite (numerisch, also beim Abzählen).
2. Großschreibung adverbialer Elemente
In Wendungen wie (neuschreiblich) im Allgemeinen, im Wesentlichen, im Großen und Ganzen, jeweils mit verschmolzenem Artikel, sowie des Näheren, des Öfteren usw. stört die Großschreibung, weil sie textsemantisch in die Irre führt: Die formal substantivierten Adjektive referieren gar nicht auf wirkliche Größen (es gibt hier kein Allgemeines, Wesentliches, Großes und Ganzes), sondern die Wendungen sind insgesamt adverbial und sollten zur Unterscheidung klein geschrieben werden. Im Zuge der Revisionen ist die Großschreibung (fakultativ) auf ein Dutzend artikellose Fügungen ausgedehnt worden: seit Langem, bei Weitem usw. - Hier gelten dieselben Bedenken: es gibt kein „Langes“ und kein „Weites“, von dem die Rede wäre.
3. Groß- und Kleinschreibung in mehrteiligen Entlehnungen
Fülle wie Herpes zoster, Ultima ratio, Commedia dell'arte folgten bisher der einfachen Regel: das erste Wort groß, alles andere klein. Die Neuregelung schreibt vor, daß die Wortart der Ausgangssprache zu beachten und dann nach deutscher Weise jedes Substantiv groß zu schreiben sei: Herpes Zoster, Ultima Ratio, Commedia dell'Arte. Inkonsequenterweise sollen aber Adjektive am Anfang der Wendung keineswegs klein geschrieben werden, sonst müßte es nun ultima Ratio heißen. Aber auch sonst ist die neue Regelung so schwer anzuwenden, daß die Wörterbücher lange Zeit nicht wußten, wie Herpes zoster jetzt zu schreiben sei und Café crème heute im Duden nur die empfohlene Variante neben Café Crème ist – offenbar eine Variantenschreibung aus Verlegenheit. (Ähnlich Chapeau claque/Claque.) Wie Memento mori, Ars bene dicendi heute zu schreiben wären, ist nicht vorhersehbar. Auch und gerade in germanistischer Fachliteratur findet man ständig „Fehler“ wie Genitivus qualitatis usw.
4. Die Großschreibung der Tageszeiten (gestern Abend) ist auch nach den eigenen Grundsätzen der Reformer nicht gerechtfertigt; der Fallneulich abend/Abend ist weiterhin ungeklärt. Die Schreibweise Diät leben ist nicht zu begründen. pleite gehen/bankrott gehen wurden von der Reform in Pleite/Bankrott gehen geändert, die Revision führte obligatorisch pleitegehen, bankrottgehen ein. Warum die ursprüngliche Schreibweise nicht mehr zulässig sein soll, ist unerfindlich.
5. Die Getrennt- und Zusammenschreibung ist durch Reform und Revisionen nicht leichter geworden: eislaufen, Rad fahren (aber auch radfahrend); näher kommen (in nichträumlicher Bedeutung), aber weiterkommen (in jeder Bedeutung) und viele ähnliche Fälle. Aus gut tun, leid tun, not tun machte die Reform gut tun, Leid tun, Not tun; der Rat änderte in gut tun, leidtun, nottun. Dies und manches andere wirkt undurchdacht und kann nicht gelernt werden.
6. Weitere problematische Punkte der Neuregelung sind wegen der geringen Zahl betroffener Wörter oder der Seltenheit ihres Vorkommens weniger wichtig und könnten nebenbei bereinigt werden:
- die künstlich etymologisierenden, auch volksetymologischen Schreibungen (behände, Stängel, Gämse, Zierrat, belämmert, gräulich, einbläuen, aufwändig, Tollpatsch, schnäuzen u. a.) könnten freigestellt oder ganz aufgegeben werden.
- Nachdem der Rechtschreibrat bereits einige praktisch nirgendwo befolgte Eindeutschungen zur Disposition gestellt hat (Empfehlungen 2010: Streichung von Butike, Schose, transchieren usw.), könnten weitere Fälle bereinigt werden, z. B. das Nebeneinander von Schikoree, Kommunikee, aber Attaché, Abbé usw.
- Die Trennmöglichkeiten sollten auf ein vernünftiges Maß zurückgeschnitten werden. Mit Diag-nose, Konst-ruktion usw. ist niemandem gedient.
Kommentare zu »Desiderata«
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2016 um 17.18 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33636
Liebe Freunde, der Haupteintrag ist als Diskussionsgrundlage gemeint. Ich bitte um Kommentare. Wenn wir etwas Vernünftige zustande bringen, könnten wir damit der weiteren Arbeit eine Richtung geben. Ich biete mich gern als "Schriftführer" an, der das Ergebnis in eine lesbare Fassung bringt.
Natürlich wäre es besser gewesen, wenn es diese Reform nicht gegeben hätte, und grundsätzlich könnte sie auch ebenso, wie sie eingeführt wurde, auch wieder abgeschafft werden. Aber es ist niemand in Sicht, der das tun könnte, und kaum jemand, der es wirklich will.
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 25.10.2016 um 18.27 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33637
Der Kleinschreibung von adjektivischen Elementen innerhalb phraseologischer Wendungen, die als ganzes wie Pronomen/Zahlwörter oder Adverbien gebraucht werden, schließe ich mich mit Nachdruck an. Das entspräche ja auch der textsemantischen Bedeutung des Majuskelgebrauchs.
Weiters halte ich es in der Tat für geboten, auf eine graphostilistisch fundierte größere Liberalisierung in der GZS hinzuwirken, besonders im Bereich der Verbzusätze.
Doch die Frage lautet: wie vorgehen?
Im Sinne einer größeren Lernbarkeit der Regeln, um die es den Reformern ja auch ging, kann man z.B. das Konzept einer solchen, für die Groß-/Kleinschreibung maßgeblichen „phraseologischen Wortart“ (nach Munske) im Regeltext, ähnlich wie 1901, durch den Hinweis auf generelle Kleinschreibung, eine Liste der häufigsten Fälle und die Lizenz zur Großschreibung bei nicht nur syntaktisch-substantivischem, sondern auch referenzsemantisch-substantiviertem Gebrauch explizieren. Das würde aber einer umfassenderen Restrukturierung des Kodifikationstextes gleichkommen. So ähnlich liegt sie ja im „Ickler“ als moderne Alternative auch vor.
Man könnte allerdings auch pragmatisch sein, sich auf die Logik und den Modus operandi des Rates einlassen und das „amtliche“ Regelwerk, unübersichtlich, wie es nunmal ist, zur Grundlage nehmen, um Änderungen an den entsprechenden Stellen in die Paragraphen einzupflegen, so daß am Schluß ein quasi vergleichbares Dokument vorläge, das, auf dem derzeitigen Stand aufbauend, „behutsam“ an dessen Stelle treten könnte. So ließe sich das Projekt vielleicht anschlußfähig halten für grundsätzlich auch „reformerisch“ bewegte Kräfte und insgesamt mehr erreichen. Quasi „Orthographiepolitik“ als Kunst des hier Machbaren.
Kommentar von R. M., verfaßt am 25.10.2016 um 20.06 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33638
Zu Punkt 3 wäre hinzuzufügen, daß die Regel durchaus konsequenter gehandhabt werden könnte als vor der Reform, vor allem was die heute dominierenden Entlehnungen aus dem Englischen betrifft.
Kommentar von R. M., verfaßt am 25.10.2016 um 20.08 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33639
Punkt 0 wäre die Abschaffung des unrettbaren ß nach Schweizer Vorbild.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2016 um 04.44 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33642
Mir kommt es darauf an, daß nicht der Eindruck einer weiteren Rechtschreibreform entsteht. Sonst kommen wir ins Fahrwasser derjenigen, denen die Reform "nicht weit genug" geht, und manövrieren uns ins Abseits.
Was das Englische betrifft, hat Munske verschiedentlich auf dessen Sonderstatus hingewiesen. Man könnte fast sagen, es sei eine Art Erweiterung des Deutschen, und die Entlehnungen könnten tatsächlich auch orthographisch noch stärker deutschen Regeln unterworfen werden. Zu überlegen wäre umgekehrt auch, ob etwa die bindestrichlose Schreibung von Komposita ins Deutsche übernommen werden soll – wie es in Fachsprache und Marketing schon weitgehend der Fall ist, nur eben regelwidrig.
Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 26.10.2016 um 07.36 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33644
- Das Regelwerk ist in seiner jetzigen Form kaum benutzbar, weil ein Glossar und ein Index fehlen. Dies bedeutet, daß man Informationen nur finden kann, wenn man sich schon ausgiebig mit dem Text befaßt hat.
- Die jetzige Paragrapheneinteilung müßte unbedingt aufgegeben und vor allem die unübersichtlichen Mammutparagraphen in kleinere Einheiten zerlegt werden. Wenn ich Herrn Icklers Berichte aus dem Rat richtig verstanden habe, wurde die 1996er Einteilung nur beibehalten, um den Eindruck zu erwecken, es habe sich nichts Wesentliches geändert, obwohl beispielsweise die §§ 34 und 36 weitgehend neu geschrieben wurden. Deswegen war es wohl auch nur möglich, einen weiteren Paragraphen am Ende einzufügen.
Inhaltliches (allgemein):
- Das Vorwort müßte neu gefaßt werden und sprachwissenschaftlich seriös sein.
- Die Regeln müßten endlich verständlich und eindeutig formuliert werden. Das Regelwerk hatte von Anfang an keinen Adressaten, weil es für Sprachwissenschaftler und Lexikographen zu vage ist und außerdem alle möglichen Ansätze miteinander verrührt, während es für Laien und die meisten Lehrer viel zu komplex ist.
- Widersprüche zwischen einzelnen Paragraphen, dem Regelwerk und dem Wörterverzeichnis sowie innerhalb des Wörterverzeichnisses müßten endlich beseitigt werden.
- Die Vorbemerkungen zu den einzelnen Kapiteln müßten gründlich überarbeitet werden.
- Teil A kann größtenteils gestrichen werden. Er ist unvollständig und für die Praxis ohnehin nutzlos. Man könnte sich hier auf Spezialfälle wie die s-Schreibung beschränken.
Inhaltliches (Einzelprobleme):
- § 2 ist falsch formuliert und enthält falsche Beispiele. Die Schreibung von Fällen wie generell geht nicht aus dem Paragraphen selbst, sondern aus dem vorangehenden allgemeinen Text ("Besondere Kennzeichnung der kurzen Vokale") hervor.
- Ein Zusatz zu einem neu formulierten § 2 könnte darauf hinweisen, daß man am Silbenende statt ss die Ligatur ß verwenden kann. Dies würde das ss/ß-Problem ("Zwang zum ss") aus der Welt schaffen.
- Die Dreikonsonantenregel sollte ausdrücklich formuliert werden und nicht mehr nur in $ 45 (im Bindestrichkapitel) versteckt werden. Um der Vereinfachung willen wäre auch das Wiederbeleben der toleranten Regelung von 1901 wünschenswert, nach der man wahlweise nur zwei oder auch alle drei Konsonanten setzen kann. Für Schreibende ist der Dreibuchstabenzwang keine Erleichterung, weder an der Tastatur noch in der Handschrift. Für Schüler hat man hier eine ganz neue Falle eingeführt, weil sie nun erstens die Zusammensetzung erkennen und zweitens abzählen müssen. Das lenkt unnötig ab. Für den professionellen Textsatz lassen sich ausgefeiltere Lösungen finden, die wohl auf die alte Duden-Regelung hinausliefen, aber das muß man nicht in einem orthographischen Regelwerk festhalten.
- Wiedereinführung der Vereinfachungsregel für Verbindungen mit Ziffern, zumindest fakultativ. Die Unterscheidung zwischen Zusammensetzung und Ableitung sowie die Binnengroßschreibung bei Substantiven ist weder Schülern noch Erwachsenen zuzumuten.
- Die von den Reformern eingeführten obligatorischen und völlig überflüssigen Kommata sollten zumindest fakultativ werden.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2016 um 09.22 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33645
Dies gefällt mir besonders:
Ein Zusatz zu einem neu formulierten § 2 könnte darauf hinweisen, daß man am Silbenende statt ss die Ligatur ß verwenden kann. Dies würde das ss/ß-Problem ("Zwang zum ss") aus der Welt schaffen.
Damit wäre der Gegenstand auf seinen typographischen Kern zurückgestutzt.
Die Dreibuchstabenregel ist allein wegen der früheren Konvention aufgenommen. Der Sache nach versteht es sich von selbst, daß alle Buchstaben geschrieben werden. (Nicht daß ich es schön finde, aber es schadet auch nicht besonders.)
Gerade die Kommaregel war vor der Reform ziemlich ausgereift, und jeder, der auf lesbare Texte Wert legt, wendet sie nach wie vor an, soweit es geht.
Kommentar von R. M., verfaßt am 26.10.2016 um 10.29 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33648
Der Katalog läuft ohnehin auf eine ziemlich durchgreifende Reform der Reform hinaus, da darf man sich nichts vormachen. Die Politik ist an ruhigen und einheitlichen Verhältnissen interessiert. Kurzzeitige Unruhe wird sie nur hinnehmen, wenn im Gegenzug die Aussicht auf langfristige Befriedung besteht.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2016 um 11.24 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33649
Ist nicht der Begriff des "Einpflegens", den Herr Heudtlaß ins Spiel gebracht hat, ziemlich geeignet?
Natürlich geht es fast immer um Rückbau, aber das Kind darf nicht so heißen. Das ist nicht erst unsere Taktik, sondern war schon die der Kultusminister. "Anpassung" ...
Wer will, kann die Schweizer Orthographie benutzen, das war schon immer so.
Kommentar von R. M., verfaßt am 26.10.2016 um 11.53 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33650
Leisetreterei wird nicht zum Ziel führen, Eisenberg ist im Rat ja auch schon unterlegen. Man sieht es im übrigen daran, daß es dem Rat nicht gelungen ist, der Tendenz zur Getrenntschreibung entgegenzuwirken, was daran liegt, daß er die Reformreform kleinreden wollte.
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 26.10.2016 um 13.11 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33651
Schon wenn es uns gelänge, die vernünftigen Schreibungen als Alternative verankern zu können, hätten wir auf dem Weg zu qualitätsvolleren Texten doch einen großen Schritt gemacht! Den Rest könnte dann der „freie Markt“ regeln, der derzeit eher einer orthographischen Zwangsökonomie gleicht.
Vielleicht muß man dafür die Prämisse/Kröte schlucken, daß keine (oder nur sehr wenige, insbesondere im GKS-Bereich) Schreibungen, die momentan erlaubt sind, „falsch“ werden dürfen.
Also Umschreibung ja, aber mit Regeln, die eben auch die klassische Schreibung zu erzeugen vermögen. In einem späteren Schritt könnte dann wieder rückgeschnitten werden.
Es gäbe neben dem Befriedungsargument auch noch die Tatsache, daß noch weniger Fehler gemacht werden könnten, was sowohl Reformer als auch Lehrer doch eigentlich milde stimmen müßte. Und auch die Politik hätte kein Faß aufzumachen, weil ja nichts abgeschafft oder umgestürzt, sondern nur eingepflegt und behutsam weiterentwickelt würde. Kein Schüler hätte „schon wieder umzulernen“. Das müßte doch eigentlich auch jene im Rat überzeugen können, die dort nur, ich sage es mal überspitzt, aus Repräsentationsgründen sitzen und das Regelwerk im Grunde gar nicht verstehen. Regelfetischisten lassen sich vielleicht durch besonders ausgefuchste Formulierungen überzeugen. Wenn ich Hände reichen und Brücken bauen muß, um endlich wieder orthographisch unauffällige Texte zu lesen, dann reiche ich Hände und baue Brücken. (Auch wenn ich mir ein bißchen schmutzig dabei vorkomme.)
Herr Schaefers Idee des fakultativen ß, der ich mich anschließen würde, führt ja in diese Richtung.
Ich sehe allerhöchstens leider eine Marginalisierung der bestehenden Probleme in der Öffentlichkeit. Vielleicht hätte man es 2006 leichter schaffen können, wenn der Rat seine Arbeit nicht auf halber Strecke eingestellt hätte, um Zeitplan und Vorgaben der KMK zu entsprechen. Und gab es nicht auch dieses Drama – darauf brachte mich Herr Markners Einwand – als Eisenberg versuchte, eine leichter lesbare Kurzfassung der Regeln, allerdings mit kleinen Verbesserungen, zu erstellen und postwendend scheiterte? Aber warum nicht den neuen Vorsitzenden einspannen? Dann hätte er auch ein Projekt und könnte sich als Brückenbauer inszenieren. Wir arbeiten das Regelwerk aus, tauchen einfach bei einer Sitzung auf, überzeugen alle und sind fortan orthographisch glücklich und wieder ganz.
Kommentar von R. M., verfaßt am 26.10.2016 um 13.42 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33652
Fakultativ Adelung oder Schweizer Schreibung oder fakultative Kleinschreibung von im übrigen usw. heißt alles Vermehrung der Varianten und allgemeine Veruneinheitlichung, was unpopulär ist. Dann kommt die Duden-Redaktion, schwingt sich zur Retterin der einheitlichen Schreibung auf – und empfiehlt unverdrossen Pseudo-Heyse, allein gültig, Gämse und im Übrigen.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2016 um 16.59 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33653
Wir stehen am Anfang neuer Überlegungen, alles ist möglich.
Der Hinweis auf Duden ist triftig, jedermann richtet sich weiterhin danach, Privilegierung hin oder her.
Wer hat eigentlich bisher die Revisionsarbeiten beeinflußt, und warum sind sie überhaupt aufgenommen worden, nachdem die Reformer und ihr IDS zunächst unnachgiebig behauptet hatten, so etwas komme nicht in Frage? Der "Druck" von der Straße (von uns) kann es nicht gewesen sein. Die offensichtliche Fehlerhaftigkeit der Reform hat geholfen. Da steckt noch Kraft drin.
Kommentar von R. M., verfaßt am 26.10.2016 um 17.28 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33654
Der 4. Bericht hat der Kommission seinerzeit das Genick gebrochen. Was der Rat verheißt – Abschaffung von Vademekum und ähnliche Petitessen –, wird ihm auch nicht gerade helfen.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2016 um 17.55 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33655
Der Rat ist im Grunde nicht arbeitsfähig. Vielleicht fällt jemandem auf, daß er in den letzten sechs Jahren praktisch nichts geleistet hat. Übermorgen soll ja der nächste Bericht erscheinen, der hoffentlich auch bald ins Netz gestellt wird.
Kommentar von ppc, verfaßt am 26.10.2016 um 18.27 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33656
Die Versprechung, das Schreiben zu vereinfachen, wurde nicht erfüllt (im Gegenteil), daher würde ich nun die Absicht äußern, die Leserlichkeit von Texten zu verbessern, denn im Bestfall wird derselbe Text häufiger gelesen als geschrieben. Dazu kann eine sinnvolle Kommasetzung und zurückhaltende Großschreibung beitragen. Beides fördert auch das Grammatikverständnis, also Satzbau (Nebensatz, Hauptsatz etc.) und Wortarten (ist "Nachhinein" ein Substantiv?).
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.10.2016 um 05.45 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33658
Ich habe mich bei der Prioritätenliste von dem Gedanken leiten lassen, daß Grammatikverstöße zuerst geheilt werden müssen, als nächstes dann die Beeinträchtigungen der Lesbarkeit. Die exzessive, bei der Revision noch verstärkte Großschreibung beruht auf der sozusagen vormodernen Artikelprobe ("formale Substantivierung" als vermeintlich idiotensicherer Test, besonders für Grundschüler geeignet). Dagegen wandten sich Einsichtige schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts, also gegen im Allgemeinen, seit Kurzem usw. "Modern" ist, wie ich seit je plausibel zu machen hoffe, die textsemantische Auffassung. Sie überlagert die Grammatik, ganz ähnlich wie bei der GZS die Wortgrenze überlagert wird durch Zusammenschreibung von Verbzusätzen und anderes. Ich habe das nicht erfunden, die Sprachgemeinschaft ist intuitiv so weit gekommen. Darum verstößt die Reform gegen die Intuition der fortgeschrittenen Sprecher, während sie dem beschränkten Verstand der Grundschüler entgegenzukommen glaubt. Meine einfache Testfrage: "Ist hier von einem Allgemeinen oder Kurzen die Rede?" dürfte aber auch weniger Geübten zugänglich sein.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.10.2016 um 10.55 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33663
In etwas verstreuten Beobachtungen haben wir schon besprochen, daß es gar nicht so einfach ist, die Wortarten Substantiv und Adjektiv in Fremdsprachen zu unterscheiden. Manche Wörterbücher meinen, nur Spiritus Rector sei jetzt richtig, während man bei Café Crème auch klein schreiben dürfe.
Bekanntlich waren diese Wortarten im Indogermanischen nicht unterschieden; Adjektive sonderten sich erst durch die Motion ab. Bei Fällen wie oben wird es immer Zweifel geben, die es vor der Reform nicht gab.
Hinzu kommt der falsche Vorsatz, die GKS allein von der Wortart abhängen zu lassen. Das geht ja sowieso hinten und vorn nicht.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.10.2016 um 05.17 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33684
Auch wenn es Übergangserscheinungen gibt, ist die Unterscheidung von Adjektiven und Pronomina intuitiv einleuchtend und wurde bisher weitgehend durch die GKS berücksichtigt.
folgend ist zunächst ein Adjektiv (Partizip), Folgendes/das Folgende seine Substantivierung, genauer gesagt eine syntaktische "Transposition", weil kein neues Lexem.
Zum artikellosen Gebrauch:
Wer zuerst kommt, wird sofort eingelassen, Folgende müssen sich anstellen.
Unter den Folgenden sind hier solche Menschen zu verstehen, die später als andere kommen: "wer immer folgt bzw. später kommt".
Und folgendes sage ich dir: ...
Das entspricht einem vorausweisenden (kataphorischen) das/dies. Es bezieht sich auf den Text, nicht auf die außersprachliche Wirklichkeit.
Gewiß ist der erste Schritt eine "formale" Substantivierung, und die Reformer wollen hierbei stehenbleiben, weil es angeblich idiotensicher die Zweifel wegen Großschreibung beseitigt. Das dachten auch die Volksschullehrer um 1850. Die Sprachgemeinschaft ist aber weitergegangen und hat eine leserfreundliche Unterscheidung entwickelt, die die formale Wortartenbestimmung durch funktionale Zwecke überwölbt. Ich nenne das textsemantisch.
Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 28.10.2016 um 08.02 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33689
Mit der textsemantischen Auffassung kommt man nicht in jedem Fall zum Ziel. Man schreibt in herkömmlicher und reformierter Orthographie auf Grund oder aufgrund, zurecht (Verbzusatz), aber zu Recht (wie mit Recht) und zu Berge nur so, egal, ob einem die Haare zu Berge stehen oder man zu Berge zieht/geht.
Auf Grund bzw. aufgrund gehören in die Kategorie der Präpositionen, und im ersten Fall ist das "Substantiv" auch nicht attribuierbar.
Zu Recht läßt sich als Adverbial auffassen und "Recht" ist ebenfalls nicht attribuierbar, im Gegensatz zu mit Recht ("mit gutem/sehr viel Recht").
Wenn man zu Berge zieht oder geht, bewegt man sich, je nach Kontext, bergwärts oder bergauf, befindet sich also auch im adverbialen Bereich. Beim Zu-Berge-Stehen der Haare handelt es sich hingegen um eine versteinerte bildliche Ausdrucksweise.
Man kann also bestenfalls von einer starken Tendenz zur Klein- und teilweise auch zur Zusammenschreibung sprechen. Mehr sollte ein Regelwerk nicht enthalten, um für die Sprachentwicklung offen zu bleiben und damit zukunftsfähig zu sein.
Wichtig wäre es vor allem, die 2006 beseitigte Grundregel "im Zweifel klein" wiedereinzuführen.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.10.2016 um 08.55 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33690
Das ist ja auch ein ganz anderes Gebiet der GKS. Im übrigen: einverstanden.
Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.10.2016 um 10.03 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33691
Mit "im Zweifel klein" oder "im Zweifel getrennt" kann ich nicht viel anfangen. Da kann ja jeder sagen, er hat eben irgendwelche Zweifel, und schreibt mit gutem recht nach den Regeln "zu recht" klein.
In einem Regelwerk sollten klare, erschöpfende Regeln stehen, keine Zweifel.
"Regeln" wie "im Zweifel klein" sind meiner Ansicht nach gut für individuelle Fälle geeignet, wo jemand vielleicht gerade kein Nachschlagewerk zur Hand hat und trotzdem seine Fehlerwahrscheinlichkeit minimieren oder wenigstens keinen ganz groben Schnitzer machen will.
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 28.10.2016 um 16.43 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33693
Ich halte es für sinnvoll, im Regelwerk klar und deutlich darauf hinzuweisen, daß bestimmte Adjektive die Pronominalparadigmen suppletiv ergänzen und daß ein etwaig hinzutretender Artikel dem Ausdruck textueller (In-)Definitheit dient (und vor allem nicht als Substantivierungskriterium mißverstanden werden sollte). Als Generalregel die diskursiv-pragmatische Kategorie der Redegegenstände nennen. Als Beispiele vielleicht Nominationsstereotype, Superlative mit am/aufs und feststehende adverbiale Wendungen aufzählen. So erreicht man schon in 99% aller Fälle eine korrekte Schreibung, Zweifelsfälle entstehen wirklich kaum. Die Zusammen- und Getrenntschreibung genauso eindeutig zu kodifizieren (also mit eindeutigen Empfehlungen, gerade im Rahmen der Verbzusätze) ist schon einen Ticken komplizierter. Der diachrone Trend zur Univerbierung gehört auch hierher.
Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 29.10.2016 um 08.53 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33696
"Im Zweifel klein" ist natürlich nur die Faustregel für Schreibende. Die Grundregel lautet: Kleinschreibung ist der Normalfall, die Großschreibung muß begründet werden. Ein Problem der Neuregelung ist ja, daß sie leicht memorierbare Faustregeln ("ss am Schluß bringt Verdruß", "Im Zweifel klein") entwertet hat und diesen nichts Gleichwertiges entgegensetzen konnte.
Mit "erschöpfenden" Regeln haben sich die Reformer versucht und sind damit grandios gescheitert. Wollte man ein "erschöpfendes" Regelwerk herausbringen, würde es vermutlich mehrere dicke Bände umfassen, und selbst dann blieben noch zahlreiche Zweifelsfälle sowie Spielraum für Willkür.
Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 29.10.2016 um 10.11 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33697
Vorbemerkungen zur Groß- und Kleinschreibung vor und nach der Reform
Duden 1991:
Im Gegensatz zu anderen Sprachen ist im heutigen Deutsch die Großschreibung nicht nur auf Namen und Satzanfänge beschränkt. Es ergeben sich häufig Schwierigkeiten, die auch durch ausführliche Richtlinien nicht völlig behoben werden können. In Zweifelsfällen, die hier nicht behandelt werden, schreibe man mit kleinen Anfangsbuchstaben.
Regelwerk 2006:
Die Abgrenzung von Groß- und Kleinschreibung, wie sie sich in der Tradition der deutschen Orthografie herausgebildet hat, macht es erforderlich, neben den Regeln für die Großschreibung auch Regeln für die Kleinschreibung zu formulieren. Diese werden in den einzelnen Teilabschnitten jeweils im Anschluss an die Großschreibungsregeln angegeben. In einigen Fallgruppen ist eine eindeutige Zuweisung zur Groß- oder Kleinschreibung fragwürdig. Hier sind beide Schreibungen zulässig.
Kommentar von R. M., verfaßt am 29.10.2016 um 12.56 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33698
Aus beiden Texten spricht eine tiefsitzende Feindseligkeit gegen die deutsche Groß- und Kleinschreibung überhaupt.
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 29.10.2016 um 15.14 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33699
Da lobe ich mir das Regelwerk von 1901. Zwar hat es den textsemantischen Überbau nicht explizit formuliert, war dafür aber übersichtlich gegliedert, klar und vermutlich für jedermann verständlich. Der Reformtext, insbesondere in seiner Ursprungsversion, ist dagegen regelrecht stümperhaft zu nennen, insbesondere das Originalkapitel zur GZS. Ich glaube, es war Augst, der seinerzeit gesagt hat, es handle sich um die am besten vorbereiteten Reformvorschläge, die es jemals gegeben habe. Haha. Das wurde ja von der Politik auch gerne aufgenommen, es war zur Beruhigung viel von den „Experten“ die Rede, welche jahrelang an der Regelung gefeilt hätten.
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 29.10.2016 um 15.19 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33700
Jetzt werden wir aber schon wieder viel zu negativ. Ich wette, mit dem hier versammelten Sachverstand ließe sich auch der offizielle Text schnell verbessern / weiterentwickeln / auf Konvergenzkurs zur klassischen Schreibung bringen...
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.10.2016 um 15.45 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33701
Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33699
Hier sind einige einschlägige Zitate:
„Wissenschaftlich war eine Reform der deutschen Rechtschreibung noch nie so gut vorbereitet wie heute.“ (W. Mentrup in: Spektrum der Wissenschaft 8/1987; ähnlich in: Die Rechtschreibung des Deutschen 1985, S. 39)
„Blickt man zurück in die Vergangenheit, so läßt sich wohl mit aller Zurückhaltung feststellen, daß noch nie Veränderungsvorschläge für unsere Orthographie so vollständig und wissenschaftlich so sorgfältig begründet vorgelegen haben wie heute.“ (Vorlage für die Wiener Konferenz im Mai 1990)
„Die Teilnehmer der diesjährigen Konferenz stellen einvernehmlich fest, daß es sich um den am besten durchdachten Neuregelungsvorschlag zur deutschen Rechtschreibung handelt, der seit der Orthographischen Konferenz von 1901 erarbeitet wurde.“ (Abschlußerklärung zur 2. internationalen Konferenz Wien 1990)
„Ohne unbescheiden sein zu wollen, glauben wir, dass eine Reform der deutschen Rechtschreibung noch nie so gründlich bis ins letzte Detail vorbereitet worden ist.“ (G. Augst/G. Stickel am 9.10.1995 an die Ministerpräsidenten der deutschen Länder, abgedruckt bei Zabel 1996, S. 302)
Nimmt man Augsts selbstbekundetes Hochgefühl während der Wiener Konferenz 1996 hinzu, kommt man zu recht eigentümlichen psychologischen Einsichten.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.10.2016 um 15.53 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33702
Die Frage ist, ob wir uns an die letzte veröffentlichte Fassung des Regelwerks heranmachen und sie in unserem Sinne überarbeiten sollten oder lieber warten, bis die nächste Fassung erschienen ist – immerhin hat der Rat doch einige Jahre daran gesessen. Oder – wozu ich neige – die kritischen Themen der Rechtschreibung unabhängig von dem sperrigen amtlichen Text ausarbeiten und dann sehen, ob der Rat unsere Vorschläge "einpflegen" kann und will.
Mein eigenes Regelwerk im Rechtschreibwörterbuch vor Augen denke ich mir: Das ist sicher nicht vollkommen, aber ich habe es im Alleingang in wenigen Wochen hingekriegt, da müßte man doch gemeinsam etwas mindestens so Vernünftiges (und Lesbares) schaffen.
Kommentar von R. M., verfaßt am 29.10.2016 um 16.43 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33703
Was kann einfach wegfallen? Ideal wäre eine Schlagzeile von der Art: »Experte: Hälfte der reformierten Rechtschreibregeln schädlich und überflüssig«
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.10.2016 um 17.07 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33704
Sehr gut, ich bin dabei. (Meine Regeln umfassen ja auch schon nur ein Viertel der amtlichen.) In meinem Aufsatz "Die verborgenen Regeln" habe ich außerdem nachgewiesen, daß das amtliche Regelwerk noch von einem Dutzend unausgesprochener Regeln Gebrauch macht. Da ist also viel Luft drin.
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 29.10.2016 um 17.12 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33705
Die Hauptlinien der m.M.n. nötigen Kritik sind eindeutig im Hauptartikel genannt. Zuvörderst tut die Zurückstutzung der exzessiven formalsyntaktischen Großschreibung not. Ebenso eine weitere Lizenzierung von Zusammenschreibungen bei den Verbzusätzen (§34 erlaubt sie derzeit bei den „adjektivischen“ Erstgliedern nur im Falle der Resultativprädikative [sauberhalten ist also z.B. dementsprechend nicht erlaubt] und der schwer zu operationaliserenden „idiomatisierten Gesamtbedeutung“). Duden & Co. verzerren das dann noch weiter, indem sie Schreibweisen wie „das Baby hat sich bloß gestrampelt“ bei reflexiven Verben empfehlen. Die von Ihnen, Prof. Ickler, gefundene (relativ freie) Regelung hat mir da deutlich besser gefallen, auch wenn ich sie zusätzlich noch mit Hinweisen zu einigen Hinweisen auf Traditionslinien ergänzt hätte (z.B. Abgrenzung von den Funktionsverbgefügen).
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 29.10.2016 um 17.16 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33706
§77(7) der aktuellen Regelung schweigt sich sehr in bezug auf absolute Nominative und Akkusative am Anfang des Satzes aus. Das geht mir auch sehr auf die Nerven, weil insbesondere in Büchern für junge Leser z.B. scheinbar so wenig Kommas wie möglich gesetzt werden, anstatt die lern- und wißbegierigen kleinen Köpfe gleich von Anfang an mit sowas wie Bewußtsein für syntaktische Gliederungen zu füllen.
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 29.10.2016 um 21.20 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33707
Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33703
Der Experte ist ja quasi die heutige Schwundstufe des Intellektuellen.
Nach Lektüre dieses Artikels (ein Klassiker!)
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41179092.html
war ich damals übrigens mehr versucht, an Papst und Gegenpapst zu denken. Unabhängig von der inhaltlichen Positionierung könnte man angesichts der Reformfolgeschäden dem Namen „Innozenz II.“ jedoch einiges an Humor abgewinnen. Der war ja auch Reformer und unter fragwürdigen Umständen an die Macht gekommen. Nur dauert das Schisma jetzt schon länger als acht Jahre.
Kommentar von Sinologe, verfaßt am 30.10.2016 um 06.25 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33708
Generationen von Sinologen (oder anderen Kulturwissenschaftlern) konnten sich Aufenthalte in China (oder anderen Ländern) dadurch finanzieren, daß sie Deutschunterricht gaben. Dank der Rechtschreibreform kann ich das nicht. Auch wenn es anderen egal sein mag, ob sie nur Unfug lehren. Um Verständnis zu vermitteln müßte man zunächst die unreformierte Rechtschreibung lehren und schließlich den fortgeschrittenen Schülern erklären, daß für Deutschprüfungen noch einige völlig unlogische Regeln einzuhalten sind und zwar nur aus dem Grund, weil die sich ein paar Leute ausgedacht haben und die Macht hatten, sie durchzusetzen. Diese unlogischen Regeln setzen etymologische, phonetische und grammatikalische Regeln außer Kraft und sorgen außerdem dafür, daß manche Wörter mit anderen zusammenfallen oder abgeschafft werden. Diese Regeln sind zusammen mit ihren sogleich mitausgedachten Ausnahmen einer unübersichtlichen und dazu auch noch unvollständigen Liste zu entnehmen. Wie soll man das jemandem ernsthaft beibringen?
Dem Artikel und den Kommentaren entnehme ich, daß die Reform der Reform noch immer nicht abgeschlossen ist. Das wird wohl von der Allgemeinheit anders gesehen. Aber bedeutet die weitergehende Reform der Reform, daß es noch Hoffnung auf Besserung gibt? Eigentlich müßten alle Lehrer ihren Schülern die Aufgabe stellen:
„Begründe deine Schreibweise! ... ist so vorgeschrieben gilt nicht als Begründung.“ Obwohl das eine alltägliche Aufgabenstellung ist, würde sie jedem den Unfug der Reform deutlich vor Augen führen.
Man sollte ss als ſs schreiben. Also mit dem gestrecktem s aus dem sich die Ligatur ß entwickelt hat. So macht man auf den Unfug in der reformierten Rechtschreibung aufmerksam. Man kann nicht genug auf den Unfug aufmerksam machen.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.10.2016 um 06.37 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33709
Aus dem Innern des Rechtschreibrates erfahre ich, daß man lange darum gerungen hat, Gämse und schnäuzen zu reparieren. Eine Einigung wurde nicht erreicht, weshalb man das Thema auf die nächste Sitzungsperiode verschoben hat. Gesprächsstoff für die nächsten sechs Jahre ist also vorhanden.
Mir war als Mitglied ja auch schon bald klar, daß der Rat in dieser Zusammensetzung und mit einem so schwachen Vorsitzenden nicht arbeitsfähig ist.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.10.2016 um 17.55 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33718
Bei einer verbesserten Rechtschreibregelung muß unbedingt beachtet werden, was ich in meinen Regeln auch schon berücksichtigt habe: Die richtige Schreibung muß intuitiv einleuchten und darf nicht erst durch geordnete Anwendung mehrerer Regeln zu gewinnen sein. Langwierige Kasuistik ist das Letzte, was man hier gebrauchen kann.
In einem Korrekturprogramm und einem Wörterbuch kann man sich auf eindeutige Schreibweisen festlegen, und ein berufsmäßiger Korrektor wird "sein" Wörterbuch bald im Schlaf kennen; in diesem Sinne kann die Rechtschreibung "eindeutig" geregelt sein. Aber das sind Anforderungen, die man an den normalen Gebildeten und damit an die Schule nicht stellen darf.
Mir ist das wichtig, weil ich seinerzeit auch von Mitstreitern oft gedrängt worden bin, in mein Wörterbuch mehr und eindeutigere Festlegungen aufzunehmen. Die fatalen Folgen waren mir deutlicher als anderen, die kein Wörterbuch zu machen versuchten.
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 01.11.2016 um 00.46 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33729
Ich gebe zu, auch ich hatte zeitweilig das Gefühl, als fehle der Verbzusatzcharakterisierung in Ihrem Wörterbuch quasi das entgegengesetzte Ende, der andere Pol so einer Art Prototypenkontinuum abnehmender Zusammenschreibwahrscheinlichkeit, das Sie aufgemacht haben. Also auf der einen Seite die immer zusammengeschriebenen Präfixverben mit einem Verbzusatz, der keine Entsprechung in einem syntaktisch selbständigen Zeichen findet, sowie den Verbzusatzkonstruktionen, deren Erstglied mit Präpositionen oder gewissen anderen Partikeln gleichlautet, und am anderen Ende der Skala die (zumindest laut damaligem Rechtschreibduden) immer getrenntgeschriebenen Funktionsverbgefüge wie z.B. Gefahr laufen, Notiz nehmen, zur Sprache bringen. Ich führe das auch deshalb an, weil ich eigentlich gewisse Sympathien für die Zusammenschreibung der Wendungen folgeleisten, schritthalten hege (Instinkt), eine entsprechende Analyse (Ratio) mich dann aber bewog, sie (zumindest im Sinne der Norm von 1991) in jene Gruppe einzuordnen. (Auch wenn ich mir manchmal doch erlaube, jenem Gefühl „folgezuleisten“, wenn die nominalen Glieder nicht erweitert sind.) Ich bin ein großer Anhänger des von Ihnen regeltechisch verfolgten Konzepts der Freiheit bei der GZS der Verbzusatzverbindungen, für die ich dementsprechend auch in einer „weiterentwickelten/upgedateten“ Kodifikation plädiere, rege aber an, diese manchem (nicht mir!) offenbar überaus bitter schmeckende Freiheit schmackhaft zu machen – entweder durch weitere in dieses aufgespannte Kontinuum einzuordnende Gruppen von Prototypen (Bojen) oder gegebenenfalls durch über Umfang und morphologische Komplexität hinausgehende Analysekriterien zur GZS-Entscheidungsfindung, die nicht präskriptiv, sondern orientierend bezüglich der Einordnung in die Traditionen der Schrift-/Sprachgemeinschaft Anhaltspunte geben. Keine Festlegungen also, sondern Leuchttürme, die einen möglichen (und empirisch im 20. Jahrhundert am häufigsten gegangenen) Weg weisen. Dennoch, das möchte ich bei der Gelegenheit auch unbedingt sagen, empfand ich sowohl Ihr Kapitel über die GKS als auch über die Verbzusätze bei damaliger Erstlektüre als überaus wohltuend und augenöffnend, viel besser auch als die Kodifizierung des alten Dudens, eben weil ich mich so mittels der Vernunft über meine orthographischen Instinkte aufgeklärt sah. Wäre die GKS z.B. damals flächendeckend dergestalt textsemantisch in den Schulen unterrichtet worden, wie sie sich in ihrer Darstellung findet, hätten die Reformer sicherlich nicht bei manchen Zustimmung statt Kritik zur Diagnose einer angeblich in diesem Bereich herrschenden Undurchdringlichkeit, die es zu „vereinfachen“ (lies: auf Kosten der Lesbarkeit plattzumachen) gelte, ernten können.
Kommentar von Sinologe, verfaßt am 01.11.2016 um 01.23 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33730
Natürlich meinte ich, man schreibe ss als ʃs, nicht als ſs. So kann sich ß dann auf natürliche Weise von neuem entwickeln.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.11.2016 um 03.11 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33731
Über die s-Schreibung habe ich mich nie so aufregen können wie manche meiner Freunde. Ich bin nicht in das ß verliebt (obwohl ich es praktisch finde und nie aufgeben werde) und sehe im ss keine Nazi-Rune (auch das ist ja vorgetragen worden). Die Schweizer Schreibweise war ja vor 100 Jahren auch bei uns weit verbreitet, mein Allerlieblingsgermanist Hermann Paul z. B. schrieb so, und es stört mich nicht.
Die Zusammenschreibung der Verbzusätze abschließend zu regeln haben die Reformer von 1901 vermieden, es ist nur um einen zu hohen Preis möglich. Zwar steht für mich der Leser im Vordergrund, aber darüber habe ich die Schwierigkeiten des Schreibens nicht aus den Augen verloren, daher mein voriger Eintrag über Kasuistik. Es ist kein Verbrechen, folgeleisten zu schreiben; die Sprachgemeinschaft wird unübersichtliche Zusammenschreibungen auf die Dauer nicht billigen. Kommentar von Sinologe, verfaßt am 02.11.2016 um 03.30 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33737
Zur Schweizer Schreibweise sollte man nicht vergessen, daß auch die das ß kannte bis zu dem Zeitpunkt, ab dem Schreibmaschinen verbreitet waren, auf welchen in der Schweiz das ß fehlte. Aber mir dient das ß nicht als Beispiel, weil ich darin verliebt bin. Mir dient das ß ganz einfach als leicht zu verstehendes Beispiel dafür, daß die Reform versucht Entwicklungen rückgängig zu machen. Sollte das gelungen sein, dann müssen die Entwicklungen nochmal durchlaufen werden, sonst wären sie nicht früher schon durchlaufen worden. Das macht die Idee, Entwicklungen auf einen früheren Stand zurückzusetzen, ziemlich unsinnig.
Im übrigen sollte jeder Schreiber an die Leser denken. Das hilft auf jeden Fall dabei, sehr viel Unsinn zu vermeiden. Beim Schreiben an die Leser zu denken sollte eine Grundregel sein. Die würde jedoch sehr vielen der Regeln der Reform widersprechen und sie so außer Kraft setzen.
Desweiteren wäre es wünschenswert, wenn man nicht mehr einfach die lateinische Grammatik anderen Sprachen überstülpte, egal ob die dort paßt oder nicht. Also falls Germanisten unbedingt etwas reformieren wollen...
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2016 um 05.16 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33738
Guter Gedanke, der z. B. auf die Groß- und Kleinschreibung paßt. Deren Zustand vor der Reform halte ich für fortschrittlich, das Zurückgehen auf die rein formbezogene "Substantivgroßschreibung" also für einen Rückschritt. Dagegen scheint mir die alte Nichttrennung von st zu sehr an die Fraktur gebunden, sie ist nicht erhaltenswert und würde bei einer ungegängelten Entwicklung bestimmt nicht ein zweites Mal erfunden werden. Auch nicht die alte Dreibuchstabenregel und wohl auch nicht das ß.
Lateingrammatik für andere Sprachen: Als Sinologe denken Sie vielleicht ans Chinesisch, v. d. Gabelentz usw.? Aber ist das nicht überwunden? Bei strukturell und genetisch eng verwandten Sprachen schadet es wohl nicht sehr, und man ist ja längst davon abgekommen, auch dem Deutschen einen Vokativ und Ablativ zu unterstellen (o Lehrer, von dem Lehrer).
Strenge Strukturalisten wie Zellig Harris haben versucht, eine nicht von Einzelsprachen geprägte Methode der Sprachbeschreibung zu entwickeln; aber sie ist so sperrig, daß niemand sie wirklich anwenden möchte, und Harris' Meisterschüler Chomsky ist ja überraschend nahe an der traditionellen Lateingrammatik (NP + VP ...).
Zur traditionellen Lateingrammatik kam die Belehrung durch Panini, auch was die Methode betrifft, und das ist dann schon ein gewaltiges Gebäude, an dem man nicht leicht vorbeikommt.
In der Praxis ist es ja so, daß man z. B. beim Chinesischen auf der Folie unserer Grammatik nach "Wortarten" fragt und nicht etwa den Ahnungslosen spielt und aus dem Chinesischen heraus irgendwann einen Begriff von Wortarten entwickelt.
Kommentar von Sinologe, verfaßt am 03.11.2016 um 03.05 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33750
Bei dem Gedanken daran, dem Deutschen einen Vokativ und einen Ablativ zu unterstellen, gruselt es mich. Zum Glück bin ich nicht alt genug, daß ich mir bisher auch nur hätte vorstellen können, daß das jemals jemand getan hat. Trotzdem muß ich mich da sofort fragen, warum nicht einen Instrumentalis? Den gibt es im Sanskrit und immerhin noch im Russischen. Strukturell und genetisch sind die beiden dem Deutschen ähnlich. Weil sie verwandt sind. Ungefähr im gleichen Maß wie das Lateinische.
Sprachhistorisch sind Instrumentalis („mit dem“) und Ablativ („von dem“) im Deutschen mit dem Dativ zusammengefallen. Existiert ein Kasus noch, wenn er keine eigene Endung mehr hat? Der Genitiv wird wohl auch mit dem Dativ zusammenfallen („dem sein“), dann der Dativ mit dem Akkusativ und schließlich wird man sich etwas Neues einfallen lassen müssen, um festzustellen welche Funktion das Wort im Satz erfüllen soll. Ist die Theorie nicht allgemein akzeptiert, daß sich Sprachen von isolierenden über agglutinierende zu flektierenden und von da wieder zu isolierenden entwickeln?
Deutsch und Englisch streifen ihre Endungen ab, sind also auf dem Weg zu isolierenden Sprachen, wo sich Chinesisch noch befindet. Das sollte tatsächlich keine Wortarten haben. Wieso also fragen wir danach? Die lateinische Grammatik taugt nur für flektierende Sprachen, zu denen Latein deutlich zählt. Entscheidend ist dabei, daß die lateinische Grammatik in der Antike von Muttersprachlern des Lateinischen entwickelt wurde, so wie die Grammatik des Sanskrit in der Antike von einem Muttersprachler des Sanskrit entwickelt wurde. Eine Grammatik des Chinesischen müßte von Muttersprachlern des Chinesischen entwickelt werden, die dazu keine Notwendigkeit sehen. Sinologen werden sich sowieso nicht einig. Nichtmal in der Frage der Wortarten. Eine Grammatik des Deutschen müßte von Muttersprachlern des Deutschen entwickelt werden. Darin würden keine Wörter mehr nur als Partikel klassifiziert werden. Das sagt nämlich nichts aus und zeigt nur, daß es Wörter gibt, die übrig sind, weil sie nicht in das Schema der lateinischen Grammatik passen.
Eine von Einzelsprachen unabhängige Grammatik sollte auch möglich sein. Schließlich erfüllen alle Sprachen den gleichen Zweck und werden alle von Menschen angewendet. So eine allgemeine Grammatik wird wahrscheinlich nur von Leuten entwickelt werden können, die nicht durch eine intensive Beschäftigung mit bestimmten Sprachen vorbelastet sind.
Übrigens bin ich der Meinung, daß die Entwicklung von Sprachen immer bestimmten Gesetzen folgt, die nur zum größten Teil noch nicht entdeckt wurden. Aber mit Erkenntnissen wie „häufiger verwendete Wörter sind kürzer“ sind Anfänge schon gemacht. Zur Zeit eine spannende Frage dazu: „Warum breiten sich Anglizismen auch ohne Notwendigkeit überall aus?“ Am Ende wird man sogar vorhersagen können, wie eine Sprache in Zukunft aussehen wird. Dann wird es offensichtlich unsinnig sein, zu versuchen eine Sprache durch Vorschriften auf einen früheren Stand zurückzusetzen.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2016 um 04.13 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33751
Ich weiß nicht, wann die letzte deutsche Schulgrammatik erschien, die noch o Lehrer enthielt. Das Hauptinteresse der Schule galt dem Latein, und man hat gewissermaßen als Übersetzungsäquivalent den lateinischen Paradigmen die deutschen Entsprechungen gegenübergestellt. Das war theoretisch undurchdacht, aber für den anspruchslosen Zweck, nämlich das tägliche Übersetzen aus dem Lateinischen, auch wieder nicht ganz unverständlich.
Die Kategorien einer universalen Grammatik müßten deduziert werden – aber von welcher Grundlage aus? Traditionell ist die "ontologische": Es gibt Dinge und Vorgänge, daher Substantive und Verben usw. (Die Fallstricke will ich hier nicht schon wieder diskutieren.) Zweitens die "kommunikationstranszendentale": An der Kommunikation sind wenigstens zwei beteiligt, folglich gibt es die erste und zweite Person und den Rest, auch die Bekundung von Absichten, den Widerspruch usw.
Verständlicherweise sind solche Systeme nur in Nischen durchexerziert worden und für den sprachwissenschaftlichen Alltag nicht tauglich.
Skinners Analyse des Sprachverhaltens ist von Einzelsprachen unabhängig, und die Herleitung sprachwissenschaftlicher Grundbegriffe von dieser Grundlage aus scheint mir möglich. Sie ist gänzlich "objektiv" (der Mensch wird wie ein beliebiges Tier beobachtet). Umgekehrt und ergänzend analysiert und elementarisiert Anna Wierzbicka die Sprache aus der Sicht des Sprechers. Beide Perspektiven zu verbinden wäre eine schöne Sache.
Nach Ulrich Engel ist ein Verb „ein Wort, das sich konjugieren lässt“. Das Chinesische hat also keine Verben. Mag ja sein, aber man sieht, wohin es führt. Und dabei ist Engel jemand, der an kontrastiven Grammatiken mitgearbeitet hat, freilich nur zu europäischen Nachbarsprachen.
Kommentar von Sinologe, verfaßt am 04.11.2016 um 01.53 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33763
„Skinners Analyse des Sprachverhaltens ist von Einzelsprachen unabhängig, und die Herleitung sprachwissenschaftlicher Grundbegriffe von dieser Grundlage aus scheint mir möglich. Sie ist gänzlich "objektiv" (der Mensch wird wie ein beliebiges Tier beobachtet).“
Das klingt tatsächlich interessant. Nur muß es jemand machen, der nicht durch bestimmte Einzelsprachen vorbelastet ist.
„Das Chinesische hat also keine Verben. Mag ja sein, aber man sieht, wohin es führt.“
Es gibt Sinologen, die der Ansicht sind, daß das Verb sogar die einzige Wortart ist, die im Chinesischen existiert. Im Japanischen werden auch Adjektive konjugiert, im Russischen dagegen die Vergangenheitsformen der Verben dekliniert. Das führt also schon in eine seltsame Richtung. Obwohl ich die Flektion des japanischen Adjektivs nur daran als Konjugation erkenne, daß es die gleichen Formen wie das japanische Verb annimmt.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.11.2016 um 07.12 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33765
Statt einer Personalendung in unserem Sinne verwenden manche Sprache "possessive" Markierungen, was manche "Sprachinhaltsforscher" zu der irreführenden Übersetzung brachte "mein Kirschblütensehen" statt "ich sehe Kirschblüten". Ich habe das schon kritisiert.
Was ich etwas flapsig als "kommunikationstranszendentale" Herleitung grammatischer Kategorien bezeichne, hatte ich schon hier skizziert: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=308#11409
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.11.2016 um 14.28 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33798
Was die reformierte Kommasetzung betrifft, so stört sie in den Zeitungen weniger, weil sie konservativ verfahren. In den Schul- und Kinderbüchern wurden zunächst unzählige Kommas getilgt (wie anderswo berichtet, sah man gelegentlich noch, wo sie aus Folien herausgekratzt waren), später teilweise wiedereingesetzt.
In einer Textsorte, die uns gewöhnlichen Sterblichen selten unter die Augen kommt, nämlich firmen-internen Texten, besonders übersetzten, wird die Lizenz zum Weglassen der Kommas zwischen mit "und" verbundenen Hauptsätzen als Gebot verstanden. Das ist sehr störend. (Ich lese gelegentlich Korrektur und stolpere jedesmal darüber, erinnere mich dann immer, was die Zuständigen in den Firmen denken: Das macht man doch jetzt so...)
Darum sollte man fordern, daß die alte Kommasetzung in diesem Bereich, die ja schließlich ihre Gründe hatte, wieder in ihr Recht gesetzt wird. Sie ist ja schließlich nicht schwer zu lernen. Kommentar von Kurt Albert, verfaßt am 10.11.2016 um 09.48 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33816
Mit diesem Votum – nach all den Jahren der praktizierten "Reform" – bin ich ganz einverstanden. Habe auch in meiner Schreibpraxis stets die traditionelle Zeichensetzung geübt. Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 11.11.2016 um 08.35 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33824
Es gibt immer noch Publikationen, die die reformierte Freigabe des Kommas in ihrer 1996er Version ausreizen, was nicht gerade zur Lesbarkeit beiträgt:
"Eine günstige Methode um die Helligkeit eines Bildschirms zu steuern, ist die Beleuchtung periodisch ein- und auszuschalten." (http://www.notebookcheck.com/Test-Lenovo-ThinkPad-E560-Core-i7-Radeon-R7-M370-Notebook.154834.0.html)
Man beachte auch das erste Komma in dem Zitat.
Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 22.11.2016 um 10.01 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33907
Zur Frage, ob man sinnvolle Verbesserungen im Rahmen des bestehenden Regelwerkes vornehmen könnte, lautet meine Antwort: nein.
Wie soll man die völlig verkorksten §§ 37–39 reparieren?
Was ist mit den chaotischen Paragraphen zur Kommasetzung?
Das gesamte Regelwerk muß von Grund auf überarbeitet werden, selbst wenn man die Neuregelung beibehalten will.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2016 um 10.17 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33908
Das ist natürlich richtig. Auch ich sehe nichts Erhaltenswertes. Andererseits geht es praktisch wohl nur so, daß man den Kultusministern die Verbesserungen nur schrittweise abluchst, und im Rat sitzen immer noch Bremser, die das unbedingt verhindern wollen.
Von einem neuen Gremium, wie Herr Denk es kürzlich gefordert hat, erwarte ich nichts Gutes. Wenn es nicht auf die gänzliche Rücknahme der Reform hinarbeitet (aber dazu braucht man kein neues Gremium), wird es aus Leuten bestehen, die zum großen Teil ihre eigene Rechtschreibreform wollen, und das bedeutet jahrzehntelange Diskussionen mit der sehr realistischen Aussicht, daß am Ende wieder so etwas herauskommt wie die letzte Reform. Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 24.11.2016 um 09.14 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33923
Zu Herrn Icklers Bemerkungen unter 2 und 3: § 55 E2 legt fest: "In festen adverbialen Fügungen, die als Ganzes aus einer fremden Sprache entlehnt worden sind, gilt Kleinschreibung".
Es ist mir unbegreiflich, warum diese einfache Regel nicht auch für deutschsprachige "Fügungen" gelten darf.
Kommentar von R. M., verfaßt am 24.11.2016 um 10.25 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33924
Es ist umgekehrt unbegreiflich, warum man nicht a Cappella, in Flagranti, à Discrétion, de Jure, de Facto, in Nuce, pro Domo, ex Cathedra, Coram Publico schreiben soll. Das muß vom Rat en Passant noch verbessert werden!
Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 24.11.2016 um 10.29 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33925
Genau! Noch "konsequenter".
Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 24.11.2016 um 21.56 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33931
Ich lese gerade "näulich". Ist das ein Kllateralschaden zu "aufwändig"?
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 27.11.2016 um 17.19 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33955
Die Reformschreibung ist der klassischen Orthographie in allen Bereichen und Belangen unterlegen – dem Leser erschwert sie das Lesen, dem Schreiber den differenzierten Ausdruck. Ihr Rückbau ist unser aller weißer Wal, unser Everest. Frage: welche realen Einflußmöglichkeiten gibt es, jenen noch in dieser Generation zu erreichen? Der SOK den Rücken stärken? Ob des allgemeinen Niedergangs der Rechtschreibfertigkeiten in den Schulen auf eine "anglische" Wende zu hoffen – dergestalt, daß GKS und GZS wie in der englischsprachigen Welt freigestellt und sogenannten style books überantwortet werden, was klassische Schreibungen zumindest als eine von mehreren Traditionslinien wieder möglich werden lassen würde? Oder ist der Zug tatsächlich abgefahren, was ich aber eigentlich nicht glauben möchte?
Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 01.12.2016 um 22.08 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#33988
Die Firma Tchibo warb in den letzten Wochen im Fernsehen mit einer stummen Einblendung, in der zu lesen war, man verzichte dieses Jahr auf einen "aufwändig" produzierten Werbespot zu Weihnachten, um das gesparte Geld zu spenden.
Gerade sehe ich im Fernsehen, daß die Einblendung "aufwändig" korrigiert wurde: Jetzt steht dort "aufwendig".
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2016 um 06.20 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34008
Substantivische Fremdwörter werden in der Regel großgeschrieben, auch wenn die zugrunde liegenden fremdsprachigen Wörter in ihrer Herkunftssprache kleingeschrieben würden (...) Übrigens wird in mehrteiligen fremdwörtlichen Wendungen der erste Teil auch dann großgeschrieben, wenn er kein Substantiv ist – ein Adjektiv etwa, das ja ansonsten kleingeschrieben würde. (Duden Newsletter)
Duden kommentiert diese früh bemerkte Unlogik nicht, aber auch die Reformer selbst haben keine Begründung der neuen Regel gegeben. Sie ist eine Hauptquelle von Fehlern, gerade in der fremdwortreichen Fachliteratur.
Kommentar von R. M., verfaßt am 07.12.2016 um 22.37 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34045
Das ist nicht richtig, denn à la und viele andere »mehrteilige fremdwörtliche Wendungen« werden auch weiterhin nicht mit großem ersten Buchstaben geschrieben (es sei denn, sie stünden am Satzanfang).
Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 08.12.2016 um 01.40 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34047
Die Redaktion hat unsauber formuliert und den Bezug zu den »substantivischen Fremdwörtern« nicht noch einmal explizit genannt, die aber auch hier offenkundig gemeint sind. Als Beispiel für eine »mehrteilige fremdwörtliche Wendung«, deren erster Teil kein Substantiv ist, nennt der Newsletter »Grand Cru«.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2016 um 05.20 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34049
Sehen wir uns noch einmal § 55 an:
"(Substantive werden großgeschrieben. (...) Das gilt auch)
(3) für Substantive aus anderen Sprachen, wenn sie nicht als Zitatwörter gemeint sind. Sind sie mehrteilig, wird der erste Teil großgeschrieben.
das Crescendo, der Drink, das Center, die Ratio; die Conditio sine qua non, das Cordon bleu, eine Terra incognita; das Know-how, das Makeup Substantivische Bestandteile werden auch im Innern mehrteiliger Fügungen großgeschrieben, die als Ganzes die Funktion eines Substantivs haben, zum Beispiel:
die Alma Mater, die Ultima Ratio, das Desktop-Publishing, der Soft Drink, der Sex-Appeal, das Corned Beef"
Es gibt hier die systemwidrige Ausnahme, daß zwar die Schreibung der Substantive „eingedeutscht“ wird, nicht aber die der attributiven Adjektive. Auch die endozentrische Nominalphrase kleiner Apfel hat „die Funktion eines Substantivs“ (Apfel), und das Adjektiv wird trotzdem nicht groß geschrieben. Übrigens vertritt die Neuregelung dieselbe altertümliche Metaphysik wie die Dudengrammatik:
"Substantive dienen der Bezeichnung von Gegenständen, Lebewesen und abstrakten Begriffen. Sie besitzen in der Regel ein festes Genus (Maskulinum, Femininum, Neutrum) und sind im Numerus (Singular, Plural) und im Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ) bestimmt."
Zusätzlich mit dem Schönheitsfehler, daß die Genusrektion vom Lexem ausgeht, während Numerus und Kasus an der einzelnen Wortform haften.
Die "Begriffe" scheinen so etwas wie Platons "Ideen" zu sein. Wörter sind dann Namen...
Die "Regel" paßt nicht auf Pluraliatantum, die kein Genus haben.
Kommentar von R. M., verfaßt am 08.12.2016 um 14.14 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34055
Übrigens beruht die Koppelung bzw. der Verzicht darauf in den genannten Beispielen auch auf einer Wortartanalyse:
Cordon bleu, Terra incognita, Ultima Ratio, Soft Drink, Corned Beef, aber Sex-Appeal.
Die Bindestrichsetzung in den Ausgangssprachen hängt hingegen nicht davon ab, ob ein Bestandteil ein Adjektiv ist oder nicht.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2016 um 05.44 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34121
Wir sollen die Wortart in der Herkunftssprache kennen, aber nicht die Trennstelle in Zusammensetzungen (Inte-resse, Diag-nose)? Wie paßt das zusammen?
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.01.2017 um 17.32 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34249
Unter Punkt 6 wäre also einzufügen:
- Das Weglassen des Kommas zwischen koordinierten Hauptsätzen stört fast immer das Lesen und sollte wieder aufgegeben werden (in Übereinstimmung mit einer sehr deutlichen Tendenz in Zeitungen und Büchern sowie Hausorthographien).
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2017 um 05.12 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34474
Die GKS wird zu eng an die Wortart („Substantivgroßschreibung“), die GZS zu eng an die Wortbildung (Zusammensetzung vs. Wortgruppe) gebunden. Während sich die Schreibweise hochwertiger Texte seit dem 19. Jahrhundert aus dieser Umklammerung gelöst hatte, kehrte die Reform ausdrücklich zu ihr zurück. Die bisherigen Revisionsarbeiten werden durch ihre Orientierung an der Schreibwirklichkeit wenigstens teilweise dem längst erreichten Fortschritt wieder gerechter, doch konnten sich die Reformurheber und -betreiber bisher nicht von ihrem veralteten Denkschema befreien.
Man gesteht der Buchstabenschrift im Deutschen zu, daß sie „tief“ ist, nämlich durch Überformung des phonographischen Prinzips durch Morphemkonstanz und andere semantische Motive im Dienste des Lesers. Bei GKS und GZS ist man bisher nicht bereit, solche Überformungen anzunehmen.
Ich habe in den zwanzig Jahren seit Abfassung meines „Kritischen Kommentars“ gefunden, daß dieser Gedanke besonders schwer zu vermitteln ist. Auch Reformkritiker können oft nicht folgen, sondern suchen die Lösung in immer feinerer Kasuistik, um die Begriffe „Substantiv“ und „Zusammensetzung“ so anzupassen, daß die erwünschteren Schreibweisen sich auf dem gewohnten Weg rechtfertigen lassen.
Mit der "Silbentrennung" war es ähnlich. Zwar sprachen die Reformer von "Worttrennung", hielten aber am grundschulfreundlichen Silbenklatschen fest, bestanden konsequenterweise auf ü-ber usw. (freilich auch auf E-cke, was wieder nicht so konsequent war). Daß die gepflegte Buchdruckerpraxis längst darüber hinaus war, brauchte einen richtigen Sturkopf ja nicht zu kümmern. Inzwischen haben sie zwar zähneknirschend nachgegeben, ihr Ideal aber keineswegs aufgegeben – warum sollten sie auch, es ist doch alles ganz logisch.
Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.02.2017 um 13.42 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34511
Im übrigen bin ich der Meinung, stumme "e" sollten nicht geschrieben werden müssen.
Kommentar von Serjosha Heudtlaß, verfaßt am 13.02.2017 um 00.24 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34518
Professor Ickler, haben Sie zufällig einige Zitate von Grammatikern voriger Jahrhunderte zur Hand, welche sich gegen die schon damals als exzessiv empfundene Großschreibung pronominaler und adverbialer Ausdrücke wenden, und könnten Sie diese hier einrücken? Das würde mich sehr interessieren und sicher dabei helfen, die formalsyntaktische GKS der Reform als Rückfall in ein vormodernes Verständnis zu identifizieren. Oder verlief diese Entwicklung – hin zu einer leserfreundlichen textsemantischen Überformung in Qualitätstexten – eher unbewußt, ohne explizite Reflexion?
Kommentar von R. M., verfaßt am 13.02.2017 um 10.43 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34520
In den Bänden der Reihe Documenta orthographica (Olms) ließe sich wohl die eine oder andere Stellungnahme z. B. von Raumer oder Sanders zu Fragen der GKS finden.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2017 um 15.28 Uhr Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1654#34521
Vgl. vorläufig: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=405
(entspricht Anm. 72 meines "Kritischen Kommentars")
Ich erinnere mich einiger Stellen, die ich aber anscheinend nicht notiert habe, und werde mich wieder melden, wenn ich etwas Konkreteres habe.

References: § 2
 § 2
 § 2

§77
 § 55
 § 55