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Timestamp: 2019-08-19 09:44:17+00:00

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Menschliche Verhältnisse begreifen I4 | Philosophenstübchen-Blog
Menschliche Verhältnisse begreifen I4
Das Hegelsche System der Wissenschaft zielt auf die Erkenntnis der „wahre[n] Natur der Sache“ (Iber 2002: 181). Zufällige Erscheinungen, wie die Schreibfeder des Herrn Krug (HW 9: 35) gehören aber nicht zu den Sachen, die philosophisch zu behandeln sind. („Sachen“ im philosophischen Sinne sind nicht die Dinge selbst, sondern die Begriffe der Dinge (HW 5: 29).)
Dabei geht es nicht um das Eindringen in wesentliche Gesetzmäßigkeiten, abgehoben von wirklichen Erscheinungen, sondern Begriffe stellen gerade die Einheit von Wesen und Sein her. (Begriffslogik als übergreifende logische Form über Seinslogik und Wesenslogik). Es geht um Erkenntnisse, bei denen Wissen über das Wesen der Erscheinungen mit den konkreten Erscheinungen zusammen gebracht werden -wie insbesondere im 3. Band des „Kapitals“. Begreifen bedeutet demnach, „die Eigenart einer Sache, die man abstrakt als die eine weiß, gedanklich zu bestimmen und diese zu ihren verschiedenen Erscheinungsformen, die man auch schon weiß, in ein inhaltlich notwendiges Verhältnis zu setzen.“ (Iber 2008)
Es soll alles, was zur Sache gehört, begriffen werden, dieses Wissen brauchen Menschen, um angestrebte Ziele mit angemessenen Handlungen bewirken zu können.
„Dem Begriffenen steht man frei gegenüber, dem Unbegreiflichen unfrei.“ (Erdmann 1864: 112f., § 141 Anm. 5)
Freiheit ist dadurch gekennzeichnet, dass das Freie, hier der Begriff, nicht mehr durch Anderes außer ihm bedingt, vermittelt oder begründet ist, sondern ganz aus sich selbst heraus. „Die Unterschiede der Sache haben so gegen ihren Begriff nichts Vorausgesetztes, Äußeres oder Fremdes mehr“ (Iber 2002: 183). Freiheit (HW 6: 251, vgl. HW 8: 303) besteht damit in der Freiheit von äußerer Verursachung, beruht nichtsdestotrotz auf Gründen, nämlich der Selbstbegründung.
Diese Selbstbegründung bringt den Aspekt der Notwendigkeit in dieses Reich der Freiheit. Diese beiden Kategorien scheinen einander zu widersprechen. Dies gilt aber nur bei der einseitigen Vorstellung, etwas stünde isoliert in der Welt und könnte sich entweder „frei“ und beliebig in alle Richtungen hinaus äußern und bewegen -oder es wäre durch Notwendigkeit von Anderem außer ihm bestimmt. In Wirklichkeit jedoch ist etwas gerade dann frei von einer Abhängigkeit von Anderem (d.h. auch von willkürlichen, ungesteuerten Willensregungen), wenn es nur noch seiner inneren Notwendigkeit folgt.
„Es ist daher kein bildlicher, sondern ein ganz exakter Ausdruck, wenn von freiem Falle, von freiem Wachsthum die Rede ist, weil ein innerer Drang gegeben ist, in Folge dessen der Stein von selbst fällt u.s.w.“ (Erdmann 1864: 111, § 140, Anm. 1)
Die Sache, die so begriffen wird, hat ihren eigenen Grund in sich, nicht außer sich. Wir hatten oben bereits erwähnt, dass es durchaus auch eine „Hierarchie“ von Allgemeinheiten gibt. Ein Allgemeines kann sich in einem höheren Allgemeinen auflösen, verliert aber den Charakter des Allgemeinen nicht. Dabei gilt für jedes Allgemeine die eben ausgeführte Selbstbegründung. „Nicht der Begriff des Menschen, sondern der des Sokrates ist Princip seiner Entwicklung“ (Erdmann 1864: 121, § 152 Anm. 1) d.h.: Nicht der Begriff der Menschheit, sondern der des Kapitalismus ist Prinzip der Entwicklung des Kapitalismus. Aber der Begriff der Menschheit (wenn es so etwas gibt) ist Prinzip der Entwicklung der Menschheit…
Dabei ist es nicht von vornherein ausgemacht, dass die logische Entwicklung sich auch in einer historischen Entwicklung zeigt. Die Logik beschäftigt sich nur mit der logischen Entwicklung – für das Historische müssen die entsprechenden Konzepte studiert werden (bei Hegel z.B. die Weltgeschichte und die Geschichte der Philosophie).
Allein aus der Logik heraus, wenn sie bis zur Erkenntnis des Begriffs fortgeschritten ist, kann jedoch gezeigt werden, dass nicht alle real existierenden Zustände auch dem Begriff entsprechen. So wird er Staat bestimmt als „Wirklichkeit […], worin das Individuum seine Freiheit hat und genießt, aber indem es das Wissen, Glauben und Wollen des Allgemeinen ist“ (HW 12: 55). Ess wird durchaus deutlich, dass nicht jeder reale Staat diesem Begriff entspricht: In einem „Staat aus Not“ treten wir als einzelne Menschen „in eine äußere Beziehung“, aber „Meine Freiheit wird dann nicht eigentlich verwirklicht“ (PR: 177, § 183). Der Begriff kann also als Maßstab der Kritik gelten:
„Wer den Begriff der Pflanze, ihren Typus, erkannt hat, der kennt ihre Natur und weiss, was die Natur mit ihr intendirte. Darum kann der Begriff als kritischer Maasstab dienen.“ (Erdmann 1864: 112, § 141 Anm. 4)
Der Begriff des Menschlichen, der für Hegel in der sich selbst begründenden, d.h. vernünftigen Freiheit besteht, kann also für die Weltgeschichte als Maßstab gelten. Trotzdem wäre es falsch, den historischen Entwicklungsgang mit dem der logischen Entwicklung einfach zu parallelisieren. Hegel macht selbst darauf aufmerksam, dass ein „äußerliches Entstehen“ nicht mit dem „Entstehen aus dem Begriff“ verwechselt werden darf (HW 7: 37). Auch Marx wusste, dass es „untubar und falsch [wäre], die ökonomischen Kategorien in der Folge aufeinander folgen lassen, in der sie historisch die bestimmenden waren.“ (MEW 42: 41)
Insbesondere für die Entstehung von Widersprüchen in historischen Entwicklungen betont Erdmann, dass der „Widerspruch, welcher die zeitliche Genesis eines Gegenstandes vermittelt, ein zufälliger wenigstens seyn kann“ (Erdmann 1864: 9: § 17).
„Aeussere Umstände können einen Widerspruch dort hervorbringen, wo er in dem Gegenstande selbst gar keinen Grund hat; Verwundung eines lebendigen Organismus z.B.“ (ebd.: 19, Anm. 2)
Im realen geschichtlichen Prozess spielt die Begriffslogik dort eine Rolle, wo sie helfen kann,
die Selbstreproduktion bestehender gesellschaftlicher Systeme in ihrer Stabilität zu erklären und
die Wirkung jeweils übergreifender Allgemeinheiten mit in die Überlegungen einzubeziehen („allgemeinmenschliche“ Inhalte des Begriffs des Menschseins als Maßstab der Kritik jeweils konkret historisch verwirklichter historischer Gesellschaftsformen).
Die in 2. genannte übergreifende inhaltliche Bestimmung führt zu einer Art durchgehender Tendenz in der historischen Entwicklung (wo sie überhaupt in Form von Höherentwicklung stattfindet und nicht zu Stagnation und Verfall führt). An den Stellen der qualitativen „Sprünge“ kommt dagegen eher die Kontingenz zum Tragen (siehe die Unterscheidung von Tendenz und Kontingenz in der Zusammenfassung und die entsprechenden Hinweise im dazugehörigen Text), Marx unterscheidet für die tendenzsetzenden Gründe „geschichtliche Bedingungen“ und für die eher kontingenten „naturwüchsige Bedingungen“ (MEW 42: 32). Aus der Logik allein lässt sich also recht wenig für revolutionäre Ansinnen gewinnen. Kenntnisse über die die Logik der gerade herrschenden Gesellschaftsordnung verhilft immerhin dazu, zu erkennen, welche scheinbaren Auswege nur neue Ausformungen des weiter herrschenden Prinzips sind. Die Logik der gesamten Menschheit als Leitfaden für jeweils den nächsten qualitativen Sprung zu verwenden, hat dagegen einen recht spekulativen Charakter. Marx verwendete diese Methode in seinem frühen Entfremdungskonzept. Gegenüber dem „wahren Begriff“ des Menschlichen erscheint die menschliche, bürgerliche Existenz „entfremdet“ und die Aufgabe besteht darin, die Entfremdung zu überwinden. Das Problem dieser Sichtweise besteht in ihrer hohen Abstraktion. Der „Begriff des Menschen“, der für die gesamte Menschheitsgeschichte gilt, ist weit weg von der konkreten Analyse der jeweils gegebenen historischen Bedingungen (ob nun geschichtlich oder naturwüchsig). Er führt zu sehr abstrakten Absichtserklärungen („Humanisierung, Ökologisierung, Demokratisierung“…), die immer gelten, aber wenig über die konkreten Handlungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten hier und heute sagen. Sie geben allerdings eine Richtung vor, auf der sich progressive Lösungen für heutige Widersprüche bewegen können. Für die Weltgeschichte sieht Hegel diesen Trend in einem wachsenden „Bewußtsein der Freiheit“ (HW 12: 76).
Morgen gehts weiter mit „S ist noch nicht P“
Eine Antwort to “Menschliche Verhältnisse begreifen I4”
[…] Philosophie begegnet uns solch ein „Begriff des Begriffs“ (vgl. Schlemm 2002, vgl. auch Schlemm 2013b). Der Begriff (II) unterteilt sich in Unterarten, die jeweils besondere Charakteristika haben. […]
Februar 14, 2013 at 8:00 pm

References: § 141
 § 140
 § 152
 § 183
 § 141
 § 17