Source: http://www.grin.com/de/e-book/124644/die-mutter-kind-einrichtung-in-der-justizvollzugsanstalt-schwaebisch-gmuend
Timestamp: 2017-10-18 16:53:37+00:00

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Die Mutter-Kind-Einrichtung in der Justizvollzugsanstalt ... | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
Möglichkeiten und Grenzen frühkindlicher Erziehung, Bildung und Betreuung
Teil A: Kinderkrippe - Frühkindliche Bildung und Betreuung
1. Begriffsklärung und etymologische Herleitung
1.1 Sozialpädagogische Definitionen
1.1.1 Institutionelle Tagesbetreuung von Kindern
1.1.2 Kinderkrippen
1.2 Weitere relevante Begriffe
1.3 Abgrenzungen zu anderen Einrichtungen der Kindertagesbetreuung
1.3.1 Alterspezifik der Kinder
1.3.2 Pädagogische und bildungstheoretische Aspekte
1.3.3 Finanzielle und betriebliche Aspekte
2. Rechtliche und amtliche Grundlagen der Kindertagesbetreuung
2.1 Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt (RJWG)
2.2 Gesetz für Jugendwohlfahrt (JWG)
2.3 Anforderungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG)
2.4 Qualitätsziele für Kindertageseinrichtungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter
3. Geschichtliche Entwicklung der Kinderkrippe in Deutschland
3.1 Gesellschaftliche Umstände und Motive im 19. Jahrhundert
3.2 Entstehung und Weiterentwicklung erster Krippen
3.2.1 Die erste Krippe in Deutschland – Breitenfelder Krippe
3.3 Trägerschaft
3.4.1 Aufnahmekriterien
3.5 Gegner und Befürworter der Krippe
3.6 Professionalisierungsansätze im 19. und 20. Jahrhundert
3.6.1 Entwicklungsverlauf der Krippen in der ehemaligen DDR
3.6.2 Entwicklungsverlauf der Krippen in der BRD
3.6.3 Aktuelle Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren
3.6.4 Pädagogische Qualitätskriterien einer Kinderkrippe
4. Forschungserkenntnisse und entwicklungspsychologische Grundlagen von Kindern zwischen 0 und 3 Jahren
4.1.1 Definition von Bindung nach John Bowlby, Mary Ainsworth und Mary Main
4.1.2 Innere Arbeitsmodelle von Bindung
4.1.2.1 Aufbau innerer Arbeitsmodelle
4.1.2.2 Merkmale internaler Arbeitsmodelle
4.1.2.2.1 Das sichere Modell
4.1.2.2.2 Das unsicher-ambivalente Modell
4.1.2.2.3 Das unsicher- vermeidende Modell
4.1.2.2.4 Das unsicher- desorganisierte Modell
4.1.3 Bedeutung der Bindungstheorie für Kinderbetreuungseinrichtungen
4.2 Hospitalismusforschung nach René Spitz
4.2.1 Anaklitische Depression
4.2.2 Hospitalismus
4.2.3 Bedeutung der Hospitalismusforschung für institutionelle Kinderbetreuungseinrichtungen
4.3 Entwicklungspsychologische Erkenntnisse im Kindesalter
4.3.1 Kognitive Entwicklung nach Jean Piaget
4.3.1.1 Stufen der kognitiven Entwicklung
4.3.1.1.1 Stufe I - Sensomotorische Operationen
4.3.1.1.2 Stufe II – Präoperative Phase
4.3.1.1.3 Stufe III – Konkret - operatorische Phase
4.3.1.1.4 Stufe IV - Formale Denkoperationen
4.3.1.2 Kritische Anmerkungen zur Entwicklungstheorie
4.3.2 Sozial-emotionale Entwicklung
4.4.1 Notwendigkeit der frühen Förderung
4.4.2 Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Spracherwerb
4.4.3 Möglichkeiten der Umsetzung von Sprachförderung
4.4.3.1 Lebensbezogener Ansatz nach Norbert Huppertz
4.4.3.2 Literacy - Erziehung
4.5 Krippenforschung
4.5.1 Krankheits- und Entwicklungsforschung in der DDR
4.5.2 Kognitive Entwicklung
4.5.3 Sozial-emotionale Entwicklung
4.5.4 Qualität von Krippeneinrichtungen
Teil B: Mutter-Kind-Einrichtung in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd
6. Mutter-Kind-Einrichtungen an Justizvollzugsanstalten in Deutschland
6.1 Entstehungsgeschichte der Mutter-Kind-Einrichtungen
6.2 Weitere Mutter-Kind-Einrichtungen in Deutschland
6.3 Rechtliche Zuständigkeiten
6.4 Forschungserkenntnisse der Studie ‚Mütter und Kinder im Strafvollzug’
6.5 Vor- und Nachteile von Mutter-Kind-Einrichtungen in Justizvollzugsanstalten
6.5.1 Negative Aspekte der gemeinsamen Unterbringung
6.5.2 Positive Aspekte der gemeinsamen Unterbringung
6.6 Empfehlungen zur Gestaltung einer Mutter-Kind-Einrichtung
7. Mutter-Kind-Einrichtung der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd
7.1 Allgemeine Daten zur Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd
7.1.1 Entstehungsgeschichte
7.1.3 Belegung und Klientel
7.1.4 Gesellschaftliche Aufgaben
7.1.5 Soziale Dienste
7.1.6 Spezielle Programme
7.2 Spezielle Daten zur Mutter-Kind-Einrichtung der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd
7.2.1 Rechtliche Grundlagen
7.2.2 Aufnahmekriterien
7.2.3 Organisation und Planung
7.2.5 Belegung und Klientel
7.2.6 Medizinische Versorgung
7.2.7 Pädagogische Konzeption
7.2.8 Alltag in der Mutter-Kind-Einrichtung
7.2.9 Räumlichkeiten
7.2.10 Pädagogisches Material für Kinder
7.2.11 Beratungs- und Freizeitangebote
7.2.12 Soziale Interaktion
7.2.13 Vergleich zum Regelvollzug
7.2.14 Zusammenfassender Vergleich zu öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen
8. Mögliche Qualitätskriterien
Teil C: Qualitative Erforschung der Mutter-Kind-Einrichtung in der JVA Schwäbisch- Gmünd
9. Forschungsziel
9.1 Zentrale Fragestellungen
10. Grundlagen der qualitativen Sozialforschung
10.1 Wurzeln der qualitativen Sozialforschung
10.2 Fünf Aspekte des qualitativen Denkens
10.2.1 Subjektbezogenheit
10.2.2 Deskription
10.2.3 Interpretation
10.2.4 Alltagsnähe
10.2.5 Verallgemeinerbarkeit
10.3.1 Einzelfallanalyse
10.4 Erhebungsverfahren
10.4.1 Problemzentriertes Interview
10.5 Gütekriterien
10.6 Methodisches Vorgehen
10.7 Aufbereitungsverfahren
10.8 Auswertungsverfahren
10.8.1 Zusammenfassung
10.8.2 Explikation
10.8.3 Strukturierung
10.9 Kategorien der vorliegenden Forschungsarbeit
11. Auswertung und Interpretation der Forschungsdaten
11.1 Pädagogische Konzeption
11.2 Weiterbildungs- und Supervisionsmöglichkeiten
11.3 Eltern- und Öffentlichkeitsarbeit
11.4 Regelmäßigkeit und Kontinuität im Alltag
11.5 Berücksichtigung der kindlichen Eigenart und Individualität
11.6 Individuellen Ruhe- und Aktivitätsbedürfnissen
11.7 Didaktisch unterstützte frühkindliche Bildung und Förderung
11.8 Auffälligkeiten im Sozialverhalten
11.9 Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten
11.10 Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten
11.11 Grenzen pädagogischer Arbeit in der Mutter-Kind-Einrichtung
11.12 Chancen pädagogischer Arbeit in der Mutter-Kind-Einrichtung
12. Zentrale Erkenntnisse der Erhebung
Teil D: Schlussresümee
13. Persönliche Stellungnahme
13.1 Anmerkungen bezüglich allgemeiner Krippeneinrichtungen
13.2 Anmerkungen zur qualitativen Untersuchung
13.3 Anmerkungen bezüglich der Mutter-Kind-Einrichtung in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch- Gmünd
Mein besonderer Dank geht an Frau Culemann, der Leitung der Mutter-Kind-Einrichtung in der JVA Schwäbisch- Gmünd, die mir durch ihr soziales Engagement, trotz mangelnder Zeit, die Hospitation in besagter Einrichtung, die Interviews und somit diese Diplomarbeit erst ermöglicht hat.
Des Weiteren geht ein Dank an die freundlichen Mitarbeiterinnen der Mutter-Kind-Einrichtung, für ihre Kooperation an meinen Erhebungen und Interviews.
Ein besonderer Dank gilt Frau Kehr, Justizvollzugsangestellte und ebenfalls Mitarbeiterin in jener Mutter-Kind-Einrichtung, da sie sich außergewöhnlich freundlich, offen und hilfsbereit die Zeit nahm, mir den Alltag sowie Besonderheiten der gesamten JVA Schwäbisch- Gmünd, zu verdeutlichen.
Schließlich möchte ich mich noch bei Frau Dipl. Päd. Mittmann und Herrn Prof. Dr. Huppertz für die kompetente Betreuung und Beratung bedanken, ohne deren Bereitschaft mir diese Diplomarbeit ebenfalls nicht möglich gewesen wäre.
Die vorliegende Erhebung beschäftigt sich mit der Untersuchung der „Mutter-Kind-Einrichtung in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg) - Möglichkeiten und Grenzen frühkindlicher Erziehung, Bildung und Betreuung“.
Anhand von Interviews, welche mit Erzieherinnen, Justizvollzugsangestellten und der pädagogischen Leitung in dieser Mutter-Kind-Einrichtung durchgeführt wurden, werden ausgewählte Qualitätskriterien untersucht, ausgewertet und interpretiert, um einen Einblick in die pädagogische Arbeit in besagter Einrichtung zu erhalten.
Die zentralen Aspekte, auf welche sich die Kategorien beziehen, lassen sich in folgenden vier Bereichen darstellen:
- Organisation, Planung und Arbeit im Team
- Erziehung, Bildung und Betreuung im Tagesablauf
- Besondere Auffälligkeiten der Kinder
- Chancen und Grenzen der pädagogischen Arbeit
Insgesamt ist diese Diplomarbeit ist in vier Teile aufgebaut, von denen Teil A und B theoretische Befunde erläutern, während sich Teil C auf die praktische Forschungsarbeit konzentriert und Teil D das persönliche Schlussresümee darstellt.
Teil A ‚ Kinderkrippe - Frühkindliche Bildung und Betreuung’ beschäftigt sich mit theoretischen Befunden bezüglich Kinderbetreuungseinrichtungen und dem aktuellen Forschungsstand entwicklungspsychologischer Erkenntnisse von Kindern zwischen null und drei Jahren.
Teil B ‚ Mutter-Kind-Einrichtung in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd’ beschäftigt sich mit allgemeinen Daten zu Mutter-Kind-Einrichtungen in Justizvollzugsanstalten sowie mit speziellen Aspekten der Mutter-Kind-Einrichtung in Schwäbisch- Gmünd. Hierzu wird ebenfalls Bezug zum aktuellen Forschungsstand genommen.
Teil C ‚ Qualitative Erforschung der Mutter-Kind-Einrichtung in der JVA Schwäbisch- Gmünd’ beschäftigt sich anschließend in deduktiver Form mit dem speziellen Fall dieser Mutter-Kind-Einrichtung. Mittels fünf Interviews, welche mit Erzieherinnen, Justizvollzugsangestellten und der pädagogischen Leitung in besagter Mutter-Kind-Einrichtung durchgeführt wurden, wird anhand von ausgewählten Qualitätskriterien untersucht, inwieweit frühkindliche Erziehung, Bildung und Betreuung in gefängnisinternen Einrichtungen aus pädagogischer Sicht gegeben ist.
Das Ziel der Untersuchung ist es, die Möglichkeiten und Grenzen für die pädagogische Arbeit in der Mutter-Kind-Einrichtung einer Justizvollzugsanstalt aufzudecken und wie der pädagogische Alltag demnach in gefängnisinternen pädagogischen Einrichtungen gestaltet ist.
Teil D ‚ Schlussresümee ’ stellt die zusammenfassenden Ergebnisse der Untersuchung dar sowie meine persönlichen Ansichten, Einsichten und erworbenen Erkenntnisse bezüglich der einzelnen Bereiche dieser Arbeit. Das persönliche und zugleich pädagogisch begründete Resümee soll mögliche Konsequenzen für die soziale Arbeit aufzeigen und das Thema ganzheitlich abrunden.
Da ein enger Bezug zwischen Tagesbetreuungseinrichtungen von Kindern zwischen null bis drei Jahren und der Mutter-Kind-Einrichtung in Justizvollzugsanstalten besteht, wird die Kinderkrippe als institutionelle Einrichtung in den folgenden Kapiteln in ihrer Entwicklung, ihren Aufgaben, Vor- und Nachteilen sowie Angaben zur aktuellen Entwicklung ausführlich dargestellt.
In pädagogisch geleiteten Einrichtungen kann man in den seltensten Fällen von einer allein gültigen Definition sprechen. Durch die unterschiedlichen erzieherischen Ansätze und Ansprüche sowie den zahlreichen pädagogischen Konzeptionen, auf dessen Hintergrund Kinderbetreuungseinrichtungen aufgebaut sein können, wird in folgendem Kapitel auf mögliche Definitionen und Einrichtungsformen für Kinder hingewiesen, welche mir persönlich als sinnvoll und pädagogisch wertvoll erscheinen. Diese sollen allerdings nicht als ausschließlich und allgemein verbindlich gelten oder gar andere berechtigte Auslegungen oder Definitionen von alternativen Betreuungsangeboten abwertend darstellen.
Institutionelle Tagesbetreuungen von Kindern werden in verschiedenen Formen angeboten. Diese reichen neben der Kinderkrippe von der Tagespflege über den Kindergarten bis zum Kinderhort. Daneben gibt es noch weitere Einrichtungen, zum Beispiel Sonderpädagogische Institutionen, schulische Förderkindergärten, Schulkindergärten oder Vorklassen, ambulante Formen der Heimerziehung, Tagesgruppen oder Spiel- und Lernstuben.
Vor allem seit den Reformjahren der Elementarpädagogik in den 70er Jahren findet eine enorme Entwicklung im Bereich der Kindertagesbetreuung statt.
Gemeinsam ist ihnen eine außerfamiliäre Betreuung für einen Teil des Tages oder den ganzen Tag, welche im KJHG §§ 22 und 23 gesetzlich verankert ist.
Nach §7 KJHG wird jede Person als Kind definiert, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hat.
Im Normalfall wird das Kind außerhalb der Familie tagsüber durch pädagogische Fachkräfte betreut. Hierzu zählen unter Anderem Erzieherinnen, Kinderpflegerinnen und Sozialpädagogen.
Die Eltern oder Sorgeberechtigten haben hierfür in der Regel einen finanziellen Beitrag zu leisten.
Die Trägerschaft wird meist durch eine Organisation oder einen Verein übernommen, diese unterscheiden sich in einer Vielzahl von unterschiedlichen Werten, Orientierungen, Inhalten, Methoden und Arbeitsformen.
Träger der öffentlichen Jugendhilfe sind im § 69 des KJHG verankert, welche nach dem Subsidiaritätsprinzip zur Zusammenarbeit mit den freien Trägern verpflichtet sind. Hierbei haben die öffentlichen Träger Nachrang im Einsatz ihrer Mittel und Angebote, wenn sich freie Träger finden, welche die notwendigen Angebote bereit stellen können. Freie Träger sind in §75 des KJHG verankert und schließen folgende Organisationen und Vereine mit ein:
- Kirchen- und Religionsgemeinschaften (zum Beispiel ‚evangelische’ oder ‚katholische Kirchengemeinde’)
- Wohlfahrtsverbände (zum Beispiel ‚Arbeiterwohlfahrt’, ‚Deutscher Caritasverband’, ‚Deutsches Rotes Kreuz’, ‚Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband’, ‚Diakonisches Werk’ oder ‚Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland’)
- Jugendverbände (zum Beispiel ‚Sportjugend’)
- Vereine, Stiftungen (zum Beispiel ‚Lebenshilfe e.V.’)
Zu unterscheiden sind institutionelle Tagesbetreuungen von den familialen, welche die Betreuung des Kindes durch Verwandte des Kindes organisieren, wie zum Beispiel die Großeltern, Tanten oder Onkel.[1]
Aus etymologischer Sicht ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ‚Krippe’ vermutlich ‚Flechtwerk’, aus welchen Krippen hergestellt werden konnten. ‚Krippe’ in der Bedeutung eines ‚Kinderhortes’ ist auf die Tatsache zurück zu führen, dass das neugeborene Jesuskind in eine Krippe gelegt wurde.[2]
Pädagogisch stellt die Krippe eine Tageseinrichtung zur Betreuung und gemeinsamen Erziehung von Kindern bis zum 3. Lebensjahr dar. Üblicherweise geben berufstätige Mütter, insbesondere allein erziehende Frauen, ihr Kind in eine Krippe. Ein weiterer Grund für eine Anmeldung und Unterbringung in dieser Einrichtung ist aber auch, dass Kinder schon von früh an mit anderen Altersgenossen aufwachsen können und regelmäßige Kontakte halten können. Träger von Krippen sind vor allem die Gemeinden, Kirchen, Wohlfahrtsverbände und andere Institutionen. Früher wurden Kinderkrippen für Säuglinge bis zur Vollendung des 1. Lebensjahres und Krabbelstuben für Kinder bis zu drei Jahren unterschieden.[3]
Nach Reyer & Kleine sind Krippen „ altersspezifische Einrichtungen für Säuglinge und Kleinkinder, die aufgrund ihres Alters und Entwicklungsstandes noch nicht in eine der anderen Einrichtungen der öffentlichen Kleinkinderziehung aufgenommen werden können.“ Sie definieren sich durch das festgelegte Eintrittsalter der anderen Einrichtungen und die damit einhergehende Betreuungslücke für Säuglinge und Kleinstkinder.[4]
Weiterhin sprechen sie von einem „ sozialpädagogischen Doppelmotiv “, welches einerseits den Müttern ermöglichen soll, ihrer Erwerbsarbeit oder sonstigen Unternehmungen nachzugehen und andererseits die Kinder in dieser Zeit – ohne die Beaufsichtigung ihrer Mütter – zu erziehen, pflegen und betreuen.
Die sozialpädagogische Bedeutung ergibt sich demnach aus dem sozialen Bedarf von kleinkindlicher Betreuung, Pflege und Erziehung mittels institutioneller Angebote und dessen umgesetzte Lösung in Form von Krippenplätzen.[5]
Auch Carl Helm, der Initiator der ersten Krippe in Deutschland, äußert sich zu dieser Doppelbedeutung: „Die Krippe hat einen doppelten Zweck, sie soll: 1. die arme Mutter unterstützen, indem sie es ihr möglich macht, dem täglichen Erwerbe nachzugehen ; 2. die armen, verlassenen Kleinen, welche bis jetzt alles Schutzes der Gesellschaft entbehrten, vor Entbehrungen, Leiden, Krankheiten, deren Folge nicht selten der Tod war, durch Beaufsichtigung und Pflege bewahren.“[6]
Seit etwa der Mitte des 18. Jahrhundert findet das Wort ‚Bildung’ in der pädagogischen Fachsprache besondere Verwendung.
Die Theologie stellte in früheren Jahrhunderten den Auftrag an die Menschen, ihre ‚Gottesebenbildlichkeit’ zu entfalten, was die Bedeutung von ‚Bildung’ prägte. Das heutige Verständnis des Begriffes beruht auf begriffsgeschichtlichen Bedeutungen, wie Schöpfung, Gestaltung, Verfertigung, Verfeinerung und Bildnis.
Die heutige Bedeutung des Begriffes basiert zu einem Großteil auf Studien von Klafki, Bollnow oder Heydorn. So wird der Mensch prinzipiell als vernunftbegabtes Wesen gesehen, welches zur Freiheit und Mündigkeit fähig ist.
Bildung wird zur Selbst-Bildung der Individualität in der Auseinandersetzung des Menschen mit den Erscheinungsformen seiner Kultur. Bildungsarbeit sollte den Zögling oder ‚Zu-Bildenden’ daher nicht nach eigenem Idealbild formen, sondern allein als Angebot verstanden werden, welches von außen angeboten wird und vom Subjekt im Dialog angenommen werden kann. Somit kann Bildung zwar von außen gefördert werden, allerdings kann sie nur vom Subjekt selbst verwirklicht werden.
Die Bildungsinhalte sind bestimmt von kulturellen und lebensgeschichtlichen Zusammenhängen in der Gesellschaft. Diese setzen sich aus der jeweiligen Weltanschauung, Philosophie, Recht, Sozialordnung, Technik, Wissenschaft, Politik und Ökonomie einer Zeit und Gesellschaft zusammen. Mit jenen Inhalten muss sich der ‚Bildende’ auseinandersetzen, um sich selbst zu bilden.[7]
Diätetik kommt aus dem Griechischen und bedeutet die Lehre von der gesunden Ernährungsweise. Teilgebiet der Medizin, welches sich mit der Krankheitsvorbeugung und Heilung durch natürliche Ernährung und Lebensweise befasst.[8]
Erziehung beschreibt bewusste Handlungen von Eltern, Lehrern, Ausbildern, Erziehern oder Pädagogen, die durch den Einsatz bestimmter Erziehungsmittel und Erziehungsmaßnahmen Kenntnisse und Fähigkeiten, Einstellungen und Wertorientierungen, Handlungswillen und Handlungsfähigkeit beeinflussen und prägen sollen. Ziel ist die die individuelle Mündigkeit der Kinder oder Jugendlichen mit der dazugehörigen Fähigkeit zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.
Die ‚intentionale Erziehung’ stellt ein zielorientiertes Handeln dar, während die ‚funktionalen’ Erziehung Veränderungen im Verhalten von Kindern, Jugendlichen oder auch Erwachsenen bewirkt. Diese werden durch alltäglichen Erfahrungen, durch Sozialisationsprozesse oder durch den Umgang mit Personen und sozialen Institutionen ausgelöst.
Trotz aller soziokulturellen Einflüsse wirken Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer Verstandeskräfte, ihrer unverwechselbaren Identität und der darauf gegründeten Urteile und Handlungen auf das Leben ebenso wie auf intentionale Erziehung aktiv mit ein, das heißt, sie reagieren nicht nur passiv auf Erziehungsabsichten.
Man geht davon aus, dass Erziehung umso erfolgreicher sein kann, je mehr sie auf die bereits vorhandenen Kompetenzen, Bedürfnisse, Motive und Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen eingeht.
Die Erziehungsziele können dann als pädagogisch wertvoll oder richtig betrachtet werden, wenn sie folgende Aspekte in einem wechselseitigen Zusammenhang betrachten:
- Werte und Normen der Erzieher oder der Kultur
- Das pädagogische Verhältnis zwischen Erziehern und den zu Erziehenden
- Die persönliche, aktive Auseinandersetzung und Aneignung der Erziehungsangebote durch die jungen Menschen selbst[9]
Etymologisch kommt das Wort ‚Kind’ vom mittelhochdeutschen ‚kint’. Es bedeutet ‚Geborenes’, abgeleitet von der Wurzel ‚gebären’ oder ‚erzeugen’.[10]
Aus pädagogischer Sicht meint ‚Kind’ den Menschen in seiner Entwicklung zwischen Geburt und Pubertät. Man kann verschiedene Untergliederungen vornehmen, wie zum Beispiel der Säugling, das Kleinkind, das Kindergartenkind oder das Schulkind. Man geht davon aus, dass die altersspezifischen Einstellungen und Verhaltensweisen der Kinder in den jeweiligen Lebensabschnitten, die Art und Weise, wie sich das Kind mit der Welt auseinander setzt, der Grad seines Selbstvertrauens, seine Neugier und sein Verhalten in Konflikten das Ergebnis von Wechselwirkungen sind, die zwischen körperlichen und seelischen Entwicklungsprozessen und den Erfahrungen ablaufen, welche das Kind in seiner sozialen und materialen Umwelt macht. Somit bildet sich die kindliche Persönlichkeit in ständigem Austausch mit der Lebenswelt aus, geschieht also nicht ausschließlich durch die Entfaltung der bereits vorhandener Anlagen.
Die pädagogische Verantwortung von Eltern, Schule und Gesellschaft gegenüber dem Kind begründet sich folglich aus der soziokulturellen Konstitution der Kindheit, welche einen Zusammenhang zwischen der Gesellschaft und dem Wohl des Kindes darstellt.[11]
Kostkind:
Im 19. Jahrhundert wurden für die meist unehelichen Pflegekinder häufig keine Pflegefamilien gefunden. Die Kinder wurden zu einer besonderen Risikogruppe gezählt, da deren Sterblichkeitsrate erhöht war, woraus sich der Bedarf an alternativen Betreuungseinrichtungen ergab. Diese wurden später ‚Säuglings- Bewahranstalten genannt.[12]
Pädiatrie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Kinderheilkunde. Sie meint den Teil der Medizin, der sich mit den speziellen Krankheiten von Säuglingen und Kleinkindern beschäftigt. Seit dem 19. Jahrhundert stellt sie ein eigenes Fachgebiet dar. Das erste eigene Kinderkrankenhaus wurde 1802 in Frankreich gegründet. Seit 1868 gab es an der Universität Würzburg einen eigenen Lehrstuhl für Kinderheilkunde. Zu den bedeutenden und prägenden Kinderärzten dieser Zeit zählen Adalbert Czerny und Otto Heubner.[13]
Sozialhygiene:
Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde jenes Teilgebiet der Medizin ‚soziale Hygiene’ bezeichnet, das sich mit einem ‚Teil der öffentlichen Hygiene’ beschäftigte. Hierzu zählten Einflüsse der sozialen und kulturellen Umwelt und wie sich diese auf die Gesundheitsverhältnisse auswirkt.[14] Ziel war die Einwirkung auf die zunehmende gesundheitliche Gefährdung breiter Bevölkerungsschichten mit Beginn der Industrialisierung. Zugehörige Bereiche waren unter anderem die die Kinder- und Jugendfürsorge sowie die Wohlfahrtspflege. Besondere Aufmerksamkeit erlangte die ‚Sozialhygiene’ in der Kaiserzeit, als das Problem der Kindersterblichkeit bei parallelem Geburtenrückgang in die öffentliche Diskussion Einzug fand.[15]
Institutionelle Tagesbetreuungen von Kindern werden in verschiedenen Formen angeboten. Neben den bereits erwähnten Sonderformen unterscheiden sich Krippen von der Betreuung der Kinder in einer Tagespflege, in Kindergärten und dem Kinderhort.
„Tagespflege bedeutet, dass das Kind tagsüber bzw. für einen Teil des Tages in einer anderen Familie oder auch in der Wohnung seiner Eltern durch eine Tagespflegeperson betreut wird. “[16]
Diese Betreuungsform ist schon seit mehreren Jahrhunderten gebräuchlich, die Motivationsgründe hierfür waren allerdings erst seit dem 19. Jahrhundert auf die außerhäusliche Erwerbstätigkeit der Mutter beschränkt.
Grundsätzlich gilt dieses Betreuungsangebot für Kinder aller Altersstufen, meist wird es aber von Kindern unter drei Jahren in Anspruch genommen.
In der Regel vermittelt das Jugendamt eine Tagespflegestelle, welche einen Vertrag zwischen den Eltern und der Pflegeperson vorsieht. Dieser enthält die Regelungen über die Aufsichtspflicht und die frei vereinbarte Vergütung.
Eine Betreuung kann in dieser Form relativ flexibel und individuell vereinbart werden, was im Gegensatz zum Kindergarten oder Krippen mit ihren festen Organisationsstrukturen von Vorteil sein kann.[17]
„Der Kindergarten ist eine sozialpädagogische Bildungseinrichtung für Drei- bis Sechsjährige, die von Kindern verschiedener Herkunft regelmäßig für mehrere Stunden täglich besucht wird.“[18] Demnach liegt das Anliegen und die Aufgabe des Kindergartens nicht vornehmlich in der Betreuung der Kinder sondern gleichfalls auch in der Bildung und Förderung mittels vorgegebener inhaltlicher Aspekte. Erste Angebote der außerhäuslichen Erziehung wurden schon 1779 durch den Pfarrer Johann Friedrich Oberlin mittels seiner Strickschulen geboten. Hier konnten Gruppen von Kindern unter Aufsicht spielen, zeichnen, singen und wurden zum Stricken, Nähen und Spinnen angeleitet. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts nahm die Notwendigkeit und der Ausbau institutioneller Tagesbetreuungen seinen Lauf (vgl. Kapitel 3.1). Angelehnt an die Idee der ‚Infant-schools’ nach dem Engländer Samuel Wilderspin wurden 1827 auch in Preußen Kleinkinderschulen errichtet. Hauptanliegen war hierbei die Entlastung der Eltern, Schutz vor Unfällen sowie die Gesundheitsfürsorge.
Der erste Kindergarten wurde von Friedrich Fröbel eröffnet, der schon damals großen Wert auf bildungsfördernde Angebote durch die Erzieher legte. Drei Funktionen sollten von besonderer Bedeutung sein: Vorschulkinder sollten mittels Beschäftigung und Spiel auf die Schule vorbereitet werden, der Kindergarten sollte gleichsam eine Ausbildungsstätte darstellen und letztlich sollte geeignetes Spielmaterial entwickelt werden.
Verschiedene reformpädagogische Einflüsse von Maria Montessori, Rudolf Steiner und weiteren Pädagogen bestimmen teilweise bis heute die Gestaltung und Konzeptionswahl verschiedener Kindergärten.[19]
Der Kinderhort stellt eine sozialpädagogische Einrichtung dar, in welcher „ Schulkinder nach Schulschluss, gegebenenfalls auch vor Beginn des Unterrichts, und zum Teil auch in den Ferien, bis zum späten Nachmittag betreut“[20] werden. In der Regel gilt dieses Angebot für schulpflichtige Kinder bis 14 Jahre. Entstanden ist die Idee der Horte aus den Arbeits- und Industrieschulen im 18. Jahrhundert, die vorbereitend auf die Schule wirken sollten. 1872 gründete Franz Xaver Schmidt-Schwarzenberg den ersten Hort, ‚Haus Sonnenblume’ in Erlangen, welcher ursprünglich nur für Jungen errichtet wurde. Neben der Beaufsichtigung galt das Hauptanliegen der sittlichen und intellektuellen Förderung der Kinder. Weitere Ziele waren die Schonung des Familienlebens, Ergänzung der häuslichen Erziehung und die individuelle Stärkung und Kräftigung der Kinder. Im weiteren Verlauf der Entwicklung gab es einige kontroverse Diskussionen um die Notwendigkeit des Hortes, wodurch ein weiterer Ausbau nur schleppend voran ging. Im 2. Weltkrieg wurde der Hort sogar zum Familienersatz ausgerufen, was seinen Charakter als Nothilfeeinrichtung weiterhin stärkte.[21]
Abgrenzungen zu anderen Formen der Kinderbetreuungseinrichtungen sind schon seit ihrer Entstehungsgeschichte deutlich. Trotz der Ähnlichkeiten in ihrem Nothilfecharakter (siehe 1.3) haben sich Krippen erst kurz nach den ersten Kleinkinderschulen, Kleinkinderbewahranstalten und Kindergärten Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet. Sie unterschieden sich grundlegend in der Altersspezifik und der damit verbundenen Art der Betreuung und Pflege der Kinder. Im Alter von ein bis zwei Jahren sah man erhöhte Risiken der Krankheitshäufigkeit und Sterblichkeit der Kinder, gekoppelt mit spezifischen Entwicklungsbedürfnissen, welches einen weitaus höheren hygienischen Aufwand für das Krippenpersonal darstellte. Bezugswissenschaft stellte demnach nicht die Pädagogik dar, wie etwa bei den ersten Kindergärten, welche neben der Betreuung auch die Aufgabe der Schulvorbereitung aufweisen konnten, sondern die Pädiatrie, welche sich vornehmlich mit Kinderheilkunde beschäftigte.[22]
Das Alter der Kinder in Krippen wurde nicht einheitlich festgelegt, es orientierte sich allerdings an den Definitionen und Satzungen, welche die übrigen Kinderbetreuungsanstalten festlegten. Das Aufnahmealter fing teilweise bei drei Tagen nach der Geburt an - oft auch erst ab einem halben Jahr - und endete anfangs mit dem zweiten Lebensjahr, gegen Ende des 19. Jahrhunderts dann mit dem dritten Lebensjahr. Im Jahr 1913 wurden Krippen diesbezüglich als Einrichtungen definiert, „ in denen gesund Säuglinge und Kleinkinder (meist bis zum dritten Lebensjahre) von Müttern, die außerhäuslich erwerbstätig sind, tagsüber verpflegt werden “.[23] Im Gegensatz hierzu wurde das Aufnahmealter der Kinder in Kindergärten schon im 19. Jahrhundert von der ‚ Fröbelschen Trägerfraktion’ auf drei Jahre festgelegt. Elisabeth Blochmann formulierte dies 1928 folgendermaßen: „ Unter Kindergarten im ursprünglichen Sinn verstehen wir eine Einrichtung, die eine größere Zahl von Kindern zwischen drei und sechs Jahren - die Aufnahme zweijähriger Kinder ist ein Notbehelf – in den Vormittagsstunden aufnimmt und der Altersstufe gemäß erzieht.“[24] Unter diesem Aspekt wurde die Krippe mit ihrer Klientel der Kleinstkinder bis zu zwei Jahren - per Definition – aus dem pädagogischen Elementarbereich ausgeschlossen und vollständig getrennt vom Kindergarten betrachtet.
Auch der Aufgabenbereich der Krippe ergibt sich aus der veränderten Altersspezifik. Ein Aspekt hiervon ist die Bedeutung des Spiels, welches vor allem in der Entstehungsgeschichte - im Gegensatz zum Kindergarten – kaum Einzug in den Krippenalltag gefunden hat. Für Kleinstkinder wurden diesbezüglich kaum Empfehlungen ausgesprochen, Hygiene und Diätetik waren die hauptsächlichen Orientierungspunkte.[25]
Ein zentrales Argument für die Institution Krippe ist seit der Entstehungsgeschichte der Bedarf und die Ermöglichung der Erwerbstätigkeit für Mütter, während die Initiative für die Einrichtung von Kindergärten seit Beginn an vor allem kindorientiert war und sich neben Erziehung und Betreuung mehr und mehr am Bildungsmotiv orientierte.[26]
Reyer & Kleine sprechen hierbei von einem „elementarpädagogischen Argumentationsdefizit“, welches bei Kleinkinderschulen und Kindergärten durch die verschiedenen Aufgaben und Zielsetzungen, die von der sittlich-religiösen Erziehung über die grundlegende Elementarbildung bis hin zur Schulvorbereitung reichen konnten, im Gegensatz zur Krippe nicht gegeben war.
Schon im 17. Jahrhundert wurden die Besonderheit des Kleinstkindesalters und deren notwendige pädagogische Förderung durch zahlreiche Gedanken und Schriften anerkannter Pädagogen deutlich. Und auch pädagogische Aspekte über Kinder vom Säuglings- bis zum Einschulungsalter wurden bewusst diskutiert und reflektiert. So schrieb schon einer der ersten großen Theoretiker der Pädagogik, Johann Amos Comenius (1592-1670), dass die „Jugend bald von ihrer Geburt an allmählich geübt und gegen des sechste Jahr ihres Alters ausgeübt werden soll“[27]
Rousseau (1712-1778) betont ebenfalls die frühkindliche Erfahrung in seinem Roman ‚Emil oder über die Erziehung’ wie folgt: „Die Erziehung des Menschen beginnt mit der Geburt. Ehe er spricht, ehe er hört, lernt er schon. Die Erfahrung eilt der Belehrung voraus.“[28]
Pestalozzi (1746-1827) betont in seiner erziehungsmethodischen Schrift ‚Wie Gertrud ihre Kinder lehrt’ die Erziehungsnotwendigkeit schon im kleinsten Kindesalter: „Die erste Stunde seines Unterrichts ist die Stunde seiner Geburt. Von dem Augenblicke, in dem seine Sinne für die Eindrücke der Natur empfänglich werden, von diesem Augenblicke an unterrichtet es die Natur.“[29] Für Pestalozzi war die menschliche Erziehung eine Kunst und nötige Unterstützung zur natürlichen. Findet diese nicht schon in den ersten drei Jahren statt, nennt er dieses Versäumnis „ unbenutzte Jahre “.[30]
Diese pädagogischen Aspekte und Ansätze scheiterten allerdings für das früheste Kindesalter – im Gegensatz zu den Kindergärten - an der ungenügenden konzeptionellen Umsetzung dieser Ideen in die frühkindliche pädagogische Betreuungspraxis. Die Lernprozesse der Kleinstkinder schienen zu ungenau und unspezifisch, um sie der Elementarpädagogik einzugliedern.[31]
Nicht zuletzt sind die Aussagen von jenen zitierten Pädagogen bis einschließlich Fröbel im 19. Jahrhundert zwar als Plädoyer für eine frühkindliche Erziehung, auch schon im Säuglingsalter, allerdings soll diese ausschließlich innerhalb der Familie oder der Mutter- Kind- Beziehung stattfinden. Für Schleiermacher fällt hierbei „ die erste Periode der Erziehung ganz und gar in das Innere in der Familie“.[32]
Letzteres Gedankengut spiegelte sich übrigens auch in der Entwicklung der Kindergärten wieder, die - zwar nicht in dem Ausmaße wie die Krippen, aber dennoch - anfängliche Schwierigkeiten mit der Anerkennung und Durchsetzung ihrer ‚öffentlichen Kleinkindeinrichtung’ hatten. Hinter diesem Aspekt ist auch eine der ursprünglichen Aufgaben von Fröbels’ erstem Kindergarten 1840 in Blankenburg zu verstehen, welche neben dem Spielort für Kinder anfangs vor allem die Belehrung und Anleitung der Mütter im Sinne hatte, um diesen eine altersgerechte Erziehung ihrer Kinder nahe bringen zu können.[33]
Bis heute ist eine auffallend hohe Beteiligung von Ärzten in der Institution Krippe ersichtlich, was sich aus den andersartigen Anforderungen und Bedürfnissen des Kleinstkindalters ergibt. Diese wirken nicht nur als Initiatoren, Förderer und medizinische Begleiter sondern gleichfalls auch als Kritiker in der Diskussion um die Teilmotive von Krippeneinrichtungen. Daraus ergibt sich auch zwangsläufig eine Verminderung von vordergründig elementarpädagogischen und erziehungs-politischen Interessen, zugunsten dem nötigen pflegerischen Kinderschutz, Ernährung und Gesundheit.
Während pädiatrische und diätetische Aspekte also im Vordergrund standen, wurden pädagogische Aspekte bis Anfang des 20. Jahrhunderts lediglich auf Begleiterscheinungen der Pflege beschränkt. So versprach man sich durch regelmäßige Trink- und Wickelzeiten ein Gefühl der Ordnung zu vermitteln; Bewusstsein für Mäßigkeit sollte durch bewusste Regulation der Nahrung erfolgen.[34]
Mit Beginn des 20.Jahrhunderts kamen einzelne Anregungen über die Bedeutung des Spiels auch im Krippenalter auf. Lili Droescher betont im Jahr 1919 hierzu die wichtigen Auswirkungen des Spiels auf die Förderung der Sprachentwicklung, Beobachtungsfähigkeit und Selbsttätigkeit der Kinder, allerdings sollte das Spiel aber „ nur zur Freude, nicht zu einem Lehrzweck “ dienen.[35]
Bis heute hat die bildungstheoretische Diskussion, wie sie aktuell vor allem in Kindergarten und frühkindlicher Förderung zu finden ist, in die Krippenthematik nur wenig Einzug erhalten. Neben den bereits erwähnten medizinischen Aspekten und der wirtschaftlichen Erwerbsnotwendigkeit vieler Frauen wird aus pädagogischer Sicht auch ein erzieherischer Einfluss auf die Mütter erwähnt, der durch das geschulte Krippenpersonal durch Beratung, Vorbildfunktion oder Anregungen geschehen kann (siehe Kapitel 3.5).
Im Vergleich zu den Kindertageseinrichtungen konnte der Ausbau der Krippen bis Mitte des 20. Jahrhunderts kaum vorangetrieben werden. Verschiedene Gründe können hierfür genannt werden, die teilweise auch mittels der kritischen Haltung der Öffentlichkeit gegenüber Säuglings- und Kleinstkindereinrichtungen erklärbar sind (siehe Kapitel 3.1; 3.2; 3.5).
Weitere Thesen nennt das ‚Handbuch für Jugendhilfe’ im Jahr 1939, das sich verstärkt dem erhöhten Aufwand von Finanzierung und Betrieb widmet: „ Dass es im Ganzen so sehr viel weniger Krippen als Kindergärten gibt, erklärt sich daraus, dass die Krippen in Bezug auf Einrichtung und laufende Unterhaltung wesentlich kostspieliger sind als Kindergärten, dass des Erfolg der Arbeit im Allgemeinen weniger günstig beurteilt wird und dass auch die Nachfrage nach Krippenplätzen nicht so groß ist. Während die Kindergärten als Erziehungsstätten für die Kinder aus weiten Kreisen der Bevölkerung in Betracht kommen, dienen die Krippen (…) vornehmlich den unehelichen Kindern, damit jedoch vielfach auch den künftigen Familien.“[36]
Diese Aussage kann wiederum in Bezug zu den zuvor erwähnten gesellschaftlichen Aspekten gesehen werden, sie macht die Vorurteile und traditionellen Ansichten bezüglich der Kleinstkinderbetreuung deutlich, die in den Augen vieler ausschließlich im Kreise der ‚ehelichen’ Familie stattfinden sollte.
Auch nimmt sie Stellung auf die veränderte Inanspruchnahme der jeweiligen Kinderbetreuungseinrichtungen durch die unterschiedlichen Schichten. Die arbeitende Bevölkerung, welche meist auf die Erwerbstätigkeit der Mutter angewiesen ist, ist eher auf eine Krippeneinrichtung angewiesen als Familien der bürgerlichen Schichten, die wiederum in der Lage sind, das Angebot der späteren außerhäuslichen und schulvorbereitenden Erziehung in Anspruch zu nehmen, welches nebenbei auch noch die gesellschaftliche Anerkennung trägt, da es die – für so notwendig erachtete – ‚Mutter-Kind-Bindung’ im frühen Kindesalter nicht gefährdet.
Seit 1922 wurde dieser Ansatz rechtlich mit dem neuen „ Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt“ (RJWG) verankert. Somit hatten nicht die Länder sondern das Reich die Verantwortung über ‚Bevölkerungspolitik, Mutterschafts- Säuglings-, Kinder- und Jugendfürsorge. Es folgte also eine Vereinheitlichung der Kinder- und Jugendfürsorgeregelung. Die Länder hatten Jugendwohlfahrtsbehörden einzurichten, regional sollten Jugendämter errichtet werden. Außerdem wurde das Verhältnis der privaten und öffentlichen Träger erstmals rechtlich geregelt. Nach §1 hatte jedes deutsche Kind ein „ Recht auf Erziehung zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit “. Allerdings waren nur jene Kinder angesprochen, deren Anspruch auf „ Erziehung von der Familie nicht erfüllt wird “.
§4 legte die öffentliche Verantwortung auch für die institutionelle Tagesbetreuung von Kleinkindern fest, deren notwendige Einrichtungen vom Jugendamt zu errichten oder zu fördern waren. Diese Förderung bezog sich auf die enge Zusammenarbeit mit den freien Trägern, welche durch öffentliche Hand unterstützt werden sollten.[37]
In der Fassung des JWG vom 6. August 1970 hat nach §1,1 „jedes deutsche Kind ein Recht auf Erziehung zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit.“ §3 gewährt das Eingreifen der öffentlichen Jugendhilfe, falls „der Anspruch des Kindes auf Erziehung von der Familie nicht erfüllt wird“. Das Jugendamt war nach §5 bedingt verpflichtet, „die für die Wohlfahrt der Jugend erforderlichen Einrichtungen und Veranstaltungen anzuregen, zu fördern und gegebenenfalls zu schaffen“. Insbesondere galt dies für die Pflege und Erziehung von Säuglingen, Kleinkindern und schulpflichtigen Kindern außerhalb der Schule.[38]
Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) wurde 1990 vom Deutschen Bundestag verabschiedet, und löste als 8. Sozialgesetzbuch das Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG), welches die Novellierung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes (RJWG) aus dem Jahre 1922 darstellte, ab.
Paragraph 22 des KJHG enthält Bestimmungen über die ‚Grundsätze der Förderung von Tageseinrichtungen’, welche neben Kindergarten und Hort auch für Krippen Gültigkeit hat. In Absatz 1 wird die Förderung der „ Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ betont, welche in Absatz 2 näher erläutert werden: „ Die Aufgabe umfasst die Betreuung, Bildung und Erziehung des Kindes. Das Leistungsangebot soll sich pädagogisch und organisatorisch an den Bedürfnissen der Kinder und ihrer Familien orientieren.“
Des weiteren wird auf eine notwendige enge Zusammenarbeit des pädagogischen Personals mit den Eltern hingewiesen.
Leitendes Interesse ist die umfassende Förderung der Entwicklung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Hierzu werden eine Fülle von Leistungen und Angeboten der Jugendhilfe definiert, welche die Erziehung in der Familie unterstützen und ergänzen sollen, nicht erst dann, wenn diese Erziehung gefährdet ist, sondern auch familienbegleitend und vorbeugend. Bei ernsthaften Gefährdungen soll allerdings auch nach dem KJHG eine Trennung der Kinder von ihren Eltern erfolgen. Sämtliche gesetzlich vorgesehenen Angebote und Maßnahmen werden von freien und öffentlichen Trägern der Jugendhilfe durchgeführt, wobei das Jugendamt zentrale Stelle der öffentlichen Träger darstellt.
Im Rahmen des Schwangeren- und Familienhilfegesetzes von 1992 wurde das KJHG 1996 novelliert, somit sollten alle Kinder im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt den Rechtsanspruch auf einen Platz im Kindergarten erhalten.[39]
Des weiteren sollen Tageseinrichtungen – nach § 1 Abs. 3, Nr. 1 des KJHG - die individuelle und soziale Entwicklung der Kinder fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen.[40]
Hierzu ist seit dem 1. Januar 2005 das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) zum Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren in Kraft. Dies soll einen qualitätsorientierten und bedarfsgerechten Ausbau der Tagesbetreuung gewährleisten. Im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) ist unter § 24 Abs. 3 ein Mindestversorgungsniveau vorgeschrieben, welches von den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe und den Gemeinden, Wohlfahrtsverbänden und anderen freien Trägern anzubieten ist.
Seit Januar 2005 gelten die Änderungen der gesetzlichen Regelungen hinsichtlich des Ausbaus der Kindertagesbetreuung, die im KJHG §§ 22, 23, 24, 24a festgelegt sind. Demnach sind die Kommunen verpflichtet, zumindest denjenigen null- bis dreijährigen Kinder ein Betreuungsangebot zu bieten, die hierfür Bedarf haben. Dazu zählen vor allem Kinder, deren Eltern tagsüber arbeiten oder sich in einer beruflichen Bildungsmaßnahme befinden.[41]
Der Ausbau und die - vom Bund teilweise unterstützte - Finanzierung der Kindertagesbetreuung unterliegt der Pflichtaufgabe der Länder und Kommunen.
Die Bundesregierung plant zum bedarfsgerechten Ausbau der Betreuung für Kinder im Alter unter drei Jahren bis zum Jahr 2010 zusätzlich 230.000 neue Plätze in Kindergärten, Krippen sowie in der Tagespflege, durch welche den Kindern eine frühe Förderung angeboten werden soll. Zudem soll deren Eltern Hilfeleistung geboten werden, um sowohl ihren Kinderwünschen, als auch ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können.
Ergänzend hierzu soll auch die betriebliche Kinderbetreuung gefördert werden, was durch maßgeschneiderte Angebote der jeweiligen Branchen möglich werden soll. Neben dem klassischen Betriebskindergarten sollen somit weitere Angebote geschaffen werden, welche die Beschäftigten bei der Betreuung ihrer Kinder effektiv unterstützen.[42]
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter nennt in ihrer Veröffentlichung „ Qualität in Kindertageseinrichtungen“, welche bei der 88. Arbeitstagung im Jahr 2000 in Halle/Saale beschlossen wurde, die in § 22 des KJHG verankerte ‚Förderung der Entwicklung der Kinder zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit’ durch Betreuung, Bildung und Erziehung, welche sich an den Bedürfnissen der Kinder und ihren Familien orientieren soll, als grundlegenden Maßstab für die Qualität einer Tageseinrichtung – „ unabhängig davon, welches Qualitätsmanagement die Einrichtung anwendet.“[43]
In Anbetracht der Tatsache, dass die Ausführungsgesetze der Länder zu Rahmenbedingungen und Strukturen von Kinderbetreuung zum Teil Deregulierungen und Rücknahmen pädagogischer Standards erkenne lassen, sind Aspekte wie Gruppengröße, -zusammensetzung, Raumgröße, sachliche Ausstattung, Öffnungszeiten oder fachliche Anforderungen an die Leitung und das pädagogische Personal nicht mehr einheitlich vorgegeben. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, dass die Einrichtungen eine „ konsensfähige pädagogische Konzeption und Einrichtungsprofile“ entwickeln und gemeinsam aushandeln.[44]
Der eigenständige Auftrag der Kindertageseinrichtungen in der Jugendhilfe wird durch die Betreuung, Bildung und Erziehung bestimmt und umfasst Qualitätsziele, die folgende Aspekte in Kindertageseinrichtungen berücksichtigen und gewährleisten sollen:
- Orientierung des pädagogischen Angebots an den Bedürfnissen der Kinder und ihrer Familien
- Entwicklung der Kinder zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschafts-fähigen Persönlichkeit
- Berücksichtigung der individuellen und sozialen Situation jedes einzelnen Kindes
- Gemeinsame Erziehung von behinderten und nicht behinderten Kindern
- Benachteiligungen vermeiden oder abbauen
- Förderung der Gleichberechtigung zwischen Jungen und Mädchen
- Ganzheitliche Gestaltung der Erziehung
- Berücksichtigung sozialer, individueller, kultureller, integrativer und ökologischer Aspekte
- Anerkennung und Zulassung von Unterschiedlichkeit und Vielfalt der kulturellen und sozialen Herkunft, des Geschlechts und der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit der Kinder
- Entwicklung einer lebendigen Beziehung zur Natur und zur Umwelt
- Zusammenarbeit mit - und Beratung für die Eltern als Ergänzung und Unterstützung der kindlichen und familiären Lebenswelt
Des weiteren sind vier verschiedene Qualitätsbereiche zu unterscheiden, welche getrennt voneinander bewertet werden können:
- Prozessqualität: Sie kennzeichnet Aktivitäten und Interaktionen, wie diese zwischen den Trägern, den Betreuern, den Kindern und den Eltern ablaufen
- Strukturqualität: Sie ist durch situationsabhängige, zeitlich stabile und durch politische Entscheidungen veränderbare Rahmenbedingungen kennzeichnet. Sie befasst sich unter Anderem mit der Gruppengröße, dem Personalschlüssel, der Professionalität und Stabilität der Betreuer, der Angebotsstruktur, dem Betreuungsablauf, der Raumgestaltung und Größe der Einrichtung oder der kulturellen Aufgeschlossenheit
- Orientierungs- oder Einstellungsqualität: Sie befasst sich mit subjektiven Einstellungen und Vorstellungen des pädagogischen Personals über die kindliche Entwicklung oder pädagogische Ziele und Normen
- Ergebnisqualität: Sie misst den erzielten Zustand, der durch einen Soll-Ist-Vergleich ermittelt werden kann. Diese Kategorie ist allerdings im Erziehungs- und Bildungsbereich oft nur schwer zu ermitteln[45]
Im Rahmen dieser Arbeit wird - speziell bei der Interpretation der qualitativen Erforschung der Mutter-Kind-Einrichtung - vorrangig auf die Prozessqualität eingegangen.
Die Geschichte der Kinderkrippe ist Teil der öffentlichen Kleinkinderziehung und weist dennoch eigene charakteristische Züge auf.
Die Notwendigkeit und der Nutzen von Krippeneinrichtungen wurden seitens der Öffentlichkeit im Laufe der Zeit sehr unterschiedlich betrachtet und bewertet.
Im Folgenden werden die Beweg- und Entstehungszusammenhänge im Hinblick auf die gesellschaftlichen Umstände im ausgehenden 19. Jahrhundert und somit dem Zeitalter der Industrialisierung, dargestellt.
Ferner wird auf den Verlauf und die Veränderung der Motive eingegangen, welche von hygienisch diätetischen Gesichtspunkten und ökonomisch finanziellen Notwendigkeiten der Mütter, den Wandel vom einstigen Nothilfecharakter der Krippen hin zu einer gesetzlich verankerten, professionalisierten und pädagogisierten Kinderbetreuungseinrichtung belegen.
Ausgangspunkt war, nach Reyer & Kleine, ein zentrales Strukturproblem der privaten Haushalte. Speziell das Problem der Rolle der Frau machte die Notwendigkeit und die gleichzeitige Skepsis gegenüber Tageseinrichtungen für Kleinkinder deutlich. Der Widerspruch zwischen Rollennorm und Rollenrealität von Müttern und Frauen war deutlich erkennbar. Einerseits wurde von den besagten Frauen gesellschaftlich erwartet, dass sie sich ausschließlich der Familienarbeit und somit der Erziehung ihrer Kinder widmeten, andererseits zwang die ökonomische Lage viele Frauen aber zur öffentlichen Erwerbstätigkeit.[46]
Adressaten der Krippennutzung kamen schon vor der Industrialisierung vor allem aus den ‚Arbeitenden Klassen’, was statistisch allerdings nur dürftig belegt ist. Gerade bei Handwerkern, Dienstleuten, kleinen Händlern, Tagelöhnern, Landarbeitern und später dann Fabrikarbeitern war der Betreuungsnotstand durch die zwingende Erwerbstätigkeit der Frau und Mutter besonders groß.
Also war nicht die Industrialisierung Ausgangspunkt für die Gründung erster Krippen, sondern generell die große Not und Armut der Arbeiterschicht. In einer Erhebung von 1852 zählten über 70% der Familien zu den ‚Armen’, definiert wurde dieser Status damals ab einem Einkommen unter 100 Talern. Charakteristisch für jene Haushalte war die zwingende Erwerbstätigkeit sowohl des Mannes, der Frau und auch der älteren Kinder. Hieraus ergab sich eine problematische Betreuungssituation der kleinen Kinder, die Säuglingssterberate lag über 25%. Häufig wurden die Kleinstkinder bis zu zwei Jahren nur notdürftig zuhause, bei Verwandten oder Nachbarn versorgt, in Pflegefamilien oder Säuglingsheime abgegeben und teilweise auch mittels Schlafmittel oder Alkohol ruhig gestellt und im Bett festgebunden.[47]
Typische Berufe der Frau wurden 1826 erstmals gesondert erwähnt und aufgelistet: Bäuerin, Tagelöhnerin, Wasserträgerin, Badfrau, Krankenwärterin, Hebamme, Dienstmagd, Arbeiterinnen in Spinn-, Näh- und Strickanstalten, Fabriken oder Manufakturen, Hausiererinnen, Gemüsehändlerinnen, Wäscherinnen, Färberinnen, Fisch- und Fleischverkäuferinnen.[48]
Neben den wirtschaftlichen Aspekten haben auch Schlagworte, wie ‚Gleichberechtigung der Frau und Mutter’ einen erheblichen Anstoß um die Bewegung und Entstehung von Krippenplätzen in Deutschland beigetragen.
Aus diesen gesellschaftlichen Gegebenheiten ergaben sich Überlegungen, Ansätze und Konzepte, wie man den Kindern trotz der teilweise prekären wirtschaftlichen und familiären Situationen den nötigen Schutz, Pflege und Erziehung zu teil kommen lassen könnte.
Hierbei spielt vor allem die besondere Bedeutung des Kleinstkindalters eine zentrale Rolle. Die vermehrten gesundheitlichen und entwicklungspsychologischen Risiken in diesem Alter forderten erhöhte pädagogische und medizinische Anstrengungen und Wissen, was seitens der Kritiker als zentrales Argument gegen eine Krippeneinrichtung diente.
Dies machte eine medizinische und hygienische Ausbildung im Bereich der Kleinstkinderversorgung notwendig, was die damaligen Bezugswissenschaften Pädiatrie und Diätetik – anstatt vorrangig Psychologie und Pädagogik - erklären kann.
Entstehungsdaten erster Krippen sind in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts anzusetzen. Fast ausschließlich unter privater Trägerschaft findet eine zunehmende Institutionalisierung der Krippen als Reaktion auf Betreuungslücken von Säuglingen und später auch Kleinstkindern statt.[49]
Die konkrete Umsetzung der ersten Kinderkrippe ist auf den französischen Juristen Firmin Marbeau zurück zu führen. Durch seine Berichterstattung und Erkundungen über Kleinkinderbewahranstalten in Paris machte er erstmals auf die offenkundige Betreuungslücke aufmerksam, die er folgendermaßen verdeutlicht: „ Mit welcher Sorgfalt, sagte ich mir, wacht nicht die Gesellschaft über die Kinder der armen Classen! Von zwei bis sechs Jahren nimmt dieselben die Kleinkinderbewahr-Anstalt auf, dann bis zur erreichten Mündigkeit die Elementarschule (…) Aber warum sorgt man nicht auch für das Kind in der Wiege? – Die mütterliche Sorge weiß am Besten, was dem Säugling frommt (…) aber wenn die Mutter gezwungen ist, außer ihrer Wohnung zu arbeiten, was geschieht dann mit den armen Kleinen?“[50]
Marbeau erkannte eine doppelte Notlage, die zum einen durch eine oft schlechte und ungenügende Pflege der Kinder in anderen Familien deutlich wurde, während die Mutter arbeiten musste und zum anderen, dass diese Pflege auch meist zu teuer für die ärmlichen Verhältnisse war. Dies stellten die Ausgangspunkte für Marbeau’s Einsatz und die praktische Umsetzung des „ Project einer Crèche “ dar. Hieraus entstand dann am 14. November 1844 in Paris die erste Krippe. Die Einrichtung dieser bestand aus zwölf Wiegen, einigen Stühlen und Kindersesseln, einem Kruzifix und einem Rahmen mit dem Reglement der Krippe.
Es gibt zahlreiche Belege, wie eine Krippe in ihrer Ausstattung zu gestalten war, über die tatsächliche Umsetzung dieser Empfehlungen allerdings nur wenige. Zentral waren vor allem hygienische Aspekte, die pädagogisch anregende Ausgestaltung der Räume war lange Zeit kaum von Bedeutung. Alois Fellner, Direktor der Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt in Wien forderte in seinen ‚Musterentwürfen für die Errichtung für Krippen’ drei Räumlichkeiten: einen für die Säuglinge, einen für die ‚Kriechlinge’ und ein weiterer für die ‚Gehlinge’.[51] Diese Trennung sollte zum einen aus hygienischen Gründen geschehen, zum anderen aber auch aus pädagogischen, da Säuglinge weitaus mehr Ruhe benötigten während Kinder im Alter von zwei oder drei Jahren anders zu beschäftigen waren. Erstaunlicherweise ist von Spielsachen sehr selten die Rede. Sie werden lediglich in den Spenden- und Geschenklisten aufgeführt, über deren Nutzen wird allerdings keine Empfehlung ausgesprochen. Dies mag an der Altersspezifik der Kinder und der damaligen Auffassung liegen, welche dem Spiel des Kindes keine sonderliche Bedeutung zumaß. Entscheidend waren hauptsächlich hygienische und diätetische Aspekte.[52]
Eine weitere Empfehlung für eine optimale Krippeneinrichtung lieferte der Arzt H. Neumann in seinem ‚Handbuch der Hygiene’, diese bestand demzufolge aus folgenden Räumen:[53]
- Warteraum für die Mütter (Damit sie keine Krankheitskeime in die Krippe einschleppen können.)
- Kleiderablage (Aus denselben hygienischen Gründen wurde hier den Kindern auch die Kleidung vor und nach dem Aufenthalt in der Krippe gewechselt.)
- Badezimmer (Für jedes Kind sollten eigene, nummerierte Waschutensilien bereitliegen, so zum Beispiel ein Schwamm, Waschlappen, Milchflasche, Saugstöpsel und Badetuch)
- Je ein Aufenthaltsraum für die Säuglinge, Kriechlinge und Gehlinge (Mit Krabbel- und Spielteppichen, Gehschulen und Pouponnière – letztere meint eine runde Anordnung von Tisch, Bank und Laufbahn)
- Schlafraum (Mit weiß lackierten Bettchen, Korbwiegen, Hängematten und Matratzen)
- Zimmer zum Säugen
- Isolierzimmer
- Küche und Milchküche
- Raum für Eisspind und Wirtschaftssachen oder Keller
- Wohnung für das Personal mit Klosett (Um Unterhaltskosten für die Krippe zu sparen)
- Überdeckter Raum
In den darauf folgenden sieben Jahren wurden allein in Frankreich weitere 400 Krippen eröffnet, davon 18 in Paris.[54] Von Frankreich, welches als Geburtsstätte der Krippen in Europa galt, breiteten sich die Krippen nun auch auf andere Länder aus. In Deutschland wurde die erste Krippe 1849 in Wien eröffnet, welches zu damaliger Zeit noch dem Deutschen Bund zugehörig war. Initiator und Leiter dieser Krippe war Dr. Carl Helm.
Ähnlich wie bei den schon bestehenden Kinderbetreuungseinrichtungen, wie Kleinkinderschulen, Kleinkinderbewahranstalten und Kindergärten, waren auch die Krippen ursprünglich als vorübergehende Nothilfe für arbeitende Mütter gedacht und errichtet worden. Man erhoffte sich eine baldige Schließung, sobald man die schwere Massenarmut überwunden wäre.
Entgegen den Erwartungen und Bedürfnissen vieler Familien und arbeitenden Mütter erfolgte kein nennenswerter Ausbau von Krippenplätzen. Eine Hochrechnung im Jahr 1910 von Fritz Rott spricht von einer Bedarfsdeckung der zur Verfügung stehenden Krippenplätze von gerade mal 8% bei etwa 35.000 betreuungsdürftigen Säuglingen. Hierfür standen 234 Krippenplätze bereit, die im Schnitt jeweils 12 Säuglinge und 20 Spielkinder aufnehmen konnten.[55] Im Vergleich hierzu wurde im gleichen Jahr der Bedarf an Kleinkinderbewahr-Anstalten, Kindergärten und Kleinkinderschulen zu 13% gedeckt.[56]
Eine zweite Entwicklungsperiode fand zwischen 1900 und dem Ende des zweiten Weltkrieges 1945 statt. Zwar gab es weiterhin keinen genügenden Ausbau der Krippen, aber deren Bedeutung veränderte sich grundlegend. Sprach man im 19. Jahrhundert vor allem von der Erleichterung der Erwerbstätigkeit der Mütter, wurde nun die soziale Komponente und der Kindbezug in den Vordergrund gestellt.
Da während der Kriege die weibliche Arbeitskraft in der Kriegsindustrie mehr denn je vom Volk benötigt wurde, war somit ein nationales Interesse gegeben, das den Willen der Frau zur Erwerbstätigkeit im Sinn hatte. Dieser Wille wiederum war an eine gleichzeitige optimale Versorgung der Kinder gebunden, welche man sich durch den Ausbau von Krippen erhoffte.[57] Demzufolge war auch das ‚soziale’ Engagement in den Kriegszeiten zu interpretieren, welches zur Errichtung von so genannten ‚Kriegskrippen’ sowie ‚Tag- und Nachtkrippen’ führte. Letztere waren begründet mit der notwendigen Anpassung der Öffnungszeiten von Krippen an den Schichtbetrieb der Fabriken, welche weibliche Arbeitskräfte und Mütter beschäftigten.[58]
Dies war eine Folge der Diskussionen, die Arbeitsbedingungen der erwerbstätigen Mütter zu verbessern, wozu verschiedene Lösungsansätze diskutiert wurden.
Einer dieser Ansätze war die völlige Freistellung bis hin zum Ausschluss von Müttern aus der Fabrikarbeit. Sie sollten mit einer finanziellen Zahlung in Höhe des täglichen Pflegesatzes von 1 Mark im Jahr 1910 bzw. 1,60 Mark im Jahr 1927 unterstützt werden. Allerdings kam dieser Betrag nicht mal annähernd an den hierfür ausfallenden Lohn der jeweiligen Arbeiterin, was für viele Familien somit hauswirtschaftlich schlicht unmöglich war.
Ein zweiter Ansatz war der weitere Ausbau von Krippenplätzen. Dieser wurde unter anderem durch die Stillkampagne seit 1880 angeregt, welche die Mütter zu möglichst langem Stillen aufforderte und zum Ziel die Senkung der Säuglingssterberate hatte.
Dies wurde mittels Presseberichten, Flugblättern, Amtsärzten, Wanderlehrern und Vorträgen bekannt und publik gegeben. Eine weitere Folge hieraus waren zahlreiche
Institutionalisierte Schwangeren- und Mütterberatungsstellen sowie Säuglings- und Kleinkinderfürsorgestellen.[59]
Seit 1922 wurde dieser Ansatz rechtlich mit dem neuen „ Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt (RJWG) verankert (siehe Kapitel 2.1).
In der Zeit des Nationalsozialismus ab 1933 übernahm - neben den Gesundheitsbehörden - die ‚Nationalsozialistische Volkspartei’ (NSV) die Zuständigkeit der ‚Mutter- und Säuglingsfürsorge’, welche als Organisation innerhalb der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) für alle Fragen der Volkswohlfahrt und Fürsorge zuständig war. Seit 1935 gehörte das „Mutter-Kind-Hilfswerk“ zur NSV, dem die Krippen und Säuglingsheime zugeordnet wurden. Abgesehen von den ‚Erntekrippen’, die speziell für Kinder von Landfrauen und deren bediensteten Müttern gedacht war, kam es unter der NSV allerdings zu keinem deutlichen Ausbau der Krippeneinrichtungen, da sie lediglich die bereits vorhandenen privaten oder öffentlichen Einrichtungen bei Bedarf unterstützte. Begründet wurde die mangelnde Initiative zu Neugründungen der Kleinstkindereinrichtungen durch die geringe Nachfrage, und dass die eigentliche Zuständigkeit hierfür beim Jugendamt liege.[60]
1942 wurde das ‚Mutterschutzgesetz’ verabschiedet, das Bestimmungen vorgab, welches unter anderem die Beteiligung der Betriebe an den Kosten für Kindertageseinrichtungen festlegte. Des Weiteren war die Gewerbeaufsicht befugt, Stillräume in den Betrieben anzuordnen, falls hierzu Bedarf bestand.[61]
Somit war ein weiterer Meilenstein gelegt, der die Notwendigkeit und gesellschaftliche Verantwortung der Krippen rechtlich sicherte und somit der weiteren Entwicklung dieser Einrichtungen zugute kam.
1849 wurde in Deutschland die erste Krippe in Wien eröffnet. Anstoß hierzu gab der Bericht in der ‚Beilage zum Morgenblatte der Wiener Zeitung’: ‚Einige Worte über die unter dem Namen Crèches (Krippen) bestehenden Einrichtungen’ von Dr. Carl Helm, welche großen Anklang beim ‚Verein für die Beaufsichtigung der Kostkinder’ fand.
Dr. Carl Helm war zudem Leiter dieser ersten Breitenfelder Krippe.[62]
Aufgenommen wurden anfangs 16 Kinder im Alter von 14 Tagen bis zu zwei Jahren; geöffnet war der Betrieb zwischen 6 Uhr morgens und 19 oder 20 Uhr am Abend. In der Regel sollten die Kinder allerdings bis spätestens 8 Uhr morgens gebracht und frühestens um 17 Uhr nachmittags geholt werden. Für die Kinderwärterinnen bedeutete dies ein etwa zwölfstündiger Arbeitstag.
Für die Kinder gab es teilweise gesonderte Speisepläne, die der Arzt festzulegen hatte. Diese wurden in einer speziellen ‚Nahrungsordnung’ festgehalten.
Neben Küche und Vorraum gab es zum Aufenthalt zwei größere Zimmer und ein kleineres, das ‚Cabinet’ sowie einen Garten. Um den organisatorischen Tagesablauf zu koordinieren, wurden neun Bücher geführt, die jeweils von dem beteiligten Betreuungspersonal täglich oder wöchentlich auszufüllen waren. Dokumentiert wurden die neu aufgenommenen Kinder, der tägliche Besuch der jeweiligen Kinder, Kommentare der beschäftigten Aufsichtsdamen, Ärzte und Besucher, Vorschläge und Bemerkungen, Spenden, Ausgaben sowie Einnahmen durch Pflegegelder.
Der Aufbau dieser Krippe bestand aus 16 Schlafgelegenheiten, die sich aus 12 Bettchen, 2 Hängematten und 2 Kinderkörben zusammensetzten.
Die Ausgaben der Krippe wurden mit etwa 10% der Pflegegelder bestritten.[63]
Auch eine eigene Hausordnung war bereits vorhanden, welche hier auszugsweise vorgestellt wird:
- „ Um 6 Uhr früh müssen alle Localitäten der Anstalt gereinigt, gelüftet und zur Aufnahme der Kinder hergerichtet sein.
- Diejenigen Personen, welche die Kinder bringen und abholen, dürfen sich nie länger, als unumgänglich nothwendig ist, in der Anstalt aufhalten. Hievon sind nur die Mütter ausgenommen, welche ihre Kinder säugen.
- Die überbrachten Kinder werden, nachdem ihre Namen in das Protocoll eingetragen worden, eingekleidet, mit gestandenem Wasser mittels Handtüchern gereinigt, gekämmt und mit der Wäsche der Anstalt bekleidet.
- Jedes Kind behält sein Bett und sein Eßgeräthe, so wie die Wäsche, die es am Tage des Eintritts bekommt, so lange es in der Anstalt ist.
- Die schmutzigen Windeln dürfen nie in den Zimmern der Anstalt aufbewahrt, oder gar getrocknet werden.
- Die Zimmerwärme soll möglichst auf 13 Grade Reaumur erhalten werden, gegen Abend etwas kühler.
- Eltern, welche ihre Kinder vernachlässigen und, hierüber aufmerksam gemacht, sich den Ermahnungen nicht fügen oder der bestehenden Hausordnung sich nicht unterziehen wollen, werden hierdurch der Vortheile der Anstalt verlustig.
- Insbesondere wird den Eltern erinnert, dass das Verpflegsgebühr (…) täglich zu entrichten ist, dass aber jede andere wie immer geartete Gabe in Geld oder Naturalien an die Kindsmädchen streng untersagt ist.“[64]
Seit der Gründung der ersten Krippen in Deutschland ist der Verein von immenser Bedeutung. Bereits die erste Krippe im Deutschen Bund, Breitenfeld wurde 1849 vom Verein ‚ Central-Verein für Kostkinder-Beaufsichtigung und Säuglingsbewahranstalten, Crèches’ gegründet und getragen.
Rott liefert hierzu eine Aufstellung über 234 ermittelte Krippen im Deutschen Reich aus dem Jahre 1912, die belegt, dass mehr als zwei Drittel jener Einrichtungen in Vereinsträgerschaft stehen:
Trägerschaft der Krippen im Deutschen Reich 1912:[65]
Vereine 159
Stiftungen 15
Kirchliche Gemeinden 13
Diakonissenhäuser 5
Fabriken 17
Privatpersonen 5
Poltische Gemeinden 10
Ohne Angaben 10
Seit Mai 1913 wurde ein Dachverband aller Krippen in Deutschland gegründet. Vorstand von diesem ‚ Deutsche Krippenverband’ war Dr. Josef Meier, im geschäftsführenden Ausschuss waren Ärzte, Universitätsprofessoren, Industrielle und Krippenangestellte vertreten, welche sich mittels zahlreicher Konferenzen, wissenschaftlichen, sozialpolitischen und praxisorientierten Referaten oder Schulungen austauschten und weiterbildeten.[66]
Ziele und Aufgaben waren vor allem die Errichtung von neuen Krippen, Erfahrungsaustausch, um eine Professionalisierung anzustreben und letztlich auch Öffentlichkeitsarbeit, um die Bevölkerung vom Nutzen und der Qualität dieser Einrichtungen zu informieren.[67] Diese öffentliche Aufklärung geschah unter anderem durch die Herausgabe einer ‚Krippenzeitung’ im Jahr 1917, es folgten weitere Zeitschriften, wie zum Beispiel der ‚ Nachrichtendienst über Kleinkinderfürsorge’ oder ‚ Mutter und Kind. Neue Folge’.[68]
Haupteinnahmequelle der Vereine, welche einen Großteil der Trägerschaft der Krippen in der damaligen Zeit ausmachten, waren die Jahresbeiträge der Vereinsmitglieder. Da diese allerdings meist nicht ausreichend waren, um die hohen hygienischen Ansprüche und Betreuungskosten einer Krippeneinrichtung zu decken, wurden von den leiblichen Eltern zusätzlich Pflegegelder erhoben. Daneben waren meist noch Spenden, Schenkungen, Wohltätigkeitsveranstaltungen oder Sachleistungen in Form von Renovierungsarbeiten, Möbeln oder Kleidung nötig, um die finanzielle Bestandsicherung zu gewährleisten. Auch öffentliche Zuschüsse der Gemeinden sowie Unterstützungen in Form von Mietfreiheit, Beleuchtungs- oder Strompreisstreichung.[69]
In einer 1912 durchgeführten Untersuchung von 234 Krippen im Deutschen Reich wurde durch Umfragen ermittelt, dass 134 Krippen öffentliche Zuschüsse erhielten, 18 vom Staat und 116 Krippen von der Gemeinde. Im Schnitt machten diese Gelder 11% der laufenden Ausgaben einer Krippeneinrichtung aus.[70]
Trotz des organisierten Vereinsvermögens und den zusätzlichen Einnahmen waren viele Einrichtungen mehr und mehr abhängig von kommunalen oder öffentlichen Zuschüssen, und mussten nicht selten schon nach kurzer Zeit wieder schließen, da sie organisatorisch und finanziell mit den erhöhten medizinischen und hygienischen Anforderungen überfordert waren.
Erfolgreich stellte sich das Konzept von Vereinszusammenschlüssen oder Zentralvereinen heraus, da sie oft leichter im Stande waren, die gemeinsamen Interessen der Krippen in der Öffentlichkeit zu vertreten und zu wahren.[71]
Vereinzelt standen einige Krippen auch unter anderen Trägern, wie zum Beispiel kirchlichen, kommunalen oder privatwirtschaftlichen. Hierzu gibt es allerdings nur wenige Dokumentationen, besonders für die Gründungszeit. Erst während und nach dem ersten Weltkrieg wurden diese alternativen Formen zur Vereinsträgerschaft weiter ausgebaut.
Interessant hierzu ist allerdings die bereits 1874 errichtete erste Fabrikkrippe ‚ Kinderpflegeanstalt der Aktiengesellschaft der mechanischen Weberei zu Hannover-Linden’. Das Besondere an dieser Einrichtung war, dass die ausschließlich für Kinder der Fabrikarbeiterinnen zur Verfügung stand und altersmäßig Kinder von 4 Wochen ab bis zu 14 Jahren aufnahm. Somit verband diese private Trägerform drei verschiedene Betreuungseinrichtungen: Krippe, Bewahranstalt und Hort. Hauptanliegen war, den Müttern das Fortführen des Stillens ihrer Säuglinge und Kinder bei gleichzeitigem Nachgehen ihrer Erwerbstätigkeit zu ermöglichen.[72] Zudem wurde eine ganztägige Beaufsichtigung und Betreuung der Kinder bis ins Schulalter geboten, was zum einen den Nutzen bieten konnte, den Frauen weiterhin ihr Erwerbseinkommen zu ermöglichen und zum anderen auch den fabrikeigenen Interessen gerecht zu werden und konstantes Personal behalten zu können.
Die Organisation der Krippen wurde in der Anfangszeit meist von männlichen Vorständen im Verein geführt, welche - ähnlich wie heute – eine Satzung auferlegten, welche den Namen, Zweck, Mitgliedschaft, innere Organisation, Vorstandschaft, Mitgliederversammlung, Vermögen und Bestimmung der Aufnahmekriterien der Kinder regeln sollte. Auch wurde die Anerkennung als eine juristische Person angestrebt, um rechtsfähig agieren zu können. Bürgerliche Frauen betätigten sich, wie auch in vielen anderen sozialpädagogischen Feldern in der damaligen Zeit, in der täglichen Organisation. Man sprach hierbei bis zur Jahrhundertwende von ‚Aufsichtsdamen’, die in Zusammenarbeit mit Ärzten das Pflegepersonal und den Krippenbetrieb beaufsichtigen und kontrollieren sollten. Ärzte hatten vornehmlich die Aufgabe der ‚Pflege der Gesundheit’. Das Pflege- und Betreuungspersonal wurde anfangs ‚Kindswärterin’ oder ‚Kindsmagd’ genannt, später sprach man dann von ‚Säuglingsschwestern’.[73]
Genauer wurde das Krippenpersonal in ‚krippenexterne’ und ‚krippeninterne Funktionsrollen’ unterschieden, die sich in ihrer Anwesenheit am Arbeitsplatz unterschieden.[74] Zu den externen zählte man den Arzt, welcher –zumindest in den Empfehlungen - ‚seine’ Krippe täglich besuchen sollte, um den Gesundheitszustand der Kinder zu überprüfen, Impfungen durchzuführen und erkrankte Kinder von der Krippe auszuschließen. In der Realität wurden allerdings nur etwa 16% täglich von einem Arzt besucht, 7 Krippen waren sogar vollständig ohne ärztliche Betreuung.[75] Die Aufsichtsdame zählte ebenfalls zu den externen Funktionsrollen, sie sollte in ihrem wöchentlichen Besuch das Pflege- und Dienstpersonal anleiten und beaufsichtigen und überwachen, wozu sie auch Disziplinierungsbefugnis hatte.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und mit Beginn der Professionalisierung und dem Ausbau der Ausbildungsstätten des Betreuungspersonals, der Säuglingspflegerin und der Kinderkrankenschwester, ging der Bedarf und der Einsatz von Aufsichtsdamen in Krippen allerdings stetig zurück.
Internes Krippenpersonal stellte die Krippenvorsteherin oder ‚Krippenmutter’ dar, welche nun zunehmend die tägliche Aufsicht und Kontrolle der Umsetzung der ärztlichen Weisungen übernahm. Im Zuge der medizinisch-pflegerischen Professionalisierung trat die ‚Oberschwester’ später an die Stelle der ‚Krippenmutter’. Auch die Kinderpflegerinnen und Wirtschaftskräfte zählten zum internen, täglich anwesenden Personal. Zu ihnen zählten die ‚Kindsmägde’, ‚Kindswärterinnen’, ‚Helferinnen’ und die ‚Ordensschwestern’, welche sich um die tägliche Betreuung und Versorgung der Kleinstkinder kümmerten und die Anordnungen der Aufsichtsdame beziehungsweise später der Oberschwester zu befolgen hatten.[76]
Detaillierte Dokumentationen wurden in jährlichen Rechenschaftsberichten veröffentlicht. Hier wurde Stellung zur täglichen Arbeit in der Krippe abgegeben, zur Entwicklung der Einrichtung, Anzahl und Aufnahmealter der Kinder mit ihren jeweiligen Verpflegungstagen, ihrem Gesundheitszustand und eventuelle Todesfälle. Auch die Vereinsarbeit wurde genau dokumentiert, so zum Beispiel jegliche Änderungen bezüglich der Mitgliedschaft, Mitgliederbeiträge sowie wirtschaftliche Entwicklungen, Geldbewegungen und Spendeneingänge.[77]
Diese Mittellosigkeit und somit Angewiesenheit auf außerfamiliäre Erwerbstätigkeit stellte eines der bedeutendsten Aufnahmekriterien dar, welches eine Mutter zur Anmeldung ihres Kindes in einer Krippe aufweisen musste. Moralisch-sittliche und tugendhafte Eigenschaften der Mutter waren eine weitere Anforderung, welche vor einer Aufnahme der Kleinstkinder in die Krippe von der leitenden Aufsichtsdame durch häusliche Besuche kontrolliert und überprüft wurde. Bis zur Jahrhundertwende waren beispielsweise uneheliche Kinder von der Aufnahme in eine Krippe ausgeschlossen.
Seitens der Kinder wurde auf das Alter, den Gesundheitszustand und ebenfalls auf die moralisch-sittliche Herkunft geachtet. Vereinzelt wurde auch die Konfession zu einem Auswahlkriterium der Aufnahme in eine Krippeneinrichtung.
Das Altersbeschränkung wurde nicht einheitlich geregelt, das Aufnahmealter fing teilweise schon bei drei Tagen nach der Geburt an - oft auch erst ab einem halben Jahr - und endete anfangs mit dem zweiten Lebensjahr, gegen Ende des 19. Jahrhunderts dann mit dem dritten Lebensjahr. Im Jahr 1913 wurden Krippen diesbezüglich als Einrichtungen definiert, „ in denen gesund Säuglinge und Kleinkinder (meist bis zum dritten Lebensjahre) … tagsüber verpflegt werden “.[78]
Der Gesundheitszustand der Kinder wurde akribisch kontrolliert und auch nahende oder organisch angelegte Krankheiten führten zur sofortigen Ablehnung eines Krippenplatzes. Dies wurde mit Sicherheit vor Ansteckung der anderen Säuglinge und der ohnehin großen gesundheitlichen Risiken der Kleinstkinder begründet. Durch die Umstände, dass in der ärmlichen Arbeiterschicht nur wenige Kinder als vollständig gesund galten, wurde später diese strenge Aussortierung erweicht und leicht erkrankte Kinder – ausgenommen jene, mit ansteckenden Krankheiten – hatten ebenfalls die Chance, in einer Krippeneinrichtung aufgenommen zu werden. Hierfür sollten die anstaltseigenen Ärzte behandeln und für eine baldige Genesung sorgen.
Eine wichtige Maßnahme innerhalb der medizinischen Versorgung durch den Anstaltsarzt und teilweise sogar auch noch Aufnahmekriterium, war die Impfung, speziell gegen Pocken, da die gesetzliche Impfpflicht in Deutschland erst 1874 eingeführt wurde.[79]
Seit der Errichtung erster Krippen im 19. Jahrhundert und auch im weiteren Verlauf der Industrialisierung, stellte eines der meist diskutierten Themen für und wider eine Krippeneinrichtung die Kriterien der Morbidität und Mortalität dar. Diese Krankheitsanfälligkeit und Sterblichkeitsrate lag im Kleinstkindesalter besonders hoch, was dementsprechend zu einem enorm hohen medizinischen und hygienischen Anspruch führte. Da diese Kriterien zu damaliger Zeit und unter den gegebenen finanziellen Umständen oft nicht ausreichend erfüllt werden konnten, stellte dies eines der stärksten Argumente der Krippengegner dar.[80]
Entgegengehalten wurde allerdings eine im Vergleich höhere Sterblichkeitsrate der Kinder, die in Findelhäusern oder Pflegefamilien aufwachsen mussten, was die logische und meist einzige Alternative zur Krippenunterbringung darstellte, wenn die Mutter oder die Familie auf das außerhäusliche Einkommen der Frau angewiesen war.[81]
Ein weiterer Kritikpunkt war der Vorwurf, mit Errichtung der Krippen würde gleichzeitig das Abstillen des Kindes einhergehen und somit die Sterblichkeitsrate der Säuglinge erhöhen. Es lag die Annahme zugrunde, dass die Kinder in den Krippeneinrichtungen fortan nur mit künstlicher Ernährung versorgt würden. Stichhaltig wäre dieser Vorwurf allerdings nur dann, wenn bewiesen wäre, dass die Mütter weiterstillen würden, wenn sie keine Krippenunterstützung in Anspruch nehmen könnten. Dies ist angesichts der damaligen Notsituation allerdings kaum anzunehmen, da ja gerade aus der Tatsache der mangelhaften häuslichen Kinderbetreuung, durch die notwendige Erwerbstätigkeit der Mütter, die Initiative für die Krippengründung erfolgte.[82]
Zudem gab es seitens vieler Satzungen der Krippen die Aufnahmebedingung, dass die Mütter ihre Kinder mindestens drei Mal am Tag weiterstillen mussten. Da dies offensichtlich organisatorische Schwierigkeiten nach sich zog, wurden erste Fabrikkrippen und Stillstuben gegründet, welche den Müttern ermöglichten, mehrmals täglich während der Arbeitszeit in die nahe gelegene Krippeneinrichtung zu gehen, um ihr Kind zu stillen. Diese notwendigen Stillpausen sollten ihnen nicht vom Lohn abgezogen werden.
Erneute Kritik lag dennoch nicht fern, so zum Beispiel durch die ‚Handelskammer Aachen’, welche einen hygienischen Mangel für die Säuglinge propagierte, weiterhin sei es für die Mütter eine zu große Belastung und für die Industriefirmen ein zusätzlicher zeitlicher, organisatorischer und finanzieller Aufwand, da dieses Angebot eine tägliche Ausfallzeit von zwei Stunden seitens der arbeitenden Mütter sowie der dazugehörigen Maschinen bedeutete.[83]
Tugenreich nennt hierzu auch den Widerstand und die Bedenken gegenüber diesen Stilleinrichtungen seitens der Arbeiter und arbeitenden Mütter, die somit in eine gewisse Abhängigkeit der Arbeitgeber gerieten. Der Krippenplatz und die Versorgung des Kindes waren folglich von dem Arbeitsverhältnis der Mutter abhängig.[84]
Die negative Haltung gegenüber der Errichtung von Krippen und der damit verbundenen Unterstützung der bedürftigen Familien und Mütter ist unter anderem auch durch das gesellschaftliche – teils von dem englischen Nationalökonom Thomas Robert Malthus geprägtem - Gedankengut erklärbar. Diese Auffassung ging von einer radikalen Unterdrückung der Armenpflege und somit auch Kleinstkinderbetreuung aus, um einer Bevölkerungsexplosion entgegen zu wirken. Bei Unterstützung der Armen würden sich diese, so Malthus, unproportional zum Lebensmittelbestand vermehren und so der Gesamtbevölkerung die nötigen Nahrungsmittelressourcen auf ein unzureichendes Maß schmälern. Eine Unterstützung würde die ärmeren Familien nur zur „Vielkinderei“ ermuntern. Rechtlich hatten diese Theorien die Folge der Beschränkung von Eheschließung für Teile der Bevölkerung, was wiederum dazu beitrug, dass vermehrt uneheliche Kinder geboren wurden.[85] Diese fanden wiederum erschwerten oder gar keinen Zugang zur öffentlichen Krippenfürsorge, da der Zustand der Unehelichkeit auf eine moralisch-sittliche Untugend schließen lies und diese häufig als Ausschlusskriterium für eine Aufnahme in die Krippe noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts galt.[86]
Entscheidender Faktor für den Nothilfecharakter der Krippenplätze und somit die Verhinderung eines quantitativen Weiterausbaus im 19. Jahrhundert war jedoch die traditionelle Erwartungshaltung der Bevölkerung, welche die Zuständigkeit der Primärsozialisation eindeutig der Mutter und der Familie zuwies. Man ging davon aus, dass sich das Kind nur in familiärer Obhut und Erziehung optimal entwickeln und entfalten könne.[87]
Nach Lili Droescher vom Pestalozzi-Fröbel-Haus sei es „ furchtbar unnatürlich, dass kleine Kinder, Säuglinge, aus dem engen Lebenszusammenhang mit der Mutter herausgerissen und in eine Anstalt, und sei es die gemütlichste, gegeben werden müssen (…) Es ist auch so unnatürlich, dass all die kleinen Liebesdienste, die zum Wachsen und Gedeihen des Kindes nötig sind, nicht von der Mutter getan werden.“[88]
Argumente für Krippen und gegen eine vorschnelle Anklage der Vernachlässigung der engen Mutter-Kind-Beziehung sprechen anstatt einer Trennung der Mutter-Kind-Bindung eher von einer Zurückführung dieser, da mittels der Einrichtung von Krippenstellen vielen Müttern im damaligen Paris erst wieder die Möglichkeit offen stand, ihre Kinder zurück aus den Findelhäusern zu holen, da sie durch ihre Erwerbstätigkeit wieder Mittel zur Ernährung und Versorgung finden konnten.[89]
Große Bedeutung wurde der Krippe auch dadurch zugesprochen, weil sie ausgleichend auf die häufigen familiären Defizite in der Erziehung wirken konnte. Viele Kinder waren aufgrund von Zeitmangel oder Unwissenheit der Mutter oft zu lange unbeaufsichtigt, ungepflegt und ohne tröstende, liebende Zuwendung der Mutter. Ranke, ehemaliger Direktor des Oberlin-Hauses in Potsdam, welches Kleinkindschul-Lehrerinnen ausbildete, schreibt zu jener missgünstigen familiären Erziehung: „ Das Kind wird allein in der dumpfen Stube, in welcher sich oft eine zum Atmen ganz untaugliche Luft befindet, zurückgelassen; (…) Der Säugling schläft oder schreit, bis er, von dem Schreien ermüdet, endlich wieder schläft. (…) Die Mutter hat kaum Zeit, in etwaigen Arbeitspausen einmal nach ihrem Kinde zu sehen und es zu nähren; zum Reinigen des selben reicht die Zeit nicht aus: das Kind muss liegen, wie es liegt (…) Gar vielfach kommen dann die Mütter dazu, den kleinen Kindern einschläfernde Mittel einzugeben, damit sie möglichst lange schlafen.“[90]
Neben dem Betreuungsauftrag für Kinder bot eine Krippeneinrichtung zusätzlich noch die Chance, den Müttern beim Bringen und Abholen ihrer Kinder Ratschläge, Anweisungen, Aufklärung oder Anleitung durch das professionelle Krippenpersonal zu bieten. Vor allem die häusliche Ernährung und Pflege konnten durch Vorbildfunktion oder Gespräche thematisiert werden und mögliches Fehlverhalten bewusst gemacht werden.[91]
Im Allgemeinen war die Krippe aber längst noch nicht derartig in unserer Gesellschaft anerkannt, wie es ihrem Professionalisierungs- und Entwicklungsverlauf angemessen wäre. Häufig wurde der pädagogischen Erziehungsarbeit in Kinderkrippen die Notwendigkeit und Effizienz der ausgebildeten Fachkräfte abgesprochen, da diese Tätigkeit „ ebenso gut, wenn nicht noch besser von der Mutter, also ohne Ausbildung geleistet werden kann “.[92]
Sogar noch bis heute mangelt es an gesellschaftlicher Anerkennung gegenüber der pädagogischen Professionalisierung. Dies ist teilweise auch in anderen pädagogischen Berufsfeldern zu beobachten, allerdings fällt es der Krippe besonders schwer, kritische Stimmen von ihrer eigenständigen, beruflichen Professionalisierung zu überzeugen, da sie schlicht keine eigene Krippenausbildung besitzt. Das Ausbildungssystem ist immer noch an die Erzieherinnenausbildung angegliedert, welche ursprünglich für Kinder ab drei Jahren konzipiert wurde. Dies macht eine ‚eigene professionelle Sparte’ der Kinderkrippen in der Öffentlichkeit weiterhin unglaubwürdig, was fachlich gesehen nicht mit der Qualität der Krippenerziehung verwechselt werden darf.
Professionalisierungsansätze im Sinne der Säuglingspflege haben sich in der Zeit des Kaiserreichs bis zur Weimarer Republik heraus gebildet.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts tauchten erste Ausbildungskonzepte für das Pflegepersonal in den Krippen auf. Neben den - schon seit der Entstehung erster Krippen- eingesetzten Ärzten, wurden nun auch Ausbildungsstätten für Säuglingspflegerinnen und Kinderkrankenschwestern speziell für die Betreuung und Pflege von Kleinstkindern errichtet.[93]
Durch die zunehmende Kindersterblichkeit und den Geburtenrückgang wurden die Krippen zentrale Einrichtungen einer Stillkampagne, welche zunehmend unter öffentlich- kommunale Träger fielen.
Während des ersten und zweiten Weltkrieges gewannen die Krippen zunehmend an Bedeutung, was allerdings lediglich auf die Beschäftigung der Mütter in der Kriegswirtschaft und die damit einhergehende notwendige Betreuung der Kinder zurück zu führen ist.
Die erste Fabrikkrippe wurde1874 in Hannover gegründet. Die „Kinderpflegeanstalt der Mechanischen Weberei zu Linden“, die ihren Arbeiterinnen drei Mal täglich das Säugen ihrer Kinder in den jeweiligen Stillpausen ermöglichte, allerdings nur, wenn es sich um ‚eheliche’ Kinder handelte! Weitere Einrichtungen dieser Art folgten und die stetige Senkung der Säuglingssterblichkeitsrate jener Klientel wurde unter anderem auf die Möglichkeit der vollständigen Brusternährung im Kleinstkindesalter zurückgeführt.[94]
Da der Ausbau von Stillstuben und Fabrikkrippen dennoch nur schleppend voran ging, was die geringe Anzahl von gerade mal 24 Fabrikkrippen im Jahre 1917 belegt, wurden vom ‚Bayrischen Landesverband für Säuglings- und Kleinkinderschutz’ im selben Jahr „Leitsätze“ für die Einrichtung von Stillkrippen und Räumen herausgegeben, welche Betriebe mit einer „größeren Anzahl von Arbeiterinnen“ aufforderte, baldmöglichst ein fabriknahes Angebot zu schaffen, das den Müttern nach ihrer ‚sechswöchentlichen Schutzzeit’ die Möglichkeit gab, während der Arbeitszeit ihre Kinder in den gesonderten Räumen weiter zu stillen. Dies musste nicht zwingend ein Daueraufenthaltsplatz für die Säuglinge sein, in dem sie ganztags versorgt würden, es genügte vorerst die Schaffung eines Raumes, zu dem die Kinder gebracht und nach dem Stillen wieder abgeholt würden.[95]
1920 erscheinen die Reichsgrundsätze, welche für alle neu errichteten Krippeneinrichtungen eine Pflegerin anordneten, die an einer staatlich anerkannten Pflegeschule ausgebildet ist und über Erfahrung in der Säuglings- und Kleinkinderpflege verfügt.[96] Fachdiskussionen sprachen weiterhin über die Zuordnung von höchstens 8 Säuglingen beziehungsweise höchstens 19 älteren Kindern zu je einer Pflegerin.
Bis 1930 gab es aber weiterhin keine einheitlichen Ausbildungsvorschriften, was sowohl kritische Stimmen als Defizitargument der Krippen benutzen konnten, aber auch in den eigenen Reihen innerhalb des Krippenpersonals zu heftiger Konkurrenz und Streitigkeiten führte. Kritik kam vor allem von den ausgebildeten Pflegerinnen, welche die unausgebildeten „wilden Pflegerinnen“ als unprofessionelle Lohnkonkurrenten betrachteten, die für weniger Gehalt eine Stelle annahmen, wofür sie allerdings auch weniger Leistung und Fachwissen bieten konnten.
Hierauf reagierte das Reich 1930 mit einer länderübergreifenden Regelung, die die Ausbildungsgänge der Säuglings- und Kleinkinderpflege in einem einjährigen Lehrgang festlegten. Inhalte dieser Ausbildung umfassten die Pflege der Säuglinge, Kleinkinder, Wochenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege, Kleinkindpädagogik sowie Hauswirtschaftslehre. Ein weiterer zweijähriger Lehrgang sollte die Ausbildung zur Säuglings- und Kleinkinderschwester gewährleisten. Thematisch wurden dieselben Inhalte wie bei dem - eben erwähnten - einjährigen Lehrgang gelehrt, zusätzlich aber noch eine spezielle Vertiefung dieser, sowie einer theoretischen und praktischen Ausbildung in der Pflege kranker Säuglinge. Für die Krippenarbeit war fachlich nun diese zweijährige Ausbildung festgeschrieben und gefordert. Hilfskräfte und so genannte Zweitkräfte wurden zusätzlich in Form von Säuglings- und Kleinkindpflegerinnen eingestellt.[97]
In der Nachkriegszeit, um 1950, sind zwei unterschiedliche Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland zu beobachten. Während in der ehemaligen DDR ein explosionsartiger Ausbau von Krippenplätzen im Zuge der sozialistischen Staatsökonomie stattfand, stagnierte der Ausbau weiterer Krippenplätze in der BRD, was die Krippe weiterhin als Randerscheinung mit Nothilfecharakter darstellte.[98]
Die Übernahme des Deutschen Reiches 1945 durch die Siegermächte USA, UdSSR, Großb ritannien und Frankreich und die damit verbundene Einteilung des Landes in vier Besatzungszonen, wurde im Oktober 1949 auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone die ‚Deutsche Demokratische Republik’ (DDR) gegründet. Die wirtschaftliche und politische Verwaltung sollte streng von der UdSSR kontrolliert sein, was mit zentraler Planwirtschaft sowie Verstaatlichung der Produktionsmittel und Wirtschaftplanung einherging.
Auf die Krippenentwicklung hatte diese Politik maßgebliche Einwirkungen. Unter der zentralen Zuständigkeit und Verantwortlichkeit des ‚Ministeriums für Gesundheitswesen’, betrug die Versorgungsquote der Krippenplätze im Jahr 1950 für unter Dreijährige 6,3%, 1985 schon beachtliche 49,8%. Dies bedeutet, dass für nahezu die Hälfte aller Kleinstkinder bis drei Jahre Krippenplätze bereit standen, um tagsüber betreut zu werden, was somit der Mutter das Nachgehen ihrer Erwerbstätigkeit vereinfachte. Dies wurde aufgrund der staatlichen Interessen auch gefördert.[99]
Im Vergleich hierzu die zahlenmäßige Erhebung der Versorgungsquote von Krippenplätzen in der BRD in denselben Jahren: 1950 waren es 0,4% und 1986 nur 1,6%, was bedeutet, dass so gut wie keine Möglichkeiten der institutionellen Krippenversorgung für erwerbstätige Mütter zur Verfügung standen.[100]
Gründe dieses enormen quantitativen Ausbaus der Krippenplätze in der DDR waren vor allem der gesellschaftliche und politisch geprägte Stellenwert erwerbstätiger Mütter, gleichgültig welches Alter deren Kinder aufwiesen.
Zum einen wurde diese gesellschaftliche Sichtweise von den aufkommenden Gleichberechtigungsdebatten um die Stellung der Frau gegenüber dem Mann, getragen. Zum anderen war auch die Volkswirtschaft an einer hohen Beteiligung der Frauen an der Erwerbstätigkeit interessiert, da diese potentiellen Arbeitskräfte unter den gegebenen politischen Umständen ja nicht für sich selbst wirtschaften und haushalten konnten beziehungsweise mussten, sondern im Sinne der Vergesellschaftung für die Sicherung allen staatlichen Vermögens eintraten.
1989 waren zum Beispiel 48,8% aller Erwerbstätigen weiblich,[101] was einen erhöhten Versorgungs- und Betreuungsbedarf für Kleinkinder verdeutlichte.
Ob allerdings die Erwerbsquote der Frauen nur aufgrund des ohnehin schon bestehenden Betreuungsangebotes so bedeutend hoch war, oder ob durch die erhöhte Anzahl weiblicher Arbeiterinnen erst der Bedarf und das Angebot von Krippenplätzen entstand, ist unklar.
Auch die Krippenforschung stand unter den ideologisch-programmatischen staatlichen Vorgaben. Zahlreiche Publikationen legten zwar viele Behauptungen vor, sie konnten durch ihre fehlenden Vergleichsstudien zur alleinigen Familienerziehung aber keine repräsentativen Beweise liefern.
Eine der bedeutendsten Krippenforscherinnen in der DDR war die Medizinerin und Sozialhygienikerin Eva Schmidt-Kolmer, deren Schwerpunkte hauptsächlich der Krankheits- und der Entwicklungsforschung galten. Ihr Forschungsvorgehen orientierte sich hauptsächlich an der Widerspiegelungs- und Aneignungstheorie Pawlows.[102]
1965 konnte man zwar noch nicht von einem pädagogischen Bezugsrahmen der Krippen sprechen, dennoch wurden sie in diesem Jahr in das ‚Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem’ integriert. Unter Paragraph 10 wurde die Krippe folgendermaßen definiert: „ In den Kinderkrippen werden vorwiegend Kinder, deren Mütter berufstätig sind oder studieren, von den ersten Lebenswochen bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres in engem Zusammenwirken mit der Familie gepflegt und erzogen.“[103] Somit standen neben den pädiatrischen und diätetischen Gesichtspunkten der Krippengestaltung auch didaktische und methodische Aspekte an. Es genügte also nicht mehr, nur die hygienische Versorgung der Kinder optimal zu gestalten. Auch eine Förderung der Entwicklung mit pädagogisch begründeten Methoden, Verfahren und Wegen wurde angestrebt.
Einige Jahre später wurde in der ‚ Krippenordnung ’ das Alter der Kinder, die eine Krippe besuchen sollen, angehoben. Punkt 2 gibt die Aufnahmekriterien wie folgt vor: „ Die Kinder werden in der Regel vom 13. Lebensmonat an bis zur Vollendung ihres dritten Lebensjahres in die Krippe aufgenommen“[104]
Dies machte sich auch in der Praxis bemerkbar. Waren im Jahre 1970 noch 20,6% der Krippenkinder jünger als ein Jahr alt, verringerte sich diese Zahl im Jahr 1986 auf gerade mal 2%.[105] Dies ist unter anderem mit der Einführung des ‚Babyjahres’ erklärbar, welches Müttern im ersten Jahr nach der Geburt ihres Kindes die Möglichkeit gab, von ihrer Arbeit freigestellt zu werden.[106]
Seit 1971 gibt es die Berufsbezeichnung der ‚Krippenerzieherin’. Neben den traditionellen Ausbildungsfächern der Kinderpflege, Anatomie und Gesundheitsschutz wurden nun auch pädagogische, psychologische und methodische Aspekte in die Ausbildungsinhalte integriert.
Seit 1975 wurde man auch dem praktischen Ausbildungsanspruch gerecht, indem das dritte Lehrjahr zum pädagogischen Praxisjahr erklärt wurde.[107]
Obwohl die Institutionen der frühkindlichen Betreuung in Form von Krippen als familienpolitischer Fortschritt und als Chance gesehen wurden, schon in den ersten Lebensjahren den Grundstein für die Erziehung zur ‚allseitig entwickelten Persönlichkeit’ zu legen, kann man nicht von pädagogischen Leitmotiven für den Ausbau der Krippen sprechen. Vor allem die beschriebenen volkswirtschaftlichen und politischen Interessen haben mehr oder weniger bestimmend das Bild vom Nutzen der Krippeneinrichtungen geprägt.
Schmidt merkt zur pädagogischen Praxis der Krippeneinrichtungen an, dass Erziehung und Bildung des Kindes in der Krippe ‚vornehmlich Schulung der Wahrnehmung und der Denkfähigkeit’ sei, emotionale und motivationale Aspekte dagegen werden kaum berücksichtigt. Für eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Kindes müssten neben der perzeptiven und kognitiven Förderung und Beachtung auch Sensibilität, Befindlichkeit und individuelle Aktivität des Kindes im Krippenalltag berücksichtigt werden. Auch wird die Eigenaktivität und Individuation der Kinder zu stark kontrolliert und gelenkt, um soziale Anpassung zu erzielen.[108] Dies war nach der damalig vorherrschenden Entwicklungstheorie Schmidt-Kolmers durch die Abbildung der Realität in der Entwicklung des Kindes möglich (siehe Kapitel 4, Forschungserkenntnisse und entwicklungspsychologische Grundlagen von Kindern zwischen 0 und 3 Jahren).
1985 kam es erstmals zu einem einheitlichen, verbindlichen Erziehungsprogramm für alle Krippen. Das Ministerium für Gesundheitswesen veröffentlichte das ‚Programm für die Erziehungsarbeit in Kinderkrippen’, welches während der Implementierungs-phase in verschiedenen Versuchskrippen erprobt wurde. Für die jeweiligen Altersstufen wurden Erziehungsziele und Aufgaben formuliert, die sich in folgende didaktische Einheiten gliedern lassen:
Neben Ausführungen zur
- Planung der pädagogischen Arbeit und
- Entwicklungspsychologische Informationen,
wurden Anleitungen gegeben, bezüglich der
- Gestaltung des Lebens in der Krippe und über das
Zudem wurden noch sechs spezifische Sachbereiche erläutert und vorgegeben:
- Sensorische Erziehung beim Umgang mit didaktischem Material, Bausteinen und anderen Gegenständen
- Bekanntmachen mit der gesellschaftlichen Umwelt und Natur
- Bildnerische Erziehung[109]
Auch dieses Programm war zwar immer noch von der Aneignungs- und Widerspiegelungstheorie geprägt, zeigte allerdings erste Tendenzen der Öffnung und Orientierung an westlichen Forschungs- und Theoriekonzepten.[110]
Im Jahr 1988 erließ das ‚Ministerium für Gesundheitswesen’ die ‚Krippenordnung’, eine umfassende Bestimmung über Organisation und Verwaltung von Krippen, welche Anweisungen über die Erziehung, Betreuung und den Gesundheitsschutz der Kinder in jenen Einrichtungen enthielt. Festgelegte Punkte waren unter anderem, dass jede Krippe einen, für sie zuständigen Arzt zur Gesundheitsvorsorge, Elternberatung, Ernährungsüberwachung und Kontrolle der Hygiene hatte.[111]
Die BRD entstand auf dem Gebiet der britischen, amerikanischen und französischen Besatzungszone; im Mai 1949 wurde das ‚Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland’ durch Konrad Adenauer verabschiedet. Es legte eine föderative und soziale Rechtsstaatlichkeit mit sozialer Marktwirtschaft fest.
Der Institution Krippe wurde auch in der Nachkriegszeit kaum Bedeutung und Achtung anerkannt, sie behielt weiterhin ihr negatives Image als Nothilfeeinrichtung. Das traditionelle gesellschaftliche, familien- und sozialpolitische Bild, Mütter haben für die Erziehung ihrer Kleinstkinder zu sorgen, was wiederum unvereinbar mit deren außerhäuslicher Erwerbstätigkeit war, blieb nahezu unverändert. Man ging davon aus, dass die institutionelle Betreuung mehrerer Kinder und Säuglinge zusammen sowohl gesundheitliche, als auch entwicklungspsychologische Defizite bei den Kindern auslösen würde.
Zudem hatten die erwerbstätigen Mütter nicht automatisch ein Anrecht auf einen Krippenplatz, sie mussten – wie im 19. Jahrhundert schon – die Notwendigkeit der außerhäuslichen Arbeit vorweisen, um sich und ihr Kind finanzieren zu können. Dies schloss für gewöhnlich Frauen aus, die aus karriere- oder luxusorientierten Gründen arbeiten gehen wollten und erklärt die hohe Rate der alleinerziehenden, geschiedenen und ledigen Mütter, welche einen Krippenbesuch für ihr Kind in Anspruch nahmen.
Somit galten Krippen weiterhin als Notlösung, welche vor allem durch private Träger organisiert wurden.
In den 70er Jahren kam verstärktes Interesse an den pädagogischen Aspekten der Krippenbetreuung auf, was durch zahlreiche Elterninitiativen gefordert und umgesetzt wurde. Die erweiterten Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten in pädagogisch geleiteten und betreuten Kleinkindergruppen wurden als sinnvolle Erziehungsmaßnahme gesehen, um ausgleichend auf die familiäre Enge und Isolation während des Tages zu reagieren.[112]
Auch die Errichtung des ersten und gleichzeitig auch einzigen Lehrstuhls für Kleinstkindpädagogik durch E.K. Beller in Berlin verdeutlicht das gestiegene Interesse, die frühkindliche Förderung und Entwicklung allseitig zu betrachten und die einstige Pädiatrie- und Hygieneorientierung um psychologisch-pädagogische Aspekte zu erweitern.
Laut einer repräsentativen Studie über die Lebensplanung junger Paare wurden seit den 80ern zunehmend Betreuungsangebote außerhalb der Familie in Anspruch genommen, und zwar nicht mehr allein aus der Erwerbsnotwendigkeit, wie eben beschrieben, sondern auch durch Paare, die auf ein Zweiteinkommen der Frau nicht dringend angewiesen waren, sowie auch Müttern, die gar nicht zur Arbeit gingen.[113]
Dies ist vor dem Hintergrund der damaligen familiensoziologischen und demographischen Entwicklungen zu sehen, in welchen sich durch verbesserte Bildungs- und Ausbildungsbedingungen für Frauen neue Ansprüche und Chancen abzeichneten, Familie und Beruf vereinen zu können. Das traditionelle Muster und die Erwartung an Frauen, zwischen Beruf und Familienerziehung eine Wahl zu treffen, löste sich immer mehr auf.
Zusätzlich erhöhte sich die Scheidungsrate in diesen Jahren stetig, was bei gleichzeitigem Geburtenrückgang zu kleinen, geschwisterlosen oder Eineltern - Familien führte, welche wiederum den Bedarf an Krippeneinrichtungen ankurbelten, Durch die Nutzung von Krippenplätzen erhoffte man sich neben den besagten Gründen der Erwerbstätigkeit einen pädagogisch notwendigen und lebensweltlichen Erfahrungsraum für die Kinder.[114]
Trotz pädagogischer Maßnahmen und Überlegungen, sowie der aufkommenden Gleichberechtigungsdebatte, die Frauen eine Kombination von Familie und Beruf zu ermöglichen versuchte, kann von einem quantitativen Ausbau der Krippeneinrichtungen in der BRD bis zum Ende des 20. Jahrhunderts kaum die Rede sein. Zahlenmäßig kann die mit der geringen und stetig fortwährenden Betreuungsquote in Kinderkrippen von bis zu 1,6% belegt werden.[115]
In den späten 80er Jahren entwickelte sich der Trend, Krippen zusammen mit anderen Kindertageseinrichtungen zu legen, gemeinsames sozialhygienisches und pädagogisches Fachpersonal bereit zu stellen und somit einen altersübergreifenden Lebensraum für Kinder von 0 bis 6 Jahren bieten. Diese sollten in Gruppen von etwa 15 Kindern gemeinsam betreut werden. Diese ‚Kinderhauspädagogik’ mit ihrer Entwicklung hin zur Altersmischung der zu betreuenden Kinder, löste die Krippe in ihrem traditionellen Verständnis als altersspezifische Einrichtung ab.[116]
Nach der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik gab es in den östlichen Bundesländern Ende des Jahres 2002 ein Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren von 37%. Hierzu zählen keine Formen der Tagespflege. In den westlichen Bundesländern lag die Quote weiterhin relativ gering bei 4,2%, was für das gesamte vereinigte Deutschland ein Platzangebot der Kleinstkinderbetreuung von 8,6% darstellt.[117]
In den letzten drei Jahren ist es zu einem erheblichen Ausbau der Tagesbetreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren in Deutschland gekommen. So standen im Jahr 2005 für 13,7% der Kinder unter drei Jahren ein Platz zur Verfügung. Verglichen mit dem Jahr 2002 ist eine Verbesserung des Ausbaus von 25% zu verzeichnen. Bereits in den ersten zehn Monaten nach Inkrafttreten des TAG wurden 21.500 neue Plätze geschaffen. Dies ergibt ein verdoppeltes Angebot an Tagesbetreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren in Westdeutschland seit 2002 gegenüber dem Stand im Jahr 2002; im Osten ist das Angebot allerdings stabil geblieben.
Weitere Änderungen zeigen sich auch in den veränderten und flexibleren Öffnungszeiten, was den Eltern ermöglichen soll, ihrer Erwerbstätigkeit unbesorgt nachzugehen. Vermehrt nachgefragt und angestrebt sind altersübergreifende Formen in den Kindertagesbetreuungseinrichtungen.
Eine alternative Versorgungs- und Betreuungsmöglichkeit bieten Tagesmütter an, deren Nachfrage stetig ansteigt, obwohl der offizielle Anteil dieser Angebotsform bisweilen erst bei 2% liegt.[118]
Tietze, Bolz, Grenner, Schlecht und Wellner geben konkrete Maßstäbe und Vorgaben bezüglich der pädagogischen Gestaltung von Kinderkrippen, welche für die vorliegende Arbeit eine Ergänzung der pädagogischen Qualitätskriterien bieten soll, die – zusammen mit den Empfehlungen für Mutter-Kind-Einrichtungen in Justizvollzugsanstalten - in Teil C zur Auswertung und Interpretation dieser gefängnisinternen Kinderbetreuungseinrichtung in Schwäbisch- Gmünd dienen soll.
Einleitend ist ‚Pädagogische Qualität’ in einer Kinderkrippe dann gegeben, „wenn diese das Kind körperlich, emotional, sozial und intellektuell fördert, seinem Wohlbefinden sowie seiner gegenwärtigen und zukünftigen Bildung dient und damit auch die Familien in ihrer Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsverantwortung unterstützt.“[119]
Die besagten Autoren ordnen diese Standards einer Skala von „unzureichend“ über „minimal“ bis „gut“ und „ausgezeichnet“ zu, welche nun zusammengefasst werden, um somit analysefähige Qualitätskriterien zu erhalten:[120]
[1] Vogelsberger, M. (2002). S.13-23
[2] Kluge (1989). S.414
[3] Schaub, H.; Zenke, K. (2005). S. 1309
[4] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 21,22
[5] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 9
[6] Helm, C. (1851). S. 15. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 30
[7] Schaub, H.; Zenke, K. (2005). S. 95, 96
[8] http://www.wissen.de/Diätetik. Stand: 31.08.2006
[9] Schaub, H.; Zenke, K. (2005). S. 189, 190
[10] Kluge (1989). S.370
[11] Schaub, H.; Zenke, K. (2005). S. 316, 317
[12] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 19
[13] http://www.wissen.de/Pädiatrie. Stand: 31.08.2006
[14] Fischer, A. (1923). S. 297. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 90
[15] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 90
[16] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1999). S.22
[17] Vogelsberger, M. (2002). S.24f
[18] Bundesanstalt für Arbeit (2000). S.17
[19] Vogelsberger, M. (2002). S.29-35
[20] Bundesanstalt für Arbeit (2000). S.20
[21] Vogelsberger, M. (2002). S.36-38
[22] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 16f
[23] Rott, F. (1913). S. 191. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 106
[24] Blochmann, E. (1928). S. 75. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 106
[25] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 66
[26] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 31
[27] Comenius, J.A. (1633/1909). S. 10. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 36
[28] Rousseau, J. (1762/1978). S.38. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 36f
[29] Pestalozzi, J.H. (1801/1983). S.21. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 37
[31] Reyer, J.; Kleine, H. (1997): Die Kinderkrippe in Deutschland. S. 36ff
[32] Schleiermacher, F.D.E.(1826/1983). S.166. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 39
[33] Heiland, H. (1982).S.103. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 39
[34] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 22-36
[35] Droescher, L. (1919). S. 4. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 35
[36] Webler, H. (1939). S.5f. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 105f
[37] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 87
[38] Vogelsberger, M. (2002). S.17f
[39] Schaub, H.; Zenke, K. (2005). S. 1245
[40] Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (2000). S. 5
[41] http://www.bmfsfj.de/Politikbereiche/kinder-und-jugend. Stand: 12.07.2006
[42] http://www.bmfsfj.de/generator/RedaktionBMFSFJ/Meldungen-2006. Stand: 12.07.2006
[43] Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (2000). S. 3
[44] Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (2000). S. 5
[45] Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (2000). S. 5-8
[46] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 10
[47] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 43ff
[48] Wilderspin, S.; Wertheimer, J. (1826). S.205. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 44
[49] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 9-16
[50] Marbeau 1846, zitiert nach Helm (1851). S.8f. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 18
[51] Fellner, A. (1884). S. 42. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 63
[52] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 66
[53] Neumann, H. (1895). S. 526. In und mit Klammerkommentaren aus: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 63
[54] Helm, C. (1851). S. 40ff. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 19
[55] Rott, F. (1913). S.211. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 47
[56] Erning, G. (1987). S.30. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 47
[57] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 77-93
[58] ebd. S. 112
[59] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 77-93
[60] ebd. S. 108f
[61] ebd. S. 113
[62] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 20
[63] ebd. S. 71ff
[64] Helm, C. (1851): Die Krippe im Breitenfeld zu Wien. S. 24f. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997): Die Kinderkrippe in Deutschland. S. 72
[65] Rott, F. (1913): Aufgabe, Entwicklung und derzeitiger Stand des Krippenwesens. S.191-220
[66] Reyer, J.; Kleine, H. (1997): Die Kinderkrippe in Deutschland. S. 28,29
[67] Meier, J. (1917). S.1-4. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 28
[68] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 28,29
[69] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 23-26
[70] Rott, F. (1913). S. 212f
[71] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 27ff
[72] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 29,30
[73] ebd. S. 25ff
[74] ebd. S. 67
[75] Rott, F. (1913). S. 218
[76] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 67ff
[77] ebd. S. 25ff
[78] Rott, F. (1913). S. 191. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 50
[79] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 50f
[80] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 28
[81] ebd. S. 33
[82] Meier, J. (1912). S.672. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 100
[83] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 100-102
[84] Tugenreich, G. (1910). S. 381. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 103
[85] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 53f
[86] Vergleiche hierzu auch Kapitel 3.4.1
[87] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 15,16
[88] Droescher, L. (1919). S. 2. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 32
[89] Salviati, C.v. (1852). S. 30. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 33
[90] Ranke, J. Fr. (1887). S. 6f. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 33-34
[91] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 34
[92] Fuchs, D. (1995). S.136
[93] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 69f
[94] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 101f
[95] Bayrischer Landesverband (1917). S. 26f. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 104
[96] Reichsgesundheitsamt (1920). S. 58. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 98
[97] Webler, H. (1939). S.16. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 99
[98] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 9-14
[99] Tietze, W. (1993). S. 114. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 128
[100] ebd. S. 159
[101] Winkler, G. (1990). S. 63. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 159
[102] Vergleiche hierzu auch Kapitel 4
[103] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 120
[104] ebd. S. 129
[105] Niebsch, G./Grosch, C. (1989). S. 383. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 129
[106] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 141
[107] ebd. S. 154f
[108] Schmidt, H. (1992). S. 152. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 147
[109] Ministerrat der DDR (1986). In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 148f
[110] Schmidt, H. (1979). S. 261-275. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 150
[111] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 151f
[112] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 155ff
[113] Erler, u.a. (1988) S.63. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 158
[114] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 158ff
[115] Tietze (1993). S.114. In: Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 159
[116] Reyer, J.; Kleine, H. (1997). S. 173
[117] http://www.bmfsfj.de/Politikbereiche/kinder-und-jugend.html. Stand: 23.10.2006
[118] http://www.bmfsfj.de/Politikbereiche/kinder-und-jugend. Stand: 12.07.2006
[119] Tietze, W.; Bolz, M.; Grenner, K.; Schlecht, D.; Wellner, B. (2005). S. 6
[120] Tietze, W.; Bolz, M.; Grenner, K.; Schlecht, D.; Wellner, B. (2005). S. 16-65
Dipl.-Pädagogin Katja Hagmeier
V124644
9783640298143
9783640303403
Mutter-Kind-Einrichtung Justizvollzugsanstalt Schwäbisch-Gmünd
Dipl.-Pädagogin Katja Hagmeier, 2007, Die Mutter-Kind-Einrichtung in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch-Gmünd (Baden-Württemberg) , München, GRIN Verlag, http://www.grin.com/de/e-book/124644/die-mutter-kind-einrichtung-in-der-justizvollzugsanstalt-schwaebisch-gmuend

References: §7
 § 69
 §75
 §1

§4
 §1
 §3
 §5
 § 1
 § 24
 § 22