Source: http://lahayne.lt/2014/01/06/freude-ohne-evangelium/
Timestamp: 2016-06-28 16:45:07+00:00

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Freude ohne Evangelium?
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Home / 2014 / January / 06 / Freude ohne Evangelium?	Freude ohne Evangelium?	January 6, 2014 · by Holger Lahayne · in Allgemein, Glaube, Theologie und Mission Ein alter Renault 4 als Dienstwagen, eine bescheidene Wohnung im Gästehaus des Vatikans, ein Besuch bei den Flüchtlingen auf Lampedusa – mit all diesem machte der neue Papst, Mitte März gewählt, bisher Schlagzeilen. Nun liegt seit Ende November aber auch ein erstes Lehrdokument ganz aus der Feder von Franziskus vor (die Enzyklika Lumen fidei – Licht des Glaubens vom Juni 2013 war noch weitgehend von Benedikt XVI ausgearbeitet worden). Das Apostolische Schreiben Evangelii gaudium – die Freude des Evangeliums behandelt in immerhin 288 Paragraphen und auf über 250 Seiten „die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute“.
Evangelium, Evangelisation und Mission sind Hauptthemen des Dokuments. Kein Wunder, dass es gleich auf „große Zustimmung“ unter den Evangelikalen traf. „Wie evangelisch ist der Papst?“ fragte idea-Spektrum auf dem Titel von 49/2013. In der Inhaltsangabe hieß es dann schon zum Titelthema: „Diese Papstworte sind evangelisch“. Chefredakteur Matthies: „Wenn er äußert, allein die persönliche Begegnung mit Christus‘ sei ‘der Grund der Kirche’, ist das Evangelium pur!“ Der lutherische Bischof F. Weber aus Braunschweig meint, es handele sich um mein „evangelisches, das heißt, dem Evangelium verpflichtetes Wort“. Rolf Hille von der Evangelischen Allianz Deutschlands sieht die Forderungen des Papstes „tief im Evangelium verwurzelt“ und ruft zu seinem gründlichen Studium auf.
Die „Neu-Evangelisierung“ war schon durch die beiden Vorgänger des Franziskus auf die Tagesordnung Roms gehoben worden. Benedikt hatte die katholische Bischofssynode vom Herbst 2012 diesen Fragen gewidmet. Franziskus erweitert die Perspektive auf Mission überhaupt und folgt dabei intensiv dem „Dokument von Aparecida“ der südamerikanischen Bischöfe aus dem Jahr 2007.
Wie ist Evangelii gaudium nun aus evangelischer Perspektive zu bewerten? Ist da in Rom wirklich ein Revolutionär an der Macht, wie George Weigel aus den USA meint? Ist im Vatikan eine “Revolution von oben” im Gang (s. Spiegel-Online und das Bild o.)? Wie die ersten, fast schon enthusiastischen Äußerungen auch mancher Protestanten zeigen, gibt es tatsächlich nicht wenig Positives im Dokument. Doch die negativen Seiten sollten genauso wenig ausgeblendet werden.
Positive Akzente
Weite Teile des Schreibens werden von einer positiven Grundnote bestimmt, eben der Freude. Franziskus will „zu einer neuen Etappe der Evangelisierung“ einladen, „die von dieser Freu­de geprägt ist“ (1). Er ruft jeden Christen auf, „noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen.“ (3)
In den Paragraphen 4–5 gibt der Papst einen guten biblischen Abriss der Freude des Heils. Auch Hingabe und Selbstaufopferung stehen unter einem positiven Vorzeichen. Er zitiert aus dem Dokument von Aparecida: „Die größte Freude am Leben erfahren jene, die sich nicht um jeden Preis absichern, sondern sich vielmehr leiden­schaftlich dazu gesandt wissen, anderen Leben zu geben… Das Leben wird reifer und reicher, je mehr man es hingibt, um anderen Leben zu geben. Darin be­steht letztendlich die Mission.“ Daher „dürfte ein Verkünder des Evangeliums nicht ständig ein Gesicht wie bei einer Beerdigung haben.“ (10)
Das Evangelium soll „aus­nahmslos allen“ verkündigt werden, aber dies soll man nicht wie jemand tun, „der eine neue Verpflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der eine Freude teilt, einen schönen Horizont aufzeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet.“ (14)
Diese Akzentsetzung des Papst ist nur zu begrüßen.
Franziskus hat das erste Hauptkapitel sicher ganz bewusst und vielsagend „die missionarische Umgestaltung der Kirche“ genannt. „Versetzen wir uns in allen Regionen der Erde in einen ‘Zustand permanenter Mission’“ (25), lautet sein Aufruf. „Brechen wir auf, gehen wir hinaus, um al­len das Leben Jesu Christi anzubieten!“ (49) Mission und Evangelisation sollen als Prioritäten die ganze Kirche bestimmen. Der Papst schildert seine Vision daher so: „Ich träume von einer missionarischen Ent­scheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, da­mit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient.“ (27)
So wundert es auch nicht, dass das Oberhaupt Roms die Gestalt der eigenen Kirche kritisch sieht. Franziskus beklagt eine „übertriebene Zentralisierung“ (32), fordert eine heilsame „De­zentralisierung“ (16) des Kirchenapparates. „Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Uni­versalkirche haben es nötig, dem Aufruf zu einer pastoralen Neuausrichtung zu folgen.“ (32) Ja er spricht sogar von einer „Neuausrichtung des Papsttums“ (engl. noch provokanter conversion – Umkehr).
Auch „zum Teil tief in der Geschichte verwurzelte Bräuche“ gelte es zu hinterfragen. „Sie mögen schön sein“, aber dennoch mahnt der Papst: „Ha­ben wir keine Angst, sie zu revidieren!“ Diese Revision darf auch nicht vor „kirchlichen Normen oder Vorschrif­ten“ (43) Halt machen.
Franziskus sieht die Kirche als „offenes Haus des Vaters“; sie sei „keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“ (47) Typisch für den Jesuiten aus Argentinien sind sicher auch diese Worte: „Mir ist eine ‘verbeulte’ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Stra­ßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist.“ (49)
Diese Neuausrichtung der Kirche Roms ist natürlich eine interne Angelegenheiten der Katholiken. Man darf gespannt sein, wie dieser Prozess, den Protestanten wohlwollend beobachten, ablaufen wird. Denn obwohl die Vollmachten des Bischofs von Roms groß sind, ist er eben doch durch die nicht veränderbaren Dogmen, das nur schwer und langfristig zu modifizierende Kirchenrecht und den gewaltigen Apparat im Spielraum eingeschränkt. Es ist wohl etwas voreilig, Franziskus zum Revolutionär auszurufen, wie dies der „evangelikale Katholik“ George Weigel schon tat. Und selbst wenn – das römische Profil wird die Weltkirche auch unter Franziskus nicht verlieren.
Predigt und Bibellesen
Ab Paragraph 135 widmet sich der Papst dem gepredigten und studierten Wort Gottes. Er ruft die Glaubensgeschwister auf: „Erneuern wir unser Vertrauen in die Ver­kündigung, das sich auf die Überzeugung grün­det, dass Gott es ist, der die anderen durch den Prediger erreichen möchte, und dass er seine Macht durch das menschliche Wort entfaltet.“ (136)
Franziskus betont die Wichtigkeit der guten Vorbereitung der Predigt (145). In einem ersten Schritt gilt es, „die ganze Aufmerk­samkeit dem biblischen Text zu widmen, der die Grundlage der Predigt sein muss.“ (146) Das Wichtigste für den Prediger sei die Frage, „was die Hauptbotschaft ist, die dem Text Struktur und Ein­heit verleiht.“ (147) Und ganz lutherisch: „Der Prediger muss auch ein Ohr beim Volk haben, um herauszufinden, was für die Gläubi­gen zu hören notwendig ist.“ (154)
Wie früher nur die Evangelischen, so fordert nun auch ein Papst: „Das Studium der Heiligen Schrift muss ein Tor sein, das allen Gläubigen offensteht.“ (175) Das „Wort Gottes“ müsse „immer mehr zum Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns werden“. Alles evangelisierende Handeln „braucht die Vertrautheit mit dem Wort Gottes“. Der Papst fordert „das Angebot eines ernsten und beharrlichen Studiums der Bibel sowie die För­derung ihrer persönlichen und gemeinschaftli­chen Lektüre im Gebet“ (174).
All dies ist von Protestanten gewiss zu begrüßen. Allerdings kann nicht verborgen bleiben, dass die Auslegung der Bibel in den Kontext des römisch-katholischen Systems eingeordnet bleibt. Die Wortverkündigung ist im Rahmen der Liturgie „Teil der Opfergabe, die dem Vater dargebracht wird“. Sie richtet auf die Eucharistie hin aus, „die das Leben verwandelt“. Verwandelnd wirkt also in erster Linie das Messopfer. Daher dürfe „das Wort des Predigers nicht einen übertriebenen Raum“ einnehmen (138) – eine vielsagende Einschränkung, typisch für das katholische „Ja, aber…“. Die Verkündigung hat vorbereitende Funktion für den „Empfang des Sa­kramentes“; erst im Sakrament „erreicht dieses Wort seine größte Wirksamkeit“ (174). Hier wird gleichsam die gute katholische Ordnung wiederhergestellt: das Messopfer ist das eigentlich Zentrum jeden Gottesdienstes, also nicht die Predigt wie in evangelischen Gemeinden.
Franziskus setzt hier also erfreulicherweise die Betonung des Bibelstudiums fort, die schon seit Jahrzehnten in der römischen Kirche zu hören ist. Von einem epochalen Wandel kann jedoch keine Rede sein.
In Kapitel V macht Franziskus gute Ausführungen zur Motivation der evangelisierenden Christen und zum Heiligen Geist. Dieser gibt „die Kraft, die Neuheit des Evangeliums mit Freimut (parrhesía) zu ver­künden, mit lauter Stimme, zu allen Zeiten und an allen Orten, auch gegen den Strom“ (259). Er ruft den Heiligen Geist an: „ich bitte ihn, zu kommen und die Kirche zu er­neuern, aufzurütteln, anzutreiben, dass sie kühn aus sich herausgeht, um allen Völkern das Evan­gelium zu verkünden.“ (261)
Dem Papst ist sicher zuzustimmen, wenn er schreibt: „Der erste Beweggrund, das Evangelium zu verkünden, ist die Liebe Jesu, die wir empfangen haben; die Erfahrung, dass wir von ihm gerettet sind, der uns dazu bewegt, ihn immer mehr zu lieben.“ (264) Auch dieser Akzent ist richtig: „Missionar kann nur sein, wer sich wohl fühlt, wenn er das Wohl des anderen sucht, das Glück der anderen will.“ (272)
Schon in §117 über den Geist: „Er ist derjenige, der einen vielfältigen und verschiedenartigen Reichtum der Gaben hervorruft und zugleich eine Einheit aufbaut, die niemals Einförmigkeit ist, sondern vielgestaltige Harmonie, die anzieht. Die Evan­gelisierung erkennt freudig diesen vielfältigen Reichtum, den der Heilige Geist in der Kirche er­zeugt.“
Schließlich hat der Papst darin recht, dass das Evangelium „auf die tiefsten Bedürfnisse der Menschen“ antwortet. „Begeisterung für die Evangelisierung“ ruht auf tieften Überzeugungen wie diesen, denen nichts hinzuzufügen ist:
„Wir haben ei­nen Schatz an Leben und Liebe, der nicht trü­gen kann, eine Botschaft, die nicht manipulieren noch enttäuschen kann. Es ist eine Antwort, die tief ins Innerste des Menschen hinab fällt und ihn stützen und erheben kann. Es ist die Wahr­heit, die nicht aus der Mode kommt, denn sie ist in der Lage, dort einzudringen, wohin nichts an­deres gelangen kann. Unsere unendliche Traurig­keit kann nur durch eine unendliche Liebe geheilt werden.“ (265)
Da der Titel des päpstlichen Schreibens den Begriff Evangelium enthält, ist zu fragen, wie diese Gute Nachricht umschrieben wird. Wiederum sagt Franziskus viel Wahres wie über den Geschenkcharakter: „Das Heil, das Gott uns anbietet, ist ein Werk seiner Barmherzigkeit. Es gibt kein menschliches Tun, so gut es auch sein mag, das uns ein so großes Geschenk verdienen ließe. Aus reiner Gnade zieht Gott uns an, um uns mit sich zu vereinen. Er sendet seinen Geist in unsere Herzen, um uns zu seinen Kindern zu machen, um uns zu verwandeln und uns fähig zu machen, mit unserem Leben auf seine Liebe zu antwor­ten.“ (112)
Der Papst wendet sich ab Paragraph 34 dem „Herz des Evangeliums“ zu. Das „Eigentliche des Evangeliums“, seinen „grundlegenden Kern“ umreißt er dann so: „die Schönheit der heilbringenden Liebe Gottes, die sich im gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus offenbart hat.“ (36, kursiv im Orig.) Im ganzen Dokument ist dann noch als Beispiel der „ersten Verkündigung“ dies zu finden: „Jesus Christus liebt dich, er hat sein Leben hingegeben, um dich zu retten, und jetzt ist er jeden Tag lebendig an deiner Seite, um dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien”. (164)
Natürlich drückt sich im Evangelium die Liebe Gottes aus, doch diese Definitionen des Papstes sind keineswegs hinreichend, also mangelhaft. Es ist schon bezeichnend, dass in dem nicht gerade kurzen Dokument nicht mehr kommt. Die Verlorenheit des Menschen wird nirgendwo thematisiert – warum eigentlich nicht? Genauso wenig, dass Christus aus den Sünden rettet. An keiner Stelle kommt Franziskus an Spurgeons Kurzdefinition „Gott rettet Sünder“ auch nur heran. Dies ist ein gewaltiges Defizit, und allein schon deshalb sollten Evangelikale nicht enthusiastisch reagieren. Denn was sollen wir von der Freude halten, von der Freude über das Evangelium, wenn dieses selbst verblasst? Freude ohne Evangelium?
Die Evangeliumsdefinition ist einseitig, und das gleiche ist von der Antwort des Menschen zu sagen. „Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antwor­ten, der uns liebt und uns rettet“ (39) – so der Papst. Wie diese Antwort aussehen kann und soll, entfaltet der Nachfolger Petri aber nicht.
J. Edwin Orr (1912–1987), Baptistenpastor, Autor und großer Historiker der modernen Erweckungen, nannte in einer Predigt die Buße „das erste Wort des Evangeliums“. Buße ist unbedingt notwendig zum Heil. Wer von Sünde gerettet werden will, muss die Sünde ablegen wollen und bedauern. Martin Luther kategorisch im Frühjahr 1518: „Ganz gewiß muß ein Mensch an sich selbst verzweifeln, um für den Empfang der Gnade Christi bereitet zu werden.“ Bei Franziskus wird nichts dergleichen auch nur genannt!
Es wären hier noch andere kritische Punkte zu nennen wie der Hang zum Inklusivismus („Dieses Heil, das Gott verwirklicht und das die Kirche freudig verkündet, gilt allen, und Gott hat einen Weg geschaffen, um sich mit je­dem einzelnen Menschen aus allen Zeiten zu ver­einen.“ 113). Äußerst problematisch ist aber schließlich die kaum überraschende Hervorhebung Marias gegen Ende. Sie sei „die Mutter der Evangelisierung“ (284), ja der „Stern der neuen Evangelisierung“ (288). Und in §286:
„Sie ist die Missionarin, die uns nahe kommt, um uns im Leben zu begleiten, und da­bei in mütterlicher Liebe die Herzen dem Glau­ben öffnet. Als wahre Mutter geht sie mit uns, streitet für uns und verbreitet unermüdlich die Nähe der Liebe Gottes. .. Viele christliche Väter bitten darum, dass ihre Kinder in einem Marien­heiligtum getauft werden, und zeigen damit ihren Glauben an das mütterliche Wirken Marias, die für Gott neue Kinder hervorbringt. Dort in den Heiligtümern kann man beobachten, wie Maria ihre Kinder um sich versammelt, die unter großer Anstrengung als Pilger kommen, um sie zu se­hen und von ihr gesehen zu werden.“
All dies ist nicht überflüssiges Beiwerk, sondern die Spitze der päpstlichen Missionstheologie. Protestanten sehen hier das grundlegende solus Christus massiv verletzt. Passagen wie diese machen deutlich, dass es sich in der Gesamtheit keineswegs um ein evangelisches Dokument handelt.
Wer evangelisiert wen?
Wer ist nach Franziskus Träger von Mission und Evangelisation? „Kraft der empfangenen Taufe ist jedes Mitglied des Gottesvolkes ein missionarischer Jünger geworden… Jeder Getaufte ist, unabhängig von seiner Funktion in der Kir­che und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Träger der Evangelisierung“ (120), so der Papst. „In allen Getauften, vom ersten bis zum letzten, wirkt die heiligende Kraft des Geistes, die zur Evangelisierung drängt.“ (119) Deshalb habe jeder Getaufte eine „tragenden Rolle“ bei der Evangelisierung (120). Alle sind „gerufen, den anderen ein klares Zeugnis der heilbringenden Liebe des Herrn zu geben“ (121).
Dies geht alles konsequent aus der katholische Lehre hervor, wenn es in der Akzentsetzung auch etwas neu ist. Die meisten Protestanten, die eine Taufwiedergeburt ablehnen, sehen dies natürlich ganz anders. Durch die Taufe wird man gewiss nicht automatisch zu einem Kind Gottes und einem missionarischen Jünger.
Verwirrend ist nun besonders für Evangelikale, dass jeder Katholik zur Mission berufen und grundsätzlich ja wohl auch dazu fähig ist, gleichzeitig das Hauptziel der „Neu-Evangelisierung“ (von der in Rom nun schon seit Jahrzehnten gesprochen wird) aber auch die getauften Katholiken sind. Natürlich wird auch in der römischen Kirche nüchtern gesehen, dass es in den eigenen Reihen viele inaktive, nominelle Christen gibt. Jeder Christ, so gesteht auch Franziskus ein, ist eben nur „in dem Maß Missionar, in dem er der Liebe Gottes in Jesus Christus begegnet ist“ (120, Hervorhebung HL). Die Inaktiven sollen neu an die Kirchen und konkret: an die Sakramente herangeführt werden. Die Kirche evangelisiert und wird evangelisiert, weshalb in katholischen Texten von der Selbstevangelisierung die Rede ist. Franziskus: „Die Kir­che evangelisiert nicht, wenn sie sich nicht ständig evangelisieren lässt.“ (174)
Evangelisation der eigenen Mitglieder wird also keineswegs als das zum Glauben Rufen von Ungläubigen, geistlichen Toten, Nichtwiedergeborenen, Rebellen usw. betrachtet, vielmehr als Re-Sakramentisierung. Aber auch im Hinblick auf die Nichtkatholiken fragt man sich, wo die Verlorenen sind, die zum Heil gerufen werden. Mit allen Christen sieht man sich durch die Taufe verbunden (244), an Juden ergeht der Bekehrungsruf ausdrücklich nicht (247), und auch Muslime beten, so im Schreiben des Papstes, denselben Gott wie Christen an (252). In §254 wird aus dem II Vatikanum zitiert: „Die Nichtchristen können, dank der un­geschuldeten göttlichen Initiative und wenn sie treu zu ihrem Gewissen stehen, ‘durch Gottes Gnade gerechtfertigt’ und auf diese Weise ‘mit dem österlichen Geheimnis Christi verbunden werden’.“
Es sollte somit deutlich geworden sein, dass sich das römisch-katholische Verständnis von Evangelisation deutlich von dem der Evangelikalen unterscheidet. Die Botschaft des Heils als Rettung vor dem drohenden Gericht ist so gut wie nicht zu hören; nun geht es um einen Zugang zu einer Fülle des Heils, das ‘irgendwie’ vielfach, ja fast überall schon vorhanden ist – weil eben schon so gut wie alle Menschen mit der Kirche in unterschiedliche Weise verbunden sind.
Für Evangelikale ergibt sich damit ein sehr konfuses Bild. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass geradezu schon traditionell die Grenzen zwischen Glaubensgeschwistern und Mitmenschen verwischt, konkret die „geringsten Brüder“ in Mt 25,40 als „Mitmenschen“ gedeutet werden (176; s. auch 210). Auch in der Botschaft zum Weltfriedenstag am 1.1.2014 dehnt Franziskus die christliche Brüderlichkeit auf alle Menschen aus.
Wozu führt die Volksfrömmigkeit?
Ab Paragraph 122 spricht der Papst über die „evangelisierende Kraft der Volksfrömmigkeit“. Protestanten lesen über diesen ihnen eher nicht geläufigen Begriff schnell hinweg – obwohl die Aussagen höchst problematisch sind.
Auf Kathpedia heißt es: „Die Volksfrömmigkeit ist die ‘Fleischwerdung des Glaubens’. Sie ist ein mit dem Herzen gelebter Glaube, in dem das Übernatürliche natürlich und das Natürliche vom Übernatürlichen erleuchtet wird.“ Das „Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie“ von Johannes Paul II aus dem Jahr 2001: „Der Begriff ‘Volksfrömmigkeit’ bezeichnet die verschiedenen gottesdienstlichen Versammlungen privater oder gemeinschaftlicher Art, die sich im Rahmen des christlichen Glaubens vorwiegend nicht nach den Vorgaben der heiligen Liturgie, sondern nach den eigentümlichen Formen eines Volkes, eines Volksstammes, seiner Mentalität und Kultur ableiten.“ Damit ist also der nicht dogmatisch und meist auch nicht kirchenrechtlich geregelte Kult gemeint, der sich je nach Nation, Tradition und Kultur mehr oder weniger stark unterscheidet. Katholiken müssen diese Formen nicht praktizieren, dürfen es aber und tun es auch mehr oder weniger intensiv.
Konkret ist hier z.B. an die Bilderverehrung zu denken. Im Direktorium: „Der Gebrauch religiöser Bilder hat im Bereich der Volksfrömmigkeit eine große Bedeutung… Das Verehren heiliger Bilder gehört sicher zum Wesen der katholischen Frömmigkeit.“ Auch verschiedene Gebärden sind hier einzuordnen: „Sitte, Bilder, Orte, Reliquien und religiöse Gegenstände zu küssen oder sie mit der Hand zu berühren, Straßenzüge und ‘spezielle’ Gänge barfuß oder auf Knien zu begehen, Opfergaben, Kerzen und Votivgaben darzubringen, besondere Kleidungsstücke zu tragen, sich niederzuknien und sich auf den Boden hinzustrecken, Medaillen und Abzeichen zu tragen.“ Weiter ist zu denken an die verschiedenen heiligen Orte, an die Verehrung des Herzens Jesu, des Unbefleckten Herzens Marias oder an den Kult um die Wunden Jesu. In Litauen sehr beliebt ist die Segnung von Kräutern bei Mariä Aufnahme in den Himmel (Žolinė). Diese sollen magische Schutzwirkungen haben.
Benedikt sah in der Volksfrömmigkeit ein „großes Erbe der Kirche“, einen „zu schützenden und zu fördernden Schatz, der die Seele am Feuer der Traditionen wärmt“, einen Ort der Begegnung mit Jesus Christus, sicher nichts Zweitrangiges im Glaubensleben.
Auch Franziskus steht natürlich in dieser Linie, sieht in der Volksfrömmigkeit „einen authentischen Ausdruck des spontanen missionari­schen Handelns des Gottesvolkes“. Die Volksfrömmigkeit wandelt sich fortwährend, wobei „der Heilige Geist der Protagonist“ dieses Prozesses sei (122). In §124 bezieht er sich auf das Dokument von Aparecida, spricht von den „Reichtümern“, „die der Heilige Geist in der Volksfrömmigkeit mit seiner unentgeltli­chen Initiative entfaltet“. Gerade in Südamerika brächten „viele Christen ihren Glauben durch die Volksfrömmigkeit zum Ausdruck“, dort wird sie auch „Volksspiritualität“ oder „Volksmystik“ genannt. Den Kollegen folgend nennt er sie „eine wahre ‘in der Kultur der Einfachen verkörperte Spiritualität’.“ Diese „missionarische Kraft“ dürfte auf keinen Fall kontrolliert werden. Der Papst meint, dass „in ihr eine aktiv evangelisierende Kraft eingeschlossen [ist], die wir nicht unterschätzen dürfen; anderenfalls würden wir die Wirkung des Heiligen Geistes verkennen.“ (126)
In vielen Elementen der Volksfrömmigkeit sehen Protestanten – Versuche katholischer Apologetik zum Trotz – schlicht und einfach Götzendienst. In stark katholisch geprägten Kulturen fällt Evangelischen dabei besonders die Vermischung mit heidnischem Erbe auf. Hier stehen Kräfte einer wahren Evangelisierung entgegen (dass solche hindernden Elemente gleichzeitig auch Brücken für Gespräche sein können – nach dem Motto: the barrier is the bridge – bleibt dabei unbestritten). Auch an dieser Stelle zeigt sich klar, dass Evangelikale nicht in naiver Weise die Hochschätzung von Evangelisation bei Katholiken begrüßen sollten. Evangelisieren meint im Kontext Roms eben oft, das Erbe der Volksfrömmigkeit zu nutzen und zu vertiefen – und Protestanten geht es bei der Evangelisation gerade um das Gegenteil: deren Überwindung.
Eine Wirtschaft, die tötet?
Schlagzeilen machte das Apostolische Schreiben vor allem auch mit seiner scharfen Kapitalismuskritik, die im Abschnitt „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung“ mit Paragraph 53 beginnt. „Diese Wirtschaft tötet“, so Franziskus kategorisch. „Heute spielt sich al­les nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht.“ Der Papst kritisiert die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ und eine „Kultur des Wohlstands“, die uns betäubt. Hinter der Finanzkrise sieht er „eine tiefe anthropologische Krise“: „die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Göt­zen geschaffen. Die Anbetung des antiken gol­denen Kalbs… hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschli­ches Ziel.“ Das Einkommen von Wenigen steigt gewaltig, doch eine Mehrheit ist „im­mer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glück­lichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autono­mie der Märkte und die Finanzspekulation ver­teidigen.“ (alles 53–54) Franziskus nennt die „Interes­sen des vergöttlichten Marktes“ (56), sieht hinter allem die „Ablehnung Gottes“ (57) und meint, dass „das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist“ (59). Er geißelt einen „zügel­losen Konsumismus“ (60) und den „postmodernen und globalisierten Indi­vidualismus“ (67).
Im Abschnitt über die „gemeinschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Kerygmas“ ab 177 greift Franziskus das Thema wieder auf. Er sagt sicher viel Richtiges wie in §179: „Wie die Kirche von Na­tur aus missionarisch ist, so entspringt aus dieser Natur zwangsläufig die wirkliche Nächstenliebe, das Mitgefühl, das versteht, beisteht und fördert.“ Oder in §183: „Ein authentischer Glau­be – der niemals bequem und individualistisch ist – schließt immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern, Werte zu übermitteln, nach unserer Erdenwanderung etwas Besseres zu hin­terlassen.“ Und in § 208: „Es geht mir einzig darum, dafür zu sorgen, dass diejenigen, die Sklaven einer individualistischen, gleichgül­tigen und egoistischen Mentalität sind, sich von jenen unwürdigen Fesseln befreien“.
Auffallend ist jedoch, wie sehr der Papst im Allgemeinen verbleibt und kaum konkret wird. Er wünscht sich „eine arme Kirche für die Armen“ (198), spricht von der „universalen Bestimmung der Güter“ (189); es ginge darum, die „tiefen Wurzeln… unserer Welt zu heilen“ (205) und eine „gesunde Welt­wirtschaft“ (206) erreichen. Nur in der negativen Abgrenzung wird er hier und da deutlicher: „Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen.“ (204) Es gelte, die „absolute Dichotomie zwischen Wirtschaft und Gemeinwohl“ (205) zu überwinden. Und in §202:
„Die Notwendigkeit, die strukturellen Ursachen der Armut zu beheben, kann nicht warten… Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Fi­nanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden. Die Ungleichvertei­lung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel.“
All diese Ausführungen überraschen nach früheren harschen Worten zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht mehr. Es verwundert schon eher, dass Franziskus auch in einem Schreiben, dass nicht der Sozialethik gewidmet ist, sich zu solch einer doch recht ausführlichen Kritik hinreißen ließ. Natürlich sollte man vom Schreiben des Papstes nicht zu viel, d.h. keine gut begründeten Antworten zu Fragen der Sozialreform erwarten. Erwarten kann man jedoch, dass Wahres gesagt wird. Leider beschäftigt sich Franziskus gerne mit Mythenbildung.
Denn erstens kann von einer absoluten Autono­mie der Märkte überhaupt keine Rede sein. Schön wär‘s ja, würden die Märkte eine richtige Freiheit genießen. Bei Staatsquoten von 40 bis 50% in vielen europäischen Ländern und angesichts des staatlichen Regulierungswahns, nicht zuletzt auch in Brüssel, erscheint solch eine These geradezu absurd.
Genauso wenig gibt es zweitens eine absolute Dichotomie zwischen Wirtschaft und Gemeinwohl. Wer so etwas behauptet, zeigt nur, dass er von Wirtschaft kaum Ahnung hat. Eine freie Wirtschaft, die auf freiem Tausch beruht, dient in der Regel immer dem Gemeinwohl, d.h. dem Wohl der Wirtschaftspartner und indirekt auch dem der Familien, des Staates, der Kirchen. Natürlich gibt es in einer gefallenen Welt auch Missachtungen des Wohls anderer – leugnet dies irgendwer? Doch warum soll nur die (kapitalistische) Wirtschaft so asozial sein? Besteht diese Gefahr nicht auch in Familie, in Kirchen und nicht in besonderem Maße in der staatlichen Bürokratie?
Wo ist drittens die Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht? Gott sei dank hat die Wirtschaft als solche kein Gesicht. (Wie sollte es aussehen? Hier fallen einem nur Diktatoren oder staatliche Planungskomitees ein.) Und was diktiert die Wirtschaft? Es sind doch staatliche Organe, die für das Diktat zuständig sind; die den Preis einer Plastiktüte oder die Abgabe auf den Strompreis oder Fangquoten festlegen. In einer freien Wirtschaft diktiert diese nicht, was produziert und auch nicht, zu welchem Preis es verkauft werden soll. Der Verbraucher ist der Souverän, und wenn dieser sich morgen in Massen von den vermeintlichen Diktatoren wie z.B. Facebook, Apple, Google und Amazon abwendet, dann ist es nicht nur mit deren Macht dahin – dann verschwinden sie womöglich ganz wie schon viele vor ihnen. Viel mehr Langlebigkeit zeigt hingegen ein gewaltiger bürokratischer Beamtenapparat, dessen Macht nur schwer zu steuern und zu begrenzen ist.
Schließlich ist es viertens falsch zu behaupten, eine „Mehrheit [sei] immer weiter entfernt vom Wohlstand“ weniger sehr Reicher. Tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie der Weltbank, dass (anders als Papst unterstellt) die Zahl der extrem armen Menschen in den vergangenen drei Jahrzehnten um mehr als 700 Millionen Menschen auf 1,2 Milliarden gesunken ist. So wird das wichtigste der sog. Milleniumsziele, nämlich die Reduzierung der extremen Armut bis 2015 um die Hälfte, schon erreicht. Verantwortlich dafür sind vor allem marktwirtschaftliche Öffnungen und Reformen in Ost- und Südostasien.
Auch Robert Grözinger dreht in „Kapitalismuskritik: Wie der Papst in Wirtschaftsfragen irrt“ (faz.net, 30.12.2013) den Spieß um: „Der Schuldige, wenn man denn einen Schuldigen pauschal nennen will, ist vielmehr der Staat. Jener Staat, der zum Beispiel in Argentinien, dem Heimatland des Papstes, durch interventionistische und Eigentumsrechte willkürlich bedrohende Politik Investoren verschreckt und die Wirtschaft so in Stagnation und Niedergang führt.“
Grözinger, Autor von Jesus, der Kapitalist, bemängelt, dass sich die Aussagen des Papstes „in einer vagen Klage gegen allzu freie Märkte erschöpfen, die aber Unkenntnis offenbaren.“ Sein Résumé: „Die Marktkritik des Papstes ist insgesamt nicht stringent.“ In seinem Augen sind diese Abschnitte im Apostolischen Schreiben „repräsentativ für die moderne Unkenntnis vieler Christen über die politische Ökonomie einer wirklich freien Marktwirtschaft und wie diese aus ihren Glaubensgrundsätzen erwächst.“ Leider, so Grözinger, ist der Schaden durch das Papst-Schreiben schon angerichtet: „Schon werden Stimmen laut, die aus Anlass dieser Bemerkungen eine grundsätzliche Marktfeindlichkeit der Kirche oder gar des Christentums konstatieren. Das ist jedoch völlig abwegig.“
Franziskus nennt die „Ungleichvertei­lung der Einkünfte“ „die Wurzel der sozialen Übel“; an anderer Stelle zitiert er die brasilianischen Bischöfe, die die „schlechte Verteilung der Güter und des Einkommens“ (191) kritisierten. Genau an dieser Stelle, die der Papst ja selbst als zentral bezeichnet, liegt er jedoch grundlegend falsch. Denn welches wirtschaftliche System ‘verteilt’ Güter am besten? Was ist bettelarmen oder darniederliegenden Wirtschaften wie in Nordkorea oder Kuba zu empfehlen? Lasst freie Märkte zu! Denn durch sie geschehen Anreize zur Produktion. Dass wir wie durch ein großes Wunder jeden Tag im Supermarkt so gut wie alles, was wir wünschen, auch finden, ist keinem Staat (dem nur indirekt), keinem Planungsbüro, keiner Kirche zu verdanken, sondern der Wirtschaft ohne Gesicht, die nach abstrakten Regeln des Marktes funktioniert. Eine perfekte Verteilung (also jedem in etwa gleich viel) kann es in einer Welt der Freiheit und in einer gefallenen Welt nicht geben. Eine möglichst breite Streuung der Güter und des Wohlstands ist nur in einer Wirtschaftsordnung gewährleistet, die Franziskus absurderweise so verdammt.
Es sind Katholiken wie Samuel Gregg in „Pope Francis and Poverty“, die ihr Kirchenoberhaupt in den wirtschaftlichen Fragen kritisieren. Gregg weist darauf hin, dass die klassischen Mittel zur globalen Umverteilung von Wohlstand und Gütern weitgehend versagt haben. Katholiken sollten sich deshalb ernsthaft fragen, warum dies so ist. Gregg und Kollegen vom Acton Institute geht es vor allem um folgendes: Die Hauptfrage ist, was Wohlstand schafft. Armut ist nicht das Problem einer mangelnden Verteilung, sondern vielmehr das der Produktion, die in zu geringem Umfang geschieht. Werden die Mechanismen der Wohlstandsschaffung erkannt, gefördert und umgesetzt, geht die Armut zurück.
Einer der wichtigsten Wohlstandsfaktoren ist ein funktionierender Rechtsstaat. Ohne diesen kann ein freie Wirtschaft nicht zum Wohl aller existieren. Hier, in der Schwäche dieses Rechtsstaates, liegt die Wurzel aller sozialen Übel in vielen Ländern. Nur ein Rechtsstaat ist in der Lage, Eigentum zu garantieren und zu schützen. Und nur stabile Eigentumsrechte bringen die Spirale von Produktion, Investition und Konsum in Gang. Doch der Papst nennt dies Problem an keiner Stelle! Der Schwarze Peter landet, wie üblich, bei den bösen Kapitalisten – kein Wort zu den korrupten Bürokraten, Kleptokraten, Potentaten. (Auch der Acton-Leiter Pfr. Robert Sirico bewertet Evangelii gaudium eher kritisch, wobei er als ordinierter Priester seine Kritik in vorsichtige Frage hüllt, s. hier; Sozialethiker Michael Novak hat jedoch mehr Verständnis für den Papst, da er betont, dass die Erfahrungen aus Südamerika seinen Blick bestimmt haben, s. hier.)
„Wie evangelisch ist der Papst?“ Er ist, so scheint es, so evangelisch wie schon seine Vorgänger. Ich sehe keinen Grund, ausgerechnet nun in Enthusiasmus zu verfallen, denn lernen können Protestanten von den Päpsten schon seit einer Weile eine Menge. Auch in Benedikts Schriften – man denke an seine Jesus-Bücher – ist viel Wahres zu finden. Und der Deutsche auf dem Thron in Rom formulierte präziser, durchdachter und ausgewogener als sein Nachfolger. Franziskus setzt nun manch anderern Akzent, was teilweise erfreulich ist. Allerdings bleibt die Mischung aus Wahr und Falsch, aus Einsatz für den Schutz der Ungeborenen (213–14) und daneben seltsamen Aussagen wie über die angeblich völlige Friedfertigkeit des Islam (253), die nur Stirnrunzeln hervorrufen.
Noch einmal: Ja, es ist viel von Franziskus zu lernen (s. auch hier). Doch ich könnte spontan auch mindestens drei Dinge nennen, die Christen von Richard Dawkins, dem Kopf der Neuen Atheisten, lernen können. Lernen können wir fast überall viel, doch die Frage nach dem Evangelischsein ist auch eine Frage nach dem Evangelium, nach der Wahrheit des Evangeliums. Der Papst in Rom mag auch Protestanten mit seiner Begeisterung anstecken, er mag beliebter sein als Benedikt, doch vertritt er evangelische Ideale? Gewiss nicht oder nur in Teilen.
Im vergangenen Jahr wurde das 450jährige Jubiläum des Heidelberger Katechismus gefeiert. Idea-Spektrum hob den Papst auf den Titel, wen wundert’s. Doch dem Heidelberger widmete man in Wetzlar keinen Titel und noch ncht einmal einen längeren Artikel. Warum ignorierte die evangelikale Bewegung in Deutschland dieses populärste aller protestantischen Bekenntnisse weitgehend? Schließlich enthält der Katechismus eine der besten Zusammenfassungen des Evangeliums. Und anders als bei Franziskus ist in diesem Büchlein fast nur Wahrheit zu finden – zumindest aus unserer protestantischen Perspektive. Mission und Evangelisation – ja, wir können uns auch von manchem Past-Wort inspirieren lassen. Warum nicht? Doch das eigene Erbe sollte darüber nicht in Vergessenheit geraten. Denn noch immer ist dort mehr Evangelium zu finden. Und Evangeliums-Menschen wollen die Evangelikalen doch sicher zuerst sein.
Tags: Evangelisation, Evangelium, Franziskus, Katholische Kirche, Papst	One Response
Das Wort den Italienern! July 30, 2014 at 10:27 · […] Aus der Perspektive eines katholisch dominierten Landes kann ich dieses Lob nicht teilen (s. hier) und muss es leider als Beispiel der von De Chirio beklagten Naivität […]
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