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Der litauische Schulplan
Vom Studium des Altertums
- wandte zuerst Schellings Begriff der Weltanschauung auf Südamerika an → Vorstellungen, die sich der Mensch im Laufe der Zeit von den bewohnten Teilen der Welt macht
- wandte Kants dreifache Ordnung des Erfahrungswissens auf die Erdwissenschaften, so daß die Geographie in Physiographia - Naturbeschreibung
stellt Betrachtungen über die belebte und unbelebte Natur an
eigentliche Erdkunde
- fragt in seinen Schriften nach der Bestimmung des Menschen, den er
nicht empirisch-historischen Merkmalen seiner Existenz entlehnt und
nicht theoretisch-spekulativ antizipiert
→ der Mensch hat in diesem Spannungsverhältnis die Aufgabe einer fortschreitenden Verständigung, d.i. der Bildungsweg
- fragt, an welchen Stellen sich das Menschliche verdichte
- das Subjekt geht auf die Welt zu, wobei es vom Früheren ausgeht, Anamnesis
- konstituiert nach Herder die Humanitätsidee als universelle geistige Welterfahrung → arbeitet an der Überwindung des Kantschen Dualismus zwischen theoretischer Vernunft - Grenzen der Erkenntnis; Naturerkenntnis - und praktischen Vernunft - Moralgesetz
- will dem Menschen einen diesbezüglichen Telos setzen → das Ich kann sich seiner niemals sicher sein, weswegen es arbeiten muß, d.i. ein konstitutives Moment des Mensch-Seins
- der Mensch muß sich seine Würde erarbeiten, d.h. sich ins Verhältnis zur Welt setzen, in der er ist: Was bin ich? – Was kann ich sein?
- betrachtet jede Kultur als unmittelbar zu Gott, Kulturlandschaften als Hierarchien
- fragt, ob die Sprache eine bestimmbare Mentalität aufbaue → Völkerpsyche
- die Sprache ist eine Physiognomik der Dinge und das etymologische Studium birgt eine Neuentdeckung der Dinge
- das Individuum besitzt eine spezielle Sphäre der Wahrnehmung, woraus sich seine Sprache ergibt
- die Phantasie muß dem Verstande ein Schema liefern
- bei gleicher Bildung wird erst Verständigung möglich
- alle Schulen müssen allgemeine Menschenbildung bezwecken
- gewerbliche Interessen müssen abgesondert nach vollendetem allgemeinem Unterricht erworben werden, sonst erzeugt die Schule unreine Bürger und unvollständige Menschen
- die Ausbildung erfolgt einheitlich in folgenden Stadien:
Universitätsunterricht
Ziel: Begeisterung durch reine Gesamtstimmung, denn die bildet die Nation
- Gegenüberstellung von Bürger und Mensch → die Schulbildung soll diesen Dualismus aufheben, denn der Mensch bedarf der höchsten und proportionierlichsten Ausbildung seiner Kräfte
- die Altertumswissenschaften dienen hierbei der Ausbildung innerer Schönheit und dem Genuß
Ziel der folgenden Arbeit ist es, Humboldts „Vom Studium des Altertums und des Griechischen insbesonderen“ zu erläutern.
§1: Das Studium des Altertums [Antike (Altertum): der Fokus des menschlichen Geistes (Bd. I, S. 368)] bietet einen zweifachen Nutzen:
einen materialen, d.i. der Stoff der Wissenschaften (Empirie) und
einen formalen (Erl. siehe unter §2).
Worin die Stofflichkeit im Näheren besteht, wird nicht erläutert.
§2: Der formale Nutzen kann wiederum in zwei Bestandteile aufgeteilt werden:
in einen ästhetischen, d.h., das Werk wird nicht in einen historischen Kontext gestellt, sondern für sich genommen und
in einen pädagogischen, der in der folgenden Arbeit genauer exemplifiziert werden soll und das eigentliche Thema bildet.
§4: Deductio: Aus dem Studium einer Nation erwächst die Fähigkeit, die Handlungen von Menschen zu beurteilen.
Dies ist Humboldts Prämisse. Von ihr aus leitet er die folgenden §§ ab.
§5: Konsekutive aus §4
Es kommt aber bei diesem Studium nicht nur darauf an, die Beziehungen der einzelnen Charakterzüge (eben dieser Nation) untereinander zu vergleichen, sondern diese auch in Beziehung zu den äußeren Umständen zu sehen. - Dieser Gedanke wird in §6 näher erläutert.
§6: Man muß das Innen erforschen, um das Außen zu bilden.
Das ist das praktische Ziel Humboldtschen Bildungsguts (Das Ziel besteht für Humboldt in der Herrschaft des ästhetischen Sinnes und der räsonierenden und handelnden Kräfte. (Bd. V, S. 628)): Der Mensch soll sowohl innerlich, als auch äußerlich einem Ideal zustreben. (wird in §8 expliziert)
§7: Einteilung von menschlichen Grundcharakteren, die es auszubilden gilt:
handelnder,
mit Ideen beschäftigter und
genießender Charakter.
Humboldt setzt die menschliche Handlung als von Moral geleitet voraus, da es ihm um einen Idealtopos geht, nicht um die Beschreibung der in diesem Falle entbehrlichen Wirklichkeit. Er möchte die Veredlung und die steigende Ausprägung (Ausbildung) des Menschen erreichen. Die Grundlagen beziehungsweise Grundsatzentscheidungen des Menschen hin zum moralischen Handeln setzt er voraus; der Wille des Menschen zum Handeln soll sich bilden eben durch die Menschenkenntnis, welche wahre Achtung erzeugt.
§§ 8, 9, 10 - Erläuterungen zu § 7.2
Der mit Ideen Beschäftigte ist Beschreibender im weitesten Sinne (also nicht eigentlich Handelnder). Er ist entweder Historiker (Beschreiber der Menschen und menschlichen Handlungen) oder Philosoph (Erkenner der wirklichen Wesen) oder Künstler (der Schönheit verpflichtet).
§8: Insofern der Historiker nur einer im abstraktesten Sinne, nämlich ein rein Beschreibender ist, bedarf er der Menschenkenntnis am wenigsten, will er jedoch auch den Blick auf den ganzen Zusammenhang wagen, ist ihm diese unentbehrlich, wie auch die Kenntnis der leblosen Welt.
§9: Prämisse aus §8. Bei der Beschreibung der einzelnen Spezialisten übergeht H. den Blick auf den Zusammenhang und versucht nur das minder Klare in ein helleres Licht zu stellen, was bei der Beschreibung des Philosophen dazu führt, den ausgeprägtesten (abstraktesten) seiner Art zu hinterfragen, den Metaphysiker.
Humboldt verfährt dabei kantisch, d.h., er setzt den Grundsatz, daß aus dem Gebiet der Erscheinungen (Phänomene) es nur den Weg der praktischen Vernunft (Regelwerk zur Erfassung der Welt) gibt, der die Realität ergreift (das Wirkliche beziehungsweise transzendental Charakterliche). Erfahrungen und Wissen können jedoch nur die Tätigkeit vorbereiten. Es ist dies jene verhängnisvolle Fehlinterpretation Kants, die nur den technisch-empirischen Kant nimmt und nicht nach dem WIE WEITER fragt, denn H. fragt nicht nach der Moral; er scheint sie wiederum vorauszusetzen.
§10: Zum Künstler: Des Genießenden (Künstler) einziger Zweck ist Schönheit.
Schönheit besitzt etwas Allgemeines, zielt jedoch auf das Individuum. Deshalb ist der Künstler im Gegensatz zum Philosophen Praktiker. Der Künstler muß dieses Individuum, auf das er wirken will, kennen, um nicht im Moralischen stecken zu bleiben. Also ist der empfindende Mensch sein Hauptstudium.
Zugleich wird hier die Problematik der Einteilung an sich offenbar: Der Künstler läßt sich in keiner Form abstrakt fassen.
§11: Erläuterung zu §10. Der bloß Genießende nimmt keine Regel an. Der edle bloß Genießende empfängt als Genießender seine Freuden durch Selbstbeobachtung. Erweckung des Genusses durch Symbole (Fetisch). Mehr Symbolkenntnis, mehr Genußfähigkeit.
Die Begriffsnegation „leiden“; Laster ist partiell auch Genuß. Der Wechsel hat Methode und kann ebenso zur Erhebung führen. Das Studium ist also Mittel, den Genuß zu steigern (Hedonismus).
§12: Begründung der Analyse von § 1 bis §11: Die Beschäftigung mit allen Einzelheiten birgt die Gesamtheit des Menschen und führt zur Schönheit seiner Einheit.
§13: Loblied auf Sokrates. Die Kenntnis des Materials bewirkt diese nicht allein, sondern führt zu einer Bewegung, „die die Ecken seiner [der des Lernenden] Formen [Umgangsformen; äußeres Sein] abschleift [der Vernunft öffnet] und neue, der Schönheit gemäße, schafft.
Der tiefere Sinn von Humboldts Bildungskonzeption liegt demgemäß im Ästhetischen. Wie Sokrates behauptet Humboldt, daß die Kenntnis eines Sachverhalts auch zur positiven Nutzanwendung (Vorbildwirkung des Ideals!) desselben führen muß.
§14: Die Qualität des Charakterstudiums der einzelnen Nation wird in vier Punkten befragt:
Ist die Hinterlassenschaft, die auf uns gekommen, ein getreuer Abdruck des Geistes der Altvordern, oder nicht?
Humboldts Frage zielt darauf, ob der überkommene Charakter individuell oder allgemein zu verstehen ist. (Führt zu Humboldts Grundfrage: Ist Allgemeingültigkeit ein richtiges und notwendiges Unterscheidungsmerkmal der Wahrheit? (Bd. V, S. 628))
Das Problem besteht darin, daß im Kunstwerk immer die Individualität des Künstlers sich ausdrückt; ansonsten ist es kein Kunstwerk. Darüber hinaus muß jedoch, nach Humboldt, auch ein überpersönlicher bzw. interindividueller Abdruck des ganzen Gemeinwesens auszumachen sein, der dem Kunstwerk erst Erfaßbarkeit durch die Nachgeborenen gibt.
Kunstwerke können in Epochen und Stile eingeteilt werden:
älterer Stil: streng und hart, mächtig und ohne Grazie
hoher Stil: frei und flüssig in der Darstellung, natürlich und erhaben
Schönheit heißt die Absicht des Künstlers
schöner Stil: feinste Grazie, Harmonie und Beseeltheit
nachahmender Stil: noch etwas von der alten Schönheit, reinen Wahrheit und edlen Einfalt
[Einteilung nach Friedrich Schlegel (1798) in: E. Aron, Die Erweckung des Griechentums durch Winckelmann und Herder. Berlin 1929. S. 32/33.]
§15: Besitzt dieser überkommene Charakter Vielseitigkeit und Einheit?
Man könnte die Frage auch anders formulieren: Liefert das Material das erforderliche Exempel der Allgemeingültigkeit des dato existierenden Zeitgeistes?
§16: Ist die zu behandelnde Nation befähigt, fremdes Gedankengut zu absorbieren in dem Sinne, daß der Vielgestaltigkeit (außen) die innere Analogie voranging?
Die äußere Gestaltung kann nur Ausdruck des inneren Empfindens sein; daß innere Empfinden jedoch muß nicht immer auch eine äußerliche Äquivalenz zur Folge haben. Humboldt interessiert die Analogie zwischen innerer Intention und äußerer Wiedergabe. In der Frage steckt eine weitere: Inwiefern ist die zu behandelnde Nation überhaupt befähigt aufzunehmen?
Man muß hier die feine Unterscheidung zwischen Aufnahme und Übernahme betonen. Die Aufnahme bildet das Übernommene weiter und bleibt nicht auf dem Stand des Übernommenen stehen, bildet so gleichsam die eigene Befindlichkeit aus, in dem Sinne, daß das Übernommene als Eigenes erfaßt wird.
§17: Wie weit kommt der individuelle Charakter der behandelten Nation dem der allgemeinen Menschheit nahe?
Humboldt verweist darauf, daß nicht das Studium jeder Nation geeignet ist, die allgemeine Menschennatur zu begreifen. Das Studium der meisten Nationen ermöglicht die Kenntnis einer Menschengattung.
§18: Hinwendung zur Beantwortung der Frage, warum das Studium des Griechischen die angeführten vier Momente befriedigend beantworten kann:
1. Moment (zu §14): Die Überreste der Griechen tragen die meisten Spuren der Individualität.
Humboldt macht diese Behauptung am Formenreichtum der Sprache fest, die er bei keiner anderen ihm bekannten Sprache vorzufinden glaubt.
§19: Erläuterung zu §18 bzw. §14: Die uns Nachgeborenen überkommene Literatur ist eine Griechische. Der Einfluß des Individuums auf die öffentlichen Angelegenheiten ist darin verbürgt (Verquickung des Individuums mit der Allgemeinheit, d.i. eine Forderung Humboldts!). In der vorzufindenden Literatur wird eine Beschreibung der Lebensumstände geliefert.
§20: Inbezugnahme von Wirklichkeit und Möglichkeit (Sonderung): Geschichte und Dichtung werden gesondert behandelt.
Dichtung: entspringt dem allgemeinen Leben, besitzt historischen, keinen ästhetischen Ursprung - die Allgemeinheit spricht mit dem Munde des einzelnen, d.i. die glückliche Verbindung von Individuum und Allgemeinheit
§21: Forderung über ein Muß der Philosophie: Abstraktheit, weil sie den Anspruch der Allgemeingültigkeit besitzt
Bei den Griechen jedoch herrscht in der Philosophie ein hohes Maß an Individualität vor. ABER: Die Griechen schufen den Ursprung der Philosophie (für Europa) und sind deshalb deren Entlehnungen und Umbildungen in anderen Sprachen vorzuziehen.
§22: 2. Moment (zu §15): Der Grieche steht noch auf einer niedrigen Stufe der Kultur. (l.Stufe: Der Gegenstand steht ganz vor uns, aber verworren und ineinander fließend. → Klärung durch Begriffsbildung bzw. der Setzung von Prämissen; 2. Stufe: Wir trennen einzelne Merkmale und unterscheiden danach. Unsere Erkenntnis ist deutlich, aber vereinzelt… → Der abstrakt geklärte Begriff bedarf der Konkretisierung in der Praxis. und die 3. Stufe: Wir verbinden das Getrennte und das Ganze steht abermals vor uns, aber letzt nicht mehr verworren, sondern von allen Seiten beleuchtet (Zukunft). → Eine Hoffnung, die dem Optimismus der Fortschrittsglaubenden entspricht, (in: Schiller NA, Bd. 21, S. 64))
Der Zwiespalt von Bedürfnis und Befriedigungsmittel lenkt die Sorgfalt des Griechen auf die Entwicklung des Individuellen statt auf die Entwicklung des Ganzen. Die Entwicklung des Individuums ist bei niedrigstufigeren Kulturen verhältnismäßig schneller als bei höherstufigen Kulturen.
§23: Antinomie zu §22: Die Griechen besaßen im Archaischen Zeitalter bereits eine Empfänglichkeit für das Ästhetische, d.i. ihr Grundcharakter.
§24: Erläuterung des Ästhetikverständnisses der Griechen: Das Ästhetische war ihnen die Ausbildung des Körpers zu Stärke und Behendigkeit. Der Wettkampf mit anderen (Prinzip des Agon) war archaisches Selbstbestimmungsprinzip. In der Klassischen Zeit schlug dieses Urprinzip der griechischen Natur in das Prinzip der Bildung um. Das archaische Lebensprinzip wurde ab- jedoch nicht aufgelöst. Beides blieb. Der leicht bewegliche Schönheitssinn war nämlich beiden Prinzipien offen und verschmolz zu dem, was wir heute als typisch „griechisch“ begreifen: die Leitung des Lebens wird den Ideen der Schönheit überlassen.
§25: Problem der Vollkommenheit: wird über das Sinnliche erfaßt
ABER: Der rein ästhetische Blick birgt nicht das Ebenmaß des Körpers; es bedarf des moralischen Feingefühls, um dem Körper wirkliche Schönheit zu verleihen.
DENN: Das Moralische darf nicht fehlen; es bedingt die Vielseitigkeit und Einheit.
§26: Was trug zur Ausprägung der Griechen bei? Sklaverei: Sie setzte den Griechen in wirtschaftliche Freiheit und gab ihm so erst die Möglichkeit, Muße zu tun.
§27: Regierungsverfassung: Die republikanische (demokratische) ließ jedem Bürger Mitspracherecht, so daß er über rhetorische (sophistische) Fertigkeiten verfügen mußte, d.i. ein Bildungsauftrag!, um etwas zu erreichen. Das galt für den einfachen Bürger. Der Staatsmann dagegen mußte sich ganz bilden (körperlich und geistig), um dem griechischen Formenideal zu entsprechen, d.h., er mußte gewissen Idealvorstellungen derer entsprechen, von denen er ein Mandat wollte.
§28: Religion: Sie war sinnlich. Die Götter besaßen menschliche Eigenschaften und förderten so gleichsam den Drang der Griechen, diese zu versinnbildlichen (der große Gegensatz zu den Juden). Dies führte zu einer Näherung an die Konkretheit der Schönheit - für alle!
Die Griechen bedurften keiner Priester, weil das ganze Volk an religiösen Zeremonien teilnahm; Verantwortlichkeiten, mithin daraus folgen könnende Rechte in diesem Falle nicht delegierte.
§29: Nationalstolz: Die Nation nahm jedes Talent, das ausgebildet ihr zusätzliche Kraft geben könnte, in Schutz und half so, vielerlei Talent auszuprägen. Griechischer Nationalstolz ist das Gefühl für Ehre und Nachruhm.
§30: Kleinstaaterei: Die Ausprägung nur eines Naturells (im Nationalstaat beispielsweise) ist mit Einseitigkeit verbunden. Die Ausprägung vieler Naturelle eines nationalen Verbandes dagegen führt zu gegenseitiger Befruchtung. Die Voraussetzungen dazu waren mit den Olympischen Spielen, an denen alle Griechen teilnahmen, gleicher Sprache und gleicher Religion gegeben. Ein weiterer wichtiger Punkt, der die gegenseitige Befruchtung mehrte, war die Eifersucht sich benachteiligt geglaubter Poleis.
§31: 3. Moment (zu §16): Der Grieche war von außen leichter reizbar und von innen leichter beweglicher als andere Nationen. Der Einfluß des Andersdenkenden war täglicher Bestandteil in einer vielgestaltigen Welt. Der Grieche hat diesen Einfluß nicht nur zugelassen, sondern gesucht, sich ihm aber nicht ausgesetzt; ergo, Schutzmaßnahmen zur Sicherung des Eigenen ergriffen (Polisbürger und Rechte politische Rechte Auswärtiger). Jede Bewegung braucht einen festen Punkt, von dem aus bewegt wird.
§32: Weiterführung: Die Religion übte keine Herrschaft aus. Sie strebte nach Ideen der Schönheit und Freiheit und gab diesen Gestalt. In diesem Sinne wurde Fremdes aufgenommen.
§33: 4. Moment (zu §17): Im Griechischen zeigt sich der ursprüngliche Charakter der Menschheit überhaupt.
Die Vorzüge der Griechen:
ungewöhnliche Ausbildung des Gefühls der Phantasie in früher Entwicklungsphase
treues Bewahren der Naivität in späterer Entwicklungsphase
Darum muß das Studium dieses Charakters heilsam sein!
hohe Ausbildung des Schönheitsgefühls und des Geschmacks bei der ganzen Nation
Dieser Geschmack ist für den vielschichtigen Menschen notwendig und gibt ihm erst die wahre Politur.
§35: Über die Möglichkeit des Studiums:
beträchtliche Anzahl von Denkmälern literarischen und gegenständlichen Charakters
der entschiedene Nationalcharakter der Griechen
§36: Anmerkung zu §35
Kann das Studium des Griechischen durch das einer anderen ausgetauscht werden?
Der Blick in die Ferne könnte bei einer anderen Nation Vorzüge zeitigen. Im Europa von 1793 ist keine andere studierendswerte Nation zu nennen, denn alle anderen bekannten Nationen rekurrieren auf Hellas.
§37: Vorschriften für die Durchführung des Studiums:
Eine bloße Deskription der Griechen ist nicht hinlänglich; man muß den Charakter selbst erfahren (finden)! Das Selbststudium, das Bemühen um die Absorption des Stoffes, steht vor der Vermittlung durch Lehrer.
§38: Man muß eine Studienordnung einhalten!
Im Anfang steht der an Formen- und Gestaltungsvielfalt reichste Grieche: Pindar. ( „Nur erst mit den besten und edelsten der griechischen Schriftsteller vertraut, ist seine Vorstellung vom griechischen Geiste… vielleicht zu idealisch verfärbt.“ (in: R. Haym, W. von Humboldt. Berlin 1856. S. 75)) Allerdings darf man den historischen Kontext nicht außer Acht lassen und sollte ihn beim Lesen der beschreibenden Literatur berücksichtigen, d.h. kennen.
§39: Man beginne in der archaischen Zeit, nicht in der Klassik!
Im Archaischen Zeitalter liegen die Keime des Glanzes der Klassik und sind auch die Wurzeln des Untergangs zu finden.
§40: Hilfsmittel für das Studium:
Quellen, die durch Kritik und Interpretation bearbeitet wurden.
§41: Antiquitäten (im weitesten Sinne) geben Anschaulichkeit.
§42: Übersetzungen haben dreierlei Nutzen:
Kenntnis vom unzugänglichen Original
Verständigungshilfe für zugängliches Original
Einführung in zugängliches Material, d.i. der wichtigste Punkt
ABER. Der letzte Nutzen einer Übersetzung ist derjenige, der sie selbst zerstört – um einen neuen Text zu schaffen.
§43: Einschränkung für das Studium des Griechischen: Nicht alle können das Griechische studieren…
ABER: Jede Kenntnis des einzelnen Studierenden kann Eigentum aller genannt werden, d.i. eine Aufgabe für die Nation.
Humboldt hoffte, daß Schiller seine Pindarischen Oden wohlwollend rezensiere und darin sogleich eine Hinwendung zu den Alten begründe. Getreu den selbst angelegten Maßstäben betrieb er ein intensives Studium, worin er von seinem Lehrer Heyne nachhaltig angeregt ward. Heyne, der Humboldt in Göttingen lehrte, wollte das Verhältnis von Philologie und Ästhetik auflösen, indem er aus der Scholastik beider eine Doppelwissenschaft forderte. (Statt der pedantischen Aktenleserei in getrennten Lesesälen ein Verquickung zum gegenseitigen Vorteil. (Haym, S. 70))
Den kongenialen Mitstreiter fand Humboldt jedoch im Hallenser F.A. Wolf, der über Platons „Phädron“ hinaus Humboldt auf das Studium der Methode lenkte. In der Abgeschiedenheit Aulebens (bei Nordhausen) befaßte er sich mit dem Studium des ganzen Griechentums, „welches gleichsam den ganzen Menschen zusammenknüpft, ihn nicht nur fähiger, stärker, besser an dieser oder jener Seite, sondern überhaupt zum edleren und größeren Menschen macht!“ In diesem Sinne gab sich Humboldt Rechenschaft über seine Absichten in bezug auf das intensiv betriebene Studium der Griechen.
Es bildet sich jedoch der Eindruck, daß Humboldt - seiner Sehnsucht nach - wohl eher Künstler als Bildungsästhet sein wollte, da er dem Künstler als einzigem eine ausgewogene Vielschichtigkeit zugesteht (§ 10). Gleichzeitig merkt er an: „… das Beschäftigen einzelner Seiten der Kraft bewirkt leicht mindere Rüksicht auf den Nuzen dieses Beschäftigens … und nur häufiges Betrachten des Menschen in der Schönheit seiner Einheit führt den zerstreuten Blik auf den wahren Endzweck zurück.“ (§ 12)
- seine grundlegende Kategorie geschichtlichen Denkens ist die Menschheit, nicht die Zeit (Bäumler)
- polierte Noblesse des Denkens und Fühlens
- sah in der Lösung der sozialen Frage das Kernproblem der Revolution (Schiller)
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