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Timestamp: 2020-02-25 02:43:26+00:00

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Das Kin­der­geld und das steu­er­li­che Exis­tenz­mi­ni­mum des Kin­des | Rechtslupe
Das Kin­der­geld und das steu­er­li­che Exis­tenz­mi­ni­mum des Kin­des
Die ab 2004 gel­ten­de Fas­sung des § 31 Satz 4 EStG geht zurück auf das Steu­er­än­de­rungs­ge­setz 2003 vom 15.12.2003 1. Bis ein­schließ­lich des Ver­an­la­gungs­zeit­raums 2003 waren nach § 31 Satz 4 EStG a.F. die Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG abzu­zie­hen, wenn die gebo­te­ne steu­er­li­che Frei­stel­lung des Exis­tenz­mi­ni­mums des Kin­des durch das Kin­der­geld nicht in vol­lem Umfang bewirkt wur­de; in die­sem Fall war das gezahl­te Kin­der­geld nach § 36 Abs. 2 Satz 1 EStG a.F. der tarif­li­chen Ein­kom­men­steu­er hin­zu­zu­rech­nen. Auf­grund der Geset­zes­än­de­rung ist seit dem Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2004 im Rah­men der Ver­gleichs­rech­nung nach § 31 Satz 4 EStG auf den Anspruch auf Kin­der­geld abzu­stel­len. Für die Ände­rung des § 31 EStG waren Gesichts­punk­te der Ver­fah­rens­ver­ein­fa­chung maß­ge­bend. Nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers soll­ten ins­be­son­de­re Ände­run­gen der Steu­er­fest­set­zung auf­grund einer nach­träg­li­chen Gewäh­rung von Kin­der­geld ver­mie­den wer­den 2. Für die Hin­zu­rech­nung von Kin­der­geld ist somit der ursprüng­li­che, vor Erlö­schen (z.B. durch Erfül­lung) bestehen­de mate­ri­ell-recht­li­che Kin­der­geld­an­spruch maß­ge­bend. Wegen der vom Gesetz­ge­ber aus­drück­lich gewoll­ten Abkop­pe­lung der Steu­er- von der Kin­der­geld­fest­set­zung ist nicht ent­schei­dend, ob der Anspruch tat­säch­lich durch Zah­lung erfüllt wor­den ist 3.
Die Vor­schrift des § 31 Satz 4 EStG ver­stößt weder gegen das ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot der steu­er­li­chen Frei­stel­lung des Kin­der­exis­tenz­mi­ni­mums (Art. 1 i.V.m. Art.20 Abs. 1, Art. 6 Abs. 1 GG) noch gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG.
Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts for­dert das Grund­ge­setz, dass exis­tenz­not­wen­di­ger Auf­wand in ange­mes­se­ner, rea­li­täts­ge­recht bestimm­ter Höhe von der Ein­kom­men­steu­er frei­ge­stellt wird (Art. 1 i.V.m. Art.20 Abs. 1 GG). Art. 6 Abs. 1 GG gebie­tet dar­über hin­aus, dass bei der Besteue­rung einer Fami­lie das Exis­tenz­mi­ni­mum sämt­li­cher Fami­li­en­mit­glie­der steu­er­frei bleibt 4.
Zudem for­dert Art. 3 Abs. 1 GG, die Steu­er­last am Prin­zip der finan­zi­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit aus­zu­rich­ten. Danach müs­sen in des­sen Aus­prä­gung als Gebot "hori­zon­ta­ler Steu­er­gleich­heit" Steu­er­pflich­ti­ge bei glei­cher Leis­tungs­fä­hig­keit gleich hoch besteu­ert wer­den. Eine ver­min­der­te Leis­tungs­fä­hig­keit durch Unter­halts­ver­pflich­tun­gen gegen­über einem Kind muss bei allen Steu­er­pflich­ti­gen unab­hän­gig von ihrem indi­vi­du­el­len Grenz­steu­er­satz berück­sich­tigt wer­den 5.
Dem Gesetz­ge­ber steht es grund­sätz­lich frei, die kind­be­ding­te Min­de­rung der Leis­tungs­fä­hig­keit ent­we­der im Steu­er­recht zu berück­sich­ti­gen, ihr durch Gewäh­rung von Kin­der­geld Rech­nung zu tra­gen oder bei­de Mög­lich­kei­ten zu kom­bi­nie­ren 6. Von daher ist für den Fall, dass eine ver­fas­sungs­recht­lich nicht aus­rei­chen­de Berück­sich­ti­gung der Min­de­rung der Leis­tungs­fä­hig­keit auf­grund von Unter­halts­zah­lun­gen gel­tend gemacht wird, das gesam­te betrof­fe­ne Nor­men­ge­flecht in den Blick zu neh­men.
§ 31 Satz 4 EStG genügt die­sen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen. Der Umstand, dass die Klä­ger trotz der in Abzug gebrach­ten Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG als Fol­ge der ver­sag­ten Kin­der­geld­ge­wäh­rung kei­ne Ent­las­tung in Höhe der hin­zu­ge­rech­ne­ten Kin­der­geld­an­sprü­che erhal­ten haben, begrün­det zwar eine Här­te im Ein­zel­fall, nicht aber die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 31 Satz 4 EStG.
Es liegt kein Ver­stoß gegen das Gebot der steu­er­li­chen Ver­scho­nung des Kin­der­exis­tenz­mi­ni­mums vor.
Die in § 31 Satz 4 EStG vor­ge­se­he­ne Anknüp­fung an den Kin­der­geld­an­spruch anstel­le der Kin­der­geld­zah­lung als Hin­zu­rech­nungs­grö­ße bei Abzug der Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG führt zwar dazu, dass die kind­be­ding­te Min­de­rung der Leis­tungs­fä­hig­keit im Umfang des Kin­der­geld­an­spruchs aus­schließ­lich als Steu­er­ver­gü­tung bean­sprucht wer­den kann und sich bei der Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung im Ergeb­nis nur noch die Dif­fe­renz zwi­schen der Steu­er­min­de­rung durch die Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG und dem Kin­der­geld­an­spruch aus­wir­ken kann 7. Der Gesetz­ge­ber hat das Kin­der­geld aber funk­tio­nal in die Besteue­rung ein­ge­bun­den. Es wird –auf Antrag (§ 67 EStG)– im lau­fen­den Jahr als Steu­er­ver­gü­tung monat­lich gezahlt (§ 31 Satz 3 EStG). Zustän­dig hier­für sind die Fami­li­en­kas­sen (§ 70 Abs. 1 EStG) als Finanz­be­hör­den (§ 6 Abs. 2 Nr. 6 AO)). Dabei hat der Gesetz­ge­ber dem Steu­er­pflich­ti­gen die Oblie­gen­heit über­tra­gen, sei­ne Kin­der­geld­an­sprü­che selbst gel­tend zu machen. Das Kin­der­geld stellt in sei­ner steu­er­recht­li­chen Funk­ti­on einen –von der Mit­wir­kung des Berech­tig­ten abhän­gi­gen– Abschlag auf das steu­er­lich zu ver­scho­nen­de Exis­tenz­mi­ni­mum eines Kin­des dar. Dies­be­züg­lich darf der Gesetz­ge­ber unter­stel­len, dass der Steu­er­pflich­ti­ge –sei­nem mut­maß­li­chen Inter­es­se fol­gend– den Anspruch auf Kin­der­geld im lau­fen­den Jahr rea­li­siert.
Im Übri­gen ist der Steu­er­pflich­ti­ge auch nicht mit struk­tu­rel­len –dem Gesetz­ge­ber zuzu­rech­nen­den– Pro­ble­men bei der Durch­set­zung sei­nes Anspruchs auf Kin­der­geld kon­fron­tiert. Ins­be­son­de­re kann das Kin­der­geld ab dem Ver­an­la­gungs­zeit­raum 1998 –anders als noch nach § 66 Abs. 3 EStG a.F.– nicht mehr nur rück­wir­kend für sechs Mona­te, son­dern bis zur Gren­ze der vier­jäh­ri­gen Fest­set­zungs­frist bean­tragt wer­den (§ 155 Abs. 4 i.V.m. § 169 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AO). Dane­ben steht dem Steu­er­pflich­ti­gen bei einer ver­sag­ten Kin­der­geld­ge­wäh­rung der Rechts­weg zu den Finanz­ge­rich­ten (§ 33 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 FGO) offen.
Nach alle­dem ist das Gebot der steu­er­li­chen Ver­scho­nung des Kin­der­exis­tenz­mi­ni­mums hin­rei­chend gewahrt.
Eben­so liegt kein Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG vor 8.
Die Ver­gleichs­rech­nung nach § 31 Satz 4 EStG erfolgt für alle Steu­er­pflich­ti­gen nach den­sel­ben Kri­te­ri­en. Die von den Klä­gern behaup­te­te Ungleich­be­hand­lung gegen­über Steu­er­pflich­ti­gen, die das Kin­der­geld aus­be­zahlt erhal­ten, ist nicht Fol­ge einer in § 31 Satz 4 EStG ange­leg­ten ver­fas­sungs­wid­ri­gen Ungleich­be­hand­lung, son­dern dem Umstand geschul­det, dass die Klä­ger die ihnen zumut­ba­re Sor­ge in eige­nen Ange­le­gen­hei­ten ver­letzt haben.
Abge­se­hen davon ist die mit der Ände­rung des § 31 Satz 4 EStG ange­streb­te Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung ein nach­voll­zieh­ba­rer sach­li­cher Grund dafür, dass der Gesetz­ge­ber auf den Kin­der­geld­an­spruch abge­stellt hat 9. Die hier­mit ein­her­ge­hen­de Typi­sie­rung ist ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, weil es dem mut­maß­li­chen Wil­len des Steu­er­pflich­ti­gen ent­spricht, dass er einen bestehen­den Kin­der­geld­an­spruch (bereits) im lau­fen­den Jahr –ggf. unter Zuhil­fe­nah­me gericht­li­chen Rechts­schut­zes– rea­li­sie­ren wird.
BT-Drs. 15/​1798, S. 2[↩]
BFH, Urteil vom 15.03.2012 – III R 82/​09, BFHE 236, 539; BFH, Urteil vom 13.09.2012 – V R 59/​10, BFH/​NV 2012, 2073[↩]
BVerfG, Beschluss vom 08.06.2004 – 2 BvL 5/​00, BVerfGE 110, 412, m.w.N.[↩]
BVerfG, Beschluss in BVerfGE 110, 412; BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schluss vom 07.09.2009 – 2 BvR 1966/​04, Fam­RZ 2009, 2068[↩]
BVerfG, Beschluss in BVerfGE 110, 412, m.w.N.[↩]
BFH, Urteil in BFH/​NV 2012, 2073[↩]
s. auch BFH, Urteil in BFH/​NV 2012, 2073[↩]
s. BFH, Urteil in BFH/​NV 2012, 2073[↩]

References: § 31
 § 31
 § 32
 § 36
 § 31
 § 31
 § 31
 Art.20
 Art. 6
 Art. 3
 Art.20
 Art. 6
 Art. 3

§ 31
 § 32
 § 31
 § 31
 § 32
 § 32
 § 66
 § 169
 Art. 3
 § 31
 § 31
 § 31