Source: https://www.stasi-mediathek.de/medien/urteil-des-bezirksgerichts-suhl-gegen-vier-hellinger-bauern/blatt/178/
Timestamp: 2020-07-10 19:53:20+00:00

Document:
Urteil des Bezirksgerichts Suhl gegen vier Hellinger Bauern | Mediathek des Stasi-Unterlagen-Archivs
Signatur: BStU, MfS, BV Suhl, AU, Nr. 48/53, Bl. 172-178
Am 17. Juni wurden die Einwohner zu einer Versammlung einberufen, die um 21:15 Uhr beginnen sollte. Dort sprach ein Referent aus der Kreisstadt über die "Gründung von Haus- und Hofgemeinschaften". Das wollten die Hellinger an diesem Tag jedoch überhaupt nicht hören. Sie erwarteten eine Stellungnahme zu den Ereignissen in Berlin und den anderen Orten. Es kam zu Zwischenrufen und Tumulten. Mehrere Redner kritisierten unter großem Beifall die Politik der Regierung. Das letzte Jahr war für die Bauern besonders hart gewesen. Sie mussten ihre Produkte zu festgesetzten, geringen Preisen abgeben. Wer sich weigerte, dem drohte Gefängnis.
Zwei Tage später, am 19. Juni, marschierten Bewaffnete – darunter auch Sowjetsoldaten – in den Ort. MfS-Mitarbeiter verhafteten vier Hellinger Einwohner und verhörten sie die ganze Nacht. Bereits am nächsten Tag fand der Prozess vor dem 1. Strafsenat des Bezirksgerichts Suhl in Meiningen statt.
Am 22. Juni, früh um 5:30 Uhr, verkündete das Gericht im Namen des Volkes die Urteile gegen die vier Personen: zwei Bauern erhielten Gefängnisstrafen wegen Staatsverleumdung bzw. Störung einer Versammlung. Der Landwirt Knopf jedoch wurde zu zweieinhalb und der Landwirt Stärker zu eineinhalb Jahre Zuchthaus wegen Boykotthetze verurteilt. Diese harten Urteile gegen die angesehenen Bauern lösten große Unruhe und Empörung aus, nicht nur in Hellingen. Jeder konnte sich hier vorstellen, was es bedeutet, wenn in der Erntezeit oder in der Zeit der Feldbestellung der Bauer fehlte.
Bezirksgericht Suhl, Strafsenat I
Der Angeklagte Knopf hat eine massive Hetze gegen unsere Regierung betrieben. Das hat er sich schon vor Beginn der Versammlung vorgenommen wie seine Äusserungen in der Gaststube zeigen. Dieser Angeklagte hat von den Berliner Provokationen gehört und die Situation in gefährlicher Weise ausgenutzt um in Hellingen eine republikfeindliche Stimmung zu erzeugen. Er hat die Fehler unserer Regierung "Verbrechen" genannt und gefordert, dass die Regierung dafür zur Verantwortung gezogen würde. Gerade seine Hetze als erster hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Erregung in der Versammlung immer mehr stieg. Es wäre ihm auch recht gewesen, wenn sich die Menge auf die Funktionäre gestürzt hätte und in Hellingen ähnliche Ausschreitungen vorgekommen wären wie in Berlin. Der Angeklagte ist ein alter Faschist und ein Feind unserer Republik der glaubte, dass für ihn jetzt die Stunde gekommen sei um Verwirrung in der Bevölkerung zu stiften und gegen unsere Regierung zu hetzen. Bei ihm ist der Tatbestand des Art. 6 d. Verf. in objektiver und subjektiver Hinsicht erfüllt und wegen der Propagierung faschistischer Terrormethoden musste auch eine Bestrafung aus KD 38 Abschnitt II Art. III A II erfolgen. Das Gericht hatte keine Veranlssung von der beantragten Strafe mit 2 Jahren und 6 Monaten [unkenntlich] Zuchthaus mit den obl. Sühnemassnahmen abzuweichen da diese Strafe der gesellschaftlichen Gefährlichkeit der Handlungsweise des Angeklagten, seiner Person und der möglichen Folgen seiner Tat durchaus entspricht.
Auch bei dem Angeklagten Stärker musste der Art. 6 d. Verf. u. KD 38 Abschnitt II Art. III A III zur Anwendung kommen. Seine Aufforderung, die Funktionäre aus dem Saal zu entfernen stellt Boykotthetze gegen unsere demokratischen Parteien und Massenorganisationen dar.
Es wäre ihm durchaus recht gewesen, wenn sich einige Anwesende auf die Funktionäre gestürzt hätten und diese niederschlugen. Mit seiner Äusserung dass sich die Bauern ebenso wie die Arbeiter in Berlin zusammenschliessen müssten und die Regierung zum Teufel gejagt werden solle zeigte er seine Verbundenheit zu den Provokationen in Berlin und wäre auch damit einverstanden gewesen, wenn sich ähnliches in Hellingen abgespielt hätte. Derartige Äusserunge können nur ihr Motiv in einer feindlichen Einstellung zu unserer Republik und Regierung haben. Sie zeugen von einer Gesellschaftsgefährlichkeit die entsprechend dem Antrage des St.A. mit einer Zuchthausstrafe von einem Jahr und sechs Monaten mit den obl. Sühnemassnahmen, der KD 38 zu ahnden sind.
Das sich der Verdacht gegen den Angeklagten Voit, dass dieser zum Sturz der Regierung aufgefordert hat, nicht bestätigte, konnte eine Bestrafung nach Art. 6 d. Verf. u. KD 38 nicht erfolgen. Seine Handlungsweise stellt jedoch eine bewusste Staatsverleumdung gem. § 131 St.G.B. dar. Er hat die Tatsache der Ausbildung unserer Lehrer wissentlich entstellt indem er in einer Versammlung von 200 Personen öffentlich von einem Zustand ausging, wie er vor sieben Jahren einmal gewesen ist und dabei die derzeitige Ausbildung unserer Lehrer bewusst verschwiegen um einen möglichst schlechten Eindruck von unserer demokratischen Schule und der Erziehung unserer Jugend zu erwecken. Mit dieser Handlungsweise hat er unsere demokratische Schule in der Öffentlichkeit verächtlich gemacht und war entsprechend zu bestrafen.
Der St.A. beantragte eine Gefängnisstrafe von einem Jahr.
Mit Rücksicht darauf, dass als das Hauptmotiv bei der Handlungsreise des Angeklagten dessen Erbitterung zu erkennen war, dass er der scheinbar sehr an seinem Beruf hängt - nicht mehr Lehrer sein darf, glaubt der Senat, dass auch eine solche von neun Monaten ein ausreichendes Erziehungsmittel darstellt um den Angeklagten in Zukunft davon abzuhalten sich derart abfällig und verächtlich über unsere demokratische Schule in der Öffentlichkeit zu äussern.
Bei dem Angeklagten Schwesinger war ebenfalls die Anwendung des Art. 6 und der KD 38 zu verneinen. Dieser fast 70 Jahre alte Angeklagte hat impulsiv eine Äusserung getan die ihre wahre Ursache in dem Ärger hatten, dass sein Schwiegersohn umgesiedelt wurde und er die ganze Landwirtschaft allein machen musste. Der Angeklagte ist herbei aber doch zu weit gegangen indem er davon sprach, dass die Stricke zum Aufhängen unserer Regierung schon bereit lägen. Auch er mit seiner Äusserung hat dazu beigetragen, dass die Versammlung ihre eigentliches Ziel nicht erreichte und es hierbei zu Provokationen kam. Durch seinen Hinweis mit den Stricken hat er die Bedrohungen mit einem Verbrechen wesentlich unterstützt. Der St.A. beantragte eine [unkenntlich] Gefängnisstrafe von einem Jahr und zwei Monaten. Das Gericht sah jedoch die Gesellschaftsgefährlichkeit des Angeklagten - infolge seine Alters - und seiner Tat - nur eine kurze Äusserung - nicht so schwer an, dass eine solche Strafe erforderlich wäre um den Angeklagten zu erziehen und andere Personen von ähnlicher Handlungsweise abzuhalten. Es wird auch eine Gefängnisstrafe von acht Monaten als Erziehungs- und Schutzmassnahme ausreichend sein.
Die Anrechnung der verbüssten Untersuchungshaft beruht auf § 219 (2), die Kostenentscheidung auf § 353 St.P.O
Urteil des Bezirksgerichts Suhl gegen vier Hellinger BauernStasi Mediathek
Schreiben des Suhler Bezirksstaatsanwalts zu einem "Justizausspracheabend" über vier verhaftete Hellinger Bauern Dokument, 2 Seiten
Suhl Angeklagter Berlin Arbeiter

References: Art. 6
 Art. 6
 Art. 6
 § 131
 Art. 6
 § 219
 § 353