Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/3e8fdd68837dbaac4884cfe4dcb4e5aa854124a1a14e4068fb54bfedb0d31c20
Timestamp: 2019-03-25 18:09:24+00:00

Document:
BGH, XI ZR 242/08: BGH (darlehensvertrag, wahrung der frist, rechtliche qualifikation, arglistige täuschung, höhe, ausfertigung, inhalt, empfangsbestätigung, zpo, verbraucher)
Urteil des BGH vom 26.05.2009, XI ZR 242/08
XI ZR 242/08
BGH (darlehensvertrag, wahrung der frist, rechtliche qualifikation, arglistige täuschung, höhe, ausfertigung, inhalt, empfangsbestätigung, zpo, verbraucher)
Darlehensvertrag, Wahrung der frist, Rechtliche qualifikation, Arglistige täuschung, Höhe, Ausfertigung, Inhalt, Empfangsbestätigung, Zpo, Verbraucher
XI ZR 242/08 Verkündet am: 26. Mai 2009 Herrwerth Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Der XI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 26. Mai 2009 durch den Vorsitzenden Richter Wiechers, den
Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 31. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Hamm vom 18. Juni 2008 aufgehoben.
Auf die Berufung des Klägers wird das Urteil der 6. Zivilkammer
des Landgerichts Essen vom 20. Juli 2006 abgeändert.
Es wird festgestellt, dass der Kläger der Beklagten aus dem
zwischen ihnen unter dem 31. Juli/15. August 2000 abgeschlossenen Darlehensvertrag bis zum Ende des Darlehensvertrages
Zinsen in Höhe von nicht mehr als 4% p.a. schuldet.
Im Übrigen werden die Klage abgewiesen sowie die Berufung
des Klägers und die Revision der Beklagten zurückgewiesen.
Die Kosten des Rechtsstreits tragen der Kläger zu 5/6 und die
Beklagte zu 1/6.
die Beklagte, eine Bank, zur Finanzierung der Beteiligung an einem geschlossenen Immobilienfonds gewährt hat.
2Der Kläger, ein damals 35 Jahre alter Stahlformenbauer, wurde im
Juli 2000 in seiner Wohnung von einem Vermittler geworben, sich über
einen Treuhänder an dem geschlossenen Immobilienfonds "S.
GbR" (nachfolgend: Fonds) zu beteiligen. Zur Finanzierung des Fondsbeitritts schloss er mit der Beklagten
am 31. Juli/15. August 2000 einen Vertrag über ein tilgungsfreies Darlehen in Höhe von 35.688,89 DM zu einem bis zum 30. August 2005 festgeschriebenen effektiven Jahreszins von 9,29%. Die Gesamtlaufzeit des
Darlehens ist mit maximal 20 Jahren, der Gesamtbetrag aller Zahlungen
bis zum Ende der Zinsbindung mit 11.773,80 DM angegeben. Als Kreditsicherheiten sieht der Darlehensvertrag unter anderem die Verpfändung
des Fondsanteils und die Abtretung einer Kapitallebensversicherung vor.
Dem Darlehensvertrag auf einer besonderen Seite beigefügt war eine
von dem Kläger gesondert unterschriebene Widerrufsbelehrung nach
dem Haustürwiderrufsgesetz, die unter anderem folgenden Inhalt hat:
"Sie können Ihre auf den Abschluß dieses Darlehensvertrages gerichtete Willenserklärung binnen einer Frist von einer Woche … schriftlich widerrufen.
Im Falle des Widerrufs kommen auch die finanzierten verbundenen Geschäfte nicht wirksam zustande. …
3Auf derselben Seite der Widerrufsbelehrung befindet sich der weitere, gesondert zu unterschreibende Abschnitt, der ebenfalls vom Kläger
unterschrieben wurde:
4Nach Gegenzeichnung des Darlehensvertrages am 15. August
2000 erhielt der Kläger eine Vertragsausfertigung; auf dessen Weisung
zahlte die Beklagte die Darlehensvaluta an den Treuhänder aus.
5Mit Schreiben vom 31. Januar 2005 widerrief der Kläger den Darlehensvertrag mit der Behauptung, zur Abgabe der Darlehensvertragserklärung aufgrund einer Haustürsituation bestimmt worden zu sein. Seine
Klage stützt er jedoch vorrangig auf die Unwirksamkeit des Darlehensvertrages wegen fehlender Gesamtbetragsangabe. Auf jeden Fall schulde er deshalb nach § 6 Abs. 2 Satz 2 VerbrKrG in der bis zum 30. September 2000 geltenden Fassung (im Folgenden: aF) lediglich den gesetzlichen Zinssatz von 4%.
6Unter Berufung darauf nimmt er die Beklagte auf Rückzahlung der
auf das Darlehen geleisteten Zahlungen abzüglich der Fondsausschüttungen in Höhe von 4.991,60 € nebst Zinsen Zug um Zug gegen Abtre-
tung der Fondsbeteiligung in Anspruch. Außerdem begehrt er die Feststellung, dass der Beklagten aus dem Darlehensvertrag keine Ansprüche
mehr zustehen. Hilfsweise verlangt er wegen der fehlenden Gesamtbetragsangabe im Darlehensvertrag die Feststellung, dass er der Beklagten
aus dem Darlehensvertrag bis zum Vertragsende Zinsen in Höhe von
nicht mehr als 4% p.a. schulde. Die Beklagte erhebt die Einrede der Verjährung und wendet unter anderem ein, der Kläger müsste sich weitere
Fondsausschüttungen anrechnen lassen.
7Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Auf die Berufung des
Klägers hat das Berufungsgericht der Klage stattgegeben. Mit der vom
Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt die Beklagte ihren Klageabweisungsantrag weiter.
8Die Revision ist teilweise begründet. Sie führt zur Aufhebung des
angefochtenen Urteils und - unter Abänderung des landgerichtlichen Urteils - zur Verurteilung der Beklagten nach dem von dem Kläger in der Berufungsinstanz hilfsweise gestellten Feststellungsantrag.
10Dem Kläger stehe kein Rückzahlungsanspruch wegen Nichtigkeit
des Darlehensvertrages nach § 6 Abs. 1 VerbrKrG aF zu. Eine mögliche
Nichtigkeit des Vertrages wegen fehlender Gesamtbetragsangabe sei
nach § 6 Abs. 2 VerbrKrG aF geheilt worden, weil die Auszahlung der Darlehensvaluta auf Weisung des Klägers erfolgt sei. Der Kläger könne sein
Begehren auch nicht im Wege des Rückforderungsdurchgriffs auf einen
Schadensersatzanspruch gegen die Fondsinitiatoren stützen, weil er eine
arglistige Täuschung seitens der Fondsinitiatoren oder Gründungsgesellschafter nicht dargetan habe. Schließlich stehe dem Kläger auch kein
Schadensersatzanspruch wegen einer vorsätzlichen Verletzung vorvertraglicher Aufklärungspflichten durch den Vermittler zu. Dessen Äußerung,
die Kapitalanlage trage sich durch die Ausschüttungen und steuerliche
Ersparnisse selbst, habe lediglich werbenden Charakter. Dass die Mieterträge der Fondsobjekte hinter den Prospektangaben zurückbleiben könnten, sei ein allgemein bekanntes Risiko. Auf die fehlende Veräußerbarkeit
der Fondsbeteiligung habe der Vermittler im Jahr 2000 noch nicht hinweisen müssen. Die erstmalig in der Berufungsverhandlung aufgestellte Behauptung des Klägers, der Vermittler habe ihm die jederzeitige Veräußerbarkeit zugesichert, sei gemäß § 531 Abs. 2 Nr. 3 ZPO nicht zu berücksichtigen.
11Der Kläger habe aber seine Darlehensvertragserklärung nach § 1
Abs. 1 HWiG in der bis zum 30. September 2000 geltenden Fassung (im
Folgenden: aF) wirksam widerrufen. Der Vertragsabschluss beruhe auf
einem Hausbesuch des Vermittlers. Der Kläger habe den Vertrag noch im
Januar 2005 widerrufen können, weil die Widerrufsbelehrung fehlerhaft sei
und daher die Widerrufsfrist nicht in Lauf gesetzt habe. Zwar führe der
Zusatz, dass auch die finanzierten verbundenen Geschäfte im Falle eines
Widerrufs nicht zustande kämen, nicht zur Fehlerhaftigkeit der Belehrung.
Dagegen genüge die Erklärung, dass die Widerrufsfrist frühestens beginne, wenn die Belehrung über das Widerrufsrecht ausgehändigt worden
sei, "jedoch nicht bevor Sie die von uns gegengezeichnete Ausfertigung
des Darlehensvertrages erhalten haben", nicht den gesetzlichen Anforderungen des § 2 Abs. 1 Satz 2 HWiG aF. Die Widerrufsfrist habe nach dieser Vorschrift - unabhängig vom Erhalt einer Ausfertigung des Darlehensvertrages - mit der Aushändigung einer Belehrung an den Verbraucher
begonnen. Die Belehrung der Beklagten sei somit inhaltlich unzutreffend
gewesen. Aufgrund dessen könne der Kläger von der Beklagten die Rückabwicklung des gesamten Geschäfts verlangen, weil Fondsbeitritt und
Darlehensvertrag ein verbundenes Geschäft darstellten. Das erstmals in
der Berufungsverhandlung erfolgte Vorbringen der Beklagten, dem Kläger
seien höhere als die von ihm in Abzug gebrachten Ausschüttungen zugeflossen, könne gemäß § 531 Abs. 2 Nr. 3 ZPO nicht zugelassen werden.
12Diese Ausführungen halten rechtlicher Überprüfung in einem entscheidenden Punkt nicht stand.
131. Allerdings hat das Berufungsgericht zu Recht in dem Zusatz,
dass im Falle des Widerrufs der Darlehensvertragserklärung auch "die
finanzierten verbundenen Geschäfte" nicht wirksam zustande kommen,
keine unzulässige andere Erklärung gemäß § 2 Abs. 1 Satz 3 HWiG aF
gesehen. Dies ist nach der Rechtsprechung des Senats zu verneinen,
wenn - was nach den nicht angegriffenen, fehlerfreien Feststellungen des
Berufungsgerichts hier der Fall ist - der Fondsbeitritt und der seiner Finanzierung dienende Darlehensvertrag ein verbundenes Geschäft i.S. des
§ 9 Abs. 1 VerbrKrG bilden (BGHZ 172, 157, Tz. 11 ff.; Urteil vom
13. Januar 2009 - XI ZR 118/08, WM 2009, 350, Tz. 26 m.w.N.). Dass der
mit dem Darlehensvertrag verbundene Vertrag in dem Zusatz zur Widerrufsbelehrung nicht konkret bezeichnet ist, ist unschädlich; auf die genaue
rechtliche Qualifikation und Bezeichnung des verbundenen Anlagegeschäfts kommt es nicht entscheidend an (Senatsurteil vom 13. Januar
2009 aaO). Da die Darlehensvaluta nach dem Darlehensvertrag zur Finanzierung des Fondsanteils gewährt wurde, war für den Kläger klar, dass
mit dem verbundenen Geschäft nur die treuhänderische Fondsbeteiligung
gemeint sein konnte.
142. Entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts entspricht aber die
dem Kläger erteilte Widerrufsbelehrung auch den gesetzlichen Anforderungen des § 2 Abs. 1 Satz 2 HWiG aF.
15a) Der mit dem Widerrufsrecht bezweckte Schutz des Verbrauchers
erfordert eine umfassende, unmissverständliche und für den Verbraucher
eindeutige Belehrung. Der Verbraucher soll dadurch nicht nur von seinem
Widerrufsrecht Kenntnis erlangen, sondern auch in die Lage versetzt werden, dieses auszuüben. Er ist deshalb auch über den Beginn der Widerrufsfrist eindeutig zu informieren. Um die vom Gesetz bezweckte Verdeutlichung des Rechts zum Widerruf nicht zu beeinträchtigen, darf die Widerrufsbelehrung grundsätzlich keine anderen Erklärungen enthalten. Zulässig sind diesem Zweck entsprechend allerdings Ergänzungen, die ihren
Inhalt verdeutlichen (BGH, Urteil vom 4. Juli 2002 - I ZR 55/00, WM 2002,
1989, 1991 m.w.N.). Hierzu gehört etwa der Zusatz in einer Widerrufsbelehrung, dass im Falle des Widerrufs einer Darlehensvertragserklärung
auch der verbundene Kaufvertrag nicht wirksam zustande kommt (BGHZ
172, 157, Tz. 14 ff.; Urteil vom 11. März 2008 - XI ZR 317/06, WM 2008,
828, Tz. 14 ff.). Nicht zulässig sind Erklärungen, die einen eigenen Inhalt
aufweisen und weder für das Verständnis noch für die Wirksamkeit der
Widerrufsbelehrung von Bedeutung sind und deshalb von ihr ablenken
(BGH, Urteile vom 8. Juli 1993 - I ZR 202/91, WM 1993, 1840, 1841 und
vom 4. Juli 2002 - I ZR 55/00, WM 2002, 1989, 1991) oder aber gemessen
am Haustürwiderrufsgesetz einen unrichtigen Inhalt haben, wie etwa der
Zusatz, der Widerruf gelte als nicht erfolgt, wenn das Darlehen nicht binnen zwei Wochen zurückgezahlt werde (BGHZ 172, 157, Tz. 13 m.w.N.).
16b) Nach diesen Maßstäben ist die dem Kläger erteilte Widerrufsbelehrung über den Beginn der Widerrufsfrist nicht unwirksam. Wie der Senat mit Urteil vom 13. Januar 2009 (XI ZR 118/08, WM 2009, 350,
Tz. 15 ff.) für eine gleichlautende Widerrufsbelehrung im Einzelnen ausgeführt hat, ist die im Vergleich zu § 2 Abs. 1 Satz 2 HWiG aF von den Parteien vereinbarte Verlängerung der Widerrufsfrist wirksam. Entgegen der
Auffassung des Berufungsgerichts ist danach insbesondere der Zusatz,
wonach die Widerrufsfrist nicht vor Erhalt der von der Beklagten gegengezeichneten Ausfertigung des Darlehensvertrages beginnt, unschädlich,
weil das dadurch bewirkte Hinausschieben des Beginns der Widerrufsfrist
dem Interesse des Kunden entspricht (Senat, aaO, Tz. 17 f.). Weiter verstößt der Formulierungszusatz "frühestens" nicht gegen das Deutlichkeitsgebot des § 2 Abs. 1 Satz 2 HWiG aF (Senat, aaO, Tz. 19).
173. Schließlich ist die Widerrufserklärung auch nicht deshalb fehlerhaft, weil sie im unteren Teil des Formulars eine vom Kläger zu unterzeichnende Empfangsbestätigung enthält. Wie der Senat mit Urteil vom
13. Januar 2009 (XI ZR 118/08, WM 2009, 350, Tz. 23 ff.) für eine gleichlautende Widerrufsbelehrung im Einzelnen ausgeführt hat, stellt die Empfangsbestätigung im Verhältnis zur Widerrufsbelehrung keine andere Er-
klärung i.S. des § 2 Abs. 1 Satz 3 HWiG aF, sondern eine eigenständige
Erklärung dar. Widerrufsbelehrung und Empfangsbestätigung sind horizontal und räumlich deutlich voneinander getrennt; der Charakter zweier
eigenständiger Erklärungen wird durch die jeweils gesondert zu leistenden
Unterschriften deutlich. Unter diesen Umständen ist die Empfangsbestätigung nicht geeignet, dem Verbraucher die Voraussetzungen und Folgen
seines Widerrufsrechts zu verschleiern oder ihn in sonstiger Weise von
der Ausübung des Widerrufsrechts abzuhalten.
184. Die einwöchige Widerrufsfrist begann danach mit Erhalt der von
der Beklagten gegengezeichneten Ausfertigung des Darlehensvertrags
und war bei Ausübung des Widerrufsrechts durch den Kläger am
31. Januar 2005 bereits abgelaufen.
19Das angefochtene Urteil war demnach aufzuheben (§ 562 Abs. 1
ZPO). Da die Sache zur Endentscheidung reif ist, hatte der Senat in der
Sache selbst zu entscheiden (§ 563 Abs. 3 ZPO) und auf den Hilfsantrag
des Klägers die Feststellung auszusprechen, dass der Kläger der Beklagten aus dem zwischen ihnen geschlossenen Darlehensvertrag bis zum
Vertragsende Zinsen in Höhe von nicht mehr als 4% p.a. schuldet.
20Der formularmäßige Darlehensvertrag weist lediglich den für die
Zeit der Zinsfestschreibung berechneten Teilbetrag aus. Damit fehlt es
nach der Rechtsprechung des erkennenden Senats bei der hier vorliegenden sogenannten unechten Abschnittsfinanzierung an der erforderlichen
Gesamtbetragsangabe gemäß § 4 Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 b Satz 2 VerbrKrG
aF (BGHZ 159, 270, 274 ff. und Urteil vom 9. Mai 2006 - XI ZR 119/05,
WM 2006, 1243, 1246 m.w.N.). Aufgrund dessen schuldet der Kläger der
Beklagten statt des vereinbarten Vertragszinses für die gesamte Vertragslaufzeit, nicht nur für die Zinsfestschreibungsperiode, lediglich den gesetzlichen Zinssatz von 4% p.a. (Senatsurteil vom 14. September 2004 - XI ZR
11/04, WM 2004, 2306, 2309).
21Im Übrigen waren die Klage abzuweisen und die weitergehenden
Ellenberger Grüneberg
LG Essen, Entscheidung vom 20.07.2006 - 6 O 393/05 -
OLG Hamm, Entscheidung vom 18.06.2008 - 31 U 313/06 -

References: BGH 
 BGH 

BGH 
 § 6
 § 6
 § 6
 § 531
 § 1
 § 2
 § 531
 § 2

§ 9
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 4