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Timestamp: 2019-03-26 03:00:31+00:00

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﻿ ﻿ BAG – 5 AZR 629/10 | bag-urteil.com
Vergütungserwartung – Überstunden
Bundesarbeitsgricht, Urteil vom 21.09.2011, 5 AZR 629/10
Bei zeitlicher Verschränkung arbeitszeitbezogen und arbeitszeitunabhängig vergüteter Arbeitsleistungen lässt sich das Bestehen einer objektiven Vergütungserwartung für Überstunden (§ 612 Abs. 1 BGB) im arbeitszeitbezogen vergüteten Arbeitsbereich nicht ohne Hinzutreten besonderer Umstände oder einer entsprechenden Verkehrssitte begründen.
Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg vom 19. März 2010 – 9 Sa 2161/08 -, – 9 Sa 2266/08 – und – 9 Sa 2316/08 – teilweise aufgehoben.
Auf die Berufung der Beklagten wird das Urteil des Arbeitsgerichts Berlin vom 17. September 2008 – 30 Ca 18451/07 – und – 30 Ca 14891/08 (WK) – in seinen Ziff. II. 1. bis 3. teilweise abgeändert und insoweit zur Klarstellung wie folgt neu gefasst:
Die Berufung des Klägers gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Berlin vom 17. September 2008 – 30 Ca 18451/07 – und – 30 Ca 14891/08 (WK) – wird mit der vom Landesarbeitsgericht in Ziff. II. seines Urteils vom 19. März 2010 – 9 Sa 2161/08 -, – 9 Sa 2266/08 – und – 9 Sa 2316/08 – ausgesprochenen Maßgabe insgesamt zurückgewiesen.
Die Kosten der Revision hat der Kläger zu tragen. Von den Kosten der Berufung haben der Kläger 19/20 und die Beklagte 1/20 sowie von den erstinstanzlichen Kosten der Kläger 9/10 und die Beklagte 1/10 zu tragen.
5 AZR 629/10 > Rn 1
5 AZR 629/10 > Rn 2
Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 40 Stunden (Mo – Freitag).
5 AZR 629/10 > Rn 3
5 AZR 629/10 > Rn 4
5 AZR 629/10 > Rn 5
5 AZR 629/10 > Rn 6
5 AZR 629/10 > Rn 7
5 AZR 629/10 > Rn 8
5 AZR 629/10 > Rn 9
Der Kläger hat – soweit für die Revision von Belang – nach vorläufiger Vollstreckung des erstinstanzlichen Urteils zuletzt beantragt,
5 AZR 629/10 > Rn 10
5 AZR 629/10 > Rn 11
5 AZR 629/10 > Rn 12
5 AZR 629/10 > Rn 13
5 AZR 629/10 > Rn 14
5 AZR 629/10 > Rn 15
5 AZR 629/10 > Rn 16
5 AZR 629/10 > Rn 17
2. Nach § 547 Nr. 1 ZPO ist eine Entscheidung stets als auf einer Verletzung des Rechts beruhend anzusehen, wenn das erkennende Gericht nicht vorschriftsmäßig besetzt war. Die Norm umfasst auch diejenigen Fälle, in denen über die Rechtsstreitigkeit andere Richter entscheiden als die gesetzlich Berufenen (BAG 9. Juni 2011 – 2 ABR 35/10 – Rn. 16, NJW 2011, 3053; 26. September 2007 – 10 AZR 35/07 – Rn. 11, AP ZPO § 547 Nr. 7; 16. Mai 2002 – 8 AZR 412/01 – zu II 3 der Gründe, BAGE 101, 145 – jeweils mwN). Aus dem verfassungsrechtlichen Verbot, einem Verfahrensbeteiligten den gesetzlichen Richter zu entziehen (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) folgt, dass die Rechtsprechungsorgane nicht anders besetzt werden dürfen als es in den allgemeinen Normen der Gesetze und der Geschäftsverteilungspläne vorgesehen ist. „Gesetzlicher Richter“ bedeutet, dass sich der für die einzelne Sache zuständige Richter im Voraus eindeutig aus einer allgemeinen Regelung ergeben muss. Kennzeichnung der Gewährleistung des gesetzlichen Richters ist die normative, abstrakt-generelle Vorherbestimmung des jeweils für die Entscheidung zuständigen Richters (BAG 20. Juni 2007 – 10 AZR 375/06 – Rn. 16, AP ZPO § 547 Nr. 6 = EzA GG Art. 101 Nr. 8; 26. September 1996 – 8 AZR 126/95 – zu A I der Gründe, BAGE 84, 189).
5 AZR 629/10 > Rn 18
5 AZR 629/10 > Rn 19
5 AZR 629/10 > Rn 20
5 AZR 629/10 > Rn 21
5 AZR 629/10 > Rn 22
5 AZR 629/10 > Rn 23
b) Eine Nettolohnabrede folgt auch nicht aus § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV. Danach gilt ein Nettoarbeitsentgelt als vereinbart, wenn bei illegalen Beschäftigungsverhältnissen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge nicht gezahlt worden sind. Unbeschadet der – vom Landesarbeitsgericht bejahten – Frage, ob die Parteien eine Schwarzgeldabrede getroffen haben, beschränkt sich der Anwendungsbereich dieser Vorschrift auf das Sozialversicherungsrecht und erstreckt sich nicht auf das bürgerlichrechtliche Rechtsverhältnis der Arbeitsvertragsparteien (BAG 17. März 2010 – 5 AZR 301/09 – Rn. 13 ff., BAGE 133, 332; ErfK/Preis 11. Aufl. § 611 BGB Rn. 475; DFL/Kamanabrou 4. Aufl. § 611 BGB Rn. 228; Palandt/Weidenkaff 70. Aufl. § 611 BGB Rn. 51; Arnold ArbR Aktuell 2010, 322; Steenfatt BB 2010, 1992). Das ergibt eine systematische Auslegung der Norm, deren Ergebnis durch den Zweck und die Entstehungsgeschichte des § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV bestätigt wird (s. dazu im Einzelnen BAG 17. März 2010 – 5 AZR 301/09 – aaO).
5 AZR 629/10 > Rn 24
5 AZR 629/10 > Rn 25
Die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts steht auch nicht in Widerspruch zu der des Bundesgerichtshofs. Dieser versteht § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV ebenfalls (nur) als sozialversicherungsrechtliche Berechnungsgrundlage des Arbeitsentgelts in einem illegalen Beschäftigungsverhältnis, die er im Rahmen der Strafnorm des § 266a StGB bei der Berechnung der vorenthaltenen Sozialversicherungsbeiträge anwendet (BGH 2. Dezember 2008 – 1 StR 416/08 – Rn. 12 ff., BGHSt. 53, 71). Der vom Kläger angeregten Vorlage an die Vereinigten Großen Senate beim Bundesgerichtshof (§ 132 Abs. 1 Satz 2 GVG) bedurfte es schon deshalb nicht, weil das Bundesarbeitsgericht – anders als das Reichsarbeitsgericht, das als besonders besetzter Senat des Reichsgerichts konzipiert war (vgl. GMP/Prütting 7. Aufl. ArbGG Einl. Rn. 14) – ein eigenständiger oberster Gerichtshof des Bundes (Art. 95 Abs. 1 GG) ist.
5 AZR 629/10 > Rn 26
2. Der Kläger kann die vereinbarte Vergütung von 3.000,00 Euro monatlich, die auch dann wirksam vereinbart ist, wenn die Parteien – wie das Landesarbeitsgericht festgestellt hat – eine Schwarzgeldabrede getroffen haben (vgl. BAG 26. Februar 2003 – 5 AZR 690/01 – zu II 4 der Gründe, BAGE 105, 187), nur als Bruttovergütung beanspruchen (BAG 16. Juni 2004 – 5 AZR 521/03 – zu II 1 und 2 der Gründe, BAGE 111, 131; ErfK/Preis § 611 BGB Rn. 474 mwN). Denn der Arbeitnehmer ist gemäß § 38 Abs. 2 EStG Schuldner der Lohnsteuer und muss im Innenverhältnis zum Arbeitgeber den ihn treffenden Teil des Gesamtsozialversicherungsbeitrags tragen, § 28g SGB IV. Dass das Vertragsverhältnis der Parteien als Arbeitsverhältnis einzuordnen ist, steht aufgrund der nicht angegriffenen Entscheidung des Berufungsgerichts im Kündigungsschutzprozess rechtskräftig fest.
5 AZR 629/10 > Rn 27
5 AZR 629/10 > Rn 28
5 AZR 629/10 > Rn 29
5 AZR 629/10 > Rn 30
5 AZR 629/10 > Rn 31
Die nach § 612 Abs. 1 BGB erforderliche – objektive – Vergütungserwartung wird zwar in weiten Teilen des Arbeitslebens gegeben sein. Einen allgemeinen Rechtsgrundsatz, dass jede Mehrarbeitszeit oder jede dienstliche Anwesenheit über die vereinbarte Arbeitszeit hinaus zu vergüten ist, gibt es jedoch nicht (vgl. BAG 17. August 2011 – 5 AZR 406/10 – Rn. 21, ZIP 2011, 2204; ErfK/Preis § 612 BGB Rn. 18; HWK/Thüsing 4. Aufl. § 612 BGB Rn. 23 – jeweils mwN). Die Vergütungserwartung ist deshalb stets anhand eines objektiven Maßstabs unter Berücksichtigung der Verkehrssitte, der Art, des Umfangs und der Dauer der Dienstleistung sowie der Stellung der Beteiligten zueinander festzustellen, ohne dass es auf deren persönliche Meinung ankäme (BAG 11. Oktober 2000 – 5 AZR 122/99 — zu IV 4 a der Gründe, BAGE 96, 45). Darlegungs- und beweispflichtig für das Bestehen einer Vergütungserwartung ist nach allgemeinen Grundsätzen derjenige, der eine Vergütung begehrt.
5 AZR 629/10 > Rn 32
5 AZR 629/10 > Rn 33
5 AZR 629/10 > Rn 34
Das Urteil BAG – 5 AZR 629/10 wird zitiert in:

References: § 547
 § 547
 § 547
 Art. 101
 § 14
 § 611
 § 611
 § 611
 § 14
 § 14
 § 266
 § 611
 § 38
 § 28
 § 612
 § 612
 § 612