Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=07.05.1974&Aktenzeichen=VI%20ZR%20138%2F72
Timestamp: 2019-05-24 18:21:58+00:00

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BGH, 07.05.1974 - VI ZR 138/72 - dejure.org
https://dejure.org/1974,1652
BGH, 07.05.1974 - VI ZR 138/72 (https://dejure.org/1974,1652)
BGH, Entscheidung vom 07.05.1974 - VI ZR 138/72 (https://dejure.org/1974,1652)
BGH, Entscheidung vom 07. Mai 1974 - VI ZR 138/72 (https://dejure.org/1974,1652)
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Beurteilung des Verschuldensgrades bei einer alkoholbedingten Fahruntüchtigkeit eines Pkw-Führers und einer alkoholtypischen Unfallfolge - Auswirkungen einer Blutalkoholkonzentration (BAK) von 2,2 Promille auf den Verschuldensgrad bei einem alkoholbedingten Pkw-Unfall - Anwendbarkeit des Grundsatzes des Anscheinsbeweises bei Fragen des Vorliegens grober Fahrlässigkeit - Umfang der revisionsrechtlichen Überprüfbarkeit einer Beurteilung eines Verhaltens als grob fahrlässig
NJW 1974, 1377
MDR 1974, 923
VersR 1974, 853
DB 1974, 1334
Nach Palandt gilt, dass grobe Fahrlässigkeit hinsichtlich ihrer subjektiven Voraussetzung nicht im Wege des Anscheinsbeweises nachgewiesen werden kann (BGH NJW 74, 1377; siehe auch oben OLG Frankfurt, Urteil vom 16.2. 1990, Az. 24 U 68/89).
Damit ist jedoch nicht gesagt, daß bei einer entsprechenden Anwendung der Vorschrift der Versicherer der ihm nach § 61 VVG obliegenden Beweislast auch für die subjektiven Voraussetzungen grober Fahrlässigkeit enthoben wäre (siehe für den vergleichbaren Fall des § 640 RVO: BGH Urteil vom 7. Mai 1974 - VI ZR 138/72 = NJW 1974, 1377 = LM RVO § 640 Nr. 13 = VersR 1974, 853).
Wer sich in absolut fahruntüchtigem Zustand an das Steuer eines Kraftfahrzeuges setzt, handelt grundsätzlich grob fahrlässig (…BGB/RGRK Steffen, § 827 Rdn. 11; BGH Urteil vom 30. November 1971 - VI ZR 100/70 = NJW 1972, 475 [BGH 30.11.1971 - VI ZR 100/70]; Urteil vom 7. Mai 1974 aaO).
Soweit die Revision darauf hinweist, daß der Senat in der genannten Entscheidung vom 23. Januar 1985 ausgeführt hat, mit der entsprechenden Anwendung des § 827 Satz 1 BGB sei noch nicht gesagt, daß der Versicherer auch der Beweislast für die subjektiven Voraussetzungen grober Fahrlässigkeit enthoben wäre, übersieht sie, daß diese Ausführungen nicht für die Frage der Zurechnungsfähigkeit gelten (vgl. dazu auch das von der Revision herangezogene Urteil des VI. Zivilsenats vom 7.5.1974 - VI ZR 138/72 - VersR 1974, 853, 854 unter II 1a).
So richtig es allgemein ist, daß das äußere Verhalten eines Menschen Rückschlüsse auf seine Bewußtseins- und Willenslage zuläßt, so verkehrt doch die regelhafte Verknüpfung des äußeren Fehlverhaltens mit dem Vorwurf subjektiv unentschuldbarer Verhaltenssteuerung das Merkmal, dessen Beurteilung der Schluß vom Äußeren auf das Innere dienen soll (§ 286 ZPO), in sein Gegenteil: Denn es ist - auch in der höchstrichterlichen Rechtsprechung - anerkannt, daß der Ausschlußtatbestand des § 61 VVG nur dann durchgreift, wenn sowohl die objektiv grobe Mißachtung anerkannter Sorgfaltsanforderungen als auch die besondere subjektive Vorwerfbarkeit positiv festgestellt sind (BGH VersR 1974, 853; 1989, 583).
Auch lässt sich grobe Fahrlässigkeit hinsichtlich ihrer subjektiven Voraussetzungen nicht im Wege des Anscheinsbeweises nachweisen (BGH v. 07.05.1974 - VI ZR 138/72, NJW 1974, 1377).
Die Revision verkennt insbesondere die zur subjektiven (personalen) Seite der groben Fahrlässigkeit ergangene Rechtsprechung (s. Urteile vom 21. April 1970 - VI ZR 226/68 = VersR 1970, 568; v. 20. Juni 1972 - VI ZR 48/71 = VersR 1972, 944 und v. 7. Mai 1974 - VI ZR 138/72 = VersR 1974, 853), wenn sie aus der Begrenzung der Anwendbarkeit des Anscheinsbeweises beim subjektiven Bestandteil der groben Fahrlässigkeit folgern will, jede Verletzung einer Unfallverhütungsvorschrift stelle bereits objektiv einen schweren Verstoß i.S. grober Fahrlässigkeit dar.
Wie zu betonen ist, kann grobe Fahrlässigkeit wegen ihrer subjektiven -- personalen -- Momente nicht im Weg des sog. Anscheinsbeweises nachgewiesen werden (dazu etwa BGH, Urteil vom 7.5.1974, NJW 1974, 1377).
Damit gelten die Grundsätze, die in der Rechtsprechung in weitgehender Übereinstimmung mit dem Schrifttum hinsichtlich der Voraussetzungen für die Annahme grob fahrlässigen Verhaltens entwickelt worden sind (vgl. BGHZ 10, 14; Senatsurteile vom 23. Juni 1964 - VI ZR 99/63 = VersR 1964, 1024, 1025; 11. Juli 1967 - VI ZR 14/66 = VersR 1967, 909, 910; 20. Juni 1972 - VI ZR 48/71 = VersR 1972, 944; 5. Februar 1974 - VI ZR 21/72 und 52/72 = VersR 1974, 569 und 1974, 593; 7. Mai 1974 - VI ZR 138/72 = VersR 1974, 853; 1. März 1977 - VI ZR 263/74 = VersR 1977, 619).

References: § 61
 § 640
 BGH 
 § 640
 § 827
 BGH 
 § 827
 § 61