Source: https://bundesblatt.weblaw.ch/?method=dump&bbl_id=66053&format=htm
Timestamp: 2019-11-12 20:39:51+00:00

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BBL 1877 Band 12 S. 521
Mehrheit der nationalräthlichen Kommission, betreffend die Gewährleistung der Verfassung des Kantons Schwyz.
Am 11. Juni v. J. hat das Volk des Kantons Schwyz mit einer Mehrheit von 2664 gegen 1009 Stimmen der nach Maßgabe von Art. 6 der Bundesverfassung der Bundesversammlung zur Gewährleistung vorliegenden Kantonsverfassung die Genehmigung ertheilt.
Der Revision derselben lag die ausgesprochene Absicht zu Grunde, die Uebereinstimmung der schwyzerischen Verfassung mit dem neuen Grundgesetze der Eidgenossenschaft zu erzielen.
Die Botschaft des Bundesrathes vom 8. Juli 1876 und der Bericht der Mehrheit der ständeräthliehen Kommission vom 10. Dezember gl. J. unterwerfen eine Reihe von Artikeln der schwyzerischen Kantonsverfassung der Kritik, ohne mit Bezug auf mehrere derselben zu dem Antrage eines Vorbehaltes oder der Nichtgenehmigung zu gelangen. Dagegen glaubte der Bundesrath und der Ständeräth mit Rücksicht auf die formelle Fassung des § 9, welcher den Art. 27 der Bundesverfassung, betreffend den Primarunterricht, nur unvollständig wiedergebe, und mit Rücksicht auf die §§ 13 und 20, welche in ihrer Wechselbeziehung eine Garantie der Klöster aussprechen, ausdrücklich an den Art. 51, Satz 2 der Bundesverfassung erinnern zu sollen. Da es keinem Zweifel unterliegen kann,
daß überall und immer der Kantonsverfassung die Bundesverfassung vorgehen müsse, können wir uns den diesbezüglichen Erwägungen anschließen, nur nehmen wir Umgang davon, den Bundesrath in einem selbstständigen Dispositiv 'einzuladen, für eine beförderliche Revision der Schulorganisation besorgt zu sein. Einmal gibt hiezu der Wortlaut der Verfassung, um die es sich hier allein handelt, keine Veranlaßung ; sodann finden wir es für selbstverständlich, daß der Bundesrath, sofern Seitens des Kantons Schwyz den Anforderungen der Bundesverfassung in Bezug auf das Schulwesen nicht Genüge geleistet würde, von sich aus einschreiten werde, ohne vorerst eine solche Mahnung Seitens der hohen Bundesversammlung erhalten zu haben, und vernehmen wir endlich, daß die Revision jenes Gesetzes eben in Arbeit liege.
Gehen wir so weit mit dem hohen Bundesrathe und dem hohen Ständerathe im Wesentlichen einig, so können wir anderseits den Art. 41, 43 a und 44, beziehungsweise dem Art. 68 der schwyzerischen Kantonsverfassung jene Bedeutung nicht zumessen, daß dieselben zum Gegenstande der N i c h t g e n e h m i g u n g und R ü e k w e i s u n g an den Kanton werden sollen.
Diese Artikel beschlagen die Wahl des Regierungsrathes, des Landammanns und des Statthalters, der Mitglieder des Ständerathes und der Kantonsschreiber. Dieselben lauten, insoweit sie der Gegenstand der Kontroverse sind, wie folgt: § 41.
Der Kantonsrath wählt aus seiner Mitte den R e g i e r u n g s r a t h , bestehend aus 7 Mitgliedern, von denen d r e i aus dem Bezirke Schwyz und v i e r aus den übrigen Bezirken genommen werden.
Er bezeichnet aus dem Schooße des Regierungsrathes den L a n d am m a n n und den S t a t t h a l t e r . Wird der Landammann aus den Mitgliedern des Bezirkes Schwyz gewählt, so muß der Statthalter aus einem andern Bezirke genommen werden, und umgekehrt.
Der Kantonsrath wählt ferner : a. Die rzwei S t a n d e s a b g e o r d n e t e n in den s c h w e i z e r i s c h e n S t ä n d e r ath . . .; das eine Mitglied muß aus dem Bezirk Schwyz, das andere aus einem der übrigen Bezirke genommen werden.
Der Kantonsrath wählt nach vorhergegangener Ausschreibung und beziehungsweise Prüfung die z w e i K a n t o n s s c h r e i b e r , von denen einer aus dem Bezirke Schwyz, der zweite aus einem der andern Bezirke genommen werden muß.
523 § 68.
Das K a n t o u s g e r i c h t besteht aus neun Mitgliedern und ebensoviel Ersatzmännern . . . . Der Bezirk Schwyz wählt 3 Mitglieder, der Bezirk March 2 und jeder andere Bezirk l Mitglied und die Ersatzmänner.
Die bundesräthliche Botschaft anerkennt nun zwar, daß diese ,,eigenthümlichen Vorschriften" sich aus dem politischen Entwicklungsgange des Kantons Schwyz herausgebildet haben, daß sie bereits in den Art. 52, 53, 56, 59 und 91 der schwyzerischen Verfassung von 1848 enthalten seien, aus dem sog. Grundvertrag vom 28. August 1833 herstammen und damals im Interesse der Pazifikation des Kantons allseitig begrüßt worden seien ; sie hält aber dafür, daß diese Aemtervertheilung zwischen Außer- und InnerSchwyz nach dem öffentlichen Rechte von heute nicht mehr zuläßig sei, weil sie ein Vorrecht des Ortes im Sinne von Art. 4 der Bundesverfassung enthalte. Diese Annahme soll durch folgende arithmetische Kombinationen begründet werden.
Nach der letzten eidgenössischen Volkszählung habe nämlich die Bevölkerung des Kantons Schwyz 47,733 Seelen betragen.
Bei 7 Mitgliedern der Regierung würde es auf 6819 Seelen l Mitglied treffen; 3 Mitglieder würden somit eine Bevölkerung von 20,457 erfordern, während der Bezirk Schwyz bloß 19,554 Einwohner zähle; der Bezirk Schwyz habe also für ein d r i t t e s Mitglied 903 Einwohner zu wenig, beziehungsweise es erstelle die Verfassung zu Gunsten des Bezirkes Schwyz ein Privilegium von 903 Seelen. Bei den übrigen Aemtern sei die Bevorzugung des Bezirkes Schwyz noch greller, da bezüglich des Landammanns und des Landesstatthalters, der Ständeräthe und der Kantonsschreiber die H ä l f t e , und bei den Kantonsrichtern ein Drittheil auf denselben falle.
Ehe wir auf die Prüfung dieser Argumentation und Zahlenverhältnisse eingehen, sei uns ein Rückblick auf die historischen Verhältnisse des Kantons Schwyz, bei deren Berücksichtigung allein die obschwebende Frage allseitig verstanden und richtig gelöst werden kann, gestattet.
Der Kanton Schwyz war nie ein einiger Kanton gewesen, sondern eine Art Föderalstaat, wovon ein Glied überwiegende Macht ausübte. Allein die eidg. Kommissarien und die Tagsatzung wirkten in den -langen und zähen Wirren der Parteien so übereinstimmend im Sinne der Wiedervereinigung, daß der Kanton sich selbst und der Eidgenossenschaft erhalten wurde. Schon seit Bundesblatt. 29. Jahrg. Bd. I.
524 dem Beginne des Jahrhunderts, insbesondere aber in den zwanziger Jahren, erhob sich der laute Ruf der äußern Bezirke nach Aufstellung einer Verfassung für den ganzen Kanton nach Maßgabe der Uebereinkunft von 1814, wobei wesentlich darauf hingestrebt werden . sollte, eine nach dem Verhältniß der Bevölkerung berechnete 'Stellvertretung in den Kantonalbehörden zu erlangen, indem sie diese als das kräftigste Mittel und den wichtigsten Haltpunkt ihrer Freiheit betrachten und verlangen müssen, daß dieses Verhältniß als die Hauptgrundlage der neuen Verfassung anerkannt werde. (Steinauer, Geschichte des Freistaates Schwyz, B. II, S. 140.)
Dies geschah durch den ,, G r u n d v e r t r a g " des innern Landes Schwyz und Wollerau und des äußern Landes, Marcii, Einsiedeln, Küßnacht und Pfäfflkon, sowie des Bezirkes Gersau, vom 28. August 1833 (s. Beilage zu den Abschieden der eidg. Tagsatzung von 1833, litt. R), dessen Endziel sich in §§ l und 2 ausspricht, wie folgt: § 1. Die s ä m m t l i c h e n B e z i r k e des K a n t o n s Schwyz innern und äußern Landes anerkennen und verbürgen sich g e g e n s e i t i g d i e v o l l e s t e p o l i t i s c h e R e c h t s g l e i c h h e i t aller K a n t o n s b ü r g e r und G e b i e t s t h e i l e als den obersten G r u n d s a t z und die Grundlage der von ihnen zu bearbeitenden Verfassung.
§ 2. Sie v e r h e i ß e n sich e b e n f a l l s g e g e n s e i t i g , gemeinschaftlich e i n e Verfassung zu entwerfen und darin den Grundsatz der vollesten politischen Rechtsgleichheit durchgreifend und vollständig zu verwirkl i c h e n u n d gö*e l t e n d z u m a c h e n .
Die §§ 13 und 14 stellen sodann die Grundsätze über jene Aemtervertheilung wesentlich im Sinne der seitherigen und der vorliegenden Verfassung aus.
(Vrgl. Steinauer, Geschichte des Freistaates Schwyz, Bd. II, S. 192.)
Der Tagsatzungsabschied von 1833 (S. 121) lautet: ,,Die Nachricht, daß die in Schwyz versammelten Ausschüsse sich über einen Grund vertrag einverstanden haben, w e l c h e r die W i e d e r vereinigung des getrennten Kantons festsetzt und d e m eine a u f R e c h t s g l e i c h h e i t b e r u h e n d e V e r f a s s u n g d e s g e s a m m t e n K a n t o n s f o l g e n . s o l l , w u r d e am, 30. A u g u s t von der B u n d e s v e r s a m m l u n g mit Gef ü h l e n freundbrüderlicher Theilnahme aufgenommen."
Die Proklamation des schwyzerischen Kantonsrathes vom 25. Oktober, welche die auf dem Grundvertrag fußende Kantonsverfassung vom 13. Oktober 1833 dem Volke vorlegte, bemerkt' diesbezüglich unter Anderm : ,,Unser öffentliches Leben ist durch
525 die Verfassung geordnet. Wir sind Alle g l e i c h vor dem Gesetze, gleich an Rechten. Kein Unterschied trennt die B r ü d e r m e h r . a Und ein anderer Geschichtschreiber (Baumgartner: ,,Die Schweiz in ihren Kämpfen und Umgestaltungen von 1830--1850, Bd. I, S. 460) schreibt: ,,Für Schwyz war nun der Grund künftigen ruhigen und glücklichen Bestandes gelegt: Die v o l l e s t e p o l i t i s c h e Rechtsgleichheit a l l e r K a n t o n s b ü r g e r u n d Gebietstheile war g e s i c h e r t , alle B e h e r r s c h u n g der Einen durch die A n d e r n g e h o b e n , d i e b ü r g e r l i c h e Gleichberechtigung d e r s o g e n a n n t e n n e u e n L a n d l e u t e anerkannt.1' So bespricht und interpretirt die G e s c h i c h t e die Artikel, welchen heute der Vorwurf gemacht werden will, als verletzen sie die Rechte der Mehrheit des schwyzerisehen Volkes und als begründen dieselben ein Vorrecht, das Angesichts der schweizerischen Bundesverfassung nicht bestehen könne.
Trotz alledem müßten wir der Auffassung des Bundesrathes und des Ständerathes uns anschmiegen, wenn ein w i r k l i c h e s Vorrecht des Bezirkes Schwyz sich konstatiren ließe, wie es der Bundesrath mit den oben herausgehobenen Ziffern beweisen zu können vermeint. Die nähere Prüfung dieser Ziffern führt aber zum geraden Gegentheil dessen, was vom Bundesrathe bewiesen werden wollte. Wir treten den Beweis an vorerst in Bezug auf die W a h i des Regierungsrathes.
Die Kantonsverfassung setzt die Zahl der Mitglieder des Regierungsrathes auf 7 fest.
Die Gesammtbevölkerung des Kantons beträgt laut der letzten eidg. Volkszählung 47,733.
Die Gesammtbevölkerung des Bezirkes Schwyz beträgt 19,554, diejenige der übrigen Bezirke 28,179.
Auf ein Mitglied des Regierungsrathes trifft es somit 6819 Seelen. Hieuach trifft es auf den Bezirk Schwyz 2, auf die übrigen Bezirke 4 Mitglieder; für die Wahl des 7. Mitgliedes müssen sonach die sich ergebenden sogenannten nützlichen Bruehtheile maßgebend sein. Für das 7. Mitglied kompetirt nun der B e z i r k S c h w y z in folgender Weise :
Bevölkerung d e s Bezirkes Schwyz 2 Mitglieder zu 6819 Seelen
19,554 13,638
bleibt für die Wahl eines dritten Mitgliedes als nützlicher Bruchthel .
, 5,916 oder bis an den verhältnismäßig kleinen Rest von 903 die volle Quote.
Die übrigen Bezirke kompetiren für die Wahl des 7. Mitgliedes, wie folgt: Gesammtbevölkerung derselben 28,179 davon entfallen auf die 4 ihnen bereits zugetheilten Mitglieder 27,276 und erübrigt denselben für das weitere, 5., resp. für das 7. Mitglied bloß ein nützlicher Bruchtheil · von.
903 d. fa. der oben berührte Rest, welcher dem Bezirke Schwyz fehlt.
Da nun aber Personen untheilbare Größen sind, so bleibt nur die Frage, welchem der beiden nützlichen Bruchtheile, demjenigen von Schwyz, der sich auf 5916 beziffert, oder demjenigen der übrigen Bezirke, der sich auf bloß 903 und somit- nicht einmal auf den sechsten Theil des erstern belauft, das in Frage stehende 7. Mitglied billiger- und gerechterweise zugeschieden werden solle.
Wir meinen, es sei diese Frage bloß zu stellen, um sie zugleich beantwortet zu haben.
Thatsache ist und bleibt sonach, daß duften das sogenannte ,,Vorrecht" des Bezirkes Schwyz nicht etwa diesem Bezirke eine Praponderanz im Regierungsrathe gesichert wird, sondere daß im geraden Gegentheil festgestellt wird, daß der Bezirk Schwyz im Regierungsrathe, den andern Landestheilen gegenüber, s t e t s in der M i n d e r h e i t sein und bleiben solle.
Gehen wir über zu der Betrachtung der angefochtenen Wahlverhältnisse der vom Großen Rathe zu wählenden Mitglieder des Ständerathes, des Kantonslandammanns und dessen Statthalters, der Kantonsschreiber, von welchen Beamtungen je-dieeine auf den Bezirk Schwyz, die "andere auf die übrigen Bezirke fallen soll. Diese beiden Landestheile stehen sich, wie schon bezeichnet, im Verhältniß von 28,179 "zu 19,554 gegenüber. Wir «rächten es zum. Vornherein als billig und recht, daß der großem Zahl von 28,179 eine Wahl zugeschieden werde, da selbe mit-4313 Seelen über der Hälfte steht. Für die zweite Wahl kompetiren die äußern Bezirke mit bloß 4313, welcher
Ziffer der Bezirk Schwyz mit 19,554, d. h. mit der mehr als fünffachen Zahl gegenübersteht, dem daher auch mit vollem Rechte diese zweite Wahl zugeschieden wird. Scheidet man umgekehrt eine der Wahlen vorab dem Bezirke Schwyz zu, so ist es nicht minder gerecht, die zweite den übrigen Bezirken zuzuwenden.
Wie weit sich die Botschaft des Bundesrathes in Bezug auf diese Repräsentationsverhältnisse verloren hat, mag beweisen, daß dieselbe sogar in dem Art. 68 der kantonalen Verfassung bezüglich der Wahl der Mitglieder des Kantonsgerichtes eine ,,grelle Bevorzugung" des Bezirkes Schwyz finden wollte, während demselben nach Maßgabe de,r Zahlenverfiältnisse nicht bloß ein Drittheil, sondern zwei Fünftheile der Wahlen zugewiesen werden könnten und der nützliche, aber nicht benützte Bruchtheil desselben 3643 Seelen beträgt, während Gersau mit 2270 und Küßnacht mit 2860 Seelen Gesammtbevölkerung je ein Mitglied präsentiren, so daß der Ständerath keinen Anstand nahm , von der Nichtgenehmigung dieses Artikels , welche vom Bundesrathe vorgeschlagen worden war, Umgang zu nehmen.
Alle diese Zahlengruppen beweisen, daß es sich nicht um eine Bevorzugung des Bezirkes Schwyz handelt, sondern daß durch jene Verfassungsbestimmungen einfach das arithmetisch möglichst richtige Repräsentanzeaverhältniß der verschiedenen historischen Landestheile ausgedrückt wird und jeder dieser letztern auf das hienach Erlaubte gesetzt wird. Jede andere Vertheilung würde den gemachten Vorwurf eher begründen.
Die Grundsätze der Art. 41 , 43 und 44 entsprechen so sehr und so durch und durch dem Rechte und der Billigkeit, daß man sich nur wundern muß, wie man auf die Idee eines Vorrechtes verfallen konnte, und wenn man die historische Entwicklung dieser staatlichen Organisation auch nicht kennen würde, so dürfte man wohl sagen, daß in derselben nur der Ausdruck eines allgemeinen Rechtsgefühles und der wirklichen Billigkeit sich verkörpert habe.
Es ist also mit m a t h e m a t i s c h e r G e w i ß h e i t , durch die n a c k t e n Z i f f e r n der Beweis geleistet, daß von einem auf die Bevölkerungsverhältnisse gegründet sein sollenden ,,Vorrechte11 des Ortes im Sinne von Art. 4 der Bundesverfassung, welches ,,Vorrecht11 Grund zu einer Bliminirung durch den Bund geben sollte, nicht die Rede sein könne.
Wohl im Gefühle und in der
Einsicht dieser Thatsache verließ der ständeräthliche Kommissionsbericht und der Ständerath selbst diesen länger nicht mehr haltbaren Boden und nahm derselbe nun eine andere Position ein.
Wahrend der Bundesrat h die Annahme eineb Vorrechtes auf die Bevölkerungsverhältnisse basirte, glaubte die standerathliche Kommission dieses Vorrecht nun in der G e g e n ü b e r s t e l l u n g des Bezirkes Schwyz zu den übrigen Bezirken gefunden zu haben; mit andern Worten in dem Umstände, daß dem Bezirke Schwyz als s o l c h e m jedenfalls die betreffenden Wahlen zustehen sollen, wahrend keinem der übrigen Bezirke als solchem eine Wahl zugesichert sei. S o könne es ja vorkommen, daß möglicherweise einem der andern Bezirke niemals eine Repräsentanz in der Regierung oder im Ständerathe u, s, w. zufallen würde. Gewiß ; wie es möglich ist, daß dem Kanton Uri, Schwyz, Unterwalden , Zug u. s. w. . m ö g l i c h e r w e i s e nie die Ehre zu Theil werden mag, einen Angehörigen ihrer resp. Kantone im Schooße des Bundesrathes zu sehen, oder wie es in manchen Kantonen einzelnen Bezirken und Gemeinden vielleicht nie vergönnt sein wird, ihre Angehörigen im Gremium ihrer respektiven Regierungen sitzen zu sehen, -- Alles trotz und obwohl im eidg. Grundgesetz und in den kantonalen Verfassungen die Vorrechte des Ortes verpönt sind. In solchen faktischen Verhältnissen liegt eben kein ,,Vorrecht" des Ortes, eben so wenig als eine Verletzung der prinzipiellen Gleichberechtigung der Bürger. Der BezirkSchwyzz hat schon durch seine numerische Starke (119,554 Seelen] ein n a t ü r l i c h e s Recht auf Repräsentanz, wahrend die andern Bezirke zum Theile sehrschww ach sind, wie der Bezirk Gersau mit 2270, Küßnacht mit 2860, Höfe mit 4553 Seelen.
Wenn der Bericht der ständeräthlichen Kommission betont, es sei die s o l i d a r i s c h e Veranschlagung der Rechte aller fünf übrigen Bezirke als e i n e s dem Bezirke Schwyz gegenüberstehenden Faktors in der V e r f a s s u n g nicht begründet, so müsser» wir dieser Auffassung des Entschiedensten entgegentretet!. Gerade der Grund vertrag von 1833 und die auf diesem aufgebaute V erfassung des Kantons Schwyz in allen seitherigen Wandlungen enthalt diese Gegenüberstellung in dieser Form, und es frag! sieb daher bloß, ob diese Organisation in der souveränen Gewalt und Macht des Kantons Schwyz liege -- eine Frage, die wir eben so bestimmt b e j a h e n müssen. Wir berufen uns hiefür auf kein anderes Beweismittel, als auf die B u n d e s v e r f a s s u n g s e l b s t . Nach Art. 3 diese r l e t z t e r en s i n d d i e K a n t o n e s o u v e r ä n , s o w e i t ih r e S o u v e r ä n i t ä t n i c h t d u r c h die B u n d e s v e r f a s s u n g b e s c h r ä n k t ist, und ü b e n dieselben als solche alle R e c h t e aus, w e i c h e n i c h t d e r B u n d e s g e w a l t ü b e r t r a g e n sind.
Wenn nun mit mathematischer Gewißheit konstatirt ist, daß in jenen Repräsentationsverhältnissen ein Vorrecht des Ortes nicht gegeben ist; wenn der Bund daher kein verfassungsmäßiges Recht geltend machen kann , in diese i n n e r e 0 r g a. n i s a t i o n der Kantono, bezw , des Kantons Schwyz, sich einzumischen, so sollte die Berechtigung des letztern zu dieser Organisation, welche auf republikanischen Formen beruht, ohne Zweifel festgestellt sein und darf wohl erwartet werden, es werde der Bund, der sich in den dreißiger Jahren so sorgsam gehütet hat, sich direkte in die innere Organisation des Kantons Sehwyz einzumischen , heute nicht dahin leiten lassen, in dessen verfassungsmäßige Kompetenzen einzugreifen.
Hier liegt d e r S c h w e r p u n k t dieses V e r f a s s u n g s streites. Nicht in der Aufhebung oder Nichtaufhebung jener Wahleinrichtung an und für sich, sondern in der s t a a t s r e c h t lichen F r a g e , ob dem B u n d eine E i n m i s c h u n g in den i n n e r e n k a n t o n a l e n O r g a n i s m u s eines K a n t o n s u n t e r d e m Titel eines v e r f a s s u n g s w i d r i g e n V o r r e c h t e s , w o kein solches b e s t e h t , z u k o m m e o d e r nicht.
Wir geben recht gerne zu, daß "jene Einrichtung eine etwas eigenthümliche Erscheinung in den Augen Vieler sein mag, und daß jene Institution in andern Kantonen keinen Sinn hätte ; das entscheidet aber über die v e r f a s s u n g s m ä ß i g e Z u l ä s s i g k e i t derselben in keiner Weise.
Die Bundesverfassung, .verbietet nirgends, daß die Kantone ihre Organe der vollziehenden und richterlichen Gewal auf die einzelnen Landestheile repartiren ,. wohl aber verbietet sie ihnen durch den Art. 4, daß bei einer solchen Repartition ein einzelner Landestheil prinzipiell bevorzugt werde, d. h. daß einem Landestheil grundsätzlich und erheblich mehr zugetheilt werde, als ihm im Allgemeinen nach der Bevölkerungszahl zukommt. Von einer solchen Verletzung der Bundesverfassung durch die §§ 41 u. s. f. kann nach dem Gesagten aber keine Rede sein. Dem Bezirk Sehwyz ist nicht m e h r zugewiesen, als worauf er nach seiner B e v ö l k e r u n g s z a h l billigen Anspruch hat. Es ist übrigens durch das schweizerische Staatsrecht längst anerkannt, daß das reine Kopfzahlsystem nicht das allein und a b s o l u t maßgebende, und daß in den gegenwärtig bestellenden Verfassungen eine etwas größere Berücksichtigung einzelner Landestheile und Ortschaften in der Repräsentation nicht etwas Ungewöhnliches sei (s. Ullmer, Schweiz. Staatsrecht, Bd. I, S. 219).
In dem bekannten St. Galler Rekurse aus dem Jahre 1858/59 wurde seitens des Bundes ausdrücklich betont, daß es auf den ersten Blick erhelle, daß die Kantone angesichts des Art. 6 der Bundesverfas-
530 sung , welcher ,,republikanischen", ,,demokratischen" und ,,repräsentativen"Formen der politischen Organisation rufe, nicht an jenes Kopfsystem gebunden seien; dieser Artikel beweise vielmehr zur Evidenz, daß man dem freien Geiste der Kantone keine spanische Stiefel anlegen wolle; ein Kanton könne die politischen Rechte nach Ständen repräsentiren lassen ; er k ö n n e v o n Landesgegend e n s e i n en E i n t h ei 1u n g s f a k t or h er n e h m en u. s.w.
Der Satz, der in dieser Sache aller Argumentation an die Spitze gestellt werden wolle, daß nämlich dem Repräsentationsverhältnisse für den Bezirk 8t. Gallen nichts, gar nichts als nur die Kopfzahl zu Grunde gelegt werden dürfe, jede Inbetrachtnahme eines andern Repräsentationsgrundes ein ,,Ortsvorrecht" sei und der Bundesverfassung widerstreite, könne angesichts der Bundesverfassung selbst nicht bestehen. (Bericht der ständeräthlichen Kornmission vorn 24. Juli 1858, Bundesbl. 1858, S. 518 und 519.) Ein Blick auf die Repräsentationsverhältnisse einer Reihe von Kantonen und des Bundes selbst liefert hiefür hinlängliches Beweismaterial; wir erinnern an die erst im Laufe des letzten Winters ohne Anstand genehmigte Verfassung des Kantons Appenzell A.-Rh., an die Verfassung von Wallis ; wir- erinnern aber namentlich an die Ihnen :Allen bekannten Repräsentationsverhältnisse der Wahlen für. die Mitglieder des Nationalrathes selbst. " ' : Es ist ferner völlig unrichtig, wenn gesagt wird, bei fraglichen Wahlen im Kanton Schwyz m ü s s e jeweilen v o r a b der Bezirk Schwyz berücksichtigt werden, und es bleibe dann den übrigen Bezirken nur der Rest der andern Wahlen. Die Berücksichtigung und das Wahlrecht der andern Bezirke ist gegentheils ebenso selbstständig, ebenso obligatorisch, ebenso präzis und unzweifelhaft gewährleistet, wie jene von Schwyz, und nach dem Wortlaut sowohl als nach dem Sinn und Geiste der Verfassung hatte mit durchaus gleichem Rechte die Passung der betreffenden Artikel so gefaßt werden können, daß das Repräsentationsverhältniß der äußern Bezirke zuerst, dasjenige A'on Schwyz erst in zweiter Linie genannt worden wäre, welche Passung die Konstatirung der Unstichhaltigkeit der standeräthlichen Anschauung vielleicht erleichtert hätte.
Wir e r a c h t e n es s o n a c h als s t a a t s r e c h t l i c h nicht s t a t t h a f t , j e n e n V e r f a s s u n g s b e s t i m m u n g e n die GewährJ e i s t u n g zu v e r s a g e n .
: Die ganze gegentheilige Anschauung beruht übrigens auch politisch auf durchaus irrigen Voraussetzungen. Man glaubt durch die Desavouirung jener Artikel ein Vorrecht des Bezirkes Schwyz zu beseitigen und die politischen Rechte der äußern Bezirke zu fördern, zu mehren und zu schützen. Nichts ist proble-
m a l i s c h e r als dies. Man wird viel eher das Gegentheil von dem schaffen, was man will; demies ist durch die Akten und durch die Geschichte nachgewiesen, daß der Grundvertrag von 1833, beziehungsweise die vorliegende Verfassung keineswegs ein Vorrecht des Bezirkes Schwyz konstituiren, sondern einen Schutzwall für die äußern Landestheile gegen die Präponderanz des innern Landes bilden sollte, wie déni) anläßlich der letzten Berathung der Verfassung eine Anregung von Seite eines Abgeordneten von Schwyz auf Beseitigung jenes Artikels dem Wiederspruche Seitens der Abgeordneten des äußern Landes, welche die un verkümmerte Wahrung ihrer auf den Grundvertrag von 1833 basirten Rechte kategorisch forderten, begegnet sein soll.
Das Volk des Kantons Schwyz würde billig staunen, wenn dasjenige, was unter dem Schutz und der Mitwirkung des Bundes als die sicherste Garantie gegen politische Bevormundung in Jahrzehnte langem Kampf angestrebt, endlich erreicht und seither erhalten worden, urplötzlich als freiheits- und verfassungswidrig von dem gleichen Bunde wegdekretirt würde.
Dabei können wir nicht umhin, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß gegen die angefochtenen Verfassungsbestimmungen, die einen erheblichen, ja den größern Theil des Kantons Schwyz in seinen verfassungsmäßigen K echten beeinträchtigen sollen, aus k e i n e m T h ei l e d es L a n d e s S c h w y z P e t i t i o n e n und Beschwerden vorliegen, und daß auch die äußern Bezirke die Verfassung mit überwiegender Mehrheit angen o m m e n h a b e n ; gewiß Thatsachen, welche die Anschauung unterstützen, daß es sich hier nicht um. die politische Hintansetzung eines Landestheiles handelt, und ein Beweis dafür, daß die Bevölkerung des Kantons mit der Aufrechterhaltung der bisherigen Zustände einverstanden ist, ja dieselben als e i n e d u r c h die Verh ä l t n i s s e g e b o t e n e G a r a n t i e d e r gegenseitigen R e c h t e betrachtet.
Herr Präsident! Herren Nationalräthe! Bei diesem Sachverhalte können wir nicht umhin, Ihnen die Genehmigung auch der Art. 41, 43 und 44 der schwyz. Verfassung zu beantragen. Immerhin aber sind wir geneigt, um allen Bedenklichkeiten Rechnung zu tragen, die Rechte des Bundes auch in dieser Richtung durch die Aufnahme einer beruhigenden Klausel in die Erwägungen ausdrücklich zu wahren.
W ir schließen mit
der Erinnerung daran, daß jene Artikel als das Palladium, der schwyz. Freiheit und als die Grundlage der Aussöhnung und Wiedervereinigung der schwyzerischen Laudes-
Bericht der Mehrheit der nationalräthlichen Kommission, betreffend die Gewährleistung der Verfassung des Kantons Schwyz. (Vom 15. März 1877.)
10 009 481

References: Art. 6
 § 9
 Art. 27
 Art. 51
 Art. 41
 Art. 68
 § 41
 § 68
 Art. 52
 Art. 4
 § 1

§ 2
 Art. 68
 Art. 41
 Art. 4
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 6
 Art. 41