Source: https://www.arbeitssicherheit.de/schriften/dokument/0%3A5005003%2C11.html
Timestamp: 2018-11-14 16:28:49+00:00

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Abschnitt 4.4 – Ermittlung der Räumverfahren und Tätigkeiten
Die Auswahl des Räumverfahrens ist unmittelbar abhängig von
dem Räumziel, z.B. nur oberflächennahe Beräumung,
dem zu erwartenden Kampfmittelinventar, dessen Aufbau und Zustand (siehe vorstehend),
der zu erwartenden Tiefenlage der Munition,
den auf der Räumstelle vorzufindenden Umgebungsbedingungen.
In der AH-Kampfmittelräumung [1] werden unter anderem folgende Räumverfahren vorgestellt:
Bei der visuellen Kampfmittelräumung wird die Räumfläche vollflächig begangen und optisch auf Kampfmittel überprüft, die auf der Geländeoberfläche liegen oder aus dieser herausragen.
In der Regel erfolgt die visuelle Kampfmittelräumung ohne den Einsatz aktiver und/oder passiver Sonden. Bei nicht einsehbarer, dichter, bodenbedeckender Vegetation ist der hilfsweise Einsatz von Sonden erforderlich.
Nach Identifizierung sind handhabungsfähige Kampfmittel zu bergen
(siehe insbesondere auch Kap. 4.4.1).
Hänge sind bergauf zu begehen.
Bei der baubegleitenden Kampfmittelräumung wird der Boden mit aktiven und / oder passiven Sonden untersucht. Nach schichtweiser Freigabe abgegrenzter Bereiche durch die Verantwortliche Person gemäß § 19 Abs. 1 Nr. 3 Sprengstoffgesetz kann der Boden unter zusätzlicher visueller Kontrolle bis zur freigegebenen Tiefe ausgebaut werden. Dieser Vorgang wird bis zum Erreichen der Aushubsohle wiederholt.
Bombenblindgänger oder -zerscheller werden in Abhängigkeit von den Standortbedingungen durch Oberflächen- oder Tiefensondierung festgestellt.
Nach Lokalisierung eines Verdachtskörpers wird dieser, gegebenenfalls unter Einsatz von Spezialtiefbautechnik (erschütterungsfreier Spundwandverbau, Einbringen von Schachtringen, Grundwasserabsenkung oder dergleichen), manuell unter hilfsweisem Einsatz von Baumaschinen freigelegt.
Lokalisierte Störkörper werden unter Beachtung der allgemeingültigen Verfahrensgrundsätze und der DIN 4124 "Baugruben und Gräben; Böschungen, Verbau, Arbeitsraumbreiten" freigelegt, identifiziert und geborgen. Bei Räumungen mit vertraglich vereinbarter Tiefenbegrenzung ist das Vorgehen bei der Detektion von Störkörpern unterhalb der vorgegebenen Räumtiefe mit dem Auftraggeber abzustimmen.
Kampfmittelräumung durch den Abtrag von Boden und sonstigen Stoffen (Volumenräumung / Separation)
Die zu beräumende Fläche ist vor dem Aushub schichtenweise im Hinblick auf große Störkörper zu sondieren und von diesen punktuell zu beräumen.
Befinden sich bauliche Anlagen, unter denen Kampfmittel vermutet werden, auf der Räumstelle, sind diese zurückzubauen (siehe auch Anhang A-9.4.3 "Baubegleitende Kampfmittelräumung" der AH-Kampfmittelräumung).
Der mit Kampfmitteln belastete Boden ist unter Einhaltung der DIN 4124 schichtenweise zu lösen. Die Schichtsohlen sind auf große Störkörper zu sondieren und von diesen zu räumen.
Der Aushub wird seitlich, auf einer kampfmittelfreien Fläche, bearbeitet. Dies kann in Abhängigkeit von der Handhabungsfähigkeit der Kampfmittel durch Umsetzen des Bodens mittels Spaten, durch Ausstreuen des Boden mittels Bagger oder durch mechanische Separation oder Siebung, gegebenenfalls unter Einsatz aktiver und/oder passiver Sonden, erfolgen. Die für die Bearbeitung der Aushubmassen genutzte Fläche ist nach deren Abräumung erneut zu sondieren und von noch verbliebenen Kampfmitteln zu räumen.
Abschließend werden Aushubsohle sowie Böschungswände mittels aktiver und/oder passiver Sonden sondiert und geräumt, bis die geforderte Qualität erreicht ist.
Bei entsprechender Kampfmittelart (siehe Abschnitt 5.1.3.1.) und Anzahl der Störkörper kann die Bergung unter Beachtung der allgemeingültigen Verfahrensgrundsätze durch vollständige Umsetzung des Bodens und mechanischer Separation mittels Magnetabscheider (Permanentmagnet) und bei Vorhandensein von Nichteisenmetallen zusätzlich unter Einsatz von Wirbelstromabscheidern erfolgen. Werden Separationsanlagen eingesetzt, ist der Räumerfolg am Auslass der Anlage kontinuierlich visuell zu überprüfen. Geophysikalische Verfahren können hilfsweise eingesetzt werden.
Kampfmittelräumung mittels maschinellem Abtrag ohne vorherige Ortung und Identifikation
Bei diesen Räumverfahren erfolgt die Separierung der Kampfmittel entweder durch den Einsatz geeigneter Anbaugeräte für Erdbaumaschinen oder mittels Separieranlagen. Der notwendige Aushub ist unter Aufsicht von fachtechnischem Personal (verantwortliche Person nach § 19 Abs. 1 Nr. 3 Sprengstoffgesetz) durchzuführen. Eine wesentliche Voraussetzung zum Einsatz dieses Räumverfahrens ist die Siebfähigkeit des Bodens. Zu den weiteren Voraussetzungen wird auf die Abschnitte 4.4.1 und 5.1.3.1) verwiesen.
Grundsätze zur Eignung eines Räumverfahrens im Sinne des § 4 Arbeitsschutzgesetz
Grundsätzlich ist das ausgewählte Arbeitsverfahren "so zu gestalten, dass eine Gefährdung für Leben und Gesundheit möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung möglichst gering gehalten wird." (siehe § 4 Nr. 1 Arbeitsschutzgesetz).
Bei Tätigkeiten der Kampfmittelräumung hängt die Gefährdung wesentlich von dem rechtzeitigen Erkennen von Art und Sorte der Munition, der verwendeten Zündsysteme, des Erhaltungszustandes und der Inhaltsstoffe ab. Die Handhabungsfähigkeit kann nur auf Grund einer sicheren und zweifelsfreien Identifizierung des Kampfmittels geschehen. Daher sind im Sinne des § 4 Arbeitsschutzgesetz alle Arbeitsverfahren, bei denen Kampfmittel ohne zweifelsfreie Identifizierung bewegt werden, grundsätzlich als nicht geeignete Arbeitsverfahren zu bezeichnen!
Es gibt aber Situationen, in denen auf Grund der örtlichen Bedingungen eine räumliche Ortung des bzw. der Kampfmittel(s) oder eine zweifelsfreie Identifikation nicht möglich (z.B. viel "Eisen" im Boden) oder auch nicht sinnvoll ist. Letzteres ist z.B. der Fall bei einem Schießplatz für Hand- und Maschinenwaffen kleinerer Kaliber. Hier ist eine Ortung einzelner Objekte nicht durchführbar, weil in der Regel zuviel Munition und auch Munitionsschrott vorhanden ist. Eine zweifelsfreie Identifikation des Einzelobjektes ist nicht notwendig, weil die zu erwartende Munition hinreichend bekannt ist. In diesen Fällen kann die Kampfmittelräumung mittels maschinellen Abtrags von Boden und sonstigen Stoffen ohne vorherige Ortung und Identifikation der Kampfmittel durchgeführt werden (siehe Abschnitt 4.4).
Diese bedingt geeigneten Arbeitsverfahren dürfen vor dem Hintergrund der Forderungen des § 4 Arbeitsschutzgesetz nur dann angewendet werden, wenn
die Bewertung der örtlichen Verhältnisse zu dem Ergebnis führt, dass andere Verfahren nicht verfügbar bzw. auf Grund der örtlichen Bedingungen und unter Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht einsetzbar sind,
die bei der Durchführung des bedingt geeigneten Arbeitsverfahrens zu erwartende Gefährdung hinreichend einschätzbar ist,
die besonderen Schutzmaßnahmen umgesetzt sind
(siehe Abschnitt 5.1.3 "Separieranlagen").
Die Dokumentation der Informationen und Bewertungsschritte, die zur Auswahl eines solchen bedingt geeigneten Arbeitsverfahrens geführt haben, ist wesentlicher Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung.
Tätigkeiten mit möglichen Gefährdungen durch Kampfmittel
Bei folgenden Tätigkeiten ist mit einer Gefährdung durch Kampfmittel zu rechnen:
Vorarbeiten und begleitende Arbeiten
Einrichten der Räumstelle
Räumliche Trennung der Aufenthaltsbereiche, Arbeitsbereiche, Bereitstellungsflächen und Herstellung der Verkehrswege,
Abstecken, Einschlagen von Markierungspfählen,
Freischneiden, Mähen, Rodungsarbeiten,
Abb. 4: Freischneidarbeiten
Sondieren/Orten
Flächensondierung,
Tiefensondierung,
Bohrlochsondierung,
Unterwassersondierung,
vom Boot aus,
mittels Taucherarbeiten,
Abb. 5/6: Sondieren und Freilegen
das Freilegen,
das Identifizieren und die Befundung,
das Bergen,
Separieren ohne Ortung und Identifikation wie vorstehend,
Transport der Kampfmittel innerhalb der Räumstelle,
Aufbewahren der Kampfmittel innerhalb der Räumstelle in Tagesbereitstellungslagern.
Hinweise zur Gefährdungsbeurteilung für bestimmte Arbeitsverfahren und Tätigkeiten
Arbeiten und Tätigkeiten ohne Eingriff in den Boden
Folgende Tätigkeiten finden auf der Geländeoberfläche statt, ohne Eingriff in den Boden:
Vorarbeiten und begleitende Arbeiten,
Unterwasser-Flächensondierung,
Visuelle Kampfmittelräumung.
Bei diesen Tätigkeiten ist dann eine Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich Kampfmittel durchzuführen, wenn die Kampfmittel an der Oberfläche oder so nahe an der Oberfläche zu vermuten sind, dass als Folge des Betretens der Verdachtsfläche bzw. der durchzuführenden Arbeiten eine Detonation oder Umsetzung der Kampfmittel möglich ist.
Der Wegebau gehört dann zu den Arbeiten ohne Eingriff in den Boden, wenn nichts abgetragen, sondern das Wegematerial nur aufgeschüttet wird.
Tiefensondierung (Bohrlochsondierung)
Bei der Gefährdungsbeurteilung für die Tiefensondierung sind zwei wesentliche Faktoren zu beachten:
das Bohrverfahren,
der Bohrlochabstand.
Abb. 7: Bohrlochsondierung
Bei der Auswahl des Bohrverfahrens sind erschütterungsarme Verfahren anzuwenden. Rammkernverfahren sind nicht geeignet. Bei der Festlegung des Bohrlochabstandes ist zu beachten, dass die Bohransatzpunkte mittels Oberflächensondierung freigegeben sind und immer im Erfassungsbereich der benachbarten Bohrlochsondierung liegen. Der Abstand der einzelnen Sondierbohrungen zueinander hängt ab von den örtlichen Bedingungen, dem Räumziel und dem eingesetzten geophysikalischen Verfahren.
Die Unterwassersondierung erfolgt mit magnetischen, elektromagnetischen, akustischen oder seismischen Verfahren. Die Sonden sind dabei soweit an den Gewässergrund heranzuführen, dass das gewünschte Leistungsziel erreicht wird. Die Führung der erforderlichen Geräte zur Messwerterfassung und zur Navigation ist so zu gestalten, dass ein Berühren der Kampfmittel ausgeschlossen werden kann.
Darüber hinaus sind die allgemeinen Gefährdungen und Maßnahmen für Arbeiten auf Gewässern zu beachten, z.B. das Vorhalten von Rettungsmittel auf Wasserfahrzeugen. Siehe auch Unfallverhütungsvorschrift "Taucherarbeiten" (BGV C23).
Abb. 8: Einsatz von Kampfmitteltauchern
Tätigkeiten mit Sondierungsgeräten
Sondierungsgeräte sind Arbeitsmittel. Somit ist nach der Betriebssicherheitsverordnung für jede Tätigkeit eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, die die Spezifikationen des eingesetzten Sondierungsgerätes berücksichtigt. Dabei sind die Angaben des Herstellers aus der Betriebsanleitung des jeweiligen Gerätes zu beachten.
Freilegen des Kampfmittels
Bei der Gefährdungsbeurteilung für das Freilegen des Kampfmittels sind insbesondere folgende Faktoren zu berücksichtigen:
Arbeitsverfahren bzw. die Art der eingesetzten Arbeitsmittel
Auf der Grundlage des § 4 Arbeitsschutzgesetz ist zu prüfen, inwieweit ein maschinelles Räumverfahren anwendbar ist. In Abhängigkeit von den örtlichen Gegebenheiten (z.B. zu erwartende Munitionsart und -sorte, Topographie, Bewuchs) und von dem bei der Auftragsvergabe festgelegten Räumziel sind auch händische Arbeitsverfahren möglich. Die Gefährdung bei den händischen Arbeitsverfahren zur Freilegung ist wesentlich abhängig vom eingesetzten Arbeitsmittel (Werkzeug), was seinerseits wiederum abhängig ist von dem Boden, der das Kampfmittel umgibt.
Abb. 9: Maschinelle Kampfmittelräumung
Je höher die Bodenklasse nach DIN EN 18300 (VOB Verdingungsordnung für Bauleistungen - Teil C: Allgemeine Technische Vertragsbedingungen für Bauleistungen (ATV) - Erdarbeiten.), desto mehr Energie ist für die Freilegung der Kampfmittel notwendig und umso höher ist die potentielle mechanische Beanspruchung der Kampfmittel. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit der Explosion des Kampfmittels!
Die Auswahl des Verfahrens und der Arbeitsmittel zum Freilegen der Kampfmittel hat so zu erfolgen, dass eine Gefährdung ausgeschlossen werden kann. Daraus ergibt sich, dass der Einsatz von Arbeitsmitteln mit hohem Energieeintrag, z.B. Arbeiten mit der Hacke, zu vermeiden ist.
Tiefenlage der Kampfmittel
Je nach Tiefenlage der Kampfmittel sind Baugruben oder Böschungen anzulegen. Hierfür sind die Vorgaben der §§ 6 und 28 der Unfallverhütungsvorschrift "Bauarbeiten" (BGV C22) in Verbindung mit DIN 4124 zu beachten.
Abb. 10: Sicherung der Grabenwände mit nichtferromagnetischen Verbau
Untersuchungen zur Identifizierung des Kampfmittels
Die Untersuchung zur Identifizierung des Kampfmittels darf nur durch die Verantwortliche Person nach § 19 Abs. 1 Nr. 3 Sprengstoffgesetz vorgenommen werden. Sie entscheidet allein oder bei Zweifeln mit der Hilfe weiterer fachkundiger Personen über die weitere Behandlung des Kampfmittels, siehe Abschnitt 6 des Anhangs 5 der Explosivstoff-Zerlege- oder Vernichteregeln (BGR 114).
Bei der Gefährdungsbeurteilung für die Untersuchung zur Identifizierung des Kampfmittels sind insbesondere folgende Faktoren zu berücksichtigen:
Kampfmittelart und -sorte,
Art der Einbringung (z.B. Verschuss, Vergrabung, Stapelsprengung),
mögliche Bezünderung,
Zustand (z.B. Rostfraß, Anhaftungen),
vermutete Inhaltsstoffe.
Die genannten Faktoren sind im Hinblick auf die Bewertung der Handhabungs- und Transportfähigkeit zu beachten, insbesondere auf die von der Verantwortlichen Person gemäß § 19 Abs. 1 Nr. 3 Sprengstoffgesetz zu treffende Entscheidung, ob das Kampfmittel geborgen und transportiert werden darf, oder es an Ort und Stelle zu sprengen ist.
Zu den Maßnahmen, die bei nichttransportfähiger Munition zu treffen sind, siehe Abschnitt 11 des Anhangs 5 der "Explosivstoff-Zerlege- oder Vernichteregel" (BGR 114).
Zur Identifizierung von Kampfmitteln, die chemische Kampfstoffe enthalten, sind geeignete Geräte heranzuziehen. Geeignete Arbeitsmittel sind z.B.
Kampfstoffspürgeräte, z.B. Ionenmobilitätsspektrometer,
Isotopenarbeitsgeräte,
Prüfröhrchen.
Die vorstehend genannten Geräte sind Arbeitsmittel. Somit ist bei Ihrem Einsatz eine Gefährdungsbeurteilung nach der Betriebssicherheitsverordnung durchzuführen. Dabei sind die Angaben des Herstellers aus der Betriebsanleitung des jeweiligen Gerätes zu beachten.
Transport und Aufbewahrung der Kampfmittel innerhalb der Räumstelle
Bei der Gefährdungsbeurteilung für Transport und Bereitstellung der Kampfmittel innerhalb der Räumstelle zur Abholung sind insbesondere folgende Faktoren zu berücksichtigen:
Bereitstellungsmengen,
Möglichkeiten zur Aufbewahrung,
Tageslagermengen,
Zwischentransporte.
Abb. 11: Aufbewahrung von Kampfmitteln in sog. "Richterschatulle"
Diesbezügliche Festlegungen sind von der verantwortlichen Person zu treffen.
Siehe Abschnitt 8 des Anhangs der "Explosivstoff-Zerlege- oder Vernichteregeln" (BGR 114).
Mit der Übergabe der Kampfmittel an die staatlichen Kampfmittelbeseitungsdienste (KMBD) bzw. die dazu ermächtigten Firmen und Personen endet der Anwendungsbereich dieser BG-Information. Die in dieser BG-Information dargestellte Methodik kann auch bei solchen vergleichbaren Tätigkeiten angewendet werden, die nicht im Anwendungsbereich dieser BG-Information genannt sind.

References: § 19
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 § 4
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