Source: http://www.palikanon.com/khuddaka/jataka/j374.htm
Timestamp: 2013-12-10 21:42:07+00:00

Document:
374 Culladhanuggaha-Jataka
Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten 374. Die Erzählung von Culladhanuggaha (Culladhanuggaha-Jātaka) [0a]
„All meine Güter nahmst du mit“
§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Verlockung durch die frühere Frau. Als nämlich dieser Mönch gesagt hatte: „Meine frühere Frau, Herr, hat mich unzufrieden gemacht“, sprach der Meister: „Dieses Weib, o Mönch, bringt dir nicht nur jetzt Schaden; früher wurde dir um ihretwillen das Haupt mit dem Schwerte gespalten.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.
§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, bekleidete der Bodhisattva die Sakka-Würde. Damals hatte ein junger Brahmane von Benares zu Takkasilā alle Künste erlernt und war zur Vollendung im Bogenschießen vorgedrungen. Er hieß „der kleine, kluge Bogenschütze“ [Culladhanuggahapandita]. Sein Lehrer aber dachte: „Dieser versteht eine Kunst, die der meinigen gleich ist“, und gab ihm seine Tochter. Er nahm sie mit sich und machte sich auf den Weg, um nach Benares zu ziehen.
Unterwegs machte ein Elefant einen Landstrich menschenleer; zu diesem Ort getraute sich niemand hinaufzusteigen. Der kleine kluge Bogenschütze aber zog mit seiner Frau, obwohl ihn die Leute immer wieder zurückhielten, nach dem Rande dieses Waldes. In der Mitte des Waldes stand der Elefant gegen ihn auf; er aber traf ihn mit einem Pfeile an seiner Stirngeschwulst. Der Pfeil ging durch und durch und kam auf der Rückseite wieder heraus. Der Elefant fiel auf der Stelle nieder.
Nachdem nun der kleine, kluge Bogenschütze diesen Ort sicher gemacht hatte, gelangte er beim Weiterziehen an einen andern Wald. Dort machten fünfzig Räuber den Weg unsicher. Obwohl er aber wieder von den Leuten zurückgehalten wurde, ging er in den Wald hinein und kam an eine Stelle, wo die Räuber, die in der Nähe des Weges Gazellen getötet hatten, deren Fleisch brieten und verzehrten. Als ihn die Räuber mit seiner prächtig geschmückten Gattin daherkommen sahen, dachten sie: „Wir wollen ihn ergreifen“, und wollten sich auf ihn stürzen. Der Räuberhauptmann aber war der Abzeichen kundig; als er ihn betrachtete, merkte er, es sei ein hervorragender Mann, und er erlaubte keinem einzigen, sich gegen jenen zu erheben.
Darauf schickte der kleine kluge Bogenschütze seine Frau zu ihnen hin mit den Worten: „Gehe hin, sage ihnen, sie sollten auch uns einen Holzspieß voll Fleisch geben, und bringe das Fleisch her!“ Sie ging hin und sagte: „Gebt mir einen einzigen Holzspieß voll Fleisch!“ Der Räuberhauptmann sprach: „Es ist ein unschätzbarer Mann“, und ließ ihr einen Spieß geben. Die Räuber aber dachten: „Er soll wohl unser gebratenes Fleisch verzehren!“, und gaben ihr einen Holzspieß mit ungebratenem Fleisch. Da aber der Bogenschütze viel von sich hielt, wurde er böse auf die Räuber, dass sie ihm ungebratenes Fleisch gegeben hatten.
Die Räuber aber sprachen: „Was will uns der eine Mann? Sind wir Weiber?“ Und indem sie sich schalten, erhoben sie sich gegen den Bogenschützen. Dieser traf neunundvierzig Leute mit neunundvierzig Pfeilen und tötete sie. Um den Räuberhauptmann zu treffen, hatte er keinen Pfeil mehr. In seinem Köcher nämlich waren gerade fünfzig Pfeile gewesen; mit einem von diesen hatte er den Elefanten erlegt, mit den anderen neunundvierzig die Räuber.
Er brachte nun den Räuberhauptmann zu Fall und kniete sich auf dessen Brust. Weil er ihm das Haupt abschlagen wollte, ließ er sich von seiner Frau sein Schwert holen. In diesem Augenblicke aber wurde sie von Begierde nach dem Räuberhauptmann ergriffen; sie gab das Heft des Schwertes dem Räuber in die Hand und das Ende ihrem Gatten. Als der Räuber das Holz des Griffes fühlte, zog er das Schwert aus der Scheide und schlug dem Bogenschützen das Haupt ab.
Nachdem er ihn getötet, zog er mit der Frau weiter und fragte nach ihrer Herkunft. Sie antwortete: „Ich bin die Tochter eines weitberühmten Lehrers zu Takkasilā.“ „Wie hat dich dieser erhalten?“, fragte der Räuber weiter. Sie erwiderte: „Mein Vater war befriedigt, weil dieser eine der seinigen gleiche Kunstfertigkeit erlernt hatte, und gab mich ihm daher. Ich aber habe, weil ich Liebe zu dir empfand, den mir von meiner Familie gegebenen Gatten töten lassen.“
Jetzt dachte der Räuberhauptmann: „Diese hat den ihr von ihrer Familie gegebenen Gatten getötet; wenn sie aber einen anderen sieht, wird sie mit mir ebenso tun. Ich muss sie loswerden.“ Als er beim Weitergehen unterwegs einen kleinen, seichten Fluss sah, der gerade damals mit Wasser gefüllt war, sagte er: „Liebe, in diesem Flusse ist ein schreckliches Krokodil; was sollen wir tun?“ Sie antwortete: „Herr, tue all meinen Schmuck und meinen Besitz in meinem Obergewande zu einem Bündel zusammen und bringe dies an das andere Ufer. Dann komme zurück und hole mich!“ Der Räuber stimmte zu und stieg mit ihrem ganzen Schmuck und sonstigen Besitz in den Fluss hinab. Als er aber beim Durchschreiten an das andere Ufer gekommen war, ließ er sie zurück und ging fort. Als jene dies sah, rief sie: „Herr, du gehst weg, als wolltest du mich loswerden. Warum tust du so? Komme und gehe mit mir fort!“ Und indem sie ihn anredete, sprach sie folgende erste Strophe:
§1. „All meine Güter nahmst du mit und bist hinüber jetzt gegangen. Komm rasch zu mir zurück und lass auch mich den Fluss hier überschreiten.“
Da dies der Räuber hörte, sprach er, am andern Ufer stehend, folgende zweite Strophe [1]:
§2. „Mich Ungewohnten mit dem lang Gewohnten, den Schwanken [1a] mit dem Festen tauschst du, Herrin. Mit mir auch könnt' sie einen andern tauschen; noch weiter werd' ich mich von hier entfernen.“
Nachdem aber der Räuber gesagt hatte: „Ich werde von hier noch weiter fortgehen; bleibe du nur!“, lief er mit dem Bündel Kostbarkeiten davon, während jene laut schrie. In solches Unglück stürzte die Törin durch ihre Sucht nach Abwechselung. In ihrer Verlassenheit ging sie in der Nähe zu einem Elagala-Gebüsche [2] hin und setzte sich weinend nieder. —
In diesem Augenblick betrachtete Sakka die Welt. Als er sie, die durch ihre Sucht nach Abwechselung geschlagen ihren Mann und ihren Buhlen verloren hatte, weinen sah, dachte er: „Ich will sie tadeln, beschämen und dann zurückkehren.“ Mit Mātali [3] und Pancasikha [4] begab er sich dorthin und sprach, am Ufer des Flusses stehend: „Mātali, werde du ein Fisch; Pancasikha, werde du ein Vogel. Ich aber will mich in einen Schakal verwandeln, einen Bissen Fleisch in mein Maul nehmen und vor sie hintreten. Wenn ich dorthin gegangen bin, so springe du aus dem Wasser und falle vor mich hin. Dann werde ich das Fleischstück, das ich im Maule habe, fallen lassen und aufspringen um den Fisch zu fangen. In diesem Augenblick nimm du, Pancasikha, das Stück Fleisch und fliege in die Luft empor und du, Mātali, lasse dich wieder ins Wasser fallen.“ So gab er ihnen Anweisung. „Gut, o Fürst“, sagten die anderen.
Mātali wurde nun zum Fisch, Pancasikha wurde zum Vogel und Sakka wurde zum Schakal, der sich mit einem Stück Fleisch im Maule ihr vor die Augen begab. Der Fisch sprang aus dem Wasser empor und fiel vor dem Schakal hin. Dieser ließ das Fleischstück, das er mit dem Maule gefasst hatte, fallen und sprang auf, um den Fisch zu fangen. Der Fisch schnellte sich in die Höhe und ließ sich wieder ins Wasser fallen; der Vogel aber packte das Fleischstück und flog in die Luft empor. Der Schakal setzte sich, als er beide verloren hatte, missmutig nieder, indem er nach dem Elagala-Gebüsch schaute.
Als jene dies sah, dachte sie: „Von der Sucht nach Abwechslung geschlagen hat er jetzt weder den Fisch noch das Fleisch erhalten“, und sie lachte laut auf, als ob sie einen Betrug aufgedeckt hatte. Als dies der Schakal hörte, sprach er folgende dritte Strophe:
§3. „Wer ist dies, die hier im Gebüsch laut angefangen hat zu lachen? Kein Tanz ist hier und kein Gesang und nicht geschlagen wird die Zimbel. Warum bist du zur Zeit der Trauer, du Schöne, Liebliche, so lustig?“
Als sie dies hörte, sprach sie folgende vierte Strophe:
§4. „Du dummer, törichter Schakal,
du bist ein unvernünftig Tier.
Du hast verloren Fisch und Fleisch
und kannst jetzt jammern wie ein Armer.“
Darauf sprach der Schakal folgende fünfte Strophe [5]:
§5. „Was andern fehlt, das siehst du wohl, was aber dir fehlt, siehst du nicht. Da du den Gatten und den Buhlen verloren, darfst du selbst wohl trauern.“
Als sie seine Worte vernahm, sprach sie folgende Strophe:
§6. „So eben ist 's, wie du es sagst, König der Tiere, du Schakal; deshalb will ich von hier jetzt scheiden und einen neuen Gatten suchen.“
Da aber Sakka so den Bericht von ihrer Lasterhaftigkeit und Untugend hörte, sprach er, der Götterkönig, zum Schlusse folgende Strophe:
§7. „Wer eine irdne Platte stiehlt, der nimmt auch eine goldne weg. So, wie du Böses jetzt getan, so wirst du später wieder tun.“
Nachdem er sie mit diesen Worten beschämt und ihr Gewissensbisse verursacht hatte, kehrte er an seinen Ort zurück.
§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündet hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener unzufriedene Mönch zur Frucht der Bekehrung): „Damals war der Bogenschütze der unzufriedene Mönch, dies Weib war seine frühere Frau, der Götterkönig Sakka aber war ich.“
Ende der Erzählung von Culladhanuggaha [0a]
[0a] Bei Dutoit heißt das Jātaka „Die Erzählung von dem kleinen Bogenschützen“. „Culladhanuggahapandita“, kurz „Culladhanuggaha“ ist jedoch ein Eigenname. Daher ziehe ich vor, diesen Eigennamen im Titel unübersetzt zu lassen.
[1] Dies ist auch die vierte Strophe des Jātaka 318.
[1a] = den Schwankenden, d.h. den Unsteten.
[2] Die Pflanze Cassia tora.
[3] Mātali ist der oft erwähnte Wagenlenker Indras.
[4] Einer der Gandharvas, der himmlischen Musikanten.
[5] Die beiden ersten Verse dieser Strophe sind der Anfang von Vers 252 des Dhammapadam.

References: §1

§2

§3

§4

§5

§6

§7