Source: http://www.hensche.de/Insolvenzanfechtung_von_Arbeitslohn_verfassungsgemaess_BAG_6AZR367-13.html
Timestamp: 2018-04-23 15:29:54+00:00

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ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/208
10.06.2014. Der In­sol­venz­ver­wal­ter kann Lohn­zah­lun­gen, die der Ar­beit­neh­mer noch kurz vor der In­sol­venz sei­nes Ar­beit­ge­bers er­hal­ten hat, nach den Vor­schrif­ten der In­sol­venz­ord­nung (In­sO) her­aus­ver­lan­gen, wenn ein Fall der sog. In­sol­venz­an­fech­tung vor­liegt.
Da der Ar­beit­neh­mer ge­gen die­sen Lohn­aus­fall nicht im­mer durch das In­sol­venz­geld ab­ge­si­chert ist, fragt sich, ob § 131 Abs.1 In­sO ver­fas­sungs­ge­mäß ist.
Ja, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung: BAG, Ur­teil vom 27.02.2014, 6 AZR 367/13.
Ist § 131 In­sol­venz­ord­nung (In­sO) ver­fas­sungs­gemäß?
Der Streit­fall: Kraft­fah­rer und Bau­wer­ker erhält rückständi­gen Ar­beits­lohn erst nach An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens
BAG: § 131 In­sO verstößt we­der ge­gen die Ei­gen­tums­ga­ran­tie (Art.14 Grund­ge­setz) noch ge­gen das So­zi­al­staats­prin­zip (Art.20 Abs.1 Grund­ge­setz)
im letz­ten Mo­nat vor dem In­sol­venz­an­trag oder später be­zahlt wur­den (§ 131 Abs.1 Nr.1 In­sO) oder
so­gar schon früher, nämlich im zwei­ten oder drit­ten Mo­nat vor dem In­sol­venz­an­trag, falls der Ar­beit­ge­ber zu die­sem Zeit­punkt be­reits zah­lungs­unfähig war (§ 131 Abs.1 Nr.2 In­sO).
Die Drei­mo­nats­frist ist auch aus ei­nem an­de­ren Grund wich­tig: Nach der Recht­spre­chung des BAG kann das (für Ar­beit­neh­mer oh­ne­hin harm­lo­se) Rück­for­de­rungs­recht des § 130 In­sO ("kon­gru­en­te De­ckung") von vorn­her­ein nicht an­ge­wen­det wer­den, wenn
der Ar­beit­ge­ber frei­wil­lig Ar­beits­leis­tun­gen be­zahlt,
die nicht länger als drei Mo­na­te zurück­lie­gen,
denn sol­che Zah­lun­gen sind laut BAG Bar­geschäfte im Sin­ne von § 142 In­sO.
Da das BAG auch den An­wen­dungs­be­reich des Rück­for­de­rungs­rechts we­gen "vorsätz­li­cher Gläubi­ger­be­nach­tei­li­gung" (§ 133 Abs.1 In­sO) strikt be­grenzt (BAG, Ur­teil vom 29.01.2014, 6 AZR 345/12, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/105 Ge­haltsrück­for­de­rung durch In­sol­venz­ver­wal­ter wei­ter be­grenzt), bleibt als ei­gent­li­che Ge­fah­ren­quel­le für den Ar­beit­neh­mer § 131 Abs.1 In­sO.
Und weil hier ei­ne In­sol­venz­geld­ab­si­che­rung wie erwähnt meist aus­schei­det, kann man dar­an zwei­feln, dass § 131 Abs.1 In­sO, ver­fas­sungs­gemäß ist. Im­mer­hin greift die Pflicht zur Rücker­stat­tung in das Ei­gen­tums­grund­recht des Ar­beit­neh­mers ein (denn auch For­de­run­gen sind durch das Ei­gen­tums­grund­recht geschützt), und mögli­cher­wei­se be­ach­tet § 131 Abs.1 In­sO auch das So­zi­al­staats­prin­zip nicht aus­rei­chend.
En­de Mai 2011 droh­te der Ar­beit­neh­mer die Zwangs­voll­stre­ckung an und er­wirk­te ein vorläufi­ges Zah­lungs­ver­bot. Dar­auf­hin zahl­te der Ar­beit­ge­ber Mit­te Ju­ni 2011 die Net­tolöhne für De­zem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011, im­mer­hin 3.584,52 EUR.
Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te durch außer­or­dent­li­che Ei­genkündi­gung des Ar­beit­neh­mers am 01. Ju­li 2011, so dass die­ser für die drei Mo­na­te April, Mai und Ju­ni 2011 In­sol­venz­geld er­hielt.
Das BAG hob die Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen auf und ver­ur­teil­te den ver­klag­ten Ar­beit­neh­mer zur Rück­zah­lung der 3.584,52 EUR net­to nebst Zin­sen.
Fa­zit: Ar­beit­neh­mer sind gut be­ra­ten, wenn sie frühzei­tig von ih­rem Zurück­be­hal­tungs­recht Ge­brauch ma­chen, d.h. nach zwei Mo­natslöhnen Zah­lungs­ver­zug soll­te man nicht mehr zur Ar­beit ge­hen, son­dern zur Ar­beits­agen­tur. Als Be­gleit­maßnah­me soll­te man nicht nur die rückständi­gen Löhne ein­kla­gen, son­dern auch die An­nah­me­ver­zugslöhne, die während der Ausübung des Zurück­be­hal­tungs­rechts fortwährend wei­ter auf­lau­fen.
So et­was macht Ar­beit­ge­ber nervös, und dann kann man über "frei­wil­li­ge" (Ab­schlags-)Zah­lun­gen spre­chen. Die­se un­ter­fal­len auch dann nicht, wenn mit ih­nen ti­tu­lier­te For­de­run­gen be­gli­chen wer­den, § 131 Abs.1 In­sO, so­lan­ge es der Ar­beit­neh­mer un­terlässt, (aus­drück­lich) Maßnah­men der Zwangs­voll­stre­ckung an­zu­dro­hen.

References: § 131
 § 131
 § 131
 § 130
 § 142
 § 131
 § 131
 § 131
 § 131