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Timestamp: 2020-03-31 07:47:33+00:00

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Grundrechtepartei › Es weihnachtet sehr: Warum können Urteile des Bundesverfassungsgerichts durch Amtsträger aus Gesetzgebung, vollziehender Gewalt und Rechtsprechung sanktionslos ignoriert oder uminterpretiert werden?
In unwissenden Kreisen wird das schöne Märchen kolportiert, das Bundesverfassungsgericht sei a) das höchste Gericht in Deutschland, b) das Hüterle der Verfassung und c) seine Entscheidungen wären so etwas wie Gottesurteile oder doch zumindest Anzeichen für die Existenz des Weihnachtsmannes, worauf wohl die Roten Roben schließen lassen sollen.
Diese frohe Botschaft wird von der öffentlichen Gewalt und der seriösen Wahrheitspresse jedes Jahr mehrmals verkündet und von allerley Spiel und Gauckeley begleitet. Deshalb schenkt der deutsche Bürger dem Bundesverfassungsgericht all sein Vertrauen, welches auch nicht erschüttert wird durch merkwürdige Entscheidungen, wie zum Beispiel die wohl häufigste Entscheidung, nicht zu entscheiden, obwohl das Grundgesetz dem Bundesverfassungsgericht nicht nur keine Ermächtigung zur Nichtentscheidung verleiht, sondern im Gegenteil sogar diejenigen Fälle bezeichnet, in denen das Bundesverfassungsgericht entscheiden muss.
Zu diesem unerschütterlichen Glauben an die Retter der deutschen Nation tritt die weitere frohe Botschaft, die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts hätten Gesetzeskraft und alle öffentliche Gewalt hätte zu kuschen, so dass im Allgemeinen der Eindruck erweckt wird, die Richter am Bundesverfassungsgericht wären allmächtige Fahrkartenkontrolleure in der U-Bahn des Lebens und alle Amtsträger würden vor Angst zittern, wenn sie keine Fahrkarte in das Jenseits des deutschen Volkskörpers gelöst hätten. Dieser, wie wir sehen werden, Irrglaube beruht – außer auf der Hoffnung, Godot käme doch eines Tages um die Ecke – auf dem Inhalt des § 31 des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes sowie einer ganzen Menge an Unwissen über die Entstehung, Funktion und Wirkweise von Gesetzen.
Die Vorschrift des § 31 BVerfGG (Bundesverfassungsgerichtsgesetz) lautet:
Demnach sollte jeder Normadressat davon ausgehen können, dass spätestens bei seiner eigenen Berufung auf den Inhalt einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts die öffentliche Gewalt vor der Rechtsprechung des angeblich höchsten deutschen Gerichts einen tiefen Kotau (zu deutsch: Bückling) macht, um dessen Entscheidung in jedem vergleichbaren Fall stante pede um- und durchzusetzen.
Sollte. Eigentlich. Wenn man den Inhalt des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes ernst nimmt. Was ja wohl zu erwarten wäre. Wäre da nicht …
Der regelmäßig tief in das Glas des Nektars der Erleuchtung schauende Jurist kann angesichts derartiger Einfältigkeit nur müde lächeln, weiß er doch um die folgenden Vorschriften des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland:
Art. 76 GG
Art. 77 GG
Art. 78 GG
Art. 82 GG
Mit diesen Vorschriften ist eigentlich alles gesagt. Nach dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland können demnach Urteile von Gerichten, gleich welchen Gerichtes, keine Bindungswirkung von Gesetzen haben oder gar im Range eines Bundesgesetzes stehen, da sie nicht nach den Vorschriften des Grundgesetzes für die (Bundes-)Gesetzgebung als Gesetze zustande gekommen sind, sondern deren Folge sind.
Wären nämlich individuelle Aussagen über Gesetze selbst Gesetze, bedürfte es keiner Gesetzgebung. Das aber hat sich offenkundig noch nicht bis in die diversen deutschen Amtsstuben herumgesprochen, geht man dort doch immer noch – wie schon zu des lieben Kaisers Wilhelm Zeiten, Gott hab ihn selig – davon aus, dass alles, was in deutschen Amtsstuben gemeint wird, auch Gesetz sei. Nun ja, nicht alles. Nur alles, was Amtsträger über ein Gesetz meinen oder was sie meinen, was denn Gesetz zu sein hätte.
Im Gegenteil zur regulären Prozedur des Erlasses von Gesetzen erklärt § 30 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG die Vorgehensweise beim schmerzlichen Prozess der Entscheidungsfindung der Richter am Bundesverfassungsgericht: »Das Bundesverfassungsgericht entscheidet in geheimer Beratung nach seiner freien, aus dem Inhalt der Verhandlung und dem Ergebnis der Beweisaufnahme geschöpften Überzeugung.«
Das Grundgesetz selbst sagt über die Wirkung von Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts nichts aus, auch nicht, dass diese Entscheidungen präjudizierend wirken, also die öffentliche Gewalt über den Einzelfall hinaus binden. Dies ist nur folgerichtig, da gemäß Art. 20 Abs. 3 GG die öffentliche Gewalt zuvörderst dem Gesetz unterworfen ist.
Demzufolge kann das Bundesverfassungsgericht aufgrund seines Mangels an gesetzgeberischer Kompetenz keine gesetzgeberischen Aktivitäten entfalten. Es hat, wie jedes andere Gericht auch, ausschließlich festzustellen, ob das Handeln der öffentlichen Gewalt mit dem Grundgesetz übereinstimmt oder nicht, und die vom Gesetz bestimmten Rechtsfolgen auszusprechen. Bestimmt nun aber ein Gesetz, wie das Bundesverfassungsgerichtsgesetz, eine dem Grundgesetz entgegenstehende Rechtsfolge, so ist diese Rechtsfolge nichtig und damit folgenlos. Als Beispiel mag hier die Vorschrift des Art. 102 GG herhalten, wonach die Todesstrafe abgeschafft ist, weshalb auch der Art. 21 Abs. 1 der Hessischen Verfassung folgenlos bleibt, nach dem für besonders schwere Verbrechen die Todesstrafe verhängt werden kann.
Wenn nun aber – gemessen am Wortlaut des Grundgesetzes – die Vorschrift des § 31 BVerfGG keine Rechtsfolge der gesetzgeberischen Aktivität nach sich ziehen darf, stellt sich die Frage nach ihrem eigentlichen Sinn.
Der Verfasser des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes, der heute noch hoch verehrte Nazijurist Willi Geiger, wusste, dass viele Wege zum Schafott führen und stille Wasser tief sind und vor allem, dass die deutsche Bevölkerung sich einen feuchten Kehricht um das Grundgesetz kümmern würde, weil er und seine Spießgesellen – wie heute erkennbar – mit allen Mitteln dafür sorgten, dass das Grundgesetz ein ungehobener Nibelungenschatz sein und bleiben würde.
Der § 31 BVerfGG ist bei näherer Betrachtung ein Trojanisches Pferd, welches weitere Trojanische Pferde beinhaltet.
Was zunächst jedem mit der Materie der Gesetze Vertrautem sehr vertraut erscheinen muss, ist der Mangel an Sanktionen gegenüber der öffentlichen Gewalt bei Verstößen gegen die Vorschrift des § 31 BVerfGG. Dort, wo in den Strafgesetzen bezüglich des »privaten« Bösewichts immer die Formel »Wenn, dann« erkennbar ist, was verständlich ist, weil sanktionslose Vorschriften keine Wirkung haben, sind immer dann, wenn es sich um Bösigkeiten von Amtsträgern im angeblichen Namen des Volkes handelt, die folgenden Alternativformeln erkennbar:
A) Wenn der Amtsträger gegen das Gesetz verstößt und es der Behörde nutzt, dann ist die Sanktion gleich Null.
B) Wenn der Amtsträger gegen das Gesetz verstößt und dadurch einem Grundrechtsträger Schaden zufügt, dann ist die Rechtsfolge die Feststellung, dass zur Strafe die Sonne sich um die Erde dreht.
Man sieht, beide Alternativen beschwören geradezu die Einhaltung der Gesetze durch Amtsträger herauf, denn welcher Amtsträger würde Straftaten im Amt begehen, wenn er befürchten müsste, nicht bestraft zu werden? Oder welcher Amtsträger will schon ernsthaft, dass sich die Sonne um die Erde drehen muss, weil er gegen ein Gesetz verstoßen hat? Unvorstellbar!
Und § 31 BVerfGG ist da nur die Spitze eines Eisberges von Geschenken gegenüber der öffentlichen Gewalt selbst bei vollständiger Außerkraftsetzung des Grundgesetzes. Es sei hier nur am Rande auf den Mangel am Straftatbestand des Amtsmissbrauchs verwiesen, oder auf die Tatsache, dass deutsche Staatsanwälte trotz der gesetzlichen Erfordernis keinen Beamteneid leisten, oder die klammheimliche Eliminierung des Straftatbestands des Hochverrats aus dem Grundgesetz ohne ein das Grundgesetz nach Maßgabe der Vorschriften des Art. 79 GG änderndes Gesetz.
Wenn demnach der Grundrechtsträger Müller zum grundrechtsverpflichteten Amtsträger Meier läuft, um diesem freudestrahlend die neueste Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts mitzuteilen und sagt: »Das muss auch für mich gelten!«, dann freudestrahlt Amtsträger Meier retoure mit der Anmerkung: »Aber dort steht gar nicht Ihr Name!«, worauf Müller sagt: »§ 31 BVerfGG sagt aber, dass …!«, worauf Amtsträger Meier jovial – unter Auslassung des Kostenvoranschlags für die immensen Gerichtskosten in eigener Sache – bemerkt: »Das ist Ihre Ansicht. Aber Sie können ja klagen, wir leben schließlich in einem Rechtsstaat!«
Wenn aber das Bundesverfassungsgericht wieder einmal eine Entscheidung getroffen hat nach dem Motto:
Hm, na ja, das ist schon verfassungswidrig, aber wir verfügen zur Wahrung des Rechtsfriedens (Anm.: der ist gut, oder?), dass es bis zum Sankt Nimmerleinstag so weitergehen kann. Wenn aber nicht spätestens am Sankt Nimmerleinstag alles wieder hübsch verfassungsgemäß ist, dann … dreht sich zur Strafe die Sonne um die Erde!,
und der Grundrechtsträger Müller den grundrechtsverpflichteten Amtsträger Meier fragt: »Wann ist es denn soweit?«, sagt dieser weise lächelnd: »Spätestens am Sankt Nimmerleinstag!«
Und was ist nun mit dem höchsten Gericht? Dazu bitte hier entlang: https://grundrechtepartei.de/archiv-rechtsstaatsreport//oberstes-bundesgericht/

References: § 31
 § 31

Art. 76

Art. 77

Art. 78

Art. 82
 § 30
 Art. 20
 Art. 102
 Art. 21
 § 31
 § 31
 § 31
 § 31
 Art. 79