Source: http://www.hensche.de/Whistleblowing_Anzeige_Arbeitgeber_Whistleblowing_Anzeige_gegen_Arbeitgeber_Whistleblowing.html
Timestamp: 2018-10-23 02:03:59+00:00

Document:
Whistleblowing, Anzeige gegen den Arbeitgeber - HENSCHE Arbeitsrecht
Was ver­steht man un­ter Whist­leb­lo­wing?
Dürfen Ar­beit­neh­mer Ge­set­zes­verstöße im Be­trieb den Auf­sichts­behörden oder der Po­li­zei mel­den?
Dürfen Ar­beit­neh­mer Rechts­verstöße an­zei­gen, die kei­ne Straf­ta­ten sind?
Wann dürfen Ar­beit­neh­mer bei Straf­ta­ten die Po­li­zei oder Staats­an­walt­schaft ein­schal­ten?
Wann ist der Ver­such ei­ner in­ner­be­trieb­li­chen Klärung nicht nötig?
Hängt die Be­rech­ti­gung zur Straf­an­zei­ge vom Er­geb­nis des Straf­ver­fah­rens ab?
Wann müssen Ar­beit­neh­mer we­gen ei­ner Straf­an­zei­ge auf je­den Fall mit ei­ner Kündi­gung rech­nen?
Wel­che Fol­gen ha­ben leicht­fer­ti­ge Straf­an­zei­gen ge­gen Kol­le­gen oder Vor­ge­setz­te?
Hat der Be­triebs­rat ein Mit­be­stim­mungs­recht bei Re­ge­lun­gen zum The­ma Whist­leb­lo­wing?
Hat sich die Rechts­la­ge für Hin­weis­ge­ber durch das Hei­nisch-Ur­teil des EGMR ver­bes­sert?
Wel­che ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen könn­ten Hin­weis­ge­bern hel­fen?
Wo fin­den Sie mehr zum The­ma Whist­leb­lo­wing, An­zei­ge ge­gen den Ar­beit­ge­ber?
Die­se Fra­ge kann man nicht all­ge­mein mit ja oder mit nein be­ant­wor­ten.
Denn hier kommt es dar­auf an, ob die in­ner­be­trieb­li­chen Missstände Straf­ta­ten sind oder „nur“ Verstöße ge­gen fir­men­in­ter­ne Ethik­richt­li­ni­en oder ge­gen Rechts­vor­schrif­ten außer­halb des Straf­rechts.
An­ders ist es aber, wenn ein Ver­such der in­ner­be­trieb­li­chen Klärung von vorn­her­ein („auf den ers­ten Blick“) kei­nen Er­folg ver­spricht oder dem Ar­beit­neh­mer nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Dann kann sich der Ar­beit­neh­mer so­fort, d.h. oh­ne vor­he­ri­gen Ver­such der in­ner­be­trieb­li­chen Klärung, an die Po­li­zei, an die Staats­an­walt­schaft oder an ei­ne zuständi­ge Auf­sichts­behörde wen­den.
Das ist vor al­lem der Fall
bei er­heb­li­chen Straf­ta­ten,
bei Straf­ta­ten, die seit länge­rem und wie­der­holt („sys­te­ma­tisch“) be­gan­gen wur­den,
BEISPIEL: Ein Ar­beit­neh­mer fährt mit sei­nem Chef, dem Geschäfts­in­ha­ber, zu ei­nem Kun­den. Der Chef ist al­ko­ho­li­siert und fährt auf der Fahrt ei­nen Rad­fah­rer an, den er beim Ab­bie­gen nicht ge­se­hen hat. Der Rad­fah­rer bleibt ver­letzt am Bo­den lie­gen, der Chef be­geht Fah­rer­flucht.
In ei­nem sol­chen Fall darf sich der Ar­beit­neh­mer oh­ne wei­te­res an die Po­li­zei wen­den und Straf­an­zei­ge er­stat­ten. Ei­ne Pflicht zur vor­he­ri­gen „in­ner­be­trieb­li­chen Klärung“ be­steht hier nicht.
Denn das Er­geb­nis ei­nes Er­mitt­lungs­ver­fah­rens und der Aus­gang ei­nes ge­richt­li­chen Straf­ver­fah­rens hängen nicht nur da­von ab, ob die vom Ar­beit­neh­mer in sei­ner Straf­an­zei­ge er­ho­be­nen Vorwürfe zu­tref­fen oder nicht. Oft ver­zich­tet die Staats­an­walt­schaft auf ei­ne An­kla­ge, weil das Ver­fah­ren ge­gen Zah­lung ei­ner Geld­buße ein­ge­stellt wer­den kann, oder es kommt trotz An­kla­ge­er­he­bung nicht zu ei­ner Ver­ur­tei­lung, weil das Ge­richt das Ver­fah­ren ge­gen Auf­la­gen ein­stellt.
Außer­dem ist es ja ge­ra­de der Sinn ei­nes Er­mitt­lungs- und ei­nes Straf­ver­fah­rens, die bei An­zei­ge­er­stat­tung zunächst ein­mal of­fe­ne Fra­ge der Tat­be­ge­hung zu klären.
BEISPIEL: Ein über 16 Jah­re lang beschäftig­ter Ma­schi­nen­hel­fer hat­te nach lan­gen Strei­te­rei­en mit Kol­le­gen und Vor­ge­setz­ten zwei Ab­mah­nun­gen er­hal­ten, ließ sich da­von aber nicht be­ein­dru­cken und for­der­te auch da­nach noch die Ent­las­sung ei­nes sei­ner Vor­ge­setz­ten. Außer­dem hat­te er ge­gen ei­nen wei­te­ren Vor­ge­setz­ten ei­ne er­geb­nis­lo­se Straf­an­zei­ge er­stat­tet vor dem Ar­beits­ge­richt die Ver­set­zung zwei­er wei­te­rer Vor­ge­setz­ter ein­ge­klagt. Auch nach­dem das Ar­beits­ge­richt in der Güte­ver­hand­lung die Kla­ge ein­deu­tig als aus­sichts­los einschätz­te, be­trieb er das Ver­fah­ren wei­ter. Dar­auf­hin kündig­te ihm sein Ar­beit­ge­ber außer­or­dent­lich und vor­sorg­lich or­dent­lich aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen.
Das LAG Nürn­berg be­wer­te­te die or­dent­li­che Kündi­gung als wirk­sam. Denn mit sei­nen of­fen­sicht­lich un­be­gründe­ten Kla­gen und der Straf­an­zei­ge hat­te der Ar­beit­neh­mer ge­zeigt, dass er Streit such­te und die Aus­ein­an­der­set­zun­gen im­mer wei­ter verschärfen woll­te (LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 16.09.2011, 4 Sa 297/10 - wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/155: Kündi­gung we­gen Me­ckerns).
In vie­len Großun­ter­neh­men sind im Lau­fe der letz­ten Jah­re Ethik­richt­li­ni­en ein­geführt wor­den, die Ar­beit­neh­mer un­ter an­de­rem da­zu ver­pflich­ten, den Ar­beit­ge­ber über un­erwünsch­tes Ver­hal­ten von Mit­ar­bei­tern zu in­for­mie­ren. Sol­che "Whist­leb­lo­wer"-Re­ge­lun­gen in Ethik­richt­li­ni­en be­tref­fen das sog. Ord­nungs­ver­hal­ten der Ar­beit­neh­mer und sind da­her gemäß § 87 Abs.1 Nr.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) mit­be­stim­mungs­pflich­tig.
Das hat das BAG 2008 ent­schie­den (BAG, Be­schluss vom 22.07.2008, 1 ABR 40/07 - wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 08/092: Re­ge­lun­gen zum Schutz von Hin­weis­ge­bern ("Whist­leb­lo­wer") un­ter­lie­gen der Mit­be­stim­mung). Das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats bei der Einführung von Whist­leb­lo­wing-Re­ge­lun­gen be­deu­tet, dass der Ar­beit­ge­ber sol­che Re­ge­lun­gen nur zu­sam­men mit dem Be­triebs­rat einführen, ändern oder auf­he­ben kann.
Al­ler­dings führt die­ses Mit­be­stim­mungs­recht beim The­ma Whist­leb­lo­wing nicht da­zu, dass al­le be­trieb­li­chen Ethik-Richt­li­ni­en in vol­lem Um­fang mit­be­stim­mungs­pflich­tig wären. Denn Ethik-Richt­li­ni­en können auch Vor­schrif­ten ent­hal­ten, die das Ord­nungs­ver­hal­ten der Ar­beit­neh­mer nicht be­tref­fen und/oder nur wie­der­ho­len, was sich oh­ne­hin be­reits aus ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen er­gibt.
Wie die obi­gen Bei­spielsfälle zei­gen, ist die Recht­spre­chung der deut­schen Ar­beits­ge­rich­te beim The­ma Whist­leb­lo­wing ziem­lich ar­beit­ge­ber­freund­lich.
Denn Ar­beit­neh­mer, die sich für ei­ne An­zei­ge ent­schei­den, ris­kie­ren die außer­or­dent­li­che Kündi­gung und müssen dann im Kündi­gungs­schutz­pro­zess nach­wei­sen, dass sie den Ar­beit­ge­ber vor­her ver­geb­lich auf Missstände hin­ge­wie­sen hat­ten und dass ih­re An­zei­ge auf kon­kre­ten Tat­sa­chen be­ruh­te und nicht auf „leicht­fer­ti­gen“ Miss­verständ­nis­sen.
Da­her sorg­te ein Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR) aus dem Jahr 2011 für Auf­se­hen (EGMR, Ur­teil vom 21.07.2011, 28274/08 - Hei­nisch). In die­sem Fall ging es um ei­ne Ber­li­ner Al­ten­pfle­ge­rin, Frau Bri­git­te Hei­nisch, die 2003 und 2004 eben­so wie der Me­di­zi­ni­sche Dienst der Kran­ken­kas­sen ih­ren Ar­beit­ge­ber, ein Se­nio­ren­pfle­ge­heim, oh­ne Er­folg zur Be­sei­ti­gung von Pfle­gemängeln auf­ge­for­dert hat­te. Sch­ließlich er­stat­te­te sie Straf­an­zei­ge ge­gen ih­ren Ar­beit­ge­ber und wur­de dar­auf­hin frist­los gekündigt.
Nach­dem sie sich ver­geb­lich durch al­le In­stan­zen ge­gen die Kündi­gung ge­wehrt hat­te (BAG, Be­schluss vom 06.06.2007, 4 AZN 487/06) und zu­letzt so­gar oh­ne Er­folg Ver­fas­sungs­be­schwer­de ein­ge­legt hat­te, sprach ihr der EGMR we­gen Ver­let­zung des Rechts auf freie Mei­nungsäußerung ei­ne Entschädi­gung von 15.000 EUR zu (EGMR, Ur­teil vom 21.07.2011, 28274/08 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 11/175: Ver­pfei­fen / Whist­leb­lo­wing oh­ne Ri­si­ko ei­ner Kündi­gung?).
Vie­le Ju­ris­ten und Jour­na­lis­ten be­wer­ten das Hei­nisch-Ur­teil des EGMR als ei­ne Auf­for­de­rung an den deut­schen Ge­setz­ge­ber und an die deut­schen Ar­beits­ge­rich­te, die recht­li­che La­ge von Whist­leb­lo­wern in Deutsch­land zu ver­bes­sern. Tatsächlich enthält das Hei­nisch-Ur­teil aber kei­ne all­ge­mei­nen Aus­sa­gen, die dem deut­schen Ge­set­zes­recht oder der deut­schen Recht­spre­chung wi­der­spre­chen. Viel­mehr hat der EGMR nur ei­nen be­son­ders be­kann­ten Ein­zel­fall an­ders als die deut­schen Ge­rich­te be­ur­teilt. Denn der EGMR mein­te, Frau Hei­nisch hätte sich aus­rei­chend um in­ner­be­trieb­li­che Ab­hil­fe bemüht und in der An­zei­ge nicht leicht­fer­tig fal­sche An­ga­ben ge­macht hat­te (ob­wohl sie ih­re An­schul­di­gun­gen vor Ge­richt nicht be­wei­sen konn­te).
Im­mer­hin hat das Hei­nisch-Ur­teil des EGMR da­zu geführt, dass die recht­li­chen Ge­fah­ren für Hin­weis­ge­ber in der Öffent­lich­keit zu­neh­mend kri­tisch ge­se­hen wer­den und es mitt­ler­wei­le Vor­schläge für ei­ne ge­setz­li­che Ver­bes­se­rung der Rechts­si­tua­ti­on von Whist­leb­lo­wern gibt.
Da das „Ver­pfei­fen“ des Ar­beit­ge­bers für Ar­beit­neh­mer nach wie vor sehr ris­kant ist, gibt es mitt­ler­wei­le ei­nen Ge­set­zes­ent­wurf der SPD zum Schutz von Hin­weis­ge­bern (Hin­weis­ge­ber­schutz­ge­setz - Hinw­Ge­bSchG), vom 07.02.2012 (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/188: Ge­set­zes­ent­wurf für Whist­leb­lo­wer-Schutz­ge­setz).
Der Ge­setz­ent­wurf sieht vor, dass sich Ar­beit­neh­mer bei be­trieb­li­chen Missständen künf­tig „so­fort an ei­ne ex­ter­ne Stel­le“ wen­den dürfen, d.h. oh­ne vor­he­ri­ge In­for­ma­ti­on des Ar­beit­ge­bers und oh­ne vor­he­ri­ges in­ner­be­trieb­li­ches Ver­lan­gen nach ei­ner „Ab­hil­fe“. Al­ler­dings behält auch der Ent­wurf die Ein­schränkung bei, dass der Ar­beit­neh­mer bei ei­ner „so­for­ti­gen“ An­zei­ge nicht „leicht­fer­tig“ han­deln darf, so dass nicht klar ist, ob ein sol­ches Ge­setz wirk­lich ei­ne Ver­bes­se­rung der Rechts­la­ge be­wir­ken würde.
Darüber hin­aus enthält der Ge­setz­ent­wurf ein Kündi­gungs­ver­bot, wo­nach „Kündi­gun­gen auf Grund rechtmäßiger Hin­wei­se ... aus­ge­schlos­sen“ sind. Aber auch hier be­steht die Ein­schränkung, dass der vom Ar­beit­neh­mer an ex­ter­ne Stel­len ge­ge­be­ne Hin­weis „rechtmäßig“ ge­we­sen sein muss. Und das ist er nur, wenn der nach außen ge­tra­ge­ne Miss­stand ent­we­der ob­jek­tiv vor­liegt oder wenn der Ar­beit­neh­mer ihn an­neh­men durf­te, oh­ne leicht­fer­tig zu sein (§ 6 Abs.3 des Ent­wur­fes).
So könn­te man z.B. dar­an den­ken, Ar­beit­ge­bern die Pflicht auf­zu­er­le­gen, ei­ne „neu­tra­le“ in­ner­be­trieb­li­che An­lauf­stel­le für die Mel­dung von Rechts­verstößen ein­zu­rich­ten. Wenn ein Be­triebs­rat be­steht, müss­te er hier ver­tre­ten sein. Die man­geln­de Um­set­zung die­ser Pflicht, ei­ne An­lauf­stel­le ein­zu­rich­ten, könn­te dann Rechts­nach­tei­le für den Ar­beit­ge­ber zur Fol­ge ha­ben, so z.B. das Recht des Ar­beit­neh­mer, oh­ne ei­nen vor­he­ri­gen Ver­such der in­ner­be­trieb­li­chen Ab­hil­fe ex­ter­ne Stel­len zu in­for­mie­ren.
Ein Ge­setz zum The­ma Whist­leb­lo­wing könn­te aber auch Fris­ten ent­hal­ten und z.B. kon­kret fest­le­gen, dass der Ar­beit­neh­mer ei­ne Wo­che nach der In­for­ma­ti­on der in­ner­be­trieb­li­chen An­lauf­stel­le bei Untätig­keit ex­ter­ne Stel­len ein­schal­ten darf, falls ein frühe­res Han­deln nicht auf­grund ei­ner im Ein­zel­fall be­ste­hen­den Ge­fahr für Leib und Le­ben ge­bo­ten ist.
Wenn Sie den Ver­dacht ha­ben, dass Ar­beits­kol­le­gen, Vor­ge­setz­te oder Ihr Ar­beit­ge­ber Straf­ta­ten oder an­de­re gra­vie­ren­de Rechts­ver­stö­ße be­ge­hen, und wenn Sie sich da­her mit dem Ge­dan­ken tra­gen, Straf­an­zei­ge zu er­stat­ten oder die zu­stän­di­gen Ord­nungs­be­hör­den ein­zu­schal­ten, be­ra­ten wir Sie je­der­zeit ger­ne. Falls nö­tig un­ter­stüt­zen wir Sie auch, wenn Sie we­gen Ih­rer Hin­wei­se auf der­ar­ti­ge Miss­stän­de ei­ne Ab­mah­nung oder Kün­di­gung er­hal­ten ha­ben oder wenn Ih­nen der­ar­ti­ge Maß­nah­men an­ge­droht wur­den.
Un­ter­la­gen und/oder Zeu­gen­aus­sa­gen zu den Ver­dachts­mo­men­ten
Si­cher­heits­be­stim­mun­gen (falls vor­han­den)
Ethik­richt­li­ni­en (falls vor­han­den)
Schrift­ver­kehr und/oder E-Mail-Ver­kehr zu den Ver­dachts­mo­men­ten (falls vor­han­den)
Bewertung: Whistleblowing_Anzeige_Arbeitgeber_Whistleblowing_Anzeige_gegen_Arbeitgeber_Whistleblowing.html 4.5 von 5 Sternen (9 Bewertungen)

References: EGMR 
 § 87
 EGMR 
 EGMR 
 EGMR 
 EGMR 
 EGMR