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Timestamp: 2020-02-23 23:19:21+00:00

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Ohne Gnade - Schreibkraft Ohne Gnade - Schreibkraft
November 16, 2015 von Heiner Frost
Wozzeck, Er sieht immer so verhetzt aus. Ein guter Mensch tut das nicht. Ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat, tut alles langsam. (Georg Büchner, Wozzeck)
„Laut Staatsanwaltschaft sollen die 37-Jährige Angeklagte und ihr Ehemann in ihrem Haus in Kalkar-Grieth über längere Zeit das spätere, zuvor obdachlose, Tatopfer als Untermieter beherbergt haben. Zum Opfer soll die Angeklagte in der Folgezeit ein intimes Verhältnis, das auch von Gewalt geprägt gewesen sein soll, unterhalten haben.
Als sie im August 2014 die beiden anderen Angeklagten kennen lernte, soll sie mit einem von ihnen ein neues intimes Verhältnis begonnen haben. Da das spätere Tatopfer der neuen Beziehung im Wege stand, soll sie spätestens Mitte September 2014 beschlossen haben, dass ‚der weg muss‘. Um die beiden anderen Angeklagten dazu zu bewegen, die Tötung mit ihr durchzuführen, soll sie ihnen Mitte September 2014 berichtet haben, dass sie seit Jahren von dem späteren Tatopfer misshandelt und vergewaltigt worden wäre. Gegen Abend des 14. September 2014 sollen sodann die drei Angeklagten zu der Wohnanschrift in Kalkar-Grieth gefahren sein. Als das Tatopfer aus seinem Zimmer trat, soll einer der Angeklagten der gemeinsamen Absprache entsprechend, unmittelbar mit dem Baseballschläger gezielt und unversehens sowie mit erheblicher Wucht unter anderem in das Gesicht des Opfers geschlagen haben (auch noch, als dieses bereits am Boden lag), um ihn zu töten. Anschließend soll der aus dem Nachbarzimmer hinzugekommene zweite Angeklagte dem am Boden liegenden Tatopfer einen mit derart großer Wucht geführten Schlag gegen den Kopf versetzt haben, dass der Baseballschläger abbrach.
Im Anschluss sollen die beiden Männer das bewusstlose und aus Ohren, Nase und Mund blutende Tatopfer mit einem Staubsaugerkabel die Arme und Füße auf den Rücken gefesselt und liegen gelassen haben. Der Mann soll kurze Zeit darauf verstorben sein. Die Angeklagte, die das Geschehen vom Treppenabsatz beobachtet haben soll, soll – nachdem sie die beiden anderen Angeklagten nach Hause gebracht hatte und noch röchelnde Geräusche des Getöteten vernahm – noch mehrfach auf den Kopf des Tatopfers eingetreten haben, um den Sterbevorgang zu beschleunigen.“
So steht es im Pressespiegel des Landgerichts. Es gibt Tötungen am Ende eines Strudels: Alle werden hineingesogen, aber alles hätte auch ganz anders laufen können. Man kniet sich in die Umstände. Sucht nach Gründen für eine Entgleisung. Das hier ist ein Mord ohne Rückwärtsgang – ein geplantes Verbrechen. Nirgendwo ein Erbarmen. Nichts, das sich im Rausch eines Affekts zutrug. Das hier ist eine Tat, für die man kaum Verständnis mitbringen kann. Kein Verstehen. Niemand kann und will in diesen Albtraum steigen. Drei Angeklagte [Sandra S. (S.), Mario A., Sven G.] werden von sechs Verteidigern vertreten. Zwei Staatsanwälte vertreten die Anklage. Ein Nebenklagevertreter sitzt allein am Tisch. [Das Opfer: Mark M.] Zwei Gutachter sind anwesend. Es ist das große Besteck. Die Erwartung für den ersten Tag: Verlesung der Anklage und zumindest eine Aussage zur Tat. Vorher: Drei Angeklagte machen Angaben zur Person. Die zwei Männer: Drehtürentäter. Rein in den Knast. Raus aus dem Knast. Rein in den Knast. Drogen. Gewalt. Diebstähle. Raub.
Was, denkt man sich, muss passieren, dass drei Menschen einem anderen mit einem Baseballschläger brutal den Kopf einschlagen, so brutal, dass sogar der Schläger zu Bruch geht, ihn mit einem Staubsaugerkabel fesseln … Man will es nicht wissen, aber es führt kein Weg zum Urteil, wenn man sich nicht ins Zentrum der Tat begibt. Ferdinand von Schirach schreibt in einem seinem Bücher, dass in Berlin 15 Mal so viele Baseballschläger gekauft werden wie Basebälle.
Dann, so erzählt Sandra, habe Mark etwas von ihr gewollt. Aus dem besten Freund wird im Laufe der Erzählung ein anderer – einer, der sie immer wieder vergewaltigt. Einer, dessen Wutausbrüche wie Eruptionen stattfinden. Einer, der alles, was in seinem Leben schief läuft, auf sie projeziert. [„Ich wollte mir ein T-Shirt machen lassen. Auf dem hätte dann gestanden: Ich bin an allem schuld“, sagt Sandra.] Sie nutzt schrille Farben und erstmals fragt man sich, warum „so einer“ weiterhin Teil ihres Haushaltes bleibt? Warum wird er nicht einfach hinausgeschmissen? Er, der sie – so sagt Sandra – auch „mit Gegenständen vergewaltigt“. Warum nehmen Sandra S. und ihr Mann Mark auch noch mit, als sie von Reken nach Kalkar ziehen? Mark habe sich, so Sandra S., immer aufgeführt, als gehöre ihm alles. Als Mark mehr oder weniger zufällig erfährt, dass Sandra zeitweise als Prostituierte gearbeitet hat, brechen die Dämme. Alle Dämme. Wenn sie es für Geld mit anderen Männern macht, dann …
Am Tattag eine SMS. Mario ist dabei. Auch Sven (er ist der dritte Angeklagte) erklärt sich „hilfsbereit“. Zwei Männer beschließen, glaubt man Sandra S., angestachelt durch die Vergewaltigungserzählungen von Sandra, sich einzusetzen. Zusammen fahren sie zu dem Haus, in dem Sandra, ihr Mann Louis und Mark wohnen. „Mein Mann sollte montags wieder auf Montage gehen und der Mark hatte mir schon gedroht: „Wenn der Louis weg ist, dann geht es hier erst richtig los.“ Ihre Helfer warnt die Angeklagte vor Betreten des Hauses: Mark, sagt sie, sei brandgefährlich, habe überall Waffen – Messer, Pistolen … An der Heizung – unten im Flur – lehnt ein Baseballschläger. [„Den hat mein Mann mir mal als Souvenir mitgebracht.“ Richter: „Spielen Sie Baseball?“ Angeklagte: „Nein.“). Es ist nicht wirklich klar, ob Sandra Sven den Schläger in die Hand drückt oder ob Sven (sicher ist sicher) das Ding mit nach oben nimmt. Es ist nicht sicher, ob der Schläger immer dort steht oder ob Sandra ihn eigens dort platziert hat. (Für alle Fälle.) Was für Außenstehende nichtig wirkt, kann am Ende elementar werden. Ein Schläger, der einem der Täter in die Hand gedrückt wird, ließe auf Anstiftung schließen …
Eine Frau, die jahrelang massiv vergewaltigt wurde und sich nie jemandem anvertraute – die ihren Peiniger selbst nach dem Umzug mit in die neue Wohnung holte … Der Ehemann weiß von nichts. „Wenn der nach Hause kam, habe ich dem eine heile Welt gemacht.“ Irgendwann – es ist nur ein Nebenbei – erklärt die Angeklagte, sie sei enttäuscht von ihrem Ehemann gewesen. „Der hatte einen Job. Ich saß zuhause. Der reiste durch die Welt.“
Sandra S. warnt die beiden Mittäter nochmals eindringlich vor einem unberechenbaren Mark. Es wird nicht wirklich klar, ob Sandra Sven den Baseballschläger in die Hand drückt oder ob er selber danach greift. Oben angekommen betritt Sandra, nachdem sie zuvor angeklopft hat, Marks Zimmer. Ein Streitgespräch. Sandra verlässt das Zimmer, Mark folgt ihr. Jetzt greift Sven ein. „Ich habe dem gleich eine gegeben“. Sven trifft Mark mit dem Schläger am Kopf. Der taumelt zurück in sein Zimmer, geht zu Boden und „bekommt noch einen“. „Der hat mit den Armen versucht, das abzuwehren, aber ich habe ihm auf die Arme geschlagen.“ Später wird Mark sprechen. „Was willst du denn?“ soll der schon Getroffene gesagt haben. Während die Tat im eigenen Kopf zu Bildern wird, realisiert man, dass im Zuschauerraum die Eltern des Opfers Zeugen dieses Todes werden – dass sie da sitzen und sich all das anhören. Sie hören, dass Sven sich auf das Opfer setzt und noch zweimal mit der Faust in dessen Gesicht schlägt. Sie hören, dass Mario vergeblich versucht, zum „goldenen Schuss“ zu kommen. Es gelingt nicht. Sie hören von Sven, dass Mario danach den Schläger übernimmt und mindestens einmal zuschlägt. Sie hören: Der Schlag ist so wuchtig, dass der Schläger zu Bruch geht – so wie der Schädel des Opfers. Sie hören von Sven, dass Sandra nicht treppabwärts stand. Dass sie sehr wohl etwas mitbekam. „Sie hat im Türrahmen gestanden und alles mit angesehen“, sagt Sven. [Besser gesagt ahnt man, dass er das sagt. Sven spricht leise. Wieder einmal findet ein Teil der Verhandlung „unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt“, die verzweifelt versucht, der Aussage irgendwie zu folgen. Die Akustik im Saal: Ein unausgesetztes Ärgernis. Eine akustische Zumutung. Irgendwann fragt einer der Verteidiger, ob man nicht ein Mikrofon installieren könne.] Dann der Gedanke: Was, wenn Sandras Eltern im Saal säßen? Dasselbe Nichtaushaltenkönnen aus einer anderen Perspektive.
Ein weiterer Raum im Prozessgebäude: Der gerichtsmedizinische Gutachter. Er bespiegelt eine weitere Demarkationslinie. Waren die Verletzungen, die das Opfer durch die Schläge mit dem Baseballschläger erhielt, zwingend tödlich? Lebte das Opfer noch, als Sandra ihre Helfer nach der Tat nachhause brachte? All das lässt sich schon im „Normalfall“ nur schwer sagen. Der Tote lag mehrere Monate verscharrt im Boden. Eine Stunde – vielleicht – könne das Opfer den Angriff überlebt haben. Natürlich lässt sich das nicht generalisieren. Glauben schenken. Je länger sich das Bild einer jahrelang vom späteren Opfer geschundenen Frau aufrecht erhalten lässt, die – von Verzweiflung getrieben und vom Nichtmehraushaltenwollen – nicht mehr suchte als ein klärendes Gespräch, solange es nicht gänzlich unmöglich ist, dass das Opfer tot war, als Sandra die Männer nachhause fuhr – so lange sind Zweifel angebracht. Sandra als potenzielle Friedensstifterin – nicht als eine, die in Auftrag gab, dass jemand „weg muss“, der nicht mehr in den Entwurf des eigenen Lebens, der eigenen Zukunft passt …
Dazu die Interaktionen der Verteidigungsteams. Sven hat gesagt, was zu sagen war. Kaum eine Spur von Selbstrücksicht. Unklarheiten einzig bei der Frage: Gab es eine (sexuelle) Beziehung zu Sandra oder nicht. Svens Frau sitzt jeden Tag im Saal. Mario: Auch am dritten Tag ohne Einlassung. Müsste man ein Bild seiner Beteiligung zeichnen – es wäre (noch) das eines inaktiven Dritten, der – vielleicht – mit dem „goldenen Schuss“ im Hintergrund wartet, mit der Spritze aber nicht zum Zug kam. Mario: einer, der leugnen könnte, was Sven sagt, nämlich, dass auch er, Mario, den Schläger nutzte. Dass er es war, dem der Schläger zu Bruch ging. Sandra, die nichts wollte als ein Gespräch? Mario, der nicht zum Zuge kam? Das alles ließe Sven als einzig aktiven Täter zurück … Natürlich hält das Recht Lösungen für Menschen bereiten, die sich durch Anstiftung schuldig machen. Der Paragraph 26 des Strafgesetzbuches sagt: Als Anstifter wird gleich einem Täter bestraft, wer vorsätzlich einen anderen zu dessen vorsätzlich begangener rechtswidriger Tat bestimmt hat.
Dann: Mario. Er stützt im Wesentlichen das bereits von Sven geschilderte Tatgeschehen. Er habe, sagt er, Sandra circa einen Monat vor der Tat kennengelernt. Der Kontakt sei über seine Freundin [N.] entstanden, die wiederum mit dem späteren Opfer wegen eines Drogenproblems in der LVR-Klinik gewesen sei.
Mario schildert, dass er circa eine Woche vor der Tat von Sandra und deren Problemen mit dem späteren Opfer erfahren habe. Ziemlich schnell habe sich die Meinung festgesetzt, dass die einzige Lösung darin bestehe, Mark zu töten. „Der hatte ja der Sandra gedroht, ihrem Mann, ihren Eltern und den Tieren etwas anzutun. Zur Polizei zu gehen, wäre keine Lösung gewesen.“ Teil des Planes sei gewesen, dem Opfer eine tödliche Dosis Heroin zu spritzen.
Die Idee, dass man auch einen Baseballschläger einsetzen wolle, sei erst auf der Fahrt zum Tatort erörtert worden. „Bevor wir dann zum Haus kamen, hat es zwei Stopps gegeben.“ Bei beiden Stopps habe man nochmals das Vorgehen besprochen. Er habe die Spritze mit dem Heroin dabei gehabt. Als man am Haus angekommen und nach oben zum Zimmer des Opfers gegangen sei, habe er sich ins Nebenzimmer begeben. „Der Sven hat mit dem Baseballschlager links neben der Tür gestanden. Ich weiß nicht mehr genau, ob die Sandra ins Zimmer gegangen ist, ob sie den Mark gerufen hat. Jedenfalls hat der Sven, als der Mark aus dem Zimmer kam, gleich zugeschlagen.“ Gesehen habe er das nicht. „Ich war ja im Nebenzimmer.“ Vorsitzender: „Konnte denn der Mark den Seven sehen, als er aus dem Zimmer kam?“ „Nein.“ [Das Opfer: Arg- und wehrlos. Ohne Chance.) Mario A. weiß auch nicht, wo sich Sandra während des Tatgeschehens aufhielt. „Ich glaube, die stand zunächst an der Treppe.“ Er sei erst in Marks Zimmer gekommen, als der schon auf auf dem Boden gelegen habe. Ob Mark irgendetwas gesagt hat, möchte der Vorsitzende Richter wissen. „Der hat so was gesagt wie: Was bist du denn für einer?“ Dass er, Mario, zu Sven gesagt haben soll „Gib mir mal den Schläger“ kann Mario weder bestätigen noch ausschließen. Fest steht für ihn: „Ich habe nur ein Mal zugeschlagen und ich weiß nicht einmal, ob ich getroffen habe.“ Die Spritze habe er dem Opfer nicht gesetzt. Da habe es eine Sperre in seinem Kopf gegeben. Er habe den Kolben aus der Spritze gezogen, den Inhalt auslaufen lassen und die Spritze dann auf den Tisch gelegt. Ja – einen Satz mit dem Inhalt „Stirb wie ein Mann“ hat es gegeben, aber Mario weiß jetzt nicht mehr, wer den Satz gesagt hat. Sven habe das Opfer gefesselt. Kurz darauf „hat Sandra uns nachhause gefahren“. Das Opfer habe noch geröchelt und sich bei der Fesselung geringfügig gewehrt. Er habe, so Mario, die Hoffnung gehabt, „der Mann von Sandra kommt nachhause und irgendwie kommt alles noch in Ordnung.“
Nach der Tat enden alle Töne. Das weitere Geschehen – eine Art Stummfilm. „Keiner hat etwas gesagt.“ Sie sitzen schweigend im Auto. Erst am Folgetag ruft Sandra an und bittet Sven und Mario nochmals um Hilfe. „Es ging darum, die Leiche in das Loch zu schaffen. Als wir nach oben kamen, lag der Tote nicht mehr in dem Zimmer, wo ich ihn zuletzt gesehen habe. Er lag jetzt auf dem Flur und war mit einer Decke verhüllt.“ Man habe die Decke nicht mehr abgenommen. „Wir haben den dann runtergetragen, in das Loch gelegt und danach zugeschüttet.“
Man hört all das und bemerkt, dass auch Grausamkeit irgendwie taub macht. Drei Mal ist die Tat geschildert worden, und längst hat eine Form der Gewöhnung eingesetzt. Mario schildert alles sehr ruhig, irgendwie besonnen – erweckt den Eindruck, dass er möglichst präzise alles schildern möchte. Sagt, dass er all das aus heutiger Sicht nicht verstehen kann. Von einem der beiden Gutachter befragt, wie lange die Autofahrt zum Tatort ungefähr gedauert habe, schätzt Mario „20 Minuten“. „Haben Sie während dieser Zeit auch daran gedacht, einfach nicht mehr mitzumachen?“ Gedacht habe er daran. „Aber gesagt habe ich nichts.“
Der Vorsitzende Richter zählt Köpfe. „Alle da“, sagt er und beginnt mit der Belehrung. Seitdem einer der Zeugen vom Vortag sich an nichts mehr erinnert, hat sich die Belehrung erweitert. „Denken Sie bei Ihrer Aussage daran, dass auch Sie einmal in die Lage kommen könnten, auf eine richtige Aussage angewiesen zu sein“, sagt der Vorsitzende Richter. „Wir beginnen dann mal mit Ihnen, Frau B.“ Herr B. muss so lange nach draußen. Die Verteidigung meldet sich zu Wort. Es geht um die Zeugin. Sie sei ein kontaminiertes Beweismittel, sagt der Verteidiger. Es geht darum, dass B. – eine Freundin der Angeklagten – am ersten Tag im Publikum saß. Um 9.24 Uhr geht das Gericht ab. Es muss beraten werden. Um 9.40 Uhr der Beschluss des Vorsitzenden: Die Zeugin wird gehört. Als sie am ersten Tag im Zuschauerraum saß, war sie noch nicht als Zeugin vorgesehen. Dass sie im Saal war, ändert nichts an der Aussage. Im Zentrum der Aussage von Frau B. stehen zwei Punkte, die dem Gericht wichtig sind. Es hat, im Sommer des Tatjahres – das Datum wird B.s Ehemann später mit „Es war während der WM“ eingrenzen – ein Essen gegeben. Sandra, ihr Mann und die Eheleute B. besuchten ein Restaurant, um zusammen zu essen. Sie saßen zunächst draußen. Frau B.: „Es war aber noch zu kühl. Wir sind dann ziemlich schnell rein gegangen.“ Während die Ehepaare noch draußen sind, fragen Sandra und ihr Mann, ob die B.s nicht jemandenkennen, der den Mario „wegmachen kann“. Das Wort Mord oder Umbringen ist nie gefallen. Wenn Frau B. sagt, sie habe es so verstanden, sagt sie auch: „Ich habe das nicht ernst genommen.“ Sie und Sandra: Zuerst bekannt, dann gute Freundinnen. Dann zerstritten. Eine zeitlang haben sie sich täglich getroffen. Sandra hat B. von ihren Problemen mit dem späteren Opfer erzählt. Belästigungen. Dass diese Belästigungen auch sexueller Art waren, hat B. nicht gewusst. Wenn sie Sandra besucht und dabei Mark getroffen hat, erlebte sie einen ruhigen, freundlichen jungen Mann. Aber ab und an, wenn B. mit Sandra telefonierte, bekam sie mit, „dass der ganz schön abgehen konnte. Der brüllte dann im Hintergrund.“
Irgendwann hat Sandra ihrer Freundin erzählt, der Mark sei jetzt ausgezogen. Nach der Festnahme von Sandra und ihrem Mann bekam B. einen Anruf von der Marios Freundin, die ja mittlerweile dessen Verlobte ist. „Die Nadine hat mir dann erzählt, wie die Tat abgelaufen ist.“
Richter: „Die N. hat Ihnen das erzählt?“ B.: „Ja. Wir haben telefoniert. Circa 45 Minuten lang.“ Unter anderem hörte B. von „der Nadine“, dass Sandra am Tatabend „irgendwann nach unten ging, sich Stahlkappenschuhe anzog und dann das Opfer getreten“ hat. Richter: „Hat denn der Ehemann von der Sandra Ihrer Kenntnis nach von den sexuellen Belästigungen seiner Frau durch das Opfer gewusst?“ „Der hat davon nichts gewusst.“ Richter: „Als es um das Wegmachen ging – haben Sie und Ihr Mann da nicht ins Spiel gebracht, man könne das Opfer auch anders loswerden?“ „Natürlich. Wir haben gesagt: Geht doch zur Polizei. Die meinten aber, das würde nichts bringen. Der Mark würde doch zurückkommen. Der hat der Sandra ja immer gedroht. Er wollte ihren Eltern, den Tieren und ihrem Mann was tun.“ Richter: „Was war denn der Mark für ein Typ? Wir haben den ja nicht erlebt.“ „Klein. Drahtig.“ Richter: „Und der Herr S. – wie würden Sie den beschreiben?“ „Groß. Bullig.“
Was ist eigentlich mit Frau B.s Ausführungen bezüglich ihres Telefonates mit der Verlobten des Angeklagten Mario? Früchte vom verbotenen Baum sind es nicht. Sagen Zeugen gegenüber der Polizei aus und machen später von ihrem Recht Gebrauch, beispielsweise als Ehefrau oder -mann nicht aussagen zu müssen, dürfen die Aussagen, die im Vorhinein gemacht wurden, nicht verwendet werden. Dass die Verlobte eines der Angeklagten der B. gegenüber etwas gesagt hat? Einspruch ist nicht erhoben worden. Das Gericht müsse wissen, wie es mit einer solchen Aussage umzugehen habe, sagt einer der Verteidiger. Ein anderer verweist auf die Rechtskreistheorie.
Beispiel: Wird ein Zeuge nicht ordnungsgemäß über ein ihm zustehendes Zeugnisverweigerungsrecht nach § 53 StPO belehrt, das ihm etwa wegen seiner Eigenschaft als Arzt eines Dritten, also nicht des Angeklagten, zusteht und macht darauf dieser Zeuge eine belastende Aussage, kann der Angeklagte Verfahrensfehler nicht rügen. Die Zeugnisverweigerungsvorschrift des § 53 StPO schützt den Patienten, nicht aber den Angeklagten. Auch ein Verstoß gegen das Auskunftverweigerungsrecht nach § 55 StPO und ein Verstoß gegen körperliche Untersuchungen nach § 81c StPO fallen nicht in den Rechtskreis des Beschuldigten. § 81c StPO dient nur dem Schutz der Gesundheit des Beschuldigten. Anders dagegen § 52 StPO. Dieser dient unter anderem dem Schutz der Familienbande und fällt daher in den Rechtskreis des Beschuldigen / Angeklagten.
Auf diese Grundsätze kann er jedoch nicht nur beim Rechtsmittel der Revision verwiesen werden, sondern in jedem Stadium des Verfahrens. Bei der Frage, ob ein Beweiserhebungsverbot auch ein Beweisverwertungsverbot nach sich zieht, ist die Frage zu stellen, ob das Beweiserhebungsverbot, gegen das verstoßen wurde, den Rechtskreis des Beschuldigten sichern soll.]
Läss man sich auf die Planung des Gerichts ein, ist das hier der Tag vor dem Urteil. Zeugenaussagen sind geplant. Gutachten sollen folgen. Plädoyers vielleicht. Erstens kommt es anders …
Der zweite Beamte hat unter anderem „den Polen“ vernommen. An einem Punkt seiner Aussage erwähnt er, „der Pole“ habe erzählt, „die Sandra und die N. – die Verlobte des Angeklagten Mario – hätten am Tattag versucht, das Opfer aus seinem Zimmer zu locken. Haltstop. Wer? Erstmals ist der Tatort mit dem Opfer und vier weiteren Personen bevölkert. N. am Tatort? Wieso hat man vorher nichts darüber gewusst. Irgendjemand wird darauf eingehen, denkt man sich. Irgendetwas muss jetzt passieren. „Noch Fragen an den Zeugen?“ Stille. Der Beamte verlässt den Gerichtssaal. Jetzt ist es an der Zeit für die erste Person Singular. Ich folge dem Beamten auf den Gang. „Sie haben gerade bei Ihrer Aussage die N. erwähnt.“ „Sie sind von der Presse?“ „Ja.“ „Sprechen Sie mit dem Staatsanwalt. Ich kann dazu nichts sagen.“ „Aber Sie haben doch gerade etwas dazu gesagt: Ich hab’s aufgeschrieben.“ „Sprechen Sie mit dem Staatsanwalt.“ Niemand, erfahre ich später, niemand geht davon aus, dass N. am Tatort war. Es gibt nur diese eine Aussage. Auch einer der Verteidiger sieht das so. „Wir gehen alle davon aus, dass N. nicht am Tatort war.“ Auch der Pole hat in seiner Vernehmung N. nicht erwähnt. Warum eigentlich nicht? „Zum Beispiel hat niemand ihn dazu befragt“, sagt einer der Verteidiger. N. war also nie am Tatort. Auch das Gericht hat nicht nachgefragt.
Einen Beamten des Erkennungsdienstes hatte das Gericht gefragt, ob auf dem Laminatboden Schlagspuren festgestellt worden seien. „Nein.“ Für Marios Verteidigung rechtfertigt die Abwesenheit von Schlagspuren auf dem Boden keinesfalls die Annahme, sein Mandant müsse folglich das Opfer und nicht den Boden getroffen haben. Später wird Marios Verteidiger ein Gutachten beantragen, bei dem es genau um diesen Punkt geht. Nein, sagt der Verteidiger, er wolle nicht unnütz Geld ausgeben. Auch wolle er den Prozess nicht unnötig in die Länge ziehen, aber es sei schon wichtig, dass festgestellt werde: Selbst wenn sein Mandant den Boden und nicht das Opfer getroffen habe – selbst wenn dabei der Schläger zu Bruch gegangen sei, bedeute das keineswegs, dass es deswegen Spuren auf dem Boden hätte geben müssen. Das Gericht braucht einen Moment um zu realisieren, was der Verteidiger meint, wenn er sagt, dass die Abwesenheit von Spuren nicht bedeutet, dass es keinen Schlag auf den Boden gegeben habe. „Entschuldigen Sie die doppelte Verneinung. Man hätte das auch einfacher formulieren können.“
Danach: Wieder einmal ein Urteil aus früheren Tagen. Wieder einmal das Leben des Sven. Wieder einmal die Aussichtslosigkeit am Start. Jetzt steuert das Gericht langsam die Gutachten an und somit auch das Ende der Beweisaufnahme. Ein Ende ist in Sicht. Der Vorsitzende Richter fragt, ob es weitere Beweisanträge gibt. Es gibt sie. Die Verteidigung von Sandra S. möchte zwei weitere Kripoleute hören. Die Einlassungen von Mario bei der ersten Vernehmung sollen verlesen werden. Es gibt Widersprüche. Die Verteidigung von Mario sieht das anders. Man könne, sagt der Staatsanwalt, die Einlassung vielleicht als Vorhalt einbringen und den Angeklagten dann dazu befragen. Marios Verteidigung sieht das anders. Mario, sagt der Verteidiger, sei mit der Verlesung des Protokolls nicht einverstanden.
Das Gericht möchte zunächst den ersten der beiden Gutachter hören. Er hat sich mit Sven beschäftigt. Zwei Termine hat es dazu gegeben. Der Gutachter sieht eine auffällig frühe kriminelle Entwicklung. Er spricht davon, dass Sven einer sei, der die Dinge gern kontrolliere. Einer, für den Muskelaufbau ein Zeichen der Selbstsicherheit sei. Einer, der der sich selbst als „eine Art Sozialarbeiter“ beschreibt. Man kämpft gegen das Gefühl, das hier vor dem inneren Auge ein Holzschnitt entsteht. Der Gutachter spricht von Tests, von Punkten. Spricht von einem antisozialen Menschen mit psychopatischen Zügen – kommt zu dem Ergebnis das Sven keinesfalls schuld- oder steuerungsunfähig war. Kein Hinweis auf Intoxikation oder Entzug- Paragrafen marschieren vorbei.
Paragraf 63: Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Hat jemand eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit (§ 20) oder der verminderten Schuldfähigkeit (§ 21) begangen, so ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, daß von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist.
Paragraf 64: Unterbringung in einer Entziehungsanstalt: Hat eine Person den Hang, alkoholische Getränke oder andere berauschende Mittel im Übermaß zu sich zu nehmen, und wird sie wegen einer rechtswidrigen Tat, die sie im Rausch begangen hat oder die auf ihren Hang zurückgeht, verurteilt oder nur deshalb nicht verurteilt, weil ihre Schuldunfähigkeit erwiesen oder nicht auszuschließen ist, so soll das Gericht die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt anordnen, wenn die Gefahr besteht, dass sie infolge ihres Hanges erhebliche rechtswidrige Taten begehen wird. Die Anordnung ergeht nur, wenn eine hinreichend konkrete Aussicht besteht, die Person durch die Behandlung in einer Entziehungsanstalt zu heilen oder über eine erhebliche Zeit vor dem Rückfall in den Hang zu bewahren und von der Begehung erheblicher rechtswidriger Taten abzuhalten, die auf ihren Hang zurückgehen.
All das wird erörtert. Längst ist die Verteidigung von Sven unruhig geworden – dem Gutachter sogar ins Wort gefallen. An einer Stelle benutzt der Gutachter das Wort „natürlich“ an verräterischer Stelle. Dann erwähnt er eines der früheren Urteile. Es gab eine Straftat, bei der ein Baseballschläger im Spiel war. Die Beschreibung des Gutachters deutet an, G. habe den Schläger in der Hand gehabt. Sie deutet an, Leute wie G. seien womöglich an den Umgang mit Gewalt gewöhnt – seien irgendwie „heiß darauf“. Das Urteil, so die Verteidiger, sage nichts darüber, dass Sven den Schläger in der Hand gehabt habe. Die Verhandlung wird unterbrochen. Es geht darum, die entsprechenden Stellen im Urteil zu finden. Der Gutachter, argumentieren die Verteidiger von Sven, habe „schwerwiegende und unzutreffende Schlussfolgerungen“ gezogen. Nachzuvollziehen ist das. Wahrscheinlich, denkt man, würde jeder andere Gutachter, mit Blick auf die Schuldfähigkeit zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommen, aber ein paar der hier gehörten Argumente wirken „herbeigeschafft“. Man kann die Sorge der Verteidiger verstehen. Würden sie hier nicht eingreifen, würden sie nicht sagen, ihr Mandant befürchte die Voreingenommenheit – sie wären schlechte Verteidiger. Längst ist klar geworden, dass dieser Prozess den gesteckten Fahrplan nicht wird halten können. „Nach der Mittagspause zücken sie alle Ihre Terminkalender. Wir werden mindestens zwei weitere Termine brauchen“, sagt der Vorsitzende.
Der Kollege von der „Zeit“ ist morgens um irgendwas nach drei in Berlin in den Zug gestiegen, bis Duisburg gefahren und dann mit dem Leihwagen weiter bis nach Kleve. Ab und an in den Pausen entfährt im ein Gähnen. Nein, Kaffee trinkt er nicht, sagt er. Wahrscheinlich sei er einer von fünf Journalisten, die keinen Kaffee trinken. Tee? „Nur wenn ich krank bin.“ Tagsüber: Kalte Getränke – Wasser, Cola, Bionade. Abends gern mal ein Bier. Der Kollege bereist die Republik in Sachen Grausamkeit. „Gerichts- und Kriminalreporter“ steht auf seiner Karte. Heute Kleve, morgen München, übermorgen … Es geht ja nicht um die Stadt. Es geht um die Prozesse. Natürlich. Dieser hier hat alle Ingredienzien – lässt kaum etwas aus. Das Bösartignormale kann besichtigt werden. In seiner ganzen monströsen Banalität. Vielleicht, denke ich, könnte man’s verfilmen. Im Kopf stehen die Bilder abrufbereit. Aber Bilder allein sind kein Film. Das hier böte den Stoff für Dokumentarisches. Menschen, die sich ins Vederben graben, nach Motiven suchen, Spuren, Hinweisen … Wie schön könnte man zeigen, dass, was zu sehen ist, hauptsächlich von der Position des Betrachters definiert wird. Sandra S.s Verteidiger findet, der Gutachter habe einen guten Job gemacht. Sei stringent gewesen. Habe sich auf nichts eingelassen. Die Verteidiger von Mario sehen es anders. Dass Gericht und Anwälte nicht einmal zucken, als am Tatort in der Aussage des zweiten Kripomannes eine vierte Person auftaucht – dass einige sagen, es sei doch nach Aktenlage ganz klar, dass das nicht richtig sei – ist schwer einzuordnen. Zumindest die Schöffen, die – genau wie Publikum und Prozessbeobachter ohne Aktenkenntnis sind – hätten sich wundern, vielleicht auch nachfragen können. „Wissen Sie – es steckt so viel Quatsch in den Akten“, sagt einer der Verteidiger. „Was haben wir nicht alles gehört. Nehmen Sie die Aussage, man habe das Opfer zum Ausbluten aufgehängt?“ Trotzdem, möchte man sagen: Es sind ganz andere „Kleinigkeiten“ besprochen und aufgedröselt worden. Warum nicht diese unsichtbare Vierte? Stattdessen werden Zeugen geladen, die nicht mehr angeben, als Name, Alter, Dienstort und Dienstgrad, bevor sie (der erste Zeuge des Tages) entlassen werden, weil schnell fest steht, dass sie nichts beizutragen haben. Dann kommt einer, der N. an den Tatort erzählt, indem er die Aussage des Polen zitiert und … nichts passiert.
Die Sitzung soll um 10 Uhr beginnen. Es wird 10.14 Uhr, bis das Gericht erscheint. Es gilt, über Anträge zu befinden. Da ist der Antrag bezüglich der widersprüchlichen Aussagen von Mario. Der Vorsitzende Richter möchte vor der Entscheidung ein paar Dinge klären. Im Dialog mit dem Richter räumt Mario ein, dass das in der polizeilichen Vernehmung Gesagte durchaus richtig sei, dass er aber im Nachhinein noch weitere Details erinnere. Die von ihm in der Hauptverhandlung eingeräumten zwei Stops auf der Fahrt zum Tatort sind Teil dieser nacherinnerten Fakten. Im Vernehmungsprotokoll tauchen sie nicht auf. Damals hat Mario den Satz „Stirb wie ein Mann“ Sven zugeordnet. Jetzt ist Zuordnung nicht mehr möglich. „Ich weiß aber, dass dieser Satz gesagt worden ist.“ Es gelte das, was er in der Hauptverhandlung gesagt habe. Damit gibt sich Sandra S.s Verteidigung nicht zufrieden. Zwei weitere Kripobeamten sollen gehört werden. Am Ende einigt man sich auf einen Zeugen, da der andere schwer erkrankt und nicht in der Lage sei, am nächsten Termin teilzunehmen.
Neue Stühle im Gerichtssaal. Jetzt sitzt es sich leiser. Kein geräuschintensives Korbgeflecht, das die kleinste Bewegung mit Lärmentwicklung quittiert. Immerhin. Der 8. Verhandlungstag beginnt nervtötend. Man fühlt sich an Bahnhofsdurchsagen erinnert: Der D-Zug von X nach Y, planmäßige Ankunft, wird voraussichtlich… Planmäßiger Verhandlungsbeginn: 13.30 Uhr. Schon am 7. Tag war der Beginn des 8. Tages um 30 Minuten nach hinten gerückt worden. Die Kammer betritt den Saal um 13.38 Uhr. Vorsitzender: „Können wir die Beweisaufnahme dann jetzt abschließen?“ Man hatte mit einem Tag der Plädoyers gerechnet. Jetzt meldet sich der Verteidiger von Sandra S. mit zwei Anträgen zu Wort. Es geht um ein Blutspurengutachten zum Beweis der Tatsache, dass mehr als fünf Schläge das Opfer trafen. Ziel des zweiten Antrags: Nochmals soll der Mageninhalt des Opfers untersucht werden. Es geht um die Feststellung, dass sich im Magen von Mark M. weder Heroin noch sedierende Medikamente befanden. Der Staatsanwalt meldet sich zu Wort. Die in den Beweisanträgen festzustellenden Tatsachen seien, sagt er, nicht von Bedeutung.
Wer ist schon das Volk? Richter? Schöffe? Verteidiger? Der Staatsanwalt? Das Publikum? Wenn vor Gericht im Namen des Volkes geurteilt wird, wünscht man sich, dass, was verhandelt und endlich beschieden wird, auch vom Volk unterschrieben werden kann. Aber von welchem Volk? Es gibt ein Volk der Täter und eines der Opfer. Es gibt ein Volk der Unschuld und eines … Nein – es geht so nicht. Der Wunsch: Das Volk soll nicht rachsüchtig sein, nicht vorschnell in seinem Urteil. Alles soll ein Gewicht bekommen. Das Für. Das Wider. Wenn nach Abschluss der Beweisaufnahme die Staatsanwaltschaft plädiert, tritt das Volk gegen das Volk an. Man wünscht sich einen Ankläger, der nach bestem Wissen und Gewissen eine Tat begutachtet und argumentiert, was zu argumentieren ist. Man wünscht sich einen, der das Volk auf beiden Seiten vertritt. Keinen Racheengel. Keine Diva der Gerechtigkeit. Man wünscht sich einen, zu dem man ginge, weil man auf etwas hofft, das vielleicht Fairness genannt werden kann. Ausgewogenheit. Vielleicht ist Hendrik Timmer ein solcher Ankläger. Am 8. Verhandlungstag – die Beweisaufnahme ist beendet – steht einer auf und plädiert 60 Minuten, von denen keine zu viel und keine zu wenig ist. Da macht sich einer nicht nur auf den Weg zur Schuld. Er ist auch unterwegs zum Zweifel. Der Zweifel ist vor Gericht ein heiliges Gut. Letzte Rettung vor der Willkür des Rechthabenwollens. Der Zweifel beschützt den Angeklagten. Der Zweifel markiert das Terrain der Verantwortlichkeit, die mancherorts Gewissen genannt wird, wobei es nicht auf das Wort ankommt – nicht auf die Verpackung. Was die einen Gewissen nennen, ist den anderen die Moral. Der Inhalt zählt. Einer wie Timmer hinterlässt den Eindruck des integren Anklägers. Er ist einer, der mit der Taschenlampe in der Hand unter den Tisch des Anscheins leuchtet und sich auf die Suche nach dem Aber macht. Es gibt das Aber beider Seiten. Der das Volk vertritt – beide Seiten des Volkes – muss jedes Aber finden und dann – so unbefangen wie möglich – die Waagschalen der Justizia befüllen. Wo ihr die Augen verbunden sind, braucht es einen sehenden Ankläger.
Timmers Reise in die Tat enthält, denkt man, jedes mögliche Aber. Er stellt fest, was als bewiesen gelten kann und was nicht. Er macht Zweifel geltend. Die Konstellation des Falles lässt verschiedenste Kombinationen zu. Timmer, daran bleibt kein Zweifel, hält die Erzählungen von Sandra S. bezüglich der jahrelangen Vergewaltigungen für „wahrheitswidrig“. Timmer denkt Variationen des Geschehens durch. Jeder der drei Angeklagten kann Zweifel geltend machen. Zugunsten von Mario A., sagt Timmer, muss davon ausgegangen werden, dass er nur einen Schlag ausgeführt hat und dieser Schlag nicht das Opfer, sondern den Boden traf. Zugunsten von Sven G. muss angenommen werden, dass nicht sein Schlag der todbringende war. Nein – es bleibt offen, ob Sandra S. ein Essen für das Opfer zubereitete – eines, das wohlmöglich Heroin oder ein Schlafmittel enthielt. Es gibt, sagt Timmer, keine eindeutige Beschreibung des Tatgeschehens. Vielleicht führte Sven G. den totbringenden Schlag, vielleicht war es Mario A., vielleicht trat Sandra S. auf das Opfer ein. Mindestens eine dieser Möglichkeiten muss angenommen werden. Ist da einer auf dem Pfad der Gnade unterwegs? Nein. Auf dem Weg des Zweifels begibt sich einer ins Zentrum der Schuld. Sandra S. hat, sagt Timmer, nicht nur zwei Menschen zum Instrument eines Mordplans – ihres Mordplans – gemacht. Sie hat nach der ersten Tat einen weiteren Mord nicht nur geplant sondern in Auftrag gegeben. Es geht um das „Selbstleseverfahren“. Zuvor war beschlossen worden, den gesamten Chattverkehr nicht zu verlesen. Ein Loch in der Berichterstattung, das erst jetzt durch das Plädoyer des Staatsanwaltes notdürftig gestopft wird. Man erfährt von Whatsapp-Nachrichten, nach denen erwiesen zu sein scheint, dass Sandra S. auch ‘den Polen’ ermorden lassen wollte. Per Whatsapp wurde ein Preis diskutiert. Nach Auftragserteilung schreibt Sandra S. an den Vermittler: „Das wird ja lustig.“ Vorher hatte der Vermittler des Auftragsmordes an Sandra S. geschrieben: „Und du bist wirklich sicher, dass ich Kollegen kommen lassen soll? Sag einfach nur ja oder nein.“ Antwort Sandra S.: „Ganz oder gar nicht. Weg mit dem.“ Vermittler: „Kann dir nur sagen, einer ist Albander und der andere Jugoslawe. Beide kriegsgeschädigt. In der Regel kostet so ein Ausflug zw 5 und 10 Mille.“ Sandra S.: „Okay. Das wird lustig.“ Es geht um die von Sandra S. erwähnte Eskalation des Tatgeschehens. Ja – von einer Eskalation kann ausgegangen werden, sagt Timmer. Im Zentrum des Plans hat anfangs nicht die Tötung mit einem Baseballschläger gestanden. Ursprünglich ging es um den „Goldenen Schuss“. Timmer seziert die Aussage der Zeugin B. – einer Freundin von Sandra S.. Die beiden sprachen immer wieder über Sandras Beziehung zum späteren Opfer. Dabei sei nie die Rede von Vergewaltigung gewesen. B. sitzt im Zuschauerraum und leidet darunter, dass sie zum Bestandteil einer Argumentation wird, die auf ein Lebenslänglich hinausläuft.
Timmer hält es für erwiesen, dass Sandra S. nie ein Gespräch mit dem Opfer wollte. Sie wollte die Beseitigung von Mark M.. Sie habe Mark loswerden wollen. Die Zubereitung eines vergifteten Essens sei der Angeklagten nicht nachzuweisen. Auch die Tritte, von denen sie selbst im Chat gesprochen habe, müsse man nicht als wirklich geschehen annehmen. Sie hätten auch Prahlerei sein können. Man erinnert sich an den Gutachter, der über die Grenzlinienverwehung bezüglich Fantasie und Wirklichkeit gesprochen hatte. Es wiederholen sich Für und Wider. Zugunsten von Sandra S.: Tritte auf das Opfer sind nicht nachzuweisen. Die Schläge auf das Opfer kamen nicht von ihr. Sie wurden von den Mittätern geführt. Zugunsten von Sven G.: Die Schläge kamen von Mario A. – dazu die möglichen Tritte von Sandra S.. Zugunsten von Mario A.: Er muss angenommen werden, dass er das Opfer nicht traf. Wahrscheinlich zerbrach der Schläger auf dem Boden und nicht am Kopf des Opfers. Für Timmer steht fest: Es ist zu keinem Zeitpunkt um ein Gespräch gegangen. Noch einmal überfliegt der Staatsanwalt das Nachtatverhalten der Angeklagten. Sie hat einen Mordauftrag erteilt. Dann die Landung. Der Landeplatz kann nicht Totschlag heißen. Es geht um Mord. Totschlag und Mord unterscheiden sich unter anderem dadurch, dass beim Mord die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers ausgenutzt wird. Mark M. war arglos. Er konnte nicht mit einem Angriff rechnen. Die Tat: Heimtückisch. Das Ergebnis: Totschlag kommt nicht in Betracht. Dann geht es um die Mittäterschaft, es geht um etwas, das Tatherrschaft genannt wird. Längst geht es um Feinheiten der Rechtsprechung, die nur noch von Profis wirklich verstanden werden, Es geht darum, ob im Fall Mario A. „nur Beihilfe“ zum Tragen kommt. Ja, Mario A. hat dem Opfer die Spritze nicht verabreicht. Er hat vielleicht nur einmal zugeschlagen und dabei möglicherweise nur den Boden getroffen, aber (Timmers Aber kommt fettgedruckt daher) „aber er hat zugeschlagen“. Immer wieder wird jetzt der Bundesgerichtshof zitiert. Es gibt ähnlich gelagerte Fälle. Eine Zahl wird genannt. Ein Wort dazu. Paragraf 24, Strafgesetzbuch. Dazu das Wort „Rücktritt“.
Timmer sieht bei Sandra S. die besondere Schwere der Schuld als gegeben. Sie hat ihre Mittäter mittels wahrweitswidrigen Erzählungen (die Vergewaltigungen) manipuliert und instrumentalisiert und sie hat einen zweiten Mordauftrag erteilt. Sie hat das Herrschaftswissen genutzt – gemeint sind die Vergewaltigungserzählungen. Vielleicht also müsste von Herrschaftsfantasien gesprochen werden.
Das Ende des 8. Tages macht zum ersten Mal die Aussichtslosigkeit für die Angeklagten deutlich. Natürlich spricht der Staatsanwalt nicht das Urteil – er gibt eine Handlungsempfehlung, ausgerichtet am Raster der Justiz. Er gibt eine erste Richtung vor. Würde das Gericht ihm folgen, hieße das: Im Fall Mario A. würde sich frühestens im Jahr 2031 die Frage nach einem vorzeitigen Ende stellen. Bei Sandra S. zehn Jahre später und bei Sven G. nie. Man kann solche Zeiträume erst erfassen, wenn man sie konkret denkt. Ein Kind, heute geboren, wäre, wenn es für Sandra um eine Entlassung aus der Haft geht, 25 Jahre alt – hätte einen Beruf oder studiert … könnte selbst Kinder haben. 25 Jahre: Eine Zahl. Schnell ausgesprochen. Für die Angeklagten eine Weiche ins Nichts. Niemand wird dem Staatsanwalt vorwerfen können, er habe es sich leicht gemacht. Wenn Sandra S. das Gefängnis verlässt, wird er längst Pensionär sein. Man merkt den Angeklagten an, dass die Perspektive eines Lebens hinter Gittern stückweise bei ihnen eintrifft – die Seele erreicht. Einschnürt. Man spürt nicht nur ihr aufdämmerndes Entsetzen – man spürt auch die eigene Sprachlosigkeit. Was Sven G. erwartet, ist eine freud- und trostlose Unendlichkeit ohne die Hoffnung auf ein Freikommen.
… Gehirne suchen Geschichten. Zusammenhänge. Vier Bilder hängen an der Wand. Eines fällt hinunter …
… vier Bilder hängen an der Wand. Die Tür öffnet sich. Eines fällt hinunter …
… das Huhn oder das Ei …?
… vier Bilder hängen an der Wand. Ein Auto fährt vorbei. Eines der Bilder fällt hinunter …
… vier Bilder hängen an der Wand. Die Tür öffnet sich. Eines der Bilder fällt hinunter. Lag es an der Tür? Warum sind nicht alle Bilder von den Haken gerutscht …
… vier Bilder hängen an der Wand. Eines fällt hinunter. Die Türe war geschlossen. Aber: Es fuhr ein Auto vorbei. Das Auto war der Auslöser. Was, wenn nicht das Auto? Ein Bild fällt nicht einfach von der Wand …
… ein Bild fällt von der Wand. Kurz danach passiert vor dem Fenster ein Unfall? Ein Zusammenhang? Nein. Ein Bild, das von der Wand fällt, kann nicht einen Unfall auslösen …
… vier Bilder hängen an der Wand. Eines fällt hinunter. Was werden die Anwälte sagen? Nun – das könnte davon abhängen, wen sie vertreten …
… zeitig
14.32 Uhr: Sandra S.s zweiter Verteidiger. Er hat eine andere Erwartung an das Plädoyer des Staatsanwaltes gehabt. Der hat mit einem Federstrich alle Verteidigungsversuche niedergebügelt. Man sucht den Ton zu einem solchen Gedanken und könnte an ein aggressives Tremolo denken, aber der Verteidiger ist ruhig. Er setzt nicht auf Effekt. Er arbeitet an einer anderen Perspektive.
… vier Bilder hängen an der Wand. Das Huhn – das Ei. Was war zuerst. Man müsste diese Frage vor einem Gericht klären …
… vier Bilder hängen an der Wand. Eines fällt hinunter. Was, wenn einer der Nagel wäre, an dem das Bild hing? …
Auf der Heimfahrt vom Gericht: Im Radio ein Essay über den Krieg. Der Mann einer am 13. November in Paris getöteten Frau. Die Frau ging ins Konzert. Der Mann blieb mit dem 17 Monate alten Sohn zuhause. Er sagt: „Am Freitagabend hat ihr einem außergewönhlichen Menschen das Leben genommen. Die Liebe meines Lebens. Die Mutter meines Sohnes.Aber meinen Hass bekommt ihr nicht. Ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen.“
Der Verteidiger bittet um eine „zeitige Freiheitsstrafe im Ermessen des Gerichts“. Er bittet um die Verhängung der Maßregel. Längst fragt man sich, welcher Geschichte man folgen möchte. Kann. Muss. Will.
Jetzt übernimmt Sven G.s erster Verteidiger den Staffelstab. Man habe – über die Dauer des Prozesses – auch auf dem Gang viel gesprochen. Varianten diskutiert. Jeder versuche nun, aus den möglichen Varianten etwas herauszupicken. Diesmal geht es um eine „abgebrochene Kausalität“. Es geht noch einmal darum, was man zu wessen Gunsten annehmen muss. Es gehe, sagt der Verteidiger, um eine realistische Einschätzung. Wieso haben sich die Angeklagten keinerlei Gedanken um die Entsorgung eines Leichnams gemacht? „Sie sie einfach zu doof gewesen?“ Nein. Die Angeklagten sind davon ausgegangen, dass am Ende des Geschehens ein Notarzt kommen würde, um festzustellen, dass sich da einer in den Tod gespritzt hat. „Wir müssen“, sagt der Verteidiger, „Zusammenhänge herstellen“. [Vier Bilder hängen an der Wand …] Geht es um eine „abgebrochene Kauslalität“?
Wieder wird die Beurteilung des Zusammenhangs in das Ermessen des Gerichts gestellt. Wieder geht es darum, was zu wessen Gunsten angenommen werden muss. Dann geht es um den Gutachter. Gutachter, sagt der Verteidiger, sind ein Hilfsmittel. Dem Gutachter von Sven G. stellt die Verteidigung kein gutes Zeugnis aus. Unzureichend und nicht objektiv war seine Arbeit. Sven G.s Verteidigung geht es darum, die Sicherungsverwahrung in Zweifel zu ziehen. Der Gutachter, so der Verteidiger, hat Dinge getan, die ihm nicht zustehen. Er hat Beweiswürdigung vorgenommen. Er war nicht unvoreingenommen. Das Gutachten: Fragwürdig. Bundesweit gibt es 550 Sicherungsverwahrte. Der Verteidiger fragt das Gericht, ob man Sven G. wirklich in diese Phalanx einreihen möchte. Aberwitzig sei das. Gutachter, so der Verteidiger, seien nicht selten von der Angst vor einer Fehlprognose geleitet. Was, so der Verteidiger, dächten die Gutachter, wenn sie einen Irrtum eingestehen müssten? Lieber gleich auf Nummer sicher gehen. Der Verteidiger sagt das nicht. Aber es lässt sich denken. Das Wort „Schwachsinn“ fällt.
Ist Sven G. der Ausnahmemensch? Ist er einer von 550, die zu gefährlich sind, um sie je wieder in Freiheit zu setzen? Da ist einer, der sich selbst als Outlaw bezeichnet hat. Da ist einer, in dessen Person das Klischee vom Bösen sich vergestaltet. (Der Verteigider sagt das nicht.) Aber er spricht vom Outlaw. Er spricht von den Tätowierungen. Er sagt, dass Sven G. vielleicht nicht einzuschätzen vermochte, wie solche Tätowierungen von anderen eingeschätzt werden. Er klopft seinem Mandanten auf die Schulter. Der möge das nicht falsch verstehen. Vielleicht meint der Verteidiger, dass sich Sven G. in ein Aus manöviert hat, das er nur unzureichend einzuschätzen in der Lage ist. Nein – er will nichts beschönigen. Es geht um eine grausame Tat. Aber es geht auch darum, dass sein Mandant die Verantwortung zu tragen bereit ist. Es geht darum, dass das Gericht eine Strafe verhängt, die noch eine Perspektive lässt. Eine, die nicht alle Hoffnung absterben lässt. Es ist 14.58 Uhr.
Sven G. ist kaum in der Lage zu sprechen. Aussehen und Wirklichkeit trennen sich. „Nichts holt den Mark zurück.“
„Schreib über die Plädoyers“, sagen sie. „Platz is“, sagen sie. Also:
Am vorletzten Tag des Prozesses um den Tod eines jungen Mannes in Kalkar hatten am Montag die Verteidiger das Wort.
Den drei Angeklagten (Sandra S., Mario A. und Sven G.) wird vorgeworfen, im September letzten Jahres Mark M. mit einem Baseballschläger erschlagen zu haben. Acht Verhandlungstage dauerte die Beweisaufnahme. Danach folgte das beeindruckende Plädoyer von Staatsanwalt Hendrik Timmer. Der hatte für die Angeklagte Sandra S. Lebenslänglich und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gefordert, für Mario A. Lebenslänglich und für Sven G. Lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung.
Bei Plädoyers geht es um Sichtweisen. Um Positionen. Um Deduktionen. Um Ausschluss. Um Einschluss. Es ist an der Zeit, dem Staat zu widersprechen. Ein Verteidiger, der nicht widerspricht, ist vielleicht kein Verteidiger. Plädoyers offenbaren Sichtweisen – entlarven andere Sichtweisen. Plädoyers sind Denkanstöße und können Drohungen sein. Bitten. Appelle. Skizzen einer anders ausgeleuchteten Wirklichkeit. Wenn es nur eine Tat und einen Täter gibt – dazu vielleicht nur einen Verteidiger – kann über Wirklichkeit auf zwei Seiten nachgedacht werden. Hier die Anklage – dort die Verteidigung.
Diese Tat in Kalkar ist ein Kaleidoskop. Sie fordert die Gehirne. Das menschliche Gehirn ist angetreten, Ursachen und Wirkungen zu verschränken. Plädoyers sind der Versuche, Ursachen und Wirkungen anders zu kombinieren – sie vielleicht auch zu entkoppeln. Wenn es drei Angeklagte gibt, entstehen diffuse Kombinationen. Das Heil des einen gründet im Untergang der anderen.
Wenn Prozesse Instrumentalkonzerte sind, dann sind die Plädoyers die Kadenzen. Endlich konzentriert sich alles auf die Solisten. Sogar der Dirigent lässt den Taktstock sinken. Der Solist fasst zusammen und liefert sich selbst den Befähigungsnachweis. Motive ziehen vorbei, Themen, Gedanken. Die Realität wird neu gesehen. Publikum und Orchester staunen. Der Solist bedient sich aus der Vorratszentrifuge. Was wie improvisiert klingt, ist vorgedacht, nutzt Effekte, setzt auf Mitdenken. Der Solist wird zum Nachschöpfer. Niemand darf jetzt unterbrechen, bis das Ensemble wieder einsetzt und der Dirigent die Vorherrschaft zurückgewinnt.
Sandra S.s Verteidiger haben einen Staatsanwalt gesehen, der ihre Mandantin dämonisiert – einen, der vom Ergebnis her argumentiert, einen, der Kernaussagen des psychologischen Gutachtens „mit einem Federstrich übergebügelt“ hat. Sandra S.s Verteidiger wiederholen Eigenschaften. Ihre Mandantin: Unterdurchschnittlich aggressiv, überdurchschnittlich sozial. Eine Frau, die auf der Grenze von Fantasie und Wirklichkeit taumelt. Eine Frau, die sich durch ihre Prahlerei selbst am meisten geschadet hat. Sandra S. hat keine Tötung gewollt – einen Denkzettel vielleicht. Den Denkzettel für einen Peiniger. Alles ist aus dem Ruder gelaufen. Der Verteidiger wirft dem Staatsanwalt vor, zu wenig begründet zu haben. Man kann das nachvollziehen. „Die beiden Herren“, sagt er und meint Sven G. und Mario A., wollen, „dass Sandra S. mit hängt.“ (Das Heil der einen ist im Untergang der anderen gegründet.) Von einem erteilten Mordauftrag für eine zweite Tötung spricht er nicht. Prahlerei? Vielleicht nicht, denn man erteilt besser keinen Mordauftrag, um anschließend „ätschibätschi“ zu sagen.
Sandra S.s Verteidiger haben keinen Mord „gesehen“. Sie sprechen von einer Körperverletzung mit Todesfolge und einer „zeitigen“ Freiheitsstrafe unter zehn Jahren.
Mario A.s Verteidiger treffen andere Feststellungen. Sie besetzen ein anderes Segment der Strafminderung. Ihnen zu folgen fällt schwer, weil es um Spezialfälle geht. Es werden Paragrafen genannt. Im Paragraf 213 geht es um einen minder schweren Fall des Totschlages; es geht um den Paragraf 46 b. der sich mit der „Hilfe zur Aufklärung oder Verhinderung von schweren Straftaten“ befasst. Das Volk hat von der Kronzeugenregelung gehört. Mario A., so eine der Verteidigungslinien, hat umfänglich ausgesagt und also zur Aufklärung beigetragen. Auch der Begriff „Tyrannenmord“ wird genannt. Urteile des Bundesgerichtshofes werden angedeutet. Da und da ist es so und so gelaufen. Es geht um den Paragraf 64 – die Maßregel. Es geht um Begriffe wie „Zurechnungszusammenhang“, „Rechtsfolgelösung“. Es geht ans Eingemachte der Justiz. Experten sprechen für Experten. Mario A.s Verteidiger beschreiben einen „bußfertigen Mandanten“. Der Paragraf 46 beschreibt die Grundsätze der Strafzumessung.
Die Schuld des Täters ist Grundlage für die Zumessung der Strafe. Die Wirkungen, die von der Strafe für das künftige Leben des Täters in der Gesellschaft zu erwarten sind, sind zu berücksichtigen.
Das Ziel: Eine zeitige Freiheitsstrafe, ins Ermessen des Gerichts gestellt. Verhängung der Maßregel. Man hat keinen Mord gesehen. Die Tat: Körperverletzung mit Todesfolge.
Dann Sven G.s Verteidiger. Er schickt sich an, wenigstens die Sicherungsverwahrung für seinen Mandanten abzuwenden. Dass es ein Lebenslänglich wird, scheint klar. „Wir müssen gar nicht aussprechen, worum es geht“, sagt der Verteidiger. Er sagt auch: Man habe viel diskutiert während der Verhandlungspause. Jetzt picke sich jeder aus dem Lösungspool, was dem Mandanten nützlich ist. Es folgt ein Frontalangriff auf den psychologischen Gutachter, der alles andere als unvoreingenommen gewesen sei, der Beweiswürdigungen vorgenommen habe – etwas, das einem Gutachter nicht zusteht. Gutachter, sagt der Verteidiger, sind ein juristisches Hilfsmittel. Er sagt auch, dass es in Deutschland 550 Sicherungsverwahrte gibt. Er sagt, frei übersetzt, dass einer wie Sven G. nicht in dieser Liga spielt. Sven G. ist einer, der sich selbst als Outlaw bezeichnet und damit den Gutachter in falsche Schlüsse gelenkt hat. Sven G. ist einer, der mit seinem Aussehen provoziert. Sven G. ist einer, in dem sich das vermeintlich Böse vergestaltet. Das sagt der Verteidiger nicht so, aber man spürt, dass er genau das sagen möchte. Er möchte ein Urteil, das Spielraum für Hoffnung übrig lässt.
Dann der Kollege: Er habe genau das, was der Kollege gerade ausführte, auch sagen wollen und schließe sich daher dessen Ausführung an. Man möchte aufspringen, hinrennen, ihn schütteln. Hier geht es um ein Leben. Man erwartet Einsatz, Engagement und nicht einen, der sich hinstellt und öffentlich nicht einen einzigen eigenen Gedanken beisteuert.
Am Ende des vorletzten Tages steht fest, dass nicht nur der Staatsanwalt Eindruck hinterlassen hat. Dann die letzten Worte der Angeklagten. Sandra S.: „Es tut mir unendlich leid. Ich habe nicht gewollt, das der Mark zu Tode kommt.“ Sven G. ist kaum zu Sprechen in der Lage. Aussehen und Wirklichkeit trennen sich. „Nichts holt den Mark zurück.“ Mario A. schließt sich den Worten seiner Verteidiger an.
Der Vorsitzende übernimmt: „Das Urteil dann am Mittwoch, 14.30 Uhr.“ Auf dem Heimweg im Radio ein Essay über den Krieg. Der Ehemann einer in Paris getöteten Frau. Die Frau ging ins Konzert. Der Mann blieb mit dem 17 Monate alten Sohn zuhause. Er sagt: „Am Freitagabend habt ihr einem außergewöhnlichen Menschen das Leben genommen. Die Liebe meines Lebens. Die Mutter meines Sohnes. Aber meinen Hass bekommt ihr nicht. Ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen.“ Eine Antwort? Vielleicht.
„Der Platz reicht nicht“, sagen sie. „Die Hälfte muss raus. Hilft ja nix“, sagen sie. Eine Text wandert in die Unkenntliche. Ab wo stirbt der Denkzusammenhang? Längst wird es schwierig, den Prozess im Kopf zu jonglieren – mal so, mal so.
KLEVE/KALKAR. Am vorletzten Tag des Prozesses um den Tod eines jungen Mannes in Kalkar hatten am Montag die Verteidiger das Wort.
Den drei Angeklagten (Sandra S., Mario A. und Sven G.) wird vorgeworfen, im September letzten Jahres Mark M. mit einem Baseballschläger erschlagen zu haben. Bei Plädoyers geht es um Sichtweisen. Es ist an der Zeit, dem Staat zu widersprechen. Ein Verteidiger, der nicht widerspricht, ist vielleicht kein Verteidiger.
Sandra S.s Verteidiger haben einen Staatsanwalt gesehen, der ihre Mandantin dämonisiert – einen, der vom Ergebnis her argumentiert, einen, der Kernaussagen des psychologischen Gutachtens „mit einem Federstrich übergebügelt“ hat. Sandra S.s Verteidiger wiederholen Eigenschaften. Ihre Mandantin: Unterdurchschnittlich aggressiv, überdurchschnittlich sozial. Eine Frau, die auf der Grenze von Fantasie und Wirklichkeit taumelt. Eine Frau, die sich durch ihre Prahlerei selbst am meisten geschadet hat. Sandra S. hat keine Tötung gewollt – einen Denkzettel vielleicht. Alles ist aus dem Ruder gelaufen. „Die beiden Herren“, sagt er und meint Sven G. und Mario A., wollen, „dass Sandra S. mit hängt.“ (Das Heil der einen ist im Untergang der anderen gegründet.) Sandra S.s Verteidiger haben keinen Mord „gesehen“. Sie sprechen von einer Körperverletzung mit Todesfolge und einer „zeitigen“ Freiheitsstrafe unter zehn Jahren.
Mario A.s Verteidiger besetzen ein anderes Segment der Strafminderung. Ihnen zu folgen fällt schwer, weil es um Spezialfälle geht. Es werden Paragrafen genannt. Im Paragraf 213 geht es um einen minder schweren Fall des Totschlages; es geht um den Paragraf 46 b. der sich mit der „Hilfe zur Aufklärung oder Verhinderung von schweren Straftaten“ befasst. Auch der Begriff „Tyrannenmord“ wird genannt. Es geht um Begriffe wie „Zurechnungszusammenhang“, „Rechtsfolgelösung“. Es geht ans Eingemachte der Justiz. Mario A.s Verteidiger beschreiben einen „bußfertigen Mandanten“. Das Ziel: Eine zeitige Freiheitsstrafe, ins Ermessen des Gerichts gestellt. Die Tat: Körperverletzung mit Todesfolge.
Dann Sven G.s Verteidiger. Er schickt sich an, wenigstens die Sicherungsverwahrung für seinen Mandanten abzuwenden. Dass es ein Lebenslänglich wird, scheint klar. Man habe viel diskutiert während der Verhandlungspausen. Jetzt picke sich jeder aus dem Lösungspool, was dem Mandanten nützlich ist. Es folgt ein Frontalangriff auf den psychologischen Gutachter, der alles andere als unvoreingenommen gewesen sei, der Beweiswürdigungen vorgenommen habe – etwas, das einem Gutachter nicht zusteht.
Er sagt auch, dass es in Deutschland 550 Sicherungsverwahrte gibt. Er sagt, frei übersetzt, dass einer wie Sven G. nicht in dieser Liga spielt. Sven G. ist einer, der mit seinem Aussehen provoziert. Er möchte ein Urteil, das Spielraum für Hoffnung übrig lässt. Dann der Kollege: Er habe genau das, was der Kollege gerade ausführte, auch sagen wollen und schließe sich daher dessen Ausführung an. Man möchte aufspringen, hinrennen, ihn schütteln. Man erwartet Einsatz, Engagement und nicht einen, der sich hinstellt und nicht einen einzigen eigenen Gedanken beisteuert.
Dann die letzten Worte der Angeklagten. Sandra S.: „Es tut mir unendlich leid. Ich habe nicht gewollt, das der Mark zu Tode kommt.“ Sven G. ist kaum zu Sprechen in der Lage. Aussehen und Wirklichkeit trennen sich. „Nichts holt den Mark zurück.“ Mario A. schließt sich den Worten seiner Verteidiger an.
„Das Urteil dann am Mittwoch, 14.30 Uhr.“ Auf dem Heimweg im Radio ein Essay über den Krieg. Der Ehemann einer in Paris getöteten Frau. Die Frau ging ins Konzert. Der Mann blieb mit dem 17 Monate alten Sohn zuhause. Er sagt: „Am Freitagabend habt ihr einem außergewöhnlichen Menschen das Leben genommen. Die Liebe meines Lebens. Die Mutter meines Sohnes. Aber meinen Hass bekommt ihr nicht. Ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen.“ Eine Antwort? Vielleicht.
Es entsteht ein Abbild des Prozesses. So kann man es auch sehen. Alles verdichtet sich – läuft in einen Trichter, in dem zunehmend weniger Platz bleibt. Zunehmend weniger – das ist wie nachträglicher Vorsatz. Die Tat: Langfassung. Kurzfassung. Gekürzte Kurzfassung. Berichterstattung ist wie der Prozess selber. Abstände ändern sich, weil sich Plätze ändern. Aus „vier Spalten 280“ [Millimeter] werden „vier Spalten 135“. Der Film zum Film zum Film. Was bleibt vom vorletzten Tag: Die Stimme eines Ehemannes aus Paris. „Ich werde euch nicht meinen Hass schenken“, sagt er. Wie bekämpft man eine Idee? Mit einer anderen Idee.
Es hat lange genug gedauert. Es ist der zehnte Tag. Finale: Für 14.30 Uhr hat die Kammer zur Urteilsverkündung geladen. Um 14.39 – der Saal ist reichlich mit Zuschauern besetzt – betritt das Gericht den Saal. Jetzt also: Im Namen des Volkes. Gefordert: Lebenslänglich plus Feststellung der besonderen Schwere der Schuld (Sandra S.), Lebenslänglich (Mario A.) und Lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung (Sven G.). Die Anwälte von Sandra S. plädierten auf Körperverletzung mit Todesfolge und eine „zeitige“ Strafe unterhalb von zehn Jahren. Mario A.s Verteidiger plädieren ebenfalls für eine Körperverletzung mit Todesfolge. Die „zeitige“ Freiheitsstrafe stellen sie ins Ermessen der Kammer. Sven G.s Verteidigung hatte nur ein Ziel: Keine Sicherungsverwahrung im Anschluss an das für sie sicher zu erwartende „Lebenslänglich“.
Man macht sich auf den Weg zurück in den Tag. Der Kollege von der „Zeit“ muss zum Zug nach Berlin. Er hat morgen Geburtstag. Fast ist man erschreckt, wie schnell Trio und Urteil aus dem Bewusstsein sacken. 2030 – eine Zahl außerhalb der Vorstellung, dass man bis dahin eingesperrt wäre. Mindestens bis dahin. Alles Weitere wird man sehen.
Kategorien: gerichtet | Schlagwörter: Landgericht Kleve, Mordprozess | Permalink

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