Source: http://palikanon.com/khuddaka/jataka/j284.htm
Timestamp: 2017-07-21 18:48:56+00:00

Document:
284 Siri-Jataka
Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten 284. Die Erzählung von dem Glück (Siri-Jātaka)
„Wenn viele Schätze voll von Eifer“
§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Brahmanen, der das Glück [1] stehlen wollte. §D. In diesem Jātaka ist die Erzählung aus der Gegenwart schon oben im Khadirangara-Jātaka [2] auseinandergesetzt. Nachdem aber auch hier die im Hause des Anāthapindika im vierten Türerker wohnende irrgläubige Gottheit in Vollziehung ihrer Buße fünfhundertvierzig Millionen Goldes herbeigebracht und damit die Schatzkammern gefüllt hatte, war sie dem Großkaufmann befreundet. Dieser aber nahm sie mit sich und brachte sie zu dem Meister. Der Meister erklärte ihr die Lehre. Als sie die Lehre vernommen, gelangte sie zur Bekehrung. Von da wurde der Ruhm des Großkaufmanns wieder wie zuvor.
Es dachte aber ein zu Savatthi wohnender Brahmane, der die Glücksabzeichen kannte [3]: „Anāthapindika war im Unglück und ist jetzt wieder mächtig geworden. Wie, wenn ich jetzt zu ihm hinginge, als wollte ich ihn besuchen, und aus seinem Hause das Glück stehlen würde?“ Und er ging in das Haus des Großkaufmanns und erhielt von diesem Ehrenbezeugungen. Als er nun während der freundlichen Unterhaltung, die sich entspann, gefragt wurde, warum er gekommen sei, schaute er sich um, wo sich das Glück des Hauses befinde. Der Großkaufmann aber besaß einen ganz weißen, einer glänzenden Muschel gleichenden Hahn, der in einem goldenen Käfig verwahrt wurde; in dessen Schopf wohnte das Glück. Als nun der Brahmane sich umschaute, merkte er, wo sich das Glück befand, und sagte: „Ich, o Großkaufmann, unterrichte fünfhundert junge Brahmanen in den Weisheitssprüchen. Weil unser Hahn aber zur Unzeit kräht, sind diese und auch ich belästigt [4]. Dieser Hahn aber ist einer, der zur rechten Zeit kräht; um seinetwillen bin ich gekommen. Gib mir diesen Hahn!“
Der Großkaufmann erwiderte: „Nimm ihn, Brahmane, ich schenke dir den Hahn.“ In dem Augenblicke aber, da er sagte: „Ich schenke dir den Hahn“, entfernte sich das Glück aus dessen Schopf und begab sich in einen großen Edelstein, der auf einem Kissen lag. Als der Brahmane merkte, dass das Glück in den Edelstein übergegangen war, bat er auch um diesen Edelstein. In dem Augenblick aber, da der Großkaufmann sagte: „Ich schenke dir den Edelstein“, verließ das Glück den Edelstein und ging in einen Schutzstab [5] über, der auf einem Kissen lag. Als der Brahmane merkte, dass sich das Glück dorthin begeben habe, bat er auch darum; kaum hatte jener aber gesagt: „Nehmt ihn und geht“, so entfernte sich auch von dort das Glück und ging in das Haupt der ersten Gemahlin des Großkaufmanns, der Fürstin Puññalakkhanā
[6] ein.
Da nun der Brahmane, der das Glück stehlen wollte, merkte, dass das Glück sich dorthin geflüchtet habe, dachte er: „Um dies Gut, das man nicht von sich lassen kann, darf ich nicht bitten.“ Und er sprach zum Großkaufmann: „O Großkaufmann, ich kam hierher, um aus Eurem Hause das Glück zu stehlen und mitzunehmen. Das Glück aber weilte im Schopfe deines Hahnes. Als du mir diesen schenktest, ging es von dort weg und begab sich in den Edelstein. Nachdem du mir den Edelstein geschenkt, ging es in den Schutzstab über; und als du mir auch diesen schenktest, ging es von dort weg und flüchtete sich in das Haupt der Fürstin Puññalakkhanā. Da aber dies ein Gut ist, das man nicht von sich lassen kann, bekam ich dies nicht. Ich bin nicht im Stande, dir dein Glück zu stehlen; möge dein Eigentum bei dir bleiben.“ Mit diesen Worten stand er von seinem Sitze auf und entfernte sich.
Anāthapindika aber dachte: „Ich will diese Begebenheit dem Meister mitteilen.“ Er begab sich nach dem Kloster, bezeigte dem Meister seine Verehrung, begrüßte ihn und erzählte dem Vollendeten alles, während er an seiner Seite saß. Als dies der Meister hörte, sagte er: „O Hausvater, das Glück von anderen geht nicht anderswohin. Auch in der Vorzeit begab sich das von den Bösen erworbene Glück nach den Füßen der Tugendhaften.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.
§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war und zu Takkasilā die Künste erlernt hatte, wählte er das Leben im Hause. Nach dem Tode seiner Eltern aber verließ er erschüttert sein Haus, betätigte im Himalaya die Weltflucht der Weisen und erlangte die Vollkommenheiten. Nach langer Zeit begab er sich einmal auf das Land, um sich mit Salz und Saurem zu versehen. Nachdem er im Parke des Königs von Benares die Nacht verbracht hatte, machte er am nächsten Tage seinen Almosengang und kam dabei an die Haustüre des Elefantenabrichters. Dieser war über seinen Wandel und seine Haltung befriedigt, gab ihm ein Almosen, ließ ihn im Parke wohnen und sorgte beständig für ihn.
Zu der Zeit hatte ein Holzholer, der Holz aus dem Walde holte, nicht mehr zur rechten Zeit die Stadt erreichen können; daher machte er sich am Abend in einem Tempel [7] ein Bündel Holz zum Kopfkissen und legte sich nieder.
Es schliefen aber in diesem Tempel viele freigelassene Hähne unweit von dem Manne auf einem Baume. Von diesem ließ ein Hahn, der weiter oberhalb saß, zur Zeit der Morgendämmerung seinen Kot fallen und traf damit den Körper des unter ihm sitzenden Hahnes. Dieser fragte: „Wer hat seinen Kot auf meinen Körper fallen lassen?“ Der andere antwortete: „Ich war es“, und fügte auf die Frage, warum er es getan habe, hinzu: „Ich tat es ohne Absicht.“ Darauf ließ er wieder Kot hinab fallen. Jetzt sprachen sie beide zueinander: „Was hast du für Kraft, was für eine Kraft hast du?“, und fingen an zu streiten.
Da sprach der weiter unten sitzende Hahn: „Wer mich tötet und mein auf Kohlen gebratenes Fleisch isst, der erhält am Morgen tausend Kahapanas.“ Der über ihm sitzende Hahn aber sagte: „Holla, schreie nicht wegen dieser Kleinigkeit! Wer mein festes Fleisch isst, wird König; wer das äußere Fleisch verzehrt, erhält, wenn es ein Mann ist, die Stelle des Heerführers, wenn es eine Frau ist, den Platz der ersten Gemahlin des Königs; wer aber das Fleisch an meinen Knochen isst, erhält, wenn es ein Laie ist, die Stelle des Schatzmeisters, wenn es aber ein Mönch ist, so wird er der zum Hofstaat des Königs gehörige Mönch.“
Als der Holzholer ihre Worte vernahm, dachte er: „Wenn ich ein Königreich erlange, bedarf ich keiner tausend Kahapanas.“ Er stieg rasch auf den Baum, fasste den weiter oben sitzenden Hahn, tötete ihn und steckte ihn in sein Gewand, indem er dachte: „Ich werde König werden.“ Darauf ging er weg, betrat durch das geöffnete Tor die Stadt, zog dem Hahn die Haut ab, reinigte den Leib und gab den Hahn seiner Gattin mit den Worten: „Mache dieses Hahnfleisch gut zurecht.“ Die Frau bereitete den Hahn und Reisbrei dazu und setzte ihrem Manne das Mahl vor mit den Worten: „Iss, Herr!“ Jener versetzte: „Liebe, dies Fleisch hat große Zauberkraft. Wenn ich es gegessen habe, werde ich König werden und du wirst meine erste Gemahlin werden.“ Darauf nahm er den Reisbrei und das Fleisch mit und ging zum Ufer des Ganges hin, um vor dem Mahle noch zu baden. Sie stellten den Topf mit dem Mahle an das Ufer und stiegen ins Wasser, um zu baden.
In diesem Augenblick kam eine vom Winde aufgepeitschte Welle daher und nahm den Speisetopf mit sich fort. Als der Topf so in der Strömung des Flusses dahin trieb, sah ihn der Elefantenabrichter, ein Mann vom Hofe, der gerade die Elefanten baden ließ. Er ließ den Topf herausheben und fragte: „Was ist darinnen?“ Man gab ihm zur Antwort: „Reisbrei und Hahnfleisch, Herr.“ Er ließ den Topf verschließen und versiegelte ihn; dann schickte er ihn seiner Gattin mit dem Auftrage, sie solle den Topf nicht öffnen, bis er zurückgekehrt sei.
Der Holzholer aber war davongelaufen, den Leib aufgebläht von dem Sand und Wasser, das ihm in den Mund eingedrungen war.
Es dachte aber ein mit göttlicher Einsicht begabter Asket [8], der im Hause des Elefantenabrichters gepflegt wurde: „Mein Helfer gibt die Stelle als Elefantenabrichter nicht auf; wann wird er eine Förderung erfahren?“ Während er aber so mit göttlicher Einsicht überlegte, sah er jenen Mann und erkannte die Begebenheit. Er ging voraus und setzte sich im Hause des Elefantenabrichters nieder. Als dieser kam, begrüßte er den Asketen und setzte sich ihm zur Seite. Dann ließ er den Speisetopf herbeibringen und sagte: „Setzt dem Asketen Fleisch und Wasser [9] vor.“ Der Asket nahm den Reisbrei an; als ihm aber das Fleisch angeboten wurde, wies er es zurück und sagte: „Ich will dies Fleisch verteilen.“ Der andere erwiderte: „Verteilt es, Herr.“ Darauf machte der Asket aus dem festen Fleisch und den übrigen Fleischteilen je einen Teil. Das feste Fleisch gab er dem Elefantenabrichter, das äußere Fleisch seiner Gattin, das Fleisch an den Knochen aber verzehrte er selbst. Als er sich nach Beendigung des Mahles entfernte, sprach er: „Am dritten Tage von heute an wirst du König werden. Gib sorgsam Acht!“ Noch diesen Worten ging er davon.
Am dritten Tage kam ein benachbarter König und umlagerte Benares. Der König von Benares ließ dem Elefantenabrichter das königliche Gewand anlegen und befahl ihm, er solle den Elefanten besteigen und kämpfen. Er selbst wurde, während er in unkenntlich machender Kleidung beim Heere verweilte, von einem rasch fliegenden Pfeile getroffen und starb auf der Stelle.
Als der Elefantenabrichter von dessen Tode erfuhr, ließ er viele Kahapanas herbeibringen und mit Trommelschlag verkünden, wer Geld wolle, solle sich vorn hinstellen und kämpfen. Darauf brachte seine Heeresmacht in einem Augenblick den feindlichen König ums Leben.
Nachdem sodann die Minister die Leiche des Königs verbrannt hatten, besprachen sie sich, wen sie zum Könige machen wollten. Da dachten sie: „Als der König noch lebte, gab er sein Gewand dem Elefantenabrichter. Dieser hat allein gekämpft und das Reich erhalten. Wollen wir ihm allein die Herrschaft geben!“ Sie weihten ihn zum Könige und machten seine Gattin zur Königin. Der Bodhisattva aber wurde der zum königlichen Hofe gehörige Asket.
§A2. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, sprach er, der völlig Erleuchtete, folgende zwei Strophen:
§1. „Wenn viele Schätze voll von Eifer sich sammelt, wer des Glückes bar,
ob weise oder ohne Weisheit, der Glückliche wird sie genießen.
§2. Vom Guten, das man überall
mehr als die andern Menschen tut,
gar viele Segnungen entstehen
auch da, wo man es nicht erwartet.“
Nachdem der Meister diese Strophe gesprochen, fügte er hinzu: „O Hausvater, für diese Wesen gibt es keine Hilfe, die der Tugend gleicht; den Tugendhaften fallen Schätze zu auch da, wo man es nicht erwartet.“ Nach diesen Worten erklärte er folgendermaßen die Wahrheit [10]:
§2.1. „Dies [11] ist der Schatz, der alle Freude den Göttern wie den Menschen gibt.
Was immer einer für sich wünscht,
wird alles dadurch ihm zuteil.
§2.2. Schönheit des Aussehns, schöne Stimme, schöne Gestalt, Schönheit des Körpers, der Herrschaft Fülle und Umgebung
§2.3. Die Königsherrschaft, Fürstenwürde, ja selbst das Glück der Weltherrschaft, auch in der Götterwelt die Herrschaft wird alles dadurch ihm zuteil.
§2.4. Das Wohlergehen bei den Menschen, die Freude in der Götterwelt,
auch die Erreichung des Nirvana wird alles dadurch ihm zuteil.
§2.5. Das Glück der Freundschaft zu erlangen, wenn weise einer danach strebt,
Weisheit, Erlösung, Selbstbezwingung wird alles dadurch ihm zuteil.
§2.6. Die Unterscheidung [12], Leidbefreiung, des Buddhaschülers höchstes Ziel,
die Teilerleuchtung [13], Buddhawürde [14] wird alles dadurch ihm zuteil.
§2.7. Von solchem Einfluss ist es also, der Tugend Fülle zu besitzen;
drum preisen alle Klugen, Weisen,
die guten Werke, die sie taten.“
Um darauf zu zeigen, auf welche Dinge sich das Glück des Anāthapindika begeben hatte, sprach er folgende Strophe, die mit „der Hahn“ beginnt:
§3. „Der Hahn, der Edelstein, der Stab und Puññalakkhanā, die Frau [15], die blieben alle bei dem Edlen,
bei dem Mann, der nur Gutes tat.“
§C. Nach diesen Worten verband er das Jātaka folgendermaßen [16]: „Damals war der König der Thera Ānanda, der zum Hofe gehörige Asket aber war der völlig Erleuchtete.“ Ende der Erzählung von dem Glück
[1] Nach indischer Anschauung ist das Glück eines Hauses mit irgendeinem Gegenstand verbunden.
[2] Dies ist das 40. Jātaka.
[3] D. h. der erkannte, in welchem Gegenstand sich das Glück aufhalte.
[4] Vgl. dazu das 119. Jātaka.
[5] Damit ist wohl ein Stock gemeint, den man zur Verteidigung sogleich zur Hand hat.
[6] Auf Deutsch: „die Fürstin von guter Vorbedeutung“, auf Pali: „Puññalakkhanādeviya“.
[7] Mit „devakula“ sind die nichtbuddhistischen Tempel gemeint.
[8] Es ist der am Anfang der Erzählung erwähnte Bodhisattva gemeint.
[9] Vielleicht ist „mamsodanena“ zu lesen, was „Fleisch und Reisbrei“ bedeuten würde.
[10] Diese Verse stehen im Khuddaka-Patha S. 14 (vgl. „Leben des Buddha“, S. XVI).
[11] Nämlich das Gute, das man in dieser und auch in früheren Existenzen getan.
[12] Vgl. Jātaka 4 Anm. 15. [Damit sind die vier Teile des übernatürlichen Wissens eines Heiligen gemeint, nämlich (1.) die genaue Kenntnis des Inhalts der Lehre, (2.) der Lehre selbst, (3.) der Bedeutung der Wörter und
(4.) des bestimmten Wissens im allgemeinen. Doch sind die Buddhisten selbst über die Ausdehnung dieser Begriffe untereinander nicht einig.]
[13] So habe ich wegen des Versmaßes statt „die Erleuchtung eines Paccekabuddha“ übersetzt.
[14] Rouse meint, der Ausdruck „paccekabodhibuddhabhumi“ beziehe sich nur auf den Paccekabuddha, was doch sprachlich wie auch dem Sinne nach nicht angeht.
[15] Rouse fasst „Puññalakkhanā“ als zu allen dreien gehörig auf (vgl. oben Anm. 6) und übersetzt: „All these with lucky marks were rife.“ Die Auffassung des Kommentators entspricht der oben gegebenen Übersetzung.
[16] Der Ausdruck steht auffallenderweise zweimal im Text.

References: §1

§2

§2

§2

§2

§2

§2

§2

§2

§3