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Timestamp: 2018-06-20 22:41:28+00:00

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Ginzel - Chronologie - Band II - VIII - § 141
[16 VIII. Kapitel. Zeitrechnung der, Juden.]
§ 141. Mondmonate. Älteste Feste. Beschaffenheit des jüdischen Jahres.
Die Monate der Israeliten waren jedenfalls schon seit den ältesten Zeiten Mond­monate d. h. ihr Anfang wurde nur nach dem Erscheinen des Mondes bestimmt; zwölf dieser Monate bildeten ein Mondjahr, welches in notdürftiger Weise, noch ohne reguläre Schaltung, mit den Jahreszeiten durch zeitweises Einlegen eines Monats ausgeglichen wurde. Das Jahr war also ein lunisolares. Daß die Neumonds­tage von altersher eine besondere Stellung im Ritus hatten und daß ehe­mals wahr­scheinlich eine allgemeine Mondverehrung in Vorderasien bestand, darauf habe ich schon im § 139 hingewiesen. Eine besondere Hervorhebung der Neumonde tritt uns zwar (wie früher bemerkt) erst in der nachexilischen Zeit entgegen, aber ihre Spuren sind bis in das vormosaische Zeitalter verfolg­bar, des­gleichen die Feier der Vollmonde, auf welche noch die Verordnung der Priesterschrift, die beiden Haupt­feste am 14. und 15. Monatstage zu feiern, hinweist. Auf den sehr alten Charakter der Monate als Mondmonate deutet aber namentlich das sorgfältig ausgebildete System der Neumond­bestimmung, welches uns in der zweiten Epoche der jüdischen Zeitrechnung und zwar in einer so umständlichen Form wie bei keinem anderen Volke entgegen­tritt. Ein solches Verfahren kann nur einer Jahrhunderte langen Ge­pflogenheit, in der Zeitrechnung dem Monde zu folgen, entsprossen sein.
Indessen haben doch einige auf Spuren aufmerksam gemacht, aus denen man auf eine alte Kenntnis des Sonnenjahrs (von 365 Tagen) bei den Israeliten schließen könnte. Das erste Bedenken trifft die oben angeführten althebräischen, in Kanaan übernommenen Monate.
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Dillmann hat zu erweisen versucht, daß diese alten Monate Sonnen­monate gewesen seien. Hierauf sollen die Namen jener Monate, ihre Beziehung zu den Jahreszeiten, hinweisen. Aber wir finden solche Monatsnamen, die aus dem Charakter der Jahreszeiten gebildet sind, bei Völkern, die nie ein anderes als das Mondjahr gehabt haben, wie bei den Arabern und Indern. Auch der oben erwähnte Unter­schied zwischen jerach und chodeš als Bezeichnung für Monat fällt nicht zugunsten dieser Ansicht aus; obwohl jerach der ältere und eigentliche phönizisch-kanaanäische Ausdruck ist (= Mond), so lassen doch die Beifügungen „Neumond“ (d. h. erste Mondsichel) bei den beiden cyprischen Inschriften, wo der erste Tag des Monats bezeichnet werden soll (s. S. 13 f.), keine andere Deutung zu, als daß mit den alten kanaanäischen Monaten auch Mondmonate gemeint sind, denn bei Sonnenmonaten (in welche bisweilen zwei Neumonde fallen können) würde die Ausdrucksweise anders und bestimmter lauten. Schwächer sind die übrigen Gründe, die bisweilen für die Kenntnis eines 365tägigen Jahres angeführt werden. Aus der Stelle über die zwölf Landvögte, welche dem König Salomo je einen Monat dienen1, kann nichts ge­folgert werden, als daß das Jahr 12 Monate hatte; diese Angabe be­zeichnet aber nur die gewöhnliche Regel, denn ein 13. Monat muß dann und wann eingeschaltet worden sein, obwohl er weder hier noch sonstwo in der Bibel ausdrücklich genannt wird; ohne diesen Monat würde das althebräische Jahr zu einem freien Mondjahre geworden sein2. Die 30tägige Trauerzeit, die in den Schriften vorkommt, sowie der Ausdruck „einen Monat lang“ (30 Tage) sind nur auf den Sprach­gebrauch zurück­zuführen, wie wir ihn bei anderen Völkern beobachten (Griechen; selbst bei uns noch in der Gegenwart für kaufmännische Usancen). Die Volks­gewohnheit, den Monat zu 30 Tagen zu zählen, kann bei den Israeliten aus dem Umstände hervor­gegangen sein, daß die Bestimmung des Monatsanfangs (des Neulichttages) wegen schlechten Wetters häufig versagte. Auf die Andeutungen, die in der Genesis bei den Lebensaltern der Patriarchen und in der Sintflutsage über ein etwaiges Sonnenjahr gemacht werden3, ist nicht viel zu geben.
1) I Kön. IV 1: Und der König Salomo war König über ganz Israel. 2: Und das waren seine obersten Beamten ... 7: Und Salomo besaß 12 Vögte über ganz Israel hin, die hatten den König und sein Haus zu versorgen; je einen Monat im Jahre lag einem die Versorgung ob (folgen die Namen der Vögte).
2) Über einen neuerdings gemachten Versuch von B. Jacob, auf Sonnen­monate zurück­zugehen, s. die oben zitierte Abhandlung von Ed. König S. 617.
3) In der Genesis stehen die „Tage des Henoch“, nämlich 365 Jahre (V 23) unter einer Menge anderer, höherer Jahreszahlen (meist über 900 Jahre), die alle nur irgend eine Symbolisierung ausdrücken sollen. Bei der Dauer der Sintflut (VIII 13. 14) kommt man nur auf ein Sonnenjahr, wenn man die Angabe 1 Jahr 11 Tage als Tage des Mondjahres, 354 + 11 = 365, nimmt; aber anderseits [Fortsetzung der Fußnote]
Ginzel, Chronologie II. 2
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Immerhin wäre die Möglichkeit vorhanden, daß die Israeliten in späterer Zeit eine Idee von der Länge des Sonnenjahrs erhielten, sei es in Babylonien durch die Priester-Astronomen, welche jenes Jahr sicher kannten, sei es durch die Verbin­dungen mit Ägypten. Selbst wenn die kanaanäischen Monatsnamen diejenigen eines Sonnenjahres gewesen wären, würde ihre Verwendung zur Bezeichnung der Monate des Mondjahrs nicht auffällig sein, da es natürlich war, mit der Benennung an den alten Brauch anzuknüpfen; außerdem sind solche Über­nahmen auch bei anderen Völkern nachweisbar, ich erinnere an die Namen der Mondmonate in Indien, welche in späterer Zeit dort, wo man das Sonnenjahr einführte, auf die Sonnenmonate übergingen.
Bei der Beurteilung des althebräischen Jahres spielen auch die Feste eine wichtige Rolle. Ich muß deshalb hier die ältesten Formen derselben, die vormosaischen, erwähnen. Diese Grundformen der Feste haben die Israeliten aus Kanaan, vielleicht überhaupt aus vorderasiatischen Vorbildern, übernommen. Den natürlichen Anlaß zu Festen bot der Wechsel der Jahreszeiten, der Herbst als die Zeit der Einheimsung der Weinernte zu einem Dank- und Freudenfeste, das Frühjahr als die Zeit des Beginnes der Ernte, der Erstlinge des Feldes zu einem Bitt- und Sühnfest an die Gottheit; bei jenem wohnte man im Freien in Hütten, bei diesem opferte man die Erstlingsfrüchte des neuen Jahres. Beide Feste entsprachen, wie man sieht, der ur­sprünglichen Halbjahrzählung (warme und kühle Jahrhälfte) und zeigen einen wesentlich anderen Charakter als später: während sie in der mosaischen Gesetz­gebung zu Festen Jahves geworden sind, haben sie ursprünglich eine agrarische Bedeutung, es sind Feste eines ökono­mischen oder Bauernjahrs. Die drei vormosai­schen Feste, welche deutlich aus den alten Teilen des Pentateuch hervor­treten, sind dem­entsprechend folgende: 1. Das Massôthfest, ein Frühjahrsfest, wird im Dekalog des Jahvisten befohlen; aus den Erstlingen der ge­wonnenen Gerste wurden die Massôth-Brote gebacken und geopfert. Der Charakter dieses Festes als Bauernfest tritt noch in der später1 geforderten Darbringung der Erstlingsgarben hervor; die Bestimmungen über das Essen der ungesäuerten Brote2 gehören aber wahr­scheinlich schon in die spätere Überarbeitung. In nahem Zusammenhange mit
[Anfang der Fußnote] wird die Zeit vom Beginn der Flut bis zur Fluthöhe zu 150 Tagen = 5 Monaten gerechnet, d. h. der Monat zu 30 Tagen, nämlich Tagen des Sonnenjahrs, wodurch die Mondtage zu den Sonnentagen in einen Widerspruch gesetzt werden.
1) Levit. XXIII 6: Am 15. Tage soll das Massôthfest für Jahve gefeiert werden ... 10: Wenn ihr die Ernte geschnitten habt, sollt ihr von eurer Ernte die Erstlingsgarbe zum Priester bringen.
2) Exod. XXIII 15: Das Fest der ungesäuerten Brote sollst du beobachten, 7 Tage sollst du ungesäuerte Brote essen. (Ebenso XXXIV 18.)
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dem Massôthfest steht das Passah. Es scheint ursprünglich eine Sühnefeier oder Reinigung gewesen zu sein, die um die Zeit des Frühlingsvollmondes abgehalten und mit Tieropfern verbunden wurde1. Solche Frühlingsfeiern finden wir mehrfach bei semitischen Völkern; von diesen kann der spätere Gebrauch, die Pfosten des Hauses mit dem Blute der geopferten jungen Tiere zu bestreichen (ein Sühnritus der alten Araber), übernommen sein; in dieser Beziehung war das Passah auch ein Fest der Erstgeburten. Im Laufe der Zeit ent­schwand den Juden die ursprüngliche Bedeutung des Festes; im Deuteronomion fällt es schon ganz mit dem Massôth zusammen und hat den Charakter eines Dankfestes zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten; das Schlachten des Viehs, das Essen des Ungesäuerten 7 Tage lang deuten noch auf die Verbindung der ursprünglichen beiden Feste hin. — Die vorstehenden Definitionen des Massôth als eines Festes der Gerstenernte und der späteren Entwicklung des Passah aus diesem Feste geben etwa die Meinungen von Wellhausen, Nowack, Benzinger und Baentsch wieder. Andere, wie Holzinger, treten dagegen für das Vorhandensein eines ursprünglich einheitlichen Massôth-Pesach, eines nomadischen Frühlingsfestes, ein. E. Schaefer gibt dem Massôth histo­rischen Ursprung: es sei nach der Einwanderung der Israeliten in Kanaan seiner Bedeutung nach verändert worden. Nach Meinhold war das Massôth ein speziell nordisraelitisches Fest, es bezeichnete den Beginn der Frühjahrsernte, des Anhiebs der Sichel in die Saat, und war von Anfang an 7tägig gefeiert. Passah ist ein altes Mondfest und wurde ursprünglich bei Neumond gefeiert (erst Ezechiel setzt es in die Vollmondzeit), siebentägig wurde es durch die Verbindung mit dem Massôth. B. D. Eerdmans findet in den bis­herigen Definitionen hauptsächlich die Bestimmung nicht erklärt, daß beim Passah durch 7 Tage nur ungesäuertes Brot genossen, alles Ge­säuerte bei Juden wie bei Fremden vermieden werden soll, ja selbst bei ihnen nicht vorgefunden werden darf. Er erklärt, daß verschiedene semitische Völker die Pflanzen als mit Seelen begabte Wesen an­gesehen haben; diese Vorstellung bringt den Gedanken mit sich, daß die Pflanzen besonders zur Erntezeit nicht geschädigt werden durften. Da besonders die Gärung als den Pflanzen gefährlich galt, erkläre sich das Gebot, daß man während der Dauer der Frühjahrsernte,
1) Der Name Passah ist noch nicht ganz befriedigend erklärt. H. Zimmern macht darauf aufmerksam (Schrader, Keilinschriften u. d. Alte Testam., III. Aufl., S. 610 Anm. 3), ob nicht der Name Passah von dem babylon.-assyr. pašâḫu (= sich besänftigen) herkommen kann. Mit dieser Ableitung würde die ursprüngliche Be­deutung des Passah als Sühnefest harmonieren. — Meinhold findet einen Zusammen­hang mit dem arab. pasaḫa = in seinem Glanz erscheinen, klar sein, womit auf die Feier bei Neumond (beim Aufleuchten der Mondsichel) hingewiesen sei.
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durch 7 Tage, alles Gesäuerte im täglichen Leben fern zu halten ge­habt habe. 2. Das Wochenfest war der Schluß der Frühlings­feier; wie das Passah-Massôth den Anfang derselben machte, nämlich in die Zeit fiel, wo der erste Weizen geschnitten wurde, so bildete das Wochenfest den Schluß der Frühjahrsernte. Schon im Exodus1 heißt es „das Fest der Weizenernte“2. 3. Das Hüttenfest (succôth) fiel auf das Ende des Bauernjahrs, in die Zeit, wo die Arbeit auf den Feldern zu Ende ging, in den Herbst. Es war ursprünglich mehr ein Fest der Obst- und Weinlese, bei welchem man in Hütten aus Laubzweigen wohnte, wurde aber schließlich zu einem Dankfeste an Gott für die gesamte Ernte des Ackerbaus. Es heißt daher vor­nehmlich „das Fest Jahves“. Im Exodus wird das Fest nur als „Fest der Lese“ (des Weins, der Früchte) bezeichnet, während es im Deuteronomion allgemeiner das Fest der Laubhütten („wenn du den Er­trag deiner Tenne und Kelter einsammelst“) genannt wird3. — Auf die mosaischen Feste, die sich aus den drei eben genannten entwickelten, komme ich in § 143 zurück.
Die althebräischen Feste hatten, wie man sieht, einen agrarischen Charakter. Spuren ähnlicher Festfeiern um die Hauptzeiten des Jahres können wir in Asien mehrfach, bei den Ägyptern, Parsen, selbst bis nach China und Japan hin verfolgen. Da bei den Israeliten der Frühling und der Herbst diese Hauptzeiten waren, so werden wir uns die älteste Form der Jahrrechnung in Altisrael so vor­stellen müssen, daß man wahrscheinlich vom Frühling zum Herbst und vom Herbst zum Frühling, also nach rohen Halbjahren zählte. Wenn in diesen Halbjahren die Zeit kam, in der die Gerste anfing reif zu werden, konnte man den ‘omer (עמר) 4 der ersten Garben darbringen, es konnte Massôth gefeiert werden; wurden die Trauben und Baum­früchte reif und durfte die Ernte der Felder eingebracht werden, so konnte man das Hüttenfest begehen. Diese ungefähre Bestimmung der Lage der Feste genügte in den Zeiten, in welchen das Volk nur Ackerbau und Viehzucht betrieb und wo der Zusammenhang der zwölf
1) Exod. XXIII 16: Und das Erntefest, der Erstlinge deines Ackerbaus, dessen, was du auf dem Felde ausgesäet hast (sollst du beobachten). XXXIV 22: Und ein Wochenfest sollst du feiern, das Fest der Erstlinge der Weizenernte.
2) Über die Geschichte des Wochenfestes s. die Artikel von H. Oort (s. sub Literat. § 159, Feste) und H. Grimme; letzterer will denn Fest babylonischen Ursprung geben, es soll das Fest der Besiegung der Plejaden (šebuôt) durch Marduk gewesen sein.
3) Über die Entwicklung der altisraelitischen Feste s. bes. Nowack, Lehrbuch der hebräischen Archäologie, Freiburg i. Br. u. Leipzig 1894, II. Bd, S. 145—203; man vergleiche jedoch auch die in unserm vorliegenden Buche § 159 angegebene Literatur.
4) Eigentlich ein Maß der im Feuer gerösteten Körner der frischen Gerste.
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Stämme noch lose war. Handel und Verkehr brachten aber bald die Notwendigkeit einer Zeitmessung mit sich. Diese entwickelte sich aus der alten Heiligung der Neumonde, indem man die immer wieder­kehrende neue Mondsichel verfolgte, und nach den 12 Erneuerungen der Sichel fortzählend, zum Begriffe des Mondjahrs gelangte. Die Gesetzgebung Moses' und die Ausbildung des Jahve-Kultus machte die genauere Festsetzung der Feste gegen die Monate dieses Mond­jahrs nötig1. Die Neumonde verschoben sich aber gegen die Jahres­zeiten von einem Jahr zum andern. Um also die Zeit der Feste im voraus gehörig angeben zu können, hätten die Israeliten das Ver­hältnis des Mondjahrs zum Sonnenjahr kennen müssen, wodurch sie imstande gewesen wären, vermittelst der Schaltung das Mondjahr in Übereinstimmung mit dem Sonnenjahr zu halten; allein sie kannten die Länge des Mondjahrs nur roh, die des Sonnenjahrs aber noch weniger oder wahrscheinlich gar nicht2. Die Priester wußten sich zu helfen. Wenn der letzte Monat zu Ende ging, fing man an die Saaten der Felder zu beobachten, ob im nächsten Monate etwa die Gerste reifen könnte. War dies voraussichtlich der Fall, so setzte man Massôth-Passah auf den mit dem nächsten Neumonde beginnenden Monat fest; war die Reife der Ähren nicht zu erwarten, so verschob man den Festmonat um eine weitere Lunation. Von da ab bestimmte sich auch die Zeit der übrigen Feste. Da die Reife und die Ernte der Feldfrüchte außerdem noch durch die Witterungsverhältnisse ver­zögert und verfrüht wurde, so blieb die Lage der Feste im Mondjahr fortwäh­rend schwankend. Trotzdem haben sich die Israeliten nicht nur in der alten Zeit, sondern den größten Teil des Altertums hin­durch mit diesem primitiven Verfahren begnügt. Nur die Beobachtung der Monatsanfänge wurde durch sorgfältige Instruktionen über die Konstatierung der ersten Mondsichel späterhin bedeutend verschärft, wie wir sehen werden. Sonst kam ein selbst unzureichendes reguläres Schaltungsverfahren, das zur Not hätte das Sonnen- und Mondjahr mit­einander zyklisch ausgleichen können, nicht zustande3. Das ein­flußreiche Priestertum hielt an der unmittelbaren Mond-Beobachtung fest; würde es dies nicht getan, sondern die Erfahrungen verwertet
1) Hierher gehören die Festbestimmungen im Exodus, Leviticus und Deuteronomion.
2) Selbst im Buch Henoch und im Buch der Jubiläen (welche in sehr später Zeit entstanden sind) finden sich noch recht ungenaue Annahmen über die Länge beider Jahresarten. Das Buch Henoch setzt das Mondjahr genau zu 354 Tagen, das Sonnenjahr zu 364 Tagen an.
3) Zu demselben Schluß, daß man das Jahr „irgendwie ergänzt und mit dem Umlauf der Sonne und des Naturlebens in mehr oder weniger genauer Weise in Übereinstimmung gebracht“ habe (also ohne reguläre lunisolare Schaltung), kommt auch Ed. König a. a. O. S. 622.
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haben, die doch über das Verhältnis beider Jahresarten allmählich ohne Zweifel gemacht worden sein müssen, so wäre Israel in derselben Weise zu einer regulären Schaltung geführt worden, wie wir dies bei den nach dem Lunisolarjahr rechnenden Völkern meist sich vollziehen sehen, und die jüdische Zeitrechnung würde schließlich nicht die eigen­tümliche komplizierte Form angenommen haben, die ihr die Rabbinen geben mußten. Von diesem Standpunkt der Betrachtung aus erscheinen deshalb auch die Versuche überflüssig und nicht gerechtfertigt, die man gemacht hat, um durch Hypothesen eine regelmäßige Schaltung des altjüdischen Jahres darzutun1.
Es erhebt sich nun die Frage nach dem Beginn des Jahres in der ersten Epoche der jüdischen Zeitrechnung. Als Zeiten des Jahresanfangs können, wie aus der Entstehungs­weise der Feste hervor­geht, nur das Frühjahr und der Herbst in Betracht kommen. Eine Entscheidung zwischen diesen beiden Jahreszeiten ist nicht leicht, da man Gründe für den Beginn nach der einen wie nach der anderen Jahres­zeit beibringen kann, und die Meinungen darüber, ob das althebräische Jahr in der Epoche bis zum Exil mit dem Herbste oder mit dem Frühling begonnen wurde, sind deshalb noch heute geteilt. Früher neigte man zu der Annahme des Herbstes als Jahresanfang; aber schon Ideler bezeichnete die dafür angeführten Beweise als nicht zureichend1. In neuerer Zeit hat besonders Wellhausen die Ansicht vertreten3, daß die Israeliten während der alten Zeit durchaus das Jahr mit dem Herbste begonnen hätten und daß die Verlegung des Jahranfangs auf den Frühling erst im Exil (mit der Annahme der babylonischen Monate) erfolgt sei. Die neueren Unter­suchungen des schwierigen Gegenstandes haben Dillmann, Lotz und besonders Ed. König geführt.
Die Stellen, welche für den Herbst zitiert werden, sind haupt­sächlich jene der alten gesetzlichen Bestimmungen im ersten biblischen
1) H. Ewald (Altertümer des Volkes Israel, 3. Aufl., Göttingen 1866, S. 452—458) glaubte Spuren von 30tägigen Monaten zu sehen, und nahm an, daß schon vor Moses den Juden das Sonnenjahr und die Ausgleichung des­selben mit dem Mondjahr bekannt gewesen sei. Nach Moses' Zeit soll man die Schaltung (die man von Völkern der Umgebung gelernt hätte) schon angenommen haben. Grätz (Geschichte d. Israel., 1874, I 476) vermutete bis auf die Zeit des Hiskia ein freies Mondjahr (das alle Jahreszeiten durchlaufen hätte) und von Hiskia ab das gebundene Mondjahr (Lunisolarjahr). Eigentümlich sind die Versuche der früheren Chrono­logen, in der sogen. Jobelperiode (s. § 142) einen Schaltzyklus nachzuweisen. In neuester Zeit hat wieder B. Jacob (Der Pentateuch, Leipzig 1905, S. 370 f.) dem alten Israel ein Sonnenjahr von 12 Monaten zu 30 Tagen zuschreiben wollen.
2) Handb. I 493.
3) Geschichte Israels I, Berlin 1878; Prolegomena z. Geschichte Israels, 3. Ausg., Berlin 1886.
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Kodex1, welche das Fest der Weinlese (Hüttenfest) auf den „Ausgang des Jahres“ d. h. an das Jahresende setzen. Demnach hätte mit dem Herbste, in welchen das Hüttenfest nur fallen konnte, das neue Jahr anfangen müssen. Dillmann wendet dagegen ein, daß es zweifelhaft bleibe, ob mit dem „Jahresende“ hier das wirkliche, kalendarische Ende des Jahrs angegeben sei oder ob nicht vielmehr die Stelle nur auf das Ende eines landwirtschaftlichen oder Bauernjahrs Beziehung habe. Man würde mit dem Anfange eines solchen Bauernjahrs in die schon vorgerückte zweite Jahreshälfte kommen, da die Weinlese in Palästina meist erst in den Oktober, selten noch in den September falle. Diesen Einwand hat König entkräftet, indem er sich nicht allein gegen die Dillmannsche Interpretation der Stellen wendet, sondern auch auf spätherbstliche Jahresanfänge bei anderen Völkern hinweist2. Ferner werden die Stellen II Könige XXII 3 und XXIII 22 über die Auf­findung des Gesetzbuchs im Tempel und die Passahfeier im 18. Jahr Josias als Nachweis für den Herbstbeginn des Jahrs gebraucht3. Für diese Stellen tritt König ein, während Schiaparelli und Lotz ihnen keine Beweis­kraft zuerkennen wollen. Auf allgemeine Redewendungen, wie sie I Samuel I 20 vorkommen4, kann man sich nicht be­rufen, und noch schwächer sind die Zitate von Jesaia XXXVII 305. Aus den im Bericht der Genesis über den Verlauf der Sintflut an­gegebenen Daten würde folgen, daß ein mit dem Herbste an­fangendes Kalenderjahr bekannt war; allein da neuerdings eine sehr späte Abfassung des Sintflutberichts wahrscheinlich geworden ist, so kann man einwerfen, daß der Verfasser des Berichts den zu seiner Zeit üblichen Brauch nur auf die für ihn längst vergangene vor­mosaische Periode übertragen habe. Dagegen darf man aus der Anordnung im Leviticus6, den ersten Tag des 7. Monats besonders
1) Exod. XXIII 16: Und das Fest der Lese [des Obstes, Öls und Weins] (sollst du beobachten) beim Ausgang des Jahres, wenn du deinen Ertrag vom Felde einsammelst. XXXIV 22: Und das Fest der Lese sollst du feiern an der Wende des Jahrs.
2) Jahre mit Herbstanfängen finden wir z. B. in verschiedenen Zeitrechnungen bei den Griechen (s. § 200); bei den Indern fängt das Lakshmaṇa-Jahr wahr­scheinlich im Spätherbst an (s. I 393).
3) XXIII 22: Es war nämlich ein Passah wie dieses nicht gefeiert worden von der Zeit der Richter an, die Israel regiert haben und die ganze Zeit der Könige ... hindurch. 23: sondern [erst] im 18. Jahre des Königs Josijahu wurde .... dieses Passah .... gefeiert.
4) Dort heißt es nur: Nach Ablauf (oder Umlauf) des Jahrs gebar Hanna einen Sohn und nannte seinen Namen Samuel.
5) Und dies sei dir das Zeichen: zu essen ist dies Jahr der Brachwuchs (Herbst­ernte), im 2. Jahr der Wurzelwuchs ....
6) Levit. XXIII 24: Im 7. Monat am ersten Tage des Monats soll ein Ruhetag sein mit Mahnung durch Lärmblasen und Festversammlung im Heiligtum.
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zu feiern und durch Lärmblasen anzukündigen, folgern, daß der Neu­mondstag des 7. Monats das Neujahr des bürgerlichen Jahres gebildet hat und in den Herbst fiel. Die letzterwähnte Bibelstelle (sowie Numeri XXIX 1) ist nach Dillmann spät entstanden (vielleicht erst nach Nehemia) und deutet wahrscheinlich schon auf die Sitte unter der Perserzeit, in welcher der Übergang vom Frühjahr auf den Herbst als Jahresanfang aufkam. Ob die Israeliten bei ihrer Zählung der Königsjahre (s. § 142) vom Herbste als Anfang der Jahre ausgingen, ist nicht sicher, aber immerhin möglich.
Die Belege, welche für das Frühjahr als Jahresanfang sprechen, sind zahlreicher. Die Festgesetze der Priesterschrift (Exodus, Deuteron.) gehen alle vom Massôth-Passah d. h. vom Frühlings­monat aus und schließen mit dem Hüttenfest (Herbst). Besonders deutlich tritt dies Numeri XXVIII u. XXIX bei der Aufzählung der 6 mosa­ischen Feste und der Festvorschriften hervor. Im ersten Kodex1 wird der Monat des Auszugs aus Ägypten, der Abîb d. h. der „Ährenmonat“ (Frühlings­monat) als der erste des Jahres bezeichnet. Wäre der Herbst der Jahresanfang gewesen, so würden die Priester die Ordnung der Feste vom Herbst aus anfangen, es muß also eine alte Gepflogen­heit, das Jahr mit dem Frühling zu beginnen, für sie bestimmend gewesen sein. Die vor und nach dem Exil entstan­denen Bücher wie Hesekiel, Esra, Nehemia u. a. rechnen nach dem Frühjahrsbeginn2. Schiaparelli führt auch Belege dafür an, daß auch beträchtlich vor der Zeit des Exils das Frühjahr als Anfang des Jahres gegolten habe. Es heißt bei Samuel3, daß David „bei der Wiederkehr des Jahres“ den Joab in den Feldzug sandte. Man könne aus den Annalen der assyrischen Herrscher nachweisen, daß das Frühjahr die gewöhnliche Zeit des Beginns der Kriegszüge war und daß man den Feldzug vor Einbruch des Winters zu endigen trachtete, was bei den damali­gen Kommunikations­verhält­nissen erklärlich sei. Also wird die Wiederkehr des Jahres im Frühling gewesen sein, vorausgesetzt freilich, daß in der genannten Stelle das bürgerliche Jahr gemeint ist, wie bei der dort gegebenen Erzählung, welche die Begebenheiten volkstümlich darstellt, angenommen werden dürfe. Ähnlich lautet eine Stelle, in der Elias anläßlich eines Krieges gegen Syrien zum König Ahab
1) Exod. XII 2: Dieser Monat (der Ährenmonat) gelte euch als Anfang (der erste) der Monate, als der erste soll er euch gelten von den Monaten des Jahres.
2) Belege bei Ed. König, a. a. O., S. 636.
3) II Sam. XI 1: Als das Jahr um war (bei der Wiederkehr des Jahres), sandte David zur Zeit, da die Könige ins Feld zu ziehen pflegen, den Joab aus samt seinen Knechten und sie verheerten die Ammoniter und belagerten Rabba.
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spricht1, und eine andere im 2. Buche der Chronik2, obgleich diese Zitate weniger beweiskräftig sein mögen. Ed. König will dagegen in diesen Stellen keinen Beweis für den Frühjahranfang des Jahrs erkennen, höchstens sei auf Kriegszüge zu schließen, die „im nächsten Jahre“ unternommen oder erwartet wurden. Mit viel mehr Gewicht darf man aus der Erzählung des Jeremia3 entnehmen, daß zur Zeit des Königs Jojakin der 9. Monat der „Wintermonat“ war, also, wenn wir letzteren in den Dezember oder Januar setzen, daß der erste Monat in den April, der Jahresanfang in das Frühjahr gefallen ist.
Die verhältnismäßig geringe Zahl von biblischen Stellen, welche zur Beurteilung, ob das althebräische Jahr mit dem Herbst oder mit dem Frühjahr begonnen wurde, herangezogen werden können, und die Schwierigkeiten, denen die Auslegung mancher dieser Stellen unter­liegt, sind Ursache, daß die Meinungen über den althebräischen Jahres­anfang auch gegenwärtig noch sehr auseinander gehen. Da sowohl für den Frühjahranfang wie für den Herbstanfang unstreitige Nach­weise aus den biblischen Büchern vorliegen, so sind neuere Gelehrte auf die Hypothese gekommen, daß ein zweifacher Jahresanfang schon seit alter Zeit existiert haben müsse. Besonders Dillmann hat diesen Standpunkt vertreten, indem er neben dem bürgerlichen Herbstjahr ein kirchliches der Priester annahm, welches seit Moses vom Früh­jahr an gerechnet worden sei. Noch weiter geht Lotz, welcher sagt, daß das alte Israel in früher wie in späterer Zeit, überhaupt seit es nach Monaten zählte, immer vom Frühjahr an gerechnet habe. Schiaparelli setzt die Zeit des Überganges der Zählung vom Herbst auf den Frühling, indem er für die älteste Zeit noch dem Herbst­anfang einiges Recht läßt, in die Zeit Salomos. Gegen die Hypothese von einem gleichzeitigen doppelten Jahresanfang hat sich in neuester Zeit Ed. König4 gewendet und die dafür vorgebrachten Beweise ent­kräftet. Dieser Gelehrte kommt zu dem Schluß, daß aus einer Zu­sammenfassung derjenigen Schriftstellen, welche einer gerechtfertigten Kritik zugänglich sind, höchstens die Tatsache hervorgeht, daß etwa um die Zeit, wo das neubabylonische Reich auf Judäa Einfluß aus-
1) I Kön. XX 22: Aber der Prophet trat an den König .... Siehe wohl zu, was du tun willst, denn übers Jahr wird der König von Aram wieder gegen dich ziehen.
2) II Chron. XXIV 23: Bei der Wiederkehr des Jahres rückte das Heer der Aramäer wider ihn an.
3) Jeremia XXXVI 22: Der König saß im Winterhaus, im neunten Monat, während die geheizte Kohlenpfanne vor ihm brannte. 23: Und sobald Jehudi drei oder vier Kapitel (der Rolle des Jeremia) gelesen hatte, schnitt er sie mit dem; Messer des Kanzlers ab und warf sie in das Feuer auf der Kohlenpfanne.
4) A. a. O. S. 630—633.
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zuüben beginnt1 (etwa von 600 v. Chr. an), besonders aber seit Hesekiel, der Gebrauch des Frühlings als Jahresanfang durchdringt. Eine allgemeine Annahme des Frühjahrbeginns fand nicht statt, sondern der 7. Monat (Tišri) behielt daneben eine besondere Bedeutung. Hesekiel (XL 1) und Nehemia (I 1; II 1) gehen noch vom Herbst­anfang aus. In der 2. Periode der hebräischen Zeitrechnung trat der Monat Tisri als Anfangsmonat des Jahres wieder ganz in den Vorder­grund.
Wir werden also im ganzen den folgenden Schluß aufstellen dürfen: In der alten Zeit der Hebräer begann das Jahr mit dem Herbst, erst später unter babylonischem Einfluß hat sich der Über­gang auf das Frühjahr vollzogen. Letzterer wird in der Festgesetz­gebung des Priesterkodex durchgeführt, hat aber das alte Herbst-Neujahr nicht zu verdrängen vermocht. Das Volk behielt für sein bürgerliches Jahr den Herbst als Beginn bei2; der Beginn des Jahrs mit dem Frühling (Nisan) existierte seit dieser Zeit (etwa seit dem Exil) nur für das heilige d. h. das Festjahr.
1) Daß in der babylonischen Zeitrechnung das Jahr mit dem Nisannu, dem Frühjahrs­monate, angefangen hat, wurde schon I 125 erwähnt; es wurde aber auch die Möglichkeit angedeutet (I 115), daß das altbabylonische Jahr mit dem Tišritu d. h. im Herbste begonnen worden sein könnte.
2) Josephus (Antiquit. I 3, 3) sagt, daß Moses „für Verkäufe und Käufe und sonstige Verwaltung die erste Einrichtung beibehielt“ d. h. die Jahresrechnung vom Tišri (Herbst) an.
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References: § 141

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 § 139
 § 143
 § 159
 § 159
 § 142
 § 200
 § 142