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Timestamp: 2018-10-23 18:15:20+00:00

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DAS URANTIA BUCH, Schrift 100. Die Religion in Menschlicher Erfahrung
DAS URANTIA BUCH - Schrift 100. Die Religion in Menschlicher Erfahrung
Schrift 100. Die Religion in Menschlicher Erfahrung
§ 1. Religiöses Wachstum
§ 2. Geistiges Wachstum
§ 3. Konzepte höchsten Wertes
§ 4. Wachstumsprobleme
§ 5. Bekehrung und Mystizismus
§ 6. Zeichen religiösen Lebens
§ 7. Der Gipfel religiösen Lebens
100:0.2 (1094.2) Geistiges Wachstum wird wechselseitig angeregt durch inniges Zusammenwirken mit anderen Gläubigen. Die Liebe liefert das Erdreich für religiöses Wachstum — eine objektive Anziehungskraft anstelle subjektiver Beglückung — und doch spendet sie die allerhöchste subjektive Beglückung. Und die Religion adelt die gewöhnliche Plackerei des täglichen Lebens.
100:1.1 (1094.3) Während Religion ein Wachstum an Bedeutungen und eine Steigerung der Werte bewirkt, entsteht immer dann Übles, wenn rein persönliche Beurteilungen auf absolute Ebenen gehoben werden. Ein Kind beurteilt eine Erfahrung danach, wieviel Vergnügen sie ihm bringt; Reife verhält sich proportional zum Ersatz persönlichen Vergnügens durch höhere Bedeutungen, ja Hingabe an die höchsten Konzepte von verschiedensten Lebenssituationen und kosmischen Beziehungen.
100:1.4 (1094.6) Kinder werden bleibend nur durch die Loyalität ihrer erwachsenen Gefährten beeindruckt; Vorschriften oder sogar Beispiele sind auf die Dauer nicht wirksam. Loyale Personen sind wachsende Personen, und Wachstum ist eine eindrückliche und inspirierende Realität. Lebt heute loyal — wachst — und morgen wird für sich selber sorgen. Die rascheste Art für eine Kaulquappe, zu einem Frosch zu werden, ist, jeden Augenblick loyal als eine Kaulquappe zu leben.
100:1.5 (1094.7) Der für religiöses Wachstum unerlässliche Nährboden setzt voraus: ein dynamisches Leben der Selbstverwirklichung, Koordinierung natürlicher Neigungen, Betätigung der Neugierde und Freude an vernünftigen Abenteuern, Empfinden von Gefühlen der Befriedigung, das Funktionieren der Furcht, um Aufmerksamkeit und Bewusstheit zu stimulieren, Staunen vor dem Wunderbaren und ein normales Bewusstsein der eigenen Kleinheit — Demut. Wachstum gründet auch auf der Entdeckung des Selbst einhergehend mit Selbstkritik — Bewusstheit, denn Bewusstheit ist in Wirklichkeit Kritik an sich selbst anhand der eigenen Wertmaßstäbe, der persönlichen Ideale.
100:1.7 (1095.2) Religion kann man nicht schenken, empfangen, ausleihen, lernen oder verlieren. Sie ist eine persönliche Erfahrung, die im Maße des zunehmenden Verlangens nach endgültigen Werten wächst. Deshalb gehen die Anhäufung von Bedeutungen und unablässig erhöhte Werte mit kosmischem Wachstum einher. Aber Seelenadel an sich ist immer ein unbewusstes Wachstum.
100:1.8 (1095.3) Religiöse Gewohnheiten des Denkens und Handelns tragen viel zum geistigen Wachstum bei. Man kann religiöse Anlagen entwickeln, um auf geistige Stimuli günstig zu reagieren — so etwas wie einen konditionierten geistigen Reflex schaffen. Zu den Gewohnheiten, die religiöses Wachstum begünstigen, sind zu zählen: Besondere Pflege des Feingefühls für göttliche Werte, Wahrnehmung religiösen Lebens bei anderen, nachdenkliches Meditieren über kosmische Bedeutungen, Lösen von Problemen in andächtiger Verfassung, Teilen des eigenen geistigen Lebens mit seinen Gefährten, Vermeiden von Selbstsucht, Weigerung, auf göttliche Barmherzigkeit zu zählen, ein Leben, als befände man sich in der Gegenwart Gottes. Die Faktoren des religiösen Wachstums können der Absicht entspringen, aber das Wachstum selber geschieht stets unbewusst.
100:2.6 (1096.3) Das Ziel menschlicher Selbstverwirklichung sollte geistig, nicht materiell sein. Die einzigen erstrebenswerten Realitäten sind göttlich, geistig und ewig. Der sterbliche Mensch hat ein Anrecht auf den Genuss physischer Freuden und die Befriedigung menschlicher Liebe; er zieht Nutzen aus seiner Treue zu menschlichen Vereinigungen und zeitlichen Institutionen; aber das sind nicht die ewigen Fundamente, auf denen sich die unsterbliche Persönlichkeit aufbauen lässt, welche den Raum überschreiten, die Zeit besiegen und die ewige Bestimmung erreichen muss — göttliche Vollkommenheit und Dienen als Finalist.
100:2.8 (1096.5) Nach einer derartigen geistigen Vollbringung, die durch allmähliches Wachstum oder durch eine besondere Krise herbeigeführt worden ist, geschieht eine Neuorientierung der Persönlichkeit und entwickelt sich ein neuer Wertemaßstab. Solche aus dem Geiste geborene Wesen sind in ihrem Leben derart neu motiviert, dass sie ruhig zusehen können, wie ihre teuersten Ambitionen sterben und ihre innigsten Hoffnungen zusammenbrechen; sie wissen mit Sicherheit, dass solche Katastrophen nur in eine neue Richtung weisende Erschütterungen sind, die ihre zeitlichen Schöpfungen vernichten, bevor mit dem Bau edlerer und dauerhafterer Realitäten auf einer neuen und erhabeneren Ebene universeller Vollbringung begonnen werden kann.
100:3.5 (1097.2) Werte können nie statisch sein; Realität bedeutet Veränderung, Wachstum. Veränderung ohne Wachstum, ohne Bedeutungserweiterung und Steigerung der Werte — ist wertlos, potentiell übel. Je höher die Qualität kosmischer Anpassung ist, umso mehr Bedeutung besitzt jede Erfahrung. Werte sind keine vorstellungsmäßigen Illusionen, sie sind wirklich, aber sie hängen immer von der Tatsache von Beziehungen ab. Werte sind immer zugleich wirklich und potentiell — nicht was war, sondern was ist und was sein soll.
100:3.6 (1097.3) Die Verknüpfung von Wirklichem und Potentiellem ist gleich Wachstum, erfahrungsmäßige Verwirklichung von Werten. Aber Wachstum ist nicht nur Fortschritt. Fortschritt ist immer bedeutungsvoll, aber ohne Wachstum ist er relativ wertlos. Der höchste Wert des Menschenlebens besteht im Wachstum von Werten, im Fortschritt der Bedeutungen und in der Verwirklichung der kosmischen gegenseitigen Verflechtung dieser beiden Erfahrungen. Und ebendiese Erfahrung ist gleichbedeutend mit Gottesbewusstsein. Ein solcher Sterblicher wird, wenn auch nicht übernatürlich, so doch wahrhaft übermenschlich; eine unsterbliche Seele entwickelt sich.
100:3.7 (1097.4) Der Mensch kann Wachstum nicht verursachen, aber er kann günstige Bedingungen dafür schaffen. Wachstum, ob physischer, intellektueller oder geistiger Natur, geschieht immer unbewusst. Die Liebe wächst in dieser Art; sie kann nicht geschaffen, hergestellt oder gekauft werden; sie muss wachsen. Die Evolution ist eine kosmische Wachstumstechnik. Gesellschaftliches Wachstum kann nicht durch Gesetzgebung herbeigeführt werden, und sittliches Wachstum ist nicht durch eine verbesserte Verwaltung zu haben. Der Mensch kann eine Maschine herstellen, aber seinen wahren Wert muss er aus menschlicher Kultur und persönlicher Würdigung beziehen. Des Menschen einziger Beitrag zum Wachstum ist die Mobilisierung sämtlicher Kräfte seiner Persönlichkeit — sein lebendiger Glaube.
100:4.4 (1098.1) Im physischen Leben geben die Sinne über die Existenz der Dinge Auskunft; der Verstand entdeckt die Realität der Bedeutungen; aber die geistige Erfahrung enthüllt dem Einzelnen die wahren Werte des Lebens. Diese hohen Ebenen menschlicher Lebensweise werden in der alles überragenden Liebe zu Gott und in der selbstlosen Liebe zum Menschen erreicht. Wenn ihr eure Mitmenschen liebt, müsst ihr bereits ihre Werte entdeckt haben. Jesus liebte die Menschen so sehr, weil er ihnen einen so hohen Wert beimaß. Am besten könnt ihr die Werte eurer Gefährten entdecken, wenn ihr ihre Motivation entdeckt. Wenn einer von ihnen euch irritiert, in euch Gefühle des Grolls aufkommen lässt, solltet ihr mit Sympathie seinen Gesichtspunkt, die Gründe für sein Anstoß erregendes Verhalten herauszufinden versuchen. Wenn ihr einmal euren Nachbarn verstanden habt, werdet ihr tolerant werden, und diese Toleranz wird in Freundschaft übergehen und zu Liebe reifen.
100:4.5 (1098.2) Ruft vor eurem geistigen Auge das Bild eines eurer primitiven Vorfahren aus der Höhlenbewohnerzeit wach — eines gedrungenen, ungestalten, schmutzigen, fauchenden, ungeschlachten Kerls, der, ganz Hass und Feindschaft, mit gespreizten Beinen und erhobener Keule dasteht und wild geradeaus schaut. Ein solches Bild bringt schwerlich die göttliche Würde des Menschen zum Ausdruck. Aber erlaubt uns nun, das Bild zu erweitern. Vor diesem erregten Menschen kauert ein Tiger mit Säbelzähnen. Hinter ihm befinden sich eine Frau und zwei Kinder. Augenblicklich erkennt ihr, dass dieses Bild den Anfang von viel Zartem und Edlem in der menschlichen Rasse enthält, und doch ist der Mann in beiden Bildern derselbe. Nur genießt ihr in der zweiten Skizze den Vorteil eines erweiterten Horizontes. Ihr erkennt darin den Beweggrund dieses sich entwickelnden Sterblichen. Sein Verhalten wird lobenswert, weil ihr ihn versteht. Könntet ihr nur die Motive eurer Gefährten ergründen, um wieviel besser würdet ihr sie verstehen! Könntet ihr nur eure Mitmenschen kennen, ihr würdet euch am Ende in sie verlieben.
100:5.1 (1098.4) Die Welt ist voll verlorener Seelen — verloren nicht im theologischen Sinne, aber verloren hinsichtlich der Richtung — die verwirrt zwischen den -ismen und Kulten einer philosophisch frustrierten Ära umherirren. Nur allzu wenige haben gelernt, eine Philosophie des Lebens an die Stelle religiöser Autorität zu setzen. (Die Symbole der sozialisierten Religion dürfen als Wachstumskanäle nicht verachtet werden, obwohl das Flussbett nicht der Fluss ist.)
100:5.3 (1099.1) Es sollte klar gemacht werden, dass das Sich-Bekennen zu höchsten Idealen — das psychische, gefühlsmäßige und geistige Erleben des Gottesbewusstseins — ein natürliches, allmähliches Wachstum sein kann oder manchmal zu einem kritischen Zeitpunkt, wie anlässlich einer Krise, erfahren wird. Gerade eine solch plötzliche und Aufsehen erregende Bekehrung erfuhr der Apostel Paulus an jenem denkwürdigen Tag auf der Straße nach Damaskus. Gautama Siddharta machte eine ähnliche Erfahrung in jener Nacht, als er allein dasaß und in das Geheimnis letzter Wahrheit einzudringen versuchte. Viele andere machten verwandte Erfahrungen, aber viele echte Gläubige sind ohne plötzliche Bekehrung im Geiste fortgeschritten.
100:5.6 (1099.4) Wenn man bereit ist, als praktische Arbeitshypothese in dem im Übrigen geeinten intellektuellen Leben einen theoretischen unterbewussten Verstand anzuerkennen, dann sollte man in aller Konsequenz auch einen entsprechenden ähnlichen Bereich aufsteigender intellektueller Aktivität als überbewusste Ebene postulieren — die Zone des unmittelbaren Kontaktes mit der innewohnenden geistigen Wesenheit, dem Gedankenjustierer. Die große Gefahr bei all diesen psychischen Spekulationen liegt darin, dass Visionen und andere so genannte mystische Erfahrungen sowie außerordentliche Träume für göttliche Mitteilungen an den menschlichen Verstand gehalten werden. In vergangenen Zeiten haben sich göttliche Wesen gewissen Gott nahen Personen zu erkennen gegeben, und zwar nicht wegen ihren mystischen Trancen oder morbiden Visionen, sondern trotz all dieser Phänomene.
100:5.7 (1099.5) Sicher besser als eine Suche nach Bekehrung wäre, sich durch lebendigen Glauben und aufrichtige Anbetung, durch aus dem Herzen kommendes und selbstvergessenes Beten den morontiellen Bereichen eines möglichen Kontaktes mit dem Gedankenjustierer zu nähern. Nur allzu vieles, was aus den Erinnerungen der unbewussten Ebenen des menschlichen Gemüts aufstieß, ist fälschlich für göttliche Offenbarung und geistige Weisung gehalten worden.
100:6.1 (1100.3) Evolutionäre Religionen und offenbarte Religionen mögen sich in ihren Methoden stark voneinander unterscheiden, aber in ihrem Beweggrund sind sie sich sehr ähnlich. Religion ist keine spezifische Lebensfunktion; sie ist vielmehr eine Lebensweise. Wahre Religion ist eine rückhaltlose Hingabe an eine Realität, die in den Augen des Glaubenden für ihn selber sowie für die ganze Menschheit allerhöchsten Wert besitzt. Und die hervorstechenden Merkmale sämtlicher Religionen sind: bedingungslose Treue gegenüber höchsten Werten und völlige Hingabe an sie. Diese religiöse Hingabe an höchste Werte zeigt sich in der Beziehung einer angeblich areligiösen Mutter zu ihrem Kind und im glühenden Einstehen Nichtgläubiger für die Sache, der sie sich verschrieben haben.
100:6.3 (1100.5) Unter den Kennzeichen menschlicher Beantwortung des religiösen Impulses finden sich die Eigenschaften Adel und Größe. Der aufrichtige Gläubige ist sich bewusst, ein Universumsbürger zu sein, und er weiß um seinen Kontakt mit Quellen übermenschlicher Macht. Die Gewissheit, einer höheren und geadelten Gemeinschaft von Söhnen Gottes anzugehören, befeuert ihn und erfüllt ihn mit Energie. Das Bewusstsein seines eigenen Wertes ist verstärkt worden durch den Stimulus der Suche nach universellen Endzwecken — allerhöchsten Zielen.
100:6.7 (1101.2) Ein Gefühl von Sicherheit, das mit dem Erleben triumphierender Herrlichkeit einhergeht, herrscht im Bewusstsein des Gläubigen, der die Realität des Supremen erfasst hat und das Ziel des Ultimen verfolgt.
100:7.2 (1101.6) Die nie versiegende Freundlichkeit Jesu rührte die Herzen der Menschen, aber seine robuste Charakterstärke erstaunte seine Anhänger. Er war wahrhaftig aufrichtig; es gab in ihm keine Spur von Heuchelei. Er war frei von jeder Affektiertheit; er war stets von so erfrischender Echtheit. Er ließ sich nie zu Verstellung herab und nahm nie zu Täuschung Zuflucht. Er lebte die Wahrheit gerade so, wie er sie lehrte. Er war die Wahrheit. Er war gezwungen, seiner Generation die rettende Wahrheit zu verkünden, auch wenn solche Aufrichtigkeit manchmal wehtat. Er war aller Wahrheit bedingungslos treu.
100:7.9 (1102.6) Jesus war eine ungewöhnlich fröhliche Person, aber er war nicht blind und unvernünftig optimistisch. Seine ständige Aufforderung war: „Seid guten Mutes!“ Er konnte seine vertrauensvolle Haltung beibehalten wegen seines unerschütterlichen Glaubens an Gott und seines unbeirrbaren Vertrauens in die Menschen. Er brachte allen Menschen stets rührende Aufmerksamkeit entgegen, weil er sie liebte und an sie glaubte. Und doch blieb er seinen Überzeugungen immer treu und war wunderbar fest in seiner Hingabe an die Ausführung des Willens seines Vaters.
100:7.15 (1103.3) Sein Mut war großartig, aber er war nie tollkühn. Seine Losung war: „Fürchtet euch nicht.“ Seine Bravour war umwerfend und sein Mut oft heroisch. Aber sein Mut war mit Diskretion verbunden und durch Vernunft beherrscht. Es war ein aus Glauben geborener Mut und nicht die Verwegenheit blinder Anmaßung. Er war wahrhaft unerschrocken, aber nie waghalsig.

References: § 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6

§ 7