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Timestamp: 2019-11-15 08:50:01+00:00

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JIPS / Repetitorium / SS 2006 / Fall 3
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Fallbesprechung 3: "Ende einer Partnerschaft"
Verwaltungsprozessrecht, Polizeirecht, Verfassungsrecht (UNI-101/SS06)
A bewohnte vom 27.6.1999 bis zum 30.10.2000 gemeinsam mit seinem damaligen Lebenspartner B eine Wohnung in der saarländischen Stadt S. Am 26.10.2000 eröffnete der A dem B, Gemeinsamkeiten seien erschöpft, er habe jemanden anders kennen gelernt und werde zum 31.1.2001 ausziehen. Daraufhin kam es zwischen A und B zu Unstimmigkeiten. B drohte A ihn nicht mehr in die Wohnung zu lassen. A verlangte, anwaltlich vertreten, noch bis 31.1.2001 in der Wohnung verbleiben zu können. Am 30.10.2000 kam es erneut zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Partnern. A erhielt am frühen Nachmittag an seinem Arbeitsplatz eine SMS von B, in der B ankündigte, er werde sich das Leben nehmen. A, der von mehreren früheren Suizidversuchen des B wusste informierte den Hausarzt und kehrte in die Wohnung zurück, aus der B sich unter erneuter Ankündigung eines Suizids mit Rucksack und Schlaftabletten versehen entfernte. Daraufhin rief A die Polizei an, der er eine vom Hausarzt ausgestellte Verordnung über eine Krankenhauseinweisung des B vorlegte. Die Polizei löste eine Fahndung aus und griff B auf. Eine ärztliche Untersuchung ergab, dass bei B eine akute Suizidgefahr nicht ausgeschlossen werden, er aber in seine Wohnung zurückkehren könne, es müsse jedoch vermieden werden, dass A und B in der Nacht nochmals zusammen träfen. Als die Polizei mit B in seine Wohnung zurückkehrte trafen sie dort den A. Weil sich B als Hauptmieter zu erkennen gab, forderten die Polizeibeamten A zum Verlassen der Wohnung und zur Herausgabe der Wohnungsschlüssel an B auf. Dem kam A unter Protest nach, nachdem die Polizeibeamten ihm in Aussicht gestellt hatten, ihn für den Fall einer Weigerung notfalls aus der Wohnung hinauszutragen.
In den folgenden Monaten klärten A und B ihre Verhältnisse und trennten sich voneinander. Die Enttäuschung des A richtete sich nunmehr gegen die Polizei. Am 12.11.2001 erhob er Klage, mit der er die Feststellung beantragt, seine "Verbannung" aus der gemeinsamen Wohnung mit B sei rechtswidrig gewesen. Der Polizei habe es bereits an einer verfassungsmäßigen Grundlage für eine solche Maßnahme gefehlt. Im Übrigen habe keinerlei Grund zu einem polizeilichen Einschreiten bestanden. Er habe sich friedlich und hilfsbereit um seinen früheren Lebenspartner gekümmert und sei für dessen Suizidgedanken nicht verantwortlich. Auch sei es nicht zulässig, ihm sein "Wohnrecht" durch schlichte Polizeiverfügung zu entziehen. Demgegenüber meint die – zuständige – Landespolizeidirektion, die Klage des A sei schon nicht zulässig, in jedem Fall aber unbegründet, weil A die Ursache für die Suizidgefahr bei B gesetzt habe.
Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (UNI-101/SS06/Stand 04/06):
Zulässigkeit eines Wohnungsverweises
Grundlage der Aufgabe ist eine Entscheidung des â Lesen: VGH Baden-Württemberg vom 22.7.2004 JZ 2005, 352. Neben den klassischen Problemen einer Fortsetzungsfeststellungsklage befasst sich die Aufgabe mit der in das SPolG im Mai 2004 eingefügten neuen Standardmaßnahme der Wohnungsverweisung, die auch in die Polizeigesetze der überwiegenden Zahl anderer Bundesländer eingefügt worden ist und bereits Gegenstand verwaltungsgerichtlicher Auseinandersetzungen war. Neben ihren tatbestandlichen Voraussetzungen sind Fragen ihrer verfassungsrechtlichen Zulässigkeit aus Gründen der Gesetzgebungskompetenz und ihrer verfassungsrechtlichen Schranken aus Gründen der Art. 11, 14 GG zu untersuchen.
Die Aufgabe war in abgewandelter Form – Gegenstand einer Klausur im ersten juristischen Staatsexamen.
Der Verwaltungsrechtsweg ist nach § 40 Abs. 1 VwGO eröffnet. Er wendet sich gegen eine polizeiliche Maßnahme auf der Grundlage des § 12 Abs. 2 SPolG, also gegen ein hoheitsrechtliches Vorgehen. Die Streitigkeit ist auch nicht verfassungsrechtlicher Natur und nicht einem anderen zuständigen Gericht zugewiesen.
(Verfasser stehen methodisch vor der Schwierigkeit sich vorab entscheiden zu müssen, ob sie – vor dem Hintergrund der Rechtsprechung des BVerwG zu den Zulässigkeitsvoraussetzungen der Fortsetzungsfeststellungsklage – eine Feststellungsklage oder eine Fortsetzungsfeststellungsklage für statthaft halten. Für die Bewertung ist dies unerheblich, da beide Rechtsauffassungen vertretbar sind. "Taktisch" kann noch immer vorgeschlagen werden, sich für eine Fortsetzungsfeststellungsklage zu entscheiden da dies erlaubt, bisher klassische verwaltungsprozessuale Probleme zu behandeln. Die nachfolgende Gliederung enthält einen keineswegs zwingenden aber gangbaren Weg des Aufbaus vor diesem Hintergrund).
Als statthafte Klageart kommt eine Anfechtungsklage in Betracht (§ 42 Abs. 1 VwGO). Sie setzt voraus, dass ein Verwaltungsakt Gegenstand des prozessualen Angriffs, also eine Regelung mit Außenwirkung zu Lasten des A ist. Durch die durch den Polizeibeamten ausgesprochene Wohnungsverweisung wird der konkrete Aufenthalt des A bindend festgelegt, es werden also Rechtsfolgen für ihn gesetzt. Folglich handelt es sich um einen VA. Fraglich ist indessen, ob sich dieser VA erledigt hat. Von einer Erledigung des VA ist auszugehen, wenn von ihm keine rechtlichen Wirkungen mehr ausgehen. Nach § 12 Abs. 2 SPolG endet das die Wohnung betreffende Aufenthaltsverbot im Regelfall – für eine Ausnahme enthält die Aufgabe keine Anhaltspunkte – nach 10 Tagen. Sie sind abgelaufen. Der VA hat sich also erledigt.
In Betracht kommt als statthafte Klageart eine Feststellungsklage nach § 43 VwGO. § 43 Abs. 2 VwGO erklärt jedoch die Feststellungsklage einer Gestaltungsklage gegenüber für subsidiär. Da für die Dauer der Wirkung der Wohnungsverweisung eine Gestaltungsklage – die Anfechtungsklage – statthaft war, lässt sich folglich vertreten, dass die Feststellungsklage gegenüber Klagearten, die prozessuale Instrumente der Bewältigung von Anfechtungsklagen sind, zurückzutreten hat.
Statthaft kann folglich eine Fortsetzungsfeststellungsklage (§ 113 Abs. 1 Satz 4 VwGO analog) sein. Der Gesetzgeber hat den Fall des Angriffs auf einen vor Klageerhebung erledigten VA nicht geregelt. Die Interessenlage ist aber keine andere als jene, die in Fällen einer Erledigung nach Klageerhebung besteht: geschützt werden soll das rechtliche Interesse des Adressaten eines VA an der Klärung der Rechtswidrigkeit der ihn betreffenden Regelung. Die Klage ist folglich statthaft.
A muss ein rechtliches Interesse an der Klärung der Rechtswidrigkeit des VA haben. Ein solches Interesse kann nicht in einem Entschädigungsinteresse bestehen, weil ein eventueller Staatshaftungsanspruch des A vor den Zivilgerichten erhoben werden könnte und dort auch die Rechtswidrigkeit des ursprünglichen VA zu klären wäre. Auch eine Wiederholungsgefahr ist nach der Aufgabe nicht ersichtlich. Jedoch kann auch ein schutzwürdiges Rehabilitationsinteresse die Klage stützen. Davon ist bei einer "nachwirkenden Diskriminierung" auszugehen, wenn ein Eingriff im grundrechtlich geschützten Bereich erfolgt ist und der verfassungsrechtlich garantierte Anspruch auf effektiven Rechtsschutz die Klärung der Rechtswidrigkeit einer polizeilichen Maßnahme erforderlich macht. Das ist vor allem dann der Fall, wenn sich die unmittelbar wirkende Belastung durch den angegriffenen Hoheitsakt typischerweise auf eine Zeitspanne beschränkt, in der eine gerichtliche Klärung der Rechtmäßigkeit der polizeilichen Maßnahme nicht möglich erscheint.
IV. Ordnungsgemäße Durchführung eines Widerspruchsverfahrens
Fraglich ist, ob die Zulässigkeit der Klage daran scheitert, dass ein ordnungsgemäßes Widerspruchsverfahren weder durchgeführt noch eingeleitet worden ist. Nach überwiegender Auffassung ist jedoch die ordnungsgemäße Durchführung eines Widerspruchsverfahrens in den Fällen einer Fortsetzungsfeststellungsklage nicht Voraussetzung ihrer Zulässigkeit. Denn das Widerspruchsverfahren ist grundsätzlich nicht geeignet, Rechtswidrigkeit eines grundrechtsrelevanten Eingriffs im Sinne einer Korrektur von Diskriminierungen zu klären. Das ist anders, wenn die Erledigung des VA erst nach Eintritt der Bestandskraft eingetreten ist. Davon ist jedoch nicht auszugehen, weil die Wohnungsverweisung schon 10 Tage nach ihrem Ausspruch ihre rechtliche Wirkung verloren hat.
V. Wahrung der Klagefrist
Fraglich ist, ob die Klagefrist des § 58 VwGO gewahrt ist. A hat immerhin erst nach Ablauf eines Jahres nach dem Erlass des angegriffenen VA Klage erhoben. Jedoch ist eine Fortsetzungsfeststellungsklage analog § 113 Abs. 1 Satz 4 VwGO nicht an die Fristen der §§ 74 Abs. 1, 58 Abs. 2 VwGO gebunden. Der Grund dafür ist – (Verfasser sollten dies zur Erlangung einer guten Bewertung erwähnen) -, dass der Sinn und Zweck der Klagefristen, Gewährleistung von Rechtssicherheit nach Eintritt der Bestandskraft eines VA, bei einem erledigten VA nicht mehr erreicht werden kann.
A ist nach § 61 Nr. 1 VwGO, die nach der Aufgabe als zuständig bezeichnete Landespolizeidirektion nach § 61 Nr. 3 VwGO i.V.m. § 19 AGVwGO beteiligtenfähig.
VII. assive Prozessführungsbefugnis
Die Landespolizeidirektion ist nach § 78 Abs. 1 Nr. 2 VwGO i.V.m. § 19 Abs. 2 AGVwGO passiv prozessführungsbefugt.
Die Klage ist begründet, wenn die Wohnungsverweisung rechtswidrig war und den A in seinen Rechten verletzt hat. Als Rechtsgrundlage kommt allein § 12 Abs. 2 SPolG in Betracht.
I. Verfassungsmäßigkeit der Rechtsgrundlage
(Bearbeiter müssen auf diese Problematik eingehen, weil die Aufgabe dies ausdrücklich thematisiert. Während in anderen Fällen die Verfassungsmäßigkeit polizeilicher Eingriffsermächtigungen regelmäßig nicht zu behandeln ist, gilt das für die neuere Standardbefugnis der Wohnungsverweisung im Hinblick auf den darüber bestehenden Streit nicht.)
Fraglich ist, ob § 12 Abs. 2 SPolG formell verfassungsgemäß ist.
a) Zuständigkeit/Kompetenz
Daran können sich Zweifel ergeben, weil § 12 Abs. 2 SPolG die Freizügigkeit von Grundrechtsträgern berühren kann und nach Art. 73 Nr. 3 GG dem Bund die ausschließliche Gesetzgebungskompetenz für die Freizügigkeit zusteht.
Zum einen ist folglich zu klären, ob die Wohnungsverweisung den Schutzbereich der Freizügigkeit tangiert. Dafür spricht, dass Art. 11 Abs. 1 GG das Recht schützt, an einem selbst gewählten Ort Aufenthalt und Wohnsitz zu nehmen und das Aufenthaltsverbot dieses Recht begrenzt. Jedoch bedeutet das nicht, dass Art. 73 Nr. 3 GG einen identischen Regelungsumfang hatte. Dafür spricht entscheidend, dass der Vorbehalt des Art. 11 Abs. 2 GG – "um strafbaren Handlungen vorzubeugen" – sich notwendigerweise auf das in die Zuständigkeit der Länder gehörende Polizeirecht bezieht. Daher ist das in die Landeskompetenz fallende Recht der Gefahrenabwehr von der Bundeskompetenz nach Art. 73 Nr. 3 GG auszunehmen.
(Gute Bearbeiter sollten sich kurz damit befassen, ob vorrangiges Bundesrecht der polizeirechtlichen Regelung entgegensteht. Das Gewaltschutzgesetz erlaubt zwar gleichartige Maßnahmen. Jedoch sperrt es nicht den Rückgriff auf die polizeiliche Generalklausel für einen kurzfristigen Wohnungsverweis.)
Folglich ist von der Verfassungsmäßigkeit des § 12 Abs. 2 SPolG auszugehen, sofern die Voraussetzungen des Art. 11 Abs. 2 GG beachtet sind. Art. 11 Abs. 2 GG erlaubt Einschränkungen des Grundrechts der Freizügigkeit um strafbaren Handlungen vorzubeugen. § 12 Abs. 2 SPolG erlaubt eine Einschränkung des Grundrechts der Person, von der eine Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit einer Mitbewohnerin oder eines Mitbewohners ausgeht. Derartige Verhaltensweisen stellen in aller Regel aber nicht immer strafbare Handlungen dar. Daher ist in jedem Fall eine restriktive Interpretation des § 12 Abs. 2 SPolG erforderlich. Wird eine solche Interpretation auf der abstrakt-generellen Ebene vorgenommen, sprechen keine Gründe gegen die Verfassungsmäßigkeit des § 12 Abs. 2 SPolG. (Gute Bearbeiter können für den Fall der Suizidgefahr auch auf die für Unglücksfälle geltende Einschränkung des Art. 11 Abs. 2 GG hinweisen).
Gegen die formelle Rechtmäßigkeit (Zuständigkeit der Vollzugspolizei nach §§ 85, 86 SPolG), Anhörung (§ 28 SVwVfG), Begründung und Form (§§ 37, 39 SVwVfG) bestehen keine Bedenken.
III. Vorliegen der Eingriffsvoraussetzungen
Erste Voraussetzung ist das Vorliegen einer Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit einer Mitbewohnerin oder eines Mitbewohners. Nach der Aufgabe ist davon auszugehen, dass eine Suizidgefahr für B zu bejahen ist.
Die Gefahr muss allerdings von der der Wohnung verwiesenen Person ausgehen. Bei einer kausalitätsorientierten Betrachtung kann nicht geleugnet werden, dass die Trennungsankündigung des A die Suizidgefahr bei B begründet oder jedenfalls vergrößert hat. Polizeirechtlich gilt jedoch – abgesehen von der aus verfassungsrechtlichen Gründen gebotenen restriktiven Interpretation des § 12 Abs. 2 (Gefahr strafbarer Handlungen durch A) – dass es nicht auf eine naturwissenschaftlich-kausalitätsorientierte Betrachtung ankommt sondern, dass die polizeirechtliche Verantwortlichkeit wertend zu begründen ist. Wer die Lehre von der rechtswidrigen Verursachung vertritt, kann argumentieren, dass es dem A freisteht, sich von B zu trennen, sein Verhalten also nicht als rechtswidrig betrachtet werden kann. Wer die Lehre der unmittelbaren Verursachen (Überschreitung der Gefahrenschwelle) vertritt, muss erkennen, dass es letztlich die freie und von A nicht hervorgerufene Suizidbereitschaft des B ist, die die Gefahr für Leib oder Leben des B verursacht hat. Insoweit kann auch nicht davon ausgegangen werden, dass die Trennungsbereitschaft des A gewissermaßen als Zweckveranlassung eines Suizidverlangens des B betrachtet werden kann. Nur eine solche wertende Betrachtung wird aber Sinn und Zweck der polizeirechtlichen Verantwortlichkeit gerecht.
A ist also für die B entstandenen oder entstehenden Gefahren polizeirechtlich nicht verantwortlich. Die Wohnungsverweisung war folglich rechtswidrig.

References: Art. 11
 § 40
 § 12
 § 12
 § 43
 § 43
 § 58
 § 113
 § 61
 § 61
 § 19
 § 78
 § 19
 § 12
 § 12
 § 12
 Art. 73
 Art. 11
 Art. 73
 Art. 11
 Art. 73
 § 12
 Art. 11
 Art. 11
 § 12
 § 12
 § 12
 Art. 11
 § 12