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Timestamp: 2020-02-18 04:09:39+00:00

Document:
Bundesfinanzhof, Urteil vom 10.04.2003 mit dem Az.: V R 35/01	/* Banner Ads */
Aktenzeichen: V R 35/01
Rechtsgebiete: UStG, UStDV, Richtlinie 86/560/EWG, DBA Brasilien, GATS
UStG § 18 Abs. 9 Satz 6
UStDV § 59
Richtlinie 86/560/EWG Art. 2
DBA Brasilien Art. 25 Abs. 1
GATS Art. II
GATS Art. XVII
Die Klägerin und Revisionsklägerin (Klägerin) ist eine brasilianische Gesellschaft, die im Bereich der grenzüberschreitenden Beförderung bzw. als Reederei tätig war. Sie beantragte fristgemäß für den Vergütungszeitraum 1996 beim Beklagten und Revisionsbeklagten (Bundesamt für Finanzen --BfF--) eine Vorsteuervergütung in Höhe von 80 370 DM für den Zeitraum Januar bis Dezember 1996. Das BfF lehnte den Antrag mit Bescheid vom 19. August 1997 ab, weil die in § 18 Abs. 9 des Umsatzsteuergesetzes 1993 (UStG) i.d.F. des Jahressteuergesetzes 1996 vorausgesetzte Gegenseitigkeit mit Brasilien nicht vorliege.
Mit der Revision rügt die Klägerin Verletzung von § 18 Abs. 9 UStG. Zur Begründung führt sie u.a. aus, in Brasilien werde keine der Umsatzsteuer ähnliche Steuer erhoben. Hilfsweise regt sie an, dem Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften (EuGH) die Fragen vorzulegen, ob die Bedingung in Art. 2 Abs. 2 der Dreizehnten Richtlinie des Rates vom 17. November 1986 zur Harmonisierung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Umsatzsteuern 86/560/EWG (Richtlinie 86/560/EWG), nach der eine Vorsteuererstattung von der Gewährung gleichartiger Vorteile durch das jeweilige Drittland abhängig ist, mit dem Meistbegünstigungsgrundsatz in Art. II Abs. 1 des General Agreement on Trade in Services --GATS-- (BGBl II 1994, 1473, 1643) vereinbar ist.
Die Revision ist begründet. Sie führt zur Aufhebung der Vorentscheidung und zur Zurückverweisung der Sache an das FG zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung (§ 126 Abs. 3 Nr. 2 der Finanzgerichtsordnung --FGO--).
Die Vorsteuervergütung setzt u.a. weiter voraus, dass der Unternehmer während des Vergütungszeitraums im Inland (Erhebungsgebiet) keine Umsätze i.S. des § 1 Abs. 1 Nr. 1 bis 3 und 5 UStG ausgeführt hat (§ 18 Abs. 9 UStG, § 59 Abs. 1 Nr. 1 UStDV; Urteil des Bundesfinanzhofs --BFH-- vom 3. Dezember 1998 V R 22/98, BFH/NV 1999, 986).
Das FG hat im Tatbestand seiner Entscheidung (S. 4) dazu nur ausgeführt, die Klägerin gehe --insoweit in Übereinstimmung mit dem BfF-- davon aus, dass vorbehaltlich der Gegenseitigkeitsklausel des § 18 Abs. 9 Satz 6 UStG alle Voraussetzungen für die Festsetzung der begehrten Vergütung erfüllt seien. Damit wird lediglich eine nicht näher begründete Rechtsansicht der Beteiligten wiedergegeben (vgl. BFH-Urteil vom 17. April 1969 V R 123/68, BFHE 95, 558, BStBl II 1969, 505, zu 1.).
Eine abschließende Entscheidung, ob diese Rechtsansicht zutrifft, ist dem Senat wegen fehlender tatsächlicher Feststellungen jedoch nicht möglich. Insbesondere fehlen Feststellungen dazu, ob die der Klägerin gegenüber abgerechneten Steuern als Vorsteuerbeträge abziehbar sind (vgl. § 15 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 UStG). Abziehbar ist nur eine für den abgerechneten Umsatz geschuldete Steuer (vgl. EuGH-Urteil vom 13. Dezember 1989 Rs. C-342/87, Genius Holding, Slg. 1989, 4227, Umsatzsteuer-Rundschau --UR-- 1991, 83; BFH-Urteil vom 2. April 1998 V R 34/97, BFHE 185, 536, BStBl II 1998, 695).
Als vorlagebedürftig sieht der Senat die Frage an, ob Art. 2 Abs. 2 der Richtlinie 86/560/EWG wegen einer mittelbaren Wirkung der Regelungen des GATS einschränkend dahin ausgelegt werden kann, dass er sich nicht auf Staaten bezieht, die --wie Brasilien-- Mitglieder der Welthandelsorganisation (WTO) sind (vgl. dazu EuGH-Urteil vom 13. September 2001 Rs. C-89/99, Schieving-Nijstad vof u.a., Slg. 2001, I-5851, Europäische Zeitschrift für Wirtschaft --EuZW-- 2001, 657, und EuGH-Beschluss vom 2. Mai 2001 Rs. C-307/99, OGT Fruchthandelsgesellschaft, Slg. 2001, I-3159, EuZW 2001, 529).
aa) Dem FG ist zunächst darin zu folgen, dass das Gegenseitigkeitserfordernis des § 18 Abs. 9 Satz 6 UStG nicht gegen das in Art. 25 Abs. 1 des Doppelbesteuerungsabkommens mit Brasilien (DBA-Brasilien) vom 27. Juni 1975 (BStBl I 1976, 47) statuierte Diskriminierungsverbot verstößt (vgl. § 2 der Abgabenordnung --AO 1977--); denn § 18 Abs. 6 Satz 9 UStG stellt nicht auf die Staatsangehörigkeit, sondern auf die Ansässigkeit der Unternehmer ab. Auf die Begründung des FG wird ergänzend verwiesen (§§ 121 Satz 1, 106, 105 Abs. 5 FGO).
bb) Der erkennende Senat ist auch nicht davon überzeugt, dass § 18 Abs. 9 Satz 6 UStG verfassungswidrig ist (vgl. Art. 100 Abs. 1 des Grundgesetzes --GG--; Beschluss des Bundesverfassungsgerichts --BVerfG-- vom 7. April 1992 1 BvL 19/91, BVerfGE 86, 52, 57). Die Frage der Grundrechtsberechtigung der Klägerin als juristische Person ausländischen Rechts (vgl. Art. 19 Abs. 3 GG) kann daher ebenso offen bleiben wie die Frage, ob die Klägerin die Verfassungswidrigkeit des Gegenseitigkeitserfordernisses über das Gleichbehandlungsgebot des Art. 25 Abs. 1 DBA-Brasilien geltend machen könnte, weil ein in Brasilien ansässiger deutscher Unternehmer eine etwaige Verfassungswidrigkeit geltend machen könnte.
Es fördert den --legitimen-- Zweck, für in Deutschland ansässige Unternehmer vergleichbare Vorteile zu erreichen. Ein milderes Mittel, den genannten Zweck zu erreichen, ist nicht ersichtlich. Schließlich erscheint die Benachteiligung von in Drittstaaten ansässigen Unternehmern durch das Gegenseitigkeitserfordernis noch als angemessen, da das Interesse der in den Drittstaaten ansässigen Unternehmer demgegenüber nicht erkennbar schwerer wiegt (vgl. zu den Ausnahmen BVerfG-Beschluss vom 23. Januar 1990 1 BvR 306/86, BVerfGE 81, 208, zu C. III. 2.). Dabei ist zu berücksichtigen, dass dieses nicht nur dazu dient, dem Staat zusätzliche Einnahmen zu verschaffen, sondern --wie dargelegt-- den im Inland ansässigen Unternehmern die gleichen steuerlichen Vorteile in den Drittstaaten zu verschaffen (vgl. zur Zulässigkeit einer unmittelbar privatnützigen Enteignung BVerfG-Urteil vom 24. März 1987 1 BvR 1046/85, BVerfGE 74, 264).

References: § 18
 § 59
 Art. 2
 Art. 25
 § 18
 § 18
 Art. 2
 § 1
 § 59
 § 18
 § 15
 Art. 2
 § 18
 Art. 25
 § 2
 § 18
 § 18
 Art. 100
 Art. 19
 Art. 25