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Timestamp: 2018-12-15 09:07:07+00:00

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Orthografiereform: so_genannt
Zur Getrennt- oder Zusammenschreibung von so_genannt
Der deutschen Rechtschreibung in ihrer gegenwärtigen amtlichen Ausprägung liegt das Regelwerk von 1996 zugrunde. Es ist unter dem Titel »Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Text der amtlichen Regelung« in verschiedenen Verlagen und Formaten erschienen. Die offizielle Grundlage ist die vom Bundesanzeiger Verlag veröffentlichte »Bekanntmachung der Gemeinsamen Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung – Wiener Absichtserklärung – Vom 1. Juli 1996«, die den eigentlichen Text der amtlichen Regelung als Anlage enthält. Diese offizielle und viele der übrigen Fassungen weisen untereinander geringfügige Textunterschiede auf.
Das Regelwerk besteht aus zwei Teilen: einem Regelteil und einem Wörterverzeichnis. Die Schreibnorm wird »durch den Regelteil und das Wörterverzeichnis festgelegt. Dabei ergänzen sie einander.« (Vorwort, Abschn. 3) »In vielen Fällen kann man die Schreibung sowohl mit Hilfe der Regeln allgemein bestimmen als auch durch das Nachschlagen im Wörterverzeichnis ermitteln.« (ebd.)
In Bezug auf so_genannt ist Folgendes festzustellen: Im Wörterverzeichnis findet sich beim Stichwort so ein Eintrag genannt, der, mit dem Stichwort so kombiniert, getrennt zu schreiben ist. Mit einem (eingeklammerten) Sternchen wird er als Neuschreibung markiert. Unmittelbar nach diesem Eintrag steht ein Verweis auf den Regelteil, und zwar auf § 39 E2(2.4). Dieser Verweis ist offenbar falsch. An der angegebenen Stelle wird nämlich die (Getrennt-)Schreibung von Verbindungen des Typs »so, wie oder zu + Adjektiv, Adverb oder Pronomen« geregelt. Als Beispiele werden u. a. »so (wie, zu) hohe Häuser« und »so (wie, zu) viel Geld« genannt – ein Eintrag so genannt findet sich dort nicht. (Fraglich ist übrigens, ob es Verbindungen aus so/wie/zu + Pronomen überhaupt gibt; gemeint sein könnten allenfalls Fälle wie so jemand, so etwas usw.)
Die Verbindung so_genannt könnte aufgrund der Wortartenzugehörigkeit der beteiligten Glieder § 36 zugeordnet werden, wo die Schreibung von Verbindungen des Typs »X + Adjektiv/Partizip« geregelt wird. Des Näheren wäre so_genannt § 36 E1(1.2) zuzuordnen. Dort wird u. a. die Getrenntschreibung von Verbindungen aus Adverb (so) + Partizip (genannt) festgelegt. Beispiele sind abhanden gekommen, auseinander laufend, auswendig gelernt, vorwärts blickend. Ihre Getrenntschreibung wird begründet durch die Getrenntschreibung der zugrunde liegenden verbalen Verbindungen, abhanden kommen, auseinander laufen usw., die in § 34 E3(2) geregelt ist. Dies würde bedeuten, dass so_genannt zurückzuführen wäre auf die Adverb-Verb-Verbindung so nennen, die unzweifelhaft getrennt zu schreiben ist.
Bevor wir uns der Frage zuwenden, ob diese Rückführung gerechtfertigt ist, noch eine Bemerkung zu der hier vorliegenden Form so_genannt. Bei genannt handelt es sich um das Partizip II (das Partizip I wäre nennend). Zweite Partizipien haben zwei Hauptfunktionen. Zum einen dienen sie der Bildung von zusammengesetzten Verbformen ( er hat genannt; er wird genannt usw.) – dann spricht man oft von Verbpartizipien in prädikativer Verwendung. Zum anderen stehen sie als Attribute bei Substantiven (z. B. das genannte Buch ), eine Funktion, die sonst typischerweise von Adjektiven ausgefüllt wird (z. B. das neue Buch) – man spricht in diesem Fall von Adjektivpartizipien in attributiver Verwendung. Adjektivpartizipien, die als Attribute verwendet werden, lassen sich auf Relativsätze zurückführen: das Buch, das genannt wurde, und diese letztlich auf Sätze: das Buch wurde genannt. Was zu dem allein stehenden Partizip gesagt wurde, gilt auch für Verbindungen, die es mit Satzgliedern eingehen kann, beispielweise mit einer Umstandsbestimmung wie vorhin: er hat das Buch vorhin genannt; das Buch wurde vorhin genannt (Verbalpartizip) – das vorhin genannte Buch (Adjektivpartizip).
Die Verbindung so_genannt kommt ebenfalls als Verbpartizip (prädikativ) und als Adjektivpartizip (attributiv) vor. Zwei Fälle sind zu unterscheiden. Es kann sich dabei nämlich um eine freie syntaktische Konstruktion handeln oder um ein festes Gefüge. Ein Beispiel für so_genannt als freie syntaktische Konstruktion, zuerst prädikativ: Er nannte seine Frau immer »Liebling«. Und sie hat ihn auch so genannt. Jetzt attributiv: Die von ihm so [nämlich »Liebling«] genannte Frau ... Beide Male werden so und genannt gleichmäßig stark betont.
Anders verhält es sich beim Normalgebrauch von so_genannt, um den es hier geht. Dies zeigen die im Folgenden genannten Beispiele, die dem Duden-Großwörterbuch (3. Auflage 1999, Stichwort so I.1.a) entnommen sind.
1. »feinste Blutgefäße, so genannte Kapillaren; das israelische Parlament, die so genannte »Knesseth«; Seit einer Woche wird der so genannte Leihwagen-Prozess verhandelt [...]«
2. »(spött[isch]) wo sind denn deine so genannten Freunde?; (als Ausdruck des Sichdistanzierens von einem Sprachgebrauch:) die so genannte Demokratie, freiheitliche Grundordnung, künstlerische Freiheit; ... gibt es auch in der so genannten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) keine freie Arbeiterbewegung [...]; in gewissen Büros der so genannten westlichen Welt [...]; für die Sonderbehandlung der so genannten offensichtlich missbräuchlichen Asylgesuche [...]«
A. Auffällig ist zunächst, dass der Bestandteil so voll betont ist, der Bestandteil genannt aber nur Nebenbetonung erhält – doch dieses Kriterium ist für die Neuregelung nicht mehr relevant.
B. In allen angeführten Beispielen wird so_genannt attributiv verwendet, nie prädikativ.
C. Die Verbindung so_genannt kann in beiden Gruppen nicht auf eine freie syntaktische Konstruktion zurückgeführt werden: 1. Die so_genannten Kapillaren sind ja nicht Kapillaren, die so genannt werden, sondern es geht um Blutgefäße, die Kapillaren genannt werden. So auch bei den weiteren Beispielen: die so_genannte »Knesseth« ist keine »Knesseth«, die so genannt wird, ebenso wenig wie der so_genannte Leihwagen-Prozess ein Leihwagen-Prozess ist, der so genannt wird. 2. Bei so_genannten Freunden handelt es sich nicht um Freunde, die so genannt werden, sondern um Menschen, die nur Freunde genannt werden, ohne solche zu sein o. dgl.; so auch bei der so_genannten Demokratie, einer Staatsform, die Demokratie genannt wird, ohne eine solche zu sein, usw. Bei diesem Gebrauch von so_genannt kommt also eine zusätzliche Bedeutungskomponente ins Spiel, die das Wörterbuch »spöttisch, distanzierend« nennt. In beiden Fallgruppen erweist sich so_genannt wie gesagt nicht als freie syntaktische Konstruktion, sondern als festes Gefüge, als eigenes Wort.
Dies ist auch die Auffassung des Duden-Großwörterbuchs in der 2. Auflage (Band 7, 1995) vor der Orthografiereform. Damals wurde zusammengeschrieben, sogenannt erhielt einen eigenen Eintrag (zwischen söge und soggen) mit Kennzeichnung der Hauptbetonung auf so; es wurde als Adjektiv kategorisiert und es erhielt eine Bedeutungsangabe: »wie es genannt wird, heißt; als ... bezeichnet«; die Beispiele waren samt Gebrauchsangaben dieselben wie in der 3. Auflage 1999, allerdings mit Zusammenschreibung von sogenannt. In der aktuellen, reformierten Auflage bildet so_genannt kein eigenes Stichwort mehr, es ist vielmehr ins Stichwort so eingegliedert, so und genannt werden getrennt geschrieben, Betonungsangaben fehlen ebenso wie Wortarten- und Bedeutungsangaben. Die Verbindung so_genannt ist im Wörterbuch also ihres Gefügecharakters verlustig gegangen, sie hat ihre Worteigenschaft verloren.
Wie ist die Verbindung so_genannt nun zu schreiben? Im Regelteil des amtlichen Regelwerks wird der hier wohl vorliegende Bautyp »X (hier: Adverb so) + Adjektiv/Partizip (hier: Partizip II genannt)«, wie gesagt, in § 36 behandelt. Keine der in diesem Paragrafen für die Zusammenschreibung (Absätze 1 bis 6) genannten Bedingungen trifft zu, es ergibt sich aber auch nicht die Getrenntschreibung nach § 36 E1. Selbst auf die in § 36 E2 getroffene Notfallregel kann nicht zurückgegriffen werden, da sie nur gilt, wenn im Einzelfall die genannten Regeln sowohl Zusammen- als auch Getrenntschreibung zulassen. Wäre beides der Fall, stünden dem Schreiber beide Möglichkeiten offen und er könnte sich, wenn er der VVE (Vechtaer Variantenempfehlung) folgt, für die Zusammenschreibung entscheiden. Nun ist diese Wahlfreiheit aber gerade nicht gegeben – so_genannt erhält seine Schreibung vielmehr aus einer im Regelteil gar nicht formulierten, trivialen Grundregel, die besagt, dass Wörter zusammengeschrieben werden.
Das Dilemma besteht, zusammenfassend gesagt, in Folgendem: Einerseits gibt das amtliche Wörterverzeichnis für das Wort so_genannt die Getrenntschreibung vor. Andererseits ist diese – ungeachtet des irreführenden Verweises – durch den Regelteil nicht gedeckt. Aufgrund der gerade genannten Grundregel, die im Regelteil implizit enthalten ist, gilt die Zusammenschreibung. Da nun Regelteil und Wörterverzeichnis gleichen Rang besitzen (s. o.), könnte man wieder Variantenschreibung annehmen. Damit könnte die VVE (Vechtaer Variantenempfehlung) in Kraft treten, die bei der Wahl zwischen Zusammen- und Getrenntschreibung die Zusammenschreibung empfiehlt.
Reformgeschichte:
Wie ist es zu diesem Dilemma gekommen? Den Schlüssel bietet wahrscheinlich der Vorläufertext der amtlichen Regelung, die »Vorlage für die amtliche Regelung« (1995 unter dem Haupttitel »Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis« erschienen im Gunter Narr Verlag Tübingen). Im dortigen Wörterverzeichnis kommt so_genannt zweimal vor: Einmal unter dem Stichwort so, wo zunächst die Getrenntschreibung in Verbindungen mit oft, hoch, viel(e), sehr, weit eingetragen ist. Verwiesen wird auf die schon erwähnte Regelteilstelle § 39 E2(2.4), erst danach und nach einem Semikolon folgt der Eintrag genannt, was zusammen mit dem Stichwort so für die Getrenntschreibung so genannt steht. Der ganze Eintrag sieht (im Schriftbild unwesentlich modifiziert) folgendermaßen aus:
(1 – Vorlage 1995) so [oft <im Gegensatz zu> sooft; hoch, viel[e], sehr, weit …(*) § 39 E2(2.4); genannt]
Das Sternchen markiert eine Neuschreibung, und zwar die obligatorische Getrenntschreibung von so viele, durch die Klammer wird angedeutet, dass analoge Getrenntschreibungen schon vorhanden waren, etwa bei so hoch, so sehr, so weit und beim betonungsabhängigen so viel . Man beachte auch, dass der Paragrafenverweis sich auf die voranstehenden Fälle bezieht, nicht auf das folgende so genannt.
Im darauf folgenden Stichwortnest wird so als Bestandteil von Zusammenschreibungen geführt, von denen sooft, sobald, sofern, solang(e), sosehr, soweit und sowohl beispielhaft angeführt werden. Es folgt ein Verweis auf § 39(1), der allerdings wiederum fehlerhaft ist (er verweist auf die Regelung der Zusammenschreibung gewisser Adverbien wie bergab usw. – im endgültigen Text der amtlichen Regelung [1996] wird zutreffend auf § 39(2), die Zusammenschreibung bestimmter Konjunktionen betreffend, verwiesen) – wichtig ist jedoch, dass im Anschluss an diesen Verweis und von ihm wiederum getrennt, der Eintrag ...genannt folgt. Dies steht für zusammengeschriebenes sogenannt. Der Eintrag sieht so aus:
(2 – Vorlage 1995) sooft <im Gegensatz zu> so oft; ...bald, ...fern, ...lang[e], ...sehr, ...weit, ...wohl ... § 39(1); ...genannt
Die Logik hinter diesem Vorgehen ist nicht schwer zu durchschauen: Es gibt Verbindungen mit so als erstem Glied, die als Konjunktionen zusammengeschrieben werden: sooft, sobald usw. Diese Verbindungen stellen die eigentliche orthografische Besonderheit dar und sollen abgesetzt werden von freien syntaktischen Konstruktionen wie so oft usw., die eigentlich im orthografischen Wörterverzeichnis gar nichts zu suchen haben und dort nur erscheinen, weil verwechselbare Differenzschreibungen (lautgleiche, aber anders geschriebene Wörter, wie es im Abschnitt »Zeichenerklärung« zu Beginn des Wörterverzeichnisses heißt) an ihrer Seite stehen. In diesem Sinn werden, markiert durch ein Ungleichheitszeichen (hier ersetzt durch den Vermerk <im Gegensatz zu>), im Anschluss an die (zusammengeschriebene) Konjunktion sooft die (getrennt geschriebene) syntaktische Konstruktion so oft angeführt. Spiegelbildlich gilt das, was hier zu Fall 2 ausgeführt wurde, für Fall 1. Was bei den Paaren Konjunktion– syntaktische Konstruktion zu beachten ist, wird 1995 offenbar auch für so_genannt demonstriert: So wie die zusammengeschriebene Konjunktion sooft von der getrennt geschriebenen, bedeutungsverschiedenen syntaktischen Konstruktion so oft zu unterscheiden ist, so ist das Adjektiv sogenannt von der bedeutungsverschiedenen syntaktischen Konstruktion so genannt zu trennen.
Beim Übergang von der Vorlage 1995 zum Text 1996 kam es zu Änderungen. Der neu gestaltete erste Eintrag (getrennt geschriebenes so) sieht (in leicht modifizierter Wiedergabe) folgendermaßen aus:
(1 – Text 1996) so [breit, fern, hoch, lang[e], oft, viel[e], weit ...; genannt(*) § 39 E2(2.4) <im Gegensatz zu> sobald, ...fern, ...lang[e], ...oft, ...viel[e], ...weit ...]
(Hier unterläuft der Fehler, dass inmitten der Konjunktionen auch eine Verbindung soviele steht. Dieses Wort existiert als Konjunktion nicht; als syntaktische Gruppe wird diese Verbindung vor und nach der Reform getrennt geschrieben.)
Im zweiten Stichwortnest, das die Zusammenschreibung mit so demonstriert, fehlt sogenannt. Es sieht (hier wiederum leicht modifiziert) so aus:
(2 – Text 1996) sofern, ...bald, ...lang[e], ...oft, ...viel, ...weit, ...wohl ... § 39(2) <im Gegensatz zu> so fern, so lang[e] …
Der Übergang von der Vorlage 1995 zum endgültigen Text 1996 stellt sich folgendermaßen dar: Im Stichwortnest 1, »getrennt geschriebenes so«, wird das Wort genannt, das zusammen mit dem am Anfang des Eintrags genannten so für die syntaktische Konstruktion so genannt steht, nach vorn gerückt und, zwar weiterhin durch ein Semikolon abgesetzt, mit den Adjektiven bzw. Adverbien weit bzw. oft, sehr usw. assoziiert. Dabei rutscht es sowohl vor das eingeklammerte Sternchen (das eigentlich nur die neue obligatorische Getrenntschreibung von so viel in Analogie zu den schon immer getrennt geschriebenen syntaktischen Konstruktionen so hoch, so lang(e) sowie zur betonungsabhängigen alten Getrenntschreibung so viel kennzeichnen soll) als auch vor den Verweis in den Regelteil, der ja für so_genannt gar nicht zutrifft. Im zweiten Stichwortnest, »zusammengeschriebenes so«, wird ...genannt als zweiter Bestandteil des festen Gefüges sogenannt, aus welchen Gründen auch immer (vielleicht nur aus Unaufmerksamkeit?), gestrichen.
[2002-Apr-23]

References: § 39
 § 36
 § 36
 § 34
 § 36
 § 36
 § 36
 § 39
 § 39
 § 39
 § 39
 § 39
 § 39
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