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Timestamp: 2019-10-17 16:41:08+00:00

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BGH, IV ZR 38/12: BGH: vertrag zugunsten dritter, versicherer, todesfallleistung, adresse, versicherungsleistung, übermittlung, auskunft, anschrift, widerruf, schenkungsvertrag
Urteil des BGH vom 10.04.2013, IV ZR 38/12
Aktenzeichen: IV ZR 38/12
BGH: vertrag zugunsten dritter, versicherer, todesfallleistung, adresse, versicherungsleistung, übermittlung, auskunft, anschrift, widerruf, schenkungsvertrag
IV ZR 38/12
vom 10. Januar 2012 durch Beschluss gemäß § 552a ZPO
Streitwert: 50.106 €
1I. Der am 21. April 2008 verstorbene Erblasser hatte die Klägerin
­ seine erste Ehefrau ­ im Rahmen eines Gruppen-Lebensversicherungsvertrages seines Arbeitgebers mit der Beklagten im Jahre 1976 als Bezugsberechtigte der Todesfallleistung benannt. Erbin des Verstorbenen
ist seine zweite Ehefrau.
2Nachdem sie am 2. Mai 2008 Kenntnis vom Tode des Erblassers
erhalten hatte, wandte sich die Beklagte mit Schreiben vom 5. Mai 2008
an die Erbin mit der Bitte um Mitteilung der Adresse der Klägerin, erhielt
jedoch keine Antwort. Sodann richtete die Beklagte unter dem 20. Mai
2008 eine Anfrage an das Einwohnermeldeamt, welches am 13. August
2008 als neue Anschrift die derzeitige Adresse der Klägerin mitteilte,
nicht aber deren aus Anlass ihrer Wiederverheiratung vollzogenen Wechsel des Nachnamens. Zwei von der Beklagten mit Datum vom 9. September 2008 und 7. November 2008 unter dem früheren Namen der Klägerin
an deren neue Adresse übersandte Schreiben kamen mit dem Vermerk
"Anschrift nicht zu ermitteln" zurück.
3Mit Anwaltsschreiben vom 17. Juli 2009 widerrief die Erbin gegenüber der Beklagten den zugunsten der Klägerin erteilten Übermittlungsauftrag des Erblassers. Die Beklagte zahlte daraufhin die Versicherungsleistung in Höhe von 50.106 € an die Erbin aus.
4Die Klägerin meint, die Beklagte habe die ihr gegenüber bestehende Pflicht zur Übermittlung des Schenkungsangebots des Erblassers
durch unzureichende Ermittlungen nach ihrem Aufenthalt und Namen
verletzt, und fordert deshalb Schadensersatz in Höhe der Versicherungsleistung.
5Die Vorinstanzen haben die Klage abgewiesen.
6II. Die Voraussetzungen für die Zurückweisung der Revision im
Beschlusswege nach § 552a ZPO sind gegeben.
71. Bei Verfügungen unter Lebenden zugunsten Dritter auf den Todesfall ist ­ wie das Berufungsgericht zutreffend gesehen hat ­ zwischen
dem Deckungsverhältnis, das ist hier die der Klägerin im Rahmen des
Lebensversicherungsvertrages eingeräumte Bezugsberechtigung für die
Todesfallleistung, und dem Zuwendungsverhältnis (Valutaverhältnis)
zwischen dem verfügenden Versicherungsnehmer (hier: dem Versicherten) und dem Begünstigten (der Klägerin) zu unterscheiden. Beide
Rechtsverhältnisse unterliegen sowohl hinsichtlich der durch sie begründeten Rechtsbeziehungen als auch mit Blick auf die Anfechtung von Willenserklärungen dem Schuldrecht. Erbrechtliche Bestimmungen finden
insoweit keine Anwendung (vgl. dazu Senatsurteil vom 21. Mai 2008 ­ IV
ZR 238/06, r+s 2008, 384 Rn. 19 m.w.N.).
8a) Die Bezugsberechtigung für die Todesfallleistung verschafft
dem Begünstigten im Versicherungsfall eine im Deckungsverhältnis jedenfalls insoweit unentziehbare Rechtsstellung, als die Erben des Versicherungsnehmers ­ hier des Versicherten ­ diese Bezugsberechtigung
nicht mehr ändern oder widerrufen können (Senatsurteil vom 21. Mai
2008 aaO Rn. 20).
9b) Nach ständiger Rechtsprechung des Senats, an der festzuhalten
ist, beantwortet grundsätzlich allein das Valutaverhältnis, für das hier nur
eine Schenkung in Betracht kommt, ob der Begünstigte die Versicherungsleistung im Verhältnis zu den Erben des Versicherten behalten darf
(Senatsurteil vom 21. Mai 2008 aaO Rn. 19-21 m.w.N.). Die Erklärung
des Versicherten gegenüber dem Versicherer, es werde der Klägerin eine Bezugsberechtigung für die Todesfallleistung eingeräumt, enthält zugleich den konkludenten Auftrag an den Lebensversicherer, ihr nach Ein-
tritt des Versicherungsfalles das Schenkungsangebot des Versicherten
102. Ein insoweit mit Botendiensten beauftragter Versicherer erfüllt
diesen Auftrag im Regelfall durch Auszahlung der Versicherungssumme
an den Begünstigten, weil darin konkludent das Schenkungsangebot des
Verstorbenen zum Ausdruck kommt. Dieses Angebot kann der Begünstigte durch Annahme des Geldes konkludent annehmen (Senatsurteil
vom 21. Mai 2008 aaO Rn. 22).
11Im Streitfall ist ein wirksamer Schenkungsvertrag zwischen dem
Versicherten und der Klägerin allerdings nicht zustande gekommen, weil
die Beklagte den jetzigen Familiennamen der Klägerin nicht ermittelt hat
und es ihr deshalb nicht gelungen ist, der Klägerin das Schenkungsangebot zu übermitteln, ehe ihr Botenauftrag von der Erbin widerrufen wurde.
123. Ob auch der vom Versicherten mit Benennung eines Bezugsberechtigten konkludent erteilte Botenauftrag an den Versicherer zu einem
echten Vertrag zugunsten Dritter auf den Todesfall (§ 328 BGB; so Muscheler, WM 1994, 921, 923) oder aber zu einem Vertrag mit Schutzwirkung für Dritte (vgl. dazu OLG Hamm NJW-RR 2009, 1409; LG München
FamRZ 2005, 134, 135; Hasse VersR 2009, 41, 44; Palandt/Grüneberg,
BGB 72. Aufl. § 328 Rn. 13-20, 30a; Schneider in Prölss/Martin, VVG 28.
Aufl. § 159 Rn. 14) führt, aus dem eigene Schadensersatzansprüche des
Begünstigten gegen den Versicherer im Falle der pflichtwidrigen Ausführung entstehen können (vgl. dazu Liessem, BB 1989, 862, 865), kann offen bleiben. Ebenso wenig braucht entschieden zu werden, ob der
Schutzzweck eines solchen Vertrages gerade auch darauf gerichtet sein
kann, mit der Übermittlung des Schenkungsangebots einem Widerruf des
Botenauftrages durch den hierzu berechtigten Erben zuvorzukommen
und mithin einen Schaden zu verhindern, wie ihn die Klägerin geltend
macht. Schließlich kommt es auch nicht darauf an, ob bei der vom Versicherer zu beachtenden Sorgfalt generelle Abweichungen von den allgemeinen Anforderungen aus § 276 BGB in Betracht kommen können.
Denn selbst wenn man mit dem Berufungsgericht unterstellt, dass ein
Pflichtenverstoß des Versicherers im Rahmen der Ausführung des Botenauftrages Schadensersatzansprüche des Bezugsberechtigten begründen kann, scheitern diese hier daran, dass das Berufungsgericht unter
Würdigung der konkreten Fallumstände einen Pflichtenverstoß der Beklagten ohne Rechtsfehler verneint hat.
13a) Allerdings hat es einleitend allgemeine Erwägungen darüber
angestellt, ob die besonderen Umstände, unter denen bei Einräumung
einer Bezugsberechtigung für die Todesfallleistung einer Lebensversicherung der begleitende Botenauftrag an den Lebensversicherer zustande kommt, den Sorgfaltsmaßstab beeinflussen, den der Versicherer bei
Ausführung des Übermittlungsauftrages zu beachten hat. Es hat insoweit
angenommen, dass an den Versicherer, der durch den Auftrag in einen
Konflikt zwischen den Interessen des Begünstigten und der Erben des
Versicherungsnehmers oder Versicherten geraten könne, keine unzumutbaren Anforderungen gestellt werden dürften. Letztlich hat sich diese
Konkretisierung im Sinne eines gelockerten Sorgfaltsmaßstabes auf die
Entscheidung aber nicht ausgewirkt.
14b) Allein entscheidend war hier, ob - wie die Revision geltend
macht - ein pflichtwidriges Versäumnis der Beklagten darin zu sehen ist,
dass sie, etwa durch eine neuerliche, erweiterte Anfrage an das Einwoh-
nermeldeamt, keine weiteren Ermittlungen in Bezug auf eine mögliche
Namensänderung der Klägerin angestellt hat. Insoweit hat das Berufungsgericht losgelöst von seinen allgemeinen Ausführungen zu Lasten
der Beklagten angenommen, sie habe die Möglichkeit einer Namensänderung der Klägerin angesichts der zweiten Heirat des Versicherten erkennen können. Dass es ein pflichtwidriges Unterlassen weiterer Nachforschungen nach dem Namen der Klägerin dennoch verneint, liegt an
seiner Feststellung, die Beklagte habe schon die erste Auskunft des
Einwohnermeldeamtes dahin verstehen dürfen, dass diese nicht nur den
aktuellen Wohnsitz, sondern auch den aktuellen Familiennamen benannt
habe, so dass sie keinen Anlass mehr für weitere Ermittlungen in Bezug
auf eine Namensänderung der Klägerin gehabt habe.
15Diese auf der Grundlage der Einzelfallumstände vorgenommene
Bewertung der Vorgehensweise der Beklagten ist frei von Rechtsfehlern
und einer weitergehenden, fallübergreifenden, abstrakt-generellen Klärung i.S. von § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO nicht zugänglich.
16Das Berufungsgericht hat entgegen der Revision auch nicht den
Vortrag gehörswidrig übergangen, es habe die Möglichkeit bestanden,
die Namensänderung mittels einer qualifizierten Anfrage beim Einwohnermeldeamt zu erfragen. Vielmehr hat es angenommen, dass aus der
Sicht der Beklagten für eine solche weitere Anfrage ­ ebenso wie für
sonstige weitere Ermittlungen ­ nach der ersten Auskunft des Einwohnermeldeamtes kein Anlass mehr bestanden habe.
LG Köln, Entscheidung vom 01.06.2011 - 26 O 282/10 - OLG Köln, Entscheidung vom 10.01.2012 - 20 U 130/11 -
Vertrag zugunsten dritter, Versicherer, Todesfallleistung, Adresse, Versicherungsleistung, übermittlung, Auskunft, Anschrift, Widerruf, Schenkungsvertrag

References: BGH 
 § 552
 § 552
 § 328
 § 159
 § 276
 § 543