Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Betriebsrentenansprueche_Ausschluss_3AZR134-15.html
Timestamp: 2016-12-05 12:30:44+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 3 AZR 134/15
1. Kol­li­diert ei­ne nicht güns­ti­ge­re in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che Ver­sor­gungs­zu­sa­ge mit den Re­ge­lun­gen ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung, führt dies grundsätz­lich da­zu, dass die In­di­vi­dual­zu­sa­ge für die Dau­er der Gel­tung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung ver­drängt wird und da­mit nicht zur An­wen­dung ge­langt.
2. Kommt die Rück­ab­wick­lung ei­ner von ei­ner güns­ti­ge­ren Be­triebs­ver­ein­ba­rung ver­dräng­ten in­di­vi­du­al­ver­trag­li­chen Ver­sor­gungs­zu­sa­ge nicht in Be­tracht, müssen die Ver­sor­gungs­leis­tun­gen, die dem Ar­beit­neh­mer auf­grund der in­di­vi­du­el­len Zu­sa­ge gewährt wer­den, auf die ihm nach der Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu­ste­hen­den Ver­sor­gungs­leis­tun­gen an­ge­rech­net wer­den.
3. Die Be­triebs­par­tei­en sind grundsätz­lich be­rech­tigt, Ar­beit­neh­mer, de­nen be­reits ei­ne in­di­vi­du­el­le Zu­sa­ge auf Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung er­teilt wur­de, von ei­nem kol­lek­ti­ven Ver­sor­gungs­werk aus­zu­neh­men. Der vollständi­ge Aus­schluss sol­cher Ar­beit­neh­mer setzt aber vor­aus, dass die Ar­beit­neh­mer mit in­di­vi­du­el­len Zu­sa­gen im Ver­sor­gungs­fall ty­pi­scher­wei­se ei­ne zu­min­dest annähernd gleich­wer­ti­ge Ver­sor­gung wie nach dem kol­lek­ti­ven Ver­sor­gungs­werk er­hal­ten.
Arbeitsgericht Frankfurt/Main, Urteil vom 19.12.2013, 19 Ca 3380/13Landesarbeitsgericht Hessen, Urteil vom 22.10.2014, 6 Sa 106/14
3 AZR 134/15 6 Sa 106/14 Hes­si­schesLan­des­ar­beits­ge­richt Verkündet am 19. Ju­li 2016
- 2 - und Wem­heu­er so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Schmalz und Aschen­bren­ner für Recht er­kannt:
„...Wei­ter­hin zah­len wir Ih­nen ab Ja­nu­ar 1987 mo­nat­lich DM 245,-- als Bei­trags­zu­schuß zur Al­ters­ver­sor­gung des B. Durch die­se Re­ge­lung sind Sie von der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung der D aus­ge­nom­men. ...“
(1) Je­der re­gelmäßig beschäftig­te Mit­ar­bei­ter (weib­lich oder männ­lich), der bei In­kraft­tre­ten die­ser Ver­sor­gungs­ord­nung in ei­nem Ar­beits­verhält­nis zu un­se­rem Un­ter­neh­men steht oder da­nach mit ihm ein Ar­beits­verhält­nis be­gründet, er­wirbt mit Voll­endung des 17. Le­bens­jah­res (Auf­nah­me­al­ter) ei­ne An­wart­schaft auf be­trieb­li­che Ver­sor­gungs­leis­tung nach Maßga­be die­ser Ver­sor­gungs­ord­nung....
- 4 - b) Mit­ar­bei­ter, die vor dem 1. April 1984 in dasUn­ter­neh­men ein­ge­tre­ten sind....
§ 15An­rech­nun­gen
In die­ser ist aus­zugs­wei­se Fol­gen­des ge­re­gelt: „§ 2 Persönli­cher Gel­tungs­be­reich
a) vor dem 01.01.1999 zur D GmbH oder ei­nem ihr ver­bun­de­nen Un­ter­neh­men ...be­gründet ha­ben und in die­sem Zeit­punkt noch nicht das 55. Le­bens­jahr voll­endet hat­ten und de­ren Ar­beits­verhält­nis bis heu­te zur ... oder ei­nem an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men be­steht, das die­se Ver­sor­gungs­re­ge­lung durch Dienst- oder Be­triebs­ver­ein­ba­rung ab­ge­schlos­sen hat....
(4) Nicht er­fasst sind auch Mit­ar­bei­ter, die ei­ne ein­zel-ver­trag­li­che Zu­sa­ge er­hal­ten oder er­hal­ten ha­ben....
§ 17 An­rech­nun­gen...
- 6 - Der Kläger hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Be­klag­te müsse ihm ab dem Be­zug der ge­setz­li­chen Al­ters­ren­te ei­ne Al­ters­ren­te nach der VO 2007 gewähren. Er fal­le un­ter den persönli­chen An­wen­dungs­be­reich der VO 2007. § 2 Abs. 4 VO 2007 sei un­wirk­sam. Die Re­ge­lung ver­s­toße ge­gen Art. 3 Abs. 1 GG, da sie Ar­beit­neh­mer mit in­di­vi­du­el­len Zu­sa­gen oh­ne sach­li­chen Grund schlech­ter stel­le. Außer­dem ent­zie­he sie ihm - dem Kläger - oh­ne zwin­gen­den Grund sei­ne auf der Grund­la­ge der VO 1988 bzw. 1991 be­reits er­dien­ten An­wart­schaf­ten. Die Ver­ein­ba­rung vom 9. Ja­nu­ar 1987 ent­hal­te kei­nen Ver­zicht auf sei­ne Ansprüche aus der VO 2007; der da­ma­li­ge Per­so­nal­lei­ter ha­be ihm bei Ab­schluss der Ver­ein­ba­rung erklärt, die Ver­si­che­rung beim B sei güns­ti­ger als ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung bei der D. Je­den­falls sei ein et­wai­ger Ver­zicht nach § 77 Abs. 4 Satz 2 Be­trVG un­wirk­sam. Die Zu­sa­ge von Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung über den B sei nicht güns­ti­ger als ei­ne Ver­sor­gung nach den bei der Be­klag­ten bzw. ih­rer Rechts­vorgänge­rin gel­ten­den Ver­sor­gungs­ord­nun­gen.
Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt, fest­zu­stel­len, dass er ge­gen die Be­klag­te ab dem Zeit­punkt sei­nes Ein­tritts in die ge­setz­li­che Al­ters­ren­te ei­nen An­spruch auf die be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung der Be­klag­ten gemäß der Ver­sor­gungs­re­ge­lung DVer­sor­gungs­ord­nung in der Fas­sung vom 6. De­zem­ber 2007 hat.
- 12 - (2) Es kann da­hin­ste­hen, ob die VO 2007 in un­zulässi­ger Wei­se in be­reits vom Kläger nach der VO 1988 und der nach­fol­gen­den VO 1991 er­wor­be­ne An­wart­schaf­ten ein­greift. Selbst wenn man da­von aus­gin­ge, die VO 2007 führe zu ei­nem nicht ge­recht­fer­tig­ten Ein­griff, weil sie ei­ner­seits die VO 1991 vollständig ablöst, an­de­rer­seits dem Kläger als In­ha­ber ei­ner In­di­vi­dual­zu­sa­ge sei­nen nach den Vorgänger­re­ge­lun­gen der VO 2007 schon er­dien­ten Be­sitz­stand vollständig ent­zieht, hätte dies nicht die Un­wirk­sam­keit von § 2 Abs. 4 VO 2007 zur Fol­ge. Ein un­zulässi­ger Ein­griff ei­ner ablösen­den Be­triebs­ver­ein­ba­rung in ei­nen bis zum Ablösungs­stich­tag be­reits er­dien­ten und ent­spre­chend § 2 Abs. 1, Abs. 5 Satz 1 Be­trAVG er­mit­tel­ten Teil­be­trag so­wie in die wei­te­ren dienst­zeit­abhängi­gen, noch nicht er­dien­ten Zu­wachs­ra­ten führt nach den Grundsätzen des Ver­trau­ens­schut­zes und der Verhält­nismäßig­keit le­dig­lich da­zu, dass die Ablösung in­so­weit un­wirk­sam ist. Dies hat zur Fol­ge, dass sich die Ver­sor­gung des Ar­beit­neh­mers wei­ter­hin nach der vor­her­ge­hen­den Ver­sor­gungs­ord­nung rich­tet, auf de­ren Fort­be­stand er ver­traut hat und ver­trau­en durf­te. Für den Kläger wäre dies die VO 1991. Ansprüche auf Leis­tun­gen nach der VO 1991 sind, wie der Wort­laut des Kla­ge­an­trags so­wie die da­zu ge­ge­be­ne Be­gründung zeigt, je­doch nicht streit­ge­genständ­lich. Im Hin­blick hier­auf kommt es auch nicht dar­auf an, ob der in § 2 Abs. 4 VO 2007 ge­re­gel­te Aus­schluss von Ar­beit­neh­mern mit In­di­vi­dual­zu­sa­ge aus dem persönli­chen Gel­tungs­be­reich der VO 2007 schon - wie von der Be­klag­ten erst­mals in der Re­vi­si­on vor­ge­tra­gen - in ei­ner Vorgänger­fas­sung der VO 2007 vom 15. No­vem­ber 2004 ent­hal­ten war.
- 13 - zielt dar­auf ab, ei­ne Gleich­be­hand­lung von Per­so­nen in ver­gleich­ba­ren Sach-ver­hal­ten si­cher­zu­stel­len und ei­ne gleich­heits­wid­ri­ge Grup­pen­bil­dung aus­zu­sch­ließen. Sind für ver­schie­de­ne Ar­beit­neh­mer­grup­pen un­ter­schied­li­che Rech­te oder Pflich­ten vor­ge­se­hen, ver­langt der Gleich­heits­satz, dass die­se Dif­fe­ren­zie­rung sach­lich ge­recht­fer­tigt ist. Bei ei­ner per­so­nen­be­zo­ge­nen Un­gleich­be­hand­lung ist der Gleich­heits­satz be­reits dann ver­letzt, wenn ei­ne Grup­pe von Nor­madres­sa­ten im Ver­gleich zu an­de­ren Nor­madres­sa­ten an­ders be­han­delt wird, ob­wohl zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Un­ter­schie­de von sol­cher Art und sol­chem Ge­wicht be­ste­hen, dass sie die un­glei­che Be­hand­lung recht­fer­ti­gen könn­ten (vgl. et­wa BAG 10. No­vem­ber 2015 - 3 AZR 576/14 - Rn. 21 mwN). Maßgeb­lich ist in­so­weit vor al­lem der Re­ge­lungs­zweck. Die­ser muss die Grup­pen­bil­dung recht­fer­ti­gen. Ge­recht­fer­tigt ist ei­ne Grup­pen­bil­dung, wenn sie ei­nem le­gi­ti­men Zweck dient und zur Er­rei­chung die­ses Zwecks er­for­der­lich und an­ge­mes­sen ist. Der Dif­fe­ren­zie­rungs­grund muss die in der Re­ge­lung ge­trof­fe­ne Rechts­fol­ge tra­gen (vgl. BAG 16. Fe­bru­ar 2010 - 3 AZR 216/09 - Rn. 31, BA­GE 133, 158 so­wie für den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz BAG 15. No­vem­ber 2011 - 3 AZR 113/10 - Rn. 45).
- 20 - 4. Die Kla­ge ist auch nicht des­halb ab­wei­sungs­reif, weil künf­ti­ge Ansprüche des Klägers aus der VO 2007 nach Nr. 8 der Vor­ru­he­stands­ver­ein­ba­rung er­lo­schen wären. Ob die­se Re­ge­lung über­haupt Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung er­fasst, kann of­fen­blei­ben. Selbst wenn man dies annähme, wären mögli­che Ansprüche des Klägers aus der VO 2007 nicht er­lo­schen, da Nr. 8 der Vor­ru­he­stands­ver­ein­ba­rung we­gen Ver­s­toßes ge­gen § 3 Abs. 1 Satz 1 Be­trAVG nach § 134 BGB un­wirk­sam wäre. § 3 Abs. 1 Satz 1 Be­trAVG ver­bie­tet nicht nur die Ab­fin­dung ei­ner un­ver­fall­ba­ren Ver­sor­gungs­an­wart­schaft durch ei­ne ein­ma­li­ge Zah­lung, son­dern auch den entschädi­gungs­lo­sen Er­lass ei­ner Ver­sor­gungs­an­wart­schaft in Ver­ein­ba­run­gen, die im Zu­sam­men­hang mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­trof­fen wur­den (vgl. BAG 17. Ju­ni 2014 - 3 AZR 412/13 - Rn. 50 mwN).
- 22 - nicht zur An­wen­dung, da die Nor­men der Be­triebs­ver­ein­ba­rung sie für die Zeit ih­rer Wir­kung ver­drängen (vgl. BAG 15. Fe­bru­ar 2011 - 3 AZR 54/09 - Rn. 54; 21. Sep­tem­ber 1989 - 1 AZR 454/88 - zu IV 3 der Gründe, BA­GE 62, 360). Dies gilt un­abhängig da­von, ob die ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung vor oder nach Ab­schluss der Be­triebs­ver­ein­ba­rung ge­trof­fen wor­den ist (vgl. BAG 21. Sep­tem­ber 1989 - 1 AZR 454/88 - zu IV 3 der Gründe, aaO; 28. März 2000 - 1 AZR 366/99 - zu II 2 a der Gründe, aaO).
- 26 - V. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird auch über die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zu ent­schei­den ha­ben.
Zwan­zi­ger Ah­rendt Wem­heu­er
Schmalz Xa­ver Aschen­bren­ner	m.hensche.de
zur Übersicht 3 AZR 134/15 Kontakt

References: § 15

§ 17
 § 2
 Art. 3
 § 77
 § 2
 § 2
 § 2
 § 3
 § 134
 § 3