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Timestamp: 2018-05-25 03:23:01+00:00

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Joseph W. A. Hickson - Der Kausalbegriff in der neueren Philosophie [2/2]
Kant und Hume R. Schellwien M. Schlick von Aster B. Erdmann A. Riehl
JOSEPH W. A. HICKSON
Der Kausalbegriff
"Es ist ein Verdienst John Stuart Mills, zuerst in klarer und überzeugender Weise nachgewiesen zu haben, daß niemals bloß eine einzelne Ursache, sondern immer eine Mehrheit von solchen oder eine ganze Kombination von Bedingungen bei der Entstehung einer Wirkung beteiligt sind."
"Wo soll man nun aufhören beim Aufsuchen nach positiven Bedingungen, nach dem Inbegriff aller möglichen Begebenheiten, aus welchem die Wirkung folgt? Was ist alles Vorausgehende? Wie und wann können wir sicher sein, alle die Bedingungen eines Ereigenisses aufgezählt, die Totalität der Ursachen in einem besonderen Fall erreicht zu haben?"
"Da nach Kant die wissenschaftliche Erfahrung, nur durch die Vorstellung einer notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmung möglich ist, welche allein durch gewisse allgemeingültige Prinzipien hergestellt werden kann, so mußte die Auffassung der Bedeutung und des Wertes des Kausalprinzips, als einer der notwendigen Bedingungen dieser Erfahrung, sehr wesentlich von derjenigen Humes abweichen, die das Stattfinden allgemeiner objektiver Wahrheiten oder die Möglichkeit eines Zusammenhangs besonderer Erfahrungen anders als vermöge irrationaler Regeln der Gewöhnung und Vorstellungsassoziation nicht anerkannte."
"Der Kausalsatz ist als ein notwendiger und allgemeingültiger anzusehen, weil er den Zusammenhang der Veränderungen in der Natur verbürgt. Das Motiv, welches zur Behauptung der Notwendigkeit einer solchen Verknüpfung führt, wurzelt aber im Begriff der Erfahrung, deren Möglichkeit das Prinzip aller objektiv gültigen Synthesis der Wahrnehmungen durch Begriffe bildet."
Nachfolger Humes -
Brown und John Stuart Mill
Die unmittelbaren schottischen und englischen Nachfolger HUMEs haben ebensowenig dazu beigetragen, den von ihm entwickelten Kausalbegriff zu verbessern, wie sie überhaupt imstande waren, die Bedeutung seiner Erörterung des ganzen Kausalproblems zu verstehen. Statt einer Berichtigung seiner Ansichten trat, da der Zielpunkt seiner Kritik mißverstanden wurde, eine Verschlechterung derselben ein (1).
I. Wir übergehen hier die Äußerungen REIDs und DUGALD STEWARTs, um diejenige eines in dieser Hinsicht HUME etwas näherstehenden Denkers zu besprechen, der eine weitläufige Abhandlung über das Thema der Kausalität geschrieben hat und dabei HUMEs Ansichten verbessern wollte (2).
Nach THOMAS BROWN ist eine Ursache irgendein Objekt, welches einer Veränderung vorangeht und worauf zu aller Zeit unter denselben und ähnlichen Umständen eine ähnliche Veränderung eintritt oder eintreten wird. "Priorität, die in einer Reihenfolge festgestellt wird und Unveränderlichkeit in Bezug auf das Vorhergehende der Vergangenheit und auf zukünftige zu beobachtende Reihenfolgen sind die Elemente und zwar die einzigen Elemente in der Vorstellung einer Ursache." (3) Eine Ursache ist daher einfach ein unveränderliches Vorausgehendes; eine Wirkung eine unabänderliche oder beständige Konsequenz. Der Begriff der notwendigen Verbindung ist nichts als die Unveränderlichkeit des Vorausgehenden, welches im Glauben an eine Kausalität mit eingeschlossen ist. Wenn Kausalität eine Notwendigkeit der Aufeinanderfolge der Erscheinungen bedeutet, so bedeutet diese einfache Unveränderlichkeit der Gleichförmigkeit der Sukzession, eine beständige Beziehung zwischen gewissen Antezendentien [Vorausgehenden - wp] und Konsequentien [Nachfolgenden - wp], welche, wie es scheint, nicht einmal in zeitlicher oder räumlicher Kontiguität zueinander zu stehen brauchen. Nach BROWNs Ausdrücken müssen sogar bloße unveränderliche Objekte als Ursachen von Veränderungen betrachtet werden können. Von Erklären oder Verstehen dieser Vorgänge kann in erkenntnistheoretischem Sinn BROWN nach nicht gesprochen werden. Seine Auffassung des Kausalverhältnisses enthält immer einen überflüssigen Nebengedanken oder Zusatz, welcher aus der Nichtunterscheidung zweier ganz verschiedener Fragen hervorgeht, wodurch er dann schließlich verführt wird, die Wiederholung einer gleichen Aufeinanderfolge in der Natur für gleichbedeutend mit der Wahrheit des allgemeinen Kausalprinzips selbst zu halten (4).
In noch schwächerer und unverständlicherer Weise kritisiert BROWN ferner die Erklärung HUMEs von der Möglichkeit, aus einem einzigen Fall einen Kausalzusammenhang zu erschließen nach dem Prinzip, daß "ähnliche Ursachen eine ähnliche Wirkung haben", und übersieht, daß dieser Satz nur eine Folgerung aus dem Kausalsatz ist, indem er ihn fälschlicherweise für einen intuitiven hält, dem er das Kausalprinzip selbst unterordnen möchte (5).
Das ganze Buch BROWNs, welches durch seinen Beweis für eine erste Ursache den Ärger SCHOPENHAUERs erregte, scheint uns heutzutage von kaum mehr als historischem Interesse. In demselben ist das Kausalverhältnis so weit verflacht, daß es alle Bedeutung als wissenschaftlicher Forschungsbegriff verloren hat; es fehlen alle genauen Regeln für die Untersuchung des Zusammenhangs der Vorgänge, für die Bestimmung einer ursächlichen Beziehung. Wir haben es nur erwähnt, weil es die Quelle zu sein scheint, woraus eine spätere Lehre in erster Linie entstanden ist, welche doch im ganzen von HUME abhängig ist. Es bildet nämlich den Übergang zu Kausalitätsauffassung JOHN STUART MILLs, der ohne Zweifel durch BROWNs Werke wesentlich beeinflußt worden ist. Verriete es nicht eine Verkennung der größeren Originalität und Bedeutung HUMEs, so würden wir geneigt sein, von einer HUME-BROWN-MILL'schen Kausalitätstheorie zu sprechen. Denn auf demselben erkenntnistheoretischen Boden stehend wie HUME, hat MILL einen Grundsatz logisch zu begründen versucht, welchen der erste Denker (HUME) als nicht philosophisch zu rechtfertigenden ansah, während seine Formulierung des Begriffs des ursächlichen Verhältnisses beinahe genau mit der Auffassung BROWNs übereinstimmt. (6)
II. Was die erste Frage betrifft, so kann es jetzt nach den eingehenden Untersuchungen von JEVONS, KOHN und SIGWART nicht mehr zweifelhaft sein, daß von einem rein empiristischen Standpunkt aus die objektive Wahrheit des allgemeinen Kausalprinzips nicht zu begründen ist; daß MILLs Versuch, das Gegenteil zu zeigen, als vollkommen gescheitert betrachtet werden kann. (7)
Es ist unmöglich, daß die bloße Sammel-Methode der übereinstimmenden Fälle, jene Verfahrensweise durch "enumerationem simplicem ubi non reperitur instantia contradictoria" [Einfache Aufzählung ist nur da möglich, wo es keine widersprüchlichen Beispiele gibt. - wp], welche MILL selbst als prekariös [heikel - wp], ja als unwissenschaftlich und roh bezeichnet hat, die sogar nicht einmal imstande ist, einen Kausalzusammenhang in einem einzelnen Fall zu konstatieren, ausreichen kann, einen Grundsatz zu beweisen, welcher als theoretische Grundlage aller induktiven Methode, selbst sogar dieser Methode der Übereinstimmung dienen muß. Trotz allen Bemühungen MILLs kann er hier schwerlich dem Einwand eines Zirkelbeweises entgehen (8). Außerdem bleibt die Klausel ubi non reperitur instantia contradictoria: es kann nicht sicher sein nach MILLs Verfahrensweise, daß eine solche instantia niemals gefunden werden kann. Es fragt sich nun, ob er für die Bestimmung des Kausalbegriffs mehr geleistet hat, als für die Begründung des allgemeinen Grundsatzes; ob er in dieser Hinsicht eine genauere und bessere Formel aufgestellt hat, als seine empiristischen Vorgänger zu tun vermochten.
Sehr scharf und ganz in Übereinstimmung mit KANT hat MILL betont, daß der Kausalsatz sich allein auf die Verbindung von Veränderungen bezieht, deshalb ist eine wichtige, ja unentbehrliche Bedingung der Anwendung derselben das Gegebensein von Regelmäßigkeiten der Dinge, näher gesagt von unveränderlichen Sukzessionen (9).
Aber es ist nicht genügend, wie er gegen BROWN richtig bemerkt, daß eine Aufeinanderfolge von Ereignissen unveränderlich ist, sie muß außerdem auch unbedingt sein; denn sonst könnten regelmäßige Sukzessionen von Erscheinungen als Kausalverhältnisse angesehen werden, welche gar nicht als ursächliche Beziehungen zu betrachten wären, daß sie von anderen Umständen zugleich bedingt sein können. Die Unbedingtheit der Sukzession ist daher das eigentliche Merkmal eines Kausalzusammenhangs und wird von MILL als gleich der Notwendigkeit der Verknüpfung gesetzt (1). Kausalität ist daher unbedingte, unveränderliche Sukzession oder wie er einmal das Zeitverhältnis berücksichtigen erklärt, unmittelbare, unveränderliche und unbedingte Aufeinanderfolge (11). Hiernach ist die Ursache irgendeiner Erscheinung "das Antezedens oder eine Zusammensetzung von Antezendenzien, auf welche dieselbe unabänderlich und unbedingt folgt." Und an einer anderen Stelle wird die philosophisch definiert als "die Totalsumme aller negativen und positiven Bedingungen zusammen genommen, die Gesamtheit des Kontingents jeder Beschreibung, die als Konsequenz unveränderlich folgend erkannt wird." (12) Es ist ein Verdienst MILLs, zuerst in klarer und überzeugender Weise nachgewiesen zu haben, daß niemals bloß eine einzelne Ursache, sondern immer eine Mehrheit von solchen oder eine ganze Kombination von Bedingungen bei der Entstehung einer Wirkung beteiligt sind. (13)
Es ist aus den Ausführungen MILLs klar, daß er hiermit eine Sicherheit der Erkenntnis im Auge hatte, welche bei HUME vollständig fehlte, daß er mit diesem Merkmal der Unbedingtheit einen festen Maßstab zur objektiven Bestimmung eines Kausalverhältnisses zu besitzen glaubte. Wie steht es nun mit der Verwertung derselben? Sobald nach den näheren Bestimmungen gefragt wird, wodurch eine unbedingte von einer bedingten Sukzession oder ein Kausalsatz von einer bloßen regelmäßigen Aufeinanderfolge unterschieden werden soll, so werden wir auf die Erfahrung verwiesen, wodurch die Unterscheidung allein möglich ist. Und fragen wir weiter nach den Kriterien dieser Erfahrung, so gibt es hierauf keine entschiedene Antwort. Das von MILL mit Nachdruck betonte Merkmal der Unbedingtheit läßt uns vollständig im Stich. Denn wenn die Erfahrung uns darüber belehren sollte, daß eine Regelmäßigkeit der Erscheinung bedingt, eine andere dagegen unbedingt ist, so ist leider von MILL als Nachweis hierfür nur die Tatsache angeführt, daß mit dem Bekanntwerden der Dinge gewisse Folgeerscheinungen, die früher für unbedingt gehalten wurden, so später als zufällige, d. h. nicht kausalbedingte Sukzessionen herausstellen, oder daß komplizierte Aufeinanderfolgen sich in einfachere Beziehungen auflösen lassen, wovon sie in letzter Linie abhängig sind. Damit ist aber nur gezeigt, daß die Erfahrung uns die Bedingtheit gewisser Sequenzen lehrt, nicht aber, daß irgendeine in dem Sinne unbedingt ist, daß sie einen wirklich einfachen, nicht weiter zu erklärenden Kausalzusammenhang darstellt. So oft MILL den Unterschied zwischen Fällen von bedingten und unbedingten Sukzessionen hervorgehoben hat, so hat er doch nicht bemerkt, daß mit einer bloß negativen Bezeichnung, wie "unbedingt", gar kein Kausalverhältnis angezeigt oder konstatiert werden kann. Der Begriff der unbedingten Sequenz ist an und für sich von keiner regulativen oder heuristischen Bedeutung, er ist nichts weiter als eine bloße verbale Distinktion, die absolut nichts dazu beitragen kann, irgendeinen Fall von ursächlicher Beziehung in objektiver Weise zu bestimmen (14). In der Tat hat MILL die Unterscheidung zwischen bedingter und unbedingter Sequenz niemals wissenschaftlich verwertet, noch, wie wir behaupten, von seinem Standpunkt aus verwerten können. Sie verwandelt sich im Laufe seiner Untersuchungen in einen bloß graduellen oder fließenden Unterschied (15). Dies ist ganz begreiflich, denn sein Empirismus hat ihm vor allen axiomatischen Behauptungen nicht erlaubt, irgendein positiv apriorisches oder logisches Kriterium hier anzuführen, und so konnten die Tatsachen allein keinen Anhaltspunkt bieten, von wo aus die von ihm angestrebte scharfe Unterscheidung zwischen bloßer zufälliger Aufeinanderfolge und wirklichen Verknüpfungen der Erscheinungen gemacht werden konnte. Wenn er also an COMTE und anderen Denkern getadelt hat, daß sie nicht zwischen der Bedeutung der Behauptung: B folgt auf A und A ist die Ursache von B, zwischen einem post hoc [danach - wp] und propter hoc [deswegen - wp] zu unterscheiden vermöchten, so hat er selbst so gut wie nichts beigetragen, um diese Hauptfrage der induktiven Methodenlehre zu lösen. Er hat nie ein einigermaßen sicheres Kriterium eines Naturgesetzes angegeben, welches als ein leitendes Prinzip bei der von ihm selbst gekennzeichneten letzten Aufgabe der Naturforschung dienen konnte, nämlich die Bestimmung der einfachsten und ursprünglichsten Gesetze, aus welchen, eine bestimmte "Kollokation [Anordnung - wp] der Ursachen" vorausgesetzt, die ganze "Ordnung der Natur" deduziert werden kann.
Mit der anderen, sehr nahe mit der obigen Bestimmung zusammenhängenden Definition, welche MILL angeführt hat, steht es nicht besser. Aus derselben geht wiederum die ganze negative und bloß halb treffende Charakterisierung des Kausalverhältnisses hervor, welche durch MILLs ganz Erörterung der wissenschaftlichen Methoden hindurchgeht.
Aus der Möglichkeit, daß alle Ursachen bei der Hervorbringung ihrer Wirkungen durch andere Ursachen verhindert oder neutralisiert sein können, hat er merkwürdigerweies die Unbedingtheit einer Aufeinanderfolge in der Abwesenheit aller negativen Bedingungen zu finden gesucht. Wenn aber gesagt wird, eine Ursache sei der Inbegriff aller derjenigen positiven und negativen Bedingungen, der Inbegriff aller möglichen Begebenheiten, auf welche der Erfolg eintritt, wie ist eine solche Definition zu handhaben? Was sind die negativen Bedingungen? Summieren sie sich mit den positiven? Sind sie überhaupt alle angebbar? Mill sieht, daß dies unmöglich oder "unbequem" sein würde; deshalb schlägt er vor, sie alle unter einen Begriff zu subsumieren, nämlich die Abwesenheit von verhindernden oder gegenwirkenden Ursachen. Aber was bedeutet das? Und was kann man hiermit anfangen? Abgesehen von der Unklarheit, welche sich in der Vorstellung von abwesenden Umständen verrät, die, da sie nicht vorhanden sind, das Resultat nicht beeinflussen können, deren Heranziehung daher eigentlich überflüssig ist, so scheint die ganze Bestimmung ihrer Leerheit wegen unbrauchbar zu sein, wenn nicht sogar eine bloße Tautologie zu enthalten. Denn würde dieser Begrif, auf einen speziellen Fall angewandt, mehr sagen als "dieses Ereignis ist deshalb jetzt eingetreten, weil nichts vorhanden war, das sein Eintrten zu verhindern imstande war"? Hat man aber ein sicheres Mittel, ein Kausalverhältnis zu bestimmen, so brauch man nicht mehr die negativen Bedingungen in Erwägung zu ziehen. Sind solche vorhanden, so hat man natürlich nicht länger mit derselben Ursache oder Kombination von Bedingungen zu tun; daraus aber kann kein Schluß in Bezug auf die Bedingtheit oder Unbedingtheit des Verhältnisses gezogen werden!
Wo soll man nun aufhören beim Aufsuchen nach positiven Bedingungen, nach dem "Inbegriff aller möglichen Begebenheiten", aus welchem die Wirkung folgt? Was sind alle Antezendentien? Wie und wann können wir sicher sein, alle die Bedingungen eines Ereigenisses aufgezählt, die "Totalität der Ursachen" in einem besonderen Fall erreicht zu haben? Mill hält sie gewiß für erschöpfbar, hat aber niemals ein Mittel vorgeschlagen, wonach dies zu beurteilen wäre. Es fehlt ihm ganz und gar an einem Prinzip, welches in dieser Hinsicht eine Anweisung enthalten würde, wonach wir die Angabe der Umstände für vollständig halten und damit unsere Untersuchung des betreffenden Falls abschließen dürften mit der begründeten Überzeugung, zu einem ganz sicheren Ergebnis gelangt zu sein. Aus diesem Grund ist er nicht imstande gewesen, seine durchaus richtige Korrektur der populären Ansicht, welche ausschließlich im unmittelbarsten Antezedens die wirkliche Ursache einer Erscheinung sieht, und seine eigene scharfe Unterscheidung zwischen der vollständigen Ursache und dem nächsten Anlaß eines Ereignisses durchzuführen, und er hat sie deshalb später als praktisch unwesentlich vernachlässigt. Man kann wiederholt bemerken, wie Mill über den gewöhnlichen Kausalbegriff hinauszukommen versuchte, und zugleich, wie seine empiristische Grundüberzeugung, die alle logischen Forderungen für metaphysische Vorurteile hält und verwirft, ganz lähmend auf seinen Versuch einwirkte. (16)
Charakteristisch ist in dieser Hinsicht für seine schwankende Stellung zwischen einer rationalistischen und rein positivistischen Auffassungsweise auch seine Ablehung des Axioms, daß die Ursache immer ihrer Wirkung proportion sein muß, weil seine Durchführung mit großer Schwierigkeit verknüpft ist. Der Satz gilt, meint er, nur da, wo Wirkung und Ursache gleichartiger Natur sind oder das Prinzip der Zusammensetzung der Ursachen gilt, nicht aber, wo verschiedene oder heterogene Ursachen zu einem heterogenen Effekt zusammengebracht sind, z. B. in der Chemie, wo eine neue Substanz hervorgebracht werden kann, welche andere Eigenschaften besitzt oder anderen Gesetzen unterworfen ist, als denen der Stoffe, aus welchen sie zusammengesetzt ist. MILL meint offenbar, daß jenes Axiom nur für das Gebiet der Mechanik in Bezug auf die Bewegungsvorgänge gilt (17). Aus seinen Beispielen scheint es klar zu sein, daß er durch die Unterschiede der Empfindungsqualitäten oder bloße äußerliche, den Sinneswahrnehmungen auffallende Zustände des Körpers, dessen quantitative Verhältnisse er außer acht läßt, sich gänzlich leiten läßt. In anderen Fällen wird zwischen den Eigenschaften oder gesetzmäßigem Verhalten einer hervorgebrachten Wirkung und der gesetzmäßigen Beziehung des eigentlichen Vorgangs der Veränerung selbst eine Verwechslung begangen. Gelegentlich wendet MILL seinen Kausalitätsbegriff auf das bloße Geschehen, ein anderes Mal ganz richtig auf die Veränderungen innerhalb des Geschehens an (18). Entgegen allen seinen eigenen Warnungen werden doch zuweilen die permanenten Umstände, die eigentliche Ursache, und das bloß veranlassende Antezedens, die "negativen Bedingungen", nicht auseinandergehalten, und werden letzte unveränderliche Eigenschaften oder Merkmale eines Körpers oder einer Klasse von Körpern sogar der eigentliche Vorgang selbst, als Ganzes betrachtet, als die Ursache bzw. als die Wirkung aufgefaßt, wodurch eine heillose Verwirrung bei seinen methodischen Ausführungen notwendig entstehen mußte und tatsächlich entstanden ist. (19) Ein großer Teil von MILLs theoretischen Erörterungen der naturwissenschaftlichen Methoden wird in dieser Hinsicht durch seine darauffolgende Verfahrensweise vollständig aufgehoben oder zunichte gemacht.
Im Ganzen kann man von seiner Auffassung der Verknüpfung der Erscheinungen sagen, daß sie unter der gewöhnlichen Schwäche leidet, welche MILL mit BACON und HUME teilt, nämlich der Vernachlässig aller genauen quantitativen Bestimmungen der Phänomene. Aus diesen Gründen allein, wenn nicht aus anderen, würde seine verschiedene experimentelle Methode so wenig wie die Regeln HUMEs imstande sein, zu Kausalzusammenhängen der Dinge zu führen (20). Trotz allen gegenteiligen Bemerkungen MILLs ist sein Kausalbegriff ein ganz schwankender geblieben und eben deshalb ist er unbrauchbar. Seine öfter hervortretende Hilflosigkeit ist die einfache und notwendige Folge seiner Unbestimmtheit. Diese letztere Eigenschaft ist die Konsequenz seiner absurden Scheu vor allen axiomatischen Behauptungen über das Verhalten der wirklichen Dinge. Wer aber ohne einen Leitfaden des Denkens die in der Erfahrung gegebenen Regelmäßigkeiten der Aufeinanderfolge oder angebliche Fälle von Kausalität untersucht, um daraus das gemeinsame Merkmal durch ein bloßes generalisierendes oder abstrahierendes Verfahren zu gewinnen, wird kaum jemals zu einem übereinstimmenden, abschließenden oder allgemein gültigen Ergebnis gelangen. Die scheinbaren Unterschiede solcher Fälle, wie sie in der bloße planlosen Beobachtung gegeben werden, können nicht anders als verwirrend und verführend wirken.
In einer Besprechung der Bedeutung der Lehre von der Erhaltung der Kraft für den Kausalitätsbegriff kommt MILL zu dem Ergebnis, daß dieselbe weder einen neuen Kausalbegriff einführt, noch eine Modifikation seiner Ansichten wünschenswert macht. (21) Diese Lehre setzt uns nur in die Lage, die Natur und Gesetze einiger der Verbindungen der Erscheinungen besser als früher zu verstehen. Und
"dieses bessere Verständnis erlaubt uns ... als eines der Kriterien eines ursächlichen Zusammenhangs die Verausgabung oder Übertragung von Energie zu erkennen. Wenn die zu erklärende Wirkung eine materielle Bewegung ist, dann hat ein jedes anwesende Objekt, welches Bewegung verloren hat, zur Erzeugung der Wirkung beigetragen." (22)
Wäre aber nicht aus dieser Behauptung möglicherweise eine Berichtigung seiner Lehre, ein Hilfsmittel zur genaueren Bestimmung seiner früheren Auffassungen zu erzielen? Liegt nicht der Gedanke nahe, daß die verlorene und die gewonnene Energie möglicherweise eine bestimmte Größe bilden, daß ein quantitatives Verhältnis zwischen beiden vorhanden ist, vermöge dessen eine Ursache durch die Wirkung genau zu bestimmen wäre? Durch die weitere Verfolgung dieser Idee wäre es MILL vielleicht klargeworden, daß weder die Zahl der Bedingungen einer Wirkung beliebig groß sein konnte, noch ihre Feststellung eine Sache der bloßen Praxis statt der Logik; daß es ferner nicht, zumindest nicht bei wissenschaftlichen Untersuchungen, in unserem Belieben steht, eine bloß "genügende" Anzahl von Umständen zu berücksichtigen, dagegen andere ihrer sogenannten "praktischen Unwichtigkeit" wegen außer acht zu lassen. Schließlich wäre es zu überlegen gewesen, ob nicht die Gewinnung einer exakten quantitativen Beziehung zwischen regelmäßigen Antezedenzien und Konsequentien das Mittel bildet, wodurch man aus dem Gebiet der "bedingten" zur "unbedingten" Sukzession hinausgeführt werden konnte.
Wie weit MILL aber entfernt war, den wirklichen Sinn des Prinzips der Erhaltung der Energie für das Kausalproblem und seine Bedeutung als eines Leitsatzes zur Aufsuchung von Kausalzusammenhängen zu würdigen, beweist seine Äußerung, daß
"unser Wille unsere körperlichen Bewegungen in demselben und keinem anderen Sinn verursacht, als Eis durch Kälte oder als die Explosion des Schießpulvers durch einen Funken hervorgebracht wird." (23)
Und dies wird behauptet, obwohl MILL weiß, daß das Wollen weder das mittelbare, noch das unabänderliche, geschweige denn notwendige Antezedens der Körperbewegung ist. Es wird deshalb höchst unwahrscheinlich, sogar nach seiner eigenen empiristischen Auffassung, daß ein ursächliches Verhältnis hier vorhanden sein kann. Gerade dieses Beispiel zeigt in vorzüglicher Weise, wie der Versuch, durch die Erfahrung allein ein festes Kriterium des Kausalverhältnisses zu gewinnen, mit sich selbst in Schwierigkeiten gerät. Diese Äußerung MILLs beweist außerdem einen Mangel an tieferem Eindringen in das Kausalproblem, und daß er hierin keinen prinzipiellen Schritt über HUME hinausgetan hat. Sowenig wie die bloße Anschauung allein zur richtigen Auffassung der Bewegung der Himmelskörper führen kann, ebensowenig kann sie in Bezug auf den Kausalzusammenhang der Dinge ausschließlich maßgebend sein.
Es ist schon am Anfang dieser Abhandlung bemerkt worden, daß der negative Teil der HUMEschen Kausalitätslehre zu den vorbereiteten Bedingungen der kantischen gehört, daß KANT mit der anti-metaphysischen Kritik der Idee der notwendigen Verknüpfung durchaus einverstanden war, daß er ferner mit HUME der Meinung war, daß die besonderen Kausalsätze allein aus der Erfahrung, d. h. durch Beobachtung und Experiment, gewonnen werden können (24). So sehr er aber doch auch mit HUME überzeugt war, daß gerade, weil das Kausalverhältnis ein Realverhältnis ist, dasselbe niemals anders als synthetischer Natur sein kann, und deshalb, wie wir sahen, die Gültigkeit des Prinzips niemals durch einen rein logischen Grundsatz der analytischen Urteile gesichert werden könnte, ebenso entschieden lehnt er die weiteren Folgerungen HUMEs ab, wonach das Prinzip seine eigene Basis in der bloßen Erfahrung und in einem irrationalen Trieb finden soll.
Die Wahrheit oder objektive Gültigkeit des Satzes, alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetz der Verknüpfung von Ursache und Wirkung, oder alle Veränderungen stehen in einem durchgängigen Zusammenhang miteinander, kann deshalb, meint KANT, nicht auf Erfahrung allein beruhen, weil damit seine Allgemeingültigkeit nie über allen Zweifel erhoben werden könnte. Denn die Erfahrung im Sinne von Beobachtungen und Experimenten zeigt nie die Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit, sondern höchstens komparative Gültigkeit oder Wahrscheinlichkeit. Aber es soll gerade das erste in Bezug auf dieses Prinzip gezeigt werden, denn dasselbe bildet die logische Grundlage all derjenigen wissenschaftlichen Sätze, die auf die Verbindungen von Veränderungen der Erscheinungen ausgehen, welche Meinung auch ein Empirist, wie MILL, später in sehr unzweideutiger Weise seiner Theorie der Induktion zugrunde legte. (25) Daher ist dasselbe nach KANT nicht ein synthetischer Satz a posteriori, wie HUME meint, sondern vielmehr ein solcher a priori. Statt ein Ergebnis der Erfahrung in oben bestimmtem Sinn zu sein, bildet dasselbe umgekehrt eine Bedingung sine qua non [ohne die nicht - wp], daß es eine Erfahrung gibt.
Dieser Unterschied zwischen den positiven Teilen der Lehre der beiden Denker wird durch eine Verschiedenheit in der Bedeutung des Begriffs der Erfahrung bedingt.
Der Begriff der Erfahrung ist bei Hume ein rein empirischer; bei Kant ist er ein rationaler Begriff. Was beim ersteren Denker schon Anfang und Ende bildet, liefert für den letzteren nur den Anfang. Die Erfahrung im Humeschen Sinne enthält nur die Mittel zur Erreichung des Zieles, welches durch Kants Begriff der Erfahrung aufgestellt wird, nämlich eines Ganzen oder Systems von notwendigen Gesetzen der Erscheinungen (26). Die kantische Auffassung soll ein vollständiger Begriff dessen sein, was tatsächlich in den Wissenschaften vorliegt und von ihnen angestrebt wird, aber nicht aus den von Hume anerkannten Grundlagen folgt. Da die Erfahrung in diesem Sinne, die wissenschaftliche Erfahrung, nur durch die "Vorstellung einer notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmung möglich ist", welche allein durch gewisse allgemeingültige Prinzipien hergestellt werden kann, so mußte hiernach die Auffassung der Bedeutung und des Wertes des Kausalprinzips, als einer der notwendigen Bedingungen dieser Erfahrung, sehr wesentlich von derjenigen Humes abweichen, die das Stattfinden allgemeiner objektiver Wahrheiten oder die Möglichkeit eines Zusammenhangs besonderer Erfahrungen anders als vermöge irrationaler Regeln der Gewöhnung und Vorstellungsassoziation nicht anerkannte. Deshalb, während der letztere Denker die Quelle und Basis des Prnizips allein in der bisherigen Erfahrung zu finden glaubte und dabei nur seine subjektive, auf Gewohnheit beruhende Notwendigkeit, besser gesagt Nötigung zu erklären suchte und sowohl die Möglichkeit einer objektiven Begründung derselben als das Vorhandensein rationaler Verknüpfungen der Erscheinungen leugnete, so will Kant umgekehrt die Beständigkeit und Sicherheit der Erfahrung eben aus diesem Prinzip folgern, wobei es ihm, da es sich nicht um eine Erfahrung in bloß subjektivem Sinn von wiederholten Wahrnehmungen handelt, sondern auf die Begründung der objektiven Wahrheit oder Notwendigkeit derselben ankam. Was Hume daher in dieser Hinsicht für unmöglich hielt, das machte Kant zu seinem eigentlichen Problem. (27)
Der Kausalsatz ist als ein notwendiger und allgemeingültiger anzusehen, weil er den Zusammenhang der Veränderungen in der Natur verbürgt. Das Motiv, welches zur Behauptung der Notwendigkeit einer solchen Verknüpfung führt, wurzelt aber im Begriff der Erfahrung, deren Möglichkeit das Prinzip aller objektiv gültigen Synthesis der Wahrnehmungen durch Begriffe bildet. (28) Es gilt in Bezug auf die Möglichkeit dieser Erfahrung, daß die Analogien oder synthetischen Grundsätze, darunter die Prinzipien der Substanz und Kausalität, die an und für sich nicht von selbst evidenter Natur sind, weder logische, noch mathematische Notwendigkeit hben, den Charakter der Notwendigkeit bekommen. Diese Analogien oder Grundsätze sind
"nichts weiter als Prinzipien a priori der Möglichkeit der Erfahrung, und auf diese beziehen sich alle synthetischen Sätze a priori, ja ihre Möglichkeit beruth selbst gänzlich auf dieser Beziehung". (29)
Wegen der Aufgabe, eine einheitliche, nach allgemeingültigen Sätzen geregelte Erfahrung zustande zu bringen, und deshalb allein sind jene Prinzipien der Kausalität und Substanz Grundsätze a priori, d. h. notwendig und allgemeingültig. (30)
Die Analogien der Erfahrung sind daher Regeln, nach welchen aus Wahrnehmungen eine Einheit der Erfahrung entspringen soll: sie enthalten die Regeln a priori der allgemeinen Zeitbestimmungen, unter welchen die Zeitverhältnisse aller Wahrnehmungen stehen müssen. Sie betreffen die Verhältnisse der Erscheinungen zueinander in der Zeit, die durch sie objektiv bestimmt werden soll, unabhängig davon, was für Gegenstände hierbei gegeben werden können. Sie gelten aber bloß regulativ, nicht konstitutiv. (31) Denn es wird nicht durch sie a priori gesagt werden können, "welche andere und wie große Wahrnehmung, sondern wie sie, dem Dasein nach, in diesem Modus der Zeit mit jener notwendig verbunden ist." (32) Die Grundsätze a priori sind deshalb nicht selbst Naturgesetze, sondern verbürgen die allgemeine Gesetzlichkeit der Natur. Sie sind vielmehr Leitfäden, um Naturgesetze zu suchen. Die Naturgesetze sind dagegen die in Quantitätsbestimmungen ausdrückbaren, zwischen den veränderlichen Erscheinungen der Natur unveränderlich geltenden Beziehungen, deren logische Bedingung oder Möglichkeit gerade durch diese Analogien oder Grundsätze a priori ausgedrückt wird. (33) Diese letzteren enthalten die logische Bedingung sine qua non solcher sicheren Erfahrungsverhältnisse.
Von diesen Grundsätzen nun ist derjenige der Beharrlichkeit der Substanz das oberste und erste Prinzip der Natur, weil durch ihn allein die Einheit der Zeit, folglich auch der Erfahrung, begründet werden kann. Der Wechsel der Erscheinungen selbst ist nicht verständlich ohne die Vorstellung eines Etwas, welches diesem zugrunde liegt und bei aller Veränderung beharrlich bleibt. Der Gedanke der Veränderung ist nicht faßbar ohne den Gedanken eines Etwas, welches im Verhältnis zur Veränderung unverändert oder permanent bleibt. Beharrung und Wechsel bedingen sich daher gegenseitig. Nur im Beharrlichen sind Zeitverhältnisse möglich. Fiele aber die Einheit dieses Substrats der Erfahrung weg, d. h. wäre damit die Möglichkeit einer einheitlich zusammenhängenden Erfahrung zugleich aufgehoben. Das Beharrliche an den Erscheinungen, das Substrat aller Zeitbestimmungen, ist die Bedingung der Möglichkeit aller synthetischen Einheit der Wahrnehmungen, d. h. der Erfahrung, und kann daher nicht ohne einen Verzicht auf die Möglichkeit einer solchen Erfahrung aufgegeben werden. Die Einheit der Substanz ist daher gleich der Einheit der Natur. Aller Wechsel und alle Veränderung gehört nur zu der Art, wie diese Substanz in der Wahrnehmung bestimmt wird oder bestimmt werden kann. (34) Daß aber das Quantum derselben unveränderlich ist, ist von KANT nicht gezeigt worden, noch kann dies begrifflich bewiesen werden. Man muß vielmehr umgekehrt verfahren und durch den Nachweis der quantitativen Unveränderlichkeit in der Erfahrung zeigen, was in der Natur Substanz ist. (35)
Das Kausalprinzip ist nach KANT derjenige Grundsatz, wodurch die Aufeinanderfolge der Erscheinungen in objektiver Weise, d. h. allgemeingültig und notwendig, bestimmt werden soll: durch dessen Anwendung allein ein notwendiger Zusammenhang zwischen den Gegenständen der Erfahrung "in Anbetracht der Reihe derselben", im Unterschied zu einer Aufeinanderfolge von bloßen Wahrnehmungen, hergestellt werden kann. Und weil dies der Fall ist, weil dasselbe die unerläßliche Bedingung der Bestimmung der objektiven Zeitfolge enthält und dabei erst eine allgemeingültige Sukzession von Wahrnehmungen im Unterschied zu einer bloß subjektiven, auf Regeln der Vorstellungsassoziation beruhenden Folge von Erlebnissen stiftet, so ist es ein notwendiges Prinzip der Erfahrung. In seiner Unentbehrlichkeit als des Prinzips der Erfahrung von objektiver Zeitfolge ist seine Notwendigkeit begründet; darauf laufen schließlich alle die besonderen Beweise KANTs trotz der Verschiedenheit ihres Ausgangspunktes hinaus. (36)
Obwohl nun die besonderen Kausalgesetze allein mittels Beobachtung und Experiment entdeckt werden und nicht außerhalb der Wahrnehmung gegeben werden können, so müssen sie doch alle unter der allgemeinen Form der Kausalität stehen. Das Kausalprinzip ist der Grundsatz der Gesetzlichkeit der Veränderungen überhaupt; es ist die Regel aller Kausalsätze, die eben deshalb durch sein allgemeines Schema bestimmt werden müssen. Damit dies aber möglich ist, ist es von Wichtigkeit, den allgemeinen Kausalbegriff vorher in formaler Weise, d. h. logisch, näher zu bestimmen.
Nun soll die Kausalität eine solche Regel der Bestimmung der objektiven Zeitfolge der Gegenstände der Erfahrung sein, daß in dem, was vorhergeht, die Bedingungen angegeben werden, welche die darauffolgende Begebenheit begreiflich machen. Es soll nach KANT eine Analogie geben zwischen den Verhältnissen der Erscheinungen nach Ursache und Wirkung und den Verhältnissen der Begriffe nach Grund und Folge. Der Zusammenhang der Vorgänge nach dem Schema der Kausalität muß in einer Weise analog derjenigen der Verbindung der Begriffe nach dem Satz vom Grunde im hypothetischen Urteil aufgefaßt werden. Die Ursache soll hiernach als Erkenntnisgrund der Wirkung betrachtet werden, die letztere als die Folge des Grundes, und wiederumg als der Erkenntnisgrund der Ursache dienen. Das Kausalprinzip ist also die Anwendung des Satzes vom Grunde auf die Veränderungen in der Natur (37).
Kausalität der Erscheinungen ist demnach gleichbedeutend mit der Verknüpfung derselben nach dem Satz des Grundes. Denn nur dasjenige, durch welches eine Veränderung gesetzt wird und woraus sie gefolgert werden kann, ist als die wirkliche oder vollständig bestimmende Ursache derselben anzusehen. Die Wirkung muß durch die Ursache notwendig bestimmt sein, eben dadurch wird sie erst erklärt. Die eigentliche Bedeutung des Begriffs der Verursachung ist das auf eine Veränderung notwendige Folgenmüssen einer anderen (38). In der Betonung dieses rationalen Bestandteils oder Moments eines Kausalverhältnisses liegt der wesentlichste Unterschied in der Auffassung des Kausalitätsbegriffs bei KANT im Vergleich mit allen empiristischen Bestimmungsweisen, ein Unterschied, welcher, wie noch hervorgehoben werden muß, in letzter Linie vom Begriff der Erfahrung im oben erwähnten Sinn als Ziel der Erkenntnis abhängig ist.
Die Veranlassung nun zur logischen Gestaltung des Kausalbegriffs muß in der Erfahrung gegeben sein. Der Begriff bezieht sich nicht auf das Dasein der Dinge, sondern auf den Wechsel ihrer Zustände. Die unerläßliche Bedingung seiner Anwendung ist das Vorhandensein einer gewissen Regelmäßigkeit in den Veränderungen der Wahrnehmungen. Soweit ist KANT mit den strengsten Empiristen, wie HUME und MILL, einig.
Denn böte, meint KANT, die Erfahrung, d. h. hier die Wahrnehmung, keinen Anhaltspunkt dar, der eben in einer gewissen, unabhängig vom Subjekt stattfindenden Ordnung der Aufeinanderfolge der Wahrnehmungen besteht, so würde man nie zu einer bewußten Anwendung des Verstandesbegriffs der Ursache gelangen (39). Nichtsdestoweniger enthält dieser etwas anderes und etwas mehr, als in der unmittelbaren Anschauung gegeben wird, als aus den Wahrnehmungen selbst zu abstrahieren wäre. Er bedeutet eine nach einer verständlichen und allgemeingültigen Regel vollzogene Synthesis der aufeinanderfolgenden Erscheinungen. Und eine solche Vereinigung liegt nicht selbst in der Wahrnehmung oder subjektiven Apprehension [Zusammenfassung - wp]. Der Begriff enthält daher ein apriorisches Element, eine Zutat des logischen Bewußtseins, mittels dessen ein nach objektiven Kriterien gestalteter Zusammenhang zwischen sukzessiven Erscheinungen, der über die bloße gewohnheitsmäßige, keine eigentliche Verknüpfung der Dinge bildende Verbindung hinausführt, konstruiert werden soll.
Untersuchen wir nun, wie dieser rationale Zusammenhang näher gekennzeichnet werden kann. Obwohl als Funktion des Denkens der Kausalbegriff a priori sein mag und nicht durch Induktion gewonnen werden kann, so wird es doch, da "die logische Klarheit dieser Vorstellung nach einer Reihe der Begebenheiten bestimmenden Regel nur dann möglich ist, wenn wir davon in der Erfahrung Gebrauch gemacht haben", nötig, die weitere Bestimmung derselben durch seine Anwendung auf das Material der Wahrnehmungen kennenzulernen.
Wie und wann geschieht in der Erfahrung diese von KANT, wie wir glauben, mit Recht verlangte Begründung der Veränderungen? Wie und unter welchen Umständen wird eine solche Beziehung zwischen Erscheinungen gegeben werden, daß dadurch die Ursache sich in einen Erkenntnisgrund verwandelt und ein Schluß auf die Wirkung als Erkenntnisfolge ermöglicht wird? Wir hörten im allgemeinen: Durch die Anwendung des Satzes vom Grunde. Nach welchen Kriterien aber ist es möglich, zu behaupten, daß dieses Verhältnis von Grund und Folge bei wirklichen Veränderungen tatsächlich erreicht wird? Es ist nicht genug, zu behaupten, die Wirkung soll durch die Ursache gesetzt und aus ihr erklärt werden, oder im allgemeinen zu sagen, daß der Kausalbegriff die Idee der notwendigen Verknüpfungen der Veränderungen enthält, oder zu meinen, daß durch die bloße Einschaltung des Begriffs der Ursache ein Wahrnehmungs- in ein Erfahrungsurteilt verwandelt werden könnte; denn wir wollen wissen, wie diese Verknüpfung in einzelnen Fällen bewerkstelligt wird.
Nun möchte ich hier nicht denjenigen Maßstab der Kritik anwenden, dessen sich ein schon genannter Ausleger Kants neuerdings bedient hat, weil ich denselben sowohl für unbrauchbar, wie auch für unzweckmäßig halte; unbrauchbar, weil er überhaupt keinen Maßstab für die Beurteilung eines logisch formalen Begriffs bildet; unzweckmäßig, weil er über das Ziel Kants hinausschießt und deshalb den Denker selbst nicht treffen kann. Jene naturwüchsige Kausalvorstellung, "die im gewöhnlichen Bewußtsein nur dunkel und verworren gedacht (!) wird", von der WARTENBERG ausgeht, wird sich kaum jemals dazu eignen, uns auf "den logisch vollendeten Begriff" zu bringen, um dadurch das Objekt der wissenschaftlichen Untersuchung scharf und bestimmt zu fassen. (40) In der Forderung, daß Kant seinen Kausalitätsbegriff so habe formulieren sollen, daß sich "dessen Inhalt mit der tatsächlichen und allgemein anerkannten Bedeutung der Kausalität im reflexionslosen Bewußtsein deckt", liegt, wie mir scheintm eine Verwechslung vor zwischen einer Kausalvorstellung als dem möglichen Gegenstand einer psychologischen Theorie und einem formalen Kausalbegriff, der ein logisches oder rationales Verhältnis zwischen Erscheinungen begründen soll. Außerdem scheint mir eine solche Forderung ein Mißverständnis von Kants methodischem Verfahren und eigentlicher Aufgabe in dieser Hinsicht zu zeigen. Für Kant kam es darauf an, die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung derart zu gestalten, daß ein begreifliches Verhältnis zwischen beiden vorhanden sein sollte. Es handelt sich deshalb für ihn darum, die allgemeine Form eines jeden Zusammenhangs von Veränderungen, gleichgültig, was der Inhalt der letzteren sein möge, nach dem Begriff der Kausalität a priori festzustellen, um ein rationales Abhängigkeitsschema zu gewinnen, wodurch der Begriff der Verknüpfung der Veränderung in allgemeingültiger Weise bestimmt werden konnte. Und dies kann und soll unabhängig von aller metaphysischer Interpretation des Verhältnisses erreicht werden. Ob ein eigentliches "Bewirken" vorhanden ist und was überhaupt dieser Begriff des Bewirkens, welcher als die Bedingung sine qua non eines Kausalzusammenhangs von Wartenberg in Übereinstimmung mit Sigwart und Lotze und wiederum im Einklang mit der populären Vorstellungsweise betont wird, zu leisten vermag, ob ferner dieser Begriff nicht eigentlich überflüssig wird, wenn einmal der Kausalitätsbegriff in sonst sicherer Weise nach objektiven Kriterien bestimmt wird, lassen wir vorläufig unentschieden, denn dies soll später untersucht werden.
Will man aber an KANT eine "immanente Kritik" üben, so darf man nicht jene ganz unklare und schwankende, gewöhnliche Kausalitätsidee zum Maßstab nehmen, sondern man muß umgekehrt verfahren und fragen, ob er die gewöhnlich und ohne Zweifel verworren gedachte Auffassung so umgestaltet hat, daß dieselbe in ein Verhältnis von logischer oder verständlicher Abhängigkeit übergehen kann? Statt daher in seiner Vernachlässigung jenes Merkmals der "Handlung" einen Fehler zu erblicken, würden wir darin vielmehr einen Vorzug sehen. Die Berührung seiner Lehre mit demselben hat in der Tat nur nachteilig gewirkt, indem er teilweise hierdurch, wie wir jetzt sehen werden, beeinflußt wurde, bei einem durchaus vulgären, inexakten, meistens aus dem Gebiet der Wechselwirkung zwischen Geist und Körper geschöpften Begriffe des ursächlichen Verhältnisses stehen zu bleiben.
Wie hat nun, fragen wir, wiederum KANT seinen Begriff des Kausalverhältnisses als analog demjenigen Grund und Folge der Begriffe durchgeführt? Nach welchen weiteren objektiven Merkmalen muß ein solches Verhältnis in einem einzelnen Fall stattfinden, damit das bloße gewohnheitsmäßige, unmittelbare Antezedens HUMEs in eine zureichende Ursache oder einen Grund des Konsequens verwandelt wird? Was ist eine zureichende Ursache einer Erscheinung? Was ist das Kriterium einer Kausalerklärung?
Wir sind enttäuscht, zu finden, daß KANT hierauf keine Antwort zu geben imstande ist. Im Gegenteil zeigen die Beispiele, wodurch er von Zeit zu Zeit das Kausalverhältnis illustrieren will, daß im einzelnen seine Auffassung desselben nicht weniger unbefriedigend bleibt, als die HUMEs.
Zunächst scheint er durch die dem Kausalprinzip zugeschriebene Funktion der bloßen Regulierung der objektiven Zeitverhältnisse dazu verleitet zu sein, die nähere Bestimmung des Kausalbegriffs zu vernachlässigen, weiterhin durch das Merkmal der Handlung und der damit verknüpften populären Vorstellung von Ursache zu einem unhaltbaren, mit der Funktion des Kausalprinzips durchaus unvereinbaren Begriff des Verhältnisses geführt zu sein. Die von ihm erörterten Fälle lassen hierüber keinen Zweifel bestehen.
Weil das Kausalprinzip der Grundsatz der Bestimmung der objektiven Zeitfolge der Erscheinungen ist und dadurch der Kausalbegriff der bestimmende Grund der Aufeinanderfolge der Veränderungen, so muß im unmittelbar Vorangehenden der Grund des unmittelbar darauffolgenden Vorgangs zu finden sein. Deshalb "ist die Zeitfolge das einzige empirische Kriterium der Wirkung in Beziehung auf die Kausalität der Ursache, die vorhergeht". (41) Es scheint daher, als ob, wie für HUME, so auch für KANT, das unmittelbare Antezendens die Ursache, das unabänderliche Konsequens die Wirkung bildet. Doch äußert sich für KANT hier ein Bedenken, welches durch die Betrachtung gewisser populärer Beispiele, wenn nicht veranlaßt, so doch verstärkt wird. Ein geheizter Ofen und die durch ihn verursachte Zimmerwärme sind zugleich; ein Glas ist die Ursache des Steigens des Wassers über seine Horizontalfläche und doch sind beide koexistierende Erscheinungen (42). Wie läßt sich diese Schwierigkeit auflösen? - wie diese Tatsache mit der Beziehung der Kausalität auf Veränderungen vereinbaren? Nur dadurch, glaubt KANT, daß zwischen der Zeitordnung und dem Zeitverlauf unterschieden und die Kausalität allein auf die erste bezogen wird.
"Der größte Teil der vorhandenen Ursachen in der Natur ist mit ihren Wirkungen zugleich und die Zeitfolge der letzteren wird nur dadurch veranlaßt, daß die Ursache ihre ganze Wirkung nicht in einem Augenblick verrichten kann."
Nichtsdestoweniger, obwohl die
"Zeit zwischen der Kausalität der Ursache und ihrer unmittelbaren Wirkung verschwindend sein kann, bleibt doch das Verhältnis der einen zur anderen immer der Zeit nach bestimmbar." (43)
Die Stubenwärme geht nie dem geheizten Ofen voran, sondern umgekehrt dieser jener. Hiernach scheinen Ursache und Wirkung sowohl koexistierende als auch aufeinanderfolgende Erscheinungen zu sein, indem der Anfang der Kausalität der Ursache gleichzeitig ist mit dem Entstehen der Wirkung, die letztere als Vorgang betrachtet, aber ihrer Ursache nachfolgt. Aber wenn man sogar mit dem letzten zitierten Satz einverstanden ist, so scheint jene Unterscheidung KANTs zwischen Zeitordnung und Zeitverlauf ihm bei der näheren Bestimmung des Verhältnisses wenig hilfreich zu sein. Gerade das Beispiel von einer Kugel, welches gleich darauf folgt, die als Ursache eines auf einem Kissen hervorgebrachten Grübchens und mit dem letzteren, ihrer Wirkung, zugleich ist, zeigt sehr klar diese Ungenauigkeit. Hier ist ein fertiges, unveränderliches Ding, die Kugel selbst, als die Ursache einer Zustandsänderung des Kissens aufgefaßt und wiederum das Glas als ein seiendes Objekt für die Ursache des Steigens des Wassers gehalten (44). Aber dies heißt, etwas Unveränderliches als die Ursache einer Veränderung zu betrachten, was KANT, der den Kausalbegriff allein auf Veränderungen anwenden will, gar nicht behaupten darf; denn er weiß wohl und hat es ausdrücklich betont, daß die Ursache immer selbst eine Veränderung ist, daß die Kausalität der Ursache dessen, was geschieht, auch entstanden sein und wiederum eine Ursache haben muß. Daher ist nicht der Ofen als ein existierendes Ding, sondern der Verbrennungsprozeß im Ofen als die eigentliche Ursache der Erhöhung der Zimmertemperatur anzusehen; nicht das Glaus, sondern das Schöpfen des Wasser mit dem Glas ist die Ursache des Steigens desselben. Der Ofen selbst ist eine permanente Bedingung, unter welcher in diesem Fall jener Prozeß vor sich geht und die Erhöhung der Zimmertemperatur allmählich hervorgebracht wird.
Man sieht, daß die Ursache bei KANT öfter als eine Art absoluter Existenz, als ein ganz starres, unveränderliches Ding, als ein von ihrer Wirkung völlig getrenntes einzelnes, ohne alle dynamische Beziehung mit der letzteren existierendes Objekt vorkommt. Daß mehrere Ursachen zusammenwirken, um einen Vorgang zu bestimmen, wird nicht angedeutet. Ebensowenig wird irgendeine Unterscheidung gemacht etwa zwischen den permanenten, unabänderlichen Bedingungen und dem veranlassenden Umstand usw. Nach KANTs Auffassung müßte die bloße Einleitung eines galvanischen Stromes als die wirkliche Ursache des darauffolgenden chemischen Zersetzungsprozesses der Substanzen angesehen werden. Ebensosehr hier wie bei HUME werden alle Größenbestimmungen zwischen Wirkung und Ursache vernachlässigt - eine Tatsache, welche uns deshalb nicht so sehr zu überraschen braucht, noch weniger KANT zum Vorwurf gemacht werden kann, da er seine Aufmerksamkeit, wie es der Plan seines Werkes mit sich brachte, auf die Begründung der allgemeinen Grundsätze, deswegen auch des Kausalprinzips selbst, hauptsächlich richtete (45).
Besonders wenig geeignet, in dieser Hinsicht Aufklärung zu verschaffen, war das andere, aus der bloßen Sinneswahrnehmung entlehnte Merkmal der "Handlung", welches KANT dem Begriff der Kraft gleichsetzte. Diese anthropomorphistische Vorstellung der Tätigkeit der Ursache führt, wie wir sehen, bald dazu, Kausalzusammenhänge zwischen unveränderlichen Dingen und den veränderlichen Zuständen anderer Dinge zu behaupten, zur Annahme von kraftbegabten Dingen, die nach dem vermeintlichen Muster des menschlichen Individuums eine Quelle von fortwährender unveränderlicher Kraftbetätigung in sich einschließen. Wie leicht man hierdurch verführt wird, sogar Substanzen in ein Kausalverhältnis zu ihren Eigenschaften zu setzen, zeigt das Beispiel des Satzes "die Luft ist elastisch". (46) Wie dieses Urteil unter den Satz vom Grund der Veränderungen subsumiert werden kann, ist nicht verständlich.
Diese bei kantischen Kausalbegriff hervortretenden Unklarheiten beweisen, daß weder die unbestimmbare Eigenschaft der Handlung, noch die Berücksichtigung des Zeitverhältnisses allein ausreicht, um die vollständige Ursache oder den Grund eines Ereignisses von irgendeinem bloß unmittelbar vorangehenden Objekt zu unterscheiden, geschweige denn mittels eines solchen Verfahrens jemals zur Aufstellung eines wirklichen Zusammenhangs oder einer verständlichen Verknüpfung zu gelangen. Deshalb, obwohl KANT sehr klar wußte, daß Ereignisse wohl auf einanderfolgen können, ohne aus einander zu erfolgen, und daß das bloße Erlebnis oder Wahrnehmen einer Aufeinanderfolge von Vorgängen niemals selbst den Zusammenhang zwischen diesen enthalten kann, hat er uns doch keine Mittel angezeigt, wodurch das "Auseinanderfolgen" der Veränderungen in der Erfahrung festzustellen wäre. HUME hat diese Möglichkeit in Frage gestellt, indem er den von KANT betonten Unterschied leugnete. Und von KANT muß es gesagt werden, daß er trotz aller Forderung und Anstrengung, eine rationalere Auffassung des Kausalverhältnisses zu erreichen, in Wirklichkeit seine gesuchte Unterscheidung zwischen bloßer Sukzession und einem notwendigen Zusammenhang nicht verwertete. Denn es ist, wie RIEHL bemerkt hat, gleichgültig, ob man mit HUME die Kausalität hauptsächlich in der Regelmäßigkeit der Veränderungen, oder mit KANT den Kausalbegriff als das Mittel zur Normierung der Zeitfolge der Erscheinungen ansieht, von einer eigentlichen Verknüpfung und Möglichkeit eines Schlusses von der Ursache auf die Wirkung kann man weder im einen, noch im andern Fall sprechen.
Wegen der Konsequenzen, die sich aus der Ansicht KANTs betreffs der Funktion des Kausalbegriffs als Instruments der Bestimmung der Zeitfolge der Erscheinungen ergeben, lassen sich weitere Bedenken gegen die Richtigkeit dieser Anschauung erheben. Eine kurze Betrachtung derselben wird wieder den sehr unbestimmten und unfaßbaren Chrakter des Kausalverhältnisses darlegen.
"Wenn es nun ein notwendiges Gesetz unserer Sinnlichkeit, mithin eine formale Bedingung aller Wahrnehmung ist, daß die vorige Zeit die folgende notwendig bestimmt (indem ich zur folgenden nicht anders gelangen kann, als durch die vorhergehende), so ist es auch ein unentbehrliches Gesetz der empirischen Vorstellung der Zeitreihe, daß die Erscheinungen der vergangenen Zeit jedes Dasein in der folgenden bestimmen, und daß diese, als Begebenheiten, nicht stattfinden, sofern jene ihm ihr Dasein in der Zeit bestimmen, d. h. nach einer Regel festsetzen. Denn nur an den Erscheinungen können wir diese Kontinuität im Zusammenhang der Zeiten empirisch erkennen." (47)
Der erste Teil dieses Satzes kann allerdings zugegeben werden, ohne daß daraus folgt, daß diese Regel gerade die der Kausalität sein muß, oder daß die Verknüpfung der Begebenheiten gerade durch ihre Einreihung der Erscheinung in eine einzelne Zeitordnung in allgemeingültiger und eindeutiger Weise bestimmt werden soll. Um das letztere zu erreichen, könnten wir wohl den Kausalbegriff nötig haben, ohne daß er für die Bestimmung der allgemeinen Zeitverhältnisse der Erscheinungen notwendig wäre. Denn nicht alle Erscheinungen sind Veränderungen. Die unmittelbare Aufeinanderfolge und Zusammengehörigkeit der Zeitabschnitte scheint vielmehr durch den Zeitbegriff selbst bedingt, in welchem sowohl die nicht wahrgenommenen, sondern gedachten Teile, als die wahrgenommenen zu einem kontinuierlichen Verlauf der Dinge vereinigt werden. Zu diesem Zweck scheint der Satz vom Grunde der Veränderung überflüssig und unbrauchbar.
Denn das Geschehen als solches läßt sich nicht derart auffassen, daß alle Erscheinungen in einer jeden Zeitperiode durch eine große, allumfassende, einzelne Kausalreihe so bestimmt wären, daß man aus derselben die nachfolgenden Erscheinungen ohne weiteres ableiten könnte. Wären alle die verschiedenen Kausalreihen in einem bestimmten Zeitabschnitt, alle besonderen Gesetzmäßigkeiten bekannt, so würde man doch nicht, ohne daß außerdem eine tatsächliche Kollokation von Umständen, um MILLs Ausdruck zu gebrauchen, gegeben wäre, welche als solche durch kein Kausalgesetz bedingt zu sein braucht und vielleicht gar nicht durch irgendein Gesetz geregelt ist, imstande sein, die Erscheinungen im nächstfolgenden Augenblick zu bestimmen. Denn nicht alles, was in der Zeit vor sich geht, braucht deshalb verursacht zu sein. Nicht jede Sukzession, z. B. nicht die bloße Fortsetzung einer Wirkung, wie auch KANT weiß, ist kausal bedingt. (48) Trotzdem werden im Beispiel des Schiffes, welches den Strom hinabfährt, die Begriffe der Zeitfolge und Kausalität derart miteinander verwechselt, daß die Teile der Zeit selbst in einer Kausalbeziehung zueinander gesetzt sind (49). Wäre nun hier die Reihe der Begebenheiten einmal umgekehrt, so müßte die Stelle des Schiffes unterhalb als Ursache seiner späteren Stelle oberhalb des Stroms betrachtet werden. Die Unhaltbarkeit dieser Konsequenz zeigt von neuem die Unbrauchbarkeit jenes Begriffs vom zureichenden Grund der Veränderungen als bloßen Mittels zur Bestimmung der objektiven Zeitbestimmung der Erscheinungen.
Wenn ferner ein Vorgang, z. B. eine Veränderung B, unmittelbar auf eine andere A eintritt, so braucht B deshalb nicht die Wirkung von A zu sein, noch wird sie immer als in einer ursächlichen Beziehung zu A stehend aufgefaßt werden. Es kann wohl ein gewisses Zusammentreffen von den Endgliedern verschiedener Kausalreihen geben, die nicht deshalb in Abhängigkeit zueinander stehen, obwohl sie trotzdem an und für sich in objektiver Weise bestimmt wären. Nicht alle Erscheinungen, welche in der Zeit zusammentreffen, d. h. unmittelbar aufeinanderfolgen, sind deshalb miteinander kausal verbunden, wie schon bei HUME hervorgehoben wurde. Man darf daher nicht sofort von der Aufeinanderfolge in der Zeit auf die ursächliche Verbindung der betreffenden Erscheinungen schließen, was, wie ich glaube, nach KANTs Ausführungen unvermeidlich sein müßte (50). Deshalb scheint mir in dieser Beziehung der Einwand SCHOPENHAUERs so weit davon entfernt, "trivial" geworden zu sein, daß er vielmehr einen wirklich schwachen Punkt der Kausalitätsauffassung KANTs scharf beleuchtet (51). Denn es läge sehr nahe, nach dieser letzteren alle Aufeinanderfolgen der Erscheinungen als Kausalverhältnisse zu betrachten, das ganze Geschehen als durchgängig von Kausalgesetzen beherrscht anzusehen: eine Ansicht, welche unmöglich zugegeben werden kann. Ohne Zweifel, wie COHEN sagt, "der Unterschied von Folgen und Erfolgen sollte gelehrt, keineswegs aufgehoben werden", und insofern wäre es gewiß falsch, falls SCHOPENHAUER andeuten wollte, daß KANT wie HUME diesen Unterschied leugnete (52). Aber wenn es doch, trotzdem die Sukzession das empirische Kriterium der Kausalität ist, gezeigt werden sollte, "daß die letztere toto genere [völlig - wp] verschieden ist von der ersteren", so kann es doch nicht bezweifelt werden, daß KANT diese Unterscheidung zwischen beiden tatsächlich nicht verwertet hat, daß es ihm nicht gelungen ist, ein sicheres und unzweideutiges Merkmal des ursächlichen Verhältnisses aufzustellen. Seine einzelnen Erörterungen zeigen, daß durch die bloße Heranziehung eines ganz leeren Verstandesbegriffs diese Aufgabe nicht gelöst werden kann. Sein Begriff des Grundes der Veränderung oder Kausalität kann daher nicht als ein Leitfaden der Forschung dienen.
Durch seine enge Beziehung zum Begriff der Kraft weist schließlich, wie KANT sieht, der Kausalbegriff auf den Substanzbegriff hin. Er stellte den Satz der Beharrlichkeit der Substanz, wie schon bemerkt worden ist, an die Spitze der a priori bestehenden Prinzipien der Naturwissenschaft. Die Konstanz der Substanz ist gleich der Konstanz und Einheit der Erfahrung oder Natur. Alles Entstehen ist daher "bloß Veränderung und nicht Ursprung aus Nichts"; es ist Veränderung dessen, was weder entsteht, noch vergeht. (53)
Daraus folgt, daß, da alle Veränderungen die verschiedenen Bestimmungs- oder Erscheinungsweisen der Substanz oder des Substrates der Natur sind, alle Kausalgesetze schließlich Gesetze der Veränderungen der Substanz darstellen. Es folgt nun weiter daraus, daß der Kausalbegriff in einer untrennbaren Beziehung zum Substanzbegriff steht und nicht ohne Berücksichtigung dieses Verhältnisses richtig bestimmt werden kann.
Leider hat aber KANT das substantielle Element in einem ursächlichen Verhältnis, welches doch sehr geeignet gewesen wäre, seine Auffassung des letzteren zu berichtigen, indem es dieselbe von der ausschließlichen Betonung des Zeitverhältnisses wahrscheinlich abgelenkt hätte, nicht genau festgestellt, noch festzustellen vermocht. Ohne aber den substantiellen Anteil der Ursache oder der Ursachen in Erwägung zu ziehen, wird man, wie ich glaube, kaum zu einer endgültigen Bestimmung des Kausalverhältnisses gelangen können. Aber dies war deshalb für KANT nicht möglich, weil ihm der richtige wissenschaftliche Begriff der Kraft im Unterschied von dem durch jenen Begriff der Handlung angedeuteten, dem Begriff der in den Dingen selbst inhärierenden Kraft, fehlte. Es fehlte dem Kraftbegriff KANTs jede Möglichkeit der exakten, faßbaren oder quantitativen Bestimmung. Eben deshalb konnte derselben nichts beitragen, um den Kausalbegriff zu präzisieren: noch konnte KANT dieses Umstandes wegen den Grundsatz der Beharrlichkeit vollkommen gestalten, um ihn in einer noch umfassenderen Form als wahr nachzuweisen. Er hat in Wirklichkeit nicht bewiesen, daß das Quantum der Substanz in der Erfahrung weder vermehrt, noch vermindert wird: denn obwohl die Konstanz des räumlichen Substrates der Erfahrung, nämlich die Erhaltung der Materie, gezeigt wurde, obwohl ferner die Kausalität der Erscheinungen, mithin die Kraft, auf die Substanz zurückgeführt wurde, so blieb doch der weitere und wichtige Schluß oder richtiger Beweis von der Konstanz der Handlung dieser Substanz (der Kraft) aus (54).
Das Beharrlichkeitsprinzip ist aber nur dann vollständig bestimmt, wenn es die Unveränderlichkeit des Substrates der Natur sowohl dem Dasein nach - der Materie -, wie auch dem Wirken nach - der Kraft - in sich einschließt. Um aber diese Unveränderlichkeit für die Erfahrung nachweisen zu können, müssen quantitative Bestimmungen an den Erscheinungen selbst vorgenommen werden können und wirklich vorgenommen werden. Ein solcher Begriff der Kraft war aber nicht vorhanden, mittels dessen die Beharrlichkeit der Substanz bei ihren Veränderungen eine empirische Bestätigung bekommen konnte. Denn wenn Kraft "ein hinreichendes empirisches Kriterium" der Substantialität bildet, so ist damit nicht gesagt, daß die Substanz in ihrer Kausalität quantitativ unveränderlich ist (55). Dies muß vor allem experimentell nachgewiesen werden, und dafür ist ein Kraftbegriff notwendig, welcher die Messung der positiven Bestimmungen der Substanz bei ihren Veränderungen gestattet (56).
Als Resultat dieser Betrachtung ist zu sagen, daß die Auffassung des Kausalverhältnisses bei KANT an einer ähnlichen Schwäche leidet und teilweise ähnlichen Einwänden ausgesetzt ist, wie diejenige HUMEs und seiner empiristischen Nachfolger. Trotzdem hat er, wie ich glaube, durch den Hinweis auf den substantiellen Faktor in der Kausalität und die Forderung eines von der Erfahrung unabhängigen, dieses Verhältnis regulierenden Kriteriums den Weg angedeutet, welcher über die dürftige, rein phänomenalistische Auffassung der Empiristen hinausführen kann. Diese letzteren Denker sollten, falls sie konsequent verfahren, wie COMTE, bei der gegebenen Regelmäßigkeit der Wahrnehmungen stehen bleiben, ohne nach einem Mittel der Unterscheidung zwischen Sukzession und Kausalität streben zu wollen. LITERATUR - Joseph William Andrew Hickson, Der Kausalbegriff in der neueren Philosophie und in den Naturwissenschaften von Hume bis Robert Mayer, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 24, Leipzig 1900
1) Die Worte KANTs (Prolegomena 56, Werke IV, HARTENSTEINs 2. Ausgabe) gelten in Bezug auf die erste Seite der Frage. Vgl. auch RIEHL, Kritizismus, Bd. I, Seite 138-142.
2) THOMAS BROWN, On the relation of cause and effect", 1803, dessen Kritik meistens ein Schlag in die Luft ist, da sie unermüdlicherweise dasjenige verteidigt, was HUME nie bezweifelt hatte, nämlich die Notwendigkeit des Gebrauchs des Begriffs der Kausalität, und übrigens die Bedeutung der Gewohnheit bei HUME übersieht.
3) BROWN, a. a. O., Seite 13 und 44. Vgl. mit HUMEs "Definition", Abhandlung etc. Seite 170
4) Woraus, wie ich glaube, die Gleichsetzung der Allgemeingültigkeit dieses Prinzips mit dem gleichförmigen Gang der Natur, welche in MILLs Logik so verwirrend auf seine Behandlung des Problems wirkt, in erster Linie hervorgegangen ist. Auch die Auffassung der Gleichförmigkeit des Naturlaufs als des Obersatzes in jeder Induktion ist wahrscheinlich von MILL aus BROWNs Werk übernommen, Seite 139. Ferner in zwei Beilagen A und F zum genannten Werk hat BROWN einen interessanten und verständlichen Versuch gemacht, den HUME'schen Beweis gegen die Möglichkeit von Wundern zu ergänzen, welcher Ausführung MILL sich ebenso angeschlossen hat (Logik III, Seite 25).
5) BROWN, a. a. O., Seite 286-294, 189 und 192.
6) Vgl. die Ausdrücke in MILLs Logik III, Kap. 3, § 1 und Kap. 5, § 1, 2, 6, welche eine beinahe buchstäbliche Abhängigkeit von BROWN zeigen.
7) JEVONS in Contemporary Review, April 1878; KOHN, Untersuchungen über das Kausalproblem, 1881, Seite 35-81; SIGWART, Logik II, Seite 416f, zweite Auflage.
8) Zwar hat er diesen Einwurf nicht übersehen, aber auch sicher nicht in befriedigender Weise beantwortet (Logik III, Seite 21). Auch gibt er selbst implizit zu, daß der versuchte Beweis ihm nicht gelungen ist, denn er sagt zuletzt, der Kausalsatz sei nach seinen Ausführungen für alle praktischen Zwecke hinreichend gesichert - also nicht wirklich begründet! Ein scharfsinniger Anhänger MILLs hat die Hoffnungslosigkeit dieses Unternehmens in neuester Zeit offen zugestanden (VENN, Empirical Logic, Kap. IV und V).
9) "Es sind nicht Substanzen, sondern Ereignisse, die der Gegenstand eines Kausalgesetzes sind." (Examination of Sir William Hamilton, Kap. XVI) Doch können die Ereignisse oder Veränderungen wohl Veränderungen von Substanzen sein: sie müssen es sogar sein, was MILL bei seiner Behandlung des Kausalproblems immer zu übersehen scheint. Und doch polemisiert wer gegen WHEWELL, weil der letztere den Imponderabilien [Unwägbarkeiten - wp], z. B. dem hypothetischen Äther, alle Substantialität absprach und sie als bloße Agentien bezeichnete. Dagegen meinte MILL, daß nach einer solchen Auffassung dieselben einfach in der Luft schweben müßten und ihre Veränderungen nicht verständlich wären ohne Substrat. (Vgl. Logik III, Kap. 14, Seite 388)
10) MILL, Logik III, 5, Seite 245, achte Auflage. "Unveränderliche Reihenfolge ist nicht gleichbedeutend mit Kausation, solange diese Reihenfolge zu ihrer Invariabilität noch unbedingt ist." - Falls aber einer "Reihenfolge" (sequence) das Merkmal der Unbedingtheit zukommt, so wird die andere Bestimmung der Unveränderlichkeit überflüssig. Denn was unbedingt ist, muß immer dasselbe bleiben.
11) MILL, Examination of Hamilton, Kap. 16, vierte Auflage, Seite 466. Ein Kausalgesetz und daher jedes Naturgesetz, welches ein Kausalgesetz ist, kann nach MILL als eine unabänderliche Gleichförmigkeit der Sukzession definiert werden.
12) MILL, Logik III, 5, Seite 241
13) MILL, Logik III, 5, Seite 237 und 238.
14) Wir können deshalb dem Lob KÖNIGs, der in der Aufstellung dieses Merkmals unabhängig von allen metaphysischen Überlegungen ein glänzendes Beispiel von MILLs Scharfsinn erblickt, nicht zustimmen. (Entwicklung des Kausalproblems II, Seite 243). Auch KÖNIG scheint später am Wert dieses Kriteriums zu zweifeln.
15) Am klarsten zeigen sich diese seine Erörterungen Logik VI, 2, wo er einen Unterschied zwischen der Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen in der äußeren Natur und auf dem Gebiet der menschlichen Handlungen aufrechtzuerhalten sucht, lediglich um den vermeintlichen Einwand des Fatalismus zu vermeiden. Der Zusammenhang im letzteren Gebiet , meint er, sei unveränderlich, aber nicht in demselben Sinn unbedingt, wie gewisse physikalische Verbindungen, da die Ursachen einer menschlichen Handlung nie unkontrollierbar sind, und eine solche nur unter besonderen Umständen notwendig ist, falls die Ursachen derselben nicht durch andere entgegenwirkende aufhoben sind. Als ob es nicht ebenso mit physikalischen Ursachen bestellt wäre! In unerklärlicher Weise hält MILL den Zusammenhang zwischen dem Eintreten des Todes infolge Luft- oder Nahrungsmangels für mehr unbedingte oder weniger bedingter Natur, als das Eintreten desselben infolge der Verschlingung eines Giftes, mit welchem Fall er die Art des Zusammenhangs zwischen dem Charakter eines Menschen und seinen Handlungen vergleicht. Natürlich hängt es in beiden Fällen von quantitativen Verhältnissen ab, ob die ursprüngliche Ursache duch andere neutralisiert werden kann. - Es ist aber klar, daß, falls man aus der "Kontrollierbarkeit" doer "Modifizierbarkeit" der Ursachen einen Schluß auf die Nicht-Unbedingtheit der Verknüpfung ziehen will, dann alle Ursachen, sowohl moralischer wie physikalischer Art, auf gleichem Fuß stehen, und daß ein jeder Zusammenhang der Erscheinungen als bedingt angesehen werden muß. Und damit verschwindet mit einem Schlag die ganze Bedeutung zwischen bedingter und unbedingter Sukzession, während die Verschwommenheit, welche in MILLs Kausalbegriff liegt, klar zutage tritt.
16) Die Unsicherheiten und Verschiedenheiten der Äußerungen bei der Behandlung dieser sowohl wie anderer Fragen deuten auf zwei entgegengesetzte Richtungen in MILLs Denken hin, nämlich auf ein stark empiristisches Element, das er wie einen Glaubensartikel von seinem Vater geerbt hatte und dessen Haltbarkeit er niemals geprüft hat, und auf ein mehr rationalistisches, wahrscheinlich aus seinem eigenen Nachdenken entsprungenes Element, welche beide niemals bei ihm zum Ausgleich gekommen sind. Sehr treffend hat daher SIGWART den "Logiker" vom "Empiriker" MILL unterschieden (Logik II, Seite 421). Denn es gibt keine empirische Logik. - In den Erörterungen der Forschungsmethoden ist es der rationale Denker, der behauptet, es gebe letzte Gesetze des Geschehens, obwohl wir sie möglicherweise noch nicht kennen, und die Frage aufwirft, welche die geringste Anzahl solcher Gesetze sein soll, aus denen alle Gesetzmäßigkeiten der Natur mit Notwendigkeit abgeleitet werden können; der ferner behauptet, daß die apriorische oder deduktive Methode, welche nicht ohne Hypothesen oder die von BACON verworfenen Antizipationes mentis möglich ist, heutzutage die Hauptmethode der Naturwissenschaften bildet, und BACON tadelt, weil er soviel Gewicht auf bloßes Beschreiben und Experimentieren gelegt hat (Logik III, Kap. 10 und 11); der schließlich das Kausalprinzip als das oberste und allen anderen Erfahrungssätzen vorangehende Naturgesetz angesehen hat. Dagegen ist es der Empirist MILL, der dieses Prinzip mittels der "rohen" Methode der Enumeratio begründen möchte und seine Gültigkeit durch Spekulation über das Geschehen im Fixsterngebiet so einschränkt, daß seine ganze Bedeutung aufgehoben wird; der auch seine vier experimentellen Methoden für die einzigen Methoden der wissenschaftlichen Beweisführung hält, und der schließlich kein anderes Kriterium der Begreiflichkeit bzw. der Unbegreiflichkeit kennt, als eine Regel der bloßen mechanischen Vorstellungsassoziation. Siehe Kap. 16 und 24 der Examinations of Hamilton.
17) MILL, Logik III, Seite 270 und 271. Er hat hauptsächlich an das NEWTON'sche Axiom der Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung gedacht.
18) Vgl. MILL, Logik III, 15, die Bemerkungen über das Trägheitsprinzip.
19) Vgl. MILL, Logik III, Kap. 8, § 1, und Kap. 9, wo als ein Beispiel derjenigen Wahrheiten und Kausalsätze, welche durch die Methode der Übereinstimmung gewonnen werden, der Satz "dogs bark" angeführt wird.
20) Vgl. SIGWART, Logik II, § 95. Daraus ist ferner seine völlig bedeutungslose Lehre von der Pluralität der Ursachen und seine Leugnung des Satzes, daß dieselben Wirkungen durch dieselben Ursachen oder ähnliche Wirkungen auf ähnliche Ursachen zurückzuführen sind, zu erklären.
21) In der letzten achten von ihm revidierten Ausgabe der Logik.
22) MILL, Logik III, 5, Seite 255
23) In demselben Kapitel, Logik III, Seite 256
24) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Werke Bd. III, Seite 134 und 197; Werke Bd. V, Seite 191 und 192 (zweite Ausgabe Hartenstein). Dieser Punkt kann nicht genug betont werden, um den gänzlich unhaltbaren Auffassungen von KANTs Philosophie als einer subjektivistischen entgegenzutreten. Die Meinung, wonach KANT ein purer Idealist sein soll, ist, abgesehen von zahlreichen Äußerungen in seinen Werken und dem ausschlaggebenden Moment, daß nach dieser Auffassung seine Philosophie kaum verständlich ist, durch die Stelle in Prolegomena, Werke IV, Seite 123 ein für allemal widerlegt. Vgl. auch ebenda Seite 40f. Die Bezeichnung "kritischer Realist" oder einfach Kritizist wäre gewiß zweckmäßiger. Es sei deshalb ferner bemerkt, daß, wenn hier von "Erscheinungen" gesprochen wird, wir darunter mit KANT den zum Teil durch das Subjekt, in formaler Hinsicht nämlich, sonst durch einen vom Subjekt gänzlich unabhängigen Grund bedingten Gegenstand der Erfahrung verstehen, nicht aber einen "bloßen Bewußtseinsinhalt" oder eine "bloße Vorstellung". Der Inhalt der Erscheinung als Objekt der Erfahrung rührt vom Ding-ansich her, welches den unbestimmten Grund, die uns unbekannte Kehrseite desselben bildet. Und was den Begriff "Ding-ansich" selbst betrifft, so ist er die notwendige Voraussetzung der theoretischen, nicht der praktischen Philosophie KANTs. Die Realität von Dingen-ansich hängt notwendig mit der Lehre von der Idealität der Anschauungsformen zusammen, wie RIEHL gezeigt hat ("Kritizismus", Bd. I, Seite 423-435). Beide Lehren ergänzen sich gegenseitig. Ohne die Vorstellung "eines zwar unbekannten, aber nichtsdestoweniger wirklichen Gegenstandes" als "Substrates der Erfahrung" werden die Erscheinungen selbst auf nichts basiert, sondern verwandeln sich, wie bei SCHOPENHAUER, in bloße Vorspiegelungen des Subjekts, in lauter Schein. Die Unbestimmtheit des Begriffs des Dings-ansich macht nicht die Existenz des Dinges unbestimmt oder unsicher, sondern vielmehr überflüssig. Wir wissen nicht, was die Dinge-ansich sind, aber wir wissen gewiß, daß sie sind. Ihre Existenz ist zugleich mit der Empfindung gegeben.
25) KANT, Werke III, 3, 5. Nur unternahm er es daraufhin, wie wir schon sahen, das Unmögliche die Wahrheit des Prinzips erfahrungsmäßig zu beweisen.
26) KANT, Werke III, Seite 191. Um jedem Mißverständnis vorzubeugen, sei bemerkt, daß auch für die gemeine Erfahrung das Kausalprinzip nach KANT unentbehrlich ist. Es ist allein die mehr logische Auffassung desselben, welche durch den kantischen Begriff der Erfahrung bedingt wird.
27) Daß KANT den Ausdruck "Erfahrung" in zwei verschiedenen Bedeutungen anwendet, braucht kaum bemerkt zu werden, nämlich einmal, um die Quelle der Erkenntnis dem Inhalt nach zu bezeichnen (und in dieser Hinsicht ist Erfahrung - Wahrnehmung, sie besteht aus lauter Wahrnehmungsurteilen [Prolegomena IV, 47]), zweitens im Sinne von möglicher Erfahrung - vollendete Erfahrungswissenschaft - Natur. Vgl. Definitionen IV, 43, III, 191, und in dieser Hinsicht enthält der Begriff eben eine Problem. Der Begriff muß anders sein, je nachdem man denselben zur Kennzeichnung des Ausgangspunktes oder des Endzieles der Erkenntnis gebraucht; aber die Verschiedenheit seiner Bedeutung ist immer aus dem Kontext klar einzusehen. Mir scheint, daß die Schwierigkeiten, welche ein neuer Ausleger KANTs in dieser Hinsicht gefunden hat, sehr leicht von diesem Standpunkt aus zu erledigen sind; WARTENBERG, Kants Theorie der Kausalität, Dissertation 1898, Seite 64-66. Obwohl KANT gewiß von der mathematischen Naturwissenschaft ausgegangen ist und dieselbe bei der Aufstellung seines Begriffs der Erfahrung oder Natur in erster Linie im Auge gehabt haben mag, wie COHEN meint, so gilt sein Begriff nicht nur von dieser allein, sondern von allen Wissenschaften der äußeren Natur überhaupt, auch von den biologischen. Die Axiome der Anschauung, die Antizipationen der Wahrnehmung sind synthetische Grundsätze a priori und Prinzipien aller möglichen Erfahrung.
28) In allerletzter Instanz findet diese Notwendigkeit ihre Wurzeln in der logischen Einheit der Apperzeption, in der synthetischen Einheit des Bewußtseins, durch welche der Begriff der Erfahrung selbst bedingt wird. Wir gehen hier nicht näher auf diesen Zusammenhang ein, da die Gestaltung des Begriffs der Kausalität unabhängig von allen Erörterungen über die Deduktion der Verstandesbegriffe festgestellt werden kann.
29) KANT, Werke III, 165 und 208. Es ist daher klar, daß, wer die Wahrheit oder den Notwendigkeitscharakter dieser Grundsätze leugnet, sich vor allem und zuerst mit dem rationalen Begriff der Erfahrung oder Natur, als der logischen Auffassungsform der Wirklichkeit auseinanderzusetzen hat. Die Richtigkeit der allgmeinen Auffassung KANTs scheint uns davon unabhängig zu sein, ob die besonderen Beweise für diese Grundsätze, wodurch er seine Stellung zu verstärken gesucht hat, stichhaltig sind. Sind die Beweise nicht zwingend oder falsch, so braucht deshalb keineswegs der Begriff der Erfahrung aufgegeben zu werden.
30) A priori - nicht durch Erfahrung gewonnen, weil nicht aus ihr abstrahiert, daher notwendig und allgemeingültig und objektivgültig (Prolegomena, IV, Seite 47). Wie wenig SCHOPENHAUER imstande war, die strenge und originelle Bedeutung des Terminus a priori zu verstehen, geht vielleicht am Besten aus der Äußerung "des allein berechtigten Thronerbens" im Satz vom Grunde, § 14, hervor, daß es für KANT nicht "auf die Gültigkeit, sondern auf die Apriorität des Kausalitätsgesetzes ankam". Über die Termini des "objektiven" und "a priori" bei KANT und SCHOPENHAUERs Mißverständnis derselben vgl. COHEN, Kants Theorie der Erfahrung, Kap. X und XII, besonders Seite 355-359, und RIEHL, Kritizismus, Bd. 1, Seite 294 bis 315, und das Kapitel über Methoden der Vernunftkritik. - Nichtsdestoweniger aber, wenn man die Bedeutung dieser Ausdrücke anerkennt, wonach notwendige Allgemeingültigkeit und objektive Gültigkeit Wechselbegriffe sein sollen, muß doch bemerkt werden, daß nicht alles, was objektiv gültig ist, deshalb notwendig ist, geschweige denn a priori. Nach KANTs Ausdrucksweise kann man kaum umhin, zu meinen, daß er auch den besonderen allgemeinen Prinzipien der Natur: denn die Erfahrungsurteile sollen insgesamt objektiv gültig sein. Doch in der Streitschrift gegen EBERHARD hat er sehr klar gesagt, daß Erfahrungssätze, die als notwendig erkannt werden können, ganz unmögliche Dinge sind. (VI, 51). Alle Erfahrungsurteile, z. B. das Gravitationsgesetz oder das erste Bewegungsgesetz sind objektiv gültig, aber gewiß nicht notwendig, wie der Kausalsatz selbst; denn es wäre möglich, daß sie anders wären, ohne daß die Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit des letzteren damit aufgehoben wäre. Die Gleichsetzung objektiver Gültigkeit mit Notwendigkeit kann nur in Bezug auf das System von Grundsätzen a priori der Erfahrung zugegeben werden, deren Anzahl äußerst gering ist.
31) KANT, Werke III, Seite 168
32) KANT, Werke III, Seite 167
33) KANT, Werke III, Seite 191. Zwischen Analogie, Grundsatz und regulativem Prinzip ist nach KANT nicht zu unterscheiden (III, 167, 168). "Grundsätze a priori führen diesen Namen, weil sie selbst nich in höheren und allgemeineren Erkenntnissen gegründet werden. Diese Eigenschaft überhebt sie aber nicht allemal eines Beweises" (III, 147)
34) KANT, Werke III, 170. Gibt man den Begriff der Erfahrung im kantischen Sinne, in welchem allein derselbe eine verständliche Bedeutung hat, als einen möglichen zu, so kann man nicht umhin, die Wahrheit dieses Grundsatzes vorauszusetzen. Er ist in der Tat nie von einem bedeutenden philosophischen Denker ernsthaft bezweifelt worden, auch nicht von HUME. Es blieb MILL vorbehalten, denselben oder, was mit ihm gleichbedeutend ist, den alten Satz ex nihilo nihil fit [Aus Nichts wird nichts. - wp] zu den apriorischen Vorurteilen des menschlichen Geistes zu rechnen, wobei er dann übersah, daß sein Versuch, den Kausalsatz empirisch oder überhaupt zu beweisen, eine von vornherein überflüssige, weil sinnlose Bemühung war.
35) Für KANT ist die Materie allein diese Substanz, weil sie das einzige ist, dessen Beharrlichkeit in der Undurchdringlichkeit und Unveränderlichkeit des Gewichts erfahrungsmäßig beobachtet bzw. gezeigt werden kann (III, 173, 199).
36) Abgesehen von der Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Beweise, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, scheint die Richtigkeit von KANTs Ansicht, wonach der Kausalsatz ein regulatives Prinzip der Erfahrung ist, dessen Allgemeingültigkeit vorausgesetzt werden muß, unanfechtbar. Ohne Zweifel befindet sich auch seine rationale Auffassung desselben als Prinzips der Begründung der Veränderungen mehr in Übereinstimmung mit dem Streben und den Methoden der Wissenschaft, als die Auffassung desselben als eines bloßen Gesetzes der Erwartung, wie bei HUME. Die Beweise KANTs bieten aber mehrfache Angriffspunkte, hauptsächlich aus folgenden Gründen: 1. in Bezug auf die ihnen zugrunde liegenden Voraussetzungen oder Behauptungen; 2. weil die dem Satz vom Grunde zugeschriebene Funktion betreffes der objektiven Zeitbestimmung der Gegenstände der Erfahrung mehr als zweifelhaft ist, indem dieser Begriff weder als notwendig, noch geeignet zu dieser Aufgabe erscheint; 3. wegen den aus der Lehre KANTs sich ergebenden, aber nicht annehmbaren Konsequenzen, worauf SCHOPENHAUER vor allem aufmerksam machte. (Satz vom Grunde, § 21; vgl. hierzu LAAS, "Kants Analogien der Erfahrung", und WARTENBERG, "Kants Kausalitätstheorie", 1899, durch deren Untersuchungen, wie mir scheint, KANTs Beweisführungen widerlegt worden sind.
37) In den Einwänden, welche WARTENBERG gegen KANT in diesem Punkt erhoben hat, kann ich nichts Überzeugendes entdecken. (Kants Theorie der Kausalität, a. a. O., Seite 24 und 25). Denn es scheint mir nicht, daß KANT der Meinung war, daß "Kausalität dieselbe Relation wie das Verhältnis von Grund und Folge" bedeutet, sondern daß sie eine analoge Relation ist. Ursache und Grund sind auch nach ihm keine identischen Beziehungen, sondern, wie WARTENBERG behauptet, "verwandte Beziehungen". "Wir werden also durch diese Grundsätze die Erscheinungen nur nach einer Analogie mit der logischen und allgemeinen Einheit der Begriffe zusammenzusetzen berechtigt werden ..." (III, 168). - Auf die Einwendung WARTENBERGs, nach KANTs Auffassung "müßte die Kausalität nichts weiter bedeuten, als ein bloßes Abhängigkeitsverhältnis", es handelt sich aber "beim kausalen Verhältnis nicht um ein bloßes Begründen, sondern um ein Bewirken", kommen wir weiter unten zurück. Vielleicht ist der letzte Gedanke allein durch den ersten zu ermöglichen. - Die Beispiele, welche WARTENBERG anführt, scheinen mir nicht gegen die Möglichkeit der kantischen Ansicht betreffs des Kausalverhältnisses zu sprechen. Denn wenn die Ordnung unserer Gedanken nicht immer in derselben Richtung wie die Kausalordnung der Dinge in der Natur stattfindet und deshalb Erkenntnisgrund und Realgrund nicht immer zeitlich zusammenfallen, so deutet doch eine Veränderung als Erkenntnisgrund einer anderen auf ein Kausalverhältnis der Dinge hin. Und außerdem kann, was Wirkung ist, ein anderes Mal Ursache und deshalb sowohl Realgrund wie auch Realfolge und Erkenntnisgrund als Erkenntnisfolge sein. Das bloße Zeitverhältnis ist bei der Begründung der Veränderungen von untergeordneter Bedeutung.
38) Vgl. Prolegomena, Werke IV, Vorrede Seite 5 und Werke III (Ausgabe Hartenstein), Seite 179
39) Nichts kann falscher sein, als zu meinen, daß nach KANT die Erfahrung, das Wort im populären Sinn genommen, ehe eine Anwendung der Verstandesregeln stattfindet, ein buntes Durcheinandergehen von Vorgängen, ein völlig indifferentes, ungeordnetes Chaos darstellt, daß alle besonderen Gesetzmäßigkeiten erst und allein durch den Verstand hervorgebracht werden. Diese Ansicht hängt mit der schon berührten subjektivistischen Auffassung von KANTs Lehre zusammen und wird außerdem durch ein Mißverständnis des Terminus objektiv und Objektivität verstärkt. Hat man nicht begriffen, daß dieser letztere Begriff eine besondere Art der Erkenntnis der Gegenstände der Erfahrung bedeutet, aber gar nichts mit der Existenzweise derselben zu tun hat, daß er deshalb logisch und nicht psychologisch zu verstehen ist, so wird man auch KANTs Begriff der Erfahrung nicht verstehen und wird höchstwahrscheinlich in seiner ganzen Kausalitätslehre nur ein Nest von Widersprüchen oder Unvereinbarkeiten finden. - Daß der Anlaß zur Anwendung der Kategorie der Kausalität, zur Hervorbringung der Synthese von Ursache und Wirkung durch die Dinge gegeben ist und daß diese eine gewisse Ordnung in den Wahrnehmungen selbst voraussetzt, trotz der unvorsichtigen, zu weit gehenden Äußerungen KANTs bei der Erörterung der Beweisgründe des Grundsatzes in der Kr. d. r. V., die er doch später abgeschwächt hat (III, 176,177), geht klar aus zahlreichen Stellen seiner Werke hervor: Werke III, 107, 109, 110; Werke V, 191, 192. "Der Verstand ist zwar a priori im Besitz allgemeiner Gesetze der Natur, ohne welche sie gar kein Gegenstand einer Erfahrung sein könnte; aber er bedarf doch auch überdies noch einer gewissen Ordnung der Natur in den besonderen Regeln derselben, die ihm nur empirisch bekannt werden können, und die in Anbetracht seiner zufällig sind. Die Regeln, ohne welche kein Fortgang von der allgemeinen Analogie einer möglichen Erfahrung überhaupt zur besonderen stattfinden würde, muß er sich als Gesetze denken ..." - und Gesetze natürlich, welche nicht durch das Subjekt - den Verstand - auf die Wirklichkeit einfach übertragen werden, sondern die allein experimentell entdeckbar sind, und deren Gründe eben deshalb im Inhalt der Wahrnehmungen, schließlich in den Dingen-ansich, gegeben werden müssen. Ganz in Übereinstimmung mit HUME sagt KANT: "Fangen wir nicht von Erfahrung an oder gehen wir nicht nach Gesetzen des empirischen Zusammenhangs der Erscheinungen fort, so machen wir uns vergeblich Staat, das Dasein irgendeines Dings erraten oder erforschen zu wollen" (III, 197). Vgl. auch Werke IV, Seite 68 und III, 134. Wir könnten wohl nach KANT eine gewisse Erfahrung haben ohne die verschiedenen Verstandesregeln a priori, ohne eine bewußte Anwendung der Grundsätze der Substanz und Kausalität, aber nicht eine objektive, d. h. eine auf allgemeingültige und notwendige Weise geregelte Erfahrung.
40) WARTENBERG, Dissertation, Seite 4. Warum sollte KANT "alle die Merkmale aufgenommen haben, welche in der naturwüchsigen Kausalvorstellung enthalten sind"; denn warum braucht diese Vorstellung richtig zu sein? Wie kann eine solche Vorstellung, welche ganz sicher selbst der Berichtigung bedarf, als Idealbegriff (!!) dienen, wonach die Wahrheit eines normativen oder regulativen Begriffs geprüft werden soll? Für die Präzierung eines wissenschaftlichen Forschungsbegriffs kann es gänzlich gleichgültig sein, was der gewöhnliche Mensch oder naturwüchsiges Bewußtsein darüber denkt. Daß die Frage nach der Rechtmäßigkeit, Wahrheit oder Brauchbarkeit eines Begriffs unabhängig von der Frage nach dem Ursprung desselben gelöst werden soll, hat gerade KANTs ganze Verfahrensweise gezeigt.
41) KANT, Werke III, (Ausgabe Hartenstein), Seite 183
42) KANT, Werke III, Seite 182, 183
43) KANT, Werke III, Seite 182, 183. Auf das Zeitverhältnis kommen wir später zu sprechen zurück, deshalb übergehe ich die Erörterung desselben vorläufig.
44) KANT, Werke III, Seite 183. Es ist nicht einzusehen, wie die Unterscheidung zwischen Zeitordnung und Zeitverlauf der Erwägung dieser Beispiele zugute kommt, wie COHEN behauptet, aber nicht gezeigt hat (Theorie der Erfahrung, Seite 461, zweite Auflage).
45) KANT, Werke IV, Prolegomena, Seite 50
46) KANT, Werke IV, Prolegomena, Seite 50
47) KANT, Werke III, Seite 182, 180
48) KANT, Werke III, Seite 185, Anmerkung
49) KANT, Werke III, Seite 176 und 176. COHEN (a. a. O., Seite 457 u. 458) scheint mir nicht bemerkt zu haben, daß dieses Beispiel in der von KANT angeführten Form keinen Kausalzusammenhang darstellt. SCHOPENHAUERs Kritik (Satz vom Grunde, § 23) ist in diesem Punkt vielfach ein Schlag in die Luft, wie COHEN klar gezeigt hat. Dem Einwand SCHOPENHAUERs, daß, wäre KANTs Theorie richtig, "wir die Wirklichkeit der Sukzession bloß aus der Notwendigkeit erkennen würden", ist er selbst vielmehr ausgesetzt, da er bekanntlich Kausalität für gleichbedeutend mit der Objektivität der Erscheinungen (ihrer Existenz nach) hält. Was sowohl diesen Einwand, als den darauffolgenden in KANTs Beweisführung von SCHOPENHAUER entdeckten (Zirkel, Seite 108) betrifft, so ist zu sagen, daß beide auf einen Mangel an Verständnis für die kantischen Begriffe der "Apriorität" und "Objektivität" beruhen, worauf schon hingewiesen worden ist.
50) Denn die "Zeitfolge ist das einzige empirische Kriterium der Wirkung in Bezug auf die Kausalität der Ursache, die vorhergeht" (III, 183).
51) SCHOPENHAUER, Satz vom Grunde, § 23, Werke III, Seite 107 (Ausgabe Griesbach). "KANT sei in den dem HUME entgegengesetzten Fehler geraten." WARTENBERG (Dissertation, Seite 54-57) schließt sich hier an SCHOPENHAUER an. Vgl. Dagegen KÖNIG, Entwicklung des Kausalproblems, Bd. I, Seite 312f, dessen Ausführungen diesen Einwand nicht zu beseitigen vermögen.
52) COHEN, Kants Theorie der Erfahrung, Seite 458 und 460.
53) KANT, Werke III, Seite 184
54) Und doch hat KANT die Konstanz nicht nur der Materie, sondern der Kraft im Beispiel vom verbrannten Holz gewissermaßen angedeutet. Hier steht er der modernen Lehre von der Erhaltung der Energie, ohne diesen Begriff natürlich zu kennen, sehr nahe (III, 171).
55) III, 184.
56) COHEN, a. a. O. (Seite 462 und 463) scheint dagegen der Meinung zu sein, daß man sofort aus der Handlung auf die quantitative Unveränderlichkeit des Handelnden schließen darf. Danach wäre die Aufstellung des späteren Begriffs der Energie und des Prinzips der Erhaltung der Kraft eigentlich überflüssig, zumindest wäre darin keine große wissenschaftliche Leistung zu erblicken, da derselbe schon längst a priori einleuchtend gewesen sein müßte.

References: § 1
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 § 95
 § 14
 § 21
 § 23
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