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Timestamp: 2019-06-20 19:53:55+00:00

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Betwixt and Between Conversation Analysis and Ethnomethodology. Jürgen Streeck in Conversation With Hannes Krämer & René Salomon | Streeck | Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research
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Volume 20, No. 2, Art. 15 – Mai 2019
Jürgen Streeck im Gespräch mit Hannes Krämer & René Salomon
Zusammenfassung: Jürgen STREECK diskutiert in dem nachfolgenden Interview die Entwicklung der Ethnomethodologie und ihre Überschneidungen mit der daraus hervorgehenden Konversationsanalyse sowie der sich parallel entwickelnden Interaktionsforschung. Er gibt einen persönlichen Einblick in seine stark durch Aaron CICOUREL geprägte Aneignung der Ethnomethodologie und deren intellektuelles Umfeld innerhalb Deutschlands und auch der USA, in denen sich auf unterschiedliche Weise Stränge der Linguistik und der Soziologie miteinander verwebten. Anhand seines eigenen beruflichen Werdegangs zeichnet er nach, wie zentrale linguistische Konzepte, beispielsweise Indexikalität, durch die Ethnomethodologie herausgefordert und weiterentwickelt wurden. Weiterhin weist er auf die Bedeutung theoretischer Ansätze z.B. von Ludwig WITTGENSTEIN, Maurice MERLEAU-PONTY und George Herbert MEAD hin, die innerhalb der Ethnomethodologie und der Konversationsanalyse unterschiedlich stark einbezogen wurden. Von dort ausgehend unterstreicht er die Dimension des Körpers als maßgebliche Interaktionsressource und diskutiert die theoretischen sowie methodologischen Implikationen eines derartigen Fokus' auf embodied interaction. Er zeigt damit eindrücklich das Potenzial einer produktiven Öffnung ethnomethodologischer Konzepte.
Keywords: Ethnomethodologie; Konversationsanalyse; Gestik; Embodied Interaction; Multimodalität; Linguistik
1. Aaron CICOUREL und Harold GARFINKEL
2. Indexikalität und Kontext
3. "Ich wollte die reale Welt erforschen. Da ist die Konversationsanalyse die attraktivste Option"
4. Die Rezeption GARFINKELs in Deutschland
5. MEAD und GOFFMAN
6. Ethnomethodologie, Konversationsanalyse und der Körper
Jürgen STREECK (*1952) studierte Linguistik, Soziologie und Philosophie an der Universität Hamburg und anschließend an der Freien Universität Berlin. In seiner Magisterarbeit hat er sprechtakttheoretische mit konversationsanalytischen Ansätzen verglichen mit dem Ziel, sprachliches Handeln zu verstehen. Von 1976 bis 1978 war STREECK Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdiensts an der University of San Diego in den USA, wo er von Aaron CICOUREL und Hugh MEHAN betreut wurde. Während seines Aufenthalts führte er Feldforschung und videogestützte Forschungen mit afroamerikanischen Kindern durch. Er promovierte 1981 in Linguistik an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit zu "Kommunikation in einer kindlichen Sozialwelt" (STREECK 1983). Von 1979 bis 1989 unterrichtete STREECK an der Freien Universität Berlin, ab 1989 als Assistant Professor an der University of Texas in Austin (UT), USA. Seit 1999 ist er Professor für Communication Studies, Germanic Studies and Anthropology an der UT. Seine Forschungsinteressen sind videobasierte, mikroethnografische Studien menschlicher Interaktionen in deren kulturellen, ökologischen und politischen Kontexten. Er untersucht, wie Personen von Sprache, ihrem Körper, ihrer materiellen und sozialen Umwelt Gebrauch machen, um gemeinsam Sinn zu produzieren, Dinge zu regeln und gemeinschaftlich im Alltag zu handeln. Außerdem ist STREECK an der anthropologischen Grundierung von Sprache und Kommunikation interessiert. Jürgen STREECK war Gründungspräsident der International Society for Gesture Studies (ISGS) und Fellow am Center für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) an der Universität Bielefeld sowie am Freiburger Institute for Advanced Studies (FRIAS). Er ist Mitglied im Editorial Board der Zeitschriften Gesture und Multimodal Communication. [1]
Das Interview fand am 30. Mai 2017 via Skype statt. Jürgen STREECK befand sich in seinem Haus und Garten in Austin, während die Interviewer in Würzburg und Frankfurt/Oder saßen. Das Interview ist Teil der von Dominik GERST, Hannes KRÄMER und René SALOMON herausgegebenen Schwerpunktausgabe "Harold Garfinkels 'Studies in Ethnomethodology'. Ein Interviewprojekt".1) Die Unterhaltung wurde im E-Mail-Austausch weiter bearbeitet. Das ist die finale Fassung, die von Jürgen STREECK im Mai 2019 freigegeben wurde. [2]
Hannes KRÄMER: Lieber Herr STREECK, schön, dass Sie sich Zeit nehmen, um mit uns über die Ethnomethodologie zu sprechen.
Jürgen STREECK: Wobei ich nicht viel zu sagen habe, aber das habe ich ja schon mehrfach vorher angekündigt. [3]
Hannes KRÄMER: Also sehr schön, dass Sie sich die Zeit nehmen, um uns nicht so viel zu sagen. [Alle lachen] Wie sind Sie denn mit den "Studies in Ethnomethodology" (im Folgenden auch Studies) (GARFINKEL 1967) in Berührung gekommen?
Jürgen STREECK: Mich hat Aaron CICOURELs2) Buch "Cognitive Sociology" (1973) – ich muss das ganz emphatisch sagen – aus einer andauernden Depression befreit, und ich habe beschlossen, bei ihm mein Studium nach dem Magister fortzusetzen. Damals hatte ich Linguistik studiert, an der FU Berlin, wohin ich unter etwas verunglückten Umständen gegangen war – zuvor war ich zwei Jahre in Hamburg. Die beiden Leute, bei denen ich in Berlin eigentlich studieren wollte und die in Deutschland die Pragmatik mitbegründet haben, Dieter WUNDERLICH3) und Utz MAAS4), sind just in dem Semester aus Berlin weggegangen, als ich ihretwegen dort hinkam. In Berlin habe ich dann praktisch nur noch formale Linguistik studiert, anderthalb Jahre lang überwiegend Logik, um die Entwicklungen in der Linguistik nachvollziehen zu können — was mir aber weder lag noch mich wirklich interessierte. Insgesamt habe ich mich in dieser Zeit sozusagen vollkommen von dem entfremdet, was mich ursprünglich interessiert hatte, wobei das natürlich auch sehr vage war. Ich meine, wir waren 18 Jahre alt, als wir damals in Deutschland unser Hauptfach zu studieren begannen. [4]
Hannes KRÄMER: Wie sind Sie dann zu CICOURELs Buch gekommen?
Jürgen STREECK: In einem Seminar bei Utz MAAS, der dann noch einmal als Gastprofessor nach Berlin zurückkam. Ich habe "Cognitive Sociology" (CICOUREL 1973) später mit zwei Kommilitonen5) ins Deutsche übersetzt (CICOUREL 1975). Das Buch hat mir die Augen dafür geöffnet, wie viel unendlich interessante und heterogene Forschung über Sprache und soziale Interaktion inzwischen schon betrieben wurde. CICOUREL ist ein Eklektiker, wenn man so will, und es war nicht immer klar, warum er bestimmte neue Forschungen einbezogen hat; etwa aus der Kognitionspsychologie (z.B. BROWN 1965). Aber er hat auch die Konversationsanalyse eingebaut und sein Buch "Cognitive Sociology" hat Perspektiven empirischer Forschung über Sprache und Kommunikation im sozialen Leben eröffnet. Ich hatte damals schon einen Gutachter für eine Magisterarbeit über formale Syntax und Semantik rekrutiert. Nach der Lektüre von CICOUREL habe ich beschlossen, mein Thema zu ändern, einen anderen Betreuer zu suchen – und das war dann sozusagen der Anfang meiner wissenschaftlichen Laufbahn. [5]
René SALOMON: Das hat sie also von Anfang an geprägt?
Jürgen STREECK: Ja, aber CICOUREL ist dann der Intimfeind von GARFINKEL geworden oder vielleicht damals schon gewesen.6) Daher habe ich GARFINKEL immer etwas aus dieser kritischen CICOUREL-Ecke wahrgenommen. CICOUREL hat sich immer sehr, sehr kritisch über GARFINKEL geäußert. Was mich nicht direkt beeinflusst hat in dem Sinne, dass ich irgendwie ein CICOUREL-Anhänger gewesen wäre. Ich war zwei Jahre bei ihm in San Diego, aber wir hatten in diesen zwei Jahren immer nur freundliche Streitgespräche. CICOUREL hat es zugelassen, dass ich mich irgendwie von ihm abgegrenzt und dann schließlich der Konversationsanalyse zugewandt habe. Aber es war seine Ecke, aus der ich GARFINKEL wahrgenommen habe. Gelesen habe ich GARFINKEL, glaube ich, schon bevor ich 1976 nach San Diego gegangen bin. Der einzige Grund, warum ich mich da komplett durchgearbeitet habe, war der Umstand, dass ich in Berlin zwei Jahre lang Kurse zu Karl MARX' "Das Kapital" (MARX 2008 [1867]) besucht habe; insofern war ich schon auf solche Härten vorbereitet. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich viel verstanden habe. [6]
Hannes KRÄMER: Wie kamen Sie denn überhaupt darauf, sich mit den Studies zu beschäftigen? Sie hätten ja auch weiter "Das Kapital" lesen können.
Jürgen STREECK: Das Buch von CICOUREL hat mir eben den Zugang zur Ethnomethodologie eröffnet, und GARFINKELs Studies waren schon damals kanonisiert. Es war aber eher ein Kapitel in CICOURELs Buch mit dem Titel "Ethnomethodologie" (CICOUREL 1973, S.99ff.), das mir die ersten Impulse gab, zu versuchen zu verstehen, was es mit diesem komischen Gebiet auf sich hatte. Es war klar, dass Ethnomethodologie Avantgarde war, aber eben nicht Avantgarde der Arbeiterklasse, und das war ein Problem für mich. Die Variante von Marxismus, der ich seit der Schulzeit zugeneigt war, war der sogenannte humanistische Marxismus, wie ihn etwa die jugoslawische Praxis-Gruppe7) vertrat. Wenn man die Ethnomethodologie als ein Programm der Untersuchung der Praktiken oder Methoden versteht, mit denen Gesellschaft erzeugt wird, dann zeigen sich Parallelen oder Überschneidungen in den Fragen, die man verfolgt. Wie wird Gesellschaft erzeugt? Aber auch: Wie wird Ungleichheit erzeugt? Über diese Fragen habe ich 1975, als ich gerade 23 war, mit Emanuel SCHEGLOFF8) bei einem Spaziergang diskutiert – und dass er mich damals ernst genommen hat, erfüllt mich bis heute mit Dankbarkeit. In Deutschland galten damals CICOUREL und GARFINKEL praktisch gemeinsam als die Begründer der Ethnomethodologie. Was sich dann sicher sehr schnell ausdifferenziert hat, auch weil CICOUREL sich selbst später dezidiert von der Ethnomethodologie abgegrenzte. Aber damals hat man bei uns die beiden sehr nah beieinander gesehen. CICOUREL war sozusagen derjenige, der sich mehr mit Sprache beschäftigte als GARFINKEL. Damit hatte er mir als Linguisten mehr zu sagen. [7]
Hannes KRÄMER: Gab es Aspekte, die Sie auch an den Studies interessiert haben?
Jürgen STREECK: Was mich bei GARFINKEL angesprochen hat, ist das Thema Indexikalität. In Berlin, als ich versucht habe, Logik zu verstehen, war mir Indexikalität als ein Spezialproblem der Logik begegnet: Wie entscheidet man den Wahrheitswert von kontextabhängigen Aussagen wie "Es regnet"? Bei GARFINKEL las ich dann einen scheinbar wirklich absurden Gedanken: Gesellschaft wird produziert, indem Interaktionsteilnehmer*innen programmatisch die Indexikalität der indexikalischen Ausdrücke zu reparieren versuchen, mit denen sie sich gerade verständigen. Auf diese Weise stellen sie implizit einen gemeinsamen Situationssinn her. Also das ist völlig obskur erstmal, nicht? Ehrlich gesagt, wenn ich so zurückblicke, bin ich auch ein wenig stolz darauf, auf was für schwierige Texte wir uns damals im zarten Jugendalter eingelassen und was für einen Ehrgeiz wir entwickelt haben, diese zu verstehen. Aber zurück zur Indexikalität. Der Satz "Es regnet" ist indexikalisch. Im Kontext der Logik bedeutet dies, wir können über seinen Wahrheitswert nicht entscheiden, ohne zu wissen, wann und wo er geäußert wurde, und viele Logiker*innen haben diese und ähnliche Sätze genommen und neue Formen der Logik entwickelt mit dem Ziel, die Sprache der Logik so anzureichern, dass sie immer größere Teile der natürlichen Sprache rekonstruieren können: Zeitlogiken, Modallogiken, intensionale Logik und semantische Modelltheorie. [8]
Man schaue etwa in die in der DDR herausgegebenen "Logik-Texte" von BERKA9) und KREISER10) (1971) und darin insbesondere TARSKIs11) (1971 [1936a]) klassischen "Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen". Andere Texte, die man damals zu verstehen suchte, waren CARNAPs12) "Meaning and Necessity" (CARNAP 1947), in dem der semantische Begriff der "Intension" eine große Rolle spielte, und vor allem das aktuellere, ätherische "Proper Treatment of Quantification in Ordinary English" des Logikers Richard MONTAGUE13) (1974) von der University of California in Los Angeles (UCLA), der darüber hinaus die Aufmerksamkeit dadurch auf sich zog, dass er von seinem Liebhaber, einem Jazz-Trompeter, in der Badewanne ermordet wurde – so zumindest das Gerücht. [9]
Aber zurück zur Sache: Logiker*innen würden etwa gesagt haben: Die Bedeutung des Satzes "Es regnet" ist die Menge aller möglichen Welten, in denen der Satz wahr ist. In Deutschland haben Philosophen wie Wilhelm KAMLAH14), Paul LORENZEN15) und Kuno LORENZ16) – bei dem ich in Hamburg Vorlesungen besucht hatte – das Spiel der Logik als ein Spiel aus Handlungen und nicht aus Propositionen rekonstruiert (vgl. KAMLAH & LORENZEN 1967; LORENZEN & LORENZ 1978). Es gab alle möglichen Versuche, logische Syntax und Semantik um logische Pragmatiken zu erweitern: Die moderne, von Alfred TARSKI begründete Logik gab den konzeptuellen und methodologischen Rahmen ab, Ludwig WITTGENSTEIN17) und erste Studien sprachlichen Handelns – in der Bundesrepublik etwa von Konrad EHLICH18) und Jochen REHBEIN19) (1986) – das empirische Objekt, das es zu rekonstruieren, das heißt, logisch zu explizieren galt. [10]
Demgegenüber hat die Ethnomethodologie eine andere Position: Die Bedeutung von "Es regnet" ist die Situation, die sich die Teilnehmenden gegenseitig mit der Formulierung "Es regnet" beschreibbar machen. In der Ethnomethodologie sind die Praktiken des Gebrauchs indexikalischer Ausdrücke Methoden, mit denen sich Beteiligte den Situationssinn von innen aufzeigen (GARFINKEL & SACKS 1976 [1970]), und alle empirischen Arbeiten in ihrem Gefolge zeigen dies immer wieder im Detail. Die Logik versucht Indexikalität von außen zu reparieren, das heißt, Modelle zu bauen, die es erlauben, den spezifischen Situationssinn eines indexikalischen Ausdrucks rational und ein für alle Mal festzulegen. [11]
René SALOMON: Welche Fragestellungen waren in diesem Bereich zentral?
Jürgen STREECK: Das Problem des Kontextes (DURANTI & GOODWIN 1992): Wie viel Kontext braucht man, um zu wissen, was gemeint ist oder was die intendierte Bedeutung oder die verstandene Bedeutung ist? Dies ist letztlich die Frage, die die logische Pragmatik und die Ethnomethodologie, vor allem die Konversationsanalyse, vereint. Aber ihre Wege zur Beantwortung dieser Frage gabeln sich schon gleich zu Anfang. [12]
Hannes KRÄMER: Könnten Sie den Punkt mit der Gabelung zwischen Konversationsanalyse und der linguistischen Pragmatik bitte genauer erläutern?
Jürgen STREECK: Ich meinte mit dieser Gabelung, dass die linguistische Pragmatik weiter objektivistisch über Kontext nachgedacht hat, in dem Sinne, dass man sozusagen durch ein Kalkül berechnen kann, was ein gegebener Ausdruck in einem gegebenen Kontext bedeuten beziehungsweise worauf er referieren wird. Die Konversationsanalyse ist hingegen dem ethnomethodologischen Gedanken gefolgt, dass diese Spannung von innen aufzulösen ist, das heißt, dass die indexikalische Bedeutung gleichsam eine Instruktion ist, wie der Kontext zu lesen sei. Wenn ich an einer bestimmten Stelle unseres Telefongesprächs "okay" sage und sonst nichts, und Sie dann mit "okay" antworten, dann zeige ich Ihnen, dass ich den Augenblick der Äußerung als eine Andeutung, ein closing implicative begreife, als einen Moment möglicher Gesprächsbeendigung, und Sie stimmen dieser Situationsdefinition zu (SCHEGLOFF & SACKS 1973). Man kann nicht ahnen, dass das Wort "okay" beispielsweise so etwas bedeutet, das kann man nicht mit Funktionen vorausberechnen. Das Problem der Indexikalität kann nicht übergangen werden, und es ist reichhaltiger als die Logik und die von ihr beeinflusste Linguistik geahnt haben. Ist das zu linguistisch formuliert?
Hannes KRÄMER: Nein, nein, im Gegenteil, wir sind sehr an linguistischen Perspektiven interessiert. [13]
Hannes KRÄMER: Wie sind Sie zur Konversationsanalyse gekommen?
Jürgen STREECK: Mein Interesse war immer auch stark empirisch, ich wollte die reale Welt erforschen. Und da ist eben die Konversationsanalyse die attraktivste Option für mich gewesen, auch speziell für mich als Linguisten. Ich wollte auch nie Soziologe werden. Ich war zwar in San Diego am Soziologie-Department, weil Aaron CICOUREL da war, aber nie mit der Absicht, in Soziologie zu promovieren. Auch dies hat mein Interesse an GARFINKEL begrenzt. [14]
René SALOMON: Sie hatten Ihr Fach also gefunden?
Jürgen STREECK: Ja, ich wollte schon Linguist bleiben. Ein anderer Aspekt, den ich aber noch erwähnen wollte, ist, dass ich im ersten Semester in Hamburg in meinem Nebenfach Philosophie ein Seminar über die "Philosophischen Untersuchungen" von Ludwig WITTGENSTEIN (1967 [1953]) besucht habe. Es gibt dieses Problem des Regelregresses bei WITTGENSTEIN, dass man also, um eine Regel anzuwenden, immer noch eine Regel braucht, die die Anwendung spezifiziert. Also kommt man in einen Regress, wenn man menschliches Handeln als Anwendung von Regeln auf Situationen versteht. Auch dies ist ein ziemlich technisches, aber auch sehr faszinierendes Thema: Wenn wir keinen Regeln folgen, was tun wir dann? Mit diesem Thema und auch mit dem Thema der Privatsprache20) habe ich mich also zufällig relativ früh in meinem Studium beschäftigt. Das ist nicht zuletzt der Verdienst von Peter HANDKE21), dessen Stücke mich bereits im Gymnasium fasziniert haben, vor allem "Das Mündel will Vormund sein" (HANDKE 1969) und "Kaspar" (HANDKE 1968). In beiden Stücken geht es darum, wie wir durch das Erlernen von sprachlichen und körperlichen Praktiken im doppelten Sinne sozialisiert werden: befähigt und abgerichtet. Und wie sich uns durch Sprache Welt eröffnet. HANDKE war mein Wahldichter im Abitur und Deutsch mein Lieblingsfach. Dieses Problem des Regelregresses taucht auch bei GARFINKEL wieder auf, in den Studien über die Jurors (GARFINKEL 1967, Kap. 4: "Some Rules of Correct Decisions That Jurors Respect"). Darin heißt es, dass Regeln menschliches Handeln oder soziales Handeln nicht erschöpfend beschreiben können. Dieses abstrakte Thema war schon irgendwie in meinem Hinterkopf, und als ich GARFINKEL dann gelesen habe, war ich sozusagen vorbereitet, wenn auch anders als die meisten Soziolog*innen, die ihn gelesen haben. [15]
Hannes KRÄMER: Wurde GARFINKEL auch von anderen gelesen? In San Diego bestimmt, aber wie sah die Rezeption dieses Buches in Ihrer intellektuellen Umwelt in Deutschland aus?
Jürgen STREECK: Das ist schwierig. Wenn man CICOUREL verstehen oder sich da weiter einarbeiten wollte, dann musste man GARFINKEL lesen, und dann musste man Alfred SCHÜTZ22) lesen, und nebenbei las man dann natürlich auch Peter L. BERGER23) und Thomas LUCKMANN24). Aber ich kann nicht sagen, wie viele Leute in meiner Umwelt damals GARFINKEL selbst gelesen haben. Auch die deutsche Übersetzung von GARFINKEL und SACKS' (1970) "Formal Structures of Practical Actions" von 1976 hat kaum geholfen. [16]
Für mich persönlich war auch entscheidend, dass ich noch vor der Ethnomethodologie und der Konversationsanalyse von kompetenter Seite in die Lektüre von George Herbert MEAD25) eingeführt wurde. Während meines ersten Semesters in Berlin, 1972, hat Hans-Peter DREITZEL26) ein Seminar über Interaktion gemacht, das mich sehr tief beeinflusst hat, vor allem weil da auch ein vier Jahre älterer Kommilitone war, der gerade davorstand, bei DREITZEL Assistent zu werden. Das war Hans JOAS27). JOAS hat mit einer solchen Intelligenz und Leidenschaft George Herbert MEAD in das Seminar eingebracht, dass dieser sehr tief in meine intellektuelle Identität eingegraben ist. MEAD steht für mich sogar noch über der Ethnomethodologie oder der Konversationsanalyse. Gelegentlich habe ich – gesprächsweise – mit Emanuel SCHEGLOFF darüber gestritten, warum MEAD in der Konversationsanalyse nicht rezipiert und als Vorvater irgendwie namhaft gemacht wird. Das habe ich nie verstanden. Aber das nur nebenbei. Mein Interesse an Interaktion, Erving GOFFMAN28) und anderen, ist älter als meine Begegnung mit der Ethnomethodologie. Ich habe die Konversationsanalyse eher als eine mögliche praktische oder empirische Umsetzung von Gedanken von MEAD, GOFFMAN und so weiter, anstatt von GARFINKEL gesehen. [17]
Hannes KRÄMER: Wie sah Ihr intellektuelles Umfeld zu dieser Zeit aus?
Jürgen STREECK: Wir hatten damals eine Arbeitsgruppe von Examenskandidat*innen und Doktorand*innen, und wir haben alle MEAD, Sprechakttheorie und so weiter gelesen. An einer pragmatisch fundierten Sprachtheorie bestand großes Interesse. Weil meine Magisterarbeit direkt die Ethnomethodologie und Konversationsanalyse als Alternativen zur Sprechakttheorie behandelt hat, habe ich mich vielleicht mehr spezialisiert als andere. Mir war schnell klar, dass ich bei Aaron CICOUREL studieren und mich um ein DAAD-Stipendium bewerben wollte. Hans-Peter DREITZEL hat mich mit CICOUREL in Kontakt gebracht, und der schlug mir dann vor, dass ich ihn bei einer internationalen Tagung am Bodensee treffen und alles Weitere besprechen solle29). Zu dieser Tagung kamen nicht nur Aaron CICOUREL und Emanuel SCHEGLOFF, sondern auch Anselm STRAUSS30), Erving GOFFMAN, Thomas LUCKMANN, John O'NEILL31) und ich weiß nicht, wer noch. Also die ganze Prominenz war da. Und ich als 23-jähriger Student ohne Einladung bin sehr freundlich aufgenommen worden. Ich erinnere mich noch an GOFFMAN, der in seinem T-Shirt wie ein gas station attendant, wie ein Tankwart, aussah. [18]
Hannes KRÄMER: Wie war die Rezeption der Ethnomethodologie in den USA?
Jürgen STREECK: Nachdem ich 1976 nach San Diego ging, wurde Hugh MEHAN32) mein Hauptmentor, mit dessen Unterstützung und Videodaten ich dann später an der Freien Universität in Berlin über kindliche Interaktion im Klassenzimmer promoviert habe (STREECK 1983). MEHAN, ein Schüler von CICOUREL, hatte gerade mit Houston WOOD "The Reality of Ethnomethodology" (MEHAN & WOOD 1975) veröffentlicht, ein hippes Textbuch, und er machte auch ein Seminar über Ethnomethodologie, wo wir praktisch die ganzen Klassiker, einschließlich GARFINKEL, gelesen haben – also gefiltert durch seine eigene Darstellung in diesem Buch. Aber ich wollte vor allem auch eine solide empirische, videobasierte Methodologie lernen; die Konversationsanalyse und die Kontextanalyse (vgl. KENDON 1990), aber auch grammatische Analyse und Soziolinguistik – ich habe diese alle als Handwerk betrachtet und als durchaus vereinbar. [19]
René SALOMON: Wenn ich Sie richtig verstehe, haben Sie sich selbst nicht wirklich zu den Ethnomethodolog*innen gezählt. Gab es denn einen Zeitpunkt, an dem Ihnen aufgefallen ist, dass Sie vonseiten Anderer oder der Ethnomethodologie als Bestandteil dieses Zweigs betrachtet wurden?
Jürgen STREECK: Ja schon. Auf der eben erwähnten Tagung, da habe ich auch Stephan WOLFF33) und Jörg BERGMANN34) zum ersten Mal getroffen, aber noch nicht wirklich näher kennengelernt. Auch Elmar WEINGARTEN35) war dort, mit dem ich dann später gut befreundet war und auch ein Seminar in Berlin zusammen gemacht habe. WEINGARTEN war ein sehr, sehr wichtiger Kanal. Er kannte unheimlich viele Leute, war mit vielen, beispielsweise Rod WATSON36) und John HERITAGE37), gut befreundet, und lud sie auch immer nach Berlin ein. Er hatte auch den vollen Satz von Harvey SACKS38) "Lectures on Conversation" (SACKS 1992), die ja früher nur als Vorlesungsmitschriften vorlagen. Zu dieser Gruppe habe ich mich sozusagen dazu gezählt und mich insofern auch mit anderen Personen identifiziert, wie z.B. Jörg BERGMANN, dessen Position ich zwar manchmal sehr streng und etwas dogmatisch fand, aber im Grunde richtig. Ich wurde in Deutschland am ehesten wohl als Konversationsanalytiker betrachtet, wobei Konversationsanalyse ein Teil der Ethnomethodologie ist. [20]
Was meine eigene kategoriale Selbstidentifikation angeht, würde ich mich als Ethnomethodologen bezeichnen. Aber innerhalb dieser Kategorie haben mich dann mehr empirische linguistische Studien interessiert. Im Rückblick würde ich sagen, dass Ethnomethodologie eher eine Identifikation als eine Identität war. [21]
Hannes KRÄMER: Vielleicht können wir nochmal auf MEAD eingehen und warum SCHEGLOFF der Meinung ist, dass dieser in der Konversationsanalyse keine große Rolle spielte.
Jürgen STREECK: Ich denke, das ist ganz einfach zu beantworten. MEAD wurde über die Rezeption durch Herbert BLUMER39) als Gründervater des symbolischen Interaktionismus betrachtet. Das war sehr lange die Standardwahrnehmung. Die Leute haben sich nicht die Mühe gemacht, MEAD selbst zu lesen, und so konnte diese Vereinnahmung auch nicht rückgängig gemacht werden. Dies hat dann Hans JOAS (1989) in seinen Arbeiten über MEAD geleistet – alles Wesentliche dazu habe ich von ihm gelernt. JOAS hat einen großen Beitrag dazu geleistet, MEADs Denken offenzulegen und unabhängig vom symbolischen Interaktionismus bekannt zu machen. [22]
Ich erinnere mich, was SCHEGLOFF einmal zu mir gesagt hat: Ich hatte ihm einen Artikel geschickt, in dem ich MEAD zitiert habe, und darauf meinte er: "You know, MEAD is not very popular among conversation analysts". Das hat er mit dem symbolischen Interaktionismus begründet, von welchem sich die Ethnomethodologie aus guten Gründen abgegrenzt hat. Ein Grund dafür war sicherlich, dass das Problem der Indexikalität auch im symbolischen Interaktionismus nicht geklärt ist. Ich denke, das ist der Hintergrund für die Vernachlässigung von MEAD. [23]
Aber MEAD war kein symbolischer Interaktionist. Und wenn man sich etwa MEADs Ausführungen über die Struktur von Handlungen und das Verhältnis von Geste und Handlungen und darüber, wie ritualisiertes Verhalten Handlungen vorankündigt, ansieht, dann erscheint das wie eine theoretische Vorwegnahme dessen, was in der Konversationsanalyse später als Präferenzorganisation und Projektion thematisiert wurde (vgl. POMERANTZ 1984). Das passt gut zueinander. Allerdings wurde die Chance nicht genutzt, über MEAD eine stärkere theoretische Fundierung der Konversationsanalyse zu leisten. [24]
René SALOMON: Sie beziehen sich in Ihren Arbeiten ja wiederholt auf GOFFMAN. Wenn man sich die Entwicklung der Ethnomethodologie anschaut, merkt man, dass GARFINKEL und GOFFMAN sich am Anfang relativ gut zu verstehen schienen – da finden sich wohlwollende Erwähnungen –, aber das ging dann immer weiter auseinander; zum Ende hin war das ja eher eine Abgrenzung voneinander. Ist diese Spannung für Sie, der auf beide Ansätze zugreift, ein Thema gewesen?
Jürgen STREECK: Ich würde erst einmal pauschal "Nein" sagen. Das ist mehr ein Thema für die Soziolog*innen gewesen – die Frage, inwiefern diese beiden Ansätze kompatibel sind. Darin stecken ja eigentlich zwei verschiedene Fragen: einerseits, wie diese Spaltung zustande gekommen ist und andererseits, wie gut die Ansätze auch nach der Spaltung zueinander passen, wie, sagen wir mal, anschlussfähig sie sind. In dieser Spaltung hatte Aaron CICOUREL eine interessante Rolle. Ich weiß nicht, ob Sie die Geschichte kennen: Erving GOFFMAN war der Doktorvater von Harvey SACKS in Berkeley. Er hat es dann aber schlussendlich abgelehnt, SACKS' Dissertation zu unterschreiben, mit dem Argument, dass das keine Soziologie sei. Dies hat dann CICOUREL übernommen. Ein Grund für CICOURELs Vorbehalte gegenüber der Konversationsanalyse war, wenn ich das recht sehe, dass er meinte, dass ihm nicht genug honoriert worden ist, dass er SACKS' Dissertation unterschrieben und abgesegnet hat. [25]
Ich glaube, dass diese Spaltung bei der Tagung am Bodensee manifest wurde – ich habe CICOUREL und SCHEGLOFF dort in ein mehr als vierstündiges, sehr ernst aussehendes Gespräch verwickelt gesehen. Dies war ein paar Monate vor Harvey SACKS' Tod. Was die Gründe für die Feindschaft GOFFMANs gegenüber der Konversationsanalyse angeht, kann ich nichts sagen. SCHEGLOFF (1988, S.91) selbst hat GOFFMANs Distanz ja als eine ödipale Tragödie analysiert – als infanticide, zuvor bereits in einem atemberaubenden Vortrag bei einer Konferenz in York zu Ehren des kurz zuvor verstorbenen GOFFMAN. [26]
René SALOMON: Der Ethnomethodologie wird oft Sektierertum vorgeworfen (COSER 1975) und das äußert sich dann unter anderem angeblich in diesen Feindschaften. Aber Sie sind das Paradebeispiel dafür, dass man offensichtlich beides betreiben kann, ohne dass es ein Problem darstellt.
Jürgen STREECK: Ich habe keine Feindschaften, aber ich glaube, ich werde oft als Außenseiter gesehen. Also zum Beispiel habe ich irgendwann Paul TEN HAVE40) ein Paper geschickt für seine Bibliografie zur Konversationsanalyse41), und daraufhin hat er mir geantwortet, ich sei leider kein Konversationsanalytiker. Aber er hat dann freundlicherweise eine separate Bibliografie über "Related Interaction Studies" aufgemacht und diese regelmäßig aktualisiert, und da habe ich mich auch ganz wohl gefühlt. Ich sitze vielleicht ein bisschen zwischen den Stühlen, aber ich finde das nicht weiter schlimm, es stört mich nicht. Auch habe ich nicht das Gefühl, angefeindet zu werden. In der Konversationsanalyse zeichnet sich ja auch die Frage danach ab, wie es weitergehen wird. Das betrifft Fragen nach der Rolle des Körpers in der Interaktion, und wieweit Gesprächsstrukturen in Formen von embodied cooperation eingebettet sind (MEYER, STREECK & JORDAN 2017). Eine Frage ist, ob nicht Verkörperung – embodiment – eine gleichermaßen zentrale Rolle in der Konstitution der sozialen Welt spielt wie es die Konversationsanalyse dem Gespräch einräumt. [27]
René SALOMON: Wie würden Sie die langfristigen Folgen dieser Spaltung für die Konversationsanalyse einschätzen?
Jürgen STREECK: Ich glaube eher, wir befinden uns in einer Phase relativ offenen und gelassenen Austauschs und neuer Konstellationen von Kooperation. Arnulf DEPPERMANN42) und ich haben zum Beispiel gerade ein Buch herausgegeben (DEPPERMANN & STREECK 2018), das aus einem Panel bei der International Conference of Conversation Analysis (ICCA) hervorgegangen ist und in dem es um das Verhältnis zwischen embodied activities und conversational structure unter dem Gesichtspunkt ihrer verschiedenen Temporalitäten geht. Unser Panel in Los Angeles war sehr gut besucht, obwohl die Beiträge kaum klassische Konversationsanalyse repräsentierten und von Annahmen ausgingen, die etwa SCHEGLOFF expliziert kritisiert hatte; zum Beispiel, dass körperliches, nichtverbales Handeln relevant ist für die sequenzielle Organisation des Gesprächs. Es ist spannend zu sehen, wie sich das alles weiterentwickeln wird. [28]
René SALOMON: Würden Sie sagen, dass auch die Studies so etwas wie eine Inspirationsquelle, eben auch für die Dimension des Körpers, sein können? Oder würden Sie sagen, das Buch ist nur historisch relevant, aber spielt darüber hinaus für aktuelle Fragen keine Rolle mehr?
Jürgen STREECK: Ich habe vor Kurzem ein Buch über den Besitzer einer Autowerkstatt geschrieben, den ich einen Tag lang gefilmt hatte (STREECK 2017). Da habe ich beispielsweise Momente beschrieben, bei denen dieser Mann durch eine bestimmte Weise, wie er eine Reparatur ausführt und dabei seine Hände bewegt, wie er beim Reparieren oder Testen gestikuliert und seine Handlungen in Gesten verwandelt, fortlaufend "erklärt, was er tut" – was eine GARFINKELsche Figur ist. Er macht durch die Gesten sozusagen sichtbar, nachvollziehbar und "tell-a-story-aboutable" (GARFINKEL 1967, S.33), was er gerade tut – und das ist eine GARFINKELsche Ethnomethode – oder wird mittels verschiedener Ethnomethoden bewerkstelligt. Daher denke ich schon, dass GARFINKELs Ideen noch eine große Rolle spielen könnten. [29]
Hannes KRÄMER: Was bleibt noch übrig oder wo geht sie hin, die Ethnomethodologie und die ethnomethodologisch informierte, inspirierte Konversationsanalyse? Was sind Themen, die neuerdings im Fokus stehen? Körperlichkeit ist sicherlich eines. Gibt es noch weitere Themen, die Sie als besonders relevant sehen – auch in Bezug auf GARFINKEL?
Jürgen STREECK: Ich würde sagen, vor allen Dingen in dem Feld, das meist als "Studies of Work" (BERGMANN 2006) bezeichnet wird, scheinen GARFINKELs Studies weiter eine sehr große Rolle zu spielen. Ich kenne mich mit den späteren Arbeiten von GARFINKEL, die hier noch relevanter sind, nicht aus. Doch Leute wie Lorenza MONDADA43) oder Christian HEATH44) sind sehr stark von GARFINKEL beeinflusst, betreiben aber auch eine Art von Forschung, die nicht wesentlich anders ist als meine eigene. [30]
Aber dann sehe ich in diesen konversationsanalytischen Arbeiten zur körperlichen Interaktion immer wieder auch ein Problem, das es meiner Ansicht nach wert ist, genauer und kritisch herauszuarbeiten. Es geht darum, wie viel Eigensinn man dem Körper einräumt, wie viel Spontaneität, und wie körperlich kognitive Vorgänge und soziale Bedeutungen selbst gefasst werden. Ich hege einen Homunkulus-Verdacht gegen viele Forschungen in der Konversationsanalyse, in den Studies of Work, in den Gesture Studies und so weiter: Immer wieder wird über den Körper so gesprochen und geschrieben, als sei der bloß ausführendes Organ eines körperlosen kommunikativen Willens, eines Homunkulus, der der Magd des Körpers sagt, was zu tun ist. Aber wer ist dieser kommunikative Willen, wo ist er angesiedelt, wenn nicht im Körper selbst? Das Dilemma dieses Body-Mind-Dualismus', das ja auch WITTGENSTEIN erkannt hat, erklärt die Wendung zur Phänomenologie, vor allem in der Form von MERLEAU-PONTY45) und HEIDEGGER46), nicht zu der weitgehend körperlosen Phänomenologie von Alfred SCHÜTZ. [31]
Hannes Krämer: Welche Rolle spielt dieses Problem für die Ethnomethodologie?
Jürgen STREECK: Das kann ich nicht sagen. In der Ethnomethodologie – oder vielleicht nicht so sehr in der Ethnomethodologie, aber in der Konversationsanalyse – gibt es eben immer noch diesen impliziten Dualismus sowie eine Überbetonung der Sprache. Was mich früher auch immer sehr interessiert hat, waren gerade Verbindungen zwischen WITTGENSTEIN und der Ethnomethodologie, beispielsweise bei Jeff COULTER47) (1999). Inzwischen bin ich aber zu der Auffassung gekommen, dass bei COULTER und in weiten Teilen der Philosophie der Alltagssprache eigentlich der Körper völlig eliminiert und nur der sprachlich erzeugte Sinn zur Kenntnis genommen wird. Es stellt sich die Frage, wie es mit der in der Ethnomethodologie immer angenommenen Reflexivität des Handelns aussieht, wenn man sich mit nichtsprachlichem oder vorsprachlichem, körperlichem Handeln beschäftigt? Es ist für mich unklar, wie das versöhnbar ist oder wie sich das weiterentwickeln könnte. Ich denke, dass das auch ein ungeklärtes Feld in der Theorie ist. Aber es gibt ja viele Ansätze, die so etwas – die körperlichen Ethnomethoden – schon in den Blick nehmen, und keineswegs nur neue Ansätze. Etwa beim Begriff der Praktiken, der heute irgendwie in aller Munde ist (RECKWITZ 2002), finden wir diese Betonung des Körpers; aber auch schon bei Marcel MAUSS'48) (1936) "Techniques du Corps" oder bei GOFFMAN, der Begriffe wie "body gloss" (1971, S.122ff.) ins Spiel bringt. GOFFMAN hat ja auch Momente beschrieben, in denen Menschen mit ihrer Gestik sozusagen ihr eigenes körperliches Verhalten kommentieren, sich davon distanzieren, deutlich machen, dass sie ein*e andere*r sind als der oder die, die sich da gerade gezeigt hat. Hier wird ersichtlich, dass das auch nichtsprachlich geht – dass es auch eine rein körperliche Reflexivität gibt. [32]
René SALOMON: Ich habe noch eine daran anschließende Frage. Würden Sie sagen, dass die Studies oder GARFINKELs Vorgehen methodisch heute noch aktuell sind? Oder würden Sie sagen, das ist methodisch zwar ein Startpunkt gewesen, über den wir aber mittlerweile weit hinaus sind?
Jürgen STREECK: Da bin ich einfach nicht genug informiert. Man würde annehmen, dass heutzutage das Kapitel zu "Passing" (GARFINKEL 1967, Kap. 5) in der Forschung zum Körper eine große Rolle spielen würde. Wenn ich Judith BUTLER49) gelesen habe, habe ich manchmal gedacht, dass GARFINKEL in seinem Artikel über Passing doch schon sehr viele Sachen über die Herstellung von Gender geschrieben hat, die sich bei BUTLER wiederholen. Also ich würde nicht sagen, wir haben GARFINKEL hinter uns gelassen, aber wir haben uns inzwischen durch andere Theorien hindurch bewegt. Die Phänomenologie des körperlichen In-der-Welt-Seins hat einfach für die Erforschung von Embodiment und Embodied Interaction eine ganz zentrale Bedeutung erhalten. [33]
René SALOMON: Was ist für Sie persönlich eine methodische Herausforderung bei der Erforschung von Mikropraktiken?
Jürgen STREECK: Eine interessante Herausforderung ist es, mit der Spontaneität von Gestik zurechtzukommen. Gestik ist in vieler Hinsicht wirklich eine sehr interessante und auch mysteriöse Sache. Gesten werden oft von ihren Produzent*innen nicht bemerkt. Man weiß nicht, dass man eine Geste gemacht – vielleicht sogar erfunden – hat, und trotzdem macht man mit ihr Sinn, der sich unserem Gegenüber erschließt und auch dem Produzenten/der Produzentin selbst irgendwie gewärtig ist. [34]
Hannes KRÄMER: Wir sind schon fast am Ende des Gespräches angekommen. Eine Frage, die wir allen Interviewpartner*innen stellen: Gibt es eine Lieblingsstelle oder ein Lieblingszitat oder irgendetwas, was Ihnen in Erinnerung geblieben ist aus den Studies?
Jürgen STREECK: Doch, ja, ich habe vorhin noch einmal reingeguckt, ich muss nur das Eselsohr finden, das ich da gemacht habe. Ja, das ist auf Seite 33, der Artikel "What is Ethnomethodology". Unter "Policies" heißt es bei Nummer vier: "the policy is recommended that any social setting be viewed as self-organizing, with respect to the intelligible character of its own appearences" (GARFINKEL 1967, S.33) und so weiter bis zum Ende des Abschnitts. Das ist eine dieser Stellen, bei denen es damals lange gedauert hat, bis ich das verstanden habe, wenn ich es denn verstanden habe. Hier ist meines Erachtens impliziert, dass, versucht man als empirischer Linguist, die situative Bedeutung von indexikalischen Ausdrücken oder Äußerungen zu bestimmen, auf einmal in diesen eine reichhaltige Spezifik von Situationsdefinitionen und Positionierungen sichtbar wird. Es wird so deutlich, dass ich der partikularen Verständigung vor Ort auf der Spur bin. Wenn ich stattdessen aber den Verschreibungen der Logiker*innen folge und gleichsam versuche, alles über den Äußerungskontext unabhängig herauszufinden, dann berechne ich, was der Sprecher/die Sprecherin nur gemeint haben kann. Dabei ist aber doch Partikularisierung ein ganz wichtiger Begriff – auch in der Konversationsanalyse. Wie zeigen wir uns, wer wir hier in diesem spezifischen Augenblick füreinander sind? Ganz allgemein: durch den kunstvollen Gebrauch indexikalischer Ausdrücke. Die Logik war diesen Fragen nicht einmal auf der Spur. Eine weitere tolle Stelle ist auf Seite zehn und elf. Im Unterabschnitt "What is Ethnomethodology" heißt es dort:
"The earmark of practical sociological reasoning, wherever it occurs, is that it seeks to remedy the indexible properties of members talk and conduct" bis "I use the term ethnomethodology to refer to the investigation of the rational properties of indexical expressions." [35]
Das hat mich damals beeindruckt, weil es so dunkel war. Als junger Mensch misst man seine Intelligenz gern daran, besonders harte Konzepte begreifen zu wollen. Ich hatte mehr ein Gefühl von Verstehen, irgendwie geht es um das Ausarbeiten der indexikalischen Bedeutungen von Ausdrücken und damit der Bedeutung des Kontextes selbst, um die reflexive Konstitution von Kontext und Bedeutung. Ich glaube, das versuchen wir alle immer noch zu klären. Insofern ist GARFINKEL da auch noch vollkommen aktuell, weil man sagen kann, das ist eine Beschreibung dessen, was wir alle tun, wenn wir versuchen, intersubjektiv geteilten Sinn und interaktive Organisation zu rekonstruieren. [36]
Hannes KRÄMER und René SALOMON: Das ist doch ein schöner Schlusssatz. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
Jürgen STREECK: Schön, es hat mir Spaß gemacht. [37]
1) Zum Interviewschwerpunkt vgl. die Einleitung in dieser FQS-Ausgabe (GERST, KRÄMER & SALOMON 2019). <zurück>
2) Aaron CICOUREL (*1928), Soziologe, einer der Hauptvertreter der phänomenologischen Soziologie in den USA, Professor an der University of California in San Diego (1966-1970) und in Santa Barbara (seit 1970). CICOUREL hat großen Anteil an der Entwicklung der Ethnomethodologie, von der er sich schließlich abgewendet hat zum Programm einer kognitiven Soziologie. Arbeitsschwerpunkte sind alltägliches Denken, Sprechen und Handeln, qualitative Methoden und Mikrosoziologie (vgl. CICOUREL 1974 [1964]). Siehe für einen Einblick in CICOURELs Denken auch das Interview von Andreas WITZEL und Günter MEY (2004). <zurück>
3) Dieter WUNDERLICH (*1937), Linguist, Professor für germanistische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin (1970-1973) und Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (1973-2002) bis zur Emeritierung. Mitinitiator der linguistischen Wende in Deutschland und zentral für die Bekanntmachung der Pragmatik und der Diskursanalyse im deutschsprachigen Raum. Arbeitsschwerpunkte sind die generative Grammatik, Sprechakttheorie, Morphosyntax und die Evolution der Sprache (vgl. WUNDERLICH 1970). <zurück>
4) Utz MAAS (*1942), Linguist, Professor für Textwissenschaft an der Universität Roskilde in Dänemark (1975-1976), Professor für allgemeine und romanische, später germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Osnabrück (1976-2007), Honorarprofessur am Institut für Sprachwissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz (seit 2007). MAAS befasst sich mit Fragen der Sprachdidaktik, Orthografie, Phonologie, der vergleichenden Sprachtypologie und der Geschichte der Sprachwissenschaft im Dritten Reich (vgl. MAAS 1984). <zurück>
5) Die anderen beiden Übersetzer waren Jörg ZELLER und Peter ZSCHÄKEL. <zurück>
6) Wie tief die Spannung zwischen beiden sitzt, zeigte sich auch in dem Umstand, dass Aaron CICOUREL unsere Interviewanfrage höflich und sehr persönlich ablehnte mit dem Hinweis auf die lang andauernden Dispute und die schwierige Beziehung zur Ethnomethodologie. Aspekte dieser Spannungslinien werden in CICOUREL (2007) aufgegriffen. <zurück>
7) Die Praxis-Gruppe war in den 1960er und 1970er Jahren bis zum Verbot im Jahr 1978 eine Gruppe jugoslawischer Philosoph*innen und Sozialwissenschaftler*innen, die einen humanistischen, undogmatischen "schöpferischen Marxismus" vertraten. Sie waren Veranstalter*innen der jährlich stattfindenden "Sommerschule" auf der Insel Korčula und Herausgeber der Zeitschrift Praxis (vgl. PETROVIC 1969) <zurück>
8) Emanuel SCHEGLOFF (*1937), Mitbegründer der Konversationsanalyse und bekannt für die Überführung der Konversationsanalyse in eine eigenständige Disziplin. SCHEGLOFF ist Professor in Los Angeles (seit 1996) und Mitglied im Editorial Board zahlreicher soziologischer und linguistischer Fachzeitschriften. Arbeitsschwerpunkte umfassen Sequenzanalyse, Mitgliedschaftskategorisierungen und Reparaturen in Interaktion (vgl. SCHEGLOFF 1968). <zurück>
9) Karel BERKA (1923-2004), Philosoph, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften in der Kategorie Theorie und Methodische Wissenschaften (1968-1991). Sein Hauptinteresse galt der Geschichte und Entwicklung der Logik von ARISTOTELES bis WITTGENSTEIN, Wissenschaftstheorie und Methodologie (vgl. BERKA & KREISER 1971). <zurück>
10) Lothar KREISER (*1934), Philosoph, Professor für Logik (1972-1992) bzw. für Logik, klassische Logik und Semantik (1992-1999) an der Universität Leipzig, Vertreter einer nichtphilosophischen Logik als Strukturwissenschaft. Arbeitsgebiete sind nichtklassische Logik, Geschichte der Logik und Semantik (vgl. KREISER 2008). <zurück>
11) Alfred TARSKI (1901-1983), Mathematiker und Logiker, Dozent in Warschau und Professor in Berkeley. Er war einflussreich für die Modelltheorie und die analytische Sprachphilosophie, grundlegende Arbeiten finden sich im im Bereich der Entscheidungstheorie, der Algebraisierung der Logik und Mathematik sowie der Wahrheitstheorie (vgl. TARSKI 1971 [1936b]). <zurück>
12) Rudolf CARNAP (1891-1970), Philosoph, Hauptvertreter des logischen Empirismus mit bedeutendem Einfluss auf die Entwicklung der analytischen Philosophie. Arbeitsschwerpunkte waren die Logik der Wissenschaften, Sprachphilosophie und Wahrscheinlichkeitstheorie (vgl. CARNAP 1947). <zurück>
13) Richard MONTAGUE (1930-1971), Mathematiker, Logiker, Philosoph und Linguist, Klassiker der formalen Semantik. MONTAGUE lehrte an der UCLA, sein Hauptinteresse galt der Semantik, der Universalgrammatik und der Intensionaliität (vgl. MONTAGUE 1974). <zurück>
14) Wilhelm KAMLAH (1905-1976), Philosoph, Mitbegründer der Erlanger Schule des methodischen Konstruktivismus, Professor an der Technischen Hochschule Hannover (1951-1954) und an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen (1954-1970). Sein Hauptinteresse galt der philosophischen Anthropologie, der Ethik sowie der Sprach- und Wissenschaftskritik (vgl. KAMLAH 1972). <zurück>
15) Paul LORENZEN (1915-1994), Philosoph, Mathematiker und Logiker, Mitbegründer der Erlanger Schule des methodischen Konstruktivismus, Professor in Bonn (1952-1956), in Kiel (1956-1962) und schließlich an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen (1962-1980). Sein Hauptinteresse galt der Wissenschaftstheorie, der dialogischen Logik und der konstruktiven Mathematik (vgl. KAMLAH & LORENZEN 1967). <zurück>
16) Kuno LORENZ (*1932), Philosoph, Mitbegründer der Dialogischen Logik, Professor für Philosophie an der Universität Hamburg (1970-1974) und an der Universität des Saarlandes (1974-1998). LORENZ arbeitete zur Sprach- und Dialogphilosophie sowie zur indischen Philosophie (vgl. LORENZEN & LORENZ 1978). <zurück>
17) Ludwig WITTGENSTEIN (1889-1951), Philosoph, einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts, Professor für Philosophie in Cambridge (1939-1947). Seine Sprachphilosophie leitete die linguistische Wende ein. Arbeitsschwerpunkte waren die analytische Sprachphilosophie und die Philosophie der Psychologie (vgl. WITTGENSTEIN 1967 [1953]). <zurück>
18) Konrad EHLICH (*1942), Linguist, Mitbegründer der Funktionalen Pragmatik, Professor in Tilburg (1981-1983), an der Universität Dortmund (1983-1992) und der Ludwig-Maximilians-Universität München (seit 1992) sowie Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin (seit 2009). Arbeitsschwerpunkte sind die Pragmatik, Deutsch als Zweit-/Fremdsprache, Textlinguistik, Sprachsoziologie und die Hebraistik (vgl. EHLICH & REHBEIN 1986). <zurück>
19) Jochen REHBEIN (*1939), Linguist, Mitbegründer der funktionalen Pragmatik, Professor an der Ruhr-Universität Bochum (1978-1983) und an der Universität Hamburg (1983-2004). Arbeitsschwerpunkte sind die Pragmatik, interkulturelle Kommunikation, medizinische Kommunikation und funktionale Grammatik (vgl. EHLICH & REHBEIN 1986). <zurück>
20) Das WITTGENSTEINsche Privatspracheargument negiert die Möglichkeit eines intelligiblen Sprachspiels, das nur einem/einer einzigen Sprechenden zugänglich ist, gerade weil es nicht intersubjektiv vermittelbar ist (WITTGENSTEIN 1967 [1953], §243ff.). <zurück>
21) Peter HANDKE (*1942), Schriftsteller und Übersetzer, einer der bekanntesten zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren. HANDKE befasst sich mit der Sprache als Reflexions- und Erfahrungsmedium sowie der Entfremdung zwischen Subjekt und Umwelt (vgl. HANDKE 1968). <zurück>
22) Alfred SCHÜTZ (1899-1959), Soziologe, Philosoph, Banker und Jurist, Begründer der phänomenologischen Soziologie, Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der New School for Social Research in New York (1956-1959). Seine Arbeitsschwerpunkte umfassten die Alltagswelt, Erfahrung, Intersubjektivität, Sozialtheorie und Methodologie der Sozialwissenschaften (vgl. SCHÜTZ & LUCKMANN 1973). <zurück>
23) Peter L. BERGER (1929-2017), Soziologe, vor allem bekannt für seine einflussreiche, mit Thomas LUCKMANN verfasste wissenssoziologische Arbeit "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" (BERGER & LUCKMANN 1969 [1966]). BERGER war Professor für Soziologie und Theologie an der Boston University (1981-2017) und Direktor des dortigen Institute for the Study of Economic Culture (seit 1985). Arbeitsschwerpunkte waren in den Bereichen Religionssoziologie, Wissenssoziologie, Sozialtheorie und Kapitalismustheorie (vgl. BERGER 1967). <zurück>
24) Thomas LUCKMANN (1927-2016), Soziologe, vor allem bekannt für seine einflussreiche, mit Peter L. BERGER verfasste wissenssoziologische Arbeit "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" (BERGER & LUCKMANN 1969 [1966]). LUCKMANN war Professor an der New School for Social Research in New York (1960-1965), an der Universität Frankfurt am Main (1965-1970) und an der Universität Konstanz (1970-1994). Arbeitsschwerpunkte waren in den Bereichen Religionssoziologie, Sprach- und Wissenssoziologie sowie Phänomenologie (vgl. LUCKMANN 1991). <zurück>
25) George Herbert MEAD (1863-1931), Philosoph, Soziologe, Psychologe, führender Vertreter der pragmatischen Tradition und Wegbereiter des symbolischen Interaktionismus, Professor in Chicago (1894-1931). Arbeitsschwerpunkte lagen im Bereich Identität und Intersubjektivität, Sozialpsychologie sowie Behaviorismus (vgl. MEAD 1934). <zurück>
26) Hans Peter DREITZEL (*1935), Soziologe und Gestalttherapeut, Assistenzprofessor an der New School for Social Research in New York (1967-1970) und Professor an der Freien Universität Berlin (1970-2000). Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen politische Soziologie, Rollentheorien, Soziologie des Körpers und der Emotionen (vgl. DREITZEL 1968). <zurück>
27) Hans JOAS (*1948), Soziologe und Sozialphilosoph, bekannt für die Verbreitung des amerikanischen Pragmatismus im deutschsprachigen Raum. JOAS ist Honorarprofessor an der Humboldt Universität zu Berlin, zuvor war er Leiter des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien an der Universität Erfurt (bis 2011) und anschließend Permanent Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies (bis 2014). In seiner Arbeit widmet er sich dem amerikanischen Pragmatismus und dem Historismus, der Religionssoziologie, der Soziologie von Krieg und Gewalt sowie dem Wertewandel in der modernen Gesellschaft (vgl. JOAS 1989). <zurück>
28) Erving GOFFMAN (1922-1982), Soziologe, bekannt für seine Studien zur sozialen Interaktion und einer der einflussreichsten amerikanischen Soziologen. GOFFMAN war Professor in Berkeley (1958-1968) und in Pennsylvania (1968-1982) und Präsident der American Sociological Association (1981-1982). Forschungsschwerpunkte lagen in den Bereichen Alltagswelt, soziale Interaktion, die soziale Herstellung des Selbst, totale Institutionen und Stigma (vgl. GOFFMAN 1994 [1967]). <zurück>
29) Die Tagung fand 1975 in Konstanz statt und wurde von Richard GRATHOFF organisiert im Rahmen des von Thomas LUCKMANN verantworteten Projektrahmens "Soziale Relevanz und biographische Struktur". <zurück>
30) Anselm L. STRAUSS (1916-1996), Soziologe, begründete in den 1960er Jahren mit Barney GLASER die Grounded-Theory-Methodologie, Professor an der University of California in San Francisco (1960-1987). Von STRAUSS stammen einflussreiche Forschungen zum symbolischen Interaktionismus, zur Medizinsoziologie, zur Methodologie qualitativer Sozialforschung und zur Theorie sozialer Welten (vgl. GLASER & STRAUSS 1998 [1967]). <zurück>
31) John O'NEILL (*1933), Soziologe, emeritierter Distinguished Research Professor für Soziologie an der York University, Toronto, Kanada. Seine Forschungsthemen sind Psychoanalyse, kritische Theorie, Phänomenologie, Medien, Körper und Recht (vgl. O'NEILL 1980). <zurück>
32) Hugh MEHAN (*1941), Soziologe, Professor Emeritus der University of California in San Diego. Forschungsschwerpunkte sind Ethnomethodologie, Bildungssoziologie und Interaktionen in Schulkontexten (vgl. MEHAN 1979). <zurück>
33) Siehe das Interview mit Stephan WOLFF in dieser Ausgabe (WOLFF & SALOMON 2019). <zurück>
34) Siehe das Interview mit Jörg BERGMANN und Christian MEYER in dieser Ausgabe (BERGMANN, MEYER, SALOMON & KRÄMER 2019). <zurück>
35) Elmar WEINGARTEN (*1942), Soziologe und Musikmanager. Nach einer Assistenzprofessur an der Freien Universität Berlin (1975-1985) verließ er die Wissenschaft. Seit 2011 ist er Geschäftsführer und Vorsitzender der Künstlerischen Kommission der Festspiele Zürich. Von ihm stammen soziologische Arbeiten zur qualitativen Sozialforschung und der Medizinsoziologie (vgl. WEINGARTEN, SACK & SCHENKEIN 1976). <zurück>
36) Rodney WATSON, Soziologe, Professor in Manchester (1972 bis zur Emeritierung). Er befasste sich mit ethnomethodologisch fundierter Konversationsanalyse, membership categorization und qualitativen Methoden (vgl. WATSON 1992). <zurück>
37) John HERITAGE (*1946), Soziologe, Professor an der UCLA, führender Vertreter der Konversationsanalyse. Sein Buch "Garfinkel and Ethnomethodology" (HERITAGE 1984) machte die Ethnomethodologie einem weiteren Publikum zugänglich. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen Sprache in Institutionen, Sprecher*innenwechsel, politische Kommunikation und epistemische Autorität (vgl. CLAYMAN & HERITAGE 2002). <zurück>
38) Harvey SACKS (1935-1975), Begründer der Konversationsanalyse und wegweisender Vertreter der frühen Ethnomethodologie mit großem Einfluss in der Mikrosoziologie, Sozialpsychologie und Linguistik. SACKS war Lecturer an der UCLA und Professor an der University of California Irvine (1964-1975). Seine Forschungen umfassten Sequenzanalyse, membership categorization und Methodologie der Soziologie (vgl. SACKS 1992). <zurück>
39) Herbert BLUMER (1900-1987), Soziologe, Begründer des symbolischen Interaktionismus, Lecturer in Chicago (1927-1952) und Professor in Berkeley (1952-1967), Herausgeber des American Journal of Sociology (1941-1952) und Präsident der American Sociological Association (1956). Seine Arbeitsschwerpunkte umfassten den symbolischen Interaktionismus, Methoden der Sozialwissenschaften, Ethnizitätsforschung und Industrialisierung (vgl. BLUMER 1969). <zurück>
40) Paul TEN HAVE (*1937) war Associate Professor im Department of Sociology and Anthropology an der Universität Amsterdam, Niederlande (bis 2002). Seine Forschungsschwerpunkte umfassten Ethnomethodologie, Konversationsanalyse, medizinische Interaktion, Science and Technology Studies und qualitative Forschungsmethoden (vgl. TEN HAVE 2007; siehe auch in FQS erschienene Veröffentlichungen von TEN HAVE). <zurück>
41) Von 1996 bis 2014 stellte Paul TEN HAVE auf seiner Homepage eine ständig aktualisierte Bibliografie konversationsanalytischer und ethnomethodologischer Literatur bereit. Seit 2014 ist diese unter emcawiki.net verfügbar und wird unter anderem von Saul ALBERS editiert. <zurück>
42) Arnulf DEPPERMANN ist Professor für germanistische Linguistik an der Universität Mannheim (seit 2006) und Leiter der Abteilung Pragmatik und des Programmbereichs Interaktion des Instituts für Deutsche Sprache. Er ist Mitherausgeber und Redakteur der Open-Access-Zeitschrift Gesprächsforschung und Mitglied zahlreicher Advisory Boards. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Bedeutungskonstitution, Verstehen und Intersubjektivität in der Interaktion, multimodale Interaktion, Erzählen und Identität im Gespräch sowie Weiterentwicklungen der konversationsanalytischen Methodik (vgl. DEPPERMANN 2013). <zurück>
43) Lorenza MONDADA (*1963), Linguistin, Professorin für französische und allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Basel. Auf sie gehen zahlreiche einschlägige konversationsanalytische Forschungen zu Multimodalität, Embodiment und Interaktion in Arbeitssettings zurück (vgl. MONDADA 2016). <zurück>
44) Christian HEATH ist Professor für Work and Interaction sowie Mitgründer des Work, Interaction and Technology Research Centre am King's College London. Seine ethnomethodologischen und konversationsanalytischen Arbeiten widmen sich medizinischer Interaktion, multimodaler Interaktion, technologisierter Interaktion und Workplace Sudies (vgl. LUFF, HINDMARSH & HEATH 2000). <zurück>
45) Maurice MERLEAU-PONTY (1908-1961), einflussreicher Philosoph in der phänomenologischen Tradition, Professor am Collège de France in Paris (1952-1961). Seine Arbeitsschwerpunkte waren insbesondere die Körperphänomenologie, Wahrnehmung und Bedeutung sowie Ästhetik (vgl. MERLEAU-PONTY 1962 [1945]). <zurück>
46) Martin HEIDEGGER (1889-1976), einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts; Professor in Marburg (1923-1928) und Freiburg (1928-1967, mit Unterbrechungen). Sein Werk kreist um Fragen des Existenzialismus, er widmete sich u.a. Fragen moderner Technologien und der Kritik der Metaphysik (vgl. HEIDEGGER 2006 [1927]). <zurück>
47) Jeff COULTER, Professor für Soziologie an der Universität Boston und Fellow der Universität Lancaster. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen Ethnomethodologie, die Philosophie WITTGENSTEINs, Kognition und Emotionen (vgl. COULTER & SHARROCK 2007). <zurück>
48) Marcel MAUSS (1827-1950), Soziologe und Ethnologe, der einflussreich war für die Institutionalisierung der französischen Soziologie und Anthropologie. Bahnbrechend war seine empirische Studie über die Gabe, weitere Forschungsinteressen galten der Religionssoziologie, der Ethnografie und dem Geld (vgl. MAUSS 1968 [1923-24]). <zurück>
49) Judith BUTLER (*1956), Philosophin und Philologin, Professorin für Rhetorik und Komparatistik an der University of California, Berkeley. Sie Prägte Konzepte von Performativität und ist bekannt als gesellschaftliche engagierte Intellektuelle sowie für ihre Beiträge zur feministischen Theorie, Machtkritik und Diskurstheorie (vgl. BUTLER 2003 [1990]). <zurück>
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Jürgen STREECK, geb. 1952, studierte Linguistik, Soziologie und Philosophie an der Universität Hamburg und an der Freien Universität Berlin. Von 1976 bis 1978 war STREECK DAAD-Stipendiat an der University of San Diego in den USA. Er promovierte 1981 in Linguistik an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit zu "Kommunikation in der kindlichen Sozialwelt" (STREECK 1983). Von 1979 bis 1989 unterrichtete STREECK an der Freien Universität Berlin, ab 1989 als Assistant Professor an der Universität von Texas in Austin, USA. Seit 1999 ist er Professor für Communication Studies, Germanic Studies and Anthropology an der Universität von Texas in Austin. Seine Forschungsinteressen sind videobasierte, mikroethnografische Studien menschlicher Interaktionen in seinen kulturellen, ökologischen und politischen Kontexten.
University Station, A-1105
Austin, TX 78712-1089, USA
Tel.: +1 512-471-1955
E-Mail: jstreeck@austin.utexas.edu
URL: http://jurgenstreeck.net
René SALOMON, geb. 1976. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für allgemeine Soziologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Forschungsschwerpunkte: Praxis- und Systemtheorie, qualitative Methodologie, Wissenssoziologie und Gesellschaftstheorie.
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Copyright (c) 2019 Jürgen Streeck, Hannes Krämer, René Salomon

References: Art. 15
 §243
 Art. 13
 Art. 41
 Art. 12
 Art. 15