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Timestamp: 2019-06-25 20:08:48+00:00

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Kunst als „Quietiv“ oder als „Stimulans“: Eine vergleichende ... | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
2. Zur Bedeutung der Kunst in Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vor- stellung““, Drittes Buch
2.1 Die Welt als Vorstellung und Wille
2.2 Kunst als „Quietiv des Willens“
2.3 Die Kunstgattungen
2.4 Der Künstler
3. Zur Bedeutung der Kunst in Nietzsches „Geburt der Tragödie“
3.1 Die Welt als Apollinisches und Dionysisches
3.2 Die Kunst als „Stimulans zum Leben“
3.3 Die Kunstgattungen
4. Vergleich der Kunstbedeutung bei Schopenhauer und Nietzsche
4.1 Die Weltanschauung
4.2 Die Bedeutung der Kunst für das Leben
4.3 Die Kunstgattungen
4.4 Der Künstler
Eines Tages fand ich nämlich im Antiquariat des alten Rohn dies Buch, nahm es mir völlig fremd in die Hand und blätterte. Ich weiß nicht welcher Dämon mir zuflüsterte: „Nimm Dir dies Buch mit nach Hause“ [.] Es geschah jedenfalls wider meine sonstige Gewohnheit, Büchereinkäufe nicht zu überschleunigen. Zu Hause warf ich mich mit dem erworbenen Schatze in die Sophaecke und begann jenen energischen düsteren Genius auf mich wirken zu lassen. Hier war jede Zeile, die Entsagung, Verneinung, Resignation schrie, hier sah ich in einen Spiegel, in dem ich die Welt, Leben und eigen Gemüth in entsetzlicher Großartigkeit erblickte. Hier sah mich das volle interesselose Sonnenauge der Kunst an, hier sah ich Krankheit und Heilung, Verbannung und Zufluchtsort, Hölle und Himmel. (HKG, W III, 298)
So schildert Friedrich Nietzsche in einem Rückblick auf seine Jahre in Leipzig seine Begegnung mit Arthur Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ und insbesondere mit dessen Kunstanschauung. Wie sieht diese Kunstauffassung Schopenhauers aus und inwiefern lässt sich Nietzsche von ihr beeinflussen beziehungsweise inwiefern distanziert er sich von ihr? Um diese Frage zu erörtern, sollen zunächst folgende grundlegende Aspekte des Kunstverständnisses Schopenhauers im Dritten Buch aus „Die Welt als Wille und Vorstellung“ und Nietzsches im Werk „Die Geburt der Tragödie“ dargestellt werden: erstens die jeweilige zugrundeliegende Weltanschauung, zweitens die daraus resultierende Bedeutung der Kunst für das Leben, drittens die unterschiedliche Rolle der Kunstgattungen Bildende Kunst, Dichtung und Musik sowie viertens die Relevanz des Künstlers als besonderer Betrachter oder als Hervorbringender des Kunstwerks. Um eine möglichst objektive Darstellung zu gewährleisten, werden hierbei vorrangig die Originaltexte berücksichtigt, während auf Sekundärliteratur weitgehend verzichtet wird.
Im anschließenden Vergleich der Kunstauffassungen soll gezeigt werden, welche Aspekte Nietzsche von Schopenhauer übernimmt, weiterentwickelt und von welchen er abrückt. Der Arbeitstitel „Kunst als Quietiv und Stimulans“ verweist dabei schon auf den entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Philosophien, die zwar von einer ähnlichen Welt- und Kunstsicht ausgehen, aus dieser jedoch eine gegensätzliche Bedeutung der Kunst für das Leben ableiten.
Der letzte Teil soll rückgreifend auf die Leitfragestellung die Ergebnisse resümieren sowie mögliche weiterführende kritische Fragen stellen.
Gemäß der Devise Kants, dass „Begriffe ohne Anschauungen leer (seien)“ (A 51), sind im Anhang einige Kunstwerke abgebildet und markante Textstellen aufgeführt, die die Theorien beider Philosophen exemplarisch veranschaulichen sollen.
Kant aufgreifend geht Schopenhauer von der Grundannahme aus, dass die Welt „bloße Vorstellung, Objekt für ein Subjekt“ (WWVI, §30, 233) sei, das heißt dass die Welt dem Menschen nur so gegeben ist, wie er sie mit seinen Sinnesorganen und seinem Verstandesapparat wahrnimmt. Dabei formuliert der Satz vom Grunde die apriorischen Gesetzmäßigkeiten des Raumes, der Zeit und der Kausalität, denen unsere gegenständlichen und vereinzelten Erfahrungen der Welt als Vorstellung unterworfen sind (vgl. ebd., §30, 233). Doch für Schopenhauer stellen die Vorstellungen, auch Erscheinungen genannt, bloß illusionäre Scheinbilder, den sogenannten Schleier der Maya (vgl. ebd., §51, 335), dar, die eigentlich Manifestationen („Objektivationen“) einer tieferliegenden Wirklichkeit sind, und zwar des Willens, dem „Ding an sich“ (ebd., §30, 233). Während die Vorstellungen nur die mittelbaren Objektivationen des Willens bilden, „(sei) die Idee (...) die unmittelbare und daher adäquate Objektität des Dinges an sich, welches aber selbst der WILLE (sei)“ (ebd., §38, 265). Die Ideen besitzen nach Schopenhauer wie die Vorstellungen die Form des „Objektseyns für ein Subjekt“ (ebd., §30, 234), sind jedoch nicht wie diese dem Satz vom Grunde unterworfen. Sie sind die „ursprünglichen, nicht wechselnden Formen“ (ebd., §30, 233) aller Erscheinungen, welche durch das Individuationsprinzip von Raum, Zeit und Kausalität aus ihnen in ihrer Vielheit hervorgehen.
Erkenntnis bedeutet nun für Schopenhauer die Erkenntnis des unvergänglich und unveränderlich Wahren, kurz der Ideen.
Welche Erkenntnißart nun aber betrachtet [...] die Ideen [...] ? - Es ist die Kunst, das Werk des Genius. Sie wiederholt die durch reine Kontemplation aufgefaßten ewigen Ideen, das Wesentliche und Bleibende aller Erscheinungen der Welt, und je nachdem der Stoff ist, in welchem sie wiederholt, ist sie bildende Kunst, Poesie oder Musik. Ihr einiger Ursprung ist die Erkenntniß der Ideen; ihr einziges Ziel Mittheilung dieser Erkenntniß. (ebd., §36, 252 f.)
Dabei muss betont werden, dass die Idee niemals vom Individuum als solchem erkannt werden kann, da Individualität ja dem Bereich der Vorstellung zugehört, „sondern nur von dem, der sich über alles Wollen und alle Individualität zum reinen Subjekt des Erkennens erhoben hat“ (ebd. §36, 253). Ein Vergleich zwischen Wissenschaft und Kunst zeigt, dass auch die Wissenschaft die Erkenntnis der Ideen zum Ziel hat. Sie muss jedoch letztlich scheitern, da sie versucht von den Vorstellungen, sprich den Beobachtungen, auf die ihnen zugrundeliegenden Ideen, also die Naturgesetze, zu schließen und sich dabei ausschließlich der Erkenntnis unter den Bedingungen von Raum, Zeit und Kausalität bedient (vgl. ebd., §36, 252). Die Kunst hingegen überspringt die Erkenntnis der Vorstellungen, indem sie gleich mit der kontemplativen Erkenntnis der Ideen ansetzt, und deshalb ihr Ziel immer schon gegenwärtig hat (vgl. ebd., §36, 252). Allerdings ist die durch die Kunst vermittelte Wesenserkenntnis der Welt kein Selbstzweck, sondern sie hat angesichts Schopenhauers pessimistischer Weltsicht vor allem eine ethische Funktion. So sieht er im Willen, der wie allen Erscheinungen auch dem menschlichen Leben in Form von Leidenschaften und Trieben zugrundeliegt, einen nicht zu befriedigenden Daseinsdrang und folgert, dass „solange unser Bewußtseyn von unserm Willen erfüllt (sei), [...] solange wir Subjekt des Wollens (seien), (...) uns nimmermehr dauerndes Glück, noch Ruhe (werde)“ (ebd., §38, 265). Die Kunst als „Betrachtungsart der Dinge unabhängig vom Satze des Grundes“ (ebd., §36, 252), das heißt unabhängig von Raum, Zeit und Kausalität bezogen sowohl auf das erkennende Subjekt als auch auf das erkannte Objekt, wirkt daher wie eine Betäubung („Quietiv“) des Willens (vgl. ebd. §52, 353). Sie eröffnet dem Menschen eine Möglichkeit, dem „Sklavendienst des Willens“ (ebd., §38, 266) vorübergehend zu entfliehen, und in der Kontemplation des Kunstwerkes Ruhe zu finden und darin aufzugehen (vgl. ebd., §34, 244).
Die einzelnen Kunstgattungen entsprechen den unterschiedlichen Objektivationsstufen des Willens von der untersten des Anorganischen bis hin zur höchsten des Menschen, welche aus seinem ständigen, mit sich selber kämpfenden Streben nach Gestaltung hervorgehen. So zeigen die Bildenden Künste der Architektur und der Wasserleitungskunst auf der Stufe der unbelebten Materie die Ideen der „Schwere, Kohäsion, Starrheit, Flüssigkeit (und der; S.G.) Reaktion gegen das Licht“ (ebd., §43, 287), welche wiederum schon das zwieträchtige Wesen des Willens enthüllen, zum Beispiel im Kampf zwischen Schwere und Starrheit (vgl. ebd., §52, 338). Um die Darstellung der vegetativen Natur bemühen sich auf unterschiedliche Weise die Gartenkunst (vgl. ebd., §44, 292) und die Landschaftsmalerei (vgl. ebd., §44, 293), um die Idee des Tieres und seiner verschiedenen Arten die Tiermalerei und -bildhauerei (vgl. ebd., §44, 293). Solche Werke der Bildenden Künste, wie das Stillleben oder ein Landschaftsbild, insofern sie ideal, also nicht empirisch-realistisch, nicht begehrlich dargestellt sind (vgl. ebd., §40, 280), gewähren nun dem ästhetischen Betrachter ein Mitempfinden der willensfreien Geistesruhe des Malers (vgl. ebd., §38, 266f.). Im Unterschied zu Objekten, die einfach schön sind, sind erhabene Gegenstände solche, die auf irgendeine Weise dem menschlichen Willen feindlich sind. So wirken zum Beispiel „schwarze Gewitterwolken, ungeheure, nackte, herabhängende Felsen, [...] rauschende schäumende Gewässer“ (ebd. §39, 276) in ihrer Unermesslichkeit und Bedrohlichkeit erhaben, mit anderen Worten der Betrachter erhebt oder löst sich bewusst vom Willen und verweilt bei dem, was sonst Schrecken erregen würde. Der Höhepunkt der Bildenden Kunst ist die Darstellung der menschlichen Schönheit in ihrer Vollkommenheit, welche die Aufgabe der Historienmalerei und der Bildhauerei ist und welche beim Betrachter für „unaussprechliches Wohlgefallen“ (ebd., §45, 295f.) und die Enthebung aus jeglicher Qual sorgt. Die Dichtkunst leitet durch Begriffe die Phantasie des Lesers zur Anschauung der Idee des „menschlichen Handelns“ (ebd., §41, 283) hin. Um die Allgemeinheit der Begriffe einzuschränken und Anschaulichkeit zu erreichen, verwendet der Dichter stilistische Hilfsmittel wie Epitheta, Metaphern, Gleichnisse, Parabeln, Allegorien, Reime und Rhythmen (vgl. ebd., §50, 315ff.). Die höchste poetische Form hinsichtlich Wirkung und Leistung ist dabei die Tragödie, deren „Zweck die Darstellung der schrecklichen (, leid- und schmerzvollen; S.G.) Seite des Lebens ist, [...] de(s) Widerstreit(s) des Willens mit sich selbst (...) auf der höchsten Stufe seiner Objektität“ (ebd., §51, 335) sowie die Vermittlung der Einsicht in die Grundschuld des Menschen, nämlich geboren worden zu sein (vgl. ebd., §51, 334). Schopenhauer begründet die entlastende und Gefallen erregende Wirkung des Trauerspiels nicht mit dem Gefühl des Schönen, sondern mit dem des Erhabenen (vgl. WWVII, Kap.37, 503), insofern die tragische Katastrophe den Zuschauer sämtlichen Lebenswillen aufgeben und resignieren lässt und somit als „QUIETIV des Willens“ (WWVI, §51, 335) wirkt.
Friedrich Nietzsche „Die Geburt der Tragödie“
V93937
9783638070843
Kunst, Eine, Darstellung, Kunstkonzeption, Schopenhauer, Nietzsche, Friedrich, Geburt, Tragödie“
Sophia Gerber (Autor), 2003, Kunst als „Quietiv“ oder als „Stimulans“: Eine vergleichende Darstellung der Kunstkonzeption bei Schopenhauer und Nietzsche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93937
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