Source: http://m.hensche.de/Betriebsbedingte_Kuendigung_eines_Leiharbeitnehmers_nach_Auftragsverlust_des_Verleihers_BAG_2AZR412-05-u.html
Timestamp: 2017-06-26 19:12:30+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 2 AZR 412/05
Arbeitnehmerüberlassung, Leiharbeit, Zeitarbeit, Kündigung: Betriebsbedingt
Arbeitsgericht Siegburg, Urteil vom 30.06.2004, 6 (2) Ca 903/04
2 AZR 412/05 11 Sa 1014/04Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln Im Na­men des Vol­kes!
Verkündet am 18. Mai 2006
- 2 - Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln vom 3. Ju­ni 2005 - 11 Sa 1014/04 - wird auf Kos­ten der Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen.
- 3 - kei­ne Kin­der und seit dem 30. No­vem­ber 2000 bei der Be­klag­ten beschäftigt) so­zi­al schutzwürdi­ger.
Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung vom 29. Ja­nu­ar 2004 zum 31. März 2004 be­en­det wor­den ist, son­dern un­verändert fort­be­steht.
Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten hat kei­nen Er­folg. A. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat im We­sent­li­chen sei­ne der Kla­ge statt­ge­ben­de Ent­schei­dung wie folgt be­gründet: Die Kündi­gung sei nicht durch drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se iSv. § 1 Abs. 2 KSchG be­dingt. Die Be­klag­te ha­be die feh­len­de Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­keit auf Grund ei­nes Auf­trags­man­gels nicht hin­rei­chend dar­ge­legt. Sie tra­ge als Leih­ar­beits­un­ter­neh­men das Beschäfti­gungs­ri­si­ko für kurz­fris­ti­ge Auf­tragslücken. Sie müsse dar­le­gen, dass in ei­nem re­präsen­ta­ti­ven Zeit­raum vor Aus­spruch der Kündi­gung we­der im bis­he­ri­gen Ar­beits­be­reich des Ar­beit­neh­mers noch in an­de­ren Be­rei­chen, in de­nen er nach zu­mut­ba­ren Um­schu­lungs- und Fort­bil­dungs­maßnah­men hätte ein­ge­setzt wer­den können, Auf­träge vor­han­den ge­we­sen sei­en. Nur dann könne an­ge­nom­men wer­den, sol­che Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten würden auch - 4 - zukünf­tig kurz­fris­tig nicht ent­ste­hen. Dafür, dass dies nicht der Fall sei, tra­ge der Ar­beit­ge­ber die Dar­le­gungs- und Be­weis­last. Dem genüge der Vor­trag der Be­klag­ten nicht. Der bloße Hin­weis auf den Weg­fall des V-Auf­tra­ges recht­fer­ti­ge die not­wen­di­ge an­zu­stel­len­de ne­ga­ti­ve Pro­gno­se nicht. Die Be­klag­te ha­be zu den feh­len­den an­de­ren Ein­satzmöglich­kei­ten nicht sub­stan­zi­iert vor­ge­tra­gen, bei­spiels­wei­se feh­le es an ei­ner Dar­stel­lung zu den ak­qui­rier­ten Ein­satzmöglich­kei­ten im Zeit­raum Sep­tem­ber 2003 bis März 2004 und den dafür not­wen­di­gen Qua­li­fi­ka­ti­ons­vor­aus­set­zun­gen.
B. Dem folgt der Se­nat im Er­geb­nis und in we­sent­li­chen Tei­len der Be­gründung. Die frist­gemäße Kündi­gung ist nach § 1 Abs. 1 KSchG un­wirk­sam, weil sie so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt iSv. § 1 Abs. 2 Satz 1 KSchG ist. Die Be­klag­te hat drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se, die ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers in ih­rem Be­trieb ent­ge­gen­ste­hen, nicht aus­rei­chend dar­ge­tan.
Ein be­triebs­be­ding­ter Kündi­gungs­grund kann sich auch aus außer­be­trieb­li­chen Umständen er­ge­ben, wenn nämlich der Ar­beit­ge­ber, wie im Fall ei­nes schlich­ten Auf­trags­ver­lus­tes, die An­zahl der benötig­ten Ar­beit­neh­mer un­mit­tel­bar an die ver­blie­be­ne bzw. vor­han­de­ne Ar­beits­men­ge an­pas­sen will, die sich aus dem ver­rin­ger­ten Auf­trags­be­stand und dem dar­aus re­sul­tie­ren­den ver­rin­ger­ten Ar­beits­vo­lu­men er­gibt (BAG 15. Ju­ni 1989 - 2 AZR 600/88 - AP KSchG 1969 § 1 Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung Nr. 45 = EzA KSchG § 1 Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung Nr. 63 ; 12. April 2002 - 2 AZR 256/01 - AP KSchG 1969 § 1 Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung 120 = EzA KSchG § 1 Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung Nr. 118). Ein Auf­tragsrück­gang stellt in­so­weit ein drin­gen­des be­trieb­li­ches Er­for­der­nis zur Kündi­gung dar, wenn der Ar­beits­an­fall so zurück­ge­gan­gen ist, dass zukünf­tig für ei­nen oder meh­re­re Ar­beit­neh­mer kein Bedürf­nis für ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung mehr be­steht (BAG 17. Ju­ni 1999 - 2 AZR 141/99 - BA­GE 92, 71 und - 2 AZR 456/98 - BA­GE 92, 79). Be­haup­tet der Ar­beit­ge­ber, al­lein der außer­be­trieb­li­che Grund ha­be das Bedürf­nis für ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung ent­fal­len las­sen, bin­det er sich al­so selbst an die von ihm so ge­se­he­nen Sach­zwänge, kann das Ge­richt in vol­lem Um­fang nach­prüfen, ob die vom Ar­beit­ge­ber be­haup­te­ten außer­be­trieb­li­chen Umstände für die Kündi­gung zum Zeit­punkt der Kündi­gung tatsächlich vor­la­gen und zukünf­tig zu ei­nem dau­er­haf­ten Rück­gang des Beschäfti­gungs­vo­lu­mens führen. Da­bei muss der In­halt und die Sub­stanz des Sach­vor­trags dem Um­stand Rech­nung tra­gen, dass die Einschätzung des zukünf­ti­gen - ge­sun­ke­nen - Beschäfti­gungs­be­darfs und -vo­lu­mens pro­gnos­ti­schen Cha­rak­ter hat. Der Ar­beit­ge­ber muss des­halb den Rück­gang des Beschäfti­gungs­vo­lu­mens nach­voll­zieh­bar dar­stel­len, bei­spiels­wei­se durch ei­ne Dar­stel­lung der Ent­wick­lung und ei­nen Ver­gleich des Auf­trags- und Beschäfti­gungs­vo­lu­mens in Re­fe­renz­pe­ri­oden (vgl. bei­spw. Hie­kel: FS 50 Jah­re Ar­beits­ge­mein¬schaft Ar­beits­recht 333, 340; Dahl BB 2003, 1626, 1628).
- 6 - so­fort oder auf ab­seh­ba­re Zeit ein­ge­setzt wer­den kann (Dahl BB 2003, 1626, 1628; Ul­ber AÜG 3. Aufl. § 1 AÜG Rn. 91). Da­bei reicht ein bloßer Hin­weis auf ei­nen aus­lau­fen­den Auf­trag und auf ei­nen feh­len­den An­schluss­auf­trag re­gelmäßig nicht aus, um ei­nen - dau­er­haf­ten - Weg­fall des Beschäfti­gungs­bedürf­nis­ses zu be­gründen. Der Ar­beit­ge­ber muss an Hand der Auf­trags- und Per­so­nal­pla­nung viel­mehr dar­stel­len, war­um es sich nicht nur um ei­ne - kurz­fris­ti­ge - Auf­trags­schwan­kung, son­dern um ei­nen dau­er­haf­ten Auf­tragsrück­gang han­delt und ein an­de­rer Ein­satz des Ar­beit­neh­mers bei ei­nem an­de­ren Kun­den bzw. in ei­nem an­de­ren Auf­trag - auch ggf. nach ent­spre­chen­den An­pas­sungs­fort­bil­dun­gen - nicht in Be­tracht kommt. Dies gilt um­so mehr, als es dem We­sen der Ar­beit­neh­merüber­las­sung und dem Geschäft ei­nes Ar­beit­neh­merüber­las­sungs-Un­ter­neh­men ent­spricht, Ar­beit­neh­mer - oft kurz­fris­tig - bei ver­schie­de­nen Auf­trag­ge­bern ein­zu­set­zen und zu beschäfti­gen. Es kann ge­sche­hen, dass be­reits ei­nen Tag nach Aus­spruch der Kündi­gung ein neu­er Kun­de kurz­fris­tig Be­darf für ei­nen Ar­beit­neh­mer und des­sen Ein­satz an­mel­det (Dahl BB 2003, 1626, 1627). Des­halb ist es ge­recht­fer­tigt, an die Dar­le­gung der Tat­sa­chen, auf de­nen die zu stel­len­de Pro­gno­se des zukünf­ti­gen Beschäfti­gungs­vo­lu­mens be­ruht, de­zi­dier­te An­for­de­run­gen - auch in zeit­li­cher Hin­sicht - zu stel­len. Das Vor­lie­gen von mögli­cher­wei­se nur kurz­fris­ti­gen Auf­trags­schwan­kun­gen muss aus­zu­sch­ließen sein. Kurz­fris­ti­ge Auf­tragslücken sind bei ei­nem Leih­ar­beits­un­ter­neh­men nicht ge­eig­net, ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung iSv. § 1 Abs. 2 Satz 1 KSchG zu recht­fer­ti­gen, da sie zum ty­pi­schen Wirt­schafts­ri­si­ko die­ser Un­ter­neh­men gehören (LAG Köln 10. De­zem­ber 1998 - 6 Sa 493/98 - EzAÜG KSchG Nr. 10; Thüsing/Pelz­ner AÜG § 3 Rn. 115; ErfK/Wank AÜG 6. Aufl. Einl. Rn. 41; Ur­ban-Krell/Schulz: Ar­beit­neh­merüber­las­sung und Ar­beits­ver­mitt­lung Rn. 454; Preis/Ten­brock In­no­va­ti­ve Ar­beits­for­men Rn. 967; Sand­mann/Mar­schall AÜG Art. 1 § 11 Anm. 23; Hie­kel aaO S. 340; Schüren/Beh­rend NZA 2003, 521, 524).
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt vor­lie­gend kei­ne über­zo­ge­nen An­for­de­run­gen an die Dar­le­gungs­last ge­stellt. Die Be­klag­te hat die not­wen­di­gen Tat­sa­chen zur Be­ur­tei­lung ei­nes zukünf­tig dau­er­haft ge­sun­ke­nen Beschäfti­gungs­be­darfs nicht hin­rei­chend dar­ge­stellt. Sie hat we­der für ei­nen re­präsen­ta­ti­ven Zeit­raum spe­zi­fi­ziert, wie sich die Auf­träge und die Ein­satzmöglich­kei­ten (in­klu­si­ve der benötig­ten Qua­li­fi­ka­tio­nen der Ar­beit­neh­mer) ent­wi­ckelt ha­ben und zukünf­tig (in ei­nem Ver­gleich der Auf­träge in den ver­schie­de­nen Re­fe­renz­pe­ri­oden) ent­wi­ckeln wer­den, noch wel­che Ar­beit­neh­mer sie zur Be­ar­bei­tung die­ser Auf­träge ein­ge­setzt und wel­che Maßnah­men sie ein­ge­lei­tet hat, um Ar­beit­neh­mer im Rah­men von neu­en Auf­trägen zu ver­wen­den. Aus § 1 Abs. 2 Satz 2 und 3 KSchG folgt, dass sie den Kläger möglichst bei ei­nem neu­en Auf­trag - auch zu geänder­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­an­for­de­run­gen - ein­set­zen muss, selbst dann, wenn hierfür noch not­wen­di­ge und zu­mut­ba­re Um­schu­lungs- und Fort­bil­dungs­maßnah­men not­wen­dig wären (so schon BAG 7. Mai 1968 - 1 AZR 407/67 - BA­GE 21, 6, 11). Außer­dem war die Be­klag­te auch nach § 241 Abs. 2 BGB ver­pflich­tet, auf die In­ter­es­sen des Klägers Rück­sicht zu neh­men, wo­zu hier gehört hätte, ihn dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on zukünf­tig für ei­nen Ein­satz in neu­en Auf­trägen nicht aus­rei­chend und des­halb fort­zu­ent­wi­ckeln sei. Nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts sind ent­spre­chen­de Tat­sa­chen und Um¬stände nicht aus­rei­chend dar­ge­legt wor­den. Das Be­ru­fungs­ge­richt konn­te da­her ei­nen kündi­gungs­re­le­van­ten dau­er­haf­ten Weg­fall des zukünf­ti­gen Beschäfti­gungs­be­darfs oh­ne re­vi­si­ons­recht­lich er­heb­li­chen Rechts­feh­ler ver­nei­nen.
- 8 - 3. Liegt so­mit schon kein drin­gen­des be­trieb­li­ches Er­for­der­nis zur Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vor, be­durf­te es kei­ner wei­te­ren Prüfung, ob die Kündi­gung auch we­gen ei­ner feh­ler­haf­ten So­zi­al­aus­wahl nach 1 Abs. 3 KSchG so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt war.
C. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 ZPO. Rost Schmitz-Scho­le­mann Ey­lert
Dr. Ro­eckl Ro­sen­dahl	m.hensche.de
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References: § 1
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 § 1
 § 1
 § 1
 § 1
 § 1
 § 3
 Art. 1
 § 11
 § 1
 § 241
 § 97