Source: http://www.kuselit.de/rezension/16178/
Timestamp: 2018-08-16 02:03:46+00:00

Document:
Henning Radtke, Olaf Hohmann (Hrsg.) - Strafprozessordnung
Henning Radtke, Olaf Hohmann (Hrsg.)
978-3-8006-3602-0
München 2011, ISBN 978-3-8006-3602-0
Der Anfang 2011 neu erschienene Radtke/Hohmann soll gemäß dem Vorwort der Herausgeber vor allem die Strafverteidiger ansprechen und zur Entscheidungsfindung in der anwaltlichen Praxis beitragen. Aus diesem Grunde wurde das Autorenteam überwiegend aus erfahrenen Rechtsanwälten zusammengestellt, die auf umfassende Kenntnisse der strafprozessualen Materie und der diesbezüglichen anwaltlichen Problemlagen zurückgreifen können.
Das Werk entspricht hinsichtlich seiner klaren Struktur und dem übersichtlichen Aufbau dem, was der Leser von guten Kommentierungen erwartet. Eine Überprüfung der Kommentierung anhand neuerer Streitstände und klassischer strafprozessualer Problemlagen ergab, dass dem Rechtsanwender in den meisten Fällen die Informationen zur Verfügung gestellt werden, die er zur Entwicklung praxistauglicher Lösungen benötigt.[1] Besonders gelungen ist in diesem Zusammenhang die ausführliche Darstellung der Rechtschutzmöglichkeiten, die dem Verteidiger eine verlässliche Wahrnehmung der Interessen seiner Mandantschaft ermöglicht.
Positiv hervorzuheben ist desweiteren, dass die Kommentierung den Blick über die klassischen strafprozessualen Themen hinaus wagt und u.a. zur europarechtlichen Beeinflussungen der Strafverteidigung sowie den Besonderheiten der Verteidigung im Jugendstrafverfahren Hinweise liefert. Zusätzlich zur StPO werden die für das Strafverfahren relevanten Vorschriften des GVG und des EGGVG sowie die Art. 5, Art. 6, Art. 8 und Art. 10 EMRK erläutert. Insgesamt können die häufig auch innovativen Ausführungen der Autoren selbst hohen Ansprüchen gerecht werden, was das Werk zu einem zuverlässigen Ratgeber macht.
Berücksichtigt wird der Rechts- und Literaturstand vom 1. September 2010. Der Radtke/Hohmann gehört damit zu den aktuellsten StPO-Kommentaren, die der Markt derzeit zu bieten hat. Diese Aktualität wird der Ratsuchende zu schätzen wissen. Bezüglich der Aktualität der Kommentierung ist ebenfalls positiv hervorzuheben, dass sich die Darstellung nicht nur auf das geltende Recht beschränkt. Vielmehr wird auch ein für den anwaltlichen Rechtsanwender besonders relevanter Wandel der Rechtsprechung stets hervorgehoben, was eine ggf. erforderliche Neujustierung der Strafverteidigertätigkeit ermöglicht. Beispielhaft kann auf die Darstellung von Kretschmer zur Neubewertung des Einsatzes von Lügendetektoren durch den BGH und das Schrifttum verwiesen werden.[2]
Bei genauerer Durchsicht finden sich in der Kommentierung allerdings auch Stellen, die den informierten Leser nicht zu überzeugen vermögen. So wird beispielsweise anlässlich der Kommentierung der in der Praxis auf Grundlage von § 100a StPO angeordneten Quellen-TKÜ zu unreflektiert von deren Unzulässigkeit ausgegangen. Tatsächlich ist die Zulässigkeit der Quellen-TKÜ aber rechtlich heftig umstritten.[3] Neuerdings wird der Zugriff auf dieses zweifelhafte Überwachungsinstrument den Ermittlungsbehörden seitens der Rechtsprechung sogar uneingeschränkt zugestanden.[4] Die im Rahmen der Kommentierung vorzufindende, wenig sachgerechte Vermengung zwischen offensichtlich rechtswidriger Online-Durchsuchung und nach teilweise vertretener Auffassung zulässiger Quellen-TKÜ[5] sollte in der 2. Auflage daher bereinigt werden.[6]
Der ausführliche Fußnotenapparat, der den Zugriff auf die Quellen und insbesondere die für eine praxisorientierte Handhabe essentielle Rechtsprechung ermöglicht, macht das Werk auch für eine wissenschaftliche Erschließung der strafprozessualen Materie attraktiv.
Das umfangreiche Schlagwortverzeichnis lässt keine Fragen offen. Vom Rezensenten probeweise durchgeführten Suchen führten stets schnell zu den gewünschten (aussagekräftigen) Kommentarstellen.
Die Anschaffung des Radtke/Hohmann kann den mit strafprozessualen Fragestellungen befassten Juristen grundsätzlich empfohlen werden. Gleichwohl wird der Kommentar wohl weniger die im strafprozessualen Arbeiten bereits gängigen Kommentierungen verdrängen können, sondern vielmehr zur deren Ergänzung und kritischen Überprüfung dienen. Aufgrund des recht hohen Anschaffungspreises in Höhe von 198,00 € steht zudem zu befürchten, dass vor allem die nicht im Schwerpunkt auf strafprozessualem Gebiet tätigen Juristen bei den Konkurrenzprodukten verbleiben werden.
Akad. Rat a.Z. Florian Albrecht M.A., Passau, April 2011
[1] So konnten auch in der Praxis seltener anzutreffende Rechtsfragen (z.B. zur Zulässigkeit der Bestellung von Syndikusanwälten zu Verteidigern; hierzu Reinhardt, in: Radtke/Hohmann, StPO, 2011, §138 Rn. 2; zur Problematik auch Kramer, AnwBl 2001, 140) einer Lösung zugeführt werden.
[2] Kretschmer, in: Radtke/Hohmann, StPO, 2011, §136a Rn. 38; wenngleich sich trefflich darüber streiten lässt, ob es nicht im Interesse der Verteidigung läge, polygraphische Gutachten als Entlastungsbeweis zuzulassen; vgl. Putzke/Scheinfeld, StraFO 2/2010, 58, http://www.holmputzke.de/images/stories/pdf/2010_strafo_polygraph.pdf, zuletzt abgerufen am 31.03.2011.
[3] Vgl. z.B. Bär, TK-Überwachung, 2010, § 100a StPO Rn. 31 und Braun, jurisPR-ITR 3/2011, Anm. 3.
[4] AG Bayreuth, Beschl. v. 17.09.2009 – Gs 911/09; LG Landshut, Beschl. v. 20.01.2011 – 4 Qs 346/10; a.A. LG Hamburg MMR 2008, 423.
[5] Zur Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung etwa Bär, TK-Überwachung, 2010, § 100a StPO Rn. 33.
[6] Siehe zur Quellen-TKÜ aktuell auch Becker/Meinicke, StV 2011, 50.

References: Art. 5
 Art. 6
 Art. 8
 Art. 10
 BGH 
 § 100
 §138
 §136
 § 100
 § 100