Source: http://www.sicherearbeit.at/cms/X04/X04_1.3.1.a/1471527162008/archiv/html-archiv-2012/sichere-arbeit-1-2012/die-aufgabengebiete-von-arbeits-und-organisationspsychologen
Timestamp: 2020-05-31 07:09:41+00:00

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Sichere Arbeit - Die Aufgabengebiete von Arbeits- und Organisationspsychologen
Seit Jahren zeichnet sich deutlich ab, dass der technische ArbeitnehmerInnenschutz gegenüber menschlichen Aspekten zunehmend in den Hintergrund rückt. Natürlich verliert er nicht an Wichtigkeit - aber Schlagzeilen wie "Schuld war menschliches Versagen" sprechen für sich.
Versagt der Mensch tatsächlich immer öfter? Nein, natürlich nicht! Wir können sogar einen Schritt weiter gehen und sagen: Er versagt gar nicht, ganz im Gegenteil! Der Mitarbeiter verhält sich in seiner Erlebniswelt passend und schlüssig. Unzureichend gestaltete Arbeitsplätze und schlechte Arbeitsbedingungen sowie die daraus resultierende Verkettung bestimmter Faktoren und Umstände können dennoch zu tragischen Ereignissen führen. Oft sind es einfach "nur" Kommunikationsirrtümer, die ein Flugzeug zum Abstürzen, ein Unternehmen in den Ruin oder einen Mitarbeiter ins Spital bringen. Frei nach dem Motto: "Wenn irren menschlich ist, dann ist nicht zu irren unmenschlich." (Manfred Osten)
Die Experten für solche und ähnliche Themen sind die Arbeits- und Organisationspsychologen und -psychologinnen, die sich mit dem Erleben und Verhalten des Menschen bei der Arbeit bzw. in Organisationen (Betrieben) befassen - und zwar des "gesunden" Menschen. Da Menschen Individuen sind, erleben sie ihre Arbeit individuell unterschiedlich und verhalten sich an ihrem Arbeitsplatz und in ihrem Betrieb auf ihre eigene Art und Weise. Das kann dazu führen, dass
es zu Unstimmigkeiten kommt - bis hin zu Mobbing, Bossing, Stalking etc.;
dass Menschen suchtkrank werden (Alkohol, Medikamente, Koffein, Zigaretten etc.);
Arbeitsbedingungen unterschiedlich erlebt werden
(als Belastung, Lebensinhalt, Zufluchtsort etc.).
Die Wissenschaft hat Grenzen beforscht, ab denen Arbeitsbedingungen für Menschen zur psychischen Belastung werden. Arbeits- und OrganisationspsychologInnen verfügen über wissenschaftliche Messinstrumente, um dies festzustellen. Gemeinsam mit den Betrieben können sie Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen implementieren (ASchG: § 4 (4), § 68 (1), § 81 (3),…).
Evaluierung psychischer Belastungen durch Experten
Im betrieblichen Alltag sind die Zuständigkeiten in Sachen Arbeitssicherheit und Arbeitsgestaltung klar verteilt: Für medizinische Themen (z. B. arbeitsmedizinische Untersuchungen und Impfungen) gibt es Arbeitsmediziner, für den Bereich Ergonomie die Ergonomen, für chemische Belange die Chemiker und für den technischen ArbeitnehmerInnenschutz die Sicherheitsfachkräfte etc.
Nun kommt der Sicherheitsfachkraft lt. § 76 ASchG (1) "die Aufgabe" zu, "die Arbeitgeber, die Arbeitnehmer, die Sicherheitsvertrauenspersonen und die Belegschaftsorgane auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit und der men-schengerechten Arbeitsgestaltung zu beraten und die Arbeitgeber bei der Erfüllung ihrer Pflichten auf diesen Gebieten zu unterstützen." Das schließt nach (3) ein, "erforderlichenfalls weitere geeignete Fachleute hinzuzuziehen". Ebenso haben auch ArbeitsmedizinerInnen durch ihre fixen Einsatzzeiten die Möglichkeit, bei arbeitspsychologischen Fragen wie dem Erleben und Verhalten des Menschen an jene Personen zu verweisen, die dafür ExpertInnen sind. Denn laut § 82a. (5) "hat der Arbeitgeber je nach der in der Arbeitsstätte gegebenen Gefährdungs- und Belastungssituation gemäß § 76 Abs. 3 bzw. § 81 Abs. 3 beizuziehende sonstige geeignete Fachleute, wie Chemiker, Toxikologen, Ergonomen, insbesondere jedoch Arbeitspsychologen, oder die Sicherheitsfachkräfte und/oder die Arbeitsmediziner zu beschäftigen."
Experten für psychische Belastungen, die laut ArbeitnehmerInnenschutzgesetz zu evaluieren sind, sind Arbeits- und OrganisationspsychologInnen (ASchG § 82a (5)).
Deren Tätigkeit - etwa die Evaluierung psychischer Belastungen - kann keine andere Berufsgruppe leisten. Momentan stellt sich die Situation allerdings so dar, dass Unternehmen diese Fachkräfte, die in freier unternehmerischer Tätigkeit auf dem Markt ihre Leistungen anbieten oder in arbeitspsychologischen Zentren tätig sind, freiwillig hinzuziehen haben.
Wer sich Psychologe oder Psychologin nennen möchte, muss (lt. PsychologInnengesetz) das Masterstudium Psychologie absolviert haben, das mindestens fünf Jahre Ausbildung an der Universität und mindestens sechs Wochen Fachpraktikum umfasst. Kernthemen des Studiums sind: Kommunikation, Verhalten, Lernen, Wahrnehmung und geistige Verarbeitung von Information, Wechselwirkungen von Psyche und Körper, Entwicklung und Einsatz von Testverfahren zur Messung all dieser Faktoren (inkl. umsetzungsorientierter Interpretation der Ergebnisse), Beratung, Entwicklung von Lösungen, soziale Einflüsse und deren Prozesse, Motivation, Persönlichkeit, Entwicklung, Diagnostik und Intelligenzforschung, Bewusstsein, Emotion, Stress und Gesundheit, Arbeitszufriedenheit, Arbeitszeitgestaltung, Arbeitsmotivation, Führung etc. Damit wird die Abgrenzung zu anderen Disziplinen deutlich!
Derzeit laufen genau aus diesem Grund wieder intensive Bemühungen, Arbeitspsychologen im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz mit fixen Einsatzzeiten zu verankern. Wann ArbeitspsychologInnen beizuziehen sind, lässt sich an den oben beschriebenen Fachgebieten erkennen. Aber auch die Psychologinnen und Psychologen der AUVA helfen gerne beratend weiter! Ausführliche Informationen findet man in der oben abgebildeten Broschüre "Arbeits- und Organisationspschologie", die beim zuständigen Betreuer (siehe Kasten nächste Seite) angefordert werden kann.
AUVA-Fachgruppe Arbeitspsychologie
Um den beschriebenen Notwendigkeiten Rechnung zu tragen, hat die AUVA nun vor Kurzem eine österreichweite Fachgruppe Arbeitspsychologie innerhalb der AUVA etabliert, deren Mitglieder hier vorgestellt werden. Die Arbeits- und OrganisationspsychologInnen der AUVA stehen Ihnen gerne beratend und schulend (in der Hauptstelle auch forschend) zur Verfügung. Sie können Interessierte unter anderem mit aktuellen Informationen zur Prävention psychischer Belastungen versorgen.
Die Einbindung soziologischer Zugänge in die Fachgruppenarbeit verstehen die Mitglieder als Bereicherung. Die Betrachtung der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen gesellschaftlichen Strukturen, organisatorischen Rahmenbedingungen und sozialem Handeln bildet eine wichtige Grundlage der Präventionstätigkeit.
Zimbardo, P. G. & Gerig, J. R., Psychologie, Springer Verlag 1996.
Frieling, E. & Sonntag, K., Arbeitspsychologie, Verlag Hans Huber 1999.
Lutz von Rosenstiel, D. G., Organisationspsychologie, Kohlhammer Verlag 1996.
Anderson, J. R., Kognitive Psychologie, Spektrum Verlag 2001.
Brandl, P. K., Crash Kommunikation, Warum Piloten versagen und Manager Fehler machen, Gabal Verlag 2010.´
Bördlein, Ch., Faktor Mensch in der Arbeitssicherheit - BBS, Erich Schmidt Verlag 2009.
ÖNORM EN ISO 10075 "Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastungen"
Teil 1: Allgemeines und Begriffe
(ÖNORM EN ISO 10075-1: 2000)
(ÖNORM EN ISO 10075-2: 2000)
Teil 3: Grundsätze und Anforderungen von Verfahren zur Messung und Erfassung psychischer Arbeitsbelastungen
(ÖNORM EN ISO 10075-3:2004)
Den Leitfaden für die Arbeitsinspektionen zur Bewertung und Evaluierung psychischer Belastungen finden Sie auf www.arbeitsinspektion.gv.at unter dem Punkt "Gesundheit im Betrieb" bzw. "Psychosoziale Belastungen".
Fachgruppe Ergonomie
Fachgruppe Arbeitspsychologie
Tel.: +43 1 331 11-427, Fax.: +43 1 331 11-347
Die Arbeits- und Organisationspsychologinnen und -psychologen der AUVA stellen sich im vorliegenden Beitrag mit ihren Schwerpunktthemen persönlich vor. Sie unterstützen Betriebe und Präventivfachkräfte beratend und schulend sowie teilweise auch forschend, unter anderem bei der Evaluierung psychischer Belastungen, die zum Wohle der Mitarbeiter immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Die gesetzliche Forderung danach besteht schon lange, nun aber wird deren Umsetzung verstärkt eingefordert. Experten für diese Evaluierung sind Arbeits- und Organisationspsychologen, die in freier unternehmerischer Tätigkeit am Markt ihre Leistungen anbieten oder in arbeitspsychologischen Zentren tätig sind. Die AUVA bietet auch Informationsmaterial sowie am 22. März 2012 eine praxisrelevante Veranstaltung dazu mit dem Titel "Fokus Mensch im ArbeitnehmerInnenschutz".

References: § 4
 § 68
 § 81
 § 76
 § 82
 § 76
 § 81
 § 82