Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/wohnsitzauflagen-fuer-subsidiaer-schutzberechtigte-382722
Timestamp: 2020-08-12 03:44:19+00:00

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Wohnsitzauflagen für subsidiär Schutzberechtigte | Rechtslupe
Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in drei bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gerich­tet zur Klä­rung der Fra­ge, ob Wohn­sitz­auf­la­gen für sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te mit Art. 33 und/​oder Art. 29 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU ver­ein­bar sind.
Stellt die Auf­la­ge, den Wohn­sitz in einem räum­lich begrenz­ten Bereich (Gemein­de, Land­kreis, Regi­on) des Mit­glied­staats zu neh­men, eine Ein­schrän­kung der Bewe­gungs­frei­heit im Sin­ne von Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU dar, wenn der Aus­län­der sich ansons­ten im Staats­ge­biet des Mit­glied­staats frei bewe­gen und auf­hal­ten kann?
Ist eine Wohn­sitz­auf­la­ge gegen­über Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus mit Art. 33 und/​oder Art. 29 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU ver­ein­bar, wenn sie dar­auf gestützt wird, eine ange­mes­se­ne Ver­tei­lung öffent­li­cher Sozi­al­hil­fel­as­ten auf deren jewei­li­ge Trä­ger inner­halb des Staats­ge­biets zu errei­chen?
Ist eine Wohn­sitz­auf­la­ge gegen­über Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus mit Art. 33 und/​oder Art. 29 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU ver­ein­bar, wenn sie auf migra­ti­ons- oder inte­gra­ti­ons­po­li­ti­sche Grün­de gestützt wird, etwa um sozia­le Brenn­punk­te durch die gehäuf­te Ansied­lung von Aus­län­dern in bestimm­ten Gemein­den oder Land­krei­sen zu ver­hin­dern? Rei­chen inso­weit abs­trak­te migra­ti­ons- oder inte­gra­ti­ons­po­li­ti­sche Grün­de aus oder müs­sen sol­che Grün­de kon­kret fest­ge­stellt wer­den?
Die Fra­gen betref­fen die Aus­le­gung der Art. 33 und 29 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13.12 2011 über Nor­men für die Aner­ken­nung von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen oder Staa­ten­lo­sen als Per­so­nen mit Anspruch auf inter­na­tio­na­len Schutz, für einen ein­heit­li­chen Sta­tus für Flücht­lin­ge oder für Per­so­nen mit Anrecht auf sub­si­diä­ren Schutz und für den Inhalt des zu gewäh­ren­den Schut­zes [1]. Da es um die Aus­le­gung von Uni­ons­recht geht, ist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zustän­dig.
Vor­la­ge­pflicht
1. Vor­la­ge­fra­ge
2. Vor­la­ge­fra­ge
3. Vor­la­ge­fra­ge
Für die recht­li­che Beur­tei­lung des Anfech­tungs­an­trags gegen die erteil­te Wohn­sitz­auf­la­ge als Ver­wal­tungs­akt mit Dau­er­wir­kung ist grund­sätz­lich der Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung oder Ent­schei­dung in der Tat­sa­chen­in­stanz maß­geb­lich [2]. Zu die­sem Zeit­punkt [3] galt bereits das Auf­ent­halts­ge­setz in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 25.02.2008 [4], zuletzt geän­dert durch Art. 3 des Geset­zes vom 06.09.2013 [5]. Des Wei­te­ren waren die hier maß­geb­li­chen Art. 29 und 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU gemäß Art. 41 der Richt­li­nie in Kraft getre­ten, und die Umset­zungs­frist für sie war gemäß Art. 39 Abs. 1 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU abge­lau­fen. Die Richt­li­nie wur­de durch das Gesetz vom 28.08.2013 [6] in natio­na­les Recht umge­setzt. Danach bil­den fol­gen­de natio­na­le Vor­schrif­ten, die – soweit hier ein­schlä­gig – auch der­zeit noch unver­än­dert gel­ten, den recht­li­chen Rah­men die­ses Rechts­streits:
Auf der Grund­la­ge des Auf­ent­halts­ge­set­zes hat der Bun­des­mi­nis­ter des Innern mit Zustim­mung des Bun­des­ra­tes eine Ver­wal­tungs­vor­schrift erlas­sen, die die Aus­län­der­be­hör­den bei der Anwen­dung des Geset­zes zu beach­ten haben (All­ge­mei­ne Ver­wal­tungs­vor­schrift zum Auf­ent­halts­ge­setz vom 26.10.2009 [7]). Danach ist eine Auf­ent­halts­er­laub­nis, die aus völ­ker­recht­li­chen, huma­ni­tä­ren oder poli­ti­schen Grün­den nach Kapi­tel 2 Abschnitt 5 des Auf­ent­halts­ge­set­zes erteilt wird, in dem Fall, in dem der Begüns­tig­te Leis­tun­gen der sozia­len Siche­rung bezieht, mit einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge zu ver­bin­den. Die ein­schlä­gi­gen Num­mern der Ver­wal­tungs­vor­schrift lau­ten wie folgt:
12.02.05.02.1 Die wohn­sitz­be­schrän­ken­de Auf­la­ge stellt ins­be­son­de­re ein geeig­ne­tes Mit­tel dar, um mit­tels einer regio­na­len Bin­dung die über­pro­por­tio­na­le fis­ka­li­sche Belas­tung ein­zel­ner Län­der und Kom­mu­nen durch aus­län­di­sche Emp­fän­ger sozia­ler Leis­tun­gen zu ver­hin­dern. Ent­spre­chen­de Auf­la­gen kön­nen auch dazu bei­tra­gen, einer Kon­zen­trie­rung sozi­al­hil­fe­ab­hän­gi­ger Aus­län­der in bestimm­ten Gebie­ten und der damit ein­her­ge­hen­den Ent­ste­hung von sozia­len Brenn­punk­ten mit ihren nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf die Inte­gra­ti­on von Aus­län­dern vor­zu­beu­gen. Ent­spre­chen­de Maß­nah­men sind auch gerecht­fer­tigt, um Aus­län­der mit einem beson­de­ren Inte­gra­ti­ons­be­darf an einen bestimm­ten Wohn­ort zu bin­den, damit sie dort von den Inte­gra­ti­ons­an­ge­bo­ten Gebrauch machen kön­nen.
12.02.05.02.2 Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den wohn­sitz­be­schrän­ken­de Auf­la­gen erteilt und auf­recht­erhal­ten bei Inha­bern von Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen nach Kapi­tel 2 Abschnitt 5 des Auf­ent­halts­ge­set­zes bzw. Nie­der­las­sungs­er­laub­nis­sen nach § 23 Absatz 2, soweit und solan­ge sie Leis­tun­gen nach dem SGB II oder XII oder dem Asyl­bLG bezie­hen. Hier­zu zäh­len auch Auf­ent­halts­er­laub­nis­se nach §§ 104a und 104b.
Vor­la­ge­pflicht[↑]
Die Vor­la­ge­fra­gen sind für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in den drei dort anhän­gi­gen Ver­fah­ren ent­schei­dungs­er­heb­lich und bedür­fen einer Klä­rung durch den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on:
Die Klä­ger sind Inha­ber des sub­si­diä­ren Schutz­sta­tus im Sin­ne von Art. 2 Buchst. g und Art. 18 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU; die­ser beruht auf der Aner­ken­nungs­ent­schei­dung des Bun­des­amts für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bun­des­amt) vom 15.11.2012. Ihr Auf­ent­halt war jedoch wäh­rend der gesam­ten Dau­er – begin­nend im Jahr 2000 – mit der Auf­la­ge ver­bun­den, den Wohn­sitz in einer bestimm­ten Kom­mu­ne zu neh­men. Eine ent­spre­chen­de Auf­la­ge ist der ange­foch­te­nen Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen bei­gefügt, deren Auf­he­bung die Klä­ger erstre­ben.
Nach § 12 Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG kann ein Auf­ent­halts­ti­tel, der in der Regel für das gesam­te Bun­des­ge­biet erteilt wird (§ 12 Abs. 1 Auf­en­thG), mit Auf­la­gen, ins­be­son­de­re einer räum­li­chen Beschrän­kung, ver­bun­den wer­den. Die Ertei­lung einer Wohn­sitz­auf­la­ge ist grund­sätz­lich zuläs­sig, weil sie gegen­über der in § 12 Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG aus­drück­lich genann­ten räum­li­chen Beschrän­kung der Auf­ent­halts­er­laub­nis einen gerin­ge­ren Ein­griff dar­stellt [8]. Sie ord­net zwar eine Pflicht zur Woh­nungs­nah­me und ‑nut­zung an die­sem Ort an, schränkt die Mög­lich­keit, sich im Bun­des­ge­biet im Übri­gen frei zu bewe­gen und auf­zu­hal­ten, aber nicht ein. Die Ent­schei­dung, ob eine Auf­ent­halts­er­laub­nis mit einer Auf­la­ge ver­bun­den wird, steht im Ermes­sen der zustän­di­gen Behör­de. Ihre Ent­schei­dung ist daher nur dar­auf über­prüf­bar, ob die gesetz­li­chen Gren­zen des Ermes­sens über­schrit­ten wur­den oder von dem Ermes­sen in einer dem Zweck der Ermäch­ti­gung nicht ent­spre­chen­den Wei­se Gebrauch gemacht wur­de. Der Beklag­te hat sich bei sei­ner Ermes­sens­aus­übung von den Zif­fern 12.02.05.02.1 und 12.02.05.02.2 der All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift des Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern zum Auf­ent­halts­ge­setz vom 26.10.2009 [9] lei­ten las­sen, wonach Inha­bern von Auf­ent­halts­ti­teln aus völ­ker­recht­li­chen, huma­ni­tä­ren oder poli­ti­schen Grün­den (vgl. Kapi­tel 2 Abschnitt 5 des Auf­ent­halts­ge­set­zes), soweit und solan­ge sie Leis­tun­gen der sozia­len Siche­rung bezie­hen, zum Zweck der ange­mes­se­nen Ver­tei­lung öffent­li­cher Sozi­al­leis­tungs­las­ten wohn­sitz­be­schrän­ken­de Auf­la­gen erteilt wer­den sol­len. Eine Bin­dung der Ermes­sens­ent­schei­dung der ein­zel­nen Aus­län­der­be­hör­den durch ein­heit­li­che Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten ist nach natio­na­lem Recht zuläs­sig.
Recht­mä­ßig ist es nach natio­na­lem Recht auch – sofern kei­ne Son­der­re­ge­lun­gen wie die der Art. 26 und 23 der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on (GFK) grei­fen – gegen­über Aus­län­dern die Auf­ent­halts­er­laub­nis mit Wohn­sitz­auf­la­gen zum Zweck der ange­mes­se­nen Ver­tei­lung der Sozi­al­hil­fel­as­ten zu ver­bin­den. Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt für die Auf­nah­me grö­ße­rer Grup­pen von Aus­län­dern – z.B. Bür­ger­kriegs­flücht­lin­ge oder jüdi­sche Zuwan­de­rer aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on – ent­schie­den. Denn es dient einem gewich­ti­gen öffent­li­chen Inter­es­se, inner­halb der föde­ral struk­tu­rier­ten Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land einer Über­las­tung ein­zel­ner Bun­des­län­der und Kom­mu­nen durch ein Ver­tei­lungs­ver­fah­ren und ent­spre­chen­de Wohn­sitz­be­schrän­kun­gen beim Bezug von Leis­tun­gen der sozia­len Siche­rung ent­ge­gen­zu­wir­ken [10]. Abwei­chen­des ergibt sich nach der Recht­spre­chung des vor­le­gen­das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts für aner­kann­te Flücht­lin­ge nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on, weil die­se in Art. 23 GFK bei der Gewäh­rung von Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen für Flücht­lin­ge die „glei­che Behand­lung“ vor­sieht wie für eige­ne Staats­an­ge­hö­ri­ge, für die ent­spre­chen­de Wohn­sitz­auf­la­gen aus fis­ka­li­schen Grün­den nicht vor­ge­se­hen sind. Daher darf aner­kann­ten Flücht­lin­gen – anders als Staa­ten­lo­sen, Kon­tin­gent­flücht­lin­gen und sons­ti­gen Inha­bern von Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen aus völ­ker­recht­li­chen, huma­ni­tä­ren oder poli­ti­schen Grün­den – die Wahl des Wohn­sit­zes nicht zum Zweck der ange­mes­se­nen Ver­tei­lung der Sozi­al­hil­fel­as­ten ein­ge­schränkt wer­den [11]. Es ist also ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob Wohn­sitz­be­schrän­kun­gen gegen­über sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten zum Zweck der ange­mes­se­nen Ver­tei­lung von Sozi­al­hil­fel­as­ten ver­hängt wer­den dür­fen.
Die gegen­über der Klä­ge­rin ange­ord­ne­te Beschrän­kung des Wohn­sit­zes ver­stößt nicht gegen die völ­ker­recht­li­chen Rege­lun­gen in Art. 2 des Pro­to­kolls Nr. 4 zur Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (EMRK) vom 16.09.1963 [12] und in Art. 12 des Inter­na­tio­na­len Pakts über bür­ger­li­che und poli­ti­sche Rech­te (IPBPR) vom 19.12 1966 [13].
Nach Art. 2 Abs. 1 des Pro­to­kolls Nr. 4 zur EMRK hat nur der­je­ni­ge, der sich „recht­mä­ßig im Hoheits­ge­biet eines Staa­tes auf­hält“, das Recht, sich dort frei zu bewe­gen und sei­nen Wohn­sitz frei zu wäh­len. Nur soweit der Auf­ent­halt recht­mä­ßig ist, gel­ten die in Absatz 3 der Vor­schrift nor­mier­ten Gren­zen für eine Beschrän­kung der in Absatz 1 gewähr­ten Frei­heit. Wur­de der Auf­ent­halt von Anfang an nur – wie hier – mit der ver­füg­ten Wohn­sitz­be­schrän­kung gestat­tet, ist er auch nur in die­sem Umfang recht­mä­ßig; die auf­schie­ben­de Wir­kung des gegen die Wohn­sitz­auf­la­ge ein­ge­leg­ten Rechts­be­helfs ver­hin­dert ledig­lich deren Voll­zie­hung, berührt aber nicht die Wirk­sam­keit der Wohn­sitz­auf­la­ge. Dass die räum­li­che Beschrän­kung die Recht­mä­ßig­keit des Auf­ent­halts bestimmt, ent­spricht der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te [14], des vor­le­gen­den Gerichts [15] und der Kom­men­tar­li­te­ra­tur [16]. Die Wohn­sitz­be­schrän­kung ist dann nicht am Maß­stab einer Ein­schrän­kung nach Absatz 3 von Art. 2 des Pro­to­kolls Nr. 4 zu mes­sen, weil sie bereits für den recht­mä­ßi­gen Auf­ent­halt im Sin­ne von Absatz 1 kon­sti­tu­tiv ist. Das Glei­che gilt für die Aus­le­gung von Art. 12 IPBPR. Denn der Auf­ent­halt ist von vorn­her­ein nur mit der Wohn­sitz­auf­la­ge recht­mä­ßig gewe­sen im Sin­ne von Art. 12 Abs. 1 IPBPR. Die Auf­la­ge ist daher nicht am Maß­stab von Art. 12 Abs. 3 IPBPR zu mes­sen. Die von der Klä­ge­rin dage­gen zitier­te Kom­men­tie­rung zu Art. 12 IPBPR [17] bezieht sich auf Art. 12 Abs. 3 IPBPR und nicht auf den hier maß­geb­li­chen Art. 12 Abs. 1 IPBPR.
Ist die ange­foch­te­ne Wohn­sitz­auf­la­ge nach natio­na­lem Recht und nach völ­ker­recht­li­chen Nor­men recht­mä­ßig, kommt es ent­schei­dungs­er­heb­lich dar­auf an, ob ihr Art. 33 und/​oder Art. 29 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU ent­ge­gen­steht. Im Ein­zel­nen stel­len sich in die­sem Zusam­men­hang die fol­gen­den Vor­la­ge­fra­gen 1 bis 3. Sie bedür­fen einer Klä­rung durch den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, da er zur Ent­schei­dung aus­le­gungs­be­dürf­ti­ger Fra­gen der hier maß­geb­li­chen Richt­li­nie 2011/​95/​EU beru­fen ist.
1. Vor­la­ge­fra­ge[↑]
Geht es im vor­lie­gen­den Fall um die Fra­ge, ob die gegen­über einer Per­son mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus ver­füg­te Wohn­sitz­auf­la­ge mit Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU ver­ein­bar ist, ist zunächst zu klä­ren, ob eine sol­che Wohn­sitz­auf­la­ge über­haupt eine Ein­schrän­kung der Bewe­gungs­frei­heit im Sin­ne von Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU dar­stellt, wenn der betrof­fe­ne Aus­län­der ansons­ten Frei­zü­gig­keit im Mit­glied­staat genießt. In sei­ner zu Wohn­sitz­auf­la­gen für Flücht­lin­ge (Art. 2 Buchst. d der Richt­li­nie 2011/​95/​EU) ergan­ge­nen Ent­schei­dung stell­te sich die­se Fra­ge für das vor­le­gen­de Gericht nicht, weil Art. 26 GFK die freie Wohn­sitz­wahl aus­drück­lich gewähr­leis­tet.
Der hier­von abwei­chen­de Wort­laut des Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU schließt eine Aus­le­gung nicht aus, wonach unter den Begriff der Bewe­gungs­frei­heit auch die Frei­heit der Wohn­sitz­nah­me fällt. Wenig Aus­sa­ge­kraft hat inso­weit indes die in der deut­schen Sprach­fas­sung gewähl­te Über­schrift „Frei­zü­gig­keit inner­halb eines Mit­glied­staats“, die für eine wei­te Aus­le­gung der Bewe­gungs­frei­heit spricht, denn in ande­ren Sprach­fas­sun­gen ist nur von „Free­dom of Move­ment“ oder „Liber­té de cir­cu­la­ti­on“ die Rede.
Gegen eine Aus­le­gung, die die Frei­heit der Wohn­sitz­wahl von der Bewe­gungs­frei­heit erfasst ansieht, könn­te strei­ten, dass in ande­ren Nor­men des Uni­ons­rechts und des Völ­ker­rechts die Wohn­sitz­wahl und das Recht zum Auf­ent­halt geson­dert neben der Bewe­gungs­frei­heit garan­tiert wer­den. So wird nicht nur in Art. 26 GFK, son­dern auch in Art. 2 des Pro­to­kolls Nr. 4 zur EMRK und in Art. 12 IPBPR die freie Wohn­sitz­wahl geson­dert neben der Bewe­gungs­frei­heit genannt. Auch ande­re Rege­lun­gen füh­ren die Bewe­gungs­frei­heit und das Recht zum Auf­ent­halt neben­ein­an­der auf, wobei das Recht zum Auf­ent­halt die Wahl des Wohn­sit­zes umfasst (Art.20 und 45 AEUV). Aus der Gesamt­schau der Rege­lun­gen ist für das vor­le­gen­de Gericht aber offen, ob die Wohn­sitz­wahl not­wen­di­ger­wei­se ein aliud oder ein Mehr gegen­über der Bewe­gungs­frei­heit dar­stellt.
In sei­ner Recht­spre­chung zu Art. 2 des Pro­to­kolls Nr. 4 zur EMRK sieht der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) Beschrän­kun­gen der Wohn­sitz­wahl als Ein­schrän­kung der Bewe­gungs­frei­heit an. Der EGMR ord­net Wohn­sitz­auf­la­gen und ande­re Ein­schrän­kun­gen der Bewe­gungs­frei­heit ein­heit­lich dem Begriff der Bewe­gungs­frei­heit („restric­tions à la liber­té de cir­cu­ler“) im Sin­ne von Art. 2 des Pro­to­kolls zu, obwohl in der Vor­schrift das Recht geschützt wird, sich „frei zu bewe­gen“ und den „Wohn­sitz zu neh­men“ [18]. Der EGMR sieht sogar zwi­schen dem Ent­zug der Frei­heit im Sin­ne von Art. 5 EMRK und ihrer Ein­schrän­kung im Sin­ne von Art. 2 des Pro­to­kolls kei­nen Wesens­un­ter­schied, son­dern nur einen gra­du­el­len Unter­schied [19]. Auch in sei­nem Urteil vom 22.02.2007 (Nr. 1509/​02 – Tatishvili/​Russland, Rn. 46) betref­fend die Ver­wei­ge­rung einer Wohn­sitz­re­gis­trie­rung gegen­über einem eth­ni­schen Geor­gi­er durch Russ­land („Pro­pi­s­ka“) misst der EGMR die Beschrän­kun­gen syn­onym an der „Bewe­gungs­frei­heit“ wie an der „frei­en Wahl des Wohn­sit­zes“.
Von erheb­li­chem Gewicht für die Aus­le­gung von Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU sind Sinn und Zweck der Rege­lung. Die­se sieht kei­ne unter­schied­li­che Behand­lung von aner­kann­ten Flücht­lin­gen und sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten vor. Wenn aber Art. 33 der Richt­li­nie die Bewe­gungs­frei­heit für Flücht­lin­ge in glei­cher Wei­se wie für sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te regelt und Flücht­lin­gen nach Art. 26 GFK die Bewe­gungs­frei­heit und die Frei­heit der Wohn­sitz­wahl garan­tiert wird, könn­te dies dafür spre­chen, dass die durch Art. 33 Richt­li­nie geschütz­te Bewe­gungs­frei­heit in ihrem Schutz­um­fang nicht hin­ter der des Art. 26 GFK zurück­bleibt.
Ziel­set­zung der Richt­li­nie 2011/​95/​EU ist ein gemein­sa­mes euro­päi­sches Asyl­sys­tem, des­sen Schutz­stan­dards mit den Rege­lun­gen der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on im Ein­klang ste­hen. Das ergibt sich aus der Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge für den Erlass der Richt­li­nie, aus ihren Erwä­gungs­grün­den und mög­li­cher­wei­se auch aus Art.20 Abs. 1 der Richt­li­nie. Die­se ist auf Art. 78 Abs. 1 und 2 Buchst. a und b AEUV gestützt.
Dar­aus ergibt sich, dass die Richt­li­nie einen „Asyl­sta­tus“ für Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge schaf­fen will (und nicht nur Aner­ken­nungs­vor­aus­set­zun­gen), der „im Ein­klang steht“ mit der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on. Das Ziel der voll­stän­di­gen Beach­tung der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on kommt auch in Erwä­gungs­grund 16 der Richt­li­nie zum Aus­druck. Die­ser ergänzt den Erwä­gungs­grund 10 der Vor­gän­ger-Richt­li­nie 2004/​83/​EG um das Ziel, „die Anwen­dung der Arti­kel 1, … 18, … der Char­ta zu för­dern“. Nach Art. 18 GR-Char­ta soll aber das Asyl­recht „nach Maß­ga­be des Gen­fer Abkom­mens vom 28.07.1951 …“ gewähr­leis­tet wer­den.
Die Begrün­dung der Kom­mis­si­on für die heu­ti­ge Richt­li­nie 2011/​95/​EU vom 21.10.2009 [20] lau­tet:
Mit dem Vor­schlag soll vor allem Fol­gen­des erreicht wer­den:
- Höhe­re Schutz­stan­dards bei den Schutz­grün­den und dem Inhalt des zu gewäh­ren­den Schut­zes im Ein­klang mit inter­na­tio­na­len Nor­men, ins­be­son­de­re zur Gewähr­leis­tung der unein­ge­schränk­ten und umfas­sen­den Anwen­dung des Gen­fer Abkom­mens vom 28.07.1951 über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge in der Fas­sung des New Yor­ker Pro­to­kolls vom 31.01.1967 („Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on“) und der unein­ge­schränk­ten Ach­tung der EMRK und der EU-Char­ta der Grund­rech­te („EU-Char­ta“).
Das könn­te dafür spre­chen, dass auch der Inhalt des durch die Richt­li­nie zu gewäh­ren­den Schut­zes (Art.20 bis 35) die „unein­ge­schränk­te und umfas­sen­de“ Anwen­dung der GFK sicher­stel­len soll. Das ist in den Bera­tun­gen zur Richt­li­nie zu kei­nem Zeit­punkt in Zwei­fel gezo­gen wor­den.
Bei die­ser Aus­le­gung, die sich an den Gewähr­leis­tun­gen der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ori­en­tiert, umfasst der Schutz der Bewe­gungs­frei­heit im Sin­ne von Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU auch die Frei­heit der Wohn­sitz­wahl und bleibt inso­weit im Schutz­ni­veau nicht hin­ter Art. 26 GFK zurück. Die Garan­tie der Bewe­gungs­frei­heit im Sin­ne von Art. 33 der Richt­li­nie gäl­te dann gemäß Art.20 Abs. 2 der Richt­li­nie auch in glei­cher Wei­se für aner­kann­te Flücht­lin­ge wie für Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus.
Aller­dings darf man auch nicht aus dem Blick ver­lie­ren, dass der im Kapi­tel VII der Richt­li­nie 2011/​95/​EU (Art.20 bis 35) gere­gel­te „Inhalt des inter­na­tio­na­len Schut­zes“ the­ma­tisch nicht in vol­lem Umfang die Gewähr­leis­tun­gen der Art. 12 bis 34 GFK abdeckt. Dar­über hin­aus fällt auf, dass nicht nur die Rech­te in Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU (Bewe­gungs­frei­heit) und Art. 26 GFK („Auf­ent­halt zu wäh­len und sich frei zu bewe­gen“) unter­schied­lich for­mu­liert sind, son­dern auch deren Schran­ken: Wäh­rend Art. 33 der Richt­li­nie als Ver­gleichs­grup­pe ganz all­ge­mein ande­re Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge her­an­zieht, die sich recht­mä­ßig im Hoheits­ge­biet des Mit­glied­staats auf­hal­ten, stellt Art. 26 GFK inso­weit auf die Bestim­mun­gen ab, die all­ge­mein für Aus­län­der unter den glei­chen Umstän­den (vgl. Art. 6 GFK) gel­ten. Die­se Befun­de spre­chen dage­gen, dass die Richt­li­nie 2011/​95/​EU auch die Rech­te der Flücht­lin­ge ohne Not­wen­dig­keit eines Rück­griffs auf die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on selb­stän­dig und abschlie­ßend regeln will. Wenn und soweit die Richt­li­nie hin­ter der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on zurück­blie­be, genös­sen aner­kann­te Flücht­lin­ge wei­ter­hin deren in natio­na­les Recht trans­for­mier­ten Rech­te, da gemäß Art.20 Abs. 1 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU die Bestim­mun­gen die­ses Kapi­tels nicht die in der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ver­an­ker­ten Rech­te berüh­ren.
2. Vor­la­ge­fra­ge[↑]
Für den Fall, dass Fra­ge 1 zu beja­hen ist, stellt sich die Fra­ge, ob Wohn­sitz­auf­la­gen nach Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU gegen­über Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus unter den glei­chen Bedin­gun­gen und Ein­schrän­kun­gen erteilt wer­den dür­fen wie sie all­ge­mein für Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge gel­ten, die sich recht­mä­ßig im Hoheits­ge­biet des Auf­nah­me­staa­tes auf­hal­ten, oder ob inso­weit für Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus die­sel­ben Aus­nah­men für räum­li­che Beschrän­kun­gen gel­ten, die das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt für aner­kann­te Flücht­lin­ge aus Art. 26 GFK her­ge­lei­tet hat.
Nach Art. 33 der Richt­li­nie gestat­ten die Mit­glied­staa­ten die Bewe­gungs­frei­heit „unter den glei­chen Bedin­gun­gen und Ein­schrän­kun­gen“ wie für ande­re Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge, die sich recht­mä­ßig in ihrem Hoheits­ge­biet auf­hal­ten. Maß­stab für die Recht­mä­ßig­keit von Wohn­sitz­be­schrän­kun­gen ist daher, ob sie auch für ande­re sich im Bun­des­ge­biet recht­mä­ßig auf­hal­ten­de Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge ange­ord­net wer­den dür­fen.
Nach deut­schem Auf­ent­halts­recht dür­fen Wohn­sitz­auf­la­gen Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen all­ge­mein und ohne Beschrän­kung auf bestimm­te Grup­pen auf­er­legt wer­den (§ 12 Abs. 2 Auf­en­thG). Nach der All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern zum Auf­ent­halts­ge­setz vom 26.10.2009 wer­den sie grund­sätz­lich gegen­über Inha­bern eines Auf­ent­halts­ti­tels, der aus völ­ker­recht­li­chen, huma­ni­tä­ren oder poli­ti­schen Grün­den erteilt wird, ver­fügt, wenn der Begüns­tig­te Leis­tun­gen der sozia­len Siche­rung bezieht. Eine der­ar­ti­ge Ein­schrän­kung auf Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge, deren Auf­ent­halt aus völ­ker­recht­li­chen, huma­ni­tä­ren oder poli­ti­schen Grün­den gestat­tet wird, beruht auf dem im deut­schen Auf­ent­halts­recht ver­an­ker­ten Tren­nungs­prin­zip. Die­ses besagt, dass sich die Recht­mä­ßig­keit des Auf­ent­halts und des­sen Beschrän­kun­gen nach dem Zweck des Auf­ent­halts bestim­men, an den der Gesetz­ge­ber in den ein­zel­nen Abschnit­ten des Auf­ent­halts­ge­set­zes in unter­schied­li­cher Wei­se aus­dif­fe­ren­zier­te Rege­lun­gen knüpft. Der Auf­ent­halt zum Zweck der Erwerbs­tä­tig­keit oder zum Zweck der Aus­bil­dung unter­liegt des­halb ande­ren Vor­aus­set­zun­gen und Beschrän­kun­gen als der Auf­ent­halt aus völ­ker­recht­li­chen, huma­ni­tä­ren oder poli­ti­schen Grün­den. Ins­be­son­de­re hin­sicht­lich des Erfor­der­nis­ses, dass die Ertei­lung eines Auf­ent­halts­ti­tels in der Regel vor­aus­setzt, dass der Lebens­un­ter­halt gesi­chert ist, d.h. ohne Inan­spruch­nah­me öffent­li­cher Mit­tel bestrit­ten wer­den kann (§ 5 Abs. 1 Nr. 1 i.V.m. § 2 Abs. 3 Satz 1 und 2 Auf­en­thG), wer­den Aus­län­der aus der zuletzt genann­ten Grup­pe im Auf­ent­halts­ge­setz pri­vi­le­giert. So ist gemäß § 5 Abs. 3 Satz 1 Auf­en­thG u.a. bei aner­kann­ten Flücht­lin­gen und sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten von dem Erfor­der­nis der Lebens­un­ter­halts­si­che­rung abzu­se­hen. Das macht deut­lich, war­um die All­ge­mei­ne Ver­wal­tungs­vor­schrift bei der Auf­er­le­gung von Wohn­sitz­be­schrän­kun­gen wegen des Bezugs von Leis­tun­gen der sozia­len Siche­rung aus Sicht des vor­le­gen­den Gerichts ohne Rechts­ver­stoß auf Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge mit einem Auf­ent­halts­ti­tel aus völ­ker­recht­li­chen, huma­ni­tä­ren oder poli­ti­schen Grün­den abstellt und nicht auf alle Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen unge­ach­tet des Zwecks ihres Auf­ent­halts. Denn bei den übri­gen Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen geht der Gesetz­ge­ber prin­zi­pi­ell davon aus, dass die­se ihren Lebens­un­ter­halt selbst sichern kön­nen, so dass kein Anlass für eine ent­spre­chen­de Rege­lung in der All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift bestand.
Mit Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU könn­te es aber unver­ein­bar sein, Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus bei der Anord­nung von Wohn­sitz­auf­la­gen auch dann wie ande­re Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge zu behan­deln, wenn und weil aner­kann­te Flücht­lin­ge inso­weit nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on einen stär­ke­ren Schutz genie­ßen. Denn gegen­über aner­kann­ten Flücht­lin­gen dür­fen nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts Wohn­sitz­auf­la­gen nicht allein zum Zweck der ange­mes­se­nen Ver­tei­lung öffent­li­cher Sozi­al­hil­fel­as­ten ver­fügt wer­den [21]. Dies ergibt sich aus Art. 23 GFK, wonach aner­kann­te Flücht­lin­ge bei der Gewäh­rung von Leis­tun­gen der öffent­li­chen Für­sor­ge „die glei­che Behand­lung“ erhal­ten müs­sen wie die Staats­an­ge­hö­ri­gen des Auf­nah­me­staa­tes. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist die „glei­che Behand­lung“ im Sin­ne von Art. 23 GFK ein weit gefass­ter Aus­druck, der nicht nur die glei­chen Leis­tun­gen nach Art und Höhe ein­schließt, son­dern auch vor­aus­setzt, dass in ver­gleich­ba­ren Situa­tio­nen mit Flücht­lin­gen nicht anders umge­gan­gen wird als mit den eige­nen Staats­an­ge­hö­ri­gen.
Eine ent­spre­chen­de Rege­lung fin­det sich in der Richt­li­nie 2011/​95/​EU jedoch nicht. Art. 29 der Richt­li­nie ver­pflich­tet die Mit­glied­staa­ten, inter­na­tio­nal schutz­be­rech­tig­ten Per­so­nen die „not­wen­di­ge Sozi­al­hil­fe“ wie eige­nen Staats­an­ge­hö­ri­gen zu gewäh­ren, for­dert jedoch nicht, sie auch hin­sicht­lich der Moda­li­tä­ten der Zah­lung gleich­zu­be­han­deln, wie das in Art. 23 GFK gere­gelt ist. Inso­fern sieht das vor­le­gen­de Gericht einen Unter­schied zwi­schen der all­ge­mein für inter­na­tio­nal Schutz­be­rech­tig­te gel­ten­den Rege­lung des Art. 29 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU und der auf aner­kann­te Flücht­lin­ge beschränk­ten Rege­lung des Art. 23 GFK. Dar­aus folgt aber nicht not­wen­di­ger­wei­se, dass eine unter­schied­li­che Behand­lung von aner­kann­ten Flücht­lin­gen und Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus bei der Anord­nung von Wohn­sitz­auf­la­gen im Fall des Bezugs öffent­li­cher Sozi­al­leis­tun­gen nach Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU gerecht­fer­tigt ist. Hier­zu bedarf es viel­mehr einer Klä­rung durch den Gerichts­hof.
3. Vor­la­ge­fra­ge[↑]
Es bedarf des Wei­te­ren der Klä­rung, ob eine Wohn­sitz­auf­la­ge gegen­über Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus mit der Richt­li­nie 2011/​95/​EU ver­ein­bar ist, wenn sie auf migra­ti­ons- oder inte­gra­ti­ons­po­li­ti­sche Grün­de gestützt wird.
Die All­ge­mei­ne Ver­wal­tungs­vor­schrift des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern zum Auf­ent­halts­ge­setz vom 26.10.2009 sieht die Ver­fü­gung einer Wohn­sitz­auf­la­ge gegen­über Aus­län­dern, denen der Auf­ent­halt aus völ­ker­recht­li­chen, huma­ni­tä­ren oder poli­ti­schen Grün­den gestat­tet wird, im Fall des Bezugs sozia­ler Leis­tun­gen auch dann vor, wenn dies aus migra­ti­ons- oder inte­gra­ti­ons­po­li­ti­schen Grün­den gebo­ten erscheint. Erfor­der­lich ist, dass ent­spre­chen­de Auf­la­gen dazu bei­tra­gen, einer Kon­zen­trie­rung sozi­al­hil­fe­ab­hän­gi­ger Aus­län­der in bestimm­ten Gebie­ten und der damit ein­her­ge­hen­den Ent­ste­hung von sozia­len Brenn­punk­ten mit ihren nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf die Inte­gra­ti­on von Aus­län­dern vor­zu­beu­gen. Ent­spre­chen­de Maß­nah­men sind aber auch gerecht­fer­tigt, um Aus­län­der mit einem beson­de­ren Inte­gra­ti­ons­be­darf an einen bestimm­ten Wohn­ort zu bin­den, damit sie dort von den Inte­gra­ti­ons­an­ge­bo­ten Gebrauch machen kön­nen. Auch auf die­sen Zweck hat sich der Beklag­te bei der Ver­hän­gung der im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren streit­ge­gen­ständ­li­chen Wohn­sitz­auf­la­ge gegen die Klä­ge­rin beru­fen.
Das vor­le­gen­de Gericht hält Wohn­sitz­auf­la­gen aus den in der All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift genann­ten migra­ti­ons- und inte­gra­ti­ons­po­li­ti­schen Grün­den auch gegen­über aner­kann­ten Flücht­lin­gen und Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus für prin­zi­pi­ell gerecht­fer­tigt. Für die Recht­mä­ßig­keit der­ar­ti­ger Wohn­sitz­be­schrän­kun­gen gegen­über Flücht­lin­gen spricht unter ande­rem, dass bereits die Ver­fas­ser der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on das Bedürf­nis für zeit­li­che und räum­li­che Beschrän­kun­gen des Auf­ent­halts von Flücht­lin­gen aus migra­ti­ons­po­li­ti­schen Grün­den für not­wen­dig hiel­ten. Im Rah­men der Bera­tun­gen zum spä­te­ren Art. 26 GFK (damals Art. 21 des Ent­wurfs) im Ad-Hoc-Com­mit­tee vom 27.01.1950 wie­sen Dele­gier­te meh­re­rer Staa­ten auf die Not­wen­dig­keit hin, eine Kon­zen­tra­ti­on von Flücht­lin­gen in Grenz­re­gio­nen zum Her­kunfts­staat zu ver­hin­dern [22]. Dies wur­de unter ande­rem damit begrün­det, die Zahl der in Grenz­re­gio­nen schon vor­han­de­nen Min­der­hei­ten nicht wei­ter anstei­gen zu las­sen und der Gefahr zu begeg­nen, dass sich die Flücht­lin­ge an Bestre­bun­gen betei­li­gen, die gegen die natio­na­le Ein­heit gerich­tet sind. Das Komi­tee einig­te sich schließ­lich auf die in Art. 26 GFK auf­ge­nom­me­ne Rege­lung, wonach recht­mä­ßig im Land befind­li­chen Flücht­lin­gen nur sol­che zeit­li­chen und räum­li­chen Beschrän­kun­gen auf­er­legt wer­den sol­len, die all­ge­mein für Aus­län­der gel­ten.
Nach der Recht­spre­chung des vor­le­gen­den Gerichts, die zur Recht­mä­ßig­keit von Wohn­sitz­auf­la­gen nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ergan­gen ist, reicht jedoch eine bloß abs­trak­te Mög­lich­keit migra­ti­ons- und inte­gra­ti­ons­po­li­ti­scher Grün­de nicht aus. Erfor­der­lich ist viel­mehr, dass von den zustän­di­gen Behör­den die migra­ti­ons- oder inte­gra­ti­ons­po­li­ti­schen Grün­de beschrie­ben, z.B. mög­li­che sozia­le Brenn­punk­te benannt und die Eig­nung von Wohn­sitz­auf­la­gen, einen Bei­trag zur Lösung der Pro­ble­me zu leis­ten, jeden­falls in Umris­sen ange­ge­ben wer­den, ohne dass die dabei anzu gene­rel­le Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve der Ver­wal­tung von die­ser Dar­le­gungs­ver­pflich­tung berührt wird [23]. Ob die­se Grund­sät­ze auch im Rah­men von Art. 33 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU gel­ten, und zwar für Per­so­nen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus, bedarf einer Ent­schei­dung des Gerichts­hofs.
Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 19. August 2014 – 1 C 7.14 – [24]
ABl EU Nr. L 337 vom 20.12 2011 S. 9 – CELEX: 32011L0095[↩]
BVerwG, Urteil vom 15.01.2013 – 1 C 7.12, BVerw­GE 145, 305 = Buch­holz 402.242 § 23 Auf­en­thG Nr. 5, jeweils Rn. 9[↩]
BVerwG, Beschluss vom 28.03.2014[↩]
BGBl I S. 3556[↩]
GMBl 2009, 878[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 15.01.2008 – 1 C 17.07, BVerw­GE 130, 148 = Buch­holz 402.22 Art. 26 GK Nr. 3, jeweils Rn. 13[↩]
GMBl 2009, 878, 960[↩]
BVerwG, Urtei­le vom 15.01.2013 – 1 C 7.12, BVerw­GE 145, 305 = Buch­holz 402.242 § 23 Auf­en­thG Nr. 5, jeweils Rn. 16; und vom 19.03.1996 – 1 C 34.93, BVerw­GE 100, 335, 342 = Buch­holz 402.240 § 12 Aus­lG 1990 Nr. 9 S. 40[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 15.01.2008 a.a.O., jeweils Rn. 18 ff.[↩]
BGBl 1968 II S. 423, 1109[↩]
BGBl 1973 II S. 1533, 1976 II S. 1068[↩]
vgl. EGMR, Ent­schei­dung vom 20.11.2007 – Nr. 44294/​04 – Omwenyeke/​Deutschland – m.w.N. – ergan­gen zur räum­li­chen Beschrän­kung eines Asyl­be­wer­bers auf das Gebiet der Stadt Wolfs­burg[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 19.03.1996 a.a.O., 346 bzw. S. 44[↩]
vgl. Gra­ben­war­ter, Euro­pean Con­ven­ti­on on Human Rights – Com­men­ta­ry – 2014, S. 412 Rn. 3[↩]
UN Human Rights Com­mit­tee (HRC), CCPR Gene­ral Com­ment No. 27: Arti­cle 12 (Free­dom of Move­ment), 2 Novem­ber 1999, CCPR/C/21/Rev.1/Add.9 – mar­gi­nal 12[↩]
BVerwG, Urteil vom 20.04.2010 – Nr.19675/06 – Villa/​Italien, Rn. 41 bis 43; Gegen­stand des Urteils ist auch eine Wohn­sitz­auf­la­ge[↩]
dif­fé­rence de degré ou d’in­ten­si­té, Rn. 41[↩]
KOM(2009)551 end­gül­tig, S. 6 f.[↩]
BVerwG, Urteil vom 15.01.2008 – 1 C 17.07, BVerw­GE 130, 148 = Buch­holz 402.22 Art. 26 GK Nr. 3, jeweils Rn. 18 ff.[↩]
Takkenberg/​Tahbaz, Travaux Pré­pa­ra­toires, Vol. I, S. 251 ff. Rn. 74, 76 und 86 f.[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 15.01.2008 a.a.O. Rn. 23[↩]
eben­so: BVerwG„ Beschluss vom 19. August 2014 – 1 C 1.14 – und 1 C 3.14 – [↩]
AufenthaltsrechtAusländerrechtsubsidiärWohnsitzauflage

References: Art. 33
 Art. 29
 Art. 33
 Art. 33
 Art. 29
 Art. 33
 Art. 29
 Art. 33
 Art. 3
 Art. 29
 Art. 41
 Art. 39
 § 23
 Art. 2
 Art. 18
 § 12
 § 12
 Art. 26
 Art. 23
 Art. 2
 Art. 12
 Art. 2
 Art. 2
 Art. 12
 Art. 12
 Art. 12
 Art. 12
 Art. 12
 Art. 12
 Art. 33
 Art. 29
 Art. 33
 Art. 33
 Art. 26
 Art. 33
 Art. 26
 Art. 2
 Art. 12
 Art. 2
 EGMR 
 Art. 2
 EGMR 
 Art. 5
 Art. 2
 EGMR 
 Art. 33
 Art. 33
 Art. 26
 Art. 33
 Art. 26
 Art.20
 Art. 78
 Art. 18
 Art. 33
 Art. 26
 Art. 33
 Art.20
 Art. 12
 Art. 33
 Art. 26
 Art. 33
 Art. 26
 Art. 6
 Art.20
 Art. 33
 Art. 26
 Art. 33
 § 2
 § 5
 Art. 33
 Art. 23
 Art. 23
 Art. 29
 Art. 23
 Art. 29
 Art. 23
 Art. 33
 Art. 26
 Art. 21
 Art. 26
 Art. 33
 § 23
 Art. 26
 § 23
 § 12
 Art. 26