Source: https://www.grundeinkommen.de/02/03/2008/inhalt-fuer-den-luftleeren-raum-wir-muessen-unsere-gemeinsame-vision-erst-entwerfen.html
Timestamp: 2019-07-20 06:03:21+00:00

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Inhalt für den luftleeren Raum – Wir müssen unsere gemeinsame Vision erst entwerfen – Netzwerk Grundeinkommen
Sören Kiel – 02.03.2008 – Druckversion
Wer sich über längere Zeit mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens beschäftigt, entdeckt nach und nach immer mehr die Chancen, die dieser so simple wie revolutionäre Vorschlag bietet. Der Blick ist geschult für die vielfältigen Vorteile, und eine gesellschaftliche Zukunft, für die zu engagieren sich lohnt, erscheint ohne das BGE kaum noch vorstellbar. Da gerät leicht in Vergessenheit, dass viele Menschen einen ganz andere Sicht auf die Gesellschaft haben, und dass sie vielleicht von ganz anderen Sorgen und Problemen umgetrieben werden. Eine so ungewohnte Idee wie ein bedingungsloses Grundeinkommen passt schwer zur Vorstellungswelt vieler Leute, die ihre Lebensplanung ganz selbstverständlich nur auf Erwerbsarbeit ausrichten; sie erscheint als ein Fremdkörper, oder, wie Christoph Schlee die Situation veranschaulicht, als ein Raumschiff. Das Raumschiff Grundeinkommen, das von uns Netzwerkerinnen und Netzwerkern losgeschickt wird, „bekommt da freundliche Aufnahme, wo Lust auf Veränderung herrscht. Doch wem das Jetzt genügt, der erwartet im Raumschiff glibberige, grüne Männchen (faul, gefräßig, arbeitsscheu), die Chaos wie Zerstörung bringen, und unsere Arbeitsmoral zersetzen. Und verbietet die Landeerlaubnis!“
Wenn wir uns darauf verlassen, dass Argumente, weil wir sie als richtig und überzeugend empfinden, schon deshalb auch unsere Mitmenschen überzeugen werden, überlassen wir es dem Zufall, wie die Angesprochenen unsere Forderung empfinden – ob sie neugierig auf interkulturelle Begegnungen und offen für neue kulturelle Impulse sind, oder ob sie Angst haben, dass das Raumschiff bei seiner Landung ihren sorgsam gepflegten Vorgarten platt macht.
Christoph Schlee hat Recht, wenn er fordert, dass wir die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens mit der Vision einer zukünftigen Gesellschaft verknüpfen – einer Vision, die für Menschen in der Mitte der heutigen Gesellschaft bestechend ist, weil sie Dinge anspricht und Antworten auf Fragen gibt, die eben diese Mitte beschäftigen. Mit dem Bezug auf einen Gesellschaftsentwurf, der unseren eigenen Wertvorstellungen entspringt, schaffen wir es, die beiden wichtigsten Anforderungen an eine gute Kommunikationsstrategie miteinander zu vereinbaren: Zum einen müssen wir uns in unserer Argumentation immer wieder auf grundlegende Werte beziehen und dabei kohärent argumentieren – was nur gelingen kann, wenn wir dabei wirklich ehrlich sind und das sagen, was uns wirklich wichtig ist. Zum anderen müssen wir „die Leute dort abholen, wo sie sind“, an ihre Themen anknüpfen und zeigen, dass ihre eigene Position mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen kohärenter wird.
Beides können wir erreichen, wenn wir eine gesellschaftliche Vision in den Mittelpunkt unserer Überzeugungsarbeit stellen. Bildung könnte in diesem Gesellschaftsentwurf eine ganz zentrale Rolle einnehmen, so, wie Christoph Schlee es anregt. Doch damit ist längst nicht alles über die Gesellschaft gesagt, die uns vorschwebt. Der Verweis auf eine „emanzipatorische, unternehmerische und freiheitliche Bürgergesellschaft“ mag für viele attraktiv klingen. Doch schon die Implikationen des Titels dürften innerhalb unseres Netzwerks Auseinandersetzungen hervorrufen. Erst recht die inhaltliche Konkretisierung, die wir angehen müssen, wenn wir nicht bloß Phrasen dreschen wollen: Wir müssen unsere Vision erst entwerfen.
So mag sich dem einen oder der anderen schon eine Frage aufdrängen: Wer soll das tun? Haben wir als Netzwerk denn eine gemeinsame Vorstellung? Ja, könnte man meinen: Wir haben doch eine gemeinsame Vision, sonst hätten wir uns nicht im Netzwerk Grundeinkommen zusammengefunden. Nein, könnte man auch meinen: Wir streiten schließlich nicht zu knapp.
Wenn wir an Christoph Schlees strategische Überlegungen anknüpfen, so meine These, können wir diese scheinbar paradoxe Situation, die es für unser gemeinsames Anliegen nicht einfacher macht, zugunsten von mehr gegenseitigem Verständnis und einer besseren Kampagnenfähigkeit des Netzwerks überwinden. Oft entzündet sich Streit an bestimmten politischen Maßnahmen. Häufig entstehen Irritationen gerade dadurch, dass in Diskussionen die Dimensionen von anzustrebenden Zielen und zu ergreifenden Maßnahmen auf missverständliche Weise vermischt werden. Dazu kommt, dass bestimmte Begriffe in verschiedenen sozialen und politischen Milieus mit unterschiedlichen Bedeutungen verknüpft werden – explizit wie auch implizit . All diese Probleme werden uns weniger blockieren können, wenn wir mit einer geeigneten Methode in einen Dialog über Gesellschaftsentwürfe und die Rollen der Menschen in diesen Zukunftsvisionen einsteigen. Wichtige Anforderungen an eine solche Methode sind die systematische Darstellung von komplexen Zusammenhängen und Interdependenzen, besonders auch von dynamischen Vorgängen – so dass die Beteiligten in ihrer Fähigkeit gestärkt werden, in Prozessen zu denken. Wie ich schon vor Kurzem auf dem Symposium des Instituts für Entrepreneurship in Karlsruhe deutlich gemacht habe, halte ich das im ifat entwickelte Verfahren der Szenarienwerkstatt diesbezüglich für eine gut geeignete Methode.
Ein Dialog über unsere gemeinsame gesellschaftliche Vision kann uns helfen, innerhalb unseres Netzwerks – oder allgemeiner gefasst: innerhalb der Grundeinkommensbewegung – zu einem weiter reichenden Konsens zu finden, als wir es uns jetzt vorstellen können. Gleichzeitig werden auch die Grenzen unserer Konsensmöglichkeiten deutlich – es wird klarer, worin sich unsere Positionen wirklich unterscheiden, und unsere internen Debatten werden weniger durch Missverständnisse aufgeheizt.
Eine gemeinsam getragene Vision wird uns helfen, mehr Menschen zu erreichen, denn so können wir an die unterschiedlichsten Diskurse anknüpfen – nicht zuletzt in den Bereichen von Bildung und Kultur. Weil wir gleichzeitig die gesellschaftlichen Wertvorstellungen transportieren, die uns am wichtigsten sind, laufen wir auch keine Gefahr, anderen politischen Konzepten, die unseren normativen Vorstellungen zuwiderlaufen, das Wort zu reden: Wer sich von unserer Vision überzeugen lässt, wird in Zukunft auch andere Bestrebungen nach dem dahinter liegenden Gesellschaftsentwurf befragen.
In Bezug auf Dieter Althaus’ Konzept des „solidarischen Bürgergelds“ habe ich eine fundierte strategische Planung angemahnt. Auch hierfür ist eine systematische Visionsarbeit hilfreich, denn auf diese Weise lassen sich Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Entwicklungsvorstellungen eines Akteurs und unserer eigenen Vorstellung transparent machen – und daraus systematisch strategische Leitlinien ableiten. Ob zum Beispiel Althaus auf eine ähnliche Gesellschaftsvision wie wir zielt oder nicht, lässt sich nicht allein durch einen Blick auf die Höhe seines Bürgergelds beantworten. Zum einen blenden wir so die Frage nach Althaus’ eigenen strategischen Erwägungen aus. Zum anderen können wir nicht bewerten, inwiefern ein Betrag Existenz und Teilhabe sichert, ohne die nicht-monetären staatlichen bzw. gesellschaftlichen Leistungen in die Betrachtung einzubeziehen.
Weder ein bedindingungsloses Grundeinkommen noch ein „solidarisches Bürgergeld“ schwebt im luftleeren Raum. An allen Konzepten hängen gesellschaftliche Vorstellungen. Fokussieren wir darauf die Debatte! Zu Staatsquoten, Steuersätzen und Transfergrenzen haben viele Menschen keine Meinung – wohl aber zu der Frage, in was für einer Gesellschaft sie leben möchten. Sprechen wir über die Gesellschaft von morgen, beziehen wir die Leute ein. Und überlassen es nicht dem Zufall, als was sie unsere Idee empfinden. Sprechen wir nur vom BGE, riskieren wir, dass die Menschen ihren Vorgarten vom Landeanflug dieses merkwürdigen Raumschiffs bedroht sehen. Sprechen wir von einem bestechenden Gesellschaftsentwurf, der überzeugende Antworten auf die Fragen gibt, die die Angesprochenen umtreiben, haben wir schon fast gewonnen. Steigen wir ein in einen Dialog über unsere gemeinsame Zukunftsvision. Nicht bloß, weil das Spaß macht. Sondern auch, damit wir endlich eine Mehrheit für das Grundeinkommen gewinnen. Dass uns dieses gemeinsame Anliegen verbindet, haben wir ja wohl trotz mancher interner Auseinandersetzung nie vergessen!
Als angehender Politikwissenschaftler ist Sören Kiel freier Mitarbeiter des ifat (Institut für Arbeit und Technik) und Online-Redakteur des Hamburger Netzwerks Grundeinkommen: www.grundeinkommen-hamburg.de
Martin Neuber schrieb am 04.03.2008, 20:43 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
AgneS Schubert schrieb am 05.03.2008, 03:56 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Christoph Schlee schrieb am 05.03.2008, 13:39 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
AgneS Schubert schrieb am 06.03.2008, 02:03 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Lothar Mickel schrieb am 06.03.2008, 11:35 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
AgneS Schubert schrieb am 06.03.2008, 14:39 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Lothar Mickel schrieb am 06.03.2008, 22:50 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Jan Röder schrieb am 10.03.2008, 20:22 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Martin Neuber schrieb am 10.03.2008, 20:50 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
F. Wagner schrieb am 24.03.2008, 18:08 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Agnes Schubert schrieb am 03.04.2008, 10:43 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Warum denn BGE _und_ ein Mindestlohn? Wenn ich von der Arbeit nicht leben muss, dann sollte ich doch wirklich frei sein, mit dem Arbeitgebern einen Lohn auszuhandeln. Vielleicht deshalb, weil ich will, dass die sich sonst nicht rechnende Arbeit gemacht wird, oder, weil es nur ein Pförtnerdienst ist, bei dem mir erlaubt ist, viel zu lesen oder zu studieren. Ob wirklich so viele Arbeitnehmer ihren jetzigen Job als so erfüllend empfinden, wie du F.Wagner es siehst, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Sicher bin ich mir hingegen, dass z.B. Schul- und Studiumsabgänger massenhaft auf ein Jahr Weltreise dank BGE gehen würden. Ach und die Sache mit den Überstunden ist häufig nicht vom Arbeitnehmer so gewollt, sondern vom -geber. AgneS
Cornelia Besl schrieb am 06.04.2008, 17:56 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Die - anscheind allgemein propagierte -schrittweise Einführung des bGE halte ich für problematisch: Viele Menschen müssen sich heute ihr Einkommen aus verschiedenen Quellen zusammenstöpseln; vielleicht eine Selbstständigkeit, einen 400€-Job und ein bisschen von der ARGE (oder Wohngeld). Jetzt soll noch "ein bisschen" Grundeinkommen dazukommen? Wem nützt das, wie sollte dadurch irgendetwas praktisch oder im Bewusstsein der Leute verändert werden? Verbessern 100€ mehr meine Position dem Arbeitgeber gegenüber? Gleichzeitig soll"ein bisschen" am Steuersystem geändert werden und nächstes Jahr wieder und übernächstes.... Meiner Ansicht nach hat sich die Sache dann in 10 Jahren tot gelaufen. Der Verwaltungsaufwand wird größer statt kleiner, das - wie ich meine - wichtige Argument des Wegfalls sämtlicher anderer Transferleistungen und der entsprechenden Behörden gilt nicht mehr und alles, was an Änderung im praktischen Leben und im Bewusstsein durch das bGE erreicht werden soll, kann sich gar nicht bemerkbar machen. Im Gegenteil. Egal, was falsch läuft, es wird immer dem neuen System angelastet werden, nie dem alten. Um alle Vorteile von Anfang an klar auf der Hand zu haben, muss das bGE (mit einer gewissen Vorbereitungszeit) auf einen Schlag eingesetzt und das gesamte System umgestellt werden. In den 1960er Jahren wurde die Mehrwertsteuer eingeführt, 2002 europaweit der Euro und es soll nicht möglich sein (z.B. zum 1. 1. 2012) ein Grundeinkommen von 800 oder 1000€ einzuführen und gleichzeitig beispielsweise von Lohnsteuer auf (da beziehe ich mich auf das Finanzierungamodell von Götz Werner) Konsumsteuer umzustellen. Ich stell das jetzt mal so in den Raum und warte auf Kommentare C*
AgneS schrieb am 13.04.2008, 21:38 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Die Einführung des Euros und der Mehrwertsteuer sind im Groben mit makroökonomischen Modellen abschätzbar. Aber auch da ging man immer schon ein kleines Risiko bei den psychologischen Effekten ein. Beispielsweise wurde die Entstehung vom Phänomen "Teuro" von den Befürwortern des Euro kaum vorhergesehen. Für die vollständige Umstellung von Einkommens- auf Konsumsteuer bietet die VWL meines Erachtens auch gute Modelle und es würden wohl nur maginale psychologische Effekte auftreten. Bei Einführung von existenzsicherndem BGE ist das aber völlig anders. Geht man von der Beibehaltung des menschlichen Verhaltens aus, dann hat man nur eine einfache Rechnung zwischen Mehrausgaben und Verwaltungseinspaarungen, die je nach Höhe eben auch positiv ausgehen kann. Nun soll aber gerade bei den emanzipatorischen BGE-Modellen der Druck zur Arbeit ja ausgehebelt werden. Wenn die Existenz aber gesichert ist, wird sich ganz sicher mein Verhältnis zu einer Arbeit ändern, die ich (mindestens auch) aus Existenzgründen mache. Was das für die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft bedeutet, ist überhaupt nicht klar, es wird aber schon gewaltig sein, denn viele Arbeiten werden völlig neu organisiert und motiviert werden müssen. Und das soll "(mit einer gewissen Vorbereitungszeit) auf einen Schlag" geschehen? Es ist dringend notwendig, zuvor Erfahrungen damit zu sammeln. Da man kaum passende psychologische Experimente machen kann und kaum in örtlich stark begrenzten Räumen das existenzsichernde BGE versuchsweise einführen kann, ist eine gemäßigte Einführung mit entsprechend langsamen Veränderungen des menschlichen Verhaltens wohl dringend zu empfehlen. "Verbessern 100€ mehr meine Position dem Arbeitgeber gegenüber?" Nein - wohl nicht für viele, aber für einige Leute wird es der entscheidende Tropfen sein. Wenn alle damit umgehen gelernt haben, kann man ja leicht 200 € fordern usw. Du hast recht damit, dass am Anfang nicht die Verwaltungseinsparungen die Motivation zum BGE bringen können. Im Übergang wird vielleicht sogar eine Kostenerhöhung zu erwarten sein. Die Motivation muss aus dem erhofften Endergebnis eines "vollen" BGE kommen. Die Suche nach dem dritten Weg beim Scheitern des Realsozialismus wurde übrigens von der Bevölkerung mit dem Kommentar abgelehnt: "keine Experimente mehr". Ganz ohne Experiment werden wir nicht auskommen, aber da, wo es geht, sollte man möglichst wenig Risiko eingehen. Die Mahnung zur großen Vorsicht bezieht sich aber nur auf ein BGE im Bereich der Erwerbsfähigen. BGE für Kinder und Rentner sind hinsichtlich der psychologischen Effekte nicht ganz neutral, aber schon etwas anders zu bewerten. Eine Einführung des existenzsichernden BGE ist da meines Erachtens leichter möglich. Übrigens: Man kann sicher beides wollen, aber es gibt keinen zwingenden Grund, BGE mit einer Änderung der vorrangigen Steuerquelle zu verbinden. Es gibt für beides einzeln die selben guten Gründe und auch Gegenargumente. Eher muss man die Höhe des BGE schon mit der Steuerhöhe verbinden. AgneS
Gerhard Bandorf, BN schrieb am 14.04.2008, 16:21 UhrDirektlink zu diesem Kommentar
Mein Kommentar, liebe Conny ist: Du hast es auf den Punkt gebracht!

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