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Timestamp: 2017-01-19 04:32:43+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 9 AZR 632/07
Zeugnis, Zeugnis: Geheimcode
So­weit für ei­ne Be­rufs­grup­pe oder in ei­ner Bran­che der all­ge­mei­ne Brauch be­steht, be­stimm­te Leis­tun­gen oder Ei­gen­schaf­ten des Ar­beit­neh­mers im Zeug­nis zu erwähnen, ist de­ren Aus­las­sung re­gelmäßig ein (ver­steck­ter) Hin­weis für den Zeug­nis­le­ser, der Ar­beit­neh­mer sei in die­sem Merk­mal un­ter­durch­schnitt­lich oder al­len­falls durch­schnitt­lich zu be­wer­ten (be­red­tes Schwei­gen). Der Ar­beit­neh­mer hat dann An­spruch dar­auf, dass ihm ein ergänz­tes Zeug­nis er­teilt wird. Dies ge­bie­ten die Grundsätze von Zeug­nis­klar­heit und Zeug­nis­wahr­heit.
Arbeitsgericht Dresden, Urteil vom 03.11.2005, 8 Ca 2970/05
Sächsisches Landesarbeitsgericht, 30.11.2006, 6 Sa 963/05
9 AZR 632/076 Sa 963/05Säch­si­schesLan­des­ar­beits­ge­richt
Verkündet am12. Au­gust 2008
Jatz, Ur­kunds­be­am­tinder Geschäfts­stel­le
hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf Grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 12. Au­gust 2008 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Düwell, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer,die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Gall­ner so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­terPreuß und Dr. Klos­terk­em­per für Recht er­kannt:
- 2 - Auf die Re­vi­si­on des Klägers wird das Ur­teil des Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 30. No­vem­ber2006 - 6 Sa 963/05 - auf­ge­ho­ben. Die Sa­che wird zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung - auch über dieKos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens - an das Be­ru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen.
Der Kläger war seit dem Jah­re 1993 bis zum 31. März 2003 als Ta­ges­zei­tungs­re­dak­teur bei der Be­klag­ten beschäftigt. Zwi­schen den Par­tei­en war ein Kündi­gungs­rechts­streit anhängig, der am 6. De­zem­ber 2004 vor demSäch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­gleichs­wei­se bei­ge­legt wur­de. In Zif­fer 4 die­ses Ver­gleichs heißt es:
„Die Be­klag­te er­teilt dem Kläger ein Zeug­nis, mit demdie­sem gu­te Führung und Leis­tung be­schei­nigt wer­den.“
„Herr E ar­bei­te­te sich schnell in neue Fach­ge­bie­te ein und kann die­se jour­na­lis­tisch ver­wer­ten. Er er­sch­ließt in kur­zerZeit Gesprächs­part­ner und kann de­ren In­for­ma­tio­nen re­dak­tio­nell um­set­zen. Herr E ist stil­si­cher, hat Sprach­gefühl,be­herrscht in Theo­rie und Pra­xis die jour­na­lis­ti­schen Gen­res, kann aus ak­tu­el­len Er­for­der­nis­sen jour­na­lis­ti­sche The­men ab­lei­ten, de­ren po­li­ti­sche Be­deu­tung er­fas­sen und re­dak­tio­nell so­wie me­di­en­spe­zi­fisch um­set­zen. Sein Schreib­stil ist sach­lich, ori­gi­nell,verständ­lich und va­ria­bel. Bei sei­ner jour­na­lis­ti­schen Tätig­keit für un­ser Haus zeich­ne­te sich Herr E durch gründ­li­che Re­cher­che so­wie ziel­stre­bi­ge und ge­wis­sen­haf­te Ar­beits­wei­se aus. Ent-
- 3 - wick­lun­gen und Missstände bei von ihm be­ar­bei­te­ten The­men ver­folg­te er hartnäckig und gründ­lich. Herr E führ­te sei­ne Auf­ga­be stets selbstständig und zu­verlässig aus.
Er kann sei­ne ei­ge­nen Leis­tun­gen und die sei­ner Kol­le­gen sach­lich kri­tisch wer­ten und ist of­fen für neuejour­na­lis­ti­sche Sich­ten und An­re­gun­gen. Wir be­schei­ni­gen Herrn E gu­te Führung und gu­te Leis­tun­gen.
c) der Ar­beit­ge­ber ihm für sei­nen wei­te­ren persönli­chen und be­ruf­li­chen Le­bens­weg wei­ter­hin viel Er­folgwünsche und
- 4 - Un­ter­neh­mens­be­reich Zei­tun­gen mit der S Zei­tung, der S Zei­tung am Sonn­tag, der Mor­gen­post S und der Mor­gen­postam Sonn­tag die führen­den Zei­tun­gen im Re­gie­rungs­be­zirk D her­aus. Meh­re­re re­gio­na­le Zeit­schrif­ten und der In­ter­net-Dienst s-on­line run­den das Un­ter­neh­men­sport­fo­lio ab. Täglich er­reicht das Un­ter­neh­men mit sei­nen Pro­duk­ten rund ei­ne Mil­li­on Le­ser.
Ab Mai 1999 wech­sel­te Herr E in die Ab­tei­lung Re­dak­tio­nel­le Diens­te/Text des Be­rei­ches Pro­duk­ti­on der S Zei­tung. In die­ser Funk­ti­on war Herr E An­sprech­part­ner für den Leit­stand und für die Blatt­pla­ner zu den ta­ges­ak­tu­el­len Sei­ten. Die Mit­ar­bei­ter der Ab­tei­lung sind ver­ant­wort­lich für die Kon­trol­le al­ler re­dak­tio­nel­len Sei­ten für die ge­sam­te „S Zei­tung“ und de­ren pünkt­li­che und vollständi­ge Überg­a­be an die Pro­duk­ti­on/Vor­stu­fe. Zum An­for­de­rungs­pro­fil für die­se Tätig­keit gehört das Be­herr­schen des ge­sam­ten Re­dak­ti­ons­pro­zes­ses und um­fang­rei­ches Hin­ter­grund­wis­sen zur re­dak­tio­nel­len Ar­beit. Die Tätig­keit er­for­der­te außer­dem ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit mit den Re­dak­tio­nen der Lo­kal­aus­ga­ben der S Zei­tung. Auf­grund sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen Tätig­keit als Lo­kal­re­dak­teur war Herr E in die­ser Funk­ti­on be­fugt, feh­ler­haf­te Tex­te nicht nur an die Ver­fas­ser zur Kor­rek­tur zurück­zu­sen­den, son­dern den feh­ler­haf­ten Text in­halt­lich selbst zu be­ar­bei­ten.
- 5 - Bei sei­ner jour­na­lis­ti­schen Tätig­keit für un­ser Haus zeich­ne­te sich Herr E durch gründ­li­che Re­cher­che so­wie ziel­stre­bi­ge und ge­wis­sen­haf­te Ar­beits­wei­se aus. Ent­wick­lun­gen und Missstände bei von ihm be­ar­bei­te­ten The­men ver­folg­te er hartnäckig und gründ­lich. Herr E führ­te sei­ne Auf­ga­ben stets selbstständig aus.
A. Die Re­vi­si­on des Klägers ist be­gründet. Sie führt zur Auf­he­bung und zur Zurück­ver­wei­sung. - 6 - Mit der vom Be­ru­fungs­ge­richt ge­ge­be­nen Be­gründung durf­te die Kla­ge nicht ab­ge­wie­sen wer­den.
Da­mit hat das Be­ru­fungs­ge­richt die Be­haup­tung des Klägers, für Ta­ges­zei­tungs­re­dak­teu­re sei die Her­vor­he­bung der Be­last­bar­keit mit Stress im Zeug­nis üblich und de­ren Aus­las­sung ein für den Ar­beit­neh­mer nach­tei­li­ges Ge­heim­zei­chen, rechts­feh­ler­haft über­g­an­gen. - 7 - a) Der ge­setz­lich ge­schul­de­te In­halt des Zeug­nis­ses be­stimmt sich nach den mit ihm ver­folg­ten Zwe­cken (Se­nat 10. Mai 2005 - 9 AZR 261/04 - BA­GE 114, 320, zu II 2 a der Gründe; 14. Ok­to­ber 2003 - 9 AZR 12/03 - BA­GE 108, 86, zu III 2 der Gründe). Ein Zeug­nis ist re­gelmäßig Be­wer­bungs­un­ter­la­ge und da­mit gleich­zei­tig Ent­schei­dungs­grund­la­ge für die Per­so­nal­aus­wahl künf­ti­ger Ar­beit­ge­ber. Des­halb hat es Aus­wir­kun­gen auf das be­ruf­li­che Fort­kom­men des Ar­beit­neh­mers (vgl. BT-Drucks. 14/8796 S. 25). Dem Ar­beit­neh­mer gibt es zu­gleich Auf­schluss darüber, wie der Ar­beit­ge­ber sei­ne Leis­tun­gen be­ur­teilt (Se­nat 14. Ok­to­ber 2003 - 9 AZR 12/03 - aaO; BAG 8. Fe­bru­ar 1972 - 1 AZR 189/71 - BA­GE 24, 112, 115). Vom Ar­beit­ge­ber wird da­bei ver­langt, dass er den Ar­beit­neh­mer auf der Grund­la­ge von Tat­sa­chen be­ur­teilt und, so­weit das möglich ist, ein ob­jek­ti­ves Bild über den Ver­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­mit­telt (Se­nat 20. Fe­bru­ar 2001 - 9 AZR 44/00 - BA­GE 97, 57, zu B I 2 a der Gründe). Dar­aus er­ge­ben sich die Ge­bo­te der Zeug­nis­wahr­heit und der Zeug­nis­klar­heit.
Das Ge­bot der Zeug­nis­klar­heit ist nach § 109 Abs. 2 Ge­wO in sei­ner ab 1. Ja­nu­ar 2003 gel­ten­den Fas­sung ge­setz­lich nor­miert. Da­nach muss das Zeug­nis klar und verständ­lich for­mu­liert sein. Es darf kei­ne For­mu­lie­run­gen ent­hal­ten, die den Zweck ha­ben, ei­ne an­de­re als aus der äußeren Form oder aus dem Wort­laut er­sicht­li­che Aus­sa­ge über den Ar­beit­neh­mer zu tref­fen. Ab­zu­stel­len ist auf den ob­jek­ti­ven Empfänger­ho­ri­zont des Le­sers des Zeug­nis­ses. Es kommt nicht dar­auf an, wel­che Vor­stel­lun­gen der Zeug­nis­ver­fas­ser mit sei­ner Wort­wahl ver­bin­det (zu­letzt Se­nat 21. Ju­ni 2005 - 9 AZR 352/04 - BA­GE 115, 130, zu II 2 der Gründe). - 8 - bb) In die­sem Rah­men ist der Ar­beit­ge­ber grundsätz­lich in der For­mu­lie­rung frei, so­lan­ge das Zeug­nis nichts Fal­sches enthält (BAG 29. Ju­li 1971 - 2 AZR 250/70 - AP BGB § 630 Nr. 6 = EzA BGB § 630 Nr. 1, zu II der Gründe). Der Ar­beit­ge­ber ent­schei­det des­halb auch darüber, wel­che po­si­ti­ven oder ne­ga­ti­ven Leis­tun­gen er stärker her­vor­he­ben will als an­de­re (BAG 23. Sep­tem­ber 1992 - 5 AZR 573/91 - EzA BGB § 630 Nr. 16, zu II der Gründe). Maßstab ist der ei­nes wohl­wol­len­den verständi­gen Ar­beit­ge­bers (Kütt­ner/Rei­ne­cke Per­so­nal­buch 2008 Zeug­nis Rn. 28). Da­von ist auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend aus­ge­gan­gen, wenn es ausführt, dass nicht je­der Ein­zel­as­pekt ei­nes Tätig­keits­spek­trums Erwähnung fin­den müsse.
aa) Nach § 109 Abs. 2 Satz 2 Ge­wO ist es un­zulässig, ein Zeug­nis mit ge­hei­men Merk­ma­len oder un­kla­ren For­mu­lie­run­gen zu ver­se­hen, durch die der Ar­beit­neh­mer an­ders be­ur­teilt wer­den soll, als dies aus dem Zeug­nis­wort­laut er­sicht­lich ist (vgl. zum frühe­ren Recht Se­nat 20. Fe­bru­ar 2001 - 9 AZR 44/00 - BA­GE 97, 57, zu B I 2 a der Gründe). We­der Wort­wahl noch Aus­las­sun­gen dürfen da­zu führen, dass bei Le­sern des Zeug­nis­ses der Wahr­heit nicht ent­spre­chen­de Vor­stel­lun­gen ent­ste­hen können (Se­nat 21. Ju­ni 2005 - 9 AZR 352/04 - BA­GE 115, 130, zu II 2 der Gründe). Ein Zeug­nis darf des­halb dort kei­ne Aus­las­sun­gen ent­hal­ten, wo der verständi­ge Le­ser ei­ne po­si­ti­ve Her­vor­he­bung er­war­tet (vgl. Se­nat 20. Fe­bru­ar 2001 - 9 AZR 44/00 - aaO; BAG 29. Ju­li 1971 - 2 AZR 250/70 - AP BGB § 630 Nr. 6 = EzA BGB § 630 Nr. 1, zu II der Gründe). An­spruch auf aus­drück­li­che Be­schei­ni­gung be­stimm­ter Merk­ma­le hat da­mit der Ar­beit­neh­mer, in des­sen Be­rufs­kreis dies üblich ist und bei dem das Feh­len ei­ner ent­spre­chen­den Aus­sa­ge im Zeug­nis sein be­ruf­li­ches - 9 - Fort­kom­men be­hin­dern könn­te (vgl. BAG 23. Ju­ni 1960 - 5 AZR 560/58 - BA­GE 9, 289). Das Weg­las­sen be­stimm­ter Prädi­ka­te oder be­rufs­spe­zi­fi­scher Merk­ma­le ist bei ei­ner im Übri­gen po­si­ti­ven Be­ur­tei­lung zwar grundsätz­lich noch kein Hin­weis auf de­ren Feh­len, wenn das Prädi­kat zu den Selbst­verständ­lich­kei­ten des Be­rufs­krei­ses des Ar­beit­neh­mers gehört (Sch­leßmann Das Ar­beits­zeug­nis S. 176). So­weit je­doch die Merk­ma­le in be­son­de­rem Maße ge­fragt sind und des­halb der all­ge­mei­ne Brauch be­steht, die­se im Zeug­nis zu erwähnen, kann die Nich­terwähnung (be­red­tes Schwei­gen) ein er­kenn­ba­rer Hin­weis für den Zeug­nis­le­ser sein (BGH 22. Sep­tem­ber 1970 - VI ZR 193/69 - AP BGB § 826 Nr. 16, zu III 1 der Gründe).
3. Der Se­nat kann in der Sa­che nicht ab­sch­ließend ent­schei­den. a) Nach § 563 Abs. 3 ZPO hat das Re­vi­si­ons­ge­richt in der Sa­che selbst zu ent­schei­den, wenn das Ur­teil des Be­ru­fungs­ge­richts nur we­gen ei­nes Man­gels in der Ge­set­zes­an­wen­dung auf­zu­he­ben und der Rechts­streit ent­schei­dungs­reif ist. Das setzt vor­aus, dass das bei­der­sei­ti­ge Par­tei­vor­brin­gen fest­ge­stellt und wei­te­rer Sach­vor­trag nicht zu er­war­ten ist. Das ist hier nicht si­cher­ge­stellt.
- 10 - ständi­gen zu be­die­nen (vgl. BGH 2. Ok­to­ber 2003 - I ZR 150/01 - BGHZ 156, 250, zu II 2 a der Gründe; 1. April 1993 - I ZR 136/91 - NJW-RR 1993, 1000, zu II 1 b der Gründe). Un­er­heb­lich ist, dass der Kläger kei­nen ent­spre­chen­den Be­weis an­ge­tre­ten hat. Der An­tritt ei­nes Sach­verständi­gen­be­wei­ses ist oh­ne­hin nur An­re­gung an das Ge­richt. Die Zu­zie­hung ei­nes Sach­verständi­gen zur Un­terstützung des Ge­richts ist gemäß § 144 Abs. 1 ZPO durch die Tat­sa­chen­ge­rich­te stets nach pflicht­gemäßen Er­mes­sen zu prüfen (BAG 9. No­vem­ber 1973 - 4 AZR 27/73 - BA­GE 25, 371, zu VI 1 der Gründe). Dies wird das Lan­des­ar­beits­ge­richt nach­zu­ho­len ha­ben.
Düwell Gall­ner Krasshöfer
Preuß Klos­terk­em­per	m.hensche.de
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References: § 109
 § 630
 § 630
 § 630
 § 109
 § 630
 § 630
 § 826
 § 563
 BGH 
 § 144