Source: http://doczz.com.br/doc/779127/informationsdienst-f%C3%BCr-das-recht-des-geistigen-eigentums-..
Timestamp: 2017-12-13 22:31:16+00:00

Document:
Informationsdienst für das Recht des geistigen Eigentums und der
PVSt 17896
IP-Beratungspraxis
BGH legt EuGH Fragen zur rechtserhaltenden
Benutzung von Marken vor
Kritik am Urteil des BVerfG zur Telefonüberwachung
Eidesstattliche Versicherung reicht für Benutzungsnachweis nicht aus
Stuttgart 21 – Teilabriss des Bahnhofs: Keine
Zitatrecht und Verletzungsprüfung bei
Zur Prüfung des Verwendungszwecks eines
Bildes durch Presseagenturen
Zutreffende Angaben in irreführender Aufmachung
„Cheats‘‘ im Wettbewerbsrecht
Härting/Bielajew
Neues zum Filesharing Stücke
Der Gewerbliche Rechtsschutz als tragende
Säule des Wirtschaftsstandortes Deutschland Wisuschil
Besonderheiten bei der Antragsfassung und
der Abmahnung im Presse- und Äußerungsrecht Höcker/Engel
Datei vom 04. 01. 2012 17:18
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IPRB 1/2012
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BGH zur Belehrung über das Nichtbestehen
eines Widerrufsrechts
OLG Köln zu Berichterstattung im Fall
EuGH: Portraitfotos von Natascha Kampusch
durften veröffentlicht werden
Warnhinweismodell bei Urheberrechtsverletzungen in der Diskussion
„Warendorfer Pferdeäppel‘‘ und „Warendorfer Pferdeleckerli‘‘ nicht verwechslungsfähig
OLG Hamm, Urt. v. 24.5.2011 – 4 U 216/10
Keine Verpflichtung von Presseagenturen,
vor Herausgabe eines Bildes Verwendungszweck zu prüfen
KG, Urt. v. 28.4.2011 – 10 U 196/10
OLG Frankfurt, Urt. v. 20.10.2011 –
6 U 40/11 – NUTELLA
Verfall einer Gemeinschaftsmarke: Eidesstattliche Versicherung reicht für Benutzungsnachweis nicht aus
EuG, Urt. v. 15.9.2011 – Rs. T-434/09 –
EuG, Urt. v. 20.9.2011 – Rs.T-232/10 –
BGH, Beschl. v. 9.11.2011 – I ZR 216/10
Niko Härting/Andrzej Bielajew
& „Cheats‘‘ im Wettbewerbsrecht – Zusatz-
angebote für Online-Spiele: Schummeln erlaubt?
& Neues zum Filesharing – ...die Ruhe vor
& Der Gewerbliche Rechtsschutz als tragen-
de Säule des Wirtschaftsstandortes
BGH, Urt. v. 7.4.2011 – I ZR 56/09 – ICE
Voraussetzungen einer zulassungsfreien
Rechtsbeschwerde nach dem PatG
BGH, Beschl. v. 10.8.2011 – X ZA 1/11 –
Zu Hinweispflichten des BPatG und des
Beschwerdegerichts
BGH, Beschl. v. 5.7.2011 – X ZB 1/10 – Modularer Fernseher II
Prof. Dr. Ralf Höcker, LL.M. (IP, London)/
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Û Das Recht auf Vergessen – Internetarchive Fusbahn
Û Besonderheiten bei der Antragsfassung und der Abmahnung
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BGH legt EuGH Fragen zur rechtserhaltenden Benutzung von Marken
Der BGH hat dem EuGH in zwei Verfahren verschiedene
Fragen zur rechtserhaltenden Benutzung von Marken zur
Vorabentscheidung vorgelegt (BGH, Beschl. v. 17.8.2011
– I ZR 84/09; Beschl. v. 24.11.2011 – I ZR 206/10).
Im ersten Verfahren hatte der Inhaber der Marke
„PROTI‘‘ diese nur in einer abgewandelten, aber ebenfalls als Marke eingetragenen Form, benutzt. In dem
Rechtsstreit musste sich der Markeninhaber daher mit
der Einrede mangelnder Nutzung auseinandersetzen.
In dem zweiten Verfahren ging es um eine von Levi
Strauss & Co u.a. für Hosen eingetragene Gemeinschaftsbildmarke. In dem Rechtsstreit hatte sich die Beklagte darauf berufen, dass dieses Zeichen von der Markeninhaberin ausschließlich in abgewandelter Form,
nämlich mit der zusätzlichen Aufschrift „LEVI’S‘‘ verwendet wurde.
Der EuGH hatte 2007 entschieden, dass eine eingetragene Marke nicht durch die Verwendung eines abgewandelten Zeichens rechtserhaltend benutzt werden kann, wenn
dieses abgewandelte Zeichen ebenfalls als Marke eingetragen ist (EuGH, Urt. v. 13.9.2007 – Rs. C-234/06). Mit
der nun erfolgten Vorlage an den EuGH will der BGH
die Vereinbarkeit des § 26 Abs. 3 Satz 2 MarkenG mit
der Markenrechtsrichtlinie klären. Die Bestimmung des
§ 26 Abs. 3 Satz 2 MarkenG gestatte nämlich die rechtserhaltende Benutzung einer Marke in einer abgewandelten, ebenfalls als Marke eingetragenen Form, wenn die
Abweichungen den kennzeichnenden Charakter der Marke nicht verändern.
Der BGH sieht in beiden Fällen ein schutzwürdiges Interesse der Markeninhaber als gegeben an, sah sich aber
angesichts der Entscheidung des EuGH aus dem Jahr
2007 zur Vorlage der beiden Fälle an den EuGH veranlasst.
Quelle: BGH, PM v. 24.11.2011,
RA Dr. Volker Herrmann, Fachanwalt für Urheber- und
Medienrecht, Terhaag & Partner – www.aufrecht.de
BGH zur Belehrung über das Nichtbestehen eines Widerrufsrechts
Nach Ansicht des BGH muss in Werbeanzeigen für ein
Zeitschriftenabonnement, die ein Bestellformular enthalten, ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass im
Falle einer Bestellung kein Widerrufsrecht besteht
(BGH, Urt. v. 9.6.2011 – I ZR 17/10). Im Rahmen einer
Anzeige war für ein Jahresabonnement einer Zeitschrift
geworben worden. Die Bestellung konnte mit einer Postkarte oder einem Coupon, die der Anzeige beigefügt waren, aufgegeben werden. Weder die Anzeige noch die
Postkarte oder der Coupon enthielten Angaben zum Bestehen oder Nichtbestehen eines Widerrufsrechts.
Auch in solchen Fällen müsse gem. § 312c Abs. 1 BGB,
Art. 246 § 1 Abs. 1 Nr. 10 EGBGB, § 312d Abs. 4 Nr. 3
BGB gegenüber Verbrauchern darauf hingewiesen werden, dass im Falle einer Bestellung kein Widerrufsrecht
besteht. Eine Ausnahmevorschrift greife hier nicht. Bei
Zeitungen und Zeitschriften handele es sich nicht um
Haushaltsgegenstände des täglichen Bedarfs i.S.d.
§ 321b Abs. 3 Nr. 5 BGB und die Regelung des § 312b
Abs. 3 Nr. 5 BGB gelte nicht für den herkömmlichen
Da über das Nichtbestehen des Widerrufsrechts nicht informiert worden war, nahm der BGH einen Verstoß gegen §§ 3, 4 Nr. 11 UWG an. Ausdrücklich weist der
BGH darauf hin, dass der einhergehende Unterlassungsanspruch auch noch nach der zum Zeitpunkt der Entscheidung im Juni 2011 geltenden Rechtslage weiterhin
begründet ist und die zwischenzeitlich erfolgten Änderungen des Widerrufsrechts keine andere Betrachtung
der Rechtslage zulassen.
OLG Köln zu Berichterstattung im
Das OLG Köln hat in drei Urteilen die Grenzen der zulässigen Berichterstattung in Straf- und Ermittlungsverfahren näher festgelegt. Geklagt hatte in allen drei Verfahren ein wegen des Verdachts der Vergewaltigung einer
Ex-Freundin angeklagter und sodann im Strafverfahren
freigesprochener Fernsehmoderator.
In dem ersten Urteil entschied das OLG Köln, dass die
heimlich aufgenommenen Fotos, die den Fernsehmoderator im Gefängnishof einer Justizvollzugsanstalt zeigten,
nicht hätten veröffentlicht werden dürfen. Es handele
sich nicht um einen öffentlichen Raum, so dass der Moderator nicht habe erwarten müssen, entsprechend behelligt zu werden (OLG Köln, Urt. v. 15.11.2011 – 15 U 62/
Im zweiten Fall hielt das Gericht die Berichterstattung
über den Fund eines Messers, an welchem nach damaliger Darstellung angeblich die DNA des Moderators gefunden worden war, für zulässig. Die Grenzen der zulässigen Verdachtsberichterstattung seien damals nicht
überschritten worden, da hinreichend klargestellt wurde,
dass es sich um angebliche Beweismittel der Staatsanwaltschaft handelte und damit noch keine Vorverurteilung verbunden war (OLG Köln, Urt. v. 15.11.2011 – 15
U 61/11).
Das dritte Verfahren bezog sich auf die Veröffentlichung
einer privaten E-Mail, welche der Moderator an seine
ehemalige Freundin gesandt hatte und auf die darauf bezogene Berichterstattung. Nach Ansicht des OLG Köln
stellt dies eine Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts des Moderators dar. Der Schutz der Privatsphäre gehe in diesem Fall mangels hinreichender Bezüge der E-Mail zu der damals vorgeworfenen Straftat dem
Berichterstattungsinteresse der Presse vor (OLG Köln,
Urt. v. 15.11.2011 – 15 U 60/11).
Quelle: OLG Köln, PM v. 23.11.2011,
EuGH: Portraitfotos von Natascha
Kampusch durften veröffentlicht werden
Der EuGH hat sich im Hinblick auf die Urheberrechtsfähigkeit eines Portraitfotos und der Zulässigkeit der Veröffentlichung im Rahmen polizeilicher Ermittlungen befasst. In seinem Urteil vom 1.12.2011 ging es um Fotos
des Entführungsopfers Natascha Kampusch (EuGH, Urt.
v. 1.12.2011 – Rs. C-145/10 – Painer ./. Standard Verlag
u.a.). Die von einer Schulfotografin hergestellte Fotografie war von der Polizei als Fahndungsfoto und auch in
mehreren Zeitungen und Zeitschriften ohne Angabe des
Namens der Fotografin veröffentlicht worden. Außerdem
wurde das Foto durch digitale Bearbeitung verändert, um
das voraussichtliche Aussehen des Mädchens zu verbildlichen. Die österreichischen Gerichte hatten den Fall unter dem Aspekt des Zitatrechts bzw. der Berichterstattung
über Tagesereignisse, der freien Benutzung und der
Werknutzung zu Zwecken der öffentlichen Sicherheit geprüft und dem EuGH vorgelegt. Nach Ansicht des EuGH
ist eine Portraitfotografie urheberrechtlich geschützt,
wenn sie Ausdruck der schöpferischen Fähigkeiten des
Urhebers ist. Dabei seien die Umstände der Herstellung,
wie z.B. Entscheidungen über Beleuchtung, Hintergrund,
Gesichtsausdruck Bildausschnitt, etc zu berücksichtigen.
Zur Frage der Veröffentlichungsbefugnis durch die Presse stellte das Gericht in Auslegung des Art. 5 Abs. 3
lit. e) Info-Richtlinie fest, dass diese solche „Fahndungsfotos‘‘ veröffentlichen darf, wenn bereits staatliche Ermittlungen eingeleitet wurden und die Presseveröffentlichung in Abstimmung mit den Behörden und als Unterstützung der Ermittlungen angesehen werden kann. Die
Presse könne aber nicht selbst über eine Veröffentlichung
entscheiden. Zur Veröffentlichung im Rahmen des Zitatrechts stellte der EuGH fest, dass die Pflicht zur Urhebernennung entfalle, wenn die Bilder zuvor von den nationalen Sicherheitsbehörden öffentlich zugänglich gemacht worden seien.
Dr. Frauke Schmid-Petersen,
HÖCKER Rechtsanwälte, Köln, www.hoecker.eu
Das BVerfG hat in einem kürzlich veröffentlichten Beschluss das Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung und anderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen vom 21.12.2007 als verfassungsgemäß bestätigt (BVerfG, Beschl. v. 12.10.2011 – 2 BvR 236/08).
Gegen das Gesetz war Verfassungsbeschwerde im Hinblick auf die Ungleichbehandlung verschiedener Berufsgruppen im Zusammenhang mit dem Zeugnisverweigerungsrecht nach § 160a StPO erhoben worden.
Diese Vorschrift enthält ein absolutes Beweiserhebungsund verwertungsverbot nur für Abgeordnete, Rechtsanwälte und Geistliche vor (Abs. 1), während die Ermittlungsmaßnahmen bei Journalisten dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz unterliegen (Abs. 2) und der Vertraulichkeitsschutz somit nur eingeschränkt gewährt wird.
Nach Ansicht des BVerfG verstößt diese Differenzierung
weder gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz, die Berufsfreiheit noch gegen die informationelle Selbstbestimmung. Ein absoluter Schutz für Angehörige der Medien
sei nicht erforderlich, da bei der Abwägung zwischen der
Medienfreiheit und dem Gebot einer funktionstüchtigen
Strafrechtspflege keinem der Schutzgüter ein abstrakter
und genereller Vorrang zuzusprechen sei. Eine Maßnahme sei allerdings auch im Rahmen des § 160a Abs. 2
StPO als unzulässig anzusehen, wenn der unantastbare
Kernbereich privater Lebensgestaltung betroffen sei.
Dies müsse im Einzelfall geprüft werden.
Aus Sicht der Branchenverbände Deutscher JournalistenVerband (DJV) und dem Verband Privater Rundfunk und
Telekommunikation (VPRT) besteht darin eine Gefährdung für den Informantenschutz und eine Erschwerung
der journalistischen Arbeit. Informanten könnten durch
die eventuelle Enttarnung abgeschreckt werden.
Quellen: www.urheberrecht.org/news/4447;
Pressemitteilung des DJV vom 7.12.2011;
In der CDU wird an einem Gesetzentwurf zur Schaffung
eines Warnhinweismodells bei Urheberrechtsverletzungen im Internet gearbeitet. Dies hatte Sigfried Kauder
angekündigt, der zugleich den „Stillstand der Urheberrechtsreform‘‘ feststellte. Mit dem Warnhinweis soll den
massenhaften Abmahnungen, die sich insbesondere gegen sog. Filesharer richten, entgegengewirkt werden.
Den Verletzern soll durch eine Warnung die Möglichkeit
zur Beseitigung des Verstoßes gegeben werden, ohne
dass sofort Sanktionen drohen. Ähnliche Modelle sind
bereits in Frankreich und den USA implementiert worden. Nachdem die verschiedenen Versuche, die OnlinePiraterie durch freiwillige Maßnahmen einzudämmen,
als gescheitert anzusehen sein dürften, werden jetzt die
Vor- und Nachteile eines solchen Modells diskutiert. So
sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Musikindustrie e.V., Dr. Florian Drücke, dass Warnhinweise
ein sinnvolles Modell sein könnten. Auch die Geschäftsführer der GVL äußerten sich positiv zum Vorstoß Kauders. Gegen ein neues gesetzliches Warnhinweismodell
wird ins Feld geführt, dass die Möglichkeit, Warnhinweise zu versenden, seit Jahren besteht. Aufgrund des 2008
eingeführten Auskunftsanspruchs können Provider verpflichtet werden, die Kundendaten zu einer IP-Adresse
herauszugeben. Die Rechteinhaber können dann entscheiden, ob sie einen Hinweis oder eine kostenpflichtige
Abmahnung veranlassen. Das BMWi hat in diesem Jahr
ein Gutachten in Auftrag gegeben, in dem verschiedene
Warnhinweis-Modelle verglichen werden sollen. Damit
wird die Debatte um den gesetzlichen Handlungsauftrag
neu befeuert. Im Zentrum stehen dabei die Fragen nach
den Sanktionen und dem Datenschutz. Außerdem wird
ein Hinweismodell nur eine von mehreren Maßnahmen
zur Eindämmung der Online-Piraterie sein können, da es
allein nicht geeignet ist, die massenhaften Urheberrechtsverletzungen zu beseitigen.
Quelle: www.lto.de; www.musikmarkt.de
Verfall einer Gemeinschaftsmarke:
Eidesstattliche Versicherung reicht
für Benutzungsnachweis nicht aus
Eine eidesstattliche Versicherung, die nur von einzelnen und unzureichenden Beweismitteln gestützt wird, reicht nicht als Nachweis der rechtserhaltenden Benutzung. Die Ermittlungen des
HABM sind auf den von den Beteiligten vorgebrachten Sachvortrag beschränkt. Im Verfallsverfahren können Beweismittel nach Fristablauf
EuG, Urt. v. 15.9.2011 – Rs. T-434/09 – Centrotherm
(4. Beschwerdekammer des HABM, Entsch. v.
25.8.2009 – R 6/2008-4)
Verordnung (EG) Nr. 207/2009 Art. 51 Abs. 1a, 2, 76;
Verordnung (EG) Nr. 2868/95 Regel 40 Abs. 5
Das Problem: Der Markeninhaberin war im Rahmen eines Verfallsverfahrens bzgl. ihrer Gemeinschaftsmarke
eine Frist zum Nachweis der Benutzung gesetzt worden.
Innerhalb der Frist reichte sie 14 Fotos, vier Rechnungen
und eine eidesstattliche Versicherung ein. Sie teilte au-
ßerdem mit, dass sie aus Gründen der Vertraulichkeit zunächst keine weiteren Rechnungen einreichen wollte und
bat für den Fall, dass weitere Beweismittel erforderlich
seien, um Erlass einer verfahrensleitenden Verfügung.
Die Nichtigkeitsabteilung des HABM erklärte die Marke
für verfallen, da die vorgelegten Nachweise nicht ausreichten. Die Markeninhaberin legte Beschwerde mit der
Begründung ein, dass die Nichtigkeitsabteilung weitere
Unterlagen hätte anfordern müssen. Außerdem habe die
Nichtigkeitsabteilung Angaben aus einem Parallelverfahren vor dem HABM betreffend derselben Marke nicht
berücksichtigt. Die Beschwerdekammer wies die Entscheidung bzgl. einiger Waren und Dienstleistungen zurück. Hierzu habe nur die eidesstattliche Versicherung
vorgelegen, was nicht ausreiche. Die Nichtigkeitsabteilung sei weder verpflichtet gewesen, weitere Unterlagen
anzufordern noch Akten eines anderen Verfahrens hinzuzuziehen. Vor dem EUG rügt die Markeninhaberin u.a.
eine fehlerhafte Würdigung der bei der Nichtigkeitsabteilung eingereichten Benutzungsnachweise, eine Verletzung der Amtsermittlungspflicht nach Art. 76 Abs. 1
der Verordnung (EG) Nr. 207/2009 und die Nichtberücksichtigung der bei der Beschwerdekammer eingereichten
Benutzungsnachweise.
Die Entscheidung des Gerichts: Das EuG weist die
Keine fehlerhafte Würdigung der bei der Nichtigkeitsabteilung eingereichten Benutzungsnachweise:
Für die Beurteilung der Beweiskraft von eidesstattlichen
Versicherungen sei die Wahrscheinlichkeit und Glaubhaftigkeit der darin enthaltenen Informationen zu
prüfen. Dabei sei insbesondere zu berücksichtigen, ob
sie ihrem Inhalt nach vernünftig und verlässlich erscheine. Daher könne der eidesstattlichen Versicherung im
vorliegenden Fall nur dann Beweiskraft zugesprochen
werden, wenn sie durch den Inhalt der Fotos und Rechnungen gestützt werde. Im Verhältnis zu dem in der eidesstattlichen Versicherung angegebenen Umsatz habe
die Markeninhaberin aber nur relativ schwache Beweise
eingereicht. Zudem bezögen sich die Rechnungen auf einen sehr kurzen und punktuellen Zeitraum. Auch die eingereichten Fotos seien unzureichend (Marke nur auf einigen Fotos wiedergegeben, Waren nicht zu erkennen, Fotos undatiert etc.) Weder die Rechnungen noch die Fotos
könnten daher die eidesstattliche Versicherung stützen.
Keine Verletzung der Amtsermittlungspflicht: Auch
diese liege nicht vor. Im Rahmen eines Verfallsverfahrens wegen Nichtbenutzung sei Art. 76 Abs. 1 Satz 2 der
Verordnung (EG) Nr. 207/2009 anwendbar, dem zufolge
die Ermittlungen auf den von den Beteiligten vorgebrachten Sachvortrag beschränkt seien.
Keine fehlerhafte Nichtberücksichtigung der bei der
Beschwerdeabteilung eingereichten Benutzungsnachweise: Auch die später bei der Beschwerdekammer eingereichten Nachweise seien zu Recht nicht berücksichtigt worden. Tatsachen und Beweismittel könnten nur
dann nach Fristablauf vorgelegt werden, wenn keine gegenteiligen Vorschriften bestehen. Dem stehe hier aber
Regel 40 Abs. 5 der Verordnung (EG) Nr. 2868/95 entgegen.
Konsequenzen für die Praxis: Mit diesem Urteil setzt
das EuG die Tendenz fort, strenge Anforderungen an den
Benutzungsnachweis zu stellen. Eine eidesstattliche Versicherung allein reicht nach bestehender Praxis nicht aus.
Gerade bei geringem Umsatz sollten möglichst viele ergänzende Beweismittel vorgelegt werden, um etwaige
Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Benutzung auszuräumen. Mit diesem Urteil macht das EuG deutlich, dass
auch den unterstützenden Beweismitteln eine erhebliche
Aussagekraft zukommen muss. Diese müssen außerdem
die in der eidesstattlichen Versicherung enthaltenen Informationen widerspiegeln. Werden in der eidesstattlichen Versicherung hohe Umsatzzahlen angegeben, so
reichen bspw. einzelne Rechnungen über geringe Beträge
nicht aus, um den nötigen Zusammenhang herzustellen.
Zu beachten ist ferner, dass sämtliche Benutzungsnachweise innerhalb der vom HABM genannten Frist vorgelegt werden müssen. Nachträglicher Vortrag ist nicht
Beraterhinweis: Da nach Fristablauf keine Beweismittel
mehr beigebracht werden können, sollten Benutzungsunterlagen für den Nachweis vor dem HABM rechtzeitig
angefordert und genau überprüft werden.
Markeninhabern ist zu raten, geeignete Benutzungsunterlagen regelmäßig zu sammeln und bereitzuhalten, damit
diese im Bedarfsfall ohne Zeitverlust zusammengestellt
RA Carolin Kind, LL.M.,
Greyhills Rechtsanwälte, www.greyhills.eu
Kein Markenschutz für sowjetisches
Eine Marke, die aus einer exakten Darstellung
des Wappens der ehemaligen UdSSR besteht,
kann nicht als Gemeinschaftsmarke eingetragen
werden. Eine solche Gemeinschaftsmarke verstößt gegen die öffentliche Ordnung und gegen
die guten Sitten, zumindest im Gebiet Ungarns
und Lettlands. Bereits ein Verstoß in einem einzigen Mitgliedsstaat führt dazu, dass die angemeldete Marke nicht eintragungsfähig ist.
EuG, Urt. v. 20.9.2011 – Rs.T-232/10 – Couture Tech
(HABM, 2. Beschwerdekammer, Entscheidung v.
5.3.2010 – r 1509/2008-2)
GMV Art. 7 Abs. 1 Buchst. f (EG) Nr. 207/2009
Das Problem: Ein Unternehmen hat beim HABM eine
Marke angemeldet, die aus einer exakten Darstellung des
Wappens der ehemaligen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken
2. Beschwerdekammer des HABM befand, gestützt auf
Rechtsvorschriften und die Verwaltungspraxis Ungarns,
Lettlands und der Tschechischen Republik, dass die mit
der ehemaligen UdSSR verbundenen Symbole von einem
wesentlichen Teil der betroffenen Verkehrskreise, nämlich dem allgemeinen Publikum in dem Teil der Europäischen Union, der sowjetischer Herrschaft unterstanden
hat, gegen die öffentliche Ordnung und gegen die guten
Sitten verstößt.
Die Entscheidung des Gerichts: Das EuG hat die Klage
des Unternehmens gegen die Entscheidung der 2. Beschwerdekammer abgewiesen und die angemeldete Marke ebenfalls als nicht eintragungsfähig eingestuft.
Voraussetzungen des Art. 7 Abs. 1 Buchst. f GMV:
Nach dieser Vorschrift sei ein Zeichen wegen absoluter
Eintragungshindernisse von der Markeneintragung ausgeschlossen, wenn es gegen die öffentliche Ordnung
oder gegen die guten Sitten verstoße.
Grundlage der Auslegung der Begriffe „öffentliche
Ordnung‘‘ und „gute Sitten‘‘: Aus sprachlichen, historischen, sozialen und kulturellen Gründen seien die
Zeichen, die von den maßgeblichen Verkehrskreisen als
gegen die öffentliche Ordnung oder gegen die guten Sitten verstoßend wahrgenommen werden, nicht die gleichen. Insofern sei für die Anwendung der absoluten Eintragungshindernisse gem. Art. 7 Abs. 1 Buchst. f GMV
nicht nur auf die allen Mitgliedsstaaten gemeinsamen
Umstände abzustellen, sondern auch auf die besonderen
Umstände in den einzelnen Mitgliedsstaaten, die einen
Einfluss auf die Wahrnehmung der maßgeblichen Verkehrskreise im Gebiet dieser Staaten haben können. Das
Ziel der Entwicklung des gemeinsamen Marktes rechtfertige auch keinen Verstoß gegen die öffentliche Ordnung oder gegen die guten Sitten in einem Teil dieses
Marktes. Insofern seien bei der Auslegung der Begriffe
„öffentliche Ordnung‘‘ und „gute Sitten‘‘ die Gesichtspunkte zu berücksichtigen, die jeweils den einzelnen
Mitgliedsstaaten eigen sind.
Anwendung trotz Begrenzung auf EU-Teilgebiet:
Art. 7 Abs. 2 GMV bestimme zudem, dass ein absolutes
Eintragungshindernis auch dann gegeben sei, wenn es
nur in einem Teil der Gemeinschaft vorliege. Nach der
Rechtsprechung sei Art. 7 Abs. 2 GMV dahin auszulegen, dass eine Marke von der Eintragung auszuschließen
sei, wenn ihr in einem Teil der Union ein Eintragungshindernis gem. Art. 7 Abs. 1 GMV entgegenstehe. Ein solcher Teil könne ggf. auch ein einziger Mitgliedsstaat
sein. Dies lasse sich der Wortauslegung von Art. 7 Abs. 2
GMV entnehmen. Ebenso gehe aus Art. 7 Abs. 2 GMV
nicht hervor, dass die darin vorgesehene Regelung notwendigerweise auf jedes der in Art. 7 Abs. 1 GMV genannten Eintragungshindernisse anwendbar sein müsse.
Insofern reiche es aus, wenn nur in einem Mitgliedsstaat
die angemeldete Marke einen Verstoß gegen die öffentliche Ordnung oder gegen die guten Sitten darstelle.
Kein Beurteilungsfehler bei der Anwendung von
Art. 7 Abs. 1 Buchst. f und Abs. 2 GMV: Es liege kein
Beurteilungsfehler vor, wenn sich bei der Auslegung der
in Rede stehenden Begriffe auch darauf bezogen werde,
dass das ungarische Strafgesetzbuch den Gebrauch des
sowjetischen Staatswappens untersage und daher die Annahme getroffen werde, dass in Ungarn die angemeldete
Marke gegen die öffentliche Ordnung oder gegen die guten Sitten verstoße. Insofern habe sich der Bedeutungsgehalt des Wappens der ehemaligen UdSSR, soweit es
Ungarn betreffe, nicht so sehr abgeschwächt und gewandelt, dass dieses Wappen nicht mehr als politisches Symbol angesehen würde. Dies werde vorliegend dadurch
verstärkt, dass die Marke sich auf die Wiedergabe des
Wappens der ehemaligen UdSSR beschränke und keine
zusätzlichen Bestandteile enthalte.
Die Urheberpersönlichkeitsinteressen können
nach dem Tod des Urhebers zunehmend verblassen.
Konsequenzen für die Praxis: Die Entscheidung des
EuG zeigt, dass selbst staatliche Symbole aus untergegangenen Staaten nicht in jedem Fall als Marke eintragungsfähig sind. Die Frage, ob gegen solche Markeneintragungen absolute Schutzhindernisse sprechen, beurteilt
sich danach, ob bereits in einem einzelnen Mitgliedsstaat
die Markeneintragung von dem maßgeblichen Verkehrskreisen als ein Verstoß gegen die öffentliche Ordnung
oder die guten Sitten angesehen wird. Da die Ansicht des
maßgeblichen Verkehrskreises einer Wandlung unterliegt, ist es durchaus denkbar, dass in späterer Zeit Wappen und Symbole der ehemaligen UdSSR in der EU als
Marke eintragungsfähig werden.
(OLG Stuttgart, Urt. v. 6.10.2010 – 4 U 106/10, IPRB
2011, 106; LG Stuttgart, Urt. v. 20.5.2010 – 17 O 42/10)
Beraterhinweis: Eine Marke, die ein aktuelles Emblem
oder aktuelles Wappen darstellt und damit von besonderem öffentlichen Interesse ist, ist nach Art. 7 Abs. 1
Buchst. I GMV nicht eintragungsfähig. Bei ehemaligen
Staatswappen und Staatsemblemen beurteilt sich die Eintragungsfähigkeit nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. f GMV, also
danach, ob ein Verstoß gegen die öffentliche Ordnung
oder die guten Sitten vorliegt. Sofern es sich um Staatsembleme oder Staatswappen von bekannten untergegangenen Staaten handelt, muss der Markenanmelder damit
rechnen, dass das absolute Eintragungshindernis eingreift. Insofern könnten auch Staatsembleme und Staatswappen des ehemaligen Staates Jugoslawien nicht eintragungsfähig sein, wenn bspw. ein Verstoß gegen die öffentliche Ordnung oder die guten Sitten in Slowenien
festgestellt werden würde. Etwas anderes kann jedoch
gelten, wenn das ehemalige Staatsemblem oder Staatswappen lediglich ein Teil einer Kombinationsmarke ist.
In diesem Fall ist zu klären, ob das ehemalige Staatswappen oder Staatsemblem zumindest mitprägend ist oder
lediglich eine untergeordnete Rolle in dem Kombinationszeichen einnimmt. Im ersteren Fall dürfte das Zeichen
nicht eintragungsfähig sein, im letzteren Fall dürfte es
dagegen eintragungsfähig sein.3
RA Dr. Kay Oelschlägel,
Änderungen an urheberrechtlich geschützten
Bauwerken können auch gegen den Willen des
Urhebers erfolgen. Die hierzu erforderliche Interessenabwägung unterliegt u.a. folgenden Grundsätzen:
Wurde das Gebäude zu Gebrauchszwecken entworfen, ist ein daraus resultierender Veränderungsbedarf hoch zu gewichten.
Die geplante Veränderung ist insgesamt zu bewerten; der Urheber hat keinen Anspruch auf die am
Wenigsten einschneidende Änderung.
Das Problem: Der Erbe des Architekten des Stuttgarter
Hauptbahnhofs wendet sich gegen dessen Teilabriss als
Urheberrechtsverletzung. Die Deutsche Bahn als Bauherrin beruft sich auf Modernisierungsbedarf. Die Instanzgerichte sahen Urheberinteressen zwar betroffen, haben
aber aufgrund überwiegender Eigentümerinteressen den
Teilabriss für zulässig erklärt.
Die Entscheidung des Gerichts: Der BGH schließt sich
Persönlichkeitsinteressen des Urhebers nach dessen
Tod geringer schutzwürdig: Die Urheberinteressen des
Architekten seien abzuwägen gegen die berechtigten Interessen des Eigentümers. Das von den Instanzgerichten
gefundene Abwägungsergebnis stünde im Einklang mit
den maßgeblichen Grundsätzen höchstrichterlichen
Rechtsprechung: Urheberpersönlichkeitsinteressen dürften nach dem Tod zulässigerweise als geringer schutzwürdig beurteilt werden, insbesondere wenn der Architekt bereits 56 Jahre verstorben ist.
Eigentümer eines Bauwerks hat schützenswertes Verwendungsinteresse: Der Eigentümer eines Bauwerks
habe ein schützenswertes Verwendungsinteresse. Das
müsse dem Architekten auch klar sein. Sofern sich daher
aus dem Gebrauchszweck eines Gebäudes Veränderungsbedarf ergebe, komme dem ein hoher Stellenwert zu. Die
Instanzgerichte hätten auch nicht prüfen müssen, ob weniger einschneidende Veränderungen möglich gewesen
wären. Zwar sei der Eigentümer zu einem möglichst
schonenden Eingriff angehalten. Grundlage der Interessenabwägung müsse aber stets die konkret geplante Veränderung als solche sein. Halte diese einer Interessenabwägung stand, genüge das, auch wenn weniger starke
Veränderungen denkbar seien.
Konsequenzen für die Praxis: Die Entscheidung macht
deutlich, dass das Urheberpersönlichkeitsrecht im Verhältnis zum Eigentümer des Werkstücks keinesfalls grenzenlos ist. Vielmehr hat der Urheber mitunter gravierende Eingriffe durch den Eigentümer hinzunehmen. Das
gilt namentlich bei Werken, die neben ihrer künstlerischen Aussage noch andere, gewöhnlichere Zwecke erfüllen. Bei Gemälden o.Ä. wird sich die Änderungsbefugnis hingegen im Wesentlichen auf restaurative
Maßnahmen beschränken. Der Gestalter eines Gebrauchsgegenstands muss jedoch nicht nur dessen Gebrauch einschließlich normaler Abnutzung dulden, er
muss auch Anpassungen an wechselnde Bedürfnisse hinnehmen. Bei Gebäuden wird das besonders relevant, da
es sich um besonders wertvolle und langlebige Güter
handelt, die zudem – als Immobilien – eine anderweitige
Nutzung des ebenfalls wertvollen Grundstücks hindern.
Aus denselben Gründen unterliegen z.B. auch die denkmalschutzrechtlichen Veränderungsverbote entsprechenden Einschränkungen. Urheberpersönlichkeitsrechte ha-
ben an der Schutzdauer des Urheberrechts teil und gelten
noch 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Allerdings
verblassen sie auf dem Weg zum Ende der Schutzdauer.
Neben dem Tod des Urhebers könnte eine weitere markante Schwelle 10 Jahre nach dem Tode sein, also der
Zeitpunkt, zu dem z.B. postmortale Persönlichkeitsrechte
am eigenen Bild erlöschen. Der Eigentümer hat die Urheberinteressen nicht bei jedem einzelnen Detail stets
vorrangig zu berücksichtigen oder gar den Urheber zu
beteiligen. Vielmehr kann der Eigentümer einen vollständigen Änderungsplan entwerfen und zur urheberrechtlichen Interessenabwägung stellen. Allerdings wird die
Existenz naheliegender Alternativen mit deutlich weniger einschneidendem Charakter, die den Gebrauchszweck dennoch ähnlich stark fördern, durchaus eine
strengere Prüfung rechtfertigen, ob das Eigentümerinteresse an gerade der geplanten Änderung tatsächlich überwiegt.
Beraterhinweis: In der Praxis lässt sich die Einwilligung des Architekten häufig dadurch erzielen, dass dieser selbst mit dem Umbau beauftragt wird. Allerdings ist
in dieser Konstellation die Verhandlungsposition des Eigentümers bezüglich der Konditionen geschwächt. Deutlich mehr Flexibilität, Planungssicherheit und Investitionsschutz lässt sich durch eine vertragliche Regelung der
Änderungsbefugnis bereits im Architektenauftrag erzielen. Auch wenn damit nicht der Änderungsbedarf der
nächsten Jahrzehnte vorhergesehen werden kann, handelt
es sich um eine wertvolle Auslegungshilfe.3
Rechtsanwalt Moritz Vohwinkel, LLR Legerlotz Laschet
Rechtsanwälte, Köln, www.llr.de
Gestützt hierauf wendet sie sich gegen die Werbeanzeige
eines Unternehmens für Schienenfahrzeugtechnik, das
u.a. eine Radsatzprüfanlage für den ICE 1 entwickelt hatte. In dieser Werbeanzeige stellte das Unternehmen sein
Leistungsspektrum, u.a. die Leistung „Radsatzprüfung‘‘
dar und verwendete folgende Abbildung (vgl.
Zitatrecht und Verletzungsprüfung
bei Geschmacksmustern
Das „Zitat‘‘ eines Geschmacksmusters ist nur
dann erlaubt, wenn der Zitierende eigene Ausführungen macht, die eine innere Verbindung zum
Geschmacksmuster aufweisen. Insofern muss die
Wiedergabe des Musters als Beleg oder Veranschaulichung für diese eigenen Gedanken dienen.
Die Instanzgerichte haben den Schutzumfang des
Musters zu bestimmen sowie ferner den Gesamteindruck des Musters und der beanstandeten
Wiedergabe zu ermitteln und zu vergleichen. Der
Vergleich darf sich nicht allein auf Übereinstimmungen beschränken.
(KG, Urt. v. 3.3.2009 – 5 U 67/06, CR 2007, 818; LG
Berlin, Urt. , Urt. v. 21.3.2006 – 16 O 541/05)
GeschmMG §§ 38 Abs. 2, 40 Nr. 3
Das Problem: Die Deutsche Bahn AG hat das Design
des ICE 3 als Geschmacksmuster geschützt (vgl.
Das KG hat eine Verletzung beider Geschmacksmuster
bejaht. Die Abbildung habe die wesentlichen ästhetischen Merkmale der Muster übernommen, die andere
Perspektive sei unschädlich. Für ein Zitatrecht nach § 40
Nr. 3 MarkenG fehle es am sachlichen Zusammenhang
zur dargestellten Leistung des werbenden Unternehmens.
Die Entscheidung des Gerichts: Der BGH bestätigt die
Versagung des Zitatrechts, lässt die Feststellungen des
KG jedoch nicht für eine Verletzung der Geschmacksmuster ausreichen.
Voraussetzungen des Zitatrechts: Voraussetzung für
ein zulässiges Zitat sei ein innerer Zusammenhang zwischen dem zitierten Muster und einem eigenen Gedanken
des Zitierenden. Dies sei aus der Auslegung zu § 51
UrhG herzuleiten, die wegen der gleichen Zielrichtung
auf § 40 Nr. 3 GeschmMG zu übertragen sei. Danach
soll die geistige Auseinandersetzung mit fremden Werken erleichtert werden, indem das Muster als Beleg
oder Veranschaulichung wiedergegeben werden dürfe.
Eine solche Auseinandersetzung müsse dann aber auch
Dazu genüge es nicht, dass das werbende Unternehmen
auf einen Bezug der eigenen Leistungen zum ICE 3 hinweisen möchte. Jedenfalls solange Ausführungen zur
Radsatzprüfung fehlten, die durch die Abbildung veranschaulicht werden könnten, liege kein zulässiges Zitat
Prüfungsmethode für Musterverletzung: Klar gerügt
wurde die Methode der Verletzungsprüfung durch das
Berufungsgericht. Es habe nicht den Schutzumfang der
Muster nach § 38 Abs. 2 Satz 2 UrhG bestimmt und die
Ermittlungen zur hierfür relevanten Gestaltungsfreiheit
unterlassen. Auch sei der Gesamteindruck der Muster
einerseits sowie der Abbildung andererseits weder ermittelt noch ausreichend miteinander vergleichen
worden, § 38 Abs. 2 Satz 1 GeschmMG. Der Vergleich
des jeweiligen Gesamteindrucks dürfe sich nicht auf
Übereinstimmungen beschränken, sondern müsse sich
auch mit Unterschieden auseinandersetzen. Es lägen
auch erhebliche Unterschiede vor, bspw. andere Form
und fehlende Durchbrechung der Fensterreihe, markanter
Schriftzug „ICE‘‘.
Konsequenzen für die Praxis: Zitatrecht: Das Urteil
zeigt, dass das Zitatrecht eine strikte Ausnahme bleibt
und nicht ausufernd verstanden wird. Die Verwendung
fremder Marken bei vergleichender Werbung oder als
Referenzangabe ist zunehmend liberalisiert worden. Das
kann nicht auf das Geschmacksmuster übertragen werden. Offen blieb allerdings die Frage, wie eng der innere
Zusammenhang zwischen dem zitierten Muster und dem
eigenen Gedanken sein muss. Insbesondere hat der BGH
nicht entschieden, ob die Gedanken sich konkret auf das
Produktdesign beziehen müssen, oder ob eine Auseinandersetzung mit dem Produkt als solchem ausreicht, ohne
dass es auf dessen Gestaltung ankäme. Ob die Abbildung
eines Geschmacksmusters als Bestimmungshinweis zulässig ist, wird jedenfalls differenziert gesehen und ist
streitig. Hier bleibt also Vorsicht geboten.
Schlüssiger Vortrag des Verletzungstatbestands: Mit
den Prüfungspflichten der Instanzgerichte hinsichtlich
Schutzumfang und Gesamteindrucksvergleich korrespondieren entsprechende Anforderungen an den Klagevortrag des Musterinhabers. Zwar sind die Fragen der
Geschmacksmusterverletzung, des Schutzumfangs und
der Gesamteindrucksvergleich Rechtsfragen, die jedoch
ihrerseits auf Tatsachen beruhen. Diese Tatsachen, insbesondere Gestaltungsfreiheit, Vorbekanntheit, technische Bedingtheit, sollten dargelegt werden. Zudem
wird vom Schutzrechtsinhaber die Angabe der relevanten
Merkmale für Schutzumfang und den jeweiligen Gesamteindruck verlangt.
Beraterhinweis: Der Fall lässt auch die Vorteile für den
Inhaber eines Geschmacksmusters im Vergleich zum
Markenschutz erkennen: Für eine Verletzung der verwendeten Marke ICE hätte es zunächst einer Produktähnlichkeit oder aber eines Imagetransfers bzw. einer Rufaus-
beutung bedurft. Zudem hätte die Verwendung der Marke
rechtsverletzend erfolgen müssen, also als Herkunftshinweis für die Leistung des werbenden Unternehmens –
und nicht etwa nur als Bezeichnung des Zuges. Diese
Problemfelder bleiben beim Geschmacksmusterschutz
hingegen außen vor. Der Geschmacksmusterschutz ist
nicht an das konkrete Erzeugnis gebunden, die Verwendung des Musters muss auch keine bestimmte Funktion
erfüllen.3
Voraussetzungen einer zulassungsfreien Rechtsbeschwerde nach dem PatG
Eine zulassungsfreie Rechtsbeschwerde gegen Beschlüsse des BPatG in Patentsachen kommt ausschließlich aus den abschließend in § 100 Abs. 3
PatG genannten Gründen in Betracht.
Die Nichtberücksichtigung der Nichtigkeit einer
maßgeblichen Entgegenhaltung, für die es keine
konkreten Anhaltspunkte gibt, stellt keinen Beschwerdegrund dar.
BGH, Beschl. v. 10.8.2011 – X ZA 1/11 – Formkörper
mit Durchtrittsöffnungen
(BPatG, Beschl. v. 22.9.2010 – 35 W(pat) 417/08)
PatG § 100 Abs. 3; GebrMG §§ 15 Abs. 1 Nr. 2, 18
Das Problem: Die Inhaber eines Gebrauchsmusters beantragt Verfahrenskostenhilfe für das Rechtsbeschwerdeverfahren. Zuvor war sein Gebrauchsmuster vom DPMA
gelöscht worden. Die Beschwerde hatte das BPatG zurückgewiesen und die Rechtsbeschwerde nicht zugelassen. Mit seinem Antrag macht der Inhaber nun geltend,
der Entscheidung des BPatG fehle es am Datum und an
der Rechtsmittelbelehrung. Außerdem fehle die Vollmacht des Bevollmächtigten der gegnerischen Partei.
Außerdem habe sich das BPatG nicht inhaltlich mit einer
Entgegenhaltung auseinandergesetzt. Im Übrigen sei der
Beschluss „vollkommen unklar‘‘ und entbehre „jeglicher
sachlicher Begründung‘‘. Schließlich sei nicht berücksichtigt worden, dass gegen die Hauptentgegenhaltung,
auf die das BPatG maßgeblich seine Entscheidung gestützt hatte, Nichtigkeitsklage erhoben worden sei, die
zur Vernichtung dieser Entgegenhaltung führen werde.
Die Entscheidung des Gerichts: Der BGH hat den Antrag auf Verfahrenskostenhilfe zurückgewiesen.
Numerus clausus der Beschwerdegründe: Die Gründe
für eine Rechtsbeschwerde ergäben sich aus § 18 Abs. 4
Satz 2 GebrMG i.V.m. § 100 Abs. 3 PatG, der insoweit
abschließend sei. Formelle Mängel des Beschlusses wie
fehlendes Datum (das tatsächlich vorlag) oder mangelnde Rechtsmittelbelehrung (die hier nicht erforderlich
sei), könnten daher nicht zur Zulassung der Rechtsbeschwerde führen, weil sie nicht als Beschwerdegründe
Fehlende Vollmacht: Die mangelnde Vollmacht sei hingegen zwar grundsätzlich nach § 100 Abs. 3 Nr. 4 PatG
beachtlich. Allerdings könne dies nur von demjenigen
gerügt werden, für den ein vollmachtsloser Vertreter aufgetreten sei.
Fehlende Würdigung von Vorbringen: Weiter sei auch
die fehlende ausdrückliche Würdigung von Parteivorbringen kein Beschwerdegrund. Zwar könne nach § 100
Abs. 3 Nr. 3 PatG das fehlende rechtliche Gehör gerügt
werden. Diese Vorschrift erfordere es aber nicht, dass
sich das BPatG mit jeglichem Vorbringen ausdrücklich
auseinandersetze. Es reiche aus, wenn eine inhaltliche
Auseinandersetzung stattgefunden habe.
Begründungsmangel: Auch ein Fehlen einer Begründung könne zwar nach § 100 Abs. 3 Nr. 6 PatG gerügt
werden. Allerdings müsse dafür entweder eine Begründung völlig fehlen oder aber eine vorhandene Begründung so unverständlich oder verworren sein, dass die Überlegungen des Gerichts nicht erkannt werden könnten.
Dagegen eröffne dieser Beschwerdegrund nicht die Möglichkeit, die sachliche Unrichtigkeit einer Begründung zu
rügen, selbst wenn sie grobe Fehler enthalte. Daher sei es
bereits grundsätzlich nicht ausreichend, wenn die fehlende Berücksichtigung einer Nichtigkeitsklage gegen eine
nach § 15 Abs. 1 Nr. 2 GebrMG maßgebliche Entgegenhaltung gerügt werde.
Konsequenzen für die Praxis: Der BGH nimmt diese
Entscheidung zum Anlass, in sehr instruktiver Art und
Weise seine Rechtsprechung zu den praxisrelevanten Beschwerdegründen aus § 100 Abs. 3 PatG in Form eines
Überblicks darzustellen. So betrifft § 100 Abs. 3 Nr. 3
PatG die Versagung des rechtlichen Gehörs, welches die
Pflicht des Gerichts umfasst, sich sowohl mit sämtlichem
Vortrag auseinanderzusetzen, als auch den Parteien zu
entscheidungserheblichen Erkenntnissen Gelegenheit zur
Stellungnahme zu geben (BGH, Beschl. 8.9.2009 – X
ZB 35/08 – Polyolefinfolie, GRUR 2009, 1192). Zu
§ 100 Abs. 3 Nr. 4 weist der BGH zutreffend darauf hin,
dass dieser Grund nur von der Partei geltend gemacht
werden kann, die nicht ordnungsgemäß vertreten war.
Ebenso zutreffend ist der Hinweis zu § 100 Abs. 3 Nr. 6
PatG, dass nur äußerst grobe Begründungsmängel gerügt
Beraterhinweis: Die Entscheidung des BGH eignet sich
sehr gut, die wesentlichen Entscheidungen des BGH zu
§ 100 Abs. 3 PatG auf einen Blick zur Hand zu haben.
Anhand der Hinweise des BGH in dieser Entscheidung
kann in der Praxis dann schnell überprüft werden, ob
eine zulassungsfreie Rechtsbeschwerde Aussicht auf Erfolg hat. Da der Gesetzgeber mit dieser Regelung jedoch
nur krasse Fehlentscheidungen angreifbar machen wollte, stellt der BGH entsprechend hohe Anforderungen an
die Beschwerdegründe. Man sollte sich daher immer vor
Augen führen, dass eine zulassungsfreie Rechtsbeschwerde nur in Ausnahmefällen möglich sein wird.
Insbesondere dient dieses Rechtsmittel gerade nicht dazu, eine weitere inhaltliche Instanz zu eröffnen, die der
BPatG gerade nicht zugelassen hat.3
RA Dr. Joachim Mulch, Noerr LLP, Düsseldorf
Zu Hinweispflichten des BPatG und
des Beschwerdegerichts
Wird eine Rechtsbeschwerde auf Verfahrensmängel gestützt, so müssen nicht nur die verletzte
Rechtsnorm, sondern auch die zugrunde liegenden Tatsachen innerhalb der Beschwerdebegründungsfrist vorgebracht werden. Das Rechtsbeschwerdegericht ist nicht gehalten, nach Ablauf
dieser Frist durch eine Hinweis Gelegenheit zu ergänzendem Vorbringen zu geben.
BGH, Beschl. v. 5.7.2011 – X ZB 1/10 – Modularer
(BPatG, Urt. v. 3.3.2010 – 20 W (pat) 339/05)
PatG §§ 100 Abs. 3, 102 Abs. 3, 122a
Das Problem: In einem Einspruchsverfahren hatte das
BPatG ein Patent betreffend einen modularen Fernseher
wegen mangelnder erfinderischer Tätigkeit widerrufen.
Der Widerruf wurde auf eine Entgegenhaltung gestützt,
die von der Einsprechenden in das Verfahren eingeführt
worden war und in der Patentschrift erwähnt ist, aber nie
im Vordergrund der Argumentation mangelnder Patentfähigkeit stand. (Erst) zu Beginn der mündlichen Verhandlung hatte das BPatG die Patentinhaberin hingewiesen, dass es gegenüber dieser Entgegenhaltung keine erfinderische Tätigkeit sehe. Die Patentinhaberin, die der
Auffassung ist, ein solcher Hinweis hätte bereits vor der
mündlichen Verhandlung ergehen müssen, richtete sich
mit der nicht zugelassenen Rechtsbeschwerde gegen den
Widerruf des Patents und machte eine Verletzung rechtlichen Gehörs geltend (§ 100 Abs. 3 Nr. 3 PatG). Die
Rechtsbeschwerde wurde vom BGH zurückgewiesen.
Der (erst) in der Verhandlung erteilte Hinweis sei ausreichend gewesen. Keine Umstände haben vorgelegen oder
seien geltend gemacht worden, aus denen das BPatG hätte schließen können, dass die Patentinhaberin keine angemessene Möglichkeit gehabt habe, im Rahmen der
Verhandlung zum Offenbarungsgehalt der Entgegenhaltung Stellung zu nehmen. Gegen diese Beurteilung des
BGH wendet sich die Patentinhaberin mit der Anhörungsrüge. In dieser trägt sie zusätzliche Umstände vor,
aus denen sich nach ihrer Auffassung ergibt, dass das
BPatG gehalten gewesen wäre, einen Hinweis vor der
mündlichen Verhandlung zu erteilen. Sie macht zudem
geltend, der BGH hätte ihr vor der Entscheidung über die
Rechtsbeschwerde durch einen Hinweis Gelegenheit zu
diesem ergänzenden Vorbringen geben müssen.
Die Entscheidung des Gerichts: Die form- und fristgerechte Anhörungsrüge der Patentinhaberin hat keinen
Erfolg. Sie wird vom BGH als unzulässig zurückgewiesen.
Umfang der Prüfung des Rechtsbeschwerdegerichts:
Die Patentinhaberin habe bereits nicht aufgezeigt, dass
der Senat Vorbringen aus der Rechtsbeschwerdebegründung übergangen habe. Die von der Patentinhaberin erstmals mit der Anhörungsrüge vorgetragenen zusätzlichen
Umstände stellten neues Vorbringen dar, das bei der Entscheidung über die Rechtsbeschwerde seinerzeit nicht
geltend gemacht und damit auch nicht übergangen worden sein könne.
Keine Hinweispflicht: Der Senat sei nicht gehalten gewesen, der Patentinhaberin vor der Entscheidung über
die Rechtsbeschwerde durch einen Hinweis Gelegenheit
zu ergänzendem Vorbringen zu geben. Denn dieses Vorbringen – im Anschluss an einen Hinweis des Senats –
hätte ohnehin nicht berücksichtigt werden dürfen. Dies
folge aus § 100 Abs. 3 PatG. Dieser sieht vor, dass ein
Verfahrensmangel, der die zulassungsfreie Rechtsbeschwerde eröffnet, innerhalb der Monats-Frist zur Begründung der Rechtsbeschwerde vorgebracht werden
Vorbringen in der Sache: Unabhängig davon, könne
das Vorbringen auch in der Sache nicht überzeugen. Die
Patentinhaberin trage zwar zusätzliche Umstände vor, die
belegen, dass sie im Rahmen der Verhandlung vor dem
BPatG nicht ausreichend Gelegenheit gehabt habe zur
Entgegenhaltung Stellung zu nehmen. Sie mache indes
nicht geltend, dass dies für das BPatG erkennbar gewesen
Konsequenzen für die Praxis: Die Anforderungen an
die Beschwerdebegründung bei der zulassungsfreien
Rechtsbeschwerde gem. § 100 Abs. 3 PatG sind streng.
Es genügt nicht, den Verfahrensverstoß zu bezeichnen.
Vielmehr müssen innerhalb der Begründungsfrist von einem Monat (§ 102 Abs. 3 Satz 2 PatG) auch die zugrunde liegenden Tatsachen angegeben werden, aus denen
der Fehler abgeleitet wird (§ 102 Abs. 4 Nr. 3 PatG).
Späteres tatsächliches Vorbringen der Beteiligten kann
nicht mehr berücksichtigt werden (vgl. § 559 Abs. 1
Satz 2 ZPO). Der BGH stellt mit der vorliegenden Entscheidung klar, dass das Beschwerdegericht nach Ablauf
der Begründungsfrist dementsprechend auch nicht verpflichtet ist, einen Hinweis zu denkbarem ergänzendem
Vorbringen zu geben.
Beraterhinweis: Rügen, mit denen geltend gemacht
wird, das BPatG habe eine ihm obliegende Hinweispflicht und damit das Gebot rechtlichen Gehörs verletzt,
sind häufig Gegenstand von Rechtsbeschwerdeverfahren.
Aussicht auf Erfolg haben diese Rügen dann, wenn geltend gemacht werden kann, dass es für die Partei trotz
sorgfältiger Prozessführung nicht möglich war, vorherzusehen, auf welche Erwägungen das Gericht seine Entscheidung stützen wird (BGH, Beschl. v. 16.9.2008 – X
ZB 29/07, MDR 2009, 158 – Antennenhalter). Bejaht
wurde dies etwa in der Entscheidung „Polyolefinfolie‘‘.
Hier hatte das BPatG die mangelnde Patentfähigkeit auf
eine Veröffentlichung gestützt, die der Einsprechende
nur beiläufig in Zusammenhang mit einem (neben der
fehlenden Patentfähigkeit) zusätzlich geltend gemachten
Widerrufsgrund erwähnt hatte, ohne den Patentinhaber
zuvor auf die Relevanz dieser Veröffentlichung hinzuweisen (BGH, Beschl. v. 8.9.2009 – X ZB 35/08 – Polyolefinfolie).3
RA Christian Harmsen, Bird & Bird LLP, Düsseldorf
„Warendorfer Pferdeäppel‘‘ und
„Warendorfer Pferdeleckerli‘‘ nicht
Zwischen der eingetragenen Wort-/Bildmarke
„Warendorfer Pferdeäppel‘‘ und dem von einem
Konkurrenten benutzten Zeichen „Warendorfer
Pferdeleckerli‘‘ besteht trotz der Verwendung für
identische Waren keine markenrechtliche Verwechslungsgefahr. Die Abmahnung des Markeninhabers stellt zudem eine unberechtigte Schutzrechtsverwarnung dar, die zu einer Schadenersatzpflicht des Abgemahnten in Höhe der entstandenen Rechtsanwalts- und Patentanwaltsgebühren führt.
OLG Hamm, Urt. v. 24.5.2011 – 4 U 216/10, rkr.
(LG Bielefeld, Urt. v. 9.11.2010 – 10 O 54/10)
Das Problem: Ein Konditor in Warendorf hat das Wort-/
Bildzeichen „Warendorfer Pferdeäppel‘‘ als Marke für
Schokoladen schützen lassen und vertreibt unter diesem
Zeichen insbesondere Pralinen. Ein Bäcker in Warendorf
vertreibt unter dem Zeichen „Warendorfer Pferdeleckerli‘‘ ebenfalls Pralinen, ohne dass jedoch das Zeichen als
Marke geschützt wäre. Der Konditor mahnte den Bäcker
wegen markenrechtlicher Verwechslungsgefahr erfolglos
ab und verklagte ihn anschließend. Der Bäcker nahm den
Konditor daraufhin wegen unberechtigter Schutzrechtsverwarnung auf Schadenersatz für die im Rahmen der
Abmahnung entstandenen Rechtsanwalts- und Patentanwaltsgebühren in Anspruch.
Die Entscheidung des Gerichts: Das OLG hat eine markenrechtliche Verwechslungsgefahr verneint und dem
Anspruch des Bäckers auf Schadenersatz wegen unberechtigter Schutzrechtsverwarnung stattgegeben.
Keine markenrechtliche Verwechslungsgefahr: Zwischen den gegenüberstehenden Zeichen „Warendorfer
Pferdeäppel‘‘ und „Warendorfer Pferdeleckerli‘‘ besteht
trotz Warenidentität keine markenrechtliche Verwechslungsgefahr. Bei dem Gesamteindruck der zusammengesetzten Zeichen, auf den es für eine Zeichenähnlichkeit
ankomme, orientiere sich der maßgebliche Verkehr nicht
entscheidend an dem Wortbestandteil „Warendorfer‘‘.
Dieser Bestandteil gehöre für den maßgeblichen Verkehrskreis zu den Zeichen dazu, weil er wisse oder jedenfalls annehme, dass die Pralinen in Warendorf hergestellt werden. Soweit sich dann „Pferdeäppel‘‘ und
„Pferdeleckerli‘‘ gegenüberstünden, könnten diese Begriffe aber nicht weiter in „Pferde‘‘ und „Äppel‘‘ bzw.
„Pferde‘‘ und „Leckerli‘‘ aufgespalten werden, weil sich
eine solche zergliedernde Betrachtungsweise wegen des
sich dann verlierenden Sinnzusammenhangs beider Bezeichnungen verbiete. Die Wortbestandteile müssten also
als Ganzes miteinander verglichen werden. Als Ganzes
unterscheiden sich die Begriffe aber in dreifacher Hinsicht nach Klang, Schriftbild und Wortsinn ganz erheblich. Das Wort „Pferdeleckerli‘‘ klinge ganz anders als
das Wort „Pferdeäppel‘‘. Die Schreibweise der gegenüberstehenden Zeichen sei ebenfalls deutlich anders. Zu-
dem bestehe ein ganz erheblicher Bedeutungsunterschied
zwischen den Begriffen. „Pferdeleckerli‘‘ seien als leckere Zugabe zum Essen bestimmt. „Pferdeäppel‘‘ seien dagegen als Exkremente die lästige Folge guter Ernährung
der Pferde. Dieser Bedeutungsunterschied bleibe beim
Verkehr in Erinnerung. Eine Zeichenähnlichkeit scheide
Aber auch ein gedankliches Inverbindungbringen im Sinne einer wirtschaftlichen Verbundenheit der unter den
streitgegenständlichen Zeichen vertriebenen Waren
scheide aus, da die Zeichen schriftbildlich erhebliche
Unterschiede und insbesondere vom Wortsinn einen
gänzlichen Unterschied aufwiesen. Auch ein Serienzeichen werde vom Verkehr nicht angenommen, da schon
unklar sei, was der Stammbestandteil sein solle. Wegen
der Wortbedeutungen könne eben nicht zergliedernd auf
„Warendorfer Pferde‘‘ abgestellt werden.
Unberechtigte Schutzrechtsverwarnung: Die Abmahnung des Konditors sei mangels einer Markenrechtsverletzung unberechtigt gewesen. Eine solche Schutzrechtsverwarnung stelle einen rechtswidrigen Eingriff in den
ausgeübten und eingerichteten Gewerbebetrieb dar.
Zwar könne bei einer Herstellerwarnung, wie sie hier
vorliege, grundsätzlich eine andere Interessenlage gegeben sein als sie in den Fällen einer Abnehmerverwarnung
gegeben sei. Vorliegend falle eine Interessenabwägung
allerdings zugunsten des Bäckers aus. Dessen Betrieb
konnte durch die Verwarnung ganz erheblich beeinträchtigt werden. Ein Grund dafür sei nicht ersichtlich. Der
vorliegende Fall liege daher gerade nicht auf der
Grenze zwischen schutzrechtswidrigem, wettbewerbswidrigem und gerade noch zulässigem Verhalten. Deshalb falle auch unter den Gleichberechtigten das große
Risiko einer fehlerhaften Einschätzung der Rechtslage
voll und ganz dem Konditor zu. Ebenso sei Verschulden
gegeben. Der Konditor habe als Abmahnender bei seiner
falschen Einschätzung der Rechtslage die im Verkehr erforderliche Sorgfalt außer Acht gelassen und fahrlässig
gehandelt. Ebenso sei der Bäcker berechtigt, für die Prüfung der Berechtigung der Abmahnung und die weitere
Gegenabmahnung neben seinem Rechtsanwalt einen Patentanwalt hinzuziehen. Die Vorschrift des § 114 Abs. 3
MarkenG gelte auch für die Mitwirkung eines Patentanwalts vor Prozessbeginn und damit für die Kosten einer vorgerichtlichen Abmahnung (BGH, Urt. v.
26.2.2009 – I ZR 219/06 – I ZR 219/06, MDR 2009,
1235 = GRUR 2009, 888 – Thermoroll).
Konsequenzen für die Praxis: Das Urteil des OLG
zeigt, dass bei der Beurteilung der Verwechslungsgefahr
der Wortsinn der gegenüberstehenden Zeichen einen
ganz erheblichen Einfluss auf die Beurteilung der Verwechslungsgefahr haben kann. Ist der trotz übereinstimmender Zeichenbestandteile gegenüberstehende Wortsinn derart gegensätzlich, dass der Verkehr mit den gegenüberstehenden Zeichen ganz unterschiedliche Verbindungen herstellt, scheidet in der Regel eine Verwechslungsgefahr aus. Diese Überlegungen müssen bei der Beurteilung der Verwechslungsgefahr berücksichtigt werden.
Ist die Rechtslage unklar und erfolgt trotz unklarer
Rechtslage eine Abmahnung, besteht für den Abmahnen-
den das Risiko, dass er die Kosten für eine unberechtigte
Schutzrechtsverwarnung zu tragen hat. In den Fällen, in
denen der unberechtigt Abgemahnte einen Patentanwalt
hinzugezogen hat, muss der Abmahnende sogar noch
dessen Kosten übernehmen.
Beraterhinweis: Bevor eine Abmahnung im markenrechtlichen und/oder wettbewerbsrechtlichen Angelegenheiten versandt wird, muss sich der Abmahnende sehr
gut überlegen, ob er bei einer unklaren Rechtslage das
Risiko eingehen möchte, von der Gegenseite wegen einer
unberechtigten Schutzrechtsverwarnung für die damit
entstandenen Kosten in Anspruch genommen zu werden.
Auf dieses Risiko muss der beratende Rechtsanwalt hinweisen. Das Urteil des OLG Hamm hat gezeigt, dass es
nur sehr wenige Fälle gibt, in denen bei einer fehlerhaften Einschätzung der Rechtslage und einer damit einhergehenden unberechtigten Abmahnung der Abmahnende
die Kosten der Gegenseite nicht tragen muss.3
Keine Verpflichtung von Presseagenturen, vor Herausgabe eines Bildes
Verwendungszweck zu prüfen
Eine Presseagentur ist vor der Herausgabe eines
Bildnisses an Presseunternehmen nicht zur Prüfung verpflichtet, ob die beabsichtigte Bildnisverbreitung zulässig ist. Die Presseagentur haftet daher nicht für unzulässige Bildnisverbreitungen ihrer Abnehmer.
(LG Berlin, Urt. v. 30.11.2010 – 27 O 646/10)
KUG §§ 22, 23; GG Art. 1 Abs. 1, 2 Abs. 1, 5 Abs. 1
Satz 2; BGB § 823
Das Problem: Ein Polizist wurde zum Objekt öffentlicher Berichterstattung, nachdem er im Dienst einen
flüchtigen Täter erschossen hat. Er nimmt eine Presseagentur in Anspruch, die ein Foto an Presseverlage weitergegeben hat, auf dem das Gesicht des Polizisten verpixelt wurde. Der Polizist nimmt die Presseagentur auf
Unterlassung der Verbreitung des Fotos, sowie auf Freistellung von Rechtsanwaltsgebühren in Anspruch, die
dem Polizisten für die Abmahnung der Presseunternehmen für die Verbreitung des von der Presseagentur gelieferten Fotos entstanden sind. Nachdem das LG die Klage
abgewiesen hat, verfolgt der Polizist seine Ansprüche im
Berufungsverfahren weiter.
Die Entscheidung des Gerichts: Das KG hebt die Entscheidung des LG zum Teil auf. Es verurteilt die Presseagentur zur Unterlassung der Bildnisverbreitung. Im Übrigen weist es die Klage ab.
Erkennbarkeit trotz Verpixelung des Gesichts: Der
Polizist sei trotz der Verpixelung seines Gesichts auf
dem von der Presseagentur weitergegebenen Bild erkennbar gewesen. Da seine Stirn, der Haaransatz, Ohren,
sowie Mund- und Kinnpartie sichtbar blieben, seien cha-
rakteristische Merkmale eines Gesichts sichtbar, anhand
derer der Polizist für Dritte erkennbar sei.
Verbreitung des Bildes unzulässig: Zwar bestehe aufgrund der Tat des Polizisten ein Informationsinteresse an
der Verbreitung des Fotos i.S.d. § 23 Abs. 1 Nr. 1 KUG.
Gleichwohl sei die Verbreitung des Fotos jedoch nicht
zulässig, weil i.S.d. § 23 Abs. 2 KUG ein das Informationsinteresse überwiegendes Interesse des Abgebildeten
der Verbreitung des Bildes entgegenstehe. Dieses Interesse sei dadurch begründet, dass der Polizist als gefährdet
gelte und Personenschutz in Anspruch nehme. Die Presseagentur habe das Foto deshalb nicht ohne vollständige
Verpixelung des Kopfes verbreiten dürfen.
Kein Freistellungsanspruch für Abmahnungen gegenüber Abnehmern der Presseagentur: Ein Anspruch auf
Freistellung von den Rechtsanwaltsgebühren für das Vorgehen gegen Presseunternehmen, die das von der Presseagentur gelieferte Foto verbreitet haben, bestehe jedoch
nicht. Die Presseagentur sei nicht ersatzpflichtig, weil in
der Weitergabe des Fotos kein Verbreiten des Fotos i.S.d.
§ 22 KUG liege. Es handele sich bei der Weitergabe des
Fotos um eine presseinterne Handlung, die mit Blick auf
die Pressefreiheit keine Verbreitungshandlung darstelle.
Die Presseagentur hafte auch nicht als Störerin, weil sie
das Foto an Presseunternehmen ohne Prüfung der Zulässigkeit der geplanten Veröffentlichung weitergegeben
hat. Denn der Presseagentur sei es nicht zumutbar, vor
der Herausgabe eines Bildes jeweils im Detail zu überprüfen, ob die geplante Verbreitung des Bildes durch den
Abnehmer zulässig sei.
Kein Agenturprivileg für die Veröffentlichung von
Bildnissen: Eine derartige Prüfungspflicht der Presseagentur ergebe sich auch nicht aus dem Umstand, dass
die Übernahme von Meldungen anerkannter Agenturen
durch Presseunternehmen in der Regel ohne weitere
Nachrecherche zulässig sei, es sei denn es bestünden erhebliche Zweifel an der Richtigkeit der Meldung. Denn
eine solche Privilegierung betreffe ausschließlich Wortmeldungen einer Presseagentur, nicht jedoch die Verwendung von Bildnissen.
Beraterhinweis: Die Entscheidung des KG ist in der
Praxis in mehrfacher Hinsicht relevant:
Reichweite der Privilegierung: Das KG stellt klar, dass
die Presseagentur nicht für die Verbreitung, d.h. die Herausgabe des Bildes haftet, wenn sie dabei nicht die geplante Verwendung prüft. Die Presseagentur haftet somit
nicht für fremde Verbreitungen dieses Fotos. Das KG
verurteilt die Presseagentur aber zur Unterlassung der
ungepixelten Bildnisverbreitung und stellt damit fest,
dass jegliche Verbreitung durch die Bildagentur selbst
Möglichkeiten des Vorgehens gegen die Verbreitung
eines Bildnisses: Wird ein Foto somit durch eine Presseagentur verbreitet, kann der Betroffene einerseits Unterlassungsansprüche gegen die Bildagentur geltend machen, sofern das von dieser angebotene Bild in der angebotenen Form nicht verbreitet werden darf. Für dieses eigene Verbreitungsangebot haftet die Presseagentur, nicht
jedoch für Verbreitung des Fotos durch ihre Abnehmer.
Abnehmer können unmittelbar auf Unterlassung der Fotoverbreitung in Anspruch genommen werden. Diese
können sich – wie das KG ausdrücklich klarstellt – nicht
auf eine Privilegierung stützen, weil sie das Foto von einer anerkannten Presseagentur erhalten haben. Denn eine
solche Privilegierung gilt nur für übernommene Wortmeldungen.3
RA Dr. Carsten Brennecke,
Konsequenzen für die Praxis: Das KG führt die Rechtsprechung des BGH zur Haftung von Bild- und Presseagenturen für die Weitergabe von Fotos konsequent weiter. Das BVerfG hatte als Ausgangspunkt entschieden,
dass die Arbeit von Presseagenturen vom Schutzbereich
des Art. 5 GG erfasst wird (BVerfG, Beschl. v. 2.5.2006
– 1 BvR 507/01, NJW 2006, 2836). Mit Urteil vom
7.12.2010 hat der BGH auch die Tätigkeit von Bildagenturen in den Schutzbereich des Art. 5 eingeordnet und
klargestellt, dass die Weitergabe eines Fotos keine Verbreitung i.S.d. § 22 KUG darstellt und damit keine Haftung für unzulässige Bildnisveröffentlichungen eines Abnehmers auslöst (BGH, Urt. v. 7.12.2010 – IV ZR 30/09,
IPRB 2011, 76). In dieser Entscheidung hatte der BGH
auch die Voraussetzungen einer Störerhaftung der Bildagentur geprüft und festgestellt, dass es einer Bildagentur
nicht zuzumuten ist, vor Herausgabe eines Bildnisses zunächst zu prüfen, ob die geplante Verwendung des Bildnisses zulässig ist. Das diese Privilegierung nun auch auf
Presseagenturen gestreckt wird, ist konsequent.
OLG Frankfurt, Urt. v. 20.10.2011 – 6 U 40/11 – NUTELLA, nrkr.
(LG Frankfurt/M., Urt. v. 11.2.2011 – 12 O 79/10)
LFGB § 11 Abs. 1 Nr. 1; UWG §§ 3 Abs. 2, 4 Nr. 11
Zutreffende Angaben in irreführender
An sich zutreffende Angaben zu Eigenschaften eines Erzeugnisses (hier: Nährwertangaben einer
Nuss-Nugat-Creme) können irreführend sein,
wenn der Verkehr sie aufgrund ihrer Aufmachung in der typischen Kaufsituation falsch
Das Problem: Der Verbraucherzentrale Bundesverband
e.V. nimmt die Ferrero Deutschland GmbH wegen der
nachfolgend wiedergegebenen Angaben zum Nährwert
der bekannten Nuss-Nugat-Creme auf Unterlassung und
Erstattung der Abmahnkosten in Anspruch (vgl. Abb. 1).
Die Angaben sind für sich genommen zutreffend, entsprechen insbesondere den Bestimmungen der Nährwertkennzeichnungsverordnung. Der Verbraucher, so der
Bundesverband, werde aber aufgrund der Gestaltung
der Tabellen die Angaben falsch, nämlich so verstehen,
dass die Creme prozentual erheblich mehr gesundheitsfördernde als – bei übermäßigem Genuss – gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe enthalte, z.B. zwar 78 %
Vitamin E, aber nur 7 % Fett und 9 % Zucker, während
sich tatsächlich die Angaben zu Vitamin E auf die für
dieses empfohlene Tagesmenge bei Einnahme von 100 g
Nutella, die Angaben zu Fett und Zucker hingegen auf
15 g Creme beziehen, so dass, wer 100 g Nutella isst,
nicht nur 78 % der empfohlenen Tagesmenge an
Vitamin E zu sich nimmt, sondern auch etwas weniger
als die Hälfte des täglichen Bedarfs an Zucker und Fett
deckt. – Der beklagte Hersteller verteidigt sich u.a. mit
dem Argument, die beanstandete Angabe sei nach der
künftig geltenden Verordnung der EU betreffend die Information der Verbraucher über Lebensmittel ausdrücklich erlaubt. Der Tatbestand des Urteils sagt nicht, ob
nicht auch geltend gemacht wurde, der Verbraucher wisse auch ohne Analyse der Nährwertangaben, dass die
Nuss-Nugat-Creme kein Fall für die Schlankheitswerbung ist.
Die Entscheidung des Gerichts: Das Gericht gab dem
auch in zweiter Instanz weiter verfolgten Unterlassungsbegehren der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.
statt. In der Kaufsituation werde der Verbraucher die Tabellen nicht so lesen, dass sich ihm die an sich richtige
Information erschließe. Er werde die Angaben vielmehr
falsch verstehen und die Nuss-Nugat-Creme für gesünder
halten, als es tatsächlich der Fall ist, jedenfalls deshalb,
weil es an einem klaren Hinweis darauf fehle, dass
sich die Prozentangaben auf unterschiedliche Produktmengen beziehen.
Hinweis auf künftige geltende EU-Verordnung rechtfertigt keine abweichende Beurteilung: Die künftige
EU-Verordnung sei nicht in Kraft und schon deshalb bedeutungslos. Dass ihr mutmaßlicher, zukünftiger Inhalt
die angegriffene Werbung ausdrücklich gestatte, sei dem
Verordnungsentwurf nicht zu entnehmen..
Konsequenzen für die Praxis: Der Fall ist von praktischer Bedeutung zunächst deshalb, weil er daran erinnert, dass richtige Angaben irreführend sein können,
wenn der Verkehr sie falsch versteht (vgl. BGH, Urt. v.
23.10.1997 – I ZR 98/95, MDR 1998, 554 = GRUR
1998, 1043 – GS-Zeichen; Urt. v. 11.1.2007 – I ZR 87/
04, MDR 2007, 1210 = GRUR 2007, 805 f. – Irreführender Kontoauszug – Rz. 18). Er ist weiter von praktischer
Bedeutung, weil er wegen des – offenbar dem Antrag
entsprechenden – Unterlassungstenors zur Überlegung
Anlass gibt, was genau das Gericht eigentlich verboten
hat, und wie eine zulässige, jedenfalls nicht dem gerichtlichen Verbot unterfallende Gestaltung aussehen könnte.
Die Fragen können hier nur angesprochen, nicht beantwortet werden. Das Urteil verbietet, „auf dem Produkt
„nutella‘‘ die Nährstoff- und Vitamintabellen „wie nachfolgend abgebildet‘‘ abzudrucken‘‘. Klarstellen muss
man wohl, dass es nicht um das „Abdrucken‘‘ geht, sondern um die Verwendung der gedruckten Angaben im geschäftlichen Verkehr (vgl. § 11 Abs. 1 Satz 1 LFBG). An
sich beziehen sich Antrag und Tenor auf die konkrete
Verletzungsform, und nur auf diese (vgl. zu solchen Fällen BGH, Urt. v. 17.3.2011 – I ZR 81/09, MDR 2011,
1191 = IPRB 2011, 227 – Original Kanchipur – Rz. 14
m.w.N., insbesondere auf BGH v. 26.10.2000 – I ZR 180/
98, MDR 2001, 763 = GRUR 2001, 453 – TCM). Die
beigefügte Abbildung, s.o., enthält aber wesentlich mehr
Elemente, als mit dem Antrag angegriffen und Gegenstand der Entscheidung waren. Soll wirklich die Beklagte
verpflichtet sein, „künftig jegliche Werbung, die aus der
gesamten Anzeige besteht, zu unterlassen.‘‘ (BGH v.
26.10.2000 – I ZR 180/98, MDR 2001, 763 = GRUR
2001, 453 – TCM, S. 454 unter III.1.a, im Original nicht
kursiv)? Sind Angaben auf Gläsern mit anderen Füllmengen verboten, in denen die Zahlen anders, die Zahlenverhältnisse aber identisch sind? Wäre z.B. die Werbung
ohne Glas der verbotenen kerngleich, dann jedenfalls,
wenn mit einer Abbildung des Glases geworben würde?
An sich nicht, denn die Klägerin hat über die konkrete
Verletzungsform hinausgehende Charakteristika nicht,
jedenfalls nicht im Klageantrag, angegeben, sie sind
nicht Streitgegenstand. Aus den Entscheidungsgründen
ergibt sich, dass dieselbe Wiedergabe der beanstandeten
Informationen nicht vom Verbot erfasst wäre, wenn zusätzlich klar darauf hingewiesen würde, dass sich die betroffenen Angaben auf unterschiedliche Produktmengen
beziehen. Oder wäre sie zwar vom Verbot erfasst, aber
nicht irreführend, das Verbot also zu weit gehend?
Beraterhinweis: Die treffende Formulierung des Unterlassungsantrags ist schwierig. Die vorliegend erfolgte
Beschränkung auf die konkrete Verletzungsform ist ein
sicherer Weg, was die drohende Unbestimmtheit (§ 253 II
Nr. 2 ZPO) angeht. Das gilt erst recht, wenn die konkrete
Verletzungsform nicht einfach zu beschreiben ist. Wenn
das so ist, ergeben sich ihre Charakteristika allerdings
häufig – und so auch hier – nicht eindeutig aus einer Abbildung. Wenn Antrag und Tenor die eigentlich gemeinten Punkte nicht klarstellen, muss man die Umstände,
die den Streitgegenstand ausmachen, jeweils aus Klageschrift, Tatbestand und Entscheidungsgründen des Urteils zusammensuchen – was doch wieder Fragen aufwerfen kann, s.o.
Das Urteil ist nicht rechtskräftig, unter dem Az. I ZR
210/11 ist eine Nichtzulassungsbeschwerde beim BGH
anhängig.3
RA und Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz
Dr. Kristofer Bott, Frankfurt/M.
& „Cheats‘‘ im Wettbewerbsrecht
Zusatzangebote für Online-Spiele: Schummeln erlaubt?
von Niko Härting/Andrzej Bielajew*
Mit der zunehmenden Popularität des Internets steigt
kontinuierlich auch das Interesse seiner Nutzer an den
Online-Spielen. Durch die stark in den Medien verbreiteten Spielwerbekampagnen werden immer mehr User
dazu gelockt, an dem virtuellen „Second Life‘‘ teilzunehmen. Findige Anbieter entwickeln Software, die den Spielern trickreiche Spielzüge ermöglichen, um sich schneller
und erfolgreicher durch die virtuellen Spielewelten zu bewegen. Die großen Spieleanbieter versuchen, in den Nutzungsbedingungen der Spiele „Cheats‘‘ zu untersagen.
Unklar ist bislang, ob und inwieweit es den Anbietern
möglich ist, mit den Mitteln des Wettbewerbsrechts gegen
„Cheats‘‘ vorzugehen.
1. Das Phänomen der „Cheats‘‘
Computerspiele bieten die Möglichkeit, neue Leute kennen zu lernen, an magischen Expeditionen teilzunehmen
und sich an großen Kämpfen zu beteiligen. Sie sind zudem für viele Nutzer ein Raum, in dem sie sich völlig
befreit von den Ängsten des täglichen Lebens unter Beweis stellen können. Zugleich bietet die virtuelle Ebene
auch eine herausragende Chance für Unternehmen, die
ihre frei entwickelten Geschäftsmodelle im Internet
durchsetzen und somit oft hohe Einnahmen erzielen können. Die Regel ist einfach: Je mehr Spieler an einem virtuellen Spiel beteiligt werden, desto größer der „Geldfluss‘‘ in die Kassen der Anbieter. So verwundert es wenig, dass sowohl die Spielproduzenten als auch die Serverbetreiber bereits seit Jahren sich ständig um die Attraktivität ihrer Produkte bemühen und mit jeglichen
Mitteln um jeden interaktiven Spieler kämpfen. Ein virtuelles Spiel bedeutet nämlich nicht nur virtuelles Geld.
Ganz im Gegenteil: Täglich werden tausende virtuelle
Gegenstände und Profile gegen echtes Geld auf Verkaufsplattformen wie eBay getauscht.
Die ursprünglich in kostenloser Form angebotenen Spiele
erweisen sich sehr schnell als kostenaufwendig. Will
nämlich ein Nutzer die schnellere Entwicklung seines
virtuellen Charakters fördern, indem er ihm bessere Ausrüstung anbietet oder Zugang zu den nur für die Premium
Accounts vorgesehenen Gebiete und Quests eröffnet, so
ist dies für ihn oft mit einem monatlichen Entgelt verbunden. Zusätzlich werden die Spielebetreiber durch
* Niko Härting ist Rechtsanwalt, Andrzej Bielajew studentischer Mitarbeiter bei HÄRTING Rechtsanwälte, Berlin.
zahlreiche Werbebanner gesponsert. Insgesamt boomt
das virtuelle Massengeschäft so schnell und so gut wie
nie zuvor. „Das Glück‘‘ der Spieleanbieter wird jedoch
immer stärker dadurch beeinträchtigt, dass nicht jeder
Spieler fair spielen möchte. Diese Unfairness haben sich
zahlreiche Programmierer zunutze gemacht, indem sie
„Schummelprogramme‘‘ („Cheats‘‘) entwickelt haben,
mit deren Hilfe den Spielern vielfältige Erleichterungen
angeboten werden. So können sie z.B. freien Zugang zu
den normalerweise kostenpflichtigen Gebieten erlangen
oder sogar direkt, durch technisch gespeichert Bewegungen und Handlungen bei dem sog. „levelling up‘‘ unterstützt werden. Eine solche Vorgehensweise verärgert
nicht nur die Spieleanbieter, sie macht auch für die ehrlich spielenden Nutzer das Spiel durchaus anspruchsvoller.
Die Reaktion der Spieleanbieter ist immer gleich: In den
Nutzungsbedingungen wird der Einsatz von „Cheat‘‘Software untersagt. Und gelegentlich hat es Versuche gegeben, die Einhaltung der Nutzungsbedingungen mit den
Mitteln des Wettbewerbsrechts zu erzwingen (zuletzt LG
Hamburg v. 30.6.2011 – 327 O 741/10 – Runes of Magic
2. Verleitung zum Vertragsbruch
(§ 4 Nr. 10 UWG)
Wird den virtuellen Spielern die Nutzung jeglicher
„Schummelprogramme‘‘ auf vertraglichem Wege untersagt, so liegt die Vermutung nahe, dass die Hersteller
von „Cheats‘‘ mit ihrem Angebot die potentiellen User
zu einem Bruch ihrer vertraglichen Verpflichtungen motivieren könnten. Hieraus wird gelegentlich – vorschnell
– eine unlautere Behinderung gem. § 4 Nr. 10 UWG abgeleitet (LG Hamburg v. 30.6.2011 – 327 O 741/10 – Runes of Magic Trading).
Aus der jüngeren Rechtsprechung des BGH lässt sich ableiten, dass eine Verleitung zum Vertragsbruch wettbewerbsrechtlich nur noch im Ausnahmefall die Voraussetzungen des § 4 Nr. 10 UWG erfüllt (vgl. nur BGH v.
11.9.2008 – I ZR 74/06, BGHZ 178, 63 ff. = CR 2009,
175 m. Anm. Bandehzadeh/Plog = MDR 2009, 456 –
bundesligakarten.de; v. 22.6.2011 – I ZR 159/10, MDR
2011, 1369 = CR 2011, 757 ff. – Automobil-Onlinebörse) Eine unlautere Behinderung setzt danach voraus, dass
gezielt und bewusst darauf hingewirkt wird, dass ein anderer eine ihm obliegende Vertragspflicht verletzt. Die
bloße Werbung um Kunden, die sich bei Nutzung des
Spieles durch die Inanspruchnahme von verbotenen
Hilfsprogrammen möglicherweise vertragswidrig verhalten, reicht für eine unlautere Handlung nicht aus. Es bedarf vielmehr einer Beeinträchtigung der wettbewerblichen Entfaltungsmöglichkeiten der Mitbewerber, die
über die mit jedem Wettbewerb verbundene Beeinträchtigung hinausgeht. Unlauter ist die Beeinträchtigung erst
dann, wenn gezielt der Zweck verfolgt wird, Mitbewerber
an ihrer Entfaltung zu hindern und sie dadurch zu verdrängen, oder wenn die Behinderung dazu führt, dass die
beeinträchtigten Mitbewerber ihre Leistung am Markt
durch eigene Anstrengung nicht mehr in angemessener
Weise zur Geltung bringen können. (vgl. auch BGH v.
11.1.2007 – I ZR 96/04, BGHZ 171, 73 ff. – Außendienstmitarbeiter; v. 7.10.2009 – I ZR 150/07, MDR
2010, 707 = CR 2010, 447 = WRP 2010, 644 ff. – Rufumleitung).
An allen diesen Voraussetzungen fehlt es jedoch bei den
„Cheats‘‘. Die Entwicklung und der Vertrieb von „Cheats‘‘ verfolgen nicht den Zweck, die Spieleanbieter an ihrer Entfaltung am Markt zu hindern oder sie gar aus dem
Markt zu drängen bzw. ihre Leistungsfähigkeit auf dem
Markt zu beschränken. Das Gegenteil ist der Fall: Die
„Cheat‘‘-Software baut auf den betroffenen Spielen auf,
die Anbieter der Software sind auf den Bestand und Erfolg der Spiele angewiesen. „Cheats‘‘ erfüllen die Funktion eines Zubehörs zum Spiel . Wie jeder Zubehörhändler haben die Anbieter ein natürliches Interesse am Erfolg des zugrunde liegenden Spieles. Von einer unlauteren Behinderung gem. § 4 Nr. 10 UWG kann daher unter
dem Gesichtspunkt der Verleitung zum Vertragsbruch
3. Ausnutzen fremden Vertragsbruchs
Ein weiterer wettbewerbsrechtlicher Verstoß könnte in
der Ausnutzung des Vertragsbruches der Spielenden gesehen werden. Denn der Einsatz von „Cheat‘‘-Software
verstößt regelmäßig gegen die Nutzungsbedingungen der
Dazu müsste jedoch zunächst das Ausnutzen eines fremden Vertragsbruchs eine unlautere Behinderung gem. § 4
Nr. 10 UWG darstellen. Dies ist jedoch nach der neueren
Rechtsprechung des BGH grundsätzlich nicht der Fall.
Um einen Verstoß gegen § 4 Nr. 10 UWG zu bejahen,
müssen zu dem Vertragsbruch Umstände hinzutreten, aus
denen sich eine Unlauterkeit ableiten lassen würde (BGH
v. 11.1.2007 – I ZR 96/04, BGHZ 171, 73 ff. – Außendienstmitarbeiter). Dies wiederum ist auf den Gedanken
zurück zu führen, dass die schuldrechtliche Bindung zwischen dem Spielebetreiber und seinem Vertragspartner
(Spieler) im Allgemeinen keine rechtlichen Wirkungen
gegenüber Dritten (hier „Cheat‘‘-Anbietern) entfalten.
Eine Drittwirkung würde zu einer Verdinglichung
schuldrechtlicher Verpflichtungen führen, die dem Wettbewerbsrecht fremd ist (BGH v. 11.9.2008 – I ZR 74/06,
BGHZ 178, 63 ff. = CR 2009, 175 m. Anm. Bandehzadeh/Plog = MDR 2009, 456 – bundesligakarten.de).
Eine Unlauterkeit lässt sich im Übrigen auch nicht aus
dem Umstand ableiten lässt, dass die Nutzung von „Che-
ats‘‘ systematisch zu Vertragsbrüchen führt. Ein systematisches und planmäßiges Vorgehen liegt im Wesen des
Wettbewerbs und kann somit kein Kriterium der wettbewerbsrechtlichen Beurteilung sein (BGH v. 11.9.2008
– I ZR 74/06, BGHZ 178, 63 ff. = CR 2009, 175 m.
Anm. Bandehzadeh/Plog = MDR 2009, 456 – bundesligakarten.de).
4. Schutz von „Spielregeln‘‘ durch das
Wettbewerbsrecht (§ 4 Nr. 10 UWG)?
Die wohl entscheidende Frage lautet, ob sich eine unlautere Behinderung gem. § 4 Nr. 10 UWG aus dem Umstand ableiten lässt, dass „Cheats‘‘ in das innere Spielsystem eingreifen und somit grundlegende Spielregeln sowie Prinzipien der Fairness, Gerechtigkeit und Chancengleichheit verletzen (vgl. LG Hamburg v. 30.6.2011 –
327 O 741/10 – Runes of Magic Trading)
Es mag stimmen, dass die „Spielregeln‘‘, wenn sie vertraglich vereinbart wurden, eine rechtliche Bindungswirkung zwischen den Teilnehmern des Spiels entfalten, gegenüber Dritten wirken diese „Spielregeln‘‘ indes nicht.
Bereits im Jahre 2003 hat das LG Berlin entschieden,
dass die Einwirkung auf eBay-Auktionsabläufe durch
sog. „Sniper-Software‘‘ nicht als wettbewerbswidrig angesehen werden kann, auch wenn der Einsatz einer solchen Software gemäß den eBay-Nutzungsbedingungen
untersagt ist und somit gegen die „Spielregeln‘‘ dieser
Platform verstößt (LG Berlin v. 11.2.2003 – 15 O 704/
02, CR 2003, 857 f.; a.A. LG Hamburg v. 16.7.2002 –
312 O 271/02, CR 2002, 763 f.). Dieser Sichtweise entspricht es, dass es das OLG Hamm unlängst abgelehnt
hat, aus einem Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen
von eBay keine unlautere Behinderung zu Lasten von
Mitbewerbern abzuleiten (OLG Hamm v. 21.12.2010 – 4
U 142/10 – I-4 U 142/10, WRP 2011, 498 ff.). Selbst bei
der Nutzung einer Software, die eine Störung von Betriebsabläufen zur Folge hat, ist ein Verstoß nach § 4
Nr. 10 UWG zu verneinen, solange es nicht zu einer unzumutbaren technischen Beeinträchtigung kommt (BGH
v. 22.6.2011 – I ZR 159/10, MDR 2011, 1369 = CR
2011, 757 ff. – Automobil-Onlinebörse). Von einer technischen Beeinträchtigung von Betriebsabläufen kann bei
den „Cheats‘‘ keine Rede sein.
5. „Einschieben in eine fremde Serie‘‘
(§ 4 Nr. 9 lit. b UWG)
Das LG Hamburg hat ein unlauteres „Einschieben in eine
fremde Serie‘‘ gem. § 4 Nr. 9 lit. b UWG in einem Fall
bejaht, in dem ein kostenlos angebotener „Cheat‘‘ dazu
diente, eine kostenpflichtige Zusatzfunktion eines Spiels
zu ersetzen (LG Hamburg v. 9.7.2009 – 308 O 332/09,
CR 2009, 356 f.). Dabei hat das Gericht jedoch übersehen, dass der BGH eine unlautere Rufausbeutung gem.
§ 4 Nr. 9 lit. b UWG bei einem „Einschieben in eine
fremde Serie‘‘ allenfalls noch zeitlich befristet bejaht
(vgl. BGH v. 2.12.2004 – I ZR 30/02, BGHZ 161, 204 ff.
– Klemmbausteine III). Ein pauschaler „Zubehörschutz‘‘
gegen „Cheats‘‘ lässt sich aus § 4 Nr. 9 lit. b UWG jedenfalls nicht ableiten.
Für die Anbieter von Online-Spielen und von „Zubehör‘‘
zum Schummeln und Tricksen gilt Wettbewerbsrecht.
Und die Aufgabe des Wettbewerbsrechts ist die Förderung und nicht die Verhinderung von Wettbewerb am
Markt. Daher gilt für die Betreiber von Spiele-Plattformen nichts anderes als für die Betreiber anderer Plattformen: Auktionen, Shops, Social Networks. Wenn solche
Plattformen erfolgreich sind, beflügeln sie die Phantasie
junger Unternehmen und Softwareentwickler. Und es
werden Anwendungen geschaffen, die die Nutzung der
Plattformen ergänzen und erleichtern. Dies sehen die
Plattform-Betreiber nicht immer gerne. Mit den Mitteln
des Wettbewerbsrechts lassen sich die Zusatzangebote jedoch im Normalfall nicht bekämpfen. Ob „Einschieben
in eine fremde Serie‘‘, „Vertragsbruch‘‘ oder auch „Integrität des Systems‘‘: All dies sind nach heutigem Stand
des Wettbewerbsrechts grundsätzlich Ausdrucksformen
des zulässigen Marktverhaltens und nur im Ausnahmefall unlautere Wettbewerbsmethoden. Mit dem deutschen
Wettbewerbsrecht werden die Anbieter von Online-Spielen daher den Kampf gegen „Cheats‘‘ nicht gewinnen
& Neues zum Filesharing
...die Ruhe vor dem Sturm?
von Christian Stücke*
Bei der Bearbeitung sog. Filesharing-Mandate ist erstmals seit Beginn entsprechender Abmahnwellen ein
Rückgang bei der Aussprache von Abmahnungen zu verzeichnen. Anlass genug, die Praxis und die Entwicklung
der letzten Zeit kritisch zu betrachten und einen Ausblick
I. Das Ende der großen Abmahnwellen?
Die außergerichtliche und die gerichtliche Geltendmachung von Unterlassungs- und Schadensersatzansprüchen hat seit Eintritt des Internet-Zeitalters einen immer
breiter werdenden Teil der anwaltlichen Tätigkeit eingenommen. Die Verfolgung von Urheberrechtsverstößen,
die über dezentrale Computernetze begangen werden,
stellen gegenwärtig die Spitze des Eisbergs dar. Dabei
sprechen seriöse Quellen von einer Größenordnung von
ca. 700.000 Abmahnungen, die in der Vergangenheit
pro Jahr allein im Rahmen von sog. „Filesharing-Fällen‘‘ ausgesprochen wurden (www.leutheusser-schnarrenberger.de/medien/reden/reden/rede-zur-liberalennetzpolitik-beim-medientreff-der-fdp-fraktion). Das finanzielle Volumen, welches hinter entsprechenden Abmahnungen steht, lässt sich auch an anderem Beispiel illustrieren. So stellte eine der namhaften, mit Abmahnungen betrauten Kanzleien Anfang Dezember 2011 Forderungen aus 70.000 Abmahnungen mit einem Gesamtwert
von 90 Millionen Euro zum Verkauf (www.spiegel.de/
netzwelt/netzpolitik/0,1518,802252, 00.html). Die Geister, die ich rief ... Diese schier unglaublichen Zahlen sind
selbst im Masseninkasso ohne Beispiel. Das technologische Wettrüsten scheint dabei auch die beteiligten Organe der Rechtspflege erfasst zu haben. Festgestellte Verstöße werden soweit möglich automatisiert verfolgt. Lag
die Bearbeitungszeit in den ersten Jahren der Verfolgung
von Filesharing-Fällen noch im Bereich mehrerer Mona* Der Autor ist Fachanwalt für Informationstechnologierecht in
te, hat sich die Reaktionszeit entsprechend spezialisierter
Unternehmen und Kanzleien drastisch verkürzt. Selbst
unter Berücksichtigung der Bearbeitungszeit der Gerichte im Rahmen der Auskunftsverfahren nach § 101 Abs. 9
UrhG werden Abmahnungen teilweise binnen Monatsfrist nach Protokollierung eines Verstoßes versandt. Klagen wegen dieser Verstöße bleiben hinter der Wucht der
Abmahnzahlen (noch?) zurück. Ob dieses so bleibt, darf
bezweifelt werden. Sicherlich auch in Folge der Aufmerksamkeit der Medien, denen die massive Verfolgung
entsprechender Verstöße nicht verborgen geblieben ist,
geht die Zahl ausgesprochener Abmahnungen langsam,
aber stetig zurück. Es bietet sich hier förmlich an, die
frei werdenden personellen Kapazitäten in den Kanzleien
nicht mehr zur Aussprache von Abmahnungen, sondern
nunmehr für die Erhebung von Klagen zu verwenden.
Auch die Justiz scheint gewarnt. Anders ist nicht zu erklären, dass das AG München in einer Pressemitteilung vom 16.11.2011 vor den finanziellen Folgen der
Teilnahme an Filesharing-Netzen warnt (www.justiz.bayern.de/gericht/ag/m/presse/archiv/2011/03259/index.php). Entsprechende Versuche, Prozessfluten einzudämmen, kommen wohl zu spät. So spricht das Gericht
in der Pressemitteilung bereits von 1.400 anhängigen
II. Reaktion in der Rechtsprechung?
Ob die zunehmend kritische Betrachtungsweise des sog.
„fliegenden Gerichtsstandes‘‘ (§ 32 ZPO) eine Reaktion
auf anrollende Prozessfluten darstellt, kann nur vermutet
werden. Nach dieser einschränkenden Ansicht ist der Gerichtsstand nur dort gegeben, wo sich die mit einer Klage
behauptete unerlaubte Handlung auch tatsächlich ausgewirkt hat. Die Möglichkeit, sich den Gerichtsstand
ohne weitere Prüfung dieses Aspektes frei aussuchen zu
können, ist mit dem Willkürverbot und dem Art. 101 GG
zu entnehmenden Gebot des gesetzlichen Richters nicht
in Übereinklang zu bringen (z.B. AG Frankfurt/M., Urt.
v. 1.12.2011 – 30 C 1849/11-25; Hinweisbeschl. v.
12.12.2011 – 31 C 2528/11 (17), n.v.).
Weitere Reaktionen in der Rechtsprechung stehen gegenwärtig noch aus. Die im Zusammenhang mit FilesharingKlagen veröffentlichten Entscheidungen zeigen einen
zum Teil erstaunlich unkritischen Umgang mit der
Materie. Sicherlich ist nicht zu verkennen, dass dem
überwiegenden Teil abgemahnter Verstöße in der Tat berechtigte Forderungen von Rechteinhabern zugrunde liegen. Gleichwohl lohnt aber stets der Blick auf das Detail.
Die Aktivlegitimation wird oftmals in Anwendung des
§ 10 Abs. 1 UrhG nach Vorlage entsprechender Materialien (z.B. CD-Cover) unterstellt. Unberücksichtigt bleibt
dabei aber, dass gerade bei Musik- oder Filmwerken im
Regelfall kein Alleinurheber existiert, sondern die Werke
durch Mehrere geschaffen werden (§ 8 Abs. 1 UrhG).
Kann hier dann ein Miturheber problemlos allein Unterlassungsansprüche geltend machen, so ist dies in Bezug
auf Schadensersatzforderungen gerade nicht möglich;
diese können stets nur von der Gesamthand geltend gemacht werden, § 8 Abs. 2 Satz 1 UrhG. Hier sollte auch
in der Rechtsprechung verstärkt das Augenmerk auf
den Nachweis wirksamer Rechteübertragungen gelegt
werden, auch wenn dies im Einzelfall durchaus mühsam
ist (kritisch z.B. vgl. z.B. AG Düsseldorf, Urt. v.
14.4.2010 – 57 C 1571/09 für den Fall der Vorlage einer
nicht übersetzten englischsprachigen Lizenzvereinbarung auch unter Ablehnung des „(P)-Vermerks‘‘ auf
dem Werk als Nachweis). Die in der Vergangenheit diskutierte Vollmachtsproblematik ist – trotz überzeugender
Gegenargumente (OLG Düsseldorf v. 21.11.2006 – I-20
U 22/06; Urt. v. 15.9.2009 – I-20 U 164/08) – letztlich
wohl geklärt. Der BGH hat in diesem Zusammenhang
nunmehr klargestellt, dass die Aussprache einer Abmahnung keiner Vorlage einer Vollmacht bedarf
(BGH, Urt. v. 19.5.2010 – I ZR 140/08, MDR 2011, 247
= IPRB 2010, 267; Staudinger/Schilken, BGB, § 174
Rz. 2).
2. Mehrfachabmahnungen
Soweit ersichtlich hat sich die Rechtsprechung noch selten mit den Konsequenzen der Abmahnung kerngleicher
Verstöße im Zusammenhang mit Filesharing-Fällen beschäftigen müssen. Hier lassen die Rechteinhaber – zu
Recht – spätestens bei der Prüfung, ob ein Sachverhalt
klagegeeignet ist, Vorsicht walten. Die Aussprache einer
zweiten Abmahnung nach vorheriger Abmahnung eines kerngleichen Verstoßes ist überflüssig, sobald auf
die erste Abmahnung eine geeignete Unterlassungserklärung abgegeben wurde. Denn der mit der Abmahnung erfolgte Zweck – insbesondere die Ausräumung der Wiederholungsgefahr – wird auch durch eine Erklärung erreicht, die erkennen lässt, dass sie eine konkrete Form
der Begehung erfasst, ohne dass es auf exakt benannte
Titel ankommen würde (vgl. OLG Köln, Beschl. v.
11.11.2010 – 6 W 157/10, MDR 2011, 61).
3. Ermittlung des Verursachers
Grundsätzlich obliegt es dem insoweit auch darlegungsund beweisbelasteten Rechteinhaber, substantiiert zur
Person des Verletzers vorzutragen (vgl. LG Frankfurt/M.,
Urt. v. 22.9.2009 – 2-18 O 162/09; AG Düsseldorf, Urt.
v. 14.4.2010 – 57 C 15741/09). Eine tatsächliche Vermutung für die Täterschaft besteht nicht, sobald Dritte
Personen Zugriff auf den Internetanschluss nehmen
konnten (OLG Köln, Beschl. v. 24.3.2011 – 6 W 42/11,
CR 2011, 331). Denn eine IP-Adresse gibt gerade noch
nicht bestimmungsgemäß zuverlässige Auskunft darüber,
welche Person zu einem konkreten Zeitpunkt einen bestimmten Internetanschluss nutzt (BGH, Urt. v.
12.5.2010 – I ZR 121/10 – Sommer unseres Lebens; vgl.
Spindler, CR 2010, 592 f.). In diesem Zusammenhang
lässt die Rechtsprechung insbesondere der LG allerdings
häufig schon die durch die Rechteinhaber eingeholten
Auskünfte der Internet-Anbieter in Verbindung mit den
eigenen Protokolldaten zur Substantiierung genügen.
Diese Praxis erscheint jedoch bedenklich (Spindler, CR
2010, 592 ff.; Leicht, VuR 2009, 346 ff.; exemplarisch
OLG Köln, Beschl. v. 10.2.2011 – 6 W 5/11, CR 2011,
478). Anders als von Seiten der Rechteinhaber und natürlich der von Ihnen beauftragten Unternehmen vorgetragen, besteht bereits kein Erfahrungssatz dahingehend,
dass die dort gesammelten Informationen einen absoluten Anspruch auf Zuverlässigkeit und Richtigkeit haben.
Die dort so eingeholten „Beweise‘‘ können nicht per se
als gerichtsfest angesehen werden (Morgenstern, CR
2011, 203 [204]). An die Ermittlungsergebnisse sowie
die technischen Abläufe sind hohe Ansprüche zu stellen. Diese umfassen nicht lediglich die Feststellung, dass
die Ermittlungen insgesamt korrekt abgelaufen seien.
Vielmehr ist im Einzelnen das jeweils bemühte Ermittlungsverfahren sowie die bereitgehaltene technische Infrastruktur zu prüfen (Morgenstern, CR 2011, 203 [204],
unter analogem Hinweis auf § 45g TKG). Das Bestreiten
der vorgetragenen Feststellung hinsichtlich der IPAdressermittlungen mit Nichtwissen muss daher statthaft sein (OLG Köln, Beschl. v. 24.3.2011 – 6 W 42/11,
CR 2011, 331).
Für die Inanspruchnahme im Wege der Störerhaftung
wäre in jedem Falle erforderlich, dass der Störer willentlich und adäquat kausal zur Verletzung eines geschützten
Rechtsgutes beigetragen hat, ohne Täter oder Teilnehmer
zu sein. Eine Haftung kommt selbst dann jedoch nach
den in der Rechtsprechung, auch des BGH, entwickelten
Grundsätzen nur unter der einschränkenden Bedingung
der Verletzung von Prüfpflichten in Frage. In diesem
Zusammenhang ist anerkannt, dass diese Prüfpflichten
nicht absolut bestehen. Überzogene Anforderungen an
die sicherlich bestehenden Schutzpflichten würden in
Anbetracht der im Internet denkbaren vielfältigen Angriffsszenarien zu einem überzogenen Haftungsrisiko
führen (Borgers, NJW 2010, 2625 unter Verweis auf
BGH, Urt. v. 12.5.2010 – I ZR 121/08, MDR 2010, 882
= CR 2010, 458 m. Anm. Hornung = NJW 2010, 2061 –
Sommer unseres Lebens; einschränkend ebenfalls Ernst/
Seichter, ZUM 2007, 513 [517]; Röhl/Bosch, NJW 2008,
1415 [1418]). Überzogen ist die Forderung nach Inanspruchnahme externer Hilfe bei Einrichtung und Betrieb
der Anlage. Handlungsanweisungen oder gar technische
Empfehlungen werden in der Rechtsprechung selbstverständlich nicht gegeben. Betroffene sind mit technischen
Einzelheiten oftmals komplett überfordert.
Beraterhinweis: Handlungsempfehlungen zur Absicherung von Netzwerken
WLAN nur bei Bedarf aktivieren/Zeitschaltung nutzen
Verschlüsselung nach WPA/WPA2, Passwort mindestens 1x nach Installation geändert
Passwortlänge? Passwort nicht leicht zu erraten?
Reichweitenkontrolle bei Nutzung sog. PowerlineAdapter (Terminierung hinter Stromzähler?)
Zugangskontrolle über MAC-Adresse (Media Access Control)
Verstecken der SSID des Drahtlosnetzes3
Über die Wirksamkeit dieser Maßnahmen mag im Einzelnen gestritten werden. Letztlich ist kein Anschluss
„unknackbar‘‘. Darauf kommt es aber auch nicht an. Die
Verletzung von Prüfpflichten muss sich am zumutbaren
Verhalten eines durchschnittlich informierten und verständigen Nutzers ausrichten. Unmögliches darf dem
Nutzer nicht abverlangt werden.
IV. Rechtsfolgenseite
An der Erstattungsfähigkeit von Lizenzkosten einerseits,
andererseits von Kosten der Rechtsverfolgung bestehen
bei festgestelltem Verstoß dem Grunde nach keine Zweifel. Der Fokus der Betrachtung liegt regelmäßig auf der
Höhe der geltend gemachten Ansprüche.
1. Schadensberechnung
Der bisherigen Praxis, nach der die von Klägerseite zugrunde gelegten Pauschalen als angemessen beurteilt
werden, können mittlerweile erste Entscheidungen entgegengehalten werden, soweit die Schäden geschätzt
wurden. Denn der Grundsatz der Schadensschätzung
(§ 287 ZPO) kann immer nur bei Bestehen von Anknüpfungspunkten zur Bemessung herangezogen werden (OLG Köln, Hinweisbeschl. v. 30.9.2011 – 6 U 67/
11). Die Ausführungen zum entstandenen Schaden sind
jedoch zumeist pauschal gehalten und unsubstantiiert. In
welchem Rahmen eine Lizenzierung von Inhalten zur
Verbreitung über das Internet stattfindet, erschließt sich
in diesen Fällen nicht. Hierzu wäre es erforderlich, Sätze
aus vergleichbaren Verträgen mit Content-Providern
nachzuweisen. Darüber wird jedoch durch die Rechteinhaber insgesamt geschwiegen.
a) Anzahl der unberechtigten Nutzer technisch nicht
Selbstverständlich wäre der Anspruch zugleich noch davon abhängig, wie viele Nutzer tatsächlich ein Werk über
einen Anschluss bezogen haben (OLG Köln, Hinweisbeschl. v. 30.9.2011 – 6 U 67/11). Dieses lässt sich jedoch auch in P2P-Netzen technisch schlicht nicht ermitteln. Ermitteln lässt sich allenfalls, wie viele Personen
überhaupt versuchen, die betreffende Datei herunterzuladen. Diese Informationen werden sicherlich vom eingesetzten Tracker zur Verfügung gestellt. Daraus lässt sich
indes aber keinesfalls ableiten, dass diese Personen auch
tatsächlich Content vom Rechner eines bestimmten Teilnehmers laden. Soweit behauptet werden sollte, dass eine
bestimmte Anzahl von Personen eine komplette Datei
vom Rechner eines Teilnehmers bezogen haben soll, so
ist dies schon faktisch auszuschließen. Dieser Rückschluss lässt sich schon aus den Onlinezeiten der beteiligten Rechner einerseits und der bei herkömmlichen Anschlüssen zur Verfügung stehenden Upstream-Bandbreite
andererseits entkräften. Es ist so schlicht undenkbar, dass
– nötigenfalls mehrere hundert – Nutzer ein komplettes
Werk von einem einzelnen Anschluss bezogen haben sollen. Diese Erwägungen lassen auch Schätzungen, z.B.
unter Zugrundelegung einschlägiger GEMA-Tarifwerke
(z.B. GEMA VR OD 5) als bedenklich erscheinen.
b) Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen gegenüber jedem unberechtigten Nutzer unrechtmäßig
Die Schadensdurchsetzung ist auch aus einem anderen
Grund zweifelhaft. Die Schadensersatzansprüche werden
augenscheinlich in jedem festgestellten Fall separat berechnet. Als Fall wird dabei der Up/Download eines bestimmten, abgemahnten Nutzers zugrunde gelegt. Jeder
dieser Nutzer wird in vollem Umfange auf Schadensersatz in Anspruch genommen. Es ist indes selbst unter
Zugrundelegung des Sachvortrages der Rechteinhaber lediglich einmal (!) ein Schaden entstanden. Daher
kann auch letztlich nicht gegenüber jedem Teilnehmer eines „Massenverstoßes‘‘ (z.B. im Rahmen der Teilnahme
an einer Tauschbörse – genauer: eines Schwarms) gesondert Schadensersatz in voller Höhe durchgesetzt werden.
Sofern Schadensersatzansprüche gegenüber einem behaupteten Schädiger geltend gemacht wurden, die von
diesem auch erfüllt wurden, kommt die Geltendmachung
anderen Teilnehmern gegenüber nicht mehr in Betracht.
Der Schadensersatzanspruch wäre dann nämlich bereits
erfüllt; die in Anspruch genommene Partei, welche ihrerseits bereits Zahlungen an den Rechteinhaber geleistet
hat, könnte dann allenfalls noch im Innenverhältnis gegenüber den anderen Schwarmteilnehmern regressieren.
2. Streitwertansatz
Die Streitwertansätze gestalten sich nach wie vor außerordentlich uneinheitlich. Zum Teil finden sich Einzelstreitwerte bei Filesharing-Verstößen, die sich in deutlich
fünfstelligem Bereich bewegen. Dieser Ansatz erscheint
indes vor dem Hintergrund der Bedeutung eines als gegeben unterstellten Verstoßes im Einzelfall deutlich
überzogen. Auch die von Abmahnseite regelmäßig zugrunde gelegte Gebührenquote – eine 1,3 Geschäftsgebühr nach VV 2300 RVG in Höhe der sog. gekappten
Mittelgebühr – ist gerade vor dem Hintergrund schematischer Bearbeitung unter Verwendung von Bausteintexten überzogen (z.B. OLG Frankfurt, Urt. v. 21.12.2010 –
11 U 52/07, IPRB 2011, 102 – Sommer unseres Lebens
– nach Rückverweis: 2.500 A für Unterlassungsantrag;
AG Elmshorn, Urt. v. 19.1.2011 – 49 C 57/10 – Streitwert i.H.v. 1.200 A für ganzes, noch aktuelles Album).
3. Anwendung des § 97a Abs. 2 UrhG
Die Norm ist geschaffen worden, um Verbraucher außerhalb des geschäftlichen Verkehrs vor überzogenen Forderungen zu schützen (BT-Drucks. 16/8783, 49 f.). Auch
vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Bedeutung,
welche Filesharing-Fälle für die Rechteinhaber haben,
darf die Norm aufgrund ihres gesetzgeberischen Zwecks
nicht eng ausgelegt werden. Die in der Rechtsprechung
gewählten Ansatzpunkte können, soweit sie eine Anwendbarkeit des § 97a Abs. 2 UrhG ablehnen, nicht überzeugen. So verkennt bspw. die Ansicht, nach der bereits
ein vorangeschaltetes Verfahren nach § 101 Abs. 9 UrhG
gegen das Vorliegen eines einfachen Sachverhaltes spreche, dass über § 97a Abs. 2 UrhG Routinefälle aufgearbeitet werden sollen (BT-Drucks. 16/5048, 49).
Verfahren, die im Massenverbund unter weitest möglicher Automatisierung durchgeführt werden, wie dies bei
Durchsetzung urheberrechtlicher Ansprüche aus Filesharing der Fall ist, unterfallen dieser Routine ohne weiteres,
so dass die Zurückhaltung der Rechtsprechung schon
nicht erklärlich ist. Auch die Annahme eines geschäftlichen Zwecks wird regelmäßig fern liegen, insbesondere
wird ein wirtschaftlicher und kommerzieller Vorteil nicht
gesucht (vgl. Stellungnahme des Bundesverbandes Musikindustrie e.V. zum Gesetzgebungsvorhaben, www.musikindustrie.de/fileadmin/piclib/politik/nationale_ggvorhaben/pp_gesetz_nat_stellungn_20070316_ifpi_enforcement.pdf, S. 6–7). Zwar ist durchaus nicht zu verkennen,
dass auch eine rein private Tätigkeit gewerbsmäßiges
Ausmaß erreichen kann. Darauf kommt es jedoch im
Hinblick auf den Gesetzeswortlaut des § 97a Abs. 2
UrhG nicht an. Gefordert ist hier nämlich ein Handeln
„im geschäftlichen Verkehr‘‘. Insoweit ist zur Annahme
eben dieser Voraussetzung zusätzlich erforderlich, dass
es dem Anbietenden um Erwerb oder Berufsausübung,
mithin um die Erzielung von Einnahmen geht. Dies
kann bei unentgeltlichen und rein privat genutzten
Tauschbörsen nicht angenommen werden. Auch eine
sehr hohe Zahl angebotener geschützter Werke würde
hieran nichts ändern (Hoeren, CR 2009, 378 ff.; i.E. so
auch OLG Zweibrücken, Beschl. v. 27.10.2008 – 3 W
184/08, CR 2009, 31; ähnlich AG Halle, Urt. v.
24.11.2009 – 95 C 3258/09 unter erheblicher Streitwertkürzung). Soweit vertreten wird, Filesharing-Verstöße
seien im Hinblick auf den für die Herstellung eines
Werks zu betreibenden Aufwand nicht bloß unerheblich
(etwa AG Düsseldorf, Urt. v. 5.4.2011 – 57 C 15740/09),
vermag dies ebenfalls nicht zu überzeugen. Wesentlich
stärker als bislang sollte bei der Betrachtung der für sich
genommen unerhebliche (schuldhafte!) Handlungsbeitrag der in Anspruch genommenen Personen beleuchtet
werden, anstatt auf mögliche Folgen abzustellen, die erst
bei Zusammenwirken mehrerer Faktoren und Handlungen unterschiedlicher Personen eintreten könnten. Den
Gesetzeszweck wird § 97a Abs. 2 UrhG nur bei großzügigerer Anwendung erfüllen können. Der BGH hat die
Chance, im Rahmen der Entscheidung „Sommer unseres
Lebens‘‘ die Weichen in die richtige Richtung zu stellen,
leider ungenutzt verstreichen lassen (BGH, Urt. v.
12.5.2010 – I ZR 121/08, MDR 2010, 882 = CR 2010,
458 m. Anm. Hornung – Sommer unseres Lebens).
Das Phänomen der Filesharing-Fälle wird die Rechtspraxis noch über Jahre hinweg beschäftigen. Es bleibt zu
hoffen, dass die Justiz für die zu erwartende Zunahme
von Klageverfahren ausreichend gerüstet ist. Ihr bleibt zu
wünschen, dass der geforderte Blick auf das Detail nicht
durch die schiere Masse angekündigter Verfahren versperrt wird. Vor einem Wiederaufflammen illegalen Filesharings müssen die Rechteinhaber keine Bange haben.
Die Beratungspraxis zeigt durchweg, dass die in Anspruch genommenen Personen beeindruckt sind und ihre
Lehren aus den ausgesprochenen Abmahnungen gezogen
haben. Einer maßvollen Behandlung festgestellter Verstöße steht auch unter diesem Aspekt nichts entgegen.
Das Kernproblem des unkritischen Umgangs mit urheberrechtlichen Materialien konnte nur zum Teil beseitigt
werden. Längst sind andere Kanäle bekannt, über welche
geschützte Materialien bewegt werden. Auch wenn der
Filesharing-Sumpf langsam trockengelegt ist – es sind
noch genügend andere Sümpfe vorhanden.
& Der Gewerbliche Rechtsschutz als tragende Säule des Wirtschaftsstandortes
von Andreas Wisuschil*
Im nachfolgenden Beitrag soll im Wege einer interdisziplinären Analyse die Bedeutung des Gewerblichen Rechtsschutzes für die Volkswirtschaft Deutschlands skizziert
werden. Hierbei wird das Schutzrechtskonzept des Gewerblichen Rechtsschutzes in seiner Gesamtheit als
Triebfeder zur Förderung und Veredelung des Rohstoffes
Geist dargestellt. In Bezug zu einem modernen Industriestaat als staatstheoretischem Fundament einer Wissens-
und Bildungsgesellschaft im Herzen des kontinentalen
Europas wird dieses innovationspolitische Normgeflecht
daher als tragende Säule identifiziert. Die Leistungsfähigkeit Zentraleuropas wird im zukünftigen interkon* Der Autor ist Fachanwalt für Gewerblichen Rechtsschutz sowie Seniorpartner der Rechtsanwaltpartnerschaft Wisuschil &
Partner mit Sitz in Rosenheim.
tinentalen Ringen der globalen Volkswirtschaften maßgeblich davon abhängen. Die Sicherung und Erhaltung
der Funktionstüchtigkeit dieser innovationspolitischen
Triebfeder bedeutet demnach die Sicherung und Erhaltung des quartären Sektors – als dem Rückgrat eines zukunftsfähigen Industriestandortes. Insoweit werden hier
Fragen der modernen Wirtschaftsgeografie in Bezug zur
einschlägigen Wirtschaftsrechtsgeschichte dargestellt, so
dass der Beitrag gewiss eine unorthodoxe Note erhält.
Gleichwohl hält der Verfasser auch eine solche Abhandlung dieser Thematik mit dem Konzept der hiesigen Zeitschrift für vereinbar und unverzichtbar, nicht zuletzt in
Ansehung der gegenwärtigen Sabotage des Gewerblichen
Rechtsschutzes auf höchster bundespolitischer Ebene.
1. Vorbetrachtung zur Standortfrage
Ausgangspunkt für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
eines Staates sind zunächst einmal klassische wirtschaftsgeografische Faktoren wie die Verkehrsinfrastruktur, das Rohstoffvorkommen sowie die Energieversorgung. Jedoch wurde im Zuge des 19. Jahrhunderts deutlich, dass es insoweit noch einen ebenso bedeutsamen
humangeografischen Faktor gibt, nämlich Humanressourcen wie namentlich das Bildungs- und Wissensniveau der jeweiligen Staatsbevölkerung, welches im
wirtschaftsgeografischen Kontext Niederschlag in der
Forschungs- und Entwicklungsbilanz der jeweiligen
Volkswirtschaft findet (vgl. hierzu: Knox/Marston, Humangeografie, 4. Aufl. 2008, Ressourcen und wirtschaftliche Entwicklung, S. 441 ff.). Moderne Industriestaaten
zeichnen sich hierbei durch eine starke Ausprägung des
tertiären und des quartären Wirtschaftssektors aus, also
eines breitflächigen und tiefgreifenden Groß- und Einzelhandelssystems sowie einer Vielzahl an Dienstleistungsbetrieben einerseits, und von Datenverarbeitungs-,
Informationstechnologie- und Bildungsunternehmenssubjekten andererseits. Aber vor allem auch durch ein
qualifiziert ausgeprägtes Forschungs- und Entwicklungsaufkommen (vgl. Knox/Marston, Humangeografie,
4. Aufl. 2008, Die ökonomische Struktur von Ländern
und Regionen, S. 450). Damit handelt es sich bei ITund IP-geprägten Unternehmenssubjekten um das
Herzstück eines modernen Industriestaates, wobei
der Gewerbliche Rechtsschutz dessen Rückgrat bildet. Das ist vor allem bei dem an natürlichen Rohstoffen
armen Wirtschaftsstandort Deutschland von maßgeblicher Bedeutung, was im Dickicht von Detailfragen im
Zuge allzu oberflächlicher Befassung mit der Thematik
leicht übersehen zu werden scheint. Anderenfalls dürfte
es die an eine Glaubensfehde erinnernde aktuelle Diskussion über das Rechtsinstitut der Abmahnung im (vermeintlichen) Spannungsverhältnis zur Internetfreiheit
2. Prinzipien der Standortwahl
Im Schnittbereich von Geografie und Ökonomie wurde
von der modernen Disziplin der Wirtschaftsgeografie ein
Kanon von ausschlaggebenden Prinzipien für die Standortwahl herausdestilliert. Hiernach sind folgende Faktoren für die Auswahl eines Industriestandortes ausschlaggebend: Verfügbarkeit von Rohstoffen, Energie
und Arbeitskräften, das Produktionskostenniveau inklusive Grundstücks-, Gebäude-, Maschinen- und Personalkosten, sowie Transferkosten, wie etwa die anfallenden
Transport- und sonstige Logistikkosten. Aber nicht zuletzt auch humanwirtschaftsgeografische Schlüsselfaktoren, wie kulturelle und institutionelle Rahmenbedingungen, wie auch das Kommunikationspotential der ITInfrastruktur sowie das Image des Standortes. Hierzu
zählen jedoch vor allem auch das jeweilige wirtschaftsrechtliche Fundament sowie die diesbezügliche Verwaltungs- und Justizpraxis unter Einschluss des Rechtsdienstleistungssektors (vgl. Knox/Marston, Wirtschaftsgeografie, 4. Aufl. 2008, Die Prinzipien des Standorts,
S. 467). In Zeiten oberflächlicher, emotional überreizter
und allzu kurzsichtiger politischer Diskussionen zum
Thema sei es dem Verfasser gestattet, diese Gegebenheiten ins Bewusstsein der Diskutantinnen und Diskutanten
3. Entscheidungs- und handlungsorientierte Industriestandortfindung
Nach der modernen von Krumme und Hamilton maßgeblich inspirierten US-amerikanischen industriegeografischen Wirtschaftsstandortlehre ist seit den 1970-iger
Jahren anerkannt, dass es bei der Auswahl eines Wirtschaftsstandortes als modernem Industriestandort entscheidend auf Wechselbeziehungen zwischen der jeweiligen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ankommt
(vgl. Knox/Marston, Humangeografie, 4. Aufl. 2008, Industriestandorttheorien, S. 472). Hier wird man nach Ansicht des Verfassers gerade auch das private Wirtschaftsrecht zu berücksichtigen haben, wie auch dessen Durchsetzbarkeit über die staatlich gewährte Gerichtsbarkeit
oder auch Behördenpraxis. In marktwirtschaftlich-kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen
kommt Parametern wie den Einzelrechten und dem Privateigentum traditionell größte Bedeutung zu (vgl. Knox/
Marston, Humangeografie, 4. Aufl. 2008, Industriestandorte, S. 472). Da es sich beim Gewerblichen Rechtsschutz um eine Symbiose von Einzelrechten und Privateigentum handelt, wobei auch noch das an sich ideelle Gut Geist durch staatlich verliehene Monopolisierung zugunsten des Einzelnen quasi materialisiert bzw.
kapitalisiert wird, kommt diesem Spektrum des Wirtschaftsrechts nach dem Vorgesagten offenkundig eine
zentrale Bedeutung zu. Diese fundamentale Bedeutung
des Gewerblichen Rechtsschutzes als Gesamt-Institution
möge man sich nach dem Dafürhalten des Verfassers
dringend ins Bewusstsein rufen, bevor man diese kurzsichtig torpediert.
4. Rohstoffstandard Deutschlands
Mit Ausnahme von Kohle-, geringen Erdgas- sowie mäßigen Mineralienvorkommen verfügt der Wirtschaftsstandort Deutschland nahezu über keine natürlichen
Rohstoffe im konventionellen Sinne (vgl. Meyers Atlas
Globalisierung, 2008, Kartenmaterial zu Energie-, metallischen und nichtmetallischen Rohstoffvorkommen,
S. 46 bis 51). Im Hinblick auf die Spektren der schulischen und universitären Bildung, der Mobilität und der
Kommunikation aber kommt dem Wirtschaftsstandort
Deutschland nach wie vor eine (noch) führende Rolle unter den Industriestandorten der Welt zu (vgl. Meyers Atlas der Globalisierung, 2008, Kartenmaterial zum Bildungs-, Mobilitäts- und Kommunikationswesen, S. 102 –
115). Demzufolge können die dort maßgeblich angesiedelten Schlüsseltechnologieindustrien des Maschinen-,
Kraftfahrzeug-, Schiffs- und Schienenfahrzeugbaus, der
Luft-, Raumfahrt-, Elektro-, Kunststoff-, Biotechnologieund Pharmatechnik nur dann im globalen Wettbewerb
der Volkswirtschaften bestehen, wenn diese auch zukünftig voll auf den Rohstoff Geist setzen können (vgl. hierzu: Diercke Weltatlas, 1. Aufl. 2008, Deutschland –
Wirtschaft, S. 26 f.). Neben der Humanressource des ausreichend verfügbaren einschlägig gebildeten Menschen
bedarf es hierzu aber auch des entsprechenden Systems zur Förderung und Veredelung dieses im vorgenannten Humankapital ideell vorhandenen Rohstoffes Geist, nämlich des vom staatlichen Gesetzgeber
gewährten, von den einschlägigen staatlichen Behörden
verwalteten und von der staatlichen Gerichtsbarkeit
durchgesetzten Wirtschaftsrechtsbereichs als weichem
Standortfaktor nach den zuvor dargestellten Maßgaben.
Also namentlich der gesetzlichen Verbürgung, verwaltungstechnisch einwandfrei umgesetzten und gerichtlich
auch de facto durchgesetzten Gewährung der juristischen
Monopolisierung dieses Rohstoffes Geist in Gestalt von
Gewerblichen Schutzrechten als dessen betriebs- und
volkswirtschaftlich werthaltigen Früchte.
5. Wirtschaftsliberalismus – die Keimzelle
Grundpostulate des Zeitalters der Aufklärung sowie des
mit dieser einhergehenden Liberalisierung von Staat und
Gemeinwesen waren die Gewerbe-, Handels- und Vertragsfreiheit. Diese grundlegenden rechtlichen Neuerungen bildeten die beherrschenden Komponenten der Theorie des ökonomischen Liberalismus . Zentraler Ausfluss
dieser programmatischen Postulate des Wirtschaftsliberalismus war die in Deutschland 1869 etablierte Gewerbefreiheit, welche eine Privatrechtsgesellschaft von
Marktbürgern konstituierte. Diese ideologische Basis
war und ist das Fundament des zunächst materiellen und
sodann auch immateriellen Eigentums – also der gewerblichen Schutzrechte als dem Privatrechtssubjekt staatlicherseits als Ausschließlichkeitsrecht gewährten Vermögenpositionen und Verfügungsmassen (vgl. hierzu:
Fezer, UWG, 2. Aufl. 2010, Einleitung E, Rz. 4 ff.).
a) Die Materialisierung des Ideellen
Demzufolge handelt es sich bei diesen Rechtspositionen
um wesenskennzeichnende Grundpfeiler des liberalen
und kapitalistischen Grundverständnisses. Sie sind
gleichsam der heilige Gral des Wirtschaftsliberalismus
als deren geradezu sinnbildlichen Ausprägungen in
höchster Potenz: Nichts minderes als die Materialisierung des Ideellen – also die Kommerzialisierung des
menschlichen schöpferischen und daher sich selbst verwirklichenden Geistes. Ausgehend von Frankreich wurden auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts im damaligen
Deutschland die Rechtsmaterien des Kennzeichen- und
Lauterkeitsrechts sowie des Gewerblichen Rechtsschutzes in Gestalt des Patent- und Geschmacksmusterrechts
aus diesem Fundamentalverständnis heraus geboren (vgl.
hierzu: Fezer, UWG, 2. Aufl. 2010, Einleitung E,
Rz. 6 ff.).
b) Schöpfungsfreiheit, Selbstverwirklichung & Eigentum
Als Anreiz für das freie Individuum zum Zwecke der
Selbstverwirklichung im Rahmen der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung des ökonomischen Liberalismus war
dieses wirtschaftsrechtliche Instrumentarium als Triebfeder der beginnenden industriellen Revolution gedacht,
nämlich um die Schaffenskräfte des freien Individuums
zu entfesseln, dadurch den technischen Fortschritt zu beflügeln und dem geistigen Schöpfer über exklusive eigentumsmäßige Zuweisung seiner geistigen Schöpfung eine Belohnung zukommen zu lassen (vgl. zu
Letzterem: Osterrieth, Patentrecht, 4. Aufl. 2010,
Rz. 6 ff.). Identisch verhält es sich mit dem Geschmacksmusterrecht (vgl. hierzu etwa: Eichmann/von Falckenstein, Geschmacksmustergesetz, 4. Aufl. 2010, Allgemeines, Rz. 8 ff.). Für die übrigen gewerblichen
Schutzrechte und auch das Urheberrecht gilt sinngemäß
dasselbe; wie auch für das Lauterkeitsrecht, das bekanntlich auch heute noch dem Schutz und der Förderung des
Wettbewerbs als ökonomische Institution gewidmet ist.
In Ansehung des Umstandes, dass es sich beim Gewerblichen Rechtsschutz um eine historisch gewachsene
Größe von institutionellem Gewicht handelt, erlaubt
sich der Verfasser bei diesem das Adjektiv stets groß zu
schreiben, wie laut Duden bei feststehenden Begriffen
auch zutreffend. Das wird aber letztlich eine Frage der
subjektiven Sicht auf die Thematik sein. Bände spricht
es deshalb nach dem subjektiv-wertenden Dafürhalten
des Verfassers auch – wenn die Deutsche Gesellschaft
(GRUR) dies offenkundig nicht so sieht und das Adjektiv
als rein beschreibenden Zusatz klein schreibt. Wie gesagt, eine Frage des Bewusstseins. Der ausgewiesene
Fachkenner der Materie und einschlägig bekannte
Sprachwissenschaftler Dr. Stephan Hans Kettler als Verfasser des Werkes „Wörterbuch Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht – Englisch – Deutsch, Deutsch
– Englisch‘‘ (Kettler, Wörterbuch Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht – Englisch – Deutsch/Deutsch –
Englisch, 2011) teilt nach ausdrücklichem telefonischen
Bekunden die Sichtweise des Verfassers. Auch diese
grundsätzliche Klarstellung sollte dem Verfasser hier gestattet sein, da diese ja durchweg themenbezogen ist.
c) Schutzrechtsgewährung als erstrangiges Auswahlkriterium des Wirtschaftsstandorts
Demzufolge handelt es sich bei der verlässlichen Gewährung solcher gewerblichen Schutzrechte, deren materiellrechtlichen Ausgestaltung sowie deren verfahrensmäßigen praktischen Durchsetzbarkeit um Wirtschaftsstandortauswahlkriterien allererster Rangordnung. Mag das
zumeist auch – durch das Lesen dieser Zeilen aus dem
Unterbewussten hervorgerufen – rein rational bekannt
sein, so scheint das in Ansehung der aktuellen rechtspolitischen Entwicklungen in diesem Bereich offenkundig
nicht auszureichend. Zielführend ist nach Ansicht des
Verfassers alleine ein bei der Befassung mit dem Gewerblichen Rechtsschutz zu jeder Zeit allgegenwärtige
bewusste Präsenz dieser Hintergründe, da nur so die Bedeutung des auch individuellen Handelns des Einzelnen
in ihrer summenmäßigen Bedeutung erfassbar ist. Ein
solches Bewusstsein zu fördern, ist die Intention dieses
Beitrages. Dass es hieran zunehmend zu fehlen scheint,
dafür gibt die aktuelle Entwicklung an sich ein beredtes
Zeugnis ab. Man sei sich deshalb immer über die nachfolgend wiedergegebene Tatsache bewusst: Nur die Erhaltung eines optimalen Gewerblichen Rechtsschutzes
sichert den Wirtschaftsstandort Deutschland auch in
der Zukunft, indem sie für den Zustrom von geistig
schöpferischen Menschen ebenso sorgt, wie für das deren
Arbeit ermöglichende Finanzkapital.
6. Falsche Weichenstellungen der Gegenwart
Im Zuge der Einführung der Fachanwaltschaften für Gewerblichen Rechtsschutz einerseits und für Informationstechnologierecht anderseits sowie des sich bahnbrechenden Internethypes ist es aus den nachfolgend skizzierten
Gegebenheiten in den letzten fünf Jahren zu einer beängstigenden Erosion dieser tragenden Säule des Wirtschaftsstandortes Deutschland gekommen, deren Folgen
kaum abschätzbar sein dürften. Bedingt durch den auch
tatsächlich praktisch unbeschränkten Zugang zum Internet haben auch zahlreiche nur bedingt fachkundige Protagonisten den (Online-)Markt betreten. Die hierdurch
verursachte signifikante Steigerung des Abmahnaufkommens als notwenige Folge des rapide angestiegenen Verletzungsaufkommens in Bezug zu gewerblichen Schutzrechten haben begünstigt durch die Internetkommunikationsfreiheit (Blogs, Chatforen und Informationsdienste)
einerseits, sowie die neue anwaltschaftliche Werbefreiheit (Internetmarketing mittels „Fachartikeln‘‘) zu einer
emotionalen Überhitzung sowie einer beängstigenden
Verunsachlichung einer grundsätzlich berechtigten
Diskussion geführt. Im Wege einer unter Verkennung
von Recht und Unrecht erfolgten Vernetzung und Kollektivierung der „Interessenwahrnehmung‘‘ von selbsternannten „Abmahnopfern‘‘ haben sich Fehlvorstellungen breitflächig und tiefgreifend in unzähligen Köpfen
manifestiert und perpetuiert – und nun auch Einzug in
Gestalt einer parteipolitischen Verfasstheit in die Politik
gefunden. Seit mehreren Jahren ist diese nach Auffassung des Verfassers grob kontraproduktive Entwicklung
klar zu beobachten, wobei sich hierdurch auch die
Spruchpraxis der einschlägigen Fachgerichtsbarkeit
zum Teil dramatisch verändert hat; nicht zuletzt durch
einen Generationswechsel in der personellen Besetzung
derselben. Synergetisch begleitet scheint dieses Szenario
von Fachzeitschriften zu werden, deren Herausgebergremien einer zur Gänze undefinierten und undifferenzierten „allgemeinen Internetfreiheit‘‘ einen pauschalen Vorrang vor fremden Ausschließlichkeitsrechten einzuräumen scheinen. Das geistige Eigentum des im quartären
Wirtschaftssektor schöpferisch tätigen Wirtschaftssubjekts wird im Einzelfall hierdurch ebenso entwertet, wie
die einschlägige Wirtschaftsleistung der forschenden und
entwickelnden Branchen in ihrer volkswirtschaftlichen
Gesamtheit. Von einer staatlichen Gewährung eines
wahrhaftigen Schutzes des geistigen Eigentums als betriebs- und volkswirtschaftlicher Größe kann in so machen Teilen schon gar keine Rede mehr sein, wie auch
von einem Leitbild einer Freiheit in Verantwortung. Dass
sich insoweit die Bundesjustizministerin, die sich im Übrigen dem soeben genannten Freiheitsleitbild ebenso verschieben hat, wie die historische Entwicklung des Gewerblichen Rechtsschutzes im Ganzen eine wegweisende
geistige Frucht des Liberalismus als solchen war, nun auf
der Grundlage unqualifizierter Massenpetitionen von notorischen Schutzrechtsverletzern zu einem Gesetzentwurf gegen einen vermeintlichen „Abmahnmissbrauch‘‘
hinreißen hat lassen, versinnbildlicht nur den Ernst der
Lage. Der Verfasser beharrt jedoch auf dem Standpunkt,
dass das der falsche Weg ist – um den Wirtschaftsstandort Deutschland im Wettbewerb einer sich im totalen
Umbruch befindlichen Weltwirtschaft als modernen
Wirtschaftsstandort zu behaupten. Das zukunftsweisende
Gebot der Stunde wäre im Gegenteil die Schaffung einer
Rechtsgrundlage – und eines entsprechenden Bewusstseins in Justizkreisen – zur rigorosen Durchsetzung der
gewerblichen Schutzrechte gegen eben diese hartnäckig
und missachtenden Marktstörer. Missbraucht wird hier
nämlich (in aller Regel) nicht das Rechtsinstitut der Abmahnung – sondern das der Petition.
Um in einer im Umbruch befindlichen Weltwirtschaftslage als moderner Industriestaat im Herzen Kontinentaleuropas Bestand haben zu können, muss man sich in
Deutschland wieder auf das Wesen der Kernbedeutung
des Gesamtsystems des Gewerblichen Rechtsschutzes
zurückbesinnen. Unverzichtbar wird hierfür sein, dass
man das seit über hundert Jahren bewährte Konzept unter
Beachtung der modernen Vorgaben des europäischen
Richtliniengebers bewahrt. Demzufolge verbietet sich
eine Verwässerung der materiell-rechtlichen Schutzrechtsgewährung ebenso, wie eine faktische Nichtumsetzung desselben durch die Fachgerichtsbarkeit sowie eine
Ausdünnung der Durchschlagkraft dieser Ausschließlichkeitsrechte im Wege einer hinderlichen Ausgestaltung
des einschlägigen Verfahrensrechts. Auch im Hinblick
auf das geradezu sakrosankt anmutende Postulat der allgemeinen Internetfreiheit wird man sich auf die Losung
einer Freiheit in Verantwortung zurückbesinnen müssen,
der die Achtung fremden geistigen Eigentums immanent
zu sein haben wird. Verabsäumt man dies im Wege einer
kurzsichtigen, oberflächlichen und populistischen Politik
unter dem Eindruck lärmender Massen, dann wird der
volkswirtschaftliche Folgeschaden mittelfristig enorm
sein. Die geniale Softwareprogrammiererin aus Indien
wird man wie den begnadeten Biotechnologen aus Israel
oder auch die milliardenschwere Investition aus Kuwait
nur dann anziehen und binden können, wenn man für einen perfekten Schutz der geistigen Schöpfungen sorgt,
welche diese genialen Köpfe erschaffen bzw. diese finanziell potenten Geldgeber ermöglichen. Auch solch
grundsätzliche Fragen wird man im Auge behalten müssen, sofern man sich mit dem Gewerblichen Rechtsschutz ernsthaft befassen möchte.
& Besonderheiten bei der Antragsfassung und der Abmahnung im Presse- und Äuße-
von Prof. Dr. Ralf Höcker, LL.M. (IP, London)/Ruben Engel*
Der Beitrag beleuchtet exemplarisch einige Fragen zur
Formulierung von Unterlassungsansprüchen im Bereich
des Presse- und Äußerungsrechts.
Auch äußerungsrechtliche Ansprüche sind so zu formulieren, dass sie der materiell-rechtlichen Anspruchsnorm
entsprechen und einen vollstreckungsfähigen Inhalt haben. Da der Streitgegenstand durch die Parteien bestimmt wird, hat es der Gläubiger durch die Formulierung seiner Anträge in der Hand, Umfang und Form des
Anspruchs zu bestimmen.
Unklarheiten oder gar Unrichtigkeiten gehen zu Lasten des Gläubigers. Zwar gibt der BGH dem Kläger/Antragsteller weitreichende Hilfestellungen, wenn das Begehrte und das Erklärte auseinanderfallen, so dass letzteres durch Auslegung „gerade gerückt‘‘ werden kann
(BGH, Urt. v. 7.6.2001 – I ZR 21/99, MDR 2002, 165):
Für die Auslegung von Prozesserklärungen, die der Senat auch als
Revisionsgericht selbst vornehmen kann (vgl. BGHZ 4, 328 [334];
BGH, Urt. v. 29.6.2000 – I ZR 29/98, MDR 2001, 343 = GRUR
2000, 907 [910] = WRP 2000, 1258 – Filialleiterfehler, m.w.N.), ist
aber – ebenso wie bei materiell-rechtlichen Willenserklärungen –
nicht allein der Wortlaut maßgebend. Entscheidend ist vielmehr der
erklärte Wille, wie er auch aus Begleitumständen und nicht zuletzt
der Interessenlage hervorgehen kann. Für die Auslegung eines Klageantrags ist daher auch die Klagebegründung heranzuziehen (vgl.
BGH, Urt. v. 1.12.1997 – II ZR 312/96, MDR 1998, 556 = NJWRR 1998, 1005). Im Zweifel gilt, was nach den Maßstäben der
Rechtsordnung vernünftig ist und der recht verstandenen Interessenlage entspricht (vgl. BGH, Urt. v. 6.6.2000 – VI ZR 172/99,
MDR 2000, 1334 = NJW 2000, 3287 [3289] m.w.N.).
Verlangt der Gläubiger jedoch mit seinem Antrag nach
§ 253 Abs. 2 Ziff. 2 ZPO mehr oder etwas anderes, als
ihm zusteht, wird der Antrag ganz oder teilweise zurückgewiesen.
Auch außergerichtlich kann die fehlerhafte Formulierung eines Anspruchsbegehrens negative (Kosten-)
Folgen haben. So entschied das OLG Köln, dass ein
falsch oder zu weit formuliertes Verbot in einer geforderten Unterlassungserklärung dazu führen kann, dass die
Abmahnung nicht mehr im Interesse des – rechtsunkundigen – Schuldners liegt, mit der Folge, dass der Schuldner keinen Anlass zur Einleitung gerichtlicher Schritte
gem. § 93 ZPO gegeben hat, wenn er die geforderte Unterlassungserklärung nicht abgegeben hat (OLG Köln,
Beschl. v. 20.5.2011 – 6 W 30/11, CR 2011, 616 = NJWRR 2011, 1345). Der Gläubiger sollte daher auch außergerichtlich vom Schuldner nicht zu viel verlangen, wenn
er die Kostenfolge des § 93 ZPO vermeiden will.
II. Formulierung des Unterlassungsgebots in Unterlassungserklärung/Unterlassungsantrag
Da im Presse- und Äußerungsrecht der Unterlassungsanspruch die mit Abstand größte Bedeutung besitzt, beschäftigt sich diese Darstellung mit der Geltendmachung
von Unterlassungsansprüchen. Dabei gelten die Ausführungen zu außergerichtlichen Unterlassungserklärungen
entsprechend auch für gerichtliche Antragsformulierungen und umgekehrt.
1. Wortberichterstattung
Die „klassische‘‘ Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung enthält im Bereich der Wortberichterstattung
B verpflichtet sich gegenüber A, es bei Meidung einer für jeden Fall der Zuwiderhandlung fälligen Vertragsstrafe von 5.100 A ab sofort zu unterlassen,
Bezeichnung der zu unterlassenden Tathandlung:
in Bezug auf A wörtlich oder sinngemäß zu behaupten und/oder zu veröffentlichen und/oder sonst verbreiten und/oder diese Handlungen durch Dritte vornehmen zu lassen:
Beraterhinweis: Die zu wählende Tathandlungsalternative ist davon abhängig, ob der Schuldner selbst aktiv
wurde („behaupten‘‘, „veröffentlichen‘‘) oder sich lediglich auf Äußerungen Dritter bezieht („verbreiten‘‘).3
Zitat der rechtswidrigen Äußerungen:
a) A ist ein Idiot
b) A gibt seine Steuererklärungen immer zu spät
c) A hat C bestohlen
Beraterhinweis: Es kann sinnvoll sein, den konkreten
Teil eines angegriffenen Satzes oder Wortes, der die Äußerung rechtswidrig macht, zum Zwecke der Konkretisierung des Unterlassungsbegehrens zu unterstreichen:
(...) in Bezug auf den Antragsteller zu behaupten und/oder zu verbreiten und/oder diese Handlungen durch Dritte vornehmen zu lassen, die 5. Große Strafkammer des LG Mannheim habe im Rahmen
der Verkündung des Urteils im Strafverfahren gegen den Antragsteller gesagt:
* Die Autoren sind Rechtsanwälte der Marken- und Medienrechtskanzlei HÖCKER in Köln (www.hoecker.eu). RA Prof.
Dr. Ralf Höcker, LL.M. ist auch Wissenschaftlicher Direktor
des Deutschen Instituts für Kommunikation und Recht im Internet an der Cologne Business School.
„Wir haben Restzweifel an der Schuld.‘‘
(LG Köln, Beschl. v. 23.12.2011 – 28 O 1081/11)3
Bezugnahme auf konkrete Verletzungsform
www.xyz.de in dem Artikel vom 1.1.2012 unter der
Überschrift „Schon wieder Vorwürfe gegen A‘‘.
Beraterhinweis: Ohne Bezugnahme auf die konkrete
Verletzungsform besteht die Gefahr, dass Äußerungen
einbezogen werden, die zwar im konkreten Fall rechtswidrig waren, jedoch in anderem Kontext rechtmäßig
sein könnten. Von der Unterlassungserklärung sind
trotzdem nicht nur identische, sondern auch kerngleiche Verstöße umfasst (Kerntheorie). Dies bedeutet,
dass auch dann ein Verstoß gegen das Unterlassungsversprechen vorliegt, wenn der Schuldner die Äußerungen
zwar nicht identisch, aber doch nahezu gleichartig wiederholt.3
Bei der Formulierung gerichtlicher Anträge werden
entsprechende Formulierungen verwendet. Allerdings wird das Vertragsstrafeversprechen durch die
Androhung gesetzlicher Ordnungsmittel ersetzt:
B wird unter Androhung eines Ordnungsgeldes bis
zu 250.000 A und für den Fall, dass dieses nicht beigetrieben werden kann, der Ordnungshaft oder der
Ordnungshaft bis zu sechs Monaten für jeden Fall
der Zuwiderhandlung verboten, (...)
a) Sonderfall: Hervorrufen eines Eindrucks
Manchmal ergibt sich die Rechtswidrigkeit einer Wortberichterstattung nicht unmittelbar aus den konkreten
Äußerungen, sondern aus dem Zusammenhang, in den
diese gesetzt werden. In derartigen Fällen ist ein Vorgehen gegen die isolierten Einzeläußerungen nicht
möglich. Es ist vielmehr der durch die Äußerungen erzeugte Eindruck anzugreifen:
Beschreibung des angegriffenen Eindrucks:
(...) durch die Formulierungen
1. Es gab eine Reihe von Bränden
2. A war in der Nähe jedes der Brandorte
3. A ist einschlägig vorbestraft
jeweils im Zusammenhang mit den Äußerungen
a) A hatte ein Motiv für die Brandlegung
b) Mehrere Zeugen meinen, A als Täter identifizieren zu können
c) Andere Tatverdächtige gibt es nicht
den Eindruck zu erwecken, A habe mehrere Brandstiftungen begangen
(LG Hamburg, Urt. v. 27.5.2011 – 324 O 246/10)
(...) in Bezug auf den Antragsteller den Eindruck zu erwecken, die
5. Große Strafkammer des LG Mannheim habe zum Ausdruck gebracht, sie sei überwiegend von der Schuld des Antragstellers überzeugt, wie nachstehend wiedergegeben:
„Das heißt, wir sind überwiegend von der Schuld überzeugt, bleiben aber Restzweifel.‘‘
(LG Köln, Beschl. v. 23.12.2011 – 28 O 1081/11)
b) Sonderfall: Gefahr mehrfacher vergleichbarer
Insbesondere in Fällen, in denen mehrfache Rechtsverletzungen drohen oder schon eingetreten sind, kann es
sinnvoll sein, die zu unterlassende Tathandlung ab-
strakt zu beschreiben und so „vor die Klammer zu
ziehen‘‘.
Abstrahierende Beschreibung „vor der Klammer‘‘:
(...) die Schuld- und Straffrage betreffende Einzelheiten aus der bei
der StA N. geführten Ermittlungsakte zum Strafverfahren gegen
den Verfügungskläger wegen des Verdachts der Vergewaltigung
hinsichtlich des Tat- und Nachtatgeschehens sowie der rechtsmedizinischen Untersuchung der mutmaßlichen Geschädigten zu veröffentlichen, (...)
(LG Köln, Urt. v. 12.5.2010 – 28 O 175/10, GRUR-RR
2010, 491)
über den Antragsteller identifizierend mit dem Namen „E3‘‘ und
der Abkürzung seines Nachnamens „I.‘‘ unter Beifügung des ihn
identifizierenden Bildnisses, das in dem Beitrag „BVerfG entscheidet: Kommt der Kehlheimer Joggerin-Mörder frei?‘‘ (E vom
29.4.2011) – Anlage K 1 – veröffentlicht ist, öffentlich in der Zeitung „E‘‘ oder im Internet auf der Seite www.E...de zu berichten,
(LG Köln, Urt. v. 7.9.2011 – 28 O 351/11)
Beraterhinweis: In diesem Fall ist die Bezugnahme auf
die konkrete Verletzungsform besonders ratsam, da so
Zweifel bei einer eventuellen Vollstreckung nicht entstehen können.3
Gegenüber der Wortberichterstattung ergeben sich beim
Vorgehen gegen Bildveröffentlichungen einige Besonderheiten, bspw. hinsichtlich der Formulierung der
(...) es ab sofort zu unterlassen, das Bildnis des A, das ihn beim
Sonnenbaden auf dem Hausgrundstück in Y zeigt, ohne dessen Zustimmung zu verbreiten und/oder öffentlich zur Schau zu stellen
und/oder diese Handlungen durch Dritte vornehmen zu lassen,
wenn dies geschieht, wie auf der Internetseite www.xyz.de in dem
Artikel vom 1.1.2012 unter der Überschrift „A schon wieder beim
Sonnenbaden erwischt‘‘.
(OLG Köln, Urt. v. 21.12.2010 – 15 U 105/10)
Die Änderungen hinsichtlich der zu formulierenden Tathandlung ergeben sich aus § 22 KUG. Dies gilt hinsichtlich der Tatbestandsalternativen der – körperlichen –
„Verbreitung eines Bildnisses‘‘ bzw. der – unkörperlichen
– „öffentlichen Zurschaustellung‘‘ und hinsichtlich des
Erfordernisses der fehlenden Einwilligung.
Beim Vorgehen gegen eine Bildberichterstattung ist die
Bezugnahme auf die konkrete Verletzungsform in der
Regel zwingend erforderlich. Denn die ursprünglich im
Wettbewerbsrecht entwickelte „Kerntheorie‘‘ ist auf
die Bildberichterstattung nicht übertragbar (BGH,
Urt. v. 1.7.2008 – VI ZR 243/06, MDR 2008, 1213). Ein
Bild, das im angegriffenen Kontext einer bestimmten
Wortberichterstattung nicht gezeigt werden darf, mag in
einem anderen Kontext gezeigt werden dürfen. Solange
es diese theoretische Möglichkeit gibt, ist ein Per-Se-Verbot der Bildberichterstattung nicht möglich. Ein solches
kann es nur geben, wenn eine Rechtfertigung durch die
Wortberichterstattung schlicht unmöglich ist, vor allem,
weil die Rechtsverletzung durch die Bildberichterstattung so schwerwiegend ist, dass kein Wortbeitrag eine
solche „auffangen‘‘ kann.
Beraterhinweis: Beim Vorgehen gegen eine Bildberichterstattung ist die Bezugnahme auf die konkrete
Verletzungsform fast immer zwingend erforderlich.3
Doch nicht nur Fotografien, sondern auch Videoaufnahmen können Gegenstand der Unterlassungserklärung
bzw. des Verbotsantrags sein:
(...) untersagt, den Beitrag der Antragsgegnerin aus der Sendung
„YY‘‘ vom xx.xx.xxx zu veröffentlichen und/oder zu verbreiten
und/oder diese Handlungen durch Dritte vornehmen zu lassen, soweit darin heimlich aufgenommene Bildnisse aus den der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Betriebsräumen der Antragstellerin gezeigt werden,
(KG, Urt. v. 22.9.2011 – 10 U 131/10)
Sandra Roeseler (Redaktionsassistentin), Anschrift des Verlages,
Tel. 0221/9 37 38-169 (Redaktions-Sekr.) bzw. -499 (Vertrieb/
Abonnementsverwaltung), Fax 0221/9 37 38-903 (RedaktionsSekr.) bzw. -943 (Vertrieb/Abonnementsverwaltung), E-Mail:
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Verlag Dr. Otto Schmidt KG, Gustav-Heinemann-Ufer 58,
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Anzeigenleitung: Thorsten Deuse, Tel. 0221/93738-421, Fax
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Arbeitsgemeinschaft Geistiges Eigentum & Medien im Deutschen Anwaltverein (AGEM) jährlich 144,– A), Einzelheft
16,90 A. Alle Preise verstehen sich inkl. gesetzlicher MwSt. sowie zzgl. Versandkosten. Die Rechnungsstellung erfolgt jährlich zu Beginn des Bezugszeitraumes für das aktuelle Kalenderjahr (ggf. anteilig).
Das Presse- und Äußerungsrecht kennt hinsichtlich der
präzisen Formulierung des konkreten Unterlassungsbegehrens eine Reihe von Besonderheiten und zwar sowohl in der Wort- als auch in der Bildberichterstattung.
Die Kenntnis dieser Besonderheiten ist bereits bei der
Formulierung von Abmahnungen insbesondere aber im
gerichtlichen Verfahren erforderlich, um ein vollständiges oder partielles Unterliegen in der Sache und sogar im
Falle eines vollständigen Obsiegens vor Gericht eine negative Kostenfolge zu vermeiden.
Bestellungen bei jeder Buchhandlung sowie beim Verlag. Kündigungstermin für das Abonnement 6 Wochen vor Jahresschluss.
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References: BGH 
 EuGH 

BGH 

BGH 
 EuGH 
 BGH 
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
 BGH

 § 26

§ 26
 BGH 
 EuGH 
 EuGH 

BGH 
 BGH 
 § 312

Art. 246
 § 1
 § 312

§ 321
 § 312
 BGH 

BGH 
 EuGH 
 EuGH 
 EuGH

 Art. 5
 EuGH 
 § 160
 § 160
 Art. 51
 EUG 
 Art. 76
 EuG 
 Art. 76
 EuG 
 EuG 
 Art. 7
 EuG 
 Art. 7
 Art. 7

Art. 7
 Art. 7
 Art. 7
 Art. 7
 Art. 7
 Art. 7

Art. 7

EuG 
 Art. 7
 Art. 7
 BGH 
 § 40
 BGH 
 § 51
 § 40
 § 38
 § 38
 BGH

 § 100
 § 100
 BGH 
 § 18
 § 100
 § 100
 § 100
 § 100
 § 15
 BGH 
 § 100
 § 100

§ 100
 BGH 
 § 100
 BGH 
 BGH 

§ 100
 BGH 
 BGH 
 BGH 

BGH 
 BGH 
 BGH 
 § 100
 § 100
 § 559
 BGH 
 § 114
 Art. 1
 § 823
 § 23
 § 23

§ 22
 BGH 
 Art. 5
 BGH 
 Art. 5
 § 22
 BGH

 § 11
 § 11
 BGH 
 BGH

 § 4
 BGH 
 § 4
 BGH 
 BGH 
 § 4
 § 4
 BGH 
 § 4
 § 4
 § 4
 § 4
 BGH 

§ 4
 BGH 
 § 4
 § 101
 Art. 101

§ 10
 § 8
 BGH 
 § 174
 § 45
 § 97
 § 97
 § 101
 § 97
 § 97
 § 97
 BGH 
 BGH 

§ 253
 § 93
 § 93
 § 22
 § 15
 BGH 
 § 323