Source: https://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_EuGH-Vorlage_mit_der_Frage_des_Schutzes_von_Scheinbewerbern_durch_das_EU-Antidiskriminierungsrecht_BAG_8AZR848-13_Nils_Kratzer_u.html
Timestamp: 2019-06-19 21:05:08+00:00

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BAG, Beschluss vom 18.06.2015, 8 AZR 848/13 (A) - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Be­schluss vom 18.06.2015, 8 AZR 848/13 (A)
Aktenzeichen: 8 AZR 848/13 (A)
Leitsätze: I. Dem Gerichtshof der Europäischen Union werden gem. Art. 267 AEUV folgende Fragen vorgelegt:
Sind Art.3 Abs.1 Buchst.a) der Richtlinie 2000/78/EG des Rates vom 27. November 2000 zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf und Art.14 Abs.1 Buchst.a) der Richtlinie 2006/54/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. Juli 2006 zur Verwirklichung des Grundsatzes der Chancengleichheit und Gleichbehandlung von Männern und Frauen in Arbeits- und Beschäftigungsfragen (Neufassung) dahin gehend auszulegen, dass auch derjenige „Zugang zur Beschäftigung oder zu abhängiger Erwerbstätigkeit“ sucht, aus dessen Bewerbung hervorgeht, dass nicht eine Einstellung und Beschäftigung, sondern nur der Status als Bewerber erreicht werden soll, um Entschädigungsansprüche geltend machen zu können?
Nachgehend Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 28.07.2016, C-423/15 (Nils Kratzer)
7 Sa 1257/12 Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt
te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Win­ter so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter von Schuck­mann und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Dr. Schim­mer be­schlos­sen:
Sind Art. 3 Abs. 1 Buchst. a) der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf und Art. 14 Abs. 1 Buchst. a) der Richt­li­nie 2006/54/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 5. Ju­li 2006 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Chan­cen­gleich­heit und Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en in Ar­beits- und Beschäfti­gungs­fra­gen (Neu­fas­sung) da­hin ge­hend aus­zu­le­gen,
Die Par­tei­en strei­ten vor al­lem um Entschädi­gungs­ansprüche des Klägers, da­ne­ben auch um Er­satz des ma­te­ri­el­len Scha­dens und um Un­ter­las­sungs­ansprüche, weil der Kläger der Auf­fas­sung ist, bei der Ab­leh­nung sei­ner
Be­wer­bung um ei­ne aus­ge­schrie­be­ne Stel­le we­gen sei­nes Al­ters und sei­nes Ge­schlechts dis­kri­mi­niert wor­den zu sein.
am 11. Ju­ni 2009 bei der Be­klag­ten schrift­lich ei­nen Entschädi­gungs­an­spruch in Höhe von 14.000,00 Eu­ro we­gen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung gel­tend. Dar­auf­hin lud ihn die Be­klag­te für An­fang Ju­li 2009 zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch bei ih­rem Per­so­nal­lei­ter ein. Die Ab­sa­ge sei „au­to­ma­tisch ge­ne­riert“ wor­den und ha­be „so nicht den In­ten­tio­nen ent­spro­chen“. Der Kläger lehn­te die Ein­la­dung ab und schlug vor, nach Erfüllung des von ihm gel­tend ge­mach­ten Entschädi­gungs­an­spru­ches dann „sehr rasch über mei­ne Zu­kunft bei der Ver­si­che­rung“ zu spre­chen.
Die Richt­li­ni­en zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung und der An­ti­dis­kri­mi­nie­rung wur­den im deut­schen Recht mit dem All­ge-mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) vom 14. Au­gust 2006 (BGBl. I S. 1897) um­ge­setzt.
Die Be­nach­tei­li­gung aus ei­nem die­ser Gründe ist ver­bo­ten, § 7 Abs. 1 AGG:
Nach dem deut­schen Zi­vil­pro­zess­recht trägt grundsätz­lich der An­spruch­stel­ler die Dar­le­gungs­last und die Be­weis­last. Ein Kläger muss al­so die den An­spruch be­gründen­den Tat­sa­chen dar­le­gen und im Streit­fall auch be­wei­sen. Für den Rechts­schutz bei Dis­kri­mi­nie­run­gen sieht je­doch § 22 AGG ei­ne Er­leich­te­rung der Dar­le­gungs­last und ei­ne Be­weis­last­um­kehr vor:
C. Er­for­der­lich­keit der Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs
Für die Ent­schei­dung des Rechts­streits kommt es auf die Aus­le­gung von Art. 3 Abs. 1 Buchst. a) der Richt­li­nie 2000/78/EG und Art. 14 Abs. 1
Buchst. a) der Richt­li­nie 2006/54/EG an. Zu berück­sich­ti­gen sind wei­ter Art. 21 Abs. 1, Art. 23 und Art. 25 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on.
ber tatsächlich ge­wollt ist. Dies ist ei­ne al­lein dem Ge­richts­hof ob­lie­gen­de Aus­le­gungs­fra­ge, zu der Recht­spre­chung nicht vor­liegt.
D. Erörte­rung der Vor­la­ge­fra­gen
Zur Durch­set­zung und Um­set­zung des Uni­ons­rechts zum Grund­satz der Gleich­be­hand­lung und zum Schutz vor Dis­kri­mi­nie­run­gen neh­men im deut­schen Recht die Ansprüche auf Er­satz des ma­te­ri­el­len Scha­dens (§ 15 Abs. 1 AGG) und auf Er­satz des Scha­dens, der nicht Vermögens­scha­den ist (§ 15 Abs. 2 AGG) zu­sam­men mit der Be­weis­last­re­ge­lung des § 22 AGG ei­ne zen­tra­le Rol­le ein. Mit die­sen Be­stim­mun­gen folgt der deut­sche Ge­setz­ge­ber den Vor­ga­ben der ein­schlägi­gen Richt­li­ni­en (Richt­li­nie 2000/43/EG, Richt­li­nie 2000/78/EG und Richt­li­nie 2006/54/EG) und der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs (ua. EuGH 22. April 1997 - C-180/95 - [Draehm­pa­ehl] Rn. 24, 39 f., Slg. 1997, I-2195). Der be­son­ders aus­ge­stal­te­te An­spruch auf Entschädi­gung erfüllt die For­de­run­gen des Uni­ons­rechts „nach ei­ner wirk­sa­men und ver­schul­dens­un­abhängig aus­ge­stal­te­ten Sank­ti­on bei Ver­let­zung des Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­tes durch den Ar­beit­ge­ber“ (Be­gründung zu § 15 Abs. 2 AGG, BT-Drs. 16/1780 S. 38). Auf der Grund­la­ge von § 22 AGG müssen zur Um­kehr der Be­weis­last (le­dig­lich) In­di­zi­en dar­ge­legt wer­den, die ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen. Da­bei darf im Hin­blick auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kei­ner der ver­bo­te­nen An­knüpfungs­gründe (hier: Ge­schlecht, Al­ter) in ir­gend­ei­ner Art und Wei­se Be­stand­teil des „Mo­tivbündels“ bei der Aus­wah­l­ent­schei­dung sein.
für das­sel­be Be­wer­bungs­ver­fah­ren ei­ne Entschädi­gung gel­tend ma­chen, § 61b Abs. 2 ArbGG. Wie im vor­lie­gen­den Fall wer­den Kla­gen zu § 15 Abs. 2 AGG nicht sel­ten auf For­mu­lie­run­gen in Stel­len­aus­schrei­bun­gen gestützt.
For­mu­lie­rung ei­nen An­schein von Dis­kri­mi­nie­rung er­we­cken, steht dies ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ei­nem Entschädi­gungs­an­spruch nicht ent­ge­gen. Der Se­nat sieht den Kläger je­doch nicht als „Be­wer­ber“/„Beschäftig­ter“ im Sin­ne von § 6 Abs. 1 Satz 2 AGG an, da er ei­ne Be­wer­bung ein­ge­reicht hat, de­ren For­mu­lie­rung dem An­for­de­rungs­pro­fil der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le voll­kom­men zu­wi­derläuft. Er hat da­mit die Ab­leh­nung sei­ner Be­wer­bung pro­vo­ziert. Der Kläger hat al­lein for­mal ei­nen Be­wer­ber­sta­tus an­ge­strebt. Es ging ihm dar­um, als ab­ge­lehn­ter Be­wer­ber ei­ne Entschädi­gungs­zah­lung gel­tend zu ma­chen. Dies fällt nach Auf­fas­sung des Se­nats nicht in den Schutz­be­reich des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung und des Dis­kri­mi­nie­rungs­schut­zes.
Auch der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ist zu ent­neh­men, dass die na­tio­na­len Ge­rich­te un­ter be­stimm­ten Umständen im Ein­zel­fall das miss­bräuch­li­che oder betrüge­ri­sche Ver­hal­ten der Be­trof­fe­nen auf der Grund­la­ge ob­jek­ti­ver Kri­te­ri­en in Rech­nung stel­len können, um ih­nen ge­ge­be­nen­falls die Be­ru­fung auf das ein­schlägi­ge Uni­ons­recht zu ver­weh­ren; sie ha­ben je­doch bei der Würdi­gung ei­nes sol­chen Ver­hal­tens die Zie­le der frag­li­chen Be­stim­mun­gen zu be­ach­ten (EuGH 22. De­zem­ber 2010 - C-303/08 - [Boz­kurt] Rn. 47, Slg. 2010, I-13445; 9. März 1999 - C-212/97 - [Cen­tros] Rn. 25, Slg. 1999, I-1459; 2. Mai 1996 - C-206/94 - [Pa­let­ta] Rn. 25, Slg. 1996, I-2357).
v. Schuck­mann Dr. Ron­ny Schim­mer
zur Übersicht 8 AZR 848/13 (A)

References: Art. 267
 Art.3
 Art.14
 Art. 3
 Art. 14
 § 7
 § 22
 Art. 3
 Art. 14
 Art. 21
 Art. 23
 Art. 25
 § 22
 EuGH 
 § 15
 § 22
 § 61
 § 15
 § 6