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Timestamp: 2017-04-26 19:33:57+00:00

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Florian Zihler*ZihlerPraxisänderung des Bundesgerichts bei der
­handelsregisterrechtlichen Eintragungspflicht
landwirtschaftlicher Einzelunternehmer
II.	Bisherige Praxis des BundesgerichtsI.	III.	Praxisänderung: Bundesgerichtsurteil vom
IV.	Persönliche Beurteilung der PraxisänderungEinleitungMit seinem Urteil vom 13. März 20091 hat das Bundesgericht eine grundlegende
Praxisänderung bei der Beurteilung der handelsregisterrechtlichen Eintragungspflicht von Inhabern landwirtschaftlicher Einzelunternehmen vorgenommen.
Im Folgenden wird zuerst die bisherige bundesgerichtliche Praxis zusammengefasst (Ziff. II.), damit der Umfang der Praxisänderung verständlich wird.
Dann wird die neue Praxis detailliert dargelegt (Ziff. III) und schliesslich folgt
eine persönliche Beurteilung dieser Neuorientierung samt einem Versuch, die
Frage nach den allfälligen Folgen zu beantworten (Ziff. IV).II.	Bisherige Praxis des BundesgerichtsEinzelunternehmer der Land- und Forstwirtschaft blieben nach ständiger Praxis
des Bundesgerichts bisher grundsätzlich ausserhalb des Handelsrechts. Sie wurden den Handelsgärtnereien und Baumschulen, die aufgrund ihrer geschäftlichen
Aktivitäten den nach kaufmännischer Art geführten Gewerben gemäss Art. 53
Bst. C aHRegV2 zugerechnet wurden,3 gegenüber gestellt und mussten sich nicht
ins Handelsregister eintragen lassen.4 Der Hauptgrund für die SonderbehandlungDer Autor ist Rechtsanwalt, Dr. iur., LL.M.
Eur. und wissenschaftlicher Mitarbeiter des
Eidg. Amts für das Handelsregister (EHRA)
in Bern. Er vertritt im vorliegenden Aufsatz
seinen persönlichen Standpunkt. Seinem Vater
Dr. Jürg Zihler dankt er für wertvolle redak­
tionelle Hinweise.
1	Entscheid des Bundesgerichts vom 13. März
2009 (4A_584/2008) = BGE 135 III 304. Vgl.
NZZ vom 8. April 2009, Nr. 82, S. 17 («Grossbauern gehören ins Handelsregister»).
*	48Handelsregisterverordnung vom 7. Juni
1937 (in Kraft gewesen bis zum 31. Dezember
3	BGE 78 I 63 E. 3, S. 68; BGE 81 I 78 E. 2,
S. 80; BGE 97 I 417 E. 2, S. 419.
4	BGE 97 I 417 E. 2, S. 419 m. w. H. Vgl.
Eduard His, Berner Kommentar Obligationenrecht, Art. 927–964, VII.4, Bern 1940,
Art. 934 N. 34 ff.
2	REPRAX 3/0957711_Buch_Reprax_3-09.indb 4810.09.09 14:18III.	Praxisänderung: Bundesgerichtsurteil vom 13. März 2009A)	SachverhaltLandwirtschaftliche Einzelunternehmerder traditionellen Landwirtschaftsbetriebe lag darin, dass sie von der persönlichen
Arbeit des Landwirts und seiner engsten Verwandten lebten und nicht schwergewichtig Kapital und externe Arbeitskräfte einsetzten. Zudem spielte die Selbstversorgung eine wichtige Rolle.5
Eine Eintragungspflicht wurde hingegen bejaht, wenn mit den erzeugten Produkten ein Grosshandel betrieben wurde6 oder der Landwirtschaftsbetrieb nur ein
Nebengewerbe eines dem gleichen Inhaber gehörenden, eintragungspflichtigen
Hauptgewerbes darstellte.7 Trotzdem wurden – bei der Erhebung der Kriegsgewinnsteuer8 – selbst ausgesprochene Grossbetriebe9 den steuerpflichtigen Personen, die ein Gewerbe betreiben oder sonst wie gewerbsmässig Geschäfte abschliessen, nicht gleichgestellt.10Der Beschwerdeführer war – gestützt auf die unbestrittenen Sachverhaltsabklärungen der Vorinstanzen11 – Inhaber eines Gemüsebaubetriebs mit 15 Angestellten. Zum fraglichen Zeitpunkt wurde zudem ein stellvertretender Betriebsleiter
gesucht. Der Betrieb des Beschwerdeführers produzierte in Treibhäusern vorwiegend Tomaten, Gurken und Salate in sehr grossen Mengen und brachte diese in
den Handel. Ständige Hauptabnehmerin war die MIGROS. Zudem existierte ein
betriebseigener Verkaufsladen.12 Viele der Informationen entnahmen die Vorinstanzen der Homepage des Beschwerdeführers, u.a. aus Fotos und aus der Betriebsgeschichte. Dass die jährlichen Roheinnahmen mehr als 100 000 Franken
betrugen, hat der Beschwerdeführer nie bestritten.
Gestützt auf eine Überweisung des Handelsregisterführers des Kantons Aargau verfügte die Justizabteilung des Departements Volkswirtschaft und Inneres alsBGE 78 I 63 E. 3, S. 68; BGE 135 III 304
E. 5.4, S. 313. Vgl. Robert Patry, Handelsrecht, 8. Band/1. Halbband, Basel/Stuttgart
1976, § 5 Ziff. 4.a) mit weiteren Gründen.
6	Der Begriff «Grosshandel» wurde vom
Bundesgericht nie abstrakt umschrieben, sondern gestützt auf reine Kasuistik angewandt
(BGE 135 III 304 E. 5.3.1, S. 311).
7	BGE 110 Ib 24 E. 2.b, S. 26; BGE 135
III 304 E. 5.3, S. 310 f. Vgl. Arthur MeierHayoz/Peter Forstmoser, Schweizerisches
Gesellschaftsrecht, 10. Auflage, Bern 2007,
§ 4 N. 47; Karl Rebsamen, Das Handelsregister – Ein Handbuch für die Praxis, 2. Auflage,
Bern 1999, S. 22, N. 86.
8	Entscheid des Bundesgerichts vom 22. Oktober 1948 (Anm. 9), S. 7 f., E. 1.
9	Die zu beurteilende Genossenschaft für
Gemüsebau bewirtschaftete in elf Betrieben
5	mehr als 1300 Hektaren, erzeugte Bodenprodukte, insbesondere Kartoffeln, im Umfang
von 24 900 Tonnen, hielt u.a. 370 Rinder und
1050 Schweine, beschäftigte über 600 Personen und verfügte über zwei Verkaufsfilialen
in Zürich und Luzern (nicht publizierter Entscheid des Bundesgerichts vom 22. Oktober
1948 [A 204/EZ], S. 2 f., Bst. A. Vgl. hiezu
auch BGE 97 I 417 E. 2, S. 419.
10	Entscheid des Bundesgerichts vom 22. Oktober 1948 (Anm. 9), S. 10 ff., E. 2.
11 Verfügung des Departements Volkswirtschaft und Inneres, Justizabteilung, des Kantons Aargau vom 7. April 2008 (DVIJA.08.581/40.04.42), Ziff. 6 f.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons
Aargau vom 3. November 2008 (WBE.2008.
138), Ziff. II.1.5.
12	BGE 135 III 304 E. 5.3.2, S. 312.
REPRAX 3/0957711_Buch_Reprax_3-09.indb 494910.09.09 14:18kantonale Aufsichtsbehörde,13 dass der Beschwerdeführer eintragungspflichtig sei
und beauftragte den Handelsregisterführer, die entsprechende Eintragung vorzunehmen. Die dagegen erhobene Beschwerde an das kantonale Verwaltungsgericht
wurde abgewiesen, woraufhin der Beschwerführer ans Bundesgericht gelangte.14ZihlerB)	Verfahrensrechtliche AspekteDer Beschwerdeführer erhob zu Recht die Beschwerde in Zivilsachen, da es sich
um einen öffentlich-rechtlichen Entscheid handelt, der in unmittelbarem Zusammenhang mit Zivilrecht steht (Art. 72 Abs. 2 Bst. b BGG15). Zudem ist das
Handelsregister(amt) in Ziff. 2 explizit erwähnt.16
Das Bundesgericht qualifizierte den Streitgegenstand als vermögensrechtlich, da der Rechtsgrund des Beschwerdebegehrens, der handelsregisterrechtlichen Eintragungspflicht zu entgehen, mit einem vermögensrechtlichen Rechtsverhältnis eng verbunden ist und weil mit der Beschwerde ein wirtschaftlicher
Zweck verfolgt wird.17
Anders als beim bis Ende 2006 geltenden Bundesrechtspflegegesetz (OG)
muss neu auch bei letztinstanzlichen Entscheiden über Verfügungen der kantonalen Aufsichtsbehörden betreffend das Handelsregister ein Streitwert von mindestens 30 000 Franken (Art. 74 Abs. 1 Bst. b BGG) erreicht werden.18 Entgegen
Art. 112 Abs. 1 Bst. d BGG enthielt das Urteil des kantonalen Verwaltungsgerichts
keine Angaben zum Streitwert. Unter Anwendung von Art. 51 Abs. 2 BGG stellte das Bundesgericht – entsprechend einem früheren Fall zur Eintragungspflicht
eines Zahnarztes19 – angesichts der wirtschaftlichen Auswirkungen der Eintragung des Gemüsebaubetriebs in das Handelsregister fest, der Streitwert übersteige
30 000 Franken.20
13 In casu wurde Art. 58 Abs. 1 aHRegV angewandt. Deshalb stammte die Verfügung von
der kantonalen Aufsichtsbehörde. Unter geltendem Recht darf der Handelsregisterführer
selber verfügen (Art. 152 Abs. 5 HRegV).
14	BGE 135 III 304 Bst. A.
15 Bundesgesetz vom 17. Juni 2005 über das
Bundesgericht (Bundesgerichtsgesetz, BGG,
SR 173.110).
16 Entscheid des Bundesgerichts vom 13. März
2009 (4A_584/2008), E. 1.1.
17 Entscheid des Bundesgerichts vom 13. März
18 BGE 133 III 368 E. 1.3.1, S. 371: «Sous
réserve des exceptions prévues à l’art. 74 al. 2
LTF [BGG], cette exigence s’applique à toutes
les affaires pécuniaires sujettes au recours en
matière civile, y compris en ce qui concerne
les décisions prises en application de normes
de droit public dans des matières connexes au
droit civil (art. 72 al. 2 let. b LTF). Cela vaut
donc aussi pour les décisions qui, sous l’ancien droit, étaient sujettes au recours de droit50administratif indépendamment de la valeur litigieuse, telles que celles rendues par les autorités cantonales de surveillance du registre du
commerce (art. 97 et 98 let. g OJ [OG], art. 5
ORC [HRegV]; ATF 121 III 368 consid. 1),
19	Entscheid des Bundesgerichts vom 21. Januar 2009 (4A_526/2008), E. 2.1. Vgl. Rino
Siffert/Florian Zihler, Handelsregisterrecht,
Entwicklungen 2008/09, njus.ch, Bern 2009,
S. 61 ff.
20	Entscheid des Bundesgerichts vom 13. März
2009 (4A_584/2008), E. 1.1. Hiezu liefert das
Bundesgericht – ausser dem erwähnten allgemeinen Hinweis auf die wirtschaftlichen
Auswirkungen der Eintragung – leider keine
Begründung. Dem Ergebnis, dass die Streitwertgrenze von 30 000 Franken bei Verfahren rund um die Eintragungspflicht gemäss
Art. 36 HRegV überschritten wird, ist aber zuzustimmen, da es den Weg ans Bundesgericht
öffnet.REPRAX 3/0957711_Buch_Reprax_3-09.indb 5010.09.09 14:18Materielle Erwägungen1.	Anwendung der alten/neuen Handelsregisterverordnung
Gestützt auf Art. 180 HRegV wurde nicht Art. 36 HRegV angewandt, sondern die
entsprechende altrechtliche Bestimmung von Art. 53 Bst. C aHRegV. Die Praxisänderung ist folglich nicht das Ergebnis des neu formulierten Art. 36 HRegV, sondern basiert auf einer neuen richterlichen Auslegung von Art. 53 Bst. C aHRegV,
die sich jedoch direkt auf Art. 36 HRegV übertragen lässt. Das Bundesgericht hält
dies explizit fest:
«Ohnehin wäre der vorliegende Fall nicht anders zu beurteilen, wenn er aufgrund der Bestimmung über die Eintragungspflicht in Art. 36 der neuen HRegV beurteilt würde, wie
sich aus den nachfolgenden Erwägungen ergibt (…).»21Landwirtschaftliche EinzelunternehmerC)	Auch hinsichtlich des Verhältnisses von Art. 934 OR zu Art. 934 aOR hat das
Bundesgericht – gestützt auf die Botschaft des Bundesrats22 – bestätigt, dass es
sich um keine materielle Änderung handelt.
Unzutreffend ist folglich die Feststellung, wonach wegen des teilweise neu
formulierten Art. 36 HRegV, der auf die allgemeine Umschreibung des Handelsund Fabrikationsgewerbes23 verzichtet, 65 000 Bauern von einer Neueintragung
betroffen wären.24 Trotz der Praxisänderung des Bundesgerichts (nachfolgend
Ziff. 2 ff.) werden viele landwirtschaftliche Einzelnunternehmer weiterhin nicht
eintragungspflichtig sein.
2.	Kern der Praxisänderung
Das Bundesgericht gibt seine oben dargestellte25 langjährige Rechtsprechung auf,
wonach Landwirtschaftsbetriebe und diesen gleich gestellte Gemüsebaubetriebe
von der Pflicht zur Eintragung in das Handelsregister grundsätzlich befreit sind.BGE 135 III 304 E. 3, S. 306.
Botschaft vom 19. Dezember 2001 zur Revision des Obligationenrechts (GmbH-Recht
sowie Anpassungen im Aktien-, Genossenschafts-, Handelsregister- und Firmenrecht),
BBl 2002 3148, 3238.
23 Vgl. Art. 53 Bst. A und B aHRegV:
«A. Zu den Handelsgewerben gehören insbesondere: 1. der Erwerb von unbeweglichen und beweglichen Sachen irgendwelcher
Art und die Wiederveräusserung derselben
in unveränderter oder veränderter Form (der
Hausierhandel wird nicht zu den Handelsgewerben gerechnet); 2. der Betrieb von Geld-,
Wechsel-, Effekten-, Börsen- und Inkassogeschäften; 3. die Tätigkeit als Kommissionär,
Agent und Makler; 4. Treuhand- und Sachwaltergeschäfte; 5. die Beförderung von Personen
und Gütern irgendwelcher Art und die Lagerung von Handelsware; 6. die Vermittlung
von Nachrichten und die Auskunftserteilung
21 22 irgendwelcher Art und in irgendeiner Form;
7. die Versicherungsunternehmungen; 8. die
B. Fabrikationsgewerbe sind Gewerbe, die
durch Bearbeitung von Rohstoffen und andern
Waren mit Hilfe von Maschinen oder andern
technischen Hilfsmitteln neue oder veredelte
Erzeugnisse herstellen.»
24 Manfred Küng, Bauern und Hebammen
ins Handelsregister? – Wie sich ein obsolet gewordenes Amt neue Aufgaben sichern will, in:
NZZ vom 27. September 2007, Nr. 234, S. 29.
Derselbe Autor hat nur wenige Jahre zuvor die
grundsätzliche Verneinung der Eintragungspflicht von Landwirten deutlich kritisiert, da
sie auf einem überkommenen Bild der landwirtschaftlichen Berufsarten basiere (Man­
fred Küng, Berner Kommentar OR, Art. 927–
943, VIII.1.1, Bern 2001, Art. 934 N. 54).
25 Vgl. oben Ziff. II.REPRAX 3/0957711_Buch_Reprax_3-09.indb 515110.09.09 14:18ZihlerWie bei Inhabern von Handwerksbetrieben bzw. von Handelsgärtnereien und
Baumschulen, ist von nun an zu beurteilen, ob nach den gesamten Umständen
im Einzelfall ein bedeutendes Gewerbe vorliegt, das im Sinne von Art. 53 Bst. C
aHRegV nach Art und Umfang einen kaufmännischen Betrieb und eine geordnete
Buchführung erfordert, sodass eine Eintragungspflicht zu bejahen ist.
Auf Art. 36 i.V.m. Art. 2 Bst. b HRegV übertragen, bedeutet dies für die
Beurteilung der Eintragungspflicht: Betreibt ein landwirtschaftlicher Einzelunternehmer ein nach kaufmännischer Art geführtes Gewerbe und erzielt er dabei
Roheinnahmen von über 100 000 Franken (Jahresumsatz), so ist er eintragungspflichtig.26
3.	Gründe für die Praxisänderung
Das Bundesgericht begründet die Abweichung von seiner langjährigen Rechtsprechung, dass Landwirtschaftsbetriebe und ihnen gleichgestellte Gemüsebaubetriebe von der Pflicht zur Eintragung ins Handelsregister grundsätzlich befreit sind,
mit folgenden zwei Argumenten:
–	Ursprung der Rechtsprechung: Das Bild der Landwirtschaft, das der bisherigen Praxis zugrunde lag, ist dasjenige einer Bauernwirtschaft, die vorwiegend auf Familienbetriebe und Selbstversorgung ausgerichtet ist und die
ohne oder mit nur wenigen fremden Arbeitskräften auskommt. Dieses Bild
ist heute in vielen Fällen überholt, da die Landwirte eigentliche Unternehmer
sind, deren Aktivitäten sich nicht mehr von denjenigen anderer zur Eintragung verpflichteter Gewerbetreibenden unterscheidet, indem sie ihre Betriebe nach kaufmännischen Methoden führen, über bedeutende und kostspielige
technische Hilfsmittel verfügen und eine grössere Zahl von Arbeitnehmern
beschäftigen. Es rechtfertigt sich daher nicht mehr, Landwirtschafts- und Gemüsebaubetriebe nur bei Erfüllen einiger spezieller Kriterien – namentlich
bei Vorliegen eines Grosshandels mit den Erzeugnissen – der Eintragungspflicht zu unterstellen.
–	Zweck und Wirkung des Handelsregistereintrags: Im Interesse der Geschäftstreibenden und des Publikums im Allgemeinen sind die rechtserheblichen
Tatsachen kaufmännischer Betriebe27 allgemein bekannt zu machen. Der
Handelsregistereintrag führt zudem zur Konkurs- und Wechselbetreibungsfähigkeit und zur Buchführungspflicht.
4.	Indizien für ein nach kaufmännischer Art geführtes Gewerbe
Mit Hinweis insbesondere auf einen älteren Entscheid, bei dem die Eintragungspflicht eines Inhabers einer Baumschule bejaht worden war,28 und auf diverse Au-26	Vgl. zu den meistens unbestrittenen Tatbestandselementen der «Selbstständigkeit»
und der «Dauer» gemäss Art. 2 Bst. B: MeierHayoz/Forstmoser (Anm. 7), § 4 N. 37 ff.52Vgl. etwa Art. 38 f. und Art. 158 ff. HRegV.
Detailliert: Hans-Ueli Vogt/Giulio Donati,
Die Pflicht zur Eintragung ins Handelsregister
bei freien Berufen und landwirtschaftlichen
Betrieben, GesKR 3/2009, S. 397.
28 BGE 81 I 78 E. 2, S. 80 f.
27	REPRAX 3/0957711_Buch_Reprax_3-09.indb 5210.09.09 14:18Landwirtschaftliche Einzelunternehmertoren führt das Bundesgericht folgende Indizien zur Bejahung eines nach kaufmännischer Art geführten Gewerbes der Landwirtschaft auf:29
–	Der Betriebsinhaber beschäftigt Personal und erledigt die fachliche Arbeit
nicht mehr schwergewichtig selbst, sondern übt die kaufmännische und technische Oberleitung aus.
–	Der Betrieb weist – u.a. für Maschinen und Geräte – einen erheblichen Kapitalbedarf auf.
–	Der Verkauf der erzeugten Produkte erfolgt primär gegen Lieferscheine und
–	Es bestehen Geschäftsbeziehungen zu einem grösseren Kreis von Lieferanten und Kunden.
Obschon der Beschwerdeführer schwergewichtig nur eine Abnehmerin, die
­MIGROS, belieferte, bejahte das Bundesgerecht seine Eintragungspflicht. Aufgrund der Grösse und Bedeutung30 muss der Beschwerdeführer seinen Betrieb
nach kaufmännischen Grundsätzen und mit einer straffen Organisation führen.
Nur schon die Abrechnung der Löhne des Personals und die Verwaltung der Debitoren erfordern eine ordentliche Buchführung.31IV.	Persönliche Beurteilung der PraxisänderungA)	AllgemeinDie Praxisänderung des Bundesgerichts ist überzeugend, weil sie sich vom weitgehend überholten Bild einer Gotthelf-Landwirtschaft verabschiedet. Patry hat
bereits Mitte der 70er-Jahre festgehalten, dass grosse Landwirtschaftsbetriebe
dem früheren Bild der Landwirtschaft, das der damaligen (bzw. bisherigen) Praxis
zugrunde lag, nicht mehr entsprächen.32
Das Ziel des Inhabers eines solchen Landwirtschaftsbetriebs, als selbstständig erwerbende Person ein möglichst gutes Einkommen zu erzielen, unterscheidet
sich in keiner Weise von demjenigen des Inhabers eines Coiffeur-, Restaurantoder Elektrikerbetriebs. Die Praxisänderung ist folglich auch im Hinblick auf die
rechtsgleiche Anwendung von Art. 36 HRegV sehr zu begrüssen.B)	Keine Notwendigkeit einer UntergrenzeDas Bundesgericht betont, dass für die Beurteilung, ob ein nach kaufmännischer
Art geführtes Gewerbe vorliegt, die «gesamten Umstände des Einzelfalls» berücksichtigt werden müssen.33 Anhand der oben dargestellten «wichtigsten»34 und29 30 31	BGE 135 III 304 E. 5.4, S. 313 ff.
Vgl. oben Ziff. III.A).
BGE 135 III 304 E. 5.4, S. 314.Patry (Anm. 5), § 5 Ziff. 4.a). Vgl. auch
Manfred Küng (Anm. 24), Art. 934 N. 54.
33 BGE 135 III 304 E. 5.4, S. 313.
34 BGE 135 III 304 E. 5.4, S. 314.
32	REPRAX 3/0957711_Buch_Reprax_3-09.indb 535310.09.09 14:18Zihlerm.E. folglich nicht abschliessenden Indizien35 ist jeweils zu entscheiden, ob ein
nach kaufmännischer Art geführtes Gewerbe vorliegt.
Im Urteil des Bundesgerichts sind – auch nicht als obiter dictum – zu Recht
keine Hinweise auf eine exakte Grenze enthalten, die überschritten werden muss,
um die Eintragungspflicht überhaupt bejahen zu können. Einer solchen Grenze
würde eine grössere Willkür anhaften als der jeweiligen Beurteilung des Einzelfalls unter Berücksichtigung der gesamten Umstände. Auf den ersten Blick
erscheint das zwingende Erfordernis einer minimalen Anzahl Angestellter oder
Vollzeitstellen36 als eine praktikable Untergrenze. Jedoch können fünf Angestellte
mit einem modernen Maschinenpark beim Getreideanbau wirtschaftlich bedeutendere Leistungen erbringen als dreissig Angestellte beim Spargelstechen. Auch
die Anhebung der Jahresumsatz-Grenze von 100 000 Franken auf z.B. 300 000
Franken wäre kein empfehlenswerter Ansatz. Primär würden damit nur der Zweck
und die Wirkung eines Handelsregistereintrags37 und die damit verbundene Transparenz unterlaufen.
Die Notwendigkeit einer Untergrenze ist deshalb m. E. zu verneinen. Der
pragmatische und aufgrund der klaren Indizien ausreichend Rechtssicherheit
schaffende Ansatz des Bundesgerichts ist vorzuziehen. Zudem können auch Bundesgerichtsurteile zur Eintragungspflicht von Einzelunternehmern anderer Wirtschaftszweige zur Beurteilung herbeigezogen werden, ob in einem konkreten Einzelfall ein nach kaufmännischer Art geführtes Gewerbe vorliegt. Selbst Urteile
aus dem Bereich der freien Berufe (z.B. Ärzte/Zahnärzte und Anwälte) können
berücksichtigt werden, obschon hier formell – nicht jedoch materiell38 – in den
Urteilen noch immer ein etwas anderes Prüfungsschema39 aufgeführt wird.40Vgl. oben Ziff. III.C)4.
Vgl. zu dieser Art von Untergrenze beispielsweise Art. 727a Abs. 2 OR. Mit weiteren z.T. liberaleren Ansätzen: Vogt/Donati
(Anm. 27), S. 402.
37	Vgl. oben Ziff. III.C)3. Z.T. anderer Meinung: Vogt/Donati (Anm. 27), S. 400.
38	BGE 135 III 304 E. 5.4, S. 313: «Eine
entspre­c hende Wendung [im Sinne der
Praxisände­rung bei den Landwirten; F.Z.] hat
die Rechtsprechung auch im Zusammenhang
mit der Frage der Eintragungspflicht der Angehörigen von freien Berufen vollzogen.» Vgl.
dazu BGE 130 III 707 E. 4.2/4.3, S. 711 f. und
Entscheid des Bundesgerichts vom 21. Januar
2009 (4A_526/2008), E. 4.2. Zurückhaltender: Vogt/Donati (Anm. 27), S. 399 f.
35 36 541. Liegt ein freier Beruf vor? Wenn ja:
2. Wird der freie Beruf wie ein nach kaufmän­
nischer Art geführtes Gewerbe ausgeübt? Wenn
ja, ist die Eintragungspflicht gemäss Art. 36
HRegV zu bejahen.
M. E. sollte die Tatsache, dass es sich um die
Eintragungspflicht eines Einzelunternehmers
aus dem Bereich der freien Berufe handelt,
nicht mehr speziell hervorgehoben werden, da
dies zu Verwirrungen führen kann (vgl. unten
Anm. 40). Entscheidend für die Eintragungspflicht gemäss Art. 36 HRegV ist nur das Vorliegen eines nach kaufmännischer Art geführten Gewerbes.
40	Diesbezüglich sind auch die Äusserungen
von Kurt Schüle in der NZZ vom 26. Juli
2009, Nr. 145, S. 27 zu relativieren.
39	REPRAX 3/0957711_Buch_Reprax_3-09.indb 5410.09.09 14:18Handlungspflicht der Landwirte und der zuständigen BehördenPrimär sind die Inhaber mittlerer und grösserer landwirtschaftlicher Einzelunternehmen bzw. ihre Treuhänder und Rechtsanwälte zum Handeln aufgefordert.41
Bleiben sie untätig, so riskieren die Einzelunternehmer eine Eintragung von
Amtes wegen (Art. 152 HRegV) und eine Ordnungsbusse (Art. 943 OR), möglicherweise sogar eine strafrechtliche Verurteilung (Art. 153 StGB42).
Es liegt aber auch an den zuständigen Gerichten und Behörden, die neue verschärfte Praxis des Bundesgerichts umzusetzen. Die kantonalen Handelsregisterämter dürfen sich – gestützt auf Art. 157 Abs. 2 und Abs. 3 Bst. b HRegV – für die
notwendigen Informationen an die Behörden ihres Kantons wenden, insbesondere
an die Steuerbehörden und die Landwirtschaftsämter, um die für eine Eintragung
ins Handelsregister in Frage kommenden Landwirte überhaupt erkennen zu können. Auch das Bundesamt für Landwirtschaft dürfte über nützliche Informationen
verfügen, die es u.a. für den jährlichen Agrarbericht sammelt.43
Wird der Inhaber eines landwirtschaftlichen Einzelunternehmens vom Handelsregisteramt zur Eintragung aufgefordert, so muss er belegen, dass keine Eintragung erforderlich ist (Art. 152 Abs. 2 HRegV). Diese Umkehr der Beweislast
ist vom Bundesgericht explizit als zulässig erachtet worden; das Handelsregisteramt ist deshalb nicht verpflichtet, den Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären.44
Die Handelsregisterämter sollten aber trotzdem die erwähnten Behörden kontaktieren, um so von Beginn weg möglichst nur die «eintragungsverdächtigen» landwirtschaftlichen Betriebe zu erfassen.
Muss sich der Inhaber eines landwirtschaftliches Einzelunternehmens ins
Handelsregister eintragen lassen, so unterliegt er der ordentlichen Konkursbetreibung (Art. 39 Abs. 1 Ziff. 1 SchKG45). Möchte er diese für sein Privatvermögen
vermeiden, könnte er für sein Gewerbe eine GmbH oder AG gründen. Einen solchen Schritt muss der Landwirt – nicht nur aus steuerrechtlichen Überlegungen –
aber gründlich und sehr vorsichtig planen, da z.B. im Bereich der Direktzahlungen relativ strenge Voraussetzungen an die Beitragsberechtigung einer natürlichen
Person, die den Betrieb einer GmbH oder AG bewirtschaftet, gestellt werden.46Z.B. im Berner Seeland, der «Gemüsekam­
mer der Schweiz» (Der Bund vom 9. Juli 2009,
S. 19): «Ein Viertel des einheimischen Gemüses stammt aus dem Seeland. Der grösste Gemüsehändler der Schweiz ist dort ebenso zu
Hause wie der grösste Radieschenproduzent.»
42	Schweizerisches Strafgesetzbuch vom
21. De­­zember 1937 (StGB; SR 311.0). Zu­
rück­h altend bei der Anwendbarkeit von
Art. 153 StGB: BSK StGB II-Weissenberger,
2. Auflage 2007, Art. 153 N. 4 m. w. H.
43 Der Agrarbericht 2008 ist im Internet zu
finden unter: http://www.blw.admin.ch/doku
mentation/00018/00498/index.html?lang=de,
vgl. u.a. die S. 10 ff. und im Anhang «Tabellen
Strukturen».
41	44 Entscheid des Bundesgerichts vom 21. Januar 2009 (4A_526/2008), E. 4.5. Vgl. Sif­
fert/Zihler (Anm. 19), S. 61 ff.
45	Bundesgesetz vom 11. April 1889 über
Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG;
SR 281.1).
46 Art. 2 Abs. 2 Bst. a und Abs. 3–5 der Verordnung vom 7. Dezember 1998 über die Direktzahlungen an die Landwirtschaft (Direktzahlungsverordnung, DZV; SR 910.13). Vgl.
auch auf der Homepage des Bundesamts für
Landwirtschaft: http://www.blw.admin.ch/
themen/00006/index.html?lang=de.REPRAX 3/0957711_Buch_Reprax_3-09.indb 55Landwirtschaftliche EinzelunternehmerC)	5510.09.09 14:18All pages:12345678InfoSaveLikeShareDownloadMoreReprax Published on Mar 28, 2011 Leseprobe
Florian Zihler: Praxisänderung des Bundesgerichts bei der
handelsregisterrechtlichen
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References: Art. 53
 BGE 
	BGE 
 BGE 
 BGE 
	BGE 
 Art. 927

Art. 934
 BGE 
 § 5
	BGE 
 BGE 

§ 4
 BGE 
	BGE 

Art. 112
 Art. 51
In casu
 Art. 58
	BGE 
 BGE 
 art. 5

Art. 36
 Art. 180
 Art. 36
 Art. 53
 Art. 36
 Art. 53
 Art. 36
 Art. 36
 Art. 934
 Art. 934
 Art. 36
 Art. 53
 Art. 927
 Art. 934
 Art. 53
 Art. 36
 Art. 2
 Art. 2
 § 4
 Art. 38
 Art. 158
 BGE 
 Art. 36
	BGE 

BGE 
 § 5
 Art. 934
 BGE 
 BGE 
 Art. 727
	BGE 
 BGE 
 Art. 36
 Art. 36
 Art. 157

Art. 153
 Art. 153
 Art. 2