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Timestamp: 2019-08-22 21:56:03+00:00

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Carl Grube - Über den Nominalismus [1/8]
W. Betz H. M. Gauger
Über den Nominalismus
"Wenn nun aber wirklich das Allgemeine nur im Wort lag, wie war es dann anders möglich mit dem Allgemeinen zu denken als in Worten? Daraus ergab sich die ungeheure Wichtigkeit der Sprache in erster Linie für das eigene Denken, und eine gewisse, mechanische Art in Worten zu denken, welche man dem Rechnen der Mathematik ähnlich setzte; sah man doch in den ersten Jahrhunderten der neueren Philosophie, in welchen die Mathematik ihre größten Erfolge erzielte, im mathematischen Operieren das Ideal allen Denkens."
§ 1. Der langwierige Streit des Realismus und des Nominalismus in der mittelalterlichen Scholastik endete schließlich mit dem Sieg des Nominalismus und der wichtige Satz, den er vertrat, daß das Allgemeine keine reale Existenz in der Außenwelt hat, blieb für die Folgezeit anerkannt.
Doch gestärkt durch das Bewußtsein des Sieges, beeinflußt von den Störungen der humanistischen Zeit, breitete sich der nominalistische Gedanke weiter aus. Bot wirklich die Außenwelt nur Einzeldinge, besaß nur der Mensch das Allgemeine, so war es nötig, im Menschen selbst die Natur des Allgemeinen näher zu untersuchen. Im Menschen nun war das Allgemeine sicherlich in der Sprache vorhanden, den man besaß ja Namen für das Allgemeine.
Wenn nun der menschliche Geist seine Vorstellungen nur aus der Außenwelt hat und es in dieser nichts Allgemeines als für sich Seiendes, sondern nur Einzeldinge gibt, so kann es auch, schloß man, im Geist nichts Allgemeines geben, folglich liegt das Allgemeine nur in der Sprache. So stand dem psychologischen Nominalismus die rein sprachliche Natur des Allgemeinen fest, und nur darüber, was nun bei Verwendung der allgemeinen Namen im menschlichen Geist vorgestellt wird, stritt man noch.
Wenn nun aber wirklich das Allgemeine nur im Wort lag, wie war es dann anders möglich mit dem Allgemeinen zu denken - was wir ja hauptsächlich tun - als in Worten? Daraus ergab sich die ungeheure Wichtigkeit der Sprache in erster Linie für das eigene Denken, und eine gewisse, mechanische Art in Worten zu denken, welche man dem Rechnen der Mathematik ähnlich setzte; sah man doch in den ersten Jahrhunderten der neueren Philosophie, in welchen die Mathematik ihre größten Erfolge erzielte, im mathematischen Operieren das Ideal allen Denkens. So gelangte man schließlich zum extremsten Nominalismus, welcher das Denken in nackten Wortvorstellungen für die Regel hält und nur in gewissen, selteneren Fällen ein wirkliches Bedeutungsbewußtsein in Begleitung der Sprache zugibt.
Das sind die Grundzüge der Entwicklung des neueren Nominalismus in den Schriften von HOBBES, BERKELEY, HUME, CONDILLAC, TAINE und SHUTE.
HOBBES hat denselben zuerst in der neueren Philosophie nicht nur zu Ansehen gebracht, sondern bereits sämtliche Hauptideen desselben erkannt; doch hat er diese mehr angedeutet und behauptet, als durchgeführt und bewiesen. BERKELEY und HUME führen exakter die nominalistische Auffassung der Allgemeinbegriffe durch; CONDILLAC setzt den gesamten Nominalismus weiter fort und sucht besonders die Notwendigkeit der Wörter für das Denken und die Ähnlichkeit des Denkens mit dem Rechnen zu erweisen. In unserem Jahrhundert unternahmen es TAINE und SHUTE, die Ideen des Nominalismus mit den Hilfsmitteln der modernen Wissenschaft zu erneuern, indem er ersterer die Natur der allgemeinen Begriffe, letzterer besonders die Möglichkeit und Beschaffenheit des Wortdenkens untersuchte.
§ 2. Eine Betrachtung des neueren englischen und französischen Nominalismus hat einerseits die Lehren jener Vertreter des Nominalismus, soweit sie für denselben von Bedeutung sind, darzustellen, andererseits mit Hilfe der fortgeschrittenen Psychologie und Sprachwissenschaft nachzuprüfen und schließlich, wo sich die Möglichkeit bietet, die schwebenden Fragen positiv zu beantworten.
Hierbei können wir uns für die Kritik BERKELEYs und besonders HUMEs auf MEINONGs vorzügliche Arbeit (Hume-Studien) vielfach stützen, während die übrigen von uns herangezogenen Philosophen hinsichtlich des Nominalismus noch nicht näher behandelt sind.
Freilich liegt bei dem hier gewählten Verfahren, jeden der genannten Philosophen allein für sich darzustellen und zu beurteilen, die Gefahr der Wiederholung nahe, aber den mannigfachen Wendungen des Nominalismus folgend wird die Darstellung überall das Neue und Eigentümliche mehr hervorzuheben und bei der Kritik zu berücksichtigen haben, so daß die Feststellung dessen, was für wahrscheinlich zu halten ist, nur Schritt für Schritt erfolgen kann und erst eine Schlußübersicht unsere schließlichen Ansichten einheitlich geben wird.
Dabei verhehlen wir uns nicht die Schwierigkeiten einer solchen Kritik, hoffen vielmehr, gerade aus einer klareren Einsicht in die Methode und die Schwierigkeiten dieser Untersuchungen, welche sich auf dem Grenzgebiet der Psychologie und Sprachwissenschaft bewegen, Vorteil zu ziehen, einmal zur Beurteilung jener nominalistischen Philosophen, welche weniger vorsichtig vorgingen, sodann zur Erreichung einer festeren Methode, welche zu weniger anfechtbaren Sätzen führen kann.
§ 3. Die Hauptschwierigkeit liegt in der Quelle der Erkenntnis für unsere Fragen und in der Ausnutzung derselben. Denn nicht genug, daß unsere Untersuchung unter den allgemeinen Schwierigkeiten der psychologischen Beobachtung leidet, so ist auch die innere Wahrnehmung und das Gedächtnis gerade bei unseren Untersuchungen, welche vielfach den Zusammenhang und den Unterschied des Gedankens und der Sprache erörtern, nur eine trübe Erkenntnisquelle wegen der innigen Assoziation der Wörter mit den Vorstellungen. Und während die übrige Psychologie meist die Sprache getrost als ungefähr entsprechende Äußerung des Geistes ansieht, sind wir gezwungen, mit Mißtrauen an den parallelen Verlauf des Denkens und des Sprechens heranzutreten.
Noch mehr erschwert wird die Sicherheit des eigenen Urteils durch das Bewußtsein, daß gerade die Beschaffenheit des Denkens selbst eine subjektiv sehr verschiedene ist, teils nach dem Stand der Bildung und Erfahrung, teils nach der mehr oder minder abstrakten Anlage des Denkens; eine Beobachtung, welche sich umso mehr bei unserem Thema aufdrängt, als lange Zeit hindurch die Hauptverfechter des Nominalismus die Engländer und Franzosen waren, deren Sprachen sich durch Exaktheit und feste Regeleung des Ausdrucks auszeichnen.
Diesen Mängeln gegenüber greift man daher zu Hilfsmitteln und sucht der inneren Wahrnehmung und dem Gedächtnis durch das Experiment nachzuhelfen, sowie der Subjektivität des eigenen Denkens und Sprechens die Beobachtung vieler Menschen entgegenzustellen.
§ 4. Das erste Hilfsmittel, das Experiment, besteht darin, daß man durch die Wiederholung eines Satzes, durch Lesen oder aufmerksames Aussprechen einzelner Wörter sich der begleitenden oder vorausgehenden Vorstellungen besser bewußt zu werden bemüht. In der Tat treten bei langsamer Wiederholung von Worten die Vorstellungen mit ihren Assoziationen deutlicher hervor; wir haben hier also ein Mittel, der Schnelligkeit und Flüchtigkeit des Denkens beim Sprechen abzuhelfen und die innere Wahrnehmung zu stärken. Aber dieses Mittel ist nur mit Vorsicht zu verwenden. Denn bei aufmerksamer Wiederholung eines einzelnen Satzes wird sich allerdings das Bedeutungsbewußtsein in einem höheren Grad einstellen, aber einerseits geschieht dies auf Kosten und mit Verlust des Zusammenhangs innerhalb des Satzgefüges, in welchem der einzelne Satz stand, so daß manche Assoziationen verloren gehen, andererseits ist doch der Gang des Denkens beim Hören oder Lesen gerade entgegengesetzt demjenigen, welchen das Denken vor und während des Sprechens einschlägt.
Während sich man im letzteren Fall schon vor dem Sprechen dessen, was man sagen will, vollbewußt ist, bringt man beim Lesen oder Hören nur eine Richtung der Gedanken auf gewisse Assoziationen vom vorhergehenden Satz mit, aber der vollendeten Bedeutung des Satzes wird man sich erst am Ende desselben bewußt. In noch höherem Grad trifft diese Bemerkung beim Beginn von Darstellungen oder bei alleinstehenden Sätzen zu. Hält man also am Ende eines so wiederholten Satzes an, um sich dessen Bedeutung zu vergegenwärtigen, so ist das Gefundene doch nicht genau dasselbe, wie das, was vor dem Aussprechen im Geist des Redenden war.
Dazu kommt noch ein zweiter Nachteil. Das Denken ist weit mehr dem Einfluß der Wörter unterworfen, wenn man Gelesenes oder Gehörtes überdenkt, als ursprünglich vor dem Sprechen. Man wird daher beim Experiment der aufmerksamen Wiederholung von Sätzen leicht in den Fehler verfallen, nur da Wörter oder eine engste Verbindung mit denselben anzunehmen, wo in der Tat dieses Vorherrschen der Wörter im Geiste nicht ursprünglich, sondern erst infolge jener Wiederholung vorhanden ist. Ist daher die Wiederholung von Sätzen schon mit Vorsicht zu benutzen, aber doch sicher zulässig, weil dem Satz doch stets eine irgendwie in sich geschlossene Vorstellung entspricht, so ist die Wiederholung und Nennung einzelner Wörter, um die Bedeutung derselben klarer vorzustellen, ein geradezu gefährliches Experiment. Denn es beruth auf der keineswegs feststehenden Voraussetzung, daß hinter jedem Wort eigentlich eine feste, ganze Vorstellung steht. Und wenn man nun, wie manche Nominalisten es versuchen, eine Reihe von Abstrakta, wie z. B. Staatsverwaltung, Religion, Kriegswesen, Mission und dgl. nebeneinander stellt, sie nacheinander liest und sich dann fragt, was dabei vorgestellt wurde, so wird es den Nominalisten leicht, uns glauben zu machen, daß fast nichts dabei vorgestellt wurde. Darin haben sie auch sicherlich recht, doch ziehen sie daraus mit Unrecht den Schluß, daß wir bei derartigen Worten fast niemals eine Bedeutungsvorstellung haben, ja sogar keine haben können. Vielmehr muß man sich stets gegenwärtig halten, daß eine solche Wortisolierung nicht der Art des vernünftigen Denkens entspricht, welches stets in Sätzen vor sich geht, und daß dieses Verfahren darum zu keinen Schlüssen berechtigt, weil nicht nur der Zusammenhang des Satzgefüges schon gewisse Bedeutungsbeziehungen herbeiführt, sondern auch viele Wörter nur im Satz ihre volle Bedeutung erreichen.
§ 5. Das zweite Hilfsmittel bestandin der Benutztung der sprachlichen Äußerungen zu Schlüssen auf die Vorstellungen der Sprechenden; diese Schlüsse können sowohl aus der Geschichte der Sprachentwicklung, als auch aus der Beobachtung der heutigen Sprache gezogen werden.
Denn erstens lehrt uns eine Betrachtung der allgemeinen Sprachgeschichte zugleich die Entwicklung des menschlichen Geistes kennen, so daß JOHN STUART MILL mit Recht sagen konnte, man finde in der Sprache die ganze Philosophie der Menschheit enthalten. Die Geschichte der Bedeutungswandlungen gibt lehrreiche Hinweise auf Veränderungen und Fortschritte der geistigen Auffassung, und die Kenntnis der Wurzeln und der Wortbildung, welche besonders in den indogermanischen Sprachen so gefördert ist, vermag überraschende Aufschlüsse über die Tätigkeit des menschlichen Geistes und das Heranreifen desselben zu bieten, schließlich erhoffen wir auch von einer - allerdings noch ausstehenden - vergleichenden Untersuchung der Syntax wichtige Entdeckungen. Die vergleichende Sprachwissenschaft bietet daher überhaupt die einzige sichere Grundlage für die Durchführung aller Hypothesen über den Ursprung der Sprache, und weil sich in der Entwicklung der Sprache auch der Fortschritt des Geistes spiegelt, einen sicheren Ausgangspunkt für alle Untersuchungen, welche sich auf das allmähliche Wachstum und Reifen des menschlichen Geistes beziehen.
Aber diese große Fülle des Stoffes, welche die Sprachwissenschaft aufweist, ist eben wegen ihres Reichtums nur mit Bedacht auszudeuten: überall sind die zahlreichen Einwirkungen lautlicher Umwandlungen und noch mehr die Einflüsse der sich entwickelnden und wechselnden Kultur zu berücksichtigen, damit man nicht überall aus der Sprache auf den Geist schließt und nicht bisweilen rein sprachliche Erscheinungen für Anzeichen besonderer, geistiger Vorgänge hält.
Zweitens ist die Kenntnis der modernen Sprache und Sprachen von großem Wert für derartige Probleme, wie wir sie behandeln. Einerseits zeigt sich eine gewisse Gleichartigkeit des Ausdrucks bei allen Menschen derselben Sprache, ja vielfach in allen Sprachen, welche uns das Zutrauen gibt, daß auch im wesentlichen eine Gleichartigkeit des Denkens stattfindet. Andererseits gewähren gerade die Abweichungen und verschiedenartigen Ausdrucksweisen bei derselben Sprache oder innerhalb mehrerer Sprachen interessante Einblicke in das Leben des Geistes und die verschiedenartigen Vorstellungsweisen desselben. Darum emanzipiert die Kenntnis und Berücksichtigung mehrerer Sprachen entschieden vom Einfluß der Muttersprache, so daß JOHN STUART MILL (1) sehr richtig bemerkt: "Da die Griechen keine andere Sprache als ihre eigene kannten, folgten ihre Ideen ganz und gar den zufälligen und willkürlichen Kombinationen der Sprache."
Auch wir haben täglich Gelegenheit, die größere Freiheit und Gewandtheit des Geistes bei Leuten, welche mehrere Sprachen beherrschen, zu beobachten. Es wird also auch dieses Mittel, denselben geistigen Inhalt in mehreren Ausdrucksweisen zu betrachten nützlich sein.
In der eigenen Sprache können wir noch besonders aus der Kenntnis der Volks- und Kindersprache viel lernen, deren Verwertung umso leichter ist, als sie unserem geistigen Nachfühlen weit näher liegen, als fremde Sprachen.
Die Volkssprache ist meistens altertümlich, so daß sie noch vielfach die Stufen zeigt, auf denen das moderne Denken emporgeklommen ist; sie redet in kräftigen, deutlichen Bildern, welche auf ein stärkeres Vergegenwärtigen der Vorstellungen schließen lassen; ihre Wortbedeutungen sind vielfach ursprünglicher und unentwickelter, so daß dieselben Namen, in moderner Verwendung zu anderen Assoziationen und Spezialisierungen verschoben, die mehr abstrakte Art des modernen Denkens dartun; sind doch manche bildlichen Ausdrücke der modernen Sprache bis auf ihre abstrakten Grundzüge völlig verblaßt und nur aus der Volkssprache noch zu erklären.
Die Kindersprache ist in mancher Hinsicht das Gegenstück zur Volkssprache; während letztere sich getreu an die überlieferten Wörter und Bedeutungen hält, somit das Denken des Volkes gewissermaßen von der Sprache beherrscht wird, sucht das Kind sich die Sprache zu unterwerfen. Es ringt mit ihr, bildet eigenmächtig neue Wortformen nach Analogien, verwendet willkürlich gelernte Wörter, um eigenartige Vorstellungen auszudrücken, bald verallgemeinernd nach irgendwelchen Ähnlichkeiten, bald spezialisierend nach zufälligen Umständen.
Hier sehen wir deutlich ein Überwiegen und Vorauseilen des Denkens vor der Sprache und doch keine selbständige Neuschöpfung derselben, sondern Erlernen und Benutzen des überlieferten Wortschatzes.
Diese Grundsätze sollen uns bei der Kritik der oben genannten Nominalisten zur Richtschnur dienen. Ein Schlußkapitel wird die aus dieser Kritik hervorgegangenen positiven Ansichten über das Wesen der abstrakten Begriffe und über die Natur des modernen Denkens einheitlich zusammenfassen.
1) JOHN STUART MILL, A system of Logic, Buch V, Kap. V, § 6, 1851

References: § 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5
 § 6