Source: http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/savigny_system03_1840?p=150
Timestamp: 2019-03-21 18:03:28+00:00

Document:
III. Willenserklärungen. -- Bedingung. Fingirte
Erfüllung (a).
In drey Fällen wird, vermittelst einer Fiction, die un-
erfüllte Bedingung als erfüllt angesehen und behandelt;
der Grund dieser Fiction liegt wiederum in der schon oben
(§ 118. a.) erwähnten Regel einer freyen, auf Billigkeit
gegründeten, Auslegung und Anwendung der Bedingungen.
Zwey dieser Fälle werden schon in den Rechtsquellen aus
ursprünglichen und natürlichen Regeln abgeleitet; sie sind
auf Verträge und Testamente gleich anwendbar, wiewohl
die häufigste Anwendung allerdings bey Testamenten vor-
kommt. Die Fiction für den dritten Fall wird dagegen
als eine ganz positive Rechtsregel dargestellt, sie ist ent-
sprungen aus der Begünstigung der Freylassungen, und
nur anwendbar bey Testamenten. Es ist wichtig, die drey
Regeln über diese Fictionen gerade in dem hier angegebe-
nen Verhältniß zu einander aufzufassen, welches von neue-
ren Schriftstellern öfter vernachlässigt worden ist.
A. Die Bedingung gilt als erfüllt, wenn Derjenige,
auf dessen Vortheil die Erfüllung berechnet ist, darauf frey-
willig verzichtet. Man kann dieses so ausdrücken: quo-
tiens per eum, cujus interest conditionem impleri, fit quo
minus impleatur (b). Dieser Satz wird dem jus commune
(a) Vgl. Donellus VIII. 34.
(b) L. 5 § 5 quando dies (36.
2.), L. 78 pr. de cond. (35. 1.),
L. 14. 31 eod., L. 23 de cond.
inst. (28. 7.), L. 11 eod., L. 34
§ 4 de leg. 2 (31. un.), L. 1 C.
de his quae sub modo (6. 45.),
Ulpian. II. § 6 ".. si is, cui jus-
III. Willenserklärungen. — Bedingung. Fingirte
In drey Fällen wird, vermittelſt einer Fiction, die un-
erfüllte Bedingung als erfüllt angeſehen und behandelt;
der Grund dieſer Fiction liegt wiederum in der ſchon oben
Zwey dieſer Fälle werden ſchon in den Rechtsquellen aus
urſprünglichen und natürlichen Regeln abgeleitet; ſie ſind
auf Verträge und Teſtamente gleich anwendbar, wiewohl
die häufigſte Anwendung allerdings bey Teſtamenten vor-
als eine ganz poſitive Rechtsregel dargeſtellt, ſie iſt ent-
ſprungen aus der Begünſtigung der Freylaſſungen, und
nur anwendbar bey Teſtamenten. Es iſt wichtig, die drey
Regeln über dieſe Fictionen gerade in dem hier angegebe-
nen Verhältniß zu einander aufzufaſſen, welches von neue-
ren Schriftſtellern öfter vernachläſſigt worden iſt.
auf deſſen Vortheil die Erfüllung berechnet iſt, darauf frey-
willig verzichtet. Man kann dieſes ſo ausdrücken: quo-
minus impleatur (b). Dieſer Satz wird dem jus commune
Ulpian. II. § 6 „.. si is, cui jus-
<pb facs="#f0150" n="138"/>
<fw place="top" type="header">Buch <hi rendition="#aq">II.</hi> Rechtsverhältni&#x017F;&#x017F;e. Kap. <hi rendition="#aq">III.</hi> Ent&#x017F;tehung und Untergang.</fw><lb/>
<head>§. 119.<lb/><hi rendition="#aq">III.</hi> <hi rendition="#g">Willenserklärungen. &#x2014; Bedingung. Fingirte<lb/>
Erfüllung</hi> <note place="foot" n="(a)">Vgl. <hi rendition="#aq"><hi rendition="#k">Donellus</hi> VIII.</hi> 34.</note>.</head><lb/>
<p>In drey Fällen wird, vermittel&#x017F;t einer Fiction, die un-<lb/>
erfüllte Bedingung als erfüllt ange&#x017F;ehen und behandelt;<lb/>
der Grund die&#x017F;er Fiction liegt wiederum in der &#x017F;chon oben<lb/>
(§ 118. <hi rendition="#aq">a.</hi>) erwähnten Regel einer freyen, auf Billigkeit<lb/>
gegründeten, Auslegung und Anwendung der Bedingungen.<lb/>
Zwey die&#x017F;er Fälle werden &#x017F;chon in den Rechtsquellen aus<lb/>
ur&#x017F;prünglichen und natürlichen Regeln abgeleitet; &#x017F;ie &#x017F;ind<lb/>
auf Verträge und Te&#x017F;tamente gleich anwendbar, wiewohl<lb/>
die häufig&#x017F;te Anwendung allerdings bey Te&#x017F;tamenten vor-<lb/>
kommt. Die Fiction für den dritten Fall wird dagegen<lb/>
als eine ganz po&#x017F;itive Rechtsregel darge&#x017F;tellt, &#x017F;ie i&#x017F;t ent-<lb/>
&#x017F;prungen aus der Begün&#x017F;tigung der Freyla&#x017F;&#x017F;ungen, und<lb/>
nur anwendbar bey Te&#x017F;tamenten. Es i&#x017F;t wichtig, die drey<lb/>
Regeln über die&#x017F;e Fictionen gerade in dem hier angegebe-<lb/>
nen Verhältniß zu einander aufzufa&#x017F;&#x017F;en, welches von neue-<lb/>
ren Schrift&#x017F;tellern öfter vernachlä&#x017F;&#x017F;igt worden i&#x017F;t.</p><lb/>
<p><hi rendition="#aq">A.</hi> Die Bedingung gilt als erfüllt, wenn Derjenige,<lb/>
auf de&#x017F;&#x017F;en Vortheil die Erfüllung berechnet i&#x017F;t, darauf frey-<lb/>
willig verzichtet. Man kann die&#x017F;es &#x017F;o ausdrücken: <hi rendition="#aq">quo-<lb/>
tiens per eum, <hi rendition="#i">cujus interest conditionem impleri</hi>, fit quo<lb/>
minus impleatur</hi> <note xml:id="seg2pn_23_1" next="#seg2pn_23_2" place="foot" n="(b)"><hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">L.</hi> 5 § 5 <hi rendition="#i">quando dies</hi> (36.<lb/>
2.), <hi rendition="#i">L.</hi> 78 <hi rendition="#i">pr. de cond.</hi> (35. 1.),<lb/><hi rendition="#i">L.</hi> 14. 31 <hi rendition="#i">eod., L.</hi> 23 <hi rendition="#i">de cond.<lb/>
inst.</hi> (28. 7.), <hi rendition="#i">L.</hi> 11 <hi rendition="#i">eod., L.</hi> 34<lb/>
§ 4 <hi rendition="#i">de leg.</hi> 2 (31. un.), <hi rendition="#i">L.</hi> 1 <hi rendition="#i">C.<lb/>
de his quae sub modo</hi> (6. 45.),<lb/><hi rendition="#k">Ulpian.</hi> II. § 6 &#x201E;.. si is, cui jus-</hi></note>. Die&#x017F;er Satz wird dem <hi rendition="#aq">jus commune</hi><lb/></p>
[138/0150] Buch II. Rechtsverhältniſſe. Kap. III. Entſtehung und Untergang. §. 119. III. Willenserklärungen. — Bedingung. Fingirte Erfüllung (a). In drey Fällen wird, vermittelſt einer Fiction, die un- erfüllte Bedingung als erfüllt angeſehen und behandelt; der Grund dieſer Fiction liegt wiederum in der ſchon oben (§ 118. a.) erwähnten Regel einer freyen, auf Billigkeit gegründeten, Auslegung und Anwendung der Bedingungen. Zwey dieſer Fälle werden ſchon in den Rechtsquellen aus urſprünglichen und natürlichen Regeln abgeleitet; ſie ſind auf Verträge und Teſtamente gleich anwendbar, wiewohl die häufigſte Anwendung allerdings bey Teſtamenten vor- kommt. Die Fiction für den dritten Fall wird dagegen als eine ganz poſitive Rechtsregel dargeſtellt, ſie iſt ent- ſprungen aus der Begünſtigung der Freylaſſungen, und nur anwendbar bey Teſtamenten. Es iſt wichtig, die drey Regeln über dieſe Fictionen gerade in dem hier angegebe- nen Verhältniß zu einander aufzufaſſen, welches von neue- ren Schriftſtellern öfter vernachläſſigt worden iſt. A. Die Bedingung gilt als erfüllt, wenn Derjenige, auf deſſen Vortheil die Erfüllung berechnet iſt, darauf frey- willig verzichtet. Man kann dieſes ſo ausdrücken: quo- tiens per eum, cujus interest conditionem impleri, fit quo minus impleatur (b). Dieſer Satz wird dem jus commune (a) Vgl. Donellus VIII. 34. (b) L. 5 § 5 quando dies (36. 2.), L. 78 pr. de cond. (35. 1.), L. 14. 31 eod., L. 23 de cond. inst. (28. 7.), L. 11 eod., L. 34 § 4 de leg. 2 (31. un.), L. 1 C. de his quae sub modo (6. 45.), Ulpian. II. § 6 „.. si is, cui jus-
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/savigny_system03_1840/150
Zitationshilfe: Savigny, Friedrich Carl von: System des heutigen Römischen Rechts. Bd. 3. Berlin, 1840, S. 138. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/savigny_system03_1840/150>, abgerufen am 21.03.2019.

References: § 5

§ 4
 § 6
 § 6
 § 5

§ 4
 § 6
 § 5
 § 4
 § 6