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Timestamp: 2019-12-09 22:18:09+00:00

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Zur Herkunft des altfriesischen Geschlechtsnamens Jarla und des Namenelements Jar-
In Naamkunde 10 (1978), S. 48-80, hat H.T.J. Miedema unter dem Titel ‘Van Dublin naar Dokkum’ die von ihm begonnene Diskussion über die Frage fortgesetzt, ob sich im Altfriesischen sprachliche Relikte des Altnordischen aus der Wikingerzeit nachweisen lassen. Er erkennt jetzt an, daß die von ihm behandelten Beispiele für solche Relikte zumeist unsicher sind, wobei er, natürlich mit Recht, auf die späte Überlieferung des Altfriesischen hinweist, die sichere Schlüsse unmöglich macht. Im Falle des Geschlechtsnamens Jarla meint er aber nordischer Herkunft weiterhin sicher sein zu können, und dadurch soll sich der Wahrscheinlichkeitsgrad solcher Herkunft auch für die übrigen Fälle erhöhen. Durch neue Argumente hat er die Beweissituation zumindest in einem Punkt in der Tat verändert. Daraus ergibt sich jedoch nicht die erwünschte Sicherheit für die nordische Herkunft von Jarla. Vielmehr eröffnen sich neue Möglichkeiten, den Namen aus innerfriesischen Gegebenheiten zu erklären.
Miedema hat überzeugend nachgewiesen, daß die Schreibung Jarlda in dem späten Zusatz zu der Urkunde O II 34 kein Vertrauen verdient (S. 61 ff.). Damit ist mein erster Deutungsversuch (Us Wurk 25 (1976), S. 38f.) unsicher geworden. Allerdings bleibt er weiterhin möglich. Auch ohne bezeugt zu sein, könnte es als Vorform von Jarla *Jarlda (< *Jarelda < *Gēr(w)alda?) gegeben haben. Für den Ausfall eines d in der Dreiergruppe -rld- gibt es immerhin eine wenn auch räumlich entfernte Parallele in dem Beinamen des friesischen Häuptlings Haio Harlda (Harelda) oder Harldes von Jever (in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts), der auch in der Form Harles erscheint (so z.B. in Fries. Archiv I, S. 122, 319, 324, auch harlinge: S. 509, dagegen Formen mit -d-: S. 119, 122, 150, 158, 307, 505, 508, 511, 512; vgl. auch A. Lübben 1856, S. 296).
Die deutlich aus *Gēr(w)alda entstandene Namensform Gheralda, Gherralda (auch Gralda u.ä., s. Miedema, S. 69-73) spricht nicht entscheidend gegen die Möglichkeit, daß Jarla über *Jar(e)lda ebenfalls auf *Gēr(w)alda zurückgehen könnte. Anders als im appellativischen Wortschatz können im Namenschatz einer Sprachgemeinschaft
ältere Lautformen neben jüngeren erhalten bleiben. Lautliche Sonderentwicklungen, die sich nicht voll durchgesetzt haben, leben unter Umständen in bestimmten Namenformen weiter. Auch fremde Einflüsse pflegen zur Differenzierung des Namenschatzes beizutragen und können das zu verschiedenen Zeiten in verschiedener Weise tun und getan haben. Beispielsweise enthält die ‘List fan fryske foarnammen’ (1971) in vielen Fällen verschiedene Varianten des ursprünglich gleichen Namens als selbständig gewordene Namen. Ganz so bunt war es in älterer Zeit wohl noch nicht, doch gab es gerade bei den Friesen auch schon im Mittelalter allerlei unterschiedliche Namenformen.
Nachdem Miedema die überlieferte Form Jarlda aus dem Weg geräumt hat, ergeben sich jedoch außer der über diese Form führenden Erklärung weitere Herleitungsmöglichkeiten. Da es für die dabei anzunehmenden Lautentwicklungen im westerlauwersschen Friesisch selbst stützende Parallelen gibt, sind sie vielleicht vorzuziehen. Als Rest eines ursprünglichen zweiten Namengliedes könnte -la in Jarla über die Zwischenstufen *-lva und *-leva oder *-elva auf *-lēva oder *-ulva zurückgehen. Dann würde der Geschlechtsname zu einem Rufnamen *Jarlēf oder *Jarulf gehören. Eine Entscheidung zwischen den Rufnamengliedern *-lēf und *-ulf erscheint nicht möglich, denn sie sind in schwach betonter Stellung reduziert worden und im überlieferten Altfriesisch in -lef oder -lif zusammengefallen. Gelegentlich erscheint in den Quellen auch die Form -lof oder -luf, die mit l-Metathese auf -olf/-ulf zurückgeht. Sie ist jedoch nur eine indifferente Variante von -lef/-lif. Derselbe Mann heißt Gerleff Wighama (O I 12612, 1451, Original), Gherliff Wigg(h)ama (O I 1503,4, 1458, Or.) und Gerrluf Wyggama (O II 2152, 1454, Or.). Ähnlich ist es mit den Namen A(e)yleff und Aijlof(f) oder (Joncker) Reyleff und Reilof in den Sneeker Rezeßbüchern (M. Oosterhout 1964, S. 5 und 229). Vielleicht wurde auch -lef/-lif später nur noch mit -olf/-ulf identifiziert, wie es bei Liōlef geschah: In einer Urkunde von 1381 siegelt her Lyoleff persona to Sneke mit der latinisierten Namensform Ludolphus (O III 14,43, späte Kopie). Sibrandus Leo verzeichnet die lateinische und die friesische Namensform für den Abt Liudulfus (Lioelef) von Mariëngaarde (1419-20) und für Liudulphus (Loelef), veterum historiarum Lidlomensium exarator (S. 24 und 38, vgl. S. xxxii der Einleitung von D.A. Wumkes).
Bei den Geschlechtsnamen, die mit -a von Rufnamen auf -lēf und
-ulf gebildet sind, läßt sich nicht erkennen, ob *-ulva über *-luva zu *-leva wurde und in dieser Form mit *-lēva zusammenfiel, oder ob *-ulva ohne Metathese zu *-elva reduziert wurde. Im zweiten Fall hätte es die Formen *-leva (< *-lēva) und *-elva (< *-ulva) nebeneinander gegeben, doch wären sie wohl kaum noch als selbständige Namenglieder voneinander unterschieden worden. Auf jeden Fall mußten die ursprünglichen Formen *-lēva und *-ulva bei weiterer Reduktion in -lva zusammenfallen. Diese Form finden wir bis heute im Namen des Adelsgeschlechts (van) Aylva, mit älteren Schreibungen wie Aylwa, Aeylwa, Ailwa u.ä., auch Aelue u.ä. mit Monophthongierung des ai, die der heutigen Aussprache entspricht. Es sind auch ältere dreisilbige Formen bezeugt: Aylewa (O I 313, 1419, Kop.), Ayllava (O III 62, 1466, Kop.) und Aylava (O III 1720, 1484, Kop.), wo der reduzierte Stammvokal des Zweitgliedes als a statt e - oder u/o? - erscheint. Der Geschlechtsname gehört zum Rufnamen Ailef (-lif, -lof, Ālef), entstanden aus *Aillēf oder *Ailulf (mit Erstglied *Ail- < *Agil-), oder aus *Ailēf oder *Aiulf (mit Erstglied *Ai- < *Agi-). Dreisilbig bezeugt ist auch der zu Gerlef (< *Gērlēf oder *Gērulf) gehörende Geschlechtsname Gerlewa: Elbodus dictus Gerlewa (nach P. Sipma 1952, S. 94, der die mir nicht zugängliche Ausgabe von Schwartzenberg, Ch. I 167, zitiert). In der Form Gerlwa (Gerlua) wurde er zum Namen dreier Güter zu Arum, Hennaard und Seksbierum (D.J. v.d. Meer 1962, S. 70).
Nun ist jedoch schon im Altfriesischen und vor allem westlich der Lauwers v (w) nach l normalerweise geschwunden. Die Entwicklung muß vor 1400 eingetreten sein. In einer Originalurkunde aus dem Jahre 1397 ist sie schon in zwei Formen bezeugt: fiarda hale pundismeta... fon bauka hallim (O IV 16,10). Sicher wurde sie nicht überall gleichzeitig durchgeführt, doch ist sie 1418 auch schon für Dongeradeel bezeugt, also für die Gegend, in der das Geschlecht Jarla zu Hause war: inda sella jere (O IV 66, Or.). Sollte der Name vorher die Form *Jarlva (*Jarlwa) gehabt haben, so entspräche es also nur dem zu Erwartenden, wenn er seit 1440 in der Form Jarla (Iarla, Jaerla u.ä.) bezeugt ist (s. Miedema, S. 68). Wenn v (w) in Aylva und Gerlwa erhalten blieb, so könnten konservative Familientraditionen dazu beigetragen haben. Vor allem aber blieb man sich wohl lange genug dessen bewußt, daß diese Geschlechtsnamen zu den Rufnamen Aylef und Gerlef gehörten. Und diese blieben im lebendigen Gebrauch. Dagegen scheint der möglicherweise zu Jarla gehörende
Rufname *Jarlef in dieser Form nicht bezeugt zu sein. Er könnte außer Gebrauch gekommen sein, Oder er war selten und ohne die Stütze einer geschriebenen Form schon vor 1440 so weit reduziert worden (s. unten S. 50), daß er mit dem Geschlechtsnamen Jarla nicht mehr in Verbindung gebracht wurde. Dann wäre es erst recht verständlich, daß dieser sein etwaiges v verloren hatte.
Im übrigen gab es auch bei Aylva Ansätze zum v-Ausfall. Von zwei Abschriften einer Urkunde von 1487 schreibt die bessere tyard aylva, die weniger sorgfältige Fassung aber Tiaard Ayla (O IV 7575 = O II 15474). In den beiden Texten eines ‘Gaerlegers’ von 1466 steht epo aylwa in Lw, aber Epa Ayle in Fs (Estrikken 33 (1963), S. 136, Z. 191). Im ‘Register van de Aanbreng’ von 1511 (und 1514) wechseln die Formen: Peter Aylwe, Eepe Ayle, Epe Ayle, Peter Aylwe, Peter Ayle (Aanbr. 1880, I, S. 93, 98, 99, 189, 254), Epe Aluwe (2. Hs. Aylue, Aanbr. 1942-54, III, S. 28), Eepe Ayla, Peter Aylwa, Epa Aylwa 2mal (Aanbr. 1942-54, V, S. 13, 20, 35, 37). Mit ähnlichem Ausfall könnte der heutige Familienname Gerla (Repertorium II, S. 75) dem Gutsnamen - und ehemaligen Geschlechtsnamen - Gerlwa entsprechen.
In weiteren Geschlechtsnamen dürfte v/w ebenso spurlos geschwunden sein, wie es für Jarla vermutet werden kann. Andela, Andla gehörte sicher zu dem Rufnamen Andulf, Andolf, der schon in den Werdener Urbaren A und B als friesisch bezeugt ist (R. Kötzschke 1906, S. 4727, 4826 und 12832), später östlich der Lauwers Ondulf, Ondolf (Buma-Ebel 5, S. 210, s. auch OGD, Register, ferner ein Ondulphus in den ‘Gesta Abbatum Orti Sancte Marie’, S. 243, und den ‘Abtenlevens’ des Sibrandus Leo, S. 20), westlich der Lauwers Andelof(f) (‘Rechtsomgang van Franekeradeel’ § 141), Andelif (O II 517, 1402, alte Kop.), Andlef(f), Andlif(f) (O III 212,7,17,34,64,64,76,1488/89, Kop., O III 32412, S. 80, 1504, Or.), auch noch Andulff, doch ist das wohl eine dem nichtfriesischen Kontext angepaßte Form (Pax Groningiana 4722,247, 1491, Or., 4825, 1491, Kop.). Es gab allerdings Andela, Andla (und Andel) auch als Rufnamen, aber die Homonymie mit dem Geschlechtsnamen muß sekundär sein. Von Rufnamen, die schon auf -a endeten, hätte man keine Geschlechtsnamen mit -a bilden können, hier mußte man -ma oder -inga anhängen (Bottama oder Bottinga zu Botta usw.). Als Geschlechtsname muß And(e)la zu einem zweigliedrigen Vollnamen wie Andulf gehören, also aus *Andulva entstanden sein. Dagegen ist der Rufname And(e)la als eine Kurznamen-
bildung zu verstehen, die möglicherweise erst von der reduzierten Vollnamenform Andlef ausging.
Schon 1402 ist ein Mamma Andela bezeugt (O I 93, Or.). Im ‘Rechtsomgang van Franekeradeel’ (1406-1438) zeigt sich für das Dorf Ried (nordöstlich von Franeker) die Beziehung zwischen dem Geschlechtsnamen und dem Gutsnamen und zugleich die Verselbständigung des Gutsnamens, der erhalten blieb, auch wenn der Besitzer des Gutes einen anderen Namen trug: Hessel Andela van Andela nija stathen (§ 137, Hessel Andela auch § 73 und 121), Hessel Feddinga van jonga Andela staeten thoe Rede (§ 199, vgl. auch alda andela... nija andela § 55, thoe Ald Andela § 220, thoe Andela § 258). Zu der Rieder Familie gehörte auch Godefridus (Goerd) Andla, Abt von Lidlum 1336-1347 (Sibrandus Leo, S. 50). Als Geschlechtsname und als Gutsname kommt Andela, Andla in weiteren mittelalterlichen Urkunden vor (s. O III, Register). Er lebt in beiden Funktionen bis heute (Repertorium II, S. 26, v.d. Meer, S. 61).
Der Geschlechtsname Liōla (geschrieben Liola, Lioela, Lyoella u.ä., auch Lioula, Lyouwla, Lyouele u.ä.) gehört ohne Zweifel zu dem schon erwähnten Rufnamen Liōlef, älter Liūdulf, Liūdolf (so schon im 10. Jahrhundert im Werdener Urbar A für Ostfriesland bezeugt: Kötzschke, S. 4915 und 5111). Gut bekannt ist vor allem Remer Liola. Als Greetmann von Franekeradeel stellte er 1429 die im Original erhaltene Urkunde O I 48 aus. Im ‘Rechtsomgang van Franekeradeel’ wird er als Greetmann oder Richter mehrfach erwähnt (§ 238, 241, 244, 266, 270, 286, vgl. auch S. 67, 125 und 127). Auch in diesem Fall blieb der Geschlechtsname mit dem westlich von Franeker gelegenen Besitz verbunden, als der in andere Hände kam: 1448 erwarb Douwe Siaerda Ländereien samt ‘Stins’ te Lyowla von Remers Witwe, und 1510 vermachte Douwes Witwe Eedwer ihrer Enkelin das gued hietende thoe Lyoella (auch Lioele gued, O II 238148,193, Or., vgl. hierzu und zu weiteren Nachrichten über das Gut Overdiep-Tjessinga, Ausgabe des ‘Rechtsomgangs’, S. 67f.). Ein anderes Gut scheint Lyowla stens and stattha zu sein, das Hylleke Lauckemma in Baijum 1405 Bawka Dowa dochter übergibt - als deren Erbe nach Erreichen der Mündigkeit? Auf der Rückseite ist die Urkunde als Bavke Lyovla bref bezeichnet (O I 11, Or.). D.J. v.d. Meer verzeichnet außer Lyo(e)lla (Lyouwle) bei Franeker die Güter Liola zu Ternaard und Liolle zu Sijbrandaburen (S. 79). Als Familienname scheint Liōla (Lioula) nicht erhalten geblieben zu sein.
Vermutlich gibt es außer And(e)la und Liōla weitere Geschlechts-und/oder Gutsnamen, die zu Rufnamen auf -lef (und Varianten) < *-u/f oder *-lēf gehören, deren -la also über *-(e)lva/-l(e)va auf *-ulva oder *-lēva zurückgeht. Die beiden besonders deutlichen Beispiele reichen aber aus, um zu zeigen, daß für Jarla die Möglichkeit der gleichen Entwicklung gegeben ist.
Es bleibt das Problem, wie Jar- als erster Teil von Jarla zu erklären ist. Man kann durchaus bezweifeln, ob die Herleitung aus *Gērrichtig ist, wie ich sie zunächst versucht habe (UW 25, S. 39, vgl. Miedema, S. 65-67). Es läßt sich jedoch nicht bestreiten, daß es das Namenglied Jar- im Friesischen gegeben hat. Für die Beurteilung des Geschlechtsnamens Jarla als einer heimischen friesischen Bildung ist das zunächst einmal das Entscheidende. Am besten bezeugt ist Jar-in dem bis nach Ostfriesland verbreiteten Rufnamen Jarich, auf den Miedema leider nicht eingegangen ist. Er läßt sich schwerlich anders erklären denn als ursprünglich zweigliedriger Name mit *-wīch (-wīg). In seiner Bildung deutlich und in seiner Existenz nicht anzuzweifeln ist auch der Frauenname Jarburg, der zuerst 1651 in der ‘Epitome onomastici Phrisici’ von Johannes Segerus bezeugt zu sein scheint (mir nicht zugänglich, nach F. Stark 1868, S. 74 hier in der Form Jarpurg, vgl. auch J. Cadovius Müller 1691, S. 87, B. Brons 1877, S. 52, J. Winkler 1898, S. 192). Hinzu kommt neuzeitliches Jarberich (neben Garberich, Gerberich, H. Zahrenhusen 1939, S. 55) mit -berich < *-berch (-berg) f. - falls es sich nicht um eine reduzierte Form von *-burch (-burg) handelt, also um eine jüngere Form von Jarburg. Schwach bezeugt ist die Form Jarik, Jarick, Jarrick (17. Jh. nach Brons, S. 52, vgl. Jarrick Cadovius Müller, S. 83, vielleicht nach Seger?). In ihr könnte als Zweitglied *-rik stecken. Westlich der Lauwers gab es anscheinend nur Jarich, denn Jaricus (neben Jarichus) ist offensichtlich nur eine Latinisierung dieses Namens (‘Gesta Abbatum’, Register, S. iv, Sibrandus Leo, Register, S. 109). Jarick in der Urkunde O II 217 ist nur ungenaue Schreibung (Z. 6 und 23, dagegen Jarich Z. 28).
Andere ursprünglich zweigliedrige Namen mit Jar- sind stärker reduziert worden, jedoch ist das betonte Erstglied meist nicht davon betroffen. Der Männername Jaerd enthält als zweites Glied sicher *-hard oder *-ward, weniger wahrscheinlich *-rēd (Jaerd, Jaard, Jaerde, auch Jard, Jart Winkler, S. 190, 192, Jardt, Jart, das Patronymikon
Jards, ferner als ‘moviertes’ Femininum Jartje, auch Jarte?, alle aus dem 17. Jh. nach Brons, S. 52). Dazu gehört der frühere Geschlechtsname Jaerda (Winkler, S. 190) und der heutige Gutsname Jaerda (zu Seksbierum), wahrscheinlich auch Jardinga (zu Oosterwolde, v.d. Meer, S. 75). In den groningischen Orten Delfzijl und Slochteren gibt es Jaarda als Familiennamen (Repertorium III, S. 128).
Der Rufname *Jarulf oder *Jarlēf - falls es diese Form des Erstglieds in Verbindung mit den vollen Formen des Zweitglieds schon gab - scheint über *Jarlef- auch *Jarelf? - in verschiedener Weise reduziert worden zu sein. Wenn außer dem unbetonten Vokal auch l ausfiel, entstand Jarf, eine Form, die vor allem in Verbindung mit dem -k-Suffix bezeugt zu sein scheint als Jarfke, Jaarfke, so der Name eines sagenhaften Sehers, dessen Prophezeiungen seit dem 16. Jahrhundert - und vermutlich schon früher - in den Groninger Ommelanden und in Ostfriesland starke Beachtung fanden (K. ter Laan 1929, S. 369, S.J. van der Molen 1966, S. 111 ff.). Wurde andererseits r ausgestoßen oder assimiliert, dann ergab sich Jallef, Jalf, ebenso wie Gellef, Gelf aus Gerlef entstand (Winkler, S. 191, 122). In einem Grundstückverzeichnis des jeverländischen Kirchspiels Minsen aus dem 16. Jahrhundert sind mehrere Träger des Namens Jalleff, Jalff genannt (Fries. Archiv II, S. 109-112, vgl. Stark, S. 140, 186). Dagegen ist r durch Metathese erhalten geblieben in Graleff, Gralff (< Garlef < Gerlef, Fries. Archiv, a.a.O.).
Ein weiterer Jar-Name mit ursprünglichem Zweitglied *-(w)ald liegt offensichtlich vor in Jareld, also auch eine Bildung, mit der Jarla in Verbindung zu bringen nicht ganz ausgeschlossen ist. Allerdings scheint Jareld nicht in friesischen Landen bezeugt zu sein, sondern merkwürdigerweise nur in Dänemark als Name des vierten Bischofs von Ribe (Ripen) nach Aussage der bald nach 1200 entstandenen ‘Chronica Ecclesiae Ripensis’ (S. 27). Bischof Jareld, dessen Amtszeit zwischen ca. 1085 und ca. 1122 liegt (s.J. Larsen 1948, S. 260), wird mit Geroldus identifiziert, der in der Vita Sancti Canuti des AElnoth (um 1120) als Hauskaplan König Knuts des Heiligen (1080-86) genannt ist (vgl. Danmarks gamle Personnavne I 1, Sp. 360). Die Namensform Jareld läßt sich aus dem Altdänischen nicht erklären. Sie scheint ursprünglicher zu sein als die Form Gerold(us), die wohl als eine latinisierende Gleichsetzung von Jareld mit einem gebräuchlicheren Namen zu verstehen ist. Der Bischof wird in der Chronik als Ausländer (quidam extraneus) bezeichnet. War er möglicherweise
ein Friese, ebenso wie Leofdanus, der erste Bischof von Ribe, es gewesen war (S. 26)? Dieser wird allerdings ausdrücklich quidam Friseus genannt.
Neben den ursprünglich zweigliedrigen Vollnamen mit Jar- als erstem Glied gibt es Kurznamen, die zunächst als Koseformen zu ihnen gebildet wurden, abgeleitet vom Erstglied Jar- (mit oder ohne Beteiligung des anlautenden Konsonanten des Zweitgliedes) in Verbindung mit einem Suffix. Zu ihnen gehört Jaring m. mit -ing-Suffix (Winkler, S. 193, anscheinend nur westerlauwerssch). Jarste, Jarst f., im 14. Jahrhundert der Name einer Schwester des rüstringischen Häuptlings Edo Wimmeken I. (s. Oldenb. Ukb. II 882, S. 350f., vgl. Lübben, S. 307, Stark, S. 74, Brons, S. 52, Winkler, S. 193), scheint von Jar- mit -st-Suffix abgeleitet zu sein wie beispielweise Meinst(e) und Rikst(e) von den Erstgliedern Mein- und Rik- (vgl. Ingeborg Klatt 1938, S. 211, H. Kuhn 1960, S. 386-388). Sollte -st(e) in einzelnen Fällen, so auch hier, aus *-swīthe entstanden sein, wie W. de Vries vermutete (1952, S. 35, 62), dann wäre Jarst(e) ein weiterer reduzierter Vollname. Jarbe f. (Brons, S. 52, 17. Jh.) dürfte eine mit -n-Suffix gebildete, d.h. schwach flektierte Koseform zu Jarburg sein (oder zu einem anderen Vollnamen mit b-Anlaut des zweiten Gliedes), ähnlich Jarmke f. (Winkler, S. 193) mit schwach flektiertem -k-Suffix zu *Jarmōd oder ähnlich. Zweifelhaft sind die von Brons (S. 52) für das 17. Jahrhundert verzeichneten Namenformen Jarina (auch Jerina, Jerine) und Jaroje.
Nicht von vornherein gesichert ist die Existenz des Kurznamens afries. *Jara, nwfries. Jare (Jaer) oder Jarre bei Winkler (S. 192, 193). Mit Recht warnt Miedema, im Anschluß an T. Hoekema, vor Winklers ‘oncritische combinaties’ (S. 69). Vor allem Jare und Jaer könnten aus dem Geschlechtsnamen Jaringa und dem Rufnamen Jaertsje - der natürlich zu Jaerd gehört - abstrahiert sein, die Winkler mit diesen Kurznamen zusammengeordnet hat. Solchem Verdacht weniger ausgesetzt ist Jarre (ebenso wie Jare, Jaer kursiv gedruckt, also anscheinend in Quellen vor 1800 bezeugt und nicht mehr in Gebrauch, s.S. xv). Und Jaare findet sich immerhin auch schon bei E. Wassenbergh (1806, S. 113, vgl. Brons, S. 94, vielleicht, direkt oder indirekt, aus dieser Quelle). Allerdings wäre wohl auch bei Wassenbergh der Verdacht einer Abstraktion nicht ganz auszuschließen, denn er leitet von Jaare die Geschlechtsnamen Jaarla und Jaarsma ab (S. 142, der zweite Name wohl < Jarichsma).
Wahrscheinlich gibt es aber doch ein sogar verhältnismäßig frühes Zeugnis für den Namen *Jara nur ist er in der lateinischen Quelle verfremdet zu Hiaro mit lateinischer Endung und überflüssiger H-Schreibung, wie sie in solchem Kontext nicht verwunderlich ist. Es handelt sich um die Inschrift von San Michele in Rom (bald nach 1300). Sie nennt einen Friesen Hiaro de Slinga (= *Herlinga?), der im 9. Jahrhundert gelebt haben soll (M.P. van Buijtenen 1953, S. 53, in der Inschrift Z. 5). Umgekehrt fehlt H- hier im Namen des Ilderado de Groninga, wodurch die Bedeutungslosigkeit der Schreibung in Hiaro bestätigt wird. Damit ergibt sich eine einleuchtende Erklärung für diese von Sipma mit Fragezeichen versehene Namensform (1952, S. 50). Da die Inschrift zeitgenössische, historisch nicht voll verläßliche Überlieferung der Friesen in Rom wiedergibt, kann ihr Zeugnis nicht für das 9. Jahrhundert, aber immerhin für die Zeit um 1300 gelten. Mit anord. Jari kann afries. *Jara auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden (so Miedema, S. 69). Das geht schon deshalb nicht, weil Jari ein Zwergenname war, den bestimmt kein Wikinger seinem Sohn gegeben hätte, so daß er als menschlicher Rufname nach Friesland hätte kommen können.
Die friesische Originalüberlieferung von Jar-Namen beginnt erst nach 1400, im Osterlauwersschen mit Evert Jarichs (OUB I 212, 1408), im Westerlauwersschen mit to Jaringha husym (O I 19, 1415) und Jarich Jarixsma (O IV 3, 1417). Mit Hiaro in der Inschrift von San Michele haben wir aber wahrscheinlich einen Beleg, der etwa ein Jahrhundert älter ist, und mit Jareld in Ribe kommen wir möglicherweise bis ins 12. Jahrhundert zurück, falls die Bischofschronik zuverlässig tradiert und richtig datiert ist - und falls der Bischof Friese war, was jedoch nicht unwahrscheinlich ist (vgl. dazu die Untersuchung des Namenelements Jer- (Jar-) in niederdeutschen Rufund Familiennamen, unten S. 70f.).
Noch nicht völlig geklärt ist es, wie es mit den Jar- oder Jer-Namen im Nordfriesischen stand. Nach A. Johannsen (1959/60, S. 119) gab es hier früher die Namen Jarcke, Jark, Jerk und Jerre. Es ist jedoch nicht sicher, ob diese Formen nicht aus dem Niederdeutschen stammen, wo sie genaue Parallelen haben. Sollte Jerk nur auf Sylt bezeugt sein, dann würde es sich gar nicht um einen Jer-Namen, sondern um den nordischen Namen Erik handeln (= lark auf Föhr und Amrum, wie z.B. Sylt jerem = Föhr, Amrum iarem ‘Arm’ < *ērm). Der Name Jellef (nur auf Föhr und Amrum? nach G. Reinhardt
1975, S. 60 auch Jillef) könnte bodenständig und aus *Jerlef entstanden sein (vgl. Jallef oben S. 50). Er würde dann zeigen, daß die Weiterentwicklung von *Jer- > Jar- zumindest auf den nordfriesischen Inseln unterblieben wäre. Und die Heimat von Bischof Jareld wäre eher in den südlichen Frieslanden zu suchen (was durchaus möglich ist), falls nicht Jar- auch auf dem nordfriesischen Festland entstanden war. Es bleibt abzuwarten, was die genauere Untersuchung des Belegmaterials aus dem 15. bis 17. Jahrhundert durch Ulf Timmermann für die Geschichte der Jar-(Jer-?)Namen im Nordfriesischen ergeben wird.
Obwohl damit schon feststeht, daß es keinen Anlaß gibt, den Geschlechtsnamen Jarla anders zu erklären als viele weitere Geschlechtsnamen auf -a, die zu zweigliedrigen Rufnamen gebildet worden sind, möchte man doch auch gern wissen, wie das Namenelement Jar- zu deuten ist. Wenn man die Herleitung aus *Gērnicht akzeptieren will, dann gibt es, soweit ich sehen kann, zwei weitere Möglichkeiten, die freilich ebenfalls nicht ohne Schwierigkeiten sind.
Man kann es zum einen mit *Jēr-, eigentlich wohl = ‘Jahr’, versuchen. Dieses Namenelement scheint - in jeweils entsprechender einzelsprachlicher Form - vorzuliegen in ahd. Jarolfus (Jârolf), dem Namen eines Mönches im Kloster Klingenmünster (südöstlich von Landau) nach einer Eintragung im Reichenauer Verbrüderungsbuch (um 826, P. Piper 1884, S. 216, vgl. E. Förstemann 1900-02, Sp. 980), ferner in aengl. Gēruald, Gēruini und Gērferd nach dem Liber Vitae von Durham (um 840, H. Sweet 1885, S. 153ff.: geruald Z. 119, 163, 180, 204, 302, 353, 370, geruini Z. 291, gerferđ Z. 478, vgl. aengl. nordhumbr. gēr = westsächs. gēar ‘Jahr’ mit g- = j-, dagegen in derselben Quelle Gār- ‘Ger-’ in garmund, garuald u.a.). Es ist nicht damit zu rechnen, daß einige der in diesem Verzeichnis genannten Wohltäter der Durhamer Kathedrale Namen mit vom Festland importierten Gēr- = ‘Ger-’ getragen hätten. Wohl aber dürfte dies gelten für die Sklavinnen Gerburg und Gersand (< *Gersind?), die in einem Testament aus der Zeit um 950 genannt sind (Dorothy Whitelock 1930, S. 121,6, vgl. S. 108 und 111). Möglicherweise ist got. jēr ‘Jahr’ enthalten in der Namenform Ierulfus einer westgotischen Urkunde von 781 (M. Piel - D. Kremer 1976, S. 154, hier mit Fragezeichen angeführt unter ‘gis-, ges- usw.’). Man wird jedoch zu
prüfen haben, ob hier vielleicht unter romanischem Einfluß Ier- statt Ger- ‘Ger-’ geschrieben sein könnte, ebenso bei dem von Förstemann (a.a.O.) genannten Jeroin (-oin = -win), überliefert anscheinen in einer Quelle aus Monte Cassino. Erst recht unsicher sind weitere Namen, die Förstemann unter JAR zusammengestellt hat (Sp. 979f.). Er erschließt sogar den Kurznamen Jaro (also Jâro) aus dem Ortsnamen Jaringen, heute Jaring zweimal in der Steiermark (vgl. Förstemann 1913, Sp. 1609f.), aber die im 12. Jahrhundert für beide Orte bezeugten Nebenformen Jeringe, Jeringen sprechen wohl eher für kurzes, hier umgelautetes a - wie immer dieser Ortsname dann erklärt werden mag.
Jedenfalls scheint es das Namenelement germ. *Jēra- ‘Jahr-’ doch gegeben zu haben, wenn auch selten. Die Verwendung eines solchen Wortes zur Namenbildung erscheint merkwürdig. Es ist jedoch zu bedenken, daß *jēra(n) auch der Name einer Rune war (s.u.a. W. Krause 1970, S. 29). Das Wort scheint also im ‘Wertsystem’ der Germanen eine Rolle gespielt zu haben, vielleicht in der Bedeutung ‘gutes, fruchtbares Jahr, gute Ernte, Wohlstand’, wie sie vor allem für anord. ár bezeugt ist. Gegen die Vermutung, daß dieses Wort hinter den friesischen Jar-Namen stehen könnte, spricht zweierlei: 1. Das ohnehin seltene Namenglied Jâr-/Gēr-(= Jēr-) scheint im deutschen ebenso wie im englischen Bereich früh aufgegeben und völlig verschwunden zu sein. Sollte es bei den Friesen anders gewesen sein? 2. Die Lautentwicklung *Jēr- > Jar- ist nicht normal. Das sind allerdings keine unüberwindlichen Hindernisse. Die Friesen könnten selbstverständlich ein solches Element häufiger und in einigen Namen länger verwendet haben als ihre sprachverwandten Nachbarn. Und was die Lautentwicklung betrifft, so könnte man an frühe Kürzung von ē > e denken, und e wäre dann vor r zu a geworden, also *Jēr- > *Jer- > Jar-. Mit einer fast entsprechenden Lautentwicklung wäre auch zu rechnen, wenn man von *Gēr- (*Gǣr-), ‘Ger’ ausgehen wollte. Für eine Entwicklung *Jer- > Jar- gibt es jedenfalls die Parallele *Her(e)- > Har- in Namen wie Harich (< *Herwīg), Har(e)ld (< *Her(w)ald), Haerd (wohl < *Her(w)ard, dazu der Geschlechtsname Haerda), auch in dem Kurznamen Haring. Die Kürzung von *Gēr- > Ger- in Gerald (Gerold) und anderen Ger-Namen scheint demgegenüber jünger zu sein als die von *Her- > Har-, denn Gar- scheint eine sekundäre Variante zu sein - während Hermen, auch Harmen, fremder Herkunft verdächtig ist.
Eine andere Erklärungsmöglichkeit für Jar- ergäbe sich dann, wenn man die Form mit asächs., ahd. Garu-, aengl. Gearo- gleichsetzen könnte. Es handelte sich dann um das adjektivische Namenglied germ. *Garwa- ‘bereit, fertig’, insbesondere ‘kampfbereit, gerüstet’ (vgl. H. Kaufmann 1968, S. 139f.). Im Altsächsischen ist Garu- vor allem deutlich bezeugt in dem Namen Garuward (Gharuward, auch Garward, Gharward mit -w- = -uw-, oder mit u-Schwund vor w, W. Schlaug 1962, S. 94, unter gêr-, vgl. jedoch S. 91 und Kaufmann, S. 139). Im Althochdeutschen erscheint neben Garu- und Garo- öfter Gara-, auch Gari-: Garuman und Garaman, Garufrid und Garifred, Garobald und Garibald, Gararich u.a. (Förstemann 1900-02, Sp. 602ff.). Der unbetonte Vokal des Erstgliedes konnte früh ausfallen vor vokalisiertem oder geschwundenem w- des Zweitgliedes, z.B. in ahd. Garuin (-oin), Garald (-old), Garulf (vgl. Kaufmann, S. 139). Im jüngeren Altsächsisch wurde Garu- aber wohl auch unabhängig vom Anlaut des Zweitgliedes über Gare- (wie in Garevardus bei Thietmar von Merseburg im Jahre 1013) zu einsilbigem Gar-. Die Namen Garman m. (bezeugt 1030/44) und Garmod f. (1127) lassen sich so besser erklären, als wenn man für sie eine Sonderentwicklung von germ. ai > â statt > ê, also Gâr- statt Gêr- annimmt (so Schlaug 1955, S. 99, vgl. S. 96, auch Kaufmann, S. 139). Förstemann nennt außerdem einige von diesem Namenglied ausgehende Kurznamen, darunter Garo.
Im Altenglischen scheinen nur zwei Namen mit Gearo- und auch nur je ein Träger für sie bezeugt zu sein. Nach Bedas ‘Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum’ (um 730) hieß der zweite Bischof der Mercier (in den Jahren 662-667) Iaruman (III 24, vgl. III 30, IV 3, Ausgabe von Plummer, S. 180, 199, 206). Das ist eine frühe, nordhumbrische Form des Namens, der in der westsächsischen Übersetzung des Werkes aus dem Ende des 9. Jahrhunderts in der Form Gearumon, Gearaman, Gearomonne (Dat.) erscheint (Ausgabe von Miller, I 2, S. 240, 250, 260, vgl. auch die handschriftlichen Varianten: II 1, S. 261, 276, II 2, S. 289). Eine Bischofsliste des 9. Jahrhunderts schreibt ebenfalls gearomon (Sweet, S. 16834). Hinzu kommt Jerumannus in einer Urkunde von 664, deren späte Überlieferung aber nicht viel Vertrauen verdient (Birch 1885 ff., I, S. 40, vgl. auch Ieruman in der spätaltenglischen Wiedergabe: II, Appendix, S. iv, = Plummer 1892, S. 32(E)14, auch S. 30(E)15). Sonst gibt es noch einen Geororēd wiederum im Liber Vitae von Durham (Sweet,
S. 161, Z. 282: georored, eo ist eine Variante von ea im Nordhumbrischen).
Die altenglischen Formen gehen ebenfalls auf *Garu- zurück. Allerdings gibt es dabei lautliche Schwierigkeiten, denn nach normalen altenglischen Lautgesetzen hätte a vor u erhalten bleiben müssen und mit ihm das nichtpalatale G. Die endungslose Grundform des Adjektivs gearo ‘fertig’ die von gleichlautendem *garu herkommt (mit Vokalisierung des in den Auslaut gekommenen w von *garw-), soll ihren Diphthong ea aus flektierten Kasus wie gearwes mit erhaltenem w bekommen haben, wo er durch ‘Brechung’ vor r + Konsonant lautgesetzlich entstanden war (s.K. Brunner 1965, § 109, Anm. 8). Vor ea mit palataler erster Komponente wurde das auch im Anlaut spirantisch gesprochene g- zu j- palatalisiert, was in der normalen altenglischen Orthographie noch nicht erkennbar ist, wohl aber in späteren mittelenglischen Schreibungen und in nengl. yare ‘fertig’ (veraltet oder dialektisch, s.E. Klein 1966, II, S. 1760).
Bedas Schreibung Iaruman zeigt, daß auch in dem Namenglied *Garu- G- schon früh palatalisiert worden sein muß. Gab die analogisch umgebildete Adjektivform gearo (gearu) den Anlaß, auch das Namenglied entsprechend umzubilden? Eine solche Annahme ist nicht besonders überzeugend. Gerade der bis nach Oberdeutschland verbreitete Name Garuman existierte vermutlich auch bei den Angelsachsen, lange bevor das Adjektiv *garu zu gearo umgebildet wurde. Man muß sich fragen, ob die Beziehung des Namengliedes zu diesem seinem Ursprungswort dann noch so lebendig waren, daß es in den Umbildungsprozeß einbezogen worden wäre. Es gibt eine andere Erklärung, die vielleicht vorzuziehen ist. Außerhalb des altenglischen Hauptdialekts, des Westsächsischen, gab es vor allem im Mercischen den sogenannten ‘Velarumlaut’, der aber auch in frühen nordhumbrischen und kentischen Quellen bezeugt ist: a wurde, sicher über ae, ebenfalls zu ea, wenn ein velarer Vokal (a, o, u) in der Folgesilbe stand (s. Brunner, § 109). Man darf annehmen, daß G- auch vor diesem ea oder vielleicht schon vor seinem Vorgänger ae zu J- wurde. Iaruman, Bischof der Mercier, stammte sicher selbst aus mercischem Gebiet, wo der Velarumlaut von a (> ae) > ea besonders stark gewirkt zu haben scheint. Die lautliche Entwicklung des Namengliedes *Garu- im Mercischen - aber entsprechend vielleicht auch im Nordhumbrischen - könnte also etwa so verlaufen sein: *Garu- > *Gaeru- > Jaeru- > *Jéaru- > *Jeáru- = Iaru- bei Beda (vgl. zu
dessen Schreibung H. Ström 1939, S. 104), sonst Gearu-, Gearo- (nordhumbrisch auch Georo-) geschrieben, aber wohl ebenfalls mit J- gesprochen. Die Schreibung Iaruman dürfte somit die Vermutung Brunners stützen, daß die dem Velarumlaut vorausgehende Aufhellung von a > ae vor hinteren Vokalen gleichzeitig mit der in anderen Stellungen erfolgte, nur wurde sie in einem Teil des Sprachgebiets, vor allem im Westsächsischen, in solchen Fällen wieder rückgängig gemacht (§ 108,5 und Anm. 4).
Auf den ersten Blick scheint es nahezuliegen und die beste Lösung zu sein, afries. Jar- mit aengl. Gearo- (Iaru-) gleichzusetzen und ebenfalls aus *Garu- herzuleiten. Das ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden. Auch im Altfriesischen müßte *Garu- erhalten oder - mit Ausnahme des Weserfriesischen - zu *Gare- geworden sein, vgl. afries. staru-, stare- in starublind (Rüstringer Handschrift R1), stareblind ‘halberblindet’, oder nar(e) ‘eng, unheimlich’ (aengl. nearo, Gen. nearwes). Das dem Namenglied entsprechende Adjektiv kann hier auch nicht helfen. Es ist zwar in den altfriesischen Quellen nicht bezeugt, aber die neufriesischen Formen deuten auf afries. *gare zurück: nwfries. gear (gair Schiermonnikoog), nofries. goar (Saterland), gôer (Wangerooge, nach Fries. Archiv I, S. 93), nnfries. gaar, gåår, goor. Damit ist freilich andererseits nicht schon bewiesen, daß *Garu- als Namenglied - und möglicherweise entsprechend auch als Adjektiv - sich nicht anders entwickelt haben könnte. Denn das heutige Adjektiv wird nur in der Spezialbedeutung ‘fertig gekocht’ (und in ihr nahestehenden Bedeutungen) verwendet, entsprechend ndl. gaar, ndd. goor. Ebenso wie die Bedeutung könnte das Wort als solches aus den Nachbarsprachen entlehnt sein. Wenn das richtig sein sollte, könnte das eigentlich friesische Wort, das verloren gegangen wäre, eine andere Form gehabt haben.
Um die Palatalisierung von G- > J- zu erklären, müßten wir jedenfalls die Aufhellung des a von *Garu- auch im Friesischen annehmen. Hätte sie über *Jaeru- zu *Jeru- und *Jere- führen können, dann ließe sich die weitere Entwicklung leicht verstehen, denn diese wäre parallel zu der Entwicklung von *Here- > Har- (s. oben S. 54). Da jedoch Formen wie staru- (stare-) und nare den Ansatz von *Jere-zu verbieten scheinen, wäre zu überlegen, ob die Aufhellung des a vor nichtpalatalen Vokalen vielleicht nur bis zu ae ging (also *Gaeru-, ebenso wie *staeru-, *naeru), daß sie aber ausreichte, um G- zu palatalisieren, bevor ae, ähnlich wie in einem Teil des Altenglischen,
wieder zu a wurde. Übrigens kehrte auch aeng. ea im Mittelenglischen über ae zu a zurück, das durch Brechung entstandene ea ebenso wie das im Mercischen und anderen Dialekten durch Velarumlaut entstandene (vgl. K. Luick 1914-21, I, § 356 und 363,4). Die Entwicklung vollzog sich schon um 1100. Wenn es die altenglischen Quellen nicht gäbe und die Überlieferung des Englischen ebenso spät einsetzte wie die des Friesischen, nämlich im 13. Jahrhundert, dann könnten wir das anlautende Ʒ [j] von mengl. Ʒare ‘fertig’ nicht aus aengl. gearo erklären, sondern müßten uns ebenfalls mit der unbestimmten Annahme einer wieder rückgängig gemachten Aufhellung des a begnügen. Eine solche Überlegung macht aber selbstverständlich eine Entwicklungsreihe *Garu- > *Gaeru- > *Jaeru- > *Jaru- > *Jare- > Jar-im Friesischen nicht weniger hypothetisch.
Ein etwas anderer Weg von *Garu- zu Jar- wäre ebenfalls denkbar: Wenn die Form *Garu- im Frühaltfriesischen ebenso wie im Altsächsischen und Althochdeutschen vor anlautendem w des Zweitglieds früh genug ihr u verlor - oder wenn u möglicherweise gar nicht erst entstand, weil das w der älteren Form *Garw- mit dem folgenden w verschmolz -, dann befand sich das a von *Gar- in einer Stellung, in der es an der normalen, bis zu e führenden Aufhellung teilnehmen konnte. In Namen mit w-Anlaut des Zweitglieds könnte sich also *Jer- entwickelt haben, woraus später Jar- wurde, z.B. in *Garwīg > *Jerwīg > Jarich. Die Kurznamen mit Jar- könnten von solchen Namen abgeleitet sein, aber Jar- (oder schon *Jer-) müßte nachträglich auch auf Vollnamen wie Jarburg u.a. übertragen worden sein, die eigentlich die Form *Garu-, *Gare- hätten behalten müssen. Da das möglich, aber nicht voll überzeugend ist, bleibt auch dies eine hypothetische Lösung. Immerhin ist festzustellen, daß unter den Jar-Namen (s. oben S. 49f.) solche mit Zweitglied auf w- verhältnismäßig stark vertreten sind: Jarich (*-wīg), Jaerd? (*-ward?), Jarf-/Jallef (*-wulf) und Jareld (*-wald). Und man könnte in diesem Zusammenhang auch an spätasächs. Gar- in Garman und Garmōd denken: Die einsilbige Form ließe sich ebenfalls durch Übertragung aus Namenformen wie Garward - hier allerdings umgekehrt auch Garuward! - erklären (also anders als oben S. 55).
Die Herleitung von afries. Jar- aus *Gar(u)- wäre eine ansprechende Lösung des Problems. Sie ist aber nicht so sicher, daß man sich schon endgültig für sie entscheiden könnte, solange die anderen Lösungsmöglichkeiten nicht ausgeschlossen werden können. Deshalb
wird man neben der Herleitung aus *Jēr- weiterhin auch die aus *Gēr- (*Gǣr-) in die Betrachtung einbeziehen müssen. Denn Miedemas Einwände (S. 65ff.) sprechen nicht entscheidend gegen sie. Es ist klar, daß in der Mehrzahl der überlieferten friesischen Namen altes *Gēr-als Ger- erscheint, manchmal auch als Gar- (s. oben S. 54). An eine Herleitung dieser Form aus nichtpalatalisiertem *Garu- ist wohl kaum zu denken. Wenn aber beispielsweise Gerlef, Garlef, Gralef oder Gerald, Gerold, Griold jeweils denselben Ursprung haben, warum sollten nicht auch *Jarlef/Jallef und Jareld zu diesen beiden Namen gehören können? Zunächst wurden solche Parallelformen sicher nur als Varianten desselben Namens gebraucht, wie es sich gelegentlich beobachten läßt. Im Laufe der Zeit konnten sie sich verselbständigen, wenn das Gefühl für ihre Identität verloren ging.
Die Annahme, daß G- in *Gēr- zu J- geworden sein könnte, läßt sich nicht mit dem Argument ausschließen, anlautendes g- sei im Friesischen Verschlußlaut gewesen (Miedema, S. 65). Dazu ist es zweifellos erst nachträglich geworden (vgl. Th. Siebs 1901, S. 1295f.). Es läßt sich nicht feststellen, wann das westlich der Lauwers geschah, aber die Jar-Namen waren ohne Zweifel alt genug, um ihr J- zur Zeit der spirantischen Aussprache von G- entwickelt zu haben. Miedema mag recht haben, daß Ger- zur Zeit der altwestfriesischen Überlieferung, also im späten Mittelalter, schon mit Verschlußlaut gesprochen wurde, doch ist selbst das nicht sicher. In den Formen etker ‘Speer’ (< *etgēr) und Sasker (< Sahsgēr) kann k ebenso gut aus spirantischem wie aus explosivem g entstanden sein. Offensichtlich entwickelten sich diese Formen erst, nachdem man sie nicht mehr als mit -gēr gebildete Komposita verstand. Wenn die Konsonantenfolgen -tg- und -sg- also nicht mehr durch eine Kompositionsfuge gesondert waren, dann mußten sie sich fast zwangsläufig den in der Sprache üblichen Konsonantenkombinationen anpassen. Im Altfriesischen gab es damals weder [-tγ-] oder [-tx-] noch [-sγ-] oder [-sx-], und so waren auch bei ursprünglich spirantischer Aussprache des g in -gēr -tk- und -sk- die nächstliegenden Ausweichmöglichkeiten. Jedoch war die Verbindung -tk- selten und wurde anscheinend gern gemieden. Bei der Flexion von litik ‘klein’ scheint man statt der eigentlich normalen synkopierten Formen, wie z.B. litka, gern litika, liteka verwendet zu haben, solange -tk- nicht zu -tj-, dann -ts(j)-entwickelt wurde, was wohl erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geschah (litia u.ä., heute lytse und danach auch die Grund-
form lyts, vgl. J.J. Loopstra 1935, S. 115ff.). Vielleicht erklärt sich von daher, daß in den altwestfriesischen Quellen neben etker häufiger etteker oder eteker (eeteker) bezeugt ist mit Trennung der beiden Konsonanten durch ein neu eingefügtes e. Auf jeden Fall zeigt diese Umbildung, daß das Wort für die Aussprache des anlautenden g im Spätaltwestfriesischen keinen Zeugniswert hat (vgl. Siebs, S. 1296f.).
Im übrigen bezeugt die von Miedema (S. 65f.) angeführte Schreibung iestlika in der Handschrift R1 zumindest so viel, daß g- im Altrüstringischen - aber in älterer Zeit sicher nicht nur dort - spirantisch und palatal ausgesprochen wurde, auch wenn es in der Stellung vor ē (ǣ) < germ. ai nicht vollständig mit j- zusammengefallen war. Als bloßer Schreib- oder Abschreibfehler wäre i- hier überhaupt nicht verständlich, ebensowenig aber auch, wenn anlautendes g- Verschlußlaut gewesen wäre. Daß g- (vor ē) und j- sich in der Aussprache nahestanden, zeigen auch umgekehrte Schreibungen, insbesondere ger = jēr ‘Jahr’ und gerich = jērich ‘mündig’ in den Emsiger Handschriften E1 (II 6, 13, V 40) und E2 (IX 36). Es ist also leicht einzusehen, daß G- in gewissen Namenformen mit *Gër-wirklich ‘entgleist’ sein könnte, dies umso mehr, als bei Eigennamen die Beziehung zu den appellativischen Wortelementen, aus denen sie gebildet wurden, leicht verloren zu gehen pflegt.
Für die Herleitung von afries. Jar- aus *Gēr- könnten vor allem Parallelen aus dem niederdeutschen Bereich sprechen. Hier finden wir neben den häufigen Gêr-Namen vereinzelt Formen mit Jer-, später im Nordniedersächsischen auch mit Jar-. Die diesen Formen gewidmete Untersuchung (s. unten S. 67-79) zeigt, daß Jer- in allen Teilen des Niederdeutschen aus Gêr- entstehen konnte und daß J- hier nicht nur ungenaue Schreibung für spirantisches G- ist, sondern zumindest in einem Teil der Belege eine wirkliche Veränderung der Aussprache anzeigt. Sollte sich ein entwicklungsgeschichtlicher Zusammenhang zwischen ndd. Jer- (Jar-) und fries. Jar- nachweisen oder jedenfalls wahrscheinlich machen lassen, so wäre das ein entscheidendes Argument für die Herleitung auch von afries. Jar- aus *Gēr- ‘Ger’. Denn für asächs., mnd. Jē̌r- ist dies die einzige Möglichkeit. Zwar hätte im Altsächsischen auch ‘Jahr’ möglicherweise Ier- (mit ē) geschrieben werden können, und in der Tat ist ger mit ē statt ā (und g für j) die am häufigsten bezeugte Schreibung für das altsächsische Appellativum; aber im Mittelniederdeutschen wäre von Anfang *Iar- *Jar- (mit â) zu erwarten gewesen. Erst recht hätte Garu- ‘gerüstet’ im Niederdeutschen keine Variante *Jer- entwickeln können.
Es muß jedoch vorerst offen bleiben, ob wirklich ein direkter Zusammenhang der Entwicklung im Friesischen und im Niederdeutschen angenommen werden kann. Er müßte in eine Zeit zurückreichen, als das Namenglied auch im Friesischen noch die Form *Jer-hatte, d.h. in die zeugnislose Zeit vor 1200, wenn nicht noch wesentlich früher, so daß er sich kaum wird belegen lassen. Gegen ihn könnte sprechend, daß die Bedingungen für den Übergang von spirantischem g- > j- im Friesischen und im Niederdeutschen vermutlich nicht völlig gleich waren. Der aus germ. ai entstandene ē-Laut, wie in gēr ‘Ger’, müßte im Altfriesischen ursprünglich offener gewesen sein als im Altsächsischen und Mittelniederdeutschen, d.h. ein ǣ, das dem nd. ê1 (< â + i-Umlaut) eher entsprach als dem zumindest halbgeschlossenen mnd. ê2, wie in gêr ‘Ger’. Allerdings ist ǣ in Teilen des Friesischen doch zu ê geworden, im Westerlauwersschen ebenso wie in Teilen des Osterlauwersschen bis zur Weser (vgl. Hofmann 1964, S. 162). Das könnte möglicherweise schon früh geschehen sein. Ob vor ē oder schon vor ǣ, auf jeden Fall läßt sich eine ‘Entgleisung’ des G- im Namenglied Gēr- (Gǣr-) auch für das Altfriesische nicht ausschließen, zumal sie in der Rüstringer Form iēstlika eine Parallele zu haben scheint.
Vorerst, solange keine der möglichen Formen ausgeschieden werden kann, stehen für die Herleitung des Geschlechtsnamens Jarla insgesamt neun verschiedene Rufnamen zur Wahl, gebildet mit dem Erstglied *Jēr- (‘Jahr’), *Jaer(u)-/*Jer(e)- (‘gerüstet’) oder *Gēr- (*Gǣr-, ‘Ger’), sowie mit dem Zweitglied *-(w)ulf, *-lēf oder immerhin auch *-(w)ald, also etwa *Jērulf, *Jērlēf oder *Jērald, *Jaerulf, *Jaer(u)lēf oder *Jaerald, *Gērulf, *Gērlēf oder *Gērald. Auch wenn sich die Zahl dieser Möglichkeiten vielleicht noch reduzieren läßt, wird eine sichere Entscheidung für eine von ihnen voraussichtlich nie möglich sein. Dennoch scheint mir bei der Erklärung von Jarla jede einzelne von ihnen den Vorrang zu haben vor der Hypothese, daß dem Geschlechtsnamen die altnordische Rangbezeichnung jarl zugrundeliege (Miedema, S. 59ff., 74ff.). Zu viele Fragen bleiben bei einer solchen Erklärung offen: Hätte ein Normanne, der 873 und schon längere Zeit davor unter den Friesen lebte und Christ geworden war, den Titel jarl beihalten wollen und können, selbst wenn er ihn einst unter seinen heidnischen Landsleuten geführt und die entsprechenden Funktionen wahrgenommen hätte? Und wenn ja, hätten die Friesen dem Titel
eine Lautform belassen, die in ihrer Sprache damals fremdartig war? Die Angelsachsen identifizierten anord. jarl mit ihrem heimischen Wort eorl ‘edler Mann’ und verwendeten dieses, vgl. z.B. Ōsbeorn eorl (= Ásbiorn iarl), einer der eorlas des großen Wikingerheeres, die im Jahre 871 in der Schlacht bei Ashdown fielen (Plummer 1892, S. 70). Da das entsprechende Wort erl auch im Altsächsischen bezeugt ist, ist es sehr wahrscheinlich, daß auch die Friesen es kannten und für die Wiedergabe des nordischen Titels hätten verwenden können. Die Iren waren angesichts des großen Sprachunterschieds in einer anderen Situation. Sie konnten nur versuchen, die fremde Lautform ihrer Sprache einigermaßen anzupassen (s. Miedema, S. 57f.). Und wenn die Friesen den fremden Titel dennoch sogar in der fremdartigen Lautform übernommen hätten, dann höchstens als Beinamen für eine ganz bestimmte Person, ihren Anführer im Jahre 873, wie Miedema meint. Wie hätte ein solcher individueller Beiname aber vererbt und - ausschließlich in seiner Familie? - zum Rufnamen werden können, aus dem dann der Geschlechtsname Jarla abgeleitet worden wäre? Ein solcher Vorgang wäre nicht vergleichbar mit der Verwendung von Bezeichnungen aus der einheimischen friesischen Sozialordnung als Rufnamen, wie Kempa, Āsega, Skelta, Deken (Miedema, S. 60).
So bleibt es weiterhin unsicher, ob nordische Einflüsse der Wikingerzeit im Altfriesischen Spuren hinterlassen haben, denn die übrigen Beispiele, die Miedema behandelt hat, bieten, für sich genommen und erst recht ohne die Stütze von Jarla, keinen Anlaß zu einer solchen Annahme. Nachdem im Westerlauwersschen -v- in intervokalischer Stellung durchgehend, also lautgesetzlich, zu -u(w)- vokalisiert worden war, entstanden durch seine Verbindung mit dem vorhergehenden Vokal z.T. neue Diphthonge oder sogar Triphthonge. Die Lautfolge (-)ev- - und ebenso (-)ēv- - wurde zum Triphthong (-)ióu(w)- und manchmal - mindestens teilweise wohl erst nachträglich - zu (-)iō-, z.B. in afries. *hever(a) ‘Hafer’ > awfries. hioura (nwfries. hjouwer), oder in afries. tevele ‘Tafel’ > awfries. tiōle, vgl. auch afries. lēva ‘glauben’ > awfries. liouwa (nwfries. leauwe [ljouə]). Es gibt also keinen Grund, die Entwicklung von Ever- (in Namen wie Everwerth u.a.) > Jouwer- > Jōr- auf nordischen Einfluß zurückzuführen (Miedema, S. 54ff.) und diese Form somit anders zu erklären als andere Wortformen, bei denen an einen solchen Einfluß überhaupt nicht zu denken ist. Die offensichtlich lautgesetzliche Entwicklung ist
außerdem so spät, daß nicht nur in möglicherweise besonders konservativen lateinischen Texten, sondern auch in den spätmittelalterlichen altwestfriesischen Handschriften gelegentlich noch mit -ew- geschriebene Formen vorkommen. Die zu dieser Entwicklung gehörende Akzentverlagerung hat also nichts mit der anscheinend älteren in den Diphthongen ia und iu zu tun - bei der im übrigen nordischer Einfluß ebenfalls sehr fraglich bleibt. Um die Form touwer u.ä. in touwersdey ‘Donnerstag’, touwer ‘Unwetter’ und touwerje ‘donnern’ zu erklären, braucht man nicht an eine schwer nachvollziehbare Vermischung von ‘Thor’ und ‘Zauberei’ zu glauben (Miedema, S. 53).
Es liegt näher, mit einer innerfriesischen Lautentwicklung zu rechnen, die sich vermutlich nur deshalb nicht als lautgesetzlich aufzeigen läßt, weil es keine weiteren Formen gab und geben konnte, in denen n nach o geschwunden war. Sie hat jedoch eine nahe Parallele in der Entwicklung von gedehntem o vor erhaltenem n (UW 25, S. 35-37). Es ist nicht notwendig und deshalb nicht möglich, die von Miedema herangezogenen Wort- und Namenformen, darunter nicht zuletzt Jarla, auf nordischen Einfluß zurückzuführen. Denn wenn es mindestens ebenso gute, wenn nicht bessere, innerfriesische Erklärungsmöglichkeiten für sie gibt, dann können wir einfach schon aus methodischen Gründen nicht anders, als ihnen den Vorrang geben. Ob wir damit immer der tatsächlichen Entwicklung dieser Formen nahekommen, ist eine andere Frage.
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References: § 141
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