Source: https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/
Timestamp: 2020-07-04 09:21:20+00:00

Document:
Die Farbe des Granatapfels | Ansichten einer Armenierin – Der Blog von Jaklin Chatschadorian
Zum Gedenken. 103 Jahre danach.
Wir gedenken heute zum 103. Mal den 1,5 Mio Opfern des Genozides an den Armeniern im Osmanischen Reich im Jahre 1915.
Wir Armenier erinnern uns dabei an die Erzählungen unserer Väter und Großväter. Wir trauern um den Verlust ihrer Geschwister und Eltern und sind dankbar für jeden einzelnen, der den Massakern entkommen ist. Denn ohne SIE würde es UNS nicht geben.
Ein jeder Armenier in diesem Raum ist betroffen.
Er ist Nachkomme jener, die entkommen konnten, die überlebt haben und sich durch die Gründung einer eigenen Familie zum Weiterleben entschieden haben.
Sie haben durch ihren Lebensmut die Existenz des armenischen Volkes wider jede Vernichtungsabsicht gesichert.
Historische Einzelheiten zum Ablauf erspare ich Ihnen.
Sie alle haben davon gehört, wie am 24.4.1915 die Intellektuellen der Armenier zum Auftakt des Völkermordes verhaftet wurden.
Sie alle hörten von den Menschen, die aus ihren Häusern getrieben und ermordet wurden.
Väter und Söhne wurden zu Aufständischen erklärt und erschossen oder – GANZ TRADITIONELL– mit dem Säbel enthauptet.
Mütter und Töchter hat man SICH GENOMMEN, versklavt oder verkauft. Sie alle wissen um die Enteignungen, die Deportationen ohne Brot und Wasser, und obgleich die türkische Regierung im Rahmen ihrer professionalisierten Leugnungsindustrie von Umsiedlungsmaßnahmen spricht, OHNE ZIEL.
Die blutgetränkten Flüsse, die auf dem Weg ins Nirgendwo vergewaltigten Frauen und Kinder, die in den Bauch getretenen Schwangeren, die in der Wüste gekreuzigten Menschen. …..
Auch von der Rolle Deutschlands bei der Vernichtung der Armenier haben Sie gehört. Sie hörten von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, der die Türkei bis zum Ende des Krieges an deutscher Seite zu halten gewillt war, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.
Sie hörten von den deutschen Waffenlieferungen, den Mauser-Gewehren und Krupp-Kanonen im Einsatz beim Genozid osmanischer Streitkräfte an Armeniern.
Und vielleicht hörten sie auch von Wilhelm Souchon, einem deutschen Konteradmiral, der feststellte: “Für die Türkei würde es eine Erlösung sein, wenn sie den letzten Armenier umgebracht hat.“
Ihre Aufmerksamkeit möchte ich vielmehr auf DAS HEUTE lenken. Ich möchte Ihnen die Parallelen aufzeigen. Ich möchte Ihnen zeigen, dass der für den Völkermord von 1915 verantwortliche Rassismus, und im Besonderen der Nationalislamismus, bis heute BEI UNS weiterlebt.
Und damit möchte ich Sie auf den Sinn des Gedenkens an einen Völkermord erinnern.
Wir Armenier gedenken der Toten und ihres Leides, weil uns unsere Liebsten genommen wurden. Wir trauern.
Warum aber gedenken wir Menschen, wir Demokraten – unabhängig von ethnisch-religiöser Zugehörigkeit oder persönlicher Betroffenheit – an solche grausamen Verbrechen gegen die Menschlichkeit?
Ein ritualisiertes Gedenken aus dem wir keine Lehre für die Gegenwart und für unser eigenes Denken und Handeln ziehen, ist nichts wert. Es verkommt zur Folklore.
Wir, die das Privileg haben, nach hinten schauen zu können, stehen in der Verantwortung die Weichen für das heute und morgen zu legen, damit wir eine Wiederholung, gleich an wem, verhindern.
Genau das aber ist ebenso ungemütlich wie unpopulär.
Wie kam es zu dem Völkermord von 1915?
Das durch Raub und Mord gen Westen expandierende Kalifat des Osmanischen Reiches hatte sich finanziell übernommen und fand in der indigenen, nicht muslimischen Bevölkerung der Region den perfekten Sündenbock. Schließlich waren die Armenier seit jeher von den Eroberern aufgrund der Zahlung einer Schutzgebühr, der islamischen Dschizya, nur geduldet und wurden, um nicht zu erstarken, immer mal wieder, zwischendurch, massakriert.
Diese Maßnahmen der Zähmung, die Massaker VOR 1915, sind weniger bekannt, als das hier von türkischen Nationalisten zur Verdeckung installierte Schlagwort der sog. OSMANISCHEN TOLERANZ.
Die Expansion gen Westen ist, dank Johann Sobieski dem III., einem polnischen Staatsmann und Heerführer, an den Toren Wiens missglückt.
Sobieski schlug, während der zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 mit seiner Hussaria, als Oberbefehlshaber der Katholischen Liga, das Osmanische Heer und galt damit als Retter Wiens.
Dieser Schmerz sitzt noch immer tief in der Seele türkischer Nationalislamisten.
Nicht umsonst zitiert der heutige Präsident der Türkei in regelmäßigen Abständen das Gedicht des Nationalislamisten, Pantürkisten, Turanisten und bedeutenden Schreibers des Osmanischen Reiches, Influencers von Mustafa Kemal Atatürk, Ziya Gölkalp:
Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. …. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten“.
Die Türkei befindet sich auch heute im Krieg. Offiziell vielleicht nur mit dem nordsyrischen Afrin, de facto jedoch mit dem gesamten Westen, inkl. Israel.
Sehen wir uns nun die Politik der Bundesrepublik Deutschland unter Kanzlerin Merkel an, so drängt sich die Erinnerung an die Politik des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg auf.
Wieder scheint es, ungestört eines rechtswidrigen Angriffskrieges auf die Kurden, Armenier und Aramäer, die im Norden Syriens siedeln, Deutschland darum zu gehen, die seit der Allianz von Bunzelwitz, 1761 unter Friedrich dem Großen bestehende deutsch-türkische Waffenbrüderschaft aufrecht zu halten.
Wieder: Koste es, was es wolle.
Die sich hierhinter verbergende, bei Gelegenheit ausgeübte, Christenverfolgung ist offenbar nicht von Belang.
Weder für die Politik noch für die Führungen der beiden deutschen Kirchen.
Wie viele von Ihnen wussten, dass in Afrin auch Armenier lebten?
Wie sehr interessierte es Deutschland, als die armenische Siedlung Kessab, im Nordwesten Syriens, an der Grenze zur Türkei, 2014 von dem Ableger der Al-Qaida, den Schergen der Al-Nusra-Front angegriffen wurde, und diese Angreifer während ihres Raubzuges Türkisch sprachen?
Wer in Deutschland hat erfahren können, dass die in Kessab geraubte Beute auf der türkischen Seite der Grenze, auf den Märkten der angrenzenden Dörfer feilgeboten wurde?
Die armenisch-katholische Kirche von Raqqa wurde während der IS-Belagerung schwarz angemalt und mit der IS-Flagge versehen zum DAWAH-Center, also zum Zentrum der Islamisierung, erklärt.
Im Rahmen der Befreiung von Raqqa wurde die Kirche bombardiert und liegt nun in Schutt und Asche.
Wer sind diese syrischen Armenier?
Sie sind die Nachkommen der Opfer des Völkermordes.
Ihre Eltern und Großeltern haben die Wüste überquert, sind trotz Wassermangels nicht verdurstet, sind den Säbeln und Waffen des Osmanischen Reiches entkommen. Viele von Ihnen waren noch Kinder und landeten in den Waisenhäusern, über welche uns vorhin von Berta Arapoglu berichtet wurde.
Die Armenier Syriens fanden im aktuellen Syrienkrieg, durch die Hand des nationalislamistischen Türken und seiner islamistischen Mitstreiter wieder den Tod oder hatten Raub, Vergewaltigung und Vertreibung zu erleiden.
Die direkt in der Türkei verbliebenen Überlebenden des Völkermordes, etwa meine Großeltern, mussten ihre Verluste und ihre Traumata verbergen. Sie mussten so tun, als ob nichts gewesen war, um überleben zu können.
Es gab schließlich keine Allianz und keine Schutzmacht, die die Verantwortlichen zur Rechenschaft zog. Im Gegenteil. Die Überlebenden mussten die politische Vollendung des Genozides erdulden.
Straßennamen und die eigenen Nachnamen wurden per Gesetz türkisiert. Als Deckmantel diente u.a. die – bis heute international gefeierte – Modernisierung, Harmonisierung und Alphabetisierung der türkischen Sprache.
Es war klüger, das armenische Leben in die Unsichtbarkeit zu transportieren. Kein armenisches Wort auf öffentlicher Straße, keine politische Meinung. Keine politische Organisation.
Die aktuelle Lage der Christen, im Besonderen der Armenier in der Türkei ist Ihnen sicherlich bekannt.
Im Osten werden alte Kirchen zu Parkhäusern und Kuhställen umfunktioniert, eine ehemalige kleine Kapelle dient als Toilette. Im Westen darf die Nachfolge des Patriarchen nur mit der Einmischung des AKP-Apparates erfolgen.
Mein Großvater mütterlicherseits fluchte, im fortgeschrittenen Alter, auf Türkisch, während er das Vater-Unser auf Armenisch betete.
Nur im späten Alter, im Gebet, hatte er die Möglichkeit, dass, was er über all die Jahre verschweigen musste, mit sich und Gott zu verarbeiten.
Er hatte, bis auf einen, alle seine Geschwister und andere Familienmitglieder verloren.
Die türkischen Nachbarn hörten seine Worte. Sie hakten nach. WEN verflucht euer Vater ständig?
Über Jahrzehnte hat er über seine Erlebnisse nicht gesprochen. Er war vielmehr bemüht, seinen Nachkommen ein Leben in Unsichtbarkeit zu ermöglichen und sie gerade nicht seiner eigenen Trauer auszusetzen. Eine Gelegenheit zur Aufarbeitung, etwa im Rahmen der einer Therapie oder im Sinne einer „auswärtigen“ Möglichkeit der Erholung, um mit dem Trauma fertig zu werden, hatte er nicht.
Die Bedrohung, ein unsichtbarer, dorniger Käfig, der jederzeit ohne Vorwarnung wieder sehr eng werden konnte, bestand fort.
Doch in hohem Alter holte ihn das Verdrängte ein und nunmehr waren seine Kinder bemüht, ihn und sich vor den irritierten türkischen Nachbarn im Haus, mit denen man doch so gut auskam, zu schützen. Sie hörten schließlich sein Geschimpfe durch die dünnen Wände, gekürt mit einer Sprache, die sie nicht verstanden. Meine Mutter und ihre Geschwister waren gezwungen, auf den Hausfluren stets zu betonen, man dürfe ihn, den alten Mann nicht ernst nehmen. Er sei eben, wie alle Menschen ab einem gewissen Zeitpunkt, alt und senil, wisse nicht, was er von sich gäbe.
Damals war die Rede vom Völkermord zwar nicht als Straftatbestand in Art. 301 StGB TR fixiert. Das haben die Menschen in der Türkei dem ersten Erdogan-Kabinett 2005 zu verdanken. Jedoch war das Thema auch ohne diese „rechtliche“ Strafbewehrung lebensgefährlich.
Der erinnernde Armenier war und ist Störenfried. Allein seine Existenz erinnert an den Zeugen, der die über das Land verstreuten Gräueltaten, überlebt hat. Er innert daran, dass die beabsichtigte Auslöschung nicht vollständig gelungen ist und die Verdeckung einer Straftat bis heute empfindlich erschwert
Der erinnernde Armenier störte in den ruhigen Zeiten der Türkei den Frieden und die Freundschaft (!), die zwischen Armeniern und Türken bestand. Auch wenn eine solche, unter dieser Bedingung geschlossene Freundschaft nie eine echte, sondern nur eine zur Wahrung des eigenen und des öffentlichen Friedens an den Tag gelegte, war.
Man arrangierte sich mit den gegebenen Bedingungen. Das Damoklesschwert der türkischen Wut schwebt bis heute über den Mitgliedern der armenischen Gemeinschaft in der Türkei, die sich fast ausschließlich in Istanbul verortet.
Trotz der auferlegten Unsichtbarkeit kam es 1955 in Istanbul und in Izmir zu einem weiteren Pogrom gegen Griechen und Armenier. Meine Eltern haben dieses Pogrom gesehen und den Mob überlebt.
Mein Vater kam in den 60er Jahren in die Bundesrepublik. Teile des Mobs auch.
Meine Mutter erlebte noch die christenfeindliche, faschistoide Stimmung 1974, die Invasion Zyperns, bevor sie nach Deutschland kam.
Der antichristliche, antiarmenische Hass ist ihnen vertraut.
Doch nicht nur ihnen.
Auch mir. Der zweiten, in Deutschland geborenen, Generation in Deutschland.
Während in der deutschen Öffentlichkeit nur der unterbezahlte türkische Ausländer, der Deutschland mitaufgebaut haben soll, gesehen wurde, wurde mein Vater von seinen Arbeitskollegen – in Fortsetzung des Lebens in der Türkei – weiterhin als Ungläubiger / Gavur bezeichnet.
Er kam mit denen, die er eigentlich nie wiedersehen wollte, zwangsläufig aus. So wie in der Türkei.
In meiner Kindheit habe auch ich hören müssen, von meiner türkischen Freundin im gleichen Haus:
Meine Mutter hat gesagt ihr würdet das Kreuz lieben und Schweinefleisch essen. Iiiiii. Pfui.
Heute, im Integrationsrat der Stadt Köln, dessen stellvertretende Vorsitzende ich – dem Namen nach bin – bin die am wenigsten erwünschte Person dieses erlauchten Kreises von türkischen Nationalisten und Nationalislamisten. Es eint sie der Hass gegen die Armenierin, die den Völkermord von 1915 nicht nur nicht vergessen kann,
sondern auch stets den türkischen Nationalismus und den politischen Islam, den die Damen und Herren dort vertreten, stets öffentlich kritisiert.
Selbst die autochton deutschen Kollegen aus Integrationspolitik und Stadtverwaltung haben es nicht gern, wenn ich mich in den Sitzungen zu Wort melde und meinen Sitznachbarn wegen seiner Christenfeindlichkeit kritisiere,
die sich etwa darin ausdrückte, dass er – inmitten einer öffentlichen Sitzung – despektierlich von „Christen und anderen Ungläubigen“ sprach.
Können Sie sich vorstellen, wie sehr es meinen Vater, den Mann, der mit der Ankunft in Deutschland den Boden der Freiheit küsste, heute schmerzt, wenn Deutschland sich im inneren wie im äußeren stets, unter dem Deckmantel der Toleranz und der Rassismusbekämpfung vor türkische Nationalislamisten stellt?
Dank Anwerbeabkommen, Globalisierung und Eroberungsmentalität vieler türkischer Staatsbürger ist der türkische Nationalismus und Nationalislamismus nicht nur in der Türkei. Zu unserer aller Freude ist er mit all seinen Feindbildern mitgereist und hat sich, auch mithilfe der deutschen Politik, bei uns etabliert. Er hat sich Strukturen aufgebaut und politisch weit vernetzt.
Türkisch nationalislamistische Religionsverbände sind in Deutschland, auf Bundes- und Landesebene ebenso aktiv wie auf kommunaler Ebene. Sie umarmen die deutsche Politik mit orientalischem Charme und dem einen oder anderen Versprechen und Gefallen, um den erstickenden Würgegriff zu verdecken.
Ich gebe ihnen ein aktuelles Beispiel.
Diese Kölner Gemeinde hat es erfolgreich geschafft, auf der armenischen Sektion des von dieser Gemeinde genutzten städtischen Friedhofes einen Kreuzstein zum Gedenken an die 1,5 Mio Opfer des Genozides von 1915 im Osmanischen Reich aufzustellen. Viele von Ihnen waren heute Nachmittag bereits dort und haben an der Segnung teilgenommen.
Ist Ihnen aufgefallen, dass der Gedenkstein weder die Zahl der Opfer, noch den Tatort und damit auch nicht die Täter nennt?
Es wirkt, als sei der Genozid einer Naturkatastrophe und nicht dem bösen Willen von Menschen zu verdanken.
Diese Unsichtbarkeit armenischer Existenz in Köln ist Ergebnis des nationalislamistischen Würgegriffs.
Die Initiative mehrerer türkischer Verbände betonte in einem Brief an alle Abgeordneten der Stadt Köln, das der Gedenkstein den öffentlichen Frieden gefährden würde. Die Stadt übernahm diese Argumentation und wiederholte diese gerade erst neulich wieder.
Hier wurden und werden willkürlich – genauer durch die Übernahme islamischer Mentalitäten – die Verantwortungen von Tätern und Opfern ausgetauscht.
Das mit dem Stein zum Ausdruck gebrachte Gedenken an die eigenen Toten, die Mahnung vor den Auswirkungen von Rassismus, STÖRE den ÖFFENTLICHEN FRIEDEN und nicht der denkbare, zuweilen indirekt gar angekündigte, MOB von Nationalislamisten, der sich am Gedenkstein vergreifen könne.
Das Gedenken wird zur Anstiftung zu Vandalismus umgedeutet, weil die Nachkommen der Täter keine Kritik dulden.
Nicht anders dürfte es einer Frau in Saudi Arabien gehen, die sich wegen einer Vergewaltigung an die Polizei wendet und mit einer Anklage wegen Anstiftung herauskommt resp. verurteilt wird.
Völlig unbemerkt von der gesamten deutschen Öffentlichkeit wurde in Köln mit diesem Austausch der Verantwortung der Rechtsstaat für insolvent erklärt.
Erlauben Sie mir bitte ein weiteres Beispiel für die Existenz von türkischem, staatstreuen Rassismus in Deutschland.
Im Juni 2016, einen Tag vor der Bundestagsresolution und damit zwei Tage nach dem ich als damalige Vorsitzende des Zentralrates der Armenier in Deutschland im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit einem AKP Abgeordneten streitig diskutiert habe, war die Scheibe meines Büros eingeschlagen. Laut Polizei waren es einige Jugendliche. Nicht weiter identifizierbar. Nie zuvor und nie danach ereignete sich ähnliches bei uns oder in der Nachbarschaft.
Einen Tag nach diesem Anschlag auf mein Büro tauchte ein Video in den medialen Netzwerken auf. Türkischstämmige Salafisten hatten die Sendung gesehen und mit eigenen Statements überspielt. Hierin erklärten sie die Qualifizierung des 1915 Geschehenen als Völkermord nicht nur zum Angriff auf die Türkei oder das Türkentum, sondern zu einem Angriff auf die islamische Gemeinschaft.
Zusammenhänge drängen sich auf.
Christenverfolgung war das islamische, islamistische, nationalislamistische, jungtürkische und nationalistische Motiv des Völkermordes von 1915.
1915 ging es rückblickend um den Sündenbock, der den Fortschritt der Türkei verhindert haben sollte und vorausschauend darum, dass es den ersehnten türkischen Aufschwung nur mit identitätsverleugnender Assimilation, der politischen Vollendung des Völkermordes, geben könne.
Doch Christenverfolgung ist gerade nicht nur ein Thema der Historie, und mitnichten nur ein Thema im Nahen Osten oder ein Einzelfall-Thema in deutschen Flüchtlingsheimen.
Die Beispiele aus Köln zeigen uns, dass Christenverfolgung auch Christendiskriminierung im eigenen Land, direkt hier bei uns, bedeuten kann.
Darum gilt es, sich hier GEDENKEND, erinnernd und MAHNEND, aber auch in vielen anderen Situationen des Alltags dieser gefährlichen Selbstüberhöhung von Nationalislamisten entgegenzustellen, statt sich einerseits folkloristisch zu geben und andererseits, wenn es darauf ankommt, hinter vermeintlicher Besonnenheit und Toleranz zu verstecken.
Welchen Wert hat eine deutsche Bundestagsresolution, die den Völkermord von 1915 politisch verurteilt, wenn führende Mitglieder der deutschen Regierung ihre Anwesenheit verweigern und die deutsche Bundestagskanzlerin der Resolution selbst ihren symbolischen Wert nimmt, in dem sie wenig später dem türkischen Präsidenten Erdogan die Belanglosigkeit des Parlamentsbeschlusses noch einmal ausdrücklich zusichert?
Ganz abgesehen davon, was es für Deutschland bedeutet, wenn die Regierung in die Autorität des Parlamentes grätscht.
Welchen Wert hat der Besuch der Genozidgedenkstätte in Armenien Zizernakaberd 2016, durch den damaligen Außenministers Frank Walter Steinmeier, der der Resolutionsentscheidung fernblieb und den Holocaust an den Juden instrumentalisierte, nur um sich nicht positiv zu dem Parlamentsbeschluss zu positionieren?
Es ist wie es ist. Die deutsche Politik „reformiert“ das Gedenken an Verbrechen zur unverbindlichen Folklore.
Die Beispiele aus Köln und die Nichtigkeitserklärung der Bundestagsresolution durch die Bundeskanzlerin zeigen uns, dass der Genozid an den Armeniern, verübt durch die osmanischen Jungtürken, gerade keine armenisch-türkische Frage ist.
Mitnichten geht es um einen von Armeniern und Türken nach Deutschland importierten Konflikt.
Es geht vielmehr um die Tatsache, dass Demokraten, gleich welcher Herkunft, sich gemeinsam gegen Rassisten und rassistische Überzeugungen und Geschichtsrevision mutig aufstellen müssen,
damit die Rechts- und Werteordnung dieses Landes, aufgrund einer äußerst kurzsichtigen Politik, nicht in eine falsche, Menschenleben in Kauf nehmende, Richtung gelenkt wird.
Ein Rechtsstaat, der nur auf Papier besteht, weil die deutsche Politik sich im Würgegriff türkischer Nationalislamisten befindet, kann auch von autochton deutscher Seite, nicht gewollt sein.
Lassen Sie uns GEMEINSAM ALS FREIHEITLICHE DEMOKRATEN der Toten gedenken, das Gedenken als Ausdruck unserer Kultur bewahren und unser eigenes Handeln im Alltag mutig überdenken.
von diefarbedesgranatapfels am 25. April 2018 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 25. April 2018
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2018/04/25/zum-gedenken-103-jahre-danach/
An den Vorsitzenden des Integrationsrates der Stadt Köln
An die Geschäftsstelle des Integrationsrates der Stadt Köln
Herrn Andreas Vetter
Antrag nach § 3 der Geschäftsordnung des Integrationsrates
Integrationsrat 11.09.2017
„Der Integrationsrat der Stadt Köln beschließt die verbindliche, verpflichtende Teilnahme seiner direkt gewählten Mitglieder an einem Antirassismus-Programm,
in welchem diese, gegenüber dem Rassismus von deutscher Seite sensibilisierten Mitglieder,
nunmehr für den Rassismus, der von Migranten ausgeht
und sich gegen Menschen ohne oder mit einem entscheidend anderen Migrationshintergrund oder Glauben richtet,
sensibilisiert werden sollen.“
Bundesweit kommt es immer wieder in den verschiedensten Integrationsgremien zu rassistischen Äußerungen.
Im Sommer 2016 schaffte es der Integrationsrat in Duisburg mit einem die Faktizität eines Völkermordes leugnenden Antrag an das entsprechende Stadtparlament in die Medien und weigerte sich, in seinem heißgekochten Eifer, bereits die Nichtzuständigkeit für die Bewertung von Resolutionen des Bundestags anzuerkennen.
Auch die hier in Köln mit zwei Sitzen vertretene kommunale Wählervereinigung DeinKöln fiel 2016 in mindestens einer Sitzung des Ausschusses für Anregungen und Beschwerden sowie in regelmäßigen Abständen in sozialen Medien mit rassistischen, deutschenfeindlichen, christenfeindlichen und/oder kurdenfeindlichen Äußerungen auf.
Die Erklärung des Landesintegrationsrates zur „aktuellen Situation Türkeistämmiger in Deutschland“, vom 26.06.2017 zeugt ebenfalls von einer nicht gelungenen Integration in die deutsche Wertegesellschaft aufgrund einseitig selbstüberhöhender Einstellungen.
Das Schreiben des landesweit organisierten Gremiums, dessen Vorsitzender auch den Vorsitz im Integrationsrat der Stadt Köln hat, erweist sich beim näheren Hinsehen als nicht haltbare, larmoyante Anklageschrift gegenüber der deutschen Gesellschaft, die mit der Ablehnung von EU-Beitritt und doppelter Staatsbürgerschaft, dem verweigerten Wahlrecht für Nicht-EU-Ausländer oder der vermeintlich ungerechtfertigten Forderung nach einem loyalen Bekenntnis zu Deutschland, für Nichtintegration und das breite Spektrum zu beobachtenden Fehlverhaltens Türkischstämmiger, in die Verantwortung genommen wird.
Hier kommt nicht nur eine, den vorliegenden Antrag rechtfertigende Selbstüberhöhung zum Ausdruck. Es stellt sich die Frage, inwieweit ein Integrationspolitiker, der hinter einer solchen Erklärung steht, für Kommune und Land tragbar sein kann.
In der letzten Sitzung hat ein weiterer, direkt gewählter Vertreter sich im Gremium, das sich dem Abbau von (deutschen) Vorurteilen zwecks Gewährung von mehr Teilhabe zugunsten des Allgemeinwohles verschrieben hat, zu Wort gemeldet und bei der Formulierung seines Anliegens von: „Christen und andere Ungläubigen“ gesprochen.
Die Einordnung als einer Person als „ungläubig“ ist, jedenfalls im konservativ-islamischen, nationalislamistischen Lager, zu welchem das betreffende Integrationsratsmitglied zu zählen sein dürfte, eine nachweisbar abwertende.
Anderes als die deutsche Sprache nahelegt, geht es mit diesem Begriff nicht um die neutrale Beschreibung von Nichtgläubigen oder Atheisten. Es geht um sog. Leugner der Wahrheit (Kafir/Gavur), denen die Leugnung vorgeworfen wird und denen bestimmte negative Eigenschaften zugeschrieben werden.
Gier und Käuflichkeit, Neigung zu Landnahme und Diebstahl
Verrat und Wortbruch, Heuchelei, Nörgelei und Streitsuch
die Neigung zur Anstiftung zu Rechtsbruch
der Vorwurf der Versklavung
die Neigung weltlichen Gelüsten eine zu große Wichtigkeit zu geben
Kindsmord uvm.
Diese Vorhaltungen erinnern an klassisch antisemitische Stereotype.
Die Integration in die freiheitlich-demokratische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ist vielen, in der Integrationspolitik aktiven Menschen mit muslimischem, im Besonderen türkischem Hintergrund offenbar nicht gelungen.
Schaut man sich die Ideologien und Organisationen, die, nicht immer in aller Deutlichkeit, hinter diesen Personen stehen, und deren teilweise Beobachtung durch den Verfassungsschutz an, wundert dies nicht.
Es fehlt die Anerkennung und Verinnerlichung freiheitlich-demokratischer Wertvorstellungen, ganz zu schweigen von deutschen Sprachkenntnissen in manchen, wenn auch nicht in allen Fällen.
Eine Integrationspolitik, die Gelegenheit zu solchen Fehlleistungen wie die oben Beschriebenen gibt, zeigt, dass sie von vornherein keine Aussichten auf Erfolg haben kann.
Mit Blick auf die Tatsache, dass die Bekämpfung von Rassismus eine zentrale wie noble Aufgabe der Integrationsräte ist, steht der Integrationsrat der Stadt Köln in der Pflicht, sich hier offen und glaubhaft entgegenzustellen, in dem es ein geeignetes Programm initiiert bzw. ausschreibt.
Ein Gremium, das den Ausbau von Antirassismusprogrammen stets befürwortet und gerne von Politik und Verwaltung finanziert sieht, sollte sich seine eigene Teilnahme nicht verwehren.
Es wird gebeten, dem Antrag zuzustimmen.
Sollte sich keine Mehrheit für diesen Antrag finden, so wird gebeten, den ablehnenden Stimmen im Rahmen einer Diskussion Raum zu geben.
Jaklin Chatschadorian,
Colonia International
von diefarbedesgranatapfels am 7. Juli 2017 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 7. Juli 2017
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2017/07/07/antrag-auf-weiterbildung-integration-der-integrationsraete-in-koeln/
von diefarbedesgranatapfels am 30. Juni 2017 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 30. Juni 2017
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2017/06/30/ich-bin-raus/
Heute, am 24.April 2017, dem 102. Gedenken an die Opfer des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich, durch die Jungtürken des Kalifates, erinnere auch ich, als Nachkomme der überlebenden Opfer dieses Genozides an die 1,5 Mio Menschen, die in Vernichtungs- und Auslöschungsabsicht umgebracht wurden.
Geflohen aus der armenischen Provinz Sebastia (dem heutigen Sivas), unter Verlust großer Teile seiner Familie konnte mein Großvater, im Alter, nicht einmal mehr das Vater-Unser beten, ohne dazwischen laut auf Türkisch zu fluchen und zu verfluchen.
Wie sollte er auch? Er hatte die Gräuel selbst miterlebt, seine Geschwister, Tanten, Onkel und Nachbarn verloren. Von seinem Haus und Grundstück, einem weiten, fruchtbaren Feld, hatte man ihn und die Seinigen verjagt. Er hatte es auf seiner Flucht von Sebastia nur nach Istanbul und nicht ausser Landes geschafft. Dort hatte er die Kriege und die Türkisierung unter Atatürk erlebt. Er musste seinen armenischen Namen ablegen und einen türkischen Namen annehmen. Später wurde er, gemeinsam mit seinen eigenen Kindern, Zeuge der September-Pogrome von 1955.
Heute leben seine Enkel und Urgroßenkel dort.
Über Jahrzehnte hat er über seine Erlebnisse nicht gesprochen. Er war vielmehr bemüht, seinen Nachkommen ein Leben in Unsichtbarkeit zu ermöglichen und sie gerade nicht seiner eigenen Trauer auszusetzen. Eine Gelegenheit zur Aufarbeitung, etwa im Rahmen einer Therapie oder im Sinne einer „auswärtigen“ Möglichkeit der Erholung, um mit dem Trauma fertig zu werden, hatte er nicht. Die Bedrohung, ein unsichtbarer, dorniger Käfig, der jederzeit, ohne Vorworwarnung wieder sehr eng werden konnte, bestand fort.
Doch in hohem Alter holte ihn das Verdrängte ein und nunmehr waren seine Kinder bemüht, ihn und sich vor den irritierten türkischen Nachbarn im Haus, mit denen man doch so gut auskam, zu schützen. Sie hörten schliesslich sein Geschimpfe durch die dünnen Wände, gekürt mit einer Sprache, die sie nicht verstanden. Meine Mutter und ihre Geschwister waren gezwungen, auf den Hausfluren stets zu betonen, man dürfe ihn, den alten Mann nicht ernst nehmen. Er sei eben, wie alle Menschen ab einem gewissen Zeitpunkt, alt und senil, wisse nicht, was er von sich gäbe.
Der erinnernde Armenier war und ist Störenfried. Allein seine Existenz erinnert an den Zeugen, der die über das Land verstreuten Gräueltaten, überlebt hat. Er innert daran, dass die beabsichtigte Auslöschung nicht vollständig gelungen ist und die Verdeckung einer Straftat bis heute empfindlich erschwert wird.
Freundschaft und ein gegenseitiger Respekt, mögen in einzelnen Fällen ehrlich gewesen sein. Das will ich nicht ausschließen. Im Gegenteil, bis heute habe auch ich, trotz meines vernehmbaren Einsatzes gegen Leugnung und Vergessen, Freundschaften zu türkischstämmigen Menschen. Aber wirklich erhrlich sind eben nur jene Verbindungen, die das Thema nicht ausklammern; sei es aus einer Verlegenheit heraus oder aber aufgrund einer rassistischen Motivation.
In der breiten Öffentlichkeit ist und bleibt der Armenier per se „Verrräter“. Eine Entnazifizierung fand in der türkischen Gesellschaft nicht statt. Man rühmt sich Tod bringender Eroberungen aus der Geschichte und abwertender Beurteilungen gegenüber Menschen, die heute nicht in die eigene ethnisch-religiöse Gruppe gehören.
Die beiden großen, politischen Lager der Türkei, die Nationalisten Kemal Atatürks und die Islamisten Erdogans (sowie seiner Vorgänger und Nebenbuhler) mögen sich über ihren politischen Kurs stets in Konkurrenz befinden und streiten. Aber das Feindbild des Armeniers eint sie. Die kurdische PKK wird ebenso wie der Islamist Fehtullah Gülen auf den Armenier heruntergebrochen. Irgendwo findet sich immer eine „Oma“ mit armenischen Wurzeln, die man sich 1915 „genommen“ hat und auf die man nun Kurden, die sich gegen den türkischen Staat aufstellen ebenso zurückführen kann wie Islamisten, die sich in Amerika verstecken.
Aus nationalistischer und islamistischer Sicht hat DER ARMENIER seine Bestrafung verdient; 1915 wie heute. Die Bezeichnung einer Person als „Armenier“ erfüllt in der Türkei, nicht erst seit der Aufsehen erregenden Verfassungsreform, den Straftatbestand der Beleidigung. Klagefreudig gibt sich besonders die Politik.
Dank Anwerbeabkommen, Globalisierung und Eroberungsmentalität vieler türkischer Staatsbürger ist der türkische Nationalismus und Nationalislamismus nicht nur in der Türkei. Zu unserer aller Freude ist er mit all seinen Feindbildern mitgereist und hat sich, auch mithilfe der deutschen Politik, bei uns etabliert. Er hat sich Infrastrukturen aufgebaut und politisch weit vernetzt.
Der türkische Nationalislamismus bestimmt in Deutschland mit, wenn Armenier in ihrer Kommune einen Gedenkstein, auf einem armenischen Gräberfeld (!) beantragen und ist sich keiner politischen Einflussnahme und keiner Bedrohung zu schade. Manch deutscher Kommunalpolitiker informiert mit Antragseingang freiwillig die türkische Botschaft, selbstverständlich in bester Absicht: mit der Bitte um Mäßigung „türkisch-deutscher“ Reaktionen.
Der türkische Nationalislamismus bringt die Kanzlerin dazu, dem Parlament des deutschen Volkes öffentlich die Würde zu nehmen und öffentlichkeitswirksam die Unverbindlichkeit seiner Resolutionen zu betonen.
Der in Deutschland verankerte türkische Nationalislamismus bringt Bund, Länder und Kommunen, trotz Morddrohungen gegenüber eingebürgerten Abgeordneten, trotz Spionageaffären, der Verherrlichung des Märtyrertodes in für Kinder gestalteten Comics, trotz offen gelebter Christen- und Judenfeindlichkeit, dazu, an seinen Organisationen als Kooperationspartner festzuhalten.
Der türkische Nationalismus schafft es, auch in Deutschland, Armenier auszugrenzen, zu diffamieren, zu diskrimininieren, sie unter fadenscheinigen Behauptungen zu verklagen oder sie ungestört in sozialen Medien zu beschimpfen und zu bedrohen. Justizminister Maas sowie die Gesamtheit der Politik sind auf diesem Auge blind. Die Politik weigert sich, sich der Thematik, „Rassismus VON Migranten“, anzunehmen.
Armenier trauern heute, aber auch regelmäßig im Rahmen kirchlicher Hochfeste, um ihre Toten.
Wider das Vergessen. Wider Rassismus und Leugnung.
Meine Ermahnung und mein Beileid gilt heute aber auch der deutschen Bevölkerung, deren Führung, zugunsten des türkischen Nationalislamismus, und inzwischen auch zugunsten des globalen Islamismus, feierlich an der deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft, welche bis 1761 (Allianz von Bunzelwitz) zurückreicht, festhält. Sie stellt sich damit schließlich, bestenfalls unbewusst, gegen das eigene Volk.
Gelbe Gerbera als Symbol für das positive Andenken der Verstorbenen.
von diefarbedesgranatapfels am 24. April 2017 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 24. April 2017
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2017/04/24/zum-102-gedenken-der-voelkermord-an-den-armeniern/
Man stelle sich vor, das Türkei-Referendum endete mit einem NEIN.
Wir reden von einen Land, das seit über 100 Jahren, eigentlich gar seit 1050 mit den Oghuzen, sich seines Rassismus rühmt und Andersdenkenden automatisch Verrat unterstellt.
Dieses Land hat Übung in der Ausschaltung von Mindermeinungen und scheut sich nicht, denen, die nicht endlich still sein wollen, jedweden Schaden zuzufügen.
1915. 1923. 1938. 1955. 1974. 1993. 2007. Vieles davor, dazwischen und danach.
Wahlbetrug ist ebenso selbstverständlich wie es die kleinste, demokratische, Sorge ist.
Die Menschen in der Türkei werden mehrheitlich mit JA stimmen.
Ein Grossteil aus Überzeugung, der Rest aus Angst. Ein Staat, der über Jahrzehnte Pässe zur Kenntlichmachung religiöser und ethnischer Zugehörigkeiten codiert, um Diskriminierung zu gewährleisten, wird einen Weg gefunden haben, so manchen Stimmzettel so manchem Staatsbürger zuordnen können.
Und wer wollte der Demokratie wegen enden wollen, auf der Straße liegend wie Hrant Dink oder Tahir Elci, in Unfreiheit wie Selahatin Demirtas, Sevan Nisanyan oder eben Deniz Yücel.
Ein Staat, der mit Deutschland und den Niederlanden internationale Unruhe inszeniert, wird sich abgesichert haben.
Auch in Deutschland wird manch einer, aus Angst um seine Familie in der Türkei mit JA gestimmt haben. Viele Menschen kappen bereits Facebook- und Twitter- Kontake zur Familie, um nicht als Familienmitglied und Erpressungsobjekt identifiziert werden zu können.
Die meisten aber, ausgehend von den Wahlergebnissen 2015 schätzungsweise zwischen 60-75%, werden mit JA gestimmt haben, aus Überzeugung:
Zum Wohle der Nation, einer starken, neuen alten Türkei.
Zum Wohle der türkischen Umma, und gar zum Wohle aller Muslime, die der Türkei einen Führungsanspruch zutrauen.
Schliesslich hat der Führer in der arabischen Welt, in der man gegenüber der Türkei nach 1923 wegen des Raki und der Freizügigkeiten kein Ansehen mehr besaß, dieser Nation den verdienten Respekt und Popularität, gar die Unterstützung des Saudischen Staates verschafft.
Die Türkei ist stark genug, um sich öffentlich ungestört mit der Muslimbrüderschaft zu solidarisieren, sich zu ihr zu bekennen.
Die Türkei ist stark genug, um ungestört in den Irak und in Syrien einzumarschieren, und um ungestört den Osten ihres Landes zu zerstören.
Sie ist stark genug, um im Namen der Demokratie bärtige Männer mit Schlagstöcken auf die Straße zu bringen, damit diese für Putschisten und andere die Todesstrafe fordern resp. realisieren.
Sie ist stark genug, um in Deutschland morgens um 01.00 Uhr spontan, binnen Minuten, Hunderte auf die Strasse zu bringen.
Die neue Türkei ist stark genug, es den Deutschen zu zeigen, und ihre in Deutschland lebenden Landsleute zu rächen, in dem sie die Merkels und Steinmeiers mit fehlenden Flaggen, niedrigeren Stühlen oder mit der öffentlichen Abfuhr jeder Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus, zu demütigen.
Die Türkei ist Vorbild für viele muslimische Staaten Afrikas, die ihre Studenten an die Universitäten des Führers entsenden.
Man wird mit JA stimmen, wider den Verrätern,
wider den imperialistischen Mächten und der Islamophobie,
wider den Armeniern und Juden,
wider den Aleviten und Kurden,
wider den Deutschen, die unter dem Deckmantel der Integration die Assimilation der Türken, und damit die Vernichtung des Türkentums und die Zwangschristianisierung bzw. die Ent-Islamisierung, alles Verbrechen gegen die Menschlichkeit, verlangen.
Man wird mit JA stimmen, wider denen, die aus anständigen Türkinnen unter dem Deckmantel der Emanzipation Freiwild für ungläubige Männer machen wollen,
wider denen, die die Ehre beschmutzen wollen,
wider der weltweit herrschenden Turkophobie.
Ein jedes Feindbild kann bedient werden.
1000 Gründe für ein JA.
von diefarbedesgranatapfels am 15. April 2017 • Permalink
Verschlagwortet mit Deutschland, Integration, Türkei
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 15. April 2017
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2017/04/15/tuerkei-referendum-stolzer-rassismus-und-angst-werden-das-ergebnis-bestimmen/
Gedenkveranstaltung für die Opfer des Genozides im Osmanischen Reich 1915, Deutsches Historisches Museum, 24.04.2016, Begrüßungsansprache der Vorsitzenden des Zentralrates der Armenier in Deutschland, Jaklin Chatschadorian
Verehrte Eminenzen und Geistliche, Eure Eminenz Erzbischof Karekin Bekdjian,
Verehrte Exellenzen, Herr Botschafter Ashot Smbatyan,
ich heiße Sie zu dem Gedenken an die Opfer des Völkermordes von 1915 herzlich willkommen.
Besonders begrüßen darf ich an dieser Stelle Herrn Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir, dessen Mut und Finesse zu einem Hoffnung schenkenden Handschlag im Bundestag geführt hat. Ich grüße Herrn Bundestagsabgeordneten Herrn Michael Brand, Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und möchte ihm für seine mutige Forderung nach der expliziten Verwendung des Begriffes Völkermord danken.
Ich freue mich auch über die vielen anderen Mitstreiter, die das Anliegen des heutigen Abends mit Ihrer langjährigen Arbeit unterstützen und danke an dieser Stelle Frau Dr. Kristin Platt und Herrn Prof. Dr. Mihran Dabag, ohne die das Institut für Diaspora- und Genozidforschung nicht denkbar wäre.
Liebe Vertreter des Bundesverbandes der Aramäer, lieber Daniyel Demir, auch Sie darf ich als langjährige Mitstreiter und enge Freunde begrüßen.
Schließlich möchte ich die Künstler des heutigen Abends herzlich begrüßen und ihnen für die musikalische Umrahmung danken.
Liebe Armenier, liebe Nachkommen eines geleugneten Genozides,
ich heiße Sie im Namen des Zentralrates der Armenier in Deutschland, im Namen der Armenischen Botschaft und im Namen der armenischen Kirche herzlich willkommen.
im Jahr 101 nach dem Genozid an den Armeniern, Aramäern, Assyrern, Chaldäern und Pontusgriechen möchte ich Ihren Blick nicht nur auf die Vergangenheit lenken, sondern auch für die Gegenwart sensibilisieren.
Die menschenverachtende Selbstüberhöhung osmanischer Jungtürken war Ursache und Antrieb der im Genozid endenden Christenverfolgung, deren Opfer wir hier gedenken. Die nationalistische Überzeugung über die Schuld der Christen an dem fehlenden Vorankommen des Osmanischen Reiches nährte die pantürkische Vorstellung eines von Störern bereinigten Großreiches aller Türken und kostete insgesamt 3-4 Millionen Christen das Leben. Bis heute blüht und gedeiht dieser pantürkische, turanische Rassismus. In der Türkei ebenso wie in Deutschland. Aus dieser Ideologie leitete man sich das Recht Diskriminierung, zur Unterdrückung und Tötung ab. Sie alle wissen um die prekäre Lage der Christen in der Türkei. Die Griechenverfolgung von 1923, das Dersim-Massaker an alevitischen Kurden 1938, die Septemberpogrome von 1955,
aber auch die aktuellen, bisweilen mit umfänglicher Vernichtungsabsicht verübten Massaker im Osten der heutigen Türkei sind Ergebnisse der in der Türkei feierlich gepflegten Selbstüberhöhung.
Sie sind im Besonderen Folge der Nichtahndung des Genozides von 1915.
Der gerade Armeniern entgegengebrachte Hass ist ungebrochen. Während wir in Deutschland darüber nachdenken, ob eine bestimmte Satire beleidigend war oder nicht, ist in der Türkei bereits die Bezeichnung eines Menschen als „Armenier“ Grund für unzählige Strafverfahren.
Die – auch aus geopolitischen Aspekten – dringend notwendige Ächtung des Genozides als Völkermord im Sinne der UN-Konvention nähme diesem unsäglichen Verbrechen und seiner professionalisierten Leugnung in der Türkei, aber auch der Leugnung durch in Deutschland lebende Türken endlich die Grundlage. Es geht eben, anders als Armenier oft vorgeworfen, nicht um Wortklauberei.
Der Begriff „Völkermord“ bezeichnet einen Straftatbestand. In dieser juristischen Qualifizierung liegt eine ethische Grundhaltung. Sie bezweckt nicht nur höchstpersönlichen Empfindungen Genüge zu tun, sondern auch die Kennzeichnung von Verschulden und Verstoß.
Sie impliziert die Prävention zum Schutze der Allgemeinheit und beansprucht die Sühne auf Täterseite. Reue, Trauer und nicht zuletzt der Fingerzeig auf die Notwendigkeit einer, zumindest symbolischen, Wiedergutmachung finden hier ihren Anfang.
Ohne die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, meine Damen und Herren, ohne Aufarbeitung und Gedenken ist keine Versöhnung möglich. Mit der bislang verweigerten Anerkennung wird den Armeniern die Bestätigung ihres Rechtsbewusstseins verwehrt und sie werden zum Störer, gar zum Lügner erklärt.
Ohne die internationale Verurteilung des Verbrechens fehlt der Türkei und ihren Nationalisten das Unrechtsbewusstsein. Während Menschen normalerweise den Tod eines anderen Menschen betrauern, die Tötung ächten und den Täter verurteilen, rühmen sich diese Menschen ihrer Massaker; 1915 wie heute. Was damals die Christen traf, trifft heute wieder die Christen, aber auch die Kurden, Aleviten, Yeziden. Damals wie heute fehlt es an richtungsweisendem, internationalen, politischen Druck.
Ich bin, wie viele andere im Saal, Armenierin und Deutsche; beides mit Herz und Seele. Auch ich habe ein Interesse an der Bewältigung der sog. Flüchtlingskrise und dem Schutz von Flüchtlingen, etwa verfolgten Christen und Yeziden.
Aber rechtfertigte mein bundesrepublikanisches Interesse an der Begrenzung von Flüchtlingszahlen wirklich auch die Zurückhaltung bei der Benennung eines Genozides als das, was er nun einmal war?
Rechtfertigen unsere Interessen, auf die Feigheit, pardon „Verletzlichkeit“, des türkischen Staates Rücksicht zu nehmen?
Die Bundeskanzlerin nahm sich auch gestern, während ihres Besuches in der Türkei, dieses Themas nicht an. Wie glaubwürdig sind wir Deutsche in diesem Fall, in unserem Einsatz gegen Hass, für Humanität und Nächstenliebe, wenn wir uns nicht trauen, Rassismus in seinem hässlichsten Gewand die Stirn zu bieten?
Meine Damen und Herren, es ist höchste Zeit Mut zu fassen und das Verbrechen durch Anerkennung zu verurteilen. Die Bundesrepublik Deutschland darf sich nicht hinter der Rolle des unparteiischen Vermittlers verstecken.
Mit Blick auf die deutsche Geschichte ist das aktuelle, gar seit 2005 andauernde Verhandeln um diplomatische Formulierungen einer möglichen Resolution blanker Zynismus.
Meine Damen und Herren, ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit und darf, mit dem Wunsch nach einem interessanten, zum Nachdenken anregenden Abend, den Botschafter der Republik Armenien, Herrn Ashot Smbatyan, ans Mikrofon bitten.
von diefarbedesgranatapfels am 25. April 2016 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 25. April 2016
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2016/04/25/gedenken-24-4-16-ansprache-j-chatschadorian/
Stell dir vor, alle fünf Geschwister deines Großvaters wurden umgebracht.
Dein Großvater überlebt und lebt weiter unter den ihm bekannten Mördern.
Seine Kinder erleben ein Pogrom.
Die eine Hälfte geht ins Ausland, die andere bleibt weiter da. Trotz allem.
Die, inzwischen erwachsenen, im Ausland lebenden Kinder arbeiten mit ihren alten Nachbarn in den gleichen Fabriken. Sie sind mitgereist.
Diskriminierung und Anfeindung setzen sich fort. Kontakte werden zwar im privaten Raum vermieden. Auf der Arbeit nicht möglich.
Die Kindeskinder erfahren durch das ein oder andere Nachbarskind ebenfalls Diskriminierung und Anfeindung. Wieder aus der gleichen Gruppe. Aus dem gleichen Grund.
Nicht immer, nicht von jedem Mitglied der Gruppe, aber eben immer mal wieder. Je erwachsener, umso häufiger.
Auf dem politischen Parkett, unterster Ebene, im Einsatz für Verfassungswerte, für die Gesellschaft und das Gesellschaftssystem, das die Eltern aufgenommen hat, aber auch für die Verurteilung und Ahndung des Verbrechens an direkten Vorfahren, zeigt die Anfeindung ein weiteres Mal ihr hässliches Gesicht. Wieder aus dem gleichen, einzigen, Grund.
Man wird verleumdet, der hassbedingten Lüge bezichtigt. Die eigene Anklage ist nicht mehr von Belang, es geht plötzlich um Selbstverteidigung.
Gleichzeitig sind im Herkunftsstaat verbliebene Verwandte und neue Generationen wieder der Lebensgefahr ausgesetzt. Wieder aus demselben Grund wie Väter und Großväter.
Jeden Tag etwas konkreter. Man droht ihnen inzwischen, als nächstes „dran“ zu sein. Man droht mit einer Wiederholung. Ganz so als ob es je ganz aufgehört hätte.
Aufnahme- und Herkunftsstaat arbeiten inzwischen eng zusammen. Aus Gründen.
Es sind dieselben Gründe wie vor 100 Jahren.
Der Ruf nach Schutz ersetzt den Ruf nach Gerechtigkeit, verdrängt ihn widerwillig. Was nutzt die Verurteilung des Vergangenen, wenn die Wiederholung auch nur im Entferntesten droht?
Doch nicht einmal der Hilferuf wird gehört. Weder hier noch an anderer Stelle. Die Welt schweigt. Sie hat sich bewusst dazu entschieden. Sie hat es vereinbart.
Mit dem der umbrachte, mit dem der viel umbringt und droht noch viel mehr umzubringen.
Wieder fliehen selbst Geistliche aus ihren Kirchen.
Der Aufnahmestaat stellt sich taub, stumm, blind. Wieder.
Nur ein Unterschied beim Rückblick:
Manch ein Rassist mit Wurzeln aus dem Herkunftsstaat lacht sich, ob der Ohnmächtigkeit der alten, neuen Minderheit ins Fäustchen und macht dabei, im Aufnahmestaat, fleißig Karriere.
Für sich. Und für seine Nation, dem Ursprung dieses Leides.
Das ist die Geschichte aller aus der Türkei stammenden Armenier in Deutschland. Ohne Hinzufügung theatralisch-fiktiver Momente.
von diefarbedesgranatapfels am 29. Januar 2016 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 29. Januar 2016
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2016/01/29/in-deutschland-armenier-aus-der-tuerkei/
Armenier, Journalist und Herausgeber der in armenischer und türkischer Sprache erscheinenden Wochenzeitung AGOS. Ermordet vor neun Jahren.
Der politisch links engagierte Armenier wurde unzählige Male, aus nichtigen Anlässen – etwa wegen der Beleidigung des Türkentums nach Art. 301 Strafgesetzbuch – vor Gericht zitiert und befand sich bereits in jungen Jahren mehrere Monate im Gefängnis.
Damit wurde er, nicht erst kurz vor seiner Ermordung, sondern sehr früh zum Staatsfeind erklärt, ungehört seiner Aufrufe zur Versöhnung zwischen den Völkern. Man hat seine Äußerungen aus dem Kontext gerissen und den, der sich gegen Rassismus engagiert, zu einem Rassisten erklärt.
Bei der Suche nach der Ursache dieser unglücklichen Entwicklung bedarf es eines Blickes auf die Situation der Armenier in der Türkei nach dem Genozid.
Sie hatten alle ein Vielzahl ihrer Familienmitglieder verloren und gehörten zum dem kleinen Rest, der die Massaker überlebt, es aber nicht ins Ausland geschafft hatte.
Die nachgenozidale Führung der Türkei erwies sich in seinen Anfängen zwar weniger islamistisch als es das osmanische Reich war. Doch der menschenverachtende Nationalismus zeigte sich als ununterbrochene Fortsetzung der faschistischen Jungtürken des Reiches.
Nicht nur die folgenden Kriege, im Besonderen gegen die Griechen, sondern auch die Türkisierungspolitik Atatürks nahm den letzten verbliebenen Minderheiten einen Großteil ihrer Identität.
Die Türkisierung geographischer Namen machte aus der Insel AGHTAMAR die Insel AKDAMAR. Das ursprünglich armenische Sevaverag, abgeleitet aus den Worten SEV AVERAG (armenisch für „schwarze Ruinen“) wurde zu SIVEREK, und Westarmenien wurde zur neuen türkischen Republik.
In einem weiteren Schritt folgte die Türkisierung der Familiennamen. Die Überlebenden der Familie Torossian waren nun die Karahans, und den Seferians wurde der Name Sefer erteilt.
Es folgten das Massaker von Dersim 1938, die Septemberprogrome 1955, die Besetzung Zyperns 1974, vieles dazwischen und danach.
Die versäumte Ahndung des Genozides begünstigte die Gefahr der Widerholung des einen oder anderen Massakers, gleich ob dieser in seiner Erscheinungsform nationalistisch oder islamistisch zu Tage trat.
All diese Umstände führten dazu, dass sich die christlichen Minderheiten der Türkei nachgenozidal in Unsichtbarkeit übten.
Viele von ihnen werden eigene Erinnerungen an die Zeit vor der Ausreise nach Deutschland im Rahmen des Gastarbeiter-Abkommens haben. Die Kreuzkette unter dem Pullover, die unverhoffte Aufforderung auf der Straße, „Türkçe konuş vatandaş“ – sprich türkisch, Staatsbürger!
Armenier in der Türkei haben dennoch lange Zeit – diesen schwierigen Umständen entsprechend – ein gutes Leben gelebt. Eigene Schulen und Kirchen waren ihnen, aufgrund historischer Abkommen, lange Zeit sicher. Man pflegte in Istanbuler Kreisen – anders als im Osten des Landes – eigene Traditionen ohne anzuecken.
Um dies zu bewerkstelligen, war die politische Interessenvertretung tabu. Hrant Dink hat genau dieses Tabu durchbrochen; gar nicht mal im besonderen Auftrag einer ausschließlich armenischen Interessenvertretung. Es ging ihm nicht um Anklage, um finanzielle Schadensersatzleistungen oder um Landnahme.
Sein Hauptanliegen war die Versöhnung zwischen den Armeniern und Türken, die Tür an Tür in der Türkei ihr Leben teilten.
Gleichwohl wusste er, dass eine Versöhnung der Ehrlichkeit und der mutigen Aufdeckung von Wahrheiten bedarf.
Die türkischen Strafgerichte hatten die Aussagen Dinks aus dem Zusammenhang genommen, umgedeutet und letzten Endes den Begriff des „vergifteteten Blutes“ nur als Vorwand benutzt, um Dink zu bestrafen, weil er den türkischen Staat und dessen Weigerung, den Genozid anzuerkennen, kritisiert hatte.
Sein Erfolg, die Zustimmung, welche ihm nicht nur von armenischer Seite, sondern auch von liberal-türkischer und internationaler Seite entgegen gebracht wurde, stieß auf. Sie kostete ihm am Ende das Leben.
Bei der Festnahme des nur 16jährigen Täters posierten die das Amt inne habenden Polizeibeamten mit einer türkischen Fahne. Sie waren nicht stolz des Ermittlungsergebnisses, sondern der Tat. Für Vaterland und Umma.
Man stelle sich das bei der Festnahme des NSU-Mitgliedes Beate Tschäpe vor.
Der Prozess gegen Ogün Samast fand unter Ausschuss der Öffentlichkeit statt. Der Täter war geständig. Im Juli 2011 wurde Ogün Samast für schuldig befunden, Hrant Dink am 19. Januar 2007 ermordet zu haben und zu einer Haftstrafe von 22 Jahren, zehn Monaten verurteilt.
Der Polizist, der sich mit Samast auf dem Foto abbilden ließ, stieg 2012 zum Generaldirektor der Polizei in Malatya auf.
Die Politik verurteilte die Tat. Den Beleidsbekunden fehlte die Glaubhaftigkeit.
Die Gesellschaft, 2007 gab es oberflächlich etwas weniger Islamismus und Nationalismus als heute, zeigte eine Soldarität mit dem Verstorbenen ebenso wie mit dem armenischen Volk.
Hepimiz ermeniyiz. Wir alle sind Armenier.
Die Solidarität mit dem „armenischen Volk“ hat bis heute angehalten, jedenfalls wenn es um den 19.01.2007 geht.
Vor dem 19.01.2007, etwa während der Strafverfahren gegen Hrant Dink, nach Art. 301 türkisches Strafgesetzbuch, ein Einstehen für Armenier, oder zumindest die Meinungsfreiheit der Minderheiten, war diese Art der Solidarität aus der türkischen Gesellschaft nicht in dem Ausmaß, gar kaum, zu vernehmen.
Auch der seit Anfang 2014 inhaftierte Sevan Nisanyan, ebenfalls ein bekannter, armenischer Autor, wartet wohl vergeblich auf eine Großdemonstration, die Solidarität bekundet.
Es drängt sich der Verdacht auf, dass in der Türkei nur ein toter Armenier ein guter Armenier sein kann.
Eine Dink – Gedenkveranstaltung hat sich inzwischen zu einer türkischen Tradition, zur Tradition der türkischen Linken, entwickelt. Viele türkische Vereinigungen, in der Türkei wie in Deutschland, veranstalten, teilweise unabhängig von armenischen Akteuren, Gedenkveranstaltungen.
Das Betrauern fällt leichter als das Verteidigen und Verhindern. Denn es hat weder gesellschaftliche noch staatliche Konsequenzen.
Die Solidarität geht jedoch nicht soweit, als dass man sich immer ehrlich mit der Geschichte des Genozides befasst und auseinandersetzt.
Man will die Versöhnung,
jedenfalls galt dies für den Zeitraum vor der Radikalisierung der Türkei mit Blick auf den sog. IS / Islamischen Staat,
man will die Versöhnung, in den Sphären der modernern bzw. liberaleren Gesellschaft, nicht selten ohne die detaillierte Aufarbeitung der Geschichte.
Durch nicht wenige Akteure wird dem Leid der Armenier das sog. Leid der Türken resp. Osmanen gleichgesetzt. Aus dem Genozid wird ein Krieg. Aus dem schrecklichen Verbrechen ein schrecklicher Fehler.
Ein Verbrechen bedarf – nach heutigem Rechtsverständnis – eines Strafverfahrens und einer Verurteilung. Ein Fehler hingegen impliziert ein Versehen. Es verharmlost und schmälert die Strafwürdigkeit der Tat.
Die langfristige Versöhnung wird eines essentiellen Momentes beraubt; der ehrlichen, detaillierten, öffentlichen Aufarbeitung.
Dem Türkentum wird das Gesicht bewahrt. Der Türkische Staat schützt sein Vermögen.
Mit der Verhaftung von Ogun Samast wurden weitere 18 Verdächtige festgenommen bzw. angeklagt. Bis auf den jugendlichen Haupttäter und einen Anstifter, Yasin Hayal, wurden alle freigesprochen. Es zeigte sich wieder die, spätestens 1915 entstandene, Tradition des türkischen Staates – Vertuschen und Verleugnen.
Das türkische Strafgericht stellte mit der Urteilsverkündung fest, es habe keine Organisation gegeben, die hinter dem Mord gestand habe. Der Geheimdienst wurde niemals vorgeladen. Dabei gab es Hinweise, die auf eine Verbindung von Samast und rechtsradikalen Parteifunktionären höheren Ranges deuteten.
Hrant Dink hatte gegen seine strafrechtliche Verurteilung noch zu Lebzeiten Beschwerde beim EGMR in Straßburg eingelegt. Nach der Ermordung erhoben seine Frau und weitere Familienmitglieder Klagen gegen den türkischen Staatsapparat. Ihre Beschwerden hatten alle Erfolg und die Türkei musste ihnen zusammen 105.000 Euro Schadensersatz bezahlen.
Das Gericht war der Überzeugung, die Türkei habe das Lebensrecht von Hrant Dink verletzt, weil die Sicherheitskräfte den Hinweisen auf Dinks geplante Ermordung nicht nachgingen. Die Polizei und die paramilitärische Gendarmerie im nordtürkischen Trabzon sowie die Polizei in Istanbul, so der Gerichtshof, wussten von Anschlagsplänen, blieben aber dennoch untätig.
Die unwillige Aufklärung des Mordes in der Türkei und vor allem seiner Hintergründe begründeten den Schadensersatzanspruch in einem letzten Schritt.
Es bleibt dabei. Die Türkei hat mit jedem Mord an einem Armenier ein Problem mit der Aufarbeitung – seit 1915.
Die internationale Weltgemeinschaft trägt ihren Anteil an der Verantwortung, damals wie heute.
Geopolitisch strategische Interessen gewähren der Republik Türkei wieder und wieder eine unbegreifliche Narrenfreiheit.
Das Feindbild „Armenier“ hat sich über einen Zeitraum von über 100 Jahren gehalten. Es wurde allenfalls um weitere Minderheiten erweitert: Aramäer und Griechen, Christen, Juden und Konvertiten, Aleviten und Kurden.
Der in einer erschreckenden Breite gepflegte Hass gegenüber Minderheiten wird auch heute wieder aktuell, im Falle der Kurden, im sogenannten Kampf gegen die PKK. Denn selbst dieser Kampf wird auf die Armenier projiziert.
Ich erinnere an die letzte propagandistische Wahlwerbung der AKP.
Der Kommandant des PKK-Kämpfers heisst ARARAT. Armenischer kann eine Name nicht sein.
Ararat gibt den Schießbefehl. Ararat lässt sich von der kurdischen Volkszugehörigkeit des türkischen Soldaten, auf den der Lauf des Gewehres gerichtet ist, nicht abbringen. Der Armenier steht hinter der PKK.
Mit dieser Zusammenführung von Feindbildern wird nicht nur der erwünschte Hass in einem Schmelztiegel konzentriert. Man erklärt die PKK-Kämpfer zu einer Marionette der Ungläubigen und angelt damit nicht wenige Kurden, die sich vorrangig über die sunnitische Religion, und nicht über die kurdische Ethnie, definieren. Ein Weckruf sondergleichen: Der Gläubige wird vom Ungläubigen benutzt.
Auch die aktuellen Massaker an den Kurden, ob Cizre, Diyarbakir oder Silvan beißen sich an „dem Armenier“ fest. Per Lautsprecher werden unschuldige Menschen samt Kinder aus ihren Häusern vertrieben, mit den Worten „ihr armenischen Bastarde!“
Der Begriff des Armeniers ist in der türkischen Sprache ein größeres Schimpfwort als der des Ungläubigen, und stets Gegenstand eines Beleidigungsprozesses.
Der türkische Nationalismus wendet sich gegen jeden einzelnen Armenier, der sich in die Öffentlichkeit wagt.
Dies gilt nicht nur für populäre Autoren wie Dink und Nisanyan. In Deutschland etwa geht es jenen, die sich auf das politische Parkett trauen, nicht anders. Die Existenz eines einzigen Armeniers hat die Kraft, in einem Gremium zueinander in streitiger Konkurrenz stehende Islamisten der Milli Görüs mit den Faschisten der CHP, und allem was dazwischen liegt, zu einen.
Wahlergebnisse in der Türkei zeigen, dass sich die Gesellschaft in seinem Kern nicht geändert hat.
Gleiches gilt für die Tatsache, dass der IS die Türkei als Erholungsort und Rekrutierungszentrale nutzen darf, ohne gesellschaftliche Gegenwehr fürchten zu müssen.
Dass die AKP in Deutschland europaweit die besten Ergebnisse eingeholt hat, zeigt uns allen, dass dieser Rassismus nach Deutschland exportiert wurde.
Die Tatsache, dass der türkische Staat in der BRD, über viele von ihm abhängige Organisationen, nicht nur Fuß gefasst hat, sondern bei jedem einzelnen politischen bzw. kulturellen Begehr dazu neigt, alle vorhandenen Kräfte zu mobilisieren, ist erschreckend. Ob Uni-Vorlesung, Theateraufführung oder die Aufstellung eines Gedenksteines irgendwo in Deutschland, alles darf mit geballter politischer Gegenwehr rechnen.
Dies zeigt, dass es nicht nur um Hrant Dink geht, oder nur um den vor 100 Jahren erfolgten, vermeintlich abgeschlossenen, Genozid. Es geht dem türkisch-islamistischen Faschismus um jeden einzelnen Armenier, der noch lebt und das Tabu bricht, das ihm vorgegeben ist: die politische Unsichtbarkeit.
Wir, die Nachkommen der Überlebenden erinnern den türkischen Nationalismus an die Schuld seiner Väter und Großväter. Wir erinnern daran, dass unsere Toten letztendlich die wirtschaftliche Grundlage für das Entstehen des türkischen Staates bildeten; aber auch daran, dass die Vollendung des Genozides nicht geglückt ist.
Daher möchte ich die Gelegenheit nutzen und dazu aufrufen, sich zu zeigen. Armenier müssen sich der ihnen (menschen-)rechtswidrig vorgegebenen politischen Unsichtbarkeit entledigen. Steht auf! Erhebt Eure Stimmen, nicht nur am 19.01. oder 24.04. eines Jahres, sondern jeden Tag. Zeigt, dass es uns gibt. Immer noch. Zeigt, dass wir eine politische Meinung haben. Nicht nur zum Genozid, sondern zu allem; gerade auch in Deutschland.
Hrant Dinks mutiges Wirken sei uns allen ein Vorbild.
Stuttgart, 17.01.2016,
von diefarbedesgranatapfels am 18. Januar 2016 • Permalink
Veröffentlicht in Deutschland & die Türkei, Faschismus, Gesellschaft, Integration
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 18. Januar 2016
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2016/01/18/rede-zum-gedenken-an-den-armenischen-publizisten-hrant-dink/
Deutschland und seine unsichtbaren Mitstreiter
In Deutschland lebende Armenier aus der Türkei, und damit eine Gruppe der orientalischen Christen, haben es in der gesellschaftspolitischen Debatte Deutschlands besonders schwer.
Einerseits werden sie von türkischer (nationalistischer/islamistischer) Seite, verleumdet.
So gehört es, neben der allgemeinen Rechtfertigung und Leugnung des Genozides, zu dortigem Standardrepertoire, die PKK zu einer armenischen Organisation von Ungläubigen zu erklären oder zu behaupten, Armenier hätten 1915 die Kurden und Türken massakriert, sie seien damals wie heute turko- oder gar islamophob, illoyal, unversöhnlich oder rassistisch.
Bis vor einigen Jahren kamen diese von der Türkei staatlich finanzierten und geschulten Rassisten mit diesen Behauptungen in Deutschland sehr einfach durch, gerade auch in den Parteien.
Heute ist zwar, spätestens seit dem 100. Gedenken an den Armenozid die Völkermordleugnung nicht ganz so leicht zu verkaufen, doch auch heute wird solchen Rassisten die Teilnahme an der Debatte und die Möglichkeit des Mitgestaltens im Übrigen bereitwillig erlaubt.
Türkisch-Islamische Verbände werden von der Politik hofiert, zum Integrationspartner erklärt, ihre Funktionäre sitzen in Talkshows, ihr faschistischer Nationalismus wird zur Kultur erklärt, ihr Islamismus unter das Dach des Art. 4 GG gestellt, etc etc.
Von deutscher Seite schenkt die Politik den Armeniern, als orientalische Christen, außerhalb des 24. April, zu wenig Aufmerksamkeit, u.a. aufgrund der Tatsache, nicht nur dem Namen nach eine Minderheit zu sein.
Als Deutsch-Armenierin spreche ich hier zwar nur für diese, meine, Gruppe, doch werden mir meine aramäischen, rum-orthoxen, griechischen Mitchristen an dieser Stelle zustimmen.
Die evangelische und katholische Kirche nähert sich den orthodoxen Armeniern resp. Christen ebenso wenig. Sie führen zwar mit den Armeniern hier und da einen Dialog. Dieser geht jedoch selten über ein gemeinsames Kennenlernen oder schöngeistige Veranstaltungen hinaus. Kooperationen zu kritischen Themen werden entweder vermieden oder aber man wird zur Kooperation und gemeinsamen Veranstaltung mit faschistischen Verbänden wie der DITIB eingeladen, unter der Bedingung, sich gefällig zu verhalten und damit nicht kritisch zu äußern, der vordergründigen, scheinheiligen Versöhnungsshow die Stimmung nicht zu verderben.
Schließlich ignorieren auch die Medien regelmäßig die Gruppe der Christen aus islamischen Staaten. Dabei hätte man, in der orientalischen Orthodoxie Deutschlands die verschiedensten Akteure vorzuweisen.
Statt auf das Wissen und die Erfahrung jener zurückzugreifen, die selbst, ohne muslimisch zu sein, aus muslimischen Staaten stammen, und nicht nur vieles zu erzählen haben, sondern gar nützliches zur Debatte beitragen und mitgestalten können, gerade auch, weil sie grundsätzlich eine erfolgreiche, persönliche Integrationsgeschichte vorweisen können, werden orientalische Christen gesellschaftspolitisch zu Unrecht ignoriert.
Was bringt aber das Dialogisieren mit Menschen aus der Fremde (Deutschland-Orient), ohne den ehrlichen Dialog mit den unmittelbaren Nachbaren (Orient-Orient) miteinzubeziehen ?
Man sieht es in jeder Veranstaltung zur, nennen wir es „Förderung des Friedens unter den Menschen“: Viel warme Luft, keine nachhaltigen Ergebnisse.
Unsere Leidensgeschichten und Forderungen scheinen nicht in das Schema des Schönredens und des Vertuschens zu passen, unsere klaren Aussagen scheinen zu ungemütlich zu sein. Unser Mut macht Angst, hält betreffenden Akteuren entweder den Spiegel vor’s Gesicht oder nötigt diese mittelbar zu konsequentem Handeln.
Ich wünschte Deutschland würde sich seiner und unserer Gestaltungskraft bewusst werden, statt weiterhin auf die falschen Pferde zu setzen.
In Zeiten der sog. Flüchtlingskrise ist die Integration der großen Anzahl muslimischer Flüchtlinge die größte Herausforderung dieser Gesellschaft.
Ein „Wir schaffen das“ braucht die orientalischen Christen, nicht zweifelhafte muslimische Verbände.
von diefarbedesgranatapfels am 28. Dezember 2015 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 28. Dezember 2015
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2015/12/28/deutschland-und-seine-unsichtbaren-mitstreiter/
In der Türkei wird in 10 Tagen gewählt. Die Neuwahl führt eine erschreckende Blutspur mit sich und könnte dem IS Konkurrenz machen, wenn man nicht immer noch feststellen müsste, dass jede Handlung des türkischen Staates gerade den IS unterstützt.
Twitter- und Facebook- Sperren bildeten noch einen vergleichsweise harmlosen Anfang in diesem Frühjahr. Man las über brutale Schlägereien im Parlament wegen einer Verschärfung des Demonstrationsstrafrechts und lebensgefährliche Fußballveranstaltungen. Journalisten, Rechtsanwälte und Ärzte, die erste Hilfe leisteten, wurden vom Staat bedrängt, verfolgt und verhaftet. Ausweisung und Verhaftung westlicher Journalisten. Staatsanwälte wurden zur Geisel, ermordet oder mussten aus dem Land fliehen. Haftbefehle gegen Richter, weil sie zur Konkurrenz des islamistischen Predigers Fetullah Gülen gehören. Umfangreiche Entlassungen und parteigerechte Neubesetzungen in der Justiz. Kämpfe mit der PKK, auch im Nordirak, Waffenschieberei und Personalüberlassung durch den türkischen Geheimdienst MIT an den IS, syrische Flüchtlingsfrauen als Ware für den türkischen Zweitfrauen-Markt. Die Mitverantwortung der Türkei für die Kämpfe in Kobane. Die Rache für die Uiguren durch eine Jagd auf thailändische Touristen, die man fälschlich für Chinesen hielt. Ein ultranationalistisch-islamistischer Angriff auf ein nationalistisches Zeitungshaus, wegen eines einzigen Tweets. Osmanische Kostümveranstaltungen, Musikkapellen und eine neue Anführer-Hymne. PKK-Vorwürfe, Anschläge auf Wahlkampfbüros und Demonstrationen, ausschließlich zulasten der Konkurrenz HDP. Ermittlungen gegen den Co-Vorsitzenden der einzig liberaldemokratischen Partei des Landes, Selahattin Demirtas. Parlamentsabgeordnete, die es mit Ausfällen gegen Frauen und Blondinen in die Medien schaffen und Imame, die sich über das aus dem Rahmen springende Paarungsverhalten in TV-Shows auslassen. Stromausfälle während Wahl und Auszählung, Hetze und Wahlkampf auch in Europa und in Deutschland, die Unfähigkeit der Islamisten und Nationalisten Koalitionen zu bilden. Der Anschlag von Suruc, bei dem 32 junge Menschen sich für den Wiederaufbau der umkämpften syrischen Stadt Kobane einsetzen wollten, und Razzien und Verhaftungen von Kurden, die ebenso auf dem Plan standen wie die freundliche Behandlung hoher IS-Funktionäre während der Ermittlungen zu einem vermeintlichen IS-Anschlag. Polizeiterror gegen Demonstranten.
Die Ausgangsperre von Cizre und Diyarbakir, die als Kriegsverbrechen am eigenen Volk zu bewerten sein müssten. Hier waren unter den vielen Toten auch ein 35 Tage altes Baby zu beklagen, ein Mädchen im Grundschulalter, die Verhinderung der Einsätze von Krankenwagen, die zulasten der Notleidenden, der Dialysekranken ging und auch zur Aufbewahrung eines verstorbenen Kindes im Kühlschrank einer Familie führte. Die Schlachtrufe der Polizei, die die Kurden von Cizre zu armenischen Bastarden erklärte. Und zuletzt der Anschlag auf eine HDP-Veranstaltung in Ankara, mit einer Bilanz von knapp 100 Toten. Hier wurde zwar wieder von einer vermutlichen Tat des IS gesprochen, aber Beweise blieben aus. Es verwundert, warum der IS, der angeblich eine Fatwa gegen Präsident Erdogan führe, stets auf HDP-Veranstaltungen, also im politischen Wahlkampf auftauchen will.
Angesichts der europäischen Flüchtlingskrise, die sich in in besonderem Maße in Deutschland manifestiert, sind wir nun in einen besonderen Notlage, die es zu rechtfertigen scheint, über all diese Ereignisse und Verbrechen ebenso hinwegzusehen wie über die fehlende demokratische Legitimation der aktuellen Regierung oder die Absicht der Verwirklichung einer präsidialen Autokratur.
Darüber hinaus ignoriert die Bundesrepublik, und im besonderen die Bundeskanzlerin, die Verantwortung der Türkei für die Flüchtlingskrise.
Der Türkei fällt mit Blick auf die Fluchtgründe ein beachtlicher Anteil zu. Sie hat den IS aktiv unterstützt, und damit zur Manifestierung der Lebensgefahr in Syrien beigetragen. Sie hat Dschihadisten einen Transitservice geboten und diente als Erholungsort, verarztete IS-Kämpfer über die Tochter des Präsidenten, sie lieferte Waffen und Personal über den Geheimdienst, und beteiligte sich am Ölhandel über den Sohn des Präsidenten und den staatlichen Ölkonzern Aserbaidschans.
Sie hat aufgenommenen Flüchtlingen kein Bleiberecht oder eine anderweitige Legalisierung ihres Aufenthaltes ermöglicht, kurdische Flüchtlinge, etwa an der Grenze Kobane zurückgedrängt, und diskriminiert immer noch kurdische und christliche Flüchtlinge und setzt sich nicht ein für den Schutz besonders gefährdeter syrischer Frauen, die von der Unterkunft in die Dörfer geschoben werden, um mit türkischen Männern als Zweitfrau in eine Lang- oder Kurzzeit-Ehe einzutreten.
Recep Tayyip Erdogan hat die Unzufriedenheit der Masse für sich genutzt, und sie – mittelbar – gen Westen entsandt. Nun winkt er mit dem vermeintlich goldenen Schlüssel und präsentiert sich als Damm des Flüchtlingsstromes.
Diese Hilfe lässt er sich teuer bezahlen. Dazu gehört nicht nur ein Preisgeld von 3 Milliarden Euro. Hinzu kommt ein Urteil des EGMR (Dogu Perincek ./. Schweiz) , dass nun als internationale Erlaubnis zur Leugnung des Genozides an den Armeniern im Osmanischen Reich, und als nationale Errungenschaft gefeiert wird. Die Bundestagsresolution, die den Genozid von 1915 verurteilt, indem sie ihn als solches anerkennt, wird in die Unendlichkeit verschoben. Hinzu kommt die Forderung nach Anerkennung der strategischen Bedeutung der Türkei durch Aufnahme in die EU, die wir Anerkennen mit einem Beschleunigungsgebot für die Beitrittsgespräche.
Auch an der für die orientalische Mentalität verständlich nachvollziehbaren Demütigung Europas und Deutschlands fehlt es im Neo-Osmanischen Reich nicht. Eine märchenhafte Szenerie mit goldenen Stühlen, denen eine Mondsichel als Verzierung nicht fehlte. Auf die respekterweisende Gepflogenheit, für das Pressefoto auf nur der einen Seite die Fahne des Gastgebers und auf der einen Seite die Fahne des Gastes mitaufzustellen, wurde verzichtet. Das von zwei türkischen Fahnen umrahmte Bild erinnerte an eine pakistanische Hochzeit, mit einer unterwürfigen, zwangsverheirateten Braut. Ein politisches Trauerspiel ohne Gleichen.
Eines das nicht einmal ein Ende finden will. Kaum ist die deutsche Bundeskanzlerin zurück in Deutschland meldet sich der Ministerpräsident der Türkei, Ahmet Davutoglu, bekannt für seine antisemitische, antichristliche Hetze auf Wahlkampfveranstaltungen und dem Ausruf, auch Jerusalem stürmen zu wollen, mit folgenden Worten: „Niemand sollte erwarten, dass die Türkei zu einem Land wird, dass alle Migranten beherbergt, wie ein Konzentrationslager“.
Immer noch ist nicht gewählt worden. Die bösartige Phantasie der AKP-Protagonisten scheint ihren Zenit zu erreichen. Aufgetaucht ist nun ein neuer Wahlwerbespot. Gerade mit Blick auf die nicht mehr zu leugnende deutsche Unterstützung erschütternd und beschämend.
In dem AKP-Wahlwerbe-Video kämpfen „PKK“ – Einheiten gegen die Türkei. Sie sprechen kurdisch, türkische Untertitel. Ein Format, das an Kinofilme erinnert.
Der Name des PKK-Kommandanten ist das erste Wort, das man in dem Video hört, ARARAT.
Ararat ist kein kurdischer Name, sondern der Name des armenischen Berges auf türkischem Boden. Ararat heißen viele Armenier, deren Eltern die Liebe, Sehnsucht und Trauer zum verlorenen Berg und zur Geschichte des armenischen Volkes bei der Namensgebung für die nächste Generation zum Ausdruck bringen wollen.
Hier werden, nicht das erste Mal, zwei Feindbilder, wider besseres Wissen, zusammengeführt, um einer größere Wirkung zu erzielen. Beließe man die PKK in einer rein kurdischen Verantwortung, so hätte man den Wähler mit nationalistischer Prägung zwar garantiert im Boot.
Zweifeln könnte aber jener, der sich über die Religion definiert und eine Gemeinsamkeit mit dem sunnitischen Kurden teilt. Für ihn ist die armenische Note der PKK gedacht, nicht erst im Wahlkampf, sondern seit jeher.
In dem Moment, in dem die „türkenfeindliche PKK“ mit dem einen oder anderen Ungläubigen / Gyavur / Armenier / Ararat geschmückt wird – Chef-Genozidleugner, Historiker türkischer Art, Yusuf Halacoglu, geht von einer Armenier-Quote von 80 % aus – wählt auch der Islamist, der sich evtl. gegen Atatürk ausspricht, die AKP.
In einem weiteren Bild folgt der Schießbefehl, durch Ararat. Der kurdische Kämpfer Hezil nähert sich, meldet klare Sicht auf den zu erschießenden türkischen Soldat. Plötzlich überfallen ihn Zweifel. Der Soldat singe kurdische Volkslieder. Ararat lässt sich nicht erweichen. „Ich sage, der Soldat ist Kurde“. „Soll er Kurde sein, er ist dein Feind!“
Der Schießbefehl bleibt, trotz angemeldeten Bedenken. Der Schuss folgt, eine Explosion, die türkische Flagge auf einem Sarg werden eingeblendet und eine trauernde Mutter.
Und wieder ist die türkische Propaganda vermeintlich belegt:
Die PKK erschießt ihre eigenen Leute. Sie ist eine Terrororganisation.
Das Opfer ist offenbar die Fahne. Da viele Mütter auch in diesem Jahr, im Namen der Fahne, ihr Leben verloren haben, und ihrer Trauer auch in Demonstrationen und Sitzblockaden gegen den Staat öffentlich gemacht haben, ist das Bild der Mutter nicht zufällig Teil des Wahlwerbespots. Die Verantwortung für den Tod der Söhne des Landes projiziert das Video auf Hezil und Ararat.
Nun scheint der Schuss gleichwohl ins Leere gelaufen zu sein. Der Soldat scheint ihn nicht einmal vernommen zu haben. Hezil hingegen widersetzt sich Ararat. Der Kurde kommt zur Vernunft, legt Waffe und Kampfmontur ab. Der Kommandant Ararat regt sich auf. Hezil aber fragt: „Wem dienst du wirklich? Wessen Mann bist du?“.
Auch hier wieder scheint klar: Die PKK ist nicht an dem Schutz der Kurden interessiert. Hinter ihr steht der Armenier, der mit seinem Schießbefehl, sinnbildlich für den Verrat am muslimischen Kurden steht.
Die nächste Szene gehört einem Kandidaten, der mit der AKP ins Parlament ziehen möchte. Es ist Faruk Celik aus dem Wahlkreis Sanliurfa. Zu Sanliurfa gehört Suruc, die Stadt, die 10 km von der syrischen Grenze entfernt liegt und im Sommer dieses Jahres Ziel eines islamistischen Anschlages war. Bereits oben erwähnt sind die Jugendlichen, die sich für Kobane einsetzen wollten, und diesem Anschlag zum Opfer fielen. Sanliurfa ist auch die Provinz, in der der Welt-Korrespondent Deniz Yücel mit weiteren Kollegen von der Polizei festgesetzt worden war, weil seine dem Gouverneur gestellte Frage auf türkische Verbindungen zum IS zielte.
AKP-Wahlkreiskandidat stellt gegen Ende des Propagandafilmchens nun fest: Es ist eine Frage der Heimat. Achten Sie auf ihre Wählerstimme. Fallen sie nicht auf Spielchen herein.
Wieder erscheint der Kurde Hezil, der der PKK abgesagt hat. Er grüßt den Soldaten der türkischen Republik und wünscht segensreiche Dienste. Der türkische Soldat bedankt sich – auf Kurdisch. Hezil denkt nach, ist sich nun sicher über die Richtigkeit seiner Entscheidung.
Das letzte Bild gehört der twitternahen AKP:
HASHTAG FallNichtAufSpielchenHereinMeinBRUDER!
Einer der ersten ersichtlichen Einträge auf Twitter spricht zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels auch schon von der armenischen HDP.
von diefarbedesgranatapfels am 22. Oktober 2015 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 22. Oktober 2015
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2015/10/22/die-von-deutschland-unterstuetzte-akp-wahlwerbung-hetze-demaskiert/
Der Kölner Integrationsrat tagte heute nach einer Führung im DOMID, dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V., in Ehrenfeld.
Da auch ich Nachkomme eines sog. Gastarbeiters bin, war ich neugierig auf die Sammlung des Dokumentationszentrums, welches endlich ein Museum werden will.
Der geübte Leser erkennt bereits hier meine Enttäuschung. Während ich Migrationsgeschichte aus einer neuen Perspektive erfahren wollte, sah ich eine abgepackte Sammlung von Gegenständen, denen ich nicht wirklich Wert beimessen konnte.
Ausgestellte ausländische Pässe, ein deutscher Reiseausweis für Flüchtlinge, Thermoskannen, Löffel, archivierte ausländische Zeitungen, sortiert und aufbewahrt in säurefreien Kisten. Gegenstände, die die ersten Migranten bei Einreise mit nach Deutschland gebracht haben (Koffer, Kacheln, Töpfe) und mit denen sie sich beschäftigt haben (Radios, Stifte).
Während ich mich verwirrt fragte, ob nur die Migranten und nicht auch die Deutschen der 60er/70er/80er Jahre diese alltäglichen Gebrauchsgegenstände benutzen, und mir dabei selbst nicht traute, so einem Gedankengang, der die deutsche Bevölkerung in einem außerirdischen Licht erscheinen ließ, zu folgen, wurde uns erzählt, dass Migranten auch einen enormen, bereichernden Einfluss auf die deutsche Gesellschaft gehabt hätten.
Wie selbstverständlich sprach man nur und ausschließlich von türkischen Migranten, die als erste auf Deutsch – „ihrer Sprache“ – „rappten“, während es für Deutsche modern gewesen sei, Liedtexte auf Englisch herunter zu reden, und man schwärmte von türkischen Schlagersängern in Deutschland, die in türkischer Sprache ihre Sehnsüchte besangen. Zwei Sätze waren für die überqualifizierte koreanische Krankenschwester reserviert, die mangels anerkannter Ausbildung nur als Pflegekraft arbeiten durfte.
Nicht fehlen durfte der Hinweis auf Frau Liselotte Funcke, die Mutter aller Türken und erste Integrationsbeauftagte der BRD, die sich über die Ignoranz Helmut Kohls in Sachen Migrant beschwert habe.
An den Wänden Generationen von Erfolgsgeschichten: 1. Generation, Großvater, Fabrikarbeiter, 2. Generation, Sohn, Busfahrer, 3. Generation, Enkel, Wirtschaftsstudent.
Integrationsprobleme waren nicht sichtbar. An keiner einzigen Stelle dokumentiert. Geradezu manipulativ.
Es passte ins Bild, dass dieser Integrationsrat, und im Besonderen sein Vorsitzender, präsentiert: Es gibt keinen Migranten, der die Integration verweigert. Das ist eine populistische, deutsche Behauptung. Die Menschen wollen sich selbstverständlich integrieren, werden aber regelmäßig diskriminiert.
Eine besondere migrantische Bereicherung sei das Picknick gewesen. So so. In meiner Kindheit picknickten Deutsche auf der Decke neben uns, und auch die anwesenden deutschen Kollegen bestätigten, diesen vermeintlichen arme-Leute-Zeitvertreib.
Als ich nun immer mehr dachte, neben mir müsste nun die „Versteckte Kamera“ sich eines integrativen Scherzes outen, wandelte sich mein Unglauben in Entsetzen, Enttäuschung. Die Türkeilastigkeit störte mich zwar, aber die Präsentation kam an einen anderen sehr schmerzhaften Punkt, für mich, als Tochter eines armenischen Gastarbeiters aus der Türkei.
Gezeigt wurde ein umrahmt an der Wand hängender Zeitungsausschnitt mit der Schlagzeile „Mohammedaner beten im Dom“. Der Geschäftsführer (ein Historiker!) des Zentrums teilte uns nun mit, dass diese Geste, ein islamisches Gebet im Kölner Dom, als Aufwertung für die türkischen Gastarbeiter gedacht gewesen sei. Grundsätzlich habe man damals nicht von den Muslimen, sondern von den Türken gesprochen, anders als heute. Heute würden Muslime in ein schlechtes Licht gerückt werden. Damals aber seien die Italiener jene gewesen, über die man sich beim Aufschlagen einer Zeitung geärgert habe. Hingegen habe man die Türken immer schon geschätzt, gerne habe man sich damals an die alte Waffenbrüderschaft und den gemeinsamen Kampf im ersten Weltkrieg erinnert.
Ja. Genau an dieser Stelle stieg eine schmerzende Wut und Trauer in mir auf! Mein Zwischenruf „ja, Waffenbrüderschaft auch im Genozid!“ vernahmen offensichtlich nur wenige, und diese ignorierten meine Worte. Wer wollte schon die nette Stimmung vermiesen?
Mir kam das Kotzen (ein Satz, zu dem ich mich gewöhnlich nicht hinreißen lasse).
In Anwesenheit meiner Person, in der Eigenschaft als Nachkomme eines Opfers des Armenozides von 1915, war ich umgeben von Kollegen mit teilweise ausgeprägt türkisch-nationalistischen, islamistischen Einstellungen und Überzeugungen und es wurde nun freudig von der deutschen Waffenbrüderschaft berichtet, die meiner Famile das Leben kostete.
Das Stolz und Freude auslösende Ereignis, die im Kölner Dom gefeierte und hier Freude und Stolz auslösende deutsch-türkische Brüderschaft (!) und die dazugehörige Leugnungspolitik war nicht zu durchdringen. Auch nicht durch die Armenierin, die große Verluste genau durch diese Kooperation und diesen Völkermord zu verzeichnen hat.
Dass dieser Rassismus bei türkischen Nationalisten und Islamisten bis heute Menschenleben bedroht, und wieder auch armenisches Leben bedroht, dass einiger dieser Kollegen Hasskommentare gegen die Armenierin in ihrem Kreis in sozialen Netzwerken anheizen …. daran will keiner denken. Derjenige der daran erinnert, ist der Störer. Unversöhnlich. Am Ende ist die Armenierin turkophob. Sie ist der Rassist. Nicht der nette Graue Wolf, der jedesmal so freundlich grüßt und sich stets ehrenamtlich engagiert.
Der Rassismus, der von Migrantenseite ausgeht, ist Teil der deutschen Migrationsgeschichte. Nicht nur das DOMID Köln, sondern die deutsche Gesellschaft, und im Besonderen die Politik, hat dies nicht nur endlich zu erkennen, sondern sich auch hier gegenzustellen.
Der türkische Rechtsextremismus ist eine immer grösser werdende Gefahr auf europäischem Boden. Damit ist es UNSER Problem! Es ist kein türkisch-kurdischer und kein türkisch-armenischer Konflikt. Es ist ethnisch motivierter Rassismus und geht alle etwas an!
von diefarbedesgranatapfels am 19. Oktober 2015 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 19. Oktober 2015
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2015/10/19/migration-deutsche-waffenbruderschaft/
Ein Blick in die türkischsprachige Presse anlässlich eines Artikels der Zeitung SABAH.
In der türkischen Presse kursieren immer mehr Berichte von „Armeniern“ aus der Türkei, die sich gegen die Anerkennung der Massaker 1915/1916 aussprechen. Diese Menschen, so heißt es, sind ausnahmslos zufrieden mit ihrem Leben und der Politik in der Türkei und verurteilen die Bemühungen der armenischen Diaspora ebenso wie die des armenischen Staates. Die Botschaft lautet: Seht her, wir haben auch glückliche Armenier!
Solche Nachrichten sollen die, in nicht wenigen Teilen der türkischen Bevölkerung und ihrer Volksvertreter, herrschende Verachtung der Armenier verschleiern. Es wird vorgetragen, man habe mitnichten etwas gegen „alle“ Armenier. Das Verhältnis mit den Guten und Treuen sei von gegenseitiger Anerkennung geprägt. Man würde leben und leben lassen.
Diese präsentierte Armenophilie bildet gleichzeitig die Kulisse für den eigenen Rassismus, der dann im Kleid der Rechtfertigung und Selbstverteidigung in Erscheinung treten kann. Diejenigen, die penetrant eine Verurteilung der Türkei herbeisehnen, seien den Türken gegenüber, unbegründet feindlich gesinnt. Gegen diese Türkenfeindlichkeit gilt es sich zu wehren.
In der Türkei ansässigen Armeniern wird damit ebenso dezent wie direkt eine für sie geltende Grenze der freien Meinungsäußerung aufgezeigt. Eine zu deutliche Stellungnahme gilt als Angriff. Man darf das türkische Volk und den dazugehörigen Behördenapparat nicht auf seiner Seite wähnen. Als Armenier sollte man nicht vorschnell Partei ergreifen für diejenigen, die diese Grenze überschreiten. Der Idealfall findet sich in der türkisch-armenischen Distanzierung von der „aggressiven“ Diaspora.
In erfolgreicher Hetzpropaganda, wie der hier besprochenen, finden sich diese Botschaften kumulativ.
„Armenische Familie“ aus „Sason“ will „in Ruhe gelassen“ werden. Sie spricht sich gegen eine internationale Verurteilung der Geschehnisse durch Anerkennung als Völkermord im Sinne der UN-Konvention aus und kritisiert den Papst für seine Äußerungen (http://www.sabah.com.tr/gundem/2015/04/19/ermeni-asilli-ailelerden-papaya-tepki).
Sason – Die Bühne des Geschehens
Hier werden in einem ersten Schritt Menschen aus Sason präsentiert. Sason gehört zur mehrheitlich kurdischen Provinz Batman in Südostanatolien, im Taurusgebirge. Es ist Teil des historischen Armeniens, inmitten des nordanatolisch-nordiranischen Kettengebirges und liegt am Südrand des Kaukasus. Sason, das armenische Sassun, ist ein bedeutender Eckpfeiler der armenischen Kultur, Geschichte und Leidensgeschichte. Sie ist Heimat armenischer Helden, angefangen von Kevork Cavus bis Serob Pasa. Die letzte armenische Bevölkerung von Sassun wurde über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren massakriert: 1894, 1896, 1901, 1904, 1915, Vielleicht auch gerade aus diesem Grund entstand hier eine Widerstandsbewegung (Fedayi).
Und genau DAS ist der Grund nicht eine Familie aus Izmir oder Istanbul, sondern aus Sassun vorzuführen.
Heute ist Cuma Ucar, Mitglied der Saadet Partisi (Partei der Glückseligkeit), welche hinter der in Deutschland aktiven IGMG (Milli Görüs) steht, Bürgermeister der Stadt.
Eine armenische Familie – Die Protagonisten
In einem zweiten Schritt gilt es, sich die vermeintliche „armenische Identität“ der präsentierten Familien näher anzuschauen.
In der Regel wird Bezug genommen auf eine „armenische Oma“ oder aber man behauptet, die Familie bestünde, durchweg aus armenischstämmigen Mitgliedern.
Ihre Namen sind türkischer Herkunft ohne Hinweis auf eine armenische Identität. Als Ergebnis des Völkermordes und der postgenozidalen Türkisierung im Land kann man das Verschwinden armenischer Marker im Namen, erklären. Das allein rechtfertigt noch keinen Zweifel.
Gehen wir aber einen Schritt weiter:
Nicht nur, aber gerade in Sason dürfte es keine einzige armenische Familie geben, die vor 100-110 Jahren keinen großen Verlust von Familienangehörigen zu beklagen hatte. Viel wahrscheinlicher ist, dass die kinderreichen Familien alle auf ein bis zwei Überlebende zurückgreifen konnten. Daher ist allein die Behauptung, bei der betroffenen Familie handele es sich um eine „vollständig“ armenische Verbindung, alles andere als glaubhaft.
Zudem wurden während des Genozides zuerst Männer, Familienväter und Söhne der Armenier, deportiert und hingerichtet. Einige haben die Deportationen in die syrische Wüste überlebt und fanden in arabischen Staaten ein neues Zuhause, wanderten weiter nach Armenien, Europa oder in die USA. Einige wenige Frauen, die einer Deportationen entkamen, oder eine solche überlebten, wurden versklavt und dienten als Hausmädchen, wurden zwangsverheiratet und zwangsislamisiert.
Die als Muslimin und Türkin oder Kurdin Überlebenden wurden über Generationen Teil der Familien, welche sich mitnichten wegen einer einzigen Armenierin (die oft erwähnte „armenische Oma“) im eigenen Stammbaum als „armenisch“ betrachteten. Man war und ist typischerweise stolz auf die zwangstürkisierte bzw. zwangsislamisierte Kriegsbeute.
Die Nachkommen der Armenier Sasuns dürften sich heute, in einem Umfeld, in dem eine islamistische Partei stärkste Kraft ist, kaum als „freie, glückliche Armenier“, am wenigsten medial präsentieren. Entweder sie leben dort als Türken oder Kurden, oder als extrem unsichtbare Armenier.
Türkenfeindlichkeit statt Armenierdiskriminierung – Der Spielplan
Selbstverständlich negieren die Protagonisten zu Lebzeiten „jemals in der Türkei“ diskriminiert worden zu sein. Vielmehr noch: Sie beschuldigen die armenische Regierung, die Diaspora und ihre Unterstützer einer rassistischen Türkenfeindlichkeit und loben die türkische Regierung, die sie stets unterstütze.
In dem Sabah-Artikel teilt ein „Armenier“ mit, dass er sich von den Forderungen nach Anerkennung als Genozid belästigt fühlen würde. Ja! Von den Forderungen nach Anerkennung, nicht von dem Verbrechen selbst! Er beklagt sich und fragt, warum man sich nicht vor 100 Jahren bewegt habe. Der Zeitpunkt der Rechnungsstellung (jetzt, plötzlich) sei auf Türkenfeindlichkeit zurückzuführen. Jetzt, wo die Türkei wieder aufsteige, unternähme man alles, um dem entgegenzuwirken. Man wolle einfach nicht, dass es der Türkei gut gehe und diese sich entwickle.
Auch hier der perfide Rückgriff auf die alte, osmanische und aktuelle, türkische Ideologie: Der Vorwurf einer „Verhinderung der Weiterentwicklung“ ist bereits von der Jungtürken angeführt worden, gerade um für den Völkermord eigene Schergen zu mobilisieren. Die treibende Kraft der Massaker war damals die Partei Ittihad ve Terakki, die von 1908 bis 1918 regierte. „Ittihad ve Terakki bedeutet Einheit und Fortschritt“. Die Vernichtung der Armenier bedeutete für sie die „Einheit“, d.h. die Vereinigung aller Türken gegen den armenisch-christlichen Feind. Und die Vernichtung bedeutete „Fortschritt“, man wollte den Störer und Verhinderer türkischen Vorankommens, die Armenier aus dem Weg räumen um sich weiter zu entwickeln.
Die ausdrückliche Völkermordleugnung wird dem Leser als Sahnehäubchen in dem Schlussabsatz präsentiert: Man habe die jährlichen Völkermord-Völkermord-Rufe satt. Man habe weder von den eigenen Vätern, noch von den Großvätern so etwas gesehen oder gehört.
Gerade im Osten der Türkei WEISS man um den Genozid. In den Dörfern, anders als in Istanbul etwa, haben die Dörfältesten, im Besonderen die Kurden, die Erlebnisse und Beobachtungen der nächsten Generation weitererzählt. Man hat die Geschichten über die blutgetränkten Bäche, über die ehemaligen Eigentümer der Ländereien oder ein gerettetes Kind am Leben erhalten. Dies ist allem voran zurückzuführen auf die kurdenfeindliche Politik der Türkei seit der Staatsgründung durch Atatürk. Hier entwickelte sich, aufgrund eines jahrzehntelangen Mangels an – den Kurden vorenthaltenen – Schulen, bis heute ein etwas anderes Geschichtsbewusstsein.
Kein einziger Armenier aus der Türkei, leugnet den Genozid an seinem Volk. Die Wenigsten äußern sich öffentlich, in westlichen Städten wie Istanbul, vielleicht auch nur in Istanbul, darf man sich etwas mehr wagen. Die Anderen schweigen über die Umstände, behaupten, dass das „nicht mehr wichtig sei“ oder ähnliches. Und das nur aus Angst. Aber sie leugnen ihn nicht aktiv und behaupten nicht sie seien „genervt“ von einer Fürsprache des Papstes.
Das sind Aussagen türkischer Rassisten.
Ein weiterer Aspekt dieses Artikels verdient Beachtung.
Der Text stammt nicht aus der Hauspost eines vernarrten Rechtsextremisten. Er erschien bei der Tageszeitung SABAH, einer der auflagenstärksten türkischen Zeitungen. Neben der Türkei erscheint SABAH auch in Deutschland und in den USA.
Die Zeitung wurde gegründet von einem Griechen 1875, weitergeführt von einem Armenier 1882. Am 24.04.1915 wurde der erste Chefredakteur, auch ein Armenier, im Rahmen der den Völkermord einleitenden Verhaftungswelle, wegen angeblichen Verrat verhaftet und sodann hingerichtet. Heute gehört das Blatt der Calik Holding, das Personal höchster Ebene ist mit dem Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan verwandt.
von diefarbedesgranatapfels am 26. April 2015 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 26. April 2015
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2015/04/26/turkei-hetzpropaganda-demaskiert/
Bundestagsdebatte 24.04.2015
Persönliche Kurz-Mitschrift der Bundestagsdebatte zur expliziten Bewertung der Massaker im Osmanischen Reich als Völkermord
Gernot Erler SPD, Mitglied des Auswärtigen Amtes: redet zwar von „genozidaler“ Politik, verspricht sich dabei genau an dieser Stelle, Zitat von Armin T. Wegner, Zitat Serj Sarkisian „Nie wieder“, falsche Bewertung der Erdoganschen Beileidsbekundung und der Reaktionen Davutoglus.
Ulla Jelpke, DieLinke: Völkermord – klare Verurteilung des jungtürkischen Geheimplanes zur Ausmerzung des armenischen Volkes und der deutschen Beihilfe zum Völkermord. Bundestag muss um Verzeihung bitten. Türkische Beihilfe der djihadistischen IS-Schergen bei der erneuten Vertreibung und Ermordung von Christen und Kurden. DANKE.
Christoph Bergner, CDU: historische Verpflichtung sich der historischen Schuld „dieser Ereignisse“ zu bekennen, „Vernichtung“, Bitte um Entschuldigung, Bezug zum türkischer Widerspruch von Regierung bis hin zum Widerstand von türkischstämmiger CDU-Mitglieder, objektiver Geschichtsunterricht an deutschen Schulen, morgige Gegendemonstration verurteilt, Zweifel, ob wir auf den Begriff Völkermord verzichten können, Plädoyer für Verwendung, semantische Zurückhaltung führt zu praktischer Verharmlosung, Lemkin Zitat zur Veranlassung der Genozid-Konvention! DANKE!
Cem Özdemir, Grüne , Klare Verwendung des Völkermord -Begriffes, Haltung der Bundesregierung unterstützt Leugnungspolitik, nicht die Versöhnung, tscherkessische Beteiligung eingestanden, Türkisch-armenische Versöhnung in der Türkei lässt sich durch unseren Beitrag nicht stören, 1955, Alevitenmassaker und Progromme hätten, bei rechtzeitiger Verurteilung der Taten, nicht passiert. Hinweis: auch Türkei hat ein Interesse an der Grenzöffnung. Zeit sich zu entschuldigen! Danke!
Frank Schwabe, SPD , Sprecher für Menschenrechte, Klare Verwendung des Völkermord-Begriffs, aktuelle Leugnung in Deutschland lebender Türkischstämmiger Mitbürger zur Sprache gebracht, Deutsche Beihilfe, kurdische Mittäterschaft angeführt, kurdische Versöhnungsangebote (den Türken) als Beispiel angeführt. Super. Danke.
Norbert Röttgen, CDU , Vorsitzender des Auswärtigen Amtes: Völkermord ist umfassende Negation des Rechts der physischen Existenz dürfen wir nicht mit der Negatation des Verbrechens unterstützen. Begriffsverwendung keine Reduktion auf ein Wort, sondern Ausdruck der Dimension, Abwägung türkischer Empfindungen? Bei Völkermord hört die Abwägung auf. Wieso sind wir selbst erst 100 Jahre später so weit? Verschweigen nicht Beitrag zu Dialog. Verdrängen und Vertuschen gab es von Anfang an. Aussprechen als Anfang zur Versöhnung! Wunderbar! DANKE!!
Dietmar Nietan, SPD, Mitglied des Ausschusses des Auswärtigen Amtes: Klare Verwendung des Völkermordes, Völkermord ohne Zweifel. Menschen in der Türkei viel weiter als ihre Regierung, dahinter sollten wir nicht zurückbleiben. Beileidsbekundungen türkischer Regierungsmitglieder relativieren die eiskalten Verbrechen. Aus dem falschen Verständnis nationale Identitäten schützen zu müssen, entsteht neues Unrecht. Menschen in der Türkei entdecken ihre eigene armenische Geschichte.
Erika Steinbach, CDU, Sprecherin für Menschenrechte: Völkermord, ja. Wie viele Vorredner auch: Vernichtung der Aramäer, Assyrer, Griechen und Pontosgriechen erwähnt, Franz Werfel, Internet – Erklärung 2008 lobend erwähnt, Abberufung von Botschaftern, unverständlich die vehemente Reaktion auch in Deutschland gegen Verwendung des Völkermordbegriffs, wenn damals deutsche Zurückhaltung unangemessen war, ist sie es nicht auch heute? Nicht nur Tötung, sondern unglaubliche Brutalität. Beispiele für die Brutalität explizit benannt. Rat, man solle sich auf die Zukunft konzentrieren, abgelehnt. Die Anerkennung der Vergangenheit gibt den Opfergruppen Kraft. Super! Danke.
Bernd Fabricius, CSU: Klare Verwendung des Begriffs. Besondere Verantwortung zur historischen Wahrheit, zutreffende Einordnung der Verbrechen, nicht Begriffsreduktion, sondern umfassende Dimension, abgelehnte Rückwirkung der UN-Konvention bezieht sich auf die Rechtsfolge, der Tatbestand bleibt der selbe. Keiner würde gegen „andere Völkermorde“ mit der Ablehnung des Rückwirkung argumentieren. Papst, Europarat, Europäisches Parlament werden bedroht. Danke.
von diefarbedesgranatapfels am 24. April 2015 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 24. April 2015
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2015/04/24/bundestagsdebatte-24-04-2015/
Fremde Federn – O. Targanyan- Erinnerung
In der neuen Rubrik „Fremde Federn“ erscheinen in Zukunft die Texte Dritter.
von diefarbedesgranatapfels am 22. April 2015 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 22. April 2015
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2015/04/22/fremde-federn-o-targanyan-erinnerung/
Immer wieder merke ich, wie schwer sich Menschen tun, den Völkermord als solchen anzuerkennen und eben dadurch zu verurteilen.
Dies gilt für die große Politik ebenso wie die engste Nachbarschaft.
Mir ist klar, dass das öffentliche Anklagen einer Tat und die Aufforderung sich einer Verantwortung zu stellen, als unangenehm empfunden und schlimmstenfalls tatsächlich unangenehm werden kann. Dieser Schritt erfordert Mut, Zivilcourage.
Gleichzeitig sind wir, die Nachkommen der Opfer, auf die Unterstützung eines jeden Einzelnen angewiesen, erst recht auf jene von Außenstehenden, Nicht-Armeniern.
Das möchte ich als Anlass nehmen, allen Mitstreitern, zu danken.
Die mehr oder weniger zufällige Kombination meiner FB-Kontakte aller Glauben- und Nichtglaubensrichtungen sowie der verschiedenen ethnischen Verwurzelungen, die sich in dieses Thema einbringen, ist sehr erfreulich und zeugt von solidarischer Freundschaft.
Alle schweigenden Mitleser möchte ich ermutigen, sich in die Debatte einzubringen, Beiträge in Medien zu veröffentlichen und sich an die Bundestagsabgeordneten zu wenden. Das Recht der freien Rede ist eines der höchsten Güter unserer Werteordnung. Lassen Sie es sich nicht nehmen!
Der Armenozid und dessen inzwischen 100 Jahre andauernde Leugnung ist – entgegen der Meinung der Bundesregierung – gerade keine binationale Angelegenheit zwischen Türkei und Armenien oder zwischen Türken und Armeniern. Auch in Deutschland üben sich türkische Rechtsextremisten und Islamisten nicht nur in der Genozidleugnung. Vielmehr noch, sie entschuldigen den Willen ein ganzes Volk ausmerzen zu wollen. Sie rechtfertigen und beklatschen die rassistisch motivierten Massaker an 1,5 Mio Menschen. Sie teilen öffentlich mit, dass dieses Thema sie „nerve“, beklagen unsere „Aufdringlichkeit“ und zeigen dadurch mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Nachkommen der Opfer. Sie bedrohen eine Universitätsprofessorin, die sich diesem Thema annimmt, veranstalten eigene Lesungen und demonstrieren mit Hassparolen. Sie bezichtigen Armenier und ihre Mitstreiter des Rassismus, inszenieren sich als Opfer von Türkenfeindlichkeit und versuchen den Spieß umzudrehen. Sie suchen bewusst den Kontakt zur Politik, um rassistische Überzeugungen hübsch verpackt umzusetzen.
Ein Genozid ist die hässlichste Erscheinungsform rassistischer Überzeugungen. Der Kampf gegen Rassismus, von Diskriminierung bis Genozid, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Auch und gerade hier in Deutschland, wo Rassisten unter dem Deckmantel der Integration, gerade der Integration, mehr als nur gut vernetzt sind.
von diefarbedesgranatapfels am 21. April 2015 • Permalink
Veröffentlicht in Deutschland & die Türkei, Faschismus, Integration, Völkermord 1915
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 21. April 2015
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2015/04/21/danksagung/
Offener Brief an die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung
anlässlich des Genozides am armenischen Volk des Osmanischen Reiches und des in diesem Zusammenhang bevorstehenden 100. Gedenktages wende ich mich mit einer Bitte an Sie.
Als Juristin und Integrationspolitikerin auf kommunaler Ebene, bewerte ich die Prävention von Rassismus als essentielle, integrationspolitische Aufgabe. Dies gilt für den Bereich einer unterschwelligen Diskriminierung ebenso wie im Falle gewalttätiger Übergriffe.
Es ist ein fataler Fehler, zu glauben, solch ein Verhalten gehöre lediglich der Vergangenheit an oder sei aktuell nur im Nahen Osten relevant. Vielmehr belasten rassistische Einstellungen und Handlungen auch das zwischenmenschliche Miteinander bei uns in Deutschland. Das Feuer in Tröglitz ist ein aktuelles Beispiel.
Ein fataler Fehler ist es aber auch, zu glauben, Menschen mit Migrationshintergrund würden selbst grundsätzlich nur auf der Opferseite stehen und seien nicht selbst zu gewaltbereitem Hass fähig. Nicht selten ist eine Integrationsverweigerung auf menschenverachtende Einstellungen zurückzuführen. Rechtsradikale Einstellungen unter Migranten gehen in die verschiedensten Richtungen. Sie richten sich gegen die deutsche Gesellschaft, weil man diese für das eigene Versagen verantwortlich macht. Oder sie richten sich gegen andere Migranten aufgrund aktueller oder historischer Ereignisse, oder gegen – dem eigenen Weltbild fremde – Lebensmodelle.
In wenigen Tagen jährt sich ein besonders schreckliches Ereignis zum 100. Mal, der Genozid an den Armeniern und anderen Christen des Osmanischen Reiches. Anlässlich dieses Gedenktages und mit Blick auf die, auch dem Staat obliegende, Verpflichtung zur Rassismusprävention möchte ich Sie, als Staatsministerin und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, in aller Höflichkeit und in Wahrnehmung dieser noblen Aufgabe auffordern, den in einem Genozid endenden Rassismus gegenüber Minderheiten des Osmanischen Reiches in aller Klarheit, und damit unter Verwendung des Begriffes „Völkermord“ zu verurteilen.
Ich hoffe auf Ihre mutige Unterstützung.
JaklinChatschadorian
von diefarbedesgranatapfels am 16. April 2015 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 16. April 2015
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2015/04/16/offener-brief-an-die-integrationsbeauftragte-der-bundesregierung/
Eine selbsterfüllende Prophezeiung ?
Bekanntlich besuchte Nebahat Güclü im Januar 2015 die rechtsextremen Grauen Wölfe, betrieb bei und mit ihnen, über einen Besuch hinausgehend, Wahlkampf und wurde erwischt. Die Hamburg Grünen regten einen Parteiausschluss an, kamen aber wegen einem Formfehler nicht durch das schiedsgerichtliche Verfahren. Güclüs Verteidigung war widersprüchlich, bar jeder Glaubhaftigkeit und in großen Teil auch nachweislich gelogen.
Zudem fußte die Verteidigung allem voran auf einer Heiligsprechung der hinter besagten Vereinigung (ADÜTDF) stehenden, rechtsextremen türkischen Partei MHP. Hierzu legte sie ein Gefälligkeitsgutachten des sich zum Armeniergenozid bekennenden und im Besonderen von Armeniern hoch geschätzten Historikers Taner Akcam vor. Ein Gutachten, dass an Verlogenheit nicht zu überbieten ist, und dem Autor und seinem bisherigen Werk, den Wert nimmt. Allem voran, auch mit Blick auf die Nähe des Historikers zu Gemeinden des Islamisten Fehtullah Güllen in Amerika, drängt sich begründeter Zweifel an der Motivation Taner Akcams auf. Ist die Anerkennung des Armeniergenozides am Ende nur ein leidiges Mittel zum Fortschritt des türkischen Staates? Des Türkentums? Die Zeit wird es zeigen.
Das Zusammenwirken einer „GrauenWölfin und dieses (!) Genozid-Historikers“ erwies sich jedenfalls als mittelbare Verhöhnung des Rechtsextremisten eigenen (1) ARMENIER-FEINDBILDES.
Dem weiteren FEINDBILD der Grauen Wölfe entsprechend, äußerte Frau Güclü sich, bereits in einer ersten Reaktion äußerst (2) KURDENFEINDLICH . Der Pressebericht sei einer kurdischen Zeitung, die ihr seit jeher schaden wolle, zu verdanken.
Ja, sie habe die Grauen Wölfe besucht, der Bericht fuße auf wahren Behauptungen. Nur die Veröffentlichung, naja, damit war FRAU nicht einverstanden.
Das Schiedsgericht hätte durchaus auch anders entscheiden können, nun gut.
Sodann wurde sie zumindest aus der Fraktion der Grünen aus der Hamburger Bürgerschaft ausgeschlossen. Kurze Zeit und viele Streitigkeiten später trat sie dann doch selbst aus der Partei aus, weil SIE das Vertrauen verloren habe.
Ihren Job kündigte der Paritätische Wohlfahrtsverband eben aus denselben Gründen. Jemand der so eng mit Rechtsextremisten verbandelt ist, schadet auch dem Arbeitgeber, welcher in einem entsprechend sensiblen Arbeitsbereich tätig ist.
Wie soll es anders sein, wie schon zuvor übt sich Frau ABGEORDNETE, die unsagbar viele Stimmen, trotz & gerade wegen ihrer Nähe zu Verfassungsfeinden einholte, in Larmoyanz.
In einer neuen Erklärung stilisiert sie sich das X-te mal zum Opfer einer Verschwörung (weniger geht selbstverständlich nicht), und diesmal sind, nach Güclü, die (3) ALEVITEN SCHULD an dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die Aleviten, ein weiteres Feindbild dieser Rechtsextremisten – und nicht die eigene Nähe zu diesen. Sie hätten sich bei dem Arbeitgeber beschwert. Die Beschwerde sei TROTZ ihrer stetig währender Unterstützung alevitischer Gemeinden erfolgt.
BONBON: Zitat aus der neuesten Erklärung:
„Avrupa’nın göbeğinde, demokratik olarak adlandırılan bir ülkede ve kendilerini ‘demokrat’ olarak adlandıran insanlar ve kurumlar tarafından tüm varlığım yok edilmeye çalışılıyor.“
Inmitten Europas, in einem als demokratisch bezeichneten Land und von sich als demokratisch bezeichnenden Menschen und Organisationen wird versucht, mein ganze Existenz auszulöschen“.
Verschwörungstheorien zu generieren, Schuldzuweisungen zu verteilen und mit dem Schwung eines Säbels rechtsextrem-türkischen Feindbildern (Aleviten, Kurden und Armeniern) eins auszuwischen, ist wohl Beleg genug für die GRAUE Farbe in den Überzeugungen der Abgeordneten für die Hamburger Bürgerschaft. Ein Lakmustest!
von diefarbedesgranatapfels am 11. April 2015 • Permalink
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 11. April 2015
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2015/04/11/eine-selbsterfullende-prophezeiung/
Mit den Wölfen heulen, und bei den Deutschen, frömmeln, tanzen, lügen
So ähnlich würde Christian Dietrich Grabbe, einer der großen Literaten des Vormärz das Verhalten nicht weniger (Integrations-)Politiker in Deutschland möglicherweise beschreiben, würden sie Teil seines Dramas „Don Juan und Faust“1 sein. Die hierin zum Ausdruck gebrachte Bigotterie ist Teil des politischen Alltages.
Die Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Hamburg, Nebahat Güclü, kandidiert auf Platz 25 der Partei „Bündnis 90 / Die Grünen Hamburg“ für die Hamburger Bürgerschaft. Mitte Februar 2015 steht viel auf dem Spiel: Eine längere Amtsperiode, neue Wähler aufgrund der Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre und die Chance, die Alleinherrschaft der SPD zu einem Ende führen zu können. Ein intensiver Wahlkampf steht an. Wahlkampf bringt Wählerstimmen und nicht zuletzt die Aufmerksamkeit der Medien.
Letzteres dürfte Nebahat Güclü unterschätzt haben, als sie zusagte, auf der Veranstaltung der „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland“ (ADÜTDF), den türkischen, rechtsextremen Grauen Wölfen, eine Rede zu halten.
Vorwerfen kann man ihr diese Nachlässigkeit, das Unterschätzen der medialen Aufmerksamkeit, nicht wirklich. Von Interesse ist in der Regel der Rassismus, der von deutscher Seite ausgeht. Nach Mölln und Solingen folgten die Verbrechen der NSU. Inzwischen geht es uns innenpolitisch fast ausschließlich um PEGIDA.
Damit will ich weder die Verbrechen der NSU klein reden, noch möchte ich die PEGIDA-Bewegung schön reden. Jeder soll seine, ihn definierende Kultur leben dürfen. Gleichzeitig ist jeder verpflichtet, beim gesellschaftlichen Umgang miteinander bestehende Grenzen zu achten. Dies gilt für Mehrheiten ebenso wie für Minderheiten.
Der gesellschaftliche Umgang miteinander unterliegt gewissen Spielregeln und ist strenggenommen eine ausschließlich rechtliche Angelegenheit. Das geltende Recht ist, mag es auch einer stetigen Fortentwicklung unterliegen, nicht nur ein Sammelsurium der Regelungen aus der aktuellen Legislaturperiode und damit parteipolitischer Wankelmut. Es ist beständiger Grundpfeiler eines gewachsenen Staates, dass sich einen liberaldemokratischen Rahmen gebend seine Freiheiten über Jahrhunderte erkämpft hat. Es ist Ausdruck europäischer, christlich-jüdischer Kultur.
Der islamische Einfluss, über den man mit Blick auf die Aussage der Bundeskanzlerin, der Islam gehöre zu Deutschland, streitet, ist nicht ersichtlich. In seinen Grundprinzipien steht er dem status quo gar entgegen. Der Islam spricht sich, in jeder Leseart, gegen die Säkularisierung aus. Die nach ihm für die Menschen verbürgten Rechte gelten nicht universell und die Bedeutung des Individuums gegenüber der Gemeinschaft ist nachrangig. Selbst das Verständnis von Handel und Wirtschaft und Steuern ist, ginge man nach der Religionslehre, ein gänzlich anderes.
Um eines zu betonen: Das bedeutet nicht, dass Menschen islamischen Glaubens in der Bundesrepublik nicht leben dürften oder sollten. Es lässt jedoch vermuten, dass der muslimische Mitbürger, bis zu einem gewissen Grad, auf die Ausübung seiner Religion in Reinform, verzichten muss. Wie viel islamisches Leben ist möglich? Wann ist eine Grenze überschritten?
Nichts anderes gilt für diejenigen, die sich über die eigene Rasse oder Ethnie definieren und dabei auf Außenstehende hinab schauen. Wie viel Patriotismus ist in diesem Land legitim?
Mit der Entscheidung seinen Lebensmittelpunkt in diesen Staat zu verlegen, sollte man dem status quo in Form des Grundgesetzes zustimmen. Die Bundesrepublik definiert sich als liberaldemokratischer Staat, dass sich für ein säkulares System entschieden hat. Dem Nationalismus hat man abgesagt.
Diese Absage ist als Gebot der Ächtung zu verstehen und gilt für jedermann. Es wäre falsch zu glauben, „nur der Deutsche“ müsse aufgrund des „deutschen“ Völkermordes an den Juden seinen Patriotismus in engsten Grenzen halten. JEDE, auf andere Menschen bzw. Völker, herabschauende Einstellung führt zur Herabsenkung der Hemmschwelle zur Gewaltanwendung und kann fatal enden.
Bei Nichtzustimmung zu dieser „deutschen Werteordnung“ sollte man, sich selbst zuliebe, hinterfragen, warum man seinen Alltag hier verbringen will und warum man seine Kinder in einem Land aufwachsen sehen will, dessen System man nicht gutheißt. Diese Frage sollte man nicht nur sich selbst stellen. Vor allem sollte man die dazugehörige Antwort ehrlich, laut und deutlich formulieren.
Als überzeugte Demokratin und Christin ist mir persönlich das deutsche Selbstverständnis sehr viel wert. Meine Vorfahren haben den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915 überlebt. Sie wurden zu Opfern, weil sie die falsche Ethnie und Religion gehabt haben. Meine Eltern sind im Schatten der Nachwirkungen des Völkermordes in der Republik Türkei groß geworden: Das Kreuz unter der Bluse, die armenische Sprache nur in den eigenen vier Wänden, Witze über den Ungläubigen, türkisches Militär. Sie haben den Pogrom von Istanbul am 6.-7.September 1955 überlebt, die Stimmung gegenüber Christen im Land 1974, beim Angriff auf Zypern, mitbekommen. Mein Vater atmete erst auf, als er deutschen Boden betrat. Er durfte reden. Er durfte sein. So wie er ist. Und es störte niemanden. Seine Liebe zu Deutschland ist seitdem ungebrochen.
An dem Punkt, an dem die Ablehnung des hiesigen Systems sich in Handlungen äußert, die auf eine grundlegende Systemveränderung abzielen, ist eine Grenze zu setzen. Wir sind für die Erhaltung dieses Staates selbst verantwortlich. Kritik ist angebracht. Kritik an rechter Gesinnung, gleich von wem sie vertreten wird, Kritik an Nationalismus und Linksradikalismus oder aber Islamkritik.
Doch Kritik geht anders als bei PEGIDA. Die Teilnehmer dieser Bewegung dürften nicht durchweg als Rechtsextreme zu bezeichnen sein. Ich glaube durchaus, dass man Angst bekommen kann, allein bei der Idee, die Muslime, die man in den Nachrichten vernehmen darf, würden in der Nachbarschaft aufschlagen. Dabei geht es mir nicht nur um den Attentäter, der meint auf einem besonderen Weg nach oben zu sein, sondern bereits um den einen oder anderen Verbandsvertreter und Talkshow-Gast. Der Fehler bei PEGIDA liegt darin, dass die friedlich-besorgten sich zu wenig distanzieren von den aggressiven, lauten Ausländer- und Verfassungsfeinden.
Man steht eben nicht Seite an Seite mit Menschen, die sich selbst überhöhen oder Gewalt gegenüber Andersdenkenden befürworten. Man macht Nazis nicht zu Mitstreitern und Fürsprechern. Man steht auf, distanziert sich und differenziert. Man schert nicht alle Ausländer über einen Kamm. Man unterstellt nicht jedem Ausländer Muslim zu sein. Und man unterstellt nicht jedem Muslim schlechte Absichten. Man belegt seine Behauptungen. Sich zu Opfern der „Lügenpresse“ zu stilisieren, verschafft weder Glaubwürdigkeit noch Sympathie. PEGIDA darf sich über seinen schlechten Ruf nicht wundern.
Was für PEGIDA gilt, gilt für die Masse der muslimischen Mitbürger mitsamt der dazugehörigen Verbände an diesem Punkt auch. Man lässt auch Islamisten nicht zu Mitstreitern und Fürsprechern werden. Man steht auf und distanziert sich von ihnen und ihren Verbrechen – initiativ. Dies erst recht, wenn man meint, sie würden sich ungefragt, ohne Erlaubnis oder wider den religiösen Vorschriften zu Vorkämpfern des eigenen Weges machen. Man gebietet ihnen Einhalt und setzt Zeichen. Auch hier darf man sich, als Muslim, über das negative Bild der eigenen Religion nicht wundern, wenn man sich nicht dazu bewegt, dieses Bild positiv mitzugestalten. Auf die Frage, warum man als in Deutschland lebender, einfacher und friedlicher Muslim sich dauernd distanzieren müsse gibt es nur diese Antwort: Weil man sich zum Grundgesetz bekennt. Aus Gründen der Zivilcourage und als ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern; vor allem aber weil man seinen Glauben aus dem gleichen Buch zieht wie Salafisten, Hassprediger und Attentäter. Sich zu Opfern einer ewigen Diskriminierung zu stilisieren, verschafft weder Glaubwürdigkeit noch Sympathie. Am wenigsten hilft es, sich selbst stetig von jeder Verantwortung freizusprechen und jede, auch noch so sachliche Kritik zur rassistisch veranlagten Diskriminierung zu erklären oder aber wie im Fall „Charlie Hebdo“ den Opfern eine Mitschuld zu attestieren.
Es ist unfassbar. Wenn man es ganz genau nimmt, beinhaltet allein diese Schuldzuweisung einen demokratie- und menschenfeindlichen Anspruch auf Absolutheit und die Rechtfertigung einer Tötung. Wieso hat man hier nicht laut und deutlich widersprochen? Selbst die Bundesregierung hat sich an dieser Stelle unrühmlich verhalten. Statt Kritik für den türkischen Ministerpräsident Ahmet Davutoglu gab es einen Empfang mit militärischen Ehren.
Von deutschem Nationalismus über den Islamismus zurück zum Nationalismus nichtdeutscher Kreise am Beispiel Nebahat Güclü.
Auch für diese Art von verfassungsfeindlicher Gesinnung gilt das soeben gesagte ausnahmslos: Keine Bühne für Rassisten. Null Toleranz.
Als überzeugte Demokratin sucht man nicht den Dialog zu rechtsextremen Organisationen, auch nicht wenn es sich um eine Migrantenorganisation handelt. Einen Dialog kann man vielleicht mit einer einzelnen Person führen, in der mal naiven, mal berechtigten Vorstellung, verschrobene Denkweisen überzeugend gerade biegen zu können. Man geht jedoch nicht zu den bekanntesten, größten, unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehenden Vereinigungen, um auf Stimmenfang zu gehen.
Ex-Bürgerschaftsvizepräsidentin Nebahat Güçlü hat genau das getan. Sie sprach im Wahlkampf bei einer türkischen Organisation, zu der auch die rechtsextremem „Grauen Wölfe“ gezählt werden.
Einer ihrer Vorredner war der für Europa zuständige MHP-/ADÜTDF- Funktionär Cemal Cetin. Elbe-Express (http://elbe-express.info/hamburg/hamburgdaki-kultur-ve-ulku-solenine-yogun-ilgi/) war auch auf besagter Veranstaltung und zitiert ihn wie folgt:
„ Wir waren arm und brauchten Geld, während sie die Arbeitskraft brauchten. Wir haben große Schwierigkeiten bewältigt, doch sie sind nicht ausreichend für uns eingetreten. Uns wurden nicht ausreichend Integrations- und Sprachkurse angeboten. Aber wir haben die geltenden Regeln, der Länder, in denen wir leben stets befolgt. … Unsere kulturelle Identität, das Türkentum, sind zu schützen und unser religiöses Leben haben wir den nächsten Generationen weiterzugeben. Die Politiker sollen dies nicht als Drohung sehen, sondern als kulturelle Bereicherung. Wir müssen uns integrieren (dürfen), ohne assimiliert zu werden. Assimilation ist wie Terror ohne Blutvergießen.“
Welches Verständnis haben diese Menschen von einem friedlichen Zusammenleben? Ihre Kultur darf uns zwar bereichern, aber wehe, wir versuchen, auch sie zu bereichern. Just in dem Moment werden wir zu blutscheuen Terroristen?
Was genau Nebahat Güclü gesagt hat, ist eigentlich irrelevant. Es reicht zu wissen, dass es sich um eine Wahlkampfrede gehalten hat mit Informationen zur Integrationspolitik in Hamburg. Sie hat dort mit Sicherheit nicht gesagt, dass der rechtsextreme Weg des Publikums der falsche sei. So macht man keinen Wahlkampf. Realistisch ist vielmehr eine Rede, in der die Vorzüge grüner Politik aus Sicht des Publikums herausgearbeitet werden. Ist vielleicht auch die Ermutigung des Publikums, sich politisch bei den Grünen und gerade in der Integrationspolitik zu engagieren, um eigene Interessen besser verfolgen zu können, nicht vorstellbarer Inhalt einer solchen Wahlkampfrede?
Sie hat im falschen Becken gefischt und Rechtsextremisten zur Teilnahme am demokratischen System animiert. Verfassungsfeinde in diesem Sinne einzuladen und Türen zu öffnen, schadet der sich zu diesem Staat bekennenden Gesellschaft, es schadet unserer Werteordnung und letzten Endes ist das auch der Schaden, den sie ihrer Partei zugeführt hat.
Nebahat Güclüs nachträgliche Erklärungsversuche hingegen verhöhnen die Adressaten, Leser wie Wähler. Ein jeder [sic!] Türke, weiß, wessen Bühne das war, ganz ohne zeitaufwändige Recherche. Man mag diese Gruppierung gut oder schlecht finden, aber man kann nicht sagen, man habe nicht gewusst. Dies gilt bereits für den „einfachen“ türkischen Bürger. Der Maßstab, der für eine, in der deutschen ebenso wie in der türkischen Politik erfahrenen Amtsträgerin, einem Politprofi mit besonderer interkultureller Kompetenz, zu gelten hat, darf nicht niedriger gesetzt werden.
Selbst die neueste Stellungnahme, nach der Ankündigung eines Parteiausschlussverfahrens, offenbart einen Täuschungsversuch am Wähler. Während sie sich rechtfertigt, bereits 2008 bei der umstritten Organisation und vor allem mit Einbindung und Genehmigung der Partei Bündnis 90 /Die Grünen Hamburg gewesen zu sein, wird bekannt, dass entsprechende Besuche bei zweifelhaften Migrantenorganisationen erst von der parteiinternen Fachstelle zur Einschätzung vorgelegt würden und Nebahat Güclü in jenem Jahr die beratende Fachsprecherin für Migrationspolitik gewesen sei.
Darüber hinaus spricht sie der Partei MHP – de facto eigenwillig – ihren Extremismus ab und erklärt in der Vergangenheit keine Radikalisierung, sondern vielmehr eine Mäßigung in der Parteientwicklung zu sehen. Solche Äußerungen sind brandgefährlich und werfen alles andere als ein positives Licht auf die von ihr seit drei Jahrzehnten geleistete Integrationsarbeit.
Gleichwohl werden ausländisch-nationalistische und ausländisch-rechtsextreme Vereinigungen von deutscher Seite nicht selten hofiert und ihr Rassismus wird kleingeredet. Den Mitgliedern rechtsextremer Vereinigungen „mit Migrationshintergrund“ wird grob fahrlässig Einlass gewährt in politische Gremien und man geht mit ihnen gemeinsam auf die Straße, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Frau Güclü hat es 2008 zur Vizepräsidentin der Hamburger Bürgerschaft gebracht. Sie hat sich in jüngster Vergangenheit deutlich gegen die PEGIDA-Bewegung geäußert und sich gegen Rassismus ausgesprochen. Jetzt war sie – wieder – bei den Wölfen.
Politisches Interesse bei Migranten erfreut die deutsche Gesellschaft. Kommen gute Deutschkenntnisse und ein nettes Aussehen hinzu, kann man sehr leicht zum Sonnenschein einer Partei heranwachsen. Ungeprüft.
Auf Facebook sind in den letzten zwei Tagen nicht wenige deutsche Stimmen zu vernehmen gewesen, die den Gastauftritt der Bürgerschaftskandidatin Nebahat Güclü zu entschuldigen versuchten. Man sagt, dass sie vielleicht wirklich nicht wusste, wen sie besuchte. Man geht davon aus, dass sie vielleicht wirklich aufgrund eines vollen Terminkalenders fahrlässig eine Überprüfung versäumt habe. Man diskutiert, ob ein Parteiausschluss verhältnismäßig sei.
Würde man den Besuch einer deutschen Politikerin bei der NPD – dem Pendant zur ADÜTDF – genauso entschuldigen oder einwerfen, dass jeder mal einen Fehler machen würde? Würde man um Milde plädieren?
Interessant ist auch die Argumentation, Nebahat Güclü sei nicht auszugrenzen, da auch der Dialog mit der migrantischen Rechte notwendig sei, um Parallelgesellschaften zu verhindern. Diese Argumentation überschätzt den eigenen Einfluss und urteilt über denjenigen, der hier in der Kritik steht, fahrlässig mild. Die Kandidatin ist nicht des Dialoges wegen auf die rechtsextreme Bühne gesprungen, sondern entweder aus einer inneren, eher positiven Haltung gegenüber der Vereinigung oder aber einzig des Stimmenfanges wegen. Beides spricht nicht für sie.
Die unterschiedliche Reaktion auf (deutschen) Rechtsextremismus und Ausländerextremismus ist nicht nachvollziehbar und allenfalls „linksideologisch“ zu erklären. Wobei selbst dieser Begriff mit Vorsicht zu genießen sein dürfte. Jedenfalls dominiert das Bild des stets diskriminierten, finanziell minder bemittelten, bildungsfernen Ausländers / Migranten, der für seinen, im Vergleich zu seinem deutschen Nachbarn, schlechten Zustand nicht selbst verantwortlich sein kann.
Für die Aufrechterhaltung dieses Bildes sorgen auch und gerade die sich politischen engagierenden Migrantenverbände; sind sie doch diejenigen, die am ehesten von dem zu diesem Bild gehörenden Fördertopf profitieren.
Dieses Bild ist ein Selbstläufer. Es erzeugt – rechts der Mitte – zunächst einmal negative Gefühle, von Ablehnung bis Hass. Mit der hier gärenden Ausländerfeindlichkeit nährt man sodann das negative (Selbst-)Bild des Deutschen – links der Mitte – und erzeugt Mitleid, Fürsprache und Verblendung.
Dass hinter „dem Migranten“ auch mal jemand sein könnte, der selbst zu Extremismus neigt, versteht unsere Gesellschaft vielleicht erst seit der TV-Präsenz von Salafisten und Hasspredigern. Aber selbst da geht es, in der medial vernehmbaren Debatte, dank entsprechender Lobbyisten, am Ende nur um den Islamismus als „verständliche“ Abwehrreaktion auf eine tiefgehende, anhaltende Diskriminierung von deutscher Seite.
Auch die vielen Reaktionen von türkischer Seite auf den aktuellen Skandal sind einen genauen Blick wert. Denn sie nehmen die Unwissenheit der Mehrheitsgesellschaft als günstige Gelegenheit, Nebahat Güclü den Rücken zu stärken, wahr.
Man redet von einem „anderen nationalen Selbstverständnis der Türken“ und von Nationalismus als Staatsräson und unterschlägt damit das entscheidende Element des so selbstverständlich gepflegten Rassismus: die diskriminierende und gewaltbereite Verachtung der Anderen. Manch einer wirbt in seinem Umkreis jetzt erst recht mit dem qualitativ hochwertigen Engagement der Kandidatin. Ein Blogger (https://tekmanpost.wordpress.com/2015/01/26/personliche-erklarung-nebahat-guclu-zu-den-vorwurfen-und-falschen-behauptung-von-avrupapostasi-vom-23-1-und-25-1-2015/) spricht gar von der „widerlichen Verurteilung“ der Kandidatin und plädiert wie folgt:
„Wir brauchen weltoffene Menschen wie dich, die sich in allen Gesellschaftsgruppen bewegen und artikulieren können ohne gleich abwertend zu werden. Jeder verdient Respekt. Egal aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.“
Hier wird die Folge der Ächtung rassistischer Vereinigungen zum Rassismus erklärt. Jeder verdient Respekt. Klingt nur auf den ersten Blick schön. Derjenige, der ganzen Volksgruppen seinen Respekt verwehrt, wie es der typische Graue Wolf nun einmal pflegt zu tun, soll selbst Respekt erwarten dürfen? Man brauche Menschen, wie Nebahat Güclü, die sich auch in rechtsextremen Gesellschaftsgruppen respektvoll bewegten?
Elbe-Express (http://elbe-express.info/hamburg/asim-kilictan-nebahat-guclu-olayi/ ) geht weiter und veröffentlicht die Stellungnahme des Asim Kilic vom Hamburger Verein zur Förderung des Gedankenguts Atatürks (HADD) (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/mit-deutschtuerken-unterwegs-zur-praesidentenwahl-13079711.html ), welcher Mitglied des Dachverbandes Türkische Gemeinde Hamburg (http://www.tghamburg.de/about/?aid=6) unter dem Vorsitz von Nebahat Güclü ist. Dieser kann ganze fünf Gründe aufzählen, warum die Teilnahme an besagter Veranstaltung nicht falsch gewesen sei.
Das nationale Selbstverständnis der Türken. Nationalismus wird in der Türkei als etwas positives verstanden und es gibt kein Pendant zu diesem Gefühl in der deutschen Sprache. Dieser Umstand muss den Deutschen gesondert erklärt werden.
Hier wird einer sich selbst überhöhenden Denkweise und Ideologie die Absolution erteilt. Es ist schlichtweg falsch, dass der Begriff nicht richtig zu übersetzen sei, weil die deutsche Sprache dieses Phänomen nicht kenne. Da aber Nationalismus in Deutschland nicht gern gesehen ist, steckt in der Aufforderung zu einer speziellen Erklärung der Auftrag der Täuschung. Oder?
Nebaht Güclü ist Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Hamburg und hat eine einende, zusammenführende Funktion wahrzunehmen. Ob Alevit oder Sunnit, Nationalist oder Patriot, Kurde oder Türke, etc.
An diesem Satz wäre fast nichts auszusetzen, wäre da nicht die Erwähnung des Kurden. Die Einvernahme der verschiedenen Völker ist gerade Element eines nationalistischen Selbstverständnisses in der Türkei. Dieser Türkisierung versuchen gerade die Kurden (und nicht nur sie) entschieden entgegenzutreten.
Der Verein (Türkische Gemeinde Hamburg) ist unter dem Namen Türkische Migranten Union gegründet worden. Trotz vieler Erfolge hat der Verein die „Union“ nicht verwirklichen können. Stattdessen sieht es so aus, als dass er nur die politischen links stehenden vertrete. Seit der Amtsübernahme von Nebehat Güclü ändert sich an dieser Stelle etwas.
Der Verteidiger bestätigt hier die Rechtsneigung der Beschuldigten. Kein kluger Schachzug.
Die in Hamburg existierende Ausländerfeindlichkeit trennt die Ausländer in Linke und Rechte, Nationalisten und Aleviten. Wir sollten beim Kampf gegen diesen Rassismus die eigenen Differenzen aus der Heimat bei Seite legen und an einem gemeinsamen Punkt zusammenfinden. Nebahat Güclü ist genau hierfür ein positives Beispiel.
Hier wird die Ausländerfeindlichkeit von deutscher Seite zur spaltenden Kraft innerhalb der migrantischen bzw. türkischen Gemeinschaft erklärt. Es sei dahingestellt, wie der Vorsitzende einer kemalistischen Vereinigung Rassismus definiert, wenn er für die Türkisierung steht. Vielmehr stört mich folgendes: Deutsche Rassisten trennen in der Regel gerade nicht danach, zu welcher Feineinstellung ihre Feindbilder neigen. Für den hier angesprochen deutschen Rassisten sind eigentlich „alle Türken“ ebenso gleich wie „alle Ausländer“ gleich sind.
Hingegen differenzieren diejenigen Deutschen „die türkischen Staatsbürger“, sofern sie mit einer der genannten Gruppen explizit in Kontakt treten und sich für deren Rechte, hier und/oder in der Türkei einsetzen: Kurden, Aleviten, Rum-Orthodoxe, Araber, Juden, Armenier, Griechen etc. Und genau diesen Gruppen wird seit über 100 Jahren die staatsfeindliche Spaltung der Republik vorgeworfen.
Die in der Türkei den rechten Parteien ihre Stimme gebenden Wähler sind wie wir alle wissen, genau diejenigen, die in Deutschland links wählen. Genau deswegen, sind die Mitglieder einer nationalistischen rechten Partei potentielle Wähler. Es gibt nichts natürlicheres, als um deren Stimme zu werben.
Bei der Erklärung Nr. 5 dürften nun die deutschsprachigen Leser, die sich mit der politischen Landschaft der Türkei nicht auskennen, am ehesten staunen. Mein Umfeld hingegen dürfte hier mit den Worten „sagen wir das nicht schon so lange“ verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Armenier, Aramäer, Griechen und Kurden, wissen, aus leidvoller Erfahrung, wie sehr allein unsere Existenz und damit ein gemeinsames Feindbild Nord und Süd, Ost und West miteinander einen kann. Dies gilt für die Historie ebenso wie für das jüngste Ereignis in einem Gremium, in dem ich persönlich meinen politischen Beitrag für die Stadt Köln leiste.
Ein Partei-Ausschlussverfahren ist die einzig richtige Konsequenz einer Null-Toleranz-Politik gegen Rassismus und es ist gut, dass der Landesverband der Grünen in Hamburg so entschieden reagiert. Man darf hoffen.
Auch, dass nach der CDU und den Grünen die SPD anfängt zu schauen, wer wessen Politik macht.
Inzwischen sind weitere Reaktionen und Pressemeldungen auf diesen Skandal zu vernehmen.
Zunächst efreuliches: Es sind Teile des Vorstandes der Türkischen Gemeinde Hamburg zurückgetreten, da sie sich von dem Verhalten von Sebahat Güclü distanzieren. Weiterhin ist ein großer Teil des Jugendvorstandes zurückgetreten. Offenbar gelingt es niemandem Frau Güclü zu erklären, dass die Nähe zu Rechtsextremisten nicht nur ungut, sondern auch schädlich ist.
Darüber hinaus hat sich „Patriot“ Hakki Keskin mit einer Erklärung gemeldet ebenso wie die Türkische Gemeinde Deutschland (TGD) und der ATÜTDF. Bei allen drei Meldungen darf man, wenig überraschend von „Schutzschriften“ ausgehen. Während sich die TGD von jedweder Einflussnahmemöglichkeit auf die autonome TGH freispricht, sieht sie Nebahat Güclü auch in eine Hetzjagd getrieben und wendet sich entschieden gegen Bestrebungen, Nebahat Güçlü in ein falsches Licht zu rücken. Weiter erklärt die türkische Gemeinde Deutschland: „Solange die allgemeinen Interessen der TGD nicht berührt sind, wird die TGD das Recht der Menschen, ihre unterschiedlichen Meinungen frei zu äußern, respektieren.“ Noch einmal langsam: Solange niemand etwas gegen die Türkei oder die Türken in Deutschland und in der Türkei sagt (Interessen der TGD), wird die Türkische Gemeinde Deutschland, die überall als ernstzunehmender Gesprächspartner gehandelt wird, auch das Recht rechtsextremen Mist von sich zu geben, respektieren? Habe ich das wirklich richtig verstanden? Bedeutet das nicht, Rassismus kein Problem, solange er sich nicht gegen mich richtet? Ist DAS die Auffassung von Antirassismus?
JA. GENAU DAS IST DIE AUFFASSUNG VON ANTIRASSISMUS TÜRKISCHER VERBÄNDE und ihrer – nicht austretenden – Mitglieder! Das ist nicht versehentlich so formuliert. Man muss aber genau hinsehen und auch glauben, was einem die Augen mitteilen!
Ein Wort auch zur Verteidigungsschrift des Gastgebers der skandalauslösenden Veranstaltung: Selbstverständlich versucht die Vereinigung über Elbe-Express (http://elbe-express.info/hamburg/hamburg-turk-kultur-merkezi-fincanci-katirlarini-urkuttuk/) sich selbst in türkischer und in deutscher Sprache freizusprechen und reinzuwaschen: Von Nationalismus keine Spur, es gehe lediglich um Patriotismus in seiner friedlichsten Form. Alsparslan Türkes, Gründer dieser Bewegung, (http://de.wikipedia.org/wiki/Alparslan_T%C3%BCrke%C5%9F#Ideologie) wird nahezu heilig gesprochen. Gleiches gilt für den Menschenfeind und MHP-Parteivorsitzenden Devlet Bahceli. Ein Vorwurf bleibt der deutschen Gesellschaft selbstverständlich nicht erspart: „ Doch leider versteht die deutsche Aufnahmegesellschaft diese Zusammenhänge nicht oder will sie nicht verstehen. Denn offensichtlich beschäftigt sie sich zu wenig mit der türkischen Politik und der türkischen Staatsideologie“.
Die Pointe dieser Erklärung ist jedoch folgende Passage: „Menschenrechtsverachtende-, faschistische-, rassistische-, radikale- und fundamentalistische politische Einstellungen und Gedankengut lehnen wir entschieden ab.“ und weiter „ Mit derartigen pauschalisierten Behauptungen werden Leser förmlich dazu animiert, den Kontakt zu türkischstämmigen Personen zu meiden, was alles andere als förderlich zur Erreichung einer „Völkerverständigung“ ist.“ Ja so ist die Sichtweise eines Grauen Wolfes, Entschuldigung, eines ATüTDF – Vorsitzenden. Sich gegen türkischen Rassismus zu stellen, ist nicht förderlich bei der Völkerverständigung (!).
http://www.welt.de/regionales/hamburg/article136822891/Gruenen-Kandidatin-tritt-bei-Rechtsextremisten-auf.html
http://www.taz.de/!153562/
https://twitter.com/jmwell/status/559865447206883329/photo/1
http://www.verfassungsschutz.de/embed/vsbericht-2013.pdf (ab Seite 295)
1„Mit den Wölfen heulen. Und bei den Weibern frömmeln, tanzen, lügen.“ Christian Dietrich Grabbe, Don Juan in Don Juan und Faust, 1829
von diefarbedesgranatapfels am 28. Januar 2015 • Permalink
Verschlagwortet mit Ausländerfeindlichkeit, Hamburger Bürgerschaft
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 28. Januar 2015
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2015/01/28/mit-den-wolfen-heulen-und-bei-den-deutschen-frommeln-tanzen-lugen/
Verhöhnung nicht Versöhnung
Am 24. April gedachten die Armenier weltweit der vor 99 Jahren in rassistischer Säuberungsabsicht staatlich organisierten Ermordung ihrer Vorfahren. Es ist nicht nur eine Frage der Pietät, wenn in den Berichterstattungen hierzu den, dem Genozid zugrundeliegenden, Tatsachen Raum gegeben werden muss. Zu diesen Tatsachen gehört nicht nur die Faktizität des Genozides, sondern auch deren professionelle Leugnung, die ihren Zenit im Jahre 2015, zu erreichen versucht.
Barrack Obama rief zwar zur „vollständigen, offenen und genauen Anerkennung“ der Geschehnisse auf, wendete sich aber weder direkt an seinen türkischen Verbündeten noch gebrauchte er, dass oftmals im Wahlkampf versprochene „G-Wort“, selbst. Darüber hinaus ließ sein Außenministerium wissen, diese „historische Einlassung“ könne zur erhofften Versöhnung beitragen. Auch hier mehr Lob als Tadel.
Selbst in Ihrem Hunger nach Gerechtigkeit gefangene Armenier der Türkei, vermissten zwar offensichtlich das Wort Genozid, um dessen Bedeutungsgehalt und Konsequenzen es eigentlich geht, erfreuten sich aber an der „Bewegung“ in der Armenier-Frage. Gib den Hungernden einen stinkenden, alten Schuh und er freut sich, wenigstens an dem Leder kauen zu dürfen.
Dem Vernehmen nach gab es von Frau Merkel kein offizielles Statement. Schade eigentlich. Nur ist Farbe bekennen nun auch keine Merkel´sche Stärke. Die Strategin windet sich vielmehr regelmäßig geschickt um Fragen und Verbündete, um sie nicht unnötig zu verärgern – am wenigsten für die Armenier. Diese sind außenpolitisch mit Russland verbunden und binnen deutscher Grenzen als Minderheit nicht von besonderer Bedeutung. Dies umso mehr, als dass sie sich erst seit kurzer Zeit auf dem politischen Parkett bewegen. Doch gerade hier tut sich was. Endlich!
Francois Hollande, der in seinem Land offenbar nicht vieles richtig macht, findet da jedoch deutlichere Worte und kündigt seine Teilnahme an der 100. Gedenkveranstaltung im nächsten Jahr in Armenien an. Auch die Kurdenpartei BDP spricht Klartext. Eine offizielle Entschuldigung bei den Armeniern fordert sie. Die offene Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei ein Garant dafür, dass sich Ähnliches nicht wiederhole. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Am 25.04.2014, dem Tag nach dem Gedenktag, berichten die deutschen Medien über die Reaktion Armeniens und ihrer Diaspora. Vorbei die Freude.
Der unversöhnliche Armenier hat nicht mitgeklatscht. Kein Zeichen der Annäherung. Unzufrieden, stachelig. Die dazugehörige Berichterstattung bedient sich nun eher negativ konnotierter Begriffe der deutschen Sprache: „Einige Armenier erwarten weitere Schritte“ teilt uns die Tagesschau mit, „Armenien wirft Türkei Genozidleugnung vor“ und „ Armenien hat zurückgewiesen ….. das ist zu wenig, heißt es aus der armenischen Hauptstadt“ lässt die Süddeutsche Zeitung wissen.
„Armenien wirft vor“ – Sofern der Autor dieses Satzes sich der Feinheiten der deutschen Sprache bewusst ist, behauptet er damit, die Genozidleugnung sei nur ein Vorwurf. Vorwurf bedeutet Anschuldigung und Anklage. Es beinhaltet den fehlenden Nachweis der Belastung.
Die Genozidleugnung wird hier gerade nicht nur vorgeworfen; am wenigsten von ausschließlich armenischer Seite. Diese ist, ebenso wie der geleugnete Tatbestand, Fakt. Offenkundig, nachweisbar, und nicht nur im Falle von Egemen Bagis und Dogu Perincek lautstark und stolz verkündet.
Armenien hat zurückgewiesen. Wie unversöhnlich! Mir, als Armenierin, und meinen armenischen Freunden und Verwandten stellt sich die Frage, ob es wirklich ein ernst zu nehmendes Angebot gab? Wo war die so gelobte ausgestreckte und nun zurückgewiesene Hand? Haben wir sie in unserem Diaspora-Eifer übersehen?
Erfreulich war, dass nur einen Tag später, überwiegend der Rückgang der Begeisterung auch in den Medien zu vernehmen war und den Fakten, wenn auch nur für kurze Zeit, mehr Raum zur Verfügung gestellt wurde.
Ich habe mir die sog. Beleidsbekundung durchgelesen, in der Originalsprache. Der Schreiberling, ob nun Erdogan selbst oder sein Ghostwriter, spielt in den Formulierungen mit den Möglichkeiten und Feinheiten der Sprache. Der bewusste Einsatz von Zweideutigkeiten und marktinggefeilten Begriffen trifft – nur so kann ich mir das internationale Lob der Weltgemeinschaft von Politikern und Journalisten erklären – auf die Unbedarftheit seiner Leser und Abschreiber.
Erdogan redet von dem Schmerz, den beide Seiten zu ertragen hätten. Welchen Schmerz haben in diesem Zusammenhang Völkermordleugner zu ertragen? Die Tötung eines der Hauptverantwortlichen des Völkermordes, wie etwas das Mitglied des führenden Triumvirates, Talat Pascha? Oder trauern sie um den Freispruch des für dessen Tod verantwortlichen Armeniers Soghomon Tellerian 1921 in Berlin? Ist es das Gefühl versagt zu haben, weil die Wahrheit, langsam aber sicher nach oben dringt?
Er redet vom Missbrauch der „1915-Geschehnisse“ um die (seine) Regierung zu schwächen. Armeniern geht es in der Türkei aktuell mitnichten um die Schwächung Erdogans in diesem Zusammenhang. Wissen sie doch aus leidvoller Erfahrung, der Nächste wird schlimmer. Welch ein Hohn, den Schmerz der Nachkommen und ihre Rufe nach Gerechtigkeit zu politschem Kalkül zu erklären und ihn mit Banalitäten gleichzusetzen.
Die verbliebenen Armenier in der Türkei üben sich seit jeher in Unauffälligkeit und Stille, um Diskriminierung und Überfall nicht zu provozieren. An dieses ungeschriebene Stillhalte-Gesetz halten sich sogar viele Armenier der Diaspora. Sie wollen keine Schwierigkeiten verursachen, sondern einfach nur ihr Leben leben. In Ruhe. Das fehlende politische Engagement unter den Türkei-Armeniern ist damit verständlich, wenn auch nicht richtig.
Die Reaktion türkischer Medien auf die durch Bernhard Lasotta (CDU) veranlasste Übersetzung eines Interviews mit der türkischen Integrationsministerin des Landes Baden-Württemberg lässt genau die gleiche Methode erkennen.
Noch einmal ist zu betonen: Hier geht es um Fakten. Nachweisbar. Nachgewiesen. Es besteht Einigkeit unter anerkannten Historikern über die Echtheit der Belege. Diese sind in deutschen und österreichischen Archiven, in amerikanischen Archiven und auch in denen des Vatikans vorhanden und einsehbar. Es geht nicht um Meinungen. Man kann auch nicht einer „anderen Meinung“ sein, wenn es um die Faktizität des Holocausts geht. Dieses „Recht“ ist (richtigerweise) unter Strafandrohung gestellt und wird in Deutschland lediglich von rechtsextremen Rassisten beansprucht. Und eben von Erdogan und den ihm gleichen Patrioten.
Verständnis und Gehör für beide Seiten? Was ist an einem Massenmord in Vernichtungsabsicht zu verstehen? Die Motive? Was ist an den jährlich am 24.04. vor türkischen Botschaften vollführten Tanzreihen zu verstehen? Soll die Wertegemeinschaft des Westens verstehen, dass die Vernichtung der Armenier das einzige Mittel gewesen sein soll, um dem kranken Mann am Bosporus zu neuer Kraft zu verhelfen? Notwendigkeiten zum Wohle der türkischen Nation?
Der Enkel eines Osmanen, Recep Tayyip Erdogan, redet von der Historikerkommission und stellt „gesäuberte“ Archive zur Verfügung. Es sind in o.g. liberal-demokratischen Staaten und vielen weiteren Ländern bereits Archive öffentlich zugänglich. Wozu also noch die türkischen Archive sichten? Gab es damals ein internationales Komplott derart, dass nur das Osmanische Reich belastende Materialien gesammelt werden durften? Verbarg sich in den türkischen Archive wirklich die pure Unschuld? Hat die Türkei, und das nicht erst seit Erdogan, wirklich keine Beweise vernichtet? Sind die einstigen Täter verkannte Opfer ebenso wie die heute zu Unrecht sich Vorwürfen ausgesetzt fühlenden Genozidleugner?
Versöhnung sieht anders aus. Sie besteht aus Anerkennung und Verurteilung, Reue und Entschuldigung, dem Versuch der Wiedergutmachung. Der Brief des Ministerpräsidenten der Nachfolgerepublik des Osmanischen Reiches hingegen ist eine Farce. Die Fortsetzung der 99jährigen Leugnungspolitik, in einer Sprache, die eine Versöhnlichkeit nicht undurchschaubar vortäuscht. Die türkische Hand ist nicht zur Versöhnung ausgestreckt, sondern zeigt uns die obzöne Geste der geballten Faust mit ausgestrecktem, mittlerem Finger. Und damit ist es letztendlich die Verhöhnung des armenischen Volkes par exellence.
von diefarbedesgranatapfels am 28. April 2014 • Permalink
Verschlagwortet mit Türkei-Armeniern, Versöhnung
Veröffentlicht von diefarbedesgranatapfels am 28. April 2014
https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2014/04/28/verhohnung-nicht-versohnung/
Völkermord 1915 (46)
44 Dinge, die Armenier in Deutschland nicht verstehen können
63.857 hits

References: Art. 301
 § 3
 Art. 301
 Art. 301
 EGMR 
 Art. 4
 EGMR