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Timestamp: 2020-05-31 21:10:50+00:00

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Kant-Lexicon
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Herausgegeben von Marcus Willaschek, Jürgen Stolzenberg, Georg Mohr, Stefano Bacin
unter Mitarbeit von Thomas Höwing, Florian Marwede, Ste Schadow
in Verbindung mit Eckart Förster, Heiner Klemme, Christian Klotz, Bernd Ludwig, Peter McLaughlin, Eric Watkins
a priori / a posteriori – Gymnastik
Herausgeber Marcus Willaschek, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt Jürgen Stolzenberg, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Georg Mohr, Universität Bremen Stefano Bacin, Università Vita-Salute San Ra aele, Milano
ISBN 978-3-11-017259-1 e-ISBN (PDF) 978-3-11-044399-8 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-044401-8
Bibliogra sche Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliogra e; detaillierte bibliogra sche Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abru ar.
© 2015 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Satz: le-tex publishing services GmbH, Leipzig Druck und Bindung: Druckerei Hubert & Co GmbH und Co KG, Göttingen ♾ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany
„Indessen leuchtet doch aus dem wenigen, was ich hievon angeführt habe, deutlich hervor, daß ein vollständiges Wörterbuch mit allen dazu erforderlichen Erklärungen nicht allein möglich, sondern auch leicht sei zu Stande zu bringen.“
(KrV A 83/B 109)
Das vorliegende Kant-Lexikon erschließt das philosophische Werk Immanuel Kants auf der Grundlage des aktuellen Standes der Kant-Forschung. In 2395 Artikeln werden die philosophisch relevanten Termini der Philosophie Kants, die von Kant genann- ten und für seine Philosophie relevanten Personennamen sowie die von Kant selbst verö entlichten oder autorisierten Schriften behandelt.
Zur Geschichte der Kant-Lexika Mit der Kritik der reinen Vernunft führt Kant eine neue philosophische Terminologie ein, die den begri lichen Anforderungen der Grundlegung einer kritischen Transzenden- talphilosophie gerecht werden soll. Deren meist ungenaues und mit überkommenen Semantiken kontaminiertes Verständnis führte schon früh zu gravierenden Missver- ständnissen der grundlegenden Argumente und ihres systematischen Zusammenhangs. Diese Problematik setzt sich in der Kritik der praktischen Vernunft und der Kritik der Urteilskraft sowie in den anderen Schriften der 1780er und 1790er Jahre fort. Dies erklärt den bemerkenswerten Umstand, dass bereits zu Kants Lebzeiten, seit den 1780er Jahren, mehrfach Kommentare, Kompendien und Wörterbücher zu seinem Werk erschienen sind. Die Geschichte der Nachschlagewerke zu Kants Schriften beginnt 1786 mit dem 130 Seiten schmalen Wörterbuch zum leichtern Gebrauch der Kantischen Schriften von Carl Christian Erhard Schmid, das zunächst als Ergänzungsschrift zu Schmids Kompendium der kritischen Philosophie gedacht war: Critik der reinen Vernunft im Grundrisse zu Vorlesungen nebst einem Wörterbuch zum leichtern Gebrauch der Kantischen Schriften, Jena 1786. Ab 1788 erscheint es als eigenständiges Werk unter dem Titel Wörterbuch zum leichtern Gebrauch der Kantischen Schriften, das mehrere vermehrte Auflagen erlebt. In einer stark erweiterten vierten Auflage erscheint es 1798 in Jena (seit 1976 als Nachdruck erhältlich). Kurz darauf erscheint von Samuel Heinicke das Wörterbuch zur Kritik der reinen Vernunft und zu den philosophischen Schriften von Herrn Kant, Preßburg 1788. Es ist fast identisch mit dem Wörterbuch von Schmid. Daher wird es weitgehend ignoriert und ist bald vergessen. Das nächste nennenswerte Lexikon ist Georg Samuel Albert Mellins Encyclo- pädisches Wörterbuch der kritischen Philosophie, oder Versuch einer fasslichen und vollständigen Erklärung der in Kants kritischen und dogmatischen Schriften enthaltenen Begri e und Sätze. Mit Nachrichten, Erläuterungen und Vergleichungen aus der Geschich-
VI | Vorwort
te der Philosophie begleitet und alphabetisch geordnet, 6 Bände, Züllichau, Jena, Leipzig, 1797–1804. Hierbei handelt es sich um ein ausführliches und gründliches Hilfsmittel, das bis heute nützlich ist. Es beschränkt sich auf die verö entlichten Werke Kants. Aus o ensichtlichen historischen Gründen kann es noch nicht auf eine fortgeschrittene wissenschaftliche Debatte von Kants Terminologie zurückgreifen. Mellins Wörterbuch setzt für über ein Jahrhundert einen unüberholten Maßstab. Das 1893 in Berlin erschienene Kant-Lexikon von G. Wegner kann sich nicht behaupten. Erst 1930 erscheint ein bereits 1916 fertiggestelltes Kant-Lexikon, das gegenüber Mellin einen substantiellen Fortschritt darstellt: Rudolf Eisler, Kant-Lexikon. Nachschlagewerk zu Kants sämtlichen Schriften, Briefen und handschriftlichem Nachlass, Berlin 1930. Mit 642 eng bedruckten Seiten ist es nicht annähernd so umfangreich wie Mellins Wörterbuch, dafür bezieht es, im Unterschied zu allen älteren Lexika, neben den von Kant verö entlichten Schriften auch Briefe und handschriftliche Nachlassfragmente Kants mit ein, die aufgrund der bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzielten editorischen Fortschritte zur Verfügung stehen. Der Eisler darf als das erfolgreichste und wichtigste Kant-Lexikon des 20. Jahrhunderts gelten. Es ist hilfreich, wenn es um eine erste Vergewisserung einschlägiger Textstellen zu Kants Begri lichkeit geht. Es ist jedoch unvollständig und teilweise inkohärent. Neben unkommentierten Zitatfolgen enthält es eigenwillige Interpretationen, die von Kants Terminologie z. T. abweichen. Aus heutiger Sicht erscheint sein Beitrag zu einem soliden Verständnis der kantischen Termini zweifelhaft. Da Rudolf Eislers Kant-Lexikon sich auf alte, heute nicht mehr gültige und auch nicht mehr verfügbare Ausgaben bezieht, hat es für heutige Benutzer nur noch einen sehr eingeschränkten Wert. Das wesentlich schmalere Systematische Handlexikon zu Kants Kritik der reinen Vernunft von Heinrich Ratke, Leipzig 1929, stellt die Begri e in ihren sachlichen Kontext und erreicht dadurch eine gewisse Übersichtlichkeit. Mit seinem sehr beschränkten Umfang ist es äußerst selektiv angelegt und zieht sich oft auf die bloße Nennung der Begri swörter ohne Zitat, Paraphrase oder Erläuterungen zurück. Über Nachschlagewerke dieser Art hinaus sind zu nennen der von Gottfried Martin herausgegebene Sachindex zu Kants Kritik der reinen Vernunft, bearbeitet von D. J. Löwisch, Berlin 1967, sowie der seit 1967 erscheinende Allgemeine Kantindex zu Kants gesammelten Schriften, in Zusammenarbeit mit Ingeborg Heidemann u. a. wiederum herausgegeben von Gottfried Martin (Berlin). Das Lexikon von Roger Verneaux Le vocabulaire de Kant, 2 Bände, Paris 1967 und 1973, wird heute im französischspra- chigen Raum benutzt. In englischer Sprache ist A Kant Dictionary, Oxford 1995, von Howard Caygill mit einem beschränkten Umfang ein nützliches Hilfsmittel mit einer vergleichsweise kleinen Auswahl von Artikeln aus Kants Terminologie. Die ausgewähl- ten Stichworte werden in einführenden Essays erläutert, die gelegentlich auch auf philosophiehistorische Voraussetzungen eingehen. Auf aktuelle Forschung wird dabei nicht Bezug genommen. Zu nennen ist schließlich The Kant Dictionary, Blooming- ton u. a. 2015, von Lucas Thorpe, das ebenfalls nur eine sehr begrenzte Auswahl von Stichworten berücksichtigt.
Aus der historischen Übersicht geht hervor, dass bisher kein Kant-Lexikon zur Ver- fügung stand, das Kants philosophische Terminologie auf der Grundlage der aktuellen Text-Editionen von Kants Werk und unter Bezugnahme auf die aktuelle Kant-Forschung vollständig erfasst und lexikalisch angemessen erschließt. Diesem Desiderat kommt das vorliegende Kant-Lexikon nach.
Das neue Kant-Lexikon Textgrundlage für die Auswahl der Stichworte des vorliegenden neuen Kant-Lexikons sind die Bände 1 bis 9 sowie 21 und 22 der sogenannten Akademie-Ausgabe der Schriften Kants (Kant’s gesammelte Schriften, herausgegeben von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, jetzt: Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Walter de Gruyter Verlag, Berlin 1900 .). Die in der Akademie-Ausgabe enthaltenen Briefe, Nachlass-Re exionen und Vorlesungsmitschriften werden insoweit herangezogen, als sie der Erläuterung der in den von Kant selbst verö entlichten Werken sowie im Opus postumum verwendeten Terminologie und Namen dienlich sind. Voll- ständigkeit wurde nicht angestrebt, jedoch haben wir uns bemüht, die philosophisch relevanten Termini und Personennamen möglichst umfassend zu berücksichtigen. Die Artikel zu Termini der Philosophie Kants enthalten im ersten Abschnitt eine De nition bzw. Erläuterung des Stichworts, gegebenenfalls mit der Unterscheidung verschiedener Bedeutungen. Es folgen Hinweise auf die wichtigsten Stellen durch Angabe von Band und Seitenzahl der Akademie-Ausgabe, an denen Kant den Terminus erläutert oder verwendet. Daran schließt sich, wo dies sinnvoll erschien, eine Schilde- rung des historischen Kontexts an. Der zentrale Abschnitt des Artikels erläutert die systematische Funktion des betre enden Terminus in der Philosophie Kants unter Berücksichtigung der Entwicklung des kantischen Denkens. Interpretationsschwie- rigkeiten und -kontroversen werden z. T., in den Artikeln über besonders wichtige Termini, in einem gesonderten Abschnitt zusammenfassend dargestellt. Da die Artikel des Lexikons nicht bei Sachthemen, sondern bei Kants Terminologie ansetzen, kann es zu einem Themenbereich (z. B. Freiheit) mehrere thematisch eng verwandte Artikel geben (z. B. Freiheit, praktische/transzendentale, Spontaneität, Autonomie etc.). In diesen Fällen wird auch auf die jeweils anderen Artikel verwiesen. Artikel zu Personennamen legen nach kurzen biographischen Angaben dar, in welcher Hinsicht und in welchem Kontext die Person für Kants Philosophie relevant ist; auf die wichtigsten Stellen, an denen Kant die Person erwähnt, wird hingewiesen. Wo dies sinnvoll erschien, werden Interpretationsfragen und Forschungskontroversen erwähnt. Bei den Personennamen werden neben den von Kant in seinen Werken erwähnten Personen u. a. auch seine Briefpartner und Verleger berücksichtigt. Die Artikel zu den Schriften Kants nennen die derzeit verfügbaren historisch-biblio- graphischen Angaben zur Überlieferung des Manuskripts, zur Erstverö entlichung, zu weiteren Auflagen der Schrift und zu aktuellen editorisch zuverlässigen Ausgaben. Dar- an anschließend werden der Titel der Schrift sowie ihre Vorgeschichte und Entstehung erläutert. In Form einer Zusammenfassung von Au au, Ziel und Gedankengang wird
VIII | Vorwort
der Inhalt der Schrift dargestellt. Weitere Punkte sind die Bedeutung der Schrift in Kants Werk, ihre sachlichen Verbindungen zu anderen Schriften Kants und die Wirkung der Schrift, sowie Hinweise auf Kommentare und Forschungsliteratur. Besonders wichtigen Kapiteln und Abschnitten Kantischer Werke sind eigene Artikel gewidmet. Schließlich nennen die Artikel zu Zeitschriften die wichtigsten Daten und Informa- tionen zu den Periodika, in denen Kant seine Aufsätze und Rezensionen publiziert hat. Wo dies sinnvoll erschien, werden am Ende eines Artikels Hinweise auf ausgewählte weiterführende Literatur gegeben. Die vollständigen Angaben zur Literatur, auf die in den Artikeln in Form von Kurztiteln verwiesen wird, nden sich in der Bibliographie am Ende des Lexikons.
Dank Das Kant-Lexikon wurde maßgeblich mit Mitteln der Fritz Thyssen Stiftung gefördert. Die Herausgeber danken der Fritz Thyssen Stiftung für die großzügig gewährte Förde- rung und der Goethe Universität Frankfurt am Main, der Universität Bremen und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg für die gewährte nanzielle Unterstützung. Den 221 Autorinnen und Autoren des Kant-Lexikons sowie den Mitgliedern des Beirats, Eckart Förster, Heiner Klemme, Christian Klotz, Bernd Ludwig, Peter McLaughlin und Eric Watkins danken wir für ihre Bereitschaft zur Mitwirkung und ihr Engagement. Den mit dem Kant-Lexikon befassten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlags Walter de Gruyter, insbesondere der Che ektorin, Dr. Gertrud Grünkorn, danken wir für die gute Zusammenarbeit und zuvorkommende Betreuung. Stephan Korell, Hendrik Ho mann sowie Daniel Tramp und Patrick Schulz danken wir für die kompetente Herstellung des Satzes und die schnelle, stets zuverlässige Umsetzung der Korrekturen. Ein weiterer Dank gilt den Übersetzern Sebastian Boll, Julia Born, Birger Brinkmeier, Giuseppe Motta, Jean Philipp Strepp und Silke Wulf sowie den Mitarbeitern und wissenschaftlichen wie studentischen Hilfskräften, die in Bremen, Frankfurt und Halle am Kant-Lexikon mitgewirkt haben: Claudia Blöser, Sebastian Boll, Christian Bork, Julia Born, Martina Büttner, Tomas Cabi, Felix Engel, Daniel Esser, Luca Essig, Gabriele Gava, Carmen Herbon, Michael Ho mann, Kai Hüwelmeyer, Astrid Kneier, Agnieszka Kochanowicz, Michel de Araujo Kurth, Hannes Ole Matthiessen, Andreas Müller, Dalang Ngo, Dominik Schönherr, Marion Seiche, John Steinmark, Christiane Straub. Unser ganz besonderer Dank geht an die Mitarbeiterin und die Mitarbeiter in der Redaktion Ste Schadow, Thomas Höwing und Florian Marwede für die zuverlässige redaktionelle Betreuung und ihr großes Engagement für das Kant-Lexikon.
Frankfurt/M., Halle, Bremen und Pisa, Juli 2015
Siglenverzeichnis | XI
Lexikonteil a priori / a posteriori – Gymnastik | 1
Siglenverzeichnis | VII
Lexikonteil habitus – Rührung | 987
Lexikonteil Sache – Zyniker, Zynismus | 1995
Autorenverzeichnis | 2769
Werke und Ausgaben Kants | 2781
Bibliographie | 2785
1. Einleitung KU
Ableben Funk
Anthropologie Busolt
Vorlesung über Anthropologie, Nachschrift Busolt
Anthropologie Collins
Vorlesung über Anthropologie, Nachschrift Collins
Anthropologie Friedländer
Vorlesung über Anthropologie, Nachschrift Friedländer
Anthropologie Menschenkunde Vorlesung über Anthropologie, Nachschrift „Menschenkunde“
Anthropologie Mrongovius
Vorlesung über Anthropologie, Nachschrift Mrongovius
Anthropologie Parow
Vorlesung über Anthropologie, Nachschrift Parow
Anzeige des Lambertischen Briefwechsels
Bemerkungen zu den Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen (1764–66), [Kant-Forschungen, Bd. 3], hg. von Marie Rischmüller, Hamburg 1991
Danziger Rationaltheologie
Vorlesung über Rationaltheologie, Nachschrift Mrongovius, nach Baumbach
Meditationum quarundam de igne succincta delineatio [Knappe Darstellung einiger Gedanken über das Feuer]
De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis [Über die Form und die Prinzipien der Sinnen- und Verstandeswelt]
Ein uß des Mondes
Etwas über den Ein uß des Mondes auf die Witterung
Entwurf Geographie
XII | Siglenverzeichnis
Von den Ursachen der Erderschütterungen bei Gelegenheit des Unglücks, welches die westliche Länder von Europa gegen das Ende des vorigen Jahres betro en hat
Erklärung Schlettwein
Erklärung gegen Schlettwein
Erklärung Fichte
Erklärung in Beziehung auf Fichtes Wissenschaftslehre
Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnizens und Wol s Zeiten in Deutschland gemacht hat?
Handexemplar KrV A
Kants Handexemplar der KrV A, darin Selbständige Re exionen zu verschiedenen Textstellen der KrV sowie Textemendationen
Kritik der reinen Vernunft, 1. Auflage
Kritik der reinen Vernunft, 2. Auflage
Lehrbegri
Neuer Lehrbegri der Bewegung und Ruhe und der damit verknüpften Folgerungen in den ersten Gründen der Naturwissenschaft
Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen, hg. von Gottlieb Benjamin Jäsche
Logik-Vorlesung. Unverö entlichte Nachschriften. Logik Bauch, bearb. von Tillmann Pinder, Hamburg: Meiner 1998 [Kant-Forschungen, Bd. 8]
Vorlesung über Logik, Nachschrift Blomberg
Logik-Vorlesung. Unverö entlichte Nachschriften. Logik Hechsel, Warschauer Logik, bearb. von Tillmann Pinder, Hamburg: Meiner 1998 [Kant-Forschungen, Bd. 9]
Logik Pölitz
Vorlesung über Logik, Nachschrift Pölitz
Menschenrace
Bestimmung des Begri s einer Menschenrace
Metaphysik der Sitten Vigilantius
Vorlesung über Moralphilosophie „Metaphysik der Sitten“, Nachschrift Vigilantius
Siglenverzeichnis | XIII
Metaphysik Dohna
Vorlesung über Metaphysik, Nachschrift Dohna
Metaphysik Herder
Vorlesung über Metaphysik, Nachschrift Herder
Metaphysik L1
Vorlesung über Metaphysik, Nachschriften-Kompilation „L1“
Metaphysik L2
Vorlesung über Metaphysik, Nachschrift Pölitz „L2“
Metaphysik Mrongovius
Vorlesung über Metaphysik, Nachschrift Mrongovius
Metaphysik Volckmann
Vorlesung über Metaphysik, Nachschrift Volckmann
Metaphysik v. Schön
Vorlesung über Metaphysik (Ontologie), Nachschrift von Schön
Metaphysicae cum geometrica iunctae usus in philosophia naturali, cuius specimen I. continet monadologiam physicam [Der Gebrauch der Metaphysik, sofern sie mit der Geometrie verbunden ist, in der Naturphilosophie, dessen erste Probe die physische Monadologie enthält]
Moralphilosophie Collins
Vorlesung über Moralphilosophie, Nachschrift Collins
Die Metaphysik der Sitten, Erster Teil: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre
Die Metaphysik der Sitten, Zweiter Teil: Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre
Mutmaßlicher Anfang
Nachricht Vorlesungen
Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen in dem Winterhalbenjahre von 1765–1766.
Nachricht Ärzte
Nachschrift Mielcke
Vorlesung über Natürliche Theologie, Nachschrift Volckmann, nach
Versuch den Begri der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen
Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio [Neue Erhellung der ersten Prinzipien metaphysischer Erkenntnis]
Ob die Erde veralte
Über Pädagogik, hg. von Friedrich Theodor Rink
Zwei Aufsätze, betre end das Basedow’sche „Philanthropin“
Physische Geographie, hg. von Friedrich Theodor Rink
Über das radikale Böse in der menschlichen Natur
Handschriftliche Notizen (Re exionen) aus dem Zeitraum 1765–1800
XIV | Siglenverzeichnis
Religionslehre Pölitz
Vorlesung über Philosophische Religionslehre nach Pölitz
Rez. Herder
Rezensionen von Johann Gottfried Herder: Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit
Rez. Hufeland
Rezension von Gottlieb Hufeland: Versuch über den Grundsatz des Naturrechts
Rez. Moscati
Rez. Schulz
Rezension von Schulz: Versuch einer Anleitung zur Sittenlehre für alle Menschen, ohne Unterschied der Religion, nebst einem Anhange von den Todesstrafen
Rez. Silberschlag
Rezension von Silberschlags Schrift: Theorie der am 23. Juli 1762 erschienenen Feuerkugel
Anhang zu Sömmering: Über das Organ der Seele
Spitz ndigkeit
Die falsche Spitz ndigkeit der vier syllogistischen Figuren erwiesen
Teleolog. Prinz.
Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebäudes, nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt
Untersuchung der Frage, ob die Erde in ihrer Umdrehung um die Achse, wodurch sie die Abwechselung des Tages und der Nacht hervorbringt, einige Veränderung seit den ersten Zeiten ihres Ursprungs erlitten habe und woraus man sich ihrer versichern könne, welche von der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin zum Preise für das jetztlaufende Jahr aufgegeben worden
Vermeintes Recht
Vornehmer Ton
Vorrede Jachmann
Vorrede zu Reinhold Bernhard Jachmann: Prüfung der Kantischen Religionsphilosophie
Wahre Schätzung
Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte und Beurteilung der Beweise derer sich Herr von Leibniz und andere Mechaniker in dieser Streitsache bedienet haben, nebst einigen vorhergehenden Betrachtungen welche die Kraft der Körper überhaupt betre en
Vorlesung über Logik „Wiener Logik“
a priori / a posteriori | 1
Das Begri spaar a priori/a posteriori beinhaltet bei Kant eine negative und eine positive Perspekti- ve. Gemäß der negativen Perspektive ist Apriorität Erfahrungsunabhängigkeit, Aposteriorität dage- gen Erfahrungsabhängigkeit. Dabei sind Urteile dann a priori, wenn sie ohne Rekurs auf durch sinnliche Wahrnehmung bedingte Erfahrung be- gründet werden können, während Anschauungen oder Begri e dann a priori sind, wenn ihr Inhalt weder direkt noch indirekt auf Erfahrung zurück-
geht (vgl. KrV A 1 . / B 1 .). Der Sinn des Begri s- paares a priori/a posteriori erschöpft sich aber keineswegs in dieser negativen Perspektive. Dem positiven Gesichtspunkt nach bezeichnen Aprio- rität und Aposteriorität die zwei Grundweisen, wie Urteile begründet werden können, nämlich entweder unter Rekurs auf die Form des Erkennt- nisvermögens selbst (vgl. z. B. KrV A 50f. / B 75) (= a priori) oder auf die empirische Mannigfaltig- keit der Anschauung (= a posteriori). Kant ver- wendet den Terminus ‚a posteriori‘ zumeist als gleichbedeutend mit ‚empirisch‘. Weitere wichtige Stellen: 1:54; 2:92 .; 2:378; KrV B XII; KrV B XVII; KrV B 1 .; KrV A 9 / B 13; KrV A 43f. / B 60f.; KrV
A 85 / B 118; KrV A 99 .; 4:267; 4:270; 4:275; 4:281;
4:294; 4:319; 4:373; 4:275; 4:277 .; 4:305; 4:375; 4:467 .; 4:481 .; 9:12; 20:266 .
Begri a priori; empirisch; Urteil, empirisch /
a priori; Urteil, synthetisches a priori
Philosophische Funktion Das Begri spaar a priori/a posteriori beinhaltet (1) einen urteilsklassi katorischen Sinn, (2) einen erkenntniskonstitutiven Sinn und es macht (3) eine Begründungshierarchie innerhalb der Apriorität selbst möglich.
1 Der urteilsklassi katorische Sinn
Die Erfahrungsunabhängigkeit eines apriorischen Urteils resultiert für Kant aus seiner Rechtferti-
gung durch Gründe, die in der invarianten Form unseres Erkenntnisvermögens selbst (vgl. z. B. KrV
A 50f. / B 75) liegen. (Zur Funktion der invarianten
Form bei Kant vgl. Cassirer, Substanzbegri und Funktionsbegri ). Je nach Begründungsvariante (vgl. z. B. KrV A 6 . / B 14 .; 4:267 .) ergeben sich
hieraus das analytisch-apriorische Urteil einer- seits und das synthetisch-apriorische Urteil an- dererseits (→ Urteil, analytisches/synthetisches). Das analytisch-apriorische Urteil wird durch die logische Form unseres Denkens gerechtfertigt, das synthetisch-apriorische Urteil der Mathematik durch die Form unserer „Sinnlichkeit“. Bei einem aposteriorischen Urteil hingegen wird die Bestim- mung des Subjektbegri s des Urteils durch das Prädikat durch einen empirischen Anschauungs- bezug gerechtfertigt. Urteile im Sinne apriorischer Begründung sind durch strenge ausnahmslose Allgemeinheit und Notwendigkeit ausgezeichnet (vgl. z. B. KrV B 4). Urteile mit aposteriorischer Begründung hingegen sind kontingent. Da Kant nicht nur analytische Urteile als apriorische Urtei- le anerkennt, sondern gerade auch synthetisch- apriorische Sätze annimmt, liegt in dieser Charak- teristik kein zirkuläres Begründungsverhältnisses von Allgemeinheit und Notwendigkeit einerseits und (analytischem) Apriori andererseits vor (vgl. Hanna, Kant and the Foundations, S. 127f.). Bei jedem Urteil ist eine Begründung anzu- führen, warum sein Prädikatsbegri gültig auf den Subjektsbegri bezogen werden kann. Im analytischen Urteil wird das „bereits Enthalten- sein“ des Prädikatsbegri s im Begri sinhalt des Subjektbegri s gedacht. Damit ist das analytische Urteil durch logische Prinzipien fundiert. Da im Begri ‚Körper‘ die Ausdehnung als Merkmal ent- halten ist, verwendet ein Urteilender, der in einem Urteil dem Körper das Prädikat der Ausdehnung abspricht, den Begri ‚Körper‘ falsch (vgl. z. B. KrV A 7 / B 12). Analytische Urteile explizieren den Minimalmerkmalsbestand eines Begri es, den der Urteilende kennen muss, um überhaupt etwas als unter diesen Begri fallend denken zu können. Das unabdingbare prädikative Denkenmüssen von bestimmten Merkmalen im Subjektsbegri ei- nes analytischen Urteils sowie das unabdingbare prädikative Ausschließenmüssen von bestimmten Merkmalen aus dem Subjektsbegri eines analy- tischen Urteils artikulieren die formallogischen Teilbedingungen möglicher gegenständlicher Re- ferentialität eines Begri es. Wer Körper als nicht ausgedehnt denkt, begeht einen logischen Wider- spruch. Die Rechtfertigungsart des analytischen Urteils (vgl. z. B. KrV A 6 . / B 10 ., 4:267 .) ent- spricht somit dem positiven Kriterium der Apriori- tät. Das analytische Urteil wird qua Begründung
| a priori / a posteriori
durch logische Prinzipien (insbesondere qua Be- gründung durch das Widerspruchsprinzip) durch eines der beiden Grundelemente der Form des Er- kennens begründet – nämlich durch das Element
der Form des Denkens (vgl. z. B. auch KrV A 50f. /
B 75).
Die → Mathematik verfügt über synthetisch- apriorische Sätze. Mathematische Sätze sind
a priori, weil auch sie aus einem der beiden Grund-
elemente der Form unserer Erkenntnis begründet werden können – dem Grundelement der Anschau- ungsform (vgl. z. B. KrV A 6 . / B 10 .; 4:267 .). Die Anschauungsformen von Raum und Zeit stel- len für Kant invariante Formen unserer Sinnlich- keit dar. Weil der apriorisch-konstruktiv erzeugte Gegenstand der Mathematik ein anschaulicher Gegenstand ist, lassen sich kraft seiner reinen, anschaulichen Gegebenheit weitere wissenser- weiternde synthetische Urteile a priori generieren.
2 Der erkenntniskonstitutive Sinn
Die Frage nach der Möglichkeit synthetischer Ur- teile a priori ist für Kant zugleich die zentrale Frage nach der Möglichkeit einer wissenschaft- lich-dogmatischen → Metaphysik. Die Tatsache, dass Metaphysik keine Gegenstände aufweist, die in der (empirischen) Anschauung gegeben wer- den könnten, schließt die Möglichkeit wissens- erweiternder synthetischer Urteile a posteriori in dieser Wissenschaft aus. Wissenserweiternde metaphysische Urteile könnten somit nur synthe-
tische Urteile a priori aus bloßen Begri en sein. Aus der Analyse der angeführten Typen von Ur- teilsbegründungen ergibt sich, dass direkte syn- thetisch-apriorische Urteile aus bloßen Begri en unmöglich sind – und dass demzufolge eine wis- senschaftliche Metaphysik aus bloßen Begri en scheitern muss. Dennoch kann es – wie Kant in der Methodenlehre der KrV ausführt (vgl. KrV
A 736f. / B 764f.) – in indirekter Weise synthetische
Urteile a priori aus Begri en geben, wenn diese in Bezug zu möglicher Erfahrung stehend gedacht werden. Unter der erkenntniskonstitutiven Per- spektive wird deutlich, dass apriorische Prinzipi- en nur deshalb zur Begründung von apriorischen Urteilen herangezogen werden können, weil diese Prinzipien die Möglichkeit der Erfahrung und de- ren Gegenstände begründen. Kant schreibt über die Grundsätze des Verstandes (hier am Beispiel des Grundsatzes der Kausalität): „Er heißt aber
Grundsatz und nicht Lehrsatz, ob er gleich bewie- sen werden muß, darum, weil er die besondere Eigenschaft hat, daß er seinen Beweisgrund, näm- lich Erfahrung, selbst zuerst möglich macht, und bei dieser immer vorausgesetzt werden muß“ (KrV A 737 / B 765). Der erkenntniskonstitutive Sinn des Apriori ist also sein prinzipientheoretischer Fun- dierungssinn. Als Bedingungen der Möglichkeit des Denkens empirischer Gegenstände – und folg- lich Bedingungen der Anschauungsgegebenheit empirischer Gegenstände als Gegenstände (vgl. Cramer, Zur systematischen Di erenz, S. 27–58, bes. 27) – können die Prinzipien einerseits be- gründungstheoretisch nicht in Abhängigkeit zu „empirischen Gegenständen“ stehen, da sie diese doch allererst in ihrer Gegenständlichkeit ermög- lichen sollen. Andererseits können und müssen sie sich dennoch a priori auf empirische Gegen- stände beziehen, gerade weil ihre ganze objektive Realität ausschließlich darin liegt, empirische Ge- genstände in ihrer Gegenständlichkeit möglich zu machen.
3 Die Begründungshierarchie innerhalb des Apriori Für Kant gibt es eine Di erenz in der Begründungs- hierarchie zwischen den erfahrungskonstitutiven Prinzipien (Kategorien und Anschauungsformen) und den konstitutiven Begri en eines ‚regionalen Gegenstandsbereiches‘ (wie z. B. der Physik). Trotz der Zurückweisung der dogmatischen Metaphysik bezeichnet die KrV jede apriorische Erkenntnis- art aus Begri en als metaphysisch. So wird auch die Transzendentalphilosophie in der Architek- tonik (KrV A 832 . / B 860 .) unter den Terminus ‚Metaphysik‘ rubriziert (vgl. KrV A 845 / B 873). Kant verwahrt sich gegen die Bestimmung der Metaphysik als Lehre von den „ersten Principien der menschlichen Erkenntniß“ (KrV A 843 / B 871). Der Grad der Allgemeinheit von Prinzipien sage nichts über deren Begründungsstatus aus, da es auch unter empirischen Prinzipien einen Grada- tionsunterschied der Allgemeinheit gebe. Echte Fundierungsprinzipien müssten deshalb von ih- rem apriorischen Ursprung aus gefasst werden – nur diese apriorische Art der Prinzipienerkennt- nis sei „metaphysisch“ (vgl. KrV A 842f. / B 870f.). Andererseits wird eine ‚regionale‘ apriorische Er- kenntnis aus Begri en, die nicht in den apriori- schen transzendentalen Konstitutionsbegri der
Abel, Jacob Friedrich | 3
Gesamterfahrung gehört, in dezidierter Abgren- zung zu „transscendental[]“ als „metaphysisch[]“ bezeichnet (vgl. 4:469f.; 5:181; KrV A 56f. / B 80f.; KrV A 848 / B 876). Neben der → Transzendental- philosophie, welche die elementaren Konstitu- tionsprinzipien der Erfahrung entfaltet, gibt es auch die „bloß“ apriorisch-metaphysische Ebe- ne eines spezi schen Gegenstandsbereichs (vgl. KrV A 848 / B 876). Kants Paradebeispiel sind die MAN. Peter Plaass (vgl. Kants Theorie der Natur- wissenschaft) und Konrad Cramer (vgl. Zur syste- matischen Di erenz) weisen betre s dieser Zusam- menhänge überzeugend nach, dass nach Kant ein ‚regionaler‘ metaphysischer Begri im Un- terschied zu einem reinen Verstandesbegri der transzendentalen Begründungsebene keine ‚rei- nen‘ synthetischen Urteile a priori fundieren kön- ne. Gleichwohl könne ein solcher regional-meta- physischer Begri nichtreine, aber dennoch syn- thetisch-apriorische Urteile (mit)fundieren. Die Ursache dieser Ebenenunterscheidung innerhalb des Apriori sei darin begründet, dass die gegen- ständliche Referenz eines nichtreinen metaphy- sischen Begri es a priori ausschließlich a pos- teriori ausgewiesen werden könne. Referierten die Kategorien nämlich immer auch und zugleich a priori von sich aus auf empirische Gegenstän- de, könnten sich die Begri e der metaphysischen Dimension hingegen, obgleich apriorisch fundier- baren Gehaltes, nur a posteriori auf empirische Gegenstände beziehen.
Weiterführende Literatur Cramer, Konrad: „Zur systematischen Di erenz von Apriorität und Reinheit in Kants Lehre von den synthetischen Urteilen a priori“, in: Hen- rich, Dieter / Wagner, Hans (Hg.): Subjektivität und Metaphysik. Festschrift für Wolfgang Cra- mer, Frankfurt/M.: Klostermann 1966, 21–63. Cramer, Konrad: Nicht-reine synthetische Urtei- le a priori. Ein Problem der Transzendental- philosophie Immanuel Kants, Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag 1985. Hanna, Robert: Kant and the Foundations of Ana- lytic Philosophy, Oxford: Clarendon Press 2001. Hiltscher, Reinhard: Wahrheit und Re exion. Ei- ne transzendentalphilosophische Studie zum Wahrheitsbegri bei Kant, dem frühen Fichte und Hegel, Bonn: Bouvier 1998. Reinhard Hiltscher
→ Urbild/Nachbild
Der Abderitismus fasst die → Welt als ein Possen- spiel (vgl. 7:82) auf, so genannt nach der antiken griechischen Stadt Abdera, deren Einwohner als besonders töricht galten. Weitere wichtige Stellen:
7:81f.; 8:307f.
Verwandte Stichworte Der Streit der Fakultäten; Mendelssohn, Moses; Fortschritt
Philosophische Funktion Nach einer antiken Erzählung überkam die Ab- deriten während des Theaters eine wahnhafte Narrheit. → Christoph Martin Wielands erzählt in seinem satirischen Roman Die Abderiten (1774) eine ‚Geschichte über menschliche Schwächen‘. Kant verbindet den Abderitismus mit der These, dass die moralische Verfasstheit des Menschen
sich weder im Fortschritt noch im Verfall be nde, sondern „ein beständig wechselndes Steigen und
[ ] Zurückfallen (gleichsam ein ewiges Schwan-
ken)“ darstelle (7:81). An anderem Ort schreibt er → Moses Mendelssohn eine ähnliche Sichtweise zu (vgl. 8:307f.). In Kants späteren Werken zur praktischen Philosophie ist die Erkennbarkeit mo- ralischen Fortschritts besonders wichtig als ein Anzeichen dafür, dass wir können, was wir sol- len. Der Abderitismus ist somit eine Version der allgemeineren Tendenz, unsere moralischen Fä- higkeiten in Frage zu stellen, die Kant mit dem → ‚radikal Bösen‘ in Verbindung bringt. Ausge- hend von Kants Interesse am Materialismus und der Geschichte der Philosophie kann es auch von Bedeutung sein, dass Abdera die legendäre Hei- mat des antiken Philosophen → Demokrit war. Susan Shell (Übersetzung: Jean Philipp Strepp)
Dt. Philosoph (1751–1829), der von 1772 bis 1790 an der militärischen P anzschule bzw. späteren Universität Hohe Karlsschule eine Professur für Philosophie sowie ab 1786 das Prorektorat inne
4 | Abendmahl
hatte und von 1790 bis zur Beendigung seiner akademischen Tätigkeiten und Übernahme kirch- licher Ämter im Jahre 1811 ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Tübingen war, wird von Kant namentlich zu seinen Kritikern ge- rechnet (vgl. 10:490). Ein Hauptinteresse Abels galt Problemen der philosophischen Psychologie,
lichen] Gemeinschaft durch eine wiederholte öf- fentliche Förmlichkeit, welche die Vereinigung dieser Glieder zu einem ethischen Körper und zwar nach dem Princip der Gleichheit ihrer Rech- te unter sich und des Antheils an allen Früchten des Moralisch-Guten fortdaurend macht (die Com- munion)“ (6:193). Weitere wichtige Stellen: 6:192f.;
wie dem Beweis der Substanzialität und Einfach-
6:199f.
heit der menschlichen Seele (vgl. Abel, Einleitung, § 2) oder dem Ort der Interaktion von seelischen und körperlichen Prozessen, den Abel im Gehirn
Verwandte Stichworte Gnade; Taufe; Kirche
lokalisierte (vgl. Abel, Einleitung, § 34). Nachdem Kant solche und ähnliche philo- sophisch-psychologischen Spekulationen bereits in KrV A mit der Aufdeckung der → Paralogismen der rationalen Psychologie einer fundamenta- len Kritik unterzogen hatte, sah sich Abel ver- anlasst, Kant seine diesbezüglichen Zweifel, die „aufgelößt zu sehen [er] mit gröster Sehnsucht wünsche“ (10:482), schriftlich mitzuteilen. Dies tat er in seiner Schrift Versuch über die Natur der speculativen Vernunft, die im selben Jahr wie Kants KrV B erschien. Hier versucht Abel, Kants Kritik der rationalen → Psychologie (sowie der rationalen Kosmologie und Theologie) auf den Grundsatz zu reduzieren, dass für Kant „die einzi- ge Legitimation objektiver Gültigkeit [ ] [darin bestehe], daß etwas Gegenstand möglicher Erfah- rung ist“ (Abel, Versuch, S. 276) – ein Grundsatz, den Abel samt seinen Folgerungen nicht zuzu- geben bereit ist (vgl. Abel, Versuch, S. 276), da diese Annahme „noch nicht erwiesen ist“ (Abel, Versuch, S. 277) und grundsätzlicher gefragt wer- den müsse, „wie und warum denn die Kategori- en, auf Erscheinungen angewandt, die Erfahrung möglich machen“ (Abel, Versuch, S. 275). Eine detaillierte Reaktion von Kants Seite auf Abels Einwände ist nicht grei ar. Allerdings gab Kant seiner Ho nung Ausdruck, dass die KpV „bes- ser, als alle Controversen mit Feder und Abel [ ] die Ergänzung dessen, was ich der spekulativen Vernunft absprach, durch reine praktische, und die Möglichkeit derselben beweisen und faßlich machen“ werde (10:490).
Philosophische Funktion Abendmahl und Taufe bilden die zentralen kirch- lichen Sakramente. Der Begri des Sakraments kommt bei Kant nur selten vor, entweder in re- ligionsvergleichender Perspektive (vgl. 9:381f.; 9:404) oder als Ausdruck kirchlich orthodoxer „Observanzen (dem Beten, dem Kirchengehen und den Sacramenten)“ (7:54). Das Abendmahl gehört für Kant zu den Gnadenmitteln (→ Gna- de). Im Begri des Gnadenmittels (vgl. vor al- lem 6:190–202) ist enthalten, dass der Mensch sich „in gewissen sinnlichen Veranstaltungen“ um „göttliche[n] Beistand“ bemüht (6:192). Es handelt sich daher um den „Wahn durch den Ge- brauch bloßer Naturmittel eine Wirkung, die für uns Geheimniß ist, nämlich den Ein uß Gottes auf unsere Sittlichkeit, hervorbringen zu können“ (6:194). Diese Veranstaltungen lassen sich in der Perspektive der Vernunftreligion in vier „P icht- beobachtungen“ (6:192) einteilen: das → Gebet als Begründung der sittlichen Gesinnung in uns selbst, den Kirchgang (→ Kirche) als Ausbreitung dieser Gesinnung, die Taufe als ihre Fortp an- zung durch Aufnahme neuer Mitglieder in die Gemeinschaft des → Glaubens sowie schließlich das Abendmahl. Nur gelegentlich geht Kant auf die Stiftung des Abendmahls durch Jesus von Nazareth ein (vgl. 6:81; 7:40), kaum einmal auf dogmatische Kontroversen (vgl. 23:97). So sehr er auf der einen Seite das „Pfa enthum“ kriti- siert, das „im ausschließlichen Besitz der Gnaden- mittel zu sein“ vorgibt (6:200), so kann er doch von der „Feierlichkeit“ des Abendmahls sagen:
sie „enthält etwas Großes, die enge, eigenliebige und unvertragsame Denkungsart der Menschen, vornehmlich in Religionssachen, zur Idee einer
Das Abendmahl gehört zu den Gnadenmitteln und dient der „Erhaltung dieser [d. i. der kirch-
weltbürgerlichen moralischen Gemeinschaft Er- weiterndes in sich und ist ein gutes Mittel, eine
Aberglaube | 5
Gemeinde zu der darunter vorgestellten sittlichen Gesinnung der brüderlichen Liebe zu beleben“
(6:199f.).
Unter Aberglaube sind nach Kant vernunftwidri- ge Vorstellungen über → Gott und sein Verhältnis zum → Menschen zu verstehen. Sie resultieren aus einer der beiden folgenden Arten falscher Verhältnisbestimmung von → Vernunft und → Ver- stand: (A1) einer „gänzliche[n] Unterwerfung der Vernunft unter Facta“ (8:145) oder (A2) des „Vor- urtheil[s] [ ], sich die Natur Regeln, welche der Verstand ihr durch sein eigenes wesentliches Ge- setz zum Grunde legt, als nicht unterworfen vor- zustellen“ (5:294). Aberglaube bedeutet also entweder (a) die Ersetzung → apriorischen, im Modus der → Selbst- erkenntnis erfolgenden Vernunftgebrauchs durch Bindung an vernunftextern, etwa im Modus von → Geschichte und Tradition Vorgegebenes, oder (b) die illusorische Einbildung von etwas, das nicht in der → Natur ist (z. B. Gott), in vermeint- liche Freiheitslücken des durchgehend determi- nierten Naturzusammenhangs zum Zwecke eines defensiven Rettungsversuchs Gottes und der da- mit verbundenen Glaubens- und Freiheitssphäre. Weitere wichtige Stellen zu (a): Re . 2571, 16:424; Re . 6218, 18:507; Re . 6219, 18:510. Weitere wich- tige Stellen zu (b): 6:053; 7:65; Re . 6219, 18:508; Re . 6221, 18:511 .; 23:104.
Verwandte Stichworte Aufklärung; Geschichte; Vernunftglaube; Wun- der
Philosophische Funktion
1 Aberglaube als Preisgabe der Vernunft gegenüber Natur und Geschichte „Vernunftglaube ist der, welcher sich auf keine an- dere Data gründet als die, so in der reinen Vernunft enthalten sind“ (8:141). In (A1) wird der Aberglau- be somit als kontradiktorischer Gegensatz zum → Vernunftglauben bestimmt. Der (historisch ver- mittelte) → O enbarungsglaube einer positiven → Religion, welche „doch auch reine Vernunftre- ligion in sich wenigstens begreifen kann“ (6:12), enthält darüber hinaus Elemente des Aberglau-
bens (vgl. 4.). Dies setzt voraus, dass ‚Aberglau- be‘ selbst ebensowenig wie ‚Vernunftglaube‘ eine historisch-positive Glaubens- oder Religionsge- stalt bezeichnet. Beide sind vielmehr normative Begri e für alle Vorstellungen und Praktiken in solchen Gestalten und ggf. der sie begleitenden → Theologie, die dem, was aus reiner (praktischer) Vernunft ausweisbar ist, wider- bzw. entsprechen. Aberglaube entsteht aus der „gänzliche[n] Unter- werfung der Vernunft unter Facta“ (8:145), d. h. vor allem einer Nachordnung des durch Vernunft a priori Begründeten gegenüber historisch Tra- diertem. Sofern historisch Tradiertes der Vernunft widerspricht, kann sie im Modus des Aberglau- bens nicht mehr als Korrektiv benutzt, geschweige denn in ihr Recht der → Autonomie gesetzt werden. Der Aberglaube entsteht also aus einem Nichtge- brauch oder Missbrauch der Vernunft: Ihre Auto- nomie wird zugunsten einer Bindung an ihr Äu- ßerliches, Gegebenes in → Heteronomie verkehrt (vgl. 5:294). Ein analoger Sachverhalt liegt der in (A2) explizierten Form von Aberglauben zugrunde. Auch hier liegt eine verfehlte Beziehung von Ver- nunftideen (v. a. Gott) auf etwas Gegebenes vor:
die Natur. Sie ist die Domäne des → Verstandes, der die Natur ausschließlich und intern vollstän- dig theoretisch erkennt. Zwar steht die Vernunft nach Kant in einem negativ-kritischen Verhält- nis zum Verstand – im Sinne einer durch den Verstand bestimmten Begrenzung dessen, was auf eine objektiv gültige Weise erkannt werden kann – doch folgt daraus nicht, dass die Ver- nunftideen in illusorische Lücken der Naturde- terminiertheit, d. h. unter der Bedingung einer Außerkraftsetzung der Funktion des Verstandes, einzuzeichnen wären. Genau dies geschieht je- doch in klassischen Spielarten des Supranatu- ralismus, die als „Phantasterey“ zu gelten ha- ben, in der etwa durch Bilder die Illusion wunder- haften Geschehens im Kontext der Natur erzeugt wird (Re . 6219, 18:508). Das dafür geeignete Me- dium sind „Erzählungen Wunderbarer Wirkun- gen (die allen Erfahrungsgesetzen wiederstrei- ten)“, zugleich jedoch parasitär an deren → Be- gri en hängen, indem sie „wundersame durch Pha[n]tasie vereinigte Begebenheiten als Ursa- che und Wirkung“ vorstellig werden lassen (Re . 6219, 18:508; vgl. dazu auch 6:053; 7:065; Re . 6221, 18:511; 23:104).
6 | Aberglaube
2 Physiognomie des Aberglaubens
Kant zeichnet die Physiognomie des Aberglaubens
in seiner Anthropologie in ein Begri sraster ein, das er bereits 1764 in Krankheiten entwickelt hat- te: „Der Aberglaube ist mehr mit dem Wahnsinn
[ ] zu vergleichen“ (7:203), doch ist Aberglaube
insofern gefährlicher und subversiver als andere Spielarten des → Wahnsinns, als er nicht explosiv, punktuell und auffällig, und damit zugleich leich- ter als Problem erkennbar ist, sondern „sich in einer ruhigen und leidenden Gemüthsbescha en- heit unvermerkt tiefer einwurzelt und dem gefes- selten Menschen das Zutrauen gänzlich benimmt, sich von [s]einem schädlichen Wahne jemals zu befreien“ (2:251). Der Begri des → Wahnes wird auch an anderer Stelle noch einmal gebraucht (vgl. 4.); die eher angepasste, → passive Physiognomie des Aberglaubens erklärt Kants Zuordnung dessel- ben zum phlegmatischen Typ der Temperamen- tenlehre (vgl. Re . 1146, 15:508) und ist ein Re ex der Passivität der Vernunft im Aberglauben (vgl.
5:295).
Die Physiognomie des Aberglaubens wird von Kant dahingehend erweitert, dass er ihn Mitte/ Ende der 1770er-Jahre als „Blödsinnigkeit“ (Re . 1486, 15:706) und gegen Ende der 1780er-Jah- re auch als „Dummheit“ charakterisiert, wäh- rend → Schwärmerei als „Tollheit“, → Unglaube als „Thorheit“ gelten (Re . 6217, 18:507). Aber- glaube ist also weder eine markant-hypertrophe geistige Verwirrung noch leichtsinnige Gedan- kenlosigkeit, sondern eine o ensive, verfestigte Verkehrung der Vernunft.
3 Kants ethnographische Polemiken
Nur noch von historischem Wert sind Kants häu - ge und generell pejorativ konnotierte ethnographi- sche Diagnosen des Aberglaubens (vorrangig in der → Physischen Geographie aus dem Jahr 1802). Besprochen werden fremde Kulturen und Zeiten, etwa Afrika (vgl. 9:415), China (vgl. 9:380), Spa- nien (vgl. Re . 1497, 15:773) und die → Indianer (vgl. 9:316). Von den an diesen Stellen zu nden- den schematisch-stereotypen Auflistungen gibt schon eine Re exion aus den früheren 1770er Jah- ren Zeugnis, in denen ein „Aberglaube an alte observanzen“ zu den Charakteristika eines Lan- des, nämlich Spaniens, gezählt wird (Re . 1344, 15:587). Von einem gewissen philosophischen In- teresse erscheint die Diskussion des Aberglaubens
bei den → Heiden, welche zur Frage nach dem Ver- hältnis von Polytheismus und → Monotheismus sowie deren Spielarten von Aberglauben überlei- tet (vgl. 7:194; 7:050).
4 Aberglaube in Polytheismus und Monotheismus (Christentum) Kant betrachtet das „Heidenthum“ nicht nur als historische Form polytheistischer Religion, son- dern als Inbegri eines äußerlichen Religionsver- ständnisses, das sich in vielen, wenn nicht allen positiven Religionen niederschlägt: So hat „ein jeder Kirchenglaube, so fern er blos statutarische Glaubenslehren für wesentliche Religionslehren ausgiebt, [ ] eine gewisse Beimischung von Hei- denthum; denn dieses besteht darin, das Äußerli- che (Außerwesentliche) der Religion für wesent- lich auszugeben“ (7:50). Kant diagnostiziert also keinen bruchlosen Fortschritt der Vernunft in der Religionsgeschichte, wenngleich prinzipiell eine ‚Verinnerlichung‘ hin zur Moralität in der Entwick- lung des Monotheismus festzustellen ist: „Diese Götter mußten Personen seyn, sonst konnten sie ihre abergläubische Wünsche an sie nicht rich- ten, aber mächtig ohne Moralitaet. Allein konnten sie sich keinen Gott denken, eben darum, weil allein seyn ein unglück scheint, also Vielgötterey. Endlich komts zu moralischen Begri en: einem Gesetz und einem Gesetzgeber. Einheit Gottes, und nun alle Vollkommenheit. — Bis hieher lauter Aberglaube und nun Vernunft“ (Re . 6221, 18:512). Diese historische, der Vernunft entsprechende Entwicklung wird im Op. post. durch eine formale, sprachanalytisch grundierte Rechtfertigung des Monotheismus ergänzt (vgl. 21:10). Die erwähnte Kontaminierung jeglichen → Kirchenglaubens durch die äußerliche heidni- sche Religiosität manifestiert sich in einem in- strumentellen Verständnis religiöser Handlun- gen des Menschen: „Der Wahn, durch religiöse Handlungen des Cultus etwas in Ansehung der Rechtfertigung vor Gott auszurichten, ist der reli- giöse Aberglaube“ (6:174). Kant weist einen sol- chen Wahn auch im → Christentum auf. Auch das Christentum ist von der Gefahr des Aberglaubens durchsetzt, obwohl es die Basis der Vernunftre- ligion, nämlich das → moralische Gesetz, lehrt. Deshalb ist das Christentum als „bastartartiges Product“, als „religio hybrida“ zu charakterisieren (23:433). Konkret wird der Aberglaube im Chris-
Abhängigkeit | 7
tentum zum einen in Gestalt einer wunder- und magiegläubigen Auffassung von Heilsvermittlung qua Wort, durch Glaube „an ein Buch“, das „die Kraft der Seeligmachung haben werde“ (23:432), zum anderen durch ein Verständnis der Sakra- mentalität, das deren Zeichenhaftigkeit verkennt und so das Zeichen für die Sache nimmt oder sie als Gnadenmittel in einem der Moralität widrigen Sinne auffasst (vgl. 19:634; vgl. Nonnenmacher, Gnadenmittel). Kant fasst diese problematischen Zusammen- hänge pointiert wie folgt zusammen: „Aller Glau- be an ein Mittel zur Erwerbung der Seeligkeit wenn er nicht ein an sich durch die reine Vernunft be- währtes Mittel ist uns zu moralisch-besseren Men- schen zu machen ist Aberglaube“ (23:438).
5 Aufklärung als Entlarvung von Aberglauben
„Befreiung vom Aberglauben heißt Aufklärung:
weil, obschon diese Benennung auch der Befrei- ung von Vorurtheilen überhaupt zukommt, jener doch vorzugsweise (in sensu eminenti) ein Vor- urtheil genannt zu werden verdient, indem die Blindheit, worin der Aberglaube versetzt, ja sie wohl gar als Obliegenheit fordert, das Bedürfniß von andern geleitet zu werden, mithin den Zu- stand einer passiven Vernunft vorzüglich kennt- lich macht“ (5:294f.; vgl. hierzu auch Re . 1486,
15:714).
Das Programm der Aufklärung, bezogen auf → Glauben und Religion, wird also verengt auf- gefasst, wenn es nur als Kritik kirchlicher Auto- ritäten verstanden wird. Aufgrund des prinzipi- ellen Charakters von (A1) und (A2), die Stellung der menschlichen Vernunft betre end, ist vom Aberglauben das Selbstverständnis des Menschen insgesamt betro en. Die Rede vom „Vorurtheil[]“ (Re . 1508, 15:821) ist aus dem Umstand zu ver- stehen, dass „Aberglaube“ auf die „feige Faul- heit (der Vernunft) selbst zu denken“ (Re . 1508, 15:822) zurückzuführen ist, die sich in der unter 1. dargestellten Vermischung der Funktionen und Gegenstände von Vernunft und Verstand mani- festiert, da die letzteren bequemer zu handhaben sind. Daraus resultiert die vorschnelle Ausweitung des Verstandesgebrauchs, die der Vernunft in ir- reparabler Weise vorgreift und daher ein Vor-Urteil zu nennen ist; als solches bringt es ausschließlich „irrige Urtheile“ (9:75) mit magischer Aura her- vor, deren Verwaltung Institutionen zukommt, die
solche Urteile mit der unter 4. beschriebenen, ver- nunftwidrigen Rechtfertigungs- und Sakramen- tenlehre absichern und damit die → Unmündigkeit des → Menschen fortsetzen. Solche Institutionen verlangen „Gehorsam“ im Sinne ihres „Kirchen- glaubens“ (7:66 Anm.) und widersprechen somit dem Wesen vernünftigen Glaubens, nämlich ein Akt der → Freiheit zu sein, ohne welchen er sei- nen Wert gänzlich verliert (vgl. dazu 20:298; 5:144; 9:67). Kant hält diesen höchsten Punkt mündigen Glaubens nicht für einen des (exklusiven) Intel- lekts, woraus sich seine antielitäre Auffassung eines nichtabergläubischen → Fürwahrhaltens er- gibt (vgl. dazu schon KrV A 830f. / B 858f.). Der gemeine, unverdorbene Menschenverstand bedarf nicht der → Philosophie, um aus der „Blindheit, worin der Aberglaube versetzt“ (5:294), befreit zu werden. An herakliteische (Aufklärungs-)Motivik erinnernd, die die wache Präsenz des Menschen mit seiner Vernunftgemäßheit verbindet, schreibt Kant schon in den 1770er-Jahren: „Vermuthlich kommt aller Aberglaube zuerst vom Träumen her“ (Re . 394, 15:158).
Weiterführende Literatur Hö e, Otfried: „Einführung in Kants Religions- schrift“, in: ders. (Hg.): Immanuel Kant. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Ver- nunft, Berlin: Akademie 2011, 1–28. Nonnenmacher, Burkhard: „Der Begri sogenann- ter Gnadenmittel unter der Idee eines reinen Religionsglaubens“, in: Hö e, Otfried (Hg.):
Immanuel Kant. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, Berlin: Akademie 2011, 211–229. Wimmer, Reiner: Kants kritische Religionsphilo- sophie, Berlin u. a.: de Gruyter 1990. Thomas Oehl
Im Rahmen der theoretischen Philosophie ver- steht Kant Abhängigkeit bzw. „Dependenz“ (im Sinne von „Wirkung“) zusammen mit der „Cau- salität“ (hier im Sinne von „Ursache“) als zweite Unterkategorie der → Relation (KrV A 80 / B 106). In der Moralphilosophie bestimmt er dagegen die Abhängigkeit eines „nicht schlechterdings guten Willens vom Princip der Autonomie“ als „Verbind- lichkeit“ (4:439) und auch als „Tugend“ (23:121;
| Abicht, Johann Heinrich
vgl. 4:413f., 5:32). Wichtige Stellen: 1:356; 2:97; 2:100; 2:109f.; 2:111; 2:335; KrV A 80 / B 106; KrV A 186 / B 229; KrV A 545 / B 573; KrV A 561 / B 589; KrV A 724 / B 752; 4:356; 4:363; 4:439; 4:460; 5:33f.; 5:82; 5:88; 5:137; 5:399; 6:313; 6:315f.; 6:330; 8:224;
8:349.
Verwandte Stichworte Wirkung; Verbindlich(keit); P icht
Philosophische Funktion Der vorkritische Kant kennt eine „Unterscheidung der Abhängigkeit aller Dinge von Gott in die mo- ralische und unmoralische“ (2:100) diese bezieht sich auf die Möglichkeit, jene auf die Wirklichkeit der Dinge. So ist das faktische „Dasein der Dinge“ Ausdruck ihrer „moralisch[en]“ Abhängigkeit, da sie im Willen Gottes, sie wirklich werden zu lassen, ihren letzten Existenzgrund haben. Ihrer „inneren Möglichkeit“ nach sind die Dinge hingegen in ei- ner „unmoralisch[en]“ Weise von Gott abhängig, da dessen Wille auch nur das beschließen kann, was zuvor „als möglich schon vorausgesetzt“ ist (2:100; vgl. 2:109f.). Die nicht-moralische, die Logik der Möglich- keit betre ende Abhängigkeit wird dann tran- szendentalphilosophisch begri en, indem sie von Kant als Unterkategorie eines reinen Verstandes- begri s (vgl. KrV A 80 / B 106) verstanden wird. In der Kausalitätsbeziehung stiftet der urteilen- de Verstand dergestalt die notwendige „Folge“ und Abhängigkeit einer jeden Wirkung von einer bestimmten, vorhergehenden Ursache in der Er- scheinungswelt (KrV A 189 / B 234; → Kausalität). Die Naturnotwendigkeit setzt „immer Abhängig- keit der Dinge von andern“ voraus (4:363). In Kants praktischer Philosophie ist die Ab- hängigkeit eines „nicht schlechterdings guten Willens vom Princip der Autonomie“ nur als „mo- ralische Nöthigung“ erfahrbar (4:439). Diese Ab- hängigkeit ist einer anderen Art von Abhängig- keit des endlichen Willens entgegen, nämlich der „Heteronomie der Willkür, nämlich Abhängigkeit vom Naturgesetze, irgend einem Antriebe oder Neigung zu folgen“ (5:33; vgl. 4:460; vgl. auch 4:356, 5:88, 5:137). Als Arten von Abhängigkeit erläutert Kant auch die Begri e von → Neigung und → Interesse (vgl. 4:413). Die Freiheit des Menschen wird hier also durch die moralische Abhängigkeit vom Prinzip
der Autonomie nicht eingeschränkt, sondern über- haupt erst begründet (während das die theore- tische Erkenntnis anleitende Abhängigkeitsver- hältnis der Naturdetermination jede Freiheit aus- schließen muss). Allein durch die Verbindlich- keit erfährt der Mensch mithin seine transzenden- tale → Freiheit, einem reinen Vernunftanspruch unbedingt Folge leisten zu können (vgl. 5:29f.). Entsprechend ist der Mensch für Kant durch die Etablierung eines Rechtsstaates in der Lage, seine „wilde, gesetzlose Freiheit“ gänzlich aufzugeben, „um seine Freiheit überhaupt in einer gesetzlichen Abhängigkeit, d. i. in einem rechtlichen Zustande, unvermindert wieder zu nden, weil diese Ab- hängigkeit aus seinem eigenen gesetzgebenden Willen entspringt“ (6:313; vgl. 6:315f., 8:349).
Weiterführende Literatur Mainzer, Klaus: Art. „Abhängigkeit (Dependenz)“, in: Ritter, Joachim / Günter, Karlfried / Gabriel, Gottfried (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1, Basel u. a.: Schwabe 1971, 6f. Axel Hutter
Dt. Philosoph (1762–1816). Seine frühen Schriften sind deutlich vom Ein uss der kritischen Philo- sophie Kants geprägt. Bereits 1788 suchte er mit De philosophiae Kantianae habitu ad theologiam nach einer vermittelnden Position zwischen Kriti- zismus und Theologie, verö entlichte 1789 den Versuch einer Metaphysik des Vergnügens nach Kantischen Grundsätzen und entwickelte 1791 in Philosophie der Erkenntnisse u. a. eine Theorie des Erkenntnisvermögens in Anlehnung an die Vernunftkritik Kants. Zusammen mit Friedrich Gottlob Born, der ihn in einem Brief Kant gegen- über als einen „junge[n] mit tre lichen Talenten versehene[n] Mann, der Herz genug hat Ihr System vorzutragen“ (10:548), charakterisiert, edierte er 1789/90 ein Neues philosophisches Magazin zur Er- läuterung und Anwendung des Kantischen Systems. Trotz der Nähe Abichts zur kantischen Lehre sind auch Abweichungen in einzelnen Punkten un- übersehbar, worauf er stellenweise selbst deutlich
hinweist (vgl. u. a. Abicht, System, S. iv). So zählt Abicht Wahrhaftigkeit als „Grund und Zweck aller
[ ] Absichten, Handlungen und Unterlassungen“
(Abicht, System, S. 279) zu den Kardinaltugenden
Ableitung | 9
und behandelt kasuistische Fragen nach der mo- ralischen Beurteilung von möglichen Fällen von Unwahrhaftigkeit wie der, ob ich, „wenn die Eröf- nung einer Wahrheit einem Anderen sehr schäd- lich ist [ ] mit der Bekanntmachung derselben meine Redlichkeit dennoch bezeugen“ (Abicht, System, S. 284 Anm.) soll, ähnlich wie Kant nicht- utilitaristisch. Dennoch votiert er nicht für ein unbedingtes, sondern ein bedingtes Lügenverbot (vgl. Abicht, System, S. 284f. Anm.). In seinem Beitrag zu einer Preisfrage der Königlichen Preußischen Akademie der Wissen- schaften für das Jahr 1791 („Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnitzens und Wolf’s Zeiten in Deutschland ge- macht hat?“), mit dem Kant vertraut gewesen zu sein scheint (vgl. 12:45) und auf die er selbst eine Fragment gebliebene Antwort gegeben hat (vgl. 20:253–332; → Fortschritte der Metaphysik), meint Abicht die Motivation zur Frage nach Fortschrit- ten in der Metaphysik seit Leibniz und Wol u. a. darin gefunden zu haben, dass „die würdigen Glieder der Akademie [ ] in der Schule Kants das Resultat [ nden]: daß die Vernunft zur Er- bauung einer Metaphysik, so wie sie in der Leib- nitz-Wol schen Schule begründet werden sollte, nämlich vermittelst der theoretischen Vernunftge- setze, schlechterdings unmöglich sey“ (Abicht, Fortschritte, S. 260). Diese Frage sei als Frage da- nach zu verstehen, ob die Metaphysik mit Kants Vernunftkritik Fortschritte gemacht habe. In sei- ner Antwort auf die so interpretierte Frage kon- trastiert Abicht ausführlich zentrale Stücke Leib- niz-Wol scher Metaphysik mit Teilen der kanti- schen Lehre – nicht ohne ihr an einigen Stellen wie bei der Verhältnisbestimmung von → Gegen- stand und → Erscheinung zu widersprechen (vgl. insbes. Abicht, Fortschritte, S. 302f.). Sebastian Wengler
Eine Ableitung führt von etwas Gegebenem, X, zu etwas Anderem, Y, indem sie Y aus X ableitet. Das Gegebene und das Abgeleitete sind exemplarisch → Erkenntnisse, also → Begri e oder → Urteile. „So ist denn ein jeder Vernunftschluß eine Form der Ableitung einer Erkenntniß aus einem Princip“ (KrV A 300 / B 357). Ein Schluss leitet also ein Ur- teil aus anderen Urteilen ab. Er stellt einen Zusam-
menhang her unter propositionalen Entitäten. – Ein ebenfalls propositionales Ergebnis hat die „versuchte physiologische Ableitung“, „der rei- nen Begri e a priori“, denn sie ist „die Erklärung des Besitzes einer reinen Erkenntniß“ (KrV A 86f. / B 119). Kant fasst hier also eine → Erklärung auf als eine Ableitung. – Begri licher Natur als Er- gebnisse von Ableitungen sind die „Prädicabilien des reinen Verstandes“: „Die Kategorien, mit den modis der reinen Sinnlichkeit oder auch unter einander verbunden, geben eine große Menge ab- geleiteter Begri e a priori“ (KrV A 82 / B 108). Hier ist das für die Ableitung Gegebene auch anschau- licher Art. Weitere wichtige Stellen: 2:156; 4:324; 5:412; 6:233; 9:58; 9:114; Re . 2227, 16:278; Re . 5299, 18:147; Re . 5724, 18:341; Re . 5993, 18:417.
Verwandte Stichworte Beweis; Deduktion; Rechtfertigung; Schluss
Philosophische Funktion Eine Ableitung spielt für Kant primär die Rolle eines Schlusses, durch den „ein Zusammenhang von Gründen und Folgen“ unter Erkenntnissen hergestellt wird. Dabei können die Gründe, also in formallogischer Hinsicht die Prämissen des Schlusses, schon als wahr erkannte Prinzipien sein, aus denen eine weitere Erkenntnis als Kon-
klusion des Schlusses abgeleitet wird, so etwa bei der „Ableitung des mannigfaltigen zum Dasein der Dinge Gehörigen aus ihrem inneren Princip“ (4:468). Solches Ableiten kann auch eine systema- tisierende und einheitsstiftende Funktion haben, wenn z. B. ein Wissenschaftler „das Mannigfaltige der Begri e oder Grundsätze, die sich ihm vorher
[ ] zerstreut dargestellt hatten, aus einem Prin-
cip a priori ableiten und alles auf solche Weise in eine Erkenntniß vereinigen kann“ (4:322). – Diese Funktionen hat das Ableiten auch aus der Sicht der modernen Logik, wenn man etwa an den kal- külmäßigen Ableitunsbegri denkt oder an die Axiomatisierung einer Theorie; die Theoreme sind dann aus Axiomen abgeleitete Sätze. Kant weist auch verschiedentlich auf die Un- möglichkeit einer Ableitung hin in dem Sinne, dass bestimmte Erkenntnisse nicht auf der Basis bestimmter anderer Erkenntnisse bewiesen wer- den können: „Besondere Gesetze, weil sie empi- risch bestimmte Erscheinungen betre en, können davon [nämlich: von den apriorischen Gesetzen
10 | Abmessungen
der Naturwissenschaft] nicht vollständig abgeleitet werden“ (KrV B 165; vgl. 4:281). Entsprechend der Einteilung der reinen → Verstandesbegri e in Stamm- und abgeleitete Begri e (vgl. KrV A 81 / B 107) kann das Ergeb- nis einer Ableitung auch begri licher Natur sein. So sind die → Prädikabilien abgeleitet und „eine subjective Ableitung [der Vernunftideen] aus der Natur unserer Vernunft konnten wir unterneh- men“ (KrV A 336 / B 393). Die Voraussetzungen dieser Ableitungen sind jedoch verschieden: Die Prädikabilien werden abgeleitet aus den → Katego- rien und den Anschauungsformen (Veränderung ist eine Verbindung aus Modalität und Zeit), Prä- missen der Ideenableitung sind Erkenntnisse über „die Natur unserer Vernunft“ (KrV A 336 / B 393). In GMS spricht Kant im Zusammenhang mit seiner De nition des → Willens auch von der „Ab- leitung der Handlungen von Gesetzen“, wozu „Vernunft erfordert wird“ (4:412). Kant knüpft da- mit an das aristotelische Modell eines praktischen Syllogismus an, bei dem das Ergebnis der Ablei- tung (die Konklusion) nicht ein Satz, sondern eine Handlung ist (vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1147a 25 .).
Weiterführende Literatur Baum, Manfred: Deduktion und Beweis in Kants Transzendentalphilosophie, Königstein/ Ts: Hain bei Athenäum 1986, insbes. 21–34. Henrich, Dieter: Kant’s Notion of a Deduction and the Methodological Background of the First Critique, in: Förster, Eckart (Hg.): Kant’s Trans- cendental Deductions, Stanford: Stanford Uni- versity Press 1989, 29–46. Rainer Stuhlmann-Laeisz
Kant benutzt das Wort ‚Abmessung‘ zumeist, wo man heute das Wort → ‚Dimension‘ verwenden würde, so etwa bei Überlegungen zur Dimensio- nenzahl des → Raums und der Zeit. Wichtige Stel- len: 1:23–25; 4:284f.
Verwandte Stichworte Raum; Ausdehnung; Fläche; Dimension
Philosophische Funktion Der Raum hat drei → Dimensionen im Gegensatz
zur → Zeit, von der gilt: „Sie hat nur Eine Dimen- sion“ (KrV A 31 / B 47). Also gilt: „In dem körper- lichen Raume lassen sich wegen seiner drei Ab- messungen drei Flächen denken, die einander insgesammt rechtwinklicht schneiden“ (2:378). Aber warum eigentlich ganz sicher nur drei und nicht mehr? In der Wahren Schätzung scheitert Kant bei der Suche nach einem zwingenden Ar- gument dafür, wie er selbst in § 9 (vgl. 1:23) ein- räumt, nachdem er zuvor den dafür einschlägi- gen § 351 in Leibniz‘ Theodicée für zirkulär erklärt hat. Kants Vermutung, es bestehe ein Zusammen- hang zwischen Dimensionenzahl und Gravita- tionsgesetz (vgl. 1:24; → Newton, Isaac) ist aus heutiger Sicht zutre end (vgl. Rees, Before the Beginning, S. 238). Kant arbeitet sie aber nicht aus (vgl. Gulyga, Immanuel Kant, S. 25; Fried- man, Kant and the Exact Sciences, S. 5). Ein Mul- tiversum mehrerer unverbundener Räume der gleichen Dimensionenzahl hält Kant in § 11 der Wahren Schätzung für möglich (vgl. 1:25), wenn auch aus theologischen Gründen für noch weniger wahrscheinlich als eines aus mehreren Räumen unterschiedlicher Dimensionenzahl. Im Beweis- grund ist Kant mit einem Gefühl der Gewissheit zufrieden, dass der Raum dreidimensional sein muss: „Ich zwei e, daß einer jemals richtig er- klärt habe, was der Raum sei. Allein ohne mich damit einzulassen, bin ich gewiß, daß [ ] er nicht mehr als drei Abmessungen haben könne [ ]“
(2:71).
Die Frage nach dem Grund für die Gewiss- heit über die Dreidimensionalität des Raums wird jedoch zu einer der Leitfragen für die KrV. In KrV B 41 und KrV A 239 / B 299 ist der Satz „[D]er Raum hat nur drei Abmessungen“ das Paradebespiel für ein apodiktisches geometrisches Urteil. Im Rahmen der Lehre von der Idealität des Raumes (→ Idealität/Realität) lautet die Antwort: „Daß [je]der vollständige [Sub-]Raum (der selbst kei- ne Grenze eines anderen Raumes mehr ist) drei Abmessungen habe, und [der] Raum überhaupt auch nicht mehr derselben [=Abmessungen] ha- ben könne, wird auf den Satz gebaut, daß sich in einem Punkte nicht mehr als drei Linien recht- winklicht schneiden können; dieser Satz aber kann gar nicht aus Begri en dargethan werden, sondern beruht unmittelbar auf Anschauung, und zwar reiner [Anschauung] a priori, weil er apo- diktisch gewiß ist“ (4:284; → Fläche). In § 24 der
Absicht | 11
B-Deduktion der KrV erklärt Kant am Beispiel der Raumdimensionen die von ihm „ gürliche Syn- thesis“ genannte „transscendentale Handlung der Einbildungskraft“ wie folgt: „Wir können uns
[ ] die drei Abmessungen des Raumes gar nicht
vorstellen, ohne aus demselben Punkte drei Li- nien senkrecht aufeinander zu setzen [ ]“ (KrV
B 154).
Weiterführende Literatur Friedman, Michael: Kant and the Exact Scien-
ces, Cambridge/Mass.: Harvard University Press
Abrichtung ist die mechanische Unterweisung des → Menschen im Unterschied zu dessen wirklicher
→ Aufklärung (vgl. 9:450). Wichtige Stellen: KrV
A 645 / B 673; 9:450.
Verwandte Stichworte Erziehung; Unterricht, Unterweisung
Philosophische Funktion In der Pädagogik erklärt Kant, „[d]er Mensch“ könne „entweder blos dressirt, abgerichtet, me- chanisch unterwiesen, oder wirklich aufgeklärt werden“ (9:450). Das Erziehungsziel, Kinder den- ken zu lehren, kann nicht dadurch erreicht wer- den, dass sie abgerichtet werden (vgl. 9:450). Die Nähe der Abrichtung zur Dressur unterstreicht auch eine Stelle, der zufolge Falken zum Vogel- fang abgerichtet werden (vgl. 9:354). Im Sinne von ‚ausrichten auf‘ können wir „den Verstand zu einem gewissen Ziele [ ] rich- ten“ (KrV A 644 / B 672) und ihn „über jede gege- bene Erfahrung (den Theil der gesammten mögli- chen Erfahrung) hinaus, mithin auch zur größt- möglichen und äußersten Erweiterung abrichten wollen“ (KrV A 645 / B 673), was durch den regu- lativen Gebrauch der transzendentalen Ideen ge- schieht (→ Idee, regulative).
Der umgangssprachliche Sinn von ‚Absicht‘ wird bei Kant terminologisch geschärft durch den Be-
gri einer „Absicht a priori“ (5:134), die aus der Zwecksetzung der reinen Vernunft selbst hervor- geht, ohne sich dabei auf sinnliche Bedürfnis- se stützen zu müssen. Kant spricht häu g von einem Vernunftgebrauch „in theoretischer Ab- sicht“ oder „in moralisch-praktischer Absicht“ (6:12; vgl. 4:455, 5:134f.). Weitere wichtige Stellen:
4:394f.; 4:415 .; 4:455; 5:134f.; 5:360f.; 5:383; 5:292; 5:399 .
Verwandte Stichworte Zweck; Wille; Interesse
Philosophische Funktion Der Begri einer Absicht ist mit dem eines → Zwecks nahe verwandt (vgl. z. B. 4:415 .), der von Kant allerdings genauer bestimmt wird. Unter Absicht versteht Kant den Ziel, den ein vernunft- begabtes Wesen durch das eigene Handeln errei- chen will: „Man kann sich das, was nur durch Kräfte irgend eines vernünftigen Wesens möglich ist, auch für irgend einen Willen als mögliche Ab- sicht denken“ (4:415). Im Hinblick darauf müssen dann die angemessen Mittel bestimmt werden. Eine → Handlung kann demnach mit Bezug auf eine Absicht nützlich oder unnütz sein (vgl. z. B. 4:397; → Nutzen, Nützlich(keit)). Die verschiede- nen Arten von Imperativen zeichnen sich nach dem unterschiedlichen Bezug auf eine Absicht aus: Nur der kategorische Imperativ gebietet, „oh- ne irgend eine andere durch ein gewisses Verhal- ten zu erreichende Absicht als Bedingung zum Grunde zu legen“ (4:416; vgl. z. B. 4:420). Kant nennt in diesem Sinn den „Zweck als Object (des Willens), welches unabhängig von allen theoreti- schen Grundsätzen durch einen den Willen unmit- telbar bestimmenden (kategorischen) Imperativ als praktisch nothwendig vorgestellt wird“, eine „Absicht a priori“ (5:134). Kant spricht im Rahmen der naturerforschen- den Re exion organischen Produkten und der Natur überhaupt lediglich der → Analogie nach ‚Absichten‘ zu (vgl. 5:360f., 5:383, 5:399 .; → Natur- absicht). Dies ist oft in teleologischen Argumenten bezüglich der menschlichen Eigenschaften der Fall (vgl. 4:394f.; 8:11). Ähnlich spricht Kant mit Bezug auf den Verlauf der → Geschichte von „Ab- sicht der Natur“ (8:25; vgl. 8:24f., 8:28). Die transzendentale Vernunftkritik gliedert sich in ein System unterschiedlicher Vernunftab-
12 | Absolut
326 / B 382; 2:82), ferner auch ‚schlechterdings‘
sichten, die untereinander im Sinne eines Prima- tes der praktischen Vernunft zusammenhängen:
„Die ganze Zurüstung also der Vernunft in der Bearbeitung, die man reine Philosophie nennen kann, ist in der That nur auf die drei gedachten Probleme [Freiheit, Gott, Unsterblichkeit] gerich- tet. Diese selber aber haben wiederum ihre ent- ferntere Absicht, nämlich was zu thun sei, wenn
(vgl. etwa 4:480; Re . 4037, 17:393). Weitere wich- tige Stellen: 1:395; 2:16f.; 2:391; KrV A 232 / B 285; 4:480–482; 4:487f.; 4:555f.; 4:558–563; Re . 4037, 17:393; Re . 4403, 17:533; Re . 4688, 17:676; Re . 4690, 17:676; Re . 5181, 18:110f.; Re . 5262, 18:134f.; Re . 5785, 18:355; 28:416 .; 28:498f.; 28:557; 28:627;
29:813.
der Wille frei, wenn ein Gott und eine künftige Welt ist. Da dieses nun unser Verhalten in Be-
ziehung auf den höchsten Zweck betri t, so ist
Inneres und Äußeres; relativ; unbedingt, das
die letzte Absicht der weislich uns versorgenden
Natur bei der Einrichtung unserer Vernunft eigent- lich nur aufs Moralische gestellt“ (KrV A 800f. /
B 828f.).
Axel Hutter / Red.
Absolut heißt so viel wie ‚losgelöst‘. In der KrV unterscheidet Kant zwischen zwei Bedeutungen von ‚absolut‘: „Das Wort absolut wird jetzt öfters gebraucht, um bloß anzuzeigen, daß etwas von einer Sache an sich selbst betrachtet und also innerlich gelte. In dieser Bedeutung würde ab- solut-möglich das bedeuten, was an sich selbst
(interne) möglich ist, welches in der That das we- nigste ist, was man von einem Gegenstande sagen kann. Dagegen wird es auch bisweilen gebraucht, um anzuzeigen, daß etwas in aller Beziehung (uneingeschränkt) gültig ist (z. B. die absolute Herrschaft), und absolut-möglich würde in die- ser Bedeutung dasjenige bedeuten, was in aller Absicht in aller Beziehung möglich ist, welches wiederum das meiste ist, was ich über die Mög- lichkeit eines Dinges sagen kann“ (KrV A 324f. /
B 381; vgl. 28:406f.; 28:488; 28:550). In der ers-
ten Bedeutung ist das Absolute mit dem → Inne- ren gleichbedeutend und dabei dem → Relativen entgegengesetzt; in der zweiten Bedeutung ist das Absolute mit dem uneingeschränkt Gültigen gleichbedeutend und dem eingeschränkt Gülti- gen entgegengesetzt. Kant bittet darum, den Be- gri ‚absolut‘ nur in der zweiten Bedeutung zu verwenden (vgl. KrV A 325f. / B 382). Allerdings verwendet er nicht selten den Begri auch in der
ersten Bedeutung (vgl. etwa 4:562; 28:18). An Stel-
le von absolut verwendet Kant oft (in beiden Be-
deutungen) den Ausdruck ‚schlechthin‘ (vgl. et- wa KrV A 277 / B 333; KrV A 283 . / B 339 .; KrV
1 Absolute Möglichkeit/Notwendigkeit
Kant unterscheidet zwischen ‚innerer‘ und ‚äu- ßerer‘ (oder ‚hypothetischer‘) → Möglichkeit (vgl. 28:406f.; 28:488; 28:550; 28:627; 29:813). Etwas ist
innerlich (oder ‚interne‘, ‚an sich selbst‘) möglich, wenn etwas unter Abstraktion von allen Relatio- nen möglich ist. Dieses ist ‚absolutmöglich‘ in der ersten Bedeutung. Dagegen ist etwas äußerlich möglich, wenn es nicht nur innerlich möglich ist, sondern es auch einen äußeren → Grund dazu gibt. So ist es etwa äußerlich möglich, dass je- mand reich wird, wenn er reiche Verwandte hat (vgl. 28:488; 29:813). Etwas kann innerlich mög- lich, aber äußerlich unmöglich sein. Wenn etwas unter jeder beliebigen → Bedingung möglich ist, ist es ‚absolutmöglich‘ (in der zweiten Bedeutung; vgl. Re . 4688, 17:676). Doch diese absolute Mög- lichkeit ist ein reiner Vernunftbegri und kann in der Erfahrung nicht angetro en werden (vgl. KrV
A 232 / B 285).
Ebenso unterscheidet Kant zwischen innerer und äußerer (oder ‚hypothetischer‘) → Notwendig- keit (vgl. Re . 5785, 18:355; 28:417; 28:498; 28:557; 28:633). Ersteres wäre die absolute Notwendig- keit in der ersten Bedeutung, doch kein Ding ist innerlich notwendig, sondern nur hypothetisch notwendig, indem es durch etwas anderes bedingt ist. Wenn etwas als Grund jeder beliebigen Mög- lichkeit hypothetisch notwendig ist, dann ist es ‚absolut notwendig‘ in der zweiten Bedeutung. Als Beispiele dafür erwähnt Kant → Gott und die → Zeit (vgl. Re . 5785, 18:355). Ferner ist zwischen der logischen absoluten Notwendigkeit der Urteile und der realen absoluten Notwendigkeit der Dinge zu unterscheiden (vgl. 28:417; 28:498f.; 28:557f.;
28:633f.).
Abstammung | 13
Daneben gibt es noch zwei Arten der abso- luten Zufälligkeit: In der ersten Bedeutung ist ‚absolut zufällig‘, was nicht innerlich notwendig ist; in der zweiten Bedeutung ist ‚absolut zufällig‘, was bei allen Bedingungen dennoch zufällig ist (vgl. Re . 4037, 17:393; 28:498). Letzteres kann es jedoch nicht geben (vgl. Re . 4037, 17:393). Analog unterscheidet Kant auch zwischen zwei Arten der absoluten Unmöglichkeit (vgl. KrV A 325 / B 381f.).
2 Das Unbedingte
Die Vernunft sucht die „Totalität der Bedingun- gen zu einem gegebenen Bedingten“ (KrV A 322 / B 379), mithin das → Unbedingte. Diese Totalität ist die „absolute Totalität in der Synthesis der Bedingungen“ (KrV A 326 / B 382), die von keiner weiteren Bedingung abhängt, weshalb sie eben unbedingt ist. Der Begri des Unbedingten ist also eng mit der zweiten Bedeutung des Abso- luten verwandt, sodass Kant die Begri e biswei- len gleichzusetzen scheint (vgl. etwa KrV A 334 / B 391). Dennoch sind sie keineswegs identisch. Denn das Unbedingte, nach dem die Vernunft sucht, ist zwar losgelöst von spezi schen Bedin- gungsverhältnissen, doch kann sich das Absolu- te auch auf die Losgelöstheit von anderen, etwa raumzeitlichen, Verhältnissen beziehen. Die Suche nach dem Unbedingten führt die Vernunft auf drei Klassen von → transzendentalen Ideen, „davon die erste die absolute (unbeding- te) Einheit des denkenden Subjekts, die zweite die absolute Einheit der Reihe der Bedingungen der Erscheinung, die dritte die absolute Einheit der Bedingungen aller Gegenstände des Denkens über- haupt enthält“ (KrV A 334 / B 391; vgl. KrV A 340 / B 397f.). Doch in der Erscheinung gibt es kein Unbedingtes, weshalb die Synthesis der Bedin- gungen dort nicht abgeschlossen werden kann. Die Suche nach der absoluten Totalität der Bedin- gungen verleitet daher zu dialektischen → Fehl- schlüssen (vgl. KrV A 339f. / B 397f.).
3 Absoluter Raum
Kant unterscheidet zwischen relativem und abso- lutem → Raum: „Der Raum, der selbst beweglich ist, heißt der materielle, oder auch der relative Raum; der, in welchem alle Bewegung zuletzt ge- dacht werden muß (der mithin selbst schlechter- dings unbeweglich ist), heißt der reine, oder auch absolute Raum“ (4:480; vgl. 4:556). Der relative
Raum ist ein Gegenstand der Erfahrung, besteht aber lediglich in den räumlichen Verhältnissen der materiellen Körper zueinander. Daher kann auch nur die → Bewegung im relativen und nicht die im absoluten Raum wahrgenommen werden. Ein bestimmter Raum kann in Bezug auf einen umgebenden Raum immer als relativ betrachtet werden, sodass wir nie den absoluten Raum als Gegenstand der Erfahrung haben. So könne in der Kajüte eines Schi es eine Kugel als in Bewegung, das Schi aber als ruhend angesehen werden; im Verhältnis zum Ufer ist das Schi aber in Be- wegung (vgl. 2:16f.; 4:487f.). Wie bereits in der vorkritischen Schrift → Neuer Lehrbegri der Be- wegung und Ruhe zieht Kant daraus den Schluss, dass es keinen absoluten Raum gibt (vgl. 2:17). Doch dessen ungeachtet ist in den → Metaphysi- schen Anfangsgründen der Naturwissenschaft der absolute Raum die Bedingung aller relativen Räu- me und daher ein „nothwendiger Vernunftbegri “ (4:559). Denn der absolute Raum ist „als eine Idee, welche zur Regel dienen soll, alle Bewegung in ihm blos als relativ zu betrachten, nothwendig, und alle Bewegung und Ruhe muß auf den absolu- ten Raum reducirt werden, wenn die Erscheinung derselben in einen bestimmten Erfahrungsbegri (der alle Erscheinungen vereinigt) verwandelt wer- den soll“ (4:560). Damit gehört der absolute Raum zu den → regulativen Ideen.
Weiterführende Literatur Carrier, Martin: „Kant’s Relational Theory of Abso- lute Space“, in: Kant-Studien 83, 1992, 399–416. Palter, Robert: „Absolute space and absolute mo- tion in Kant’s critical philosophy“, in: Synthe- se 23, 1971, 47–62. Stang, Nicholas: „Kant’s Possibility Proof“, in:
History of Philosophy Quarterly 27, 2010,
275–299.
Mit ‚Abstammung‘ bezieht sich Kant auf die Herkunft oder Entstehungsgeschichte eines Be- gri s (vgl. KrV A 86 / B 119), eines Organismus (vgl. 2:430) oder eines Volkes (vgl. 7:311). Weite- re wichtige Stellen: 2:430; KrV A 86 / B 119; KrV A 447 / B 475; 4:477; 6:39; 6:468; 7:188; 7:311–317; 8:100–110; 8:164–165.
14 | Abstoßung
Verwandte Stichworte Menschenrassen; Naturgeschichte; Stammbe- gri
Philosophische Funktion In der Naturgeschichte gilt „die Bü onsche Re- gel, daß Thiere, die mit einander fruchtbare Jungen erzeugen“ (2:429), eine gemeinsame Ab- stammung haben müssen und deshalb zur sel- ben natürlichen → Gattung gehören. Die Abstam- mung begründet eine „Naturgattung“ im Ge- gensatz zu einer „Schulgattung[]“, die auf Ähn- lichkeiten basiert (2:429). Menschenrassen bil- den nicht verschiedene Arten, „denn diese be- deuten eben die Verschiedenheit[] der Abstam- mung“ (2:430). Dabei benutzt der Naturhisto- riker „die erblichen Merkmale“, um „die ur- sprüngliche Stammbildung“ zu rekonstruieren (2:430). Mit der Abstammung von Ereignissen oder Organismen bezieht sich Kant in seiner Naturphilosophie auf ihre Herkunft durch ei- ne Kausalkette der Erzeugungen bzw. Zeugun- gen (vgl. KrV A 483 / B 511). In Anspielung auf die zwei „Stämme“ (KrV A 15 / B 29) der Erkennt- nis, Sinnlichkeit und Verstand, bezeichnet Ab- stammung in der Erkenntnistheorie auch die Her- kunft eines Begri s oder einer Vorstellung (vgl. KrV A 86 / B 119) oder auch eines Wissensgebiets (vgl. 4:477). Reine Begri e brauchen allerdings eine Rechtfertigung oder „Deduction“ und ha- ben einen „ganz anderen Geburtsbrief, als den der Abstammung von Erfahrungen“ (KrV A 87 / B 119).
Abstoßung tritt als Begri erst spät in Kants Oeu- vre auf und ist hauptsächlich im Op. post. so- wie dessen Umfeld zu nden. Abstoßung hat im Wesentlichen zwei Bedeutungen: der Begri bezieht sich zum einen auf Spannungskräfte an den Kontaktgrenzen oder Ober ächen von Flüssigkeiten, zum anderen auf thermische En- ergie bzw. die ungerichtete Teilchenbewegung, die als Wärme erscheint. Nur gelegentlich wird der Begri sinngleich mit dem der → Zurücksto- ßungskraft verwendet (vgl. 22:242; 22:522). Wich- tige Stellen: 21:275; 21:333; 21:504; 22:214; 22:432;
23:483.
Verwandte Stichworte Zurückstoßungskraft; Äther; Wärme
Philosophische Funktion Der Begri der Abstoßung in Op. post. ist zweideu- tig. Kant unterscheidet zwischen zwei Bedeutun- gen, der „Flächenkraft“ und der „durchdringen- de[n] Kraft“: erstere ist die Abstoßung bei Flüssig- keiten, letztere ist das Wesen der Wärme (21:333). Als „empirische Flächenkraft“ bestimmt Absto- ßung die Flüssigkeitsgrenzen und dynamisch die Ober äche von Materie (21:275). Als „innere Be- wegung des Durchdringens“ (22:432) stellt die Abstoßung „aller materialen inneren Theile aller Körper“ Wärme dar (22:214). Kant behauptet, alle Berührung sei elementar Abstoßung (22:504). Martin Schönfeld
abstrakt (in abstracto)
„Die Ausdrücke des Abstracten und Concreten beziehen sich also nicht sowohl auf die Begri e an sich selbst – denn jeder Begri ist ein abs- tracter Begri – als vielmehr nur auf ihren Ge- brauch“ (9:99). Alle Begri e sind abstrakt, da sie allgemeine Vorstellungen ohne unmittelbaren Ge- genstandsbezug sind. Sie können aber entweder konkret (in concreto) oder abstrakt (in abstrac- to) gebraucht werden. Beim konkreten Gebrauch werden sie auf einen besonderen Gegenstand an- gewandt, während beim abstrakten Gebrauch von jeder solchen Anwendung abgesehen wird. Weite- re wichtige Stellen: 2:278f.; 2:394; KrV A 284 . / B 340 .; 4:279; 4:369f.; 8:199f.; 9:19; 9:95; 9:99f.
Verwandte Stichworte Abstraktion; Begri ; Regel
Philosophische Funktion Anschauungen sind konkret und beziehen sich unmittelbar auf besondere Gegenstände. → Begrif- fe sind dagegen allgemeine Vorstellungen, die sich nicht unmittelbar, sondern erst durch ihre Anwen- dung auf Gegenstände beziehen. In dieser Anwen- dung besteht der konkrete Begri sgebrauch: Ein besonderer Fall wird unter die allgemeine Vorstel- lung subsumiert (→ subsumieren, Subsumtion). Einen Sonderstatus hat für Kant die reine Mathe- matik (→ Mathematik), da sie „alle ihre Begri e in concreto und dennoch a priori“ (4:281) in der
Abstraktion | 15
reinen Anschauung darstellen kann. Einen rein abstrakten Begri sgebrauch macht die → Logik, die von der Anwendung der Begri e auf Gegen- stände generell abstrahiert und nur ihre formalen und allgemeinen Verhältnisse untereinander be- handelt. Sie kennt allerdings verschiedene Grade der Abstraktion: Je weniger spezi sche Bestim- mungen ein Begri enthält, desto abstrakter wird er gebraucht, je mehr, desto konkreter (vgl. 9:99f.). Silvan Imhof
Abstraktion (Absonderung) ist die Handlung des Verstandes, → Vorstellungen „von der Verbindung mit anderen in Einem Bewußtsein abzuhalten“ (7:131). Weitere wichtige Stellen: 2:276f.; 7:131f.; 8:207 Anm.; 9:45; 9:93–95; 9:99f.; 28:307.
Verwandte Stichworte Begri ; Logik
Philosophische Funktion 1 Anthropologie Bereits seit Anfang der 1760er Jahre de niert Kant Abstraktion (abstractio) als der → Aufmerksam- keit (attentio) entgegenwirkende Tätigkeit: „Eine jede Abstraction ist nichts anders, als eine Auf- hebung gewisser klaren Vorstellungen, welche man gemeiniglich darum anstellt, damit dasjeni- ge, was übrig ist, desto klärer vorgestellt werde. Jedermann weiß aber, wie viel Thätigkeit hiezu erfordert wird, und so kann man die Abstraction eine negative Aufmerksamkeit nennen, das ist, ein wahrhaftes Thun und Handlen, welches derje- nigen Handlung, wodurch die Vorstellung klar wird, entgegengesetzt ist und durch die Verknüp- fung mit ihr das Zero, oder den Mangel der klaren Vorstellung zuwege bringt“ (2:190f.). Bloße Unter- lassung der Aufmerksamkeit ist aber Zerstreuung („distractio“, 7:131). Später werden Abstraktion und Aufmerksam- keit als Arten des „Bestreben[s] sich seiner Vorstel- lungen bewußt zu werden“ bestimmt (7:131). Zu ihrem Rangverhältnis erklärt Kant: „Von einer Vor- stellung abstrahiren zu können, selbst wenn sie sich dem Menschen durch den Sinn aufdringt, ist ein weit größeres Vermögen, als das zu attendiren:
weil es eine Freiheit des Denkungsvermögens und die Eigenmacht des Gemüths beweist, den Zu-
stand seiner Vorstellungen in seiner Gewalt zu ha- ben (animus sui compos). — In dieser Rücksicht ist nun das Abstractionsvermögen viel schwerer, aber auch wichtiger als das der Attention, wenn es Vorstellungen der Sinne betri t“ (7:131). Im Umgang mit anderen Menschen ist das Unvermögen zu abstrahieren, verbunden mit der Unart, seine Aufmerksamkeit auf das Fehlerhafte bei anderen zu richten, unbillig und unklug. Dem ist durch Übung und Kultivierung des Abstrak- tionsvermögens zur „Gemüthsstärke“ (7:132) zu begegnen.
2 Logik Kant korrigiert den Gebrauch des Begri s Abs- traktion in der Logik: „Man braucht in der Logik den Ausdruck Abstraction nicht immer richtig. Wir müssen nicht sagen: Etwas abstrahiren (ab- strahere aliquid), sondern von Etwas abstrahiren (abstrahere ab aliquo)“ (9:95). Abstraktion ist al- so nicht der Akt des Heraushebens eines Teils komplexer Vorstellungen, sondern die negative Operation der Beseitigung von Vorstellungen oder des Fernhaltens der Aufmerksamkeit von Vorstel- lungen, die mit anderen verbunden sind oder sich mit ihnen zu verbinden tendieren. Abstraktion im Sinne des „etwas abstrahieren“ ist allein den Che- mikern möglich, „wenn sie eine Flüssigkeit von anderen Materien ausheben, um sie besonders zu haben“ (8:199 Anm.). Diese Korrektur ist eine implizite Kritik an → Lockes empiristischer Begri stheorie, aber auch an Kants eigenen früheren Position (vgl. 2:276f.):
Für Locke besteht Abstraktion in der Operation, aus den Eindrücken bestimmter Gegenstände her- vorgegangene Ideen durch Absehen von allen Um- ständen der Existenz wie Ort und Zeit ebenso wie von anderen in der Existenz der Dinge mit ihnen verbundenen Ideen zu universalen Repräsentan- ten zu machen (vgl. Locke, Versuch, S. 179 .). Lo- ckes Abstraktionstheorie zieht mithin zusammen, was nach Kant zu trennen ist: die Operationen des Heraushebens des Gemeinsamen durch → Re exi- on und die des Absehens von dem Verschiedenen, und unterstellt, die diskursive Allgemeinheit des Begri s verdanke sich der so verstandenen Abs- traktion. Wenn Abstraktion aber bloß den negativen Akt des Absehens von Vorstellungen bedeutet, ist Lockes Auffassung der Bildung von Begrif-
16 | Abstraktion
fen durch Abstraktion verfehlt. Für Kants Theo- rie des Begri s gilt, dass der Begri seiner logi- schen Form nach, d. h. als analytische Einheit des Bewusstseins bestimmter Vorstellungen, im- mer Produkt des Verstandes ist, sein Inhalt mag empirisch oder rein sein. Zwar bedarf es auch nach Kant zur Bildung von empirischen Begri en außer Komparation, d. h. der „Vergleichung der Vorstellungen unter einander im Verhältnisse zur Einheit des Bewusstseins“ (9:94), und Re exion, d. i. der „Überlegung, wie verschiedene Vorstel- lungen in Einem Bewußtsein begri en sein kön- nen“ (9:94), der Abstraktion. Diese ist aber „nur die negative Bedingung, unter welcher allgemein- gültige Vorstellungen erzeugt werden können, die positive ist die Comparation und Re exion. Denn durchs Abstrahiren wird kein Begri , die Abstraction vollendet ihn nur und schließt ihn in seine bestimmten Grenzen ein“ (9:95 Anm.; vgl. 16:552f.). Verkürzend heißt es bei Kant: „Man sagt daher nicht, etwas abstrahiren (absondern), sondern von etwas, d. i. einer Bestimmung des Gegenstandes meiner Vorstellung, abstrahiren, wodurch diese die Allgemeinheit eines Begri s erhält [d. h. erhalten kann] und so in den Verstand aufgenommen wird“ (7:131). Gelegentlich di erenziert Kant noch zwi- schen abstrahieren und separieren: die aufgrund von Komparation gefundene „Einheit des Bewußt- seins“ (9:94) wird separiert und von dem Verschie- denen wird abstrahiert. Z. B. werden zur Bildung des Begri s Baum Fichte, Weide und Linde vergli- chen; das Gemeinsame: Stamm, Äste etc. abstra- hieren wir nicht, sondern wir separieren es und von dem Verschiedenen (Figur, Blätter etc.) wird abstrahiert (vgl. 24:566f.). Durch fortgesetzte Abstraktion können aus niederen Begri en höhere gebildet werden (vgl. 9:99). Diese sind der kantischen Abstraktionslehre folgend nicht abstrakte, d. h. abstrahierte Begrif- fe, sondern „abstrahirende (conceptus abstrahen- tes) [zu] nennen, d. h. solche, in denen mehrere Abstractionen vorkommen“ (9:95 Anm.). Der Un- terschied von abstrakt und konkret wird korrekt nur auf den Gebrauch der Begri e angewandt:
Abstrakt wird ein Begri gebraucht, wenn er von der Verschiedenheit der Gegenstände, die durch ihn gedacht werden, absehend zur Vorstellung des jeweiligen Gegenstandes überhaupt verwen- det wird. Der konkrete Gebrauch eines Begri s
besteht in seiner Anwendung auf ein besonderes durch ihn gedachtes Objekt. Als Beispiel führt Kant den Gebrauch des Begri s ‚Kind‘ an: „Wer Erziehungsregeln entwerfen will, kann es thun so, daß er entweder blos den Begri eines Kindes in abstracto, oder eines bürgerlichen Kindes (in concreto) zum Grunde legt, ohne von dem Unter- schiede des abstracten und concreten Kindes zu reden“ (8:199 Anm.).
3 Erkenntnistheorie Für die Erkenntnislehre haben diese Präzisierun- gen in der logischen Abstraktionstheorie weitrei- chende Folgen, indem damit auch die Möglich- keit nichtempirischer Begri e (mathematische Begri e, Kategorien, Ideen) als abstrahierender, aber nicht abstrakter Begri e erklärbar wird. Ent- springen Begri e als solche, ihrer logischen Form nach, nicht via abstractionis, so wird die Frage nach dem Ursprung ihres Inhalts von der nach der Erzeugung ihrer Form abgekoppelt und damit entfällt das empiristische Präjudiz, sie seien alle- samt abstrahiert (vgl. dazu exemplarisch Kants Kritik an → Eberhards Verwendung der Ausdrücke ‚abstrakter Raum‘, ‚abstrakte Zeit‘: 8:199 Anm.). Indessen ist die Notwendigkeit der Abstrak- tion zur Bildung von Begri en ein Signum der Endlichkeit des menschlichen Verstandes, dem anders als dem unbeschränkten göttlichen Ver- stand nicht durch sein Denken das Ganze des Mannigfaltigen der Gegenstandsvorstellung in seiner Vollständigkeit gegeben ist. „Die Ursprüng- lichkeit des intellectus originarii ist: daß er alle Theile erkennt aus dem Ganzen, und nicht das Ganze aus den Theilen; denn er erkennt alles und determinirt limitando alle Dinge. Die Erkenntnis- se des intellectus originarii sind nicht Begri e, sondern Ideen. Begri e sind allgemeine discursive Vorstellungen und allgemeine Merkmale der Din- ge. Zu allen Begri en wird Abstraction erfordert; das ist aber ein Mangel; wir schränken also unsere Vorstellungen ein, und dadurch erhalten wir klare Begri e und Vorstellungen. Da aber der intellec- tus originarius illimitirt ist; so kann er nicht auf Einschränkung und Abstraction beruhen“ (28:328; vgl. 8:400). Aus der Unproduktivität des mensch- lichen Verstandes folgt nicht nur, dass durch den Begri das Mannigfaltige der Gegenstandsvor- stellung nicht gegeben ist, er also auf sinnliche Anschauung als dessen Quelle angewiesen ist,
Achenwall, Gottfried | 17
sondern auch, dass das anschaulich Gegebene begri en werden können muss und d. h. dass von der Vorstellung des ganzen Gegenstandes umwil- len der Bildung einer allgemeinen Teilvorstellung abgesehen werden können muss.
Dt. Reichsgelehrter, Historiker und Staatslehrer (1714–1772), seit 1748 Professor für Naturrecht in Göttingen, Autor von Prolegomena Iuris Natura- lis ( 3 1767), Ius Naturae (pars prior) ( 6 1767), Iuris Naturalis pars posterior ( 6 1768). Das sind die letz- ten vom Autor selbst besorgten Auflagen. Kant hat Achenwalls Naturrechtskompendium sehr ge- schätzt. Schon als Magister hält er Vorlesungen über Achenwalls Naturrecht, in der Zeit nach sei- ner Ernennung zum Professor kündigt er die Vor- lesung „Ius Naturae secundum Achenwall“ o. ä. zwischen dem Sommersemester 1771 und dem Wintersemester 1789/90 in den Königsberger Vor- lesungsverzeichnissen vierzehnmal an (vgl. Ober- hausen/Pozzo, Vorlesungsverzeichnisse). Von der Vorlesung im Sommersemester 1784 ist eine Nach- schrift erhalten (vgl. 27:1317–1394). Dabei hat Kant die 2. Au . der Prolegomena Iuris Naturalis und die 5. Au . der beiden Bände des Ius Naturae (alles von 1763) benutzt: Die Gliederung der Vorlesung folgt der 5. Au . von Ius Naturae (pars prior) und nicht der demgegenüber geänderten 6. Au . (dazu näher Hruschka, Auf dem Wege zum Kategorischen Imperativ, S. 169, Fn. 6). Auch bei der Abfassung der MSR hat Kant die 5. Au . benutzt: Seine De ni- tion des Vertrages (→ Vertrag) entspricht der von Achenwall in der 5. Au . gegebenen und nicht der demgegenüber geänderten De nition der 6. Au . Die 5. Au . von Iuris Naturalis pars posterior ist in 19:325–442 abgedruckt. Im Gemeinspruch bezeichnet Kant Achen- wall als einen „in seinen Lehren des Naturrechts sehr behutsamen, bestimmten und bescheidenen“ Autor (8:301). In MSR wird Achenwall zweimal na- mentlich erwähnt (vgl. 6:286; 6:306). Achenwalls Ein uss auf Kants Rechtsphilosophie schlägt sich vor allem in Kants Begri lichkeit nieder. Kant kritisiert Achenwalls Gegensatz von ‚gesellschaft- lichem Zustand‘ (status socialis) und ‚außerge- sellschaftlichem‘ oder ‚natürlichem Zustand‘ (sta- tus extrasocialis s. naturalis), den er durch den
Gegensatz von „rechtliche[m]“ und „nicht-recht- liche[m]“ oder „natürliche[m] Zustand“ ersetzt (6:306). Er übernimmt von Achenwall die Unter- scheidung der Begri e originarium (‚ursprüng- lich‘) und adventitium (‚zufällig‘), der Sache nach auch die Unterscheidung von ‚ursprünglichem Zustand‘ (status originarius) und ‚zufälligem Zu- stand‘ (status adventitius). Für die letztere Unter- scheidung entwickelt er eine neue Terminologie, die Unterscheidung von → „Lex iusti“ und „Lex iuridica“ (6:236; vgl. 6:267; 6:306). „Ursprünglich“ ist bei Achenwall alles, was jedem rechtlichen Akt (factum iuridicum) vorangeht, eine De nition, die Kant übernimmt (6:250; 6:262; 6:267). Zum Ur- sprünglichen gehören bei Kant das „urspüngliche [Freiheitsrecht]“ (6:237), die „ursprüngliche Ge- meinschaft des Bodens und [ ] der Sachen auf demselben (communio fundi originaria)“ (6:251), der „ursprünglich und a priori vereinigte[] Wille[]“ (6:267), der „ursprüngliche Contract“ (6:315), die „ursprüngliche[] Gesetzgebung im bürgerlichen Zustande“ (6:340). Zufällig sind demgegenüber „positiv[e]“ „Gesetz[e]“ (6:227), die tatsächlichen „Verhältnisse“ (6:468), in denen wir uns be nden, ein tatsächlich „allseitiger [ ] Wille“ (6:263), die Wirklichkeit einer „bürgerliche[n] Verfassung“ (6:264). Ferner übernimmt Kant die von Achen- wall entwickelten deontischen Operatoren mit der Unterscheidung von „[e]rlaubt [ ] (licitum)“ und „bloß erlaubt [ ] (indi erens)“ (6:222–223) und den Begri des „Erlaubnißgesetz[es] (lex permis- siva)“ so, wie dieser Begri in 6:223; 6:247 verwen- det wird (→ Erlaubnisgesetz), und andere Begri e mehr (→ Eigentum und → Kauf/Miete).
Weiterführende Literatur Byrd, B. Sharon / Hruschka, Joachim: Kant’s Doc- trine of Right – A Commentary, Cambridge:
Cambridge University Press 2010, insbes. 15–19. Byrd, B. Sharon / Hruschka, Joachim: „Lex iusti, lex iuridica, lex iustitae in Kants Rechtslehre“, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 91, 2005, 484–500. Hruschka, Joachim: Das deonotologische Sechs- eck bei Gottfried Achenwall, Hamburg: Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften 1986. Hruschka, Joachim: „The Permissive Law of Prac- tical Reason in Kant’s ‚Metaphysics of Morals‘“, in: Law and Philosophy 23, 2004, 45–72. Joachim Hruschka
| Achtung, Achtung für das Gesetz
Achtung, Achtung für das Gesetz
Unter Achtung für das Gesetz versteht Kant das Bewusstsein freier und vernunftbegabter Hand- lungssubjekte, unter der Forderung des morali- schen Gesetzes zu stehen (vgl. 4:401 Anm.; 5:80; 5:117). Aufgrund der Wirkung, die das Bewusst- sein dieser moralischen „Nöthigung“ (5:80) auf die → Sinnlichkeit eines endlichen Vernunftwe- sens ausübt, bezeichnet er diese Achtung auch als ein moralisches Gefühl, durch das das → Sit- tengesetz Triebfeder zur → guten Handlung ist (vgl. 5:75). In der MST versteht Kant die Achtung („reverentia“, 6:402) im Unterschied dazu zum einen als eine „Selbstschätzung“ (6:399), die ei- ne der Bedingungen dafür ist, dass Menschen sich überhaupt als verp ichtet denken können (vgl. 6:399; 6:402). Zum anderen bezeichnet die „Achtung“ („observantia“, 6:462) hier eine der „Tugendp ichten gegen Andere“ (6:448). Weitere wichtige Stellen: 4:401; 5:71–89; 6:399; 6:402f.; 6:448f.; 6:462–468.
Verwandte Stichworte Gefühl, moralisches; Gesetz, moralisches; Triebfeder; Tugendp icht
1 Achtung als Triebfeder: Achtung für das Gesetz
Kant bezeichnet die Achtung für das Gesetz als ein „sonderbare[s] Gefühl, welches mit keinem pathologischen in Vergleichung gezogen werden kann“ (5:76). Im Gegensatz zum „pathologischen“ → Gefühl ist es nicht-empirischer Herkunft, da es nicht auf sinnliche ‚Ein üsse‘ zurückzuführen und daher kein Produkt der → Rezeptivität der Sinnlichkeit ist (vgl. 4:401 Anm.), sondern auf ei- nem reinen „Vernunftbegri “ (4:401 Anm.), dem Moralgesetz, beruht. Kant bringt diesen Gedan- ken in der Formulierung zum Ausdruck, das mo- ralische Gefühl der Achtung sei „lediglich durch Vernunft bewirkt“ (5:76) bzw. ein „durch einen Ver- nunftbegri selbstgewirktes Gefühl“ (4:401 Anm.). Es ist zu verstehen als eine „Wirkung des Geset- zes aufs Subject und nicht als Ursache dessel- ben“ (d. h. des Gesetzes) (4:401 Anm.). Dies meint Kant, wenn er schreibt, dass die „Achtung vor dem Gesetze [ ] subjectiv als moralisches Gefühl bezeichnet wird“ (6:464). Aufgrund ihrer Sonder-
stellung ist die Achtung „das einzige [Gefühl], welches wir völlig a priori erkennen“ (5:73; vgl. 5:79). Im Kontext praktischer Deliberation stellt es sich notwendigerweise ein und kann bei allen endlichen Vernunftwesen vorausgesetzt werden (vgl. 5:77). Wie Kant schon früh in Abgrenzung zur Mo- ral-Sense-Philosophie betont, können Gefühle keine verlässliche Grundlage von moralischen → Urteilen sein (vgl. z. B. Re . 6634, 19:120; 29:626 und Kant, Vorlesung zur Moralphilosophie, S. 26). Dementsprechend „dient [das moralische Gefühl der Achtung] nicht zu Beurtheilung der Handlun- gen, oder wohl gar zur Gründung des objectiven Sittengesetzes selbst“ (5:76; vgl. auch 4:460). Sei- ne Funktion besteht hingegen darin, Triebfeder zur Befolgung des moralischen Gesetzes zu sein (vgl. 5:76). Der GMS zufolge haben genau diejenigen → Handlungen moralischen → Wert, die aus Ach- tung für das Gesetz vollzogen werden (vgl. 4:440; 5:71; 5:81; → Handlung, gute/böse). Solche Hand- lungen stimmen mit dem Sittengesetz nicht nur äußerlich überein, sondern sind durch die Vor- stellung dieses Gesetzes selbst bzw. durch den P ichtgedanken motiviert (→ P icht; p ichtmä- ßig / aus P icht / aus Neigung). Im Kapitel über die ‚Triebfedern der reinen praktischen Vernunft‘ der KpV beschreibt Kant das Gefühl der Achtung als subjektive Wirkung des Moralgesetzes auf den → Willen (vgl. 5:71–89; → Kritik der praktischen Vernunft). Die dort formu- lierte Frage, „auf welche Art das moralische Gesetz Triebfeder werde“ (5:72), ist Teil seiner Argumen- tation für die zentrale These der KpV, „daß es reine praktische Vernunft gebe“ (5:3). Das „Verhältnis[] der reinen praktischen Vernunft zur Sinnlichkeit“ (5:90) wird hier durch eine Beschreibung der fakti- schen Wirkung des Moralgesetzes auf das mensch- liche → Gemüt analysiert, die mehrere Aspekte umfasst (vgl. 5:78f. sowie Schadow, Achtung für das Gesetz, S. 241–249). So wird zunächst der Wille als reine → praktische Vernunft durch das morali- sche Gesetz im „Urtheile der Vernunft“ bestimmt (5:78). Als rationales und freiheitliches Wesen ver- bindet der Mensch dieses Vernunfturteil gleich- zeitig mit einer Bewertung seiner „Neigungen“ und seiner eigenen „Person“ (5:78). Weil die „Mei- nung seines persönlichen Werths“ angesichts der moralischen Inadäquatheit der auf → Neigungen
Achtung, Achtung für das Gesetz | 19
beruhenden → Willensbestimmung „auf nichts“ herabgesetzt wird, ruft das vernünftige morali- sche Urteil ein Gefühl der → Unlust hervor (5:78). Kant bezeichnet diese „negative Wirkung“ des „Gesetzes aufs Gefühl“ als „Demüthigung“ (5:78; vgl. auch 6:435; → Demütigung). Die „Demüthi- gung des Eigendünkels“ (5:79) bezeichnet jedoch nur einen Aspekt der Wirkung des Sittengesetzes, nämlich sofern die „sinnliche[] Seite“ des mensch- lichen Willens betro en ist (5:79). Als zwar von Neigungen a ziertes, jedoch freies und vernunft- begabtes Wesen erlebt der Mensch diese Wirkung zudem ‚positiv‘ in Form einer „Erhebung der mo- ralischen [Seite]“, da mit dem Bewusstsein des Moralgesetzes „das Bewußtsein einer Thätigkeit der praktischen Vernunft aus objectiven Grün- den“ (5:79) – und das heißt: das Wissen um das Moralgesetz als einem Gesetz der eigenen prakti- schen Vernunft – verbunden ist. In der „prakti- schen Schätzung des Gesetzes selbst“ (5:79) wirkt das Gesetz willensbestimmend (→ praktisch) und motivierend, indem durch das Bewusstsein die- ses Gesetzes und das damit verbundene Wissen um die eigene → moralische Anlage zur „Persön- lichkeit“ (6:27) „subjective Ursachen“ zugunsten von „objectiven Gründen“ zurückgestellt werden (5:79). Die positive Einstellung zum moralischen Gesetz bezeichnet Kant schließlich als „Achtung fürs Gesetz“, die ihrerseits „subjectiver Grund der Thätigkeit“ und das heißt: „Triebfeder“ ist (5:79). Kants Überlegung beruht auf der handlungs- theoretischen Voraussetzung, dass endliche We- sen wie der Mensch „irgend wodurch zur Thä- tigkeit angetrieben“ werden müssen (5:79), d. h. nach Triebfedern handeln. Da allein eine Hand- lung, die durch das Bewusstsein des moralischen Gesetzes motiviert ist, moralischen Wert hat, ist die Achtung „die einzige und zugleich unbezwei- felte moralische Triebfeder“ (5:78). Sie ist, als ein Gefühl für die P icht, der Modus, in dem sich ein freies und zugleich endliches Vernunftwesen des moralischen Gesetzes bewusst wird (vgl. Scha- dow, Achtung für das Gesetz, S. 166, S. 218, S. 273, S. 302). In ihrer Funktion als moralischer Trieb- feder macht sie die moralische Norm, die als ob- jektiver Bestimmungsgrund des Willens im Ver- nunfturteil faktisch immer schon vorliegt, auch subjektiv zu einem hinreichenden Handlungs- grund, indem sie „dem Gesetze [ ] Ansehen ver- scha t“ (5:76). In diesem Sinne ist die Achtung
„Grund zu Maximen eines ihm [dem moralischen Gesetz] gemäßen Lebenswandels“ (5:79). Denn das „moralische Interesse“, das sie bewirkt (5:79), ist ein „Vernunftinteresse“, das einer „intellec- tuelle[n] Lust“ an der Bestimmung des Willens durch das Gesetz entspricht (6:212; → Interesse, moralisches; Vernunft, Interesse der). Damit ist das moralische Gesetz Triebfeder, weil sich ein endliches Vernunftwesen dieses Gesetzes mit Ach- tung bewusst wird und dieses Bewusstsein des Sittengesetzes über die negative Wirkung eines Unlustgefühls eine positive, motivierende Wir- kung hat, die sich als „praktische Schätzung des Gesetzes selbst“ und das heißt: als „Achtung fürs Gesetz“ in der Willensbestimmung bemerkbar macht (5:79). Insofern liefert Kant mit seiner Leh- re von der Achtung für das Gesetz in der KpV eine ‚Theorie der moralischen Sensibilität‘ (vgl. Reath, Kant’s Theory of Moral Sensibility), mit der er zeigt, dass Menschen gerade deshalb Autoren der Mo- ral sind, weil sie als zugleich sinnlich veranlagte Subjekte für die Gebote ihrer eigenen Vernunft empfänglich sind.
2 Achtung als ‚Selbstschätzung‘
In der Einleitung in die MST zählt Kant die Ach- tung unter die „[ä]sthetische[n] Vorbegri e der Empfänglichkeit des Gemüths für P ichtbegri e überhaupt“ (6:399). Neben dem „moralische[n] Ge- fühl“, dem „Gewissen“ und der „Liebe des Nächs- ten“ bezeichnet er sie hier als eine der „natürli- che[n] Gemüthsanlagen (praedispositio) durch P ichtbegri e a cirt zu werden“ (6:399). Dabei wird Achtung hier genauer verstanden als „Ach- tung für sich selbst (Selbstschätzung)“ (6:399; → Selbstschätzung) und stellt „ein Gefühl eige- ner Art“ dar (6:402). Sie geht aus der Wirkung des Bewusstseins „eines moralischen Gesetzes [ ] aufs Gemüth“ hervor (6:399) und ist die Voraus- setzung dafür, dass Menschen sich überhaupt als verp ichtet denken können: „denn er muß Ach- tung vor dem Gesetz in sich selbst haben, um sich nur eine P icht überhaupt denken zu können“ (6:403). Kant nimmt hier den bereits in der KpV an- gedeuteten Gedanken von der positiven Wirkung des Autonomiebewusstseins auf das menschliche Gemüt wieder auf, wenn er das Bewusstsein von einer „inneren Gesetzgebung“ als Grund für die „Achtung (reverentia) gegen sich selbst“ bezeich- net (6:436).
20 | Ackerbau
3 Tugendpflichten aus Achtung
Schließlich gibt es eine Verwendung des Aus- drucks ‚Achtung‘ in der MST, in der Kant die Ach- tung mit einer Klasse von Tugendp ichten ver- bindet, insofern er von „Tugendp ichten gegen andere Menschen aus der ihnen gebührenden Ach- tung“ spricht (6:462; vgl. 6:464). Dabei besteht die Achtung, „die ich für andere trage [ ] (observan- tia [ ])“ (6:462; vgl. 6:449), in der „Anerkennung einer Würde (dignitas) an anderen Menschen, d. i.
eines Werths, der keinen Preis hat“ (6:462). Sie ist „nur eine negative P icht“, da sie nicht (positiv) fordert, „andere [ ] zu verehren“ (6:467), son- dern lediglich (negativ), „sich nicht über Andere zu erheben“ (6:449) – und das heißt, in einer For- mulierung der GMS, sie „niemals bloß als Mittel [zu] brauch[en]“ (4:429). Eine positive P icht der Achtung kann es hingegen nur in Bezug auf das Gesetz selbst geben; „dieses, nicht aber andere Menschen überhaupt zu verehren [ ], ist allge- meine und unbedingte Menschenp icht gegen Andere“ (6:468). „Alle Achtung für eine Person ist eigentlich nur Achtung fürs Gesetz [ ]“ (4:401 Anm.), denn „es hat nichts einen Werth als den, welchen ihm das Gesetz bestimmt“ (4:436). In- dem er sich nach dem „Princip der Gleichheit“ (6:451) unter dasselbe Gesetz mit allen anderen Menschen stellt, erfüllt der Mensch seine (nega- tive) P icht, sich „nicht über Andere zu erheben“ (6:449; vgl. Sensen, Duties to Others From Re- spect, S. 348f.). Damit ist die P icht der Achtung gegenüber anderen Menschen ihrer Form nach der → Rechtsp icht „analog“, da sie wie diese darauf gerichtet ist, „niemanden das Seine zu schmälern“ (6:449), weshalb sie als „bloße Tu- gendp icht, verhältnißweise gegen die Liebes- p icht“ als „enge [ ] P icht angesehn“ werden muss (6:450). Mit der „P icht der Achtung meines Nächs- ten“ (6:450) geht der „rechtmäßige[] Anspruch auf Achtung von seinen Nebenmenschen“ einher (6:462; vgl. 6:464). Den Mangel an Achtung be- zeichnet Kant als „Laster“ (6:464). Formen dieses „die P icht der Achtung für andere Menschen ver- letzenden Laster[s]“ (6:465) sind der → Hochmut, die üble → Nachrede und die Verhöhnung (vgl. 6:465–468). Während „Liebe und Achtung“ prin- zipiell auch „abgesondert (jede für sich allein) erwogen werden und so auch bestehen“ können (6:448), sind die P ichten der → Liebe und der
Achtung in der → Freundschaft miteinander ‚ver- einigt‘ (vgl. 6:469; → Freundschaft; siehe dazu Bacin, Duties of Love and Duties of Respect).
Weiterführende Literatur Engstrom, Stephen: „The ‚Triebfeder‘ of Pure Practical Reason“, in: Reath, Andrews / Timmermann, Jens (Hg.): Kant’s ‚Critique of Practical Reason‘. A Critical Guide, Cambridge:
Cambridge University Press 2010, 90–118. McCarty, Richard: „Kantian Moral Motivation and the Feeling of Respect“, in: Journal of the His- tory of Philosophy 31, 1993, 421–435. Reath, Andrews: „Kant’s Theory of Moral Sensi- bility. Respect for the Moral Law and the In u- ence of Inclination“, in: Kant-Studien 80, 1989, 284–302; wiederabgedruckt in: ders.: Agency and Autonomy in Kant’s Moral Theory. Selected Essays, Oxford: Oxford University Press 2006,
8–32.
Schadow, Ste : Achtung für das Gesetz. Moral
und Motivation bei Kant, Berlin u. a.: de Gruyter
Sensen, Oliver: „Duties to Others from Respect (TL 6:462–468)“, in: Sensen, Oliver / Timmermann, Jens / Trampota, Andreas (Hg.): Kant’s ‚Tugend- lehre‘. A Comprehensive Commentary, Berlin u. a.: de Gruyter 2013, 343–364. Zinkin, Melissa: „Respect for the Law and the Use of Dynamical Terms“, in: Archiv für Geschichte der Philosophie 88, 2006, 31–53. Ste Schadow
Ackerbau ist die Bearbeitung des Bodens und P anzung als Subsistenzgrundlage. Er ist hand- werklich mühsam und abhängig von → Witterung und Grundeigentum, sowie der Fähigkeit, dieses letztere zu verteidigen. Wichtige Stellen: 8:118; 9:228; 9:244; 15:777.
Verwandte Stichworte Boden (rechtlich); Geographie, physische; Kultivieren
Philosophische Funktion Ackerbau zählt für Kant zu jenen Eigenschaften und Fähigkeiten, die den „Character der Mensch- heit überhaupt“ (15:777) ausmachen. Kant verortet
actio in distans | 21
die Ursprünge nahezu der gesamten menschli- chen Kulturleistungen, darunter auch den des Ackerbaus, in Indostan, dem „Urplatz der Künste und Wissenschaften“ (9:228). In Kants Kollegien zur → Physischen Geographie, in deren Zusam- menhang der Ackerbau am häu gsten erwähnt wird, ndet sich eine Hierarchisierung der Arten des → Menschen, seine Lebensgrundlage zu er- wirtschaften, bei der die → Freiheit das Kriterium der Unterscheidung stellt. Hierbei sind die um- herziehenden Sammler, die von → P anzen leben, die Freiesten, gefolgt von nomadisch lebenden Hirten. An zweitletzter Stelle stehen die sesshaf- ten Viehzüchter und zuunterst jene Menschen, die Ackerbau betreiben. Kant zufolge sind „die größten Sklaven von allen [ ] solche Völker, die den Ackerbau treiben, indem sie nicht überall ein dazu bequemes Land antre en“ (9:244). Veit Justus Rollmann
actio/passio
Actio und passio sind ursprünglich zwei der zehn Kategorien des → Aristoteles (vgl. KrV B 107; 4:323 Anm.), die in der deutschen Schulphilosophie zu den Grundbegri en der → Ontologie gezählt werden und traditionell, d. h. auch von Kant im Deutschen mit → ‚Handlung‘ und ‚Leiden‘ über- setzt werden (→ Tun und Leiden). Dabei bedeutet Handlung allgemein die → Wirkung einer akti- ven → Kraft und ist nicht eingeschränkt auf ab- sichtsvolles, intentionales Handeln. Weitere wich- tige Stellen: KrV A 82 / B 180; 4:323; 17:719; 17:681; 18:74; 28:548; 28:564f.
Verwandte Stichworte Substanz; Rezeptivität/Spontaneität; Kausalität
Philosophische Funktion Actio/passio ist ein Begri spaar der klassischen Substanzmetaphysik; es charakterisiert die Kau- salverhältnisse zwischen Substanzen, wodurch eine spezi sche Form der Gemeinschaft (lat. com- mercium) der Substanzen zustande kommt (vgl. 17:681). Kant übernimmt die Wortbedeutung im wesentlichen von der Schulphilosophie, beispiels- weise von Baumgartens Metaphysica. Danach ge- hören actio und passio zu den externen oder re- lativen Prädikaten des Seienden. Actio ist die Zu- standsänderung einer Substanz, die durch ihre
eigene Kraft bewirkt wird, passio ist dagegen die Zustandsänderung einer Substanz, die durch die Kraft einer anderen Substanz bewirkt wird (vgl. Baumgarten, Metaphysica, § 210; vgl. 17:70). Kant verwendet das Begri spaar fast ausschließlich nur in seinen Re exionen zur Metaphysik oder in seiner Metaphysik-Vorlesung. Anders als für Aris- toteles sind actio und passio für Kant nur → Prä- dikabilien (vgl. 28:548; 28:564; KrV B 108; 4:323; 18:74). Actio ist die Kausalität einer Substanz als → Ursache des Wechsels von Akzidentien, passio ist die Abhängigkeit der Akzidentien einer Sub- stanz von der Kraft einer anderen, oder auch die Wirkung der Kraft einer anderen Substanz, was Kant auch als receptivitas fasst (vgl. 17:719). Nicht jeder actio steht eine passio gegenüber, denn Kant unterscheidet wie die Scholastik zwischen actio immanens, die sich auf die handelnde Substanz selbst bezieht und mit keinem korrespondieren- den Leiden verbunden ist, und actio transiens, die sich auf eine andere Substanz bezieht, so dass der actio auf Seiten der handelnden Substanz die passio auf Seiten der leidenden Substanz korre- spondiert (vgl. 28:564 .). Für den kritischen Kant spielt der Gegensatz von actio und passio philoso- phisch in der spezi scheren Bedeutung des Be- gri spaars → Rezeptivität/Spontaneität, das von der Substanzmetaphysik gelöst und kritisch mo- di ziert ist, eine zentrale Rolle. Kristina Engelhard
Actio in distans bedeutet Fernwirkung. Es handelt sich um das Konzept einer physikalischen Wir- kung von → Körpern über beliebige Entfernungen ohne einen direkten mechanischen Kontakt wie Berührung oder Stoß: „Die Wirkung einer Mate- rie auf die andere außer der Berührung ist die Wirkung in die Ferne (actio in distans)“ (4:511). Weitere wichtige Stellen: 1:268; 4:511; 4:513; Re . 3605, 17:88; 21:249; 21:206 .; 22:434; 22:479; 22:530.
Verwandte Stichworte Mechanik; Bewegung; Gravitation; Anziehungs- kraft
Philosophische Funktion Das Konzept einer Wirkung in die Ferne wurde durch → Newtons Theorie der Gravitation gestützt.
22 | Addison, Joseph
Mit Blick auf zeitgenössische, mechanische Theo- rien der → Materie, die von einer Wirkung durch Berührung oder Stoß ausgehen, blieb → Newton hinsichtlich dieser Erklärung durch Fernwirkung allerdings skeptisch. Kant sucht die Gravitations- theorie Newtons durch die Entwicklung einer dy- namischen Theorie der Materie wie auch durch Kritik an den Voraussetzungen der vormaligen Ma- terietheorien zu stützen. Kant zufolge stützt sich der Korpuskularismus auf eine unbegründete me- taphysische Voraussetzung, derzufolge „das Rea- le im Raume [ ] allerwärts einerlei sei und sich nur der extensiven Größe, d. i. der Menge, nach unterscheiden könne“ (KrV A 173 / B 215). Dem- gegenüber zeigt Kant, dass sich das Phänomen unterschiedlicher Grade der Dichte verschiedener Materien ohne solche unbegründeten Vorausset- zungen auf Grund einer dynamischen Materie- theorie verstehen lässt, nach welcher die Dichtig- keit einer Materie von dem intensiven Grad der Erfüllung eines Raumvolumens abhängt. Zum anderen sucht Kant in MAN im Kontext seiner Theorie der Gravitation als einer Grund- kraft in „Anmerkung 1“ zum Beweis von „Lehrsatz 7“: „Die aller Materie wesentliche Anziehung ist eine unmittelbare Wirkung derselben auf andere durch den leeren Raum“ (4:512) zu zeigen, dass der Begri einer Wirkung in die Ferne nicht absurd ist (vgl. Buchdahl, Kant’s ‚Special Metaphysics‘, S. 143–154): „Der gemeinste Einwurf wider die unmittelbare Wirkung in die Ferne ist: daß eine Materie doch nicht da, wo sie nicht ist, unmittelbar wirken könne. Wenn die Erde den Mond unmittel- bar treibt, sich ihr zu nähern, so wirkt die Erde auf ein Ding, das viele tausend Meilen von ihr entfernt ist, und dennoch unmittelbar; der Raum zwischen ihr und dem Monde mag auch als völlig leer angesehen werden. Denn obgleich zwischen beiden Körpern Materie läge, so thut diese doch nichts zu jener Anziehung. Sie wirkt also an einem Orte, wo sie nicht ist, unmittelbar: etwas was dem Anscheine nach widersprechend ist. Allein es ist so wenig widersprechend, daß man vielmehr sa- gen kann, ein jedes Ding im Raume wirkt auf ein anderes nur an einem Ort, wo das Wirkende nicht ist. Denn sollte es an demselben Orte, wo es selbst ist, wirken, so würde das Ding, worauf es wirkt, gar nicht außer ihm sein; denn dieses Außerhalb bedeutet die Gegenwart in einem Orte, darin das andere nicht ist“ (4:513).
Weiterführende Literatur Buchdahl, Gerd: „Kant’s ‚Special Metaphysics‘ and The Metaphysical Foundations of Sci- ence“, in: Butts, Robert (Hg.): Kant’s Philoso- phy of Physical Science, Dordrecht: Reidel 1986,
127–161.
Pollok, Konstantin: Kants ‚Metaphysische An- fangsgründe der Naturwissenschaft‘. Ein kriti- scher Kommentar, Hamburg: Meiner 2001. Kenneth R. Westphal / Red.
Engl. Dichter, Essayist und Politiker (1672–1719); Herausgeber des zunächst täglich, später als Wo- chenschrift erscheinenden The Spectator, wel- cher Kant in Luise Gottscheds Übersetzung als Der Zuschauer vorlag (vgl. 25:1646). Kant bezieht sich mehrfach auf den Zuschauer, hauptsächlich in illustrierender Absicht: Der Narr sei vom Klu- gen „darin unterschieden daß der erstere laut denkt“ heißt es in den Bemerkungen (20:121; vgl. Spectator, S. 225) und in der Anthropologie zitiert Kant aus dem Spectator: „Deine Trommel (sagte der Quäker beim Addison zu dem in der Kutsche neben ihm schwatzenden O cier) ist ein Sinn- bild von Dir: sie klingt, weil sie leer ist“ (7:139; vgl. Spectator, S. 132). Der O zier ist Beispiel für „die Gewandtheit“, trotz „eingeschränkten Kopfs“ ganz „im gesellschaftlichen Tone zu sprechen und sich überhaupt modisch zu zeigen“ (7:139). Aus- führlich zitiert Kant eine Erlösungsvision Addi- sons in der Naturgeschichte (vgl. 1:322; vgl. Specta- tor, S. 453): Die Seele wird in dieser Vision durch die Betrachtung des Universums erhoben, weil sie an ihre Unsterblichkeit denkt und betet dankbar Gott an. Ein uss hatte Addison auch auf Kants Moral- philosophie. Das Diktum „Wer sich wohl verhalten will, handle wie Socrates, und wer glücklich seyn will wie Caesar“ (29:43) aus der Enzyklopädie- Vorlesung, mit dem Kant den Handlungskon ikt zwischen Glückseligkeits- und Sittlichkeitsstre- ben auf eine gri ge Formel bringt, ist o enbar von Addisons Cato inspiriert, in dem es heißt: „Du liebst Beobachtungen, Enthaltsamkeit und Mü- hen / Alle anstrengenden Tugenden? Lerne sie von Cato: / Erfolg und Glück musst du von Caesar lernen“ (Addison, Cato, S. 380; Übers. Vf.). Auch lässt Kant den Gedanken aus den Beobachtungen
Adhäsion | 23
„in seinem Werthe“, „daß einem Manne kein Vor- wurf könne gemacht werden, der kränkender sei, als wenn er für einen Lügner, und einem Frauen- zimmer kein bittrerer, als wenn sie für unkeusch gehalten wird“ (2:233).
Allgemein bedeutet ‚Addition‘ (auch ‚Summie- rung‘) in Kants Verständnis die sukzessive Zu- sammensetzung von Einheiten zu einer Einheit. Spezieller verwendet Kant den Terminus ‚Additi- on‘ in der üblichen Bedeutung als Bezeichnung für eine der vier Grundrechenarten. Wichtige Stel- len: KrV A 103; KrV A 163–164 / B 204–205; 4:283; 10:555; Re . 14, 14:56; Re . 3899, 17:333; Re . 4760, 17:712; 20:327.
Verwandte Stichworte Arithmetik; Rechnen; Summe
Philosophische Funktion Die technische Hauptbedeutung des Terminus ‚Addition‘ ist die mathematische Rechenopera- tion des Addierens. Die Addition betri t die Zu- sammensetzung von gleichartigen Einheiten und beinhaltet nicht nur deren sukzessive Hinzuset- zung, sondern deren Verbindung oder → Synthesis
in eine Einheit. Wie alles Rechnen ist die Addition eine Konstruktion von Größen in der → Anschau- ung. Die konstruierte → Zahl ist „eine Vorstellung
[ ], die die successive Addition von Einem zu Ei-
nem (gleichartigen) zusammenbefaßt“, das heißt, sie ist „nichts anders als die Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen einer gleichartigen Anschau- ung überhaupt, dadurch daß ich die Zeit selbst in der Apprehension der Anschauung erzeuge“ (KrV A 142f. / B 182). Das Zeichen ‚+‘ für sich allein genommen „bedeutet [ ] eigentlich keine Addi- tion, sondern nur in so fern die Größe, davor es steht, mit einer andern, davor auch + steht, oder gedacht wird, soll verbunden werden“ (2:173). Anja Jauernig
Der Adel ist ein mittlerer → Stand, der zum Be- fehlen über andere eingesetzt ist und die → Sou- veränität einerseits unterstützt, andererseits be-
schränkt; als solcher ist er ein Institut monarchi- scher → Staatsformen. ‚Adel‘ meint ferner eine besondere → Würde, die nicht aus der Ausübung eines bestimmten Amtes oder anderen Verdiens- ten resultiert, sondern vielmehr angeboren ist. Wichtige Stellen: 6:329; 6:369f.; 15:544 .; 23:366.
Verwandte Stichworte Souverän, Souveränität; Monarchie; Lehnswe- sen, Feudalwesen
Philosophische Funktion Adel existiert für Kant allein in einem Staatswesen, nicht in einem quasi natürlichen → Zustand. Er ist mithin „eine temporäre, vom Staat autorisirte Zunftgenossenschaft“ und „von der Constitution selber nicht allein abhängig, sondern [ ] nur ein Accidenz derselben“ (6:370). Es ist jedoch auch in einer Monarchie kein → Recht des jeweiligen Souveräns, einen Stand des erblichen Adels als Befehlshaber über die → Bürger einzusetzen, da nur rechtens sein kann, was letztere selbst be- schließen würden. Da eine derartige Freiheitsbe- schränkung durch einen von Geburt privilegierten Stand nicht Gegenstand des Bürgerwillens sein kann, ist die Einsetzung eines Geburtsadels durch den Monarchen nicht rechtens. Da ein Verdienst nicht vererbt wird und sich der Adel, als eine Wür- de, die mit dem Anspruch auf ein größeres Maß an Achtung einhergeht, auf Verdienst gründet, ist „ein angeerbter Adel [ ], der vor dem Verdienst vorher geht und dieses auch mit keinem Grunde ho en läßt, ein Gedankending ohne alle Realität“
(6:329).
Adhäsion ist die Haftung „gleichartiger nicht ver- schmoltzener Zwischen Materien z. B. des Wassers oder glatter Flächen fester Korper an einander“ (21:387). Für den späten Kant ist Adhäsion „nicht eine ursprüngliche Kraft“, sondern Eigenschaft des → Äthers, den Kant als eine „allverbreiteten alldurchdringenden und allbewegenden Materie welche den Weltraum erfüllt“ (21:576), versteht. Wichtige Stellen: 1:377; 21:383; 21:387.
Verwandte Stichworte Äther; Kohäsion, Kohäsibilität; Kraft
24 | Adiaphora
Philosophische Funktion Kant scheint Adhäsion (adhaesio) und Kohäsi- on (cohaesio) synonym zur Bezeichnung des Zu- sammenhangs unter den Teilen eines Körpers zu verwenden. Dies war bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts hinein nicht unüblich (vgl. das Stichwort ‚Cohäsion‘ in Ersch/Gruber, Allgemeine Encyclopädie, Sektion I, Teil 18, S. 204). Bei der Erklärung der Kohäsion fester und (trop ar) üssiger Körper standen sich im 18. Jahr- hundert zwei prinzipielle Ansätze gegenüber, ein mechanistischer, der die Kohäsion auf den Druck einer die Körper umgebenden elastischen Materie (Äther) zurückführte, und ein dynami- scher, der sie mit Anziehungskräften erklärte. Der mechanistische Ansatz geht auf Nicolas Male- branche und Jacob Bernoulli zurück und wurde im 18. Jahrhundert in Deutschland insbesondere von Christian Wol , Leonhard Euler und Chris- tin August Crusius vertreten, während die von Kant seinen Physikvorlesungen zugrundegelegten Lehrbücher von Eberhard, Erxleben und Karsten trotz mancher Problematisierung dem dynami- schen Ansatz folgten (vgl. Lefèvre/Wunderlich, Kants naturtheoretische Begri e, Stichwort ‚adha- esio‘). Kant hing in den 1750er und 1760er Jahren dem dynamischen Ansatz an und unterstellte eine wechselseitige Anziehung unter den Parti- keln eines Körpers, wobei er in den 1750er Jahren dem Äther im Inneren der Körper eine vermit- telnde Rolle zudachte – siehe v. a. die Lehrsätze 1–4 in De igne (vgl. 1:371–374; vgl. dazu Adickes, Kant als Naturforscher, Bd. 2, S. 11). In der Mit- te der 1770er Jahre änderte Kant seine Position und vertrat von da an den mechanistischen An- satz (vgl. Adickes, Kant als Naturforscher, Bd. 2, S. 117–120).
Bei Adiaphora handelt es sich um eine Klasse von → Handlungen, die moralisch indi erent sind: „Ei- ne moralisch-gleichgültige Handlung (adiapho- ron morale) würde eine bloß aus Naturgesetzen erfolgende Handlung sein, die also aufs sittliche Gesetz, als Gesetz der Freiheit, in gar keiner Bezie- hung steht“ (6:23 Anm.). Weitere wichtige Stellen:
6:22; 6:44; 6:223; 6:409; 6:458; 7:40; 7:47.
Verwandte Stichworte Indi erenz, Indi erentismus; Rigorismus
Philosophische Funktion Als Adiaphora bezeichnet Kant jene Handlungen, die im Kontext → moralischen Handelns zwar wirk- sam sind, aber selbst keinen moralischen Inhalt haben. Wichtig in diesem Zusammenhang ist sei- ne Behauptung, dass das, was durch die histori- sche Auslegung religiöser Texte entsteht, insofern Adiaphora sind, als diese die Wahrheiten der Mo- ral weder bestätigen noch widerlegen: „Daher bei diesem, der gänzlich auf Moralität des Lebenswan- dels, aufs Thun, gerichtet ist, das Fürwahrhalten historischer, obschon biblischer Lehren an sich keinen moralischen Werth oder Unwerth hat und unter die Adiaphora gehört“ (7:47; vgl. 6:44, 7:40). Handlungen, die als moralische → P ichten zu betrachten sind, können klarerweise keine Adia- phora sein. Dies gilt auch, allerdings aus einem anderen Grund, für Handlungen aus unvollkom- mener P icht, wie etwa dem Wohlwollen, deren Fehlen die Welt einer „moralischen Zierde [ ] nämlich der Menschenliebe“ (6:458) berauben würde. Einige Handlungen sind schon ihrem Inhalt nach Adiaphora: „z. B. ob ich einem Armen das Almosen mit der rechten oder linken Hand geben soll“ (28:253). Kant vertritt außerdem die Ansicht, dass es notwendig sei, um eines funktionierenden moralischen Lebens willen, bestimmte Handlun- gen als Adiaphora zu behandeln. Einer, der jeden Handlungsaspekt für moralisch bedeutsam hielte, würde Kant zufolge „die Herrschaft derselben zur Tyrannei machen“ (6:409). Gleichwohl ist es wich- tig, bei Handlungen, wann immer es geht, kei- ne „moralische[n] Mitteldinge“ (6:22 Anm.), d. h. Adiaphora, zuzulassen, da dies zu einem Verlust moralischer „Bestimmtheit und Festigkeit“ (6:22 Anm.) führe. In diesem Zusammenhang vertei- digt Kant den moralischen Rigorismus gegen jene, welche die Reichweite moralischer Bestimmtheit begrenzen.
Weiterführende Literatur Hruschka, Joachim: „The Permissive Law of Prac- tical Reason in Kant’s Metaphysics of Morals“, in: Law and Philosophy 23, 2004, 45–72. Brian O’Connor (Übersetzung: Birger Brinkmeier)
Aepinus, Franz Ulrich Theodor | 25
Dt. Physiker und Mathematiker (1724–1802); 1740–1747 Studium der Mathematik, Naturwis- senschaften und Medizin in Rostock und Jena, mit anschließender Promotion. 1747–1755 Privat- dozent an der Universität Rostock; seit 1755 Mit- glied der Preußischen Akademie der Wissenschaf- ten; v. a. aufgrund seiner astronomischen Arbei- ten, z. B. mit seiner Annahme eines „vulkanischen Ursprung[s] der Unebenheiten der Monds äche“ (8:69), wurde Aepinus 1755 auf Empfehlung → Le- onhard Eulers als Mitglied der Berliner Akademie und Direktor der Sternwarte nach Berlin berufen. Bis 1757 blieb er dort Professor für Astronomie. 1757 siedelte er u. a. als Professor für Physik nach Petersburg über, was zum Bruch mit seinem Schü- ler Johann Carl Wilcke (1732–1796) führte. In Pe- tersburg begann seine Karriere am Hof; bis 1798 war Aepinus überwiegend sowohl staatspolitisch als auch wissenschaftlich tätig. Aepinus lieferte entscheidende Beiträge für den Übergang von der Franklinschen Theorie (‚elektrisches Fluidum‘ als Ursache elektrischer Erscheinungen) zu den Vorstellungen von Hen- ry Cavendish (1731–1810) und Charles Coulomb (1736–1806), dem Begründer der Elektro- und Ma- gnetostatik, der mit seinen Experimenten ver- suchte, das Grundgesetz der Kraftwirkung zwi- schen elektrischen bzw. magnetischen Polen zu bestimmen. Franklins Behauptung von einer elek- trischen Atmosphäre modi zierte Aepinus, indem er die magnetischen Erscheinungen auf Grund- lage eines magnetischen Flüssigkeitsmodells zu erklären suchte: Demnach durchdringe alle Kör- per eine magnetische Flüssigkeit und werde zur Ursache aller magnetischen Erscheinungen. Ab Mitte der 1750er Jahre beschäftigte sich Aepinus vornehmlich mit Ähnlichkeiten von elek- trischen und magnetischen Erscheinungen. Damit wird er zum Vorreiter des zu Beginn des 19. Jh. entdeckten Elektromagnetismus und der elektro- magnetischen Induktion. Kant knüpft in Negative Größen an den Erkenntnissen aus Von der Ähn- lichkeit der elektrischen und magnetischen Kraft über → Elektrizität und → Magnetismus an (vgl. 2:185–188), die 1759 ins Deutsche übersetzte Publi- kation einer von Aepinus 1758 gehaltenen akade- mischen Rede (De similitudine vis electricae atque
magneticae). Aepinus’ Entdeckung der Pyrolelek- trizität (1756) gilt als Grundlage seiner Theorie des Magnetismus, auf die sich Kant bezieht: „elektri- sirte Körper [zeigen] bei einer gewissen Behand- lung eben so wohl zwei Pole an sich, deren einen er [Aepinus] den positiven, den andern den ne- gativen Pol nennt, und wovon der eine dasjenige anzieht, was der andre zurückstößt“ (2:185). In sei- nem Hauptwerk Tentamen Theoriae Electricitatis et Magnetismi (1759) verweist Aepinus auf einen Zusammenhang von elektrischen und magneti- schen Erscheinungen. An den darin enthaltenen mathematischen Formeln wird ein Newtonscher Zugang in seiner Beschreibung elektrischer Phä- nomene deutlich. Sie bilden den Ausgangspunkt für eine mathematische Theorie der Elektrizität. Aepinus erweist sich durch sein naturwissen- schaftliches Engagement und seine Bemühungen, die Mathematik für die Physik fruchtbar zu ma- chen, als Wegbereiter der modernen mathemati- schen Physik und als Pionier der Elektrizitätslehre. Mit Aepinus konnte z. B. die von Otto von Guericke beobachtete elektrische In uenz wissenschaftlich begründet werden. Zudem prägte Aepinus die Vor- stellung von einem ‚elektrischen Wirkungskreis‘, dem Vorläufer des elektrischen Feldes.
Weiterführende Literatur Fleischhauer, Elisabeth: „Franz Ulrich Theodor Aepinus“, in: Jakubowski, Peter / Münch, Ernst (Hg.): Universität und Stadt. Wissenschaftliche Tagung anläßlich des 575jährigen Jubiläums der Erö nung der Universität Rostock veranstal- tet von der Universität Rostock, Rostock 1995,
Grewolls, Grete: „Aepinus, Franz Ulrich Theodor“, in: dies.: Wer war wer in Mecklenburg und Vor- pommern. Das Personenlexikon, hg. von der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Hinstor 2011. Ho mann, Dieter: „Franz Ulrich Theodosius Aepi- nus: Eine neue Etappe der Elektrizitätsleh- re“, in: Wissenschaft und Fortschritt 30, 1980,
Ho mann, Dieter: „Franz Ulrich Theodosius Aepi- nus und Carl Wilcke. Zwei Physiker aus Meck- lenburg im 18. Jahrhundert“, in: Guntau, Martin (Hg.): Beiträge zur Kulturgeschichte Mecklen- burgs aus Wissenschaft und Technik, Rostock:
Wilhelm-Pieck-Univ. 1985, 30–35.
26 | A ekt
Wandt, Bernhard: „Franz Ulrich Theodor Aepinus. Ein Rostocker Naturforscher als Mitglied der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften“, in: Guntau, Martin (Hg.): Mecklenburger im Ausland. Historische Skizzen zum Leben und Wirken von Mecklenburgern in ihrer Heimat und in der Ferne, Bremen: Ed. Temmen 2001,
A ekt heißt „das Gefühl einer Lust oder Unlust im gegenwärtigen Zustande, welches im Subject die Überlegung (die Vernunftvorstellung, ob man sich ihm überlassen oder weigern solle) nicht aufkom- men läßt“ (7:251; vgl. 6:407). Unter A ekt versteht Kant die plötzliche und vorübergehende Steige- rung eines Gefühles, die jegliche Bestimmung der Handlung durch einen Vorsatz vorläu g auf- hebt (vgl. 5:272). Weitere wichtige Stellen: 5:272f.; 5:328f.; 5:331; 6:228; 6:407 .; 7:86; 7:251–255; 7:265;
7:269.
Verwandte Stichworte Gefühl; Enthusiasmus; Leidenschaft; Phlegma
Philosophische Funktion Kant unterscheidet zwischen zwei Arten von dem, was das griechische Pathos umfasste: Leiden- schaft und A ekt. „A ecten sind von Leiden- schaften speci sch unterschieden. Jene bezie- hen sich bloß auf das Gefühl; diese gehören dem Begehrungsvermögen an und sind Neigungen, welche alle Bestimmbarkeit der Willkür durch Grundsätze erschweren oder unmöglich machen“ (5:272 Anm.). Leidenschaft ist ein p ichtwidriger Vorsatz; der A ekt dagegen suspendiert jeden → Vorsatz: „Denn übrigens ist A ect, für sich al- lein betrachtet, jederzeit unklug; er macht sich selbst unfähig, seinen eigenen Zweck zu verfol- gen“ (7:253). Der A ekt macht also zur Bestimmung und Verfolgung mittlerer Zwecke unfähig. A ekte kön- nen auch so weit gehen, dass man sich nicht ein- mal letzte → Zwecke setzen kann: „Nun ist aber jeder A ect blind, entweder in der Wahl seines Zwecks, oder wenn dieser auch durch die Ver- nunft gegeben worden, in der Ausführung des- selben [ ]“ (5:272). Diese Blindheit besteht im
„Mangel der Überlegung, dieses Gefühl mit der Summe aller Gefühle (der Lust oder Unlust) in seinem Zustande zu vergleichen“ (7:254; vgl. auch 7:265, 6:407). Der A ekt ist damit nicht bloß ein starkes Gefühl (vgl. 7:254), sondern ein derartig starkes Gefühl, dass es allein die Handlung be- stimmt. Anders als die Leidenschaft ist der A ekt nicht mit einer „Krankheit“ (7:266), die andauern kann, zu vergleichen, sondern mit einem – mög- licherweise lebensgefährlichen, jedoch vorläu - gen – „Rausch“ (7:266), der entweder stärkt oder schwächt (vgl. 7:254; 7:265; 6:408). Kant spricht auch von „Ekstasis“ (7:166). Der A ekt stellt moralisch gesehen das klei- nere Übel als die Leidenschaft dar (vgl. 6:407f.), „weil im A ect die Freiheit des Gemüths zwar gehemmt, in der Leidenschaft aber aufgehoben wird“ (5:272 Anm.). Die → Vernunft kann sogar, zwar „nicht als Wirkung, sondern als Ursache eines A ects in Ansehung des Guten seelenbele- bend sein, wobei diese Vernunft doch immer noch den Zügel führt, und ein Enthusiasm des guten Vorsatzes bewirkt wird, der aber eigentlich zum Begehrungsvermögen und nicht zum A ect [ ] gerechnet werden muß“ (7:254; vgl. 7:269, 6:409). Obwohl der Enthusiasmus als „Theilnehmung am Guten mit A ect [ ] nicht ganz zu billigen
ist“, geht er „nur immer aufs [ ] rein Moralische“ (7:86). „Der Muth als A ect [ ] kann [ ] wahre Tapferkeit (Tugendstärke) sein“ (7:257). Weil der Grad der → Zurechnung einer → Handlung vom Grad der Fähigkeit zur Selbstbe- herrschung zum Zeitpunkt der Handlung abhängt, macht „der Gemüthzustand, ob das Subjekt die That im A ect, oder mit ruhiger Überlegung ver- übt habe, in der Zurechnung einen Unterschied
[ ], der Folgen hat“ (6:228). Diese verminder-
te Zurechnung lässt aber die aus dem Gebot der Autonomie resultierende Voraussetzung der „Af- fectlosigkeit“ (Phlegma) (5:272; vgl. 7:252) nicht außen vor: „Das Princip der Apathie [ ] ist ein ganz richtiger und erhabener moralischer Grund- satz der stoischen Schule [ ]“ (7:253; vgl. 6:408f.; → Apathie, moralische).
Weiterführende Literatur Borges, Maria: „What Can Kant Teach us About Emotions?“, in: The Journal of Philosophy 101, 2004, 140–158. Newmark, Catherine: Passion – A ekt – Gefühl.
ektion | 27
Philosophische Theorien der Emotionen zwi- schen Aristoteles und Kant, Hamburg: Meiner 2008, insbes. Kap. 10. Recki, Birgit: „Wie fühlt man sich als vernünfti- ges Wesen? Immanuel Kant über moralische und ästhetische Gefühle“, in: Herding, Klaus / Stumpfhaus, Bernhard (Hg.): Pathos, A ekt, Gefühl. Die Emotionen in den Künsten, Berlin u. a.: de Gruyter 2004, 274–294. Jean-Christophe Merle
A ektion
A ektion ist bei Kant allgemein jede Einwirkung
von etwas auf das „Gemüth als blos leidend“
(15:268; vgl. auch KrV A 19 / B 33). Der Begri der
A ektion kann dabei sowohl den Prozess des A -
zierens als auch das Ergebnis dieses Prozesses, seine Wirkung im a zierten Subjekt, zum Inhalt haben. (In der zweiten Bedeutung ist er synonym zum Begri des → Eindrucks). A ektion als Prozess des A zierens ist ent-
weder die Wirkung einer „intelligibele[n]“ (KrV
A 494 / B 522) oder „transscendental[en]“ Ursa-
che (KrV A 496 / B 524) auf die → Sinnlichkeit oder die Einwirkung einer empirischen Ursache auf empirische Subjekte und deren Sinnesorgane. Als intelligible Ursache ist sie Einwirkung
auf die Sinnlichkeit als „Receptivität, auf gewisse Weise mit Vorstellungen a cirt zu werden“ (KrV
A 494 / B 522) durch das, was diesen Vorstellungen
an sich oder als „nichtsinnliche Ursache“ (KrV
A 494 / B 522) korrespondiert. Diese nichtsinnliche
Ursache a ziert entweder den äußeren oder den inneren Sinn. Im ersten Fall ist sie „dasjenige Etwas, wel- ches den äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt, was unseren Sinn so a cirt, daß er die Vorstellungen von Raum, Materie, Gestalt etc. bekommt, [ ] als Noumenon (oder besser als transscendentaler Gegenstand) betrachtet [ ]“ (KrV A 358). Erkennen können wir von diesem „Ding an sich selbst“ (4:314) nur „die Art, wie uns- re Sinnen von diesem unbekannten Etwas a cirt werden“ (4:314f.). Im zweiten Fall handelt es sich um eine → Selbsta ektion: Der „Verstand und dessen ur- sprüngliches Vermögen das Mannigfaltige der An- schauung zu verbinden [ ] übt unter der Be- nennung einer transscendentalen Synthesis der
Einbildungskraft diejenige Handlung aufs passive Subject, dessen Vermögen er ist, aus, wovon wir mit Recht sagen, daß der innere Sinn dadurch a cirt werde“ (KrV B 153f.). Die A ektion ist Bedingung der Möglichkeit von Vorstellungen mit Objektbezug in endlichen Vernunftwesen, da diese auf sinnlich gegebene Vorstellungen angewiesen sind und Sinnlichkeit „bloß Vorstellungen enthält, die nur entspringen, wenn man von Dingen a cirt (mithin leidend) ist [ ]“ (4:452; vgl. auch 7:141). In diesem Sinne „beruhen“ alle „Anschauungen, als sinnlich, [ ] auf A ectionen [ ]“ (KrV A 68 / B 93). Allerdings entstehen aus der A ektion allein keine derarti- gen Vorstellungen, denn „daß diese A ection der Sinnlichkeit in mir ist, macht gar keine Beziehung von dergleichen Vorstellung auf irgend ein Object aus“ (KrV A 253 / B 309; vgl. auch 17:657). Weite- re wichtige Stellen: KrV B 129; 4:282; 4:476; 5:32; 6:32; 7:140f.; 8:219–223; 15:165; 17:677; 18:43; 18:56; 18:124; 22:43; 22:293.
Verwandte Stichworte A zierbarkeit; Ding an sich; Eindruck; Rezepti- vität/Spontaneität; Selbsta ektion; Sinnlichkeit
1 Das Problem der A ektion durch Dinge an sich
Aus dem Begri der → Erscheinung folgt für Kant, dass es etwas geben muss, was da erscheint: Wenn „wir die Gegenstände der Sinne wie billig als blo- ße Erscheinungen ansehen, so gestehen wir hier- durch doch zugleich, dass ihnen ein Ding an sich selbst zum Grunde liege [ ]“ (4:314). Das Ver- hältnis der Erscheinung zu diesem → Ding an sich charakterisiert Kant als A ektion unserer Sinn- lichkeit durch Dinge an sich. Ein wichtiges Problem für das Verständnis dieses Teils der kantischen Theorie besteht darin, zu klären, was denn eigentlich die Relata dieser Relation seien. Als A ziertes kommen das empiri- sche Subjekt, das transzendentale Subjekt und natürlich auch beide in Frage. Die diesen Möglich- keiten entsprechenden Zuordnungen auf der Seite des A zierenden sind Gegenstände der Erfahrung, Dinge an sich – oder wiederum beide (vgl. dazu Vaihinger, Commentar, S. 53). Die A ektion des empirischen Subjekts durch empirische Objekte, Gegenstände der Erfah- rung, ist für Kant völlig unproblematisch. Da diese
28 | A ektion
A ektion das Verhältnis von Gegenständen der Erfahrung – empirisches Subjekt, empirisches Ob- jekt – betri t, haben wir einen klaren Begri von dieser empirischen A ektion als einem kausalen Verhältnis. Dieser klare Begri scheint aber im Falle der A ektion des transzendentalen Subjekts durch das Ding an sich gerade zu fehlen: Wir müssen diese A ektion doch scheinbar als kausal denken; gleichzeitig hat aber die Kategorie der Kausalität Anwendung nur im Bereich der Erfahrung (dies war der zentrale Punkt der Kritik von → Jacobi, vgl. Jacobi, Ueber den transzendentalen Idealismus).
2 Auflösung: Denken vs. Erkennen
Die für die Auflösung dieser Schwierigkeit zen- trale Unterscheidung ist die zwischen → Denken und → Erkennen. Zunächst einmal ist festzuhal- ten, dass wir die A ektion durch Dinge an sich als Verhältnis von Grund und Folge widerspruchs- frei denken können und deshalb nicht darauf angewiesen sind, die Kategorie der Kausalität als schematisierte Kategorie auf diese Beziehung an- zuwenden. Sofern wir die A ektion durch Dinge an sich anders als nur als Verhältnis von Grund und Fol- ge denken wollten, müssten wir die Prinzipien inhaltlicher Charakterisierung verwenden, die Kant in seiner Tafel der Kategorien auflistet und im Schematismus-Kapitel auf die Bedingungen unserer Sinnlichkeit restringiert. Dem formalen Verhältnis der unschematisierten Kategorie von Grund und Folge entspricht dort die schemati- sierte Kategorie von Ursache und Wirkung. Kant macht wiederholt deutlich (vgl. z. B. KrV B 307f.), dass wir die A ektion durch Dinge an sich zwar formal angemessen als Verhältnis von Grund und Folge denken können; dass wir aber über seine tatsächliche Bescha enheit nichts inhaltlich er- kennen können, da die Kategorien nur in ihrer Anwendung auf anschaulich Gegebenes (Phaeno- mena) zur Erkenntnis führen und deshalb für das Erkennen der A ektionsbeziehung unangemes- sen sind. Diese Charakterisierung der A ektionsbe- ziehung ist demnach vollständig leer und rein syntaktisch. Dennoch reicht sie dafür aus, sie zum Gegenstand der Re exion zu machen, sofern wir nur widerspruchsfrei bleiben. Erkennen können wir die dieser A ektionsbeziehung zugrunde lie-
genden Entitäten, die Dinge an sich, deshalb aber nicht: dazu müssten sie uns anschaulich gegeben sein und wären dann eben keine Dinge an sich mehr. „Einen Gegenstand erkennen, dazu wird er- fordert, daß ich seine Möglichkeit (es sei nach dem Zeugniß der Erfahrung aus seiner Wirklichkeit, oder a priori durch Vernunft) beweisen könne. Aber denken kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht selbst widerspreche, d. i. wenn mein Begri nur ein möglicher Gedanke ist, ob ich zwar dafür nicht stehen kann, ob im Inbegri e aller Möglichkeiten diesem auch ein Object correspon- dire oder nicht. Um einem solchen Begri e aber objective Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bloß die logische) beizulegen, dazu wird etwas mehr erfordert“ (KrV B XXVI Anm.; vgl. dazu Förster, Bedeutung von §§ 76, 77, S. 179).
3 A ektion und Passivität
Doch wir können die Beziehung der A ektion durch Dinge an sich nicht bloß als rein formale Relation denken: A ektion selbst ist keine bloß formale Beziehung. Den entscheidenden Grund für Kants Annahme einer unabhängig von den an sich existierenden Akten des Repräsentierens gleichfalls an sich existierenden Realität liefert nämlich ein phänomenologisches Faktum, ein „Factum des Bewusstseins“ (12:216), wie → Tief- trunk in einem Brief an Kant von 1797 tre end formuliert, und dessen transzendentalphilosophi- sche Interpretation: die Passivität des repräsen- tierenden Subjekts hinsichtlich des Gegenstands seiner empirischen Repräsentationen. Denn der „Sinn [enthält] bloß Vorstellungen [ ], die nur entspringen, wenn man von Dingen a cirt (mit- hin leidend) ist“ (4:452). Aus diesem Grund müs- sen wir etwas annehmen, was für uns nur dadurch gekennzeichnet ist, dass es diese Vorstellungen mit diesem Inhalt in uns hervorruft und wir des- halb ihm gegenüber leidend sind – dazu scheint aber eine rein formal konzipierte Relation nicht auszureichen. Wir sind also darauf angewiesen, dass uns in der → Wahrnehmung etwas gegeben wird. Wir sind uns nicht bewusst, selbst für das uns so Ge- gebene verantwortlich zu sein. Deshalb müssen wir uns als a ziert durch etwas denken, das da- für verantwortlich ist – auch wenn wir es nicht erkennen können (vgl. dazu Willaschek, A ekti- on, S. 223–227; anders Allison, Kant’s Transcen-
ektion | 29
dental Idealism 2 2004, S. 64f.). Diese Art der Ab- hängigkeit unseres vorstellenden Bezugs auf Ge- genstände von einer unabhängig von uns exis- tierenden Wirklichkeit bezeichnet Sellars als ‚Ge- führtwerden‘ unserer Wahrnehmung (vgl. Sellars, Science and Metaphysics, S. 16; Pippin spricht von ‚Angewiesenheit‘, vgl. Pippin, Theory of Form, S. 46). Der passive Aspekt des sinnlichen Erlebens ist also die phänomenologische Tatsache, dass wir uns gegenüber dem Gegebenen der Sinnlichkeit leidend verhalten. Dieser Aspekt ist für Kant der entscheidende Grund dafür anzunehmen, dass es etwas geben muss, was dafür verantwortlich ist, dass wir mit Vorstellungen reagieren (vgl. auch Paton, Kant’s Metaphysic of Experience, S. 565f.).
4 Die A ektionsbeziehung als Denknotwendigkeit Auch die auf diese Weise als A ektionsrelation in- haltlich bestimmte Grund-Folge-Beziehung bleibt allerdings harmlos, solange wir uns auf das bloße Denken dieser Beziehung beschränken. In forma- ler Hinsicht ist die Beschreibung dieser Beziehung als eine syntaktische Beziehung von Grund und Folge widerspruchsfrei; in inhaltlicher Hinsicht ist sie in einer Weise bestimmt, die keinen Er- kenntnisanspruch impliziert. Sie erfüllt so die notwendigen Bedingungen des widerspruchsfrei- en Denkens der fraglichen A ektionsbeziehung. Allerdings ist durch diese Möglichkeit o en gelassen, ob wir diese Beziehung auch denken müssen. Die Antwort liefern die Überlegungen zur Passivität unserer Wahrnehmung: Wir müs- sen uns auf Grund dieser Passivität als von etwas a ziert denken, das unabhängig davon, dass und wie es uns erscheint, an sich existiert und dem wir „allen Umfang und Zusammenhang unserer möglichen Wahrnehmungen zuschreiben“ (KrV A 494 / B 522f.). Die Beziehung der A ektion des transzen- dentalen Subjekts durch Dinge an sich lässt sich also nicht nur formal korrekt denken, sie ist viel- mehr in transzendentalphilosophischer Hinsicht eine Denknotwendigkeit. Die Vorstellung dieser Beziehung erhält dadurch keine objektive Gültig- keit im kantischen Sinne: Sie wird keine Erkennt- nis von einem Objekt. Aber sie verändert dennoch ihren epistemischen Status: Sie wird von einer beliebigen, widerspruchsfreien Vorstellung zur
Vorstellung einer Voraussetzung des Vorstellens selbst. Das Ding an sich ist als Noumenon „im ne- gativen Verstande“ (KrV B 307) ein transzenden- talphilosophisch motivierter Grenzbegri . „Unser Verstand bekommt auf diese Weise eine negative Erweiterung, d. i. er wird nicht durch die Sinnlich- keit eingeschränkt, sondern schränkt vielmehr dieselbe ein, dadurch daß er Dinge an sich selbst (nicht als Erscheinungen betrachtet) Noumena nennt. Aber er setzt sich auch sofort selbst Gren- zen, sie durch keine Kategorien zu erkennen, mit- hin sie nur unter dem Namen eines unbekannten Etwas zu denken“ (KrV A 256 / B 312). Das Denken einer A ektion durch Dinge an sich ergibt sich dann als transzendentalphiloso- phische Konsequenz aus der Charakterisierung des „problematisch[en]“ Begri es (KrV A 254 / B 310) des Dinges an sich.
5 Selbsta ektion Auch in der Selbsta ektion haben wir es mit der A ektion durch ein Ding an sich zu tun: in die- sem Fall mit uns selbst, wie wir an sich sind. Die- se A ektion verscha t uns empirisches Bewusst- sein unser selbst sowie der Gegenstände außer uns, da auch die Vorstellungen von Gegenständen außer uns qua Vorstellungen eines empirischen Subjekts Modi kationen unseres empirischen Be- wusstseins sind (dieser Umstand war wichtig für Adickes’ Fehlinterpretation der kantischen Af- fektionslehre als doppelter A ektion). Zwar ha- ben wir auch transzendentales Selbstbewusstsein, weil wir uns unseres „Dasein[s]“ (KrV B 157 Anm.) als „Einheit der Handlung“ (KrV B 153) bewusst sind, mit der die Apperzeption den Gegenstand zur objektiven Einheit bringt. Das Bewusstsein meiner selbst als Subjekt der → Spontaneität ist nichts anderes als bloß das Bewusstsein dieser Spontaneität: „Das: Ich denke, drückt den Actus aus, mein Dasein zu bestimmen. [ ] Dazu gehört → Selbstanschauung, die eine a priori gegebene Form, d. i. die Zeit, zum Grunde liegen hat, welche sinnlich und zur Receptivität des Bestimmbaren gehörig ist“ (KrV B 157 Anm.). Ich bin mir im ‚Actus‘ der Spontaneität, d. h. der Synthesis, meiner selbst bewusst, aber „nicht wie ich mir erscheine, noch wie ich an mir selbst bin, sondern nur daß ich bin“ (KrV B 157). Dieses Bewusstsein entspringt also aus einer Selbstan-
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schauung, ohne die wir uns der eigenen Sponta- neität überhaupt nicht bewusst werden könnten, weil ohne sie der ‚Aktus‘ der Bestimmung des eigenen Daseins unbewusst bliebe. Da die Selbstanschauung als innere An- schauung aber bereits eine Bestimmung von etwas Bestimmbaren ist, die unter zeitlichen Formen der Rezeptivität steht, sind wir uns selbst immer nur so gegeben, wie wir uns selbst erscheinen, nicht so, wie wir an sich sind. „Da nun zum Er- kenntniß unserer selbst außer der Handlung des Denkens, die das Mannigfaltige einer jeden mög- lichen Anschauung zur Einheit der Apperception bringt, noch eine bestimmte Art der Anschauung, dadurch dieses Mannigfaltige gegeben wird, erfor- derlich ist, so ist zwar mein eigenes Dasein nicht Erscheinung (vielweniger bloßer Schein), aber die Bestimmung meines Daseins kann nur der Form des inneren Sinnes gemäß nach der besonderen Art, wie das Mannigfaltige, das ich verbinde, in der inneren Anschauung gegeben wird, gesche- hen; und ich habe also demnach keine Erkenntniß von mir, wie ich bin, sondern bloß, wie ich mir selbst erscheine“ (KrV B 157f.). Wir sind uns selbst also nur gegeben als rei- ne Aktivität. Sobald diese Aktivität sich gleich- sam auf sich selbst richtet, bestimmt sie sich selbst. Eine Bestimmung setzt aber etwas Be- stimmbares voraus. Und Bestimmbares ist uns immer in bestimmter Weise anschaulich gegeben. Die Form dieser Selbstanschauung ist aber die Zeit als „Form des inneren Sinnes“ (KrV B 158). Was aber a ziert den inneren Sinn in der Selbstanschauung? „Weil nun der Verstand in uns Menschen selbst kein Vermögen der Anschauun- gen ist und diese, wenn sie auch in der Sinnlich- keit gegeben wäre, doch nicht in sich aufnehmen kann, um gleichsam das Mannigfaltige seiner ei- genen Anschauung zu verbinden, so ist seine Syn- thesis, wenn er für sich allein betrachtet wird, nichts anders als die Einheit der Handlung, deren er sich als einer solchen auch ohne Sinnlichkeit bewußt ist, durch die er aber selbst die Sinnlich- keit innerlich in Ansehung des Mannigfaltigen, was der Form ihrer Anschauung nach ihm ge- geben werden mag, zu bestimmen vermögend ist“ (KrV B 153). Durch unsere spontane Aktivität a zieren wir unseren inneren Sinn und synthe- tisieren diese Aktivität deshalb gemäß der Form der inneren Anschauung. Als verantwortlich für
das Bestimmbare dieser Bestimmung müssen wir uns also selbst denken, das ist der Kern von Kants Theorie der Selbsta ektion.
Weiterführende Literatur Adickes, Erich: Kants Lehre von der doppelten A ektion unseres Ich als Schlüssel zu seiner Erkenntnistheorie, Tübingen: J. C. Mohr 1929. Allison, Henry E: Kant’s Transcendental Idealism, revised and enlarged Edition, New Haven u. a.:
Yale University Press 2 2004, insbes. 64–73. Baumanns, Peter: Kants Philosophie der Erkennt- nis. Durchgehender Kommentar zu den Haupt- kapiteln der „Kritik der reinen Vernunft“, Würz- burg: Königshausen & Neumann 1997, insbes.
Haag, Johannes: Erfahrung und Gegenstand. Zum Verhältnis von Sinnlichkeit und Verstand, Frankfurt/M.: Klostermann 2007, insbes. Kap. 3. Herring, Herbert: Das Problem der A ektion bei Kant, Köln: Kölner Universitätsverlag 1953. Prauss, Gerold: Kant und das Problem der Dinge an sich, Bonn: Bouvier Verlag 1974. Vaihinger, Hans: „Zu Kants Widerlegung des Idea- lismus“, in: Straßburger Abhandlungen zur Phi- losophie, 1884, 87–164.
A ektionspreis
A nität
A nität (a nitas) bzw. Verwandtschaft bezeich- net üblicherweise statische Ähnlichkeit oder xe Gleichartigkeit (vgl. 7:176f.), außerdem die rezi- proke Anziehung zwischen verschiedenen We- sen, insbesondere chemischen Substanzen, die zugleich Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf- weisen. ‚A nität‘ und → ‚Verwandtschaft‘, als Syn- onyme verwendet, gehören zu den seltenen Fällen, in denen Kant Begri e aus der Chemie entleiht. Sie erhalten einen besonderen philosophischen Sinn im Rahmen von Kants Lehre von der Gesetz- mäßigkeit und systematischen Einheit der Natur. Weitere wichtige Stellen: 1:195; 1:278; 2:311; 2:342; 2:361; KrV A 583 / B 611; KrV A 657–662 / B 685–690; KrV A 765f. / B 793f.; KrV A 833 / B 861; 5:349; 6:137; 6:122f.; 7:145; 7:174; 7:235; 9:48f.; 12:11.
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Verwandte Stichworte Ähnlichkeit; Homogenität; Verwandtschaft
Philosophische Funktion 1. Die ursprünglich chemische Bedeutung des Begri s der A nität ist die der dynamischen Ver- wandtschaft und drückt den gemeinsamen Ur- sprung, die systematische Einheit und die dyna- mische, wechselseitige Anziehung zwischen den verschiedenen Teilen eines Ganzen überhaupt aus (vgl. 1:364; 8:111). Der erste Anwendungsbe- reich des Begri s der A nität ist die → Chemie. Die Gesetze der chemischen A nitäten zwischen verschiedenen Materien, wie Säuren und Alkalien, wurden zum ersten Mal 1770 von dem schwedi- schen Chemiker Bergmann entdeckt und formu- liert. Die mineralischen → Kristallisationen be- tre end, erwähnt Kant das „allgemeine[] Gesetz[] der Verwandtschaft der Materien“ (5:349). Kant gesteht allerdings ein, dass die Chemie seiner Zeit, als „systematische Kunst“ (4:468) nur bloße Af- nitätsregeln beobachtend, unfähig bleibt, die A nitätsgesetze der Materien zu entdecken und sie in einer endgültigen Form auszudrücken, und noch weit davon entfernt ist, eine Wissenschaft darzustellen. Die A nitätsgesetze, welche die chemischen Wirkungen zwischen verschiedenen Materien regieren, bleiben unbekannt: „so kann Chemie nichts mehr als systematische Kunst oder Experimentallehre, niemals aber eigentliche Wis- senschaft werden, weil die Principien derselben blos empirisch sind und keine Darstellung a priori in der Anschauung erlauben“ (4:471). 2. Die A nität spielt durch den erweiterten Gebrauch des Begri es eine wichtige Rolle in der Erkenntnistheorie, mit Bezug auf den Verstand, die produktive Einbildungskraft, die Vernunft und die synthetische Einheit der Apprehension und der Assoziation: „Diesen objectiven Grund aller Association der Erscheinungen nenne ich die A nität derselben [ ]. [U]nd die A nität aller Erscheinungen (nahe oder entfernte) ist eine nothwendige Folge einer Synthesis in der Ein- bildungskraft, die a priori auf Regeln gegründet ist [ ]. [U]nd so fern [die Einbildungskraft] in Ansehung alles Mannigfaltigen der Erscheinung nichts weiter, als die nothwendige Einheit in der Synthesis derselben zu ihrer Absicht hat, kann diese die transscendentale Function der Einbil- dungskraft genannt werden. Es ist daher zwar
befremdlich, allein aus dem bisherigen doch ein- leuchtend, daß nur vermittelst dieser transscen- dentalen Function der Einbildungskraft sogar die A nität der Erscheinungen, mit ihr die Associa- tion und durch diese endlich die Reproduction nach Gesetzen, folglich die Erfahrung selbst mög- lich werde“ (KrV A 122). Humes Auffassung von Kausalität wird anhand der Bestimmung des Ver- hältnisses von A nität und Assoziation korri- giert: Hume habe „fälschlich aus der Zufälligkeit unserer Bestimmung nach dem Gesetze auf die Zufälligkeit des Gesetzes selbst [ ]“ geschlos- sen; „dadurch machte er aber aus einem Princip der A nität, welches im Verstande seinen Sitz hat und nothwendige Verknüpfung aussagt, eine Regel der Association, die bloß in der nachbil- denden Einbildungskraft angetro en wird und nur zufällige, gar nicht objective Verbindungen darstellen kann“ (KrV A 766f. / B 794f.; vgl. KrV A 782f. / B 810f.). Als A nität von Begri en be- zeichnet sie vielmehr eines von drei Prinzipen der reinen Vernunft: „Die Vernunft bereitet also dem Verstande sein Feld: 1. durch ein Princip der Gleichartigkeit des Mannigfaltigen unter höheren Gattungen; 2. durch einen Grundsatz der Varietät des Gleichartigen unter niederen Arten; und um die systematische Einheit zu vollenden, fügt sie 3. noch ein Gesetz der A nität aller Begri e hin- zu, welches einen continuirlichen Übergang von einer jeden Art zu jeder anderen durch stufenarti- ges Wachsthum der Verschiedenheit gebietet. Wir können sie die Principien der Homogenität, der Speci cation und der Continuität der Formen nen- nen“ (KrV A 657f. / B 685f.). Die empirische A ni- tät der Naturgesetze und der Naturerscheinungen setzt also eine tiefere, transzendentale A nität voraus, insofern als „alle Erscheinungen in einer durchgängigen Verknüpfung nach nothwendigen Gesetzen und mithin in einer transscendentalen A nität [stehen], woraus die empirische die blo- ße Folge ist“ (KrV A 112). A nität ist somit der Grund für die Verknüp arkeit des → Mannigfalti- gen, so dass sie als empirische und transzenden- tale A nität die systematische Einheit der Natur und der Erkenntnisse gewährleistet: „Der Grund der Möglichkeit der Association des Mannigfalti- gen, so fern er im Objecte liegt, heißt die A nität des Mannigfaltigen“ (KrV A 112). Als Prinzipien der systematischen Einheit der Natur fungieren „Mannigfaltigkeit, Verwandtschaft und Einheit, je-
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de derselben aber als Idee im höchsten Grade ihrer Vollständigkeit genommen“ (KrV A 662 / B 690), wobei A nität bzw. Verwandtschaft im Mannig- faltigen unter dem Prinzip der Einheit „nicht bloß die Dinge [betri t], sondern weit mehr noch die bloßen Eigenschaften und Kräfte der Dinge“ (KrV
A 662 / B 690). Die mannigfaltigen empirischen Ge-
setze unter dem A nitätsprinzip bilden also die systematische Einheit der Natur und der Naturer- kenntnis als möglicher Erfahrung (vgl. KrV A 583 /
B 611). Die Voraussetzung, „daß jene besorgliche
grenzenlose Ungleichartigkeit empirischer Geset- ze und Heterogeneität der Naturformen, der Natur nicht zukomme, vielmehr sie sich, durch die A - nität der besonderen Gesetze [ ] zu einer Erfah-
rung als einem empirischen System quali cire“ ist das „transscendentale Princip der Urtheilskraft“ (20:209). In den meisten Texten, die die trans- zendentale Einheitsfunktion der Naturerkenntnis behandeln, sind A nität und Verwandtschaft gleichbedeutend (vgl. 9:48f.; 12:11; KrV A 660f. /
B 688f.). Die A nität drückt das logische Gesetz
des continui specierum (formarum logicarum) aus, das selbst das transzendentale Gesetz der Kon- tinuität voraussetzt (lex continui in natura). Im Bereich der Teleologie und der Geschichte bevor-
zugt Kant den Begri ‚Verwandtschaft‘, z. B. wenn
er die Entstehung und Entwicklung der Menschen-
gattung in einem System der Naturgeschichte in Stämme, Rassen, Abartungen unterteilt (8:164; vgl. 8:54, 5:418). Eine „zusammenhängende Ver- wandtschaft“ (5:419) durchzieht die gesamte Na- tur.
3. Der Begri der A nität bzw. Verwandt- schaft, dessen chemischer Ursprung von Kant betont wird, gilt als Muster für die Assoziations- regel des sinnlichen → Dichtungsvermögens wie auch der transzendentalen Einbildungskraft. Als chemische Metapher beschreibt sie die Beziehung zwischen den Verstandesbegri en und den sinnli- chen Anschauungen aus ihrer gemeinsamen Wur- zel, der Einbildungskraft. Kant unterscheidet da- bei drei verschiedene Arten des sinnlichen Dich- tungsvermögens: „das bildende der Anschauung im Raum (imaginatio plastica), das beigesellende der Anschauung in der Zeit (imaginatio associ- ans) und das der Verwandtschaft aus der gemein- schaftlichen Abstammung der Vorstellungen von einander (a nitas) [ ]. Ich verstehe unter der Verwandtschaft die Vereinigung aus der Abstam-
mung des Mannigfaltigen von einem Grunde [ ]. Das Wort Verwandtschaft (a nitas) erinnert hier an eine aus der Chemie genommene, jener Ver- standesverbindung analogische Wechselwirkung zweier speci sch verschiedenen, körperlichen, innigst auf einander wirkenden und zur Einheit strebenden Sto e, wo diese Vereinigung etwas drit- tes bewirkt, was Eigenschaften hat, die nur durch die Vereinigung zweier heterogenen Sto e erzeugt werden können. Verstand und Sinnlichkeit ver- schwistern sich bei ihrer Ungleichartigkeit doch so von selbst zu Bewirkung unserer Erkenntniß, als wenn eine von der anderen, oder beide von ei- nem gemeinschaftlichen Stamme ihren Ursprung hätten“ (7:174 .). 4. Das A nitätsprinzip hat eine wesentli- che Funktion in der Konstitution eines → Systems der Wissenschaften. A nität gewährleistet die systematische Einheit nicht nur der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze, sondern auch unserer Erkenntnis der Natur, d. h. das System der Erkenntnisse in einer bestimmten Wissen- schaft und die architektonische Einheit des Wis- sens überhaupt (vgl. KrV A 833 / B 861).
Barsotti, Bernard: „Qu’est-ce que l’a nité trans- cendantale?“, in: Philosophie 63, 1999, 31–54. Carrier, Martin: Atome und Kräfte. Die Entwick- lung des Atomismus und der A nitätstheorie im 18. Jahrhundert und die Methodologie Imre Lakatos’, Münster: Lüdenscheid 1984. Lequan, Mai: „Le concept d’a nité chimique dans la philosophie de Kant: a nité transcendanta- le et a nité empirique“, in: dies. (Hg.): Méta- physique et philosophie transcendantale selon Kant, Paris: L’Harmattan 2005, 137–221. Morgan, Diane: Kant Trouble. The Obscurities of the Enlightened, London u. a.: Routledge
A zierbarkeit
A zierbarkeit ist die Fähigkeit, „auf gewisse Wei- se [ ] a cirt zu werden“ (KrV A 494 / B 522). Wei- tere wichtige Stelle: 22:526.
Verwandte Stichworte A ektion; Eindruck; Rezeptivität/Spontaneität
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Philosophische Funktion A zierbarkeit ist für Kant die Fähigkeit, das Ma- terial, das uns durch die A

References: § 2
 § 34
 § 9
 § 351
 § 11
 § 24
 § 210