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Timestamp: 2018-01-24 01:24:15+00:00

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Freiheitsrechte - Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG)
Grundrechte - Freiheitsrechte - Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG)
I. Bedeutung und Grundrechtscharakter
a) Begriff der Menschenwürde
b) Relevante Fallkonstellationen
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Die Menschenwürde ist in Art. 1 Abs. 1 GG garantiert. Schon ihre herausgehobene systematische Stellung am Anfang des Grundgesetzes und zugleich an der Spitze des Grundrechtskataloges in Abschnitt I des Grundgesetzes unterstreicht die Stellung der Menschenwürde als „oberster Wert“ des Grundgesetzes.
Vgl. BVerfGE 5, 85. Die Menschenwürde steht damit im Mittelpunkt des grundgesetzlichen Wertesystems.Vgl. BVerfGE 35, 202 – Lebach. Dies hat zur Folge, dass Art. 1 Abs. 1 GG die Bedeutung der anderen Bestimmungen im Grundgesetz beeinflusst. Viele Grundrechte sind Ausfluss der Menschenwürde und daher stets im Lichte dieses tragenden Verfassungswertes auszulegen.Vgl. BVerfGE 6, 32 – Elfes. Dies gilt v.a. für das durch Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 Abs. 1 GG geschützte allgemeine Persönlichkeitsrecht (s.u. Rn. 193 f.). Die besondere Bedeutung der Menschenwürde im grundgesetzlichen Gefüge zeigt sich auch darin, dass sie unter die sog. „Ewigkeitsklausel“ des Art. 79 Abs. 3 GG fällt. Die Menschenwürde kann danach nicht durch eine Verfassungsänderung eingeschränkt werden.
Überlegen Sie, bevor Sie im Text weiterlesen, zunächst selbst, ob Art. 1 Abs. 1 GG überhaupt ein Grundrecht sein kann! Was könnte dafür und was dagegen sprechen?
Ob es sich bei der Menschenwürde überhaupt um ein Grundrecht handelt, ist nicht unumstritten. Dagegen wird vorgebracht, diese Bestimmung habe bereits nach ihrem Wortlaut lediglich programmatischen Charakter.
Vgl. Abendroth VVDStRL 8 (1950), S. 161. Als systematisches Argument wird zudem Art. 1 Abs. 3 GG angeführt und unter Berufung auf dessen Wortlaut darauf hingewiesen, die öffentliche Gewalt sei an die „nachfolgenden“ Grundrechte gebunden; Art. 1 Abs. 1 GG sei demnach nicht erfasst. Dagegen wendet die h.M., angeführt vom Bundesverfassungsgericht,Vgl. BVerfGE 39, 1 – Abtreibungsurteil. jedoch vor allem ein, Art. 1 Abs. 3 GG schließe letztlich nicht aus, dass auch Art. 1 Abs. 1 S. 1 GG ein Grundrecht darstelle. Art. 142 GG setze den Grundrechtscharakter von Art. 1 Abs. 1 GG jedenfalls voraus.Vgl. Sodan/Ziekow-Sodan Grundkurs Öffentliches Recht § 26 Rn. 1. Außerdem verweist die h.M. auf die in Art. 1 Abs. 1 S. 2 GG verbürgte Achtung der Menschenwürde, die ein typisches Abwehrrecht darstelle. In systematischer Hinsicht steht die h.M. auf dem Standpunkt, die Überschrift des Abschnitt I mit dem Titel „Die Grundrechte“ belege die Grundrechtsqualität auch der Menschenwürde.
Ob Art. 1 Abs. 1 S. 1 GG ein Grundrecht enthält, ist praktisch an sich allein nur für die Frage relevant, ob jemand die Verletzung dieser Bestimmung mittels Verfassungsbeschwerde nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG geltend machen kann. Grundsätzlich wird Ihnen auch diese Frage keine Schwierigkeiten bereiten, weil Sie regelmäßig eine Fallkonstellation zu prüfen haben werden, in der nicht allein die Verletzung der Menschenwürde, sondern gleichzeitig die Verletzung auch anderer Grundrechte in Betracht kommt. Sind die Verletzungen dieser anderen Grundrechte zulässigerweise gerügt worden, muss das Bundesverfassungsgericht auch eine Verletzung des Art. 1 Abs. 1 GG prüfen. – Sollte demgegenüber ausnahmsweise tatsächlich allein eine Verletzung der Menschenwürde in Rede stehen, stellen Sie den Meinungsstreit zu Beginn Ihrer Prüfung fallbezogen dar und schließen sich – nicht nur klausurtaktisch empfehlenswert – der h.M. an.
Qualifiziert man mit der h.M. Art. 1 Abs. 1 S. 1 GG als Grundrecht, prüfen Sie eine Verletzung der Menschenwürde wie die Verletzung jedes anderen Abwehrrechts:
Wie prüft man: Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG)
Relevante Fallkonstellationen
Zunächst prüfen Sie, ob der sachliche Schutzbereich und der persönliche Schutzbereich der Menschenwürde eröffnet sind.
Im ersten Schritt gilt es, den Begriff der Menschenwürde zu klären. Was unter dem Begriff der „Menschenwürde“ konkret zu verstehen ist, ist nicht leicht zu bestimmen. Dementsprechend schwierig ist es, den sachlichen Schutzbereich des Art. 1 Abs. 1 GG allgemein zu definieren. Es gibt verschiedene Ansätze, den sachlichen Schutzbereich zu beschreiben:
Vgl. zum Ganzen Manssen Staatsrecht II Rn. 217 f. Positiv wird er beschrieben als der „allgemeine Eigenwert, der dem Menschen kraft seiner Persönlichkeit zukommt“.Vgl. BVerfGE abw. M. 30, 173. Meist wird er – im Anschluss an Dürig – negativ beschrieben. Danach darf der Mensch nicht zum bloßen Objekt staatlichen Handelns gemacht und nicht einer Behandlung ausgesetzt werden, die seine Subjektsqualität prinzipiell in Frage stellt (sog. Objektformel).Vgl. BVerfGE 50, 166. Gelegentlich werden diese beiden Beschreibungen auch kombiniert. Der Schutzbereich der Menschenwürde wird dann beschrieben als der soziale Wert- und Achtungsanspruch des Menschen, der es verbietet, den Menschen zum bloßen Objekt des Staates zu machen oder ihn einer Behandlung auszusetzen, die seine Subjektqualität prinzipiell in Frage stellt.Vgl. BVerfGE 109, 133 – lebenslange Sicherheitsverwahrung. Das Bundesverfassungsgericht hat den Schutzbereich der Menschenwürde in einer jüngeren Entscheidung wie folgt beschrieben: Jeder Mensch besitze als Person eine Würde ohne Rücksicht auf seine Eigenschaften, seinen körperlichen oder geistigen Zustand, seine Leistungen und seinen sozialen Status.Vgl. BVerfGE 115, 118 – Luftsicherheitsgesetz. Es verzichtet damit ebenfalls auf eine abstrakte Definition der Menschenwürde und bestimmt sie vielmehr anhand der Objektformel im konkreten Einzelfall.Vgl. BVerfGE 30, 1 – Abhörurteil.
In der Fallbearbeitung sollten Sie einen Ansatz wählen, der die sog. Objektformel (mit-)enthält. So verfährt auch das Bundesverfassungsgericht. Obwohl Sie den Schutzbereich hierbei bereits vom Eingriff her bestimmen, ist ein solcher Ansatz gerade für die Fallbearbeitung praktikabel.
Im zweiten Schritt gehen Sie der Frage nach, ob die so bestimmte Menschenwürde in Ihrer Fallbearbeitung relevant ist. Die Menschenwürde kann in vielen Konstellationen relevant werden. Hierzu gehören z.B. folgende aktuelle Fälle:
Vgl. hierzu und zu weiteren Beispielen Pieroth/Schlink/Kingreen/Poscher Grundrechte Rn. 384 und Rn. 393 f.; ausführlich Hufen Staatsrecht II § 10 Rn. 47 ff.
Verletzung der körperlichen Identität oder Integrität
Sog. Gefahrenabwendungsfolter: Um das Versteck einer entführten Geisel, die die Polizei noch am Leben glaubt, zu erfahren, soll der mutmaßliche Entführer unter Gewaltandrohung dazu veranlasst werden, das Versteck der Geisel preiszugeben.
Vgl. BVerfG (K) NJW 2005, 656. – Sog. „wrongful birth“ bzw. „wrongful life“ bzw. „Kind als Schaden“: Die Zivilgerichte bejahen eine Schadensersatzhaftung von Ärzten, die eine fehlgeschlagene Sterilisation oder eine fehlerhafte genetische Beratung vor der Zeugung eines Kindes zu verantworten haben, gegenüber den betroffenen Eltern für entstehende Unterhaltspflichten. Zwischen den beiden Senaten des Bundesverfassungsgerichts ist umstritten, ob die Haftung des Arztes gegen die Menschwürde verstößt.Verneinend der 1. Senat: BVerfGE 96, 375; bejahend der 2. Senat: BVerfGE 96, 409. – Forschung mit embryonalen Stammzellen;Vgl. dazu Manssen Staatsrecht II Rn. 227 f. heimliche Vaterschaftstests;Vgl. BVerfGE 117, 202. Inzest.Vgl. BVerfGE 120, 224.
Verletzung der geistig-seelischen Integrität
Strafrestaussetzung bei lebenslanger Freiheitsstrafe.
Vgl. BVerfGE 117, 71.
fehlende Grundsicherung individuellen oder sozialen Lebens
Besteuerung des Existenzminimums;
Vgl. BVerfGE 82, 60 – steuerfreies Existenzminimum; 120, 125. menschenwürdige Ausgestaltung des Strafvollzugs;Vgl. BVerfG (K) EuGRZ 2011, 177; NStZ-RR 2013, 91; Beschl. v. 16.9.2015 – 1 BvR 1127/14. Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums.Vgl. BVerfGE 125, 175 – Hartz IV; BVerfGE 132, 134 – Asylbewerberleistungsgesetz; NJW 2014, 3425 – Grundsicherungsrecht für Arbeitsuchende.
Verletzung des postmortalen Persönlichkeitsrechts, das nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichts allein über Art. 1 Abs. 1 GG geschützt wird.
Vgl. BVerfG (K) NJW 2006, 3409 – Marlene Dietrich. Nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichts wird „der sittliche, personale und soziale Geltungswert, den die Person durch ihre eigene Lebensleistung erworben hat“, durch das postmortale Persönlichkeitsrecht gegen Äußerungen, die darauf gerichtet sind, die betroffene Person herabzusetzen bzw. verächtlich zu machen, geschützt.Vgl. BVerfG (K) NJW 2001, 2957 – Wilhelm Kaisen.
Beeinträchtigung des Kernbereichs privater Lebensgestaltung
Online-Durchsuchung: Im Kernbereich privater Lebensgestaltung gehört zur Entfaltung der Persönlichkeit, dass innere Vorgänge wie Empfindungen und Gefühle sowie Überlegungen, Ansichten und Erlebnisse höchstpersönlicher Art ohne die Angst zum Ausdruck gebracht werden können, dass staatliche Stellen dies überwachen.
Vgl. BVerfGE 120, 274.
Kampfspiele mit virtueller Tötungsmöglichkeit (etwa „Laserdrome“, „Paintball“);
Vgl. VG Dresden NVwZ-RR 2005, 848. Schockwerbung;Vgl. BVerfGE 107, 275 – Benetton II. finaler Rettungsabschuss gemäß § 14 Abs. 3 LuftSiG, sofern es um unbeteiligte Personen (Besatzung oder Passagiere) geht;Vgl. BVerfGE 115, 118 – Luftsicherheitsgesetz. Verständigungen im Strafverfahren.Vgl. BVerfGE 133, 168.
Beachten Sie, dass der sachliche Schutzbereich des Art. 1 Abs. 1 GG nur dann eröffnet ist, wenn die Menschenwürde in erheblicher Weise durch eine Maßnahme der öffentlichen Gewalt berührt wird. Die Menschenwürde ist dementsprechend nicht tangiert, wenn es z.B. um die Zahlung einer Geldbuße im Ordnungswidrigkeitenverfahren,
Vgl. BVerfGE 9, 167. die Leichenöffnung im ErmittlungsverfahrenVgl. BVerfG (K) NJW 1994, 783. oder den Friedhofszwang für UrnenVgl. BVerfGE 50, 256. geht.
Nach seinem Wortlaut handelt es sich bei der Menschenwürde aus Art. 1 Abs. 1 GG um ein Jedermann-Grundrecht. Grundrechtsberechtigt ist daher jede natürliche Person. Unerheblich ist, ob sich der Träger seiner Würde bewusst ist oder sie selbst zu wahren weiß.
Vgl. BVerfGE 39, 1 – Abtreibungsurteil. Geschützt sind auch der Nasciturus (werdendes Leben) und über das postmortale Persönlichkeitsrecht auch Verstorbene.
Ist der Schutzbereich des Art. 1 Abs. 1 GG eröffnet, prüfen Sie das Vorliegen eines Eingriffs in den Schutzbereich.
Hierzu werden Sie nicht viel sagen können und müssen, weil Sie dies bei der Anwendung eines Ansatzes, der die Objektformel (mit-)enthält, im Grunde bereits in dem Prüfungspunkt zuvor geprüft und bejaht haben.
Gegenüber den sonstigen Abwehrrechten weist die Menschenwürde aber eine Besonderheit auf, die mit ihrer herausragenden Stellung als oberster Wert des Grundgesetzes zusammenhängt (vgl. oben Rn. 173). Diese Besonderheit besteht darin, dass die Menschenwürde nicht durch eine Maßnahme der öffentlichen Gewalt beeinträchtigt werden darf. Die Menschenwürde gilt absolut. Daher sind Eingriffe in den Schutzbereich des Art. 1 Abs. 1 GG stets unzulässig.
Vgl. Sodan/Ziekow-Sodan Grundkurs Öffentliches Recht § 26 Rn. 11.
Für die Fallbearbeitung bedeutet dies, dass Sie an dieser Stelle mit Ihrer Grundrechtsprüfung bereits am Ende angelangt sind. Bejahen Sie die Eröffnung des Schutzbereichs des Art. 1 Abs. 1 GG, liegt zwangsläufig ein Eingriff in den Schutzbereich vor. Dieser ist stets unzulässig.
Denken Sie gleichwohl auch bei Art. 1 Abs. 1 GG stets daran, terminologisch zwischen einem Eingriff in den Schutzbereich der Menschenwürde und deren Verletzung zu unterscheiden (s.o. Rn. 120)!
Die Absolutheit der Menschenwürde hat zwei Konsequenzen: Zum einen steht sie – jedenfalls nach Ansicht der Rechtsprechung
Vgl. dazu Hufen Staatsrecht II § 10 Rn. 36 m.w.N. – nicht zur Disposition des Grundrechtsberechtigten.Vgl. BVerwGE 64, 274 – Peep-Show; 115 189 – Laserdrome (str.).
Beim sog. Zwergenweitwurf (oben Rn. 44) ist es daher unerheblich, dass der kleinwüchsige Artist damit einverstanden ist, wie ein Wurfgerät behandelt zu werden.
Zum anderen besteht sie ohne die Möglichkeit eines Güterausgleichs.
Vgl. Manssen Staatsrecht II Rn. 210. Art. 1 Abs. 1 GG unterliegt nach seinem Wortlaut („unantastbar“) keinen Schranken. Dies gilt nicht nur für geschriebene Schranken, sondern auch für kollidierendes Verfassungsrecht.Vgl. Pieroth/Schlink/Kingreen/Poscher Grundrechte Rn. 397.
Welche Argumente sprechen nach der h.M. dafür, dass es sich bei der Menschenwürde nach Art. 1 Abs. 1 GG um ein Grundrecht handelt?
Art. 142 GG, weil er voraussetzt, dass es sich bei Art. 1 Abs. 1 GG um ein Grundrecht handelt.
Überschrift Abschnitt I Grundgesetz
Wortlaut des Art. 1 Abs. 1 GG
Art.1 Abs. 1 S. 2 GG
Nach der Objektformel darf der Mensch nicht zum bloßen Subjektzum bloßen Objekt staatlichen Handelns gemacht und nicht einer Behandlung ausgesetzt werden, die seine Objektsqualität im konkreten FallObjektsqualität prinzipiellSubjektsqualität im konkreten FallSubjektsqualität prinzipiell in Frage stellt.
Die Menschenwürde gilt absolut. Was hat das zur Folge?
Die Menschenwürde steht nicht zur Disposition des Grundrechtsberechtigten.
Jeder Eingriff in die Menschenwürde bedingt deren Verletzung.
Die Menschenwürde gilt in allen denkbaren Fällen.

References: Art. 1
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 2
 Art. 79
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 142
 Art. 1
 § 26
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 93
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 1
 § 10
 Art. 1
 § 14
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 1
 Art. 1
 § 26
 Art. 1
 Art. 1
 § 10
 Art. 1
 Art. 1

Art. 142
 Art. 1
 Art. 1

Art.1