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Timestamp: 2019-11-14 19:17:47+00:00

Document:
RIS - 7Ob193/18k - Entscheidungstext - Justiz (OGH, OLG, LG, BG, OPMS, AUSL)
Entscheidungstext 7Ob193/18k
VbR 2019/41 S 72 - VbR 2019,72 = RdW 2019/103 S 144 (Info aktuell) - RdW 2019,144 (Info aktuell) = ZVers 2019,159 (Böhm) = ZFR 2019/113 S 267 - ZFR 2019,267 = EvBl 2019/99 S 682 (Burtscher) - EvBl 2019,682 (Burtscher)
7Ob193/18k
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch die Senatspräsidentin Dr. Kalivoda als Vorsitzende und die Hofrätinnen und Hofräte Hon.-Prof. Dr. Höllwerth, Dr. E. Solé, Mag. Malesich und MMag. Matzka als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei Mag. M***** G*****, vertreten durch Poduschka Anwaltsgesellschaft mbH in Linz, gegen die beklagte Partei A*****, vertreten durch Themmer Toth & Partner Rechtsanwälte GmbH in Wien, wegen Feststellung, über die Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Handelsgerichts Wien als Berufungsgericht vom 17. Juli 2018, GZ 1 R 4/18m-11, womit das Urteil des Bezirksgerichts für Handelssachen Wien vom 7. November 2017, GZ 4 C 325/17y-7, abgeändert wurde, zu Recht erkannt:
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit 939,24 EUR (darin enthalten 156,54 EUR an USt) bestimmten Kosten des Revisionsverfahrens binnen 14 Tagen zu zahlen.
Die Klägerin hat über Antrag vom 20. 11. 2006 einen Lebensversicherungsvertrag mit der V***** AG abgeschlossen.
Seit 1. 4. 2008 ist sie bei der Beklagten rechtsschutzversichert. Dem Versicherungsvertrag liegen die Allgemeinen Bedingungen für die Rechtsschutzversicherung (ARB 2003) zugrunde.
Die ARB 2003 lauten auszugsweise:
Bei mehreren Verstößen ist der erste, adäquat ursächliche Verstoß maßgeblich, wobei Verstöße, die länger als ein Jahr vor Versicherungsbeginn zurückliegen, für die Feststellung des Versicherungsfalls außer Betracht bleiben. [...]
1. Die Versicherung erstreckt sich auf Versicherungsfälle, die während der Laufzeit des Versicherungsvertrags eintreten.
2. Löst eine Willenserklärung oder Rechtshandlung des Versicherungsnehmers, des Gegners oder eines Dritten, die vor Versicherungsbeginn vorgenommen wurde, den Versicherungsfall gemäß Art 2.3 aus, besteht kein Versicherungsschutz. Willenserklärungen oder Rechtshandlungen, die länger als ein Jahr vor Versicherungsbeginn vorgenommen wurden, bleiben dabei außer Betracht.
Mit Schreiben vom 1. 12. 2016 trat die Klägerin vom Lebensversicherungsvertrag mit der Begründung zurück, ihr stehe aufgrund der mangelhaften Aufklärung über ihre Rücktrittsrechte ein derartiges Recht noch zu. Der Lebensversicherer lehnte mit Schreiben vom 16. 12. 2016 den Rücktritt ab, weil die in § 165a VersVG genannte Rücktrittsfrist bereits abgelaufen sei.
Die Klägerin begehrt die Feststellung, dass ihr die Beklagte Rechtsschutzdeckung zur Erhebung einer Klage gegen den Lebensversicherer auf Rückforderung der geleisteten Prämien samt Zinsen in der Höhe von ca 25.000 EUR zu gewähren habe. Sie sei vom Lebensversicherer nicht umfassend und unmissverständlich über ihr Rücktrittsrecht nach § 165a VersVG aufgeklärt worden. Die fehlerhafte Belehrung habe den dort geregelten Fristbeginn nicht ausgelöst.
Die Beklagte beantragt die Abweisung des Klagebegehrens. Der Versicherungsfall (= behauptete fehlerhafte Belehrung über das Rücktrittsrecht) sei vor Wirksamwerden des Versicherungsschutzes eingetreten.
Das Erstgericht gab dem Klagebegehren statt. Sowohl die mangelhafte Belehrung über das Rücktrittsrecht der Klägerin bei Vertragsabschluss als auch die ungerechtfertigte Ablehnung des Rücktritts der Klägerin im Jahr 2016 sei als Verstoß im Sinn des Art 2.3 der ARB 2003 zu werten. Aufgrund der Tatsache, dass der erste Verstoß bereits im Jahr 2006, somit länger als ein Jahr vor Versicherungsbeginn, begangen worden sei, habe dieser für die Feststellung des Versicherungsfalls außer Betracht zu bleiben.
Das Berufungsgericht änderte diese Entscheidung dahin ab, dass es das Klagebegehren abwies. Die Ablehnung des Rücktritts der Klägerin durch den Lebensversicherer sei lediglich die konsequente Folge des zuvor – von der Klägerin behaupteten – Verstoßes der nicht gesetzeskonformen Rücktrittsrechtsbelehrung nach § 165a VersVG. Berufe sich der Versicherungsnehmer auf die Unwirksamkeit des Versicherungsvertrags, so liege der Verstoß im Abschluss des Versicherungsvertrags und nicht erst in der Ablehnung des geltend gemachten Anspruchs durch den Versicherer. Risken, die vor Abschluss des Versicherungsvertrags eingetreten seien und sich lediglich nach Abschluss des Rechtsschutzversicherungsvertrags aktualisieren können, weil sie erst dann zum Anlass einer rechtlichen Auseinandersetzung würden, seien nicht versichert. Mehrere Verstöße im Sinn des Art 2.3 ARB 2003 lägen nicht vor.
Das Berufungsgericht sprach aus, dass die ordentliche Revision zulässig sei, weil die Bedeutung der gegenständlichen Rechtsfrage über den Einzelfall hinausgehe.
1. Allgemeine Versicherungsbedingungen sind nach ständiger Rechtsprechung nach den Grundsätzen der Vertragsauslegung (§§ 914 f ABGB) auszulegen, und zwar orientiert am Maßstab des durchschnittlich verständigen Versicherungsnehmers und stets unter Berücksichtigung des erkennbaren Zwecks einer Bestimmung (RIS-Justiz RS0050063 [T6], RS0112256 [T10], RS0017960). Die Klauseln sind, wenn sie nicht Gegenstand und Ergebnis von Vertragsverhandlungen waren, objektiv unter Beschränkung auf den Wortlaut auszulegen; dabei ist der einem objektiven Betrachter erkennbare Zweck einer Bestimmung zu berücksichtigen (RIS-Justiz RS0008901 [insbesondere T5, T7, T87]). Unklarheiten gehen zu Lasten der Partei, von der die Formulare stammen, das heißt im Regelfall zu Lasten des Versicherers (RIS-Justiz RS0050063 [T3]).
2. Die Klägerin begehrt Rechtsschutzdeckung aus einer seit 1. 4. 2008 wirksamen Rechtsschutzversicherung zur Geltendmachung von Bereicherungsansprüchen aus der Rückabwicklung eines Lebensversicherungsvertrags nach Ausübung des ihr – behauptetermaßen wegen fehlerhafter Belehrung nach § 165a VersVG – zustehenden unbefristeten Rücktrittsrechts.
2.1. Unbestritten ist hier für den Eintritt des Versicherungsfalls Art 2.3 ARB 2003 maßgeblich.
2.2. Nach dieser Bestimmung liegt der Versicherungsfall in der Rechtsschutzversicherung vor, wenn einer der Beteiligten begonnen hat oder begonnen haben soll, gegen Rechtspflichten oder Rechtsvorschriften zu verstoßen. Es bedarf daher eines gesetzwidrigen oder vertragswidrigen Verhaltens eines Beteiligten, das als solches nicht sofort oder nicht ohne weiteres nach außen zu dringen braucht. Ein Verstoß ist ein tatsächlich objektiv feststellbarer Vorgang, der immer dann, wenn er auch wirklich vorliegt oder ernsthaft behauptet wird, den Keim eines Rechtskonflikts in sich trägt, der zur Aufwendung von Rechtskosten führen kann. Damit beginnt sich die vom Rechtsschutzversicherer übernommene Gefahr konkret zu verwirklichen. Es kommt nicht darauf an, ob der Handelnde sich des Verstoßes bewusst oder infolge von Fahrlässigkeit oder unverschuldet nicht bewusst war, es soll sich um einen möglichst eindeutig bestimmbaren Vorgang handeln, der in seiner konfliktauslösenden Bedeutung für alle Beteiligten, wenn auch erst nachträglich, erkennbar ist. Es kommt weder auf den Zeitpunkt an, zu dem die Beteiligten von dem Verstoß Kenntnis erlangten, noch darauf, wann aufgrund des Verstoßes Ansprüche geltend gemacht oder abgewehrt werden (RIS-Justiz RS0114001). Bei mehreren (gleichartigen) Verstößen ist auf den ersten abzustellen (RIS-Justiz RS0114209). Ist kein einheitliches Verstoßverhalten des Schädigers erkennbar, handelt es sich bei einzelnen schädigenden Verhaltensweisen jeweils um einen rechtlich selbständigen neuen Verstoß. Die Beweislast für den Eintritt des Versicherungsfalls im versicherten Zeitraum trifft den Versicherungsnehmer. War nach der Sachlage beim ersten Verstoß mit weiteren gleichartigen Verstößen zu rechnen, liegen in der Regel nicht mehrere selbständige Verstöße, sondern ein einheitlicher Verstoß im Rechtssinn vor. Dies kann sowohl bei vorsätzlichen Verstößen der Fall sein, bei denen der Wille des Handelnden von vornherein den Gesamterfolg umfasst und auf dessen „stoßweise Verwirklichung“ durch mehrere gleichartige Einzelhandlungen gerichtet ist, wie auch bei Fällen gleichartiger fahrlässiger Verstöße, die unter wiederholter Außerachtlassung derselben Pflichtenlage begangen werden (RIS-Justiz RS0111811). Die Bestimmung des Zeitpunkts des Versicherungsfalls im Rahmen der Rechtsschutzdeckung für die Wahrnehmung rechtlicher Interessen aus schuldrechtlichen Verträgen soll vermeiden, dass die Rechtsschutzversicherung mit Kosten solcher Rechtskonflikte belastet wird, die bei Abschluss des Versicherungsvertrags bereits die „erste Stufe der konkreten Gefahrenverwirklichung“ erreicht haben, also gewissermaßen „vorprogrammiert“ sind (7 Ob 144/10t mwN).
2.3. Nach § 165a Abs 1 VersVG (in der hier anzuwendenden Fassung BGBl I Nr 62/2004) ist der Versicherungsnehmer berechtigt, binnen 30 Tagen nach Zustandekommen des Vertrags von diesem zurückzutreten.
2.4. Die Klägerin leitet aus einer behaupteten fehlerhaften Belehrung über ihr Rücktrittsrecht durch den Lebensversicherer ein unbefristetes Rücktrittsrecht vom Lebensversicherungsvertrag ab und begehrt vom Rechtsschutzversicherer Kostendeckung für die Geltendmachung von Bereicherungsansprüchen aufgrund des – nach Ablauf der in § 165a Abs 1 VersVG dafür vorgesehenen Frist – ausgeübten Rücktritts. In diesem Fall liegt bereits in der behaupteten fehlerhaften Belehrung der Keim der späteren Auseinandersetzung über die Wirksamkeit des außerhalb der Frist ausgeübten Rücktritts. Dieser allein maßgebliche Verstoß (fehlerhafte Belehrung) ist der Versicherungsfall. Die Bestreitung der Wirksamkeit des – außerhalb der Frist des § 165a Abs 1 VersVG erklärten – Rücktritts und die vom Lebensversicherer darauf gestützte Ablehnung der Rückabwicklung begründen hingegen keine (selbständigen) Verstöße, sondern sind, als Auseinandersetzung gerade über die Rechtsfolgen der behauptetermaßen fehlerhaften Belehrung, deren konsequente Folge. Durch die Bestreitung des Lebensversicherers aktualisiert sich also nur der bereits in der fehlerhaften Belehrung gründende Rechtskonflikt und in dieser keimt bereits die Gefahr der späteren Verursachung von Kosten der Rechtsverfolgung. Der erst danach erfolgte Abschluss des Rechtsschutzversicherungsvertrags deckt dieses bereits zuvor begründete Risiko nicht. Dass ein bereits im Keim bestehender Rechtskonflikt, der erst nach Abschluss des Rechtsschutzversicherungsvertrags aktuell wird, nach dem Wortlaut des Art 2.3 ARB 2003 nicht gedeckt ist, ist einem durchschnittlich versierten Versicherungsnehmer einsichtig.
2.5. Diese Rechtsansicht steht überdies im Einklang mit der zu einer durchaus vergleichbaren Konstellation ergangenen Entscheidung 7 Ob 144/10t, in der der Fachsenat bereits die Aufnahme einer angeblich intransparenten Klausel in einen Versicherungsvertrag und nicht erst die Berufung auf die vermeintlich unwirksame Klausel als den, den Versicherungsfall darstellenden, Verstoß gewertet hat.
2.6. Die in Art 2.3 ARB 2003 normierte Jahresfrist bezieht sich bereits nach ihrem Wortlaut nur auf das Vorliegen – hier nicht gegebener – mehrerer Verstöße (7 Ob 32/18h), sodass sie vorliegend nicht zur Anwendung kommt.
2.7. Vor dem Hintergrund dieser österreichischen Rechtslage und Judikatur hat daher das Berufungsgericht die Vorvertraglichkeit zutreffend bejaht.
3.1. Der Bundesgerichtshof geht dagegen in seiner jüngeren Rechtsprechung davon aus, dass für die Festlegung der dem Vertragspartner des Versicherungsnehmers vorgeworfenen Pflichtverletzung ausschließlich jener Tatsachenvortrag entscheidend ist, mit dem der Versicherungsnehmer den Verstoß begründet. Daher urteilte er in einem mit dem vorliegenden vergleichbaren Fall dahin, dass der maßgebliche Verstoß die Weigerung des Lebensversicherers sei, den nach den Klagsbehauptungen zulässigen Rücktritt anzuerkennen. Der Rechtskonflikt sei bei Abschluss des Lebensversicherungsvertrags noch nicht vorprogrammiert. Vielmehr verfolge der Kläger einen Bereicherungsanspruch, der erst mit Ausübung seines Widerspruchsrechts entstanden sein könne (BGH IV ZR 23/12; zum Widerruf für Haustürgeschäfte IV ZR 37/07 = VersR 2008/113).
3.2. Die Entscheidung zur Deckungspflicht bei Lebensversicherungsstreitigkeiten ist in der deutschen Lehre tendenziell auf Zustimmung gestoßen (etwa Maier, Versicherungsfall und streitauslösende Willenserklärung in der Rechtsschutzversicherung, r+s 2017, 574; Cornelius-Winkler in Harbauer Rechtsschutzversicherung9 ARB 2010 § 4 Rn 134; aA Obarowski in Beckmann/
Matusche-Beckmann, Versicherungsrechts-Handbuch3 § 37 Rn 418).
3.3. Der neuen Judikaturlinie des Bundesgerichtshofs zur Definition des Versicherungsfalls in der Rechtsschutzversicherung, die allein auf die Behauptungen des Versicherungsnehmers abzielt und damit auch verpönte Zweckabschlüsse erleichtert, ist der Fachsenat schon bisher nicht gefolgt (vgl 7 Ob 36/18x) und er vermag sich dieser Änderung des Meinungsstands in Deutschland auch im vorliegenden Fall nicht anzuschließen, muss sich doch der Versicherungsnehmer zwingend auf eine fehlerhafte Belehrung des Lebensversicherers berufen, weil andernfalls seinem Rücktritt die Rechtsgrundlage fehlte und die Klagsbehauptungen unschlüssig blieben.
4. Bei Art 3.2 ARB 2003 handelt es sich um einen zeitlichen Risikoausschluss. Er begründet eine Erweiterung der Vorvertraglichkeit, wenn eine Willenserklärung oder Rechtshandlung, die vor Beginn des Versicherungsschutzes vorgenommen wurde, den späteren Verstoß ausgelöst hat. Die Willenserklärung oder Rechtshandlung, die den Streit auslöst, muss streng von dem für den Eintritt des Versicherungsfalls maßgeblichen Verstoß unterschieden werden. Art 3.2 ARB 2003 ist nicht maßgeblich, wenn die Willenserklärung (Rechtshandlung), um die es geht, schon selbst ein tatsächlicher oder behaupteter Verstoß ist (7 Ob 66/18h mwN). Da hier bereits die fehlerhafte Belehrung über das Rücktrittsrecht der für den Eintritt des Versicherungsfalls relevante Verstoß ist, kommt eine Anwendung des Art 3.2 ARB 2003 nicht in Betracht. Entgegen der Ansicht der Klägerin kann daher aus dieser zeitlichen Risikobegrenzung nicht – im Umkehrschluss – eine jedenfalls bestehende Deckungspflicht abgeleitet werden.
5. Der Revision war daher der Erfolg zu versagen. Die Kostenentscheidung gründet auf die §§ 41, 50 ZPO.
E123900
ECLI:AT:OGH0002:2018:0070OB00193.18K.1219.000
JJT_20181219_OGH0002_0070OB00193_18K0000_000

References: § 165
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 § 165
 § 4
 § 37