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Invalidität Querschnittfragen im schweizerischen Recht. Mittwoch, 16. September 2015, Kongresshaus Zürich - PDF
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1 Invalidität Querschnittfragen im schweizerischen Recht Mittwoch, 16. September 2015, Kongresshaus Zürich
2 Leistungen von Privatversicherungen bei Invalidität Prof. Dr. iur. Marc Hürzeler
3 Agenda 1. Leistungen von Privatversicherungen bei Invalidität im Überblick Vorkommen Schadens- vs. Summenversicherung 2. Der Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Invaliditätsbegriff im VVG? Abstrakte vs. konkrete Invalidität: Ausgewählte Formulierungen Abklärung der Invalidität durch Versicherungsgutachter Invaliditätssumme mit Progression Schadenminderungspflicht 3. Privatversicherung und Sozialversicherung im Zusammenspiel Bedeutung der sozialversicherungsrechtlichen Invaliditätsbemessung? Adäquanz bei Invalidität in der privaten Unfallversicherung? Anrechnung von Sozialversicherungsleistungen? 4. Durchsetzung der Ansprüche Fallerledigung Verjährung der Leistungsansprüche
4 1. Überblick Invaliditätsleistungen von Privatversicherungen: Private Unfallversicherung (VVG)» Invaliditätskapital» Invaliditätsrente Lebensversicherung» Invaliditätskapital» Invaliditätsrente» Prämienbefreiung Kranken-Zusatzversicherung» Invaliditätskapital
5 1. Überblick Schadens- vs. Summenversicherung: Schadensversicherung:» Eintritt eines (wirtschaftlichen) Schadens ist gleichermassen Voraussetzung für die Leistungspflicht als auch Bemessungskriterium für die Leistungen» Leistungen dienen der konkreten Schadensdeckung» Art. 72 VVG Subrogation als Koordinationsgrundsatz Summenversicherung:» Die Versicherungsleistung ist unabhängig davon auszurichten, ob und in welcher Höhe ein Schaden eingetreten ist» Art. 96 VVG Kumulation als halbzwingender Koordinationsgrundsatz Die Unterscheidung ist für jede einzelne versicherte Leistung vorzunehmen!
6 1. Invaliditätsbegriff im VVG? 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Art. 88 Abs. 1 VVG: Wird infolge eines Unfalles die Erwerbsfähigkeit des Versicherten voraussichtlich bleibend beeinträchtigt, so ist die Entschädigung, sobald die voraussichtlich dauernden Unfallfolgen feststehen, auf der Grundlage der für den Fall der Invalidität versicherten Summe in Form der Kapitalabfindung auszurichten. Diese Bestimmung findet keine Anwendung, wenn der Versicherungsnehmer die Entschädigung ausdrücklich in Form der Rentenabfindung beantragt hat. Keine Legaldefinition des Invaliditätsbegriffs im VVG Keine Anwendbarkeit von Art. 7 und 8 ATSG (ex lege)
7 1. Invaliditätsbegriff im VVG? 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Verständnis des BGer zum Invaliditätsbegriff nach Art. 88 VVG BGer 5C.147/2001 E. 3: Die Bestimmung meint [ ] eine Erwerbsunfähigkeit im theoretischen, abstrakten Sinn, die für Durchschnittsfälle, ohne Berücksichtigung des Berufs des Versicherten und der konkreten Umstände ermittelt wird (i.d.r. gestützt auf eine sog. Gliedertaxe), es sei denn, die Parteien hätten vertraglich eine konkrete Bemessung der Invalidität vereinbart.
8 1. Invaliditätsbegriff im VVG? 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Verständnis des BGer zum Invaliditätsbegriff nach Art. 88 VVG BGE 127 III 100» Nicht erforderlich ist, dass die vp einen wirtschaftlichen Nachteil erleidet» Erwerbsunfähigkeit im theoretischen, abstrakten Sinne als Grundsatz» Der Vertrag legt die Grundsätze fest, die für die Bemessung der Invalidität massgebend sind» Den Parteien bleibt es unbenommen, vertraglich eine konkrete Bemessungsart, etwa die Berücksichtigung des tatsächlich eingetretenen wirtschaftlichen Schadens, vorzusehen
9 2. Konkrete vs. abstrakte Invalidität 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Beispiel Gliedertabelle plus Generalklausel Die AVB enthalten eine Gliedertabelle sowie folgende Generalklausel: Kann das Ausmass der Invalidität nach den obigen Grundsätzen nicht bestimmt werden, wird es aufgrund der bleibenden körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung, unter Berücksichtigung der Arbeitsunfähigkeit und der persönlichen Verhältnisse des Versicherten festgelegt. BGE 127 III 100: Theoretisch-abstrakte Invalidität, trotz Verweis auf die Arbeitsunfähigkeit Summenversicherungsleistung Vorsicht im Allgemeinen: Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit werden in den AVB häufig nicht trennscharf unterschieden und nicht i.s.v. Art. 6 und 7 ATSG verwendet!
10 2. Konkrete vs. abstrakte Invalidität 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Beispiel Beruf und Lebensstellung des Versicherten : Die versicherte Person gilt als erwerbsunfähig, wenn sie infolge medizinisch nachgewiesener Schädigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit ihren Beruf oder eine andere zumutbare Erwerbstätigkeit nicht mehr oder nur noch teilweise ausüben kann und dadurch eine Erwerbseinbusse erleidet. Zumutbar ist eine Tätigkeit, wenn sie den Fähigkeiten und der Lebensstellung der versicherten Person entspricht, auch wenn die dafür benötigten Kenntnisse erst durch eine Umschulung erworben werden müssen.
11 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht 3. Abklärung der Invalidität durch Versicherungsgutachter Beispiel in Anlehnung an BGer 4A_390/2010: Der Versicherer unterbreitete dem Versicherten eine Auswahl von drei Gutachtern und drohte ihm unter Verweis auf die AVB die Einstellung der Zahlungen an, wenn er einen dieser Vorschläge nicht innert fünf Tagen annehme Im Rahmen von Art. 45 VVG können die AVB Bestimmungen zur Mitwirkung bei der Abklärung des Versicherungsfalls enthalten, da Art. 39 Abs. 2 Ziff. 1 VVG nicht abschliessend zu verstehen ist Die Rechtsnachteile für den Fall der Verletzung einer entsprechend vorgesehenen Obliegenheit können unter Vorbehalt unverschuldeter Verletzung frei vereinbart werden, soweit keine zwingenden gesetzlichen Vorschriften entgegenstehen Die Weigerung des Versicherten, sich von einem der vorgeschlagenen Ärzte untersuchen zu lassen, berechtigte die Versicherung daher zur Einstellung der Versicherungsleistungen.
12 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht 3. Abklärung der Invalidität durch Versicherungsgutachter Bedeutung der gutachterlichen Feststellungen? Beispiel in Anlehnung an BGer 4A_442/2007» AVB verfügen über Gliedertabelle sowie folgende Generalklausel: Bei vorstehend nicht aufgeführter Beeinträchtigung der Gesundheit erfolgt die Bestimmung des Invaliditätsgrades aufgrund ärztlicher Feststellungen in Anlehnung an die obigen Prozentsätze.» Die abschliessende Bewertung der Invaliditätseinbusse wird nicht an eine ärztliche Beurteilung delegiert» Die Regelung kann nur so verstanden werden, dass die Parteien (bzw. das Gericht) die Art und die Auswirkungen einer nicht ausdrücklich genannten Beeinträchtigung mit einer fachärztlichen Begutachtung feststellen und gestützt darauf die Schwere der Beeinträchtigung beurteilen
13 4. Invaliditätssumme mit Progression 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Ausgangslage: Die Höhe des Invaliditätskapitals erhöht sich mit zunehmendem Invaliditätsgrad überproportional: Beispiel» Invaliditätsgrad 25% = Kapital 25%» Invaliditätsgrad 26% = Kapital 28%» Invaliditätsgrad 50% = Kapital 100%» Invaliditätsgrad 75% = Kapital 225%» Invaliditätsgrad 100% = Kapital 350%
14 4. Invaliditätssumme mit Progression 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Konsequenz bei vorbestandener Teilinvalidität oder Ausscheidung unfallfremder Ursachen? BGer i.sa. Winterthur/Wullimann (1982):» Ermittlung der Gesamtinvalidität und Bestimmung der Progressionsstufe unter Abzug des prozentualen Anteils der unfallfremden/vorbestandenen Invalidität HGer ZH vom 24. Januar 2008» Der Abzug ist unter Berücksichtigung der Progression auf der unfallfremden/vorbestandenen Invalidität vorzunehmen Beispiel Regelung AVB (Sanitas) Ist die versicherte Person vor dem Unfall invalid gewesen, bezahlt Sanitas die Differenz zwischen dem Kapital, das sich aufgrund des vorherigen Invaliditätsausmasses ergäbe, und dem Kapital, das aufgrund des gesamten Invaliditätsausmasses errechnet wird.
15 4. Invaliditätssumme mit Progression Beispiel: 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Versicherungssumme CHF Progression 350% Invaliditätsgrad 100% Vorbestandene Invalidität 75% Lösung BGer: Kapital bei 100%: CHF Abzug für vorbestandene Invalidität 75%: CHF Leistung: CHF Lösung HGer: Kapital bei 100%: CHF Kapital bei 75% Progression 225% CHF Leistung: CHF
16 5. Schadenminderungspflicht 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Grundlage Art. 61 VVG ( Rettungspflicht ) 1 Der Anspruchsberechtigte ist verpflichtet, nach Eintritt des befürchteten Ereignisses tunlichst für Minderung des Schadens zu sorgen. Er muss, wenn nicht Gefahr im Verzuge liegt, über die zu ergreifenden Massregeln die Weisungen des Versicherers einholen und befolgen. 2 Hat der Anspruchsberechtigte diese Pflichten in nicht zu entschuldigender Weise verletzt, so ist der Versicherer berechtigt, die Entschädigung um den Betrag zu kürzen, um den sie sich bei Erfüllung jener Obliegenheit vermindert hätte.
17 5. Schadenminderungspflicht 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Analoge Anwendung von Art. 21 Abs. 4 ATSG Eingliederung, insbesondere Berufswechsel Zumutbare Heilbehandlung» Anwendungsbeispiel BGer 4A_79/2012: Entwöhnung von einer Medikamentenabhängigkeit Versicherer hat eine angemessene Bedenk- und Umsetzungsfrist anzusetzen Während der Bedenk- und Umsetzungsfrist sind Leistungskürzungen unzulässig
18 5. Schadenminderungspflicht 2. Invaliditätsbegriff im Privatversicherungsrecht Beispiel Leistungskürzungen bei privater Unfallversicherung (in Anlehnung an BGer 4A_79/2009) vp erleidet Schleudertrauma Versicherer nimmt Leistungskürzung für» vorbestehende psychische Leiden (Art. 44 OR) und» Verletzung der Schadenminderung vor BGer lehnt Kürzung für Prädisposition gestützt auf Art. 44 OR ab Die Rettungspflicht (i.c. Behandlungspflicht für psychische Leiden) umfasst nicht unfallfremde Faktoren Volle Leistungspflicht des Versicherers
19 3. Privat- und Sozialversicherung 1. Bedeutung der sozialversicherungsrechtlichen Invaliditätsbemessung? Keine Bindungswirkung ex lege (BGer 9C_867/2014) Invaliditätsbegriff ist (auch in der Säule 3a) freier gestaltbar als in der 2. Säule Auch Invaliditätsgrade unter 40% können leistungsbegründend wirken Kein Eröffnung der IV-Verfügungen an die Versicherungsträger AVB können Anlehnung an IV-Entscheid vorsehen Beispiel (AVB Helvetia) Abklärungen und Entscheide der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) und der Unfallversicherung zum Invaliditätsgrad der versicherten Person können berücksichtigt werden, sind jedoch nicht bindend.
20 3. Privat- und Sozialversicherung 2. Adäquanz bei Invalidität in der privaten Unfallversicherung Frage: Folgt das private Versicherungsrecht der sozialversicherungsrechtlichen Adäquanzbeurteilung? Urteil des HGer ZH vom 23. November 2007» Die in Lehre und Rechtsprechung entwickelten Grundsätze zum Adäquanzbegriff im Sozialversicherungs- und Haftpflichtrecht können nicht unbesehen auf den Fall einer Personen- bzw. Summenversicherung übernommen werden BGE 131 III 12» Anwendung des haftpflichtrechtlichen Adäquanzmassstabes Adäquanzbeurteilung im VVG folgt nicht der Praxis im UVG!
21 3. Privat- und Sozialversicherung 3. Anrechnung von Sozialversicherungsleistungen? Ausgangslage: Privatversicherungsrechtliche Invaliditätsleistungen sind im Verhältnis zu Sozialversicherungsleistungen subsidiär Anrechnung bei Schadensversicherungsleistungen gemäss AVB Anrechnung bei Summenversicherungsleistungen? Zugelassen in BGE 133 III 527 und BGer 5C.243/2006 Voraussetzung, dass eine entsprechende Grundlage in den AVB besteht Frage: Vereinbarkeit mit dem halbzwingenden Charakter von Art. 96 VVG?
22 4. Durchsetzung der Ansprüche 1. Fallerledigung Erfolgt i.d.r. mittels einer sog. Entschädigungsvereinbarung Diese kann zweierlei beinhalten: Vergleich» z.b. Bei Unsicherheiten über den Invaliditätsgrad Saldoquittung» Darf nur zurückhaltend angenommen werden (BGE 127 III 444) Pro Memoria: Irrtumsanfechtung bei Vergleich ausgeschlossen, soweit es um zweifelhafte Punkte geht, die mit dem Vergleich endgültig erledigt werden sollten (sog. caput controversum; BGE 130 III 49)
23 4. Durchsetzung der Ansprüche 1. Fallerledigung Beispiel Invaliditätsgrad nach Unfall (in Anlehnung an BGer 4A_279/2007) Suva ermittelt Integritätseinbusse von 35% mit der Möglichkeit einer Verschlechterung Entschädigungsvereinbarung mit privatem Unfallversicherer über 35% Invalidität Verschlechterung des Gesundheitszustandes mit Erhöhung der Integritätseinbusse gemäss Suva auf 65% BGer lässt Irrtumsanfechtung betreffend den Vergleich nicht zu Ein ausdrücklicher Vorbehalt wurde in der Entschädigungsvereinbarung nicht angebracht
24 4. Durchsetzung der Ansprüche 2. Verjährung Art. 46 VVG: Die Forderungen aus dem Versicherungsvertrage verjähren in zwei Jahren nach Eintritt der Tatsache, welche die Leistungspflicht begründet. Beginn des Verjährungslaufes: Bei Kapitalleistungen infolge Invalidität mit Eintritt der Invalidität» Sonderfall Unfallversicherung ( Stufengefahr): Fristenlauf beginnt nicht am Unfalltag, sondern wenn die Invalidität als sicher angenommen werden kann (BGE 118 II 447)» Kenntnis des genauen Invaliditätsgrades ist nur massgebend, wenn in den AVB so vorgesehen Bei periodischen Leistungen:» Verjährungsfrist für einzelne Raten läuft ab dem Zeitpunkt, zu dem die Rente geschuldet ist» Verjährung des Rentenstammrechts beachten!
25 4. Durchsetzung der Ansprüche 2. Verjährung Problematik Rentenstammrecht: Wechselvolle Rechtsprechung!» BGE 127 III Jahre (Art. 46 VVG)» BGer 5C.168/ Jahre (Art. 131 OR)» BGer 4A_532/ Jahre (Art. 46 VVG)» BGer 4A_702/ Jahre (Art. 131 OR)
26 4. Durchsetzung der Ansprüche 2. Verjährung Problematik Prämienbefreiung (in Anlehnung an BGer 4A_53/2010): Versicherter bezahlt die Prämien für eine gemischte Lebensversicherung Nachträglich stellt sich heraus, dass die Prämien auch für eine Periode entrichtet wurden, in welcher bereits Anspruch auf Prämienbefreiung bestand Versicherter fordert die Prämien vom Versicherer zurück Verjährungsfrist?» Prämienbefreiung als Versicherungsleistung Art. 46 VVG» Prämienbefreiung als Resolutivbedingung für die Prämienzahlungspflicht Bezahlung einer Nichtschuld Rückerstattung nach Bereicherungsrecht Art. 67 OR

References: Art. 72
 Art. 96
 Art. 88
 Art. 7
 BGer 
 Art. 88
 BGer 
 BGer 
 Art. 88
 BGE 
 BGE 
 Art. 6
 BGer 
 Art. 45
 Art. 39
 BGer 
 BGer 
 Art. 61
 Art. 21
 BGer 
 BGer 
 BGer 
 Art. 44
 BGE 
 BGE 
 BGer 
 Art. 96
 BGE 
 BGer 
 BGer 
 Art. 46
 BGE 
 BGer 
 BGer 
 BGer 
 BGer 
 Art. 46
 Art. 67