Source: https://forhistiur.de/1998-05-thur/?l=de
Timestamp: 2019-06-18 02:47:14+00:00

Document:
Folgen wir also der Vorlesung, die im ersten Semester kontinuierlich bis Inst. 2,9 samt dem Anhang 4,15 gedeihen soll. Erstaunlich ist die Wirkung der const. Imperatoriam auf die cupida legum iuventus, die sich in der ersten Woche des Semesters im Hörsaal schart. Schnell schlüpfen die Hörer in die ihnen von Justinian zugeteilte Rolle. Der Vortragende hat zwei Aufgaben zu erfüllen: die Botschaft Justinians zu vermitteln und gleichzeitig kritisch ihren damaligen und heutigen Wert zu prüfen. Einige Stichworte mögen genügen: Hinter der Herrscherrhetorik von pr. und § 1 steht der einfache Gedanke, Recht ist die Ordnung des Friedens (der Balkan ist gefährlich nahe  nicht nur in Graz); § 2 fügt dem hinzu, daß der hier gebotene Rechtsstoff in einem Jahrhunderte währenden Prozeß aus verschiedenen Quellen entstanden ist (Sachwissen : leges und ius). In § 3 klingen die Schalmeien jeder Studienreform an: nihil inutile! (Vorsicht vor solchen Versprechungen3)!) Anhand der §§ 4 und 6 läßt sich die Stellung von Institutionenwerken innerhalb der klassischen und justinianischen Rechtsliteratur besprechen, zu § 5 die Gestalt des Reformers im Kleid des Konservativen. Erstaunen erregt die Konzeption des Lehrbuchs mit Gesetzeskraft (§§ 3 und 6); voll Verständnis wird in § 7 spes ... gubernare gelesen; jeder strebt schließlich nach einem Posten und Anerkennung. Die Rhetorik der Einführungskonstitution erschöpft sich also nicht im Preis des kaiserlichen Herrschers, sondern trifft wohldosiert die Wünsche und Ängste jedes Studienanfängers, sowohl damals wie auch heute4). Es wird sich herausstellen, daß auch das hierauf folgende Lehrbuch mit ähnlichem pädagogischem Geschick komponiert ist. 8
Anhand der Überschrift der Institutionen lassen sich einige Worte über alma mater, Magnifizenz (und Spectabilität) anbringen, Ausdrücke, die nicht allen angehenden Akademikern von zu Hause mitgegeben sind. Von persönlicher Leistung getragene soziale Rangordnung tun die Hörer keineswegs als lächerlich ab. Ehrend erwähne ich, nachdem Gaiusnoster schon in const. Imp. 6 genannt wurde, nun auch  die Romanistik möge mir verzeihen  Tribonian sowie die antecessores Theophilus und Dorotheus. Besonders delikat sind die ersten beiden Titel des 1. Buches. De iustitia et iure ist vor allem pädagogisch konzipiert: Die hohen Ziele der Jurisprudenz (pr., 1,3)  ich fasse sie als Appell zur Persönlichkeitsbildung auf und bemerke, daß man sie im Laufe der mehrjährigen technischen Ausbildung zum Juristen aus den Augen zu verlieren droht  rahmen einen wichtigen Ratschlag ein (§ 2): Wie wird man anhand des gewaltigen Stoffes mit Selbstzweifeln fertig, die zum desertor (drop out) führen können. Das rote Büchlein hilft, wie auch ich ehrlich meine. § 4 zeigt erstmals ein das ganze Lehrbuch durchziehendes didaktisches Prinzip: Am Schluß eines Abschnitts steht gerne eine Disposition, die den Leser, verbunden mit einer griffigen Definition, die künftige Abfolge des Stoffes nahebringt. Aus der Dichotomie ius publicum-privatum wird das erste ausgeschieden, das zweite in Gestalt einer nun dreifachen Untergliederung im 2. Titel näher ausgeführt. Dieser Titel bringt nützlichen Lehrstoff aus der Rechtsgeschichte  nicht zu vergessen das ius respondendi (§ 8)  eingebettet in die Fragestellung nach dem ius naturale. Besonderes Interesse finden bei den Hörern die verschiedenen Konzepte des Naturrechts, die in pr., 1, 2 fin. und 11 anklingen: das alle Lebewesen umschließende (es wird heftig akklamiert), das von der Vernunft, der Menschlichkeit oder der göttlichen Vorsehung getragene. Auch der 2. Titel schließt mit einer Disposition (§ 12), der Dreiteilung des gesamten Stoffes in personae, res, actiones. Das gibt, mit einem Vorgriff auf die res incorporalis (anstelle von Gaius diesmal Inst. 2,2), Gelegenheit, über die europäischen Privatrechtssysteme zu sprechen, gleichzeitig aber auch die praktische Bedeutung jeglichen Systems zu relativieren. Die Vorlesung ist in der dritten Woche angelangt. Weitere vier Wochen sind für Person und Familie, sechs für das Sachenrecht vorgesehen. 9
Es führte zu weit, an diesem Ort die Vorlesung de iure personarum (Tit. 3-26) nachzuzeichnen. Folgt man dem justinianischen Lehrbuch, kann man sicher gehen, daß Spannung und Belehrung einander die Waage halten. Jede Stunde bietet Gelegenheit, einfache Rechtsfälle zur Diskussion zu stellen, so etwa cum homo liber ... ad pretium participandum sese venumdari passus est (1,4,4; erste Gedanken zum Verpflichtungs- und Verfügungsgeschäft  Achtung, kein Selbstverkauf, wie Anfänger meinen), oder den Status des Kindes einer Sklavin, die während der Schwangerschaft vorübergehend frei war (1,4 pr.). Nicht die Aktualität der Fälle regt die Hörer an, sondern die Aufgabe, sich die gesellschaftliche Realität dahinter vorzustellen und den damaligen Wertungen mit dem technisch richtigen Instrumentar gerecht zu werden. Im Personen- und Familienrecht Justinians sind eine Reihe von Themen unterdrückt, welche die antecessores heute (wie wohl auch damals) im Unterricht des römischen Rechts wohl schwerlich missen möchten (oder mochten). So empfiehlt es sich etwa, bereits zu 1,4,3 (neben einer Warnung vor der antiken Etymologie) die Geschichte und den Hergang der (von Justinian verpönten) mancipatio zu erklären, die später noch für die adoptio (1,11) oder die emancipatio (1,12,4.6; in 2,10,1 für das Testament mißbraucht) und selbstverständlich in 2,1,40 (traditio) aktuell wird. Als nächstes der nachgeformten Rechtsgeschäfte wäre auf die manumissio vindicta (1,5,1) einzugehen, die  höchst eindrucksvoll ist hier die Überwindung eines hemmenden Formalismus zu demonstrieren  schließlich in transitu vorgenommen werden konnte, wenn der Statthalter in das Bad oder das Theater schreitet. Kein Wort verlieren die Titel 1,21-23 über die tutela mulierum; schwerer wiegt, daß im Titel de nuptiis (1,10)  sichtlich eingeschoben, um den natürlichen Entstehungsgrund der patria potestas (1,9) von der Adoption (1,11) abzugrenzen  das Ehegüterrecht völlig fehlt. Lediglich in 1,10,13; 2,1,41 und 2,7,3 ist die dos nebenbei erwähnt. All das an den entsprechenden Stellen unter Hinweis auf ein Lehrbuch nachzutragen, fällt nicht schwer. Stark zu kürzen sind hingegen die Titel 1,13 (de tutelis) bis 1,26 (de suspectis tutoribus ...); auctoritas und pubertas (1,21f.) bleiben ungeschoren. 10
Das Erbrecht wird man heute kaum noch in dem von Justinian gebotenen Umfang vortragen können; selbst in Österreich sind die Tage dieser Vorlesung gezählt  doch scheint das Interesse an dieser Materie auf lange Sicht gesehen eher zu wachsen. Daß das Testament vor der gesetzlichen Erbfolge abgehandelt wird, ist kein Nachteil. Der historische Ausflug in 2,10,1 verlockt zu Spekulationen über die Entwicklung der Testierfreiheit. 12
Daß eine Vorlesung anhand der Institutionen Justinians möglich ist und bei den Hörern ankommt, zeigt meine bescheidene persönliche Erfahrung. Ob sie in der aufgezeigten Art und Weise sinnvoll ist, mögen die Kollegen beurteilen. Sicher kann man sie besser gestalten. Sicher wird jeder Antezessor, der sich dem Textbuch verschreibt, seine eigene Auswahl der genauer zu besprechenden Stellen treffen, seine Kommentare zum Text mehr in das klassische römische Recht, in die Privatrechtsgeschichte der Neuzeit oder in die griechisch-hellenistische Rechtsgeschichte hinüberlenken (oder in alle drei). In seiner Unvollständigkeit läßt das Lehrbuch dem Vortragenden größte persönliche Freiheit. Nicht zu vergessen ist, daß die Institutionen lediglich als prima legum cunabula gedacht sind, daß die Studenten des ersten Jahres, die Iustiniani novi (const. Omnem 2), selbstverständlich auch mit Rechtsfällen aus den Digesten in Berührung kommen müssen. (Die Auswahl auf die ersten vier Bücher, die pars prima zu beschränken, wäre freilich heute sinnlos, quia quod post se nihil habet, vocabulo prota nuncupari non potest.) Parallel zur Vorlesung müßte also stets auch eine Übung oder Exegese angeboten werden, worin die zeitlosen Leistungen der klassischen römischen Juristen darzustellen sind: etwa das negotium claudicans und das schwebend unwirksame Rechtsgeschäft mit seinen bereicherungsrechtlichen Konsequenzen, auch angewandt im Dreipersonen-Verhältnis  variiert durch Fälle der verbotenen Ehegattenschenkung6). Niemand wird daran zweifeln, daß auf diese Weise bereits im ersten Studienjahr Rechtsunterricht auf höchstem Niveau geboten werden kann. Die neuen Digestenübersetzungen leisten hier unschätzbare Dienste. 14
* Ähnliche Gedanken habe ich unter dem Titel Die Antecessorenvorlesung in der FS Zlinszky (Miscolc 1998) 587-95 entwickelt. Ich danke den Herausgebern des FHJ dafür, daß sie mir das elektronische Medium zur Verfügung stellen.
6 Nach Gai. inst. 2,80-85 (zu Inst. Iust. 1,21 u. 2,8,2  s.o. Anm. 3) wären etwa zu besprechen Ulp. 40 Sab. D. 26,8,5 pr. -6; Iul. 41 dig. D. 26,8,12; Pomp. 6 Plaut. D. 46,3,66; Iul. 41 dig. D. 26,8,13; Paulus 1 Plaut. D. 26,8,18; Ulp. 32 Sab. (Celsus 15 dig). D. 24,1,3,12 und Iul. 5 Min. D. 24,1,39.

References: § 1
 § 2
 § 3
 § 5
 § 7
 § 4