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Timestamp: 2020-08-08 23:11:34+00:00

Document:
BGH: Ersatz der Mehrkosten vom Reiseveranstalter wegen eines in Eigenregie durchgeführten Ersatzflugs – Reiserecht Prof. Dr. Führich
Kemptener Reisemängeltabelle Juli 2020
BGH, Pauschalreise, Reiserecht
BGH: Ersatz der Mehrkosten vom Reiseveranstalter wegen eines in Eigenregie durchgeführten Ersatzflugs
Datum: 3. Juli 2018Autor: Prof. Dr. Ernst Führich
BGH, 3.7.2018 – X ZR 96/17
Der BGH hat die Reiseveranstalterin zur Zahlung des begehrten Ersatzbetrags für den in Eigenregie gebuchten Ersatzflug verurteilt und entschieden, dass eine relevante Pflichtverletzung schon darin zu sehen ist, dass die Reiseveranstalterin die Klägerin nicht darauf hingewiesen hat, dass sie einen Mangel grundsätzlich anzeigen muss.
Die Klägerin verlangt von der beklagten Reiseveranstalterin Ersatz der Mehrkosten für einen Ersatzflug, den sie nach der Verschiebung des ursprünglich vorgesehenen Flugs in Eigenregie gebucht hat. Die Klägerin buchte bei der beklagten Reiseveranstalterin für sich, ihren Ehemann und ihre zwei Kinder für die Zeit vom 01. bis 07.10.2014 eine Pauschalreise in die Türkei zu einem Gesamtreisepreis von 4.874 Euro. Der Rückflug von Antalya nach Frankfurt war für den 07.10.2014 um 20:05 Uhr vorgesehen. Am Abreisetag wurde der Klägerin am Flughafen mitgeteilt, dass sich der Rückflug aufgrund eines technischen Problems auf 22:40 Uhr verschiebt. Als neuer Zielort des Rückflugs wurde Köln angegeben; von dort wurde ein Bustransfer nach Frankfurt angeboten. Die Ankunftsverspätung betrug ca. 6,5 Stunden. Die Klägerin buchte daraufhin in Eigenregie und ohne vorherige Kontaktaufnahme mit der Beklagten bei einer anderen Fluggesellschaft einen Ersatzflug für denselben Abend nach Frankfurt. Am 18.03.2015 meldete die Klägerin ihre Ersatzansprüche bei der Beklagten an. Sie begehrt Zahlung der durch den Ersatzflug entstandenen Mehrkosten in Höhe von 1.235 Euro.
Das Amtsgericht hatte die Klage abgewiesen. Die Berufung der Klägerin ist erfolglos geblieben. Das Landgericht hatte es zwar als unschädlich angesehen, dass die Klägerin ihre Ansprüche erst nach Ablauf der einmonatigen Ausschlussfrist (§ 651g BGB) geltend gemacht habe, weil die Beklagte insoweit ihrer Hinweispflicht nach § 6 Abs. 2 Nr. 7 der BGB-Informationsverordnung (im Folgenden BGB-InfoV) nicht genügt habe. Ersatz der Aufwendungen könne die Klägerin gleichwohl nicht geltend machen, da sie die Beklagte weder zur Abhilfe aufgefordert noch eine Frist dafür gesetzt habe. Der Reiseveranstalter habe auf diese Obliegenheiten nicht gesondert hinzuweisen. Ein Abhilfeverlangen und eine Fristsetzung seien auch nicht entbehrlich gewesen. Die Klägerin habe die Beklagte vor der Selbstabhilfe telefonisch kontaktieren können und müssen. Besondere Umstände, die sie von dieser Verpflichtung befreiten, lägen im Streitfall nicht vor.
Der BGH hat die Beklagte zur Zahlung des begehrten Ersatzbetrags verurteilt.
Nach Auffassung des BGH kann offen bleiben, ob die Beklagte über den Wortlaut von § 6 Abs. 2 Nr. 7 BGB-InfoV hinaus verpflichtet war, die Klägerin darauf hinzuweisen, dass sie die Kosten eines von ihr selbst gebuchten Rückflugs grundsätzlich nur dann ersetzt verlangen kann, wenn sie zuvor eine Frist zur Abhilfe gesetzt hat. Der BGH hat eine relevante Pflichtverletzung schon darin gesehen, dass die Beklagte die Klägerin entgegen § 6 Abs. 2 Nr. 7 BGB-InfoV nicht darauf hingewiesen hat, dass sie einen Mangel grundsätzlich anzeigen muss. Diese Pflichtverletzung habe zur Folge, dass sich die Beklagte gegenüber dem geltend gemachten Ersatzanspruch weder auf das Fehlen einer Mangelanzeige noch auf das Unterbleiben einer Fristsetzung berufen dürfe. Die Frage, ob die Klägerin unter den gegebenen Umständen überhaupt verpflichtet gewesen sei, ein Abhilfeverlangen an die Beklagte zu richten, hatte der BGH demgemäß nicht zu entscheiden.
Weil die Beklagte in der mündlichen Verhandlung vor dem BGH nicht vertreten war, erging die Entscheidung durch Versäumnisurteil. Die Beklagte kann dagegen noch einen Rechtsbehelf einlegen. Inhaltlich beruht die Entscheidung auf einer vollständigen rechtlichen Prüfung.
AG Köln, Urt. v. 14.03.2016 – 142 C 393/15
LG Köln, Urt. v. 01.08.2017 – 11 S 158/16
Quelle: Pressemitteilung des BGH Nr. 111/2018 v. 03.07.2018
AbhilfeInformationspflichtMängelanzeige
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