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Timestamp: 2017-09-26 12:45:52+00:00

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Erpressung der Staatsanwaltschaft - Examensrelevant.de
Von Examensrelevant 13. Juni 2014 Beschlüsse, Rechtssprechung, Strafrecht Keine Kommentare
Die gegenüber Beamten der Staatsanwaltschaft ausgesprochene Drohung, Beweismittel im Falle der Nichtzahlung eines hierfür geforderten „Kaufpreises“ nicht herauszugeben, ist keine Drohung mit einem „empfindlichen“ Übel i. S. des § 253 I StGB, denn der Staat ist durch eine solche Drohung nicht „erpressbar“.
OLG Hamm, Beschluss vom 21.05.2013 – 3 RVs 20/13
Fall: Der Angekl. hatte als Rechtsanwalt einen Mandanten vertreten, der im Besitz diverser Aktenordner mit Unterlagen war, die als potenzielle Beweismittel in einem umfangreichen Umweltstrafverfahren in Betracht kamen. Im Auftrag seines Mandanten trat der Angekl. an die zuständige Staatsanwaltschaft (StA) heran und bot dort die Unterlagen zum Kauf an. Die StA ging auf das Angebot jedoch nicht ein. Stattdessen beantragte die StA Durchsuchungsbeschlüsse u. a. für die Kanzlei des Angekl. wegen des Vorwurfs der Beihilfe zur versuchten Erpressung. Im weiteren Verlauf gelang es der StA, die Identität des Mandanten zu ermitteln und die Unterlagen bei ihm zu beschlagnahmen.
Zu prüfen ist eine Strafbarkeit des Angekl. wegen Beihilfe zur versuchten Erpressung nach §§ 253, 22, 27 StGB.
Dies setzt zunächst das Vorliegen einer Drohung mit einem Übel i. S. des § 253 I StGB voraus.
I. Das angedrohte Übel – die Nichtherausgabe der Aktenordner im Falle der Nichtzahlung eines „Kaufpreises“ – war indes kein „empfindliches“ Übel i. S. des § 253 I StGB: „Empfindlich“ ist ein Übel nur dann, wenn der angedrohte Nachteil von solcher Erheblichkeit ist, dass seine Ankündigung geeignet erscheint, den Bedrohten im Sinne des Täterverlangens zu motivieren (BGHSt 31, 195).
Hierbei handelt es sich um eine normative Tatbestandsvoraussetzung, die entfällt, wenn von dem Bedrohten in seiner Lage erwartet werden kann, dass er der Drohung in besonnener Selbstbehauptung standhält (BGHSt 31, 195; BGH NStZ 1992, 278; vgl. auch BGHSt 32, 165). Ergibt die normative Prüfung, dass von dem Bedrohten ein Standhalten in diesem Sinne erwartet werden kann, ist eine gleichwohl von dem Bedrohten faktisch empfundene Zwangswirkung für die Tatbestandsverwirklichung irrelevant.
II. Richtet sich die Drohung gegen einen Amtsträger und wird dieser auch gerade in dieser Eigenschaft bedroht, ist bei der Prüfung, ob von ihm ein Standhalten erwartet werden kann, seine Pflichtenstellung zu berücksichtigen (so entsprechend BGHSt 32, 165, für den Straftatbestand der Nötigung von Verfassungsorganen, § 105 StGB).
„Im vorliegenden Fall konnte von den mit dem „Kaufangebot“ des Angekl. konfrontierten Vertretern der Staatsanwaltschaft erwartet werden, dass sie der Ankündigung, die Aktenordner im Falle der Nichtzahlung eines „Kaufpreises“ nicht herauszugeben, in besonnener Selbstbehauptung standhielten. Dabei kommt es nicht darauf an, welche Möglichkeiten und Chancen im vorliegenden Einzelfall für die Staatsanwaltschaft bestanden, auch ohne die Zahlung eines „Kaufpreises“ in den Besitz der Aktenordner gelangen, oder welche konkreten Vorstellungen der Angekl. hierzu hatten. Entscheidend sind vielmehr grundsätzliche Erwägungen.“ (BGH aaO)
1. Befinden sich Gegenstände, die als Beweismittel für die Untersuchung von Bedeutung sein können, in dem Gewahrsam einer Person, die zu ihrer Herausgabe entweder überhaupt nicht oder – wie im vorliegenden Falle – nur unter Bedingungen bereit ist, stellt die Strafprozessordnung in den §§ 94 ff StPO ein ausdifferenziertes Instrumentarium zur Verfügung, dass die Auffindung und die anschließende Sicherstellung der potentiellen Beweismittel ermöglichen soll.
„Dabei ermöglichen die gesetzlichen Regelungen nicht nur ein Vorgehen gegen den Beschuldigten in einem Strafverfahren, sondern auch gegen Personen, die nicht im Verdacht stehen, eine Straftat begangen zu haben (vgl. z. B. § 103 StPO). Ist im konkreten Einzelfall eine Auffindung und Sicherstellung der Beweismittel mit diesem Instrumentarium nicht möglich, ist die damit einhergehende Gefahr, dass ein Sachverhalt nicht vollständig aufgeklärt werden kann, hinzunehmen. Sie ist in einem Rechtsstaat, dessen Strafprozessrecht der Gedanke einer „Sachverhaltsaufklärung um jeden Preis“ nur fremd sein kann, systemimmanent. Damit ist auch für eine Zwangseignung der Drohung, Beweismittel nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen herauszugeben, und damit für eine „Erpressbarkeit“ der Beamten der Staatsanwaltschaft mit einer solchen Drohung in normativer Hinsicht kein Raum.“ (BGH aaO)
2. Dem kann nicht entgegengehalten werden, dass im Einzelfall ein besonderes Interesse der Öffentlichkeit an der Aufklärung eines strafrechtlich relevanten Sachverhaltes bestehen kann, aufgrund dessen die Staatsanwaltschaft sich in einer Fallkonstellation wie der vorliegenden einem faktischen Druck ausgesetzt sehen kann.
„Denn zum einen ist es die Pflicht der Beamten der Staatsanwaltschaft, ihren Dienst allein nach Recht und Gesetz und unabhängig von einem etwaigen Druck der öffentlichen Meinung zu versehen. Zum anderen würde eine Staatsanwaltschaft, die sich der Forderung eines Einzelnen, ihm Geld für die Herausgabe von Beweismitteln zu zahlen, beugt, ihre eigene Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Bürger in die Standfestigkeit und die „Nichterpressbarkeit“ staatlicher Institutionen in einem wehrhaften demokratischen Rechtsstaat nachhaltig beeinträchtigen (vgl. hierzu auch BGHSt 32, 165).
In besonders gelagerten Ausnahmefällen mag zwar auch in normativer Hinsicht eine Zwangseignung der Drohung, Beweismittel nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen herauszugeben, möglicherweise zu bejahen sein. In Betracht kommen namentlich Fälle (allerdings wohl eher theoretischer Natur), in denen die Nichterlangung der Beweismittel nicht nur eine Erschwerung der Aufklärung eines strafrechtlich relevanten Sachverhaltes, sondern zugleich auch schwerwiegende Schäden für das Gemeinwesen oder für einzelne Bürger nach sich zöge (vgl. in diesem Zusammenhang auch BGHSt 32, 165).“ (BGH aaO)
Examensrelevanz: §§§ – Vorliegend geht es generell um die Frage der Strafbarkeit wegen des Vorenthaltens von Beweismitteln. Diese Frage stellt sich in einer anderen Spielart auch bei den aktuellen Fällen des Ankaufens von Steuer-CD`s mit den Kundendaten vermeintlicher Steuersünder und hat daher eine nicht unerhebliche Examensrelevanz
Relevante Rechtsnormen: § 253 StGB
erpressungnormative TatbestandsvoraussetzungÜbelvorenthalten von Beweismitteln

References: § 253
 § 253
 § 253
 BGH 
 § 105
 § 103
 § 253