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Timestamp: 2019-10-14 00:53:21+00:00

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Kin­der­geld – und die Fami­li­en­leis­tun­gen im EU-Aus­land | Rechtslupe
Kin­der­geld – und die Fami­li­en­leis­tun­gen im EU-Aus­land
Der Anspruch auf Kin­der­geld nach deut­schem Recht für ein im EU-Aus­land leben­des Kind ist nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG aus­ge­schlos­sen, wenn für das Kind ein Anspruch auf aus­län­di­sche Leis­tun­gen besteht, die dem Kin­der­geld ver­gleich­bar sind, und der Anspruch­stel­ler nicht vom Anwen­dungs­be­reich der VO (EWG) Nr. 1408/​71 erfasst wird, weil er nicht in einem Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem ver­si­chert ist.
Die in Deutsch­land leben­de Mut­ter hat­te in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall zwar dem Grun­de nach einen Anspruch auf Kin­der­geld nach § 62 Abs. 1 Nr. 1, § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG i.V.m. § 32 Abs. 3 EStG für die bei­den min­der­jäh­ri­gen, in Polen leben­den Kin­der B und C. Sie hat­te unstrei­tig ihren Wohn­sitz (§ 8 AO) in Deutsch­land, die Kin­der hat­ten ihren Wohn­sitz in Polen und damit in einem Land der Euro­päi­schen Uni­on (§ 63 Abs. 1 Satz 3 EStG).
Ein Anspruch auf Kin­der­geld in Höhe des nach § 66 EStG vor­ge­se­he­nen Betrags von 154 EUR wird aller­dings durch § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG aus­ge­schlos­sen. Hier­nach wird kein Kin­der­geld für ein Kind gezahlt, für das im Aus­land Leis­tun­gen gezahlt wer­den oder bei Antrag­stel­lung zu zah­len wären, die dem Kin­der­geld ver­gleich­bar sind. Die Vor­schrift ist mit Ver­fas­sungs­recht ver­ein­bar 1. In Polen bestand für sie ein Anspruch auf pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tun­gen, die dem deut­schen Kin­der­geld ver­gleich­bar sind. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob die Leis­tun­gen tat­säch­lich bean­tragt wur­den.
Ein Anspruch auf Kin­der­geld nach deut­schem Recht in vol­ler Höhe ergibt sich auch nicht aus uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben.
Die Ansprü­che auf Kin­der­geld nach deut­schem Recht und auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach pol­ni­schem Recht sind nicht nach uni­ons­recht­li­chen Vor­schrif­ten zu koor­di­nie­ren. Die VO Nr. 1408/​71, die im strei­ti­gen Zeit­raum noch galt, ist im Streit­fall nicht anzu­wen­den, da der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung nicht eröff­net ist.
Nach Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 1408/​71 gilt die Ver­ord­nung ins­be­son­de­re für Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge, für wel­che die Rechts­vor­schrif­ten eines oder meh­re­rer Mit­glied­staa­ten gel­ten oder gal­ten, soweit sie Staats­an­ge­hö­ri­ge eines Mit­glied­staats sind, sowie für deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge und Hin­ter­blie­be­ne. Eine Per­son ist Arbeit­neh­mer oder Selb­stän­di­ger i.S. von Art. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71, wenn sie auch nur gegen ein ein­zi­ges Risi­ko im Rah­men eines der in Art. 1 Buchst. a die­ser Ver­ord­nung genann­ten all­ge­mei­nen oder beson­de­ren Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit pflicht­ver­si­chert oder frei­wil­lig ver­si­chert ist 2.
Im Streit­fall war die Klä­ge­rin nach den nicht mit Revi­si­ons­rügen ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt, an wel­che der Bun­des­fi­nanz­hof gemäß § 118 Abs. 2 FGO gebun­den ist, weder in Deutsch­land noch in Polen in einem Zweig der Sozi­al­ver­si­che­rung ver­si­chert. Der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 ist für die Klä­ge­rin somit nicht eröff­net. Die Koor­di­nie­rungs­re­ge­lun­gen nach Art. 13 ff. die­ser Ver­ord­nung sind nicht anwend­bar, eben­so wenig die Anti­ku­mu­lie­rungs­vor­schrift des Art. 10 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 574/​72 des Rates vom 21.03.1972 über die Durch­füh­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/​71 zur Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern.
Aus dem Pri­mär­recht der Euro­päi­schen Uni­on ist kein Anspruch auf Kin­der­geld in Höhe der Sät­ze nach § 66 EStG abzu­lei­ten.
Der EuGH hat zwar in der Rechts­sa­che Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak im Urteil in DSt­RE 2012, 999 ent­schie­den, dass es mit der Grund­frei­heit der Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit nicht zu ver­ein­ba­ren ist, wenn in den Fäl­len, in denen nach den Koor­di­nie­rungs­re­ge­lun­gen der VO Nr. 1408/​71 ein aus­län­di­scher Mit­glied­staat zur Gewäh­rung von Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­dig ist, der Anspruch auf (Differenz-)Kindergeld durch eine natio­na­le Anti­ku­mu­lie­rungs­vor­schrift wie § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG aus­ge­schlos­sen wird.
Die in die­ser Ent­schei­dung auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze gel­ten aller­dings nicht für eine selb­stän­dig täti­ge Per­son, die nicht vom Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 erfasst wird. Der vom EuGH im Urteil in DSt­RE 2012, 999 erwähn­te ers­te Erwä­gungs­grund zu der Ver­ord­nung, wonach die­se zur Ver­bes­se­rung des Lebens­stan­dards und der Arbeits­be­din­gun­gen der Wan­der­ar­beit­neh­mer bei­tra­gen soll, kommt bei einer Per­son, die nicht unter den Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung fällt, nicht zum Tra­gen. Der Anwen­dung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG steht in einem der­ar­ti­gen Fall das Uni­ons­recht nicht ent­ge­gen 3. Denn das Gemein­schafts­recht lässt die Zustän­dig­keit der Mit­glied­staa­ten zur Aus­ge­stal­tung ihrer Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit unbe­rührt. Es ist Sache des jewei­li­gen Mit­glied­staats, die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von Leis­tun­gen der sozia­len Sicher­heit sowie ihre Höhe und die Dau­er ihrer Gewäh­rung zu bestim­men 4.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Novem­ber 2014 – III R 1/​13
vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 04.08.2011 – III R 55/​08, BFHE 234, 316, BSt­Bl II 2013, 619, sowie vom 19.04.2012 – III R 87/​09, BFHE 237, 150, BSt­Bl II 2013, 1030[↩]
noch offen gelas­sen im BFH, Urteil vom 18.12 2013 – III R 52/​11, BFH/​NV 2014, 851, Rz 36[↩]
EuGH, Urteil vom 18.11.2010 – C‑247/​09, "Xhyms­hi­ti", Slg. 2010, I‑11845, Rdnr. 43[↩]

References: § 65
 § 62
 § 63
 § 32
 § 66
 § 65
 Art. 2
 Art. 1
 Art. 1
 § 118
 Art. 13
 Art. 10
 § 66
 EuGH 
 § 65
 EuGH 
 § 65