Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteil_befristeter_Arbeitsvertrag_voruebergehender_Bedarf_Prognose_LAG_Mecklenburg-Vorpommern_2Sa32-10.html
Timestamp: 2017-11-25 01:53:59+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 2 Sa 32/10
Schlag­worte: Befristung: Vorübergehender Bedarf
Akten­zeichen: 2 Sa 32/10
Ent­scheid­ungs­datum: 09.06.2010
Leit­sätze: Be­ruft sich der Ar­beit­ge­ber zur Be­gründung ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges auf den Sach­grund des vorüber­ge­hen­den Be­darfs nach § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG, so muss er die Vor­aus­set­zun­gen für das Vor­lie­gen der tatsächli­chen Grund­la­gen sei­ner Pro­gno­se im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses im Rechts­streit dar­le­gen. Aus dem Vor­trag muss sich rech­ne­risch nach­voll­zieh­bar er­ge­ben, dass die Ar­beits­leis­tung des be­fris­tet ein­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mers nach Be­fris­tungs­ab­lauf vor­aus­sicht­lich nicht mehr benötigt wird.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Stralsund, Urteil vom 9.12.2009, 3 Ca 319/09
Die Par­tei­en strei­ten um die Rechtmäßig­keit ei­ner Be­fris­tung.
Die Kläge­rin ist bei der Be­klag­ten seit dem 01.02.2007 beschäftigt. Zu­letzt ver­ein­bar­ten die Par­tei­en un­ter dem 12.01.2009 ei­ne Verlänge­rung des be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges bis zum 31.07.2009 (Blatt 11 d. A.). Auf ei­ne ent­spre­chen­de Kla­ge hin hat das Ar­beits­ge­richt Stral­sund mit Ur­teil vom 9. De­zem­ber 2009 - 3 Ca 319/09 - fest­ge­stellt, dass die Be­fris­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses un-wirk­sam ist und das Ar­beits­verhält­nis über den 31.07.2009 hin­aus fort­be­steht. In den Gründen hat es aus­geführt, die Be­fris­tung bis zum 31.07.2009 ha­be ei­nes sach­li­chen Grun­des be­durft. Ein Sach­grund nach § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG sei zu ver­nei­nen. Die Be­klag­te ha­be die tatsächli­chen Grund­la­gen ei­ner Pro­gno­se da­hin­ge­hend, dass nur ein vorüber­ge­hen­der Be­darf an der Ar­beits­leis­tung der Kläge­rin be­stand, nicht dar­ge­legt. Aus ih­rem Vor­trag sei nicht mit hin­rei­chen­der Si­cher­heit er­sicht­lich, dass nach dem ver­ein­bar­ten Ver­trags­en­de das Ar­beits­pen­sum wie­der mit dem un­be­fris­tet beschäftig­ten Stamm­per­so­nal er­le­digt wer­den könne. Es sei nicht er-sicht­lich, in wel­chem Um­fang durch die Um­stel­lung und Er­wei­te­rung des elek­tro­ni­schen Da­ten­aus­tau­sches sich der Ar­beits­be­darf an Schreib­tech­nik re­du­ziert ha­be. Es sei auch nicht dar­ge­legt, dass in der Zeit vom 31.01.2009 bis 31.07.2009 ein vorüber­ge­hen­der be­trieb­li­cher Mehr­be­darf an Ar­beits­kräften be­stan­den ha­be.
Die­ses Ur­teil ist der Be­klag­ten am 18.01.2010 zu­ge­stellt wor­den. Sie hat da­ge­gen Be­ru­fung ein­ge­legt, die am 27.01.2010 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen ist. Die Be­ru­fungs­be­gründung ist am 18.03.2010 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen.
Die Be­klag­te weist dar­auf hin, sie ha­be be­reits erst­in­stanz­lich das elek­tro­ni­sche Aus­tausch­ver­fah­ren be­schrie­ben, das zu ei­ner Re­duk­ti­on der an­fal­len­den Schreib­ar­bei­ten in der Nie­der­las­sung S. führen soll­te. Der größere Teil der Mehr­ar­bei­ten soll­te je­doch erst zum 01.08.2009 zurück­ge­hen, weil dann auch die Ein­gangs­anträge nicht mehr ma­nu­ell zu er­fas­sen sei­en, son­dern elek­tro­nisch vor­lie­gen würden. Auch würde ab dem 01.08.2009 die Rou­ten­pla­nung zen­tral in N. durch­geführt wer­den. Ins­ge­samt sei von ei­ner Re­duk­ti­on des Ar­beits­an­falls bei der Be­ru­fungs­be­klag­ten in Höhe von 35 Pro­zent aus­zu­ge­hen. Im Übri­gen wird auf die Be­ru­fungs­be­gründung Be­zug ge­nom­men.
das Ur­teil des Ar­beits­ge­rich­tes Stral­sund - 3 Ca 319/09 - vom 09.12.2009 auf­zu­he­ben und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
Sie tritt der an­ge­foch­ten Ent­schei­dung bei.
Das Ar­beits­ge­richt Stral­sund hat mit zu­tref­fen­der Be­gründung der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Zu den An­grif­fen der Be­ru­fungs­be­gründung gilt Fol­gen­des:
Zu­tref­fend hat das Ar­beits­ge­richt un­ter Be­zug­nah­me auf die ständi­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges we­gen ei­nes nur vorüber­ge­hen­den Be­darfs an der Ar­beits­leis­tung vor­aus­setzt, dass zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses mit hin­rei­chen­der Si­cher­heit zu er­war­ten ist, dass nach dem vor­ge­se­he­nen Ver­trags­en­de für die Beschäfti­gung des be­fris­tet ein­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mers in dem Be­trieb kein Be­darf mehr be­steht. Da­bei kann sich der vorüber­ge­hen­de be­trieb­li­che Be­darf an der Ar­beits­leis­tung dar­aus er­ge­ben, dass für ei­nen be­grenz­ten Zeit­raum in dem Be­trieb Ar­bei­ten an­fal­len, die mit dem Stamm­per­so­nal al­lein nicht bewältigt wer­den können oder dar­aus, dass sich der Ar­beits­kräfte­be­darf künf­tig ver­rin­gern wird, z. B. we­gen der In­be­trieb­nah­me ei­ner neu­en tech­ni­schen An­la­ge.
In­so­fern ist der Vor­trag der Be­klag­ten, statt der Ein­ga­be in die da­ten­ver­ar­bei­ten­de Ein­zel-nie­der­las­sun­gen ei­nen elek­tro­ni­schen Da­ten­aus­tausch ein­zuführen, grundsätz­lich ge­eig­net, ei­nen zukünf­ti­gen Min­der­be­darf an Ar­beits­kräften zu be­le­gen. Aus dem Vor­trag der Be­klag­ten er­gibt sich je­doch kei­ne rech­ne­ri­sche Nach­voll­zieh­bar­keit die­ses künf­ti­gen Min­der­be­darfs. Auf Sei­te 5 des Schrift­sat­zes vom 10.11.2009 wer­den die Tätig­kei­ten ge­schil­dert, nach den Erläute­run­gen des Ver­tre­ters der Be­klag­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 09.06.2010, sämt­li­che Ar­bei­ten un­ter "all­ge­mei­ne Schreibtätig­keit" und von der Schreibtätig­keit im KH-Be­reich die "vor­be­ra­te­ne Fälle im PC er­fas­sen" in Zu­kunft weg­fal­len würden. Das heißt, dass von der Ar­beits­kraft der Kläge­rin ins­ge­samt nach dem Vor­trag der Be­klag­ten 32,97 Pro­zent weg­fal­len würden. Geht man da­von aus, dass nur die Kläge­rin Ar­bei­ten vor­ge­nom­men hat, die von der Um­stel­lung be­trof­fen sind, so er­gibt sich dar­aus, dass der be­trieb­li­che Be­darf an der Ar­beits­leis­tung der Kläge­rin mit dem 31.07.2009 nur zu ei­nem Drit­tel weg­fal­len würde.
Der Sach­grund der Be­fris­tung gemäß § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG setzt je­doch vor­aus, dass die Be­fris­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses ins­ge­samt und nicht nur ei­nes Tei­les da­von, ei­ner sach­li­chen Recht­fer­ti­gung be­darf. Der Ver­tre­ter in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zwar dar­auf hin­ge­wie­sen, dass nach sei­ner Auf­fas­sung auch noch die Ar­beitstätig­kei­ten an­de­rer Ar­beit­neh­mer in der Zweig­stel­le S. von der Um­stel­lung im We­ge ei­ner Ein­spa­rung be­trof­fen sei­en, um wie vie­le Kräfte es sich je­doch ins­ge­samt han­delt und ob bei ih­nen ge­nau die glei­chen pro­zen­tua­len An­tei­le an­fal­len, konn­te er nicht erklären. Es be­stand für das Ge­richt auch kein An­lass, der Be­klag­ten in­so­weit Ge­le­gen­heit zur wei­te­ren Dar­le­gun­gen zu ge­ben. Be­reits in dem Ur­teil wird aus­geführt, die Be­klag­te ha­be nicht dar­ge­legt, in wel­chem Um­fang durch die Um­stel­lung und Er­wei­te­rung des elek­tro­ni­schen Da­ten­aus­tau­sches sich der Ar­beits­be­darf an Schreib­tech­nik re­du­ziert hat.
Ge­gen die Schlüssig­keit des Vor­brin­gens der Be­klag­ten spricht auch der Um­stand, dass sich die Pro­gno­se hin­sicht­lich ei­nes Min­der­be­darfs an Ar­beits­kräften of­fen­sicht­lich nicht be­wahr­hei­tet hat. Un­strei­tig ist bald nach dem Aus­schei­den der Kläge­rin ei­ne wei­te­re Mit­ar­bei­te­rin, die stell­ver­tre­ten­de Nie­der­las­sungs­lei­te­rin K., dau­er­haft nach S. ver­setzt wor­den. Der Wirk­sam­keit ei­ner Be­fris­tung nach § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG steht nicht ent­ge­gen, dass sich die Pro­gno­se zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt als falsch er­weist. Je­de Pro­gno­se ist mit ei­ner Un­si­cher­heit be­haf­tet. Im vor­lie­gen­den Fall ist dies je­doch von Be­deu­tung, da die Pro­gno­se oh­ne­hin noch nicht ein­mal rech­ne­risch nach­voll­zieh­bar dar­ge­legt wor­den ist. Das Ge­richt geht da­her da­von aus, dass die Be­klag­te im Vor­hin­ein von ei­ner un­zu­tref­fen­den Pro­gno­se aus­ge­gan­gen ist.
Die Be­klag­te kann sich auch nicht dar­auf be­zie­hen, die Ar­beits­auf­ga­be von Frau K. sei ei­ne an­de­re ge­we­sen als die der Kläge­rin. Nach den Ausführun­gen in der münd­li­chen Ver­hand­lung wird Frau K. nun­mehr als Nie­der­las­sungs­lei­te­rin ein­ge­setzt. Es trifft zu, dass die­se Tätig­keit wahr­schein­lich nicht von dem Ar­beitsrück­gang durch den elek­tro­ni­schen Da­ten­aus­tausch be­trof­fen ist. Der Zu­gang von Frau K. ist je­doch nicht durch ei­nen an­de­ren Ab­gang im Per­so­nal aus­ge­gli­chen wor­den. Es ist da­her da­von aus­zu­ge­hen, dass ent­we­der die ehe­ma­li­ge Nie­der­las­sungs­lei­te­rin oder die ehe­ma­li­ge Stell­ver­tre­te­rin der Nie­der­las­sungs­lei­te­rin nun­mehr mit Auf­ga­ben be­traut wer­den, die auch von der Kläge­rin er­le­digt wor­den sind und dass da­her ein dau­er­haf­ter Mehr­be­darf an der Ar­beits­leis­tung be­stan­den hat.
Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 64 Abs. 6 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 97 ZPO.
Zur Zu­las­sung der Re­vi­si­on gemäß § 72 Abs. 2 ArbGG be­stand kein An­lass.

References: § 14
 § 14
 § 14
 § 14
 § 64
 § 97
 § 72