Source: https://www.grin.com/document/165685
Timestamp: 2020-08-14 06:02:08+00:00

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Heidegger und das Fundament für die formale Struktur der Frage - GRIN
Eine Explikation anhand von §2 Sein & Zeit
§2 Die formale Struktur der Frage nach dem Sein[1]
aus Martin Heideggers' SuZ Heidegger will in diesem Paragraphen seiner Einleitung zu Sein und Zeit das Fundament für die formale Struktur der Frage nach dem Sein legen. Ein solches Fundament benötigt eine "angemessenen Durchsichtigkeit"[2] und somit einer Untersuchung der Strukturmomente einer Frage im Allgemei­nen. Mit anderen Worten, was heißt es eine Frage zu stellen? Mit dieser Fragestellung über das Fragen selbst und somit auch über explizite Frage­stellungen (bswp. die Frage nach dem Sinn von Sein) soll der konstitutive Charakter der Frage selbst durchsichtig werden.
Im zweiten Absatz des §2 postuliert Heidegger, dass jedes Fragen ein Su­chen sei und jedes "[...] Suchen hat sein vorgängiges Geleit aus dem Ge­suchten her."[3] Hintergrund dieses Gedankenganges, ist das menonische Pa­radoxon aus dem platonischen Dialog Menon. Dieser platonische Dialog zwischen dem platonischen Sokrates und Menon geht der Frage nach der Lehrbarkeit von Tugend nach. Ein Aspekt des Dialogs steht in unmittelbarer Verknüpfung zu Heideggers Fragestellung, der durch Menons Einwand deutlich wird, "[...] kann man suchen, was man nicht kennt?"[4], bzw. was ist das Fragen?
An diesem Dialog wird das Problem offenkundig, denn um auch nur zu wis­sen, was gesucht wird, muss bereits gewusst werden, was gesucht wird. In Hinblick auf Platons Problem wird deutlich, dass bei der Suche nach "was- ist-Tugend", bereits das Wissen, was Tugend ist, bekannt sein muss. Wenn nicht bekannt ist, was Tugend ist, dann kann auch die Frage "was-ist-Tu- gend" nicht verstanden bzw. im Anschluss nicht gestellt werden. Und das heißt wiederum, solche Fragen sind im Grunde genommen keine echten Fragen.
Der platonische Sokrates überwindet diesen Einwand durch die Lehre der Wiedererinnerung (Anamnesis).[5] Diese besagt, das die menschliche Seele vor - sowie nach - der Entstehung des Körpers existiert. Ihr ist es vor der Einkörperung möglich einen Blick auf den Kosmos der ewigen Ideen zu werfen. Mit der Einkörperung verliert die Seele das Wissen um die Ideen, jedoch kann sie sich an ihr vorgeburtliches Wissen zurück erinnern. Jede Wiedererinnerung ist für den platonischen Sokrates nichts anderes als Ler­nen und Suchen[6] und zeigt, wie etwas gesucht werden kann, ohne das vorab darum gewusst werden muss. Heidegger verfährt an dieser Stelle anders als Platon, mit seinen Einwand der Wiedererinnerungslehre. Wie bereits er­wähnt, postuliert Heidegger, das es kein Suchen geben kann, sofern kein vorgängiges Geleit aus dem Gesuchten her existiert. Bis zu diesem Punkt stimmt Heidegger mit Platon ein, dass etwas nicht gesucht werden kann, das nicht bekannt ist. Jedoch bezieht sich Heidegger nicht auf die Anamnesis, um dem Einwand von Menon standzuhalten, sondern auf die drei Struktur­momente, die für Heidegger einer Frage inne wohnen. Bevor auf diese Strukturmomente näher eingegangen wird, soll zuvor die Nähe bzw. Distanz von Heideggers §2 von SuZ zu Aristoteles und Kant ausgearbeitet werden. Die Differenz von Platon und Heideggers §2 von SuZ wurde bereits aufge­zeigt. Doch wie verhält es sich mit Aristoteles? Die Textstelle "Fragen ist erkennendes Suchen des Seienden in seinem Daß- und Sosein"[7] gibt auf die­se Frage eine Antwort. Mit dem erkennenden Suchen des Seienden in sei­nem Daß- und Sosein, ist die Rede von einem erkennenden Suchen darüber "was es gibt", bzw. "wie-es-ist". Das "Daß- und Sosein" eines Seienden zu suchen, ist ähnlich zu der aristotelischen Fragen über Existenz (ob es ist) und Essenz (was es ist).
Eine weitere Textstelle, die die Nähe von Heidegger zu Aristoteles darlegt, findet sich einen Satz darauf in der Formulierung "[...] als dem freilegenden Bestimmen [...]".[8] Diese geologische Metapher des Freilegens impliziert, dass das Gesuchte nur freigelegt werden muss, weil es lediglich verborgen ist. Die selbe Verfahrensweise, das Freilegen und nicht das Festlegen, findet sich ebenfalls bei Aristoteles.[9]
Darüber hinaus offenbart diese Textstelle ebenfalls die nicht vorhandene Nähe von Heidegger zu Kant, bezogen einerseits auf §2 von SuZ und ande­rerseits auf die KrV. Demnach wird Kant eine Wesensbestimmung niemals durch bloßes freilegen bestimmen wollen. Denn Dinge haben kein eigenes Wesen, sodass eine Freilegung überhaupt möglich wäre. Vielmehr haben die Dinge ihr Wesen aus dem Vermögen, bzw. aus der Leistung des Verstandes. Das reine Wesen eines Dinges ist für den Mensch prinzipiell unerkennbar, denn die reinen Formen der Anschauungen und die Kategorien des Verstan­des geben dem Menschen schon immer ein bestimmtes Verständnis der Dinge vor, von dem er sich nicht lösen kann. Deshalb stellt sich die Frage der Freilegung nicht, da gewissermaßen die Dinge nicht darauf warten frei­gelegt zu werden. Zum Freilegen gehört, dass die Dinge irgendwo sind. Kant würde wohl auf die beiden letzten direkten Zitate aus SuZ, des "vor­gängigen Geleites", bzw. "dem freilegenden Bestimmen" mit einer Negation reagieren. Er würde entgegnen, die Frage ist die Frage, die wir stellen.
Bis zu diesem Punkt wurde lediglich aufgezeigt, welchem Philosophen Hei­degger methodologisch am nächsten steht. Durch zwei zitierte Textstellen aus SuZ wurde im Seminar deutlich, dass die Wahl auf Aristoteles fallen muss. Nach dieser Feststellung wurde der Fokus wieder auf das Menonsche Paradoxon gesetzt. Für Heidegger ist das Fragen ein Suchen.
[1]Innerhalb des Seminars verlief die Diskussion bis zu Seite 6 Zeile 15. Mit diesem Proto­koll versuche ich die Diskussion, die im Seminar stattfand, im Kern zu erfassen und wie­derzugeben.
[2]Heidegger, SuZ S. 5
[4]Platon, Menon S. 80d
[5]Platon, Phaidon S. 72e
[6]Vgl. Platon, Menon S. 81d
[7]Heidegger, SuZ S. 5
[9]Vgl. Elliot S. 189ff
Heidegger's Sein & Zeit
V165685
9783640816293
Martin Heidegger, Ontologie, Metaphysik, Sein, Seiendes
Sebastian Schneider (Autor), 2010, Heidegger und das Fundament für die formale Struktur der Frage nach dem Sein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165685
"Metaphysische Bedeutungsaspekte...

References: §2

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