Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_arbeitsuchende_Eu-Auslaender_HartzIV_EuGH_C-67-14.html
Timestamp: 2019-01-22 02:08:47+00:00

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EuGH, Urteil vom 15.09.2015, C-67/14 - Alimanovic - HENSCHE Arbeitsrecht
EuGH, Ur­teil vom 15.09.2015, C-67/14 - Ali­ma­no­vic
Schlagworte: Arbeitslosengeld, EU-Bürger
15. Sep­tem­ber 2015(*)
„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - Freizügig­keit - Uni­onsbürger­schaft - Gleich­be­hand­lung - Richt­li­nie 2004/38/EG - Art. 24 Abs. 2 - So­zi­al­hil­fe - Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/2004 - Art. 4 und
70 - Be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen - Ar­beit­su­chen­de Staats­an­gehöri­ge ei­nes Mit­glied­staats, die sich im Ge­biet ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats auf­hal­ten - Aus­schluss -
Auf­recht­er­hal­tung der Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft“
In der Rechts­sa­che C-67/14
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 12. De­zem­ber 2013, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 10. Fe­bru­ar 2014, in dem Ver­fah­ren
Job­cen­ter Ber­lin Neukölln
Na­zi­fa Ali­ma­no­vic,
So­ni­ta Ali­ma­no­vic,
Va­len­ti­na Ali­ma­no­vic,
Va­len­ti­no Ali­ma­no­vic
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten V. Skou­ris, des Vi­ze­präsi­den­ten K. Lena­erts, der Kam­mer­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, L. Bay Lar­sen, T. von Dan­witz, A. Ó Cao­imh, J.-C. Bo­ni­chot und C. Va­j­da, der Rich­ter E. Le­vits und A. Ara­b­ad­jiev, der Rich­te­rin­nen C. Toa­der und M. Ber­ger (Be­richt­er­stat­te­rin) so­wie der Rich­ter E. Ja­rašiūnas, C. G. Fern­lund und J. L. da Cruz Vi­laça,
Kanz­ler: M. Alek­se­jev, Ver­wal­tungs­rat,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 3. Fe­bru­ar 2015, un­ter
Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen
- von Na­zi­fa Ali­ma­no­vic, So­ni­ta Ali­ma­no­vic, Va­len­ti­na Ali­ma­no­vic und Va­len­ti­no Ali­ma­no­vic, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt D. Men­de und Rechts­anwältin E. Stef­fen,
- der däni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Wolff als Be­vollmäch­tig­te,
- von Ir­land, ver­tre­ten durch E. Cree­don, A. Joy­ce und E. Mc­Phil­lips als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von G. Gil­mo­re, BL,
- der französi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch G. de Ber­gues und R. Coe­s­me als Be­vollmäch­tig­te,
- der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch G. Pal­mie­ri als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von F. Var­ro­ne, av­vo­ca­to del­lo Sta­to,
- der schwe­di­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch A. Falk, K. Sparr­man, C. Mey­er-Seitz, U. Pers­son, N. Ot­te Wid­gren, L. Swe­den­borg, E. Karls­son und F. Sjövall als Be­vollmäch­tig­te,
- der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch J. Bee­ko als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von J. Cop­pel, QC,
- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch M. Kel­ler­bau­er und D. Mar­tin als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 26. März 2015 fol­gen­des
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 18 AEUV und Art. 45 Abs. 2 AEUV, der Art. 4 und 70 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/2004 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 zur Ko­or­di­nie­rung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit (ABl. L 166, S. 1, be­rich­tigt in ABl. 2004, L 200, S. 1) in der durch die Ver­ord­nung (EU) Nr. 1244/2010 der Kom­mis­si­on vom 9. De­zem­ber 2010 (ABl. L 338, S. 35) geänder­ten Fas­sung (im Fol­gen­den: Ver­ord­nung Nr. 883/2004) so­wie von Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/68 und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 64/221/EWG, 68/360/EWG, 72/194/EWG, 73/148/EWG, 75/34/EWG, 75/35/EWG, 90/364/EWG, 90/365/EWG und 93/96/EWG (ABl. L 158, S. 77, be­rich­tigt in ABl. 2004, L 229, S. 35).
2 Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen dem Job­cen­ter Ber­lin Neukölln (im Fol­gen­den: Job­cen­ter) auf der ei­nen und Na­zi­fa Ali­ma­no­vic und ih­ren drei Kin­dern So­ni­ta, Va­len­ti­na und Va­len­ti­no Ali­ma­no­vic (im Fol­gen­den zu­sam­men: Fa­mi­lie Ali­ma­no­vic) auf der an­de­ren Sei­te we­gen der Auf­he­bung der Be­wil­li­gung von in den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten vor­ge­se­he­nen Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung durch das Job­cen­ter.
3 Art. 1 des Eu­ropäischen Fürsor­ge­ab­kom­mens, das von den Mit­glie­dern des Eu­ro­pa­rats am 11. De­zem­ber 1953 in Pa­ris un­ter­zeich­net wur­de und in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land seit 1956 gilt (im Fol­gen­den: Fürsor­ge­ab­kom­men), stellt ein Gleich­be­hand­lungs­ge­bot mit fol­gen­dem Wort­laut auf:
„Je­der der Ver­trag­schließen­den ver­pflich­tet sich, den Staats­an­gehöri­gen der an­de­ren Ver­trag­schließen­den, die sich in ir­gend­ei­nem Teil sei­nes Ge­bie­tes, auf das die­ses Ab­kom­men An­wen­dung fin­det, er­laubt auf­hal­ten und nicht über aus­rei­chen­de Mit­tel verfügen, in glei­cher Wei­se wie sei­nen ei­ge­nen Staats­an­gehöri­gen und un­ter den glei­chen Be­din­gun­gen die Leis­tun­gen der so­zia­len und Ge­sund­heitsfürsor­ge … zu gewähren, die in der in die­sem Teil sei­nes Ge­bie­tes gel­ten­den Ge­setz­ge­bung vor­ge­se­hen sind.“
4 Nach Art. 16 Buchst. b des Fürsor­ge­ab­kom­mens hat „[j]eder Ver­trag­schließen­de … dem Ge­ne­ral­se­kretär des Eu­ro­pa­ra­tes al­le neu­en Rechts­vor­schrif­ten mit­zu­tei­len, die in An­hang I noch nicht auf­geführt sind. Gleich­zei­tig mit die­ser Mit­tei­lung kann der Ver­trag­schließen­de Vor­be­hal­te hin­sicht­lich der An­wen­dung die­ser neu­en Rechts­vor­schrif­ten auf die Staats­an­gehöri­gen der an­de­ren Ver­trag­schließen­den ma­chen“. Der von der deut­schen Re­gie­rung am 19. De­zem­ber 2011 gemäß die­ser Vor­schrift erklärte Vor­be­halt hat fol­gen­den Wort­laut:
„Die Re­gie­rung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­nimmt kei­ne Ver­pflich­tung, die im Zwei­ten Buch So­zi­al­ge­setz­buch - Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de [im Fol­gen­den: SGB II] – in der je­weils gel­ten­den Fas­sung vor­ge­se­he­nen Leis­tun­gen an Staats­an­gehöri­ge der übri­gen Ver­trags­staa­ten in glei­cher Wei­se und un­ter den glei­chen Be­din­gun­gen wie den ei­ge­nen Staats­an­gehöri­gen zu­zu­wen­den.“
5 Die­ser Vor­be­halt wur­de den übri­gen ver­trag­schließen­den Par­tei­en des Fürsor­ge­ab­kom­mens gemäß des­sen Art. 16 Buchst. c zur Kennt­nis ge­bracht.
Die Ver­ord­nung Nr. 883/2004
6 Art. 4 („Gleich­be­hand­lung“) der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 be­stimmt:
„So­fern in die­ser Ver­ord­nung nichts an­de­res be­stimmt ist, ha­ben Per­so­nen, für die die­se Ver­ord­nung gilt, die glei­chen Rech­te und Pflich­ten auf­grund der Rechts­vor­schrif­ten ei­nes Mit­glied­staats wie die Staats­an­gehöri­gen die­ses Staa­tes.“
7 Art. 70 („All­ge­mei­ne Vor­schrift“) der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 steht in Ka­pi­tel 9 („Be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen“) des Ti­tels III die­ser Ver­ord­nung. Er sieht vor:
„(1) Die­ser Ar­ti­kel gilt für be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen, die nach Rechts­vor­schrif­ten gewährt wer­den, die auf­grund ih­res persönli­chen Gel­tungs­be­reichs, ih­rer Zie­le und/oder ih­rer An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen so­wohl Merk­ma­le der in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 ge­nann­ten Rechts­vor­schrif­ten der so­zia­len Si­cher­heit als auch Merk­ma­le der So­zi­al­hil­fe auf­wei­sen.
(2) Für die Zwe­cke die­ses Ka­pi­tels be­zeich­net der Aus­druck ‚be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen‘ die Leis­tun­gen:
a) die da­zu be­stimmt sind:
i) ei­nen zusätz­li­chen, er­satz­wei­sen oder ergänzen­den Schutz ge­gen die Ri­si­ken zu gewähren, die von den in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 ge­nann­ten Zwei­gen der so­zia­len Si­cher­heit ge­deckt sind, und den be­tref­fen­den Per­so­nen ein Min­dest­ein­kom­men zur Be­strei­tung des Le­bens­un­ter­halts ga­ran­tie­ren, das in Be­zie­hung zu dem wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Um­feld in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat steht,
ii) al­lein dem be­son­de­ren Schutz des Be­hin­der­ten zu die­nen, der eng mit dem so­zia­len Um­feld die­ser Per­son in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat ver­knüpft ist,
b) de­ren Fi­nan­zie­rung aus­sch­ließlich durch ob­li­ga­to­ri­sche Steu­ern zur De­ckung der all­ge­mei­nen öffent­li­chen Aus­ga­ben er­folgt und de­ren Gewährung und Be­rech­nung nicht von Beiträgen hin­sicht­lich der Leis­tungs­empfänger abhängen. Je­doch sind Leis­tun­gen, die zusätz­lich zu ei­ner bei­trags­abhängi­gen Leis­tung gewährt wer­den, nicht al­lein aus die­sem Grund als bei­trags­abhängi­ge Leis­tun­gen zu be­trach­ten,
c) die in An­hang X auf­geführt sind.
(3) Ar­ti­kel 7 und die an­de­ren Ka­pi­tel die­ses Ti­tels gel­ten nicht für die in Ab­satz 2 des vor­lie­gen­den Ar­ti­kels ge­nann­ten Leis­tun­gen.
(4) Die in Ab­satz 2 ge­nann­ten Leis­tun­gen wer­den aus­sch­ließlich in dem Mit­glied­staat, in dem die be­tref­fen­den Per­so­nen woh­nen, und nach des­sen Rechts­vor­schrif­ten gewährt. Die Leis­tun­gen wer­den vom Träger des Wohn­orts und zu sei­nen Las­ten gewährt.“
8 In An­hang X („Be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen“) der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 sind für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land fol­gen­de Leis­tun­gen auf­geführt:
b) Leis­tun­gen zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts der Grund­si­che­rung für Ar­beits­su­chen­de, so­weit für die­se Leis­tun­gen nicht dem Grun­de nach die Vor­aus­set­zun­gen für den be­fris­te­ten Zu­schlag nach Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld (§ 24 Ab­satz 1 [SGB II]) erfüllt sind.“
Die Richt­li­nie 2004/38
9 In den Erwägungs­gründen 10, 16 und 21 der Richt­li­nie 2004/38 heißt es:
„(10) Al­ler­dings soll­ten Per­so­nen, die ihr Auf­ent­halts­recht ausüben, während ih­res ers­ten Auf­ent­halts die So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats nicht un­an­ge­mes­sen in An­spruch neh­men. Da­her soll­te das Auf­ent­halts­recht von Uni­onsbürgern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen für ei­ne Dau­er von über drei Mo­na­ten be­stimm­ten Be­din­gun­gen un­ter­lie­gen.
(16) So­lan­ge die Auf­ent­halts­be­rech­tig­ten die So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats nicht un­an­ge­mes­sen in An­spruch neh­men, soll­te kei­ne Aus­wei­sung er­fol­gen. Die In­an­spruch­nah­me von So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen soll­te da­her nicht au­to­ma­tisch zu ei­ner Aus­wei­sung führen. Der Auf­nahm­e­mit­glied­staat soll­te prüfen, ob es sich bei dem be­tref­fen­den Fall um vorüber­ge­hen­de Schwie­rig­kei­ten han­delt, und die Dau­er des Auf­ent­halts, die persönli­chen Umstände und den gewähr­ten So­zi­al­hil­fe­be­trag berück­sich­ti­gen, um zu be­ur­tei­len, ob der Leis­tungs­empfänger die So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen un­an­ge­mes­sen in An­spruch ge­nom­men hat, und in die­sem Fall sei­ne Aus­wei­sung zu ver­an­las­sen. In kei­nem Fall soll­te ei­ne Aus­wei­sungs­maßnah­me ge­gen Ar­beit­neh­mer, Selbstständi­ge oder Ar­beits­su­chen­de in dem vom Ge­richts­hof de­fi­nier­ten Sin­ne er­las­sen wer­den, außer aus Gründen der öffent­li­chen Ord­nung oder Si­cher­heit.
(21) Al­ler­dings soll­te es dem Auf­nahm­e­mit­glied­staat über­las­sen blei­ben, zu be­stim­men, ob er an­de­ren Per­so­nen als Ar­beit­neh­mern oder Selbstständi­gen, Per­so­nen, die die­sen Sta­tus bei­be­hal­ten, und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen So­zi­al­hil­fe während der ers­ten drei Mo­na­te des Auf­ent­halts oder im Fal­le von Ar­beits­su­chen­den für ei­nen länge­ren Zeit­raum gewährt oder vor Er­werb des Rechts auf Dau­er­auf­ent­halt Un­ter­halts­bei­hil­fen für die Zwe­cke des Stu­di­ums, ein­sch­ließlich ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung, gewährt.“
10 Art. 7 Abs. 1 und 3 der Richt­li­nie 2004/38 be­stimmt:
„(1) Je­der Uni­onsbürger hat das Recht auf Auf­ent­halt im Ho­heits­ge­biet ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats für ei­nen Zeit­raum von über drei Mo­na­ten, wenn er
a) Ar­beit­neh­mer oder Selbstständi­ger im Auf­nahm­e­mit­glied­staat ist oder
b) für sich und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel verfügt, so dass sie während ih­res Auf­ent­halts kei­ne So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats in An­spruch neh­men müssen, und er und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über ei­nen um­fas­sen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz im Auf­nahm­e­mit­glied­staat verfügen …
(3) Für die Zwe­cke des Ab­sat­zes 1 Buch­sta­be a) bleibt die Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft dem Uni­onsbürger, der sei­ne Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer oder Selbstständi­ger nicht mehr ausübt, in fol­gen­den Fällen er­hal­ten:
a) Er ist we­gen ei­ner Krank­heit oder ei­nes Un­falls vorüber­ge­hend ar­beits­unfähig;
b) er stellt sich bei ord­nungs­gemäß bestätig­ter un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit nach mehr als einjähri­ger Beschäfti­gung dem zuständi­gen Ar­beits­amt zur Verfügung;
c) er stellt sich bei ord­nungs­gemäß bestätig­ter un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit nach Ab­lauf sei­nes auf we­ni­ger als ein Jahr be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags oder bei im Lau­fe der ers­ten zwölf Mo­na­te ein­tre­ten­der un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit dem zuständi­gen Ar­beits­amt zur Verfügung; in die­sem Fall bleibt die Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft während min­des­tens sechs Mo­na­ten auf­recht­er­hal­ten;
d) er be­ginnt ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung; die Auf­recht­er­hal­tung der Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft setzt vor­aus, dass zwi­schen die­ser Aus­bil­dung und der frühe­ren be­ruf­li­chen Tätig­keit ein Zu­sam­men­hang be­steht, es sei denn, der Be­trof­fe­ne hat zu­vor sei­nen Ar­beits­platz un­frei­wil­lig ver­lo­ren.“
11 Art. 14 („Auf­recht­er­hal­tung des Auf­ent­halts­rechts“) der Richt­li­nie 2004/38 lau­tet:
„(1) Uni­onsbürgern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen steht das Auf­ent­halts­recht nach Ar­ti­kel 6 zu, so­lan­ge sie die So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats nicht un­an­ge­mes­sen in An­spruch neh­men.
(2) Uni­onsbürgern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen steht das Auf­ent­halts­recht nach den Ar­ti­keln 7, 12 und 13 zu, so­lan­ge sie die dort ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen erfüllen.
In be­stimm­ten Fällen, in de­nen be­gründe­te Zwei­fel be­ste­hen, ob der Uni­onsbürger oder sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen die Vor­aus­set­zun­gen der Ar­ti­kel 7, 12 und 13 erfüllen, können die Mit­glied­staa­ten prüfen, ob die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind. Die­se Prüfung wird nicht sys­te­ma­tisch durch­geführt.
(3) Die In­an­spruch­nah­me von So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen durch ei­nen Uni­onsbürger oder ei­nen sei­ner Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen im Auf­nahm­e­mit­glied­staat darf nicht au­to­ma­tisch zu ei­ner Aus­wei­sung führen.
(4) Ab­wei­chend von den Absätzen 1 und 2 und un­be­scha­det der Be­stim­mun­gen des Ka­pi­tels VI darf ge­gen Uni­onsbürger oder ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen auf kei­nen Fall ei­ne Aus­wei­sung verfügt wer­den, wenn
a) die Uni­onsbürger Ar­beit­neh­mer oder Selbstständi­ge sind oder
b) die Uni­onsbürger in das Ho­heits­ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats ein­ge­reist sind, um Ar­beit zu su­chen. In die­sem Fall dürfen die Uni­onsbürger und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen nicht aus­ge­wie­sen wer­den, so­lan­ge die Uni­onsbürger nach­wei­sen können, dass sie wei­ter­hin Ar­beit su­chen und dass sie ei­ne be­gründe­te Aus­sicht ha­ben, ein­ge­stellt zu wer­den.“
12 Art. 24 („Gleich­be­hand­lung“) der Richt­li­nie 2004/38 sieht vor:
„(1) Vor­be­halt­lich spe­zi­fi­scher und aus­drück­lich im Ver­trag und im ab­ge­lei­te­ten Recht vor­ge­se­he­ner Be­stim­mun­gen ge­nießt je­der Uni­onsbürger, der sich auf­grund die­ser Richt­li­nie im Ho­heits­ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats aufhält, im An­wen­dungs­be­reich des Ver­trags die glei­che Be­hand­lung wie die Staats­an­gehöri­gen die­ses Mit­glied­staats. Das Recht auf Gleich­be­hand­lung er­streckt sich auch auf Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge, die nicht die Staats­an­gehörig­keit ei­nes Mit­glied­staats be­sit­zen und das Recht auf Auf­ent­halt oder das Recht auf Dau­er­auf­ent­halt ge­nießen.
(2) Ab­wei­chend von Ab­satz 1 ist der Auf­nahm­e­mit­glied­staat je­doch nicht ver­pflich­tet, an­de­ren Per­so­nen als Ar­beit­neh­mern oder Selbstständi­gen, Per­so­nen, de­nen die­ser Sta­tus er­hal­ten bleibt, und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen während der ers­ten drei Mo­na­te des Auf­ent­halts oder ge­ge­be­nen­falls während des länge­ren Zeit­raums nach Ar­ti­kel 14 Ab­satz 4 Buch­sta­be b) ei­nen An­spruch auf So­zi­al­hil­fe oder vor Er­werb des Rechts auf Dau­er­auf­ent­halt Stu­di­en­bei­hil­fen, ein­sch­ließlich Bei­hil­fen zur Be­rufs­aus­bil­dung, in Form ei­nes Sti­pen­di­ums oder Stu­di­en­dar­le­hens, zu gewähren.“
Das So­zi­al­ge­setz­buch
13 § 19a Abs. 1 des So­zi­al­ge­setz­buchs Ers­tes Buch sieht fol­gen­de zwei Haupt­ar­ten von Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de vor:
„Nach dem Recht der Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de können in An­spruch ge­nom­men wer­den
1. Leis­tun­gen zur Ein­glie­de­rung in Ar­beit,
2. Leis­tun­gen zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts.“
14 § 1 („Auf­ga­be und Ziel der Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de“) SGB II be­stimmt in den Abs. 1 und 3:
„(1) Die Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de soll es Leis­tungs­be­rech­tig­ten ermögli­chen, ein Le­ben zu führen, das der Würde des Men­schen ent­spricht.
(3) Die Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de um­fasst Leis­tun­gen
1. zur Be­en­di­gung oder Ver­rin­ge­rung der Hil­fe­bedürf­tig­keit ins­be­son­de­re durch Ein­glie­de­rung in Ar­beit und
2. zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts.“
15 In § 7 („Leis­tungs­be­rech­tig­te“) SGB II heißt es:
„(1) Leis­tun­gen nach die­sem Buch er­hal­ten Per­so­nen, die
1. das 15. Le­bens­jahr voll­endet und die Al­ters­gren­ze nach § 7a noch nicht er­reicht ha­ben,
2. er­werbsfähig sind,
3. hil­fe­bedürf­tig sind und
4. ih­ren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ha­ben
(er­werbsfähi­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te). Aus­ge­nom­men sind
1. Auslände­rin­nen und Ausländer, die we­der in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land Ar­beit­neh­me­rin­nen, Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ge noch auf­grund des § 2 Ab­satz 3 des [Ge­set­zes über die all­ge­mei­ne Freizügig­keit von Uni­onsbürgern, im Fol­gen­den: FreizügG/EU] freizügig­keits­be­rech­tigt sind, und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen für die ers­ten drei Mo­na­te ih­res Auf­ent­halts,
2. Auslände­rin­nen und Ausländer, de­ren Auf­ent­halts­recht sich al­lein aus dem Zweck der Ar­beit­su­che er­gibt, und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen,
Satz 2 Num­mer 1 gilt nicht für Auslände­rin­nen und Ausländer, die sich mit ei­nem Auf­ent­halts­ti­tel nach Ka­pi­tel 2 Ab­schnitt 5 des Auf­ent­halts­ge­set­zes in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auf­hal­ten. Auf­ent­halts­recht­li­che Be­stim­mun­gen blei­ben un­berührt.
16 § 8 („Er­werbsfähig­keit“) Abs. 1 SGB II lau­tet:
„Er­werbsfähig ist, wer nicht we­gen Krank­heit oder Be­hin­de­rung auf ab­seh­ba­re Zeit außer­stan­de ist, un­ter den übli­chen Be­din­gun­gen des all­ge­mei­nen Ar­beits­mark­tes min­des­tens drei St­un­den täglich er­werbstätig zu sein.“
17 § 9 Abs. 1 SGB II be­stimmt:
„Hil­fe­bedürf­tig ist, wer sei­nen Le­bens­un­ter­halt nicht oder nicht aus­rei­chend aus dem zu berück­sich­ti­gen­den Ein­kom­men oder Vermögen si­chern kann und die er­for­der­li­che Hil­fe nicht von an­de­ren, ins­be­son­de­re von An­gehöri­gen oder von Trägern an­de­rer So­zi­al­leis­tun­gen, erhält.“
18 § 20 SGB II enthält ergänzen­de Be­stim­mun­gen über den Re­gel­be­darf zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts. § 21 SGB II re­gelt die Mehr­be­dar­fe und § 22 SGB II die Be­dar­fe für Un­ter­kunft und Hei­zung. Die §§ 28 bis 30 SGB II schließlich re­geln die Leis­tun­gen für Bil­dung und Teil­ha­be.
19 In § 1 des So­zi­al­ge­setz­buchs Zwölf­tes Buch - So­zi­al­hil­fe - (im Fol­gen­den: SGB XII) heißt es:
„Auf­ga­be der So­zi­al­hil­fe ist es, den Leis­tungs­be­rech­tig­ten die Führung ei­nes Le­bens zu ermögli­chen, das der Würde des Men­schen ent­spricht. …“
20 § 21 SGB XII be­stimmt:
„Per­so­nen, die nach dem Zwei­ten Buch als Er­werbsfähi­ge oder als An­gehöri­ge dem Grun­de nach leis­tungs­be­rech­tigt sind, er­hal­ten kei­ne Leis­tun­gen für den Le­bens­un­ter­halt …“
21 Der An­wen­dungs­be­reich des FreizügG/EU in sei­ner zur maßgeb­li­chen Zeit gel­ten­den Fas­sung war in des­sen § 1 ge­re­gelt:
„Die­ses Ge­setz re­gelt die Ein­rei­se und den Auf­ent­halt von Staats­an­gehöri­gen an­de­rer Mit­glied­staa­ten der Eu­ropäischen Uni­on (Uni­onsbürger) und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen.“
22 § 2 FreizügG/EU sah hin­sicht­lich des Rechts auf Ein­rei­se und Auf­ent­halt Fol­gen­des vor:
„(1) Freizügig­keits­be­rech­tig­te Uni­onsbürger und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen ha­ben das Recht auf Ein­rei­se und Auf­ent­halt nach Maßga­be die­ses Ge­set­zes.
(2) Ge­mein­schafts­recht­lich freizügig­keits­be­rech­tigt sind:
1. Uni­onsbürger, die sich als Ar­beit­neh­mer, zur Ar­beit­su­che oder zur Be­rufs­aus­bil­dung auf­hal­ten wol­len,
5. nicht er­werbstäti­ge Uni­onsbürger un­ter den Vor­aus­set­zun­gen des § 4,
6. Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge un­ter den Vor­aus­set­zun­gen der §§ 3 und 4,
(3) Das Recht nach Ab­satz 1 bleibt für Ar­beit­neh­mer und selbständig Er­werbstäti­ge un­berührt bei
1. vorüber­ge­hen­der Er­werbs­min­de­rung in­fol­ge Krank­heit oder Un­fall,
2. un­frei­wil­li­ger durch die zuständi­ge Agen­tur für Ar­beit bestätig­ter Ar­beits­lo­sig­keit oder Ein­stel­lung ei­ner selbständi­gen Tätig­keit in­fol­ge von Umständen, auf die der Selbständi­ge kei­nen Ein­fluss hat­te, nach mehr als ei­nem Jahr Tätig­keit,
3. Auf­nah­me ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung, wenn zwi­schen der Aus­bil­dung und der frühe­ren Er­werbstätig­keit ein Zu­sam­men­hang be­steht; der Zu­sam­men­hang ist nicht er­for­der­lich, wenn der Uni­onsbürger sei­nen Ar­beits­platz un­frei­wil­lig ver­lo­ren hat.
Bei un­frei­wil­li­ger durch die zuständi­ge Agen­tur für Ar­beit bestätig­ter Ar­beits­lo­sig­keit nach we­ni­ger als ei­nem Jahr Beschäfti­gung bleibt das Recht aus Ab­satz 1 während der Dau­er von sechs Mo­na­ten un­berührt.
23 § 3 („Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge“) FreizügG/EU be­stimm­te:
„(1) Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge der in § 2 Abs. 2 Nr. 1 bis 5 ge­nann­ten Uni­onsbürger ha­ben das Recht nach § 2 Abs. 1, wenn sie den Uni­onsbürger be­glei­ten oder ihm nach­zie­hen. Für Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge der in § 2 Abs. 2 Nr. 5 ge­nann­ten Uni­onsbürger gilt dies nach Maßga­be des § 4.
(2) Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge sind
1. der Ehe­gat­te und die Ver­wand­ten in ab­stei­gen­der Li­nie der in § 2 Abs. 2 Nr. 1 bis 5 und 7 ge­nann­ten Per­so­nen oder ih­rer Ehe­gat­ten, die noch nicht 21 Jah­re alt sind,
2. die Ver­wand­ten in auf­stei­gen­der und in ab­stei­gen­der Li­nie der in § 2 Abs. 2 Nr. 1 bis 5 und 7 ge­nann­ten Per­so­nen oder ih­rer Ehe­gat­ten, de­nen die­se Per­so­nen oder ih­re Ehe­gat­ten Un­ter­halt gewähren.
24 § 5 FreizügG/EU sah in Be­zug auf Auf­ent­halts­kar­ten und die Be­schei­ni­gung über das Dau­er­auf­ent­halts­recht vor:
„(1) Freizügig­keits­be­rech­tig­ten Uni­onsbürgern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen mit Staats­an­gehörig­keit ei­nes Mit­glied­staa­tes der Eu­ropäischen Uni­on wird von Amts we­gen un­verzüglich ei­ne Be­schei­ni­gung über das Auf­ent­halts­recht aus­ge­stellt.
(3) Die zuständi­ge Ausländer­behörde kann ver­lan­gen, dass die Vor­aus­set­zun­gen des Rechts nach § 2 Abs. 1 drei Mo­na­te nach der Ein­rei­se glaub­haft ge­macht wer­den. Für die Glaub­haft­ma­chung er­for­der­li­che An­ga­ben und Nach­wei­se können von der zuständi­gen Mel­de­behörde bei der mel­de­behörd­li­chen An­mel­dung ent­ge­gen­ge­nom­men wer­den. Die­se lei­tet die An­ga­ben und Nach­wei­se an die zuständi­ge Ausländer­behörde wei­ter …
25 Na­zi­fa Ali­ma­no­vic, die 1966 ge­bo­ren wur­de, und ih­re 1994, 1998 und 1999 ge­bo­re­nen Kin­der, So­ni­ta, Va­len­ti­na und Va­len­ti­no, be­sit­zen al­le die schwe­di­sche Staats­an­gehörig­keit. Frau Ali­ma­no­vic kam in Bos­ni­en zur Welt, al­le ih­re Kin­der wur­den in Deutsch­land ge­bo­ren.
26 Aus dem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen, das al­ler­dings we­der das ge­naue Aus­rei­se­da­tum noch den Aus­rei­se­grund nennt, geht her­vor, dass die Fa­mi­lie Ali­ma­no­vic Deutsch­land 1999 ver­ließ, um nach Schwe­den zu ge­hen, und im Ju­ni 2010 nach Deutsch­land zurück­kehr­te.
27 Am 1. Ju­li 2010 wur­de den Mit­glie­dern der Fa­mi­lie Ali­ma­no­vic ei­ne un­be­fris­te­te Be­schei­ni­gung nach § 5 FreizügG/EU er­teilt. Nach ih­rer An­kunft in Deutsch­land wa­ren Frau Ali­ma­no­vic und ih­re Toch­ter So­ni­ta, die im Sin­ne der deut­schen Rechts­vor­schrif­ten er­werbsfähig wa­ren, zwi­schen Ju­ni 2010 und Mai 2011 we­ni­ger als ein Jahr in kürze­ren Beschäfti­gun­gen bzw. Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten tätig.
28 Für den Zeit­raum vom 1. De­zem­ber 2011 bis zum 31. Mai 2012 wur­den Frau Ali­ma­no­vic Kin­der­geld für ih­re Kin­der Va­len­ti­na und Va­len­ti­no so­wie, eben­so wie ih­rer Toch­ter So­ni­ta, Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen nach dem SGB II, nämlich Ar­beits­lo­sen­geld II ge­nann­te Leis­tun­gen zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts für Lang­zeit­ar­beits­lo­se, be­wil­ligt; außer­dem wur­de ihr So­zi­al­geld für nicht er­werbstäti­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te zu­guns­ten der bei­den an­de­ren Kin­der, Va­len­ti­na und Va­len­ti­no, be­wil­ligt (im Fol­gen­den zu­sam­men: strei­ti­ge Leis­tun­gen).
29 Bei der Gewährung der strei­ti­gen Leis­tun­gen für die­sen Zeit­raum ging das Job­cen­ter da­von aus, dass die in § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 SGB II vor­ge­se­he­ne Aus­schluss­re­ge­lung für ar­beit­su­chen­de Uni­onsbürger auf die Fa­mi­lie Ali­ma­no­vic nicht an­wend­bar sei, da die­se Aus­schluss­re­ge­lung we­gen des in Art. 1 des Fürsor­ge­ab­kom­mens vor­ge­se­he­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­bots auf die Mit­glie­der die­ser Fa­mi­lie als schwe­di­sche Staats­an­gehöri­ge nicht an­ge­wandt wer­den dürfe. Mit Ur­teil vom 19. Ok­to­ber 2010 hat­te das Bun­des­so­zi­al­ge­richt nämlich ent­schie­den, dass die sich aus die­ser Vor­schrift er­ge­ben­de Ver­pflich­tung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, den Staats­an­gehöri­gen der an­de­ren Ver­trag­schließen­den, die sich in ir­gend­ei­nem Teil ih­res Ge­biets er­laubt auf­hal­ten und nicht über aus­rei­chen­de Mit­tel verfügen, in glei­cher Wei­se wie ih­ren ei­ge­nen Staats­an­gehöri­gen Fürsor­ge­leis­tun­gen zu gewähren, auch die Gewährung von Leis­tun­gen zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts nach den §§ 19 ff. SGB II ein­sch­ließt.
30 Nach § 48 Abs. 1 Satz 1 des So­zi­al­ge­setz­buchs Zehn­tes Buch ist ein Ver­wal­tungs­akt je­doch mit Wir­kung für die Zu­kunft auf­zu­he­ben, wenn in den tatsächli­chen oder recht­li­chen Verhält­nis­sen, die beim Er­lass die­ses Ver­wal­tungs­akts vor­ge­le­gen ha­ben, ei­ne we­sent­li­che Ände­rung ein­tritt. Hin­sicht­lich der Gewährung von Leis­tun­gen auf der Grund­la­ge von Art. 1 des Fürsor­ge­ab­kom­mens ist im Mai 2012 in­fol­ge des von der deut­schen Re­gie­rung am 19. De­zem­ber 2011 in Be­zug auf die­ses Ab­kom­men erklärten Vor­be­halts ei­ne Ände­rung ein­ge­tre­ten. Auf­grund des­sen hob das Job­cen­ter die Ent­schei­dung über die Gewährung der strei­ti­gen Leis­tun­gen für Mai 2012 in vol­lem Um­fang auf.
31 Auf ei­ne Kla­ge der Fa­mi­lie Ali­ma­no­vic hin hob das So­zi­al­ge­richt Ber­lin die­se Ent­schei­dung auf und ent­schied ins­be­son­de­re, dass Frau Ali­ma­no­vic und ih­re Toch­ter So­ni­ta An­spruch auf die sie be­tref­fen­den strei­ti­gen Leis­tun­gen hätten; die­ser An­spruch er­ge­be sich u. a. aus Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004, der je­de Dis­kri­mi­nie­rung von Uni­onsbürgern ge­genüber den Staats­an­gehöri­gen des be­tref­fen­den Mit­glied­staats ver­bie­te, in Ver­bin­dung mit Art. 70 die­ser Ver­ord­nung, der be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen wie die be­tref­fe, um die es in der bei ihm anhängig ge­mach­ten Kla­ge ge­he.
Mit sei­nem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt ein­ge­leg­ten Rechts­mit­tel macht das Job­cen­ter ins­be­son­de­re gel­tend, bei den Leis­tun­gen zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts nach dem SGB II han­de­le es sich um Leis­tun­gen der „So­zi­al­hil­fe“ im Sin­ne von Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38, so dass Ar­beit­su­chen­de vom An­spruch auf die­se Leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen wer­den könn­ten.
33 Das vor­le­gen­de Ge­richt weist u. a. dar­auf hin, dass sich Frau Ali­ma­no­vic und ih­re Toch­ter So­ni­ta - nach den für das vor­le­gen­de Ge­richt bin­den­den Fest­stel­lun­gen des So­zi­al­ge­richts Ber­lin - nicht mehr auf ein Auf­ent­halts­recht als Ar­beit­neh­me­rin­nen nach § 2 FreizügG/EU hätten be­ru­fen können. Seit Ju­ni 2010 sei­en sie nämlich nur in kürze­ren Beschäfti­gun­gen oder im Rah­men von ih­nen zu­ge­wie­se­nen Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten für we­ni­ger als ein Jahr und seit Mai 2011 über­haupt nicht mehr abhängig oder selbständig tätig ge­we­sen.
34 Un­ter Hin­weis auf das Ur­teil Vat­sou­ras und Kou­pa­tant­ze (C-22/08 und C-23/08, EU:C:2009:344) ver­tritt das vor­le­gen­de Ge­richt die Auf­fas­sung, aus § 2 Abs. 3 Satz 2 FreizügG/EU er­ge­be sich bei ei­ner Aus­le­gung un­ter Berück­sich­ti­gung von Art. 7 Abs. 3 Buchst. c der Richt­li­nie 2004/38, dass Frau Ali­ma­no­vic und ih­re Toch­ter So­ni­ta kei­ne Ar­beit­neh­me­rin­nen oder Selbständi­ge mehr sei­en und da­her als ar­beit­su­chend im Sin­ne von § 2 Abs. 2 Nr. 1 FreizügG/EU an­ge­se­hen wer­den müss­ten.
35 Dem­ent­spre­chend sei­en ins­be­son­de­re Frau Ali­ma­no­vic und ih­re Toch­ter So­ni­ta auf der Grund­la­ge von § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 SGB II - der Per­so­nen, de­ren Auf­ent­halts­recht sich al­lein aus dem Zweck der Ar­beit­su­che er­gibt, und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen von dem An­spruch auf Leis­tun­gen nach die­sem Ge­setz aus­nimmt - von den Leis­tun­gen zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts für Lang­zeit­ar­beits­lo­se aus­ge­schlos­sen wor­den.
36 Das vor­le­gen­de Ge­richt wirft in­fol­ge­des­sen zum ei­nen die Fra­ge auf, ob die­se Be­stim­mung des SGB II ge­gen das in Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 vor­ge­se­he­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­bot verstößt.
37 Zum an­de­ren fragt es sich, ob § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 SGB II als zulässi­ge Um­set­zung von Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 in das in­ner­staat­li­che Recht an­ge­se­hen wer­den kann oder ob, falls die­se Vor­schrift des Uni­ons­rechts nicht an­wend­bar sein soll­te, der ge­nann­ten Be­stim­mung des SGB II Art. 45 Abs. 2 AEUV in Ver­bin­dung mit Art. 18 AEUV ent­ge­gen­steht.
38 Un­ter die­sen Umständen hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
1. Gilt das Gleich­be­hand­lungs­ge­bot des Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 – mit Aus­nah­me des Ex­port­aus­schlus­ses des Art. 70 Abs. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 – auch für die be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen im Sin­ne von Art. 70 Abs. 1 und 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004?
2. Falls Fra­ge 1 be­jaht wird: Sind – ge­ge­be­nen­falls in wel­chem Um­fang – Ein­schränkun­gen des Gleich­be­hand­lungs­ge­bots des Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 durch Be­stim­mun­gen in na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten in Um­set­zung des Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 möglich, nach de­nen der Zu­gang zu die­sen Leis­tun­gen aus­nahms­los nicht be­steht, wenn sich ein Auf­ent­halts­recht des Uni­onsbürgers in dem an­de­ren Mit­glied­staat al­lein aus dem Zweck der Ar­beit­su­che er­gibt?
3. Steht Art. 45 Abs. 2 AEUV in Ver­bin­dung mit Art. 18 AEUV ei­ner na­tio­na­len Be­stim­mung ent­ge­gen, die Uni­onsbürgern, die sich als Ar­beit­su­chen­de auf die Ausübung ih­res Freizügig­keits­rechts be­ru­fen können, ei­ne So­zi­al­leis­tung, die der Exis­tenz­si­che­rung dient und gleich­zei­tig auch den Zu­gang zum Ar­beits­markt er­leich­tert, aus­nahms­los für die Zeit ei­nes Auf­ent­halts­rechts nur zur Ar­beit­su­che und un­abhängig von der Ver­bin­dung mit dem Auf­nah­me­staat ver­wei­gert?
39 Mit Schrei­ben vom 26. No­vem­ber 2014 hat die Kanz­lei des Ge­richts­hofs dem vor­le­gen­den Ge­richt das Ur­teil Da­no (C-333/13, EU:C:2014:2358) über­mit­telt und um Mit­tei­lung er­sucht, ob es an­ge­sichts der Nr. 1 des Te­nors die­ses Ur­teils die ers­te Vor­la­ge­fra­ge auf­recht­er­hal­ten wol­le. Mit Be­schluss vom 11. Fe­bru­ar 2015, der bei der Kanz­lei des Ge­richts­hofs am 19. Fe­bru­ar 2015 ein­ge­gan­gen ist, hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die ers­te Vor­la­ge­fra­ge für er­le­digt erklärt.
Zur Ein­stu­fung der strei­ti­gen Leis­tun­gen
40 Aus­weis­lich der dem Ge­richts­hof über­mit­tel­ten Ak­ten geht das vor­le­gen­de Ge­richt da­von aus, dass Frau Ali­ma­no­vic und ih­re Toch­ter So­ni­ta ein Auf­ent­halts­recht als Ar­beit­su­chen­de ha­ben und dass es durch die dies­bezügli­chen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Tat­sa­chen­ge­richts ge­bun­den ist.
41 Mit sei­ner zwei­ten und sei­ner drit­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt vom Ge­richts­hof wis­sen, ob ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung, die ar­beit­su­chen­de Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten vom Be­zug be­stimm­ter Leis­tun­gen aus­sch­ließt, während Staats­an­gehöri­ge des be­tref­fen­den Mit­glied­staats, die sich in der glei­chen Si­tua­ti­on be­fin­den, die­se Leis­tun­gen er­hal­ten, mit Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 so­wie mit Art. 18 AEUV und Art. 45 Abs. 2 AEUV ver­ein­bar ist.
42 An­hand wel­cher Re­gel die ent­spre­chen­de Ver­ein­bar­keit zu be­ur­tei­len ist, hängt da­von ab, ob sie als Leis­tun­gen der So­zi­al­hil­fe oder als Maßnah­men, die den Zu­gang zum Ar­beits­markt er­leich­tern sol­len, ein­zu­stu­fen sind; da­her ist ih­re Ein­stu­fung er­for­der­lich.
43 In­so­weit genügt je­doch die Fest­stel­lung, dass das vor­le­gen­de Ge­richt selbst die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen Leis­tun­gen als „be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne von Art. 70 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 ein­ge­stuft hat. Es führt in­so­weit aus, dass die­se Leis­tun­gen der Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts von Per­so­nen dien­ten, die ihn nicht selbst be­strei­ten könn­ten, und bei­trags­un­abhängig durch Steu­er­mit­tel fi­nan­ziert würden. Da die be­tref­fen­den Leis­tun­gen auch in An­hang X der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 erwähnt wer­den, erfüllen sie die Vor­aus­set­zun­gen von Art. 70 Abs. 2 die­ser Ver­ord­nung, selbst wenn sie Teil ei­nes Sys­tems sind, das außer­dem Leis­tun­gen zur Er­leich­te­rung der Ar­beit­su­che vor­sieht.
44 Un­be­scha­det des­sen ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sol­che Leis­tun­gen nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs auch un­ter den Be­griff „So­zi­al­hil­fe“ im Sin­ne von Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 fal­len. Die­ser Be­griff be­zieht sich nämlich auf sämt­li­che von öffent­li­chen Stel­len ein­ge­rich­te­ten Hilfs­sys­te­me, die auf na­tio­na­ler, re­gio­na­ler oder ört­li­cher Ebe­ne be­ste­hen und die ein Ein­zel­ner in An­spruch nimmt, der nicht über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel zur Be­strei­tung sei­ner Grund­bedürf­nis­se und der­je­ni­gen sei­ner Fa­mi­lie verfügt und des­halb während sei­nes Auf­ent­halts mögli­cher­wei­se die öffent­li­chen Fi­nan­zen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats be­las­ten muss, was ge­eig­net ist, sich auf das ge­sam­te Ni­veau der Bei­hil­fe aus­zu­wir­ken, die die­ser Staat gewähren kann (Ur­teil Da­no, C-333/13, EU:C:2014:2358, Rn. 63).
45 Im vor­lie­gen­den Fall ist im Übri­gen fest­zu­stel­len, dass - wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 72 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat - die über­wie­gen­de Funk­ti­on der in Re­de ste­hen­den Leis­tun­gen ge­ra­de dar­in be­steht, das Mi­ni­mum an Exis­tenz­mit­teln zu gewähr­leis­ten, das er­for­der­lich ist, um ein Le­ben zu führen, das der Men­schenwürde ent­spricht.
46 Aus die­sen Erwägun­gen er­gibt sich so­mit, dass die be­tref­fen­den Leis­tun­gen nicht als fi­nan­zi­el­le Leis­tun­gen, die den Zu­gang zum Ar­beits­markt ei­nes Mit­glied­staats er­leich­tern sol­len, ein­ge­stuft wer­den können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Vat­sou­ras und Kou­pa­tant­ze, C-22/08 und C-23/08, EU:C:2009:344, Rn. 45), son­dern als „So­zi­al­hil­fe“ im Sin­ne von Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 an­zu­se­hen sind, wie der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 66 bis 71 sei­ner Schluss­anträge fest­ge­stellt hat.
47 Da­her ist die drit­te Vor­la­ge­fra­ge nicht zu be­ant­wor­ten.
48 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 24 der Richt­li­nie 2004/38 und Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie der Re­ge­lung ei­nes Mit­glied­staats ent­ge­gen­ste­hen, nach der Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten, die im Ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats Ar­beit su­chen, vom Be­zug be­stimm­ter „be­son­de­rer bei­trags­un­abhängi­ger Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne von Art. 70 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004, die auch ei­ne Leis­tung der „So­zi­al­hil­fe“ im Sin­ne von Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 dar­stel­len, aus­ge­schlos­sen wer­den, während Staats­an­gehöri­ge des be­tref­fen­den Mit­glied­staats, die sich in der glei­chen Si­tua­ti­on be­fin­den, die­se Leis­tun­gen er­hal­ten.
49 In­so­weit ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ein Uni­onsbürger hin­sicht­lich des Zu­gangs zu So­zi­al­leis­tun­gen wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ei­ne Gleich­be­hand­lung mit den Staats­an­gehöri­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats nach Art. 24 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38 nur ver­lan­gen kann, wenn sein Auf­ent­halt im Ho­heits­ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats die Vor­aus­set­zun­gen der Richt­li­nie 2004/38 erfüllt (Ur­teil Da­no, C-333/13, EU:C:2014:2358, Rn. 69).
50 Ließe man nämlich zu, dass Per­so­nen, de­nen kein Auf­ent­halts­recht nach der Richt­li­nie 2004/38 zu­steht, un­ter den glei­chen Vor­aus­set­zun­gen wie Inländer So­zi­al­leis­tun­gen be­an­spru­chen könn­ten, lie­fe dies dem im zehn­ten Erwägungs­grund die­ser Richt­li­nie ge­nann­ten Ziel zu­wi­der, ei­ne un­an­ge­mes­se­ne In­an­spruch­nah­me der So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats durch Uni­onsbürger, die Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten sind, zu ver­hin­dern (Ur­teil Da­no, C-333/13, EU:C:2014:2358, Rn. 74).
51 Um fest­stel­len zu können, ob So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen wie die strei­ti­gen Leis­tun­gen auf der Grund­la­ge der Aus­nah­me­be­stim­mung von Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 ver­wei­gert wer­den dürfen, muss da­her vor­ab ge­prüft wer­den, ob der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nach Art. 24 Abs. 1 die­ser Richt­li­nie an­wend­bar ist, und da­mit, ob sich der be­tref­fen­de Uni­onsbürger rechtmäßig im Ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats aufhält.
52 Nur zwei Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2004/38 kom­men in Be­tracht, Ar­beit­su­chen­den in der Si­tua­ti­on von Frau Ali­ma­no­vic und ih­rer Toch­ter So­ni­ta mögli­cher­wei­se ein Auf­ent­halts­recht im Auf­nahm­e­mit­glied­staat nach die­ser Richt­li­nie zu ver­lei­hen, nämlich ihr Art. 7 Abs. 3 Buchst. c und ihr Art. 14 Abs. 4 Buchst. b.
53 Nach Art. 7 Abs. 3 Buchst. c der Richt­li­nie 2004/38 bleibt ei­nem Er­werbstäti­gen, wenn er sich bei ord­nungs­gemäß bestätig­ter un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit nach Ab­lauf sei­nes auf we­ni­ger als ein Jahr be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags oder bei im Lau­fe der ers­ten zwölf Mo­na­te ein­tre­ten­der un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit dem zuständi­gen Ar­beits­amt zur Verfügung stellt, sei­ne Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft für min­des­tens sechs Mo­na­te auf­recht­er­hal­ten. Während die­ses Zeit­raums behält der be­tref­fen­de Uni­onsbürger im Auf­nahm­e­mit­glied­staat sein Auf­ent­halts­recht nach Art. 7 die­ser Richt­li­nie und kann sich folg­lich auf das in ih­rem Art. 24 Abs. 1 ver­an­ker­te Gleich­be­hand­lungs­ge­bot be­ru­fen.
54 Dem­ent­spre­chend hat der Ge­richts­hof im Ur­teil Vat­sou­ras und Kou­pa­tant­ze (C-22/08 und C-23/08, EU:C:2009:344, Rn. 32) ent­schie­den, dass Uni­onsbürger, die die Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft gemäß Art. 7 Abs. 3 Buchst. c der Richt­li­nie 2004/38 be­hal­ten ha­ben, während des ge­nann­ten Zeit­raums von min­des­tens sechs Mo­na­ten An­spruch auf So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen wie die strei­ti­gen Leis­tun­gen ha­ben.
55 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 41 sei­ner Schluss­anträge dar­legt, ist in­des­sen un­be­strit­ten, dass Frau Ali­ma­no­vic und ih­re Toch­ter So­ni­ta, de­nen die Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft für min­des­tens sechs Mo­na­te nach dem En­de ih­rer letz­ten Beschäfti­gung er­hal­ten blieb, die­se Ei­gen­schaft zu dem Zeit­punkt, zu dem ih­nen die Gewährung der strei­ti­gen Leis­tun­gen ver­sagt wur­de, nicht mehr be­saßen.
56 Hin­sicht­lich der Fra­ge, ob Art. 14 Abs. 4 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 für Uni­onsbürger, die sich in der Si­tua­ti­on von Frau Ali­ma­no­vic und ih­rer Toch­ter So­ni­ta be­fin­den, ein Auf­ent­halts­recht nach die­ser Richt­li­nie be­gründen kann, ist die­ser Vor­schrift zu ent­neh­men, dass ein Uni­onsbürger, der in das Ho­heits­ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats ein­ge­reist ist, um Ar­beit zu su­chen, nicht aus­ge­wie­sen wer­den darf, so­lan­ge er nach­wei­sen kann, dass er wei­ter­hin Ar­beit sucht und ei­ne be­gründe­te Aus­sicht hat, ein­ge­stellt zu wer­den.
57 Zwar können Frau Ali­ma­no­vic und ih­re Toch­ter So­ni­ta dem vor­le­gen­den Ge­richt zu­fol­ge aus die­ser Vor­schrift auch nach Ab­lauf des in Art. 7 Abs. 3 Buchst. c der Richt­li­nie 2004/38 ge­nann­ten Zeit­raums für die Dau­er des von Art. 14 Abs. 4 Buchst. b der Richt­li­nie ab­ge­deck­ten Zeit­raums ein Auf­ent­halts­recht ab­lei­ten, das ih­nen ei­nen An­spruch auf Gleich­be­hand­lung mit den Staats­an­gehöri­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats hin­sicht­lich des Zu­gangs zu So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen ver­schafft; der Auf­nahm­e­mit­glied­staat kann sich in die­sem Fall aber auf die Aus­nah­me­be­stim­mung von Art. 24 Abs. 2 die­ser Richt­li­nie be­ru­fen, um dem be­tref­fen­den Uni­onsbürger die be­an­trag­te So­zi­al­hil­fe nicht zu gewähren.
58 Aus der in Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 vor­ge­nom­me­nen Ver­wei­sung auf de­ren Art. 14 Abs. 4 Buchst. b er­gibt sich nämlich aus­drück­lich, dass der Auf­nahm­e­mit­glied­staat ei­nem Uni­onsbürger, dem ein Auf­ent­halts­recht al­lein auf­grund der letzt­ge­nann­ten Vor­schrift zu­steht, jeg­li­che So­zi­al­hil­fe­leis­tung ver­wei­gern darf.
59 Zwar hat der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den, dass der Mit­glied­staat die persönli­chen Umstände des Be­tref­fen­den berück­sich­ti­gen muss, wenn er ei­ne Aus­wei­sung ver­an­las­sen oder fest­stel­len will, dass die­se Per­son im Rah­men ih­res Auf­ent­halts dem So­zi­al­hil­fe­sys­tem ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­las­tung ver­ur­sacht (Ur­teil Brey, C-140/12, EU:C:2013:565, Rn. 64, 69 und 78); ei­ne sol­che in­di­vi­du­el­le Prüfung ist aber bei ei­ner Fall­ge­stal­tung wie der des Aus­gangs­ver­fah­rens nicht er­for­der­lich.
60 Die Richt­li­nie 2004/38, die ein ab­ge­stuf­tes Sys­tem für die Auf­recht­er­hal­tung der Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft schafft, das das Auf­ent­halts­recht und den Zu­gang zu So­zi­al­leis­tun­gen si­chern soll, berück­sich­tigt nämlich selbst ver­schie­de­ne Fak­to­ren, die die je­wei­li­gen persönli­chen Umstände der ei­ne So­zi­al­leis­tung be­an­tra­gen­den Per­son kenn­zeich­nen, ins­be­son­de­re die Dau­er der Ausübung ei­ner Er­werbstätig­keit.
61 Das Kri­te­ri­um, auf das so­wohl § 7 Abs. 1 SGB II in Ver­bin­dung mit § 2 Abs. 3 FreizügG/EU als auch Art. 7 Abs. 3 Buchst. c der Richt­li­nie 2004/38 ab­stel­len, nämlich ein Zeit­raum von sechs Mo­na­ten nach Be­en­di­gung ei­ner Er­werbstätig­keit, in dem der An­spruch auf So­zi­al­hil­fe auf­recht­er­hal­ten bleibt, ermöglicht es den Be­trof­fe­nen, ih­re Rech­te und Pflich­ten ein­deu­tig zu er­fas­sen; folg­lich ist es ge­eig­net, bei der Gewährung von So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen im Rah­men der Grund­si­che­rung ein erhöhtes Maß an Rechts­si­cher­heit und Trans­pa­renz zu gewähr­leis­ten, und steht zu­gleich im Ein­klang mit dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit.
62 Was zu­dem die in­di­vi­du­el­le Prüfung an­geht, mit der ei­ne um­fas­sen­de Be­ur­tei­lung der Fra­ge vor­ge­nom­men wer­den soll, wel­che Be­las­tung die Gewährung ei­ner Leis­tung kon­kret für das ge­sam­te im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de na­tio­na­le So­zi­al­hil­fe­sys­tem dar­stel­len würde, ist fest­zu­stel­len, dass die ei­nem ein­zi­gen An­trag­stel­ler gewähr­te Hil­fe schwer­lich als „un­an­ge­mes­se­ne In­an­spruch­nah­me“ ei­nes Mit­glied­staats im Sin­ne von Art. 14 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38 ein­ge­stuft wer­den kann; ei­ne sol­che In­an­spruch­nah­me kann nämlich den be­tref­fen­den Mit­glied­staat nicht in­fol­ge ei­nes ein­zel­nen An­trags, son­dern nur nach Auf­sum­mie­rung sämt­li­cher bei ihm ge­stell­ten Ein­zel­anträge be­las­ten.
63 Nach al­le­dem ist auf die zwei­te Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 24 der Richt­li­nie 2004/38 und Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie der Re­ge­lung ei­nes Mit­glied­staats nicht ent­ge­gen­ste­hen, nach der Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten, die sich in der von Art. 14 Abs. 4 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 er­fass­ten Si­tua­ti­on be­fin­den, vom Be­zug be­stimm­ter „be­son­de­rer bei­trags­un­abhängi­ger Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne von Art. 70 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004, die auch ei­ne Leis­tung der „So­zi­al­hil­fe“ im Sin­ne von Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 dar­stel­len, aus­ge­schlos­sen wer­den, während Staats­an­gehöri­ge des be­tref­fen­den Mit­glied­staats, die sich in der glei­chen Si­tua­ti­on be­fin­den, die­se Leis­tun­gen er­hal­ten.
64 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.
Art. 24 der Richt­li­nie 2004/38/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/68 und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 64/221/EWG, 68/360/EWG, 72/194/EWG, 73/148/EWG, 75/34/EWG, 75/35/EWG, 90/364/EWG, 90/365/EWG und 93/96/EWG und Art. 4 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/2004 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 zur Ko­or­di­nie­rung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit in der durch die Ver­ord­nung (EU) Nr. 1244/2010 der Kom­mis­si­on vom 9. De­zem­ber 2010 geänder­ten Fas­sung sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie der Re­ge­lung ei­nes Mit­glied­staats nicht ent­ge­gen­ste­hen, nach der Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten, die sich in der von Art. 14 Abs. 4 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 er­fass­ten Si­tua­ti­on be­fin­den, vom Be­zug be­stimm­ter „be­son­de­rer bei­trags­un­abhängi­ger Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne von Art. 70 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004, die auch ei­ne Leis­tung der „So­zi­al­hil­fe“ im Sin­ne von Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 dar­stel­len, aus­ge­schlos­sen wer­den, während Staats­an­gehöri­ge des be­tref­fen­den Mit­glied­staats, die sich in der glei­chen Si­tua­ti­on be­fin­den, die­se Leis­tun­gen er­hal­ten.
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References: Art. 24
 Art. 4
 Art. 267
 Art. 18
 Art. 45
 Art. 4
 Art. 24
 Art. 1
 Art. 16
 Art. 16
 Art. 4
 Art. 70
 Art. 7
 Art. 14
 Art. 24
 § 19
 § 1
 § 7
 § 7
 § 2
 § 8
 § 9
 § 20
 § 21
 § 22
 § 1
 § 21
 § 1
 § 2
 § 4
 § 3
 § 2
 § 2
 § 2
 § 4
 § 2
 § 2
 § 5
 § 2
 § 5
 § 7
 Art. 1
 § 48
 Art. 1
 Art. 4
 Art. 70
 Art. 24
 § 2
 § 2
 Art. 7
 § 2
 § 7
 Art. 4
 § 7
 Art. 24
 Art. 45
 Art. 18
 Art. 4
 Art. 70
 Art. 70
 Art. 4
 Art. 24
 Art. 45
 Art. 18
 Art. 24
 Art. 18
 Art. 45
 Art. 70
 Art. 70
 Art. 24
 Art. 24
 Art. 24
 Art. 4
 Art. 70
 Art. 24
 Art. 24
 Art. 24
 Art. 24
 Art. 7
 Art. 14
 Art. 7
 Art. 7
 Art. 24
 Art. 7
 Art. 14
 Art. 7
 Art. 14
 Art. 24
 Art. 24
 Art. 14
 § 7
 § 2
 Art. 7
 Art. 14
 Art. 24
 Art. 4
 Art. 14
 Art. 70
 Art. 24

Art. 24
 Art. 4
 Art. 14
 Art. 70
 Art. 24