Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/ust/umsatzsteuerfreie-standplatzvermietung-auf-der-kirmes-377564
Timestamp: 2020-08-04 15:31:48+00:00

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Umsatzsteuerfreie Standplatzvermietung auf der Kirmes | Rechtslupe
Ver­mie­tet eine Gemein­de Stand­flä­chen bei einer Kir­mes­ver­an­stal­tung auf zivil­recht­li­cher Grund­la­ge, han­delt sie als Unter­neh­me­rin (§ 2 Abs. 3 Satz 1 UStG). Die Stand­platz­ver­mie­tung ist im vol­len Umfang gemäß § 4 Nr. 12 Buchst. a UStG steu­er­frei [1].
Die Gemein­de war bei der Stand­platz­über­las­sung als Unter­neh­me­rin tätig.
Nach stän­di­ger BFH-Recht­spre­chung ist eine juris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts bei richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung von § 2 Abs. 3 Satz 1 UStG i.V.m. § 4 KStG ent­spre­chend Art. 4 Abs. 5 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG Unter­neh­mer, wenn sie eine wirt­schaft­li­che und damit eine nach­hal­ti­ge Tätig­keit zur Erbrin­gung ent­gelt­li­cher Leis­tun­gen (wirt­schaft­li­che Tätig­keit) aus­übt, die sich inner­halb ihrer Gesamt­be­tä­ti­gung her­aus­hebt. Han­delt sie dabei auf pri­vat­recht­li­cher Grund­la­ge durch Ver­trag, kommt es auf wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen nicht an. Gestat­tet z.B. eine Gemein­de gegen Ent­gelt die Nut­zung einer Sport­hal­le und Frei­zeit­hal­le, ist sie gemäß § 2 Abs. 3 Satz 1 UStG i.V.m. § 4 KStG als Unter­neh­mer tätig, wenn sie ihre Leis­tung ent­we­der auf zivil­recht­li­cher Grund­la­ge oder ‑im Wett­be­werb zu Pri­va­ten- auf öffent­lich-recht­li­cher Grund­la­ge erbringt [2]. Der Bun­des­fi­nanz­hof hält an die­ser Recht­spre­chung fest [3].
Im Streit­fall war die Gemein­de bei der Leis­tungs­er­brin­gung als Unter­neh­me­rin tätig, da sie die Stand­plät­ze nach dem vom Finanz­ge­richt aus­drück­lich in Bezug genom­me­nen Mus­ter­ver­trag „über die Zusa­ge eines Stand­plat­zes“ auf zivil­recht­li­cher Rechts­grund­la­ge, nicht aber öffent­lich-recht­lich über­ließ. Im Hin­blick auf die Höhe der von der Gemein­de ver­ein­nahm­ten Ent­gel­te ist auch von einem Her­aus­he­ben aus der wirt­schaft­li­chen Gesamt­be­tä­ti­gung der Gemein­de aus­zu­ge­hen.
Die Gemein­de erbrach­te bei der Stand­platz­über­las­sung aus­schließ­lich steu­er­freie Leis­tun­gen.
Ob eine Ver­mie­tungs- oder Ver­pach­tungs­tä­tig­keit vor­liegt, rich­tet sich umsatz­steu­er­recht­lich auf­grund richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung nicht nach den Vor­schrif­ten des natio­na­len Zivil­rechts [4]. Das grund­le­gen­de Merk­mal des umsatz­steu­er­recht­li­chen Begriffs der „Ver­mie­tung von Grund­stü­cken“ i.S. von Art. 13 Teil B Buchst. b der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ‑seit 1.01.2007 Art. 135 Abs. 1 Buchst. l MwSt­Sys­tRL- besteht viel­mehr dar­in, dem Ver­trags­part­ner auf bestimm­te Zeit gegen eine Ver­gü­tung das Recht ein­zu­räu­men, ein Grund­stück so in Besitz zu neh­men, als wäre er des­sen Eigen­tü­mer, und jede ande­re Per­son von die­sem Recht aus­zu­schlie­ßen [5].
Ent­ge­gen der frü­he­ren BFH-Recht­spre­chung kann nach dem BFH, Urteil vom 24.01.2008 – V R 12/​05 [6] die Über­las­sung von Stand­plät­zen durch den Ver­an­stal­ter von Wochen­märk­ten an Markt­händ­ler nach den vor­ste­hen­den Grund­sät­zen als ein­heit­li­che Ver­mie­tungs­leis­tung anzu­se­hen sein. Ent­schei­dend ist hier­für, ob eine ein­heit­li­che Leis­tung vor­liegt, bei der das Ver­mie­tungs­ele­ment prä­gend ist.
Dies stimmt mit der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on über­ein. So hat der Uni­ons­ge­richts­hof in sei­nem „Field Fischer Waterhouse“-Urteil [7] ent­schie­den, dass eine Ver­mie­tung von Grund­stü­cken und die mit die­ser Ver­mie­tung zusam­men­hän­gen­den Dienst­leis­tun­gen eine ein­heit­li­che Leis­tung dar­stel­len kön­nen, wobei z.B. der Umstand, dass Dienst­leis­tun­gen grund­sätz­lich von einem Drit­ten erbracht wer­den könn­ten, nicht den Schluss zulässt, dass die­se kei­ne ein­heit­li­che Leis­tung dar­stel­len.
Die Recht­spre­chungs­än­de­rung durch das BFH, Urteil in BFHE 221, 310, BStBl II 2009, 60 wirkt sich auch auf die Stand­platz­über­las­sung bei Kir­mes­ver­an­stal­tun­gen aus. Wie das Finanz­ge­richt zutref­fend ent­schie­den hat, ist eine der­ar­ti­ge Stand­platz­über­las­sung in vol­lem Umfang steu­er­frei und nicht in eine steu­er­pflich­ti­ge und eine steu­er­freie Leis­tung auf­zu­tei­len. Der Bun­des­fi­nanz­hof hält daher auch inso­weit an sei­ner dem ent­ge­gen­ste­hen­den Recht­spre­chung [8] nicht mehr fest.
Das Vor­lie­gen einer ins­ge­samt steu­er­frei­en Leis­tung ergibt sich im Streit­fall dar­aus, dass die Über­las­sung der Stand­plät­ze das wesent­li­che Leis­tungs­ele­ment war. Die dar­über hin­aus erbrach­ten Leis­tun­gen sind ledig­lich als Neben­leis­tun­gen anzu­se­hen, da es dem jewei­li­gen Händ­ler gera­de dar­auf ankommt, unter Aus­schluss ande­rer Händ­ler für die Dau­er der Kir­mes eine Stand­flä­che zu erhal­ten, von der aus er sein Waren­sor­ti­ment ver­trei­ben kann. Die Orga­ni­sa­ti­ons­leis­tung der Gemein­de sowie die Bereit­stel­lung von Strom und die Rei­ni­gung sind danach für die Händ­ler nur im Hin­blick auf die Ver­kaufs­mög­lich­keit im Rah­men ihres Stand­plat­zes von Inter­es­se. Die beson­de­re Bedeu­tung der Stand­plät­ze für die Händ­ler sowie die Abhän­gig­keit der „Ser­vice­leis­tun­gen“ von der Über­las­sung der Stand­plät­ze recht­fer­ti­gen es, die­se auch dann als Neben­leis­tung zu einer dann ein­heit­li­chen steu­er­frei­en Leis­tung anzu­se­hen, wenn die Attrak­ti­vi­tät ein­zel­ner Wochen­märk­te durch ver­ein­zel­te „Son­der­ver­an­stal­tun­gen“ gestei­gert wird.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Febru­ar 2014 – V R 5/​13
Fort­füh­rung der Recht­spre­chung vom 24.01.2008 – V R 12/​05, BFHE 221, 310, BStBl II 2009, 60[↩]
vgl. z.B. zuletzt BFH, Urtei­le vom 10.11.2011 – V R 41/​10, BFHE 235, 554; und vom 01.12 2011 – V R 1/​11, BFHE 236, 235[↩]
vgl. zur bis­lang unter­blie­be­nen Ver­öf­fent­li­chung der BFH-Recht­spre­chung zu § 2 Abs. 3 UStG im BStBl z.B. Lohse/​Zanzinger, Deut­sches Steu­er­recht 2013, 1105 ff., 1109[↩]
BFH, Urtei­le vom 07.07.2011 – V R 41/​09, BFHE 234, 513, BStBl II 2014, 73, unter II. 2.b; und vom 08.11.2012 – V R 15/​12, BFHE 239, 509, BStBl II 2013, 455, unter II. 1.a[↩]
vgl. EuGH, Urtei­le vom 16.12 2010 – C‑270/​09, Mac­Do­nald Resorts Ltd., Slg. 2010, I‑13179 Rdnr. 46; vom 06.12 2007 – C‑451/​06, Wal­der­dorff, Slg. 2007, I‑10637 Rdnr. 17; vom 12.06.2003 – C‑275/​01, Sin­c­lair Col­lis, Slg. 2003, I‑5965 Rdnr. 25; vom 04.10.2001 – C‑326/​99, Goed Wonen, Slg. 2001, I‑6831 Rdnr. 55; vom 09.10.2001 – C‑108/​99, Can­tor Fitz­ge­rald Inter­na­tio­nal, Slg. 2001, I‑7257 Rdnr. 21; vom 09.10.2001 – C‑409/​98, Mir­ror Group, Slg. 2001, I‑7175 Rdnr. 31[↩]
BFHE 221, 310, BStBl II 2009, 60[↩]
EuGH, Urteil vom 27.09.2012 – C‑392/​11, Field Fischer Water­house, UR 2012, 964[↩]
BFH, Urtei­le vom 07.04.1960 – V 142/​58 U, BFHE 71, 41, BStBl III 1960, 261; und vom 25.04.1968 – V 120/​64, BFHE 93, 393, BStBl II 1969, 94[↩]

References: § 4
 § 2
 § 4
 Art. 4
 § 2
 § 4
 Art. 13
 Art. 135
 § 2