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Review: Siegfried Jäger (2012). Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung [Critical Discourse Analysis: An Introduction] | Philipp | Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research
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Volume 14, No. 3, Art. 16 – September 2013
Siegfried Jäger (2012). Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung (6. vollständig überarbeitete Auflage). Münster: Unrast; 258 Seiten; ISBN 978-3-89771-761-9; 19,80€
Zusammenfassung: Die vorliegende sechste Auflage der "Kritischen Diskursanalyse" stellt als vollständige Überarbeitung einen erheblichen Fortschritt zu früheren Auflagen dar. Die Aufnahme des Dispositivkonzepts ermöglicht eine theoretische Straffung des sich jetzt auf Diskurs- und Dispositivanalyse beziehenden Ansatzes. Der jeher besonders prominente Methodenteil wurde der theoretischen Weiterentwicklung entsprechend angepasst, verschlankt und anwendungsorientiert umgestellt sowie um Vorschläge zur Durchführung praktischer Dispositivanalysen erweitert. Das Buch ist sowohl ein geeigneter Einstieg in die diskurstheoretischen Arbeiten Michel FOUCAULTs als auch eine pragmatische Gebrauchsanweisung für die Durchführung von Diskursanalysen. Die spezifische Perspektive kritischer Diskursanalyse trägt dabei zum wissenschaftstheoretischen Diskurs über Werturteile, Normativität und Reflexivität in der Forschung bei. Insgesamt ist das Buch in der vorliegenden Auflage wesentlich handlicher geworden und konnte seinen theoretischen wie methodischen Gebrauchswert deutlich steigern.
Keywords: kritische Diskursanalyse; Dispositivanalyse; Diskurstheorie; Michel Foucault; DISS
1.2 Kritische Diskursanalyse als Forschungsprogramm
1.3 Unterschiede zu früheren Auflagen
Aus der Perspektive kritischer Diskursanalyse gibt es keine objektive, immer und überall gültige Wahrheit. Wahrheit und das mit ihr verbundene Wissen sind historisch und regional variable Sachverhalte, die aus diskursiven Praktiken hervorgehen. Folglich kann es auch keine letzte, die aufgeworfenen Fragen und Probleme der Diskurstheorie und -analyse endgültig klärende Auflage dieses Buches geben. Die vorliegende Auflage entspricht daher der Idee kritischer Diskursanalyse durch ihre vollständige Überarbeitung und Aktualisierung. [1]
Siegfried JÄGER hat mit der "Kritischen Diskursanalyse" 1993 das erste Methodenbuch vorgelegt, das sich systematisch und praxisbezogen mit Diskurstheorie und -analyse nach Michel FOUCAULT auseinandersetzte. Bereits die erste Auflage war insbesondere aus den Erfahrungen mit praktischen Diskursanalysen am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) gespeist, das Siegfried JÄGER 1987 mitbegründete und noch heute leitet. Seit der letzten gründlichen Überarbeitung 1999 ist auch der diskursanalytische Diskurs nicht stehen geblieben. JÄGER trägt in dieser sechsten Auflage, theoretischen wie methodischen Fortschritten Rechnung. Wie im Folgenden deutlich wird, hat das Buch dabei sehr grundlegende Veränderungen erfahren: Es ist von 404 auf 258 Seiten geschrumpft, und durch die Aufnahme des Dispositivkonzepts konnte eine theoretische wie methodische Vereinheitlichung und inhaltliche Erweiterung des Ansatzes der kritischen Diskursanalyse erzielt werden. [2]
Im Anschluss an die Einleitung wird im Kapitel "Ein bisschen Theorie muss sein: Diskurs und Dispositiv" (S.17-68) vor allem in die Diskurstheorie nach FOUCAULT eingeführt und der Diskursbegriff geschärft; außerdem wird das Konzept der Kollektivsymbolik von Jürgen LINK vorgestellt. Bereits in diesem Kapitel wird der für diese Auflage neue Dispositivbegriff eingeführt. Das anschließende Kapitel "Diskurs und Dispositiv: Diskursanalyse als Herzstück der Dispositivanalyse" (S.69-75) beschäftigt sich explizit mit Dispositiven und ihrer Integration in das Repertoire der kritischen Diskursanalyse. Die nachfolgenden Kapitel fünf bis sieben (S.76-119) befassen sich mit der methodischen Umsetzung von Diskurs- und Dispositivanalyse, wobei der Diskursanalyse sprachlicher Performanzen als Grundlage auch von Dispositivanalysen die meiste Aufmerksamkeit geschenkt wird. Den Abschluss bilden "Weitere Hinweise für Diskurs- und Dispositivanalysen" (S.120-162), die sich einerseits auf die konkrete Durchführung empirischer Projekte beziehen, andererseits die Perspektive und Anwendungsmöglichkeiten kritischer Diskursanalyse im wissenschaftlichen und politischen Kontext verdeutlichen. Ab der zweiten Auflage war insbesondere der Anhang mit Analysebeispielen ein zentraler und instruktiver Teil des Buches. Die vorliegende Auflage setzt diese Tradition fort und gewährt Einblick in die diskursanalytische Praxis in Form des Projektberichts "Leben im Brennpunkt. Der öffentliche Diskurs über den Stadtteil Gelsenkirchen-Bismarck/Schalke-Nord und seine Auswirkungen auf die Bevölkerung" (S.164-222). Bereits hier wird auf die Möglichkeiten der Dispositivanalyse verwiesen, die im zweiten Teil des Anhangs mit Überlegungen aus einem am DISS durchgeführten Workshop zur dispositivanalytischen Fortsetzung des Projekts abgerundet werden. [3]
Für JÄGER bildet die Ablehnung objektiver Wahrheit einen der zentralen Standpunkte der kritischen Diskursanalyse. Da sich der Wirklichkeit keine natürlichen, immer gültigen Wahrheiten entnehmen ließen, sei der Mensch stets gezwungen, durch Deutung zu historisch und örtlich gültigen, d.h. akzeptierten Wahrheiten zu gelangen. Der Autor sieht diese als variabel, von großer Relevanz und daher als stets umkämpft (S.10ff). Michel FOUCAULT (1973) hat den Diskurs als Kampfplatz der Deutung und Hervorbringung von Wirklichkeit sowie als Materialität sui generis identifiziert. Die Bedeutungsdefinition und damit auch Genese von Objekten wie Subjekten findet im Rahmen sprachlich und nicht-sprachlich performierter diskursiver Praxen statt, deren Ergebnis letztlich Wissen ist. Insofern dieses aus dem Ringen um diskursive Deutungshoheit hervorgeht, tritt es immer in Verbindung mit Macht in Form von Macht-Wissens-Komplexen auf. Für JÄGER setzt hier die Diskursanalyse an, indem sie "zeigt mit welchen Mitteln und für welche 'Wahrheiten' in einer Bevölkerung Akzeptanz geschaffen wird, was als normal und nicht normal zu gelten habe, was als sagbar (und tubar) gilt und was nicht" (S.161). [4]
Kritische Diskursanalyse sensu JÄGER dient dazu, diese Prozesse und Ergebnisse von ihrer vermeintlichen Selbstverständlichkeit zu entkleiden. Bereits durch die Beschreibung ihrer Hervorbringung und spezifischen Form würden damit gesellschaftliche Wahrheiten weiterführend kritisierbar. Zudem werde keine Form von Wissen aus der diskursiven Hervorbringung ausgenommen, insbesondere wissenschaftliches Wissen nicht. Auch WissenschaftlerInnen seien permanent in Diskurse verstrickt, die ihr Wissen und ihre Praxen prägten (S.144ff.). JÄGER folgend ist die Reflexion der eigenen Position und Verstricktheit daher unerlässlich für jede wissenschaftliche Tätigkeit und speziell die Durchführung kritischer Diskursanalyse. [5]
Wissenschaft ist für JÄGER daher immer politisch. Gerade Forschende seien in offene und explizite Deutungskämpfe verwickelt und von Spezialdiskursen ihres Faches wie auch dem gesamtgesellschaftlichen Interdiskurs beeinflusst. In diesem Sinne ist nach JÄGER die reine Deskription eines Sachverhaltes unmöglich, da auch hierbei stets gedeutet werde und Entscheidungen für oder gegen eine spezifische Interpretation zu treffen seien (S.10). [6]
Die kritische Diskursanalyse verstehe sich daher selbstverständlich als politisch und an der Verbesserung menschlicher Verhältnisse und Förderung demokratischer Einsichten orientiert (S.152). Siegfried JÄGER beschreibt bereits die Anfänge der Entwicklung dieses Ansatzes in den 1980er Jahren als klar politisch motiviert (DIAZ-BONE 2006, §68). Er expliziert den politischen Nutzen von kritischen Diskurs- und Dispositivanalysen gesellschaftlich brisanter Themen in einem eigenen Unterkapitel (S.157-162). [7]
Indem sie sich für brisante Themen interessiere, fokussiere kritische Diskursanalyse insgesamt stärker den gesamtgesellschaftlichen Diskurs: einerseits durch die Analyse besonders weitreichend wirkender, in den Massenmedien zutage tretender Diskurse, andererseits durch die Verwendung des von Michel PÊCHEUX stammenden Interdiskurskonzepts, dessen Operationalisierung sowie intensive Nutzung eine weitere Besonderheit des Ansatzes darstellt (HELSLOOT & HAK 2007; LINK 2013). [8]
Da die vorliegende Auflage sich so deutlich von ihren Vorgängerinnen unterscheidet, werden im Folgenden die grundlegendsten Änderungen und Weiterentwicklungen vorgestellt. Besonderes Augenmerk liegt darauf, welchen theoretischen bzw. methodischen Vorteil sie für das Konzept der kritischen Diskursanalyse erbringen. [9]
Bei der Lektüre der aktuellen Auflage fällt zuerst eine neue Positionierung des Buches im Feld der Sozial- und Kulturwissenschaften auf. Bisherige Auflagen beschäftigten sich umfangreich mit einer Einführung in und anschließender Kritik am Stand der Sprachwissenschaft, insbesondere der Linguistik. Das Vorwort zur zweiten und dritten Auflage spricht daher auch von einer auffallenden Aufnahme des Ansatzes in den Nachbardisziplinen der Pädagogik, Soziologie und Psychologie (JÄGER 2009, S.7). Die vorliegende Auflage bricht mit dieser sprachwissenschaftlichen Verortung. Bereits der erste Satz der treffend mit "Es geht nicht um Sprache, sondern um Wissen" (JÄGER, S.10) überschriebenen Einleitung macht deutlich, dass sich die kritische Diskursanalyse im Kern als ein Konzept qualitativer Sozial- und Kulturforschung versteht, das sich auch auf die Linguistik und weitere Disziplinen bezieht. [10]
Diese klare Ausrichtung ist insbesondere durch Weiterentwicklung im theoretischen Bereich ermöglicht worden, die in ihrer Fundierung nicht länger auf die Tätigkeitstheorie A.N. LEONTJEWs zurückgreift. Bisher wurde mit ihrer Hilfe die Diskurstheorie FOUCAULTs um die Tätigkeit als vermittelnde Instanz zwischen Subjekt und Objekt erweitert (JÄGER 2009, S.111). Speziell die Synthese dieser im Kern psychologischen Theorie mit dem Konzept von Diskursen als Materialitäten sui generis hat sowohl dem Autor als auch den Lesenden einige Mühe bereitet, ohne dabei vollständige Kompatibilität hervorbringen zu können (S.37f., 112). Besonders den Rückbezug LEONTJEWs auf eine objektive Wirklichkeit als letzte Wahrheitsinstanz, aus der sich Wahrheit schließlich doch entnehmen lasse, hat JÄGER bereits in früheren Auflagen als problematisch erkannt (2009, S.112). So weise die Tätigkeitstheorie dem Diskurs erneut eine sekundäre Repräsentationsfunktion zu, die dem Diskurskonzept FOUCAULTs grundsätzlich zuwiderlaufe. Speziell in der Operationalisierung tätigkeitstheoretischer Konzepte lag ein Schwachpunkt vorheriger Auflagen. Die Folgen und Ergebnisse menschlicher Tätigkeit wurden dort nur in ihrer sprachlich performierten Form in die Analyse integriert. Die enorme Vielfalt nicht-sprachlich performierter diskursiver Praxen ist hierdurch systematisch vernachlässigt worden. [11]
An diese Stelle tritt neu das Dispositiv, welches jetzt zur Überwindung der Lücke zwischen Diskurs und materialer Wirklichkeit dient. Der Autor befasst sich seit geraumer Zeit mit FOUCAULTs Dispositivkonzept und hat gerade im Hinblick auf die Erarbeitung seiner theoretischen Fundierung und anschließenden Operationalisierung und Integration in die Diskursanalyse Pionierarbeit geleistet (JÄGER 2001, 2011; JÄGER & JÄGER 2007). Mit der vorliegenden Auflage profitiert auch die kritische Diskursanalyse von dieser Erschließung. [12]
Das Dispositiv wird von JÄGER in enger Anlehnung an FOUCAULT definiert als ein prozessierender Zusammenhang von Wissen, der sich in sprachlich performierten diskursiven Praxen (Sprechen und Denken), nicht-sprachlich performierten diskursiven Praxen (Handeln auf der Grundlage von Wissen) und Gegenständlichkeiten als Folge von Handeln materialisiert (S.73). Der Weg hin zu einer konkreten Dispositivanalyse führt daher in einem ersten Schritt über die Diskursanalyse, die für JÄGER das Herzstück der Dispositivanalyse darstellt. Das einende Element zwischen Diskurs und Dispositiv ist auch aus methodischer Sicht die in beiden Konzepten zentrale Rolle des Wissens im Sinne FOUCAULTs. [13]
Indem der Autor auf den Umweg über die Tätigkeitstheorie verzichtet, ist ihm an dieser Stelle die direkte methodische Integration diskursiver Wirklichkeiten und Wirkungen über den sprachlich performierten Diskurs hinaus möglich. Insofern Wissen als das zentrale Element sprachlicher und nicht-sprachlicher Praktiken identifiziert wird, lässt sich jetzt versuchen, das ausgearbeitete Instrumentarium der Diskursanalyse mit einer noch im Entstehen begriffenen praktischen Dispositivanalyse in einer einzigen Werkzeugkiste zusammenzuführen. Die Vielfalt nicht-sprachlich performierter Praxen wird auf eine Stufe mit ihren sprachlich performierten Pendants gestellt. JÄGER verweist an diesem Punkt jedoch auf den allgemeinen Mangel an konkret durchgeführten Dispositivanalysen: Eine dem fortgeschrittenen Stand der Diskursanalyse entsprechende Methode der Dispositivanalyse lasse sich auf dieser Basis noch nicht formulieren. [14]
Gemeinsam mit der Neupositionierung außerhalb sprachwissenschaftlicher Sphären eröffnet die Integration des Dispositivkonzepts die Berücksichtigung bisher vernachlässigter Medien: Visualisierung und grafische Kommunikation, Fotografien, Zeichnungen, Videos oder Bilder sind bisher nur am Rande und im Kontext der von Jürgen LINK übernommenen Kollektivsymbolik eingeflossen (vgl. LINK & PARR 2007). Zwar hat JÄGER die kritische Diskursanalyse als prinzipiell auch für nicht-sprachlich performierte diskursive Praxen offen vorgestellt, ein konkreter methodischer Ansatz für eine solche Öffnung ist in früheren Auflagen jedoch noch nicht angestrebt worden. Die vorliegende Auflage beginnt damit, sich explizit mit den Möglichkeiten der Analyse von Bildern im Rahmen einer Diskurs- und Dispositivanalyse auseinanderzusetzen (S.63-69). Die Ausführungen stellen jedoch nur eine erste Sondierung der bisherigen Forschung zur Erschließung visueller Medien in den Sozial- und Kulturwissenschaften dar und erweitern einen hierzu bereits erschienenen Beitrag von Sebastian FRIEDRICH und Margarete JÄGER (2011). In Anbetracht der erst in den letzten Jahren langsam wachsenden sozialwissenschaftlichen Aufmerksamkeit für dieses Thema kann JÄGER hier allerdings kein Vorwurf gemacht werden. Die kritische Diskursanalyse positioniert sich jedoch theoretisch und methodisch aufnahmebereit für die kommenden Entwicklungen in diesem Bereich. [15]
Der inzwischen vielfach erprobte und gut ausgearbeitete Teil zur diskursanalytischen Methode ist im Kern in die neue Auflage übernommen worden. Als "Methode der Diskurs- und Dispositivanalyse" ist er jedoch einerseits an vielen Stellen um Überlegungen zur Integration des Dispositivkonzepts erweitert, andererseits im Hinblick auf stärkere Anwendungsorientierung umgestellt worden. JÄGER baut den Methodenteil chronologisch entlang des Ablaufs einer konkreten diskursanalytischen Untersuchung auf. Nach Vorschlägen zur Terminologie der Diskursanalyse (S.80ff.) stellt er ihren Gesamtverlauf in zehn Schritten vor (S.90f.), beginnend mit der Zielsetzung der Untersuchung und endend mit Überlegungen zu ihrer Vollständigkeit. Anschließend wird jeder dieser Schritte im Detail erläutert, beispielsweise die Feinanalyse konkreter Diskursfragmente (S.98ff.). In gleicher Weise wird für die Methode der Dispositivanalyse verfahren. Beide Kapitel erfüllen explizit den Anspruch, eine "Gebrauchsanweisung" für die diskurs- und dispositivanalytische Praxis zu sein und liefern detaillierte Orientierungshilfen. Auf dieser methodischen Basis aufbauend, diskutiert JÄGER dann weitere Hinweise zu typischen Fragen und Problemen praktischer Diskursanalyse, beispielsweise der Unmöglichkeit, diskursive Kontexte in ihrer Gesamtheit zu erfassen (S.120f.), die Materialauswahl (S.123ff.) und den Umgang mit großen Materialmengen (S.129ff.). Um hierfür Lösungen anzubieten, findet ein intensiver Rückbezug in die Diskurstheorie, die Literatur zum Thema, vor allem aber die umfangreiche Erfahrung JÄGERs mit empirischen Diskursanalysen statt. Darüber hinaus lässt der Autor den fortgeschrittenen Stand der Forschung seit 1999 einfließen und hat seine Beispiele an aktuelle Ereignisse angepasst. [16]
Mit der vollständigen Überarbeitung der "Kritischen Diskursanalyse" hat Siegfried JÄGER seine an FOUCAULT angelehnte Werkzeugkiste neu sortiert. Durch die zentrale Integration des Dispositivkonzeptes lässt sich sogar sagen, dass die neue Auflage aus mehreren Werkzeugkisten eine einzige macht. Die Methode der kritischen Diskursanalyse erfüllt ihren Anspruch, angewandte Diskurstheorie zu sein, aus diesem Grund besser, als das frühere Auflagen taten. Den Lesenden präsentiert sich das Buch auf das Wesentliche konzentriert. [17]
Die Stärke des Buches liegt nach wie vor in der Erläuterung eines praxisbezogenen und pragmatischen Vorgehens zur Diskursanalyse. Die Erweiterung um das Dispositivkonzept ist sehr zu begrüßen, erreicht jedoch aus dem bisher herrschenden Mangel an konkreten Erfahrungen mit empirischen Dispositivanalysen noch nicht das praktische Niveau der Diskursanalyse. [18]
Zwei Punkte sind JÄGERs "Kritischer Diskursanalyse" besonders hoch anzurechnen: Erstens wird der Ansatz in seiner methodischen Umsetzung der oft sehr komplexen und über eine Vielzahl von Schriften verstreuten Diskurstheorie Michel FOUCAULTs überaus konkret. Die Begriffe des Spezial- und des Interdiskurses, der Diskursfragmente, -positionen und -stränge etc. werden von JÄGER für eine praktische Anwendung definiert und mit Beispielen erläutert. Diese Interpretations- und Definitionsleistung erhöht den Gebrauchswert des Buches erheblich, speziell für EinsteigerInnen in die Diskursanalyse. Und nicht nur diese können von der extensiven Literaturverarbeitung zu Fragen der Diskurs- und Dispositivtheorie und praktischen Diskursanalyse durch JÄGER profitieren, die fortgesetzt und aktualisiert wurde. Zweitens demonstriert JÄGER, dass es auch in der Wissenschaft weder angebracht noch möglich ist, die eigene politische Haltung und normativen Vorstellungen aus dem Forschungskontext auszuklammern. Es gilt daher, diese ohnehin immer auf den Erkenntnisprozess einwirkenden Elemente zu explizieren und zu reflektieren. Die von der kritischen Diskursanalyse angestrebte kritische Haltung richtet sich keinesfalls nur auf die Beobachtungsobjekte, sondern bezieht auch die BeobachterInnen mit ein. In dieser Einsicht, die sich durch das komplette Konzept der kritischen Diskursanalyse zieht, liegt ein über den theoretischen und methodischen Nutzen des vorliegenden Buches hinausgehender Wert. [19]
Den eigenen Anspruch, erstens ein Lehrbuch für die Erarbeitung von Diskurs- und Dispositivanalysen zu verfassen, zweitens einen wissenschaftlichen Text zum Thema Diskurs und Dispositiv vorzulegen und drittens neue Möglichkeiten linker Politik aufzuzeigen, löst JÄGER mit dieser Auflage ein. [20]
Diaz-Bone, Rainer (2006). Kritische Diskursanalyse: Zur Ausarbeitung einer problembezogenen Diskursanalyse im Anschluss an Foucault. Siegfried Jäger im Gespräch mit Rainer Diaz-Bone. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(3), Art. 21, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0603219 [Zugriff: 10.8.2013].
Friedrich, Sebastian & Jäger, Margarete (2011). Die Kritische Diskursanalyse und die Bilder. DISS-Journal, 21, 14-16.
Helsloot, Niels & Hak, Tony (2007). Pêcheux's contribution to discourse analysis. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(2), Art. 1, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs070218 [Zugriff: 10.8.2013].
Jäger, Siegfried (2001). Dispositiv. In Marcus Kleiner (Hrsg.), Michel Foucault. Eine Einführung in sein Denken (S.72-89).Frankfurt/M.: Campus.
Jäger, Siegfried (2009). Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung (5., gegenüber der 2., überarbeiteten und erweiterten [1999] unveränderte Aufl.). Münster: Unrast.
Jäger, Siegfried (2011). Diskurs und Wissen. Theoretische und methodische Aspekte einer Kritischen Diskurs- und Dispositivanalyse. In Reiner Keller, Andreas Hirseland, Werner Schneider & Willy Viehöver (Hrsg.), Handbuch sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Bd. 1 (S.91-124).Wiesbaden: VS.
Link, Jürgen (2013). Diskurs, Interdiskurs, Kollektivsymbolik. Am Beispiel der aktuellen Krise der Normalität. Zeitschrift für Diskursforschung, 1(1), 7-23.
Link, Jürgen & Parr, Rolf (2007). Projektbericht: diskurs-werkstatt und kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(2), http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0702P19 [Zugriff: 10.8.2013].
Tobias PHILIPP, Dipl.-Soz., ist Assistent an der Professur für qualitative und quantitative Methoden des Soziologischen Seminars der Universität Luzern. Seine Forschungsinteressen liegen in der Wissenschaftssoziologie, der relationalen Soziologie und Netzwerkforschung sowie der Theorie und Praxis wissenschaftlicher Visualisierung.
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