Source: https://www.synthetischebiologie.org/politics/2018/8/3/lorem-ipsum
Timestamp: 2019-04-23 15:58:34+00:00

Document:
1. Das Urteil des EuGH zur Genschere CRISPR — GASB
Der europäische Gerichtshof hat einen Entscheidung bezüglich der Nutzung von CRISPR-Cas in der Landwirtschaft gefällt. Mit der Genschere CRISPR lassen sich Pflanzen derartig verändern, dass sie sich von natürlich vorkommenden Pflanzen nicht mehr unterscheiden. Die Frage war, ob solche naturidentischen Pflanzen als gentechnisch veränderter Organismus (GVO) einzustufen sind oder nicht. Das Urteil des EuGH bejaht diese Frage und sagt:
Von diesen Verpflichtungen ausgenommen sind aber die mit Mutagenese-Verfahren, die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen verwendet wurden und seit langem als sicher gelten, gewonnenen Organismen, wobei es den Mitgliedstaaten freisteht, diese Organismen unter Beachtung des Unionsrechts den in der GVO-Richtlinie vorgesehenen oder anderen Verpflichtungen zu unterwerfen.
Unter Mutagenese-Verfahren versteht man alle Methoden mit denen sich Mutationen im Erbgut erzeugen lassen. Im Unterschied zur Gentechnik werden dabei keine fremden Gene ins Erbgut eingebaut, sondern es wird lediglich das vorhandene Erbgut verändert. In der Pflanzenzucht sind die herkömmlichen, als sicher geltenden Verfahren der Gebrauch von Chemikalien oder ionisiernde Strahlung (Röntgen, UV, radioaktiv). Diese verursachen zufällige und nicht vorhersehbare Mutationen im gesamten Genom. Neue Mutagense-Verfahren können Mutationen sequenzspezifisch erzeugen, also an ausgewählten Stellen im Genom. Bisher ist das einzig neue Verfahren CRISPR, allerdings können in Zukunft weitere Methoden entwickelt werden. Diese fallen dann auch unter die hier getroffene Regelung.
Diese Effizienz von CRISPR ist der eigentliche Stein des Anstoßes. Zufällige Mutationen führen selten zum gewünschten Effekt, häufig aber zu nicht bzw. nur eingeschränkt lebensfähigen Varianten einer Pflanze. Daher muss man sehr viele Pflanzen bestrahlen und testen, bis man das gewünschte Ergebnis ohne unerwünschte Nebeneffekte hat. Mit CRISPR lässt sich somit viel Zeit und Geld sparen. Gleichzeitig führt dies Methode zu keinen bzw. deutlich weniger Nebenmutationen, als die herkömmlichen Methoden.
Es gibt allerdings auch eine Kehrseite, die sehr komplex ist und leider häufig außer Acht gelassen wird. Die Effizienz von CRISPR ermöglicht es, wesentlich mehr Einzelmutationen einzufügen, als dies mit herkömmlichen Verfahren der Fall ist. Man müsste also festlegen, wie viele Einzelmutationen noch als naturidentisch angesehen werden können. Eine Frage, die sich nur schwer beantworten lässt. Daneben gibt es auch gesundheitliche Bedenken. Die gewünschten, besseren Eigenschaften der Pflanzen treten ein, weil der Stoffwechsel der Pflanze verändert wird. Ein einzelner Eingriff, der z.B. die Immunabwehr der Pflanze erhöht, lässt sich sehr einfach auf seine Auswirkungen für den Konsumenten abschätzen. Stoffwechselvorgänge und ihre genetische Regulierung sind jedoch sehr komplex und quervernetzt. Führt man mehrere Änderungen ein, die für sich genommen unproblematisch sind, kann es zu schwer vorhersehbaren Nebeneffekten kommen. Zum Beispiel könnte es zu einer erhöhten Anlagerung von Stoffwechselprodukten innerhalb der Pflanze kommen, die für den Menschen schädlich sind. Diese Stoffe sind zwar auch in den natürlichen Pflanzen vorhanden, allerdings in Mengen die für den Menschen unbedenklich sind. Eine solche Gefahr mag extrem gering sein, aber hundertprozentig ausschließen lässt sie sich nicht. Allerdings besteht diese Problematik nicht nur bei CRISPR: Auch die klassischen Mutagenese-Verfahren können durch die vielen zufälligen Mutationen zu unvorhersehbaren Effekten führen. Ob CRISPR oder die alten Verfahren gefährlicher sind, lässt sich nicht abschließend feststellen.
Der EuGH hat diesem Sachverhalt Rechnung getragen, indem er alle aus Mutagenese entstandenen Organismen als GVOs klassifiziert und diese den GVO-Richtlinien unterwirft. Sowohl CRISPR, als auch die herkömmlichen Verfahren sind gentechnische Veränderungen. Allerdings wurde es den Mitgliedstaaten freigestellt, ob sie die herkömmlichen Verfahren unter die Richtlinien für GVOs stellen wollen oder nicht. Die Begründung ist, dass diese Methoden seit Jahrzehnten eingesetzt wurden und dementsprechend als sicher gelten. Ohne diese Ausnahmeregel würden viele Produkte, welche seit Jahrzehnten auf dem Markt sind, mit Inkrafttreten des Urteils zu Produkten der Gentechnik. Daher ist nicht zu erwarten, dass Mitgliedsstaaten von dieser Möglichkeit Gebrauch machen werden.
Stellungnahme der GASB
Wir finden das Urteil des EuGH ist in sich schlüssig und wir stimmen vielen der darin enthaltenen Aussagen zu, abgesehen der Behauptung, dass herkömmliche Verfahren als sicher gelten müssen, nur weil bisher noch nichts passiert ist. Die getroffenen Aussagen werden durch die Kombination aus Ausnahmeregelung und der nationalen Gesetzgebung ad absurdum geführt.
Der EuGH hat festgestellt, dass alle Verfahren der Mutagenese gentechnisch veränderte Organismen erzeugen und das diese dementsprechend wie GVOs behandelt werden sollten. Damit stimmen wir hundertprozentig überein. Pflanzensorten, die durch radioaktive Bestrahlung erzeugt werden, sind frei und ungekennzeichnet erhältlich und werden auch für die biologische Landwirtschaft genutzt. Zwar gilt für sie die Ausnahmeregelung, weil solche Pflanzen seit Jahrzehnten ohne Nebenwirkungen konsumiert werden. Aber die Tatsache, dass die bisherigen Verfahren seit Jahrzehnten problemlos und sicher genutzt werden, zeigt eher wie verschwinded gering die reale Gefährdung durch genetisch veränderte Lebensmittel generell ist. Es gibt keinen wissenschaftlichen Befund der beweist, dass die herkommlichen Mutagenese-Verfahren weniger gefährlich sind als CRISPR. Es bestätigt unsere Ansicht, dass GVOs nicht per se ein Risiko darstellen, sondern es immer auf den konkreten Fall ankommt.
Dass bei CRISPR aufgrund der Neuheit der Methode das Vorsorge-Prinzip strenger angewendet werden sollte, als bei bereits etablierten Methoden, unterstützen wir. Das Risikopotenzial geht dementsprechend von der Neuheit der Methode aus, nicht von der Methode an sich. Wenn die Methode also kontinuierlich die erwarteten Ergebnisse liefert, dann sollte sie behandelt werden, wie die übrigen Methoden. Den Weg dahin, das auch CRISPR in der Zukunft "seit langem als sicher gelten" kann, hat der EuGH allerdings verschlossen. CRISPR fällt unter die Gentechnikregulierung wie alle Mutagenese-Verfahren, allerdings ohne zeitliche Beschränkung und die Chance auf Anwendung der Ausnahmeregelung, egal für wie viel Jahrzehnte die CRISPR-Anwendung in Zukunft sicher und ohne Nebenwirkungen angewandt werden wird. Hier wird unseres Erachtens nach mit zweierlei Maß gemessen.
Ähnlich verhält es sich mit der Möglichkeit, mit CRISPR eine Vielzahl an Mutationen gleichzeitig zu verursachen, die in Kombination schwer absehbare Folgen haben. Anstatt genau diese Möglichkeiten unter die GVO-Richtlinie zu setzen und Vorsorge dort zu betreiben, wo sie Sinn macht, wurde CRISPR pauschal sanktioniert. Durch die Ausnahmeregelung kann eine radioaktiv erzeugte, und damit genetisch modifizierte, Pflanzensorte problemlos und mit Biosiegel in Deutschland verkauft werden. Wird die identische Sorte mit CRISPR hergestellt ist sie nun verboten, weil sie genetisch modifiziert ist. Aus unserer Sicht ist das kein Sieg des Verbraucherschutzes, sondern Etikettenschwindel.
Das Urteil hat für die wissenschaftliche Forschung in der Synthetischen Biologie per se keine Auswirkungen. Die kommerzielle Forschung und damit auch die Drittmittel seitens der Pflanzenzucht werden durch diese Entscheidung jedoch verringert werden, da auch bioidentische Produkte keine Chance auf Markteinführung in Deutschland haben werden. Wissenschaftliche Arbeitsgruppen, die in diesem Bereich arbeiten, werden die Auswirkungen in den nächsten Jahren spüren.
Paradoxerweise sorgt das Urteil dafür, dass die Vorherrschaft der Großkonzerne bei Saatgut und Nutzpflanzen bestehen bleibt. Denn nur diese besitzen die Kapazitäten und Finanzen, um traditionelle Mutagenese zu betreiben und die hohen Anforderungen des Gentechnikrechts zu erfüllen. Dies ist aus unserer Sicht keine wünschenswerte Entwicklung. Wir versuchen, dagegen anzukämpfen, dass die Gentechnik und damit leider meist auch die gesamte Synthetische Biologie mit Großkonzernen und neokapitalistischen Praktiken gleichgesetzt wird. Als Wissenschaftsorganisation möchten wir, dass unsere Forschung für breite Teile der Gesellschaft zugänglich und nutzbar ist, anstatt Monopole hervorzubringen.
Im Bezug auf die künftige Debatte besitzt das Urteil einen ambivalenten Charakter. Der durch den Rechtsspruch ausgelöste Schock innerhalb der Wissenschaft könnte durchaus positiv sein. Es ist höchste Zeit den akademischen Elfenbeinturm zu verlassen, proaktiv in die öffentliche Debatte einzusteigen und das dort verbreitete Falschwissen nicht weiter unkommentiert zu lassen. Dieses Mal wurden die Pflanzenzüchter von einer absurden Regelung getroffen, die ihre Arbeit und internationale Konkurrenzfähigkeit massiv einschränkt. Das nächste Mal könnte es die akademische Forschung selbst treffen.
Presseartikel zum Urteil des EuGH:
Der Spiegel - Einklang mit der Natur ist eine Illusion
Der Spiegel - Interview mit Holger Puchta vom KIT
Deutschlandfunk - Forscher müssen auf die Diskussion eingehen
Die Zeit - Interview mit Emmanuelle Charpentier
FAZ - Verpasst die EU den Anschluss?
Der Tagesspiegel - Ein richtig schlechtes Urteil
Der Tagesspiegel - Was man säht
Die Süddeutsche- Die Angst vor der Gentechnik hat gewonnen
Spektrum - Der lange Schatten der Ideologien

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