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Timestamp: 2020-05-31 11:18:10+00:00

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Ablehnung von Prozesskostenhilfe in einem sozialgerichtlichen Verfahren | Rechtslupe
Das Grund­ge­setz gebie­tet eine weit­ge­hen­de Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten bei der Ver­wirk­li­chung des Rechts­schut­zes. Dies ergibt sich aus Art. 3 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­grund­satz, der in Art.20 Abs. 3 GG all­ge­mein nie­der­ge­legt ist und für den Rechts­schutz gegen Akte der öffent­li­chen Gewalt in Art.19 Abs. 4 GG sei­nen beson­de­ren Aus­druck fin­det 1.
Es ist dabei ver­fas­sungs­recht­lich grund­sätz­lich unbe­denk­lich, die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe davon abhän­gig zu machen, dass die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg hat und nicht mut­wil­lig erscheint 2.
Pro­zess­kos­ten­hil­fe darf aber von Ver­fas­sungs wegen ins­be­son­de­re dann nicht ver­sagt wer­den, wenn die Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che von der Beant­wor­tung einer schwie­ri­gen, bis­lang unge­klär­ten Rechts­fra­ge abhängt. Denn dadurch wür­de der unbe­mit­tel­ten Par­tei im Gegen­satz zu der bemit­tel­ten die Mög­lich­keit genom­men, ihren Rechts­stand­punkt im Haupt­sa­che­ver­fah­ren dar­zu­stel­len und von dort aus in die höhe­re Instanz zu brin­gen 3.
Nach die­sen Grund­sät­zen ver­letz­ten die hier ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen des Sozi­al­ge­richts Frank­furt am Main 4 und des Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richts 5 die Beschwer­de­füh­re­rin in ihrem Recht aus Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG:
Die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se über­span­nen die Anfor­de­run­gen an die Erfolgs­aus­sicht der beab­sich­tig­ten Rechts­ver­fol­gung und ver­feh­len dadurch den Zweck der Pro­zess­kos­ten­hil­fe, weil sich die im Ver­fah­ren auf­ge­wor­fe­ne Rechts­fra­ge, ob der Beschwer­de­füh­re­rin ein Auf­ent­halts­recht zusteht, als unge­klärt und schwie­rig dar­stellt.
In der Recht­spre­chung der Lan­des­so­zi­al­ge­rich­te und der Lite­ra­tur ist umstrit­ten, ob § 11 Abs. 1 Satz 11 FreizügG/​EU in Ver­bin­dung mit § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 Auf­en­thG und Art. 18 Abs. 1 AEUV dem sor­ge­be­rech­tig­ten Eltern­teil eines wegen der Beglei­tung des ande­ren Eltern­teils nach § 3 Abs. 1 Satz 1 FreizügG/​EU frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ten min­der­jäh­ri­gen Uni­ons­bür­gers ein Auf­ent­halts­recht ver­mit­teln kann 6. Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts und Recht­spre­chung der Ver­wal­tungs­ge­rich­te hier­zu ist nicht ersicht­lich.
Die Fra­ge nach der Anwend­bar­keit von § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 Auf­en­thG ist danach eine unge­klär­te Rechts­fra­ge. Sie ist auch als "schwie­rig" im Sin­ne der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­zu­stu­fen, da sich die vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge der Reich­wei­te des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots des Art. 18 AEUV, ins­be­son­de­re sei­ne hier nur mit­tel­ba­re Anwen­dung weder aus der hier­zu vor­lie­gen­den Recht­spre­chung noch aus den gesetz­li­chen Rege­lun­gen ohne Wei­te­res beant­wor­ten lässt. Hin­zu kommt, dass die Fra­ge nach dem Auf­ent­halts­recht sor­ge­be­rech­tig­ter Ange­hö­ri­ger eines min­der­jäh­ri­gen, frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ten Uni­ons­bür­gers auch die Wer­tun­gen der Art. 6 GG und Art. 8 EMRK berück­sich­ti­gen muss.
Die Ent­schei­dung über die Aus­la­gen­er­stat­tung ergibt sich aus § 34a Abs. 2 BVerfGG. Der Antrag der Beschwer­de­füh­re­rin auf Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe und Bei­ord­nung ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten für das Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren erle­digt sich inso­weit, als das Land Hes­sen zur Kos­ten­er­stat­tung ver­pflich­tet wird 7. Die Fest­set­zung des Gegen­stands­werts beruht auf § 37 Abs. 2 Satz 2 in Ver­bin­dung mit § 14 Abs. 1 RVG 8.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Okto­ber 2019 – 1 BvR 1710/​18
SG Frank­furt am Main, Beschluss vom 12.02.2018 – S 16 AS 1451/​17[↩]
Hess. LSG, Beschluss vom 03.07.2018 – L 7 AS 274/​18 B[↩]
für ein Auf­ent­halts­recht: LSG NRW, Beschluss vom 30.11.2015 – L 19 AS 1713/​15 B ER 15 und Beschluss vom 01.08.2017 – L 19 AS 1131/​17 B ER 41 m.w.N. sowie Beschluss vom 30.10.2018 – L 19 AS 1472/​18 B ER 28 ff.; eben­so Die­nelt, in: Bergmann/​Dienelt, Aus­län­der­recht, 12. Aufl.2018, § 11 FreizügG/​EU Rn. 38, 39 und Ober­häu­ser, in: NK-Aus­lR, 2. Aufl.2016, FreizügG/​EU § 11 Rn. 57 f.; ableh­nend dage­gen: LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 22.05.2017 – L 31 AS 1000/​17 B ER 5, LSG NRW, Beschluss vom 27.07.2017 – L 21 AS 782/​17 B ER 43 und wohl auch Hail­bron­ner, in: Aus­lR, Freizügigkeitsgesetz/​EU § 11 Rn. 38, März 2017[↩]
vgl. BVerfGE 105, 239, 252[↩]
ErfolgsaussichtenPKHProzesskostenhilfeSozialgerichtsverfahren

References: Art. 3
 Art.20
 Art.19
 Art. 3
 Art.20
 § 11
 § 28
 Art. 18
 § 3
 § 28
 Art. 18
 Art. 6
 Art. 8
 § 34
 § 37
 § 14
 § 11
 § 11
 § 11