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Timestamp: 2019-05-21 12:26:43+00:00

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RESONANZPRINZIP UND HOMÖOPATHIE - Hans-Jürgen Achtzehn
RESONANZPRINZIP UND HOMÖOPATHIE
Das Resonanzprinzip gehört zum Menschenbild und somit zu den Kernpunkten der „Prozessorientierten Homöopathie“. Hahnemann hat durch die Entwicklung der Homöopathie wesentliche und elementare Veränderungen zum Gedanken- und Weltbild der herrschenden Wissenschaft beigetragen. Dazu gehören das Ähnlichkeitsgesetz und das Wirken einer „Dynamis“, also eines energetischen und nicht materiellen Prinzips. Dieses Prinzip wirkt sowohl im Menschen als auch in der Arznei. Auch seine Erklärung von Verknüpfungen von Krankheitsprozessen mit zum Teil uralten Krankheiten bzw. deren Energiewesen, den Miasmen, gehören dazu.
Obwohl Hahnemann es selbst nie so definiert hat, könnte man sagen, dass die Homöopathie nicht zu den Naturwissenschaften wie z. B. die Medizin, sondern zu den Geisteswissenschaften gehört. Das naturwissenschaftliche Weltbild bildet die Grundlage für unser derzeitiges Denken. Es fußt auf der Annahme von Gegensätzlichkeiten, von Dualitäten, von Aktion und Reaktion, von Gut und Böse, Schuld und Unschuld, Täter und Opfer und folgt der Logik und Kausalität. Die Homöopathie und die mit ihr verbundenen Denkmuster und Modelle bilden im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontext eine Sonderform bzw. ordnen sie sich bei den Geisteswissenschaften ein. Somit sollte absolut klar sein, dass jegliche pseudowissenschaftlichen Versuche, die auf der Basis naturwissenschaftlicher Gesetze beruhen, fehlschlagen müssen (siehe Placeboartikel).
Wenn ein Homöopath seine Praxis betritt, muss er seine gewohnten dualen Denkmuster ablegen und nicht nach Gegensätzen suchen, sondern nach Ähnlichkeitsbezügen. Er versteht normalerweise die Welt und deren Systeme und Strukturen auf der Ebene naturwissenschaftlicher, logischer, kausaler Gesetzmäßigkeiten, während er im Bereich von Krankheit und Heilung das Geschehen durch den Bezug von Ähnlichkeiten herstellen muss. Befindet er sich also außerhalb seiner Heilswelt, dann gilt die Regel, dass man, wenn etwas zuviel ist, davon etwas wegnehmen muss, um ein Gleichgewicht zu erhalten. Innerhalb seiner homöopathischen Welt arbeitet er aber nach dem Modell, dass, wenn etwas zuviel ist, er es quasi (energetisch) verstärkt, damit es ins Gleichgewicht kommt. Es stellt sich hier die Frage, ob das Ähnlichkeitsmodell der Homöopathie allein für den Bereich von Krankheiten seine Gültigkeit hat oder in ihm sogar ein allgemeines, fundamentales Gesetz verborgen ist. So sind z. B. bei anderen ganzheitlichen Heilmethoden, wie z. B der anthroposophischen oder der chinesischen Medizin auch deren Modelle zum Behandeln von Krankheiten in ihrem jeweiligen gesamten Verständnis ihres Menschenbildes eingebunden.
Mit der Homöopathie als Heilkunst begibt man sich auf ein Terrain, auf dem man aufgefordert wird, anders zu denken, nämlich, wie schon gesagt, nicht nach Gegensätzlichkeiten, sondern nach Ähnlichkeiten und nicht nach materiellen Gesetzen, sondern nach „geistigen“ bzw. energetischen. Als Homöopath arbeitet man mit Arzneien, von denen keiner wirklich weiß, warum, wie und worauf sie wirken. Die einzige Grundlage bildet ein von Hahnemann vorgegebenes Modell sowie eindrucksvolle und reichhaltige Beobachtungen und Erfahrungen. Was der Homöopathie aber grundsätzlich fehlt, ist ein eigenes Welt- und Menschenbild, welches den Gesetzmäßigkeiten der Homöopathie Rechnung trägt.
Zunächst einmal möchte ich an dieser Stelle betonen, dass es mir nicht darum geht, das duale System der Logik und Kausalität als falsch und das weiter unten beschriebene Model der Resonanz als richtig darzustellen. Vielmehr erscheint es mir wichtig, die Möglichkeiten aufzuzeigen, die sich daraus ergeben, dass man etwas, z. B. den Menschen, aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet. Wie oben schon angedeutet, lassen sich auch in anderen Systemen, die einem eigenen Weltbild folgen, recht gut die daraus folgenden anderen Denk- und Verhaltensmuster erkennen, die bis in die Gesellschaft, Wirtschaft und Politik hineinreichen. So kennen wir z. B. die in der Anthroposophie postulierten „Wesensglieder“, den physischen, den Äther- und den Astralleib sowie das Ich. Daraus resultiert nicht nur eine eigene Form der Betrachtung von Krankheit und Gesundheit des Menschen (anthroposophische Medizin), vielmehr hat diese Art der Weltanschauung auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft (biologisch-dynamishe Landwirtschaft), Pädagogik (Waldorfschulen), Finanzwesen (GLS Gemeinschaftsbank) usw.
Wenn wir versuchen, die Homöopathie an sich in die Nähe eines eigenen Menschen- und Weltbildes zu rücken, dann spiegelt sie sich am besten in einer geistigen Weltanschauung wider. Schon Hahnemann kam zu dem Schluss, dass dem Menschen eine „geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft“ innewohnt (§ 9 des Organon). Daraus folgt bei ihm die Notwendigkeit, dass auch bei einer Heilung auf diese Kraft eingewirkt muss. „Wenn der Mensch erkrankt, so ist ursprünglich nur diese geistartige, in seinem Organism überall anwesende, selbstthätige Lebenskraft (Lebensprincip) durch den, dem Leben feindlichen, dynamischen Einfluß eines krankmachenden Agens verstimmt: …“ (§ 11). Natürlich muss dann auch die Arznei über eine „im innern Wesen der Arznei verborgene, geistartige Kraft“ verfügen, wenn sie eine Heilung bewirken soll (§ 20).
Das gesamte homöopathische Modell entspricht einem geistigen und nicht einem materiellem Prinzip. Trotzdem versuchen Homöopathen immer wieder, naturwissenschaftliche Beweise für das Wirken heranzuführen. Zwangsläufig müssen diese Versuche in letzter Konsequenz scheitern oder sind zumindest zu kurz gegriffen und entsprechen dann nicht den Ansprüchen der Homöopathie. Es wäre wesentlich sinnvoller, endlich diese fortwährende Anerkennungssucht durch die Vertreter der Naturwissenschaften aufzugeben und mehr Energie in das eigentliche Potenzial der Homöopathie zu stecken und ihr einen Platz unter den Geisteswissenschaften zuzuordnen und dazu gehört vor allem, dass die Homöopathie ein Welt- und Menschenbild formuliert.
Das Welt- und Menschenbild in der prozessorientierten Homöopathie
Die Homöopathie begann mit Hahnemanns Erkenntnis, dass Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden kann. Alles, was danach kam (die Potenzierung, die Miasmen usw.) bildet Erweiterungen und Vertiefungen dieses evident wichtigen Ausgangsphänomens. Akute Erkrankungen sind schon allein nach den Prinzipien des Ähnlichkeitsgesetzes heilbar, es genügen hierbei mitunter schon Ursubstanzen oder deren Verdünnungen. Durch die Potenzierung der Arznei ist es möglich, chronische Krankheiten zu heilen und noch tiefer wirkt die Idee der Miasmen, bzw. das Erkennen von systemischen Belastungen, wie es in der prozessorientierten Homöopathie benutzt wird. Trotzdem bleibt die Frage unbeantwortet, wie und warum dieses Ähnlichkeitsgesetz funktioniert und auch Hahnemann fand keine konkreten Aussagen darüber, er verweist im Gegenteil „auf die Nichtigkeit übersinnlicher Ergrübelungen, die sich in der Erfahrung nicht nachweisen lassen…“ (§ 6).
Alle Erkenntnisse, die folgen, beruhen auf seiner enormen Fähigkeit der Beobachtungsgabe und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen. Letztendlich hinterlässt er uns ein Erklärungsmodell oder eine Arbeitshypothese und kein Wissen über das Wirken der Homöopathie. Die meisten Homöopathen haben dieses Modell übernommen und um einige weitere Faktoren ergänzt. Gerade bei den Miasmen treffen wir z. B. auf diverse, zum Teil recht unterschiedliche Vorstellungen ihres Wirkprinzips. Aber auch darüber hinaus sind erweiternde Modellprinzipien wie die Prozessorientierte Homöopathie oder die C4-Homöopathie entstanden.
Das Welt- und Menschenbild in der Prozessorientierten Homöopathie folgt der Grundaussage dieses Ähnlichkeitsgesetzes und basiert auf der Anerkennung, dass alles einem Beziehungsgeschehen unterliegt. Der Mensch ist somit ein Beziehungswesen. Jeder steht mit jedem und allem, von dem er sich berühren lässt, direkt in Beziehung. Dabei ist dieses Beziehungsgeschehen aber nicht wie eine kausale Ereigniskette zu verstehen, bei der auf eine Aktion immer eine Reaktion folgt, sondern als ein gleichzeitiges und gegenseitiges Erkennen. Es ist so, als ob man vor einen Spiegel tritt, das Spiegelbild erscheint zeitgleich. Diese Art der Betrachtung folgt nicht dem allgemein gültigen und anerkannten polaren Denken von Gut und Böse oder von dem von Täter und Opfer. Vielmehr geht es hierbei um ein sich gegenseitiges und gleichzeitiges Bedingen. Nur beides zusammen ergibt ein Ganzes, das nur dadurch als solches konstruktiv wachsen oder heilen kann.
Das Resonanzprinzip und das herkömmliche kausale Prinzip dienen – jedes für sich – unterschiedlichen Zwecken. Letzteres wirkt allgemein z. Zt. in unserer Gesellschaft. Es folgt, wie schon erwähnt, der Logik und versucht Bestehendes, Bewährtes und Gerechtes wieder herzustellen. Beim kranken Menschen ist es z. B. das Ziel, die Arbeitskraft wiederherzustellen und bei Verbrechen soll Gerechtigkeit, also Strafe und Entschädigung geübt werden. Dabei werden oft genug Prozesse wegen der immensen Vielfältigkeit und Unüberschaubarkeit übersehen oder nicht mit in Betracht gezogen, die ursprünglich an dem ganzen Geschehen mitgewirkt haben. Letztendlich wird durch diese Art des Herangehens im besten Fall ein guter Kompromiss oder ein guter Ausgleich erreicht, mit dem man leben kann. Meistens jedoch fühlt sich eine Seite dieses dualen Denkens mehr oder weniger falsch gesehen oder mangelhaft berücksichtigt, weswegen es erneut zu Krankheit oder Streit bis hin zum Krieg kommen wird. In der Medizin schlägt sich dieses duale Denken in dem Aufsuchen von Ursache und Wirkung als kausales Geschehen nieder. Findet der Arzt einen Erreger oder Parameter, die von der Norm abweichen, dann ist er bemüht, ersteren zu beseitigen und letztere wieder zum Ausgleich zu führen. Gelingt dies, evtl. auch nur annähernd, dann gilt der Patient als gesund, es heißt, er sei genesen, seine Krankheit sei überwunden. Dies gilt allerdings nicht im homöopathischen Sinne, denn Heilung bedeutet hier eine Art Ganz-Werden.
Hahnemann definiert im § 8 Heilung folgendermaßen: „Es lässt sich nicht denken, auch durch keine Erfahrung in der Welt nachweisen, dass, nach Hebung aller Krankheitssymptome und des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zufälle, etwas anderes, als Gesundheit, übrig bliebe oder übrig bleiben könnte, so dass die krankhafte Veränderung im Innern ungetilgt geblieben wäre.“ Und im § 17 folgt nochmals der Hinweis: „Da nun jedes Mal in der Heilung, durch Hinwegnahme des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zeichen und Zufälle der Krankheit, zugleich die ihr zum Grunde liegende, innere Veränderung der Lebenskraft – also das Total der Krankheit gehoben wird, so folgt, dass der Heilkünstler bloß den Inbegriff der Symptome hinweg zu nehmen hat, um mit ihm zugleich die innere Veränderung, das ist, die krankhafte Verstimmung des Lebensprincips – also das Total der Krankheit, die Krankheit selbst, aufzuheben und zu vernichten.“ Es wäre an dieser Stelle höchstens anzumerken, dass Hahnemann noch oft vom Wegnehmen der Symptome spricht, obwohl er dann weiter hinten im Organon erklärt, dass die künstliche Arzneikrankheit die natürliche Krankheit aufhebt. Hier begegnen wir also schon über die Ähnlichkeitsregel der Idee der Resonanz.
Trotzdem dient das duale System einem guten Zweck, denn es vermeidet Schlimmeres und versucht eine gewisse Ordnung und Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten. Dieses System, welches den naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten entspricht, findet also in allen Lebensbereichen seine Anwendung. Die Gesellschaft richtet sich danach aus, die Wissenschaft folgt ihm und auch die Medizin lehrt und wirkt in diesem Sinne. So werden, wie oben beschrieben, für Krankheiten oder Symptome immer auslösende Ursachen gesucht und diese beseitigt. Wir haben also einen Täter, den Erreger und das Opfer, den Menschen. Daraus folgt, dass man einfach nur den Täter vernichten muss, damit das Opfer von ihm befreit ist. Es gibt kaum Überlegungen darüber, was denn nun Täter und Opfer miteinander verbindet und warum es überhaupt möglich war, dass es zu diesem destruktiven Zusammenschluss gekommen ist. Aus diesem Grund hat das Opfer, also der Mensch, auch kaum die Möglichkeit, sich vor einer erneuten Infektion zu schützen und er ist gegenüber einer neuen Erkrankung, die einem ähnlichen Hintergrund folgt, aber nun ein anderes Organ befällt oder einen differenzierteren Erreger als Ursache hat, relativ machtlos ausgeliefert. Ähnlich verfährt die Gesellschaft mit ihren Tätern, ob es sich um überführte Verbrecher handelt oder auch nur um einen Streit zwischen zwei Partnern oder Eheleuten. Immer wird nach dem Täter, also nach dem gesucht, der „das Schlimme“ getan hat. Danach wird der Täter eingesperrt und der schuldige Partner muss seine Schuld bekennen und mehr oder weniger dafür büßen. Auch hier gibt es kein nachhaltiges Suchen zwischen der Beziehung des Verbrechers und der Gesellschaft oder zwischen dem Opfer und dem Täter in der Partnerschaft. Dadurch werden die Verbrechen nicht weniger und Beziehungen verharren in ewigen gegenseitigen Schuldzuweisungen.
Beim Resonanzprinzip geht es nicht um Wiederherstellung oder um das Verschwinden von Symptomen, sondern um Heilung. Dabei wird Heilung nicht als ein Prozess verstanden, der der Wiederherstellung der körperlichen und seelischen Integrität aus einem Leiden oder einer Krankheit dient oder der Überwindung einer Versehrtheit oder Verletzung durch Genesung. Heilung und Genesung folgen unterschiedlichen Ansprüchen.
Heilung im homöopathischen Sinne ist immer mehr als das Verschwinden von Symptomen und beinhaltet immer einen Erkenntnisschritt durch den Patienten. Nur die Erkenntnis, wie oder warum ich erkrankt bin, gibt mir die Möglichkeit, auf neue Gefahren oder alte Verhaltensmuster in Zukunft konstruktiver und somit gesünder zu reagieren.
Wenn ein Einzelner krank ist oder sogar eine ganze Gesellschaft Konflikte hat, ist eine Heilung nur möglich, wenn man das Beziehungsmuster erkennt. Alles andere folgt dem kausalen Prinzip und wäre nur ein Beseitigen von Symptomen oder führte nur zu Kompromissen. Natürlich kann eine solche Maßnahme vorübergehend auch sinnvoll sein. Aber wir sprechen dann nicht von Heilwerden. Zum Heil- oder Ganzwerden müssen wir das Beziehungsmuster erkennen und diese Erkenntnis kann man wiederum durch Wiedererkennen erlangen. In einer Beziehung, ganz gleich, ob es sich um zwei Menschen handelt oder um zwei Gesellschaften oder um den einzelnen Menschen mit seinen Krankheitssymptomen, geht es immer darum, sich im andern wiederzuerkennen. Der andere übernimmt eine Spiegelfunktion. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass diese Spiegelung nur dann wirklich zum Tragen kommt, wenn beide voneinander berührt sind. Das kann sich gut anfühlen, wie z. B. wenn man sich verliebt, es kann sich aber auch schlecht anfühlen, z. B. wenn man den anderen nicht leiden kann oder ihn sogar hasst. In jedem Fall geht es immer um Resonanz und um ein Wiedererkennen. Durch die Arbeit mit diesem Wieder- oder Selbsterkennen kommen eigene innere Prozesse in Gang, frühere Fehlentscheidungen können korrigiert werden und das, worum es geht, kann ausheilen.
Krankheit und Streit sind Resultate von früher gemachten Entscheidungen, die nicht zu unserem wirklichen Wohl geführt haben. Nehmen wir ein fiktives Beispiel. Wenn zwei Kinder in einem Elternhaus aufwachsen, in dem Gewalt herrscht, dann gibt es zwei unterschiedliche Möglichkeiten – und natürlich viele Varianten dazwischen –, sich dieser Gewalt zu stellen. Das eine Kind entscheidet sich z. B. dafür, sich möglichst unsichtbar zu machen, sich zu ducken oder zu verstecken, um der Gewalt aus dem Weg zu gehen. Das andere Kind trotzt der Aggressivität und hält dagegen und entscheidet sich auch für die Gewalt, um der Gewalt zu begegnen. Beide Kinder werden ihre jeweils guten Erfahrungen mit ihrer Entscheidung machen und deswegen, weil sie sich zumindest den Umständen entsprechend bewährt hat, sie als ein Grundmuster ihres Wirkens anerkennen. Wenn sie dann später erwachsen sind, stoßen sie zunehmend auf Schwierigkeiten. Der eine Erwachsene wird konfliktscheu sein, sich unterordnen, Beziehungen suchen, in denen er abhängig bleibt und eventuell sogar weiter Gewalt in Kauf nimmt. Der andere sucht eher den Konflikt, lässt sich nichts gefallen, bietet jedem die Stirn und wird es schwierig haben, sich in Gemeinschaften einzuordnen und in Beziehungen konstruktiv Konflikte auszutragen, sondern er wird vielmehr lieber selbst zur Gewalt greifen. Beide sind letztendlich zu keiner gesunden konstruktiven Beziehung fähig. Natürlich könnten sie jetzt eine Psychotherapie machen, in der sie mit ihren früheren Entscheidungen konfrontiert werden und sie revidieren. So ein Weg wäre eine mögliche Form, um geheilt zu werden, denn es geht um einen Erkenntnisprozess, aus dem heraus neue Entscheidungen getroffen werden können.
Erst einmal erscheinen diese Geschehen auch kausal verständlich, denn die Kinder wurden so, weil eben Gewalt herrschte. Im Resonanzgeschehen erscheint alles in einem anderen Licht. Denn jedes dieser beiden Kinder konnte nur so handeln, weil es für sich selbst keine andere Wahl hatte. Egal, wie sich jeder von uns – für was auch immer – als Kind entschieden hat, es war für die jeweiligen Verhältnisse richtig, denn es gab keine andere Möglichkeit. So sollten wir mit uns selbst freundlich und gnädig umgehen, wenn wir aus der Sicht des Erwachsenen diese kindlichen Entscheidungen betrachten.
Erst als Erwachsener haben wir eine wirkliche, nämlich bewusste Wahl. Ein konfliktscheues Kind kann sich nicht für den Konflikt entscheiden, denn es verfügt z. B. nicht über das notwendige Maß an Bereitschaft, Schmerzen hinzunehmen. Wenn wir homöopathisch denken, dann könnte es sich z. B. um ein Calcium-, ein Pulsatilla- oder vielleicht um ein Carcinosin-Kind handeln. Während wir das andere Kind eher bei Merkur, Nux vomica oder Tuberkulinum wiederfinden werden. Unabhängig welches Arzneimittelwesen wir dem Kind zuschreiben, es wird das gesunde Potenzial nicht entwickeln können und dadurch in die Krankheit gehen, indem es entweder mit dem Opfer oder dem Täter in die Resonanz geht, das heißt, sich in ihm, jetzt noch kindlich unbewusst, wiedererkennt und später ebenfalls zum Opfer oder Täter wird.
Eine homöopathische Arznei trägt in sich ein breites Spektrum an Reaktionsmöglichkeiten, gebunden aber an ein jeweiliges Grundmuster oder, wie wir es nennen, an einen Archetyp. Nehmen wir aus dem oben genannten Beispiel das Quecksilber. Der Archetyp wäre die Wahrhaftigkeit, für die sich der mercuriale Mensch ohne Kompromisse einsetzt. Diese Kompromisslosigkeit beinhaltet auch die Möglichkeit, zur Gewalt zu greifen, selbst wenn es seine eigene Zerstörung bedeutet (z.B. Hungerstreik bis in den Tod). Wächst er in einer gewaltvollen Umgebung auf, wird sich seine Bereitschaft zur Aggressivität destruktiv entwickeln, das Symptom „glaubt von Feinden umgeben zu sein“ zwingt ihn zunehmend, jedem, auch seinen geliebten Menschen, feindlich gegenüber zu treten. Eine konstruktive Form der Aggression kennt er nicht. Bekommt er jetzt Mercurius als homöopathische Arznei, dann begibt sich das Wesen (Hahnemann würde vielleicht sagen, die „Dynamis“ der Arznei), in eine Resonanz. Hierbei geht es um ein Wiedererkennen der Möglichkeiten, die dem mercurialen Menschen zur Verfügung stehen und er wird das bemerken, indem er in der nächsten Zeit weitaus weniger Aggressionen spürt.
Dazu ein Patientenbeispiel. Es handelt sich um einen Mittdreißiger, der in seinem Leben viel Gewalt an sich und im Umgang mit anderen erlebt hat. Schlägereien gehörten schon fast zu seinem Alltagsgeschehen und er hält sich auch oft in Gegenden oder Kneipen auf, wo diese an der Tagesordnung sind. Nach einer Gabe von Mercur C30/200 erscheint er nach den üblichen vier Wochen wieder in der Praxis und berichtet, dass er sich kein einziges Mal geprügelt habe. Stattdessen sei ihm einiges klar geworden. Zum einen habe er erkannt, dass er selbst die körperlichen Angriffe provoziert und gesucht habe, um seinen Frust loszuwerden, weil immer noch „die alte Wut“ in ihm stecke. Zum anderen sei ihm aufgefallen, dass, wenn ihn jemand nach dem alten Muster „anmacht und um Schläge bettelt“ – Täter und Opfer finden sich – er demjenigen nur klar in die Augen zu sehen brauchte, um ihn zum Nachgeben zu bringen. Sein Blick zeugt zum einen weiterhin von seiner Bereitschaft, einer Schlägerei nicht aus dem Weg zu gehen, aber auch gleichzeitig, wie er es selbst formulierte, von „einer Art von Verständnis“ für den anderen und nicht mehr von gleichzeitiger Provokation. Im weiteren Verlauf der Genesung auch seiner körperlichen Beschwerden entwickelt sich immer mehr die Fähigkeit, sein Streben nach Wahrhaftigkeit und Kompromisslosigkeit konstruktiver umzusetzen. Er beginnt und beendet eine Ausbildung zum Therapeuten, um sich für jene zu engagieren, die eine ähnliche Kindheit wie er gehabt haben und auch gesellschaftlich an den sozialen Rand geraten sind.
Patientenverläufe wie diesen können nicht nur Homöopathen, sondern sicher auch andere Therapeuten aufzeigen. Sie sind an sich nichts Außergewöhnliches, ich bin aber überzeugt davon, dass es in den anderen Therapieverfahren ebenfalls um Resonanz und Erkenntnis geht.
In der Homöopathie verfügen wir über zwei Resonanzquellen. Die eine bildet die richtige Arznei, die andere der Homöopath.
Ein Arbeiten nach dem Ähnlichkeitsgesetz ist nur möglich, wenn man die Wirkweise einer Arznei oder Droge im Einzelnen kennt. Zu diesem Zweck führte Hahnemann die sogenannte Prüfung am Gesunden ein. In der „Reinen Arzneimittellehre“ von 1811 kann man noch heute die Vielzahl der Symptome nachlesen, die bei einer solchen Prüfung zustande gekommen sind. Dabei ist es erst einmal wichtig zu wissen, dass er bei diesen Selbstversuchen wie auch bei seinen homöopathischen Therapien zunächst Ursubstanzen oder Verdünnungen benutzte und erst später auch Prüfungen mit potenzierten Arzneien vorgenommen hatte. Die sich einstellenden Erfolge bestätigten erst einmal die Richtigkeit seines therapeutischen Ansatzes. Die Ähnlichkeit zwischen dem kranken Menschen und der Arznei bezieht sich also auf die im Äußeren sichtbaren Symptome.
Schon in der 3. Auflage des Organon der Heilkunst erklärt Hahnemann in den § 5 und 6: „Die Krankheiten sind an sich unerkennbar im innerlich Veränderten, aber deutlich sichtbar in den Symptomen.“ Und von den Arzneien erkennt man eben auch nur das, was sich bei der Prüfung an Befindensveränderungen gezeigt hat. Die Art der Gabe wird als möglichst klein angegeben, was sich auf eine Verdünnung von 1 zu 10 bezieht und eventuell noch stärker verdünnen lässt. In dieser Auflage finden wir zwar schon Worte wie dynamisch als einen Ausdruck für schrittweise verdünnt oder auch Aussagen über Miasmen als eine mögliche Ursache von krankmachenden Ausdünstungen. Diese Begriffe werden erst in der 5. Auflage im heutigen Sinne (dynamisiert gleich potenziert und Miasma als eine Art Ur-Krankheit) gebraucht.
In der Zeit von 1824 (3. Auflage) bis 1833 (5. Auflage) wandelt sich langsam die Homöopathie von einer noch eher materiellen zu einer geistigen Heilkunst. 1824 sagt Hahnemann in der 3. Auflage seines Organon in der Anmerkung zu § 305, bei der er sich an die „grobmateriellen Begriffe der Alltagsärzte“ wendet: „Sie mögen sich von den Mathematikern erklären lassen, wie wahr es sey, daß eine noch so viele Theile getheilte Substanz auch in ihren denkbar kleinsten Theilen immer noch Etwas von dieser Substanz enthalten müsse, und der denkbar kleinste Theil nicht aufhöre, etwas von dieser Substanz zu seyn, also unmöglich zu Nichts werden könne; ….“. Etwas weiter unten erklärt er dann ebenfalls nur in der Anmerkung des § 312, wie man bei einer Arznei durch mehrmaliges „Schlagen des Armes von oben herab“ die Mischung eines Tropfens dieser Arznei mit einhundert Tropfen Weingeist „inniger“ werden lässt. „Durch das Wort innig will ich hier soviel sagen:……., die Arzneikraft noch weit mehr verfeinert und, so zu sagen, der Geist dieser Arznei immer mehr entfaltet, entwickelt und in seiner Wirkung auf die Nerven weit eindringlicher gemacht werde.“
Hahnemann erklärt an anderer Stelle auch, wie er zu dem Schritt des Verschüttelns und Verreibens gekommen ist. Es war ihm bewusst, dass bestimmte Stoffe, wie z. B. ein Eisenstab durch Bearbeiten mit einer Metallfeile deren Feilstriche immer in die gleiche Richtung gehen, dieser magnetisch wird und dass die magnetische Kraft sich durch die Dauer der Bearbeitung verstärkt. Dieses für die damalige Zeit unerklärliches Phänomen brachte ihn zu der Schlussfolgerung, dass durch Reibung Kräfte in einem Stoff aktiv werden, die vorher nicht erkennbar waren. Dennoch versteht er zunächst die Kraft einer Arznei noch als einen Ausdruck stofflicher Präsenz, indem er vom „kleinsten Teil einer Substanz“ oder von einer „Wirkung auf die Nerven“ spricht.
Dieser für die Homöopathie wichtige Schritt hin zur potenzierten Arznei vollzog sich also in den fünf Jahren nach der 3. Auflage des Organon und er war aus zwei Gründen notwendig. Zum Einen waren dauerhafte Heilungen bei schweren chronischen Krankheiten allein durch eine verdünnte Arznei nicht mehr zu erzielen und zum anderen erforschte Hahnemann zunehmend mineralische oder metallische Arzneistoffe, die nicht wasserlöslich waren und die sich nun durch das Verfahren der Potenzierung aktivieren ließen.
In der 5. Auflage des Organon der Heilkunst 1833 spricht er dann eindeutig von der Lebenskraft, der Dynamis, der dynamisierten Arznei usw. und löst sich damit von jedem materiellem Verständnis und stellt Krankheit, Arznei und Heilung als einen energetischen, spirituellen oder, wie er sagen würde, einen „geistartigen Prozess“ dar. Dennoch bleibt das Wie für die Wirkung des energetischen Prozesses verborgen und er sieht auch keine Notwendigkeit, hier ein Erklärungsmuster zu geben, wie es in der Anmerkung von § 12 deutlich wird: „Wie die Lebenskraft den Organism zu den krankhaften Aeußerungen bringt, d. i. wie sie Krankheit schafft, von diesem Wie kann der Heilkünstler keinen Nutzen ziehn, und deshalb wird es ihm ewig verborgen bleiben; nur was ihm von der Krankheit zu wissen nöthig und völlig hinreichend zum Heilbehufe war, legt der Herr des Lebens vor seine Sinne.“
Für die Homöopathie und die Naturwissenschaft insgesamt kommt dieser Schritt einem echten Paradigmenwechsel gleich. Hahnemann postuliert das Krankheits- und Heilungsgeschehen als ein energetisches. Um welche Form von Energie es sich dabei handelt, ist bis zum heutigen Tag unklar und es gibt daher kein Verfahren, das eine im Innern der Arzneisubstanz wohnende Energie nachweisen kann. Lediglich Phänomene wie z. B. Steigbilder oder Kirlianphotographie, die beide aber auch nicht zuverlässige Ergebnisse erbringen, geben eine Ahnung davon, dass es hier eventuell eine noch nicht definierte energetische Größe geben könnte. Erfahrung und Beobachtung beim Umgang mit homöopathischen Arzneien (sowohl bei Arzneimittelprüfungen als auch bei kranken oder gesundenden Patienten) liefern Indizien für eine wahrscheinlich energetische Wirkung.
In der prozessorienten Homöopathie haben wir versucht, diesem Phänomen einen Namen zu geben und eine Idee oder ein Modell zu beschreiben. Die Ähnlichkeitsbeziehung bildet die Basis unserer Hypothese, nach der es sich bei der Wirkung um eine Resonanz handeln muss. Wir sprechen daher vom Resonanzprinzip (s.o.). Pflanzen, Mineralien oder auch tierische Substanzen, also sowohl sogenannte lebende als auch tote Materie, verfügen über eine gleiche oder zumindest ähnliche Energiestruktur wie der Mensch. Hahnemann spricht beim Menschen von der Lebensenergie, ohne die sein Körper nur tote Materie wäre. Aber wir haben auch Arzneien, die zumindest nicht über eine natürliche Lebensenergie verfügen und dennoch Heilmittel sind. Von daher scheint es wahrscheinlich, dass wir es hier mit einer anderen Energie zu tun haben, die in jeder Substanz vorhanden ist und durch die Potenzierung eines Stoffes verstärkt zur Wirkung kommt. Grundsätzlich folgen wir daher dem Ansatz, dass jede Materie einen energetischen Zusammenschluss darstellt oder zumindest von einer Energie „beseelt“ ist.
Der Begriff der Arzneimittelprüfung aus der Zeit von Hahnemann folgt noch der Idee, dass ein Stoff – ob in Urform oder potenziert – eine Reaktion im Menschen in Form von Symptomen provoziert. Folgen wir dem Resonanzprinzip, dann zeigt sich, dass dieser Stoff mit seiner „Grundenergie“ mit der Energie des Menschen in Beziehung tritt. Auch Substanzen untereinander bilden Beziehungsmuster, wenn sie zusammenkommen. So kennen wir Stoffverbindungen wie z. B. die von Argentum nitricum, bei der man anhand von Symptomen sowohl das Silber als auch die Salpetersäure wiedererkennt, aber die nun zusammen ein neues Grundmuster haben und das somit mehr ist als die Summe dieser zwei Ausgangssubstanzen. In diesem Sinne tritt auch der Mensch mit der Arznei in Beziehung, sein Wesen begegnet dem der Arznei und aus dieser Begegnung entsteht Heilung. Auch hier sprechen wir natürlich von Resonanz, denn es handelt sich um ein Wiedererkennen alter, gesunder Strukturen.
Für uns sind daher Arzneien oder besser gesagt ihre Ausgangssubstanzen auch immer ein Ausdruck für eine Grundidee, für einen Archetypen. Im Fall von Argentum nitricum wäre es der Archetyp für den Durchgang. Dieser Archetyp (dieses Grundmuster) steht für Prozesse, bei denen es darum geht, durch eine „Enge“ zu kommen, wie z. B. bei der Geburt, in Prüfungen oder bei anderen Ereignissen, bei denen die Schwierigkeit darin besteht, dass wir, vor allem unser Unbewusstes, uns nicht vorstellen können, dass es danach weitergehen kann. Im Extremfall wird diese innere Vorstellung zur Angst, in dieser Enge zu sterben, möglicherweise verstärkt durch den Geburtsvorgang selbst (eventuelle Todesangst beim Steckenbleiben im Geburtskanal).
Wir sprechen vom Wesen von Argentum nitricum, das als sogenannte tote Substanz von diesem Unbewussten weiß und im Menschen in einer Spiegelfunktion seinem Unbewussten die Lösung geben kann.
Eine Arznei beziehungsweise ihre Ausgangssubstanz besteht aus materialisierter Energie, die in sich schon einem Archetypen entspricht und nicht einfach nur ein totes Silbermolekül darstellt. Nur durch die Potenzierung ist es möglich, dieses Silbermolekül wieder in seine reine Energieform zurückzuführen. Eine Arznei, beziehungsweise ihre Ausgangssubstanz besteht aus materialisierter Energie, die in sich schon einem Archetypen entspricht und nicht einfach nur ein totes Silbermolekül darstellt. Nur durch die Potenzierung ist es möglich, dieses Silbermolekül wieder in seine reine Energieform zurückzuführen. Dieser Archetyp wird für uns anhand von Symptomen, Erfahrungen und Erlebnissen erkennbar durch die Arzneimittelbegegnungen.
In diesem Zusammenhang ist es verständlich, warum man während der Arzneimittelprüfungen oder -begegnungen bei niedrig potenzierten Stoffen oft nur körperliche Symptome erhält, während bei höheren Potenzen auch Gemütsveränderungen beobachtet werden können und erst die höchsten Potenzen, ab XM, über das Unbewusste, also über Träume und veränderte Verhaltensweisen, uns die Potenziale zeigen. Ein Archetyp spiegelt sich im Menschen immer auch als Potenzial wieder. Wenn der Mensch krank ist, dann steht ihm sein Potenzial nur bedingt, meist destruktiv zur Verfügung. Geheilt wandelt es sich in eine konstruktive Form um. Haben wir also einen Menschen der zu extrem aggressiven Verhaltensmustern neigt, wie z. B. Mercurius, und der in seinem Leben auch schon viel Unheil mit dieser Form der Aggression angerichtet hat, dann geht es im Heilungsverlauf nicht darum, die Aggression wegzubekommen, sondern sie zu wandeln. Der Archetyp für Mercurius ist die Wahrhaftigkeit und seine Lebensgeschichte und der Umgang mit der Wahrheit in unserer Gesellschaft haben ihn unter anderem auch auf die „schiefe Bahn“ gebracht und ihn destruktiv aggressiv werden lassen. Nun ist er aber kein Opfer der Gesellschaft, sondern in ihm wohnt diese Form des aggressiven Ausdrucks und während seiner Heilung wird er erleben, dass es andere Möglichkeiten für die Aufrechterhaltung der Wahrhaftigkeit gibt. Dabei wird er weiterhin aggressiv sein können, nun aber konstruktiv zu seinem und zum Wohl der anderen. Auch hier spiegelt sich noch einmal deutlich das Prinzip der Resonanz wider, bei dem es weder Opfer noch Täter gibt, sondern nur Beziehungen und Entscheidungen, die wir aus diesen Beziehungen treffen.
Bei einem Zusammenschluss mehrerer Substanzen, wie es bei Pflanzen und Tieren unumgänglich ist, formieren sich auch immer archetypische Grundformen, die einen anderen Ausdruck haben als ihre einzelnen, isolierten Wirkstoffe. So finden wir dann z. B. bei Apis, das als ganzes Tier potenziert wird, auch den archetypischen Grundausdruck für die Biene, nämlich den Fleiß, und nicht eine Summe von Kohlenstoffverbindungen mit anderen Säuren usw. Interessant ist diese Art der Betrachtung vor allem noch für eine besondere Form von Lebewesen, nämlich den Erregern. Tuberkulinum ist der Archetyp der Heimatlosigkeit. Dadurch wird deutlich, warum Menschen Tuberkulose bekommen. In den meisten Fällen handelt es sich nämlich um Heimatlose, Entwurzelte oder Kinder von eben diesen Schicksalsträgern. Insofern finden wir ein gehäuftes Auftreten dieser Infektionskrankheit nicht nur unter Flüchtlingen oder im Krieg, sondern auch bei Kindern von Migranten oder Entwurzelten. Ernährungsmangel ist dabei nicht die Ursache, sondern nur ein Verstärkungsfaktor. Das Symptom „Verlangen zu reisen“ hat im Verständnis der prozessorientierte Homöopathie dann auch nichts mit „flieht vor der Verantwortung“ zu tun, wie es andere Homöopathen sehen, sondern mit der Idee der Suche, der Suche nach Heimat. Auf dem Weg der Heilung geht es dementsprechend auch nicht um „Verantwortung übernehmen“, sondern um das Finden seiner Wurzeln, die in ihm ruhen. Wichtig ist allgemein, dass alle Infektionskrankheiten einem Archetyp folgen und über diesen nach Heilung rufen und somit eine Infektionskrankheit der natürliche Versuch einer Heilung ist und nur deswegen als Krankheit gesehen wird, weil dieser Versuch einen tödlichen Ausgang haben kann. Der Erreger geht also auch in die Resonanz mit der Energie des Menschen und kann deswegen in ihm Fuß fassen, während ein anderer dadurch geschützt ist, dass seine Probleme nicht mit dem Energiewesen des Archetypen des Erregers übereinstimmt. Diese Betrachtungsweise von Infektionen haben wir durch die Prüfung bzw. Begegnung mit den potenzierten Erregern wie z. B. der Syphilis, Gonorrhöe, dem HI-Virus usw. wiedergefunden.
Wir gehen von der Hypothese aus, dass eine Substanz, unabhängig davon, ob es sich um tote oder lebende Materie handelt, auch eine anscheinend bisher unbekannte Energieform besitzt. Quecksilber ist also mehr als ein Metall, es beinhaltet auch ein archetypisches Grundwesen oder eine solche Grundidee. Eine homöopathische Arznei ist somit eine Substanz, die wieder in ihre archetypische Grundform zurückgeführt wurde. Durch die Potenzierung wird also nicht die „Information“ von der Materie getrennt, sondern die Materie fällt in ihre archetypische Grundenergie zurück. Dadurch ist es möglich, dass diese beiden Energien – die der Arznei und die des Menschen – durch ihre archetypische Ähnlichkeit in eine gesunde Beziehung treten können und auf diese Weise dem Unbewussten einen Spiegel vorhalten, in dem sich der Mensch wiedererkennt und die Möglichkeiten sieht, die ihn auf den Weg zu seinem Heil bringen werden, weil die „natürliche Krankheit“ durch die „künstliche Arzneikrankheit“ auf Grund des Wiedererkennens ihrer Resonanz beeinflusst wird.
Auch der homöopathische Behandler ist aufgefordert, in die Resonanz zu gehen, wobei er natürlich nicht über die notwendige Neutralität verfügt wie das Arzneiwesen. Hier stoßen wir auf einen besonderen Hinweis Hahnemanns, der in § 6 schreibt, dass der Behandler dem Patienten „vorurtheilslos“ zu begegnen habe.
Nimmt man diesen Hinweis wörtlich, dann lässt sich sehr leicht erkennen, dass eine Begegnung dieser Art unmöglich ist. Es gibt keinen Menschen, der „vorurteilslos“ ist, so sehr er sich auch bemüht. Der Mensch ist ein Beziehungswesen und als solches immer im Kontakt mit seinem Gegenüber, das ihn spiegelt, so wie er sich selbst als Spiegel anbietet. Wenn wir also dem Patienten gegenübersitzen, dann laufen viele – vor allem unbewusste – Botschaften hin und her. Um diese bewusst werden zu lassen, ist es wichtig, sie erst einmal zu erkennen. Dabei helfen uns eigentlich alle Menschen um uns herum und so auch der Patient. Besonders unsere negativen Vorurteile, unsere Aversionen zeigen uns unsere eigenen Schattenthemen (siehe „Schattenarbeit“ in der prozessorientierten Homöopathie), die darauf warten, ans Licht geholt zu werden. Ich bin mir auch sicher, dass Hahnemanns Hinweis auf die Vorurteilslosigkeit nicht emotionale Kälte meint, sondern dass er sich als Arzt seiner Aufgabe verpflichtet gefühlt hat, jedem, der zu ihm kommt, zu helfen und jeden in seinen emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten ernst zu nehmen. Oft kommen Patienten zu mir, die vorher bei anderen Homöopathen in Behandlung waren. Sie haben keineswegs ein falsches Mittel bekommen, sie wünschen sich aber einen Behandler, der Kontakt zu ihnen hat und der nicht nur hinter seinem Computer sitzt, der den Patienten nie anschaut und monoton Fragen stellt.
Es geht in der prozessorientierten Homöopathie nicht um eine Vorurteilslosigkeit, sondern darum, seine eigenen Vorurteile und Schatten kennen gelernt und sie geheilt zu haben. Dann erkennen wir unser Gegenüber immer noch über den Weg unserer alten Vorurteile, wissen aber doch auch gleichzeitig, dass die Möglichkeit einer Entwicklung besteht, denn jeder destruktive Beziehungsausdruck beinhaltet auch immer eine konstruktive Variante. Beides ist Teil des Ganzen und nicht entweder gut oder böse. Lediglich die Umsetzung kann sich als gut oder böse manifestieren. Es gilt darum nicht nur, das Gute im Bösen zu erkennen sondern auch das Böse im Guten. Das Arzneiwesen von Pulsatilla z. B. beinhaltet die große mütterliche Liebe. Diese kann einem Kind im Guten viel Schutz und Fürsorge gewähren, aber im Negativen „überbehüten“ Pulsatilla-Menschen auch ihre Kinder, so dass sie wenig Widerstandskraft für den Alltag besitzen, einen Beschützer suchen und durchaus in die Position eines Opfers geraten können, wie sie auch eines gegenüber der Mutter waren. Wenn es dem Behandler gelingt, diese Facettenvielfalt in sich selbst zu entdecken und wenn nötig heil werden zulassen, dann wird er zum Resonanzkörper für seinen Patienten, so wie es auch die Arznei ist.
Um dieses hehre Ziel zu erreichen, stehen uns zumindest zwei Möglichkeiten zur Verfügung. Die eine bedeutet, sich selbst in Therapie oder Supervision zu begeben und die andere verbirgt sich in dem Wunder einer Arzneiprüfung oder – wie wir sagen – einer Arzneibegegnung. Wenn man diese bewusst wahrnimmt, dann spiegelt die jeweilige Arznei auch in uns unsere Schattenseiten und Potenziale wieder und am Ende steht nicht selten ein großes Verständnis für eben jene, die uns um Hilfe bitten. Natürlich laufen diese Arzneimittelbegegnungen etwas anders ab, als es im klassischen Sinne üblich ist. Es werden zwar wie sonst in der Homöopathie alle Symptome dokumentiert, aber darüber hinaus steht immer die Frage, vor allem bei den emotionalen Symptomen, im Vordergrund, warum beim Prüfling gerade diese Seiten der Arznei besonders zum Ausdruck gekommen sind. So ist eine Arzneibegegnung niemals neutral, sondern geprägt durch die Resonanz des Ausgangsstoffes mit den psychischen Mustern des Patienten. Im Alltag wird dieser dann auch hautnah erleben, dass diese Begegnung mit der Arznei ihn zu andern Reaktionen verleitet, die nicht nur negativ sind, sondern ihn auch positiv berühren. Im letzteren Fall sprechen wir von einer Heilung durch die Begegnung, im ersteren eben von der Begegnung seines Schattens mit dem jeweiligen Thema der Arznei.
Durch die Idee des resonanten Modells wird deutlich, dass der Homöopath mindestens genauso wichtig für den Heilerfolg ist wie die Arznei. Das Ähnlichwerden lässt ihn sozusagen zur Arznei werden, denn die Themen, die geheilt werden wollen, spiegeln sich in ihm genau so wieder wie in der Arznei selbst. Patienten öffnen sich einem Behandler umso mehr, je mehr sie sich von ihm verstanden fühlen. So kenne ich auch einige Fälle, dass der Patient mir sagt, dass er gerade Dinge erzähle, die er dem anderen Behandler nicht erzählt habe, weil er glaubte, der würde ihn nicht verstehen, ihn verurteilen oder nicht aushalten. Natürlich gibt es bestimmt auch Patienten, die aus ähnlichen Gründen bei mir die Behandlung abgebrochen haben und mich auffordern, immer weiter an mir zu arbeiten.
Durch die Arbeit an sich werden beim Homöopathen immer mehr Themen erlöst, also heiler und seine Resonanz bzw. sein Ähnlichwerden vollzieht sich intensiver konstruktiv. Kurz gesagt – er wird empathischer. Empathie an sich ist der Schlüssel zur Heilung, sowohl die Empathie der Arznei als auch die des Homöopathen, denn der Patient fühlt sich verstanden und gemeint.
Somit sollte deutlich sein, dass wir uns alle im anderen erkennen oder wiedererkennen. Im Behandlungsgeschehen findet das z. B. unter anderem darin seinen Ausdruck, dass wir nicht wie üblich sagen, „ich spüre doch, dass sie wütend oder traurig sind.“ Denn wir spüren als Resonanz sein Gefühl in uns selbst als ein eigenes und wir können vielleicht zusätzlich an seiner Physiognomie erkennen und schlussfolgern, dass er sich so oder so fühlen müsste. Der Umstand, dass wir sehr wohl in uns eine Wut oder Traurigkeit spüren, zeigt unsere Empathie. Durch diesen resonanten Ausdruck kommen wir dem Patienten nah, ohne genau wissen zu können, was wirklich und wie stark seine Wut oder Trauer ist. Durch dieses Erkennen ergeben sich andere Fragen und Interventionen, als wenn wir uns mit Behauptungen quasi über den Patienten stellen.
Ein prozessorientierter Homöopath ist immer aufgefordert, an sich selbst zu arbeiten, sich zu hinterfragen und niemals eine Einseitigkeit eines Geschehens zu akzeptieren. Der Begriff der Übertragung, wie er oft üblich ist, sowohl in therapeutischen wie in privaten Beziehungen, sollte auch nie so verstanden werden, dass nur der eine einer Übertragung unterliegt und der andere damit nichts zu tun hat. Ist ein Mensch betroffen, verletzt oder auch beglückt, hat dieses Geschehen immer mit beiden Seiten zu tun. Wer z. B. verletzt ist, wurde verletzt und hat sich sowohl für diese Verletzung angeboten, wie auch der andere ihn durchaus verletzen wollte. Beides gehört immer zusammen und ruft nach einer Auflösung. Können beide Seiten hier zur Ehrlichkeit finden, ist Versöhnung und Heilung mit eigenen alten verletzten Anteilen schon fast sicher.
In diesem Sinne ist die Resonanz oder das resonannte Prinzip in der prozessorientierten Homöopathie ein zentraler Baustein und spiegelt sich in dem Menschen- und Weltbild wider, nach dem der Mensch ein Beziehungswesen ist und immer und zu jeder Zeit mit allem in Beziehung steht: Insofern ist die Homöopathie mehr als nur eine Heilkunst und sie gehört auch nicht in den Bereich der Naturwissenschaften sondern kann den geisteswissenschaften zugeordnet werden.
﻿Homöopathie ist Dein Ausdruck vom Sein.

References: § 8
 § 17
 § 5
 § 305
 § 312
 § 12
 § 6