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Jurawelt-Forum • Thema anzeigen - Inklusion - postfaktische Welt?
Inklusion - postfaktische Welt?
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Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 16:10
Hast du außer absurden Vorwürfen gegen Privatschulen auch ein substanzielles Argument zu bieten?
Also, Butter bei die Fische: Aus welcher Rechtsnorm ergibt sich angeblich eine Rechtspflicht der Schulen, Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf aufzunehmen, obwohl die personellen, sächlichen und organisatorischen Möglichkeiten für eine angemessene Förderung der Kinder nicht vorhanden sind?
Wenn die Möglichkeiten für eine Beschulung in der Regelschule nicht vorhanden sind, muss sie auch nicht erfolgen. Insoweit hat sich durch die Inklusion überhaupt nichts geändert. Der einzige Unterschied zur früheren Rechtslage besteht darin, dass die "Beweislast" umgekehrt ist. Die allgemeine Schule ist der Regelfall und nicht die Förderschule. Nicht die Eltern müssen darlegen, dass eine Beschulung in der Regelschule möglich ist, sondern Schule und Schulverwaltung müssen darlegen, warum dies ausnahmsweise nicht möglich ist.
Wenn Schule und Schulverwaltung sich hier - in entsprechend schwierigen Fällen - nicht genügend anstrengen, ist das kein Argument gegen Inklusion, sondern ein Organisationsversagen der Verwaltung.
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 16:17
Ich habe überhaupt keine absurden "Vorwürfe gegen Privatschulen" erhoben, sondern lediglich auf deine Heuchelei auch in dieser Beziehung hingewiesen. Ferner habe ich zahlreiche Sachargumente angeführt, auf die du eben nicht eingehen möchtest.
Daneben ist es dein Verlangen nach einer "Rechtsnorm" absurd. Es wird wenig Schulen geben, die angesichts des Theaters, das Eltern, Politiker, Leute wie du und andere Ideologen machen werden, sagen werden: Wir können das Kind nicht aufnehmen. Oftmals ist dies prognostisch auch schwer zu belegen.
Selbstredend ist das alles auch politisch genauso gewollt, so dass man das Hoheslied von der Inklusion singen und zugleich eben möglichst viele Förderschulen schließen kann, worauf ich eingangs schon hingewiesen hatte. Mit Blick auf geistig behinderte Kinder ergibt Inklusion in weitem Umfang schlicht keinen Sinn.
Ansonsten wälzt du mal wieder jede Verantwortung auf andere ab, obwohl offensichtlich ist, dass es nicht funktioniert.
Zuletzt geändert von Honigkuchenpferd am Samstag 3. Juni 2017, 16:22, insgesamt 2-mal geändert.
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 16:20
Wenn die Möglichkeiten für eine Beschulung in der Regelschule nicht vorhanden sind, muss sie auch nicht erfolgen.
Levi, diese ganze Diskussion ist hier nur so eskaliert, weil du selbst anfänglich behauptet hast bzw. deine Sätze hier so verstanden wurden (auch von mir), als sei jede Benachteiligung Behinderter durch Gesetz und Verwaltung, generell und im Einzelfall ausgeschlossen. Ich habe deine Zitate nun schon oft genug wiederholt:
Du hast selbst geschrieben, dass "jede Differenzierung nach den Merkmalen des Art. 3 Abs. 3 GG kategorisch ausgeschlossen" ist. Später hast du geschrieben: "Der von Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG geforderte Grundsatz ist heute daher eine inklusive Schule."
Du hast diese Aussagen anfangs nie auf körperliche Behinderte beschränkt, deshalb hier der Gegenwind. Auf meinen Einwand, dass der Staat noch qua Grundgesetz ein paternalistisches Schuldbild pflegt (Schul- und nicht Bildungspflicht in Art. 7) bist du bisher nicht eingegangen.
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 17:04
Wie meine diesbezüglichen Aussagen zu verstehen sind, habe ich im Beitrag #94 bereits ausgeführt. Zur Vermeidung von Wiederholungen darf ich hierauf verweisen.
Eine Beschränkung auf körperliche Behinderungen habe ich nicht vorgenommen, weil ich sie nicht für sachgerecht halte. Es kommt hier immer auf den Einzelfall und die Schwere der Behinderung an (egal ob geistig oder körperlich). Warum sollte z. B. ein Kind mit Legasthenie nicht regelmäßig eine allgemeine Schule besuchen?
Eine schwere geistige Behinderung wird jedoch einen Regelschulbesuch viel eher ausschließen als eine schwere körperliche Behinderung.
Ein traditionellles paternalistisches Verständnis von Art. 7 GG halte ich heute nicht mehr für hinreichend. Es geht nicht nur um irgendeine Schule sondern um möglichst gute Bildungschancen für alle. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Schulen haben sich gegenüber den 1940er Jahren heute deutlich erhöht. Dem ist auch bei der Auslegung von Art. 7 GG Rechnung zu tragen.
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 17:07
Mit Art 7 meine ich, dass allein die Schulpflicht bereits ein paternalistischen Ansatz ist. Jede Abweichung ist zunächst rechtfertigungsbedürftig. Wenn man also aus Art 3 Abs 3 irgendwelche Elternrechte abliest, dann müssen diese in praktische Konkordanz mit der Schulpflicht gebracht werden. Nur das meinte ich.
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 17:12
Grundsätzlich kein Widerspruch.
Allerdings gilt Art. 7 GG eben auch für Kinder mit Behinderungen. Es verstärkt daher Art. 3 Abs. 3 GG im Hinblick auf diese Kinder noch zusätzlich.
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 17:48
Das wohl, iSe Schulpflicht, aber iSv was der Staat iE für richtig und machbar hält, nicht was die Eltern wünschen.
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 19:45
Ich soll Verständnis haben für Schulleitungen, die ihre gesetzliche Verantwortung und die Aufgaben, für die sie bezahlt werden, nicht wahrnehmen? Die aus Angst vor "Theater" von Eltern und Dritten Aufnahmeentscheidungen treffen, die sie für falsch oder zumindest für fragwürdig halten? Die anstatt Eltern pädagogisch angemessen zu beraten und erforderlichenfalls auch einmal "unpopuläre" Maßnahme zu treffen und Kinder abzuweisen, lieber die Lehrer und Mitschüler absehbar zu belasten?
Nein, tut mir leid, dafür habe ich kein Verständnis.
Im Übrigen ist es mir ein Rätsel, wie du auf die Idee kommst, dass ich etwas dagegen haben könnte, wenn nach Prüfung der Schulverwaltung aus zwingenden Gründen eine Aufnahme des Kindes in die Wunschschule der Eltern nicht in Betracht kommt?
Wogegen ich mich gewand habe, ist allein die frühere gesetzliche Regelung, nach der die Schule ihre Ablehnungsentscheidung bei Kindern mit sonderpädagogischen Förderbedarf nicht begründen musste, sondern nach dem Prinzip "Das haben wir schon immer so gemacht. Da könnte ja jeder kommen. Wo kämen wir denn dahin?" die Kinder auf die Förderschule schicken konnte. Auch wenn nur geringe zusätzliche personelle, organisatorische und finanzielle Mittel erforderlich gewesen wären.
Ich singe im Übrigen weder das "Hohelied von der Inklusion" noch bin ich insoweit ideologisch festgelegt. Ich halte Förderschulen in vielen Fällen für die deutlich bessere Wahl. Ich bin allerdings der Meinung, dass Eltern im Regelfall ihr Kind besser kennen als irgendjemand sonst. Und wenn der Staat vom Schulwunsch der Eltern abweichen möchte, muss er dies den Eltern gegenüber überzeugend begründen können. Dies gehört für mich zur Achtung, die jedem Menschen entgegen gebracht werden sollte - auch und gerade einem Menschen mit Behinderung. Wenn bei einem Kind ohne Behinderung der Besuch der Wunschschule verweigert wird, musste dies von der Schule schon immer im Einzelfall begründet werden. Bei Kindern mit Behinderung genügte dagegen allein schon der pauschale Verweis auf den sonderpädagogischen Förderbedarf für eine Ablehnung. Das halte ich im Hinblick auf Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG für nicht akzeptabel.
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 21:20
Ich bin geradezu fasziniert von dem mentalen Spagat, den man vollziehen muss, um sich von der Position, die du noch auf der ersten Seite dieses Threads bezogen hast, dorthin zu bewegen wo du jetzt stehst.
Von einem flammenden Plädoyer für Gleichberechtigung, für Inklusion, für eine "freie" Elternwahl, gegen jede Art von "diskriminierender Sprache" ist nur noch ein kümmerlicher Rest geblieben: Eigentlich gehe es dir ja nur um körperlich behinderte Kinder. Und auch die Nichtaufnahme verhaltensgestörter Kinder ist völlig in Ordnung.
Vielleicht hättest du dann den Thread von Anfang an etwas gründlicher lesen sollen. Denn die Phänomene, die ich kritisiere, scheinst du ja selbst abzulehnen.
Dabei mäandert deine Position in kaum noch nachvollziehbarer Weise zwischen aggressiver Fundamentalopposition auf der einen und "eigentlich will ich ja nichts anderes als alle anderen hier" auf der anderen Seite.
Lustig ist, dass dir das nicht einmal aufzufallen scheint. Oder ist es möglicherweise doch nur ein durchsichtiger Versuch, davon abzulenken, dass deine ursprüngliche Position so gar keinen Rückhalt gefunden hat?
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 21:27
Meine ganz persönliche Meinung: Wenn das Kind dem Unterricht nicht folgen kann, braucht es die Förderschule. Es gibt jedoch Kinder und Jugendliche mit Einschränkungen, welche in der herkömmlichen Förderschule unterfordert sind, sich jedoch auch nicht in der Regelschule zurechtfinden, oft sogar hochbegabte Kinder, die aber z. B. unter Autismus leiden. Solche Kinder bräuchten eine spezielle Schulform, zumindest für die Einschulung, bis sie sich ausreichend gut zurechtfinden in der Gesellschaft. Überhaupt finde ich es gut, wenn sich Menschen mit Handicap und ihre Angehörigen selbst organisieren und solche Schulen staatlich unterstützt werden, wie Schulen für Blinde oder Gehörlose, wo die Kinder zusätzlich darin geschult werden, möglichst optimal mit ihren Einschränkungen zu leben. Das kann keine normale Schule leisten. Eine bessere Vernetzung zur Regelschule wäre zum gegenseitigen Lernaustausch mehr als sinnvoll und würde sicher auch den Druck von den Eltern nehmen, ihre dadurch überforderten Kinder auf Teufel komm raus normal einschulen zu wollen.
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 21:48
Also entweder du hast meine Beiträge nicht gelesen oder nicht verstanden.
Ich habe nirgends geschrieben, dass es mir "nur um körperlich behinderte Kinder" geht. Inklusion betrifft Menschen mit allen Arten von Behinderungen! Inklusion knüpft aber immer an die individuelle Situation an und die gebietet bei einem Kind mit schweren geistigen Behinderungen im Regelfall nicht den Besuch einer allgemeinen Schule, da es dem dortigen Unterricht - auch mit persönlichen und technischen Assistenzen - in der Regel nicht wird folgen können.
Auch habe ich nirgends geschrieben, dass due "Nichtaufnahme verhaltensgestörter Kinder völlig in Ordnung" sei. Vielmehr habe ich geschrieben, dass Verhaltensauffälligkeiten in der Regel überhaupt keine Frage der Inklusion sind. Das solche Kinder in die Schule aufzunehmen sind, steht außer Frage - und war auch in der Vergangenheit nie in Frage gestellt. Die richtigen Instrumente in diesen Fällen sind Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen.
Meine Position ist im gesamten Thread unverändert geblieben. Am Anfang war nur meine Wortwahl kapper und schroffer, um bei dir und anderen erst einmal Sensibilität für das Thema zu wecken.
Inzwischen besteht bei der Mehrzahl der Schreiber Konsens darüber, dass Inklusion etwas Gutes und Richtiges ist, soweit es körperliche Behinderungen betrifft. Am Anfang war dagegen Inklusion per se etwas Schlechtes. Damit hat die Diskussion schon viel erreicht.
Verfasst: Samstag 3. Juni 2017, 22:12
Sorry, der Einzige, der hier seine Position mit jedem zweiten bis dritten Post variiert und anschließend behauptet, dieses oder jenes sei ja auch gar nicht gemeint gewesen, bist Du.
Man muss ja auch nicht unbedingt immer davon ausgehen, dass dem Gegenüber jegliche Sensibilität fehlt. Da regt sich jeder unnötig auf, obwohl das Thema auch in einem Miteinander ergiebig wäre. Was meinst Du zu meinen Vorschlägen?
Verfasst: Sonntag 4. Juni 2017, 07:13
Zeige mir bitte anhand meiner Postings konkret, wo dass der Fall gewesen sein soll?
Natürlich waren meine ersten Beiträge in diesem Thread plakativ und undifferenziert. Dass man ein gesellschaftliches Thema (egal ob Inklusion oder ein anderes) nicht in zwei Sätzen differenziert und erschöpfend behandeln kann, sollte offensichtlich sein. Das war auch überhaupt nicht der Sinn der Beiträge. Es ging hier vielmehr darum dem Suchenden_ deutlich zu machen, dass er erstens eine diskriminierende Wortwahl führt und zweitens das Verbot der Ausgrenzung nicht nur ein "gefühlig-moralisches Argument" irgendwelcher weltfremder Gutmenschen ist, sondern eine basale rechtliche Grundlage unserer Gesellschaft. Diese Grundlage zur Disposition zu stellen, bin jedenfalls ich nicht gewillt.
Inklusion ist richtig und notwendig und m.E. auch ein Gebot der Verfassung. An dieser Position, die ich vom ersten bis zum letzten Beitrag vertreten habe, hat sich nichts geändert. Ich habe allerdings inzwischen verstanden, dass eine - von mir als selbstverständlich vorausgesetzte - Tatsache offensichtlich nicht allgemein bekannt ist. Nämlich, dass Inklusion etwas völlig anderes ist als Integration. Inklusion will gerade keine "Einheitsschule" für alle und bei der Inklusion gibt es auch keine Gruppe (z. B. Kinder ohne Behinderungen), in die andere Personen (z. B. Kinder mit Behinderungen) hineingenommen werden, sondern bei der Inklusion geht es um individuelle Teilhabemöglichkeiten an der Gesellschaft für alle, in der jeder Mensch akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt leben kann – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung, von eventuellen Behinderungen oder sonstigen individuellen Merkmalen. Der entscheidende Unterschied zwischen Integration und Inklusion wird gemeinhin mit solchen Bilder verdeutlicht: http://www.lebenshilfe-loerrach.de/arbeitskreis%20inklusion
Gegenstand der Betrachtung ist daher immer der einzelne einzigartige Mensch und damit gerade nicht nur das Kind mit Behinderungen sondern auch das hochbegabte Kind oder das Kind mit überragenden körperlichen Fähigkeiten oder auch das Kind ohne irgendwelche erkennbare besondere Begabungen. Jedes Kind soll im Rahmen der Inklusion nach seinen Fähigkeiten optimal gefördert werden. Es geht nicht um eine gute Schule für wenige zulasten der anderen, sondern um eine gute Schule für alle! In diesem Zusammenhang sind zwangsläufig Kompromisse und ein Ausgleich der Interessen notwendig.
Ausgangspunkt ist aber immer der einzelne einzigartige Mensch. Ihn muss man betrachten und prüfen, wie seine Teilhabemöglichkeiten an der Gesellschaft möglichst optimal gefördert werden können. Jede schematische Lösung verbietet sich dabei. Daher auch mein gebetsmühlenartiger Hinweis auf den Elternwillen. Nicht als Selbstzweck, sondern mit Blick auf die Tatsache, dass die Eltern ihre Kinder gemeinhin am besten kennen und ihre Begabungen und Fähigkeiten am besten einschätzen können. In Rahmen dieser Inklusions-Prüfung kann - wie z. B. bei meinen Kindern - auch das Ergebnis stehen, dass ihre Teilhabemöglichkeiten auf einer Privatschule am besten gefördert werden können. Das widerspricht der Inklusion nicht, sondern das ist Inklusion!
Und jetzt zeige mir bitte, wo ich meine Position variiert habe? Meine Position war und ist gänzlich unverändert.
Verfasst: Sonntag 4. Juni 2017, 10:30
An sich finde ich die Idee hinter dem Inklusionsprinzip positiv. Ein Kind, das in seinem schulischen Lebenslauf eine Förderschule angibt, wird dadurch auch irgendwo gebrandmarkt. Deshalb ziehen es Eltern vor, ihre (auch förderbedürftigen) Kinder möglichst lange in Regelschulen zu halten. Gerade bei Grenzfällen, wo das Kind vielleicht verzögert dann doch noch den Anschluss finden kann durch ausreichend angebotene Fördernachhilfe wäre die Inklusion sinnvoll. Auf der anderen Seite können auffällige Kinder den Unterricht schon massiv stören und langfristig die Lernziele für die ganze Klasse gefährden. Dabei gäbe es für solche Kinder geeignete soziale Integrationsschulmodelle. Gut wäre, wenn solche Schulen den Regelschulen gleichgestellt werden. Letzlich soll der Weg freier gestaltet werden, z B. auch durch mobile und digitale Schulformen, und durch gestaffelte Prüfungen reguliert werden.

References: Art. 3
 Art. 3
 Art. 7
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