Source: http://alemannia-judaica.de/bern_synagoge.htm
Timestamp: 2018-08-19 06:26:22+00:00

Document:
Die Synagoge in Bern (Bundesstadt, Schweiz)
Bern (Bundesstadt, Schweiz)
(zu aktuellen Informationen siehe die Website der Israelitischen Kultusgemeinde in Bern unter www.jgb.ch)
Aktuell Frühjahr 2014: Neue Publikation zur jüdischen Geschichte in Bern
René Bloch / Jacques Picard (Hrsg.): Wie über Wolken. Jüdische Lebens- und Denkwelten in Stadt und Region Bern, 1200-2000. Reihe: Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz. Schriftenreihe des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds Band 16. 2014. 528 S. CHF 58 / € 47,70. ISBN 978-3-0340-1219-5.
Zu diesem Buch: Der bildhafte Titel ist einem Brief der Lyrikerin Else Lasker-Schüler aus den 1930er Jahren entnommen und schildert in einer Metapher ihre heitere Stimmung beim Flanieren durch die ruhige Stadt Bern. 'Solche Spaziergänge, schwebend, lassen das Leben ertragen', schreibt sie weiter. Dass das Leben zu ertragen sei, ja mitunter 'stratosphärisch' leicht sich anfühle, verweist jedoch auch auf die Kehrseite, die Lasten und die Bedrängnis jener Jahre, die Anfechtungen, denen Juden und Jüdinnen damals vielerorts in Europa ausgesetzt waren.
Zwischen Bedrückung und Erleichterung oszillieren auch die unterschiedliche Epochen betreffenden Beiträge, die in diesem Band versammelt sind. Ein breites Spektrum an jüdischen Erfahrungen, Denkvorgängen und Erinnerungsfiguren wird ausgebreitet: vom mittelalterlichen Privileg über die stigmatisierende Ausschließung bis zur gewaltsamen Vertreibung, von der bürgerlichen Emanzipation im 19. Jahrhundert über die Ohnmacht während der Zeit der Schoah bis zur öffentlich-rechtlichen Anerkennung der jüdischen Religionsgemeinschaft. Über die Verbindungen jüdischer Intellektueller zu Bern ergeben sich Einblicke ins europäische Geistesleben. Für viele wurde die Stadt zum Ort, wo ihr Traum vom Studium in Erfüllung ging. So evoziert das Bild von der Wolkenstadt immer wieder Unterschiedliches: Judenhut und Alpenparadies, Schwermut und Traumhaftigkeit, Krisen und Hoffnungen, Eigensinn und Höhenflug.
Mit Beiträgen von: Peter Abelin, Armand Baeriswyl, Angela Bhend, René Bloch, Dan Diner, Hannah Einhaus, Ron Epstein-Mil, Olivia Franz-Klauser, Ulrike Gehring, Daniel Gerson, Karin Huser, Monika Kneubühler, Jonathan Kreutner, Shifra Kuperman, Patrick Kury, Stefanie Leuenberger, Sandrine Mayoraz, Vladimir Medem, Hans-Rudolf Ott, Jacques Picard, Franziska Rogger, Rainer C. Schwinges, Judith Hélène Stadler, Richard Staub, Thomas Staubli .
Buchvernissage am 13. Mai 2014 in der Aula der Universität Bern: Einladung zur Buchvernissage Flyer (pdf-Datei)
Vgl. Artikel von Markus Dütschler in derbund.ch vom 13. Mai 2014: "Berns Juden: Geduldet – verfolgt – anerkannt
Ein Buch beleuchtet die Situation der Juden im Kanton Bern über 800 Jahre. In dieser Zeit gab es Verfolgung, Duldung, Kooperation und Emanzipation. Bis zur vollen Anerkennung von Jüdinnen und Juden war es aber ein sehr langer Weg..."
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er-Jahre
In Bern bestand eine jüdische Gemeinde bereits im Mittelalter. Erstmals werden Juden in der Stadt 1259 genannt. 1294 kam es zu einer Ritualmordbeschuldigung um den damals verstorbenen Knaben Rudolf von Bern. Im Zusammenhang mit ihr wurden einige jüdische Einwohner gerädert, die übrigen aus der Stadt verwiesen. Das Grab des angeblich durch Juden ermordeten Kindes im Berner Münster war bis zur Reformation ein Wallfahrtsort. Die Juden der Stadt lebten vor allem vom Geldverleih. Das jüdische Wohngebiet war vor allem im Bereich der "Judengasse" (vicus Judaeorum), die durch das in der Ringmauer befindliche "Judentor" abgeschlossen wurde. Unweit des "Judentors" - am westlichen Ende der heutigen Rathausgasse - befand sich ein erster jüdischer Friedhof (13. Jahrhundert?). Später lag der Friedhof an anderer Stelle.
Nach der o.g. Judenverfolgung 1293/94 ließen sich in der Folgezeit wiederum einige Juden in der Stadt nieder. Bei der Verfolgung in der Pestzeit wurden im November 1348 die Juden der Stadt verbrannt. Einige Jahre nach dieser Verfolgung zogen wiederum Juden in Bern zu (1376 genannt). Die Juden lebten weiterhin vom Geldhandel, doch werden auch mehrere Ärzte genannt. Auch ein Rabbiner wird in der Stadt bezeugt, der jedoch gleichfalls vom Geldhandel lebte (Meister Isaak von Thann 1379-83 in Bern bezeugt). Am 10. Mai 1427 beschloss die Stadt, den Juden keine Schutzbriefe mehr zu erteilen, was die Vertreibung aus der Stadt bedeutete. Als Begründung wurde angeführt, dass die Juden den christlichen Glauben schmähten.
Seit Ende des 18. Jahrhunderts war ein - über die nächsten Jahrzehnte zunächst noch stark begrenzter - Zuzug von Juden in der Stadt wieder möglich. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte vor allem ein Zuzug aus dem Elsass, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (nach den Verfassungsrevisionen von 1866 und 1874) auch ein Zuzug aus den beiden Surbtaler Gemeinden Endingen und Lengnau. Zunächst hatten die jüdischen Einwohner "ausnahmsweise" dieselben Rechte wie französische Bewohner der Stadt. 1846 wurde die "Ausnahmestellung" der jüdischen Einwohner aufgehoben; sie wurden nun das "Fremdengesetz" gestellt und genossen dieselben Rechte wie französische Einwohner. Nun war unter anderem auch der Kauf von Häusern durch jüdische Personen möglich.
1848 (offizielles Gründungsjahr) wurde die jüdische Gemeinde unter dem Namen "Corporation der Israeliten in Bern" gegründet. 1867 erfolgt eine Neukonstituierung als "Cultusverein der Israeliten in Bern". Seit 1908 (bis 1973) lautete die Bezeichnung "Israelitische Kultusgemeinde Bern".
Im 19./20. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner in der Stadt Bern wie folgt: 1850 206 jüdische Einwohner, 1880 387, 1910 Höchstzahl von 1.056, 1930 854, 1950 792, 1960 668, 1970 561, 1990 334. Nicht alle der jüdischen Einwohner Berns waren freilich Mitglieder in der jüdischen Gemeinde. Im Kanton Bern 1852 lebten nach der Mitteilung der 'Allgemeinen Zeitung des Judentums' vom 22. März 1852 (s.u.) bereits 488 jüdische Personen. Bis zum Jahr 1900 nahm die Zahl auf 1543 im gesamten Kanton zu (Zeitschrift für Demographie Heft 11 1905). Ein Drittel von ihnen war Inländer, zwei Drittel Ausländer.
An Einrichtungen bestanden (beziehungsweise bestehen bis zur Gegenwart) eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Religionsschule) mit einer Jugendbibliothek, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war (beziehungsweise ist bis zur Gegenwart) ein Lehrer angestellt, der zugleich als Kantor, teilweise auch als Schochet tätig war. Bereits im Bericht von 1841 wird ein Lehrer der Gemeinde genannt, der zugleich Vorsänger und Schächter war. Gemeindevorsteher der Gemeinde war in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Kleiderhändler Emanuel Bloch; ihm zur Seite stand der Optiker Bamberger. Seit 1871 gab es eine dem Vorstand unterstellte Armenkasse der Gemeinde.
Um 1900 war als Lehrer und Kantor der aus dem Elsass stammende Salomon Bloch (1841-1921) tätig. 1903 feierte er bereits sein 25-jähriges Dienstjubiläum in der jüdischen Gemeinde in Bern. Bei der Einweihung der Synagoge 1906 sprach er neben Rabbiner Dr. Littmann die Weiherede.
Rabbinat: Im 19. Jahrhundert wurde die jüdische Gemeinde zunächst durch Rabbiner Moise Nordmann aus Hegenheim betreut. In der Folgezeit geschah die Betreuung auch durch andere Rabbiner (Rabbiner Dr. Julius Fürst aus Endingen weihte 1855 die Synagoge ein). Von 1874 bis 1877 hatte Bern mit Rabbiner Dr. Aron David Goldstein (1838-1913) einen eigenen Rabbiner. 1877 wechselte er allerdings nach Durmenach, von wo aus er - bis zu seinem Wechsel 1884 nach Mutzig (hier weitere biographische Angaben) - noch einige Jahre die Gemeinde in Bern betreute. In der Folgezeit geschah die Betreuung u.a. durch das Zürcher Rabbinat (Rabbiner Dr. Littmann weihte 1906 die neue Synagoge ein); auch der Rabbiner aus Baden übernahm Aufgaben in Bern (u.a. die Aufsicht über die Kaschrut in der Pension Schneider, siehe Anzeige unten).
An der Universität in Bern lehrten seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch jüdische Dozenten. Der erste war seit den 1830er-Jahren Prof. Dr. Gabriel Valentin (1810-1888). Er erhielt 1850 das Kantonsbürgerrecht im Kanton Bern, jedoch noch nicht das Ortsbürgerrecht. Dies wurde ihm für den katholischen Ort Miécur im Jura eingeräumt, da die katholischen Großräte des Kantons im Blick auf die Emanzipation der Juden eine größere Toleranz zeigten. Um 1860 lehrten bereits vier jüdische Professoren an der Universität in Bern (siehe Artikel unten). Die erste Frau, die an der Universität lehrte, war die russisch-jüdische Philosophin Anna Tumarkin (1875-1951, Professortitel 1906 siehe Bericht unten). Unter den später an der Universität lehrenden Professoren waren u.a. Rabbiner Prof. Dr. Ludwig Elieser Stein (von 1890 bis 1911 Prof. an der Universität Bern).
Um 1910/20 war die Blütezeit der jüdischen Gemeinde in Bern. Es wurden mehrere Jahre über 600 Gemeindeglieder gezählt, dazu kamen etwa 800 jüdische Personen in Bern, die nicht Gemeindeglieder waren.
Im Leben der jüdischen Gemeinde spielten ihre Vereine eine große Rolle: um 1910/20 gab es (teilweise bis heute) insbesondere die folgenden Vereine: die Männerkrankenkasse (Chewra Kadischa, Ziel: Unterstützung in Krankheits- und Sterbefällen), der Israelitische Frauenverein (Ziel: Unterstützung in Krankheits- und Sterbefällen), der Verein "Union" (Ziel: Geselligkeit und Wohltätigkeit), der Synagogenchor, die Zionistische Ortsgruppe, der Akademische Zionistenverein, die Jüdische akademische Unterstützungskasse, der Studentenverein "Tachkemoni" (Vereinigung der gesetzestreuen Studenten in Bern), der Talmud-Tora-Verein und Lina Hazedek (Ziel: Erteilung von Religionsunterricht an die Kinder von Nichtgemeindemitglieder sowie Wohltätigkeit), der Frauenverein Achdus (Ziel: Wohltätigkeit), der "Jüdische Klub", der Verein "Bewth Seder Ammi", der Verein "Thomche Anijim", das Lokalkomitee der Alliance Israélite Universelle à Paris. Neben den Vereinen gab es mehrere Stiftungen in der Gemeinde (Synagogenfonds, Celine Weil-Schwob Fonds, Louis Nordmann-Fonds).
In der Zeit des Zweiten Weltkrieges gab es auch in Bern und Umgebung zahlreiche jüdische Flüchtlinge. 1944 bis 1945 war Repräsentant der jüdischen Flüchtlinge in Bern Rabbiner Prof. Dr. Herbert Arthur Strauss.
1948 konnte die jüdische Gemeinde ihre Jahrhundertfeier begehen, dazu wurde eine Festschrift herausgegeben.
1973 wurde der Name der Gemeinde in "Israelitische Gemeinde Bern" verändert, seit 1982 "Jüdische Gemeinde Bern". Seit 1996 ist die jüdische Gemeinde öffentlich-rechtlich anerkannt und als sogenannte Einheitsgemeinde organisiert.
Die Zahl der jüdischen Einwohner in Bern geht seit den 1960er-Jahren stetig zurück (siehe die oben bereits angegebenen Zahlen).
Zur Gemeinde gehören (2000) etwa 340 Mitglieder. In der Person von David Polnauer (geb. 1954 in Ungarn) hat die Gemeinde seit April 2007 einen Rabbiner.
Die jüdischen Einwohner haben die gleichen Rechten wie französische Bürger (1841)
Eine antijüdische eingestellte Zeitung nimmt ein Vorurteil zurück (1847)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22- November 1847: "Bern, 4. November (1847). Das hiesige Blatt 'der Freisinnige' nimmt heute sein hartes Urteil gegen die Juden zurück. Nur ein Einziger derselben habe im freiwilligen Jägerkorps den Ausmarsch gegen den Sonderbund verweigert; die übrigen Juden in Bern seien marschfertig und zum Teil schon von früher her wegen Patriotismus und persönlichen Muts erprobte Leute."
Zuzug jüdischer Familien in den Kanton Bern (1849)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. November 1849: "Vom Kanton Bern ist in politischer Beziehung nicht zu klagen. Sie wissen, dass bei der neuen Kantonalverfassung 1846 die Ausnahmestellung der Juden aufgehoben worden und diese unter das Fremdengesetz gestellt wurden. Seither haben zwei Juden wieder Häuser gekauft und einer ein großes Landgut, einige Stunden von Bern, das er selbst bearbeitet und bedeutend kultiviert. Eduard Pikard heißt der junge Mann.
Seither sind auch einige Familien aus dem Elsass wieder nach Bern gezogen und haben ohne Anstand ihr Domizilium erhalten. Auch ist S. Weil, Arzt in Walkringen, zum militärischen Kreisarzt ernannt worden, ohne dass ein Mensch daran gedacht hätte, dass die Ehre zu groß sei für einen Nachkommen Abrahams.
Dafür sind aber auch Verbesserungen im Innern der jüdischen Gemeinde zu berichten. Seit Herr Em. Bloch, Kleiderhändler (zu unterscheiden von mehreren anderen Bloch daselbst), Vorsteher der Gemeinde worden ist, hat sich diese total geändert. Nicht etwa die Einzelnen in ihrem Leben und Treiben. So weit ist die Zivilisation noch nicht gediehen. Aber in der Synagoge sowohl als in der Schule, im Gemeindewesen sowohl als in der Ordnung bei der Kahalsversammlung, da ist ein himmelweiter Unterschied zwischen jetzt und ehedem. Ich will die unterscheidenden Merkmale nicht speziell angeben; sie sind wie Tag und Nacht, wie Licht und Finsternis. Gebe Gott, dass Herr Bloch nicht ermüdet in seiner Wirksamkeit und ich bin überzeugt, dass er es binnen Kurzem dahin bringt, dass eine regelmäßige Predigt eingeführt wird. Man mag staunen, dass das als ein so großer Fortschritt betrachtet wird. Aber, lieber Leser! hättest du gesehen, was ich, so würdest du glauben es seien Wunder geschehen größer als die Teilung des Schilfmeeres (hebräisch). Ehrend muss genannt werden, als Herrn Bloch zur Seite stehend: Herr Bamberger, Optikus in Bern.
Sonst wird ihm aber sein Amt sauer genug gemacht."
Im Kanton Bern leben 488 jüdische Personen (1850)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Juli 1850: "Bern, 9. Juni (1850). Die neueste Volkszählung weist für den Kanton Bern eine Gesamtbevölkerung von 458.225 Seelen nach, darunter 54.044 Katholiken, 403.693 Protestanten, 488 Juden. (Unsere Glaubensgenossen sind demnach auch in der Schweiz im Wachsen).
Kritischer Bericht über die jüdische Gemeinde (1900)
Anmerkung: der Bericht erschien in der konservativ-orthodox geprägten Zeitschrift "Der Israelit"
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Februar 1900: "Bern. Aus hiesiger Stadt verirrt sich nur selten ein Bericht in die Spalten des 'Israelit', obwohl derselbe hier viele eifrige Leser hat. Auch an guten Federn fehlt es nicht in einer Universitätsstadt, die ca. 200 jüdische Studenten zählt. Woran es aber wohl fehlt, das ist frisches, jüdisches Leben in der Gemeinde und bei dem Einzelnen, woher sollte aber der Berichterstatter den Stoff für seine Mitteilungen nehmen. In früheren Jahren hatte die hiesige Gemeinde sogar eine Zeitlang einen Rabbiner, aber das ist schon lange her. Die Gemeinde zählt ca. 40-50 Mitglieder, aber sie hat in ihrem Betlokal die ganze Woche hindurch kein Minjan, außer an Sabbaten und Feiertagen und bei Gelegenheit eines Jahrzeit. Die Mitglieder der Gemeinde sind fast sämtlich aus dem Elsass eingewandert. In den Familien wird der Hauhalt meistens koscher geführt, aber es ist nur ein sogenanntes Kaschrus, das in Wirklichkeit viel zu wünschen übrig lässt. Der hiesige Koscherfleisch-Verkauf untersteht keinerlei Kontrolle eines Rabbiners, sodass es sehr schwer fällt, hier als orthodoxer Jude zu leben. Es hat dieser Missstand nichts mit der Kalamität des Schweizerischen Schächtverbots zu tun; er war schon vorhanden, bevor dieses Verbot existierte."
Das Schächtverbot wird vom Bundesrat nicht zurückgenommen (1914)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. März 1914: "Aus Bern wird uns geschrieben: Durch Vermittlung von Personen, die im Bundesratshaus verkehren, hört man, dass vor kurzem der schweizerische Bundesrat das Gesuch des Gemeindebundes, Anträge auf Aufhebung des Schächtverbots bei der Bundesversammlung zu stellen, abgelehnt hat. Auch von anderer, zuverlässiger Seite ist diese Nachricht bestätigt worden, sodass an ihr nicht zu zweifeln ist. Aus der gleichen Quelle wird berichtet, dass bei der verkehrten Art und Weise, wie die Sache in die Hand genommen worden sei, ein anderes Resultat gar nicht herauskommen konnte. Weitere Aufklärungen werden wohl in nächster Zeit folgen, und es wird alsdann die Frage eingehender zu behandeln sein."
Vorstellung der Gemeinde im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" (1916)
Vorstellung im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" Jahrgang 1916 S. 196: "Bern.
In Bern besteht seit dem Jahre 1856 eine israelitische Gemeinde. Jetzige Mitgliederzahl 108 mit zirka 600 Seelen. Außerdem wohnen noch in Bern ca. 150 jüdische Familien mit ca. 800 Seelen, die der Gemeinde nicht angehören. Vorstand: H. Boneff, Präsident; B. Hirschel, Vizepräsident; S. Schnell, Sekretär; Paul Lang, Kassier; weitere Mitglieder: Michel Weil, Isidor Bloch, Joseph Schwob, Bernheim-Walch und Moritz Wyler. Beamte: J. Messinger, Kanton und Lehrer; s. Dreyfuss, Synagogendiener; Oppliger, Abwart.
Institutionen: Synagoge: Kapellenstraße 2. Religionsschule und Jugendbibliothek: Kapellenstraße 2 (Präsident der Schulkommission: N. Bloch-Baer). Armenkasse: Dem Vorstand unterstellt (gegründet 1871).
Friedhof: Herr M. Weil, Präsident; G. Furrer, Abwart.
Vereine: Männerkrankenkasse (Präsident: Leopold Picard), Zweck: Unterstützung in Krankheits- und Sterbefällen. - Israelitischer Frauenverein (Präsidentin: Frau Seraphin Weil), ähnliche Tendenz wie der vorige Verein. - Union (Präsident: Dr. F. Weil), Zweck: Geselligkeit und Wohltätigkeit. - Freiwilliger Synagogenchor (Knaben und Herren), Dirigent: Lucien Bernheim. - Zionistische Ortsgruppe (Präsident: R. Königsgarten). - Studentenverein 'Tachkemoni' (Vereinigung aller gesetzestreuen Studenten in Bern, cand. phil. L. Krausz) - Talmud Thora-Verein und Linas Hazedek (Präsident: Bograd), Zweck: Erteilung von Religionsunterricht an die Kinder von Nichtgemeindemitgliedern, sowie Wohltätigkeit (Lehrer: Dr. Abraham). Lokal: Schullokal der Israelitischen Kultusgemeinde, Mitgliederzahl 25. - Frauenverein Achdus (Präsidentin: Frau Dr. Lifschütz), Zweck: Wohltätigkeit. - Jüdischer Klub (Präsident: R. Seeligmann), Lokal: Maulbeerstraße, Mitgliederzahl: 100; Lokalkomitee der Alliance Israélite Universelle à Paris (Präsident: Anatol Blum).
Stiftungen: Synagogenfonds, Celine Weil-Schwob-Fonds (Ausschmückung des Tempels, jährliche Zinsen für die Armen), Louise Nordmann-Fonds (Wohltätigkeitszweck)."
Vorstellung der Gemeinde im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" (1921)
Vorstellung im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" Jahrgang 1921 S. 177: "Bern.
In Bern besteht seit dem Jahre 1848 eine israelitische Gemeinde. Jetzige Mitgliederzahl 120 mit zirka 600 Seelen. Außerdem wohnen noch in Bern ca. 160 jüdische Familien mit ca. 800 Seelen, die der Gemeinde nicht angehören. Vorstand: H. Boneff, Präsident; B. Hirschel, Vizepräsident; Jos. Bollahg, Sekretär; Paul Lang, Kassier; weitere Mitglieder: Michel Weil, Isidor Bloch, Joseph Schwob und Arthur Loeb und Raas. Beamte: J. Messinger, Kantor und Lehrer; M. Dreyfuss, Synagogendiener; Oppliger, Abwart.
Institutionen: Synagoge: Kapellenstraße 2. Religionsschule und Jugendbibliothek (Bücherausgabe Mittwoch und Donnerstag von 6 bis 7 Uhr): Kapellenstraße 2 (Präsident der Schulkommission: L. Woog). Armenkasse: Dem Vorstand unterstellt (gegründet 1871). Friedhof: (Arthur Loeb, Präsident; HG. Furrer, Abwart).
Vereine: Männerkrankenkasse (Präsident: N. Bloch-Baer), Zweck: Unterstützung in Krankheits- und Sterbefällen. - Israelitischer Frauenverein (Präsidentin: Frau Seraphin Weil), ähnliche Tendenz wie der vorige Verein. - Union (Präsident: Alfred Bernheim), Zweck: Geselligkeit und Wohltätigkeit. - Zionistische Ortsgruppe, 60 Mitglieder (Präsident: Jos. Bollag). - Jüdisch-akademisch Unterstützungskasse (Präsident: Dr. Pens). - Studentenverein 'Tachkemoni' (cand. phil. L. Krauss). - Beth Seder Ammi - Thomche Anijim - Lokalkomitee der Alliance Israélite Universelle à Paris (Präsident: Louis Woog).
Stiftungen: Synagogenfonds, Celine Weil-Schwob-Fonds (Ausschmückung des Tempels, jährliche Zinsen für die Armen), Lucie Nordmann-Fonds (Wohltätigkeitszweck)."
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1873 / 1876 / 1877
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. November 1873: "Offene Stelle.
Die israelitische Gemeinde in Bern (Schweiz) sucht einen unverheirateten, geprüften Religionslehrer und bewährten Kanzelredner. Jährlicher Gehalt ohne Nebeneinkünfte 2.000 Frcs.
Qualifizierte Bewerber wollen ihre Befähigungszeugnisse an den Vorstand Josef Weil auf dem Kornhausplatze in Bern franco einsehen".
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1876: "In der hiesigen Gemeinde ist die Stelle eines musikalisch gebildeten Chasan (Kantors), tüchtigen Schochet, der zugleich das Borschen versteht, und guten Baal Kore, sofort zu besetzen. Anmeldungen nimmt der Unterzeichnete entgegen.
Bern (Schweiz), 19. April 1876. Dr. A. B. Goldstein, Rabbiner."
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1877: "Für hiesige Gemeinde ist die Stelle eines musikalisch gebildeten Cantors, Schächters und geprüften Religionslehrers zu besetzen.
Fixes Gehalt 2.000 bis 3.000 Frcs. nebst erheblichem Nebenverdienst.
Qualifizierte Bewerben wollen sich an unterzeichneten Vorstand wenden.
Emanuel Bernheim, Gerechtigkeitsgasse 96, Bern, Schweiz."
25-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer und Kantor Salomon Bloch (1903)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 11. September 1903: "Bern. Herr S. Bloch, Kantor, hat in diesem Monat das 25. Dienstjahr als Religionslehrer der hiesigen Jüdischen Gemeinde vollendet. Zur Feier dieses Jubiläums versammelte sich am Sonntag Vormittag die ganze Gemeinde in dem alten Gebäude an der Anatomiegasse, das seit langen Jahren als Synagoge dient und nun bald abgebrochen werden soll. Die kleine Feier nahm einen würdigen Verlauf und zeugte von der herzlichen Verehrung, die die hiesigen israelitischen Kreise ihrem Geistlichen entgegenbringen. Nach dem Festakte, bei dem dem Jubilar ein prächtiger Lorbeerkranz, ein silberner Becher und andere Auszeichnungen überreicht wurden, und im Laufe des Nachmittags nahm Herr Bloch die persönlichen Glückwünsche der Mitglieder des israelitischen Kultusvereins und ihrer Familien entgegen. Herr Bloch, der früher in gleicher Eigenschaft im Elsass tätig war, blickt nun auf eine 44-jährige, segensreiche Arbeit im Dienste der israelitischen Gemeinde zurück."
Zum Tod von Lehrer und Kantor Salomon Bloch (1921)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. Januar 1921: "Bern. Salomon Bloch, der frühere langjährige Kantor der Berner jüdischen Gemeinde, eine hochachtbare Persönlichkeit, ist im 80. Lebensjahr verschieden."
Die beiden französischen Großrabbinen sind zu Besuch bei Rabbiner Dr. Goldstein (1877)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Oktober 1877: "Bern (Schweiz).
Vor einiger Zeit hatten wir die Ehre, die beiden französischen Großrabbinen, die Herren Isidor und Zadoc Kahn in unserer Bundesstadt als Gäste begrüßen zu können. Die Hauptzeit ihres hiesigen Aufenthalts brachten sie mit unserem Rabbiner, Herrn Dr. Goldstein, zu.
Beide Koryphäen Frankreichs wurden bei dieser Gelegenheit so sehr von unserem Herrn Rabbiner eingenommen, dass sie sich veranlasst fühlten, gleich nach ihrer Rückkehr nach Paris ihm das Diplom de premier degré rabbinique, begleitet mit einem wahrhaft kollegialischen Freundschaftsbrief als Ehren- und Freundschaftszeichen zu überreichen. Ehre dem Ehre gebührt!"
Antisemitische Predigt des christlichen Predigers Widmer vor Soldaten (1894)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. November 1894: "Bern, 2. November (1894). Gelegentlich eines hier stattfindenden militärischen Wiederholungskursus wurde auf militärische Anordnung durch den evangelischen Feldprediger Widmer ein Feldgottesdienst abgehalten, zu dem u.a. auch ein jüdischer Wehrmann kommandiert wurde. Der christliche Hofprediger hielt dabei eine hetzerische Predigt. Dies missfiel dem jüdischen Wehrmann, der Veranlassung nahm, sich beim schweizerischen Militär-Departement zu beschweren, weil er und seine Glaubensgenossen durch den Inhalt der Feldpredigt in ihren religiösen Gefühlen verletzt worden seien. Das Militär-Departement hat hierauf folgenden Entscheid erlassen und der Presse mitgeteilt: Es geht aus der Vernehmung des Feldpredigers Widmer in Bern hervor, dass er keineswegs die Absicht hatte, Andersgläubige zu verletzten. Dagegen ist er aufmerksam zu machen, dass es Übung ist, die Truppen zur Teilnahme am Gottesdienst ohne Rücksichtnahme auf ihre Konfession zu kommandieren und dass in Folge dessen Feldpredigten so zu halten sind, dass sie von Angehörigen aller Konfessionen ohne Beeinträchtigung ihrer Glaubens- und Gewissensfreiheit angehört werden können."
Sijum-Feier des von Berner Studenten gegründeten Talmud-Vereins (1901)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Februar 1901: "Bern, 16. Schewat (= 5. Februar 1901). Ich bringe freudige Kunde aus den Schweizer Bergen. Die vor einigen Monaten gegründete Berner Studenten Schass Chewra (Talmud-Verein) feierte am Vorabend des Chamischa-Asar (gemeint 15. Schewat) eine Sijjum zum Traktat Nedarim. Zu dem Feste waren als Gäste anwesend: aus Baden die Herren Rabbiner Dr. Ehrmann und H. Schwarz, aus Basel Herr Rhein und aus Zürich die Herren Mannes und H. Kahn.
Nachdem Herr Rabbiner Dr. Ehrmann den Traktat fertig gelernt, begann Herr Schwarz mit dem Traktat Sanhedrin. Bei dem Festmahle begrüßte Herr cand. phil. Seliger die verehrten Gäste und dankte ihnen in warmen Worten für ihr Erscheinen. Er feierte sodann Herrn Rabbiner Dr. Ehrmann, der in selbstloser Hingebung für das Judentum kämpft und lebt, dem auch das Zustandekommen des Talmud-Vereins zu danken ist.
Sodann ergriff Herr Rabbiner Dr. Ehrmann das Wort, um die beiden Traktate in Zusammenhang zu bringen. Er tat dies nicht in einer gekünstelten Weise, sondern mit tiefer Gründlichkeit. Herr Schwarz aus Baden versuchte dasselbe und zwar mit ähnlichem Erfolge. Sodann sagten die Herren cand. phil. Lichtig, Klein und Seliger die Worte Schema..., die mit großem, wohlverdientem Beifall aufgenommen wurden. Herr Mannes aus Zürich toastete in herzlichen Worten auf den Präsidenten des Vereins, Herrn Seliger. Herr Kahn aus Zurück leerte sein Glas auf das Wohl der Vereinsmitglieder, Herr stud. phil. Klein schilderte sodann in humoristischer Weise die Schwierigkeiten, mit denen der Verein zu kämpfen habe, und legte das Gelöbnis ab, dass der Verein ausharren werde um Gottes und um unserer Tora willen. In wohlgesetzten und begeisterten Worten sprachen noch die Herren Studenten Lichtig, Adler, Mharschak und Sackind.
Erst um 4 Uhr morgens war das herrliche Fest zu Ende. Die Festesfreude lebt aber noch fort in den Herzen der Teilnehmer, und sie wird noch lange nachklingen. Vielleicht wäre noch der trefflich zubereiteten Speisen zu gedenken, die von der streng koscheren Pension Schneider geliefert wurden. Das war ein Sijjum, wie ihn Bern seit dem 14. Jahrhundert sicherlich nicht gesehen hat."
Fortschritte im jüdischen Gemeindeleben in Bern - Gründung eines Chewrat Schas (1902)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. November 1902: "Bern, 12. November (1902). Seit einer Reihe von Jahren führt mich meine geschäftliche Reiseroute zweimal jährlich in die Schweiz. Mit großem Interesse habe ich den unverkennbaren Fortschritt verfolgt, der sich in Ausbreitung und Erstarkung des alten Judentums an vielen Orten daselbst geltend macht. Woran ein jüdischer Geschäftsreisender dabei zuerst denkt, ist die Gelegenheit, koscher zu essen. Diese Gelegenheit ist, trotz des fast schon zehn Jahre bestehenden Schächtverbots, heute viel häufiger, als früher! und was das Wichtigste ist, es sind zum großen Teil Restaurationen, die nicht nur dem Namen nach, sondern in Wirklichkeit koscher geführt werden. Eine solche Restauration ist die von dem Hamburger Verein für rituelle Speisehäuser empfohlene Pension Schneider, in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes. Was ich dort dieser Tage erlebt habe, hat mich wie ein Märchen aus Tauschen und Eine Nacht angemutet.
Ich war etwas später als sonst zu Tisch gekommen und hörte auf dem Korridor laut von mehreren Stimmen Gemara lernen! In Bern Gemara? Bern ist eine Gemeinde, nicht besser und nicht schlechter als viele andere, die mit ihren ca. 50 Mitgliedern die ganze Woche hindurch kein Minjan hat, wer konnte in Bern Gemoro lernen? - 'Das ist die Berner Schaß-Chewro!' (sc. Talmudverein) wurde mir auf mein Befragen erklärt, eine Erklärung, die mein Staunen noch erhöhte.
Auf mein Verlangen wurde ich eingeführt und konnte nun zunächst konstatieren, dass die Berner jüdische Gemeinde an dieser Chewrat Schass in der Tat ganz unschuldig ist. Es sind ca. zwölf hiesige Studenten, die hier aus aller Herren Jeschiboth zusammengeströmt sind und sich zu einer Schaß-Chewro konstituiert haben. Man lernte den Talmudtraktat Sanhedrin, aber die zwölf Herren, besitzen nur drei Sanhedrin-Exemplare.
Vielleicht hat diese Mitteilung zur Folge, dass den Herren, die sämtlich mit irdischen Gütern nicht allzu reich bedacht sind, einige Exemplare des Talmudtraktates Sanhedrin überlassen werden. Es gibt an vielen Orten Deutschlands aus der Zeit, in der noch fleißig gelernt wurde, Seforim, die durch ungenügende Benützung verstauben und vergilben. Eine nicht gut angebrachte Pietät, möchte diese Seforim lieber von Wärmern verzehren lassen, als dass sie von Menschen im Eifer des Gefechts beschmutzt oder gar zerrissen werden. Viele halten diese Seforim wie heilige Reliquien auch deshalb zurück, weil sie keine Gelegenheit haben, sie an Orten unterzubringen, an welchen sie richtig benützt werden. Diesen sei die Schaß-Chewro zu Bern recht warm hierdurch empfohlen. - Adresse: Cand.phil. Frankl, Pension Schneider in Bern. Äußeres Bollwerk 23. Auch Herr Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz) ist bereit, Exemplare entgegen zu nehmen und weiter zu befördern."
Generalversammlung des Vereins "Zion" in Bern (1902)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. November 1902: "Bern, 14. November (1902). In Nr. 87 Ihre geschätzten Blattes bringen Sie an leitender Stelle einen Artikel, betitelt 'Sonderbare Auswüchse', der die Meinung aufkommen lassen könnte, als wäre Bern eine verstoßene Stadt, als wären dort nur Elemente, denen die Religion gar nichts bedeutet. Ich will auf den Artikel nicht weiter eingehen, ich fühle mich nicht dazu berechtigt. Ich möchte Ihnen nur zur Orientierung einen objektiven Bericht einsehenden über eine Generalversammlung des
Vereins 'Zions', der den Gegenstand des allgemeinen Alarms auf seiner Tagesordnung hatte. Die Versammlung fand am Sonntag, den 2. dieses Monats statt, wohlgemerkt also vor dem Erscheinen Ihres Artikels.
Der Verein 'Zion' ist die größte zionistische Gruppe am Ort und besteht gleicher Weise aus Akademikern und Nichtakademikern; alle aber schienen in gleicher Weise durch den Fall erregt. Herr Vizepräses H. Propser stellte den folgenden Antrag: 'Der Verein 'Zion' mit den zwei anderen gleichgesinnten zionistischen Vereinen Berns ersucht das Landeskomitee, es möge den 'Akademischen Zionistenverein', der durch seinen Beschluss, am Jom Kippur zu kochen, sich in Gegensatz zum Baseler Programm gestellt hat, aus der Liste der Schweizer Zionisten-Vereine streichen.' (Land andauernder Beifall).
Herr cand. phil. Sinnreich unterstützt energisch den Antrag. Nicht das Häuflein Akademiker, dieser geringe Bruchteil der Berner zionistischen Akademiker, überhaupt nicht Akademiker und Doktrinäre fördern die Zionsidee und machen sie aus, sondern die Massen unseres Volkes im europäischen Osten, das treu an dem Glauben der Väter hänge und sich keine Angriffe auf denselben bieten lasse. Diese Massen in ihren heiligsten Gefühlen verletzen, hieße dem Zionismus seine Grube graben.
Mit gleicher Schärfe sprachen Herr cand.phil. Danzig und cand. phil. Salkind; der letztere geht schwer mit der Fraktion ins Gericht, deren Einfluss dem Zufall zuzuschreiben sei, und die aus falsch verstandenem Individualismus heraus, zugleich unter dem Vorgeben demokratischer Gesinnung, meine, mit dem geistigen Besitzstand der Massen willkürlich und selbstherrlich umspringen zu können.
Herr cand. phil. Auerbach führt aus, auch der freisinnige Zionist müsse nicht weniger entschieden gegen solch unerhörtes Vorgehen Stellung nehmen. Es bedeute eine Verletzung des historischen Lebensträgers des jüdischen Volkes, durch das es alle Leiden seines Golusdaseins überdauern möchte.
Herr Präsident cand. phil. Abrahamsohn demonstriert überzeugend, welch' großer Schaden die zionistische Agitation bedrohe, wenn solche Akte Nachahmung fänden, welche scharfe Waffe insbesondere die Gegner des Zionismus darauf schmieden könnten. Er bekräftigt seine Befürchtung aus eigener Erfahrung in agitatorischer Arbeit.
Es sprachen in gleichem Sinne Herr Hauser, Schärf, Waldhorn und andere; keine einzige Stimme wich von dem Grundton ab. Mit uneingeschränkter Einmütigkeit beschloss die Versammlung:
1) Es wird die schärfste Missbilligung, volle Verachtung und tiefster Abscheu gegenüber dem Vorgehen des 'Akademischen Zions-Vereins' ausgesprochen. Gleichzeitig wird auch eine vollständige öffentliche Lossagung von dem Vereine dokumentiert.
2) Es sei in der Parteipresse diese niederträchtige Handlungsweise nach Gebühr in schärfster Weise zu tadeln.
3) Es sei in Gemeinschaft mit den zwei anderen Zionsvereinen beim Landeskomitee der Ausschluss dieses Vereins von der Liste der schweizerischen Zionsvereine zu beantragen.
Um letzteren Punkt zur Ausführung zu bringen, fand am 4. dieses Monats eine Vorstands-Konferenz dieser Vereine statt, die auch von einem Landeskomitee-Mitglied besucht war. Es sind auch Beschlüsse gefasst worden, dass die drei Vereine sich energisch zur Wehr setzen, mit dem nciht schmeichelhaft klingenden Namen Zionisten 'Berner Kalibers' geschmückt zu werden. Die Erklärung soll im 'Israelit' veröffentlicht werden.
In gleicher Woche haben junge Leute wieder die üblichen Toralern-Kurse, oder echt jüdische gesagt Schiurim aufgenommen. Es sind zumeist Herren, die vor dem Examen stehen. Ihren Schiur wollen sie aber unter keiner Bedingung aufgeben. Diese Herren sind auch Zionisten. Diesen echt frommen jungen Akademikern und Zionisten 'Berner Kalibers' fällt wohl auch eine Schuld zu? Hat der Zionismus vielleicht auch diese Herren zu Jom-Kippur-Regierern gemacht? Das mutet man den Schülern der beiden Frankfurter Jeschibos zu! Es ist ein Unglück, dass der Akademische Zionistenverein einen solchen irreführenden Namen trägt. Es ist darum nicht unnötig, nochmals zu betonen, dass die Jom-Kipper-Regierer einen überaus geringen Bruchteil der zionistischen Akademiker betragen. Dagegen verkehren in der Pension Schneider, Sammelpunkt aller Religiösen und Schulchan-Aruch-Juden, sowie National-Juden, fromme, streng-fromme Studenten, denen der Zionismus doch eine ehrliche Sache ist. Gottfried Freudmann, cand.phil." .
Vortragsreihe an der Universität zugunsten der notleidenden Juden in Rußland (1905)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 8. Dezember 1905: "Bern. Ein schöner Gedanke wird zur Unterstützung der Notleidenden in Russland von der hiesigen Universität in den nächsten Tagen in die Tat umgesetzt. Es wird ein Zyklus von vier Vorträgen veranstaltet, die alle das Wesen der Toleranz behandeln. Professor Dr. Stein spricht über 'Toleranz in der Philosophie', Professor Dr. Marti über 'Toleranz in der Religion', Professor Dr. Hilty über 'Toleranz im Staatsrecht', Professor Dr. Woker über 'Toleranz in der Universalgeschichte'. Der Ertrag der Veranstaltung wird dem erwähnten Zwecke zugeführt."
Allgemeine Zionistenversammlung des Akademischen Zionisten-Vereins in Bern (1906)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 23. März 1906: "Bern. Eine allgemeine Zionistenversammlung einberufen vom Akademischen Zionisten-Verein in Bern hat nach einer Reihe von vorausgegangenen Vorträgen und Debatte folgende Resolution mit allen gegen 4 Stimmen angenommen: In Erwägung, dass das Mittel zur Erreichung des Zionistischen Endziels das Basler Programm in erster Linie 'die zweckdienliche Förderung der Besiedelung Palästinas durch jüdische Ackerbauer, Handwerker und Gewerbetreibende' bezeichnet und dass der VII. Kongress sich in einer klar und deutlich abgefassten Resolution im selben Sinne ausgesprochen hat, in Erwägung gerner, dass trotz allen politischen, finanziellen und technischen Schwierigkeiten, sowie der bei solchen Unternehmungen gebotenen Vorsicht dennoch die Möglichkeit besteht, jetzt schon große Ländereien und verschiedene Konzessionen in Palästina zu erwerben, die Entstehung neuer Ansiedelungen zu fördern und die alten durch verschiedene soziale Wohlfahrtseinrichtungen kulturell und ökonomisch zu heben, sowie durch ein rationelles System billiger Kreditgewährung eine Anzahl für die Urbarmachung des Landes höchst wichtiger privater Unternehmungen ins Leben zu rufen,
dass in der trostlosen Lage in der sich unser Volk befindet, sich die Augen vieler erwartungsvoll auf den Zionismus richten und derselbe als die populärste jüdische Volksbewegung endlich von der Propaganda zur Tat überzugehen und mit der unmittelbaren realen Arbeit in Palästina zu beginnen at, will er sich nicht der Gefahr aussetzen, das Vertrauen der breiten Massen nicht allein, sondern auch eines Teiles der Parteianhänger einzubüßen,
dass bei der gegenwärtigen intensiven Emigration der östlichen Juden ein teil der Emigranten, darunter auch mehr oder weniger Wohlhabender, sich auf eigene Initiative nach Palästina begibt und bei einem orientierenden und informierenden Beistand seitens unserer zionistischen bestehenden und noch ins Leben zu rufenden Institutionen sich daselbst niederlassen würde, um Handel und Gewerbe zu treiben,
ladet der A.Z.-V. in Bern das zionistische A.-K. ein, unverzüglich eine lebhafte praktische Tätigkeit in Palästina in der oben angedeuteten Richtung zu entfalten, die vom A.-K. bereits gefassten diesbezüglichen Beschlüsse, wie die Eröffnung von neuen Bankfilialen, Auskunftsbüros, Arbeitsnachweisen usw., ohne Aufschub zu realisieren und mit Anspannung aller Kräfte denjenigen jüdischen Emigranten, die auf eigene Initiative nach Palästine gehen und mitunter recht beträchtliche Kapitalien zur Verfügung haben, mit Rat und Tat beizustehen, um ihnen den dauernden Verbleib im Lande zu ermöglichen.
Der A.Z.-V. in Bern richtet hiermit zugleich die Aufforderung an die gleichgesinnten Zionistenvereine allerorten, sich auf den Boden obiger Resolution zu stellen und ihre diesbezüglichen Beschlüsse öffentlich kundzugeben."
Aufruf an die jüdisch-nationalen Studentenverbindungen zur Gründung eines "Weltbundes aller zionistischen Korporationen" (1906)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. Dezember 1906: "Bern. Die jüdisch-nationale Studentenverbindung 'Kadimah' versendet folgenden Aufruf: Aufruf an die jüdisch-nationalen Studentenverbindungen aller Hochschulen.
Kommilitonen! Im Rahmen der Zionistischen Bewegung fällt den jüdischen Studenten, als zukünftigen Trägern und Verkündern der nationalen Idee, eine große Rolle zu. Auf Jung-Juda ist das Auge der Welt, die Hoffnung aller Juden gerichtet; ihm, dem Inhaber jugendlicher Kraft und fröhlichen Muts liegt es vorzüglich ob, den für das jüdische Volk arbeitenden und in langem, schwerem Kampfe ermatteten Männern Israels das Joch ertragen zu helfen. Dass die jüdische Studentenschaft diesen auf sie mit Recht gesetzten Erwartungen nicht in jeder Weise entsprach, ist vielleicht nicht gerade in der Ermangelung ihrer Begeisterung für das jüdische Interesse, sondern viel eher in der ungenügend flotten und planmäßigen Organisiertheit zu suchen, welche scheinbar die jüdischen Korporationen auszeichnet, ohne dass wir in der Tat dieses Rufes würdig wären. Die jüdischen Korporationen arbeiten, abgesehen von einigen Kartellen und Reichsverbänden an dem Aufschwung des jüdisch-nationalen Gedankens ganz unabhängig voneinander, jede in und für ihre Umgebung, obwohl der Anschluss und die Zusammenschweißung sämtlicher zionistischer Korporationen, schon infolge der Gemeinsamkeit ihrer Interessen, viel sicherere, raschere und hauptsächlich dauerndere Leistungen zu Tage fördern könnte. Von solchen Grundsätzen ausgehend, treten wir an euch mit dem Vorschlage eines
'Weltbundes aller zionistischen Korporationen',
indem wir euch gleichzeitig die von uns zu diesem Zwecke ausgearbeiteten Statuten behufs Genehmigung vorlegen:
§ 1. Der Weltbund zionistischer Korporationen macht sich die Vereinigung sämtlicher auf dem Boden des Zionismus stehenden jüdischen Studentenverbindungen zur Aufgabe.
§ 2. Der W.B.Z.K. hat zum Zweck das gemeinsame Vorgehen aller zionistischer Korporationen in allen den Zionismus und das Judentum angehenden Fragen und nach Möglichkeit für den Zionismus in akademischen kreisen Propaganda zu machen.
§ 3. Als Mittel zur Erreichung des (in § 2) angegebenen Zieles dienen: a) Die Einberufung von Konferenzen aller dem W.B.Z.K. angehörenden Korporationen, die sowohl über die Lage der jüdischen Studenten, als auch über allgemeine jüdische Zeitfragen zu bearten haben. b) Die Veröffentlichung von Broschüren und Flugschriften. c) Die Herausgabe eines die Interessen des W.B.Z.K. verfechtenden, periodisch erscheinenden Organs.
§ 4. Sämtlichen dem W.B.Z.K. zugehörigen Korporationen wird es zur Pflicht gemacht, sich gegenseitig mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu unterstützen.
§ 5. Zur Herbeischaffung der erforderlichen Geldmittel dienen die Korporationsbeiträge, welche je nach der Mitgliederzahl der betreffenden Korporation proportionell erhoben werden.
§ 6. Die Leitung des W.B.Z.K. liegt in den Händen eines, für die Dauer eines Jahres gewählten Vorstandes, bestehend aus Präsidium, Sekretariat und Kassaverwaltung.
§ 7. Der Leitung steht das Einberufungsrecht der Konferenz zu.
§ 8. In den Machtbereich der Konferenz fällt: a) Aufstellung der Tagesordnung. b) Wahl der Leitung. c) Beschlussfassung über Aufnahme oder eventuellen Ausschluss von Verbindungen.
§ 9. Für die Beseitigung eventueller Streitigkeiten zwischen den zum W.B.Z.K. gehörenden Korporationen wird ein ausschließlich zu diesem Behufe gewählter E.R. (Ehrenrat) eingesetzt.
§ 10. Die Devise des W.B.Z.K. lautet: 'Mit vereinter Kraft für Volk und Vaterland'.
Wir bestehen nicht ausdrücklich auf die Annahme dieser Statuten ohne jedwede Modifikation, sondern sind gerne bereit, jeglichen Vorschlag, es sei denn, dass derselbe die Erweiterung oder Einengung obiger Statuten bedeute, insofern er den Prinzipien unserer Bestrebungen nicht zuwiderläuft, und sich praktisch ausführen lässt, zu prüfen, und nach Gebuhr zu berücksichtigen. Wir sind der starken Zuversicht, dass es keine jüdisch-nationale Korporation versäumen wird, diesen Aufruf ihrem Konvente zwecks ernster Durchberatung vorzulegen und uns die darüber gefassten Beschlüsse oder eventuellen Anträge umgehend mitzuteilen. Mit Kampfesruf und Zionsgruß!
Die jüdisch-nationale Studenten-Verbindung Kadimah, Bern.
Adresse Bern (Schweiz), Restaurant Schäfer, Kornhausplatz."
Literarisch-musikalische Soiree des Vereins Talmud-Thora (1907)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 15. März 1907: "Bern (Schweiz). Der Verein Talmud-Thora, dessen Zweck es ist, den Kindern der hier aus Osteuropa eingewanderten Juden einen gediegenen hebräischen Unterricht angedeihen zu lassen, veranstaltet am 3. März dieses Jahres eine literarisch-musikalische Soiree mit nachfolgendem Tanz, die einen ausgezeichneten Verlauf nahm. Zu der Veranstaltung hatten sich eingefunden:
Herr Prof. Dr. Mai, Herr Boneff, Präses der jüdischen Kultusgemeinde Bern, die Vertreter der jüdischen akademischen Korporationen an unserer Universität und ein zahlreiches aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Berns sich rekrutierendes Publikum.
Herr cand. phil. Rosner begrüßte das Publikum und erteilte Herrn cand. phil. S. M. Melamed das Wort zu der Festrede 'Nationale Erziehung und nationale Kultur'. - Über die mit großem Beifall aufgenommene Festrede des Herrn Melamed brauchen wir hier nicht zu berichten, da sie in Bälde auf anderem Wege einer größeren Öffentlichkeit bekannt gegeben werden wird.
Herr cand. phil. Eugen Lewin, ein wahrer Virtuos der Rezitation, trug 'Sturm' von Moritz Rosenfeld vor und erzielte sowohl für den Dichter als für seinen Vortrag großen Beifall-.
Hierauf trugen mehrere Knaben und Mädchen hebräische Gedichte und Weisen vor, die dem Abend sein eigenartiges Gepräge gaben. Am musikalischen Teil wirkten gütigst Herr Carl Rittmann, Mitglied des hiesigen Stadttheaters, Herr Prof. Dr. Mai, der Komponist von 'Braut von Messina', und Herr Wilhelm Onken, Sohn des hiesigen Universitätsprofessors Dr. A. Onken, mit.
Den zweiten Teil des Abends füllten Tanz und Tombola aus. - Die Veranstalter des Abends dürfen sowohl mit dem materiellen, als auch mit dem moralischen Erfolg des Abends zufrieden sein."
Generalversammlung des Talmud-Tora-Vereins (1908)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 13. März 1908: "Bern (Schweiz). Verein Talmud-Tora. In der Generalversammlung erstattete der Vereins-Präsident, Herr Herrmann Hauser, den Bericht, dem zufolge sich die Einnahmen vom 10. März 1907 bis zum 31. Januar 1908 auf insgesamt 2415 Francs und die Ausgaben auf 24122 Francs beliefen. Das Total des Vereinsvermögens beträgt 486.42 Francs. Der Finanzbericht wurde mit Genugtuung aufgenommen und dem Vorstande, der aus den Herren Hermann Hauser, N. Kämpf, J. M. Melamed und Schermann besteht, der Dank des Vereins ausgesprochen.
Über die innere Lage des Vereins referierte Herr J. M. Melamed. Der Verein wird von 50 Kindern beiderlei Geschlechts besucht. Die Gegenstände des Unterrichts, der in hebräischer Sprache erteilt wird, sind: Hebräische Sprache, Gesetzeslehre, jüdische Literatur und jüdische Geschichte. Das Lehr-Programm wird von der Schulkommission, die aus den Herren Dr. J. Rablein, Hurwitz, Melamed, Waldhorn und Rosenfeld besteht, ausgearbeitet. Die Kommission wacht über den Unterricht und die Einhaltung des Programms. Die letzthin abgehaltenen Prüfungen haben ein gutes Resultat ergeben. Ein großer Teil der Schulkinder spricht geläufig hebräisch, und mit den anderen Kindern kann man sich ebenfalls hebräisch verständigen. Der Religionsunterricht ist erweitert worden.
Zum Vorstand für das nächste Jahr werden bestellt die Herren H. Hauser, Scheinmann, Kämpf und J. M. Melamed."
Gründung eines orthodox geprägten Vereines jüdischer Akademiker "Tachkemonia" (1908)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1908: "Bern, 1. Juni (1908). An unserer Universität, die von einigen hundert jüdischen Studenten besucht wird, hat sich schon längst in den Kreisen der gesetzestreuen jüdischen Hochschüler das Bedürfnis geltend gemacht, einen Zusammenschluss sämtlicher Gesinnungsgenossen herbeizuführen. In diesem Semester ist dieser lang und heißt ersehnte Wunsch endlich zustande gekommen. Es wurde hier vor ungefähr 2 Wochen ein Verein jüdischer Akademiker, die auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stehen, begründet. Der Verein, der den Namen 'Tachkemonia' führt, hat es sich zunächst zum Ziele gesetzt, sämtliche Gesinnungsgenossen zu einem einheitlichen Bunde zu vereinigen und somit einen Austausch der Ideen zu bewerkstelligen. Ferner hat der Verein einen Gemara Schiur eingerichtet, der täglich abgehalten wird. Ebenso hat er einen Zyklus von wissenschaftlichen Vorträgen auf dem Gebiete der Religionsphilosophie, die allsabbatlich und an jedem Feiertage abgehalten werden, eingeführt. Außerdem geht die Tendenz des Vereins dahin, eine Zeitschrift 'Tachkemauni' herauszugeben, in der wissenschaftliche Aufsätze, sowie die Vorträge, die von den Mitgliedern allsabbatlich gehalten werden, in Druck erscheinen zu sollen."
Über die "1. Konferenz zionistischer Studenten aus Osteuropa" und die "Landeskonferenz für hebräische Sprache und Kultur" (1912)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. April 1912: "Brief aus Bern.
Bern! Ein Name, der in der Geschichte der Renaissance des Judentums eine hübsche Anzahl von Blättern in Anspruch nehmen wird. Hat doch Bern schon so manchen jüdischen Pionier, so manchen Kämpfer für hebräische Sprache und Kultur hervorgebracht! Auch heute kann man hier die Töne der hebräischen Sprache im Bahnhof, in der Tram, in der Universität, auf den Straßen vernehmen.
Letztere Tatsache lässt schon ahnen, dass unter den jüdischen Studenten Berns, deren Anzahl sich jetzt auf ungefähr 350 beläuft, ein rege pulsierendes jüdisches Leben herrscht. Und in der Tat ist dem auch so. -
Vor allem ist hier der akademische zionistische Verein zu nennen. Dieser hat sch in der jüdischen Kolonie Berns, unter den alteingesessenen schweizerischen Juden und auch bei der christlichen Bevölkerung hindurch Popularität erworben, dass er alle zwei Woche Referate über jüdische wissenschaftliche und aktuellpolitische Themen, manchmal auch öffentliche Vorträge und Unterhaltungsabende veranstaltet.
Eine ersprießliche Tätigkeit entfaltet auch die Vereinigung 'Ibriah nut ihren hebräischen Sprachkursen und Vorträgen.
Ist nun auch das jüdische Leben unter den jüdischen Studenten Berns ein ziemlich reges, - freilich gibt's auch hier zahlreiche Assimilanten -, so erreichte es im letzten Monat seinen Höhepunkt, als vom 5.-9-. März die erste Konferenz zionistischer Studenten aus Osteuropa und die Landeskonferenz für hebräische Sprache und Kultur - ein Zweig der bekannten 'Histadrut lasasa ultarbuth ibrit' in Berlin - hier tagte. Die Geburtsstätte des Gedankens einer Organisation der zionistischen Studenten war der letzte Zionistenkongress in Base. Der Initiator war Prof. Ornstein (Holland), der eine Weltorganisation zionistischer Studenten vorschlug. Freilich wurde diese Idee nicht in die Tat ungesetzt. Jedoch eins geschah: Die zionistischen Studenten aus Osteuropa, die im Westen studieren, organisieren sich. Es wurde damals ein vorbereitendes Komitee auf fünf Personen gewählt das nun die erwähnte Konferenz einberief.
Zu der Konferenz hatten sich Delegierte aus München, Basel, Genf, Lausanne Nancy, Liège (Belgien) und Bern eingefunden. Die Verhandlungen nahmen einen überaus befriedigenden Verlauf. Es seien hier die wichtigsten Beschlüsse wiedergegeben:
1. Die Konferenz anerkennt das palästinensische Prinzip als den Hauptpunkt in der Arbeit der Organisation.
2. Die Mitglieder der Organisation sind verpflichtet, Palästina zum Mittelpunkte auch ihres Privatlebens zu machen und zu diesem Zwecke sich allen Ernstes, wissenschaftlich und praktisch, für Palästinaarbeit vorzubereiten.
3. Die Zweigvereine sind verpflichtet, Kurse für Palästinakunde einzurichten, und die Mitglieder müssen dieselben besuchen. Das Zentralkomitee hat die Aufgabe, einen Prospekt für Palästinakunde auszuarbeiten und ihn an sämtliche Zweigvereine zu versenden.
4. Die Zweigvereine müssen sich mit den Senaten der betreffenden Universitäten in Verbindung setzen behufs Einführung von Vorlesungen über Palästinakunde.
5. Die Mitglieder der Organisation sind verpflichtet, sich zu bestreben, dass sie als Doktorarbeiten Themen erhalten, die mit Palästina einen Zusammenhang haben, um auf diese Weise einen aktiven Anteil in der Palästinakunde im engeren und weiteren Sinn des Wortes zu nehmen. Die Studenten der Jurisprudenz - über türkisches und arabisches Recht, über das hebräische Leben und dessen gesetzliche Fundamentierung in unseren palästinensischen Kolonien, die Naturwissenschafter über das Land, Fauna, Flora und dergleichen, die Philosophen - über Themen aus der arabischen Literatur und semitische Philologie.
6. Das Zentralkomitee hat die Aufgabe, von Zeit zu Zeit Broschüren über Palästinafragen zu veröffentlichen.
Die Landeskonferenz für hebräische Sprache und Kultur wurde durch Schriftsteller S. A. Horodezky und den Dichter Jakob Kahn einberufen. Nach längerer Berichterstattung über die Tätigkeit der Ibriah-Vereine in der Schweiz wurden einige wichtige Resolutionen angenommen, die die Propaganda für Hebräisch in der Schweiz betreffen. M.B."
Über die Gründung einer Organisation zionistischer Studenten aus Osteuropa in Bern (1912)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 23. August 1912: "Bern. Die Leser des 'Frankfurter Israelitischen Familienblattes' werden sich noch erinnern, dass hier, im März eine Organisation zionistischer Studenten aus Osteuropa begründet wurde. Auf der Gründungskonferenz, die damals in Bern drei Tage hindurch tagte, und zu der sich Delegierte aus Liège, Nancy, München, Lausanne, Basel, Genf und Bern eingefunden hatten, wurde auch beschlossen, eine hebräische Zeitschrift herauszugeben.
Nun ist das auch geschehen. Vor mir liegt die erste Nummer des 'Hechawer' - so heißt die Organisation selber wie auch ihr Organ -, der vorläufig zweimal im Semester erscheinen soll. Für denjenigen, der sich für die Bestrebungen der jüdischen Studentenschaft interessiert, bietet der 'Hechawer' des Interessanten genug, wie bereits der nachfolgende Inhalt der ersten Nummer zeigt: 1. Unser Programm, 2. Die Aufgaben unserer Organisation in der Palästinaarbeit, 3. Zur Frage einer jüdischen Universität in Palästina, 4. Aus dem Leben der 'Kolonien' (gemeint sind die Kolonien der osteuropäischen Juden in der Schweiz), 5. Organisation von Zweigvereinen, 6. Protokoll der Konferenz, 7. Welt der jüdischen Studenten, 8. Bibliographie, 9. Feuilleton.
Interessenten mögen sich an M. Brand, stud.phil., Schopenhauerstraße 19, Frankfurt am Main wenden.
Die Nummer kostet 30 Centimes".
Zweite Plenarversammlung des Komitees "Pro Causa Judaica" in Bern (1916)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. September 1916: "Bern, 22. September (1917). Am 3. dieses Monats fand hier die zweite Plenarversammlung des Komitees 'Pro Causa Judaica' statt. Präsident Dreyfus-Brodsky erstattete den Bericht über die Tätigkeit des Komitees seit seiner letzten Plenarversammlung vom 3. Mai. Nach Beendigung der organisatorischen Vorarbeiten trat die Pro Causa Judaica durch Veröffentlichung ihres Manifestes in der in- und ausländischen Presse in die Öffentlichkeit. Das im Manifest enthaltene Programm der Pro Causa Judaica-Forderung der Gleichberechtigung in Russland und Rumänien und Behandlung der Frage kolonisatorischer Emigration wurde sowohl in jüdischen als auch in christlichen, zum Teil einflussreichen kreisen günstig aufgenommen, und die Tätigkeit d3es Komitees erfuhr lebhafte moralische und materielle Unterstützung. Das Komitee setzte sich sodann mit den Organisationen der neutralen Juden Europas und Amerikas in Verbindung, um sie zu gemeinsamer und einheitlicher Arbeit zwecks Besserung der Lage der in Osteuropa bedrückten Brüder zu gewinnen. Auch mit den jüdischen Organisationen der kriegführenden Staaten ist das Komitee in informative Fühlung getreten. Überall wurde die Initiative der Pro Causa Judaica freudig begrüßt und auch tätige Mitwirkung von vielen Seiten zugesichert. Daneben wurde die Aufklärungsarbeit in der Schweiz selbst in Wort und Schrift eifrig betrieben. In einigen Staaten steht auch die Gründung von der Pro Causa Judaica ähnlichen Komitees bevor. Nach Genehmigung der Berichts fasste die Versammlung mehrere Beschlüsse für die weitere Tätigkeit der Pro Causa Judaica und legte deren allgemeine Richtlinien fest."
Gedenkfeier für die Opfer der Pogrome in Galizien (1919)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Januar 1919: "Bern, im Januar (1919). Eine ergreifende Gedenkfeier für die Opfer der Pogrome in Galizien und besonders in Lemberg fand hier im Kasino statt. Der sonst Festlichkeiten dienende Bürgerratssaal war schwarz drapiert, und es griff ans Herz, als die Studentenverbindung 'Kadimah' mit der schwarz umflorten Fahne das Podium betrat. Man hatte mit Absicht anstatt eines Protestes eine Gedenkfeier gewählt, um den Polen jede Handhabe zu nehmen, wiederum zu behaupten, es handle sich hier um deutsche Propaganda gegen Polen. Die Beteiligung war vorwiegend christlich und der Saal war noch vor der festgesetzten Zeit bis auf den letzten Platz gefüllt. Schriftsteller Berthold Feiwel betonte in seiner Gedenkrede, dass er nur klagen, aber nicht anklagen wolle, aber diese Klage erhebt sich zu einer furchtbaren Anklage gegen Polen, welches das Morgenrot seiner Freiheit zu Pogromen missbraucht, die selbst die allrussischen Pogrome stark in Schatten stellen. Der politische Charakter der Pogrome liegt in dem Umstande, dass Polen Ostgalizien nur dann an sich reißen könne, wenn es die Juden einfach für sich mitzählen kann. Hierauf bestieg der älteste Pfarrer von Bern das Podium, Pfarrer Dr. Ryser, der auch der Präsident der Schweizer Kirchensynode ist, warf zuerst die Frage auf, was er als Pfarrer der christlich-reformierten Kirche bei einer Gedenkfeier für jüdische Märtyrer zu tun habe? Und seine Antwort war: 'Man müsste einen Stein und nicht ein Herz im Leibe tragen, wenn man da die Stimme der Entrüstung nicht erheben sollte. Er protestiere im Namen des Christentums gegen die Grausamkeiten, die in Galizien und ganz besonders in Lemberg vorgekommen sind. Fromme, ehrwürdige Juden, die sich schutzsuchend ins Gotteshaus flüchteten, bei der Tora Zuflucht suchten, wurden mitsamt den Torarollen und dem Gotteshause verbrannt. Es hätte da gar keinen Zweck, dazu zu schweigen und sich hinter dem Deckmantel der Neutralität zu verbergen, denn hier handelt es sich nicht um Ländereien, sondern um Menschen wie wir. Glauben etwa die Christen den Juden grollen zu dürfen, weil sie vor zweitausend Jahren unseren Heiland haben kreuzigen lassen? Viel edler sei es aber, ihnen zu danken, dass sie uns den Heiland geschenkt haben:' - Der Münsterpfarrer, Professor Dr. Hadorn, sprach im Namen der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Bern. Er erklärte, das gesamte Christentum, nicht nur das reformierte, müsse sich gegen die polnischen Gräueltaten erheben. Er erhofft in Palästina eine Zufluchtsstätte für die bedrängten Juden und erwartet, dass Jerusalem für die Juden das werde, was Rom für das Christentum ist. - Zuletzt sprach Prediger J. Messinger von der Jüdischen Gemeinde Bern. Er führte aus, dass ursprünglich diese Gedenkfeier im Gotteshause geplant gewesen sei, im Laufe des Abends habe sich aber dieser Saal in ein Gotteshaus verwandelt; von der Tiefe der blutigen Pogrome sind wir auf Sinais Höhen gelangt. Sein Schlussgebet klang in einem 'Jiskor' aus, welches von der ganzen Versammlung stehend angehört wurde. Die Leitung des eindrucksvollen und nachhaltig wirkenden Abends lag in den bewährten Händen des Schriftstellers York-Steiner."
Achad Haam ist in Bern eingetroffen (1920)
Anmerkung: Bei Achad Ha'am handelt es sich um Ascher Hirsch Ginsberg (1856-1927); weitere Informationen im Wikipedia-Artikel Achad Ha'am.
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. Februar 1920: "Zürich. (J.P.Z.) Achad Haam ist mit Tochter in Bern eingetroffen. Er will zur Kräftigung seiner Gesundheit zwei Monate in der Schweiz bleiben".
Der Berner Prozess um die sog. "Die Protokolle der Weisen vom Zion" (1935)
Anmerkung: in einem Gerichtsprozess ("Berner Prozess", der zwischen 1933 und 1935 in Bern stattfand, wurden die antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion zur Schundliteratur erklärt und deren Herausgeber zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Urteil wurde jedoch im November 1937 als formaljuristischen Gründen kassiert. Nachstehend wir nur ein Artikel wiedergegeben, in dem über den Prozess berichtet wird.
Literaturhinweis (Neuerscheinung Oktober 2011): Sibylle Hofer: Richter zwischen den Fronten. Die Urteile des Berner Prozesses um die 'Protokolle der Weisen von Zion' 1933-1937. Verlag Helbing Lichtenhahn 2011. 224 S. ISBN 978-3-7190-3144-2. CHF 48.- € 37.- Weitere Informationen auf einer eingestellten pdf-Datei.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Mai 1935:
"Der Berner Prozess um die 'Protokolle'. Bern, 6. Mai (1935).
Die Gutachtenerstattung durch Oberstleutnant a.D. Fleischhauer nahm ganze vier Tage in Anspruch. Der Gerichtsvorsitzende erklärte auf eine Anfrage der anderen Prozessbeteiligten, wie lange die Verhandlung noch dauern sollte, man habe nach dem in der Schweiz geheiligten Grundsatz der freien Meinungsäußerung dem Experten unbegrenzte Redezeit gelassen, er bitte ihn aber, da sein Gutachten schriftlich vorliege, sich selbst eine gewisse Beschränkung aufzuerlegen, umso mehr, als das Gutachten Baumgartens nur drei Stunden erforderte. Fleischhauer erwiderte darauf, sein Gutachten gehe tiefer auf die Dinge ein, als die der anderen und so müsse er sich unbeschränkt Zeit lassen.
Der Vorsitzende verwahrt sich energisch gegen einen Aufsatz in der Zeitung 'Alemanen', in dem er als 'Judensöldling' bezeichnet wird. Es werden auch andere Proteste und Gegenproteste von Prozessbeteiligten verlesen.
In seinen weiteren Ausführungen geht Fleischhauer auf die Herzl'schen Schriften ein, besonders auf den Roman 'Altneuland', aus dem er Andeutung auf die 'Protokolle' herausliest. das Judentum wolle nciht verraten, wo sich sein geheimes Staatsarchiv befinde und wer heute der 'oberste offizielle Weise'
sei. Bekannte Renegaten, die er bei Namen nennt, hätten die Echtheit der 'Protokolle' zugegeben. Der Experte besteht darauf, dass 1897 neben dem offiziellen Zionistenkongress noch eine Geheimversammlung des Orden 'Bne Brith' stattgefunden hätte, in der die Protokolle verfasst worden seien. Sämtliche Zionisten seien Mitglieder der Bne Brith-Loge. Die Echtheit der Protokolle sei durch den Charakter der Juden innerlich bestätigt. Zum Schluss bringt der Experte die 'Ernsten Bibelforscher' (eine bekannte christliche Sekte) mit Juden in Verbindung. Diese förderten die religiös politische Weltherrschaft der Juden genau wie die Zionisten deren staatspolitische Weltherrschaft. Nach dem Programm der Ernsten Bibelforscher, die sich nach seiner Auffassung nur äußerlich als christliche Gesellschaft tarnen, im Innern aber jüdischen Zielen dienen, 'werde Jerusalem die künftige Welthauptstadt sein und Abraham werde vom Berge Zion aus die Geschicke der ganzen Welt mittels vollkommener Rundfunkstationen lenken; alle Nichtjuden würden durch Beschneidung zu Juden gemacht werden.' Die Protokolle seien aus der gleichen Gedankenwelt geboren wie das Programm der 'Bibelforscher' und der Freimaurer, die auch für den Mord des österreichischen Thronfolgers verantwortlich seien. Die Frage, ob das Buch über die Protokolle unter den Begriff Schundliteratur falle, beantwortet Fleischhauer mit einem Angriff auf den Talmud und die jüdische Religion. So lange der Talmud freigegeben sei, könne die Schrift über die zionistischen Protokolle nicht als Schundliteratur bezeichnet werden.
Am Montag äußerte sich Professor Baumgarten zu einigen Punkten des Fleischhauer'schen Gutachtens. Es stehe für ihn außer Zweifel, dass es eine jüdische Geheimrehgierung nicht gibt. Es gehe nicht an, die Weltgeschichte einzig unter dem Gesichtspunkte der Judenfrage zu sehen. Judenverfolgungen hätten niemals den Völlern aus ihrer Not hinweggeholfen. Fleischhauer kenne nur die Juden, auf die er sich berufe, die Renegaten; ein Volk, das aber die Propheten, den Stifter und die Apostel hervorgebracht hat, dürfe nicht so bewertet werden. Er wendet sich auch gegen die Bewertung der jüdischen Ärzte durch Fleischhauer. Er, Baumgarten, sei kein unbedingter Judenfreund, wenn er sich aber die Juden vergegenwärtige, denen er im Leben begegnete, so müsse er bekennen, welche wundervolle Menschen er da angetroffen und wie viele herrliche Beispiele von Selbstlosigkeit er da erlebt hat. Wollte man sich immer nach Zitaten richten, dann könnte man jedes Volk moralisch in Grund und Boden verurteilen, denn über alle Völker sei schon Schlechtes gesagt worden. Man dürfe nicht, wie es die Talmudbeurteiler tun, von Dingen sprechen, von denen man nichts verstehe. Auf die 'Protokolle' zurückkehrend, weist der Sachverständige nochmals nach, dass diese von Anfang bis zum Ende eine Satire auf die Diktaturpläne Napoleons III. dargestellten und später von der russischen Geheimpolizei in eine jüdische Weltverschwörung umgefälscht wurden. Es sei absurd, den edlen, stille Achad Haam mit dieser Fälschung in Verbindung zu bringen. Den Tagebüchern Herzls stehe auch er, Baumgarten, in manchem kritisch gegenüber. Tagebücher seien aber keine historischen Dokumente und man könnte aus Tagebüchern anderer bekannter Persönlichkeiten noch weit Schlimmeres herauslesen. Dass die Juden sich als auserwähltes Volk bezeichnen, komme aus ihrem religiös stark fundierten nationalen Stolze, der aber auch anderen Völkern nicht fremd sei.
Nach Baumgarten kommt der gerichtlich bestellte Obergutachter, Schriftsteller C.A. Loesli, zu Wort. Als Teilnehmer an dem ersten Kongresse verneint er kategorisch, dass die zionistischen Führer, wie überhaupt der Zionismus, je etwas Anderes erstrebt hätten als eine rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Er schließt sich im Ganzen dem Gutachten Baumgartens an, dessen einzelne Punkte er mit den wahren Protokollen der Kongressverhandlungen belegt. Auf Grund von Urkunden steht fest, dass die Sammlung von Grundlagen für die Fälschung der 'Protokolle' seitens der russischen Ochrana (politische Geheimpolizei) bereits im Jahre 1884 begann. Als erwiesen ist zu betrachten, dass die 'Protokolle
in ihrer annähernd endgültigen französischen Fassung unter der Anleitung Ratschkowskys, Leiters der russischen politischen Geheimpolizei im Ausland im Jahre 1905 in Paris angefertigt und später noch ergänzt wurden. Die Fälschung diente internen russischen Motiven und sollte dem Zaren beweisen, dass es die Juden seien, welche sich gegen die damalige russische Staatsverfassung verschworen und die jüdische Weltherrschaft anstrebten. Damit sollte dem Zaren weisgemacht werden, dass die russische Bevölkerung mit seinen Regierungsmethoden zufrieden sei. Die an der Aufrechterhaltung des Absolutismus interessierten Kreise wollten verhindern, dass der Zar auf den Gedanken komme, Reformen einzuführen, die ihre Macht hindern könnten. Die Frage, ob Beweise vorliegen, dass die 'Protokolle' aus politischen Motiven gefälscht worden sind, muss bedingungslos bejaht werden. Der Sachverständige stellte in Übereinstimmung mit einer im Jahre 1921 von der großen englischen Zeitung 'Times' durchgeführten Untersuchung fest, dass die 'Protokolle' judenfeindlichen und anderen politischen Zwecken dienten. Sie boten den Anlass zu Judenpogromen und haben überall, wo sie sich auswirkten, furchtbare Folgen gehabt.
Auch nicht eine einzige Behauptung der Befürworter der Echtheit der 'Protokolle' hält einer unbefangenen, ernsthaften Prüfung stand. Überall, wo der Wahrheitsbeweis versucht wird, verwickeln sich die Beweisführer in Widersprüche.
Der Sachverständige kommt zum Schluss, dass das Buch über die 'Protokolle' in literarischer Hinsicht unbedingt unter den Begriff der 'Schundliteratur' falle."
Berichte über einzelne Personen in der jüdischen Gemeinde und an der Universität in Bern
Einige Mitteilungen von Dr. Simon Weil in Walkringen, u.a.: Herr Bloch ist zum Gemeindevorsteher in Bern wiedergewählt (1850)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Mai 1850: "Walkringen bei Bern, 19. April (1850). Vor wenigen Wochen hatte ich die Ehre, Ihnen einen Aufsatz über die bürgerliche Aufnahme des Herrn Professors Valentin, über die wahrscheinliche Nichtaufnahme der aargauischen Juden ins Bürgerrecht von Seiten des dortigen Verfassungsrates etc. einzusenden.
Es ist Ihnen aber, wie es mir scheint, ein falscher Bericht zugekommen, dass Herr Professor Valentin nicht angenommen sei. Sie werden es aber aus meinem Bericht ersehen haben. Seither habe ich mit einem Mitgliede des Verfassungsrates des Kantons Aargau gesprochen, der in Bern als Mitglied des eidgenössischen Nationalrats verweilt, dass keine Rede davon sei, dass die Sache der aargauischen Juden im Schoße des Verfassungsrates erledigt werde, sondern vor die gesetzgebende Behörde, den Großen Rat, müsse...
In Bern hat Herr Bloch, nach Verfluss seiner festgesetzten Zeit, sein Vorsteheramt niedergelegt, aber durch einstimmige Bitten es wieder auf drei Jahre angenommen.
Dass Herr Dr. Baswitz (Jude aus Preußen), Arzt in St. Immer, im dortigen Einwohnergemeinderat sitzt, wird Ihnen sicherlich als eine Anomalie vorkommen, insofern er nciht eingebürgert ist, und dennoch ist es seit einigen Jahren so. Von mir kann ich Ihnen nur noch sagen, dass mich das Departement des Innern zum Kreisimpfarzt meines Distrikts ernannt hat. Simon Weil, med."
Professor Dr. Gabriel Valentin aus Breslau erhielt das Kantonsbürgerrecht (1850)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. Mai 1850: "Bern, 20. März (1850). Freitag, den 8. dieses Monats erhielt Herr Professor Dr. Valentin vom hiesigen Großen Rate mit 73 gegen 27 Stimmen unentgeltlich das Kantonsbürgerrecht und ist somit nach der neuen Bundesverfassung auch Schweizerbürger geworden. Das Ortsbürgerrecht erhielt er im katholischen Dorfe Miécur (im Jura). Bei der Debatte über diesen Punkt verfochten die katholischen (juraischen) Großräte die Toleranz weit kräftiger als die reformierten. Hauptsächlich waren es die Patrizier, welche gegen diesen Akt der Humanität Bedenken erhoben, aber dennoch nicht wagten gegen den Petenten selbst etwas zu sagen und nur vor der Konsequenz in Beziehung der Juden im Allgemeinen warnten. Treffend erwiderte Herr Regierungsrat Dr. Schneider (der edle Menschenfreund und stete Vorkämpfer für Recht und Wahrheit), dass demnach Christus bei solchen Befürchtungen das Berner Kantonsbürgerrecht nicht erhalten könne. Auch andere wackere Redner sprachen warm für den Petenten und unter Anderem auch für die Emanzipation der Israeliten, z.B. Herr Oberst Kurz, Herr Regierungsrat Stockmar u.a."
Über die jüdische Gemeinde in Bern, über Prof. Dr. Gabriel Valentin und den Arzt Dr. Weil in Walkringen (1847)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Januar 1847: "Die israelitische Gemeinde zu Bern ist ungefähr aus den gleichen Elementen zusammengesetzt, 30 Familien zählend, und nicht bald wird eine städtische israelitische Gemeinde getroffen, die von der Zivilität und den feineren Sitten der städtischen Bewohner so wenig sich angeeignet wie die Israeliten zu Bern.
Leider ahnen die dasigen Juden die Nähe des Sternes nicht, der über den Zinnen ihrer Stadt leuchtet und auch nicht einen Schimmer seines glanzvollen Lichtes dringt in ihre Wohnung. Wir meinen den Herrn Prof. Dr. Valentin, der ungeachtet seiner christlichen Umgebung und seiner Stellung an einer christlichen Universität, dennoch dem Judentums nicht ferne steht und mit warmem Herzen an den Interessen des Judentums teilnimmt. Der gebildetere Israelit in der Schweiz freut sich, einen solchen Mann an einer schweizerischen Universität zu sehen, dessen hoher Charakter ihm die Achtung der bernischen Notabilitäten verschafft und ihn über allen dort herrschenden politischen Parteien erhaben hält. - In der Nähe von Bern lebt ein jüdischer Arzt - Dr. Weil aus Eichstetten - zu Walkringen im Emmental. Derselbe bekleidet die Stelle eines Militärarztes. Das Zutrauen, dessen Herr Weil sich bei seiner christlichen Umgebung zu erfreuen hat, verschafft ihm eine wohl ausgedehnte Praxis. Auch wurde derselbe in seiner Stellung als Arzt schon oft mit Aufträgen höheren Ortes beehrt. - Der in St. Imies lebende Dr. Basswitz ist auch Militärarzt und wurde in den dortigen Munizipalrat gewählt."
An der Universität Bern wirken vier jüdische Professoren (1861)
Anmerkung: über Prof. Moritz Lazarus siehe unten;
zu Prof. Moritz Schiff (1823-1896): nach dem Studium an deutschen Universitäten und Studienaufenthalt in Paris war er 1856 bis 1862 assoziierter Prof. für Anatomie und Zoologie an der Universität Bern, 1862 bis 1876 in Florenz, 1876 bis 1896 Prof. für Physiologie in Genf.
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Juni 1861: "Gelegentlich hier die Bemerkung, dass an der Zürich benachbarten Universität Bern vier Juden als Professoren wirken: Valentin und Schiff lehren Physiologie und Anatomie, Lazarus Philosophie und Hugo Schiff leitet das chemische Laboratorium."
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. November 1862: "Bern, 19. Oktober (1862). Wie die A.A.Z. von Turin aus sich schreiben lässt, hat Victor Emanuel das Ernennungsdekret des gegenwärtig hier lehrenden Prof. Schiff zum Professor der Anatomie und vergleichenden Physiologie am königlichen Museum zu Florenz unterzeichnet.
Bern, 23. Oktober (1862). Professor Dr. Lazarus aus Berlin, welcher seit einigen Jahren als Honorar-Dozent an der Berner Hochschule wirkte, ist zum ordentlichen Professor an derselben ernannt worden. Seine Vorlesungen über die psychologische Entwicklung der Völker haben den Ruf dieses Mannes bedeutend befestigt."
Über Professor Moritz Lazarus (1863)
Anmerkung: die Mitteilung bezieht sich auf Prof. Moritz Lazarus (1824-1903), Psychologe, seit 1850 Honorarprofessor an der Universität Bern (nicht in Zürich)- erster Professor jüdischer Herkunft an der philosophischen Fakultät; ab 1864 Rektor und Dekan an der Universität; 1867 nach Berlin berufen, seit 1894 Dr.h.c. der juristischen Fakultät der Universität Bern. siehe Wikipedia-Artikel oder Artikel im Historischen Lexikon der Schweiz.
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. August 1863: "Zürich, 10. August (1863). Professor Lazarus, der erst seit einem Jahre Professor ordinarius und Dekan der philosophischen Fakultät ist, wurde vom Senat für das nächste Jahre zum Rektor der Universität erwähnt. (So findet in der Schweiz gerade das Gegenteil wie in Preußen in der Behandlung der Israeliten statt - man will die Masse nicht gleichstellen, aber die Intelligenz hält man hoch! Red.)."
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1863: "Zürich, 10. August (1863). Professor Lazarus, der erst seit einem Jahre Professor ordinarius und Dekan der philosophischen Fakultät ist, wurde vom Senat für das nächste Jahr zum Rektor der Universität erwählt. Das erste Mal, dass ein Jude eine solche Würde bekleidet."
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. November 1863: "Prof. Lazarus lebt und wirkt in Bern, nicht aber in Zürich, wie es jüngst in diesen Blätter hieß."
Dr. Philipp Munk wird ordentlicher Professor an der medizinischen Fakultät der Universität Bern (1865)
Anmerkung: Dr. Philipp Munk (1833-1871) war ab 1865 als Pathologieprofessor an der medizinischen Fakultät tätig.
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. März 1865: "Bern, 10. März (1865). Der Dr. med. Philipp Munk, Dozent an der Universität zu Berlin, ein dort sehr geschätzter Arzt und in der medizinischen Literatur wohlbekannter Mann, ist am 1. März dieses Jahres in der Abend-Sitzung der medizinischen Fakultät zu Bern einstimmig als ordentlicher Professor an Stelle des nach Zürich berufenen klinischen Professors Birmer gewählt worden."
Zum Tod von Prof. Gabriel Valentin (1810-1888)
Artikel in 'Allgemeine Zeitung des Judentums' vom 5. Juni 1888: 'Bern, 24. Mai (1888). In vergangener Nacht verschied hier der rühmlichst bekannte Professor der Physiologie Gabriel Valentin. Er war am 8. Juli 1810 zu Breslau geboren und hat sich durch anerkannt tüchtige Werke auf dem Felde der Anatomie und Physiologie einen großen Ruf erworben, namentlich war sein ‚Lehrbuch der Physiologie des Menschen’ (Braunschweig 1849) zur Zeit sehr anerkannt, wenn es auch, wie es in den Naturwissenschaften bei der überaus schnellen Entwicklung derselben zu geschehen pflegt, jetzt längst überholt ist. Was uns den Verschiedenen besonders wert macht, ist seine Überzeugungstreue für seine väterliche Religion, die er wiederholt mit schweren Opfern betätigte. Frühzeitig für das akademische Lehrfach befähigt, war ihm als Juden in Preußen und Deutschland in jener Zeit in Aussicht genommen und er folgte deshalb einem Rufe an die Universität zu Bern, wo er einen ihm zusagenden Wirkungskreis fand. Als später in der liberalen Ära eine Berufung an eine preußische Universität an ihn erging, war ihm sein neues Vaterland, das ihn mit so großer Gastfreundschaft aufgenommen hatte, zu lieb geworden, um es wieder zu verlassen." .
Vier jüdische Frauen in Bern sind in wissenschaftlichen Bereichen erfolgreich tätig (1901)
Anmerkung: Frieda Samter promovierte über das Thema: "Studien zu Ben Jonson mit Berücksichtigung von Shadwell's Dramen". Universität Bern. 1900 62 S.;
Rachel Zipkin (geb. 1878 in Nürnberg, umgekommen 1944 im Ghetto Theresienstadt) promovierte 1902 über das Thema: "Beiträge zur Kenntnis der gröberen und feineren Struktur-Verhältnisse des Dünndarmes von Inuus Rheses. Bern 1903. 76 S.; nach ihrer Heirat mit Karl Rodler nannte sich sich Rachel (bzw. Anna) Rodler-Zipkin (Information in der Dokumentation 'Ärztinnen im Kaiserreich).
Lina Samelson-Kliwansky (geb. 1867 in Petersburg) verfasste: Ein Beitrag zur Kenntnis der Mammacysten mit butterähnlichem Inhalt. Bern 1905 23 S.
Anna Tumarkin: siehe Wikipedia-Artikel "Anna Tumarkin"
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Januar 1901: "In Bern bestand Fräulein Frieda Samter, Tochter des verstorbenen Stadtrats Dr. Samter - Danzig, das Doktorexamen magna cum laude in germanischer Philologie, deutscher und englischer Literatur. Eine Jüdin, Fräulein Zipkin, ist in Bern Assistentin am anatomischen Institut; im Laboratorium war Fräulein Dr. Samelsohn beschäftigt; Privatdozentin für Ästhetik und Literaturgeschichte ist Fräulein Dr. Tumarkin daselbst."
Zum Tod des Studenten Ernst Adolf Stein (1906)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 9. Februar 1906: "Bern, 3. Februar (1906). Der Student Ernst Adolf Stein, der Sohn des Professors und Dekans Dr. Ludwig Stein, hat sich gestern Abend erschossen. Das Motiv der Tat ist noch nicht bekannt."
Dozentin Dr. Anna Tumarkin erhält den Professor-Titel (1906)
Anmerkung: vgl. Wikipedia-Artikel "Anna Tumarkin"
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 22. Juni 1906: "Bern. Einer jüdischen Privatdozentin der Professor-Titel verliehen! Fräulein Dr. phil. Anna Tumarkin, eine Jüdin aus Kischinew (Russland), Privatdozentin für Geschichte der Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Ästhetik, ist der Titel 'Professor' verliehen worden. Diese seltene Auszeichnung zeugt für die hervorragenden Leistungen der Dame."
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Juni 1906: "Fräulein Dr. phil. Anna Tumarkin, Privatdozentin für neuere Philosophie, insbesondere Ästhetik, an der Universität Bern, wurde vom Regierungsrat des Kantons Bern zum Professor ernannt. Fräulein Professor Tumarkin ist aus Kischinew und hat in Berlin studiert. Sie hat sich besonders durch ihre Untersuchungen über Herders Verhältnis zu Kant, und Forschungen zur Geschichte des Assoziationsprinzips in der Ästhetik bekannt gemacht. Die venia legendi erhielt sie 1898."
Abschiedsfeier für den Schriftsteller Dr. Horodezky (1921)
Anmerkung: es handelt sich um den Schriftsteller Dr. Samuel Aba Horodezky (1871-1957).
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 8. Dezember 1921: "Bern. Die hebräisch sprechende Studentenschaft veranstaltete anlässlich der Übersiedlung des Schriftstellers Dr. Horodezky eine Abschiedsfeier".
Zum Tod des langjährigen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Henri Bonnef (1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juni 1930: "Bern, 6. Juni (1930). Im Alter von 79 Jahren starb hier am letzten Sabbat Henri Bonnef, der langjährige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Bern. Ein hochgebildeter Mann und von sehr stattlicher Erscheinung, kam er vor nahezu 60 Jahren als Sekretär des Hauses von Baron Rothschild nach Paris, wo er hohes Ansehen und uneingeschränktes Vertrauen genoss. Nach einer Wirksamkeit von 25 Jahren im Kreise dieses Welthauses, wo er mit dem Adel und der höchsten Aristokratie in engste Verbindung kam, zog er sich gänzlich ins Privatleben zurück. Seitdem aber widmete er seine ganze Zeit und seine ganze Kraft ausschließlich der Israelitischen Kultusgemeinde und deren gemeinnützigen Anstalten. Seit 25 Jahren war er der Präsident der Gemeinde und in seine Amtsperiode fallen die wichtigsten Entscheidungen für die Kultusgemeinde. So wurde unter seiner Führung vor knapp 25 Jahren die neue Synagoge erbaut, vor einem halben Jahre eine zeitentsprechende Friedhofshall mit besonderem Anbau für Kohanim, und nicht zuletzt die Mikwa, wie auch die Metzgerei und koschere Pension, die unter Aufsicht des Hamburger Vereins stehen. Er gehörte auch zu den Gründern des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, dessen Zentralvorstand er auch bis zuletzt angehört hat. An seiner Beerdigung waren fast sämtliche Gemeinden der Schweiz durch Delegationen vertreten. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."
Konsul Eugen Bloch wird Generalkonsul der Schweiz in Australien (1931)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. August 1931: "Bern. Die Schweizer Bundesregierung hat den bisherigen schweizerischen Konsul in Sydney, Eugen Bloch, zum Generalkonsul der Schweiz in Australien ernannt. Eigen Block ist der Sohn eines früheren jüdischen Arztes in Endingen, Aargau."
Anzeige der Restauration von Michael Weiler (1860)
Werbung für die Restauration der Witwe Bloch (1869)
Mitteilung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juni 1869: "Witwe Bloch in der Gurtengasse in Bern (Schweiz) beehrt sich, den israelitischen Reisenden ihre komfortabel eingerichtete Restauration in empfehlende Erinnerung zu bringen. Dieselbe befindet sich ganz in der Nähe des Bahnhofes und in der schönsten und angenehmsten Lage der Stadt."
Anzeige von J. H. Heller (1876)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Januar 1876:
"Spielwerke 4 bis 200 Stücke spielend; mit Expression, Mandoline, Trommel, Glockenspiel, Kastagnetten, Himmelsstimmen etc.
Spieldosen 2 bis 16 Stücke spielend, Necessaires, Zigarrenständer, Schweizerhäuschen, Photographiealbums, Schreibzeuge, Handschuhkasten, Briefbeschwerer, Zigarren-Etuis, Tabaks- und Zündholzdosen, Arbeitstische, Flaschen, Biergläser, Portemonnaies, Stühle etc., alles mit Musik. Stets das Neueste empfiehlt
J.H. Heller, Bern. Illustrierte Preiscourante versende franco. Nur wer direkt bezieht, erhält Hellersche Werke."
Anzeigen des Restaurants Schneider (1900)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juni 1900: "Für Reisende in die Schweiz.
Koscher - Restaurant Schneider - Koscher.
Bern, Brunnenhofweg 28. Referenz: Bezirksrabbiner Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz). Direkte Tram-Verbindung vom Bahnhof".
Anzeige der Groß-Metzgerei und Wurstlerei Ad. Dreyfuß (1901)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. August 1901:
"Metzgerbursche.
Ein tüchtiger jüdischer Metzgerbursche, welcher in der Charcuterie gut bewandert ist und auch an der Bank arbeiten und borschen kann, wird für sofort bei hohem Lohn gesucht; dauernde Stellung. Offerten sind zu richtigen an
Ad. Dreyfuß, Groß-Metzgerei und Wurstlerei (Detail-), Bern (Schweiz)."
Israelitisches Mädchen gesucht (1906)
Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 9. März 1906:
"Israelitisches Mädchen,
welches mit der streng rituellen Küche, wie mit allen Arbeiten vertraut, waschen und putzen kann, findet gut bezahlte Stelle in hiesiger Stadt. Reise frei, im
Bureau Leweil, Bern (Schweiz)."
Anzeige der Metzgerei und Wurst-Fabrik M. van Kollem (1916)
Anzeige im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" Jahrgang 1916 S. 233:
"Metzgerei und Wurst-Fabrik.
Koscher M. van Kollem Koscher.
Bern - Telefon 2884 - Genfergasse 5
empfiehlt sich für den täglichen Gebrauch in Wurst und Fleischwaren, jeden Tag frisch.
Spezialität: Krakauer Salami".
Anzeige der Pension Stern (1916)
Anzeige im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" Jahrgang 1916 S. 241:
"Streng Koscher. Pension Stern.
Unter Aufsicht des Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser in Hamburg.
Wallgasse 4. Bern."
Bereits im Mittelalter war eine Synagoge vorhanden.
Die seit Ende des 18. Jahrhunderts zugezogenen, zunächst nur wenigen jüdischen Personen / Familien konnten ab 1807 einen Betraum in einem Gebäude gegenüber der Französischen Kirche einrichten. Ob es derselbe Betraum war, der im Artikel von 1841 (siehe oben) als "Synagoge der Gemeinde" bezeichnet wurde, ist nicht bekannt.
Nachdem 1848 die "Corporation der Israeliten" konstituiert werden konnte, bemühten sich ihre Mitglieder um die Einrichtung einer Synagoge. Zunächst wurden die Gottesdienste noch in einem jüdischen Privathaus abgehalten. Im Juli beschloss die jüdische Gemeinde, ein Gebäude zu erwerben, das bisher das Versammlungslokal der Evangelischen Gesellschaft war. Der Ankauf erwies sich aus rechtlichen Gründen schwierig. Doch wurde das Gebäude Ende 1854 zunächst privat von zwei Gemeindemitgliedern - Emanuel Bloch und Eduard Sommer - gekauft, die die Liegenschaft später an den 1867 staatlich anerkannten "Cultusverein der Israeliten in Bern" übertrugen.
Im Laufe des Jahres 1855 investierte die Gemeinde eine beträchtliche Summe zum Umbau des bisherigen Versammlungslokals der Evangelischen Gesellschaft. Am 7. September fand die Einweihung der Synagoge durch Rabbiner Dr. Julius Fürst aus Endingen statt. Schon der Einweihungsgottesdienst zeigte die damals liberale Prägung der Gemeinde: ein gemischter Chor und eine Orgel gehörten zum Gottesdienst. Beides waren Charakteristika des liberalen Gottesdienstes, die von orthodox geprägten Juden abgelehnt wurden. In der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" wurde mehrfach über die Synagoge in Bern berichtet:
Ein Lokal für eine Synagoge wird gesucht (1851)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar 1851: "In Bern wird immer noch am Ankaufe eines Lokals für eine Synagoge laboriert. Wenn nicht böser Wille und Querköpfigkeit den Plan verhindern, so wird er sicherlich ausgeführt. Es bedarf aber der ganzen Energie des Herrn Bloch und dessen guten Willen für’s Judentum und seine Gemeinde, um nicht zu ermüden."
Für die Einrichtung einer Synagoge wurde ein Haus gekauft (1855)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Februar 1855: "Bern, im Februar (1855). Für die in Bern wohnenden 206 Israeliten haben zwei Juden ein Haus zur Ausübung ihres Gottesdienstes gekauft."
Einweihung der Synagoge mit Rabbiner Dr. Fürst aus Endingen (1855)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Oktober 1855: "Aus der Schweiz, 20. September (1855). Sie werden bereits die Kunde erhalten haben, dass Rabbiner Dr. Fürst in Endingen am 7. dieses Monats die Synagoge in Bern eingeweiht. Bei der Feierlichkeit, die mit Orgel und Choralgesang begangen wurde, war nicht nur die französische Gesandtschaft in aller Form anwesend (die Berner Juden wohnen nämlich als französische Bürger in der Schweiz), sondern auch der schweizerische Bundesrat, die Berner Regierung, Geistlichkeit und Subaltern-Beamten. Aller Schweizerblätter brachten die Nachricht in diesem Sinne. Der Rabbiner Herr Dr. Fürst blieb auch zu Rosch Haschana in Bern, obgleich seine Gemeinde ihm keine Erlaubnis gegeben. F."
Um 1900 war die bisherige Synagoge baufällig geworden. Auch fasste sie - vor allem an den Feiertagen - nicht mehr die in ihrer Zahl stark gestiegenen jüdischen Einwohner der Stadt. In einer Gemeindeversammlung vom 25. Dezember 1903 beschlossen die Mitglieder, eine Synagogenbaukommission ins Leben zu rufen. Diese begab sich zunächst auf die Suche nach einem geeigneten Bauplatz und einem Architekten. Nach Prüfung mehrere Grundstück entschied die Baukommission, einer weiteren Generalversammlung den Kauf einer Gründstückes an der Ecke Kapellenstraße / Sulgeneckstraße vorzuschlagen. Als Architekt wurden die Architekten Eduard Rybi sen. und jun. bestimmt. Sie hatten bereits mehrere Wohn- und Geschäftshäuser in Bern erstellt. Im Frühjahr 1905 legte Rybi sen. der Baukommission seine ersten Pläne vor, die in der Folgezeit mehrfach überarbeitet wurden.
Am 13. September 1905 konnte die Grundsteinlegung feierlich begangen werden, am 10. September 1906 war die Einweihung der Synagoge durch Rabbiner Dr. Littmann aus Zürich.
Die alte Synagoge wurde abgebrochen. Ihr Grundstück wurde zum Bau des neuen Posthauptgebäudes verwendet.
Der Bau einer neuen Synagoge wurde beschlossen (1904)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. Februar 1904: "In Bern hat sich ein israelitischer Kultusverein gebildet und den Bau einer Synagoge beschlossen".
Einweihung der neuen Synagoge (1906)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. September 1906: "Bern, 10. September (1906). Synagogen-Einweihung. Die hiesige israelitische Kultusgemeinde, deren alte Synagoge auf behördlichen Befehl wegen Baufälligkeit demoliert werden musste. weihte heute die neue Synagoge feierlichst ein. Gäste aus der ganzen Schweiz, sowie Vertreter schweizerisch-jüdischer Gemeinden waren zahlreich erschienen. Die Eröffnungs-Ansprache hielt Herr B. Baer, der Gemeindepräsident; er hob hervor, dass die Erbauung der Synagoge schwere materielle Opfer gekostet habe, und sprach der Stadt Bern für ihren Beistand, indem sie den Bauplatz schenkte, den Dank aus. Weihereden hielten die Herren Kantor Bloch und Rabbiner Dr. Littmann-Zürich.
Toraweihe in der Synagoge in Bern (1926)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Oktober 1926: "Bern, 5. Oktober (1926). Unvergesslich bleibt allen Teilnehmern die Feier der Toraweihe in der Berner Synagoge am Vorabend des Simchas Tora. Mit 'Ma Tauwu' war die Feier vom Chore eingeleitet, danach erfolgte das Minchagebet, sodann setzte der Chor das 'Wajhi binßoa' ein, worauf sämtliche Vorstandsmitglieder zur heiligen Lade emporgestiegen und die sieben Torarollen mit prachtvollem alten und neuern Silberschmuck aus der Hand des Gemeindepräsidenten empfingen und zum Haupteingang der Synagoge schritten im feierlichen Zuge, während der Chor das berühmte 'Sse-u Sch’orim' von Naumbourg sang, und nahmen Aufstellung unter dem blumenumkränzten Baldachin, wo die sieben Torarollen ihre Schwester Tora erwarteten.
Als dann die beiden Flügeltüren des Haupteinganges sich auftaten und die neue Sefer Tora in prangvollem Blumenschmucke sichtbar wurde, da hatte jeder das Gefühl, 'hier sprechen Jahrtausende zu uns', das unsterbliche Gotteswort strömt wieder in verjüngter Macht aus jüdischem Herzen. Vorbeter, Chor und Gemeinde sangen dann das 'Ono hauschiono no' solange bis der feierliche Zug um die gefüllte Synagoge vollendet war. Dann sang der Chor das Uwnuchau Jomar, und nach der Festpredigt und Maariw, Kidusch und Schlusschor war die seltene Feier harmonisch und würdig abgeschlossen und hinterließ einen tiefen Eindruck, was noch am andern Morgen bei der Toraspenden spontan zum Ausdruck kam. Selbstredend wird im ersten Jahre nur aus dem neuen Sefer geleint werden, soweit der Wochenabschnitt allein in Betracht kommt. Es bewahrheitet sich wieder das köstliche Wort von Israel: 'Scheinbar schlafe ich, indes mein Herz wach bleibt'."
Die Synagoge ist seit über 100 Jahren Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in Bern.
2006 konnte das 100-jährige Bestehen des Gebäudes feierlich begangen werden. Bereits seit 1971 ist an die Synagoge ein Gemeindehaus angebaut.
Adresse/Standort der Synagoge: alte Synagoge an der Genfergasse (frühere Anatomiegasse, "auf dem Bollwerk")
(Quelle: neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 27.8.2008)
Die Synagoge im August 2008
Blick auf die Synagoge von Südosten
(dieses Foto in hoher Auflösung) Blick auf die Synagoge (rechts) von
Südwesten mit angebautem Gemeindehaus Der First über der Ostseite
(diese Foto in hoher Auflösung)
Ostseite - Bereich des Toraschreines
(dieses Foto in hoher Auflösung) Gebotstafeln auf
dem First Das Eingangsportal
Die Synagoge Bern im Film:
Die Synagoge in Bern ist online auch in 3D zu sehen: Link zu synagogues360.org zu Bern
Website der Bundesstadt Bern
Website der jüdischen Gemeinde in Bern
Wikipedia-Artikel "Jüdische Gemeinde Bern"
Statuten der Israelitischen Kultusgemeinde Bern von 1923 (pdf-Datei)
Germania Judaica II,1 S. 74-77; III,1 S. 106-110.
Gustav Tobler: Zur Geschichte der Juden im alten Bern bis 1427. Bern 1889.
ders.: Bern und die Juden. In: Berner Taschenbuch 1893/94.
Eugen Messinger: Ein Rückblick auf die Geschichte der Juden in der Stadt Bern seit dem Jahre 1191. In: Festschrift zur Jahrhundertfeier der israelitischen Kultusgemeinde Bern 1848-1948 (Hrsg. von der Israelitischen Kultusgemeinde Bern) Bern 1948.
Emil Dreifuss: Juden in Bern. Ein Gang durch die Jahrhunderte. Verbandsdruckerei. Betadruck Bern 1983. Online eingestellt.
Ron Epstein-Mil: Die Synagogen der Schweiz. Bauten zwischen Emanzipation, Assimilation und Akkulturation. Fotografien von Michael Richter. Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz. Schriftenreihe des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, Band 13. 2008. S. 202-211 (hier auch weitere Quellen und Literatur)
Shifra Kuperman: Jiddisch an der Aare. Die Universität Bern und ihre ostjüdischen Studenten vor dem Ersten Weltkrieg. In: Jüdische Studien. Beilage des Instituts für jüdische Studien an der Universität Basel zum jüdischen Wochenmagazin Tachles. September 2011. S. 6-7. Online zugänglich.
Sibylle Hofer: Richter zwischen den Fronten. Die Urteile des Berner Prozesses um die 'Protokolle der Weisen von Zion' 1933-1937. Verlag Helbing Lichtenhahn 2011. 224 S. ISBN 978-3-7190-3144-2. CHF 48.- € 37.- Weitere Informationen auf einer eingestellten pdf-Datei.
Stand: 08. Dezember 2014

References: § 1

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§ 9

§ 10