Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/405aad860f64969c30855d3d8d569e11b3b6e9b944c3bfd77f2076ffb7be1530
Timestamp: 2018-11-15 11:30:02+00:00

Document:
BGH, 1 StR 469/13: BGH: unternehmer, strohmann, vorsteuerabzug, steuerhinterziehung, firma, stillschweigend, strafzumessung, anteil, verkaufskommission, fahrzeug
Urteil des BGH vom 29.01.2014, 1 StR 469/13
BGH: unternehmer, strohmann, vorsteuerabzug, steuerhinterziehung, firma, stillschweigend, strafzumessung, anteil, verkaufskommission, fahrzeug
Unternehmer, Strohmann, Vorsteuerabzug, Steuerhinterziehung, Firma, Stillschweigend, Strafzumessung, Anteil, Verkaufskommission, Fahrzeug
Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat am 29. Januar 2014 gemäß
Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Hamburg vom 29. November 2012 wird als unbegründet
1Das Landgericht hat den Angeklagten wegen (Umsatz-)Steuerhinterziehung
in neun Fällen und in einem weiteren Fall des Versuchs zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt. Hiervon wurden zwei
Monate als vollstreckt erklärt.
2Sämtliche Taten stehen im Zusammenhang mit internationalem Handel mit
hochwertigen Neufahrzeugen. Allen Fällen liegt im Kern zu Grunde, dass der
Angeklagte für die von ihm geführte A. in Umsatzsteuervoranmeldungen Vorsteuern aus Fahrzeugrechnungen mit Umsatzsteuerausweis geltend
gemacht hatte, denen keine Fahrzeuglieferungen der rechnungsausstellenden
Unternehmen zu Grunde lagen. Zudem hatte der Angeklagte, von einem Fall
abgesehen, bei Fahrzeuglieferungen an italienische Fahrzeughändler im Benehmen mit diesen die Fahrzeugrechnungen nicht auf diese, sondern auf
Scheinabnehmer ausgestellt und sich zu Unrecht auf die Steuerfreiheit innergemeinschaftlicher Lieferungen berufen.
3Insgesamt machte der Angeklagte unberechtigt Vorsteuern aus mehr als
200 Scheinrechnungen geltend. Soweit die Taten vollendet wurden, belief sich
der durch den Vorsteuerabzug aus Scheinrechnungen entstandene Steuerschaden zusammen auf rund 1,4 Mio. Euro und der Gesamtsteuerschaden auf
rund 2,6 Mio. Euro.
4Die auf die näher ausgeführte Sachrüge und Verfahrensrügen gestützte
Revision des Angeklagten bleibt im Ergebnis erfolglos.
5Näher auszuführen ist lediglich Folgendes:
61. Einige der von der Strafkammer als Scheinrechnungen bewerteten Fahrzeugrechnungen waren von Firmen ausgestellt, deren Geschäftsführer der
Zeuge G. war und die die Strafkammer deshalb als „G. -
firmen“ bezeichnet hat (im Folgenden daher: „G. firmen“).
7Dem liegt Folgendes zugrunde:
8a) Der Angeklagte betätigte sich als „Wiederverkäufer“ von Neufahrzeugen.
Den Vertragshändlern war es von den Fahrzeugherstellern untersagt, Neufahrzeuge an „Wiederverkäufer“ zu veräußern. „Wiederverkäufer“ wie die vom Angeklagten geführte A. wurden in „schwarze Listen“ aufgenommen, die
die Fahrzeughersteller den Vertragshändlern überließen. Dementsprechend
war es dem Angeklagten nicht möglich, für die A. Neufahrzeuge von
Vertragshändlern zu erwerben.
9Um dies zu umgehen, hatte G. Fahrzeuge nach vom Angeklagten vorgegebenen Ausstattungsmerkmalen ausgesucht und im Namen einer
der „G. firmen“ von verschiedenen Verkäufern erworben; das hierfür
erforderliche Geld hatte ihm der Angeklagte zu diesem Zweck zur Verfügung
gestellt. Bei Lieferung des Fahrzeugs überließ G. das Fahrzeug dem
Angeklagten für die A. und erteilte unter dem Namen der entsprechenden „G. firma“ der A. eine Rechnung mit Umsatzsteuerausweis (Rechnungen lfd. Nummern 3 bis 4, 6 bis 8, 10 bis 12 und 14 bis 15
der tabellarischen Darstellung, UA S. 24).
10Ob und ggf. inwieweit die jeweiligen Fahrzeugverkäufer Kenntnis vom Angeklagten und seinen Absprachen mit G. gehabt hatten, ist nicht
11b) Die Strafkammer hat diese Rechnungen als Scheinrechnungen angesehen, weil die „G. firmen“ bei der Belieferung der Firma des Angeklagten jeweils „nicht in eigener Verantwortung und auf eigene Rechnung“ und damit nicht „unternehmerisch“ tätig gewesen seien. Den Umstand, dass diese
Firmen gegenüber den Fahrzeugverkäufern im eigenen Namen aufgetreten
sind, hat die Strafkammer demgegenüber nicht als maßgeblich erachtet. Der
Sache nach hat die Strafkammer, ohne diesen Ausdruck zu verwenden, die von
dem Zeugen G. vertretenen Firmen erkennbar als „Strohmannfirmen“ angesehen.
122. Allerdings kann auch ein „Strohmann", der nach außen im eigenen Namen auftritt, im Verhältnis zum „Hintermann“ jedoch auf dessen Rechnung
handelt, Unternehmer im Sinne des Umsatzsteuergesetzes sein. Ein „Strohmann“, der von einem Dritten im eigenen Namen Leistungen bezieht, ist daher
nicht etwa deshalb nicht selbständig i.S.d. § 2 Abs. 1 Satz 1 UStG tätig, weil er
die Leistungen auf Rechnung des „Hintermanns“ empfängt und er dessen Weisungen verpflichtet ist (vgl. BFH, Urteil vom 18. Februar 2009 - V R 82/07,
DStRE 2009, 739, 740 f.; zu Leistungen durch einen „Strohmann“ vgl. BGH,
Urteil vom 9. April 2013 - 1 StR 586/12, NJW 2013, 2449 mwN; BFH, Urteil vom
26. Juni 2003 - V R 22/02, DStRE 2004, 153 mwN). Dementsprechend kann es
bei „Strohmanngeschäften“ zu einer Verdoppelung der Leistungsbeziehungen
kommen, so dass z.B. der Verkäufer an den „Strohmann“ und dieser an den
„Hintermann“ liefert oder leistet (vgl. für Fälle der Verkaufskommission BFH,
Urteil vom 12. Mai 2011 - V R 25/10, DStRE 2011, 1326 Rn. 21; vgl. auch Korn
in Bunjes, UStG, 12. Aufl., § 2 Rn. 40 ff.).
13„Vorgeschobene" Strohmanngeschäfte hingegen sind dann umsatzsteuerrechtlich (wie auch zivilrechtlich) unbeachtlich, wenn sie nur zum Schein abgeschlossen sind, also die Vertragsparteien einverständlich oder stillschweigend
davon ausgehen, dass die Rechtswirkungen des Geschäfts gerade nicht zwischen ihnen eintreten sollen (vgl. § 41 Abs. 2 AO; vgl. BGH, Urteile vom 9. April
2012 - 1 StR 586/12, NJW 2013, 2449; vom 22. Mai 2003 - 5 StR 520/02,
BGHR UStG § 2 Unternehmer 4, jeweils mwN).
14a) Gemessen hieran ist jedenfalls nicht ausgeschlossen, dass die unter
Einschaltung der „G. firmen“ eingegangenen vertraglichen Beziehungen insgesamt ernst gemeint waren. Hierfür könnte sprechen, dass die Einbindung der „G. firmen“ auf den dargelegten wirtschaftlichen Interessen
beruhte, so dass deren Verhalten dem „Bild des Handels“ nicht erkennbar zuwiderlief (vgl. hierzu BGH, Beschluss vom 8. Februar 2011 - 1 StR 24/10,
BGHR UStG § 15 Abs. 1 Unternehmer 1 mwN, vgl. auch BGH, Urteil vom
22. Mai 2003 - 5 StR 520/02, BGHR UStG § 2 Unternehmer 4).
15Anders könnte es sich dann verhalten, wenn die ursprünglichen Verkäufer
von den Absprachen zwischen dem Angeklagten und dem Zeugen G.
Kenntnis hatten. Diese Möglichkeit hat die Strafkammer nicht erkennbar
erwogen, ebenso wenig, wie sie etwaiges Wissen der Verkäufer behandelt hat.
163. Letztlich kann dies aber auf sich beruhen. Selbst wenn sich nämlich der
Schuldumfang im Hinblick auf den Vorsteuerabzug aus den genannten Rechnungen, damit also um insgesamt rund 78.000 Euro verminderte, beträfe dies
allenfalls jeweils nur einen geringfügigen Anteil der im jeweiligen Abrechnungszeitraum hinterzogenen Steuern; die für die Strafzumessung wesentliche Größenordnung des Steuerschadens bliebe jeweils unberührt.
17Auf der Grundlage der Strafzumessungserwägungen der Strafkammer
kann der Senat daher ausschließen, dass diese gegebenenfalls geringere Einzelstrafen verhängt hätte.
Jäger Radtke

References: BGH 
 § 2
 § 2
 § 41
 § 2
 § 15
 § 2