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Timestamp: 2020-02-28 15:27:12+00:00

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Kin­der­geld für ein behin­der­tes Kind | Rechtslupe
Kin­der­geld für ein behin­der­tes Kind
Gemäß § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Sät­ze 1 und 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG besteht für ein Kind, das das 18. Lebens­jahr voll­endet hat, ein Anspruch auf Kin­der­geld, wenn es wegen kör­per­li­cher, geis­ti­ger oder see­li­scher Behin­de­rung außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten.
Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist ein behin­der­tes Kind dann imstan­de, sich selbst zu unter­hal­ten, wenn es über eine wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit ver­fügt, die zur Bestrei­tung sei­nes gesam­ten exis­ten­zi­el­len Lebens­be­darfs aus­reicht 1. Der gesam­te exis­ten­zi­el­le Lebens­be­darf des behin­der­ten Kin­des setzt sich typi­scher­wei­se aus dem all­ge­mei­nen Lebens­be­darf (Grund­be­darf) und dem indi­vi­du­el­len behin­de­rungs­be­ding­ten Mehr­be­darf zusam­men 2. Die Fähig­keit des Kin­des zum Selbst­un­ter­halt ist anhand eines Ver­gleichs zwei­er Bezugs­grö­ßen, näm­lich des gesam­ten exis­ten­zi­el­len Lebens­be­darfs des Kin­des einer­seits und sei­ner finan­zi­el­len Mit­tel ande­rer­seits, zu prü­fen. Erst wenn sich dar­aus eine aus­rei­chen­de Leis­tungs­fä­hig­keit des Kin­des ergibt, kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass den Eltern kein zusätz­li­cher Auf­wand erwächst, der ihre steu­er­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit min­dert 3. Dann ist es auch gerecht­fer­tigt, für behin­der­te Kin­der kein Kin­der­geld oder kei­nen Kin­der­frei­be­trag zu gewäh­ren 4.
Bei der Prü­fung, ob ein voll­jäh­ri­ges Kind wegen kör­per­li­cher, geis­ti­ger oder see­li­scher Behin­de­rung außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten, ist auf den Kalen­der­mo­nat abzu­stel­len 5.
Eine für einen ver­gan­ge­nen Zeit­raum geleis­te­te Son­der­zah­lung ist erst ab dem Monat des Zuflus­ses zu berück­sich­ti­gen. Wird eine Nach­zah­lung, die zum Weg­fall der Bedürf­tig­keit führt, erst im Lau­fe des Monats aus­be­zahlt, wirkt sie sich erst in dem auf den Zufluss­mo­nat fol­gen­den Monat aus 6.
In Anwen­dung der vor­ste­hen­den Grund­sät­ze war – X in den Mona­ten Sep­tem­ber und Okto­ber 2005 zum Selbst­un­ter­halt imstan­de, weil er über aus­rei­chen­de Mit­tel ver­füg­te, um sei­nen gesam­ten exis­ten­zi­el­len Lebens­be­darf zu decken.
Neben der Ein­glie­de­rungs­hil­fe gehört die Grund­si­che­rung nach den §§ 41 ff. SGB XII zu den Bezü­gen i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG 7. Denn Bezü­ge in die­sem Sin­ne sind alle Zuflüs­se in Geld oder Natu­ral­leis­tun­gen, die nicht im Rah­men der ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Ein­künf­teer­mitt­lung erfasst wer­den 8.
Nach­zah­lun­gen der Grund­si­che­rung sind im jewei­li­gen Fol­ge­mo­nat als Bezü­ge zu berück­sich­ti­gen.
Durch die Grund­si­che­rung wie auch durch deren Nach­zah­lung erfährt der Unter­halts­ver­pflich­te­te im jeweils zu betrach­ten­den (Monats-)Zeitraum eine Ent­las­tung, da nach § 1602 Abs. 1 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs unter­halts­be­rech­tigt nur ist, wer außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten. Ergibt sich eine aus­rei­chen­de Leis­tungs­fä­hig­keit des Kin­des, kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass dem dem Grun­de nach Kin­der­geld­be­rech­tig­ten kein zusätz­li­cher Auf­wand erwächst, der sei­ne steu­er­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit min­dert 9.
Von daher sind die Über­le­gun­gen, Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen sei­en gegen­über Unter­halts­an­sprü­chen vor­ran­gig und dien­ten folg­lich dazu, etwai­ge Unter­halts­ver­pflich­te­te von Unter­halts­zah­lun­gen zu ent­las­ten, so dass die Grund­si­che­rung im Umfang ihrer Leis­tung im Ergeb­nis eine Unter­halts­pflicht der Eltern zum Erlö­schen brin­ge, bereits von ihrem Ansatz her nicht geeig­net, einen Anspruch der Klä­ge­rin auf Kin­der­geld in den betref­fen­den Zeit­räu­men zu begrün­den.
Es ist auch nicht ersicht­lich, dass die Berück­sich­ti­gung der Nach­zah­lun­gen von Grund­si­che­rung im Ergeb­nis einer nicht gebo­te­nen Ein­be­zie­hung von Unter­halts­leis­tun­gen der Eltern an ihr Kind 10 gleich­kä­me.
Viel­mehr war für die jewei­li­gen Mona­te, für die das behin­der­te voll­jäh­ri­ge Kind die Grund­si­che­rung nicht in der gebo­te­nen Höhe erhielt, der Anspruch auf Kin­der­geld im Hin­blick auf deren steu­er­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit eben­so zu prü­fen wie vor­lie­gend ihr Anspruch auf Kin­der­geld für die Streit­zeit­räu­me. Die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung führ­te im Ergeb­nis dazu, ent­ge­gen dem nach stän­di­ger Recht­spre­chung zu beach­ten­den Zufluss­prin­zip 11 die Nach­zah­lun­gen der Grund­si­che­rung auf die­je­ni­gen Mona­te zu ver­tei­len, für die ein ent­spre­chen­der Anspruch bestand. Eine sol­che Ver­tei­lung des Nach­zah­lungs­be­tra­ges kommt jedoch nicht in Betracht 12; etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus dem BFH-Urteil in BFHE 191, 55 13, da die­se Ent­schei­dung unter Bezug­nah­me auf die Vor­schrift des § 32 Abs. 4 Satz 7 EStG (für den Streit­zeit­raum § 32 Abs. 4 Satz 6 EStG) nicht den Anspruch auf Kin­der­geld für ein behin­der­tes Kind (§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG) betrifft.
Nach § 70 Abs. 2 EStG ist, soweit in den Ver­hält­nis­sen, die für den Anspruch auf Kin­der­geld erheb­lich sind, Ände­run­gen ein­tre­ten, die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des mit Wir­kung vom Zeit­punkt der Ände­rung der Ver­hält­nis­se auf­zu­he­ben oder zu ändern.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. März 2013 – XI R 51/​10
vgl. z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 204, 120, BSt­Bl II 2010, 1046, unter II.1.c; vom 24.08.2004 – VIII R 83/​02, BFHE 207, 244, BSt­Bl II 2007, 248, unter II.1.c; vom 23.02.2012 – V R 39/​11, BFH/​NV 2012, 1584, Rz 16[↩]
vgl. z.B. BFH, Urteil vom 15.10.1999 – VI R 183/​97, BFHE 189, 442, BSt­Bl II 2000, 72, unter 1.c[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.05.1990 – 1 BvL 20/​84, 1 BvL 26/​84, 1 BvL 4/​86, BVerfGE 82, 60, 87, BSt­Bl II 1990, 653, 658; BFH, Urteil vom 15.10.1999 – VI R 40/​98, BFHE 189, 449, BSt­Bl II 2000, 75[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 204, 120, BSt­Bl II 2010, 1046, unter II.1.c[↩]
stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Ent­schei­dun­gen in BFHE 204, 120, BSt­Bl II 2010, 1046; vom 28.03.2011 – III B 144/​09, BFH/​NV 2011, 1144[↩]
vgl. BFH, Ent­schei­dun­gen in BFHE 204, 120, BSt­Bl II 2010, 1046, unter II.2.; in BFH/​NV 2011, 1144, Rz 13[↩]
vgl. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 17.08.2012 – III B 26/​12, BFH/​NV 2012, 1963, Rz 23; vom 12.12.2012 – VI R 101/​10, BFH/​NV 2013, 639[↩]
vgl. z.B. BFH, Urteil vom 28.05.2009 – III R 8/​06, BFHE 225, 141, BSt­Bl II 2010, 346, unter II.1.b[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss in BVerfGE 82, 60, 87, BSt­Bl II 1990, 653, 658[↩]
vgl. hier­zu BFH, Urteil vom 04.08.2011 – III R 22/​10, BFHE 234, 329, BSt­Bl II 2012, 337, Rz 11[↩]
vgl. BFH-Ent­schei­dun­gen in BFHE 204, 120, BSt­Bl II 2010, 1046; in BFHE 207, 244, BSt­Bl II 2007, 248; in BFH/​NV 2011, 1144[↩]
BFH, Urteil in BFHE 204, 120, BSt­Bl II 2010, 1046, unter II.3.[↩]
BFH, Urteil in BFHE 191, 55, BSt­Bl II 2000, 459, unter 4.b und c[↩]

References: § 62
 § 63
 § 32
 § 32
 § 1602
 § 32
 § 32
 § 70