Source: http://www.hensche.de/ausschlussklauseln-ohne-mindestlohn-ausnahme-sind-unwirksam-bag-9-azr-162-18.html
Timestamp: 2019-04-23 16:35:45+00:00

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Ausschlussklauseln ohne Mindestlohn-Ausnahme sind unwirksam - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/232
Aus­schluss­klau­seln oh­ne Min­dest­lohn-Aus­nah­me sind un­wirk­sam
Vor­for­mu­lier­te Aus­schluss­klau­seln in Ar­beits­ver­trä­gen müs­sen den Hin­weis ent­hal­ten, dass Min­dest­lohn­an­sprü­che nicht er­fasst sind, wenn der Ver­trag am 01.01.2015 oder spä­ter ge­schlos­sen wur­de: Bun­des­rbeits­ge­richt, Ur­teil vom 18.09.2018, 9 AZR 162/18
18.09.2018. Ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­klau­seln se­hen vor, dass An­sprü­che ver­fal­len, wenn sie nicht in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten, in der Klau­sel fest­ge­leg­ten Frist (der "Aus­schluss­frist") gel­tend ge­macht wer­den, z.B. durch ein Mahn­schrei­ben oder auch durch ei­ne Kla­ge.
Nach­dem der deutsch­land­weit ein­heit­li­che Min­dest­lohn ge­mäß dem Min­dest­l­ohn­ge­setz (Mi­LoG) zum 01.01.2015 ein­ge­führt wur­de, ist um­strit­ten, ob vom Ar­beit­ge­ber vor­for­mu­lier­te Aus­schluss­klau­seln die Klar­stel­lung ent­hal­ten müs­sen, dass An­sprü­che des Ar­beit­neh­mers auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn nicht von der Klau­sel bzw. von der Aus­schluss­frist er­fasst sind.
Die­se Streit­fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ges­tern ent­schie­den: Vom Ar­beit­ge­ber ge­stell­te Aus­schluss­klau­seln oh­ne aus­drück­li­che Min­dest­lohn-Aus­nah­me sind ins­ge­samt un­wirk­sam: BAG, Ur­teil vom 18.09.2018, 9 AZR 162/18 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).
Müssen ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­klau­seln ei­nen Aus­nah­me für Ansprüche auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn ent­hal­ten?
Der Ham­bur­ger Streit­fall: Flie­sen­le­ger versäumt ei­ne drei­mo­na­ti­ge ver­trag­li­che Aus­schluss­frist, um sei­nen An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung gel­tend zu ma­chen
BAG: Aus­schluss­klau­seln oh­ne Min­dest­lohn-Aus­nah­me sind un­wirk­sam, wenn der Ver­trag am 01.01.2015 oder später ge­schlos­sen wur­de
§ 3 Satz 1 Min­dest­l­ohn­ge­setz (Mi­LoG) schreibt vor, dass ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen Ar­beit­neh­mer nicht bei der Durch­set­zung ih­rer Min­dest­lohn­ansprüche be­hin­dern dürfen. Da­zu heißt es im Ge­setz:
Auf­grund die­ser Schutz­vor­schrift zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer ist klar, dass Ar­beit­ge­ber Min­dest­lohn­ansprüche nicht durch Aus­schluss­klau­seln be­sei­ti­gen können. Wer sei­nen Min­dest­lohn von der­zeit 8,84 EUR brut­to pro St­un­de nicht be­kom­men hat, kann ihn da­her noch Jah­re später ein­kla­gen, und zwar auch dann, wenn er durch sei­ne lan­ge Untätig­keit ei­ne ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te Aus­schluss­frist hat ver­strei­chen las­sen. Auch oh­ne ei­ne ver­trags­gemäße "Gel­tend­ma­chung" bleibt der ge­setz­li­che An­spruch auf den Min­dest­lohn in je­dem Fall be­ste­hen.
Ei­ne an­de­re Fra­ge ist, ob Ar­beit­ge­ber auch ge­hal­ten sind, Ar­beit­neh­mer auf die­se Rechts­la­ge aus­drück­lich auf­merk­sam zu ma­chen, und zwar in der Aus­schluss­klau­sel selbst. Ein sol­cher Hin­weis könn­te z.B. lau­ten:
"Die­se Aus­schluss­frist gilt nicht für Ansprüche auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn nach dem Min­dest­l­ohn­ge­setz."
"Ansprüche auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn nach dem Min­dest­l­ohn­ge­setz sind von der vor­ste­hen­den Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung nicht er­fasst."
Für die Pflicht des Ar­beit­ge­bers, ei­nen sol­chen Hin­weis in sei­ne Aus­schluss­klau­sel auf­zu­neh­men, spricht § 307 Abs.1 Satz 2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Da­nach kann sich ei­ne ge­setz­lich ver­bo­te­ne "un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung" des Ar­beit­neh­mers durch All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB) des Ar­beit­ge­bers
Und "klar und verständ­lich" ist ei­ne Aus­schluss­klau­sel seit In­kraft­tre­ten des Mi­LoG nur dann, so könn­te man ar­gu­men­tie­ren, wenn sie die von ihr nicht er­fass­ten Min­dest­lohn­ansprüche aus­drück­lich aus­klam­mert. Denn an­dern­falls könn­te der Ar­beit­neh­mer zu der (recht­lich un­zu­tref­fen­den) An­nah­me ver­lei­tet wer­den, sei­ne Min­dest­lohn­ansprüche sei­en ver­fal­len, weil er ei­ne ver­trag­li­che Aus­schluss­frist nicht ein­ge­hal­ten hat. Das wäre ei­ne Ir­reführung, die ge­gen § 307 Abs.1 Satz 2 BGB verstößt.
Die ju­ris­ti­sche Ge­gen­mei­nung hält da­ge­gen, dass § 3 Satz 1 Mi­LoG die ver­trag­li­che Be­schränkung oder den ver­trag­li­chen Aus­schluss der Gel­tend­ma­chung von Lohn­ansprüchen nicht ge­ne­rell ver­bie­tet, son­dern aus­drück­lich nur "in­so­weit", als Min­dest­lohn­ansprüche be­trof­fen sind. Die­ser Mei­nung zu­fol­ge wäre ei­ne ver­trag­li­che Aus­schluss­klau­sel oh­ne aus­drück­li­che Aus­klam­me­rung von Min­dest­lohn­ansprüchen wirk­sam, aber eben nur "in­so­weit", als sie Ansprüche be­trifft, die über den Min­dest­lohn hin­aus­ge­hen. Oder um­ge­kehrt aus­drückt: Die Un­wirk­sam­keit ei­ner Aus­schluss­klau­sel gemäß § 3 Satz 1 Mi­LoG be­trifft nur Min­dest­lohn­ansprüche, an­sons­ten bleibt die Klau­sel wirk­sam.
Al­ler­dings ist der Hin­weis auf das Wört­chen "in­so­weit" nicht wirk­lich über­zeu­gend. Denn der Ge­setz­ge­ber des Mi­LoG woll­te da­mit wohl kei­ne AGB-recht­li­chen Fra­gen klären, son­dern nur klar­stel­len, dass Ar­beits­verträge im All­ge­mei­nen gültig blei­ben, auch wenn sie den Min­dest­lohn un­ter­schrei­ten, nur dass der Ar­beit­neh­mer dann eben den Min­dest­lohn ver­lan­gen kann.
Vor die­sem Hin­ter­grund ist es wie oben erwähnt um­strit­ten, ob Aus­schluss­klau­seln oh­ne ei­ne Be­schränkung auf Min­dest­lohn­ansprüche un­wirk­sam sind.
Vor zwei Jah­ren hat­te das BAG be­reits ein­mal ei­ne in die­se Rich­tung ge­hen­de Ent­schei­dung ge­trof­fen, doch be­traf der da­ma­li­ge Fall nicht den Min­dest­lohn nach dem Mi­LoG, son­dern ei­nen spe­zi­el­len Bran­chen­min­dest­lohn, nämlich den Min­dest­lohn für die Pfle­ge­be­ru­fe, der auf ei­ner an­de­ren Rechts­grund­la­ge zu zah­len war (BAG, Ur­teil vom 24.08.2016, 5 AZR 703/15, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/271 Aus­schluss­fris­ten und Min­dest­lohn).
Da­her war bis ges­tern nicht klar, ob das BAG auch für den all­ge­mei­nen Min­dest­lohn nach dem Mi­LoG in die­ser Wei­se ent­schei­den würde.
Im Streit­fall war ein Fußbo­den­le­ger seit Sep­tem­ber 2013 bei ei­ner Ver­le­ger­fir­ma tätig, und zwar zu­letzt auf der Grund­la­ge ei­nes Ar­beits­ver­trags vom 01.09.2015. In die­sem vom Ar­beit­ge­ber ein­sei­tig vor­ge­ge­be­nen Ver­trag war ei­ne Aus­schluss­klau­sel ent­hal­ten. Dort hieß es, dass al­le bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis ver­fal­len, wenn sie nicht in­ner­halb ei­ner Frist von drei Mo­na­ten nach Fällig­keit ge­genüber der an­de­ren Ver­trags­par­tei schrift­lich gel­tend ge­macht wer­den.
Nach­dem der Ar­beit­ge­ber im Ju­ni 2016 gekündigt und der Fußbo­den­le­ger da­ge­gen ge­klagt hat­te, schlos­sen die Par­tei­en Mit­te Au­gust 2016 ei­nen ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleich. Dem Ver­gleich zu­fol­ge soll­te das Ar­beits­verhält­nis ei­nen Mo­nat später (zum 15.09.2016) en­den und bis da­hin "ord­nungs­gemäß ab­ge­rech­net" wer­den.
Die Ab­rech­nung des Ar­beit­ge­bers, die dem Ar­beit­neh­mer bzw. sei­nem An­walt am 06.10.2016 zu­ging, ent­hielt kei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung. Die­sen Be­trag, im­mer­hin 1.687,20 EUR brut­to für 19 of­fe­ne Ur­laubs­ta­ge, klag­te der Ar­beit­neh­mer da­her in ei­nem wei­te­ren Pro­zess ein, al­ler­dings erst am 17.07.2017. Da­mit hielt er die drei­mo­na­ti­ge ver­trag­li­che Aus­schluss­frist nicht ein.
Das Ar­beits­ge­richt Ham­burg gab der Kla­ge trotz­dem statt, da es die Be­ru­fung des Ar­beit­ge­bers auf die Aus­schluss­frist an­ge­sichts des ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleichs für treu­wid­rig hielt. Denn in die­sem Ver­gleich hat­te sich der Ar­beit­ge­ber ja zu ei­ner kor­rek­ten Ab­rech­nung des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­pflich­tet, und da­mit zu ei­ner Be­zif­fe­rung bzw. Ab­rech­nung des Rest­ur­laubs, so das Ar­beits­ge­richt (Ur­teil vom 16.08.2017, 29 Ca 39/17). Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ham­burg als Be­ru­fungs­ge­richt ent­schied da­ge­gen an­ders­her­um und wies die Kla­ge ab (LAG Ham­burg, Ur­teil vom 31.01.2018, 33 Sa 17/17).
Vor dem BAG in Er­furt ging der Pro­zess dann letzt­lich für den Ar­beit­neh­mer gut aus. Das BAG hob das LAG-Ur­teil auf und ent­schied zu sei­nen Guns­ten. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:
Der Bo­den­le­ger konn­te gemäß § 7 Abs.4 Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) die Ab­gel­tung von 19 Ur­laubs­ta­gen ver­lan­gen, um­ge­rech­net 1.687,20 EUR brut­to, so das BAG. Die­sen An­spruch muss­te er nicht in­ner­halb der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Aus­schluss­frist von drei Mo­na­ten gel­tend ma­chen.
Denn die Aus­schluss­klau­sel verstößt nach An­sicht der Er­fur­ter Rich­ter ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs.1 Satz 2 BGB und ist da­her ins­ge­samt un­wirk­sam. Die Klau­sel ist nämlich nicht klar und verständ­lich, weil sie den ab An­fang Ja­nu­ar 2015 zu zah­len­den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn ent­ge­gen § 3 Satz 1 Mi­LoG nicht von ih­rer Gel­tung aus­nimmt.
Auch ei­ne nur ein­ge­schränk­te Gel­tung der um­strit­te­nen Ver­trags­klau­sel möch­te der Neun­te BAG-Se­nat nicht mit­ma­chen: Die Klau­sel kann nicht, so der der Se­nat un­ter Ver­weis auf § 306 BGB, le­dig­lich teil­wei­se bzw. al­lein für den An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung auf­recht­er­hal­ten wer­den. § 3 Satz 1 Mi­LoG schränkt nämlich, so das BAG, we­der sei­nem Wort­laut noch sei­nem Sinn und Zweck nach die An­wen­dung der §§ 306, 307 Abs. 1 Satz 2 BGB ein.
Fa­zit: Ar­beit­ge­ber soll­ten bei der Ver­trags­ge­stal­tung dar­auf ach­ten, dass ih­re Aus­schluss­klau­seln ei­ne Rei­he von aus­drück­li­chen Ein­schränkun­gen ent­hal­ten, d.h. Klar­stel­lun­gen, de­nen zu­fol­ge die Klau­sel in be­stimm­ten Hin­sich­ten bzw. für be­stimm­te Ansprüche nicht gilt. Zu die­sen gehören auch Ansprüche auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 18.09.2018, 9 AZR 162/18 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts)
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 31.01.2018, 33 Sa 17/17

References: § 3
 § 307
 § 307
 § 3
 § 3
 § 7
 § 307
 § 3
 § 306
 § 3