Source: http://www.deliberationdaily.de/2016/01/zwischen-jesus-und-kant/
Timestamp: 2019-01-21 05:57:17+00:00

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by Stefan Sasse on 29. Januar 2016
In seinem Artikel „Die Verrohung der Bürgergesellschaft“ hat Stefan Pietsch einen kausalen Zusammenhang zwischen der Aufklärung, dem Rechtsstaat und Frieden in Europa auf der einen Seite und der in Europa jahrhundertelang vorherrschenden Religion des Christentums auf der anderen Seite postuliert und dafür heftige Kritik geerntet. Die Konfliktlinien liefen dabei in etwa entlang folgender Linien: Die Kritik an Pietsch war, dass christliche Nationen jahrhundertelang selbst blutige Kriege geführt und Taten begangen haben, die nach heutigen Maßstäben Menschenrechtsverletzungen und Völkermord darstellen. Die Argumentation Pietschs dagegen war, dass wenigstens seit Beginn der Aufklärung die Gewalt kontinuierlich zurückgegangen sei. Ultimativ stellt sich die Frage: ist Europa friedlich, weil es christlich ist, oder ist das eine reine Korrelation? Die Antwort darauf ist etwas komplizierter, als es Schwarz-Weiß-Muster zu zeigen in der Lage sind.
In seinem Buch „The Origins of Political Order“ über die Entstehung politischer Ordnungssysteme hat der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama die Behauptung aufgestellt, dass die Entwicklung des Rechtsstaats seine Wurzeln im Christentum habe. Er beantwortet damit gleichzeitig auch die Frage, warum muslimische, hinduistische oder buddhistische Staaten (pars pro toto) nicht dieselben rechtsstaatlichen Strukturen wie Europa entwickelt haben. Die Bedeutung dieser Strukturen ist zweierlei: einerseits regeln sie das Miteinander der Menschen und ihr Verhältnis zum Staat, so dass weniger Willkür und Gewalt herrschen. Andererseits geben sie durch die Rechtssicherheit (pacta sunt servanda) die Grundlagen für die spätere Industrielle Revolution und den beispiellosen Wohlstandsgewinn der vergangenen 200 Jahre.
Der nächste Punkt ist die eigentliche Aufklärung, wie sie sich im 18. Jahrhundert vollzog. Die Aufklärer – Kant, Lessing und Konsorten – empfanden sich dezidiert als gläubige Christen und dachten aus einem Selbstverständnis des Gläubigen heraus. Die zahllosen fruchtlosen Versuche, Gottesbeweise zu schaffen, sind beredter Ausdruck hiervon. Die Kirchen aber waren zu diesem Zeitpunkt bereits im Niedergang. Die Renaissance und die Versuche der Kirche, die Deutungshoheit zu behalten, hatten eine defensive, konservativ bis reaktionäre Haltung geschaffen. Die Aufklärer fochten damit gewissermaßen einen Streit innerhalb des Glaubens aus, aber anders als Calvin, Luther und die anderen Reformatoren war ihnen nicht an der Begründung einer neuen Kirche gelegen. Vielmehr schufen sie eine Denkrichtung – die Aufklärung – die, obgleich aus dem Glauben an Gott motiviert, deutlich kosmopolitischer angelegt war. Beispielhaft lässt sich dies in Lessings Drama „Nathan der Weise“ sehen, in dem die zentrale, aufklärerische Figur ein Jude ist, der Christen und Muslime gleichermaßen bekehrt und in eine einzige, große Familie vereint.
Um aufgeklärt zu sein, ist christlich zu sein also keine Voraussetzung. Umgekehrt aber ist die Aufklärung als Geistesströmung ohne das Christentum nicht vorstellbar. Wir sind heute so weit, dass wir Glaube und Vernunft voneinander trennen und den Atheismus überhaupt als theoretische Möglichkeit zulassen; davon war das 18. Jahrhundert weit entfernt. Ebenso wie der Humanismus der Renaissance ist auch die Aufklärung daher eine Geistesströmung, die aus dem Christentum entstand und sich dort verbreitete, sich von der Religion selbst aber mittlerweile emanzipiert hat. Entsprechend tiefer verankert aber ist sie natürlich in den christlichen Ländern, die die Aufklärung zugelassen haben – was nicht für alle zutrifft. Östlich von Elbe und Donau hat sie nie Halt gefunden, was bis heute sichtbar ist, trotz des dort immer noch aktiv gelebten Christentums, und auch in Südeuropa war ihr Halt deutlich fragiler. Dies liegt ohne Zweifel an den stärkeren Beharrungskräften der katholischen und orthodoxen Kirche gegenüber den protestantischen Strömungen. Die Institutionalisierung, die bei der Entstehung des Rechtsstaats noch so ein Vorteil für das Christentum war, wurde zu einem Mühlstein um den Hals, und die individualistischeren protestantischen Kirchen waren die neuen Zentren des Fortschritts.
Zuletzt müssen wir uns mit der Frage der Gewalt beschäftigen. Der Rückgang von Gewalt, das hat der Psychologe Steven Pinker eindrucksvoll aufgezeigt, ist ein weltweites, seit Jahrhunderten konstantes Phänomen, das aber – erneut – mit der Aufklärung besonders stark zugenommen hat. Für Pinker liegt dies vor allem an der Einhegung der Gewalt durch Kirche und Staat. Auch hier hat das Christentum eine besonders starke Rolle gespielt, weil es durch seine parallelen Strukturen und Proto-Rechtsstaatlichkeit in der Lage war, seine Verdammung von „wilder“ Gewalt – also abseits der definierten Grenzen des Krieges und der Justiz – mit Nachdruck zu verfolgen. Der generelle Trend aber ist ein weltweiter und nicht exklusiv auf das Christentum begrenzt.
Es ist nützlich, sich dieser Zusammenhänge bewusst zu sein. Das Christentum bietet damit eine plausible Erklärung für den (aus westlicher Sicht) großen Erfolg Europas und Nordamerikas auf dem Feld der Sicherheit, der Freiheit und des Wohlstands im Vergleich zum Rest der Welt. Gleichzeitig zeigt es aber auch deutliche Grenzen, denn die größere Fremdenfeindlichkeit Ostdeutschlands lässt sich kaum aus der Tatsache erklären, dass das Christentum 40 Jahre lang unterdrückt worden ist. Dann nämlich müsste Polen ein Hort der Rechtsstaatlichkeit und Ungarn ein Freiheitsparadies sein, aber beides ist dezidiert nicht der Fall. Wir müssen also neben diesen geistesgeschichtlichen Entwicklungslinien noch andere Faktoren in die Berechnung einbeziehen und uns nicht darauf beschränken, das Christentum als einen Argumentationsknüppel zu missbrauchen – in beide Richtungen.
Tim 29. Januar 2016, 10:32
Äh, Kant war „gläubiger Christ“? Höchstens auf eine sehr, nun ja, technische Art. 🙂
Stefan Sasse 29. Januar 2016, 14:50
Er war in jedem Falle kein Atheist. Deisten nennt man diese Leute glaube ich. „Gläubiger Christ“ ist hier eine Zuspitzung, zugegeben. Er glaubte an Gott.
Tim 29. Januar 2016, 10:36
und den Atheismus überhaupt als theoretische Möglichkeit zulassen; davon war das 18. Jahrhundert weit entfernt.
Nein, schon William von Ockham schrieb theoretisch über den Atheismus (und in vorchristlicher Zeit die antiken Autoren ja sowieso). Der Zweifel an der Existenz Gottes war als theoretische Möglichkeit immer da und wurde von der Kirche auch viel weniger streng verfolgt als etwa abweichende Bibelauslegungen. Wer an der Existenz Gottes zweifelte, galt eher als krank denn als Ketzer.
Stefan Sasse 29. Januar 2016, 14:51
Solange dich niemand gelesen hat, vielleicht. Aber als Lebensstil, wie das heute möglich ist – undenkbar. Und die antiken Autoren, klar. Aber von denen haben wir es ja nicht.
Am_Rande 29. Januar 2016, 11:25
– geht Fukuyama auch auf dieses Jesuswort ein?
Immerhin ist mit ihm der Grundstein gelegt, dass ein gläubiger Christ nicht gegen einen „christlichen“ Gottesstaat streiten könnte.
Am_Rande 1. Februar 2016, 20:28
Dass die Trennung von Kirche und Staat schon im Christentum angelegt ist.
Wie sieht es damit in anderen Religionen aus?
Marc 29. Januar 2016, 13:09
Welcher Frieden? Wir als Westen führen seit knapp 15 jahren einen Krieg gegen den Terror mit einer blutigen Schneise vom Irak über Arghanistan bis Libyen. Im inneren Frieden zu haben und außen brutale Kriege zu führen ist doch wirklich kein historischer Einzelfall, sondern schlicht standard.
Stefan Pietsch 29. Januar 2016, 13:21
Also, es waren Muslime, die innerhalb von Stunden 3000 Amerikaner ermordet haben. Und die meisten Toten, die er Irak in den letzten 12 Jahren zu beklagen hatte, gehen ebenfalls auf das Konto von Muslimen. In Afghanistan haben größtenteils Muslime Muslime gemeuchelt. Und auf welchen Truppeneinsatz sollen die Toten in Libyen gehen? Wahrscheinlich lasten Sie auch die Ermordungen des IS dem Westen an. Hättet ihr nicht…
Stefan Sasse 29. Januar 2016, 14:53
Der größte Teil der Welt ist in Frieden, die Kriege, die gerade laufen, sind auf kleine Gebiete beschränkt, und die westliche Welt ist zudem dem Anspruch nach auf die Minimierung von Kollateralschaden verpflichtet. Das sind alles gewaltige Fortschritte gegenüber früher. Aber ich kann dir nur empfehlen, Pinkers Buch zu lesen – auch wenn du nicht zustimmst bekommst du eine ganze Reihe interessanter Denkanstöße.
Marc 29. Januar 2016, 16:40
Es mag seinen Reiz haben, über gute Argumente für seine eigene religiöse oder zivilisatorische Überhöhung zu verfügen. Ich brauche es nicht. Mein offener Blick sagt mir, wir leben in und erleben eine ganz stinknormale Epoche wie andere zuvor auch. Und sie ist weder besser, friedlicher oder absonderlicher als andere.
Stefan Sasse 29. Januar 2016, 16:48
Mein offener Blick sagt mir, dass das Gegenteil der Fall ist.
Ant_ 29. Januar 2016, 15:54
Witzigerweise ihr Ihre Aussage komplett falsch. Innerhalb von Euro ist in historischen Dimensionen innereuropäischer Krieg eher die Regel als die Ausnahme. Die zwei großen Episoden innereuropäischen Friedens im größeren Maßstab bei gleichzeitigen Deeskalationbemühungen sind meines Wissens nach die Zeit des Konzertes der Großmächte und die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg.
Marc 29. Januar 2016, 16:17
So friedlich ist es heute bei uns in Euroland auch nicht, siehe Kosovo und Ukraine.
Stefan Sasse 29. Januar 2016, 16:50
Das sind Ausnahmen an der Peripherie.
Es gibt gute Argumente dafür, die beiden Weltkriege – die im Übrigen die einzigen europäischen Kriege seit 1871 sind – eher als Ausnahme zu betrachten, die genausogut hätte vermieden werden können.
Ant_ 29. Januar 2016, 16:58
Ist mir auch bewusst. Haben nur leider trotzdem stattgefunden. Über die Möglichkeiten der Vermeidung könnten wir uns mit Sicherheit lange und intensiv streiten, ich denke, da muss man schon eine ziemlich lange Kausalkette fahren, bei der ich eher zu „das ist so weit weg, da können wir sowieso keine sinnvollen Aussagen machen“ tendieren würde. Und was die Einordnung in eine große Episode angeht – ich bin leider nicht optimistisch genug für die Zukunft Europas, direkt eine sehr lange Episode anzunehmen, von der es 2 Ausnahmen gibt. Von 2 Phasen zu sprechen ist auf jeden Fall gerechtfertig 😉
Ralf 29. Januar 2016, 19:44
Hmmm … also zu dem Statement gehoert schon einige Chuzpe. Um die Friedlichkeit der Europaeer zu beweisen, eliminierst Du die zwei verheerensten Kriege in der Menschheitsgeschichte einfach von der Liste der relevanten Ereignisse. So hatte In Dubio ja auch schon in seinem anderen Thread agiert und den Holocaust ebenfalls zur Ausnahme und damit fuer irrelevant fuer die Fragestellung erklaert. Abgesehen davon ist Deine Aussage aber auch noch falsch. Selbstverstaendlich hat es seit 1871 noch jede Menge europaeische Kriege gegeben, solange man „europaeische Kriege“ als Kriege unter signifikanter europaeischer Beteiligung definiert. Da waeren der Algerienkrieg, der Falklandkrieg, der Golfkrieg etc., um nur einige zu nennen. Natuerlich kannst Du Dich auf den Standpunkt zurueckziehen, dass europaeische Kriege nur die Kriege sind, die auf europaeischem Boden ausgefochten wurden, aber nach der Definition waere dann auch der Erste Weltkrieg kein deutscher Krieg und der Zweite Weltkrieg (abgesehen von Pearl Harbor) kein amerikanischer Krieg gewesen. Aus meiner Sicht macht eine so eng gefasste Definition keinen Sinn – schon garnicht bei der Fragestellung, ob das Christum die Humanitaet der europaeischen Gesellschaften gefoerdert hat. Denn das Verhalten, nicht nur bei sich zuhause, sondern auch bei unseren Nachbarn und sonst in der Welt, spielt natuerlich in die Bewertung, wie human wir sind, mit ein. Ganz rausgelassen aus der Betrachtung der „europaeischen Kriege“ hast Du uebrigens die Buergerkriege – von Spanien ueber Jugoslawien bis hin zur Ukraine. Ich nehme an, die sind auch „Ausnahmen“ und brauchen deshalb nicht erwaehnt zu werden?
Und so kommst Du, nachdem Du nicht einen, nicht zwei, sondern dutzende Kriege und Konflikte einfach von der Liste relevanter Ereignisse gestrichen hast und Du folglich keinen einzigen Konflikt mehr auf der Liste hast, zur Erkenntnis die europaeischen Gesellschaften sind in den vergangenen 100 menschlich und friedlich miteinander umgegangen. Chapeau!
Stefan Sasse 29. Januar 2016, 20:38
Wir haben eingangs bereits von Kriegen in Europa geredet. Dass die Europäer als Kolonialherren wahrscheinlich Millionen auf dem Gewissen haben dürfte unbestritten sein. Meine Argumentation zu dem Thema gibt es hier im Detail:
http://geschichts-blog.blogspot.de/2015/04/die-unwahrscheinlichen-weltkriege.html
Ant_ 29. Januar 2016, 20:47
Ist natürlich alles eine Frage der Vergleichsgröße. Wenn du eine historische Perspektive einnimmst ( wovon ich bei Stefan als studiertem Historiker mal ausgehen würde…) und die relevanten Daten googelst und/oder mal das Buch von Pinker aufschlägst, dann wirst du feststellen, dass im Vergleich zu den 150 vor den letzten 150 Jahren sehr viel mehr Prozent der Bevölkerung Europas in bewaffneten Konflikten verwickelt und darin umgekommen sind als in eben diesen letzten 150 Jahre. Es geht hier nicht darum, zu sagen, dass seit 1850 in Europa alles spitze war. Es war nur vorher noch viel beschissener. Das festzustellen ist kein Revisionismus, und keine Verklärung.
Und JA, die beiden großen Kriege WAREN Anormalien. Als was sonst würden sie die denn bezeichnen? Das ist ja genau der Punkt, dass Gewalt in einem derartigen Ausmaß in diesem Zeitraum gerade *nicht* mehr normal, sondern die Ausnahme war.
In Dubio 30. Januar 2016, 10:42
So hatte In Dubio ja auch schon in seinem anderen Thread agiert und den Holocaust ebenfalls zur Ausnahme und damit für irrelevant für die Fragestellung erklärt.
Wo soll ich das getan haben? Bitte Zitat.
Sie behaupten Dinge, die nicht im entferntesten wahr sind. Und Sie haben kein Interesse Ihr Gegenüber zu verstehen. Daraus ergäbe sich genügend Konfrontationspotential. Doch Sie wollen andere herabwürdigen. Da Sie dies wiederholt tun, scheint es ein Charakterzug von Ihnen zu sein.
Ralf 30. Januar 2016, 15:33
Ihr Zitat, erfolgte als Antwort auf die Frage weshalb die Verbrechen der (christlichen) Deutschen zwischen 33 und 45 nicht im Widerspruch zu Ihrer These von den „humanen christlichen Gesellschaften“ stehen:
„Der Nationalsozialismus existierte zum Glück zu kurz, um alles zu vergiften.“
Der Nationalsozialismus ist Ihrer Ansicht nach also irrelevant fuer die Fragestellung, weil er nur „kurz“ wirkte und deshalb keine Spuren hinterliess. Selbstverstaendlich bleiben Sie ein nachvollziehbares Argument schuldig, wie „lange“ genau ein verbrecherisches politisches System wirken muss, um relevant zu werden. Sie definieren auch kein quantifizierbares Mass fuer die hinterlassenen Spuren. Was bleibt, ist dann eine unbewiesene Bauchgefuehlaussage, dass der DDR-Sozialismus die Menschen staerker verroht hat als das Nazi-Regime, weil nur das in Ihr Ideologie-Schema passt.
Stefan Sasse 30. Januar 2016, 17:49
Ich glaube da liest du viel zu viel in die Aussage rein.
In Dubio 30. Januar 2016, 18:40
Einer von uns beiden hat Probleme mit der deutschen Sprache. Der Satz formuliert eine zeitliche Dimension, die zu einem bestimmten Ergebnis (nicht) führt. Dies besagt nichts über die Tat an sich.
Auch Vergewaltigungen dauern an sich kurz. Niemand käme auf die Idee, dass deswegen als ein geringes Verbrechen zu erachten, selbst dann nicht, wenn die Tat verarbeitet werden kann.
Der Nationalsozialismus hat nicht dazu geführt, die Deutschen zu einem Volk von Fremdenfeinden und Judenhassern zu machen. Im Gegenteil, Deutschland hat sich in der EU immer in den Dienst der Gemeinschaft gestellt. Ausgerechnet bei der Flüchtlingskrise ist dies anders, steht dieses Land gegen die Phalanx aller anderen EU-Staaten.
Die DDR-Bürger leben nicht nur 12 Jahre unter der Nazi-Diktatur, sondern weitere 40 Jahre und damit fast insgesamt 3 Generationen lang unter sozialistischer Herrschaft, welche die gleichen Usancen zeigte wie zuvor Hitler-Deutschland: Zwang zur Gemeinschaft bei Missachtung des Individuums, Bespitzelung, Willkür im (politischen) Recht, Herrschaft der Partei. Und: Brutalität des Staates bei der Ausübung des (vermeintlichen) Rechts.
In der alten Bundesrepublik war Abtreibung bis weit in die 1990er Jahre verboten. Die Sichtweise, dass Abtreibung Mord sei, leitete sich von dem christlichen, insbesondere dem katholischen Glauben ab. In der DDR war Abtreibung bereits früh erlaubt. Wir können das fortsetzen: Religionsunterricht, Unterdrückung kirchlicher Aktivitäten, Entzug der Staatsangehörigkeit im Osten, Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Da spiegeln sich eben auch Glaubenssätze wider.
Bis heute haben die Ostdeutschen in größerer Zahl ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie, bevorzugen eine staatlich gelenkte Wirtschaft gegenüber einem freien marktwirtschaftlichen System, verlangen mehr Einkommens- und Vermögensgleichheit und neiden eher wirtschaftlichen Erfolg. Sie wählen weit häufiger populistische Parteien und lehnen eher Kompromisslösungen ab. Die Grenzen in diesen Fragen verlaufen nicht zwischen Hamburg und München, sondern zwischen Frankfurt am Main und Frankfurt an der Oder. Und das nach über einer Generation gemeinsamen politischen und Wirtschaftssystem. Die Erklärung dafür kann sich nur in der Vergangenheit finden, worin denn sonst?
Hartwig 29. Januar 2016, 20:19
Was mir bei dieser Betrachtung zu kurz kommt ist die Tatsache, das viele heutige Konflikte, gerade auch in Afrika und im Nahen Osten, durch die europäische Kolonialpolitik der letzten Jahrhunderte zumindest begünstigt wurden. Dies betrifft zum einen die willkürliche Grenzziehung ohne Rücksichtnahme auf historische Stammesgebiete. Zum anderen die Zerschlagung bereits vorhandener gesellschaftlicher Strukturen, deren Fehlen im Artikel beklagt wird. Nicht zuletzt die christliche Missionierung hat dazu beigetragen, jegliche vorhandene religiöse und gesellschaftliche Basis in den kolonisierten Gebieten zu zerstören.
Die Bildung von Nationalstaaten, die auch in Europa immer durch kriegerische Handlungen begleitet wurde, konnte so in Afrika gar nicht stattfinden, weil sie von den Kolonialmächten durch deren militärische Übermacht effektiv verhindert wurde und bis heute wird. Und so ist und bleibt es ein Pulverfass, jenseits aller Religionen. Selbst in Europa kann man diese Konflikte sehen, und zwar nicht nur auf dem Balkan, sondern ebenso in vermeintlich gefestigten westlichen Demokratien wie Spanien, Nordirland, Großbritannien oder Belgien.
Stefan Sasse 30. Januar 2016, 17:51
Ist korrekt. Die Kolonisation hat in Afrika gigantische Schäden angerichtet. Aber wir müssen uns davor hüten, die Zeit davor zu verklären. Pinker weißt auch hier darauf hin, dass die tribalistischen Gesellschaften vorher ungeheuer blutig waren.
Ralf 29. Januar 2016, 22:04
Für Fukuyama haben sie ihre Ursache im spezifischen institutionellen Gewand der katholischen Kirche: ihre Entwicklung eines weitgehend parallelen politischen Systems mit eigener Rechtsprechung und der Möglichkeit, Urteile und Gesetze der weltlichen Herrscher aufzuheben, sind für ihn die Keimzelle des Rechtsstaats. Das heißt nicht, dass die katholische Kirche des Mittelalters und der Neuzeit rechtsstaatlich war; sie schuf vielmehr die Voraussetzungen, auf denen andere aufbauen konnten. Der Islam konnte dies laut Fukuyama nicht, weil ihm eine kirchliche Struktur fehlte (kein anerkanntes Oberhaupt, keine anerkannte transnationale Struktur). Für das heutige, rechtsstaatliche Europa ist daher die historische Rolle der christlichen Kirche ausschlaggebend.
Deine Schlussforderung habe ich mal fett hervorgehoben. Ich bin da extrem skeptisch. Sie beruht ja lediglich auf der Einschaetzung dieses einen Wissenschaftlers. Zugegeben, ich habe Fukuyama nicht gelesen und kann seine Argumentation deshalb nicht nachvollziehen. Aber weshalb ausgerechnet ein System widerspruechlicher Rechtsinstanzen (Staat und Kirche) fuer den Rechtsstaat wegweisend sein soll, bei dem sich in der Historie uebrigens immer der durchgesetzt hat, der gerade zum relevanten Zeitpunkt maechtiger war, ist mir schleierhaft. Auch braucht ein Rechtsstaat keine „transnationale Struktur“, sondern kann ebenso gut lokal verankert sein. Es braucht auch kein „anerkanntes Oberhaupt“ – und es gab ja auch keins. Roemisch-deutsche Kaiser wie Otto I. sahen sich selber als Stellvertreter Gottes auf Erden, zwischen Kirche und Kaisern gab es durch die Jahrhunderte staendig Konflikte um die Vorherrschaft (auch nicht nur in Deutschland, siehe etwa Thomas Becket), selbst innerhalb der Kirche gab es zwischen 200 und 1449 mindestens 40 Gegenpaepste und nach der Reformation gab es erst recht kein „anerkanntes Oberhaupt“ mehr.
Rechtsprechung, und damit die Grundlage des Rechtsstaats, hat es hingegen selbstverstaendlich nicht erst seit dem Christentum gegeben. Fruehe Beispiele sind etwa die Stele des Hammurabi und auch der alttestamentliche Salomon wird als sprichwoertlich guter Richter beschrieben. Im roemischen Reich gab es funktionierendes Rechtssystem – das weiss man nicht nur, wenn man im Lateinunterricht Cicero gegen Verres gelesen hat. Wieso ausgerechnet die Kirche, die mit Willkuerprozessen der Heiligen Inquisition oder den Hexenanklagen, deren profanes Ziel nicht selten die schlichte Selbstbereicherung der Anklaeger war, auf sich aufmerksam gemacht hat, hier als Vorreiter des Rechtsstaats gelten soll, erschliesst sich mir ueberhaupt nicht. Ich kann keinerlei Struktur erkennen, die die Kirche geschaffen hat, auf deren Notwendigkeit der spaetere Rechtsstaat aufgebaut haette.
Um aufgeklärt zu sein, ist christlich zu sein also keine Voraussetzung. Umgekehrt aber ist die Aufklärung als Geistesströmung ohne das Christentum nicht vorstellbar.
Diese These ist enorm gewagt. Weshalb hat es dann 1800 Jahre gedauert, bis sich die Aufklaerung endlich einstellte, wenn das Christentum ein so effizienter Katalysator fuer die Entwicklung war? Man kann genauso gut argumentieren, dass die Aufklaerung rein durch Zufall auf dem europaeischen Kontinent begonnen hat und genauso gut woanders haette ihren Anfang nehmen koennen. Offensichtlich war die Aufklaerung ja ein extrem seltenes Ereignis – wie gesagt, wir mussten 1800 Jahre nach Christus darauf warten – und sie war im wesentlichen ein Unikum. Einmalige, extrem unwahrscheinliche Ereignisse kann man aber per Definition nicht mit Sicherheit herleiten, weil es kein Wiederholungsexperiment gibt, mit dem man die Ursprungsthese ueberpruefen koennte.
Zuletzt müssen wir uns mit der Frage der Gewalt beschäftigen. Der Rückgang von Gewalt, das hat der Psychologe Steven Pinker eindrucksvoll aufgezeigt, ist ein weltweites, seit Jahrhunderten konstantes Phänomen, das aber – erneut – mit der Aufklärung besonders stark zugenommen hat.
Dieser Punkt macht mich nach wie vor sprachlos. Die zwei fuerchterlichsten Kriege der Menschheitsgeschichte alleine fallen mitten in den Zeitraum seit der Aufklaerung. Dazu dutzende blutige Konflikte, Krisen, Terror, Buergerkriege – insgesamt ein verwuesteter europaeischer Kontinent. Plus der Imperialismus, in dem die Europaeer Unrecht und Gewalt exzessiv auf alle anderen Kontinente exportiert haben. Wo man da einen „Rueckgang von Gewalt“ sehen will, ist mir voellig schleierhaft.
Für Pinker liegt dies vor allem an der Einhegung der Gewalt durch Kirche und Staat. Auch hier hat das Christentum eine besonders starke Rolle gespielt, weil es durch seine parallelen Strukturen und Proto-Rechtsstaatlichkeit in der Lage war, seine Verdammung von „wilder“ Gewalt – also abseits der definierten Grenzen des Krieges und der Justiz – mit Nachdruck zu verfolgen.
„Wilde Gewalt“ ist praktisch in jedem organisierten Staatswesen, ob christlich oder nicht, bekaempft und sanktioniert worden. Ich kann kein christliches Alleinstellungsmerkmal erkennen.
Ironischerweise hat sich die Kirche sogar mit Haenden und Fuessen gegen die elementare Grundlage unseres Rechtsstaats, naemlich die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, gestraeubt. Frauenrechte, Schwulenrechte, Kinderrechte, Rechte der Unterprivilegierten mussten dem Christentum allesamt aus den Haenden gerissen werden. Stets waren es die christlichen Parteien, die diese liberalen Werte von sich gewiesen haben. Der Erfolg der Moderne, also der Frieden und breite wirtschaftliche Wohlstand in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, hat nicht wenig damit zu tun, dass die Kirchen genau in diesem Zeitraum massiv an Bedeutung und politischem Einfluss verloren haben – also das exakte Gegenteil Deiner Ausgangsthese.
Stefan Sasse 30. Januar 2016, 19:32
Du wirfst hier gerade diverse Dinge durcheinander. Rechtsprechung und Rechtsstaat sind nicht dasselbe. Fukuyama bespricht in seinen Büchern auch andere Systeme, vor allem das Kastenwesen Indiens und den Legalismus Chinas. In all diesen Systemen und in vielen anderen wurde Recht gesprochen. Aber das ist nicht das, was wir unter einem Rechtsstaat verstehen.
Gleichzeitig behandelst du große Ideenströmungen als rein zufällige Ereignisse, aber das ist ahistorisch. Die Aufklärung in der Form, wie sie in Europa und Nordamerika entstanden ist, wurzelte im Christentum. Und ich möchte erneut betonen, dass das nicht identisch mit der Kirche ist. Denk nur an Thomas von Aquin: der Mann postulierte im 13. Jahrhundert, dass die Vernunft des Menschen Gott gegeben ist, dass jeder Mensch eigenständig denken könnte und dass er explizit die kirchliche Überlieferung hinterfragen kann. Von ihm führt eine Linie zu Luther und von Luther zu Kant. Und, natürlich, zu Locke und Montesquieu.
Was die Gewaltgeschichte angeht, so postuliert Pinker hauptsächlich, dass Gewalt und Krieg früher alltäglich war. Heute nehmen wir sie als elementare Disruption unseres Lebens war, und entsprechend selten ist sie. Zudem führt die Entwicklung zum Gewaltmonopol des Staates hin dazu, dass die Konflikte größer und seltener werden. Das begünstigt aber, sie in ihrer Bedeutung zu überschätzen.
Ich kann wirklich nur empfehlen, Fukuyama und Pinker zu lesen. Ihre Gedanken sind wesentlich zu komplex, als dass ich sie adäquat hier in einem oder zwei Blogposts zusammenfassen könnte. Wenn du googelst findest du auch einige dezidierte Zusammenfassungen; zumindest zu Fukuyama gibt es auch eine Wikipedia-Seite.
Blechmann 31. Januar 2016, 10:38
Also, dass die Aufklärung im Christentum gründet, weil die Aufklärer Christen waren, halte ich für eine kühne Schlussfolgerung. Immerhin wurden im 30jährigen Krieg, einem christlichen Religionskrieg, der von den Kirchen eifrig befeuert wurde, 30% der deutschen Einwohner ausgerottet. Erst als und weil die Macht der katholischen Kirche in diesem Krieg gebrochen wurde, war die Renaissance und darauf folgend die Aufklärung möglich.
Ich würde eher das griechisch-römische Erbe als Voraussetzung der Aufklärung sehen. Ein Erbe, das auch die Kirche geprägt hat (Latein als Kirchensprache). Die Renaissance ist die Wiederentdeckung der alten römischen Werte. Und römische Werte sind eben Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.
Stefan Sasse 1. Februar 2016, 16:17
Glaube, Religion und Kirche sind sehr unterschiedliche Dinge. Kant etwa war sicher gläubig; inwieweit er religiös war, weiß ich nicht, und ein Kirchenmann war er sicher nicht. Diese Dimensionen müssen wir auseinanderhalten.
In Dubio 31. Januar 2016, 13:01
Eine Studie über Pegida enthüllt:
Der typische Anhänger ist männlich, über 50, verheiratet, konfessionslos. Es sind die Typen, die auch bei Stuttgart 21 hätten mitmarschieren können. Es sind Bürger, die zum Nicht-Wählen tendieren und eher unpolitisch (statt rechtsextremistisch) sind.
Hartwig 1. Februar 2016, 10:11
Interessant, dass Sie gerade die Konfessionslosigkeit hervorheben. In Sachsen sind 75% der Bevölkerung konfessionslos, jedoch nur 69% der Pegida-Anhänger. Gemessen an der Gesamtbevölkerung sind Mitglieder von christlichen Religionsgemeinschaft also überdurchschnittlich bei Pegida vertreten. Das ist das Gegenteil von dem, was Sie hier zu suggerieren versuchen.
Stefan Sasse 1. Februar 2016, 16:19
Ich stimme dem zu. Wenn 75% der Einwohner konfessionslos sind, ist der typische Anhänger das natürlich auch. Der typische Pegida-Anhänger hat auch die deutsche Staatsbürgerschaft, ohne dass das Rüchlüsse auf alle Deutschen zuließe.
In Dubio 1. Februar 2016, 17:13
Klingt erst mal logisch. Zu denken geben müsste Ihnen allerdings, dass Sie hier bereits eine Relation mit einer anderen multiplizieren (statistisch ausgedrückt). Damit werden auch zwei Gründe miteinander multipliziert. Angelehnt an den Film „Inception“: je höher Sie in den (Traum-) Ebenen kommen (Traum in Traum), desto instabiler wird das Ganze.
Zurück zu Ihrer Anmerkung: Im Osten sind extrem viele Menschen konfessionslos, von denen wiederum sehr viele Pegida zuneigen. In der Tendenz kommen Sie zu dem Schluss, na ja, das heißt ja, von den wenigen Christen gehen überproportional viele zu Pegida. Nur: was ist mit den vielen Christen im Westen, von denen eben sehr wenige Pegida zuneigen? Daraus wird dann doch eher ein Argument, dass weit häufiger Atheisten für diese Strömungen anfällig sind.
Hartwig 1. Februar 2016, 20:32
Nur: was ist mit den vielen Christen im Westen, von denen eben sehr wenige Pegida zuneigen?
Was ist mit den Nichtgläubigen im Westen, von denen ebenfalls sehr wenige Pegida zuneigen? Ich stimme Ihnen ja durchaus zu, dass es sich um ein Phänomen handelt, dass offenbar im Osten verbreiteter ist, aber Ihre Schlußfolgerung kann nicht überzeugen. Sie können statistische Aussagen immer nur auf die jeweilige Grundgesamtheit der zugehörigen Stichprobe beziehen.
Stefan Sasse 2. Februar 2016, 10:34
Ich denke auch, dass Pegida mehr Ostphänomen ist als Konfessionsphänomen. Ich würde eher einen Split zwischen katholischen und evangelischen Regionen erwarten, ähnlich wie das in den 1920er und 1930er Jahren der Fall war.
Seb 3. Februar 2016, 10:35
Ich gehe an dieser Stelle mal nicht auf das konfessionslos ein, das hatten wir ja schon und ich moechte Sie nicht erneut desillusionieren, wenn ich auf offensichtliche Falschbehauptungen hinweise (nur soviel: http://www.demokratie-goettingen.de/blog/pegida-2016-studie#_ftn1 lesen und Aussagen ueber Konfession finden).
Ihre Behauptung, es handle soch vornehmlich um Nicht-Waehler ist so nicht richtig. Nur 2,3% der Beefragten gaben bei der Sonntagsfrage an nicht zu waehlen, 77,4% wuerden AfD waehlen, der Rest NPD und Unentschlossene. Die AfD schoepft hierbei aus allen politischen Richtungen, schafft es sogar ehemalige Nicht-Waehler zu mobilisieren (ehemals 8,3%), ringt sogar der NPD Waehler ab (knapp 4 Prozentpunke) und erschrekend viele wechseln von den Linken (ehemals auch 8,9%) und zur ueberwiegenden Mehrheit von der CDU (26,7%) zur AfD (von diesen befragten wohlbemerkt). Sie sind damit alles andere als unpolitisch. Ich halte diese Einschaetzung Ihrerseits fuer gefaehrlich, weil die AfD damit ja aktuell Politik betreibt.
Marc 1. Februar 2016, 12:05
Die Aufklärer fochten damit gewissermaßen einen Streit innerhalb des Glaubens aus [..]
Das glaube ich nicht, das glaube ich ganz und gar nicht. Ich bezweifle nicht, dass Kant & Co gläubig waren. Aber ging es ihnen um das Christentum? Gottesbeweise zeigen nur die Auseinandersetzung mit der Religion, wäre das Christentum das zentrale Thema, müsste es um Jesus gehen.
Lessing zeigt ja mit seiner Ringparabel, dass die Einzigartigkeit der drei monotheistischen Religionen auf einer Illusion beruht. Er negiert somit eine Erhöhung des Christentums, die Fukuyama zu konstruieren versucht. Fukuyama versagt daher beim Verständnis der zentralen Aussagen der Aufklärung.
Kant selbst beugte sich einer Kabinettsorder und veröffentlichte zur Regierungszeit Wilhemls II. keine weiteren Religionsschriften – kein Zeichen eines energischen Kampfes. Das ist verständlich, wenn man seine persönliche Einstellung kennt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Religion_innerhalb_der_Grenzen_der_blo%C3%9Fen_Vernunft#Kants_pers.C3.B6nliches_Verh.C3.A4ltnis_zur_Religion
Stefan Sasse 1. Februar 2016, 16:44
Erneut: mein Punkt ist nicht, dass Kant überzeugt religiös war, sondern dass er aus einer bestimmten Tradition herkommt. Die Kirche seiner Zeit ist nicht aufgeklärt, aber die Anlagen, quasi der Ursprung bestimmter Ideen, findet sich im Christentum.
Marc 2. Februar 2016, 08:30
Ist die wahrscheinlichere These nicht, dass die reaktionäre Antwort der Kirche auf Kopernikus und Luther plötzlich auch Denkmodelle abseits der kirchlichen Dogmen zuließ? Andere Religionen waren zur damaligen Zeit wesentlich fortschrittlicher und es bestand daher keine Notwendigkeit, den Schritt zur Aufklärung zu gehen.
Ich meine daher, es findet sich kein Ursprung der Aufklärung im Christentum, sondern die reaktionäre Kirche übte den Druck aus, um den Schritt zur Aufklärung gehen zu können.
In Dubio 2. Februar 2016, 09:21
… dann steht dem Islam in Saudi-Arabien, im Iran, in Afghanistan wohl ein riesiger Quantensprung bevor. Teheran, das neue Silicon Valley?
Stefan Sasse 2. Februar 2016, 10:36
Das ist ja einer der spannendsten Effekte hier. Im Mittelalter war die muslimische Welt wesentlich fortschrittlicher als die christliche, aber in Renaissance und Aufklärung drehte sich das dann. Und klar wurde an der Kirche vorbeigedacht – deswegen ja auch ständig meine Betonung der Unterscheidung von gläubig, religiös und kirchlich. Die Kirche wurde ab der Renaissance zu einem reinen Bremsklotz. Das Christentum als Denktradition, beziehungsweise als Boden derselben, allerdings nicht.
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In Dubio
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