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Timestamp: 2019-03-23 11:46:42+00:00

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Magnus Hirschfeld und seine Zeit | Manfred Herzer | download
Main Magnus Hirschfeld und seine Zeit
ISBN 13: 978-3-11-054842-6
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e-ISBN (PDF) 978-3-11-054842-6
e-ISBN (EPUB) 978-3-11-054800-6
bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
„Abertausend Angehörige des ‚Dritten Geschlechts‘, wie er es nannte, sahen zu ihm als
Vorkämpfer empor, weil er sich quasi seit Erreichung seiner Volljährigkeit für die
Revision des Paragraphen 175 stark machte.“¹
Manfred Herzer veröffentlichte bereits 1992 „Magnus Hirschfeld. Leben und Werk
eines jüdischen sozialistischen Sexologen“ und leistete damit eine Pionierarbeit. Es
war die erste Biografie über Magnus Hirschfeld in Deutschland, der hier in Vergessenheit geraten war. Von Vergessenheit kann heute, wo selbst eine Bundesstiftung
seinen Namen trägt, keine Rede mehr sein. Doch von einer umfassenden Prominenz
innerhalb der gesamten Gesellschaft ist Hirschfeld immer noch weit entfernt.
Herzer lässt uns eintauchen in Hirschfelds Leben und Werk. Als Spross einer jüdischen liberal-kleinbürgerlichen Arztfamilie widmete sich Hirschfeld dem Studium
der Medizin mit einem Schwerpunkt auf Psychologie. Im Berlin der Kaiserzeit avancierte Hirschfeld zu einem Vorkämpfer für sexuelle Emanzipation, was ihm posthum
den Titel „Mutter der Schwulenbewegung“ einbrachte. Robert Beachy brachte uns
dieses quicklebendige Berlin der wilhelminischen und der Weimarer Zeit sowie die
Vorreiterrolle Deutschlands und insbesondere Magnus Hirschfelds im Kampf für sexuelle Emanzipation jüngst prägnant in Erinnerung.²
Manfred Herzers neue Biographie kommt kurz vor dem 150. Geburtstag von Magnus Hirschfeld genau zur richtigen Zeit: Herzer hat die Befunde der neueren
Hirschfeldforschung berücksichtigt, und er bietet ein facettenreicheres Bild des Forschers und Vorkämpfers für sexuelle Emanzipation. In den Jahrzehnten seines
Schaffens betrat Hirschfeld mit seinem privaten Institut für Sexualwissenschaft ein
noch unbekanntes Forschungsfeld. Bildung, Forschung und Praxis verbanden sich
dort. Forschung über Sexualität in ihrer ganzen Vielfalt sowie Beratungs- und Hilfsangebote für Ratsuchende aus aller Welt. „Durch Wissenschaft zu Gerechtigkeit“
lautete sein – vielleicht allzu fortschrittsgläubiges? – Credo der Aufklärung. Seine
Arbeit setzte sich zugleich zum Ziel, Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen
und das Sexualstrafrecht zu reformieren. Er kämpfte – selbst homosexuell – namentlich für die Entkriminalisierung schwuler Sexualität, obwohl es ihm nie gelang,
sich vollständig von der Vorstellung zu lösen, dass Homosexualität eine Krankheit sei.
Sozialdemokratie und KPD hegten trotz innerer Ambivalenzen in ihrer Sexualpolitik
eine gewisse Sympathie für seine Arbeit, und Hirschfeld gewann in beiden Parteien
Verbündete im Kampf für die Abschaffung des § 175 StGB. Sympathie und politische
Unterstützung wurden jedoch konterkariert, wenn es darum ging, einen homosexuellen Großkapitalisten wie Friedrich Alfred Krupp oder den Nationalsozialismus mit
Hilfe des bequemen Feindbildes vom „schwulen Nazi“ (wie namentlich Hitlers SAStabschef und Duzfreund Ernst Röhm) zu diskreditieren.
 Isherwood 2008, S. 22.
 Beachy 2015.
https://doi.org/10.1515/9783110548426-001
Download Date | 2/20/18 5:36 PM
Magnus Hirschfeld war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
Dies entsprach allerdings weniger einer revolutionären Orientierung als einer reformorientierten Grundhaltung, die durch Ausgleich und die Suche nach pragmatischen Lösungen geprägt war, wie Manfred Herzer hervorhebt. Auch wenn die soziale
Situation seiner Patienten ihm naheging, so lag ihm die Festlegung auf den Klassenkampf, wie es linke Sozialdemokraten und später die Kommunisten einforderten,
sehr fern. Mit einer sexuellen Emanzipation, die sich in den Dienst des Klassenkampfs
stellte, wie sie etwa der Psychologe Wilhelm Reich propagierte, konnte sich Hirschfeld
nie anfreunden.
Das von Hirschfeld 1919 gegründete Institut für Sexualwissenschaft war die Basis
seines unermüdlichen Engagements. Das wissenschaftliche Engagement Hirschfelds
ist im heutigen Lichte betrachtet zweifellos mancher Kritik zu unterziehen.³ Hirschfeld
trieb die Suche nach einer biologischen Ursache der Homosexualität um, und Manfred
Herzer verschweigt nicht, dass er Patienten an andere Ärzte verwies, wenn sie unter
ihrer Homosexualität litten und er die Möglichkeit sah, dass sie davon „geheilt“
werden könnten.⁴ Doch Manfred Herzer legt uns in seiner sympathisierenden Biografie nahe, Hirschfeld in seiner Gesamtheit zu betrachten. Hirschfeld betrat wissenschaftliches Neuland, und er lieferte Ansätze für weitere Forschungen. So knüpfte
der US-amerikanische Sexualwissenschaftler Alfred Kinsey an Hirschfelds Forschung
an und veröffentlichte um 1950 seine bahnbrechenden Kinsey-Reports.
Hirschfeld kämpfte nicht nur gegen den § 175 StGB, sondern forschte auch zur
Vielfalt von Sexualität und Geschlecht. Gerade indem er nicht nur Homosexualität zu
ergründen suchte, ist er auf besondere Art modern, ja in einem gewissen Sinne sogar
„queer“, denn man kann in ihm nicht zuletzt einen frühen Vorkämpfer für die Rechte
von trans- und intergeschlechtlichen Menschen erkennen. So verwandte Hirschfeld
erstmals den Begriff Transvestit. Zugleich machte er sich für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen stark und unterstützte sie in ihrem Kampf für das Recht auf
Abtreibung. Vielleicht könnte man Hirschfeld mit heutigen Worten als Netzwerker
beschreiben, der geschickt Koalitionen bildete, um Öffentlichkeit herzustellen und die
Gesellschaft zu verändern.
Kind seiner Zeit war Hirschfeld in seinen Vorstellungen zur Eugenik, die man im
Lichte der späteren nationalsozialistischen Vernichtungspolitik einer sehr kritischen
Bewertung unterziehen muss, die damals aber gerade auch in Teilen der Sozialdemokratie und namentlich der linken Ärzteschaft als „progressiv“ galten. Manfred
Herzer stellt zu diesem heiklen Punkte fest, dass Magnus Hirschfeld eugenische Ziele
grundsätzlich immer an die Bedingung der Freiwilligkeit (der Patienten-Zustimmung
zu operativen Maßnahmen) geknüpft habe; von einer Zwangseugenik wie im Nationalsozialismus sei er also weit entfernt gewesen. Man muss freilich hinzufügen, dass
er damit immer noch die Handlungsspielräume „autoritärer Wissenschaft“ (Ulrich
 Vgl. Sigusch 2008, S. 223.
 Ebd., S. 156.
Beck) und ihr zuarbeitender Bürokratien unterschätzt hat. Hirschfelds eugenische
Vorstellungen (die Unterscheidung zwischen „höher-“ und „minderwertigen“ Erbanlagen und daraus zu ziehenden politischen Konsequenzen) waren Teil eines aus
heutiger Sicht völlig inakzeptablen Fortschrittglaubens, wie er damals jedoch typisch
war für weite, vor allem modernitätsorientierte Teile der Gesellschaft. Herzer interpretiert Hirschfelds eugenische Vorstellungen als Wunsch nach einer sozialtechnologischen „Verbesserung der Nachwuchsproduktion“ und betont zugleich, dass
Hirschfeld einer rassenpolitischen Eugenik ablehnend gegenüberstand. Gleichwohl
bleibt die grundsätzliche Akzeptanz eugenischer Wertmuster problematisch.
Doch Magnus Hirschfeld könnte man auch als Volksaufklärer bezeichnen. Seine
Mitarbeit an zahlreichen Filmen ist heute noch viel zu wenig bekannt. Manfred Herzer
weist darauf hin, dass Hirschfeld über 3.000 Vorträge in Arbeiterbildungsvereinen, vor
Studierenden und Interessierten hielt. Ein Großteil dieser Vorträge entfällt auf die
letzten Lebensjahre, in denen er auf einer langen Weltreise sein Wissen und seine
Forderung nach Akzeptanz der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt immer wieder
zur Geltung brachte. Magnus Hirschfeld begab sich freilich auf eine Weltreise, die man
zugleich als Flucht vor persönlicher Anfeindung und tätliche Angriffe durch den
Nationalsozialismus betrachten muss; er ahnte wohl schon den Untergang der Weimarer Republik. Dadurch blieb es ihm „erspart“, die Verwüstung seines Instituts
durch die Nationalsozialisten kurz nach der Machtübernahme 1933 unmittelbar miterleben zu müssen – oder gar persönlich an Leib und Leben bedroht zu werden, wie es
damals vielen anderen geschah. Die Bitternis, die ein rettendes Exil ebenfalls brachte,
blieb ihm nicht erspart. Er starb 1935 in Frankreich.
Magnus Hirschfeld war eine bedeutende Persönlichkeit des Zeitgeschehens. Er
wurde jahrzehntelang geschätzt und gehasst. Durch seine Koalitions- und Netzwerkfähigkeit erreichte er Menschen in verschiedensten Parteien und Interessengruppen. Über diesen politischen Lobbyismus ist noch wenig bekannt. Seine jüdische
Herkunft, seine (gemäßigt) linke politische Überzeugung und sein Engagement für
sexuelle Aufklärung und Emanzipation machten ihn zum Hassobjekt für Konservative, Reaktionäre und Nazis. Herzer verweist darauf, dass Hirschfeld bereits zur
Jahrhundertwende eine öffentliche – und öffentlich umstrittene – Person war.
Als Magnus Hirschfeld 1897 in seiner Privatwohnung das Wissenschaftlich Humanitäre Komitee gründete, dass sich zum Ziel setzte, den § 175 StGB abzuschaffen,
konnte er nicht wissen, wie zäh der Weg zu Reform und Emanzipation in Deutschland
sein würde und nach welch herben Rückschlagen dieses Ziel erst fast einhundert Jahre
später Wirklichkeit werden würde. Die Weimarer Reforminitiativen blieben stecken,
die NS-Diktatur verschärfte sowohl das Strafrecht als auch die Verfolgungsintensität
massiv – und auch in der rechtsstaatlich und demokratisch strukturierten Bundesrepublik wurde diese NS-Verschärfung von Strafrecht und Strafverfolgung über zwei
Jahrzehnte bewusst beibehalten. Parallele Strafrechtsreformen in der DDR und in
Westdeutschland führten 1968/69 zur Entkriminalisierung freiwilliger homosexueller
Handlungen zwischen Erwachsenen, doch ein diskriminierendes Sonderstrafrecht
gegen Homosexuelle blieb im Hinblick auf Jugendschutz erhalten oder wurde in der
DDR – mit Blick auf lesbische Kontakte – sogar neu hinzugefügt. Es war freilich
ebenfalls die DDR, die diesen ihren neuen Strafrechts-Paragraphen § 151 (das Pendant
zum § 175 StGB in der Bundesrepublik) bereits 1988/89 vollständig abschaffte. In der
vereinigten Bundesrepublik wurde für deren westdeutschen Teil der § 175 erst 1994 aus
dem Strafgesetzbuch ersatzlos gestrichen. Es sollte noch bis zum 23. Juni 2017 dauern,
bevor schließlich der Deutsche Bundestag einstimmig die Rehabilitierung und Entschädigung der in der Bundesrepublik und der DDR verfolgten Homosexuellen beschloss⁵ – 120 Jahre nachdem Magnus Hirschfeld seinen lebenslangen Kampf für
Gerechtigkeit antrat. Darüber kann und soll man sich freuen. Doch dass ein einmal
erreichter Fortschritt auch revidierbar ist, zeigt uns gerade jener Blick auf Leben und
Werk des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld, wie Manfred Herzer ihn uns hier
präsentiert. Diese Erkenntnis möge als Mahnung und Aufgabe zugleich dienen.
 Wenngleich mit dem Makel, dass hier ein anderes Schutzalter (16 Jahre) als bei Heterosexuellen
(14 Jahre) angewandt wird. Eine Änderung, die die CDU/CSU-Fraktion gegenüber ihrem Koalitionspartner SPD durchsetzte und die revisionsbedürftig bleibt, um volle Gleichstellung und Gleichbehandlung von damals Strafverfolgten endgültig sicherzustellen.
Für alles ist eine Zeit,
eine Frist für alles Anliegen unter dem Himmel.
Martin Buber¹
Nur jenes Erinnern ist fruchtbar, das zugleich
an das erinnert, was noch zu tun ist.
Ernst Bloch²
Als ich im April 2014 mit der Arbeit an dieser Biografie begann, war Hirschfeld seit 79
Jahren tot. Tot waren auch schon die alten Männer, die in ihrer Jugend Hirschfeld
gekannt hatten und die mir in vielen Gesprächen von ihren Erinnerungen erzählten:
der Dichter Bruno Vogel, der ebenso wie der Sexologe Hans Lehfeldt nie aus dem Exil
zurückgekehrt war, der Soziologe Erhart Löhnberg, der Schlagertexter Bruno Balz, der
Filmcutter (erst bei der UFA, dann bei 20th Century FOX) Hanns Grafe und noch einige
andere. Jetzt gab es nur noch ein paar Stummfilmaufnahmen, viele Fotografien,
Handschriften und vor allem das umfangreiche gedruckte Werk.
Mein Interesse an Leben und Werk erwachte Anfang der 1970er Jahre, als ich in
der damals von schwulen Studenten der Freien Universität frisch gegründeten Homosexuellen Aktion Westberlin die Tatsache zur Kenntnis nehmen musste, dass es zu
unserem Emanzipationskampf eine lange, bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreichende Vorgeschichte gab. Hirschfeld hatte darin eine Hauptrolle gespielt, die ihm
zurecht den Ehrentitel Mutter der Schwulenbewegung eintrug.
Mit geringer Zeitverschiebung machte sich auch jenseits der Mauer, in Ostberlin,
vom Westen inspiriert, ein schwules Emanzipationsbegehren bemerkbar. Eine frühe
Großtat, die aus der Ostberliner Schwulengruppe heraus organisiert wurde, war die
Aufführung des in einem sowjetischen Filmarchiv entdeckten Fragments von
Hirschfelds altem Schwulenfilm Anders als die Andern im Filmkunsttheater StudioCamera in der Oranienburger Straße. Wir Westler hatten davon erfahren und gingen
1972 mit einem „Passierschein“ zum ersten Mal im Osten ins Kino, um dort Hirschfeld
als Stummfilmstar zu erleben.
Ich war vermutlich nicht der einzige Zuschauer, der von den flimmernden Bildern
mit den unverständlichen ukrainischen Zwischentexten tief berührt war, zumal wir
damals gerade eine Arbeitsgruppe zur Erforschung der schwulen Geschichte gegründet und in Antiquariaten einige Bände des Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen
entdeckt hatten. Als uns dann noch klar wurde mit welchem Furor die deutschen
Faschisten Hirschfeld verfolgt, ihm nach dem Leben getrachtet, ihn aus dem Land
gejagt und sein Lebenswerk auszulöschen getrachtet hatten, gab es für uns keine
 Buber 1962, S. 393.
 Bloch 1952, S. 64.
https://doi.org/10.1515/9783110548426-002
Download Date | 2/20/18 1:25 PM
Hindernisse, ihm über die Zeiten hinweg die wärmsten Gefühle zärtlicher Erinnerung
und Solidarität entgegenzubringen. Niemand bezweifelte, dass er einer von uns war,
denn wie hätte er sonst die Kraft und den Mut finden können, so kraftvoll an der
Erfüllung der selbst gestellten Aufgabe zu arbeiten? Von einigen alten Männern, die
Hirschfeld gekannt hatten, erfuhren wir auch von Hirschfelds Spitznamen, „Tante
Magnesia“ und „Die Magnolie“, und wir übernahmen sie mit einem liebevoll ironischen Akzent. Als die Homosexuelle Aktion Westberlin unter dem Tarnnamen „Verein
für progressive Freizeitgestaltung“ eine leere Fabriketage in Schöneberg mietete, erklärten wir darin einen Raum zum Tante-Magnesia-Gedächtniszimmer.
Dass Hirschfelds später Liebhaber Karl Giese ihn stets als „Papa“ angeredet haben
soll, nahmen wir erstaunt zur Kenntnis und fanden in dem dreißigjährigen Altersunterschied zwischen den beiden eine zufriedenstellende Erklärung für diese Eigentümlichkeit. Der Ausdruck „Sugardaddy“ war wohl niemandem damals bekannt.
Einige von uns kannten sich gut aus in den um 1970 unter linksorientierten FUStudenten diskutierten Schriften von Karl Marx und Sigmund Freud sowie in den von
Wilhelm Reich in seiner kommunistischen Phase verfassten Agitationsbroschüren, die
als Raubdrucke billig zu kaufen waren. An Reichs Traktaten gefiel uns seine FreudKritik, die den behaupteten Zusammenhang zwischen sexueller Abstinenz und geistiger und körperlicher Produktivität bestritt und das Gegenteil verkündete. Nach Reich
ist ein befriedigendes Geschlechtsleben die notwendige Voraussetzung für Arbeitsfreude und Schaffenskraft. Überhaupt nicht einverstanden waren wir mit Reichs Ansichten zu einem anderen Zusammenhang: Gelebte und praktizierte Homosexualität
entstehe aus repressiver Sexualerziehung in der Familie, sei meist mit einer faschistischen Überzeugung und autoritären Charakterstruktur im Erwachsenenalter vergesellschaftet und werde spätestens im Kommunismus mit seiner sexualfreundlichen
Kindererziehung aussterben. In dem Glauben an die grundsätzliche Krankhaftigkeit,
stets von einer gestörten Kindheitsentwicklung verursachten Homosexualität waren
sich Freud und Reich einig und befanden sich in schroffem Gegensatz zu Hirschfeld,
der nicht müde wurde, Homosexuelle als genauso gesund oder krank zu bezeichnen
wie Heteros oder Bisexuelle; an der realen Existenz der letzteren hatte er jedoch lange
Zeit gezweifelt.
Freuds Polemik gegen Hirschfelds Homosexuellen-Theorie fanden wir in seiner
Abhandlung über Leonardo da Vinci, wo er ihn, ohne seinen Namen zu nennen, dafür
tadelte, dass er die homosexuellen Männer als gesonderte geschlechtliche Abart, als
sexuelle Zwischenstufen und als ein drittes Geschlecht hingestellt habe. Freud
meinte, sie seien schon deshalb viel näher an die Normalen heranzurücken, weil die
Psychoanalytiker bei allen ihren Patienten Erinnerungen an homo- und heterosexuelle Wünsche in der frühen Kindheit gefunden haben. In einem späten Zusatz zu
seinen berühmten Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie stimmt er Hirschfeld jedoch
teilweise zu, indem er seinem Schüler Ferenczi recht gibt, der eine Gruppe von
Schwulen entdeckt haben wollte, die „Subjekthomoerotiker“, die auch Freud als
richtige sexuelle Zwischenstufen im Sinne Hirschfelds anerkannte. Während Freud
sich damals schon von dem Wunschdenken zu verabschieden begann, einen
Schwulen oder eine Lesbe mittels Analyse normalisieren zu können, machen bis heute
manche freudianische und nichtfreudianische Psychotherapeuten mit dem Versprechen Reklame, ihre Behandlungsmethode könne echte Heterosexuelle produzieren.
Der Gedanke, dass wir alle unbewusst bisexuell seien, gefiel uns, hatte aber mit
unserer gewöhnlichen Liebeswirklichkeit wenig zu tun. Gewiss gab es einige, denen es
physisch möglich war, sogar genussvoll mit Frauen zu koitieren; mit Hirschfeld
mussten wir aber erfahren und einsehen, dass es einen grundlegenden Unterschied
gibt zwischen der physischen Potenz zum Geschlechtsverkehr und dem leidenschaftlichen Liebesverlangen nach einer bestimmten Person, deren individueller Grad
an Weiblichkeit/Männlichkeit für das Begehren maßgeblich ist.
Von vornherein sympathisch war uns schwulen FU-Studenten an Hirschfelds alten Texten seine konsequente Weigerung, den seinerzeit noch virulenter als heute
herrschenden Tuntenhass zu bedienen. Für ihn gab es stets nur Schwule und Lesben,
die er in populären Agitationsschriften manchmal zu einem dritten Geschlecht zusammenfasste. Das war zwar anders als die beiden anderen, sollte aber gleichwertig
und gleichberechtigt sein. Die Minderheit der Tuntenhasser unter den Homosexuellen, die sich bald nach Hirschfelds Tunten-Initiative um den ehemaligen Volksschullehrer Adolf Brand und den Biologen Benedict Friedlaender scharten und von
einer Wiederherstellung der Männerherrschaft nach dem Muster des klassischen Athen schwärmten, hat eine solche Ansicht zu ihrem Anti-Hirschfeld-Kampf provoziert.
Er wurde bis in die 1950er Jahre hinein von dem Friedlaender-Schüler Hans Blüher mit
nahezu den gleichen gefühlsbetonten Argumenten weitergeführt, war aber zur Zeit der
schwulen Studentenrevolte an der Westberliner Freien Universität verstummt. In
seinen wissenschaftlichen Texten gelang Hirschfeld aufgrund seiner Lehre von den
sexuellen Zwischenstufen etwas, das nicht nur sein Kritiker Freud zeitlebens nicht
begriffen hat. Hirschfeld behauptete mit Lamarck, dem bedeutenden Vorgänger
Darwins, dass alle Unterscheidungen, die die gewöhnlichen Menschen und die Forscher in der belebten Natur aus Erkenntnisinteresse vornehmen, nur „künstliche
Mittel“ oder „Notbehelfe“ seien und dass die Einteilung der Menschen in Männer und
Frauen, in verschiedene Rassen oder nach sonstigen Eigenschaften lediglich mehr
oder weniger zweckmäßige „Fiktionen“ seien. In immer neuen Varianten wiederholt er
die Kernannahme seiner Zwischenstufenlehre: Alle Menschen sind intersexuelle Varianten. In der Homosexuellen Aktion Westberlin verstanden wir dies als Aufforderung, uns der Einheit aller Homosexuellen bewusst zu werden, wie effeminiert oder
virilisiert auch immer sie sein mögen, und Solidarität mit allen sexuell Unterdrückten
und Verfolgten zu üben, egal mit welchem Geschlecht sie sich identifizierten. Diese
Vorstellung war der konservativen Mehrheit gewiss ein Gräuel, während wir uns mit
der Frage quälten, ob unsere Solidarität auch dem schwulen Neonazi (so etwas gab es
damals in Westberlin) oder dem schwulen Bundeswehroffizier (so etwas gab es nur in
Westdeutschland) gelten müsse.
Praktische Bedeutung erlangten solche Fragen glücklicherweise nicht, wohl aber
die Frauenfrage, als 1972 einige Lesben in unsere Tuntengruppe kamen und mit uns
über einen gemeinsamen Emanzipationskampf der Schwulen und Lesben sprachen.
Ziemlich schnell wurde uns klar, dass es diese Gemeinsamkeit nicht geben könne, weil
die Frauen die Ansicht vertraten, die Schwulen seien vor allem Männer und als solche
per se Frauenunterdrücker. Einige radikalisierten diese Anschauung noch weiter und
sahen in allen Männern, wie schwul auch immer, nichts als potentielle Frauenvergewaltiger. Andere, wie die Pädagogikstudentin Ilse Kokula, waren in der Männerfrage
moderater; Kokula schrieb 1975 in ihrer im Verlag Frauenoffensive veröffentlichten
Diplomarbeit sogar Freundliches über Hirschfeld, der eine Theorie vom dritten Geschlecht entwickelt habe, die verglichen mit anderen Erklärungsversuchen ein Fortschritt gewesen sei.
Die Lesben bildeten eine separate HAW-Frauengruppe, die mit uns nicht mehr
diskutieren wollte. 1976 ging dann aus der HAW-Frauengruppe – die Namenswahl
sollte zum Ausdruck bringen, dass die Lesben mit den Normal-Frauen gemeinsam
vorrangig den Kampf gegen die Männerherrschaft führen wollten und sich weniger als
Lesben, denn als Frauen sahen – die sehr lesenswerte Zeitschrift Die schwarze Botin
hervor, in der vornehmlich französische und US-amerikanische radikallesbische Positionen erörtert wurden, wie etwa die Theorie von Monique Wittig und dergleichen.
Wittig hatte, wie unsere Berliner Lesben, mit Hirschfeld eigentlich gar nichts im Sinn,
fand aber an anderer Stelle den ziemlich Hirschfeldischen Gedanken, dass es nicht ein
oder zwei Geschlechter gebe, sondern so viele wie Individuen existieren; das solle
aber nur für die Lesben gelten, beim Rest der Menschheit sei das irgendwie anders.
Vieles störte mich und andere an Hirschfelds Sexualtheorie und Sexualpolitik.Wir
bezeichneten es mit dem Ausdruck Biologismus, und er selbst schrieb darüber in den
zeitgebundenen Stichworten und heutigen Unworten Eugenik und Hodentransplantation. Unter Eugenik verstand er ungefähr das, was man heute Schwangerenberatung
mit Pränataldiagnostik nennt. Die heute allgemein akzeptierte Option der Abtreibung
bei entsprechender Diagnose war zu Hirschfelds Zeit strafrechtlich verwehrt.
Auch die heute grotesk und empörend erscheinende, von dem Wiener Professor
Steinach seit 1917 propagierte Verwandlung von Schwulen in Heteros mittels Hodenaustausch wurde ausschließlich auf freiwilliger Basis praktiziert. Als ich fühlte,
ich könne mich in einen Schwulen hineinversetzen, der seinerzeit so verzweifelt war,
sich zu wünschen und es sich zu leisten, durch diese Steinachsche Operation in einen
Normalsexuellen verwandelt zu werden, da wurde mir klar, dass nicht der Normalisierungswunsch des Schwulen, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse empörend waren, die diesen Wunsch produzierten.
Wenn Hirschfeld immer wieder seine Überzeugung zum Ausdruck brachte, Homosexualität sei genau so natürlich, gesund und angeboren wie Heterosexualität,
dann ging es ihm vor allem darum, die Gleichwertigkeit dieser beiden Sexualitäten zu
betonen. Zudem war ihm der hypothetische Charakter seiner Entstehungstheorie
bewusst. Er hielt sie für sehr wahrscheinlich, aber doch im streng naturwissenschaftlichen Sinne für noch unbewiesen. Als ich Hirschfeld für mich zu entdecken
begann, hörte ich ein Argument zu der Gefahr, die von dem Glauben an das Angeborensein sexueller Orientierungen ausgehen könne: Wenn einst dieses Angeborensein wissenschaftlich bewiesen würde, dann wäre es den Verfolgern und Bekämpfern
sogar möglich, die Homosexuellen auszurotten. Auch deshalb sei Hirschfeld naiv und
leichtfertig gewesen. Ich habe an diese Gefahr nie wirklich glauben können, da die
Verfolger und Bekämpfer mit ihren Gefängnissen, Konzentrationslagern und heute
wieder in Islamischen Republiken und Königreichen mit der Todesstrafe auswechselbare „Theorien“ zur Rechtfertigung ihres mörderischen Geschäfts benutzen, sei es
der Befehl eines Gottes, die Rettung der Jugend vor Missbrauch, die Vollstreckung der
Forderung eines gesunden Volksempfindens oder andere Konstruktionen. Für die
Bewertung von Sexualitäten ist es gleichgültig, ob ihr Angeborensein bewiesen wird
Einen Vorschlag, wie man sich das Zusammenspiel von genetischer Ausstattung
und Vergesellschaftung des Menschen vorstellen kann, hat der kritische Sexualforscher Sigusch im Jahr 2011 vorgelegt. Er ist so simpel, altbekannt und einleuchtend,
dass sogar Hirschfeld hätte zustimmen können: Für die Naturwissenschaftler, die sich
über ihre Wissenschaft selbst aufgeklärt haben, sind sog. Anlage und sog. Umwelt
vermittelt, ineinander verschränkt, sagt er. Das eine ist ohne das andere nicht zu
denken. Für den Naturwissenschaftler Hirschfeld, für mich als nicht-naturwissenschaftlichen Hirschfeld-Verehrer und, wie ich vermute, auch für jeden politisch denkenden Menschen ist vor allem die sog. Umwelt von Interesse, weil sie allein durch
bewusstes praktisches Handeln veränderbar ist. Und für die „sog. Anlage“ sind solche
biologischen Fachgebiete wie Genetik und Epigenetik zuständig, die, stets eingebettet
ins System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die von Karl Marx so genannte Naturbasis des vergesellschafteten Individuums immer besser erforschen und zu kontrollieren lernen. Als offenes politisches Problem bleibt wie bei Wissenschaft und
Technik generell die Entscheidung der Forscher, ob sie ihre Resultate in den Dienst des
allgemeinen pursuite of happines stellen oder sich an der heute technisch möglichen
Ausrottung der menschlichen Gattung vorbereitend beteiligen.
Fünf Männer – ich war einer von ihnen − gründeten 1982 in Berlin-Moabit die
Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Fast alle Gründer hatten zuvor schon in der Homosexuellen Aktion Westberlin erste politische Erfahrungen gesammelt und waren daher
mit der Geschichte der Schwulenbewegung und der Sexualwissenschaft vertraut genug, um zum fünfzigsten Jahrestag von Instituts-Zerstörung und Bücherverbrennung
die Wiedererrichtung des Hirschfeldschen Instituts öffentlich zu fordern. In der Stiftungssatzung des Instituts war bestimmt worden, dass das Vermögen der Stiftung der
Berliner Universität zur Errichtung eines universitären Instituts für Sexualwissenschaft vermacht werden soll, falls die Stiftung selbst nicht mehr in der Lage ist, die
Sexualwissenschaft zu fördern. Mit komplizierten Begründungen haben sowohl der
Westberliner Senat wie auch die Leitung der Freien Universität die Neuerrichtung des
Instituts abgelehnt. Der damalige FU-Präsident soll seine Ablehnung mit den Worten
begründet haben: „Über Sexualität forscht doch nur, wer damit Probleme hat. Und
wir, meine Herren, haben doch keine sexuellen Probleme!“ Dies überlieferte Ralf Dose
in seiner Dokumentation von 2015 Das verschmähte Erbe.
Nach der Wiedervereinigung wurde die von Hirschfeld als Nachfolgerin seines
Instituts erwählte Humboldt-Universität in die Diskussion um die Wiedererrichtung
einbezogen. Das machte die Angelegenheit insofern komplizierter, als nun auch die
Sexualwissenschaft, die sich in der DDR parallel zur und doch ziemlich anders als in
der BRD entwickelt hatte, einbezogen wurde. (In Westberlin gab es gar keine Sexologie, bloß ein bisschen historische Forschung in der Hirschfeld-Gesellschaft und in
der von dem Sexologen Erwin J. Haeberle aufgebauten, heute in der Hauptbibliothek
der Humboldt-Universität unter dem Namen „Haeberle-Hirschfeld-Archiv für Sexualwissenschaft“ zugänglichen Sammlung.)
So kam es 1990 zu einem Memorandum, das − im Wesentlichen von der sexologischen Elite des Westens vorgedacht − an die Humboldt-Universität die Bitte um
Einrichtung eines „Instituts für Geschlechter- und Sexualforschung“ herantrug. Das
neue Institut sollte zwar in die Nachfolge von Hirschfelds Institut gestellt werden, die
Medizin sollte aber nur in ihren Kritikern präsent sein, beispielsweise in einer Kritik
der Gen- und Reproduktionsmedizin oder der Medikalisierung der Sexualität; die
Biologie sollte überhaupt nicht vorkommen. Dieser Plan scheiterte am professoralen
Widerstand innerhalb der Universität, so dass es 1993 zur Ausschreibung einer Professur für Sexualwissenschaften kam und im Jahr darauf zur Stellenbesetzung mit
dem Mediziner, Psychotherapeuten und Psychoanalytiker Klaus M. Beier. Doch auch
die streng sozial- oder kulturwissenschaftlich orientierte Sexualforschung kam nicht
zu kurz, denn für sie richtete die Universität ein „Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien“ ein, an dem in vier Semestern ein Masterstudiengang Geschlechterstudien/Gender Studies belegt werden kann. Da Zentrum und Institut finanziell
und personell gut ausgestattet sind (Hirschfeld musste sein Institut noch durch den
Verkauf der Potenzpillen „Titusperlen“ finanzieren), gibt es zwischen beiden Einrichtungen keinerlei Streit, sondern eine friedliche Koexistenz. Prof. Beier kündigte in
seiner Antrittsvorlesung 1996 an der Charité die Einführung qualitätssichernder
Programme zur Aus- und Weiterbildung sowie den Ausbau der sexualmedizinischen
Diagnostik und Therapie an, die Rückwirkung auf eine allgemeine Theorie der Sexualität haben soll. Inzwischen ist dort ins Medizinstudium ein vierwöchiges Modul
„Sexualität und endokrines System“ integriert worden, und „Sexualmedizin“ wird als
Zusatzweiterbildung angeboten.
Bertolt Brecht, der dichtende Zeitgenosse Hirschfelds, teilte einmal nach dem
alliierten Sieg über den deutschen Faschismus und nach dem Tod Stalins seine Beobachtung mit, dass der Ausbruch aus der Barbarei des Kapitalismus selber noch
barbarische Züge aufweisen kann. Gewiss trug Hirschfelds Empfehlung an Kinderschänder, sich freiwillig kastrieren zu lassen, um dem barbarischen drehtürartigen
Kreislauf von Straftat, Zuchthausstrafe, Entlassung und erneuter Straftat zu entkommen, selbst noch barbarische Züge. Das seit 2005 am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité von Prof. Beier angebotene Therapieprogramm
für Menschen mit pädophiler Neigung („Präventionsprojekt Dunkelfeld“), mit dem
diese von strafbaren sexuellen Übergriffen abgehalten werden können, sehe ich als
einen zivilisatorischen Fortschritt auf dem Weg zum Ausbruch aus der Barbarei. Die
Zuchthausstrafe ist inzwischen abgeschafft und an die Stelle der chirurgischen ist die
chemische Kastration getreten, aber die sexualisierte und nicht sexualisierte Gewalt
gegen Kinder ist noch immer ein ebenso ungelöstes gesellschaftliches Problem. Auch
hier ist der Ausbruch aus der Barbarei ein utopisches Fernziel.
Das Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien hat in der ehemaligen
Schwulenzeitschrift Siegessäule (jetzt queer) angekündigt, es wolle Hirschfelds Werk
einer Diskursanalyse unterziehen. 2010 hat die Bundesregierung eine MagnusHirschfeld-Bundesstiftung begründet und dauerhaft finanziert. Auf ihrer Homepage
heißt es: „Die Stiftung hat zum Ziel, an Magnus Hirschfeld zu erinnern, Bildungs- und
Forschungsprojekte zu fördern und einer gesellschaftlichen Diskriminierung von
Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, trans- und intergeschlechtlichen
sowie queeren Personen (Abkürzung: LSBTTIQ) in Deutschland entgegenzuwirken.“
Hirschfeld hätte dies alles gewiss mit Wohlgefallen zur Kenntnis genommen.
Vergleicht man dazu noch den gegenwärtigen Stand der gesellschaftlichen LSBTTIQDiskriminierung (um mit der Bundesstiftung zu reden) mit dem von 1930, dann muss
man feststellen, dass wenigstens die Nahziele der Sexualpolitik Hirschfelds verwirklicht sind. Wenn heute sogar die überlebenden Opfer des Paragrafen 175 entschädigt
werden, hätte Hirschfeld sich das gewiss nicht einmal träumen lassen. Es fällt deshalb
schwer, nicht − wie es Hirschfeld vorgeworfen wird − in Fortschrittsglauben und
Wissenschaftsgläubigkeit zu verfallen.
Mein Bild von Magnus Hirschfeld ist naturgemäß subjektiv. Wie sollte es auch
anders sein? Andere können und werden es anders malen. Meine Sicht auf sein Lebenswerk und seine Epoche ist die eines um Objektivität bemühten Kleinbürgers aus
Berlin-Neukölln, der nie eine Weltreise gemacht hat und sogar nie für längere Zeit
seine Heimatstadt verlassen hat, Hirschfeld nur aus Büchern, Filmen, einigen
Handschriften in Archiven und Mitteilungen von überlebenden Zeitgenossen kennt.
Mein Anspruch geht dahin, dass die Fakten, die ich hier mitteile, stimmen und dass
die geäußerten Gedanken und Ansichten das Gepräge der Wahrhaftigkeit tragen und
der Diskussion wert sind. Oder noch pathetischer ausgedrückt: Es geht mir darum,
durch Wahrheit für Hirschfeld Gerechtigkeit zu erstreiten.
Die Geschichtsforschung gleicht einer spiritistischen Seance, sie ist wie ein Gespräch mit Verstorbenen. Gerechtigkeit für Hirschfeld kommt jetzt zu spät und gehört
allenfalls noch in die Schublade „Erinnerungskultur“ oder Totenkult.
Warum sollte man sich heute auf Hirschfeld einlassen, wenn nicht zur Pflege der
Erinnerung an einen großen Forscher, der allen Sorten von Faschisten so verhasst war,
dass sie danach trachteten, sein Lebenswerk zu zerstören? Ich will nicht den Wert von
Trost und Erbauung – Tröstung für die Verlierer, Erbauung für die Sieger − geringschätzen, die uns ein Blick in die Vergangenheit gewähren kann. Ist aber aus der
Geschichte Hirschfelds etwas zu lernen, das mehr wäre als Trost und Erbauung? Für
die Lehre, dass wir keinen neuen Weltkrieg und keinen neuen Faschismus wollen,
müssen wir nicht die Geschichte studieren. Ein Blick auf die Gegenwart genügt: auf
den in allen fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten mächtiger werdenden so genannten Rechtspopulismus; auf die alteingesessenen Republiken und Königreiche,
die heute niemand, der ernst genommen wird, faschistische Despotien nennt; auf die
zahlreicher werdenden kleineren Kriege, in denen unsere Bundeswehr und unsere
Rüstungsindustrie die Wirtschaftsinteressen und die Freiheit verteidigt – ein solcher
Blick lehrt, dass in der Geschichte keine Lösungsvorschläge für die Befreiung von
solchen Menschheitsplagen zu finden sind.
Ein Jahr vor seinem Tod hat der Berliner Schriftsteller Walter Benjamin im Pariser
Exil, entmutigt und verzweifelt von der Nachricht vom Hitler-Stalin-Pakt und vom
Kriegsbeginn, seinen Text Über den Begriff der Geschichte geschrieben. Er tadelt darin
die deutsche Sozialdemokratie für ihren „sturen Fortschrittsglauben“ als einer unendlichen Perfektibilität der Menschheit im historischen Prozess. Dieser Glaube habe
schließlich zu Niederlage, Verrat und Zusammenbruch im antifaschistischen Kampf
beigetragen. Der historische Materialist Benjamin tadelt nur die SPD, nicht Thälmann
und Stalin. Sie bleiben vielsagend unerwähnt, und als positive Gegenbilder werden
nur die Revolutionäre Robespierre und Blanqui aus der Geschichte Frankreichs
Hirschfeld in seinem sturen sozialdemokratischen Fortschrittsglauben hat sich
mit einem Ausspruch des italienischen Philosophen Giordano Bruno, das eigene Lebenswerk betreffend, zu trösten versucht („Seid getrost, die Zeit wird kommen, da alle
sehen werden, was ich sehe!“). Benjamin konnte auch, bevor er sich auf der Flucht vor
seinen Verfolgern umbrachte, keinen Trost in der jüdischen Theologie finden, die von
einer kommenden messianischen Zeit sprach, in der jede Sekunde die kleine Pforte
war, durch die der Messias treten konnte.³ Anders als dem atheistischen Juden
Hirschfeld, der am Ende auf eine Zukunft hoffte, in der sein Werk zur Geltung kommen
wird, war dem atheistischen Juden Bejamin zur Gewissheit geworden, dass es für ihn
keine Hoffnung mehr gibt. Bei dem verehrten jüdisch-atheistischen Dichter Franz
Kafka fand er dies bestätigt: „So ist denn, wie Kafka sagt, unendlich viel Hoffnung
vorhanden, nur nicht für uns. Dieser Satz enthält wirklich Kafkas Hoffnung. Er ist die
Quelle seiner strahlenden Heiterkeit.“⁴
Berlin-Mitte im März 2017
 Vgl. Benjamin 1980, S. 704.
 Benjamin/Scholem 1985, S. 273.
Teil 1 (1868 – 1895)
Kinderszenen. Sex und Politik
Nur wenig wissen wir über Magnus Hirschfelds Kindheit. Keine Fotos, kaum Berichte,
Briefe der Eltern, Geschwister, Freunde verschwunden, nur verstreute Anekdoten,
Episoden, Szenen, die ein undeutliches Bild vermitteln und das Kind Magnus in den
Schriften und Taten des erwachsenen Mannes kaum erahnen lassen.
Eine Kindheitserinnerung aus dem vierten Lebensjahr, die früheste, schrieb der
55-Jährige 1922 für die Berliner Schwulenzeitschrift Die Freundschaft auf:
„Meine ersten Kindheitserinnerungen beziehen sich auf Besuche im Lazarett, auf denen ich
meinen Vater in seinem Wagen begleiten durfte, zu den während des deutsch-französischen
Krieges von 1870/71 in meiner Vaterstadt Kolberg gefangenen Turkos, Zuaven und Franzosen ,mit
den roten Hosen‘. Ich war damals drei Jahre alt. Wir Kinder hatten eine französische Bonne, die
während des Krieges, der sich in weit konzilianteren Formen abspielte als der letzte, in unserm
Hause verblieb. Sie wurde wegen eines ziemlich starken Schnurrbarts auf ihrer Oberlippe, von
dem zu sprechen uns Kindern streng verboten war, von den Gefangenen, denen wir begegneten,
Mademoiselle Moustache genannt, allerdings nicht von den galanten französischen Offizieren,
die, um ihre Landsmännin zu besuchen, zu uns kamen.“¹
Diesen Bericht hat Hirschfeld gewiss mit Bedacht ausgewählt, denn hier klingen seine
beiden großen Lebensthemen an, die er immer und immer wieder in seinen Schriften
bedenkt und die das Verhältnis der Geschlechter sowie die Sehnsucht nach einer Welt
ohne Krieg betreffen. Die Erinnerung an das französische Kindermädchen mit Oberlippenbart ist ein Anlass, um eine Ethik des humanen Umgangs mit „sexuellen Zwischenstufen“ anzudeuten, mit Menschen, deren Abweichen von den herrschenden
Mann/Frau-Stereotypen offen zutage liegt: die wohlwollend sachliche Haltung der
Eltern zum Bart der Hausangestellten schloss ein Schweigegebot für die Kinder ein,
die mit ihren naiv unaufgeklärten Fragen ihre Bonne hätten kränken können. Im
Namen „Mademoiselle Moustache“, den die gefangenen französischen Soldaten für
die abwesende Bonne erfunden hatten, kann man so etwas wie Zärtlichkeit heraushören. Schließlich war eine junge Frau mit Damenbart nicht für alle heterosexuellen
Männer unattraktiv, und die galanten Offiziere wahrten bei ihren Besuchen diskretes
Schweigen wie die Kinder, die das aber nur aus Gehorsam gegen das elterliche Verbot
Überraschend erscheint beim Vergleich der Kriege von 1870/71 und 1914/18 die
Wortwahl. Was heißt: der deutsch-französische Krieg habe sich in weit konzilianteren
Formen als der Weltkrieg abgespielt? Wenn man errät, dass Hirschfeld „konziliant“ im
alten Wortsinn von „versöhnlich“ verwendet, dann könnte dies einen Einblick in sein
Geschichtsverständnis ermöglichen. Schon wegen der fortgeschritteneren Waffen-
 Hirschfeld 1986, S. 153 f.; Hirschfeld 1926a, S. 200.
https://doi.org/10.1515/9783110548426-003
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technik (Giftgas, Luftkrieg, Maschinenwaffen) war der Weltkrieg wesentlich grausamer und mörderischer als der Krieg Preußens und seiner Verbündeten gegen Frankreich. Damals war Frankreich der Verlierer, 1918 gehörte Frankreich zu den Siegern.
Dass aber beide Kriege sich in der Konzilianz der Formen unterschieden, kann man
eigentlich nur glauben, wenn man mit deutschnational verklärtem Blick auf die Große
Zeit von Sedan und Versailles zurückschaut. Unversöhnliche Rach- und Bereicherungssucht der Sieger kennzeichneten beide gleichermaßen.
Eine andere Kindheitserinnerung erzählt Hirschfeld im ersten Band seines umfangreichen Spätwerks Geschlechtskunde auf Grund dreißigjähriger Forschung und
Erfahrung bearbeitet. Und auch hier handelt es sich um eine Erzählung in praktischer
Absicht, um die Ächtung der körperlichen Züchtigung in der Kindererziehung. Als
zehnjähriger Junge sei er einmal aus Gründen, an die er sich nicht mehr erinnert, von
zuhause ausgerissen, drei Tage später aufgegriffen und zu seinen besorgten Eltern
zurückgebracht worden. Statt ihm aber die erwartete Tracht Prügel zu verabreichen,
hätten die Eltern den heimgekehrten verlorenen Sohn überaus liebe- und verständnisvoll empfangen; die Mama habe das erschöpfte Kind erst zu Bett gebracht und, als
es erwachte, mit einem leckeren Frühstück belohnt, dann habe der Papa es auf seine
Knie gesetzt und aufgefordert zu erzählen. Schließlich habe der Papa gesagt, er werde
den Sohn nicht schlagen, und ihm den Rat erteilt, auf Vorwürfe und Schelte der anderen zu reagieren, indem er an das Christus-Wort denkt: „Wer sich frei von Schuld
weiß, werfe den ersten Stein auf mich.“²
Dieses Erlebnis habe sich in seinem „Unterbewußtsein unauslöschlich eingeprägt“ und ihn zu der Überzeugung gebracht, dass das Wort aus dem Neuen Testament: „Welchen der Herr lieb hat, den züchtigt er“, missverständlich sei und keinesfalls die Prügelstrafe rechtfertige.³ Nur indirekt angedeutet ist in dem Bericht die
Angst vor der Schule, der anderen prügelnden Erziehungsinstanz; die Schüler in der
Sexta des Königlichen Domgymnasiums seien mit Ferienaufgaben sehr gequält worden, und Magnus war mit der Lösung der Aufgaben in diesem Jahr nicht fertig geworden, was ihn wegen zu erwartender Schulstrafe zur Ausführung seines Fluchtplanes getrieben haben könnte.⁴
Vergleicht man Hirschfelds frühesten Text gegen die Prügelstrafe mit den folgenden, dann fällt eine Entwicklung auf vom konzilianten Versteher mindestens
prügelnder Eltern zum kompromisslosen Kritiker jedweder Schläge gegen Schutzbefohlene; in dem Aufsatz von 1904 „Soll man Kinder prügeln?“ findet sich noch der
 Hirschfeld 1926a, S. 174.
 Ebd.
 Vgl. Ebd., S. 173; die Abschaffung der Prügelstrafe für Kinder, war eines der wichtigeren Reformprojekte Hirschfelds. In der Berliner Tageszeitung Der Tag erschien am 5. November 1903 erstmals ein
Aufsatz zum Thema („Die Abschaffung der Prügelstrafe für Kinder“); es folgte in der Frauen-Rundschau
von 1904, S. 276: „Soll man Kinder prügeln?“, 1929 in der von Hirschfeld herausgegebenen Zeitschrift
Die Aufklärung (S. 97– 98): „Prügelpädagogen“ und 1930 in der Zeitschrift Die Ehe (Nr. 9, S. 3 – 4): „Über
Prügelstrafe“.
Die Eltern. Das höhere Wesen. Das liebe Kind
Satz: „Die Prügelstrafe sollte unbedingt in der Schule verboten werden, auch die Eltern sollten sie nur sehr selten anwenden, nie im Zorn, sondern nur nach reiflicher
Erwägung“⁵, später ist von sehr selten erlaubtem Schlagen der Kinder nicht mehr die
Bei Magnus Hirschfelds Geburt am 14. Mai 1868 in Colberg⁶ war die hinterpommersche
Kleinstadt auf gutem Wege, sich von einem verschlafenen Militärnest, das von seiner
heldischen Rolle unter Bürgermeister Nettelbeck 1809 im Krieg gegen die Franzosen
träumt, zu einem der beliebtesten Kurbäder an der Ostsee zu mausern. Die für den
gelingenden Einstieg in die Tourismusindustrie wichtigste Maßnahme war vielleicht
der Anschluss an das „grosse europäische Verkehrsnetz“ 1859⁷. Die Eröffnung des
Domgymnasiums im gleichen Jahr steht wohl für den kulturellen Aufstieg Colbergs,
ungefähr parallel zum wirtschaftlichen und infrastrukturellen. Bald folgten ein
Theater und ein Konzertsaal. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg als Kurort war Colbergs
Traum von einstiger vaterländischer Größe keineswegs ausgeträumt: 1868 wurde der
Theaterneubau mit der Uraufführung des historischen Schauspiels in fünf Akten
Colberg von dem späteren Nobelpreisträger Paul Heyse eingeweiht. Hier ging es
wieder einmal um die militärischen Verdienste Bürgermeister Nettelbecks im Krieg
gegen den französischen Erzfeind. Die Zahl der zivilen Einwohner verdoppelte sich
zwischen 1862 und 1900 von rund zehn- auf zwanzigtausend. Der Umbau von einer
Festungs- und Garnisonsstadt zum entfestigten Kurbadeort begann 1877; die Festung
wurde zwar geschleift, die Soldaten mit ihren Kasernen und Schießplätzen blieben der
Stadt aber bis zuletzt, bis zur Befreiung durch die Rote Armee 1945 erhalten. Bald nach
der Jahrhundertwende errichtete der Hinterpommersche Reiterverein auf dem Gelände des nordöstlich der Stadt gelegenen Exerzierplatzes eine Pferderennbahn.
Der Vater Hermann Hirschfeld war am 31. Juli 1825 im hinterpommerschen Neustettin,
die Mutter Friederike Mann dreizehn Jahre später, am 6. Juli 1838⁸ in Bernstein an der
Warthe zur Welt gekommen. Obwohl Base und Vetter⁹, hatten sich die beiden erst in
 Hirschfeld 1904a, S. 276.
 Die Schreibweise „Kolberg“ setzte sich am Anfang des 20. Jahrhunderts durch. Seit 1945 gehört
Kolberg zu Polen und heißt seither Kołobrzeg.
 Hermann Hirschfeld 1884, S. 5.
 Hirschfeld 2013, S. 20.
 „Vaters Vater und Mutters Großmutter waren Bruder und Schwester gewesen.“ (Hirschfeld 1986,
Berlin kennengelernt und heirateten 1855¹⁰ in Colberg. Zwei Jahre später, am 8. Juni
1857 gebar Friederike ihre erste Tochter, die den Namen Recha erhielt. Immer wieder
erzählt Magnus Hirschfeld vom glücklichen und harmonischen Familienleben, von
der ungetrübten Gattenliebe der Eltern und der innigen Geschwisterliebe, die ihn mit
seinen vier Schwestern und zwei Brüdern verband. Der Sohn rühmt die Mutter als „ein
Wesen von unendlicher Sanftmut und Langmut“; nachdem ihr Gatte am 17. Juni 1885
noch nicht sechzigjährig an der Brightschen Nierenerkrankung gestorben war, habe
sie den Verlust niemals verwunden. Sie hat ihn um fast zwanzig Jahre überlebt und
starb erst am 5. Juni 1904, nachdem sie von Kolberg nach Wilmersdorf bei Berlin
übergesiedelt war.¹¹
Im vierten Kapitel seiner Geschlechtskunde, das der sexuellen Aufklärung der
Kinder gewidmet ist und dem Hirschfeld als Motto eine Stelle aus Wedekinds Kindertragödie Frühlingserwachen voranstellt („O Mutter, warum hast du mir nicht alles
gesagt?“), berichtet er eine Anekdote aus dem Leben seiner Mutter. Es geht darum,
dass die Mütter für die sexuelle Aufklärung der Kinder am besten geeignet wären,
sofern sie über ausreichend Fachwissen und Feingefühl verfügen. Beides fehle leider
in den meisten Fällen – „Die Erzieher müssen erzogen, die Aufklärer aufgeklärt
werden.“¹² – so auch bei der eigenen Mama, die einst aus falscher Scham und fehlender Aufklärung in eine seelische Krise stürzte:
„Ich war sieben Jahre lang der Jüngste von sechs Geschwistern, als meine Mutter nochmals guter
Hoffnung wurde. Sie selbst war 40 Jahre alt, und meine beiden ältesten Schwestern standen
bereits kurz vor ihrer Verlobung. Als sie ihren Zustand bemerkte, schämte sich meine Mutter, die
ihre Kinder über alles liebte, so sehr, daß sie in eine tiefe Schwermut verfiel; es war keine eigentliche Schwangerschaftspsychose, sondern nur stärkstes reaktives Schamgefühl, ein sehr
quälender Zustand, der sich erst durch die glückliche Geburt meiner Schwester, dann allerdings
wie mit einem Schlage, verlor.“¹³
In der liberal jüdischen kleinbürgerlichen Arztfamilie Hirschfeld, die man nach allem,
was wir wissen, glücklich nennen darf, herrschte nichtsdestoweniger eine klare, von
keinem der Beteiligten jemals infrage gestellte Rollen- und Machtverteilung. Dies
kommt etwa in der rückblickenden Formulierung des Sohnes zum Ausdruck, „wir
sieben Kinder“ hätten zum Vater „wie zu einem höheren Wesen“ emporgeschaut.¹⁴ Die
zweitälteste Tochter Franziska erwähnt einmal, dass Hermann seine Gattin als „liebes
Kind“ anredete. Sie erzählt, dass der Vater oft arme, hungrige Colberger zum Mittagessen mitbrachte, damit sie sich am Tisch der Familie satt essen könnten. Weil er
 Vgl. Dose 2004, S. 37; Doses Untersuchung zur Genealogie der Familie Hirschfeld ist wohl die ergiebigste und gründlichste Arbeit zum Thema.
 Hirschfeld 1986, S. 158. Sterbedatum und -ort der Mutter ermittelte Ralf Dose (E-Mail an den Verf.
vom 1.11. 2014).
 Hirschfeld 1926a, S. 122.
 Ebd.
 Hirschfeld 1986, S. 153.
sah, dass das Aufgetischte nicht ausreichen würde, fragte er die Hausfrau: „Hast Du
nicht mehr, liebes Kind?“¹⁵ Das fest gefügte hierarchische Gefälle zwischen den
Eheleuten wird sogleich deutlich, wenn man sich vorstellt, Friederike könnte ihrerseits
den Gatten als „liebes Kind“ angeredet haben. Hinzukommt, dass Friederikes Gatte
dreizehn Jahre älter war als sie, was ihrer Ehe durchaus auch eine Vater-Tochter-Anmutung verleihen konnte. Die Anerkennung überkommener Herrschaftsnormen
durch alle Familienmitglieder und die wirklich vorhandene Liebe zwischen ihnen
scheint eine stabile konfliktarme Harmonie gewährleistet zu haben. Hinzukommt die
Abwesenheit von ernsthafter wirtschaftlicher Not und stattdessen ein bis zum Schluss
wachsender Wohlstand parallel zur allgemeinen Colberger Prosperität. Dies zeigt sich
etwa darin, dass sich Vater Hirschfeld „Ende der sechziger Jahre entschloß, gegenüber
dem Vereinssoolbad ein eigenes Fachwerkhaus mit hübscher Veranda zu errichten“;
mit „größter Freude“ wurde die neue Sommerwohnung dann in jedem Frühjahr von
der Familie bezogen, nachdem sie den Winter im Haus am Markt im Stadtzentrum
verbracht hatte.¹⁶ Dieses Haus, das nur über die alte Durchnummerierung aller Colberger Häuser als „Markt 234“ zu identifizieren ist, war Hermann Hirschfelds Eigentum.¹⁷
Nach seiner Promotion im Revolutionsjahr 1848 in Berlin ließ sich der 23-jährige
Hermann Hirschfeld in Greifenberg, an der Ostseeküste ungefähr auf halber Strecke
zwischen Colberg und Stettin gelegen, als praktischer Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer nieder. Er kaufte ein Haus im Stadtzentrum und engagierte sich in der jüdischen
Gemeinde und vor allem bei Projekten, die die Attraktivität Colbergs als Kurort erhöhen sollten, wie den Bau einer städtischen Wasserleitung und einer Kanalisation.
Auch verfasste er mehrere Broschüren, die die medizinischen Vorzüge einer Badekur
in Colberg zeigen sollten.¹⁸
In seinem autobiografischen Fragment von 1922/23 Von Einst bis Jetzt nennt Magnus Hirschfeld seinen Vater einmal den „Freiheits- und Fortschrittsmann vom Jahre
1848“¹⁹, was er in dem Aufsatz zum 100. Geburtstag genauer ausführt:
 F. Mann 1925, S. 24.
 Hirschfeld 1925, S. 12.
 Wohnungsanzeiger 1868, S. 73.
 Einige Beispiele: Kurerfolge des Sool-Bades Colberg (1859) – Die Summe unseres Wissens vom Soolund Seebade Colberg (1864) – Was leisten Bäder überhaupt und was Colberg insbesondere (1870) – Die
häufigsten ärztlichen Fragen betreffend das Sool- und Seebad Colberg beantwortet auf Grund dreißigjähriger Erfahrung (1880) – Jubelschrift des See- und Soolbades Colberg zur Feier des 31. Mai 1884 des 25.
Jahrestages seines Aufschwungs (1884); alle Colberg-Schriften sind im Verlag C. F. Post’sche Buchdruckerei erschienen, mit dessen Inhaber Carl Jancke Hermann Hirschfeld „die Freundschaft eines
Menschenalters“ verband. Wenn Magnus über diese Freundschaft seines Vaters schreibt, verwechselt
er Carl Jancke, der von 1859 bis 1888 Chefredakteur und Besitzer des Verlages war, mit dessen Sohn
Paul, der erst 1877 in das Geschäft eintrat und 1888 Alleinunternehmer wurde (vgl. Klaje 1924, S. 21).
 Hirschfeld 1986, S. 154.
„Einen tiefen Eindruck machten auf meinen Vater die Ereignisse des Jahres 1848, die er aus
unmittelbarer Nähe erlebte. Seine ,Studentenbude‘ lag nahe dem alten Schloß, wenn ich mich
nicht irre am Schloßplatz selbst. Er ließ später selten einen 18. März vorübergehen, an dem er uns
Kindern nicht erzählte, wie er damals auf den Barrikaden den Bürgern und Soldaten die Wunden
verband – es war seine erste ärztliche Tätigkeit – und zugegen war, als Friedrich Wilhelm IV. auf
den Balkon des Schlosses trat, um die Gefallenen zu grüßen, die nach der für sie im Friedrichshain bereiteten Grabstätte gebracht wurden.“²⁰
Hier wird recht anschaulich Hermann Hirschfelds politische Haltung und Gesinnung
angedeutet, wie sie später in Colberg in seinen politischen Leitartikeln und der „Politischen Wochenschau“ in der Zeitung für Pommern zum Ausdruck kam: In Abgrenzung zu den Konservativen, die eine absolutistische Monarchie wie im Preußen des
18. Jahrhunderts erhalten wissen wollten, und zu den Republikanern, der Hauptkraft
der Volksaufstände von 1848, war er bedingungslos königstreu, bejahte das Dreiklassenwahlrecht und die von Friedrich Wilhelm IV. „oktroyierte“, also der Bevölkerung aufgezwungene Verfassung. Mit einem Wort, er stand fest auf dem Boden einer
konstitutionellen Monarchie in Preußen.²¹ Seit der ersten Ausgabe der Zeitung für
Pommern, die am 9. November 1852 vorlag, war Hermann Hirschfeld „der hauptsächlichste Mitarbeiter“; in den ersten Jahren zeichnete er seine Artikel mit „K.ss“,
später erschienen sie anonym und und mit der immer gleichen Tendenz: „natürlich im
Sinne des Herausgebers, gemäßigt liberal“²².
Es ist bedauerlich, dass derzeit allein der Jahrgang 1868 der Zeitung für Pommern
und damit Hirschfelds politische Wochenschauen öffentlich zugänglich sind. Der
Chronist des C. F. Post’schen Verlages, Hermann Klaje, hatte aber noch ein vollständiges Exemplar der Zeitung zur Verfügung und konnte weitere Aspekte des gemäßigt
liberalen Standpunkts benennen. „Immer von neuem“ tritt Hirschfeld für einen
starken deutschen Bundesstaat unter preußischer Führung ein. Obwohl er immer
wieder die Erhaltung des Friedens als höchstes Gut für Europa beschwört, hält er
Frankreich für den gefährlichsten Gegner Preußens im kommenden Krieg und unterstützt 1861 einen Aufruf zu Beiträgen für den Bau von Kanonenbooten und
Kriegsschiffen. „Jancke und Hirschfeld sind die ersten, die ihr Teil geben: Jancke 5
Taler, Hirschfeld 3.“²³
Schließlich machen Jancke und Hirschfeld ihr Blatt zu einem Sprachrohr für die
innen- und außenpolitischen Ziele des preußischen Kanzlers Bismarck und der ihn im
Parlament unterstützenden Nationalliberalen Partei. Am 29. Oktober 1867 schreibt
Hirschfeld in seiner Wochenschau:
„Diese nationale und liberale Haltung unserer Regierung verdient sicherlich die Anerkennung
aller Parteien.Wollen wir dieselbe in ihrer großen Mission unterstützen, so haben wir ihr auch bei



Hirschfeld 1925, S. 10.
Vgl. Klaje 1924, S. 15.
den bevorstehenden Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhause Vertreter in den Landtag zu
schicken, die im Innersten davon durchdrungen sind, wie nur durch die Freiheit und den Fortschritt die materielle Wohlfahrt und die militärische Überlegenheit eines Volkes begründet werden kann, und wie diese namentlich unerläßlich sind für die unauflösliche Konsolidation
Deutschlands.“²⁴
Eine Variante dieser Propagandaphrase zitiert der Sohn im Aufsatz zum 100. Geburtstag des Vaters. Dieser sei ein treuer deutscher Patriot gewesen, der damals in
einer „Wochenschau“ die Hoffnung ausgedrückt habe, es möge dem neuen Preußenkönig Wilhelm I. gelingen, die deutsche Einheit und den deutschen Bundesstaat
zu schaffen, damit ein Staat da sei, der Frankreich gewachsen ist und der im Bunde
mit England den europäischen Frieden sichern könne. Dann lobt auch der Sohn
Bismarck dafür, dass unter seiner starken Führung „Deutschlands Weltgeltung“ auf
dem Berliner Kongress von 1878 „den Höhepunkt“ erreicht habe und „nach Bismarcks
verhängnisvoller Entlassung“ die deutsche Misere nicht mehr aufzuhalten war:
„Wieviel besser stünde es heute um unser Vaterland!“²⁵
Ein gewisses Gegengewicht zu Hermann Hirschfelds Anhänglichkeit an den
preußischen Neoabsolutismus und bereitwillige Rechtfertigung des berüchtigten Militarismus in seinem Vaterland könnte man in seinen literarischen Vorlieben finden,
die die Tochter Franziska jedoch bloß andeutet. Sie erzählt im Aufsatz zum hundertsten Geburtstag des Papas von der literarischen Bildung, die er schon der fünfjährigen Tochter zukommen ließ, indem er ihr und der zwei Jahre älteren Schwester
aus Goethes Hermann und Dorothea vorlas. „Etwas später kam Reuter an die Reihe,
noch später Heine.“²⁶ Unwahrscheinlich aber nicht ausgeschlossen ist, dass der alte
Hirschfeld mit seinem Interesse an Schriften Fritz Reuters und Heinrich Heines, die
beide von der preußischen Obrigkeit für ihre demokratische Gesinnung mit Zensur,
Vertreibung ins Exil und im Fall Reuter mit jahrelanger Gefängnishaft bestraft wurden,
heimliche Sympathie für ein bürgerliches Republikanertum bekunden wollte. Wahrscheinlich aber hat er seinen Töchtern bloß aus Reuters humoristischen plattdeutschen Sachen, Läuschen un Rimels und dergleichen, und „noch später“ Heines
wunderschöne aber harmlose Liebeslyrik vorgelesen und sich von den beiden republikanischen Zeitgenossen in seiner vaterländischen Gesinnung nicht beirren lassen.
Jedoch repräsentiert Heine nicht nur eine politische Alternative zu Hirschfelds Biederkeit, auch in religiöser Hinsicht ist er moderner und konsequenter. 1825 ließ er sich
taufen und wurde evangelisch, was aber allein in der Hoffnung geschah, eine bürgerliche Karriere zu befördern. Heine hatte sich damals bereits von allen traditionellen
Religionen verabschiedet und sich einem spinozistischen Atheismus zugewandt, von
dem ihn auch die Erfahrungen mit Krankheit und Altersverfall nicht abzubringen
 Nach Klaje 1924, S. 20.
 Hirschfeld 1925, S. 8 f.
 Mann 1925, S. 23.
vermochten.²⁷ In der Familie Hirschfeld gelang ein solcher Säkularisierungsprozess
erst in der nächsten Generation, beim jüngsten Sohn Magnus, der in Sozialdemokratie
und Monismus eine religionsferne Weltanschauung gewann.
In der Vita, die er seiner Dissertation beifügte, hat Hermann Hirschfeld sich mit
dem Satz „Judaeus sum“ zur mosaischen Religion bekannt.²⁸ Ralf Dose konnte ermitteln, er habe sich bald nach seiner Niederlassung in Colberg in der kleinen, damals
nur 136 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde engagiert, zunächst als eines der
neun Mitglieder der Repräsentantenversammlung, ab 1871 als Vorsitzender des Vorstands.²⁹
Es konnten bisher keine Spuren eines Antisemitismus im Colberg des 19. Jahrhunderts
nachgewiesen werden, die über die Judendiskriminierung durch die in Preußen und
im Norddeutschen Bund geltenden Gesetze hinausgehen. Eine Impression zum Thema
Colberger religiöse Vielfalt zeichnet im Juni 1826 die Zeitung für Pommern, die damals
noch Colberger Wochenblatt hieß, in ihrem Bericht über das „Ottofest“, das zur Erinnerung an den Bischof Otto von Bamberg gefeiert wurde, der 700 Jahre zuvor in der
Stadt das Christentum verkündet und die Marienkirche geweiht haben soll:
„Mehrere jüdische Familien des Orts begaben sich am Vorabend des Festes in die herrliche Kirche
und konnten ihr Staunen nicht unterdrücken, als sie bemerkten, wie Hunderte von Christen emsig
bemüht waren, das Gotteshaus zu dem hohen Feste auszuschmücken.“
Hermann Klaje, der dieses Zitat überlieferte³⁰, schließt daraus, dass der Vorgang vom
„Rationalismus des 18. Jahrhunderts“ geprägt sei, denn die Religions- und Bekenntnisunterschiede habe man für nebensächlich gehalten. „Man freute sich des Zusammenschlusses mit Katholiken und Juden in einer allgemeinen Gottesverehrung.“³¹
Liest man genauer, bemerkt man die idyllisierende Überinterpretation, denn die jüdischen Familien durften lediglich am Vorabend des frommen Festes den Schmuck
der Kirche bestaunen und mehr nicht. Ein Colberger religiöser Zusammenschluss im
Geiste Nathan des Weisen, den Klaje hier zu sehen scheint, hat offensichtlich nie
Was die Haltung gegenüber der anderen religiösen Minderheit in Colberg, die
Katholiken, betrifft, so weiß Klaje, dass nach 1871 die Zeitung für Pommern und ihr
maßgeblicher Kommentator Hirschfeld „kulturkämpferisch“ gestimmt waren; die

Morawe 2010, S. 317 ff.
Vgl. Herzer 2001a, S. 40.
Vgl. Dose 2004, S. 37.
Klaje 1924, S. 6.
Zeitung „unterstützt Bismarck in seinem Ringen mit der katholischen Kirche“.³² Ein
weiteres mögliches Motiv für Hermann Hirschfelds Bismarck-Sympathie könnte man
aus einer Stelle in der letzten, Fragment gebliebenen Arbeit des Sohnes Magnus erraten, der sich dort 1935 an den preußischen Antisemitismus während seiner „Gymnasialzeit um 1880“ erinnert:
„Es ist nicht das erste Mal, daß wir Älteren in Deutschland und Europa eine antisemitische Welle
erleben.Vor etwa einem halben Jahrhundert trat in Deutschland der Führer der christlichsozialen
Partei, der Hofprediger Stöcker (der ebenfalls Adolf hieß) auf, neben ihm Rektor Ahlwart und
Bernhard Förster (der Schwager Friedrich Nietzsches, dem diese Verwandtschaft deshalb recht
peinlich war), ferner die Professoren an der Universität Berlin Treitschke und Dühring, von denen
der letztere ein vielbeachtetes Buch verfaßt hatte: Die Judenfrage als Frage des Rassencharakters ³³.
Die Höhepunkte der damaligen Bewegung waren der Ritualmordprozeß von Konitz, der Synagogenbrand in Neustettin und der Judenflintenprozeß in Berlin. Der Reichskanzler jener Zeit,
Bismarck, dessen Vertrauensmann der jüdische Bankier Bleichröder war, wurde als ,Judengenosse‘ oder ,Judenknecht‘ gebrandmarkt. Ich erinnere mich aller dieser Vorgänge, die in meine
Gymnasialzeit um 1880 fielen, noch recht genau. Sie ebbten in wenigen Jahren ab, nachdem der
damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm (später Kaiser Friedrich) den Antisemitismus als ,die
Schmach des Jahrhunderts‘ bezeichnet hatte, und die großen Anthropologen Virchow und Luschan sich mit großer Schärfe gegen die Rassentheorien Dührings wandten. Professor Dühring
wurde seines Amtes enthoben. Der Historiker Theodor Mommsen prägte damals das Wort von der
,Choleraepidemie des Antisemitismus‘.“³⁴
Mehr noch als der Vater wird später der Sohn in seinem Streben nach Assimilation in
seinem literarischen Schaffen das Judentum möglichst unerwähnt zu lassen, was bei
den zunehmend aggressiven Angriffen, die aus den unterschiedlichsten antisemitischen Lagern gegen ihn gerichtet wurden, immer schwerer fiel.
Hermann Hirschfeld versuchte selbstverständlich gemäß seiner liberalen Gesinnung seine Patienten und Patientinnen zu kurieren, egal zu welcher Gottheit sie beteten. Dies und seine tatkräftige Anteilnahme am Werden und Wachsen des Bades
veranlasste den Magistrat der Stadt, „in Erinnerung an seine vielfachen großen Verdienste“ ein Jahr nach seinem Tod ein Denkmal zu errichten, das auf der „Promenade“
gegenüber dem Sommerhaus der Familie enthüllt wurde.³⁵ 1934 wurde das Denkmal
von der inzwischen nationalsozialistischen Stadtregierung zerstört.³⁶
 Ebd., S. 20.
 Die erste Auflage des Dühringschen Pamphlets, Karlsruhe 1881, war betitelt: Die Judenfrage als
Racen-, Sitten- und Culturfrage. Mit einer weltgeschichtlichen Antwort.
 Hirschfeld 1935, S. 7.
 Colberger Zeitung für Pommern vom 6. Juli 1886; nach Hirschfeld 1925, S. 3.
 Herzer 2001a, S. 19.
Die Geschwister. Die Großfamilie
Nicht nur die Eltern, auch seine sechs Geschwister erwähnt Magnus Hirschfeld stets in
einem Ton zärtlicher Liebe, beispielsweise in der Autobiografie von 1922/23: „Das
Band, das mich mit meinen beiden Brüdern, wie übrigens auch mit meinen vier
Schwestern³⁷ verknüpfte, war stets ein inniges, vor allem waren sie sämtlich – die
einen etwas früher, die anderen später – von der Berechtigung und allmählich auch
von der Bedeutung der Lebensarbeit ihres jüngsten Bruders durchdrungen.“³⁸ Die
zuerstgenannten Brüder hießen Imanuel Hermann (1860 – 1925) und Eduard (1864 –
1910), die Schwestern: Recha (1857– 1942), Franziska (1859 – 1927), Agnes (vor 1875nach 1921), Jenny (1875 – 1937). Auf die Beziehung der Geschwister in späterer Zeit
zueinander und ihre Schicksale wird noch zurückzukommen sein.
Die Ausbildung der sieben Hirschfeld-Kinder geschah, wie damals im gesamten
christlichen Abendland üblich, streng geschlechterdiskriminierend. Die männlichen
Kinder wurden, soweit sie die intellektuellen Voraussetzungen erfüllten, aufs Gymnasium geschickt, um möglichst die Universitätsreife zu erreichen. Dies gelang bei den
Söhnen Magnus und Imanuel Hermann ohne Schwierigkeit, beim Bruder Eduard, der
zunächst eine Apothekerlehre absolvierte, nur auf dem Umweg über Amerika.³⁹ Für
die Mädchen gab es in Colberg kein Gymnasium, nur eine „Höhere Töchterschule“ mit
1867„5 Stufenklassen mit circa 150 Schülerinnen“; sie „ertheilt Unterricht Kindern aus
den höheren Ständen und aus dem höheren Bürgerstande“.⁴⁰ Irgendwann um 1900
wurde diese Töchterschule in eine „Städt. höhere Mädchenschule und Lehrerinnenseminar“ mit „10 aufsteigenden höheren Mädchenschulklassen (IX bis OberI)“ umgewandelt.⁴¹ Von keiner der vier Hirschfeld-Töchter ist bekannt, dass sie eine Berufsausbildung als Lehrerin erhielt. Offensichtlich wurden alle auf ihren natürlichen
Beruf als Ehegattin und Mutter vorbereitet.
 In den Akten zum Wiedergutmachungsverfahren für die vom NS-Regime enteignete Dr. MagnusHirschfeld-Stiftung vor dem Westberliner Landgericht am Anfang der 1960er Jahre befindet sich ein
Typoskript: „Erbfolge Dr. Magnus Hirschfeld“ (Landesarchiv Berlin D Rep 039 – 01 LG Berlin,
82WGA18356…), das neben den sechs Geschwistern eine Schwester Olga erwähnt, von der dort vermutet wird, sie sei 1872 geboren und als Kind in Colberg gestorben. Möglicherweise gibt es einen
Zusammenhang zwischen der oben erwähnten Depression der Mutter, als sie 1875 mit ihrer jüngsten
Tochter schwanger ging, und dem Tod des Kindes Olga anfangs der 1870er Jahre. Ralf Dose konnte
inzwischen ermitteln, dass es in der Familie Hirschfeld mindestens noch drei weitere Töchter gab, die
in früher Kindheit verstarben (E-Mail Doses an Verf. vom 12.5. 2014).
 Hirschfeld 1986, S. 156.
 „Der zweite [Bruder] wurde anfangs Pharmazeut, erwarb Apotheken in Hamburg und Schwerin,
um sich schließlich auch noch dem Studium der Medizin zu widmen. Bald nach seiner Niederlassung
als Arzt – in Chicago – unterzog er sich einer Operation, an deren Folgen er im Alter von 45 Jahren
verstarb.“ (Hirschfeld 1986, S. 155 f.).
 Wohnungsanzeiger 1867, S. 129.
 Wohnungsanzeiger 1908, S. 207.
Hier noch eine Reminiszenz an die „Jugendzeit“ aus seinem letzten in deutscher
Sprache erschienenen Buch Die Weltreise eines Sexualforschers. In China staunt
Hirschfeld über die dort übliche Lebensform in Großfamilien, wobei ihm seine Stettiner Großmutter einfällt:
„Ich mußte an meine Jugendzeit denken, wenn sich um unsere über achtzig Jahre alte Großmutter
in Stettin an ihren Geburtstagen fünfzig und mehr Nachkommen und Verwandte scharten. Was
damals schon in Deutschland eine Ausnahme war, ist in China heute noch die Regel.“⁴²
Hier wird erstmals eine Ahnung von der quantitativen Dimension des Verwandtschaftsnetzwerks der Familie Hirschfeld vermittelt. Es ist anzunehmen, dass die Eltern
jeweils eine größere Zahl von Geschwistern hatten, die ihrerseits Familien gründeten.
Ralf Dose konnte immerhin schon zwei Brüder Hermanns und acht Geschwister
Friederikes identifizieren.⁴³
„Als neulich ein Soldat aus dem Felde bei uns war und
das Lied von Radecke ,Aus der Jugendzeit‘ sang, warf Fritz sich bei der
Stelle: ,o, wie liegt so weit, was mein einst war‘, auf das Sofa
und weinte bitterlich. Wir konnten ihn gar nicht beruhigen.“
Magnus Hirschfeld⁴⁴
Zunächst aus der Zeit zwischen Pubertät und dem Studienbeginn auf der Universität
Breslau eine Beobachtung zur Entstehung der Lust am Schreiben und am Lesen, von
ihm selbst erzählt: „Ich hatte kaum lesen gelernt, als ich bereits täglich die Kölnische
Zeitung ,verschlang‘, die ich meinem Vater allabendlich aus der Redaktion der Zeitung
für Pommern holte […]. Später gab ich fast mein ganzes Taschengeld für Zeitungen
aller Richtungen aus.“⁴⁵ Neben dem Interesse für die Tagespresse findet er „Völkerund Kulturgeschichte“ spannend, sowie „Sprachentwicklung“.⁴⁶ Ferner erinnert er
sich an einen alten Mathematiklehrer, der, lang und dürr, seit über vierzig Jahren
denselben dunklen Anzug trug und in seinen Unterrichtsstunden so wenig wie
möglich Mathematik lehrte: „um so unermüdlicher erzählte er uns aus den unerschöpflichen Gebieten der Astronomie, Geographie und Etymologie. Er hatte mich
ebensosehr in sein wie ich ihn in mein Herz geschlossen.“⁴⁷



Hirschfeld 1933a, S. 106 f.
E-Mail Doses an den Verf. vom 12.5. 2014.
Hirschfeld 1917b, S. 23.
Hirschfeld 1986, S. 154.
Die Sprachentwicklung war anscheinend der erste Interessenschwerpunkt, denn
noch auf der Schule verfasste er zwei sprachwissenschaftliche Zeitungsartikel, die in
der Sonntagsbeilage des Berliner Tageblatts, der „Deutschen Lesehalle“, erschienen.
„Der eine Artikel betitelt sich ,Traum einer Weltsprache‘ und wandte sich gegen das
eben aufkommende ,Volapük‘, einem Vorläufer des ,Esperanto‘ und ,Ido‘; es sei ein
unnatürliches, nicht lebensfähiges Gebilde; nur als Hilfsverständigungssprache –
meinte ich – könne eine Weltsprache, die neben den bestehenden einhergehe, in
Frage kommen […]. Meine zweite Abhandlung hieß ,Unsere Vornamen‘, deren Ursprung und Urbedeutung ich einer eingehenden Untersuchung unterzog. Der Herausgeber der ,Lesehalle‘, Reinhold Schlingmann, nahm, druckte und honorierte
meine Arbeiten unter Worten der Anerkennung, war aber nicht wenig erstaunt, als er
später erfuhr, daß ihr Verfasser ein junger Gymnasiast und nicht, wie er vermutete, ein
alter Sprachgelehrter war.“⁴⁸
Über den Beginn seiner Sexualforschung macht Hirschfeld im ersten Band der
Geschlechtskunde ganz beiläufig ein Geständnis. Es geht um die statistische Auswertung
der Frage 33 im Psychobiologischen Fragebogen: „Wann und durch wen hörten oder wo
lasen Sie zum erstenmal von geschlechtlichen Dingen? Wie wurden Sie darüber aufgeklärt?“⁴⁹ Während 70 % der Befragten antworteten: durch Mitschüler, Straßenkinder,
durch Altersgenossen und dergleichen, gaben 18 % an: „Durch Nachlesen im Konversationslexikon“; dem folgt eingeklammert die Mitteilung: „(zu diesen gehöre ich
selbst)“.⁵⁰ Gern wüsste man mehr, etwa ob es das Lexikon des Vaters war oder das
Exemplar in der Bibliothek des Domgymnasiums, ob er über sein neu erworbenes
Wissen mit dem Vater, mit den Brüdern, mit Schulkameraden gesprochen hat.
Der Schultyrann (Dr. Streit)
In der Festschrift zu Hirschfelds 50. Geburtstag, die das Wissenschaftlich-humanitäre
Komitee 1918 herausgab, findet sich neben anderem eine „Jugenderinnerung“ des
Schriftstellers Johannes Gaulke, der „um 1880“ Hirschfelds Klassenkamerad in der
Quarta des Domgymnasiums gewesen ist und lange vor dem Abitur aus unbekanntem
Grund die Schule verließ. Gaulke deutet schärfere Konflikte mit dem Schuldirektor
„Dr. St.“ an. Er soll einen „dumpfen Zwang“ ausgeübt und gar kein Verständnis für die
Regungen der jugendlichen Seele aufgebracht haben, kein Menschenbildner, „sondern ein emsiger Züchter von Herden-Menschen“ gewesen sein; er habe „die geringfügigsten Verstöße gegen die Schulordnung […] mit drakonischer Strenge“ geahndet.⁵¹
Dieser Direktor habe damit „das Feuer der Rebellion in den jugendlichen Köpfen
entzündet“ und „im Schulhof und auf unsern Spaziergängen am Ostseestrand über



Hirschfeld 1928b, S. 48.
Hirschfeld 1926a, S. 115.
Gaulke 1918, S. 13.
legte ich manchmal zusammen mit Magnus Hirschfeld und anderen, wie man diesem
Schuldespoten mit Erfolg begegnen könnte“.⁵²
Dieser „Schuldespot“ und die Angst vor seinem Strafregime könnte das wahre
Motiv für die Flucht des kleinen Magnus am letzten Tag der Sommerferien gewesen
sein, wie sie oben beschrieben wurde. Es ist nicht anzunehmen, dass sich Vater
Hirschfeld beim Schuldirektor beschwert haben könnte, wenn dieser den Sohn mit
Schlägen bestraft hat.
Gaulke erzählt nun, wie Magnus auf die rebellische Stimmung der Mitschüler zur
Befreiung von der Despotie reagierte: „Die abenteuerlichsten Pläne wurden gefaßt,
aber es blieb bei dem Plan. Dann geschah es auch häufig, daß gerade Magnus
Hirschfeld zur Schonung des Schultyrannen riet, wenn die anderen sich im jugendlichen Drange für ein Lynchjustizverfahren entschieden. Schon in dem nachdenklichen Knaben war ein starkes Gerechtigkeitsgefühl lebendig, das ihm ermöglichte, die
Dinge sine ira et studio zu betrachten. Ich erinnere mich eines Gesprächs, in dem
Magnus ausführte, daß wir uns gedulden müßten; die Zeit, da wir frei von der Leber
herunterreden könnten, würde auch noch kommen. Wir waren damals ,schon‘ 14 oder
15 Jahre alt!“⁵³
Neben dem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl, das Gaulke bei seinem Klassenkameraden auffiel, wird hier noch ein anderer Hirschfeldscher Charakterzug sichtbar,
der lebenslänglich sein Denken und Handeln bestimmen wird: ein starkes Bedürfnis
nach Harmonie, nach Ausgleich von Gegensätze, nach Versöhnung der Streitenden.
Gaulke erinnert sich an drohende Konflikte zwischen Schülern und Lehrern im
Domgymnasium: „Dann war es Magnus Hirschfeld, der die Angelegenheit in die Hand
nahm und zu einem glücklichen Ende führte.“⁵⁴ Gewiss ist das für den Anlass, öffentliche Ehrung zum Geburtstag des einstigen Schulkameraden, ein wenig idealisiert, dennoch trifft Gaulke hier etwas, das uns dem Verständnis von Hirschfelds
Persönlichkeit näher bringt. Immer wieder versucht Hirschfeld in seinen Schriften den
Typus des Urnings oder des Homosexuellen zu charakterisieren, wobei der Eindruck
entsteht, als ob er sich selbst oder eher das Idealbild, das er von sich hat, beschreibt.
So in seiner ersten umfangreicheren Monografie Der urnische Mensch von 1903:
„Die Großmut, welche der Urning Feinden gegenüber zu zeigen imstande ist, ist
oft geradezu erstaunlich. Freier von Vorurteilen als der Durchschnittsmann, ist er
meist unfähig, ein hartes Urteil zu fällen. Alle diese Eigenschaften befähigen ihn
ungemein zum Altruisten und Vermittler, zum Friedensstifter und Überwinder sozialer
Gegensätze.“⁵⁵
 Ebd., S. 14.
 Ebd.; etwas milder als Gaulke, aber deutlich distanziert erzählt Hirschfeld von der „mehr salbungsals eindrucksvollen Abschiedsrede“, die Direktor Streit den Abiturienten des Jahrgangs 1887 gehalten
hatte; sie habe „an die ermutigende Stelle aus dem Galaterbrief“ angeknüpft: Wie ihr säet, so werdet
ihr ernten; vgl. Hirschfeld 1986, S. 157.
 Ebd., S. 13.
 Hirschfeld 1903a, S. 73.
Über Hirschfelds Geschlechtsleben in den ersten fünf Jahrzehnten seines Lebens
werden wir wohl niemals etwas Konkretes erfahren. Über seine Jugendliebe in Anführungszeichen hingegen gibt er selbst in der Autobiografie Auskunft. Das erwähnte
Interesse an Völker- und Kulturgeschichte sowie an der Sprachwissenschaft nennt er
hier seine erste und zweite „,Jugendliebe‘“; die „dritte große Leidenschaft“, das dritte
Geschlecht oder die wissenschaftliche Geschlechtskunde, „trat erst viel später hinzu“.⁵⁶
Wie bereits bei der Kindheitserinnerung an den Schnurrbart der französischen
Bonne die Verbindung zum Arbeitsfeld des späteren Sexualforschers gezogen wird, so
auch praktisch-feldforschungsmäßig bei dem Knaben „Mieze“ im Jahr 1903:
„Ich erinnerte mich aus meiner Gymnasialzeit an einen Knaben, der von den Mitschülern ,Mieze‘
genannt wurde. Neben anderen femininen Eigenschaften besaß er eine besondere Kunstfertigkeit
im Kochen und der Verwendung von Flicken, die er Papierpuppen sehr geschickt aufnähte. Er war
der vorjüngste von sieben Geschwistern, meistens Knaben, die alle dieselbe strenge Erziehung
genossen. Der Vater wurde, als der Sohn in Quarta war, versetzt und so war mir dieser Mitschüler
völlig entschwunden. Bei meinen Zwischenstufen-Studien fiel er mir ein und ich forschte nach
mehr als 20 Jahren, was aus ihm geworden sei. Ich erfuhr, daß er Damenhutmacher sei, ledig
geblieben war und seit Jahren ein anscheinend sehr ideales Verhältnis mit einem von ihm überaus
verehrten Freunde hatte, auch lagen andere Anzeichen vor, die über seine Geschlechtszugehörigkeit keinen Zweifel ließen. Aus dem urnischen Kinde war ein homosexueller Mann geworden
mit derselben Naturnotwendigkeit, mit der sich aus dem Normalkinde ein heterosexueller
Mensch entwickelt.“⁵⁷
Von Richard Kantorowicz, einem anderen urnischen Mitschüler, der ebenfalls am
Michaelistag 1887 (29. September) am Domgymnasium das Abitur bestand⁵⁸, erzählt
Hirschfeld in der Autobiografie ausführlicher. Er wurde als „eine Art Pflegebruder“ bei
der Familie Hirschfeld wegen der heilsamen Colberger Seeluft aufgenommen: „Zu uns
kam der lebhafte, mir fast gleichaltrige Jüngling, weil ihn die akademische und doch
freie Atmosphäre unseres behaglich schönen, nur wenige Minuten vom Meere entfernten Hauses, der gute Ruf der Kolberger Schule und nicht zuletzt die frische, reine
Seeluft anzogen, von der sich die Ärzte Abhärtung seiner zu Katarrhen neigenden
Luftwege versprachen.“⁵⁹ Das ist zwar nicht falsch, wenn man aber die Darstellung
dieser Ereignisse bei Reinhart Bindseil liest, dann ahnt man, dass das nicht die ganze
 Hirschfeld 1986, S. 154.
 Hirschfeld 1903a, S. 67.
 Becker 1888, S. 19. − Hirschfeld und Kantorowicz waren in diesem Jahrgang die beiden einzigen
Abiturienten mit jüdischer Religion; die dreizehn anderen Prüflinge waren alle evangelisch. Hirschfelds Abiturzeugnis, das heute die MHG aufbewahrt, ist datiert: 5. September 1887.
 Hirschfeld 1986, S. 156.
„Richard Jakob Kantorowicz wurde [in seiner Heimatstadt Posen] auf das evangelische Friedrich-Wilhelms-Gymnasium geschickt, wo er jahrelang ein guter Schüler
war, bis ihn im Alter von 16 – 17 Fleiß und Lust verließen und ihn das vaterlose Elternhaus nicht mehr lenken konnte. Er liebte das Baden im Schwimmbad, träumte von
der Ferne und mußte eine Gymnasialklasse wiederholen. Als er sich schließlich von
einem Lehrer mißhandelt fühlte, brannte er im Sommer 1885 zu einem Freunde nach
Kolberg durch, den er in vorvergangenen Ferien kennengelernt hatte […]. Sein Freund
hieß Magnus Hirschfeld […]. Im Hause dieser Kolberger Familie durfte er bleiben und
die letzten Schulklassen besuchen. Erfolgreich schloß Richard am Dom-Gymnasium
im Herbst 1887 doch noch die Schule ab. Am Ende seiner Schulzeit hat Richard auch
einen Sohn gezeugt, für den er sich alsbald nicht mehr interessierte. Das Erlebnis muß
schockartig gewirkt haben, denn er scheint Frauen später nur aus kritischer Distanz
gesehen zu haben.“⁶⁰
Hirschfeld erzählt von den stundenlangen Spaziergängen mit Richard am Ostseestrand, auf denen sie „niemals über sexuelle Fragen, geschweige denn über das
uns als Problem unbekannte homosexuelle Gebiet“⁶¹ sprachen. Falls die beiden
Teenager tatsächlich nie über Sex gesprochen haben, nicht einmal über ihre Erfahrungen mit der einsamen Selbstbefriedigung, dann wirft dies ein bezeichnendes Licht
auf Mentalität und Gemütslage der männlichen Jugend vor dem Beginn von Wandervogel und Jugendstil, was sie aus heutiger Sicht noch fremder und ferner erscheinen lässt, als sie ohnehin schon sind. Dass Richard gegenüber dem anscheinend
„unschuldigen“ Magnus seine ersten erfolgreichen Koituserfahrungen verschweigt
und auch nicht damit prahlt, wäre für heutiges Verständnis gerade noch nachvollziehbar, wenn man annimmt, dass die Vertrautheit der beiden Freunde doch eher
begrenzt gewesen ist. Worüber redeten die beiden aber? Über Politik, Philosophie, die
ewige Schönheit der Erde und des Himmels – und vor allem über die neueste Richtung
der schönen Literatur, die „konsequenten Naturalisten“. Es folgt die Aufzählung von
Dichternamen, von denen einige auch heute nicht völlig vergessen sind (John Henry
Mackay, Karl Henkell, Arno Holz) und zweier „naturalistischer“ Theaterstücke,
Hendrik Ibsens Gespenster und Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenaufgang. ⁶² Eine andere mögliche Deutung des Berichts über die Gymnasiastenfreundschaft wäre natürlich, dass Hirschfeld hier aus Rücksicht auf die eigene Person etwas verschweigt.
Seine Behauptung, mit Freund Richard „niemals über sexuelle Fragen“ gesprochen zu
haben, wäre dann eine Lüge oder eine Erinnerungslücke.
 Bindseil 2008, S. 33 f. Die Urenkelin Kandts, Frau Jagielski in Berlin, gewährte mir Einblick in die
Geburtsurkunde seines unehelichen Kindes. Demnach ist Wilhelm Richard Herrmann Scheunemann
am 28. Januar 1888 in Varchim, Kreis Köslin geboren. Sie besitzt auch einen Brief des Vaters an seinen
Bruder Moritz vom November 1888, in dem er schreibt: „Was den Kolberger Buben betrifft, so gedeiht
er sehr gut, leider bin ich mit den Geldern etwas im Rückstand, doch ist mein Schwiegerpapa sehr
milde…“ Vgl. auch Bindseil 2008, S. 363.
 Ebd.
 Ebd., S. 156 f.
In Dr. Beckers Schulnachrichten über das Jahr 1887/8 findet man in der Tabelle der
Abiturienten, in der Spalte „Künftiges Studium bezw. Beruf“ bei Hirschfeld den Eintrag „Studium der Medizin“ und bei Kantorowicz „Studium der Germanistik“. Beides
stimmt nicht ganz. Hirschfeld begann im Wintersemester 1887/88 an der Schlesischen
Friedrich-Wilhelms-Universität in Breslau „neuere Sprachen“ zu studieren, wechselte
aber bereits im nächsten Semester Fach und Universität und nahm in Straßburg ein
Medizinstudium auf. Auch Kantorowicz studierte entgegen der Ankündigung zunächst Kunstgeschichte in Leipzig, dann in München ebenfalls Medizin.⁶³ Hirschfeld
wurde zur Jahreswende 1891/92 in Berlin zum Doktor der Medizin promoviert, Kantorowicz bestand 1894 in München das medizinische Staatsexamen und war dann als
Aushilfsarzt an der Kreisirrenanstalt in Bayreuth beschäftigt.⁶⁴
Zwei Jahre vor dem Abitur starb der Vater, was sich unter anderm auf die Ausbildungsfinanzierung auswirkte:
„Unsere äußeren Verhältnisse erfuhren durch den Tod meines Vaters eine grundlegende Änderung. In der Hoffnung, so lange schaffen zu können, bis wir Kinder alle erwachsen und gut
versorgt wären, auch wohl im Gefühl, daß Wissen und Können ein sich besser verzinsendes
Erbteil als Geldmittel seien, hatte mein Vater alles, was er über unseren Lebensunterhalt hinaus
verdiente, für unsere Erziehung geopfert. Mein Universitätsstudium konnte infolgedessen nach
seinem unerwarteten frühen Tode nur dadurch ermöglicht werden, daß ich von einer alten Berliner Tante einen ,Monatswechsel‘ von fünfzig Mark erhielt, den zwei Onkel um je zwanzig Mark
erhöhten. Mit diesen monatlichen neunzig Mark bestritt ich durch sechs Studienjahre mein Dasein und behielt immer noch so viel übrig, um weite Fußwanderungen ausführen zu können, die
mich von den Kreidefelsen Rügens bis zu den Dolomitenfelsen Tirols weite Strecken der deutschen Heimat kennenlernen ließen.“⁶⁵
Mehrere Episoden aus den Wanderungen durch die deutsche Heimat während der
Semesterferien werden in der Autobiografie erinnert, so auch eine, die für Hirschfelds
spätere Berufspraxis als Spezialarzt für Naturheilverfahren wichtig war: ein Besuch
bei dem Erfinder einer speziellen Wasserkur, Pfarrer Sebastian Kneipp im bayerischen
„Als ich am 16. Dezember 1889 – ich studirte damals in München – zu Vater Kneipp kam, war
Wörishofen noch ein gar armseliges Dörfchen, in dem von Hotels, Kurhäusern, Mietskasernen,
Wandelbahnen, Gemäldegalerien und reich gewordenen Bauern noch keine Rede war. Das Ein
 Bindseil 2008, S. 34.
 Ebd.
 Hirschfeld 1986, S. 158.
und Alles der Fremden war die ,Waschküche‘ des Pfarrhauses, in der Kneipp eigenhändig mit der
Gießkanne die Güsse verabreichte. Von Türkheim führte eine Poststraße nach Wörishofen. Post
und Wagen am Bahnhof in Türkheim waren trotz tiefen Winters von Kranken überfüllt, und so
blieb mir nichts übrig, als den 5 km weiten Weg im Schnee zu Fuß zurückzulegen. Bald traf ich auf
der Landstraße einen Patienten, der sich nach dem Gusse Bewegung machte und Vieles zu erzählen wußte von seinen und der anderen Erfolgen. Der Herr geleitete mich ins Schwesternhaus,
wo Kneipp sogleich mich empfing. Noch sehe ich den großen, fesselnden, intelligenten Kopf vor
mir mit den buschigen schwarzen Augenbrauen, dem schneeweißen Haar und dem tiefen Ernst.
Er sagte, wie es ihn freue, wenn Mediziner zu ihm kämen – es war das damals noch eine Seltenheit – ,die Aerzte sollen meine Erben sein‘, fügte er hinzu und erzählte dann von den mannigfachen Anfeindungen, denen er ausgesetzt sei. Ich hielt dem die zahlreiche Schar seiner
Verehrer und Anhänger gegenüber, und so plauderten wir, bis die Sprechstunde begann […].“⁶⁶
Diese Verehrung für Kneipp und seine Wasserkuren kann wohl auch als Anknüpfung an
die ärztliche Praxis des verehrten Vaters in Colberg verstanden werden. Das Gemeinsame zwischen Pastor Kneipp und Hermann Hirschfeld ist nicht allein die Überzeugung
von der großen therapeutischen Bedeutung des Wassers. Beide Männer fühlten sich
auch fest verbunden mit dem Gott ihrer Väter. Kneipp war als Pastor geborgen im Schoß
des Katholizismus und nebenberuflich als Naturheilkundiger tätig. Der alte Hirschfeld
war ähnlich fest verankert in Glauben und Kultus seiner jüdischen Gemeinde, seine
akademische Bildung erhielt er aber nicht von einer Theologie, sondern praktizierte
seine Wasserheilkunst als Doktor der Medizin und Sanitätsrat. Die Verehrung, die der
junge Hirschfeld beiden frommen alten Männern entgegenbrachte, muss als Ausdruck
seiner radikalen Toleranz gegenüber allen religiösen Überzeugungen verstanden werden. Sein Kampf gegen die christlichen Großkirchen und der von ihnen gesteuerten so
genannten Sittlichkeitsbewegung, den er nun bald führen wird, war stets ein defensiver;
nicht er griff die Religionen an wegen ihrer Verdammung aller Abweichler von der
göttlichen Devise: „Seid fruchtbar und mehret euch!“, es waren Kirchenfunktionäre, die
propagandistisch und bald auch juristisch gegen seine Überzeugungen vorgingen. Statt
anzugreifen bemühte sich Hirschfeld im Bündnis mit liberaleren Theologen, der traditionellen Auslegung gewisser Bibelstellen eine fortschrittlichere Interpretation entgegenzustellen, was von der anderen Seite als Kriegserklärung empfunden wurde. Auf
die oft unglaublich aggressive und ungerechte Feindseligkeit der christlichen Sittenwächter antwortete er gern mit dem Wort ihres Messias: „Vater, vergib ihnen, denn sie
wissen nicht, was sie tun.“
Als Hirschfeld in Magdeburg-Neustadt seine erste Arztpraxis eröffnet, empfiehlt er
sich in einem Zeitungsinserat als „Specialist der diätisch-physikalischen Heilmethoden“ und nennt die „Wassercuren“ als eine seiner Spezialitäten.⁶⁷
 Hirschfeld 1897b, S. 389 f.
 Nach Tiemann 1993, S. 14.
Antisemitismus. Badenia
Das Erwandern der deutschen Heimat in den Semesterferien und die Vorbereitung auf
den künftigen Arztberuf waren für den jungen Mann Hirschfeld gewiss wichtig genug,
dennoch drängte sich angesichts des spürbarer werdenden Antisemitismus seiner
christlichen Mitbürger und Kommilitonen die Auseinandersetzung mit der eigenen
jüdischen Herkunft auf. Kurz vor seinem Tod im Exil in Frankreich im Frühjahr 1935
erinnert er sich an eine Reise nach Paris, die er als Student unternommen hat und die
ihn ins Zentrum der gerade entstandenen zionistischen Bewegung führte, ins Haus
des damals europaweit bekannten Schriftstellers Max Nordau:
„Als Reaktion gegen den vor fünfzig Jahren fast gleichzeitig auftretenden russischen, deutschen,
französischen und österreichischen Antisemitismus – jeder hatte sein eigenes Gepräge – entwickelte sich der Zionismus. Die geistige Geburtsstätte des Zionismus ist Paris, denn hier wirkten als
Journalisten Theodor Herzl, der Verfasser des Judenstaat, und Max Nordau, in dessen Haus ich in
Paris damals bei meinem ersten Aufenthalt als Student viel verkehrte. Heiß tobte damals der
Meinungskampf über die Berechtigung der zionistischen Bewegung, die von den einen für die
einzige Lösung der Judenfrage gehalten wurde, während die anderen sie als einen ,Reinfall auf
den Antisemitismus‘ bezeichneten und eine Verschärfung der Gegensätze fürchteten.“⁶⁸
Mehr über seine Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Herkunft und dem
damals grassierende Judenhass erfahren wir nicht. Im Bericht über seine Reise durch
Palästina, die er im Frühjahr 1932 unternahm, setzt er sich gründlicher mit dem Zionismus auseinander und erkennt, dass für ihn eine zionistische Option nicht infrage
kommt.⁶⁹ Aus Hirschfelds Jugendzeit sind keine Stellungnahmen zur jüdischen Religion oder zum Zionismus bekannt. Indirekt kann man aus seiner spätestens 1891,
nach dem Ende des Verbots der SPD, erfolgten Hinwendung zur Sozialdemokratie auf
eine grundsätzliche Ablehnung jeglicher religiöser Tradition schließen. „Abonnent
des Vorwärts war ich vom ersten Tage seines Erscheinens und bin es bis heute durch
volle neununddreißig Jahre geblieben“, schreibt er 1923 in der Autobiografie⁷⁰; irritierend ist jedoch die Zählung, 39 Jahre, offensichtlich hat er sich hier verzählt.
Vom Sommersemester 1890 bis zum Sommersemester 1891 studierte Hirschfeld in
Heidelberg. Am 26. Oktober 1890 fand im Heidelberger Wirtshaus „Zum goldenen
Roß“ die konstituierende Sitzung der jüdischen Studentenverbindung „Badenia“
statt. Wie sich Max Oppenheimer, der Initiator dieser Organisation, 25 Jahre später
erinnert, waren auch Magnus Hirschfeld, „der jetzige psychiatrische Spezialist“, und
sein Freund Homburger anwesend und wurden „Bundesbrüder“.⁷¹ Bevor Oppenheimer die konstituierende Sitzung schildert, skizziert er die Lage jüdischer Studenten




Hirschfeld 1935, S. 7 f.
Vgl. Bauer 2004, S. 277.
Oppenheimer 1915/16, S. 532; Homburgers Vorname wird nicht mitgeteilt.
Musik als Kunst und sexuelles Ausdrucksmittel
„Wie traurig sah es in den achtziger und neunziger Jahren auf allen deutschen Universitäten für
die jüdischen Studenten aus. Ihre christlichen Konabiturienten wurden von allen Korporationen
mit offenen Armen empfangen, sie hingegen – trotz der freundschaftlichen Beziehungen, die sie
häufig zu einzelnen Korporationsmitgliedern unterhielten, teils brüske zurückgewiesen, teils
liebenswürdig hinauskomplimentiert […]. Die Kränkungen, die sie von außen erfuhren, wurden
noch nicht durch inneren Zusammenschluß gemildert. Im Gegenteil, man suchte sich untereinander möglichst zu meiden, weil man nicht durch Auftreten in Scharen antisemitische Empfindlichkeit mit anschließenden Beleidigungen hervorrufen wollte.“⁷²
Hirschfeld hat nur ein kurzes Gastspiel in der Badenia gegeben, so dass die Vermutung nicht unbegründet ist, dass sein Ausscheiden aus der jüdischen Studentenorganisation, irgendwann im Wintersemester 1890/91, seine endgültige Abkehr vom
Judentum bedeutete; Oppenheimer schwärmt von einer „Philisterkneipe“ – ein studentisches Trinkgelage, bei der auch Juden aus der Bürgerschaft Heidelbergs anwesend waren – in den Weihnachtsferien und fügt hinzu:
„Sehr vermißt haben wir an jenem Abend unseren alten Bundesbruder a.D. Magnus Hirschfeld, der alle Semester einige Male in unserer Mitte auftauchte und dann
der Urfidulitas ein wahrhaft klassisches Gepräge verlieh.“⁷³ Mit „wahrhaft klassisches
Gepräge“ ist wohl gemeint, dass Hirschfeld selbst gedichtete Strophen über die bei
singenden Studenten damals beliebte Wirtin im Wirtshaus an der Lahn vorgesungen
hat. Wie zotig oder keusch Hirschfelds Gesang gewesen ist, teilt Oppenheimer nicht
mit und verbirgt sein Urteil hinter den Worten ,wahrhaft klassisch‘.
Oppenheimers Bericht über den Gesang mit den Bundesbrüdern im „goldenen Roß“
ist der einzige bekannte Hinweis auf Hirschfelds aktives Musizieren. Mehr wissen wir
über seine Liebe zum Musikhören und über die dabei erworbenen musikalischen
Kenntnisse, die er öfters in seine Schriften einflicht. Meist ist der Anlass dafür in seiner
Ansicht zu finden, die Musik könne „als sexuelles Ausdrucksmittel“ verstanden
werden; sie wirke „ursprünglicher fast noch als das Wort“.⁷⁴
Wie er sich diese Wirkung vorstellt, erläutert er einmal mit zwei Notenbeispielen
aus „der berühmtesten und wohl auch bedeutendsten von Tschaikowskijs Symphonien, der sechsten“; sie ist für Hirschfeld „in ihrer ergreifenden Melodik erst dann
recht zu verstehen, wenn wir daran denken, wie Tschaikowskij infolge seiner Veranlagung im Grunde immer ein einsamer Mensch geblieben ist. Ist es nicht, als ob in dem
zarten Gegenthema des ersten Satzes die tiefe Sehnsucht nach Liebesglück herausklingt?“⁷⁵ In den letzten Takten, „Andante giusto“, hört Hirschfeld „nur die




Ebd., S. 530 f.
Ebd., S. 570.
Hirschfeld 1928b, S. 198.
schmerzerfüllte Resignation eines Einsamen“ und vermutet einen Zusammenhang mit
dem Tod des Komponisten wenige Tage nach der Uraufführung; Freunde des Komponisten hätten ihm gegenüber den Verdacht geäußert, dieser habe sich absichtlich
der tödlichen Cholerainfektion ausgesetzt.⁷⁶
Peter Tschaikowski war 1893 gestorben; Modest, sein ebenfalls homosexueller
Bruder und Autor seiner Biografie in deutscher Sprache, traf Hirschfeld 1903 in
Charlottenburg und trat dem einige Jahre vorher gegründeten Wissenschaftlich-humanitären Komitee bei.⁷⁷ Vermutlich hat er Hirschfeld von dem womöglich verkappten
Selbstmord seines Bruders erzählt und ihm die Fotografie gegeben, die den Komponisten mit seinem langjährigen Freund Alexander Siloti zeigt. Hirschfeld hat sie 1905
in seinem Buch Geschlechtsübergänge im Kapitel „Die konträre Sexualempfindung
(Homosexualität)“ veröffentlichte.
Ganz anders als bei Tschaikowski liegt der Fall Richard Wagner. Dieser Komponist, an dessen Heterosexualität Hirschfeld nicht zweifelte, habe danach gestrebt,
„Text und Musik als Gefühlsausdruck in ein unzertrennliches Eins zu verschmelzen“,
und sich deshalb „bei Schöpfung seiner Tongemälde auch kaum je eines fremden
Textdichters bedient“.⁷⁸ Hirschfeld teilt die Ansicht vieler Wagner-Kritiker, dass die
Qualität seiner Dichtungen bei weitem nicht den künstlerischen Wert seiner Musik
erreicht. Daher untersucht er Textstellen aus Tannhäuser und Tristan und Isolde allein
zu ihrem Sachgehalt und sieht ab vom rein Künstlerischen. Das „Hauptproblem“ in
Wagners musikalisch-dramatischer Darstellung sieht er im „Kampf zwischen körperlicher und seelischer Liebe“, der immer mehr zugunsten bloßer Seelenliebe entschieden wird. „Er führt schließlich in Parsifal zur verneinenden Entsagung der körperlichen Liebe.“⁷⁹ Wenn Wagner dann auch noch in seinem Traktat Das Kunstwerk
der Zukunft die „Männerliebe“ zur bei weitem höheren Neigung als die Liebe des
Mannes zum Weibe erklärt, dann kritisiert Hirschfeld,Wagner „schießt denn doch weit
über das Ziel“.⁸⁰ Von dieser Kritik unberührt bleibt die Verehrung für den Komponisten „des Lohengrin, Tannhäuser, Rienzi, Siegfried und vor allem Parsifal“, eine
Verehrung, die in seinen vielen Opernbesuchen zum Ausdruck kommt und ihren
Gipfel in der Teilnahme an den Bayreuther Bühnenfestspielen in den Jahren 1911 und
1912 erreicht.⁸¹ Beide Male gab es Parsifal, Der Ring des Nibelungen und Die Meister-
 Ebd., S. 200.
 Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Jg 6.1904, S. 738.
 Hirschfeld 1928b, S. 198.
 Ebd., S. 196.
 Hirschfeld 1896c, S. 25. ‒ Aus einer nicht verifizierbaren Broschüre Wagners, Ein Problem der
griechischen Ethik, zitiert Hirschfeld noch krassere Aussagen über die Höherwertigkeit der Männerliebe
im Vergleich zur Normalsexualität. Auch hier schießt Wagner in Hirschfelds Sicht übers Ziel hinaus
aber nur, weil er glaubt, Männerliebe komme anders als die Liebe zu Frauen ohne Sex aus. Getreu der
Erzählung Platons im Symposion hält er die Sinnlichkeit unter Männern für höherwertiger als das
männliche, grobsinnliche Begehren, das sich auf schöne Frauen richtet.
 E-Mail-Auskunft von Frau Kristina Unger vom Bayreuther Richard-Wagner-Museum am 6. und 31.3.
singer von Nürnberg. Welche der drei Opern Hirschfeld in Bayreuth erlebt hat, ist nicht
bekannt. Später berichtet er, offensichtlich aufgrund eigener Feldforschung, über
Bayreuth, die Stadt sei während der Festspielzeit ein sehr beliebter Sammelplatz von
Uraniern aus aller Herren Länder, die teils allein, teils mit ihren Freunden dorthin
kommen. Er beruft sich dabei aber nicht auf eigene Erfahrungen, sondern auf Oskar
Panizzas Aufsatz von 1895 „Bayreuth und die Homosexualität“, in dem speziell der
„Männeroper“ Parsifal eine besondere Anziehungskraft auf Homosexuelle nachgesagt
wird.⁸²
Wagners Hetzschriften gegen die Juden nahm Hirschfeld anscheinend nicht zur
Kenntnis. In seiner seit 1928 formulierten Kritik am NS-Antisemitismus mit Bezugnahme auf die Wegbereiter und Vorläufer wird Wagner lediglich als Schwiegervater
des antisemitischen Chefideologen Houston Stewart Chamberlain erwähnt, der zudem eine populäre Wagner-Biografie verfasst hatte.
Eine Verbindung von Musik und Antisemitismus oder vom Sieg der Musik über
den Judenhass stellt Hirschfeld nur einmal her, als er 1928 ein Märchen aus der Kaiserzeit erzählt: Ein antisemitischer Studienrat an einem Berliner Vorortgymnasium
wurde auf einer Beerdigung von Mendelssohns Lied „Es ist bestimmt in Gottes Rat“
dermaßen tief erschüttert, dass er, als er hörte, der Komponist sei ein Jude gewesen,
aus seiner antisemitischen „Deutschen Reformpartei“ austrat und zu seiner Gattin
sagte: „Mendelssohn hat mich bekehrt.“⁸³
Bereits in der ersten Fassung des Fragebogens, den Hirschfeld als Hilfsmittel zur
Anamnese seiner homosexuellen Patienten entworfen hatte, wird gefragt, ob Talent
für Musik vorhanden sei. Jahre später ergibt eine Auswertung der inzwischen einige
tausend ausgefüllten Fragebögen, dass 98 % der befragten Homosexuellen Musik
lieben. „Sehr viele begeistern sich für Wagner. Doch sind auch Antiwagnerianer dabei.
In 8 % besteht Hinneigung zu leichter Musik, die meisten anderen bevorzugen ,klassische‘, ,ernste‘, ,gute‘ Musik (35 %). Unter den Urninden [Lesben] gibt es relativ viel
mehr unmusikalische als unter den Urningen.“⁸⁴ Überraschend ist es, wenn nur 8 %
aus Hirschfelds Stichprobe Hinneigung zur leichten Musik angeben, denn das ist mit
den zahlreichen Beschreibungen von Homosexuellenbällen aus dieser Zeit schlecht
zu vereinbaren. Bei seinem England-Besuch von 1913 haben ihm in einem Londoner
Urningsklub zwei amerikanische Berufstänzer den Tango vorgeführt, und in der
Nachkriegszeit beobachtet er eine zunehmende homo- und h

References: § 175
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 § 151
 § 175
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