Source: https://robertulmer.wordpress.com/2015/07/05/zeitwohlstand-3-workshop-ideen-fur-die-zeitwerkstatt-2015/
Timestamp: 2017-08-21 04:36:14+00:00

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Zeitwohlstand – drei Workshop-Ideen für die „Zeitwerkstatt“ 2015 | Robert Ulmer
Veröffentlicht in 5. Juli 2015 von Robert Ulmer
Hier für die Sommerakademie http://www.voew.de/sommerakademie drei Workshop-Entwürfe,
–	Bedingungsloses Grundeinkommen als Voraussetzung für Zeitwohlstand für alle
–	Zeit schenken, Zeit stehlen – Zeitwohlstand und Kommunikation
–	Es gibt keinen Zeitwohlstand, denn die Zeit drängt immer
Bedingungsloses Grundeinkommen als Voraussetzung für Zeitwohlstand für alle
Vortrag (20 Minuten) und Diskussion
Immer mehr Zeitwohlstand für alle, und insofern mehr Zeitgerechtigkeit – das könnte die wünschenswerte Utopie einer Degrowth-Entwicklung sein. Der Produktivitätsfortschritt wird so intelligent genutzt, dass alle immer weniger arbeiten müssen. Heute jedoch ist Zeitwohlstand ein Privileg Begünstigter. Die Mehrheit ist lohnabhängig und steht – mehr oder weniger – unter Druck. Aus der Notwendigkeit des Gelderwerbs heraus, und nicht aus Neigung, müssen sie ein Einkommen verdienen, und sei es durch das Sammeln von Verwertbarem auf Müllkippen. Produktivitätsfortschritt führt heute auch dazu, dass halbwegs attraktive Jobs weniger werden, und sich die Leute in einer Unterbietungskonkurrenz um miese Job wiederfinden, immer billiger, immer williger werden müssen. Das Problem ist die Drohung durch Armut. Diese Drohung könnte mit einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) für alle nachhaltig abgeschafft werden. Mit der gesellschaftlichen Rahmenbedingung eines BGE wird die schöne Utopie eines allgemeinen und insofern gerecht verteilten Zeitwohlstands zur realisierbaren Perspektive.
Es gibt diverse Vorschläge für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Entscheidend sind vier Kriterien:
1.	Das BGE muss hoch genug sein, um die Existenz zu sichern und um gesellschaftliche Teilhabe und Teilnahme zu ermöglichen. Ein zu geringer Betrag würde als Kombilohn wirken und die Leute in unattraktive Jobs zwingen und / oder anderweitig exkludieren.
2.	Es muss einen individuellen Rechtsanspruch geben: jede Person hat Anspruch auf das BGE, und nicht, wie bisher, jede Familie oder jede „Bedarfsgemeinschaft“. Nur so können personelle Abhängigkeiten und daraus resultierende Zwänge (meistens zu Lasten von Frauen) reduziert werden.
3.	Der Anspruch auf das BGE besteht ohne Prüfung der etwaigen Bedürftigkeit. Eine Diskriminierung zwischen Bedürftigen und Nicht-Bedürftigen findet nicht mehr statt. Nur die „Gießkanne“ einer allgemeinen Einkommenssicherung erreicht auch diejenigen „Bürokratie-Legastheniker“, die regelmäßig an bürokratischen Hürden scheitern.
4.	Das BGE ist ein Gratiseinkommen. Es gibt keinen Zwang zur Arbeit oder anderen Gegenleistungen, wie etwa der Nachweis von Bewerbungsaktivitäten, die Teilnahme an angebotenen Maßnahmen oder die Zurschaustellung des Wunsches, unbedingt Arbeit finden zu wollen. Der Anspruch auf das BGE gilt sogar für Leute, die dauerhaft und offensiv darauf verzichten, beschäftigt zu werden und in keiner Weise nützlich sein wollen.
Für die Finanzierung des BGE gibt es verschiedene Konzepte. Es ist auch unter Befürworter_innen durchaus strittig, welche Steuern und oder welche anderen Abgaben vor allem herangezogen werden sollen.
Entscheidend ist, dass die Umverteilung von den ökonomisch Erfolgreicheren zu den ökonomisch weniger Erfolgreichen gelingt. Eine auf Dauer gestellte Verteilungskorrektur muss gesellschaftliche Zustimmung finden.
Volkswirtschaftlich wird das BGE einerseits als verlässliche Konsumnachfrage stabilisierend wirken. Der Anreiz zur Erwerbsarbeit sollte zurückgehen, was auch aus ökologischen Gründen sinnvoll ist. Damit der Anreiz zur Erwerbsarbeit nicht zu sehr zurückgeht, kann das BGE nicht beliebig hoch sein.
Das Grundeinkommen erhöht die „wirkliche Freiheit“ (Philippe Van Parijs: „Real Freedom for All“) der Individuen. Ich kann etwa formell völlig frei sein, einen bestimmten Arbeitsvertrag abzuschließen oder auch nicht. Gleichzeitig kann meine „wirkliche Freiheit“ sehr reduziert sein, wenn es sich beispielsweise dabei um die Alternative zwischen einem miesen Job und harter Armut handelt. Mit der Sicherheit eines BGE haben alle die Option, Nein zu sagen zu schlechten Angeboten. Die Leute entscheiden dann selber über die Zumutbarkeit. Ihre Verhandlungsposition ist gestärkt; insofern wäre das BGE eine wichtige Voraussetzung für das, was Gewerkschaften „Gute Arbeit“ nennen. Während heute unter zunehmendem Erwerbsdruck zunehmend erzwungene Kooperation akzeptiert wird, käme es mit BGE zu mehr „freier Kooperation“ (Christoph Spehr).
Es ist wichtig zu erörtern, inwiefern das BGE gerade auch die die Situation der abhängig Beschäftigten und die selbstständig Erwerbstätigen verbessern kann. Unattraktive Jobs müssen attraktiver gemacht werden, denn keiner ist mehr gezwungen, sie anzunehmen.
Mit „wirklicher Freiheit“ meint Van Parijs das Ausmaß, in dem ich tun kann was ich will (bzw. was ich tun wollen könnte – wenn ich etwas unbescheidener wäre). Diese Konzeption ist sehr nahe an einer Konzeption von Zeitwohlstand als dem Ausmaß, in meiner Lebenszeit das tun zu können, was ich tun wollen könnte.
Das BGE ist eine denkbar simple Forderung, die sehr schnell zu den anspruchsvollsten Fragen führt. Es geht unter anderem um
–	tief verankerte Gerechtigkeitsprinzipien: nur ein verdientes Einkommen ist ein gerechtes Einkommen;
–	volkswirtschaftliche und institutionelle Fragen: welche Rahmenbedingungen sind gut für gesellschaftliche Wohlfahrt?
–	internationale Aspekte: wie kann ein BGE die größte Not beenden?
–	Kapitalismuskritik: das BGE befreit die Lohnabhängigen vom Zwang sich verkaufen zu müssen; ist es ein Weg aus dem Kapitalismus?
–	sozialpsychologische Phänomene: warum sind auch Leute, die persönlich von einem BGE profitieren würden, oft die härtesten Gegner_innen?
Inwiefern kann ein BGE zu mehr Zeitwohlstand und zu mehr Zeitgerechtigkeit beitragen kann, hier nur wenige Beispiele:
–	Welche Auswirkung hätte das BGE auf langfristige Bindungen, auf langfristige Lebensprojekte?
–	Welche Auswirkung hätte das BGE auf die ungerechte Verteilung der Care-Arbeiten zwischen den Geschlechtern?
–	Ökologie: Warum eigentlich nicht auch die Ressource „menschliche Lebenszeit“ schonen?
–	Welche Auswirkung hätte das BGE auf die Situation der Menschen, die heute weit gehend ausgegrenzt sind?
Heute wird Wachstum deshalb für alternativlos erklärt, weil nur mit Wirtschaftswachstum „Beschäftigung generiert“ werden könne. Mit der gesellschaftlichen Rahmenbedingung einer allgemeinen Einkommenssicherung entfällt der Druck, Vollbeschäftigung zu schaffen, und die – schon immer problematische – Orientierung auf „Wachstum und Beschäftigung“ hat endlich ausgedient.
Zeit schenken, Zeit stehlen – Zeitwohlstand und Kommunikation
Ausgangspunkt ist der Gedanke, dass Menschen kommunizieren,
und dass davon, wie gut die Kommunikation gelingt, entscheidend abhängt,
inwieweit wir die gemeinsam verbrachte Zeit als Zeitwohlstand erleben.
Beispiel 1: Jemand erzählt mir etwas: Wann fühle ich mich fasziniert, wann fühle ich mich beschenkt durch die Zeit, die der andere mit mir verbringt? Und wann fühle ich mich „vollgequatscht“ und ausgebeutet, durch die Art, wie der andere mit mir kommuniziert?
Welche Rolle spielen Hierarchien (Arbeitsleben, Familie), wer muss wem zuhören im Sinne von „gehorchen“?
Welche Rolle spielen alte Gewohnheiten, Sitten der Höflichkeit, Tabus aller Art (Zuhören müssen, nicht unterbrechen dürfen)?
Wie entstehen Win-win-Konstellationen, in denen alle Beteiligten sich reich beschenkt fühlen?
Wie entstehen Konstellationen, in denen eine_r eine_n andere_n ausbeutet?
Wie entstehen Konstellationen, in denen beide nur verlieren, weil sie beispielsweise ihr Arbeitsleben gemeinsam im gleichen Büro verbringen müssen?
Beispiel 2: Eine Erziehungsperson hat mit Kindern zu tun: Es kann sein, dass die Kinder glücklich und begeistert sind, und dass die Erziehungsperson glücklich und begeistert ist. Und es kann sein, dass die Erziehungsperson die Kinder nur stresst und auch selber nur gestresst ist.
Welche Rolle spielen erlernbare Kompetenzen? Klarheit über Strukturen, z.B. über typische Teufelskreise der Kommunikation.
Welche Rolle spielen schlechte Startbedingungen, Ungerechtigkeiten verschiedener Art? Was wären günstige Bedingungen für soziales Lernen, für Fehlerfreundlichkeit und Konfliktfähigkeit?
Spezielle Frage: Kommunikation ist immer auch Empathie und Anpassung. Selbst dann, wenn ich jemanden überraschen oder schockieren will. Könnte es sein, dass der politische Anspruch vieler Linker, sich auf keinen Fall irgendwie anzupassen, kommunikative Defizite bedingt? Wann ist Anpassung egalitär und nicht-hierarchisch?
Dieser Workshop könnte eine Sammlung von Erfahrungsberichten darüber sein, wie sich unterschiedliche Kommunikation auf das Erleben von Zeitwohlstand auswirkt.
Und Gespräche über diese Erfahrungsberichte.
Falls gewünscht, könnte ich Modelle vorstellen (Schulz von Thun, Watzlawick).
Denkbar sind auch Rollenspiele.
Es gibt keinen Zeitwohlstand, denn die Zeit drängt immer
Hier würde ich gern im Gespräch mit den Teilnehmenden mehr Klarheit gewinnen über den Unterschied zwischen:
–	Hektik, Betriebsamkeit, nie Zeit haben, dem Wesentlichen ausweichen: Leere
–	Dringlichkeit, Intensität, das Richtige tun, Achtsamkeit, radikal sein, sich etwas trauen: Fülle
Erstens ist es zynisch, von Zeitwohlstand zu reden, wenn gleichzeitig Menschen gerettet werden könnten, wenn gleichzeitig ökologische und andere Katastrophen verhindert werden könnten.
Aus einem zweiten Grund ist es problematisch, von Zeitwohlstand zu reden: unsere Lebenszeit ist begrenzt, „memento mori“; die Zeit verstreicht ohne Pause. Sartre, der Philosoph der Freiheit, beschreibt eindringlich den „Zwang“ der unaufhörlichen Verzeitlichung: als bewusste Wesen, als „Bewusstseine“ befinden wir uns in einem andauernden Sturz in eine offene Zukunft, die durch unsere Gegenwart hindurch zu einer in alle Ewigkeit fest stehenden Vergangenheit wird. Insofern ist es nicht möglich, sich alles offen zu halten, denn unsere Reise durch die Zeit ist immer eine Festlegung.
Aus diesen beiden Gründen ist eine Lebensweise der Faulheit, der Prokrastination fragwürdig, moralisch fragwürdig und auch wenig intelligent. Es sei denn …. die Faulheit, die Prokrastination erweisen als Energie-schaffende Muße, als Fitness-Ressource und befähigen mich, hinterher gestärkt und klarsichtig das Richtige zu tun, die entscheidenden Worte zu finden, die richtigen Freunde anzurufen. Also Leistungs-Perfektionismus auch in den Pausen?
Kurzvortrag über Philosophie der Zeit von Sartre (das Kapitel „Die Zeitlichkeit“ in „Das Sein und das Nichts“)
Gespräch darüber, was Zeitwohlstand bedeuten kann, angesichts des Umstandes, dass die Zeit immer drängt.
Eine Antwort zu “Zeitwohlstand – drei Workshop-Ideen für die „Zeitwerkstatt“ 2015”
3. November 2015 um 00:05
von allen anderen möglichen Fragen (wie z.B. der, warum die (Lohn)Abhängigen, sich an der „Befreiung“ partout nicht beteiligen wollen)abgesehen: Wieso sollte ein BGE’ler ein Interesse daran haben, die „Konsumnachfrage zu stabilisieren“? Wäre der (Um)Welt, den Nichtweißen, dem Frieden, der Völkerfreundschaft, ….. nicht viel eher damit gedient, wenn der Konsumwahn, diese vollkommen krankhafte Ressourcenverschwendung ENDLICH abgebaut wird? Wird der Konsumwahn nicht gerade deswegen aufrecht erhalten, damit die Leute der freiwilligen Selbstversklavung „treu“ bleiben?
Glaubst Du noch immer der Kapitalismus ließe sich „pazifieren“, ließe sich von der Drohung mit Armut und dem Zwang zu Arbeit (für Reichen) befreien? Glaubst Du noch immer unser westliches „Konsumniveau“ ließe sich ohne Gewalt gegen der Rest der Welt aufrecht erhalten? Glaubst die (Flüchtslings-, Finanz-, Ökologie-,…… krise hört jemals wieder auf und es wird mehr zu verteilen geben (von den Reichen zu den Armen)? Ich bin ja nicht gegen Hoffnung, aber wer frage ich mich seit damals, käme auf die Idee eine solche Hoffnung zu teilen?
Nach wie vor auf ganz anderes hoffend kk

References: BGE 
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