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Timestamp: 2020-04-02 03:33:05+00:00

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Geht der Gesellschaft die Arbeit aus? | Blickpunkt WiSo
derung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) wird in sozialpolitischen Debatten relativ häufig erhoben. Darunter ist ein Einkommen zu verstehen, „das von einem politischen Gemeinwesen an alle seine Mitglieder individuell, ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Gegenleistung ausgezahlt wird“ (Vanderborght/Van Parijs 2005, S. 37). Alle Vorschläge für ein BGE haben zum Ziel, bedarfsorientierte und bedürftigkeitsgeprüfte Sozialleistungen (Grundsicherung) sowie die Sozialversicherungen und ihre Leistungen ganz oder zum Teil zu ersetzen. Sehr unterschiedlich fällt dabei die Höhe des BGE aus. Außerdem unterscheiden sich die Modelle in den vorgesehenen Begleitmaßnahmen, insbesondere was die Bereiche der Steuer- und Sozialpolitik anbelangt.
Begründet wird die Forderung nach einem BGE sehr häufig damit, dass der Gesellschaft schlicht und einfach die Arbeit ausgehe und Vollbeschäftigung eine Illusion sei. Unterstellt wird dabei, dass es in entwickelten kapitalistischen Ländern aufgrund von Produktivitätsentwicklungen zu Unterbeschäftigung kommt, da der Anstieg der Arbeitsproduktivität im Trend über dem Wirtschaftswachstum liege. Hinzu komme, dass auf vielen Märkten Sättigungstendenzen zu beobachten seien – das heißt im Kern, dass die Bedürfnisse der Menschen in einer Volkswirtschaft an Grenzen stoßen. Technologisch bedingte Arbeitslosigkeit, so die These, sei das unvermeidliche das Ergebnis. Ein hoher Beschäftigungsstand oder gar Vollbeschäftigung, so die Behauptung, sei deshalb eine Illusion: Das Arbeitsvolumen, also der zur Produktion des Sozialproduktes notwendige Arbeitsaufwand in Stunden, sinke beständig. Diese Begründung dürfte sich in der Mehrzahl der Beiträge finden, die ein BGE fordern oder der Grundidee zumindest positiv gegenüberstehen, wie beispielsweise der Soziologe Ulrich Beck (2007; vgl. ferner Adamo 2012, Werner 2007, Franzmann 2010 und Schildt 2010). Viele Autorinnen und Autoren, die von einer technologisch bedingten Arbeitslosigkeit ausgehen, berufen sich Jeremy Rifkin (2011), den international wohl bekanntesten Vertreter dieser These.
Der Stand der ökonomischen Debatte
Zunächst einmal ist an der geschilderten Argumentationsführung befremdlich, dass einfach eine Behauptung aufgestellt wird („es gibt technologische Arbeitslosigkeit“), ohne den diesbezüglichen theoretischen Stand in der ökonomischen Wissenschaft überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Auch die entsprechenden empirischen Daten werden in der Regel nicht ausgewertet. Dies ist angesichts einer unter Ökonomen lange Zeit sehr kontrovers geführten Debatte, die bereits in der Klassischen Ökonomie – also zu Zeiten von Adam Smith, Karl Marx und ihren Zeitgenossen – begonnen hat, doch recht erstaunlich. Die Auseinandersetzung ist in der jüngeren Vergangenheit unter dem Schlagwort Kompensation versus Freisetzung um insgesamt fünf strittige Punkte geführt worden: Gestritten wurde über die Frage, ob der Anstieg der Arbeitsproduktivität zu dauerhafter Arbeitslosigkeit führt, oder ob etwa die Entwicklung neuer Produkte und die Erschließung neuer Märkte dies verhindern kann (vgl. ausführlich Eicker-Wolf/Reiner 1998, S. 183 ff.). Das Ergebnis der Diskussion ist insgesamt wenig befriedigend, da auf der theoretischen Ebene nicht entschieden werden kann, ob technologische Arbeitslosigkeit auftritt oder nicht. Eine dauerhafte Freisetzung von Arbeitskräften und technologisch bedingte Arbeitslosigkeit können, müssen aber nicht die Folge von Produktivitätssteigerungen sein.
Zahlen sprechen nicht für Trend zur „arbeitslosen Gesellschaft“
Jenseits der theoretischen Auseinandersetzung in den Wirtschaftswissenschaften werden von den BGE-Befürworterinnen und -Befürwortern auch keine wirklich überzeugenden empirischen Fakten angeführt, um die These von einer technologisch bedingten Arbeitslosigkeit zu belegen – ganz im Gegenteil. Wenn dies überhaupt erfolgt, dann wird entweder auf das sinkende Arbeitsvolumen (z.B. Werner 2007, S. 25 f.) oder auf das sinkende Arbeitsvolumen pro Kopf in Deutschland (z.B. Franzmann 2010) verwiesen. Das Pro-Kopf-Arbeitsvolumen wird ermittelt, indem das geleistete Arbeitsvolumen in einer Volkswirtschaft durch die Bevölkerungszahl dividiert wird. Der errechnete Wert zeigt damit, wie viel Zeit für die Versorgung einer in einem Land lebenden Person im Durchschnitt gearbeitet werden muss.
Zwar ist für Deutschland tatsächlich seit Anfang der 1960er Jahre ein im Trend sinkendes Arbeitsvolumen bzw. ein sinkendes Arbeitsvolumen pro Kopf auszumachen (Abbildung 1 und 2; zur Entwicklung des Arbeitsvolumens pro Kopf in Deutschland seit 1882 vgl. Schildt 2010). Aber grundsätzlich besteht auch die Möglichkeit, dass es sich im Falle Deutschlands um eine Sonderentwicklung handelt – die Entwicklung des Arbeitsvolumens (pro Kopf) könnte zum Beispiel auch durch wirtschaftspolitische Fehlentwicklungen verursacht worden sein. Eine bessere Wirtschaftspolitik hätte dann ein höheres Wirtschaftswachstum, verbunden mit einem höheren Beschäftigungsstand und damit einem höheren Arbeitsvolumen (pro Kopf), zur Folge gehabt.
Abbildung 1: Entwicklung des Arbeitsvolumens in Deutschland 1960-2011. Quelle: Bundesministerium für Arbeit, Statistisches Taschenbuch und OECD
Abbildung 2: Arbeitsvolumen pro Kopf in Deutschland 1960-2010, bis 1990 Westdeutschland, ab 1991 West- und Ostdeutschland. Quelle: Bundesministerium für Arbeit, Statistisches Taschenbuch, eigene Berechnung.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass Befürworterinnen und Befürworter des BGE die Entwicklung des Arbeitsvolumens oder die Entwicklung des Pro-Kopf-Arbeitsvolumens in anderen Ländern nicht zur Kenntnis nehmen. Die entsprechenden Zahlen für das Arbeitsvolumen und die Bevölkerungszahlen sind bei der OECD ab dem Jahr 1970 außer für Deutschland immerhin noch für weitere 19 Länder verfügbar, und zwar für alle großen Industrieländer. Auch wenn die OECD-Zahlen bis zum Jahr 2010/11 (Bevölkerung) bzw. 2011 (Arbeitsvolumen) zur Verfügung stellt, so ist doch zu bedenken, dass die in den Jahren 2007/2008 ausgebrochene Weltwirtschaftskrise zu einem starken konjunkturellen Rückgang des Arbeitsvolumens geführt hat. Deshalb macht es Sinn, insbesondere die Entwicklung 1970-2007/08 in den Fokus zu nehmen.
Die Zahlen für die 19 Länder sind nicht geeignet, die deutsche Entwicklung zu verallgemeinern. Das Arbeitsvolumen ist seit 1970 in 14 der 19 Länder gestiegen (Tabelle 1). Und beim Arbeitsvolumen pro Kopf halten sich die Länder mit steigendem und fallendem Arbeitsvolumen fast die Waage: In den Jahren 2007 und 2008 finden sich acht Länder, die einen höheren Wert als im Jahr 1970 aufwiesen, und im Jahr 2007 belief sich das Arbeitsvolumen pro Kopf in einem Land (Irland) im Jahr 2007 auf den gleichen Wert wie im Jahr 1970 (Tabelle 2).
Dänem.
Tabelle 1: Das Arbeitsvolumen in den Jahr 1970 und 2007-2011 in ausgewählten Ländern (in Mio. Stunden). Quelle: OECD.
Tabelle 2: Das Arbeitsvolumen pro Kopf (in Std.) in den Jahren 1970 und 2007-2011 in ausgewählten Ländern. Quelle: OECD, eigene Berechnung.
Damit aber ist die wohl am meisten gebrauchte Begründung zur Forderung nach einem BGE nicht haltbar: Der isolierte Blick auf die deutsche Entwicklung führt zu der klaren Fehleinschätzung, dass den entwickelten Volkswirtschaften aufgrund des technischen Fortschritts die Arbeit ausgehe. Tatsächlich zeigen die Zahlen der OECD, dass die entsprechenden Entwicklungen in Deutschland nicht verallgemeinert werden können. Den entwickelten Industriegesellschaften geht die Arbeit nicht aus.
Adamo, N. (2012): Bedingungsloses Grundeinkommen, Darmstadt.
Beck, U. (2007): Schöne neue Arbeitswelt, Frankfurt am Main.
Eicker-Wolf, K./Reiner, S. (1998): Bevölkerungsentwicklung, technischer Fortschritt und Arbeitslosigkeit – zu Theorie und bundesrepublikanischer Empirie, in: Eicker-Wolf, K./Käpernick, R./Niechoj, T./Reiner, S./Weiß, J. (Hrsg.), Die arbeitslose Gesellschaft und ihr Sozialstaat, Marburg.
Franzmann, M. (2010): Einleitung. Kulturelle Abwehrformationen gegen die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ und ihre Lösung: Die Demokratie der geistesaristokratischen Muße, in: Franzmann, M. (Hrsg.), Bedingungsloses Grundeinkommen als Antwort auf die Krise der Arbeitsgesellschaft, Weilerswist, S. 11-103.
Reiner, S. (1998): Was ist politisch an der Politischen Ökonomie? Baden-Baden.
Rifkin, J. (2011): Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, 3. Auflage, Frankfurt am Main.
Schildt, G. (2010): Die Abnahme der Arbeitszeit – ein säkularer Trend, in: Franzmann, M. (Hrsg.), Bedingungsloses Grundeinkommen als Antwort auf die Krise der Arbeitsgesellschaft, Weilerswist, S. 127-164.
Vanderborght, Y./Van Parijs, P. (2005): Ein Grundeinkommen für alle?, Frankfurt am Main.
Werner, G. W. (2007): Einkommen für alle, Köln.
URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/geht-der-gesellschaft-die-arbeit-aus--1206.html | Gedruckt am: 02.04.2020

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