Source: https://sans-mots.blogspot.com/2018/05/
Timestamp: 2019-01-23 23:13:27+00:00

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Mai 2018 - Sans Mots
Gesellschaft, Perspektiven, Kultur und Harry Potter - Meine 10 Podcast Empfehlungen
Ich bin niemand, der unterwegs Musik hört und auch Podcasts und Hörbücher sind bisher nicht so sehr zu mir durchgedrungen, dass...
Ich bin niemand, der unterwegs Musik hört und auch Podcasts und Hörbücher sind bisher nicht so sehr zu mir durchgedrungen, dass ich sie über on the go über meine Kopfhörer anhöre. Dennoch bin ich jemand, der sie recht regelmäßig konsumiert: Beim morgendlichen Fertigmachen, während ich Unterlagen sortiere oder die Küche aufräume zum Beispiel. Die Entdeckung von Podcasts ist inzwischen ja auch längst nichts mehr, was innovativ ist. Und weil ich das Gefühl habe, dass mittlerweile zwar jeder Fest und Flauschig hört, aber nicht unbedingt nach neuen Entdeckungen sucht, biete ich sie hiermit einfach ungefragt an. 10 Podcasts, die ich momentan höre. Nicht jeden davon dauernd und darüber hinaus auch noch andere, aber das sind diejenigen, die gerade auf meiner Liste weit oben sind. Von ernst und informativ mit Bildungsauftrag bis ihn zur kulturellen Perspektiven, eigenen Erfahrungen und Harry Potter Madness.
1. Stimmenfang – Spiegel Politik Podcast
Politische Analysen, Interviews mit Politikern und die Geschichten unserer Hörer - einmal wöchentlich geht SPIEGEL ONLINE mit ihrem Podcast auf Stimmenfang. Der Politik Podcast fragt nach dem politischen Deutschland: Wie geht es uns in diesem Land? Wie funktioniert Politik und wo muss sie besser werden? Die vorletzte Folge war für mich aus ganz persönlichen Gründen interessant: Zwei Mitglieder der Jungen Union Wuppertal diskutieren, denn einer von ihnen wählt die AfD. Wie kommt das, wie sind die Begründungen und wie kann man wieder zueinander finden? Generell ein junger und interessanter und transparenter Podcast für Politikinteressierte.
2. Das Thema – Podcast der Süddeutschen Zeitung
"Das Beste aus den Geschichten der SZ – jetzt auch zum Hören", beschreibt sich der Podcast der Süddeutschen Zeitung selbst. "Das Thema" stellt sich den aktuellen Fragen aus Politik und Gesellschaft (und nicht zuletzt der eigenen Zeitung): Was hat diese Woche besonders bewegt, erschüttert oder stutzig gemacht? Die Gastgeberin Laura Teberl diskutiert mit den Autorinnen und Autoren der SZ das Thema der Woche, sowie die Hintergründe der Recherchen und inhaltliche Einschätzungen der JournalistInnen.
3. Hörweite – Reporter Podcast von Spiegel Online
Neue und alte Welten kann ich vor allem mit diesen beiden Podcasts (wieder)entdecken. Hörweite ist der Reporter Podcast von Spiegel Online. Darin berichten die Journalisten von ihren Rechercheeisen weltweit zwischen abenteuerlichen Reisewegen, unvergesslichen Begegnungen, Anekdoten und Eindrücken aus fernen Ländern oder direkt nebenan.
4. Philosophie Podcast
Der Philosophie Podcast ist genau die Art von Podcast, die ich in meinem ersten Semester in Bonn dauernd hörte, während ich in meinem Zimmer rumhing, surfte, kramte oder einfach nur rumlag. Eine Art traditionelles Hörspiel, wie man es auch von manchen Kulturradiosendern oder Hörbüchern kennt. Zwanzig Minuten eintauchen in eine theoretische Sphäre des Idealismus, Heraklit, Platon oder Seneca und klassisch antiker Philosophie.
5. Hotel Matze
Matze Hielscher ist Journalist und Gründer von Mit Vergnügen, Podcaster von "Hotel Matze" und ein unglaublich guter Interviewer. Hielscher trifft sich mit "mit spannenden KünstlerInnen, mit smarten UnternehmerInnen und schlauen Typen" und versucht dabei "herauszufinden wie die so ticken." Und das, muss ich neidlos gestehen, macht er ganz hervorragend. Er zeichnet durch seine Fragen das Bild eines Menschen, der sich den Hörern bewusst oder unbewusst in seiner Persönlichkeit, seiner Haltung und seinen Zielen offenbart.
Besonders gerne mochte ich das Gespräch mit Giovanni di Lorenzo. Wie unterscheidet man das Wichtige vom Unwichtigen? Wie ist di Lorenzo zu dem geworden, was er ist? Wie sieht sein Arbeitsalltag aus und was schätzt er in seinem Arbeitsumfeld. Aber auch die Episoden mit Marie Nasemann, Katrin Bauerfeind, Christoph Ahmend, Heiko Maas, Anne Will und Linda Zervakis. Auch zumindest unterhaltsam (weil so unglaublich irre und seltsam) war sogar das holprige Gespräch mit Udo Walz.
6. Rice & Shine
Warum sind Vietnamesen eigentlich so klug und asiatische Einwanderer so gut integriert? Und ist das überhaupt so? Wie oft wird man mit einem asiatischen Hintergrund auf der Straße mit "Ni hao" oder "Ching Chang Chong!" angesprochen? Vanessa Vu und Minh Thu Tran haben sich während ihres Studiums an der Deutschen Journalistenschule in München kennen gelernt und haben mit "Rice and Shine" den ersten vietdeutschen Podcast ins Leben gerufen. Jeden Monat sprechen die beiden eine halbe Stunde über das Vietsein in Deutschland, über asiatische Stereotype und Vorurteile, über ihr Leben, Liebe, ihre Eltern und Essen. Ein persönlicher, aber auch politischer Podcast, der einem neue Perspektiven auf andere Leben gestattet.
Gedankenteilen mit Sympathisanten
Einerseits liebe ich vor allem Podcasts, die sehr durchdacht sind und auch einen journalistischen Anspruch haben. Wenn sich lediglich zwei Freunde unterhalten, habe ich oft das Gefühl, dass ich mit dem Zuhören zwar Zeit und Leere füllen kann, dass er im Endeffekt aber den beteiligten Sprechern mehr Spaß bringt, als mir selbst. Nicht selten habe ich eine ganze Folge solcher Podcasts gehört, aber das Gefühl, keinerlei Mehrwert oder Tiefe daraus gezogen zu haben. Andererseits mag ich die Themenwahl und auch die Chemie zwischen diesen beiden weiblichen Duos, die ich also dennoch und trotz der Unverbindlichkeit des Formats schätze.
7. This is Jane Wayne
Nike van Dinther und Sarah Gottschalk betreiben das Blogzine "This is Jane Wayne" über Mode, Popkultur und feministische Themen. In ihren Podcast sprechen sie so offen über ihre Leben, Haltungen, Schwächen und Aufreger, dass man sie allein für diese menschliche Ehrlichkeit und Nähe schon gern haben möchte. Zwei kluge Frauen, die über das Gefühl gesellschaftlicher Zwänge, über Verzweiflung und Notwendigkeit von feministischen und politischen Veränderungen, über ihren Job, die Szene der Influencer und Content Creator, ihre Wünsche, Träume und Ängste sprechen, über ihre Kinder und Beziehungen und dies immerzu respektvoll und glaubwürdig tun.
8. Geteilte Gedanken
Talisa Minoush und Christina Peterson haben sich auf der Schauspielschule kennen gelernt. Talisa hat sich von dem Pfad der Schauspielerei zwar inzwischen abgewandt, doch sind beide noch beste Freundinnen und betreiben den Blog und Podcast "Geteilte Gedanken". Dort tun sie genau das und teilen ihre Gedanken, Erfahrungen und Thesen, die sie ganz persönlich aufstellen zum Zeitgeist oder Problemen, die ihnen auf dem Herzen und der Zunge liegen: "Ist eine starke Meinung anstrengend?", fragen sie selbst. Sind wir süchtig nach Glück? Wie ist es, mit Migrationshintergrund aufzuwachsen, in Gruppenzwang zu geraten und wieso ziehen sich im Internet eigentlich immer alle aus?
Natürlich, natürlich hat Harry Potter eine eigene Kategorie verdient. Als Mittzwanzigern bin ich nämlich ebenfalls der Geschichte um den Jungen, der überlebte geprägt und verfallen. Irgendwie schade, dass das die nächsten Generationen nicht so sehr haben werden, nicht auf die neuen Bücher und Filme warten müssen und mit Hogwarts so sehr mitfiebern. Die zwei Podcasts, die ich dazu empfehle sind allerdings auch nicht allzu ernst zu nehmen.
9. Harry Potter and the Sacred Text
Für viele Menschen ist Harry Potter (in Buch- oder Filmform) etwas, das ihnen insbesondere in ihrer Kindheit nicht bloß eine schöne Geschichte erzählt hat, sondern mit Parabeln und Metaphern einen Wertekompass auf Weg gegeben hat. Noch heute ist Harry Potter tatsächlich etwas, das mich beruhigt und willkommen heißt und dem ich mich gerne widme, wenn es mir nicht gut geht. Harry Potter and the Sacred Text von Casper ter Kuile and Vanessa Zoltan erscheint wöchentlich. In ihrem Podcast lesen sie in jeder Folge ein Kapitel aus den Büchern der Harry Potter Reihe und behandeln die Textbasis aus einer Art theologischen Sicht. Wie tief kann man in die literarische Materie J.K. Rowlings gehen, wenn man ihn behandelt, als sei er ein geistlicher Text? Super interessante Herangehensweise und genauso faszinierend, wie es klingt.
10. Der 5 Minuten Harry Podcast von coldmirror
Wer noch das historische Internetphänomen von "Harry Potter und ein Stein" und seinen entsprechenden Nachfolgern auf Youtube kennt, dem wird coldmirror noch ein Begriff sein. Für all diejenigen, die sich an diesem Throwback erfreuen, habe ich noch eine weitere frohe Botschaft: Coldmirror, aka Kathrin Fricke, arbeitet inzwischen mit funk – dem digitalen Contentnetzwerk von ARD und ZDF zusammen und produziert Videoformate. Einer meiner Lieblinge ist ihr "5 Minuten Harry Podcast", der so heißt, weil sich jede Podcastfolge (die mitunter über eine Stunde lang sind) mit immer exakt 5 Minuten des ersten Harry Potter Films beschäftigt und diesen bis ins kleinste Detail analysiert. Natürlich in genau dem Humor, den Kaddi zu ihrem Markenzeichen machte. Übrigens ist der Podcast nicht nur auf Itunes und Soundcloud zu erreichen, sondern auch über Youtube hochgeladen, wo man im Videoformat auch Details der szenischen Bildausschnitte, Fotos durch Internetrecherche und eigenen Zeichnungen Frickes nachverfolgen kann. [Hier geht's zur Folge 1 in Videoformat.]
Fünf Artikel, die mich fasziniert, erschüttert oder zum Nachdenken gebracht haben
1. A Very German Lovestory: When Old Left and Far Right Share a Bedroom When she says identity, he hears exclusion. When he say...
1. A Very German Lovestory: When Old Left and Far Right Share a Bedroom
When she says identity, he hears exclusion. When he says diversity, she hears Islamization. He accuses her of forgetting history. She accuses him of obsessing with history. He calls her a racist. She calls him a national masochist.
Ein Artikel von Katrin Bennhold der New York Times über die zwei Deutschen Helmut Lethen und Caroline Sommerfeld. Zwei Autoren, die für zwei entgegengesetzte politische Strömungen stehen und die zufälligerweise verheiratet sind. Sie mögen Immanuel Kant und das Gärtnern. Zwei Intellektuelle, die sich schon in frühen Jahren politisch engagiert und positioniert haben, er schon als studentischer Aktivist bei den linken Kommunisten, sie zu den neueren rechten Nationalisten. Zwei intelligente Menschen zweier Generationen und zweier Denktraditionen, die sich widersprechen, die Haltung des anderen für falsch halten und dennoch das Leben miteinander teilen. Miteinander sprechen ist jedoch gerade im politischen Kontext essenziell. Die Argumente und die Anschauung derer zu kennen, die einem vorhalten, das Problem nicht richtig zu erkennen, ist die einzige Weise, um zu Ergebnissen zu kommen. Einen Menschen allerdings auch in seiner Biographie zu erkennen, die ihn dazu führt, auf eine bestimmte Weise auf gewisse Theorien zu reagieren und auf andere nicht, ist eine noch viel intimere Ebene. Diese in ihm zu akzeptieren, obwohl sie dem eigenen Menschenbild missfällt vermutlich eine der größten Herausforderungen.
So far-reaching are their ideological differences that they seem impossible to reconcile with a relationship borne from romance that began when she was a university student and wrote a dissertation titled “How to be moral.” She caught Mr. Lethen’s eye in his seminar, and they became beguiled by each other’s intellect. [...] Their marriage is exceptional, incomprehensible even, but it is also a laboratory for tolerance and a rare window into how the other side thinks. Intimately and daily, they are having the conversation their country is not.
Ein sehr interessantes Porträt:
A Very German Lovestory: When Old Left and Far Right Share a Bedroom
von Katrin Bennhold; The New York Times
2. Australischer Professor nimmt vor Suizid Abschied von Verwandten
Enthält das Recht auf Selbstbestimmung auch das Recht auf Bestimmung des eigenen Lebens und Ablebens? Welche Fragen, Sorgen oder stumme Momente stehen Menschen bevor, die von aktiver Sterbehilfe eines Angehörigen betroffen sind? Wie müssen wir eine Debatte führen, die selbstgewählten Freitod thematisiert?
Der australische Professor und Botaniker David Goodall ist 104 Jahre alt, frustriert aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und der gesundheitlichen Umstände, die das mit sich führt und plant seinen Suizid in der Schweiz. In Perth verabschiedet er sich vor laufenden Kameras von seinen Verwandten. Dass Goodall diese Entscheidung bei vollem Verstand beschließe, bestätigt Philip Nitschke, der Direktor der Sterbehilfe-Organisation Exit International. „Nur, wenn zwei Ärzte überzeugt sind, dass er 100-prozentig klar in seinem Wunsch ist, findet die Begleitung statt“, sagte Erika Preisig, Ärztin und Gründerin des Vereins Lifecircle, der auch Goodall bei seinem Vorhaben unterstützt. Lifecircle spricht wie ähnliche Organisationen von „Freitodbegleitung“, nicht von Suizid.
Bioethische Debatte um selbstbestimmtes Sterben.
- FAZ: Australischer Professor nimmt vor Suizid Abschied von Verwandten
Fortsetzung FAZ: Australier Goodall nach tödlicher Infusion verstorben
3. Der blöde Sex aus Nettigkeit
Es klingt beim ersten Lesen oder Hören absurd: Wieso sollte jemand Sex bloß aus Nettigkeit haben? Und doch, so glaube ich, ist das ein Phänomen, das weit verbreitet ist.
Man könnte sich fragen: Wie oft hatte man selbst vielleicht bereits Sex, obwohl man es vielleicht gar nicht unbedingt wollte, aber dennoch mitgemacht hat? Und könnte das auch auf einen Sexualpartner zutreffen, mit dem man selbst mal intim war?
Viele Situationen sind denkbar, in denen es zu solch einer Situation kommen kann. Ein Abend in einer langen Ehe, an dem man merkt, dass der Partner Lust hat, man selbst aber eigentlich nicht unbedingt, man es ihm oder ihr zuliebe einfach trotzdem macht. Ein Date, das man mit nachhause gebracht hat, mit dem man flirtete und knutschte, sich Sexhaben aber doch falsch anfühlt, man jedoch das Gefühl hat, es jetzt nicht mehr abbrechen zu können, weil man dem Gegenüber schon zu viel versprochen und so weit gegangen war. Wenn man während des Sex merkt, dass sich der andere nicht mehr um einen schert, einen gar nicht mehr wahrnimmt und einem alles vergeht, aber dennoch bleibt. "Ich habe an die Decke geguckt und gedacht: Hoffentlich ist er bald fertig", schreibt eine Person in dem aktuellen Emotion Magazin, in dem ich diesen Artikel gefunden habe. Diese und andere Erfahrungen beschreiben darin einige Frauen, die sich durch irgendwelche Gründe dazu hinreißen ließen, Sex aus Gefälligkeit zu haben. "Mir verging die Lust. Doch etwas in mir wollte ihm noch immer gefallen."
Die Psychologin Berit Brockhausen erklärt daraufhin, wie es kommt, dass (in diesem Fall insbesondere Frauen) in die Situation kommen, mit einem Mann zu schlafen, obwohl sie es nicht wollen. Einer der Gründe kann sein, dass Frauen die Alternativen abwägen: Entweder jetzt wirklich nein sagen und abbrechen, aber Stress, Streit, Aggression oder Enttäuschung im Partner hervorrufen oder einfach abwarten und weiter zulassen? In dem Interview macht Brockhausen zudem auf das Dilemma aufmerksam, dass der Sex, der in Medien, Pornos und auch in vielen Schlafzimmern stattfindet einer ist, der auf Männer und ihre Lust ausgelegt ist. Sex ist in der Regel vorbei, wenn der Mann fertig ist. Ins Glücksfällen habe die Frau vorher Spaß gemacht, aber einige Male nun einmal auch nicht. Frauen tappen wohl auch dann schnell in die Falle eines Gefälligkeitssex, wenn sie den Fokus immerzu auf den Partner legen: Wenn man selbst schon nicht mehr die Erwartung hat, einen Höhepunkt und Spaß zu erleben, so konzentriert sie sich ggf. nur noch darauf, dass wenigstens der Partner bestmöglich Spaß hat. "Üben Sie sich darin, eine Enttäuschung zu sein", so die Psychologin. "Wechseln Sie die Perspektive. Hoffen Sie vor dem Date nicht verzweifelt ihm ja auch zu gefallen, sondern fragen Sie sich lieber, was er zu bieten hat."
Der blöde Sex aus Nettigkeit. Interview von Jessica Benjatschek.
Protokolle von Christine Ellinghaus und Silvia Feist.
Aus dem aktuellen emotion Magazin, 06/2018.
Sie wissen nichts vom Leben der anderen. Obwohl sie in derselben Stadt wohnen. Die einen im armen Hamburger Osten, die anderen im reichen Hamburger Westen. In dem ZEIT Interview von Anant Agarwala und Jeannette Otto sprechen vier Jugendliche über Markenkleidung, Kopftücher und Versagensängste. Ein unglaublich interessantes Konzept und eine menschlich tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst und denen, die man als "anders" wahrnimmt. Zwei Schichten sprechen über- und miteinander, bevor sie überhaupt in die Erwachsenenwelt hinein getreten sind.
"Das ist spannend, wir gucken da irgendwie anders drauf. Bei uns in Blankenese hab ich manchmal das Gefühl, dass eine Canada-Goose-Jacke jemanden ausmacht."
"Wir Kinder können uns eh nicht aussuchen, aus welchem Elternhaus wir kommen, ob es da viel Geld gibt oder wenig."
"Neid ist ein extremes Wort. Ich finde nicht, dass mir etwas fehlt, obwohl ich weiß, dass sich der Lebensstandard unserer Familie von dem anderer Leute unterscheidet. Was ich wirklich vermisse, ist ein eigenes Zimmer."
"Meine Mutter sagt immer: "Du kannst dich glücklich schätzen. Wir kratzen am obersten Zehntel Deutschlands." Das Schlimmste, was mir finanziell passieren kann, ist, dass wir mal ein Jahr nicht in den Skiurlaub fahren können."
"Weil meine Eltern schon sehr lange nicht mehr arbeiten können, habe ich das gar nicht so bemerkt, dafür war ich zu klein. Aber für sie war der Unterschied sehr groß. Die fühlen sich manchmal schuldig, dass sie uns nicht den Lebensstandard bieten können, den andere haben."
"Das Trinken ist wie ein Druckausgleich, das hat auch viel mit unseren Eltern zu tun. Das meine ich wirklich ernst. Weil wir es mindestens so weit bringen wollen wie sie. Selbst wenn sie sagen, dass sie das nicht erwarten, und man weiß, dass die Eltern alles für einen tun würden – der Druck ist einfach da."
"Es kann auch nicht jeder – meine Meinung – Akademiker sein. Wir haben ja jetzt schon einen Handwerkermangel in Deutschland. Das ist allerdings sehr egoistisch, wenn ich das so sage, weil ich selbst niemals Handwerker werden will."
Matin und Zahra kommen aus dem sozialen Brennpunkt des Hamburger Ostens, Lando und Ricarda leben mit ihren Familien im wohlhabenden Blankenese. Was eint die Jugendlichen, was unterscheidet sie? Wie betrachtet sie sich selbst und die anderen und was sind ihre Ängste, Gedanken und Anschauungen. Auf die Frage, ob er glaubt, dass in Billstedt mehr "Asis" sind, antwortet Ricarda mit Ja. "Es ist schwer zu merken, wie arrogant man selbst rüberkommt, wenn das ganze Umfeld arrogant ist", sagt Lando über Blankenese.
ZEIT Interview von Anant Agarwala und Jeannette Otto: "Wenn man ehrlich ist..."
- Auch verfügbar auf Zeit Online.
5. „Der bayerische Beschluss ist rechtspolitisch verheerend“
Ab dem 1. Juni müssen in allen bayerischen Behörden sichtbar Kreuze hängen. Welche Rolle sollte die Religion im Staat spielen? Für das Philosophie Magazin sprach Dominik Erhard mit dem Juristen und Rechtsphilosophen Horst Dreier.
Dreier hält den Beschluss für "rechts- und integrations- politisch verheerend und verfassungs- rechtlich für äußerst heikel." Das Kreuz sei schon jeher ein Symbol einer paritkulären Religion, ganz unabhängig davon, wenn diese in Deutschland von der Mehrheit der Bevölkerung ausgeübt wird oder sich die Mehrheit ihr zumindest zugehörig fühlt. "Das im Grundgesetz verankerte Gebot religiös- weltanschaulicher Neutralität des Staates schreibt nun aber gerade vor, dass der Staat sich nicht mit einer bestimmten Religion oder Weltanschauung identifizieren darf, weil er nur durch diese Distanz und Nichtidentifikation „Heimstatt aller Bürger“ sein kann, wie das Bundesverfassungsgericht das einmal formuliert hat."
„Staat ohne Gott“ heißt nicht: Welt ohne Gott,
auch nicht: Gesellschaft ohne Gott,
und schon gar nicht: Mensch ohne Gott
"Der säkulare Staat ruht auf zwei Säulen: der Religionsfreiheit der Bürger und der religiös-weltanschaulichen Neutralität des Staates. Mit dem subjektiven Freiheitsrecht der Bürger korrespondiert die objektiv-rechtliche Verpflichtung des Staates. Deswegen sprechen manche von den „zwei Seiten einer Medaille“. [...] Die Durchsetzung der Religionsfreiheit war historisch ein langer Weg. Der säkulare Staat wahrt die Freiheits- rechte und kann gerade deswegen integrative Wirkung entfalten."
Zur Vertiefung: "Verantwortung vor Gott?" in der ZEIT. Horst Dreier plädiert für mehr Distanz des Staates zur Religion – aus einer oft allzu protestantischen Perspektive.
Das gesamte Interview von Dominik Erhard
mit dem Juristen und Philosophen Horst Dreier
ist online beim Philosophie Magazin nachzulesen.
Seit mehr als zwanzig Jahren wurden die gesetzlichen Regelungen rund um das Thema Abtreibung in Deutschland nicht angerührt. Ein explosiv...
Seit mehr als zwanzig Jahren wurden die gesetzlichen Regelungen rund um das Thema Abtreibung in Deutschland nicht angerührt. Ein explosives Thema, schon immer. Und mittlerweile unzeitgemäß. Das sogenannte Werbeverbot um Schwangerschaftsabbrüche, genauer der Paragraph 219a StGB löste große Debatten darüber aus, inwiefern Informationen über das Angebot eines potenziellen Schwangerschaftsabbruchs medial erreichbar sein sollten. Sollte das sogenannte Verbot von „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“ abgeschafft und gestrichen werden, oder ist es eine moralische Notwendigkeit und dient dem Schutz von Gesellschaft und Menschenleben?
Was ist jedoch diese Werbung, die gesetzlich verboten wird? Und wo verläuft die Grenze zwischen Werbung und Information? Die Gießener Allgemeinärztin Kristina Hänel steht inmitten eines Verfahrens der politischen Debatte und stellt sich als beispielhaftes Flaggschiff vieler Ärzte und Ärztinnen bereit, die für sich beanspruchen, Patientinnen das Recht auf Information und Gesundheit zu gewährleisten, ohne dabei unter permanenter Strafandrohung arbeiten zu müssen.
Hänel listete auf der Website ihrer Praxis neben anderer medizinischer Dienstleistungen unter der Kategorie Frauengesundheit auch den Begriff und Hinweis Schwangerschaftsabbruch, der Hänel letztlich vor das Amtsgericht Gießen brachte. Die Initiative Nie wieder e.V. hatte die Ärztin angezeigt und dies bereits systematisch wiederholt, erstmals wurde die Anzeige jedoch nicht wieder fallen gelassen. Im November 2017 wurde Hänel zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt und brachte damit den Stein ins Rollen: Laut §219a StGB ist es Ärzten untersagt, einen Schwangerschaftsabbruch anzubieten, anzukündigen oder anzupreisen. Doch mit der Verurteilung beginnt erst der Rechtsstreit. „Genau jetzt habe ich eine Chance, etwas zu ändern“, entgegnet Hänel im Interview mit ZEIT ONLINE. „Jede Frau sollte das Recht haben, sich frei und anonym zu informieren.“
Schwangerschaftsabbruch in Deutschland, Gesetzeslage & Praxis
Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland nach wie vor per §218 StGB rechtswidrig, jedoch unter gewissen Voraussetzungen [geschildert in §218a] straffrei. Hierzu gehört eine verpflichtende Beratung. Die zwölfte Schwangerschaftswoche darf zudem nicht überschritten sein. Der Verlauf eines Schwangerschaftsabbruchs entpuppt sich dennoch als ein langwieriger Prozess. Teils ist dies gewollt, um Affektentscheidungen und manipulatives Fremdeinwirken anderer zu vermeiden. Nach einem ärztlichen Gespräch folgt ein externes Beratungsgespräch bei einem gesetzlich anerkannten Träger wie z.B. ProFamilia. Dort wird in psychologisch betreuten Gesprächen sichergestellt, dass die Person ihre Situation und die Folgen eines Eingriffes begreift, psychisch und physisch bewältigen kann und sie die Entscheidung eigenständig und ohne Druck und Fremdeinwirken fällt. Daraufhin wird ein Termin zu einem Vorgespräch in einer Klinik oder medizinischen Praxis beschlossen. Folgend müssen mind. drei Tage Bedenkzeit nach dem Erhalt einer Bescheinigung vergehen, bis ein Abbruch vorgenommen werden kann. Die Krankenkasse zahlt nicht.
Dieser Prozess mag für manche ein interessanter Einblick, kalter Kaffee oder verwerflich sein, so trifft er jedoch gar nicht den Kern der politischen Debatte. Darin geht es nicht um die reine Befürwortung (wie durch Pro Choice AktivistInnen) oder Ablehnung (wie es die Pro Life AktivistInnen tun) von Abtreibungen in Deutschland. Die Frage, um die es zentral geht, dreht sich um den Paragraphen 219a des Strafgesetzbuches (StGB), der seit der Zeit des Nationalsozialismus die „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“ verbietet.
Wenn politische Theorie politische Praxis trifft
Der Paragraph 219a des Strafgesetzbuchs stellt in seiner jetzigen Ausrichtung einen gänzlich unzureichenden Zustand dar und kann so nicht weiter bestehen. Und das obwohl sein Ziel eines ist, das durchaus schützenswert ist. Zwar soll es die Glorifizierung und kommerzielle Nutzung von Schwangerschaftsabbrüchen von Seite der Ärzte und Ärztinnen verhindern, so kriminalisiert er gleichzeitig die Ärztinnen und Ärzte, die Aufklärung und Information ihrer Patientinnen anstreben. §219 wird abseits der schwarz gedruckten Worte auf dem Papier in der Praxis zu einem Hindernis und gar Verbot von frei zugänglichen Sachinformationen. Eine veraltete Zensur, die ein Menschenbild nahelegt, das Frauen fälschlicherweise als unmündige Wesen zeichnet. Das äußern zumindest eine Vielzahl von Juristen, Politikern und gesellschaftspolitische AktivistInnen. Derzeit sieht das Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren und/oder eine Geldstrafe vor, sollte man öffentlich auf konkrete Möglichkeiten eines Schwangerschaftsabbruches hinweisen.
Etwas stimmt in einer Gesellschaft ganz und gar nicht, wenn reine seriöse Sachinformationen nicht nur tabuisiert, sondern strafrechtlich verfolgt werden und damit das Recht auf Aufklärung, körperliche Selbstbestimmung und Informationsfreiheit beschneiden, als sei eine Information gleichzusetzen mit einer lustig spritzigen Werbung für etwas, für das sich Frauen in dieser Situation spontan hinreißen lassen.
Handlungsbedarf: Für eine Änderung von 219a. - Werben vs. Informieren und politische Ansätze
Die Linken und Grünen plädieren für eine komplette Abschaffung von §219a. Die FDP schlägt derweil kluge Abschwächungen und eine Reform des Paragraphen vor und will nur grob anstößige Werbung unter Strafe stellen. Die Liberalen zeigen sich offen für den Diskurs und andere Modelle einer Änderung, denn „die jetzige Rechtslage setzt seriöse Ärztinnen und Ärzte der Gefahr der Strafverfolgung aus“, so Marco Buschmann (FDP).
Zunächst hatten sich auch die Sozialdemokraten stark gemacht, §219a abzuschaffen, zogen den Gesetzesentwurf vor CDU/CSU jedoch wieder zurück, weil Uneinigkeiten bestehen blieben. Als Kompromiss einigten sich die Koalitionspartner auf die Ausarbeitung eines gemeinsamen Vorschlages. Kanzleramtschef Braun (CDU) sieht eine komplette Streichung für nicht unbedingt erforderlich, denn „einig sind sich Union und SPD, dass wir Informationen für betroffene Frauen zur Verfügung stellen wollen und den Ärzten Rechtssicherheit garantieren wollen“, sagte Braun. Eine radikale Änderung von §219a, der klaren Unterscheidungen zwischen sachlicher Aufklärung und kommerzieller Werbung unterscheidet, ist überfällig. Dabei sehe ich keine Zukunft, in der Ärzte und Ärztinnen in Deutschland „Buy now! Zwei zum Preis von einem! Live your life to the fullest“ in Leuchtschrift und mit prominenten Werbegesichtern schalten. Eine wesentliche Änderung des Paragraphen 219a gewährleistet weiterhin das unreflektierte Animieren oder die Beschönigung eines Eingriffes in die Schwangerschaft. Die Entscheidung für Information zum Thema und Angebot medizinisch durchgeführter Schwangerschaftsabbrüche innerhalb der deutschen Gesetzeslage ist in erster Linie erst einmal eine Entscheidung für Wissen der Sachlage, das einer Entscheidung sowohl für, als auch gegen einen Schwangerschaftsabbruch immerzu vorausgehen sollte.
Ein möglicher Kompromiss könnte einerseits eine solche Änderung des Paragraphen darstellen, die eine Differenzierung zwischen klarer Werbung und sachlicher Information vornimmt. Des Weiteren könnte eine staatlich anerkannte Drittstelle Sachinformationen frei zugänglich aufführen. Also über die Möglichkeiten und Verfügbarkeit von Ärztinnen und Ärzten in der Region, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, informieren und einen anonymen Zugang zu diesen Informationen bereitstellen.
Falsche Annahmen eines problematischen Menschenbildes
Die Ängste von jenen Menschen und Politikern, welche den Paragraphen in seiner aktuellen Form behalten möchten, setzen sich in der Debatte aus folgenden Vorannahmen zusammen:
1. Frauen, die sich informieren, wollen ihre Schwangerschaft unbedingt abbrechen. Da der Abbruch verhindert werden soll, sollte man auch keine Information über das Angebot in der Umgebung ermöglichen.
2. Frauen gehen leichtfertig mit Schwangerschaften um oder würden dies bei Abschaffung oder Änderung des Gesetzes tun.
3. Wer gegen das sogenannte Werbeverbot vorgeht, impliziert seine positive Haltung gegenüber Abtreibungen.
Alle drei Prämissen halte ich in der Debatte für mindestens verkürzt, wenn nicht gar auf absurde Weise für komplett falsch.
Irrtum 1: Hinweise und Angaben über Schwangerschaftsabbruch im Internet führen zu mehr durchgeführten Abbrüchen.
Der bestehende Paragraph kriminalisiert Ärzte und Ärztinnen, denen es unmöglich gemacht wird, zum Thema Schwangerschaftsabbruch zu informieren: Sachlich aufzuklären, sowie die neutrale Faktenlage zum Angebot potentieller Schwangerschaftsabbrüche liefern dürfen – ich wäre sogar davon ausgegangen, dass sie das müssten – und dies auch auf der Website ihrer Praxis tun, um Frauen in Notsituationen schnelle, anonyme und transparente Informationen bereit zu stellen. Der gesamte weitere Verlauf mitsamt der Bedenkzeit und psychologischen Vorgesprächen würde genauso wie bisher bestehen. Frauen müssten zuvor jedoch nicht im Dunkel eines Tabus stehen, über das es im Internet nur dubiose Einträge zu finden gibt. Denn das herrschende Tabu, das Schwangerschaftsabbrüche und entsprechende Frauengesundheit umgibt, bleibt ein eindringliches Problem. Eine Frau, die ungewollt schwanger wird, kämpft auf vielerlei Weise allein. Sie erfährt es in der Regel allein, ahnt es allein. Da passiert etwas, in ihr, und ihr als Person. Ihr allein und niemand anderem. Gedanken, Abwägungen, Ängste, Sorgen. Allein, allein. Frauen in einer ungewollten Schwangerschaft befinden sich in einer körperliche, sowie psychischen Notlage, denn sie ist – und das sollte jetzt keine Überraschung sein – nicht gewollt in diesen Ausnahmezustand gelangt. Durch das „Werbeverbot“ wird Frauen die Ausübung ihres Informationsrechts vorenthalten oder zumindest ganz bewusst erschwert. Dies führt zu der Absurdität, dass einerseits Frauen im Falle einer ungewollten Schwangerschaft keine legalen Möglichkeiten haben, sich eigenständig über die Möglichkeit und Risiken eines Abbruches zu informieren. Andererseits wird Ärzten die legale Möglichkeit der Gewährleistung von notwendigen Informationen genommen. Erst im Beratungsgespräch vor Ort kann eine betroffene Frau erfahren, wie das Versorgungsnetz vor Ort ist und ob in ihrer Region überhaupt die Möglichkeit besteht. Sucht man nach diesen Informationen bisher im Internet, fühlt man sich wie im Darknet. Als tippe man auf leisen Sohlen in die dunkle Gasse der verbotenen, dreckigen, gefährlichen und schamvollen Dinge. Kriminalisiert fühle ich mich allein schon auf der Reise durch semiseriöser Erklärungen und aufgebrachter Foreneinträge voller Verurteilungen. Abtreibungsgegner können im Internet nämlich frei Werbung für ihre Agenda und sich den §219a systematisch zu Nutze machen. Mehr Information jedoch schafft Reflexion, mehr Sicherheit und weniger Isolation. Der bewusste Eingriff in die Aufklärungsarbeit über Sexual- und Frauengesundheit ist die entmündigende Vorwegnahme der Entscheidung über andere Körper und andere Leben. Eine Entscheidung zu einer Suche zur Information ist die Entscheidung zur Auseinandersetzung mit der Thematik. CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer bestätigt diese Haltung. Bei Informationslücken der derzeitigen Rechtslage „werden wir sicher eine Lösung finden, dass Frauen einen noch besseren Zugang zu allen nötigen Informationen bekommen.“
Irrtum 2: Schwangerschaftsabbruch als leichtfertige Alternative
In den Debatten wird oft so argumentiert, als sei eine Abtreibung ein ganz normales, angenehmes Unterfangen, dem sich Frauen gerne unterziehen und das nicht mit riskanten und erheblichen Eingriffen in ihre Gesundheit verbunden ist. Eine Sorge, welche gegen die Änderung des Paragraphen vorgebracht wird, ist dass Männer und eben konkret Frauen in Zukunft leichtfertiger mit ihrer Sexualität und Verhütung umgehen, sodass Abbrüche zu einem gängigeren Mittel zur Verhütung genutzt und gesellschaftlich akzeptiert werden. Also die Vorstellung von Abtreibungen als pragmatische Norm. „Meiner Meinung nach argumentieren so immer Menschen, die sich nicht wirklich mit der Realität auseinandersetzen“, so Hänel. „Ich habe mittlerweile 30 Jahre Erfahrung mit betroffenen Frauen. Ich weiß, in welchen Situationen sie einen Schwangerschaftsabbruch machen. Keine Frau geht diesen Schritt leichtfertig. Es ist absurd, anzunehmen, dass mehr Frauen sich dazu entschließen würden, wenn man die Restriktionen wegnimmt.“
Was diesem Irrtum zugrunde liegt, ist ein Menschenbild, was Frauen nicht zutraut, dass sie 1. vernünftig ihre Situation abwägen und beurteilen können und sie dadurch 2. nicht in der Lage sind, die richtigen Entscheidungen über ihre Körper zu fällen und 3. sie per se allein die „Schuld“ daran tragen, in diese Situation gekommen zu sein, sodass ihnen die Entscheidung folglich lieber ab- und vorweggenommen wird, wie das mit der Zensur sachdienlicher Hinweise zu Schwangerschaftsabbrüchen getan wird. Dass ungewollte Schwangerschaften jedoch durch ganz verschiedene Umstände entstehen können – abseits von Gewaltverbrechen – z.B. durch Verhütungsfehler, die von beiden beteiligten Sexualpartnern ausgehen muss, bleibt durch den Paragraphen 219a nicht wegradiert. Mit weniger Information schafft man in erster Linie nicht weniger Abtreibungen, sondern mehr Angst, mehr psychischen Stress und füttert ein riesiges unausgesprochenes Problem des schamvollen Tabus.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich zunächst scharf gegen die Änderung ausgesprochen. Er wundere sich über „die Maßstäbe“, denn „wenn es um das Leben von Tieren geht, da sind einige, die jetzt für Abtreibungen werben wollen, kompromisslos“ und in der Debatte um das Werbeverbot werde „manchmal gar nicht mehr berücksichtigt, dass es um ungeborenes menschliches Leben geht.“ Das schon geborene menschliche Leben der Frau, die unter Umständen gegen ihren Willen eine Schwangerschaft austragen muss, wird von ihm dabei übergangen. Zweifel an der Urteilskraft und dem Verantwortungsbewusstsein von Schwangeren zu Entscheidungen, die ihre Körper und ihr Leben betreffen. Als müsse man die Frau vor sich selbst schützen, denn sie wisse nicht, was sie da tue. Dabei sind sie es, die mit dem Wissen und dem Eingriff leben müssen. Was sagt diese Bevormundung über das Menschen- oder Frauenbild solcher Politiker aus?
Wir spulen zurück: Dieser Jens Spahn, der Frauen darauf hinwies, dass die „Pille danach“ ja wohl „kein Smartie“ sei und vielleicht glaubte, ihnen damit neues Wissen vermittelt zu haben. Die „Pille danach“ führt zu Nebenwirkungen und greift bei Einnahme massiv in den Hormonhaushalt einer Frau ein. Dies könnte einer der Gründe sein, warum es Ländern wie den Niederlanden und Frankreich – wo es die „Pille danach“ bereits seit Jahren rezeptfrei in den Apotheken zu kaufen gibt – bisher nicht dazu führte, dass sie sich die Mehrheit der Frauen zum Spaß, zum Snack oder als Alternative zur Verhütung die „Pille danach“ einwarfen. So wie es kein neuer Trend einer Freizeitaktivität sein wird, eine Schwangerschaft abzubrechen.
Irrtum 3: Kritiker des Werbeverbots sind Verfechter von Abtreibungen
Ich bin überzeugt, dass sich kein einziger vernünftiger Mensch finden wird, der Abtreibungen erstrebenswert und gut findet. Jede Partei und auch Ärzte und Ärztinnen sowie Schwangere werden sich alle darauf einigen können, dass sich niemand eine Abtreibung wünscht und die Menschheit besser dran wäre, wenn kein Mensch jemals in diese Situation kommen müsste. Dass dieser Zustand schlichtweg unrealistisch ist und es vielerlei Gründe und Notlagen gibt, einen Abbruch dennoch vornehmen zu müssen, scheint jedoch ebenso klar. So ist es eine Frage des Informationsrechts, aber auch der politischen Angemessenheit, möglichst viel Transparenz zu schaffen und diesbezüglich bewusst zu bilden und zu informieren, statt diese Bildung und Information unter Strafandrohung zu unterbinden. ProFamilia ist einer der gesetzlich anerkannten Träger, die verpflichtende Beratung bei der Abwägung eines Schwangerschaftsabbruches anbieten. Auf ihrer Homepage findet sich ein ganz zentraler Hinweis: „Ob Sie eine ungewollte Schwangerschaft fortsetzen oder ob Sie Ihre Schwangerschaft abbrechen lassen, ist eine Entscheidung, die Sie selbst treffen. Weder Partner, Familie, Ärzte oder Ärztinnen oder staatliche Behörden dürfen Ihre Entscheidung durch Druck, Einschüchterung, Bevormundung oder gar Strafdrohungen beeinflussen.“ Wie eine Beeinflussung und Bevormundung mitsamt des bisherigen Paragraphen 219a ausgeschlossen sein soll, bleibt für mich noch ungeklärt.

References: §219
 §218
 §218
 §219
 §219
 §219
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