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Timestamp: 2019-08-22 11:03:42+00:00

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Flächendeckende Einführung von Smart Metern. Europäische Erfahrung ... | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
2.1 Smart Metering: Definition und Funktionalität
2.2.2 Smart Meter vs. Ferrariszähler und Funktionalität
2.3.1 Rechtliche Grundlage in der EU
2.3.2 Rechtliche Grundlage in Deutschland
2.4 Status quo in Deutschland
2.4.1 Marktsituation
2.4.2 (Politische) Ziele und Motivation zur Einführung des Smart Meterings
3 Smart Metering in Europa
3.1.1 Marktstruktur der Strom- und Gasmärkte
3.1.2 Rechtliche Grundlage
3.2.1 Marktsituation und Rolloutplan
3.2.2 Schutz der Verbraucherinteressen und Datenschutz
3.3.1 Erfahrungen aus Pilotprojekten
3.3.2 Erfolge, Hindernisse und Probleme
4 Rückschlüsse und Handlungsempfehlungen für die Einführung von Smart Metern in Deutschland
4.2 Realisierung der Ziele
4.2.1 Nachfragereduzierung durch Feedback
4.2.2 Variable Tarifmodelle
4.2.3 CO2-Reduzierung
4.3 Einbeziehung von Gaszählern in den Rollout
4.4 Schutz der Verbraucherinteressen und Datenschutz
4.5 Kosten-Nutzen-Analyse
4.6 Kostenübernahme und -umlage
4.7 (Handlungs)Empfehlungen
Abbildung 1: Smart Metering Projekte mit mehr als 1.000 Stromzähler
Abbildung 2: Smart Metering Umfeld in der EU
Tabelle 1: Smart Meter vs. Ferrariszähler
Tabelle 2: Ergebnisse über die Energieeinspareffekte von Feedback mit unterschiedlichen Medien
Tabelle 3: Überblick über Smart-Meter-Szenarien in Europa
Tabelle 4: Relevante Unterschiede zwischen Strom und Gas
Tabelle 5: Typische Vorteile eines intelligenten Gaszählers
Durch die beschlossene Energiewende und dem starken Ausbau der Erneuerbaren Energien nimmt in Deutschland die Umstellung der Energieversorgung von einer zentralen hin zu einer dezentralen Versorgung eine immer wichtigere Rolle ein. Auch im Bezug auf den Klimawandel wird es immer wichtiger, Energie effizienter und sparsamer zu nutzen. Die Einführung von Smart Metern[1] ist dabei ein wichtiger Baustein. Dadurch wird es möglich sein, relevante Informationen über den Stromverbrauch bei den Konsumenten zu sammeln. Auf diese Weise sollen die Endkunden und die Netzbetreiber nicht nur wirksamer und genauer über den Energieverbrauch informiert werden, sondern es soll auch der Energieverbrauch verringert werden.
Grundlage für die Einführung von Smart Metern bildet die Richtlinie 2009/72/EG des Europäischen Parlaments und des Europäischen Rates vom 13. Juli 2009. Die Richtlinie fordert die Einführung von intelligenten Messsystemen, durch welche die Verbraucher eine aktivere Rolle am Strommarkt bekommen sollen. Jedoch ist die flächendeckende Einführung von Smart Metern mit vielen Herausforderungen und Problemen verbunden. Für den Letztverbraucher wird die Installation von intelligenten Stromzählern erst dann reizvoll, wenn er daraus einen bequemen und wirklichen Vorteil für sich ableiten kann. Bisher verläuft der Rollout der intelligenten Stromzähler in Deutschland allerdings außerhalb von Pilotprojekten weiterhin sehr zögerlich.
Intelligente Zähler werden in verschiedenen Ländern auf unterschiedlichste Art und Weise und mit unterschiedlichem Tempo eingeführt. Durch einige Pilotprojekte und die (teilweise) abgeschlossene Einführung konnten in einigen Ländern bereits erste Erfahrungen gemacht werden.
Dieser Hintergrund bietet eine sehr gute Möglichkeit, die gegebene Situation in Europa im Rahmen dieser Bachelorarbeit zu analysieren und zusammenzufassen. Auf Basis dieser Erkenntnisse werden dann Rückschlüsse für die geplante Einführung des flächendeckenden Einsatzes von intelligenten Stromzählern in Deutschland gezogen.
Insgesamt werden in dieser Bachelorarbeit folgende Forschungsfragen untersucht:
- Wie ist der aktuelle Stand des Rollouts in Europa?
- Auf welche Erfolge, Hindernisse und Probleme sind die jeweiligen Länder dabei gestoßen?
- Wie und im welchen Umfang werden die Endverbraucher in den Rollout einbezogen?
- Welche Pilotversuche mit Smart Metern gibt es in Europa und inwieweit sind die gesetzten Ziele praktisch realisierbar?
- Wie lassen sich die gewonnen Ergebnisse auf eine flächendeckende Einführung von Smart Metern in Deutschland übertragen?
Vorwiegend werden dabei folgende Länder betrachtet: Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Spanien, Österreich und Italien. Diese Länder bieten sich an, da dort schon konkrete Schritte zur Realisierung der gesetzten Ziele unternommen wurden. Das heißt es wurden entsprechende gesetzliche oder regulatorische Rahmenbedingungen vereinbart oder eine umfassende Einführung von intelligenten Zählern hat bereits stattgefunden (wie das z.B. in Italien der Fall ist).
Die Bachelorarbeit folgt einem klassischen Aufbau. Neben einem einleitenden und einem abschließenden Abschnitt enthält der Mittelabschnitt einen Grundlagen- sowie einen Hauptteil.
Nach einigen einleitenden Bemerkungen (erstes Kapitel) werden im zweiten Kapitel wichtige Grundlagen, die im Zusammenhang mit Smart Metering stehen, dargestellt. Dabei wird auch die aktuelle Situation rund um das Thema Smart Metering in Deutschland sowie die Ziele und Motive, die die Einführung vorantreiben, beschrieben.
Im dritten Kapitel wird der Status quo des Smart Metering in Europa wiedergegeben und die bisher gemachten Erfahrungen werden zusammengefasst. Dabei werden die Motive und Ziele der Einführung sowie die technischen und rechtlichen Rahmenbedienungen der einzelnen Länder in Europa beschrieben und verglichen. Genauso wird ein Blick darauf geworfen, wie mit datenschutzrechtlichen Bedenken umgegangen wird und wie die Verbraucherinteressen bei der Implikation berücksichtigt werden. Anhand von Ergebnissen aus Pilotprojekten und den bereits gesammelten Erfahrungen werden die Ziele und Motive zur flächendeckenden Einführung (Kap. 2) auf ihre praktische Umsetzbarkeit überprüft. Ziel dieses Kapitels ist es, herauszufinden, an welchen Stellen die Umsetzung der Planung sehr gut verlaufen ist und an welchen Stellen es zu Problemen und Hindernissen gekommen ist.
Auf diesen Erkenntnissen aus Kapitel 3 aufbauend sollen im vierten Kapitel Rückschlüsse für die in Kapitel 2 beschriebene Situation in Deutschland gezogen werden. Dabei wird der Schwerpunkt der Betrachtung überwiegend auf die Verbraucherseite gelegt. Die Analyse berücksichtigt die länderspezifischen Besonderheiten und geht auch der Frage nach, inwieweit die gewonnenen Erkenntnisse auf die Situation in Deutschland übertragen werden können. Das Kapitel wird mit kurzen (Handlungs)Empfehlungen für die Zukunft abgeschlossen.
Im abschließenden fünften Kapitel werden die wesentlichen Argumente der Bachelorarbeit nochmal zusammengefasst.
In Bezug auf das Smart Meter lässt sich in der Literatur keine einheitliche Definition festhalten. Mit einem Smart Meter wird in der Regel ein elektronischer Stromzähler verbunden, der neben der Erfassung des Stromverbrauches, die Endverbraucher, Lieferanten sowie Netzbetreiber mit zusätzlichen Informationen versorgen kann. Zum einen kann er Echtzeitinformation über den Stromverbrauch, Spannung, Phasenwinkel und die Frequenz liefern – zum anderen kann der intelligente Stromzähler auch zur Überwachung, Steuerung und Kontrolle des Stromverbrauchers und der Haushaltsgeräte Einsatz finden. Die gesammelten Daten können dann für bestimmte Zwecke von verschiedenen Gruppen verwendet werden.[2]
E.ON beschreibt den Zähler der Zukunft als ein System, das mehr Transparenz, mehr Effizienz, mehr Kundennähe ermöglicht. Für private Haushalte ebenso wie für Gewerbetreibende werden zeitnahe aktuelle Informationen über ihren Stromverbrauch sowie die dazugehörigen Kosten bereitgestellt. Der Energieverbrauch kann dadurch rund um die Uhr kontrolliert werden. Das hilft dem Verbraucher, seinen Energiekonsum besser zu steuern und konkrete Einsparpotenziale festzustellen.[3]
Smart-Meter-Daten umfassen detaillierte Daten zum Energieverbrauch für eine Haushaltsgruppe. Diese Daten können später für unterschiedliche Aufgaben verwendet werden.[4]
Der Begriff „Smart Metering“ bezeichnet ein vollständiges Messsystem. Es betrifft alle Übertragungsvorgänge und daraus resultierende Prozesse, die durch einen intelligenten Zähler durchgeführt werden. Dabei werden die Smart-Meter-Daten automatisch z.B. für Abrechnungszwecken erhoben, verarbeitet und weitergeleitet.[5] Ein Messsystem im Verständnis des Gesetzgebers „ ist eine in ein Kommunikationsnetz eingebundene Messeinrichtung zur Erfassung elektrischer Energie, das den tatsächlichen Energieverbrauch und die tatsächliche Nutzungszeit widerspiegelt. “[6]
Die Smart Meter sind grundsätzlich den bisher überwiegend in Deutschland verbreitenden Ferrariszähler überlegen. Bei konventionellen Zählern[7] handelt es sich im Prinzip um eine Art Elektromotor wobei lediglich eine reine Wirkleistung über die Zeit zusammengefasst wird.[8] Bei diesen Geräten ist es technisch nicht möglich oder wirtschaftlich nicht sinnvoll, eine häufigere Ablesung durchzuführen. Der Zählerstand wird dann in der Regel einmal pro Jahr erfasst und die Erstellung der Abrechnung erfolgt anhand der Differenz zwischen dem Vorjahreswert und aktuellen Wert.[9] In der folgenden Tabelle werden einige Unterschiede dargestellt:
Tabelle 1: Smart Meter vs. Ferrariszähler[10]
Unter anderem besitzt ein Smart Meter folgende zusätzliche Funktionen:
- Bidirektionale Datenkommunikation
- Kann zur Überwachung, Aufzeichnung, Steuerung und Kontrolle eingesetzt werden
- Automatische Weiterleitung von Daten
- Ermöglicht mithilfe von Tools eine Analyse der Einsparpotenziale
- Es können neue individuelle Tarifmodelle und Tariffunktionen angeboten werden
- Erfassung von Spannungsdaten, Phasenwinkeln und Frequenzen
- Ermöglicht Lastprofilmessungen
- Fernsperre- und -freischaltung der Stromzähler
- Automatische Meldung und schnellere Identifizierung der Störstellen.[11]
In der EU sind in erster Linie die EU-Binnenmarktrichtlinie 2009/72/EG, die Energieeffizienzrichtlinie 2006/32/EG sowie die Energieeffizienzrichtlinie 2012/27/EG für den möglichen Rollout[12] von intelligenten Messsystemen und intelligenten Zählern von Bedeutung.
In der Richtlinie 2009/72/EG heißt es: „ Um die Energieeffizienz zu fördern, empfehlen die Mitgliedstaaten oder, wenn dies von einem Mitgliedstaat vorgesehen ist, die Regulierungsbehörden nachdrücklich, dass die Elektrizitätsunternehmen den Stromverbrauch optimieren, in dem sie beispielsweise Energiemanagementdienstleistungen anbieten, neuartige Preismodelle entwickeln oder gegebenenfalls intelligente Messsysteme oder intelligente Netze einführen.“ [13]
Die EU gibt das Ziel vor, dass in den EU-Ländern bis zum Jahr 2020 mindestens 80 Prozent aller Haushalte mit einem intelligenten Stromzähler auszustatten sind. Den einzelnen Ländern ist es jedoch erlaubt, die Einführung von einer Kosten-Nutzen-Beziehung abhängig zu machen.[14] Wenn die Messsysteme lediglich bei Verbrauchern mit einem bestimmten Mindeststromverbrauch wirtschaftlich sinnvoll und kostengünstig sind, können die Länder dies dabei berücksichtigen.[15]
So sollen nach der Energieeffizienzrichtlinie 2006/32/EG neben dem Stromsektor die Bereiche Erdgas, Fernheizung und/oder Kühlung und Warmwasserverbauch individuelle Zähler zu marktorientierten Preisen erhalten, die den wirklichen Energieverbrauch des Verbrauchers sowie die tatsächliche Nutzungsdauer wiedergeben. Der Austausch sollte lediglich dann erfolgen, wenn dies technisch möglich und wirtschaftlich vertretbar ist.[16] Dabei muss die Abrechnung – neben dem tatsächlichen Energieverbrauch – auf klare und verständliche Weise abgebildet werden. Diese muss dem Letztverbraucher eine umfassende Übersicht der gegenwärtigen Kosten vermitteln. Dabei wird die Abrechnung so häufig durchgeführt, dass die Kunden die Möglichkeit haben, ihren eigenen Energieverbrauch zu steuern und zu kontrollieren. Zusätzlich soll den Endkunden der Zugang zu zusätzlichen Informationen u.a. historischer Verbrauch ermöglicht werden.[17]
Im Gegensatz zum Strombereich geben die EU-Richtlinien für den Gasbereich keine konkrete Rolloutquote und Zeitvorgabe vor.
Gesetzliche Grundlage der Einführung von Smart Meter stellt die Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) im August 2011 dar. Die Liberalisierung des Messwesens im Energiesektor wurde auf der Grundlage des § 21b EnWG[18] und des Inkrafttretens der Messzugangsverordnung (MessZV) vorgenommen.
Seit Januar 2010 besteht in Deutschland die Pflicht zum Einbau von intelligenten Stromzählern:
- In Neubauten und nach größeren Sanierungen,
- beim Endverbraucher mit einem Jahresverbrauch größer 6.000 kWh[19],
- bei Anlagenbetreibern sind die intelligenten Stromzähler nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) oder dem Kraft-Wärme-Koppelungsgesetz (KWKG) bei Neuanlagen mit einer installierten Leistung von mehr als 7 Kilowatt jeweils einzubauen und
- wenn es technisch möglich und wirtschaftlich vertretbar ist, in allen restlichen Gebäuden Smart Meter zu installieren.[20]
Wurde ein Smart Meter installiert, müssen die Energieversoger ihren Kunden eine monatliche, vierteljährliche oder halbjährliche Abrechnung anbieten. Der entsprechende Tarif muss so gestaltet sein, dass er einen Anreiz zu Energieeinsparung oder Steuerung bietet, sofern dies technisch machbar und wirtschaftlich sinnvoll ist. In diesem Zusammenhang sollen insbesondere lastvariable oder tageszeitabhängige Tarife angeboten werden. Wenn ein Messsystem nach EnWG § 21d installiert wurde, soll überdies eine monatliche Verbraucherinformation, die auch die Kosten berücksichtigt, kostenfrei „bereitgestellt“ werden.[21] Hierbei lässt das Wort „bereitgestellt“ in dem Gesetzestext einen Interpretationsspielraum zu. Es lässt sich dadurch nicht eindeutig ableiten, ob die Information über ein Internetportal, in Form eines Briefes oder E-Mails bereitgestellt werden muss.[22]
Es existieren für Smart Meter Übergangsfirsten von acht Jahren die bis 31. Dezember 2014 eingebaut werden, die den Anforderungen der EnWG § 21e Absätze 2 und 4 nicht entsprechen. Damit müssen diese Zähler bei neuen gesetzlichen Anforderungen nicht vor dem Ende ihrer Lebensdauer vorzeitig ersetzt werden. Einschränkungen bestehen, solange mit der Nutzung des Zählers keine unverhältnismäßigen Gefahren verbunden sind und der Nutzer seine schriftliche Erlaubnis gegeben hat, in der er die Kenntnis bestätigt, dass der Smart Meter den Anforderungen der Absätze 2 und 4 nicht entspricht.[23]
Im Gassektor sollen laut EnWG ebenso nur noch intelligente Gaszähler installiert werden, die den Anforderungen von § 21d und § 21e entsprechen. Darüber hinaus müssen Anforderungen erfüllen, „die zur Gewährleistung des Datenschutzes, der Datensicherheit und Interoperabilität in Schutzprofilen und Technischen Richtlinien auf Grund einer Rechtsverordnung nach § 21i Absatz 1 Nummer 3 und 12 sowie durch eine Rechtsverordnung im Sinne von § 21i Absatz 1 Nummer 3 und 12 festgelegt werden können.“ Genauso wie im Strombereich existieren im Gasbereich Übergangsfristen bis zum 31.12.2014.[24]
In Deutschland hat es bislang weder vonseiten des Gesetzgebers noch von der Energiebranche eine Entscheidung gegeben, wann eine flächendeckende Einführung von intelligenten Zählern erfolgen soll. Für die lange Entscheidungsfindung und Entwicklungsphase bestehen mehrere Gründe. Unter anderem zählt der Energiesektor in Deutschland zu den größten, komplexesten und wettbewerbsintensivsten innerhalb von Europa, was dazu führt, dass die Entscheidungsfindung und Umsetzung entsprechend viel Zeit in Anspruch nimmt.[25]
Insgesamt ergibt sich folgende Situation: Für die Installation des Stromzählers ist der Netzbetreiber zuständig, das Ablesen des Standes ist die Aufgabe des Messstellenbetreiber und der Energielieferant wird vom Verbraucher frei ausgesucht. Hat dieser auch noch einen Fernwärmeanbieter, so können bis zu vier verschiedene Unternehmen im Spiel sein. Aufgrund so vieler Parteien in der Lieferkette kann die Entwicklung des Rolloutsplans, insbesondere in Bezug auf Datenschutz und Datensicherheit, einen längeren Zeitaufwand beanspruchen.[26]
Der Rollout von Smart Metering sollte mit dem Gesetz zur „Öffnung des Messwesens bei Strom und Gas für Wettbewerb“ von August 2008 beginnen. Die Bundesregierung verfolgte einen marktorientierten Ansatz zur Einführung von intelligenten Stromzählern und wollte die flächendeckende Einführung bis ins Jahr 2014 abgeschlossen haben.[27] Dieser Plan setzt ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis für den Installateur der Smart Meter voraus, unabhängig davon, wer für die Installation zuständig ist und ob der Konsument den Zähler entsprechend seinen Wünschen anschaffen kann.[28]
Der gewünschte Effekt eines wettbewerblichen Ansatzes konnte jedoch nicht erzielt werden. Das hohe Investitionsrisiko, das wegen fehlender gesetzlicher Regelungen und technischer Standards bestand, wird als einer der verantwortlichen Gründe aufgeführt. Um dieses Investitionsrisiko abzumildern und damit die Installation von intelligenten Stromzählern in Deutschland voranzutreiben, erfolgte die Modifizierung einer Reihe von gesetzlichen Bestimmungen (wie z.B. auch das EnWG), die die Interoperabilität und Investitionssicherheit fördern sollen.[29]
Die entsprechenden Änderungen des EnWG und des MessZV sollen den flächendeckenden Rollout vorantreiben. Allerdings sind in Deutschland nur sehr wenige intelligente Stromzähler vorhanden und die meisten wurden bislang im Rahmen von verschiedenen Pilotprojekten installiert. Anfang 2011 waren etwa 100 Pilotprojekte abgeschlossen, befanden sich in Durchführung oder wurden angekündigt. Allerdings sind lediglich bei wenigen Projekten 1.000 Zähler oder mehr installiert.[30]
Abbildung 1: Smart Metering Projekte mit mehr als 1.000 Stromzähler[31]
Die bisherige gesetzliche Regelung zum Einbau von intelligenten Stromzählern aufgrund der Vorgaben des EnWG bei Letztverbraucher mit einem Jahresverbrauch größer 6.000 kWh, Neubauten oder PV-Anlagebetreiber würde zu einem Austausch von lediglich rund 15 Prozent aller Stromzähler in Deutschland führen.[32]
Eine nachhaltige Energieversorgung nimmt in Europa einen sehr hohen Stellenwert ein. In Deutschland sind die wichtigsten energiepolitischen Ziele:
- Die Reduzierung der Treibhausgasemissionen. Diese sollen im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent bis 2020 und um 80 Prozent bis 2050 sinken
- Die Energieeffizienz soll um durchschnittlich 2,1 Prozent erhöht werden. Dabei soll der Primärenergieverbrauch bis 2020 um 20 Prozent und bis 2050 um 50 Prozent gegenüber 2008 gesenkt werden
- Der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung soll auf mindestens 35 Prozent bis 2020 sowie auf 80 Prozent bis 2050 ansteigen.[33]
Die Einführung von intelligenten Stromzählern stellt einen essenziellen Schritt zur Steigerung der Energieeffizienz beim Letztverbraucher. Ein Smart Meter kann zeitnah fein aufgelöste Verbrauchswerte erfassen. Dadurch können Einsparungspotenziale beim Kunden besser festgestellt werden. Die Rückmeldung sowie die Analyse können dann über verschiedene Kanäle erfolgen.[34]
Durch den Atomausstieg und die Zunahme der Erneuerbaren Energiequellen in Deutschland wird das Stromangebot in der Zukunft stärker und kurzfristiger schwanken. Intelligente Stromzähler ermöglichen privaten Haushalten eine bessere Transparenz über ihren Stromverbrauch. Erzeugt z.B. ein Haushalt durch Photovoltaikanlagen eigenen Strom, ist es besser nachzuvollziehen, welcher Anteil und zu welchen Zeiten er selbst verbraucht und welcher ins Stromnetz eingespeist wird.[35]
Mit der Installation von Smart Metern sollen dem Verbraucher auch Anreize zur Beeinflussung der eigenen Energienachfrage gegeben werden. Mithilfe der bidirektionalen Datenkommunikation zwischen Konsumenten und Energieversorgern sowie der Möglichkeit einer genaueren Aufzeichnung der Verbrauchswerte realisieren die intelligenten Zähler die Umsetzung variabler Tarife. Durch Preisunterschiede sollen die Verbraucher dabei motiviert werden, ihre Nachfrage auf Schwachlastzeiten zu verschieben.[36]
Die flächendeckende Einführung von Smart Metern ermöglicht es den Netzbetreibern, den Netzzustand besser zu analysieren. Die intelligenten Stromzähler können verschiedene Informationen z.B. zu Frequenz, Spannung oder Phasenwinkel an vielen Messstellen innerhalb eines Verteilnetzes liefern, die dann eine Fehleranalyse sowie eine Analyse der Spannungs- und Stromqualität zulassen. Mithilfe dieser Daten kann eine bessere Netzüberwachung, -steuerung und -wartung sowie eine optimierte Netzplanung erfolgen.[37]
Ein weiterer positiver Nutzen ist die Verbesserung der Ablese- und der Abrechnungsmöglichkeiten. Durch die Installation eines Smart Meters können fehlerhafte Ablesungen, die infolge manueller Zählerablesung mittels den Kunden oder Messstellenbetreiber auftreten, reduziert werden.[38] Wenn die Abrechnung auf tatsächlichen Verbrauchswerten nach einer bestimmten Zeit erfolgt, kann dies dazu führen, dass Verbraucher einen Restbetrag zurückgezahlt bekommen oder eine Nachzahlung zu tilgen haben. Durch den Einsatz von intelligenten Zählern kann die Rechnungsstellung jederzeit auf präzisen Verbrauchswerten erfolgen und das Risiko gesenkt werden, dass die Konsumenten mit dem Begleichen der Rechnung in Verzug geraten, weil ihre Energiekosten viel höher ausgefallen sind.[39]
Die automatische Weitergabe von Verbrauchsdaten soll ebenso den Anbieter- und Tarifwechsel erleichtern. Im Falle eines Lieferantenwechsels können die Informationen effizienter und schneller weitergeleitet werden, da die Daten automatisch erhoben und elektronisch an die zuständigen Stellen übermittelt werden können. Diese Möglichkeit soll auch zu einem verstärken Wettbewerb führen und die Abhängigkeit des Kunden vom Energieversorger senken.[40]
Die Einführung von Smart Metern ist ein essenzieller Schritt auf dem Weg zu einem intelligenten Stromnetz.[41] Die Zunahme an Erneuerbaren Energiequellen entwickelt sich für die Energiebranche zu einem grundlegenden Problem, da die Erzeugung der Erneuerbaren Energien meistens woanders stattfindet als dort, wo die größte Stromnachfrage liegt. Außerdem kann mithilfe der Smart Meters auch die Lage von Wärmepumpen und Ladestationen für Elektrofahrzeuge erkannt werden. Damit ermöglicht Smart Grid eine bessere Integration von Erneuerbaren Energien, Wärmepumpen und Ladestationen für Elektroautos in das Gesamtsystem.[42]
In diesem Abschnitt werden Erfahrungen bei der Einführung von Smart Metern in Italien, Großbritannien, Österreich, Frankreich, die Niederlande und Spanien beschrieben und analysiert. Die Abbildung 1 zeigt eine Übersicht über den Stand von Smart Metering in der Europäischen Union.
Abbildung 2: Smart Metering Umfeld in der EU[43]
Frankreich, England, die Niederlande, Spanien und Italien gehören in die dynamische Gruppe („Dynamic movers“). Sie setzen die Vorgaben des dritten EU-Energiebinnenmarktpakets um und haben sich für eine flächendeckende Einführung entschieden. Österreich befindet sich in der mehrdeutigen Gruppe (“Ambiguous movers”), wo rechtliche und regulatorische Rahmenbedienungen festgelegt sind, aber noch wenige Netzbetreiber beschlossen haben intelligente Stromzähler zu installieren. Deutschland ist in der Gruppe, die einen marktgetriebener Ansätze verfolgen („Market drivers“), bisher ist in Deutschland jedoch kein flächendeckendes Rollout vorgeschrieben (Kap. 2).[44]
Seit 1999 ist der britische Strom- und Gasmarkt vollständig liberalisiert. Aus Gründen des Klimaschutzes lag der Fokus in den letzten Jahren auf dem Ausbau von Gaskraftwerken anstatt Kohlenkraftwerken.[45] Der Markt für Zähl- und Messwesen ist für dritte Parteien geöffnet. Allerdings finden sich keine genauen Angaben dazu, wann diese Liberalisierung stattgefunden hat. Die Öffnung des Marktes erfolgte in vielen kleinen Schritten und führte so nach und nach zu mehr Wettbewerb. Damit steht es grundsätzlich dritten Parteien zu, Messsysteme im Strom- und Gassektor zu installieren und zu warten. Jedoch muss der Energielieferanten dazu einen Auftrag erteilen.[46] Die Stromerzeugung in Großbritannien setzte sich 2012 überwiegend aus Kohle und Gas zusammen. Die erneuerbaren Quellen trugen nur einen geringen Teil bei.[47]
In Frankreich erfolgte die vollständige Öffnung des Strom- und Gasmarktes per 1. Juli 2007. Der größte Netzbetreiber in Frankreich ist ERDF, der für rund 95 Prozent der Haushalte der Verteilnetzbetreiber (VNB) ist. Die restlichen Haushalten werden von lokalen Unternehmen betreuet, von denen nur vier mehr als 100.000 Kunden haben. Im Gassektor gibt es 25 VNB für ca. 11 Millionen Kunden. GrDF weist dabei einen Marktanteil von rund 96 Prozent auf.[48]
Der niederländische Strom- und Gasmarkt ist seit 2004 komplett liberalisiert.[49]
Die Liberalisierung des Zähl und Messwesens erfolgte für den Stromsektor im Jahr 2000 sowie für den Gasbereich im Jahr 2001.[50] Dabei hatten die Kunden freie Wahl über ihren Messstellenbetreiber und Messstellendienstleister. Es bestand sogar die Möglichkeit, ein Smart Meter selber zu erwerben und zu installieren. Da die Öffnung des Zähl- und Messwesens alleine nicht wie erhofft zu einer schnellen und großflächigen Einführung von intelligenten Zählern geführt hat, wurde die Verantwortung für die Installation dem Netzbetreiber übertragen.[51] Für die Zählerauslesung und Datenmanagement sind die Energielieferanten zuständig.[52]
[1] Deutscher Begriff "Intelligenter Stromzähler".
[2] Vgl. Depuru, Wang, Devabhaktuni (2011), S. 2736 - 2737.
[3] Vgl. E.ON (2013).
[4] Vgl. McKenna, Richardson, Thomson (2011), S. 807.
[5] Vgl. Koponen, et al. (2008), S. 8-9.
[6] § 21d Abs. 1 EnWG.
[7] Als konventionelle Zähler werden Ferrariszähler bezeichnet.
[8] Vgl. energie-lexikon.info.
[9] Vgl. Ernst&amp;Young (2013), S. 35.
[10] Eigene Darstellung in Anlehnung an Boltz (2009), S. 10 und auf Datenbasis Ernst&amp;Young (2013), S. 145.
[11] Vgl. Depuru, Wang, Devabhaktuni (2011), S. 2740-2741; Aichele, Doleski (2013), S. 17–19; Horvàth &amp; Partners (2010); S 8–9.
[12] Rollout ist ein englischer Begriff, der sich mit (Markt)Einführung übersetzen lässt.
[13] EU-Richtlinie: 2009/72/EG Art. 3 Ziff. 11.
[14] EU-Richtlinie: 2009/72/EG Ziffer 2 Anhang I.
[15] EU-Richtlinie: 2009/72/EG Abs. 15, 2009.
[16] EU-Richtlinie: 2006/32/EG Art. 13 Abs. 1.
[17] EU-Richtlinie: 2006/27/EG Art. 10 Abs. 2.
[18] Gesetz zur Öffnung des Messwesens bei Strom und Gas für Wettbewerb vom 29.08.2008.
[19] In einem Vier-Personen-Haushalt beträgt der durchschnittliche Stromverbrauch in einem Jahr ungefähr 4000 kWh. (Vgl. strom-prinz.de.)
[20] EnWG, §21c Abs. 1 und 2.
[21] EnWG, §40 Abs. 3 und 5.
[22] Vgl. Lauterborn (2013), S. 55.
[23] EnWG, §21e Abs. 5.
[24] EnWG §21f.
[25] Vgl. Aichele (2012), S. 158.
[26] Vgl. Weiß (2013), S. 49.
[27] Vgl. Baeriswyl (2012), 56-57.
[28] Vgl. Wissner, et al. (2012), S. 71.
[29] Vgl. Baeriswyl (2012), 56-57.
[30] Vgl. Little (2011), S. 1.
[31] Vgl. ebd., S. 2.
[32] Vgl. Weiß (2013), S. 49.
[33] Vgl. DENA (2012a), S. 6-7.
[34] Vgl. Dütschke, Unterländer, Wietschel (2012), S. 108; PwC (2010), S. 21.
[35] Vgl. DENA (2011), S. 10.
[36] Vgl. Dütschke, Unterländer, Wietschel (2012), S. 1; Baeriswyl (2012), S. 93.
[37] Vgl. Depuru, Wang, Devabhaktuni (2011), S. 2740; Koponen, P., et al. (2008), S. 11-12.
[38] Vgl. PwC (2010), S. 30.
[39] Vgl. Di Castelnuovo, Fumagalli (2013), S. 716; Koponen, P., et al. (2008), S. 11.
[40] Vgl. Ernst&amp;Young (2013), S. 118-119; DENA (2011), S. 9.
[41] Ein anderer Terminus für „Intelligentes Stromnetz“ ist in dieser Arbeit dafür der englische Begriff „Smart Grid“.
[42] Vgl. Aichele (2012), S. 167-168; McKenna, Richardson, Thomson (2011), S. 813.
[43] Smart Regions (2012a), S. 3.
[44] Vgl. ebd., S. 2.
[45] Vgl. Wissner (2009), S. 11.
[46] Vgl. Wissner, Growitsch (2010), S. 143.
[47] Vgl. DECC (2012a), S. 9.
[48] Vgl. ICER (2012c), S. 6.
[49] Vgl. Wissner (2009), S. 3-4.
[50] Vgl. Wissner, Growitsch (2010), S. 141-142.
[51] Vgl. Rauh, Rüede (2010), S. 9.
[52] Vgl. Nabe, et al. (2009), S. 101.
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9783656626299
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Anonym, 2013, Flächendeckende Einführung von Smart Metern. Europäische Erfahrung und Rückschlüsse für Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271427
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