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Timestamp: 2017-11-23 03:45:57+00:00

Document:
vom 22. Juni 1884
der Herzoglichen Verordnung vom 6. Mai 1851,
der Änderungen von Martini 1932 und 16. Juli 1994
Regulativ über die Verteilung des
Küchmeister- und Lietzo´schen Familienstipendiums in Zerbst
§ 1. [Vermögen] Das Küchmeister- und Lietzo´sche Familienstipendium in Zerbst besitzt zur Zeit
a) an Ackerplänen zu Zerbst im Stadtfeld
hinter der Blume in Frauenthorscher Mark 1599,4473Ar,[1]
und in den Teufelsteinenden 430,8550Ar,[2]
in Summa 2030,3023Ar,[3]
b) an sicheren Staatspapieren etwas über 18 000 Mark.[4]
§ 2. [Vermögensveränderungen] Jede Veränderung der Vermögenssubstanz unterliegt der Genehmigung des Zerbster Familienausschusses, so wie der Bestätigung des Herzoglichen Consistoriums[5].
§ 3. [Zweck] Die Einkünfte kommen Familienangehörigen, die sich durch kirchliche und standesamtliche Zeugnisse über ihre eheliche Herkunft als der protestantischen Confession zugethane Nachkommen der Stifterfamilien erwiesen haben, für begrenzte Zeiträume ihrer Ausbildung auf Gymnasien und ihres academischen Studiums während der Zeit der Ausbildung selbst zu Gute.
§ 4. [Universitätszeugnisse] Die academischen Bewerber haben durch Zeugnisse den Nachweis zu führen, daß sie während jedes betreffenden Semesters auf der Universität an den Vorlesungen thätigen Anteil genommen haben.
§ 5. [Förderungsdauer an der Universität] Studirende der Theologie, der Jurisprudenz und Cameralwissenschaft, der Medicin und der philosophischen Disciplinen sind auf Nachweisung der vollen Absolvirung ihrer Gymnasialstudien durch Reifezeugnisse, welche zur Bewerbung um höhere Staats- und Kirchenämter berechtigen, zum Genuß der Universitätsstipendien nicht länger als drei Jahre berechtigt.
Bei Ermangelung des Reifezeugnisses von einem Gymnasium ist der academische Bewerber höchstens zwei Jahre zum Genuß von Universitätsstipendien berechtigt.
Für jedes Jahr hat der Studierende sich spätestens bis Martini bei der Administration in Zerbst neu zu bewerben und durch Zeugnisse zu legitimiren.
In zweifelhaften Fällen entscheidet der Familienausschuß und das Herzogliche Consistorium5.
§ 6. [Andere geförderte Studiengänge] Neben Universitäten gelten als Lehranstalten, deren Zöglinge an den Universitätsstipendien theilnehmen können, auch Maler-, Bildhauer-, Bau- und Forstacademien, höhere medicinisch-chirurgische Institute, Thierarzneischulen und dergleichen öffentliche staatliche oder städtische Hochschulen, deren wirklich wissenschaftlicher Charakter höhern Grades nachweisbar ist.
§ 7. [Erwartete Vorbildung] Als Vorbildung für solche hier neben Universitäten genannte Anstalten wird mindestens eine zum einjährigen Militairdienst berechtigende Schulbildung erwartet. Ausnahmefälle unterliegen der Entscheidung des Familienausschusses und des Herzoglichen Consistoriums5.
§ 8. [Nachgeordnete Studiengänge] Zöglinge von Handelsschulen, Baugewerbeschulen, Gewerbeschulen, landwirtschaftlichen Schulen, Gärtnerlehranstalten und anderen derartigen Instituten gelten, zumal wenn diese nur Privatanstalten sind, nicht als den Studirenden auf Universitäten und öffentlichen Academien gleichberechtigt.
§ 9. [Schulstipendium] Der erfolgte Eintritt von Schülern in die Quarta der Herzoglich anhaltischen Gymnasien berechtigt zur Bewerbung um das Schulstipendium ohne weitere besondere Prüfung, während der Besuch von Volks-, Bürger-, Mittel- und Parochialschulen, die nicht zu den höheren Staats- und Kirchenämtern vorbilden, den Genuß nicht gewährt.
§ 10. [Schulzeugnisse] Es wird erwartet, daß alle vorgelegte Schulzeugnisse löbliches Betragen, ununterbrochene Aufmerksamkeit, so wie regelmäßigen und angestrengten Fleiß bescheinigen und die sowohl für das sittliche Verhalten, als auch für die Leistungen und Fortschritte ertheilten Censuren, die zu einer weitern und höhern wissenschaftlichen Bildung nöthigen Fähigkeiten zweifellos erscheinen lassen. Bei etwaigen Bedenken des Familienausschusses über die Zulässigkeit einer Bewerbung wegen nicht befriedigender Zeugnisse entscheidet das Herzogliche Consistorium5.
§ 11. [Prüfung Auswärtiger][6] Alle Gymnasiasten, welche nicht anhaltische Gymnasien besuchen, sind, um überhaupt die Berechtigung zum Genuß des Stipendiums zu erlangen, verpflichtet, sich hier in Zerbst einer ihrem Klassenrange entsprechenden Prüfung seitens einer Commission zu unterwerfen, die aus dem Director des hiesigen Herzoglichen Francisceums und den von ihm für jeden besondern Fall zu Mitgliedern dieser Prüfungscommission ernannten Lehrern derselben Anstalt besteht.
Diese Commission befindet darüber, ob der Prüfling mindestens den Zerbster Quartanern im Wissen und in den Leistungen gleichsteht.
Das von der Direction des Herzoglichen Francisceums zu Zerbst ausgestellte und von den jeweiligen Mitgliedern der Prüfungscommission mit vollzogene Zeugniß über den Ausfall der Prüfung wird dem Administrator des Stipendiums übermittelt.
Die Kosten der Prüfung, deren Zeit auf vorangegangene geziemende Anmeldung bei der Direction des Herzoglichen Francisceums von dieser bestimmt wird, trägt der Examinand.
In zweifelhaften Fällen entscheidet über Zulässigkeit oder Abweisung einer Bewerbung der Familienausschuß und das Herzogliche Consistorium.
§ 12. [Förderungsdauer] Auf Gymnasium genießt das Stipendium Niemand länger, als bis zum vollendeten neunzehnten Lebensjahre.
§ 13. [Ausschlußgrund]6 Wer von den inländischen und auswärtigen Bewerbern, welche anhaltische Gymnasien nicht besuchen, sich zum Examen während seiner Schulzeit persönlich hier nicht einstellt, soll vom Genuß des Stipendiums auf alle Folgezeit, sowohl für seine Schuljahre, als für die Zeit seiner academischen Studien ausgeschlossen bleiben.
Diese Ausschließung erfolgt jedoch nur für die einzelne Person und hat auf die Rechte der leiblichen Geschwister, beziehungsweise auf die Rechte der Nachkommen des Betreffenden keinen Einfluß.
§ 14. [Jährliche Stipendienhöhe] Die Höhe des Stipendiums wird nach den Einnahmen und den durch die gesammte Verwaltung verursachten Ausgaben jedes betreffenden Jahres, sowie nach der Zahl der Bewerber bemessen.
§ 15. [Verhältnis der Stipendienhöhen] Für die Vertheilung des Stipendiums ist bestimmt, daß wie bisher der Student in der Regel dreimal so viel als der Schüler erhält.
Die Abrundung der Summen unterliegt dem Ermessen des Familienausschusses und der Genehmigung des Herzoglichen Consistoriums5.
§ 16. [Bewerbungszeitpunkt] Alle Jahre sofort nach Martini wird der Vertheilungsplan für das folgende Jahr vom Administrator entworfen. Deshalb muß jeder Bewerber spätestens bis Martini vor dem Jahre, auf dessen Einkünfte er Anspruch machen will, sich dem Administrator in Zerbst gemeldet, auch daß er wirklich während des vorhergehenden Jahres auf einer Universität oder höhern akademischen Lehranstalt oder einem Gymnasium sich befunden hat und seine Studien fortsetzt, bei Verlust seines Anrechts für das bevorstehende Vertheilungsjahr nachgewiesen haben.
Wer mit Schluß des Sommersemesters aus der Schule oder aus der akademischen Laufbahn in´s practische Leben übertritt, erhält am nächsten Martinitermin kein Stipendium mehr.
§ 17. [Auszahlungszeitpunkt] Unmittelbar nach Eingang der Genehmigung des vom Administrator aufgestellten und vom Ausschuß nicht beanstandeten Vertheilungsplanes durch das Herzogliche Consistorium5 erfolgt durch die Administration die Auszahlung der Stipendien.
§ 18. [Pränumerandozahlungen] Die Stipendien gelten ebenso wie die Auszahlungen an den Collator und Administrator als Pränumerandozahlungen.
§ 19. [Stiftungsverwaltung] Die Verwaltung des Stipendiums erfolgt durch einen Collator, einen Administrator und den Familienausschuß.
Ueber dieselbe ist folgendes verordnet[7]:
A. Ueber das Verhältnis der Collatoren und Administratoren.
§ 20. [Collator] Collator des Stipendiums ist auf drei hintereinanderfolgende Jahre der jedesmalige älteste der Familie schon durch die Geburt angehörige Mann, mag derselbe wohnen und sich aufhalten, wo es sei.
Ueberlebt er die drei Jahre, so tritt der nächstälteste Mann der Familie in seine Stelle und so fort.
Die Amtszeit des Kollators kann in besonderen Ausnahmefällen um weitere 3 Jahre durch Beschluß des Familienausschusses verlängert werden.[8]
§ 21. [Verwaltung durch den Collator] Der Collator kann zugleich Administrator sein
a) wenn er in Zerbst wohnt,
b) wenn er geistig zur Administration befähigt ist,
c) wenn er eine genügende Caution stellen kann, deren Höhe der Familienausschuß mit Vorbehalt der Genehmigung desConsistoriums5 als der Oberaufsichtsbehörde zu bestimmen hat.
§ 22. [Administrator collaturæ] Wenn der antretende Collator nicht selbst schon Administrator ist oder sein kann und will, so vollendet zunächst der bereits fungirende Administrator seine dreijährige Verwaltung und nach deren Beendigung schlägt der neue Collator einen Administrator vor, welchen der Familienausschuß prüft und dessen Bestätigung dem Herzoglichen Consistorium5 vorbehalten bleibt.
Dieser vorzuschlagende Administrator muß in Zerbst wohnen und ebenfalls ein geborenes Mitglied der Familie sein. Nur in dem Fall, daß kein in Zerbst wohnendes geborenes Mitglied der Familie, welches zur Führung der Administration geeignet ist, sich vorfände, kann ausnahmsweise auch ein durch Heirath in die Familie eingetretenes Mitglied zur Administration vorgeschlagen werden.
§ 23. [Einnahmen der Collatur] Im Fall der Trennung der Collatur von der Administration haben Collator und Administrator sich in das Gesammteinkommen der Collatur, jährlich zweihundert Mark, gleichmäßig zu theilen.
§ 24. [Kaution] Im letztern Fall hat die schon vorhin erwähnte Caution der Administrator zu stellen.
B. Ueber Wahl und Stellung des Familienausschusses.[9]
§ 25. [Wahlmodus, Zusammensetzung, Amtszeit] Der Ausschuß der sechs in Zerbst wohnenden Familienglieder wird in einer Conferenz, zu welcher alle in Zerbst wohnenden erwachsenen Familienglieder, die das Bürgerrecht der Stadt Zerbst genießen, einzuladen sind, nach Stimmenmehrheit auf die sechs nächsten Jahre erwählt und die Wahl dem Herzoglichen Consistorium5 zur Genehmigung vorgelegt.
§ 26. [Mitgliedschaft] In den Familienausschuß können auch solche Mitglieder gewählt werden, welche erst durch ihre Verheirathung in die Familie eingetreten sind.
§ 27. [Ablauf der Amtszeit] Nach Ablauf der sechs Jahre findet eine neue Wahl statt, jedoch führt der alte Ausschuß die Geschäfte noch so lange fort, bis die neu gewählten Ausschußmitglieder vom Herzoglichen Consistorium5 bestätigt sind. Die austretenden Ausschußmitglieder können jederzeit wiedergewählt werden.
§ 28. [Nachwahl] Wenn innerhalb der sechs Jahre ein Ausschußmitglied abgeht, so wird die Lücke für die noch übrige Zeit vom Ausschuß selbst durch Cooptation ergänzt, die getroffene Wahl aber ebenfalls dem Herzoglichen Consistorium5 zur Genehmigung vorgetragen.
§ 29. [Kontrolle des Administrators, Repräsentation der Familie, Vollversammlung] Der Familienausschuß hat den Administrator in der Verwaltung seines Amtes zu controliren und die sämmtlichen Interessenten der ganzen Familie zu repräsentiren, also daß er Erklärungen, welche für alle Mitglieder der Familie verbindlich sind, abgeben kann. Es müssen jedoch in besonders wichtigen Fällen die Familienglieder zu einer Plenarconferenz eingeladen werden, um ihre Ansichten zu vernehmen, sobald zwei Drittheile des Ausschusses sich für eine solche Conferenz entschieden haben.
§ 30. [Stammbuch] Der Ausschuß hat die Legitimation der sich anmeldenden Interessenten zu prüfen und je nach Befund die Zurückweisung oder die Eintragung in das Familienstammbuch zu beschließen.
Für Eintragung jeder Geburt in´s Stammbuch erhält der Administrator je eine Mark Reichswährung.
Das Stammbuch ist in zwei gleichlautenden Exemplaren vorhanden, von denen eins der Administrator, das andere der Vorsitzende des Ausschusses verwahrt.
§ 31. [Jahresrechnungen] Der Einblick in die Jahresrechnungen steht den Familieninteressenten alljährlich frei.
§ 32. [Aufsichtsführung] Oberaufsichtsbehörde für die gesammte Verwaltung des Stipendiums ist das Herzoglich Anhaltische Consistorium5.
Durch dieses erfolgt daher auch die Entlastung des Administrators für seine Rechnungsführung.
§ 33. [Verteilen der Satzung] Jede bereits bestehende oder neu eintretende Familie erhält auf ihr Ansuchen das gegenwärtige Regulativ von der Administration in Zerbst unentgeltlich.
Zerbst, am 22. Juni 1884.
Der Familienausschuß
des Küchmeister- und Lietzo´schen Stipendiums.
F. Kindscher. J. Schulze. C. Hesselbarth. Aug. Moritz.
F. Hennigs. E. Pfannenberg.
[Staatlicher Genehmigungsvermerk] Das vorstehende Regulativ für die Verwaltung des Küchmeister-Lietzo´schen Familienstipendiums in Zerbst ist von Seiner Hoheit, dem Herzoge, mittelst Höchster Resolution vom 19. August c. mit dem Vorbehalte gnädigst genehmigt worden, daß durch die Vorschriften dieses Regulativs etwaigen Rechtsansprüchen irgend welcher Familieninteressenten auf Theilnahme am Genuß der Stipendien nicht vorgegriffen werden soll.
Urkundlich unter des Herzoglichen Consistoriums Siegel und Unterschrift.
Dessau, den 28. August 1884.
Herzoglich Anhaltisches Consistorium.
(L.S.) Steinkopff.
[1] Grundbuchblatt 1551. Nach dem II. Weltkrieg etwas weniger (1596,33 Ar). Derzeit Gewerbegebiet 1/I und noch brachliegendes als Mischgebiet ausgewiesenes Land. Durch Zwangsverkäufe 1975-1988 reduziert auf 496,11 Ar (also ca. ein Drittel). Auf den Rest sind vermögensrechtliche Ansprüche angemeldet worden, worüber jedoch noch nicht entschieden ist.
[2] Grundbuchblatt 1550. Nach dem Krieg etwas weniger (391,87 Ar), enteignet 1964 zu "Eigentum des Volkes" zum Zwecke der Errichtung eines Neubaugebietes und übertragen in das Grundbuchblatt 4490. Über die gemäß Vermögensgesetz 1990 angemeldeten vermögensrechtlichen Ansprüche darauf sind noch nicht entschieden.
[3] Derzeit 496,11 Ar grundbuchlich eingetragenes Bau- und Brachland.
[4] Derzeit wegen Umstellungsproblemen unbekannt.
[5] Aufgelöst durch Gesetz 1920; heutige Stiftungsbehörde ist das Regierungspräsidium Dessau.
[6] Von der Anwendung dieser Bestimmung wird gemäß genehmigtem Beschluß des Administrators v. 1932/33 abgesehen. (Mitteilung des Administrators Karl Partheil vom 15. April 1933 an Emil Wlokka).
[7] Verordnung des Herzogs Leopold Friedrich zu Anhalt, Dessau, 6. Mai 1851. Darin sind unter "A. Ueber das Verhältniß der Collatoren und Administratoren wird festgesetzt" fünf Artikel aufgeführt, die praktisch wortwörtlich mit den obigen Paragraphen übereinstimmen. 1 = § 20, 2 = § 21, 3 = § 22, 4 = § 23 (aber hier ist das Einkommen 12 Scheffel Roggen, 3 Scheffel Gerste, 3 Scheffel Hafer und 24 Thaler - außerdem gibt es eine Spezialbestimmung zur Bezahlung des Administrators), 5 = § 24.
[8] Letzter Satz eingefügt durch Beschluß des Familienausschusses vom 16.7.1994.
[9] Verordnung des Herzogs Leopold Friedrich zu Anhalt, Dessau, 6. Mai 1851. Darin sind unter "B. Ueber Wahl und Stellung des Familienausschusses wird festgesetzt" 6 Artikel aufgeführt, die praktisch wortwörtlich mit den obigen Paragraphen übereinstimmen. 1 = § 25, 2 = § 26, 3 = § 27, 4 = § 28, 5 ist wegen Benachteiligung des Ausschusses gestrichen, 6 = § 29.

References: § 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6

§ 7

§ 8

§ 9

§ 10

§ 11

§ 12

§ 13

§ 14

§ 15

§ 16

§ 17

§ 18

§ 19

§ 20

§ 21

§ 22

§ 23

§ 24

§ 25

§ 26

§ 27

§ 28

§ 29

§ 30

§ 31

§ 32

§ 33
 § 20
 § 21
 § 22
 § 23
 § 24
 § 25
 § 26
 § 27
 § 28
 § 29