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100 Jahre. EW Reichenburg
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1 100 Jahre EW Reichenburg2 3 100 Jahre EW Reichenburg4 Impressum Herausgeber: Elektrizitätswerk Reichenburg Redaktion: Franz Aschwanden Armin Mettler Christof Bruhin Rainer Tiefenauer Reiner Tanfeld Textrecherche: Armin Mettler Druck und Gestaltung: N+E Print AG, Siebnen Reichenburg, im März 2012 Titelbild: Einspeisepunkt EW Reichenburg5 Mit Elan in die nächsten 100 Jahre Die praktische Nutzung der elektrischen Energie war erst seit Ende des 19. Jahrhunderts möglich. Aufgrund dieser neuen Errungenschaft fällten 1910 zukunftsorientierte und weitsichtige Behördenmitglieder der Gemeinde Reichenburg den Entscheid, Reichenburg mit elektrischer Energie zu versorgen. Bereits 1911 konnte das Verteilnetz mit 32 Abonnenten in Betrieb genommen werden. Seit 100 Jahren liefert das Elektrizitätswerk Reichenburg Energie in die Häuser und Fabriken der Gemeinde. Nicht nur Licht und Wärme für die gute Stube, sondern auch Kraft für Industrie und Gewerbe wird dabei abgegeben. Die technische Entwicklung, die durch Mechanisierung, Automation und Informationstechnologie geprägt ist, wäre ohne elektrische Energie so niemals möglich gewesen. Die Elektrizität ist zu unserem täglichen, unsichtbaren und selbstverständlichen Begleiter geworden. Ohne Strom läuft fast nichts mehr in unserer modernen Gesellschaft. Wir drehen den Schalter, beziehen Strom aus der Steckdose oder gehen wirtschaftlichen Tätigkeiten nach, die ohne Strom unmöglich wären. Kaum jemand denkt dabei an das, was es alles braucht, damit der Strom fliesst. Angefangen von der Produktion, der Netzübertragung bis hin zur Steckdose muss die Sicherheit, die Überwachung und die Mengenregelung gewährleistet sein. Wechselstrom lässt sich bekanntlich nicht speichern, um ihn dann nach Bedarf abzurufen. Wir können heute auf eine 100-jährige erfolgreiche Geschäftstätigkeit in unserer Gemeinde zurückblicken. Damals konnte wohl kaum jemand erahnen, dass sich die Elektrizität zu einer Schlüsselenergie eines neuen Zeitalters entwickeln würde. Die Leistung von den Anfängen unseres Elektrizitätswerks bis heute verdient eine gebührende Würdigung. Dabei hat die Unternehmung «A. Mettler, elektr. Anlagen» über mehrere Generationen hinweg das EW Reichenburg geprägt wie keine andere. Ihnen gilt mein besonderer Dank für all die Leistungen, welche sie auch teils unter widrigen Verhältnissen und Bedingungen erbracht haben. Mit dem zukunftsgerichteten Ausbau unseres Netzes, der zuverlässigen Stromversorgung und den finanziellen Beiträgen an die politische Gemeinde hat das EW Reichenburg auch einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Gemeinde geleistet. Wie in der Vergangenheit wird es auch in der Gegenwart sowie in der Zukunft immer wieder herausgefordert, sich mit dem stetigen Wandel im Fachgebiet und mit der Umwelt auseinanderzusetzen. Mit der totalen Marktöffnung 2014 stehen wir vor einem entscheidenden Wendepunkt in der Elektrizitätswirtschaft. Die traditionellen Versorgungsstrukturen und die jahrzehntelang wirkenden Elektrizitätswerke werden mit der totalen Öffnung der Strommärkte konfrontiert. Welche Folgen ergeben sich daraus? Eine verstärkte regionale Zusammenarbeit mit den umliegenden Nachbarwerken ist erforderlich und wird für beide Seiten nur Vorteile bringen. Der Grundstein dazu ist mit der Gründung der «Energie March Netze AG» schon gelegt worden. Weiter gilt es, die richtige Rechtsform für das 36 EW Reichenburg zu finden, damit man effizient, wirtschaftlich und marktgerecht arbeiten und der Zukunft begegnen kann. Die elementaren Bedürfnisse unserer Kundschaft werden aber im Zuge dieses Wandels dieselben bleiben: Die elektrische Energie soll jederzeit verfügbar und der Strompreis möglichst günstig sein. Die vorliegende Jubiläumsschrift zeigt die Bedeutung der 100-jährigen Geschichte und widerspiegelt die zeitlichen Ereignisse von den Anfängen bis zur Gegenwart. Damit verbunden ist ein grosser und herzlicher Dank an alle, die sich in all den Jahren für das EW Reichenburg engagiert haben. Ich bin überzeugt, dass sich der weitere Einsatz von unserem EW als sicherer, leistungsfähiger und kundenorientierter Stromversorger für die Gemeinde Reichenburg lohnen wird. Dem EW Reichenburg wünsche ich für die Zukunft weitsichtige Entscheide, viel Jugendlichkeit, Offenheit für Neues und Anpassungsfähigkeit für neue Tendenzen, um die kommenden Aufgaben erfolgreich meistern zu können. Franz Aschwanden Gemeinderat und Präsident der EW-Kommission 47 100 Jahre Dienst am Kunden Das Thema «Elektrizität» hatte schon in früheren Zeiten einen hohen Stellenwert in der Schweiz. Die erste bekannte elektrische Beleuchtungsanlage wurde 1879 im Hotel Engadiner Kulm in St. Moritz in Betrieb genommen. Die dafür notwendige Elektrizität produzierte eine kleine Turbine am nahen Bach. Die Wasserkraft als Schlüssel zu Wohlstand und Fortschritt... Diese Gedanken führten dazu, dass bereits im Jahr 1895 erste Entwürfe für die Nutzung der Wasserkräfte im Wägital bestanden. Aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wurden diese Pläne wie auch der geplante Bau auf das Jahr 1916 verschoben. In ungefähr dieser Zeit entstanden die ersten eigenständigen Elektrizitätswerke in der March. Am 20. Januar 1918 erteilte der Bezirk March die Konzession für die Wasserrechtsnutzung der Wägitaler Aa an die beiden Zürcher Elektrizitätswerke (Stadt- und Kantonswerk). Doch gemäss Schwyzer Wasserrechtsgesetz musste auch der Kantonsrat dem Konzessionsvertrag zustimmen. So hielt der Kantonsrat bei seiner Beratung fest: «Das Werk bringe der March und dem Kanton finanzielle Vorteile, aber das, was man hauptsächlich anstrebt, die Versorgung der March mit billiger Kraft (Strom), habe man nicht erreicht.» (Auszug Kantonsratsprotokoll ). Dennoch stimmte der Kantonsrat der Konzessionserteilung ebenfalls zu. Das erklärte Ziel der Energie March Netze AG ist es, die Region March mit preiswerter Energie sicher zu versorgen. Die geschaffene Kooperation der March- Werke unter dem Dach der Energie March Netze AG bildet die Basis dafür. Seit der Gründung im Jahr 2007 und steten Bemühungen können bereits erste Erfolge erzielt werden konnte ein gemeinsamer Energieliefe- rungsvertrag abgeschlossen werden. Das fortwährende Mitwirken der Energie March Netze AG hat dazu geführt, dass sich der Bezirk March erneut mit der Wasserrechtskonzession auseinandersetzt, um dem historischen Willen Nachdruck zu verleihen. Mit der nachhaltigen Bündelung der Kräfte zum Abschluss des neuen Netzvertrages, der die zehn March-Werke im Jahr 2012 in einem Versorgungsnetz verbindet, steht der Energie March Netze AG ein nächster wichtiger Schritt bevor. Festzuhalten ist, dass jedes Werk seine Eigenständigkeit behält, die notwendigen Kräfte in der Netzversorgung aber dahingehend gestärkt werden, dass sich die March-Werke auch in Zukunft erfolgreich den immer anspruchsvolleren Marktbedingungen stellen können. Die Realisierung neuer Projekte, wie beispielsweise der Bau eigener alternativer Energieerzeugungsanlagen oder die Sicherstellung des Einflusses des Kantons Schwyz auf die überregionale Stromversorgung, stellen weitere interessante Herausforderungen dar. Das EW Reichenburg kann auf eine erfolgreiche 100-jährige Ära im Dienste seiner Kunden zurückblicken. Die Energie March Netze AG gratuliert an dieser Stelle allen Beteiligten und bedankt sich gleichzeitig für die Unterstützung der Energie March Netze AG. Energie March Netze AG Mike Schlotterbeck, Verwaltungsratspräsident 58 Das Elektrizitätswerk Reichenburg eine Erfolgsgeschichte zum 100-Jahr-Jubiläum Die «Kraftwerke Beznau-Löntsch» mit Sitz in Baden und Eigentümerin des 1908 in Betrieb genommenen Kraftwerks Klöntal (im Löntsch) beginnen Anfang des 20. Jahrhunderts im Linthgebiet mit dem Bau eines 8000-Volt- Freileitungsnetzes. Sie empfehlen sich bei den Gemeinden und Industrie- unternehmen für die Abgabe von elektrischer Energie. Im Vordergrund stehen dabei das elektrische Licht und die Stromversorgung von Elektromotoren für Maschinenantriebe. Aufnahme Reichenburgs von 1923 von Flugpionier Walter Mittelholzer. Und wer ganz genau hinsieht, kann unterhalb der Kirche, leicht nach links versetzt, das Türmchen der ersten Trafostation (TS Dorf) erkennen. 69 Plan der 8000-Volt-Zuleitung der Beznau- Löntsch-Werke in Baden vom 26. Februar 1913 im Massstab 1:1000. Der Abzweiger nach Reichenburg zur Trafostation Dorf befindet sich in der Hirschlen und verläuft rechts neben dem Rütibach. Ausgehend vom Kraftwerk im Klöntal kommt die Hauptleitung von Niederurnen, Bilten und verläuft weiter nach Buttikon, Schübelbach, Siebnen 710 Ein neues Zeitalter beginnt 1910 Gemäss der in diesem Jahr durchgeführten Volkszählung hat das beschauliche, am äusseren Rand des Bezirks March liegende Dorf Reichenburg 983 Einwohner, die sich auf 249 Haushaltungen verteilen. Am 3. Juli beschliesst der Gemeinderat von Reichenburg auf Antrag von Geometer Erhard Kistler die Einführung des elektrischen Stroms in die Wege zu leiten. Wir wissen leider nichts Näheres über die vorgängig geführten Diskussionen und deren Heftigkeit, auch die vorgebrachten Argumente, für oder gegen diesen wegweisenden Schritt, sind uns nicht überliefert. Einzig das Ergebnis liegt uns schriftlich vor: An der ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung vom 17. Juli wird folgender Antrag von Erhard Kistler zum Beschluss erhoben: Der Gemeinderat Reichenburg wird beauftragt, Abonnenten für Licht und Kraft zu suchen. Die geforderte Suche nach Stromabnehmern verläuft erfolgreich. 32 Reichenburger Bürger sind bereit, ihre Petroleum- und Wachslichter gegen elektrisches Licht einzutauschen. Sicherlich Elektrizität ist auch für die Menschen von damals kein Fremdwort mehr. Man hat sie bereits «gesehen» oder darüber gelesen, aber zumindest davon gehört, in Zürich, Basel oder Bern, dann aber auch in Jona, Uznach oder Lachen leben die Menschen bereits mit dieser neuen Technik. Aber eben nicht in Reichenburg, in einer so ländlichen, leicht abgeschiedenen Gegend. Ja, hier ist Elektrizität etwas Neues, ein Schritt in die Zukunft, ein nötiger, denn man will ja auch endlich dabei sein. Natürlich ist es noch etwas ungewohnt, es braucht Anschlüsse, Leitungen, neue Lampen. Man Die Wirtschaft zur Rose, nur noch das Schild ist echt und hängt heute auf der «Burg» zu Reichenburg. In der Rose konnte man essen, trinken und feiern, sicherlich auch diskutieren und politisieren. Wie in jeder Wirtschaft. Aber das Besondere an der Rose ist, dass hier die Weichen für die Energieversorgung Reichenburgs mit elektrischem Strom gestellt wurden. Denn hier fand am 3. Juli 1910 die Gemeinderatssitzung statt, an der Geometer Erhard Kistler beantragt, die Einführung des elektrischen Stroms in die Wege zu leiten. Ebenso konnte man in der Rose Lebensmittel, Arbeitskleidung und dergleichen kaufen und dann ab etwa September 1911, das war neu für Reichenburg, auch elektrische Artikel wie Lampen, Bügeleisen und Ventilatoren. Bis in die 80er Jahre gab es die Rose, zwischenzeitlich von Erhard Kistlers Töchtern geführt. Heute steht dort, wo einst die Rose stand, das «Alterswohnheim zur Rose». 811 Umschlag mit Siegel und die ersten beiden Seiten des Vertrags vom 24. November 1910 zwischen der Gemeinde Reichenburg und den Kraftwerken Beznau-Löntsch. Darin werden die Strompreise und die Art der Berechnung, Zahlungsbedingungen, Unterhalt der Messeinrichtungen usw. geregelt. 912 Die Trafostation Dorf. Hier hat vor 100 Jahren die Geschichte der Elektrizität in Reichenburg begonnen. Die hier abgebildete Station stammt aus den 40er Jahren und wurde im Herbst 1992 abgebrochen. sieht ihn halt auch nicht wirklich, den Strom, aber er soll gefährlich sein, das Herz kann er einem zum Stillstand bringen, man kann bei lebendigem Leibe gebraten werden und die Leitungen, wo der Strom drin fliesst, lassen die Milch der Kühe sauer werden und ziehen die Blitze auf die Häuser. Und Strom ist nicht gratis, nicht jeder ist finanziell in der Lage, sich den Strom ins Haus liefern zu lassen, sich mit Lampen auszustatten. Also doch, etwas Vorsicht, Misstrauen und Zurückhaltung sind angebracht Im nördlichen Dorfteil, direkt neben dem Rütibach, wird eine Trafostation erstellt. Dieses erste elektrische Wahrzeichen Reichenburgs wird auf den Knapp vier Monate später, am 10. November, liegt ein von Ingenieur Rudolf Vontobel aus Kilchberg erstellter Kostenvoranschlag vor. Die darin errechnete Gesamtsumme für die Versorgung Reichenburgs mit elektrischer Energie beträgt Fr , welche sich aus den folgenden Kostenfaktoren zusammensetzt: Hochspannungsschalter Fr. 450., Trafostation Dorf Fr , Sekundärnetz Fr , Honorar Fr Wieder einige Monate später, am 18. Juni, wird für den geplanten Ausbau des Netzes ein Kredit von Fr gesprochen. Die Differenz von Fr zum erstellten Kostenvoranschlag ergibt sich aus den aktuellen Anpassungen. Für das zu erstellende Netz sind gemäss Protokollauszügen 71 Freileitungsstangen und 11,4 Kilometer Kupferdraht mit einem Gewicht von 1790 kg notwendig. Heute hat er ausgedient der Drehstrom-Öltransformator von der Firma «Brown, Boveri & Cie.» sorgte er noch ganz allein und als Erster in der Trafostation Dorf (kleines Schwarzweissfoto) für die Stromversorgung von Reichenburg mit seinen stattlichen 30 kva Leistung. Seine Aufgabe war es, die zugeführten 8000 Volt auf 250/145 Volt umzuwandeln. Aber den Schritt zum alten Eisen hätte er beileibe nicht verdient, denn bis ins Jahr 1945 hat er zuverlässig vor sich hingebrummt. Und nähme man ihn wieder ans Netz, er würde sofort zufrieden weitermachen, aber man lässt ihn nicht, denn er wird im EW-Museum als eindrücklicher Zeitzeuge gebraucht. 1013 «March-Anzeiger» vom 22. August 1911 Reichenburg. (Einges.) Die heute Sonntag den 20. August schwach besuchte Kirchgemeinde genehmigte das von Herrn Vontobel erstellte Regulativ des Elektrizitätswerkes für hiesige Gemeinde, welches sich demjenigen der Gemeinde Lachen anpasst. Es wurde mitgeteilt, dass sich ca. 250 Abonnenten für Licht und nur 1 Abonnent für Kraftabgabe gemeldet haben (die übrigen Herren Kraftwerkbesitzer finden, dass sie immer noch bedeutend billiger mit Motorbetrieb vermittelst Benzin arbeiten können). Dass jedoch die Frauenwelt dieser Neuerung hold ist, beweist, dass sich 8 Abonnentinnen für Kraftabgabe fürs Glätten meldeten und dieselbe eingerichtet wird. Was den Kostenpunkt anbetrifft, sind für die ersten 500 Kilowattstunden für Lichtkraft 45 Rp. und ebenso für anderweitige Kraftabgabe für Motorbetrieb ungefähr 20 Rp. zu bezahlen, jedoch in Berücksichtigung für beides bei grösserer Konsumation entsprechende Preisermässigung. Die Installationskosten sind vom Abnehmer zu tragen. Vorgesehen ist bei kleinern Abonnenten von 1 bis 4 Lampen das Pauschalsystem, währenddem die mit über 5 Lampenbezug die Zähler erhalten. Diese Arbeiten zur Erzeugung von Licht und Energie, wie Transformatorenhaus, Stellen der Masten und der sämtlichen Montage sind so weit vorgeschritten, dass man glaubt, in ca. 14 Tagen Licht und Kraft zu haben. Namen «Trafostation Dorf» getauft. Das Herz dieses turmartigen Häuschens ist der von der Firma «Brown, Boveri & Cie.» hergestellte Drehstrom-Öltransformator mit einer Leistung von 30 kva. Seine Aufgabe wird es sein, die zugeführte Eingangsspannung von 8000 Volt auf verträgliche 250 Volt für Motoren bzw. 145 Volt für Licht umzuwandeln, zu transformieren. Die anfallenden Kosten für die notwendige 8000 Volt starke Hochspannungszuleitung bis zum Notausschalter werden von den Beznau-Löntsch- Werken getragen. Die Niederspannungsverteilung von 250/145 Volt aus der Trafostation Dorf ins Hinterdorf, Dorf, Krone, Allmeindli und Bahnhofstrasse bis zur Stickerei Ruosch ist Aufgabe der Gemeinde Reichenburg und muss entsprechend von ihr finanziert werden. Die jeweiligen Hausanschlüsse wiederum müssen dann allerdings die Hauseigentümer selbst berappen. Am 20. August werden an einer erneut einberufenen ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung das EW-Reglement und die Stromtarife besprochen und auch genehmigt. Für die Beleuchtung sind pro Kilowattstunde 45 Rappen zu bezahlen. Für den Betrieb von Motoren wird ein Staffeltarif festgesetzt, der je nach Verbrauch zwischen 8 und 20 Rappen pro Kilowattstunde beträgt. Im «March-Anzeiger» vom 22. August wird berichtet, dass sich 250 Abonnenten für Licht gemeldet haben. Diese Angabe stimmt nicht, es könnte sich hier um eine Zeitungsente handeln oder um mögliche Interessenten. Zwei Wochen später, am 3. September, wird Posthalter Melchior Burlet zum Kassier des Elektrizitätswerks Reichenburg gewählt. Mit dem ehrenvollen Amt des Präsidenten des EW Reichenburg betraut man Geometer Erhard Kistler, der zugleich auch die Bewilligung zum Verkauf von elektrischen Gebrauchsgegenständen erhält. Die Wahl von Erhard Kistler zum Präsidenten erfolgt nicht zufällig, muss er doch als eigentlicher Initiant des Anschlusses von Reichenburg ans elektrische Netz bezeichnet werden. Neben seinem Beruf als Geometer amtet Erhard Kistler noch als Gemeinderat von Reichen- 1114 Mitteilung der Kraftwerke Beznau- Löntsch an den Gemeinderat von Reichenburg, dass der Abonnementsbeginn auf den 15. September 1911 festgelegt wird. burg und ist zudem Besitzer der altehrwürdigen Wirtschaft und Warenhandlung zur Rose. Des Weiteren wird an dieser Versammlung beschlossen, dass auch beim Schulhaus der Fortschritt einzukehren habe, was mit vier elektrisch betriebenen Lampen zu bewerkstelligen sei. Es ist Freitag, der 8. September Seit dem Antrag von Geometer Erhard Kistler die Gemeinde Reichenburg ans Stromnetz anzuschliessen sind gerade einmal vierzehn Monate vergangen. Das Türmchen der Trafostation Dorf ist gebaut, daneben fliesst der Rütibach, plätschernd und fröhlich wie immer, als wäre es ein Tag wie jeder andere. Wir können uns nicht auf Schriftliches oder noch lebende Zeitzeugen berufen. Was wir aber wissen ist, dass das Jahr 1911 bis in den November hinein sehr trocken war, ein Jahrhundertsommer ist es gewesen. Wir nehmen also an, dass auch an diesem Freitag die Sonne scheint und man gerne einen Platz unter einer Linde oder einem Ahorn aufsucht. Festlich gekleidet zu diesem grossen Tag sind die Leute gekommen. Der Transformator von Brown-Boveri wartet in seinem Trafohäuschen gespannt auf die ihm zugesagten 8000 Volt. 71 Freileitungsstangen sind in den letzten Monaten in der Erde verankert Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 12. August 1911, an der erstmalig die Strompreise sowie die Abonnementsbedingungen festgelegt wurden. 1215 worden Meter parallel auf Isolatoren befestigter Kupferdraht durchzieht neu die Landschaft. Die Angestellten der beauftragten Firma Vontobel haben ganze Arbeit geleistet und alle geforderten Hausinstallationen sind erstellt. Sicherlich wird auch mindestens eine Rede gehalten worden sein. Ein Delegierter der Beznau-Löntsch-Werke, der Gemeindepräsident, der EW-Präsident haben das Wort, preisen den Schritt Reichenburgs in die stromreiche Zukunft als wegweisend und richtig. Und dann, endlich liegt da eine Hand auf dem Hauptschalter, bringt ihn auf die Stellung «EIN», und schon beginnt der schwarze schwere Transformator ruhig und gleichmässig zu surren, unsichtbar bahnt sich Elektrizität ihren Weg durch die Kupferleitungen zu den Häusern, und plötzlich geht in Reichenburg zum ersten Mal das Licht an, wie von Geisterhand, eine neue Technik hat das Dorf erobert, der Fortschritt, die Zukunft selbst manifestiert sich in der Gegenwart. An diesem denkwürdigen Tag wird gefeiert. Initianten, Arbeiter und Abonnenten beglückwünschen sich, erheben die Gläser, es herrscht Freude. Das Werk ist zur Zufriedenheit aller vollbracht, 32 Abonnenten beziehen Energie meist für die Versorgung von Lampen, in der Stickerei Ruosch nimmt der erste elektrische Motor seine Arbeit auf. «March-Anzeiger» vom 26. September 1911 Reichenburg. (Einges.) Wie man vernimmt, funktioniert das neueingeführte elektrische Licht tadellos. Und erst die flotte Strassenbeleuchtung? Es wär zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein. Die ersten Einträge im sorgfältig geführten Kassabuch des EW Reichenburg beginnen am 30. September16 1912 Im ersten Jahr bezieht das EW Reichenburg von den Beznau-Löntsch-Werken insgesamt 9055 kwh Strom. Für die Beleuchtung 5337 kwh zu 23 Rappen und 3007 kwh zu 7 Rappen, 711 kwh zu 7 Rappen werden für Heizungen benötigt, was ein Rechnungstotal von Fr ergibt. Kontinuierlich wird das Sekundärnetz ausgebaut und die Anzahl Abonnenten erhöht. Es fliesst nicht nur Strom, sondern auch Geld: Bereits am 25. Januar fordert die Regierung von den Beznau-Löntsch-Werken für das Gebiet von Reichenburg einen Steuerbetrag von Fr Am 3. November erhält Elektriker Mischler aus Lachen für die Dauer von zwei Jahren eine Konzession für die Installation von Neuanlagen und für die Ausführung von Reparaturen. Besonders empfiehlt er sich seinen Kunden für die Lieferung und Montage von elektrischem Licht- und von Kraftanlagen. Er bietet aber auch «Bügel-Einrichtungen», elektrisch betriebene Ventilatoren und Telefonapparate an. 32 Abonnenten sind im Zählerbuch für das erste Reichenburger «Stromjahr» 1911 aufgeführt. Unterschieden wurde zwischen Licht- und Kraftstrom. Auch die Verbrauchsgegenstände, ob Lampen, Bügeleisen oder Motor, wurden genau erfasst. Inserat im «March-Anzeiger» von der Firma Mischler am 25. August17 Strom als Wirtschaftsmotor 1913 Zur im Stutz ansässigen Fabrik Birchler & Cie. sowie zur Sägerei Kistler wird eine Freileitung für elektrisches Licht errichtet Die «Kraftwerke Beznau-Löntsch», Betreiber des Wasserkraftwerks Klöntal und des Aarekraftwerks Beznau bauen ihre Marktstellung aus und treten neu als «Nordostschweizerische Kraftwerke AG» (NOK) auf Das Gebiet Ussbühl wird elektrisch erschlossen Fr kostet die vom Reichenburger Gemeinderat am 19. November beschlossene Strassenbeleuchtung. Die Firma Kummler & Matter errichtet dafür 17 Strassenlampen, wofür 16 Freileitungsstangen benötigt werden. Der Lohn von EW-Kassier Burlet wird zufolge Mehrarbeit auf 200 Franken pro Jahr erhöht. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Energiebezug von Reichenburg verdoppelt und liegt jetzt bei rund Kilowattstunden. Brief vom 13. November 1916 der Siemens-Schuckertwerke in Zürich an das EW Reichenburg Die unregelmässige Petroleumzufuhr aus dem Auslande nach der Schweiz und die durch die Steigerung der Kohlenpreise voraussichtliche eintretende Erhöhung der Gasbeleuchtungskosten lassen auch in diesem Jahre eine rege Installationstätigkeit erwarten. Der Bedarf an Elektrizitätszählern wird daran anschliessend wiederum ziemlich bedeutend werden In diesem Jahr schliesst die EW-Rechnung bereits das erste Mal mit Fr Mehreinnahmen ab. Die vom Kassier geliehenen Gelder können mit Zins zurückbezahlt werden Abonnenten sind nun gesamt ans Netz angeschlossen. Erneut hat sich in den letzten vier Jahren der Energiebezug Reichenburgs annähernd verdoppelt und liegt nun bei kwh Josef Burlet, Präsident der EW-Kommission, erteilt Alfred Mettler die Bewilligung für die Erstellung von Elektroinstallationen Elektroinstallateur Mettler wird im Nebenamt als Kassier und Verwalter des EW Reichenburg angestellt. In pflichtgetreuer Ausführung 1518 Gewusst? Brown, Boveri & Cie. Die BBC war ein Schweizer Konzern der Elektrotechnik mit Sitz in Baden. Er wurde 1891 von Charles Eugene Lancelot Brown und Walter Boveri gegründet und stieg um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert zu einem international führenden Unternehmen auf, das auf die Herstellung von elektrischen Maschinen, Turbinen und elektrischen Ausrüstungen von Lokomotiven spezialisiert war fusionierte die BBC mit der schwedischen Allmänna Svenska Elektriska Aktiebolaget (ASEA) zur Asea Brown Boveri (ABB). seines Amtes besorgt er das Zählerablesen, die Rechnungsstellung, das Inkasso, die Buchhaltung, sämtliche Korrespondenz sowie den Unterhalt des Stromverteilungsnetzes und der Trafostation. Von nun an, bis ins neue Jahrtausend und darüber hinaus, wird der Name Mettler untrennbar mit dem EW Reichenburg verbunden sein. Das Gebiet Stutz erhält eine Motorenleitung. Die seit 1861 in Reichenburg ansässige Firma Birchler & Cie. (heute Bico AG in Schänis) benötigt zur Herstellung von Polsterwatte Strom für einen 15 PS starken Motor. Dieser Motor wird in Kombination mit Wasserkraft für den Antrieb einer «Transmission» eingesetzt, das heisst, über eine Wellenstange werden mehrere jeweils mit einem Lederriemen verbundene Maschinen angetrieben. In der Kirche von Reichenburg wird für den Betrieb des Orgelblasebalgs ein Motor mit einer Leistung von 2 PS installiert Die 30 kva der Trafostation Dorf genügen den Leistungsansprüchen von Reichenburg nicht mehr. Das Netz wird mit einer zweiten Trafostation (50 kva) beim Restaurant Krone erweitert. Somit stehen der Gemeinde nun gesamt 80 kva zur Verfügung. Übrigens: Der Firstwein wird vom EW-Präsidenten Erhard Kistler, zugleich Besitzer der Handlung und Wirtschaft zur Rose, geliefert und mit Fr in Rechnung gestellt. Das Kraftwerk Wägital nimmt seinen Betrieb auf. Die beiden erstellten Kraftwerkstufen werden auch für die Energieversorgung des Gebiets Reichenburg genutzt. Angebot der Firma Baumann, Koelliker & Co. aus Zürich vom 19. Dezember 1916 für die geplante Strassenbeleuchtung (man möge doch bitte auch die gewählten Formulierungen würdigen) Wie wir im Schweizer Baublatt zu lesen Gelegenheit hatten, haben Sie auf Antrag des Gemeinderates die Ausführung der Dorf- und Strassenbeleuchtung beschlossen. Da wir uns für fragliche Arbeiten lebhaft interessieren und somit in Mitkonkurrenz zu treten wünschen, bitten wir Sie, uns die für die Ausarbeitung einer Kostenberechnung nötigen Unterlagen wie Pläne usw. zu übermitteln oder, falls Sie dies vorziehen sollten, werden wir einen unserer Ingenieure nach dorten entsenden, um die nötigen Daten zur Ausarbeitung eines Projektes, ohne Kostenfolge für Sie, entgegen zu nehmen. Im Übrigen begrüssen wir, schon vom rein schweizerischen Standpunkt aus, Ihren, in solch gemeinnütziger Weise zu Gunsten Ihrer Mitbewohner gefassten Entschluss aufs Wärmste und können wir Sie versichern, dass die durch die Kriegsverhältnisse geschaffene Petroleumnot als ein günstig gewählter Moment für Ihren Entschluss zu betrachten ist. 1619 1928 Das EW Reichenburg beliefert mit seinen beiden Trafostationen Dorf und Krone rund 1350 Glühlampen (26 kw), etwa 28 Motoren (56 kw) und um die 110 Wärmeapparate (59 kw) mit elektrischem Strom An der Kirchgemeindeversammlung vom 26. April wird beschlossen, dass das Elektrizitätswerk Reichenburg jährlich Fr in die Gemeindekasse abzuliefern habe. Gleichzeitig wird ein neuer Stromtarif festgelegt: Für die Stromversorgung von Licht müssen nun 35 Rappen pro Kilowattstunde und für Motoren und Kochherde 17 Rappen bezahlt werden. Die Zählermiete ist mit jährlich Fr. 4. abzugelten. In den folgenden Jahren wird der Strassenausbau in der Gemeinde aus der EW-Rechnung finanziert. So geschehen bei der Bahnhofstrasse, der Spielhofstrasse, dem Allmeindli und beim Reichenburger Anteil der Kantonsstrasse sind dies zum Beispiel Fr für die Kanalisation und den Strassenausbau im Allmeindli. Zwischen 1930 und 1950 werden vom EW Reichenburg etwa Fr an die Verzinsung und Amortisation des Strassenbaus in der Gemeinde beigesteuert. Ebenso entrichtet das Elektrizitätswerk in diesen Jahren zusätzlich den ansehnlichen Betrag von rund Fr in die Gemeindekasse. Brief der NOK vom 15. Dezember 1917 an ihre Stromabnehmer Die Belastung unserer Werke ist zufolge der anhaltenden Kälte und Trockenheit bereits so hoch gestiegen, dass sie die Leistungsfähigkeit der uns zur Verfügung stehenden Energiequellen (einschliesslich Aushülfskraft aus dritten Werken) nahezu erreicht und es ist anzunehmen, dass sie noch weiter steigt und dass sie so hoch steigen könnte, dass wir sie mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln nicht mehr bewältigen könnten. Wir müssen Sie daher ersuchen, Ihre Energieabnahme wenigstens während der Zeit der Lichtspitzen nach Möglichkeit einzuschränken. Wir könnten sonst genötigt werden, zur Zeit der Lichtspitzen abwechslungsweise gewisse Leitungsstränge von unserem Netz abzutrennen, um Unterbrechungen unseres gesamten Betriebes zu vermeiden. Wirtschaftskrise und Kriegszeit (1932 bis 1950) Von einer eigentlichen Krise, wie sich diese im Ausland manifestiert, kann weder in der Schweiz noch in Reichenburg gesprochen werden. Da die Schweiz im Zweiten Weltkrieg kaum zu Schaden kommt prosperiert die Wirtschaft wie nie zuvor, besonders der Bedarf an elektrischer Energie steigt von Jahr zu Jahr. Engpässe in der Industrie, zum Beispiel beim Bezug von Kraftstoff für Motoren, können mit elektrischer Energie umgangen werden. Während des Zweiten Weltkriegs wird der Bezug von Kupfer aus dem Ausland allerdings immer schwieriger bzw. unmöglich. Der Krieg, sprich die 1720 Vertrag vom 1. August 1927 zwischen der Gemeinde Reichenburg und Herrn Ch. Wattenhofer, Elektr. Unternehmungen in Siebnen, betreffend Erstellung der elektr. Ausrüstung der Transformatorenstation «Krone» in Reichenburg Art. 1 Vertrags-Gegenstand. Die Bestellerin überträgt dem Unternehmer und dieser übernimmt die Lieferung und Montage der kompletten elektrischen Ausrüstung der neuen Transformatorenstation Krone in Reichenburg, einschliesslich Inbetriebsetzung aber excl. Lieferung des Transformators zum Totalpreis von Frs Art. 3 Lieferungs- und Montage-Vorschriften. (...) Alle Eisenteile sind sauber mit Farbe gestrichen zu übergeben. Der Unternehmer hat den Anordnungen der Bestellerin bezw. der Bauleitung genau nachzukommen und hat die letztere das Recht, alle unsauberen und vertragswidrigen Arbeiten auszuschliessen. Unter keinen Umständen kann der Unternehmer eine mangelhafte Arbeit damit entschuldigen, und sich gegen die allfällig daraus entstehenden Umänderungskosten verwahren, dass sie unter Aufsicht der Bauleitung ausgeführt worden sind. Produktion von Munition, hat Vorrang. Dementsprechend erhält man in der Schweiz Kupfer nur noch, wenn man dafür die gleiche Menge Altkupfer abliefert. Einen Ausweg findet man in der Verwendung von Aluminium und Eisen im Freileitungsbau. Bei der Hausinstallation setzt man ausschliesslich auf Aluminium. Vereinzelt findet man diese «silbernen» Drähte noch heute in älteren Gebäuden. Zudem sind während der Mobilmachung viele Fachkräfte im Militärdienst, so dass es immer wieder zu Engpässen und Verzögerungen im Baugewerbe kommt. Diesem Umstand wirkt das EW mit entsprechenden Dispensionsgesuchen entgegen, die durchaus wohlwollend behandelt werden, da in Krisen- und Kriegszeiten eine tadellos funktionierende Stromversorgung natürlich ausserordentlich wichtig ist. Ende 1939 bis 1940 werden die beiden Festungen Fels und Burg gebaut, die zum «Linthwerk» gehören. Für die Stromversorgung wird die Trafostation Dorf mit einem Anbau erweitert, der dem 160-kVA-Transformer der Firma Brown-Boveri (Kosten Fr ) Unterschlupf bieten soll. Im November 1939 und im Februar 1940 rücken gesamt 800 Landwehrsoldaten vom Bat. 76 aus dem Thurgau in Reichenburg ein. In den ersten Januartagen 1940 nochmals 200 HD-Soldaten. Tankbarrieren, Höcker, Feldstellungen, Bunker und Bekannte Pioniere in der Lampenfabrikation waren zum Beispiel die Siemens-Schuckertwerke mit Zweigniederlassung in Zürich, die Werbung für die Wotan-Lampe machte, die Firma Isaria in München, die bereits mit niedrigem Energieverbrauch der Metallfadenlampe warb, oder eben wie hier abgebildet die Firma Joh. Kremenezky aus Wien, die 1914 ihre robusten Drahtlampen anpries. 18 Mehr anzeigen
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