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Timestamp: 2018-11-17 11:18:07+00:00

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Friedrich Engels - Das Reichsmilitärgesetz
Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 18, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 500-508.
Das Reichs-Militärgesetz
Geschrieben Ende Februar/Anfang März 1874.
["Der Volksstaat" Nr. 28 vom 8. März 1874]
|500| Es ist wahrhaft komisch, wie sich die Nationalliberalen und Fortschrittsmänner im Reichstag anstellen gegenüber dem § 1 des Militärgesetzes:
"Die Friedenspräsenzstärke des Heeres an Unteroffizieren und Mannschaften beträgt bis zum Erlaß einer anderweitigen gesetzlichen Bestimmung 401.659 Mann."
Dieser Paragraph, so schreien sie, ist unannehmbar, er vernichtet das Budgetrecht des Reichstags, er verwandelt die Bewilligung des Militäretats in eine bloße Posse!
Ganz richtig, meine Herren! Und eben weil dem so ist, weil der Artikel unannehmbar ist, werden Sie ihn in der Hauptsache annehmen. Warum auch soviel Federlesens machen, weil man Ihnen zumutet, den Kniefall noch einmal zu machen, den Sie schon sooft mit soviel Grazie ausgeführt?
Die Grundsuppe des ganzen Jammers ist die preußische Armee-Reorganisation. Sie brachte den famosen Konflikt. Während der ganzen Konfliktszeit führte die liberale Opposition Manteuffels Prinzip aus: "Der Starke weicht mutig zurück." Nach dem dänischen Krieg steigerte sich der Mut im Zurückweichen bedeutend. Als aber 1866 Bismarck siegreich von Sadowa zurückkam und für sein bisheriges kommentwidriges Geldausgeben gar noch Indemnität beantragte, da kannte das Zurückweichen keine Grenzen mehr. Der Militäretat wurde, sofort bewilligt, und was in Preußen einmal bewilligt ist, das ist nach der preußischen Verfassung für immer bewilligt, denn "die bestehenden" (einmal bewilligten) "Steuern werden forterhoben"!
|501| Kam der Norddeutsche Reichstag, der die Bundesverfassung beriet. Man sprach viel von Budgetrecht, man erklärte die Regierungsvorlage für unannehmbar wegen mangelhafter Finanzkontrolle, man wand sich hin, man wand sich her, und schließlich biß man in den sauren Apfel und übertrug die preußischen Verfassungsbestimmungen über den Militäretat in allen wesentlichen Punkten auf den Norddeutschen Bund. Damit brachte man die Friedenspräsenz der Armee schon von 200.000 auf 300.000 Mann.
Nun kam der glorreiche Krieg von 1870 und damit das "Deutsche Reich". Abermals ein konstituierender (!) Reichstag und eine neue Reichsverfassung. Abermals hochgemute Reden, zahllose Vorbehalte von wegen des Budgetrechts. Und was beschlossen die Herren?
Reichsverfassung § 60:
"Die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres wird bis zum 31. Dezember 1871 auf ein Prozent der Bevölkerung von 1867 normiert und wird pro rata derselben von den einzelnen Bundesstaaten gestellt. Für die spätere Zeit wird die Friedenspräsenzstärke des Heeres im Wege der Reichsgesetzgebung festgestellt."
Ein Prozent der Bevölkerung von 1867 gibt 401.000 Mann. Dieser Präsenzstand ist später durch Reichstagsbeschluß bis zum 31. Dezember 1874 verlängert worden.
§ 62: "Zur Bestreitung des Aufwandes für das gesamte deutsche Heer und die zu demselben gehörigen Einrichtungen sind bis zum 31. Dezember 1871 dem Kaiser jährlich sovielmal 225 Tlr., als die Kopfzahl der Friedensstärke des Heeres nach Art. 60 beträgt, zur Verfügung zu stellen. Nach dem 31. Dezember 1871 müssen diese Beträge von den einzelnen Staaten des Bundes zur Reichskasse fortgezahlt werden. Zur Berechnung derselben wird die im Art. 60 interimistisch festgestellte Friedenspräsenzstärke solange festgehalten, bis sie durch ein Reichsgesetz abgeändert ist."
Das war der dritte Kniefall unsrer Nationalen vor dem unantastbaren Militäretat. Und wenn jetzt Bismarck kommt und verlangt, das angenehme Provisorium solle in ein noch angenehmeres Definitivum verwandelt werden, da schreien die Herren über Verletzung des dreimal hintereinander von ihnen selbst geopferten Budgetrechts!
Meine Herren Nationalen! Machen Sie "praktische Politik"! Tragen Sie "den Zeitverhältnissen Rechnung"! Werfen Sie die "unerreichbaren Ideale" über Bord und wirtschaften Sie tapfer fort "auf dem Boden des Gegebenen "! Sie haben nicht nur A gesagt, Sie haben schon B und C gesagt, sagen Sie auch unverzagt D! Hier hilft kein Zippeln und Zappeln, hier müssen Sie nun einmal wieder den famosen "Kompromiß" machen, bei dem die Regierung ihren ganzen Willen erhält und Sie froh sein können, wenn es ohne Fußtritte abgeht. Überlassen Sie das Budgetrecht den im |502| Materialismus versumpften Engländern, den verkommenen Franzosen, den zurückgebliebenen Österreichern und Italienern, halten Sie sich nicht an "fremde Vorbilder", tun Sie "ein echt deutsches Werk"! Wenn Sie aber platterdings ein Budgetrecht haben wollen, dann gibt's nur ein Mittel: Wählen Sie das nächste Mal nur Sozialdemokraten!
["Der Volksstaat" Nr. 29 vom 11. März 1874]
Daß die Nationalen dumm sind - trotz aller Gescheitheits-Laskerchens -, das wissen wir längst und das wissen sie selber. Daß sie aber so dumm sind, wie Moltke sie dafür hält, das hätten wir doch nicht geglaubt. Der große Schweiger hat im Reichstage eine ganze Stunde gesprochen und ist doch der große Schweiger geblieben: Er hat nämlich seinen Zuhörern so ziemlich alles verschwiegen, was er selbst glaubt. Nur in zwei Dingen hat er seine Ansicht rund ausgesprochen: erstens dann, daß der fatale § 1 absolut notwendig sei, und zweitens in dem famosen Satz:
"Was wir in einem halben Jahre mit den Waffen errungen, das müssen wir ein halbes Jahrhundert mit den Waffen schützen, damit es uns nicht wieder entrissen wird. Wir haben seit unseren glücklichen Kriegen an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen."
Habemus confitentem reum. |Da haben wir den sich schuldig Bekennenden. (Cicero, "Oratio pro Q. Ligario".)| Hier haben wir den Schuldigen zum Geständnis gebracht. Als Preußen, nach Sedan, mit seinen Annexionsforderungen herausrückte, hieß es: Die neue Grenze ist einzig durch die strategische Notwendigkeit bedingt, wir nehmen nur das, was wir absolut brauchen, um uns zu decken; innerhalb dieser neuen Grenze und nach Vollendung unserer Befestigungen können wir dann jedem Angriffe ruhig entgegensehen. - Und so ist es, rein strategisch gesprochen, in der Tat.
Die befestigte Rheinlinie mit ihren drei großen Kernplätzen Köln, Koblenz, Mainz hatte nur zwei Fehler: Erstens wurde sie umgangen durch Straßburg, und zweitens fehlte ihr eine vorgeschobene Linie fester Punkte, die der ganzen Stellung Tiefe gab. Die Annexion von Elsaß-Lothringen half beiden Fehlern ab. Straßburg und Metz bilden jetzt die erste Linie, Köln, Koblenz, Mainz die zweite; alles Festungen erster Ordnung, mit weit vorgeschobenen Forts und fähig, der modernen gezogenen Artillerie |503| Widerstand zu leisten; dabei liegen sie in solchen Entfernungen voneinander, wie sie den kolossalen Heeren der Gegenwart zu freier Bewegung am dienlichsten sind, und in einem der Verteidigung äußerst günstigen Terrain. Solange die Neutralität Belgiens respektiert wird, kann ein französischer Angriff leicht auf den schmalen Strich Landes zwischen Metz und den Vogesen beschränkt werden; man kann sich, wenn man will, gleich anfangs hinter den Rhein ziehen und die Franzosen zwingen, sich vor der ersten Hauptschlacht durch Truppensendungen gegen Metz, Straßburg, Koblenz und Mainz zu schwächen. Es ist eine Stellung, der in ganz Europa an Stärke keine zweite gleichkommt; das venetianische Festungsviereck war ein Kinderspielzeug, verglichen mit dieser fast uneinnehmbaren Position.
Und gerade die Eroberung dieser fast uneinnehmbaren Stellung zwingt Deutschland, nach Moltke, das Errungene ein halbes Jahrhundert lang mit den Waffen zu verteidigen! Die stärkste Stellung verteidigt nicht sich selbst, sie will verteidigt sein; zum Verteidigen gehören Soldaten; je stärker also die Stellungen, desto mehr Soldaten sind nötig, und so weiter im ewigen lasterhaften Zirkel. Dazu kommt noch, daß der wiedergewonnene "verlorene Bruderstamm" in Elsaß-Lothringen von der Mama Germania nun einmal platterdings nichts wissen will und daß die Franzosen unter allen Umständen gezwungen sind, bei der nächsten Gelegenheit die Befreiung der Elsässer und Lothringer aus der germanischen Umarmung zu versuchen. Die starke Stellung wird also dadurch aufgewogen, daß Deutschland die Franzosen gezwungen hat, jedem, der es angreifen will, zur Seite zu stehen. Mit anderen Worten, die starke Stellung enthält in sich den Keim einer europäischen Koalition gegen das Deutsche Reich. Und an dieser Tatsache ändern alle Dreikaiser- und Zweikaiservisiten und Toaste absolut nichts, wie das niemand besser weiß als Moltke und Bismarck; und wie Moltke das auch in diskreter Weise zum Ausdruck bringt in dem melancholischen Satz:
"Wir haben seit unseren glücklichen Kriegen an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen!"
Soweit die Moltkesche Wahrheit. Kommen wir jetzt auf die Moltkesche Dichtung.
Wir gehen nicht ein auf das sentimentale Geseufze, womit der große Stratege sein Leidwesen darüber zu erkennen gibt, daß das Militär leider nun einmal zum Besten des Volks solche kolossale Summen verzehren muß, und wo er sich gewissermaßen als preußischer Cincinnatus hinstellt, der |504| nichts sehnlicher wünscht, als vom Generalfeldmarschall zum Kappesbauer befördert zu werden. Noch weniger auf die schon dagewesene Theorie, daß von wegen der schlechten Erziehung der Nation durch den Schulmeister jeder Deutsche drei Jahre lang auf die hohe Schule geschickt werden müsse, wo der Unteroffizier Professor ist. Wir sprechen hier nicht zu Nationalen, wie dies der arme Moltke zu tun nötig hatte. Wir gehen gleich über zu den riesenhaften militärischen Bären, die er - unter allgemeiner Heiterkeit des großen Generalstabes - seinen erstaunten Zuhörern aufband.
Es handelt sich wieder darum, die großen deutschen Rüstungen durch die angeblich noch größeren der Franzosen zu rechtfertigen. Und da enthüllt Moltke dem Reichstage, daß die französische Regierung schon heute berechtigt ist, für die aktive Armee 1.200.000 und für die Territorialarmee über 1 Million Männer zu den Waffen zu berufen. Um diese "auch nur teilweise" einstellen zu können, hätten die Franzosen ihre Cadres vermehrt. Sie hätten jetzt 152 Infanterieregimenter (gegen 116 vor dem Kriege), 9 neue Jägerbataillone, 14 neue Kavallerieregimenter, 323 Batterien statt früher 164. Und "diese Augmentationen sind noch nicht geschlossen". Die Friedenspräsenzstärke beträgt 40.000 Mann mehr als 1871, sie ist auf 471.170 Mann festgestellt. Statt der 8 Armeekorps, mit denen die Franzosen uns zu Anfang des Krieges entgegentraten, stellt Frankreich künftig 18 und ein neunzehntes für Algier; die Nationalversammlung zwingt der Regierung geradezu Gelder für Rüstungen auf, die Kommunen schenken Exerzierplätze und Offizierskasinos, bauen aus eigenen Mitteln Kasernen, beweisen einen fast gewaltsamen Patriotismus, wie er in Deutschland nur zu wünschen wäre - kurz alles bereitet sich vor auf den großen Revanchekrieg.
Wenn nun die französische Regierung alles das getan hätte, was ihr Moltke zugute hält, so hätte sie nichts weiter getan als ihre Schuldigkeit. Nach solchen Niederlagen wie die von 1870 ist es die erste Pflicht der Regierung, die Wehrkraft der Nation soweit zu entwickeln, daß man gegen die Wiederholung solcher Unfälle geschützt ist. Den Preußen war 1806 ganz dasselbe passiert; ihre ganze altfränkische Armee wurde kostenfrei und kriegsgefangen nach Frankreich befördert. Nach dem Kriege bot die preußische Regierung alles auf, um das ganze Volk wehrhaft zu machen; die Leute wurden nur 6 Monate lang eingeübt, und trotz Moltkes Abscheu vor den Milizen haben wir Blüchers Zeugnis, daß diese "Landwehr-Patteljohns", wie er sich ausdrückte, nach den ersten Gefechten ebenso gut waren wie die Linienbataillone. Handelte die französische Regierung ebenso, setzte sie alle Kraft daran, in fünf bis sechs Jahren eine Wehrhaftmachung |505| der ganzen Nation durchzuführen - sie tat nur ihre Schuldigkeit. Aber im Gegenteil. Mit Ausnahme der Neubildungen von Bataillonen, Schwadronen und Batterien, die bis jetzt nur die Höhe der deutschen Linien-Organisation erreichen, besteht alles andre nur auf dem Papier, und Frankreich ist militärisch schwächer denn je.
"Man hat", sagt Moltke, "in Frankreich alle unsere militärischen Einrichtungen getreulich kopiert ... Man hat vor allem die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und dabei eine zwanzigjährige Verpflichtung zugrunde gelegt, während wir nur eine zwölfjährige haben."
Und wenn dem in Wirklichkeit so wäre, worauf reduziert sich der Unterschied der 20 und der 12 Jahre? Wo ist der Deutsche, der nach 12 Jahren seiner Landwehrverpflichtung wirklich entlassen wäre? Heißt es nicht überall: Die 12 Jahre gelten erst dann, wenn wir Leute genug haben, bis dahin müßt ihr 14, 15, 16 Jahre in der Landwehr bleiben? Und wofür haben wir denn den verschollenen Landsturm wieder ausgegraben, als um jeden Deutschen, der einmal zweierlei Tuch getragen, bis an sein seliges Ende dienstpflichtig zu erhalten?
Aber nun hat es mit der allgemeinen Wehrpflicht in Frankreich noch eine ganz besondere Bewandtnis. In Frankreich fehlen eben die preußischen halbfeudalen Ostprovinzen, die die eigentliche Grundlage des preußischen Staats und des neuen Deutschen Reichs bilden; Provinzen, aus denen man Rekruten zieht, die unbedingt gehorchen und auch nachher, als Landwehrleute, nicht viel klüger werden. Schon die Ausdehnung der allgemeinen Dienstpflicht auf die Westprovinzen zeigte 1849, daß eines sich nicht schickt für alle; ihre jetzt erfolgte Ausdehnung auf ganz Deutschland wird längstens nach Verlauf von Moltkes beliebten zwölf Jahren - wenn das Krämchen überhaupt so lange vorhält - die waffengeübten Leute schaffen, die die Moltkes und Bismarcks außer Brot setzen. - Also in Frankreich existiert nicht einmal die Grundlage, auf der die allgemeine Dienstpflicht der Reaktion gehorsame Soldaten schaffen kann. In Frankreich war der preußische Unteroffizier schon vor der großen Revolution ein überwundener Standpunkt. Der Kriegsminister Saint-Germain führte 1776 die preußischen Stockprügel ein; die geprügelten Soldaten erschossen sich, und die Stockprügel mußten noch im selben Jahre abgeschafft werden. Man führe die allgemeine Dienstpflicht wirklich in Frankreich ein, man bilde die Masse der Bevölkerung in der Waffe aus, und wo blieben da Thiers und Mac-Mahon? Aber Thiers und Mac-Mahon - wenn auch wahrhaftig keine Genies - sind auch nicht solche Schuljungen, wie Moltke sie darstellt. Auf dem Papier haben sie die allgemeine Dienstpflicht hergestellt, |506| allerdings; in Wirklichkeit haben sie mit der größten Hartnäckigkeit auf der fünfjährigen Dienstzeit unter der Fahne bestanden. Nun weiß jeder, daß schon mit der preußischen dreijährigen Dienstzeit die allgemeine Wehrpflicht vollständig unvereinbar ist: entweder erhält man dabei für Deutschland eine Friedenspräsenz von mindestens 600.000 Mann, oder man muß Leute sich freilosen lassen, wie dies geschieht. Welche Friedenspräsenz würde nun eine fünfjährige Dienstzeit bei allgemeiner Wehrpflicht in Frankreich ergeben? Beinahe eine Million; aber selbst Moltke bringt es nicht fertig, den Franzosen die Hälfte anzudichten.
An demselben Tage, wo Moltke seinen Zuhörern so erstaunlich imponierte, veröffentlichte die "Kölnische Zeitung" eine "militärische Mitteilung" über die französische Armee. Diese militärischen Mitteilungen kommen der "Köln. Ztg." aus sehr guter offiziöser Quelle zu, und wird der betreffende militärische "Sauhirt" für den so ausgezeichnet zur Unzeit geschossenen Bock einen ganz besondern Denkzettel erhalten haben. Der Mann sagt nämlich wirklich die Wahrheit. Er erklärt, die neuesten offiziellen französischen Zahlenangaben bewiesen,
"daß Frankreich die sich in seinem neuen Wehrgesetz gestellte militärische Aufgabe auch bei der äußersten Kraftanstrengung schwerlich zu erfüllen imstande sein dürfte".
Nach ihm ist "der diesjährige Stand der Armee zu 442.014 Mann normiert worden". Davon gehen zunächst ab die republikanische Garde-Gensdarmerie mit 27.500 Mann; "tatsächlich stellt sich die eigentliche Heeresstärke indes nach den für die einzelnen Waffengattungen aufgeführten Etatsziffern nur auf 389.965 Mann". Hiervon sind abzuziehen
"die geworbenen Truppen (das Fremdenregiment, die eingeborenen algerischen Truppenteile), die Verwaltungstruppenkörper und die Cadres an Unteroffizieren und Kapitulanten, welche insgesamt nach den früheren authentischen französischen Angaben zu 120.000 Mann normiert wurden. Den wirklichen Effektivbestand derselben jedoch nur zu 80.000 Mann angenommen, verbleibt in bezug auf die Rekrutierung nur noch ein tatsächlicher Armeebestand von 309.000 Mann, welcher sich aus fünf Jahrgängen des ersten und einem des zweiten (Reserve-) Kontingents zusammenstellt. Der eine Jahrgang dieses zweiten Kontingents umfaßt 30.000 Mann, und würde sich danach der Dienstjahrgang des ersten Kontingents wie die Jahres-Rekruten-Einstellung für dasselbe zu je 55.800 Mann berechnen. Dazu treten dann die 30.000 Mann des zweiten Kontingents, so daß die höchstgegriffene Jahresrekrutierung der französischen Armee sich doch immer nur auf 99.714 Mann bemessen würde."
Also: die Franzosen stellen jährlich etwa 60.000 Mann zu fünfjähriger Dienstzeit ein, macht in 20 Jahren 1.200.000 Mann, und wenn wir die Abgänge, wie sie sich bei der preußischen Landwehr tatsächlich herausgestellt, |507| abrechnen, höchstens 800.000 Mann. Ferner 30.000 Mann zu einjähriger Dienstzeit - was nach Moltke untaugliche Milizen sind -, macht in 20 Jahren 600.000 Mann, nach Abzug der Abgänge höchstens 400.000 Mann. Wenn also die Franzosen den von Moltke so gerühmten Patriotismus zwanzig Jahre lang ungestört getrieben haben werden, so werden sie dann endlich den Deutschen, statt der Moltkeschen 2.200.000 Mann, höchstens 800.000 geübte Soldaten und 400.000 Milizen entgegenstellen können, während Moltke schon jetzt reichlich anderthalb Millionen vollständig geübter deutscher Soldaten mobil machen kann. Danach bemesse man die Heiterkeit, die Moltkes - im Reichstag angestaunte - Rede im großen Generalstab zuwege gebracht hat.
Man muß es Moltke lassen: Solange er mit einfältigen Gegnern zu tun hatte wie Benedek und Louis-Napoleon, solange hat er sich einer durchaus ehrlichen Kriegführung befleißigt. Er hat die von Napoleon I. entdeckten strategischen Regeln pünktlich, peinlich und gewissenhaft befolgt. Kein Feind konnte ihm vorwerfen, daß er sich je der Überraschung, des Hinterhalts oder sonst einer vulgären Kriegslist bedient habe. Man konnte demgemäß daran Zweifel aufwerfen, ob Moltke wirklich ein Genie sei. Dieser Zweifel ist gefallen, seit Moltke ebenbürtige Gegner zu bekämpfen hat - die Genies im Reichstage. Ihnen gegenüber hat er bewiesen, daß er seine Gegner auch übertölpeln kann, wenn es sein muß. Kein Zweifel mehr: Moltke ist ein Genie.
Was indes Moltke von den französischen Rüstungen wohl wirklich halten mag? Auch dafür haben wir einige Anzeichen. - Moltke und Bismarck verhehlten sich nicht, daß, grade wie die Siege von 1866 in der französischen offiziellen Welt den Ruf nach Revanche für Sadowa mit Notwendigkeit hervorgerufen, so die Erfolge von 1870 mit ebenderselben Notwendigkeit dem offiziellen Rußland "Revanche für Sedan" aufzwingen würden. Preußen, bisher der gehorsame Knecht Rußlands, hatte sich plötzlich als erste Militärmacht Europas entpuppt; eine so gewaltige Verschiebung der europäischen Lage zuungunsten Rußlands kam einer Niederlage der russischen Politik gleich; der Ruf nach Revanche erscholl laut genug in Rußland. Man fand in Berlin, daß unter diesen Umständen es besser sei, die Sache so bald und so rasch wie möglich abzumachen und den Russen keine Zeit zu Rüstungen zu lassen. Was damals preußischerseits geschah, um den Krieg gegen Rußland vorzubereiten, darüber vielleicht ein anderes Mal; genug, man war im Sommer 1872 so ziemlich fertig, namentlich mit dem Feldzugsplan, der diesmal keinen "Stoß ins Herz" beabsichtigte. Da kam Kaiser Alexander von Rußland ungeladen zur Kaiservisite nach Berlin und |508| legte "an maßgebender Stelle" gewisse Aktenstücke vor, die das Plänchen zunichte machten. Die zunächst gegen die Türkei gerichtete erneuerte Heilige Allianz verdrängte für den Augenblick den schließlich doch unvermeidlichen russischen Krieg.
In diesem Plänchen war natürlich auch der Fall vorgesehen, daß Frankreich sich mit Rußland gegen Preußen verbünden sollte. In diesem Fall wollte man gegen Frankreich in der Defensive bleiben, und wieviel Mann hielt man damals für hinreichend, alle Angriffe Frankreichs abzuschlagen?
Eine Armee von zweihundertfünfzigtausend Mann!

References: § 1
 § 60

§ 62
 Art. 60
 Art. 60
 § 1