Source: https://www.lto.de/recht/juristen/b/digitalisierung-kanzlei-kanzleipflicht-liberalisierung-anwaltsberuf/
Timestamp: 2018-12-13 23:22:07+00:00

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Digitalisierung: Das Kanzleischild hat ausgedient
Kanzleipflicht und Digitalisierung: Das Kanz­lei­schild hat aus­ge­dient
Gastkommentar von Maximilian von Möllendorff
Angesichts fortschreitender Digitalisierung erscheinen immer mehr Regelungen wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit. Auch die Kanzleipflicht für Rechtsanwälte gehört auf den Prüfstand, meint Maximilian von Möllendorff.
Die fortschreitende Digitalisierung macht auch vor dem Anwaltsberuf nicht halt. Je nach Perspektive kann dies sowohl Fluch als auch Segen bedeuten. In jedem Fall steht der Berufsstand vor großen Herausforderungen. Man denke etwa an den mehr als nur missglückten Start des besonderen elektronischen Anwaltspostfachs (beA). Dabei stellt gerade das Vorhaben beA eine zentrale, berufsrechtliche Anforderung in Frage: die Kanzleipflicht.
Die Kanzleipflicht in ihrer heutigen Form ist das Rudiment einer circa 140-jährigen Tradition von Lokalisierungspflichten für Rechtsanwälte. So sah die Rechtsanwaltsordnung (RAO) in ihrer ursprünglichen Fassung von 1878 noch vor, dass der Rechtsanwalt am Gerichtsort seiner Zulassung auch seinen Wohnsitz nehmen muss (sog. Residenzpflicht). Hiervon ließ die Novellierung aus dem Jahre 1923 dann eine Ausnahme zu, wenn der Rechtsanwalt am Gerichtsort wenigstens ein "Geschäftslokal" unterhielt. Nach der schrittweisen Aufgabe von ortsbezogenen Pflichten – wie der Abschaffung der Residenzpflicht im Jahre 1994 oder der Aufgabe des Lokalisationsgebotes und Verbots auswärtiger Sprechtage im Jahre 2007 – verblieb letztlich nur die Kanzleipflicht.
Ihr normativer Ausgangspunkt findet sich in § 27 Abs. 1 BRAO, welcher in seiner heutigen Fassung die Pflicht postuliert, im Bezirk der eigenen Rechtsanwaltskammer eine Kanzlei einzurichten und zu unterhalten. Flankiert wird die BRAO dabei von § 5 BORA, wonach der Rechtsanwalt verpflichtet ist, "die für seine Berufsausübung erforderlichen sachlichen, personellen und organisatorischen Voraussetzungen in Kanzlei und Zweigstelle vorzuhalten." Und in genau dieser eher schwammigen Formulierung liegt das Problem: Der Begriff der Kanzlei sowie deren konkrete Anforderungen bedürfen der Auslegung.
Kanzlei-Begriff im Wandel der Zeit
Unter dem Begriff der Kanzlei wird gemeinhin mindestens ein Raum verstanden, in dem der Rechtsanwalt zu angemessenen Zeiten dem rechtssuchenden Publikum zur Verfügung steht und dabei organisatorische Mindestmaßnahmen ergreift, um dies der Öffentlichkeit zu offenbaren. Primär soll damit der Bevölkerung Klarheit über die Kontaktmöglichkeiten des Rechtsanwalts ihrer Wahl verschafft und gleichzeitig Gerichte und Behörden in die Lage versetzt werden, Zustellungen, Mitteilungen und sonstige Nachrichten rechtssicher an den Rechtsanwalt zu richten. Zu den (umstrittensten) organisatorischen Mindestmaßnahmen gehört wohl auch heute noch das klassische Kanzleischild, nach der Praxis verschiedener Kammern aber zumindest ein eindeutiges Klingel- oder Briefkastenschild. Dem Bild des "Zentrums für Kommunikation" folgend bedarf es daneben auch eines Briefkastens, eines Telefon- und Faxanschlusses sowie eines Eintrags im örtlichen Telefonbuch.
Das BVerfG hielt diese Anforderungen auch im Jahr 1986 für verhältnismäßig. Ob jedoch über 30 Jahre später diese Entscheidung noch so ohne weiteres auf die heutige Kommunikationswirklichkeit übertragbar ist, darf bezweifelt werden. Nur zu Erinnerung: Die erste Email Deutschlands wurde am 3. August 1984 empfangen und das Mobilfunknetz D-Netz startete seinen Regelbetrieb erst am 1. Juli 1992.
Auch wenn die genannten Minimalanforderungen an eine Kanzlei auf den ersten Blick lapidar klingen mögen, birgt die Kanzleipflicht in ihrer aktuellen Handhabung vor allem für Berufsanfänger in der – zulässigen – "Wohnzimmerkanzlei" Probleme. Denn nicht jeder Vermieter dürfte gewillt sein, ohne Weiteres ein Kanzleischild an seiner Hauswand zu dulden. Zudem stellen zusätzliche Mietkosten und organisatorischer Aufwand auch für viele selbstständige Rechtsanwälte sowie Syndikusrechtsanwälte eine spürbare Belastung dar. Dies gilt bei Syndikusrechtsanwälten insbesondere auch im Hinblick auf mehrere Arbeitsverhältnisse oder eine Doppelzulassung (§ 46c Abs. 4 BRAO).
BRAO nicht mehr up to date
Unweigerlich stellt sich die Frage, ob die Anforderungen des § 27 BRAO (noch) gerechtfertigt sind. Bezogen auf ihren eigentlichen Zweck, also der Sicherstellung von Erreichbarkeit des Rechtsanwalts für das rechtssuchende Publikum und gerichtlichen/behördlichen Zustellungen, fällt die Antwort eindeutig aus: Nein.
Auch ohne funktionierendes beA sind Kanzleischild, regelmäßige Öffnungszeiten sowie Faxanschluss nicht mehr essentiell für eine funktionierende Rechtspflege. Je nach Geschäftskonzept wird schon heute der meiste Mandantenkontakt telefonisch oder per Email abgewickelt. Und neben der immer schneller fortschreitenden Digitalisierung durch den elektronischen Rechtsverkehr (ERV), die elektronische Aktenführung (eAkte), stetig ausgereiftere Anwaltssoftware und eben auch dem beA, wirken die traditionellen Anforderungen eher wie ein Atavismus.
Nicht zuletzt befürwortet auch der Gesetzgeber eine stärkere Nutzung technischer Entwicklungen und fördert die Stärkung des Nutzervertrauens im Umgang mit neuen Kommunikationswegen. Warum dann nicht die Ideen des Gesetzes zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten vom 10. Oktober 2013 zu Ende denken? Wenn die aktive Teilnahme am ERV schon ab dem 1. Januar 2022 verpflichtend ist und bereits jetzt elektronische Zustellungen an Rechtsanwälte mittels beA – zumindest theoretisch – rechtssicher möglich sind, ist die Idee der Kanzlei als "Zentrum für Kommunikation" nicht mehr zeitgemäß.
Die Pflicht zum Kanzleischild ist heute nicht mehr nachvollziehbar: Denn sofern das rechtssuchende Publikum nicht ohnehin in dem schier endlosen Internetangebot verschiedenster Rechtsdienstleistungen fündig wird, bleibt immer noch das bundesweite amtliche Anwaltsverzeichnis nach § 31 BRAO; zugegebenermaßen eine überraschend unbekannte Einrichtung. Jedenfalls wird kaum ein Bürger verzweifelt durch die Straßen eilen und nur deshalb vom Gang zum Rechtsanwalt abgehalten, weil er kein Kanzleischild finden konnte.
Davon abgesehen ist eine Rechtsberatung nach dem gewohnten Ritual des Besuchs beim Rechtsanwalt, der an seinem Schreibtisch vor einer Wand aus Büchern sitzt, vielfach nicht mehr gewünscht. Dies zeigen vor allem vergleichsweise jüngere Rechtsdienstleistungskonzepte wie Online-Rechtsberatungen, automatisierte Vertragsgeneratoren oder Inkassodienstleistungen im Bereich der Fluggastrechte. Nahezu alle Neuerungen auf dem Rechtsmarkt sind um eine möglichst digitale Abwicklung bemüht. Trotz eines gewissen Nachholbedarfs schreitet die Entwicklung bei Legal Tech im Rechtssystem stetig voran.
Für die dauerhafte Unterhaltung eigener Büroraume gibt es auch keine zwingenden Gründe mehr. Das Argument "Vertraulichkeitsschutz" trägt jedenfalls nicht mehr. Sicherlich wäre das Café um die Ecke nicht der geeignetste Ort für ein vertrauliches Mandantengespräch. Durchgreifende Argumente gegen eine tageweise Anmietung geeigneter Räume, dem klassischen Hausbesuch oder der Unterhaltung mobiler Räume bestehen jedoch dann nicht, wenn die sichere Verwahrung von Unterlagen gewährleistet bleibt. So ließen sich auch innovative Rechtsdienstleistungskonzepte im ländlichen Raum leichter realisieren.
Letztlich ist die Liberalisierung der Kanzleipflicht aber eine Frage des Vertrauens: Vertrauen in die Mündigkeit des rechtssuchenden Publikums, selbst entscheiden zu können, welche Anforderungen es an seinen Rechtsbeistand stellt; aber auch das Vertrauen in die Anwaltschaft, eigenverantwortlich für die Einhaltung elementarer Berufspflichten zu sorgen.
Zeitgemäße Auslegung schafft Erleichterung für Anwälte
Quo vadis, Kanzleipflicht? Mittelfristig am unwahrscheinlichsten wäre sicherlich die schlichte Streichung des § 27 BRAO durch den Gesetzgeber. Denn wie ein Blick in die Geschichte zeigt, erfolgten bisherige Liberalisierungen im anwaltlichen Berufsrecht nicht immer ganz freiwillig und gerade im Hinblick auf die Kanzleipflicht sind gewisse Widerstände nicht zu leugnen.
Aber auch ohne gesetzgeberischen Eingriff erscheinen signifikante Erleichterungen möglich. Die nötigen Mittel stehen Anwaltschaft und Judikative bereits jetzt zur Verfügung. Denn neben der Möglichkeit einer brauchbaren Konkretisierung durch die Satzungsversammlung geben die unscharfen Regelungen in § 27 BRAO und § 5 BORA genug Spielraum für eine zeitgemäße Auslegung. Es verstößt nicht gegen den Wortlaut des § 5 BORA, wenn man den Begriff der Kanzlei funktional betrachtet, den Fokus mehr auf die Worte "seine Berufsausübung" legt und damit dem jeweiligen Rechtsanwalt – immerhin ein unabhängiges Organ der Rechtspflege – eine eigenverantwortliche Entscheidung darüber einräumt, welchen Anforderungen seine Kanzlei für "seine Berufsausübung" genügen muss. Sofern ein Rechtsanwalt seine Berufspflichten beanstandungsfrei erfüllt, spricht nichts dagegen, auch Sachverhalte zu akzeptieren, bei denen er keine Sprechstunden anbietet und die Kommunikation im Wesentlichen über Emailverkehr abwickelt. Zudem erfüllen Internetseite oder Online-Profil den gleichen Zweck wie ein Kanzleischild, erreichen dabei aber ein wesentlich größeres Publikum. Maßgeblich sollte allein die tatsächliche Erreichbarkeit des Rechtsanwalts sein.
Allerdings wird man auch per Auslegung an dem ganz grundsätzlichen Erfordernis der dauerhaften Unterhaltung von eigenen Räumlichkeiten schwer ohne Verletzung der Wortlautgrenze rütteln können. Diese letzte Hürde zu nehmen bleibt allein dem Gesetzgeber vorbehalten.
Mit anderen Worten: Die Kanzleipflicht ist weitgehend obsolet geworden und sollte auf kurz oder lang weiter liberalisiert werden. Ihre gänzliche Abschaffung ist zwar noch Zukunftsmusik, der Satzungsversammlung der Bundesrechtsanwaltskammer sowie den einzelnen Kammern und Anwaltsgerichten stehen aber bereits jetzt die nötigen Mittel zur Hand, um die vorhandene Kanzleipflicht zeitgemäß auszugestalten. Es bedarf nur ein wenig Vertrauen in die (eigene) Anwaltschaft.
Der Autor Maximilian von Möllendorff ist Rechtsreferendar beim Kammergericht Berlin und Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Londoner Büro von White & Case LLP.
Maximilian von Möllendorff, Kanzleipflicht und Digitalisierung: Das Kanzleischild hat ausgedient . In: Legal Tribune Online, 12.03.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/27413/ (abgerufen am: 13.12.2018 )
12.03.2018 10:53, Manfred Zipper
Sehr geehrter Herr von Möllendorff,
aus Ihrem Text geht nicht ganz deutlich hervor, woher Sie Ihr Wissen beziehen, dass die meisten Mandate nicht persönlich, sondern per Mail und Telefon abgewickelt werden.
Wir hier im ländlichen Raum, gerade in der Provinz, schätzen es sehr, wenn es eine Transparenz gibt, die dann nicht vorliegt, wenn jeder Junganwalt sich über eine riesige Internetseite besser und erfahrener darstellt, als er es tatsächlich ist und der Mandant auf diese reißerische Werbung „reinfällt“, ohne die Möglichkeit zu haben, in einem persönlichen Gespräch in der Wohnzimmerkanzlei die Unerfahrenheit des Jungen Rechtsanwalts zu bemerken. Wir schätzen das persönliche Gespräch sehr. Die Konfrontation ist nicht selten die wichtigste Auseinandersetzung mit dem Mandanten. Die kann nur persönlich stattfinden.
Dennoch wird der Anwaltsmarkt Änderungen unterworfen sein. Wie die gesamte Gesellschaft.
Viel Erfolg weiterhin, Herr von Möllendorff.
Manfred Zipper Auf diesen Kommentar antworten
12.03.2018 13:50, Saul
Also ich berate meinen Mandanten über die rechtlichen Möglichkeiten und Grenzen und begleite ihn dabei. Eine Konfrontation suche ich dagegen nicht. Dafür habe ich den Sport in meiner Freizeit.
Ob ein Anwalt als Unternehmer übertrieben werbend tätig wird oder nicht, ist kein Grund ihn in ein Mietverhältnis zu zwingen; dafür gibt es schon ausreichend berufsrechtliche und wettbewerbsrechtliche Maßnahmen. Zumal ein Mietverhältnis auch nicht der Lakmustest für eine gute anwaltliche Tätigkeit ist - man konsultiere insoweit die entsprechenden Zeilen im Kammerbericht der lokalen Kammer und des AGH.
13.03.2018 12:27, Frederik Albrecht
Sehr geehrter Herr Kollege Zipper,
was Erfahrung mit Räumen zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Es sind gerade diejenigen, die über riesige Räume Erfahrenheit suggerieren, die sie nicht besitzen. Im IT-Bereich braucht niemand den persönlichen Kontakt. Wenn Sie meinen, das gute Beratung nur bei persönlicher Anwesenheit stattfinden kann, dann liegt das wahrscheinlich nur an Ihrem - lokal - beschränkten Mandantenkreis.
16.06.2018 00:21, Mandant
Ihrem Kommentar kann ich mich nur anschließen, denn die sogenannte Online-Beratungen lassen recht zu wüschen übrig. Die Haftung für Falschberatungen ist ebenfalls schwierig zu beweisen...
Wenn es um entsprechende Angelegenheiten geht, dass der Mandant sicher das perönliche Gespräch sucht, bevor er den Fall verloren gibt!
12.03.2018 10:55, RA1
Herr von Möllendorff spricht mir aus der Seele. Gerade weitestgehend beratend tätige Anwälte (keine Prozessrechtler) akquirieren außerhalb des Kanzleischildes und werden auch außerhalb von vier Wänden ggü. dem Mandanten tätig. Hier wäre es in der Tat sachnäher die "Kanzleipflicht" als Organisationseinheit, losgelöst von der Vorstellung von vier Wänden, zu sehen.
Meinem MAndanten ist grds. egal, wo ich einen Vertrag prüfe und entwerfe (ob zu Hause, im Hotelzimmer oder im Büro); wesentlich für ihn ist die verbindliche Kommunikation per E-Mail und die juristisch richtige Arbeit, also das Produkt. Dafür bezahlt er - nicht für ein schickes Büro in einer Kanzlei-Villa.
12.03.2018 11:33, Ein Anwalt
generell gehört Vieles auf den Prüfstand. Die Zeiten ändern sich rasch. Beispielsweise verdiene ich durch reine auf einer Internetseite angenommene Aufträge wie Gutachten oder Schriftsätze, die ich dann per Word- Datei an die Auftraggeber versende, ein Vielfaches mehr als über den regulären Anwaltsalltag. Von Zuhause aus bei Kaffee und in ,,Bummelbuchse".
Ein Anwalt Auf diesen Kommentar antworten
12.03.2018 12:33, Zeitgemäße Auslegung
Was der Autor als "zeitgemäße Auslegung" bezeichnet, ist nichts anderes als ein Euphemismus für Rechtsfortbildung contra legem. Wenn man die Regelung ändern will, muss halt in Gottes Namen der Gesetzgeber ran, nicht die Gerichte.
Zeitgemäße Auslegung Auf diesen Kommentar antworten
12.03.2018 12:57, RA1
Blödsinn. Der Gesetzgeber hat den Begriff der Kanzlei überhaupt nicht definiert. Wenn man nun den Begriff zeitgemäß auslegen will kann per definitionem schon die Auslegung nicht contra legem sein.
12.03.2018 13:06, Kollege
Also in den §§ 27 ff. BRAO steht nicht, was "Kanzlei" überhaupt meint. Es kann schon durchaus angenommen werden, dass damit nur der Standort gemeint ist, wo die physische Handakte (falls vorhanden) gelagert wird.
Aus "Kanzlei" schlusszufolgern, dass man nun Mieter für eine Gewerbeimmobilie mit Tk-Infrastruktur werden muss und Werbemaßnahmen im und außerhalb des Gebäudes täigen muss, finde ich da schon sehr weit hergeholt.
12.03.2018 13:11, Kollege
§ 31a BRAO verlangt für das Rechtsanwaltsverzeichnis auch nicht die Kanzleianschrift nach § 27 BRAO, sondern nur eine zustellfähige Anschrift. "Kanzlei" verwendet der Gesetzgeber in § 31a VII BRAO, für weitere Standorte (der Handakte).
Da kann man den Gesetzgeber auch so verstehen, dass er mit "Kanzlei" tatsächlich nur den Aufbewahrungsort der Handakten meint, und nicht eine auf einen Laufkundschaftsverkehr ausgelegte Mietimmobilienräumlichkeit.
Denn: Wesentlich für den Mandanten und den Rechtsverkehr sind die Handakten und nicht die Art und Weise der Ausgestaltung der angemieteten Räumlichkeiten. Und auf diese Handakten muss die Kammer notfalls berufsrechtlich zugreifen können. Ob der Anwalt neben seiner Wohnung oder einem Hotelzimmer noch eine feste Räumlichkeit hat, wo er dem Präses der Kammer einen Kaffee servieren kann - ist berufsrechtlich völlig egal.
12.03.2018 13:36, Saul
Der BGH selbst sieht das Wort "Kanzlei" auch nicht notwendigerweise fest-räumlich, sondern als Organisationseinheit:
"Von einer Kanzlei im Rechtssinne kann daher nur bei Vorhandensein organisatorischer Maßnahmen gesprochen werden, die der Öffentlichkeit den Willen des Anwalts offenbaren, anwaltliche Dienstleistungen bereitzustellen (Senat, Beschlüsse vom 20. Oktober 2014 - AnwZ (Brfg) 32/13, BeckRS 2014, 20924 Rn. 11 und vom 6. Juli 2009 - AnwZ (B) 26/09, NJW-RR 2009, 1577 Rn. 5)."
Das schafft man eben auch mit beA/De-Mail und einer Webseite. Die schriftlichen Handakten kann man ja im Kammerbezirk aufbewahren.
Saul Auf diesen Kommentar antworten
12.03.2018 14:47, GrafLukas
Naja, eine zustellfähige feste Anschrift wird man wohl von jedem Anwalt auch weiterhin verlangen dürfen, denn selbst wenn beA funktionieren würde, gibt es ja auch noch die Korrespondenz mit Mandanten, Behörden, Privatpersonen. Wie soll sonst ein Handwerker oder Vermieter, nicht anwaltlich vertreten, auf die Beanstandung seiner Rechnung / Nebenkostenabrechnung reagieren?
12.03.2018 14:53, Saul
Eine zustellfähige Anschrift hat aber nichts mit einer Kanzlei zu tun, vgl. § 29 BRAO.
12.03.2018 15:12, Theobald
Das BVerfG hat in seinem Urteil 1986 aber die etwaig zwingende Voraussetzung eines Kanzleischildes auch relativiert:
"Schließlich war im Ausgangsverfahren zuletzt nur noch das Fehlen eines Praxisschildes beanstandet worden, also lediglich eine Einzelheit der Kanzleipflicht, mit deren Nichterfüllung sich im allgemeinen ein Rechtsanwalt am ehesten selbst schadet. "
BVerfG NJW 1986, 180
Theobald Auf diesen Kommentar antworten
12.03.2018 23:14, RA1
Und der Beschluss - wohlgemerkt - erging vor 32 Jahren!
13.03.2018 08:25, RA2
Und der Beschluss erging zu einer Zeit, wo für Anwälte noch die Residenzpflicht galt. Für die Jüngeren: Damals musste man als Anwalt den Wohnsitz (sic!) im Bezirk des Gericht, wo man zugelassen war, nehmen.
Das war dann immer ein Eiertanz, wenn man bei mehreren Gerichten zugelassen werden wollte.
Auch damals haben die RAK/BRAK schon nicht die Interessen der eigenen Anwaltschaft vertreten: Wollte man als Anwalt überörtlich tätig werden, wurde das nicht von den RAK/BRAK unterstützt - nein, die RAK leitete dann ein Verfahren ein, weil man ja gegen die Lokalisierungspflicht verstoßen würde.
Es wäre also 32 Jahre nach dem Beschluss des BVerfG und der Einführung des ERV mal an der Zeit das Berufsrecht grundlegend an die heutige Zeit anzupassen. Ich wünsche mir ja schon gar keine modernisierende, positiv für den Berufsstand agierende Regelung mehr, sondern nur eine Anpassung an die aktuellen Gegebenheiten.
13.03.2018 08:57, Rechtsanwalt Gunther Marko
Das "Kanzleischild" hat nicht "ausgedient".
Bereits die Schlagzeile des Artikels ist abwegig.
13.03.2018 13:24, Rollo
Abwegig ist Ihre Rechtschreibung. Vor Satzzeichen kommt kein Leerzeichen. Auch nicht nach alter Schreibung.
16.03.2018 08:27, Lehrer Lämpel
Sie sind entweder ein Korinthenkacker, oder Sie verfügen über ein sehr gutes Zeugnis im Fach Deutsch.
Ich darf natürlich ersteres vermuten, da Sie -offenbar aus guten Gründen- sich nicht gefälligst namentlich zu erkennen geben, sondern anonym in Erscheinung treten. Das ist allerdings feige !
Lassen Sie so etwas besser - es bringt nichts !
19.03.2018 08:33, Rollo
"sich nicht gefälligst namentlich zu erkennen geben, sondern anonym in Erscheinung treten. Das ist allerdings feige !"
Sehen die AGB auch nicht vor, im Übrigen verfügt LTO über meine E-Mail-Adresse. Ich wüsste auch nicht, warum der Geburtsname für die Anmerkung notwendig ist. Insbesondere wage ich auch zu bezweifel, dass Sie "Lehrer" sind und "Lämpel" heißen.
Also: Erst an die eigene Nase fassen, bevor man tief ins Klo greift.
13.03.2018 22:45, Nordlicht
Was die Kanzleipflicht angeht:
Ich fände es auch spannender, wenn der Anwalt an einem Tisch in der Shopping Mall sitzt, mit Schachuhr zur Gebührenabrechnung :-))
Herrjeh, ich schau zuviele Serien :-))
27.08.2018 15:43, Susan
An Rollo.
Noch "abwegiger" ist Ihr "bezweifel" statt "bezweifeln" - wer im Glashaus sitzt usw.
15.03.2018 19:05, Träumer
Die Anwaltskanzlei wird in Zukunft genauso wie andere Dienstleister auch als modernes Dienstleistungsunternehmen gestaltet werden müssen. Dazu müssen diverse berufsrechtliche Regelungen neu interpretiert bzw. entstaubt werden. Leider sind die Rechtsanwaltskammern da nicht besonders innovativ, es wird mehr verhindert als gefördert nach dem Prinzip: "Das wäre ja noch schöner, wenn das jeder täte, wo kämen wir da hin." Der Rechtsanwalt, der das scheinbar in den Kammern immer noch dominierende Tätigkeitsbild vom Rechtsberater im Ledersessel vor dem Mahagonischreibtisch in einer Jugendstilvilla längst über den Haufen geworfen hat, wird sich im Zweifelsfall mit seiner Kammer und dem i. d. R. Ü-60-Vorstand Auseinandersetzungen darüber liefern müssen, was berufsrechtlich so alles möglich ist. Es bleibt aber immer noch der Traum, dass eine Idee sich dann durchsetzt, wenn die Zeit dafür gekommen ist.
Träumer Auf diesen Kommentar antworten
16.03.2018 08:22, RA1
Sie haben das Problem durchaus richtig verlotet: Die Kammern denken in veralteten Strukturen und sind keine Interessensvertretung der Anwaltschaft, sondern dienen mehr der Selbsterhaltung.
Allerdings gibt es ja in diesem Jahr genügend Kammerversammlungen, wo man als RA neu abstimmen kann. Notfalls sammelt man 9 Kollegen und stellt einen Antrag.
27.08.2018 15:51, Susan
Ach, lieber Autor, wo bewahrt der Anwalt dann beispielsweise die Akten sicher auf? Im Auto, zuhause? Da gab und gibt es meiner Kenntnis nach genauso zu Recht rigide Vorschriften wie bei Ärzten! Und auch zum Thema Kommunikation per email gäbe es viele Bedenken.
Susan Auf diesen Kommentar antworten
12.09.2018 11:01, Assessor
Weil ja jeder Rechtsanwalt Papierakten hat. Klar.
Selbst der, der nur nebenberuflich hin und wieder digital ein Gutachten erstellt, beispielsweise.

References: § 27
 § 5
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 § 31
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 BGH 
 § 29