Source: https://www.dghs.de/aktuelles/neuigkeiten/dghs-wahlpruefsteine-2017.html
Timestamp: 2019-09-16 22:50:36+00:00

Document:
DGHS-Wahlprüfsteine 2017 und die Antworten der Parteien - DGHS - Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V.
DGHS-Wahlprüfsteine 2017
DGHS-Wahlprüfsteine 2017 und die Antworten der Parteien
Vier Monate vor der Bundestagswahl mischt sich auch die DGHS ins Wahlgeschehen ein. In einem Brief, der aktuell an alle Parteien verschickt wurde, möchten wir wir wissen, welche Aussagen zum Thema Sterbehilfe in den jeweiligen Wahlprogrammen getroffen werden. Außerdem fragen wir, ob und welche Partei bereit ist, das Thema Sterbebegleitung und -hilfe wieder in die parlamentarische Debatte einzubringen.
Sehen Sie hier zunächst den Brief und anschließend die Antworten der einzelnen Parteien.
Unser Brief an die Parteien
Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Wahlkampfleitung,
die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) e.V. setzt sich seit ihrer Gründung im Jahr 1980 für die Wahrung des Selbstbestimmungsrechts des Einzelnen auch im Sterbeprozess ein. Meinungsumfragen bestätigen seit Jahren, dass eine breite Mehrheit der Bevölkerung das Recht auf selbstbestimmtes Sterben gesetzlich verankert sehen will. Leider hat der Deutsche Bundestag dennoch ein Strafgesetz (§ 217 StGB) verabschiedet, das organisierte Hilfe zur Selbsttötung verunmöglicht und als Begleiterscheinung Ärzte und Pflegepersonal stark verunsichert hat.
Die DGHS fordert:
Eine Rücknahme des Strafgesetzparagraphen 217 („Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“)
Änderungen im Arzneimittel- und Betäubungsmittelgesetz, um Ärzten das Verschreiben entsprechender Medikamente zur Selbsterlösung in genau zu bestimmenden Ausnahmefällen möglich zu machen,
Wir fragen Sie nun:
Wo steht Ihre Partei?
Welche Aussagen machen Sie zur Sterbehilfe in ihrem Wahlprogramm?
Wir freuen uns auf Ihre Antworten! 25.000 Mitglieder und viele fördernde Gruppen und Unterstützer der DGHS werden wir über unsere Verbandszeitschrift „Humanes Leben – Humanes Sterben“ (Redaktionsschluss für die Ausgabe 2017-3 ist der 31. Mai 2017) über Ihre Antworten informieren.
Für Nachfragen und weiteren Gedankenaustauch stehen wir jederzeit zur Verfügung.
Antwort an Frau Gläß von Bettina Hornhues, MdB (CDU):
vielen Dank für die Zusendung Ihrer Fragen zum Wahlprogram der CDU zur Bundestagswahl 2017. Vorweg möchte ich darauf hinweisen, dass das Programm der CDU zur Bundestagswahl 2017 zum jetzigen Zeitpunkt noch beraten wird und voraussichtlich im Juli 2017 vorliegen wird. Sehr gerne be- antworte ich Ihnen die Fragen wie folgt:
Wo steht Ihre Partei? Welche Aussagen machen Sie zur Sterbehilfe in ihrem Wahlprogramm? Was sagen Ihre Kandidaten an den vielen Info- Ständen, wenn sie nach einer Möglichkeit zum humanen Sterben auf deutschem Boden gefragt werden?
Gleichzeitig müssen wir Menschen vor einem gefährlichen Druck schützen. Eine ausdrückliche Freigabe der Suizidassistenz und ein entsprechendes Angebot würden alte Menschen sowie Todkranke unter Druck setzen, dieses Angebot auch anzunehmen. Eine marktförmige Entwicklung der Sterbehilfe lehnen wir entschieden ab. Unser Ziel ist es, die Hilfen bei der Sterbebeglei tung auszubauen und den Missbrauch bei der Suizidbeihilfe zu stoppen.
Dem Beschluss zu dem „Gesetz zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen För- derung der Selbsttötung“ ging eine lange, persönliche und ernsthafte Debatte im Bundestag voraus. Am Ende kam es zu einem fraktionsübergreifenden Votum. Für die Entscheidung war der Fraktionszwang aufgehoben.
CDU und CSU sind deshalb der Meinung, dass mit dem neu gefassten § 217 StGB, eine Regelung mit Maß und Mitte gefunden wurde. Eine neuerliche Initiative, dieses Thema im Parlament zu behandeln, erwägen wir derzeit nicht. Aus diesen Gründen
Wir sehen und respektieren den Wunsch vieler Menschen nach einer Regelung der Sterbehilfe und Sterbebegleitung. Dabei geben die Umfragen keinen Aufschluss darüber, in welcher Form und unter welchen Bedingungen eine Regelung gewünscht ist. Richtig ist aber, dass die Begleitung von Sterbenden eine ständige Herausforderung des täglichen Lebens ist, der wir uns auch als Unionsparteien annehmen. Die CDU hatte bereits auf ihrem Parteitag im Jahr 2012 beschlossen, „die unentgeltliche, aber geschäftsmäßig erbrachte Hilfeleistung zur Selbsttötung (organisierte Sterbehilfe)“ unter Strafe zu stellen. Einen Anspruch auf Hilfe zur Selbsttötung kann es nicht geben. Auch die CSU hat sich in ihrem beim Parteitag am 5. November 2016 beschlossenen neuen Grundsatzprogramm darauf festgelegt, geschäftsmä- ßige und organisierte Sterbehilfe zu unterbinden.
Derzeit berät das Bundesverfassungsgericht mehrere Verfassungsbeschwerden, die sich mit der strafrechtlichen Reichweite des §217 StGB be- fassen. Insbesondere ist die Frage zu klären, welcher Personenkreis durch den angeführten Paragraphen betroffen ist. Der Ausgang der anhängigen Verfahren ist offen. Einen Eilantrag hatte das Bundesverfassungsgericht Ende 2015 mit folgender Begründung abgelehnt: „Der Gesetzgeber sieht die Gefahr, dass der ‚fatale Anschein einer Normali- tät‘ und schlimmstenfalls sogar der sozialen Gebotenheit der Selbsttötung entstehen und dadurch auch Menschen zur Selbsttötung verleitet werden könnten, die dies ohne ein Angebot eines assistierten Suizids aus eigenem Antrieb nicht täten. Weder der Vortrag der Beschwerdeführer noch sonstige Anhaltspunkte lassen darauf schließen, dass die tatsächlichen Feststellungen, von denen der Gesetzgeber ausgegangen ist, offensichtlich fehlerhaft sein könnten und die von diesem prognostizierte weitere Entwicklung einer rationalen Grundlage entbehren könnte.“
Antwort an Herr Gross von Alexander Radwan, MdB (CSU):
ich darf dankend Bezug nehmen auf Ihre E-Mail vom 23.05.2017 zum „Wahlprüfstein 2017“ der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) e.V., den Sie auch auszugweise dargestellt haben. Sobald mir die Zentrale Antwort der CSU Landesgruppe im Bundestag hierzu vorliegt, werde ich Ihnen diese gerne per Mail zur Verfügung stellen.
Dies vorausgeschickt, haben wir uns ja bereits 2015 zum Thema Sterbehilfegesetz schon einmal ausgetauscht, insofern darf ich auch auf die seinerzeitige Korrespondenz Bezug nehmen. In diesem Zusammenhang ist mir gleichwohl noch folgendes wichtig:
Die seinerzeit beschlossene Regelung des Deutschen Bundestages, die auch meine Zustimmung fand, versucht der Debatte um Sterbehilfe gerecht zu werden, was zugegeben gerade bei diesem Thema und den ernstzunehmenden Argumenten für und gegen Sterbehilfe wahrlich nicht einfach gewesen ist. Für die CSU war bei aller notwendigen Abwägung zwischen effektivem Lebensschutz und Selbstbestimmung auch vor allem von Bedeutung, dass u.a. die Einräumung eines Anspruchs auf ein tödliches Medikament letztlich dazu führt, dass die Selbsttötung als ein normaler, allgemein akzeptierter Weg aus dem Leben zu scheiden, wahrgenommen wird. Dies relativiert zugleich fundamentalste Werte unserer Verfassung, nämlich die Bedeutung des Lebens und die Lebenserhaltung. Zugleich besteht die Gefahr, dass auch nicht sterbenskranke Menschen, weil sie z.B. psychisch erkrankt sind oder sich in einer momentanen persönlichen Krise befinden, zunehmend den scheinbar leichten Ausweg der institutionell begleiteten bzw. staatlich legitimierten Selbsttötung wählen. Entsprechende Entwicklungen sind aufgrund der rechtlichen Situation in Belgien und in den Niederlanden festzustellen.
Ich bitte Sie daher um Ihr Verständnis, dass ich Ihre sowie die Sichtweise des DGHS nicht teile, wenn gleich ich viele Argumente nachvollziehen kann und diese selbstverständlich wertvoll in der Diskussion waren und sind.
Abschließend erlauben Sie mir noch ein Wort des Dankes für Ihr dargestelltes Engagement und Ihren Einsatz für die Sache und bitte Sie, sich auch weiterhin zum Wohle unserer Gesellschaft einzubringen.
Von SPD-Parteivorstand erreichte uns am 31.7.2017 (leider nach Redaktionsschluss der HLS 2017-3) folgende Antwort.
Wo steht ihre Partei? Welche Aussage machen Sie zur Sterbehilfe in ihrem Wahlprogramm? Was sagen ihre Kandidaten an den vielen Info-Ständen, wenn sie nach einer Möglichkeit zum humanen Sterben auf deutschem Boden gefragt werden?
Gemeinsame Antworten:
Die aktive Sterbehilfe, also die gezielte Herbeiführung des Todes durch Handeln auf Grund eines tatsächlichen oder mutmaßlichen Wunsches einer Person ist in Deutschland durch § 216 des Strafgesetzbuches verboten. Die Beihilfe zu einem frei verantwortlichen Suizid wird auch nicht grundsätzlich unter Strafe gestellt werden. Der Straftatbestand im StGB § 217, stellt in Absatz 1 die abstrakt das Leben gefährdende Handlung unter Strafe und in Absatz 2 werden Angehörige oder andere dem Suizidwilligen nahestehende Personen, die sich lediglich als nicht geschäftsmäßig handelnde Teilnehmer an der Tat beteiligen, von der Strafandrohung ausgenommen. Ihre Forderungen und Fragen sind nach dem Standpunkt der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands sowohl juristische als auch ethische Fragen, bei denen Ansichten und Vorstellungen weit auseinandergehen. Jeder Mensch muss für sich und nach seinem Gewissen entscheiden, wie er dazu steht. Aufgrund dessen und der besonderen Sensibilität der Thematik ist für die Sozialdemokratie klar, dass die sozialdemokratischen Kandidierenden zur Bundestagswahl 2017 wie im Gesetzgebungsprozess im Jahr 2015 frei für sich entscheiden und allein ihrem Gewissen verpflichtet sind, in wie weit sie die Sterbehilfe liberalisieren oder gesetzlich begrenzen.
Herr Steven Kalus von der SPD/Bayern leitete zuvor im Mai die Anfrage weiter und beantwortet unsere wie folgt:
vielen Dank für Ihre Mail. Aufgrund der Vielzahl der Zuschriften komme ich leider erst heute dazu, Ihnen eine kurze Rückmeldung zu übermitteln. Ich bitte dies zu entschuldigen.
Die Wahlprüfsteine habe ich an das Willy-Brandt-Haus in Berlin zu weiteren Beantwortung übergeben.
Sie sprechen mit Ihrer Mail ein Thema an, dass stets eine echte Gewissensentscheidung aller VolksvertreterInnen ist. Abstimmungen darüber erfolgen ohne Fraktionszwang oder dergleichen. Eine einheitliche Parteimeinung zu diesem Thema ist mir nicht bekannt. Dies kann es bei einem so höchstpersönlichen Thema meines Erachtens auch nur schwer, bzw. in einem eingeschränktem Umfange, geben.
2015 hat, nach gut zwei Jahren intensiver Debatte über Sterbehilfe und –begleitung, der Bundestag über die vier Gesetzentwürfe abgestimmt, hinter denen fraktionsübergreifende Gruppen von Abgeordneten standen. Davor hatten die Parlamentarierinnen und Parlamentarier knapp drei Stunden debattiert. Die große Mehrheit der Abgeordneten stimmte für den Gesetzentwurf (Drs. 18/5373) hinter dem neben Kerstin Griese, Eva Högl (SPD), Michael Brand, Michael Frieser, Claudia Lücking-Michel, Ansgar Heveling (alle CDU/CSU), Kathrin Vogler, Halina Wawzyniak (beide Linke), Elisabeth Scharfenberg und Harald Terpe (beide Grüne) als Initiatorinnen und Initiatoren standen. Der Gesetzentwurf verfolgt das Ziel, dass der assistierte Suizid nicht zu einer „gesundheitlichen Dienstleistung“ wird.
Es macht jedoch immer Sinn, neue Gesetze nach einiger Zeit auf den Prüfstand zu stellen. Dies wird sicherlich auch hier, bei so einem entscheidenden Gesetz, der Fall sein.
Die Partei: Die Linke
Antwort von Frau Doris Achelwilm, Die LINKE (Mitglied der Bremischen Bürgerschaft)
Fragen der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) e. V.
Zu medizinethischen Themen gibt es in der LINKEN wie in anderen Parteien keine einheitliche Auffassung. Die Zugänge gerade zu Fragen des Sterbens sind auch bei unseren Kandidat*innen und Aktiven sehr persönlich und individuell. Während einige Vertreterinnen und Vertreter der LINKEN aus der Selbstbestimmung von Sterbenden liberale Positionen ableiten, stellen andere den Schutz Sterbender vor Instrumentalisierung in den Vordergrund und fordern eine stärkere Regulierung.
Die intensive Diskussion im Bundestag um Suizidassistenz im Jahr 2015 machte deutlich, dass die Auffassungen der Abgeordneten in dieser Frage quer durch die politischen Lager gehen. Von 56 gültigen Stimmen der Abgeordneten der Linksfraktion votierten 26 dafür, die gewerbliche Suizidassistenz zu verbieten, nicht aber andere organisierte oder nichtorganisierte Formen, etwa in Vereinen („Entwurf eines Gesetzes über die Straffreiheit der Hilfe zur Selbsttötung“ von Künast, Sitte und anderen: hier).
18 LINKEN-Abgeordnete haben sich gegen jeden der vorliegenden Vorschläge der Rechtsverschärfung ausgesprochen. 10 LINKE-Abgeordnete wollten, dass neben der gewerbsmäßigen auch die geschäftsmäßige Suizidassistenz inkl. Vereinen verboten wird („Entwurf eines Gesetzes zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ von Brand, Griese, Vogler und anderen: hier).
Ein Abgeordneter der Linksfraktion hat den „Entwurf eines Gesetzes zur Regelung der ärztlich begleiteten Lebensbeendigung (Suizidhilfegesetz)“ von Hintze, Lauterbach und anderen (hier) unterstützt, der vor allem Rechtssicherheit für Ärztinnen und Ärzten zum Ziel hat. Für den „Entwurf eines Gesetzes über die Strafbarkeit der Teilnahme an der Selbsttötung“ von Sensburg, Dörflinger und anderen (hier), der sowohl Beihilfe als auch die Anstiftung zur Selbsttötung verbieten wollte, hat kein Mitglied der Fraktion DIE LINKE gestimmt. Ein Abgeordneter hat sich der Stimme enthalten.
Damit haben sich ca. 80 Prozent der Abgeordneten der Linksfraktion, die an der Abstimmung teilgenommen haben, gegen den neu eingeführten § 217 StGB zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung ausgesprochen. Das Abstimmungsverhalten kann hier nachvollzogen werden: hier.
DIE LINKE vertritt die Position, dass eine hochwertige medizinische, insbesondere palliativmedizinische Versorgung notwendig ist, um unnötiges Leiden und auch einen dadurch ggf. hervorgerufenen Sterbewunsch zu vermeiden. Die Fraktion DIE LINKE hat dazu den Antrag „Hochwertige Palliativ- und Hospizversorgung als soziales Menschenrecht sichern“ in den Bundestag eingebracht (hier). Das Gleiche gilt für eine gute Pflege. Wir wollen eine pflegerische Versorgung, die Selbstbestimmung und Teilhabe als wichtigen Teil der Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt. Damit die Qualität der Pflege nicht vom Geldbeutel abhängt, wollen wir die Pflegeversicherung als Vollversicherung ausgestalten und solidarisch finanzieren. Wir wollen die Hospizversorgung verbessern und die professionelle wie ehrenamtliche Sterbebegleitung auch finanziell besser unterstützen.
Antwort der Bündnis90/Die Grünen
Neben der folgenden offiziellen Antwort des Bündnis90/Die Grünen bekamen auch eine Antwort von:
Dr. Kirsten Kappert-Gonthe, Mitglied der Bremischen Bürgerschaft
Antwort an Frau Gläß von Frau Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Mitglied der Bremischen Bürgerschaft
Das Thema Sterbehilfe berührt ethische Grundsatzfragen, die zu Recht nicht entlang von Parteigrenzen diskutiert und entschieden werden. Im grünen Wahlprogramm wird daher auf konkrete Aussagen zum Thema Sterbehilfe verzichtet. Ich beantworte Ihre Fragen als Ärztin und Grüne. Andere Grüne mögen diese Fragen anders beantworten.
Als Ärztin helfe ich Menschen, möglichst gut und schmerzfrei leben zu können und auch dabei während des Sterbens umfassend begleitet und versorgt zu werden. Meine ärztliche Erfahrung ist, dass Menschen sich in der Situation, in der das Leben zu Ende geht, häufig anders fühlen und sich etwas anderes wünschen, als wenn sie vor dem Sterbeprozess über das Sterben nachgedacht haben. Das Wichtigste sind immer zugewandte Begleitung und Schmerzfreiheit. Menschliche Zuwendung, das Ausschöpfen aller schmerzlindernden und palliativmedizinischen Möglichkeiten während des Sterbeprozesses muss allen Menschen zugänglich sein und darf nicht vom Wohnort oder von der Lebenssituation abhängen. Die Suizidbeihilfe wird oftmals dann in Erwägung gezogen, wenn sich Menschen einem Mangel an Palliativversorgung und unzureichender Pflege ausgesetzt sehen. Wir Grüne setzen uns daher für eine flächendeckende Verbesserung der Palliativ- und Hospizversorgung, sowie gute, menschenwürdige Bedingungen bei Pflege- und Hilfsbedürftigkeit ein.
Ich respektiere die Entscheidung von Menschen, die sich Assistenz beim Suizid wünschen. Für mich gibt es aber deutliche Grenzen. So lehne ich Suizidbeihilfe bei Kindern, sowie bei dementen und depressiven Menschen – wie es beispielsweise in Belgien oder den Niederlanden möglich ist – ausdrücklich ab. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie kenne ich die Angst depressiver und dementer Menschen, anderen zur Last zu fallen und den (meist vorübergehenden) Wunsch, andere vom eigenen Leiden zu befreien. Ich halte es daher für prioritär psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungsangebote und die Versorgung von Menschen mit dementiellen Entwicklungen zu verbessern.
Die Positionen zum Thema Sterbehilfe, die im Rahmen des jüngsten Gesetzgebungsverfahrens im Bundestag diskutiert wurden, wurden maßgeblich auch durch grüne Abgeordnete formuliert – oftmals im Verbund mit Abgeordneten anderer Fraktionen. Debatten zum Thema Suizidbeihilfe müssen immer im gesellschaftlichen und fraktionsübergreifenden Diskurs stattfinden. Das Gesetzgebungsverfahren jetzt aktiv erneut aufzumachen, halte ich derzeit nicht für sinnvoll.
Aus meiner Sicht müssen die auf Wiederholung angelegte und die kommerzielle Suizidbeihilfe im Strafrecht verankert sein. Die Suizidbeihilfe darf nicht zu einem Dienstleistungsangebot der gesundheitlichen Versorgung werden. Ebenso spreche ich mich dafür aus, die Suizidbeihilfe bei Kindern, dementen und depressiven Menschen zu untersagen. Es ist zentral, dass Menschen in vollem Bewusstsein über ihr eigenes Leben entscheiden können. Sofern dies gegeben ist, halte ich es für richtig, dass der assistierte Suizid im Einzelfall straffrei bleibt.
Ausschlaggebend für meine Haltung, sind meine ethischen Überzeugungen, insbesondere zum Thema Freiheit. Dem Wesen der Freiheit entspricht es neben der Frage nach dem „Wovon“ auch die nach dem „Wozu“ zu stellen. Wir Menschen brauchen Freiheit zur Gestaltung des eigenen Lebens in Beziehung zu anderen. Da niemand weiß, was der Tod für die betroffene Person selbst bedeutet, muss eine Freiheit zum Tode logisch schwierig bleiben. Sterbehilfe anzubieten heißt immer, den Menschen etwas Unbekanntes anzubieten – hieraus ein Gewerbe zu organisieren, ist aus meiner Sicht mit ärztlicher Ethik nicht vereinbar. Freiheit zum Leben mit weniger Schmerz und Leid und Hoffnung auf Trost und Zuspruch sind dagegen realistische Ziele von Hilfe.
- Landtag der Freien Hansestadt Bremen -
Sprecherin für Gesundheits-, Religions- und Kulturpolitik
Antwort an Frau Gläß von Tim Alexander Abitzsch, Wahlkampfmanager Lencke Steiners, FDP-Spitzenkandidatin in Bremen:
Die FDP spricht sich für Ausbau der Palliativmedizin und des Hospizwesens aus. Wir Freie Demokraten wollen die Palliativmedizin und das Hospizwesen weiter ausbauen, um den Menschen individuelle Möglichkeiten anzubieten, am Ende des Lebens einen selbstbestimmten Weg zu gehen. Dabei sollte neben der Neueinrichtung von Hospizen vor allem die Palliativversorgung in Kliniken, Alten- und Pflegeheimen sowie im häuslichen Umfeld erweitert werden. Insbesondere Pflegeheime benötigen einen Palliativaufschlag, um zur deutlich besseren Personal- und Finanzierungssituation in den Hospizen aufzuschließen. Deutlich mehr Menschen verbringen ihre letzten Tage und Wochen in Pflegeheimen als in Hospizen – es ist ihr Zuhause. Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben. Daher bedarf es einer flächendeckenden Förderung einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) in vernetzten Teams aus Ärzteschaft, Pflegekräften, Psychologinnen und Psychologen, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Seelsorgenden, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern und ehrenamtlich Helfenden, um den Sterbenden und ihren Angehörigen den Abschied vom Leben zu erleichtern. Diese SAPV-Teams sollten mit telemedizinischer Unterstützung und einem Minimum an bürokratischer Belastung flexibel ihre wichtige Aufgabe erfüllen können. Der neue § 217 StGB muss wieder abgeschafft werden. Die Strafandrohung für die Beihilfe zur Selbsttötung eines Schwerkranken schafft eine erhebliche Grauzone für Palliativmediziner, beeinträchtigt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient und verletzt das Selbstbestimmungsrecht als Kern der Menschenwürde. Das ärztliche Standesrecht unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland teilweise stark. Daher fordern wir eine bundeseinheitliche Regulierung unter welchen Umständen die ärztliche Assistenz bei der Selbsttötung sanktionsfrei ist.
Für die AfD beantwortete uns Hardi Helmut Schumny, Leiter Bundesfachausschuss "Gesundheitspolitik" und Mitglied im Bundesvorstand der "Christen in der AfD" die Fragen per E-Mail:
vielen Dank für Ihre Anfrage, die mich leider erst heute erreicht hat.
Der von Ihnen beschriebene Sachverhalt wurde von einem Parteitag noch nicht endgültig entschieden, weshalb es hierzu auch noch keinen verbindlichen Beschluss gibt.
Jedoch wurde beim vergangenen Kölner Parteitag ein Antrag aus dem Kreis der Delegierten zur aktiven Sterbehilfe mit überwältigender Mehrheit von der Tagesordnung genommen. Ich selbst habe als zuständiger Sprecher des Bundesfachausschusses „Gesundheitspolitik“ hierfür plädiert.
Ohne einer zukünftigen Festlegung der Partei vorzugreifen, kann ich mir jedoch nicht vorstellen, dass gerade bei unseren vielen gläubigen Mitgliedern Ihre Standpunkte mehrheitsfähig sind.
Da ich selbst noch Mitglied im Bundesvorstand der „Christen in der Alternative für Deutschland – ChrAfD“ bin, kann ich Ihnen sagen, dass zumindest diese Gruppierung eine über die derzeitige gesetzliche Regelung hinausgehende Festlegung keinesfalls akzeptieren wird.
Leiter Bundesfachausschuss "Gesundheitspolitik"
Mitglied im Bundesvorstand der "Christen in der AfD"
Die Partei: Partei der Humanisten

References: § 217
 §217
 § 216
 § 217
 § 217
 § 217