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Timestamp: 2017-01-16 14:57:45+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: Berufung des Arbeitgebers auf rechtswidrig erlangte Erkenntnisse im Arbeitsgerichtsprozess
Be­ru­fung des Ar­beit­ge­bers auf rechts­wid­rig er­lang­te Er­kennt­nis­se im Ar­beits­ge­richts­pro­zess
Führt ei­ne rechts­wid­ri­ge Vi­deo­über­wa­chung von Ar­beit­neh­mern zur Auf­klä­rung ei­nes Dieb­stahls und zur Kün­di­gung, ha­ben Ar­beit­ge­ber vor Ge­richt kaum Pro­ble­me: Lan­des­ar­beits­ge­richt Sach­sen-An­halt, Ur­teil vom 15.04.2008, 11 Sa 522/07
04.11.2008. Man­che Dieb­stäh­le im Be­trieb wer­den nur auf­ge­deckt, in­dem der Ar­beit­ge­ber sei­ne Ar­beit­neh­mer mit Vi­deo­ka­me­ras über­wacht, oh­ne zu­vor dar­auf ge­mäß § 6b Bun­des­da­ten­schutz­ge­setz (BDSG) hin­ge­wie­sen zu ha­ben. Kün­digt er dann auf der Grund­la­ge die­ser In­for­ma­tio­nen frist­los, kann er die In­for­ma­tio­nen, die er durch die ver­bo­te­ne Vi­deo­über­wa­chung er­langt hat, nach An­sicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Sach­sen-An­halt im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess vor­tra­gen. Nur wenn der Ar­beit­ge­ber die­sen Vor­trag des Ar­beit­ge­bers be­strei­tet, kann die Rechts­wid­rig­keit der Vi­deo­über­wa­chung zu ei­nem Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bot füh­ren, d.h. zum Ver­bot der Ver­wen­dung der Vi­deo­bän­der als Be­weis­mit­tel vor Ge­richt: LAG Sach­sen-An­halt, Ur­teil vom 15.04.2008, 11 Sa 522/07.
Kann der Arbeitgeber Informationen, die er durch eine rechtswidrige Überachung seiner Arbeitnehmer erlangt hat, vor Gericht vortragen?
In Ur­teils­ver­fah­ren der Ar­beits­ge­richts­bar­keit gilt – wie bei den Zi­vil­ge­rich­ten – der Bei­brin­gungs­grund­satz. Da­nach er­mit­telt das Ge­richt den Sach­ver­halt nicht selbst („von Amts we­gen“), son­dern ent­schei­det al­so auf der Grund­la­ge des­sen, was die Par­tei­en vor­ge­tra­gen ha­ben. Nur dann, wenn sich der Vor­trag der Par­tei­en in ei­nem ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Punkt nicht deckt, er­hebt das Ge­richt - auf An­trag der be­weis­be­las­te­ten Par­tei - Be­weis über die strit­ti­ge Tat­sa­chen­fra­ge.
Be­weis­mit­tel dürfen nur dann in ei­nen Pro­zess ein­geführt wer­den, wenn sie kei­nem so ge­nann­ten „Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bot“ un­ter­lie­gen. Ein sol­ches Ver­bot wird in der Re­gel an­ge­nom­men, wenn die Be­schaf­fung des Be­weis­mit­tels ge­gen gel­ten­des Recht ver­stieß. So hat der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) ein Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bot bei­spiels­wei­se in ei­nem Fall an­ge­nom­men, bei dem während ei­nes Te­le­fon­gesprächs zwi­schen den späte­ren Par­tei­en des Rechts­streits ei­ne drit­te Per­son heim­lich auf der ei­nen Sei­te der Te­le­fon­lei­tung das Gespräch mithörte (BGH, Ur­teil vom 18.02.2003, XI ZR 165/02). Der Gesprächs­part­ner am an­de­ren En­de, der von dem heim­li­chen Mithörer nichts wuss­te, wur­de nach den Ausführun­gen des BGH in sei­nem Persönlich­keits­recht gemäß Art.2 Abs.1 Grund­ge­setz (GG) ver­letzt. Die Zeu­gen­aus­sa­ge des Mithörers durf­te da­her in dem Ver­fah­ren nicht berück­sich­tigt wer­den.
Wei­ter­hin stellt sich die Fra­ge, ob durch ein Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bot le­dig­lich das Be­weis­mit­tel an sich ver­bo­ten ist oder darüber hin­aus auch die Er­kennt­nis­se und Schlüsse, die die ei­ne Par­tei des Pro­zes­ses aus dem rechts­wid­rig er­lang­ten Be­weis­mit­tel zieht (so ge­nann­te „Fern­wir­kung“).
Ei­ne sol­che Fern­wir­kung nahm das Ober­lan­des­ge­richt (OLG) Karls­ru­he (Ur­teil vom 25.02.2000, 10 U 221/99) in ei­nem Fall an, bei dem nach Auf­fas­sung des Ge­richts der Kläger ein Te­le­fo­nat des Be­klag­ten durch tech­ni­sche Mit­tel auf­ge­zeich­net hat­te. Dies war zwar vom Kläger be­strit­ten wor­den. Das Ge­richt war je­doch von der er­folg­ten Abhörak­ti­on über­zeugt und ließ den Tat­sa­chen­vor­trag des Klägers über den In­halt des vom Be­klag­ten geführ­ten Te­le­fon­gesprächs im Pro­zess über­haupt nicht zu. Der Pro­zess war für den Kläger da­mit ver­lo­ren.
Zu der Fra­ge der Reich­wei­te von Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bo­ten im Ar­beits­ge­richts­pro­zess hat in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Sach­sen-An­halt Stel­lung be­zo­gen.
Der Streitfall: Verkäuferin betrügt beim Mitarbeitereinkauf ihren Arbeitgeber - Indizien ergeben sich aus einer rechtswidrigen Videoberwachung des Kassenbereichs
Die Kläge­rin war seit 13 Jah­ren in ei­ner Fi­lia­le des Be­klag­ten als Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin tätig. Der Be­klag­te hat­te – nach sei­nen An­ga­ben we­gen er­heb­li­cher In­ven­tur­dif­fe­ren­zen – in die­ser Fi­lia­le vom 17.03.2007 bis 23.03.2007 Über­wa­chungs­ka­me­ras an­ge­bracht, die u.a. den Kas­sen­be­reich er­fass­ten. Zwar be­fand sich schon seit ei­ni­gen Jah­ren im Ver­kaufs­raum ein schrift­li­cher Hin­weis auf den Ein­satz von Über­wa­chungs­ka­me­ras, doch wa­ren die­se in der Ver­gan­gen­heit re­gelmäßig nicht ge­braucht wor­den. Den Mit­ar­bei­tern war da­mit letzt­lich nicht be­wusst, dass sie be­ob­ach­tet wur­den.
Ei­ne Aus­wer­tung der heim­lich an­ge­fer­tig­ten Vi­deo­auf­zeich­nun­gen durch den Ar­beit­ge­ber er­gab Fol­gen­des: Die Kläge­rin tätig­te nach Dienst­schluss am 23.03.2007 ei­nen Per­so­nal­ein­kauf, d.h. sie kauf­te als Mit­ar­bei­te­rin selbst Wa­ren - hauptsächlich Süßwa­ren - ein. An der Kas­se wur­de die Kläge­rin von ei­ner Kol­le­gin be­dient. Bei ih­rem Ein­kauf be­zahl­te die Kläge­rin ei­nen Teil des Kauf­prei­ses, nämlich 30,00 EUR, mit Gut­schei­nen, die nur beim Er­werb be­stimm­ter, auf den Gut­schei­nen be­zeich­ne­ter Pro­duk­te (u.a. Win­del­pa­ke­te und Zahn­pfle­ge­pro­duk­te) ver­wen­det wer­den durf­ten. Ent­spre­chen­de Pro­duk­te hat­te sie je­doch nicht er­wor­ben. Ei­ne Über­prüfung des Kas­sen­strei­fens bestätig­te dies. Der Ar­beit­ge­ber erklärte kurz dar­auf ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung un­ter Be­ru­fung auf § 626 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB).
Die Kläge­rin er­hob da­ge­gen Kündi­gungs­schutz­kla­ge und ver­lor den Pro­zess in ers­ter In­stanz (Ar­beits­ge­richt Hal­ber­stadt, Ur­teil vom 29.08.2007, 3 Ca 431/07). Ih­rer Mei­nung nach ver­stieß die Vi­deoüber­wa­chung ge­gen § 6b Bun­des­da­ten­schutz­ge­setz (BDSG), weil der Ar­beit­ge­ber auf die Über­wa­chungs­maßnah­me nicht aus­drück­lich hin­ge­wie­sen ha­be. Das Ar­beits­ge­richt folg­te die­ser Auf­fas­sung nicht. Der Ar­beit­ge­ber ha­be we­gen der er­heb­li­chen In­ven­tur­dif­fe­ren­zen die Vi­deoüber­wa­chung durchführen dürfen. Über die Be­ru­fung der Kläge­rin hat nun das LAG Sach­sen-An­halt ent­schie­den. LAG Sachsen-Anhalt: Beweisverwertungsverbote sind keine Verbote, vor Gericht Tatsachen vorzutragen
Das LAG bestätig­te die Vor­in­stanz, je­doch mit teil­wei­se an­de­rer Be­gründung:
Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung des Be­klag­ten ent­spre­che den Vor­aus­set­zun­gen des § 626 Abs.1 BGB. Ins­be­son­de­re sei ein wich­ti­ger Grund ge­ge­ben, der den Ar­beit­ge­ber un­ter Berück­sich­ti­gung der In­ter­es­sen bei­der Par­tei­en zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung be­rech­ti­ge.
Das Ge­richt ver­wies dar­auf, dass ei­ne vorsätz­li­che Vermögensschädi­gung des Ar­beit­ge­bers oh­ne Rück­sicht auf den Um­fang der Schädi­gung stets an sich ge­eig­net sei, ei­ne Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen. Der Vermögens­scha­den lie­ge hier in der Ent­wer­tung der Gut­schei­ne durch de­ren fal­sche Ver­wen­dung. Da der be­klag­te Ar­beit­ge­ber wis­se, dass nicht die auf den Gut­schei­nen an­ge­ge­be­nen Pro­duk­te ge­kauft wur­den, wäre er nämlich selbst we­gen Be­tru­ges (§ 263 Abs.1 Straf­ge­setz­buch - StGB) straf­bar, würde er die Gut­schei­ne gleich­wohl bei den Her­stel­ler­fir­men einlösen. Das Ge­richt ging we­gen der langjähri­gen Be­rufs­er­fah­rung der Kläge­rin auch da­von aus, dass sie vorsätz­lich ge­han­delt ha­be. Die­sen Vor­trag des Be­klag­ten hat­te die Kläge­rin im Pro­zess nicht durch kon­kre­ten Ge­gen­vor­trag (d.h. „sub­stan­ti­iert“) be­strit­ten. Viel­mehr be­schränk­te sie sich im We­sent­li­chen dar­auf, die Vi­deo­auf­nah­me als rechts­wid­rig zu rügen, was ih­rer Mei­nung nach zur Un­ver­wert­bar­keit der Er­kennt­nis­se führe, die sich aus den Vi­deo­auf­zeich­nun­gen er­ga­ben.
Das LAG be­han­del­te den Tat­sa­chen­vor­trag des Ar­beit­ge­bers als un­strei­tig. Da der Vor­trag des Ar­beit­ge­bers nicht aus­rei­chend kon­kret be­strit­ten wur­de, ist er nämlich in An­wen­dung des oben erwähn­ten Bei­brin­gungs­grund­sat­zes als zu­ge­stan­den an­zu­se­hen. Da­bei ließ das LAG die Fra­ge of­fen, ob die heim­li­che Vi­deoüber­wa­chung ge­gen § 6b BDSG ver­s­toßen hat­te. Aus­schlag­ge­bend sei, dass kein „Vor­trags­ver­wer­tungs­ver­bot“ be­ste­he. Mit an­de­ren Wor­ten: Der be­klag­te Ar­beit­ge­ber durf­te nach An­sicht des LAG im Pro­zess die Er­kennt­nis­se vor­tra­gen, die er aus der Vi­deoüber­wa­chung er­langt hat­te - selbst wenn die Über­wa­chungs­maßnah­me rechts­wid­rig durch­geführt wor­den sein soll­te. Le­dig­lich die Ver­wer­tung des Vi­deo­ban­des als Be­weis­mit­tel ist nach Mei­nung des LAG ggf. un­ter­sagt.
Darüber hin­aus ar­gu­men­tiert das LAG, dem Schutz des Persönlich­keits­rechts der Ar­beit­neh­me­rin sei aus­rei­chend Rech­nung ge­tra­gen, da sie - un­ter Ver­s­toß ge­gen die sie gemäß § 138 Abs.1 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) tref­fen­de pro­zes­sua­le Wahr­heits­pflicht! - be­rech­tigt sei, den wi­der­recht­lich er­lang­ten Tat­sa­chen­vor­trag zu be­strei­ten. Auf die­sem We­ge kämen die zu den Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bo­ten ent­wi­ckel­ten Grundsätze letzt­end­lich zur An­wen­dung kämen. Ma­che die Kläge­rin hier­von kei­nen Ge­brauch, so bedürfe es zum Schutz ih­res Persönlich­keits­rech­tes nicht des Ver­bots, die rechts­wid­rig er­lang­ten Er­kennt­nis­se über­haupt in den Pro­zess ein­zuführen. Das LAG Sach­sen-An­halt wi­der­spricht mit die­ser Ent­schei­dung dem oben erwähn­ten Ur­teil des OLG Karls­ru­he (Ur­teil vom 25.02.2000, 10 U 221/99). Pro­ble­ma­tisch ist da­bei ins­be­son­de­re die The­se des LAG, bei rechts­wid­rig er­lang­ten Be­weis­mit­teln ha­be die be­trof­fe­ne Pro­zess­par­tei ein Recht zur Lüge im ge­richt­li­chen Ver­fah­ren. Dies wi­der­spricht der ge­setz­lich an­ge­ord­ne­ten Wahr­heits­pflicht im Zi­vil­pro­zess (§ 138 Abs.1 ZPO).
In der Sa­che wur­de die Re­vi­si­on ein­ge­legt, die der­zeit beim Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) anhängig ist (2 AZR 485/08). Die Ent­schei­dung des LAG Sach­sen-An­halt steht und fällt mit der Ant­wort auf die Fra­ge, ob Er­kennt­nis­se, die durch rechts­wid­rig er­lang­te Mit­tel be­schafft wur­den, im Sin­ne ei­ner Fern­wir­kung den ge­sam­ten Pro­zess­vor­trag sper­ren oder le­dig­lich die Aus­wer­tung der rechts­wid­rig er­lang­ten Be­weis­mit­tel (hier: der Vi­de­obänder). Soll­te das BAG dem Aus­gangs­punkt des LAG Sach­sen-An­halt fol­gen (kein Vor­trags­ver­wer­tungs­ver­bot), wäre im wei­te­ren zu ent­schei­den, ob der be­trof­fe­nen Pro­zess­par­tei, wie vom LAG Sach­sen-An­halt an­ge­nom­men, ein Recht zur Lüge zu­steht. Dass das BAG die­se Aus­sa­ge bestätigt, ist we­nig wahr­schein­lich.
Lan­des­ar­beits­ge­richt Sach­sen-An­halt, Ur­teil vom 15.04.2008, 11 Sa 522/07
Hand­buch Ar­beits­recht: Außer­or­dent­li­che Kündi­gung
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/050 Heim­li­che Vi­deoüber­wa­chung von Ar­beit­neh­mern

References: § 6
 BGH 
 Art.2
 § 626
 § 6
 § 626
 § 6
 § 138