Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/erbst/einkommensteuerschulden-als-nachlassverbindlichkeiten-3139966
Timestamp: 2019-11-19 19:02:52+00:00

Document:
Nach § 10 Abs. 5 Nr. 1 ErbStG sind vom Erwerb des Erben die vom Erb­las­ser her­rüh­ren­den per­sön­li­chen Steu­er­schul­den, die gemäß § 1922 Abs. 1 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs i.V.m. § 45 Abs. 1 AO auf den Erben über­ge­gan­gen sind, als Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten abzu­zie­hen. Dabei ist uner­heb­lich, ob die Steu­ern beim Erb­fall bereits fest­ge­setzt waren oder nicht 1.
Der Abzug als Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten setzt nicht nur vor­aus, dass die Steu­er­schul­den im Zeit­punkt des Todes des Erb­las­sers bereits ent­stan­den waren oder ‑für die Ein­kom­men­steu­er des Todes­jah­res- der Erb­las­ser den Tat­be­stand, an den das Gesetz die Steu­er­pflicht knüpft, bereits ver­wirk­licht hat­te 2. Die Steu­er­schul­den müs­sen dar­über hin­aus im Todes­zeit­punkt eine wirt­schaft­li­che Belas­tung dar­ge­stellt haben 3.
Grund­sätz­lich ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Finanz­be­hör­den ent­stan­de­ne Steu­ern in der mate­ri­ell-recht­lich zutref­fen­den Höhe fest­set­zen wer­den (§ 85 AO) und somit im Todes­zeit­punkt die erfor­der­li­che wirt­schaft­li­che Belas­tung mit der Steu­er­schuld gege­ben ist 4. Dies gilt erst recht für im Bewer­tungs­stich­tag bereits durch Steu­er­be­scheid fest­ge­setz­te Steu­ern. Die­se belas­ten den Erb­las­ser eben­so wie den Erben als des­sen Gesamt­rechts­nach­fol­ger. Inso­weit gilt etwas ande­res als in dem Fall, in dem die Steu­er im Todes­zeit­punkt noch nicht gegen­über dem Erb­las­ser fest­ge­setzt war und auch spä­ter nicht gegen die Erben fest­ge­setzt wird 5. Da das Finanz­amt fest­ge­setz­te Steu­ern auf­grund des Steu­er­be­scheids nach Maß­ga­be des Sechs­ten Teils der AO selbst voll­stre­cken kann, steht der Steu­er­be­scheid einem voll­streck­ba­ren (zivil­recht­li­chen) Schuld­ti­tel gleich.
Der Ver­weis des Finanz­am­tes auf die Recht­spre­chung zur ertrag­steu­er­recht­li­chen Berück­sich­ti­gung unge­wis­ser Ver­bind­lich­kei­ten 6 führt zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Dabei kann dahin­ste­hen, ob die Vor­aus­set­zun­gen für den Ansatz von Rück­stel­lun­gen für unge­wis­se Ver­bind­lich­kei­ten nach § 5 Abs. 1 Satz 1 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes i.V.m. § 249 Abs. 1 Satz 1 des Han­dels­ge­setz­bu­ches trotz des unter­schied­li­chen Rege­lungs­be­reichs mit denen für den Ansatz von Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten im Rah­men der Erb­schaft­steu­er­fest­set­zung über­haupt ver­gleich­bar sind. Vor­aus­set­zung für die Bil­dung von Rück­stel­lun­gen für unge­wis­se öffent­lich-recht­li­che Ver­bind­lich­kei­ten ist eine hin­rei­chen­de Kon­kre­ti­sie­rung durch Gesetz oder Ver­wal­tungs­akt 7. Spä­tes­tens mit der Fest­set­zung einer Steu­er­schuld durch Steu­er­be­scheid ist die durch sie begrün­de­te öffent­lich-recht­li­che Ver­bind­lich­keit hin­rei­chend kon­kret und stellt ab die­sem Zeit­punkt eine wirt­schaft­li­che Belas­tung dar.
Sind die Vor­aus­set­zun­gen für den Ansatz von Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten nach § 10 Abs. 5 Nr. 1 ErbStG erfüllt, hat die Finanz­be­hör­de die­se bei der Fest­set­zung der Erb­schaft­steu­er zu berück­sich­ti­gen. Die Mög­lich­keit, den Bescheid nach § 165 AO vor­läu­fig zu erlas­sen, steht dem nicht ent­ge­gen, son­dern ist eine u.U. not­wen­di­ge Begleit­re­ge­lung. Bei der Ent­schei­dung dar­über han­delt es sich um eine Ermes­sens­ent­schei­dung der Finanz­be­hör­de 8. Dage­gen besteht bei der Ent­schei­dung über den Abzug von Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten im Rah­men der Erb­schaft­steu­er­fest­set­zung kein Ermes­sen. Lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen für den Abzug im Zeit­punkt der Steu­er­fest­set­zung vor und ist ledig­lich unge­wiss, ob die­se auch nach wei­te­rer Prü­fung recht­lich Bestand haben wer­den, sind die Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten bei der Steu­er­fest­set­zung abzu­zie­hen. Die Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten in einem sol­chen Fall trotz Vor­lie­gens der Vor­aus­set­zun­gen (vor­läu­fig) nicht anzu­er­ken­nen, wür­de § 10 Abs. 5 Nr. 1 ErbStG zuwi­der­lau­fen. Inso­weit gilt etwas ande­res als z.B. beim Vor­läu­fig­keits­ver­merk in Lieb­ha­be­rei­fäl­len, bei dem es ermes­sens­feh­ler­frei sein kann, die Steu­er zunächst ohne Berück­sich­ti­gung von Ver­lus­ten fest­zu­set­zen 9.
vgl. BFH, Urteil vom 04.07.2012 – II R 15/​11, BFHE 238, 233, BSt­Bl II 2012, 790, Rz 13 ff.[↩]
vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 238, 233, BSt­Bl II 2012, 790, Rz 13; und vom 28.10.2015 – II R 46/​13, BFHE 252, 448, BSt­Bl II 2016, 477, Rz 12[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 252, 448, BSt­Bl II 2016, 477, Rz 12, m.w.N.[↩]
BFH, Urteil in BFHE 252, 448, BSt­Bl II 2016, 477, Rz 14[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 252, 448, BSt­Bl II 2016, 477, Rz 18[↩]
vgl. z.B. BFH, Urteil vom 25.01.2017 – I R 70/​15, BFHE 257, 66, BSt­Bl II 2017, 780, zu Rück­stel­lun­gen für Ent­sor­gungs­ver­pflich­tun­gen[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 257, 66, BSt­Bl II 2017, 780, Rz 21[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 17.12 2014 – I R 32/​13, BFHE 248, 110, BSt­Bl II 2015, 575; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 165 AO Rz 25[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 27.11.2008 – IV R 17/​06, HFR 2009, 771[↩]

References: § 10
 § 1922
 § 45
 § 5
 § 249
 § 10
 § 165
 § 10
 § 165