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Timestamp: 2017-11-19 12:03:50+00:00

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Die Saldotheorie | Hausarbeiten publizieren
Grundlagen, Kritik, Alternativen
II. Die Zweikondiktionentheorie u. die problematische Milde der Bereicherungshaftung
1. Gefahrtragung entgegen § 446 S.l
III. Ansatz der „sogenannten Saldotheorie" des Reichsgerichts
2. Einschub: Was erlangt der Kondiktionsschuldner?
3. Dogmatik u. Kritik
IV. Die neue Saldotheorie des BGH
1. Modifikation u. dogmatischerAnsatz
2. Ein faktisches Synallagma als dogmatischer Boden?
3. Erneut: Bewältigung der Problematik der Gefahrtragung?
4. ProzessualerAspekt als Fortwirkung der Ausgangsentscheidung
5. Kritik u. Stellungnahme
6. EigenerAnsatzzur Bewältigung dersog.,, Vorleistungsfälle"
V. Inkohärenz der Saldotheorie
1. Einschränkungen u. Ausnahmen
a. Schutz des Minderjährigen u. des Geschäftsunfähigen
b. Anfechtung nach § 123 u. Wucher, § 138
c. Verschlechterung der Sache auf Grund eines Sachmangels
d. Verschärfte Haftung nach Rechtshängigkeit
2. (Neues) Rücktrittsfolgenrecht als Bestätigung der Saldotheorie?
a. Rücktrittsrecht bei neutralem Nichtigkeitsgrund?
3. Disharmonie bei Fehleridentität
VI. Alternativen zur Rückabwicklung nichtiger Austauschverträge
1. Theorie der vermögensmäßigen Entscheidung nach Flume
2. Die Gegenieistungskondiktion nach Canaris
3. (Abschließende)SteUungnahme
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Die Saldotheorie: Grundlagen, Kritik, Alternativen
Hat i. R. e. vertraglichen Austauschverhältnisses ein nicht kondiktions- fester Leistungsaustausch stattgefunden, so ist dessen Rückabwicklung dahingehend angezeigt, dass eine sach- u. interessengerechte Vermö- gens rück verschiebung stattfindet, nach der die ausgetauschten Leistun- gen, jedenfalls aber deren Wert, wieder ihrem Ausgangsvermögen zuge- führt werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der geleistete Wertge- genstand vorübergehend als Teil einer fremden Vermögensmasse den Risiken ausgesetzt war, denen auch die übrigen Vermögensbestandteile des fremden Herrschaftsbereichs ausgesetzt sind. Derjenige Bereiche- rungsschuldner, der auf einen Erwerb von endgültigem Bestand vertrau- te, sieht sich vor diesem Hintergrund der mildesten Haftung ausgesetzt, die das Gesetz kennt.1 Kann er die Leistung nicht an den Bereicherungs- gläubiger herausgeben, so gestattet ihm § 818 III BGB2, sich äußersten Falls auf den Wegfall der Bereicherung zu berufen, soweit der Kondikti- onsschuldner auch nicht nach § 818 II den Wert der unmöglichen Natu- ralherausgabe ersetzen muss. Hiernach ergibt sich die Konstellation, in der die Kondiktion wegen § 818 III ins Leere geht, der leistungsbefreite Schuldner seine Gegenleistung aber ungemindert kondizieren können soll. Er kann die Einwendung3 aus § 818 III dann erheben, wenn u. so- weit die Kondiktion wegen Herausgabeunmöglichkeit ausscheidet u. die Wertersatzpflicht nach § 818 II bei wertender Gesamtvermögensbetrach- tung verbleibende Vermögensvorteile übersteigen würde.4 Ob, bzw. wann sich „die besondere Milde der Bereicherungshaftung“5 aber zulas- ten u. auf Kosten des Bereicherungsgläubigers soll auswirken können6, stellt ein Problem auf Rechtsfolgenseite der Rückabwicklung nichtiger Austauschverträge dar, welches die Saldotheorie bewältigen will u. das den Gegenstand dieser Arbeit bildet.
§ 818 III mildert die Bereicherungshaftung nicht nur, er kann eine solche auch vollständig ausschließen: Nach der gesetzlichen Regelung haftet der Schuldner nicht, wenn u. soweit er entreichert ist i.S. des § 818 III, sein Kondiktionsanspruch in der Rolle des Kondizienten bleibt hiervon unbe- rührt. Der gutgläubige7 Schuldner steht nach erfolgter Kondiktion nach der gesetzlichen Intention wertmäßig also niemals schlechter, als vor dem rechtsgrundlosen Leistungsaustausch, da er sein Stammvermögen zur Erfüllung des Kondiktionsanspruchs nicht angreifen muss, wenn die- sem zuvor kein entsprechendes Äquivalent zugeflossen ist.8 Die Befrie- digung des Bereicherungsanspruchs muss nur bis zur einer gewissen Grenze erfolgen: Das „ureigene“ Vermögen, das bereits Gehabte, darf der Schuldner gem. § 818 III unangetastet lassen.9 Bei der Rückabwick- lung nichtiger Austauschverträge, hat jede Partei zunächst - mangels spezieller Regelung - ihre eigene Leistung zu kondizieren u. den An- spruch der Gegenpartei zu erfüllen. Die an sich isolierten Ansprüche sind nur über § 273 I u. bei Gleichartigkeit der geschuldeten Leistungen durch eine mögliche Aufrechnung miteinander verknüpft.10 Dieses, der gesetz- lichen Ausgangslage entsprechende Ergebnis, firmiert unter der schlich- ten Bezeichnung der Zweikondiktionentheorie11 u. bedarf einer Modifi- kation, solange beide Herausgabeansprüche erfüllt werden können, nicht. Ist dies aber nicht der Fall, ist etwa eine der indebite ausgetauschten Leistungen ersatzlos untergegangen, so führt die Zweikondiktionentheo- rie zu einem Ergebnis, welches verglichen mit den gesetzlichen Wertun- gen bei Rechtswirksamkeit der causa in Widerspruch steht.
1. Gefahrtragung entgegen § 446 S. 1
Demjenigen Kondiktionsschuldner, dem der Wertgegenstand untergeht oder bei dem er sich verschlechtert, sei dies verschuldet oder nicht, muss die Rechtsgrundlosigkeit des Leistungsaustauschs als reiner Glücksfall erscheinen.12 Denn entgegen § 446 S. 113 kann er nun durch Rückab- wicklung die Gefahr des Untergangs zurückverschieben auf den Kondi- zienten, dessen Anspruch ins Leere geht, der seinerseits aber den Kauf- preis restitutieren muss. Dies wäre dem Schuldner bei wirksamer causa nicht möglich gewesen, der Wertgegenstand wäre endgültig als Bestand- teil seines Vermögens untergegangen. Die endgültige Vermögenszuord- nung wird durch die condictio zu einer vorübergehenden, der Schuldner kann die in seinem Vermögen entstandene Lücke durch Kondiktion des ursprünglich aus seinem Vermögen stammenden Wertgegenstands errei- chen, da dieser ihm ohne Rechtsgrund weiterhin zugewiesen bleibt.
Ein erster Befund lautet, dass für eine der problematischsten bereiche- rungsrechtlichen Konstellation de lege lata eine befriedigende Lösung nicht angeboten wird. Es finden sich daher in Fällen, in denen Natural- rückabwicklung oder Wertersatzleistung ausscheiden, keine Vertreter der originären Zweikondiktionentheorie in Literatur oder Rechtsprechung.14
III. Ansatz der „sogenannten Saldotheorie“des Reichsgerichts
Die isolierte Behandlung der Ansprüche intendiert nun über § 273 I hinausgehend16 die Saldotheorie aufzuheben, indem zunächst die selbstständigen Kondiktionsansprüche der Parteien als bloße Rechnungsposten gegenüber gestellt werden u. nur eine der Parteien den für sie positiven Saldo kondizieren können soll. Näherer Betrachtung bedarf zunächst, auf welcher Stufe eine solche Verrechnung stattzufinden hat.15
Die der Rechtsprechung entstammende Saldotheorie kann erstmals einer Entscheidung des RG entnommen werden.17 Hierbei nimmt das Gericht eine auf das Vermögen des Schuldners konzentrierte Perspektive ein u. qualifiziert den Inhalt des Herausgabeanspruchs als „die Gesamtheit des hinübergelangten unter gleichzeitiger Berücksichtigung der dafür gege- benen Werte und der auf dem Empfangenen ruhenden Lasten“18. Hier- nach erlangte der Schuldner lediglich eine sich im Wege der Saldierung ergebende Wertdifferenz bei einem für ihn günstigen Geschäft. Auf diesen Wert, nicht etwa auf den konkreten Gegenstand des primären Leistungsaustauschs, sollte sich dann der Anspruch richten.19 Die Partei eines ungünstigen Geschäfts erlangte hiernach nichts.
Eine Saldierung findet a priori auf Ebene des Werteaustauschs, sozusagen i. R. der Prüfung des Tatbestandsmerkmals des „Erlangten“ statt u. nicht erst auf Rechtsfolgenseite.20 Schon hier soll sich entscheiden, „ob überhaupt eine Bereicherung vorliegt u. in welchem Umfang sie eingetreten ist“, wie das RG auch später21 bestätigte.
Dieser Ausgangsentscheidung lag eine verfahrensrechtliche Problemstel- lung zugrunde, da über die Rückabwicklung eines nichtigen Austausch- vertrags nach dem Standpunkt des RG nur einheitlich entschieden wer- den könne: Die Partei in der Rolle des klagenden Kondizienten habe den Klageanspruch unter Abzug der Leistung des Kondiktionsschuldners zu gestalten, ohne dass dieser eigene Gegenrechte vortragen müsse. Diese verfahrensrechtliche Saldotheorie 22 stellt einen prozessualen Aspekt dar, der schließlich die materiell-rechtlich vorzunehmende Saldierung von Kondiktion u. Gegenkondiktion reflektiert.23 Auf die Auswirkungen für den verklagten Kondiktionsschuldner soll später zurückzukommen sein.
Hieraus ergibt sich aber, dass nicht zuletzt das Verhandlungsgeschick, die Geschäftstüchtigkeit einer Partei (jedenfalls i. R. der Leistungskondi- ktion) entscheidet über einen positiven Saldo u. so zugleich über Be- oder Entreicherung. Die Saldotheorie des RG unterscheidet nicht zwi- schen dem Erlangten u. der zu restituierenden Bereicherung, sondern setzt diese gleich, sofern eine Saldierung von Leistung u. Gegenleistung eine bereichernde Wertdifferenz ergibt. Der Kondiktionsschuldner er- langt allenfalls einen manifesten Vermögensüberschuss, der an den Gläubiger herauszugeben ist. Ob dies der Konzeption der §§ 812 ff. ent- spricht, ist zu bezweifeln.
Erfolgt etwa eine nichtgegenständliche Zuwendung, so kann der erlangte Vermögensüberschuss nur in ersparten Aufwendungen bestehen, weshalb der Schuldner bei sog. Luxusaufwendungen schon nichts erlangt hätte.24 Zur Verdeutlichung soll der Flugreise-Fall25 dienen: Laut BGH nämlich galt für den Hinflug, dass die Kosten für ein Flugticket nicht erlangt wurden, da eine derartige Reise eine Luxusaufwendung darstellte, die der Schuldner mit seinem bereits gehabten Vermögens nicht getätigt hätte. Dieses vermögensorientierte Verständnis des „Erlangten“ soll sich auch nach dem Willen des historischen Gesetzgebers mit der dem Bereiche- rungsrecht zugedachten Abschöpfungsfunktion erklären lassen.26
Etwas anderes ergibt sich aber, wenn nicht eine manifest-positive Wert- differenz den Kondiktionsgegenstand, sondern ein gegenstandsorientier- ter Anspruchsinhalt die Grundlage bildet: Hiernach ist der Bereiche- rungsanspruch primär auf Naturalrestitution gerichtet, auf die Wiederher- stellung des status quo ante contractum. Erst wenn dies nicht möglich ist richtet sich der Sekundäranspruch als ein die primäre Kondiktion ablö- sendes Folgerecht27 auf Wertersatz.28 Anschaulich lässt sich m. E. von flexiblem Anspruchsinhalt bei Anspruchsidentität i. Ü. sprechen.
Dies lässt sich auch systematisch belegen. Die verschiedenen Kondikti- onstypen ordnen bereits die Herausgabe des Erlangten an. § 818 I er- streckt diesen primären Anspruchsinhalt auf gezogene Nutzungen u. Sur- rogate „des erlangten Gegenstands“, vgl. § 818 I. § 818 III ist vor diesem Hintergrund eine Ausnahme, eine Privilegierung des gutgläubigen Kon- diktionsschuldners, der, wenn er überhaupt nicht mehr bereichert ist, auch nicht mehr ungerechtfertigt bereichert sein kann.29 Auch lässt sich die Gegenstandsorientierung m. E. mit Hilfe eines argumentum e contra- rio aus einer der zahlreichen Verweisungen auf das Bereicherungsrecht begründen30: Indem § 951 I 2 eine Naturalrestitution ausdrücklich aus- schließt, um die wirtschaftlich sinnlose Zerschlagung einer neu geschaffenen Sache zu verhindern, zeigt sich, dass primär Naturalherausgabe auch nach Bereicherungsrecht geschuldet ist.31
Für den Flugreise-Fall bedeutet dies: Erlangt hat der Schuldner den un- gegenständlichen Vorteil als solchen, hier die Beförderung.32 Die Frage nach Be- oder Entreicherung stellt sich auf Rechtsfolgenseite i. R. des § 818 III. Dessen Anwendungsbereich wäre bei einer Vermögensorien- tiertheit bereits des Erlangten nahezu ausgeschaltet33, der Schuldner wäre entweder bereichert oder er wäre es eben nicht, niemals aber könnte er entreichert sein. Auch stünde eine derartige, apriorische Beschränkung des Anspruchs in Konflikt zu § 819.34 Bei gegenständlicher Betrachtung wird das „Erlangte“ aber nicht länger gleichgesetzt mit „Bereicherung“.35
Die Kritik an der Saldotheorie des RG lautet, dass durch eine Verengung der Perspektive auf das Schuldnervermögen das Schicksal der Gegenleis- tung unberücksichtigt bleibt. Die Erbringung der Gegenleistung soll für den Schuldner per se einen entreichernden Vorgang darstellen, ganz un- abhängig davon, ob die Gegenleistung noch in kondiktionstauglicher Weise vorhanden ist.36 Dies ist die Konsequenz der Saldierung auf Tat- bestandsebene: die Gegenleistung wird zu einem abzugsfähigen Posten. Bei Lichte betrachtet bleibt es aber nicht bei einer Saldierung von Leis- tung u. Gegenleistung. Vielmehr ergibt sich die zu kondizierende Diffe- renz aus einer vergleichenden Betrachtung zweier Vermögensbestände innerhalb derselben Vermögensmasse (des Schuldners). Zu vergleichen sind der Vermögensstand im Zeitpunkt des Leistungsempfangs mit dem zum Zeitpunkt, in dem das Vermögen dem Zugriff des Kondizienten ausgesetzt sein soll. Jedenfalls die erbrachte Gegenleistung stellt dann - ggf. neben weiteren berücksichtigungsfähigen Vermögensminderungen37 - a priori eine Entreicherung in entsprechender Höhe dar.
Hierdurch kommt es zu einer Beschränkung des § 818 III, da der Norm lediglich eine „Restfunktion“ in Bezug auf den zu kondizierenden Saldo verbleibt, das Erlangte aber schon in die Saldierung eingestellt wird.38 Kondizient ist derjenige, der zuvor auf Primärebene ein wirtschaftlich weniger günstiges Geschäft als die Gegenpartei getätigt hat.
Diese reichsgerichtliche Spielart der Saldotheorie enthält sich einer Aus- sage darüber, wem im nichtigen Synallagma das Entreicherungsrisiko zugewiesen sein soll. Die schon angesprochene Konzentration auf das Schuldnervermögen führt zu einer ebenso ungerechten Gefahrverteilung, wie sie i. R. der Zweikondiktionentheorie noch Anlass zur Fortentwick- lung gegeben hat: Der Kondizient nämlich trägt nicht nur die Gefahr, dass die von ihm bewirkte Leistung ersatzlos wegfällt u. der Schuldner sich auf § 818 III berufen kann, sondern auch für die empfangene Gegen- leistung, durch deren Untergang der Schuldner (erneut mittelbar) entrei- chert würde. Ganz unabhängig aber vom Schicksal der Gegenleistung im Gläubigervermögen soll der Schuldner um deren Wert schon allein durch deren Hingabe entreichert sein, obwohl ihm an sich ein (vollwertiger) Anspruch zu- u. seiner Entreicherung entgegenstünde.39
Hierdurch trägt pauschal der Kondizient das Entreicherungsrisiko in zweifacher Hinsicht und nicht der jeweils Leistende. Abermals findet eine Einbeziehung von außerhalb der sine causa erfolgten Vermögensverschiebung liegenden Faktoren, wie etwa eine Betrachtung des Schicksals der Gegenleistung oder eine Untersuchung des zur Nichtigkeit des Rechtsgrunds führenden Umstands, nicht statt.
Bleibt man hierbei nun stehen, so liegt eine Saldotheorie vor, deren dog- matischer Ansatz bei konsequenter Durchführung gegenüber der Zwei- kondiktionentheorie einen Gewinn an Ergebnisgerechtigkeit nicht zu leisten vermag. Der status quo ante contractum lässt sich so nicht wie- derherstellen40, vielmehr tendiert eine prinzipiengerechte Anwendung der Saldotheorie zu einer gegenständlichen Perpetuierung des Leistungsaustauschs, deren Unbilligkeit sich deutlich am Beispiel der Besitzkondiktion des nicht voll Geschäftsfähigen zeigt.41
Der Goudakäse-Fall des RG42 soll an dieser Stelle als Beispiel dienen. Das RG selbst ließ hier nicht zu, dass der Beklagte den von ihm als Ge- genleistung weggegebenen, mangelhaften Käse als entreichernden Ab- zugsposten geltend machen konnte, wie es freilich bei strenger Anwen- dung der Saldotheorie der Fall hätte sein müssen. Stattdessen wanderte der Blick, so scheint es, nun auch auf das Gläubigervermögen, wenn das RG erkennt, es dürfe nur angerechnet werden, was noch im Vermögen des Klägers vorhanden sei u. - vor allem - auch auf den die Rechts- grundlosigkeit auslösenden Umstand.
Insgesamt fällt auf, dass das RG die materiell-rechtlichen Konsequenzen der „sogenannte Saldotheorie“ selbst im Einzelfall vermieden hat.43 Das Gericht blieb dann bei der prozessualen Seite der Saldierung stehen u. ging über ein bloßes „Lippenbekenntnis zur Saldotheorie“44 nicht hinaus. Ohne eine Nichtanwendung der sogenannten Saldotheorie im Einzelfall aber führt diese zu ungerechten Ergebnissen, denen fundamentale Wer- tungen des BGB entgegenstehen45 u. es ist der Saldotheorie an dieser Stelle ein zweiter Wertungswiderspruch zu attestieren. Hierauf wird an späterer Stelle noch einzugehen sein.46
Der BGH hat vor diesem Hintergrund die Saldotheorie modifiziert.47
1. Modifikation u. dogmatischer Ansatz
Der BGH legt seiner Saldotheorie in Abweichung zur reichsgerichtlichen Saldierung i. R. des Tatbestands das zuvor beschriebene u. zutreffende, da primär gegenständlich orientierte Verständnis der Bereicherungshaftung zugrunde u. nimmt eine Saldierung dann gleichwohl auf Rechtsfolgenseite i. R. des § 818 III vor.
Diese Saldierung folgt dem gewandelten Verständnis der Wissenschaft48 u. ermöglicht es, auf einer vorgelagerten Ebene den Leistungsaustausch der Parteien zu untersuchen (Tatbestandsmerkmal: „etwas erlangt“), be- vor dann, auf einer nachgelagerten Untersuchungsebene Vermögensvor- u. -nachteile saldiert u. die Frage der Be- oder Entreicherung gestellt wird. Diesen Unterschied konstatiert der BGH selbst in der sog. Dritten Gebrauchtwagenentscheidung, wenn er feststellt, dass es sich noch „[n]ach der Rechtsprechung des RG [...] bei der Frage der Anrechnung der Gegenleistung nicht um den Wegfall der Bereicherung [handelte], sondern darum, ob überhaupt u. in welchem Umfang eine Bereicherung eingetreten sei“49. Die gegenständliche Betrachtung in einem ersten Schritt gestattet, die bloße Hingabe der Gegenleistung nicht per se als entreichernden Vorgang einzustufen, da diese Frage erst Gegenstand der Folgebetrachtung ist: Demnach stellt die empfangene Leistung stets ein erlangtes Etwas dar, unabhängig von der Wirtschaftlichkeit des Leis- tungsaustauschs u. zunächst bestehen zwei selbstständige Bereicherungs- ansprüche. Die Frage, ob das erlangte Etwas sich auch noch in berei- chernder Weise auf den Vermögensstand des Leistungsempfängers aus- wirkt, ist hiervon unabhängig. Ist also das erlangte Etwas ersatzlos weg- gefallen u. eine positive Vermögensauswirkung nicht zu beziffern, so steht dem Leistungsempfänger in der Rolle des Kondiktionsschuldners an sich die Einwendung des § 818 III zu.
1 Vgl. Larenz/Canaris, Schuldrecht II/2, § 71, I 1., S. 257 f.
2 Im Folgenden sind alle §§ ohne besondere Kennzeichnung solche des BGB.
3 Vgl. zur näheren Einordnung MüKo-BGB Bd. 5/ Schwab, § 818, Rn. 116 f.
4 Vgl. Soergel 11/3/ Hadding, § 818, Rn. 2 ff.
5 S. Larenz/Canaris, § 71 I 1. a), S. 257.
6 Auch BeckOK-BGB/ Wendehorst, § 818, Rn. 35 („Statikprinzip“).
7 Für den bösgläubigen oder verklagten Kondiktionsschuldner kann sich eine weitergehende Haftung ergeben, vgl. §§ 818 IV, 819, 820.
8 Vgl. Soergel 11/3/ Hadding, § 818, Rn. 4.
9 Vgl. Kohler, Die gestörte Rückabwicklung gescheiterter Austauschverträge, S. 156 f.
10 Vgl. PWW/ Prütting, § 818, Rn. 28.
11 Vgl. Larenz/Canaris, § 71 I 1. a), S. 321.
12 Zu dieser Überlegung als Kritik an der Zweikondiktionentheorie vgl. Looschelders, § 54 V. 1. a) (S. 404 f.).
13 Hier soll zur Veranschaulichung der Sachkauf als Beispiel dienen.
14 Aus der neueren Literatur plädiert für die Zweikondiktionentheorie aber Kaiser, Rückabwicklung gegenseitiger Verträge, S. 321 ff., 329 ff., die den Bereicherungs- schuldner aber einer bereicherungsunabhängigen Wertersatzpflicht unterstellen will.
15 So RGZ 163, 348 ff., 360.
16 Vgl. Medicus/Lorenz, § 136, Rn. 1185 (S. 431).
17 RGZ 54, 137.
18 Vgl. RGZ 54, 137 (141).
19 Vgl. auch MüKo-BGB Bd. 5/ Schwab, § 818, Rn. 210.
20 Vgl. MüKo-BGB Bd. 5/ Schwab, § 818, Rn. 211.
21 RGZ 139, 213.
22 Vgl. Flume, 50 Jahre BGH, 525 (537 f.).
23 Relativierend daher dann auch Flume, JZ 2002, 321 (322).
24 Hierzu Looschelders, § 54 III (S. 399 ff.).
25 BGHZ 55, 128 ff. = NJW 1971, 609 ff.
26 Vgl. Reuter/Martinek, § 14 I 1. (S. 516 ff).
27 S. Costede, Dogmatische u. methodologische Überlegungen zum Verständnis des Bereicherungsrechts, S. 57 ff.
28 So auch Grigoleit/Auer, § 1 A. II Rn. 21 (S. 11).
29 Vgl. v. Caemmerer, FS Rabel, 333 (368).
30 Vgl. zu dem methodologischen Aspekt Larenz, Methodenlehre der Rechtswissenschaft, S. 390.
31 Vgl. Grigoleit/Auer, § 1 D. I 1. a) Rn. 131 (S. 43 f.).
32 Vgl. hierzu auch Törl, Die bereicherungsrechtliche Behandlung nichtgegenständlicher Vermögensvorteile, S. 5 f., 88 ff.
33 Vgl. Kohler, Die gestörte Rückabwicklung gescheiterter Austauschverträge, S. 159 m. w. N.
34 Vgl. Deplewski, Die Risikoverteilung im nichtigen Synallagma, S. 19.
35 Vgl. MüKo-BGB Bd. 5/ Schwab, § 818, Rn. 211.
36 Vgl. Flume, AcP 194 (1994), 427 (430 f.).
37 Vgl. zu diesem im Einzelnen umstrittenen Aspekt Larenz/Canaris, § 73 I 2., 3. (S.297 ff.), sowie Wandt, § 12, Rn. 20 ff. (S. 198 ff.).
38 S. Staudinger/ S. Lorenz, § 818, Rn. 41 (S. 330).
39 Vgl. Deplewski, Die Risikoverteilung im nichtigen Synallagma, S. 13 f., 23.
40 So auch Grigoleit/Auer, § 1 D. IV. 2. c) (S. 51 f.).
41 Hierzu Kohler, Die gestörte Rückabwicklung gescheiterter Austauschverträge, S. 163 f.
42 RGZ 94, 253.
43 Auch Flume, AcP 194 (1994), 427 (429).
44 So Weintraud, Die Saldotheorie, S. 38 in Bezug auf den Goudakäse-Fall des RG.
45 Derartige Fälle finden sich bei Diesselhorst, Die Natur der Sache als außergesetzliche Rechtsquelle, S. 166 ff.
46 S. u. V.
47 Die Saldotheorie findet sich in der Rechtsprechung des BGH seit BGHZ 1, 75 ff., eine Abkehr von der reichsgerichtlichen Saldotheorie lässt sich seit den 1970er Jahren durch den VII. Zivilsenat beobachten, vgl. BGH NJW 1972, 36 u. BGH NJW 1970, 656.
48 Vgl. MüKo-BGB Bd. 5/ Schwab, § 818, Rn. 211 ff.
49 S. BGH NJW 1979, 160 (161).
Justus-Liebig-Universität Gießen (Professur für Bürgerliches Recht und Rechtsphilosophie Prof. Dr. Marietta Auer, M.A., LL.M., S.J.D. (Harvard))
Seminar zum Bereicherungsrecht
V337974
9783668274747
9783668274754
Bereicherungsrecht Saldotheorie Rückabwicklung § 818 BGB § 812 BGB
Christoph Bender, 2016, Die Saldotheorie, München, GRIN Verlag, http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/337974.html
Bereicherungsrechtliche Folgen der Ehescheidung und Schicksal von S...

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