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Timestamp: 2019-04-25 01:45:37+00:00

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Georg Jäger - John Locke
Versuch über den menschlichen Verstand Die Sprachphilosophie Lockes
"Die Erfahrung, mag sie sich als Sinneswahrnehmung oder Selbstbeobachtung äußern, ist die Quelle und die Grenze aller Erkenntnis. Die Skepsis geht aus von einer Untersuchung der Vorstellungen: Die Sinneseindrücke sind Wirkungen unbekannter Kräfte auf die Organe, stoffliche Bewegungen, die keine Ähnlichkit mit den Empfindungen haben. Die Begriffe und Namen, in denen sich das Denken bewegt, sind kein adäquates Abbild der Wirklichkeit, und ihr System deckt sich nicht mit der natürliche Ordnung der Dinge. Der Glaube, daß unsere Vorstellungen der Wirklichkeit entsprächen, ist die Ursache des Irrtums. Diese Skepsis erhebt sich zu einer umfassenden Kritik der Kausalitätsidee: Die wahre Natur des Geistes ist uns ebenso unzugänglich wie die des Stoffes. Wir kennen nur sekundäre Eigenschaften. Die reale Ursache und die Wirkungsweise der Substanzen bleibt ewig unklar. Ursache und Wirkung ist so verschieden, daß ihre Verknüpfung sich unserem Verständnis entzieht. Wir sehen die Dinge nur durch das Medium unserer Vorstellungen, Da diese einer zufälligen Erfahrung entstammen, bilden sie keine innerlich zusammenhängende Kette; ihre Verbindung ist nur empirische gegeben, kein im Wesen geistiger Erkenntnis begründetes Gesetz. Damit ist die letzte Möglichkeit, zu einem wahren Wissen zu gelangen, abgeschnitten. Der Gedanke, daß Wissenschaft die Analyse eines notwendigen und als notwendig empfundenen Vorstellungsinhaltes sei, wird abgelehnt."
Der Ausgangspunkt des wirtschaftlichen Denkens sind praktische Bestrebungen und Bedürfnisse; der Ausgangspunkt der heutigen, systematischen Nationalökonomie ist ein historisch gegebener. Die Begriffe, mit denen sie operiert, die Methode, die sie als maßgebend anerkennt, sind das Ergebnis einer Überlieferung, deren Ursprung und Verlauf sich geschichtlich verfolgen läßt. Die Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft, d. h. das Recht, die eigenen Prämissen einer Nachprüfung zu unterwerfen, ist bei der geschichtlichen Gebundenheit menschlichen Denkens ein Postulat, keine Tatsache, die das Wesen der Erkenntnis bestimmte. Die Kritik, vor allem die kritische Arbeit der historischen Schule, hat die Ideen der Aufklärung und zahlreiche überliefert Vorstellungen überwunden. Aber Voraussetzungen werden nicht dadurch beseitigt, daß ihre Bedingtheit, ihr fiktiver Charakter, ihres historische Unwahrheit nachgewiesen wird. Ihre Wirkungen leben in Begriffen fort, die den Geist fesseln. Sie haben die Wissenschaft in eine Richtung, in eine Betrachtungsweise hineingedrängt, von der sie nicht loskommen kann. So hatte eine Fiktion einst den Einfluß des römischen Rechts begründen helfen. Die kritische Tat KONRINGs beseitigte die Legende, die überflüssig geworden war, aber die Macht der römisch-rechtlichen Ideen, die sich ihrer bedient hatten, vermochte sie nicht zu brechen.
Die wissenschaftliche Theorie ist nicht die Ursache, sondern die Frucht der Kräfte, die in der Geschichte wirksam sind. Sie künstlich von den Ideen, die außerhalb der wissenschaftlichen Systematik leben, trennen, heißt ihr Wesen verkennen. Sie ist nur ein Teil des allgemeinen Denkens einer Epoche. Die Quellenforschung vermag die Spuren und Symptome literarischer Abhängigkeit zu entdecken, die Glieder einer Kette aneinander zu reihen. Den wahren Kausalzusammenhang des geistigen Lebens enthüllt sie nicht. Wie der Strom seine Wasserfülle und seinen Lauf nicht der Quelle, sondern den Kräften der Natur, die ihn in jedem Augenblick neu erzeugen, verdankt, so wird die Kausalität des äußeren literarischen Zusammenhangs von einer zweiten mächtigeren gekreuzt und getragen. Sie ist selbst wieder das Erzeugnis eines geschichtlichen Prozesses in dem die wissenschaftlich formulierten Gedanken höchstens die Rolle des Koeffizienten spielen. Die Theorie benutzt die Bausteine, die die geistige Arbeit der Vergangenheit gestaltete: Ihr inneres wirksames Leben muß sich beständig neu erzeugen aus den Ideen, die in einem organischen Zusammenhang mit den geistigen und materiellen Strömungen der Gegenwart um sie leben. Waren verwandte Richtungen dank ihrer Herkunft aus bleibenden Zweckideen oder mächtigen Trieben einmal stark genug, sich eine Doktrin als ihr wissenschaftliches Spiegelbild zu schaffen, dann besitzen gleichartige Zustände, die sich auf gleichartiger Grundlage aufbauen, dieselbe Macht. Die Theorie hört auf originell zu erscheinen. Aber weil sie den Zusammenhang mit der Wirklichkeit und die Fähigkeit und Lust zu gestalten behält, bleibt sie vor dem Los der Erstarrung bewahrt oder fährt wenigstens fort ein Faktor der realen Entwicklung zu sein.
Liberalismus und Aufklärung sind eine der Grundlagen unseres Lebens. Die Zuversicht ihrer Vertreter ist erschüttert; der Liberalismus ist zu Kompromissen und Zugeständnissen genötigt worden, die sein ursprüngliches Wesen zersetzen. Aber noch ist er eine Macht: Alle unsere öffentlichen Institutionen sind unter seinem Einfluß umgebildet worden; er hat nicht aufgehört das Glaubensbekenntnis ganzer Klassen zu sein. Noch größer ist seine stille Macht und in den Begriffen und Methoden der Wissenschaft, in der wissenschaftlichen Fragestellung begegnet uns die Nachwirkung der Aufklärung.
Die wirtschaftlichen und politischen, die wissenschaftlichen und religiösen Axiome und Anschauungen, in denen die Ideen des Liberalismus wurzeln, erhielten die Form einer umfassenden, von einem Geist beherrschten Theorie durch JOHN LOCKE. In ihr spiegelt sich die Zeit der zweiten englischen Revolution, die Denkweise einer Epoche, in der das englische Bürgertum die Siege erfocht, die seine Herrschaft über das nationale Leben bewiesen und bestätigten. Sie ist der Prototyp von Erscheinungen, die sich auf einem verwandten Untergrund bis auf unsere Zeit erneuerten. Die französischen Vertreter des Liberalismus, die seinen Gedanken ihre dialektisch zugespitzte Form gaben, haben im Vergleich mit einer Theorie, die die Eigenart, die innere Einheit und das naive Selbstbewußtsein ursprünglicher Kraft besitzt, nur den Wert einer abgeleiteten, sekundären Bewegung, mag auch ihre unmittelbare Einwirkung auf Deutschland größer gewesen sein. Die Entwicklung Englands eilte der Entwicklung des Festlandes voraus. Bestimmte Phänomene des wirtschaftlichen Lebens gewannen hier zuerst eine feste Gestalt und eine Macht, die ihnen eine Theorie schuf. Darauf beruth der Einfluß, den die politischen und sozialen Ideen Englands in Europa ausübten und der Wert, den jener Prototyp für die historische Beobachtung hat. Die Erscheinungen sind dem Auge ferner gerückt, die störende Wirkung der unmittelbaren Nähe ist beseitigt; eine unbefangene Untersuchung ist denkbar und der Zusammenhang mit der Gesamtheit des sozialen und geschichtlichen Lebens wird erkennbar. Freilich liegt hierin auch die Gefahr, der die historische und systematische Betrachtung nur zu oft erlegen ist: sie sah in der englischen Entwicklung ein absolutes und maßgebendes Musterbild und verkannte neben der Gleichartigkeit der abendländischen Bildung die Verschiedenheit der geschichtlichen Bedingungen.
Der Empirismus, der Forschung und Weltanschauung beherrschte, erhielt durch LOCKE eine skeptische Wendung, die im Wesen der modernen Wissenschaft begründet war, weil jede neue Entdeckung den Gegensatz von Vorstellung und Wirklichkeit enthüllte und die epikureische Atomistik, die Locke als notwendige Hypothese behandelt, das wahre Wesen des Stoffes jenseits der sinnlichen Wahrnehmung findet. Die Erfahrung, mag sie sich als Sinneswahrnehmung oder Selbstbeobachtung äußern, ist die Quelle und die Grenze aller Erkenntnis. Die Skepsis geht aus von einer Untersuchung der Vorstellungen: Die Sinneseindrücke sind Wirkungen unbekannter Kräfte auf die Organe, stoffliche Bewegungen, die keine Ähnlichkit mit den Empfindungen haben. Die Begriffe und Namen, in denen sich das Denken bewegt, sind kein adäquates Abbild der Wirklichkeit, und ihr System deckt sich nicht mit der natürliche Ordnung der Dinge. Der Glaube, daß unsere Vorstellungen der Wirklichkeit entsprächen, ist die Ursache des Irrtums. Diese Skepsis erhebt sich zu einer umfassenden Kritik der Kausalitätsidee: Die wahre Natur des Geistes ist uns ebenso unzugänglich wie die des Stoffes. Wir kennen nur sekundäre Eigenschaften. Die reale Ursache und die Wirkungsweise der Substanzen bleibt ewig unklar. Ursache und Wirkung ist so verschieden, daß ihre Verknüpfung sich unserem Verständnis entzieht. Wir sehen die Dinge nur durch das Medium unserer Vorstellungen, Da diese einer zufälligen Erfahrung entstammen, bilden sie keine innerlich zusammenhängende Kette; ihre Verbindung ist nur empirische gegeben, kein im Wesen geistiger Erkenntnis begründetes Gesetz. (1) Damit ist die letzte Möglichkeit, zu einem wahren Wissen zu gelangen, abgeschnitten. Der Gedanke, daß Wissenschaft die Analyse eines notwendigen und als notwendig empfundenen Vorstellungsinhaltes sei, wird abgelehnt.
Der Empirismus verbot den Erkenntnisgrund aus dem Objekt in das Subjekt zu verlegen. Die zwingende Gewalt mathematischer, also logischer Gesetze, ihre Bedeutung für die objektiven Tatsachen der Mechanik und die Bewegungen der Himmelskörper, zerstörte die behaglichen Jllusionen des Empirismus: auf dem Boden der modernen Wissenschaft erwuchs ihnen ein unüberwindlicher Feind in NEWTONs principiis mathematicis philosophiae naturalis, und der Versuch, das absolute Gesetz des subjektiven Denkens zum Prinzip der objektiven Welt zu erheben, die mathematischen Gesetze als Anschauungs- und Wirkungsformen des Weltgeistes zu begreifen, fesselte und befriedigte eine pantheistische Betrachtungsweise. LOCKE erklärte im Anschluß an HOBBES die zwingende Gewalt der mathematischen Wahrheiten aus einer willkürlichen Tat der Vernunft: die mathematischen Begriffe sind das Werk der kombinatorischen Tätigkeit des Geistes, die mathematischen Sätze die Interpretation dieser Begriffe; ihr Verhältnis zur realen Welt bleibt unerörtert. Damit ist der skeptische Empirismus gerettet. An die Stelle der Einheit tritt ein unbegreiflicher Parallelismus von Außen- und Innenwelt. Die Kritik ist ein Mittel um die Spekulation zu vernichten, die Sehnsucht nach der Erkenntnis des wahren Wesens der Dinge zu paralysieren. Die Forschung steht im Dienst praktischer Aufgaben. (2) Der Zweck der Wissenschaft ist die Entdeckung sogenannter Gesetze, konstanter Verbindungen, die im Leben verwertbar sind. Dabei bleibt der menschliche Geist passiv: er ist nicht mehr als ein Behälter von Vorstellungen, die die Außenwelt ihm aufzwingt und zwar allen normalen Menschen mit gleicher Notwendigkeit. An die Stelle der Selbstgewißheit tritt das Recht des Durchschnittsverstandes: sein Erkenntnistrieb ist befriedigt, wenn die Regelmäßigkeit einer Erscheinung den Glauben eines Verständnisses nährt. Der Subjektivismus mündet in die Normalanschauung ein, die sich ihrer Bedingtheit nicht bewußt ist. Hinter ihr steht die Macht des gesellschaftlichen Urteils und der Klassen, die seine Träger sind. LOCKE gesteht zu, daß den Massen des Volkes die rationalistischen Ideen fremd sind, ohne sich um den Widerspruch zu kümmern, daß eine Anschauung der menschlichen Natur entsprechen und doch der Mehrzahl der Menschen fremd sein soll, (3) wie ihm bei seiner Behandlung der mathematischen Wahrheiten der Widerspruch mit seiner eigenen Kritik der Annahme eines latenten, unbewußten Vorstellungsinhaltes entgeht.
In dieser Anpassung an eine natürliche Ordnung hat man eine Erneuerung des Stoizismus finden wollen. LOCKEs Ethik, die die Herrschaft der Triebe voraussetzt, ist jedoch der EPIKURs verwandt. Die Stoa warf sich im Vertrauen auf ein ewiges Gesetz der Willkür der politischen und sozialen Entwicklung entgegen. Soweit LOCKE vom Altertum abhängig ist, lehnt er sich an die antike Skepsis an, wiewohl er seine Quellen verschweigt: seine Erkenntnislehre, die die Realität der Außenwelt anerkennt, ihre Erkennbarkeit bestreitet und so die Freiheit des subjektiven Urteils durch praktische Regeln bindet, nähert sich der Sophistik. Sie ist entstanden durch eine Mischung verschiedener Elemente. Während die Ansicht, daß das Wissen ein System von Begriffen sei, ein Rest aristotelischer Theorie ist, entnimmt LOCKE der nominalistischen Philosophie den Fundamentalsatz des Empirismus: "nur Einzeldinge existieren". Er dehnt den Satz auf die formalen Gesetze der Logik, den Satz der Identität und des Widerspruchs aus: sie erscheinen als Zusammenfassung einzelner, konkreter Urteile und Beobachtungen: erst so gewinnt er nach der Kritik angeborener Ideen eine Logik des Empirismus. (4)
Die Mischung verschiedener Elemente gibt seiner Philosophie den Charakter des Epigonentums: gleich fremd ist ihr das faustische Verzweifeln, das schließlich Wahrheit und Befriedigung jenseits der Vernunft sucht, die frische Beobachtungslust des empirischen Forschers und die faustische Zuversicht, die den inneren vernunftgemäßen Zusammenhang der Welt zu begreifen hofft. Die Allgemeingültigkeit des Kausalitätsgesetzes ist gelockert, die Begrenztheit des menschlichen Erkennens gewährt der Wirksamkeit geheimer Kräfte, einem metaphysischen Spuk, Spielraum und nicht einmal der Wunderglaube ist beseitigt. Ist die logische Begreiflichkeit nicht mehr Bedingung der Erkenntnis, dann kann die Erfahrung auch Wunder liefern und der Rationalismus beweist, daß das, was als Wunder erwählt wird und als Wunder gewirkt hat, eigentlich etwas ganz natürliches sein könne. Wieviel gründlicher wußte LUTHER den Wunderglauben zu treffen, indem er die historische Wahrheit des Wunders zugab, aber die Notwendigkeit göttlichen Ursprungs und damit seine Beweiskraft innerhalb der religiösen Erkenntnis bestritt.
Die Vernunft mag passiv, der Spiegel äußerer Eindrücke sein; beim Handeln wird der Geist seiner Aktivität, die Persönlichkeit ihres Rechts und ihrer Antinomie inne. Für den Willen ist die Außenwelt ein Objekt, das seiner Einwirkung unterliegt. Dabei stößt der Geist auf ein metaphysisches und sittliches Problem, auf die Antinomie zwischen dem Bewußtsein der Willensfreiheit, dem Postulat der Verantwortlichkeit und der unbedingten Geltung des Kausalitätsgesetzes. Die großen Denker, in denen sich der Geist der modernen Wissenschaft zu einem umfassenden Weltbild gestaltete, fanden in einem strengen Determinismus die Lösung des Rätsels. Das subjektve Freiheitsbedürfnis ordneten sie einer mathematisch und naturwissenschaftlich begründeten Weltanschauung unter. In ihrem Determinismus waren sie einig mit den religiösen Denkern, mit LUTHER und CALVIN, für die die Unfreiheit des Willens eine Tatsache des Selbstbewußtseins war, aus der die Erlösungsbedürftigkeit entsprang.
Im Widerspruch mit ihnen empfanden die Führer der Aufklärung die Willensfreiheit als unumstößliche Tatsache des Selbstbewußtseins; nicht in der Religion, wie immer wieder vorausgesetzt wird, liegt die Wurzel dieser Empfindung. Aber der Widerspruch kehrt auf dem Boden des Rationalismus wieder; die mittelalterliche Philosophie hatte die Unvereinbarkeit der unerbittlichen Notwendigkeit des logischen Zusammenhangs mit der Entschlußfreihiet erkannt. Mit einer Art von rationalistischer Teleologie setzt sich LOCKE über die Bedenken einer tiefsinnigen Spekulation hinweg: "Ohne Freiheit hätte die Denkfähigkeit keinen Wert, ohne Denkfähigkeit wäre Freiheit ein bedeutungsloses Wort." (5) So wird das Syste, eines rationalistischen Individualismus zur Einheit verknüpft: der Verstand kann die Beweggründe überlegen, prüfen, vergleichen, ohne daß der endgültige Entschluß durch ein unabänderliches logisches oder physisches Gesetz bestimmt wäre.
Aber die Freiheit ist nur der Schein: der Mensch ist der Sklave seiner Triebe. Nicht sittliche Vorstellungen bestimmen den Willen, sondern ein stetes Streben nach sinnlichem Genuß, das zunächst als unüberwindlicher Abscheu gegen Schmerz wirkt. Die Vernunft lehrt dem Menschen die Mittel zu dauerndem Glück einem vorübergehenden Unbehagen vorzuziehen, Sittlickeit ist der Wille und die Fähigkeit, sich den Bedürfnissen der Gesellschaft anzupassen. Der Wille ist ebenso passiv und abhängig wie der Verstand. (6)
Indem der Rationalismus die Freiheit retten will, zersetzt er die Autonomie des praktischen Denkens. LOCKE erkennt, daß die Ethik eines sicheren Maßstabes bedarf; er stellt die Klarheit ihrer Gesetze der Sicherheit mathematischer Wahrheiten zur Seite; denn der Geist schafft selbst die grundlegenden Begriffe. (7) Die Begründung atmet den Geist eines verwegenen Individualismus. Aus dem richtigen, vernunftgemäßen Begriff ergibt sich das richtige Verhalten, z. B. aus der richtigen Vorstellung vom Wesen einer Kirche die wahre Kirchenpolitik. Der Wille ist der Diener des Verstandes, der die angemessenen Ideen liefert. Aber der Verstand ist nach der Auffassung des Empirismus abhängig vom Objekt, von Wirkungen, deren Erkennbarkeit seine Skepsis bestreitet. Er hat keine Schöpferkraft, er ist identisch mit der Normalanschauung. Bei der kombinatorischen Tätigkeit, durch die der Geist die sittlichen Ideen bildet, folgt er dem gesellschaftlichen Urteil, das er als das natürliche empfindet. Dies ist souverän; die Rücksicht auf die öffentliche Meinung wirkt als unwiderstehlicher Zwang stärker als Gottes Gebot und der Befehl des Staates. (8) So zerrinnt das Trugbild der Freiheit. Wer sie zu besitzen wähnt, hat sie verloren. Sie ist zu einem äußeren Verhältnis geworden. Die unbedingte Herrschaft von Trieben, die die physische Wirkung der Außenwelt sind, ist nicht gebrochen, und die Persönlichkeit ist der sozialen Sitte geopfert. Es ist der Individualismus ohne Individualität.
Der Freiheitsbegriff ist seines sittlichen Inhalts beraubt, weil die Verantwortlichkeit des Menschen untergraben wird. Allerdings spricht LOCKE den Kernsatz des sittlichen Individualismus aus: "Die Einheit der Person wird konstituiert durch das Selbstbewußtsein. Also gehören dem Menschen nur die Handlungen an, die er als seine eigenen empfindet und nur für sie ist er verantwortlich", (9) eine Kritik der Lehre von der Erbsünde, die das sittliche Gemeingefühl, die "Sünde der Welt", die soziale Schuld und das soziale Gewissen beseitigt, so wie der Individualismus das lebendige Bewußtsein der gesellschaftlichen Einheit tötet. Im Verein mit LOCKEs Lehre von der Freiheit und Bedingtheit des Willens vernichtet sie die sittliche Verantwortlichkeit, weil sie ihr Subjekt beseitigt. Die Gesellschaft trägt keine Verantwortung, denn ihrer ist nur das Individuum fähig und dieses ist bei allen Äußerungen des wirtschaftlichen Egoismus gedeckt durch die gesellschaftliche Normalanschauung, die mit der Kraft einer Naturgewalt auf den Geist wirkt. Die Theorie ist den herrschenden Klassen Englands auf den Leib geschnitten, sie gehört, ihres wissenschaftlichen Gewandes beraubt, zum Glaubensbekenntnis der liberalen Bourgeoisie; sie hat ihr Seitenstück im Probabilismus [moralisch erlaubt ist, was aus annehmbaren Gründen getan wird - wp] der Jesuiten, der in derselben Weise die Heiligung des Willens und die sittliche Persönlichkeit zerstörte.
In den religiösen Ideen setzt sich der Geist, der die Herrschaft des Eigennutzes über den Willen wahrnimmt, eine Schranke, die durch ihre Verbindung mit einem ewigen Gesetz die Kraft einer allgemeingültigen und autoritativen Norm hat. Wenn die Seele in ihre Tiefe steigt, findet sie vielleicht das religiöse Erlebnis, sicher das religiöse Bedürfnis und Verlangen. Mit der Sicherheit eigener Erfahrung deutete LUTHER das Wesen der Religion: Was heißt das, einen Gott haben? Etwas haben, worauf sich der Mensch verlassen kann den Feinden gegenüber, vor denen menschliche Kraft ohnmächtig ist, der Sünde, dem Tod, der Verzweiflung. Ein Gott, der nach außen nichts bewegen kann, der nur als Urheber, in Wirklichkeit also als Diener der natürlichen Notwendigkeit figuriert, eine Norm, die nur das Individuum bindet, befriedigt das religiöse Bedürfnis nicht und das Verlangen des Geistes wird nicht gestillt durch einen erkenntniskritischen Machtspruch. Der Mensch will sein inneres Leben in der äußeren Welt wiederfinden, von der religiösen Idee aus, die zum Mittelpunkt seines geistigen Daseins wird, die Welt begreifen und ihre Ordnungen gestalten. Die Dogmatik war kein müßiges Spiel der Spekulation, sondern ein Teil der Religionsbildung und diese Tatsache wird dadurch nicht hinfällig, daß die Dogmen sich von ihrer psychologischen Grundlage lösten und zu theosophischen Formeln wurden. Was wirklich ist, ist notwendig und darum bedingt, als Erkenntnis ein notwendiges und bedingtes Erzeugnis der geistigen Natur des Menschen. Von diesem Gesetz ist die moderne Erkenntniskritik nicht ausgenommen, die ihren absoluten Charakter selbst vernichtet und zu einer destructio destructionum wird. Weil die Reformation der Sehnsucht entsprang, aus der Öde einer spitzfindigen Theologie und einer veräußerlichten Kirchlichkeit zu der ursprünglichen Kraft und Tiefe religiösen Denkens zurückzukehren, weil sie eine Erneuerung des religiösen Lebens war, führte sie zu dem Versuch, den christlichen Ideen Einfluß auf die großen Ordnungen des Lebens zu verschaffen; sie betonte die religiösen und sittlichen Pflichten des Staates. Aus demselben Grund führte sie zu einer Erneuerung der dogmatischen Spekulation. Das war ihre unmittelbare Wirkung, die für das geschichtliche Urteil maßgebend bleibt, obgleich gewichtige Autoritäten die erneuerte Dogmatik für ein Schattenspiel mittelalterlicher Metaphysik, die Tat LUTHERs für die Auflösung des Dogmas erklären.
Die Rücksicht auf die Macht des gesellschaftlichen Urteils, die Theorie, die in der Analyse des Denkinhaltes das Mittel der Erkenntnis fand, verbot LOCKE die religiösen Vorstellungen, die ihre Realität durch ihre Macht bewiesen, beiseite zu schieben. Wollte er nicht mit HOBBEs den Gottesbegriff zu einem Grenzbegriff des Erkennens machen, (10) so blieb ein dreifacher Weg um die religiösen Ideen zu neutralisieren zugunsten der Aufklärung: der Rationalismus, die anthropomorphische Umgestaltung des Gottesbegriffs und die theologische Historisierung der eigenen Vorstellungen. Alle drei Wege schlug er ein, indem er HERBERTs deistischen Versuch, mit Hilfe der vergleichenden Religionsphilosophie den religiösen Ideen einen bestimmten Inhalt zu geben, zurückwies.
Die Aufklärung hatte kein Verständnis für die geistigen Bedingungen einer lebendigen Religion: für ihren Optimismus war die Sünde keine Macht, die den Menschen knechtet, sondern nur eine Unvollkommenheit; eine Unsterblichkeitslehre, die das Hoffen der Seele zu einem anthropologischen Lehrsatz machte, nahm dem Tod seine Schrecken, und Verzweiflung war angesichts der Fortschritte der Technik und der Erfolge des Bürgertums etwas höchst unvernünftiges. Das Selbstbewußtsein der Vernunft verdrängte die religiöse Seelenstimmung, die die göttliche Gnade begehrt. So wurde der Gottesbegriff zur "ersten Entdeckung des menschlichen Verstandes", (11) der Glaube zu einem unvollkommenen Wissen, die Offenbarung zu einer Stütze der Denkfaulheit.
Ist die Gottesvorstllung eine Entdeckung des Verstandes, dann ist sie den Gesetzen der verstandesmäßigen Erkenntnis, also einem rationalistischen Empirismus unterworfen: "Der fortgeschrittenste Gottesbegrif besteht nur darin, daß wir Gott die gleichen Attribute, die wir durch Selbstbeobachtung in uns selbst finden, in größter Vollkommenheit zuschreiben." (12) Die Selbstbeobachtung ist die Quelle der Gotteserkenntnis; das ist der Anthropomorphismus der Aufklärung: Gott ist ein ins Kolossale verzerrter Mensch, dem gerade durch die Unbegrenztheit jede klare Bestimmtheit genommen ist. Er enthüllt seinen Willen durch die Vernunft und die Offenbarung. Ein Widerspruch zwischen beiden ist unvereinbar mit Gottes Wahrhaftigkeit. Da der Sinn der Offenbarung umstritten und der Deutung fähig, die Sprache der Vernunft unzweideutig ist, so wird jene der Herrschaft der rationalistischen Ideen unterworfen. Sie dient dazu diesen mit ihrem geschichtlich und sozial bedingten Inhalt eine Sanktion zu geben, die praktisch wertvoll ist, weil das natürliche Licht nur dem Verstand der Gebildeten hell genug leuchtet und das Volk der Offenbarung bedarf.
Ihrem Charakter entsprechend mußte die Theorie den offenen Bruch mit den Mächten vermeiden, die die Gesellschaft als unentbehrliche Grundlage anerkannte: sie sollte christlich und protestantisch sein. Bereits damals versuchte man den Protestantismus im Sinne des Rationalismus umzudeuten und ihn als Kritik, als Protest der Vernunft gegen den Aberglauben aufzufassen. Die Sprödigkeit des Calvinismus und der Orthodoxie erschwerte den Versuch. LOCKE ging über die historischen Erscheinungsformen des Christentums auf sein ursprüngliches Wesen zurück. Er ist der Vorläufer einer historische Theologie, die von den Ideen der Aufklärung beherrscht wird.
Ihren Anschauungen entsprechen seine methodische Grundsätze: "Nicht in den Briefen, sondern in den historischen Evangelien finden wir das ursprüngliche Wesen des Christentums." (13) LUTHER vertrat in der Schätzung der neutestamentlichen Schriften den entgegengesetzten Standpunkt: "Johannes Evangelium und Sankt Pauli Episteln, sonderlich die zu den Römern, und Sankt Peters erste Epistel ist der rechte Kern und Mark unter allen Büchern. Denn in diesen findest du nicht viel Werke und Wundertaten Christi beschrieben, du findest aber gar meisterlich angestrichen, wie der Glaube an Christum Sünde, Tod, Hölle überwindet und dem Leben Gerechtigkeit und Seligkeit gibt." Nicht eine Tatsache historischer Erkenntnis, sondern der Glaube, die innere Erfahrung, ist die Grundlage der Religion; die geschichtliche Persönlichkeit wird in den logos, eine geistige Kraft zurückverwandelt. LUTHER näherte sich den Schwarmgeistern, die CHRISTUS als das innere Licht betrachteten. Er verwarf die doktrinäre Fassung des Gedankens und schützte sich in der Weise starker Naturen durch einen gewaltsamen starren Biblizismus gegen die Konsequenzen seiner eigenen Ideen, die die gebundenen Formen des religiösen Gemeinlebens mit Auflösung bedrohten.
"Hoc est Christum cognoscere", so formuliert MELANCHTON den Kern der lutherischen Theologie, "beneficia eius cognoscere, non quod isti docent, eius naturas, modos incarnationis intueri." [Um Christus zu erkennen, ist es nicht von Vorteil zu verstehen, was er lehrt, sondern die Natur seiner Menschwerdung zu begreifen. - wp] Die Kritik ist gegen die scholastische Methode gerichtet, die den metaphysischen oder physiologischen Prozeß der Menschwerdung zu begreifen und von hier aus die Religion zu erbauen suchte. Sie trifft auch die historische Theologie, die einen geschichtlichen Prozeß und eine historische Erkenntnis zu ihrer Grundlage macht und die unmittelbare Erfahrung durch eine gelehrte Methodik unterstützt.
Jede wissenschaftliche Geschichte des Christentums beginnt mit dem offenen oder versteckten Zugeständnis, daß seine geschichtlich greifbaren Erscheinungen den ursprünglichen Kern verdunkelten oder verfälschten. Sie scheidet also das Objekt von den Wirkungen, in denen es sich äußert. Sie unterscheidet, um das wahre Wesen des Christentums zu erkennen zwischen bleibenden und zufälligen Ursachen, zwischen Effizienten und Koeffizienten. Aber ist der Zusatz von phantastischen und abergläubischen Gedanken, von politischen und sozialen Hoffnungen, der sich mit dem Inhalt verband, der uns als ewig wertvoll vorkommt, nicht oft genug das eigentlich Wirksame gewesen? Erscheint er nicht in jeder erkennbaren Gestalt des Christentums? Steht nicht hinter den wechselnden Koeffizienten ein bleibendes Gesetz der menschlichen Natur? Ist es erlaubt bei einer bestimmten Persönlichkeit von den Bedingungen des geschichtlichen Daseins zu abstrahieren, weil das Halbdunkel der Überlieferung die theoretische Möglichkeit gewährt? Der historisch gerichtete Rationalismus vernichtet sich selbst, weil er seinen Voraussetzungen nicht treubleibt und die Wirksamkeit und Notwendigkeit von Kräften anerkennen muß, die ihn aufheben. Zugleich entstellt er die historische Forschung.
Die Ursprünge des Christentums verlieren sich in eine Tiefe, die der Kombination einen weiten Spielraum gewährt. Die Forschung läßt sich von Vorstellungen leiten, die nur die Selbsttäuschung als objektive Wahrheit betrachten kann. In der Vergangenheit sucht und findet der Mensch sich selber wieder. Daß wir nur mit unseren Organen sehen, ist vor allem ein Gesetz geschichtlicher Erkenntnis und keine wissenschaftliche Methode kann von ihren Bedingungen befreien. Die geschichtliche Forschung der Aufklärung unterwarf eine Erscheinung und eine Persönlichkeit, die der Glaube mit einer unzerstörbaren Autorität bekleidete, ihren Gedanken, indem sie die Gestalt CHRISTI angeblich von allen fremden Zutaten befreite. An die Stelle des lebendigen konkreten Inhalts des Urchristentums setzt LOCKE eine Formel, die Annahme des "Satzes", "Christus von Nazareth ist der Messias"; er verdankt sie HOBBES und will die Religion paralysieren, ohne den Widerspruch der Macht zu erwecken, Umkleidet man das Schema mit einigen humanitären Ideen, so ist das Christusbild der Aufklärung fertig.
Die Folgen waren doppelter Art: Eine Religion, deren wesentlicher Zweck war, den Atheismus zu vermeiden und den Aberglauben zu bekämpfen, die Stütze der Tugendlehre zu sein, verödete; "da die Tugend bei aller ihrer Schönheit keine Mitgift hatte, fanden sich wenige Bewerber um sie. Aber als das Christentum ihr in der Aussicht auf die ewige Seligkeit eine ordentliche Ausstattung gab, wurde die Sache anders. Das Interesse kommt ins Spiel und nun ist die Tugend ein vorzügliches Geschäft." (14) Eine solche Kalkulation, die nicht ironisch gemeint ist, ist die letzte Entartung der Scholastik, mit der Reformation hat sie nichts gemein. Man wird sie heute kaum ernsthaft nehmen. Anders steht es mit der zweiten Konsequenz der Theologie der Aufklärung, der Neutralisierung des Christentums in der Organisation des sozialen Daseins. In der Befreiung des staatlichen, des rechtlichen und wirtschaftlichen Lebens von religiösen Einflüssen sieht die liberale Theorie die Tat, die den modernen Staat und die moderne Gesellschaft möglich machte, und die Theologie, die ihr zur Seite geht, lehrt die Indifferenz des Christentums gegenüber den Formen der sozialen Ordnung. LOCKE leitet sie historisch aus dem Wesen des Christentums ab.
Dabei setzt er sich in Widerspruch mit der wirklichen Geschichte: die Religion trug nie einen rein privaten Charakter; weil das Christentum universal sein wollte, verzichtete es nicht auf den Einfluß auf Staat und Gesellschaft. Erst durch die großen kirchenpolitischen Institutionen des Mittelalters ist der religiöse Gehalt des Christentums den Individuen nahe gebracht worden. Daran ändert die Reformation, die in ihren Landeskirchen eine unmittelbare Verbindung zwischen Staat und Kirche schuf, zunächst nichts und der Gedanke einer Verweltlichung des Lebens lag dem deutschen Reformator fern. Erst Calvinismus und Orthodoxie bereiteten die Aufklärung vor. Die Orthodoxie verwandelte die Religion in eine Reihe theoretischer Sätze, die sie geschichtlich abzuleiten suchte. Während LUTHER in seiner Behandlung der Zinslehre die sozialen Anschauungen der kirchlichen Doktrin zu neuem Leben erweckte, gestattete CALVIN die rücksichtslose Verfolgung des wirtschaftlichen Interesses innerhalb der Rechtsschranken. Im Kampf um die Unabhängigkeit des Staates von der Kirche mochte sich LOCKE als Nachfolger der Reformatoren fühlen, aber er identifizierte wie seine theologischen Gegner kirchliche und religiöse Ideen, Form und Inhalt: unter dem Schein jene zu bekriegen, zerstörte er diese.
Die Isolierung des wirtschaftlichen Lebens ist die Grundlage der Betrachtungsweise, die durch ADAM SMITH und seine Schule ihre systematische Gestalt erhielt und durch ihre Vermittlung der modernen Nationalökonomie ihren Weg vorzeichnete. Sie ist ebenso wenig wie die Verweltlichung der Rechts- und Staatswissenschaft hervorgegangen aus einem Differenzierungsbedürfnis des wissenschaftlichen Bewußtseins; sondern sie ist die theoretische Kehrseite der Emanzipation und Entfaltung der wirtschaftlichen Triebe, die sich in der kirchlichen, politischen und volkswirtschaftlichen Entwicklung Englands vollzog. Was das Leben unter bestimmten Bedingungen geschaffen hatte, erklärte die Wissenschaft für eine methodische Notwendigkeit, indem sie gleichzeitig die Unabhängigkeit von kirchlichen Ideen, die das unentbehrliche Lebenselement der Wissenschaft ist, in ihr Objekt verlegte. Die Isolierung ist doppelter Art: sie scheidet die sittlichen und religiösen Motive aus der Organisation des sozialen Lebens aus und schafft sich ein besonderes Objekt, indem sie die wirtschaftlichen Phänomene aus der Sphäre der allgemeinen, naturwissenschaftlich oder mathematisch erfaßten Kausalität aussondert und ihnen eine eigenartige Gesetzmäßigkeit zuschreibt. Die psychologische Motivierung tritt dabei zurück. Staat und Recht haben die Aufgabe, die Wirkungen der ökonomischen Notwendigkeit anzuerkennen und ihnen eine formelle Sicherheit zu geben. Der nationalökonomische Automat ist fertig. Die Wissenschaft zerlegt ihn in seine Bestandteile und setzt sie wieder zu einem System zusammen, und die Frage nach den Triebkräften, die seine Bewegungen in wechselnden Gestalten stets erneuern, wird methodologisch verboten. Aber der Glaube an die Realität seines Sonderdaseins ist längst erschüttert und vergebens bemüht sich die Erkenntnistheorie diesen Glauben als notwendigen Bestandteil des Bewußtseins neu zu beleben.
Schon vor LOCKE gab es nationalökonomische Monographie. Aber bei ihm zuerst ist die Isolierung ein unentbehrliches Element einer Anschauungsweise, die eine wissenschaftliche Tradition erzeugte und ihr Objekt mit grundsätzlicher Klarheit als Gegenstand einer Betrachtung, die ein autonomes wissenschaftliches Recht beanspruchte, gestaltete. Ihn leitete der Wunsch, der erwerbenden Gesellschaft volle Freiheit in ihren wirtschaftlichen Organisationen zu verschaffen. Die praktische Tendenz macht die Absonderung der wirtschaftlichen Lebensäußerungen zu einer Jllusion. Zweck und Anschauungsform, die die Beobachtungen leiten, haben eine Wurzel. Die Negation hat positive Wirkungen: sie beseitigt die Gegengewichte, die die freie Entfaltung der Theorie des gesellschaftlichen Eigennutzes, des Indidivualismus hemmten, und weisen den widerstrebenden Ideen ein bedeutungsloses Dasein zu. Die Aufgabe der Geschichte ist, aus der Behandlung bestimmter wirtschaftlicher Probleme und Einzelerscheinungen die Gesamtheit sozialer Anschauungen zu rekonstruieren. Diese erscheint zunächst in der Gestalt von Axiomen, die die Einzelvorstellung beherrschen, mit der Selbstgewißheit einer sozialen Überzeugung. Die Geschichte menschlicher Erkenntnis ist die Geschichte der Um- und Neubildung von Axiomen. Ihre Verflechtung in ein System ist der Beginn ihres Untergangs, weil sie als Erzeugnis einer bewußten Theorie die Kritik herausfordern und in das Schicksal ihrer praktischen Konsequenzen verflochten werden. Die geschichtliche Untersuchung muß das Ganze aus seinen Teilen, seinen Symptomen erkennen, und deshalb verfehlt eine Geschichte, sei es die der Volkswirtschaftslehre, sie es die einer bestimmten Betrachtungsweise, etwa des Sozialismus, ihren Zweck, wenn sie sich auf Theorien, die den Stempel der Nationalökonomie tragen, beschränkt und die Einzelvorstellungen nur als Vorläufer von Systemen berücksichtigt.
Wie die Heilkunde der Anfang der Naturwissenschaft ist, so ist das Bild der Störung und der Wunsch der Besserung der natürliche Ausgangspunkt des volkswirtschaftlichen Denkens. Es ist zunächst eine Krisentheorie; in ihr spiegelt sich die Gesamtauffassung. Der Gedanke an die sittliche Ungerechtigkeit des Reichtums neben der Armut, des Überflusses neben dem Elend beherrscht die mittelalterliche Lehre. Die Menschenarmut Ostdeutschlands, der Gedanke an die Autarkie des Staates, dem nur durch eine Vermehrung der Arbeitskräfte, eine volle Ausnützung der Produktionsmöglichkeiten gesichert war, bestimmte die deutschen populationistischen Ansichten des 18. Jahrhunderts. Die Furcht von Überproduktion charakterisiert die moderne Krisentheorie.
Auch die englische nationalökonomische Literatur des 17. Jahrhunderts steht unter dem Eindruck einer schweren Krise. Sie scheint zunächst die Landwirtschaft zu treffen. Das Fallen der Grundrente, der Ruin zahlreicher Grundbesitzer wird als Ursache und Folge des Niedergangs des nationalen Reichtums bezeichnet. Ein kluger Kopf wie PETTY spricht von einer Störung des ganzen Organismus. An der Not der niederen Klassen geht LOCKE gleichgültig vorüber, aber die Einheit des volkswirtschaftlichen Organismus ist ihm klar: die Not der Grundbesitzer ist nur das letzte Glied in einer zusammenhängenden Kette wirtschaftlicher Störungen, ihre Ursache ist eine Absatzstockung, die den ökonomischen Blutumlauf hemmt. Sie beruth auf einer Geldkrisis, auf dem Mangel an Geld, dem Mißverständnis zwischen den Bedürfnissen des Verkehrs und den Zirkulationsmitteln: die Gelddecke ist zu kurz geworden. (15)
Die Krisentheorie entspricht der merkantilistischen Zeitströmung. LOCKE beurteilt die Volkswirtschaft wie ein kaufmännisches Unternehmen und in seiner Schätzung des Geldes huldigt er dem Geist seiner Epoche. Aber man darf nicht annehmen, daß der Glanz des Goldes seine Einsicht blendete; das Edelmetall hat seinen Wert nur als Werkzeug des Handels und Träger der Macht. Der Ausgangspunkt, den er wählt, ist durch die Verkehrswirtschaft geboten: in ihr ist Geldbewegung und Preisbildung die wichtigste Äußerung des wirtschaftlichen Triebes, das Phänomen, in dem die ökonomischen Vorgänge münden und das die Aufmerksamkeit eines Forschers, der die Gesetzmäßigkeit des sozialen Lebens voraussetzt, zunächst fesseln muß, mag auch die Veranlassung von LOCKEs nationalökonomischen Schriften eine zufällige gewesen sein. Es liegt im Wesen des Denkens, zunächst die Oberfläche, die äußere Erscheinung zu erfassen und von hier aus ins Innere vordringend der flüchtigen Ursache nachzugehen. Aber durch den Ausgangspunkt wurde die Richtung der wissenschaftlichen Forschung bestimmt: weil sie beim Phänomen der Verkehrswirtschaft begann, das zur Isolierung besonders geeignet war und den Einfluß des eigennützigen Interesses am reinsten darstellte, übersah sie andere Möglichkeiten.
Das Wesen des Geldes bestimmt LOCKE nach seinen Funktionen. (16) Es ist das Werkzeug des Warenumsatzes und Maßstab des Wertes, und weil es selbst Träger und Unterpfand eines bestimmten Wertes ist, verschieden von jedem anderen Maßstab. Es ist das Mittel der Werterhaltung, also der Kapitalisierung: die Zusammenstellung von Grundrente und Kapitalzins, der Gedanke, beide aus einer Ursache abzuleiten, die Erkenntnis, daß der Geldbesitz ansich einen Zins sichert, enthält rohe Grundrisse einer Kapitaltheorie. (17) Geldbedürfnis ist stets vorhanden; der Absatz des Geldes ist unbegrenzt, während der Absatz jeder anderen Ware seine Grenzen im Bedürfnis hat. Demnach ist das Geld das allgemeine Gut. Dabei unterliegt es Wertschwankungen und den gleichen Preisgesetzen, wie andere Waren. Das Preisgesetz erscheint nicht als ein rein quantitatives Verhältnis von Angebot und Nachfrage; das subjektive Element, das in der Preisbildung eine Rolle spielt, bleibt keineswegs unberücksichtigt: "Der Preis wird bestimmt durch den Entschluß des Käufers, einen größeren oder geringeren Teil des umlaufenden Geldes zum Ankauf einer bestimmten Ware zu verwenden" (18) und nur bei notwendigen Lebensbedürfnissen fällt dieses Moment der Willkür fort. Die preisbestimmenden Faktoren, die auf Seiten des Geldes liegen, bestehen nicht ausschließlich in der Menge des umlaufenden Geldes, sondern sind abhängig von der Schnelligkeit der Zirkulation und dem Bedürfnis der Volkswirtschaft an Barmitteln. Diese Momente wirken mit der Sicherheit eines Naturgesetzes und spotten aller gesetzlichen Bestimmungen. Der natürliche, wechselnde Wert des Geldes setzt sich durch im internationalen Verkehr, der sich dem Gebot des Staates entzieht. (19) Nur in einer geschlossenen Volkswirtschaft, in der die umlaufenden Zahlungsmittel stets das vollkommene Äquivalent aller Waren wären, wäre ein stabiler Wertmesser denkbar.
Die Theorie, die der Beobachtung des Marktverkehrs entnommen ist, allerdings nicht zur Untersuchung der Gesetze von Produktion und Konsumtion führt, aber das Phänomen mit Feinheit und Scharfsinn zergliedert, läßt nur eine Folgerung zu: der Wert des Geldes ist identisch mit seiner Kaufkraft, in ihm fließen innerer und äußerer Wert zusammen und so wird das Geld, dem die Rechtsordnung eine scheinbare Stabilität verleiht, der veränderlichste aller Werte, weil sich in seinem Preis der stete Wechsel aller Warenwerte spiegelt. Es handelt sich dabei nicht um eine müßige Spekulation. LOCKE selbst weist auf die sozialen Verschiebungen hin, die aus der Veränderung des Geldwertes entspringen, auf die Preisrevolutionen, die sich aus dem Gegensatz von wirklichem und rechtlich fixiertem Geldwert ergeben.
Die verfeinerte, geistige Auffassung des Geldwertes wird durchbrochen von einer primitiven, man möchte sagen materiellen oder naturalwirtschaftlichen Anschauung: "Der innere Wert des Geldes besteht in der Menge Silber, die die Münze enthält, und die gleiche Quantität Edelmetall ist der gleichen Quantität immer an innerem Wert gleich." (20) Das ist der Satz, den LOCKE als notwendiges Axiom wiederholt ausspricht, obgleich er zu unlösbaren Widersprüchen mit seinen eigenen Behauptungen führt und an zwei Stellen die Unvereinbarkeit deutlich zutage tritt: "eine Unze Silber", sagt er, "hat nach ihrem inneren Wert, d. h. im Hinblick auf den Gesamthandel der Welt, stets den gleichen Wert, aber nicht in den einzelnen Ländern, wo der Geldpreis vielmehr das Ergebnis der wechselnden Faktoren der Preisbewegung ist" (21), d. h. der reale Wert vernichtet den imaginären. Er identifiziert inneren Wert und Gebrauchswert (22) und der Gebrauchswert des Geldes besteht in seiner Kaufkraft, nicht im Metallgehalt der Münze, der verschwindet und den Benutzern des Geldes in der Regel unbekannt ist. Warum wird die Kette der Schlußfolgerungen durchschnitten und durch den Schein eines historischen Verfahrens, das der materiellen Natur des Geldes, die in primitiven Zuständen seinen Wert allein ausmacht und bei der Auflösung der sozialen Ordnung wieder zum Vorschein kommen mag, ein künstliches Leben einhaucht, die Gegenwart gemeistert?
Das Geld ist ein unentbehrliches Instrument der Rechtsordnung. Im Vertrauen auf seinen Wert verkörpert sich das Vertrauen auf ihre Kontinuität und der Staat, als ihr Träger, muß die Sicherheit des Geldverkehrs überwachen. Die Verträge lauten auf Geldleistungen und der Staat garantiert ihre Erfüllung. Alle Rechtsbeziehungen, die einen plötzlichen Wechsel nicht vertragen, bedürfen eines stabilen Wertmessers. Das Geldproblem wird zu einem Rechtsproblem; von selbst stellt sich der Zusammenhang mit dem sozialen Gesamtleben wieder ein. LITERATUR - Georg Jäger: John Locke, eine kritische Untersuchung der Ideen des Liberalismus und des Ursprungs nationalökonomischer Anschauungsformen, Archiv für Geschichte der Philosophie, Bd. XVII, NF Bd. 10, Berlin 1904
1) Vgl. Essay concerning human understanding, (Works in 10 Volumes, London 1812, Buch IV 4, § 3: it is evident the mind knows not things immediately but only by the intervention of the idea it has of them (II, 23, § 29, § 1ff). Der zweite Teil des Essays wiederholt die kritischen Gedanken in steten Variationen.
2) Our business is not to know all things, but those which concern our conduct. (Essay I-6, § 5.
3) Experience shows that the knowledge of morality by mere natural light ... makes but a slow progresse und little advance in the world. [Works VII, Seite 140] Die Natur müßte überall und mit zwingender Gewalt wirken. Das Mißtrauen in die Wirksamkeit des "natürlichen Lichts" wirft die ganze Theorie über den Haufen. Das gleiche ergibt sich aus der hochmütigen Verachtung der Beschränktheit des Volkes, dem liberalen Bildungsstolz LOCKEs.
4) Da LOCKE seine Quellen verschweigt, ist die Untersuchung schwierig und würde eine besondere Darstellung erfordern. Jedenfalls finden sich zahlreiche Analogien zur skeptischen Erkenntnislehre des SEXTUS EMPIRICUS.
5) On human understanding II, Seite 21, § 47f. Die Grundgedanken § 71. Die Lehre ist in der ersten und zweiten Auflage verschieden entwickelt. Die Unklarheit liegt nicht, wie HETTNER findet, in der Form, sondern in der Sache. Siehe § 67: without liberty the understanding would be no purpose and without understanding liberty would signify nothing.
6) Human understanding II 1, § 29, Seite 34f
7) Human understanding II 5, § 6. Die Begriffe sind geschaffen by the free choice of the mind pursuing its own ends.
8) Die wichtigste Stelle: Human understanding II 28, §§ 10, 11, 12
9) Human understandig II 27, § 9 und 26
10) HOBBES, de corpore XXVI de universo et syderibus.
11) LOCKE, Human understanding I 4, § 17 the knowledge of God the most natural discovery of human reason.
12) Human understanding III 6, § 11. The most advanced notion of God is but attributing the same simple ideas wie have got from reflection, of what we find in ourselves. Definition des Glaubens: Human understandig IV 18, § 2
13) Nach dem Essay "The reasonableness of Christianity", vgl. Works VII, Seite 154: it is not in the epistles we are learn what the fundamental articles of faith.
14) Works II, Seite 150, ähnlich geschäftsmäßig "Human understanding" II, Seite 21
15) Zur Krisentheorie: considerations of the low. of interest, Works V, Seite 24f und 69. Das Bild von der Golddecke ebd. Seite 71. This helps no more against our want than the pulling of a short coveret will.
16) Considerations passim Grundbegriffe zusammengestellt, Works V, Seite 139f
17) ebd. Seite 36
18) Works V, Seite 30
19) Works V, Seite 101 bei der Besprechung des Bimetallismus
20) Works V, Seite 164 und öfter: it is evident that an equal quantity of silver is always of equal value to an equal quantity of silver.
21) Works V, Seite 50: it is certain that an ounce of silver ... is not of the same value at the same time in several parts of the world.
22) Works V, Seite 42

References: § 3
 § 29
 § 1
 § 5
 § 47
 § 71
 § 67
 § 29
 § 6
 § 9
 § 17
 § 11
 § 2