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Timestamp: 2019-07-20 07:52:29+00:00

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Von: Uwe Kai Jacobs
Was ist das Charisma der Lebensordnungen, was ihr rechtlicher Charakter? Wem in der Gemeinde geben die Lebensordnungen welche Rolle? Und da es kein Licht ohne Schatten gibt: Wo liegen ihre aktuellen Probleme? Lässt sich christliches Leben »ordnen«? Diesen Fragen geht Uwe Kai Jacobs in seinem Beitrag nach.
1. Evangelische Spezialität
Kirchliche Lebensordnungen sind eine evangelische Spezialität, nämlich eine kirchliche Text- und Ordnungsgattung eigener Art. Von ihrer Aussage und Zielrichtung stehen sie zwischen geistlichem Leitfaden, seelsorglicher Empfehlung und kirchenrechtlicher Regelung. Ihr Gegenstand sind besondere gottesdienstliche Handlungen. Durch die »Melange« ihres Inhalts – Leitfaden/Empfehlung/Regelung – lassen die Lebensordnungen vieles vom Selbst- und Rechtsverständnis der evangelischen Kirche transparent werden. Die Textgattung als solche ist noch relativ jung. »Lebensordnungen« entstanden im deutschen Protestantismus seit den 1920er Jahren, und zwar in mehreren »Wellen« (zweite Welle in den 1950er Jahren, dritte Welle um die Jahrtausendwende), was kein Zufall war. Die jüngste, umfassende Lebensord­nung datiert von 2013 (EKHN).
Den Charakter einer Spezialität nehmen die Lebensordnungen nicht nur im Vergleich mit anderen Textgattungen regelnden oder ordnenden Inhalts (Gesetze, Verordnungen, Richtlinien) innerhalb der evangelischen Kirchen ein. Erst recht gilt dies im Konfessionsvergleich: Das Thema, um das es hier geht, regelt die römisch-katholische Kirche im Sakramentsrecht (und in anderen Teilen) ihres zentralen kirchlichen Gesetzbuches, des Codex Iuris Canonici von 1983. Sie blickt auf das Thema mit der ihr eigenen Optik, mit dem ihr eigenen Verständnis von Kirche, Amt und Sakrament. Unberührt davon bleiben Inhalt1 und Rezeption der Lebensordnungen in der evangelischen Kirche nicht. Zumal sich ökumenische Kontexte allenthalben stellen, etwa bei der kirchlichen Trauung eines evangelisch-katholischen Ehepaares. Unterlegen ihr die Akteure dasselbe Verständnis?
2. Was »ordnet« die »Lebensordnung«?
In einem engeren Sinne verstehen sich die evangelischen Lebensordnungen als »Ordnung« von Kasualien, auch »Amtshandlungen aus besonderem Anlass« genannt, und beziehen sich auf die casus einer traditionellen christlichen Biographie:
• Taufe (Lebensordnung (LO) Taufe)
• Konfirmation (LO Konfirmation)
• kirchliche Trauung (LO Ehe und kirchliche Trauung)
• kirchliche Bestattung (LO Bestattung, Sterbe- und Trauerbegleitung)
• Teilnahme am Abendmahl (LO Abendmahl).
Teilweise sind diese Lebensordnungen in einem gesamten Text zusammengefasst (EKHN).
Es geht um das christliche Leben. Der Topos der kirchlichen Lebensordnung knüpft damit an den auch aus der Poesie oder der Kulturwissenschaft bekannten Begriff der Lebensordnung an, ohne dessen abgrenzende Tendenz gegenüber dem Recht zu übernehmen, also ohne die alte Dichotomie von Rechtsordnung (ius) und Lebensordnung (mores) sich anzueignen.
Es geht um konkrete Fälle, um casus. Daher werden die Kasualien in der theologischen Literatur (Fechtner, Späte Zeit der Volkskirche, 28) und in Anknüpfung an einen älteren, ethnologischen Begriff (van Gennep) als rites de passage bezeichnet, das heißt als Übergangsriten und Schwellenrituale. So kann die Konfirmation als Schwellenritual zum kirchlichen Erwachsenenleben für Vierzehnjährige (in Verbindung mit der Religionsmündigkeit nach staatlichem Recht) begriffen werden. Damit wird zugleich klar, dass es den Lebensordnungen nicht um jegliche denkbaren Schwellen geht, z.B. nicht um die Schwelle zur Lebensmitte oder zum Ruhestand, sondern um ausgewählte, spezifische Schwellen, und zwar solche, die den Rhythmus einer christlichen Biographie markieren. Darauf wird zurückzukommen sein.
Lebensordnungen ordnen die oben genannten Themen (Taufe, Konfirmation etc.) in einem methodischen Dreischritt (soziologischer, theologischer, rechtlicher Abschnitt) unter Aspekten wie diesen:
• Was ist in der evangelischen Kirche möglich/zulässig, was ist nicht mög­lich/unzulässig?
• Was ist mit dem evangelischen Glauben vereinbar?
• Wie wird das kommuniziert?
• Wer ist am Geschehen wie zu beteiligen?
Die verbindliche Antwort im konkreten Fall geben die Gemeinde und das Pfarramt vor Ort. Dabei ist kein Willkürakt zu befürchten. Die Lebensordnungen geben einen klaren Rahmen vor. Im Übrigen weiß das Kirchenrecht davon, dass es unter den Gemeinden unterschiedliche Meinungen und Ausrichtungen geben kann. Dies ist nicht zu negieren, aber auszutarieren: Die Gemeinden »nehmen in ihren Handlungen und Entscheidungen Rücksicht aufeinander und auf das Zusammenleben im Kirchenbezirk« (Art. 5 Abs. 2 Satz 2 Grundordnung Baden – GO).
Noch in den 1950er Jahren war umstritten, ob die Sakramente Taufe und Abendmahl in den Kontext der Lebensordnungen zu stellen sind (Erik Wolf, 1961, 544). An dieser Streitfrage wird deutlich, dass die Lebensordnungen, anders als ihre unprätentiöse Selbstbezeichnung vermuten lässt, zentrale Themen berühren, nämlich Fragen nach dem Verhältnis von Recht und Theologie bzw. Recht und Seelsorge, wie sie konkret aufgeworfen werden durch Fragen wie diese:
• Wer ist zugelassen zum Abendmahl? Darf es verweigert werden?
• Wer hat »Anspruch« auf eine kirchliche Amtshandlung?
• Kann eine Amtshandlung, und wenn ja von wem unter welchen Gründen, versagt werden, darf sie nur aufgeschoben werden?
3. Lebensordnungen und andere Ordnungen
Zu den Lebensordnungen können ergänzende »Ordnungen« hinzutreten, in der Evangelischen Landeskirche in Baden etwa die Konfirmandenarbeitsordnung. Das mag überraschen. Hierbei geht es aber nur um die »Ordnung« eines Arbeitsfeldes. Vom rechtstechnischen Genus handelt es sich also um etwas gänzlich anderes als bei einer Lebensordnung, die keine Ordnung im Sinne der juristischen Normhierarchie (Gesetz – Verordnung – Satzung/Ordnung) ist, bei der vielmehr »Ordnung« als etwas umfassendes gemeint ist, etwa so, wie es im Ordinationsversprechen anklingt: »Ich gelobe […], meinen Dienst nach den Ordnungen meiner Kirche auszuüben […]«, Art. 90 Abs. 3 GO Baden.
Kasualien sind Teil der evangelischen Gottesdienstkultur. Daher verwundert es nicht, dass die Ausgestaltung von Kasualgottesdiensten zugleich ein Thema liturgischer Handreichungen der Landeskirchen ist (»Liturgischer Wegweiser«, Baden, 2008; »Auf dem Weg zur kirchlichen Trauung«, Pfalz). Handreichungen, die es zum Thema auch auf gemeindlicher Ebene gibt (Flyer, Webseite), aber auch auf EKD-Ebene (»Handreichung Bestattungskultur«), dienen allein der Erläuterung. Sie regeln nichts.
Anders liegt der Fall bei Vereinbarungen, die unter den christlichen Kirchen im Rahmen ökumenischer Beziehungen abgeschlossen werden und die eine wechselseitige Anerkennung von Amtshandlungen oder die Zulassung zum Patenamt regeln. Sie binden die beteiligten Kirchen als Vertragspartner.
4. Wer verantwortet die Lebensordnungen?
Wer erlässt die Lebensordnungen? Es sind die Landeskirchen oder die Kirchenbünde VELKD und UEK, was sowohl die Konfessionalität der LO als auch die Einheit der kirchlichen Ordnung innerhalb der Konfessionsfamilie betont. In den Landeskirchen obliegt der Erlass der Landessynode. Daher bemühten sich die Landessynoden, den zuvor genannten ökumenischen Vereinbarungen, auch wenn sie von anderen Kirchenorganen unterzeichnet wurden, zuzustimmen oder vergleichbare Dokumente selbst zu beschließen. Auch ergänzende Beschlüsse zu den Lebensordnungen haben jeweils die Landessynoden getroffen und nicht das leitende geistliche Amt oder das Landeskirchenamt. Ein Beispiel bietet der Beschluss der badischen Landessynode vom 23. April 2016 zu evangelischen Traugottesdiensten für Paare, die miteinander eine eingetragene Partnerschaft nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz eingegangen sind.
Dass es Lebensordnungen einzelner Landeskirchen und solche der Kirchenbünde gibt (wie bei Agenden), verursacht manchmal Probleme. Übernimmt eine Landeskirche die Lebensordnung eines Kirchenbundes, also eine für mehrere Kirchen geltende Ordnung, dann bleiben rechtssystematische Lücken nicht aus. Denn die Lebensordnung des Kirchenbundes kann auf den Rechtsstand der Gliedkirche nicht im Einzelnen Bezug nehmen; sie müsste ansonsten auf Besonderheiten in mehreren Kirchen zugleich eingehen und würde damit ihren Anspruch, klar und verständlich zu sein, einschränken oder aufgeben. Misslich ist das dennoch. So gilt in Baden die LO Abendmahl der UEK, die keinen Bezug zum badischen Abendmahlsverständnis (§5 Unionsurkunde von 1821) herstellt. Vielleicht bedarf es dessen aus theologischen Gründen nicht. Aus Aspekten kirchlicher Identität (Vorspruch Abs. 4 GO Baden) kann es Anfragen auslösen, ebenso aus Aspekten der Einheit der landeskirchlichen Rechtsordnung. Enthält sie Widersprüche, büßt sie an Überzeugungskraft ein.
5. Wie verbindlich sind die Lebensordnungen?
Lebensordnungen sind in vielen Landeskirchen keine Kirchengesetze im formalen Sinne, werden aber durch Gesetz, wie es die badische Grundordnung formuliert (Art. 60 Nr. 5), »eingeführt«, das heißt solennisiert (in das Kirchenrecht eingegliedert). Lebensordnungen werden also synodal verantwortet. Ihr Inhalt beansprucht insofern Verbindlichkeit, »dass eine abweichende Praxis einer besonderen Rechtfertigung bedarf« (Winter 2011, 372). Konsequenterweise werden Lebensordnungen im kirchlichen Amtsblatt publiziert und in die kirchlichen Rechtssammlungen aufgenommen. Lebensordnungen mögen in besonderer Weise »konfiguriert« sein, gehören aber zum »regulären Recht« (unklar: Penßel 2019, 157).
In der rheinischen Kirche besteht eine klassische gesetzliche Regelung: »Lebensordnungsgesetz – Kirchengesetz über die Ordnung des Lebens in der Kirchengemeinde«. Es stammt von 1996 und hat spätere Änderungen erfahren. Das Lebensordnungsgesetz versteht sich als Ausführungsgesetz zu den entsprechenden Artikeln der rheinischen Kirchenordnung (vgl. Art. 130 KO), bezieht sich also auf die Kirchenverfassung. »Höher« in der Normhierarchie kann man das Thema kirchenrechtlich nicht ansiedeln, aber auch nicht konventioneller in der Form. Die Kirchenordnung regelt dabei durchaus jene Details, die in anderen Gliedkirchen der EKD durch Lebensordnung bestimmt werden: »Die Konfirmation berechtigt zur selbstständigen Teilnahme am Abendmahl, zur Übernahme des Patenamtes und zur Teilnahme an der Presbyteriumswahl« (Art. 84 Abs. 5 KO Rheinland; vgl. Art. 9 Abs. 7 LO Konfirmation Baden).
Auch in der westfälischen Kirche ist die LO Teil der KO. Ebenfalls in der lippischen Landeskirche ist die LO ein Gesetz: »Kirchengesetz über die Ordnung des Lebens in der Gemeinde – Lebensordnung.« Insofern bilden die einander benachbarten Landeskirchen Rheinland-Westfalen-Lippe eine Regelungsfamilie. Als nahe »Familienangehörige« mag die Pfalz, Nachbarin des Rheinlandes, gelten. Geregelt ist in der pfälzischen Kirche von allen Kasualien nur die Konfirmation2, diese aber gesetzlich: Gesetz über die Ordnung der Konfirmandenarbeit. Wie die genannten eine unierte Landeskirche regelt die EKKW die kirchliche Trauung ebenfalls qua Gesetz (Kirchengesetz über die Trauung).
Ohne Tradition ist dieses Vorgehen nicht. Vor den Lebensordnungen des 20. Jh. war eine gesetzliche Regelung des Kasualrechts, zumindest in Rudimenten, in vielen Landeskirchen üblich, wie ein Blick auf Baden zeigt, und zwar auf §8 Abs. 2 der badischen Unionsurkunde. Dort wird als ein Inhalt und als ein Ziel der damaligen Kirchengemeindeordnung genannt: »[…] Sittenleitung zur Erhaltung und Förderung christlicher Ordnung […]«. Von der »kirchlichen und sittlichen Lebensordnung in den Gemeinden« spricht auch die württembergische Kirchenverfassung (Art. 22 Abs. 2 Nr. 3), die aus der Zeit zwischen den Weltkriegen stammt. Die geltenden Lebensordnungen bemühen sich eher um einen kommunikativen Ansatz (Grethlein 2016, 389).
Die Diskussion um die angemessene Form des Genus »Lebensordnung« ist so alt wie das Genus selbst (Friedrich 1978, 461ff; Conring 2016, 402ff). »Form follows function«? Das Regelwerk »LO« lässt sich jedenfalls in die klassische Normhierarchie nicht einordnen, soweit es nicht Teil der KO ist. Praktische Unterschiede zwischen den Typen – LO als Ordnung eigener Art versus LO als Gesetz – werden sich kaum ergeben. Dennoch bilden die Lebensordnungen gewissermaßen ein Rechtslabor: Welche Vorgehensweise ist angemessen? Welcher Grad an Verbindlichkeit soll erreicht werden?
Auffällig wirkt es, wenn eine Kirche zwischen den Regelungstypen »switcht«. So hat die badische Landeskirche als Übergangsregelung bis zu einer neuen LO Trauung die kirchenrechtliche Gleichstellung einer kirchlichen Trauung eines gleichgeschlechtlichen Paares mit derjenigen eines Ehepaares gesetzlich geregelt: »Gottesdienste, in denen Paare in gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaft öffentlich unter Gottes Gebot und Verheißung gestellt werden, sind Traugottesdienste« (§1 Traugottesdienst-Gleichstellungs-Gesetz, 2017). Das Gesetz tritt mit einer neuen LO außer Kraft. Das Gesetz als Interim zwischen zwei Fassungen der Lebensordnung? Das irritiert: Spurwechsel nach Belieben?
6. An wen richten sich die Lebensordnungen?
Lebensordnungen gehen im Grunde alle evangelischen Christinnen und Christen an. Lebensordnungen wenden sich nicht explizit an die sogenannte Kerngemeinde. Sie sind adressiert an:
• Gemeindeglieder einschließlich der Kasualgemeinde
• die gewählte Gemeindevertretung (Ältestenkreis, Kirchenvorstand, Presbyterium)3
• das Gemeindepfarramt
• Jubilare einer Kasualie, in Zeiten gesellschaftlicher Mobilität also auch aus der Parochie Verzogene.
Lebensordnungen geben der gesamten Öffentlichkeit Auskunft, wie alles gottesdienstliche Handeln der evangelischen Kirche öffentliches Handeln ist. Denn darum geht es im Kern: Die Verknüpfung von gottesdienstlichem Handeln mit der Lebensbiographie Einzelner (Täufling) oder einer Gruppe (Konfirmanden) an »Knotenpunkten des Lebens«. Lebensordnungen wenden sich schon deshalb nicht nur an Insider, weil Kasualien nicht nur die Mitglieder der »Kerngemeinde« begehren und nicht nur solche teilnehmen. Ihr Öffentlichkeitsbezug unterscheidet Lebensordnungen deutlich von Agenden, die nur für den innerkirchlichen Gebrauch konzipiert sind.
Die Lebensordnungen regeln die Verantwortungspflichten und die Mitwirkungs- bzw. Teilhaberechte der Adressaten. Die Teilhaberechte sind dabei nicht als einklagbare, sogenannte subjektive Rechte der Kirchenmitglieder ausgestaltet, weil es nicht um Verwaltungshandeln geht, sondern um geistliches Handeln.
7. Wie weit greifen die Lebensordnungen thematisch aus?
Wie der Terminus »Lebensordnung« bereits andeutet, kann der Blick über die Sakramentsspendung und die gottesdienstlichen Kasualien hinaus viele Facetten des christlichen Lebens in den Kirchengemeinden erfassen:
• Seelsorge und Beichte (VELKD)
• Wiederaufnahme in die Kirche (Rheinland, EKHN)
• Christsein in der öffentlichen, auch politischen Verantwortung (UEK)
• Verhältnis von Christen und Juden (EKHN)
• multireligiöse Feiern (EKHN).
Es kann um Aspekte der persönlichen Frömmigkeit, der persönlichen Lebensführung und der christlichen Ethik gehen. Das wird in einer sich säkularisierenden Gesellschaft eine anspruchsvolle, aber notwendige Perspektive sein. Diese eher grundsätzliche Blickrichtung nehmen die Lebensordnungen in unterschiedlicher Intensität und in unterschiedlicher Aktualität ein.
Damit wird zugleich klar, dass es den Lebensordnungen nicht nur um das Thema religiöser Ritualität geht, sondern um das Gemeindeleben (s. Art. 40 der Grundordnung von Kurhessen-Waldeck). In gewisser Hinsicht können Lebensordnungen sogar als kirchengesellschaftliches Programm gelesen werden. Es setzt allerdings mündige Kirchenglieder voraus, die sich programmatisch ansprechen lassen (Paten als »Glaubenshelfer«). Insofern ist die Textgattung »LO« anspruchsvoll und in der »späten Zeit der Volkskirche« (Fechtner 2010) keine selbstverständliche Form kirchlicher Kommunikation. Im Gegenteil: Die Gefahr, dass der Anspruch der Lebensordnungen »überfordert«, kann nicht von der Hand gewiesen werden.
Damit verwandt ist die Gefahr, dass sich die Lebensordnung zu wichtig nimmt. Wenn eine Lebensordnung die Konfirmation als »stabilste evangelische Kasualie« bezeichnet (Abschnitt I LO Konf. Baden), so wirkt die LO ein wenig selbstreferentiell. Der Superlativ (»stabilste«) ist auch unnötig. Konkurrieren die Kasualien untereinander?
8. Aktuelle Fragen, Ideen, Perspektiven
Lebensordnung als Labor? Der Befund führt zu theologischen und rechtlichen Fragen:
– Sind historische Intentionen der Lebensordnungen (Kirchenzucht, Gemeindezucht, Wahrung der Gemeinschaftsordnung) entfallen oder außer Gebrauch geraten (Paradigmenwechsel)?
– Überzeugt die Orientierung an Lebensstationen und die Auswahl derselben, also der Kanon der Lebensordnungen? Wie gehen die Lebensordnungen mit der Tendenz zur Auffächerung der casus um (Taufe und Tauferinnerungsgottesdienst, nachträgliche Bestellung von Paten im Gottesdienst, Konfirmation und Konfirmationsjubiläen)?
– Zwischen Sakrament und Event – Wie viel Kirche oder wie viel an Bekenntnis enthält die Kasualie?
– Wie rechtsverbindlich sind die Lebensordnungen, soweit sie nicht Gesetze (Rheinland, Westfalen) im förmlichen Sinne sind? Sind Entscheidungen der Gemeinden im Bereich der Kasualien überprüfbar (Beschwerdeweg, Willkürverbot)?
– Wie kommen die Lebensordnungen zustande? Wer ist daran beteiligt (Liturgische Kommission, Votum der Theologischen Fakultät)?
– Gibt es einen numerus clausus an Kasualien? Wäre er denkbar? Und wie stünde ein Kasual-n.c. zur verbreiteten Kasualisierung des Sonntagsgottesdienstes (Jubiläen, Besuch von Delegationen u.a.m.)? Doch um wessen Lebensstationen geht es bei einer Kasualisierung des Sonntagsgottesdienstes?
– Vom Abendmahl abgesehen gelten die Kasualien grundsätzlich als »einmalig«. Sind in einem Turnus wiederkehrende, »programmierte« Kasualien denkbar, auch wenn die Lebensordnungen dazu schweigen? Jährliche Schulgottesdienste, z.B. zu Weihnachten, als Kasualien? Wie verhält sich dies zum lebensbiographischen Ansatz (rites de passage, »Wendepunkte des Lebens«, Stein 1992, 60)? Nur der Einschulungs- und der Entlassungsgottesdienst als Kasualie? »Die christliche Kirche versteht den Einschulungsgottesdienst in Übereinstimmung mit den klassischen Kasualien als ein ›Schwellenritual‹ […]« (Arnold 2015, 202).
– Korreliert die Freiwilligkeit der Teilnahme am Schulgottesdienst gemäß Staatskirchen- und Schulrecht mit dem »Antragscharakter« der traditionellen Kasualien? Werden Schulgottesdienste, die in der Parochialkirche stattfinden, in der Kirchengemeinde bekannt gemacht, etwa im Gemeindebrief, sodass eine Verknüpfung von »Anstaltsgemeinde« und »Parochialgemeinde« zumindest im Ansatz gegeben ist? Und ist damit klargestellt, dass es sich bei diesen Schulgottesdiensten um öffentliche Gottesdienste handelt (unklar: Greiner 2010, 271)?
– Wie werden in der katholischen Kirche vergleichbare Kasualien diskutiert, etwa Schulgottesdienste? Gibt es ökumenische Kasualien oder heißen sie nur so? Haben sich ökumenische Tauferinnerungsgottesdienste, die vor zwanzig Jahren empfohlen wurden (Ordinariat Speyer, 1997), etabliert? Sind die Parallelen und Divergenzen des katholischen gegenüber dem evangelischen Patenamt bewusst?
– Verdunkelt der traditionelle Begriff der Amtshandlung, der auf das Pfarramt zielt, dass es sich um ein gottesdienstliches Geschehen und ein Gemeindegeschehen handelt, dass der Amtshandlung also die Öffentlichkeit des Geschehens implizit ist?
– Es wird nicht darum gehen dürfen, jemandem »etwas Gutes« zu tun, sondern Biographie und Gemeindeleben zusammenzubringen. Gemeinde ist nicht nur die Parochial-, sondern auch die Anstaltsgemeinde (Sondergemeinde), also die Schulgemeinde, die Krankenhausgemeinde u.a.m. Spricht demnach der Evangelische Erwachsenenkatechismus mit gewisser Berechtigung von kirchlichen Handlungen anstelle von Amtshandlungen?
– Um welche Parochialgemeinde aber geht es? Die Wohnsitzgemeinde? Das »Kasualpfarramt« kann »gewählt« werden (Art. 10 Abs. 5 GO Baden) – ein Thema von Dispens bzw. Dimissioriale (Art. 7 Abs. 2 LO Ehe Baden), das geeignet ist, die Parochialstruktur zu perforieren – ein Systemproblem oder sinnvolle Mitgliederorientierung? Hier besteht ein Meinungsstreit. Oder ist er ein »Streit um Kaisers Bart«, da »Gemeinde« auch der Kirchenbezirk und die Landeskirche sind? Wie aber steht es dann um das maßgebliche Gemeindeleben? Die Tendenzen zur Auflösung der Parochie, die mancherorts zu beobachten sind, können die gedanklichen Voraussetzungen der Lebensordnungen tangieren.
– Lassen sich die Kasualien als »Eingliederungsakte« der Lebensstationen der Ge­meindeglieder in das Gemeindeleben begreifen? Andererseits: In welche Gemeinde gliedert die Trauung in der überregional beliebten »Hochzeitskirche« ein (»Kasualtouristen«)?
– Gibt es aus praktisch-theologischer Sicht »riskante« Kasualien (Fechtner 2011), etwa im Bereich der Militärseelsorge (Trauerakt als Staatsakt)? Liegt das (auch) an der rechtlichen Konstruktion dieses Sonderseelsorgebereiches?
– Sind die Lebensordnungen für evangelisches Kirchenrecht »mustergültig« in dem Sinne, dass sie mit ihrem methodischen Dreischritt – empirische, theologische und rechtliche Orientierung – ein Modell darstellen, das Kirchenrecht nicht bürokratisch erscheinen lässt, sondern reflektierend, erklärend, »dialogisch«, was laut Christian Grethlein (Evang. Kirchenrecht, 2015) der evangelischen Kirche als einer Verständigungsgemeinschaft entspreche, und zwar dialogisch in einem doppelten Sinne: dialogisch mit der Gemeinde, die auf den Bekenntnisakt responsorisch reagiert, ihn also »konfirmiert«, und zugleich dialogisch mit den lebensbiographisch Betroffenen, die persönlich oder durch Angehörige zu Wort kommen oder deren persönliches Anliegen, deren persönliche Situation zu Wort kommt?
– Scheint die kirchenverfassungsrechtliche Dialektik der »Leitung der Kirche in geistlich-rechtlich unaufgebbarer Einheit« (Art. 7, 37 Abs. 1 und 64 Abs. 2 GO Baden, Art. 5 Kirchenverfassung Bayern und öfter) in den Lebensordnungen auf?
– Wie ist in den Lebensordnungen das Verhältnis von Seelsorge und Kirchenrecht, von Einzelfall und Grundsatz gestaltet?
– Wie bemisst sich der Einfluss staatlichen Rechts und persönlicher Dispositionen …
• Taufe und bürgerliche Wirkungen der Kirchenmitgliedschaft
• Taufe und Recht der Personensorge
• Taufe und Asylsuche
• bürgerliche Eheschließung als rechtliche Voraussetzung der kirchlichen Trauung (keine Kirchentrauung für Paare im Seniorenalter ohne bürgerlichen Trauschein?)
• testamentarische Verfügungen und kirchliche Bestattung
… auf die Lebensordnungen und deren Praxis?
– Überzeugen die Lebensordnungen nach Inhalt und Struktur? Wird ihr Sinn, ihr Ziel nachvollziehbar eingelöst? Bringen sie, wie postuliert wird (Michael Nüchtern, Einleitung zur amtlichen Ausgabe der badischen Lebensordnungen, Karlsruhe 2008), »den Reichtum und die Kraft christlicher Lebensformen zur Geltung«?
– Wie weit reicht der Konsens im deutschen Protestantismus, z.B. hinsichtlich einer kirchlich-liturgischen Gleichbehandlung einer homo- mit einer heterosexuellen Partnerschaft?
– Wie werden Kontroversen um eine Weiterentwicklung der Lebensordnungen (Stichwort: Kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare) in der evangelischen Kirche diskutiert und gelöst (vgl. LO EKHN, TGG Baden)? Stellen sich Bekenntnisfragen? Wie wäre mit ihnen nach der Kirchenordnung und den Prinzipien der Bekenntnisbildung umzugehen (vgl. die klare Regelung in Art. 42 KO EKHN)?
– Ist der Anspruch der Lebensordnungen, Empfehlungen für christliches Handeln zu geben, von denen nicht ohne Grund abgewichen werden soll, noch zeitgemäß (Ochel 2011)?
– Falls ja, überzeugt der Terminus »Lebensordnung«? Ist er allgemein verständlich? Die Webseiten von Kirchengemeinden verankern das Thema gern unter dem Menüpunkt »Lebensstationen«, was aber den Gedanken einer Ordnung, eines verbindlichen Rahmens, ausblendet.
»Mit ihren Amtshandlungen begleitet die christliche Gemeinde in besonderen Gottesdiensten ihre Glieder auf deren Bitte hin an Wendepunkten ihres Lebens. Sie gewährt, gestaltet und versagt auch unter Umständen diese Hilfe jeweils im Blick darauf, was ihr Verkündigungsauftrag in diesem Fall erfordert« (Stein, 60).
Die »christliche Gemeinde und ihre Glieder« – dies sind die Fixpunkte zum Verständnis der Lebensordnungen. Stets geht es um beide, die Gemeinde und ihre Glieder, um das Ganze und um die Einzelnen. Dies bewahrt die Lebensordnungen und ihre Anwendungspraxis vor individualistischer Verkürzung. Kasualien sind Gemeindegeschehen, sie konstituieren die Gemeinde mit. Sie sind kein Benefit für Einzelne, die den Anspruch erheben, sich eine Kasualie wie aus einem Warenkatalog »bestellen« zu können.
Kasualien sind Ausdruck der Lebendigkeit von Gemeinde und Gesamtkirche, nicht der »Gemeindezucht« (Disziplin), auch wenn der ursprüngliche Ansatz von Lebensordnungen ein anderer gewesen sein mag. Im Einzelfall ist Kirchenzucht nicht ausgeschlossen, möglicherweise aber wirkungslos. Begehren fundamentale Opponenten noch Kasualien oder das Abendmahl?
Gleichwohl gibt es Grenzfälle. Darum wissen die Lebensordnungen und drücken dies eingehend aus. Insbesondere der regelnde, dritte Abschnitt ist davon geprägt. Eine Grenze kann dort gezogen werden, wo eine Kasualie nach den Regelungen der Lebensordnungen verweigert werden kann. Das ist regelmäßig der Fall, wenn
• die Kasualie das Bekenntnis der Kirche zu verdunkeln geeignet ist
• die Pfarrerin oder der Pfarrer sie vor dem eigenen Gewissen nicht verantworten kann
• die Kasualie Spaltung in die Gemeinde treibt, also vor der Gemeinde nicht verantwortet werden kann, zumal der Zusammenhalt in der Gemeinde zu stärken ist (§27 Abs. 2 Pfarrdienstgesetz EKD).
Als evangelische Spezialität gelten zu Recht die Lebensordnungen, die sich stets auf einer Grenze, ja einer Gratwanderung zwischen dem tradierten Genre der Ordnung und der »offenen Form« bewegen. Ehrlichkeit im Auftritt, Ehrlichkeit im Umgang mit Übergängen, ja auch den Übergängen einer ganzen Kirche, kann den Lebensordnungen durchaus attestiert werden.
Dennoch bleiben Desiderate: Die klassischen Lebensordnungen, die sich auf die Big Four (Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung) konzentrieren, greifen zu kurz. Die Schulgemeinde mit ihren eigenen Kasualien bleibt weitgehend außer Blick. Christliche Lebensführung wird zu einseitig begriffen und auf Familie und Gemeinde fokussiert. Die gemeinschafts- und schöpfungsverantwortliche Aufgabe der Gemeinde und ihrer Mitglieder klingt allenfalls verhalten an, vielleicht, weil dies über den Horizont der Kasualien hinausreicht. Schließlich: Ob die Form der Lebensordnung – Gesetz oder Ordnung eigener Art – wirklich variabel ist, wird kaum diskutiert. Das überrascht in einer Kirche, die weiß, dass die Form die Botschaft mitprägt und dass die Form zur Funktion passen muss. Eine Diskussion wäre daher angebracht.
Insofern kann das Fazit differenziert ausfallen. Die Lebensordnungen als diskursiv-reflektierender Ordnungsversuch bieten manchen Charme, offenbaren aber auch gedankliche Defizite. Das ist schade. Eine Kirche, die überzeugen will und muss, darf sich mit Defizit-Befunden nicht zufrieden geben.
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1 »In Unterschied zur Firmung durch den Bischof in der römisch-katholischen Kirche wird der Akt der Konfirmation in den evangelischen Kirchen nicht als Sakrament, sondern als Segenshandlung verstanden«, Nr. I. 1 Abs. 3 LO Konfirmation Landeskirche Baden.
2 Ergänzend sei das Gesetz über die Teilnahme von Kindern am Abendmahl genannt.
3 Daher sind die Lebensordnungen dem »Handbuch für Kirchenälteste« der Evang. Landeskirche in Baden angeschlossen.
Prof. Dr. Uwe Kai Jacobs, Kirchenjurist im Evang. Oberkirchenrat Karlsruhe, Honorarprofessor für Kirchenrecht an der Evang.-theol. Fakultät der Universität Mainz und am Predigerseminar der Landeskirche in Heidelberg.

References: Art. 90
 Art. 130
 Art. 9
 §8
 Art. 40
 Art. 5
 Art. 42
 Art. 60