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Timestamp: 2020-02-26 19:45:00+00:00

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Kriegs­ver­bre­chen in Syri­en – und die deut­sche Straf­jus­tiz | Rechtslupe
Kriegsverbrechen in Syrien - und die deutsche Strafjustiz
Bei den in Syri­en statt­fin­den­den Kämp­fen zwi­schen der staat­li­chen syri­schen Armee und oppo­si­tio­nel­len Grup­pie­run­gen han­del­te es sich um einen nicht­in­ter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flikt im Sin­ne des § 8 Abs. 1 VStGB.
Maß­ge­bend für das Vor­lie­gen eines bewaff­ne­ten Kon­flikts ist der Ein­satz von Waf­fen­ge­walt, die einer der betei­lig­ten Kon­flikt­par­tei­en zuzu­rech­nen ist 1. Wäh­rend ein inter­na­tio­na­ler bewaff­ne­ter Kon­flikt die Anwen­dung von Waf­fen­ge­walt zwi­schen Staa­ten vor­aus­setzt, sind unter einem nicht­in­ter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flikt sol­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu ver­ste­hen, bei denen Streit­kräf­te inner­halb eines Staa­tes gegen orga­ni­sier­te bewaff­ne­te Grup­pen oder sol­che Grup­pen unter­ein­an­der kämp­fen, sofern die Kampf­hand­lun­gen von einer gewis­sen Dau­er und Inten­si­tät sind.
Die Erfor­der­nis­se einer gewis­sen Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der betref­fen­den Grup­pen sowie der Inten­si­tät und Dau­er der bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen stel­len sicher, dass blo­ße inne­re Unru­hen, Span­nun­gen, Tumul­te, ver­ein­zelt auf­tre­ten­de Gewalt­ta­ten und ande­re ähn­li­che Hand­lun­gen nicht als bewaff­ne­te Kon­flik­te ein­ge­stuft wer­den 2.
Die in Syri­en statt­fin­den­den Kämp­fe zwi­schen den syri­schen Streit­kräf­ten und oppo­si­tio­nel­len bewaff­ne­ten Grup­pen gehen über blo­ße inne­re Unru­hen und Span­nun­gen wie Tumul­te oder ver­ein­zelt auf­tre­ten­de Gewalt­ta­ten weit hin­aus. Sie dau­ern bereits län­ge­re Zeit an und haben nahe­zu das gan­ze Land erfasst. Zumin­dest sol­che Kon­flikt­par­tei­en wie die FSA, die "Jabhat al-Nus­ra" und der "Isla­mi­sche Staat" sind zudem in hohem Maße orga­ni­siert: Sie sind hier­ar­chisch struk­tu­riert, ver­fü­gen über ein gro­ßes Aus­maß an mili­tä­ri­scher Aus­rüs­tung, kon­trol­lie­ren wei­te Lan­des­tei­le und sind in der Lage, ihre Kämp­fer mili­tä­risch aus­zu­bil­den sowie koor­di­nier­te Angrif­fe durch­zu­füh­ren 3.
Dem­entspre­chend han­del­te es sich um einen bewaff­ne­ten Kon­flikt, der jeden­falls zim Jahr 2012 noch als nicht­in­ter­na­tio­na­ler anzu­se­hen war. Unge­ach­tet des­sen, ob der Bür­ger­krieg durch das Ein­grei­fen aus­län­di­scher Kräf­te inzwi­schen soweit "inter­na­tio­na­li­siert" ist, dass mitt­ler­wei­le von einem inter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flikt aus­zu­ge­hen wäre 4, war dies zumin­dest im Herbst 2012 noch nicht der Fall.
Nach § 8 Abs. 6 Nr. 2 VStGB sind in einem nicht­in­ter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flikt ins­be­son­de­re sol­che Per­so­nen als nach dem huma­ni­tä­ren Völ­ker­recht zu schüt­zen­de anzu­se­hen, die nicht unmit­tel­bar an den Feind­se­lig­kei­ten teil­neh­men 5 und sich in der Gewalt der geg­ne­ri­schen Par­tei befin­den. Dies gilt auch für Per­so­nen, die zwar ihrer­seits einer bewaff­ne­ten Grup­pie­rung ange­hör­ten, die es sich aber nur zum Ziel gesetzt hat­te, nach dem Rück­zug der syri­schen Sicher­heits­kräf­te poli­zei­ähn­li­che Auf­ga­ben wahr­zu­neh­men und Plün­de­run­gen zu ver­hin­dern.
Das Straf­bar­keits­er­for­der­nis, dass sie sich in der Gewalt der geg­ne­ri­schen Par­tei befin­den müs­sen, Das ergibt sich im Hin­blick auf die Beson­der­hei­ten von nicht­in­ter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flik­ten im All­ge­mei­nen sowie die­je­ni­gen des inner­sy­ri­schen Kon­flikts im Beson­de­ren dar­aus, dass sie nicht der an den Kampf­hand­lun­gen betei­lig­ten Grup­pie­rung des Ange­schul­dig­ten ange­hör­ten und deren Absich­ten ent­ge­gen ste­hen­de Zie­le ver­folg­ten. Ein ande­res Abgren­zungs­kri­te­ri­um kommt ange­sichts der Kom­ple­xi­tät des syri­schen Bür­ger­krie­ges nicht in Betracht. Das gilt ins­be­son­de­re für das Kri­te­ri­um der Staats­an­ge­hö­rig­keit, das sich bei nicht­in­ter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flik­ten regel­mä­ßig als untaug­lich erweist 6, sowie für das Kri­te­ri­um der eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit. Bei dem Bür­ger­krieg in Syri­en han­delt es sich nicht um einen inter­eth­ni­schen Kon­flikt. Die Anzahl und die Aus­rich­tung der in die Kämp­fe ver­wi­ckel­ten Grup­pen war und ist kaum über­schau­bar und wech­selnd. Ein­zel­ne Grup­pie­run­gen ent­ste­hen, lösen sich wie­der auf und kämp­fen in wech­seln­den Koali­tio­nen mal gemein­sam, mal gegen­ein­an­der. Letzt­lich sind (hier:) die Geschä­dig­ten von der Miliz des Ange­schul­dig­ten gefan­gen­ge­nom­men wor­den, weil sie von ihr als der Regie­rung nahe ste­hend und des­halb als Geg­ner betrach­tet wur­den, und die Miliz des Ange­schul­dig­ten stell­te sich aus der Sicht der Geschä­dig­ten ihrer­seits als Geg­ner dar.
Das Tat­be­stands­merk­mal der unmensch­li­chen Behand­lung ist weit aus­zu­le­gen. Es erfasst die Zufü­gung erheb­li­cher kör­per­li­cher oder see­li­scher Schä­den oder Lei­den. Die Erheb­lich­keit ist unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Fal­les zu beur­tei­len, ins­be­son­de­re der Art der Hand­lung sowie ihres Kon­tex­tes. Das Aus­maß der Beein­träch­ti­gung muss über das­je­ni­ge einer kör­per­li­chen Miss­hand­lung im Sin­ne von § 223 StGB deut­lich hin­aus­ge­hen 7.
Hier­für kommt es nicht dar­auf an, ob sich jede ein­zel­ne dem Ange­schul­dig­ten zur Last geleg­te Miss­hand­lung als eine in § 8 Abs. 1 Nr. 3 VStGB bei­spiel­haft ange­führ­te Fol­te­rung dar­stellt, wenn die Geschä­dig­ten jeweils will­kür­lich gefan­gen­ge­nom­men und unter unwür­di­gen Umstän­den fest­ge­hal­ten sowie in ernied­ri­gen­der Wei­se bru­tal miss­han­delt wor­den sind. Dadurch sind ihnen nach Lage der Din­ge gra­vie­ren­de kör­per­li­che und see­li­sche Lei­den zuge­fügt wor­den.
Die Taten sind auch im Zusam­men­hang mit dem bewaff­ne­ten Kon­flikt began­gen wor­den, der inso­weit erfor­der­li­che funk­tio­na­le Zusam­men­hang ist gege­ben, wenn das Vor­lie­gen des bewaff­ne­ten Kon­flik­tes für die Fähig­keit des Täters, das Ver­bre­chen zu bege­hen, für sei­ne Ent­schei­dung zur Tat­be­ge­hung, für die Art und Wei­se der Bege­hung oder für den Zweck der Tat von wesent­li­cher Bedeu­tung war; die Tat darf nicht ledig­lich "bei Gele­gen­heit" des bewaff­ne­ten Kon­flikts began­gen wer­den 8. Eine Tat­aus­füh­rung wäh­rend lau­fen­der Kampf­hand­lun­gen oder eine beson­de­re räum­li­che Nähe dazu sind hin­ge­gen nicht erfor­der­lich 9.
Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind etwa erfüllt bei einem mili­tä­ri­schen Anfüh­rer einer aktiv in den syri­schen Bür­ger­krieg ein­ge­bun­de­nen Kampf­ein­heit, die in ihrem Macht­be­reich frei schal­ten und wal­ten konn­te, nach­dem die Regie­rungs­kräf­te geflo­hen waren. Alle Geschä­dig­ten wur­den ange­grif­fen, weil sie sich dem Herr­schafts­an­spruch der Miliz des Ange­schul­dig­ten in den von ihr kon­trol­lier­ten Gebie­ten nicht bedin­gungs­los unter­wor­fen hat­ten und des­halb aus sei­ner Sicht der Regie­rung nahe­stan­den.
Schließ­lich ist der Anfüh­rer die­ser Kampf­ein­heit Ange­schul­dig­te im Hin­blick auf alle Taten als Täter anzu­se­hen. Soweit er die Miss­hand­lun­gen nicht selbst vor­ge­nom­men hat, ergibt sich sei­ne Ver­ant­wort­lich­keit jeden­falls aus § 4 VStGB. Wenn­gleich er man­gels recht­li­cher Legi­ti­ma­ti­on nicht als "mili­tä­ri­scher Befehls­ha­ber" sei­ner Ein­heit im Sin­ne des § 4 Abs. 1 VStGB ange­se­hen wer­den kann, so steht er doch gemäß § 4 Abs. 2 Satz 1 VStGB einem mili­tä­ri­schen Befehls­ha­ber gleich 10. Er übte als Anfüh­rer sei­ner hier­ar­chisch struk­tu­rier­ten Miliz die tat­säch­li­che Füh­rungs­ge­walt und Kon­trol­le aus. Er hat­te zu jeder Zeit die Mög­lich­keit, das Ver­hal­ten sei­ner Unter­ge­be­nen zu bestim­men und ins­be­son­de­re die Bege­hung von Straf­ta­ten zu unter­bin­den. Er hielt sie jedoch dazu an, Straf­ta­ten zu bege­hen, und betei­lig­te sich regel­mä­ßig auch selbst dar­an.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Novem­ber 2016 – AK 54/​16
BGH, Beschluss vom 17.06.2010 – AK 3/​10, BGHSt 55, 157, 166[↩]
vgl. zu allem BT-Drs. 14/​8524, S. 25; Werle/​Jeßberger, Völ­ker­straf­recht, 4. Aufl., Rn. 1131, 1136, 1148 ff.; Münch­Komm-StG­B/Zim­mer­man­n/Geiß, 2. Aufl., § 8 VStGB Rn. 96, 108 ff.[↩]
vgl. zu die­sen Kri­te­ri­en Werle/​Jeßberger, aaO Rn. 1152 Fn.194[↩]
vgl. zur Inter­na­tio­na­li­sie­rung nicht­in­ter­na­tio­na­ler bewaff­ne­ter Kon­flik­te Münch­Komm-StG­B/Zim­mer­man­n/Geiß, aaO Rn. 101 ff.[↩]
vgl. dazu Münch­Komm-StG­B/Zim­mer­man­n/Geiß, aaO Rn. 93 mwN[↩]
Werle/​Jeßberger, aaO Rn. 1185; vgl. auch BGH, Urteil vom 21.02.2001 – 3 StR 372/​00, BGHSt 46, 292, 300 f.[↩]
vgl. zu allem Münch­Komm-StG­B/Zim­mer­man­n/Geiß, aaO Rn. 137 f. mwN[↩]
Werle/​Jeßberger, aaO Rn. 1163 ff.[↩]
vgl. zu die­ser Dif­fe­ren­zie­rung Werle/​Jeßberger, aaO Rn. 640; Münch­Komm-StG­B/Wei­gend, 2. Aufl., § 4 VStGB Rn.19[↩]
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References: § 8
 § 8
 § 223
 § 8
 § 4
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 § 8
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