Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/kindergeld-fuer-ein-volljaehriges-psychisch-erkranktes-kind-3121888
Timestamp: 2020-07-15 11:22:33+00:00

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Gemäß § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Sät­ze 1 und 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG besteht für ein Kind, das das 18. Lebens­jahr voll­endet hat, ein Anspruch auf Kin­der­geld, wenn es wegen kör­per­li­cher, geis­ti­ger oder see­li­scher Behin­de­rung außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten, sofern die Behin­de­rung vor Voll­endung des 27. Lebens­jah­res ein­ge­tre­ten ist.
Nach der Recht­spre­chung des BFH ist ein Mensch behin­dert, wenn sei­ne kör­per­li­che Funk­ti­on, geis­ti­ge Fähig­keit oder see­li­sche Gesund­heit mit hoher Wahr­schein­lich­keit län­ger als sechs Mona­te von dem für das Lebens­al­ter typi­schen Zustand abweicht und daher sei­ne Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft beein­träch­tigt ist (vgl. § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX) [1].
See­lisch behin­dert ist, wer infol­ge see­li­scher Stö­rung in der Funk­ti­ons­fä­hig­keit ent­spre­chend gemin­dert ist. Als sol­che see­li­sche Stö­run­gen kom­men kör­per­lich nicht begründ­ba­re Psy­cho­sen, see­li­sche Stö­run­gen als Fol­ge von Krank­heit oder Ver­let­zung des Gehirns, Anfalls­lei­den oder kör­per­li­che Beein­träch­ti­gun­gen, Sucht­krank­hei­ten, Neu­ro­sen und Per­sön­lich­keits­stö­run­gen in Betracht [2].
Eine Behin­de­rung nach § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX setzt zudem eine mit hoher Wahr­schein­lich­keit län­ger als sechs Mona­te sich erstre­cken­de Gesund­heits­stö­rung vor­aus. Ent­schei­dend ist nicht die seit Beginn der Erkran­kung oder seit ihrer erst­ma­li­gen ärzt­li­chen Fest­stel­lung tat­säch­lich abge­lau­fe­ne Zeit, son­dern die ihrer Art nach zu erwar­ten­de Dau­er der von ihr aus­ge­hen­den Funk­ti­ons­be­ein­träch­ti­gung [3]. Zur Beur­tei­lung die­ser Fra­ge ist (ggf.) eine Pro­gno­se zur (wei­te­ren) Ent­wick­lung der Funk­ti­ons­be­ein­träch­ti­gung zu stel­len [4].
Die (see­li­sche) Gesund­heit muss nach § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX zudem "von dem für das Lebens­al­ter typi­schen Zustand" abwei­chen. Leis­tungs­ein­schrän­kun­gen, die für das jewei­li­ge Alter nach ihrer Art und ihrem Umfang typisch sind, stel­len kei­ne Behin­de­rung dar. Bei Kin­dern ist zur Fest­stel­lung einer Behin­de­rung die Abgren­zung alters­ad­äqua­ter Gesund­heits­zu­stän­de not­wen­dig. Erfor­der­lich ist ein Ver­gleich der kör­per­li­chen, geis­ti­gen bzw. see­li­schen Fähig­kei­ten mit denen eines alters­ent­spre­chen­den nicht behin­der­ten Kin­des [5].
Für die Fra­ge, ob in Fol­ge einer see­li­schen Stö­rung die Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft beein­träch­tigt ist, kommt es auf das Aus­maß und den Grad der see­li­schen Stö­rung an. Ent­schei­dend ist, ob die see­li­sche Stö­rung nach Brei­te, Tie­fe und Dau­er so inten­siv ist, dass sie die Fähig­keit zur Ein­glie­de­rung in die Gesell­schaft beein­träch­tigt. Die Prü­fung einer Teil­ha­be­be­ein­träch­ti­gung hat auf­grund einer umfas­sen­den Kennt­nis des sozia­len Umfelds des betrof­fe­nen Kin­des oder Jugend­li­chen nach sozi­al­päd­ago­gi­schem und gege­be­nen­falls psy­cho­lo­gi­schem Sach­ver­stand zu erfol­gen [6].
Eine sach­ver­stän­di­ge ärzt­li­che Beur­tei­lung kann eine Grund­la­ge der vom Finanz­ge­richt vor­zu­neh­men­den Gesamt­wür­di­gung sein. Die Fra­ge, ob eine Behin­de­rung i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG vor­liegt, ist hin­ge­gen eine Rechts­fra­ge. Dem Sach­ver­stän­di­gen, der Beweis­mit­tel ist und dem Gericht im Wesent­li­chen die all­ge­mei­nen Erfah­rungs­sät­ze aus sei­nem Fach­ge­biet ver­mit­telt, darf die Prü­fung von Rechts­fra­gen nicht über­tra­gen wer­den [7]. Die Fol­ge­rung des Finanz­ge­richts, dass das voll­jäh­ri­ge Kind i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG behin­dert war, kann daher nur das Ergeb­nis der durch das Finanz­ge­richt vor­zu­neh­men­den Gesamt­wür­di­gung sein.
Zwar ist die finanz­rich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung revi­si­ons­recht­lich nur ein­ge­schränkt auf Ver­stö­ße gegen Denk­ge­set­ze und all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze über­prüf­bar. Das Finanz­ge­richt hat jedoch im Ein­zel­nen dar­zu­le­gen, wie und dass es sei­ne Über­zeu­gung in recht­lich zuläs­si­ger und ein­wand­frei­er Wei­se gewon­nen hat. Die aus dem Gesamt­ergeb­nis des Ver­fah­rens zu gewin­nen­de Wür­di­gung des Finanz­ge­richt ist nur dann aus­rei­chend und für das Revi­si­ons­ge­richt bin­dend, wenn sie auf einer logi­schen, ver­stan­des­mä­ßig ein­sich­ti­gen Wür­di­gung beruht, deren nach­voll­zieh­ba­re Fol­ge­run­gen den Denk­ge­set­zen ent­spre­chen und von den fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen getra­gen wer­den. Fehlt es an einer trag­fä­hi­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge für die Fol­ge­run­gen in der tatrich­ter­li­chen Ent­schei­dung oder fehlt die nach­voll­zieh­ba­re Ablei­tung die­ser Fol­ge­run­gen aus den fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen und Umstän­den, liegt ein Ver­stoß gegen die Denk­ge­set­ze vor [8].
Soll­te sich eine Behin­de­rung i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG nicht fest­stel­len las­sen, geht der feh­len­de Nach­weis der Behin­de­rung nach den Regeln der objek­ti­ven Beweis­last (Fest­stel­lungs­last) zu Las­ten des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten [9].
Für den Fall, dass bei dem Sohn Streit­zeit­raum eine Behin­de­rung i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG vor­ge­le­gen haben soll­te, wird wei­ter auf­zu­klä­ren sein, ob er wegen sei­ner Behin­de­rung außer­stan­de war, sich selbst zu unter­hal­ten.
Für die Prü­fung der Fähig­keit zum Selbst­un­ter­halt wird das Finanz­ge­richt den gesam­ten exis­ten­zi­el­len Lebens­be­darf (Grund­be­darf und behin­de­rungs­be­ding­ter Mehr­be­darf) des Soh­nes einer­seits und des­sen finan­zi­el­le Mit­tel ande­rer­seits gegen­über­zu­stel­len haben [10]. Zu den Bezü­gen, mit deren Hil­fe ein behin­der­tes voll­jäh­ri­ges Kind sei­nen exis­ten­zi­el­len Grund­be­darf abde­cken kann, kön­nen jedoch grund­sätz­lich auch Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts und für die Kos­ten für Unter­kunft und Hei­zung nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch gehö­ren [11]; soweit ein Sozi­al­leis­tungs­trä­ger für sei­ne Leis­tun­gen bei den Eltern Rück­griff nimmt, dür­fen sol­che Leis­tun­gen nicht als Bezü­ge des Kin­des ange­se­hen wer­den [12]. Die Schluss­fol­ge­rung, dass das voll­jäh­ri­ge Kind außer­stan­de war, sich selbst zu unter­hal­ten, kann daher ohne kon­kre­te Fest­stel­lun­gen dazu, ob und wel­che Sozi­al­leis­tun­gen dem Sohn, gege­be­nen­falls in wel­cher Höhe, im strei­ti­gen Zeit­raum bezo­gen hat, nicht getrof­fen wer­den.
Die Ent­schei­dung über die Mit­ur­säch­lich­keit hat das Finanz­ge­richt schließ­lich unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des ein­zel­nen Fal­les und unter Abwä­gung der für und gegen eine Mit­ur­säch­lich­keit spre­chen­den Indi­zi­en zu tref­fen [13].
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 19. Janu­ar 2017 – III R 44/​14
z.B. BFH, Urtei­le vom 23.02.2012 – V R 39/​11, BFH/​NV 2012, 1584, Rz 22; vom 28.05.2013 – XI R 44/​11, BFH/​NV 2013, 1409, Rz 14, m.w.N.; und vom 21.10.2015 – XI R 17/​14, BFH/​NV 2016, 190, Rz 27, m.w.N.[↩]
BFH, Urteil vom 18.06.2015 – VI R 31/​14, BFHE 251, 147, BStBl II 2016, 40, Rz 21, m.w.N.[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 251, 147, BStBl II 2016, 40, Rz 22, m.w.N.[↩]
vgl. BSG, Urteil vom 12.04.2000 – B 9 SB 3/​99 R, SozR 3 – 3870 § 3 Nr 9, zu § 3 Abs. 1 Satz 3 des Schwer­be­hin­der­ten­ge­set­zes[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 251, 147, BStBl II 2016, 40, Rz 23, m.w.N.[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 251, 147, BStBl II 2016, 40, Rz 24, m.w.N.; vgl. auch BSG, Urteil vom 30.09.2015 B 3 KR 14/​14 R, SozR 4 – 2500 § 33 Nr. 48, Rz 19[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 08.01.1991 – VII R 16 – 19/​89, BFH/​NV 1991, 850, unter II. 2.b, m.w.N.; vgl. auch Stie­pel in Beermann/​Gosch, FGO § 82 Rz 132, und Schall­mo­ser in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 82 FGO Rz 140[↩]
z.B. BFH, Urteil vom 26.06.2014 – VI R 51/​13, BFHE 246, 326, BStBl II 2015, 9, Rz 21, m.w.N.; vgl. auch BFH, Urteil vom 16.04.2015 – III R 6/​14, BFH/​NV 2015, 1237, Rz 16, m.w.N.[↩]
z.B. BFH, Urteil vom 19.11.2008 – III R 105/​07, BFHE 223, 365, BStBl II 2010, 1057, unter II. 1.c; vgl. auch BFH, Urteil in BFH/​NV 2013, 1409, Rz 14, m.w.N.[↩]
vgl. z.B. BFH, Urteil vom 13.04.2016 – III R 28/​15, BFHE 253, 249, BStBl II 2016, 648, Rz 10 ff., m.w.N.[↩]
vgl. z.B. BFH, Urteil vom 05.02.2015 – III R 31/​13, BFHE 249, 144, BStBl II 2015, 1017, Rz 15, m.w.N.[↩]
vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 26.11.2003 – VIII R 32/​02, BFHE 204, 454, BStBl II 2004, 588, unter 2.b, m.w.N.; und vom 12.12 2012 – VI R 101/​10, BFHE 240, 50, BStBl II 2015, 651, Rz 12, m.w.N.[↩]
z.B. BFH, Urteil vom 22.12 2011 – III R 46/​08, BFH/​NV 2012, 730, Rz 20; vgl. im Übri­gen BFH, Urtei­le in BFH/​NV 2012, 730, Rz 13 ff.; vom 15.03.2012 – III R 29/​09, BFHE 237, 68, BStBl II 2012, 892, Rz 27, und in BFH/​NV 2016, 190, Rz 29 ff., m.w.N.[↩]

References: § 62
 § 63
 § 32
 § 2
 § 2
 § 2
 § 32
 § 32
 § 32
 § 32
 § 3
 § 3
 § 33
 § 82
 § 82