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Timestamp: 2020-08-15 05:17:48+00:00

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AdV - wegen möglicher Unionsrechtswidrigkeit | Rechtslupe
AdV – wegen mög­li­cher Uni­ons­rechts­wid­rig­keit
Eine Aus­set­zung der Voll­zie­hung eines Umsatz­steu­er­be­schei­des ist auch mög­lich, wenn ernst­li­che Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit einer Vor­schrift des Umsatz­steu­er­ge­set­zes mit dem Uni­ons­recht bestehen.
Nach § 128 Abs. 3 i.V.m. § 69 Abs. 3 Satz 1, Abs. 2 Satz 2 der Finanz­ge­richts­ord­nung (FGO) ist die Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes ganz oder teil­wei­se aus­zu­set­zen, wenn ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit die­ses Ver­wal­tungs­ak­tes bestehen.
Ernst­li­che Zwei­fel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO lie­gen dann vor, wenn bei sum­ma­ri­scher Prü­fung des ange­foch­te­nen Bescheids neben für sei­ne Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Umstän­den gewich­ti­ge Grün­de zuta­ge tre­ten, die Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung von Rechts­fra­gen oder Unklar­heit in der Beur­tei­lung ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Tat­fra­gen bewir­ken [1]. Die Ent­schei­dung hier­über ergeht bei der im AdV-Ver­fah­ren gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung auf­grund des Sach­ver­halts, der sich aus dem Vor­trag der Betei­lig­ten und der Akten­la­ge ergibt [2]. Zur Gewäh­rung der AdV ist es nicht erfor­der­lich, dass die für die Rechts­wid­rig­keit spre­chen­den Grün­de im Sin­ne einer Erfolgs­wahr­schein­lich­keit über­wie­gen [3].
Gemes­sen dar­an bestehen nach mitt­ler­wei­le stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs [4] ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit von Umsatz­steu­er-Ände­rungs­be­schei­den, die auf § 27 Abs.19 UStG gestützt sind. Der Bun­des­fi­nanz­hof ver­weist zur wei­te­ren Begrün­dung auf sei­ne Aus­füh­run­gen im BFH, Beschluss in BFHE 252, 181, BStBl II 2016, 192, an denen er fest­hält. Der vom Finanz­amt her­vor­ge­ho­be­ne Umstand, dass das Urteil des Nie­der­säch­si­schen Finanz­ge­richt in EFG 2016, 338 rechts­kräf­tig gewor­den ist, ändert nichts dar­an, dass die sich stel­len­den Rechts­fra­gen höchst­rich­ter­lich unge­klärt sind und in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur zur Ver­ein­bar­keit des § 27 Abs.19 Satz 2 UStG mit Ver­fas­sungs­recht und Uni­ons­recht unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wer­den.
Dabei st auch kein beson­de­res Aus­set­zungs­in­ter­es­se erfor­der­lich.
Zwar ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs [5] bei ernst­li­chen Zwei­feln an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit eines for­mell ord­nungs­ge­mäß zustan­de gekom­me­nen Geset­zes ein beson­de­res berech­tig­tes Inter­es­se an der AdV erfor­der­lich. Der Bun­des­fi­nanz­hof ist die­ser Recht­spre­chung bis­her gefolgt [6].
Ob an die­ser Recht­spre­chung wei­ter fest­zu­hal­ten ist, wird von meh­re­ren Sena­ten des Bun­des­fi­nanz­hofs offen gelas­sen [7].
Ob die ange­führ­te Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs mit dem Grund­satz der Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes ver­ein­bar ist, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zuletzt aus­drück­lich offen gelas­sen [8].
Es bedarf vor­lie­gend kei­ner Ent­schei­dung dar­über, ob an die­ser Recht­spre­chung wei­ter fest­zu­hal­ten ist. Das Finanz­ge­richt hat näm­lich zu Recht betont, dass außer­dem ernst­li­che Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit des § 27 Abs.19 Satz 2 UStG mit Uni­ons­recht bestehen. Jeden­falls dann, wenn es um die Ver­ein­bar­keit ein­zel­ner Steu­er­rechts­nor­men mit Uni­ons­recht geht [9], ist nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs kein beson­de­res Aus­set­zungs­in­ter­es­se erfor­der­lich; es wird von den Umsatz­steu­er­se­na­ten des Bun­des­fi­nanz­hofs noch nicht ein­mal geprüft [10]. Auf ein beson­de­res Aus­set­zungs­in­ter­es­se kommt es des­halb auch vor­lie­gend nicht an [11].
Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 31. März 2016 – XI B 13/​16
vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 26.09.2014 – XI S 14/​14, BFH/​NV 2015, 158, Rz 33; vom 20.01.2015 – XI B 112/​14, BFH/​NV 2015, 537, Rz 15; jeweils m.w.N.[↩]
vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2015, 158, Rz 33; in BFH/​NV 2015, 537, Rz 15; jeweils m.w.N.[↩]
stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 03.04.2013 – V B 125/​12, BFHE 240, 447, BStBl II 2013, 973, Rz 12; vom 11.07.2013 – XI B 41/​13, BFH/​NV 2013, 1647, Rz 16; in BFH/​NV 2015, 537, Rz 15; jeweils m.w.N.[↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se in DStR 2016, 239; vom 27.01.2016 – V B 87/​15, DStR 2016, 470[↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se vom 10.02.1984 – III B 40/​83, BFHE 140, 396, BStBl II 1984, 454; vom 01.04.2010 – II B 168/​09, BFHE 228, 149, BStBl II 2010, 558; vom 09.03.2012 – VII B 171/​11, BFHE 236, 206, BStBl II 2012, 418; vom 15.04.2014 – II B 71/​13, BFH/​NV 2015, 7[↩]
beja­hend aus frü­he­rer Zeit z.B. BFH, Beschlüs­se vom 27.08.2002 – XI B 94/​02, BFHE 199, 566, BStBl II 2003, 18; vom 07.07.2004 – XI B 231/​02, BFH/​NV 2005, 178[↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se vom 02.08.2007 – IX B 92/​07, BFH/​NV 2007, 2270; vom 25.08.2009 – VI B 69/​09, BFHE 226, 85, BStBl II 2009, 826; vom 09.05.2012 – I B 18/​12, BFH/​NV 2012, 1489; s. zur abneh­men­den Bedeu­tung staat­li­cher Haus­halts­in­ter­es­sen auch BFH, Beschluss vom 21.05.2010 – IV B 88/​09, BFH/​NV 2010, 1613, Rz 17[↩]
vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 24.10.2011 1 BvR 1848/​11 – 1 BvR 2162/​11, NJW 2012, 372; vom 06.05.2013 – 1 BvR 821/​13, HFR 2013, 639, Rz 7[↩]
vgl. zur Abgren­zung BFH, Beschluss vom 25.11.2014 – VII B 65/​14, BFHE 247, 182, BStBl II 2015, 207, Rz 23 ff.[↩]
vgl. dazu z.B. BFH, Beschlüs­se vom 05.05.1994 – V S 11/​93, BFH/​NV 1995, 368; vom 30.11.2000 – V B 187/​00, BFH/​NV 2001, 657; vom 19.12 2012 – V S 30/​12, BFH/​NV 2013, 779; vom 12.12 2013 – XI B 88/​13, BFH/​NV 2014, 550; zur Ertrag­steu­er s. aus­drück­lich BFH, Beschlüs­se vom 24.03.1998 – I B 100/​97, BFHE 185, 467, BFH/​NV 1998, 1172, unter II. 3., Rz 10; vom 14.02.2006 – VIII B 107/​04, BFHE 212, 285, BStBl II 2006, 523, unter II. 1.b, Rz 7[↩]
vgl. Rauch, HFR 2016, 394[↩]

References: § 128
 § 69
 § 69
 § 27
 § 27
 § 27