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Timestamp: 2017-06-28 10:20:33+00:00

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Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Matthias C. Roggo
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James und Whitehead
Evolution und die Rückkehr zur Tradition
Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen
Matthias C. Roggo
von Freiburg / Fribourg
Von der Philosophisch-historischen Fakultät auf Antrag von
Prof. Dr. Andreas Graeser und Prof. Dr. Reto Luzius Fetz angenommen.
Bern, den 19. März 2010
Die Dekanin: Prof. Dr. Karénina Kollmar-Paulenz
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Herrn Prof. Andreas Graeser der wie Whitehead die Ideale der Bildung, der Offenheit und der Humanität verkörpert, in Dankbarkeit zugeeignet.
Inhalt Siglen 5 Vorwort 7 Einleitung 12 Kapitel I – Der weitere Horizont 20 §1 Am Scheideweg 20 §2 Von Hegel zu Darwin 27 §3 Evolutionistische Metaphysik 33 §4 Relationen aus metaphysischer Sicht 47 Kapitel II - James & Bergson 57 §5 Das fliessende Bewusstsein 59 §6 Der Sprung in die Welt 127 §7 James’ platonische Anwandlungen 144 Kapitel III - James versus Bradley 161 §8 Indische Visionen 162 §9 Bradleys Monismus 171 § 10 James’ Kritik 207 Kapitel IV - Whitehead versus Bradley 223 § 11 Einschätzung von Whiteheads Position 224 § 12 Erfahrung und feelings 234 § 13 Whiteheads Kritik 248 § 14 Whiteheads absolute Epochen 286 § 15 Einheit und Vielheit 304 Kapitel V - Whitehead & Bergson 342 § 16 Bergsons historische Bede– – –
EMR - Essays in Morality and Religion EP - Essays in Philosophy EPs - Essays in Psychology ML - Manuscript Lectures MEN - Manuscript Essays and Notes – – –
PP - The Principles of Psychology I - II PBC - Psychology: Briefer Course PU - A Pluralistic Universe SPP - Some Problems of Philosophy TP - „Hints toward a Theory of Process“, plus – – –
AI -...Adventures of Ideas CN - The Concept of Nature ESP - Essay in Science and Philosophy FR - The Function of Reason Mem - “The Analysis of Process“ (Memorandum, 1924) MT - Modes of Thought PNK - An Enquiry into the Principles of Natural Knowledge PR - Process and Reality R - The Principle of Relativity RM - Religion in the Making – – –
Die vorliegende Arbeit entstand von 2004 bis 2009. Ich kam in dieser Zeit in den Genuss verschiedener Vorteile. Ich denke dabei an so unterschiedliche Faktoren wie die Unterstützung meiner Familie, das Interesse und Verständnis von Prof. Andreas Graeser an der Universität Bern, die Schätze der Basler Universitätsbibliothek und meine weitgehende Unabhängigkeit vom akademischen Betrieb. Da die vorliegende Studie umfangreich und gelegentlich verwickelt ist, möchte ich dem Leser die Möglichkeit geben, mich bezüglich meiner philosophischen Haltung etwas näher kennen zu lernen.
Meine Denkweise ist in erster Linie problemorientiert. Texte sind für mich nur Mittel zum Zweck. Der Zweck ist jener globale geistige Prozess, den wir ganz im – – –
Philosophiegeschichte verstehen können. Die bleibenden „Objekte“ oder die „Erinnerung“ der Philosophie setzen sich nicht bloss aus kombinierten Schriftzeichen zusammen, sondern sie schlagen sich als Zeugen geistigen Lebens in der Gegenwart nieder. Die Philosophie ist ein Prozess und deshalb die erste Exemplifizierung einer Prozessphilosophie, wie sie uns Whitehead vorstellt. Aus diesem Grund bin ich nicht an einer eingehenden Exegese von James- und Whiteheadtexten interessiert, auch bin ich kein Freund häufiger und ausgedehnter Zitate. Die schriftlichen Abbilder sind gegenüber den lebendigen Denkfiguren sekundär. Allgemeine Vorstellungen und spezielle Denkprozesse lassen sich unter Anwendung von Bergsons intuitiver Methode auf kreative Art und Weise nachvollziehen. Es ist meine Überzeugung, dass sich in der Philosophie eine kreative Synthese mit einer kritischen Analyse verbinden lässt. Das Interesse des Lesers wird erst dann geweckt, wenn sich in der Ferne ein Horizont abzeichnet, der nicht von Schulmauern und Landesgrenzen behindert wird.
Aus F. C. S. Schiller, Logic for Use (1929), zit. in: Skrbina 2005, 165 Diese Arbeit ist nicht in der Absicht verfasst worden, bestimmte Thesen der Prozessphilosophie zu ‚beweisen’ oder zu ‚falsifizieren’. Solche positiven oder negativen Verfahren sind in der Metaphysik nicht möglich, da wir in dieser grundlegenden philosophischen Disziplin bis an die Grenzen des Denkbaren und Vorstellbaren gehen. Solche ungerechtfertigten positivistischen Forderungen sind das Todesurteil der Metaphysik und letztlich der gesamten philosophischen Tradition, welche entschieden nicht „modern“, „postmodern“ und schon gar nicht „effizient“ und „rentabel“ ist. Glücklicherweise gelten diese Normen und Restriktionen in der Geistesgeschichte verschiedener Epochen und Kulturen nicht.
Die Technik der Metaphysik besteht nicht in logischen Beweisgängen, sondern in prinzipiell unüberprüfbaren Gedankenexperimenten, in denen sich rationale, empirische und intuitive Anteile mischen und Gestalt annehmen. (Man sollte das Wunder der menschlichen Intuition nicht unterschätzen!) Modelle – wie etwa Gradienten, mit denen wir arbeiten werden – sind nicht einfach „wahr“ oder „falsch“, sondern im Spannungsfeld zwischen Bedingungen und Möglichkeiten angebracht oder eben nicht. Nach dem bekannten Ausspruch Albert Einsteins könnten wir sagen, dass die Vorstellungskraft wichtiger sei als das Wissen, wenn wir unter „Wissen“ reines Bücherwissen ohne geistige Experimente verstehen.
Vogelperspektive. Mut, Offenheit und die Freude an Gedankenspielen sind die vorzüglichen Eigenschaften bedeutender Philosophen und Metaphysiker (was sich selbstverständlich nicht nur auf Männer beschränkt). Die Maulwurfperspektive, die überall nur lose Worte und klapprige Texte sieht (Gedanken und Gedankenlinien sind eben unsichtbar), bringt uns in der Metaphysik mit Sicherheit nicht weiter.
Wenn hier eine ‚grosse These’ herausgehoben werden soll, die der folgenden Arbeit als Ziel dienen könnte, dann würde eine solche wahrscheinlich so lauten: Das Ziel dieser Studie ist es, Whiteheads Prozessphilosophie zur Anwendung zu bringen und damit deren ‚Nützlichkeit’ vorzuführen - somit ist der Weg das Ziel. Für uns soll Philosophie Selbstzweck sein (la philosophie pour la philosophie könnte man sagen), so wie der Genuss eines Glas Weines Selbstzweck ist, auch wenn wir dabei unabsichtlich die Weinindustrie fördern. Das hindert uns nicht, für eine offene Philosophie einzustehen, die Menschen mit verschiedenem kulturellem und sozialem Hintergrund anspricht.
Impressionismus metaphysischer Aussagen kein beklagenswerter Nachteil, sondern ein durchaus attraktiver Vorteil ist. Dies wird besonders deutlich, wenn wir Whiteheads systematische Geschlossenheit mit James’ ‚unsystematischer’ Offenheit konfrontieren. Je mehr Details wir in Form von Prinzipien und Kategorien festschreiben, umso mehr engen wir die Breite der Anwendungsmöglichkeiten ein.
Das Ideal logischer Präzision und absoluter Widerspruchsfreiheit ist in der Metaphysik fehl am Platz. Möglicherweise sagen uns metaphysische Theorien mehr über das menschliche Denken und Fühlen, als über die objektive Beschaffenheit aussermenschlicher Sachverhalte. Wer sich für den Menschen interessiert, interessiert sich auch für sein Denken und für dessen Motivation.
Ich muss vielleicht noch vorausschicken, dass William James und Francis Herbert Bradley meine stilistischen Vorbilder sind, wenn es darum geht, einen Text zu verfassen. Ein Text darf kontrovers sein, und er muss vor allem Spannung aufbauen.
Von der Darstellungs- und Argumentationsweise her bin ich eher ein Schüler von Arthur Onken Lovejoy und Harry Austryn Wolfson, deren humanistisches Bildungsideal ich voll und ganz teile. Ausserdem ist in meinen Ausführungen ein erfrischender Hauch von Bergsons Philosophie zu verspüren. Wer sich in der Philosophie ein wenig auskennt, wird sich nicht wundern, dass ich als Metaphysiker Goethe, Coleridge, Hegel, Spencer, Bergson und andere wichtige Philosophen vor und nach 1800 sehr ernst nehme. Niemand erwartet, dass alle meinen Geschmack und meine Interessen teilen. So möge jeder das nach Hause mitnehmen, was ihm am meisten zusagt. Persönlich möchte ich meine Arbeit als Lehrbuch der modernen Metaphysik verstanden wissen, da mir eine entsprechende Arbeit zur Metaphysik im halben Jahrhundert von 1890-1940 nicht bekannt ist.
An dieser Stelle möchte ich Herrn Prof. Andreas Graeser recht herzlich für sein aufrichtiges Interesse und für seine sachkundige Unterstützung danken. Ihm ist diese Studie gewidmet. Ein gutes Buch ist bis zu einem gewissen Grad ein Gemeinschaftswerk (ein schönes Beispiel dafür ist Fritjof Capras Buch The Turning Point aus dem Jahre 1982). Es war mir aus verschiedenen Gründen nicht möglich, meine Thesen und Interpretationen mit Kolleginnen und Kollegen zu besprechen.
Abgesehen davon ist der kreative Prozess kein festgelegter Algorithmus, der von einer klaren Ausgangslage aus auf vorgegebene Ziele zusteuert. Wenn solches dem Leser vertraut ist, darf ich auf sein Wohlwollen hoffen. Bei „mächtigen“ und „produktiven“ Themen wachsen die verschiedenen Kapitel wie aus einem Baumstamm heraus (wie Herman Melville sagt). Das liegt in der Natur der Sache.
Für die weitere und nicht minder wertvolle Unterstützung danke ich meiner Frau Linda in Basel und meinen Eltern im schweizerischen Freiburg. Fribourg oder Freiburg ist eine kleine malerische Stadt in der Westschweiz, die im 19. Jahrhundert unter anderem von Lord Byron, Franz Liszt und John Ruskin besucht wurde.2 – – –
Ich mache nebenbei auf die hervorragenden Dissertationen von Edward J. Lintz, Bernard Baertschi und Nathalie Frieden-Markevitch sowie auf die Habilitationsschrift von Prof. Reto Luzius Fetz aufmerksam, die um 1980 an den Universitäten Freiburg (Fribourg) und Genf entstanden sind (wichtige Arbeiten zu Bergson, Maine de Biran und Whitehead, siehe Literaturverzeichnis). Man beachte weiter die beiden interessanten Arbeiten von Pierfrancesco Basile (Universität Bern) im Literaturverzeichnis. – Ich danke Herrn Prof. Fetz, dass er sich die Zeit genommen hat, die vorliegende Arbeit durchzulesen und zu kommentieren.
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