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Timestamp: 2018-11-17 19:31:17+00:00

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DAVID-SIGISMUND BÜTTNER
* 1660 in Schneeberg im Meißenschen
† 25. September 1725 in Querfurt
Pastor in Stedten und Farnstedten
Diakonus in Querfurt
Die Interpretation von Fossilien, d.h. ihre Gestaltung durch die "vis plastica" war herrschende Meinung bis in das 18. Jahrhundert, und in einzelnen Fällen auch noch länger. Das Wissen der Antike war in der Umbruchzeit, d.h. im Verlaufe des Unterganges des römischen Reiches verloren gegangen - nicht unbeeinflußt durch eine naturabgewandte Haltung des frühen Christentums bzw. später des scholastischen Mittelalters.
Die griechsichen und römischen Schriftsteller sahen in den Fossilien fast ausnahmslos Überreste von einst existierenden Tieren und Pflanzen. XENOPHANES (6.Jhrh. v. Chr.) z.B. betrachtete Fossilien als Zeugen früherer Meeresüberflutungen. Die gleiche Auffassung vertrat STRABO (60 v. Chr. - 25 n. Chr.) und nahm dazu Hebungen und Senkungen der Landmassen an. ARISTOTELES (384 - 322 v. Chr.) vertrat trotz seiner Bestrebungen nach empirischer Sicherung auch naturferne, anthropomorphe Vorstellungen. Eine ähnliches, d.h. teilweise gespaltenes Verhältnis zu den Fossilien findet sich auch bei PLINIUS dem Älteren (23 - 79 n. Chr.), wenn er z.B. fossile Haifischzähne als Glossopetren bezeichnet, die bei zunehmendem Mond vom Himmel gefallen sein sollten. Bezeichnend ist auch seine Deutung fossiler, regulärer Seeigel als Drudensteine.
In der Folgezeit wurden Fossilien also mehr und mehr als "Naturspiele" ("lusus naturae") betrachtet, gestaltet durch eine gesteinsbürtige, dem Urschlamm eigene Kraft, der "vis plastica" im Sinne AVICENNAs (980 - 1037) oder der "virtus formativa", wie sie ALBERTUS MAGNUS (1193 - 1280) bezeichnet.
Erst mit der Renaissance setzte ein allmählicher Wandel in den Vorstellungen ein. Bereits LEONARDO DA VINCI (1452 - 1519) hatte klar erkannt, daß Fossilien Reste einstiger Lebewesen gewesen sein mußten. Diese könnten aber nicht auf eine einzige Sintflut bezogen werden, da sie in verschieden alten Gesteinsabfolgen aufträten. Doch kam seine Erkenntnis noch zu früh. AGRICOLA ( 1494 - 1555) beispielsweise oder auch GESNER (1516 - 1565) waren sich in der Beurteilung der Fossilien nicht sicher, äußerten sich zurückhaltend oder widersprüchlich. Sie beurteilten die "Lithophyten" (GESNER) als in der Mitte zwischen Pflanzen und Steinen stehend, so z.B. auch die Korallen. Diese Zuordnung findet sich ebenfalls bei LEIBNIZ (1648 - 1716).
Die endgültige Anerkennung der Fossilien als Relikte einstiger Lebewesen setzte sich erst mit ihrer Deutung als Überreste in der großen biblischen Sintflut umgekommener Organismen durch. Erstmalig findet sich dieser Gedanke bei TERTULIAN (Kirchenvater im 2. - 3. Jhrh.). Ausgebaut und zur Sintfluth-Theorie entwickelt wurde diese Vorstellung - aufbauend auf den Beobachtungen von STENO (1638 - 1686) - insbesondere durch WOODWARD (1665 - 1728) und vor allen auch SCHEUCHZER (1672 - 1733). Diese als "Diluvianer" bezeichneten Naturforscher bildeten im 17. und 18. Jhrh. eine mächtige, von der Kirche gestützte Gruppierung, die der realen Entwicklung des Geologie-Verständnisses als Hemmschuh gegenüber stand.
Der bedeutendste Vertreter der "Diluvianer" in Deutschland war D.S. BÜTTNER. In seinen Werken
BÜTTNER, D.S., 1710.
Rudera diluvii testis, oder Zeichen und Zeugen der Sündfluth, in Ansehung des jetzigen Zustandes unserer Erd und Wasserkugel, insonderheit der darinnen vielfältig auch zeither in Querfurtischen Revier unterschiedlich angetroffenen, ehemals verschwemmten Thiere und Gewächse bey dem Lichte natürlicher Weißheit betrachtet. – 333 S., 1 Abb., 30 Taf.; Leipzig (J.F. Braunen).
BÜTTNER, D.S., 1714.
Coralliographia subterranea seu dissertatio de coralliis fossilibus, in specie de lapide corneo, Horn- oder gemeinen Feuerstein. – 68 S.; Lipsiae [Leipzig] (F. Groschuff).
setzt er sich - letztlich auch geprägt durch seinen geistlichen Stand - rationalistisch und basierend auf eigenen Beobachtungen ausführlich mit den Fossilien als Zeugen der Sintflut auseinandner. Ein Eckpfeiler seiner Argumentation waren denn auch die ordovizischen und silurischen Geschiebekorallen [sowie die kretazischen Feuerstein-Knollen] seines Wirkungskreises Querfurt in Sachsen und der angrenzenden Gebiete.
Seiner Auffassung zufolge sind die Korallen-"Gewächse" nicht autochthon, d.h. während des Diluvium gewachsen, sondern vielmehr mit ihrer Sedimentation aus turbulenten Wassern des weltumspannenden Diluviums, worunter er die Sintflut versteht, an ihrem Fundort abgesetzt worden: "Daraus wird klar, daß das ganze Gebiet von Querfurt und seiner Nachbarschaft, auch wenn es sehr hoch liegt, aus dem Sediment eines strömungsreichen flüssigen Körpers entstanden ist, das auch unsere Korallen enthält" (BÜTTNER, 1714: Cap. 7, § 16). ["Ex his elucescit totam regionem Qerfurtensem ac vicinam, altissimam quamvis, ex sedimento turbidi fluidi oriam, continnentem quoque corallia nostra fossilia."]. Den gleichen "diluvialen" Ursprung nimmt BÜTTNER auch für die Korallen der Leipziger, Meißener, thüringischen, schlesischen u.a. Fundstätten an (Cap. 7, § 6 u. 17). "Nach all dem steht fest, daß der Ort, wo unsere Korallen und andere ihrer Schicksalsgenossen angetroffen werden, nicht die erste geschaffene Erde ist, die des Paradieses oder die jungfräuliche Erde, sondern daß sie aus einem strömungsreichen flüssigen Medium abgesetzt und entstanden ist, ...." (Cap. 7, § 22), dessen Weg und Kraft im weltumspannenden Diluvium (= Sintflut) zu sehen ist.
Wie zur Untermauerung seiner Vorstellungen zitiert BÜTTNER auch aus einem an ihn gerichteten Brief des Liegnitzer Arztes und Historikers Georg Anton VOLCKMANN: "Sowohl diejenigen, welche solche Dinge für Natur=Spiele halten, sind eines grossen Irthums zubeschuldigen, als auch die nicht glauben wollen, daß diese marina petrefacta, reliquiae Diluvii universalis wären., sondern nur von einer particular Inundation [= lokaler Überflutungen (Anm. d. Verf.)]. Sie möchten doch erweisen, wie selbige nicht nur auf unsere hohe Landschaft sondern auch auf die Gebürge in der Schweitz, in America und Africa kommen" (BÜTTNER, 1714, Cap. 8, § 31).
Wie VOLCKMANN spricht sich BÜTTNER vehement und sarkastisch gegen eine Deutung der Korallen als Naturspiele aus. In schon fast aktualistischer Argumentation beweist er die Korallen-Natur seiner fossilen Funde. Allerdings steht bei ihm die Frage nach der tierischen Natur der Korallen nicht im Vordergrund - diese hat sich ihm offensichtlich nicht gestellt. Und aus der Darstellung des Gegenstandes seiner Dissertatio läßt sich unschwer eine noch unklare Kenntnis und Abgrenzung der Korallen erkennen. So bezieht er neben Feuerstein auch Bryozoen die Korallen ein, eine Ansicht, die sich bis weit in das 19, Jahrhundert hielt (SCHOUPPE, 1991, 1993). Zwar zieht er rezentes Vergleichmaterial zu Rate, doch ist ihm auch die Natur und Entstehung der Korallen im Detail noch unklar. Sog. Baumkorallen, beispielsweise, rechnet er dem Pflanzenreich zu , sie aus dem Pflanzenreich auszusondern, sei nicht haltbar (Cap. 2, § 19: ....Ad minimum, dendricum coralliorum genus è regno vegetabili ejici, non patietur.").
"Denn Korallen sind, um den Gegenstand irgendwie zu beschreiben, z. T. Stämme, z.T. Ausflüsse des Gesteins, die im Wasser am Boden und an Felswänden entstehen und Saft und Nährkraft daher beziehen" (Cap. 2, § 2). Und weiter heißt es: "Es ist nicht unvernünftig [anzunehmen], daß milchige kleine Topfen von den Zweigenden fallen, durch deren Samen- und Wuchskraft neue Korallen entstehen" (Cap. 2, § 17). - Doch müssen ihm diese Unsicherheiten nachgesehen werden. BÜTTNERs Beobachtungen und Schlußfolgerungen entstanden zu Anfang des 18. Jahrhunderts, der Zeit der Morgenröte der Geowissenschaften.
So wird auch verständlich, wenn er den Feuerstein zu den Korallen zählt und annimmt, daß die Koralle als Feuerstein andere marine Lebewesen umschließe (Cap. 2, § 21) und an anderer Stelle (Cap. 6, § 10) dazu bemerkt: " Dies alles [Seeigel, Muscheln u.ä.] konnte nicht in den Hornstein eindringen oder in ihm entstehen. Es ist absolut sicher, daß diese Tiere, oder besser ihre Überreste, durch diese wachstumsbegabte und sich vermehrende Koralle überdeckt und umschlossen worden sind". Aus dieser Überlegung folgert er weiter, daß die Korallen in vivo weich gewesen sein müssen.
Aus der Dissertatio BÜTTNERs geht jedenfalls klar hervor - und aus der Sicht der damaligen Zeit bewertet, als eine besondere Leistung anzusehen -, daß er
die Korallen zweifelsfrei als marine Organismen betrachtet und
diese an ihrem Fundort in Sachsen und angrenzenden Gebieten als allochthon erkannte [deren Heimat, wie wir heute wissen, im balto-skandinavischen Raum lag].
für ihre Verfrachtung exogen dynamische Vorgänge in Betracht zog, wenn auch die Annahme einer Weltflut im Sinne der biblischen Sintflut aus der christlichen Weltanschauung genährt worden ist.
Die tatsächlichen Ursachen für die Verfrachtung der "BÜTTNERschen Korallen" , d.h. Vorgänge der Eiszeit wurden ja erst mehr als 100 Jahre später durch AGASSIZ entdeckt. Ihr Transport durch pleistozäne Gletschereis-Massen steht heute außer Frage. Umso unverständlicher erscheint es, wenn heute seitens der Kreationisten und unter ihnen durch geschulte Geologen wieder eine "biblische Flut" propagiert wird (WISE, D.U., 1998). Hier werden die mühsam erarbeiteten Erkenntnisse ernsthafter Forscherarbeit unter dem Altar der Ignoranz und des Sektierertums zu Grabe getragen!
An dieser Stelle gebührt mein Dank meinem Freund und Kollegen Prof. Dr. Wolfhart LANGER, Paläontologisches Institut Universität Bonn für die Beschaffung einer Kopie der Dissertatio BÜTTNERs sowie für zahlreiche hilfreiche Informationen. Prof. Dr. U. KINDERMANN, Institut für Alte Sprachen - Mittellatein und Neulatin - Universität Nürnberg-Erlangen verdanke ich ein Excerpt der Dissertatio sowie Übersetzungen für die Interpretation wichtiger Paragraphen.
KLEMENS OEKENTORP, 30. Juli 1998
ABEL, O., 1939. Vorzeitliche Tierreste im Deutschen Mythus, Brauchtum und Volksglauben. – i-xvi + 304s.; 186 Abb.; Jena (G. Fischer).
EDWARDS, W.N., 1976. The Early History of Palaeontology. – British Museum (Natural History), 658: i-viii + 1-60, 19Abb.; London:
HÖLDER, H., 1960. Geologie und Paläontologie in Texten und ihrer Geschichte. – 565 S., 51 Abb., 16 Taf.; Freiburg - München (Karl Alber).
LAMBRECHT, K. & W. et A. QUENSTEDT, 1938. Palaeontologi. Catalogus bio-bibliographicus. - In: QUENSTEDT, W. (Ed.): Fossilium Catalogus. I: Animalia. – Pars 72: i-xxii + 1-495; `s-Gravenhage (W. Junk). [BÜTTNER auf pagina 70]
SCHOUPPÉ; A. von, 1991. Episodes of Coral Research History up to the 18th Century - Inaugural Lecture VI. Intern. Symposium onFossil Cnidaria and Porifera [ mit deutscher Version] : 1-36, 22 Abb.; Münster (International Association for the Studyy of Fossil Cnidaria and Porifera).
SCHOUPPÉ; A. von, 1993. Episodes of coral research history up to the 18th century. – In: Oekentorp, P. (Ed.): Proceedings of the VI. International Symposium on Fossil Cnidaria and Porifera held in Münster, Germany 9.-14. September 1991. – Courier Forsch.-Inst. Senckenberg, 164: 1-16, 21 Abb.; Frankfurt am Main.
SCHRÖTER, J.S., 1773. Journal für die Liebhaber des Steinreichs und der Konchyoliologie. I.:21-24.
TORNIER, G.,1924: Über den Erinnerungstag an das 150-jährige Bestehen der Gesellschaft naturforschender Freunde in Berlin. Rückblick auf die Paläontologie. – Sitz.-Ber. Ges. naturf. Freunde Berlin 1923: 12-71 (z.T); 1924: 9-61; 1925: 72-106; Berlin. ([BÜTTNER auf pagina 12]
WISE, D.U., 1998. Creationism´s Geologic Time Scale. Should the scientific community continue to fight rear-guard skirmishes with creationists, or insist that "young-earthers" defend their model in toto?. – American Scientist, 86: 160-173, 7 figs.;
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ZITTEL, K.A. von, 1899. Geschichte der Geologie und Paläontologie bis Ende des 19. Jahrhunderts. – i-xi + 1- 868; München und Leipzig (R. Oldenbourg).
Tafel 1 aus der Dissertatio BÜTTNER, D-S., 1714 "Corallographia subterranea....".

References: § 16
 § 6
 § 22
 § 31
 § 19
 § 2
 § 17
 § 21
 § 10