Source: http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/savigny_system03_1840?p=338
Timestamp: 2018-02-17 19:48:10+00:00

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Der Mangel richtiger Vorstellung von einem Gegen-
stand läßt sich auf zweyerley Weise denken: entweder als
bloße Bewußtlosigkeit in Beziehung auf denselben, oder als
falsche Vorstellung welche die Stelle der wahren einge-
nommen hat. Den ersten Zustand nennen wir Unwis-
senheit, den zweyten Irrthum. Die juristische Beur-
theilung ist für beide Zustände völlig dieselbe, und darum
ist es gleichgültig, welchen von beiden Ausdrücken man
gebraucht. Bey unsren Juristen ist der zweyte gebräuch-
licher, weil der Irrthum häufiger als die bloße Unwissen-
heit bey Rechtsverhältnissen in Betracht kommt (a).
Das Daseyn eines solchen mangelhaften Zustandes
wird stets nach dem Bewußtseyn derjenigen Person beur-
theilt, auf welche sich das Rechtsverhältniß zunächst und
unmittelbar bezieht, ohne Rücksicht auf die, welche neben
ihr ein Interesse, vielleicht selbst ein größeres, an jenem
Verhältniß haben kann (b).
Man unterscheidet den Rechtsirrthum und den fac-
(a) Über die wesentliche Iden-
tität des Irrthums und der Un-
wissenheit vgl. das System § 115,
und Donellus I. 19 § 5. -- Ei-
gentlich besteht also das allgemein-
ste Wesen des hier vorhandenen
mangelhaften Seelenzustandes in
der Unwissenheit, oder dem Man-
gel richtiger Erkenntniß, und da-
von ist der Irrthum nur eine be-
sondere Modification, deren Eigen-
thümlichkeit aber juristisch gleich-
(b) L. 5 h. t., L. 3 quis ordo
(38. 15.). Vgl. Cujacius opp.
VII. 888 und in Africanum Tract.
8 ad L. 51 de aedil. ed. Hei-
neccius ad L. Jul. p. 189. Glück
B. 22 S. 306. Vgl. auch unten
Num. XXI. Note w.
Der Mangel richtiger Vorſtellung von einem Gegen-
ſtand läßt ſich auf zweyerley Weiſe denken: entweder als
bloße Bewußtloſigkeit in Beziehung auf denſelben, oder als
falſche Vorſtellung welche die Stelle der wahren einge-
nommen hat. Den erſten Zuſtand nennen wir Unwiſ-
ſenheit, den zweyten Irrthum. Die juriſtiſche Beur-
theilung iſt für beide Zuſtände völlig dieſelbe, und darum
iſt es gleichgültig, welchen von beiden Ausdrücken man
gebraucht. Bey unſren Juriſten iſt der zweyte gebräuch-
licher, weil der Irrthum häufiger als die bloße Unwiſſen-
heit bey Rechtsverhältniſſen in Betracht kommt (a).
Das Daſeyn eines ſolchen mangelhaften Zuſtandes
wird ſtets nach dem Bewußtſeyn derjenigen Perſon beur-
theilt, auf welche ſich das Rechtsverhältniß zunächſt und
unmittelbar bezieht, ohne Rückſicht auf die, welche neben
ihr ein Intereſſe, vielleicht ſelbſt ein größeres, an jenem
Man unterſcheidet den Rechtsirrthum und den fac-
(a) Über die weſentliche Iden-
wiſſenheit vgl. das Syſtem § 115,
und Donellus I. 19 § 5. — Ei-
gentlich beſteht alſo das allgemein-
ſte Weſen des hier vorhandenen
mangelhaften Seelenzuſtandes in
der Unwiſſenheit, oder dem Man-
von iſt der Irrthum nur eine be-
ſondere Modification, deren Eigen-
thümlichkeit aber juriſtiſch gleich-
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[326/0338] Beylage VIII. I. Der Mangel richtiger Vorſtellung von einem Gegen- ſtand läßt ſich auf zweyerley Weiſe denken: entweder als bloße Bewußtloſigkeit in Beziehung auf denſelben, oder als falſche Vorſtellung welche die Stelle der wahren einge- nommen hat. Den erſten Zuſtand nennen wir Unwiſ- ſenheit, den zweyten Irrthum. Die juriſtiſche Beur- theilung iſt für beide Zuſtände völlig dieſelbe, und darum iſt es gleichgültig, welchen von beiden Ausdrücken man gebraucht. Bey unſren Juriſten iſt der zweyte gebräuch- licher, weil der Irrthum häufiger als die bloße Unwiſſen- heit bey Rechtsverhältniſſen in Betracht kommt (a). Das Daſeyn eines ſolchen mangelhaften Zuſtandes wird ſtets nach dem Bewußtſeyn derjenigen Perſon beur- theilt, auf welche ſich das Rechtsverhältniß zunächſt und unmittelbar bezieht, ohne Rückſicht auf die, welche neben ihr ein Intereſſe, vielleicht ſelbſt ein größeres, an jenem Verhältniß haben kann (b). Man unterſcheidet den Rechtsirrthum und den fac- (a) Über die weſentliche Iden- tität des Irrthums und der Un- wiſſenheit vgl. das Syſtem § 115, und Donellus I. 19 § 5. — Ei- gentlich beſteht alſo das allgemein- ſte Weſen des hier vorhandenen mangelhaften Seelenzuſtandes in der Unwiſſenheit, oder dem Man- gel richtiger Erkenntniß, und da- von iſt der Irrthum nur eine be- ſondere Modification, deren Eigen- thümlichkeit aber juriſtiſch gleich- gültig iſt. (b) L. 5 h. t., L. 3 quis ordo (38. 15.). Vgl. Cujacius opp. VII. 888 und in Africanum Tract. 8 ad L. 51 de aedil. ed. Hei- neccius ad L. Jul. p. 189. Glück B. 22 S. 306. Vgl. auch unten Num. XXI. Note w.
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Zitationshilfe: Savigny, Friedrich Carl von: System des heutigen Römischen Rechts. Bd. 3. Berlin, 1840. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/savigny_system03_1840/338>, S. 326, abgerufen am 17.02.2018.

References: § 115
 § 5
 § 115
 § 5
 § 115
 § 5
 § 115
 § 5