Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=VersR%201977,%20524
Timestamp: 2018-11-20 01:01:46+00:00

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BGH, 11.01.1977 - VI ZR 268/74 - dejure.org
Mitverursachung einer Körperverletzung durch einen Unfall - Schuldhaftes Verhalten trotz rechtmäßiger Nutzung eines Vorfahrtsrechts - Notwendigkeit der Berücksichtigung von unzureichenden Sichtverhältnissen - Rechtswidriges Überholen eines unbeteiligten Fahrzeugs als pflichtwidriges Vorverhalten - Voraussetzungen für die Beendigung eines Überholvorgangs - Schutzzweck des Rechtsfahrgebotes - Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit vor Eintritt der Unfallsituation als zurechenbarer Ursachenzusammenhang
StVO (a.F.) §§ 8, 37, § 9 Abs. 1; ZPO § 286
VersR 1977, 524
Der rechtliche Ursachenzusammenhang zwischen Geschwindigkeitsüberschreitung und Unfall ist zu bejahen, wenn bei Einhaltung der zulässigen Geschwindigkeit zum Zeitpunkt des Eintritts der kritischen Verkehrssituation der Unfall vermeidbar gewesen wäre (vgl. Senatsurteile vom 22. Dezember 1959 - VI ZR 215/58 - VersR 1960, 183, 184; vom 27. November 1962 - VI ZR 240/61 - VersR 1963, 165, 166; vom 11. Januar 1977 - VI ZR 268/74 - aaO und vom 7. April 1987 - VI ZR 30/86 - VersR 1987, 821, 822; vgl. auch BGHSt 33, 61, 63 f. m.w.N.).
b) Die kritische Verkehrslage beginnt für einen Verkehrsteilnehmer dann, wenn die ihm erkennbare Verkehrssituation konkreten Anhalt dafür bietet, daß eine Gefahrensituation unmittelbar entstehen kann (…vgl. Senatsurteile vom 27. November 1962 - VI ZR 240/61 - aaO; vom 11. Januar 1977 - VI ZR 268/74 - aaO; vom 25. September 1990 - VI ZR 19/90 - VersR 1990, 1366, 1367 und vom 5. Mai 1992 - VI ZR 262/91 - VersR 1992, 890; vgl. auch VGS BGHZ 14, 232, 239 = BGHSt 7, 118, 124; BGH, Urteil vom 26. Juli 1963 - 4 StR 258/63 - VRS 25, 262, 263 f.; BGHSt 24, 31, 34 m.w.N.; BGH, Urteil vom 21. März 1978 - 4 StR 683/77 - VRS 54, 436, 437; BGHSt 33, 61, 63 ff.; OLG Celle VRS 63, 72, 73; OLG Köln VRS 70, 373, 374 f.; OLG Frankfurt JR 1994, 77, 78 m. Anm. Lange; OLG Düsseldorf VRS 88, 268 f.; OLG Köln VersR 2001, 1577, 1578; OLG Karlsruhe VRS 100, 460, 461).
Die vom Kläger übertretene allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Landstraßen schützt jeden Verkehrsteilnehmer; sie dient insbesondere auch dazu, Quer- und Kreuzungsverkehr ohne die aus hohen Geschwindigkeiten drohenden besonderen Gefahren zu ermöglichen (vgl. Senatsurteile vom 11. Januar 1977 - VI ZR 268/74 - aaO; vom 14. Februar 1984 - VI ZR 229/82 - VersR 1984, 440 …und vom 25. September 1990 - VI ZR 19/90 - aaO; vgl. auch VGS BGHZ 14, 232, 234 und 238 = BGHSt 7, 118, 120 f. und 126; BGHSt 33, 61, 65; OLG Koblenz VersR 1990, 1021 mit Nichtannahmebeschluß des Senats vom 20. März 1990 - VI ZR 204/89).
Deswegen besteht für diesen das rechtmäßige Alternativverhalten, welches (fiktiv) der Kausalitätsprüfung zugrunde zu legen ist, nicht in einem sofortigen Abbremsen auf die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit, sondern in der Einhaltung dieser Geschwindigkeit bereits bei Beginn der kritischen Verkehrslage (vgl. Senatsurteil vom 11. Januar 1977 - VI ZR 268/74 - aaO; BGHSt 33, 61, 63 f.).
Der aus einem Grundstück kommende Fahrzeugführer hat sich grundsätzlich darauf einzustellen, dass der ihm gegenüber Vorfahrtsberechtigte in diesem Sinne von seinem Recht Gebrauch macht (…vgl. Senatsurteile vom 13. November 1990 - VI ZR 15/90, aaO; vom 19. Mai 1981 - VI ZR 8/80, VersR 1981, 837; vom 11. Januar 1977 - VI ZR 268/74, VersR 1977, 524, 526; BGH…, Urteil vom 19. September 1974 - III ZR 73/72, aaO mwN; OLG Bamberg, VersR 1987, 1137).
Es kommt danach insbesondere nicht darauf an, ob der Fahrzeugführer irgendwann vor dem Eintritt der kritischen Verkehrslage eine Geschwindigkeitsüberschreitung begangen hatte, welche überhaupt erst dazu beigetragen hat, daß er im Unfallzeitpunkt am Unfallort war (BGH [4. Strafs.] VRS 23, 369, 370; BGH [VI. Zivils.] VRS 18, 180; VersR 1963, 165; 1977, 524; OLG Hamm VRS 10, 459; ZfS 1983, 91 f;… Jagusch/Hentschel, Straßenverkehrsrecht 27. Aufl. Einl. Rdn. 101;… StVO § 3 Rdn. 67;… Jescheck, Lehrb. d. StrafrAllg. Teil 3. Aufl. S. 474 f;… Cramer, Lenckner in Schönke/Schröder StGB 21. Aufl. Vorbem. §§ 13 ff Rdn. 101 f;… § 15 Rdn. 165 ff;… Samson in SK Anh. zu § 16 Rdn. 28; Schünemann, JA 1975, 715; Weiter, Objektive und personale Zurechnung von Verhalten, Gefahr und Verletzung in einem funktionalen Straftatsystem [1981] S. 342).
Insbesondere liegen keine beweissicheren Anhaltspunkte dafür vor, dass die Erstbeklagte mit unangepasster Geschwindigkeit gefahren ist (vgl. hierzu BGH, Urteil vom 11.01.1977 - VI ZR 268/74, VersR 1977, 524; Kammer, Urteil vom 01.02.2013 - 13 S 176/12, Zfs 2013, 378).
Solange ein Vorfahrtsberechtigter mit der zulässigen Geschwindigkeit "auf Sicht" fahren kann, besteht für ihn daher kein Grund, nur wegen der Möglichkeit, dass einfahrender Querverkehr aus der untergeordneten Straße sein Vorfahrtsrecht missachten könnte, seine Geschwindigkeit zu vermindern (vgl. BGH, Urteil vom 11.01.1977 - VI ZR 268/74, VersR 1977, 524).
Dies bedeutet, daß er so langsam fahren mußte, daß er beim Ansichtigwerden eines vorfahrtsberechtigten Verkehrsteilnehmers auf der Stelle anhalten konnte (vgl. Senatsurteil vom 11. Januar 1977 - VI ZR 268/74 - VersR 1977, 524, 526;… vgl. ferner Jagusch/Hentschel, Straßenverkehrsrecht, 27. Aufl. 1983, § 8 StVO Rdn. 58;… Mühlhaus/Janiszewski, StVO, 10. Aufl. 1984, § 8 Anm. 7 b).
So hat der Senat etwa entschieden, daß das Gebot, innerhalb der Fahrbahn möglichst weit rechts zu fahren (§ 2 Abs. 2 StVO), nur dem Begegnungsverkehr dient, der sich in Längsrichtung abwickelt, und sich deshalb auf einen Verstoß gegen dieses Gebot weder der einbiegende (Senatsurteile vom 30. Oktober 1962 - VI ZR 204/61 - VersR 1963, 163 und vom 11. Januar 1977 - VI ZR 268/74 - VersR 1977, 524, 526; ebenso BGH Urteil vom 17. September 1974 - III ZR 73/72 - VersR 1975, 37, 39) noch der aus der Gegenrichtung abbiegende Kraftfahrzeugverkehr (Senatsurteil vom 19. Mai 1981 - VI ZR 8/86 - VersR 1981, 837 f..) noch auch der die Fahrbahn überquerende Fußgängerverkehr (Senatsurteile vom 16. Juni 1964 - VI ZR 98/63 - VersR 1964, 1069, 1070 und vom 11. Januar 1977 aaO.;… ebenso BGH Urteil vom 17. September 1974 aaO. m.w.N.) berufen kann.
Eine solche generelle Geschwindigkeitsbegrenzung wirkt sich losgelöst von dem Zweck, den die Straßenverkehrsbehörde in erster Linie mit ihr verfolgt haben mag, zugunsten aller Verkehrsbeteiligten aus, für die die überhöhte Geschwindigkeit in der entstandenen kritischen Verkehrslage (vgl. insoweit Senatsurteil vom 11. Januar 1977 aaO. S. 525) mit Gefahren verbunden ist, so daß die Geschwindigkeitsüberschreitung bei einem Unfall im Verhältnis zu jedem Betroffenen verschuldensbegründend oder -erhöhend ins Gewicht fällt.

References: § 9
 § 286
 BGH 
 § 3
 § 15
 § 16
 § 8
 § 8
 BGH 
 BGH