Source: https://rechtssoziologie-online.de/kapitel-14organisationstheoretische-erklarungsansatze/%C2%A7-78-korruption/
Timestamp: 2018-08-20 20:45:18+00:00

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§ 78 Korruption | Rechtssoziologie-online
I. Kor­rup­ti­on als Pro­blem
II. Moder­ne Emp­find­lich­keit für Kor­rup­ti­on
III. Klas­si­scher und moder­ner, enger und wei­ter Kor­rup­ti­ons­be­griff
IV. Erschei­nungs­for­men der Kor­rup­ti­on
1) Gro­ße und klei­ne, ver­ein­zel­te und sys­te­mi­sche, har­te und wei­che Kor­rup­ti­on
2) Kor­rup­ti­on in Ver­wal­tung und Jus­tiz
3) Poli­ti­sche Kor­rup­ti­on
4) Kor­rup­ti­on in der Wirt­schaft
5) Kor­rup­ti­on im wei­te­ren Sin­ne
V. Die Mes­sung des Unmess­ba­ren
VI. Kor­rup­ti­on als Kul­tur?
VII. Ansät­ze zur Erklä­rung von Kor­rup­ti­on
1) Der sys­tem­theo­re­ti­sche Ansatz
2) Regu­lie­rung als oppor­tu­ni­ty struc­tu­re
3) Struk­tu­rel­le Erklä­run­gen der Kor­rup­ti­on
4) Indi­vi­dua­lis­ti­sche Erklä­run­gen der Kor­rup­ti­on
5) Kor­rup­ti­on als sozia­le Bezie­hung
VIII. Bekämp­fung der Kor­rup­ti­on
§ 78 Kor­rup­ti­on
Lite­ra­tur: Brit­ta Ban­nen­berg, Kor­rup­ti­on in Deutsch­land. Por­trait einer Wachs­tums­bran­che, 3. Aufl. 2007; Jan Haas, Kor­rup­ti­on, Ein­fluss­fak­to­ren, Aus­wir­kun­gen, Prä­ven­ti­on, 2005; Chris­ti­an Höff­ling, Kor­rup­ti­on als sozia­le Bezie­hung, 2002; Johann Graf Lambs­dorff, The Insti­tu­tio­nal Eco­no­mics of Cor­rup­ti­on and Reform, Cam­bridge Univ. Press 2007; Susan Rose-Acker­man, Cor­rup­ti­on: A Stu­dy in Poli­ti­cal Eco­no­my, New York 1978; Hart­mut Schweit­zer, Vom Geist der Kor­rup­ti­on, Theo­rie und Ana­ly­se der Bedin­gun­gen für Ent­ste­hung, Ent­wick­lung und Ver­än­de­rung von Kor­rup­ti­on, 2009.
Sam­mel­bän­de: Über­ra­gend wich­tig ist und bleibt: Arnold J. Heidenheimer/Michael Johnston/Victor T. Le Vine (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, A Hand­book, 5. Aufl., New Brunswick, Oxford 1999. Es han­delt sich um einen Reader mit geschickt gekürz­ten Tex­ten und kur­zen Ein­lei­tun­gen. Über­wie­gend ist der Band über Goog­le-Books ein­seh­bar. Im Übri­gen gibt es zum The­ma eine Fül­le von Sam­mel­bän­den (die aus­zu­wer­ten sich kaum lohnt). Das zeigt, dass »Kor­rup­ti­on« nach wie vor ein dif­fu­ses The­ma bil­det, das sich schwer sys­te­ma­tisch behan­deln lässt. Des­halb wer­den Sam­mel­bän­de hier vor­ab ange­führt. Ein­zel­ne rele­van­te Bei­trä­ge wer­den jeweils bei den ein­schlä­gi­gen Glie­de­rungs­punk­ten genannt. Ulrich von Ale­mann (Hg.), Dimen­sio­nen poli­ti­scher Kor­rup­ti­on. Bei­trä­ge zum Stand der inter­na­tio­na­len For­schung, 2005; Ger­hard Anders/Monique Nui­j­ten (Hg.), Cor­rup­ti­on and the Secret of Law 2007; Harald Bluhm/Karsten Fischer (Hg.), Sicht­bar­keit und Unsicht­bar­keit der Macht. Theo­ri­en poli­ti­scher Kor­rup­ti­on, 2002; Chris­ti­an Brün­ner (Hg.), Kor­rup­ti­on und Kon­trol­le, Wien 1981; Chris­ti­an Fleck/Helmut Kuz­c­nics (Hg.), Kor­rup­ti­on. Zur Sozio­lo­gie nicht immer abwei­chen­den Ver­hal­tens, 1985; Peter Graeff/Jürgen Grie­ger (Hg.), Was ist Kor­rup­ti­on?, Begrif­fe, Grund­la­gen und Per­spek­ti­ven gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­cher Kor­rup­ti­ons­for­schung, 2012; Niels Grüne/Simona Sla­nič­ka (Hg.), Kor­rup­ti­on, His­to­ri­sche Annä­he­run­gen an eine Grund­fi­gur poli­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on, 2010 (Rezen­si­on für H-Soz-u-Kult von Moritz Isen­mann, 2011); Arnold J. Heidenheimer/Michael Johnston, Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, Con­cepts & Con­texts, 3. Aufl., New Brunswick, N.J 2002; Tho­mas Kliche/Stephanie Thiel (Hg.), Kor­rup­ti­on, For­schungs­stand, Prä­ven­ti­on, Pro­ble­me, Len­ge­rich, Westf 2011; Kor­rup­ti­on, Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te 3−4÷2009; dar­in u. a.: Johann Graf Lambsdorff/Lotte Beck, Kor­rup­ti­on als Wachs­tums­brem­se; Kon­sta­di­nos Maras, Lob­by­is­mus in Deutsch­land; Tan­ja Rabl, Der kor­rup­te Akteur; Sabi­ne Krug, Kor­rup­ti­on in ver­schie­de­nen Wirt­schafts­sys­te­men, 1997; Bir­ger P. Priddat/Michael Schmid (Hg.), Kor­rup­ti­on als Ord­nung zwei­ter Art, Wies­ba­den 2011 Hans Her­bert von Arnim (Hg.), Kor­rup­ti­on. Netz­wer­ke in Poli­tik, Ämtern und Wirt­schaft, 2003; Charles Sampford/Arthur Shacklock/Carmel Connors/Fredrik Gal­tung (Hg.), Mea­su­ring Cor­rup­ti­on, Alder­shot, Ash­ga­te 2006; Cars­ten Stark/Christian Lahu­sen (Hg.), Kor­rup­ti­on und neue Staat­lich­keit. Per­spek­ti­ven sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher­Kor­rup­ti­ons­for­schung, 2010; B. Wer­ner Sim­cha, New Direc­tions in the Stu­dy of Admi­nis­tra­ti­ve Cor­rup­ti­on, Public Admi­nis­tra­ti­on Review 43, 1983, 146–154; Klaus Völkel/Carsten Stark/Reiner Chwoy­ka (Hg.), Kor­rup­ti­on im öffent­li­chen Dienst, Delik­te, Prä­ven­ti­on, Straf­ver­fol­gung, 2. Aufl., 2011; Sebas­ti­an Wolf/Diana Schmidt-Pfis­ter (Hg.), Inter­na­tio­nal Anti-Cor­rup­ti­on Regimes in Euro­pe, 2010.
Lite­ra­tur: Carl J. Fried­rich, Patho­lo­gie der Poli­tik, Die Funk­ti­on der Miss­stän­de; Gewalt, Ver­rat, Kor­rup­ti­on, Geheim­hal­tung, Pro­pa­gan­da, 1973; Johann Graf Lambs­dorff, The Insti­tu­tio­nal Eco­no­mics of Cor­rup­ti­on and Reform, Cam­bridge Univ. Press 2007; Samu­el P. Hun­ting­ton, Poli­ti­cal Order in Chan­ging Socie­ties, 11. Aufl., New Haven [u.a.] 1976 S. 59–71 = ders., Moder­ni­za­ti­on and Cor­rup­ti­on, in: Arnold J. Hei­den­hei­mer u. a. (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, 5. Aufl.,1999, 377–388; Natha­ni­el H. Leff, Eco­no­mic Deve­lop­ment Through Bureau­cra­tic Cor­rup­ti­on, in: Arnold J. Hei­den­hei­mer u. a. (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, 5. Aufl., 1999, 389–404; Patrick von Mara­vic, Kor­rup­ti­ons­ana­ly­se als Ana­ly­se von Hand­lungs­si­tua­tio­nen – ein kon­zep­tio­nel­ler Vor­schlag, in: Kai Birk­holz u. a. (Hg.), Public Manage­ment – eine neue Gene­ra­ti­on in Wis­sen­schaft und Pra­xis 2006, 97–126; Josef F. Nye, Cor­rup­ti­on and Poli­ti­cal Deve­lop­ment. A Cost-Bene­fit Ana­ly­sis, Ame­ri­can Poli­ti­cal Sci­ence Review 61, 1967, 417–427= ders., in: Arnold J. Hei­den­hei­mer u. a. (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, 5. Aufl., 1999, 963–984; Susan Rose-Acker­man; The Poli­ti­cal Eco­no­my of Cor­rup­ti­on – Cau­ses and Con­se­quen­ces, Public Poli­cy for the Pri­va­te Sec­tor (The World­bank), April 1996; Erich Streiss­ler, Zum Zusam­men­hang zwi­schen Kor­rup­ti­on und Wirt­schafts­ver­fas­sung, in: Chris­ti­an Brün­ner (Hg.), Kor­rup­ti­on und Kon­trol­le, Wien 1981, 299–328.
Kor­rup­ti­on gilt als Krebs­ge­schwür der Gesell­schaft.[1] Sie unter­mi­niert den Rechts­staat, beein­flusst poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen, führt zu Ver­schwen­dung öffent­li­cher Mit­tel und zer­stört das Ver­trau­en in öffent­li­che Insti­tu­tio­nen. Kor­rup­ti­on behin­dert nicht nur die Wirt­schaft, son­dern auch das Leben ein­fa­cher Bür­ger, wenn für lebens­not­wen­di­ge Dienst­leis­tun­gen Schmier­gel­der gefor­dert wer­den und sie sich nicht ein­mal auf die Poli­zei ver­las­sen kön­nen. Die Schäd­lich­keit der Kor­rup­ti­on ist aller­dings nicht stets auf den ers­ten Blick erkenn­bar, weil es schein­bar kei­ne Opfer gibt. Die Wir­kun­gen sind alle mehr oder weni­ger indi­rekt. Sie betref­fen letzt­lich vie­le oder alle Bür­ger, ohne dass ihre Ursa­che klar erkenn­bar wäre.
Kor­rup­ti­on ist ein welt­wei­tes Pro­blem. Sie kommt in allen Rechts- und Wirt­schafts­sys­te­men vor und unter­schei­det sich ledig­lich nach Art und Umfang. Aus deut­scher Sicht wird Kor­rup­ti­on ger­ne als ein Phä­no­men unter­ent­wi­ckel­ter Staa­ten wahr­ge­nom­men, von dem die eige­ne Gesell­schaft weit­ge­hend ver­schont bleibt. Das ist nicht unbe­dingt ein Irr­tum, auch wenn es in jün­ge­rer Zeit hier­zu­lan­de spek­ta­ku­lä­re Kor­rup­ti­ons­fäl­le gab. Von dem ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Samu­el P. Hun­ting­ton stammt die The­se, ein grö­ße­res Maß an Kor­rup­ti­on bil­de eine unver­meid­ba­re Begleit­erschei­nung im Moder­ni­sie­rungs­pro­zess:
»Cor­rup­ti­on may be more pre­va­lent in some cul­tures than in others but in most cul­tures it seems to be most pre­va­lent during the most inten­se pha­se of moder­ni­za­ti­on … Impres­sio­nistic evi­dence sug­gests that its extent cor­re­la­tes rea­son­ab­ly well with rapid soci­al and eco­no­mic moder­ni­za­ti­on.« (Hun­ting­ton 1976, 59)
Der Anwen­dungs­be­reich der Unver­meid­bar­keits­the­se ist nicht auf die Ent­wick­lungs­län­der beschränkt. Hun­ting­ton hat sie auch auf die Moder­ni­sie­rung der USA und Eng­lands im 19. Jahr­hun­dert bezo­gen. Vier Grün­de[2] hat er dafür ange­führt: Ers­tens: Im Zuge der Moder­ni­sie­rung ändern sich grund­le­gen­de Wer­te und Ein­stel­lun­gen. Es steigt die Akzep­tanz uni­ver­sa­lis­ti­scher und leis­tungs­be­zo­ge­ner Nor­men. Die Men­schen iden­ti­fi­zie­ren sich zuneh­mend mit ihrem Staat, dem­ge­gen­über jeder glei­cher­ma­ßen ver­pflich­tet ist. Erst aus die­ser moder­nen Sicht kann ein Ver­hal­ten, das tra­di­tio­nel­len Vor­stel­lun­gen ent­spricht, als kor­rupt wahr­ge­nom­men wer­den. Eine Fol­ge ist, dass Ver­hal­tens­wei­sen, die bis dahin selbst­ver­ständ­lich waren, ins­be­son­de­re Nepo­tis­mus, nun­mehr ver­pönt sind. Zwei­tens: Ein wich­ti­ger Aspekt die­ses Wan­dels ist die Aus­dif­fe­ren­zie­rung einer öffent­li­chen pri­va­ten Sphä­re. Solan­ge alles »pri­vat« war, war Kor­rup­ti­on undenk­bar. Drit­tens: Mit der Moder­ni­sie­rung ent­ste­hen neue Quel­len für Reich­tum und Macht. Dazu gehört neben der Indus­trie und der Roh­stoff­ge­win­nung auch der Auf­bau staat­li­cher Struk­tu­ren, die den Zugriff auf Res­sour­cen ermög­li­chen, an denen man sich berei­chern kann. Die Rei­chen ver­su­chen, ihre Res­sour­cen in poli­ti­sche Macht umzu­set­zen. Die poli­tisch Mäch­ti­gen ver­su­chen, sich zu berei­chern. Vier­tens: Die zuneh­men­de Ver­recht­li­chung schafft sozu­sa­gen erst die oppor­tu­ni­ty struc­tu­re für Kor­rup­ti­on.
Es wird zwar behaup­tet, die Unver­meid­bar­keits­the­se sei wider­legt (Mara­vic S. 103f. unter Bezug­nah­me auf Montinola/Jackmann 2002, 148 und Sim­cha 1983, 148). Davon kann jedoch kei­ne Rede sein. Sim­cha setzt sich nicht wirk­lich mit die­ser The­se aus­ein­an­der, son­dern stellt dar­auf ab, dass in allen Län­dern Kor­rup­ti­on an der Tages­ord­nung sei. Das hat­te Hun­ting­ton nicht in Abre­de gestellt. Zu dem unter­schied­li­chen Niveau von Kor­rup­ti­on in ver­schie­de­nen Län­dern macht Sim­cha kei­ne Aus­sa­ge. Montinola/Jackmann befas­sen sich an der ange­ge­be­nen Stel­le nur mit der Funk­tio­na­li­täts­the­se, die sie kei­nes­wegs ganz ver­wer­fen. Ihr empi­ri­scher Bei­trag besteht unter ande­rem in dem Nach­weis, dass die Kor­rup­ti­on mit der Zunah­me des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts je Ein­woh­ner zurück­geht. Das ist viel eher eine Bestä­ti­gung der Unver­meid­bar­keits­the­se.
Zumal wenn die Moder­ni­sie­rung im Zeit­raf­fer erfolgt, so dass die poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen nicht Schritt hal­ten, ist mas­si­ve Kor­rup­ti­on anschei­nend unver­meid­bar. Das ist die Erfah­rung in prak­tisch allen Ent­wick­lungs- und Trans­for­ma­ti­ons­län­dern. Ver­gleicht man die ver­schie­de­nen Indi­ces, die welt­weit die meis­ten Staa­ten nach ihrem Ent­wick­lungs­stand und auch nach ihrer Kor­rup­ti­ons­be­las­tung ein­schät­zen, so lässt sich Hun­ting­tons Unver­meid­bar­keits­the­se kaum bezwei­feln. Das ändert aber auch im Ent­wick­lungs­kon­text nichts an der Schäd­lich­keit der Kor­rup­ti­on.
Es gibt oder gab auch die so genann­ten Revi­sio­nis­ten, die ein gewis­ses Aus­maß an Kor­rup­ti­on für funk­tio­nal hal­ten. Natha­ni­el Leff sah Kor­rup­ti­on als eine Chan­ce für Indi­vi­du­en und Grup­pen, auf eine Büro­kra­tie ein­zu­wir­ken, die nicht in der Lage oder wil­lens sei, das Wirt­schafts­wachs­tum zu för­dern. Kor­rup­ti­on kor­ri­gie­re bis zu einem gewis­sen Gra­de Über­re­gu­lie­rung und Markt­ver­sa­gen. Kor­rup­ti­on ver­mei­de den kost­spie­li­gen, res­sour­cen­ver­schwen­den­den Lob­by­is­mus um bevor­zug­te Behand­lung durch die Poli­tik. Nepo­tis­mus (= Vet­tern­wirt­schaft) gren­ze den Kreis der Begüns­tig­ten ein und erüb­ri­ge dadurch Kon­flik­te. Die Gewin­nung von Auf­trä­gen durch Bestechung kön­ne Arbeits­plät­ze schaf­fen oder erhal­ten. Die Bekämp­fung von Kor­rup­ti­on sei ihrer­seits so teu­er, dass man mit einem gewis­sen Maß an Kor­rup­ti­on leben müs­se (Rose-Acker­mann). Erwähnt wird auch, dass die regel­mä­ßi­ge Hin­ga­be klei­ne­rer Bestechungs­gel­der an unter­be­zahl­te Beam­te und Poli­zis­ten wie eine Steu­er oder Gebühr ange­se­hen wer­den kön­ne. Auch Hun­ting­ton stütz­te die Unver­meid­bar­keits­the­se durch eini­ge Annah­men über die Funk­tio­na­li­tät von Kor­rup­ti­on im Moder­ni­sie­rungs­pro­zess: Kor­rup­ti­on, so Hun­ting­ti­on kön­ne unter die­sen Umstän­den die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung vor­an­brin­gen, sie kön­ne die poli­ti­sche Ent­wick­lung för­dern, wo die Büro­kra­tie zu mäch­tig sei, sie kön­ne neue Grup­pen an den poli­ti­schen Pro­zess her­an­füh­ren und die poli­ti­schen Par­tei­en stär­ken.
Die Kos­ten-Nut­zen-Ana­ly­se ist eine Reak­ti­on auf eine rein mora­li­sche Betrach­tungs­wei­se, die Kor­rup­ti­on allein oder in ers­ter Linie als ethi­sches Pro­blem behan­delt. Des­halb ist die Fra­ge nach der Funk­tio­na­li­tät legi­tim, auch wenn sie von vie­len ent­rüs­tet zurück­ge­wie­sen wird. Die Ant­wort ist kein ein­fa­ches Ja oder Nein. Die »Revi­sio­nis­ten« haben ihre Funk­tio­na­li­täts­the­se stets auf einen engen Kon­text begrenzt. Über jede ein­zel­ne ihrer Funk­tio­na­li­täts­an­nah­men kann man erheb­lich strei­ten. Es genügt aber nicht, ihnen ent­ge­gen­zu­hal­ten, wie es ihre Geg­ner tun, dass Kor­rup­ti­on auf lan­ge Sicht und ins­ge­samt immer schäd­lich sei. Man muss wohl kon­ze­die­ren, dass viel­leicht ein­zel­ne Kor­rup­ti­ons­hand­lun­gen für sich betrach­tet einen posi­ti­ven Effekt haben kön­nen. Das ändert aller­dings nichts dar­an, dass eine ver­brei­te­te und per­ma­nen­te Kor­rup­ti­on per Sal­do schäd­lich ist. Bei Miß­stän­den schafft Kor­rup­ti­on kei­ne Abhil­fe, son­dern ver­fes­tigt nur das Inter­es­se der bestech­li­chen Funk­tio­nä­re an der Exis­tenz von Markt­ein­grif­fen und Regu­lie­rung. Selbst für die, die sich bestechen las­sen, ist Kor­rup­ti­on auf län­ge­re Sicht nach­tei­lig, so bei der poli­ti­schen Kor­rup­ti­on, weil Poli­ti­ker ihren eige­nen Sta­tus unter­gra­ben, oder bei ein­fa­chen Funk­tio­nä­ren, weil sie sich erpress­bar machen und nicht mehr als ver­trau­ens­wür­dig gel­ten, so dass man ihnen kei­ne Auf­ga­ben über­trägt, die Ver­trau­ens­wür­dig­keit vor­aus­set­zen.
Lite­ra­tur: Ralph Anger­mund, Cor­rup­ti­on under Ger­man Natio­nal Socia­lism, in: Arnold J. Heidenheimer/Michael Johnston (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, Con­cepts & Con­texts, 5. Aufl., 2009, 605–622; Jens Ivo Engels, Poli­ti­sche Kor­rup­ti­on und Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­se. The­sen zur Signi­fi­kanz der Kor­rup­ti­ons­kom­mu­ni­ka­ti­on in der west­li­chen Moder­ne, in: Niels Grüne/Simona Sla­nič­ka (Hg.), Kor­rup­ti­on, His­to­ri­sche Annä­he­run­gen an eine Grund­fi­gur poli­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on, 2010, S. 35–54; John M. Kra­mer, Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on in the U.S.S.R., in: Arnold J. Hei­den­hei­mer u. a. (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, 5. Aufl., 1999, 449–465; Alex­an­der Nüt­zen­a­del, Kor­rup­ti­on aus his­to­ri­scher Per­spek­ti­ve, in: Peter Graeff/Jürgen Grie­ger (Hg.), Was ist Kor­rup­ti­on?, 2012, S. 79–92; Erwin K. Scheuch, Cli­quen, Klün­gel und Kar­rie­ren, 1992; André Stei­ner, Bol­sche Vita in der DDR? Über­le­gun­gen zur Kor­rup­ti­on im Staats­so­zia­lis­mus, in: Jens Ivo Engels/Andreas Fahrmeir/Alexander Nüt­zen­a­del (Hg.): Geld — Geschen­ke — Poli­tik. Kor­rup­ti­on im neu­zeit­li­chen Euro­pa (Bei­heft 48 der His­to­ri­schen Zeit­schrift, 2009), 249–274.
Bis in die 1980er Jah­re schien es, als sei Kor­rup­ti­on ein Pro­blem vor allem von Ent­wick­lungs­län­dern ohne gefes­tig­tes Rechts­sys­tem und viel­leicht noch von inter­na­tio­na­len Sport­ver­bän­den. Nach 1989 zeig­te sich schnell, dass die Trans­for­ma­ti­on der sozia­lis­ti­schen Län­der von Kor­rup­ti­on in gro­ßem Aus­maß beglei­tet wur­de. (West-) Deutsch­land dage­gen erschien immer noch als Land inte­grer Poli­ti­ker, kor­rek­ter Beam­ter und ehr­li­cher Unter­neh­mer. Seit­her ist in den west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen die Emp­find­lich­keit gegen­über Kor­rup­ti­on erheb­lich gewach­sen mit der Fol­ge, dass die unter der Ober­flä­che bis zu einem gewis­sen Gra­de immer vor­han­de­ne Kor­rup­ti­on stär­ker wahr­ge­nom­men und ver­folgt wird. Die Berich­te über Par­tei­spen­den­skan­da­le, Schmier­gel­der bei der Ver­ga­be von Bau­auf­trä­gen, bei Beschaf­fungs­auf­trä­gen der Bahn oder bei der kom­mu­na­len Abfall­ent­sor­gung, über gekauf­te Betriebs­rä­te, Schieds­rich­ter und Dok­tor­vä­ter waren an der Tages­ord­nung, obwohl kei­ne Anzei­chen dafür bestehen, dass sol­che Kor­rup­ti­on tat­säch­lich zuge­nom­men hät­te.
Die neue Emp­find­lich­keit hat nicht bloß eine ver­stärk­te Ver­fol­gung von Bestechung und Bestech­lich­keit nach sich gezo­gen, son­dern dazu geführt, dass auch Ver­hal­tens­wei­sen, die lan­ge als funk­tio­nal hin­ge­nom­men wur­den, heu­te als Kor­rup­ti­on gel­ten. Der »Köl­ner Klün­gel« ist nicht län­ger ein Stück Lokal­ko­lo­rit. Bis 1995 waren von deut­schen Fir­men im Aus­land gezahl­te Bestechungs­gel­der zur Gewin­nung von Export­auf­trä­gen als Betriebs­aus­ga­ben (»nütz­li­che Auf­wen­dun­gen«) steu­er­lich absetz­bar. Und es ist noch gar nicht lan­ge her, da klin­gel­ten zur Weih­nachts­zeit die Müll­män­ner an der Haus­tür, um »Fro­he Weih­nach­ten« zu wün­schen und ein Trink­geld ent­ge­gen zu neh­men. Heu­te wäre das Bestechung.
Auch die gesetz­li­chen Kor­rup­ti­ons­tat­be­stän­de haben sich erwei­tert. Die Tat­be­stän­de wur­den per­so­nell und sach­lich aus­ge­dehnt, die Straf­bar­keit vor­ver­la­gert, die Straf­dro­hun­gen erhöht und die Vor­stel­lun­gen von dem, was als Ent­gelt oder Vor­teil zu gel­ten hat, aus­ge­wei­tet. Dazu kommt eine Euro­päi­sie­rung und Inter­na­tio­na­li­sie­rung der Regeln.
Zwar ist der Umfang der Kor­rup­ti­on in Deutsch­land (und in ande­ren west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen) wohl unter­schätzt wor­den. Aber die neue Auf­merk­sam­keit für Kor­rup­ti­on beruht doch in ers­ter Linie dar­auf, dass die Emp­find­lich­keit für bestimm­te For­men der Selbst­be­die­nung in Wirt­schaft und Poli­tik gestie­gen ist und sich damit der Kor­rup­ti­ons­be­griff ver­scho­ben hat. Eine län­ger­fris­ti­ge his­to­ri­sche Betrach­tung zeigt eine gewis­se Rela­ti­vi­tät des Kor­rup­ti­ons­be­griffs und damit auch des Kor­rup­ti­ons­ge­sche­hens.
Ent­ge­gen heh­ren Grund­sät­zen gab es auch im Staats­so­zia­lis­mus Kor­rup­ti­on, Amts­miss­brauch und Pri­vi­le­gi­e­n­wirt­schaft. In der DDR gab es einen gro­ßen grau­en Markt, auf dem sich Betrie­be und Pri­vat­per­so­nen mit Waren ver­sorg­ten, die in der Plan­wirt­schaft sonst nicht zu haben waren. Die Lei­ter der vol­k­ei­ge­nen Betrie­be besta­chen sich gegen­sei­tig mit Uhren und Leder­wa­ren, Kaf­fee und Schnaps, Radi­os und Fern­se­hern, Küchen­ge­rä­ten und Rasier­ap­pa­ra­ten und ver­schlei­er­ten die Aus­ga­ben als »diver­ses Büro­ma­te­ri­al«. (Engels; Zur UdSSR vgl. Kra­mer; zur Kor­rup­ti­on im Natio­nal­so­zia­lis­mus Anger­mund).
Beson­ders betrof­fen sind aber Ent­wick­lungs­län­der ohne eta­blier­tes Rechts­sys­tem, in denen staat­li­che Stel­len auf intrans­pa­ren­te Wei­se über die Zutei­lung von Res­sour­cen und über die Ver­ga­be von Auf­trä­gen ent­schei­den. Die Expor­teu­re aus den Indus­trie­na­tio­nen haben das bis in die jüngs­te Ver­gan­gen­heit aus­ge­nutzt und sich vie­le Auf­trä­ge durch hohe Schmier­gel­der erkauft.
Der US-ame­ri­ka­ni­sche For­eign Cor­rupt Prac­tices Act (FCPA) aus dem Jah­re 1977 war das welt­weit ers­te Gesetz, das die Bestechung aus­län­di­scher Amts­trä­ger unter Stra­fe stell­te und zugleich die Buch­füh­rungs­vor­schrif­ten ver­schärf­te, um die für Bestechungs­zah­lun­gen not­wen­di­gen schwar­zen Kas­sen aus­zu­trock­nen. Bis zum Ende des Jahr­hun­derts blie­ben die USA das ein­zi­ge Land, das eine Bestechung aus­län­di­scher Amts­trä­ger unter Stra­fe stell­te, wäh­rend bei­spiels­wei­se in Deutsch­land die glei­che Hand­lung steu­er­lich begüns­tigt wur­de. Schließ­lich gaben die USA den Anstoß, die US-ame­ri­ka­ni­sche Straf­norm zu inter­na­tio­na­li­sie­ren. Das geschah 1997 durch ein OECD-Abkom­men, mit dem sich die Unter­zeich­ner­staa­ten ver­pflich­te­ten, die Bestechung aus­län­di­scher Amts­trä­ger unter Stra­fe zu stel­len. Erfasst wur­de aller­dings nur die Zah­lung von Bestechungs­gel­dern, nicht jedoch deren Annah­me und eben­so wenig die Bestechung von poli­ti­schen Par­tei­en und Poli­ti­kern. Auch feh­len Ver­bots­nor­men, die auf den pri­va­ten Sek­tor zuge­schnit­ten sind. In Deutsch­land ist die Bestechung von Ange­stell­ten aus­län­di­scher Unter­neh­men erst seit 2002 straf­bar.
Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal ist, zusam­men mit der Welt­bank, der Mit­tel­punkt einer glo­ba­len Anti­kor­rup­ti­ons­be­we­gung. Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal wur­de 1993 von dem frü­he­ren Welt­bank­ma­na­ger Peter Eigen gegrün­det. Seit 1995 stellt Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal einen Cor­rup­ti­on Per­cep­ti­on Index (PCI) zusam­men, der sich 2011 auf 182 Län­der erstreck­te. Dar­in nahm Neu­see­land vor Däne­mark, Finn­land, Schwe­den, Sin­ga­pur und Nor­we­gen den (posi­ti­ven) Spit­zen­platz ein, wäh­rend Afgha­ni­stan, Myan­mar, Nord­ko­rea und Soma­lia die Schluss­lich­ter bil­den. Deutsch­land steht auf Platz 14.
Lite­ra­tur: Peter Graeff/Jürgen Grie­ger (Hg.), Was ist Kor­rup­ti­on?, 2012; Jacob van Kla­ve­ren, Die his­to­ri­sche Erschei­nung der Kor­rup­ti­on, in ihrem Zusam­men­hang mit der Staats-und Gesell­schafts­struk­tur betrach­tet, Vier­tel­jahrschrift für Sozi­al- und Wirt­schafts­ge­schich­te 44, 1957, 289–324.
Die Schwie­rig­kei­ten der wis­sen­schaft­li­chen Ana­ly­se von Kor­rup­ti­on begin­nen bei der Defi­ni­ti­ons­fra­ge. Kor­rup­ti­on ist kein Rechts­be­griff und auch kaum ein sozio­lo­gi­scher, son­dern in ers­ter Linie ein mora­li­scher Vor­wurf, der die Auf­merk­sam­keit der Medi­en auf sich zieht und als poli­ti­scher Kampf­be­griff dient. Des­halb ist es nicht sinn­voll, ohne eine vor­läu­fi­ge Defi­ni­ti­on über Kor­rup­ti­on zu reden. Wer sein Ver­mö­gen ver­schwen­det, öko­lo­gi­sche Rück­sicht­nah­me ver­mis­sen lässt oder frem­de Tex­te pla­gi­iert, han­delt unmo­ra­lisch oder sogar unge­setz­lich, ist aber nicht ohne wei­te­res kor­rupt.
Kor­rup­ti­on setzt immer eine Tausch­be­zie­hung vor­aus (Schweit­zer S. 47 f.). Aber es genügt nicht, dass die­se ille­gi­tim oder gar ille­gal ist. Schwarz­markt­ge­schäf­te oder Pro­sti­tu­ti­on sind kei­ne Kor­rup­ti­on. Zur Kor­rup­ti­on wer­den Tausch­ge­schäf­te erst, wenn ein Teil dabei als Ver­tre­ter, Sach­wal­ter oder Treu­hän­der Drit­ter, kurz, als Funk­tio­när, han­delt und gegen Nor­men ver­stößt, die die­se Drit­ten schüt­zen sol­len. Und schließ­lich gehört zur Kor­rup­ti­on, dass der Norm­bruch aus Eigen­nutz geschieht, und nicht etwa nur aus Nach­läs­sig­keit oder gar um die Auf­trag­ge­ber vor Scha­den zu bewah­ren.
Für den klas­si­schen Kor­rup­ti­ons­be­griff war die Unter­schei­dung von pri­vat und öffent­lich grund­le­gend. Bei Kor­rup­ti­on dach­te man nur an den öffent­li­chen Bereich, sei es an die Ver­wal­tung, sei es an der Poli­tik. Kor­rup­ti­on wur­de als »Miss­brauch eines öffent­li­chen Amtes zum pri­va­ten Nut­zen« defi­niert. Die­se Defi­ni­ti­on ist aus heu­ti­ger Sicht zu eng, weil auch die Funk­tio­nä­re pri­va­ter Orga­ni­sa­tio­nen kor­rum­piert wer­den kön­nen. Nach moder­ner Auf­fas­sung wird auch der Miss­brauch einer Stel­lung in der Wirt­schaft zu eige­nen Zwe­cken als Kor­rup­ti­on ange­se­hen. Das Schmier­geld an den Ein­käu­fer eines Unter­neh­mens ist also Bestechung. Die Straf­bar­keit der Bestechung im wirt­schaft­li­chen Ver­kehr, die zuvor schon in § 12 UWG vor­ge­se­hen war, ist seit 1997 in den §§ 299 ff. StGB gere­gelt. Die Gren­zen sind wei­ter dadurch ins Schwim­men gera­ten, dass vie­le ehe­mals öffent­li­che Auf­ga­ben heu­te in pri­va­ten Rechts­for­men wahr­ge­nom­men wer­den mit der Fol­ge, dass sogar Zivil­dienst­leis­ten­de oder Rein­ma­che­frau­en vom Anwen­dungs­be­reich der Kor­rup­ti­ons­de­lik­te erfasst wer­den kön­nen. Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal bestimmt Kor­rup­ti­on daher all­ge­mei­ner als »misu­se of ent­rusted power for pri­va­te gain«. Die­se Defi­ni­ti­on ist aber zu weit, weil sie auf das Tausch­mo­ment ver­zich­tet, so dass sie auch gewöhn­li­che Kri­mi­na­li­tät in pri­va­ten Orga­ni­sa­tio­nen ein­schließt (Kor­rup­ti­on im wei­te­ren Sin­ne).
Wie so oft, lohnt es sich nicht, nach einer abschlie­ßen­den Defi­ni­ti­on zu suchen. Es genügt, eine Lis­te typi­scher Erschei­nungs­for­men zusam­men­zu­stel­len. Der Umstand, dass ver­gleichs­wei­se unge­wöhn­lich viel über die Defi­ni­ti­on der Kor­rup­ti­on gere­det wird, bleibt ein Indiz dafür, dass die Vor­stel­lun­gen über Kor­rup­ti­on his­to­risch und inter­kul­tu­rell star­ken Wand­lun­gen unter­lie­gen.
Kor­rup­ti­on im enge­ren Sin­ne setzt immer drei Betei­lig­te vor­aus, näm­lich einen bestech­li­chen Funk­tio­när, sei­nen Auf­trag­ge­ber oder Dienst­her­ren und den Drit­ten, der den Funk­tio­när besticht. Kor­rup­ti­on in die­sem enge­ren Sin­ne kann man als büro­kra­ti­sche Kor­rup­ti­on kenn­zeich­nen, denn sie zeich­net sich dadurch aus, dass der bestech­li­che Funk­tio­när in einer Hier­ar­chie steht und an Regeln gebun­den ist. Sie kann sich daher nur in und um Orga­ni­sa­tio­nen her­um ent­wi­ckeln.
Die büro­kra­ti­sche Kor­rup­ti­on ist, wie gesagt, nach moder­ner Auf­fas­sung nicht auf die öffent­li­che Ver­wal­tung beschränkt, son­dern kommt in allen Orga­ni­sa­tio­nen vor, bei denen Funk­tio­nä­re nach bestimm­ten Regeln im Inter­es­se der Orga­ni­sa­ti­on ver­fah­ren sol­len. Sie lässt sich gut mit dem Princi­pal-Agent-Modell (§ 29 I. 5 oben) erfas­sen. Betei­ligt sind neben dem princi­pal oder Auf­trag­ge­ber und dem agent (dem Beauf­trag­ten oder Funk­tio­när) stets Außen­ste­hen­de (Kli­en­ten). Ent­we­der sie ver­su­chen, die Loya­li­tät von Funk­tio­nä­ren gegen­über ihrer Orga­ni­sa­ti­on durch ille­gi­ti­me Mit­tel zu unter­gra­ben. Oder die Initia­ti­ve geht von den Funk­tio­nä­ren aus, indem sie ihre Leis­tun­gen von unzu­läs­si­gen Beloh­nun­gen abhän­gig machen.
Zur Kor­rup­ti­on gehört immer auch, dass die unmit­tel­bar Betei­lig­ten ihren Deal geheim hal­ten, weil sie wis­sen, dass er von denen, deren Inter­es­sen sie wahr­zu­neh­men haben, nicht gebil­ligt wird. Aus die­sem Grun­de ist das im Gas­tro­no­mie­sek­tor übli­che Trink­geld kei­ne Kor­rup­ti­on, denn es ist all­ge­mein bekannt und wird auch von den Gas­tro­no­men gebil­ligt oder sogar gewünscht. Als Kor­rup­ti­on muss man es dage­gen anse­hen, wenn Ärz­te ihre Pati­en­ten an Kran­ken­häu­ser »ver­kau­fen«, das heißt, sich für die Ein­wei­sung von Pati­en­ten in ein bestimm­tes Kran­ken­haus eine Ver­gü­tung gewäh­ren las­sen, auch wenn das recht­lich nicht unter­sagt ist. Die Ärz­te hal­ten die­sen Vor­gang vor ihren Pati­en­ten geheim, denn die Pati­en­ten erwar­ten, dass die Aus­wahl des Kran­ken­hau­ses allein nach fach­li­chen Gesichts­punk­ten erfolgt und nicht danach, wel­ches Kran­ken­haus am bes­ten zahlt.
Kor­rup­ti­on fin­det im Klei­nen und im Gro­ßen statt (pet­ty und grand cor­rup­ti­on). Die gro­ße Kor­rup­ti­on reicht bis in die Spit­zen von Ver­wal­tung und Regie­rung und führt zum Ver­lust des Basis­ver­trau­ens in Regie­rung und Ver­wal­tung, Recht und Gesetz. Kor­rup­ti­on im gro­ßen Stil wächst dort, wo jen­seits der Daseins­vor­sor­ge Sub­ven­tio­nen und Auf­trä­ge ver­ge­ben wer­den. In den west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen sind vor allem Grund­stücks­ge­schäf­te und Bau­vor­ha­ben kor­rup­ti­ons­an­fäl­lig. Inter­na­tio­nal hat sich die Ent­wick­lungs­hil­fe als Nähr­bo­den der Kor­rup­ti­on erwie­sen. Einen gro­ßen Schub erhielt die Kor­rup­ti­on im Zusam­men­hang mit der Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­chen Eigen­tums nach dem Zusam­men­bruch des Sozia­lis­mus. In Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaf­ten ist Kor­rup­ti­on weit ver­brei­tet. Anschei­nend müs­sen Gesell­schaf­ten, die sich der Markt­wirt­schaft öff­nen, vor­über­ge­hend ein gewis­ses Maß an Kor­rup­ti­on akzep­tie­ren, um zunächst Wachs­tum zu gene­rie­ren. Erst danach errei­chen sie einen Zustand, in dem es mög­lich wird, Kor­rup­ti­on wirk­sam zu bekämp­fen.
Bei der klei­nen Kor­rup­ti­on geht es um Schmier­gel­der für Rou­ti­neleis­tun­gen der Ver­wal­tung oder um die Begüns­ti­gung von Freun­den oder Ver­wand­ten etwa bei der Zutei­lung von Arbeits­plät­zen, Woh­nun­gen oder ärzt­li­cher Behand­lung. Es geht aber auch um Schutz­gel­der, um gedul­de­te Abwe­sen­heit vom Arbeits­platz oder um den Ver­kauf von Arz­nei­mit­teln oder Dün­ge­mit­teln, die eigent­lich kos­ten­los ver­teilt wer­den soll­ten. Das alles fin­det meis­tens in unor­ga­ni­sier­ten Ein­zel­ak­tio­nen statt, kann aber auch in mafiö­se Struk­tu­ren ein­ge­bet­tet sein. Das Glo­bal Cor­rup­ti­on Baro­me­ter von Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal für 2009 stellt fest, dass die klei­ne Kor­rup­ti­on beson­ders in Vene­zue­la, Gha­na, Indo­ne­si­en, Kam­bo­dscha, Boli­vi­en, im Sene­gal, in Russ­land und in Kenia wach­se, und dass beson­ders die Armen davon betrof­fen sei­en. In man­chen Staa­ten hät­ten bis zu 50 % der Befrag­ten ange­ge­ben, dass sie im abge­lau­fe­nen Jahr Schmier­gel­der hät­ten zah­len müs­sen. Beson­ders die Poli­zei las­se sich bestechen.
Schutz­geld­erpres­sung, wie sie für die Mafia typisch ist, fällt nicht unter den Kor­rup­ti­ons­be­griff, denn hier geht es nicht um die Aus­nut­zung einer Treu­hand­stel­lung. Anders lie­gen die Din­ge, wenn etwa die Poli­zei selbst dazu über­geht, Schutz­gel­der zu ver­lan­gen, denn damit ver­stößt sie gegen ihr Man­dat. Eine Varia­ti­on sol­chen kor­rup­ten Behör­den­ver­hal­tens ist das Abpres­sen mit der Dro­hung von Rechts­ver­fah­ren wegen mehr oder weni­ger künst­lich kon­stru­ier­ter Ver­stö­ße (»Wenn du nicht zahlst, kön­nen wir ja mal genau­er hin­se­hen und wer­den dann schon etwas fin­den.«[3])
Ver­ein­zel­te und sys­te­mi­sche Kor­rup­ti­on: In deut­schen Ver­hält­nis­sen erscheint kor­rup­ti­ves Han­deln oft als blo­ße Ein­zel­tat eines »schwar­zen Scha­fes«. Für ande­re Gesell­schaf­ten wird ange­nom­men, dass Kor­rup­ti­on dort in dem Sin­ne sys­te­misch sei, dass sie in vie­len Situa­tio­nen gera­de­zu erwar­tet wer­de. Es ist aller­dings nicht sinn­voll, gan­ze Gesell­schaf­ten über einen Kamm zu sche­ren. Auch in Deutsch­land fin­det oder fand man sys­te­mi­sche Kor­rup­ti­on in ein­zel­nen Behör­den, vor allem aber in ein­zel­nen Fir­men, in denen gedul­det oder von den Mit­ar­bei­tern gar erwar­tet wur­de, dass sie im Inter­es­se des Unter­neh­mens auch zur Bestechung grei­fen. Im eng­li­schen spricht man hier von einem bad bar­rel – im Gegen­satz zum blo­ßen bad apple.
Aus einem Zei­tungs­be­richt über das rus­si­sche Miliz­sys­tem 2009: »Die Poli­zei hat das Land unter sich auf­ge­teilt. … Sie schmiert, erpresst, fol­tert und tötet und defor­miert so die gan­ze Gesell­schaft. … Die rus­si­sche Dis­sens­ge­sell­schaft berech­net gerin­ge offi­zi­el­le Steu­ern. Das wird aus­ge­gli­chen durch infor­mel­le Direkt­steu­ern, von denen die­je­ni­gen pro­fi­tie­ren, die sie ein­trei­ben – vom Brand­schutz bis zur Seu­chen­po­li­zei. Auch für die Dienst­leis­tun­gen der Poli­zei haben sich Prei­se ein­ge­pen­delt. Eine Ver­haf­tung abzu­wen­den kos­te heu­te ein- bis zehn­tau­send Dol­lar, ver­riet ein Mos­kau­er Groß­ge­schäfts­mann der ›New York Times‹. Ist man jedoch schon fest­ge­nom­men, müs­se man für sei­ne Frei­las­sung fünf­und­zwan­zig- bis drei­ßig­tau­send Dol­lar ver­an­schla­gen. Zieht die Straf­sa­che erst ein­mal wei­te­re Krei­se, sind hun­dert- bis hun­dert­fünf­zig­tau­send Dol­lar fäl­lig, um sie ein­stel­len zu las­sen. Kri­mi­nal­in­spek­to­ren ver­die­nen sich außer­dem oft durch den Han­del mit Waf­fen, die sie Ver­bre­chern abneh­men, ein Zubrot. Den Strei­fen­po­li­zis­ten am unte­ren Ende der Pyra­mi­de obliegt es, Arbeits­emi­gran­ten und Klein­händ­ler abzu­schöp­fen.« (Kers­tin Holm, Die Unsi­cher­heits­hol­ding, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 25. Juli 2009, S. Z 1–2).
Ähn­lich, aber doch nicht iden­tisch ist die Unter­schei­dung zwi­schen situa­ti­ver und struk­tu­rel­ler Kor­rup­ti­on: »Situa­tiv« sind Kor­rup­ti­ons­hand­lun­gen, denen kei­ne geziel­te Pla­nung und Vor­be­rei­tung vor­aus­geht. »Struk­tu­rell« wird die Kor­rup­ti­on dann, wenn sie geplant und vor­be­rei­tet ist, ins­be­son­de­re auch bei Ein­bet­tung in eine län­ger­fris­tig ange­leg­te kor­rup­ti­ve Bezie­hung. Aus dem Lage­be­richt des BKA für 2007 erfah­ren wir, dass eine rela­tiv hohe Anzahl von »Neh­mern« über einen Zeit­raum von drei bis fünf Jah­ren in einer kor­rup­ti­ven Bezie­hung zum »Geber« stand.
Har­te und wei­che Kor­rup­ti­on: Am Ran­de der Kor­rup­ti­on bewe­gen sich oft Lob­by­is­mus und Spen­den an Par­tei­en und Poli­ti­ker. Auch der Umgang von Phar­ma­fir­men mit Ärz­ten oder die groß­zü­gi­ge Ein­la­dung von Jour­na­lis­ten gehö­ren hier­her. Vet­tern- und Günst­lings­wirt­schaft (nepo­tism und favo­ri­tism) kommt im Gro­ßen wie im Klei­nen vor.
Kor­rup­ti­on bil­det bis zu einem gewis­sen Gra­de ein Spie­gel­bild der Dis­kri­mi­nie­rung. Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund oder mit Behin­de­run­gen wer­den im All­tag nicht sel­ten dis­kri­mi­niert. Das Umge­kehr­te gilt aber, wenn sie, etwa im Dienst­leis­tungs­sek­tor, auf ihres­glei­chen tref­fen. Walsh und Rosen­baum bezeich­nen die­se Art der Vet­tern­wirt­schaft als ser­vice nepo­tism. Sie haben Kon­su­men­ten aus den USA und Deutsch­land dazu befragt, ob und wel­che Vor­tei­le sie von Dienst­leis­tungs­mit­ar­bei­tern erhal­ten haben. Bei den Befrag­ten han­del­te es sich ent­we­der um homo­se­xu­el­le Män­ner (USA) oder tür­ki­sche Ein­wan­de­rer (Deutsch­land). Es zeig­te sich, dass homo­se­xu­el­le Dienst­leis­tungs­mit­ar­bei­ter homo­se­xu­el­le Kun­den häu­fig erken­nen und ihnen dann einen Ser­vice bie­ten, der über das übli­che hin­aus­geht. Die­se Kun­den berich­ten etwa von beson­ders umfas­sen­der Bera­tung und von geld­wer­ten Vor­tei­len wie kos­ten­lo­sen Upgrades in Hotels. Ähn­li­che Vor­tei­le nann­ten auch die befrag­ten Tür­ken. So run­den etwa tür­ki­sche Ver­käu­fer in Geschäf­ten den zu zah­len­den Betrag für ihre tür­ki­schen Kun­den groß­zü­gig ab oder tür­ki­sche Kell­ner bedie­nen die tür­ki­schen Gäs­te im Restau­rant schnel­ler als die ande­ren. Die so bevor­zug­ten Kon­su­men­ten dan­ken es im All­ge­mei­nen mit gro­ßer Zufrie­den­heit und Loya­li­tät gegen­über dem Unter­neh­men. Ob sol­che Bevor­zu­gung im Inter­es­se des Unter­neh­mens liegt, steht auf einem ande­ren Blatt, denn das Manage­ment hat kei­nen Ein­fluss auf die Aus­wahl der bevor­zug­ten Kun­den. Über­schrei­tet ihre Bevor­zu­gung die Sicht­bar­keits­schwel­le, könn­ten ande­re abge­schreckt wer­den. (Mark S. Rosenbaum/Gianfranco Walsh, Ser­vice Nepo­tism in the Mar­ket­place, Bri­tish Jour­nal of Manage­ment 23, 2012, 241–256)
Eine Pra­xis, mit der Amts­trä­ger für Kor­rup­ti­ons­an­ge­bo­te zugäng­lich gemacht wer­den, ist als »Anfüt­tern« bekannt. Die Pra­xis besteht dar­in, sich den Funk­tio­när zunächst durch schein­bar harm­lo­se Zuwen­dun­gen, für die kei­ne Gegen­leis­tung ver­langt wird, zu ver­pflich­ten. Oft han­delt es sich um Vor­teils­ge­wäh­run­gen, die im gesell­schaft­li­chen Bereich zu lie­gen schei­nen wie Essens- oder Rei­se­ein­la­dun­gen oder Ein­la­dun­gen zu Ver­an­stal­tun­gen. Nicht sel­ten führt eine Stei­ge­rung in den Bereich der ille­ga­len Vor­teils­an­nah­me, die den Anneh­men­den erpress­bar macht.
Lite­ra­tur: Anne van Aaken/Lars P. Feld/Stefan Voigt, Do Inde­pen­dent Pro­se­cu­tors Deter Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on? An Empi­ri­cal Eva­lua­ti­on across Seven­ty-eight Coun­tries, Ame­ri­can Law and Eco­no­mics Review 12, 2010, 204–244 (als Working Paper 2008 im Inter­net); Jens Aderhold/Tina Guenther/Uwe Mar­quardt, Kor­rup­ti­on und Neue Staat­lich­keit (Tagungs­be­richt), Sozio­lo­gie 37, 2008, 328–334; Ling Li, The „Pro­duc­tion“ of Cor­rup­ti­on in China’s Courts: Judi­ci­al Poli­tics and Deci­si­on Making in a One-Par­ty Sta­te, Law and Soci­al Inqui­ry 37, 2012, 848–877; Caro­li­ne van Rijckeghem/Beatrice Weder, Cor­rup­ti­on and the Rate of Temp­tati­on – Do Low Wages in the Civil Ser­vice Cau­se Cor­rup­ti­on, and By How Much?, Jour­nal of Deve­lop­ment Eco­no­mics 65, 2001, 999‑1017 (als IMF Working-Paper 1997 im Inter­net); Susan Rose-Acker­man, Which Bureau­cra­ci­es are Less Cor­rupt­able?, in: Arnold J. Hei­den­hei­mer u. a. (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, 5. Aufl. 1999, 803–825 (= Kapi­tel 9 aus Rose-Acker­man, Cor­rup­ti­on, 1978); Stef­fen Sal­ven­mo­ser ua. (PwC); Kai-D. Bussmann/Andreas Schroth (Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg); Oli­ver Krieg (TNS Emnid), Kri­mi­na­li­tät im öffent­li­chen Sek­tor 2010. Auf der Spur von Kor­rup­ti­on & Co, Okto­ber 2010; Caro­la Schmid, Kor­rup­ti­on, Gewalt und die Welt der Poli­zis­ten: Deutsch­land, Chi­le, Boli­vi­en und Vene­zue­la im Ver­gleich, 2007; Klaus Völkel/Carsten Stark/Reiner Chwoy­ka (Hg.), Kor­rup­ti­on im öffent­li­chen Dienst, Delik­te, Prä­ven­ti­on, Straf­ver­fol­gung, 2. Aufl., 2011; Ste­fan Voigt/Lorenz Blu­me, Wenn Jus­ti­tia die Hand auf­hält. Ursa­chen und Fol­gen kor­rup­ter Jus­tiz­be­hör­den, Per­spek­ti­ven der Wirt­schafts­po­li­tik 8, 2007, 65–92.
Die büro­kra­ti­sche ist der Pro­to­typ der Kor­rup­ti­on, wie sie in den §§ 331 fff StGB als Bestechung unter Stra­fe gestellt ist. Ziel der büro­kra­ti­schen Bestechung kann sein:
– die Ver­mei­dung von Steu­ern und Gebüh­ren oder Stra­fen,
– die blo­ße Beschleu­ni­gung von Ver­wal­tungs­han­deln,
– Gewäh­rung von Geneh­mi­gun­gen oder der Ver­zicht auf restrik­ti­ve Ein­grif­fe,
– der Abschluss von begüns­ti­gen­den Ver­trä­gen,
– der Gewinn ver­trau­li­cher Infor­ma­tio­nen.
Eine gemein­sam von der Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft PWC und der Uni­ver­si­tät Hal­le (Kai-D. Bussmann/Andreas Schroth) durch­ge­führ­te Unter­su­chung hat alar­mie­ren­de Zah­len her­vor­ge­bracht. Durch Kor­rup­ti­on, Unter­schla­gung, Preis­ab­spra­chen und ähn­li­che Straf­ta­ten ent­ste­he in der öffent­li­chen Ver­wal­tung jedes Jahr ein Scha­den von min­des­tens zwei Mil­li­ar­den Euro. Die Zahl der Kor­rup­ti­ons­fäl­le in der öffent­li­chen Ver­wal­tung soll sich auf mehr als 20 000 pro Jahr belau­fen. Da die Kri­mi­nal­sta­tis­tik nur 4500 Delik­te, aus­weist, wäre die Dun­kel­zif­fer groß. Befragt wur­den 500 Behör­den­ver­tre­ter grö­ße­rer Kom­mu­nen, von Bund und Län­dern und die Ergeb­nis­se die­ser Gesprä­che wur­den auf alle Behör­den im Land hoch­ge­rech­net. Für eine hohe Dun­kel­zif­fer soll auch spre­chen, dass jeder fünf­te Staats­die­ner gele­gent­lich oder sogar oft mit Kor­rup­ti­ons­ver­su­chen von Unter­neh­men kon­fron­tiert sei. Betei­ligt sei­en in der Regel Beam­te oder Bediens­te­te höhe­rer Ebe­nen. Eine wei­te­re Umfra­ge unter 1000 Bür­gern durch Emnid ergab, dass jeder Zwei­te Bestech­lich­keit und Unter­schla­gung bei staat­li­chen Stel­len für weit­ver­brei­tet hält. Sol­che Zah­len sind schwer ein­zu­schät­zen. Anders als in vie­len ande­ren Län­dern bemerkt der Nor­mal­bür­ger davon wenig oder gar nichts.
Poli­zei und Jus­tiz sind prin­zi­pi­ell beson­ders kor­rup­ti­ons­ge­fähr­det, weil sie über gro­ße Hand­lungs­spiel­räu­me ver­fü­gen und für die Betrof­fe­nen oft sehr ein­schnei­den­de Ent­schei­dun­gen tref­fen. Kor­rup­ti­on bei Poli­zei und Jus­tiz sind beson­ders schäd­lich, weil gera­de die­se Insti­tu­tio­nen für die Bekämp­fung von Kor­rup­ti­on zustän­dig sind.
Van Aaken u.a. zei­gen in einem Ver­gleich über 87 Län­dern, dass die Unab­hän­gig­keit der Staats­an­walt­schaft mit gerin­ge­rer Kor­rup­ti­on im öffent­li­chen Bereich ein­her­geht. Der Glo­bal Com­pe­ti­tiv­ness Report des World Eco­no­mic Forum ver­öf­fent­lich­te zeit­wei­se Ergeb­nis­se zu der Fra­ge nach irre­gu­lar payments in judi­ci­al deci­si­ons.[4] Gefragt wer­den Geschäfts­leu­te in über 80 Län­dern. Die­sen und ande­re Indi­ka­to­ren nut­zen Voigt und Blu­me, um eine gan­ze Bat­te­rie von Hypo­the­sen zum Kor­rup­ti­ons­ni­veau der Gerich­te und zum Zusam­men­hang von Jus­tiz­va­ria­blen und all­ge­mei­nem Kor­rup­ti­ons­ni­veau zu prü­fen. Ihr wesent­li­ches Ergeb­nis: »Zu den Deter­mi­nan­ten von Kor­rup­ti­on inner­halb der Jus­tiz gehö­ren die Ein­kom­men der Rich­ter und Staats­an­wäl­te (nega­tiv kor­re­liert), der pro­ze­du­ra­le Jus­tiz­for­ma­lis­mus, die erfor­der­li­chen Ent­schei­dungs­dau­ern der Jus­tiz­be­hör­den (bei­de posi­tiv kor­re­liert) und schließ­lich die Exis­tenz eines Ankla­ge­mo­no­pols der Staats­an­walt­schaft (nega­tiv kor­re­liert). Unse­re Schät­zun­gen zei­gen wei­ter, dass die Aus­ge­stal­tung der Jus­tiz­be­hör­den Wir­kun­gen auf das all­ge­mei­ne Kor­rup­ti­ons­ni­veau hat. Sowohl die fak­tisch rea­li­sier­ten Unab­hän­gig­keits­ni­veaus der Staats­an­walt­schaf­ten und Gerich­te als auch das Niveau von gericht­li­cher Ver­ant­wor­tung (judi­ci­al accoun­ta­bi­li­ty) sind … nega­tiv mit Kor­rup­ti­on kor­re­liert.« (S. 86)
Die Gerich­te sind von oben und von unten einem Kor­rup­ti­ons­druck aus­ge­setzt. Von oben grei­fen die Ver­su­che an, die Unab­hän­gig­keit der Rich­ter zu beein­flus­sen. Hier sind Ernen­nung und Beför­de­rung pro­ba­te Mit­tel. Sozu­sa­gen von unten sind die Gerich­te den Bestechungs­ver­su­chen der Streit­be­tei­lig­ten aus­ge­setzt. Das ist ein altes Pro­blem. Im 17. Jahr­hun­dert war der »Taschen­rich­ter«, sprich­wört­lich.
Ein Bild sys­te­mi­scher Kor­rup­ti­on der Jus­tiz zeich­net Li für das moder­ne Chi­na, das nach sei­nem Selbst­ver­ständ­nis inso­fern ein Rechts­staat sein will, als es das Recht betont als Mit­tel der Ent­wick­lung von Wirt­schaft und Gesell­schaft ver­steht (rule by law – im Gegen­satz zu rule of law). Li hat aus öffent­li­chen Quel­len (Zei­tun­gen, Inter­net) 388 Berich­te über Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fe in der chi­ne­si­schen Jus­tiz gesam­melt, und zwar aus allen Instan­zen. Er beschreibt ein­drucks­voll die Par­al­lel­struk­tur der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei inner­halb und neben der Jus­tiz. Jeder­zeit kön­nen exter­ne Par­tei­funk­tio­nä­re oder die von der Par­tei gestell­ten Gerichts­prä­si­den­ten Wei­sun­gen zur Behand­lung von Ein­zel­fäl­len ertei­len. In der Fol­ge kön­nen die Berufs­rich­ter kei­ne stren­ge Kul­tur der Ent­schei­dung nach gel­ten­dem Recht ent­wi­ckeln. Die wei­sungs­be­fug­ten Funk­tio­nä­re sind ihrer­seits vie­len Bestechungs­ver­su­chen aus­ge­setzt. Die Rich­ter kön­nen kei­nen Wider­stand leis­ten und wer­den auch selbst unmit­tel­bar Angriffs­ziel von Kor­rup­ti­on.
»[The Chi­ne­se judi­cia­ry] has been desi­gned and regi­men­ted in a way, that jud­ges are made ready to app­ly law par­ti­al­ly in favor of the pre­fe­ren­ces of their supe­ri­ors whene­ver they are cal­led on to do so. The absence of judi­ci­al scru­ti­ny allows cor­rup­ti­on dri­ven inst­ruc­tions to be pro­ces­sed and imple­men­ted as long as the uncon­testa­ble inst­ruc­tions from above can be thin­ly camou­fla­ged with broad claims of public inte­rest. The­re­fo­re, this deci­si­on-making approach is a chan­nel to safe­guard not only the poli­ti­cal inte­rests of the par­ty, but also the cor­rupt inte­rests of indi­vi­du­al par­ty lea­ders. Such prac­tices strip away the aut­ho­ri­ty of the law and the trust in the jus­ti­ce sys­tem. They also ero­de jud­ges’ faith, if the­re ever was any, in impar­tia­li­ty as a defi­ning cha­rac­te­ris­tic of judi­ci­al offices. This lack of appre­cia­ti­on for the role that impar­tia­li­ty plays in their offices makes it easier, even natu­ral, for jud­ges to accept pri­va­te incen­ti­ves to rule par­ti­al­ly in favor of par­ti­cu­lar litigants for their own bene­fit in the same way when the rule for the bene­fit of their supe­ri­ors when fol­lo­wing their inst­ruc­tions.« (Li S. 872)
Öko­no­men wol­len gefun­den haben, dass eine bes­se­re Bezah­lung der Bediens­te­ten die Kor­rup­ti­on zurück­drängt (van Rijckeghem/Weder).
Ganz ein­deu­tig ist der Zusam­men­hang aber nicht. Nach der ver­glei­chen­den Unter­su­chung von Caro­la Schmid ist die Kor­rup­ti­ons­nei­gung von Poli­zis­ten nicht direkt von der schlech­ten Bezah­lung abhän­gig, son­dern wesent­lich von der Zufrie­den­heit im Beruf. Chi­le­ni­sche Poli­zis­ten z.B., die genau­so schlecht bezahlt wer­den und dar­über auch unzu­frie­den sind, sind wesent­lich weni­ger kor­rupt als die in Boli­vi­en, da sie im Beruf zufrie­de­ner sind.
Für Deutsch­land wird auf die lan­ge Tra­di­ti­on einer ange­mes­se­nen Beam­ten­be­sol­dung nach dem Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip hin­ge­wie­sen. Von Bedeu­tung ist ver­mut­lich auch die Lang­zeit­per­spek­ti­ve in einer poli­tisch sta­bi­len Ver­wal­tung, die zu einer leis­tungs- und füh­rungs­be­zo­ge­nen Kar­rie­re­pla­nung moti­vie­ren könn­te. Doch auch die­ser Gesichts­punkt ist nicht ein­deu­tig, denn die Dau­er­be­set­zung von Ämtern gibt auch Gele­gen­heit zum Auf­bau von Bezie­hun­gen, die in Kor­rup­ti­on abglei­ten kön­nen.
Es ist jeden­falls eine gro­ße Errun­gen­schaft, dass Poli­zei und Jus­tiz heu­te in Deutsch­land und dar­über hin­aus auch in vie­len Indus­trie­na­tio­nen weit­ge­hend kor­rup­ti­ons­frei sind.
Der Nie­der­säch­si­sche Lan­des­rech­nungs­hof (LRH) hat jedoch in sei­nem Jah­res­be­richt 2009 (S. 119–121) Kor­rup­ti­ons­prä­ven­ti­on auch für die Jus­tiz ange­mahnt. Der LRH hat­te u. a. fest­ge­stellt, dass Gerich­te im Zusam­men­hang mit der Kor­rup­ti­ons­prä­ven­ti­on bei ihren Gefähr­dungs­ana­ly­sen bestimm­te Rich­ter- und Rechts­pfle­ger­ar­beits­plät­ze zwar als gestei­gert kor­rup­ti­ons­ge­fähr­det ein­ge­stuft, aber kei­ne aus­rei­chen­den Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men ein­ge­lei­tet haben. Das gilt ins­be­son­de­re im Zusam­men­hang mit der Bestel­lung von Gut­ach­tern, Betreu­ern und Insol­venz­ver­wal­tern sowie der Zuwei­sung von Geld­auf­la­gen an gemein­nüt­zi­ge Ein­rich­tun­gen. Da die Gerich­te z. B. durch Fort­bil­dungs­an­ge­bo­te von Insol­venz­ver­wal­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen und durch pro­fes­sio­nel­les Buß­geld­mar­ke­ting mit­un­ter mas­si­ven Ein­flüs­sen aus­ge­setzt sei­en, hielt der LRH Maß­nah­men zur Sen­si­bi­li­sie­rung in Fra­gen der Kor­rup­ti­ons­prä­ven­ti­on und zur Ver­bes­se­rung der Trans­pa­renz bei ent­spre­chen­den Ent­schei­dun­gen für ange­zeigt, etwa Begrün­dun­gen für die Aus­wahl­ent­schei­dun­gen. Tat­säch­lich hat es eine Rei­he von Straf­ver­fah­ren gegen Insol­venz­rich­ter und Insol­venz­ver­wal­ter wegen Bestechung und Bestech­lich­keit gege­ben. Das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um teil­te zwar die Ein­schät­zung, dass bei den Amts­ge­rich­ten in den genann­ten Zusam­men­hän­gen eine gestei­ger­te Kor­rup­ti­ons­ge­fähr­dung für Rich­ter und Rechts­pfle­ger gege­ben sei, lehn­te es aber bis­her ab, für beson­ders gefähr­de­te Rich­ter- und Rechts­pfle­ger­ar­beits­plät­ze ähn­li­che Maß­nah­men zur Kor­rup­ti­ons­vor­beu­gung zu tref­fen wie bei Ver­wal­tungs­ar­beits­plät­zen in ver­gleich­ba­ren Gefähr­dungs­la­gen üblich. Im Hin­blick auf die Unab­hän­gig­keit der Rich­ter sei es unzu­läs­sig, Begrün­dun­gen für Aus­wahl­ent­schei­dun­gen zu for­dern, die gesetz­lich nicht vor­ge­se­hen sei­en. Durch das Voda­fone-Ver­fah­ren und die Liech­ten­stei­ner Steu­er­hin­ter­zie­hungs­fäl­le, in denen beson­ders hohe Geld­auf­la­gen ver­hängt wur­den, ist das The­ma all­ge­mein viru­lent gewor­den. Es geht um eine Grö­ßen­ord­nung von 100 Mil­lio­nen Euro, von denen über 100 Mil­lio­nen an gemein­nüt­zi­ge Insti­tu­tio­nen flie­ßen.
Unter der Über­schrift »Kor­rup­ti­on und Neue Staat­lich­keit« wird erör­tert, ob Refor­men in der öffent­li­chen Ver­wal­tung als Neben­fol­ge neue Mög­lich­kei­ten der Kor­rup­ti­on eröff­nen. Gemeint ist einer­seits die Öff­nung der Ver­wal­tung zu grö­ße­rer Bür­ger­bet­gei­li­gung und ande­rer­seits die als New Public Manage­ment bekann­te Manage­ment­re­form. Dazu sei hier auf Ader­hold u. a. ver­wie­sen.
Lite­ra­tur: Ulrich von Ale­mann (Hg.), Dimen­sio­nen poli­ti­scher Kor­rup­ti­on. Bei­trä­ge zum Stand der inter­na­tio­na­len For­schung, 2005; Erhard Blan­ken­burg, Der Auf­stand der klei­nen Rich­ter gegen die Kor­rup­ti­on der gro­ßen Poli­tik, Kri­ti­sche Jus­tiz, 1999, 355–365; Carl J. Fried­rich, Patho­lo­gie der Poli­tik, 1973; Arnold J. Heidenheimer/Michael Johnston, Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, Con­cepts & Con­texts, 3. Aufl., New Brunswick, N.J 2002; Arnold J. Heidenheimer/Michael Johnston/Victor T. Le Vine (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on. 5. Aufl., 1999; Dona­tel­la del­la Por­ta/Alber­to Vannuc­ci, Cor­rupt Exch­an­ges: Actors, Resour­ces, and Mecha­nisms of Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on New York 1999 (über die poli­ti­sche Kor­rup­ti­on in Ita­li­en wäh­rend der 1980er und 90er Jah­re); James C. Scott, Hand­ling His­to­ri­cal Com­pa­ri­sons Cross-Natio­nal­ly, in: Arnold J. Hei­den­hei­mer u. a. (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, 5. Aufl. 1999, 129–143.
Poli­ti­sche Kor­rup­ti­on ist Miss­brauch eines poli­ti­schen Man­dats zu pri­va­ten Zwe­cken. Die poli­ti­sche Kor­rup­ti­on unter­schei­det sich von der büro­kra­ti­schen dadurch, dass die Täter nicht inner­halb einer Hier­ar­chie, son­dern an der Spit­ze ste­hen. Bei der poli­ti­schen Kor­rup­ti­on passt das Princi­pal-Agent-Modell nur, wenn man sich jen­seits der Poli­tik einen abs­trak­ten Sou­ve­rän als Prin­zi­pal vor­stellt und als unge­schrie­be­ne Regel die Ver­pflich­tung der Poli­ti­ker auf die Wahr­neh­mung des öffent­li­chen Inter­es­ses oder all­ge­mei­ne Erwar­tun­gen des Publi­kums an ihre Red­lich­keit hin­zu­denkt.
Erschei­nungs­for­men der poli­ti­schen Kor­rup­ti­on: Dazu gehö­ren natür­lich in ers­ter Linie unmit­tel­ba­re Zuwen­dun­gen an Poli­ti­ker zur Beein­flus­sung ihrer Ent­schei­dun­gen. Nach­dem Lock­heed-Skan­dal Anfang der 1970er Jah­re sind sol­che Fäl­le in den west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen kaum noch bekannt gewor­den. Heu­te kon­zen­triert sich die Auf­merk­sam­keit auf Par­tei­en- und Wahl­kampf­fi­nan­zie­rung und den Lob­by­is­mus. Auch der Stim­men­kauf fällt unter poli­ti­sche Kor­rup­ti­on.
Ein beson­de­rer Streit­punkt in Deutsch­land ist die Abge­ord­ne­ten­be­stechung. Zwar ist nach § 108e StGB der Stim­men­kauf straf­bar. Aber die Ent­ge­gen­nah­me von Vor­tei­len, die nicht unmit­tel­bar auf die Beein­flus­sung einer Abstim­mung zie­len, steht nicht unter Stra­fe. Abge­ord­ne­te sind kei­ne »Amts­trä­ger« im Sin­ne der §§ 331 ff StGB. Das soll­te nach der UN-Kon­ven­ti­on gegen Kor­rup­ti­on, die Deutsch­land 2003 unter­zeich­net, aber seit­her nicht rati­fi­ziert und umge­setzt hat, anders sein.
Man darf sich die poli­ti­sche Kor­rup­ti­on nicht nur punkt­för­mig vor­stel­len. Es gab und es gibt immer wie­der Staa­ten, deren offi­zi­el­le Poli­tik eher eine Fas­sa­de gleicht, hin­ter der sich ein infor­mel­les poli­ti­sches Sys­tem ver­birgt, dass auf Kor­rup­ti­on beruht.
»Here coali­ti­ons that could not sur­vi­ve the light of day, government deci­si­ons that would set off a public out­cry, eli­te beha­vi­or that would des­troy many a poli­ti­cal care­er are all loca­ted.« (Scott S. 129)
Es gibt frag­los fla­gran­te Fäl­le poli­ti­scher Kor­rup­ti­on. Aber die Gren­zen des­sen, was akzep­tiert wird und was sich als Kor­rup­ti­on brand­mar­ken lässt, sind im Fluss und wer­den im Zusam­men­spiel von Poli­tik und Medi­en, Jus­tiz und Wirt­schaft stän­dig neu aus­ge­lo­tet (Blan­ken­burg). Vie­le Vor­gän­ge, die als Erschei­nungs­for­men poli­ti­scher Kor­rup­ti­on erör­tert wer­den, gehö­ren zur »wei­chen« Kor­rup­ti­on. Lob­by­is­mus, Par­tei­en- und Wahl­kampf­fi­nan­zie­rung sind schon weit­ge­hend gesetz­lich gere­gelt, blei­ben aber den­noch im Visier. Beob­ach­tet wer­den auch Vor­trags­ein­la­dun­gen und Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te oder Kar­rie­ren in der Wirt­schaft nach Been­di­gung der poli­ti­schen Lauf­bahn.
Die poli­ti­schen Eli­ten und Amts­trä­ger ste­hen bei­na­he unter einem Gene­ral­ver­dacht, sich bei der Wahr­neh­mung ihrer Ämter von pri­va­ten Inter­es­sen lei­ten zu las­sen. Die Medi­en ver­su­chen immer wie­der, bestimm­te Ver­hal­tens­wei­sen oder Vor­fäl­le aus dem Bereich der Poli­tik zu skan­da­li­sie­ren. Objek­tiv gra­vie­ren­de Vor­wür­fe sind dafür nicht immer aus­rei­chend, aber auch nicht immer not­wen­dig. Das letz­te­re zeig­te der Fall der zurück­ge­tre­te­nen Bun­des­prä­si­den­ten Wulf.
In der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung bil­den Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fe oft die Begleit­mu­sik zu einem per­so­nel­len Macht­wech­sel (Blan­ken­burg).
Lite­ra­tur: Kai-D. Buss­mann, Com­pli­an­ce in der Zeit nach Sie­mens, Betriebs­wirt­schaft­li­che For­schung und Pra­xis, 61, 2009, 506ff; Peter Graeff/Karenina Schröder/Sebastian Wolf (Hg.), Der Kor­rup­ti­ons­fall Sie­mens. Ana­ly­sen und pra­xis­na­he Fol­ge­run­gen des wis­sen­schaft­li­chen Arbeits­krei­ses von Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal Deutsch­land, 2009; Clau­dia Nest­ler (PwC)/Stef­fen Sal­ven­mo­ser (PwC)/Kai-D. Buss­mann (Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg); Com­pli­an­ce und Unter­neh­mens­kul­tur. Zur aktu­el­len Situa­ti­on in deut­schen Groß­un­ter­neh­men, Febru­ar 2010.
Blan­ken­burg hat­te beschrie­ben, wie die Vor­stel­lun­gen von poli­ti­scher Kor­rup­ti­on in den letz­ten Jahr­zehn­ten des 20. Jahr­hun­derts durch Skan­da­li­sie­rungs­wel­len geformt wor­den sind. Nach der Jahr­tau­send­wen­de hat sich die Auf­merk­sam­keit auf die Wirt­schaft ver­la­gert. Aus­lö­ser waren Prä­mi­en­zah­lun­gen an Vor­stands­mit­glie­der der Man­nes­mann AG im Zuge der feind­li­chen Über­nah­me die­ser Gesell­schaft durch Voda­fone. Im Wirt­schafts­straf­ver­fah­ren gegen die Prä­mi­en­emp­fän­ger und gegen Auf­sichts­rats­mit­glie­der, die die Prä­mi­en bewil­ligt hat­ten, ging es zwar nicht um Kor­rup­ti­on im enge­ren Sin­ne, son­dern um Untreue. Im Hin­ter­grund stand aber letzt­lich doch der Vor­wurf, dass sich der Vor­stand sei­ne Zustim­mung zu der Über­nah­me hat­te abkau­fen las­sen. Höhe­punkt bil­de­te die Kor­rup­ti­ons­af­fä­re bei Sie­mens, in der auf­ge­deckt wur­de, dass Sie­mens sein Aus­lands­ge­schäft sys­te­ma­tisch durch Kor­rup­ti­on för­der­te.
»Fahn­der stie­ßen auf rund 4300 ille­ga­le Zah­lun­gen. Sie pro­to­kol­lier­ten mehr als 330 dubio­se Pro­jek­te — von Kraft­wer­ken in Isra­el bis hin zu fäl­schungs­si­che­ren Aus­wei­sen in Argen­ti­ni­en. Mit umge­rech­net rund 1,3 Mil­li­ar­den Euro war Land­schafts­pfle­ge der beson­de­ren Art betrie­ben wor­den.« (Süd­deut­sche Zei­tung vom 14. 1. 2011).
Die KPMG-Stu­die »Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät in Deutsch­land 2012« kommt zu dem Ergeb­nis, dass die öffent­li­che Dis­kus­si­on nach der Sie­mens-Affä­re und die Anstren­gun­gen um die Instal­lie­rung eines Com­pli­an­ce-Pro­zes­ses in den Unter­neh­men Wir­kung gezeigt habe. Gaben vor zehn Jah­ren noch 33 % der befrag­ten Unter­neh­men an, nega­tiv von Kor­rup­ti­on betrof­fen zu sein, sank die­ser Anteil in der alle zwei Jah­re durch­ge­führ­ten Befra­gung über 17 % und 10 % auf aktu­ell noch 6 %.
Lite­ra­tur: Andrea Loh­se, Unter­neh­me­ri­sches Ermes­sen, Zu den Auf­ga­ben und Pflich­ten von Vor­stand und Auf­sichts­rat, 2005.
Unter Kor­rup­ti­on im wei­te­ren Sin­ne ver­steht man unge­treu­es Ver­hal­ten von Funk­tio­nä­ren gegen­über der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on, das nicht von außen durch Drit­te, son­dern nur durch Eigen­in­ter­es­se ver­an­lasst ist. Auch ohne vor­aus­ge­hen­de Bestechung gera­ten Funk­tio­nä­re immer wie­der in Inter­es­sen­kon­flik­te, an denen sie mehr oder weni­ger inten­siv auch per­sön­lich betei­ligt sind mit der Fol­ge, dass sie in die eige­ne Tasche wirt­schaf­ten. Oft geht es um Ver­hal­ten noch vor der Gren­ze oder an der Gren­ze der Straf­bar­keit, um Berei­che­rung im Amt durch die Ver­men­gung von frem­den und eige­nen Geschäf­ten, durch Patro­na­ge und Nepo­tis­mus. Vie­le Rechts­re­geln die­nen dazu, sol­che Kon­flik­te zu ver­mei­den, etwa Geset­ze über Par­tei­en­fi­nan­zie­rung, Insi­der­ge­schäf­te oder über die Offen­le­gung von Ein­künf­ten von Poli­ti­kern.
Als Kor­rup­ti­on im wei­te­ren Sin­ne gilt der Miss­brauch einer Amts- oder Berufs­stel­lung ohne Dritt­be­tei­li­gung. Auch hier gibt es die klei­ne Mün­ze und die Untreue im gro­ßen Stil. Frü­her boten Bar­geld- und Abrech­nungs­ver­kehr Arbeit­neh­mern Gele­gen­heit zum Unter­schleif. Bar­geld­lo­ser Zah­lungs­ver­kehr und elek­tro­ni­sche Abrech­nungs­sys­te­me for­dern heu­te eini­ge kri­mi­nel­le Ener­gie, um Geld­mit­tel der Orga­ni­sa­ti­on abzu­zwei­gen. Rei­se­kos­ten­ab­rech­nun­gen waren und sind wohl immer noch anfäl­lig für Auf­blä­hung oder gar Betrug. Immer noch haben vie­le Arbeit­neh­mer Gele­gen­heit zum Dieb­stahl am Arbeits­platz oder zur Ver­wen­dung von Res­sour­cen der Orga­ni­sa­ti­on (Werk­zeug, Fahr­zeu­ge, Tele­fon, Com­pu­ter) für eige­ne Zwe­cke. Grö­ßen­ord­nun­gen las­sen sich kaum ange­ben. Nur im Zusam­men­hang mit dem Laden­dieb­stahl durch Kun­den wer­den gele­gent­lich auch Zah­len über kol­lu­si­ves Ver­hal­ten des Per­so­nals genannt.
Mehr Auf­merk­sam­keit zieht die orga­ni­sa­ti­ons­in­ter­ne Kor­rup­ti­on auf der Lei­tungs­ebe­ne auf sich, wo den Funk­tio­nä­ren gro­ße Voll­mach­ten und ein wei­tes Ermes­sen über­tra­gen sind, das sich nur schwer kon­trol­lie­ren lässt. In den Vor­stands­eta­gen gro­ßer Akti­en­ge­sell­schaf­ten herrscht zum Teil ein unbe­schreib­li­cher Luxus. Auf­sichts­rä­te, die ihre Ämter weit­ge­hend Vor­stän­den ver­dan­ken, bewil­li­gen Vor­stän­den unver­hält­nis­mä­ßi­ge Ver­gü­tun­gen, Alters­be­zü­ge und Abfin­dun­gen. Beson­ders in der Kri­tik ste­hen dabei nicht ver­ein­bar­te Ex-Post-Abfin­dun­gen, wie im Fall Voda­fone, und Abfin­dun­gen für Mana­ger, die gera­de wegen ihres Miss­er­folgs aus­ge­tauscht wer­den. Sys­te­ma­ti­sche Unter­su­chun­gen sind nicht bekannt, anek­do­ti­sche Bele­ge häu­fen sich.
Loh­se spricht vom Ver­sa­gen der Cor­po­ra­te Gover­nan­ce und zählt als empi­ri­schen Befund zehn Skan­da­le auf, die zwi­schen 1994 und 2004 die deut­sche Wirt­schaft bewegt haben. Ihre Lis­te lässt sich leicht ver­län­gern, etwa um Abfin­dungs­zah­lun­gen bei der Man­nes­mann AG nach der Über­nah­me durch Voda­fone oder um die »Ver­wöh­nung« des Betriebs­rats im Volks­wa­gen-Kon­zern. Loh­se plä­diert dafür, »die Anfor­de­run­gen an Vor­stän­de, Auf­sichts­rä­te, Abschluss­prü­fer und Geschäfts­ban­ken und damit an die Lei­tung und Über­wa­chung in den Unter­neh­men zu ver­schär­fen«.
Auch der öffent­li­che Sek­tor bleibt von Kor­rup­ti­on in die­sem wei­te­ren Sin­ne nicht ver­schont. Abge­ord­ne­te des Euro­pa­par­la­ments nutz­ten Rei­se­kos­ten­be­stim­mun­gen, um sich ein Zubrot zu ver­die­nen. Abge­ord­ne­te des bri­ti­schen Unter­hau­ses beschäf­tig­ten nicht nur in gro­ßer Zahl in ihren Büros auf Staats­kos­ten Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge oder Gelieb­te, son­dern nutz­ten auch die Mög­lich­keit, sich die Kos­ten für eine Zweit­woh­nung am Sitz des Par­la­ments erstat­ten zu las­sen, in einer Wei­se aus, dass dar­über 2009 bei­na­he die eng­li­sche Regie­rung gestürzt wäre.
Lite­ra­tur: Bun­des­kri­mi­nal­amt, Lage­bild Kor­rup­ti­on 2009; Ishi­ta Chatterjee/Ranjan Ray, Does the Evi­dence on Cor­rup­ti­on Depend on how it is Mea­su­red?, Monash Eco­no­mics Working Paper, Monash Eco­no­mics Working Paper 2009; Euro­ba­ro­me­ter, Atti­tu­des of Euro­peans towards Cor­rup­ti­on, 2009; Fre­drik Gal­tung, Mea­su­ring the Imme­a­sura­ble: Bounda­ries and Func­tions of (Macro) Cor­rup­ti­on Indi­ces, in: Charles Sampford u.a., Mea­su­ring Cor­rup­ti­on, Alder­shot, Hamp­shire 2006, 101–130; Johann Graf Lambs­dorff, Mea­su­ring Cor­rup­ti­on – the Vali­di­ty and Pre­ci­si­on of Sub­jec­tive Indi­ca­tors (CPI), in: Charles Sampford u.a (Hg.), Mea­su­ring Cor­rup­ti­on, Alder­shot, Hamp­shire 2006, 81–99.
Empi­risch kann man ver­su­chen, das Aus­maß der Kor­rup­ti­on zu beschrei­ben und ihre Ursa­chen und Wir­kun­gen zu ergrün­den. Im Grund­satz sind die dabei auf­tau­chen­den Pro­ble­me aus der Kri­mi­no­lo­gie bekannt. Im Kern geht es ohne­hin um straf­ba­res Ver­hal­ten. Da die Kor­rup­ti­on von den unmit­tel­bar Betei­lig­ten ver­heim­licht wird und, anders als ein Ein­bruch­dieb­stahl, regel­mä­ßig kei­ne anzei­ge­be­rei­ten Opfer kennt, wird die Mehr­zahl der Fäl­le gar nicht bekannt, so dass die poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik und die Sta­tis­tik der Straf­ver­fol­gung wenig aus­sa­ge­kräf­tig sind.
Einen Über­blick über das in Deutsch­land poli­zei­lich bekannt gewor­de­ne Aus­maß der Kor­rup­ti­on gibt ein jähr­lich erschei­nen­der Lage­be­richt des Bun­des­kri­mi­nal­amts. Danach blieb die Zahl der Ermitt­lungs­ver­fah­ren seit 2005 bei etwa 1600 kon­stant. Die Poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik wies für 2011 638 Fäl­le von Vor­teils­an­nah­me (Bestech­lich­keit §§ 331, 332, 335 StGB) sowie 472 Fäl­le von Vor­teils­ge­wäh­rung (Bestechung, §§ 333, 334, 335 StGB) 888 Fäl­le von Bestech­lich­keit und Bestechung im geschäft­li­chen Ver­kehr (§§ 299, 300 StGB) aus.
Man kann natür­lich die in der Dun­kel­feld­for­schung übli­chen Metho­den ein­set­zen und das Publi­kum, Orga­ni­sa­tio­nen oder Exper­ten nach ihrer Ein­schät­zung fra­gen. Die­se Metho­den hel­fen aber nur begrenzt, weil die Tat­be­stän­de sehr viel­ge­stal­tig sind.
Da sich Kor­rup­ti­on über­wie­gend im staats­na­hen Bereich und oft sogar poli­tik­nah abspielt, besteht gro­ßes Inter­es­se an einer ver­glei­chen­den Mes­sung der Kor­rup­ti­on in mög­lichst vie­len Staa­ten und mög­lichst auch ihrer Ent­wick­lung über die Zeit. Die Schwie­rig­kei­ten sind so enorm, dass von der Mes­sung des Unmess­ba­ren (Gal­tung) die Rede ist. Greift man auf offi­zi­el­le Sta­tis­ti­ken zurück, so zeigt sich, dass gera­de die Staa­ten, in denen die Emp­find­lich­keit für Kor­rup­ti­on beson­ders groß ist und die die Kor­rup­ti­on des­we­gen rela­tiv gut unter Kon­trol­le haben, höhe­re Zah­len über die Ver­fol­gung von Kor­rup­ti­on aus­wei­sen.
Ver­läss­li­che Beschrei­bun­gen von Erschei­nungs­for­men und Umfang der Kor­rup­ti­on gibt es prak­tisch nicht. Einen gro­ben Ersatz bie­ten der Glo­bal Cor­rup­ti­on Per­cep­ti­ons Index (PCI), den Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal seit 1995 zusam­men­stellt. Er wird aus der Befra­gung von Exper­ten über Kor­rup­ti­on im öffent­li­chen Sek­tor und in der Poli­tik ihres Lan­des zusam­men­ge­stellt. Ein ähn­li­ches Ran­king von 142 Län­dern bie­tet der Glo­bal Com­pe­ti­tiv­ness Report des World Eco­no­mic Forum. Kor­rup­ti­on wird direkt erfasst durch die Fra­ge nach » Irre­gu­lar Payments and Bri­bes«. Indi­rekt rele­vant für das Kor­rup­ti­ons­the­ma sind zwei wei­te­re Ein­schät­zun­gen für »Judi­ci­al Inde­pen­dence« und für »Favo­ri­tism in Deci­si­ons of Government Offi­ci­als«. Da die Daten sich auf Befra­gun­gen über wahr­ge­nom­me­ne oder ver­mu­te­te Kor­rup­ti­on stüt­zen, ist wahr­schein­lich eine Self-Ful­fil­ling Pro­phe­cy am Werk: Jeder Bericht über Kor­rup­ti­on – und es gibt ein gro­ßes Medi­en­echo – löst wahr­schein­lich neu­en Kor­rup­ti­ons­ver­dacht aus.
Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal ver­öf­fent­licht zwei wei­te­re Indi­ces zum Kor­rup­ti­ons­ni­veau, näm­lich das Kor­rup­ti­ons­ba­ro­me­ter (Glo­bal Cor­rup­ti­on Baro­me­ter, GCB) und den Bestecher­zah­ler­index (Bri­be Payers Index, BPI). Das Kor­rup­ti­ons­ba­ro­me­ter beruht auf Bevöl­ke­rungs­um­fra­gen, soll also die Publi­kums­wahr­neh­mung von Kor­rup­ti­on wie­der­ge­ben. Der Bestechungs­zah­ler­index befragt Mana­ger in Import­län­dern, wie oft ihnen von Unter­neh­men aus füh­ren Export­na­tio­nen Bestechungs­gel­der ange­bo­ten wer­den.
Der Cor­rup­ti­on Per­cep­ti­ons Index (PCI) erstreck­te sich 2011 auf 182 Län­der erstreck­te. Der Index fin­det in den Medi­en gro­ße Beach­tung und zeigt wohl auch prä­ven­ti­ve Wir­kung. Der Kopf hin­ter dem Index ist­der Pas­sau­er Öko­nom Johann Graf Lambs­dorff.
Für das Euro­ba­ro­me­ter 2009 wer­den die Pro­ban­den gefragt, ob sie Kor­rup­ti­on in ihrem Land für ein grö­ße­res Pro­blem hal­ten. Die Pro­zent­zah­len schwan­ken erwar­tungs­ge­mäß zwi­schen 22 % in Däne­mark und 97 % in Bul­ga­ri­en. Zwi­schen 2007 und 2009 gab es in vier Län­dern eine Zunah­me im zwei­stel­li­gen Bereich. Inter­es­sant scheint mir, dass der Bericht sie in allen Fäl­len auf ganz bestimm­te in der Zwi­schen­zeit medi­en­wirk­sa­me Skan­da­le zurück­füh­ren kann. Neun Pro­zent der Befrag­ten berich­ten, dass sie selbst in den letz­ten zwölf Mona­ten Opfer kor­rup­ti­ver For­de­run­gen gewe­sen sei­en. Der Bericht hält die­se Zahl für nied­rig. Ich hal­te sie für sehr hoch.
Kor­rup­ti­on voll­zieht sich im Gehei­men und behält trotz aller Bemü­hun­gen um Auf­de­ckung etwas Geheim­nis­vol­les. Man­che Anthro­po­lo­gen ver­glei­chen sie in ihrer Funk­ti­on mit den Nar­ra­ti­ven von Hexe­rei und Zau­be­rei in Afri­ka. Mit Gerüch­ten über Kor­rup­ti­on las­sen sich nega­ti­ve Gescheh­nis­se und Ent­wick­lun­gen ver­ar­bei­ten, für die es sonst an einer befrie­di­gen­den Erklä­rung fehlt.
Lite­ra­tur: Jens Ivo Engels, Poli­ti­sche Kor­rup­ti­on und Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­se, in: Niels Grüne/Simona Sla­nič­ka (Hg.), Kor­rup­ti­on. His­to­ri­sche Annä­he­run­gen an eine Grund­fi­gur poli­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on, 2010, 35–54; Ger­hard Anders/Monique Nui­j­ten, Cor­rup­ti­on and the Secret of Law. An Intro­duc­tion, in: Moni­que Nuijten/Gerhard Anders (Hg.), Cor­rup­ti­on and the Secret of Law, A Legal Anthro­po­lo­gi­cal Per­spec­tive, Ash­ga­te, Alder­shot, 2007, 1–24; Vic­tor T. Le Vine, Sup­por­ti­ve Values of the Cul­tu­re of Cor­rup­ti­on in Gha­na, in: Arnold J. Hei­den­hei­mer u. a. (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, 5. Aufl. 1999, 363–373; Soma Pillay/Nirmala Dora­sa­my, Lin­king Cul­tu­ral Dimen­si­ons with the Natu­re of Cor­rup­ti­on: An Insti­tu­tio­nal Theo­ry Per­spec­tive, Inter­na­tio­nal Jour­nal of Cross Cul­tu­ral Manage­ment, 10, 2010, 363–378; Koen­raad W. Swart, The Sale of Public Offices, in: Arnold J. Hei­den­hei­mer u. a. (Hg.), Poli­ti­cal Cor­rup­ti­on, 5. Aufl. 1999, 87–99.
Für die Staa­ten, die im hin­te­ren Drit­tel des CPI auf­tau­chen, ist Kor­rup­ti­on mehr oder weni­ger ein Nor­mal­zu­stand. Es liegt nahe, die­sem Zustand die Qua­li­tät einer kul­tu­rel­len Eigen­art zuzu­schrei­ben. In der Kolo­nia­lis­mus- und Ent­wick­lungs­de­bat­te der 1960er Jah­re woll­ten Anthro­po­lo­gen und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler nicht­west­li­che Gesell­schaf­ten gegen den Vor­wurf ver­tei­di­gen, sie sei­en über­mä­ßig kor­rupt; west­li­che Stan­dards könn­ten dort kei­ne Gel­tung bean­spru­chen. Sie kon­zen­trier­ten sich auf Fall­stu­di­en, um zu zei­gen, dass ver­schie­de­ne For­men von »Kor­rup­ti­on« für ver­schie­de­ne Gesell­schaf­ten cha­rak­te­ris­tisch sei­en (Nach­wei­se bei Anders/Nuiten S. 4). Anders/Nuiten spre­chen in der Ein­lei­tung zu dem von ihnen her­aus­ge­ge­be­nen Sam­mel­band (der sei­ner­seits über­wie­gend Fall­stu­di­en ent­hält) von der glo­ba­len Anti­kor­rup­ti­ons­in­dus­trie und von dem mora­li­schen und eth­no­zen­tri­schen Unter­ton der zuge­hö­ri­gen sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Ana­ly­sen.
Soviel ist sicher rich­tig, dass tra­di­tio­nel­le Kul­tu­ren, die auf par­ti­ku­la­ris­ti­schen Nor­men ruhen, von vorn­her­ein kei­nen Begriff für Kor­rup­ti­on besit­zen. Der ent­steht erst im Zuge der Moder­ni­sie­rung mit dem Aus­ein­an­der­fal­len von öffent­li­cher und pri­va­ter Sphä­re und mit dem Wachs­tum arbeits­tei­li­ger Orga­ni­sa­tio­nen. Kor­rup­ti­on ist ein staats­be­zo­ge­ner Begriff, der davon aus­geht, dass uni­ver­sa­lis­ti­sche Nor­men den Vor­rang vor par­ti­ku­la­ris­ti­schen haben. Par­ti­ku­la­ris­ti­sche Nor­men ver­lan­gen Soli­da­ri­tät und Ein­satz für die Gemein­schaft, und sei es auf Kos­ten von Moral und Recht. Sie prä­gen die Bezie­hun­gen inner­halb der Fami­lie und des Clans, aber auch grö­ße­rer Ein­hei­ten wie des Stam­mes und der Eth­nie. Par­ti­ku­la­ris­ti­sche Nor­men sind weit­ge­hend unspe­zi­fisch, das heißt, sie haben kei­ne genau umschrie­be­nen Ver­hal­tens­wei­sen, son­dern breit ange­leg­te Bei­stands-und Loya­li­täts­pflich­ten zum Inhalt. Uni­ver­sa­lis­tisch dage­gen sind all­ge­mei­ne Moral­vor­stel­lun­gen und vor allem das offi­zi­el­le Recht. Wenn par­ti­ku­la­ris­ti­sche Nor­men im Kon­flikt mit uni­ver­sa­lis­ti­schen die Ober­hand gewin­nen, erscheint das aus moder­ner Sicht als Kor­rup­ti­on. Sol­che Kor­rup­ti­on ist nicht von vorn­her­ein eigen­nüt­zig. Sie dient der Fami­lie (Nepo­tis­mus) oder dem Clan.
Heu­te gibt es prak­tisch kein staats­frei­es Gebiet und auch kei­nen Staat mehr, der sich nicht min­des­tens offi­zi­ell der Moder­ni­sie­rung ver­schrie­ben hat. Aber Tra­di­tio­nen las­sen sich nicht ein­fach per Gesetz abschaf­fen. In vie­len Län­dern sind Patri­mo­nia­lis­mus, Nepo­tis­mus und Kli­en­te­lis­mus immer noch weit ver­brei­tet. Man kann die zugrun­de lie­gen­den par­ti­ku­la­ris­ti­schen Nor­men durch­aus als Kul­tur begrei­fen. Das zeigt sich dar­an, dass sie sich die gemein­ten Ver­hal­tens­wei­sen vor Ort kaum als Kor­rup­ti­on skan­da­li­sie­ren las­sen. Die Kul­tur, um die es hier geht, ist inzwi­schen durch die Moder­ni­sie­rung so lädiert, dass es kein Zurück mehr gibt.
Die zahl­rei­chen quan­ti­ta­tiv-empi­risch ori­en­tier­ten Unter­su­chun­gen, die unter VII. 3 ange­führt wer­den, zei­gen immer wie­der die Abhän­gig­keit des Kor­rup­ti­ons­ni­veaus von sehr lang­le­bi­gen Varia­blen, die sich durch Reform­po­li­tik nicht ohne wei­te­res ändern las­sen. Dazu gehö­ren etwa die hier­ar­chi­sche Aus­rich­tung einer Gesell­schaft, ein reli­giö­ser Hin­ter­grund oder die Sta­bi­li­tät einer Demo­kra­tie. Damit erhält Kor­rup­ti­on eine his­to­ri­sche Dimen­si­on, die man durch­aus als Kul­tur­re­la­ti­vi­tät ein­ord­nen kann.
Par­ti­ku­la­re Nor­men sind auch in moder­nen Gesell­schaf­ten nicht aus­ge­stor­ben. Auch hier gibt es par­ti­ku­la­ris­ti­sche Bei­stands- und Loya­li­täts­pflich­ten etwa zuguns­ten der Fami­lie, der Mann­schaft, der Fir­ma oder der Par­tei. Bis in die jüngs­te Ver­gan­gen­heit war die Bestechung im Inter­es­se der eige­nen Fir­ma min­des­tens im Aus­lands­ge­schäft an der Tages­ord­nung, weil sich die Han­deln­den die­ser Fir­ma beson­ders ver­bun­den fühl­ten. Es hat lan­ge gedau­ert, bis die Ver­ur­tei­lung als Kor­rup­ti­on sich durch­ge­setzt hat. Geht man wei­ter zurück in die Geschich­te oder blickt man auch bloß in das letz­te Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts, fin­det man auch in »moder­nen« Län­dern ver­brei­te­te Kor­rup­ti­on, die sys­te­mi­sche und damit, wenn man so will, kul­tu­rel­le Züge trägt. So ist etwa dar­an zu erin­nern, dass der Ämter­kauf im 17. Jahr­hun­dert quer durch Euro­pa, aber auch in Chi­na gang und gäbe war (Swart), wäh­rend Ita­li­en bis heu­te als sys­te­misch kor­rupt gilt.
Lite­ra­tur: Peter Graeff/Rainer Dom­bo­is, Sozio­lo­gi­sche Zugän­ge zur Kor­rup­ti­ons­pro­ble­ma­tik, in: Peter Graeff/Jürgen Grie­ger (Hg.), Was ist Kor­rup­ti­on?, 2012, 135–152 [Ü]; Petra Hil­ler, Kor­rup­ti­on und Netz­wer­ke: Kon­fu­sio­nen im Sche­ma funk­tio­na­ler Dif­fe­ren­zie­rung, ZfR­Soz 26, 2005, 57–77; Tho­mas Kliche/Stephanie Thiel, Empi­ri­sche Kor­rup­ti­ons­for­schung: Metho­den, Schwie­rig­kei­ten und Ent­wick­lungs­an­sät­ze, in: dies. (Hg.), Kor­rup­ti­on, For­schungs­stand, Prä­ven­ti­on, Pro­ble­me, 2011, 411–464; Anne O. Krue­ger, The Poli­ti­cal Eco­no­my of the Rent-See­king Socie­ty, The Ame­ri­can Eco­no­mic Review 64, 1974, 291–303; Karl­hans Liebl, Sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Erklä­rungs­an­sät­ze der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät am Bei­spiel der Kor­rup­ti­on, Rechts­theo­rie, Bei­heft 9, 1986, 139–149; Patrick von Mara­vic, Kor­rup­ti­ons­ana­ly­se als Ana­ly­se von Hand­lungs­si­tua­tio­nen, in: Kai Birk­holz u. a. (Hg.), Public Manage­ment, 2006, 97–126.
Aus sys­tem­theo­re­ti­scher Sicht fin­det Kor­rup­ti­on statt, wenn nach Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Gesell­schaft in Funk­ti­ons­sys­te­me die Sys­tem­gren­zen anders als durch eta­blier­te struk­tu­rel­le Kopp­lun­gen oder blo­ße Irri­ta­tio­nen über­wun­den wer­den. Ande­re Ein­grif­fe aus dem poli­ti­schen oder dem Wirt­schafts­sys­tem in das Rechts­sys­tem (und umge­kehrt) wären also kor­rupt, weil die Sys­te­me nicht mehr ihrer Eigen­lo­gik gehor­chen (Luh­mann RdG 61, 445 und öfter). Das Rechts­sys­tem funk­tio­niert dann nicht mehr nach dem Gleich­heits­prin­zip, das Wirt­schafts­sys­tem negiert den Markt­me­cha­nis­mus. Die­se Betrach­tungs­wei­se ist wenig erhel­lend. Sie läuft auf die bei­na­he tri­via­le Fest­stel­lung hin­aus, dass Kor­rup­ti­on erst in moder­nen Gesell­schaf­ten zum Phä­no­men und Pro­blem wird. Und sie ver­langt nach einem ande­ren Kor­rup­ti­ons­be­griff, der etwa jeden Ein­griff in den Markt oder in die Unab­hän­gig­keit der Jus­tiz ein­schließt. Nicht viel klü­ger wer­de ich, wenn in einem – wegen der Schil­de­rung der japa­ni­schen Yaku­za an sich span­nen­den – Auf­satz über »Die Funk­ti­on von Kor­rup­ti­on«[5] Luh­mann wie folgt zitiert wird:
»Kor­rup­ti­on … ist kein iso­liert zu betrach­ten­des Phä­no­men. Viel­mehr ist anzu­neh­men, daß das Netz­werk die Gren­ze zwi­schen Kor­rup­ti­on und Nicht­kor­rup­ti­on durch eine eige­ne Super­co­die­rung ver­wischt, und vor allem wohl durch die Super­co­die­rung von Inklu­si­on und Exklu­si­on.«[6]
Regu­lie­run­gen bie­ten Gele­gen­heit zur Kor­rup­ti­on, soweit sie von einem Ver­wal­tungs­stab voll­zo­gen oder kon­trol­liert wer­den müs­sen. Dann lässt sich durch Kor­rup­ti­on je nach Kon­stel­la­ti­on der Voll­zug der Regel durch­set­zen, ver­hin­dern oder beschleu­ni­gen. Eine Geneh­mi­gung etwa muss erkauft wer­den, obwohl ein Anspruch besteht. Oder es las­sen sich Aus­nah­men von der Regel erwir­ken oder Sank­tio­nen abwen­den. Oft geht es auch nur um eine Beschleu­ni­gung behörd­li­chen Han­delns. Aber des­halb kann man auf sinn­vol­le Regu­lie­rung nicht ver­zich­ten.
In Deutsch­land haben sich gele­gent­lich die Inspek­to­ren des TÜV als bestech­lich erwie­sen. Man kann aber nicht auf Sicher­heits- und Qua­li­täts­kon­trol­len ver­zich­ten, weil sie Gele­gen­heit zur Bestechung der Kon­trol­leu­re bie­ten.
Das Aus­maß der Kor­rup­ti­on ist abhän­gig von der Qua­li­tät der Regu­lie­rung. Die Qua­li­tät beginnt schon damit, dass Zie­le und Mit­tel der Regu­lie­rung ein­sich­tig sind und damit Legi­ti­mi­tät mit sich füh­ren. Wich­tig ist fer­ner, dass die Regeln ein­fach sind und bei der Anwen­dung wenig Spiel­raum las­sen, denn büro­kra­ti­sches Ermes­sen bie­tet Spiel­raum zur Bestechung. So ist z. B. ein kom­pli­zier­ter Zoll­ta­rif, der für vie­le Waren­klas­sen unter­schied­li­che Abga­ben­sät­ze vor­sieht, kor­rup­ti­ons­an­fäl­li­ger als ein Ein­heits­ta­rif, weil er bei der Zuord­nung zu einer Waren­klas­se Ent­schei­dungs­spiel­raum bie­tet. Nicht ganz sel­ten wer­den Markt­re­strik­tio­nen erst durch Kor­rup­ti­on begrün­det.
Ein berüch­tig­tes Bei­spiel lie­fer­te Ben­azir Bhut­to. Sie war von 1988 bis 1990 und erneut von 1993 bis 1996 Pre­mier­mi­nis­te­rin in Paki­stan. Bei­de Male ende­te ihre Amts­zeit vor­zei­tig, u. a. wegen Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fen. Bevor sie 1993 nach Paki­stan zurück­kehr­te und erneut Regie­rungs­che­fin wur­de, war der Gold­han­del im Lan­de nicht regu­liert. Aller­dings war Schmug­gel zur Ver­mei­dung des Ein­fuhr­zolls weit ver­brei­tet. Ein paki­sta­ni­scher Gold­händ­ler mit Sitz in Dubai schlug Bhut­to vor, wenn er das exklu­si­ve Recht zur Ein­fuhr von Gold nach Paki­stan erhal­te, wer­de er der Regie­rung hel­fen, den Gold­schmug­gel unter Kon­trol­le zu brin­gen. Und so geschah es, nach­dem der Händ­ler 10 Mil­lio­nen $ auf ein Kon­to des Ehe­man­nes von Bhut­to gezahlt hat­te (nach Lambs­dorff S. 9).
Das Bei­spiel gibt Gele­gen­heit, den Begriff des Rent-See­king ein­zu­füh­ren. Er wur­de von Anne O. Krue­ger geprägt und soll ein Ver­hal­ten kenn­zeich­nen, das sei­nen wirt­schaft­li­chen Vor­teil hin­ter dem Schutz recht­li­cher Markt­schran­ken sucht. Der kras­ses­te Fall wäre ein Mono­pol, wie es der Gold­händ­ler in Paki­stan durch Bestechung Bhuttos erwirk­te. In die glei­che Rich­tung wie das Mono­pol wir­ken Zöl­le und Han­dels­be­schrän­kun­gen, indem sie den Markt behin­dern. Die Aus­nut­zung sol­cher Kon­stel­la­tio­nen selbst ist kei­ne Kor­rup­ti­on. Die Kor­rup­ti­on setzt wie im Fal­le Bhut­to als poli­ti­sche an mit dem Ziel, die Regeln, die ein Rent-See­king ermög­li­chen, erst zu schaf­fen oder sie auf­recht­zu­er­hal­ten.
Lite­ra­tur: Alber­to Alesina/Beatrice Weder, Do Cor­rupt Governments Recei­ve Less For­eign Aid?, Ame­ri­can Eco­no­mic Review 92, 2002, 307–331 (=NBER Working Paper 7108, 1999); Aymo Brunetti/Beatrice Weder, A Free Press Is Bad News for Cor­rup­ti­on, Jour­nal of Public Eco­no­mics 87, 2003, 1801–1824; Susan­ne Kar­stedt, Macht, Ungleich­heit und Kor­rup­ti­on: Struk­tu­rel­le und Kul­tu­rel­le Deter­mi­nan­ten im Inter­na­tio­na­len Ver­gleich, Köl­ner Zeit­schrift für Sozio­lo­gie und Sozi­al­psy­cho­lo­gie Son­der­heft 43, 2003, 384–412; Johann Graf Lambs­dorff, The Insti­tu­tio­nal Eco­no­mics of Cor­rup­ti­on and Reform, Cam­bridge Univ. Press 2007; Loren­zo Pellegrini/Reyer Ger­lagh, Cau­ses of Cor­rup­ti­on: A Sur­vey of Cross-coun­try Ana­ly­ses and Exten­ded Results, Eco­no­mics of Gover­nan­ce 9, 2007, 245–263; Pao­lo Mau­ro, Cor­rup­ti­on and Growth, The Quar­ter­ly Jour­nal of Eco­no­mics, 110, 1995, 681–712; Gabri­el­la R. Montinola/Robert Jack­man, Sources of Cor­rup­ti­on: A Cross­Coun­try Stu­dy, Bri­tish Jour­nal of Poli­ti­cal Sci­ence 32, 2002, 147–170; Dani­el Treis­mann, The Cau­ses of Cor­rup­ti­on: A Cross-natio­nal Stu­dy, Jour­nal of Public Eco­no­mics 76, 2000, 399–457.
Einen guten Über­blick über empi­risch rele­van­te Ansät­ze zur Erklä­rung des Kor­rup­ti­ons­ni­veaus einer Gesell­schaft geben Loren­zo Pellegrini/Reyer Ger­lagh, Cau­ses of Cor­rup­ti­on (2007). Dar­an ori­en­tiert sich auch die fol­gen­de Dar­stel­lung, und dort fin­det man noch wei­te­re Nach­wei­se.
Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und Sozio­lo­gen haben Sozi­al­struk­tu­ren benannt, die in der einen oder ande­ren Wei­se mit mehr oder weni­ger Kor­rup­ti­on ein­her­ge­hen. Ähn­lich haben Öko­no­men aus den Wirt­schafts­sta­tis­ti­ken eine Rei­he von Varia­blen her­aus­ge­zo­gen, die posi­tiv oder nega­tiv mit der Kor­rup­ti­on kor­re­lie­ren. Die wich­tigs­ten Daten­quel­len für das Kor­rup­ti­ons­ni­veau einer Gesell­schaft sind dabei der Cor­rup­ti­on Per­cep­ti­ons Index (PCI) von Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal und zuneh­mend auch das Kor­rup­ti­ons­ran­king im Glo­bal Com­pe­ti­tiv­ness Report des World Eco­no­mic Forum.
Beson­ders zahl­reich sind die Stu­di­en, die einen Zusam­men­hang zwi­schen Wirt­schafts­da­ten und Kor­rup­ti­on zei­gen. So soll etwa gel­ten: Je höher in einem Gemein­we­sen die Kor­rup­ti­on ist, des­to stär­kr usge­prägt sind auch
– die Armut
– die sozia­le Ungleich­heit
– die Schat­ten­wirt­schaft
– der Anteil der Aus­ga­ben für das Mili­tär.
Je höher in einem Gemein­we­sen die Kor­rup­ti­on ist, des­to nied­ri­ger sind
– das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt je Ein­woh­ner
– die Bezah­lung im öffent­li­chen Dienst (Montinola/Jackman)
– die Aus­ga­ben für Erzie­hung
– die pro­duk­ti­ve Inves­ti­tio­nen
– der Kapi­tal­im­port
– die Wachs­tums­ra­ten der Wirt­schaft.
Im Vor­der­grund steht das Ein­kom­mens­ni­veau, das gewöhn­lich als Brut­to­so­zi­al­pro­dukt je Ein­woh­ner gemes­sen wird. Man kann es als eben­so all­ge­mei­nen wie aus­sa­ge­kräf­ti­gen Indi­ka­tor für den Stand der Moder­ni­sie­rung anse­hen. Mit höhe­rem Ein­kom­men wächst ver­mut­lich die Qua­li­tät der Insti­tu­tio­nen, es ver­bes­sert sich die Schul­bil­dung und es ver­brei­tert sich der Zugang zu den Mas­sen­me­di­en. Die Kau­sa­li­tät läuft wohl in bei­de Rich­tun­gen: Höhe­res Ein­kom­men ver­rin­gert Kor­rup­ti­on, und gerin­ge­re Kor­rup­ti­on erhöht das Ein­kom­men.
Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen wer­den eher von büro­kra­ti­scher als von poli­ti­scher Kor­rup­ti­on im Ziel­land abge­schreckt. Ale­si­na und Weder haben ermit­telt, das kor­rup­te Regie­run­gen nicht weni­ger, son­dern sogar mehr Ent­wick­lungs­hil­fe erhal­ten als ande­re. Der resour­ce cur­se scheint auch bei der Kor­rup­ti­on zuzu­schla­gen (Pellegrini/Gerlagh S. 251, 260). Üppi­ge Ein­nah­men aus Roh­stoff­vor­kom­men, beson­ders aus Erd­öl, kön­nen zu kor­rup­ti­ven Bezie­hun­gen zwi­schen Regie­run­gen und der Gewin­nungs­in­dus­trie füh­ren, und sie ver­sor­gen die Regie­run­gen mit Geld, mit dem sie sich die Unter­stüt­zung einer Kli­en­tel erkau­fen kön­nen. Die The­se, dass die Kor­rup­ti­on mit dem Staats­an­teil am Brut­to­so­zi­al­pro­dukt stei­ge, hat sich nicht bestä­ti­gen las­sen (Lambs­dorff S. 4). Hin­ter der The­se steckt die Ver­mu­tung, dass der Staats­an­teil einen Indi­ka­tor für den Umfang öffent­li­cher Tätig­kei­ten über­haupt bil­det, die wie­der­um Gele­gen­heit zur Kor­rup­ti­on bie­ten.
Bei den meis­ten die­ser Varia­blen lässt sich nicht aus­schlie­ßen, dass bei­de von einer wei­te­ren gemein­sa­men Ursa­che beein­flusst wer­den, oder die Rich­tung des Kau­sal­ver­laufs bleibt unklar. Der Ursa­chen­zu­sam­men­hang könn­te auch in umge­kehr­ter Rich­tung ver­lau­fen. Bei der klei­nen Kor­rup­ti­on scheint oft schlech­te Bezah­lung die Akteu­re (Beam­ten, Poli­zis­ten) für Bestechung emp­fäng­lich zu machen, wenn sie nicht Schmier­gel­der gar ein­for­dern (oben IV. 1). Aber die Ursa­chen könn­ten auch umge­kehrt ver­knüpft sein: Län­der, die unter hoher Kor­rup­ti­on lei­den, sind nicht in der Lage, ein Steu­er­auf­kom­men zu erzie­len, dass für eine ange­mes­se­ne Bezah­lung des Per­so­nals aus­reicht. Wenn dann das offi­zi­el­le Sys­tem die Schmier­gel­der gera­de­zu ein­kal­ku­liert wie der Gast­wirt die Trink­gel­der für die Bedie­nun­gen, wird die Kor­rup­ti­on noch wei­ter gefes­tigt.
Sozi­al­struk­tu­ren kom­men schon bei der öko­no­mi­schen Ana­ly­se in den Blick, ins­be­son­de­re die all­ge­mei­ne Armut und die sozia­le Ungleich­heit. Auch die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit könn­te eine Rol­le spie­len. Eini­ge Stu­di­en deu­ten dar­auf hin, dass Staa­ten mit einem hohen Anteil der pro­tes­tan­ti­schen Bevöl­ke­rung weni­ger kor­rup­ti­ons­an­fäl­lig sind (Treis­man; Pellegrini/Gerlagh). Die Erklä­rung geht dahin, dass Pro­tes­tan­ten rela­tiv weni­ger hier­ar­chisch aus­ge­rich­tet sind als Katho­li­ken, Ortho­do­xe oder Mus­lims und sich daher weni­ger tole­rant gegen Macht­miss­brauch und Kor­rup­ti­on zei­gen. Noch all­ge­mei­ner hat Kar­stedt her­aus­ge­stellt, dass ein hier­ar­chisch-eli­tä­rer kuil­tu­rel­ler Kon­text kor­rup­te Trans­ak­tio­nen begüns­tigt. Treis­man weist auch dar­auf hin, dass die Pro­tes­tan­ten tra­di­tio­nell auf Abstand zur Regie­rung gehal­ten und eine oppo­si­tio­nel­le Rol­le gespielt haben. Erör­tert wird auch, ob die Her­kunft eines Rechts­sys­tems aus dem Com­mon Law im Unter­schied zu Sys­te­men aus der deut­schen, fran­zö­si­schen oder skan­di­na­vi­schen Zivil­rechts­fa­mi­lie, für das Kor­rup­ti­ons­ni­veau rele­vant sein könn­te (Treis­man). Pel­le­gri­ni und Ger­lagh fan­den kei­ne Bestä­ti­gung.
Erör­tert wird auch die Hypo­the­se, dass ein hoher Grad von eth­no-lin­gu­is­ti­scher Frak­tio­na­li­sie­rung mit einem hohen Kor­rup­ti­ons­ni­veau ein­her­geht (Mau­ro). Der Wir­kungs­zu­sam­men­hang könn­te sich dar­aus erge­ben, dass die Loya­li­tä­ten eher der Eth­nie als dem Staat gehö­ren mit der Fol­ge, dass Poli­ti­ker und Beam­te ihre Posi­tio­nen im Inter­es­se ihrer Eth­nie nut­zen. Es wird auch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass eth­nisch gespal­te­ne Gesell­schaf­ten weni­ger öffent­li­che Güter bereit­stel­len mit der Fol­ge, dass man »Bezie­hun­gen« benö­tigt, um in den Genuss not­wen­di­ger Ver­sor­gungs­leis­tun­gen zu gelan­gen.
Die Ver­bin­dung zwi­schen der struk­tu­rel­len und der indi­vi­dua­lis­ti­schen (hand­lungs­theo­re­ti­schen) Sicht­wei­se schafft die neo-insti­tu­tio­na­lis­ti­sche Ana­ly­se der Kor­rup­ti­on. Sie betont, dass die Fra­ge, ob es in einer bestimm­ten Situa­ti­on zu kor­rup­ti­ven Hand­lun­gen kommt, von einem insti­tu­tio­nel­len Kli­ma abhän­gig ist, näm­lich von den Aus­prä­gun­gen der for­mel­len und infor­mel­len Insti­tu­tio­nen rund um die Hand­lungs­si­tua­ti­on. Zu den for­mel­len Insti­tu­tio­nen zäh­len natür­lich die recht­li­chen Rege­lun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen. Als infor­mel­le Insti­tu­tio­nen zäh­len Tra­di­tio­nen und Gewohn­hei­ten, Wert­hal­tun­gen und kul­tu­rel­le Prä­gun­gen. Sie sind viel schwe­rer greif­bar als die for­mel­len Insti­tu­tio­nen.
Bei den for­mel­len Insti­tu­tio­nen stellt sich um gekehrt das Pro­blem der Ent­kop­pe­lung von Recht und Rea­li­tät. Es zeigt sich etwa bei der Fra­ge, ob Demo­kra­tie als Staats­form gegen Kor­rup­ti­on schüt­zen kann. Die Ant­wort lau­tet: Grund­sätz­lich ja. Aber allein die Ein­füh­rung demo­kra­ti­scher Wah­len genügt dazu nicht. Das zei­gen Erfah­run­gen aus Süd­ame­ri­ka und Afri­ka. In der Demo­kra­tie ist es mög­lich, kor­rup­te Poli­ti­ker abzu­wäh­len. Aus Ent­wick­lungs­län­dern ist jedoch bekannt, dass Wäh­ler sich als Kli­en­tel von Poli­ti­kern ver­ste­hen kön­nen und die­sen gera­de wegen ihres patri­mo­nia­lis­ti­schen Umgangs mit öffent­li­chen Res­sour­cen wäh­len. Treis­man und Pellegrini/Gerlagh mei­nen, dass es sich um eine län­ger (45 oder 35 Jah­re) bewähr­te Demo­kra­tie han­deln müs­se. In Euro­pa ist Ita­li­en das Bei­spiel dafür, dass auch eine eta­blier­te Demo­kra­tie nicht gegen Kor­rup­ti­on immun ist.
Die Ver­mu­tung, dass eine dezen­tra­le (föde­ra­le) Ver­wal­tungs­struk­tur Kor­rup­ti­on beför­dert, scheint sich nicht bestä­tigt zu haben (Pellegrini/Gerlagh).Dage­gen ist die prä­ven­ti­ve Wir­kung einer frei­en Pres­se unbe­strit­ten (Brunetti/Weder). Das glei­che gilt für eine unab­hän­gi­ge und ihrer­seits kor­rup­ti­ons­freie Poli­zei und Jus­tiz (oben IV. 1).
Lite­ra­tur: Lot­te Beck/Volker Nagel, Kor­rup­ti­on aus öko­no­mi­scher Per­spek­ti­ve, in: Peter Graeff/Jürgen Grie­ger (Hg.), Was ist Kor­rup­ti­on?, 2012, 31–53; Peter Gra­eff, Prin­zi­pal-Agent-Kli­ent-Model­le als Zugangs­mög­lich­keit zur Kor­rup­ti­ons­for­schung, in: Niels Grüne/Simona Sla­nič­ka (Hg.), Kor­rup­ti­on, His­to­ri­sche Annä­he­run­gen an eine Grund­fi­gur poli­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on, 2010, 55–77; Sha Li, Expe­ri­men­tel­le Kor­rup­ti­ons­for­schung: Stand und Per­spek­ti­ven, in: Tho­mas Kliche/Stephanie Thiel (Hg.), Kor­rup­ti­on, For­schungs­stand, Prä­ven­ti­on, Pro­ble­me, 2011, 382–410; Tan­ja Rabl, Pri­va­te Cor­rup­ti­on and its Actors, Insights into the Sub­jec­tive Deci­si­on Making Pro­ces­ses, 2008; dies., Der kor­rup­te Akteur, Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te, 2009, 26–32 Tan­ja Rabl/Torsten M. Kühl­mann, Under­stan­ding Cor­rup­ti­on in Orga­ni­za­ti­ons, Jour­nal of Busi­ness Ethics 82, 2008, 477–495.
Der ers­te Blick gilt dabei natür­lich dem Ratio­nal-Choice-Ansatz mit sei­nem Kos­ten-Nut­zen-Kal­kül. Die zen­tra­le Ursa­che der Kor­rup­ti­on besteht dar­in, dass die Akteu­re den erwar­te­ten Nut­zen einer kor­rup­ti­ven Hand­lung höher ein­schät­zen als die Kos­ten. Die Kos­ten bestehen in den Fol­gen einer Ent­de­ckung und Bestra­fung, die als Wahr­schein­lich­kei­ten in die Abwä­gung ein­ge­hen. Aber das ist tri­vi­al.
Auch das Princi­pal-Agent-Modell (§ 29 I. 5 oben) wird von Öko­no­men ger­ne her­an­ge­zo­gen. Es ver­weist auf die Infor­ma­ti­ons­asym­me­trie zwi­schen Prin­zi­pal und Agent. Letz­te­rer kennt die Aus­füh­rungs­si­tua­ti­on meis­tens bes­ser als der Geschäfts­herr. Er kennt die Geschäfts­part­ner, deren Hand­lungs­mög­lich­kei­ten und Zwän­ge. Er kann die­sen Infor­ma­ti­ons­vor­sprung vor­teil­haft nut­zen. Das kann zum eige­nen Vor­teil gesche­hen, indem er sich bestechen lässt. Das kann aber auch zum Vor­teil des Prin­zi­pals gesche­hen, indem der Han­deln­de den Geschäfts­part­ner aktiv besticht. Viel ist mit sol­chen Über­le­gun­gen aber nicht gewon­nen, denn es bleibt immer die Fra­ge, unter wel­chen Umstän­den es in dem einen oder ande­ren Fal­le zur Kor­rup­ti­on kommt.
Von Psy­cho­lo­gen wird die Ent­schei­dung für Kor­rup­ti­ons­hand­lun­gen als ethi­sches Dilem­ma model­liert (Rabl 2012). Auf den Täter (u. a.) wir­ken sei­ne eige­nen Norm­vor­stel­lun­gen und der wahr­ge­nom­me­ne Ein­stel­lung sei­ner Umge­bung. Das klingt eher tri­vi­al, führt aber bei empi­ri­schen Erhe­bun­gen doch zu zwei inter­es­san­ten Beob­ach­tun­gen. Ers­tens wird in Unter­neh­men anschei­nend teil­wei­se Bestechung im Inter­es­se der Fir­ma gedul­det oder sogar erwar­tet. Zwei­tens gibt es eine Rei­he von typi­schen Stra­te­gi­en, mit denen die Täter ex post ihr Ver­hal­ten vor sich selbst recht­fer­ti­gen. Es ist zwar nicht sicher, dass die­se Recht­fer­ti­gun­gen ex ante auch als Motiv wir­ken. Immer­hin spie­geln sich dar­in doch bis zu einem gewis­sen Gra­de die Wahr­neh­mun­gen des Täters von dem, was als Ver­hal­ten akzep­tiert oder gar erwar­tet wird.
Rabl und Kühl­mann haben in einem Unter­neh­mens­plan­spiel ihre Pro­ban­den in die Rol­le von Ent­schei­dungs­trä­gern ver­setzt, denen sich die Gele­gen­heit zu akti­ven oder pas­si­ven Bestechungs­ver­su­chen bie­tet. Kor­rup­tes Ver­hal­ten wur­de ange­nom­men, wenn die Teil­neh­mer sich bestechen lie­ßen oder wenn sie Mit­glie­der ande­rer Unter­neh­men zu bestechen ver­such­ten. Teil­neh­mer waren Stu­den­ten und Schü­ler. Bei der Befra­gung der Ver­suchs­teil­neh­mer unter­schie­den sie zwi­schen ex ante wirk­sa­men Moti­ven und den ex post ablau­fen­den Ver­su­chen der Selbst­recht­fer­ti­gung. Sie kom­men zu dem Ergeb­nis, dass die star­ke Moti­va­ti­on, ein ersehn­tes beruf­li­ches oder pri­va­tes Ziel zu errei­chen, für sich genom­men noch kein kor­rup­tes Han­deln aus­löst. Viel­mehr sei­en vor allem drei Kom­po­nen­ten ursäch­lich dar­an betei­ligt, dass sich ein Unter­neh­mens­mit­ar­bei­ter erst­ma­lig auf kor­rup­tes Han­deln ein­las­sen, näm­lich (1.) die eige­ne Ein­stel­lung zur Kor­rup­ti­on, (2.) die in sei­nem Umfeld gel­ten­den sozia­len Nor­men und (3.) die Kon­trol­le, die er selbst über sein kor­rup­tes Han­deln und des­sen Fol­gen zu haben glau­be. Falls ein Akteur eine kor­rup­te Hand­lung in Bezug auf ein beruf­li­ches oder per­sön­li­ches Ziel posi­tiv bewer­te und falls Kor­rup­ti­on in sei­nem per­sön­li­chen Umfeld gene­rell auf Akzep­tanz sto­ße, stei­ge der Wunsch, die kor­rup­te Hand­lung aus­zu­füh­ren. Und falls er über­dies glau­be, auf die­sem Weg das ange­streb­te Ziel sicher zu errei­chen, und dabei allen­falls nur mit einer gering­fü­gi­gen Stra­fe rech­ne, sei die Wahr­schein­lich­keit hoch, dass er sich für die kor­rup­te Hand­lung ent­schei­de. Um anschlie­ßend ein posi­ti­ves Selbst­bild zu bewah­ren, stell­ten die Pro­ban­den vor allem ihre posi­ti­ven Absich­ten hin­ter dem Kor­rup­ti­ons­ver­such her­aus. Eine typi­sche Ratio­na­li­sie­rungs­stra­te­gie war der Ver­weis auf »höhe­re Unter­neh­mens­zie­le«, die Aus­nah­men von kon­ven­tio­nel­len sozia­len Nor­men recht­fer­tig­ten. Eigen­nüt­zi­ge Kor­rup­ti­on woll­ten sie dadurch recht­fer­ti­gen, dass sie sich an der Meta­pher eines Kon­tos ori­en­tier­ten. Sie rede­ten sich ein, auf­grund ihrer bis­he­ri­gen Ver­diens­te um das Unter­neh­men ein »Gut­ha­ben« auf­ge­baut zu haben, das sie mora­lisch dazu berech­ti­ge, sich durch gele­gent­li­che Kor­rup­ti­on Vor­tei­le zu ver­schaf­fen. Ver­su­che, die Schä­den kor­rup­ten Han­delns zu leug­nen oder zu baga­tel­li­sie­ren, spiel­ten nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le.
Rabl und Kühl­mann zie­hen aus ihrer Unter­su­chung den Schluss, es sei für die Prä­ven­ti­on wich­tig, dass in Fir­men und Orga­ni­sa­tio­nen das Manage­ment durch einen Ethik-Code oder im Rah­men eines Com­pli­an­ce-Pro­zes­ses klar­stellt, dass Kor­rup­ti­on unter kei­nen Umstän­den zu den akzep­tier­ten Ver­fah­ren gehört. Der Schluss ist ein­sich­tig, wenn man bedenkt, dass eine kor­rup­ti­ons­freund­li­che Ein­stel­lung kaum offen kom­mu­ni­ziert wird, so dass sie bis zum deut­li­chen Aus­druck des Gegen­teils leicht unter­stellt wer­den kann.
Das Kon­zept abwei­chen­den Ver­hal­tens (§ 50 oben) passt kaum für die Kor­rup­ti­on, denn es inter­es­siert sich kaum für sin­gu­lä­re Norm­brü­che, son­dern für die pro­zess­haf­te Ver­stri­ckung in devi­an­te Kar­rie­ren. Die Täter sind in aller Regel sozi­al ange­passt.
»Der typi­sche Täter ist nicht vor­be­straft und zeigt kei­ne abwei­chen­den Wert­vor­stel­lun­gen. Viel­mehr hndelt es sich um gesell­schaft­li­che Auf­stei­ger und erfah­re­ne Leis­tungs­trä­ger …« (Rabl 2009 S. 27)
Man wird daher eher in den Theo­ri­en zum White-Col­lar-Crime nach­su­chen. Hand­fes­te Aus­sa­gen spe­zi­ell zur Kor­rup­ti­on fin­den sich dort aber kaum.
Lite­ra­tur: Chris­ti­an Höff­ling, Kor­rup­ti­on als sozia­le Bezie­hung, 2002; Johann Graf Lambs­dorff, The Insti­tu­tio­nal Eco­no­mics of Cor­rup­ti­on and Reform, Cam­bridge Univ. Press 2007.
Die Trans­ak­ti­ons­kos­ten lie­gen für kol­lu­si­ve Ver­trä­ge höher als für lega­le. Von Anfang an stellt sich ein Ver­trau­ens­pro­blem. Wenn die Bestech­lich­keit der Amts­trä­ger nicht gera­de­zu ein offe­nes Geheim­nis ist, wie es vor allem bei der klei­nen Kor­rup­ti­on vor­kommt, ist die Ver­trags­an­bah­nung schwie­rig, denn es gibt kei­nen offe­nen Markt. Schon die Kon­takt­pha­se ist hei­kel. Ein blan­kes Bestechungs­an­ge­bot kommt kaum in Betracht. Wer die Initia­ti­ve ergreift, muss damit rech­nen, dass der ande­re Teil sie zurück­weist und ihn denun­ziert. Daher muss das Ange­bot ver­hüllt und beschö­nigt wer­den. Drit­ten gegen­über muss es geheim blei­ben. Die Unrechts­ver­ein­ba­rung wird kaum genau spe­zi­fi­ziert, so dass sich leicht Pro­ble­me ein­stel­len, wenn etwas Unvor­her­ge­se­he­nes ein­tritt:
Ben­ja­min Netan­ja­hu, israe­li­scher Pre­mier­mi­nis­ter von 1996 bis 1999 und erneut ab 2009, wur­de nach sei­ner ers­ten Amts­zeit vor­ge­wor­fen, kos­ten­los die Umzugs- und Rei­ni­gungs­diens­te von der Fir­ma von Avner Ame­di ent­ge­gen­ge­nom­men zu haben. Dafür soll­te Ame­di, ein alter Bekann­ter von Netan­ja­hu, einen Auf­trag von der Regie­rung erhal­ten. Als Netan­ja­hu die nächs­te Wahl ver­lor und kein Auf­trag folg­te, stell­te Ame­di ihm eine Rech­nung über 110.000 $. Netan­ja­hu ver­wei­ger­te die Zah­lung, Ame­di ging zu Gericht, und so wur­de der Fall bekannt. (Bei­spiel von Lambs­dorff S. 156; vgl. auch Mel­dung in Die Welt vom 17. 9. 1999). Die Kon­tra­hen­ten, so Lambs­dorff, hät­ten es ersicht­lich unter­las­sen zu spe­zi­fi­zie­ren, ob die Diens­te Ame­dis in jedem Fall oder nur bei einem Wahl­er­folg hono­riert wer­den soll­ten.
In der Regel tritt der aktiv Bestechen­de in Vor­leis­tung und muss dar­auf ver­trau­en, dass der Besto­che­ne sei­nen Teil der Abma­chung erfüllt. Für die Erfül­lung des Ver­tra­ges gibt es kei­nen Rechts­schutz. Aller­dings hilft hier der psy­chi­sche Mecha­nis­mus der Rezi­pro­zi­tät, der sich auch in Kor­rup­ti­ons­spie­len ten­den­zi­ell als stär­ker erweist als oppor­tu­nis­ti­sches Ver­hal­ten.
Auch nach der Durch­füh­rung muss die Kor­rup­ti­ons­ver­ein­ba­rung geheim blei­ben. Die Part­ner blei­ben auf­ein­an­der ange­wie­sen, denn sie ver­fü­gen über Infor­ma­tio­nen, mit denen sie sich schä­di­gen kön­nen. Sie müs­sen auf Dau­er mit Oppor­tu­nis­mus = Ver­rat der Gegen­sei­te rech­nen. Daher sind die För­de­rung und der Schutz des Whist­leb­lo­wing eine wirk­sa­me Bekämp­fungs­maß­nah­me.
Lega­le Geschäf­te kön­nen von dem Ver­trau­en in abs­trak­te Insti­tu­tio­nen getra­gen wer­den. Das steht für Kor­rup­ti­ons­ver­trä­ge nicht zur Ver­fü­gung. Daher kommt es auf das Ver­trau­en in kon­kre­te Per­so­nen an. Aber auch das in län­ger­dau­ern­den lega­len Bezie­hun­gen begrün­de­te Ver­trau­en kann zum Aus­gangs­punkt von Kor­rup­ti­on wer­den. Daher ist in kor­rup­ti­ons­ge­fähr­de­ten Berei­chen der lau­fen­de Aus­tausch des Per­so­nals eine Stan­dard­maß­nah­me zur Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung.
Nicht sel­ten wer­den Kor­rup­ti­ons­ver­trä­ge von Ver­mitt­lern ein­ge­fä­delt, denen bei­de Par­tei­en ver­trau­en. Die Ver­trau­ens­lü­cke kann auch durch Netz­wer­ke über­brückt wer­den. In tra­di­tio­nel­ler Umge­bung, in der die kul­tu­rel­le Ori­en­tie­rung sich par­ti­ku­la­ris­tisch auf die eige­ne Grup­pe rich­tet, bil­den Fami­lie und Clan, Stamm und Eth­nie die Basis für Netz­wer­ke, in denen Nepo­tis­mus und Kli­en­te­lis­mus zu Hau­se sind. In moder­ner Umge­bung begüns­ti­gen Eli­ten­netz­wer­ke die Kor­rup­ti­on unter »›Glei­chen‹ und damit ver­mut­lich vor allem jene ›grand cor­rup­ti­on‹, die sich auf den höchs­ten Ebe­nen zwi­schen Poli­tik und Wirt­schaft abspie­len« (Kar­stedt S. 403).
Lite­ra­tur: Mat­thi­as Bau­er, Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung durch Recht­set­zung, 2002; Bern­hard Brand, The OECD’s Fight against Cor­rup­ti­on, Blog­ein­trag vom 19. 7. 2010; Hein­rich Bücker-Gärt­ner, Kor­rup­ti­ons­prä­ven­ti­on in Behör­den, in: Tho­mas Kliche/Stephanie Thiel (Hg.), Kor­rup­ti­on, For­schungs­stand, Prä­ven­ti­on, Pro­ble­me, 2011, 467–489; Mathi­as Nell/Johann Graf Lambs­dorff, Let Them Take Gifts, and Cheat Tho­se Who Seek Influ­ence, Pas­sau­er Dis­kus­si­ons­pa­pie­re, Dis­kus­si­ons­bei­trag Nr. V-41–05; Wolf­gang Schau­pen­stei­ner, Com­pli­an­ce-Manage­ment in Unter­neh­men –unver­zicht­bar!, in: Tho­mas Kliche/Stephanie Thiel (Hg.), Kor­rup­ti­on, For­schungs­stand, Prä­ven­ti­on, Pro­ble­me, 2011, 490–521.
For­schungs­pro­jekt: Kai-D. Buss­mann, Uni­ver­si­tät Hal­le, Kri­mi­nal­prä­ven­ti­ve Wir­kung von Anti-Kor­rup­ti­ons-Pro­gram­men, 2011–2014.
Die Bekämp­fung der Kor­rup­ti­on beginnt mit der Iden­ti­fi­zie­rung beson­ders gefähr­de­ter Berei­che. Im öffent­li­chen Bereich und eben­so in der Wirt­schaft gel­ten der Ein­kauf und die Ver­ga­be von Auf­trä­gen als kor­rup­ti­ons­an­fäl­lig. Ver­trä­ge über indi­vi­dua­li­sier­te Leis­tun­gen sind eher kor­rup­ti­ons­ge­fähr­det als sol­che über Stan­dard­leis­tun­gen und Güter, weil es bei ers­te­ren kei­ne übli­chen Kon­di­tio­nen, Prei­se oder Ver­gü­tun­gen gibt, so dass sich Bestechungs­gel­der, Kick­backs usw. bes­ser ver­ber­gen lass, oft sogar als legal (Ver­mitt­lungs­ge­büh­ren, Pro­vi­sio­nen, Bera­tungs­ho­no­ra­re).
Die wich­tigs­te Maß­nah­me zur Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung ist die Straf­bar­keit der akti­ven und pas­si­ven Kor­rup­ti­on. Kor­rup­ti­ons­tat­be­stän­de fin­den sich in
– § 108b/§ 108e StGB (Wählerbestechung/Abgeordnetenbestechung)
– §§ 299 ff. StGB (Bestech­lich­keit und Bestechung im geschäft­li­chen Ver­kehr)
– §§ 331 ff. StGB (Vor­teils­an­nah­me und Bestech­lich­keit, Vor­teils­ge­wäh­rung und Bestechung)
Zur Bekämp­fung von grenz­über­schrei­ten­der Kor­rup­ti­on die­nen das Gesetz zur Bekämp­fung der inter­na­tio­na­len Bestechung (Int­BestG) und das EU-Bestechungs­ge­setz (EUBestG).
Die Straf­bar­keit der Kor­rup­ti­on hat aller­dings den Neben­ef­fekt, dass die Par­tei­en des Kor­rup­ti­ons­ge­schäfts nach dem kol­lu­si­ven Aus­tausch eine gewis­se Sicher­heit haben, dass der ande­re Teil nicht oppor­tu­nis­tisch zum Denun­zi­an­ten wird, weil auch der Ver­rä­ter Stra­fe ris­kiert. Die­se Situa­ti­on könn­te das Recht durch eine Kron­zeu­gen­re­ge­lung oder Straf­mil­de­run­gen für Infor­man­ten ent­schär­fen. Lamb­ds­dorff und Nell haben dar­über hin­aus asym­me­tri­sche Stra­fen vor­ge­schla­gen, um den Pakt des Schwei­gens auf­zu­bre­chen. Auf der Sei­te des pas­siv Besto­che­nen soll die Ent­ge­gen­nah­me des Bestechungs­gel­des rela­tiv mil­de sank­tio­niert wer­den, die Gewäh­rung des damit erkauf­ten Vor­teils jedoch sehr streng. Umge­kehrt soll der aktiv Bestechen­de für die Hin­ga­be des Gel­des hart ange­packt wer­den, für die Ent­ge­gen­nah­me der Begüns­ti­gung dage­gen eher mil­de.
Natür­lich dür­fen die Straf­nor­men nicht nur auf dem Papier sehen, son­dern müs­sen auch durch inte­gre und unab­hän­gi­ge Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den und Gerich­te umge­setzt wer­den. Es daher liegt nahe, dass eine unab­hän­gi­ge und ihrer­seits von Kor­rup­ti­on freie Jus­tiz für die Bekämp­fung der Kor­rup­ti­on wich­tig ist. Beson­ders die Welt­bank betont die Not­wen­dig­keit unab­hän­gi­ger Gerich­te zur Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung, und ver­schie­de­ne empi­ri­sche Unter­su­chun­gen zei­gen eine nega­tiv Kor­re­la­ti­on zwi­schen einer unab­hän­gi­gen Jus­tiz und Kor­rup­ti­on von Poli­zei und Jus­tiz:
Mit der Straf­bar­keit der Kor­rup­ti­on ist es nicht getan, obwohl sie frag­los prä­ven­ti­ve Wir­kung hat. Not­wen­dig sind außer­dem auf allen Ebe­nen orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen, die die Kor­rup­ti­on erschwe­ren. Bund und Län­der haben zur Bekämp­fung Richt­li­ni­en zur Kor­rup­ti­ons­prä­ven­ti­on erlas­sen, die ins­be­son­de­re die Bestel­lung beson­de­rer Ansprech­per­so­nen, die Iden­ti­fi­zie­rung beson­ders kor­rup­ti­ons­ge­fähr­de­ter Berei­che, die Durch­füh­rung des Vier­au­gen­prin­zips in die­sen Berei­chen und eine ver­stärk­te Fach- und Dienst­auf­sicht vor­se­hen.[7] Gere­gelt ist fer­ner die Annah­me von Geschen­ken und Spon­so­ren­gel­dern. Beson­de­re Auf­merk­sam­keit gilt der Ver­ga­be öffent­li­cher Auf­trä­ge. Allein die öffent­li­che Hand in Deutsch­land ver­gibt jähr­lich Auf­trä­ge für etwa 350 Mil­li­ar­den EUR. Hier dient das Ver­ga­be­recht als Brem­se gegen Vet­tern­wirt­schaft und Kor­rup­ti­on. Aber es wer­den noch längst nicht alle Mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft. Zu den­ken wäre an einen stär­ke­ren Ein­satz des Dis­zi­pli­nar­rechts, an Ver­öf­fent­li­chungs- und Anzei­ge­pflich­ten für Bera­ter­ver­trä­ge und Mit­glied­schaf­ten sowie Regis­ter für fest­ge­stell­te Ver­feh­lun­gen.
Gegen­wär­tig gerät die Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung in Kon­flikt mit dem Daten­schutz. Aus­lö­ser waren umfang­rei­che Maß­nah­men des Daten­ab­gleichs bei kor­rup­ti­ons­ge­fähr­de­ten Groß­un­ter­neh­men (Deut­sche Bahn, Sie­mens, Tele­kom). Die Gro­ße Koali­ti­on woll­te mit einer am 23. Juni 2009 per Ände­rungs­an­trag vor­ge­leg­ten Ein­fü­gung in die seit Mona­ten bera­te­ne Daten­schutz­no­vel­le noch vor dem Ende der Legis­la­tur­pe­ri­ode auf die öffent­li­che Dis­kus­si­on über Mas­sen­scree­nings in Unter­neh­men reagie­ren. Der geplan­te neue § 32 Abs. 1 des Bun­des­da­ten­schutz­ge­set­zes (BDSG) soll die »Daten­er­he­bung, -ver­ar­bei­tung und -nut­zung für Zwe­cke des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses« hin­sicht­lich straf­ba­ren Ver­hal­tens von Beschäf­tig­ten auf Situa­tio­nen beschrän­ken, in denen »tat­säch­li­che Anhalts­punk­te zur Auf­de­ckung von im Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis began­ge­nen Straf­ta­ten« vor­lie­gen.
Kor­rup­te Akteu­re haben ein gespal­te­nes Ver­hält­nis zur Ehr­lich­keit (hones­ty). Einer­seits hin­ter­ge­hen sie ihre Treu­ge­ber oder erwar­ten sol­chen Ver­rat von ihrem Gegen­über. Ande­rer­seits ver­trau­en sie dar­auf, der kor­rup­te Part­ner wer­de ihnen gegen­über sei­nen Teil der Abma­chung erfül­len, müs­sen aber damit rech­nen, dass er auch ihnen gegen­über treu­los han­delt. Wegen die­ser Unsi­cher­heit spricht Lamb­dorff (S. XI, 50) ana­log zum Prin­zip der unsicht­ba­ren Hand (invi­si­ble hand) vom Prin­zip des unsicht­ba­ren Fußes (invi­si­ble foot) und meint, sie kön­ne zum Ansatz­punkt der Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung wer­den.
Für den wich­ti­gen Bereich, in dem die Bestechung nicht von Indi­vi­du­en aus­geht, son­dern von Orga­ni­sa­tio­nen und ins­be­son­de­re auch von Unter­neh­men, sind Selbst­ver­pflich­tun­gen auf Good Gover­nan­ce und Maß­nah­men zur Com­pli­an­ce heu­te das Mit­tel der Wahl (dazu näher im fol­gen­den §79).
Pro­gram­me und Pro­jek­te, die Kor­rup­ti­on zurück­drän­gen sol­len, kön­nen zu Opfern ihres eige­nen Erfolgs wer­den. Über einen sol­chen Fall berich­tet Ste­phen Bai­nes in der Zeit­schrift für Ent­wick­lung und Zusam­men­ar­beit (E+Z) 11/2005. Ein groß ange­leg­tes Pro­gramm der Nie­der­lan­de zur Ver­bes­se­rung indo­ne­si­scher Schu­len war als sol­ches sehr erfolg­reich. Aber in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung geriet es in Miss­kre­dit, weil die gera­de die mit dem Pro­gramm ver­bun­de­nen Vor­keh­run­gen zur Ver­hin­de­rung von Kor­rup­ti­on eine grö­ße­re Anzahl an sich rela­tiv unbe­deu­ten­der Kor­rup­ti­ons­fäl­le auf­deck­ten.
[1] James D. Wol­fen­sohn, damals Prä­si­dent der Welt­bank, sprach 1996 in einer Rede an die Mit­glie­der der Bank vom »can­cer of cor­rup­ti­on« [http://​go​.world​bank​.org/​M​R​1​Y​8​R​0​ZA0]. Vgl. auch Vinay Bhar­ga­wa, Curing the Can­cer of Cor­rup­ti­on, 2006.
[2] Hun­ting­ton spricht von drei Grün­den. Was ich unter »drit­tens« refe­rie­re, gehört bei ihm noch zu »zwei­tens«, ist aber m. E. ein selb­stän­di­ger »Grund«.
[3] U.a. dar­über berich­tet Mar­ga­re­te Payer, Kor­rup­ti­on als Schick­sal aus Boli­vi­en, 2008.
[4] 2011⁄12 wur­de in 144 Län­dern gefragt: To what extent is the judi­cia­ry in your coun­try inde­pen­dent from influ­en­ces of mem­bers of government, citi­zens, or firms? ( Report S. 393).
[5] Chris­ti­na Sten­ner, Die Funk­ti­on von Kor­rup­ti­on. Über die Beson­der­heit infor­ma­ler Insti­tu­tio­nen in der japa­ni­schen Gesell­schaft, in: Bir­ger P. Priddat/Michael Schmid (Hg.), Kor­rup­ti­on als Ord­nung zwei­ter Art, 2011, 163–190; dort S. 183.
[6] Sten­ner zitiert aus sozio­lo­gi­sche Auf­klä­rung 5, 1995, 25. Das Zitat stammt aus dem Auf­satz »Kau­sa­li­tät im Süden« (Sozia­le Sys­te­me 1, 1995, 7–28) und ist dort im Inter­net zugäng­lich.
[7] Für den Bund gilt die Richt­li­nie der Bun­des­re­gie­rung zur Kor­rup­ti­ons­prä­ven­ti­on in der Bun­des­ver­wal­tung vom 30. Juli 2004.
Stand der Bear­bei­tung: Novem­ber 2012
Der Abschnitt kann auch als PDF her­un­ter­ge­la­den wer­den: Röhl Rechts­so­zio­lo­gie-onl­ne § 78 Kor­rup­ti­on.

References: § 78
 § 12
 § 108
 § 108
 § 32
 §79
 § 78