Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/ac1ab8742c4679b0d79b40b57eef73acd13aea526569144034c78e2ddb74d353
Timestamp: 2019-12-11 02:53:07+00:00

Document:
BGH, I ZR 151/02: Jeans II Leitsatzentscheidung
Urteil des BGH vom 12.12.2001, I ZR 151/02
Jeans II Leitsatzentscheidung
I ZR 151/02 Verkündet am: 15. September 2005 Führinger Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
BGH, Urt. v. 15. September 2005 - I ZR 151/02 - Kammergericht LG Berlin
1Die Klägerin zu 1 stellt Jeanshosen unter der Bezeichnung "G. "
her. Ihre alleinvertretungsberechtigte deutsche Tochtergesellschaft ist die Klägerin zu 2. Zur Kollektion der Klägerin zu 1 gehört die Jeanshose "E. ".
" ergibt sich aus der nächste- 2 Die Gestaltung des Jeansmodells "E.
henden Schnittzeichnung:
3Die Beklagte vertreibt ein der Jeanshose "E. " der Klägerinnen ähn-
liches Modell unter der Bezeichnung "K. ".
4Die Klägerinnen haben geltend gemacht, das Jeansmodell "E. " besitze eine außergewöhnliche, nicht funktionsbedingte Gestaltung, die neuartig
und wettbewerblich eigenartig sei. Sie hätten weltweit 1,15 Mio. Stück und in
Deutschland 400.000 Stück dieser Jeans abgesetzt, die im Verkehr sehr bekannt sei. Die Klägerinnen haben den Vertrieb der Jeans "K. " als wettbewerbswidrig beanstandet und die Ansicht vertreten, die Beklagte beute durch
die Übernahme der wesentlichen Gestaltungsmerkmale des Modells "E. "
den Ruf des Originals aus und schaffe die Gefahr einer Täuschung über die
betriebliche Herkunft der Jeans "K. ".
1. es zu unterlassen, Jeans und/oder Hosen, die die aus der nachstehend wiedergegebenen Modellzeichnung ersichtlichen Gestaltungsmerkmale aufweisen, insbesondere das Modell "K. ", anzubieten
und/oder in Verkehr zu bringen und/oder derartige Jeans und/oder
Hosen anzubieten und/oder in Verkehr bringen zu lassen,
2. den Klägerinnen zu 1 und 2 detailliert schriftlich Auskunft zu erteilen
über Art und Umfang der bisher erfolgten, unter 1. bezeichneten
Handlungen, insbesondere über die Zahl der gesamten hergestellten
und/oder vertriebenen Jeans und der durch den Verkauf dieser Jeans
und/oder Hosen vereinnahmten Erlöse Rechnung zu legen sowie detailliert Auskunft zu erteilen über sämtliche mit diesen Jeans und/oder
Hosen belieferten gewerblichen Abnehmer unter Angabe von Liefermengen und Adressen;
3. festzustellen, dass die Beklagte seit dem 18. Juni 1999 verpflichtet ist,
den Klägerinnen sämtlichen durch den bisherigen Vertrieb der unter
1. bezeichneten Jeans und/oder Hosen entstandenen und künftig
noch entstehenden Schaden in der nach Erteilung der Auskunft noch
zu bestimmenden Höhe und Schadensberechnung nebst 5 % Zinsen
seit dem 11. Februar 2000 zu ersetzen.
6Die Beklagte ist der Klage entgegengetreten und hat vorgetragen, die
Klägerinnen könnten für die Jeans "E. " allenfalls als Modeneuheit Saisonschutz in Anspruch nehmen.
7Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Auf die Berufung der Klägerinnen hat das Berufungsgericht den Klageanträgen zu 1 und 2 insgesamt und
dem Klageantrag zu 3 im Wesentlichen entsprochen. Es hat von der Feststellung der Schadensersatzverpflichtung nur die Zinsen auf Schäden ausgenommen, die erst nach Rechtshängigkeit entstanden sind und noch entstehen.
8Mit ihrer vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt die Beklagte ihren Antrag auf Klageabweisung weiter. Die Klägerinnen beantragen,
9I. Das Berufungsgericht hat einen Unterlassungsanspruch der Klägerinnen aufgrund ergänzenden wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutzes aus § 1
UWG a.F. bejaht. Zur Begründung hat es ausgeführt:
10Die "E. "-Jeans der Klägerinnen weise eine besondere Gestaltung
auf, die über diejenige kurzlebiger Modeneuheiten hinausgehe und die auf die
betriebliche Herkunft des Modells hinweise. Es handele sich um eine über den
Durchschnitt hinausragende Neuerscheinung, deren Gesamteindruck durch
individuelle ästhetische Gestaltungsmerkmale geprägt sei, die im Jahre 1996
vom allgemein üblichen Modetrend entscheidend abgewichen seien. Die besondere Originalität resultiere aus der konkreten Kombination der für die "E.
" verwendeten, nicht funktionalen Gestaltungselemente, die von denjenigen klassischer Jeanshosen deutlich abwichen. Die "E. "-Jeans sei infolge
ihrer charakteristischen Gestaltung selbst geeignet, zum Klassiker zu werden.
Keine der zum Zeitpunkt der Einführung der Jeans der Klägerinnen auf dem
Markt befindlichen Hosenmodelle habe diese charakteristischen Merkmale aufgewiesen. Die Jeans der Klägerinnen sei geeignet, das angesprochene Publikum auf ihre betriebliche Herkunft hinzuweisen. Das Produkt verfüge über einen
hohen Wiedererkennungswert. Nicht erforderlich sei, dass der Verkehr das Unternehmen, dem er das Produkt zuschreibe, namentlich kenne.
11Das Modell "K. " der Beklagten weise hinsichtlich der charakteristischen Merkmale eine deutliche Übereinstimmung mit der die wettbewerbliche
Eigenart begründenden Gestaltung der Jeans "E. " ohne sachliche Notwendigkeit auf. Die nur geringfügigen Abweichungen änderten an der fast identischen Übernahme nichts. Beide Modelle seien nach dem Gesamteindruck
täuschend ähnlich. Dies gelte besonders, wenn sie nicht nebeneinander betrachtet würden. Es bestehe auch die Gefahr einer mittelbaren Herkunftsverwechslung.
12Das an der Gesäßtasche angebrachte Pappschild und die Verpackung
mit der jeweiligen Bezeichnung "K. " bei der Jeans der Beklagten seien
nicht geeignet, Herkunftsverwechslungen entgegenzuwirken. Sie seien nicht
dauerhaft angebracht und enthielten nur einen Phantasienamen, der nicht auf
das Unternehmen der Beklagten hinweise.
13Die für einen wettbewerbsrechtlichen Schutz gegen eine vermeidbare
Herkunftstäuschung erforderliche Bekanntheit des nachgeahmten Erzeugnisses
bei den maßgeblichen Verkehrskreisen liege ebenfalls vor. Sie ergebe sich
schon aufgrund des Ergebnisses der von der Beklagten vorgelegten Umfrage,
wonach 46 % der Befragten die Jeanshose "E. " auch ohne Kennzeichnung bekannt gewesen sei, von denen wiederum 11 % sie als Jeans von
"G. " erkannt hätten.
14Beide Klägerinnen seien zur Geltendmachung der Ansprüche aktivlegitimiert.
15Der Auskunftsanspruch folge aus § 242 BGB und der Schadensersatzanspruch ergebe sich aus § 1 UWG a.F.
171. Die Beurteilung des Berufungsgerichts, der Vertrieb der Jeanshose
"K. " durch die Beklagte sei unlauter, hält sowohl nach altem (§ 1 UWG
a.F.) als auch nach neuem Recht (§§ 3, 4 Nr. 9 lit. a UWG) der rechtlichen
18a) Anders als die Revision meint, ist im Streitfall ein Anspruch aus ergänzendem wettbewerbsrechtlichem Leistungsschutz wegen vermeidbarer Herkunftstäuschung nach §§ 3, 4 Nr. 9 lit. a UWG nicht deshalb ausgeschlossen,
weil die Klägerinnen für das von ihnen hergestellte und vertriebene Jeansmodell "E. " Schutz für ein nicht eingetragenes Gemeinschaftsgeschmacksmuster nach Art. 3 ff. der Verordnung (EG) Nr. 6/2002 des Rates vom
12. Dezember 2001 über das Gemeinschaftsgeschmacksmuster (ABl. Nr. L 3
vom 5. Januar 2002, S. 1) hätten in Anspruch nehmen können. Die Gemeinschaftsgeschmacksmusterverordnung lässt nach Art. 96 Abs. 1 Bestimmungen
der Mitgliedstaaten über unlauteren Wettbewerb unberührt. Dazu zählen auch
die Vorschriften über den ergänzenden wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutz nach §§ 3, 4 Nr. 9 lit. a UWG, die sich gegen ein unlauteres Wettbewerbsverhalten richten, das in der vermeidbaren Täuschung der Abnehmer ü-
ber die betriebliche Herkunft der Produkte liegt. Von dieser Zielrichtung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb unterscheidet sich die Gemeinschaftsgeschmacksmusterverordnung, die in der Form des Gemeinschaftsgeschmacksmusters ein bestimmtes Leistungsergebnis schützt. Der zeitlich befristete Schutz für ein nicht eingetragenes Gemeinschaftsgeschmacksmuster berührt daher nicht den zeitlich nicht von vornherein befristeten Anspruch aufgrund ergänzenden wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutzes wegen vermeidbarer Herkunftstäuschung nach §§ 3, 4 Nr. 9 lit. a UWG, § 1 UWG a.F.
(vgl. Baumbach/Hefermehl/Köhler, Wettbewerbsrecht, 23. Aufl., § 4 UWG
Rdn. 9.8; Harte/Henning/Sambuc, UWG, § 4 Nr. 9 Rdn. 41 f.; Keller, FS Erdmann, 2002, 595, 611; Bartenbach/Fock, WRP 2002, 1119, 1123; Osterrieth,
FS Tilmann, 2003, 221, 223; Rahlf/Gottschalk, GRUR Int. 2004, 821, 826; zum
Verhältnis des ergänzenden wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutzes zum
Geschmacksmusterschutz vgl. auch: BGH, Urt. v. 21.2.2002 - I ZR 265/99,
GRUR 2002, 629, 631 = WRP 2002, 1058 - Blendsegel).
19b) Nach ständiger Rechtsprechung des Senats zu § 1 UWG a.F. kann
der Vertrieb eines nachgeahmten Erzeugnisses wettbewerbswidrig sein, wenn
das Erzeugnis von wettbewerblicher Eigenart ist und besondere Umstände hinzutreten, die die Nachahmung unlauter erscheinen lassen. Dabei besteht zwischen dem Grad der wettbewerblichen Eigenart, der Art und Weise und der Intensität der Übernahme sowie den besonderen wettbewerbsrechtlichen Umständen eine Wechselwirkung. Je größer die wettbewerbliche Eigenart und je
die besonderen Umstände zu stellen, die die Wettbewerbswidrigkeit der Nachahmung begründen (vgl. BGH, Urt. v. 15.6.2000 - I ZR 90/98, GRUR 2001, 251,
253 = WRP 2001, 153 - Messerkennzeichnung; Urt. v. 15.7.2004 - I ZR 142/01,
GRUR 2004, 941, 942 = WRP 2004, 1498 - Metallbett, jeweils m.w.N.). Danach
können Ansprüche aus ergänzendem wettbewerbsrechtlichem Leistungsschutz
gegen den Vertrieb eines nachgeahmten Erzeugnisses bestehen, wenn die Gefahr einer Herkunftstäuschung gegeben ist und der Nachahmer zumutbare und
geeignete Maßnahmen zur Vermeidung der Herkunftstäuschung unterlässt.
Dem entspricht § 4 Nr. 9 lit. a UWG (vgl. BGH, Urt. v. 28.10.2004 - I ZR 326/01,
GRUR 2005, 166, 167 = WRP 2005, 88 - Puppenausstattungen). Das setzt in
aller Regel voraus, dass das nachgeahmte Erzeugnis bei den maßgeblichen
Verkehrskreisen eine gewisse Bekanntheit erlangt hat (BGHZ 50, 125, 131
- Pulverbehälter; BGH GRUR 2005, 166, 167 - Puppenausstattungen; BGH,
Urt. v. 24.3.2005 - I ZR 131/02, GRUR 2005, 600, 602 = WRP 2005, 878
- Handtuchklemmen).
20c) Das Berufungsgericht hat eine wettbewerbliche Eigenart der Jeans der
Klägerinnen aufgrund einer besonderen Originalität der Gestaltung bejaht. Das
hält der revisionsrechtlichen Nachprüfung stand.
21aa) Wettbewerbliche Eigenart setzt voraus, dass die konkrete Ausgestaltung oder bestimmte Merkmale eines Erzeugnisses geeignet sind, die angesprochenen Verkehrskreise auf die betriebliche Herkunft oder die Besonderheiten des Erzeugnisses hinzuweisen (BGH GRUR 2002, 629, 631 f. - Blendsegel).
22Die Eignung der Aufmachung der "E. "-Jeans, herkunftshinweisend
zu wirken, hat das Berufungsgericht in den gesondert angesetzten Beinnähten
gesehen, die außen vom Oberschenkelansatz schräg nach innen verlaufend
etwa im Schrittbereich der Hose aufeinander treffen und die mit den entgegengesetzt verlaufenden Nähten der Einschubtaschen einen den vorderen Hosenbereich optisch ungewöhnlichen Rhombus bilden. Dieser wird durch die Nieten
an den Enden der jeweiligen Vordertaschennähte und am Ende der Schrittnaht
deutlich akzentuiert. Damit wird nach den Feststellungen des Berufungsgerichts
der seinerzeit völlig neuartige Eindruck einer mit einem besonders hohen seitlichen Beinausschnitt versehenen kurzen Jeanshose vermittelt, an die die Hosenbeine separat angesetzt sind. Weiter hat das Berufungsgericht bei der Begründung der wettbewerblichen Eigenart der Jeanshose der Klägerinnen auf die
auffälligen, hochgewölbten Knieapplikationen in eigenartiger Form mit jeweils
zwei horizontalen Abnähern, auf den "geraden" Schnitt und das weite Bein, auf
der Rückseite auf die nicht funktionsbedingte Teilungsnaht in Kniehöhe und die
abgesetzten Stoffapplikationen am unteren Ende der Hosenbeine sowie auf die
eher unübliche rechteckige Form der Gesäßtaschen abgestellt. Diese Merkmale
vermitteln nach der Annahme des Berufungsgerichts ebenfalls ein für das Jahr
1996 ungewöhnliches und neuartiges Bild. Insgesamt weist die Hose nach den
Feststellungen des Berufungsgerichts eine unverwechselbare Charakteristik
auf, die sie von der klassischen Jeansform deutlich unterscheidet.
23bb) Dagegen wendet sich die Revision ohne Erfolg mit der Begründung,
die besonderen Voraussetzungen eines zeitlich unbeschränkten Nachahmungsschutzes bei Modeprodukten lägen im Streitfall nicht vor. Bei Bekleidungsstücken sei der Verkehr anders als bei der ästhetischen Gestaltung technischer Gebrauchsgegenstände grundsätzlich nicht geneigt, das Gesamterscheinungsbild als dauerhaften Hinweis auf einen bestimmten Hersteller anzusehen. Vielmehr sehe das Publikum in einer erstmals vermarkteten Stilrichtung
nur den Beginn einer Modestilart.
24In der Rechtsprechung des Senats ist anerkannt, dass der Verkehr auch
bei Modeerzeugnissen deren besonders originelle Gestaltung als Hinweis auf
die betriebliche Herkunft ansehen kann. Anders als bei kurzlebigen Modeneuheiten besteht in einem solchen Fall ein einer zeitlichen Beschränkung nicht
von vornherein unterworfener Nachahmungsschutz (vgl. BGH, Urt. v. 6.11.1997
- I ZR 102/95, GRUR 1998, 477, 478 = WRP 1998, 377 - Trachtenjanker; vgl.
auch BGH, Urt. v. 7.11.2002 - I ZR 64/00, GRUR 2003, 356, 358 = WRP 2003,
500 - Präzisionsmessgeräte; Urt. v. 2.12.2004 - I ZR 30/02, GRUR 2005, 349,
352 = WRP 2005, 476 - Klemmbausteine III, zum Abdruck in BGHZ 161, 204
vorgesehen; Erdmann, FS für Vieregge, S. 197, 212; Sambuc, Der UWG-
Nachahmungsschutz Rdn. 238, 240). Von diesen Grundsätzen ist auch das
Berufungsgericht ausgegangen, das an die auf Ausnahmefälle beschränkte
wettbewerbliche Eigenart von Modeprodukten keine zu geringen Anforderungen
gestellt hat. Es hat eine besondere Originalität der Gestaltung der in Rede stehenden Jeans und eine Eignung ihrer Merkmale, herkunftshinweisend zu wirken, anhand einer Vielzahl von Elementen bejaht, die in ihrer Kombination bei
der Markteinführung 1996 nicht vorbekannt waren und die die Jeans zu einer
aus dem Durchschnitt herausragenden Neuerscheinung machten. Diese tatrichterlichen Feststellungen lassen einen Rechtsfehler nicht erkennen.
25Anders als die Revision geltend macht, haben die Klägerinnen auch nicht
zugestanden, die "E. "-Jeans sei zum Zeitpunkt des Berufungsverfahrens
nicht mehr als besonders originelle Gestaltung anzusehen.
26Zutreffend ist das Berufungsgericht weiter davon ausgegangen, dass
auch die als neu empfundene Kombination bekannter Gestaltungselemente
eine wettbewerbliche Eigenart begründen kann (vgl. BGH GRUR 1998, 477,
479 - Trachtenjanker).
27Die Rüge der Revision, das Berufungsgericht habe die erforderlichen
Feststellungen dazu, dass die Gestaltungsmerkmale bei der "E. "-Jeans
auf ihre betriebliche Herkunft hinweisen, nicht aus eigener Sachkunde treffen
dürfen, hat ebenfalls keinen Erfolg. Auch wenn die Mitglieder des Berufungsgerichts nach den Ausführungen im Berufungsurteil selbst nicht zu den angesprochenen Verkehrskreisen gehören sollten, konnten sie aufgrund ihrer durch ständige Befassung mit Wettbewerbssachen besonderen Sachkunde die wettbewerbliche Eigenart der in Rede stehenden Jeans ohne sachverständige Hilfe
selbst beurteilen (vgl. BGHZ 156, 250, 255 - Marktführerschaft; Bornkamm,
WRP 2000, 830, 832). Das Berufungsgericht hat hierzu angenommen, es seien
in diesem Zusammenhang nur Erwägungen anzustellen, für die die Zugehörigkeit zur potentiellen Kundschaft nicht erforderlich sei. Diese Ausführungen sind
aus revisionsrechtlicher Sicht nicht zu beanstanden. Gegenteiliges zeigt auch
282. Rechts- und verfahrensfehlerfrei ist das Berufungsgericht davon ausgegangen, das Modell "K. " der Beklagten stelle eine fast identische Nachbildung der von den Klägerinnen vertriebenen Jeans dar. Die die wettbewerbliche Eigenart begründenden Elemente der Vorderseite der Jeans "E. " hat
die Beklagte bei ihrem Produkt identisch übernommen. Bei den die Rückseite
prägenden Gestaltungsmerkmalen liegen zwar gewisse Abweichungen zwischen den Jeansmodellen vor. Das ändert aber, wie das Berufungsgericht zutreffend angenommen hat, nichts daran, dass die Beklagte auch die Knieabnäher der Rückseite identisch, die Form der Gesäßtaschen in maßstabsgerecht
geänderten Größenverhältnissen und die Stoffapplikationen an der unteren Seite der Jeans in abgewandelter Farbgebung übernommen hat. Außer Betracht
zu bleiben haben weiter bei der Frage des Grades der Übernahme der Leistung
der Klägerinnen, dass bei den sich gegenüberstehenden Modellen nach den
Feststellungen des Landgerichts, auf die sich die Revision stützt, auf der Rück-
seite in unterschiedlicher Weise die Bezeichnungen "K. " und "E. "
angebracht sind. Nach den verfahrensfehlerfrei getroffenen Feststellungen des
Berufungsgerichts zählt die Gestaltung des Namenszugs auf der Rückseite der
Jeanshose der Klägerinnen nicht zu den die wettbewerbliche Eigenart begründenden Merkmalen. Die Abweichung in diesem Punkt steht der Annahme einer
fast identischen Übernahme des Modells "E. " der Klägerinnen in seiner
wettbewerblichen Eigenart daher nicht entgegen.
293. Die Angriffe der Revision gegen die Annahme des Berufungsgerichts,
es bestehe die Gefahr einer Herkunftstäuschung bei dem Jeansmodell der Beklagten, greifen nicht durch.
30a) Das Berufungsgericht ist davon ausgegangen, der Gesamteindruck
der Jeans der Beklagten entspreche praktisch dem Modell der Klägerinnen,
weshalb die "K. "-Jeans ohne weiteres für die "E. "-Jeans gehalten
werden könne, insbesondere wenn beide Modelle nicht nebeneinander betrachtet würden.
31b) Dagegen wendet sich die Revision ohne Erfolg mit der Rüge, das Berufungsgericht hätte zunächst einmal Feststellungen dazu treffen müssen, anhand welcher Merkmale der angesprochene Verkehr modische Jeans voneinander unterscheidet. Dazu hätte es ein Sachverständigengutachten einholen
32Auch wenn die Mitglieder des Berufungsgerichts nicht zu den angesprochenen Verkehrskreisen gehören sollten, erfordert dies im Streitfall nicht die
Einholung eines Sachverständigengutachtens. Das Berufungsgericht, das über
die wettbewerbliche Eigenart der Jeans der Klägerinnen aus eigener Sachkunde befinden konnte (vgl. Abschn. II 1 c bb), konnte dann auch bei nahezu iden-
tischer Übernahme der Merkmale, die die wettbewerbliche Eigenart des nachgeahmten Produktes begründeten, ohne Einholung eines Sachverständigengutachtens die Frage entscheiden, ob die Gefahr einer Herkunftstäuschung besteht.
33c) Eine Herkunftstäuschung wird auch nicht dadurch ausgeschlossen,
dass die Beklagte an der von ihr vertriebenen Jeans die Bezeichnung "K. "
angebracht hat, während die Jeans der Klägerinnen mit "E. " gekennzeichnet ist. Das an einer der rückwärtigen Taschen der Jeans der Beklagten angebrachte Pappschild und die Verpackung des Produkts mit der Angabe "K.
" gewährleisten nach den Feststellungen des Berufungsgerichts nicht, dass
diese zum Zeitpunkt des Kaufs an der Jeans noch vorhanden sind (vgl. hierzu
BGH, Urt. v. 8.12.1999 - I ZR 101/97, GRUR 2000, 521, 524 f. = WRP 2000,
493 - Modulgerüst). Dagegen erinnert auch die Revision nichts. Soweit sie auf
einen senkrecht verlaufenden Namenszug auf der Außennaht der rechten Gesäßtasche abhebt, zeigt sie nicht auf, dass dieser nach dem Vortrag der Beklagten in den Tatsacheninstanzen für sich geeignet ist, der Gefahr einer Herkunftstäuschung entgegenzuwirken.
34d) Ebensowenig ist aus Rechtsgründen zu beanstanden, dass das Berufungsgericht eine gewisse Bekanntheit der "E. "-Jeans der Klägerinnen
35Nach der Rechtsprechung des Senats setzt der ergänzende wettbewerbsrechtliche Leistungsschutz gegen eine vermeidbare Herkunftstäuschung
in aller Regel eine gewisse Bekanntheit des nachgeahmten Produkts voraus,
weil ansonsten die Gefahr einer Herkunftstäuschung nicht bestehen kann. Eine
Verkehrsgeltung ist insoweit nicht erforderlich. Ausreichend ist vielmehr, dass
das wettbewerblich eigenartige Erzeugnis bei nicht unerheblichen Teilen der
angesprochenen Verkehrskreise eine solche Bekanntheit erreicht hat, dass sich
in relevantem Umfang die Gefahr der Herkunftstäuschung ergeben kann, wenn
Nachahmungen vertrieben werden (vgl. BGH, Urt. v. 8.11.2001 - I ZR 199/99,
GRUR 2002, 275, 277 = WRP 2002, 207 - Noppenbahnen; Urt. v. 7.2.2002
- I ZR 289/99, GRUR 2002, 820, 822 f. = WRP 2002, 1054 - Bremszangen;
BGH GRUR 2005, 166, 167 - Puppenausstattungen; GRUR 2005, 600, 602
36Bei der Annahme einer Bekanntheit der "E. "-Jeans in den maßgeblichen Verkehrskreisen hat das Berufungsgericht zu Recht auf das von der Beklagten vorgelegte Privatgutachten der U. -GmbH vom 30. November
2000 abgestellt, das als Sachvortrag der Beklagten selbst zu werten ist (vgl.
BGH, Urt. v. 19.4.2001 - I ZR 340/98, NJW-RR 2001, 1320, 1321; Urt. v.
24.2.2005 - VII ZR 225/03, NJW 2005, 1650, 1652). Danach kannten nach eigenen Angaben der Beklagten 46 % der Befragten die Jeanshose "E. " der
Klägerinnen. Dies reicht für eine Bekanntheit des Produkts der Klägerinnen
zweifelsohne aus. Nicht erforderlich dagegen ist, wovon offensichtlich das Berufungsgericht ausgegangen ist, dass die angesprochenen Verkehrskreise das
nachgeahmte Produkt namentlich dem Unternehmen der Klägerinnen
(G. ) zuordnen können (vgl. Gloy/Loschelder/Eck, Handbuch des Wettbewerbsrechts, 3. Aufl., § 43 Rdn. 60; Harte/Henning/Sambuc aaO § 4 Rdn. 64),
was immerhin noch bei 11 % der Befragten der Fall ist. Denn für einen ergänzenden wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutz nach §§ 3, 4 Nr. 9 lit. a UWG,
§ 1 UWG a.F. reicht die Gefahr einer vermeidbaren Herkunftstäuschung aus.
Diese erfordert aber nicht die namentliche Kenntnis des hinter dem nachgeahmten Produkt stehenden Unternehmens.
37In Anbetracht der wettbewerblichen Eigenart des Jeansmodells der Klägerinnen, der fast identischen Übernahme des Produkts durch die Beklagte und
der Gefahr einer Herkunftstäuschung ist das Berufungsgericht zu Recht davon
ausgegangen, dass der Vertrieb der "K. "-Jeans unlauter ist.
384. Der mit dem Feststellungsantrag zu 3 verfolgte Schadensersatzanspruch hat seine Rechtsgrundlage in § 1 UWG a.F. und § 9 i.V. mit §§ 3, 4 Nr. 9
lit. a UWG. Der Auskunftsanspruch ergibt sich aus § 242 BGB.
Uwg, In verkehr bringen, Gestaltung, Gefahr, Verkehr, Herkunft, Produkt, Vertrieb, Leistungsschutz, Bezeichnung

References: BGH 
 § 1
 § 242
 § 1
 Art. 3
 Art. 96
 § 1
 § 4
 § 4
 § 1
 § 4
 BGH 
 BGH 

BGH 
 § 43
 § 4

§ 1
 § 1
 § 9
 § 242