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Timestamp: 2019-06-15 21:41:43+00:00

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VG Düsseldorf, Urteil vom 24.03.2011 - 6 K 1156/11 - openJur
Urteil vom 24.03.2011 - 6 K 1156/11
VG Düsseldorf, Urteil vom 24.03.2011 - 6 K 1156/11
openJur 2011, 77419
Die Ordnungsverfügung der Beklagten vom 17. Januar 2011 wird aufgehoben.
Das Urteil ist wegen der Kosten vorläufig vollstreckbar. Die Beklagte darf die Vollstreckung durch Hinterlegung oderLeistung einer Sicherheit in Höhe des vollstreckbaren Betrages abwenden, wenn nicht der Kläger vor derVollstreckung Sicherheit in gleicher Höhe leistet.
1. § 3 Abs. 1 Satz 1 des Straßenverkehrsgesetzes (StVG) weist die Fahrerlaubnisbehörde an, die Fahrerlaubnis (zwingend) zu entziehen, wenn sich ihr Inhaber als ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen erweist. Geeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen ist gemäß § 2 Abs. 4 Satz 1 StVG, wer die notwendigen körperlichen und geistigen Anforderungen erfüllt und nicht erheblich oder nicht wiederholt gegen verkehrsrechtliche Vorschriften oder gegen Strafgesetze verstoßen hat. § 6 Abs. 1 Nr. 1 c) ermächtigt das Bundesverkehrsministerium, mit Zustimmung des Bundesrates eine Rechtsverordnung zu erlassen über die Anforderungen an die Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen, die Beurteilung der Eignung durch Gutachten sowie die Feststellung und Überprüfung der Eignung durch die Fahrerlaubnisbehörde nach § 2 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 in Verbindung mit Abs. 4, 7 und 8. Mit der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV) ist eine solche Rechtsverordnung erlassen worden. Sie legt in ihrem § 46 Abs. 1 Satz 2 fest, dass die Fahrerlaubnisbehörde die Fahrerlaubnis wegen Eignungsmangels zu entziehen hat, wenn Erkrankungen oder Mängel nach den Anlagen 4, 5 oder 6 vorliegen oder erheblich oder wiederholt gegen verkehrsrechtliche Vorschriften oder Strafgesetze verstoßen wurde und dadurch die Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen ausgeschlossen ist.
Vgl. BVerwG, Urteil vom 9. Juni 2005 - 3 C 25.04 -, NJW 2005, 3081 (= juris Rdn. 17).
Vgl. BVerwG, Urteil vom 26. Februar 2009 - 3 C 1.08 -, BVerwGE 133, 186 (= juris Rdn. 14) unter Berücksichtigung der Ergebnisse der BASt-Studie Cannabis und Verkehrssicherheit, November 2006, Heft M, vgl. dazu Gehrmann, Grenzwerte für Drogeninhaltsstoffe im Blut und die Beurteilung der Eignung im Fahrerlaubnisrecht, NZV 2008, 377; OVG NRW, Beschluss vom 1. Juni 2010 - 16 B 428/10 - VRS 119 (2010), S. 180 (= juris Rdn. 3).
vgl. OVG NRW, Beschlüsse vom 1. Juni 2010 - 16 B 402/10, vom 9. November 2009 - 16 B 1543/09, vom 16. Oktober 2009 - 16 E 278/09, und vom 20. Juli 2009 - 16 E 209/09; zurückhaltender noch Beschluss vom 11. September 2008 - 16 B 868/08 -; wie hier: OVG Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 3. Februar 2010 - 1 S 234.09 -, juris Rdn. 5; VGH Hessen, Beschluss vom 24. September 2008 - 2 B 1365/08 -, NJW 2009, 1523 (= juris Rdn. 5); OVG Mecklenburg-Vorpommern, Beschluss vom 19. Dezember 2006 - 1 M 142/06 -, juris Rdn. 20; OVG Sachsen-Anhalt, Beschluss vom 18. Juli 2006 - 1 M 64/06 -, NJ 2006, 516; VGH Bayern, Beschluss vom 25. Januar 2006 - 11 CS 05.1453 -, BA 2006, 422 (= juris Rdn. 20 ff) mit zutreffender Ablehnung der Rspr. des OVG Hamburg, das als einziges Obergericht in einem einmaligen einen gelegentlichen Cannabiskonsum erkennt (z. B. OVG Hamburg, Beschluss vom 15. Dezember 2005 - 3 Bs 214/05 -, NJW 2006, 1367), zustimmend Kalus, in: Hettenbach u. a., Drogen und Straßenverkehr, 2. Aufl. (2010), § 2 Rdn. 180,
vgl. OVG Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 13. November 2009 - 1 S 102.09 -, juris Rdn. 4 m. w. N.; VGH Bayern, Beschluss vom 20. September 2007 - 11 CS 07.1589 -, Rdn. 13 m. w. N.; eher beiläufig: OVG NRW, Beschluss vom 22. Oktober 2010 - 16 B 1339/10, vgl. auch Pießkalla, Aktuelle Fragen zur Fahreignung gelegentlicher Cannabiskonsumenten unter besonderer Berücksichtigung des Mischkonsums mit Alkohol, NZV 2008, 542,
vgl. BVerwG, Urteil vom 9. Juni 2005 - 3 C 25.04 -, NJW 2005, 3081 (= juris Rdn. 22): Der erfolgte Betäubungsmittelmissbrauch muss nach Gewicht und unter zeitlichen Gesichtspunkten noch geeignet sein, die Kraftfahreignung in Zweifel zu ziehen,
Vgl. VGH Hessen, Beschluss vom 24. September 2008 - 2 B 1365/08 -, NJW 2009, 1523 zur Einräumung durch den Fahrerlaubnisinhaber.
Vgl. zur Ein-Nanogramm-Grenze: Empfehlung der Grenzwertkommission zur Änderung der Anlage zu § 24a StVG, in: BA 44 (2007), S. 311; zur Messgrundlage Vollblut oder Blutserum in Deutschland und in der Schweiz vgl. Haase/Sachs, Drogenfahrt mit Blutspiegeln unterhalb der Grenzwerte der Grenzwertkommission - Straftat (§ 316 StGB), Ordnungswidrigkeit (§ 24a StVG) oder Einstellung (§ 47 OWiG), in: NZW 2008, 221.
Vgl. OVG NRW, Beschlüsse vom 18. November 2010 - 16 E 1326/10 und vom 22. Oktober 2010 - 16 B 1339/10; ebenso VGH Bayern, Beschluss vom 20. September 2007 - 11 CS 07.1589 -, juris Rdn. 14.
Der gegenteiligen Auffassung, die stets davon ausgeht, der Fahrerlaubnisinhaber habe auch im verwaltungs- und verwaltungsgerichtlichen Verfahren über den Zeitpunkt des eingestandenen Konsums unrichtig ausgesagt, um - wie bei Alkoholkonsum - einen möglichst großen Zeitraum zwischen Konsum und Fahren zu legen, folgt die Kammer nicht. Fahrerlaubnisbehörde und Gericht können über das Rauschmittelkonsumverhalten des Fahrerlaubnisinhabers keine Aussage aus eigener Kenntnis treffen. Wie in anderen Verwaltungsverfahren dürfen sie auch im Fahrerlaubnisverfahren von der Wahrheit der Angaben des Bürgers zunächst ausgehen. Umgekehrt muss sich der Fahrerlaubnisinhaber an seinen Aussagen festhalten lassen. Ohne hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte können Behörde und Gericht kein pflichtwidriges Verhalten in Gestalt eines vollständig wahrheitswidrigen Sachvortrags annehmen. Dazu sind gewichtigere Anhaltspunkte erforderlich als die vermutete Unkenntnis des Fahrerlaubnisinhabers darüber, wie lange der Cannabiswirkstoff im Blut nachweisbar bleibt.
Vgl. zur Annahme eines unrichtigen Sachvortrags: OVG Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 3. Februar 2010 - 1 S 234.09 -, juris Rdn. 6; OVG Mecklenburg-Vorpommern, Beschluss vom 19. Dezember 2006 - 1 M 142/06 -, juris Rdn. 32.
Vgl. VGH Hessen, Beschluss vom 24. September 2008 - 2 B 1365/08 -, juris Rdn. 16 ff.; VGH Bayern, Beschluss vom 16. August 2006 - 11 CS 05.3394 -, juris Rdn. 30 bis 36; VG Saarlouis, Beschluss vom 3. November 2008 - 10 L 859/08 -, juris Rdn. 37; OVG NRW, Beschluss vom 14. Oktober 2010 - 16 E 410/10 -: bei einer zeitnahen Blutentnahme nach dem Auffälligwerden bzw. dem letzten Cannabiskonsum können 100 ng THC-COOH pro mL Serum für den Nachweis des gelegentlichen Konsums ausreichen; OVG Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 3. Februar 2010 - 1 S 234.09 -, juris Rdn. 5: 75 ng/mL genügen (jeweils mit umfangreichen rechtsmedizinischen Nachweisen); zusammenfassend: Zwerger, Berührungspunkte von Toxikologie und Rechtsprechung: Blutwerte nach Cannabiskonsum und Fahreignung, in: ZfSch 2007, 551, sowie Kalus, in: Hettenbach u. a., Drogen und Straßenverkehr, 2. Aufl. (2010), § 2 Rdn. 181 bis 190.
Vgl. OVG NRW, Beschluss vom 10. Mai 2010 - 16 A 2144/09 m. N. aus der Rechtsmedizin.
Vgl. Weibrecht, Nachweisfragen - MPU - Rechtsprobleme, in: BA 40 (2003), 130, 131.
Vgl. OVG Mecklenburg-Vorpommern, Beschluss vom 19. Dezember 2006 - 1 M 142/06 -, juris Rdn. 21; Weibrecht, Nachweisfragen - MPU - Rechtsprobleme, in: BA 40 (2003), 130, 131; Jagow/Burmann/Heß, Straßenverkehrsrecht, 20. Aufl. (2008), § 3 StVG Rdn. 7.
Vgl. BVerfG, Beschluss vom 20. Juni 2002 - 1 BvR 2062/96 -, NJW 2002, 2378 (= juris Rdn. 53) zu den nicht abzusenkenden Nachweisanforderungen beim weniger eingreifenden Drogenscreening.
Vgl. BVerwG, Urteil vom 29. Januar 1965 - VII C 147.63 -, NJW 1965, 1098; Höfling, in: Sodan/Ziekow, VwGO, 3. Aufl. (2010), § 108 Rdn. 160 m. w. N. d. Rechtsprechung des BVerwG.
vgl. OVG Schleswig-Holstein, Beschluss vom 7. Juni 2005 - 4 MB 49/05 -, NordÖR 2005, 332 (= juris Rdn. 4); VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 21. Februar 2007 - 10 S 2302/06 -, BA 44 (2007), 190 (= juris Rdn. 15),
genügt im Klageverfahren zur Beweisführung nicht mehr. Denn der Erfahrungssatz zielt schon nicht darauf ab, die volle Überzeugung des Gerichts von der Wahrheit der Tatsachenbehauptung zu begründen. Er ist lediglich darauf gerichtet, die - wenn auch große - Wahrscheinlichkeit des mehrmaligen Konsums zu belegen.
Vgl. zur kurzen Wirkungsdauer des Rauscherlebnisses vgl. BVerfG, Beschluss vom 9. März 1994 - 2 BvL 43/92 u. a. -, BVerfGE 90, 145 (= juris Rdn. 145 ff.); zu den unterschiedlichen THC-Gehalten im Blut und im Gehirn sowie den Auswirkungen auf die Unfallwahrscheinlichkeit: Drasch u. a., Unfälle und reale Gefährdung des Straßenverkehrs unter Cannabis-Wirkung, in: BA 2006 (43), 441.
vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 21. Februar 2007 - 10 S 2302/06 -, BA 44 (2007), 190 (= juris Rdn. 15); VG Freiburg, Urteil vom 2. August 2007 - 1 K 993/07 -, juris Rdn. 15,
Vgl. OVG Schleswig-Holstein, Urteil vom 17. Februar 2009 - 4 LB 61/08 -; Beschluss vom 7. Mai 2005 - 4 MB 49/05.
Die Kammer kann der Beweislastumkehr jedenfalls im Klageverfahren nicht beitreten, weil sie lediglich auf der Annahme einer (nicht quantifizierbaren) Wahrscheinlichkeit beruht. Diese Annahme vermag nicht zu erklären, warum das von § 108 Abs. 1 VwGO verlangte Beweismaß, nämlich die volle Überzeugung des Gerichts von der Wahrheit, bei der Gelegentlichkeit des Cannabiskonsums durch ein anderes Beweismaß, nämlich die fehlende Plausibilität des Entlastungsvortrags bzw. die Wahrscheinlichkeit des zweimaligen Konsums, zu ersetzen ist. Hieran ändert nichts, wenn man das Beweismaß nicht ausdrücklich abändert, sondern - in einem vorhergehenden Schritt - bei der Verteilung der Darlegungs- und Beweislast vom Günstigkeitsprinzip abweicht.
Auch die Grundsätze der Beweisnot, die Raum für gewisse Erleichterungen in der Beweisführung lassen, sind nicht anwendbar. Denn das Gesetz hält mit § 2 Abs. 8 StVG und § 14 FeV spezielle Vorschriften für Fälle wie den streitgegenständlichen bereit. Begründen Tatsachen - wie etwa eine einzige festgestellte Cannabisfahrt - Bedenken gegen die Fahreignung ("Eignungszweifel"), haben sich diese aber wegen der Unerweislichkeit des gelegentlichen Cannabiskonsums noch nicht zur Gewissheit (§ 11 Abs. 7 FeV) verdichtet, sieht das Gesetz bestimmte Aufklärungsmaßnahmen in Gestalt ärztlicher Untersuchungen ("Drogenscreening") vor. Da vor dem Ergreifen dieser Maßnahmen die Aufklärungs- und damit Beweisführungsmöglichkeiten noch nicht erschöpft sind, fehlt es bereits an der Beweisnot selbst.
Vgl. OVG NRW, Beschlüsse vom 15. Oktober 2010 - 16 B 468/10 -, vom 29. Juli 2009 - 16 B 895/09 -, DAR 2009, 598 (= juris Rdn. 13), vom 11. September 2008 - 16 B 868/08 und vom 26. Juni 2008 - 16 B 697/08 -.
Vgl. Dauer, in: Hentschel/Dauer, Straßenverkehrsrecht, § 14 FeV Rdn. 14 m. w. N.; zum Ausschluss einer medizinischpsychologischen Untersuchung bei einer einmaligen Cannabisfahrt: Berr/Krause/Sachs, Drogen im Straßenverkehrsrecht, Rdn. 941 bis 951.
Vgl. VGH Bayern, Beschlüsse vom 21. Januar 2006 - 11 CS 05.1453 -, DAR 2006, 349 (= juris Rdn. 33 ff.), und vom 7. April 2006 - 11 Cs 05.2303 -, juris Rdn. 24; OVG Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 6. Dezember 2004 - 7 B 11878/04 -, zitiert nach Berr/Krause/Sachs, Drogen im Straßenverkehrsrecht (2007), Rdn. 950 Fn. 516.
Vgl. BVerfG, Beschluss vom 20. Juni 2002 - 1 BvR 2062/96 -, NJW 2002,2378 (= juris).
Vgl. zu den Wissenslücken über die Wirkungszusammenhänge: OVG Saarland, Beschluss vom 8. Januar 2010 - 1 B 493/09 -, ZfSch 2010, 172 (= juris Rdn. 12 ff.); VG Köln, Urteil vom 14. Juni 2010 - 11 K 1059/10 -, juris Rdn. 19 ff.
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