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Timestamp: 2018-02-23 00:29:23+00:00

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Viola Harnach: Psychosoziale Diagnostik in der Jugendhilfe. Grundlagen und Methoden für Hilfeplan, Bericht und Stellungnahme. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2011. 6., überarb. Auflage. 403 Seiten. ISBN 978-3-7799-1107-4. 25,00 EUR.
Reihe: Soziale Dienste und Verwaltung.
In vielen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit erschienen in den letzten Jahren zahlreiche Veröffentlichungen zur sozialpädagogischen Diagnostik. Erfreulicherweise entwickelt sich die Diskussion dahingehend, dass Diagnostikansätze an spezifische Anforderungen (Störungsbild, Setting, Klientel) adaptiert und weiterentwickelt werden und nicht mehr über die Notwendigkeit einer Diagnostik per se debattiert wird. Im Zuge der Ausbildung verschiedener Fachsozialarbeiten (Klinische Sozialarbeit, Forensische Sozialarbeit) hat die Diskussion und die Weiterentwicklung der Diagnostik zusätzlich an Fahrt gewonnen.
Die Arbeit im Jugendamt bleibt davon nicht unberührt. Von den dortigen Fachkräften wird eine hohe Fach- und Sozialkompetenz erwartet, um die vielfältigen Aufgaben und Spannungsfelder angemessen bewältigen und aushalten zu können. Wesentliche Merkmale der Arbeit im Jugendamt sind das Erkennen und Bewerten von individuellen, (inter-)subjektiven und umweltbezogenen Situationen, Potentialen, Risikoentwicklungen/Gefährdungen, Kontexten und Konstruktionen sowie das indikative Herausarbeiten als auch das Einleiten und Überprüfen passender Hilfearrangements. Diagnostisches Arbeiten ist anspruchs- und voraussetzungsvoll zugleich, indem es auf fachliche Qualifikationen und Kompetenzen setzt, professionseigene Standards und Abläufe beschreibt und wesentlich in Beratungs- und Entscheidungsprozesse hineinwirkt. Psychosoziale oder soziale bzw. sozialpädagogische Diagnostik, als eine Methode sozialpädagogischer Arbeit, durchzieht alle Aufgabenstellungen im Jugendamt.
Autorin und Entstehunshintergrund
Bei Viola Harnach handelt es sich um eine sehr erfahrene und langjährig tätige Professorin für Psychologie im Fachbereich Sozialwesen an der Fachhochschule Mannheim (Verleihung des Landeslehrpreises 2002). Mit der ersten Auflage 1995 ihres Werkes legte sie früh den Grundstein für dieses Werk.
In der nun vorliegenden 6. Auflage berücksichtigt die Autorin die veränderte Gesetzgebung im Kontext des reformierten Verfahrens in Familiensachen und in Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG). Udo Maas, der Herausgeber dieser Reihe (Soziale Dienste und Verwaltung), hebt besonders „die sozialwissenschaftlichen, speziell die psychologischen Anteile einer als Verwaltungshandeln verstandenen Sozialen Arbeit“ (S. 5) hervor.
Zu 1. Aufgaben der Diagnostik bei jugendhilferechtlichen Entscheidungen
Im ersten Kapitel erarbeitet die Autorin einleitend die Notwendigkeit der Diagnostik in der öffentlichen Jugendhilfe heraus. Sie formuliert und erklärt ihr Verständnis von psychosozialer Diagnostik (Diagnostik, sozialarbeiterische und psychosoziale Diagnostik verwendet sie bewusst synonym) und lässt deutlich erkennen, dass sie damit den Erhebungsprozess von Sozialdaten versteht. Entlang der Ebenen Situation, Dynamik, System und Zielsetzungen beschreibt sie Implikationen der Diagnostik. Sie geht dabei tiefgründig auf die verschiedenen Charakteristika, Fehlerquellen und Nutzen der Diagnostik ein.
Im zweiten Abschnitt befasst sich die Autorin mit der Qualitätsdimension von Diagnostik. Dabei spannt sie den Bogen beginnend mit einer kurzen Einführung des Qualitätsbegriffes, über die Qualitätsdimensionen nach Donabedian zu dem von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung konzipiertem „Neuen Steuerungsmodell“. Anhand dieses Abrisses und einer dialektischen Auseinandersetzung formuliert V. Harnach Qualitätskriterien für die „Sachverhaltsaufklärung“ und verdeutlicht damit, dass psychosoziale Diagnostik ein verantwortungsvoller und regelgeleiteter Prozess der Datenerhebung ist. Abschließend plädiert sie für die sozialpädagogische Diagnostik als einzusetzende Methode und als zu verwendenden Terminus in Abgrenzung zu den Positionen anderer, die in den Konzepten der „Aushandlung“ eine geeignetere Methode und Begriffsklärung sehen.
Zu 2. Psychologische Ansätze und Konzepte als Orientierungspunkte der Diagnostik in der Sozialen Arbeit
In diesem Kapitel greift die Autorin auf psychologische Theorien und Konzepte zurück, um die im SGB VIII kodifizierten Ziele: Erziehung, Entwicklung und Förderung der Persönlichkeit von Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen zu erklären. Dabei verzichtet sie nicht auf eine historische und kulturelle Konzeptualisierung. Sie betont die notwendige Rolle und Disposition der Erziehenden und zeigt auch eine gesundheitsbezogene Seite der Jugendhilfe auf. Der gesundheitsbezogene Abschnitt wird von der Autorin kurz beschrieben und verbleibt überwiegend in einem bio-psychischen Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Im Unterabschnitt „Erziehungs- und Sozialisationsinstanzen“ beschreibt die Autorin soziale, sozio-kulturelle und systemische Aspekte von Erziehung – ebenfalls aus dem psychologischen Winkel mit Akzentuierung des Sozialen. Lesenswert sind ihre Ausführungen über die Familie sowie der erweiterte Bogen, der die Familie als Lebenswelt mit Chancen und Risiken aus einer systemischen Perspektive darstellt. Mit Blick auf das „verhaltensauffällige Kind“ lädt Harnach den Leser ein das „problematische Verhalten“ unter professionellen Gesichtspunkten zu betrachten. Dabei führt sie den Leser in die Systematik der Klassifikationssysteme hinein und zeigt wie auffälliges Verhalten anhand 9 Kriterien systematisch gedeutet werden kann.
Zu 3. Hilfe zur Erziehung
Im dritten Kapitel erläutert die Autorin zunächst die Grundlagen des § 27 SGB VIII und bindet in diese Einführung geschickt die zuvor erörterten Begriffe ein wie Sozialisation, Erziehung, Erziehungs- und Entwicklungsziele (des SGB VIII) sowie Verhaltensauffälligkeiten, um dabei eine Operationalisierung des unbestimmten Begriffs „erzieherischer Bedarf“ zu bemühen. Anhand von drei Prozessphasen untergliedert Harnach den Hilfeprozess im Jugendamt und erläutert sodann entlang dieser Phasen die Aufgabenstellung und den damit verbundenen diagnostischen Prozess. Hintergrundwissen, fachliche sowie rechtliche Aspekte und beispielhafte Abklärungsfragen runden die Darstellung der einzelnen Punkte ab. Abschließend geht Harnach auf die Notwendigkeit der Evaluation des Hilfeprozesses und der Selbstevaluation ein.
Zu 4. Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche
Im vierten Kapitel erklärt die Autorin die Begriffe „seelische Behinderung“ und „drohende seelische Behinderung“. Ausgehend von der neuen ICF-Klassifikation der WHO arbeitet Harnach die Bedeutung für die Jugendhilfe heraus. Dem Praktiker werden drei Regeln an die Hand gegeben, um das Risiko einer (zukünftig auftretenden) Behinderung beurteilen zu können. Mit der Skizzierung der Charakteristika von Störungen, die einen Anspruch auf Eingliederungshilfe nach sich ziehen als auch die Darstellung des diagnostischen Blickes für die Gewinnung und Bewertung von Informationen sowie die Bestimmung der Hilfe, rundet Harnach das Kapitel ab.
Zu 5. Gefährdung des Wohls von Kindern und Jugendlichen
Grundlagen wie „Kindeswohl“ und „Gefährdung“, Eingriffsvoraussetzungen, Formen familiärer Gewalt und Hilfen für gefährdete Kinder und dessen Familien sowie die Einschaltung des Familiengerichtes sind Gegenstand des fünften Kapitels. Im ersten Teil erörtert Harnach entlang des §8a SGB VIII und des §1666 BGB die gesetzliche Intention. Die elterliche Verantwortung wird dabei stets angeführt. Ein kurzer Abschnitt bezüglich der Qualitätssicherung rundet diesen Einführungsteil ab. Anhand eines Beispiels widmet sie sich sodann verschiedenen Formen der Gewalt in Familien und bietet dem Leser kompaktes Hintergrundwissen an (Ursachen von Gewalt, statistische Kenndaten, Erscheinungsformen und Langzeitfolgen). Der Abschnitt „Sexueller Missbrauch von Mädchen und Jungen“ wird von der Autorin sehr differenziert und tiefgehend bearbeitet. Anhand eines Beispiels zeigt die Autorin abschließend wie eine Mitteilung nach §8a SGB VIII an das Familiengericht aussehen könnte.
Zu 6. Trennung und Scheidung
Das Thema Trennung und Scheidung wird von der Autorin in drei Abschnitten bearbeitet. Im ersten Teil arbeitet sie die psychosoziale Komponente dieser Thematik differenziert heraus, vermittelt dem Leser anhand zahlreicher Erhebungen statistisches als auch psychosoziales Hintergrundwissen und sieht in der Sozialen Arbeit ein potentielles Fachgebiet, das zur Bearbeitung dieses Themengebiets geeignet sein kann. Der zweite Teil widmet sich dem Sorgerecht und auch hier vermittelt die Autorin solides Hintergrundwissen. Der unerfahrene Praktiker wird hierbei unterstützt sich in den unterschiedlichen Sorgerechtsmodellen auszukennen. Die Autorin gibt dem Leser, nicht zuletzt aufgrund des reformierten Verfahrens in Familiensachen und in Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG), weshalb einer Überarbeitung der bisherigen Auflage notwendig wurde, ausführlich verfahrensrechtliche und psychologische Grundlagen an die Hand. Im letzten und dritten Teil wird die Stellungnahme des Jugendamtes an das Familiengericht bearbeitet. Hier erhält der Leser Handlungs- und Konzeptwissen wie die Beratung im Rahmen der Trennungs- und Scheidungsthematik aussehen könnte und welche Kriterien und diagnostischen Schritte für eine Stellungnahme an das Familiengericht von Bedeutung sind.
Zu 7. Adoption
Das vorletzte Kapitel bearbeitet Harnach in bewährter Weise. Zunächst nähert sie sich einleitend der Thematik, indem sie dem Leser – ausgehend von der Bindungstheorie und den negativen Folgen einer Deprivation – die Notwendigkeit der Adoption als eine andere Aufgabe der Jugendhilfe erläutert. Sie zeigt erforderliche Arbeitsschritte und Themen, die in der Beratung auftauchen können. Zentraler Punkt spielt hierbei die Diagnostik der Persönlichkeit des Kindes, der passenden Bewerber und des „prospektiven Lebensraumes“. Sie unterteilt den diagnostischen Prozess in zwei Phasen und differenziert nach verschiedenen Gesichtspunkten. Am Ende des Ablaufs steht der Adoptionsbericht an das Familiengericht, auf den die Autorin kurz eingeht.
Zu 8. Mitwirkung im jugendgerichtlichen Verfahren
Im letzten Kapitel geht die Autorin auf die Jugendgerichtshilfe (heute: Jugendhilfe im Strafverfahren) als eine weitere Aufgabe des Jugendamts ein. Dabei geht sie nach bewährtem didaktischem Muster vor, indem sie reichlich Grundlagen zum Jugendhilfegesetz, Jugendstrafrecht, zur jugendlichen Delinquenz und den Aufgaben der Jugendhilfe aufbereitet. Die Notwendigkeit und Grundzüge der Diagnostik werden bereits hier ersichtlich. Breiten Raum widmet sie dem Thema Diagnostik in einem eigenen Unterkapitel und weist auf die Vorgehensweise zur Informationsgewinnung hin. Sie zeigt anhand von vier Fragenbereichen wie eine dezidierte Informationsgewinnung aussehen könnte. Am Ende des Kapitels wird auf den Aufbau und Inhalt eines „Jugendgerichtshilfeberichts“ gezeigt.
In einem abschließendem Nachwort weist Viola Harnach auf ein nicht aufzulösendes Dilemma hin, welches durch die Anforderungen und das Streben nach einer guten und umfassenden psychosozialen Diagnostik und den realen Erschwernissen und Belastungen im Arbeitsalltag entstehen kann. Sie mahnt den Praktiker der Sozialen Arbeit, die Notwendigkeit einer überlegten, abgeklärten und begründbaren Vorgehensweise – gerade im Zusammenspiel mit anderen bereits anerkannten Professionen – anzuerkennen und dies für die Entwicklung einer eigenen Profession zu beherzigen. Zum Schluss wird vorsichtig auf die Chancen standardisierter PC-gestützter Abklärungsmöglichkeiten verwiesen.
Das aktuelle Werk von Viola Harnach zeigt, dass die Autorin über eine breite Erfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe besitzt und als ehemalige Hochschullehrerin komplexe Inhalte didaktisch sehr gut und übersichtlich aufbereiten kann. Das Vorhaben, „der Fachkraft Sozialer Arbeit im Jugendamt“ (S. 17) Handlungssicherheit und diagnostisches Handwerkszeug an die Hand zu geben, gelingt der Autorin durchgängig gut. Erfreulicherweise widmet sie sich offensiv dem Thema und verzichtet auf polemische Ausführungen über das Pro- und Contra eines diagnostischen Erfordernisses in der Sozialen Arbeit. Dass die Fachkraft im Jugendamt „auf diagnostisches Arbeiten … nun weniger denn je verzichten“ (S. 15) kann, macht die Autorin zu Beginn deutlich und der Leser profitiert von ihrer klar strukturierten Vorgehensweise. Mit ihrem Verständnis über psychosoziale Diagnostik, als ein „Prozess der regelgeleiteten Ermittlung der für eine Entscheidung erforderlichen Sozialdaten“ (S. 20) stellt Harnach klar, dass die Datensammlung im Rahmen der Diagnostik nach gewissen Regeln ablaufen soll und eine behördliche Datensammlung klare Grenzen hat. Der Nutzwert, der sich für den Leser hierbei einstellt ist, dass Viola Harnach den Sinn und Nutzen einer psychosozialen Diagnostik – ausgehend von der jeweiligen Aufgabenstellung (Hilfe zur Erziehung, Eingliederungshilfe, Trennung, Scheidung oder Adoption) –, die entsprechende gesetzliche Grundlage und Intention aufbereitet und daraus ein fachlich strukturiertes und angemessenes Vorgehen aufzeigt. Das so entworfene Handlungskonzept wird für jede Aufgabenstellung aus sozialwissenschaftlicher, psychologischer und pädagogischer Sicht fachlich diskutiert im Sinne einer best practise Vorgehensweise vorgestellt. Anhand von Fallvignetten und Gliederungsvorschläge für das Berichtswesen deckt sie auch den schriftlichen bzw. kommunikativen Teil der Diagnostik gut ab.
Hervorzuheben ist die sehr gute Bearbeitung der Thematik der Hilfen zur Erziehung, die Einführung in das §35a SGB VIII-Verfahren und die Arbeit im Themengebiet der Trennung und Scheidung. Die Autorin arbeitet die psychosoziale Komponente gut heraus und beschreibt aus ihrer Sicht das sozialarbeiterische Können im Verwaltungsverfahren besonders anspruchsvoll.
Gerade im Spektrum der Eingliederungshilfe (§35a SGB VIII) gelingt es der Autorin hervorragend den fachlich anspruchsvollen diagnostischen Prozess und die Leistungserbringung darzustellen. Dabei geht sie auf die Besonderheiten der Problemsichtung/Beratung, Problemanalyse, Prognose, der fachlichen Beurteilung und die Auswahl der Hilfe ein und vermittelt einen professionellen Umgang mit einem komplexen Leistungsspektrum, den die Praxis vielerorts noch einzulösen hat.
Wenn man Kritisches einwenden will, so lässt sich die Besonderheit einbringen, dass die Autorin aus der Sichtweise einer Psychologin sozialpädagogische Themen und Aufgaben bearbeitet und insbesondere SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen werden den Eindruck gewinnen, trotz der klaren, informativen, (trenn-)scharfen und sachlichen Formulierung, von einer Bezugswissenschaftlerin „gelehrt“ zu werden. Dies wird im zweiten Kapitel ersichtlich. Darin zeigt die Autorin auf wunderbare, leichte und informative Art und Weise dem Leser die Zusammenhänge von Erziehung, Sozialisation und Entwicklung auf. Gerade hier wäre es naheliegend soziale bzw. psychosoziale Faktoren aus sozialarbeiterischer Sicht darzustellen, anstatt sich einer überwiegend psychologischen und pädagogischen Sicht zu verpflichten. Dies soll nicht zwingend als Nachteil für diese Arbeit verstanden werden, wird doch das Kapitel als „Psychologische Ansätze und Konzepte …“ bezeichnet. Es verdeutlicht die Dominanz des Psychologischen in einer mittlerweile handlungstheoretisch und praxeologisch gut aufgestellten Sozialarbeit. Daher wäre es wünschenswert gewesen, wenn moderne sozialarbeiterische bzw. sozialklinische Konzepte wie bspw. der „person-in-environment“ Ansatz, soziale Unterstützungskonzepte, weitere bzw. ergänzende Formen von Diagnostik wie bspw. Umwelt-, Situations- und Belastungsdiagnostik oder auch Formen der personenbezogenen Aktivierung und Beratung Eingang gefunden hätten.
Somit lässt sich als einzige Schwäche abschließend festhalten, dass die Autorin auf eine zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuellen Fassung des § 8a SGB VIII zurück greift, während sie sich bei den gerichtlichen Maßnahmen im Falle einer Kindeswohlgefährdung auf eine veraltete Version des § 1666 BGB bezieht (Fassung bis Juli 2008). Damit baut sie für die Darstellung des diagnostischen Prozesses in einer Gefährdungssituation auf elterliche Verhaltensweisen und auf ein damit verbundenes erzieherischen Unvermögen der Eltern auf, das rechtlich gesehen obsolet ist. Fachlich gesehen ist das nicht unbedingt als dramatisch anzusehen, da der Praktiker eine Gefährdung immer aus dem Blickwinkel der faktischen Ausübung der elterlichen Sorge bewertet. Es entsteht jedoch eine Schieflage, da der (aktuelle) § 8a SGB VIII deutlich mehr Gewichtung hat als Orientierungs- und Ausgangspunkt der Gefährdungseinschätzung und Intervention. Zu wünschen wäre zudem gewesen, dass den Fachkräften mehr Klarheit über die tatsächliche Bedeutung der Garantenstellung in der Praxis vermittelt worden wäre, bspw. dass die Garantenstellung in Verbindung mit dem strafrechtlichen Erfolg (§ 13 StGB) zu sehen ist, dass die daraus abgeleitete „Garantenpflicht“ eine bestimmte Verantwortung an die Fachkraft im Jugendamt adressiert, welches ein Handeln nach den Regeln der Kunst nach sich zieht.
Das Werk von Viola Harnach empfiehlt sich für alle, die sich für die diagnostische Arbeit im Jugendamt interessieren und dies methodisch in Erfahrung bringen möchten. Es eignet sich für Studierende und Praktiker Sozialer Arbeit gleichermaßen, den größten Gewinn werden jedoch in diesem Handlungsfeld angehende Fachkräfte für sich ziehen. Auch wenn es manchmal seltsam anmutet, wenn die Autorin von „neueren“, „jüngsten“ oder „aktuellen“ Entwicklungen spricht und dabei aktuelle empirische Befunde und Entwicklungen mit Quellen, die z.T. älter als 20 Jahre sind, untermauert, so erhält der Leser ein sehr informatives, didaktisch gut aufbereitetes und mit zahlreichen Hintergrundinformationen angereichertes Werk. Harnach verdeutlicht die Notwendigkeit und Durchführung der verschiedenen diagnostischen Aufgaben, indem sie das für dieses Feld wichtige juristische (Hintergrund-)Wissen differenziert herausarbeitet und die rechtlichen Aspekte mit soziologischen und pädagogischen Aspekten verbindet. Im Bereich Kinderschutz muss der Leser mit einigen Abstrichen zurecht kommen und auf aktuellere Beiträge ausweichen. Für sozialpädagogische Fachkräfte im Jugendamt, die vorwiegend ein handlungsorientiertes Werk zur Diagnostik oder generell zu den Aufgaben im Jugendamt suchen, ist dieses Werk nachdrücklich zu empfehlen.
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Gerhard Klug. Rezension vom 28.02.2014 zu: Viola Harnach: Psychosoziale Diagnostik in der Jugendhilfe. Grundlagen und Methoden für Hilfeplan, Bericht und Stellungnahme. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2011. 6., überarb. Auflage. ISBN 978-3-7799-1107-4. Reihe: Soziale Dienste und Verwaltung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15641.php, Datum des Zugriffs 23.02.2018.

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