Source: http://m.hensche.de/Unkuendbarkeit_aufgrund_Betriebsvereinbarung_endet_nicht_durch_Kuendigung_oder_Auslaufen_der_Betriebsvereinbarung_ArbG_Trier_3Ca69-10.html
Timestamp: 2017-08-21 06:25:17+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 3 Ca 69/10
Schlag­worte: Kündigung: Betriebsbedingt, Betriebsvereinbarung, Unkündbarkeit
Akten­zeichen: 3 Ca 69/10
1. Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en we­der durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 14.01.2010 zum 31.08.2010 noch durch die frist­lo­se Kündi­gung vom 20.01.2010 noch durch ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung vom 20.01.2010 zum 31.08.2010 be­en­det wor­den ist, son­dern darüber hin­aus fort­be­steht.
2. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, den Kläger zu den Be­din­gun­gen des An­stel­lungs­ver­tra­ges zwi­schen den Par­tei­en vom 24.08.2006 über den 31.08.2010 hin­aus wei­ter zu beschäfti­gen.
3. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger fol­gen­de Beträge zu zah­len:
a) 963,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit 01.03.2010 ab­zgl. 374,00 € net­to,
b) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit 01.03.2010 ab­zgl. 1.047,20 € net­to,
c) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit 01.04.2010 ab­zgl. 1.159,40 € net­to,
d) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit 01.05.2010 ab­zgl. 1.122,00 € net­to,
e) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit 01.06.2010 ab­zgl. 1.159,40 € net­to,
f) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit 01.07.2010 ab­zgl. 1.122,00 € net­to,
g) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit 01.08.2010 ab­zgl. 1.159,40 € net­to,
h) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit 01.09.2010 ab­zgl. 1.159,40 € net­to.
5. Der Streit­wert wird auf 25.228,72 € fest­ge­setzt.
6. Die Be­ru­fung wird nicht ge­son­dert zu­ge­las­sen.
Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung.
Der Kläger ist seit dem 01.09.1970 bei der Be­klag­ten beschäftigt, seit dem 01.09.2006 als "Mit­ar­bei­ter in der An­zei­gen­ab­tei­lung, Be­reich Fak­tu­ra/Sta­tis­tik, mit den Schwer­punk­ten Auf­trags­kon­trol­le und Kor­rek­tur der im Sys­tem er­fass­ten An­zei­gen­aufträge, Da­ten­er­fas­sung und -ab­fra­ge im Sys­tem, Re­kla­ma­ti­ons­be­ar­bei­tung so­wie Er­stel­len von Sta­tis­ti­ken" zu ei­nem durch­schnitt­li­chen Brut­to­mo­nats­ge­halt von zu­letzt 2.714,04 EUR. In § 1 des ak­tu­el­len Ar­beits­ver­tra­ges heißt es u.a.:
"Die Tätig­keit um­fasst zu­dem al­le in der An­zei­gen­ab­tei­lung an­fal­len­den Ar­bei­ten und Auf­ga­ben ... Der Mit­ar­bei­ter ver­pflich­tet sich ... bei Be­darf auch an­de­re ... Ar­bei­ten im Rah­men des Zu­mut­ba­ren zu über­neh­men so­wie sich in an­de­re Be­triebs­ab­tei­lun­gen ver­set­zen zu las­sen, oh­ne dass es ei­ner Ände­rungskündi­gung be­darf."
Un­ter dem 06.01.2010 hörte die Be­klag­te den bei ihr be­ste­hen­den Be­triebs­rat zu ei­ner or­dent­li­chen be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung des Klägers zum 31.08.2010 an und nann­te als Kündi­gungs­grund: "Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung, auf­grund der Sch­ließung des Be­reichs Kun­den­ser­vice Fak­tu­ra/Sta­tis­tik" (im Fol­gen­den: KFS-Ab­tei­lung). Der Be­triebs­rat wi­der­sprach der Kündi­gung mit der Be­gründung, es sei kei­ne So­zi­al­aus­wahl durch­geführt wor­den, die Be­klag­te un­ter­hal­te ei­nen ge­mein­sa­men Be­trieb mit ih­ren Toch­ter­ge­sell­schaf­ten V und U und der Kläger sei auch in an­de­ren näher be­nann­ten Be­rei­chen ein­setz­bar. Mit Schrei­ben vom 14.01.2010 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis or­dent­lich zum 31.08.2010 und stell­te den Kläger mit so­for­ti­ger Wir­kung un­ter Er­tei­lung ei­nes Haus­ver­bots von sei­ner Ar­beits­pflicht frei.
Mit Schrei­ben vom 20.01.2010, dem Kläger zu­ge­gan­gen am 22.01.2010, kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis zu­dem außer­or­dent­lich und frist­los un­ter Be­ru­fung dar­auf, der Kläger ha­be am 06.01.2010 sei­ne Ver­schwie­gen­heits­pflich­ten ver­letzt und sie vor Ar­beits­kol­le­gen grob be­lei­digt. Im Be­triebs­rats­anhörungs­schrei­ben vom 14.01.2010 heißt es in Be­zug auf den Vor­wurf der Be­lei­di­gung:
"...Viel­mehr for­ciert Herr A. durch gro­be Be­lei­di­gun­gen ge­gen den Ar­beit­ge­ber und Dienst­vor­ge­setz­te im Bei­sein von Kol­le­gen/-in­nen ei­ne ex­trem ne­ga­ti­ve Stim­mung ge­gen das Un­ter­neh­men und die Un­ter­neh­mens­lei­tung und trägt da­mit er­heb­lich zur Störung des Be­triebs­frie­dens bei."
Den zunächst für den Zeit­raum vom 22.-31.01.2010 irrtümlich ge­zahl­ten Lohn i.H.v. 787,44 EUR brut­to ver­rech­ne­te die Be­klag­te im Rah­men der Fe­bru­ar-Ab­rech­nung mit der dem Kläger noch zu­ste­hen­den Ur­laubs­ab­gel­tung so­wie an­tei­li­gem Ur­laubs­geld und be­hielt den ent­spre­chen­den Be­trag ein.
Der Kläger wen­det sich ge­gen bei­de Kündi­gun­gen und rügt bzgl. der or­dent­li­chen Kündi­gung zunächst, die Be­klag­te ha­be den Be­triebs­rat nicht ord­nungs­gemäß an­gehört, da sie ihm we­der die Kündi­gungs­frist noch ir­gend­ei­ne So­zi­al­aus­wahl mit­ge­teilt ha­be. Darüber hin­aus sei die Kündi­gung so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt. So feh­le es be­reits an ei­ner un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung hin­sicht­lich der be­haup­te­ten Ab­tei­lungs­sch­ließung. Die Geschäftsführe­rin der Be­klag­ten ha­be ei­ne sol­che struk­tu­rel­le Ent­schei­dung nicht tref­fen können, hierfür ha­be es viel­mehr ei­nes Ge­sell­schaf­ter­be­schlus­ses be­durft.
Darüber hin­aus feh­le es an ei­nem drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis, da die KFS-Ab­tei­lung gar nicht ge­schlos­sen wor­den sei. Sämt­li­che Tätig­kei­ten würden lücken­los in der neu ge­schaf­fe­nen Fi­nan­ce-Ab­tei­lung fort­geführt, ins­be­son­de­re die von ihm aus­geübte Re­kla­ma­ti­ons­be­ar­bei­tung, Er­stel­lung und Führung von Sta­tis­ti­ken in Ex­cel, Bei­la­gen­fak­tu­rie­rung oder Kun­den­stamm­da­ten­pfle­ge. Da­her könne er in der Fi­nan­ce-Ab­tei­lung eben­so wei­ter­beschäftigt wer­den wie in den Be­rei­chen Di­rekt­geschäft, Kun­den­ser­vice, Emp­fang, Ser­vice-Cen­ter A-Stadt oder den Ab­tei­lun­gen Haus­diens­te so­wie Druck­vor­stu­fe/Ro­ta­ti­on. An­ge­sichts der im Lau­fe sei­ner langjähri­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit bei der Be­klag­ten ge­sam­mel­ten Er­fah­rung so­wie der auf meh­re­ren Schu­lun­gen er­wor­be­nen Kennt­nis­se benöti­ge er hier­zu auch kei­ne nen­nens­wer­te Ein­ar­bei­tungs­zeit. Zu­dem könne er in der Rech­nungs­kon­trol­le der 100%igen Toch­ter­ge­sell­schaft der Be­klag­ten, der V, beschäftigt wer­den. Hier­zu be­haup­tet er, die V bil­de ei­nen ge­mein­sa­men Be­trieb mit der Be­klag­ten, eben­so wie de­ren wei­te­re 100%ige Toch­ter, die U. Hier­zu führt er im Ein­zel­nen aus, die drei Ge­sell­schaf­ten hätten ih­ren Sitz an der­sel­ben Adres­se, es be­ste­he ei­ne ein­heit­li­che Führungs- und Lei­tungs­ver­ein­ba­rung, sämt­li­che we­sent­li­chen Ent­schei­dun­gen würden ein­heit­lich ge­trof­fen, für sämt­li­che Per­so­nal­an­ge­le­gen­hei­ten sei die Per­so­nal­lei­te­rin der Be­klag­ten, Frau T, zuständig und ver­ant­wort­lich, es er­fol­ge ein überg­rei­fen­der Aus­tausch von Ar­beit­neh­mern und Aus­zu­bil­den­de durch­lie­fen al­le drei Ge­sell­schaf­ten.
Wei­ter rügt der Kläger das Feh­len ei­ner ord­nungs­gemäßen So­zi­al­aus­wahl. In­so­weit sei er an­ge­sichts der weit ge­fass­ten Ver­set­zungs­klau­sel in sei­nem Ar­beits­ver­trag mit sei­nen ehe­ma­li­gen un­mit­tel­ba­ren Kol­le­gen aus der KFS-Ab­tei­lung eben­so wie mit sämt­li­chen Kol­le­gen der Ab­tei­lun­gen, in die er nach dem Ar­beits­ver­trag ver­setzt wer­den könn­te und in de­nen er zur Ver­mei­dung ei­ner Be­en­di­gungskündi­gung wei­ter­beschäftigt wer­den müss­te, ver­gleich­bar. Ins­be­son­de­re sei­en nicht nur die drei aus der KFS-Ab­tei­lung in die Fi­nan­ce-Ab­tei­lung über­nom­me­nen Kol­le­gen so­zi­al schwächer als er, son­dern auch von ihm im Ein­zel­nen be­nann­te Kol­le­gen in den Be­rei­chen Di­rekt­geschäft, Kun­den­ser­vice, Emp­fang und Ser­vice-Cen­ter A-Stadt so­wie in der Rech­nungs­kon­trol­le der V. Von ihm eben­falls be­nann­te Kol­le­gen in den Ab­tei­lun­gen Haus­diens­te und Druck­vor­stu­fe/Ro­ta­ti­on hätten je­den­falls ei­ne deut­lich ge­rin­ge­re Be­triebs­zu­gehörig­keit als er.
Un­abhängig hier­von sei er or­dent­lich unkünd­bar, da die Be­klag­te im Jah­re 1964 ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung ge­schlos­sen ha­be, wel­che un­ter Zif­fer XII 8. vor­se­he, dass der Ar­beit­ge­ber das Ar­beits­verhält­nis nach 25-jähri­ger un­un­ter­bro­che­ner Be­triebs­zu­gehörig­keit ei­nes Ar­beit­neh­mers nur noch aus wich­ti­gem Grun­de lösen könne. An ei­nem sol­chen feh­le es hier. Die­ser Schutz ha­be ihm durch die späte­re Kündi­gung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung nicht mehr ent­zo­gen wer­den können.
Darüber hin­aus ha­be er im Kündi­gungs­zeit­punkt Son­derkündi­gungs­schutz gem. § 15 Abs. 1 Satz 2 KSchG ge­nos­sen, da er auf der sei­ner­zei­ti­gen Lis­te zur Be­triebs­rats­wahl 2006 ge­stan­den und als Er­satz­mit­glied an den Be­triebs­rats­sit­zun­gen vom 25.08., 08.09., 20.10., 26.10. und 15.12.2009 teil­ge­nom­men ha­be. Die Aus­nah­me­re­ge­lung des § 15 Abs. 5 KSchG grei­fe nicht ein, da sein Ar­beits­platz nicht weg­ge­fal­len und ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung möglich sei, je­den­falls aber durch Freikündi­gung ei­nes an­de­ren Ar­beits­plat­zes zu ermögli­chen ge­we­sen wäre.
Hin­sicht­lich der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung vom 20.01.2010 rügt er zunächst, der Be­triebs­rat sei nicht ord­nungs­gemäß an­gehört und der Vor­wurf der gro­ben Be­lei­di­gung zu un­sub­stan­ti­iert vor­ge­tra­gen wor­den. Die Vorwürfe träfen aber auch in­halt­lich nicht zu. So ha­be es kei­ne Ver­schwie­gen­heits­ver­ein­ba­rung über die ihm in Aus­sicht ge­stell­te
or­dent­li­che Kündi­gung ge­ge­ben, son­dern le­dig­lich ei­ne ent­spre­chen­de Bit­te der Per­so­nal­lei­te­rin T. In ei­nem Gespräch am 06.01.2010 mit Frau T und dem An­zei­gen­lei­ter Herrn S sei er von die­sen über die an­ste­hen­de Kündi­gung in­for­miert und im un­mit­tel­ba­ren An­schluss sei­en die an­de­ren Mit­ar­bei­ter der KFS-Ab­tei­lung in das Be­spre­chungs­zim­mer ge­ru­fen wor­den. Dort ha­be die Per­so­nal­lei­te­rin T ge­genüber al­len erklärt, dass ihm und der Ar­beit­neh­me­rin R gekündigt wer­de. Wut­aus­brüche oder Be­lei­di­gun­gen ha­be es kei­ne ge­ge­ben. Die frist­lo­se Kündi­gung sei auch an­ge­sichts ih­res Wort­lauts so­wie des In­halts der Be­triebs­rats­anhörung we­der hilfs­wei­se als or­dent­li­che Kündi­gung aus­leg­bar noch in ei­ne sol­che um­deut­bar. Im übri­gen sei der Be­triebs­rat le­dig­lich zu ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung an­gehört wor­den. Je­den­falls sei sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung der Be­klag­ten nicht un­zu­mut­bar, da die­se noch im Güte­ter­min dies­bezügli­che Ver­hand­lun­gen in Aus­sicht ge­stellt ha­be.
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 14.01.2010 und 31.08.2010 be­en­det wer­den wird, son­dern darüber hin­aus fort­be­steht;
2. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht durch die frist­lo­se Kündi­gung vom 20.01.2010 und auch nicht durch ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung vom 20.01.2010 zum 31.08.2010 be­en­det wer­den wird, son­dern darüber hin­aus fort­be­steht;
3. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihn zu den Be­din­gun­gen des An­stel­lungs­ver­tra­ges zwi­schen den Par­tei­en vom 24.08.2006 über den 20.01.2010 hin­aus wei­ter zu beschäfti­gen;
4. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn
a) 963,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins seit 01.03.2010 abzüglich net­to er­hal­te­ner 374,-- €,
b) wei­te­re 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins seit 01.03.2010 abzüglich net­to er­hal­ten­der 1.047,20 €,
c) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins seit 01.04.2010 abzüglich er­hal­te­ner 1.159,40 €,
d) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins seit 01.05.2010 abzüglich er­hal­te­ner 1.122,-- €,
e) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins seit 01.06.2010 abzüglich net­to er­hal­te­ner 1.159,40 €,
f) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins seit 01.07.2010 abzüglich net­to er­hal­te­ner 1.122,-- €,
g) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins seit 01.08.2010 abzüglich net­to er­hal­te­ner 1.159,40 € und
h) 2.714,04 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins seit 01.09.2010 abzüglich er­hal­te­ner 1.159,40 € zu zah­len.
Sie hält die aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung für rechts­wirk­sam und be­ruft sich hin­sicht­lich
der ord­nungs­gemäßen Anhörung des Be­triebs­rats dar­auf, sie ha­be die­sem die Kündi­gungs­frist nicht mit­tei­len müssen, da sie ihm ein kon­kre­tes Be­en­di­gungs­da­tum an­ge­ge­ben ha­be und er die Frist aus den an­ge­ge­be­nen Da­ten selbst ha­be er­rech­nen können. An­ga­ben zu ei­ner vor­zu­neh­men­den So­zi­al­aus­wahl sei­en man­gels ver­gleich­ba­rer Ar­beit­neh­mer ent­behr­lich ge­we­sen. Die Kündi­gung sei auch so­zi­al ge­recht­fer­tigt. Die un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung zur Sch­ließung der KFS-Ab­tei­lung zum 31.08.2010 sei im De­zem­ber 2009 durch ih­re Geschäftsführe­rin er­folgt. Die­se ha­be ei­ne sol­che Ent­schei­dung an­ge­sichts des ge­rin­gen Per­so­nal­um­fangs der Ab­tei­lung von sechs Ar­beit­neh­mern auch tref­fen können, oh­ne dass es hier­zu ei­nes Ge­sell­schaf­ter­be­schlus­ses be­durft hätte. Hin­ter­grund der Sch­ließungs­ent­schei­dung sei die ef­fi­zi­en­te­re Ge­stal­tung der Auf­ga­ben der KFS-Ab­tei­lung nach Einführung von SAP ge­we­sen. Die we­ni­gen ver­blei­ben­den Auf­ga­ben der Ab­tei­lung sei­en auf drei Voll­zeit­stel­len des neu ge­schaf­fe­nen Be­reichs Fi­nan­ce ver­teilt wor­den. Die dort ge­schaf­fe­nen Ar­beitsplätze hätten ein deut­lich höhe­res An­for­de­rungs­pro­fil als in der bis­he­ri­gen KFS-Ab­tei­lung, wo­zu u. a. die Vor­nah­me von Ab­schluss­ab­rech­nun­gen in­cl. Da­tenträger­clea­ring­ver­fah­ren, Ab­rech­nun­gen, Fremd­kom­bi­na­tio­nen/Part­ner­ver­la­ge, Be­ar­bei­tung Pro­vi­sio­nen, Ent­wick­lung und Er­stel­lung von Re­portings al­ler Ob­jek­te, Me­dia-Da­ten Print und On­line so­wie Soft­ware-Ad­mi­nis­tra­ti­on zähl­ten. Die meis­ten der dem An­for­de­rungs­pro­fil in der Fi­nan­ce-Ab­tei­lung zu­gehöri­gen kom­ple­xe­ren Tätig­keits­be­rei­che könne der Kläger nicht be­ar­bei­ten. Er­for­der­lich da­zu sei­en fun­dier­te Kennt­nis­se und Er­fah­run­gen mit SAP, sehr gu­te Ex­cel-Kennt­nis­se, mit dem Unix-Be­triebs­sys­tem, dem SQL-Sys­tem und Da­ten­ban­ken. Der Kläger wei­se da­ge­gen le­dig­lich Grund­kennt­nis­se in SAP und Ex­cel auf. Zwar könne er Ta­bel­len bestücken und Stamm­da­ten ins Sys­tem ein­ge­ben, sei aber nicht in der La­ge, Da­ten aus­zu­wer­ten und mit den er­heb­lich höhe­ren An­for­de­run­gen und ein­zel­nen SAP-Mo­du­len in der Fi­nan­ce-Ab­tei­lung zu­recht­zu­kom­men. Dies sei bei den drei aus der KFS-Ab­tei­lung in die Fi­nan­ce-Ab­tei­lung über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mern Q, P und O an­ders.
Ei­ne Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­keit für den Kläger ge­be es nicht. Im Di­rekt­geschäft könne er man­gels so­li­der kaufmänni­scher Aus­bil­dung und der er­for­der­li­chen so­zia­len Ge­schick­lich­keit im Um­gang mit den wich­ti­gen Kun­den nicht tätig wer­den. Der Be­reich Kun­den­ser­vice schei­de man­gels frühe­ren Kun­den­kon­takts des Klägers so­wie er­for­der­li­cher ver­tief­ter SAP-Kennt­nis­se aus, zu­mal es ihm für die Kun­den­be­treu­ung auch an Know-how und or­ga­ni­sa­to­ri­schem Ta­lent feh­le. Bei den Ar­bei­ten am Emp­fang und in der Ab­tei­lung Haus­diens­te han­de­le es sich um ge­rin­ger­wer­ti­ge Tätig­kei­ten, ei­ne Tätig­keit im Ser­vice-Cen­ter kom­me eben­falls nicht in Be­tracht, da der Kläger we­der Kun­den be­treu­en noch mit SAP An­zei­gen er­stel­len könne. Die Ab­tei­lung Druck­vor­stu­fe schei­de aus, da die dort beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer, Druck­hel­fer und aus­ge­bil­de­te Dru­cker, nicht mit dem Kläger ver­gleich­bar sei­en: Die Druck­hel­fer übten ei­ne ge­rin­ger­wer­ti­ge Tätig­keit aus, die be­son­de­re Qua­li­fi­ka­ti­on der Dru­cker ha­be er nicht. Auch ei­ne Tätig­keit in der Rech­nungs­kon­trol­le schei­de man­gels er­for­der­li­cher Qua­li­fi­ka­ti­on des Klägers aus. Ein ge­mein­sa­mer Be­trieb be­ste­he nicht.
Im Hin­blick auf ei­ne or­dent­li­che Unkünd­bar­keit macht die Be­klag­te gel­tend, die vom Kläger vor­ge­leg­te Ko­pie ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung sei nicht un­ter­zeich­net, im Übri­gen ha­be sie die Be­triebs­ver­ein­ba­rung zum 31.12.2005 gekündigt. Ei­ne Nach­wir­kung gem. § 77 Abs. 6 Be­trVG schei­de aus, da es sich nicht um ei­nen Be­reich der zwin­gen­den Mit­be­stim­mung han­de­le. Auch Ver­trau­ens­schutz ge­nieße der Kläger in­so­weit nicht.
Im Hin­blick auf den be­haup­te­ten Son­derkündi­gungs­schutz nach § 15 Abs. 1 Satz 2 KSchG be­strei­tet sie, dass der Kläger ord­nungs­gemäß zu den Be­triebs­rats­sit­zun­gen ge­la­den, als Be­triebs­rats­mit­glied tätig ge­wor­den und bei der La­dung die Rei­hen­fol­ge der Er­satz­mit­glie­der ein­ge­hal­ten wor­den sei. Ei­ne an­der­wei­ti­ge Ein­satzmöglich­keit für den Kläger ha­be es nicht ge­ge­ben, ei­ne Freikündi­gungs­pflicht nicht be­stan­den.
In Be­zug auf die außer­or­dent­li­che Kündi­gung be­haup­tet die Be­klag­te, in dem Gespräch vom 06.01.2010 hätten Frau T und Herr S mit ihm Still­schwei­gen darüber ver­ein­bart, dass er gekündigt wer­de. Gleich­wohl ha­be er hierüber Kol­le­gen wie ins­be­son­de­re Frau R und Herrn N in­for­miert und da­mit ein Be­triebs-/Geschäfts­ge­heim­nis ver­ra­ten. Am sel­ben Ta­ge sei er im Lau­fe des Nach­mit­tags und in den Fol­ge­ta­gen vor Mit­ar­bei­tern und Kol­le­gen förm­lich aus­ge­ras­tet und ha­be be­ab­sich­tigt, durch wil­de Be­schimp­fun­gen zu Un­guns­ten der Be­klag­ten und ih­rer Geschäfts­lei­tung sei­ner Wut frei­en Lauf zu las­sen
und sei­nem Ar­beit­ge­ber Scha­den zu­zufügen. Un­ter an­de­rem ha­be er sinn­gemäß ge­ru­fen "Ich ha­be es ja im­mer ge­sagt, die wol­len uns los­wer­den, scheiß Un­ter­neh­men, die wer­den schon se­hen". Je­den­falls sei die Kündi­gung als or­dent­li­che Kündi­gung ge­recht­fer­tigt und hilfs­wei­se auch so aus­zu­le­gen.
Die Kla­ge ist zulässig und be­gründet. Die aus­ge­spro­che­nen Kündi­gun­gen sind rechts­un­wirk­sam und ha­ben das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis nicht be­en­det. Die gel­tend ge­mach­ten An­nah­me­ver­zugs­lohn­ansprüche ste­hen dem Kläger in vol­lem Um­fang zu.
1. Die or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 14.01.2010 ist un­wirk­sam.
a) Zwar kann noch von ei­ner ord­nungs­gemäßen Be­triebs­rats­anhörung aus­ge­gan­gen wer­den. In­so­weit ist die An­ga­be der Kündi­gungs­frist ent­behr­lich, wenn der Be­triebs­rat die Frist kennt oder oh­ne wei­te­res selbst be­rech­nen kann (vgl. BAG 15.12.1994 AP Nr. 67 zu § 1 KSchG 1969 Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung; KR/Et­zel, 9. Aufl. 2009, § 102 Be­trVG Rn. 59a; GK-Be­trVG/Raab, 8. Aufl. 2005, § 102 Rn. 52 f.). Da­zu war er hier in der La­ge, da das Anhörungs­schrei­ben die Be­triebs­zu­gehörig­keit des Klägers aufführ­te. Auch be­durf­te es kei­ner An­ga­ben zur So­zi­al­aus­wahl nicht er­for­der­lich, da die Be­klag­te ei­ne sol­che für ent­behr­lich hielt und in­so­weit der Grund­satz der sub­jek­ti­ven De­ter­mi­na­ti­on gilt.
b) Die Kündi­gung ist aber so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt und da­mit gem. § 1 Abs. 1, 2 KSchG un­wirk­sam. Da­bei kann da­hin­ste­hen, ob die Geschäftsführe­rin der Be­klag­ten be­fugt war, die KFS-Ab­tei­lung oh­ne Ge­sell­schaf­ter­be­schluss auf­zulösen, denn es fehlt so­wohl an der hin­rei­chen­den Dar­le­gung drin­gen­der be­trieb­li­cher Er­for­der­nis­se wie auch an der Vor­nah­me ei­ner So­zi­al­aus­wahl.
aa) Grundsätz­lich ist ei­ne auf be­trieb­li­che Gründe gestütz­te Kündi­gung nach § 1 Abs. 2 KSchG so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt, wenn sie nicht durch drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se, die ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung des Ar­beit­neh­mers im Be­trieb ent­ge­gen­ste­hen, be­dingt ist und für den Ar­beit­neh­mer in dem Be­trieb oder ei­nem an­de­ren Be­trieb des Un­ter­neh­mens kei­ne Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­keit be­steht. In­so­weit muss der kündi­gen­de Ar­beit­ge­ber gemäß § 1 Abs. 2 Satz 4 KSchG dar­le­gen, auf­grund außer- oder in­ner­be­trieb­li­cher Umstände ei­ne un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung ge­trof­fen zu ha­ben, in­fol­ge de­rer ein Über­hang an Ar­beits­kräften im Be­trieb ent­steht und die den Beschäfti­gungs­be­darf für den gekündig­ten Ar­beit­neh­mer ent­fal­len lässt (DLW/Dörner, Hand­buch des Fach­an­walts Ar­beits­recht, 8. Aufl. 2009, Kap. 4 Rn. 2392; APS/Kiel, 3. Aufl. 2007, § 1 KSchG Rn. 472 ff.). Die­se be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se müssen zu­dem "drin­gend" i. S. v. § 1 Abs. 2 Satz 1 KSchG sein, d. h. die Kündi­gung in dem Sin­ne be­din­gen, dass der Weg­fall des Beschäfti­gungs­be­darfs nicht an­der­wei­tig ab­ge­fan­gen wer­den kann, et­wa durch be­triebs­or­ga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men oder ei­ne sons­ti­ge Beschäfti­gung des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers (vgl. BAG 21.04.2005 AP Nr. 79 zu § 2 KSchG 1969; APS/Kiel, § 1 KSchG Rn. 442; KR/Grie­be­ling, § 1 KSchG Rn. 529a). Sch­ließlich ist gem. § 1 Abs. 3 KSchG auch ei­ne durch drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se be­ding­te Kündi­gung so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt, wenn der Ar­beit­ge­ber bei der Aus­wahl des Ar­beit­neh­mers die Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit, das Le­bens­al­ter, die Un­ter­halts­pflich­ten oder die Schwer­be­hin­de­rung des Ar­beit­neh­mers nicht oder nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt hat.
Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen er­wies sich die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung als rechts­un­wirk­sam.
bb) Vor­lie­gend wa­ren der Kam­mer be­reits kei­ne drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se er­kenn­bar. In or­ga­ni­sa­to­ri­scher Hin­sicht mag die Be­klag­te die KFS-Ab­tei­lung auf­gelöst ha­ben. Maßgeb­lich ist je­doch der Weg­fall des Beschäfti­gungs­be­darfs für den gekündig­ten Ar­beit­neh­mer, wo­mit nicht der Weg­fall des kon­kre­ten Ar­beits­plat­zes ge­meint ist, den der Un­ter­neh­mer an­sons­ten schlicht­weg strei­chen, die dort an­ge­fal­le­nen Auf­ga­ben ver­la­gern und so den Kündi­gungs­schutz um­ge­hen könn­te, son­dern viel­mehr der Be­darf an der Ver­rich­tung der auf dem Ar­beits­platz des Gekündig­ten ge­leis­te­ten Tätig­keit/Ar­beit (BAG 22.05.2003 AP Nr. 128 zu § 1 KSchG 1969 Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung; 24.02.2005 AP Nr. 4 zu § 1 KSchG 1969 Ge­mein­schafts­be­trieb; ErfK/Oet­ker, 10. Aufl. 2010, § 1 KSchG Rn. 215). Die vom Kläger aus­geübten Tätig­kei­ten sind aber selbst nach dem Be­klag­ten­vor­trag nicht ent­fal­len, son­dern be­ste­hen je­den­falls teil­wei­se fort. So hat er be­haup­tet, sämt­li­che in der KFS-Ab­tei­lung an­ge­fal­le­nen Tätig­kei­ten sei­en lücken­los in die neu ge­gründe­te Fi­nan­ce-Ab­tei­lung ver­la­gert wor­den. Auch die Be­klag­te hat nicht be­strit­ten, dass et­wa die von ihm durch­geführ­te Re­kla­ma­ti­ons­be­ar­bei­tung, die Führung von Sta­tis­ti­ken oder die Kun­den­stamm­da­ten­pfle­ge in Fort­fall ge­ra­ten wäre, son­dern le­dig­lich abs­trakt vor­ge­tra­gen, die Auf­ga­ben der Ab­tei­lung soll­ten deut­lich ef­fi­zi­en­ter ge­stal­tet und die "we­ni­gen ver­blei­ben­den Auf­ga­ben" auf drei Voll­zeit­stel­len der Fi­nan­ce-Ab­tei­lung ver­teilt wer­den. Die­se Auf­ga­ben könn­ten nun­mehr auch le­dig­lich die drei aus der KFS-Ab­tei­lung über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer ausüben, nicht aber der Kläger.
Da­bei hat sie of­fen ge­las­sen, wel­che Tätig­kei­ten in wel­chem Um­fang über­haupt weg­ge­fal­len und wel­che "we­ni­gen" Auf­ga­ben aus der KFS-Ab­tei­lung ver­blie­ben sein sol­len (zu­mal sie selbst in ih­rem News­let­ter vom 05.01.2010 von ei­ner Bünde­lung, nicht aber von ei­ner Strei­chung der Auf­ga­ben der KFS-Ab­tei­lung spricht), fer­ner, wel­che Tätig­kei­ten in wel­chem Um­fang in der Fi­nan­ce-Ab­tei­lung fort­be­ste­hen und auf­grund wel­cher Umstände vom Kläger nicht mehr aus­geführt wer­den können sol­len. Ihr pau­scha­ler Vor­trag, der Kläger verfüge nicht über die er­for­der­li­chen Fähig­kei­ten, genügt für ei­ne nach­voll­zieh­ba­re Dar­le­gung i. S. v. § 1 Abs. 2 Satz 4 KSchG nicht. Aus wel­chem Grun­de so­zu­sa­gen von ei­nem Tag auf den an­de­ren le­dig­lich drei der ursprüng­lich sechs in der KFS-Ab­tei­lung täti­gen Ar­beit­neh­mer die an­fal­len­den Tätig­kei­ten wei­ter­hin ausführen können sol­len, blieb un­klar. Zwar hat die Be­klag­te in­so­weit be­haup­tet, die drei von ihr über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer besäßen im Ge­gen­satz zum Kläger die für die in der Fi­nan­ce-Ab­tei­lung ge­schaf­fe­nen höher­wer­ti­gen Tätig­kei­ten er­for­der­li­chen Spe­zi­al­kennt­nis­se. Auch die­se Be­haup­tung blieb je­doch letzt­lich in­halts­leer. Nach der in­so­weit ge­fes­tig­ten BAG-Recht­spre­chung stellt es noch kein be­trieb­li­ches Er­for­der­nis zur Kündi­gung ei­nes Ar­beit­neh­mers dar, wenn die von die­sem ver­rich­te­te Tätig­keit im we­sent­li­chen fort­be­steht und der Ar­beit­ge­ber le­dig­lich be­stimm­te Ar­beitsplätze um­ge­stal­tet, um­wid­met oder ei­ner an­de­ren Ab­tei­lung zu­ord­net, und zwar auch dann nicht, wenn er sie zu Beförde­rungs­stel­len oder höher­wer­ti­gen Ar­beitsplätzen um­ge­stal­tet (BAG 10.11.1994 NZA 1995, 566, 568; 30.08.1995 NZA 1996, 496, 497 f.; 18.10.2000 NZA 2001, 437, 441; 10.07.2008 NZA 2009, 312, 315). So­fern er das An­for­de­rungs­pro­fil für mit langjährig beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern be­setz­te Ar­beitsplätze ändert, trifft ihn ei­ne erhöhte Dar­le­gungs­last, da er an­sons­ten un­ter Be­ru­fung auf ei­ne ge­richt­lich nur ein­ge­schränkt über­prüfba­re Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung ei­ne miss­bräuch­li­che Um­ge­hung des Kündi­gungs­schut­zes der be­tref­fen­den Ar­beit­neh­mer er­zie­len könn­te, in­dem er in sach­lich nicht ge­bo­te­ner Wei­se die An­for­de­run­gen an die Qua­li­fi­ka­ti­on des be­tref­fen­den Ar­beits­platz­in­ha­bers verschärft (so aus­drück­lich BAG 10.07.2008 NZA 2009, 312, 314 f.). In­so­weit hat er dar­zu­le­gen, dass für die Neu­be­stim­mung des An­for­de­rungs­pro­fils ein be­trieb­li­cher An­lass be­steht und es sich bei der zusätz­lich ge­for­der­ten Qua­li­fi­ka­ti­on um ein nach­voll­zieh­ba­res, ar­beits­platz­be­zo­ge­nes Kri­te­ri­um für ei­ne Stel­len­pro­fi­lie­rung han­delt (BAG 10.07.2008 NZA 2009, 312, 315). Dem ist die Be­klag­te vor­lie­gend nicht ge­recht ge­wor­den.
We­der hat sie ein kon­kre­tes Tätig­keits­pro­fil der neu ge­schaf­fe­nen Ar­beitsplätze in der Fi­nan­ce-Ab­tei­lung dar­ge­legt noch vor­ge­tra­gen, wel­che Tätig­kei­ten die dor­ti­gen Ar­beitsplätze zu "höher­wer­ti­gen" ma­chen, wel­che Auf­ga­ben dort an­fal­len, wel­che Pro­gram­me, Mo­du­le etc. zur dor­ti­gen Ausführung wel­cher vor­her nicht an­ge­fal­le­nen Auf­ga­ben benötigt wer­den sol­len und wel­che Ar­beit­neh­mer über wel­che ge­nau­en
Kennt­nis­se verfügen müssen, die der Kläger zur ord­nungs­gemäßen Auf­ga­ben­erfüllung benöti­gen würde, aber nicht auf­wei­sen soll. Die bloße Be­ru­fung auf bei den über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mern vor­han­de­ne "Spe­zi­al­kennt­nis­se" im Ge­gen­satz zu beim Kläger an­geb­lich nur vor­han­de­nen "Grund­kennt­nis­sen" ver­mag kei­nen präzi­sie­ren­den Sach­vor­trag ent­behr­lich zu ma­chen. Ins­be­son­de­re da der Kläger un­strei­tig noch im Jah­re 2009 meh­re­re Schu­lun­gen be­sucht hat und von der Be­klag­ten für ei­ne wei­te­re Auf­bau­schu­lung vor­ge­se­hen war, hätte es hier kon­kre­te­rer An­ga­ben be­durft statt der bloßen Be­haup­tung, der Kläger be­sit­ze le­dig­lich Grund­kennt­nis­se. Im Übri­gen hätte die Be­klag­te auch sei­ne Fort­bil­dung in Be­tracht zie­hen müssen, um ihm als je­den­falls im Ver­gleich zu den über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mern P und O un­strei­tig so­zi­al schutzwürdi­ge­rem Ar­beit­neh­mer ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung zu ermögli­chen (vgl. in­so­weit § 1 Abs. 2 Satz 3 KSchG). Wenn die Be­klag­te ei­ne nach ih­rem Vor­trag tief­grei­fen­de Einführung neu­er Pro­gramm­sys­te­me, wie hier SAP, be­ab­sich­tig­te, dürf­te dies nicht so kurz­fris­tig ge­sche­hen sein, dass ei­ne ent­spre­chen­de Schu­lung des Klägers nicht mehr möglich ge­we­sen wäre. An­de­res hätte sie je­den­falls sub­stan­ti­iert vor­zu­tra­gen ge­habt.
Ähn­li­ches gilt für ih­re Be­haup­tung im Hin­blick auf die Pro­gram­me Ex­cel, SQL und Unix. Wel­che ge­nau­en Kennt­nis­se hier in wel­chem Um­fang zur Erfüllung wel­cher vor­her nicht an­ge­fal­le­nen Auf­ga­ben er­for­der­lich ge­wor­den sein sol­len, blieb auch hier im Dun­keln, eben­so wie ih­re Be­haup­tung, die über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer der KFS-Ab­tei­lung wie­sen die er­for­der­li­chen Kennt­nis­se auf, der Kläger da­ge­gen nicht. So­fern die Be­klag­te be­haup­tet, der Kläger könne kei­ne Da­ten aus­wer­ten, fragt sich, ob dies je zu sei­nem Auf­ga­ben­be­reich zähl­te. War­um dies nun­mehr er­for­der­lich sein und sei­ne vor­ma­li­ge Bestückung von Ta­bel­len und bloße Da­ten­ein­ga­betätig­keit nicht mehr ge­fragt sein oder un­trenn­bar mit der Da­ten­aus­wer­tung ver­bun­den sein soll, hat die Be­klag­te nicht dar­ge­legt, son­dern wie­der­um abs­trakt und ne­bulös vor­ge­tra­gen, durch die Um­stel­lung auf neue Pro­gram­me und die an­de­re Ver­tei­lung der Tätig­keits­be­rei­che sei ein we­sent­lich höhe­res An­for­de­rungs­pro­fil ent­stan­den, mit dem die frühe­ren Tätig­kei­ten des Klägers un­trenn­bar ver­bun­den wären, der Kläger wei­se le­dig­lich un­zu­rei­chen­de Grund­kennt­nis­se auf und sein Vor­trag, er könne sich in SQL und Unix bin­nen ei­nes Mo­nats ein­ar­bei­ten, zei­ge, dass er im Grun­de kei­nen Über­blick über die in der Fi­nan­ce-Ab­tei­lung an­fal­len­den Auf­ga­ben ha­be. Ihm bzw. dem Ge­richt ei­nen sol­chen Über­blick zu ver­schaf­fen, wäre gem. § 1 Abs. 2 Satz 4 KSchG Auf­ga­be der Be­klag­ten ge­we­sen.
Da­mit hat die Be­klag­te be­reits nicht dar­ge­tan, dass die Tätig­kei­ten des Klägers bzw. der Be­darf an den von ihm aus­geübten Tätig­kei­ten in ei­nem Um­fang ent­fal­len sind, der ein drin­gen­des be­trieb­li­ches Er­for­der­nis für sei­ne Kündi­gung dar­stel­len könn­te und auch ei­ne Ände­rungskündi­gung ent­behr­lich er­schei­nen ließe.
cc) Selbst wenn man dies an­ders be­ur­tei­len woll­te, hätte die Be­klag­te den Kläger je­den­falls wei­ter­beschäfti­gen können. Der Kläger hat in­so­weit ver­schie­de­ne Be­rei­che auf­geführt, in de­nen er an­ge­sichts sei­ner wei­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­set­zungs­klau­sel im Rah­men ei­ner So­zi­al­aus­wahl hätte wei­ter­beschäftigt wer­den können und wohl auch müssen, da er in den ein­zel­nen Be­rei­chen je­weils meh­re­re so­zi­al schwäche­re Ar­beit­neh­mer be­nannt hat. Dies gilt für die Fi­nan­ce-Ab­tei­lung eben­so wie für die Be­rei­che Di­rekt­geschäft, Kun­den­ser­vice und Ser­vice-Cen­ter A-Stadt. Der Ein­wand der Be­klag­ten, der Kläger verfüge nicht über das not­wen­di­ge Know-how, ha­be kein or­ga­ni­sa­to­ri­sches Ta­lent für die Be­treu­ung von und kein so­zia­les Ge­schick im Um­gang mit Kun­den und verfüge über kei­ne "so­li­de kaufmänni­sche Aus­bil­dung", er­wies sich ein wei­te­res Mal als wort­ge­wandt, aber in­halt­lich zu pau­schal, um ei­ne ge­richt­li­che Über­prüfung zu ermögli­chen.
Darüber hin­aus hätte der Kläger in der Rech­nungs­kon­trol­le der V wei­ter­beschäftigt wer­den können. Der Ein­wand der Be­klag­ten, er wei­se die für ei­ne dor­ti­ge Tätig­keit er­for­der­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on nicht auf, blieb er­neut zu un­sub­stan­ti­iert, da sie nicht vor­ge­tra­gen hat, wel­che Qua­li­fi­ka­ti­on für die dor­ti­ge Tätig­keit über­haupt er­for­der­lich sein und dem Kläger feh­len soll. In­so­weit genügt auch ihr in ei­nem Satz er­folg­tes schlich­tes Be­strei­ten, es lie­ge kein ge­mein­sa­mer Be­trieb mit der V und der U vor, an­ge­sichts des um­fang­rei­chen und die we­sent­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ei­nes ge­mein­sa­men Be­trie­bes sub­stan­ti­iert ab­de­cken­den Vor­trags des Klägers nicht.
dd) Dem­zu­fol­ge hätte die Be­klag­te ei­ne So­zi­al­aus­wahl durchführen müssen, was sie un­strei­tig nicht ge­tan hat. Bei de­ren Durchführung hätten sich zahl­rei­che so­zi­al schwäche­re Ar­beit­neh­mer als der Kläger fin­den las­sen. Dies gilt zunächst für die Kol­le­gen aus der ehe­ma­li­gen KFS-Ab­tei­lung, von de­nen die Be­klag­te drei Ar­beit­neh­mer über­nom­men hat, ob­wohl je­den­falls die Ar­beit­neh­mer P und O un­strei­tig so­zi­al schwächer sind. Ei­ne Her­aus­nah­me die­ser bei­den Ar­beit­neh­mer aus der So­zi­al­aus­wahl gem. § 1 Abs. 3 Satz 2 KSchG ist we­der er­folgt noch hätte sich die Be­klag­te hier­auf be­ru­fen; sie hätte auch dem Be­triebs­rat im Rah­men der Anhörung zur Kündi­gung des Klägers mit­ge­teilt wer­den müssen (vgl. in­so­weit Fit­ting, Be­trVG, 25. Aufl. 2010, § 102 Rn. 35; KR/Et­zel, § 102 Be­trVG Rn. 62j). Glei­ches gilt für die vom Kläger im Ein­zel­nen be­nann­ten Ar­beit­neh­mer der Be­rei­che Di­rekt­geschäft, Kun­den­ser­vice, Ser­vice-Cen­ter A-Stadt und Rech­nungs­kon­trol­le. Dass die­se so­zi­al schwächer sind als er selbst, hat die Be­klag­te nicht be­strit­ten.
ee) Da­mit war die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung be­reits gem. § 1 KSchG so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt und folg­lich rechts­un­wirk­sam.
c) Un­abhängig von den vor­ste­hen­den Ausführun­gen ist die aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung auch des­we­gen un­wirk­sam, weil der Kläger in­fol­ge der Be­triebs­ver­ein­ba­rung aus dem Jah­re 1964 nicht mehr or­dent­lich gekündigt wer­den konn­te.
aa) Vom Vor­lie­gen ei­ner rechts­wirk­sa­men Be­triebs­ver­ein­ba­rung war in­so­weit aus­zu­ge­hen. Die Be­klag­te kann sich ins­be­son­de­re nicht ei­ner­seits auf die feh­len­de Un­ter­schrift un­ter der vom Kläger ein­ge­reich­ten Ko­pie und an­de­rer­seits im sel­ben Atem­zug auf die er­folg­te Kündi­gung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung be­ru­fen. Da sie die Kündi­gung gel­tend macht und so­gar das Kündi­gungs­schrei­ben in Ko­pie zu den Ak­ten ge­reicht hat, geht sie of­fen­bar selbst von ei­ner gülti­gen Be­triebs­ver­ein­ba­rung aus, so dass kein Grund dafür er­sicht­lich ist, war­um das Ge­richt dies nicht tun soll­te. Ihr Vor­trag, es be­fin­de sich nach ih­rer Kennt­nis kei­ne un­ter­zeich­ne­te Fas­sung in ih­ren Un­ter­la­gen, ist eben­falls nicht von Be­deu­tung, da es sich um ei­nen Um­stand aus ih­rer Sphäre han­delt und sie ih­re Er­in­ne­rungslücke, so es die­se denn tatsächlich ge­ben soll­te, zu schließen hat.
bb) Da der Kläger die nach der Be­triebs­ver­ein­ba­rung für ei­ne or­dent­li­che Unkünd­bar­keit vor­aus­ge­setz­te un­un­ter­bro­che­ne 25-jähri­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit un­strei­tig be­reits im Jah­re 1995 erfüll­te, war er seit­dem or­dent­lich unkünd­bar. Ein Tat­be­stand, der ihm die­sen Rechts­sta­tus wie­der ent­zo­gen ha­ben könn­te, ist nicht er­sicht­lich.
(1) Ei­ne ihm die­se Rechts­po­si­ti­on po­si­tiv ab­er­ken­nen­de Re­ge­lung exis­tiert un­strei­tig nicht. Viel­mehr wur­de die Be­triebs­ver­ein­ba­rung von 1964 le­dig­lich gekündigt und lief zum 31.12.2005 aus. Da­mit moch­ten zwar Ar­beit­neh­mer, die am 31.12.2005 noch kei­ne 25-jähri­ge un­un­ter­bro­che­ne Be­triebs­zu­gehörig­keit auf­wie­sen, nicht mehr unkünd­bar wer­den können. Dass da­mit aber auch Ar­beit­neh­mer, die die­sen Sta­tus be­reits er­reicht hat­ten, die­sen wie­der ver­lie­ren soll­ten, hätte als er­heb­li­cher Ein­griff in ih­nen ent­stan­de­nen Rech­te zu­min­dest ei­ner aus­drück­li­chen An­ord­nung be­durft, die die Be­triebs­part­ner vor­lie­gend nicht ge­trof­fen ha­ben.
Der Sa­che nach han­delt es sich bei der Ent­zie­hung ei­ner be­reits ab­ge­schlos­sen er­wor­be­nen Unkünd­bar­keits­po­si­ti­on um ei­ne ech­te, den Ar­beit­neh­mer be­las­ten­de Rück­wir­kung (vgl. hier­zu Hou­ben, Die Rück­wir­kung von Ta­rif­verträgen, 2006, S. 356; dens., DB 2007, 741). Ech­te Rück­wir­kung ei­ner nor­ma­ti­ven Re­ge­lung (wie gem. § 77 Abs. 4 Satz 1 Be­trVG ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung) liegt in An­leh­nung an die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs- wie auch des Bun­des­ar­beits­ge­richts dann vor, wenn die Norm in ei­nen der Ver­gan­gen­heit an­gehören­den, d. h. vor ih­rem In­kraft­tre­ten ver­wirk­lich­ten Tat­be­stand ein­greift (vgl. nur BVerfG 23.03.1971 NJW 1971, 1211; 23.11.1999 NJW 2000, 413, 415; BAG 06.06.2007 AP Nr. 39 zu § 1 TVG Ta­rif­verträge: Luft­han­sa; 15.11.2000 NZA 2001, 900, 902). Die vom Kläger be­reits im Jah­re 1995 zurück­ge­leg­te 25-jähri­ge un­un­ter­bro­che­ne Be­triebs­zu­gehörig­keit stellt ei­nen Sach­ver­halt dar, der ei­nen Tat­be­stand – den der in der Be­triebs­ver­ein­ba­rung
ent­hal­te­nen Unkünd­bar­keits­re­ge­lung – erfüllt, was in der Ver­gan­gen­heit die von der Be­triebs­ver­ein­ba­rung dar­an ge­knüpfte Rechts­fol­ge – den Sta­tus, fort­an nicht mehr or­dent­lich gekündigt wer­den zu können – aus­gelöst hat. Zwar en­de­te die Be­triebs­ver­ein­ba­rung und der da­mit von der Be­klag­ten be­haup­te­te ein­her­ge­hen­de Ent­zug der Unkünd­bar­keits­po­si­ti­on ex nunc. Dies steht aber ei­ner Rück­wir­kung nicht ent­ge­gen, da es sich selbst bei ex nunc "in Kraft tre­ten­den" Re­ge­lun­gen, die ein in der Ver­gan­gen­heit er­wor­be­nes, auf Dau­er an­ge­leg­tes Recht wie ei­ne Unkünd­bar­keits­po­si­ti­on ent­zie­hen sol­len, um ei­ne aus­sch­ließlich an ei­nen ver­gan­ge­nen Sach­ver­halt an­knüpfen­de Re­ge­lung han­delt (sog. "ma­te­ri­el­le" Rück­wir­kung, vgl. zu den Be­griff­lich­kei­ten Hou­ben, NZA 2007, 130 f.). Ei­ne ech­te be­las­ten­de Rück­wir­kung be­darf aber, da sie eben in ab­ge­schlos­sen ent­stan­de­ne Rech­te ein­greift, je­den­falls im Fal­le ih­rer kol­lek­tiv-recht­li­chen An­ord­nung und da­mit nor­ma­ti­ven Gel­tungs­wei­se (vgl. für die Be­triebs­ver­ein­ba­rung § 77 Abs. 4 Satz 1 Be­trVG) ei­ner aus­drück­li­chen An­ord­nung, da sie wie je­der Rechts­satz im Zwei­fel nur die zukünf­ti­ge Rechts­la­ge ord­nen will (vgl. BAG 19.09.1995 NZA 1996, 386, 388; fer­ner BAG 21.07.1988 NZA 1989, 559 f.; 01.12.2004 – 4 AZR 103/04). An ei­ner sol­chen An­ord­nung fehlt es hier. Die bloße Kündi­gung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung genügt in­so­weit kei­nes­falls, da sie sich gar nicht da­zu verhält, wie zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer be­reits ab­ge­schlos­sen ent­stan­de­ne Rech­te be­han­delt wer­den, ge­schwei­ge denn, dass die­se ih­nen wie­der ab­er­kannt wer­den soll­ten.
(2) Ein Ent­zug der er­wor­be­nen Unkünd­bar­keits­po­si­ti­on wäre auch in ma­te­ri­ell-recht­li­cher Hin­sicht un­wirk­sam. In­so­weit gel­ten an­ge­sichts der ge­set­zes­glei­chen nor­ma­ti­ven Wir­kung von Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen grds. die im Ver­fas­sungs­recht ent­wi­ckel­ten Gren­zen und Be­schränkun­gen ei­ner ech­ten be­las­ten­den Rück­wir­kung ent­spre­chend (vgl. Fit­ting, § 77 Rn. 42 ff., 193 f. und Schaub/Koch, Ar­beits­rechts­hand­buch, 13. Aufl. 2009, § 231 Rn. 34 jew. m.w.N.). Ei­ne der dort ent­wi­ckel­ten Aus­nah­me­fall­grup­pen ist hier nicht ge­ge­ben, eben­so we­nig ei­ne mit die­sen Fall­grup­pen ver­gleich­bar ge­wich­ti­ge. Da­bei ist zu be­to­nen, dass die Zu­er­ken­nung ei­nes Unkünd­bar­keits­sta­tus´ ih­rem Sinn und Zweck nach ge­ra­de dar­auf an­ge­legt ist, die Lauf­zeit der ak­tu­el­len Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu über­dau­ern und den Ar­beit­neh­mer auch in der Zu­kunft – fort­an – vor ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung zu schützen (zum ver­gleich­ba­ren ta­rif­ver­trag­li­chen Be­reich BAG 16.02.1962 AP Nr. 11 zu § 4 TVG Güns­tig­keits­prin­zip; 17.10.2007 AP Nr. 9 zu § 53 BAT; Hou­ben, DB 2007, 741, 743). Die­ser Schutz würde aber von vorn­her­ein un­ter­gra­ben, wenn ei­ne Fol­ge­be­triebs­ver­ein­ba­rung dem unkünd­ba­ren Ar­beit­neh­mer sei­nen er­wor­be­nen Sta­tus un­ter schlich­ter Be­ru­fung auf das Ord­nungs­prin­zip und die Zeit­kol­li­si­ons­re­gel wie­der neh­men könn­te, er al­so so­zu­sa­gen "vorüber­ge­hend" bzw. "auf Wi­der­ruf" unkünd­bar wäre. Zwar kann ei­ne er­wor­be­ne Unkünd­bar­keits­po­si­ti­on im be­triebs­be­ding­ten Be­reich nicht gren­zen­los auf­recht­er­hal­ten wer­den (hier­zu Hou­ben, aaO, S. 356 ff.). Da die Be­klag­te aber in­so­weit noch nicht ein­mal be­trieb­li­che Gründe dar­ge­legt hat, die die aus­ge­spro­che­ne or­dent­li­che Kündi­gung recht­fer­ti­gen könn­ten, genügt ihr Vor­trag erst Recht nicht zur Le­gi­ti­ma­ti­on der Kündi­gung ei­nes or­dent­lich gar nicht mehr künd­ba­ren Ar­beit­neh­mers.
d) Darüber hin­aus war der Kläger bei Aus­spruch der Kündi­gung auch gem. § 15 Abs. 1 Satz 2 KSchG or­dent­lich unkünd­bar. Er hat auf Rüge der Be­klag­ten de­tail­liert dar­ge­legt, an wel­chen Ta­gen er an Be­triebs­rats­sit­zun­gen zur Ver­tre­tung wel­cher Mit­glie­der teil­ge­nom­men hat. Eben­so hat er un­ter Vor­la­ge der sei­ner­zei­ti­gen Wahl­lis­te aus­geführt, auch das ers­te Er­satz­mit­glied ge­we­sen zu sein, da die auf den Lis­ten­plätzen 4 bis 6 vor ihm be­find­li­chen Mit­glie­der zwi­schen­zeit­lich aus­ge­schie­den sei­en. Die­sen Ausführun­gen ist die Be­klag­te nicht ent­ge­gen ge­tre­ten. Ob die Sit­zun­gen je­weils ord­nungs­gemäß ein­be­ru­fen wor­den sind, kann da­hin­ste­hen, da es maßgeb­lich dar­auf an­kommt ob bzw. dass das Er­satz­mit­glied – wie hier der Kläger – tatsächlich tätig ge­wor­den ist (KR/Et­zel, § 15 KSchG Rn. 65a; ErfK/Kiel, § 15 KSchG Rn. 13; DLW/Dörner, Kap. 4 Rn. 542).
Auf § 15 Abs. 5 KSchG kann sich die Be­klag­te vor­lie­gend nicht be­ru­fen, wo­bei da­hin­ste­hen kann, ob sie für den Kläger als Er­satz­mit­glied not­falls ei­nen an­de­ren be­setz­ten Ar­beits­platz hätte freikündi­gen müssen oder nicht. Die ge­nann­te Norm setzt das Feh­len ei­ner Über­nah­memöglich­keit des Son­derkündi­gungs­geschütz­ten in ei­ne an­de­re Ab­tei­lung des Be­triebs vor­aus. Hierfür trifft den Ar­beit­ge­ber die Dar­le­gungs- und Be­weis­last (BAG 25.11.1981 AP Nr. 11 zu § 15 KSchG 1969; LAG Rhein­land-Pfalz 13.11.2007 LA­GE § 15 KSchG Nr. 20; DLW/Dörner, Kap. 4 Rn. 597; KR/Et­zel, § 15 KSchG Rn. 134). Ent­spre­chend obi­gen Ausführun­gen hat die Be­klag­te aber we­der hin­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­ge­legt, dass der Be­darf an der ursprüng­lich vom Kläger aus­geübten Tätig­keit über­haupt in Fort­fall ge­ra­ten ist, noch hat sie den ein­zel­nen und
ausführ­lich dar­ge­stell­ten Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­kei­ten sub­stan­ti­ier­ten Sach­vor­trag ent­ge­gen­ge­setzt.
2. Auch die Kündi­gung vom 20.01.2010 er­wies sich als rechts­un­wirk­sam.
a) Dies gilt zunächst für die aus­drück­lich aus­ge­spro­che­ne frist­lo­se Kündi­gung.
aa) Die­se schei­tert be­reits gemäß § 102 Abs. 1 S. 3 Be­trVG an der feh­len­den ord­nungs­gemäßen Anhörung des Be­triebs­rats. Der Ar­beit­ge­ber hat dem Be­triebs­rat die für ihn maßgeb­li­chen der Kündi­gung zu Grun­de lie­gen­den Tat­sa­chen so ge­nau und um­fas­send dar­zu­le­gen, dass der Be­triebs­rat oh­ne zusätz­li­che ei­ge­ne Nach­for­schun­gen in der La­ge ist, selbst die Stich­hal­tig­keit der Kündi­gungs­gründe zu prüfen und sich über sei­ne Stel­lung­nah­me schlüssig zu wer­den (BAG 11.12.2003 AP Nr. 65 zu § 1 KSchG 1969 So­zia­le Aus­wahl; 21.07.2005 NZA-RR 2006, 331, 332; KR/Et­zel, § 102 Be­trVG Rdn. 62a; ErfK/Ka­nia, § 102 Be­trVG Rn. 6; GK-Be­trVG/Raab, § 102 Rn. 58). Die le­dig­lich pau­scha­le An­ga­be von Kündi­gungs­gründen oder die bloße An­ga­be ei­nes Wert­ur­teils genügen in­so­weit nicht. So­fern die Be­klag­te da­her in ih­rem Anhörungs­schrei­ben ausführt, der Kläger for­cie­re durch "gro­be Be­lei­di­gun­gen ge­gen den Ar­beit­ge­ber und Dienst­vor­ge­setz­te im Bei­sein von Kol­le­gen/-in­nen ei­ne ex­trem ne­ga­ti­ve Stim­mung ge­gen das Un­ter­neh­men und die Un­ter­neh­mens­lei­tung" und tra­ge da­mit "er­heb­lich zur Störung des Be­triebs­frie­dens bei", so be­inhal­tet dies ei­ne Häufung von kon­kre­ti­sie­rungs­bedürf­ti­gen Wen­dun­gen. Un­klar bleibt, wel­che Be­lei­di­gung der Kläger aus­ge­spro­chen und was die­se zu ei­ner gro­ben Be­lei­di­gung ge­macht ha­ben soll, wann und wo der Kläger "den Ar­beit­ge­ber" und wel­che Dienst­vor­ge­setz­te im Ein­zel­nen im Bei­sein wel­cher Kol­le­gen oder Kol­le­gin­nen be­lei­digt ha­ben und was mit der da­durch an­geb­lich ge­schaf­fe­nen "ex­trem ne­ga­ti­ven Stim­mung ge­gen das Un­ter­neh­men und die Un­ter­neh­mens­lei­tung" ge­meint sein soll. Eben­falls un­klar bleibt, in­wie­weit der Kläger "er­heb­lich zur Störung des Be­triebs­frie­dens" bei­ge­tra­gen ha­ben soll. Es ver­bleibt wie­der­um bei bloßen Be­haup­tun­gen der Be­klag­ten, die es dem Be­triebs­rat nicht ermögli­chen, sich ein ei­ge­nes Bild zu ver­schaf­fen, da es an jeg­li­cher Kon­kre­ti­sie­rung oder Be­schrei­bung be­stimm­ter Si­tua­tio­nen fehlt.
bb) Auch in ma­te­ri­ell-recht­li­cher Hin­sicht genügen die er­ho­be­nen Vorwürfe nicht zur Recht­fer­ti­gung der frist­lo­sen Kündi­gung des bei­na­he seit 40 Jah­ren be­triebs­zu­gehöri­gen Klägers. Dies gilt selbst dann, wenn man den sub­stan­ti­iert vor­ge­tra­ge­nen Teil des Be­klag­ten­vor­trags in Be­zug auf die frist­lo­se Kündi­gung als wahr un­ter­stellt. Dann hätte der Kläger ent­ge­gen ei­ner "Ver­ein­ba­rung" über sei­ne Kündi­gung ge­genüber
Ar­beits­kol­le­gen nichts ver­lau­ten zu las­sen, ver­s­toßen. Dies mag ge­gen In­ter­es­sen der Be­klag­ten ver­s­toßen, genügt aber mit­nich­ten für ei­nen Kündi­gungs­grund. So­fern sich der Kläger zu­dem am 06.01.2010 in sei­nem Büro im Bei­sein sei­ner KFS-Kol­le­gen R und N laut­stark sinn­gemäß da­hin­ge­hend geäußert ha­ben soll, "ich ha­be es ja im­mer ge­sagt, die wol­len uns los­wer­den, Scheißun­ter­neh­men, die wer­den schon se­hen", so mögen Tei­le die­ser Äußerung nicht hoffähig sein. Wenn aber ein seit fast 40 Jah­ren beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer, über des­sen Ar­beits­verhält­nis kei­ner­lei Be­an­stan­dun­gen, Ab­mah­nun­gen oder ähn­li­ches vor­ge­tra­gen wor­den sind, erfährt, man wer­de ihm kündi­gen, so ist ei­ne ge­wis­se Er­re­gung durch­aus nach­zu­voll­zie­hen, eben­so das Bedürf­nis, dies je­den­falls den un­mit­tel­ba­ren Kol­le­gen der KFS-Ab­tei­lung mit­zu­tei­len und et­was "Dampf ab­zu­las­sen". Ei­ne Enttäuschung und auch die an­ge­sichts des Le­bens­al­ters des Klägers nicht ganz un­be­rech­tig­te Sor­ge um sei­ne be­ruf­li­che Zu­kunft las­sen es verständ­lich er­schei­nen, dass er sei­ne Emo­tio­nen im un­mit­tel­ba­ren An­schluss an die Mit­tei­lung sei­ner Kündi­gung nicht vollständig un­ter Kon­trol­le hat­te. Hier­aus je­doch – ins­be­son­de­re an­ge­sichts ei­ner aus zwei ver­schie­de­nen Rechts­gründen ge­ge­be­nen or­dent­li­chen Unkünd­bar­keit – ei­nen Grund für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung ab­zu­lei­ten, er­schien der Kam­mer ganz klar un­an­ge­mes­sen. Wei­te­re Be­lei­di­gun­gen oder Störun­gen des Be­triebs­frie­dens durch den Kläger wa­ren bis zum Ab­lauf der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist im übri­gen wohl auch nicht zu er­war­ten, da er be­reits seit dem 14.10.2010 mit ei­nem Haus­ver­bot be­legt war.
b) Auch ei­ne evtl. or­dent­li­che Kündi­gung wäre rechts­un­wirk­sam. Ei­ner ent­spre­chen­den Aus­le­gung steht be­reits der Wort­laut des Kündi­gungs­schrei­bens und der
Be­triebs­rats­anhörung ent­ge­gen. Ei­ner um­ge­deu­te­ten or­dent­li­chen Kündi­gung fehl­te es je­den­falls an ei­ner ord­nungs­gemäßen Anhörung des Be­triebs­rats, der aus­sch­ließlich zu der außer­or­dent­li­chen frist­lo­sen Kündi­gung an­gehört wur­de und die­ser auch nicht aus­drück­lich und vor­be­halt­los zu­ge­stimmt hat (vgl. in­so­weit BAG 20.09.1984 NZA 1985, 286, 287; KR/Et­zel, § 102 Be­trVG Rn. 182a). Zu­dem ver­weist die Be­klag­te in ih­rem Anhörungs­schrei­ben aus­drück­lich auf die nur für außer­or­dent­li­che Kündi­gun­gen gel­ten­de 3-Ta­ges-Frist, was eben­falls dafür spricht, dass sie bei ih­rer Anhörung nur ei­ne frist­lo­se Kündi­gung im Au­ge hat­te. So­fern die Kündi­gung ih­ren Macht­be­reich noch am Aus­stel­lungs­ta­ge, dem 20.01.2010, ver­las­sen ha­ben soll­te, wäre darüber hin­aus die Wo­chen­frist des § 102 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG nicht ein­ge­hal­ten und die Anhörung auch aus die­sem Grun­de un­wirk­sam (vgl. BAG 11.07.1991 und 08.04.2003, AP Nr. 57 und 133 zu § 102 Be­trVG 1972; GK-Be­trVG/Raab, § 102 Rn. 38; KR/Et­zel, § 102 Be­trVG Rn. 176 f.). Un­abhängig hier­von könn­te der von der Be­klag­ten sub­stan­ti­iert vor­ge­tra­ge­ne Teil ih­res Sach­vor­tra­ges ent­spre­chend obi­gen Ausführun­gen ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung auch in ma­te­ri­el­ler Hin­sicht nicht recht­fer­ti­gen, da spätes­tens im Rah­men der vor­zu­neh­men­den In­ter­es­sen­abwägung ei­ne Un­verhält­nismäßig­keit zu Ta­ge träte.
3. Da der Kläger mit sei­nen Kündi­gungs­schutz­anträgen ob­siegt und die Be­klag­te ei­nen Weg­fall bzw. ei­ne Ände­rung der vor­mals von ihm ge­leis­te­ten Tätig­kei­ten der­ge­stalt, dass sie von ihm nun­mehr nicht mehr aus­geübt wer­den könn­ten, nicht hin­rei­chend dar­ge­legt hat, war auch der gel­tend ge­mach­te Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch be­gründet. Glei­ches er­gibt sich aus § 102 Abs. 5 Satz 1 Be­trVG.
4. Be­stand da­mit das Ar­beits­verhält­nis un­un­ter­bro­chen fort, ste­hen dem Kläger die hier gel­tend ge­mach­ten Lohn­ansprüche un­ter dem Ge­sichts­punkt des An­nah­me­ver­zu­ges zu. De­ren Höhe hat die Be­klag­te nicht be­strit­ten.
Bei der Streit­wer­tent­schei­dung wur­den für die Kündi­gungs­schutz­anträge in An­leh­nung an § 42 Abs. 3 Satz 1 GKG und die ein­schlägi­ge Recht­spre­chung des LAG
Rhein­land-Pfalz drei Brut­to­mo­nats­gehälter für die ers­te Kündi­gung und ein wei­te­res Brut­to­mo­nats­ge­halt für die zwei­te Kündi­gung ver­an­schlagt.

References: § 1
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 § 77
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 § 102
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 § 2
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 § 231
 § 4
 § 53
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 § 42