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Timestamp: 2018-01-23 02:11:13+00:00

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Vortrag: Dialektik der Entwicklung
Dass nichts bleibt, wie es ist...(III)
Dialektik der Entwicklung
Dieser Text erscheint in leicht veränderter Fassung im Vorschein Nr. 30. Jahrbuch 2008 der Ernst-Bloch-Assoziation (Hrsg.: Doris Zeilinger). Nürnberg : ANTOGO Verlag 2008.
Er ist Bestandteil eines größeren Projekts zur Entwicklungstheorie und gehört damit zur Fortsetzung meiner Bücher zur Entwicklungstheorie "Dass nichts bleibt, wie es ist..." (Bd. 1: Kosmos und Leben (1996); Bd. 2: Möglichkeiten menschlicher Zukünfte (1999), LIT-Verlag)
Hegels Dialektik
Historische Interpretation der Logik?
Kapitalismus als Gegenstand
(Kein) Neues in Natur und Gesellschaft
Wirklich Neues gibt es nicht
Die für Hegel unnötige Offenheit
Zeitlich gilt nur der Blick zurück
Die "virtuelle" Eule der Minerva
Hier soll es vor allem um die Frage gehen, ob die Betonung der Notwendigkeit in Hegels Denken, der Ausschluss des Kontingenten eine Determinierung von zeitlichen Vorgängen nach sich zieht und ob bzw. in welcher Weise im Hegelschen Denken die Problematik der Entstehung von Neuem behandelt wird.
Abb. 1: Das bewegte Hegelsche System (Teil Logik) (Spencer, Krauze 1996: 90) Diese Darstellung der Zusammenhänge zwischen den Kategorien des Hegelschen Systems der Wissenschaften zeigt noch etwas von ihrer immanenten Bewegtheit. Keine der Kategorien ist festgezurrt oder endgültig geronnen. Sie sind im Blochschen Sinne "Zeichen dessen, daß der Fluß es zu etwas gebracht hat, nämlich zum je und je fortschreitend bestimmten Etwas." (Bloch EM: 150f.)
Das System der Logik beginnt links oben beim Sein und endet bei der absoluten Idee (ganz unten). Gleichzeitig begründet sich die ganze Bewegung aus der übergreifenden Gesamtheit. Das Hegelsche System der Bewegung stellt sich im wahrsten Sinne dar als "Kreis von Kreisen" (Hegel Enz.I: 60).
Die Dialektik Hegels zeigt sich zuerst darin, dass jeder Gedankengang inhaltlich fundiert, nachprüfbar und damit auch korrigierbar ist und die in der Argumentation gefundenen Zwischenschritte sich nicht statisch verfestigen, sondern als Kategorien im Blochschen Sinne ein "Zeichen dessen, daß der Fluß es zu etwas gebracht hat, nämlich zum je und je fortschreitend bestimmten Etwas" (Bloch EM: 150f.) darstellen. Diese Bestimmungen tragen in sich die Bedeutungen des bis dahin zurück gelegten Weges und enthalten jene widersprüchliche Spannung, die sie über sich hinaus zu den nächsten Kategorien treibt. Insofern enthält jede Kategorie das Ganze. Für das Ganze selbst, die "Krönung" des Systems trifft dasselbe zu. Das Absolute, d.h. dasjenige was nichts mehr außer sich hat, sich selbst begründet und deshalb in traditioneller Weise als frei zu bezeichnen ist, ist dies nur als lebendige Fülle aller Bewegungen, die zu ihm geführt haben und die aus ihm heraus als seine Momente gebildet werden, zu begreifen. Als "dialektisch" kennzeichnet Hegel "dies immanente Hinausgehen, worin die Einseitigkeit und Beschränktheit der Verstandesbestimmungen sich als das, was sie ist, nämlich als ihr Negation darstellt" (Hegel Enz. I: 173) und wobei die Negation nicht zum Verschwinden des Negierten führt, sondern als positives Resultat entsteht, "denn es enthält dasjenige, woraus es resultiert, als aufgehoben in sich und ist nicht ohne dasselbe" (ebd.: 176).
Es war besonders im Marxismus-Leninismus üblich geworden, die Aufeinanderfolge der Kategorien in Hegels System so zu lesen, als könne man sie auf die Aufeinanderfolge sich zeitlich verändernder Zustände anwenden und diese Abfolge als Modell für "dialektische Entwicklung" betrachten.[1] Diese Ansicht ist aber nicht unproblematisch (siehe Schlemm 2004) - anscheinend wurde übersehen, dass eine "Logik" kaum das zeitliche Nacheinander (z.B. von quantitativen Änderungen und qualitativen sprunghaften Veränderungen) behandeln kann. Hegel fasste die Philosophie jedoch als "zeitloses Begreifen" auf, das sich nicht mit der schlechten Unendlichkeit der Abfolge endlicher Dinge beschäftigt (vgl. Hegel Enz. II § 248 Z: 26). Auch das Negieren einer Qualität ist bei Hegel kein zeitlicher Vorgang (vgl. Hegel Enz.I. § 109 Z: 228) und die Beispiele von Zustandsänderungen (Aggregatzustände von Wasser, Oxydationsstufen von Metallen, Tonunterschiede) meinen keine zeitliche, gar entwicklungsgemäße, Aufeinanderfolge. Anders verfährt Hegel bei anderen Themen. Wenn es um die Weltgeschichte als konkreteste Wirklichkeit des Geistes (Hegel: VLPG: 29) bzw. als "Darstellung des Geistes [...], wie er sich das Wissen dessen, was er an sich ist, erarbeitet", (ebd.: 31) geht, so geht es selbstverständlich auch um zeitliche Entwicklungen; ebenso wie in der Geschichte der Philosophie, in welcher die menschliche Erkenntnis dem Weg der Selbsterkenntnis des absoluten Geistes folgt: "Das Verhältnis aber der früheren zu den späteren philosophischen Systemen ist im allgemeinen dasselbe wie das Verhältnis der früheren zu den späteren Stufen der logischen Idee, und zwar von der Art, daß die späteren die früheren als aufgehoben in sich enthalten." (Hegel Enz.I § 86 Z2: 184)
Durch die immanente Widersprüchlichkeit begründet sich der Fortgang, der bei Hegel als logische Aufeinanderfolge von Kategorien verstanden wird. Die logische Aufeinanderfolge der Kategorien wird von Hegel in den drei Sphären der Logik [2] unterschiedlich behandelt. Im Bereich des Seins geht es um ein "Übergehen in Anderes", im Bereich des "Wesens" gibt es ein "Scheinen in Anderes" und erst die Bewegung des Begriffs in der Begriffslogik ist für Hegel "Entwicklung" (Hegel Enz. I § 161 Z: 308). In der Sphäre des Seins gehen wir davon aus, dass zwei verschiedene Zustände unabhängig voneinander vorhanden sind und die Übergänge zwischen ihnen stattfinden (Hegel WdL I: 97) (z.B. beim Übergang vom Zustand des Lebens in den Zustand des Todes). Wenn wir uns auf den ersten Aspekt konzentrieren, gibt es den zweiten nicht, und wenn der Übergang vollzogen ist, ist der erste verschwunden und der zweite existiert. Im Wesen jedoch findet kein solches Übergehen statt, "sondern nur Beziehung" (Hegel Enz. I: § 111 Z: 229). Hier interessiert der Zusammenhang, die Beziehung zwischen Leben und Tod. "Wenn (in der Sphäre des Seins) das Etwas zu Anderem wird, so ist hiermit das Etwas verschwunden. Nicht so im Wesen; hier haben wir kein wahrhaft Anderes, sondern nur Verschiedenheit, Beziehung des Einen auf sein Anderes. Das Übergehen des Wesens ist also zugleich kein Übergehen; denn beim Übergehen des Verschiedenen in Verschiedenes verschwindet das Verschiedene nicht, sondern die Verschiedenen bleiben in ihrer Beziehung." (ebd.) Wir erkennen, dass zum Leben der Tod gehört und zum Tod das Leben. Beide sind nicht wirklich unabhängig voneinander. In dieser Sphäre finden wir auch die Begründung der Quelle aller Veränderung, den Widerspruch. Er "ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit (Hegel WdL II: 75). Es geht nicht nur um die Beziehung von gegensätzlichen Momenten, insoweit nur die Gegensätzlichkeit im Blick ist. Sondern es geht darum, dass die gegensätzlichen Momente gleichzeitig Momente einer Einheit sind. Der Widerspruch ist nicht das Gegeneinander-bestimmt-sein von Leben und Tod - sondern das Lebendige selbst ist die widersprüchliche Einheit seiner beiden Aspekte: Leben und Tod. Das Lebendige greift in seiner positiven Bestimmung (Leben) zugleich über seine negative Bestimmung (Tod). Damit haben wir den Gesamtzusammenhang bereits begriffen, d.h. begriffslogisch erfasst. Das Übergreifende ist die Einheit von Gegensatz und Identität, es ist der sich bewegende Widerspruch, der Entwicklungszusammenhang. Im Begriff des Lebendigen ist bereits enthalten, dass er sich in seine Momente Leben und Tod zerlegt.
Das bedeutet, dass der Übergang der Kategorien keine unmittelbare Entsprechung als historisch empirische Zustandsveränderung haben kann. So gibt es keine historische Entwicklung vom Sein zum Wesen. Es gibt aber jeweils einen Erkenntnisfortschritt. Ich kann einen Entwicklungszusammenhang seinslogisch, dann wesenslogisch und schließlich begriffslogisch immer tiefer erfassen.
Das Übergehen in der Seinslogik lebt davon, dass alles Endliche etwas Anderes außer sich hat. Ein tieferes (wesenslogisches) Verständnis zeigt uns den stets vorhandenen inneren Zusammenhang. Das Andere steht im Zusammenhang mit dem negierten Endlichen. Die Einseitigkeit und Beschränktheit des Endlichen wird dadurch aufgehoben, dass es eine Einheit mit dem Äußeren erzeugt, womit sein Hinausgehen ein "immanentes Hinausgehen" (Enz. I § 81: 172) wird. Flüssiges Wasser wird beispielsweise beim Hinzukommen von genügend Wärmeenergie zu gasförmigem Wasser. Wasser zu sein, ist die gemeinsame Grundlage seiner verschiedenen Aggregatzustände und unter bestimmten Bedingungen verändert sich seine Beschaffenheit. Wenn die Gesamtheit der wesentlichen Bedingungen gegeben ist, wie das Vorliegen von Wasser und eine Temperaturerhöhung auf über 100°C, so geschieht der Übergang vom flüssigen zum gasförmigen Zustand notwendigerweise. Diese Notwendigkeit erkennen wir dann, wenn wir etwas über Wasser wissen. Dann verstehen wir, dass es in der Natur des Wassers selbst liegt, seine Aggregatzustände unter bestimmten Bedingungen notwendig zu verändern. Wir erkennen, dass die Triebkraft für die Veränderung nicht wirklich etwas Äußeres ist, wie es auf den ersten Blick erschien, sondern dass - unter bestimmten Bedingungen - "seine eigene Natur sich aufhebt und durch sich selbst in sein Gegenteil übergeht" (ebd.: § 81 Z: 173). Der Fokus liegt nicht auf den u.U. kontingenten Bedingungsveränderungen, sondern auf den dem Gegenstand immanenten notwendigen Verhaltensmöglichkeiten. Auf diese Weise entschlüsseln sich Veränderungsprozesse als Selbstveränderungen des zugrunde Liegenden, des "Übergreifenden" (ebd.: § 215: 372) . [3] Die Entwicklung des Begriffs (der "Natur der Sache") bedeutet demnach lediglich das Herausbringen, das Setzen desjenigen, was an sich schon vorhanden ist (seines Begriffs).
Wir müssen demnach drei unterschiedliche Formen von Negationen in der Hegelschen Logik unterscheiden:
seinslogischer "Übergang": Der erste Zustand verschwindet, der neue entsteht Beispiel: Flüssigkeit wird zu Gas. (Verschiedenheit)
wesenslogische Beziehung/ Reflexion: Das Etwas und sein Anderes bleiben. Beispiel: Gasförmigkeit ist der andere Aggregatzustand, der zum Zustand der Flüssigkeit gehört. (Unterschiedlichkeit) [4]
begriffslogische "Entwicklung": alle Daseinsformen und Momente erweisen sich als Momente der Selbstentwicklung des Begriffs. (Hegel Enz. I § 161 Z: 308) Beispiel: Es ist die "Natur" des Wassers, in unterschiedlichen Aggregatzuständen zu existieren.
Tabelle 1: Die Negation in den Sphären der Logik
Solch ein Begriff wie "Wasser" erfasst also alle seine Bestimmungen, er ist deshalb allgemein, aber nicht in abstrakter Weise (von einigen oder allen Bestimmungen abstrahierend), sondern konkret.
Tabelle 2: Entäußerung und Entwicklung des Begriffs
Jede Negation im Hegelschen System ist deshalb bestimmt durch das vorgängig vorausgesetzte Ganze, das sich erst nach und nach dem (Selbst)-Erkenntnisprozess erschließt. Wenn wir davon ausgehen, dass es jeweils nichts außerhalb des Begriffs (d.h. der Totalität der Sache) gibt, so ist die Negation notwendigerweise bestimmt. Aus der Natur des Wassers kann nicht folgen, dass es plötzlich als Goldnugget erscheint. Sollte dies tatsächlich passieren, so waren wir vom falschen Begriff ausgegangen.
Das Ziel der logischen Darstellung ist jeweils der konkrete Begriff, dessen vollständige Entwicklung all seine Momente in ihrer Widersprüchlichkeit enthält. Welches sind nun die typischen logischen Entwicklungsschritte dahin?
1.Der Ausgangspunkt ist der jeweilige Gegenstand ohne die Vielfalt seiner Bestimmungen, in abstrakter Weise. In dem schon früher genannten Beispiel wäre "das Leben", noch ganz abstrakt genommen. Dieser Ausgangspunkt wird vom Verstand bereit gestellt, der die "unmittelbar vereinten abstrakten Bestimmungen auseinanderreißt und vom Gegenstande abtrennt" (Enz. III § 467 Z: 286). Übrigens steht auch im realen Erkenntnisprozess mit der sinnlichen Erkenntnis etwas am Beginn, das ebenfalls noch sehr bestimmungslos, also abstrakt ist (Hegel Phän.: 81, Enz. III § 418: 206, WA: 575 ff.). In der Abbildung 2 nennen wir diesen Ausgangspunkt "Etwas".
2. Nun werden wir bei jedem der möglichen sinnvollen Gegenstände (die nicht selbst abstrakte Objekte sind) feststellen, dass das Erfassen des Abstrakten nicht befriedigt. Im einfachsten Fall finden wir, dass das Abstrakte ein Gegenteil hat, und das dieses Gegenteil in seiner Abstraktheit letztlich mit dem Ausgangsabstrakten identisch ist. Das reine, abstrakte Sein ist so inhaltsleer, dass es genauso inhaltsleer ist wie das Nichts.
Abb. 2: Grundstruktur der Hegelschen Logik
Deshalb sind Sein und Nichts Bestimmungen, die im Gegensatz zueinander stehen, aber gleichzeitig identisch sind. Wie steht es mit dem "Leben"? Das Gegenteil des Lebens ist der Tod. Der Tod steht aber nicht zusammenhangslos neben dem Leben, sondern alles Lebendige stirbt und der Tod setzt vorheriges Leben voraus. Das Etwas ist begrenzt durch das Andere. Also auch hier ein Zusammenhang zwischen Gegensätzlichem. In diesem Schritt wird erkannt, dass Faktoren, die vorerst als Unvermittelte isoliert (d.h. von ihren Zusammenhängen abstrahiert) gedacht wurden, letztlich doch in einem Zusammenhang stehen, miteinander vermittelt sind, auch und gerade wenn sie gegensätzlicher Natur sind. Eine Formel für das Auffinden der "Negierung" kann dabei nicht angegeben werden, diese lässt sich nur aus dem Inhalt des Ausgangspunkts selbst ableiten. Als Zusammenfassung für diesen Schritt gilt: "Die Dialektik [...] ist dies immanente Hinausgehen, worin die Einseitigkeit und Beschränktheit der Verstandesbestimmungen sich als das, was sie ist, nämlich als ihr Negation darstellt." (Enz.I. § 81: 173)
3. Die Vermittlung, d.h. der Zusammenhang zwischen den gegensätzlichen Momenten, stellt selbst wieder eine Einheit dar, diesmal aber nicht mehr eine abstrakte, sondern eine konkrete, die ihre Momente enthält. Diese Einheit finden wir in jener Kategorie, bei welcher der aufgefundene Zusammenhang explizit gemacht wird. Das vorher nur abstrakt genommene "Sein" und sein Gegenteil, das "Nichts/Nichtsein", bilden als Einheit das "Werden". Der Begriff des konkreten Lebendigen enthält seine widersprüchlichen Momente abstraktes Leben und Tod. In der dialektischen Logik soll die Welt als Einheit all ihrer widersprüchlichen Momente begriffen werden. Diese Voraussetzung einer einheitlichen Welt wird von nominalistische Weltanschauungen, wie der analytischen Philosophie und auch dem poststrukturalistischen und postmodernen Denken, nicht geteilt. Gehen wir aber davon aus, dass nichts in der Welt ohne Zusammenhang zu Anderem und außerhalb von Vermittlungen existiert, so wird sich jeder Aspekt und Faktor der Wirklichkeit als vermittelt und zusammenhängend innerhalb umfassenderer Gesamtheiten erweisen und so seinen Platz im logischen System der Wissenschaften finden. Es geht dann darum, zu ergründen, wie das Moment und warum es mit welchen anderen notwendigerweise zusammen hängt. Dies ist notwendig, um freies Handeln zu ermöglichen, denn das Gewünschte soll auch voraussehbar sein und das eigene Tun soll nicht beliebige, unvermittelte, sondern gerade die gewünschten Wirkungen haben. Aus diesem Grund geht es bei Hegel nicht darum, die Zusammenhänge möglichst unbestimmt zu lassen (was nach Freiheit klingt, aber der ungestaltbaren Beliebigkeit Tür und Tor öffnet), sondern den Gegenstand als die konkrete Einheit seiner notwendigen Momente zu begreifen. Die Momente, die einander entgegengesetzt sind, sind einander dann bestimmte Negationen (nicht unbestimmt-abstrakte). Wir können im Punkt 2 sicher viele beliebige Negierungen und sogar auch Entgegensetzungen zu einzelnen Momenten finden - dieses "Möglichkeitsfeld" verneint aber nicht die Zusammenführung der notwendig einander bestimmt negierenden Momente, die die konkrete Einheit selbst bilden.
"Die höhere Dialektik des Begriffes ist, die Bestimmung nicht bloß als Schranke und Gegenteil, sondern aus ihr den positiven Inhalt und Resultat hervorzubringen und aufzufassen, als wodurch sie allein Entwicklung und immanentes Fortschreiten ist. Diese Dialektik ist dann nicht äußeres Tun eines subjektiven Denkens, sondern die eigene Seele des Inhalts, die organisch ihre Zweige und Früchte hervortreibt. Dieser Entwicklung der Idee als eigener Tätigkeit ihrer Vernunft sieht das Denken als subjektives, ohne seinerseits eine Zutat hinzuzufügen, nur zu. Etwas vernünftig betrachten heißt, nicht an den Gegenstand von außen her eine Vernunft hinzubringen und ihn dadurch bearbeiten, sondern der Gegenstand ist für sich selbst vernünftig; hier ist es der Geist in seiner Freiheit, die höchste Spitze der selbstbewußten Vernunft, die sich Wirklichkeit gibt und als existierende Welt erzeugt; die Wissenschaft hat nur das Geschäft, diese eigene Arbeit der Vernunft der Sache zum Bewußtsein zu bringen." (GPR § 31: 84-85)
Was hat nun diese Aufeinanderfolge von logischen Gedankengängen mit einer zeitlichen Entwicklung zu tun? Logisch gesehen entsprechen diese drei Phasen drei verschiedenen Darstellungsweisen des Gegenstands, "zuerst genommen wie er ist, dann wie er sich widerspricht, endlich wie der die concrete Identität der Entgegengesetzten ist." (Erdmann § 15: 8-9). Die erste Form, sich zu zeigen, wie er unmittelbar und ohne ihre gegensätzlichen Bestimmungen genommen "ist", ist also noch nicht seine wahre Identität, sondern diese entwickelt sich bis sie als die konkrete Identität des Entgegengesetzten begriffen wird. Erdmann formuliert dies so: "Die Erkenntniss jenes Widerspruchs wird zeigen, dass der Gegenstand sich so verändern müsse, dass er wirklich zu dem wird, was er eigentlich ist." (ebd.: § 16: 9) Hier wird also davon gesprochen, dass der Gegenstand sich verändern muss. Ist damit die zeitlich aufeinander folgende Zustandsveränderung gemeint? Nicht unbedingt, denn wenn die Erkenntnis weise sich verändert (zuerst wird der Gegenstand nur als mit sich Identisches, ohne Bezug auf Vermittlungen erfasst, erst später als Einheit der Gegensätze), verändert sich damit der Gegenstand auch. Johann Erdmann fügt dem eben genannten Paragraphen explizit noch einen hinzu, in welchem er die Beziehung zu zeitlichen Veränderungen erläutert: "Erkennt man gleich Etwas als nothwendig nur indem man es in seiner Entwicklung fasst, so folgt doch nicht daraus das Umgekehrte. Auch die zeitliche Genesis ist eine Entwicklung, auch sie geht aus einem Widerspruch hervor wie der eben bezeichnete, da aber der Widerspruch, welcher die zeitliche Genesis eines Gegenstands vermittelt, ein zufälliger wenigstens seyn kann, so ist mit der Genesis eines Gegenstands seine eigentliche Nothwendigkeit nicht erkannt." (ebd.: § 17: 9) Hier wird explizit unterschieden zwischen der zeitlichen, der genetischen Entstehung und Entwicklung eines Gegenstands und dem, worum es der Hegelschen Philosophie geht. Ohne dass zeitliche Veränderungen geleugnet würden, sind sie nicht der Gegenstand der dialektischen Philosophie. Es geht nicht um Genese, sondern um Geltung: "Die Entstehung der Staaten hat mir ihrem Begriff nichts zu schaffen." (ebd.: 10). [5]
Das macht deutlich, dass wir mit einer nach allen Seiten hin offenen Dialektik, mit nur unbestimmten Negationen, nicht sehr weit kommen würden. Nur wenn in Missachtung der Hegelschen Aussagen von vornherein die Negationen auf zeitliche Veränderungen bezogen werden, erscheint die Hegelsche Philosophie als für eine Zukunftsbetrachtung "geschlossen". Hegels Logik hat einen anderen Hintergrund: Es geht darum, im Interesse des zweckbestimmt eingreifenden Handelns notwendige innere Zusammenhänge zu begreifen, statt handlungsunfähig und lediglich kontemplativ in der Fülle der verschiedenen, kontingenten Tatsachen zu verbleiben. "Der Zweck der Philosophie ist [...], die Gleichgültigkeit zu verbannen und die Notwendigkeit der Dinge zu erkennen, so daß das Andere als seinem Anderen gegenüberstehend erscheint" (Hegel Enz.I § 119 Z1: 246). Dies braucht auch Marx als Voraussetzung dafür, "aus der Kritik der alten Welt die neue [zu] finden" (Marx MEW 1: 344).
Erst eine radikale Verzeitlichung der Dialektik auch in die Zukunft hinein, wie es Bloch mit der Logik des "Noch-Nicht-Seins" durchführt (Bloch EM: 41), benötigt und ermöglicht auch unbestimmte Negationen. Das ist aber eine andere Form von Negationen, denn hier geht es um die Negation von sich im Laufe der Zeit ändernden Zustandsqualitäten. Wenn wir sagen, dass auch hier Widersprüche der Grund für die Bewegung/Entwicklung sind, so müssen diese hier anders bestimmt sein als durch die Kategorien des logischen Systems bei Hegel. Ein Ansatz dazu sind die in allen realen Prozessen entstehenden irreversiblen Bedingungsveränderungen (Schlemm 1996: 61, 203).
Bei Hegel geht es nicht unmittelbar um Zustandsveränderungen, sondern um logische Bestimmungen. Es geht nicht darum, dass der Tod dem Leben zeitlich folgt, sondern darum, dass das Lebendige selbst eine widersprüchliche, übergreifende Einheit über seine beiden Momente darstellt.
In der verzeitlichenden Sicht von Bloch sind übrigens die (Zustands)-Negationen auch nicht in die Beliebigkeit hinein unbestimmt. Auch Bloch steht auf dem Standpunkt des "stets gemeinten" (Bloch PH: 235) Ultimums. Das bedeutet, "mit tätiger Antizipation im Subjekt gerichtet auf Glück, in einer Gesellschaft ohne Herr und Knecht gerichtet auf dadurch mögliche Solidarität aller, id est auf Freiheit und menschliche Würde, in Natur als einem nicht mit uns Fremdem behafteten Objekt gerichtet auf Heimat" (Bloch EM: 248) zu sein. Dieses Ultimatum wird somit zum Bestimmungsgrund der Negationen. Die von Bloch geforderte Offenheit des Systems bezieht sich ja explizit nicht auf eine schlechte, nämlich nur formale Offenheit (Bloch PH: 258f.), sondern auf die zu jedem Zeitpunkt gegebene endliche "Bedingungsreife" (ebd.: 269) und darauf, dass das Erreichen des Ultimums auch misslingen kann.
Spannend und unabdingbar wird die Form der dialektischen Negierung vor allem beim Durchdringen des "notwendigen Scheins" der gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus. Wie in allen Gesellschaftsformationen basiert das menschliche Leben auf gesellschaftlicher Produktion, wobei sich jedoch ein spezifischer Widerspruch zwischen lebendiger und entäußerter gesellschaftlicher Tätigkeit eingestellt hat.
Abb. 3: Dialektik der gesellschaftlichen Arbeit im Kapitalismus
Das Produkt der Entäußerung verselbständigt sich als Kapital gegenüber dem lebendigen Produktionsprozess. [6] Der Prozess der Produktion erfolgt nun entsprechend den Prinzipien der erweiterten Kapitalreproduktion (Kapitalakkumulation, Profit-"streben"). Dieses "Abheben" von den Bedürfnissen der arbeitenden Menschen ermöglicht eine ungeheure Dynamik der Produktivkraftentwicklung, die jedoch seit vielen Jahrzehnten gleichermaßen eine ungeheure und existenzgefährdende Destruktivkraft entfaltet.
Zeitliche Veränderungen spielen in Hegels Philosophie beim Thema der Weltgeschichte eine Rolle. Obwohl Hegel durchaus die damals neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Geschichtlichkeit in natürlichen Prozessen kannte, fallen diese weitgehend, aber nicht vollständig aus der Betrachtung heraus. Grundsätzlich gilt: "in der Natur geschieht nichts Neues unter der Sonne, und insofern führt das vielförmige Spiel ihrer Gestaltungen eine Langeweile mit sich." (Hegel VPG: 74) Vorstellen kann man sich dabei das Spiel der sich verändernden Wolkenformen, bei denen tatsächlich wohl niemand an Entwicklung denken würde. Eine höhere Form der Natur sieht Hegel jedoch im Organischen. Organische Naturdinge, wie das organische Individuum, haben eine zeitliche Entwicklung. Für sie gilt, dass ihre veränderliche Existenz sich als eine darstellt, die "von einem inneren unveränderlichen Prinzip ausgeht, aus einer einfachen Wesenheit, deren Existenz als Keim zunächst einfach ist, dann aber Unterschiede zum Dasein bringt, welche sich mit anderen Dingen einlassen und damit einen fortdauernden Prozeß von Veränderungen leben, welcher aber ebenso in sein Gegenteil verkehrt und vielmehr in die Erhaltung des organischen Prinzips und seiner Gestaltung umgewandelt wird" (ebd.: 75). Dabei macht sich das organische Individuum zu dem, was es an sich ist.
Auch der Geist [7] ist nach Hegel solch ein organisches Individuum, das sich zu dem macht, was es an sich ist. Hier gibt es eine zeitliche Entwicklung, die nicht die Momente des Geistes, aber seine Gestalten betreffen: "Der ganze Geist nur ist in der Zeit, und die Gestalten, welche Gestalten des ganzen Geistes als solchen sind, stellen sich in einer Aufeinanderfolge dar; denn nur das Ganze hat eigentliche Wirklichkeit und daher die Form der reinen Freiheit gegen Anderes, die sich als Zeit ausdrückt. Aber die Momente desselben, Bewußtsein, Selbstbewußtsein, Vernunft und Geist, haben, weil sie Momente sind, kein voneinander verschiedenes Dasein." (Hegel Phän.: 498)
Bei der Entwicklung des natürlichen organischen Individuums drängt sich nichts zwischen den Begriff und dessen Realisierung hinein, die Entwicklung geschieht auf eine unmittelbare, gegensatzlose und ungehinderte Weise (Hegel VPG: 75). Die Entwicklung des Geistes jedoch ist vermittelt durch Bewusstsein und Willen. Und im Bewusstsein und im Willen spielen sich Widersprüche ab, welche die Entwicklung im Geistigen zu einem "harten und unendlichen Kampf gegen sich selbst" (ebd.: 76) machen, wobei "harte unwillige Arbeit gegen sich selbst" erforderlich ist. Das leitende Prinzip der Entwicklung ist dabei der Geist selbst, der nach seinem Wesen der Begriff der Freiheit [8] ist (ebd.). Und obwohl auch Hegel Geschichtsperioden kennt, in denen aller Gewinn vernichtet wurde und wieder von vorne angefangen werden musste (ebd.), so sind dies für ihn nur "äußerliche Zufälligkeiten". Grundsätzlich stellt für Hegel die "Weltgeschichte [...] den Stufengang der Entwicklung des Prinzips, dessen Gehalt das Bewußtsein der Freiheit ist" (ebd.), dar. Der Fortgang wird hier auch in der Existenz (nicht nur im Begriff) dadurch vorangetrieben, dass das Unvollkommene "das sogenannte Vollkommene, als Keim, als Trieb in sich hat" (ebd.: 78). Hegel ergänzt hier: "Ebenso weist wenigstens reflektierterweise die Möglichkeit auf ein solches hin, das wirklich werden soll..." (ebd.).
Wegen der Vermittlung im Kampf kommt "auf geistigem Boden"... "Neues hervor" (ebd.: 74). Hier sieht Hegel eine "wirkliche Veränderungsfähigkeit, und zwar zum Besseren - ein Trieb zur Perfektibilität" (ebd.). Dabei ist kein bestimmtes Ziel vorgegeben; die Perfektibilität ist ohne Zweck und Maßstab [...], das Bessere, das Vollkommenere, worauf sie gehen soll, ist ein ganz Unbestimmtes." (ebd.: 75) [9]
Auch in den Gedanken der welthistorisch unterschiedlichen Völker spiegelt sich nach Hegel die Art und Weise der Entwicklung unterschiedlich wieder. In vielen dieser Gedankenwelten wird verstanden, dass "Veränderung, welche Untergang ist, zugleich Hervorgehen eines neuen Lebens ist" (ebd.: 98). Es gibt dafür die Vorstellung der Seelenwanderung und des Phönix, aus dessen verzehrender Asche "ewig das neue, verjüngte, frische Leben hervorgeht" (ebd.). Diesen morgenländischen Vorstellungen, bei dem der "Geist, die Hülle seiner Existenz verzehrend", lediglich unverändert in eine andere Hülle wandert, stellt Hegel das abendländische Konzept gegenüber. In diesem verzehrt sich das jeweilige Daseiende auch selbst, aber seine Bildung "wird zum Material, an dem seine Arbeit ihn zu neuer Bildung erhebt." (ebd.) Es ist dabei der Geist selbst, der seine Kräfte nach allen Seiten und in aller Fülle entwickelt und ausbreitet. Seine konkrete Ausgestaltung hängt dabei von den historischen Voraussetzungen, den selbst entwickelten geistigen und auch denen, die die "vorhandene Welt" (ebd.: 99) bietet, ab. Hegel sieht im Geist "das Substantielle in diesem Wechsel" (ebd.: 103) und im Gedanken "die Gattung, die nicht stirbt". Das Sinnliche, das unmittelbar Existierende entsteht und vergeht - eine übergreifende Geschichtsbetrachtung ist nur möglich, wenn eine Art Träger für das geschichtlich Übergreifende gefunden wird. Für Hegel, der natürlich noch keine Vorstellung von materiellen Verhältnissen oder Produktivkräften hatte, ist dies der "Geist", wobei "Geist [...] nicht jener Widerspruch [ist], welcher das Ding ist, das sich auflöst und in Erscheinung übergeht; sondern er ist schon an ihm selbst der in seine absolute Einheit, nämlich den Begriff zurückgegangene Widerspruch, worin die Unterschiede nicht mehr als selbständige, sondern nur als besondere Momente im Subjekte, der einfachen Individualität, zu denken sind." (Hegel WdL II: 147) Dieser Geistbegriff hat nichts Mystisches an sich, sondern er steht "für die komplizierte Dialektik des Verhältnisses von Einzelnem und Allgemeinem im gesellschaftlichen Sein, die sich aus dem Zusammenhang individuellen Handelns und jener überindividuellen, objektiv-gegenständlichen Strukturen, die die Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Handelns bestimmen, ergibt." (Wagenknecht 1997: 40)
Es gibt bei Hegel auch eine zeitliche Aufeinanderfolge von konkreten Kulturkreisen. Er erfasst diese Kulturkreise in der Kategorie "Volk", die für ihn nicht nationalistisch bestimmt ist. Die Aufeinanderfolge wird vorangetrieben jeweils zwischen dem, was ist, und dem, was seinem inneren Zweck und Wesen entspricht. Wenn dieser Widerspruch aufgehoben sein sollte, kann auch ein Ende der historischen Entwicklung vorkommen, denn eine in seinen Bedürfnissen vollkommen befriedigte Existenz ist interesselos, unlebendig - "eine politische Nullidät und Langeweile" (Hegel VPG: 100). Wenn jedoch die Menschen in ihrer Gesellschaft dazu kommen, etwas Neues zu wollen, so ist damit bereits ein "weiter bestimmtes Prinzip, eine neuer Geist vorhanden" (ebd., vgl. auch 104). Dabei erleben wir im Laufe der Zeit eine große Fülle und Vielfalt von existierenden Kulturkreisen. Das Prinzip der Entwicklung, welches Hegel im wachsenden Bewusstsein der Freiheit sieht, ist dabei eine Invariante; es bestimmt als Tendenz der Entwicklung auch die historische Aufeinanderfolge von Gesellschaftsformationen. Diese Tendenz zeigt sich in der Notwendigkeit der Stufenfolge des Aufeinanderfolgens; diese Stufen erweisen sich letztlich als "Momente des einen allgemeinen Geistes, der durch sie in der Geschichte sich zu einer sich erfassenden Totalität erhebt und abschließt" (ebd.: 104-105).
In vielen Entwicklungstheorien wird versucht, den Zusammenhang von Notwendigkeit und Zufall, von offenen Entwicklungsvarianten und gerichteter Tendenz, zu erfassen. In der Hegelschen Philosophie bleibt dieses Verhältnis nicht in einem unentschiedenen "Einerseits-Andererseits", sondern es bestimmt sich durch die Unterscheidung von Dasein/Existenz (Seinslogik), Wesen (Wesenslogik) und Begriff (Begriffslogik). Wenn es im Begriff des Geistes liegt, sich seiner selbst bewusst zu sein, so läuft die Entwicklung des Geistes tendenziell darauf hinaus, im Bewusstsein der Freiheit Fortschritt zu erreichen. In welchen Existenzformen sich dieser Fortschritt zeigt, ist dabei durchaus von kontingenten Umständen abhängig.
Im Fortgang der Entwicklung des Hegelschen Systems entfalten sich immer wieder vorher nicht gekannte logische Kategorien. Relativ zum jeweils bisher erreichten Stand der Entwicklung sind sie neu. Wodurch wird diese Entwicklung vorangetrieben? Bekannt ist der Spruch vom "Widerspruch als Quelle der Bewegung", der in sich nicht ganz konsistent ist, denn der (daseiende) Widerspruch selbst ist Bewegung. Über Negationen haben wir bereits gesprochen (Tabelle 1). Für die Seinslogik lässt sich die Negation leicht motivieren: Alles Endliche hat etwas anderes außer sich und sobald dieses mit berücksichtigt wird, sind wir vorangetrieben in die Übernahme dieses Anderen. In der Wesenslogik geht es um Zusammenhänge wie jene zwischen Wesen und Erscheinung, Wirklichkeit und Möglichkeit, die sich jeweils ineinander reflektieren. In der Begriffslogik schließlich hat der untersuchte Gegenstand bzw. die Kategorie nichts mehr außer sich, sondern alle Bewegung ist ihre innere Selbstbewegung, der Widerstreit ihrer gegensätzlichen Momente.
Seinslogik Das Existierende ist bestimmt gegen Anderes ("Eine Flüssigkeit ist kein Gas"). Seine Grenze gegenüber dem Anderen verweist auf das mögliche Überschreiten. Das Andere, das das Etwas nicht ist, zeigt sich im Etwas als "Mangel".
Wesenslogik Die Erscheinungen gehören jeweils zueinander durch ihre Fundierung im gemeinsamen Wesen. Das Wesen muss in Erscheinung treten, die Erscheinungen sind kein wesenloser Schein, sondern sie sind wesentlich. Durch die Vermittlung wird jedes Moment auf die dazugehörigen verwiesen und somit über sich hinaus getrieben.
Begriffslogik Die Selbstentwicklung ist das Ganze, das alle Momente setzt und ihre Bewegung darstellt.
Tabelle 3: Die Quelle des Neuen in den Sphären der Logik
Der Inhalt jeder Kategorie ist zuerst nur "an sich" vorhanden und entwickelt sich nach und nach aus sich heraus, bis er sich als sich selbst bewegend zeigt. Alles zu Beginn anscheinend Äußerliche beweist sich als Moment des Ganzen. Das, was in der Seinslogik scheinbar beiläufig als das dem Endlichen angrenzende Andere genommen wird, erweist sich in Wahrheit als Moment des Ganzen.
Wenn es in der Seinslogik noch so aussehen könnte, als könne man einem Etwas beliebige äußere Andere gegenüber stellen, so zeigen diese sich begriffslogisch als notwendig bestimmt durch den Gesamtzusammenhang. Und das, was als Neues entsteht, ist nicht beliebig oder wirklich neu, sondern es kommt aus dem Gesamtzusammenhang.
Hegels System ist nicht eine Darstellung der natürlichen Evolution, sondern die Entwicklung des Absoluten Geistes, wie er sich aus seiner Entäußerung heraus wieder als Ganzes erkennt und erreicht. Der absolute Geist arbeitet sich in einer Art "Anamnesis" (vgl. Bloch 1964) aus seiner abstrakten Entäußerung wieder an sich selbst heran. Dabei interessiert nur die Tendenz des Sich-wieder-Erreichens. Dass in der realen Welt auch anderes geschieht, ist zugegeben, aber es interessiert die philosophische Sichtweise gerade nicht: "Das Prinzip der Entwicklung enthält das Weitere, daß eine innere Bestimmung, eine an sich vorhandene Voraussetzung zugrunde liege, die sich zur Existenz bringe. Diese formelle Bestimmung ist wesentlich der Geist, welcher die Weltgeschichte zu seinem Schauplatze, Eigentum und Felde seiner Verwirklichung hat. Er ist nicht ein solcher, der sich in dem äußerlichen Spiel von Zufälligkeiten herumtriebe, sondern er ist vielmehr das absolut Bestimmende und schlechthin fest gegen die Zufälligkeiten, die er zu seinem Gebrauch verwendet und beherrscht." (Hegel VLPG: 75).
Abb. 4: Die Entäußerung und Rückkehr des Absoluten Geistes nach Hegel (Schlemm 2005: 245) Abb. 5: Ewige Treppe (Spencer, Krauze 1996: 57)
Deshalb gilt, "...daß der Begriff in seinem Prozeß bei sich selbst bleibt und daß durch denselben dem Inhalt nach nichts Neues gesetzt, sondern nur eine Formveränderung hervorgebracht wird." (Hegel Enz.I § 161 Z: 309). Die jeweils neu erzeugte Einheit ist schon "in einem Begriffe enthalten" (ebd. § 88: 188). Dadurch ist das Treibende des Fortgangs der Mangel, den das Endliche gegenüber seinem Begriff noch hat (vgl. Hegel WdL I: 51). Das entstehende Neue ist zwar nicht als Daseindes bereits vorhanden gewesen, aber als bestimmtes "an sich" (im Begriff) - ohne Unbestimmtheit oder Alternativen. Hegel betont, dass das Neue nicht "als Dasein, nur unbemerkbar, vorhanden" war, sondern "an sich" (Hegel WdL I: 441). Es wird es gewonnen aus der Differenz zum jeweils umfassenderen Totalen, dem Allgemein-Übergreifenden. Die Kategorien bis hin zum Absoluten Geist enthalten insofern den Vor-Schein von Inhalten, die noch nicht erfüllt sind (auch "Freiheit", "Staat" bei Hegel).
Ernst Bloch charakterisiert die Situation deshalb treffend: "Alle ist hier voll des Neuen, doch an jedem Ende, vor allem am Zyklusende überhaupt soll das Neueste in Hegels riesiger Durchbruchsphilosophie, trotz ihrer, immer wieder das Älteste gewesen sein, von vorgewaltet, vorgeordnet fertigem Anfang." (Bloch 1964: 173) Enttäuscht heißt es: Das Werden ist "nichts als die pädagogische Entwicklung eines fertigen Lehrsatzes an der Tafel vor dem lernenden Subjekt" (ebd.: 174)
Diese Enttäuschung ist berechtigt, wenn Hegels Systementwicklung als zeitliche Entwicklung genommen wird. Der Hegelsche Fortgang der Entwicklung über Negationen und Widersprüche scheint ein ganz passendes Muster für Entwicklungsvorgänge in Natur und Gesellschaft zu sein.
Die von Karl Marx angestrebte "materialistische Umstülpung" der Hegelschen Dialektik wurde auch oft als einfache Übertragung der (ideellen) Logik auf die (materiell) Historie interpretiert. So wie die Kategorien "Sein", "Dasein", "Existenz", "Wirklichkeit" aufeinander folgende, jeweils höhere und konkretere weil mehr Bestimmungen enthaltende Kategorien sind, folgen auch "Fische", "Amphibien", "Reptilien" und "Säugetiere" in einer Art treppenförmigen Evolution aufeinander.
Abb. 6: Kategorienentwicklung nach Hegel und in der Evolutionsbiologie (Beispiele)
Aber dies ist kurzschlüssig. Aus einem solchen Zerrbild der Hegelschen Dialektik ergeben sich Vorwürfe, die das Hegelschen Denken gar nicht treffen können, weil sie nur seine Verzerrung betreffen. Deshalb ist die Fragestellung nach dem "Neuen" in Hegels System gar nicht dafür ausschlaggebend, ob Hegels System "offen" gegenüber verschiedenen historischen Evolutionsvarianten ist, oder nicht.
Für Hegel macht es absolut keinen Sinn, mehrere Negationen zu finden, von denen aus verschiedene Möglichkeiten der Systemfortsetzung existieren würden. Deshalb hält er nichts von der Vielfalt der Möglichkeiten: "Weiter geschieht es dann in praktischer Beziehung auch nicht selten, daß der üble Wille und die Trägheit sich hinter der Kategorie der Möglichkeiten verstecken..." (Hegel Enz.I § 143 Z: 283). Wenn wir im logischen Verständnis des Systems bleiben, ist diese Ablehnung verständlich.
Wollen wir die Hegelsche Methode der Dialektik jedoch auf die zeitliche Entwicklung beziehen, so müssen wir berücksichtigen, inwieweit dies wie bei Hegels Betrachtung der Weltgeschichte und der Geschichte der Philosophie möglich ist.
Ein zusätzliches Problem entsteht, wenn wir berücksichtigen, dass die Abbildung 6 bereits für die Biologie einseitig ist - in Wirklichkeit müsste anstatt der treppenartigen Abbildung ein "Entwicklungsbaum" dargestellt werden (wie in Abbildung 7).
Da nun die Hegelsche Weise des Fortgangs die Seitenzweige nicht berücksichtigt, wird sie als mangelhaft angesehen. [10]
Abb. 7: Entwicklungsbaum (nach Gould 1990: 121)
Wir können aber trotzdem davon ausgehen, dass wir die Hegelsche Dialektik auf historische Entwicklungsvorgänge beziehen können. Dies ist jedoch keine einfache "Anwendung der Dialektik", sondern jede Überlegung muss ihren Bezug darauf jeweils konkret inhaltlich begründen.
Hegel war sich der Spezifik seines Konzepts in Bezug auf die zeitliche Entwicklung durchaus bewusst. Wenn die Kategorien Stationen auf dem Weg der (Selbst-)Erkenntnis von etwas bereits Vorhandenen darstellen (des Begriffs, des Absoluten Geistes bzw. eines Gegenstands als Totalität), so muss eine Parallelisierung der Hegelschen Kategorienentwicklung mit natürlichen Evolutionsvorgängen berücksichtigen, dass sie von einem privilegierten Standpunkt aus erfolgt: Von der Spitze eines Astes des Evolutionszweiges. Von daher lässt sich die vergangene Entwicklung "dialektisch lesen". Auch wenn an jedem früheren Zeitpunkt am jeweils gegenwärtigen Punkt die (relative) Zukunft bezüglich weiterer Verzweigungen noch offen war, so zeigt es sich auf der Spitze eines der Zweige, dass zum Erreichen dieser Spitze genau ein einziger Weg abzuschreiten war, der sich in der Abbildung 7 als grün durchgezogene Linie vom Beginn bis zur Spitze zeigt.
Aus der Existenz des Gegenwärtigen, von dem her wir so das Vergangene analysieren, können wir im übertragenen Sinne auch historische Phänomene interpretieren im Licht einer schon mitgebrachten "Erkenntnis der Idee" (Hegel VLGP: 36), bzw. des Begriffs.
Bekannt wurde Hegels Metapher von der Eule der Minerva, die "erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt" (Hegel GPR: 28): "Als der Gedanke der Welt erscheint sie [die Philosophie] erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat." (ebd.)Deshalb können aus der Gegenwart heraus vergangene Prozesse untersucht werden, um die Aufeinanderfolge der Stufen zu bestimmen, die zum Erreichten geführt haben.Die jeweiligen historischen Voraussetzungen für schließlich Entstandenes können rekapituliert werden und es wird möglich, jene Bedingungen und Voraussetzungen herauszufinden, die die Existenz des Gegebenen notwendig mit sich führen, deren Beseitigung auch zum Beenden des jetzigen Zustands führen kann. (diese Methode verwendet Klaus Holzkamp für die "Grundlegung der Psychologie" (Holzkamp 1985)
Abb. 8: Eule der Minerva (Spencer, Krauze 1996)
Es macht also keinen Sinn, die Hegelsche Logik in zukünftige Entwicklungsprozesse hinein zu interpretieren. Wenn Hegel vorgeworfen wird, sein System sei totalitär, weil das "Ziel vorgegeben" sei, so ist das ein Missverständnis, denn Hegel geht es gar nicht um zukünftige Entwicklungen oder gar darum, ob das, was künftig entsteht, bereits determiniert ist oder ob das noch offen ist. Wenn wir die Hegelsche Dialektik verzeitlichen, so ist uns nur eine Rückschau möglich: Wir können heute analysieren, welche notwendigen Bedingungen den gegenwärtigen Zuständen zugrunde liegen. Wir können das Gegenwärtige auf seine innere Widersprüchlichkeit hin untersuchen. Wenn wir den gegebenen Zustand verändern wollen, so können wir dadurch wissen, was wir verändern müssen (die Bedingungen, die das Gegenwärtige tragen) und wo jene Ansatzpunkte innerhalb der Widersprüchlichkeit sind, an denen ein Überschreiten des Gegebenen möglich wird. Es geht also weder darum, lediglich etwas Vollzogenes begreifen zu wollen, noch die Welt zu "belehren, wie sie sein soll" (vgl. Hegel GPR: 27), sondern es geht darum "aus der Kritik der alten Welt die neue [zu] finden" (Marx MEW 1: 344).
Wenn wir aus dem dialektischen Denken Hinweise für praktische Handlungsorientierungen finden wollen, so können wir uns "virtuell" auf den Standpunkt der schon erreichten Zukunft stellen. Dies machen wir in Bezug auf unsere Handlungsziele wenigstens implizit immer, denn menschliches Tun ist immer zukunftsbezogen. Es begleiten uns diffusere oder klarere Tagträume, das "Dunkel des gelebten Augenblicks" (Bloch TE: 12, AOP: 149; EM: 15, 69) enthält immer bereits das Streben nach Anderem und als Menschen steht uns die Möglichkeit des bewussten Vordenkens zur Verfügung. Wir haben neben negativen auch die positiven Vorstellungen einer lebenswerten Zukunft bereits im Kopf, bzw. können sie entwickeln. Deshalb können wir nun die Eule der Minerva virtuell auf den Pfad einer solchen Zukunft schicken.
Abbildung 9: Der "virtuelle" Eulenstandpunkt
Von daher können wir nun fragen: Welche Bedingungen führen zur Existenz der zu verändernden, abzuschaffenden gesellschaftlichen Verhältnisse, das heißt: Welche Bedingungen müssen wir verändern und abschaffen, um neue gesellschaftliche Verhältnisse entwickeln zu können? Wir stellen uns dabei nicht auf einen äußerlichen Standpunkt des "Sollens", der freischwebenden illusionären Wünsche. Sondern wir analysieren die gegebenen Verhältnisse darauf hin, welche Negierungen in ihr angelegt sind, die das System überwinden können, wenn wir ihnen zum Durchbruch verhelfen. Negativ zeigen sich negierende Widersprüche in kontraproduktiven Erscheinungen innerhalb der alten Systemlogik - positiv in der Bereitstellung von Voraussetzungen für neuartige gesellschaftliche Verhältnisse. In diesem Sinne befindet sich der "virtuelle" Eulenstandpunkt mitten in der "konkreten Utopie" nach Bloch (Bloch PH: 727).
Um auf diesem Wege "aus der Kritik der alten Welt die neue [zu] finden" (Marx MEW 1: 344), können wir uns auf die in Tabelle 1 angegebenen drei Negationstypen beziehen:
seinslogischer "Übergang": Der erste Zustand verschwindet, der neue entsteht. Aus der Identität der existierenden Gesellschaftsform ergibt sich seine Grenze zu Anderem, wobei das Andere als Mangel deutlich wird. "Es muss anders werden!"
wesenslogische Beziehung/ Reflexion: Das Etwas und sein Anderes bleiben. Hier geht es um die Beziehung des Anderen zum Gegebenen. Das gesuchte Neue ist eine bestimmte Negation des Gegebenen. Es setzt an historisch entwickelten Bestimmungen, Bedingungen und Möglichkeiten an.
begriffslogische "Entwicklung" : alle Daseinsformen und Momente erweisen sich als Momente der Selbstentwicklung des Begriffs. Auch für das Neue steht die konkrete Daseinsform nicht von vornherein fest, aber sie ist Bestandteil des Voranschreitens der menschlichen Zivilisationsgeschichte. Als solche findet sie das Kriterium ihrer Fortschrittlichkeit im Begriff der freien und vernünftigen Menschheit.
Tabelle 4: Die Suche nach gesellschaftlich Neuem aus der Sicht der unterschiedlichen Sphären der Logik
[1] Dialektik als "Lehre von der Entwicklung der Natur, der Gesellschaft und des Denkens" (Autorenkoll., Einführung..., S. 49)
[2] Näheres dazu siehe Schlemm 2002 und Schlemm 2005: 133ff.. Vgl. auch die Kennzeichnung der Hegelschen Logik als "Begreifen des Notwendigen "indem der Gegenstand zuerst genommen wird wie er ist, dann wie er sich widerspricht, endlich wie er die concrete Identität der Entgegengesetzten ist." (Erdmann § 15: 8-9)
[3] Obwohl die Logik nicht direkt zeitliche Veränderungen beschreibt, verwendet Hegel entsprechende Beispiele: "In der Natur ist es das organische Leben, welches der Stufe des Begriffs entspricht. So entwickelt sich z. B. die Pflanze aus ihrem Keim. Dieser enthält bereits die ganze Pflanze in sich aber in ideeller Weise, und man hat somit deren Entwicklung nicht so aufzufassen, als ob die verschiedenen Teile der Pflanze Wurzel, Stengel, Blätter usw., im Keim bereits realiter, jedoch nur ganz klein vorhanden wären" (ebd. § 161: 309).
[4] Im Unterschied ist die Beziehung aufeinander enthalten (Enz. I § 116: 239), in der Verschiedenheit fallen die Unterschiede dagegen gleichgültig auseinander (ebd.: § 117) (vgl. auch Holz 1997 III: 386 f.).
[5] Wenn dies nicht berücksichtigt wird, entstehen Missverständnisse z.B. auch in der Interpretation der Hegelschen Staatstheorie.
[6] Frage: Wie ist das in anderen Gesellschaftsformationen? Sollten hier verschiedene Formen von Dialektiken unterschieden werden? ("schwache", die die immer vorhandene Umwandlung von Äußerung in Vergegenständlichung erfassen und die "starke", welche die entfremdende, verkehrende Form im Kapitalismus erfasst)?
[7] Der Geist ist bei Hegel bestimmt als das sich seiner selbst Bewusste. (Das Leben muss sich nicht wissen, um zu leben, der Geist hingegen muss sich wissen, um Geist zu sein. (Enz. III § 381: 18)) Er teilt sich auf in sein individuelles Moment (subjektiver Geist), sein gesellschaftliches Moment (objektiver Geist) und den Geist als unmittelbar Seiendes (Kunst, Religion, Philosophie = absoluter Geist ) (ebd. § 385: 32 ff.).
[8] Freiheit ist bei Hegel bestimmt durch das "Nichtabhängigsein von einem Anderen", von "Sichaufsichselbstbeziehen" (Enz. III § 383 Zusatz: 26). Insofern ist nur der höchste Begriff, das konkret Allgemeine, die vollständige Totalität wirklich frei.
[9] Zwar liegt aller geschichtlichen Veränderung das Prinzip der sich vervollkommnenden Bewusstheit der Freiheit zugrunde, aber wie sich dieses Prinzip in der Existenz verwirklicht, ist unbestimmt.
[10] Diese Differenz stellte beispielsweise auch A.S. Bogomolow 1981 fest.
- Diese Seite ist Bestandteil von "Annettes Philosophenstübchen" 2008 - http://www.thur.de/philo/hegel/hegelvortrag2.htm -

References: § 248
 § 109
 § 86
 § 161
 § 111
 § 81
 § 81
 § 215
 § 161
 § 467
 § 418
 § 81
 § 31
 § 15
 § 16
 § 17
 § 119
 § 161
 § 88
 § 143
 § 15
 § 161
 § 116
 § 117
 § 381
 § 385
 § 383