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Timestamp: 2018-06-22 22:49:45+00:00

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Wald- und Feldkulte – Kunstmuseum Hamburg
Kategorie: Wald- und Feldkulte
Published 19. Februar 2016 by Kunstdirektor
§ 1. Uebersicht
§ 2. Holz- und Moosfräulein
§ 3. Wildleute in Böhmen
§ 4. Wildleute in Hessen, Rheinland, Baden.
§ 5. Wildleute in Tirol: Fanggen.
§ 6. Wildleute in Graubünden: Waldfänken.
§ 7. Wildleute in Tirol: Selige Fräulein
§ 8. Wildleute: die rauhe Else der Wolfdietrichssage
§ 9. Wilde Leute: Norggen
§ 10. Wilde Leute: Bilmon, Salvadegh, Salvanel in Wälsch-Tirol
§ 12. Wildleute: Delle Vivane, Enguane
§ 13. Wilde Leute der keltischen Sage
§ 14. Dames vertes
§ 15. Wildfrauen in Steiermark
§ 16. St. Walpurgis
§ 17. Weiße Weiber, Ellepiger, Meerfrauen
§ 18. Die schwedischen Waldgeister
§19. Die russischen Waldgeister
§20. Peruanische und brasilianische Waldgeister
§21. Rückblicke und Ergebnisse
§ 1. Uebersicht.
Der Erörterung der Baumseele lassen wir die Besprechung der Waldgeister folgen. War der einzelne Baum beseelt, so mußte man sich den Wald von einer Vielheit dämonischer Wesen erfüllt denken. Dieselben erscheinen jedoch nicht mehr als die immanenten Psychen der Baumleiber, sondern als selbständige freiwaltende Persönlichkeiten, deren Leben an dasjenige der Bäume gebunden ist, und deren Verrichtungen zum Teile aus der Vorstellung des anthropomorphisierten Baumes geflossen sind, die aber gemeinhin außerhalb der Bäume wohnen und handeln. Man könnte es gewissermaßen als ein abgekürztes Verfahren von Seiten der Phantasie bezeichnen, wird es aber natürlich finden, wenn schon einige wenige dieser Baumgeister ausreicheu, um collectivisch den ganzen Wald zu vertreten, und wenn in die Vorstellung und den Glauben, die man von ihnen hegt, Züge übergehen, welche in plastischer Anschaulichkeit den Eindruck verkörpern, den nicht sowol der einzelne Baum als die Gesammtheit der Bäume mit ihren Lebensäußerungeu auf die menschliche Seele ausübt. So gelten nicht allein die mannigfachen Stimmen und Töne, die im Walde laut werden, sondern auch die Bewegungen der Aeste für Anzeichen von dem Dasein der Waldgeister, für Formen ihrer Lebenstätigkeit. Was wir oben S. 42 wahrnahmen, bestätigt sich hier; im Rauschen der Blätter, im Sausen und Brausen der erregten Luft macht sich die Baumseele, die Seele des Waldes selbst bemerkbar, es schweben die Waldgenien im Wirbelwinde und Sturme dahin und ziehen als Jäger oder Gejagte in der wilden Jagd einher.
Der grüne Wald ist die großartigste, üppigste und augenfälligste Entfaltung von Pflanzenwuchs; deshalb wird der Waldgeist, indem er in abermaliger Begriffserweiterung generellen Character annimmt, zum Dämon der Vegetation; so daß er sogar in dem Leben der Kulturpflanzen waltend, Korn und Flachs hervorbringend gedacht wurde. Und sei es nun, daß von hier aus eine Uebertragung stattfand, oder daß aus dem Pflanzenwuchs in Feld und Alpenwiese sich ganz gleichmäßig ebenfalls die Gestalten von Vegetationsdämonen entwickelten, genug auch außerhalb der Wälder keimt der Volksglaube Berg- und Feldgeister, welche mit geringer Abweichung den geisterhaften Waldleuten zum Verwechseln ähnlich sehen. Der gemütliche und geistige Reflex localer Naturverhältnisse allein scheint alle diese Wesen durch individuelle Besonderheiten unterschieden zu haben. Die Holz- und Moosleute in Mitteldeutschland, Franken und Baiern, die wilden Leute in der Eifel, Hessen, Salzburg, Tirol, die Waldfrauen und Waldmänner in Böhmen, die Tiroler Fanggen, Fänken, Nörgel und selige Fräulein, die romanischen Orken, Enguane, Dialen, die dänischen Ellekoner, die schwedischen Skogsnufvar, endlich die russischen Ljeschie bilden auf diese Weise eine einzige Sippe mythischer Gestalten. Es wird unsere Aufgabe sein, im Folgenden die Zusammengehörigkeit dieser Gestalten darzutun, um zugleich an ihnen die characteristischen Eigentümlichkeiten in Eigenschaften und Verrichtungen zu beobachten und uns zum Bewußtsein zu bringen, welche die Tradition diesen Wald- und Feldgeistern zuschreibt. Etwas ausführlicher werden wir in dieser Auseinandersetzung bei einigen Sagen verweilen müssen, denen wir später im grauen Altertume bei Faunen, Satyrn, Panen und Silenen wiederbegegnen und einen wesentlichen Beitrag zum Verständniß der Natur dieser Wesen verdanken werden.
Wir beginnen mit einem an eine Volkssage oder Volksvorstellung angelehnten altnorwegischen Sinnspruck, der wirksamer den nämlichen Gedanken ausdrückt, wie unser Sprichwort
„Kleider machen Leute“.
Das nordische Epigramm lautet:
„Meine Kleider gab ich auf dem Felde zweien Baummännern. Sie dünkten sich Helden, als sie Gewande hatten; der Schmähung ausgesetzt ist der nackende Mann“.1
Der einsame laub- und rindenlose Baum ist hier deutlich zu einem freibeweglichen koboldartigen Wesen geavorden; wie denn von hilfreichen Zwergen,
Hausgeistern und Kobolden in Deutschland vielfach die Sage vorkommt, daß man zum Lohn ihrer Dienste und aus Mitleid mit ihrer Nacktheit ihnen Kleider schenkt; sobald sie das sehen, dünken sie sich zu vornehm zu arbeiten und verschwinden. Diesen aus der Baumseele hervorgegangenen nordischen Baummäunern stehen deutsche Waldgeister ganz parallel.
§ 2. Holz- und Moosfräulein.
Wolbekannt ist in Mitteldeutschland eine Klasse geisterhafter Wesen,1 welche im Riesengebirge als Rüttelweiber, im Böbmenwalde und in der Oberpfalz als Holzfräulein, Waldfräulein, Waldweiblein, im Orlagan und Harz als Moosweiblein, Holzweihel, um Halle als Lohjungfern, (von loch = lucus Gebüsch) bekannt sind und denen sich entsprechende männliche Gestalten Waldmännlein, Moosmännlein zugesellen.2 Die letzteren sind seltener, als die Moosweibchen und ganz in Grün gekleidet. In der Gegend von Saalfeld bilden Handwerker, besonders Drechsler diese Wesen als Püppchen nach und
stellen sie zum Verkauf; zumal zu Weihnachten stellt man in Reichenbach noch kleine Moosmänner auf den Tisch. Als Oberhaupt der Moosfräulein wird an der Saale die Buschgroßmutter genannt. Die Moosleute beiderlei Geschlechts haben einen behaarten Körper, jedoch ein altes runzeliges Gesicht, das an mehreren Stellen gleich alten Baumstämmen ganz mit Moos bewachsen ist. Eine Oberpfälzer Sage sagt, das Holzfralerl sah ganz moosig aus. wie Wickelwerg, klein und ohne bestimmte Gestalt: eine Harzer aus Wildemann beschreibt die Moosweiblein als ganz in Moos gekleidet, das sie wie eine Decke oder ein Fell umgab.1
Ihr Leben ist an das Leben der Waldbäume gebunden. So oft ein Mensch ein Bäumchen auf dem Stamme driebt. d. h. so lange umdreht, bis Rinde und Bast abspringeu, muß eines von den Waldleuten sterben. Es ist mithin der Trieb der Selbsterhaltung, der sie veranlaßt den Menschen, mit welchen sie Zusammenkommen, als gute Lehre einzuschärfen: „Schäl’ keinen Baum“,2 oder „Reiß nicht aus einen
fruchtbaren Baum.” 1 Unter dem fruchtbaren Baum ist hier noch ganz altertümlich nicht der Obstbaum zu verstehen, sondern der Waldbaum, welcher Eckern (d. h. Frucht, goth. akran2) trägt, Eiche oder Buche. Das Verbot des Baumschälens gewinnt durch die vorhin besprochenen Strafen ebensowol einen tiefen und realen Hintergrund, als es unserer Auseinandersetzung darüber zur Bestätigung gereicht. Wenn es zuweilen heißt, daß die Holzfräulein lange gelbe Haare haben,3 so darf vergleichsweise darauf hingewiesen werden, daß in dichterischer Sprache nicht selten das Laub der Bäume als deren Haar bezeichnet wird.1
Lassen diese Angaben noch die Ansicht durchblicken, als wenn die Waldleute den Bäumen des Waldes als deren Elementargeister immanent seien, so zeigen andere Aussagen sie in freier Tätigkeit, so jedoch, daß noch mehr als ein Characterzug eine fortwährende Erinnerung an ihr Baumleben bewahrt. Sie wohnen in hohlen Bäumen, nach andern in Mooshütten, betten ihre Kinder auf Moos oder in Wiegen von Baumrinde, schenken grünes Laub, das sich in Gold verwandelt, und spinnen das zarte Miesmoos, das oft viele Schuhe lang von einem Baume zum andern gleich einem Seile hängt. Denn davon haben sie ihr Gewand. Daher sollen sie auch wunderbare nie endende Garnknäuel an ihre Lieblinge vergaben.5 Anderes Tun von ihrer Seite characterisiert sie — wie es scheint — als Genien eines größeren Vegetationsgebiets oder der Vegetation überhaupt
Denn wie anders wäre der Zug: zu deuten, daß man z. B. in der Oberpfalz beim Leinsäen einige Körner für das Holzfräulein in die Büsche des nahen Waldes warf? War die Leinsaat aufgegangen, so verfertigte man bei Gelegenheit des Jätens aus den Restchen von Flachsstengeln ein Hüttehen und rief:
Hulzfral! dan is daú Dal!
Gib an Flachs an kräftiuga Flaug,
Nau hob i un du gnaug.1
Auch bei der Ernte läßt man im Frankenwalde drei Hände voll Flachs für die Holzweibel auf dem Felde liegen.2 Zu Neuenhammer in der Oberpfalz bindet man beim Ausraufen des Flachses vom Felde 5—6 Halme, die man stehen läßt, oben in einen Knoten zusammen, damit das Hulzfral sich darunter setze und Schutz finde.
Auch kleidet sich das Hulzfral in Flachshalme.3 Man traf einst ein solches zur Erntezeit ganz in Flachshalme eingewickelt auf einem Baumstumpf im Wahle sitzen; Erntearbeiter nahmen es mit nach Hause. Es sprach eine unverständliche Sprache und winselte so lange, bis man es wieder an seinen Ort brachte.4
Jener Flachsbüschel, welcher vielfach (z. B. Pilsen in Böhmen) auf dem Acker stehen bleibt,5 wird mitunter z. B. Küps bei Kronach in Oberfranken) in Gestalt eines Zopfes geflochten und jubelnd umtanzt, wobei die jungen Leute rufen:
Holzfrala, Holzfrala!
Flecht ich dir a Zöpfla
Auf dei nackets Köpfla.8
Panzer bringt aus dem Coburgischen eine Variante bei, welche besagt, daß man schamhaft bemüht sei, dem durch das Abernten des Flachsfeldes entblößten Mutterschoße der Holzfrau eine Hülle zu bereiten.7 Aber nicht allein bei der Flachsernte,
auch bei der Heu- und Kornernte bedenkt fromme Einfalt die Holzweibchen. Im Amte Sonneberg bei Meiningen, überhaupt im Meininger Oberland, bei Calmbach in Oberfrankeu u.s.w.1 läßt man, wenn das Grummet eingefahren wird, ein kleines Häufchen Heu auf der Wiese liegen und sagt, das gehöre den Holzfräulein oder dem Hulzfräle für den gebrachten Segen. Endlich ist aus dem Böhmenvahle, der Oberpfalz und Oberfrankeu auch die Sitte bezeugt, auf dem Fruchtacker einige reife Aehren der Ernte, einen Büschel, als dem Holzfräulein, der Holzfrau, dem Waldfräulein zugehörig stehen zu lassen,1 dann soll man im nächsten Jahre desto mehr Segen in seine Kornscheuern einheimsen. Und nicht minder bleibt zu Guttenberg B. A. Stadtsteinach in Oberfranken auf jedem Obstbaum etwas von der Frucht für das Holzfräulein hangen.3
Deutlich erkennt man in diesen Gebräuchen die folgenden Anschauungen: Wie wir oben dieselben Geister bald den Baum, bald niedere Pflanzen bewohnen, von ihnen ausgehen und zu ihnen zurückkehren sahen, so zeigt das nämliche Wesen, welches in der Vegetation des Waldes wirksam ist, sich auch in dem Leben des Korn- und Flachsfeldes und der Graswiese regsam. Es lebt in ihnen und lebt ihr Leben mit. Daher sind die Flachshalme die Hülle seines Leibes, darum entblößt ihm das Ausraufen der Halme Kopf und Schoß. Aber danebenher läuft wieder die andere Wendung dieser Vorstellung, daß es im Fehle wohne und den Halmen guten Schutz zum Wachstum gebe. Daher bereitet ihm fromme Sorgfalt ein Hüttchen. Man darf
alle diese Bilder und mythischen Vergleiche nicht bis ins Einzelne ausmalen; zu ihrem Wesen gehört eine reizvolle Unbestimmtheit. Der geistige Eindruck, den die Natur macht, hat sich in ihnen zu lebendigen Gestalten verkörpert, welche einzelne Züge der bildlich augeschauten Notwendigkeit entlehnen, mit den übrigen aber durch eine freie Schöpfung der ergänzenden Phantasie beschenkt sind. Die einmal gewordene Gestalt lebt, da sie im Volksglauben eine erträumte Realität besitzt, weiter und entwickelt, verändert sich in den Köpfen der Gläubigen. Es kann uns daher nicht auffallend sein, neben den dargelegten Anschauungen der andern Auffassung zu begegnen, daß das Holzweibchen Eigentümerin des Flachses, Getreides, Grases sei und deshalb ihm wenigstens ein Anteil, ein Büschel, eine Handvoll gelassen werden müsse, während der Mensch das Uebrige in seinem Nutzen verwendet. Ueber diese in analogen Erntegebräuchen vielfach hervortretende Meinung verweise ich einstweilen auf Konidämonen.
Mehrfach wird erzählt, daß die Holzfräulein mit Menschen Verbindungen schlossen.1 Das ist vielleicht ein Reflex des tiefen unwiderstehlichen Eindrucks, den die Waldnatur auf das Gemüt ausübt. Auf einer jüngeren Entwickelungsstufe zeigt sich der Glaube an die Moosweibchen (Holzfräulein) in der Angabe, daß sie zur Erntezeit aus ihrem Walde herauskommen, um die Mähenden zu necken oder beim Heumachen allerlei Mutwillen zu treiben, oder um den Menschen beim Heuen und Kornschneiden als rüstige Arbeiter zu helfen.2 Dachte man sich ehedem einmal die Gaben der Ernte als ihr Werk, so war es ein Schritt zu der Annahme, daß sie auch der Erntearbeit Segen verliehen und so mochte sich die Vorstellung von persönlicher Mithilfe dabei her-
vorbilden. Immerhin kann dieser Zug trotz relativ jungem Alters in sehr frühe Zeit hinaufreichen. Ihm schließt sich aber eine ganze Reihe von andern Erzählungen an, nach welchen unsere Waldleutchen in den Dienst der Bauern treten, fleißig das Vieh im Stalle besorgen und füttern, auf der Mühle mahlen und Brod backen,1 wogegen man ihnen die Ueberbleibsel der Mahlzeiten hinstellt. So lange sie im Hause weilen, ist Glück und Segen bei den Bewohnern. Man darf sie aber nicht mit einem neuen Kleide für die nur ärmlich und dürftig verhüllte oder ganz unbedeckte Blöße ihres haarigen Leibes beschenken, denn dann verschwinden sie augenblicklich.2 Ebenso verschwinden
sie, wenn man in ihrer Gegenwart einen Fluch ausstößt. Alle diese Züge, die Pflege der Haustiere, die Mitarbeit hei den häuslichen Verrichtungen, das Verschwinden bei Empfang eines neuen Gewandes und die Entgegennahme von Speiseresten als tägliches Opfer sind Züge, welche in deutscher Sage allen Kobolden und Hausgeistern gemein sind. Wir entnehmen aus dieser Tatsache einstweilen nichts anderes, als die unbestreitbare Wahrheit, daß auch die Waldfrauen (Moosweibchen, Holzfräulein, Holzmännlein u. s. w.) in Hausgeister übergehen, wie der Baumgeist. Auf die Kräuter des Waldes verstehen sich diese Wesen gut und helfen damit den Menschen bei Krankheiten. Zur Zeit der Pest kamen die Holzfräulein aus dem Walde und riefen:
Eßt Bimellen und Baldrian, so geht euch die Pest nicht an. Und einem Tagelöhnerweibe hilft eine Waldfrau in der Kindesnot mit der schönen blauen Blume Nimmerweh.1 Auch die Moosweiblein von Wildemann teilten Wanderern Wurzeln und Kräuter zur Nahrung und Gesundheit mit.2 Nicht minder lehrt das Moderwitzer Moosweiblein Heilmittel gegen Krankheiten der Schafe.3
Beispielen geht hervor, daß die Moosleute und Holzfräulein als krankheitabwehrende, gesundheitverleihende Wesen gedacht wurden. Im Verein mit dem Glauben an deren Rolle als segenbringende Hausgeister geht dieser Zug — wie später klar werden wird — auf die Grundvorstellung zurück, daß sie Geister des Wachstums seien, mithin auf die nämliche Anschauung, welche sie auch im Leben des Ackers wirksam sein ließ.
Der Glaube von den Holzfräulein nimmt jedoch vermöge des ob. S. 39 entwickelten Gedankenprozesses zuweilen die Wenduug, daß diese Genien für arme Seelen erklärt werden. Auf diese Eigenschaft bezieht sich der Brauch, für die Holzfräulein die bei den Mahlzeiten übrig gebliebenen Brosamen in den Ofen zu werfen, die beim Herausschöpfen am Rande der Schüssel hangen gebliebenen Tropfen, das am Kübelreifen sitzen gebliebene Mehl ihnen zuzueignen.1 Wenigstens die erstere Sitte ist ein auch sonst in Norddeutschland wie in Süddeutschland den armen Seelen dargebrachtes Opfer.2
Der Moosweibchen und zugleich der armen Seelen erbitterte Feinde sind die Geister der wilden Jagd, in der Oberpfalz auch die Holzhetzer genannt. Dieselben fahren bekanntlich im Sturmwinde und Ungewitter durch die Wipfel des Waldes daher. Prätorius zeichnete vor 200 Jahren aus der Umgegend von Saalfeld die Sage auf, wie der wilde Jäger unsichtbar mit seinen Hunden die Moosleute jagte. Der Schall seines Hornes und das Gebell der Hunde war weithin hörbar. Ein Bauer, dem sein Vorwitz eingab, in den Jägerruf einzustimmen, fand am andern Morgen an seinem Pferdestall das Viertel eines grünen Moosweibchens aufgehängt.3 So jagt schon der Sturmriese Vásolt nach dem Eckenlied ein wildes Fräulein im Walde4, in Schlesien der Nachtjäger die mit Moos bekleideten Rüttelweiber.5 Um Halle hetzt der wilde Jäger, der ohne Kopf auf seinem Schimmel durch die Luft fährt, mit vielen Hunden die Lohjungfern; im Voigtlande,
Orlagan, Franken und Oberpfalz jagt der wilde Jäger die Holzweibchen oder Holzfräulein und ihre Männchen. Bald fällt der halbe Leib eines dieser Wesen, bald ein Fuß, mit grünem Schuh bekleidet, dem naehrufenden Spötter gleichsam als sein Jagdanteil aus den Wolken herab.1 Nur dann haben die kleinen Waldleute Ruhe, wenn sie sich auf einen Baumstumpf retten können, auf welchen der Holzhauer, während der Baum fiel, „bevor er im Sturz mit der Spitze den Erdboden erreichte“ oder „während der Zeit, daß der Schall des fallenden Baumes noch hörbar war, mit scharfer Axt drei Kreuze in einem Zwickel oder keilförmigen Dreieck einhieb. Deshalb unterlassen die Holzhauer es selten in der angegebenen Weise die Stöcke zu kreuzen, und man sah deren in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch viele in den Wäldern; Börner erwähnt namentlich die Waldungen des Saalufers, vornehmlich bei Hungers- oder Hunnenburg; Schwanthaler sah dasselbe in den Nadel Waldungen bei Bamberg. Es müssen aber jedesmal 2 Arbeiter dabei beschäftigt sein, weil einer es nicht so schnell fertig bringt. Durch jeden so gekreuzten Stock soll ein Holzweibel erlöst werden. Es setzt sich darauf, und dann kann ihm die wilde Jagd nichts anhaben; 2 nach andern werden die Holzfräulein durch drei Kreuze auf den Stöcken unschädlich,3 nach noch andern können sie dann ihre Wohnung, die sie bis dahin im Baume gehabt hatten, behalten.4 Um den Holzweibeln vor ihrem Feinde noch mehr Schutz zu bieten, sind „über Mittag“ auch auf allen Ackergerätschaften (Eggen und Pflügen) dergleichen Kreuze angebracht worden.5 Auch zwischen den beim Schluß der Ernte auf dem Acker stehen gelassenen Flachshalmen sucht und findet die Holzfrau Sicherung
vor dem wilden Jäger.1 Waldmännlein und Waldweiblein vergelten den Holzhackern ihren Liebesdienst damit, daß sie dieselben zur Nachtzeit ohne Irrgang aus dem Forste geleiten, auch manchmal abgeworfene Hirsch- und Rehgeweihe finden lassen.2 Es scheint mir unverkennbar, daß die Bekreuzung der Baumstümpfe — selbst wenn sie etwa ursprünglich den nüchternen praktischen Zweck gehabt haben sollte, die abgehauenen Stämme als rechtmäßig nach Anweisung durch den Bannwart gefällte zu bezeichnen — nur deswegen in der kurzen Zeit geschehen sollte, während der Baum fällt, damit die Baumseele nicht entweiche, sondern noch rechtzeitig der geöftnete Baumleib durch ein magisches Siegel gleichsam wieder geschlossen und zugleich gegen Eindringlinge von außen her geschützt werde. Nach vorhin mitgeteilten Sagen soll man ja den vom Tomtegubbe bewohnten Baum nie ganz umhauen; der Elf stirbt, wenn der Baum mit den Wurzeln ansgerissen wird; unter Umständen lebt der Dämon also auch noch im Baumstumpfe fort. Es ist mithin wol begreiflich, weshalb im bekreuzten Stocke (truncus) die Moosleute ihre Wohnung behalten können. Die wilde Jagd ist eine Personification des baumerschütternden Sturmwindes.
Wie nun der estnische Baumelf vor dem Gewitter erschreckt in die tiefsten Wurzeln zurückweicht, ist auch der Sturm, der manchen Stamm darniederstreckt, den Baumgeistern gefährlich und veranlaßt sie, sich in ihre Pflanzenhülle znrückzuziehen. Der unberührte Baumstamm ist keinen Augenblick davor sicher, der Wut des Sturmriesen zum Opfer zu fallen, aber dem abgehauenen Baumstumpf kann derselbe nichts mehr anhaben. Dieses muß der anfängliche Gedankenkreis sein, aus welchem nach mehrfachen Mittelgliedern die Vorstellung erwachsen ist, daß die Moos- und Holzleute auf bekreuzten Stücken vor dem Wilden Jäger Schutz fänden, und von da aus vollzog sich in Folge der Identifizierung der Holzfrau mit dem Getreidedämon die weitere Uebertragung des Schutzortes auf Ackergerätschaften, während das Flüchten in die letzten Flachshalme wol nur wiederum besagt, daß der Genius der Pflanze sich beim Sturm in seine eigene Haut zurückziehe, wie die Schnecke in ihr Häuschen.
1) Schünwerth II, 360.
2) Pau2er II, 70, 93.
Doch es erübrigt die Holzleute noch von einer neuen Seite kennen zu lernen. Einem Waldweibchen war der Schiebkarren gebrochen. Sie bat einen Vorübergehenden ihr denselben auszubessern. Während dies geschah, steckte sie ihrem Helfer eifrig die herabfallenden Spähne in die Tasche. Der warf sie verächtlich heraus, einige wenige aber, welche er nicht beachtet, hatten sich am andern Tage in harte Taler verwandelt.1 Die nämliche Sage erzählt man in allen wesentlichen Stücken übereinstimmend von Frau Gauden (Góde), Holla und Perchta, sie lassen sich ihr zerbrochenes Gefährt (Wagen oder Pflug) zimmern, oder einen Pfahl zuspitzen, oder arbeiten selbst daran, so daß die Späne fliegen. Diese herabfallendeu Splitter werden schieres rotes Gold.2 Góde, Holla und Perchta fahren im Sturme daher. Während aber die Waldleute nach den vorhin angeführten Sagen der wilden Jagd als Jagdobject dienen, sind diese mythischen Frauen solche Wesen, welche in übereinstimmenden Ueberlieferungen als Anführerinnen der wilden Jagd an der Spitze derselben auftreten und ein gespenstiges Wild verfolgen, auch wol Menschenfuß und Menschenlende dem Spötter aus den Wolken zuwerfen. 3 Auf im Sturme waltende Wesen paßt — wie es scheint — sehr wol die Deutung, welche W. Schwartz den goldenen Spänen des zerbrochenen Gefährtes gegeben hat, indem er an die Aehnlichkeit des rollenden Donners mit dem Getöse rollender Wagen und an jene ditmarsische Auffassung des Gewitters erinnerte, wonach der „Alte da oben im Himmel wieder einmal fährt und mit der Axt an die Kader schlägt“.4 Danach wären also jene Sagen der Niederschlag eines großartigen Naturbildes. Im tobenden Gewittersturm wird der zerbrochene Wagen der wilden Jägerin verkeilt, und die
goldgelben Bltze sind die herabfallenden Späne.1 Sei nun diese Deutung richtig oder nicht, jedenfalls nötigt uns die Uebereinstimmung der beigebrachten Ueberlieferungen mit der Sage vom Schubkärrchen des Moosweibleins entweder in letzterer eine nur fälschliche Uebertragung eines ursprünglich fremden Mythenzuges anzunehmen, oder znzugestehen, daß auch die Moosweibchen im Sturme durch die Luft fahrend gedacht wurden. Dabei kann es uns zunächst ganz gleichgütig sein, ob sie als Jagdobject dienen, oder selbst als Jägerinnen auftreten, falls in der Tat die fliegenden Späne nur ein bildlicher Ausdruck für gewisse Vorgänge beim Gewittersturme sind. Nun haben wir nicht allein schon oben S. 12 gesehen, daß Geister, welche man im Baume hausend, dem Baum einwohnend sich vorstellte, gleichwol auch im Sturme daherzogen, sondern es giebt auch sonst noch Spuren, welche verraten, daß man im Winde die Umfahrt der Waldfrauen vernahm. In Westfalen sagt man beim Wirbelwinde „da fliegen die Buschjungfern.“2 Die Leute um Warnsdorf im nördlichen Böhmen glauben fest an das Dasein des Buschweibchens; es erscheint als steinaltes Mütterchen, mit schneeweißen wild herabhängenden Haaren und moosbewachsenen Füßen, auf einen Knotenstock gestützt, und beschenkt mit gelben Blättern, die zu Gold werden.
Wenn im Frühlinge und Herbste zerrissenes Nebelgewölk vom Gebirge aufsteigt, wenn „der Wald raucht“, so pflegt man zu sagen „das Buschweibchen kocht.“
Jene Nebelstreifen werden als der Hauch von seinem Heerde bezeichnet. Naht im April ein Hagelschauer, so ruft man „das Buschweibchen steigt über das Gebirge.“3
§ 3. Wildleute in Böhmen.
Bei den Czechen entsprechen unsern Waldweibern die lesni panny Waldjungfern oder divé zeny wilde Weiber; sie lieben Musik (das Sturmlied)1 und Tanz (den drehenden Wirbel des Wirbelwindes), der von ihnen bei einem heftigen Sturme mit der ausgelassensten
Wildheit in der Luft ausgeführt wird.1 Ihnen stehen Waldmänner zur Seite lesni muzove, welche Mädchen rauben und sie zwingen mit ihnen in Ehe zu leben.2 Ein tanzlustiges Mädchen hütete in einem Birkenwalde die Ziegen und spann dabei Flachs. Mittags erschien so die Waldfrau in weißem Gewände, dünn wie Spinngewebe, mit einem Kranze von Waldblumen in den bis zum Gürtel hinabfließenden Goldlocken. Sie erfaßte das Mädchen und tanzte mit ihr bis Sonnenuntergang schön und so leicht, daß sich das Gras unter ihren Fußen nicht bog, wozu die Vögel lieblich sangen. So geschah es drei Tage hinter einander. Um die Versäumniß zu ersetzen, spann die Waldfrau dem Mädchen den Rocken voll und gab dem Garne die Eigenschaft nicht abzunehmen, so lange man auch weifte, und sie füllte ihm die Taschen mit Birkenlaub, das sich in Gold verwandelte (die nämlichen Züge begegneten uns o. S. 76 bei den Moosweibchen). Wäre das Mädchen aber ein Knabe gewesen, so hätte die Waldfrau ihn zu Tode getanzt oder zu Tode gekitzelt.3
In Hessen entsprechen den Waldfrauen und Waldmännern, nur ins Riesenhafte übersetzt, die wilden Leute, welche im Walde zwischen den Basaltfelsen an der Kinzig ihr Wesen treiben. Die gewaltigen Steinmassen, welche im Bernhardswalde bei Schlüchtern niederstarren, heißen nach ihnen wilde Häuser. Schon vor dem 11. Jahrhundert nennt eine hessische Urkunde bei Dronke, Traditiones Fuldenses p. 544 in jener Gegend einen Ort „wilderó wíbó hús“ „ad domum wilderó wíbó.“ Vgl. Roth, Kl. Beiträge zur Sprach-, Orts- und Namensforsclnmg 1850. I, 231. Landau, Gau Wetareiba. 1855. S. 128 in der Nähe von Salmünster, wo mehrere Wildfrauenhäuser vorkommen. Förstemann, Altd. Namenb. II. 1534. Die wilden Männer sind am vergnügtesten, wenn der Sturmwind tobt und der Blitz aus den Wolken fährt. Dann gehen sie hoch oben über die Berge und rütteln
an den Wipfeln der Bäume; aber sie freuen sich auch, wenn die Aronspflanze gedeihlich emporwächst, und wenn sie zwischen den Schachtelhalmen dahergehen können. Ihre großen schönen Frauen steigen in den Mondnächten in die Lüfte, ihre Kinder schützen die Kinder der Menschen, wenn sie im Walde Beeren suchen.1 Auf dem Hohenberg in Hessen sieht man die Spuren, wo sie saßen und wo sie Hände und Füsse liegen hatten. Ihre Kleidung ist grün und rauh, gleichsam zottig, ihr Haar lang und aufgelöst. Das giebt ihrem Aussehen etwas schauerlich Wildes, so daß sich jedermann vor ihnen fürchtet. Dabei sind sie ganz zutraulich gegen die Menschen, raten und helfen ihnen, wo sie nur können. Oft werden sie von den rohen Bauern verfolgt, auch gefangen, aber sie rächen sich nie.
In einer Höhle am Rodenstein wohnten zwei wilde Weiber. Die eine war sehr schön. In sie verliebte sich ein Jäger und sie gebar ihm bald ein Kind. Sie sind in die Zukunft eingeweiht. Wenn in der Gegend von Fulda jemand sterben sollte, dann kam eines aus dem Wildfrauenloch heraus und zeigte sich wehklagend in der Kälte des Sterbehauses. Auch die Kunde der geheimen Naturkräfte wohnt ihnen bei. Sie wissen, wozu die wilden weißen Haiden und die wilden weißen Selben (Salbei) gut sind; und wenn die Bauern das wüßten, würden sie mit silbernen Karsten hacken.2
In der Eifel wohnten die wilden Frauen ebenfalls in Felsgrotten, die das vulkanische Gestein gebildet hat. Dergleichen Grotten heißen zuweilen „das Wildfräuleinhaus.“ Darin saßen sie und boten jedem ihre Brüste, die sie über die Schulter warfen, zum Trinken dar.3
Auch im Badischen haben wilde Leute im Wildeleutloch in einer Höhle des Eichelberges bei Oberflockenbach gewohnt, sie waren ganz haarig und fast unbekleidet. Sie halfen den Einwohnern der benachbarten Dörfer hei den Feldgeschäften, gradeso wie die Holzfräulein. Der Felsen über ihrer Höhle hieß Wildeleutstein, und auf ihm befand sich ein Trog, aus dem sie zu essen pflegten, die Wildeleutschüssel genannt.4
In den Alpenländern haben sich die wilden Leute in verschiedene Gestalten gespalten. Als riesige Waldgeister erscheinen die Wildfrauen im Patznaum-, Stanzer- und Oberinnthale in Tirol unter dem Namen Fanggen (Sing. Fangga, Fanggin) Wildfanggen, wilde Weiber; ungeheure Gestalten, am ganzen Körper behaart und beborstet; ihr Antlitz ist verzerrt, ihr Mund ist von einem Ohre zum andern gezogen. Ihr schwarzes Haupthaar hängt voll Baumbart (lichen barbatus) und reicht rauh und struppig über den Rücken. Ihre Stimme ist rauhe Mannesstimme, ihre dunklen Augen sprühen zu Zeiten Blitze. Joppen von Baumrinden und Schürzen von Wildkatzenpelzen bilden ihre Kleidung. Sie leben in Gesellschaft in Wäldern, vorzüglich nannte man als ihren Aufenthalt einen großen Urwald im Urgthal zwischen Landeck und Ladis und einen andern Urwald, den „Bannwald“ (vgl. o. S. 39) am Pillerberg im Oberinnthal.
Die in ein und demselben Walde hausenden Fanggen waren an diesen Wald gebunden; wurde der Wald geschlagen, so schwanden sie; starb ein Baum, oder wurde er gefällt, von dem eine Fangga den Namen trug, so war auch ihr Dasein dahin. Sie hatten nämlich noch jede ihren besonderen Namen als Hochrinta (hohe Rinde) Stutzforche (Stutzföhre) Rohrinta (Rauhrinde) Stutzemutze (Stutzkatze). Der im Sturm den Wald durchfahrende Riese, der wilde Mann, wird als Gemahl der Fangga genannt.1 Gleich ihm hat sie menschenfresserische Neigungen. Wenn die Fangga im Walde von Naßereit, welche von der Größe eines mittelmäßigen Baumes war, kleine Buben zu fassen bekam, so schnupfte sie dieselben wie Schnupftaback in ihre Nase oder rieb sie an alten dürren Bäumen, die von stechenden Aesten starrten, bis sie zu Staub geraspelt waren.2 Wer erkennt in diesem Zuge nicht jenes Zutodekitzeln wieder, das von der böhmischen Waldfrau ausgesagt wurde, mithin eine Naturauffassung des Wirbelwindes? (s. o. S. 87). Andererseits sind die Fanggen unverkennbar eine Belebung der mächtigen Bäume des Urwaldes im Hochgebirge, und ihre Grausamkeit ist Ausdruck des furchtbaren und ungeheuerlichen Eindrucks, den diese gewaltige Waldnatur auf das
1) Alpenburg, Mythen und Sagen Tirols S. 51. 52.
2) Alpenburg a. a. 0. 52.
Gemüt macht.1 So bestätigt es sich auch in diesem Falle, daß die Baumgeister als Verkörperungen von meteorischen Erscheinungen oder wenigstens als in diesen einen Teil ihrer Lebensäußerungen betätigend gedacht wurden. Doch auch noch andere uns schon bekannte Wahrnehmungen erhärtet die Fanggensage durch neue Beläge. Auch die Fanggen spielen die Rolle von Hausgeistern. Wie die Holzweibchen (o. S. 80) treten sie freiwillig bei Menschen in Dienst und arbeiten für diese, bis plötzlich das Bekanntwerden ihrer Herkunft und ihres Namens sie verschwinden macht. Eine für unsere weitere Untersuchungen wichtige Sage, die darauf Bezug hat wollen wir mitteilen.
Bei einem Bauer zu Flies stand eine unbekannte Dirne im Dienst, welche riesenstark war und mehr arbeitete, als zehn andere zusammen, aber nichts vom Christentum wußte und wollte. Es war ein Fanggenmädchen. Einst kam der Bauer vom Imstermarkt über den Pillerberg nach Hause. Wie er nun durch den Bannwald kommt, die Joche der verkauften Oechslein über die Schulter gehängt, hört er mit einmal aus der Mitte des Waldes eine unbekannte sehr laute Stimme: Jochträger, Jochträger, sag’ der Stutzkatze (Stutzamutza), die Hochrinde (Hoachrinta) sei todt. Drauf wird alles wieder still. Von Angstschweiß triefend kommt der Bauer nach Hause und erzählt das im Bannwalde erlebte Abenteuer seiner Frau und der Dirne, die gerade beim Mußessen sitzen. Als er die Worte erwähnt: „Sag’ der Stutzkatze, die Hochrinde sei todt“, springt die Magd mit dem hellen Geschrei „die Mutter! die Mutter!“ empor, läßt alles stehn und liegen und läuft dem Bannwalde zu. Niemals wurde sie mehr gesehen; aber bald verbreitete sich die Nachricht, daß Stutzkatze nun im Walde hause und das Geschäft ihrer Mutter, Kinder stehlen und fressen, fleißig fortsetze.2 Mit
unwesentlichen Varianten ist diese Erzählung in Bezug auf Fanggen und verwandte Wesen, Holzweibchen und Buschnännchen, Salige Fräulein, Nörkel, Zwerge, katzengestaltige oder bockgestaltige Kobolde weit, bis in den Norden verbreitet.1 Mit
einiger Sicherheit ist daraus zu schließen, daß sie in dem Wesen der Wald- resp. Erdgeister begründet sei.1
Den Tiroler Fanggen entsprechen die Graubünder Waldfänken, die besonders in den deutschen Tälern, im Prätigän, Schalfik, Churwaldental und Savien bekannt sind. Sie werden nicht ganz so unhold geschildert, als die Tiroler Fanggen und treten öfter paarweise auf. Auch den Waldfänken mißt die Sage gewaltige Stärke, Körpergewandtheit, daneben Witz, genaue Wetter- und Kräuterkenntuisse und den Besitz von Geheimnissen der Viehzucht bei. Ihre Weiher, welche häufig auch Waldmutern (Waldmütter) genannt werden, sind in umgeworfene Felle gekleidet, die männlichen Waldfänken, oder „wilden Männer,“ über und über am ganzen Körper behaart und mit Eichenlaub bekränzt. Ihre Behausung ist der Wald. Auch sie tragen einzelne Personennamen (weibl. Rúchrinden u. s. w., männl. Giki, Gäki u. s. w.) In den beiden Vorarlbergischen Tälern Montavon und Klostertal endlich heißen die männlichen Wesen Fenggen und unter ihnen begegnen wieder weibliche Eigennamen wie Jochrmpla, Jochringgla, Muggastutz, Rohrinda, männliche wie Urhans. Sie werden zwar auch häufig als riesige Wildmänner und Wildfrauen,
beschrieben, am ganzen Körper mit struppigen Haaren bedeckt, so daß nur an den Wangen die Fleischfarbe kümmerlich durchschimmerte, oft aber schreibt man ihnen — wie zuweilen schon den Waldfänken in Graubünden — zwerghaften Wuchs zu und sie gehen dann ganz in Zwerge und Hausgeister über, so zwar, daß sie nun zwar in Höhlen und Felslöchem (Fenggalöcher, Fenggatöbler, ’s wild Mannlis Balma), zuweilen hoch über dem Waldwuchs auf hohen Alpenrevieren ihre Wohnung aufschlagen, im übrigen aber dieselben Verrichtungen haben und Gegenstand derselben Erzählungen sind, wie ihre riesenhaften Namensverwandten.1 Auch sie verraten noch deutlich Beziehungen zum Leben des Waldes. Sie sind so alt, als der und der Wald, ja ein Fangg im Kilknerwald in Gaschurn kommt herzugelaufen als man eine Tanne fällt und bittet, den Baum stehen zu lassen; er sei so viel Jahr alt, als derselbe Nadeln habe, und könne wenn er falle sein Alter nicht mehr zählen.2
Es geht daraus hervor, daß die Größe der Gestalt keinen wesentlichen Unterschied zwischen diesen Geistern bezeichnet. Als besonders bemerkenswert aus dem Kreise der Sagen, welche sich an diese wilde Leute knüpfen, will ich nur zwei besonders hervorheben. Die eine ist ein Seitenstück zu der bekannten Erzählung von Odysseus Ueberlistung des Polyphem, aus deren weiter Verbreitung unter Türken, Arabern, Serben, Rumänen, Esten und Finnen schon W. Grimm3 nachwies, daß sie eine alte auf Elementargeister bezügliche Volkssage sei, die Homer auf einen Helden übertrug. Die Uebereinstimmung der Waldfänken-und Polyphemossage gewinnt an Bedeutung durch den Umstand, daß ein Waldgeist, und zwar der russische Ljeschi (s. u. § 19), gleich den Kyklopen nur ein Auge hat. Zu einem Holzhauer im Walde gesellt sich ein geschwätziges Fenggaweibchen und verdrießt ihn durch ihre neugierigen Fragen. Er giebt sich erst den falschen Namen Selb, 4 während er doch Hannes heißt, und
als dann das Weiblein seinen Aerger noch weiter reizt, dabei aber im Eifer die Hand in eine Holzspalte bringt, zieht er schnell Axt und Keil heraus und klemmt die jämmerlich Schreiende auf diese Weise in den Baum ein. Auf ihren Angstruf kommt das wilde Fenggmännlein hinzu und fragt, wer ihm das getan habe: „O selb tán!“ Da lacht das wilde Männlein und ruft: „Selb tán, selb hán!“ Dieselbe Erzählung geht von Waldfänken, sowie von Nixen und Zwergen.1 Die zweite Tradition, von der wir reden zu wollen ankündigten, wird sich späterhin als besonders wichtig für das Ganze unserer Untersuchungen herausstelleu und gleichfalls aus dem alten Griechenland und Italien nachweisen lassen. Sie wird ebensowol von den wilden Männern der riesigen Waldfänken, als von den zwerghaften Fänkenmännlein erzählt. Die Fänkenmännlein in Churrhätien nämlich übernehmen ganz ebenso wie in Mitteldeutschland die Busch- und Moosmännchen, Holzfräulein u. s. w. sehr gern und häufig die Rolle der Hausgeister und Kobolde; sie besorgen im Stille das Vieh, füttern, tränken nnd striegeln es nach schönster Art oft ganz ohne Lohn, oft nur um ein paar Käse, um ein Näpfchen
Milch oder um den Schaum der Milch. Am liebsten jedoch verstehen sie sich zur Hut der Heerden auf den Alpen und in den Maisessen und werden daher öfters wilde Küher oder wilde Geißler genannt. Schenkt man ihnen aber Kleider oder Schuhe zum Lohn, so werden sie, wie im gleichen Falle die mitteldeutschen Waldleute (s. o. S. 80) verscheucht. Solch ein wilder Mann (Geißler oder Küher) wird regelmäßig beschrieben als von großer Körpeistärke, behaarten Leibes und nur mit einem Schurz von Fellen bekleidet. In der Hand führt er eine mit den Wurzeln ausgerissene Tanne.1 Man trieb ihm die Geiße oder Kühe der Ortschaft gemeinhin vor das Dorf entgegen bis zu einem großen Steine, solche Felsblöcke werden noch gezeigt und heißen gern „der Geißlerstein.“2 Dort nahm er schweigend die Tiere in Empfang und trieb sie weiter, man wußte nicht wohin. Abends waren sie alle zur bestimmten Zeit wieder mit strotzendem Euter beim Steine, so daß sie kaum gehen konnten. Offenbar sind diese wilden Männer nicht Personificationen einzelner Bäume, sondern des gesummten Waldes mit dem Uebergang in Geister der gesammten Vegetation der Alpe. Dem wilden Geißler gleicht sich die finnische Waldjungfrau, welche in der Kalevala angerufen wird, das Vieh vor Schaden zu hüten, resp. abends nach Hause zu treiben (vgl. o. S. 30 und Kalev. übers, von Schiefner 1852 XXXII. v. 6O—100); andererseits ließe er sich füglich als ein Spiritus familiaris der Dorfschaft anffassen. Auf den Stein legt man ihm den ausbedungenen Lohn an Milch oder Käse. Da er auf diese Weise mit den Leuten in keinen mündlichen Verkehr trat und niemals zu den Wohnungen kam, suchte man ihn zu fangen und zur Mitteilung seiner Geheimnisse zu bewegen. Es geschah dies, indem man ihn in Wein oder Branntwein berauschte. Die näheren Umstände dieser Begebenheit werden mit kleinen Abweichungen erzählt, zu deren Characteristik die folgenden Varianten nebeneinander erwähnt werden mögen. Zu Monbiel stellte man dem die Heimkühe leitenden Männlein einen Schoppen Veltliner
auf den Stein. Es betrachtete den Wein lange und besann sich, ob es trinken solle. Endlich setzte es ganz vorsichtig die Lippen an. Da mundete ihm das Getränk äußerst wol und es trank den ganzen Schoppen.1 Zur Zeit, als die Pest in Graumünden unzählige Opfer forderte, starben keine wilden Weiblein und Männlein und man kam zu dem Schlusse, daß sie ein Geheimmittel besitzen müssen. Ein Bauer wußte mit List dasselbe einem Fänkenmännlein zu entlocken, welches sich oft auf einem Steine zeigte, der eine bedeutende Höhlung hatte. Ihm war das Lieblingsplätzchen des wilden Männchens wolbekannt, er ging hin, füllte die Höhlung des Steines mit gutem Veltinerwein und verbarg sich in der Nähe. Das Männchen war verdutzt, als es die Höhlung seines Lieblingssteines mit funkelndem Naß gefüllt sah. Es beugte sich mehrmals mit dem Naschen über den Wein, winkte mit dem Zeigefinger und rief „Nein du überkommst mich nicht!“ Endlich kostete es doch und immer mehr und wurde lustig und lustiger und fing an allerlei Zeuges zu schwatzen. Da trat der Bauer aus seinem Verstecke hervor und fragte, was gut sei gegen die Pest, „Ich weiß es wohl,“ sagte das Männchen, „Eberwurz und Bibernell; aber das sage ich dir noch lange nicht!“ Jetzt war der Bauer zufrieden und nach dem Gebrauche von Eberwurz und Bibernell starb niemand mehr an der Seuche.2 Vgl. o. S. 81.
Ein Waldfänke bei Conters hütete einst einen Sommer hindurch die Ziegen des Dorfes, sein Hirtenstab war ein Tannenbaum. Hatte er die Geißen Abends bis zu einer gewissen Stelle zurückgeführt, kehrte er in den Wald heim. Vergeblich suchten ihn die Söhne von Conters zu fangen. Endlich füllten sie zwei Brunnentröge, aus denen er zn trinken pflegte, den einen mit rotem Weine, und den andern mit Branntwein. Der wilde Geißler sah zuerst den roten Wein und rief: „Röteli du verführst mi net!“ und labte sich dann mit Branntwein, da dieser die Farbe des Wassers trug. In der darauffolgenden Berauschung wurde er gebunden und, da die Sage ging, die Fänken wüßten aus Milchschotten Gold zu bereiten und ähnliches, so wollten ihn seine Peiniger nicht eher loslassen, bis er ihnen ein Geheimmittel entdeckt habe. Er versprach, wenn sie
ihm losbänden, einen guten Rat Die Burschen ließen ihn also frei. Da sagte er schelmisch:
Ists Wetter gut, so nimm deiu Oberwamms mit,
Wirds dann leidig, kannst tun wie du willst.1
Nach der Sage von Klosters im Prätigau waren es mehrere neugierige Burschen, die gern die nähere Bekanntschaft des Geißlers gemacht hätten. Er hatte die Gewohnheit jeden Abend aus dem kleinen Brünnlein zu trinken, das zunächst dem Geißlersteine sich befand. Die jungen Leute sammelten im Dorfe manche Maß Kirschenwasser und füllten an einem heißen Sommertage unversehends das ganze Brünnlein damit. Der wilde Mann schöpfte mit der hohlen Hand. Anfangs mißfiel ihm der Trank, bald jedoch behagte er ihm; er trank in vollen Zügen und sank bald von der Wirkung des berauschenden Wassers bezwungen machtlos zu Boden. Schnell sprangen die Bursche aus ihrem Verstecke hervor, banden ihn mit Weiden und Stricken und trugen ihn ins Dorf in eine festverschlossene Kammer, aus der er um Mitternacht ausbrach, um sich nie wieder sehen zu lassen. Mit ihm war der Wolstand des Dorfes dahin.2 In der Ueberliefernng von Klausen ist es wiederum ein Brunnentrog, den man dem riesigen, mit zottigen Haaren überwachsenen Wildmann mit Branntwein füllt. Die Sage von Afing erzählt, daß der Wilde auf einen ausgerissenen Baum gestützt Tags oder in stiller Nacht die Holzfäller im Hauserwalde störte und ihnen das Wasser aus dem Troge des Schleifrads austrank. Um ihm dies zu verleiden, füllten sie den Trog mit Branntwein, und als er berauscht war, hieben sie ihm den Kopf ab.3
Was den Namen des Fanggen, Fänken oder Fenggen betrifft, so hat ein Kenner der deutschen und romanischen Volksdialekte
des Alpengebiets Chr. Schneller die Vermutung ausgesprochen.1 daß er aus der Mundart der benachbarten ladinischen Gemeinden entlehnt und zwar aus dem Feminin zu Salvang d. i. Sylvanus abgekürzt sei, mit welchem Worte man dort den wilden Mann zu bezeichnen pflegt. Dieser Meinung stehen zwar einige, doch wie ich glaube, nicht durchschlagende sachliche Gründe entgegen; nicht allzu sehr ins Gewicht fallen dürfte, daß bei den Ladinern das Ferm. Salvangga bereits ansgestorben und dafür eine andere Bezeichnung der wilden Weiber aufgekommen ist. Dagegen müßte der Uebergang von v in f für jene. Dialecte erst nachgewiesen sein, ehe wir uns entschließen können Schnellers Erklärung beizutreten.
§ 7. Wildleute in Tirol: Selige Fräulein.
Ganz verschieden von den Wildfanggen scheinen auf den ersten Blick, aber auch nur auf den ersten Blick diejenigen Wesen zu sein, welche in Deutschtirol, namentlich im Vintschgau und Oberinnthal, unter dem Namen Selige oder Salige Fräulein, Salgfräulein, Salinger, sonst auch als wilde Frauen oder wilde Fräulein, in Wälschtirol als Enguane oder Belle (resp. Delle) Vivane bekannt sind, obwol auch in ihnen nach einem Worte Weinholds, 2 der die Seligen als die lieblichsten Schöpfungen unserer Mythologie characterisiert, Wald- und Bergfrauen3 nicht verkannt werden können, milde, schöne Geister des Waldes und Gebirges, die über und unter der Erde segnend wirken, den Menschen hilfreich, die Tiere schützend. In der Tat haben sie fast alle Züge mit den Moosleuten und Buschfrauen Mitteldeutschlands gemein, noch mehr stimmen sie zu den wilden Frauen in Oberbaiern und im Salzburgischen, welche wir als die Vertreterinnen der geographischen wie sachlichen Mittelglieder zu den Salgfräulein an dieser Stelle beiläufig iu die Betrachtung mit hineinziehen werden, aber das Kolorit der Sage von den Seligen und die Scenerie, in der sie auf treten, ist verändert und ihr Wesen verklärt und vergeistig!. In einzelnen Fällen z. B. im Pusterthale ist jedoch ihre Gestalt noch nicht von diesem so zu sagen ätherischen Hauche
umwohnen.1 Irre ich nicht, so spiegelt sich in ihrer Eigentümlichkeit getreu die Empfindung, welche hoch oben in der klaren, freien und reinen Bergluft zwischen den Gletscherfirnen die Seele des Landeseinwohners ergriff, der mit dieser Empfindung das anererbte Material der Wildeleutsage durchströmte und so aus den Tiefen seines vorstehenden und fühlenden Geistes dämonische Personificationen zugleich der Vegetation und der sonstigen Natur auf den höchsten Höhen der Alpenwelt hervorgehen ließ. Sehr deutlich läßt der Vergleich der Sage von hessischen und bairisch-salzburgischen Wildfrauen gewahren, wie groß der Einfluß gewesen ist, den die Natur des Landes auf die Umgestaltung der Sage von den seligen Fräulein ausgeübt hat. Diese wohnen in den innersten Tälern und Berggegenden; 2 ihre Behausung sind schimmernde Eis- und Krystallgrotten,3 die sich im Schoße der Berge zu prachtvollen Räumen erweitern und oftmals talwärts von einem verborgenen Paradiese beblümter Hügel und grüner Wiesen umgeben sein sollen. Hier liegen sie als ihr Hausgetier die Gemsen, schützen dieselben vor den Jägern und bestrafen deren Verfolgung. Hat ein Gemsjäger eines der Tiere getödtet, so jammern sie, daß er ihre Kuh erschossen habe, Züge welche übrigens ebensowol auch an den Fanggen und anderen Wildfrauen haften.4 Nach den Seligen, die darauf hausen, ist ein Ferner im Sulzanerstock (zwischen den hintersten Alpen des Stubeitals) Fräulekopf genannt und die Fräulein selbst werden dort häufig auch als Schneefräulein bezeichnet, weil sie nicht allein die Alpweiden segnen und den Hirten gutes tun, sondern auch den letzteren Winke zum frühen Abfahren geben, wenn große Schneewetter einzufallen drohen.5 Oft sieht man
hoch oben an den höchsten Gipfeln Wäsche, schneeweiße Gewänder oder Kindstüchel wie weiße Wölkchen schweben, oder an den Sonnenstrahlen, die sich durch dichtes Waldlaub oder Felsklausen stehlen, zum Trocknen aufgehängt. Wenn die Wäsche an den Felswänden sichtbar wird, giebt es schönes Wetter, deutlich also sind es Nebel oder lichte Wölkchen, worin man die Gewebe der Seligen zu erkennen meinte.1 Blondlockig, blauäugig, in blendendes Weiß oder Silberzindel gekleidet, wie der Schnee, der die Berggipfel deckt und das Eis der Gletscher, und von Gestalt himmlisch schön, sitzen diese da oben und lassen einen wunderlieblichen Gesang ins Tal hinabschallen, der manchem guten Burschen das Herz mit unnennbarer Sehnsucht dehnt, wie hoch oben auf sonniger schneebeglänzter Höhe, wo man mit sich und Gott allein ist, das Gefühl der Unendlichkeit die Brust weitet. Nur sittlich reine Menschen dürfen den Fräulein nahen. Da mehrere Berichterstatter z. B. Hammerle und Alpenburg, wie es scheint, durch sentimentale Auffassung verleitet wurden, diese Sagen mehr zu idealisieren, als sie es in Wirklichkeit sind, so wollen wir zur Kennzeichnung derselben dem objektiv berichtenden Zingerle eine der vielen Geschichten nacherzählen, welche im Volksmunde von den Saligen in Umlauf gehen.
Bei Graun im Obervintschgau steht ein Mittelgebirg, die „Salge“, hier sollen vor alten Zeiten die „Salgfräulein“ gehaust haben. Sie wohnten unter diesen Steinblöcken in weiten prachtvollen Räumen und waren den Menschen hold und freundlich. Oft saßen sie abends weiß gekleidet auf einem großen Stein unter dem alten Lärchbaum und sangen Lieder. Eines Abends ging ein Hirt vorüber, der von dem schönen Gesänge so bezaubert wurde, daß er stille stand, sich auf einen Stein setzte und bis tief in die Nacht hinein den Salgfräulein zuhörte. Erst als diese mit untergehendem Monde verschwanden, gedachte er seiner Heerde und seines jungen Weibes und ging heim. Seitdem aber war er einsilbig und schwermütig und, ohne seinem
Weibe etwas davon zu sagen, ging er nun oft auf die Salg, um dem Gesange zu lauschen. Endlich wurden die schönen Fräulein mit ihm vertrauter und führten ihn in ihre Grotten, wo ganze Reihen von Gemsen an Krippen standen. Sein Weib bemerkte, daß er öfter des Nachts, sich entfernte und ausblieb. Um zu erfahren, wohin er gehe, befestigte sie einst heimlich an einem seiner Wammsknöpfe einen Garnfaden, behielt aber den daran hangenden Knäuel zurück. Dem leitenden Faden folgend erreichte sie die Höhle der Saligen, in deren Mitte sie ihren Mann vorfand. Da fing sie an zu weinen und zu klagen und verwünschte den Tag ihrer Hochzeit und die Salgfräulein, die sofort unter den Steinen verschwanden, um nicht wieder gesehen zu werden.1
Von den Waldfräulein in Falkwand bei Stuls und noch ausführlicher von den wilden Weibern im Untersberge hei Salzburg wird dieselbe Geschichte etwas abweichend erzählt. Eine der wilden Frauen, welche oftmals aus dem Untersberge gegen das Dorf Anif herabkam und sich auf dem Felde in die Erde Löcher und Liegerstatt machte, hatte so schöne lange Haare, daß sie ihr bis auf die Fußsohlen herabfielen. Ein Bauer verliebte sich hauptsächlich um dieses Umstandes willen in sie und legte sich in Einfalt zu ihr in ihre Lagerstätte, ohne etwas Ungebührliches zu tun. Am zweiten Abend fragte sie ihn, ob er eine Frau habe. Er leugnete, aber am dritten Abend ging seine Frau ihm nach, fand ihn und rief, die Wildfrau erblickend:
„O behüte Gott deine schönen Haare! Was tut ihr da mit einander?“
Da verwies die wilde Frau dem Bauer seine Lüge, schenkte ihr einen Schuh voll Geld uud ermahnte ihn seinem Weibe treu zu bleiben. 2
In der norddeutschen Ebene knüpft sich die noch rohe Erzählung an solche Zwerge (Schanhollen u. s. w.), welche nur mit localer Aenderung entschieden den Waldleuten der oberdeutschen Sage entsprechen. Hier schläft der Bauer im Arme der Zwergin, deren langes Haar bis auf die Erde hinabhängt. Behutsam hebt seine mit Hilfe des Garnknäuels nachgekommene Gattin es auf und legt es zur schönen Eigentümerin aufs Bett.3
Die Deutung dieser Erzählung würde an diesem Orte zu Erörterungen führen, welche von unserm gegenwärtigen Zwecke seitab liegen; wir entnehmen aus ihr nur ein Zeugniß von der Uebereinstimmung der Salgfräuleinsage mit derjenigen von den wilden Frauen resp. Waldweibern. Wie die Holzfräulein (o. S. 76) nie endende Garnknäuel spenden, schenkt die wilde Frau in der Felshöhle bei Widrechthausen ein solches dem Widrechthäuser Bauer, als ihn dessen Frau bei ihr schlafend gefunden und zum Zeugniß, daß er ihr eine Haarlocke abgeschnitten hatte.1 Auch die selige Jungfrau aus der Lecklahne begabt zum Abschied mit solchem wunderbaren Zwirnknäuel, als sie aus dem Dienste eines Bauern plötzlich scheidet, weil man ihren Namen erfahren.2 Auch ein Brodlaib der, so lange mau davon kein Redens macht, nicht ein Ende nimmt, wird als ihr Geschenk erwähnt.3 Gleich den Holzfräulein, Fanggentöchtern u. s. w. sind sie, ohne Lohn und Gabe zu nehmen und ohne Namen und Herkunft zu verraten, hilfreich in der Bauernwirtschaft und, wo sie weilen und schaffen, stellt sich Segen und Ueberfluß ein. Alles gedeiht, aber sie verschwinden und mit ihnen Gedeihen und Reichtum, sobald man in ihrer Gegenwart flucht (vgl. ob. S. 81), nach ihnen schlägt, ihnen Speise vorsetzt oder ihren Namen nennt; oder sie werden durch Ansage eines Todesfalls unter den Ihrigen (s. ob. S. 90) abberufen.4 Im Stalle sammeln sie die verschüttete Milch und trinken dafür wol — andere Nahrung verschmähen sie — aus der Milchbutte, in der dann aber die Milch nicht ab, sondern zunimmt.5 Fast in jedem Hause wohnte ehedem ein solches geisterhaftes Wesen.6 Sie bewähren sich somit vollkommen als gute Hausgeister. Zuweilen gehen sie auch mit irdischen Männern eine Ehe ein und gebären Kinder, verschwinden aber, wenn das Gekeimniß ihres Namens oder ihrer Herkunft verletzt wird. Dann kehren sie jedoch noch immer
an gewissen Tagen zurück, um ihre Kinder zu waschen, zu kämmen und zu kleiden.1
Mau erinnere sich, daß wir auch diesem Zuge bereits bei der Bidschower Sage von der Nymphe eines Weidenbaumes begegnet sind (ob. S. 69); er wird sonst auch von Nachtmahren 2 und von den Seelen verstorbener Mütter erzählt, welche noch über das Grab hinaus ihre Liebe bewähren.3 Seelen Abgeschiedener und Pflanzengeister sahen wir ja schon mehrfach in einander übergehen (S. 40.44). Auch noch ein weiterer Zug, daß die Saligen zuweilen vom Berge niedersteigend in den Spinnstuben sich sehen lassen, und wundersam spinnen, sowie Spinnen und Weben lehren,4 wird anderswo unmittelbar von Baumgeistern berichtet.5 Noch eine weitere Aussage gemahnt unmittelbar an die (ob. S. 36) entwickelten Baumsagen, nach welchen vermöge der Sympathie zwischen Pflanze und Mensch jeder Hieb, der die Baumnymphe trifft, ebenso tief als ins Holz in Fleisch und Bein des Frevlers eindringen soll. Wenn das Heu gemäht wurde, gesellten sich die Fräulein gerne den Menschen zu und halfen bei der Arbeit. Wenn der Mähder das Rodnerinnenlocken übte, d. h. dreimal mit dem Wetzstein über die Sense strich, so kam bei diesem schrillen, weithin hallenden Tone jedesmal ein Salgfräulein in die Wiese herunter und zerstreute
die Mahden. Ein Bauer, dem dies auch geschah, verguckte sich in das unbekannte Mädchen. Als im Herbste die Heuernte zu Ende ging und die Selige das letzte Fuder faßte, machte der ungeschickte Liebhaber ein Schlof in das Bindseil und band das Mädchen am Fuße fest. Das Fräulein, in dem Bestreben sich loszumachen, brach das zarte Bein und verschwand weinend. Anderen Tages brach das Bäuerlein auch ein Bein und blieb lebenslänglich lahm .Sein Geschlecht muß es noch bis heute büßen, denn allemal je ein Glied der Familie muß lahm gehen.1 Endlich teilt die Ueberlieferung von den Salgfräulein mit derjenigen von den Busch- und Holzweibchen auch noch den Characterzug, daß sie von dem wilden Jäger gejagt werden, der hier aber der wilde Mann heißt und ganz wie die uns schon bekannten wilden Männer in Hessen und in Graubünden (die Fankenmänner) beschrieben wird. Er ist ein gewaltiger Mann, von weitem gleicht er einer Fichte, die ganz mit Moos (Baumbart) überkleidet ist. Wenn er auf dem Wege eines Stockes benötigt, so reißt er grade einen Baumstamm aus und der Wurzelstock dient als Staggel unten dran. Bei schönem Wetter trägt er einen Mantel, um bei schlechtem — wie er sagt — tun zu können, was er wolle. 2 Wer ihm, wenn er wie die Windsbraut daherstürmt, zuruft: „Halt und fach (fange)! mir die Halba und dir die Halba!“ oder „Jag toll! und bring mer moarga o a Viartl davon!“ oder „Wilder Mann hual, nimm dein Tual!“, dem braust bald der Wind mit fürchterlichem Toben um seine Hütte, er vernimmt ein herzzerreißendes Wehgeheul in den Lüften und die erbetene Hälfte eines seligen Fräuleins hängt
ihm am Türpfosten. Nur wenn sie sich auf einen im Fallen des Stammes schnell durch 12 Axtschläge mit drei Kreuzen bezeichueten Baumstrunk setzen können, finden die Seligen vor dem wilden Manne Schutz, alles dieses den thüringischen und fränkischen Waldweibchen entsprechend. Im Vintschgau giebt es noch manchen Holzknecht, der nicht versäumt, derartige Kreuze einzuhacken.1 Beziehen sich diese Mythen deutlich auf Baumgenien, so weisen andere auf einen Zusammenhang mit der niederen Pflanzenwelt der Hochalpentäler hin. Unter den Saligen begegnen jene von Fanggen und Fänken uns bekannten Namen Stutzamutza u. s. w., in der Hinterdux jedoch nennt man die im Innern des Duxer Ferners hausenden Fräulein „Talgilgen,“ d. h. Maiblumen (Lilien des Tales). Sollte das nur ihre frühlingsfrische Schönheit ausdrückeu? Im Kanton Glarus heißt so ein Bergfräulein hei Schwanden Wídewíbli (Weidenweiblein), ein anderes bei Engi Pulsterewíbli (Huflattichweiblein).2 Im Kanton St. Gallen ruft man den Kindern, um sie vom Pflücken der unreifen Haselnüsse abzuhalten, zu:
„’s Haselliussfräuli chumt.“
Das Letztere ist wol eine Personification engerer Art, als die vorhergehenden. Und wenn in Montavon eine Art Baldrian (Valeriana celtica) Wildfräulekrut heißt,3 so hängt das deutlich damit zusammen, daß die wilden Frauen auch als heilkundig gedacht wurden, wie die Harzer Moosweiblein und oberpfälzischen Holzfräulein (S. 81. 97). Schon ein altes Zeugniß dafür besitzen wir im Gudrunepos (Str. 529); Wate hat von einem „wilden wíbe“ die Heilkunst gelernt und heilt mit guten Wurzeln die Wunden auf dem Schlachtfelde.4 Auch im Ecken liet gräbt das von Fasolt gejagte „wilde vrouwelín“ eine Wurzel,
zerreibt sie in der Hand und bestreicht damit den wunden Dietrich von Beru und sein Roß, davon das Weh verschwand und alle Müdigkeit wich.1 Nach deu über die mitteldeutschen Holzfräulein gepflogenen Erörterungen darf jedoch das Folgende wol wieder auf eine unmittelbare Beziehung der Saligen zur Vegetation gedeutet werden. Wenn Alpenburg recht berichtet ist, so überwandeln die Seligen zur Zeit der Flachs blute unter Anführung ihrer Königin Hulda die Flachsfelder, richten geknickte Stengel auf und segnen Kraut und Blüten.2 Der Flachsbau, Spinnen und Weben ist der Gegenstand ihrer besonderen Fürsorge.3 Vorzüglich aber wenn der Flachs gejätet, das Gras der Wiese gemäht, das Korn des Feldes geschnitten wird, stellen die Seligen oder wilden Frauen sich ein, helfen heuen oder Aehren schneiden, oder eilen vom wilden Mann gejagt vorüber.4 Den Mähdern auf den Bergwiesen stehlen sie gerne die Küchlein und Krapfen vom Kohlenfeuer und wenn das Heu im Winter mit Schlitten von den Alpen geholt wird, hockt ihrer wol ein ganzes Dutzend hintenauf und fährt mit,5 auch ruhen sie gern in Heuschupfen.6 In Martell werden den Arbeitern auf den Bergwiesen immer die sogenannten „Mahdküchel“ mitgegeben, angeblich für einen zufälligen Besuch der weißen Fräulein. Auch erscheint jeder Arbeiter beim Mahle in Feiertagskleidern, was wie das späte Mittagsessen sonst nicht gebräuchlich ist. Alles dies geschieht, wie die Leute sagen, „der Fräulein wegen.“7 Sowol die Mitarbeit bei der Ernte, als das Brod- oder Kuchenstehlen sind uns bereits wolbekannte Züge (ob. S. 75). Sollte das Schlafen im Heuschober
und das; unsichtbare Mitfahren mit dem von der Alpe heimgeführten Heu eine Erinnerung daran enthalten, daß die Fräulein als Vegetationsdämonen af das Gras mehr oder minder gebunden seien, oder liegt diesen Erzählungen ein rein menschliches Motiv zu Grunde? Zur Vervollständigung der Wildfräuleinmythen sei noch dieses angeführt, daß sie (resp. die Seligen) Wöchnerinnen, die nicht aufgesegnet sind, mit sich nehmen;1 daß sie Kinder rauben, die später (grüngekleidet) in ihrer Gesellschaft gesehen werden.2 Diese Eigenschaft teilen sie mit der mehr riesenhaften wilden Frau, der Fangg. Eine solche, die des wilden Mannes Gefährtin ist, heißt in Passeier Langtüttin, von ihren langen Brüsten, die sie den Kindern, ihnen nachlaufend, darbietet. Aus der einen fließt Milch, Eiter aus der anderen (vgl. ob. S. 88).3
§ 8. Wildleute: die rauhe Else der Wolfdietrichssage.
Wir bemerkten (ob. S. 100), daß die wilden Frauen in baierischer Ueberlieferung noch eine rohere und ursprünglichere Gestalt bewahrten, als die Tiroler Salgfräulein. Ein in Baiern um 1221 verfaßtes Stück in spielmännischer Poesie, das zweite Lied im Wolfdietrich B. gewährt in der Episode von der rauhen Else die Verflechtung einer Wildfrauensage in einer dem Zeitgeschmack huldigenden Umdichtung, jedoch mit Bewahrung mancher noch sehr altertümlicher Züge, in das Epos. Wolfdietrich wacht auf einem grünen Anger im Walde beim Feuer, indeß seine Gefährten schlafen. Da kriecht auf allen Vieren, wie ein Bär, ein ungeschlachtes behaartes Waldweib, die rauhe Else herbei und fordert ihn auf, sie zu minnen. Da er sie entrüstet zurückweist, verzaubert sie ihn, so daß er in derselben Nacht zwölf Meilen läuft, bis er unter einem schönen Baume die rauhe Else abermals trifft. Sie wiederholt die Frage: „Wilt du mich minnen?“ er die Weigerung. Da wirft sie zornig einen stärkeren Zauber auf den Mann, so daß er schlaftrunken auf den grünen Rasen niedersinkt und sie ihm zwei Haarlocken vom Kopfe und die Nagelspitzen von den Fingern schneiden kann. Jetzt ist er ihr verfallen. Sie macht ihn zu einem Toren, so daß er ein
halbes Jahr ohne Besinnung im Walde „wild laufen“ muß und Kräuter von der Erde als Speise aufrafft. Endlich gebietet Gott dem Weibe durch einen Engel die Verzauberung rückgängig zu machen, widrigenfalls ihr der Donner in dreien Tagen das Leben nehmen werde (oder dir nimt der doure in drín tagen dínen lip). Alsbald stellt sie sich Wolfdietrichen wiederum dar und jetzt willigt er ein, sobald sie getauft sein werde. Sie führt ihn zu Schiffe über Meer in ein Land, drin sie als Königin schaltet (Troja), läßt sich da in einem Jungbrunnen taufen, legt in demselben ihre rauhe Haut ab und steigt mit dem neuen Namen Sigeminne aus demselben als die schönste aller Weiber hervor.1 Nach dem Dichter zog sie schon drei Jahre dem Helden nach, den sie zum Manne wollte, ihr neuer imperativisch gebildeter Name soll daher den Triumph der Liebe ansdrücken und ist nicht mit J. Grimm Myth.2. 405 mit waltminne (lamia) merminne (sirena) zusammenzustellen.
Unverkennbar sind die Spuren mehrerer Wandlungen, welche die Erzählung durchgemacht hat, ehe sie in die Hände des letzten Bearbeiters geriet. Königswürde, Königssitz in Troja, Bewerkstelligung des Zaubers durch ein äußeres Mittel (Ueberwerfen), Namengebung sowie eine spätere Entführung der Sigeminne durch einen Zwergkönig2 mögen Erfindungen des Dichters von Wolfdietrich B. sein, einer früheren Bearbeitung gehört das Bad im Jungbrunnen an, doch auch dies ist kein ursprünglicher Bestandteil der Sage, welche unzweifelhaft nur dies wußte, daß die anfangs in rauher, behaarter Gestalt auftretende Jungfrau dem Helden endlich in liebreizender Schönheit nahte, falls nicht dies den ursprünglichen Schluß der Erzählung bildete, daß Gott dem Waldweibe, in dessen Gewalt der Held geraten war, befahl denselben loszulassen. In der Drohung mit dem Donner bricht, wie J. Grimm (Namen des Donners 322 Kl. Schr. II, 425) mit Recht bemerkte, ein alter Sagenzug durch; der erste Urheber der Episode wußte noch, daß die Waldfrauen, deren eine seine Verse verherrlichten, dem Volksglauben nach gewöhnlich von dem Gewitter verfolgt
werden (vgl. den estnischen Baumelf ob. S. 68) wie die Seligen vom Stumriesen. Weicht schon dieser Zug von den bisher aufgeführten deutschen Sagenformen ab, so noch mehr, daß das Waldweib den Ritter irre laufen läßt (vgl. ob. S. 61 die Sage vom Apfelbaum bei Falsterbro) und daß dasselbe von seiner Seite die geschlechtliche Verbindung mit Menschen sucht. Die Vergleichung der schwedischen Skogsnufvar wird uns jedoch Zug für Zug gewiß machen, daß wir es in diesen aus der dichterischen Verarbeitung herausgeschälten Volksanschauungen mit eurer uralten in Deutschland seit Jahrhunderten verschollenen Form der Ueberlieferung zu tun haben.
§ 9. Wilde Leute: Norggen.
Wie in Graubünden und Vorarlberg die riesigen Fänkennänner in die zwerghaften Fenggen übergehen, kennt der Tiroler Volksglaube neben dem ungeheuren wilden Mann, der die Seligen verfolgt, ein harmloses „Wildmännl.“ Diese „wilden Männlein“ führen häufig den wälschen Namen der Norgen1 (Nörglein, Orgen, Orken, oder Lorgen d. i. ital il orco, franz. ogre, Ferm. it. orca fr. ogresse aus lat. Orcus, in orco, ein Name, der nach der Predigt des h. Eligius (Myth.1 XXX) schon im 7. Jahrhundert unter den Romanen des Frankenlandes ein Wesen des Volksglaubens bezeichnete und dem Begriffe nach, dem deutschen ,.Unnerérdschen“ Zwerg u. s. w. entsprechen wird. Es ist aber fast nur der Name von den Wälschen entlehnt, denn der Orco der Ladiner, ein tückischer Berggeist, der den Menschen schlimm mitspielt, und sich in alle Gestalten wandeln kann, wird in vielen und wesentlichen Stücken verschieden von dem Ork und Nörkele der Deutschtiroler geschildert.2 Letzterer ist halb Zwerg, halb Kobold und zeigt sich als solcher gern von der neckischen Seite. Die Norgen sollen vom Himmel gestürzte Engel sein, welche im Fall an Bergen und Bäumen hangen blieben und noch jetzt in hohlen Bäumen und andern Löchern und Berghöhlen wohnen. 3 Sie hüten dem Bauer
auf der Alp oder im Stalle das Vieh, spielen den Mägden manchen Possen, gehen davon, sobald man sie mit nettem Gewände beschenkt, stehlen Kinder, hocken dem Wanderer auf und machen sich so furchtbar schwer, daß mancher der Last erlag, oder Krankheit davon trug. Ihre Töchter, die beim Bauer dienen, werden auf die schon bekannte Art durch Ansage, daß der Vater todt sei, heimberufen (vgl. ob. S. 90).1 Sie tragen sich gern in Grün, in Bergmoos2, grüne Jacke und grüne Hosen3 oder grüne Strümpfe gekleidet.4 Sie sind also, abgesehen davon, daß bei ihnen, etwa von ihrem ladinischen Namensvater dem Orco her, die schalkhafte Seite des Koboldcharacters mehr herausgebildet ist, den Fenggen Graubündens ganz gleich. Oft erwähnt von diesen wilden Manneln oder Nörgeln ist der folgende Zug, der übrigens auch von den Seligen berichtet wird.5 Bei herannahendem Regenwetter läßt sich das Nörgl jauchzend auf einer Anhöhe sehen und dient als Wetterprophet. Im Frühling oder Spätherbst, zur Zeit der Aussaat erscheint dem Bauer das befreundete wilde Männlein und bezeichnet ihm die Zeit, wann er das Feld bebauen solle. Entweder giebt es durch sein persönliches Erscheinen dieses Zeichen oder indem es einen Pflug, oder eine Egge auf den Acker stellt.6 Aelter wol und ursprünglicher ist die erstere Angabe.
In Navis erschien immer zur Zeit der Aussaat ein wildes Männlein und die Bauern konnten darauf rechnen, daß sie, sobald es sich zeigte, aussäen und eine gute Ernte hoffen durften. Auf den Voldererberg kam alle Frühjahr ein Mannl. Niemand wußte wie es hieß oder woher es kam; und doch stand es mit den Bauern auf bestem Fuß, gab ihnen manchen Rat und bestimmte genau die Tage, an denen sie diese oder jene Arbeit bestellen sollten. So lange der Bauer dem Winke des wilden Männleins
(Norgleins) folgt, erfreut er sich jedesmal einer reichen Ernte. Als er einstmals aber, da der Norg oder sein Zeichen lange ausbleibt, auf eigene Hand aussät, oder einlhimst, kommt hinterher noch ein Unwetter, das die ganze Ernte vernichtet. Der wilde Mann verschwindet für immer mit den Worten: „Hättet ihr mich viel gefragt, hätte ich euch viel gesagt.“1
§ 10. Wilde Leute: Bilmon, Salvadegh, Salvanel in Wälsch-Tirol.
In Wälschtirol zumal um Folgareit sprechen die Deutschen vom wilden mon, Bilmon oder Bedelmon (wilden Mann), der in Höhlen wohnt als wilder Jäger zur Zeit des Heumähens jagt und, wenn man von ihm einen Jagdanteil verlangt, einen halben Menschenleib an die Haustüre wirft.2 Er lehrt Holzschläger die Kunst Käse zu machen, als man ihn einst, berauscht und so gefangen hat.3 Wäre er nicht zu frühe entkommen, so hätte er noch manche schöne Dinge gelehrt, besonders aus Milch Wachs zu machen. Das von ihm gejagte Weib heiratet einen Menschen, der sie rettet, verläßt denselben, weil er ihr mit der linken statt der rechten Hand den Schweiß getrocknet hat, kehrt aber zurück, um ihre Kinder zu waschen und zu kämmen (vgl. o. S. 104-),5 oder sie eilt davon, weil ihr Mann mit seinem Wagen durch den Wald fahrend plötzlich eine Stimme hört: „Sag der Mao, daß Mamao gestorben ist“.5 Die Frauen der wilden Männer, die wilden Weiber, heißen in Folgareit und Trambileno zuweilen Franberte, sie führen den Wanderer gerne in den Wäldern irre, indem sie plötzlich Stücke Leinwand durch den Wald spinnen und ihm den Weg sperren (Nebel). Dieser wilde Mann wird von den Ladinern in den nämlichen Tälern von Folgareit nnd Trambileno l’om salvadegh (= franz. l´omme sauvage aus salvage, lat. homo silvaticus) genannt. Die entsprechende weibliche Form läßt
sich bereits im 10. Jahrhundert aus des Burchard von Worms Decretensammlung p. 198 (Myth.1 XXXVIII.) erweisen:
Deutlich ist „agrestis femina“ Uebersetzung des deutschen Ausdrucks „wilde Frau“. (Vgl. weiter unten die Sagen von der schwedischen Skogsnufva und o. S. 108 die rauhe Else.) In Valsugana um Borgo heißt der Salvadegh Salvanel. Man erzählt hier von ihm ebenfalls, daß er mitten in Wäldern Höhlen bewohnt, den Hirten die Milch stiehlt und, als man ihn einst durch 2 mit Wein gefüllte Milchgefäße fängt und bindet, die Bereitung von Butter, Käse und Lab leimt. Er raubt kleine Kinder, besonders Mädchen. Wenn ein Baum absteht und auf einer Seite des Stammes an einer schon von der Fäulniß ergriffenen Stelle ein wässeriger Saft abfließt, so sagen im wälschen Etschlande die Bauern, er habe den Salvanel.1 Salvanel entspräche latein. Silvanellus, d. h. doppeltem Diminutiv von Silvanus. In Fassa Enneberg und der Gegend des Kreuzkofels führen die wilden Männer den Namen Salvangs (Sing. Salvang Plur. Salvegn) = lat. Silvani, Silvanii. Sie waren stark, haarig und hatten lange Nägel an den behaarten Fingern. Man fürchtete sich vor ihnen, weil sie gerne Kinder abtauschten. Deshalb trifft man noch jetzt an alten Häusern der dortigen Gegend nur kleine runde Fenster, die sich bequem mit einem Schubladen schließen lassen.2 Die wilden Weiber der Salvegn heißen in Fassa Bregostane, in Enneberg Gannes2 3 (über Fangga s. o. S. 99).
Noch wilder, den Fanggen Deutschtirols ähnlich, denkt sich das Volk um Mantua die gentc salvatica, Geister halb Mensch, halb Tier mit einem Schwänze hinten, welche Menschen mit sich in den Wald tragen und auffressen. Ein ins Saatfeld gesteckter Popanz aus alten Lumpen, von dem man den Kinder sagt, er
werde sie forttragen, wird ebendaselbst als Salbanello bezeichnet.1 Niemand wird sich hier dem Zugeständniß entziehen können, daß in allmählichen Uebergängen ein grader Weg von den Baumgenien und mitteldeutschen Waldleuten uns bis an den römischen Silvanus und Fannus herangeführt hat. Wir werden davon Act nehmen dürfen, um uns dieses Zugeständnisses an einem andern Ort zu erinnern, wenn wir vou ganz anderer Seite den nämlichen Endpunkt erreicht haben werden.
§ 11. Wilde Leute: Pilosus, Schrat, Schrätlein.
Fürs erste liegt uns jedoch die Pflicht ob, die Bedeutung noch eines andern sehr scheinbaren Zeugnisses für die Uebereinstimmung anderer Waldgeister mit den Panen und Satyrn auf ihren wahren Wert hinabzustimmen. Wir sahen, daß die Moosleute und wilden Männer als am ganzen Leibe behaart geschildert werden. Bei romanischen, deutschen und slawischen Schrifstellern des M. A., namentlich Glossatoren ist die Rede von geisterhaften Wesen „Pilosi, qui graece panitae, latine incubi appellantur“, von denen dann verschiedene den Hausgeistern, Kobolden und Zwergen zukommende Geschichten erzählt werden.2 Daraus darf aber keinesweges etwa ein Zeugniß entnommen werden, daß die Erzähler dieser Sagen die betreffenden Hausgeister u. s. w., denen sie den Namen Pilosi, satyri u. s. w. beilegen, als den Faunen oder Panen in Gestalt oder Verrichtungen genauer entsprechend bezeichnen wollen. Vielmehr drückt dieser Name für sie nur den allgemeinen Begriff aus, im Anschluß an Jesaias 13, 21 in der Vulgataübersetzung. Letztere Stelle liegt allen den erwähnten Glossen zu Grunde oder schwebt den meist kirchlichen Schriftstellern vor. Deutlich aber läßt sich an einem einheimischen Namen, der zuweilen zur Verdeutschung von pilosus gebraucht wird, der schon oft beobachtete Uebergang vom Waldgeist in den Hüter und Schützer des Hauses aufs neue beobachten. Althochd. Glossen Myth.2 447 gewälmten scratun, pilosi; waltschrate satyrus3 auch mhd. begegnet „ein wilder walt-
schrat.“ Nach Kornmann mons Veneris 1644 p. 161 wurde der rötliche Saft, den die Schmetterlinge an die Bäume ansetzen, für das Blut der vom Teufel verfolgten und verwundeten Schretlein gehalten. Man glaubte, daß sie jene Blutspuren zurücklassen, wenn sie, um vor dem Bösen sich zu retten, in das Innere der Bäume hineinschlüpfen. Die Schrate oder Schretel, Schretlein u. s. w. stellten sich also unsern vom wilden Jäger gejagten Moosleuten und den estnischen vom Donner verfolgten Baumelfen (s. o. S. 68) nahe zur Seite. Zu bemerken ist aber, daß in Niederbaiern Schratl den Wirbelwind bezeichnet.1
Schon von alter Zeit her wird den Schraten gleichzeitig auch die Rolle von Hausgeistern und Kobolden zuerteilt Vgl. schretlin penates. Vocab. v. 1482 srate lares mali. Sumerl. 10, 66. Jedes Haus hat ein Schrezlein; wer es hegt, dem giebt es Gut und Ehre u. s. w. Michel Beham 8, 9; screti penates intimi et secretales. Wacehrad mater verbor. Namentlich ist der Skrat bei den Inselschweden und ebenso durch Entlehnung von diesen in der Form Krat bei den Esten ein Hausgeist oder Kobold, der auch mit dem fliegenden Drachen identifiziert wird, welcher seinem Besitzer Getreide und andere Dinge durch die Luft zuträgt.2 Ob in Ekkehards Waltharius die für den in langer Waldwanderung an Aussehen verwilderten Helden gebrauchte Vergleichung „saltibus assuetus Faunus“, „Silvanus Faunus“ jenes deutsche Waltschrate übersetzt, wie Grimm meint, mag dahin gestellt bleiben. Der Schrat wird gewöhnlich zwerghaft, in Kindesgröße gedacht; aber das Beispiel des Tiroler wilden Mannes lehrt, daß daneben sehr wol eine riesige Gestaltung desselben Wesens herlaufen konnte. Wir sahen die gente salvatica vorhin in Tiergestalt übergehen; schon früher begegnete uns ein dem Salgfräulein entsprechendes weibliches Wesen, eine Diale mit Ziegenfüßen (o. S. 95).
§ 12. Wildleute: Delle Vivane, Enguane.
Im Grödener Tale heißen die Seligen Belle Vivane, in Fassa Delle Vivane. Eine solche hockte jedesmal einem Bauer auf den Wagen, wenn er Holz von der Alpe nach Hause führte, und fuhr bis zu einer
1) Panzer, Beitr. II, 209.
2) Rußwurm, Eibofolke § 373 ff.
gewissen Brücke mit. Dem Rate einer klugen Alten folgend wußte der Bauer sie zu fangen und zu bestimmen, sein Weib zu werden. Sie willigte ein, wenn er sie nie Geiß nennen wolle. Als er dies nach Jahren in der Leidenschaft eines Wortwechsels dennoch tat, tanzte plötzlich alles im Zimmer, es entstand in dessen Mitte ein Staubwirbel und darin verschwand sie.1 Im Nonsberg und Valsugana in Wälsch-Tirol heißen die Seligen Angane (Enguane, Eguane); von ihnen werden die bekannten Wildfrauensagen erzählt, ihr Verfolger aber ist ein wilder Jäger Namens Beatrik, der zu Roß und mit vielen kleinen Hündchen, besonders zu Weihnachten daherstürmt. Wir nennen ihn hier besonders, um zu erwähnen, daß er einst einem Hirten befiehlt einen Bock von der Spitze eines Hügels zu holen, zu schlachten, zu kochen und dann mit zu essen. Nach dem Essen warf der Beatrik die abgezogene Haut des Bockes auf die wol aufgehobenen Beine, da war der Bock lebendig und ging zur Türe hinaus, aber er hinkte ein wenig, weil der Hirte ein Beinchen vom Fuße verschluckt hatte.2 Es ist dieselbe Mythe, welche in der jungem Edda vom Gewittergotte Thorr, in Oberdeutschland von der Wiederbelebung eines Hasen, einer Gemse, einer Kuh durch das wilde Heer (Nachtvolk), Zwerge, wilde Frauen oder Hexen, in den Niederlanden und England von Erneuerung eines Ochsen, Kalbes oder Schweines durch die wilde Jägerin Herodias oder durch Heilige berichtet wird.3
§ 13. Wilde Leute der keltischen Sage.
Haben wir einmal im Verfolg der verschiedenen Gestalten der Waldgeister die germanische Grenze nach der romanischen Seite hin überschritten, so sei gleich des wilden Mannes und des wilden Weibes in der Artussage gedacht, zweier Figuren, welche wahrscheinlich aus der keltischen Ueherlieferung der Bretagne ihren Ursprung ableiten. Es sind Riesen von grausiger Gestalt, ellenbreit ein Haupt, ebergleichen Stoßzähnen, roten Augen und über die Ohren hinabhangendem rußfarbenem Haare. Das Weib ist nicht minder schrecklich, als der Mann. Es zeichnen sie kaum die Länge ihres Haares und ihre weit herabhangenden Brüste aus [ir brüste nider hiengen, di siten si beviengen gelích zwein grózen taschen dá]. Der Mann trägt einen mächtigen Eisenkolben als Waffe. Sein Geschäft ist, in dem märchenhaften Walde von Breziliande als Hirte die wilden Tiere des Waldes, Wisende und Auerochsen zu weiden, die ihm bebend als ihrem Meister gehorchen.1
§ 14. Dames vertes.
Dem ersten Anscheine nach völlig von diesen keltischen Wildleuten verschieden weisen die weißen oder grünen Frauen der Franche-Comté (Dames bauches, Dames vertes) doch auch Verwandtschaft mit dem wilden Weihe in Deutschland auf. Grüne Frauen haben u. a. in einem Walde hei Relaus Dép. du Jura ihren Aufenthalt An einer gewissen Eiche (chéne des bras) zünden sie Feuer an, da hört man sie singen und schreien. Auf engem Waldpfade begegnen sie den Menschen und locken sie mit unwiderstehlichen Reizen in das tiefste und entlegenste Dickicht; da schwindet der Zauber; die holdseligen Liebhaberinnen wandeln sich in erbarmungslose
Furien, welche ihr Opfer eben so eifrig verfolgen, als sie es zuvor augezogen hatten. Die großen und schönen grünen Frauen in den Wäldern beim Dorfe Veyria sind so mutwillig, die Vorübergehenden beim Arme zu fassen und sie zu einem Hange über die Ortsgrenzen hinaus zu verleiten. Da verirren sie sich mit ihnen vom rechten Wege und dieselben kommen zum Verdruß der eifersüchtigen Mägdlein von Veyria erst spät wieder. Im Tale von Salins im Walde von Andelot bei Pont d’Hery befindet sich eine Grotte „ chambre de la dame verte“ genannt. Auf dem großen Wege unfern davon läßt sich die grüne Dame oft genug sehen. Einst traf sie ein fünfzigjähriger Mann aus Andelot, Cousin, der den Spitznamen Badaud (Einfaltspinsel) führte, wie sie grade ihr Strumpfband befestigte. Er bot ihr seine Dienste an; sie tat, als nehme sie sein Anerbieten an und schlug ihm einen kleinen Spaziergang in den Schonungen und Wäldern vor. Da er hoffnungsvoll und eifrig darauf einging, nahm sie seinen Am, drückte ihn fest an sich und schleppte ihn dann atemlos durch Dorn und Hecken, Brücker und Sümpfe, wobei sie sich anstellte, als merke sie nichts. Als der Unglückliche endlich um Gnade bat, war sie so gefällig ihn über beackertes Land, oder spitze Felsen laufen zu lassen. Er hatte ein Bündel auf dem Markte gekauften Flachses bei sich. „Laß uns deinen Flachs spinnen,sagte sie, „Badaud, laß uns deinen Flachs spinnen!“ Und allenthalben wurde hier etwas Flachs von den Dornen gekämmt, blieb dort etwas an den Baumästen hängen. „Laß uns deinen Flachs spinnen!“ wiederholte sie und von seinem Bündel blieb auch kein Faden übrig.
In der Umgegend von Salins erscheint die grüne Frau oft den Einwohnern von Aresches und Thésy, auch sieht man sie am Quell von Alon. Einem jungen Vorwitzigen Petit Poulot, der sie um den schlanken Leib faßte, um mit ihr zu schachern, gab sie eine derbe Lection, die ihn für längere Zeit zum Gespötte seiner Bekannten machte. Die über die Combe-á-la Dame unweit Clémont vom Jahrmarkt von St. Hippolyte zurückkehrenden Bursche finden sich plötzlich im wilden Waldesdickicht umringt von einer Schaar junger neckischer und niedlicher Damen (aussiespiégles que jolies); an ihrer Spitze, die andern um eines Hauptes Länge überragend die grüne Frau. Sie trieben mit den Burschen ihr Spiel, allerlei Koboldstreiche, führten sie vom Wege ab uud brachen endlich in helles Gelächter aus, welches als vielfaches Echo spöttisch wiederhallte. Zwischen Neufchátel und Rémondan heißt ein Berg ,,la róche de la Dame Verte“.
Da verbirgt sich die grüne Frau, wenn es regnet, in engem Versteck hinter Buchen und einem dichten Vorhang biegsamer Schlingpflanzen. Auch auf einer Wiese an den Ufern der Braine zwischen Seilliéres und Vers wird eine grüne Dame sichtbar, die sich auf Kosten der jungen Leute in diesen Orten lustig zu machen liebt. In den sieben Quellen inmitten eines sehr einsamen Tales bei Greye sieht man die grünen Frauen fröhlich ihre Wäsche waschen. Am liebsten läßt sich die grüne Dame in Gebüschen am Rande der Wiesen, am Abhange gegen einen Weiher und am Ufer der Quellen sehen und gerne stößt sie den Gast, den sie an sich gelockt hat, ins Wasser. Dr. Gaspard aus Gigny (Dép. du Jura) weiß noch sehr wol aus seiner Jugend des folgenden Umstandes sich zu erinnern. Wenn man in der weiten Prairie das Gras mähte, so behaupteten die Arbeiterinnen, welche das Heu streuten und umwendeten, fast regelmäßig die „Dame verte“ ganz in ihrer Nähe haben vorübergehen zu sehen. Dies geschah zumal auf der sogenannten Rosenwiese und in der Nähe der „Grotten“, wo sie und ihre Gefährtinnen sich vereinigen sollen. Schwankten die Kräuter und Halme (epis) im Winde, so sagte man, die grüne Dame und ihre Gefährtinnen seien da, die mit ihren leichten Füßen darüber hinwandelnd Blumen und Aehren niederbögen. Und bei aller Tücke in ihrem Wesen leisten doch auch sie dem nahen Dorfe gewissermaßen den Beistand eines guten Hausgeistes. Zu Maisires im Tale von Loue (Dép. du Doubs) erschien die grüne Frau am Vorabende eines das Dörfchen verheerenden Brandes durch die Kornfelder und Baumgärten wandelnd; doch niemand beachtete ihre stumme Mahnung.1 Vgl. o. S. 108 die rauhe Else, die feminae agrestes silvaticae o. S. 113, und weiter unten die schwedischen Skogsnufvar. Hinsichtlich der Wäsche vgl. S. 101.112. Am bemerkenswertesten jedoch ist der Umstand,
daß dieselben Frauen, welche das Leben des Waldes erfüllen, auch im Winde durch oder über die Grashalme der Wiese, die Kornhalme des Ackerfeldes (und die Wipfel der Obstbäume) wandeln. Vgl. ob. S. 77 die Holzfräulein. Die Promenade durch Dom und Hecken erinnert sehr an die Stumnatur anderer Waldgeister. Das Flachsspinnen gleicht dem Garnspinnen der Holzfrau o. S.
§ 15. Wildfrauen in Steiermark.
Von der Abschweifung ins romanische Ausland kehren wir auf deutschen Boden zurück. In Steiermark hetzt eine ganze Genossenschaft von wilden Jägern (das wilde Gjaid) in einem halb pflüg-, halb schiffartigen Schlitten fahrend und von den gleich Rossen vom Schmied beschlagenen Geistern böser Dienstmägde 1 gezogen die Wildfrauen. Diese sind verwunschene Menschen, welche von der Rückseite hohl, oder muldenartig gestaltet sein sollen. Sie wohnen in einem bewaldeten Kogel (Berggipfel) und waschen in kleinen Lachen ihre Wäsche rein und weiß, die man sie zum Trocknen aufhängen sieht.2 Das Verständnis dieser seltsamen Beschreibung der Wildfrauen liefert vielleicht eine Schilderung der Frau Holle in hessischen Hexenacten; die an der Spitze des wilden Heeres daherfahrende „Frau Holt were von vorn her wie ein fein weibsmensch, aber hinden her wie ein hohler Baum von rohen Rinden“. 3 Sind die Wildfrauen Waldgenien, so liegt es doch wol am nächsten, daran zu denken, daß (wie bei der Melusine das menschengestaltete Oberteil ihr geistiges Wesen, der fischfömige Unterleib ihre Zugehörigkeit zum feuchten Elemente ausspricht) der hohle Rücken, einem vom Alter morsch
gewordenen Baume entlehnt, ihr Naturelement andeuten sollte.1 Wollte man jedoch dieser Deutung Raum geben, so müßte erst erwiesen sein, daß der hohle Rücken ein ursprüngliches Zubehör der Wildfrauengestalt und nicht etwa ein aus der Beschreibung anderer Geister hergenommenes Merkmal gewesen sei. An dieser Stelle kommt es nur erst darauf an, dem Leser ein Material über Waldgenien vorzuführen, welches ihn später befähigt über die Natur derselben ein begründetes Urteil herauszubilden.
§ 16. St. Walpurgis.
In den meisten dieser oberdeutschen Ueberlieferungen tritt die Beziehung der gejagten Frauen zur Korn- oder Heuernte, welche wir bei den Holzfräulein und den Seligen beobachteten (ob. S. 77), ganz zurück. In einer niederösterreichischen Tradition aus der Gegend von Mank kommt dieselbe wieder zum Vorschein. Die neun Tage vor dem 1. Mai heißen Walpurgisnächte und auch andere Tage, besonders die Erntetage, sind der h. Walpurga gewidmet In diesen Zeiten wird die heilige Walpurga, ein weißes Weib mit feurigen Schuhen und goldener Krone, in der Hand einen Spiegel und eine Spindel tragend, von bösen Geistern auf weißen Rossen durch die tiefen Wiesen und Wälder unaufhörlich verfolgt. Vor ihnen flüchtet sie sich gerne in die geöffneten Fenster eines Bauerhauses und verbirgt sich hinter dem Fensterkreuz. Einem Bauer, der bei Nacht sein Getreide heimführte, begegnete die h. Walpurga auf ihrer Flucht und bat ihn um Schutz. Er band sie in eine Garbe ein, bis die wilden Verfolger vorübergetost waren. Beim Ansdreschen ergab diese Garbe Goldkörner.1
Rochholz ( Drei Gangöttinnen, Leipzig 1870) hat vergeblich versucht nachzuweisen, daß Wälpurgis eine altgermanische Göttin war, aus deren Sagenkreis u. a. die vorstehende Ueberlieferung als Rest geblieben. Aus Tatsachen, die wir im Laufe unserer Darlegung mitzuteilen, auch für die Erklärung der vorliegenden Sage nutzbar zu machen gedenken, wird vielmehr hervorgehen, daß der Name Walpurga nur von dem Kalendernamen der Zeit hergenommeu ist, in welche der Volksglaube die Jagd auf das geisterhafte mit dem Holzfräulein, Seligen u. s. w. im übrigen identische Weib verlegte.
§ 17. Weiße Weiber, Ellepiger, Meerfrauen.
Im norddeutschen Flachland und Dänemark, soviel ich weiß auch in England, treten die Waldgenien als solche sehr zurück. Zwar fehlt es nicht an Seitenstücken zu vielen der von den Holzleuten und wilden Leuten erzählten Sagen, aber in diesen werden an Stelle jener Wesen die sogenannten Unterirdischen, oder weißen Weiber oder Meerfrauen (Haffruer) handelnd oder leidend angeführt, oder es ist ein einzelnes weißes Weib (Frau, Jungfrau, Wetterhexe, Haffru, Ellepige) der Gegenstand der Verfolgung von Seiten des wilden Jägers (Wode, Frau Wauer, in Dänemark Un, d. i. Zusammenziehung aus Oden, Grönjette, Kong Valdemar) und es wird wol hinzugesetzt, daß es seine Buhle1 sei, die er sieben Jahre lang verfolgt habe und wenn er sie heute nicht erreiche, so sei sie erlöst.2 Dabei kehren mehrere
uns bereits bekannte charakteristische Züge wieder. Die gejagten Wesen haben lange fliegende (einmal wird auch gesagt gelbe) Haare.1 Der Wilde hängt, sie, wenn er sie erlegt, mit denselben zusammengeknüpft quer über sein Roß. Auch die Brüste des verfolgten Weibes werden als lang und groß hervorgehoben, wovon sie auch Slatte Langpatte heißt.2
Als characteristische Züge, die vielleicht von Bedeutung sind, dürfen vielleicht noch die folgenden hervorgehoben werden. Die verfolgte Frau muß wie auch der wilde Jäger einen Kreuzweg passieren, der ihre Fahrt unterbricht; im Laufe auf der Flucht wird sie kleiner und kleiner, bis sie zuletzt nur auf den Knien läuft.3
Was auch immer die Bedeutung der Sage von der Jagd des wilden Jägers auf die einzelne Frau, oder eine Schaar elbischer Wesen sei [beide Formen der Tradition sind im Grunde nicht verschieden 4], jedenfalls ist die Verwandlung der Ver-
folgten in Meerfrauen ein durch die geographische Lage der dänischen Inseln veranlaßtes Mißverständnis und ebenso scheinen unter den Unnerérdschen und weißen Weihern (witte wíwer) hier Dämonen gedacht zu sein, welche vor andern Geistern gleichen Namens durch noch deutlich erkennbare Beziehungen zur Pflanzenwelt sich hervortun. Sie wohnen zwar meistens auf freiem Felde unter Büschen oder in der Erde, oder in kleinen Erdkugeln (dem flachländischen Gegenstück der Tyroler Berghöhlen) und wären danach wol als Feldgeister zu bezeichnen, aber zuweilen hausen sie auch in Waldlichtungen, oder unter den Wurzeln alter Bäume. Und wenn man, was doch wol sehr wahrscheinlich ist, die witte Wíwer in Mecklenburg von den witte Wíwer auf dem benachbarten Rügen nicht trennen darf, so bietet die folgende Sage einen directen Belag dafür, daß sie teilweise mit den Baumseelen zusammenfallen. Bei Mönchgut stand eine Eiche. Als die witten Wíwer von dort vertrieben wurden, vertrocknete die Eiche und sie sagten, wenn die Eiche wieder ausschlüge, würden auch sie wieder kommen. Zeitsehr. f. d. Myth. II, 145. Da es ferner nicht ungewöhnlich ist, das Laub der Bäume als Haar aufzufasseu (ob. S. 76), so liegt es nahe mit Müllenhoff (a. a. 0. und Torr. XLVI; XLVII) die langen (gelben) Haare der verfolgten Wesen auf ein charaeteristisches Zubehör von Moosleuten oder Waldfrauen, mit andern Worten auf das gelb gewordene durch den Sturmriesen im Herbste von den Bäumen gejagte Blättergrün zu deuten. Hierauf würde auch der Name des Verfolgers binweisen, wenn man den Grönjätte auf Möen als Riesen d. h. entweder den riesigen Dämon oder den Vernichter, Verfolger des Grüns fassen dürfte.1 Das einzelne gejagte Weib
wäre dann wol als eine Personification der ganzen Vegetation zu verstehen, deren üppige Nahrungskraft und Zeugungsfülle durch die ungeheure (von der jüngeren Volkssage schließlich ins Unschöne übertriebene), Entwickelung ihrer Brüste angedeutet wird. Im Herbste wird sie von Tag zu Tage kleiner und kleiner. Sie war des sommerlichen Gottes Buhle; jetzt entzieht sie sich ihm, vor ihm fliehend, während der sieben Wintermonate (der 7 Jahre der Sage); als Kreuzweg muß die Jahreswende (Mittwinter, Wintersolstiz resp. Neujahr) überschritten werden.1 Wir kommen auf diese Deutung weiterhin noch einmal zurück.
Zuweilen wird die vom wilden Jäger in Dänemark gejagte Frau gradezu als Ellepige (Elfenmaid) oder Ellefru bezeichnet.2 Die Elfen (Ellefolket) wohnen im Erlenbruch, der Mann erscheint als alter Kerl mit breitem Hut; bläst er Menschen an oder gerät ein Tier auf die Stelle, wo er mit den Seinigen weilte, so fallen sie in Siechtum. Die Weiber tanzen bei Mondschein ihren Reigen im grünen Grase, von vorne jung und verführerisch schön, sind sie hinten hohl wie ein Backtrog.3 Der letzte Zug kehrt aber auch in dänischen Sagen wieder, welche Waldfrauen in einer ganz ähnlichen Weise schildern, wie die weiterhin zu besprechenden schwedischen Skogsnufvar. Eines Tages ging ein Kind mit seiner Mutter zu Walde, da sah es ein großes Weib, das rauchte Taback. Was ist das für eine ? fragte der Junge. Laß du sie nur gehen, sagte, die Mutter; da wandte sich das Weib und zeigte einen hohlen Rücken.4 Wol nur irrtümlich ist in der folgenden Sage, die sonst genau den Skogsnufvarsagen entspricht, am Schlüsse auch ein männlicher Elf eingeführt. Auf der Insel Möen ging Margarete Per Mikaels als kleines Mädchen einmal durch den Buchenwald bei Stevns, da begegnete ihr ein großes Weib mit schwarzer Haube und langen Fingern, die wurde größer und größer. Margarete lief vor ihr, spürte aber bald
ihre langen Finger auf der Schulter, das Laub wirbelte in den Baumwipfeln, und das Kind fiel um und blieb liegen, bis das unheimliche Wesen sich bei Sonnenuntergang in eine schwarze Kuh verwandelte. Margarete war von da an drei Jahre verstörten Geistes. Einst als die Kirschbäume, blühten, pflückte Margarete alle Blüten ab und lag dann 9 Tage zu Bette, in der neunten Nacht erschien ein Männchen, das war ein Els und wollte das Kind mit sich fortnehmen; da sie aber fest schlief, vermochte er ihr nichts anznhaben. Ein Els ist ein Wesen mit hohlem Rücken, das hat Macht über solche, bei deren Taufe es nicht ganz richtig zugegangen.1 Margarete blieb immer verstört; im Walde empfand sie stets einen unwiderstehlichen Zug zu der Stelle, wo jenes Weib ihr begegnet war. 2
§ 18. Die schwedischen Waldgeister.
Wie die dänische Inselnatur der überlieferten Sage durch Verwandlung der gejagten Frau in eine Meerfrau ihren Stempel aufdrückte, so auch die starre Gebirgsformation Skandinaviens. Um die Waldgeister Schwedens wahrhaft zu verstehen, muß man nach eigener Erfahrung den Eindruck sich zum Bewußtsein gebracht haben, den die unermeßliche Wildniß des schwedischen Urwaldes auf Gemüt und Phantasie ausübt; man muß den dunkeln, oft grausigen Skog kennen, dieses meilenweit ununterbrochene chaotische Gemisch von Laub- und Nadelholz (meist Fichten, Kiefern, Birken und Erlen) von Felstrümmern und umgestürzten Baumstämmen und einem Stein und Stock pilzartig überwuchernden Teppich von Moos und niederem Pflanzengestrüpp. Da hat man nach wenigen Minuten Pfad und Richtung verloren. Hie und da leitet dich wol ein vom weidenden Vieh getretener Gang, immer aber in die Irre; du brichst “durch den Pflanzenpelz, der die Untiefen überzieht, zerreißest deine Kleider, deine Haut an Gestrüpp und Felskanten und verzichtest auf jedes weitere Vordringen.3 Wie
in Deutschland sind in Schweden männliche und weibliche Waldgeister bekannt. Der Mann heißt in Schonen Skouman, Skougman (Waldmann). Er sieht ans wie ein Mann, stiert man ihn aber an, so wird er so hoch als der höchste Baumstamm.1 Er führt die Menschen im Walde in die Irre und wenn sie vor Furcht weinen, lacht er; Ha ha ha!2 Wenn der Berguhu im Walde sich hören läßt, sagt man, der Skougman sei draußen und schreie.3 Im übrigen ist er sehr sinnlich und strebt gerne nach Verbindung mit christlichen Frauen. Im Smáland heißt der Skogman Hulte, er fährt in Sturm und Unwetter daher und kann jeden Baum niederwerfen. Die Skogsnufva, Skogsfru aber ist das Weib des Skogman oder des Hulte. Die Skogsnufva4 wird zur Familie der Trolle gerechnet, welche
so ziemlich unsern Unnererdschen entsprechen, dieselben sind zumeist klein von Wuchs, gebieten über Wald und Wild, See und Fische, Wetter und Wind, vertauschen Kinder mit ihren Wechselbälgen; zu ihnen zählen in Schonen auch die ob. S. 61 erwähnten Pysslingar. Wohnen sie in Berghöhlen, so heißen sie Bergtroll. Im Wirbelwinde fahren sie einher und da ein solcher im Sommer häufig entsteht, bevor ein Gewitter losbricht, heißt es, daß der Donner (Gofar) die Trolle verfolge.1 An die Stelle des Gattungsnamens Troll tritt zuweilen Rá (Neutr.) Plur. Ráde und die Skogsnufva heißt Skogsrá, wie es ebenfalls ein Sjörá (Seerá) giebt. Die Skogsnufva ist ein bösgesinntes, leichtfertiges und unheilvolles Wesen. Sie nimmt das Aussehen aller Tiere, Bäume und anderer Naturdinge an, welche im Walde vorkommen. Ihre wahre Gestalt ist diejenige eines in Tierfelle gekleideten alten Weibes mit fliegendem Haar und langen Brüsten, die über die Achseln geschlängt sind. Im Rücken trägt sie einen langen Kuhschwanz, oder sie ist hohl, wie ein alter fauler Baumstock oder ein zu Boden geworfener Stamm, oder Backtrog. Dem Jäger zeigt sie sich gerne als eine schöne und verführerische Jungfrau, aber nur von vorne; auf der Hinterseite kann sie nach den meisten Sagen ihre Ungestalt
nicht verbergen. Schützen und andere, welche ihre Wege im Urwald haben, hören oft die Skogsnufva trällern, lachen, wispern und flüstern in Busch und Dickicht, denn sie kann jede Art Laut annehmen. Spricht sie aber, so geschieht es stets mit heiserer Stimme. Ihre Erscheinung kündigt sie im voraus mit einem scharfen eigentümlichen Wirbelwinde an, der die Baumstämme bis zum Zusammenbrechen schüttelt. Hört man — wie es zuweilen geschieht — am einsamen Waldbach einen klatschenden oder schnalzenden Laut, so sagt das Volk: „Da wäscht die Waldfrau“, und werden im Frühlinge schneeweiße Flecken und Stellen tief hinten im dunkeln Walde sichtbar, so „ist das die Skogsnufva, welche ihre Kleider ausbreitet“ (vgl. die Wildfrauen in Tirol S. 101. 112). Wer sich aber tiefer hineinbegiebt in den wilden Wald, mag sich wol vorsehen, denn die Skogsnufva sucht auf jede Weise Macht über ihn zu erhalten.
Oft hört man sich laut bei Namen rufen, dann antworte man bei Leibe nicht „ja“, sondern „he!“ denn die Waldfrau rief und mit der Antwort „ja“ giebt man sich in ihre Gewalt. Dann lacht sie laut auf, so daß es im ganzen Walde wiederhallt. Wer so in ihrer Macht ist, den macht sie irre (förvillar) auf mehr als eine Weise. Er findet sich nicht wieder aus dem Walde heraus, sondern geht und geht und kommt immer wieder auf die nämliche Stelle. Zuletzt ist er so sinnverwirrt, daß er nicht mehr sein eigen Haus erkennt. Oder der eine Stunde lang vom rechten Wege ab die Kreuz und Quer durch Hag und Dom Genarrte glaubt endlich in tiefem Morast zu waten und schürzt die Kleider auf. Da hört er plötzlich das Lachen der Skogsnufva im Walde wiederhallen und sieht sich auf trocknem Boden.1 Das einzige Gegenmittel ist, Wamms, Mütze, oder Strümpfe umkehren, oder das Vaterunser rückwärts beten. Milzsüchtige, melancholische Menschen, welche die Einsamkeit suchen, stellen in dem Rufe, daß die Skogsnufva sie locke oder Macht über sie bekommen habe. (Vgl. die Saligen o. S. 101 ff.) Von dieser Verzauberung kann man nur frei werden, wenn man nach der Anordnung eines „klugen Mannes“ dreimal durch einen Eichenkloben kriecht, der mit Holzkeilen und Holzaxt ohne Eisen gespalten
1) Nicolovius, Polkelifvet i Skyttshärad i Sk&ne S. 101,
ist. Bei Menschengedenken ist noch ein Bursche im Ljudersocken, der davon „Skogsnisse“ genannt wurde, von der Skogsnufva verwirrt und durch den beschriebenen Act von ihr befreit worden, der (nach S. 32) die Identification mit einem Baume, bedeutet. Im mittleren Oesterbotten erzählt man, zuweilen werde das im Walde weidende Vieh, oder werden Menschen in einem für sterbliche Augen unsichtbaren, aber in der Tat dichten und undurchdringlichen Flor oder Netze gefangen, welches sie wie ein Dach umhüllt, so daß sie sich — so lange sie unter des Skogsrá Einfluß stehen — weder rühren, noch um Hilfe rufen können. Doch der Kirchenglocken Klang bricht den Zauber augenblicklich1 und deshalb kann dieser nie länger als eine Woche währen. Wem dies begegnet, der heißt „skogtagen, walderfaßt“. Oft stößt er morgens aufwachend sofort auf das ersehnte Ziel und sieht, daß es ihm zur Seite lag. Zuweilen offenbart sich ihm das Skogsrá leibhaftig als altes Weih, großer Vogel, oder als polternder Greis mit starkem Barte. Man erzählt manche factische Beispiele von Skogtagning, meistens auf Kühe und Kinder, zuweilen auch auf ältere Personen bezüglich. Das Volk pflegt sich dabei allgemein auszudrücken „skoje halder d. h. der Wald hält fest“; wird aber gefragt, ob es der Wald selbst sei, der festhalte, so erhält man zur Antwort „Nein die Skogsrá“ („nej skogsráde“).2 Nur die Jäger suchen und gewinnen zuweilen des Waldweibes Freundschaft, denn sie ist es, die allem Wilde im weiten Skog gebietet und wer mit ihr gut steht, kann schießen, so viel er will. Alte Schützen pflegen deshalb eine Kupfermünze (Slant, Sechsstüber) oder etwas Speise für die Skogsnufva (das Skogsrá) auf einen Baumstubben oder einen Stein als Opfer niederzulegen. Oder man geht Ostermorgens um Sonnenaufgang auf so viele
Grundstücke, als man beschicken kann, bricht auf jedem einen kleinen Baum ab und sagt: Ich opfre dieses für mich, damit ich das Jahr hindurch Glück und Frieden bei der Jagd habe.1 (Vgl. unten das Zaubermittel, den russischen Waldgeist herbeizurufen.) Geht man drei Donnerstage hintereinander nüchtern auf die Jagd, so trifft man wol die Skogsfru selbst und erhält von ihr das Recht so viel zu treffen, als man Lust hat; beim Fortgehen darf man sich aber nicht nach ihr umsehen.2 Dem Schützen, den sie gern hat, führt sie zuweilen selber das Wildpret in den Weg. Dem Förster (Skogvaktare) Vestholm in Fryktdelshárad in Värmeland begegnete einst die Skogsfru wie sie einen großen Elennochsen (elgoxe) am Home führte. Sie rief: „Schieß! schieß! (skjut, skjut!)“ doch er wagte es nicht.3 Wem aber das Waldweib nicht hold ist, den narrt sie in Gestalt, eines Rehbocks, oder er jagt bei aller Mühe vergeblich. Ein Skogsrá untersuchte, da sie schliefen, die Büchsen zweier Jäger, die ihr Nachtquartier im Walde genommen hatten. Das eine Gewehr lohte sie: „gut! gut! gut! (bra, bra, bra).“ Der Eigentümer schoß am nächsten Tage viele Auerhähne. Das andere tadelte sie: „fi! fi! fi!;‘ Derjenige, dem es angehörte, machte nur Fehlschüsse.4 E. M. Arndt erfuhr von einem seiner Führer, er sei einmal mit sieben andern aufs Tjäderspiel (Auerhahnjagd) ausgewesen. Als sie nun da saßen und auf den Vogel lauerten, fuhr ein Skogsrá aus einem Baume in hellstem Glanze an ihnen vorbei. Sie sahen so viele Auerhähne, wie noch nie, aber sie schossen an jedem vorbei, und fingen nicht einen. Ein andermal fuhr das Rá mit Sausen aus der Luft herab, mit gewaltigen breiten Sprüngen auf ihn zu und beschüttete
ihn mit Regen aus einer wirbelnden Wolke, während es sonst allenthalben still und heiter war. Vierzehn Tage blieb sein Schießen behext, bis er endlich so glücklich war ein Skogsrá sausend vorbeifahren zu hören und sein Messer darüber zu werfen; so wurde sein Bann gelöst.1 Einzelne Tiere, Hirsche, Rehe, Hasen und Auerhühner eignet sich die Skogsfru ausschließlich zu; sie heißen Freitiere (Fridjur, vgl. ob. S. 3h die Fritrád) und niemand kann sie schießen, es sei denn mit einer besonders bereiteten Ladung. Zielt jemand auf solch ein dem Skogsrá, zugeeignetes Tier, so kommt es ihm nachher immer vors Gewehr, er kann hundertmal danach schießen und trifft es nie. Gelingt ihm aber auch auf die angegebene Weise der Schuß, so verdirbt jedenfalls seine Büchse und ist verhext und unbrauchbar. (Vgl. die Gemsen der Seligen ob. S. 100). Nur selten ist die Begegnung des Waldweibes mit Menschen ganz harmlos. Kersten Klemens Tochter aus Nykalvatten im Fryktdelshárad (Värmeland) traf zweimal die Skogsjungfru im Walde. Sie trug einen blauen Rock, der bis auf die Knie reichte, ein weißes Kopftuch und rauhe Hemdsärmel mit schönen Säumen an der Hand. Sie sah so freundlich aus, daß Kersten sich ärgerte sie nicht angeredet zu haben und sich dies für das drittemal vornahm. [Siehe Nachtrag S. 615.]
Dem Köhler, der Nachts einsam bei dem schwelenden Meiler wacht, oder dem Jäger, der sich um Mitternacht an einem Waldfeuer ausruht, naht sich die Skogsfru gerne in liebreizendem Körper und sucht ihn zur Zärtlichkeit zu verlocken. Läßt er sich von ihr betören, so sehnt er sich fortan Nacht und Tag danach ihr im Walde zu begegnen und kommt schließlich ganz
von Sinnen.1 Oder das tückische Waldweib schreit laut auf und ruft ihren unholden Gatten, der herbei stürzt und den Liebhaber zu Boden schlägt. 2 Dabei ist sie freilich nicht immer im Unrecht. Einen Herbstabend kam ein Skogsrá zu einem Kohlenmeiler und wärmte sich. Dem rohen Köhler fiel es ein, ihr einen Feuerbrand in die Kleider zu stecken, worauf sie einen Jammerschrei ausstieß und ihren Mann rief, so daß der ganze Wald erbebte und die Baumwipfel über ihr sich zusammenbogen. Erschreckt eilte der Köhler heim und konnte andern Tages kaum den Platz, da sein Meiler stand, finden.3
Wem fiele nicht auf, daß diese Geschichte natürlich mit veränderter Scenerie genau der Erzählung von dem in eine Baumspalte eingeklemmten Wildweibe in Tirol (ob. S. 95) entspricht? In ähnlicher Weise endet die Erzählung auch des Jägers von seinem Abenteuer fast in allen Fällen. Grade als sie vor dem Feuer hochmütig dastand und ihre schöne Gestalt zeigte, — so erzählt er wol — nahm ich einen Brand aus der Flamme und schlug ihr damit auf die Hand, indem ich ihr zurief: „Fahre hin in den Wald, du böser Geist!“ Da führ sie mit einem lauten Wimmern dahin, und ein furchtbares Unwetter entstand, so daß die Bäume sich mit den Wurzeln aus der Erde zu heben schienen, und als sie uns den Rücken zuwendete, war sie anzuschauen, wie ein hohler Baum, oder wie ein Backtrog.4 E. M. Arndt hörte von seinem schon erwähnten Führer, als derselbe einmal auf der Auerhahnjagd sich ein Feuer anzündete und aß, trat eine Jungfrau zu ihm in großem Schmuck, grüßte ihn freundlich, winkte und lockte. Sie war klein von Wuchs, hatte blonde Locken, aber — o weh! — Klauen statt der Nägel. Er fragte, ob sie mit ihm essen, oder am Feuer sich wärmen wollte; sie nickte freundlich. Da nahm er behutsam das Ende seiner Axt, legte
Speise darauf, und reichte sie ihr,1 denn die Hände wollte er nicht gegen ihre Klauen setzen. Sie nahm es nicht, sondern lächelte und verschwand grade wie eine Fackel, die man wirft. Ein Waldwärter (Skogsvaktare) trank auf einem Fichtenstamm sitzend einen Schluck Branntwein. Da setzte sich die Skogsfra auf die andere Seite des Baumes. Er fragte: „Trinkt die Jungfer? (Super mamsell?)“ Sie schüttelte den Kopf und verschwand.2 Ein Bursche in Finntorp, der eine Braut in Billing hatte, lud dieselbe zu einem Stelldichein auf den Ladbacken. Sie blieb aber aus und die Skogsfru des Berges zog ihre Gestalt (lhmn) an, tat mit dem Jüngling schön und bot ihm eine Bretzel. Er aß mit großem Wolgeschmack. Kaum hatte er jedoch den letzten Bissen heruntergesehluckt, so lachte sie aus vollem Halse, so daß es im Walde krachend wiederhallte, und verschwand zwischen den Felsen; im Verschwinden sah er den ausgehöhlten Rücken und langen Schwa z. In der Meinung, das Mädchen, welches sein Herz gewonnen hatte, sei ein Skogsrá, vermied er dasselbe fortan.3 Zuweilen kommt es zu einer engem Verbindung zwischen der Waldfrau und einem Menschen, welcher Kinder von größerem Wuchs und höherer Kraft als andere Menschen, nach andern dagegen abscheuliche Mißgeburten entspringen. Doch wird der Liebhaber dieses Verhältnisses bald überdrüssig, und er sucht dann wol Hilfe hei einem „Klugen.“ Allein er wird das Skogsrá gemeinhin nur los, wenn er eins ihrer Haupthaare um seine Büchse wickeln und sie damit schießen kann. Dann hört man einen entsetzlichen Aufschrei, ein furchtbares Tosen im Walde, und er sieht sie niemals wieder. Ein Jäger tat nie einen Fehlschuß, weil er mit einem Skogsrá im Bunde stand und sich von ihr jedesmal die Büchse laden ließ. Endlich faßte er Widerwillen gegen sie, hat sie, ihm das Gewehr mit tödtlichem Meisterschuß zu laden und erschoß sie. Seitdem hatte er keine Ruhe
mehr, weder im Schlafen noch Wachen.1 In alten Zeiten war ein Bauer, ohne ihre Herkunft zu wissen, mit einer Waldfrau die Ehe eingegangen. Sie lebten manche Jahre glücklich und zeugten Söhne und Töchter. Als sie einst gemeinsam im Walde daran arbeiteten, einen fertig gebrannten Kohlenmeiler auseinander zu reißen, fand sich, daß sie den Speisesack vergessen hatten. Er ging nach Hause, denselben zu holen. Da sprach die Hausfrau: „Kommst du zurück, so schlage drei Schläge in den und den Baum da,“ und damit bezeichnete sie eine Tanne, welche eine gute Strecke von ihnen entfernt stand. Der Bauer versprach ihrem Wunsche nachzukommen. Ob er das aber vergaß oder für unnötig hielt, genug bei seiner Zurückkunft sah er zu seinem großen Schrecken, wie sie die Kohlen mit bloßen Händen aus dem Meiler riß und mit ihrem langen Schwänze auslöschte. Sofort drehte er um und tat drei Schläge mit seinem Axthammer auf die Tanne (slog tre slag i fallen med yxhammaren), worauf das Weib sich sofort wieder in gewöhnliche und in allen Teilen gleichartige Menschengestalt verwandelte. [Nur auf Grund weitern Materials wollte ich es unternehmen zu entscheiden, ob jene drei Axtschläge nur den Zweck haben die Skogsfru von der Annäherung ihres rückkehrenden Mannes zu benachrichtigen, oder ob sie zu deren Verwandlung in einer inneren Beziehung stehen]. Seitdem dachte der Bauer darauf seine Frau los zu werden. Endlich gah ihm ein kluges Weib ihren Rat und zugleich einen großen Zauberbeutel als Amulet um den Hals zu hängen. Er fährt mit Frau und Kindern zu Schlitten über einen See, angeblich tun sie auf eine Hochzeit zu führen. In Sees Mitte liest er mehrere Worte, die die Alte ihm aufgeschrieben, und sofort kommt eine Menge von Wölfen zum Vorschein. Eiligst spannt er das Pferd aus und reitet davon, wie ängstlich auch die Gattin ihm nachruft: „Kehre um, wenn nicht um meinetwillen, so doch um Snorpipas willen, sonst fressen die Wölfe uns auf!“ Snorpipa (Schnarrpfeife) hieß ihr jüngstes Töchtercheu. In ihrer Not rief sie dann aus Leibeskräften nach ihrer Schwester Strássa. Der Troll in der Grube (Erzgrube?) Strássa war nämlich ihre Schwester. Dieselbe kam daher gefahren, so daß es
1) Aufgez. 1852 von M. H. Hultm, Hdschr. des Eeichsantiqnariums zu Stockholm.
in der Luft sauste und pfiff, und entrückte sie den Wölfen, die schon alle Kinder gefressen hatten. Den bösen Bauer verfolgte eine Trollkatze, vor deren Wuth ihn das Amulet schützte, obwol die hinter ihm zuschlagende Tür eines Hauses, in das er sich rettete, in Stücke sprang. Als er einst badend das Amulet ablegte, drehte ihm ein Troll den Hals um.1 So fest haftete der Glaube an Liebschaften von Menschen mit Waldfrauen, daß z. B. am 22.—23. Dezember 1691 vom Háradsgericht ein zwei und zwanzigjähriger Bursch ans dem Markshárad zum Tode verurteilt wurde, „wegen unerlaubter Vermischung mit einem Skogs- oder Bergsrá.“ Und noch am 5. August 1701 wurde Voloutair Maus Malm angeklagt und vor Gericht gezogen, weil er solle mit einem Skougr zu tun haben. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß diese schwedischen Traditionen den besten Kommentar zu des Burchard v. Worms (ob. S. 113) Aussage über die Waldfrauen liefern. Wie in obiger Sage der Troll in der Erzgrube der Skogsfru Schwester ist, wird andererseits der Name Skogsrá auch auf Wesen ausgedehnt, welche auf Almen (saetter) ihren Aufenthalt haben. So weiß man in den Waldgegenden der Distrikte Ásker und Lennäs in Nerike noch viel von einem Skogsrá, zu erzählen, welches von der Bergwiese Y-saetter den Namen Ysaetter-Kajsa (Ysaetter-Kätchen) führte. Als einst diese Alme gemäht wurde und die Schnitter beim Abendbrod saßen, rühmte sich ein Bursch, er habe Lust mit der Ysaetter-Kajsa Streit anzufangen, und da wolle er ihr schon auf den Pelz geben. Kaum sprach er dies, so hörte man hinter ihm ein Geräusch, und er erhielt von unsichtbarer Hand eine so derbe Ohrfeige, daß er Blut werfen mußte.2 Statt des Skogsrá d. h. der Personification des gesäumten Waldes wird mitunter auch das Rá eines einzelnen Baumes genannt und so zu sagen mit einem andern Geiste identifiziert.
Bei Badelund in Westmannland stand eine Tanne, die Klintatanne (Klintatall) auf kahlem Felsen, unter welchem im Berge der Tanne Schutzgeist (Rá) wohnte. Das war ein Meerweib, welches man oft aus einer Bucht des nahen Mälarsees schneeweiße Rinder über die Wiesen zum Baume treiben sah, dessen
1) Djurklou, Anteekuingar.
2) Djurklou a. a. 0.
Aeste niemand anzurühren wagte.1 Ueberhaupt stellen sich die Bergsrá. Skogsrá und Sjörá (Bergrá, Waldrá und Seerá) einander sehr nahe und sind fast nur durch ihren Wohnsitz und einige damit zusammenhängende Besonderheiten verschieden.
Die weiblichen Skogsrá kehren zuweilen auch in Mühlen, Ställe, Brennereien u. s. w. ein. Da kündigen sie ihre Gegenwart dadurch an, daß die Sachen irgendwo in Unordnung liegen. Dann deckt man an dieser Stelle einen Tisch mit ein wenig Speiseanriehtung und ruft mehrmals: „Findet sich da irgend ein Rá, so komme hervor!“ Erweist man dem erscheinenden Geiste seine Liebe mit freundlicher und liebreicher Zusprache und höflicher Begegnung (weitergehender Vertraulichkeit bedarf es nicht notwendig) so erwidert derselbe das Wolwollen, indem er Botschaften verrichtet, dem Hause Glück schafft u. s. w.2 Kurzum auch die Skogsrá gehen in Hausgeister über (vgl. die Dienstleistungen der Seligen ob. S. 90.103 und Moosleute S. 80).
Wie alle Trolle haben die Skogsrá Furcht vor dem Donner, der sie verfolgt und erschlägt. Oft hört man im Walde während des Gewitters den Skogsman und die Skogsfru laut jammern.3 Doch auch der wilden Jagd dienen sie als Verfolgungsziel. Ein Schneider im Nordmarkshárad in Värmeland liebte leidenschaftlich die Jagd. Als er einst Nachts auf dem Anstand lag, floh ein Skogsrá an ihm vorbei mit großen über die Achsel geschlagenen Brüsten, und das herabwallende Haar flatterte wild hinter ihr im Winde. Ihr folgte ein Jäger mit zwei pechschwarzen Hunden. Bald kam er zurück und hatte das Wildpret erlegt. Die Beine des Skogsrá hatte er über die Schulter geworfen, ihr Haupt imd ihre Brüste schleppten auf dem Boden nach und troffen von Blut, das die Hunde begierig aufleckten. Der Jäger fragte den Schneider, wie er dazu komme in seinem Walde zu jagen, und verbot es ihm.4 In Smáland und andern Gegenden wird gradezu König Oden als der nächtliche Jäger bezeichnet, der mit Jagdhorn und Spieß (resp. Büchse) und mit zwei Hunden
daherfahrend sich zum Wilde unveränderlich eine Skogsnufva oder ein Bergtroll ausersehen hat, die vor ihm durch die Luft fliehen mit fliegendem Haar und über die Achseln geschlängten Brüsten. Die Jagd geht über Wald und Berg, wie Vogelflug oder Sturmeswehn. Von der nächtigen Fahrt heimkehrend hat Oden die getödtete Skogsnufva quer über dem Rosse hängen. Einem Soldaten, der ihm einst auf einer Fahrt begegnet, giebt er sich zu erkennen.
„Ich bin König Oden und vom Allmächtigen dazu gesetzt, alle Trolle und Trollwveiber (alla troll och pyskan s. o. S. 128) auszurotten.“
Da habt ihr wol viele Arbeit? meinte der Soldat, König Oden antwortete: „Ja, doch ich habe den Donner zu Hilfe“ (Ja men jag har áskan til hjelp).1 Statt des Skogsrá oder Bergtrolls wird zuweilen eine Riesin (jättesa) mit eimergroßen Brüsten als Jagdstück, in anderen Sagen ihr eigener Gatte, oder (entsprechend der ob. S. 135 mitgeteilten Ueberlieferung) eine Schaar gespenstiger Wölfe als Verfolger genannt. Oefter sucht die Verfolgte in dem Fenster einer Heuscheuer mitten im Walde (hölada) Schutz und spottet da der Hunde oder Wölfe, wird aber von einem sie belauschenden Menschen unbarmherzig unter sie hinabgestossen.
§19. Die russischen Waldgeister.
Der russische Waldgeist Ljeschi (von ljes, poln. las Wald) wird allgemein in Menschengestalt mit Bockshörnern, Bocksohren und Geißfüßen gedacht, die Finger enden in lange Klauen, Kopf und Körper werden von rauhen und zottigen Haaren bedeckt, die häufig von grüner Farbe sind. Er kann aber mancherlei Gestalten annehmen und seine Größe willkürlich verändern. Geht er im Felde, so verkleinert er sich bis zur Größe des Grases; geht er im Walde, so erreicht er die Höhe der Bäume.2 Die Einwohner der Gouvernements Kiew und Tschernigoff teilen deshalb die Ljeschie in zwei Klassen. Die einen, die eigentlichen Waldljeschie, sind graufarbige Riesen, die andern, welche nicht minder Ljeschie (Waldgeister) heißen, sind Wesen des Kornfelds, Dämonen des Getreidewuchses selbst. Vor
der Ernte haben sie dieselbe Höhe, wie die noch grünen Halme, nach der Ernte schrumpfen sie zusammen, bis sie nicht höher sind, als das Stoppelfeld. Man darf daraus schließen, daß auch die eigentlichen Waldljeschie als Dämonen der Waldvegetation zu denken sind.
Häufig aber nehmen die Ljeschie völlig menschliche Gestalt an, nur daß sie niemals Augenbrauen und Wimpern und häufig gleich den Kyklopen nur ein Auge haben. Sie tragen dann das Gewand eines Bauern aus Schaffell, aber ohne Gürtel; statt dessen sind die beiden Rockzipfel in einander geschlungen. Wirbelwind und Sturm sind das Element, in welchem der Ljeschie seine Anwesenheit offenbart. Nach dem Glauben der Bauern entpringen die Verwüstungen der Orkane dem Kampfe dieser Waldgeister gegeneinander, wobei sie Baumstämme und Felsstücke schleudern. Hält der Ljeschie Rundgang durch sein Reich, so brüllt der Wald, und die Bäume zittern. Oder der Waldgeist springt spielend von Ast zu Ast und wiegt sich selbst in den Zweigen, wovon er an einigen Orten Zuibotschnik (vgl. Zuibka Wiege) genannt ist. In solchen Stunden macht er alle Arten von Lärm. Er kreischt und lacht, er klatscht in die Hände, er wiehert wie ein Pferd, brüllt wie eine Kuli, bellt wie ein Hund. Sein Lachen kann man meilenweit in der Runde hören. Wenn bei Sturmwetter das Knarren der Aeste, das Krachen der Stämme wiederhallt, so vernimmt der russische Bauer kein Echo, sondern den Ruf der Ljeschie, welche einen unvorsichtigen Jäger oder Holzhauer auf gefährlichen Grund zu verlocken trachten, um ihn zu Tode zu kitzeln, sobald sie ihn in ihrer Gewalt haben. [Wir begegneten dem nämlichen Zuge bereits ob. S. 87]. Nachts schläft der Ljeschie in irgend einer Hütte in der Tiefe der Wälder, und findet er etwa seinen Zufluchtsort von einem verspäteten Wanderer bereits besetzt, so streicht er als Wirbelwind über die Hütte, rüttelt an der Tür und hebt das Dach, indeß ringsum alle Bäume sich biegen und winden und ein furchtbares Geheul durch den Forst schallt Und wenn der ungebetene Gast alle diese Winke verachtet und sich nicht entfernt, läuft er Gefahr am nächsten Tage sich in den Wäldern zu verlieren, oder in einen Morast zu versinken. Im Gouvernement Archangel erzählt man, hei einem der erwähnten Kämpfe mit zwei andern Geistern seiner Klasse über die Rechte auf einen gewissen Wald wurde ein Ljeschie einmal überwunden und von jenen an den Händen so fest znsammengeschnürt, daß er sich nicht rühren konnte. So fand ihn ein reisender Kaufmann und band ihn los. Zum Dank sendete er seinen Woltäter in einem Wirbelwinde heim und tat nachher noch manches andere für ihn (vgl. ob. S. 68 die Geschichte des estnischen Baumelfen).
Als ehedem die Wälder noch größer und dichter waren, denn heutzutage, verlockte der Ljeschie beständig die Wanderer und führte sie vom rechten Wege ab in die Irre. Bald versetzte er die Grenzsteine, bald nahm er die Form eines Baumes an, nach welchem die Nachbarn die Richtung zu bestimmen pflegten. Zuweilen veränderte er sich in das Aussehen eines Wanderers und verflocht den Vorübergehenden in eine Unterhaltung. Der Verführte plauderte unbefangen, bis er plötzlich gewahr wurde, daß er sich mitten in einem Sumpf oder Waldbach befinde. Dann hörte er ein lautes Gelächter und wenige Schritte von sich sah er den Ljeschie grinsend in seiner wahren Gestalt. Auch vernimmt der Waldwart mitunter bei Nacht das Weinen eines Kindes und Seufzer, welche deutlich von einem Sterbenden herzurühren scheinen. Da tut er gut, schleunig nach Hause zu eilen, ohne auf diese Stimmen zu achten. Denn folgt er ihnen, so gerät er wahrscheinlich in einen reißenden Strom, der daherrauscht, wo früher kein Wasser war. Wo immer der Ljeschie geht, läßt er keine Spur hinter sich zurück, er verdeckt den Abdruck seiner Füße mit Sand, Laub oder Schnee. Tritt aber jemand zufällig in seine noch frische Fährte, so wird derselbe irre geführt und findet nicht leicht den rechten Weg wieder. In dieser Not ist es das beste Mittel, das Futter von Hemd, Schuhen oder Pelz nach außen zu kehren. Doch auch abgesehen von dieser Irreleitung der Wanderer macht sich der Waldgeist noch in mancherlei anderer Weise auf Kosten derselben lustig; er bläst ihnen Sand in die Augen, schlägt ihnen die Mütze vom Kopfe, läßt ihre Schlitten am Boden fest frieren.
„Geh nicht in den Wald,“
hört man oft sagen,
„der Ljeschie spielt dir da einen Possen.“
Schlimmer ist, daß er oft Krankheit verursacht, so daß von jemandem, der nach der Rückkehr aus den Waldungen unpäßlich wurde, die sprichwörtliche Redensart gilt:
„Er hat den Pfad der Ljeschie gekreuzt“
Um geheilt zu werden, trägt er Brod und Salz in einen reinliehen Lappen gebunden in den Wald und legt es unter Gebet als Opfer für den Ljeschi ins Moos in der festen Ueberzeugung bei der Nachhausekunft von seiner Krankheit befreit zu sein. Den Hirten, die im Walde ihre Heerde weiden, saugt der Ljeschi gerne das Euter der Kühe aus. Sie müssen deshalb mit ihm in gutes Einvernehmen zu kommen suchen. Im Gouvernement Olonetz glaubt man, der Hirte müsse jeden Sommer dem Ljeschi eine Kuh geben, geschehe das nicht, so zerstöre der Waldgeist die ganze Heerde. Im Gouvernement Archangel hält man dafür, wenn man das Glück habe, dem Ljeschi zu gefallen, so behüte er die ganze Heerde auf der Weide (vgl. ob. S. 30 die finnischen Baumnymphen).
Andererseits stehen alle Vögel und Tiere des Waldes unter dem Schutz des Ljeschi. In Kleinrußland soll er insonderheit der Schutzhelm der Wölfe sein. Gemeinhin gilt als sein Liebling der Bär, sein Diener, der bei ihm wacht, wenn er zuviel von dem starken Getränk genommen hat, das er so sehr liebt, und ihn vor den Angriffen der Waldgeister behütet. [Nachtrag S. 615.]
Wenn die Eichhörnchen, Feldmäuse und einige andere Tiere in Schaaren ihre periodischen Wanderungen antreten, erklärt das Volk, die Waldgeister treiben ihre Heerde von einem Wald in den andern. Unter solchen Umständen hängt auch der Erfolg des Waidmanns von seinem Verhältniß zum Ljeschi wesentlich ab. Er legt, um denselben für sich zu gewinnen, ein Stückchen Brod oder Pfannkuchen mit Salz bestreut auf einen Baumstumpf (vgl. o. S. 130), wie denn die Ljeschie zuweilen auch Kuchen von den im Wald arbeitenden Dorfleuten fordern (vgl. oh. S. 107) und, nachdem sie solche erhalten, sich mit schrecklich tönender Stimme entfernen. Im Gouvernement Perm weihen die Landleute einmal im Jahre dem Ljeschi ihre Gebete und bringen ihm dabei ein Päckchen Blättertaback dar, worin er ganz vernarrt ist. In einigen Distrikten eignen ihm die Jäger das erste Tier zu, welches sie fangen, indem sie dasselbe für ihn in einem Eichwalde zurücklassen. Ein gewisser Zaubersegen, der von Jägern öfter gebraucht wird, ruft die Teufel und Ljeschie, an, ihnen die Hasen in den Schuß zu treiben, und die magische Gewalt dieses Spruches soll so groß sein, daß die Waldgeister gehorchen. Wer den Ljeschi selbst herbeibesclnvören will, soll eine Anzahl junger Birken abhaueu und mit den Wipfeln nach innen in einen Kreis legen. Dann muß er im Kreise stehend laut rufen: „Großvater! (djeduschka)“; sofort wird der Waldgeist erscheinen.1
Oder er soll sich auf einen Baumstumpf stellen, mit dem Gesichte nach Osten, soll sich niederbükend zwischen seinen Beinen durchsehen und dabei sagen:
„Onkel Ljesehi erscheine, nicht als grauer Wolf, nicht als schwarzer Rabe, nicht als brennendes Feuer, sondeni als meines gleichen!“
Dann fangen die Blätter der Espe an zu zittern, wie wenn ein sanfter Wind durch sie hinstreiche, und der Ljesehi wird sichtbar in Menschengestalt. Bei solchen Gelegenheiten geht er gerne einen Handel mit seinem Beschwörer ein und ist bereit jede Art von Beistand zu gewähren, wenn ihm dafür des andern Seele zu Teil wird (aus christlichem Teufelsglauben entlehnt). Nach diesen Beschwörungsformeln wurde der Waldgeist doch wol aus den Birkenwipfeln oder dem Baumstumpf hervortretend, also in diesen weilend gedacht. Während in Deutschland und Skandinavien die Waldfrau die Hauptrolle spielt und häufig allein auf tritt, kennt die russische Sage umgekehrt vorzugsweise den männlichen Waldgeist. Zuweilen jedoch findet man demselben auch Weib und Kinder, die Lisunki, gesellt, behaarte Wesen von abschreckendem Aeußern. Eine kleinrussische Erzählung berichtet, daß ein Menschenweib einmal einen neuge-boraen Ljeschi nackend und kreischend auf der Erde liegen fand. Sie hob ihn mitleidig auf und deckte ihn mit ihrem warmen Tuch. Bald darauf kam die Lisunka, die Mutter des Kleinen, und beschenkte das mitleidige Weib dankbar mit einem Topfe glühender Kohlen, die sich hinterher in Gold verwandelten. Im wesentlichen dieselbe Geschichte wird in Thüringen von einem Holzweibchen erzählt.2 Zuweilen entführen die Ljeschie sterbliche Jungfrauen und machen sie zu ihren Eheweibern. Doch ob sie nun unter sich eheliche Verbindungen schließen, oder mit Sterb-
lichen, ihre Vermählung ist stets von lärmenden Festlichkeiten und heftigen Stürmen begleitet. Geht der Hochzeitzug durch ein Dorf, so wird manches Haus zu Schaden kommen, geht er durch einen Wald, so kommt mancher Baum zu Falle. Selten wagt es ein Bauer auf einem Waldpfade sich hinzulegen, denn der Brautzug des Waldgeistes könnte des Weges kommen und ihn im Schlafe zermalmen. Im Gouvernement Archaugel gilt der Wirbelwind als der Tanz des Ljeschi mit seiner Braut. Den zweiten Tag nach seiner Hochzeit geht der Waldgeist nach allgemein russischer Sitte mit seinem jungen Weibe zum Bade und wenn ihnen dann ein Sterblicher begegnet, so bespritzt ihn das würdige Paar mit Wasser und weicht ihn von Kopf bis zu Fuß ein. Wie Weiber raubt der Ljeschi Kinder, trägt sie in seine unterirdische Behausung und läßt sie erst nach Jahren ganz verwildert wieder heraus.1
§ 20. Peruanische und brasilianische Waldgeister.
Zum Vergleich mit diesen europäischen Waldgeistern und ehe wir noch einmal ihre lange Reihe prüfend überschauen, setze ich noch ein Beispiel aus einem entlegenen Weltteil und einer andern Zone her, an welchem einigermaßen gemessen werden kann, in wie weit die Apperception ähnlicher Kuturverhältnisse zu ähnlichen mythischen Gebilden sich verdichtet. Poppig 2 fand in den Wäldern von Peru den Glauben an ein gespenstiges Wesen lebendig, Namens Uchuclla-chaqui.
„Wo der Wald am dunkelsten ist, wo die lichtscheuen Amphibien und Nachtvögel sich aufhalten, wohnt dieses gefährliche Wesen und versucht in befreundeter Gestalt erscheinend den Indianer zu verderben. Es giebt die wohlverstandenen Zeichen, deren sich die geselligen Jäger zu bedienen pflegen; es lockt den Getäuschten selbst immer unerreichbar weiter und tiefer in die Oede und verschwindet mit lautem Hohngelächter, wenn der Rückweg verloren ist und die Schrecken der Wildniß durch die herabsinkenden Schatten der Nacht sich mehren. Bisweilen trennt es wohl auch die gemeinsam auf Jagd gezogenen, allein nie täuscht es den Erfahrenen, der in seinem Mißtrauen die Spur des Feindes untersucht. Kaum gewahrt er die ganz ungleiche Größe des Abdrucks der Füße, so kehrt er eilig zurück und wohl längere Zeit wagt niemand einen Zug in die Wildniß, denn nur vorübergehend sind die Besuche des Unholds. In jener Fabel,“
fügt der Erzähler hinzu, „gewahrt man den Einfluß, den die unbeschreibliche Wildniß und Trauer der sumpfigsten und unbesuchtesten Urwälder selbst auf die sonst schwer bewegliche Phantasie des Amerikaners ausübt. Von ihr schafft sich kein Europäer ein Bild, denn die einsamsten Forste seines Weltteils bieten ihm nirgend etwas Aehnliches (?). Allgemein verbreitet ist der Glaube an jenes gespenstige Wesen, das sogar Nachts die im Freien schlafenden Reisenden umlauert, um sie nach halbem Erwachen unter erlogener Gestalt irre zu leiten. Viele Geschichten, zum Teile der neuesten Zeit angehörig, werden von solchem Verlieren besonders der Kinder erzählt, und in der Tat ist nichts leichter möglich, als in solchem Walde nach wenigen Schritten Entfernung das Lager nicht wieder finden zu können, wenn weder ein Lichtschein noch rufende Stimmen die Richtung angeben.“ Ganz übereinstimmende Erfahrungen machten in neuerer Zeit Bates und nach ihm R. Schlobach in Brasilien.1
Bates schildert den fremdartigen Eindruck, den die Düsterheit und Stille im brasilianischen Walde hervorbringt, und spricht von dem betäubenden Geheul der Affen und dem plötzlichen Todesschrei von Schlangen und Tigern verfolgter Tiere, sporadischen Lauten, durch welche das Gefühl der ungastlichen Einöde, das der Wald hervorruft, nur noch mehr erhöht wird. Außerdem hört man Töne, die man sich nicht erklären kann, „und die Eingebornen waren dies — wie ich fand — noch weniger im Stande, als ich selbst.“
Zuweilen hört man Töne, als ob mit einer eisernen Stange an einen hohlen harten Baum geschlagen würde, oder ein durchdringender Schrei hallt durch die Luft. Das darauf folgende Stillschweigen erhöht den unangenehmen Eindruck, den solche einzelne nicht wiederholte Töne auf das Gemüt
1) Bates, Naturforscher am Amazonenstrom. Lpzg. 1866. S. 40. Schlobach in d. Illnstrirten Zeitung v. 25. Mai 1872.
machen. Bei den Eingebornen ist es immer der Curupira, der wilde Mann, der Waldgeist, der diese unerklärlichen Töne hervorbringt. Dieser ist ein sehr geheimnißvolles Wesen, dessen Attribute sehr ungewiß sind, da sie nach der Oertlichkeit wechseln. Er hat Weib und Kind und kommt zuweilen in die Rocas (Pflanzungen), um Mandioca zu stehlen. Ein junger Mameluco in Bates Dienste, dessen Kopf mit den Sagen und Aberglauben des Landes angefüllt war, zitterte am ganzen Leibe, so oft er im Walde die oben erwähnten Laute hörte, kroch hinter Bates und bat ihn umzukehren. Er wurde erst wieder ruhig, nachdem er ein Zaubemittel zum Schutze gegen den Curupira gemacht hatte. Zu diesem Zwecke nahm er ein junges Palmblatt, welches er zusammenflocht und einen Ring daraus bildete, den er an einem Aste auf dem Wege aufhing. Wollte er dadurch den Waldgeist an den Baum fesseln?
Vergleichen wir noch, was J. G. Müller von den Waldgeistern der südamerikanischen Völker meldet.1 „Die Gurupira sind neckische, schadenfrohe Waldgeister, die den Indianern unter allen Formen begegnen, sich auch einmal in ein Gespräch mit ihnen einlassen, auch Feindschaften zwischen einzelnen Personen erregen und erhalten. Bei den Botokuden heißen die Waldgeister, welche größer oder kleiner gedacht werden, Janchon; sie beunruhigen ebenfalls die Leute. Sonst gehört zu den Waldgeistern auch Uaiuara, bald ein kleines Männchen, bald ein gewaltiger Hund mit langen klappernden Ohren. Er läßt sich, wie das deutsche wilde Heer, am furchtbarsten um Mitternacht vernehmen. Ein anderer berühmter Waldgeist ist der Caypora der Küstenbewohner, der Kinder und junge Leute raubt, sie in hohle Bäume verbirgt und dort füttert.“
§ 21. Rückblicke und Ergebnisse.
Blicken wir noch einmal auf die lange Reihe der besprochenen Wald- und Feldgeister zurück, so wird das Beispiel der zuletzt aufgeführten südamerikanischen Dämonen uns hinreichend belehren können, daß unter ganz verschiedenen Himmelsstrichen, bei Völkern, deren Lage jeden Gedanken einer Entlehnung von einander ansschließt, aus einer Alt psychologischer Notwendigkeit sich über-
1) Geschichte der amerikanischen Urreligionen. Basel 1855. S.259
raschend ähnliche Mythengestalten erzeugt haben. Die Uebereinstimmung jener indianischen Vorstellungen vom Waldgeist ist am größten mit dem Volksglauben in Schweden und Rußland, zweien europäischen Ländern, deren Wald noch am meisten die Natur des Urwaldes bewahrte. Sie betrifft vorzugsweise Charakterzüge und Handlungen, welche aus diesem Naturverhalt fließen, Rufen, Hohngelächter, Irreführen. Eine jedoch weit größere Familienähnlichkeit mit einander tragen die nordeuropäischen Waldgeister au sich, sie sind offenbar Varietäten ein und derselben Art, deren verschiedene Abwandlungen wesentlich durch die Reflexe der localen Naturverhältnisse bedingt werden. Zum Erweise dieser Behauptung stelle ich in übersichtlicher Kürze die übereinstimmenden Züge zusammen. Aus denselben wird hervorgehen, daß wir die Waldleute (wilden Leute, Skogsnufvar, Ljeschie u. s. w.) anzusehen haben als eine Verschmelzung von Baumgeistern und Windgeistern; schwerlich spielt eine Erinnerung an wirkliche Menschen, rohe halbtierische Ureinwohner hinein, die sich vor unserer Race in die Wälder zurückgezogen hätten und im Volksgedächtniß zu Dämonen geworden wären, eine Ansicht, die neuerdings allerdings einige mehr oder minder consequente Vertreter (Hyltén-Cavallius, Chr. Schneller u. s. w.) gefunden hat.
Die Gestalt der Waldgeister wird bald riesenhaft, bald zwergisch beschrieben, für gewöhnlich menschenähnlich, aber in alle möglichen Tier- und Pflanzenformen verwandlungsfähig. Tiergestalt auf längere Dauer mißt man der gente salvatica S. 113, zeitweilige Geißgestalt den Ljeschie S. 138, Dialen S. 95, Delle Vivane S. 116 bei. Die vom wilden Jäger gejagten ganz in Moos gekleideten Moosweibchen in Wildenmann trugen Gänsefüße.1 Die Skogsnufva trägt Tierfelle und Kuhschwanz S. 128, die ihr entsprechende dänische Waldfrau S. 126 verwandelt sich noch altertümlicher in eine Kuh.2 Wenn die Fangga sich in Wildkatzenfelle kleidet und Stutzkatze heißt, so erblicke ich darin einen Fingerzeig, daß dieses Wesen auch Wild-
katzengestalt annehmen konnte. Die Holzweiber, wilden Weiber und der Skougman sitzen auch wol als Eulen auf den Bäumen S. 127, der lettische mahjas kungs entweicht in Gestalt eines Vogels S. 53, auf der unersteiglichen Alpe Morin in Tirol sollen drei Selige wohnen, die in Geiergestalt die Gemsen beschützen und den Jägern feind, den Hirten freund sind.1 Das Aussehen der Waldgeister, wenn sie anthropomorphisch auf treten, enthält manche Züge, welche darauf hindeuten, daß die Phantasie zu ihrer Ausstattung bei den Bäumen eine Anleihe machte. Sie tragen einen behaarten moosbewachsenen Leib oder grüne Kleidung; 2 einen Rücken, hohl wie ein morscher Baumstamm oder ein Backtrog;3 und ihre großen Brüste dürften als ein sinnlich symbolischer Ausdruck der Vegetationsfülle betrachtet werden;4 ihre langen gelben oder sonst weithin im
Winde flatternden Haare 1 erinnern an die Auffassung des (vom Sturme durch den Wald gejagten) Laubes als Baumhaar. Gradezu als Pflanzengeister treten sie auf, wenn ihr Leben und ihre Größe an das Leben der Bäume und Gräser geknüpft erscheint.2 Hiemit stimmen indirecte Zeugnisse überein. Das Schrätlein zieht sich vom Teufel verfolgt in den Baum zurück S. 115; die Verwundung des seligen Fräuleins wird bestraft, wie ein Axthieb in den Waldbaum S. 105. Um die Holzweibel, Seligen u. s. w. zu retten, muß man drei Kreuze in den Baum hauen, während er fällt S. 83. 106. Auch die Garnknäuel der Holzfräulein, Seligen, Fanggen und wilden Weiber weisen nach S. 76 vielleicht auf Moosfäden zurück.
Das Wesen der Waldgeister erweitert sich aber deutlich von Baumgeistern zu Genien der gesammten Vegetation. Die Holzfräulein walten auch im Gras- und Kornwuchs S. 77 ff, die Ljeschie sind Waldgeister und zugleich Dämonen der niedem Kulturpflanzen S. 138; vgl dazu die hessischen Wildleute S. 87. Die nämliche Doppelrolle als Wald- und Korndämonen spielen die Dames vertes. Auch die wilden Weiber erscheinen als
Genien von Kräutern S. 106. Die vom wilden Jäger gejagte Frau läßt sich als Walpurgis in eine Garbe einbinden S. 121. Vgl. den russischen und den schwedischen Zaubersegen, um die Waldgeister herbeizurufen S. 142.
Andererseits springt deutlichst als durchstehende Vorstellung in die Augen, Wirbelwind, Sturm und Gewitter seien Lebensäußerungen des nämlichen Geistes, der in ruhigen Momenten — wie wir sahen —- in Waldbäumen verkörpert erscheint.1 Vom wilden Jäger oder Teufel, resp. dem Donner gejagt finden wir die Moosleute, Holzfräulein, Selige, Schrätlein, Wildfrauen in Steiermark, Unterirdische und weiße Weiber in Lauenburg und Mecklenburg, dänische Meerfrauen, Skogsnufvar in Schweden. Nach verschiedenen z. T. den ältesten bezeugten Varianten ist die gejagte Frau die Buhle des wilden Jägers S. 125. Dem Küssen gilt der Wirbelwind als der Hochzeitstanz des Waldgeistes mit seiner Braut S. 143. Da nun die Erscheinung der wilden Jagd meistenteils mit dem Gewittersturme zusammenfällt,2 dem Gewitter aber, das physikalisch betrachtet ja überhaupt nur ein secundäres Product des vom Boden aufsteigenden, oder von oben her hereinbrechenden und den entgegengesetzten Passat verdrängenden Luftstromes ist, größtenteils merklich Wirbelwind vorangeht und heftigerer Wind nachfolgt;3 da der
Wirbelwind als fahrende Frau,1 Hexe,2 Thórs pjäska (S. 128) Windsbraut,3 auch sonst in Gestalt eines weiblichen Wesens personifiziert wird, so halte ich es für wahrscheinlich, daß anfänglich der im Wirbelwinde sein Dasein bekundende Waldgeist es war, der vom wilden Jäger (dem nachfolgenden stärkeren Unwetter) gejagt erschien.4 Es ist auch deutlich, warum insonderheit die männlichen Waldgeister (wilder Mann, Hulte, Ljeschi) sodann aber auch z. T. eben jene weiblichen Waldgenien eben sowol für sich allein im Winde daherfahrend oder als Anführer der wilden Jagd daherstürmend dargestellt werden konnten. Die angegebene Deutung trifft auf die Gewitterstürme im Sommer und die Mehrzahl unserer Sagen vollkommen zu. Wenn aber daneben nach manchen Sagen der Umzug der wilden Jagd oder des wütenden Heeres und ebenso der unserer Waldgeister zu Weihnachten, in der Neujahrsnacht oder Dreikönigsnacht vor sich geht, wenn die Jagd auf das geisterhafte Weib sieben Jahre (d. h. doch wol die 7 Wintermonate von October bis Mai) dauern soll, so ist es bei der Seltenheit der Wintergewitter in unsem Gegenden allerdings offenbar, daß hier die Jagd auf das Waldweib die angegebene Bedeutung nicht haben kann. Vielmehr sprachen wir schon S. 124 unsere Meinung dahin aus, daß dabei der Gedanke zu Grunde zu liegen scheint, im Winter sei der weibliche Waldgeist, die Genie des Blättergrüns, gleichsam verzaubert und fliehe vor dem im Sturme ihm nachsetzenden Gefährten, der zum Maitag (vgl. St. Walpurgis S. 121) sie erreiche, und [nach urtümlichst roher Weise der Hochzeit durch Frauenraub] quer über sein Roß lege.5 Ist diese Deutung richtig, so hat eine Verschiebung, eine Umdeutung eines ursprünglichen Gleichnisses in ein anderes stattgefunden. Die Probe würde erst gemacht werden
können durch eine genaue Untersuelumg aller sonstigen Jagdobjecte des wilden Jägers, denn es ist jedenfalls wichtig, zuvor zu wissen, ob die Eber, Rosse1, (Rinder?), Hirsche, (Rehe). Kaninchen, Hühner, welche je in verschiedenen Landschaften statt der Waldfrauen den Gegenstand der Verfolgung von Seiten der wilden Jagd ausmachen, und deren Schenkel dem Spötter aus den Wolken zugeworfen werden, wie der Fuß des Waldweibes, entweder sämmtlich, oder doch teilweise nur eine andere Form desselben Gedankens sind, den die gejagten Waldleute ausdrückeu. Wir müssen davon abstehen diese schwierige Frage an diesem Orte weiter zu verfolgen.2 Es erscheint uns die zuerst von
W. Schwarte aufgestellte Deutung, wonach die von der wilden Jagd herabgeworfene Lende oder Hälfte der Holzfrau, sowie die in Gold sich wandelnden Geschenke der thüringischen und czechischen Waldweiber, Lisunki u. s. w. ursprünglich den Blitz bedeuten, nicht unwahrscheinlich, wenngleich keinesweges gesichert. Mit der Natur der Waldgeister als Wind- und Wetterwesen scheint auch der Zug zusammenzuhangen, daß die Waldfrauen einen Gürtel schenken, welchen sie einen Menschen anlegen heißen. Der Beschenkte umgürtet damit aber zuvor einen Baum, und derselbe springt augenblicklich zerrissen und zersplittert in Stücke,1 Einen ebensolchen Gürtel verleiht nämlich auch der in der Windsbraut umfahrende Hexenmeister.2 Der den Wald erfüllende Nebel oder weiße an den Bergen hangende Wölkchen gelten als die Wäsche der Waldfrauen. Dergleichen wird erwähnt bezüglich der wilden und seligen Fräulein, der Wildfrauen in Steiermark, der Froberte, Skogsnufvar und Dames vertes, sowie der Pysslingar unter dem Apfelbaum zu Falsterbro (ob. S. 61). Da die menschliche Seele als Lufthauch (animus, spiritus) betrachtet wurde, 3 so steht es auch wol mit der Windnatur der Waldgeister in Verbindung, daß die Holzfräulein in arme Seelen, die Seligen in die Geister todter Mütter übergehen.
Ihrem Ursprünge nach dunkler, als die bis hieher behandelten Eigenschaften, sind diejenigen Aussagen, welche den Waldfrauen das Streben nach der Verbindung mit sterblichen Männern, dem
Waldmann die Sucht nach christlichen Frauen zuschreiben. Die Holzfräulein, die Seligen, Fanggen, die Skogsnufvar und Ljesche gehen eheliche Vereinigungen mit Menschen ein S. 79. 87. 103. 135. 143. Der Gesang und die schöne Gestalt der Seligen und wilden Weiber lockt Jünglinge und junge Männer an ihre Seite. Wenn manche Sagen dieses Verhaltnis außerordentlich zart und geistig darstellen (S. 101), so zeigen andere eine rohere, vermutlich ältere Form S. 102.
Rauhe Else naht, wie die Skogsnufva, dem am nächtigen Feuer Liegenden und verlangt nach seiner Minne S. 108. Vgl. die agrestes feminae bei Burckard v. Worms S. 113. Das badische Wildweib hat mit dem Jäger ein Kind 88, und die Dames vertes locken den betörten Liebhaber ins Dickicht S. 118. Der Kulte stellt christlichen Weibern nach S. 127, ebenso die lesni muzove in Böhmen S. 87.
Daneben wird behauptet, daß die Waldgeister kleine Kinder rauben oder an sich ziehen und tödten. Der Salvanel, die wilden Weiber am Untersberge, die Fanggen S. 90, die divé zeny in Böhmen S. 87 stehlen1 kleine Kinder. Oder die böhmische Waldfrau lockt sie an sich S. 87. Die Tiroler Langtüttin legt sie an ihre großen unheimlichen Brüste S. 108. Die Seligen holen sogar Wöchnerinnen aus dem Kindbett weg S. 108. Steht dazu in irgend einem Verhältniß der Zug des Irreleitens, der von den Froberte, den Dames vertes, der rauhen Else, der Skogsnufva und ihrem Gemahe, dem Hulte, den Ljeschie, wie dem peruanischen Uchuclla berichtet wird? Bei unseren Waldweibchen und Moosleuten schlägt dieser Zug gradezu in sein Gegenteil um. Die Moosweiblein in Wildemann z. B. leiteten Fremde, die sich verloren hatten, auf die rechte Straße und teilten ihnen Wurzeln und Kräuter zur Nahrung und Gesundheit mit.2
Die Waldgeister zeigen sich auch sonst den Menschen gerne dienstbar und gehen in Hausgeister über. Die Holzfräulein in Thüringen und Franken, die wilden Leute in Baden, die Saligen in Tirol helfen zur Erntezeit den Arbeitern. Aber auch ständig treten Holzweiber und Waldmänncken, Fanggen, Salige, zuweilen
1) Vemaleken, Mythen und Branche 249, 55.
2) Pröhle, D. Sag. S. 37, 8. Vgl. auch ob. S. 84.
auch Skogsrá in den Dienst des Menschen, besorgen das Vieh im Stalle und segnen Vieh und Vorratekammer; auch die Schretel spielen die Rolle der Penaten S. 115. Die wilden Geißler (S. 96 ff.) stellen gewissermaßen Penaten der Dorfschaft vor. Wie hier in Hausgeister gehen die Waldgeister anderswo unmerklich in andere Elbe, namentlich in Höhlen und ebenes Feld bewohnende Zwerge über. Die Fanggen verlieren sich in Fenggen und Fänken. Die von Fanggen, Holzweiblein und wilden Frauen erzählte Geschichte von Todansagen (S. 90) wird auch von Zwergen berichtet. Wilde Leute werden local zu Nörgeln und Norken (S. 110), die Seligen zu Schanhollen (S. 102). Und die Seligen selber, die in fast allen Stücken den Wald- und Moosweibchen entsprechen, verlieren den Character eigentlicher Waldgenien fast ganz. In der norddeutschen Ebene vertreten die Unnererdschen und weißen Weiber die Waldgeister des deutschen Südens und skandinavischen Nordens (S. 124). Mit einem Worte Wald- und Feldgeister sind sowenig durch eine feste Schranke geschieden, daß sie vielfach in einander rinnen.
1) Die Identität der Seliger), witten Wiwer und Hollen erweisen die Mitteilungen von A. Kauffmann und Birlinger in Pfeiffers Germania XI, 411 ff. und XVII, 78, wonach in Aufzeichnungen des XVI. Jabrh. von niederrheinischen unter schiinen Bäumen und krausen Büschen wohnenden Geistern die Bede ist, für welche die Namen „selige frauwen,“ „holden,“ „wyße frauwen“ als Synonyma gebraucht werden.
Text aus dem Buch: Wald- und Feldkulte (1875), Wilhelm Mannhardt.
Wald- und Feldkulte – Vorwort
Wald- und Feldkulte – Grundanschauungen
Inhaltsübergreifend: Deutsche Mythologie
Ackerbaukulte Ackergebräuche Alpenwelt Bannwald Baumelf Baumkultus Baumleben Baumnymphe Baumsagen Bergtrolle Beschwörungsformeln Bidschower Sage Buschgroßmutter Buschjungfern Buschweibchen Deutsche Mythologie deutsche Sagen deutsche Sagenformen Eckenlied Elementargeister Elfenmaid Ellefolket Ellepige Erntegebräuche europäische Waldgeister Fanggenmädchen Fanggensage Feldgeister Feldkulte Geißlerstein Germanen Getreidedämon Gut und Ehre Hausgeister Heilkunst Holzhetzer Huflattichweiblein Kalevala keltische Sagen Kobolde Korndämon Ljeschi Lohjungfer Mahdküchel Meerfrauen Moosleute Moosmännlein Moosweiblein Mythen Mythengestalten mythische Frauen Mythologie Mythologische Untersuchungen Nachtjäger Nachtmahren Naturmensch Norgen Pflanzengeister Polyphemossage russische Waldgeister Rüttelweiber Schanhollen Schneefräulein schwedische Waldgeister Sigeminne Skogsnufvar Skogsnufvarsagen St. Walpurgis Sturmlied Teufelsglauben Tiroler Volksglaube Tomtegubbe Trolle Vegetationsdämonen Völkerpsychologie Volksanschauungen Volksdialekte Volkssage Volksüberlieferungen Waldfänken Waldfrauen Waldgeist Ljeschi Waldgeister Waldjungfrau Waldkulte Waldljeschie Waldmännlein Walpurga Weidenweiblein Wildeleutstein Wildfrauen Steiermark Wildfrauenloch Wildfrauensage Wildfrauensagen Wildfräuleinhaus Wildfräuleinmythen Wilhelm Mannhardt Wolfdietrichssage Zwergkönig
Published 10. Februar 2016 by Kunstdirektor
„Item es soll niemand Bäume in der Mark schälen, wer das täte, dem soll man sein Nabel aus seinem Bauch schneiden und ihn mit demselben an den Baum negeln und denselben Baumschäler um den Baum führen, so lang bis sein Gedärm alle aus dem Bauch auf den Baum gewunden seien. (Oberurseler Weistum.)
Wir wenden uns zunächst der Betrachtung einer Reihe germanischer, lettoslavischer und keltisch-romanischer Anschauungen und Bräuche zu, welche uns darüber belehren, wie und in welcher Weise der Gedanke, daß die Pflanze beseelt sei, in Bezug auf die Bäume weiter und in mannigfachen Formen bis zu so völliger Gleichstellung mit den Menschen hinausgesponnen und entwickelt wurde, daß die einen so zu sagen als vollendete Doppelgänger der andern auftreten. Schon im antkropogoniscken Mythus nehmen wir eine Art solcher Gleichsetzung wahr; eine andere äußert sich in der Behandlung des Baumes als persönliches Wesen. Die Identifizierung erstreckt sich zuweilen sogar auf eine imaginäre Verschmelzung der Körperlichkeit von Mensch (oder Tier) und Pflanze und führt zu der Annahme, daß der Baum der Körper einer durch den Tod dem Menschenleibe entrückten Seele, der Wohnsitz mehrerer Elfen oder eines Schutzgeistes sei, der wiederum kaum von einem alter ego des Menschen zu unterscheiden sein möchte. Zuweilen führt die Baumseele oder der Banmgenius auch schon ein Leben außer dem Baumleibe in Sturm und Unwetter, in Wald und Feld. Da wir die in diesen Ueberlieferungen sehr scharf und deutlich zu Tage tretenden Verhältnisse später einmal vorzugsweise zum Verständniß von Korngeistem vergleichend zu nutzen gedenken, gestatten wir uns hier bereits gelegentlich von selbst aufstoßende Uebereinstinmmngen der Baumsage mit dem an das Getreide geknüpften Volksglauben voraunerken. Und auch das möge den Leser nicht stören, wenn er (da sich ein anderer Platz dazu nicht eignete) in die Darlegung des Baumglaubens nordenropäischer Stämme nicht ganz selten auch einzelne Analogien aus fernen Ländern und Weltteilen eingeflochten findet.
Insofern es sich aber bei unseren Zusammenstellungen zunächst noch nicht um die Darlegung irgend welcher historischen Verwandtschaft, sondern um die Beschreibung von Typen handelt, so bedienen wir uns desselben Vorteils, den etwa der Botaniker genießt, wenn er die Coniferen Europas und Amerikas miteinander vergleichen kann. Die Beobachtung gewisser gleicher Eigenschaften bei beiden macht klar, daß dieselben zum Wesen der Gattung gehören. Gleichartigkeit der Vorstellungen über den nämlichen Gegenstand in zwei verschiedenen Zonen läßt zumeist auf eine gewisse psychologische Notwendigkeit derselben schließen und die eine erläutert die andere. Nur als ein solches die Natur und den Sinn der nordeuropäischen Traditionen durch Analogie erläuterndes Material wünscht der Verfasser Einschiebsel aus der Fremde beachtet zu sehen.
Gleichniss im Háramál. Die germanische Welt hat die Gleichung Mensch und Pflanze zur mannigfachsten Entfaltung gebracht. Auch abgesehen von jeder mythischen Verkörperung war dieselbe in unserer Poesie von alters her lebendig. Wie neuerdings Schüler den von seinen Anhängern verlassenen Waüenstein einen entlaubten Stamm nennt, hatte z. B. schon ein altnorwegischer Gnomendichter, dessen Sinnspruch man später dem Odhinn in den Mund legte, gesagt:
der Baum, der einsam im Dorfe steht, stirbt ab und nicht Laub noch Rinde halten ihn fürder wann; so ist der Mann, den niemand liebt, was soll er länger leben?
§ 3. Anthropogonischer Mythus von Askr und Embla.
Jahrhunderte bevor dieses Stückchen Volksweisheit sein poetisches Gewand erhielt, mag der bekannte Mythus von Askr und Embla entstanden sein. Derselbe ist jedoch — ich folgere dies aus psychologischen Gründen — unmöglich in der uns vorliegenden Form zuerst entsprungen, sondern wir besitzen ihn in einer Gestalt, welche erst das Ergebniß mehrfacher Umwandlungen im Munde der Dichter gewesen zu sein scheint. Wie die Urform lautete, werden wir verstehen, wenn wir die noch einfachere Gestalt entsprechender Sagen bei anderen Völkern in Vergleich ziehen.
Bekanntlich läßt eine der eranischen Schöpfungssagen, aus denen die Cosmogonie des Bundehesch zusammengesetzt ist, das erste Menschenpaar Maschia und Maschiána in Gestalt einer Reivaspflanze (rheum ribes) aus der Erde emporwachsen. Sie machten ursprünglich ein uugetrenntes Ganze aus und trieben Blätter; in der Mitte bildeten sie einen Stamm, oben aber umarmten sie sich dergestalt, daß die Hände (Zweige, Aeste) des einen sich um die Ohren des andern schlangen. Erst später wurden sie von einander getrennt. In diesen Körper goß Ahuramazda die zuvor bereitete Seele und sie wurden zur Menschengestalt, indem jener Glanz geistiger Weise zum Durchbruch kam, der die Seele kundgiebt. Diese weder dem Avesta, noch den alten von Firdosi benutzten Quellen bekannte Anthropogonie -macht gleichwol auf hohes Altertum Anspruch, insofern sie noch ziemlich unverändert jene früheste Anschauungsstufe vor Augen stellt, wonach Mensch und Pflanze gleiches Wesens waren, und unmittelbar in einander übergingen.
Eine ganz ähnliche Vorstellung begegnet bei den den Eraniern allem Anscheine nach nahverwandten Phrygem im Stromgebiete des Sangarios. Ihnen galten die Korybanten als die ersten Menschen; die Sonne beschien sie zuerst, als sie baumartig emporsproßten. Wir wissen nicht, wie sich der Rationalismus einer späteren Zeit den in der Mythe ausgesprochenen Uebergang des Baumes in die Menschengestalt in diesem Falle zurechtlegte. Nach den Sioux, die gleich den Karaiben nnd Antillenindianern ebenfalls die Stammeltern im Anfänge als zwei Bäume entstehen ließen, standen diese viele Menschenalter hindurch mit den Füßen im Boden haftend, bis eine große Schlange sie an den Wurzeln benagte, worauf sie als Menschen Weggehen konnten. Biesen Beispielen entsprechend wird auch der germanische Mythus die Urahnen anfänglich nicht aus todten Hölzern, sondern aus lebendigen aus der Erde aufsprießenden Bäumen (einem mit einem männlichen Namen und einem mit weiblicher Benennung) haben liervorgeheu lassen; später hat er dann zur Motivierung der freien Beweglichkeit des Menschen eine Umänderung dahin erfahren, daß drei kräftige und liebreiche Götter am Strande zwei über Meer von den Wellen ans Land getriebene Bäume (Askr und Elmja (?), Esche und Ulme (?) fanden und den noch Schicksalslosen Geist, Sprache, Blut und blühende Farbe eiuflößten. Die belebten Bäume Askr und Elmja (? fern, zu almr Ulmbaum) waren die Stammeltern aller Menschen. Uns ist diese Erzählung nur in einer zweiten Umformung bewahrt, in welcher der schwer über die Zunge gleitende Name der Stammmutter durch Metathesis mimdrecht gemacht und so in den geläufigeren Embla (aus Emla = amlja die arbeitsame) verändert ist. Auf den von uns für die Grundform dieser Schöpfungssage vorausgesetzten primitiven Standpunkt d. h. bis nahezu an die Schwelle wirklichen Glaubens an die Identität von Mensch und Pflanze würden uns gewisse der Skaldenpoesie geläufige Metaphern zurückweisen, falls nicht deren unmittelbarer Zusammenhang mit dev Naturpoesie sehr zweifelhaft wäre.
§ 4. Der Baum als Person behandelt.
Beruht der anthropogonische Mythus der Nordgermanen auf der Anschauung
„der Mensch ist wie ein Baum“,
so haftet der umgekehrte Vergleich
„der Baum ist wie ein Mensch“
Read MoreDie Baumseele
Aberglaube Ackerbaukulte Ackergebräuche altpreußischer Volksglauben Askr Baumdämonen Baumheiligtum Baumkultus Baummutter Baumnymphen Baumsage Baumseele Baumverehrung Beschwörungsformel Blumholz Blumware Blut der Waldbäume Blutbäume deutsche Sagen Dustholz Elfenfeuer Elfengeschoß Elfenvolk Embla Erdengott Erntegebräuche Familienbaum Feldkulte Fettleute Fieberphantasien Folgegeist Freibäume Genius des Baumes Germanen germanische Welt Gnomendichter Göttergeschoß Göttertempels Upsala Hauskobold Hexengeschoß Holzbirnbaum Holzgericht Holzgrafen Jungfernhonig Klabautermann Klopfgeister Krankheitsdämon Krankheitsgeist Krankheitsgeister Lebensbaum Lebenslicht Maibäume Mensch und Pflanze Mimirsbaum Moosweibchen Mythologie Mythologische Untersuchungen Naturmensch Naturpoesie neun Welten Obotritenland Pflanzendämon Pflanzenkörper Plagegeister Polabien Quälgeist Riesenjungfrau Schicksalsbaum Schicksalsfrauen Schöpfungssagen Schutzbaum Skaldenpoesie Sommergebräuche Taubholz Töchter des Herodes Todtengott Tomtegubbar Überlieferungen Urdhardbrunnen Völkerpsychologie Volksglauben Volksleben Volkssitten Volksüberlieferungen Volksweisheit Wagrien Waldkulte Waldleben Weltbaum Yggdrasill Wilhelm Mannhardt Wohnsitzbaum Yggdrasill Zauberformeln Zwergsage
Published 9. Februar 2016 by Kunstdirektor
In dem ewigen Kreislauf, der die Atome aller irdischen Dinge umhertreibt und in welchem jeder, auch der festeste Körper, nichts anderes darstellt, als eine zeitweilige Form der unaufhaltsamen Bewegung, einen Strudel im Strome, ist trügendem Augenscheine nach dem Steine ein ruhiges Verharren gegeben, Von seiner Starrheit hebt sich unterscheidend der verhältnißmäßig schnelle und in regelmäßiger Wiederkehr nachweisbare Verlauf in der Veränderung organischer Bildungen ab. Alle lebenden Wesen vom Menschen bis zur Pflanze haben Geborenwerden, Wachstum und Tod miteinander gemein und diese Gemeinsamkeit des Schicksals mag in einer feinen Kindheitsperiode unsers Geschlechts so überwältigend auf die noch ungeübte Beobachtung unserer Voreltern eingedrungen sein, daß sie darüber die Unterschiede übersahen, welche jene Schöpfungsstufen von einander trennen.1
1)Daß der Naturmensch den Unterschied von Geist und Körper noch wenig beachtet, sich mit seinen Nebengeschöpfen auf gleichem Niveau rangiert, nicht nur Menschen, Tieren, Pflanzen, sondern auch Steinen und Hausgeräten Seele und Wiederaufstehen im Jenseits znschreibt, auf Tiere mit Stolz seine Ahnenreihe zurückleitet u. s. w. setzt A. Bastian in Steinthals Zeitschr. f. Völkerpsychol. V, 153 gut auseinander.
Die Anerkennung der Gleichartigkeit ging so weit, daß manche Völker die ersten Menschen aus Bäumen oder Pflanzen gewachsen oder geschaffen annahmen; noch in historischer Zeit verfügt die Sprache und naturwüchsige Dichtung der meisten Nationen über einen mannigfaltigen Vorrat von schönen Vergleichen des animalischen und des vegetabilischen Lebens, welche teils als zerbröckelte Trümmer uralter, auf das naive Bewußtsein der Identität gegründeter Mythen anznsehen sind, teils die ursprünglichen ästhetischen, in Anschauung umgesetzten Empfindungen conservieren oder aus der Tiefe des Menschengeistes neu erzeugen, die auch jenen das Dasein gaben. Am häufigsten finden wir auf Zustände in der Entwicklung des Menschen die entsprechenden Erscheinungen des vegetabilischen Daseins in bildlicher Redeweise übertragen.
Der Liebende aller Zeiten und Länder weiß die Schönheit der Geliebten nicht treffender zu schildern, als wenn er das Mädchen als seine Rose, Lilie, als Myrte oder Granatblüte feiert. Die reiche Lese verwandter Wendungen, Beiwörter und Kosenamen, welche J. Grimm in seinem feinsinnigen Aufsatze „Frauennamen aus Blumen“ zusammengebracht hat, ließe sich von allen Feldern der Weltliteratur mit Leichtigkeit ins Unübersehbare vermehren. Andererseits machen Sprache und Dichtung umgekehrt die Pflanze zum Spiegel animalischen Lebens. Der junge Pflanzenschoß im Frühlinge wird dem jungen Tiere verglichen. Dem Römer erschien er wie ein Kind, Füllen oder Küchlein (pullus), dem Griechen wie ein Kälbchen; die Berechtigung dieser Auffassung werden die nachfolgenden Untersuchungen hoffentlich dartun. Unsere Palmkätzchen gehören einer anderen Vorstellungsgruppe an, sie tragen ihren Namen von dem silbergrauen, sammetweichen Fell; aber im skandinavischen Norden war Kalb vom neuen Pflanzensproß im Gebrauch, z. B. Engelwurzschößlein, angelica tenella.. Die weibliche und männliche Blüte des Hanfs wird als Hahn und Henne unterschieden, wie das Männchen und Weibchen mancher Singvögel; und nicht unerwähnt bleibe die auf dem Gebiete der Pflanzennamen reichlich und schon seit alters hervortretende Neigung, die Gestalt der Kräuter einzelnen Gliedmaßen der Tiere zu gleichen (Wolfsfuß, Gansfuß, Storchschnabel, Löwenzahn u. s. w.). Auch diesmal bietet die Menschengestalt, welche zwar übrigens im weitesten Abstande von der am Boden haftenden Pflanze befindlich, durch ihren aufrechten Wuchs derselben sich wiederum am meisten nähert, die ausgiebigste Veranlassung zu personifizierenden Gleichnissen. Wir legen den Gewächsen im Schmuck der poetischen Darstellung gerne Fuß und Arm, Kopf und Augen, Brust, Busen, Haar und Kleidung u. dergL bei. Reichliche Beispiele für diesen Sprachgebrauch bei neueren deutschen Dichtern, Shakespeare und den Autoren des klassischen Altertums ließen sich aus der reichhaltigen und lehrreichen Schrift Ton C4. Hense „Persouificationen in, griechischen Dichtungen, THL. I. Halle 1868“ zusammenstellen. Schon diese so zu sagen teilweise und vorübergehende Aid. von Personification setzt Beseelung voraus: der Mensch leiht dem bewußtlosen Gewächse Empfindung und weil wir in demselben gewisse Eigenschaften wahrzunehmen glauben, die an verwandte Seiten in unserm Innern anklingen, sucht unsere Phantasie in ihm ein Leben wie das unsrige, Geist von unserm Geiste. Diese Vorstellung steigerte sich in früher Vorzeit ohne Zweifel zu dem wirklichen Glauben, daß die Pflanze ein dem Menschen gleichartiges, mit Denken und Gesinnung begabtes Wesen, Mann oder Weib sei. Als später im primitiven Bewußtsein ein Bruch eintrat und eine Art von botanischem Begriff aufzukommen begann, suchte jener Glaube in veränderten Formen sein Dasein zu retten. Zunächst mußte er sich von Tag zu Tage fortschreitend eine Einschränkung auf einzelne Individuen gefallen lassen, an denen das Wunder noch haftete, während die große Mehrzahl der Gewächse der nüchternen Betrachtung und dem noch mein’ ernüchternden Gebrauche des wirtschaftlichen Lebens verfiel. Sodann hieß es nun entweder, die Pflauze sei der zeitweilige Sitz, das Kleid, die Hülle einer durch den Tod ans dem leiblichen Dasein entrückten Menschenseele. Kobersteins treffliche Abhandlung 1 ist noch immer das Beste, was bisher über diesen Gegenstand veröffentlicht wurde. Nach anderer Auffassung sind gewisse Pflanzen verwandelte Menschen oder Halbgötter, deren Bewußtsein durch Zauber oder Schicksalsspruch in ihnen noch fortlebt Hieraus erklärt sich in weit größerem Umfange, als man bisher zu wissen scheint, eine Anzahl der vielen Volkssagen, in welchen von einer Metamorphose in Pflanzen die Rede ist. 2
1) Koberstein, A., üb. d. Vorstellung v. d. Fortlebea menschlicher Seelen in der Pflanzenwelt. Nanmburg 1849; wieder abgedruckt Weimar. Jahrbuch. I, 78—100. Vgl. den Nachtrag Reinhold Köhlers ebd. 479—483, Herrig, Archiv 1 d. Stud. der n. Spr. XVII, 444. Sitzungsberichte der Wiener Akad. 1856. XX, 94. Slavische Beispiele bei Grohmann, Abergl. a. Böhmen 193, 1361. 93, 648.
2) Gute und richtige Bemerkungen über diesen Gegenstand machte B. Schmidt in s. hübschen Aufsatz über Calderons Behandlung antiker Mythen im Rhein, Museum X, 1856, p. 341: „Jener Glaube (an Verwandlungen von Menschen in Pflanzen) wurzelt durchaus in einem Gefühle der alten Völker das der neueren Zeit völlig fremd ist, in ihrer religiösen Sympathie mit der Nata. Vermöge dieser empfanden sie die Pflanze wie den Stein und das Gewässer als individuell begeistet, dagegen den Mensehen auch in seinem geistigen und sittlichen Dasein als eine Gestalt der Natur, brachten also für ihre Betrachtung das Naturleben und das Leben der Menschen in ein Verbältniß innerer Gleichartigkeit und gemütlicher Nähe und sahen darum auch die Schranken zwischen dem einen und dem andern als leicht überschveitbar an.“
Endlich eine dritte Anschauungsweise weiß von einem geisterhaften Wesen, einem Dämon, dessen Leben an das Leben der Pflanze gebunden ist. Mit ihr wird er geboren, mit ihr stirbt er. In ihr hat er seinen gewöhnlichen Aufenthalt, sie ist gleichsam sein Körper und doch erscheint er vielfach auch außer ihr in Tier- oder Menschengestalt und bewegt sich in Freiheit neben ihr.
Eine Abart dieser Vorstellung tritt uns entgegen in Form der Annahme, daß der Dämon nicht der einzelnen Pflanze, sondern einer Vielheit derselben oder der gesamten Vegetation einwohne und darum auch nicht im Herbste mit den einzelnen Gewächsen vergehe, sondern irgendwo überwintere und im neuen Jahre sein Leben in der Natur weiterführe. Einmal aus der Pflanze herausgetreten, wird der Dämon endlich zuweilen im Fortschritte der Entwickelung zum Geber oder Schöpfer ihres Lebens, er ist und webt nun nicht sowohl in der Vegetation, er bringt dieselbe hervor.
Die auf vorstehenden Blättern nach verschiedenen Stufen gesonderten Anschauungen gehen in der Wirklichkeit meistens in einander über. Das Volksgedäektniß bewahrt sie neben einander oder verbindet sie oder ihre Spielarten in mannigfaltigster Weise zu neuen Gebilden. Der Verfasser meint dartun zu können, daß auf der Entwickelung dieser Grundanschauungen ein nicht geringer Teil des Glaubens und Brauches der europäischen Menschheit und zwar sowohl der nordeuropäischen Stämme, als der Hellenen und Italer beruhte. Das vorliegende Buch ist bestimmt, dem Erweise dieses Satzes zunächst in Bezug auf die nordeuropäischen Baum- und Waldgeister zu dienen.
Ackerbaukulte Ackergebräuche Baumkultus Erntegebräuche Feldkulte Germanen Mythologie Mythologische Untersuchungen Naturmensch Sommergebräuche Völkerpsychologie Volksüberlieferungen Waldkulte Wilhelm Mannhardt
Das vorliegende Buch, welchem demnächst ein zweiter Band „griechische und römische Agrarkulte aus nordeuropäischen Ueberlieferungen erläutert“ folgen wird, beginnt die Veröffentlichung einer Reihe von Vorarbeiten, die sieh dem Verfasser als erforderlich ergeben hatten, um zur Klarheit und Sicherheit über das Fachwerk zu gelangen, in welches die einzelnen Stücke der von ihm unternommenen „ Sammlung der Ackergebräuche“ einzuordnen seien. Es ist hier der Versuch gemacht worden, die wichtigsten Sagen, Frühlings- und Sommergebräuche, welche zu den Erntegebräuchen in unverkennbarer Analogie stehen, einzig und allein aus sich selbst heraus einer methodischen Untersuchung auf ihren Inhalt und dessen Bedeutung zu unterwerfen, soweit es der Hauptsache nach auf Grund des in der Literatur vorhandenen Materiales schon jetzt geschehen konnte. Doch sind an vielen Orten bisher ungedruckte Ueberlieferungen eingestreut. In größerem Umfange ist dies bei Gelegenheit des Erntemai geschehen; die rheinländischen Sitten und die zu Kuhns Aufzeichnungen hinzugekommenen westfälischen verdanke ich schriftlichen Mittheilungen, so auch alle übrigen, dagegen sind die S. 203 ff. verzeichneten französischen einer größeren Sammlung entnommen, welche mir im Jahre 1870 persönlich aus der Unterhaltung mit Kriegsgefangenen zu schöpfen vergönnnt war.
Den mannigfachen neuen Stoff, welchen ich in dem Abschnitte über die schwedischen Waldgeister verwenden konnte, schulde ich dem gütigen und liebreichen Entgegenkommen der Herren D. D. Hildebrand (Vater und Sohn) in Stockholm, Propst E. Rietz in Tygelsjö bei Malmö (inzwischen verstorben), und Baron Djurklou auf Sörby bei Örebro, welche bei meinem ersten Aufenthalt in Schweden im Herbste 1867 mir die im Besitze des Reichsanti-quaritims, des Schonischen Altertnmsvereins und ihrer selbst befindlichen handschriftlichen Aufzeichnungen von Volksüberlieferungen mit außerordentlicher Liberalität zugänglich machten und deren Benutzung erleichterten. Meinem verehrten Freunde Professor H. Weiß, Custos des Kupferstichkabinets in Berlin, bin ich für den Nachweis mehrerer der auf S. 339—340 erwähnten Kunstwerke, den Vorständen und Beamten der königlichen und Universitätsbibliothek zu Berlin für freundlichen, unermüdlichen Beistand verpflichtet. Vor allem aber fühle ich mich gedrungen, dem hohen Unterrichtsministerium meinen ehrerbietigsten Dank für die fortgesetzte hochgeneigte Förderung und Unterstützung meiner Bestrebungen auszusprechen. Eine eingehendere Erörterung über die Grundsätze, das Rüstzeug und die Methode, sowie über die allgemeinen Ergebnisse meiner Arbeit wird den zweiten Band einleiten, der durch treffende Belege die Wahrheit der aufgestellten Sätze zu bestärken Gelegenheit giebt. Im übrigen bilden die in diesem Bande vereinigten Untersuchungen ein abgeschlossenes Ganzes für sich. Mögen sie sich Freunde erwerben und als ein nicht unbrauchbarer Beitrag zur Lösung der großen Aufgaben erfunden -werden, welche der Kulturgeschichte heutzutage im Zusammenwirken der Wissenschaften zugefallen sind.
Danzig, den 13. October 1874.
Wilhelm Mannhardt.
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