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Lebensversicherung in der Schweiz - PDF
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1 Lebensversicherung in der Schweiz aus Sicht der Aufsichtsbehörde Schwanengasse 2, 3003 Bern Tel. +41 (0) , Fax +41 (0)2 Lebensversicherung in der Schweiz aus Sicht der Aufsichtsbehörde Kurzzusammenfassung Als Lebensversicherung werden diejenigen Versicherungen bezeichnet, die an die Ungewissheit der Dauer des menschlichen Lebens anknüpfen. Aus der Perspektive des Kunden dient die Lebensversicherung als Absicherungsinstrument gegen finanzielle Risiken und, wenn sie kapitalbildend ist, auch als steuerbegünstigte Sparmöglichkeit. Gebräuchlichste Ausprägungen der Lebensversicherung sind Kapital-, Renten- und Invaliditätsversicherung. Tragende Elemente der Aufsicht über die Lebensversicherung: I. Einhaltung des schweizerischen Rechts des privaten Versicherungswesens, einschliesslich der gesetzlichen Transparenzvorschriften II. III. Schutz der Versicherten vor missbräuchlichen Vertragskonditionen und vor einer Benachteiligung durch eine rechtlich oder versicherungstechnisch nicht begründbare Ungleichbehandlung, Gewähr der Einhaltung der eingegangenen Vertragsverpflichtungen Sicherstellung der Leistungen an die Versicherten und Schutz der Versicherten vor den Folgen einer Insolvenz Die Aufsicht über die Lebensversicherung beinhaltet insbesondere die Überwachung des Versicherungsbetriebs durch Prüfung der jährlichen Berichterstattung der Versicherer, Genehmigung von Änderungen des Geschäftplans, Risikodialog und Vorortkontrollen. Die Aufsichtsbehörde legt im Jahresbericht Rechenschaft über ihre Aufsichtstätigkeit im Bereich der Lebensversicherung ab. Unter dem Dach des Finanzaufsichtssystems der FINMA werden die aufgeführten Elemente der Versicherungsaufsicht mit den generellen Grundsätzen zur Finanzmarktregulierung zu einer einzigen, ganzheitlichen Aufsichtspraxis vereint. 2/263 Inhaltsverzeichnis 1 Charakterisierung der Lebensversicherung Kollektivlebensversicherung Einzellebensversicherung Preisgestaltung der Versicherungsprodukte Die technischen Rückstellungen Sicherstellung der eingegangenen Verpflichtungen Risikolandschaft der Lebensversicherung Besonderheiten der Lebensversicherung Private Vorsorge: Von der präventiven Produktekontrolle zur nachträglichen Missbrauchsaufsicht Herausgegriffen: Das Langlebigkeitsrisiko bei Rentenversicherungen Besondere Vorschriften für die Versicherung der beruflichen Vorsorge Herausgegriffen: Das Invaliditätsrisiko in der beruflichen Vorsorge Aufsicht über die Lebensversicherung Geschichtliches: Aufsicht über die Lebensversicherung im Wandel Beaufsichtigte Lebensversicherungsunternehmen /264 1 Charakterisierung der Lebensversicherung Sinn und Zweck jeder Versicherung ist ganz allgemein der Schutz des einzelnen Versicherten vor Risiken, die er allein nicht tragen kann oder will. Dieser Schutz funktioniert durch den finanziellen Ausgleich in der Versichertengemeinschaft und in der Zeit nach dem Gesetz der grossen Zahl. Als Lebensversicherung werden diejenigen Versicherungen bezeichnet, die an die Ungewissheit der Dauer des menschlichen Lebens anknüpfen. Es handelt sich also um die Versicherung von Personenrisiken. Aus der Perspektive des Kunden dient die Lebensversicherung als Absicherungsinstrument gegen finanzielle Risiken und, wenn sie kapitalbildend ist, auch als steuerbegünstigte Sparmöglichkeit. Kapitalbildende Lebensversicherungen unterscheiden sich von Bankanlagen dadurch, dass biometrische Risiken wie Alter, Tod, Erwerbsunfähigkeit, Invalidität, Krankheit und Unfall mitversichert werden, und durch langfristige Vertragsdauern. Gebräuchlichste Ausprägungen der Lebensversicherung sind Kapital-, Renten- und Invaliditätsversicherung. Kapitalversicherung. Der Versicherer verpflichtet sich im Todesfall, im Erlebensfall oder in beiden Fällen eine vereinbarte Summe zu entrichten. Rentenversicherung. Der Versicherer verpflichtet sich ab sofort oder ab einem zukünftigen Zeitpunkt für eine vereinbarte Dauer oder bis zum Tode eine Rente auszurichten. Invaliditätsversicherung. Zur Lebensversicherung zählt auch die Versicherung einer Rente, eines Kapitals oder der Prämienbefreiung im Falle von Invalidität oder Erwerbsunfähigkeit. Die Lebensversicherung konzentriert sich auf vier Risikokategorien: Todesfall infolge Krankheit oder Unfall, mit Leistungserbringung in Form von Kapitalzahlung oder Hinterbliebenenrenten. Invalidität infolge Krankheit und Unfall, mit Leistungserbringung meist in Form von Taggeld- oder Rentenzahlung, beschränkt auch in Form von Kapitalzahlungen. Alter, mit Leistungserbringung in Form von temporären oder lebenslänglich zahlbaren Renten. Kapitalmarktrisiken, mit Leistungserbringung in Form von auf lange Frist geplanter, garantierter Kapitalbereitstellung. 4/26 5 In der Schweiz wird die Lebensversicherung in den sieben Haupt- und zehn Nebenversicherungszweigen betrieben, die im Anhang 1 zur Aufsichtsverordnung AVO aufgeführt sind. 2 Kollektivlebensversicherung Die Lebensversicherer sind in grossem Ausmass in der beruflichen Vorsorge, der zweiten Säule, tätig. Über Kollektivversicherungsverträge mit Vorsorgeeinrichtungen übernehmen sie Voll- und Teildeckungen. Abb. 1: Pyramide der Risikoträger der beruflichen Vorsorge Versichert werden die Arbeitnehmenden eines Unternehmens. Die Unternehmen können die berufliche Vorsorge für ihre Arbeitnehmenden auf unterschiedliche Weise umsetzen: a. Autonom oder teilautonom in rechtlich selbständigen Pensionskassen ausschliesslich für die Arbeitnehmenden eines Unternehmens b. Durch Anschluss an eine Sammel- oder Verbandseinrichtung 5/266 c. Durch Anschluss an die Auffangeinrichtung des Bundes Unter die Kollektivlebensversicherung fallen zudem die sogenannten Restschuldversicherungsverträge mit Kleinkreditbanken als Versicherungsnehmern. Versichert wird das Kollektiv von Kleinkreditnehmern gegen Tod, gegen Erwerbsunfähigkeit und allenfalls noch gegen weitere Risiken. 3 Einzellebensversicherung Die Lebensversicherer bieten seit bald 200 Jahren Versicherungslösungen in der privaten Vorsorge, der dritten Säule, an. Man unterscheidet die gebundene Selbstvorsorge 3a und die freie Selbstvorsorge 3b. Der Unterschied zeigt sich in der Verfügbarkeit und der Besteuerung des angesparten Kapitals. Weiter ist zwischen den klassischen und den anteilgebundenen Lebensversicherungen zu unterscheiden. Bei den klassischen Lebensversicherungen richtet der Versicherer die vereinbarten Versicherungsleistungen bei Erwerbsunfähigkeit, bei Invalidität, im Todesfall oder im Erlebensfall aus. Bei der Festsetzung der Prämien werden die Kosten für Versicherungsleistung, Verwaltung und Vertrieb mit Hilfe statistischer Grundlagen und bestmöglicher Schätzungen eingerechnet. Dabei wählt der Versicherer vorsichtige Grundlagen und rechnet einen Sicherheitszuschlag ein. Dadurch entstehen Gewinne, an denen die Versicherten beteiligt werden. Die Beteiligung an Gewinnen wird allgemein als Überschussbeteiligung oder Anteil am Überschuss bezeichnet. Bei den anteilgebundenen Lebensversicherungen wird die Prämie in Anteilen an ausgeschiedenen Sondervermögen wie Anlagefonds oder Kollektivvermögen angelegt. Die Kosten für biometrische Risiken, Kapitalgarantien, Verwaltung und Vertrieb werden vom Versicherer periodisch dem Anteil des Versicherungsnehmers am Sondervermögen entnommen. Das Anlagerisiko trägt dabei der Kunde, es sei denn der Versicherer gewähre beispielsweise Kapitalschutz oder eine Zinsgarantie bei Vertragsablauf. Neu fällt unter die Einzellebensversicherung auch das Kapitalisationsgeschäft. Dabei handelt es sich um eine vertragliche Vereinbarung zwischen Lebensversicherer und Versicherungsnehmer zur Übernahme von Vermögenswerten und deren Bewirtschaftung nach einem finanzmathematischen Verfahren. Sie endet an einem vereinbarten Zeitpunkt oder beim Tod der versicherten Person, ohne dass der Lebensversicherer ein biometrisches Risiko trägt. 4 Preisgestaltung der Versicherungsprodukte Der Preis eines Versicherungsprodukts heisst Prämie und die Preisgestaltung wird in der Versicherungswelt Tarifierung genannt. Dabei berücksichtigt der Versicherer auf der Grundlage von Datenmessungen (eigene oder fremde) und mit Hilfe versicherungsmathematischer Methoden (deterministi- 6/267 sche oder stochastische) die Wirkung der versicherten Risiken auf den zukünftig erwarteten Schadenverlauf. Die Tarifierung ist ein komplexes Handwerk. Je besser der Versicherer seine Produkte auf die anvisierte Kundschaft massschneidern kann, je präziser er dabei die versicherten Risiken schätzen und je transparenter er das Produkt für den Verkauf aufbereiten kann, desto besser kann er sich im Versicherungsmarkt positionieren. Dieses Know-how muss der Versicherer vor seiner Konkurrenz schützen, um sich im Wettbewerb behaupten zu können. 5 Die technischen Rückstellungen Die Versicherungsverpflichtungen sind erst in der Zukunft fällig. Sie müssen deshalb im Hinblick auf den Bilanzierungsstichtag mithilfe der Versicherungsmathematik berechnet werden. Die berechneten Werte heissen Versicherungstechnische Rückstellungen. Sie umfassen im Wesentlichen: das Deckungskapital, d.h. die Summe der mit versicherungsmathematischen Methoden berechneten Barwerte der vertraglichen Leistungsverpflichtungen die Rückstellung für eingetretene, noch nicht erledigte Versicherungsfälle die Rückstellung für zugeteilte, aber noch nicht ausbezahlte Überschussanteile die Rückstellung für nicht verbrauchte Verwaltungskostenprämien die pauschal gerechneten Rückstellungen für Rentenverstärkungen, Zinsgarantien, Tarifsanierungen u. a. 6 Sicherstellung der eingegangenen Verpflichtungen Die versicherungstechnischen Rückstellungen bilden den Sollbetrag, der mit geeigneten Kapitalanlagen zu bedecken ist. Diese Kapitalanlagen sind aus dem Vermögen auszuscheiden. Sie bilden das sog. Gebundene Vermögen, welches im Liquidationsfall unter Ausschluss der Ansprüche aller anderen Gläubiger der Sicherstellung der Versicherungsverpflichtungen zu dienen hat. Der Sollbetrag bildet die niedrigste Sicherheitsschwelle. Wird sie unterschritten, hat der Versicherer für sofortige Nachdeckung zu sorgen. Kommt er dieser Verpflichtung nicht nach, so ergreift die Aufsichtsbehörde unverzüglich sichernde Massnahmen. Über die technischen Rückstellungen hinaus braucht ein Lebensversicherer auch Solvenzkapital. Es dient ihm zum Auffangen von Schwankungen in der Zeit und zum Ausgleich der Heterogenität der Risiken in seinem Versichertenkollektiv. Die Solvenz des Versicherungsunternehmens wird nach zwei Methoden beurteilt, der Solvabilität I und dem Schweizer Solvenztest. 7/268 Für die Solvabilität I wird ein minimales Solvenzkapital auf einfache Art deterministisch in Abhängigkeit der betriebenen Zweige der Lebensversicherung und nach Massgabe des Geschäftsumfangs bestimmt. Für den Schweizer Solvenztest ist ein risikoajustiertes Solvenzkapital, das sogenannte Zielkapital nach Massgabe der Risiken mit stochastischen Methoden zu ermitteln. Die Ermittlung beruht auf einem Modell zur Quantifizierung der relevanten Risiken, der Auswertung einer Reihe von Szenarien und einem Aggregationsverfahren, welches die Resultate des Modells und der Szenarioauswertung vereinigt. Minimales und risikoajustiertes Solvenzkapital bilden weitere Sicherheitsschwellen. Ihre Unterschreitung löst einen auf die Gefährdungsintensität abgestimmten Risikodialog mit der Aufsichtsbehörde aus, der Schritte des Lebensversicherers zur Wiederherstellung seiner Solvenzfähigkeit nach sich zieht. 7 Risikolandschaft der Lebensversicherung Aufgabe des Lebensversicherers ist es, die kapitalmarktbedingten und die biometrischen Risiken nicht nur zu messen und zu beurteilen, sondern sie aktiv zu steuern, da sie massgeblich Teil und Treiber seines Geschäfts sind. Abb. 2: Risikolandschaft der Lebensversicherung Zinsgarantie und Kapitalschutz bilden denjenigen Teil der Tätigkeit der Lebensversicherer, den sie sich mit anderen Akteuren am Finanzmarkt teilen. Um die Kosten der Zins- und Kapitalgarantie zu schätzen, verwendet der Lebensversicherer die Methodik der Finanzmathematik. Kombiniert mit den Methoden zur Schätzung biometrischer Risiken ergeben sich daraus die neueren Verfahren der Le- 8/269 bensversicherungsmathematik. Zu den biometrischen Risiken zählen im Wesentlichen Todesfallrisiko, Invalidisierungsrisiko und Langlebigkeitsrisiko. 8 Besonderheiten der Lebensversicherung Abfindungswerte Nach Artikel 90 des Versicherungsvertragsgesetzes ist der Lebensversicherer verpflichtet, jede Lebensversicherung, für welche wenigstens drei Jahresprämien entrichtet worden sind, auf Begehren des Anspruchsberechtigten ganz oder teilweise in eine prämienfreie Versicherung umzuwandeln. Ist der Eintritt des versicherten Ereignisses gewiss, kann der Anspruchsberechtigte den Rückkaufswert verlangen. Die Bestimmungen über den Rückkauf sind in die Versicherungsbedingungen aufzunehmen. Der Lebensversicherer hat die Grundlagen zur Ermittlung des Abfindungswerts der Aufsichtsbehörde vorzulegen. Die Aufsichtsbehörde entscheidet, ob die vorgesehenen Abfindungswerte angemessen sind (Art. 91 VVG und Art. 127 AVO). Überschussbeteiligung der Versicherten Die Lebensversicherung wird in der Schweiz nach wie vor weitgehend auf der Basis der Einforderung von Bruttoprämien betrieben. Diese enthalten Sicherheits- und Kostenzuschläge, welche vom Versicherer nicht jederzeit benötigt werden und somit in der Form von Überschussanteilen den Versicherten zurückerstattet werden können. Im Rahmen verschiedener neuer Transparenzvorschriften haben die Lebensversicherer den Versicherten jährlich eine nachvollziehbare Abrechnung über die Überschussbeteiligung abzugeben. Aus dieser muss insbesondere hervorgehen, auf welchen Grundlagen die Überschussbeteiligung berechnet und nach welchen Grundsätzen die sich daraus ergebenden Überschussanteile zugeteilt worden sind. Die Transparenzvorschriften sind für die private Vorsorge 3a und 3b in Art. 36 VAG und Art AVO niedergelegt. Für die berufliche Vorsorge gelten die nachfolgend skizzierten besonderen Vorschriften. 9 Private Vorsorge: Von der präventiven Produktekontrolle zur nachträglichen Missbrauchsaufsicht Seit ist in der Einzelversicherung die präventive Tarif- und AVB-Kontrolle durch das BPV aufgehoben. Damit wird die Produktgestaltung und die Preisbildung (Tarifierung) den Lebensversicherern überlassen. Diese Gesetzesänderung sollte zu mehr Wettbewerb führen und den Konsumenten zu risikogerechten Prämien verhelfen. 9/2610 An Stelle der präventiven Kontrolle ist die Missbrauchsaufsicht getreten, das heisst das BPV schützt die Versicherten gegen Missbräuche der Versicherungsunternehmen und schreitet gegen Missstände ein, welche die Interessen der Versicherten gefährden (Art. 46 VAG). Ein Missbrauch liegt insbesondere im Fall einer juristisch oder versicherungstechnisch nicht begründbaren, erheblichen Ungleichbehandlung vor (Art. 117 AVO). Dieser Grundsatz soll anhand eines konkreten Beispiels erläutert werden. Der Versicherer verwendet seit jeher bei der Zeichnungspolitik und bei der Tarifierung differenzierende Kriterien, das heisst er differenziert die Zeichnungspolitik und die Tarifierung nach Risikomerkmalen. Solche Risikomerkmale können in der Todesfallversicherung sein: Abb. 3: Risikomerkmale in der Todesfall versicherung Frage: Ist die Differenzierung nach diesen Risikomerkmalen rechtlich zulässig? Die Missbrauchsaufsicht bewegt sich im Spannungsfeld zwischen zwei verfassungsrechtlich gewährleisteten Grundrechten, der Wirtschaftsfreiheit einerseits sowie der Rechtsgleichheit, insbesondere dem Diskriminierungsverbot, andererseits. Die Aufsichtsbehörde hat zur Differenzierung nach Risikomerkmalen auf der Grundlage des geltenden Aufsichtsrechts einen Rechtsgrundsatz erarbeitet: Todesfalltarife mit Unterscheidung nach Risikomerkmalen sind verfassungsrechtlich zulässig und aufsichtsrechtlich nicht missbräuchlich, falls a. die Berücksichtigung eines differenzierenden Risikomerkmals bei der Tarifierung auf versicherungstechnischen Gründen beruht, das heisst hauptsächlich auf statistisch objektiv erfassten Risikomessungen oder unterschiedlichen statistisch objektiv erfassten Schadenverläufen, und b. die Differenzierung grundsätzlich auf alle mit demselben Versicherungsprodukt versicherten Personen gleichermassen angewendet wird. Was bedeutet das nun beim Todesfallrisiko? 10/2611 Abb. 4: Zulässige und nicht zulässige Risikomerkmale in der Todesfallversicherung Weitere Beobachtung: Je mehr differenzierende Risikomerkmale für die Tarifierung verwendet werden, desto mehr tariert sich die Behandlung der einzelnen Versicherten aus. Damit verlieren dann einzelne, in der Öffentlichkeit oder privat sensibel empfundene Risikomerkmale deutlich an Brisanz und werden nur noch als eines unter vielen wahrgenommen. 10 Herausgegriffen: Das Langlebigkeitsrisiko bei Rentenversicherungen Bei Rentenversicherungen garantiert der Lebensversicherer die Rente für die vereinbarte Rentenzahlungsdauer. Renten können sofort beginnen oder aber nach einer Aufschubzeit. Dadurch werden Rentenversicherungen zu extrem langfristigen Verpflichtungen mit Dauern von 20 bis zu 90 Jahren, das bedeutet es werden Garantieleistungen für weit in der Zukunft liegende Zeitpunkte versprochen. Um eine solche Garantie einhalten zu können, braucht der Versicherer 2 Dinge. a. Er braucht eine genügend grosse Versichertengemeinschaft, um die Unsicherheit des Eintreffens der versicherten Ereignisse (Todesfälle) verlässlich abschätzen zu können. b. Die Sterblichkeit für Alter über 60 spielt eine dominante Rolle. Der Lebensversicherer muss deshalb die Sterblichkeit der Rentnerinnen und Rentner seines Kollektivs in Funktion des zurückgelegten Alters schätzen. Dazu braucht er die Sterblichkeitsdaten der Rentnerinnen und Rentner seines Kollektivs oder eines Referenzkollektivs. Die schweizerischen Lebensversicherer führen ihre Sterblichkeitsdaten in einer gemeinsamen Sterblichkeitsstatistik zusammen. Ihre Versichertengemeinschaften bilden als Grundgesamtheit für die Sterblichkeitsmessung das Referenzkollektiv. Sterblichkeitsmessungen werden über eine abgesteckte Periode, meist 5 Jahre, durchgeführt und für jedes Alter des Referenzkollektivs ermittelt. Da die Sterblichkeitsmessungen für die einzelnen Alter stark voneinander abweichen können (Schwankungsbreite), sind sie mit einem geeigneten versicherungsmathematischen Verfahren, wie bspw. dem Verfahren von Whittaker-Henderson, zu glätten. Die Glättung der während einer Messperiode eines Referenzkollektivs gemessenen Sterblichkeiten zeigt Abb /2612 Sterblichkeiten roh und geglättet Abb. 5: Graphische Darstellung der rohen und geglätteten Sterblichkeiten eines Referenzkollektivs Die grau sichtbar gemachten Vertrauensintervalle weisen darauf hin, in welchen Altersbereichen die Sterblichkeiten eine hohe Vertrauenswürdigkeit besitzen und in welchen Altersbereichen eine niedrige. Erwartungsgemäss ist die Vertrauenswürdigkeit bei tiefen und hohen Altern niedrig, da dort die Messpunkte viel dünner gesät sind als im mittleren Bereich. 12/2613 Alter x Männer 1998/2003 Frauen 1998/2003 Sterbewahrscheinlichkeit q Mittlere Lebenserwartung e Alter y Sterbewahrscheinlichkeit q Mittlere Lebenserwartung e Aus dem Glättungsverfahren ergibt sich die sogenannte Periodensterbetafel. Als Beispiel ein Ausschnitt aus der Schweizer Volkssterbetafel 1998/2003, welche vom Bundesamt für Statistik erarbeitet worden ist (Abb. 6). Abb. 6: Beispiel einer Periodensterbetafel: Schweizer Volkssterbetafel 1998/2003 Seit Jahrzehnten lässt sich bei periodisch durchgeführten Sterblichkeitsmessungen (Sterbetafel- Generationen) derselben beobachteten Personengemeinschaft ein Trend zum Rückgang der Sterblichkeit feststellen. Mit der Berücksichtigung des Sterblichkeitstrends bei Rentnerkollektiven trägt man dem Umstand Rechnung, dass der medizinische Fortschritt und damit das jahrzehntelange Ansteigen der Lebenserwartung nicht plötzlich abbricht. Beispielsweise lässt sich mit der Methode der logarithmischen Regression der Sterblichkeitstrend messen und eindrücklich illustrieren. 13/26 14 Erläuterung zu Abb. 7 Abb. 7: Graphische Darstellung des Sterblichkeitstrends mit logarithmischer Regression Der Versicherer messe die Sterblichkeiten - ausgehend von der Sterbetafel der Generation eines damals 60-Jährigen (schwarze Säule). Misst er transversal (gelbe Säulen), so berücksichtigt er die Sterblichkeiten einer einzigen Sterbetafel (farbige Säulenreihen) und trägt dem Sterblichkeitstrend nicht Rechnung. Misst der Versicherer die Sterblichkeiten hingegen longitudinal (hellblaue Säulen), erstreckt sich die Messung über die mit Regression ermittelten Sterblichkeitswerte (graue Säulenreihen) und trägt so dem Sterblichkeitstrend Rechnung. (Schrittweite für Alter und Generationen: 5 Jahre) 14/2615 Beobachtung des Risikomerkmals Mann/Frau bei Rentnerkollektiven Im Alter ist die Sterblichkeit der Frauen wesentlich tiefer als diejenige der Männer. So ergeben sich nach den neusten Messungen 2001/2005 des SVV in der beruflichen Vorsorge folgende Lebenserwartungen: Jahre für 60-jährige Männer (Messperiode 1996/2000: 20.5) Jahre für 60-jährige Frauen (Messperiode 1996/2000: 25.3) Versicherungsmathematisches Verdikt: Risikodifferenzierung Mann-Frau angezeigt! Damit ist die politische Auseinandersetzung lanciert Höhe der Rente und Rentenumwandlungssatz Bei einem gegebenen Kapital bei Rentenbeginn hängt die Höhe der Rente vom Rentenumwandlungssatz ab. Die Höhe des Rentenumwandlungssatzes wiederum hängt von der Höhe des der Rentenberechnung zugrundegelegten technischen Zinssatzes sowie von der Lebenserwartung der zukünftigen Rentner ab. Der Rentenumwandlungssatz ist hoch, wenn mit einem hohen technischen Zinssatz oder mit niedrigen Lebenserwartungen gerechnet wird. Fragen: Wie hoch muss oder darf der technische Zinssatz sein? Soll er sich an einer risikoarmen Rendite orientieren? Sollen Periodentafeln oder Generationentafeln (also mit Einrechnung des Sterblichkeitstrends) verwendet werden? Die Graphik in Abb. 8 zeigt die Entwicklung des vorhandenen Rentenkapitals in Funktion der Höhe des Rentenumwandlungssatzes. 15/2616 Abb. 8: Graphische Darstellung der Auswirkungen eines zu hohen Umwandlungssatzes Der Rentenumwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge In der beruflichen Vorsorge verursacht ein zu hoher Umwandlungssatz eine Finanzierungslücke, die bei der Deckungskapitalberechnung nicht unmittelbar sichtbar wird. Wegen der Rentengarantie tragen jedoch letztlich die Aktiven eine doppelte Last: Die Verzinsung der Altersguthaben der Aktiven ist tiefer, da die Verzinsung der Rentenkapitalien bei den Rentnern zu hoch ist (Umlageeffekt). Die Aktiven finanzieren die Schwankungsrückstellungen für das erhöhte Anlagerisiko und tragen allfällige Verluste bei Unterdeckung alleine. 16/2617 11 Besondere Vorschriften für die Versicherung der beruflichen Vorsorge Die Versicherung der beruflichen Vorsorge, der zweiten Säule unseres Sozialversicherungssystems, dominiert mit einem Anteil von zwei Dritteln das Geschäftsvolumen der schweizerischen Lebensversicherer. Von zur Zeit 25 beaufsichtigten Lebensversicherern betreiben 11 die Versicherung der beruflichen Vorsorge. Als Folge der seit dem 1. April 2004 geltenden Transparenzvorschriften haben sie eine Reihe von strengen Auflagen zu erfüllen: Errichtung eines gesonderten Gebundenen Vermögens Führung einer vom übrigen Geschäft getrennten Betriebsrechnung Einhaltung einer Mindestquote für die Beteiligung der Versicherungsnehmer an den erwirtschafteten Gewinnen resp. Nettoergebnissen Informations- und Offenlegungspflichten gegenüber versicherten Vorsorgeeinrichtungen Vorlage- und Genehmigungspflicht für die Versicherungsbedingungen und Tarife Gesondertes Gebundenes Vermögen Die Lebensversicherer, welche die Versicherung der beruflichen Vorsorge betreiben, haben für ihre Verpflichtungen im Rahmen der beruflichen Vorsorge ein gesondertes gebundenes Vermögen zu errichten (Art. 37 VAG und Art. 77 AVO). Es dient allein der Befriedigung der Versicherungsansprüche der Versicherten der beruflichen Vorsorge. Getrennte Betriebsrechnung Für die berufliche Vorsorge müssen die Lebensversicherer eine getrennte jährliche Betriebsrechnung führen (Art. 37 VAG und Art. 139 AVO). Die Aufsichtsbehörde hat aufgrund der gesetzlichen Vorgaben ein Rechnungslegungsschema und Rechnungslegungsvorschriften zur Führung der Betriebsrechnung erstellt. Die Betriebsrechnung ist jährlich zur Prüfung einzureichen. 17/2618 Die Ertrags- und Aufwandpositionen der Betriebsrechnung sind vollständig nach Spar-, Risiko- und Kostenprozess aufzugliedern (Art.143 bis 145 AVO). Das Nettoergebnis der Betriebsrechnung ergibt sich durch folgende Rechnung: Gesamtertrag (= Summe der Ertragskomponenten der drei Prozesse) - Summe der Aufwendungen der drei Prozesse = Bruttoergebnis (Ergebnis vor Bewirtschaftung der techn. Rückstellungen) - Verstärkung der techn. Rückstellungen nach Geschäftsplan = Zwischenergebnis + Auflösung von techn. Rückstellungen nach Geschäftsplan = Nettoergebnis (Für die Verteilung relevantes Ergebnis) Das Nettoergebnis wird zwischen dem Versichertenkollektiv und dem Versicherer aufgeteilt. Der Anteil des Versichertenkollektivs ist dem Überschussfonds zuzuweisen. Jährlich sind die Überschussanteile dem Überschussfonds zu entnehmen und den Vorsorgeeinrichtungen nach anerkannten versicherungsmathematischen Methoden, das heisst entsprechend dem anteiligen Deckungskapital, dem Schadenverlauf der versicherten Risiken und dem verursachten Verwaltungsaufwand, zuzuteilen. Mindestquote Für die Aufteilung des Nettoergebnisses gilt eine Mindestquote zu Gunsten des Versichertenkollektivs. Das Gesetz legt fest, dass eine Mindestquote von 90 Prozent der gesamten Erträge aller drei Komponenten Sparen, Risiko und Kosten (Gesamtertrag), die im Rahmen der Betriebsrechnung ermittelt wurden, dem Versichertenkollektiv zu Gute kommen muss (Art. 37 VAG und Art. 147 AVO). Davon ausgenommen sind lediglich Versicherungsverträge, in denen zwischen dem Versicherungsnehmer in dem Fall der versicherten Vorsorgeeinrichtung und dem Lebensversicherer besondere vertragliche Bestimmungen vereinbart wurden (Art. 146 AVO). Informations- und Offenlegungspflichten Die beaufsichtigten Lebensversicherer haben besonderen Informationspflichten gegenüber den versicherten Vorsorgeeinrichtungen nachzukommen. Diese Informationspflichten umfassen insbesondere die Offenlegung der Betriebsrechnung (Art. 140 AVO) sowie eine jährliche, nachvollziehbare Abrechnung über die Überschussbeteiligung (Art. 68 BVG). Für die Offenlegung hat die Aufsichtsbehörde im Sinne einer Minimalanforderung ein auf das Rechnungslegungsschema zur Führung der Betriebsrechnung abgestütztes Offenlegungsschema entworfen. Aus der jährlichen, nachvollziehbaren Abrechnung über die Überschussbeteiligung muss unter anderem hervorgehen, auf welchen Grundlagen die Überschussbeteiligung berechnet und nach welchen Grundsätzen die sich daraus ergebenden Überschussanteile zugeteilt worden sind. 18/2619 12 Herausgegriffen: Das Invaliditätsrisiko in der beruflichen Vorsorge In der beruflichen Vorsorge sind auch Invalidenleistungen infolge Arbeitsunfähigkeit zu versichern (Art. 23 ff. BVG). Die Vorsorgeeinrichtungen können dieses Risiko bei einem Lebensversicherer rückdecken. Die Lebensversicherer, welche in der beruflichen Vorsorge tätig sind, müssen deshalb über Knowhow, Infrastruktur und Tarife verfügen, um dieses Risiko versichern zu können. Die massgeblichen Treiber für das Invaliditätsrisiko sind die wirtschaftliche Konjunktur und strukturelle Bereinigungen. Die wichtigste Komponente des Invaliditätsrisikos ist die Invalidisierungswahrscheinlichkeit. In den Neunzigerjahren nahm eine schweizweite Verschlechterung dieser Komponente ihren Anfang. Insbesondere beobachteten die Lebensversicherer, dass sich in gewissen Wirtschaftsbranchen die Invalidisierung stark akzentuierte und in anderen nicht. Da Risikoselektion die Grundaufgabe eines jeden Versicherers ist, begannen sie mit der Bildung von Risikoklassen in Funktion der Wirtschaftsbranchen. Die Einteilung in eine Risikoklasse wird vom Versicherer vorgenommen, die versicherte Vorsorgeeinrichtung kann darauf keinen Einfluss nehmen. Beobachtungen bei der Risikoklasseneinteilung: Vertragspartner, die überdurchschnittlich viele Invaliditätsfälle zu verzeichnen haben oder in einer Wirtschaftsbranche mit hoher Invaliditätsrisiko-Exponierung tätig sind, müssen eine höhere Risikoprämie entrichten. Problem: Die Betroffenen sehen darin einen Verstoss gegen das Versicherungsprinzip, das auf Gegenseitigkeit und Solidarität beruhe. Haltung der Aufsicht (siehe Kap. 9): Es liegt kein Missbrauch vor, wenn die Tarifierung auf statistisch objektiv erfassten Risikomessungen und einem anerkannten mathematischen Verfahren zu ihrem Einbezug in die Tarifierung beruht. Weitere Beobachtung (siehe Kap. 9): Je mehr differenzierende Risikomerkmale für die Tarifierung verwendet werden, desto mehr tariert sich die Behandlung der einzelnen Versicherten aus. Damit verliert dann ein einzelnes, in der Öffentlichkeit oder privat sensibel empfundenes Risikomerkmal deutlich an Brisanz und wird nur noch als eines unter vielen wahrgenommen. Die Aufsichtsbehörde verpflichtete in der Folge die Lebensversicherer ähnlich wie in der Autoversicherung Bonus-Malus-Systeme einzuführen. Vermindert nun die versicherte Vorsorgeeinrichtung durch ein gutes Personal- und Sicherheitsmanagement das Invaliditätsrisiko, so wird diese Anstrengung durch eine tiefere Prämie belohnt. Diese für die Invaliditätsversicherung neuartige Prämienberechnung heisst Erfahrungstarifierung und sorgt dafür, dass die Risiko-Basisprämien auf geeignete Weise nach Schadenerwartung ausdifferenziert hinab- oder hinaufgestuft werden. 19/2620 Zur Umsetzung eignet sich die von Prof. Bühlmann und Prof. Straub in den Sechzigerjahren für die Autoversicherung entwickelte Kredibilitätstheorie. Die Kredibilitätstheorie berücksichtigt neben der kollektiven Schadenerfahrung des ganzen Versichertenbestands auch die individuelle Schadenerfahrung für jedes versicherte Unternehmen, aber nur in einem ganz bestimmten Ausmass. Sie berücksichtigt dabei das kollektive Schadenmittel wie auch die Schwankungen der individuellen Schadenerfahrung. Risikofaktor 305% Risikoklasse 5 100% 1 Risikoklasse 2 58% Risikoklasse 1 Beobachtungszeitraum: 5 Jahre rollend Personenjahre Abb. 9: Darstellung der Auswirkung der Erfahrungstarifierung mit Hilfe der Kredibilitätstheorie Erläuterung zu Abb. 9 Das Vertragskollektiv wird rollend über fünf Jahre beobachtet. Die Schadenbelastung durch Invaliditätsfälle wird gemessen und in Bezug zu den im gleichen Zeitraum eingenommenen Risikoprämien gesetzt. Für kleine Verträge mit wenig Personenjahren bleibt die Risikoklasseneinteilung massgebend (linke Seite). Je grösser der Vertrag, desto mehr wird die individuelle Schadenbelastung bei der Prämienbemessung berücksichtigt (rechte Seite). 20/2621 Vorteile der Erfahrungstarifierung 1. Die Versicherer bleiben wettbewerbsfähig, weil auch mit schlechten Risiken im Bestand gute Risiken versicherbar sind. 2. Schlechte Risiken sind trotzdem versicherbar. 3. Sie setzt deutliche Anreize für präventive Verhütungsmassnahmen. 4. Sie basiert nicht auf einer Ausdifferenzierung nach spezifischen Risikomerkmalen und bleibt so, unabhängig vom gesellschaftlichen Wandel, beste Praxis. Beste Praxis bedeutet insbesondere, dass der Versicherer sich so positioniert, dass er auch dann seine Leistungen erbringen kann, wenn die gesellschaftliche Auslegeordnung ändert; dass er die Ausdifferenzierung der Tarifierung nach Risikomerkmalen allein auf versicherungstechnischen Gründen beruht, das heisst hauptsächlich auf statistisch objektiv erfassten Risikomessungen oder unterschiedlichen statistisch objektiv erfassten Schadenverläufen (siehe Kap. 9); dass er die Differenzierung grundsätzlich auf alle mit demselben Versicherungsprodukt versicherten Personen gleichermassen anwendet (siehe Kap. 9). 13 Aufsicht über die Lebensversicherung Die Aufsicht über die Lebensversicherer beinhaltet im Wesentlichen drei Überwachungsziele: I. Einhaltung des schweizerischen Rechts des privaten Versicherungswesens, einschliesslich der gesetzlichen Transparenzvorschriften II. III. Schutz der Versicherten vor missbräuchlichen Vertragskonditionen und vor einer Benachteiligung durch eine rechtlich oder versicherungstechnisch nicht begründbare Ungleichbehandlung, Gewähr der Einhaltung der eingegangenen Vertragsverpflichtungen Sicherstellung der Leistungen an die Versicherten und Schutz der Versicherten vor den Folgen einer Insolvenz 21/2622 Die Hauptaufgaben bei der Überwachung der Lebensversicherer entsprechen den für die gesamte Privatversicherungsaufsicht geltenden Aufgaben, nämlich: Erteilung der Bewilligung zum Versicherungsbetrieb Prüfung und Genehmigung der Geschäftspläne Laufende Überwachung des Versicherungsbetriebs Prüfung der Berichte über das gebundene Vermögen Prüfung der jährlichen Berichterstattungen Überprüfung der Solvenz (Solvenz I und Schweizer Solvenztest) Prüfung und Beurteilung aller relevanten Risiken Genehmigung von Fusionen, Portfeuilleübertragungen und Auslagerungen von Funktionen Berufliche Vorsorge: Überwachung der Transparenzvorschriften und Informationspflichten Berufliche Vorsorge: Genehmigung der Tarife und Versicherungsbedingungen Private Vorsorge: Prüfung der Abfindungswerte auf Angemessenheit (Art. 91 VVG und Art. 127 AVO) Auskunft auf Anfragen von Versicherten Überprüfung der Abfindungswerte der Anspruchsberechtigten (Art. 92 VVG) Umsetzung aufsichtsrechtlicher Massnahmen zum Schutze der Versicherten vor Insolvenz und vor Missbrauch Entzug der Bewilligung bei Einstellung des Versicherungsbetriebs Begleitung im Run off und Entlassung aus der Aufsicht Mit Ausnahme der beruflichen Vorsorge bedürfen die Tarife und Versicherungsbedingungen für das Lebensversicherungsgeschäft keiner vorgängigen Genehmigung mehr durch die Aufsichtsbehörde. Trotz des Wegfalls der Genehmigungspflicht ist die Aufsichtsbehörde befugt, nachträglich vor Ort Kontrollen und Inspektionen durchzuführen, um sicherzustellen, dass die verwendeten Versicherungsbedingungen gesetzeskonform sind und dass die verwendeten Tarife weder die Versicherten benachteiligen noch die Solvenz des Versicherungsunternehmens gefährden. Geblieben ist jedoch die Prüfung 22/2623 der Abfindungswerte auf ihre Angemessenheit bei vorzeitiger Auflösung von Lebensversicherungen im Sinne von Art. 91 VVG und Art. 127 AVO. Für die Versicherung der beruflichen Vorsorge hingegen gilt nach wie vor die sogenannte präventive Genehmigungspflicht. Dies bedeutet, dass die Tarife und die Versicherungsbedingungen für die Versicherung der beruflichen Vorsorge weiterhin der Aufsichtsbehörde zur Genehmigung einzureichen sind, bevor sie im Markt angeboten werden dürfen. Die Aufsichtsbehörde prüft, ob die Versicherungsbedingungen gesetzeskonform sind und ob sich die Prämien in einem Rahmen halten, der die Versicherten einerseits vor Missbrauch und überhöhten Sicherheits- und Gewinnmargen und andererseits vor den Folgen einer Solvenzgefährdung schützt. Wichtige weitere Aufgaben der Lebensversicherungsaufsicht sind die Überwachung der versicherungstechnischen Rückstellungen und des gebundenen Vermögens (Art VAG und Art sowie AVO). Ergänzt werden die Aufsichtsfunktionen über die Lebensversicherung durch Kontrollen und Inspektionen der beaufsichtigten Lebensversicherer vor Ort. Ausserdem sind Anfragen um Auskunftserteilung und Beschwerden von Versicherten zu beantworten. Dazu gehört insbesondere die Aufgabe, auf Ersuchen der Anspruchsberechtigten die vom Lebensversicherer festgestellten Abfindungswerte auf ihre Richtigkeit zu prüfen (Art. 92 VVG). Im Bereich der beruflichen Vorsorge (BVG) bedarf es einer besonderen Koordination und Zusammenarbeit mit den Aufsichtsorganen des Bundes (Bundesamt für Sozialversicherung BSV) und der Kantone. Das BSV und die kantonalen Aufsichtsorgane beaufsichtigen die Vorsorgeeinrichtungen, welche die berufliche Vorsorge betreiben. 14 Geschichtliches: Aufsicht über die Lebensversicherung im Wandel Aus historischer Sicht bestand der gesetzliche Auftrag der Aufsichtsbehörde in der Erteilung der Betriebsbewilligung, der Erhebung von Erfolgsrechnung, Bilanz und statistischen Angaben zu den Versicherungsbeständen sowie der Rechenschaftsablage durch einen Bericht der Aufsichtsbehörde. Dieser sollte eine vergleichende Betrachtung der beaufsichtigten Lebensversicherer ermöglichen. Schon früh wurde die Bekämpfung des Missbrauchs der Marktmacht durch die Lebensversicherer zu einer weiteren wichtigen Aufsichtsaufgabe. Die präventive Vorabprüfung soll die Einhaltung der Vorschriften und Grundsätze für Tarifierung und vorformulierte Versicherungsbedingungen gewährleisten. In der privaten Vorsorge konnte zu Beginn 2006 mit der Einführung des neuen Versicherungsaufsichtsgesetzes diese präventive Vorabprüfung durch die Angemessenheitsprüfung der Abfindungswerte verbunden mit der Durchführung von nachträglichen Vorortkontrollen abgelöst werden. Ziel war 23/2624 und ist die Förderung des freien Wettbewerbs und der Selbstregulierung. In der beruflichen Vorsorge dagegen ist, bedingt durch ihren Sozialversicherungscharakter, die präventive Vorabprüfung beibehalten worden. Sie wird ergänzt durch die Führung eines eigenen Buchungskreises, der Betriebsrechnung, gekoppelt mit der Einführung einer Mindestquote für die Beteiligung der Vorsorgeeinrichtungen am erwirtschafteten Überschuss. Von den drei tragenden Elementen der Versicherungsaufsicht, Einhaltung der Gesetzesvorschriften, Schutz der Versicherten vor Missbrauch und Schutz der Versicherten vor Insolvenz fehlte noch das dritte. Ein erster Ansatz war die Einführung des Sicherungsfonds, heute als Gebundenes Vermögen bezeichnet, nach der grossen Weltwirtschaftskrise von Ein zweiter Ansatz kam im Jahre 1994 mit der Einführung der Solvabilitätsspanne hinzu. Ihr Vorteil liegt in der einfachen, aber risikounempfindlichen Berechnung. Sie erwies sich als ungenügend. Erst der dritte Ansatz, der Schweizer Solvenztest, versucht die Exponierung des Lebensversicherers gegenüber den Versicherungs-, Markt- und Kreditrisiken durch eine stochastische Modellierung dieser Risiken zu messen. Da jedoch nicht alle Risiken, denen ein Versicherungsunternehmen ausgesetzt ist, einer quantitativen Messung zugänglich sind (beispielsweise operationelle Risiken, Risiken der Rechtsprechung, Gefährdung des guten Rufs u.a.m.), ist noch ein vierter Ansatz nötig. Dieser bezweckt, dass die Versicherer diese Risiken durch Selfassessment beurteilen, mit der Aufsichtsbehörde in einen Risikodialog treten und in der Folge geeignete Massnahmen zur Risikodämpfung vorkehren. Die Kombination dieser vier Ansätze ist das passende Instrumentarium, die Versicherten vor Insolvenz zu schützen. 15 Beaufsichtigte Lebensversicherungsunternehmen Ende August 2008 waren 25 Lebensversicherungsunternehmen (davon zwei französische, eine britische und eine luxemburgische Zweigniederlassung) der Aufsicht der FINMA unterstellt. Von diesen 25 beaufsichtigten Lebensversicherungsunternehmen betreiben 11 die berufliche Vorsorge, sieben sind ausländisch beherrscht und vier sind Zweigniederlassungen ausländischer Lebensversicherungsunternehmen. Weitere 13 Lebensversicherungsunternehmen, welche vom Fürstentum Liechtenstein aus in der Schweiz Policen anbieten, werden von der dortigen Finanzmarktaufsichtsbehörde beaufsichtigt. Die Versicherungsaufsichtstätigkeiten des Fürstentums Liechtenstein und der Schweiz werden in einem Staatsabkommen gegenseitig anerkannt und koordiniert. 24/26 25 Abb. 10: Tabelle zum direkten Schweizer Lebengeschäft der Jahre Geschäftsvolumen im Schweizer Lebensversicherungsgeschäft Nachdem das Gesamtvolumen der Bruttoprämien im Jahr 2002 ein Maximum von beinahe 34.7 Milliarden Franken erreicht hatte, war es jedes Jahr rückläufig und sank bis 2006 auf 28.1 Milliarden Franken. Im 2007 konnte es wieder leicht zulegen auf 28.8 Milliarden Franken. Marktaufteilung Die Zahlen 2007 der Lebensversicherung verdeutlichen, was den Lebensversicherungsmarkt in der Schweiz kennzeichnet, nämlich die Vorherrschaft zweier Lebensversicherer, die im Schweizergeschäft marktbeherrschend sind. Vergleich der Prämienvolumina: Beide marktbeherrschenden Lebensversicherer Übrige 23 Lebensversicherer 16.1 Milliarden Franken 12.6 Milliarden Franken 25/26 Mehr anzeigen
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References: Art. 127
 Art. 36
 Art. 77
 Art. 139
 Art. 147
 Art. 127
 Art. 91
 Art. 127
 Art. 1
 Art. 2
 Art. 65
 Art. 27
 Art. 47
 Art. 3
 Art. 1
 Art. 2
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 Art. 3
 Art. 4
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 Art. 54
 Art. 48
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 Art. 48
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