Source: http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/2614/3982
Timestamp: 2018-12-11 05:29:41+00:00

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Investigating Collective and Individual Dynamics—Towards an Interpretative Social ResearchSensitive to History and Process | Rosenthal | Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research
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Volume 17, No. 2, Art. 13 – Mai 2016
Die Erforschung kollektiver und individueller Dynamik – Zu einer historisch und prozess-soziologisch orientierten interpretativen Sozialforschung
Zusammenfassung: In diesem Beitrag konzentriere ich mich auf die Vorteile einer konsequent durchgeführten interpretativen oder rekonstruktiven Sozialforschung gegenüber anderen qualitativen Verfahren und verdeutliche, inwiefern wir diese Vorteile noch konsequenter verfolgen können als bisher. Dabei stellen sich die folgenden Fragen: Was können wir mit wenigen, aber aufwendigen Fallrekonstruktionen mit dem Ziel einer "theoretischen Verallgemeinerung" am Einzelfall im Unterschied zu qualitativen Verfahren mit umfangreichen Stichproben leisten, die eher eine numerische oder quantitative Verallgemeinerung zum Ziel haben? Inwiefern kommen wir damit überhaupt zu "allgemeinen" Aussagen über die soziale (kollektive und individuelle) Wirklichkeit, über eine bestimmte Gruppierung, Organisation oder Ortsgemeinde, einen kollektiver Konflikt, ein bestimmtes Milieu oder soziales Netzwerk? Bei der Behandlung dieser Fragen geht es mir vor allem um ein Plädoyer für eine methodisch stärker historisch und prozess-soziologisch orientierte interpretative Sozialforschung. M.E. liegen in einer konsequenten Rekonstruktion der Verläufe und Wandlungsprozesse von einzelnen "Fällen" und ihrer Verflechtungen mit anderen "Fällen" die Chancen für eine wirklich empirisch geerdete Theorieentwicklung.
Keywords: Methodenkombination; Fallrekonstruktionen; Biografieforschung; Prozesssoziologie; Figurationssoziologie; interkulturelle Studien; Migrationsforschung; interpretative Soziologie
2. Anspruch und Vorteil von interpretativen Studien
3. Biografische Fallrekonstruktionen mit dem Ziel einer prozess-soziologisch orientierten interpretativen Sozialforschung
1. Einleitung1)
Betrachtet man die ausgesprochene Vielfalt an Methoden, die als qualitativ bezeichnet werden, und die unterschiedlichen Methodologien in diesem inzwischen umfangreichen Bereich der empirischen Sozialforschung, fällt es zunächst schwer, sich in diesem Dickicht von sich teilweise widersprechenden Vorstellungen zurechtzufinden. Da gibt es verschiedene Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse oder des "Kodierens", verschiedene Vorgehensweisen mit teilweise sehr unterschiedlichen theoretischen Hintergrundannahmen, die sich "Diskursanalysen" oder "Konversationsanalysen" oder "ethnografische Verfahren" nennen. Betonen die einen in erster Linie das Vorgehen bei der Erhebung von Daten (wie z.B. Leitfadeninterviews oder teilnehmende Beobachtung) oder bei ihrer Auswertung (wie z.B. Konversations- oder Narrationsanalyse), verweisen andere Traditionen stärker auf den methodologischen Hintergrund (wie z.B. objektive Hermeneutik oder wissenssoziologische Diskursanalyse). Widersprüche findet man nicht nur hinsichtlich der beanspruchten Gütekriterien, sondern vor allem auch hinsichtlich der Vorstellung über den erforderlichen Umfang der Daten und über den Weg zur Verallgemeinerung bzw. bei den Annahmen über das Verhältnis zwischen Individuellem und Allgemeinen. Versuchen wir – wie es schon einige Kollegen auch im Kontext der Berliner Methodentreffen getan haben (vgl. u.a. HITZLER 2007; KELLER 2014; KNOBLAUCH 2014; REICHERTZ 2009) – Klarheit in dieses Dickicht zu bringen, so sind diese Versuche abhängig von unserem eigenen Standpunkt. Der ergibt sich nun keineswegs nur aus unseren individuellen Vorlieben, sondern sowohl aus der sozialwissenschaftlichen Tradition, in der wir sozialisiert sind und der wir uns als zugehörig verstehen, als auch aus der eigenen Forschungspraxis und dem daraus gewonnenen Erfahrungswissen. Dies trifft nun auch auf den im Folgenden vorgestellten Versuch der Bestimmung von Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Verfahren im Bereich der interpretativen Sozialforschung (vgl. SOEFFNER 2014)2) – in Abgrenzung zu den sogenannten qualitativen Methoden – zu. Ich selbst vertrete das Paradigma der interpretativen oder auch rekonstruktiven Sozialforschung, zu dem u.a. die wissenssoziologische Diskursanalyse, phänomenologische Verfahren, die Narrationsanalyse und die objektive Hermeneutik gehören. Meine eigene Forschungspraxis ist bestimmt durch die sozialkonstruktivistische Biografieforschung in Verbindung mit der Figurationssoziologie. Ich verfolge damit das Anliegen einer (im Sinne der Methodenlehre) historisch und prozess-soziologisch orientierten interpretativen Soziologie. [1]
Die genannten soziologischen Traditionen teilen eine Konzeption von Gesellschaften und Organisationen, bei der diese nicht ohne Individuen gedacht werden können, und als durch die Wechselwirkungen zwischen Individuen beständig bzw. immer wieder neu hervorgebrachte Wirklichkeiten begriffen sind. Diese Konzeption impliziert einige wichtige methodische Konsequenzen, auf die ich noch eingehen werde. Dabei werde ich im Folgenden sehr konkret und nah an meiner empirischen Forschungspraxis bzw. den von mir gewählten methodischen Zugängen versuchen zu verdeutlichen, wie ich in verschiedenen Forschungszusammenhängen arbeite und welche Ansprüche einer historisch und prozess-soziologisch orientierten interpretativen Sozialforschung ich vertrete und umzusetzen versuche. Ich werde dabei auch verdeutlichen, dass es mir und meinen KollegInnen im Bereich der sozialkonstruktivistischen Biografieforschung nicht einfach nur um die Rekonstruktion von Lebensgeschichten und biografischen Selbstdarstellungen geht. Diese dienen vielmehr einer methodisch stärker historisch und prozessual orientierten Forschung und, in Anlehnung an die Figurationssoziologie, einer Analyse der Interdependenzgeflechte und der sich verändernden Machtchancen zwischen verschiedenen Individuen und zwischen verschiedenen sozialen Gruppierungen (ROSENTHAL 2012a). Das methodische Postulat einer konsequenten Einbettung der einzelnen Biografien in ihren geschichtlichen Kontext wird vor allem in dem seit über 30 Jahren deutlich etablierten Bereich der soziologischen Biografieforschung umgesetzt, in dem die Familiengeschichte und dezidiert intergenerationale Tradierungsprozesse in den Blick gerückt werden (vgl. BERTAUX & BERTAUX-WIAME 1991; HILDENBRAND 1979; ROSENTHAL & HINRICHSEN im Druck; ROSENTHAL & WORM im Druck). Mit der Befragung von mehreren Familienmitgliedern verschiedener Generationszugehörigkeiten und mit Mehrgenerationenanalysen kann eine systematische Betrachtung der einzelnen Lebensgeschichte im Rahmen der sich über Generationen vollziehenden, sowohl familialen als auch gesamtgesellschaftlichen Wandlungsprozesse gelingen. [2]
Ich werde zunächst auf der Ebene des methodischen Vorgehens liegend, also weniger erkenntnistheoretisch, die Gemeinsamkeiten der Verfahren im Bereich des interpretativen Paradigmas in Differenz zu anderen qualitativen Methoden diskutieren. Des Weiteren möchte ich den Anspruch einer konsequenten Umsetzung von Fallrekonstruktionen, die historisch und prozessual orientiert sind sowie der Rekonstruktion der Verflechtungszusammenhänge von einzelnen Fällen und der Figurationen zwischen verschiedenen Gruppierungen verdeutlichen. [3]
Zunächst teilen die verschiedenen Methoden des interpretativen Paradigmas insbesondere den Anspruch, dass ihre Aussagen über die soziale Wirklichkeit nicht auf der Grundlage des häufig gemeinsamen Auftretens von sozialen Phänomenen beruhen, sondern auf der Rekonstruktion des Wirkungszusammenhangs zwischen diesen am konkreten Fall. Ziel ist es, am einzelnen Fall (ob nun einer Biografie, einer Clique oder einer Organisation) aufzeigen zu können, inwiefern und wie ein beobachtetes Phänomen mit einem anderen an diesem konkreten Fall beobachteten Phänomen zusammenhängt. Im Unterschied zu quantitativen Verfahren, die über viele Fälle hinweg aufgrund des häufigen gemeinsamen Auftretens von einzelnen Variablen auf Zusammenhänge zwischen den Variablen schließen lassen, geht es bei Fallrekonstruktionen vielmehr darum aufzuzeigen, wie sich der Wirkungszusammenhang von einzelnen Phänomenen genau gestaltet. Das Ziel ist dabei nicht, dem den physikalischen Naturwissenschaften entlehnten Modell von linearen Kausalzusammenhängen bzw. von Ursache-Wirkung-Beziehungen zu folgen, sondern zu versuchen, die wechselseitige Wirkungsbeziehung der einzelnen Komponenten zu rekonstruieren. [4]
Nehmen wir das Beispiel eines Schwarzen3) Migranten aus Mauretanien, mit dem mein palästinensischer Kollege Ahmed ALBABA und ich im Rahmen des von der DFG geförderten Forschungsprojektes "Zur sozialen Konstruktion von Grenzgebieten4)" im Herbst 2014 in der spanischen Exklave Melilla an zwei Terminen ein biografisch-narratives Interview führten5). Einige Wochen zuvor war es Mohammed – wie ich ihn nenne – gelungen, über den Grenzzaun von Marokko nach Spanien zu gelangen. Zur Verdeutlichung meines Arguments über die Rekonstruktion von Wirkungszusammenhängen konzentriere ich mich im Folgenden auf die Frage: Welcher kollektiv- und lebensgeschichtliche Verlauf führte dazu, dass dieser ca. 25jährige Mann seine Familie und Mauretanien verließ und sich auf den lebensgefährlichen Weg in die spanische Exklave Melilla machte? Im ersten Gespräch präsentierte sich Mohammed – sehr ähnlich zu vielen anderen Befragten – als Arbeitsmigrant. Die Recherche in der sozialwissenschaftlichen Literatur zu seinem Herkunftsmilieu oder seiner ethnischen Gruppierung der Soninké6) ergibt, dass die zeitweilige Arbeitsmigration von jungen Männern nach Frankreich eine lange Tradition bei den Soninké hat (MANCHUELLE 1989). Nimmt man noch die Information hinzu, dass Mohammed nach missglücktem Abitur nur schlecht bezahlte Arbeit in der Hauptstadt fand, könnten wir uns mit diesem Befund zufriedengeben. Wir würden damit anhand der genannten Komponenten davon ausgehen, dass sie in einem Wirkungszusammenhang stehen und dabei auch mit der Logik von Häufigkeiten (viele Soninké migrierten und viele migrieren zur zeitweiligen Arbeit nach Frankreich) argumentieren können. Der Anspruch bei interpretativen Verfahren ist jedoch, am Text einen möglichen Zusammenhang belegen zu können. Bei der sorgfältigen Analyse einzelner Textstellen dieses Interviews – d.h. von sequenziellen Feinanalysen (OEVERMANN 1983; OEVERMANN, ALLERT, KONAU & KRAMBECK 1979; ROSENTHAL 2015a, Kap. 6.2.4) – zeigte sich zwischen den Zeilen des ersten Gesprächs wie auch bei der Rekonstruktion der Gesamtgestalt seiner biografischen Selbstpräsentation eine weitere Bedingung für diesen Migrationsverlauf. Mohammed litt als Schwarzer Mann erheblich unter den rassistischen Diskriminierungen durch die in Mauretanien politisch dominanten arabisch-berberischen Mauren und an der unbezahlten harten Arbeit für die arabischen Imame, die er während seiner Ausbildung in der Koranschule, für die sein Vater erhebliches Schulgeld bezahlte, leisten musste.7) Die Zugehörigkeit zu den Schwarzen Menschen des Landes behinderte auch seine beruflichen Chancen erheblich. Im zweiten Interview mit ihm ging ich dieser Spur weiter nach. D.h. dieses Interview diente mir – wie auch einige Nachfragen im ersten Interview – dazu zu versuchen, die in diesem einzelnen Fall sich andeutenden Annahmen bereits im Gespräch zu überprüfen. Gleich zu Beginn des zweiten Interviews sprach ich das Thema der in Mauretanien immer noch herrschenden Sklaverei an8). Dies erwies sich als ein ausgesprochener Türöffner für den gesamten Gesprächsverlauf und überhaupt für alle weiteren Gespräche mit Mohammed. Er erzählte von etlichen Situationen, die er in diesem Zusammenhang erlebt hat. U.a. erzählte er von der jahrelangen Ausbeutung einer Schwarzen Bekannten im Haushalt eines Arabers und wie dieser, als sie um Bezahlung bat, sie des Diebstahls anzeigte und verhaften ließ. Als Mohammed davon erfuhr, habe er sich "entschieden, nicht in Mauretanien zu arbeiten" und daraufhin das Land verlassen. Er wollte nach Europa, weil er davon gehört hatte, dass dort alle Menschen gleich wären. Die Auswertung seiner Interviews – dazu gehören noch zwei weitere Telefoninterviews und eine Konversation auf Facebook, die mit ihm nach seiner Ankunft in Frankreich geführt wurden – zeigt, dass (neben der Tradition der Arbeitsmigration in seiner Gruppierung) die erlebten rassistischen Diskriminierungen sowie der ihm sich in den letzten Schuljahren eröffnende Diskurs über Menschenrechte und Gleichheit von Schwarzen und Weißen und seine Einschätzung einer aussichtslosen Zukunft in Mauretanien ("mein Land entwickelt sich zu einem neuen Südafrika während der Apartheid") – sein Weggehen aus Mauretanien wesentlich mitbedingten. Allerdings müssen wir davon ausgehen, dass dieser Wirkungszusammenhang auch umgekehrt gesehen werden kann. Im Fall von Mohammed deutet sich z.B. an, dass die erfolgte beschwerliche Migration und ein in der Gegenwart sehr unsicherer Zukunftshorizont beim Rückblick auf sein Leben in Mauretanien eine zunehmende Reflexion der dort erlittenen Ausbeutung und seine als Schwarzer Mann begrenzten Berufschancen auslöste. Mehr und mehr setzt er sich mit der noch in Mauretanien herrschenden Sklaverei auseinander und liest darüber die im Internet zugängliche Quellen. So schickt er mir immer wieder Hinweise dazu über Facebook. [5]
Die Generierung und die Überprüfung dieser Annahmen zum Migrationsverlauf Mohammeds erfolgt bei einer rekonstruktiven Auswertung und einem abduktiven Schlußfolgerungsverfahren (vgl. PEIRCE 1980 [1933]; ROSENTHAL 2015a, Kap. 2.5.2; SEBEOK & UMIKER-SEBEOK 1985) an diesem Einzelfall und eben nicht in dem numerischen Sinne, ob dieser Migrationsverlauf oder auch die zunehmende Reflexion der politischen Bedingtheit des eigenen individuellen Leidens auch in weiteren Fällen als eine Folge der Migration zu finden ist. Aus methodischer Sicht unabhängig davon, ob auch weitere Schwarze Menschen aus Mauretanien aufgrund der erlebten Diskriminierungen in "ihrem" Herkunftsland migrieren (bzw. ob ihnen dies überhaupt möglich ist) oder nicht, also unabhängig davon, ob die "Variable" Diskriminierung und die "Variable" Migration häufiger zusammen auftreten, trifft diese Annahme über einen Migrationsverlauf, der durch das Erleben von Sklaverei in Verbindung mit anderen konstitutiven Komponenten wesentlich mitbedingt ist, auf diesen einzelnen Fall zu und ermöglicht die Formulierung eines bestimmten Typus. Wie es der Gestalttheoretiker Kurt LEWIN formulierte, geht es nicht darum "von 'vielen Fällen auf alle Fälle', sondern von einem konkreten Fall auf alle gleichartigen Fälle" zu schließen (1967 [1927], S.5). Mit der Rekonstruktion, dass die erlebte Ausbeutung bei der Arbeit und die schlechten Aussichten auf beruflichen Aufstieg konstituierende Komponenten für den Migrationsverlauf bei diesem Mann sind, können wir folgern, dass bei einem Fall mit ähnlichen konstitutiven Komponenten (erlebte Sklaverei, Tradition von Arbeitsmigration, gruppenspezifische Unterstützung und entsprechendes soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital) ein weiterer Repräsentant dieses Typus gegeben sein kann. Dieser Form der theoretischen im Unterschied zur numerischen Verallgemeinerung liegt ein Gesetzesbegriff in Anlehnung an GALILEI zugrunde9): "Das Gesetz ist eine Aussage über einen Typus, der durch sein Sosein charakterisiert ist" (LEWIN 1967 [1927], S.18). Ein Typus umfasst gleichartige Fälle unabhängig davon, wie häufig diese auftreten. Für die Bestimmung des Typischen eines Falles – im hier gemeinten Sinne – ist die Häufigkeit seines Auftretens also in keiner Weise von Bedeutung. Sollten wir z.B. bei der weiteren Analyse von jungen männlichen Soninké, die aus Mauretanien migriert sind, keinen weiteren Fall finden, bei dem auch nur in Ansätzen eine Reflexion der noch herrschenden Sklaverei in Mauretanien aufzufinden ist, würde gerade dieser seltene Fall von Mohammed theoretisch besonders interessant. Er ermöglicht der Frage nachzugehen, was ist in diesem Fall so anders als in den anderen vielen Fällen. Es ist durchaus möglich, dass der seltene Fall sozialen Wandel andeutet – im gegebenen Beispiel z.B. den Beginn eines verstärkten politischen Bewusstseins in der jüngeren Generation der Soninké aus Mauretanien. [6]
Der Verzicht auf numerische Generalisierungen und der Anspruch auf theoretische Verallgemeinerungen am einzelnen Fall verbindet – neben dem Postulat der subjektiven Interpretation10) – die unterschiedlichen Verfahren im Bereich der interpretativen oder rekonstruktiven Sozialforschung. Mit der Rekonstruktion von einzelnen Fällen und den daraus folgenden theoretischen Verallgemeinerungen und Typenbildungen sind keine Aussagen über Verteilungen oder über die Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens von sozialen Phänomenen möglich. Was wir allerdings können, ist – wie ich es weiter unten noch erläutern werde – etwas über die Wirkmächtigkeit von bestimmten Phänomenen, wie z.B. von herrschenden Diskursen (etwa über Migrationsgründe) sagen. [7]
Es geht mir keineswegs darum, numerische Verallgemeinerungen abzulehnen. Allerdings repräsentieren sie soziale Wirklichkeit mithilfe von Symbolen, die letztlich atomistische Relationen der gezählten Einheiten darstellen und damit eine problematische Vereinfachung nahelegen. Daher will ich verdeutlichen, dass hier eine ganz wesentliche Differenz im Anspruch und auch der Leistungsfähigkeit zwischen quantitativen und qualitativen Methoden liegt. Mit dem Anspruch der Rekonstruktion von Wirkungszusammenhängen und von theoretischen Verallgemeinerungen am konkreten einzelnen Fall ist ein hoher Anspruch verbunden, der eine intensive Auseinandersetzung mit einzelnen Fällen und eine sorgfältige Auswertung der gewonnenen Texte erfordert. Die dafür notwendige sorgfältige Erhebung der "Daten" und deren Auswertung ist sehr zeitintensiv und erlaubt nur kleine Stichproben. Es ist mir ein Anliegen dafür zu plädieren, dass wir die Vorteile von kleinen Stichproben und somit die Möglichkeit von intensiven Fallstudien auch nutzen und, wenn es möglich ist, diese "Fälle" über einen längeren Zeitraum beobachten und befragen. Diese Einsicht ist meiner Erfahrung in verschiedenen Forschungskontexten geschuldet, die mir zeigte, dass sich ein Vertrauensverhältnis zwischen den Forschenden und den Angehörigen eines bestimmten Milieus oder einer Gruppierung nicht zuletzt und besonders dadurch aufbaut, dass wir nach einiger Zeit wiederkommen und sich die Befragten damit ernst genommen fühlen. Jedenfalls verändern sich die Selbstdarstellungen der Befragten und bieten damit auch die Möglichkeit des Vergleichs von unterschiedlichen Gesprächsinhalten je nach unterschiedlicher Rahmung des Gesprächs. Vor allem kann es dazu führen, dass sich die Selbstdarstellungen nicht mehr so stark an den Regeln des in ihrer Gruppierung oder ihrem Umfeld vorherrschenden Diskurses orientieren. Dies erlebte ich sowohl bei den Interviews mit illegalisierten MigrantInnen, die in unterschiedlichen Settings sehr verschiedene Versionen von bedeutsamen Anteilen ihrer Biografie – bis hin zur nationalen Zugehörigkeit – präsentierten, oder mit Ex-KindersoldatInnen in Norduganda11), die zunächst nicht über die erlittenen Diskriminierungen nach ihrer Demobilisierung sprachen (vgl. BOGNER & ROSENTHAL 2016), sowie bei Interviews im Westjordanland12) (ROSENTHAL 2015b).13) Die zuletzt genannte Erhebung habe ich mit meinen MitarbeiterInnen in einem über fünf Jahre finanzierten DFG-Projekt zu "Etablierten und Außenseitern" in Israel und Palästina durchführen können. Aufgrund der langen Förderperiode war es möglich, die gleichen Personen, Familien und Cliquen über die Jahre hinweg immer wieder in unterschiedlichen Settings zu treffen und zu befragen. Die wiederholten Treffen führten zur einer zunehmenden Verletzung der Regeln des im Westjordanland herrschenden und sehr wirkmächtigen Diskurses: "Wir Palästinenser haben keine internen Konflikte, wir haben nur Konflikte mit Israel und den Israelis". So sprachen die BewohnerInnen der Flüchtlingslager offener über die Konflikte mit den Altansässigen oder mit der Palästinensischen Autonomiebehörde. Bei der christlichen palästinensischen Bevölkerung wurde die zunehmende Angst – mitbedingt durch die verstärkten gewaltsamen Übergriffe auf ChristInnen in den umliegenden Ländern (wie Syrien oder Ägypten) – deutlich, und unsere InterviewpartnerInnen begannen, wenn auch zögerlich, über Erfahrungen von Diskriminierungen als ChristInnen zu sprechen (vgl. HINRICHSEN, BECKER & ROSENTHAL 2015). Des Weiteren konnten wir im Westjordanland die Beobachtung machen, dass Menschen in einer mehrfachen AußenseiterInnenposition – z.B. homosexuelle Männer – weitaus offener über bestehende Konflikte und Spannungen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft sprechen als die Etablierten (WORM & HINRICHSEN 2015). Wie es sich auch in anderen Regionen – z.B. in Norduganda (BOGNER & ROSENTHAL 2012) – zeigte, ermöglichen Gespräche mit AußenseiterInnen, die sich in einer mehr oder weniger großen Distanz gegenüber "ihrer" eigenen Wir-Gruppe befinden oder sich ihr nicht zugehörig oder sich von ihr ausgeschlossen, diskriminiert oder marginalisiert fühlen, die Chance, von Bestandteilen der kollektiven Geschichte und ihrer Deutungen zu erfahren, die in den herrschenden Diskursen ausgeblendet oder an den Rand gerückt werden sollen. [8]
Der diskutierte Anspruch auf die Rekonstruktion von Wirkungszusammenhängen am konkreten Fall ist eine wesentliche Differenz zu all jenen qualitativen Studien, deren Interpretationen ihrer empirischen Daten auf der Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens von sozialen Phänomenen – wie es bei der qualitativen Inhaltsanalyse (vgl. MAYRING 2003) der Fall ist – beruhen. In vielen qualitativen Untersuchungen findet man immer wieder, dass die AutorInnen trotz des Fehlens einer repräsentativen Stichprobe bzw. trotz einer Stichprobe, die gängigen "quantitativen" Kriterien nie standhalten würde, die Interpretationen ihrer Befunde mit Argumenten wie "in den meisten meiner Interviews" zu begründen versuchen. Auch werden häufig die interessanten empirischen Befunde, die nur einmal oder selten auftreten, nicht diskutiert. Meist folgen diese Arbeiten eher einer Überprüfungs- und weniger einer Entdeckungslogik, und dementsprechend ist auch das Design ihrer Erhebung (die Verwendung von Leitfäden, die vorab definieren, was zum Thema gehört und was nicht) und ihrer Auswertung (bei der Stellen aus dem Material herausgesucht werden, die die bereits formulierten Hypothesen belegen sollen). Auch wenn ich im Falle "Mohammed" darauf verwiesen habe, dass es möglich ist, im Nachfrageteil eines narrativen Interviews oder in weiteren Gesprächen, die in erster Linie am konkreten Fall erschlossenen Hypothesen zu prüfen, so bedeutet dies keineswegs, in die Begegnung mit den Befragten mit einem Set von aus der Literatur oder unserem Alltagswissen abgeleiteten Hypothesen zu gehen. Vielmehr benötigen interpretative Verfahren, die sich einer Entdeckungslogik verpflichten, sowohl bei der Erhebung als auch bei der Auswertung eine Orientierung am Prinzip der Offenheit, wie es von Christa HOFFMANN-RIEM (1980) prominent in der bundesdeutschen Diskussion formuliert und vertreten wurde. Sie plädiert dafür, "daß die theoretische Strukturierung des Forschungsgegenstandes zurückgestellt wird, bis sich die Strukturierung des Forschungsgegenstandes durch die Forschungssubjekte herausgebildet hat" (S.346). So habe ich zum Beispiel die Bedeutsamkeit der noch heute herrschenden, "inoffiziellen" Sklaverei in Mauretanien für den Migrationsprozess von Mohammed erst im Laufe der Interviews mit ihm entdeckt und bin erst dann dieser Spur in den Nachfolgegesprächen mit Mohammed gezielter nachgegangen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ich versucht habe, diese Annahme mit einem weiteren Migranten aus Mauretanien14) zu überprüfen. Auch wenn wir im externen Nachfrageteil gezielte Fragen zum Beispiel zur Sklaverei einbauen können, gilt es zunächst, sich auf die selbststrukturierten Darstellungen der Befragten und auf deren Relevanzsystem einzulassen und für jeden einzelnen Fall zu versuchen herauszufinden, was in diesem Fall die bestimmenden konstitutiven Momente für den Migrationsprozess waren. Entsprechend der Forderung von Alfred SCHÜTZ (1971), die wissenschaftlichen Konstruktionen auf den Konstruktionen des Alltags aufzubauen, orientieren wir uns in den ersten Phasen der Erhebungssituation zunächst am Relevanzsystem der Alltagshandelnden und stellen unsere eigenen Relevanzen zurück. Ein rekonstruktives Verfahren bedeutet, dass nicht vorab definiert wird, welche Themenbereiche für die eigenen Fragestellungen relevant sind und welche nicht. Mag es in einem Fall von Migration der gewalttätige Ehemann und die von diesem erzwungene Prostitution sein, die einen Verlauf des Erleidens, d.h. von zunehmenden Ohnmachtsgefühlen und dem Verlust von Handlungsmacht bedingen und schlussendlich zur aktiven Handlung des Verlassen des Heimatlandes führen, ist es in einem anderen Fall eine ungeplante und überstürzte Flucht nach dem Sterben der Eltern und Geschwister an Ebola aus einem Land, das im Prozess ist, die recht durchlässigen nationalen Grenzen aufgrund von Ebola zu schließen. In einem weiteren Fall kann die Migration die Umsetzung eines lang geplanten Vorhabens bedeuten, das mit einer (mehr oder weniger) hohen Bildungsaspiration zusammenhängt, die sich im Herkunftsland nicht umsetzen lässt. Mit diesen unterschiedlichen Beispielen will ich darauf verweisen, dass biografische Wahlen – wie eine Migration, die Berufs- und PartnerInnenwahl oder ein Parteieintritt – sich aus längerfristigen oder kurzfristigen Prozessen und sowohl aus geplanten als auch ungeplanten Aktivitäten ergeben und in der Regel nicht reduzierbar sind auf einzelne isolierbare Motive, die wir mit gezielten Fragen abfragen können. [9]
Offenheit im Forschungsprozess bedeutet des Weiteren die Möglichkeit zu Modifikationen sowohl der Fragestellung oder der Stichprobe als auch des geplanten Einsatzes und der Kombination der Erhebungsinstrumente. An den Erfahrungen im Feld, den auftauchenden Problemen (auch denen der ForscherInnen), den sich ergebenden unerwarteten Feldzugängen und an dem, was gut oder weniger gut funktioniert, orientiert sich, ob wir eher Einzelinterviews oder Gruppeninterviews durchführen oder stärker Daten durch Beobachtungen gewinnen wollen, welche weiteren Interviews oder Beobachtungseinheiten wir planen, ob wir Interviews mit Angehörigen von Gruppierungen einbeziehen, die wir zunächst nicht vorgesehen haben oder den geografischen Raum der Beobachtung erweitern oder stärker einschränken, wie lange wir überhaupt im Feld bleiben und ob wir unsere Forschungsfrage erweitern, begrenzen oder verändern. Im Kontext des Projekts zur Konstruktion von Grenzgebieten hatten wir z.B. nicht geplant, mit den interviewten illegalisierten MigrantInnen weiterhin in Kontakt zu bleiben. Zunächst hatte sich eher aus Gründen der Fürsorge für unsere Befragten und zum Zweck einer emotionalen Unterstützung in einigen Fällen ein Kontakt über Facebook etabliert. Doch zunehmend wurde für uns deutlich, dass gerade auch deren weitere Migrationsrouten und deren verschiedene Erfahrungen mit nationalen und anderen kollektiven Grenzen wichtig für unsere Analysen sein können. Auch tauchten bei unserem Quellenstudium über ihre Kollektivgeschichten immer wieder neue Fragen auf. Dies führte dann zu gezielten weiteren Telefoninterviews oder auch einem schriftlichen Austausch über Facebook. Eine andere wichtige Erfahrung bei unseren Feldaufenthalten in Melilla und Ceuta (einer weiteren spanischen Stadt an der nordafrikanischen Küste) war, dass sich vor den Flüchtlingslagern relativ leicht spontan Gruppengespräche mit illegalisierten MigrantInnen ergaben, oder diese – ganz ähnlich wie unsere InterviewpartnerInnen im Westjordanland – zu den verabredeten Treffen für ein Interview andere Familienangehörige oder FreundInnen mitbrachten. Anstatt dies als Störung zu definieren, bedeutet eine Orientierung an den Erfahrungen im Feld, sich umzustellen, und wenn es sich ergibt, Gruppen- oder auch Familiengespräche statt Interviews mit einer einzigen Person durchzuführen. Die Konzentration auf Fallstudien bedeutet auch die Offenheit dafür, gegebenenfalls die Fallebene zu ändern (also statt "Biografie" die Fallebene "Freundesclique" oder "Familie" zu wählen) und mit einer Methodenkombination zu arbeiten, die sich am Forschungsverlauf orientiert. Meine Forschung beruht meist auf einer Kombination von Methoden im Bereich interpretativer Verfahren – bei denen im Zentrum familiengeschichtliche und biografische Fallrekonstruktionen stehen. Durchaus kann ich mir die Kombination mit quantitativen Methoden vorstellen, deren sinnvolle Umsetzung jedoch nicht so problemlos möglich ist (vgl. BURZAN 2010). [10]
Die methodischen Konsequenzen der Orientierung an den Erfordernissen des Feldes und der Anspruch von intensiven Fallstudien sind vielfältig. So lassen wir uns z.B. auf etliche Experimente mit dem Design der Erhebung ein, d.h. z.B. bei der Planung, wer spricht mit wem bzw. interviewt wen in welchem Setting oder bei der Frage, ob der Vergleich von Gesprächen in unterschiedlichen Settings Sinn machen könnte.15) Die Auswertung erfordert eine sorgfältige Berücksichtigung der Rahmungen der Interaktionsabläufe zwischen den Befragten und uns ForscherInnen und anderen Anwesenden. Hier ist der Vergleich von Gesprächen mit einem Befragten in unterschiedlichen Settings, die zu einer unterschiedlichen Rahmung führen können, von großem Vorteil. In den mit Mohammed in verschiedenen Settings geführten Interviews zeigte sich dies sehr deutlich und führte zu Annahmen über die möglichen unterschiedlichen Figurationen von "Schwarzen Afrikanern", "Arabern" und "Weißen". Während Mohammed in den Gesprächen, in denen unser palästinensischer Mitarbeiter Ahmed ALBABA dolmetschte, viele religiöse Redewendungen benutzte, tat er dies in einem 40-minütigen Telefoninterview, das von unserem Mitarbeiter Mahadi AHMED16) geführt wurde, überhaupt nicht. Mahadi AHMED floh aus der Republik Sudan (also Nordsudan) und lebt heute als politischer Flüchtling in Deutschland. Er spricht ebenso wie Mohammed aufgrund der Islamisierung seines Landes kaum die Sprache seiner ethnischen Gruppierung, sondern Arabisch, ist Moslem und Schwarz. Aufgrund meiner Auswertung der bisherigen Interviews mit Mohammed, dem deutlichen Befund, wie sehr dieser unter den berberisch-arabischen Mauren (er selbst spricht immer von "Arabern") gelitten hat, bat ich Mahadi AHMED um die Führung dieses Interview, um noch etwas mehr über die Familiengeschichte und den Sklavenhandel zu erfahren.17) Beide Männer entdeckten bereits in einem Vorgespräch die Diskriminierung aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als eine auffällige Gemeinsamkeit ihrer Herkunftsländer. Ein sehr markanter Unterschied zu den früheren Gesprächen war, dass Mohammed im Gespräch mit Mahadi viel offener über die Sklaverei in Mauretanien sprach. Während er zunächst recht ruhig spricht, wird er wütend und laut, als er von seiner Zeit bei den arabischen Imamen erzählt, bei denen er in die Koranschule ging, ausgebeutet wurde und über die er z.B. sagt: "Ich habe wie ein Sklave arbeiten müssen". Er musste die Tiere der Imame hüten, Wasser und Holz holen, für sie kochen etc. Da dies in der Wüste war, konnte man nicht fliehen, erzählt er. Ein weiteres Zitat von ihm zeigt, weshalb er in den Interviews, bei dem ein Araber als Dolmetscher anwesend war, nicht so explizit über "die Araber" sprach:
"Wenn Du in die Wüste gehen würdest, würdest Du sehen, unter welchen Bedingungen die Schwarzen für die Araber arbeiten und, selbst wenn du beten willst, werden sie dich daran hindern und Dir sagen, dass du trotz Gebet nicht in den Himmel kommst, weil du Schwarz seist". [11]
Vor diesem lebens- und auch familiengeschichtlichen Hintergrund (sowohl sein Großvater als auch sein Vater und Onkel haben bei arabischen Imamen ihre Ausbildung zum Imam absolviert) ist verständlich, weshalb Mohammed im Gespräch mit Ahmed ALBABA immer wieder religiöse Redewendungen einfließen ließ. Dies überbrückt nicht nur die Differenz zwischen beiden mithilfe der gemeinsamen Religion, sondern kann auch als eine Art der Unterwerfungsgeste gegenüber arabischen Muslimen gelesen werden. Ein Zitat aus dem Telefoninterview mit Mahadi AHMED, unserem bisher letzten Gespräch mit ihm, deutet darauf hin. Über seine arabischen Lehrer sagt er:
"Du hast immer Angst vor ihnen, z.B. ob es Haram [etwas, was nach islamischen Gesetz verboten ist] ist, was du tust, zum Beispiel, dass du einer Frau nicht ins Gesicht schauen sollst, du musst tun, was sie von dir wollen, und du musst es sein lassen, was sie wollen, dass du es sein lässt." [12]
Der Einsatz von familien- und lebensgeschichtlichen narrativen Interviews, teilnehmender Beobachtung, ethnografischen Interviews während der Beobachtungseinheiten und thematisch fokussierten Interviews z.B. mit ExpertInnen, Gruppendiskussionen, Familiengesprächen und immer auch von Quellenstudium (historische Quellen, Printmedien, Materialien im Familienbesitz, Fotografien, etc.) dient der Rekonstruktion sowohl der Deutungsmuster als auch der Geschichte der Handlungen oder Aktivitäten der Befragten, der Figurationen zwischen verschiedenen Gruppierungen und der in ihren jeweiligen Umfeldern dominanten Diskurse.18) Damit bin ich bei der Frage, was nun der Anspruch von historisch- und prozessorientierten Fallstudien bedeutet und damit verbunden der Frage, ob und weshalb wir biografische Fallstudien durchführen? [13]
Ein wesentliches Ziel der soziologischen Biografieforschung ist, soziale Phänomene in ihrer Entstehungsgeschichte, im Kontext subjektiver Sinngebungsprozesse der AkteurInnen und in Wechselwirkung mit sich transformierenden wirkmächtigen Diskursen und Figurationen zu erklären. Biografische Fallrekonstruktionen verdeutlichen die Besonderheit eines Falles und zeigen ebenso Gesellschaftliches in seiner Entstehung und Veränderung im Handlungsvollzug auf. Sowohl die individuelle Geschichte eines Menschen als auch der deutende Rückblick auf seine Vergangenheit und die Art und Weise der gegenwärtigen Präsentation der Vergangenheit entstehen aus der Dialektik zwischen dem individuellen und dem kollektiven Sozialen. Das Kollektive steht nicht in einem summativen Verhältnis zum Individuellen, sondern beide konstituieren und bedingen sich gegenseitig. So ist das individuelle Erleben immer durch kollektives Wissen, durch kollektive Deutungen, Sinngebungen, "Diskurse" und "Erinnerungskulturen" mitbestimmt und mitproduziert. Zugleich sind die Letztgenannten stets durch das Erleben und die Aktivitäten von Individuen erzeugt und geprägt – wenngleich nicht "gleichberechtigt" (gleichsam egalitär) durch alle beteiligten Individuen im gleichen Maße mit derselben Wirkungskraft oder in derselben Art und Weise. [14]
Soziologischer biografischer Forschung ist es deshalb prinzipiell möglich, die Interrelation zwischen "individuellem" Erleben und kollektiven "Rahmenbedingungen" aufzuzeigen (vgl. APITZSCH 2014, S.197ff.; BOGNER & ROSENTHAL im Druck; ROSENTHAL 1995, 2005; SCHÜTZE 1983). Sie verfolgt das Anliegen, soziale Phänomene in ihrem Prozess der Entstehung, Aufrechterhaltung und Veränderung verstehen und erklären zu können.19) Dabei wird die Frage verfolgt: Wie war der kollektivgeschichtliche und wie der lebensgeschichtliche Verlauf, der zu einem bestimmten Verhalten oder Handeln und zu bestimmten Weisen des Erlebens, bestimmten Perspektiven und Deutungen führte. Es wird also nicht nur angestrebt, die Perspektive der Handelnden kennenzulernen, sondern auch die Handlungs- und Ereignisabläufe. [15]
Dieser Anspruch ist mit bestimmten Anforderungen an die Datenerhebung und -analyse verbunden. Wir benötigen ein Vorgehen, das sowohl die Rekonstruktion der Gegenwartsperspektive als auch eine Einsicht in die Genese und sequenzielle Gestalt der Lebensgeschichte sowie eine Annäherung an die Handlungspraxis und das Erleben in der Vergangenheit ermöglicht. Angestrebt wird die Analyse der Differenzen zwischen den Perspektiven in der Gegenwart und den in der Vergangenheit eingenommenen Perspektiven als auch von deren Verflechtungen mit den jeweilig vorherrschenden gesellschaftlichen Diskursen. Die Erhebung von biografisch-narrativen Interviews – wie sie von Fritz SCHÜTZE (1977, 1983) vorgeschlagen wurde – verfolgt mit der Aufforderung zur Erzählung der Lebensgeschichte (wobei meine MitarbeiterInnen und ich meist auch zur Erzählung der Familiengeschichte auffordern) und mit einer konsequenten narrativen Gesprächsführung das Ziel, etwas mehr über die Perspektiven und vor allem die Handlungs- und Ereignisabläufe in der Vergangenheit zu erfahren. Die empirische Erfahrung lehrt, dass mit der Initiierung von längeren Erzählungen die Befragten sich zunehmend auf einen Erinnerungsstrom einlassen, sich damit mehr an ihren eigenen Relevanzen orientieren und bei der Erzählung von Handlungs- bzw. Ereignisabfolgen deutlich stärker an ihren Perspektiven und handlungsleitenden Motivationen in der Vergangenheit orientiert sind als bei Sequenzen von Argumentationen, Beschreibungen oder bei einzelnen Belegerzählungen, die zur Plausibilisierung eines Arguments dienen (KALLMEYER & SCHÜTZE 1977; ROSENTHAL 1995, 2015a, Kap. 5.4 und 5.5). Die Kontrastierung der stärker aus der Gegenwartsperspektive erfolgenden Argumentationen mit detaillierten Stegreiferzählungen zeigt oft recht deutliche Unterschiede zu der Vergangenheitsperspektive und den handlungsleitenden Motivationen sowie den ungeplanten Folgen ihrer Aktivitäten in den erzählten Situationen und Lebensphasen. Während z.B. in unseren Interviews im Westjordanland vehement über das konfliktfreie Zusammenleben zwischen verschiedenen Gruppierungen argumentiert wird, verweisen Erzählungen auf Diskriminierungserfahrungen oder auf erhebliche Vorurteile gegenüber den Angehörigen anderer Gruppierungen. In Interviews mit illegalisierten MigrantInnen aus dem sub-saharischen Afrika wird immer argumentiert, man habe das Herkunftsland aus ökonomischen Gründen verlassen, wogegen sich in den Erzählungen – wie bei Mohammed – andeutet, dass "politische" Gründe die Flucht oder das Weggehen (mit)bedingten. Meine derzeitigen Analysen – insbesondere zu Flüchtlingen aus Eritrea, mit denen ich in Uganda sprach – deuten darauf hin, dass es oft vor allem die Angst vor dem Geheimdienst des Herkunftslandes ist, die ein offenes Sprechen behindert.20) Selbst wenn ein Zugriff des Geheimdienstes in dem Land, in dem man sich derzeitig aufhält, nicht zu befürchten ist, so muss bei einer Abschiebung in das Herkunftsland mit sehr unangenehmen bis lebensbedrohlichen Folgen gerechnet werden, sollte man sich im Ausland politisch gegen das Regime positioniert haben. [16]
Bei der Auswertung, d.h. bei biografischen Fallrekonstruktionen21), geht es uns darum, die Verflechtung des kollektiv-, familien- und lebensgeschichtlichen Verlaufs zur rekonstruieren. Entscheidend dabei ist, dass wir generell bei biografischen Fallrekonstruktionen keine einfachen "Warum-Fragen" stellen. Bei der Rekonstruktion von biografischen Verläufen in ihren unaufhebbaren Verflechtungen mit kollektivgeschichtlichen Verläufen geht es nicht einfach darum, Fragen im Sinne Wieso hat sich eine Person so und nicht anders verhalten oder gehandelt? zu beantworten. Zum Beispiel gehen wir nicht so einfachen Fragen nach wie: Warum hat sich jemand entschieden, eine bestimmte Berufslaufbahn einzuschlagen oder in eine bestimmte Partei einzutreten oder seine demenzkranke Mutter zu Hause zu pflegen? Mit einer prozessualen und vor allem auch mit einer transgenerationalen Perspektive geht es – wie das auch und besonders von ELIAS (z.B. 1983a, S.40, Anm.1, 1983b, S.38-54) gefordert und diskutiert wurde – vielmehr darum zu fragen: Wie war der lange oder längere kollektiv- und lebensgeschichtliche Verlauf, der zu einer bestimmten lebensgeschichtlichen Konstellation, zu einer bestimmten Aktivität oder einer bestimmten Einstellung oder zu spezifischen Deutungsmustern führte. Der besondere biografische Verlauf wird bei einer konsequent durchgeführten sozialkonstruktivistischen Biografieforschung immer in seinen Verflechtungen mit den Lebensverläufen und Selbstdeutungen anderer Individuen, mit organisierten Gruppen oder sozialen "Institutionen" sowie in seiner Wechselwirkung mit den in unterschiedlichen Lebensphasen wirksamen Diskursen rekonstruiert. Dadurch kann es möglich werden, Lebensgeschichten "als einen Mikroprozess" zu erkennen, der in einem "Makroprozess" des gesellschaftlichen Wandels eingebettet ist (ELIAS 1991, S.59). [17]
So fragen wir im Zusammenhang der Fallgeschichten von illegalisierten MigrantInnen: Welche kollektiven, familialen und biografischen Konstellationen führten dazu, dass sie ihr Heimatdorf oder ihre Stadt, dann ihr Land verließen und sich irgendwann auf den Weg nach Europa oder etwa nach Israel machten? Dabei handelt es sich um Verläufe, bei denen – wie auch bei anderen Verläufen, z.B. bei Berufslaufbahnen oder Krankheitsverläufen – unterschiedliche Figurationen mit anderen Menschen bzw. Gruppierungen von Menschen eine Rolle spielen. [18]
Es wird also versucht, den Anspruch der Rekonstruktion der Verflechtungszusammenhänge von einzelnen Fällen, der Figurationen zwischen verschiedenen Gruppierungen, Wir-Gruppen und Organisationen umzusetzen und damit einhergehend die sich wandelnden asymmetrischen Machtbalancen bzw. Machtungleichheit zwischen verschiedenen Gruppierungen zu analysieren. So zeigt z.B. die Fallrekonstruktion von Mohammed seine auf der Migrationsroute (Mali – Algerien – Marokko – spanische Exklave Melilla) wachsende Ermächtigung in der Figuration mit Angehörigen anderer Gruppierungen (u.a. der in Mali kämpfenden Rebellen) aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit und seiner Sprachkenntnisse (Soninké, Arabisch und Französisch). Im Herbst 2014 gehörte er in Melilla zu den ganz wenigen WestafrikanerInnen, die sowohl Französisch als auch Arabisch sprechen konnten, übernahm damit in den Interaktionen mit den syrischen Flüchtlingen immer wieder die Funktion eines Übersetzers und wurde zudem im Lager als Vorbeter – im Unterschied zur Moschee in der Stadt – "zugelassen", da keine arabischen Imame (zumeist wären dies Imame aus Syrien oder Algerien) anwesend waren. Während er im Flüchtlingslager in Melilla noch eine angesehene Position innehatte, änderte sich dies in Frankreich sowohl in der Figuration mit den Flüchtlingen aus Syrien als auch mit der (alt-)ansässigen Bevölkerung wieder erheblich und zu seinem Nachteil. [19]
Ich plädiere in diesem Beitrag für ein methodisches Design, das die Vorteile von intensiven Fallstudien nutzt, konsequent theoretische Verallgemeinerungen am einzelnen Fall vornimmt, statt dem Glauben an eine größere Nähe zur Wahrheit bei großen Fallzahlen zu verfallen, und die einzelnen Menschen noch konsequenter in ihren Verflechtungen mit anderen Menschen, Gruppierungen, Gruppen und Organisationen erforscht. Dies bedeutet unter anderem nicht nur die Angehörigen einer Gruppierung oder einer Wir-Gruppe oder Organisation in den Blick zu nehmen, sondern auch jene, mit denen diese in Beziehungen stehen. M.E. wird es mit einer Verknüpfung der auf einzelne biografische oder familiengeschichtliche Verläufe konzentrierten Biografieforschung mit einer stärker auf kollektive und langfristige Wandlungsprozesse fokussierten Figurationssoziologie leichter, die in den sozialwissenschaftlichen Diskursen vorherrschende problematische Trennung (und oft genug Verabsolutierung bzw. "Essenzialisierung") einer Mikro-, Meso- und Makro-Perspektive zu überwinden. Mit der Einbeziehung der Familiengeschichte und der Befragung von mehreren historischen und familialen Generationen und deren Wechselbeziehungen zur kollektiven Geschichte eröffnet sich ein ausgedehnter Zeithorizont, der es ermöglicht, die Genese und Transformationen kollektiver Phänomene – wie zum Beispiel die zunehmende transkontinentale Migration und Flucht aus Afrika – über einen längeren Zeitraum zu erforschen. Damit wird es zugleich möglich, auf der Mikroebene der Betrachtung deren Verflechtungen mit der Region, dem betreffenden Staat, anderen Staaten, international aktiven oder transnationalen Organisationen und (allgemeiner) der sich offenbar bildenden Weltgesellschaft zu erfassen. [20]
Die Analyse von biografischen Verläufen erfolgt also nicht reduziert auf einen isoliert betrachteten Lebensverlauf, sondern sie geht der Frage nach, in welchen Beziehungsgeflechten stand und steht der Biograf/die Biografin, in welchen institutionellen, organisationalen und informellen Verflechtungen wurde sie/er sozialisiert, in welchen historischen Konstellationen und welchen diskursiven Zusammenhängen erfolgten welche Prägungen? Dafür ist es sinnvoll – wie bereits angedeutet – neben der Fallebene einzelner Biografien im Laufe der Forschung andere Fallebenen (wie Wir-Gruppen einschließlich der historischen Generationen) in die Analyse einzubeziehen. M.E. liegen in einer konsequenten Rekonstruktion der Verläufe und Wandlungsprozesse von einzelnen "Fällen" und ihrer Verflechtungen mit anderen "Fällen" die Chancen für eine empirisch geerdete Theorieentwicklung, die der Komplexität und spezifischen Qualität von sozialer Wirklichkeit gerecht werden kann. [21]
1) Dieser Beitrag beruht auf der Mittagsvorlesung des Berliner Methodentreffens Qualitative Sozialforschung von 2015 (der Videomitschnitt ist über http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/archiv/video/index.html#MV verfügbar). Für die Einladung von Günter MEY zu diesem Vortrag ebenso wie für die spannende Diskussion möchte ich mich ganz herzlich bedanken. <zurück>
2) Die Bezeichnung "interpretative Sozialforschung" oder "interpretative Methoden" geht auf die von Thomas WILSON (1970, 1973) eingeführte Unterscheidung zwischen einem normativen und einem interpretativen Paradigma zurück. Während nach WILSON die VertreterInnen des normativen Paradigmas den Menschen eher als einen auf ein gemeinsames Symbolsystem reagierenden Organismus begreifen, wird der Mensch im interpretativen Paradigma als ein handelnder und erkennender Organismus verstanden (vgl. KELLER 2012). <zurück>
3) Mit der Großschreibung der Begriffe "Schwarz" und "Weiß" soll hervorgehoben werden, dass es sich dabei um soziale Differenzkategorien als Teil rassistischer Praktiken einerseits und politisch gewählte Selbstbezeichnungen innerhalb der Kämpfe gegen diese Praktiken andererseits handelt. <zurück>
4) Eva BAHL und Arne WORM sind weitere wissenschaftlicher MitarbeiterInnen in diesem von der DFG geförderten Projekt (DFG-Gz: RO 827/19-1). Neben dem deutschen Team, das die Grenze zwischen Marokko und Spanien in den Blick nimmt, forschen unsere israelischen KollegInnen Efrat BEN-ZE'EV und Nir GAZIT zur Grenze zwischen Israel und Ägypten. Der kontrastive Vergleich dieser beiden Grenzräume dient der Rekonstruktion von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den Konstruktionen und den praktischen Vollzugswirklichkeiten, also dem doing von Grenzen. <zurück>
5) Die Gespräche wurden auf Arabisch geführt und von A. ALBABA ins Deutsche übersetzt. Zu einer ausführlichen Diskussion dieser Lebensgeschichte siehe ROSENTHAL, BAHL und WORM (Publikation in Vorbereitung). In den Interviews bitten wir die Befragten zunächst um die Erzählung ihrer Familien- und ihre Lebensgeschichte. Entsprechend der Logik des narrativen Interviews (vgl. ROSENTHAL 2015a, Kap. 5.4; SCHÜTZE 1977, 1983) werden nach der autonom gestalteten Wir- und Selbstpräsentation – die nicht durch Fragen seitens der InterviewerInnen unterbrochen wird – zunächst erzählinterne Fragen zu bereits erwähnten Themen oder Lebensphasen und erst in der dritten Phase des Interviews erzählexterne Fragen zu Themen und Bereichen, die für uns Forschende als relevant erscheinen, gestellt. Der Begriff der Wir- und Selbstpräsentation ist anstelle des von Fritz SCHÜTZE eingeführten Begriffs der Eingangs- oder Haupterzählung bewusst gewählt, da wir in manchen Fällen keine oder kaum Erzählungen erhalten, sondern Präsentationen, die stärker auf Argumentationen oder auch Beschreibungen beruhen. Des Weiteren ergibt die Reaktion auf die Aufforderung zur Erzählung der Familien- und Lebensgeschichte bereits erste wichtige Befunde sowohl für die Annahme über die Wir-Ich-Balance (vgl. ELIAS 1987) als auch über Tradierung des Familiengedächtnisses und der außerfamilialen Tradierung der Kollektivgeschichte der eigenen Gruppierung. <zurück>
6) Die Soninké leben in weiten Gebieten Westafrikas; hauptsächlich in der Region zwischen den Flüssen Niger und Oberer Senegal. <zurück>
7) Mauretanien wird noch heute von den arabisch-berberischen Mauren, die ca. 1/3 der Bevölkerung ausmachen, sowohl politisch als auch ökonomisch dominiert. <zurück>
8) Die Sklaverei wurde zwar in Mauretanien bereits mehrere Male (1961, 1981) offiziell abgeschafft (vgl. OßWALD 2009, S.253); sie wurde jedoch erst 2008 unter Strafe gestellt (vgl. BAHRENBURG & RICHTER 2008, S.5; HARDUNG 2010). Allerdings besteht sie insofern weiterhin fort, dass den Nachfahren der freigelassenen SklavInnen für ihre Arbeit oft keine Gehälter ausgezahlt werden, und diese faktisch kaum Möglichkeiten haben, dagegen gerichtlich vorzugehen. <zurück>
9) LEWIN (1930/31, S.426f.) diskutiert dies in Abgrenzung vom Gesetzesbegriff bei ARISTOTELES, bei dem gesetzlich nur das ist, "was ausnahmslos geschieht. Ferner, und das betont er [ARISTOTELES] besonders, auch das, was häufig geschieht. ... Die Gesetzlichkeit bleibt beschränkt auf jene Fälle, in denen sich Gleichartiges wiederholt." <zurück>
10) Diese Formulierung geht auf Alfred SCHÜTZ (1971, S.50) zurück: "Die Erfüllung dieses Postulats verbürgt die Möglichkeit, jede Art menschlichen Handelns oder dessen Ergebnis auf den subjektiven Sinn zurückzuführen, den dieses Handeln oder sein Ergebnis für den Handelnden gehabt hat" (meine Herv.). <zurück>
11) Diese Interviews wurden gemeinsam mit Artur BOGNER im DFG-Projekt "Kindersoldat(inn)en im Kontext. Biographien, familien- und kollektivgeschichtliche Verläufe in Norduganda" zwischen 2014-2016 geführt (DFG-Geschäftszeichen: NE 640/7-1). Der Projektleiter ist Dieter NEUBERT, Universität Bayreuth. <zurück>
12) Es handelt sich um das von 2010 bis 2015 von der DFG geförderte Forschungsprojekt "Außenseiter und Etablierte zugleich: Palästinenser und Israelis in unterschiedlichen Figurationen"(DFG-Gz:RO 827/16- 1 & 2). ProjektleiterInnen waren neben mir Prof. Shifra SAGY (Ben-Gurion-University of the Negev, Beer Sheva, Israel) und Prof. Mohammed S. DAJANI DAOUDI (Palästinensische Autonomiegebiete). <zurück>
13) Meine Forschungen konzentrieren sich in den letzten ca. 15 Jahren auf den außereuropäischen Raum und auf MigrantInnen aus afrikanischen Ländern. Dies bedeutet nun keineswegs, dass meine Erfahrungen nicht auf Forschungen in Deutschland (einem Land mit einer hohen Anzahl von Migrierenden und Flüchtlingen) übertragbar sind. Ganz im Gegenteil sensibilisiert eine Forschung außerhalb Deutschlands für die Notwendigkeit, vorschnelles vermeintliches Verstehen des Anderen zu vermeiden und den milieu- und familiengeschichtlichen Hintergrund der Befragten zu recherchieren. Zu den methodischen Herausforderungen interkultureller Studien vgl. ROSENTHAL (2012b). <zurück>
14) Ein Jahr später waren Mohammeds Bruder und ein anderer naher Verwandter von ihm ebenfalls über den Grenzzaun nach Melilla gelangt. In den Interviews mit ihnen zeigen sich dann auch andere konstitutive Bedingungen für ihren Migrationsverlauf. <zurück>
15) In Palästina nahmen wir z.B. gemeinsam mit christlichen Interviewten am Kirchgang teil oder machten einen Spaziergang durch ihr Viertel und ließen uns von Auseinandersetzungen mit dem israelischen Militär an bestimmten Orten erzählen. In Melilla und Ceuta luden wir unsere interviewten Flüchtlinge in einigen Fällen zu einem Ausflug an den Strand oder in ein Café ein. Dies eröffnete uns die teilnehmende Beobachtung von Interaktionen zwischen den Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerung in den Exklaven. <zurück>
16) Mein Dank gilt Mahadi AHMED, der nicht nur ein für meine weitere Auswertung sehr gewinnbringendes Interview auf sehr sensible Weise führte, sondern auch mit mir meine Interpretationen diskutierte und wichtige eigene Reflexionen zur Arabisierung und Islamisierung von Mauretanien und dem Sudan beitrug. <zurück>
17) Der Kontakt zwischen beiden wurde über Ahmed ALBABA vermittelt. Mahadi AHMED hatte vor dem Interview bereits über Facebook und in zwei kurzen Telefonaten mit Mohammed kommuniziert. <zurück>
18) Zur Verknüpfung von biografischen Fallrekonstruktionen mit der wissenssoziologischen Diskursanalyse und der Figurationssoziologie vgl. BOGNER und ROSENTHAL (2016; im Druck). <zurück>
19) Verstehen und Erklären werden hier im Sinne Max WEBERs (1972 [1921])verstanden. Wie bei WEBER besteht die Aufgabe der Forscherin oder des Forschers darin, zunächst den subjektiv gemeinten Sinn der Handelnden (m.a.W., ihre Situationsinterpretationen und Handlungsintentionen) zu verstehen und dadurch ihr Handeln und die Folgen ihres Handelns in der Interdependenz mit dem Handeln Anderer zu erklären. <zurück>
20) Menschen, die Eritrea ohne Ausreisevisum verlassen, machen sich strafbar. Die meisten Frauen und Männer flohen aufgrund der unbegrenzten Wehrpflicht und gelten damit als Deserteure, was mit Gefängnis und Folter geahndet wird. In Kampala habe ich Flüchtlinge aus Eritrea interviewt, die einige Jahre in Israel lebten, von dort dann ausgewiesen wurden und jetzt in Uganda mit unsicherem Status gestrandet sind. Darunter befand sich auch ein hoher eritreischer Offizier, der zum Tode verurteilt war und fliehen konnte. Auch er hat sich im ersten Interview – auf der manifesten Ebene sehr überzeugend – als jemand dargestellt, der aus ökonomischen Gründen seine Heimat verlassen hat, um in Israel mehr Geld verdienen zu können. Es bedurfte vier Begegnungen in sehr unterschiedlichen Kontexten, bis er mir und meinem eritreischen Feldassistenten (dessen Namen ich aus Sicherheitsgründen nicht nennen kann) von seiner Verurteilung und Flucht erzählte. <zurück>
21) Zu einer detaillierten Darstellung des Verfahrens siehe ROSENTHAL (2015a, Kap. 6). <zurück>
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Gabriele ROSENTHAL ist Soziologin und Professorin für qualitative Methoden am Methodenzentrum Sozialwissenschaften der Universität Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: interpretative Methoden, Biografie- und Generationenforschung, Migration, Ethnizität und sozio-politische Konflikte.
Prof. Dr. Gabriele Rosenthal
Methodenzentrum Sozialwissenschaften
Goßlerstr. 19
Tel.: +49 0551/39-21510
Tel.: +49 0551/39-21511 (Sekretariat)
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URL: http://www.uni-goettingen.de/de/27012.html
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