Source: http://www.juramagazin.de/73860.html
Timestamp: 2019-04-21 04:48:47+00:00

Document:
Sozialindikatoren und Indexbildung als Methode der Strukturanalyse
Im Rahmen der Gewährleistungsverpflichtung nach § 79 SGB VIII ist der öffentliche Träger der Jugendhilfe verantwortlich dafür, dass die Einrichtungen und Dienste rechtzeitig und ausreichend zur Verfügung gestellt werden, die zur Erfüllung der im KJHG festgehaltenen Aufgaben erforderlich sind; er ist auch verantwortlich für die entsprechende Planung. Die Planung/Jugendhilfeplanung wird in § 80 sowohl hinsichtlich der zu berücksichtigenden Aspekte (Ziele) als auch hinsichtlich der planerischmethodischen Ebenen (Bestand, Bedarf, Planung der notwendigen Vorhaben) beschrieben.
Jugendhilfeplanung ist eine umfassende Aufgabe der Jugendämter bzw. der für Jugend zuständigen Senatsverwaltung. Sie ist nicht die Aufgabe einzelner Fachkräfte oder Arbeitsgruppen, sondern ein Prinzip professionellen fachlichen Handelns auf allen Ebenen (Bezirke, gesamtstädtisch) und in allen Bereichen (Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit, erzieherischer Kinder- und Jugendschutz, Förderung der Erziehung in der Familie, Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und Tagespflege, Hilfe zur Erziehung, Hilfe für junge Volljährige, Andere Aufgaben der Jugendhilfe). Die spezifischen Aufgaben der Fachkräfte für Jugendhilfeplanung (in den Bezirken bzw. auf der Ebene der Senatsverwaltung) sind deshalb sorgfältig zu trennen von dem abstrakten Prinzip Jugendhilfeplanung.
Im Zusammenhang mit der o. g. Gewährleistungsverpflichtung hat die für Jugend zuständige Senatsverwaltung darauf hinzuwirken, dass die Einrichtungen und Dienste der Jugendhilfe so ausgestattet sind, dass sie ihr Leistungsziel erreichen können (§ 45 des Berliner Gesetzes zur Ausführung des KJHG ­ AG KJHG).
Dies impliziert verschiedene Aspekte, die eng mit Jugendhilfeplanung verbunden sind. Sie beziehen sich zum einen auf Standardvorgaben in Hinblick auf die erforderliche Ausstattung von Einrichtungen und Diensten. Das beinhaltet auch die Verpflichtung zu einer perspektivischen Personalbedarfsplanung. Zum anderen soll die Senatsverwaltung darauf hinwirken, dass die zur Verfügung gestellten Haushaltsmittel ein Höchstmaß an Wirksamkeit erzielen, Soll-Ist-Vergleiche sind vorzunehmen und Verfahren der Erfolgskontrolle zu entwickeln und einzurichten.
Alle diese Aspekte entsprechen klassischen Steuerungsmechanismen, die enge Verbindung zur Jugendhilfeplanung aufweisen.
Jugendhilfeplanung soll zu adressaten- und wirkungsorientierten Ergebnissen kommen und im Sinne eines strategischen Controllings Ziele, Konzepte und Handlungsergebnisse miteinander abstimmen. Im gemeinsamen Diskussionspapier der Fachkräfte für Jugendhilfeplanung der Bezirke und der Senatsverwaltung wird das so formuliert: „Die Jugendämter müssen geeignete Instrumentarien zur Steuerung der Jugendhilfe in ihre Praxis einfügen, um das Wissen über Wirkungszusammenhänge in der Jugendhilfe zu qualifizieren und handhabbar zu machen. Diese Instrumentarien müssen in erster Linie ein fachlich begründetes Handeln der Entscheidungsträger unterstützen, zumal finanz-technische und finanzpolitische Überlegungen bei der Entscheidungsfindung zunehmend wichtiger werden.
Die bezirklichen Jugendämter werden ebenso wie die Senatsverwaltung für Jugend strategische Planungs- und Kontrollsysteme entwickeln und anwenden müssen, um eine wirkungsvolle Verbindung zwischen (betriebs-)wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und fachlichen Erfordernissen und Notwendigkeiten zu ermöglichen" (a. a. O., S. 7).
Der Bericht zur Gesamtjugendhilfeplanung ist nach § 42 AG KJHG einmal in jeder Legislaturperiode vorzulegen. Darin sollen die Entwicklungsperspektiven der Berliner Jugendhilfe vor dem Hintergrund der grundsätzlichen (fach-)politischen Zielvorstellungen, der sozialen Rahmen- und ökonomischen Lebensbedingungen der Zielgruppen der Kinder, Jugendlichen und Familien dargestellt werden. Die Möglichkeiten und Grenzen, die durch die aktuell zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Ressourcen bestimmt werden, sind dabei zu verdeutlichen.
Idealtypisch würde ein Bericht zur Gesamtjugendhilfeplanung enthalten:
- die Analyse des Vorhandenen (Bestand an Einrichtungen, Diensten und Veranstaltungen) in allen Bereichen der Jugendhilfe, Bewertung unter gesamtstädtischem Aspekt sowie unter Berücksichtigung der sozioökonomischen Rahmenbedingungen;
- Darstellung der Bedarfsaussagen zu den einzelnen Leistungsbereichen unter frühzeitiger Beteiligung freier Träger der Jugendhilfe; dabei sind die Bedürfnisse der Betroffenen ebenso zu berücksichtigen wie die in § 80 Abs. 2 SGB VIII formulierten Zielstellungen (z. B. Erhalt des Kontakts in der Familie und im sozialen Umfeld, Vereinbarkeit von Familie und Beruf);
- Darstellung der gesamtstädtischen Vorhaben und Konzeptionen für die verschiedenen Leistungsbereiche (denkbar wären auch Zielgruppen oder spezifische Themen) auf der Grundlage der Analyse der Bestandsdaten und der Bedarfsaussagen.
Das setzt voraus, dass neben unstrittigen Bestandsdaten und aufbereiteten sozialstrukturellen Daten auch vergleichbare Bedarfsaussagen existieren, die auf den verschiedenen (fachlichen und Verwaltungs-) Ebenen sowie mit politischen und gesetzlichen Vorgaben abgestimmt wurden. Diese Voraussetzung ist jedoch selbst Ergebnis eines längerfristigen kontinuierlichen fachlichen Diskussions- und Abstimmungsprozesses.
Sowohl für Bestandsfeststellung als auch für Bedarfsermittlung wird an einem abgestimmten berlinweiten Instrumentarium der Jugendhilfeplanung gearbeitet, mit Hilfe dessen vergleichbare differenzierte Aussagen zu Planungsschwerpunkten oder Prioritätensetzungen getroffen werden können, die alle Jugendhilfebereiche einbeziehen. Damit soll es auch möglich sein, die in den Berichten auf den verschiedenen Ebenen festgehaltenen Planungsschwerpunkte nach vergleichbaren Kriterien zusammenzufassen. Diese umfangreichen und komplizierten Arbeiten haben noch keinen Abschluss gefunden.
Dieser erste Bericht zum Stand der Gesamtjugendhilfeplanung kann deshalb noch nicht die zusammengefasste Analyse des Vorhandenen vor dem Hintergrund der Beschreibung der Lebensbedingungen und -lagen von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien sowie ihrer Bedürfnisse und Bedarfslagen abgeben und die mittelfristig geplanten notwendigen Vorhaben beschreiben. Vielmehr spiegelt er den derzeitigen Stand der Entwicklung der Gesamtjugendhilfeplanung wider.
Im anschließenden zweiten Teil werden die erforderlichen Voraussetzungen, die zum Erreichen des oben ausgeführten umfassenderen Ziels des Berichts zur Gesamtjugendhilfeplanung erfüllt sein müssen, umrissen, ebenso wie die bislang erreichten Ergebnisse und Diskussionsstände, insbesondere im Bereich der Informationsgewinnung, -aufbereitung und -systematisierung (als Grundlage für fachliche Analysen und Konzeptentwicklungen) sowie die Querschnitts- und Einmischungsfunktionen der Jugendhilfeplanung.
Im dritten Teil werden die verschiedenen fachplanerischen Schwerpunktsetzungen im Rahmen der Jugendhilfeplanung sowie die Entwicklung der gesamtstädtischen fachübergreifenden Planungen und Schwerpunkte dargestellt. Im Schlussteil wird als Resümee auf die zu klärenden Fragen und die zukünftigen Aufgaben im Rahmen der gesamtstädtischen Fach- und Jugendhilfeplanung eingegangen.
2 Darstellung zum Stand der Entwicklung der Gesamtjugendhilfeplanung
Nach Inkrafttreten des SGB VIII zum 1. Januar 1991 und der darin eindeutig formulierten Gesamtverantwortung der Träger der öffentlichen Jugendhilfe für die Erfüllung der Aufgaben im Jugendhilfebereich einschließlich der Planungsverantwortung wurden Aufgaben der Jugendhilfeplanung bei der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport (damals „Jugend und Familie") auf Sachbearbeitungsebene wahrgenommen.
Im Oktober 1993 wurde das Referat „Jugendhilfeplanung, Statistik, Datenschutz" eingerichtet und damit eine erste organisatorische Voraussetzung für den Aufbau der Berliner Gesamtjugendhilfeplanung geschaffen.
Darüber hinaus konnte mit Beschluss des Senats vom 29. Juni 1993 zum 1. Januar 1994 in allen Berliner Jugendämtern jeweils eine Stelle für wissenschaftliche Mitarbeiter/innen zur Wahrnehmung der Aufgaben der bezirklichen Jugendhilfeplanung eingerichtet werden. Die Besetzung dieser Stellen erfolgte im Laufe des Jahres 1994. Mit der Einrichtung der bezirklichen Stellen waren die Voraussetzungen zur Mitwirkung der bezirklichen Jugendämter an der Gesamtjugendhilfeplanung gemäß §§ 41, 42
AG KJHG gegeben.
Bei einer im Kontext zur Berliner Verwaltungsreform in der Senatsverwaltung durchgeführten Organisationsentwicklung wurde die Gesamtjugendhilfeplanung dann im Oktober 1994 folgerichtig der neugebildeten ministeriell-gesamtstädtischen Abteilung Jugend und Familie ­ als der Abteilung mit gesamtstädtisch-steuernden Aufgaben ­ zugeordnet, hier dem Referat „Jugendhilfeplanung, Statistik, übergreifende Angelegenheiten der Jugendhilfe".
Entwicklung von Arbeits- und Organisationsstrukturen für die Berliner Jugendhilfeplanung
Seit Einrichtung der bezirklichen Stellen für Jugendhilfeplanung zum 1. Januar 1994 führt das Sachgebiet Gesamtjugendhilfeplanung regelmäßige Dienstbesprechungen mit den bezirklichen Fachkräften für Jugendhilfeplanung durch, Informations- und Zusammenarbeitsstrukturen wurden aufgebaut.
Im April 1994 gab es eine große, alle mit Jugendhilfeplanung befassten Bereiche und Träger der freien Jugendhilfe einbeziehende Auftaktveranstaltung zur Berliner Jugendhilfeplanung im FEZ Wuhlheide.
Auf dieser Tagung und durch die in der Folgezeit sich entwickelnde Zusammenarbeit zwischen Gesamtjugendhilfeplanung und bezirklichen Jugendhilfeplanungen wurde die Notwendigkeit deutlich, strukturelle und organisatorische Aspekte sowie Aufgaben der bezirklichen Jugendhilfeplanung ­ auch im Verhältnis zur Gesamtjugendhilfeplanung ­ zu definieren und festzulegen und eine fachlich gebotene personelle und Sachmittelausstattung zu benennen. Hierzu wurden die Ausführungsvorschriften zur Jugendhilfeplanung (AV-JHP) mit Wirkung zum 1. Februar 1997 erlassen.
Darüber hinaus gab es zwischen bezirklicher und gesamtstädtischer Jugendhilfeplanung ­ neben einer Vielzahl wechselseitiger Informationen, Anregungen, Austausch aufbereiteter Daten und Materialien ­ zahlreiche thematisch orientierte Arbeitsgruppen, regelmäßige Teilnahme an bezirklichen Jugendhilfekonferenzen und bilaterale Absprachen mit den Fachkräften für bezirkliche Jugendhilfeplanung.
Gemeinsam wurde ein Grundlagenpapier zu zentralen Konzepten und Methoden der Jugendhilfeplanung in Berlin erarbeitet („Stand der Diskussion der Jugendhilfeplanung", 1997).
Von der Gesamtjugendhilfeplanung wurden über die Auftaktveranstaltung hinaus mehrere gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen konzipiert und durchgeführt. Im einzelnen handelte es sich um drei Veranstaltungen zu Themen der Verwaltungsreform sowie je eine Veranstaltung zu Statistikfragen und zum Selbstverständnis und den Kooperationsstrukturen der Jugendhilfeplanung. Die nächste Fortbildungsveranstaltung zum Thema eines berlineinheitlich abgestimmten Berichtswesens im Rahmen der Jugendhilfeplanung ist für den Herbst dieses Jahres vorgesehen.
Zusammenarbeit mit den anderen Fachbereichen der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport Entwicklung und Aufbau von planungsbezogenen Strukturen der Zusammenarbeit mit und zwischen den leistungsbereichsbezogenen Fachreferaten der Abt. V (ministeriell-gesamtstädtische Abteilung Jugend und Familie), der Abt. VI (Landesjugendamt) und den Abteilungen Schule und Sport erfolgt im wesentlichen themenzentriert anhand der Vorhaben und Berichtsverpflichtungen im Rahmen der Gesamtjugendhilfeplanung.
Im einzelnen sind besonders zu nennen
- die Erste Gesamtberliner Feststellung des Bestandes an Einrichtungen und Diensten in der Jugendhilfe zum Stichtag 31. Dezember 1995, die Evaluation dazu, die Weiterentwicklung sowie die Folgeerhebungen,
- die Entwicklung und Erstellung eines ersten Berliner Landesjugendplans,
- der umfangreiche Beitrag des Bereichs Jugend zum Bericht über Angebote zur sozialen Versorgung in Berlin 1995/1996,
- der Bericht über die Bedarfsentwicklungsplanung für das Angebot an Tageseinrichtungen für Grundschulkinder.
Darüber hinaus waren bzw. sind weitere Punkte gemeinsamer Arbeit mit den Fachabteilungen und -referaten u. a. - fachübergreifende Koordinationsrunden,
- eine Vielzahl inhaltlicher, fachspezifischer ­ teilweise fachübergreifender ­ Arbeitsgruppen (z. B. zum Jugendaufbauwerk Berlin, zu Sozialräumen, zum interkommunalen Kennzahlenvergleich, zur Änderung der Jugendhilfestatistik, zur Angebotsplanung, zu JUHBIS),
- die Zusammenarbeit im Rahmen von Berichterstattung, Stellungnahmen usw.
Die in diesem Zusammenhang deutlich gewordenen Fragen zum Verhältnis zwischen Fachplanung und Gesamtjugendhilfeplanung wurden in der zuständigen Abteilung V ­ Jugend und Familie ­ thematisch bearbeitet und in einem Grundsatzpapier vom April 1998 definiert: „Die Referate der Abt. V nehmen mit ihrer Fachplanung an der Gesamtjugendhilfeplanung teil. Die Fachplanungen sind Bestandteil der Gesamtjugendhilfeplanung. Das Landesjugendamt ist für die Planung seiner eigenen Angebote und Aufgaben im Rahmen der bereitgestellten Mittel zuständig..." „Die Fachplanung als Bestandteil der Gesamtjugendhilfeplanung ist... zuständig für die Entwicklung und Festlegung fachpolitischer Zielaussagen, für die Entwicklung, Festlegung, Einführung und Evaluation von Fachstandards, für die Definition der Fachbegriffe, für die Entwicklung eines für die Fachplanung erforderlichen Datenkatalogs und für fachbereichsbezogene Bedarfsaussagen, u. a. auf der Grundlage qualitativer und quantitativer Bestandsdaten.... Fach- und Ressourcenplanung müssen auf allen Ebenen künftig stärker verzahnt werden."
Zusammenarbeit mit den Trägern der freien Jugendhilfe
Die Beteiligung von Trägern der freien Jugendhilfe an der Jugendhilfeplanung erfolgt im wesentlichen in den Jugendhilfeausschüssen bzw. auf gesamtstädtischer Ebene im Landesjugendhilfeausschuss, auf der Grundlage des § 71 SGB VIII und § 42 AG KJHG, und in gemeinsamen Arbeitsgemeinschaften nach § 78 SGB VIII.
Auf gesamtstädtischer Ebene sind die Träger der freien Jugendhilfe im Landesjugendhilfeausschuss vertreten. Die Gesamtjugendhilfeplanung wird unter seiner Beteiligung entwickelt. Hierfür hat der Landesjugendhilfeausschuss schon in der vorigen Wahlperiode einen eigenen Unterausschuss „Landesjugendhilfeplanung und Neue Steuerungsmodelle" gebildet.
Das Sachgebiet Gesamtjugendhilfeplanung hat hierfür geschäftsführende Aufgaben und ist in den Sitzungen regelmäßig vertreten. Im Unterausschuss werden im wesentlichen Jugendhilfeplanung berührende Fragen thematisiert.
Bei entsprechender Thematik ist das Sachgebiet Gesamtjugendhilfeplanung auch in den Sitzungen der anderen Unterausschüsse sowie des Landesjugendhilfeausschusses präsent.

References: § 79
 § 80
 § 42
 § 80
 § 71
 § 42
 § 78