Source: https://pinkstinks.de/wie-abtreibungswerbung-wirklich-aussieht/
Timestamp: 2019-10-18 02:39:54+00:00

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Wie Werbung für Abtreibung wirklich aussieht - Pinkstinks Germany
5 Millionen Euro. 1,25 Millionen über 4 Jahre verteilt. So viel Geld bekommt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, um eine Studie über die seelischen Folgen von Abtreibungen anfertigen zu lassen. Dieser Deal ist offenbar Teil des ausgehandelten Kompromisses zwischen SPD und CDU/CSU zum §219a. Und das ist auf so vielen Ebenen ein Schlag ins Gesicht aller Betroffener, dass man überhaupt nicht weiß, wo man anfangen soll. Vielleicht bei den kläglichen Resten dessen, was sich unter gewissen Umständen als positiv identifizieren ließe:
Das Anfertigen von wissenschaftlichen Studien ist grundsätzlich eine gute Sache.
Fakten zu eruieren, Zusammenhänge zu erkennen, Wissen zu mehren und daraus verantwortungsbewusst Schlüsse zu ziehen – dafür sind solche Untersuchungen eigentlich da. Nichts davon trifft auf die mit diesem satten Budget ausgestattete Studie zu. Stattdessen ist sie ein überteuertes Politikum, ein Trostpflaster mit Eurozeichen für diejenigen, die in der Debatte um die Paragrafen 218 und 219a nichts gegen eine Streichung vorzubringen haben. Denn diese Studien gibt es bereits. Ihnen zufolge leiden Frauen tatsächlich. Und zwar entweder darunter, dass man ihnen einen Abbruch verweigert, oder darunter, dass sie wegen eines Abbruchs gesellschaftlich stigmatisiert werden. Systembedingte Spätfolgen von Schwangerschaftsabbrüchen sind hingegen nicht bekannt.
Vielleicht hat Jens Spahn ja einfach keinen Bock, die entsprechenden Studien zu lesen, weil sie auf Englisch sind. Kellner*innen, die ihn in der Hauptstadt nicht in seiner Muttersprache ansprechen, nerven ihn ja auch. Vielleicht fällt ihm seine eigene Bigotterie auch nicht auf, obwohl sie vielen anderen förmlich ins Gesicht springt. Zur Erinnerung: Seine Kabinettskollegin, Bildungsministerin Anja Karliczek, möchte Studien darüber anfertigen lassen, was es für Auswirkungen auf Kinder hat, bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufzuwachsen. Auch diese Studien gibt es bereits dutzendfach – und diese genügen dem bekanntermaßen adoptionswilligen Jens Spahn. Er ist sich eben konsequent selbst der Nächste.
Auf jeden Fall scheint Jens Spahn nicht zu wissen wovon er redet,
wenn er in Interviews davon spricht, man müsse unbedingt verhindern, dass „auf Großflächen, in Anzeigen und in Flyern für Abtreibung“ geworben wird. Also schauen wir uns an wie die Dinge liegen, allerdings nicht ohne ausdrückliche Triggerwarnung.
In den meisten Großflächen, in Anzeigen und in Flyern findet sich nämlich, wenn überhaupt, dann Anti-Abtreibungsreklame. Die dahinterstehende Lobby kann praktisch machen, was sie will, ohne dafür belangt zu werden – auch in Deutschland. Der Verein Durchblick, für den sich unter anderem der CDU Abgeordnete Philipp Amthor engagiert, verschickt beispielsweise gerne kleine Plastikföten und mahnende Briefe per Post an politische Entscheidungsträger*innen. Einer der beiden Männer, die gerne Ärztinnen und Ärzte wegen „Werbung für Abtreibung“ anzeigt, ist der Betreiber der Webseite Babycaust, die Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust vergleicht.
Eine andere Seite mit dem Namen Kindermord schreckt nicht davor zurück, die Schrift am Tor von Auschwitz in ABTREIBEN MACHT FREI abzuändern. Alles gedeckt von dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Auf der Petitionsplattform Civil Petition findet sich eine Petition gegen Werbung für Abtreibung – mit entsprechender Bebilderung.
Dürfen die das? Aber ja doch: Ist ja schließlich nur Werbung für Abtreibung in einer Werbung gegen Abtreibung. Betreiber dieser Petitionsplattform ist übrigens der Verein Zivile Koalition. Erste Vorsitzende des Vereins: Die AfD Politikerin Beatrix von Storch. Vorbild dafür sind große US-amerikanische Kampagnen, die es nämlich längst nicht nur auf die Billboards geschafft haben,
sondern auch auf infame Weise, die Schwangerschaftskonfliktberatung von Planned Parenthood denunzieren, indem sie eine Werbung für Abtreibung in ihrem Namen vortäuschen, um moralische Entrüstung zu produzieren.
Und apropos Schwangerschaftskonfliktberatung: Der deutsche Verein Pro Femina, der nicht ganz zufällig wie Pro Familia klingen will, bietet mit seiner Kampagne 1000plus und einem Jahresetat von 3 Millionen € aus Spenden angeblich genau das an, obwohl kein Beratungsschein ausgestellt und dies den Beratungssuchenden verschwiegen wird. Den wollen sie auch gar nicht ausstellen, denn mit einem solchen könnten Betroffene ja tatsächlich einen Abbruch vornehmen lassen. Deshalb nennt der Vereinsvorsitzende den Schein auch in Interviews „Tötungslizenz„.
Das sind die Pflanzen, die auf dem deutschen Konzept von Zwangsberatung und „Werbeverbot gedeihen: Bestens finanzierte Vereine mit fancy Webseiten, die dem Papst und Peter Hahne gefallen und sich darüber hinaus nur oberflächlich die Mühe machen, ihre Anliegen zu verschleiern.
Und mit diesen Vereinen und anderen entsprechenden Organisationen die Art von „Informationen“ über Abtreibung, die man legal Verbreiten darf: Falschzitierungen, Lügen, Panikmache und derlei mehr.
Das leisten wir uns als Gesellschaft, da muss offenbar nicht eingegriffen werden.
Und weil wir im Gegensatz zu selbsternannten „Lebensschützern“ ein reales Interesse an einer faktenbasierten Debatte haben, zeigen wir an dieser Stelle tatsächliche Werbung für Abtreibung. Die gibt es nämlich in China und Südkorea wirklich. Teilweise schlimmer als das, was man sich hierzulande als Satire ausdenkt: In pink, im Brautkleid und mit Ansprachen wie „Wenn du sie liebst, gib ihr das Beste“ und „Tschüss Schmerz, Hallo Glück“.
„Schmerz- und sorgenfrei“, „Beende deine Schwangerschaft in 3 Minuten“ – das sind genau die Aussagen, die in Kombination mit Bildern von Abbrüchen als glamouröses Lifestyle Event in Deutschland verhindert werden sollen. Nur ging es darum überhaupt nicht, zu keinem Zeitpunkt. Es ging immer nur um Information. Und wenn Jens Spahn und seine Verbündeten endlich aufhören würden, sich in die Taschen zu lügen, und stattdessen mal ihre Hausaufgaben machten, dann käme dabei womöglich sogar eine sinnvolle, produktive Debatte heraus. Und eine sinnvollere Verwendung für 5 Millionen €.
11. Februar 2019 GOI Antworten
Ich verstehe das jetzt nicht ganz. Der §219a StGB existiert doch, um so Werbung wie in China und Korea zu verhindern.
Wenn die feministische Forderung (ersatzlose Streichung) umgesetzt wird, wer oder was kann dann solche Werbungen verbieten?
Zum Beispiel die Ständeordnung der Ärzteschaft. §219a behauptet lediglich ein Verbot von Werbung – tatsächlich aber geht es um die Befürchtung, dass gut informierte Frauen häufiger abtreiben.
https://pinkstinks.de/werden-und-wirken-von-%C2%A7219a/
12. Februar 2019 Helene Antworten
14. Februar 2019 Jenny Antworten
es gibt übrigens eine Petition gegen diese überflüssige Studie:
https://www.change.org/p/hallo-jensspahn-5-mio-sollten-in-hilfe-flie%C3%9Fen-nicht-in-hass-wasf%C3%BCrnspahn?recruiter=935844043&utm_source=share_petition&utm_medium=email&utm_campaign=share_email_responsive&recruited_by_id=0cdc2910-2ec9-11e9-a102-2f29527a5a66
Falls ihr diese noch verlinken möchtet.
14. Februar 2019 Eva Möller Antworten
Ich hab dazu auch noch die passende Petition. Wer also mehr tun will als diesen Artikel zu lesen:
http://chng.it/Pv5tXXHXzf
Der Text zur Petition ist vielleicht etwas emotional und polemisch und es lässt sich durchaus darüber diskutieren, wie man solche Texte verfasst, aber die Petition hat definitiv ihre Berechtigung!
14. Februar 2019 Marie Antworten
Meine seelischen Folgen aufgrund meines Schwangerschaftsabbruchs mit 17: Ich habe in Ruhe mein Abi gemacht, studiert und bin glücklich. Klar, es war natürlich nicht ganz so easy. Aber kein Trauma. Für mich war es damals schlimmer, als ich mich von meinem Freund getrennt habe. Und heute weiß ich ganz sicher, dass ich alles richtig gemacht habe. Und all die anderen Frauen, mit denen ich bisher gesprochen habe und die das gleiche durchgemacht haben, geht es ähnlich oder genauso. Meine Güte!!!! Dieses Thema wird leider viel zu sehr in unserer Gesellschaft tabuisiert. Und wenn sich mal jemand traut darüber zu sprechen, dann kommen wieder die meist patriarchalischen Moralapostel und predigen, wie verwerflich und falsch es sei, als Frau über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen.
9. September 2019 anton Antworten
bruder du hast sowas von recht!!
21. Februar 2019 lui Antworten
Ich finde ihr seid bei diesem Thema nichtmehr sachlich, ihr seid hier sehr einseitig auf der Position der schwangeren Frau (am besten Streichung des gesamten 219, also am liebsten Abtreibung bis zum Geburtstermin erlauben?). Patriarchat hin oder her, es gibt auch noch das Leben des ungeborenen Kindes, das doch auch zumindest ein bißchen zählen sollte.
Ich möchte daher die Antwort von GOI unterstützen. Welche Handhabe bietet denn die „Ständeordnung der Ärzteschaft“? Warum soll dort geregelt werden und nicht im Gesetz? Weil die Strafen geringer sind?
Es ist schön, dass wir uns einig sind, dass die gezeigten chinesischen Anzeigen kaum erträglich sind. Aber was ist dann noch erträglich und wer definiert? Ich denke die Grenze zwischen Information und Werbung ist fließend. Daher finde ich es gut, dass der neue §219a eine zwar enge, aber klare Grenze zieht. Auch Aldi „informiert“ doch nur über Preise.
Achja und zum Thema informationsdefizit. Im Internet gibt es doch genügend Informationen zur Abtreibung. Alleine Wikipedia. Es geht doch im 219a nur darum, dass nicht derjenige darüber „informiert“, der letztlich daran verdienen würde. Denn wie gesagt, wo ist denn die Grenze zur Werbung?
25. Februar 2019 Nils Antworten
Wir sind noch nicht mal ansatzweise in dem Bereich, wo die Grenzen zwischen Werbung und Information verschwimmen. Und in 219a geht es darum, dass die Person, die die Prozedur, die Folgen, die Kosten und alles, was damit zusammenhängt, am qualifiziertesten darlegen kann, den Mund verboten bekommt. Stattdessen landen die Betroffenen dann auf Seiten wie babycaust. Und nein, Wikipedia ist nicht nur in diesem Fall keine Alternative.
28. Februar 2019 lui Antworten
ich gebe zu ich bin Laie auf dem Gebiet der Werbepsychologie. Aber wer definiert denn die Grenze zwischen Information und Werbung? Wo genau ist die Grenze zwischen der Aldi-Werbung und der chinesischen Plakatwand?
Um mal ganz niederschwellig zu bleiben: Macht nicht schon die gewählte Hintergrundfarbe oder Schriftart „Werbung“ für eine Sache?
Wenn Preise angegeben sind, wer hindert dann zB Vergleichsportale daran, Preisvergleich bei Abtreibungen auszuspucken? Ist das alles wirklich so erstrebenswert?
Ich stimme zu, dass eine medizinisch bewanderte Person die medizinischen Fragen am besten beantworten kann (finanzielle ja nicht unbedingt). Aber wenn man doch weiß, dass eine Ärztin Abtreibungen durchführt, so kann man doch dort die persönliche Beratung in Anspruch nehmen. Mir ist wirklich nicht klar, wo genau hier das Problem liegt.
1. März 2019 Nils Antworten
Tja, wo fang ich da an? Versuchen wir es mal von hinten nach vorne. Paragraf 219 Strafgesetzbuch: Der Arzt, der den Abbruch der Schwangerschaft vornimmt, ist als Berater ausgeschlossen. Das heißt, um Kristina Hänel als Beispiel heranzuziehen, dass sie mit einer Betroffenen das Für und Wider eines Abbruchs nicht erörtern kann. Ihr unterstellt der Staat, grundsätzlich einen Abbruch vornehmen und sich bereichern zu wollen. Wenn das so wäre, dann würde dies für ALLE Mediziner*innen und für ALLE medizinischen Eingriffe gelten. Dann sollte eine behandelnde Person dich nie beraten.
Den Betroffenen unterstellt der Staat hingegen Unmündigkeit und erhebt sich zum Vormund, indem er Information zensiert und monopolisiert und Betroffene in ein Beratungsgespräch zitiert.
Und was die Werbung angeht: Genau! Wenn hier solche Anzeigen wie in China geschaltet würden, wäre das zweifelsohne Werbung und in der Form ein Problem. Aber darum ging es in der Debatte nie und auch bei 219a nicht. Es gäbe bessere Möglichkeiten, derlei Werbung zu verhindern als das Strafgesetzbuch.
8. März 2019 lui
ich meinte mit Beratung nicht die allgemeine Beratung, also
Für und Wider hinsichtlich einer Schwangerschaft oder Abtreibung. Sondern die Klärung medizinischer Fragen, (Varianten, mögliche Folgen etc) also das, worin eine Ärztin kompetent ist. Ich bin gesetzeslagetechnsich nicht firm, aber ich gehe mal davon aus, dass die Ärztin einer Patientin diese Informationen durchaus in einem Ärztin-Patientin-Gespräch mitteilen darf. Und ein solches Gespräch sollte doch wohl ohnehin vor jeder Abtreibung stattfinden (oder meinen Sie ernsthaft, dass die Ärztin vor einer Abtreibung die Patientin nicht medizinisch aufklären darf? Das kann ich mir garnicht vorstellen. Sollte es doch so sein, wäre es natürlich quatsch).
Warum ein Arzt nicht die Pflichtberatung durchführen darf ist doch sehr plausibel. Es geht nicht um eine allgemeine Unterstellung, sondern um ein Sichergehen, einen Schutz. Denn, natürlich kann ein wirtschaftlicher Anreiz für manche Ärzte zu einer Beratungstendenz führen. Diese Eventualität schließt die Beratungspflicht bei Dritten eben aus. Wo ist das Problem?
In Sachen Werbung stimmst Du mir zumindest teilweise zu? Aber die Alternativen zur heute strengen Regelung nennst Du nicht. Wenn eine wichtige Sache rechtlich fixiert werden soll, ist m.E. ein Gesetz schon der richtige Weg.
Achja, und Ist es nicht auch eine Unterstellung von Unmündigkeit, wenn man es schwangeren Frauen abspricht fähig zu sein, erstens einen Termin bei einer Ärztin zu machen um medizinische Fragen zu kären und zweitens um einen Termin bei einer Beratungsstelle anzusetzen? Stattdessen zu unterstellen, dass sie sich von Websites a la Babycaust ihre Entscheidung diktieren lassen?
Danke, however, für die Diskussion!
10. März 2019 Nils
warum Ärztin oder Arzt, die den Eingriff vornehmen würden, nicht beraten dürfen, ist nicht plausibel. Es sei denn, dieses Prinzip würde für alle Eingriffe gelten, die vorgenommen werden. Das ist nicht der Fall.
In Sachen Werbung stimme ich dir dahingehend zu, dass die Werbung, wie sie in China läuft, so nicht in Ordnung ist. Aber selbst dafür ist §219a nicht die richtige Maßnahme, wie ich an anderer Stelle schon mal gezeigt habe.
Und was deinen Punkt mit der unterstellten Unmündigkeit von Frauen anbelangt: Nein. An der Stelle verdrehst du meines Erachtens nach die Tatsachen, weil niemand behauptet hat, dass grundsätzlich keine Frau in der Lage dazu wäre, einen derartigen Beratungstermin wahrzunehmen.
23. Februar 2019 Lucy Antworten
Ich bin irritiert- wieso wird die Beratungspflicht im Artikel problematisiert?
Da gibt es zahlreiche Gründe für. Als einer sei hier nur genannt, dass die beratende Person per Gesetz dazu verpflichtet ist, die ungewollt Schwangere in ihrer Entscheidung dahingehend zu beeinflussen, das Kind auszutragen. Im Internet lässt sich nicht erkennen, mit wie viel „Sendungsbewusstsein“ die beratenden Person vorgeht und Betroffene haben in diesem Pflichtsystem nicht mal die Möglichkeit zu jemandem zu gehen, der medizinisch in der Lage wäre, sie adäquat zu beraten und dem oder der sie vertrauen.
„medizinisch in der Lage wäre“ – geht es bei der Beratung darum? Ich glaube medizinisch ist hier falsch.
26. Februar 2019 Lucy Antworten
Schwangerschaftskonfliktgesetz, Abschn.2 §5 Satz 1: „Die nach § 219 des Strafgesetzbuches notwendige Beratung ist ergebnisoffen zu führen. Sie geht von der Verantwortung der Frau aus. Die Beratung soll ermutigen und Verständnis wecken, nicht belehren oderbevormunden. Die Schwangerschaftskonfliktberatung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens.“
Ich lese da von gesetzlicher Seite kein, wie du es nennst, „Sendungsbewusstsein“ oder den Rahmen einer Beeinflussung raus. Über den letzten Satz lässt sich vllt streiten, vor allem weil er eine bestimmte moralische Weltanschauung transportiert.
Ich stimme dir auch in soweit zu, dass es sicherlich auch Beratende gibt, die ihren professionellen Rahmen sprengen und Grenzen übertreten. Die finden wir aber überall und in jeder Profession, hinsichtlich ungewollter Schwangerschaft zB auch bei GynäkologInnen.
Dass es Frauen unglaublich erschwert wird, sich von einer medizinischen Fachkraft beraten zu lassen finde ich auch unmöglich und ungeheuerlich.
Dennoch halte ich die generelle (ergebnisoffene) Beratungspflicht für sinnvoll. Gesetze werden eben für die Allgemeinheit gemacht. Wenn das bedeutet, dass sich manche betroffene Frauen davon bevormundet fühlen ein im Zweifelsfall sehr kurzes Gespräch aushalten zu müssen, dann nehme ich das als Bürgerin und Sozialarbeiterin in Kauf, wenn ich dafür Frauen erreiche, die durch ein solches Gespäch Klarheit und Orientierung für ihre Entscheidungsfindung bekommen und auf der Basis von umfangreicher Information über ihre Möglichkeiten eine Entscheidung für sich treffen, mit der sie und nur sie, gut leben können.
26. Februar 2019 Nils Antworten
Ich lese in dem, was du (aus welchen Gründen auch immer) nicht zitiert hast dieses Sendungsbeswusstsein sehr wohl raus. Zu Paragraf 219:
1) Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen; sie soll ihr helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen. Dabei muß der Frau bewußt sein, daß das Ungeborene in jedem Stadium der Schwangerschaft auch ihr gegenüber ein eigenes Recht auf Leben hat und daß deshalb nach der Rechtsordnung ein Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmesituationen in Betracht kommen kann, wenn der Frau durch das Austragen des Kindes eine Belastung erwächst, die so schwer und außergewöhnlich ist, daß sie die zumutbare Opfergrenze übersteigt. Die Beratung soll durch Rat und Hilfe dazu beitragen, die in Zusammenhang mit der Schwangerschaft bestehende Konfliktlage zu bewältigen und einer Notlage abzuhelfen. Das Nähere regelt das Schwangerschaftskonfliktgesetz.
Ich finde es richtig, dass sichergestellt wird, dass es sich um eine besondere „Schwere und Außergewöhnlichkeit“ handelt. Das ist glaube ich schon rechtlich wichtig, um das Grundgesetz einzuhalten (Würde des Menschen, vielleicht noch weitere Absätze, die das Leben unter Schutz stellen).
Wir zitieren von ganz unterschiedlichen Enden der Wurst- du zitierst aus dem Strafgesetzbuch und ich aus dem Gesetz zur Vermeidung und Bewältigung von Schwangerschaftskonflikten (SchKG). In den Gesetzen finden sich Widersprüche. Das liegt wohl aber auch in der Natur der Sache- es stehen Bedürfnisse gegeneinander. Die der Frau auf Selbstbestimmung und die des Ungeborenen auf Leben.
Ich finde den von dir zitierten Paragraphen auch furchtbar und kriminalisierend. Darin spiegelt sich die Haltung gegenüber Betroffenen der gesetzgebenden Instanz stark wieder.
Die Haltung, die sich in diesen Gesetzen wiederfindet bemängel ich auch.
davon ausgehend, dass viele, wenn nicht sogar die meisten der Betroffenen eine ungewollte Schwangerschaft als belastend wahrnehmen und erst einmal überfordert sind und nicht weiter wissen, erfüllt der Zwangskontext der Beratung wohl in der Praxis eine umfassende Information dessen, was möglich wäre, wenn das Kind ausgetragen würde. Möglichst umfassende Information auf deren Grundlage die Betroffenen eine Entscheidung für sich treffen können, wo Bedenken wie: das Geld reicht nicht, wie soll ich meine Ausbilung/mein Studium zu Ende bringen, als Alleinerziehende klappt das nie, usw usw- mittels Fakten und Wegen (Wohngeld, Unterhaltsansprüche, Urlaubssemester, etc.) ausgelotet werden KÖNNEN. Damit die Entscheidung gegen das Kind nicht aus Angst getroffen wird.
Ein Versuch des Staates, das ungeborene Leben zu schützen, ohne der Schwangeren die Selbstbestimmung über ihren Körper und ihren Lebensweg zu nehmen.
Zeigen was möglich WÄRE.
Und das im Rahmen einer ERGEBNISSOFFENEN Beratung, in der nicht belehrt oder bevormundet werden darf und bei der Mitwirkungs- und Gesprächsbereitschaft nicht erzwungen werden dürfen. (Vgl. Abschnitt 2, §5 SchKG)
Also anders gesagt- wenn ich mir super sicher bin und das Ganze so schnell als möglich hinter mich bringen will, kann ich zügig mit der Bescheinigung wieder raus.
Da verstehe ich die Problematik der Beratungspflicht nicht wirklich. Zwangskontexte sind nie schön, aber in diesem Fall heiligt er sein Mittel, nämlich die Information.
Ich möchte mich erstmal bei dir für den werschätzenden Stil deiner Beiträge hier bedanken. Wir sind offenbar nicht komplett einer Meinung, aber das müssen wir ja auch nicht sein. Mir geht es nicht darum zu behaupten, dass die Situation in Deutschland immer maximal katastrophal ist. Mir geht es darum, dass entweder ganz frontal oder durch die Hintertür eine Unmündigkeit der Frau behauptet wird und von themenfremden Leuten immer wieder falsche Behauptungen in den Raum gestellt oder sogar Lügen verbreitet werden. So weigern sich die meisten Abtreibungsgegner*innen konsequent zur Kenntnis zu nehmen, dass die Mehrheit der Betroffenen entweder schon Kinder hat und/oder noch welche bekommen wird.
Und was die Beratungspflicht angeht: Ich bin mir sicher, dass das auch reibungslos funktionieren kann. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich der Staat hier als Vormund für Abtreibungswillige aufspielt. Um es mal drastisch zu formulieren: Ein Staat, der nicht dafür sorgt, dass für alle Kinder Chancengleichheit besteht (eben auch für die, die dann in seinem Sinne ausgetragen und womöglich zur Adoption freigegeben werden), hat Betroffenen überhaupt nichts zu sagen.
Ich würde Unmündigkeit mit Uninformiertheit ersetzen, zumindest was die Gesetzestexte angeht.
Dass es Abtreibungsgegner teilweise deutlich übertreiben, sehen hier glaube ich fast alle so. Ich möchte allerdings noch hinzufügen, dass sicherlich auch die Gegenseite nicht immer um Neutralität und Fakten bemüht ist.
Der Staat „spielt sich als Vormund auf“, um das ungeborene Leben zu schützen, was seine Pflicht ist. Bist du dagegen, oder stört dich die Art, wie es getan wird?
„hat Betroffenen überhaupt nichts zu sagen“ – falsch. Ich kann die Argumentation zwar nachvollziehen, der Schutz von Leben hat aber eine ganz andere Qualität, als das Sicherstellen von Chancengleichheit. Davon abgesehen ist das nach dem Motto „erst einmal das machen, bevor du das tust“. Beides ist wichtig und deshalb sollte man diese Dinge nicht aneinander knüpfen.

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