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Timestamp: 2019-12-11 16:31:32+00:00

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Lotsendienst im Hilfesystem | Hausarbeiten publizieren
Systemisches Case Management für versorgende Angehörige von Demenzerkrankten
2. Demenz und versorgende Angehörige
2.1 Definition von Demenz
2.2 Epidemiologie der Demenz
2.3 Prävalenz der Demenz
2.4 Logik der Demenz
2.4.1 Medizinische Aspekte der Demenz
2.4.2 Klassifikation der Demenz
2.4.3 Stadien der Demenz
2.5 Versorgungsbedürfnisse von Demenzerkrankten
2.6 Demenz als Krankheit der privaten Bezugssysteme
2.7 Versorgende Angehörige
2.7.1 Charakteristika versorgender Angehöriger von Demenzerkrankten
2.7.2 Lebensqualität von versorgenden Angehörigen
2.7.3 Motivation für die Versorgungsleistung
2.7.3.1 Die Verfügbarkeit
2.7.3.2 Die Selbstverständlichkeit
2.7.4 Belastungen von versorgenden Angehörigen
2.7.4.1 Gesundheitliche Belastungen
2.7.4.2 Zeitliche Belastungen
2.7.4.3 Familiäre Belastungen
2.7.4.4 Finanzielle Belastungen
2.7.4.5 Psychische Belastungen
2.7.4.6 Abschied und Trauer
2.7.4.7 Von der Belastung zur Überlastung
2.7.5 Positive Aspekte
3. Case Management - vernetzende Unterstützung für versorgende Angehörige von Demenzerkrankten
3.2 Case Management und systemisches Case Management
3.3 Theoretischer Hintergrund des Case Managements
3.3.1 Die Lebensweltorientierung
3.3.2 Die Ökonomisierung
3.3.2.1 Die ökosoziale Handlungstheorie
3.3.2.2 Betriebswirtschaftliche Aspekte
3.4 Case Management Funktionen
3.5 Die Methode des Case Managements
3.5.1 Die Vorgehensweise
3.5.1.1 Das Intake
3.5.1.2 Das Assessment
3.5.1.3 Die Leistungsplanung
3.5.1.4 Durchführung der Hilfe
3.5.1.5 Monitoring
3.3.1.6 Advocacy
3.5.1.7 Evaluation
3.5.2 Einsatzbereiche der Methode
3.5.3 Finanzierung der Methode
3.6 Kompetenzen der Case ManagerInnen
3.7 Schlüsselqualifikationen der Case ManagerInnen
3.7.1 Systemische Beratung
3.7.2 Krisenintervention
3.7.3 Koordination
3.8 SozialarbeiterInnen als Case ManagerInnen
4. Lotsendienst im Hilfesystem
4.1 Case Management und die Systeme
4.1.1 Die Systeme
4.1.2 Systeme und Kommunikation
4.2 Case Management und die Versorgung von Demenzerkrankten
4.3 Case Management auf Einzelfall und Systemebene
4.3.1 Case Management auf Einzelfallebene
4.3.2 Case Management auf der Systemebene
4.4 Die Praxis des Case Managements - ein Fallbeispiel
4.4.1 Das Intake
4.4.2 Das Assessment
4.4.2.1 Die lebensweltliche Seite
4.4.2.2 Die professionelle Seite
4.4.3 Die Leistungsplanung
4.4.4 Durchführung der Hilfe
4.4.6 Advocacy
4.4.7 Evaluation
“ Die Summa summarum des Alters ist eigentlich niemals erquicklich. “
Die derzeitige demografische Entwicklung führt zu einer Veränderung der Altersstruktur. Deutschland ist zurzeit weltweit das Land mit dem vierthöchsten Durchschnittsalter der Bevölkerung und das Land mit dem dritthöchsten Anteil der Bevölkerung ab 60 Jahren. Das statistische Bundesamt prognostiziert innerhalb der kommenden fünf Jahrzehnte eine Zunahme der Menschen über 60 Jahre von gegenwärtig 19 Millionen auf ca. 25 Millionen.1 Die Alterung der Gesellschaft wird sich weiterhin fortsetzen. Der sich aktuell abzeichnende demografische Prozess beinhaltet zwei, zwar getrennte, aber doch mit einander verwobene Aspekte:
- Zum einen den Rückgang der Fertilitätsrate und die damit sich verändernden Familienstrukturen.
- Zum anderen die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung mit den damit verbundenen Risiken hinsichtlich materieller, sozialer, physischer, psychischer Ressourcen.
Die Bevölkerung verändert sich also von zwei Seiten, da die jungen Generationen schwächer besetzt sind als die Generationen ihrer Eltern, die immer länger leben. Singularisierung, Pluralisierung der Lebensformen, die rückläufigen Geburtenraten sowie die Flexibilisierungsanforderungen im Rahmen des Erwerbslebens sprengen tradierte Generationsverträge zwischen alten Menschen und ihren Angehörigen bzgl. einer Versorgung respektive Pflege im Alter.2
Die Bedeutung der Zunahme altersbedingter Multimorbidität für Gesellschaft und Individuum verschärft sich, sollten sich die Prognosen der Demographen bewahrheiten. Besonderes Augenmerk muss in diesem Zusammenhang auf die Demenzerkrankung gelegt werden. Aktuell leiden heute etwa 1,2 Mio. Menschen in Deutschland an einer Demenz, der überwiegende Teil dieser Personen wird von Angehörigen im häuslichen Umfeld versorgt.3 Die Demenz ist untrennbar mit den steigenden Lebensjahren verknüpft.4 In Verbindung mit dem demografischen Alterungsprozess bei gleichzeitig abnehmendem Jugendquotienten wird die zukünftige Versorgung der Erkrankten durch die immer älter werdenden Angehörigen problematisch, vor allem, wenn jüngere Generationen als Entlastungspotential fehlen.
Für die Soziale Arbeit als Disziplin und Profession stellt die demografische Alterung in Verbindung mit der Demenzerkrankung zugleich Herausforderung und Chance dar. Trotz aller Fortschritte der Demenzforschung ist der wissenschaftliche Durchbruch hinsichtlich einer Heilung nicht in Sicht. Auf Grund der demografischen Entwicklung müssen passende Hilfe- und Versorgungssysteme für Betroffene und versorgende, alternde Bezugssysteme entwickelt werden, um durch den zukünftigen Anstieg der Krankheitsfälle eine adäquate Versorgung der Betroffenen sicher zu stellen.
Gerade hier hat die Soziale Arbeit mit wissenschaftlich fundierter Professionalität eine Chance, sich neben den Disziplinen Pflege sowie Medizin gleichberechtigt und selbstbewusst zu behaupten. Soziale Arbeit kann durch die Verortung des Case Managements in ihre Disziplin eine neue, zukunftsorientierte Ausrichtung finden, die den wirtschaftlichen Anforderungen hinsichtlich Effektivität und Effizienz in einem für sie spezifischen Berufsfeld entspricht und deren Be(tr)achtung über die sozialen Dienste, angesiedelt in Institutionen wie u. a. Altenheimen, hinausgeht.
Dem Demenz - Problem und den damit verbundenen Versorgungsschwierigkeiten kann die Brisanz nur interdisziplinär durch Formen eines vernetzten Diskurses von Sozialer Arbeit, der Medizin, der Rechtswissenschaft, der Pflegewissenschaften und der Soziologie genommen werden. Dabei darf keine Disziplin das Wissen anderer Disziplinen annektieren. Die Soziale Arbeit hat durch ihre generalistische Fundierung innerhalb eines interdisziplinären Diskurses einen zentralen Stellenwert bei der Entwicklung von Lösungsansätzen der diesbezüglichen Demenz - Problematik.
Dieser Prolog bildet die Grundlage des Themas „Lotsendienst im Hilfesystem - Case Management für versorgende Angehörige von Demenzerkrankten“. Intention der vorliegenden Arbeit ist die Darstellung der Bedeutung des Case Managements für versorgende Angehörige von Demenzerkrankten im Kontext einer häuslichen Versorgung. Neben der Materie der vielschichtigen Belastungen, mit denen Angehörige durch die Versorgung eines dementiel erkrankten Menschen konfrontiert werden, nimmt die Beschreibung des Case Management Prozesses als Realisierung einer ambulanten, integrierten Versorgung des erkrankten Menschen einerseits, als Unterstützung und Entlastung des versorgenden Personenkreises andererseits einen zentralen Stellenwert ein.
Die Problematik der Sprachregelung bei der Sorge um und für alte Menschen hat mittlerweile dazu geführt, dass der handwerkliche Aspekt von Pflege dominiert. Der oft viel schwieriger zu bewältigende kommunikative, aber auch sozialpflegerische Bereich als eigentlicher Belastungsfaktor tritt in den Hintergrund.5 Zur Differenzierung der Begrifflichkeiten „Pflege“ und „Versorgung“ ist an dieser Stelle ein Exkurs erforderlich. Das SGB XI § 14 Abs. 1 - 4 definiert den Pflegebedürftigkeitsbegriff. Demnach sind:
„… Personen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelm äß ig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichem oder höheren Maße ( § 15) der Hilfe bedürfen …“ pflegebedürftig.6
Der Begriff Pflege setzt je nach Perspektive eine strikte Grenzziehung zwischen „Versorgung“ und „Pflege“ voraus. Bei versorgenden Angehörigen ist diese Grenze oft fließend.7 Eine Versorgung im gerontologischen Sinn versteht sich als ganzheitliches Konzept, das multidisziplinäre Sichtweisen zeigt (wobei sich Gerontologie als Wissenschaft vom Alter definiert, die methodisch interdisziplinär verfolgt wird8 ). Eine derartige Versorgung beinhaltet neben der klinischen Behandlung auch die ambulante, häusliche - gesundheitliche, pflegerische und psychosoziale Unterstützung alter Menschen durch informelle oder formelle Bezugssysteme.9 An Demenz erkrankte Menschen sind entscheidend auf versorgende Angehörige angewiesen. Diese Personengruppe umfasst meistens Verwandte, allerdings auch solche Personen, die - ohne Familienmitglied zu sein - durch die Versorgungsübernahme des Erkrankten dessen Verbleib im häuslichen Umfeld sicherstellen.10 In dieser Arbeit wird der Begriff Versorgung synonym mit dem Begriff Betreuung verwendet, der in diesem Zusammenhang außerhalb der rechtlichen Bedeutung steht.
Den Gedankenschluss eines jeweiligen Kapitels bilden ein Gedicht, ein Interview, ein Auszug aus einem Buch sowie ein Fallbeispiel. Zentraler Aspekt dieser Kapitelausklänge ist die Herstellung eines praxisorientierten Bezuges zwischen den jeweiligen Kapiteln sowie die Einstimmung auf die jeweiligen Themenabschnitte.
Bedürfnisse eines Demenzerkrankten
Halt Deine Hände warm für mich sind nur noch ein paar Schritte ich komm ja schon, ich bin ganz dicht ich finde nur die Straße nicht will doch in Deine Mitte.
Halt Deine Hände warm für mich Bis ich Dich endlich finde Du hast Dein Dorf weit rausgebaut Im Wald, im Busch, im Bilsenkraut Ich suche Deine Linde.
Halt Deine Hände warm für mich Ich will Dir was erzählen Vom Schattenstaub, vom Lautgesicht Vom Ruhegeist, vom Innenlicht Du kannst Dir etwas wählen.
Halt Deine Hände warm für mich Dann leih ich Dir mein Leben Es rauscht der alte rote Fluss Ein Wind, ein Boot, ein Baum, ein Kuss Nur zwischen jetzt und eben.
Maximilian Reeg
„ Courage ist gut - Ausdauer ist besser “
Demenz und versorgende Angehörige bilden eine der großen gesellschaftlichen und sozialpolitischen Herausforderung dieses Jahrhunderts. Z. Zt. gehört die Demenzerkrankung zu den häufigsten und folgenschwersten Erkrankungen im Alter. In Deutschland leiden aktuell über eine Million Menschen - bezogen auf 65 Jahre und älter - an diesem Krankheitsbild, die Anzahl der Neuerkrankungen betragen mindestens 200.000 pro Jahr.11 Gegenwärtig wird die Mehrheit der Erkrankten von Angehörigen im häuslichen Umfeld versorgt.12
2.1 Die Definition von Demenz
Der Begriff Demenz ist lateinischen Ursprungs. In der Übersetzung bedeutet die Krankheit „ohne Geist“ (de = weg, ohne; mens = Geist, Verstand).13 Demenz ist ein Syndrom: Es existiert eine Gruppe von Symptomen oder Beschwerden, die kombiniert auftreten können. Die Erkrankung ist charakterisiert durch ein Gedächtnisdefizit, verbunden mit einer Beeinträchtigung des
Urteilsvermögens, des abstrakten Denkens und / oder mit Persönlichkeitsveränderungen.14 (In diesem Zusammenhang ist es angebracht, den Begriff „Persönlichkeit“ von dem Begriff „Person“ zu differenzieren. Eine Person ist der Mensch durch seine Grundfähigkeit zu Selbstbewusstsein und bewusstem Verhalten seinen Mitmenschen und seiner Umwelt gegenüber. Die Persönlichkeit wird bestimmt durch besondere Fähigkeiten und Charakterzüge, die die Person ausmachen.15 )
In der einschlägigen Literatur existiert keine einheitliche Definition des Krankheitsbildes Demenz, allerdings herrscht inzwischen generelle Übereinstimmung, dass der Begriff Demenz ganzheitlich, d. h. auf die Person und nicht nur singulär auf das Gehirn zu verstehen ist.16 Eine Demenz liegt definitionsgemäß nur dann vor, wenn die Störungen so massiv sind, dass berufliche und soziale Kompetenzen beeinträchtigt werden. Das bedeutet, dass die psychosozialen Auswirkungen kognitiver Beeinträchtigungen entscheidend für das mögliche Bestehen einer Demenz sind.17
Die Bestimmung der Häufigkeit (Epidemiologie) der Demenz spielt eine große Rolle für die immer wichtiger werdende Entstehung von Hilfs- und Versorgungsstrukturen. Legt man die vorherrschende Bevölkerungsprognose zugrunde, ist alleine nur für das Jahr 2040 mit fast 3,0 Millionen und für das Jahr 2050 mit etwa 3,5 Millionen Demenzkranken zu rechnen. Die Anzahl der zu versorgenden Menschen wird sich in den nächsten 30 bis 40 Jahren verdoppeln.18 Selbst wenn die finanziellen Ressourcen für eine häusliche und medizinische Versorgung aufgebracht werden, wird zukünftig ein Mangel an personeller Versorgung dieses Personenkreises herrschen.19 Aktuell leben 34 % der Männer über 80 Jahre und 65 % der über 80 Jährigen Frauen bereits in 1 - Personen - Haushalten.20 Der Rückgriff auf eigene Kinder wird, sollte die abnehmende Fertilitätsrate zukünftig Bestand haben, der gegenwärtige Erwerbsgeneration nur im geringen Maße möglich sein.
Die Prävalenzrate wird durch das Vorherrschen und die Verteilung von Demenzfällen in der Bevölkerung bestimmt. Schätzungen der Prävalenz sind für die Planung von Hilfsangeboten und Versorgungseinrichtungen bedeutend.21 Entsprechend der Darstellung der Gesundheitsberichterstattung des Bundes im November 2005 nimmt die Prävalenz der Demenz bei Frauen und Männern mit dem Alter deutlich zu. Sie liegt bei den 65 - 69 Jährigen bei 1,5 %, verdoppelt sich dann im Abstand von jeweils 5 Altersjahren. Die exponentielle Zunahme findet nur bis zu der Altersgruppe der 80 - 84 - jährigen Menschen statt, während sie oberhalb von 85 Jahren wieder abflacht.22
Demenzen können auch in jüngeren Jahren auftreten, allerdings existieren keine repräsentativen Studien bzgl. ihrer Prävalenz. Die Rate der im Alter von 30 bis 59 Jahren auftretenden entsprechenden Symptome entspricht etwa 0,1 %, die geschätzte Gesamtzahl der Krankheitsfälle in Deutschland liegt bei 20.000.23
Weitaus mehr Frauen als Männer sind von einer Demenzerkrankung betroffen.24 Das mag daran liegen, dass Frauen generell eine höhere Lebenserwartung als die männliche Vergleichsgruppe haben, verbunden mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko und einer längeren Überlebensdauer als Männer. Der Frauenanteil einer Neuerkrankung sowie einer bestehenden Erkrankung liegt bei 70 % im Gegensatz zu 30 % der männlichen Vergleichsgruppe.25
2.4 Die Logik der Demenz
Um die Logik hinsichtlich des symptomatischen Verlaufs einer Demenzerkrankung darzustellen, ist vorab ein kurzer Exkurs zur Funktion des menschlichen Kurz- und Langzeitgedächtnisses erforderlich. Der Mensch besitzt zwei Möglichkeiten, sich zu erinnern:
- Mittels des Kurzzeitgedächtnisses
Alle Informationen und Eindrücke von außen gelangen zunächst in das Kurzzeitgedächtnis und werden, auf Grund dessen begrenzter Speicherkapazität, dort 20 - 30 sec. festgehalten.
- Mittels des Langzeitgedächtnisses
Informationen sowie Eindrücke, die ein Individuum, bewusst oder unbewusst, lebenslänglich behalten möchten, werden dort abgelegt. Es hat eine unbegrenzte Speicherkapazität und beinhaltet erklärende, auf Abruf gespeicherte Daten, ferner Daten von Verhaltensweisen, die irgendwann einmal erlernt wurden.26
Um Daten von dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis zu überführen, sind Anstrengung und Energie in Form von emotionaler Betroffenheit (positiver wie negativer Art), Konzentration, Wiederholungen und / oder bildhaftes Vorstellungsvermögen notwendig. Insgesamt handelt es sich bei diesem Prozess um ein aktives Bemühen des Menschen. Personen, die von einer Demenzerkrankung betroffen sind, weisen zwei Gesetzmäßigkeiten auf:
Zum einen haben sie ein gestörtes Kurzzeitgedächtnis und können Informationen nicht von dort in das Langzeitgedächtnis transportieren. Erinnerungen, die länger als 20 - 30 sec. zurückliegen, gehen unwiederbringlich verloren. Zum anderen zeigen die Betroffenen eine Störung des Langzeitgedächtnisses, die langfristig zum vollständigen Gedächtnisverlust führt.27 Dieser Vorgang ist bildlich vergleichbar mit einem Bücherregal. Jedes Buch im Regal symbolisiert ein Lebensjahr, wobei das letzte Buch die jüngsten gespeicherten Erinnerungen des Langzeitgedächtnisses symbolisiert. Die Neigung des letzten Buches führt zu einem Gefälle der davor stehenden Bücher. Übertragen auf das Langzeitgedächtnis eines Demenzerkrankten fallen die Erinnerungen im Langzeitgedächtnis ab, wobei alles Wissen entsprechend der Lebensjahre rückläufig verloren gehen. Lediglich die ersten 5 Jahre eines Lebens (ausgehend von der Geburt bis zum 5. Lebensjahr) bleiben bestehen.
Demenz wird in die Gruppe der gerontopsychiatrischen Krankheiten (darunter sind die psychiatrischen Erkrankungen von Menschen über dem 65. Lebensjahr zu verstehen.28 ) eingeordnet. Zwei Kriterien müssen erfüllt sein, um von einer Demenzerkrankung sprechen zu können:
- Die entscheidende Abnahme der intellektuellen Leistungsfähigkeit
- Beeinträchtigungen in den persönlichen Aktivitäten des persönlichen Lebens.29
Die beiden häufigsten Demenzformen sind die Demenz vom Alzheimertyp mit einem typischerweise schleichendem Beginn sowie die vaskuläre Demenz mit plötzlichem Beginn und starken Schwankungen im Krankheitsverlauf.30 Entscheidende Faktoren, die der Entstehung einer Demenz zugeschrieben werden können, sind unbekannt. Wissenschaftler fanden heraus, dass Menschen mit unauffälligen klinischen Befunden post mortem dieselben Veränderungen des Gehirngewebes aufweisen können wie an Demenz - erkrankte Menschen. Selbst nach dem Tod ist eine Aussage bzgl. einer faktischen demenziellen Erkrankung nicht zuverlässig möglich.31 Die Relevanz einer genetischen Disposition hinsichtlich der potentiellen Versorgung von Demenzerkrankten durch ihre Familienangehörigen ist nicht zu unterschätzen.32 Gerade Familienangehörige von Demenzerkrankten sind doppelt so häufig gefährdet, selber zu erkranken, als Angehörige einer nicht betroffenen Vergleichsgruppe. In der westlichen Welt steht die Demenzerkrankung an 5. Stelle der Todesursachen. Sie wird deswegen auch als „Krankheit des Jahrhunderts“ bezeichnet.33
Die Prämisse der Erstuntersuchung liegt auf der psychischen und physischen Verfassung des vermutlich erkrankten Menschen, seiner sozialen Situation sowie auf dem Gesamtbild, was der Betroffene dem Arzt vermittelt. Das spiegelt die ganzheitliche Betrachtung der Demenzerkrankung wider. Mittels spezifischer Differentialdiagnostik müssen allerdings weitere Ursachen einer kognitiven Störung ausgeschlossen werden, was schwierige Abklärungsprozesse erfordert. Bei der Früherkennung und Diagnose demenzieller Syndrome sind die Einschätzungen sowie Berichte der Menschen, die mit dem vermutlich Erkrankten in einem Kontext leben, von großer Bedeutung. Insbesondere die täglichen Beobachtungen sensibler, differenziert beobachtender Angehörigen als „Experten“ der häuslichen Versorgung stellen, in Kombination mit Screeningverfahren, einen wichtigen Baustein im diagnostischen Puzzle dar.34 Versorgende Angehörige erkennen Persönlichkeits- und Verhaltensveränderungen der Betroffenen durch den täglichen Umgang mit ihnen und können so dem konsultierten Arzt wertvolle Hinweise hinsichtlich einer Diagnosestellung geben.
2.4.2 Die Klassifikation der Demenz
Die Demenz bildet zwei große Untergruppierungen:
- Primäre Demenzen
Sie werden durch direkte Hirnschädigung hervorgerufen. Für sie kommen degenerative oder vaskuläre Ursachen in Betracht. Primäre Demenzen setzen sich zusammen aus der Alzheimer - Demenz (85 %) und der Multi - Infarkt - Demenz (15 %) Primäre Demenzen gelten derzeit als irreversibel.35
- Sekundäre Demenzen
Sie sind Folgedemenzen, hervorgerufen durch andere, primäre Erkrankungen wie Stoffwechselstörungen, HIV, Multiple Sklerose, Medikamenten- und Alkoholabusus.
Hier steht die Behandlung der primären Erkrankung im Vordergrund, im Zuge derer sich die Symptome der sekundären Demenz zurückbilden können. Diese Erkrankung wird daher auch als reversible Demenz bezeichnet.36
Die primären Demenzen stellen gegenüber den sekundären Demenzen nicht nur auf Grund der Unheilbarkeit das größere Problem dar. Ihr überragender Anteil an Demenzerkrankungen schlechthin (90 % der Demenzerkrankungen sind primäre Demenzen37 ) in Verbindung mit der derzeitigen Unheilbarkeit hat eine bedeutende Tragweite für die Gesellschaft, die Versorgungs- und sozialen Sicherungssysteme.
Die Demenzerkrankung wird in drei Verlaufsphasen eingeteilt:
Im Allgemeinen gilt die Demenz als leicht, wenn der Erkrankte noch immer die Fähigkeit hat, alleine zu Recht zu kommen. Die Betroffenen bemerken zunächst die Vergesslichkeit, wenn es sich um kurz zurückliegende Ereignisse handelt. Während des Krankheitsverlaufes werden die Gedächtnisverluste evidenter, Unterhaltungen immer schwieriger. Kombiniert mit diesen Symptomen treten sprachliche Verarmung, Abnahme der Lebensinteressen sowie fehlende Reflexe bezogen auf Emotionen und Reaktionen auf. Zunächst zeigen die Erkrankten selbst keine Krankheitseinsicht. Elementare Verunsicherungen im täglichen Ablauf und in der sozialen Interaktion verursachen massive Stimmungsschwankungen, verbunden mit Rückzugstendenzen aus dem sozialen Leben.38
Die mittlere Demenz macht eine „gewisse Hilfe“ bei der Bewältigung der alltäglichen Lebensführung erforderlich.39 Unter der „gewissen Hilfe“ sind Unterstützungsleistungen im Rahmen der zeitlichen, räumlichen und örtlichen Orientierung zu verstehen, ferner eine Beaufsichtigung der alltäglichen Handlungen. Noch haben die Erkrankten soziale Umgangsformen, wobei es aber in diesem Zusammenhang zu folgenden Persönlichkeitsveränderungen kommen kann: Frühere Sparsamkeit entwickelt sich zu Geiz, eine bisherige Zurückhaltung anderen Menschen gegenüber schlägt in Misstrauen um. Die Umgebung wird nicht mehr richtig wahrgenommen. Das Wissen um die eigene biografische Identität geht zunehmend verloren.40
Eine schwere Demenzerkrankung impliziert dauerhafte Hilfe, Unterstützung und Beaufsichtigung rund um die Uhr. Zwanghaftes Schreien, Sinnentleerung der Sätze sowie völlige Hilflosigkeit und Apathie kennzeichnen das letzte Stadium der Krankheit. Die betroffenen Personen werden anfällig für Schlaganfälle,
Lungenentzündungen sowie für weitere Infektionen. Die Krankheitsdauer von der Erstdiagnostik bis zum Tod beträgt in der Regel 5 bis 10 Jahre.41
Ausgehend von der Tatsache, dass jede Demenzerkrankung unterschiedlich verläuft, basieren die Versorgungsbedürfnisse der Erkrankten auf den individuellen Biografie- und Lebensweltorientierungen. Die Wünsche orientieren sich an der spezifischen Lebenssituation, an der soziokulturellen Identität, ferner an der lebensweltlich geprägten Interaktionsbeziehung der Personen mit ihrer Umwelt. Im Vordergrund stehen der Wunsch nach dem Erhalt der Selbstversorgungsmöglichkeit sowie einer Teilnahme am sozialen Leben. Die Versorgungsbedürfnisse an Demenz erkrankter Menschen sind mehrdimensional zu betrachten, wobei besonders für diesen
Personenkreis Artikel 1 (Menschenwürde) und Artikel 2 (Allgemeine Handlungsfreiheit; Freiheit der Person; Recht auf Leben) des Grundgesetzes an Bedeutung gewinnen.42
Die erste Dimension bezüglich der Versorgungsbedürfnisse betrifft die medizinische Betreuung Demenzerkrankter.
- Die Medizin verfügt über Wissen und Möglichkeiten, den Verlauf einer Demenzerkrankung zu verlangsamen. Dabei spielen Medikamente (Antidementiva) sowie verschiedene therapeutische Konzepte, die vorhandene Kompetenzen fördern, eine Rolle. Je früher die medikamentösen und nicht - medikamentösen Hilfen eingesetzt werden, umso wirksamer greifen sie in den pathologischen Verlauf ein.43 Daher ist es unabdingbar, dass Betroffene und ihre Angehörigen rechtzeitig einen gerontopsychiatrisch ausgebildeten Arzt aufsuchen. Leider haben viele niedergelassene Hausärzte keine entsprechenden Zusatzqualifikationen.44 Gerontopsychiatrisch erfahrene Fachärzte können bei einem Demenzverdacht wichtige alternative Anlaufstellen zu den niedergelassenen Hausärzten sein und manche Fehldiagnose vermeiden.
Die psychosoziale Versorgung ist eine weitere Direktive, um den Versorgungsbedürfnissen dieser Menschen gerecht zu werden.
- Die derzeitige Unheilbarkeit der Demenz machen Hilfen zur Stabilisierung der Lebenssituation der Betroffenen im Sinne „eines einfühlenden Verstehens“ notwendig. In diesem Zusammenhang sind u. a. die Einhaltung fester Regeln und Zeiten im Tagesablauf zu nennen, die dem Verlust des Zeitgefühls sowie der Unfähigkeit, den Tagesablauf zu planen, entgegenwirken. Die zeitliche Orientierung wird gestärkt durch die Aufrechterhaltung lebens- und zeitgeschichtlicher Erinnerungen (z. B. durch den wiederkehrenden Gottesdienstbesuch am Sonntagmorgen, den Gänsebraten zu Weihnachten etc.).45 Ferner sind Demenzerkrankte auf räumliche Orientierungshilfen angewiesen (z. B. durch große Beschriftungen von Türen oder überdimensionale Kalender), die ihnen die benötigte Sicherheit vermitteln. Da die Kranken nicht mehr mit Widersprüchlichkeiten umgehen können, sind diplomatisches Geschick, Geduld sowie in hohem Masse Gelassenheit neben einer präzisen, kurz gehaltenen Kommunikation erforderlich, die den Erkrankten beim Verständnis und der Zuordnung verbalisierter Wörter oder Anweisungen unterstützt. Nicht zuletzt haben betroffene Personen ein starkes Bedürfnis nach vertrauten Bezugspersonen, die sie verlässlich durch den Alltag begleiten. Kenntnisse bzgl. der spezifischen Kommunikation, der aktive, alltägliche Einbezug der biografischen Gewohnheiten sowie der Umgang mit den individuellen Charaktereigenschaften des Betroffenen erhöhen die Lebensqualität um ein Vielfaches.46
Im Verlauf der Demenzerkrankung nimmt die Rechtswissenschaft einen eigenen Stellenwert ein.
- Durch die Demenzerkrankung sind eine vollumfängliche Geschäftsfähigkeit, die Kompetenz zum Verstehen einer Fragestellung, deren Abschätzung hinsichtlich Bedeutung und Konsequenzen sowie die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit beeinträchtigt.47 Dementsprechend müssen diesen Menschen Personen zur Seite stehen, die verantwortungsvoll und im Sinne der Betroffenen weitreichende Entscheidungen treffen, Vollmachten übernehmen und deren Konsequenzen tragen, ferner Bürgschaften und Entscheidungen im Rahmen von Befugnissen treffen, die, je nach Existenz einer Patientenverfügung, im Finalstadium der Demenz kontraproduktiv zu lebenserhaltenden Maßnahmen ausfallen. Mit dem Betreuungsrecht ist juristisch eine Möglichkeit geschaffen worden, die Selbstbestimmung der Betroffenen weitgehend zu beachten und Betreuer flexibel für solche Aufgaben zu bestellten, deren Erfüllung die Hilfe eines gesetzlichen Vertreters erforderlich macht. Die betreuende Person hat den gesetzlichen Auftrag, dem Betreuten ein Leben entsprechend dessen Wünschen und Vorstellungen im Rahmen seiner Fähigkeiten zu ermöglichen sowie Folgen einer Behinderung zu vermindern.48 Für den Alltag relevant ist, dass Betreuer gravierende Eingriffe (dazu zählen u. a. erhebliche medizinische Eingriffe, Fixierungen, Wohnungsauflösungen) nicht ohne gerichtliche Genehmigungen vornehmen kann. Damit wird einem Missbrauch von weitreichenden Kompetenzen gesetzlich entgegengewirkt.
Im Kontext der Versorgungsbedürfnisse Demenzerkrankter darf der monetäre Aspekt nicht außer Acht gelassen werden.
- Die Demenz gehört zu den teuersten Krankheitsgruppen im höheren Alter, wobei ein steiler Kostenanstieg mit zunehmendem Schweregrad der Erkrankung festzustellen ist.49 Im frühen Stadium einer Demenzerkrankung betragen die durchschnittlichen Patientenkosten pro Jahr ca. 5.100 Euro und steigen im fortgeschrittenen Stadium auf 92.000 Euro an.50
Insgesamt entstehen pro erkrankter Person durchschnittliche Gesamtkosten von 43.767 Euro per anno, wobei 2,5 % auf die gesetzliche Krankenversicherungen (durch Medikamente, ärztliche Konsultationen, Klinikaufenthalte), 29,6 % auf die gesetzliche Pflegeversicherung und 67,9 % auf die privaten Bezugssysteme durch den erhöhten Betreuungsaufwand entfallen.51 Unberücksichtigt bleiben die privat zu zahlenden Medikamente in Form von Antidementiva, die von den meisten Ärzten aus kostenintensiven Gründen nicht verschrieben werden. Diese Mittel (u. a. Aricept, Reminyl zu 500,- Euro pro Monat52 ) spielen aber eine maßgebliche Rolle bei der Erhaltung kognitiver Kompetenzen und der Verschiebung des Eintritts einer Pflegebedürftigkeit.53 Diese Angaben erfordern ein beträchtliches finanzielles Polsters seitens der Betroffenen oder ihrer privaten Bezugssysteme.
Die Skizzierung der Versorgungsbedürfnisse von Demenzerkrankten macht deutlich, welche Informationen, Kompetenzen und finanzielle Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, um Betroffene ganzheitlich zu betreuen und vertreten. Inwieweit die Berücksichtigung der Versorgungsbedürfnisse dementer Menschen allerdings tatsächlich dem Prinzip der Wahrung der Menschenwürde und der Vermittlung von Sicherheit sowie Geborgenheit gerecht wird, thematisiert diese Arbeit nicht.
An Demenz erkrankte Menschen bilden mit ihren Bezugssystemen schon vor dem Ausbruch der Erkrankung ein Rückkopplungssystem, d. h. innerhalb dieses Systems beziehen sich Betroffene und Versorgende aufeinander und beeinflussen sich wechselseitig. Da Demenzkranke in der Regel von Angehörigen betreut werden54, betrifft der Krankheitsprozess nicht nur das Individuum, sondern das ganze System, in dem es lebt. Daher wird die Demenz auch als „Familienkrankheit“ bezeichnet.55 Der Charakter des Betroffenen sowie die Dynamik der Beziehungsgestaltung mit den versorgenden Angehörigen spielen eine wesentliche Rolle für das Verständnis des Krankheitsverlaufes einerseits sowie für das Belastungserleben der versorgenden Personen andererseits.
Das Leben mit einem Demenzerkrankten sowie seine Versorgung verändern das alltägliche soziale Rollengefüge, die vertrauten Wahrnehmungen, die eingespielten Routinen, ferner die Interaktionsmuster. Des Weiteren greifen die bisher geltenden verbalen und nonverbalen Sinn- und Deutungszusammenhänge immer weniger, was in der Konsequenz einen Kontakt zwischen dem / der Betroffenen und dem / der Versorgenden erschwert.56
Sind versorgende Angehörige über die Persönlichkeitsveränderungen erkrankter Personen informiert, ergibt sich daraus die Chance, verwirrtes und für sie unverständliches Verhalten entsprechend dem Krankheitsverlauf einzuordnen.57 Die Gefahr dieser Perspektive beinhaltet aber, dass jedes Verhalten der Betroffenen als „Demenz“ interpretiert wird, sodass vorhandene Kompetenzen, Zeichen der Selbständigkeit, sowie die - aus der Biografie ableitbare - Sinnhaftigkeit eines Verhaltens übersehen wird und als „Demenzverhalten“ eingeordnet wird. Wird defizitäres Verhalten erwartet, zeigt sich der zu versorgende Mensch entsprechend der self fullfilling prophercy möglicherweise hilfloser, als er de facto ist, was wiederum durch die Reaktion der versorgenden Angehörigen verstärkt wird.58
Die Wirkung des scheinbar negativen, unangemessenen Verhaltens der Kranken kann zu sozialer Isolation, Stigmatisierung und Verlust der Selbsteinschätzung der Betroffenen und der versorgenden Angehörigen führen. Diese negative Spirale zwischen den Demenzerkrankten und ihren versorgenden Bezugspersonen ist eine kontinuierliche Wechselwirkung zwischen Unsicherheit, Ängstlichkeit auf Seiten der Erkrankten sowie fokussierender Beobachtung, Ungeduld, Kritik und Einengung seitens der versorgenden Angehörigen. Wird der Leistungsdruck auf die Erkrankten gemindert, ihr „So - Sein“ akzeptiert, trägt dies zu einer bedeutenden Verbesserung und Entspannung im Verhalten und Befinden der demenziel Erkrankten bei.59 Die Kenntnis der medizinischen und psychosozialen Aspekte der Demenz ist eine Grundvoraussetzung für ein umfassendes Verständnis dieser Erkrankung sowie einer adäquate Betreuung der kranken Personen.
2.7 Die versorgenden Angehörigen
Versorgende Angehörige werden in der formalen Struktur des staatlichen Sozialsystems vorausgesetzt. § 3 des Pflegeversicherungsgesetztes räumt, entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip, der häuslichen Versorgung den Vorrang vor der stationären Versorgung ein und legt die Daseinsberechtigung in der Unterstützung privater Bezugssysteme fest.60 Ergänzt wird dies durch § 4 Abs. 2 Satz 1 des Pflegeversicherungsgesetzes, indem bei häuslicher und teilstationärer „Pflege“ die Leistungen der Pflegeversicherung die familiale, nachbarschaftliche oder sonstige ehrenamtliche Pflege und Betreuung unterstützt.61 Das gilt analog zu § 37 Abs. 3 SGB V, der regelt, dass Behandlungspflege nur dann geleistet werden kann, wenn „… ..eine im Haushalt lebende Person den Kranken nicht in dem erforderlichen Umfang pflegen und versorgen kann. “ 62
Solidarität wird demnach per lex vorgeschrieben. Folgende Zahlenangaben untermauern die Tatsache, dass die Hauptlast der Versorgung Angehörige tragen: Etwa 85 % der Erkrankten werden zu Hause gepflegt.63 Versorgende Personen sind zu 75 % über 50 Jahre alt, während die Kindergeneration, die einen betroffenen Elternteil betrut, im mittleren Erwachsenenalter steht. Der Anteil der Frauen, die eine solche Aufgabe übernehmen, liegt bei 83 % und steht dem Versorgungsbedürftigen in den allermeisten Fällen rund um die Uhr zur Verfügung.64 Diese Angehörige sind als Versorgende eines Demenzerkrankten nicht einfach „Versorgende“, sondern in ein Mirkosystem eingebunden, was aus verschiedenen Tätigkeiten, Rollen und Interaktionen besteht. Dieses Mikrosystem verändert sich mit der Verschlechterung des Gesundheitszustandes der erkrankten Person, was zu einer permanenten Erhöhung der Anforderungen und Belastungen für die Angehörigen führt. Wer einen dementen Menschen versorgt, wird schon zu Beginn der Erkrankung mit einer Vielzahl von Belastungen konfrontiert, die anfangs kaum als solche einzuschätzen sind.65
Die Behauptung, die Sorge für Demenzerkrankte sei weiblich besetzt, wird durch nachfolgende Ausführungen erhärtet. Wie in der häuslichen Pflege generell sind es vor allem Frauen, die die Betreuung dieses Personenkreises übernehmen.66 Sie kümmern sich zur Hälfte um einen Elternteil, während zwei Drittel der Männer die Ehepartnerin unterstützen. Schwiegereltern werden fast ausnahmslos von Frauen, Verwandte und Nachbarn überwiegend von dieser Personengruppe betreut.67 Weibliche Versorgende weisen regelrechte „Versorgungskarrieren“ auf, wobei die Frau erst ihre Eltern, dann die Schwiegereltern und zuletzt ihren eigenen Ehepartner betreut.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Lebensqualität von versorgenden Angehörigen setzt zunächst eine Begriffsbestimmung der „Lebensqualität“ voraus. Eine einheitliche, exakte Definition existiert nicht, vielmehr handelt es um einen Begriff mit individueller Bedeutung. Lebensqualität ist das individuelle Konstrukt eines Individuums und umfasst subjektiv bedeutsame Lebensbereiche.68 Neben der allgemeinen, generellen Einschätzung des Wohlbefindens (d. h. der Zufriedenheit mit dem Leben im Allgemeinen) werden spezifische Bereiche wie Gesundheit, Wohnbedingungen, soziale Beziehungen sowie materielle Lage individuell selektiert und bewertet.69 Diese Selektion ist dynamisch, veränderbar, d. h. die Auswahl der Lebensbereiche wandelt sich in Abhängigkeit zur aktuellen Lebenssituation.
Die Demenzerkrankung hat unweigerlich Auswirkungen auf die Lebensqualität der versorgenden Angehörigen.70 90 - 96 % aller Angehörigen widerfährt eine starke Einschränkung ihrer Lebensqualität.71 Da im Krankheitsverlauf der Dementen deren Angehörige in manchen Lebensbereichen ihre Lebensqualität nicht aufrechterhalten können, ermöglicht der Selektionsprozess eine Umbewertung der subjektiv ausgewählten Lebensbereiche und damit in der Konsequenz die Aufrechterhaltung des Wohlbefindens.72
1 Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): 4. Altenbericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Risiken, Lebensqualität und Versorgung Hochaltriger - unter besonderer Berücksichtigung demenzieller Erkrankungen. Berlin. 2002. S. 55
2 Vgl.: Schirra - Weirich, Liane: Alter und Gesellschaft. Vergreisung der Gesellschaft aus soziologischer Sicht. 6. Internationaler medizinethischer Studientag. Unveröffentlichtes Manuskript. 28. 05. 2004. S. 11
3 Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Aktuelle Forschung und Projekte zum Thema Demenz. Berlin. 2006. S. 5
4 Vgl.: Robert - Koch - Institut / Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Themenheft Nr. 28. Altersdemenz. Berlin. 2005. S. 10
5 Vgl.: Jansen, Birgit: Informelle Pflege durch Angehörige. In: Jansen, Karl; Schmitz - Scherzer, Radebold (Hrsg.): Soziale Gerontologie. Ein Handbuch für Lehre und Praxis. Weinheim / Basel. 1999. S. 604
6 § 14 Abs. 1 - 4 SGB X I. 32. Auflage. In der Fassung von 2005
7 Vgl.: Jansen. 1999. S. 605
8 Vgl.: Schmid, Gabriele: Beitrag zur Betreuung und Pflege alter und verwirrter Menschen. Beiträge zur gesellschaftswissenschaftlichen Forschung. Band 15. Freiburg. 1995. S. 3
9 Vgl.: Lang, Erich: Altersmedizin. In: Jansen, Karl; Schmitz - Scherzer, Radebold (Hrsg.): Soziale Gerontologie. Ein Handbuch für Lehre und Praxis. Weinheim / Basel. 1999. S. 272 - 273
10 Vgl.: Jansen. 1999. S. 606
11 Vgl.: Robert - Koch - Institut. 2005. S. 7
12 Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 2002. S. 173
13 Vgl.: Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.): Wenn das Gedächtnis nachlässt. Ratgeber für die häusliche Betreuung demenzkranker älterer Menschen. Berlin. 2006. S. 8
14 Vgl.: Domedy, Cornelia: Der dementiell erkrankte Mensch in der Familie. Anregungen zum verstehenden Umgang und Aspekte der Betreuung. In: Kuratorium deutsche Altershilfe (Hrsg.): Reihe Thema. Band 120. Köln. 1996. S. 8
15 Vgl.: Schlüter, Wolfgang: Sozialphilosophie für helfende Berufe. Der Anspruch der Intervention. 3. Auflage. München. 1995. S. 173 - 174
16 Vgl.: Kitwood, Tom: Demenz. Der personen - zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. 4. Auflage. CH - Bern. 2005. S. 42
17 Vgl.: Domedy. 1996. S. 10
18 Vgl.: Hallauer, Johannes F.: Epidemiologie für Deutschland mit Prognose. In: Hallauer,
Johannes F.; Kurz, Alexander (Hrsg.): Weißbuch Demenz. Versorgungssituation relevanter Demenzerkrankungen in Deutschland. Stuttgart. 2002. S. 17
19 Vgl.: Hallauer. 2002. S. 17
20 Vgl.: Hallauer. 2002. S. 17
21 Vgl.: Kuhlmann, Andrea: Case Management für demenzkrankre Menschen. Eine Betrachtung der gegenwärtigen praktischen Umsetzung. In: Naegele, Gerhard; Peter, Gerd: Dortmunder Beiträge zur Sozial- und Gesellschaftspolitik. Band 54. Münster. 2005. S 15
22 Vgl.: Bickel, Horst: Stand der Epidemiologie. In: Hallauer, Johannes F.; Kurz, Alexander (Hrsg.): Weißbuch Demenz. Versorgungssituation relevanter Demenzerkrankungen in Deutschland. Stuttgart. 2002. S.10
23 Vgl.: Robert - Koch - Institut. 2005. S. 11 - 13
24 Vgl.: Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. (Hrsg.): Das Wichtigste. Informationsblatt Nr. 1. Die Epidemiologie der Demenz. Berlin. 2002, S. 3
25 Vgl.: Deutsche Alzheimergesellschaft e. V. Berlin. 2002. S. 4
26 Vgl.: Buijssen, Huub: Demenz und Alzheimer verstehen. Mit Betroffenen leben. Ein praktischer Ratgeber. Weinheim / Basel. 2003. S. 26
27 Vgl.: Buijssen. 2003. S. 39
28 Vgl.: Schmid, Gabriele: Beitrag zur Betreuung und Pflege alter und verwirrter Menschen.
Beiträge zur gesellschaftswissenschaftlichen Forschung. Band 15. Freiburg 1995, S. 3
29 Vgl.: Meinders, Frauke: Sind Angehörige von chronisch kranken älteren Menschen nur belastet? Positives Erleben und Lebenszufriedenheit bei Angehörigen dementiell erkrankter Menschen. In: Bengel, Jürgen; Jäckel, Wilfried (Hrsg.): Rehabilitationswissenschaften Rehabilitationspsychologie, Rehabilitationsmedizin. Band 1. Regensburg. 2001. S. 22
30 Vgl.: Meinders. 2001. S. 23
31 Vgl.: Buijssen. 2003. S. 15
32 Vgl.: Buijssen. 2003. S. 20
33 Vgl.: Buijssen. 2003. S. 20
34 Vgl.: Stoppe, Gabriela: Demenz. Diagnostik - Beratung - Therapie. München. 2006. S. 67
35 Vgl.: Falk, Juliane: Basiswissen Demenz. Lern- und Arbeitsbuch für berufliche Qualifikation und Versorgungsqualität. Weinheim / München. 2004. S. 38
36 Vgl.: Falk. 2004. S. 38
37 Vgl.: Domedy. 1996. S. 13
38 Vgl.: Kitwood. 2005. S. 41
39 Vgl.: Kitwood. 2005. S. 43
40 Vgl.: Kitwood. 2005. S. 44
41 Vgl.: Füsgen, Ingo: Demenz. Praktischer Umgang mit Hirnleistungsstörungen. 4. Auflage. München. 2001. S. 63
42 Vgl.: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Bonn / Berlin. 2001. S. 13
43 Vgl.: Tschainer, Sabine: Die Lebenssituation von Demenzerkrankten und ihre Versorgungsbedürfnisse. Vortrag anlässlich des Sozialmedizinischen Expertenforums des MDS „Neue Ansätze in der Versorgung von Demenzkranken.“. Berlin. 2001. O. S.
44 Vgl.: Füsgen, Ingo: Versorgung durch den Geriater. In: Hallauer, Johannes F.; Kurz, Alexander (Hrsg.): Weißbuch Demenz. Versorgungssituation relevanter Demenzerkrankungen in Deutschland. Stuttgart. 2002. S. 64
45 Vgl.: Falk. 2004. S. 77
46 Vgl.: Falk. 2004. S. 78
47 Vgl.: Stoppe. 2006. S. 146
48 Vgl.: § 1901 Abs. 1 - 4 BGB. 56. Auflage. In der Fassung von 2005
49 Vgl.: Robert - Koch - Institut. 2005. S 22
50 Vgl.: Hallauer, Johannes F.; Schons, Michael: Untersuchung von Krankheitskosten bei Patienten mit Alzheimer - Demenz. In: Gesundheitsökonomie und Qualitätsmanagement. Klinik, Praxis, Wirtschaft, Politik. Heft Nr. 5. 5. Jahrgang. 2000. S. 73
51 Vgl.: Hallauer. 2000. S. 73
Auskunft der Apothekerin der Atrium - Apotheke. Sinnersdorferstr. 50259 Pulheim
53 Vgl.: Robert - Koch - Institut.2005. S. 23
54 Vgl.: Domdey. 1996. S. 34
55 Vgl.: Gunzelmann, Thomas: Die Versorgung dementiell erkrankter älterer Menschen durch die Familie. Erlangen / Nürnberg. 2003. S. 87
56 Vgl.: Domedy. 1996. S. 34
57 persönliche Erfahrung der Verfasserin im Rahmen des Praxissemesters und des Feldprojektes
58 Vgl.: Domdey. 1996. S. 35
59 Vgl.: Domedy. 1996. S. 36
60 Vgl.: § 3 Satz 1 - 2 SGB XI. 32. Auflage. In der Fassung von 2005
61 Vgl.: § 4 Abs. 2 Satz 1 SGB XI. 2005
62 Vgl.: § 37 Abs. 3 SGB V. 2005
63 Vgl.: Füsgen. 2001. S. 175
64 Vgl.: Tschainer, Sabine: Hilfen für Angehörige. In: Hallauer, Johannes F.; Kurz, Alexander (Hrsg.): Weißbuch Demenz. Versorgungssituation relevanter Demenzerkrankungen in Deutschland. Stuttgart. S. 100
65 Vgl.: Arnold, Karen; Hedtke - Becker, Astrid: Angehörige pflegebedürftiger alter Menschen. Experten im System häuslicher Pflege. Eine Arbeitsmappe. Frankfurt / Main. 2000. S. 12
66 Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 2002. S. 201
67 Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 2002. S. 201
68 Vgl.: Perren, Sonja; González, Tamara; Munoz, Pamela S.: Lebensqualität von pflegenden Angehörigen. Selektion von individuell bedeutsamen Lebensbereichen als Adaptionsprozess. In: Wetterstein, Albert; König, Markus; Schmid, Regula; Perren, Sonja (Hrsg.): Belastung und Wohlbefinden bei Angehörigen von Menschen mit Demenz. Eine Interventionsstudie. CH - Zürich. 2005. S. 107
69 Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 2002. S. 72
70 Vgl.: Perren. 2005. S. 107
71 Vgl.: Perren. 2005. S. 107
72 Vgl.: Perren. 2005. S. 110
Katholische Hochschule NRW; ehem. Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Aachen (KFHNW Abteilung Aachen)
Dipl. Soz.-päd/Sozialarbeiterin/Entspannungspädagogin Claudia Kingler (Autor)
V87508
9783638007580
Lotsendienst Hilfesystem
Dipl. Soz.-päd/Sozialarbeiterin/Entspannungspädagogin Claudia Kingler (Autor), 2007, Lotsendienst im Hilfesystem, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/87508
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 § 15
 § 3
 § 4
 § 37
 § 14
 § 1901
 § 3
 § 4
 § 37