Source: https://www.sos-kinderdorf.de/portal/paedagogik/fachthemen/beziehung-und-familialitaet/familienaehnliche-gemeinschaften
Timestamp: 2018-10-21 19:05:56+00:00

Document:
Familienähnliche Gemeinschaften | SOS-Kinderdorf
Familiäre Fremdunterbringung in Kinderdorffamilien oder Pflegefamilien
Die Vision des SOS-Kinderdorfvereins lautet seit der Gründungsidee: „Jedes Kind wächst in einer Familie auf - geliebt, beachtet und behütet“. Sie entspricht der UN-Konvention für Kinderrechte und deckt sich mit der entwicklungspsychologischen Erkenntnis, dass die gesunde Entwicklung eines Kindes in der Regel am besten in einem fürsorglichen familiären Umfeld gewährleistet ist. Für Kinder, denen in der Herkunftsfamilie dieses fürsorgliche, entwicklungsfördernde Umfeld nicht gesichert werden kann, kann eine familiäre Fremdunterbringung angezeigt sein. Kinderdorffamilien sind Lebensorte für Kinder, die nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben können oder ohne elterliche Betreuung sind und für die die Langzeitunterbringung die beste Lösung ist. Andere Formen familiärer Fremdunterbringung sind Pflegefamilien, Erziehungsstellen oder Familienwohngruppen, sie sind alle Teil der breiten Angebotspalette des Jugendhilfeträgers SOS-Kinderdorf e.V.
Familiäre Fremdunterbringung in Kinderdorffamilien
© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Peter Schinzler
Die SOS-Kinderdorffamilie ist eine familienähnliche Gemeinschaft. Verantwortlich für die Kinderdorffamilie ist die SOS-Kinderdorfmutter bzw. der SOS-Kinderdorfvater. Die Familie ist Teil eines Kinderdorfes und wird von diesem in Erziehungsfragen professionell unterstützt.
Stets wichtig ist die Kontinuität einer Bezugsperson, was nicht zuletzt durch ein Arbeitsverhältnis besonderer Art ermöglicht wird. In den Anstellungsbedingungen für SOS-Kinderdorfmütter/SOS-Kinderdorfväter sind deren zentrale Aufgaben und Tätigkeiten geregelt:
Die SOS-Kinderdorfmutter/Der SOS-Kinderdorfvater ist eine anerkannte erzieherische Fachkraft und leistet ihre Arbeit im Rahmen des SGB VIII, dem Kinder- und Jugendhilfegesetz.
Zentrales Qualitätsmerkmal ist, dass die SOS-Kinderdorfmutter/der SOS-Kinderdorfvater mit den Kindern und Jugendlichen der Kinderdorffamilie in häuslicher Gemeinschaft lebt und im Familienhaus den Lebensmittelpunkt hat.
Der SOS-Kinderdorfmutter/Dem SOS-Kinderdorfvater kommt als zentrale Bezugsperson der Kinder eine besondere Stellung hinsichtlich der Gestaltung des Alltages der Kinderdorffamilie zu.
Unterstützt wird die Bezugsperson durch weitere pädagogische Fachkräfte, die sich gemeinsam als Betreuungsteam einer SOS-Kinderdorffamilie organisieren und durch familienübergreifende Fachdienste unterstützt werden. Als Leiterin des Betreuungsteams ist die SOS-Kinderdorfmutter/der SOS-Kinderdorfvater für die Dienstplangestaltung und die Koordination der Aufgabenerfüllung dieser Mitarbeiter/-innen verantwortlich.
Das besondere Qualitätsmerkmal dieser familienähnlichen Gemeinschaft innerhalb der Heimerziehung nach § 34 SGB VIII ist also die professionelle pädagogische Fachkraft, die zu den Kindern ihrer Kinderdorffamilie eine verlässliche, dauerhafte und hilfreiche Beziehung aufbaut und die ein fürsorgliches familiäres Umfeld so gestaltet, dass die Entwicklungspotentiale der Kinder zur Entfaltung kommen können. In Kinderdorffamilien werden wichtige Familienkulturmerkmale, wie Privatsphäre, Intimität und Gemeinschaft zur professionellen Gestaltungsaufgabe.
Für die SOS-Kinderdorffamilien als Betreuungskonzept der Heimerziehung ist eine
Leistungs-, Qualitätsentwicklungs - und Entgeltvereinbarung nach §§ 78a ff SGB VIII notwenig. Die Finanzierung einer SOS-Kinderdorffamilie erfordert den zusätzlichen Einsatz von Spendenmitteln durch den SOS-Kinderdorfverein.
Familiäre Fremdunterbringung in Pflegefamilien
Die Vollzeitpflege und andere Formen der familiären Unterbringung, in die ein Kind untergebracht wird, sind nach SGB VIII sogenannte stationäre Hilfen zur Erziehung in einer anderen Familie.
In § 33 SGB VIII ist die Vollzeitpflege geregelt. Der Begriff "andere Familie" grenzt die Vollzeitpflege von der Erziehung in der Herkunftsfamilie des Kindes ab. Letzteres ist die Kleinfamilie, in der das Kind ursprünglich gemeinsam mit seinen Eltern oder einem Elternteil gelebt hat. An die Pflegepersonen gibt es keine gesetzlichen Anforderungen in Hinblick auf ihre fachlichen Qualifikationen. Die Pflegefamilien erhalten in der Regel vom Jugendamt eine finanzielle Zuwendung, die den gesamten Lebensbedarf des Kindes abdecken soll. Dieser umfasst Sachaufwendungen und die Kosten der Erziehung, die im Rahmen der Vollzeitpflege den erzieherischen Aufwand der Pflegepersonen ausgleicht.
Bei besonders entwicklungsbeeinträchtigten Kindern, die in Pflegefamilien aufgenommen werden, soll die Pflegeperson eine pädagogische Qualifikation nachweisen. Diese Familien erhalten für ihre Pflegekinder höhere Leistungen zum Unterhalt nach § 39 SGB VIII.
Die Prüfung der Eignung einer Pflegefamilie erfolgt durch das örtlich zuständige Jugendamt. Innerhalb der Pflegefamilie gibt es in der Regel keine Unterstützung durch weitere pädagogische Fachkräfte.
Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen
Die Zielgruppe beider Betreuungskonzepte sind Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen in ihrer Herkunftsfamilie nicht mehr leben können. Die familiäre Fremdunterbringung erfolgt mit dem Ziel, die Potentiale der Kinder in einem fürsorglichen familiären Umfeld bestmöglich zu entwickeln.
Beide Betreuungskonzepte zielen darauf ab, dass das Kind in eine intensivere Bindung zu einer Person außerhalb seiner Herkunftsfamilie gelangt, so dass Loyalitätskonflikte mit den Eltern bzw. Elternteilen der Herkunftsfamilie auftreten können. Ein besonderer Aspekt der Hilfegestaltung umfasst deshalb die Sicherung der Zusammenarbeit aller an der Erziehung Beteiligten und die Kontinuität im Hilfeprozess. Im Hilfeplan nach § 36 SGB VIII ist es zwingend erforderlich festzulegen, ob die stationäre Hilfe auf kurze Zeit erfolgen soll oder ob die Gestaltung einer förderlichen und auf Dauer angelegten Lebensperspektive außerhalb der Herkunftsfamilie notwendig ist.
Beide Betreuungsangebote sind Interventionen im Rahmen der öffentlichen Erziehung und rechtlich geregelt. Für SOS-Kinderdorffamilien, in denen Kinder nach § 27 in Verbindung mit § 34 SGB VIII, "Heimerziehung und andere betreute Wohnformen", untergebracht werden, sind die Leistungsverpflichtungen durch den öffentlichen Träger eindeutiger und fachlich anspruchsvoller als in der Vollzeitpflege.
Grundsätzlich sind in einer Pflegefamilie oder in der familienähnlichen Gemeinschaft der SOS-Kinderdorffamilie kurzfristige oder dauerhafte Unterbringungen möglich. Die Belastungsfähigkeit in beiden Betreuungskonzepten hinsichtlich der Fluktuation der Kinder ist jedoch unterschiedlich. In einer Kinderdorffamilie leben in der Regel bis zu sechs fremduntergebrachte Kinder mit einer SOS-Kinderdorfmutter/einem SOS-Kinderdorfvater, unterstützt durch ein Team professioneller Fachkräfte. Ein häufiger Wechsel der Kinder, aber auch der unterstützenden Fachkräfte beeinträchtigt die Gestaltung eines stabilisierenden, fürsorglichen und familiären Umfeldes bisweilen mehr als in einer Pflegefamilie, wo in der Regel nur einzelne Kinder in ein stabiles eigenes Familiensystem aufgenommen werden.
Hinsichtlich der Zielgruppe der hochbelasteten Kinder sind wiederum die SOS-Kinderdorffamilien besonders geeignet, da sie ein professionelles Unterstützungssystem für entwicklungsauffällige Kinder, die einer intensiven pädagogischen und/oder therapeutischen Hilfe bedürfen, zur Verfügung stellen.
Weniger geeignet sind beide Betreuungskonzepte für Jugendliche, die mit einem Verselbstständigungsauftrag fremduntergebracht werden. Hierfür bietet der Verein spezielle Wohngruppen an, die unter fachlicher Begleitung den speziellen Bedarf dieser Zielgruppe decken.
Welche Form familiärer Betreuung für die Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen am besten geeignet ist, kann nur auf der Basis einer sozialpädagogischen und entwicklungspsychologischen Diagnostik beantwortet werden, in der eine Situationsanalyse unter Berücksichtigung des Kindeswohls geleistet und diese der Entscheidung zugrunde gelegt wird.
In den SOS-Einrichtungen können junge Menschen geschützt aufwachsen, sich zugehörig fühlen und lernen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.
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References: § 34
 § 33
 § 39
 § 36
 § 27
 § 34