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Timestamp: 2020-08-08 06:42:21+00:00

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Wiederaufgreifen des Asylverfahrens in Syrien | Rechtslupe
Wie­der­auf­grei­fen des Asyl­ver­fah­rens in Syri­en
Die Sach- und Rechts­la­ge hat sich im Hin­blick auf die Lage in Syri­en spä­tes­tens zum 31.12 2013 geän­dert. Die Drei-Monats-Frist nach § 51 Abs. 3 AsylVfG in Bezug auf die­sen Wie­der­auf­grei­fens­grund beginnt ab die­sem Zeit­punkt zu lau­fen.
Stellt ein Aus­län­der nach Rück­nah­me oder unan­fecht­ba­rer Ableh­nung eines frü­he­ren Asyl­an­trags erneut einen Asyl­an­trag (Fol­ge­an­trag), so ist ein wei­te­res Asyl­ver­fah­ren nur durch­zu­füh­ren, wenn die Vor­aus­set­zun­gen des § 51 Abs. 1 bis 3 VwVfG vor­lie­gen (§ 71 Abs. 1 Satz 1 1. Halb­satz AsylVfG). Nach § 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG hat die Behör­de auf Antrag des Betrof­fe­nen über die Auf­he­bung oder Ände­rung eines unan­fecht­ba­ren Ver­wal­tungs­ak­tes zu ent­schei­den, wenn sich die dem Ver­wal­tungs­akt zugrun­de lie­gen­de Sach- oder Rechts­la­ge nach­träg­lich zuguns­ten des Betrof­fe­nen geän­dert hat. Ein wei­te­res Asyl­ver­fah­ren ist hier­nach dann durch­zu­füh­ren, wenn auf­grund der Ände­rung der Sach- oder Rechts­la­ge eine ande­re Ent­schei­dung mög­lich erscheint [1].
Gemäß § 51 Abs. 3 VwVfG ist der Antrag bin­nen einer Frist von drei Mona­ten zu stel­len, wobei die Frist gemäß § 51 Abs. 3 Satz 2 VwVfG mit dem Tag beginnt, an dem der Betrof­fe­ne von dem Grund für das Wie­der­auf­grei­fen Kennt­nis erhal­ten hat. Auch bei Dau­er­sach­ver­hal­ten ist grund­sätz­lich die erst­ma­li­ge Kennt­nis­nah­me von den Umstän­den für den Frist­be­ginn maß­geb­lich. Die­se Frist kann nur dann erneut in Lauf gesetzt wer­den, wenn der Dau­er­sach­ver­halt einen Qua­li­täts­um­schlag erfährt. Das Erfor­der­nis, die Drei-Monats-Frist nach § 51 Abs. 3 VwVfG ein­zu­hal­ten, gilt auch für sich pro­zess­haft ent­wi­ckeln­de dau­er­haf­te Sach­ver­hal­te sowie Wie­der­auf­grei­fens­grün­de, die wäh­rend des gericht­li­chen Ver­fah­rens auf­tre­ten [2]. Unbil­lig­kei­ten auf­grund des Umstan­des, dass bei sich pro­zess­haft ent­wi­ckeln­den dau­er­haf­ten Sach­ver­hal­ten der Zeit­punkt, zu wel­chem ein Qua­li­täts­sprung statt­fin­det bzw. der Zeit­punkt, zu wel­chem der Sach­ver­halt Asyl­erheb­lich­keit erreicht, nur schwer fest­stell­bar ist, las­sen sich dadurch ver­mei­den, dass für die Gewäh­rung sub­si­diä­ren Abschie­bungs­schut­zes ein Wie­der­auf­grei­fen bei Ver­säu­mung auch nach Ermes­sen mög­lich ist. Eine Nicht­an­wen­dung der Frist im Rah­men des AsylVfG auf Sach­ver­hal­te, bei denen die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft begehrt wird, wür­de jedoch dem ein­deu­ti­gen gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len wider­spre­chen [3].
Das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen des § 51 VwVfG ist grund­sätz­lich für jeden selb­stän­di­gen Wie­der­auf­grei­fens­grund eigen­stän­dig zu prü­fen [4]. Vor­aus­set­zung für die frist­ge­rech­te Gel­tend­ma­chung eines Wie­der­auf­grei­fens­grun­des ist dar­über hin­aus, dass inner­halb der Drei-Monats-Frist sub­stan­ti­iert und schlüs­sig, gege­be­nen­falls unter Dar­le­gung von Beweis­mit­teln sowohl die gel­tend gemach­ten Wie­der­auf­grei­fens­grün­de als auch die Ein­hal­tung der Frist dar­ge­legt wer­den [5]. Zudem ist der Antrag gemäß § 51 Abs. 2 VwVfG nur zuläs­sig, wenn der Betrof­fe­ne ohne gro­bes Ver­schul­den außer Stan­de war, den Grund für das Wie­der­auf­grei­fen in den frü­he­ren Ver­fah­ren, ins­be­son­de­re dem Rechts­be­helf, gel­tend zu machen.
Zwar hat sich die Sach­la­ge für syri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, die nach lan­gem Aus­lands­auf­ent­halt und Asyl­an­trag­stel­lung in Euro­pa in ihr Hei­mat­land zurück­keh­ren seit dem rechts­be­stän­di­gem Abschluss des vor­an­ge­gan­ge­nem Asyl­fol­ge­ver­fah­rens geän­dert (§ 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG). Der Klä­ger hat jedoch die­se Ände­rung nicht inner­halb der Drei-Monats­frist des § 51 Abs. 3 VwVfG gel­tend gemacht.
Unter der Ände­rung der Sach­la­ge fal­len sämt­li­che tat­säch­li­che Vor­gän­ge, die eine Ände­rung des ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts zur Fol­ge haben. Die poli­ti­sche Situa­ti­on in Syri­en seit dem Früh­jahr 2011 stellt grund­sätz­lich eine sol­che geän­der­te Sach­la­ge dar. Die Sach­la­ge hat sich spä­tes­tens mit Ablauf des Kalen­der­jah­res 2011 der­art ver­fes­tigt, dass seit­dem kein Qua­li­täts­um­schlag mehr erfolgt ist und die Drei-Monats-Frist des § 51 Abs. 3 VwVfG durch nach­fol­gen­de Ereig­nis­se nicht erneut zu lau­fen begon­nen hat. Seit dem ver­schärf­ten Auf­tre­ten des Kon­flikts zwi­schen dem Régime Assad und sei­nen Geg­nern zu Beginn des Jah­res 2011 häu­fen sich die Berich­te, dass die syri­sche Regie­rung gegen­über Rück­keh­rern nach Syri­en, die vor­her ille­gal aus­ge­reist sind und einen Asyl­an­trag im Aus­land gestellt haben, miss­trau­isch gewor­den ist. So wird die­se Per­so­nen­grup­pe grund­sätz­lich ver­däch­tigt, eine Geg­ne­rin des Sys­tems Assad zu sein. Das Aus­wär­ti­ge Amt schil­der­te in sei­nen Aus­künf­ten vom Febru­ar 2011, dass eine aus Deutsch­land abge­scho­be­ne Fami­lie fest­ge­nom­men wur­de. Die Orga­ni­sa­ti­on Kurdwatch berich­te­te am 29.03.2011, dass ein aus Däne­mark Abge­scho­be­ner gefol­tert wur­de. Auch am 29.04.2011 sei laut Kurdwatch ein aus Deutsch­land Abge­scho­be­ner fest­ge­nom­men wor­den. In dem Urteil des OVG Sach­sen-Anhalt vom 18.07.2012 [6] sind zahl­rei­che wei­te­re Fäl­le aus dem Jahr 2011 doku­men­tiert, in dem die syri­sche Ord­nungs­macht in ähn­li­cher Wei­se mit die­ser Per­so­nen­grup­pe umge­gan­gen ist.
Die­se Ent­wick­lung ver­lief par­al­lel zu der poli­ti­schen Eska­la­ti­on in Syri­en. Die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Human Rights Watch schil­der­te Mit­te 2011, dass sich die Über­grif­fe gegen Regime­geg­ner stark gehäuft hät­ten. So wird hin­sicht­lich des Vor­ge­hens der syri­schen Sicher­heits­kräf­te gegen Demons­tran­ten berich­tet: „Noch nie haben wir sol­chen Hor­ror gese­hen“ [7]. Seit dem Aus­bruch der Pro­tes­te wur­den allein bis Mit­te 2011 10.000 Men­schen ver­haf­tet [8]. Einen ers­ten grö­ße­ren Über­blick über die Lage in Syri­en gab Amnes­ty Inter­na­tio­nal in sei­nem Bericht vom Juli 2011 [9]. Der Bericht schließt damit, dass seit dem Beginn der Pro­tes­te im März 2011 die Zahl an Fol­te­run­gen, Ver­haf­tun­gen und Tötun­gen von Regime­geg­nern stark zuge­nom­men habe [10]. In der Fol­ge­zeit konn­te Amnes­ty Inter­na­tio­nal – inso­weit neue – Erkennt­nis­se über 88 doku­men­tier­te Todes­fäl­le in der Haft gewin­nen [11]. Auch gegen im Aus­land leben­de Oppo­si­tio­nel­le ging die Regie­rung Assad immer ver­stärk­ter vor, indem die Exil­sy­rer bedroht wur­den und ihre noch in der Hei­mat leben­den Ver­wand­ten gefol­tert wur­den, sog. Sip­pen­haft [12]. Des­halb sah sich der Prä­si­dent des Sicher­heits­ra­tes der Ver­ei­nig­ten Natio­nen bereits am 3.08.2011 ver­an­lasst, die syri­schen Behör­den zur Ach­tung der Men­schen­rech­te auf­zu­for­dern und erin­ner­te sie an ihre Ver­pflich­tung das Völ­ker­recht zu ach­ten [13].
Einen umfas­sen­den Über­blick über die Ent­wick­lung der Eska­la­ti­ons­la­ge im Jahr 2011 konn­te eine unter der Schirm­herr­schaft der UN ste­hen­de Unter­su­chungs­kom­mis­si­on in sei­nem Bericht von Ende Novem­ber 2011 geben [14]. Human Rights Watch hat einen ähn­li­chen Bericht weni­ge Wochen spä­ter ver­öf­fent­licht [15]. Die letzt­ge­nann­ten bei­den Berich­te bele­gen, dass sich seit dem Beginn der Unru­hen im März 2011 die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen des Regimes Assad immer wei­ter gestei­gert haben, aber in den letz­ten Mona­ten des Jah­res kei­ne qua­li­ta­ti­ve Ände­rung der Situa­ti­on mehr fest­stell­bar gewe­sen ist. Der Maß­nah­men­ka­ta­log des Regimes Assad gegen Demons­tran­ten, Inhaf­tier­te, Rück­keh­rer, Exil­sy­rer und ihre in Syri­en leben­den Fami­li­en hat sich im Lauf des Jah­res 2011 abschlie­ßend gebil­det und sozu­sa­gen „ver­fes­tigt“. Seit­dem sind ledig­lich Unter­schie­de quan­ti­ta­ti­ver Art in den ein­zel­nen Mona­ten aus­mach­bar. Dies hat sich auch nach dem Jah­res­wech­sel nicht geän­dert. Damit ist bei groß­zü­gi­ger Betrach­tung spä­tes­tens zum Ende des Jah­res 2011 von einer gefes­tig­ten Ände­rung der Sach­la­ge im Sin­ne des § 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG aus­zu­ge­hen. Die­ser von der Kam­mer gewähl­te Zeit­punkt trägt auch dem Umstand Rech­nung, dass zum Jah­res­en­de 2011 umfas­sen­de Doku­men­ta­tio­nen zur Lage in Syri­en ver­öf­fent­licht wur­den, allen vor­an der Bericht der Unab­hän­gi­gen Inter­na­tio­na­len Unter­su­chungs­kom­mis­si­on für Syri­en.
Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver – Urteil vom 10. Dezem­ber 2013 – 2 A 4636/​12
vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 20.05.2008 – A 10 S 3032/​07[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 13.05.1993 – 9 C 49/​92, BVerw­GE 92, 278; Fun­ke-Kai­ser, GK, AsylVfG, § 71, Rn. 142 und 226[↩]
vgl. sinn­ge­mäß BVerwG Urteil vom 20.10.2004 – 1 C 15/​03[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 13.05.1993 – 9 C 49/​92, BVerw­GE 92, 278; Fun­ke-Kai­ser, a.a.O., Rn. 139[↩]
vgl. Fun­ke-Kai­ser, a.a.O., Rn. 224 ff.[↩]
OVG LSA, Urteil vom 18.07.2012 – 3 L 147/​12[↩]
vgl. Arti­kel in der Frank­fur­ter Rund­schau vom 03.06.2011, „War­um hasst du unse­re Kin­der?“[↩]
vgl. Arti­kel in der Welt vom 14.06.2011, „Sie kön­nen uns umbrin­gen, aber nicht stop­pen“; Arti­kel in Die Tages­zei­tung vom 18.07.2011, „In der Gewalt des syri­schen Regimes“[↩]
vgl. Bericht vom Juli 2011, Crack­down in Syria: Ter­ror in Tell Kalakh[↩]
vgl. Bericht vom Juli 2011, a.a.O., S.19[↩]
vgl. Bericht vom August 2011, Dead­ly Detenti­on – Death in Cus­to­dy[↩]
vgl. Amnes­ty Inter­na­tio­nal, Bericht vom Okto­ber 2011, The Long Reach of the Muk­ha­ba­r­aat: Vio­lence and Harass­ment against Syri­ans abroad and their rela­ti­ves back home[↩]
Pro­to­koll der 6598. Sit­zung des Sicher­heits­ra­tes[↩]
vgl. Unab­hän­gi­ge Inter­na­tio­na­le Unter­su­chungs­kom­mi­si­on für Syri­en, Bericht vom 23.11.2011, Men­schen­rechts­la­ge – Exe­ku­tio­nen – Fol­ter – Ver­haf­tun­gen – Sip­pen­haft – Gewalt – Kin­der­rech­te[↩]
vgl. Human Rights Watch, Bericht vom Dezem­ber 2011, By All Means Necessa­ry[↩]
Wie­der­auf­grei­fen des Asyl­ver­fah­rens in Syri­en Die Sach- und Rechts­la­ge hat sich im Hin­blick auf die Lage in Syri­en spä­tes­tens zum 31.12 2013 geän­dert. Die Drei-Monats-Frist nach § 51 Abs. 3…
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