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Timestamp: 2018-11-18 11:07:39+00:00

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Chronologie der deutschen Gewerkschaftsbewegung von 1794 bis 1918 / von Dieter Schuster. - Teil: Chronologie 1885-1887
Chronologie: 1885 - 1887
Anfang 1885
15. Januar 1885
23./25. März 1885
4./6. April 1885
24. Mai 1885
24./25. Mai 1885
28. Mai 1885
5./6. Juni 1885
11./25. Juni 1885
29. Juni / 1. Juli 1885
10. Juli 1885
Juli / August 1885
12. August 1885
19. August 1885
21. August 1885
29. August / 3. September 1885
1./4. September 1885
25. Oktober / 12. November 1885
Ende November / Anfang Dezember 1885
21. März 1886
29./31. März 1886
11. April 1886
Mai / Juni 1886
26. Mai 1886 Juni 1886
16./22. Juni 1886
26. August 1886
30. August / 4. September 1886
21. November 1886
Mitte Dezember 1886 / Mai 1887
22. Dezember 1886
27./31. Dezember 1886
Ende 1886
20. Februar 1887
21. Februar 1887
14. März / 18. Mai 1887
1. April 1887
25. April 1887
25./28. April 1887
28./30. April 1887
31. Mai / 4. Juni 1887
Pfingsten 1887
25. Juli / 1. August 1887
28./30. Juli 1887
20. September 1887
2./6. Oktober 1887
6. Dezember 1887
Während einer kurzen Phase konjunktureller Erholung versuchen Arbeiter mit einer verstärkten Streikaktivität ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Der Staat ist bemüht, dies durch die Justiz einzudämmen. Während 1882 nur vier Verurteilungen aufgrund des § 153 der Gewerbeordnung registriert werden, sind es 1885 80 und 1886 schon 123. 1887 geht die Zahl der Verurteilungen aufgrund des konjunkturellen Abschwunges, aber vor allem auch des Puttkamerschen Streikerlasses, wieder auf 37 zurück.
Für diese Zeit sind 35 Verbände bzw. Zentralisationen mit etwas mehr als 80.000 Mitgliedern und 2.351 Filialen bekannt. Damit wird die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder aus den Jahren 1877/78 wieder erreicht, wenn nicht überschritten.
Vor allem die Buchdrucker und Maurer hatten ihre Mitgliedszahlen seit 1878 beträchtlich erhöhen können: von 5.500 auf 11.500 bzw. von 2.500 auf 18.000.
Der Organisationsgrad aller Gewerkschaften liegt bei ungefähr 1,8 Prozent.
Nach einer Befragung des Allgemeinen Brauerverbandes, ergibt sich eine Nettoarbeitszeit von durchschnittlich 13,2 Stunden bei seinen Mitgliedern. In Hildesheim und Zwickau werden 15 Stunden gearbeitet, in Norden 16 bis 18 Stunden - und zwar auch an Sonn- und Feiertagen. Zu keiner Nachtstunde sind die Brauer sicher, nicht zu Extraarbeit aus dem Schlaf geholt zu werden. Das hat zur Folge, daß ein Brauer mit 35 Jahren als "ausgedient" gilt und seinen Beruf aufgeben muß. Nur in wenigen größeren Städten wie Hannover und Dresden gibt es in einigen Brauereien schon den 12-Stunden-Tag. 6 Stunden Ruhezeit seien für einen Brauergesellen genug, erklärt ein Stuttgarter Brauereibesitzer, weil ihm bei längerer Zeit zu viel Gelegenheit zur Selbstbildung bleibe. Das sei weder wünschenswert noch notwendig.
Bei den Bäckern und Fleischern wird zum großen Teil noch länger gearbeitet.
Bei Bäckern und Konditoren, Metzgern und Brauern, in geringerem Maße auch bei Kellnern und anderen Gastwirtsgehilfen, ist das Kost- und Logiswesen üblich. Lehrlinge wie Gesellen wohnen und essen im Betrieb bzw. im Haus des Meisters. Sie können so zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Arbeit herangezogen werden und befinden sich unter ständiger Aufsicht.
Der Vorstand der Gewerkvereine übermittelt in einer Petition an den Reichstag seine Vorstellungen zum Arbeitsschutz:
Der Staat hat die Aufgabe und Pflicht, soziale Mißstände, welche die körperliche und geistige Gesundheit zahlreicher Arbeiter und damit die äußere und innere Sicherheit des Gemeinwesens gefährden, mit aller Kraft zu bekämpfen und zwar u.a. durch folgende Hauptmittel:
Eine mit der Zeit fortschreitende Volkserziehung, welche, auf klares Denken, sittliches Wollen und verständiges festes Handeln gerichtet, für das praktische Leben und seine Kämpfe vorbereitet.
Die Gewerkvereine fordern die Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit und gesetzlich geschützte Berufsorganisationen der Arbeiter sowie einen internationalen Arbeitsschutz.
Die Gewerkvereine verlangen konkret: das Verbot jeder gewerblichen Arbeit von Kindern unter 14 Jahren, der Sonntags- und Nachtarbeit, sowie der Arbeit in besonders gesundheitsschädlichen Betrieben und Festsetzung einer höchstens 10stündigen Arbeitszeit für jugendliche Arbeiter unter 18 Jahren in Fabriken; dieselben Vorschriften für Arbeiterinnen; möglichste Trennung der Geschlechter, frühere Entlassung verheirateter Frauen und Verbot der Beschäftigung während insgesamt 8 Wochen vor und nach der Entbindung; einen baldigen Erlaß allgemein bindender Vorschriften zum Schutz für Leben und Gesundheit der Arbeiter; eine wesentliche Vermehrung der Fabrikinspektoren, welchen ständige paritätische Ausschüsse zur Seite zu setzen sind; die Vorschrift, daß Fabrik-, Werk- und Arbeitsordnungen nur nach Anhörung der Arbeiter und mit Genehmigung der Fabrik-Inspektoren erlassen und abgeändert werden dürfen; das Verbot der Herstellung gewerblicher Erzeugnisse für den Privatbedarf in Straf- und ähnlichen Anstalten.
"Alle diese gesetzlichen Zwangsbestimmungen halten wir aber für ungenügend, wenn nicht einerseits durch Erleichterung der übermäßigen und ungerechten Steuern, und andererseits durch Normativgesetze für die Berufsvereinigungen zur Wahrung der Rechte und Interessen der Beteiligten die materielle Lage und die eigene genossenschaftliche Tätigkeit der Arbeiter in vertrauensvollem und versöhnendem Sinne gefördert werden."
Der "Reise- und Unterstützungsverein deutscher Böttcher" wird gegründet. Er nennt sich 1887 um in "Zentralverein der deutschen Böttcher".
Der Düsseldorfer Regierungspräsident Hans Hermann v. Berlepsch regt die Gründung eines "Bergischen Vereins für Gemeinwohl" an, dem einige Jahre später auch ein linksrheinischer Verein zur Seite tritt. Diese Arbeitgebervereine wollen "mit vereinten Kräften berechtigten Wünschen des vierten Standes durch Taten christlicher Liebe und Humanität" entgegenkommen. 1887 stiftet der Bankier August von der Heydt der Elberfelder Ortsgruppe dieses Vereins einen Geldbetrag und ein Grundstück, auf dem nach seinem Willen ein Erholungshaus für Arbeiter gebaut werden soll. Die Idee zu einem solchen Haus, das in der Folgezeit auch entsteht und Platz für 30 Arbeiter bietet, geht auf Vorbilder in Frankreich und besonders in England zurück. In Deutschland gibt es nur drei schon bestehende Vorbilder in München, Straßburg und Frankfurt/Main, die ebenfalls auf privaten Stiftungen beruhen. Um 1890 werden in Berlin und Nürnberg dann auch Häuser auf Gemeindekosten mit Unterstützung der Ortskrankenkassen gebaut. Nach dem Willen des Elberfelder Stifters soll das Haus erholungsbedürftigen Arbeitern, vor allem Rekonvaleszenten, ein "Asyl" sein, in welchem "sie sich im Sommer eine zwei- bis dreiwöchige Erholung gönnen und dadurch ihr Kräfte wiederherstellen können". Die Stadt Elberfeld erklärt sich bereit, das Haus in städtische Regie zu übernehmen.
Bei diesen Bemühungen, Arbeitern eine längere Erholungspause zu ermöglichen, geht es fast ausschließlich um eine Wiederherstellung der Kräfte nach einer schweren Krankheit oder bei völliger Erschöpfung. Außer durch eine niedrige Selbstbeteiligung des Arbeiters sollen die Kosten durch die Krankenkassen und - je nach Bedürftigkeit - durch Stiftungen aufgebracht werden. Bei der in dieser Zeit beginnenden Diskussion um eine Erholung des Arbeiters geht es vornehmlich um die Abschaffung der Sonntagsarbeit in möglichst allen Gewerben. Mit den Argumenten, die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie werde darunter leiden, die Autorität und die Entscheidungsfreiheit der Unternehmer würden dadurch zu sehr eingeschränkt und von einem Zuviel an freier Zeit gingen auch Gefahren für das leibliche und sittliche Wohl der Arbeiter aus, werden aber alle Gesetzesinitiativen, die die Sonntgsarbeit einschränken wollen, mehrfach in den 80er Jahren, zuletzt 1889, von Bismarck und vom Bundesrat abgelehnt.
In mehreren Berichten weist der Oberpräsident der Rheinprovinz auf die Bedeutung der Fachvereine auch für die Ausbreitung sozialdemokratischer Ideen hin, wobei die Ausdehnung auf "Unterstützungs-, Spar-, Sing-, Rauch- und andere gesellige Vereine" neben dem Bestreben bemerkt wird, "durch Veranstaltungen von Festlichkeiten" in der Arbeiterschaft attraktiv zu bleiben.
Gertrud Guillaume-Schack gründet in Berlin den "Verein zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen". Zur Leitung gehören u.a. Emma Ihrer und Pauline Staegemann.
Als Aufgaben stellt sich der Verein: Hebung der geistigen und materiellen Interessen der Mitglieder, insbesondere Regelung der Lohnverhältnisse, gegenseitige Unterstützung bei Lohnstreitigkeiten, Aufklärung durch fachgewerbliche und wissenschaftliche Vorträge, Beschaffung einer Bibliothek, Pflege der Kollegialität durch gesellige Zusammenkünfte und die Errichtung eines Arbeitsnachweises. Nach den Statuten können nur "Frauen und Mädchen" dem Verein angehören. Männer haben gewöhnlich keinen Zugang zu den Vereinsversammlungen. Eine Petition des Vereins gegen die Einführung eines Zolls auf englisches Nähgarn (das die Arbeiterinnen selbst bezahlen mußten) wird mit Tausenden von Unterschriften aus ganz Deutschland unterstützt und "allen Fraktionen zur Befürwortung überreicht", mit dem Erfolg, daß die Zollerhöhung unterbleibt.
Am 8. Mai nimmt der Verein eine Resolution an, mit der der Reichskanzler ersucht wird, über die Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche sowie über den Verkauf oder die Lieferung von Arbeitsmaterial (Nähfaden) seitens der Arbeitgeber an die Arbeiterinnen und über die Höhe der dabei berechneten Preise Ermittlungen zu veranlassen und dem Reichstage über das Ergebnis in der nächsten Session Mitteilung zu machen. Aber erst im Frühjahr 1896, als bei Gelegenheit des Konfektionsarbeiterinnenstreiks erneute Debatten über diese Branche im Reichstag geführt werden, erinnert man sich der entsprechend jenem Beschluß veranstalteten Enquete, deren Ergebnisse bereits im April 1887 dem Reichstag übermittelt wurden. Das gesetzliche Ergebnis dieser Initiativen besteht darin, daß der § 115 der Gewerbeordnung dahingehend verändert wird, daß die Verabfolgung von Arbeitsmaterial durch den Arbeitgeber nur zu den ortsüblichen und nicht, wie es durchaus üblich war, zu überhöhten Preisen an die Arbeiterinnen künftig erfolgen darf.
Reichskanzler O. von Bismarck erklärt im Reichstag zu einem Antrag des Zentrums, den Normalarbeitstag gesetzlich zu verankern: "Ein Normalarbeitstag, wenn er sich erreichen ließe, wäre ja außerordentlich wünschenswerth. Wer empfindet nicht das Bedürfniß, zu helfen, wenn er den Arbeiter gegen den Schluß des Arbeitstages müde und ruhebedürftig nach Hause kommen sieht, wenn er ihn mißmuthig unter der Zumuthung von Ueberstunden, erbittert darüber findet, daß ihm die Ruhe nicht gestattet ist, die ihm lieber wäre als das Geld, was er für die Ueberstunden noch verdient! - der müßte kein Herz im Leibe haben, der nicht den dringenden Wunsch hätte, dem Arbeiter aus dieser Nothlage herauszuhelfen. Wie dies aber gemacht werden soll, - ja, da hoffe ich, daß, wenn es dahin kommt, daß die Regierung sich mit den Arbeiten beschäftigt, die Herren, welche den Antrag auf Normalarbeitstag gestellt haben, auch ihrerseits die Leitung der Thätigkeit der Regierung dabei übernehmen werden; denn die Herren, welche diesen Antrag gestellt haben, wissen offenbar ein Mittel, wie es zu machen sei (Heiterkeit); sonst würden sie den Antrag doch nicht gestellt haben. ... Der Arbeiter hat in den meisten Fällen jetzt gerade so viel, wie er bei seinen Bedürfnissen braucht; sinkt der Lohn, so hat er weniger. Also das muß ihm auf irgend eine Weise ersetzt werden. Wollen Sie es dem Arbeitgeber auferlegen, wie ich aus dem Tenor der Rede des Herrn von Hertling schließe, so ist es möglich, daß eine Anzahl Industrien das tragen können; ob sie es tragen wollen, ob sie sich nicht zurückziehen, ob nicht dadurch wie ich vorhin sagte, der Tod der eierlegenden Henne eintritt, die Arbeit absolut aufhört, und der Arbeiter gar keine Arbeit mehr findet, - das ist eine Frage, die kann durch Enqueten ermittelt werden, und ich bin gegen keine Enquete. ... Die Konkurrenz im Umland kann durch Bestimmungen beschränkt werden, aber die Spitze unserer Industrie ist die Exportindustrie; lassen sie die Exportindustrie konkurrenzunfähig werden mit dem Ausland, und unsere ganze Industrie wird darunter leiden; die Möglichkeit die Arbeiter zu beschäftigen, wird sofort erheblich zurückgehen, wenn die Exportindustrie geschädigt und nicht mehr mit dem bisherigen Erfolg zu arbeiten imstande ist."
Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion reicht erneut einen Arbeiterschutzgesetzentwurf ein. Darin fordert sie unter anderem: einen Maximalarbeitstag von 10 Stunden, Samstag acht Stunden, für jugendliche Arbeiter zwischen 14 und 16 Jahren sowie für Bergarbeiter 8 Stunden, das Verbot der Sonn- und Feiertagsarbeit, abgesehen von unumgänglichen Ausnahmen (Transport- und Gaststättengewerbe), eine Reihe von gesetzlichen Vorschriften für die Fabrikordnungen, insbesondere wöchentliche Lohnzahlungen am Freitag, Verbot des Trucksystems, Ermöglichung des Besuchs von Fortbildungsschulen für jugendliche Arbeiter, bestimmte Vorschriften für das Lehrlingswesen. Darüber hinaus sieht der Arbeiterschutz-Gesetzentwurf die Einrichtung von Arbeitsämtern vor, die für die Beaufsichtigung und Überwachung der gewerblichen Betriebe, für die Einhaltung von Schutzmaßregeln, den Arbeitsnachweis usw. verantwortlich sein sollen; ferner wird die Errichtung von paritätischen Arbeitskammern vorgeschlagen, die die Funktion eines gewerblichen Schiedsgerichtes ausüben und mit erweiterten Vollmachten für die Begutachtung von Fabrikordnungen, von gesetzlichen Maßregeln, für die Festsetzung von Minimallöhnen und die Durchführung gewerblicher Enqueten zuständig sein sollen. Die Arbeitskammern sollen alljährlich zu einem Kongreß zusammentreten.
In der Kommission wird das Reichsarbeitsamt abgelehnt, die befürwortete Vermehrung der Fabrikinspektoren vom Bundesrat abgelehnt, die Resolution über die obligatorische Einführung von paritätisch besetzten Gewerbegerichten dem Reichskanzler überwiesen.
Auf dem zweiten Kongreß der Maurer in Hannover vertreten 51 Delegierte aus 37 Orten bereits 10.422 organisierte Maurer. Zu dieser Zeit sind die Bauarbeiter die aktivste Berufsgruppe in Deutschland. Etwa jeder Fünfte der in Industrie, Bergbau und Bauwesen Tätigen ist Bauarbeiter, jeder Fünfzehnte Maurer.
Der Kongreß der Maurer muß der Tatsache Rechnung tragen, daß das ständige Wachstum der gewerkschaftlichen Bewegung ein weitaus größeres Maß an Zentralisierung erfordert. Statt eines Zentralverbandes wird jedoch nur eine Kontrollkommission gebildet und diese ermächtigt, "in allen den 'Bauhandwerker' betreffenden Fragen ... im Interesse der Maurer Deutschlands zu verfahren, sowie Arbeitseinstellungen, Wanderunterstützung, Agitation, Organisation, als auch alle den Kongreß der Maurer Deutschlands betreffenden Fragen in die Hand zu nehmen und durchzuführen".
Auf einem Kongreß von 20 Lokalorganisationen der Buchbinder in Offenbach a. Main wird der "Unterstützungsverband der Buchbinder, Portefeuiller-, Album-, Etuis-, Kartonnagenarbeiter, Linierer usw. und deren Hilfsarbeiter" gegründet.
Damit gehören die Buchbinder zu den ersten gewerkschaftlichen Organisationen, die die Begrenzung auf gelernte Gehilfen überwinden. Die gewerkschaftlichen Ziele, wie Regelung der Arbeitszeit und des Arbeitslohnes, Beseitigung der Stückarbeit (Akkordarbeit) und die Regelung des Lehrlingswesens werden aus politischen Gründen im § 1 "Zweck des Verbandes" erst an vierter und fünfter Stelle aufgeführt.
Dem Zentralvorstand werden sehr viele Rechte eingeräumt, vor allem das alleinige Recht zur Genehmigung von Arbeitsniederlegungen. Im Statut wird die Unterstützung arbeitsloser Mitglieder als Verbandsziel festgelegt. Das wird allerdings erst 1893 verwirklicht.
Sitz wird Stuttgart, Verbandsorgan die in Berlin seit Herbst 1884 erscheinende "Allgemeine deutsche Buchbinderzeitung". 1889 umfaßt der Verband 46 Lokalorganisationen mit etwa 2.000 Mitgliedern.
Trotz aller Vorsicht beanstandet der Berliner Polizeipräsident die Statuten. Die Bestimmungen über die Reise-, Arbeitslosen- und Gemaßregeltenunterstützungen seien mit dem preußischen Vereinsgesetz in Einklang zu bringen.
Daraufhin treffen sich die Delegierten am 25. Dezember zu einem außerordentlichen Verbandstag um die Statuten dahingehend abzuändern, daß alle Unterstützungen zu einem freiwilligen Geschenk erklärt werden, auf das kein Rechtsanspruch bestehe.
Der preußische Innenminister verfügt, daß Gewerkschaftsorganisationen, die "politische Gegenstände" in ihren Versammlungen erörtern, nach § 8 des preußischen Vereinsgesetzes vom 11. März 1850 zu behandeln und nach § 16 des gleichen Gesetzes deren gerichtliche Schließung herbeizuführen seien. Diese Bestimmungen sind auch auf sozialpolitische Aktivitäten, "welche in den Versammlungen fast aller Fachvereine erörtert zu werden pflegen", anzuwenden. Die Verfügung löst polizeiliche Verbote von gewerkschaftlichen Lokalorganisationen aus. Die Maßnahmen treffen nahezu alle Berufsgruppen, konzentrieren sich aber vornehmlich auf die aktivsten Arbeiterschichten, insbesondere die Maurer-Organisationen, die 1885 umfangreiche Lohnbewegungen und Streiks durchführen und für 1886 weitere Aktionen vorbereiten.
In Magdeburg wird die "Vereinigung deutscher Stellmacher" gegründet.
Schon vor dem Verbot der "Vereinigung der Metallarbeiter Deutschlands" - August 1885 - gründen die Schmiede und die Stellmacher wieder Branchenverbände: die "Vereinigung der deutschen Schmiede". Da die Statuten nach Einspruch der Polizeibehörde in mehreren Punkten geändert werden müssen, kann die "Vereinigung" erst am 24. August konstituiert werden. Die Initiative geht von Berlin aus, wo u.a. von den Schmieden die zehnstündige Arbeitszeit, die Beseitigung der Sonntagsarbeit und die Lohnauszahlung am Sonnabend gefordert werden. Ein Streik für diese Forderung wird mit Unterstützung aus anderen Orten gewonnen. 1886 schließen sich die Mechaniker und Kupferschmiede und 1889 die Goldarbeiter zusammen. Bis Anfang 1886 können 49 Fachvereine gegründet werden, und zwar 27 der Metallarbeiter, 7 der Former, 8 der Klempner, 5 der Schlosser und je einer der Eisen- und Metalldreher und der Metalldrucker. Wieder spielt dabei die "Deutsche Metallarbeiter-Zeitung" eine maßgebliche Rolle.
Auf der zweiten Generalversammlung des Schuhmacher-Unterstützungsvereins spricht sich die Mehrheit gegen eine Arbeitslosenunterstützung aus, da dafür die finanziellen Mittel nicht ausreichen, eine Beitragserhöhung aber wegen des geringen Verdienstes der Schuhmacher die Werbekraft der Organisation beeinträchtige. Ebenfalls abgelehnt wird die Aufnahme der "Gewährung von Rechtsschutz" in die Satzung. Dagegen beschließen die Delegierten eine Streikunterstützung für die Mitglieder aus der Verbandskasse. Gleichzeitig wird jedoch eindringlich vor unbesonnenen Streiks, die keine Aussicht auf Erfolg haben, gewarnt.
Mit dem "Ausdehnungsgesetz" werden eine Reihe von Staatsbetrieben, in denen für Arbeiter besonders schwerwiegende Unfallrisiken bestehen, u.a. bei der Marine-, Heeres-, Post- und Telegraphen-, Eisenbahn- und Bauverwaltung sowie den Baggerei-, Binnen- und Seeschiffahrts- sowie Flößerei- und Fahrbetrieben, in die Unfallversicherung einbezogen.
Doch trotz verschärfter Unfallverhütungsvorschriften nimmt die Zahl der von den Berufsgenossenschaften entschädigten Unfälle ebenso wie die der leichteren, die zu Lasten der Krankenkassen gehen, ständig zu, wobei Art und Ausmaß in den unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen beträchtlich differieren. Dieser Sachverhalt weist auf die Intensivierung von Produktionsvorgängen und vor allem die verstärkte Beschäftigung ungelernter Arbeiter in der modernen Industrie hin.
In Berlin wird der "Verband der Bäcker und Berufsgenossen Deutschlands" gegründet. Als erste Unterstützungen werden eine Reiseunterstützung und der Rechtsschutz beschlossen. Da der Berliner Polizeipräsident drei Jahre bis zur Genehmigung der Statuten braucht, stagniert der Verband.
"Der Sozialdemokrat" veröffentlicht eine Artikelfolge von W. Liebknecht über die "Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter", in der die Gewerkschaftsbewegung als "ein unentbehrlicher Faktor im Emanzipationskampf des Proletariats" bezeichnet wird. "Die Gewerkschaft sucht nach Kräften als Wahrerin der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Interessen ihrer Angehörigen aufzutreten." Wenn jedoch "selbst die Macht der bestorganisierten Gewerkschaften die allgemeinen Gesetze der wirtschaftlichen Entwicklung nicht aufzuheben vermag", so könne sie "bis zu einem gewissen Grade wenigstens ihre Wirkungen modifizieren. ... Die Arbeitsgesetzgebung macht die Gewerkschaftsbewegung keineswegs überflüssig, sie wird unter den heutigen Verhältnissen immer nur ergänzend nachhinken." Darüber hinaus wird die Bedeutung der gewerkschaftlichen Unterstützungseinrichtungen, des Rechtsschutzes und der fachlichen Fortbildung der Arbeiter hervorgehoben. "Eine wohlgeregelte Unterstützungskasse z.B. ist gewiß von größtem Wert für die Arbeiter, aber sobald sie anfängt, als der wesentliche, ausschließliche Zweck der Organisation betrachtet zu werden, hört diese auf, Kampfesorganisation für die Emanzipation der Arbeiter zu sein ... Und so ist es mit jedem anderen Punkte des gewerkschaftlichen Programms. Wird er zum ausschließlichen Zweck der Organisation erhoben, dann ist dieselbe verdammt, sich resultatlos im ewigen Kreise zu drehen. Denn wenn die gewerkschaftliche Organisation vieles kann, so kann sie doch die Folgen der wirtschaftlichen Entwicklung nicht aufheben, solange sie die Basis derselben, das Produktionssystem, unberührt läßt." W. Liebknecht betont, "in der Hebung des Klassenbewußtseins der Arbeiter ist einer der größten, wenn nicht der größte Vorzug der Gewerkschaftsbewegung zu erblicken".
Über die gegenseitige Bedingtheit von Partei und Gewerkschaften heißt es: "Wo der feste Stamm wohlorganisierter Gewerkschaften fehlt, da sehen wir blutige Kämpfe resultatlos sich abspielen, wo der Gewerkschaftsbewegung keine energische, vorwärtstreibende Arbeiterpartei zur Seite steht, finden wir Verknöcherung, Versteinerung, Unfähigkeit zur Aktion. Nur wo beide Zweige der Arbeiterbewegung harmonisch zusammenwirken, kann dieselbe als gesund bezeichnet werden."
Auf der ersten Generalversammlung des Zentralverbandes der Tischlerfachvereine in Offenbach wird eine Stagnation der Mitgliederzahlen festgestellt.
Interne Auseinandersetzungen haben in folgender Zeit das Wachsen des Verbandes erschwert. Mitte 1886 gehören nur etwa 60 der 120 Fachvereine dem Verband an. Fast die Hälfte der 60 werden allerdings von Behörden an einem Anschluß gehindert.
In Hamburg wird der "Unterstützungsverein deutscher Cigarrensortierer" gegründet. Zum Geschäftsführer wird Adolph von Elm gewählt.
Zweck des Vereins ist u.a. die Unterstützung arbeitsloser und reisender Mitglieder und der Arbeitsnachweis. Der Verein bekennt sich zur politischen und religiösen Neutralität.
Die Zigarrensortierer sind die qualifizierteste Berufsgruppe innerhalb der Tabakarbeiter. Sortierer müssen eine Lehre absolvieren.
In Berlin streiken rund 12.000 Maurer für die Verkürzung der Arbeitszeit und höhere Löhne. Der Streik greift auch auf andere Städte über. In zahlreichen Baubetrieben wird eine zehnstündige Arbeitszeit durchgesetzt.
Auf der ersten Generalversammlung des Schneiderverbandes wird wegen der Behinderungen durch die Vereinsgesetzgebung der föderative Verband in einen streng zentralisierten Reiseunterstützungsverein umgewandelt. Sitz wird Halle/Saale.
Zur Koordinierung der Arbeitsmarktfunktionen der örtlichen Fachvereine bzw. der Lohnkommissionen wird eine "Kontrollkommission" eingesetzt. Sie soll statistisches Material über die Arbeitsverhältnisse sammeln, unnötige Streiks verhindern und unvermeidliche Arbeitskämpfe unterstützen. Sitz der Kontrollkommission wird Frankfurt a.M. Damit besitzt die Schneiderbewegung mehrere Jahre lang zwei Zentralen.
Der "Sozialdemokrat" berichtet, daß die Agitation für das Arbeiterschutzgesetz in ganz Deutschland immer größere Dimensionen annehme.
In Berlin wird der "Allgemeine Brauerverband" gegründet, der Unterstützungskassen für reisende und arbeitslose Mitglieder einrichtet. Im gleichen Jahr entstehen der "Reiseunterstützungsverein deutscher Böttcher" und der "Unterstützungsverein deutscher Cigarrensortierer" unter Führung Adolph von Elms. Die Sortierer sind die kleinste, aber qualifizierteste Berufsgruppe unter den Zigarrenarbeitern. Sie erreichen bereits im Gründungsjahr in einigen Hamburger Betrieben, daß nur Gewerkschaftsmitglieder eingestellt werden dürfen. Sie lehnen, ihres ausgeprägten berufsständischen Bewußtseins wegen, lange Zeit eine Vereinigung mit den Tabakarbeitern ab.
Die Braunschweiger Regierung verbietet auf Druck der preußischen Regierung die erst Ende 1884 gegründete "Vereinigung der Metallarbeiter Deutschlands". Mit diesem Verbot wird erneut die Existenz gewerkschaftlicher Zentral-Verbände zumindest in Preußen in Frage gestellt.
Der Zentralrat der Gewerkvereine untersagt die Bildung provinzieller Organisationen, da sie gegen die Statuten der einzelnen Gewerkvereine wie gegen das Verbandsstatut verstoßen und die Gesamtorganisation Schaden leide.
Nach der Unterdrückung der "Vereinigung der Metallarbeiter Deutschlands" bemühen sich die einzelnen Branchen der Metallarbeiter, zentrale Organisationen zu gründen.
Auf einer öffentlichen Versammlung der Schmiede in Berlin wird die "Vereinigung der deutschen Schmiede" endgültig ins Leben gerufen. Die Vereinigung gibt eine eigene Zeitung heraus: "Bruder Schmied" - Organ der deutschen Huf-, Wagen-, Schiffs-, Anker-, Kessel-, Nagel-, Zeug- und Messerschmiede. Diese Zeitung erscheint vom Juli 1887 bis Juni 1903 und wird dann von der "Schmiede-Zeitung" abgelöst.
Ähnliche Organisationen wie die Schmiede bilden die Mechaniker und Optikergehilfen, die Feilenhauer, die Former, deren Branchenbewegung in den Jahren 1886 bis 1888 durch mehrere Streikbewegungen der erfolgreichste Zweig der Metallarbeiterbewegung ist.
Auf der 2. Generalversammlung des "Reiseunterstützungsvereins der Tabakarbeiter" in Brandenburg wird das Statut erweitert. Den bisherigen Aufgaben wird die einer "Erzielung günstiger Arbeitsbedingungen" vorangestellt und zur Reiseunterstützung tritt eine Unterstützung solcher Mitglieder, die, wegen ihres Eintritts für bessere Arbeitsbedingungen, arbeitslos werden. Der Verein nennt sich nun "Unterstützungsverein deutscher Tabakarbeiter". Im März 1884 waren die lokalen Krankenkassen in eine Zentralkrankenkasse mit Sitz in Hamburg zusammengefaßt worden.
1886/1887 hat die Bremer Zentralorganisation etwa 5.500, die Zentralkrankenkasse etwa 14.000 Tabakarbeiter organisiert.
Mit Haussuchungen bei Mitgliedern der Kontrollkommission der Maurer Hamburg beginnen erneute Verfolgungen gegen diese besonders aktive gewerkschaftliche Organisation.
Auf dem Katholikentag erklärt F. Hitze: "Die Sozialdemokratie muß isoliert werden. Organisation gegen Organisation: das ist der einzige Weg, der sozialdemokratischen Agitation entgegenzutreten."
In mehreren Artikeln im "Sozialdemokrat" warnt W. Liebknecht: "Nicht nur hat die kapitalistische Produktion die Tendenz und Kraft, eine gleiche Summe von Arbeit in immer kürzerer Zeit zusammenzupressen, sie hat auch die weitere Tendenz, immer mehr Arbeiter überflüssig zu machen, so daß sich uns das scheinbar widerspruchsvolle Schauspiel darbietet, bei gesteigerter Produktion das Überflüssigwerden von Arbeitern." Der Normalarbeitstag bewirke eine Steigerung der Produktivität der Arbeit durch vervollkommnete Maschinerie, bessere Arbeitsteilung, höhere Intensität; insofern fördere er die Entwicklung der Großindustrie. Die "Hoffnung, der Normalarbeitstag werde einer namhaften größeren Zahl von Arbeitern Beschäftigung geben", sei jedoch ein Wahn. "Gegen die Krisen und Arbeitslosigkeit ist der Normalarbeitstag ohnmächtig. Diese Hauptschreckmittel des Arbeiters haben mit der Länge des Arbeitstages gar nichts zu tun. Sie entspringen aus dem innersten Wesen der Privatproduktion und des Kapitalismus und werden bestehen, solange diese besteht."
In Arbeiterversammlungen in Glauchau und Werdau erklärt A. Bebel, die Arbeiterklasse litte am meisten unter den bestehenden Zuständen, und es liege daher in ihrem eigensten Interesse, "sich gegen den ständig zunehmenden Druck, die wachsende Ausbeutung und die daraus folgende physische und geistige Degeneration zu wehren und Mittel und Wege zu ergreifen, die diese Folgen einigermaßen eindämmten". Das bezwecke der sozialdemokratische Arbeiterschutz-Gesetzentwurf, "der kein Heilmittel gegen die kapitalistische Produktionsweise enthalte, noch weniger diese beseitigen könne. Es handle sich bloß um ein Palliativmittel, aber um ein Palliativmittel, welches die Arbeiter benutzen müßten, so lange nicht die Macht vorhanden sei, das Produktionssystem umzugestalten".
Der "Unterstützungsverein der Kupferschmiede Deutschlands" wird gegründet.
Bei den ersten Tarifverhandlungen der Buchdrucker nach 1878 wird zum ersten Mal eine Lehrlingsskala abgeschlossen, wonach auf je fünf Gehilfen ein Lehrling ausgebildet werden darf.
In Bochum wird ein Rechtsschutzverband gegründet, der Bergarbeitern Rechtsschutz in Knappschafts- und betrieblichen Angelegenheiten gewähren soll. Der Verband hat 1888 rund 8.150 Mitglieder.
Nachdem der Töpferkongreß in Berlin eine Kontrollkommission gründet und diese mit "weitestgehenden Rechten, die gesetzlich zulässig sind", ausrüstet, nennt die Kommission ihre Aufgaben und Pflichten in einem Aufruf:
die strengste Überwachung, Prüfung und Bestätigung wie auch Nichtbestätigung aller Lohnforderungen;
die Agitation durch Wort und Schrift im ganzen deutschen Reiche zu betreiben;
Fachvereine und lokale Wanderunterstützungen zu gründen;
das Fachorgan "Der Bauhandwerker" zu verbreiten;
eine Berufsstatistik zu veranstalten;
der Lehrlingsfrage Beachtung zu widmen und die eingewurzelten Übel möglichst zu beseitigen;
mit Rat und Tat sämtlichen Kollegen behilflich zu sein;
die durch ihre Bestätigung proklamierten Streiks und Ausstände zu leiten und mit allen gesetzlichen Mitteln zu unterstützen;
einen Agitationsfond durch ein nach ihrem Ermessen bestimmtes Markensystem aufzubringen und zu verwalten;
alle unsere Gewerbe bezüglichen Beschwerden entgegenzunehmen und alle Lohn- und Rechtsstreitigkeiten zu regeln.
Der dritte Kongreß der Maurer in Dresden setzt an die Stelle der bisherigen Kontrollkommission eine Agitationskommission ein und bezeichnet es als deren Pflicht, "alle Angelegenheiten der Maurer Deutschlands in bezug auf Organisation, Agitation, Streikangelegenheiten etc. in die Hand zu nehmen und im Sinne der Beschlüsse des Kongresses in dieser Hinsicht tätig zu sein". Alle Gelder zur Streikunterstützung sowie zur Organisation und Agitation sollen an die Agitationskommission abgeführt werden. Mit der "geistigen Agitation" im Sinne des Kongresses wird eine Preßkommission beauftragt.
Das Gesetz über die Verlängerung des Sozialistengesetzes bis zum 30. September 1888 wird mit 173 gegen 146 Stimmen im Deutschen Reichstag angenommen.
Der "Streikerlass" des preußischen Innenministers Robert v. Puttkamer leitet mit verschärftem Terror gegen die Arbeiterbewegung eine neue Phase des Sozialistengesetzes ein. Der Erlaß fordert von allen Staatsorganen verschärftes Vorgehen gegen Streiks, Streikende und ihre Führer, um die Gewerkschaften zu unterdrücken. "In der Mitte" zwischen strafbaren Delikten "und der erlaubten Ausübung des Koalitionsrechtes" lägen "Ausschreitungen, welche, ohne gerade mit Notwendigkeit unter den Begriff von Straftaten zu fallen", für "die Polizei vollen Anlaß und Beruf" gäben, sich ihnen auf Anrufen der Unternehmer "tatkräftig entgegenzustellen". Dazu gehörten alle Versuche, Streikbrecher zu überreden, zu belästigen oder zu beunruhigen oder "die Kluft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu einer unüberbrückbaren zu erweitern" und unter den Arbeitern "den Haß gegen die Gesamtheit unserer politischen und gesellschaftlichen Zustände anzufachen und zu unterhalten". Besonderes Augenmerk solle die Polizei auf sozialdemokratisch beeinflußte Streiks richten. Gegen Streiks, von denen "anzunehmen ist, daß sie durch die sozialdemokratische Agitation angestiftet sind oder auch in ihrem weiteren Fortgange der Leitung derselben verfallen, die somit ihren wirtschaftlichen Charakter abstreifen und einen revolutionären annehmen", soll im Sinne des Sozialistengesetzes mit aller Schärfe vorgegangen werden. R. von Puttkamer fordert auf, den Ausweisungsparagraphen "auch gegen Führer von Streikbewegungen" anzuwenden und gegebenenfalls den Belagerungszustand zu verhängen.
Der Streikerlaß ist die Reaktion auf die stark anschwellende Streikbewegung und den Aufschwung der Gewerkschaften. Er bedeutet das offizielle Eingeständnis des Scheiterns der "milden Praxis". Trotz Streikerlaß und verstärkter Verfolgung nehmen Umfang, Intensität und Zahl der Streiks jedoch weiter stark zu. Der Zentralrat der Gewerkvereine verwahrt sich dagegen, daß der Erlaß "die Anwendung der gesetzlichen Mittel durch die Verquickung mit dem Sozialistengesetz in hohem Grade einseitig bedroht. Das gesetzliche Koalitionsrecht darf, auch wenn Sozialisten sich desselben bedienen, unbedingt nicht mit den durch das Ausnahmegesetz verbotenen Handlungen in eine Reihe gestellt werden, wenn nicht eine Parteinahme der Regierung für die Unternehmer und eine Schädigung der ohnehin bedrängten Verhältnisse großer Arbeiterkreise Platz greifen soll."
Auf Grund des § 8 des preußischen Vereinsgesetzes, nach dem Frauen nicht Mitglieder von politischen Vereinen sein dürfen, werden in Berlin mehrere Arbeiterinnenvereine geschlossen, darunter der "Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen". Anlaß für dieses Verbot ist eine Petition an die Stadtbehörde wegen der Zulassung der Frauen zum Gewerbegericht, da darin eine Verletzung des Vereinsrechts gesehen wird. Die Leiterinnen des Vereins werden zu Geldstrafen verurteilt.
In Industriestädten der USA beginnt ein von der Amerikanischen Arbeiter-Föderation angeregter Streik für den Achtstundentag. Während einer Kundgebung auf dem Haymarket in Chicago werden durch eine Bombe sieben Polizisten und vier Arbeiter getötet. Die amerikanische Regierung geht daraufhin mit Gewalt gegen die Arbeiterbewegung vor. Vier der Führer der Chicagoer Arbeiterbewegung werden zum Tode verurteilt und am 11. November 1887 hingerichtet.
Die preußische Regierung erläßt eine Bekanntmachung, nach der auf Grund des Sozialistengesetzes in Berlin und Umgebung Versammlungen, außer Wahlversammlungen, in denen öffentliche Angelegenheiten erörtert werden sollen, der schriftlichen Genehmigung der Ortspolizeibehörde bedürfen. Auf Grund dieser Bekanntmachung werden allein in Berlin im Mai 47 Versammlungen polizeilich verboten, 11 aufgelöst.
Am 22. Mai schließt die Polizei die Preßkommission und die weitere Herausgabe des "Bauhandwerker" und den Fachverein der Berliner Maurer, vor allem um einen neuen Streik zu verhindern.
Mehrere führende Mitglieder der Berliner Gewerkschaftsbewegung werden auf Grund des Streikerlasses ausgewiesen. Der "Sozialdemokrat" warnt die Parteimitglieder, Gewalttätigkeiten zu begehen.
Der preußische Innenminister R. von Puttkamer erklärt im Reichstag: "... hinter jeder größeren Arbeitseinstellung, die in jetziger Zeit auf zwangsweise und durch Agitation, namentlich durch plötzlich umfassende Einstellung der Arbeit, hinstrebende Erhöhung der Löhne berechnet ist, und welche einen großen, viele Gewerbezweige in Mitleidenschaft ziehenden Umfang gewinnt, hinter jeder einer solchen Arbeitseinstellung lauert die Hydra der Gewalttat und der Anarchie".
Die Berliner politische Polizei bezeichnet die Gewerkvereine in einer Denkschrift für den Minister des Innern als eine "in Organisation, Zweck und Mitteln verfehlte Zwitterschöpfung .., die trotz ihres liberal-manchesterlichen Glorienscheines und trotz der wohlwollenden Neutralität der Behörden, welche die Gewerkvereine nicht einmal den vereinsgesetzlichen Bestimmungen unterwarfen, zu keiner lebenskräftigen Entwicklung gelangen wollte".
Die Polizei löst den Tapeziererverein in Berlin auf.
Neunter Verbandstag der Hirsch-Dunckerschen-Gewerkvereine in Halle/Saale. Die Mitgliederzahl ist wieder auf 52.000 in 953 Vereinen gestiegen. Die Gewerkvereine haben auch in den Industriegebieten (Rheinland-Westfalen, Sachsen) Fuß gefaßt. Die Gewerkvereins-Hilfskassen haben 45.000 Mitglieder.
Der Verbandstag muß heftige Auseinandersetzungen zwischen der Verbandsleitung und dem Gewerkverein der Maschinenbauer schlichten, nachdem der Verein versucht, in den Führungsorganen stärker vertreten zu sein, vor allem verlangen die Maschinenbauarbeiter eine Neuordnung der Verbandsfinanzen. Die Gewerkvereine bezahlen vierteljährlich eine Verbandssteuer pro Mitglied. Künftig soll anstelle dieser Verbandssteuer ein Umlageverfahren treten. Nach heftigen Diskussionen werden die Vorschläge der Maschinenbauer mit großer Mehrheit abgelehnt.
Mit 24 gegen 22 Stimmen erkennt der Verbandstag regionale "freiwillige Ausbreitungsverbände als sehr ersprießlich für die Agitation" an, stimmt der Erstattung der Unkosten für deren Aktivitäten aus der Verbandskasse zu und beendet damit eine jahrelange Diskussion gegen die Mehrheit der Generalratsmitglieder um eine stärkere Regionalisierung der Gewerkvereine.
Der Verbandstag erkennt an, "daß die obligatorische Einführung einer Arbeitslosigkeitsunterstützung, verbunden mit Arbeitsnachweis, in den einzelnen Gewerkvereinen und selbständigen Ortsvereinen eine unbedingte Notwendigkeit bildet, und erklärt, daß es Pflicht jeden Gewerkvereins ist, soweit diesen Einrichtungen noch nicht Rechnung getragen würde, dieselben nach Kräften einzuführen. Allerdings würde diese Einrichtung ohne entsprechende Erhöhung der Beiträge nicht durchgeführt werden können. Notwendige Vorbedingung der Arbeitslosenunterstützung ist die genaue und wiederholte Erhebung über Häufigkeit und Dauer der Arbeitslosigkeit in den verschiedenen Berufen und werden alle Generalräte und selbständigen Ausschüsse hierzu aufgefordert."
Der Verbandstag erklärt, daß die Lohnbewegungen der Arbeiter wegen der z.Z. bestehenden niedrigen Lohnsätze im allgemeinen berechtigt, daß aber zur Vermeidung der mit Arbeitseinstellungen verbundenen ungeheueren volkswirtschaftlichen Nachteile die gesetzliche Schaffung von Einigungsämtern, bestehend aus Vertretern der zu diesem Zweck zu bildenden "Einigungsgenossenschaften" der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sowie der Abschluß rechtsverbindlicher Lohn- und Arbeitsverträge durch dieselben erforderlich sind.
Die Herausgabe von zwei Zeitungen "Neuer Bauhandwerker" in Hamburg und "Der Baugewerkschafter" in Braunschweig führt zur endgültigen Spaltung der Maurerbewegung, nachdem es bereits vorher zwischen den Hamburger und Berliner Maurern zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen war.
Nach Angaben der Berliner politischen Polizei verfügen die gewerkschaftlichen Zentralverbände über 34 Zentral-Kranken-und Sterbekassen mit 2.764 Filialen und 263.684 Mitgliedern. Wegen dieser Unterstützungseinrichtungen werden die Gewerkschaften 1886 zu Versicherungsgesellschaften erklärt. Man hofft, sie so unter staatliche Kontrolle bringen und reglementieren zu können. In einem komplizierten, oft mit großen finanziellen Opfern verbundenen Kampf, wird dieses Vorhaben von der Mehrheit der Zentralverbände erfolgreich abgewehrt.
Der "Unterstützungsverein Deutscher Buchdrucker" unterstellt sich allerdings nach heftigen internen Auseinandersetzungen 1888 der preußischen Polizeiaufsicht, ebenso wie die Organisationen der Kupferschmiede, Bildhauer und Bürstenmacher.
Ab 15. Juli erscheint das Verbandsorgan des 1885 gegründeten Unterstützungsvereins der Kupferschmiede Deutschlands: "Der Kupferschmied".
Der Berliner Polizeipräsident betont in einem Bericht, daß es darum gehe, die "für die ruhige Entwicklung der Arbeiterfrage in mehr als einer Beziehung gefährlichen Fachvereine lahmzulegen".
In einem neuen Tarifvertrag können die Buchdrucker eine "Lehrlingsskala" erreichen, d.h. das Verhältnis zwischen Gehilfen und Lehrlingen muß 5 zu 1 betragen.
Da die Revisionskommission sich als Kontroll- und Schlichtungsinstanz nicht bewährt hat, wird sie in eine ständig amtierende "Tarif-Commission" mit den Kompetenzen des früheren Einigungsamtes umgeändert. Auch die Schiedsgerichte werden wieder eingeführt.
In den folgenden Jahren kommt es nur zu mehreren kleineren Revisionen des Tarifvertrages. Bei beiden Tarifpartnern wächst die Skepsis gegenüber dem Vertrag, vor allem bei den Gehilfen, da sie Arbeitszeitverkürzungen und wesentliche Lohnerhöhungen nicht durchsetzen können. Zahlreiche Unternehmer sind zudem nicht bereit, den Tarifvertrag anzuerkennen.
In Hamburg beginnt ein Streik von 1.000 Bäckergehilfen. Sie fordern den 12-Stunden-Tag - sie arbeiten durchschnittlich noch 15 Stunden täglich -, Arbeitsbeginn nicht vor 22 Uhr, regelmäßige wöchentliche statt der üblichen halbjährlichen oder jährlichen Lohnzahlung, ein eigenes Bett für jeden Gesellen und 25% Lohnerhöhung.
Durch den Einsatz vieler Streikbrecher muß der Streik am 8. Oktober abgebrochen werden. Die Streikenden erreichen immerhin eine Lohnerhöhung. Die Streikführer werden gemaßregelt, die meisten müssen Hamburg verlassen, soweit sie nicht in der gerade gegründeten Genossenschaftsbäckerei unterkommen.
Die Generalversammlung der Handschuhmacher in Brandenburg nimmt den Rechtsschutz als Verbandsziel auf.
Im Rechenschaftsbericht der sächsischen Regierung zur Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes für Leipzig und Umgebung wird der außerordentliche Aufschwung des Fachvereinswesens festgestellt. In Leipzig sei die Zahl dieser Vereine von 21 auf 35 gestiegen. Diese Fachvereine ständen im engsten Zusammenhang mit der Sozialdemokratie, zum Teil seien sie sogar Schöpfungen und Organe derselben.
Als eine der ersten sog. "Internationalen Berufssekretariate" wird der "Internationale Bund der Glasarbeiter" gegründet.
In einer längeren Artikelserie über "Die gewerkschaftliche Organisation" im "Baugewerkschafter" entwickelt der Redakteur Gustav Keßler ein Gegenkonzept zu den vorhandenen und geplanten gewerkschaftlichen Zentralorganisationen. Mit diesen Artikeln erhält die spätere "lokalistische" Bewegung innerhalb der deutschen Gewerkschaften ein erstes theoretisches Fundament.
Über mehrere Stadt- und Landkreise, so Frankfurt a. Main, Hanau, Höchst und Stettin, wird der kleine Belagerungszustand verhängt.
In Danzig, Frankfurt a. Main, Freiburg und Magdeburg werden Sozialdemokraten wegen "Teilnahme an einer geheimen Verbindung" zu Gefängnis bis zu einem Jahr verurteilt.
Auf der Generalversammlung des Verbandes "Arbeiterwohl" in Köln nennt der Kölner Erzbischof drei Marksteine, die für die katholischen Arbeitervereine zu beachten sind: "Zunächst werden die Arbeiter immer eingedenk sein müssen, daß sie den vollen, wahren Lohn für ihre Arbeit und Mühen nicht auf dieser Welt, sondern im Jenseits zu erwarten haben. Nehmen wir diesen Grundsatz weg, so werden wir umsonst arbeiten, die Arbeiter werden nicht die Kraft in sich fühlen, die Beschwerden ihres Standes zu ertragen." Der zweite Markstein bestehe darin, den Arbeiter so zu erziehen, daß "er zufrieden sein, im Geist der Buße, des Gehorsams und der Demut sein Joch tragen und ein nützliches Mitglied des Vereins sein" könne. "Drittens aber muß der Arbeiter bei der Besserung seines Standes an sich selbst anfangen. Sparsamkeit, Fleiß, Mäßigkeit und ein religiöses, stilles Leben geben ihm die innere Zufriedenheit, befähigen ihn, an der Besserung seiner äußeren Lage mitzuwirken."
Mit dem zweiten Verbandstag des Tischlerverbandes findet auch ein "Allgemeiner Deutscher Tischlerkongreß" in Gotha statt. Nach längeren Beratungen wird die Umwandlung des bisherigen Dachverbandes von Lokalorganisationen in einen Zentralverein mit dem Namen "Deutscher Tischlerverband" beschlossen. Dieser setzt sich die "allseitige Vertretung der Interessen seiner Mitglieder, mit Ausschluß aller politischen und religiösen Fragen" zum Zweck und will primär der "Erzielung möglichst günstiger Arbeitsbedingungen auf gesetzlichem Wege nach Maßgabe des § 152 der Gewerbeordnung" dienen.
Der Kongreß schafft eine zweite lose Zentralisation zur Regelung des Streikwesens der Tischler im gesamten Deutschen Reich, um die Bildung sächsischer Filialen nicht zu erschweren. An 15 lokalen Zentren der Tischlerbewegung sollen für die jeweilige Region Kommissionen von 5 Personen gewählt werden, die über die Genehmigung eines Streiks zu entscheiden haben. Mit der Koordination der Tätigkeit der 15 regionalen Kommissionen wird die Stuttgarter Streikkommission, die mit dem Verbandsvorstand identisch ist, beauftragt. Zur Genehmigung größerer Arbeitskämpfe muß diese das Votum aller 15 Streikkommissionen einholen. Trotz dieser Regelungen werden 1887 mehrere sächsische Tischlerorganisationen verboten.
K. Kloß wird zum Vorsitzenden gewählt.
Auf Grund der Verfolgungsmaßnahmen nehmen nach offiziellen Unterlagen die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder für den Zeitraum 1885/1886 nur um rund 8.000 zu. Es werden jetzt etwa 81.200 gezählt.
Die jährliche Wachstumsrate der industriellen Produktion steigt von 1887-1893 im Durchschnitt auf 4,2%, die von Produktionsmitteln um 47,8%, die von Konsumgütern um 37,5%. Die Kohleförderung steigt bis 1890 auf 89 Mill. t, die Stahlproduktion auf 2,2 Mill. t. Auf beiden Gebieten werden England und Frankreich im Wachstumstempo und Frankreich auch hinsichtlich der absoluten Produktion übertroffen. Der Anteil Deutschlands an der Weltindustrieproduktion steigt von 13% (1870-1880) auf 14% (1890). Die tägliche Arbeitszeit verkürzt sich in Industrie und Bergbau auf 11 Stunden. Die Arbeitsleistungen steigen erheblich an, insgesamt pro Arbeiter um 14,5%; dabei im Bergbau um 6,3% und in der Roheisenproduktion um 41%, die Bruttolöhne von 1880 bis 1890 um rund 20%. Die Mieten betragen durchschnittlich 20% der Arbeitereinkünfte und müssen für Wohnungen gezahlt werden, die in der Regel nur aus einem Zimmer (mit oder ohne Küche) bestehen und großenteils in Kellern oder unter Dachböden gelegen sind und allen elementaren Hygieneanforderungen widersprechen.
Die erste Ausgabe des "Schuhmacher-Fachblatts" erscheint als Nachfolger des verbotenen "Schuhmacher".
Nach einem Wahlkampf voller Polizeieingriffe vergrößern die Sozialdemokraten ihren Stimmenanteil gegenüber der letzten Reichstagswahl, verlieren aber 13 Mandate, da in den Stichwahlen die Freisinnigen in den meisten Fällen für die konservativen oder nationalliberalen Kandidaten stimmen. Die Sozialdemokratie erhält 763.128 Stimmen, das sind 10,1% der gültigen Stimmen, das Zentrum gewinnt Stimmen und bleibt stärkste Partei mit 22,6%. Der sozialdemokratischen Fraktion gehört nur noch ein Gewerkschaftsführer, H. Meister, an.
In der Thronrede zur Eröffnung des Reichstages wird ein weiterer Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung angekündigt.
In Hamburg streiken Tischler erfolgreich für die Wiedereinführung der 9,5stündigen Arbeitszeit und um Lohnerhöhungen.
Der Manufakturarbeiterverein wird von der Polizei aufgelöst, nachdem er zum politischen Verein erklärt wurde. Der Vereinsvorstand wird wegen "Inverbindungtretens politischer Vereine" zu Geldstrafen verurteilt.
Eine Streikwelle der Former verbreitet sich über ganz Deutschland, die mit Unterbrechungen bis 1889 andauert; hervorgerufen durch das Vorgehen der Eisenindustriellen von Hamburg und Altona gegen den gewerkschaftlichen Arbeitsnachweis. Die Weigerung der Arbeiter, den Unternehmer-Nachweis anzuerkennen, führt am 8. Dezember zur Aussperrung von 230 Formern in Hamburg-Altona. Gleichzeitig streiken Former in Flensburg, Nürnberg und anderen Orten. Versuche der Unternehmer, Streikarbeit nach auswärts zu verlegen, führen ebenfalls zu Formerstreiks in zahlreichen Orten. Die Unternehmer versuchen, die Formerorganisationen in ganz Deutschland zu zerschlagen.
Die "Allgemeine Deutsche Sattlerzeitung" als Organ der Zentralkasse und der Fachvereine wird zum ersten Mal herausgegeben.
In Hamburg erscheint die erste Ausgabe der "Fachzeitung für Drechsler".
Der "Neue Bauhandwerker" wird Organ der Maurer. Am 10. Juni 1888 wird er wieder verboten.
Trotz der Spaltung findet in Bremen noch ein gemeinsamer Maurerkongreß statt. Wegen des Verbotes einiger größerer lokaler Fachvereine ist die Mitgliederzahl von 18.600 auf 16.700 zurückgegangen.
Auf diesem Kongreß kommt es zum endgültigen Bruch. Die oppositionellen Maurer gründen kurze Zeit danach am 19. August eine neue Organisation.
Nach internen Auseinandersetzungen gründen oppositionelle Zimmerer in Magdeburg eine "lose" Zentralisation für lokale Zimmererorganisationen "Freie Vereinigung der Zimmerer".
Bis zum Frühjahr 1890 wächst die Zahl der zu ihr gehörenden Lokalorganisationen auf über 20, die insgesamt etwa 3.500 Mitglieder zählen. Die weitere Entwicklung des "Zentralverbands der Zimmerer" wird dadurch nicht beeinträchtigt. Er zählt 1890 12.700 Mitglieder.
Die Generalversammlung des "Unterstützungsvereins deutscher Tabakarbeiter" in Halberstadt verschärft wegen des Anwachsens der Streiktätigkeit die Bedingungen für eine Streikunterstützung durch die Zentralkasse. Auch kleinere Streiks müssen vom Vorstand genehmigt, Streiks, die nur einer Aufbesserung der Löhne dienen, sollen nicht mehr unterstützt werden.
Die Delegierten führen bei der Reiseunterstützung das Kilometergeld ein. Seit 1883 gab es einen Zuschuß zu den Begräbniskosten. Seit 1889 erhalten Streikende und Gemaßregelte Umzugsunterstützung, seit 1898 alle Mitglieder.
Die Einführung einer Arbeitslosenunterstützung wird wegen der damit verbundenen höheren Beiträge abgelehnt.
Zur Leitung der Zahlstellen werden vom Vorstand Bevollmächtigte ernannt.
In allen Verbänden gibt es allerdings immer wieder Auseinandersetzungen über die Ausdehnung der Unterstützungen, über einzelne Unterstützungsbeträge und über das Ausnutzen dieser Leistungen durch Mitglieder, zumal bei den relativ geringen Beiträgen die Unterstützungsleistung nicht sehr hoch ist.
Die erste Generalversammlung des Verbandes der Bäcker in Frankfurt a. Main beschließt eine Petition an den Reichstag zu richten, in der eine feste Arbeitszeit von 12 Stunden, das Verbot der Sonntagsarbeit, eine gesetzliche Regelung der Lehrlingszahl und der Arbeitsvermittlung gefordert wird.
Der Verbandstag des "Unterstützungsvereins deutscher Schuhmacher" in Eisenach beschließt, sich in "Verein Deutscher Schuhmacher" umzubenennen. Jede Filiale ist künftig gehalten, ein Arbeitsnachweisbüro zu errichten.
Der "Sozialdemokrat" schreibt: "In Deutschland ist die Gewerkschaftsbewegung nicht nur keine Gefahr für die sozialdemokratische Arbeiterpartei, sondern trotz der strengen polizeilichen Fernhaltung politischer Diskussionen aus den Gewerkschaften - zum Teil auch gerade wegen derselben - die Rekrutenschule ihrer Kerntruppen."
Auch die Hamburger Bautischler streiken mit Erfolg für die 9,5stündige Arbeitszeit und Lohnerhöhungen.
Auf einem Kongreß in Naumburg a.d.S. wird die zentrale "Vereinigung der Drechsler Deutschlands" gegründet. Vorsitzender wird Carl Legien. Als Sitz wird des preußischen Vereinsgesetzes wegen Hamburg bestimmt.
Eine Kommission der geistlichen Leiter der katholischen Arbeitervereine entwirft ein Statut, das die einzelnen Vereinsstatuten koordinieren soll. Darin heißt es: "Der Verein muß die religiöse und soziale Hebung des Arbeiterstandes bezwecken."
Das Komitee veranstaltet ab 1888 für die geistlichen Präsides jährliche Versammlungen.
In St. Gallen (Schweiz) findet ein Parteikongreß der Sozialdemokratie statt. Von den 73 Delegierten sind 20 Gewerkschaftsfunktionäre.
Der Parteitag bestätigt seine Stellung zur parlamentarischen Tätigkeit. Das Hauptgewicht sei auf die kritische und agitatorische Seite zu legen, die positive gesetzgeberische Tätigkeit nur unter der Voraussetzung zu pflegen, daß über die Klassenlage der Arbeiter in politischer wie sozialer Hinsicht keine Illusion geweckt werde.
Der Parteitag distanziert sich erneut scharf von der Theorie und Praxis des Anarchismus und bezeichnet diese als antisozialistisch.
Schutzzölle und indirekte Steuern werden abgelehnt.
Für 1888 wird in Übereinstimmung mit französischen und englischen Sozialisten die Einberufung eines internationalen Arbeiter-Kongresses in Aussicht genommen, um gemeinsame Schritte für eine internationale Arbeiterschutz-Gesetzgebung zu besprechen.
Auf Anregung des Unternehmers und nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Oechelhäuser wird der Verein der "Anhaltischen Arbeitgeber" in Dessau gegründet, der als seine wichtigste Aufgabe die "Bildung von Ältestenkollegien aus freigewählten Vertretern der von einzelnen Arbeitgebern beschäftigten Arbeitnehmern" ansieht.
Für Oechelhäuser sollen die vom ihm propagierten Kollegien vor allem der Sozialdemokratie die Agitationsmöglichkeiten in den Betrieben entzogen werden.

References: § 153
 § 115
 § 1
 § 8
 § 16
 § 8
 § 152