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Auftaktveranstaltung in Berlin, Charité, 08. Oktober 2012
Veröffentlicht von:Meinard Gerberich Geändert vor über 3 Jahren
Präsentation zum Thema: "Auftaktveranstaltung in Berlin, Charité, 08. Oktober 2012"— Präsentation transkript:
1 Auftaktveranstaltung in Berlin, Charité, 08. Oktober 2012
Rechtsrahmen und Strukturen des Lohnfindungsprozesses im Gesundheitswesen - mit besonderem Blick auf die Pflege – Forum Equal Pay Day Auftaktveranstaltung in Berlin, Charité, 08. Oktober 2012 BPW Germany e.V. Prof. Dr. Katja Nebe
2 Ausgangspunkt und These
Befund: Arbeits- insbesondere Entgeltbedingungen im Gesundheits- und Pflegebereich tragen erheblich zum Gender Pay Gap bei (vgl. dazu sogleich ausführlich der Vortrag von Christel Riedel) These Tarifvertragsparteien und Verbände im Gesundheitssektor müssen ihren Beitrag leisten, um die verfassungs- und europarechtlich verankerte Pflicht zur Gleichstellung der Geschlechter tatsächlich zu erfüllen. Prof. Dr. Katja Nebe 2
3 Pflicht zur Gleichstellung der Geschlechter
Bundesverfassungsgericht, – 1 BvL 8/08, Rn. 64: Art. 3 Abs. 2 GG bietet Schutz auch vor faktischen Benachteiligungen. Die Norm zielt auf die Angleichung der Lebensverhältnisse. Das Gleichberechtigungsgebot erstreckt sich auch auf die gesellschaftliche Wirklichkeit. Gleiche Erwerbschancen unabhängig vom Geschlecht müssen vom Gesetzgeber nicht nur formell, sondern auch tatsächlich durchgesetzt werden. (dazu 1. Gleichstellungsbericht, BT-Drs. 17/6240, S. 63 ff. Prof. Dr. Katja Nebe 3
4 Entgeltungleichheit = Ausdruck mangelnder Gleichstellung
Verbot der Lohndiskriminierung geregelt in/erfasst von: Art. 3 Abs. 2 GG Art. 157 AEUV (ausdrücklich auf Lohn bezogen) Art. 4 RL 2006/54/EU §§ 1, 7 AGG -> auch wenn nicht direkt, so doch mittelbar diskriminie- rend, da statistischer Lohnunterschied zw. Männern und Frauen überwiegend (mehr als 50%) nicht durch unter- schiedliche soziale und berufliche Merkmale von Frauen und Männern zu erklären (BT-Drs. 17/6240, S. 137 ff.) Prof. Dr. Katja Nebe 4
5 Abbau dieser Lohndiskriminierung
Soweit keine direkte Diskriminierung (Pfleger erhält mehr als Pflegerin bei gleicher Arbeit), sondern faktische Diskriminierung vorliegt (Pflegepersonen erhalten weniger als Beschäftigte in anderen, vorwiegend männlich dominierten, aber wertmäßig vergleichbaren Berufen) -> Lösung nur durch Stellschrauben im Lohnfindungsprozess Prof. Dr. Katja Nebe 5
6 Welche Stellschrauben gibt es?
-> Vergütungsebene (Tarifverträge, Individualverträge) -> Finanzierungsebene (Pflegesatzverhandlungen) bei (Alten)Pflegeeinrichtung – stationär und ambulant sowie Krankenhäusern Wichtig: welche Rolle spielen die Personalkosten in diesem Zusammenhang?? -> dazu die folgenden Folien Prof. Dr. Katja Nebe 6
7 Vertragsstrukturen Pflegekassen als Leistungsträger
Pflegeeinrichtungen als Dienstleister Versorgungs-vertrag Arbeitsvertrag/Tarifvertrag Heimvertrag/Pflegevertrag Pflegende in Pflegeeinrichtungen Pflegebedürftiger Prof. Dr. Katja Nebe 7
8 Zulassungsvoraussetzungen
durch Abschluss eines Versorgungsvertrages (§ 72 SGB XI) Landesverbände der Pflegekassen im Einvernehmen mit Sozialhilfe Träger der Pflegeeinrich-tung Versorgungsvertrag § 72 Abs. 3 S. 1 Nr. 2 SGB XI: Versorgungsverträge dürfen nur abgeschlossen werden, wenn: … - diese eine in Pflegeeinrichtungen ortsübliche Arbeitsvergütung zahlen. Prof. Dr. Katja Nebe 8
9 Ortsübliche Arbeitsvergütung für Pflegende
BT-Drs. 16/7439, S. 67: Lohnniveau soll demjenigen im Wirtschaftskreis entsprechen. Ortsübliche Vergütung im Regelfall anhand fachlich und räumlich einschlägiger Tarifverträge, soweit üblicherweise Tariflohn gezahlt wird. Bei fehlender Verkehrsüblichkeit des Tariflohns ist auf das allgemeine örtliche Lohnniveau in Pflegeeinrichtungen abzustellen. Kritik in der Literatur: trotz „guter“ Motivlage des Gesetzgebers nicht durch die Hintertür einen „flachen“ ortsüblichen Einheitslohn (Forderung nach Lohnkorridor, vgl. LPK-SGB XI/Plantholz/Schmäing, § 72 Rn. 14). Prof. Dr. Katja Nebe 9
10 Finanzierungsstrukturen
Pflegekassen oder Sozialhilfe als Leistungsträger Pflegevergütung Pflegeeinrichtungen als Dienstleister Nur Teilkasko Pflegevergütung und Hotelkosten Anhebung Arbeitslohn/Tariflohn? Evtl. Sozial-hilfe Beitrag Grundsatz der Beitrags-stabilität Pflegende in Pflegeeinrichtungen Pflegebedürftiger Prof. Dr. Katja Nebe 10
11 Das Thema hat es nicht leicht!
Zwischenfazit Das Thema hat es nicht leicht! Die komplexen Strukturen erschweren es, bei allen Beteiligten gleichermaßen, Sensibilität für das Thema zu wecken. Es bestehen kaum Reserven, durch Lohnumver- teilung im frauendominierten Pflegebereich das Gender Pay Gap zu verringern (wem sollte gekürzt werden?); ein Abbau des Gender Pay Gaps kann nur über Lohnanglei- chungen an männerdominierte Berufsbereiche erfolgen, was jedoch die Interessen der verschiedenen Akteure höchst unterschiedlich berührt. Dennoch: Wo sind Hebel zum Ansetzen im System? Prof. Dr. Katja Nebe 11
12 Pflegevergütung/Pflegesätze
d.h. die Entgelte der Heimbewohner bzw. der ambulant versorgten Pflegebedürftigen („Pflegesätze“) -> diese werden festgestellt im Wege des Pflegesatzverfahrens zwar je nach Sektor (ambulant oder stationär) unterschiedliche Normen (§§ 84, 85, 89 SGB XI) -> allerdings nach im Wesentlichen übereinstimmenden Grundsätzen Prof. Dr. Katja Nebe 12
13 Pflegevergütung/Pflegesätze
Pflegesatzverfahren (§§ 84 f., 89 SGB XI) Träger des einzelnen zugelassenen Pflegeheims Pflegekassen, Sozialhilfe Pflegesatzvereinbarung regelt Art, Höhe und Laufzeit der Pflegesätze Prof. Dr. Katja Nebe 13
14 Eckpfeiler der Pflegesatzvereinbarung
im Voraus, d.h. prospektive Ausrichtung (§§ 85 III, 89 III S. 4), basierend auf anhand von Nachweisen abzusehenden Kosten (Pflegedokumentation, personelle und sachliche Ausstattung) Bemessung nach einheitlichen Grundsätzen (§§ 84 III, 89 I S. 1) Verbot der Differenzierung nach Kostenträgern (84 III, 89 I S. 3) Aber: Gebot der leistungsgerechten Vergütung (§§ 84 II S. 1, 89 I S. 2) -> muss es ermöglichen, bei wirtschaftlicher Betriebs- führung den Versorgungsauftrag zu erfüllen Sofern keine Einigung -> Schiedsstelle Prof. Dr. Katja Nebe 14
15 Chancen der neuen BSG-Rechtsprechung
Konkretisierungen durch Urt. des BSG ( , B 3 P 7/08 R) Aufgabe des Marktpreismodells zwar weiterhin marktorientiertes Versorgungskonzept, aber mehr denn je: plausibler Nachweis der Gestehungskosten (§ 85 Abs. 3 S. 2 – 4 SGB XI) Nunmehr zweigliedriges Prüfungsmuster: nachvollziehbare Gestehungskosten und im materiellen Vergütungsvergleich mit anderen marktgerecht (§ 85 Abs. 2 S. 1, 4-7 SGB XI) Prof. Dr. Katja Nebe 15
16 Chancen der neuen BSG-Rechtsprechung
Marktgerecht, wenn der abzudeckende Aufwand der Einrichtung den Grundsätzen wirtschaftlicher Betriebsführung entspricht Grundsätze wirtschaftl. Betriebsführung zu bejahen, wenn Pflegesatzforderung der günstigste Pflegesatz im Vergleich mit entsprechenden Einrichtungen ist, Kosten der Einrichtung im unteren Drittel der vergleichsweise ermittelten Pflegesätze/Entgelte liegen oder aber auch, wenn Pflegevergütung oberhalb des unteren Drittels, aber auf höherem Aufwand der Einrichtung beruht und wirtschaftlich angemessen ist. Prof. Dr. Katja Nebe 16
17 Chancen der neuen BSG-Rechtsprechung
„Rechtfertigende Gründe für einen höheren Pflegesatz können auch aus Lage und Größe einer Einrichtung erfolgen, […]. Schließlich genügen auch die Einhaltung einer Tarifbin- dung und ein deswegen höherer Personalkostenaufwand stets den Grundsätzen wirtschaftlicher Betriebsführung; dies ergibt sich nunmehr als ausdrückliche Folge der Regelung des § 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 SGB XI […].“ (BSG, Urt , B 3 P 7/08 R, juris - Rn. 36) Prof. Dr. Katja Nebe 17
18 Zwischenfazit: - es besteht Spielraum für geschlechtergerechte Vergütung in Pflegesatzvereinbarungen Aber besteht auch Pflicht zu geschlechtergerechter Vergütung in Pflegesatzvereinbarungen? Ja! -> geschlechtersensible Auslegung schon des Begriffs „ortsübliche Vergütung“ -> in jedem Fall denkbarer Weg über den Rechtsbegriff der „Leistungs- gerechtigkeit“ der Pflegesätze Jeweils verfassungs- und europarechtskonforme Auslegung des unbestimmten Rechtsbegriffes in § 84 Abs. 2, 89 Abs. 1 S. 2 SGB IX Prof. Dr. Katja Nebe 18
19 Pflegesätze im SGB V - ambulant
Vergütung für Haushaltshilfe und häusliche Krankenpflege (§§ 132, 132a SGB V) Träger des häuslichen Krankenpflege-bzw. Haushaltshilfedienstes Krankenkassen Vertrag Unklarer Rechtsschutz/keine Schiedsstelle regelt sowohl Zulassung als auch Leistungspflicht, -qualität und Vergütung in einem; Problem: bislang keine Konkretisierung der Leistungen und der Vergütung bei häuslicher Krankenpflege; Bundes-Rahmenempfehlungen zw. Spitzenverbänden Bund KK und Pflegeberufe fehlt Prof. Dr. Katja Nebe 19
20 Pflegesätze bei KKH-Pflege
Pflegevergütung für Krankenhausbehandlung nach KHG Deutsche Krankenhaus-gesellschaft Spitzenverband Bund KK und Verband der privaten KV KKH-Vergütungsvereinbarung Vergütungssystem auf der Grundlage der Diagnosis Related Groups (DRG) – Fallpauschalen; § 17 II S. 2 KHG: „Sie orientieren sich dabei unter Wahrung der Qualität der Leistungserbringung an wirtschaftlichen Versorgungsstrukturen und Verfahrensweisen.“ Prof. Dr. Katja Nebe 20
21 Pflicht zu geschlechtergerechter Vergütung in der Pflege
Grundsatz geschlechtergerechter Bezahlung aus SGB XI, SGB V oder KHG nicht unmittelbar abzuleiten, aber: -> Gleichstellungspflicht (Siehe oben Folie 4) umfasst Rechts- pflicht zu geschlechtergerechten Tätigkeitsbewertungen auch für vorwiegend weiblich dominierte Pflegeberufe, wo ein direkter Vergleich mit besser bezahlten Männerberufen nicht möglich ist (anders als bspw. Näherin und Autoschlosser im selben Automobilbetrieb) -> effet utile: Pflege- und Krankenkassen sowie Schiedsstellen sind funktionaler „Staat“ iSd. EU-Rechts -> Umsetzung des Verbots der mittelbaren Geschlechtsdiskriminierung hinsichtlich des Entgelts auch gegenüber Kranken- und Pflegekassen und Schiedsstellen verbindlich Prof. Dr. Katja Nebe 21
22 Lösung: Geschlechtergerechte Lohnbewertungsverfahren
Sozialkassen und Schiedsstellen müssen sich um EU-rechtskonforme Arbeitsbewertungsverfahren bemühen und diese in der Pflege zur Anwendung bringen (dazu BT-Drs. 17/6240, S. 143 f.) Der Grundsatz der Wirtschaftlichkeit und Beitragsstabilität steht dem nicht entgegen (vgl. insoweit zur Tarifbindung BSG, a.a.O., 3. Leitsatz). Prof. Dr. Katja Nebe 22
23 Exkurs: Arbeitsqualität durch Personalschlüssel
Im KKH: keine gesetzlich vorgegebenen Pflegepersonal- schlüssel Anders: SGB XI -> Rahmenverträge - § 75 SGB XI (sind Bestandteil der Versorgungsverträge und Vergütungsvereinbarung) - beinhalten Personalanhaltswerte -> dazu landesweite Personalrichtwerte oder Verfahren zur Personalermitt- lung (§ 75 Abs. 3 SGB XI), nicht starr, sondern Korridore Prof. Dr. Katja Nebe 23
Prof. Dr. Katja Nebe 24
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References: Art. 3
 Art. 3
 Art. 157
 Art. 4
 § 72
 § 72
 § 72
 § 84
 § 17
 § 75