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Timestamp: 2018-02-19 04:05:45+00:00

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BAG, Urteil vom 01.07.2010, 2 AZR 270/09 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 01.07.2010, 2 AZR 270/09
Schlagworte: Arbeitsgerichte: Zuständigkeit, Zuständigkeit: International, Internationale Zuständigkeit, Botschaftsangestellter
Aktenzeichen: 2 AZR 270/09
Vorinstanzen: ArbG Berlin, Urteil vom 02.07.2008, 86 Ca 13143/07
LAG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 14.01.2009, 17 Sa 1719/08
nachgehend LAG Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 23.03.2011, 17 Sa 2620/10
nachgehend EuGH, Urteil vom 19.07.2012, C-154/11
1. Ju­li 2010
hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 1. Ju­li 2010 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Kreft, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ey­lert und
Schmitz-Scho­le­mann so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Gans und die eh­ren-amt­li­che Rich­te­rin Nie­le­bock für Recht er­kannt:
Dem Kläger ob­liegt es, Gäste und Mit­ar­bei­ter - ver­tre­tungs­wei­se auch den Bot­schaf­ter - zu fah­ren. Fer­ner hat er die Kor­re­spon­denz der Bot­schaft zu deut­schen Stel­len oder zur Post zu befördern. Di­plo­ma­ten­post wird von ei­nem
wei­te­ren Mit­ar­bei­ter der Bot­schaft ent­ge­gen­ge­nom­men bzw. wei­ter­ge­lei­tet, der sei­ner­seits ua. vom Kläger ge­fah­ren wird. Ob der Kläger auch Dol­met­scher­diens­te leis­tet, ist strei­tig.
Der Kläger hat - so­weit für die Re­vi­si­on von Be­deu­tung - be­an­tragt
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht durch die or­dent­li­che Kündi­gung vom 29. Au­gust 2007 auf­gelöst wor­den ist,
Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie hat vor­ge­tra­gen, sie sei nach den Grundsätzen der Staa­ten­im­mu­nität von der deut­schen Ge­richts­bar­keit aus­ge­nom­men, weil der Kläger ho­heit­li­che Auf­ga­ben erfüllt ha­be.
Der Kläger sei in ei­ner Ver­trau­ens­stel­lung beschäftigt wor­den. Er ha­be nicht nur ver­trau­li­che Un­ter­la­gen befördert, son­dern vor al­lem Kon­takt zu den Gästen und Mit­ar­bei­tern ih­rer Bot­schaft und da­mit Kennt­nis von bot­schafts­in­ter­nen Vorgängen ge­habt, die nicht Ge­gen­stand ei­ner Ver­hand­lung vor deut­schen Ge­rich­ten sein könn­ten. Bei sprach­li­chen Verständi­gungs­schwie­rig­kei­ten ha­be der Kläger auch den Gästen der Bot­schaft als Dol­met­scher zur Verfügung ge­stan­den. In­ter­na­tio­nal zuständig sei­en aus­sch­ließlich die al­ge­ri­schen Ge­rich­te. Es sei al­ge­ri­sches Recht an­zu­wen­den. Dafür sprächen ua. die al­ge­ri­sche Staats­an­gehörig­keit des Klägers und die Tat­sa­che, dass der Ar­beits­ver­trag in französi­scher Spra­che ab­ge­fasst sei. Die Kündi­gung sei auf der Grund­la­ge al­ge­ri­scher Rechts­vor­schrif­ten ge­recht­fer­tigt.
1. Nach § 20 Abs. 2 GVG er­streckt sich die deut­sche Ge­richts­bar­keit nicht auf Per­so­nen, die gemäß den all­ge­mei­nen Re­geln des Völker­rechts, auf­grund
b) Ge­setz­li­che Re­geln für die Ein­ord­nung als ho­heit­li­ches oder nicht­ho­heit­li­ches Han­deln be­ste­hen im Hin­blick auf den Ge­gen­stand ar­beits­recht­li­cher Strei­tig­kei­ten zwi­schen außer­eu­ropäischen Bot­schaf­ten und ih­rem Per­so­nal nicht (vgl. das noch nicht in Kraft ge­tre­te­ne UN-Übe­r­ein­kom­men zur Staa­ten­im­mu­nität vom 2. De­zem­ber 2004 - Re­so­lu­ti­on 59/38 - Art. 11; vgl. auch
das hier nicht an­wend­ba­re Eu­ropäische Übe­r­ein­kom­men über Staa­ten­im­mu­nität vom 16. Mai 1972 - Art. 5, BGBl. II 1990, 34 - Eu­StImm). Nach der Recht­spre­chung des Se­nats un­ter­lie­gen ar­beits­recht­li­che Be­stands­strei­tig­kei­ten zwi­schen Bot­schafts­an­ge­stell­ten und dem be­tref­fen­dem Staat der deut­schen Ge­richts­bar­keit nicht, wenn der Ar­beit­neh­mer für den an­de­ren Staat ho­heit­lich tätig war (23. No­vem­ber 2000 - 2 AZR 490/99 - AP GVG § 20 Nr. 2 = EzA GVG § 20 Nr. 3). Es kommt da­bei nicht auf die recht­li­che Form der Rechts­be­zie­hung (pri­vat­recht­li­cher Ver­trag oder öffent­lich-recht­li­ches Verhält­nis), son­dern auf den In­halt der aus­geübten Tätig­keit an. So ist et­wa die Tätig­keit ei­nes Auf­zugs­mon­teurs (Se­nat 20. No­vem­ber 1997 - 2 AZR 631/96 - zu II 1 der Gründe, BA­GE 87, 144, 149) oder Haus­tech­ni­kers (BAG 15. Fe­bru­ar 2005 - 9 AZR 116/04 - zu A I 2 der Gründe, BA­GE 113, 327, 331) nicht ho­heit­lich. Be­trifft die ge­schul­de­te Leis­tung da­ge­gen ei­ne ori­ginär ho­heit­li­che Auf­ga­be, ist Im­mu­nität ge­ge­ben (Se­nat 16. Mai 2002 - 2 AZR 688/00 - zu II 2 c der Gründe, AP GVG § 20 Nr. 3), zB bei An­ge­stell­ten zur Vi­sa-Be­ar­bei­tung (Se­nat 16. Mai 2002 - 2 AZR 688/00 - zu II 2 a aa der Gründe, aaO) oder bei ei­nem Pres­se­re­fe­ren­ten (Se­nat 23. No­vem­ber 2000 - 2 AZR 490/99 - zu II 3 c der Gründe, aaO). Ent­schei­dend ist der funk­tio­na­le Zu­sam­men­hang zwi­schen den di­plo­ma­ti­schen Auf­ga­ben und der zu be­ur­tei­len­den Tätig­keit (vgl. Kis­sel/May­er GVG 5. Aufl. § 20 Rn. 5).
Dol­met­scher ein­ge­setzt wor­den, zu Un­recht außer Acht ge­las­sen. Trifft die ent­spre­chen­de Be­haup­tung in ei­nem nen­nens­wer­ten Um­fang zu, so kann der Tätig­keit des Klägers ei­ne an­de­re Funk­tio­na­lität zu­kom­men als die ei­ner rei­nen Hilfstätig­keit nicht­ho­heit­li­cher Prägung.
aa) Ei­ne Par­tei genügt ih­rer Dar­le­gungs­last, wenn sie Tat­sa­chen vorträgt, die in Ver­bin­dung mit ei­nem Rechts­satz ge­eig­net sind, das gel­tend ge­mach­te Recht als in ih­rer Per­son ent­stan­den er­schei­nen zu las­sen (vgl. BVerfG 10. Fe­bru­ar 2009 - 1 BvR 1232/07 - Rn. 26, NJW 2009, 1585; BGH 25. April 1995 - VI ZR 178/94 - AP ZPO § 286 Nr. 23; 4. März 1991 - II ZR 90/90 - EzA GG Art. 9 Nr. 51 mwN). Un­er­heb­lich ist da­bei, wie wahr­schein­lich die Dar­stel­lung ist und ob sie auf ei­ge­nem Wis­sen oder ei­ner Schluss­fol­ge­rung aus In­di­zi­en be­ruht (BGH 9. Fe­bru­ar 2009 - II ZR 77/08 - Rn. 4 mwN, NJW 2009, 2137). Es ist dann Sa­che des Tatrich­ters, in die Be­weis­auf­nah­me ein­zu­tre­ten und da­bei ge­ge­be­nen­falls Zeu­gen nach wei­te­ren Ein­zel­hei­ten zu be­fra­gen (BGH 21. Mai 2007 - II ZR 266/04 - Rn. 8, NJW-RR 2007, 1409; 2. April 2009 - I ZR 16/07 - TranspR 2009, 410).
bb) Legt man die­sen Maßstab zu­grun­de, hätte der Be­weis­an­tritt der Be­klag­ten nur dann un­be­ach­tet blei­ben dürfen, wenn ih­re Be­haup­tung als gänz­lich sub­stanz­los, willkürlich, aus der Luft ge­grif­fen oder ins Blaue hin­ein auf­ge­stellt er­schie­ne. Da­von kann nicht die Re­de sein. Es trifft zwar zu, dass die Be­klag­te ih­rer Be­haup­tung, der Kläger sei als Dol­met­scher ein­ge­setzt wor­den, we­der zeit­lich noch räum­lich ge­naue­re Kon­tu­ren ver­lie­hen hat. In­des hätte das Lan­des­ar­beits­ge­richt der Be­klag­ten, wenn ihm de­ren Vor­trag nicht hin­rei­chend kon­kret er­schien, ei­nen Hin­weis nach § 139 ZPO er­tei­len müssen. Da­bei hätte es be­ach­ten müssen, dass die Staa­ten­im­mu­nität nicht auf pro­zess­recht­li­chem We­ge ei­ne Ent­wer­tung er­fah­ren darf: Der Schutz der Staa­ten­im­mu­nität soll ver­hin­dern, dass ein Staat über den an­de­ren im Kern­be­reich der staat­li­chen Sou­veränität zu Ge­richt sitzt (par in parem non ha­bet im­pe­ri­um). Die An­for­de­run­gen an die Sub­stan­ti­ie­rungs­last im Pro­zess dürfen nicht da­zu führen, dass der Staat, der sich auf Im­mu­nität be­ruft, auf pro­zess­recht­li­chem We­ge zur Auf­ga­be des ihm ein­geräum­ten Vor­rechts ge­zwun­gen wird, in­dem er nun Ein­zel­hei­ten über die vom Kläger mögli­cher­wei­se ent­fal­te­te Dol­met­schertätig­keit, zB Na­men von Per­so­nen, Gesprächs­in­hal­te usf. preis­ge­ben müss­te.
1. Die in­ter­na­tio­na­le Zuständig­keit deut­scher Ge­rich­te kann, wo­von auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt aus­ge­gan­gen ist, nach Art. 19 Nr. 1, Art. 18 Abs. 2 der Ver­ord­nung über die ge­richt­li­che Zuständig­keit und die An­er­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zi­vil- und Han­dels­sa­chen - Ver­ord­nung Nr. 44/2001 des Ra­tes vom 22. De­zem­ber 2000 (Eu­GV­VO - ABl. EG L 12 vom 16. Ja­nu­ar 2001 S. 1, ber. ABl. EG L 307 vom 24. No­vem­ber 2001 S. 28) be­gründet sein.
a) Die Eu­GV­VO ist seit ih­rem In­kraft­tre­ten am 1. März 2002 in al­len ih­ren Tei­len ver­bind­lich und gilt un­mit­tel­bar in je­dem Mit­glied­staat der EU. Die Ver­ord­nung geht na­tio­na­lem Recht im Rang vor. So­weit ihr na­tio­na­le Be­stim­mun­gen wi­der­spre­chen, wer­den sie durch die Eu­GV­VO ver­drängt (BAG 24. Sep­tem­ber 2009 - 8 AZR 306/08 - AP Eu­GV­VO Art. 18 Nr. 1 = EzA EG-Ver­trag 1999 Ver­ord­nung 44/2001 Nr. 4 mwN; vgl. Schack In­ter­na­tio­na­les Zi­vil­ver­fah­rens­recht 5. Aufl. Rn. 218, 326).
2. Außer­halb des Gel­tungs­be­reichs der Eu­GV­VO rich­tet sich die in­ter­na­tio­na­le Zuständig­keit nach den Re­geln über die ört­li­che Zuständig­keit. Da die Be­klag­te kei­nen all­ge­mei­nen Ge­richts­stand im In­land hat, kann die im Ar­beits-
b) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend an­ge­nom­men, dass die Par­tei­en kei­ne aus­drück­li­che Rechts­wahl ge­trof­fen ha­ben. Bei sei­ner wei­te­ren Würdi­gung, es lie­ge auch kei­ne still­schwei­gen­de Wahl al­ge­ri­schen Rechts vor, hat es je­doch nicht al­le we­sent­li­chen Umstände aus­rei­chend in Be­tracht ge­zo­gen. In Ziff. VI des Ar­beits­ver­trags ha­ben die Par­tei­en die Zuständig­keit der al­ge­ri­schen Ge­richts­bar­keit ver­ein­bart. Dies kann ein ge­wich­ti­ger Hin­weis dar­auf sein, dass auch das ma­te­ri­el­le Recht Al­ge­ri­ens an­ge­wen­det wer­den soll­te. Im All­ge­mei­nen dürf­te dem Wil­len der Ver­trags­par­tei­en ei­ne Rechts­wahl fern­lie­gen, nach der
d) Die An­wen­dung deut­schen Kündi­gungs­rechts er­gibt sich je­den­falls nicht aus Art. 34 EGBGB. Die Vor­schrif­ten der §§ 1 - 14 KSchG stel­len kei­ne „Ein­griffs­nor­men“ iSd. Art. 34 EGBGB dar. Nach Art. 9 Abs. 1 Rom-I-VO, die zwar auf den Streit­fall noch nicht an­wend­bar ist, aber zur Ori­en­tie­rung in­so­weit her­an­ge­zo­gen wer­den kann, sind „Ein­griffs­nor­men“ zwin­gen­de Vor­schrif­ten, de­ren Ein­hal­tung von ei­nem Staat als so ent­schei­dend für die Wah­rung sei­nes öffent­li­chen In­ter­es­ses, ins­be­son­de­re sei­ner po­li­ti­schen, so­zia­len oder wirt­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on an­ge­se­hen wird, dass sie auf al­le in Be­tracht kom­men­den Sach­ver­hal­te an­ge­wen­det wer­den müssen. Hier­her gehören im Ar­beits­recht et­wa die Beschäfti­gungs­ver­bo­te für wer­den­de Mütter, die Vor-
schrif­ten der Ar­beitsstätten­ver­ord­nung uÄ. Es muss sich um Re­ge­lun­gen han­deln, die nicht nur zwin­gen­des Recht dar­stel­len, son­dern darüber hin­aus in be­son­de­rer Wei­se das all­ge­mei­ne Wohl be­tref­fen; häufig wer­den es Re­geln sein, über de­ren Ein­hal­tung staat­li­che Stel­len wa­chen. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen bei den Vor­schrif­ten des all­ge­mei­nen Kündi­gungs­schut­zes nicht vor. Sie die­nen nach dem in­di­vi­du­al­recht­li­chen Kon­zept des deut­schen Kündi­gungs­schutz­rechts in ers­ter Li­nie dem Aus­gleich ei­nes Kon­flikts zwi­schen Pri­vat­leu­ten und nur mit­tel­bar so­zi­al­po­li­ti­schen Zweck­set­zun­gen (Se­nat 24. Au­gust 1989 - 2 AZR 3/89 - BA­GE 63, 17; ErfK/Schlach­ter 10. Aufl. Art. 27 - 34 EGBGB Rn. 16; Pa­landt/Thorn BGB 68. Aufl. Art. 34 EGBGB Rn. 3b; Jun­ker in ju­risPK/BGB 4. Aufl. Art. 34 EGBGB Rn. 35; HWK/Till­manns 4. Aufl. Art. 3, 8, 9 ROM-I-VO Rn. 33 ff.; Dei­nert RdA 2009, 144).
zur Übersicht 2 AZR 270/09

References: § 20
 Art. 11
 Art. 5
 § 20
 § 20
 § 20
 § 20
 BGH 
 § 286
 Art. 9
 § 139
 Art. 19
 Art. 18
 Art. 18
 Art. 34
 Art. 34
 Art. 9
 Art. 27
 Art. 34
 Art. 34
 Art. 3