Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-vergessene-wiedervorlage-346924
Timestamp: 2020-01-23 14:11:42+00:00

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Die ver­ges­se­ne Wie­der­vor­la­ge | Rechtslupe
Die unter­las­se­ne Anord­nung einer rou­ti­ne­mä­ßi­gen Wie­der­vor­la­ge einer Man­dan­ten­ak­te stellt kei­nen Anlass dar, der die Sekun­där­haf­tung nach altem Ver­jäh­rungs­recht aus­zu­lö­sen ver­mag.
Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem Rechts­streit in dem noch § 51b BRAO, der durch das Ver­jäh­rungs­an­pas­sungs­ge­setz mit Wir­kung vom 15.12.2004 auf­ge­ho­ben wur­de, noch anzu­wen­den war. Die danach maß­geb­li­che drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist war im Zeit­punkt der an den Beklag­ten gerich­te­ten Streit­ver­kün­dung bereits abge­lau­fen.
Die Rege­lung des § 51b BRAO ist gemäß Art. 229 § 12 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 in Ver­bin­dung mit Art. 229 § 6 Abs. 1 Satz 2 EGBGB wei­ter anzu­wen­den, falls der pri­mä­re Scha­dens­er­satz­an­spruch vor dem 15.12.2004 ent­stan­den ist 1. Bestimmt sich die Ver­jäh­rung des Pri­mär­an­spruchs nach § 51b BRAO, so gilt die­se Vor­schrift auch für den Sekun­där­an­spruch, weil er ledig­lich ein Hilfs­recht und unselb­stän­di­ges Neben­recht des pri­mä­ren Regress­an­spruchs bil­det 2.
Der in Betracht zu zie­hen­de Scha­dens­er­satz­an­spruch des Klä­gers gegen den Beklag­ten liegt in dem Vor­wurf, ver­jäh­rungs­hem­men­de Maß­nah­men gegen Rechts­an­walt Dr. W. unter­las­sen zu haben. Ein sol­cher Anspruch wäre im Jah­re 2001 ent­stan­den. Die Ver­säu­mung der Ver­jäh­rungs­frist lässt bereits den Scha­den ent­ste­hen; auf die Aus­übung der Ein­re­de kommt es nicht an 3. Da der Anspruch vor dem 15.12.2004 begrün­det wur­de, rich­tet sich die Ver­jäh­rung nach § 51b BRAO. Die nach die­ser Bestim­mung maß­geb­li­che drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist war gerech­net von dem im Jah­re 2001 ein­ge­tre­te­nen Scha­den bereits 2004 und damit lan­ge vor der hier im Febru­ar 2006 erfolg­ten Streit­ver­kün­dung abge­lau­fen.
Zu Unrecht bejaht das Beru­fungs­ge­richt einen sekun­dä­ren Ersatz­an­spruch gegen den Beklag­ten. Die­ser schei­det nach dem unstrei­ti­gen und nicht wei­ter klä­rungs­be­dürf­ti­gen Sach­ver­halt aus, weil ent­ge­gen der Annah­me des Beru­fungs­ge­richts für den Beklag­ten kei­ne Ver­an­las­sung bestand, sich jeden­falls drei Jah­re nach Man­dats­er­tei­lung die Akte erneut vor­le­gen zu las­sen.
Für den Anwalt kann sich bei der Wahr­neh­mung des Man­dats oder bei einem neu­en Auf­trag über den­sel­ben Gegen­stand 4 ein begrün­de­ter Anlass erge­ben zu prü­fen, ob er dem Man­dan­ten durch einen Feh­ler einen Scha­den zuge­fügt hat. Unter­lässt er die erfor­der­li­che Über­prü­fung sei­nes eige­nen Ver­hal­tens oder erkennt er dabei nicht sei­nen Feh­ler und gibt er infol­ge­des­sen nicht den erfor­der­li­chen Hin­weis auf die Mög­lich­keit eines Regress­an­spruchs und auf die Ver­jäh­rungs­frist auf § 51b BRAO, kann dies den Sekun­där­an­spruch aus­lö­sen 5. Der Sekun­där­an­spruch setzt mit­hin eine neue, schuld­haf­te Pflicht­ver­let­zung vor­aus. Die den Regress­fall aus­lö­sen­de Pflicht­wid­rig­keit kann nicht gleich­zei­tig die Nicht­er­fül­lung einer Pflicht zur Auf­de­ckung des Pri­mär­an­spruchs dar­stel­len. Der Sekun­där­an­spruch ent­steht viel­mehr nur, wenn eine wei­te­re Pflicht­wid­rig­keit zu einer Zeit began­gen wird, zu wel­cher der Regress­an­spruch noch durch­ge­setzt wer­den kann, ins­be­son­de­re noch nicht ver­jährt ist 6. Der Rechts­be­ra­ter muss bei der wei­te­ren Wahr­neh­mung sei­nes Man­dats auf­grund objek­ti­ver Umstän­de begrün­de­ten Anlass haben, zu prü­fen, ob er durch eine Pflicht­ver­let­zung sei­nen Man­dan­ten geschä­digt hat 7. Ein begrün­de­ter Anlass in die­sem Sin­ne kann etwa vor­lie­gen, wenn der Rechts­an­walt sei­nen Pro­zess­an­trag umstel­len muss, gegen den Man­dan­ten eine nach­tei­li­ge gericht­li­che Ent­schei­dung ergan­gen ist, die Gegen­sei­te die Ein­re­de der Ver­jäh­rung erhebt oder sons­ti­ge Ein­wen­dun­gen gel­tend gemacht wer­den 8.
Ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts kann in einer unter­las­se­nen – rou­ti­ne­mä­ßi­gen – Wie­der­vor­la­ge kein bei der Wahr­neh­mung des Man­dats begrün­de­ter Anlass zur Prü­fung der eige­nen Tätig­keit im Sin­ne der Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung gese­hen wer­den, der geeig­net ist, die Sekun­där­haf­tung aus­zu­lö­sen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den, dass wäh­rend eines lau­fen­den ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens die Nicht­ein­hal­tung einer halb­jähr­li­chen Wie­der­vor­la­ge- oder Kon­troll­pflicht kei­ne eigen­stän­di­ge Pflicht­wid­rig­keit im Sin­ne der Sekun­där­haf­tung zu begrün­den ver­mag 9. Für den hier vor­lie­gen­den Fall einer vor­pro­zes­sua­len Man­dats­aus­übung gilt nichts ande­res. Ein eigen­stän­di­ger man­dats­be­zo­ge­ner Anlass für eine geson­der­te Über­prü­fung der bis­he­ri­gen Hand­ha­bung ergab sich für den Beklag­ten nach des­sen letz­tem Schrei­ben vom 01.06.2001 nicht mehr. In die­sem Schrei­ben bestä­tig­te der Beklag­te, dass ein Ver­dienst­aus­fall­scha­den aus­ge­schlos­sen sei für Zeit­räu­me, in denen die­ser einen hohen Ver­dienst erzielt habe. Für den Fall, dass der Klä­ger in nähe­rer Zukunft wegen ein­tre­ten­der unfall­be­ding­ter Arbeits­un­fä­hig­keit Ver­dienst­aus­fall erlei­de, sei aller­dings ein Ver­dienst­aus­fall­scha­den denk­bar. Im Anschluss an die­ses Schrei­ben hat der Beklag­te, wie das Beru­fungs­ge­richt selbst fest­stellt, die Akte weg­ge­legt und kei­ne wei­te­ren Akti­vi­tä­ten mehr ent­fal­tet.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Juli 2012 – IX ZR 96/​10
BGH, Urteil vom 17.12.2009 – IX ZR 4/​08, WM 2009, 629 Rn. 6[↩]
BGH, Urteil vom 07.02.2008 – IX ZR 149/​04, WM 2008, 946 Rn. 30, 33; vom 13.11.2008 – IX ZR 69/​07, NJW 2009, 1350 Rn. 8[↩]
BGH, Urteil vom 14.07.1994 – IX ZR 204/​93, WM 1994, 2162, 2163, vom 09.12.1999 – IX ZR 129/​99, WM 2000, 959, 960; Bamberger/​Roth/​D. Fischer, BGB, 3. Aufl., § 675 Rn. 31[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 07.02.2008, aaO Rn. 34[↩]
BGH, Urteil vom 23.05.1985 – IX ZR 102/​84, BGHZ 94, 380, 386; vom 13.11.2008, aaO Rn. 11[↩]
BGH, Urteil vom 23.05.1985, aaO S. 387; vom 10.10.1985 – IX ZR 153/​84, NJW 1986, 581, 583; vom 14.12.2000 – IX ZR 332/​99, NJW 2001, 826, 828; vom 13.11.2008, aaO[↩]
Chab in Zugehör/​G. Fischer/​Vill/​D. Fischer/​Rinkler/​Chab, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 3. Aufl. Rn. 1394[↩]
Zugehör/​Chab, aaO Rn. 1395 mwN[↩]
BGH, Urteil vom 13.11.2008, aaO, Rn. 12[↩]

References: § 51
 § 51
 Art. 229
 § 12
 Art. 229
 § 6
 § 51
 § 51
 § 51
 § 675