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Timestamp: 2019-10-21 20:28:24+00:00

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Kapitel VIII. Das Adverb (Umstandswort)
§ 190. Das Adverb ist eine Wortart, die auf die Eigenschaft eines Vorgangs, auf dessen Ort, Zeit, Grund, Zweck usw. hinweist. Daher tritt es im Satz meist als nähere Bestimmung zum Verb (Adverbialbestimmung) auf.
Doll antwortete, er habe solche öffentliche Ansprache bisher wohl noch nicht gehalten, aber das Vertrauen habe er schon, daß er das nicht schlechter, machen würde als ein anderer. (H. Fallada)
Manche Adverbien können (als Adverbialbestimmung) auch ein Adjektiv bzw. ein anderes Adverb und (als Attribut) ein Substantiv näher bestimmen.
Der Tag war grausam heiß gewesen. (W. Bredel)
Da kamen ernste Dinge zur Sprache, die ganz besonders das Dorf betrafen. (A. Seghers)
Die weite, hallende Diele drunten war mit großen viereckigen Steinfliesen gepflastert. (Th. Mann)
Die Adverbien werden nicht flektiert.
§ 191. Die morphologische Form der Adverbien ist sehr mannigfaltig und hängt mit ihrem Ursprung zusammen. Die ältesten Adverbien sind Stammwörter: hier, da, so, oben, unten, jetzt, dort, dann, nun, schon, fast, gut, kurz u. a. m.
Der Ursprung dieser Adverbien ist vom Standpunkt der modernen Sprache nicht zu erklären. Die meisten Adverbien sind aus anderen Wortarten entstanden:
1. durch Adverbialisierung: a) von Substantiven in verschiedenen Kasusformen (außer dem Nominativ): morgen, heim, weg, abends, morgens, anfangs, mittags u. a.; b) von Verbalformen: vorwiegend, fließend, wiederholt, auffallend, verkehrt u. a.;
2. durch Ableitung (von Substantiven, Adjektiven, Adverbien usw.) mittels der Suffixe -s, -ens, -lings, -lich, -wärts, -weise u. a. m.: flugs, öfters, höchstens, meistens, sittlings, blindlings, täglich, gelegentlich, abwärts, vorwärts, teilweise, stückweise u. a. m.;
3. durch Zusammensetzung: a) zweier Adverbien: sofort, hierher, sodann, dahin u. a.; b) eines Substantivs (Adjektivs, Pronomens) mit einer Präposition (einem Adverb): zuweilen, beizeiten, bergab, flußabwärts, zuletzt, insbesondere; unterdessen, deswegen, trotzdem, seinetwegen u. a.; c) eines Substantivs mit dessen Bestimmung: kurzerhand, jederzeit; meistenteils, jedenfalls u. a.
Manche Adverbien treten zuweilen als Wortpaare mit kopulativer Verbindung auf: kreuz und quer, hin und her, nach und nach, ab und zu, dann und wann, weit und breit, nach wie vor u. a. Zu den Adverbien können auch viele stehende Wendungen (namentlich präpositionale) gezählt werden: zu Hause, nach Hause, zu Fuß, auf der Stelle, aufs Geratewohl, im Handumdrehen, auf einmal, vor kurzem, seit langem, von neuem u. a.
Der Prozeß der Adverbialisierung dauert auch in der modernen Sprache an, sie ständig mit neuen Adverbien bereichernd.
Ihering, der von der Richtigkeit und Wichtigkeit des letztens von ihm in diesem Buche entwickelten Gedankens überzeugt war, glaubte,... nach seinem Prinzip handeln zu müssen. (R. Leonhard)
§ 192. Die Adverbien werden ihrer Bedeutung nach in drei Arten eingeteilt: qualitative, quantitative und Umstandsadverbien.
Die qualitativen Adverbien kennzeichnen den Charakter bzw. die Art und Weise einer Handlung, eines Zustandes: gut, langsam, schnell, falsch u. a.
Langsam begann sich die Gegend zu verändern. (E. Claudius)
Die qualitativen Adverbien können auch ein Adjektiv bzw. ein anderes Adverb näher bestimmen. Ihrer Form nach stimmen die qualitativen Adverbien mit den endungslosen Adjektiven überein, unterscheiden sich aber von diesen durch ihre syntaktische Funktion. Während die qualitativen Adverbien immer als Adverbialbestimmungen auftreten, erfüllen die endungslosen Adjektive die Funktion eines Prädikativs bzw. eines Attributs (s. §§ 249 u. 256). Vgl.:
Seine Bewegungen waren, wie seine Worte, schnell und lebhaft. (W. Bredel)
Im ersten Beispiel ist schnell ein Adverb, im zweiten ein Adjektiv.
§ 193. Die quantitativen Adverbien kennzeichnen einen Vorgang oder eine Eigenschaft, und zwar deren Grad bzw. Maß: sehr, viel, ziemlich, ganz, völlig, vollends, größtenteils, kaum, beinahe, fast u. a.
„Bei alledem“, sagte er, „scheinst du völlig zu vergessen, mein Kind, daß ja Hilfe denkbar wäre...“ (Th. Mann)
Nach Tische hieß er den Knaben alles vollends einpacken... (J. W. Goethe)
„Franziska, laß den Kaffee nicht vollends kalt werden; schenk ein“. (G. E. Lessing)
Heinrich war etwas verwirrt und sehr überrascht. (W. Joho)
§ 194. Die qualitativen sowie manche quantitativen Adverbien sind steigerungsfähig. Der Komparativ wird mit dem Suffix -er, der Superlativ mit dem Suffix -(e)sten gebildet; dieser Form des Superlativs geht stets am voraus: spät — später — am spätesten; freundlich — freundlicher — am freundlichsten; klug — klüger — am klügsten.
Dem Jungen pochte das Herz schneller. (W. Bredel)
Folgende Adverbien werden unregelmäßig (nämlich suppletiv) gesteigert: gut — besser — am besten; viel — mehr — am meisten; gern — lieber — am liebsten; bald — eher — am ehesten; wenig — minder — am mindesten (auch weniger — am wenigsten).
„Ich habe von meinem Boot aus gesehen, wo Sie am liebsten sonntags mit Ihrem Jungen spielen“. (A. Seghers)
Manche Adverbien bilden noch eine zweite Form des Superlativs: mit dem Suffix -(e)ste; dieser Form geht die Partikel aufs voraus: freundlich — aufs freundlichste, grausam — aufs grausamste. Diese Form des Superlativs drückt jedoch keinen Vergleich aus, sie hat stets nur absolute Bedeutung.
Sie war aufs tiefste erschrocken, denn sie hatte es nie erlebt, daß die Mutter schluchzte. (B. Kellermann)
§ 195. Die Umstandsadverbien kennzeichnen eine Handlung, einen Zustand in bezug auf Ort, Zeit, Grund, Zweck usw.
Zu den Adverbien des Ortes und der Richtung (lokale Adverbien) gehören: oben, vorn, hier, da, draußen, rechts, überall, nirgends, bergauf, treppauf, wohin, irgendwo u. a.
Die lokalen Adverbien erfüllen im Satz die Funktion einer Adverbialbestimmung des Ortes und (seltener) die eines Attributs.
„Besondere Menschen verkehren dort...“ (J. R. Becher)
Der Mieter... sei in die Sante gebracht worden, von dort aus würde er bald nach Deutschland abtransportiert werden... (A. Seghers)
„Der Turm dort, der verschnörkelte, das ist der Rathausturm.“ (W. Bredel)
Zu den Adverbien der Zeit (temporale Adverbien) gehören: dann, jetzt, heute, jemals, morgen, heutzutage, oft, nie(mals), stets, erst usw. Im Satz erfüllen sie die Funktion einer Adverbialbestimmung der Zeit und (seltener) die eines Attributs. Im letzteren Fall steht das Adverb oft mit einer Präposition.
Nachts war manchmal das Haus wie aus Glas. (A. Seghers)
Stundenlang kauert Arnold in der Ecke... (W. Bredel)
Die Zunftordnungen sorgten dafür, daß der Geselle von heute in den Meister von morgen überging. (F. Engels)
Anmerkung. Zu unterscheiden sind das Adverb erst und die einschränkende Partikel erst (s. § 208); vgl.:
Erst wäg’s, dann wag’s. (Sprichwort)
Ihr Freund Janek hatte ihr erst kürzlich auf dem Tisch mit Kreide die Himmelsrichtungen klargemacht. (A. Seghers)
Im ersten Satz ist erst ein Adverb, im zweiten eine Partikel.
Zu den Adverbien des Grundes, des Zweckes, der Folge, der Bedingung, der Einräumung gehören: darum, deshalb, warum, deswegen; wozu, dazu, meinetwegen, deinetwegen; infolgedessen, folglich; andernfalls, sonst; trotzdem, dessenungeachtet; zufällig, absichtlich, notgedrungen. Die Zahl dieser Adverbien ist nicht groß. Sie erfüllen im Satz stets die Funktion der entsprechenden Adverbialbestimmung und manche zugleich die von Bindewörtern.
„Bei solchem Wetter laufe ich seinetwegen nicht hin!“ (W. Bredel)
Aber nicht nur darum hatte er es am schwersten. Die Gründe lagen auch in seinem widerspruchsvollen Charakter. (W. Joho)
Er hatte sich jahrelang nicht daran erinnern wollen. War ihm trotzdem etwas ins Gedächtnis gekommen, dann war er zusammengezuckt. (A. Seghers)

References: § 190

§ 191

§ 192

§ 193

§ 194

§ 195
 § 208