Source: https://perspective-daily.de/article/305/WsqhQeRP
Timestamp: 2018-09-24 20:55:27+00:00

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Es ist gar nicht so lange her, dass zum Beispiel in Frankreich und Deutschland Homo-Sex Zugegeben, der Begriff klingt etwas gewöhnungsbedürftig. Doch die schwule Online-Plattform »Queer« benutzt ihn ganz selbstverständlich, um gleichgeschlechtlichen Sex zwischen 2 Männern zu benennen. Falls du gern über den Begriff diskutieren möchtest, mache dies in unserem Forum. noch eine Straftat war. Die sogenannten »Schwulenparagrafen« Solltest du das Quiz nicht gemacht haben, findest du hier die Paragrafen im Wortlaut aus dem jeweiligen Strafgesetzbuch und ihre Gültigkeit:
»Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen lässt, wird mit Gefängnis bestraft.« §175 deutsches Strafgesetzbuch, gültig in den Jahren 1935–1994 (mehrmals geänderte Fassung)
»Wer einen schamlosen oder widernatürlichen Akt mit einer gleichgeschlechtlichen Person unter 21 Jahren begeht, wird mit einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten bis maximal 3 Jahren sowie einer Geldstrafe (…) bestraft.« §331 französisches Strafgesetzbuch, gültig in den Jahren 1942–1982 (mehrmals geänderte Fassung) kriminalisierten homosexuelle Handlungen im jeweiligen Strafgesetzbuch. Und es waren auch die europäischen Länder, die solche juristischen Ideen auf ihre damaligen Kolonien und Mandatsgebiete übertrugen: Allen voran die In den meisten ehemaligen britischen Kolonien ist Homosexualität bis heute kriminalisiert (englisch) Briten und die Franzosen Der Paragraf im französischen Original: »Sera puni d’un emprisonnement de six mois à trois ans et d’une amende de 60 francs à 15 000 francs quiconque aura commis un acte impudique ou contre nature avec un individu de son sexe mineur de vingt et un ans.« – erst sie machten Homosexualität dort als Verstoß gegen die Was sind eigentlich Verstöße gegen die »guten Sitten« und warum sind sie ins Strafrecht geraten? (1964) »öffentliche Sittlichkeit« offiziell strafbar. In vielen der heute unabhängigen Staaten Afrikas, des Nahen Ostens und in Indien gelten diese Paragrafen bis heute.
Am 1. September 1920 verkündet General Gouraud in Beirut die Schaffung und Unabhängigkeit des Libanon unter der Vormundschaft des Völkerbundes, vertreten durch Frankreich. – public domain
Dagegen ziehen heute LGBTI-Aktivisten LGBTI ist die Abkürzung der englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual/Transgender und Intersexual (deutsch: Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender und Intersexuell). Wir verwenden diesen Begriff, weil die libanesischen Aktivisten ihn so gebrauchen und damit alle Menschen bezeichnen, die von der heterosexuellen Norm abweichen – wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität oder ihres Körpers. aus vielen dieser Länder in den Kampf. In einem arabischen Staat, der vor über 70 Jahren von den Franzosen kontrolliert wurde, Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Osmanischen Reichs setzten Franzosen und Briten in dem sogenannten Sykes-Picot-Abkommen fest, welche Länder sie im Nahen Osten kontrollieren werden. In den Jahren 1922–1943 lagen der Libanon und ein Großteil Syriens innerhalb des französischen Völkerbundmandats. Die Briten kontrollierten den Irak, Jordanien, Palästina und die südliche Region Syriens. haben sie das Ziel vor Augen. In Reiseführern gilt er als das Schwulenparadies im Nahen Osten, und Journalisten beschreiben seine Hauptstadt Beirut als Dieser Titel stammt aus dem Spiegel (2010) »Arabiens schwule Party-Metropole«. Die Rede ist vom Libanon, an der Mittelmeerküste zwischen Syrien und Israel gelegen.
Schwulenbars, die Gay Pride Gay Pride (deutsch: Schwulenstolz) beschreibt den selbstbewussten und selbstwertschätzenden Umgang von Schwulen mit der eigenen sexuellen Identität. Es ist die offene und ehrliche Einstellung, sich nicht vor anderen verstecken oder schämen zu müssen. Gay Pride steht auch für Veranstaltungen, auf denen diese Selbstachtung in die Öffentlichkeit getragen wird, zum Beispiel auf Demonstrationen, Paraden oder anderen Zusammenkünften. und eine Popband mit schwulem Frontsänger Zweifelsohne ist einer der einflussreichsten LGBTI-Aktivisten der Sänger Hamed Sinno. Er ist Frontmann der zurzeit international erfolgreichsten libanesischen Band Mashrou’ Leila und hat sich vor der gesamten Nation geoutet. Sein Markenzeichen: Hameds Liebeslieder haben immer eine zweideutige Aussage. Denn er singt im alten Beiruter Dialekt, in dem sprachlich nicht zwischen Mann und Frau unterschieden wird. – das alles findet, wer sucht, auch in Beirut. Doch wer geduldet wird, ist noch lange nicht akzeptiert. Das wissen die Aktivisten von Helem – auf Deutsch: Träume – einer Organisation, die den Libanon zum progressivsten arabischen Land in Sachen Homosexuellen-Rechten machen will. Seit dem Jahr 2005 gehen sie Homophobie in staatlichen Institutionen und in der Gesellschaft an.
Im Nahen Osten, wo in Ländern wie Saudi-Arabien, dem Irak oder Katar noch die Todesstrafe auf Homo-Sex stehen kann, ist Helem einzigartig. »Im Moment kann diese Organisation nur im Libanon existieren«, sagt Georges Azzi, Georges Azzi ist der Gründer der libanesischen LGBTI-Organisation Helem. Er wuchs im Libanon auf und lebte später in Paris, wo er HIV-Aufklärung organisierte und mit dem LGBTI-Aktivismus in Berührung kam. Er ging zurück in den Libanon, um in Beirut ein ähnliches LGBTI-Zentrum aufzubauen wie in Paris. Weil Helem die einzige Homosexuellenorganisation in den arabischen Ländern ist, reist er durch die arabische Welt, hält Vorträge und bringt LGBTI-Menschen Eigeninitiative näher. libanesischer Aktivist der ersten Stunde und Gründervater von Helem.
Georges Azzi in seinem Büro der Arabischen Stiftung für Freiheit und Gleichberechtigung. Während eines längeren Aufenthalts in Paris in den 1990er-Jahren wirkte er an einem Programm für HIV-Aufklärung mit. Seitdem engagiert er sich für die weltweite LGBTI-Bewegung und half im Libanon mit, eine Praxis aufzubauen, in der sich Menschen jeder sexuellen Orientierung kostenlos auf Aids testen lassen können. – Quelle: Juliane Metzker copyright
Heute ist Azzi Direktor der Hier findest du den Internetauftritt der Arabischen Stiftung für Freiheit und Gleichberechtigung (englisch) Arabischen Stiftung für Freiheit und Gleichberechtigung. Im Libanon und über seine Landesgrenzen hinaus ist er bereits so etwas wie die Ikone der arabischen LGBTI-Bewegung. Warum er sich für die Rechte Homo- und Gastautorin Jolinde Hüchtker schreibt über die Herausforderungen für Trans-Menschen Transsexueller einsetzt? Die Frage beantwortet er mit Leichtigkeit: »Weil ich ein schwuler Mann bin und hier frei leben möchte.«
Anal-Tests, um den gleichgeschlechtlichen Sexualverkehr nachzuweisen
Frei und sicher leben, das gibt es für ihn nicht, solange libanesischen Schwulen und Transsexuellen Im Libanon gibt es kein Gesetz, das eine Geschlechtsumwandlung verbietet. Daher sind Transsexuelle in der Öffentlichkeit sichtbar. Jedoch sind sie es, die am häufigsten von Polizisten weggesperrt werden. Homoaktivisten argumentieren, dass Polizisten, die das patriarchalische Gedankengut pflegen, die äußere Erscheinung Transsexueller provoziert, da sie die konservativen Rollenbilder von Mann und Frau in der Gesellschaft und somit auch das Selbstverständnis der Polizisten herausfordern. immer noch bis zu ein Jahr Haft droht; lesbische Frauen werden nicht strafverfolgt. Im Gefängnis werden sie meist von anderen Insassen verprügelt und missbraucht. In einer großangelegten Razzia durchsuchte die libanesische Polizei im Jahr 2014 mehrere öffentliche Bäder (Hamam) und verhaftete 27 Männer mit Verdacht auf homosexuelle Handlungen und Verstoß gegen die öffentliche Sitte. Einige von ihnen wurden in das Gefängnis von Zahle überführt, einer Provinzstadt im Osten Libanons. Laut Informationen von Helem wurden 12 dieser Männer dort von anderen Insassen verprügelt, nachdem die Wärter angekündigt hatten, dass diese Männer Schwule seien. Nur selten gehen die Wächter dazwischen. Bis vor 3 Jahren durften Polizisten und Ärzte sogar noch selbst legal physisch und psychisch foltern: Sie führten Anal-Tests Im Jahr 2012 nahm die Polizei 36 Männer in einem Beiruter Kino fest. Um ihnen homosexuelle Handlungen nachzuweisen, mussten sie eine Rektaluntersuchung über sich ergehen lassen. Ärzteorganisationen halten die erniedrigende Pseudo-Praxis, bei der ein eiförmiges Objekt anal eingeführt wird, für nutzlos, weil sie keinen Beleg für gleichgeschlechtlichen Verkehr liefere. Außerdem erklärten Menschenrechtsaktivisten wiederholt, dass diese Anal-Tests gegen die UN-Antifolterkonvention verstoßen würden. Das libanesische Justizministerium verbot im Jahr 2012 die Rektaluntersuchung bei Verdacht auf homosexuelle Handlungen. durch, um den gleichgeschlechtlichen Sexualverkehr nachzuweisen, und behandelten Homosexualität als psychische Krankheit.
Prügel, Kidnapping und Missbrauch – derartige Gewalt gegen libanesische LGBTIs geht häufig sogar Georges Azzis Organisation hat im Jahr 2016 einen Report herausgegeben, in dem 65 Fälle von Menschenrechtsverletzungen gegen LGBTIs im Libanon dokumentiert sind (englisch) von der eigenen Familie und Freunden aus. Auch religiös motivierte Hassverbrechen kommen vor. Christliche und muslimische Würdenträger hetzen gegen Schwule Man kann Hassan Nasrallahs Ansprache im April 2017 nur als eine Hate Speech gegen LGBTIs beschreiben. Er beschuldigte Homosexuelle, dass sie mit ihrem Lebensstil und ihren Forderungen nach mehr Rechten »die Gesellschaft zerstören« würden, und bezeichnete Homosexualität als einen westlichen Import. und lassen offen, wie die von ihnen geforderte Bekämpfung von Homosexualität aussehen soll.
Ohne staatlichen Schutz für LGBTIs werden Hassverbrechen nicht seltener. Georges Azzi gehört zu einem Kollektiv von libanesischen Anwälten und Aktivisten, die versuchen, homophobe Strukturen in staatlichen Institutionen aufzulösen. Dafür nutzen sie eine Taktik, die sie von ihrem an Klientelismus und Korruption krankenden Staat kennen: Sie schaffen Verbündete.
Es ist noch gar nicht so lange her: In den USA beispielsweise wurde Homosexualität in manchen Bundesstaaten erst im Jahr 2003 entkriminalisiert. In Deutschland (1994) und China (1997) geschah dies fast 10 bzw. 6 Jahre früher, im Vergleich zu Frankreich (1982) aber immer noch relativ spät. –
Georges Azzi fehlt die starke Linke. Mit ihr wäre alles viel leichter, so glaubt er: »Es waren Arbeiterparteien, die sich weltweit zuerst gegen Kriminalisierung von Homosexuellen einsetzten. Nur leider gibt es im Libanon keine starke Linke, von der wir fordern könnten: Ihr seid Sozialisten, deshalb müsst ihr euch für unsere Rechte stark machen.«
Obwohl im Libanon eine parlamentarische Demokratie herrscht, teilt sich das Parteienspektrum nach Konfessionen auf. Im Libanon herrscht eine sogenannte Konkordanzdemokratie, in der politische Amtsposten je nach konfessioneller Zugehörigkeit vergeben werden. Das Staatsoberhaupt ist demnach immer ein maronitischer Christ, da die Maroniten, neben Orthodoxen und Katholiken, die größte christliche Gemeinde im Libanon stellen. Der politische Einfluss der libanesischen Christen ist im Taif-Abkommen aus dem Jahr 1989 verankert, das den 15-jährigen Bürgerkrieg im Libanon beendete. Muslime und Christen einigten sich in dem Friedensvertrag auf eine 50:50-Repräsentationsquote im libanesischen Parlament. In der Theorie sollte das ein ausgewogenes Machtverhältnis garantieren. Die wenigen kommunistischen und sozialistischen Politiker sind für Georges Azzi mehr Witzfiguren Die von ihm sehr subjektiv beschriebene »Witzfigur« ist Walid Jumblatt, der Vorsitzende der »Sozialistischen Fortschrittspartei des Libanons«. Er ist der einflussreichste Führer der Drusen, einer Religionsgemeinschaft der schiitischen Strömung. Jumblatt findet vor allem in der jungen Generation viel Zuspruch. Er spricht sich offen für die Legalisierung von Cannabis aus. Doch die Homo-Aktivisten glauben nicht, dass Jumball seine progressiven Ideen wirklich umsetzen will und kann. Dennoch empfiehlt Azzi Jumblatts unterhaltsamen Twitter-Account. als wirkliche Entscheider. Obwohl Azzi immer wieder mit Parlamentariern verhandelt, glaubt er nicht, dass die Legislative einen der größten Hürden für libanesische LGBTIs so schnell aus dem Weg räumen wird: den Paragraf 534 Der Paragraf 534 aus dem libanesischen Strafgesetzbuch in englischer Übersetzung: »Any sexual intercourse contrary to the order of nature is punishable by up to one year in prison.« des libanesischen Strafgesetzbuchs, der Homo-Sex immer noch als »widernatürliches Sexualverhalten« unter Strafe stellt.
Jeder widernatürliche Sexualverkehr kann mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden. – §534 libanesisches Strafgesetzbuch, 1940er-Jahre bis heute
Deshalb versuchen die Homoaktivisten an vielen Fronten, die Konsequenzen von §534 für LGBTIs zu reduzieren. Die erste Baustelle: die Exekutive. Nach geltendem Gesetz könnte die Polizei Azzi jederzeit auf der Straße verhaften. »Wir sind immer noch auf die Gnade jedes einzelnen Polizisten angewiesen, selbst auf die des rangniedrigsten.« Ließe ein Polizist Recht vor Gnade ergehen, würde Azzi mit hoher Wahrscheinlichkeit in der berühmt-berüchtigten Hobeich-Polizeistation landen, in die alle in Beirut aufgegriffenen Transsexuelle und Schwule überstellt werden.
Für sie ist Hobeich nichts anderes als eine Folterkammer, denn dort wurden die meisten Anal-Tests durchgeführt und sollen Der Human Rights Watch dokumentierte auch im Jahr 2016 Anal-Untersuchungen an Schwulen im Libanon (englisch) trotz eines Verbots der Untersuchung immer noch angeordnet werden. Überraschenderweise unterstützen die libanesischen Homoaktivisten die Überstellung von LGBTIs nach Hobeich, statt dagegen vorzugehen.
Unter den gegebenen Umständen ist es uns lieber, dass wir die Sittenwächter alle auf einem Haufen zusammen haben, denn so wissen wir, wo wir die Inhaftierten finden können. – Georges Azzi
Mittlerweile arbeitet die Homorechtsorganisation Helem inoffiziell mit den Polizisten vor Ort zusammen, auch mit dem Polizeichef der Station. »Sie wissen, dass Schwule, Lesben und Transsexuelle von Helem juristischen Beistand bekommen können, und viele Polizisten rufen uns sogar von sich aus an«, sagt Georges Azzi.
Immerhin. Schlimmer trifft es die Schwulen unter den rund eine Million Syrern, die in den Libanon geflüchtet sind. Sie sind weniger mit der Gesetzeslage oder mit Organisationen wie Helem vertraut – und stehen ohnehin stärker unter Druck: Seit der Flüchtlingskrise, die im Libanon im Jahr 2012 begann, werden sie nicht selten Opfer rassistischer Übergriffe. »Werden syrische Schwule eingesackt, werden wir nicht kontaktiert. Und wir können keine Polizisten zur Kooperation zwingen. Es ist immer noch ein Privileg, dass eine unabhängige NGO diesen Zugang zu Inhaftierten bekommt«, betont Azzi. Er hofft, mit mehr Verbündeten innerhalb der Polizei auch den schwulen syrischen Geflüchteten besser helfen zu können.
Es gibt noch einen anderen Weg, die Strafverfolgung von Homosexuellen zu schwächen: keine Verurteilungen mehr. Daran arbeitet Menschenrechtsanwalt Karim Nammour. Er ist Teil des Kollektivs der Hier geht es zum Internetauftritt der »Legal Agenda« (englisch) Legal Agenda, einer Gruppe von Anwälten, die seit dem Jahr 2009 die Rechtsentwicklung in arabischen Ländern dokumentiert.
Nammour hat ein Lebensmotto, das auf Leinwand geschrieben jedem ins Auge sticht, der sein Büro in Beirut betritt: »Think Outside The Box« – er will außerhalb von eingefahrenen Bahnen denken. Deshalb arbeitet er als Anwalt in 2 für den Libanon sehr speziellen Gebieten, der Entkriminalisierung von Drogen legalisieren? Darüber unterhalten wir uns auch in Deutschland – Frederik v. Paepcke erklärt, warum die deutschen Drogengesetze verfassungswidrig sind Drogen und von Homo-Sex.
Karim Nammour blättert im Buch »The Lebanese Connection« über den illegalen Drogenhandel seit dem libanesischen Bürgerkrieg. Er hat die Kampagne »Unterstützen statt verurteilen« ins Leben gerufen, weil jedes Jahr Tausende Drogenkonsumenten im Gefängnis landen, darunter viele Abhängige, die keinen angemessenen Entzug bekommen. Schon mit einem Joint in der Tasche kann man im Libanon bis zu ein Jahr lang hinter Gitter wandern. Stellt sich heraus, dass man selbst gedealt hat, kann das Strafmaß mehrere Jahre betragen. – Quelle: Juliane Metzker copyright
»Man glaubt es kaum, aber wir hatten bis in die 1970er-Jahre eine ähnlich emanzipierte LGBTI-Bewegung wie in Europa. Doch der libanesische Bürgerkrieg Der libanesische Bürgerkrieg wurde in den Jahren 1975–1989 gefochten. Viele Parteien waren involviert, auch Israel und Syrien griffen in die Kämpfe vor Ort ein. Im Libanon standen sich prowestliche Gruppen und arabische Nationalisten gegenüber. Auslöser war die Errichtung eines bewaffneten Staats im Staate durch die Palästinensische Befreiungsfront im Libanon. Viele Palästinenser waren im Jahr 1948 in den Libanon geflohen, nachdem der Staat Israel seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Beigelegt wurde der 15-jährige libanesische Bürgerkrieg mit dem Taif-Abkommen. und die Nachkriegszeit haben die Zivilgesellschaft mindestens 30 Jahre lang gelähmt.« Dadurch, so meint Nammour, habe der Paragraf 534 bis heute mit seiner diskriminierenden Auslegung überlebt. Ein Andenken an die Franzosen aus der Zeit des faschistischen Vichy-Regimes, So nennt man im Nachhinein die französische Regierung in den Jahren 1940–1944. Der größte Teil Frankreichs war nach dem Waffenstillstand mit Deutschland am 22. Juni 1940 von deutschen Truppen besetzt. Vichy lag im unbesetzten Teil und wurde Regierungssitz. Marschall P. Pétain errichtete ein autoritäres Regime, den État Français. Pétain regierte extrem konservativ: Die Presse wurde zensiert und die Opposition unterdrückt. Pétain distanzierte sich von den Gedanken der Republik. Das Vichy-Regime war in Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Deutschland mitbeteiligt an den Juden-Deportationen. Erst letzte Woche, am 75. Jahrestag der Razzia vom 16. und 17. Juli 1942, bei der 13.000 Juden verhaftet und in Konzentrationslager und Vernichtungslager gebracht wurden, erinnerte Emanuel Macron daran, dass Frankreich das damals organisiert hatte. Für die lange Zeit totgeschwiegene Beteiligung Frankreichs an den Juden-Deportationen hatte sich Jacques Chirac erst im Jahr 1995 öffentlich entschuldigt.
Gegen das Vichy-Regime kämpfte eine wachsende Widerstandsbewegung. Die Vichy-Regierung verlor im November 1942 ihre Macht. das sich auch vom deutschen Strafrecht inspirieren ließ. Kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 1982 strich Präsident François Mitterand Hier findest du mehr Informationen zu den Schwulenparagrafen in Frankreich (französisch) das Strafrecht gegen Homosexuelle in Frankreich.
Ein Happy End im Libanon wird wohl auf sich warten lassen: Dass §534 aus dem libanesischen Strafgesetzbuch verschwindet, damit rechnet Nammour in naher Zukunft nicht. Doch er hofft, dass immer mehr Richter sich gegen eine Verurteilung von LGBTIs auf der Basis dieses Paragrafen entscheiden, bis es keiner mehr tut und eine aktive Strafverfolgung eingestellt wird.
Seit dem Jahr 2009 gab es nur 4 Richter, die ausgelebte Hier findest du eine detaillierte Auflistung der 4 Freisprüche (englisch/deutsch) Homosexualität nicht als Straftat verurteilten. Bei jährlich bis zu 100 Fällen Es gibt keine offiziellen Statistiken, wie viele Schwule und Transsexuelle im Libanon verurteilt oder verhaftet werden. Karim Nammour schätzt unter 100 Fällen jährlich. Jedoch wies er darauf hin, dass es wieder mehr Verurteilungen gibt als in den Jahren zuvor. eine eher dürftige Quote. Die größte Schwierigkeit: den unbestimmten Rechtsbegriff des »widernatürlichen Sexualverkehrs« auszulegen, sodass Homo-Sex davon ausgeschlossen bleibt. 3 Richter versuchten sich in der Interpretation, was überhaupt als »natürlich« gilt. Dennoch konnten sie die Angeklagten nicht darüber freisprechen. Nur das Fehlen von Beweisen für den sexuellen Akt – in einem Fall wurden zum Beispiel 2 fummelnde Teenager auf einem Parkplatz aufgegriffen – führte zum Freispruch.
Erst dem vierten Richter, Rabih Maalouf, gelang es, ein schwules Pärchen freizusprechen, indem er Homo-Sex nicht als Straftat betrachtete. »Er bezeichnete Homosexualität als ein natürliches Recht und eine persönliche Wahl«, erklärt Nammour. Maaloufs Argumentation beruft sich auf das Naturrecht, also bestimmte Rechte, die allen Menschen unabhängig von menschengemachten Rechtsordnungen zustehen. Ob es ein solches Naturrecht gibt, ist rechtsphilosophisch sehr umstritten. Dass ein Richter sein Urteil naturrechtlich begründet, ist ungewöhnlich.
Viele libanesische Parlamentarier waren außer sich nach dem Richterspruch und forderten eine Rücknahme. – Karim Nammour
Allerdings sieht der Anwalt in Maaloufs Richterspruch aus dem Januar 2017 die Chance, daraus einen Präzedenzfall zu machen. Auf dessen Basis könnten in Zukunft mehr Richter LGBTIs freisprechen und eine liberale Auslegung des Paragrafen fördern.
»In Deutschland ist es noch gar nicht so lange her, dass Homosexualität entkriminalisiert wurde«, erinnert Nammour. Die Strategie, die er zur Lähmung von §534 vorschlägt, hat Ähnlichkeit mit der Aufhebung des »Schwulenparagrafen« 175 aus dem deutschen Strafgesetzbuch vor Die Bundeszentrale für politische Bildung hat die Geschichte des §175 zusammengefasst gerade einmal 23 Jahren. Auch wenn es hierzulande etwas schneller ging: Aus der kleinen Anfrage an die Bundesregierung (1992) Nachdem im Jahr 1990 noch 96 Männer auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik nach §175 verurteilt wurden, gab es nach der Wiedervereinigung nur wenige solcher Fälle. Der Paragraf verlor an Bedeutung und fristete bis zu seiner Abschaffung ein Schattendasein.
»Wir fragen nicht nach Homorechten wie in Europa.«
Dass sich die libanesische Regierung eines Tages wie in Deutschland Gedanken um eine Die Bundesregierung hat erst im März 2017 die Rehabilitierung von 65.000 Opfern des §175 beschlossen Entschädigung für die Opfer des Schwulenparagrafen macht, ist noch ferne Zukunftsmusik. »Wir fragen nicht nach Homorechten wie in Europa, Katharina Wiegmann fragt: Warum eigentlich Ehe für alle statt Ehe für niemanden? die Ehe für alle. Wir stehen an einem ganz anderen Punkt, der mit einer anderen Geschichte verbunden ist«, sagt Nammour.
Dabei haben die LGBTI-Aktivisten im Libanon schon einiges erreicht: Razzien der Polizei in Schwulenkinos und Clubs kommen nur noch sehr selten vor. Viel weniger libanesische LGBTIs als noch vor 12 Jahren landen wegen ihrer Sexualität vor Gericht. Und wenn es passiert, dann berichten selbst libanesische Medien darüber und schaffen so mehr Öffentlichkeit für die Forderungen der Homoaktivisten.
Dennoch, solange §534 weiterexistiert, schwebt er als Damoklesschwert über den Köpfen von Homo- und Transsexuellen im Libanon. Aber die Klinge setzt langsam Rost an. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie zerbricht.
Dieses Bild entstand im Zuge einer Fotostrecke des libanesischen Fotografen Hashem al-Madani in den 1950er-Jahren im Libanon. Dabei ging es nicht um gleichgeschlechtliche Ehe oder LGBTI-Rechte, sondern darum, sich im künstlerischen Raum auszuleben. Najm und Asmar wählten diese Kostüme für das Foto-Shooting und ließen sich gemeinsam ablichten. – Najm and Asmar. Studio Shehrazade, Saida, Lebanon, 1950s. Photo: Hashem el Madani from Akram Zaatari’s project Objects of Study/ Studio Practices. 2006 – Quelle: Akram Zaatari / AIF copyright

References: §175
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