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Timestamp: 2018-06-20 09:14:35+00:00

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Schlag­worte: Rückzahlungsklausel, Benachteiligung
Akten­zeichen: 16 Sa 607/11
Leit­sätze: Die Rück­zah­lungs­klau­sel in ei­nem for­mu­larmäßigen Ar­beits­ver­trag, nach der ei­ne Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on zurück­ge­for­dert wer­den kann, so­weit das Ar­beits­verhält­nis bis zum 31.03. des Fol­ge­jah­res be­en­det wird, be­nach­tei­ligt den Ar­beit­neh­mer un­an­ge­mes­sen, wenn sie auch in Fällen ein­greift, in de­nen der die Rück­for­de­rung auslösen­de Grund nicht im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Ar­beit­neh­mers liegt.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Wuppertal, Urteil vom 24.03.2011, 6 Ca 3598/10
6 Ca 3598/10
Verkündet am 19. Ju­li 2011
gez.: Es­ser Re­gie­rungs­beschäftig­te als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le
Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte C. u. a.,
N. str. 45, X,
hat die 16. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 19.07.2011
durch die Rich­te­rin am Ar­beits­ge­richt Barth als Vor­sit­zen­de so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Ef­fertz und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Flack
I. Auf die Be­ru­fung der Kläge­rin wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Wup­per­tal vom 24.03.2011 – 6 Ca 3598/10 – ab­geändert und der Be­klag­te ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 1.741,67 € brut­to nebst fünf Pro­zent­punk­ten Zin­sen über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 01.12.2010 zu zah­len.
II. Der Be­klag­te trägt die Kos­ten des Rechts­streits.
Die Par­tei­en strei­ten über ei­nen An­spruch der Kläge­rin auf Zah­lung des Weih­nachts­gel­des für das Jahr 2010.
Die Kläge­rin war seit dem 02.03.2009 bei dem Be­klag­ten, der re­gelmäßig we­ni­ger als zehn Ar­beit­neh­mer beschäftigt, als Steu­er­fach­an­ge­stell­te tätig. Die Kläge­rin ver­dien­te zu­letzt 1.900.- € brut­to pro Mo­nat. Der Be­klag­te kündig­te das Ar­beits­verhält­nis we­gen Auf­trags­man­gels mit Schrei­ben vom 29.10.2010 zum 30.11.2010.
Im schrift­li­chen Ar­beits­ver­trag, we­gen des­sen Ein­zel­hei­ten im Übri­gen auf Bl. 5 ff. der Ge­richts­ak­te Be­zug ge­nom­men wird, heißt es in § 4 Abs. 2:
„Frau I. erhält ei­ne Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on in Höhe ei­nes zusätz­li­chen Ge­hal­tes. Im Jahr des Ein­tritts an­tei­lig. Bei Aus­schei­den aus dem Ar­beits­verhält­nis bis zum 31.03. des Fol­ge­jah­res kann das aus­ge­zahl­te Weih­nachts­geld zurück­ver­langt wer­den.“
Der Be­klag­te zahl­te an sei­ne Mit­ar­bei­ter En­de No­vem­ber 2010 ein Brut­to­mo­nats­ge­halt als Weih­nachts­geld. Die Kläge­rin er­hielt kei­ne Zah­lung. Mit ih­rer dem Be­klag­ten am 08.01.2011 zu­ge­stell­ten Kla­ge be­gehrt die Kläge­rin das an­tei­li­ge Weih­nachts­geld für elf Mo­na­te in 2010.
Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Rück­zah­lungs­klau­sel in § 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges sei un­wirk­sam, da die­se ei­ne „Kann“-Be­stim­mung be­inhal­te. Dem Be­klag­ten sei da­mit ei­ne Rück­for­de­rung nach sei­nem Er­mes­sen ein­geräumt wor­den, es sei je­doch nicht er­kenn­bar, dass er sein Rück­zah­lungs­ver­lan­gen nach bil­li­gem Er­mes­sen aus­geübt ha­be. Darüber hin­aus sei die Rück­zah­lungs­klau­sel auch des­halb un­wirk­sam, da es sich bei ihr um ei­ne un­klar for­mu­lier­te all­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung han­de­le.
den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an sie 1.741,67 € brut­to nebst 11,75% Zin­sen seit dem 15.11.2010 zu zah­len.
Der Be­klag­te hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, er sei be­rech­tigt ge­we­sen, die Kläge­rin von der Zah­lung der Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on aus­zu­sch­ließen. Zu ei­ner Aus­zah­lung sei er nicht ver­pflich­tet ge­we­sen, denn er hätte die Zah­lung nach § 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges um­ge­hend zurück­ver­lan­gen können. Die Rück­zah­lungs­klau­sel um­fas­se nach ih­rem Wort­sinn je­de Form der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Vor­sorg­lich rech­ne er ge­gen ei­nen et­wai­gen Zah­lungs­an­spruch der Kläge­rin mit sei­nem An­spruch auf Rück­zah­lung des Weih­nachts­gel­des auf.
Das Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal hat die Kla­ge mit Ur­teil vom 24.03.2011 ab­ge­wie­sen und sei­ne Ent­schei­dung im We­sent­li­chen wie folgt be­gründet:
Der Be­klag­te sei nach dem Grund­satz „do­lo agit, qui pe­tit, quod sta­tim red­diturus est“ nicht ver­pflich­tet, die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on an die Kläge­rin zu zah­len. Ei­ne et­waig er­hal­te­ne Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on hätte die Kläge­rin um­ge­hend zurück­zah­len müssen, denn bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 30.11.2010 hätten sich ihr Zah­lungs­an­spruch und der Rück­zah­lungs­an­spruch des Be­klag­ten ge­genüber­ge­stan­den. Die Rück­zah­lungs­klau­sel in § 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges sei wirk­sam. Sie grei­fe auch im Fal­le ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung ein und ent­hal­te kei­ne un­zu­mut­ba­re Kündi­gungs­er­schwe­rung. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Kläge­rin schei­te­re die Rück­zah­lungs­klau­sel nicht an § 307 BGB, denn die Klau­sel sei klar for­mu­liert, auch wenn sie ei­ne „Kann-Be­stim­mung“ ent­hal­te.
Ge­gen die­ses Ur­teil, das ihr am 07.04.2011 zu­ge­stellt wor­den ist, hat die Kläge­rin am 06.05.2011 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se mit ei­nem am 03.06.2011 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet.
Die Kläge­rin ist der Auf­fas­sung, das Ar­beits­ge­richt ha­be un­rich­tig ent­schie­den und wie­der­holt ih­re Auf­fas­sung, nach der § 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges un­klar for­mu­liert und da­mit un­wirk­sam sei.
Die Kläge­rin be­an­tragt un­ter Rück­nah­me des ursprüng­lich hin­sicht­lich der Zin­sen wei­ter­ge­hen­den An­tra­ges,
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Wup­per­tal vom 24.03.2011 – 6 Ca 3598/10 – ab­zuändern und den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin 1.741,67 € brut­to nebst fünf Pro­zent­punk­ten Zin­sen über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 01.12.2010 zu zah­len.
Der Be­klag­te hat der teil­wei­sen Kla­gerück­nah­me zu­ge­stimmt und be­an­tragt im Übri­gen,
Der Be­klag­te ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil.
We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­hal­tes so­wie des wi­der­strei­ten­den Sach­vor­tra­ges wird auf den In­halt der zwi­schen den Par­tei­en in bei­den Rechtszügen ge­wech­sel­ten Schriftsätze so­wie auf die Sit­zungs­nie­der­schrif­ten Be­zug ge­nom­men.
Die Be­ru­fung ist zulässig und, so­weit sie noch zur Ent­schei­dung an­stand, auch be­gründet.
I. Be­den­ken ge­gen die Zulässig­keit der Be­ru­fung be­ste­hen nicht. Sie ist nach Maßga­be der §§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG i. V. m. § 520 ZPO form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den. Sie ist auch statt­haft gemäß § 64 Abs. 1, 2 Zif­fer b ArbGG.
Die Be­ru­fung ist be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge zu Un­recht ab­ge­wie­sen.
Die Kläge­rin hat ei­nen An­spruch auf Zah­lung (an­tei­li­ger) Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on für das Jahr 2010 in rech­ne­risch zu­tref­fen­der Höhe von 1.741,67 € brut­to (1.900.- € : 12 x 11).
Der Zah­lungs­an­spruch ist ent­stan­den. Er er­gibt sich aus § 611 Abs. 1 BGB i. V. m. § 4 Abs. 2 Satz 1 des Ar­beits­ver­tra­ges.
Nach die­ser Vor­schrift erhält die Kläge­rin ei­ne Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on in Höhe ei­nes zusätz­li­chen Ge­halts. Der An­spruch ist ent­stan­den, da die Kläge­rin sich zum Aus­zah­lungs­zeit­punkt im Mo­nat No­vem­ber 2010 noch im Ar­beits­verhält­nis be­fand.
Aus der Be­zeich­nung „Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on“ folgt, dass das Ar­beits­verhält­nis zum Weih­nachts­fest bzw. min­des­tens zum Zeit­punkt der Ent­ste­hung des An­spruchs im No­vem­ber 2010 be­ste­hen muss­te (vgl. zur Be­zeich­nung „Weih­nachts­geld“ BAG v. 10.12.2010 – 10 AZR 15/08 – AP Nr. 280 zu § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on; BAG v. 30.03.1994 – 10 AZR 134/93 – AP Nr. 161 zu § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on; Er­fur­ter Kom­men­tar zum Ar­beits­recht-Preis 11. Auf­la­ge 2011 § 611 BGB Rn. 534). Die Zah­lung ei­nes Weih­nachts­gel­des soll in der Re­gel zu den anläss­lich des Weih­nachts­fes­tes ent­ste­hen­den be­son­de­ren Auf­wen­dun­gen des Ar­beit­neh­mers bei­tra­gen und sei­ne in der Ver­gan­gen­heit ge­leis­te­ten Diens­te zusätz­lich ho­no­rie­ren (BAG v. 10.12.2008 – 10 AZR 15/08 – a.a.O.; BAG v. 23.05.2007 – 10 AZR 363/06 – AP Nr. 24 zu § 1 TVG Ta­rif­verträge: Großhan­del; BAG v. 12.10.2005 – 10 AZR 640/04 – BA­GE 116, 136).
Die Be­ru­fung der Kläge­rin auf ih­ren An­spruch auf Zah­lung der Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on stellt kei­ne un­zulässi­ge Rechts­ausübung dar.
Nach dem Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) verhält sich der­je­ni­ge treu­wid­rig, der ei­nen Leis­tungs­an­spruch durch­setzt, ob­wohl er ver­pflich­tet ist, das Er­lang­te so­fort wie­der her­aus­zu­ge­ben: do­lo agit, qui pe­tit, quod sta­tim red­diturus est. Ein sol­cher Fall liegt hier trotz der Re­ge­lung in § 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges nicht vor. Nach die­ser Vor­schrift kann der Be­klag­te das aus­ge­zahl­te Weih­nachts­geld zurück­ver­lan­gen, wenn die Kläge­rin bis zum 31.03. des Fol­ge­jah­res aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­schei­det.
Die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen die­ser Klau­sel sind al­ler­dings erfüllt. Die Kläge­rin ist auf­grund der aus be­triebs­be­ding­ten Gründen (Auf­trags­man­gel) erklärten Kündi­gung des Be­klag­ten vor dem Stich­tag 31.03.2011 aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­ge­schie­den. Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te am 30.11.2010.
Ein Rück­for­de­rungs­an­spruch steht dem Be­klag­ten den­noch nicht zu. Die Ver­trags­be­stim­mung in § 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges be­nach­tei­ligt die
Kläge­rin ent­ge­gen dem Ge­bot von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen und ist da­mit gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB als un­wirk­sam an­zu­se­hen.
Bei der Re­ge­lung in § 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges han­delt es sich um ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung.
Nach der Le­gal­de­fi­ni­ti­on in § 305 Abs. 1 Satz 1 BGB sind All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen al­le für ei­ne Viel­zahl von Verträgen vor­for­mu­lier­ten Ver­trags­be­din­gun­gen, die ei­ne Ver­trags­par­tei der an­de­ren Ver­trags­par­tei bei Ab­schluss ei­nes Ver­tra­ges stellt. Ver­trags­be­din­gun­gen sind für ei­ne Viel­zahl von Verträgen be­reits dann vor­for­mu­liert, wenn ih­re drei­ma­li­ge Ver­wen­dung be­ab­sich­tigt ist (BAG v. 23.09.2010 – 8 AZR 897/08 – AP Nr. 48 zu § 307 BGB; BAG v. 01.03.2006 – 5 AZR 363/05 – BA­GE 117, 155).
Im vor­lie­gen­den Fall schlos­sen die Par­tei­en ei­nen For­mu­lar­ar­beits­ver­trag, der grundsätz­lich in ei­ner Viel­zahl von Fällen An­wen­dung fin­det. Der Be­klag­te hat den An­stel­lungs­ver­trag vor­for­mu­liert, der Kläge­rin in die­ser Form an­ge­bo­ten und da­mit im Rechts­sin­ne ge­stellt.
Ei­ne Aus­le­gung von § 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges er­gibt, dass der Rück­for­de­rungs­an­spruch auch dann be­ste­hen soll, wenn das Ar­beits­verhält­nis bis zum 31.03. des Fol­ge­jah­res durch ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung be­en­det wird.
All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen in For­mu­lar­ar­beits­verträgen sind nach ih­rem ob­jek­ti­ven In­halt und ty­pi­schen Sinn ein­heit­lich so aus­zu­le­gen, wie sie von verständi­gen und red­li­chen Ver­trags­part­nern un­ter Abwägung der In­ter­es­sen der nor­ma­ler­wei­se be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ver­stan­den wer­den. Da­bei sind die Verständ­nismöglich­kei­ten des durch­schnitt­li­chen, nicht rechts­kun­di­gen Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders zu­grun­de zu le­gen (BAG v. 19.01.2011 – 3 AZR 621/08 – DB 2011, 1338; BAG v. 14.12.2010 – 9 AZR 642/09 – NZA 2011, 509;
BAG v. 17.11.2010 – 4 AZR 127/09 – NZA 2011, 457; BAG v. 25.08.2010 – 10 AZR 275/09 – EzA § 307 BGB 2002 Nr. 49; BAG v. 19.05.2010 – 5 AZR 253/09 – AP Nr. 13 zu § 310 BGB; BAG v. 17.11.2009 – 9 AZR 765/08 – AP Nr. 88 zu § 242 BGB Be­trieb­li­che Übung). Aus­gangs­punkt ist da­bei in ers­ter Li­nie der Ver­trags­wort­laut. Ist die­ser nicht ein­deu­tig, kommt es für die Aus­le­gung ent­schei­dend dar­auf an, wie der Ver­trags­text aus der Sicht der ty­pi­scher­wei­se an Geschäften die­ser Art be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se zu ver­ste­hen ist. Von Be­deu­tung sind zu­dem der von den Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ver­folg­te Re­ge­lungs­zweck so­wie die In­ter­es­sen­la­ge der Be­tei­lig­ten (BAG v. 08.12.2010 – 7 AZR 438/09 – NZA 2011, 586; BAG v. 19.05.2010 – 5 AZR 253/09 – a.a.O.; BAG v. 19.03.2008 – 5 AZR 429/07 – BA­GE 126, 198).
Die Aus­le­gung der Klau­sel in § 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges er­gibt, dass je­de Form der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum 31.03. des Fol­ge­jah­res ei­nen An­spruch des Be­klag­ten auf Rück­for­de­rung des Weih­nachts­gel­des auslösen soll. Der Wort­laut der Re­ge­lung dif­fe­ren­ziert nicht zwi­schen un­ter­schied­li­chen Be­en­di­gungs­tat­beständen, son­dern um­fasst sämt­li­che Ar­ten der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Da­bei ist es in die­sem Zu­sam­men­hang un­er­heb­lich, dass die ent­spre­chen­de Ver­trags­be­stim­mung als „Kann“-Be­stim­mung for­mu­liert ist. Da­mit sind nicht be­stimm­te Be­en­di­gungs­tat¬bestände als die Rück­zah­lungs­pflicht auslösen­des Mo­ment aus­ge­schlos­sen wor­den, viel­mehr macht die ver­trag­li­che Re­ge­lung nur deut­lich, dass kei­ne Ver­pflich­tung des Be­klag­ten be­steht, von sei­nem Rück­for­de­rungs­recht Ge­brauch zu ma­chen.
Die Klau­sel in § 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges be­nach­tei­ligt die Kläge­rin un­an­ge­mes­sen i. S. v. § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB, denn sie löst ei­ne Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung aus, oh­ne da­nach zu dif­fe­ren­zie­ren, ob der Grund für die Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Ar­beit­ge­bers oder des Ar­beit­neh­mers liegt.
Nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB sind Be­stim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen un­wirk­sam, wenn sie den Ver­trags­part­ner ent­ge­gen Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen. Ei­ne for­mu­larmäßige Ver­trags­be­stim­mung ist un­an­ge­mes­sen, wenn der Ver­wen­der durch ein­sei­ti­ge Ver­trags­ge­stal­tung miss­bräuch­lich ei­ge­ne In­ter­es­sen auf Kos­ten sei­nes Ver­trags­part­ners durch­zu­set­zen ver­sucht, oh­ne von vorn­her­ein auch des­sen Be­lan­ge hin­rei­chend zu berück­sich­ti­gen und ihm ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zu gewähren. Die Fest­stel­lung ei­ner un­an­ge­mes­se­nen Be­nach­tei­li­gung setzt ei­ne wech­sel­sei­ti­ge Berück­sich­ti­gung und Be­wer­tung recht­lich an­zu­er­ken­nen­der In­ter­es­sen der Ver­trags­part­ner vor­aus. Bei die­sem Vor­gang sind auch grund­recht­lich geschütz­te Rechts­po­si­tio­nen zu be­ach­ten. Zur Be­ur­tei­lung der Un­an­ge­mes­sen­heit ist ein ge­ne­rel­ler, ty­pi­sie­ren­der, vom Ein­zel­fall los­gelöster Maßstab an­zu­le­gen. Im Rah­men der In­halts­kon­trol­le sind da­bei Art und Ge­gen­stand, be­son­de­rer Zweck und be­son­de­re Ei­gen­art des je­wei­li­gen Geschäfts zu berück­sich­ti­gen. Zu prüfen ist, ob der Klau­sel­in­halt bei der in Re­de ste­hen­den Art des Rechts­geschäfts ge­ne­rell un­ter Berück­sich­ti­gung der ty­pi­schen In­ter­es­sen der be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners er­gibt. Die im Ar­beits­recht gel­ten­den Be­son­der­hei­ten sind gem. § 310 Abs. 4 Satz 2 an­ge­mes­sen zu berück­sich­ti­gen (BAG v. 19.01.2011 – 3 AZR 621/08 – a.a.O.; BAG v. 25.08.2010 – 10 AZR 275/09 – a.a.O.; BAG v. 13.03.2007 – 9 AZR 433/06 – AP Nr. 26 zu § 307 BGB; BAG v. 11.04.2006 – 9 AZR 557/05 – BA­GE 118, 22). Da­nach dürfen auch mit Son­der­zah­lun­gen ver­bun­de­ne ein­zel­ver­trag­li­che Bin­dungs- und Rück­zah­lungs­klau­seln ei­nen Ar­beit­neh­mer nicht in un­zulässi­ger Wei­se in sei­ner Be­rufs­frei­heit be­hin­dern und un­ter­lie­gen in­so­weit ei­ner In­halts­kon­trol­le durch die Ar­beits­ge­rich­te gemäß § 307 BGB (BAG v. 28.03.2007 – 10 AZR 261/06 – AP Nr. 265 zu § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on).
Han­delt es sich um ei­ne teil­ba­re Klau­sel, ist die In­halts­kon­trol­le je­weils für die ver­schie­de­nen, nur for­mal ver­bun­de­nen Be­stim­mun­gen vor­zu­neh­men (BAG v. 25.08.2010 – 10 AZR 275/09 – a.a.O.; BAG v. 11.04.2006 – 9 AZR 610/05 – BA­GE 118, 36). Maßgeb­lich ist, ob die Klau­sel meh­re­re sach­li­che Re­ge­lun­gen
enthält und der un­zulässi­ge Teil sprach­lich ein­deu­tig ab­trenn­bar ist. Ist die ver­blei­ben­de Re­ge­lung wei­ter­hin verständ­lich, bleibt sie be­ste­hen. Die Teil­bar­keit ei­ner Klau­sel ist mit­tels des sog. Blue-pen­cil-Tests durch Strei­chung des un­wirk­sa­men Teils zu er­mit­teln (BAG v. 25.08.2010 – 10 AZR 275/09 – a.a.O.; BAG v. 06.05.2009 – 10 AZR 443/08 – AP Nr. 43 zu § 307 BGB).
§ 4 Abs. 2 Satz 3 des Ar­beits­ver­tra­ges knüpft für die Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung aus­sch­ließlich dar­an an, dass das Ar­beits­verhält­nis bis zum 31.03. des Fol­ge­jah­res be­en­det wor­den ist. Bei ty­pi­sie­ren­der Be­trach­tung er­scheint es je­doch nicht in­ter­es­sen­ge­recht, dem Ar­beit­neh­mer im Fal­le ei­ner nicht in sei­nen Ver­ant­wor­tungs­be­reich fal­len­den Kündi­gung die ver­ein­bar­te Gra­ti­fi­ka­ti­on vor­zu­ent­hal­ten (wie hier: LAG Hamm v. 16.09.2010 – 15 Sa 812/10 – LA­GE § 611 BGB 2002 Gra­ti­fi­ka­ti­on Nr. 18).
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat zwar in ei­nem Ur­teil vom 25.04.1991 (Az.: 6 AZR 183/90 – BA­GE 68, 41; ähn­lich für den Fall ei­ner ta­rif­li­chen Re­ge­lung BAG v. 04.05.1999 - 10 AZR 417/98 – AP Nr. 214 zu § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on) ent­schie­den, die Be­stim­mung in ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung, wo­nach Mit­ar­bei­ter von der Gra­ti­fi­ka­ti­ons­zah­lung aus­ge­schlos­sen sind, die am Stich­tag – 30. No­vem­ber des Jah­res – in ei­nem gekündig­ten Ar­beits­verhält­nis ste­hen, gel­te auch für den Fall ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts han­delt es sich bei ei­ner sol­chen Stich­tags­re­ge­lung nicht um ei­ne nach §§ 162, 242 BGB rechts­miss­bräuch­li­che Ge­stal­tung, denn die im Be­triebs­ver­fas­sungs­recht be­schrie­be­ne Norm­set­zungs­be­fug­nis er­lau­be es den Be­triebs­part­nern, Vor­aus­set­zun­gen für den Be­zug von frei­wil­li­gen Leis­tun­gen zu set­zen. Da­zu gehöre auch die Vor­aus­set­zung ei­ner künf­ti­gen Be­triebs­treue. Auf die Art der Ver­hin­de­rung die­ser Vor­aus­set­zung kom­me es nicht an, so­fern die­se selbst nicht rechts­wid­rig sei. Da­von könne bei ei­ner so­zi­al ge­recht­fer­tig­ten be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung je­doch per se nicht aus­ge­gan­gen wer­den.
Die­ser Auf­fas­sung folgt die Kam­mer zu­min­dest für die Fra­ge des Vor­lie­gens ei­ner un­an­ge­mes­se­nen Be­nach­tei­li­gung durch ei­ne Rück­zah­lungs­klau­sel in ei­nem for­mu­larmäßigen Ar­beits­ver­trag nicht.
In­so­weit er­scheint es zum ei­nen be­reits frag­lich, ob die­se zur Wirk­sam­keit ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung ver­tre­te­ne Auf­fas­sung auf den Fall der Prüfung ei­ner In­di­vi­dua­la­b­re­de über­haupt über­trag­bar ist (ver­nei­nend: LAG Rhein­land-Pfalz v. 13.07.2007 – 6 Sa 315/07 – n.v., ju­ris).
Zu­dem hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt selbst in Ent­schei­dun­gen vom 11.04.2006 (Az.: 9 AZR 610/05 – BA­GE 118, 36) und 23.01.2007 (Az.: 9 AZR 482/06 – AP Nr. 38 zu § 611 BGB Aus­bil­dungs­bei­hil­fe), in de­nen es je­weils um die Ver­pflich­tung zur Rück­zah­lung von Aus­bil­dungs­kos­ten ging, ei­ne ab­wei­chen­de Auf­fas­sung ver­tre­ten und ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung für den Fall an­ge­nom­men, dass das Ar­beits­verhält­nis auf­grund be­triebs­be­ding­ter Kündi­gung be­en­det wur­de. Es hat da­zu aus­geführt, im Rah­men der nach § 307 BGB an­zu­stel­len­den In­ter­es­sen­abwägung sei auch der die Rück­zah­lungs­pflicht auslösen­de Tat­be­stand zu berück­sich­ti­gen. Es sei nicht zulässig, die Rück­zah­lungs­pflicht schlecht­hin an je­des Aus­schei­den des Ar­beit­neh­mers zu knüpfen, das in­ner­halb der in der Klau­sel vor­ge­se­he­nen Blei­be­frist statt­fin­de, viel­mehr müsse nach dem Grund des vor­zei­ti­gen Aus­schei­dens un­ter­schie­den wer­den. Ei­ne Rück­zah­lungs­klau­sel stel­le nur dann ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Ge­samt­re­ge­lung dar, wenn es der Ar­beit­neh­mer in der Hand ha­be, ihr durch ei­ge­ne Be­triebs­treue zu ent­ge­hen. Könne der Ar­beit­neh­mer die Ver­trags­be­en­di­gung nicht be­ein­flus­sen, be­ste­he kei­ne sach­li­che Grund­la­ge, die sei­ne Kos­ten­be­tei­li­gung als an­ge­mes­se­nen In­ter­es­sen­aus­gleich er­schei­nen las­se.
Die Kam­mer stimmt den Ar­gu­men­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts zur Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung bei Fort­bil­dungs­kos­ten zu (so auch LAG München v. 26.05.2009 – 6 Sa 1135/08 – n. v., ju­ris). Aus den­sel­ben Gründen ist auch bei der Gewährung ei­ner Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on die Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung im Fal­le ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung durch den Ar­beit­ge­ber nicht zulässig.
Viel­mehr ist es er­for­der­lich, nach dem An­lass des vor­zei­ti­gen Aus­schei­dens zu dif­fe­ren­zie­ren (LAG München v. 26.05.2009 – 6 Sa 1135/08 – a.a.O.; LAG Rhein­land-Pfalz v. 13.07.2007 – 6 Sa 315/07 – a.a.O.) und ei­ne Rück­zah­lungs­klau­sel nur dann zu­zu­las­sen, wenn der Ar­beit­neh­mer es sel­ber in der Hand hat, der Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung durch ei­ge­ne Be­triebs­treue zu ent­ge­hen.
Die­sen An­for­de­run­gen ent­spricht die Klau­sel im vor­lie­gen­den Fall nicht, denn die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on soll in je­dem Fall des Aus­schei­dens bis zum 31.03. des Fol­ge­jah­res rück­for­der­bar sein, al­so auch dann, wenn die künf­ti­ge Be­triebs­treue aus Gründen, die nicht im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Ar­beit­neh­mers lie­gen, nicht er­reicht wer­den kann. Dies stellt kei­ne aus­ge­wo­ge­ne Re­ge­lung dar, die die In­ter­es­sen des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers aus­rei­chend berück­sich­tigt. Be­denkt man dann noch, dass es sich hier um ei­nen Klein­be­trieb han­delt, auf den das Kündi­gungs­schutz­ge­setz kei­ne An­wen­dung fin­det, so wird be­son­ders deut­lich, dass die In­ter­es­sen der Kläge­rin durch die frag­li­che Ver­trags­klau­sel nicht ge­wahrt wer­den, denn die Kläge­rin hat nicht ein­mal die Möglich­keit, den vom Ar­beit­ge­ber an­ge­ge­be­nen be­triebs­be­ding­ten Kündi­gungs­grund ge­richt­lich auf sei­ne Stich­hal­tig­keit hin über­prüfen zu las­sen.
Der Zins­an­spruch er­gibt sich aus §§ 286 Abs. 2, 288 Abs. 1 BGB. Die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on war mit dem 30.11.2010 zur Zah­lung fällig, Ver­zug trat mit dem 01.12.2010 ein.
Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 64 Abs. 6 ArbGG i. V. m. § 92 Abs. 2 Zif­fer 1 ZPO. Die Kos­ten des Rechts­streits wa­ren ins­ge­samt dem Be­klag­ten auf­zu­er­le­gen. So­weit die Kläge­rin zunächst 11,75 % Zin­sen ab dem 15.11.2010
ge­for­dert hat, war die­se Zu­viel­for­de­rung verhält­nismäßig ge­ringfügig und hat kei­ne höhe­ren Kos­ten ver­ur­sacht.
Die Kam­mer hat die Re­vi­si­on gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG zu­ge­las­sen. Der Ent­schei­dung lie­gen klärungs­bedürf­ti­ge Rechts­fra­gen zu­grun­de, die für ei­nen größeren Teil der All­ge­mein­heit von Be­deu­tung sind.
Ge­gen die­ses Ur­teil kann von dem Be­klag­ten
gez.: Barth
gez.: Ef­fertz
gez.: Flack
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References: § 4
 § 4
 § 4
 § 4
 § 307
 § 4
 § 520
 § 64
 § 611
 § 4
 § 611
 § 611
 § 611
 § 1
 § 4
 § 4
 § 307
 § 4
 § 305
 § 307
 § 4
 § 307
 § 310
 § 242
 § 4
 § 4
 § 307
 § 307
 § 310
 § 307
 § 307
 § 611
 § 307

§ 4
 § 611
 § 611
 § 611
 § 307
 § 64
 § 92
 § 72