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Timestamp: 2020-07-08 06:33:15+00:00

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LAG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 17.08.2009, 10 Sa 506/09 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 17.08.2009, 10 Sa 506/09
Schlagworte: Kündigung: Personenbedingt, Alkohol
Entscheidungsdatum: 17.08.2009
1. Bei einer Kündigung wegen Alkoholismus sind die Grundsätze der personenbedingten Kündigung maßgeblich. (Rn.63)
2. Ein Rückfall führt nicht automatisch zur Annahme einer negativen Prognose. (Rn.66)
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 23.01.2009, 5 Ca 16653/08
am 17. Au­gust 2009
10 Sa 506/09 und
10 Sa 1568/09
5 Ca 16653/08
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 17. Au­gust 2009
W.-M. als Vor­sit­zen­den
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herr E. und Frau T.
1. Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom
23. Ja­nu­ar 2009 - 5 Ca 16653/08 - wird zurück­ge­wie­sen.
4. Der Streit­wert für die Be­ru­fung wird auf 15.277,25 EUR, der Streit­wert für die
An­schluss­be­ru­fung auf 20.606,41 EUR fest­ge­setzt.
• selbständi­ge Ausführung elek­tri­scher Re­pa­ra­tu­ren
• Um­stell- und Um­bau­ar­bei­ten an Pro­duk­ti­ons­an­la­gen
• Auf­bau und Ver­drah­tung von Steue­run­gen
• Op­ti­mie­rung von An­la­gen­abläufen mit dem Ziel ei­ner höhe­ren Aus­brin­gung
• Durchführung von Ar­bei­ten nach War­tungs- und In­spek­ti­ons­lis­te
• Be­stel­lung von benötig­ten Ma­te­ria­li­en und Er­satz­tei­len un­ter Be­ach­tung der Kos­ten
Seit der Ver­ein­ba­rung vom 17. Ju­li 2008 wur­den in La­bor­un­ter­su­chun­gen re­gelmäßig die Le­ber­wer­te des Klägers für
• GOT (ASAT, AST) (Glut­amat-Oxa­lace­tat-Tran­sa­mi­nase, auch als As­par­tat-Ami­no­trans­fe­ra­se (ASAT oder AST) be­zeich­net
• GPT (ALAT, ALT) Glut­amat-Py­ru­vat-Tran­sa­mi­nase, auch als Ala­nin-Ami­no­trans­fe­ra­se be­zeich­net (ALAT oder ALT)
• GGT (Gam­ma-Glut­amyl­tran­s­pe­pti­da­se)
• Ge­fahr durch Strom­schläge bei der Feh­ler­su­che un­ter Span­nun­gen im Be­reich von bis zu 1000 Volt (Ei­gen­gefähr­dung)
• Falsch­durchführung von Re­pa­ra­tur-, Um­stell- und Um­bau­ar­bei­ten ins­be­son­de­re durch fal­sche Ver­ka­be­lun­gen, Iso­lie­run­gen, Er­dun­gen etc mit der Ge­fahr, dass der Kläger bzw. Drit­te in Fol­ge der Falsch­durchführung mit elek­tri­schen Span­nun­gen (bis zu 1000 Volt) in Kon­takt kom­men bzw. Strom­schläge er­lei­den Ei­gen- und Fremd­gefähr­dung, Ge­fahr ho­her Sach- und Fol­geschäden, Gefähr­dung von Kun­den­be­zie­hun­gen)
• Gefähr­dung Drit­ter durch Strom­schläge bei ver­tausch­ten Ver­ka­be­lun­gen (Fremd­gefähr­dung, Sachschäden)
• Nicht­fach­ge­rech­te Durchführung von Re­pa­ra­tu­ren an Si­cher­heits­ein­rich­tun­gen von au­to­ma­ti­schen Fer­ti­gungs­ein­rich­tun­gen (Ei­gen- und Fremd­gefähr­dung durch Quetsch­ge­fahr be­weg­ter Tei­le).
• 3.055,45 EUR brut­to mi­nus 328,43 EUR net­to nebst 5%-Punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab dem 1. No­vem­ber 2008
• 3.055,45 EUR brut­to nebst 5%-Punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab dem 1. De­zem­ber 2008
• 3.055,45 EUR brut­to mi­nus 71,74 EUR net­to nebst 5%-Punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab dem 1. Ja­nu­ar 2009
• 3.055,45 EUR brut­to mi­nus 1.111,97 EUR net­to nebst 5%-Punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab dem 1. Fe­bru­ar 2009
• 3.055,45 EUR brut­to mi­nus 1.004,36 EUR net­to nebst 5%-Punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab dem 1. März 2009
• 3.055,45 EUR brut­to mi­nus 1.111,97 EUR net­to nebst 5%-Punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab dem 1. April 2009
• 3.055,45 EUR brut­to mi­nus 1.076,10 EUR net­to nebst 5%-Punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab dem 1. Mai 2009
• 3.055,45 EUR brut­to mi­nus 1.111,97 EUR net­to nebst 5%-Punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab dem 1. Ju­ni 2009
• 3.055,45 EUR brut­to mi­nus 1.076,10 EUR net­to nebst 5%-Punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab dem 1. Ju­li 2009
Die nach § 64 Abs. 2 ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung der Be­klag­ten ist form- und frist­ge­recht im Sin­ne der §§ 66 Abs. 1 ArbGG, 519, 520 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) ein­ge­legt und be­gründet wor­den.
Die kla­ge­er­wei­tern­de An­schluss­be­ru­fung des Klägers vom 24. Ju­li 2009 ist dem­ge­genüber un­zulässig, weil sie erst am 27. Ju­li 2009 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ging und ein Aus­nah­me­fall des § 524 Abs. 2 Satz 3 ZPO nicht vor­lag. Denn auch § 524 Abs. 2 Satz 2 ZPO ist gemäß § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG im ar­beits­ge­richt­li­chen Be­ru­fungs­ver­fah­ren ent­spre­chend an­wend­bar. Maßgeb­lich ist, auch un­abhängig von der mit der Zu­stel­lung der Be­ru­fungs­be­gründung ge­setz­ten Frist die für die
Be­ru­fungs­be­ant­wor­tung durch § 66 Abs. 1 Satz 3 ArbGG be­stimm­te ge­setz­li­che Mo­nats­frist (BAG, Ur­teil vom 30. Mai 2006 – 1 AZR 111/05). Die Aus­schluss­frist nach § 524 Abs. 2 Satz 2 ZPO gilt – so­weit der in Satz 3 be­stimm­te Aus­nah­me­fall nicht vor­liegt – für al­le An­schluss­be­ru­fun­gen, auch wenn sie nicht die Be­sei­ti­gung ei­ner Be­schwer der Be­ru­fungs­be­klag­ten durch das erst­in­stanz­li­che Ur­teil, son­dern ei­ne Er­wei­te­rung oder Ände­rung der Kla­ge zum Ziel ha­ben (BGH, Ur­teil vom 7. De­zem­ber 2007 - V ZR 210/06). Da die Be­ru­fungs­be­gründung dem Kläger­ver­tre­ter am 29. Mai 2009 zu­ge­stellt wor­den ist, lief die Frist zur An­schluss­be­ru­fung am 29. Ju­ni 2009 ab.
Wie das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend aus­geführt hat, ist ei­ne Kündi­gung we­gen Al­ko­hol­abhängig­keit grundsätz­lich nach den für krank­heits­be­ding­te Kündi­gun­gen gel­ten­den Grundsätzen zu be­ur­tei­len. Die­ses ent­spricht der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (vgl. BAG, Ur­teil vom 16. Sep­tem­ber 1999 - 2 AZR 123/99, BAG, Ur­teil vom 9. Ju­li 1998 - 2 AZR 201/98, BAG, Ur­teil vom 13. De­zem­ber 1990 - 2 AZR 336/90, je­weils mit wei­te­ren Nach­wei­sen), der sich auch die Be­ru­fungs­kam­mer an­sch­ließt. Denn Al­ko­hol­abhängig­keit ist ei­ne Krank­heit im me­di­zi­ni­schen Sin­ne. Sie liegt vor, wenn der ge­wohn­heitsmäßige, übermäßige Al­ko­hol­ge­nuss trotz bes­se­rer Ein­sicht nicht auf­ge­ge­ben oder re­du­ziert wer­den kann. We­sent­li­ches Merk­mal die­ser Er­kran­kung ist die phy­si­sche oder psy­chi­sche Abhängig­keit vom Al­ko­hol. Sie äußert sich vor al­lem im Ver­lust der Selbst­kon­trol­le. Der Al­ko­ho­li­ker kann, wenn er zu trin­ken be­ginnt, den Al­ko­hol­kon­sum nicht mehr kon­trol­lie­ren, mit dem Trin­ken nicht mehr aufhören. Da­zu kommt die Unfähig­keit zur Ab­sti­nenz; der Al­ko­ho­li­ker kann auf Al­ko­hol nicht mehr ver­zich­ten (BAG, Ur­teil vom 9. April 1987 - 2 AZR 210/86). Wenn die Al­ko­hol­abhängig­keit ei­ne Krank­heit ist, folgt hier­aus zwin­gend, dass auf ei­ne Kündi­gung, die im Zu­sam­men­hang mit die­ser
Von ei­ner man­geln­den The­ra­pie­be­reit­schaft des Klägers zum Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung am 2. Ok­to­ber 1998 und da­mit von ei­ner ne­ga­ti­ven Pro­gno­se ver­mag die Kam­mer nicht aus­zu­ge­hen. Denn der Kläger hat sich bis zu die­sem Zeit­punkt an al­le Fest­le­gun­gen in der Ver­ein­ba­rung vom 17. Ju­li 2008 ge­hal­ten. Noch am 30. Sep­tem­ber 2008 hat er sei­ne Le­ber­wer­te un­ter­su­chen las­sen. Die Gespräche in der Selbst­hil­fe­grup­pe hat er nicht ab­ge­bro­chen oder auch nur un­ter­bro­chen.
In­so­weit hat das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend die be­son­de­ren Gründe des Ein­zel­fal­les gewürdigt. Es hat­te zu­tref­fend das un­auffälli­ge Ver­hal­ten des Klägers in der Zeit vom 27. Ju­ni 2006 bis 9. Ju­li 2008, die mit dem Kläger ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­rung vom 17. Ju­li 2008 und die tatsächli­che Um­set­zung die­ser Ver­ein­ba­rung durch den Kläger und die po­si­ti­ve Ent­wick­lung der Le­ber­wer­te des Klägers bis zum Kündi­gungs­ter­min als Umstände ei­ner eher po­si­ti­ven Pro­gno­se an­ge­se­hen. Dass der Kläger am An­fang sei­ner The­ra­pie noch ein­mal rückfällig ge­wor­den ist, ist zwar be­dau­er­lich, stellt aber - noch - kei­nen wich­ti­gen Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung dar.
Auch die Tätig­keit des Klägers ändert dar­an nichts. Nach der Un­fall­verhütungs­vor­schrift in § 7 Abs. 2 BGV A 1 darf die Be­klag­te den Kläger zwar nicht mit sol­chen Ar­bei­ten beschäfti­gen, bei de­nen der Kläger er­kenn­bar nicht in der La­ge ist, die­se oh­ne Ge­fahr für sich oder an­de­re aus­zuführen. Und dem Kläger ist es nach § 15 Abs. 2 BGV I, die der frühe­ren Vor­schrift in § 38 Abs. 1 VBG I ent­spricht, ver­bo­ten, sich in ei­nen
Die Kündi­gung könn­te nach den Ausführun­gen der Be­klag­ten auch als ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung an­ge­se­hen wer­den, denn ein al­ko­hol­be­ding­tes Fehl­ver­hal­ten kann auch un­ter dem As­pekt der Gefähr­dung der be­trieb­li­chen Si­cher­heit kündi­gungs­re­le­vant sein (vgl. HK-ArbR/Roos § 1 KSchG, RN 114). Al­ler­dings wur­de da­zu der bei der Be­klag­ten ge­bil­de­te Be­triebs­rat nicht an­gehört. Die­sem wur­de le­dig­lich die „Trun­ken­heit im Dienst“ als ver­hal­tens­be­ding­ter Grund vor­ge­tra­gen.
Aus den zu­vor dar­ge­leg­ten Gründen er­gibt sich auch die Un­wirk­sam­keit der hilfs­wei­se aus­ge­spro­che­nen or­dent­li­chen Kündi­gung.
Der An­sicht der Be­klag­ten, dass es auf die Wirk­sam­keit der Kündi­gun­gen vom Ok­to­ber 2008 gar nicht mehr an­kom­me, weil das Ar­beits­verhält­nis be­reits durch die Kündi­gung vom 14. Ju­li 2008 be­en­det wor­den sei, ver­moch­te die Kam­mer nicht zu fol­gen. Auch wenn es for­mal so sein könn­te, dass die Kündi­gung als ein­sei­ti­ge emp­fangs­bedürf­ti­ge Wil­lens­erklärung nicht zurück­ge­nom­men wer­den kann, ha­ben die Par­tei­en zu­min­dest kon­klu­dent die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­ein­bart. Im Übri­gen wäre die Be­ru­fung der Be­klag­te auf die Wirk­sam­keit der Kündi­gung vom 14. Ju­li 2008 rechts­miss­bräuch­lich, weil bei­de Par­tei­en von de­ren Un­wirk­sam­keit und ei­ner Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses aus­ge­gan­gen sind. Die­ses be­le­gen so­wohl die zunächst un­be­an­stan­de­te Beschäfti­gung des Klägers am 1. und 2. Ok­to­ber 2008 und in­di­zi­ell auch die Be­triebs­rats­anhörung vom 2. Ok­to­ber 2008. Sch­ließlich wur­de spätes­tens durch den Aus­spruch der (wei­te­ren) Kündi­gung vom 2. Ok­to­ber 2008 auch für den Kläger deut­lich, dass die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis zu die­sem Zeit­punkt noch nicht als be­en­det an­sah.
Der Ver­ur­tei­lung zur Wei­ter­beschäfti­gung ist die Be­klag­te in der Be­ru­fung nicht ge­son­dert ent­ge­gen­ge­tre­ten. Dem­gemäß war die ar­beits­ge­richt­li­che Ent­schei­dung auch in­so­weit auf­recht zu er­hal­ten.
Die Par­tei­en wer­den auf die Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gemäß § 72 a ArbGG hin­ge­wie­sen.
zur Übersicht 10 Sa 506/09

References: § 64
 § 524
 § 524
 § 64
 § 66
 § 524
 § 7
 § 15
 § 38
 § 1
 § 72