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Timestamp: 2020-02-17 23:57:24+00:00

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Christine Gerber: Kinderschutz in der Kita | ErzieherIn.de - Das Portal für die Frühpädagogik
26.09.2013 Kommentare (0)
§ 8a SGB VIII ist seit 2005 in Kraft. Die meisten Jugendämter haben seitdem die darin geforderten Vereinbarungen zum Kinderschutz mit Einrichtungen, wie z.B. den Kindertagesstätten, abgeschlossen. Ebenso haben die meisten Kitas inzwischen Abläufe und Verfahren für den Umgang mit (dem Verdacht) einer Kindeswohlgefährdung entwickelt. Obwohl dadurch der Kinderschutzauftrag von Fachkräften in Kitas konkretisiert wurde, heißt dies jedoch nicht, dass alle Herausforderungen gemeistert wurden.
Der Schutz von Kindern vor Schäden durch Gewalt und Vernachlässigung ist heute ein allgemeingültiger, gesellschaftlicher Anspruch. Insbesondere Fachkräfte, die mit Kindern arbeiten, fühlen sich deren Wohlergehen besonders verpflichtet. Insofern würde vermutlich keine Erzieherin, keine Lehrerin, keine Sozialpädagogin aber auch keine Kinderärztin sagen, dass ihnen die Wahrnehmung von Belastungen und Gefahren bei Kindern, die sie betreuen oder behandeln, gleichgültig ist. Die §§ 8a SGB VIII und 4 KKG, in denen die Kinderschutzaufgaben dieser Berufsgruppen genauer beschrieben werden, treffen daher eigentlich auf Berufsgruppen, die ein besonderes Verhältnis zu Kindern und deren Wohlergehen für sich in Anspruch nehmen würden. Gleichzeitig scheint der konkrete Schutz der Kinder aber auch ambivalente Gefühle auszulösen. Schließlich führt nicht nur die Last der Verantwortung und die Vorstellung, Eltern konfrontieren und kontrollieren zu müssen, bei den Fachkräften immer wieder von Bedenken und Unsicherheiten bis hin zu Verdrängungen (z.B.: „bei uns gibt es keine gefährdeten Kinder“) und Ängsten.
Im Rahmen meiner Tätigkeit als Supervisorin und Fortbildnerin habe ich den Eindruck gewonnen, dass es sich hierbei keineswegs um seltene Phänomene handelt, die nur bei sehr unerfahrenen oder schlecht qualifizierten Fachkräften auftauchen. Im Gegenteil. Mein Eindruck ist, dass es gewisser Maßen „in der Natur der Sache“ liegt, dass der Umgang mit Kindern, die in ihrem Wohl und in ihrer Entwicklung gefährdet sind, Fachkräfte unter Druck setzen kann und in der Folge zu – verständlichen aber fachlich wenig hilfreichen – Reaktionen führen kann.
„Gleichzeitig scheint der konkrete Schutz der Kinder aber auch ambivalente Gefühle auszulösen.“
In dem folgenden Artikel möchte ich daher den Kinderschutzauftrag von Fachkräften in Kindertageseinrichtungen differenziert beschreiben und dabei auf potentielle Dynamiken und Herausforderungen, mit denen sowohl auf Seiten der Eltern als auch auf Seiten der Fachkräfte zu rechnen ist, besonders eingehen. Zu diesem Zweck werde ich im ersten Teil des Artikels einige mögliche Phänomene beschreiben. Im zweiten Teil des Artikels werde ich dann, entlang der einzelnen Verfahrensschritte des § 8a SGB VIII, die jeweils spezifischen Aufgaben und Herausforderungen herausarbeiten.
Der Kontext des Kinderschutzes
Hilfe und Unterstützung sowie Betreuung und Förderung von Kindern sind Angebote, die Eltern annehmen können aber nicht müssen. Eltern entscheiden somit in eigener Verantwortung, ob sie ihre Kinder in einer Kindertagesstätte anmelden oder ob und von wem sie Ratschläge, Hilfe und Beratung annehmen. Zu den Aufgaben der Fachkräfte – auch in Kindertagesstätten – gehört zwar, im Rahmen der Elterngespräche bei Bedarf auch auf Schwierigkeiten in der Entwicklung ihres Kindes hinzuweisen und die Eltern zu motivieren, damit sie ggf. die notwendige Hilfe und Unterstützung in ihrem und im Interesse ihrer Kinder suchen. Sehen die Eltern jedoch keinen Bedarf oder entscheiden sie sich für einen anderen Weg, so steht ihnen dies grundsätzlich frei. Insofern trifft auch die Fachkräfte in Kindertagesstätten immer wieder das vielen Beraterinnen und Beratern vertraute Los, dass sie Erziehungs- oder Förderbedarf bei den Kindern sehen, Vorschläge haben und dennoch aushalten müssen, dass Eltern – berechtigter Weise – ihre Empfehlungen und Angebote ablehnen.
Dieses von Freiwilligkeit geprägte Verhältnis verändert sich in dem Moment, in dem der Verdacht („gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung“) besteht, dass ein Kind gefährdet ist. Nun sind die Fachkräfte in den Kindertagesstätten verpflichtet die Gefährdung – unter Beteiligung der Eltern und Kinder sowie der Hinzuziehung einer sog. „insoweit erfahrenen Fachkraft“ – abzuklären sowie gemeinsam mit den Eltern, Maßnahmen zur Abwendung der Gefahr zu treffen (vgl. § 8a Abs. 4 SGB VIII). Für den Fall, dass dies nicht gelingt oder die Eltern gar den Kontakt abbrechen (z.B. das Kind aus der Kita nehmen), sind die Fachkräfte verpflichtet, die nächste Instanz hinzu zu ziehen – das Jugendamt (vgl. § 8a Abs. 4 SGB VIII) –, um auf diese Weise eine verbindliche Gefährdungseinschätzung bzw. geeignete Maßnahmen zum Schutz des Kindes sicher zu stellen. Insofern steht dem von Freiwilligkeit geprägten und durch die Eltern initiierten Kontakt zur Kita nun sowohl auf Seiten der Eltern als auch auf Seiten der Fachkräfte ein von Verbindlichkeit geprägter Kontext zum Schutz des Kindes gegenüber.
Mögliche Dynamiken in der Kinderschutzarbeit
Viele Eltern, die mit dem Verdacht, ihrem Kind zu schaden, konfrontiert werden, entwickeln Schuld- und Schamgefühle. Schließlich wollen die meisten Eltern gute Eltern sein und leiden daher selbst darunter, wenn es ihnen nicht gelingt, diesem Anspruch gerecht zu werden. Von ihnen zu verlangen, dass sie sich im Falle der Konfrontation mit den sog. „gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung“ vertrauensvoll mit all ihren Sorgen und Nöten anvertrauen und sogleich bereitwillig Hilfe und Unterstützung annehmen, wäre daher eher eine Überforderung. Neben Schuld und Schamgefühlen kann die Konfrontation bei den Eltern auch Angst vor Eingriffen in ihre Autonomie und Selbstbestimmung auslösen, was wiederum zu einer natürlichen Abwehrreaktion (Reaktanz) führen kann, die häufig in Form von Widerstand zum Ausdruck gebracht wird (vgl. Conen, 2009). Insofern sind Reaktionen wie Leugnung, Flucht und Abwehr zu erwartende, „menschliche“ Reaktionen, mit denen die Fachkräfte in Kitas sowohl rechnen als auch umgehen können müssen.
Gleichzeitig kann der Verdacht, dass ein Kind gefährdet ist, auch aufseiten der Erzieherinnen und Erzieher erheblichen Druck auslösen, der es unter Umständen schwer macht, mit diesen elterlichen Reaktionen umzugehen. Denn mit der Wahrnehmung gewichtiger Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung steigen nicht nur die Sorgen um das Kind, sondern auch der Druck, zum Schutz des Kindes tätig zu werden. Da durch das Wissen um die Gefahr für das Kind die Verantwortung nicht mehr alleine bei den Eltern liegt, sondern nun auch die Fachkräfte bestimmte Aufgaben und Handlungspflichten übernehmen müssen, können schnell Gefühle der Überforderung sowie die Angst, Fehler zu machen, aufkommen. Schließlich stehen der gefühlten (alleinigen) Verantwortung für den Schutz des Kindes scheinbar nur wenige Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten gegenüber. Die Folge ist, dass im Gesetz vorgesehene Schritte, wie die Einbeziehung der Erziehungsberechtigten und Kinder bei der Gefährdungseinschätzung (§ 8a Satz 1 Abs. 4 Nr. 3 SGB VIII) oder das Hinwirken auf die Inanspruchnahme von Hilfe (§ 8a Abs. 4. Satz 2 SGB VIII) häufig als nicht zu realisierend erlebt werden und stattdessen der Impuls entsteht, so schnell wie möglich das Jugendamt hinzuzuziehen. Diese Dynamik ist menschlich nachvollziehbar jedoch fachlich unter Umständen kontraproduktiv. Insbesondere in den Fällen, in denen das Ausmaß der Gefahr, einen akuten Eingriff in das Sorgerecht (z.B. Inobhutnahme im Sinne des § 42 SGB VIII) nicht rechtfertigen, sondern der Schutz – sowohl zum Wohle als auch im Interesse des Kindes – durch Hilfe und Unterstützung der Eltern wiederhergestellt werden soll, kann dieser Schritt die Bereitschaft der Eltern, sich auf Hilfe einzulassen, zusätzlich belasten. Insofern entlastet eine schnelle Meldung an das Jugendamt unter Umständen zwar die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kita von ihrer Verantwortung, belastet jedoch die Chancen, den Schutz des Kindes gemeinsam mit den Eltern zu erarbeiten.
„Gleichzeitig kann der Verdacht, dass ein Kind gefährdet ist, auch aufseiten der Erzieherinnen und Erzieher erheblichen Druck auslösen [...].“
Kinderschutz ist insofern für alle Beteiligten eine von Ambivalenzen geprägte Aufgabe, die sowohl aufseiten der Eltern als auch aufseiten der Fachkräfte (emotionalen) Druck und Reaktionen auslösen kann, die für den konkreten Schutz der Kinder u.U. wenig hilfreich sind.
Die Verfahrensschritte des § 8a SGB VIII und ihre jeweiligen fachlichen Herausforderungen:
1. Wahrnehmung gewichtiger Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung und Gefährdungseinschätzung
Auslöser für das Verfahren bilden die sogenannten „gewichtigen Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung“. Wie bei dem Begriff ‚Kindeswohlgefährdung‘ (§ 1666 BGB) handelt es sich hierbei um einen unbestimmten Rechtsbegriff, den es in jeden Fall individuell zu klären und zu konkretisieren gilt. Somit müssen die Fachkräfte in den Kitas selbst nicht nur sensibel und aufmerksam für entsprechende Anzeichen sein, sondern in jedem Einzelfall auch qualifiziert abwägen, ob es sich hierbei „nur“ um ein wünschenswerter Weise zu bearbeitendes Problem handelt oder ob es sich tatsächlich um einen Hinweis für eine Kindeswohlgefährdung handelt, dem zwingend nachgegangen werden muss.
Da eine solche Abschätzung weder einfach ist, noch zu den alltäglichen Aufgaben in einer Kita gehört, kann sie für die Fachkräfte eine besondere Herausforderung darstellen. Darüber hinaus kann die mit dieser Entscheidung verbundene Verantwortung auch die Angst, einen Fehler zu machen, auslösen und somit zur Belastung werden. In vielen Einrichtungen wurden daher sowohl Checklisten mit gewichtigen Anhaltspunkten als auch feste Verfahrensvorgaben eingeführt. Beides soll sowohl die Fachkräfte in den Kitas unterstützen und ihnen Sicherheit geben als auch die letztendliche Entscheidung über die Bewertung der Hinweise qualifizieren (vgl. Felstehausen, 2012).
Kommen Fachkräfte zu dem Schluss, dass es sich tatsächlich um deutliche Anhaltspunkte für eine Gefährdung handelt, so sind sie verpflichtet, unter Hinzuziehung einer insoweit erfahrenen Fachkraft, eine Gefährdungseinschätzung vorzunehmen (vgl. § 8a Satz 1 Abs. 4 Nr. 2 SGB VIII). Teil dieser Einschätzung ist sowohl die Klärung der Frage, worin genau die Gefahr für das Kind besteht, als auch die Entscheidung darüber, was die geeigneten und notwendigen nächsten Schritte zur Abwendung der Gefährdung sind. Auch dieser Auftrag ist keineswegs trivial und einfach, sondern setzt an unterschiedlichen Stellen spezifische Kompetenzen aufseiten der Fachkräfte voraus.
2. Einbezug der Eltern bei der Gefährdungseinschätzung
Eine aus fachlicher Sicht, und damit im Sinne des konkreten Kinderschutzes notwendige und zugleich sehr anspruchsvolle gesetzliche Vorgabe besteht in der Verpflichtung, die Eltern und Kinder bei der Einschätzung des Gefährdungsrisikos einzubeziehen[i]. Immerhin wird bei diesem Schritt nicht nur die Sichtweise der Eltern erhoben, sondern werden unter Umständen auch die Weichen gestellt, ob die Eltern in Zukunft mit den Fachkräften kooperieren und Interesse an Hilfe und Unterstützung entwickeln oder ob sie so verärgert und verschreckt sind, sodass sie im weiteren Verlauf alles tun werden, um ihre Schwierigkeiten und Probleme zu vertuschen und Hilfe eher als Bedrohung, denn als erstrebenswerte Perspektive sehen. Insofern müssen die Fachkräfte bei diesem Schritt zwei auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Aufgaben miteinander in Einklang bringen. Einerseits müssen sie den Verdacht – z.B. der Vernachlässigung des Kindes aufgrund einer psychischen Erkrankung eines Elternteils oder den Verdacht der Partnerschaftsgewalt – mit den Eltern so besprechen, dass sie im Anschluss besser einschätzen können, ob die Sorge tatsächlich berechtigt ist und wenn ja, welche Schritte zum Schutz des Kindes geeignet, verhältnismäßig und notwendig sind. Andererseits sollen die Fachkräfte den Eltern in diesen Gesprächen – ebenfalls mit dem Ziel des Kinderschutzes – zugleich die Angst vor einer weiteren Auseinandersetzung mit ihren Schwierigkeiten nehmen und sie bei der Entwicklung von Lösungsstrategien, wie z.B. der Inanspruchnahme von Beratung, unterstützen.
Diese schwierige Aufgabe wird durch die im ersten Abschnitt beschriebenen unterschiedlichen und z.T. gegensätzlichen Dynamiken aufseiten der Eltern und der Fachkräfte zusätzlich erschwert. Bewertet man nämlich Reaktionen der Ablehnung und Verweigerung als eher normale und zu erwartende Reaktionen und nicht als Zeichen mangelnden Problembewusstseins oder fehlender Hilfeakzeptanz, so ist ein qualifizierter und sinnvoller Einbezug der Eltern bei der Gefährdungseinschätzung nur dann möglich, wenn ausreichend Zeit, geeignete Räumlichkeiten und zumindest beraterische Grundkompetenzen zur Verfügung stehen, um die Eltern über diese Hürde zu begleiten und eine gute Basis für die schwierigen Gespräche zu schaffen[ii]. Diesen Anforderungen können nun dem unter dem Druck der Verantwortung aufkommenden Wunsch aufseiten der Fachkräfte nach möglichst schneller Klärung und möglichst schneller Herstellung von Verbindlichkeit entgegenstehen. Denn je offener die Fachkräfte den Widerstand aufnehmen und je mehr sie den Eltern Zeit und Raum geben, um sich den Sorgen und Nöten ihrer Kinder zu nähern, umso zeitaufwändiger wird der Prozess. Dies bedeutet jedoch zugleich, dass die Fachkräfte die Verantwortung länger tragen und somit auch die Unsicherheit länger aushalten müssen.
Ob und in welchem Umfang von Fachkräften in Kitas erwartet werden kann, dass sie ein so elaboriertes Konzept der Elternarbeit und des Kinderschutzes entwickeln, muss sicherlich kritisch diskutiert werden. Dennoch bleibt aus meiner Sicht festzustellen, dass der gesetzlich festgeschriebene Auftrag, dass Fachkräfte bei der Gefährdungseinschätzung die Eltern einbeziehen sollen, ebenso anspruchsvoll, wie – im Hinblick auf die zu unterstützende Hilfeakzeptanz – lohnenswert ist.
„Insofern müssen die Fachkräfte bei diesem Schritt zwei auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Aufgaben miteinander in Einklang bringen.“
Aus Interviews mit Eltern, die ich im Rahmen einer explorativen Studie mit Eltern geführt habe, lassen sich Hinweise dahin gehend erkennen, dass die von den Fachkräften als Aufzählung von Tatsachen und Fakten gedachte Darstellung der Defizite von den Eltern schnell als Vorwurf oder Vorverurteilungen wahrgenommen wird (Gerber 2013). Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass Drohungen (z.B. das Jugendamt hinzuzuziehen) auf Eltern eher abschreckende Wirkung haben (vgl. dazu als Überblick Trotter 2010). Eine ausgewogene Darstellung von Schwierigkeiten und Stärken, Verständnis und Einfühlungsvermögen in die (Lebens-)situation sowie Zeit, Geduld und Interesse, die Eltern und die familiären Lebensverhältnisse zu verstehen, geben den Eltern dagegen eher das Gefühl eine Chance auf Veränderung zu haben und werden von ihnen positiv – als Interesse an ihrer Person und ihrer Familie – wahrgenommen. Ebenso erleben Eltern die Orientierung am Kind sowie den Fokus auf Unterstützung als positiv und hilfreich für eine weitere Zusammenarbeit sowie die Motivation, Hilfe in Anspruch zu nehmen (vgl. dazu auch Trotter). Insofern kann sich die Art und Weise, wie die Eltern bei der Abschätzung des Gefährdungsrisikos einbezogen werden unmittelbar positiv oder negativ auf die nächste in folgende und in § 8a Abs. 4 SGB VIII festgeschriebene Aufgabe des Hinwirkens auf die Inanspruchnahme von Hilfe, auswirken.
3. Auf die Inanspruchnahme von Hilfen hinwirken
Kommen die Fachkräfte im Rahmen der Gefährdungseinschätzung zu dem Schluss, dass das Wohl des Kindes tatsächlich gefährdet ist, so sind sie – gemäß § 8a Abs.4 SGB VIII – verpflichtet, zunächst im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten auf die Inanspruchnahme von Hilfe hinzuwirken, bevor sie das Jugendamt informieren. Hinter dieser – im Sinne des Kinderschutzes – sinnvollen Regelung steht die Erwartung, dass die Fachkräfte, die im Rahmen ihres bisherigen Kontaktes eine gute und vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern aufbauen konnten, diese nun nutzen, um die Eltern zur (freiwilligen) Inanspruchnahme von Hilfe zu motivieren.
„Ebenso erleben Eltern die Orientierung am Kind sowie den Fokus auf Unterstützung als positiv und hilfreich für eine weitere Zusammenarbeit […].“
Auf die Situation der Kitas übersetzt heißt dies nicht, dass die Erzieherinnen allein durch eigene Hilfen und Angebote den Kinderschutz gewährleisten sollen (wie dies z.B. den Angeboten der Hilfen zur Erziehung u.U. möglich wäre). Dies würde den Rahmen der Möglichkeiten sowie den Auftrag der Einrichtungen sprengen und die Erzieherinnen und Erzieher überfordern. Stattdessen wird es in Kitas in erster Linie darum gehen, dass die Erzieherinnen und Erzieher ihren Kontakt zu den Eltern nutzen, um den Boden für weiterführende Hilfe zu bereiten und die Eltern über geeignete Einrichtungen und Angebote zu informieren.
Da im Falle einer Kindeswohlgefährdung sowohl die Entscheidung über die Inanspruchnahme der Hilfe als auch die Beurteilung ihres Erfolgs nicht alleine den Eltern überlassen werden kann, muss nach einer Vermittlung von Hilfe stets auch kontrolliert werden, ob die Eltern die Hilfe nutzen und ob die Hilfe entsprechend geeignet und ausreichend ist, um die Gefahr für das Kind abzuwenden. Dies kann z.B. bedeuten, dass im Falle der Vereinbarung mit den Eltern, die Hilfe einer Erziehungsberatungsstelle in Anspruch zu nehmen, die Fachkräfte (1) ein gemeinsames Erstgespräch mit den Eltern in der Beratungsstelle führen, um sicherzustellen, dass der Beraterin/dem Berater der Auftrag der Hilfe – nämlich die Abwendung einer Gefahr für das Kind – bekannt ist. In diesem Gespräch wird (2) mit der Beratungsstelle und den Eltern vereinbart, wie die Abstimmung über den Erfolg der Hilfe verläuft und (3) wer in welcher Form tätig wird, wenn die Hilfe nicht den erhofften Erfolg hat oder z.B. die Eltern die Hilfe abbrechen.
Grundsätzlich sind diese Schritte auch im Rahmen der Arbeit einer Kita vorstellbar – und im Rahmen des konkreten Schutzes von Kindern u.U. sogar wünschenswert. Praktisch wird es jedoch eher die Ausnahme als die Regel sein, dass zwischen freien Trägern der Jugendhilfe solche verbindlichen Kooperationsbeziehungen ohne Beteiligung des Jugendamtes zustande kommen. In den meisten Fällen wird es daher eher darum gehen, dass die Fachkräfte der Kitas bei den Eltern auf die Inanspruchnahme der Hilfen des Jugendamtes hinwirken.
4. Information des Jugendamtes
Sollte es den Fachkräften in der Kita nicht gelingen, bei den Eltern auf die eigeninitiative Inanspruchnahme von Hilfe hinzuwirken oder ist die Gefahr für das Kind so akut, dass ein sofortiges Tätigwerden des Jugendamtes erforderlich ist, so sind die Fachkräfte gemäß § 8a Abs. 4 SGB VIII verpflichtet, das Jugendamt zu informieren, damit dieses die notwendigen Maßnahmen einleitet.
„Die Art und Weise, wie Eltern in den Kontakt mit dem Jugendamt gebracht werden und wie die erste Begegnung gestaltet wird, ist […] von zentraler Bedeutung.“
Auch wenn dieser Schritt zum Schutz des Kindes berechtigt und notwendig ist, so bleibt festzustellen, dass aus der Perspektive der Eltern eine gegen ihren Willen erfolgte Meldung an das Jugendamt grundsätzlich einen Eingriff in ihre persönliche und elterliche Autonomie darstellt. Eine der Konsequenzen ist, dass viele Eltern die Aussicht auf den Kontakt mit dem Jugendamt eher als Bedrohung erleben und deshalb zunächst keinen Nutzen darin sehen, den Vertreterinnen und Vertretern dieser Behörde ihre Schwierigkeiten anzuvertrauen. Bedenkt man nun, dass das Jugendamt als Inhaber des sog. staatlichen Wächteramtes, die ihnen gemeldeten Probleme von Familien, zunächst – auch im Interesse des Kindes – durch die Vermittlung von Hilfe beseitigen soll (und will), so lässt sich leicht nachvollziehen, warum es in diesen Fällen für Jugendamtsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter stets eine Herausforderung ist, mit den Eltern eine gute und tragfähige Arbeitsbeziehung aufzubauen.
Die Art und Weise, wie Eltern in den Kontakt mit dem Jugendamt gebracht werden und wie die erste Begegnung gestaltet wird, ist daher mit Blick auf den weiteren Hilfeprozess von zentraler Bedeutung. Insofern ist es nicht nur ein Recht der Eltern zu erfahren, welche Informationen weitergegeben werden, sondern aus fachlicher Sicht notwendig, den Eltern diesen Prozess sowohl transparent zu machen, als sie auch an allen Schritten aktiv zu beteiligen. In der Kita kann dies konkret umgesetzt werden, indem die Fachkräfte die Eltern zunächst darüber informieren, dass und warum sie das Jugendamt hinzuziehen werden[iii]. Im zweiten Schritt erfolgt die konkrete Weitergabe der Informationen in einem gemeinsamen persönlichen Gespräch mit dem Jugendamt und den Eltern in der Kita. Dies sichert nicht nur die Transparenz und Beteiligung der Eltern, sondern schafft auch die Möglichkeit, gemeinsam mit den Eltern die weitere Zusammenarbeit zwischen Kita, Jugendamt und Eltern zu vereinbaren. Soll beispielsweise im Rahmen des Schutzkonzeptes kontrolliert werden, ob das Kind regelmäßig die Kita besucht, so kann hier besprochen werden, dass die Kita umgehend das Jugendamt informiert, wenn das Kind unerwartet fehlt. Ebenso können Rückmeldungen des Jugendamtes an die Kita vereinbart werden, die ohne Zustimmung der Eltern, aus datenschutzrechtlichen Gründen, nicht möglich wären.
Analysen von problematischen Fallverläufen im Kinderschutz haben gezeigt, dass Schnittstellen, d.h. Übergänge zwischen Institutionen häufig Schwachstellen sind, die ein erhebliches Risiko für einen gelingenden Schutz der Kinder darstellen (vgl. dazu Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen 2012 und Fish 2008). Insofern ist die in § 8a Abs. 4 SGB VIII vorgesehene Information des Jugendamtes mehr als nur der formal abzuwickelnde Schritt einer schnellen Weitergabe von Informationen. Vielmehr ist es im Interesse des Kindes (und seiner Eltern) notwendig, die Hinzuziehung des Jugendamtes als qualifizierten Schritt zu sehen und umzusetzen. Zu diesem Zweck ist es vor allem notwendig, dass Fachkräfte – auch in Kitas – im Rahmen von Fortbildungen auf die Durchführung schwieriger Gespräche vorbereitet sind und entsprechend geschult werden.
Der Schutz von Kindern vor Gefahren ist ein verantwortungs- und anspruchsvoller Auftrag. Insofern ist es verständlich, dass v.a. Fachkräfte, die nicht täglich mit diesem Thema befasst sind – wie z.B. in Kitas – aus Angst, dass sie etwas übersehen und am Ende ein Kind zu Schaden kommt, möglichst schnell Klarheit suchen und möglichst zügig das Jugendamt ‚einschalten‘ wollen. Gleichzeitig – und das deutlich zu machen, ist Anliegen dieses Artikels – braucht Kinderschutz aber Zeit, geeignete Räumlichkeiten sowie besonnen und ebenso verbindlich handelnde Fachkräfte. Der gesetzlich festgeschriebene Kinderschutzauftrag in Kitas lässt sich daher nicht ‚einfach‘ in Form von Ablaufplänen und Dienstanweisungen umsetzen. Vielmehr erfordert er an unterschiedlichen Stellen sowohl konzeptionelle als auch fachliche Weiterentwicklungen. Neben Zeit und Raum für Gespräche mit Eltern müssen die Fachkräfte darin auch entsprechend fortgebildet und geschult werden. Insofern ist die im Gesetz vorgesehene Aufgabe der insoweit erfahrenen Fachkräfte, die Institutionen bei der Gefährdungseinschätzung zu unterstützen (§ 8a Satz 1 Abs. 4 Nr. 2 SGB VIII), eigentlich zu kurz gegriffen. Die Gefährdungseinschätzung ist der erste Schritt im Kinderschutz, dem wesentliche und ebenso anspruchsvolle Schritte folgen. Denn wenn man Kinderschutz als Gesamtprozess begreift, der (1) mit der Sensibilität für gewichtige Anhaltspunkte beginnt, (2) eine qualifizierte Gefährdungseinschätzung unter Hinzuziehung der Eltern, sowie (3) das Hinwirken auf Hilfen vorsieht und schließlich unter Umständen bis (4) zur Hinzuziehung des Jugendamtes geht, so gibt es darin – wie dargestellt – eine Vielzahl von Fragen und Herausforderungen, deren Bearbeitung im Alltagsgeschäft durch Fachberatung unterstützt werden könnten.
Conen Marie-Luise, Cecchin Gianfranco (2009): Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? Therapie und Beratung mit unmotivierten Klienten und im Zwangskontext. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg
Felstehausen Fenn (2012) In: Thole Werner, Retkowski Alexandra, Schäuble Barbara (Hrsg.) „Sorgende Arrangements, Kinderschutz zwischen Organisation und Familie“. Springer VS, Wiesbaden
Fish Dr. Sheila, Munro Dr. Eileen, Bairstow Sue (2008) Learning together to safeguard children: developing a multi-agency systems approach for case reviews. Social Care Institute (SCIE), London www.scie.org.uk
Gerber Christine (2013). Hilfe mir wird geholfen – Psychosoziale Beratung im Kinderschutz. Unveröffentlichte Masterthesis, Universität Kassel
Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen (Hrsg): Risiko erkannt – Gefahr gebannt? Risikoanalyse als Qualitätsentwicklung im Kinderschutz“, Bericht zum Landesmodellprojekt, 2012
Trotter Chris (2010). Working with Involuntay Clients. Sage, London
[i] Sofern es keine gewichtigen Gründe gibt, die dagegen sprechen – wie z.B. im Falle des Verdachtes innerfamiliären sexuellen Missbrauchs.
[ii] Es sei denn, dass es sich um eine akute Kindeswohlgefährdung handeln, die ein sofortiges Eingreifen notwendig macht.
[iii] Es sei denn, durch die Information der Eltern würde der konkrete Schutz des Kindes beeinträchtigt – z.B. in Fällen des innerfamiliären sexuellen Missbrauchs (vgl. dazu § 8a Abs. 1 Satz 2 SGB VIII).
Wissenschaftliche Referentin im Deutschen Jugendinstitut (DJI); Supervisorin und Fortbildnerin mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe/Kinderschutz
Wir übernehmen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Kita aktuell Recht.

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