Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/kindergeldzahlung-kind-rueckforderung-3111938
Timestamp: 2020-01-26 23:21:48+00:00

Document:
Kin­der­geld­zah­lung an das Kind – und die Rück­for­de­rung vom Kin­der­geld­be­rech­tig­ten | Rechtslupe
Kindergeldzahlung an das Kind - und die Rückforderung vom Kindergeldberechtigten
Ist eine Steu­er­ver­gü­tung wie das Kin­der­geld (§ 31 Satz 3 EStG) ohne recht­li­chen Grund gezahlt wor­den, so hat der­je­ni­ge, auf des­sen Rech­nung die Zah­lung bewirkt wor­den ist, nach § 37 Abs. 2 AO gegen­über dem Leis­tungs­emp­fän­ger einen Anspruch auf Erstat­tung des gezahl­ten Betrags. Die­se Rechts­fol­ge tritt auch ein, wenn der recht­li­che Grund für die Zah­lung spä­ter weg­fällt (§ 37 Abs. 2 Satz 2 AO).
Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH ist Leis­tungs­emp­fän­ger i.S. des § 37 Abs. 2 AO der­je­ni­ge, dem gegen­über die Finanz­be­hör­de oder Fami­li­en­kas­se ihre ‑ver­meint­lich oder tat­säch­lich bestehen­de- abga­ben­recht­li­che Ver­pflich­tung erfül­len will 1. Dem­nach ist ein Drit­ter als tat­säch­li­cher Emp­fän­ger einer Zah­lung dann nicht Leis­tungs­emp­fän­ger i.S. des § 37 Abs. 2 AO, wenn die Behör­de u.a. auf­grund einer Zah­lungs­an­wei­sung des Erstat­tungs- bzw. Ver­gü­tungs­be­rech­tig­ten einem Drit­ten zahlt 2. Denn auch in einem der­ar­ti­gen Fall erbringt die Finanz­be­hör­de ihre Leis­tung mit dem Wil­len, eine For­de­rung gegen­über dem tat­säch­li­chen Rechts­in­ha­ber zu erfül­len. Da der durch die Anwei­sung begüns­tig­te Zah­lungs­emp­fän­ger den Zah­lungs­an­spruch nicht aus eige­nem Recht gel­tend machen kann und die Leis­tung mit dem Wil­len erbracht wird, eine For­de­rung gegen­über dem tat­säch­li­chen Rechts­in­ha­ber mit befrei­en­der Wir­kung zu erfül­len, ist nicht der Emp­fän­ger der Zah­lung, son­dern der nach mate­ri­el­lem Steu­er­recht Erstat­tungs- bzw. Ver­gü­tungs­be­rech­tig­te als Leis­tungs­emp­fän­ger i.S. des § 37 Abs. 2 AO anzu­se­hen 3.
Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch für das Kin­der­geld, da es nach § 31 Satz 3 EStG als Steu­er­ver­gü­tung gezahlt wird 4. Dem­nach ist nicht das Kind, son­dern der Kin­der­geld­be­rech­tig­te Leis­tungs­emp­fän­ger i.S. des § 37 Abs. 2 Satz 1 AO, wenn die Fami­li­en­kas­se das Kin­der­geld auf Grund einer Zah­lungs­an­wei­sung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten dem Kind zahlt 5.
Im Streit­fall ist das Kin­der­geld für den Streit­zeit­raum ohne Rechts­grund gezahlt wor­den. Die Mut­ter ist Leis­tungs­emp­fän­ge­rin des ohne Rechts­grund gezahl­ten Kin­der­gel­des.
Mit der Anga­be des Kon­tos ihrer Toch­ter im Kin­der­geld­an­trag hat die Mut­ter der Fami­li­en­kas­se die Anwei­sung erteilt, das Kin­der­geld auf die­ses Kon­to zu über­wei­sen. Damit hat sie den Zah­lungs­weg ver­an­lasst. Zudem erbrach­te die Fami­li­en­kas­se mit der Befol­gung der Anwei­sung ihre Leis­tung mit dem Wil­len, den Zah­lungs­an­spruch der Mut­ter als (ver­meint­li­che) Kin­der­geld­be­rech­tig­te zu erfül­len.
Es kommt nicht dar­auf an, ob die Mut­ter von der tat­säch­li­chen Leis­tung an die Toch­ter Kennt­nis hat­te. § 37 Abs. 2 AO setzt kein Ver­schul­den auf Sei­ten des Leis­tungs­emp­fän­gers vor­aus. Der Rück­zah­lungs­an­spruch besteht viel­mehr auch dann, wenn den Leis­tungs­emp­fän­ger an der Fehl­leis­tung kein Ver­schul­den trifft bzw. wenn er die­se nicht ein­mal erkannt hat 6.
Vor­lie­gend steht die­sem Ergeb­nis auch kei­ne fort­wir­ken­de Abzwei­gung nach § 74 Abs. 1 EStG ent­ge­gen.
Es ist zwar rich­tig, dass in Abzwei­gungs­fäl­len der Drit­te (Abzwei­gungs­emp­fän­ger) und nicht der Kin­der­geld­be­rech­tig­te gemäß § 37 Abs. 2 AO zur Erstat­tung ver­pflich­tet ist 7. Eine Abzwei­gung bestand aber zum Zeit­punkt der Rück­for­de­rung nicht mehr.
Mit der Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zung wur­de auch die ver­füg­te Abzwei­gung an die Toch­ter auf­ge­ho­ben. Wird die Kin­der­geld­fest­set­zung gegen­über dem Kin­der­geld­be­rech­tig­ten auf­ge­ho­ben, so wird damit gleich­zei­tig die Abzwei­gung gegen­stands­los bzw. wir­kungs­los, ohne dass es inso­weit eines wei­te­ren auf­he­ben­den Ver­wal­tungs­akts bedarf 7. Daher kommt es ent­ge­gen der Ansicht des Finanz­ge­richt auch nicht dar­auf an, ob die Mut­ter aus der ‑ihr mög­li­cher­wei­se nicht bekannt­ge­ge­be­nen- Fest­set­zung ab Sep­tem­ber 2008 hät­te erken­nen kön­nen, ob das Kin­der­geld wei­ter­hin abge­zweigt wird.
Die Fami­li­en­kas­se war im Streit­fall auch nicht ver­pflich­tet, die Mut­ter oder die Tocher auf die Mög­lich­keit eines erneu­ten Abzwei­gungs­an­trags hin­zu­wei­sen. Der Bun­des­fi­nanz­hof kann inso­weit dahin­ste­hen las­sen, wel­che Rechts­fol­ge eine etwai­ge Ver­let­zung einer Hin­weis­pflicht aus­löst 8.
Eine sol­che Hin­weis­pflicht ergibt sich ins­be­son­de­re nicht aus § 89 Abs. 1 Satz 1 AO, denn aus die­ser Vor­schrift folgt kei­ne Ver­pflich­tung der Behör­den, die Vor- und Nach­tei­le eines Antrags abzu­wä­gen und den Antrag­stel­ler inso­weit zu bera­ten 9.
Nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs muss­te es sich der Fami­li­en­kas­se auf Grund des im Mai 2007 gestell­ten Abzwei­gungs­an­trags nicht auf­drän­gen, dass eine Abzwei­gung auch mit dem Kin­der­geld­an­trag vom Novem­ber 2008 für den Zeit­raum ab Sep­tem­ber 2008 bean­tragt wer­den soll­te. Ins­be­son­de­re ging aus dem Antrag der Mut­ter nicht her­vor, dass die Mut­ter ihrer gesetz­li­chen Unter­halts­pflicht auch im Zeit­punkt der erneu­ten Antrag­stel­lung ganz oder teil­wei­se nicht nach­ge­kom­men sei (§ 74 Abs. 1 Satz 1 EStG) oder man­gels Leis­tungs­fä­hig­keit weni­ger Unter­halt schul­de­te als das in Betracht kom­men­de Kin­der­geld (§ 74 Abs. 1 Satz 3 EStG). Ohne einen wenn auch nur form­los gestell­ten Abzwei­gungs­an­trag und Dar­le­gung der für eine Abzwei­gung maß­geb­li­chen Umstän­de erhält die Behör­de kei­ne Kennt­nis von dem für eine Abzwei­gung ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt. Schon aus die­sem Grund besteht daher auch kei­ne Auf­klä­rungs- oder Hin­weis­pflicht der Fami­li­en­kas­se über die Mög­lich­kei­ten einer Abzwei­gung 10.
Einer Rück­for­de­rung steht auch nicht der Gesichts­punkt von Treu und Glau­ben bzw. der Ver­wir­kungs­ge­dan­ke ent­ge­gen 11.
Es fehlt an einem Ver­hal­ten der Fami­li­en­kas­se, aus dem die Mut­ter bei objek­ti­ver Beur­tei­lung den Schluss zie­hen durf­te, das zu Unrecht aus­ge­zahl­te Kin­der­geld wer­de ihr bzw. der Toch­ter belas­sen. Der Umstand, dass die Mut­ter mög­li­cher­wei­se von der Zah­lung des Kin­der­gel­des an die Toch­ter man­gels Bekannt­ga­be des Bewil­li­gungs­be­scheids kei­ne Kennt­nis hat­te, ändert hier­an nichts. Denn die rechts­grund­lo­se Zah­lung an die Toch­ter hat die Mut­ter durch ihren Kin­der­geld­an­trag und die hier­in ange­ge­be­ne Zah­lungs­an­wei­sung ver­an­lasst und damit selbst ver­ur­sacht, so dass es an einer schutz­wür­di­gen Posi­ti­on ihrer­seits fehlt, die Vor­rang vor dem öffent­li­chen Inter­es­se an der Rück­for­de­rung haben könn­te. Hier­an ändern auch die spä­te­ren und mög­li­cher­wei­se gefälsch­ten Ver­än­de­rungs­mit­tei­lun­gen der Toch­ter nichts, da die­se kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die von der Mut­ter im Kin­der­geld­an­trag vor­ge­nom­me­ne (wirk­sa­me) Zah­lungs­an­wei­sung hat­ten.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 10. März 2016 – III R 29/​15
BFH, Urtei­le vom 23.10.2012 – VII R 63/​11, BFH/​NV 2013, 689; vom 18.09.2012 – VII R 53/​11, BFHE 239, 292, BSt­Bl II 2013, 710, Rz 13, m.w.N.[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 28.01.2010 – III B 112/​08, BFH/​NV 2010, 836; BFH, Urtei­le vom 29.01.2003 – VIII R 64/​01, BFH/​NV 2003, 905; vom 25.03.2003 – VIII R 84/​98, BFH/​NV 2003, 1404[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2003, 905[↩]
BFH, Urtei­le in BFH/​NV 2003, 905; und vom 16.03.2004 – VIII R 48/​03, BFH/​NV 2004, 1218[↩]
BFH, Beschluss in BFH/​NV 2010, 836, Rz 3, m.w.N.[↩]
FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 12.05.2015 10 K 2954/​14 Kg, AO, nicht ver­öf­fent­licht[↩]
BFH, Urteil in BFHE 196, 278, BSt­Bl II 2002, 47[↩][↩]
vgl. Söhn in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 89 AO Rz 122, m.w.N.; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 89 AO Rz 19[↩]
Söhn in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, a.a.O., Rz 106[↩]
BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 1129, Rz 9[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 27.02.2007 – III B 1/​06, BFH/​NV 2007, 1120[↩]

References: § 37
 § 37
 § 37
 § 37
 § 31
 § 37
 § 37
 § 74
 § 37
 § 89
 § 89
 § 89