Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/schmerzensgeld-wegen-rechtmaessigen-behoerdenhandelns-3126499
Timestamp: 2020-07-07 12:53:57+00:00

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Schmerzensgeld wegen rechtmäßigen Behördenhandelns | Rechtslupe
Der all­ge­mei­ne Auf­op­fe­rungs­an­spruch wegen eines hoheit­li­chen Ein­griffs in die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit ist – ent­ge­gen der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [1] – nicht auf den Ersatz mate­ri­el­ler Schä­den begrenzt, son­dern umfasst auch nicht­ver­mö­gens­recht­li­che Nach­tei­le des Betrof­fe­nen.
Der Bun­des­ge­richts­hof hat in sei­nem Urteil vom 13.02.1956 [2] sei­ne frü­he­re Auf­fas­sung im Wesent­li­chen wie folgt begrün­det:
An die­ser Auf­fas­sung hat der Bun­des­ge­richts­hof in der Fol­ge­zeit in sei­ner älte­ren Recht­spre­chung fest­ge­hal­ten [3]. Im Schrift­tum wird die­se Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung regel­mä­ßig ohne nähe­re Erör­te­rung wie­der­ge­ge­ben [4], teil­wei­se aber auch eine Abkehr von der als über­holt ange­se­he­nen Recht­spre­chung gefor­dert [5].
Durch Art. 2 Nr. 2 des Zwei­ten Geset­zes zur Ände­rung scha­dens­er­satz­recht­li­cher Vor­schrif­ten vom 19.07.2002 [6] ist § 253 BGB – die bis­he­ri­ge Rege­lung ( "Wegen eines Scha­dens, der nicht Ver­mö­gens­scha­den ist, kann Ent­schä­di­gung in Geld nur in den durch das Gesetz bestimm­ten Fäl­len gefor­dert wer­den." ) wur­de nun­mehr Absatz 1 – durch Ein­fü­gung eines Absat­zes 2 in der Form geän­dert wor­den, dass dann, wenn wegen einer Ver­let­zung des Kör­pers, der Gesund­heit, der Frei­heit oder der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung Scha­dens­er­satz zu leis­ten ist, auch wegen des Scha­dens, der Nicht­ver­mö­gens­scha­den ist, eine bil­li­ge Ent­schä­di­gung in Geld gefor­dert wer­den kann. Hier­mit wur­de – wie es im Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung vom 07.12 2001 [7] heißt – ein all­ge­mei­ner Anspruch auf Schmer­zens­geld ein­ge­führt, der über die bereits erfass­te außer­ver­trag­li­che Ver­schul­dens­haf­tung hin­aus auch die Gefähr­dungs­haf­tung und die Ver­trags­haf­tung mit ein­be­zieht. Zur Begrün­dung [8] wur­de unter ande­rem dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Bestim­mun­gen des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches, die das Recht der uner­laub­ten Hand­lun­gen und des Scha­dens­er­sat­zes regel­ten, seit des­sen Inkraft­tre­ten zum 1.01.1900 nahe­zu unver­än­dert geblie­ben sei­en. Zwar sei es der Recht­spre­chung auf­grund des hohen Abs­trak­ti­ons­gra­des der Vor­schrif­ten mög­lich gewe­sen, durch ent­spre­chen­de Aus­le­gung, aber auch durch rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung, eine Rei­he von Anpas­sun­gen an die gewan­del­ten Ver­hält­nis­se vor­zu­neh­men. Die­ser Weg sei jedoch dort an Gren­zen gesto­ßen, wo das Gesetz selbst Ent­schei­dun­gen vor­ge­ge­ben habe. Im Lau­fe der Zeit habe sich zuneh­mend deut­li­cher gezeigt, dass man­che die­ser Grund­ent­schei­dun­gen zum Scha­dens­er­satz­recht nur noch schwer mit den heu­ti­gen Ver­hält­nis­sen und Wert­vor­stel­lun­gen in Über­ein­stim­mung zu brin­gen sei­en. Es ent­stün­den Haf­tungs­lü­cken, auch Gerech­tig­keits­de­fi­zi­te, die die­ses Gesetz besei­ti­gen wol­le. Dies gel­te auch für den Ersatz des imma­te­ri­el­len Scha­dens bei Kör­per- und Gesund­heits­ver­let­zun­gen, der nach gel­ten­dem Recht grund­sätz­lich nur im Rah­men außer­ver­trag­li­cher Ver­schul­dens­haf­tung gewährt wer­de, obwohl er unter Aus­gleichs­ge­sichts­punk­ten bei der Gefähr­dungs- und Ver­trags­haf­tung glei­cher­ma­ßen in Betracht kom­me. Durch die Neu­re­ge­lung wer­de nun­mehr ein ein­heit­li­cher und über­grei­fen­der Anspruch auf Schmer­zens­geld bei Ver­let­zun­gen von Kör­per, Gesund­heit, Frei­heit oder sexu­el­ler Selbst­be­stim­mung geschaf­fen, der nicht mehr danach unter­schei­de, auf wel­chem Rechts­grund die Haf­tung für die Ver­let­zung beru­he.
Durch die­se Neu­re­ge­lung hat der Gesetz­ge­ber den bis­her in § 253 BGB nor­mier­ten Grund­satz, auf den der Bun­des­ge­richts­hof sein Urteil vom 13.02.1956 wesent­lich gestützt hat, ver­las­sen. Nun­mehr kann im Scha­dens­er­satz­recht bei Ver­let­zun­gen des Kör­pers, der Gesund­heit, der Frei­heit oder der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung Schmer­zens­geld ver­langt wer­den. Auch soweit der Bun­des­ge­richts­hof in die­sem Zusam­men­hang auf die Ver­schul­dens­haf­tung und den Gedan­ken der Genug­tu­ung abge­stellt hat­te, ist die­ser Argu­men­ta­ti­on nach der Ein­be­zie­hung der Gefähr­dungs­haf­tung in die Ände­rung des Scha­dens­er­satz­rechts die Grund­la­ge ent­zo­gen, abge­se­hen davon, dass der Gedan­ke der Genug­tu­ung regel­mä­ßig nur bei beson­de­ren Fall­ge­stal­tun­gen eine Rol­le spielt, wäh­rend für die Bemes­sung des Schmer­zens­gel­des der Ent­schä­di­gungs- oder Aus­gleichs­ge­dan­ke im Vor­der­grund steht [9].
Auch im Bereich der vom Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 13.02.1956 zitier­ten spe­zi­al­ge­setz­li­chen Rege­lun­gen haben sich Ände­run­gen erge­ben. Wäh­rend zum Bei­spiel in § 2 Abs. 1 des Geset­zes betref­fend die Ent­schä­di­gung der im Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren frei­ge­spro­che­nen Per­so­nen vom 20.05.1898 [10] sowie in § 3 Abs. 1 des Geset­zes betref­fend die Ent­schä­di­gung für unschul­dig erlit­te­ne Unter­su­chungs­haft vom 14.07.1904 [11] nur für Ver­mö­gens­schä­den eine Haf­tung vor­ge­se­hen war, ent­hält nun­mehr § 7 Abs. 1 des Geset­zes über die Ent­schä­di­gung für Straf­ver­fol­gungs­maß­nah­men (StrEG) vom 08.03.1971 [12] eine Rege­lung, wonach im Fal­le der Frei­heits­ent­zie­hung auf­grund gericht­li­cher Ent­schei­dung auch der Scha­den zu erset­zen ist, der Nicht­ver­mö­gens­scha­den ist. Die Poli­zei- und Ord­nungs­ge­set­ze der Län­der – neben dem beklag­ten Land (§ 65 Abs. 2 HSOG) unter ande­rem Ber­lin (§ 60 Abs. 2 ASOG Bln), Nie­der­sach­sen (§ 81 Abs. 2 Nds. SOG), Rhein­land-Pfalz (§ 69 Abs. 2 POG), Saar­land (§ 69 Abs. 2 SPolG), Sach­sen (§ 53 Abs. 2 Sächs­PolG), Sach­sen-Anhalt (§ 70 Abs. 2 SOG LSA) und Thü­rin­gen (§ 69 Abs. 2 PAG) – ent­hal­ten inzwi­schen viel­fach Rege­lun­gen zum Ersatz auch des imma­te­ri­el­len Scha­dens bei der Ver­let­zung des Kör­pers oder der Gesund­heit oder bei einer Frei­heits­ent­zie­hung (zu letz­te­rem sie­he auch Bay­ern in Art. 70 Abs. 7 Satz 2 PAG und Bre­men in § 57 Abs. 1 Satz 2 Brem­PolG).
Nur ergän­zend ist auch auf die Rege­lung in § 198 GVG [13] hin­zu­wei­sen, die im Rah­men der ange­mes­se­nen Ent­schä­di­gung für über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er auch Ersatz für imma­te­ri­el­le Nach­tei­le kennt.
Die­ser Anspruch hat sich gewohn­heits­recht­lich gemäß dem in § 75 Ein­lALR (1794) ent­hal­te­nen Rechts­grund­satz ent­wi­ckelt. Nach die­ser Bestim­mung ist der Staat gehal­ten, den­je­ni­gen zu ent­schä­di­gen, der sei­ne beson­de­ren Rech­te und Vor­tei­le dem Wohl des Gemein­we­sens auf­zu­op­fern genö­tigt wird. Der Grund­satz, der in die­ser Vor­schrift sei­nen gesetz­li­chen Aus­druck gefun­den hat, hat über den Bereich der frü­he­ren alt­preu­ßi­schen Pro­vin­zen hin­aus all­ge­mei­ne Gel­tung erlangt [14]. Aller­dings wur­de vor­mals in der Recht­spre­chung [15] der Aus­gleich für Son­der­op­fer dahin­ge­hend ein­ge­schränkt, dass er nur für Ein­grif­fe des Staa­tes in das Eigen­tum bezie­hungs­wei­se ver­mö­gens­wer­te Rech­te, nicht dage­gen für Per­so­nen­schä­den – wie Ver­let­zun­gen der Gesund­heit oder des Lebens – in Betracht kommt. Die­ser im Wesent­li­chen auf die preu­ßi­sche Kabi­nets­or­der vom 04.12 1831 [16] gestütz­ten, den Rechts­grund­satz des § 75 Ein­lALR begren­zen­den Auf­fas­sung ist der Bun­des­ge­richts­hof aller­dings in stän­di­ger Recht­spre­chung nicht gefolgt [17]. Viel­mehr ist auch ein Son­der­op­fer, das der Ein­zel­ne an imma­te­ri­el­len Rechts­gü­tern zum Wohl der All­ge­mein­heit zu erbrin­gen genö­tigt wird, zu erset­zen [18]. Bei einem hoheit­li­chen Ein­griff in die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit besteht das Son­der­op­fer aber nicht nur in den dar­aus fol­gen­den mate­ri­el­len, son­dern auch in den dar­aus fol­gen­den imma­te­ri­el­len Nach­tei­len.
Ein Aus­schluss des Schmer­zens­gel­des folgt auch nicht aus dem Umstand, dass der all­ge­mei­ne Auf­op­fe­rungs­an­spruch kein Scha­dens­er­satz­an­spruch im Sin­ne der §§ 249 ff BGB ist. Der Anspruch aus Auf­op­fe­rung geht auf Leis­tung eines ange­mes­se­nen bezie­hungs­wei­se bil­li­gen Aus­gleichs für das dem Betrof­fe­nen hoheit­lich auf­er­leg­te Son­der­op­fer [19]. Der Anspruch auf Ent­schä­di­gung kann inso­weit – wie in der BGH-Recht­spre­chung ver­schie­dent­lich im Zusam­men­hang mit Ver­mö­gens­schä­den aus­ge­führt wor­den ist [20] – zwar im Ein­zel­fall dar­in bestehen, dem Geschä­dig­ten vol­len Scha­dens­er­satz zuzu­bil­li­gen, aber die Kri­te­ri­en der Ange­mes­sen­heit und Bil­lig­keit kön­nen auch Ein­schrän­kun­gen recht­fer­ti­gen. Inso­weit ist der Auf­op­fe­rungs­an­spruch – anders als grund­sätz­lich der Anspruch auf Scha­dens­er­satz – nicht sei­ner Natur nach auf rest­lo­sen Ersatz gerich­tet. Die­ser Unter­schied, auf den im Übri­gen der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 13.02.1956 auch nicht abge­stellt hat, hat jedoch kei­nen inhalt­li­chen Bezug zu der Fra­ge, ob die Auf­op­fe­rungs­ent­schä­di­gung auf ver­mö­gens­wer­te Nach­tei­le beschränkt ist. Die für den Umfang der Ent­schä­di­gung maß­geb­li­che Ange­mes­sen­heit und Bil­lig­keit besagt nichts dar­über, wel­che Arten von Schä­den von dem Anspruch erfasst sind.
Zu Unrecht ver­weist die gegen­tei­li­ge Rechts­auf­fas­sung auf das Urteil des V. Zivil­se­nats vom 23.07.2010 [21]. Die­se Ent­schei­dung betrifft den Anspruch aus § 906 Abs. 2 Satz 2 BGB. Inso­weit han­delt es sich um eine aus dem Grund­stücks­ei­gen­tum abge­lei­te­te For­de­rung, die dem Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen Nach­barn dient und auf dem Gedan­ken von Treu und Glau­ben im nach­bar­li­chen Gemein­schafts­ver­hält­nis beruht [22]. Die­ser Anspruch umfasst kein Schmer­zens­geld. Der V. Zivil­se­nat [23] hat inso­weit auch eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 253 Abs. 2 BGB mit der Begrün­dung abge­lehnt, § 906 Abs. 2 Satz 2 BGB sei kein Scha­dens­er­satz­an­spruch.
vgl. Ossenbühl/​Cornils, Staats­haf­tungs­recht, 6. Aufl., S. 147 f; Münch­Komm-BGB/Oetker, 7. Aufl., § 253 Rn.20; sie­he auch OLG Frank­furt, NVwZ-RR 2014, 142, 143[↩]

References: Art. 2
 § 253
 § 253
 § 2
 § 3
 § 7
 Art. 70
 § 57
 § 198
 § 75
 § 75
 § 906
 § 253
 § 906
 § 253