Source: https://www.hensche.de/dokumentationspflichten-nach-dem-mindestlohngesetz-auf-dem-pruefstand-gesetzentwurf-SLH-vom-11-10-2017-bundesrat-drucksache-676-17.html
Timestamp: 2018-02-24 11:38:29+00:00

Document:
Dokumentationspflichten nach dem Mindestlohngesetz auf dem Prüfstand - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/276
Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten nach dem Min­dest­l­ohn­ge­setz auf dem Prüf­stand
Schles­wig-Hol­stein möch­te die Pflicht zur Do­ku­men­ta­ti­on von Ar­beits­zei­ten nach dem Min­dest­l­ohn­ge­setz (Mi­LoG) be­gren­zen: Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes zur Än­de­rung des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes vom 11.10.2017, BR Drucks. 676/17
31.10.2017. In Schles­wig-Hol­stein re­giert nach der letz­ten Land­tags­wahl vom Mai 2017 ei­ne sog. Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on (schwarz-grün-gelb) aus CDU, den Grü­nen und der FDP un­ter Füh­rung des CDU-Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Da­ni­el Gün­ther.
Ent­spre­chend der kon­ser­va­tiv-li­be­ra­len Grund­aus­rich­tung ih­rer Wirt­schafts­po­li­tik hat die frisch­ge­ba­cke­ne Lan­des­re­gie­rung ei­nen Ge­setz­ent­wurf in den Bun­des­rat ein­ge­bracht, mit dem die Ar­beit­ge­ber­pflicht zur Do­ku­men­ta­ti­on von Ar­beits­zei­ten nach dem Min­dest­l­ohn­ge­setz (Mi­LoG) be­grenzt wer­den soll: Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes zur Än­de­rung des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes, Ge­set­zes­an­trag des Lan­des Schles­wig-Hol­stein vom 11.10.2017, Bun­des­rat Drucks. 676/17.
Ge­setz­li­che Pflicht zur Do­ku­men­ta­ti­on von Ar­beits­zei­ten
Bis­he­ri­ge Er­leich­te­run­gen und Aus­nah­men von der Do­ku­men­ta­ti­ons­pflicht
Der Kor­rek­tur­vor­schlag Schles­wig-Hol­steins
Nach § 17 Abs.1 Satz 1 Mi­LoG sind Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, Be­ginn, En­de und Dau­er der tägli­chen Ar­beits­zeit be­stimm­ter Ar­beit­neh­mer­grup­pen auf­zu­zeich­nen. Das muss zeit­nah nach der Ar­beits­leis­tung ge­sche­hen, nämlich spätes­tens sie­ben Ka­len­der­ta­ge später. Der Hin­ter­grund der Ver­pflich­tung ist klar: Der Min­dest­lohn von der­zeit 8,84 EUR brut­to ist ein St­un­den­lohn, so dass sei­ne ef­fek­ti­ve Ein­hal­tung nur kon­trol­liert wer­den kann, wenn man nach­voll­zie­hen kann, wie lan­ge ein Ar­beit­neh­mer für sei­nen Lohn ge­ar­bei­tet hat.
Die­se ge­setz­li­che Ver­pflich­tung be­trifft ge­ringfügig beschäftig­te Ar­beit­neh­mer ("Mi­ni­job­ber") im Sinn von § 8 Abs.1 Vier­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IV) und außer­dem Be­rufs­grup­pen, bei de­nen Schwarz­ar­beit stärker als an­ders­wo ver­brei­tet ist, nämlich die in § 2a Schwarz­ar­beits­bekämp­fungs­ge­setz (Schwarz­ArbG) ge­nann­ten Bran­chen. Das sind u.a. Bau­ar­beit­neh­mer, Gaststätten- und Ho­tel­an­ge­stell­te, Gebäuderei­ni­ger und Spe­di­ti­ons- und Trans­port­ar­bei­ter.
Außer­dem sind Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, die Auf­zeich­nun­gen der Ar­beits­zei­ten min­des­tens zwei Jah­re lang auf­zu­be­wah­ren.
Da­bei macht das Ge­setz aber kei­ne Vor­ga­ben, in wel­cher Wei­se die Auf­zeich­nun­gen zu er­stel­len sind (di­gi­tal oder schrift­lich bzw. auf Pa­pier). Auch die Pau­sen­zei­ten bzw. de­ren zeit­li­che La­ge (= Be­ginn und En­de von Pau­sen) müssen nicht do­ku­men­tiert wer­den, d.h. die Pau­sen sind oh­ne wei­te­re Erklärun­gen oder Be­rech­nun­gen von der ge­leis­te­ten und zu do­ku­men­tie­ren­den Ar­beits­zeit her­aus­zu­rech­nen bzw. nicht mit­zu­rech­nen. Ar­bei­tet ein Ar­beit­neh­mer z.B. von 08:00 Uhr (Ar­beits­be­ginn) bis 17:00 Uhr (Ar­beits­en­de) acht St­un­den lang (Ar­beits­dau­er), so er­gibt sich aus die­sen Pflicht­an­ga­ben der Ar­beits­zeit­do­ku­men­ta­ti­on, dass die Ar­beit im Lau­fe des Ta­ges für ins­ge­samt ei­ne St­un­de un­ter­bro­chen wur­de. Wann die­se Pau­se(n) ge­macht wur­de(n), muss nicht do­ku­men­tiert wer­den.
Um den büro­kra­ti­schen Auf­wand bei der Do­ku­men­ta­ti­on von Ar­beits­zei­ten zu ver­rin­gern, se­hen zwei Rechts­ver­ord­nun­gen Er­leich­te­run­gen bzw. Aus­nah­men vor.
Das ist zum ei­nen die Ver­ord­nung zur Ab­wand­lung der Pflicht zur Ar­beits­auf­zeich­nung nach dem Min­dest­l­ohn­ge­setz und dem Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz (Min­dest­lohn­auf­zeich­nungs­ver­ord­nung - Mi­Lo­Auf­zV), die auf der Grund­la­ge von § 17 Abs.4 Mi­LoG er­las­sen wur­de. Hier geht es dar­um, be­stimm­te Grup­pen von Ar­beit­neh­mern von der Pflicht zur Ar­beits­zeit­do­ku­men­ta­ti­on aus­zu­neh­men oder um­ge­kehrt der Do­ku­men­ta­ti­ons­pflicht zu un­ter­stel­len. Die Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge (§ 17 Abs.4 Mi­LoG) lau­tet:
"Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Fi­nan­zen kann durch Rechts­ver­ord­nung im Ein­ver­neh­men mit dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les oh­ne Zu­stim­mung des Bun­des­ra­tes be­stim­men, wie die Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, die tägli­che Ar­beits­zeit bei ihm beschäftig­ter Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer auf­zu­zeich­nen und die­se Auf­zeich­nun­gen auf­zu­be­wah­ren, ver­ein­facht oder ab­ge­wan­delt wer­den kann, so­fern Be­son­der­hei­ten der zu er­brin­gen­den Werk- oder Dienst­leis­tun­gen oder Be­son­der­hei­ten des je­wei­li­gen Wirt­schafts­be­rei­ches oder Wirt­schafts­zwei­ges dies er­for­dern."
Auf die­ser Grund­la­ge hat die Ver­ord­nung die Do­ku­men­ta­ti­ons­pflicht bei sog. mo­bi­len Ar­beit­neh­mern ein­ge­schränkt. Denn nach § 1 Abs.1 Mi­Lo­Auf­zV sind Ar­beit­ge­ber nur zur Do­ku­men­ta­ti­on der Dau­er der tägli­chen Ar­beits­zeit ver­pflich­tet (und nicht auch zur Do­ku­men­ta­ti­on des Ar­beits­be­ginns und des Ar­beits­en­des),
wenn sie Ar­beit­neh­mer "mit aus­sch­ließlich mo­bi­len Tätig­kei­ten" beschäfti­gen, z.B. als Ta­xi­fah­rer, als Zei­tungs­bo­ten oder als Brief­zu­stel­ler,
wenn die Ar­beit­neh­mer Be­ginn und En­de ih­rer tägli­chen Ar­beits­zeit selbst fest­le­gen können, und
wenn sie sich ih­re "tägli­che Ar­beits­zeit ei­gen­ver­ant­wort­lich ein­tei­len".
Ei­ne wei­te­re aus Ar­beit­ge­ber­sicht vor­teil­haf­te Ver­ord­nung ist die Ver­ord­nung zu den Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten nach den §§ 16 und 17 des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes und den §§ 18 und 19 des Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­set­zes pp. (Min­dest­lohn­do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten­ver­ord­nung - Mi­Lo­DokV). Sie wur­de auf der Grund­la­ge von § 17 Abs.3 Mi­LoG er­las­sen. Die­se Vor­schrift lau­tet:
"Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les kann durch Rechts­ver­ord­nung oh­ne Zu­stim­mung des Bun­des­ra­tes die Ver­pflich­tun­gen des Ar­beit­ge­bers oder ei­nes Ent­lei­hers nach § 16 und den Absätzen 1 und 2 hin­sicht­lich be­stimm­ter Grup­pen von Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern oder der Wirt­schafts­be­rei­che oder den Wirt­schafts­zwei­gen ein­schränken oder er­wei­tern."
Auf die­ser Grund­la­ge be­stimmt § 1 Abs.1 Satz 1 Mi­Lo­DokV, dass die Ar­beits­zeit­do­ku­men­ta­ti­ons­pflicht nach § 17 Abs.1 Satz 1 Mi­LoG nicht für Ar­beit­neh­mer gilt, die ein "ver­ste­tig­tes re­gelmäßiges" Mo­nats­ge­halt von mehr als 2.958,00 EUR brut­to ha­ben. Die­se Gren­ze wird in der­sel­ben Vor­schrift (§ 1 Abs.1 Satz 3 Mi­Lo­DokV) noch ein­mal deut­lich nach un­ten ver­scho­ben, nämlich auf ein "ver­ste­tig­tes re­gelmäßiges Mo­nats­ent­gelt" von über 2.000,00 EUR brut­to, vor­aus­ge­setzt, die­ser Mo­nats­lohn wur­de "für die letz­ten vol­len zwölf Mo­na­te nach­weis­lich ge­zahlt". Bei der "nach­weis­li­chen Zah­lung" die­ses über 2.000,00 EUR brut­to lie­gen­den Mo­nats­lohns wer­den Zei­ten oh­ne Lohn­an­spruch her­aus­ge­rech­net, wie z.B. länge­re Krank­heits­zei­ten mit Kran­ken­geld­be­zug, Mut­ter­schutz­fris­ten oder ei­ne El­tern­zeit.
Ei­ne wei­te­re Aus­nah­me von der Ar­beits­zeit­do­ku­men­ta­ti­ons­pflicht sieht § 1 Abs.2 Mi­Lo­DokV für im Be­trieb ar­bei­ten­de Ehe­gat­ten, ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner, Kin­der und El­tern des Ar­beit­ge­bers vor.
Der Kor­rek­tur­vor­schlag Schles­wig-Hol­steins be­zieht sich nicht auf die bei­den o.g. Rechts­ver­ord­nun­gen, son­dern auf das Mi­LoG selbst, d.h. das Ge­setz soll geändert wer­den. Bemängelt wird an der ak­tu­el­len Ge­set­zes­fas­sung § 17 Abs.3 Mi­LoG, d.h. die Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge für die Mi­Lo­DokV. Denn aus § 17 Abs.3 Mi­LoG er­gibt sich, so die Kri­tik, nicht klar ge­nug, dass und wie bei der Fest­le­gung von Ein­kom­mens­gren­zen als Schwel­len­wert für die Pflicht zur Ar­beits­zeit­do­ku­men­ta­ti­on die Tat­sa­che zu berück­sich­ti­gen ist, dass Teil­zeit­kräfte we­ni­ger ver­die­nen als Voll­zeit­kräfte.
Wer z.B. als Voll­zeit­kraft 4.200,00 EUR brut­to ver­dient, fällt gemäß § 1 Abs.1 Mi­Lo­DokV aus der Do­ku­men­ta­ti­ons­pflicht her­aus. Wenn nun der­sel­be Ar­beit­neh­mer sei­ne Ar­beits­zeit auf zehn St­un­den pro Wo­che ver­rin­gert und dem­ent­spre­chend nur noch 1.050,00 EUR brut­to ver­dient, ist sein Ar­beit­ge­ber nach der der­zei­ti­gen Fas­sung des Ge­set­zes und der dar­auf be­ru­hen­den Mi­Lo­DokV da­zu ver­pflich­tet, sei­ne Ar­beits­zei­ten zu do­ku­men­tie­ren.
Das soll sich nach dem Ge­set­zes­vor­schlag ändern. Der Vor­schlag ist dem­ent­spre­chend kurz und be­steht nur in ei­ner ein­zi­gen Klar­stel­lung zu § 17 Abs.3 Mi­LoG. Die­se Vor­schrift soll um fol­gen­den Satz ergänzt wer­den:
"Bei der Fest­le­gung von Ent­gelt­gren­zen ist die un­ter­schied­li­che Ar­beits­zeit von Voll­zeit- und Teil­zeit­beschäftig­ten zu berück­sich­ti­gen."
Auf Grund­la­ge ei­ner in die­ser Wei­se geänder­ten Ge­set­zes­fas­sung müss­te die Mi­Lo­DokV bzw. müss­te § 1 Abs.1 Mi­Lo­DokV um ei­ne Teil­zeit­klau­sel ergänzt wer­den. Die der­zeit gülti­gen star­ren Ein­kom­mens­gren­ze ei­nes "ver­ste­tig­ten re­gelmäßigen" Mo­nats­lohns von über 2.958,00 EUR brut­to bzw. von mehr als 2.000,00 EUR brut­to wären dann nur noch für Voll­zeit­ar­beit­neh­mer gültig, d.h. für Teil­zeit­kräfte würden je nach Teil­zeit­quo­te ge­rin­ge­re Ein­kom­mens­gren­zen gel­ten.
Die Möglich­kei­ten der Bun­desländer, auf das Ar­beits­recht Ein­fluss zu neh­men, sind ge­ring. Da liegt es na­he, sich als Lan­des­re­gie­rung bzw. als Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on ei­nes Lan­des­par­la­ments auf De­tail­pro­ble­me zu kon­zen­trie­ren, die (auch) an die Lan­des­po­li­ti­ker her­an­ge­tra­gen wer­den.
Trotz­dem stellt sich die Fra­ge, ob es wirk­lich den Auf­wand lohnt, ein for­mel­les Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren auf Bun­des­ebe­ne an­zu­schie­ben, nur um den Um­fang von be­trieb­li­chen Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten in ei­nem ziem­lich spe­zi­el­len Rand­be­reich zu ver­rin­gern.
Mögli­cher­wei­se soll die Initia­ti­ve aus Schles­wig-Hol­stein aber auch ei­ne an­de­re Stoßrich­tung ha­ben, nämlich als po­li­ti­sche Auf­for­de­rung an die künf­ti­gen schwarz-gelb-grünen Ko­ali­ti­onäre im Bund, das Mi­LoG ins­ge­samt auf den Prüfstand zu stel­len.
Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes zur Ände­rung des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes, Ge­set­zes­an­trag des Lan­des Schles­wig-Hol­stein vom 11.10.2017, Bun­des­rat Drucks. 676/17
Ver­ord­nung zur Ab­wand­lung der Pflicht zur Ar­beits­auf­zeich­nung nach dem Min­dest­l­ohn­ge­setz und dem Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz (Min­dest­lohn­auf­zeich­nungs­ver­ord­nung - Mi­Lo­Auf­zV)
Ver­ord­nung zu den Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten nach den §§ 16 und 17 des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes und den §§ 18 und 19 des Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­set­zes pp. (Min­dest­lohn­do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten­ver­ord­nung - Mi­Lo­DokV)
Letzte Überarbeitung: 12. Februar 2018
Bewertung: dokumentationspflichten-nach-dem-mindestlohngesetz-auf-dem-pruefstand-gesetzentwurf-SLH-vom-11-10-2017-bundesrat-drucksache-676-17.html 5.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

References: § 17
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