Source: http://libreas.eu/ausgabe29/06dubout/
Timestamp: 2017-01-20 20:01:43+00:00

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Durch Rezensionen zur Emanzipation? Die Bibliographie der Homosexualität (1900-1922) im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen - LIBREAS. Library Ideas
urn:nbn:de:kobv:11-100238160 Durch Rezensionen zur Emanzipation? Die Bibliographie der Homosexualität (1900-1922) im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen
Kevin Dubout,
"Durch Rezensionen zur Emanzipation? Die Bibliographie der Homosexualität (1900-1922) im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen. ". LIBREAS. Library Ideas, 29 (2016). http://libreas.eu/ausgabe29/06dubout/
1.) Ein wissenschaftliches Forum
2.) Legitimierungsarbeit nach außen und nach innen
3.) Der normative Entwurf eines normalen Homosexuellen
Im Mai 1897 wurde in Charlottenburg bei Berlin das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) gegründet. Die weltweit erste, bis 1933 bestehende Homosexuellenorganisation wurde langjährig vom Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868–1935) geleitet und trat für die Entkriminalisierung gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Männern (widernatürliche Unzucht nach § 175 des deutschen Reichsstrafgesetzbuches) ein. Zu diesem Zweck legte das Komitee eine beständige Petitionstätigkeit an den Tag und leistete eine breit angelegte Aufklärungs- und Beratungsarbeit.1 Entsprechend dem Motto Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit war das Komitee außerdem als wissenschaftliche Forschungsstätte tätig, die sich der Erforschung aller sexuellen Zwischenstufen, besonders der Homosexualität, widmete, und ihre Forschungsergebnisse geltend machen wollte, um Sexualreform voranzutreiben.
Die Zwischenstufenlehre wurde von Hirschfeld als Einteilungsprinzip entwickelt und über die Jahre immer weiter ausgearbeitet. Demnach treten alle menschlichen Eigenschaften, seien sie körperlicher oder seelischer Art, […] in weiblicher oder in männlicher Form auf und lassen sich nach vier Hauptkriterien (Bildung der Geschlechtsorgane, weitere körperliche Eigenschaften, Richtung des Geschlechtstriebes und sonstige psychische Eigenschaften) einordnen: Während Vollmann und Vollweib bloße Idealtypen seien, charakterisiere sich im Grunde jeder Mensch durch eine einzigartige Mischung aus weiblichen und männlichen Eigenschaften.2 Vor diesem Hintergrund wurde Homosexualität zu einer gemischtgeschlechtlichen Kombination unter vielen anderen – zu einer Zwischenstufe auf der Ebene des Geschlechtstriebes. Als angeborene, unveränderliche, natürliche und weitgehend entpathologisierte Veranlagung sollte sie nicht strafrechtlich verfolgt werden.
Zwischen 1899 und 1923 wurde von Hirschfeld im Auftrag des WhK das Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen herausgegeben. Die 23 Jahrgänge legen mit ihren zahlreichen medizinischen, juristischen, kulturhistorischen, literarischen Studien und Materialsammlungen ein beeindruckendes Zeugnis von der beharrlichen Bewegungsarbeit und der wissenschaftlichen Tätigkeit des WhK ab.3 Innerhalb des Jahrbuchs nahm die von 1900 bis 1922 von Dr. jur. Numa Praetorius verfasste Bibliographie der Homosexualität einen besonderen Platz ein. Hinter diesem Pseudonym verbarg sich der Straßburger Jurist Eugen Wilhelm (1866–1951), den Erinnerungen Hirschfelds zufolge der weitaus produktivste Mitarbeiter4 des Jahrbuchs. Wilhelm beteiligte sich von Anfang an maßgeblich an den Bestrebungen des Komitees, das er nicht nur schriftstellerisch, sondern auch organisatorisch und finanziell unterstützte.5 Neben juristischen und biographischen Arbeiten stellt die Bibliographie der Homosexualität wohl seine mit Abstand umfangreichste Leistung im Rahmen der damaligen Homosexuellenbewegung dar. Bemerkenswert ist, dass es sich beim Bibliographen um einen Juristen handelte, der sich als zuständig erachtete, über sein ursprüngliches Kerngebiet hinaus auch medizinische, belletristische und kulturhistorische Untersuchungen zu besprechen und zu bewerten. Deshalb zeichnen sich die Bibliographien durch vielfache Grenzüberschreitungen und einen gemischten Charakter aus, der der Hybridität des Jahrbuchs – Fachzeitschrift und Kampforgan zugleich – entsprach.
Durch seine Bibliographien positionierte sich Wilhelm/Praetorius in sexualtheoretischen und strategischen Debatten inner- und außerhalb der Homosexuellenbewegung: Er registrierte nicht nur das vorhandene Wissen, sondern griff dadurch performativ in die Wissensproduktion über Homosexualität ein. Den Stellenwert der Bibliographie der Homosexualität für das WhK verdeutlicht die Tatsache, dass sie regelmäßig einen beträchtlichen Anteil (bis zu einem Drittel) des Gesamtumfangs des Jahrbuchs beanspruchte. Die systematischen Besprechungen mehrerer hundert Titel auf insgesamt ca. 2300 Druckseiten haben sich bis heute als ergiebige Quellen für die Geschichte der Homosexualitäten bewährt. Dies wirft die Frage auf, worin der Mehrwert der Bibliographie für das WhK bestand und welche Funktionen sie im Befreiungskampf erfüllte. Welche Ziele wurden mit ihr vom Komitee und insbesondere von Praetorius verfolgt? Inwiefern verstand sie sich als emanzipatorisch? Welchen Status beanspruchte der Bibliograph auf dem Gebiet der damaligen Homosexualitätsforschung und welche Ressourcen machte er geltend?
Drei Hauptanliegen stechen hervor: Numa Praetorius lag erstens daran, die Bibliographien als wissenschaftliches Forum für die Diskussion um Homosexualität zu gestalten. Zweitens stellten sie eine Legitimierungsarbeit dar, durch welche die Expertise des WhK auf diesem Gebiet etabliert werden sollte. Praetorius war ein unermüdlicher Verfechter und Vermittler der Hirschfeldschen Zwischenstufenlehre. Drittens entwarf und propagierte er durch seine Besprechungen das in seinen Augen emanzipatorische Bild eines normalen beziehungsweise durchschnittlichen männlichen Homosexuellen, das Hirschfelds eigene Normalisierungsbestrebungen6 unterstützte und ergänzte. Weibliche Homosexualität wurde hingegen viel seltener thematisiert, vor allem deshalb, weil der Schwerpunkt der Arbeit des WhK im Allgemeinen der Bibliographie der Homosexualität im Besonderen doch auf männlicher Homosexualität lag. Das Augenmerk wird im Folgenden hauptsächlich auf die nichtbelletristischen, das heißt wissenschaftlichen Besprechungen aus den Bibliographien von 1900 bis 1910 gerichtet, welche dennoch als repräsentativ gelten dürfen.7
Aufbau der Bibliographien und Strukturierung des Felds
Die Bibliographien des Jahrbuchs waren keineswegs die erste bibliographische Unternehmung auf dem Gebiet der Homosexualität. Schon 1897 hatte der französische Schriftsteller Marc-André Raffalovich (1864–1934) – wohlgemerkt ebenfalls kein Arzt – in der kriminologischen Zeitschrift Archives de l’anthropologie criminelle sogenannte Annales de l’unisexualité (Jahrbücher der Unisexualität) vorgelegt: Eine umfangreiche, mehrsprachige Dokumentation wurde bereitgestellt und kommentiert, die von der Literatur über aktuelle Zeitungsausschnitte bis hin zu historischen Dokumenten reichte.8 Auf den ersten Jahrgang folgten zwei weitere Chroniques de l’unisexualité 1907 und 1909. Während Raffalovich die freie Form einer Chronik auswählte und sich ausdrücklich vom wissenschaftlichen Stil abgrenzte9, ging Praetorius systematisch, möglichst erschöpfend und betont wissenschaftlich vor. Seine Bibliographien setzten sich zum Ziel, einen möglichst lückenlosen Überblick über das Forschungsfeld zu geben, wenngleich der Anspruch auf Vollständigkeit aufgrund der unüberschaubare Zahl der Neuerscheinungen bald aufgegeben werden musste.
Da ihr Anliegen nicht nur darin bestand, relevante Publikationen zu registrieren, sondern diese kritisch einzuordnen und damit unterschiedliche Positionen zu markieren, das heißt, das Forschungsfeld insgesamt zu strukturieren, erscheint es lohnend, die Entwicklung des Aufbaus der Bibliographien nachzuzeichnen. Grundlegend war die über den gesamten Untersuchungszeitraum fortbestehende Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und belletristischen (beziehungsweise nichtwissenschaftlichen) Schriften. Einleuchtend sind in diesem Zusammenhang die von Jahr zu Jahr schwankenden Unterteilungen des wissenschaftlichen Teils und die damit einhergehenden Begründungen. In den frühen Bibliographien war die Medizin noch ein unhinterfragter Bezugspunkt: So unterschied Praetorius bis 1902 zwischen Schriften der Mediziner und Schriften der Nicht-Mediziner (Juristen, Ethiker, Philosophen, etc.).10 Nachdem sich jedoch die ursprünglich nicht näher definierte Kategorie des Nichtmedizinischen ausdifferenziert hatte, fand 1904 zum ersten Mal eine thematische Gliederung Anwendung. Unterschieden wurde nun zwischen Homosexualität und Angeborensein (mit den meisten besprochenen Titeln), Die neueste Richtung, Homosexualität und Erwerbung, Die Anhänger der Strafe und Der Geschlechtstrieb an und für sich. (Ohne Berücksichtigung der Homosexualität.)11 Beim Mapping des Forschungsstands orientierte sich Praetorius somit an zwei Kriterien: An der theoretischen Ausrichtung (Position zur Entstehungsart der Homosexualität) und an der praxisbezogenen Haltung zur Strafbarkeit. Emanzipationspolitisch wurde überprüft, ob die Autoren mehr zu den neueren oder mehr zu den älteren Anschauungen über Homosexualität neig[t]en.12 Das deutliche quantitative Überwiegen der Schriften, die der Angeborenheitstheorie anhingen, deute auf die (Praetorius zufolge) wissenschaftlich nun tonangebende Richtung hin, während abweichende Positionen innerhalb der Bewegung (die neueste, das heißt maskulinistische13 Richtung) und außerhalb (die Anhänger der Strafe) ausgesondert wurden. Bemerkenswert ist auch das erstmalige Vorkommen einer allgemeinen Kategorie (Der Geschlechtstrieb an und für sich), das die ansetzende Verselbständigung der Sexualwissenschaft als Disziplin markierte. Diese Einteilung wurde mit einer ähnlichen quantitativen Gewichtung der unterschiedlichen Ansätze 1905 beibehalten; allein der Abschnitt Die Anhänger der Strafe fiel weg, da sich keine Befürworter der Aufrechterhaltung der Strafe in den besprochenen Schriften mehr vorfanden 14. 1906 bestätigte sich die grundlegende Trennlinie zwischen Homosexualität und Angeborensein (3/4 des Gesamtumfangs) und Homosexualität und Erwerbung.15 Daraus wird ersichtlich, dass die Einteilung einen kontinuierlichen Aufwärtstrend der Angeborenheitstheorie sowie einen unaufhaltsamen Fortschritt der Bewegung begünstigte. Die infolge des Eulenburg-Skandals16 1907 bis 1909 eingetretene Krise des WhK spiegelte sich freilich auch in der Gliederung des wissenschaftlichen Teils der Bibliographie wieder: Unterschieden wurde nicht mehr zwischen wissenschaftlichen Richtungen, sondern zwischen vor und nach dem Beginn der Skandalprozesse, deren einschneidende Bedeutung damit deutlich zum Ausdruck kam.17 Ab 1909 wurde die Bibliographie vor allem aufgrund des neuen Erscheinungsformats des Jahrbuchs (in Vierteljahreshefte bescheideneren Umfangs) nicht mehr thematisch, sondern nur noch alphabetisch gegliedert.
Eine wissenschaftliche Streitkultur einfordern
In der Bibliographie der Homosexualität wurde an der Etablierung einer wissenschaftlichen und sachlichen Streitkultur um das Thema Homosexualität gearbeitet. Die besprochenen Schriften wurden zuallererst auf ihren wissenschaftlichen Gehalt hin geprüft; von allen, besonders aber von den Gegnern verlangte Praetorius zumindest das Einhalten wissenschaftlicher Umgangsformen und Maßstäbe. Wenn ein Autor diesen Standards und einem Minimum an korrektem Ton nicht genügte, erübrigte sich für ihn eine eingehende Besprechung. Dass eine solche Forderung gerade in den ersten Jahren des Komitees alles andere als selbstverständlich war, zeigt der Umstand, dass umgekehrt auch gegnerische Schriften positiv hervorgehoben wurden, wenn sie zumindest einen höflichen Ton an den Tag legten: Das Schriftchen zeichnet sich trotz seiner von der des Komitees abweichenden Ansichten doch vorteilhaft von anderen Gegenschriften durch den ruhigen, würdigen Ton und die ernste Diskussionsweise aus. […] Mit anständigen Gegnern kämpft man gern.18
Die Definition eines angemessenen Umgangs mit der Homosexualitätsfrage durch die Sicherung von wissenschaftlichen Qualitätsstandards diente dem Zweck, die Bibliographien als Ort des kritischen, aber konstruktiven und sachlichen Dialogs zu gestalten und dadurch dem Jahrbuch und dem WhK zur wissenschaftlichen Legitimität zu verhelfen. Dies war u.a. daran sichtbar, dass Besprechungen zu den Jahrbuch-Rezensionen bis 1906 ein fester Bestandteil der Bibliographien waren. Praetorius hob dabei vor allem die Stellen hervor, an denen die Objektivität, der wissenschaftliche Wert und daher der überzeugende Charakter des Jahrbuchs unterstrichen wurden. Entsprechend dem Wissenschaftsverständnis Wilhelms und des WhK überhaupt (Die Aufsätze sollen der Propaganda und Belehrung dienen, aber in erster Linie sollen sie wissenschaftlichen Charakter aufweisen und durch diesen Charakter der Wissenschaftlichkeit und Wahrhaftigkeit wirken19) kam eine zunehmende wissenschaftliche Anerkennung des Jahrbuchs einem Fortschritt der Bewegung gleich. Freilich scheint es, dass die explizite Verknüpfung von Wissenschaft und Bewegungsarbeit gegen das Gebot der Objektivität und Unparteilichkeit verstieß und eine zwiespältige, oft aber schließlich ablehnende Haltung der Fachwelt begründete.
Nichtsdestoweniger wurde in den frühen Jahrgängen des Jahrbuchs der anscheinend unaufhaltsame Fortschritt der Aufklärung suggeriert und die Lernfähigkeit beziehungsweise die zunehmende Einsicht der Fachwelt begrüßt. So erschien 1901 einer der letzten Arbeiten des einflussreichen Psychiaters Richard von Krafft-Ebing (1840–1902), in dem er die konträre Sexualempfindung erstmals weder für ein Degenerationszeichen noch für eine Krankheit hielt, an prominenter Stelle.20 Nachahmenswerte, beinahe als Bekehrungsgeschichten stilisierte Beispiele von Gesinnungswandel bei ehemaligen Gegnern wurden in den Bibliographien ebenfalls herausgestellt. Nachdem etwa der Psychiater Paul Näcke (1851–1913) unter Hirschfelds Führung im Oktober 1903 den Berliner Homosexuellen einen Besuch abgestattet, zahlreiches lebendiges Material persönlich kennengelernt und sich damit auf das Studium der Wirklichkeit eingelassen hatte, ereignete sich eine heilsame Umwandlung in ihm.21 Zu den wissenschaftlichen Qualitäten gehörte demnach auch die Bereitschaft, sich eines Besseren zu besinnen, frühere irrtümliche Ansichten aufzugeben und durch selbständiges, kritisches Denken zu einem neuen, nämlich so ziemlich auf den von Dr. Hirschfeld und mir eingenommenen Standpunkt22 zu gelangen.
Ein wesentliches Ziel der Bibliographien Praetorius’ bestand darin, den sexualtheoretischen und -reformerischen Standpunkt des WhK zu vertreten, zu verteidigen und zu legitimieren. Sie entwickelten sich somit zu einem Ort, an dem die Diskursproduktion über Homosexualität einer systematischen kritischen Kontrolle unterzogen wurde. Einerseits wurde überprüft, ob eine Übereinstimmung mit den Ansätzen und Schlussfolgerungen der Zwischenstufenlehre (konstitutionelle Grundlage der Homosexualität durch die bisexuelle Embryonalanlage, unzählige Geschlechtsübergänge, Straffreiheit für den einvernehmlichen Sexualverkehr unter Erwachsenen), oder zumindest die Anerkennung einer angeborenen gleichgeschlechtlichen Sexualempfindung vorhanden war, andererseits wurden gegnerische Ansichten unermüdlich widerlegt. Von übergeordneter Bedeutung war für Praetorius aber letzten Endes die Frage, ob trotz aller theoretischen Unterschiede für die Aufhebung, Beibehaltung oder Reform des § 175 eingetreten wurde. Von wissenschaftstheoretischen oder politischen Abweichungen konnte abgesehen werden, solange in strafrechtlicher Beziehung Übereinstimmung bestand. In der Rezension zu Otto Weiningers Geschlecht und Charakter (1903) rügte Praetorius zum Beispiel zwar die Frauenfeindlichkeit und den Antisemitismus des Autors, im Mittelpunkt standen jedoch Gesichtspunkte, die für das Komitee von unmittelbarer Relevanz waren, wie die Anerkennung der Natürlichkeit der Zwischenstufen und des angeborenen Sexualtriebes sowie die Kritik am § 175: Hoch erfreulich sei bei allen sonstigen Vorbehalten, dass Weininger sich in den Bahnen der neuesten Spezialwissenschaft über Homosexualität bewegt.23
Empirische Erkenntnisgewinnung
Seit seiner Gründung war das WhK bestrebt, zum einen die Erforschung der sexuellen Zwischenstufen als eigenständiges Forschungsgebiet zu etablieren, zum anderen sich selbst durch seine Fachzeitschrift als Autorität zu profilieren. Insbesondere in den Bibliographien wurde der Kampf um die Deutungshoheit über Homosexualität ausgetragen, die Grenze zwischen Expertise und Laienhaftigkeit gezogen, Kriterien für wirkliche Sachkenntnis und legitime Herangehensweisen ausgehandelt. Praetorius nahm für sich in Anspruch, mitzubestimmen, wer in dieser Expertenfrage als kompetent gelten durfte:
Für die Entscheidung der Frage, wo Irrtum und Wahrheit auf homosexuellem Gebiet liegt, sind nicht nur die Laien inkompetent, sondern auch viele Juristen und Aerzte. Nur diejenigen sind als Sachverständige zu betrachten, welche ausser dem wissenschaftlichen Studium der Homosexualität praktische Erfahrung in dieser Materie besitzen, d. h. Homosexuelle kennen gelernt und beobachtet haben.24
Praetorius wies somit die Diskussion um Homosexualität zwar als ein Expertengebiet aus, nicht jedoch zwangsläufig als ärztliches Gebiet. Die Unterscheidung ist insofern von Relevanz, als dass sie ihm ermöglichte, auch als Nichtarzt seinen Standpunkt, den er freilich als medizinisch gestützt darstellte, geltend zu machen. Umgekehrt war in seinen Augen eine berufliche Tätigkeit als Arzt beziehungsweise Psychiater keineswegs ausreichend, um als kompetent zu gelten. Als ab 1900 eine Entspezialisierung des sexuellen Wissens stattfand, also sexualwissenschaftliche Kategorien sich rasch verbreiteten und teilweise zu Alltagskategorien wurden,25 war Praetorius zugleich bemüht, den fachwissenschaftlichen Status dieses Wissens zu sichern und für den Befreiungskampf wirksam einzusetzen.
Zwingende Voraussetzung für die Sachkenntnis war in seinen Augen eine möglichst umfangreiche Empirie: Zur Kenntnis der Homosexualität gehört persönliche Untersuchung der Homosexuellen, und zwar vieler Homosexueller.26 Waren bei einem Autor keine empirischen Kenntnisse nachgewiesen, so wurde ihm das Mitspracherecht verweigert. Dementsprechend schreckte der Jurist Praetorius nicht davor zurück, Ärzte zu berichtigen oder als dilettantisch darzustellen. Der Vorwurf der mangelnden Sachkenntnis und ungenügenden praktischen Erfahrung entwickelte sich zum meisteingesetzten Disqualifizierungsmittel in den Bibliographien. Oft hätte das WhK mit realitätsfremden Gegnern zu tun, die in sturer Unkenntnis der neuesten Forschungsergebnisse ein borniertes, rückständiges Verhalten an den Tag legten. Der Umstand, dass alle Jahrbuch-Mitarbeiter für die Aufhebung des § 175 waren, sprach also nicht gegen ihre Wissenschaftlichkeit und Objektivität, da [s]ämtliche deutschen Spezialforscher auf dem Gebiet ebenfalls auf Grund ihrer wissenschaftlichen Forschungen27 dasselbe verlangten. So ließ sich für Praetorius der vermeintliche Zirkelschluss erklären: Nur diejenigen, die der Anlagetheorie anhingen und sich für die Aufhebung der Strafbestimmungen aussprachen, konnten als Sachverständige gelten; wer umgekehrt ein wirklicher Sachverständiger war, konnte aufgrund seiner praktischen Erfahrungen nur zu den gleichen Schlussfolgerungen kommen.
Praetorius stellte sich nicht nur sexualtheoretisch auf den Standpunkt Hirschfelds, sondern schlug auch den gleichen resolut empirischen Weg ein. Auch er reklamierte für sich eine empirisch gestützte Sachkenntnis. Da er als Nichtarzt nicht in erster Linie medizinisch argumentierte, stand bei ihm die Darstellung der sozialen Facetten der Homosexualität deutlicher im Vordergrund: Bei den von ihm mitgeteilten Beispielen, die die Stichhaltigkeit des Standpunkts des WhK belegen sollten, handelte es sich nicht um Patienten, sondern um individuelle Menschen inmitten einer spezifischen gesellschaftlichen Situation28. Das Heranziehen einer reichhaltigen persönlichen Erfahrung war allerdings nicht ohne Gefahr, verstieß Praetorius doch damit gegen das Gebot wissenschaftlicher Objektivität.
Die Mehrdeutigkeit der persönlichen Erfahrung
In den Bibliographien war die Berufung auf eigene Erfahrungen allgegenwärtig. Mit solchen Belegen ließen sich insbesondere unbegründete Befürchtungen beschwichtigen und irrtümliche Ansichten widerlegen, sei es bezüglich der Hoffnung auf Heilung durch Hypnose (Die mir bekannten Homosexuellen, die sich der Hypnose unterzogen, sind unverändert homosexuell geblieben), der Verbreitung von Homosexualität (Nach meinen Erfahrungen kommt schlimmsten Falles einer auf 200-300 Männer), der Verführung durch die Lektüre einschlägiger Schriften (Unter den Homosexuellen der Mittel- und Volksklassen habe ich so gut wie nie solche gefunden, welche irgend etwas über Homosexualität gelesen hatten) oder der Erwerbung durch Übersättigung (ich [habe] überhaupt heterosexuelle Roués [das heißt Lebemänner, K.D.], die auf den gleichgeschlechtlichen Verkehr als ein letztes Reizmittel verfielen, noch nicht kennen gelernt).30 Unter Berufung auf die eigene Erfahrung konnten umgekehrt sexualtheoretische Hypothesen empirisch bestätigt werden (Auch mir ist ein ganz ähnlich fühlender psychischer Hermaphrodit bekannt).31 Außerdem kam die persönliche Erfahrung zum Einsatz, um die in allen von Praetorius besuchten Ländern vorhandene, von der jeweiligen Gesetzeslage unabhängige Verbreitung der Homosexualität unter Beweis zu stellen.
Da die Expertise auf homosexuellem Gebiet am Umfang der persönlichen Erfahrungen gemessen wurde, drängt sich die Frage auf, was genau unter persönlich zu verstehen war. Wenn von konkreten sexuellen Handlungen die Rede war, stützte sich Praetorius tendenziell auf Mitteilungen von (realen oder frei erfundenen) Gewährsmännern. Mitunter kann nachgewiesen werden, dass eigene Erlebnisse als Mitteilung eines zuverlässigen Gewährsmannes getarnt wurden, wie etwa im interessante[n] Fall eines akademisch gebildeten, den höheren Gesellschaftskreisen angehörigen, auch schriftstellerisch bekannten, durchaus vertrauenswürdigen Mann[es].32 Hier rekurrierte Praetorius auf das, was Patrick Cardon das Alibi der Begleitung nennt: die Heranziehung einer fiktiven Gewährsperson, die den Autor bei seinen Erkundungen angeblich begleitete und einerseits für dessen Seriosität und Wissenschaftlichkeit, andererseits für dessen sexuelle Unbeteiligtheit bürgte.33 Ob mit persönlicher Erfahrung eigenes Betroffensein gemeint war, ließ Praetorius oft in der Schwebe und entzog sich damit einer klaren Einordnung.
Waren hingegen die Ausführungen nicht direkt sexuellen, sondern allgemeinen Charakters, etwa über städtische Subkulturen im In- und Ausland, männliche Prostitution oder Erpressung, so konnte sich Praetorius – auch dank der Verwendung eines Pseudonyms – durchaus als Erkenntnissubjekt präsentieren. Da Dr. jur. Numa Praetorius eindeutig kein Arzt war, lasen sich die geschilderten Erfahrungen keineswegs als ärztliche Patientenbeobachtungen. Ein wichtiger Unterschied zu den autobiographischen Patientengeschichten aus der Psychopathia sexualis Krafft-Ebings im späten 19. Jahrhundert bestand folglich darin, dass die in den Bibliographien mitgeteilten Erfahrungen nicht als ein klinisch auszuwertendes Material ins Feld geführt wurden, sondern ausdrücklich als Korrektiv und Ergänzung zu dem begrenzten Blickfeld des Fachmanns. Gerade deshalb, weil sie dem authentischen34 homosexuellen Alltagsleben entnommen waren, beanspruchten sie keinen bloß individuellen, dokumentarischen Wert, sondern wissenschaftliche Beweiskraft. Es genügte daher Praetorius zufolge die Anführung eines Beispiels aus dem eigenen Alltag, um dadurch den gegnerischen Standpunkt als widerlegt, weil realitätsfremd, zu erachten. Gegen die Vorstellung einer ärztlichen Deutungshoheit in letzter Instanz redete Praetorius der Berechtigung bewanderter Homosexueller, auf Augenhöhe mit Spezialisten über Homosexualität zu sprechen, offen das Wort: Zwar würden manche beschönigen und übertreiben, überhaupt zu subjektiv färben, jedoch sei es auch möglich, vom ernsten, gebildeten, zuverlässigen Homosexuellen am besten die sichersten und massgebendsten Aufschlüsse zu erhalten.35
Wie strittig der vermeintlich ausschlaggebende Stellenwert der persönlichen Erfahrung war, lässt sich am Beispiel der Kritik nachzeichnen, die Praetorius gegen die Psychoanalyse richtete. Seine 1906 erschienene Rezension zu den Drei Abhandlungen Sigmund Freuds zählt zu den ersten gründlichen Auseinandersetzungen mit der frühen psychoanalytischen Bewegung.36 Doch trotz der wohlwollenden Anerkennung des Neuartigen an der Methode hatte Praetorius (genauso wie Hirschfeld) durch das Festhalten an der Zwischenstufenlehre letztendlich kein Verständnis für psychoanalytische Grundkonzepte und Erklärungsansätze. Keinesfalls hinnehmbar war für ihn die Infragestellung der autobiographischen Anamnese als Instrument der Wahrheitsfindung zugunsten der psychoanalytischen Methode, die er als Enteignung und Entmachtung verstand, weil sie den Verlust der Deutungshoheit markierte und die Homosexuellen wieder zu Patienten machte:
Ich muß gestehen, daß es mir unverständlich ist, wie das Ausfragen und Herausanalysieren seitens eines Dritten bei solchen Menschen mehr Wahrheit herausbefördern soll als das eigene Selbsterforschen und Selbstnachdenken über die seelischen Regungen und Empfindungen seitens eines klar denkenden, in der eigenen Selbstzergliederung gewandten Mannes.37
Als entscheidend hatten daher nach wie vor die Aussagen der in der Analyse ihres Ichs geschulte[n] Homosexuelle[n]38 zu gelten, deren Wissen über sich selbst fundierter war als dasjenige noch so ausgewiesener Außenstehender. Für Praetorius sollte die Wissensproduktion über Homosexualität im Rahmen eines medizinisch gestützten Fachdiskurses erfolgen, in dem jedoch die Betroffenen selbst aufgrund ihrer reflektierten Erfahrungen weiterhin einen Expertenstatus für sich beanspruchen durften.
In den Bibliographien wurde die Vielfalt der legitimen Herangehensweisen immer wieder betont. Im Einklang mit dem Selbstverständnis des Jahrbuchs definierte Praetorius die Homosexualitätsforschung von Vornherein als interdisziplinär.39 Galt also die Medizin als der aussichtsreichste Weg, um den Wegfall der Strafbestimmungen herbeizuführen, so waren andere Zugänge zur homosexuellen Frage genauso berechtigt, solange sie wissenschaftlich informiert und dem Emanzipationskampf nicht hinderlich waren. Zu den Aufgaben der Bibliographien gehörte demnach die Verteidigung nichtmedizinischer Zugänge, in erster Linie der homosexuellen Belletristik,40 der Volksaufklärung, die sowohl ein erklärtermaßen wichtiges Ziel des WhK als auch einer der Programmschwerpunkte des dem Komitee nahestehenden Max Spohr Verlags war,41 und der kulturgeschichtlichen beziehungsweise biographischen Herangehensweise, mit der sich eine emanzipationspolitisch einsetzbare Ahnengalerie – große Männer der Geschichte, die als Homosexuelle dargestellt wurden – zusammenstellen ließ.42
Ein Machtmittel innerhalb der Homosexuellenbewegung
Numa Praetorius vertrat eine aufklärerisch-liberale Haltung und legte in seiner Argumentation eine betonte Sachlichkeit und Nüchternheit an den Tag, die der erstrebten Einhaltung von gemäßigten und selbstbeherrschten Verhaltensregeln in seiner privaten Lebensführung entsprachen. Deshalb nimmt es nicht wunder, dass auch in seinen Bibliographien ausgehandelt wurde, wie der Emanzipationskampf auf angebrachte und zielgerichtete Weise zu führen sei. Das WhK hielt in der Kaiserzeit stets an den Grundsätzen fest, sich bescheiden um Akzeptanz zu bemühen, auf Wissenschaft zu vertrauen und Homosexuelle als ordentliche und nützliche Bürger darzustellen: Diese Strategie des umsichtige[n] Taktieren[s]43 verkörperte Wilhelm/Praetorius geradezu musterhaft.
Durch seine Bibliographien profilierte er sich als ein nüchterner und besonnener Kämpfer, der sich vor jeglicher Übertreibung hütete. Unsicher ist deshalb, ob sich Wilhelm überhaupt als Aktivist wahrnahm. Als sich der Arzt und Sexualforscher Albert Moll (1862–1939), zunächst dem WhK wohlgesonnen, ab 1905 immer mehr zum Gegner entwickelte und dem Komitee wiederholt eine fragwürdige Verknüpfung von Forschung und Agitation vorwarf, erwiderte Praetorius, dass sich das Komitee lediglich um die Verbreitung von wissenschaftlichen Ergebnissen in weitere Volkskreise bemühe, da die Wissenschaft schließlich keine scholastische[…] Luxusgelehrsamkeit sei.44 Dass das WhK dennoch keine Verherrlichung der Homosexualität bezweckte, wurde in der Bibliographie oft beteuert: Angestrebt seien nur Duldung für die Homosexuellen und Aufhebung des Strafgesetzes, fehl am Platz hingegen grundlose Glorifizierung, Überschätzung und höhere[] Schätzung ihres Liebesgefühls sowie übertriebene[] Forderungen und exaltierte[] Anschauungen.45
Zweifellos sind diese Beteuerungen auch als taktisches Zugeständnis zu verstehen. Durch seine Distanzierung von überspannte[n] und maßlose[n] beziehungsweise übertriebene[n] Forderungen gewisser Homosexueller46 bezog er Stellung zu den zunehmenden Flügelkämpfen innerhalb der organisierten Homosexuellenbewegung und ließ damit die bescheideneren Ziele des WhK in einem günstigen Licht erscheinen. Dies geht deutlich aus seiner Bekämpfung maskulinistischer Positionen hervor, die er nicht nur als sexualtheoretisch falsch (das heißt mit der Zwischenstufenlehre inkompatibel), sondern genauso sehr als strategisch kontraproduktiv zurückwies. Insbesondere nach der Gründung der eher maskulinistisch angehauchten Gemeinschaft der Eigenen47 1903 machte sich in den Besprechungen zu den Schriften der von Praetorius so genannten neuesten Richtung ein viel schärferer Ton bemerkbar: Diese gefährdete nämlich durch ihr Gebaren das bisher mühsam Erreichte, obwohl oder gerade weil sie sich als Teil der Emanzipationsbewegung verstand. Nicht hinnehmbar war für Praetorius die strategisch gefährliche Vermengung von Freundschaft und Sexualität, insbesondere der Begriff der physiologischen Freundschaft (Benedict Friedlaender), durch den die Vorstellung eines angeborenen unabänderlichen Geschlechtstriebes in Frage gestellt wurde. Das Festhalten an einem fundamentalen Unterschied zwischen Freundschaft und homosexueller Liebe war Praetorius (wieder in Einklang mit Hirschfeld) insofern äußerst wichtig, als sonst der These der Verführung zur Homosexualität wieder Vorschub geleistet würde.48
Über strategische und theoretische Divergenzen hinaus unterschieden sich die Maskulinisten von Praetorius letzten Endes im Hinblick auf den Umfang der anzustrebenden gesellschaftlichen Reformen, die mit der Homosexualitätsfrage zusammenhingen. Während die ersteren eine grundlegende Umgestaltung im Sinne der Wiederbelebung einer männlichen Kultur befürworteten, maß Praetorius dem Problem eine viel begrenztere Bedeutung bei. Ihm zufolge zog die Lösung dieser Frage keine grundsätzliche Infragestellung gesellschaftlicher Ordnungen oder kultureller Normen nach sich: Aufgrund der kleinen Zahl der Homosexuellen entfaltete sie eine nur sehr beschränkte Wirkung. Nicht auf einen tiefgreifenden Umbruch, sondern auf die Integration einer kleinen Minderheit in die bestehende Mehrheitsgesellschaft sei hinzuarbeiten.49 Dementsprechend sollten bescheidene und realistische Kampfziele gesetzt werden. Praetorius betonte, dass das WhK nicht weniger, aber auch nicht mehr als die Gleichwertung der Homo- mit der Heterosexualität anstrebte – die Aufhebung des § 175 sei nur ein Schritt in diese Richtung. Unter Gleichwertung seien nicht etwa Ehen zwischen Homosexuellen oder überhaupt […] öffentlich anerkannte Liebesverhältnisse, offene Werbung Homosexueller um erkorene Lieblinge oder Umwälzung der Kultur auf Grund einer Anerkennung der homosexuellen Liebe zu verstehen, sondern vielmehr die aufklärende Verbreitung der richtigen Erkenntnis des Wesens der Homosexualität und die Bekämpfung der gesellschaftlichen Diskriminierung.50
Gekämpft wurde, so Praetorius, für die Durchschnittshomosexuellen, das heißt Männer aus allen Stellungen, sehr bedeutende, weniger bedeutende und eine große Durchschnittsmasse.51 Der Entwurf eines durchschnittlichen, normalen52 Homosexuellen bildete demnach eine der Hauptleistungen der Bibliographien. Normativ war dieser Entwurf insofern, als bestimmte Verhaltens- und Kampfweisen als die passendsten empfohlen wurden. Da die mitunter gestreifte weibliche Homosexualität insgesamt doch nur ein Randthema im wissenschaftlichen Teil der Bibliographien bildete, sei an dieser Stelle betont, dass die identitätsstiftende Arbeit in erster Linie auf homosexuelle Männer gerichtet wurde und somit einen Versuch darstellte, die Möglichkeit einer homosexuellen Männlichkeit auszuloten. In den Blick werden vier zentrale Aushandlungspunkte genommen, über die der normale männliche Homosexuelle in den Bibliographien entworfen und legitimiert wurde: Seine Einordnung in eine Männlichkeits- und Weiblichkeitsskala, sein Stellenwert gegenüber den Heterosexuellen, seine Einhaltung bürgerlicher Ideale und die Rolle sexueller Handlungen.
Ein unbestreitbarer weiblicher Einschlag
Die Hirschfeldsche Zwischenstufenlehre war zugleich Ausgangspunkt der Argumentation des Komitees und dauernder Streitpunkt innerhalb der organisierten Bewegung, deren Umgang mit Männlichkeitsentwürfen stets eine wichtige strategische Bedeutung hatte. Auch innerhalb des WhK war diese Strategie nicht unumstritten.53 Wilhelm hingegen übernahm Hirschfelds Zwischenstufenlehre vorbehaltlos und verteidigte sie als Numa Praetorius gegen alle Infragestellungen. Dies bedeutet, dass er einerseits an der Vorstellung polarer Geschlechtercharaktere festhielt und geschlechtsspezifische Zuschreibungen vornahm, andererseits aber unter Berufung auf die unzähligen dazwischen liegenden Stufen diese binäre Opposition potentiell überwinden konnte.54
Durch die konsequente Anwendung der Zwischenstufenlehre, vor allem durch die durchgängige Thematisierung der Mischgeschlechtlichkeit des homosexuellen Mannes, konnte etwa gegen maskulinistische Ansprüche, eine Sonder- beziehungsweise Höherstellung für virile Homosexuelle geltend zu machen, wirksam vorgegangen werden. Praetorius wies den auf den Mann gerichteten Sexualtrieb eines Mannes als weibliche Eigenschaft per se aus und duldete dabei keine Ausnahme: Mochte ein Päderast – damit war ein männlich geartete[r] Homosexuelle[r] gemeint – ein noch so männliches Gebaren an den Tag legen, so hatte er trotzdem nicht den Charakter vollster Männlichkeit bewahrt.55 Die bewegungspolitische Schlussfolgerung lag auf der Hand: Da jeder Homosexuelle, selbst der scheinbar virilste, sich doch durch eine Anzahl charakteristischer Merkmale vom Heterosexuellen unterscheidet oder wie ich richtiger sagen möchte, vom Durchschnittsheterosexuellen, bestand kein grundsätzlicher Gegensatz zwischen virilen und femininen Homosexuellen.56 Solche Binnenhierarchien wurden für bewegungspolitisch irrelevant erklärt. Damit widersetzte sich Praetorius der in den Homosexuellenbewegungen der Kaiserzeit und Weimarer Republik vielfach belegten Tendenz, Effeminierte für die gesellschaftliche Diskriminierung verantwortlich zu machen.57 Daraus ergab sich außerdem, dass entgegen jeglicher idealisierenden oder beschönigenden Darstellung nicht davor gescheut werden sollte, das Vorkommen von weibischem Wesen bei Homosexuellen in Sprache, Bewegungen, Neigungen usw. anzusprechen.58
Mit der Vorrangstellung der Kategorie Homosexualität verloren andere Kriterien an Bedeutung: Praetorius betonte die Zugehörigkeit der Effeminierten zum Kollektiv der Homosexuellen ausdrücklich, gleichwohl er sie tendenziell weiter stigmatisierte. Hirschfeld zufolge waren Homosexuelle allein durch ihren weiblichen Einschlag nicht minderwertig und den Heterosexuellen zwar nicht gleichartig, aber doch gleichwertig.59 In Einklang mit ihm beteuerte Praetorius ebenfalls, dass dies gar keine Minderwertigkeit beziehungsweise keine Herabsetzung bedeutete.60 Gleichzeitig machte er jedoch deutlich, dass ein Übermaß an weiblichen Eigenschaften nicht gerade wünschenswert sei: Gepriesen wurde weder Weiblichkeit noch Verweiblichung an sich, sondern vielmehr das produktive Gemisch männlicher und weiblicher Charaktere beziehungsweise die Mischung der Vorzüge beider Geschlechter in ausgeprägtem, eigenartigem Maße61 – unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass die wichtigeren Eigenschaften (in erster Linie die Intelligenz) doch männlich blieben. Dies verrät das Festhalten Praetorius’ an einem geschlechterhierarchischen Denken, das tendenziell doch zur Abwertung der Weiblichkeit Homosexueller führte.62
Gleichwertigkeit mit der Heterosexualität
Ein zentrales Argument in den Bibliographien war die Betonung der Parallelität gleich- und gegengeschlechtlicher Sexualtriebe, die zwar bei anderen WhK-Mitstreitern ebenfalls zu finden war, bei Praetorius dennoch eine besonders prominente Stellung einnahm. Das wiederkehrende Heranziehen der Heterosexualität als Vergleichsfolie erfüllte mehrere Zwecke. Es war Bestandteil seiner Strategie, jegliche Übertreibung im Sinne einer Höherstellung zu verhindern, zugleich aber eine strikte Gleichbehandlung einzufordern: [Z]wischen den zwei Extremen: Krankhaftigkeit und höhere Wertung, gibt es einen Mittelweg, nämlich Gleichwertung von Homo- und Heterosexualität.63 Betrachtete man den homosexuellen Trieb als Aequivalent des normalen Triebes, so war die Duldung des homosexuellen Auslebens in den auch den Heterosexuellen gezogenen Schranken64 nur folgerichtig.
Die Hervorhebung einer die Gleichbehandlung rechtfertigenden Parallelität diente zudem dem Zweck, durch wirklichkeitsgetreue Darstellung und nüchternen Ton den durchschnittlichen Homosexuellen zu normalisieren. Demnach war jegliche Verklärung überflüssig. Es genügte schon, Heterosexuelle auf die Ähnlichkeit der jeweiligen Verhältnisse aufmerksam zu machen. Das Heranziehen der Heterosexualität als Vergleichsfolie sollte vertraute Bilder beim männlich-heterosexuell vermuteten Leser hervorrufen, an dessen Einfühlungsvermögen appelliert wurde: Es braucht sich nur jeder Heterosexuelle zu fragen, ob Strafandrohungen ihn von der Bethätigung seines Geschlechtstriebes abhalten würden.65 Durch das Verständnis schaffende Sich-Hineinversetzen wurden die Probleme, mit denen der durchschnittliche Homosexuelle konfrontiert war, für eine männlich-heterosexuelle Vorstellungswelt begreiflich gemacht. Auf diese Weise widerlegte Praetorius gängige Einwände, führte etwa die Absurdität der Erwerbungstheorie vor Augen (auch der heterosexuelle Trieb macht sich ja regelmäßig erst nach der Pubertätszeit geltend, man kann deshalb doch auch nicht von ihm sagen, er sei erworben).66
Die Betonung der Parallelität und Gleichwertigkeit mit dem heterosexuellen Trieb eignete sich außerdem dafür, die Vorstellung eines angeborenen, natürlichen, gesunden und unveränderlichen Sexualtriebes zu plausibilisieren, die eines notwendigen Zusammenhangs von Homosexualität und Krankheit hingegen entschieden zurückzuweisen. Praetorius wies auf die Unzulänglichkeit eines rein ärztlichen beziehungsweise klinischen Blickes hin, dem sich die Homosexualität als soziale Erscheinung ohnehin weitgehend entzog: Die Sache ist ähnlich, als wenn man alle Heterosexuellen als Kranke bezeichnen wollte, weil fast alle Heterosexuellen, welche den Nervenarzt aufsuchen, nervenkrank sind.67 Eindeutiger als Hirschfeld hob er auf die Nutzlosigkeit und ethische Fragwürdigkeit von Heilungsversuchen ab. Als Anhänger der Anlagetheorie sah er kaum Aussicht auf Erfolg und konnte Heilungsversprechen, sei es durch Hypnose, Psychoanalyse oder Kastration, grundsätzlich nicht gutheißen.
Die Pflege männlich-bürgerlicher Tugenden
Einen weiteren Bestandteil der Strategie, den männlichen Homosexuellen als normal zu entwerfen, bildete die Herausstellung des kulturellen Wertes und sozialen Nutzens der Homosexualität. Praetorius hob auf die für den Staat nutzbringende Gleichberechtigung aller gewöhnlichen Bürger ab. Beinahe bilanzmäßig ergebe sich aus der Verfolgung ein Nachteil, aus der Akzeptanz ein Gewinn für Staat und Gesellschaft: [A]lles in allem genommen, [wird] das Defizit der körperlichen Fortpflanzung durch ein Plus von geistiger Zeugung bei der Homosexualität ersetzt.68 Dem durchschnittlichen Homosexuellen, so Praetorius, sollte es daran liegen, seinen Beitrag dazu zu leisten. Angestrebt sei keine Infragestellung der sozialen Ordnung, sondern deren Verfestigung durch Einbeziehung bisher ungerecht ausgestoßener Mitglieder: Es galt, dem Staate an Stelle eines durch Mutlosigkeit, Zaghaftigkeit, Niedergeschlagenheit entkräfteten und oft zum Selbstmord getriebenen Mitgliedes einen in Harmonie mit sich und der Welt lebenden, tüchtigen, arbeitsfrohen Staatsbürger [zu] geben.69
Dass der so entworfene durchschnittliche Homosexuelle deutlich bürgerliche Züge trug, war sicherlich eine Reaktion auf die zeitgenössisch gängige Konstruktion der Homosexuellen als Ausnahmemenschen im guten (Geistesgrößen) wie im schlechten Sinne (Verbrecher, Kranke): Bürgerliche Tugenden und Lebensweisen boten ein naheliegendes Identifikationsmodell zur Normalisierung des homosexuellen Mannes. Die Adressaten dieser normativen Konstruktion waren daher nicht nur Fachwelt und Gesetzgeber, sondern auch homosexuelle Männer selbst: War eine anständige und sozial nützliche Lebensführung imstande, Akzeptanz zu schaffen, so wurden sie aufgefordert, daran aktiv mitzuwirken und nicht nur an ihr Recht auf sinnliche Befriedigung zu denken, sondern auch an ihre Pflicht einer ethischen Ausgestaltung ihrer Liebesrichtung.70 Entworfen wurde ein Verhaltenskodex, der Empfehlungen sowohl für das Alltagsleben als auch für das emanzipationspolitische Auftreten enthielt und sich hauptsächlich mit der Frage der Sichtbarkeit auseinandersetzte.
Praetorius zufolge zwang die Notwendigkeit der Agitation die Homosexuellen, sichtbarer und lauter zu werden, als es ihnen genehm wäre: Paradoxerweise veranlasste sie ehrbare und sonst unauffällige Bürger, an die Öffentlichkeit zu gehen, um ihr Recht auf Ehrbarkeit und Unauffälligkeit einzuklagen. Doch die Agitation hatte Entwicklungen in Gang gebracht, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten. Schrieb Praetorius den Strafbestimmungen eine identitätsstiftende Wirkung zu, indem sie das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Solidarität bei den Konträren geweckt und sie zu engerem Zusammenschluss bewogen71 hätten, so erkannte er dem Emanzipationskampf an sich ebenfalls eine charakterbildende Funktion im Sinne einer Vermännlichung zu. Zum einen begriff er die wissenschaftliche und emanzipationspolitische Befassung mit Homosexualität als Teil einer männlichkeitsstärkenden Lebensführung, die auf Selbstkontrolle und Zügelung der Triebe abzielte: Das Bestehen der Strafandrohung hat ihnen eine Aufgabe gestellt und ideale Ziele geschaffen und dadurch auch eine Verinnerlichung des Triebes und Ablenken von der sinnlicheren Seite bewirkt.72 Zum anderen kam seine Definition eines würdigen öffentlichen Auftretens einer etwas martialischen Aufforderung zur Gefühlskontrolle gleich: Das bei Homosexuellen allzu oft vorkommende fortwährende Jammern und Klagen sowie das behäbige[] Breittreten ihrer Leiden und Schmerzen sollten männlicheren Verhaltensweisen weichen – von Handeln, Kämpfen und Streiten war die Rede:
Handeln soll der Uranier, nicht jammernd verzagend die Hände in den Schoß legen.
Kämpfen soll er dafür, daß die Verachtung und der Spott, die ihm die Heterosexuellen entgegenbringen, verstummen, streiten soll er dafür, und als sein Recht verlangen, daß ein die Betätigung seines angeborenen Triebes bestrafendes schimpfliches Gesetz beseitigt werde.73
So entwarf Praetorius die Mitwirkung an der Homosexuellenbewegung als eine männliche Ermächtigungsstrategie, die den bei jedem homosexuellen Mann vorhandenen weiblichen Einschlag nicht beseitigen, sondern ergänzen beziehungsweise ausgleichen sollte.
Der Stellenwert des Geschlechtsverkehrs
Die erste Homosexuellenbewegung neigte dazu, die rein geistige, ideale Dimension gleichgeschlechtlicher Beziehungen zu (über)betonen. Es handelte sich zweifellos um eine der Schutzbehauptungen, die damals üblich waren und zumindest anfangs auch von Hirschfeld verwendet wurden, dennoch um eine inkonsequente, ja widersprüchliche Schutzbehauptung, denn der § 175 stellte keine Veranlagung, sondern bestimmte sexuelle Handlungen unter Strafe.74 Von vornherein hegte Praetorius Bedenken gegen eine solche Strategie, hielt sie zum einen für wirklichkeitsfremd, zum anderen – vom Grundsatz der strikten Parallelität zum heterosexuellen Trieb ausgehend – für nutzlos. Der von ihm entworfene durchschnittliche Homosexuelle hatte demnach durchaus ein Geschlechtsleben, dem die gleichen Schranken gesetzt werden sollten wie dem heterosexuellen:
Man braucht die Homosexuellen, wenn man sie verteidigen will, nicht als Engel zu malen, sie verlieren nichts an Achtung, sie werden nicht zu Lüstlingen gestempelt, wenn man der Wirklichkeit entsprechend zugesteht, daß die meisten – ebenso wie die Heterosexuellen – des sinnlichen Verkehrs bedürfen und ihn ausüben.75
Daraus ergab sich die Abwegigkeit sowohl der Forderungen nach Enthaltsamkeit als auch der Charakterisierung des gleichgeschlechtlichen Triebs als rein platonischer Neigung. Freilich war für Praetorius das Einfordern eines Rechts auf straffreie sexuelle Betätigung kein Selbstzweck, sondern stets an Ideale der Mäßigung und Selbstbeherrschung sowie an das Streben nach sozialem Nutzen gebunden. Das maßvolle sexuelle Ausleben des Normalmensch[en] – ob homo- oder heterosexuell – sei eine der Grundlagen funktionierender Gesellschaften.76 Die Legitimierung eines gemäßigten Sexuallebens auch für Homosexuelle ging mit zwei ergänzenden, emanzipationspolitisch brisanten Bedingungen beziehungsweise Einschränkungen einher.
Einerseits lehnte Praetorius die Hierarchisierung gleichgeschlechtlicher Sexualhandlungen, also die Einteilung in legitime und illegitime Sexualhandlungen ab. Unzulässig war für ihn die moralisch und rechtlich unterschiedlich fallende Beurteilung der Homosexuellen je nach dem, welche sexuellen Handlungen sie vornahmen oder bevorzugten. Mochte der Oral- und Analverkehr von den meisten abgelehnt und in ästhetischer Hinsicht wenig anziehend sein, so ließ sich allerdings aus der relativen Seltenheit einer Handlung keine größere Verwerflichkeit herleiten: Ethisch halte ich diese verschiedensten Formen für ziemlich gleichwertig, ebenso hinsichtlich ihrer strafrechtlichen Beurteilung.77 Die Ähnlichkeit mit der Argumentation der Vorkämpfers Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895), der seinerzeit ebenfalls die Seltenheit dieser Praktiken betonte, gleichzeitig jedoch keine Scheu vor einer generellen Verteidigung78 zeigte, ist bemerkenswert. Praetorius zufolge waren alle Befriedigungsarten gleichwertig beziehungsweise gleich moralisch irrelevant.
Andererseits grenzte er die gesundennormalen Homosexuellen als Kollektiv von diskursiv benachbarten Gruppen ab, denen er verstärkt eine pathologische Sexualität zuschrieb: Der Integration nach innen (keine Diskriminierung aufgrund von bestimmten Sexualpraktiken) standen klare Grenzziehungen nach außen gegenüber. In der Frage, wer Teil der Gruppe war und verteidigt werden sollte, spielte die Distanzierung von der Pädophilie eine zentrale Rolle. Praetorius verwendete dabei den 1896 von Krafft-Ebing erstmals in diesem Sinne theoretisierten Begriff der Paedophilia erotica, unter dem der Psychiater eine Perversion, das heißt eine dauerhafte, krankhafte, auf das Kind ausgerichtete sexuelle Veranlagung verstand. Aufgrund der Ähnlichkeiten, die beide Kategorien in ihrer psychiatrischen Konstruktion aufwiesen, und um emanzipationspolitisch kontraproduktiven Verwirrungen und Missverständnissen in der Öffentlichkeit vorzubeugen, erschien Praetorius eine grundsätzliche terminologische Klärungsarbeit dringend nötig. Demnach wurde echte Homosexualität durch die betonte Abgrenzung von einer auf den ersten Blick verwandten, aber mit ihr nicht zu verwechselnden Erscheinung definiert: Die wesentliche Unterscheidung zwischen Liebe zu unreifen Knaben und Liebe zu Jünglingen sei zur Vermeidung falscher Vorstellungen des Volks über Homosexualität […] scharf aufrecht zu halten.79 Hierin stimmte Praetorius mit der überwiegenden Mehrheit im WhK überein, welche stets darauf bedacht war, beide Fragen grundsätzlich auseinanderzuhalten und an der Strafbarkeit sexueller Handlungen mit Kindern festzuhalten.80 Auch bezüglich der bereits in der Petition befürworteten Festlegung eines Schutzalters bis zum 16. Lebensjahr, das für beide Geschlechter gelten sollte, war Praetorius mit Hirschfeld einer Meinung.81 Der normale, durchschnittliche Homosexuelle war demnach nicht nur gemäßigt und auf Selbstbeherrschung bedacht, sondern richtete seinen Sexualtrieb ausschließlich auf Erwachsene.
Die ab 1900 von Numa Praetorius betreute Bibliographie der Homosexualität im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, der Zeitschrift des Wissenschaftlich-humanitären Komitees, verfolgte auf verschiedenen Ebenen ambitionierte Ziele. Sie bemühte sich um die Etablierung der Homosexualitätsforschung als eigenständiges, eine wissenschaftliche Streitkultur verdienendes Forschungsfeld, um die Verteidigung der Hirschfeldschen Zwischenstufenlehre und um die Profilierung des Komitees als sachkundige Instanz auf diesem Gebiet. Die Bibliographie stellte außerdem nicht nur eine Legitimierungsarbeit nach außen, sondern auch ein Machtmittel nach innen dar: Mit ihr verfügte Wilhelm/Praetorius über ein Sprachrohr, das der eigenen Positionierung diente und ihm eine Einflussnahme auf Ausrichtung und Prioritätensetzung der Bewegung ermöglichte. Durch seine Bibliographie entwarf er schließlich den in seinen Augen emanzipationswirksamen Typus eines normalen homosexuellen Mannes. Dabei befasste er sich durchaus explizit mit Themen wie Analverkehr, Effemination oder Knabenliebe, die anzusprechen sich die Homosexuellenbewegung aufgrund ihres vermeintlich abträglichen Charakters tendenziell scheute.82 Kennzeichnend für Praetorius war jedoch das Bestreben, dem normalen Homosexuellen einen bürgerlichen Anstrich zu geben. Konstruiert wurde eine Normalität im Sinne einer unspektakulären Durchschnittlichkeit. Der gewöhnliche Homosexuelle83 bewältigte seinen weiblichen Einschlag und führte ein arbeitsames, nach Möglichkeit anständiges und (auch in sexueller Hinsicht) gemäßigtes Leben, war kurzum ein respektabler, nützlicher Bürger, der unter Berufung auf eine strikte Parallelität zur Heterosexualität einen Anspruch auf Gleichberechtigung erhob. Hier führte er Argumente (maßvolle und selbstbeherrschte Lebensweise, Wunsch nach Respektabilität und Unauffälligkeit) ins Feld, die in manchen Autobiographien der Psychopathia sexualis bereits zum Ausdruck gekommen waren und von späteren homosexuellen Emanzipationsbewegungen wie den Freundschaftsverbänden der Weimarer Zeit und der Homophilenbewegungen der Nachkriegszeit wieder aufgegriffen werden sollten.84
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Dose 2005, S. 97f. (Zitat S. 97).↩
Zur Geschichte des Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen: Dobler (Hrsg.) 2004.↩
Hirschfeld 1986, S. 63.↩
Überblick über Leben und Werk Eugen Wilhelms in: Herzer 1993 und 2009.↩
Hierzu: Herrn 2009, S. 289f.↩
Eine systematische Untersuchung der Rezensionen zur Belletristik und der Erfindung einer schwulen Literaturkritik durch die Homosexuellenbewegung liegt bereits vor: Keilson-Lauritz 1997.↩
Cardon 2008, insb. S. 181-243.↩
Cardon 2008, S. 75f.↩
Praetorius 1900, S. 345-349 (Zitat S. 345).↩
Praetorius 1904, S. 457-594.↩
Praetorius 1904, S. 452, Note 2.↩
In Anlehnung an Claudia Bruns werden im Folgenden diejenigen Positionen und Forderungen innerhalb der Homosexuellenbewegung als maskulinistisch bezeichnet, welche durch die Betonung [der] Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht und dessen besondere Leistungen für den Staat eine kulturelle Höherwertigkeit mannliebender Männer postulier[t]en und sich der Zwischenstufenlehre widersetzten (Bruns 2008, S. 16 und 138, Zitat S. 138).↩
Praetorius 1905, S. 673.↩
Praetorius 1906, S. 706-834 (Homosexualität und Angeborensein 41 besprochene Titel) und S. 834-866 (Homosexualität und Erwerbung, 13 Titel).↩
Als Eulenburg-Skandal wird eine Reihe von skandalträchtigen Enthüllungen und Prozessen zwischen 1906/07 und 1909 bezeichnet, in die enge Berater und Freunde des Kaisers Wilhelm II., darunter Philipp Fürst zu Eulenburg, verwickelt waren. Es ging um ihre vermeintliche oder tatsächliche Homosexualität und ihren Einfluss auf Kaiser und Politik. Die Prozesse bedeuteten einen herben Rückschlag für die damalige Homosexuellenbewegung. Hierzu: Domeier 2010.↩
Praetorius 1908, S. 431-578.↩
Praetorius 1905, S. 851f.↩
Praetorius 1903, S. 1145.↩
Krafft-Ebing 1901.↩
Praetorius 1905, S. 752.↩
Praetorius 1903, S. 1007.↩
Praetorius 1904, S. 520-527 (Zitat S. 526).↩
Praetorius 1902a, S. 675.↩
Müller 1991, S. 267-325; Bruns 2008, S. 184-186.↩
Praetorius 1904, S. 554.↩
Praetorius 1901, S. 478.↩
Benkel 2014, S. 399.↩
Praetorius 1901, S. 382 und 433; 1903, S. 979 und 999.↩
Praetorius 1905, S. 701.↩
Praetorius 1906, S. 796-798 (Zitat S. 796); 1905, S. 757-759 (Zitat S. 757).↩
Cardon 1994, S. 100.↩
Das Kriterium der Authentizität diente in seinen Rezensionen zur Belletristik ebenfalls als Gegengewicht zur Fachperspektive des Arztes oder Juristen: Keilson-Lauritz 1997, S. 259-268, insb. S. 266f.↩
Praetorius 1902b, S. 869.↩
Praetorius 1906, S. 729-748. Zu den frühen, letztendlich gescheiterten Annäherungsversuchen der organisierten Homosexuellenbewegung mit der Psychoanalyse zwischen 1905 und 1911: Herzer 22001, S. 153-197 (zur Rolle Wilhelms insb. S. 158-161); Sigusch 2008, S. 268-273.↩
Praetorius 1909, S. 210.↩
Praetorius 1910, S. 438.↩
Sigusch 2008, S. 108.↩
Keilson-Lauritz 1997, S. 213-268.↩
Lehmstedt 2002, S. 118-125.↩
Micheler / Michelsen 2001; Micheler 2005, S. 130-133.↩
Keilson-Lauritz 2005, S. 84 und 93.↩
Praetorius 1906, S. 783. Zu diesem Kritikpunkt Albert Molls vor dem Hintergrund seiner wissenschaftlichen Rivalität mit Magnus Hirschfeld: Sigusch 2008, S. 197-233, insb. S. 209-214 und 218-227.↩
Praetorius 1901, S. 480; 1902a, S. 774.↩
Praetorius 1904, S. 542 und 541.↩
Zur Gemeinschaft der Eigenen: Keilson-Lauritz / Lang (Hrsg.) 2000.↩
Praetorius 1905, S. 793 und 1908, S. 492. Hierzu: Keilson-Lauritz 1997, S. 329-333.↩
Praetorius 1908, S. 480.↩
Praetorius 1904, S. 479f.↩
Praetorius 1905, S. 694; 1908, S. 484.↩
Normal und Normalisierung sind hier so zu verstehen, dass die Homosexuellenbewegung (in diesem Fall durch die Bibliographie Wilhelms/Praetorius’) daran arbeitete, die Normalitätsgrenzen in ihrem Sinne zu verschieben (Bruns 2008, S. 118).↩
Keilson-Lauritz 2005; Herrn 2005, S. 38-42; Bruns 2008, S. 138-162.↩
Herrn 2008, S. 181f.↩
Praetorius 1904, S. 526; 1906, S. 733.↩
Praetorius 1908, S. 476.↩
Micheler 2005, S. 181-186; Herrn 2008, S. 179; Lücke 2008, S. 106f.; Eder 2014, S. 27.↩
Das Zitat ist dem Gutachten Hirschfelds im ersten Moltke-Harden-Prozess entnommen (zitiert nach: Domeier 2010, S. 169).↩
Praetorius 1908, S. 439 und 500.↩
Praetorius 1903, S. 1092; 1905, S. 709.↩
Herrn 2005, S. 38.↩
Praetorius 1905, S. 851.↩
Praetorius 1901, S. 386; 1906, S. 838.↩
Praetorius 1902b, S. 868.↩
Praetorius 1905, S. 689.↩
Praetorius 1905, S. 769.↩
Praetorius 1908, S. 479.↩
Praetorius 1905, S. 849f. Bereits angesprochen in: Praetorius 1902a, S. 755.↩
Praetorius 1900, S. 387. Die Hervorhebung der ethischen Aufgaben der Homosexuellen war keineswegs nur bei Praetorius zu finden: vgl. den gleichnamigen Aufsatz Kurt Hillers im Jahrbuch (Hiller 1913). Die Notwendigkeit einer anständigen, arbeitsamen Lebensführung wurde in den Freundschaftszeitschriften der Weimarer Zeit ebenfalls betont (Micheler 2008, S. 211-215).↩
Praetorius 1902a, S. 773.↩
Praetorius 1908, S. 440. Ähnlich kämpferische Töne bei Kurt Hiller: Hiller 1913, S. 400-403.↩
Herzer 22001, S. 96. In diesem Punkt aber änderte Hirschfeld später seine Strategie (ebd. S. 139).↩
Praetorius 1904, S. 516.↩
Praetorius 1905, S. 790.↩
Praetorius 1901, S. 433 und 1902b, S. 856.↩
Kennedy 22001, S. 202f., Zitat S. 202; Herzer 22001, S. 103, Fußnote 19.↩
Praetorius 1908, S. 536.↩
Zur diesbezüglichen Diskussion in der ersten deutschen Homosexuellenbewegung: Herzer 1995; Keilson-Lauritz 1997, S. 142f.; Hekma 2014, S. 118-120 und 135f.↩
Praetorius 1906, S. 846; 1908, S. 447. Vgl. die Petition des WhK in: Hirschfeld 1914, S. 977.↩
Hierzu: Hekma 2014.↩
Dannecker / Reiche 1974.↩
Müller 1991, S. 242f.; Micheler 2005, S. 169-175; Delessert 2013, S. 67-73; Jackson 2009, S. 130-157; Pretzel / Weiß (Hrsg.) 2010.↩
Kevin Dubout ist Doktorand im Fach Geschichte an der Humboldt Universität zu Berlin und schreibt seine Dissertation zum Leben und Werk Eugen Wilhelms / Numa Praetorius’. Kontaktadresse: kevin.dubout@gmx.de

References: § 175
 § 175
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