Source: http://peter-diem.at/Buchtexte/rwr.htm
Timestamp: 2017-04-26 17:43:53+00:00

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Dr. Peter Diem - info forum (Deutsch)
Rot-Weiß-Rot durch die Jahrhunderte Die wahre Geschichte der österreichischen Farben (in Bearbeitung)
Die Legende von Akkon
Der rot-weiß-rote Bindenschild soll bei der Belagerung der Festung Akkon (gr. Ptolemais) während des durch die Rückeroberung Jerusalems durch Sultan Saladin am 3. Oktober 1187 ausgelösten 3. Kreuzzugs entstanden sein, an dem der an sich an militärischen Abenteuern desinteressierte Babenberger Leopold V. auf Drängen von Papst Clemens III. teilnehmen musste. Die Sage erzählt Folgendes. Nach der siegreichen Schlacht um die für die Kreuzfahrer strategisch wichtige Hafenfestung Akkon (Hebräisch עכו/ ‘Akkô,
Arabisch عكّا ‘Akkā) in der Bucht
am 12. Juli 1191 sei das weiße Waffenkleid des österreichischen Herzogs Leopold V., des Tugendhaften (1157-1194), über und über mit Blut bespritzt gewesen. Als man dem Herzog dann den Schwertgurt abnahm, sei ein weißer Streifen ("Binde") übriggeblieben. Nach der ersten Ausgabe des "Österreich-Lexikons" (Wien, 1966, S. 978) sei Leopolds blutroter Rock mit dem weiß gebliebenen Streifen über 400 Jahre lang in der Kirche "Maria auf der Had" (Maria Enzersdorf) aufbewahrt worden. 1529 sei er vor den herannahenden Türken nach Perchtoldsdorf in Sicherheit gebracht worden, bei der zweiten Türkenbelagerung 1683 sei dies aber nicht mehr gelungen und seither sei das Kleid verschwunden. Diese Entstehungsgeschichte, auf die auch der Babenberger-
Stammbaum (1489-1492) Bezug nimmt, wurde bis in die neueste Zeit immer wieder auch offiziell und in Schulbüchern verwendet. Sie geht auf Leopold Stainreuter, den Kaplan Albrechts III., zurück, der sie um 1394 in seiner Fabel-Chronik der 95 Herrschaften aufgebracht hat. Abgesehen von der an sich sehr martialischen Form der Legende, könnte es sich beim "Waffenrock" höchstens um ein Unterhemd gehandelt haben, denn die Kreuzritter zogen trotz der Julihitze im Heiligen Land nicht in feschen weißen Uniformen oder wallenden Gewändern, sondern in voller Rüstung in die Schlacht um eine Sarazenenfestung. b. Babenberger Stammbaum Durch die im folgenden erwähnten historischen Zeugnisse gewann
die Akkon-Legende eine derartige Glaubwürdigkeit, dass sie bedenkenlos in das kaiserliche Patent vom 6. August 1806 Eingang fand, in welchem Titel und Wappen des neu geschaffenen
Kaisertums Österreich dekretiert wurden. Über "das nunmehrige Hauswapen, ein silberner Querbalken im rothen Felde" heißt es dort:
"Das mittlere Feld verlieh 1191 Heinrich VI. nach einer denkwürdigen, unwiderlegten Ueberlieferung Herzog Leopold dem Tugendhaften von Oesterreich, babenbergischen Stammes, zur Verewigung des Heldenmuthes, den er bey der Belagerung von Ptolomais bewies, wo bey einem Ausfalle sein ganzes weißes Panzerhemd, bis auf die Stelle, die sein Schwertgehänge bedeckte, vom Blute der Ungläubigen gefärbt war."
=> Franz Gall, Wappenkunde, Böhlau, Wein 1977,
Die Überlieferung der Legende von Akkon wurde schon durch frühe Dokumente befördert. Um 1260 entstand eine Urkunde, der man entnehmen sollte, sie sei samt Bindenschild am 7. Mai 1178 in Lorch ausgestellt worden. Auf dieser Urkunde wird Leopold V. aber nicht nur als Herzog von Österreich, sondern auch als Herzog von Steiermark bezeichnet, was er jedoch erst 1192 aufgrund der Georgenberger Handfeste wurde. Zusammen mit einer anderen Urkunde, angeblich in Linz im Jahre 1192 ausgestellt, sollte diese Dokumentenfälschung Vorrechte des oberösterreichischen Klosters Gleink gegenüber Ottokar II. von Böhmen nachweisen. In Wirklichkeit siegelte Leopold V. mit dem schon seinem Vater Heinrich II., Jasomirgott, verliehenen Reichsadler, wenn es um österreichische Angelegenheiten ging, und mit dem steirischen Panther, wenn es um steiermärkische Belange ging. Die "Chronik von den 95 Herrschaften" des Wiener Augustiner-Eremiten Leopold Steinreuter berichtet um 1394 im Zusammenhang mit der Festnahme von König Richard Löwenherz in Wien-Erdberg auch über Leopold V.: "Man saget, daz herczog Leupolt dem land ze Oesterreich den löbleichen Schilt, ain weißen strich mit durch die roten veldung und auf dem helm ain guldein chron mit aim poschen das phansvedern, in der haidenschaft hat ervochten." Gegen Ende des 14. Jahrhunderts hatte sich also schon die Meinung verfestigt, Leopold V., der Tugendhafte, habe den rot-weiß-roten Balkenschild (so der heraldisch richtige Ausdruck) angenommen. Daneben enthält die Chronik übrigens auch andere Wappensagen, insbesondere die "Fabelwappen" der "ersten 80 Herrschaften" - erfundene heraldische Symbole, die als Vorlage für die auf Initiative Friedrichs III. an der St. Georgskapelle in Wiener Neustadt 1453 von Peter von Pusika vollendeten monumentalen Wappenwand dienten. Neben den 14 Wappen der habsburgischen Länder zeigt die eindrucksvolle Fläche insgesamt
93 solcher Phantasiewappen. => Andreas Kusternig, Adler und
Rot-Weiß-Rot - Symbole aus Niederösterreich, Katalog Nr. 174, Wien, 1986, S. 46f. Eine weitere falsche Spur für die Datierung der Entstehung des Bindenschildes wurde von dem Geistlichen Peter aus Ebulo bei Salerno gelegt. Um 1195 fertigte dieser eine Zeichnung an, die die Gefangennahme von Richard I. Löwenherz in der Nacht vom 21. zum 22. Dezember 1192 in Wien-Erdberg darstellt.
Ohne je in Wien gewesen zu sein, also offenbar nur vom Hörensagen
informiert, stellt Peter von Ebulo die Szene so dar, als ob die aufsehenerregende Geiselnahme durch zwei gerüstete Dienstmannen erfolgt sei, von denen der eine einen Schräglinksbalken, der andere einen Schrägrechtsbalken im Schilde führte. Was aber für einen "Karikaturisten", der den Zug der westeuropäischen Ritterheere nach Sizilien mitverfolgte, eine klare Sache war, war im frühmittelalterlichen Wien - das bekanntlich bis heute bei jeder Entwicklung einen zeitlichen Respektabstand einhält - noch lange nicht in Gebrauch: der Schildschmuck durch einfache Heroldsbilder. => Im Flur des Hauses in Wien 3., Erdbergstraße 41, erinnert eine Marmortafel an die Gefangennahme des englischen Königs. Die Verhaftung des nach einem Schiffbruch vor Aquileia als Pilger verkleidet durch Österreich reisenden englischen Königs hatte zwei Aspekte - einen immateriell-romantischen und einen materiell-politischen. Der erstere bestand darin, dass Richard Löwenherz bei der Einnahme von Akkon zahlreiche englische Banner aufpflanzen ließ, aber das österreichische Feldzeichen - wie immer es aussah - herunterreißen und in den Kot treten ließ - eine Beleidigung, die Leopold sicher nicht leicht verwinden konnte. Dafür musste Richard Löwenherz, der wahrscheinlich an einem Siegelring oder der byzantinischen Münze eines Begleiters erkannt worden war und angeblich festgenommen wurde, als er gerade ein Hendl briet, in der Burg Dürnstein büßen, bis ihn sein treuer Sänger Blondel entdeckte - so weiß es die Legende. Der zweite Aspekt aber war weit schwerwiegender: Richard I.
Löwenherz war ein erklärter Gegner des neuen deutschen Königs Heinrich VI., des Sohnes des auf dem Weg ins Heilige Land 67-jährig verstorbenen Friedrichs I., Barbarossa. Obendrein stand er im Verdacht, an der Erdolchung des zum König von Jerusalem erhobenen italienischen Kreuzfahrers Konrad von Montferrat mitschuldig zu sein. Die darauf auf dem halben Kontinent quasi steckbrieflich verordnete Suche nach dem reichen Engländer und die damit verbundene Lösegeldforderung kam daher ursprünglich gar nicht von Leopold, sondern ging von Heinrich aus. Der
österreichische Herzog feilschte jedoch so lange um seinen
Anteil, bis er fünfzig der hunderttausend Mark in Silber
zugesichert bekam. Diese Summe - Stephan Vajda schätzte sie auf mehr als 1,8 Milliarden Euro - gab der deutsche König für die Eroberung Siziliens aus, während Leopold damit Projekte der "Stadterneuerung" finanzierte: in Wien entstanden Graben, Kohlmarkt und andere Bauten sowie eine Münzstätte, in welcher der in ganz Europa geschätzte "Wiener Pfennig" geprägt wurde. Die Befestigungen von Wien, Hainburg, Enns und Hartberg wurden verstärkt und die Stadt Wiener Neustadt an der infolge der
zahlreichen Donauzölle immer bedeutender werdenden Handelsstraße über den Semmering nach Venedig neu errichtet. => Stephan Vajda, Die Babenberger - Aufstieg einer Dynastie. Orac, Wien, 1986.
Auch der Sohn Leopolds V., des Tugendhaften, Leopold VI., der Glorreiche (1176-1230), verwendete auf seinem - in Heiligenkreuz aufbewahrten - Siegel den Reichsadler. Leopold VI. erwarb seinen Ruf in zahlreichen militärischen Expeditionen - so kämpfte er in Südfrankreich gegen die Albigenser, eine mächtige asketische christliche Sekte, und in Spanien gegen die Mauren. Er nahm am 4. Kreuzzug teil, bei welchem er 1219 an der Eroberung der ägyptischen Hafenstadt Damiette mitwirkte. Wie sein Großvater Jasomirgott mit Theodora
Komnena, so war auch Leopold VI. mit einer byzantinischen Prinzessin, Theodora, verheiratet. Er gründete 1206 Lilienfeld, wo er auch begraben ist. Eine weitere Version über die Entstehung des Bindenschilds geht auf den Prior des Klosters Lilienfeld, den Historiker Chrysostomos Hanthaler, zurück. Dieser beschrieb um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Entstehung des österreichischen Bindenschilds wie folgt: Herzog Friedrich II., der Streitbare, sei mit den Kuenringern, die das Privileg hatten, sein Amtssiegel zu verwahren, in Streit geraten. Als die als Raubritter bekannten Waldviertler Adligen das Siegel nicht herausgaben, habe Friedrich sich ein gänzlich neues, unverwechselbares, eben das rot-weiß-
rote schneiden lassen. Das einzige Problem bei dieser Geschichte: als Friedrich erstmals mit dem Bindenschild siegelte, standen die Kuenringer nicht nur in seiner Gnade, sondern auch als Zeugen dabei. Weit glaubhafter sind die Thesen eines anonym bleiben wollenden Broschürenverfassers, "KRPaW", der anhand der politischen Absichten Friedrich II., des Streitbaren, zu erklären versucht, wie es unter seiner Herrschaft zur Annahme des rot-weiß-roten Balkenschilds gekommen ist.
=> KRPaW (= Karl Rudolf Pakosta aus Wien), Die Herkunft des rotweißroten Bindenschildes, Schmidinger, Wien, 1976.
Herzog Friedrich II. (1210-1246) führte ein Leben des Kampfes gegen Bayern, Böhmen, Ungarn und Mongolen. Auch mit Kaiser Friedrich II. überwirft er sich, was schließlich sogar die Reichsacht und den juristischen Verlust seiner nach Lehen sich zieht. Auch Wien geht an den Kaiser verloren, doch kann Friedrich von Wiener Neustadt (der "allzeit Getreuen") aus den Gegenangriff organisieren und die Stadt zurückgewinnen. Gegen Ende 1239 versöhnt sich der österreichische Herzog mit dem Kaiser. Friedrich II. initiiert den spätromanisch-gotischen Bau des Stephansdoms (Riesentor 1240) und fördert Kunst und Minnesang.
Die späte Freundschaft des kinderlosen Herzogs Friedrich mit Kaiser Friedrich soll durch ein politisches Junktim besiegelt werden: der Kaiser soll die Nichte des Herzogs, Gertrud von Babenberg, in Verona zur Frau bekommen, dafür sollen dessen
Länder zum Königreich erhoben werden. Doch die ungefragte Braut vereitelt den "Tauschhandel", indem sie nicht erscheint.
Österreich und Steiermark verfehlen die Königswürde - im Gegensatz zu Ungarn, das seit 1001 einen König hat, und zu Böhmen, das seit 1158 erbliches Königtum ist. Die Pläne Herzog Friedrichs des Streitbaren, Österreich eine stärkere Unabhängigkeit vom Reich zu verschaffen, dürften der eigentliche Grund dafür gewesen sein, dass sich der Herzog ein neues, dem letzten Stand der Heraldik entsprechendes Siegelbild zulegte. Dabei mögen auch modische Überlegungen mitgespielt haben. So ließe sich etwa die strenge Dreiecksform erklären, die Friedrich II. für seinen Schild wählte - sie hatte sich gerade um 1230 herausgebildet. Einen ähnlichen Wechsel vom alten Amtswappen zu einem auf das Land allein bezogenen Symbol vollziehen im
13. Jahrhundert auch Bayern und Böhmen: es beginnt die politische
Verselbstständigung der deutschen Reichsfürsten und das Ringen um die Festigung der Landeshoheit. Dass dafür symbolpublizistische
Maßnahmen höchst geeignet waren, erklärt sich von selbst. Ältestes Beweisstück für die Entstehung des Bindenschilds unter Friedrich II. ist ein wächsernes Amtssiegel vom 30. November 1230. Es hängt an einer Urkunde, die dem Stift Lilienfeld seine Privilegien bestätigt. Das runde, im Durchmesser etwa 87 mm messende Siegel aus lederbraunem Wachs zeigt einen dreieckigen Reiterschild mit deutlich sichtbarem Querbalken. Nach
Norbert Weyss ist der Wachsabdruck im Stiftsarchiv von Lilienfeld stark beschädigt. Besser erhalten ist das Siegel an einer Urkunde aus dem Jahre 1236 im Stiftsarchiv von Heiligenkreuz.
=> Norbert Weyss, Austria und Bindenschild, in: Adler 1/89, S. 1 ff. mit Abb.
Mit Friedrich II., dem letzten Babenberger, tritt der Bindenschild also erstmals als österreichisches Hauswappen auf - er sollte neben dem ein- und zweiköpfigen schwarzen Adler bis auf den heutigen Tag die österreichische Heraldik bestimmen.
Die auf dem Amtssiegel nicht erkennbaren Schildfarben rot-weiß-
rot werden zunächst 1232 durch Bischof Gebhard von Passau und etwas später durch das sogenannte "Fürstenbuch" von Jans Enikel aus den Jahren 1280/85 belegt. Beide Quellen berichten von der Zeremonie vom 2. Februar 1232, bei welcher Friedrich II. im Beisein von 200 anderen Edlen in rot-weiß-roter Festkleidung im Wiener Schottenkloster durch Bischof Gebhard die Schwertleite, d.h. die Ritterwürde, empfing, indem er mit dem Schwert umgürtet wurde: "Ze de Schotten, als man mir verjach, er gap zweihundert rittern swert, des was der fürst vil wol wert. Si truogen von ganzem scharlach kleit, da durch ein strich vil gemeit, der waz wizer danne ein swan."
In einem Lehrbuch der Geschichte von W. Schier aus dem Jahre
1935 - man entsann sich im Ständestaat aller Details der
österreichischen Symbolgeschichte, um spät, allzu spät,
wenigstens in der Jugend eine emotionale Bindung an die österreichische Eigenständigkeit zu erzeugen - findet sich folgende, offenbar ausgeschmückte Übersetzung (S. 37):
"In dem Vorhaus das geschah,
bei den Schotten, wie man es sah.
Er gab zweihundert Rittern das Schwert, der edle Fürste, reich und wert.
der war weißer als ein Schwan Bunte Federn, wohl getan,
trugen sie zu ihrer Zier.
Auf starke Rosse waren sie schier
gar ritterlich gesessen, vielmannig Held vermessen.
Da hub sich ein Buhurdieren gross,
dass es mannigen Ritter verdross.
Die Banner wogten in dem Tanz.
Gar manniges Schildes Glanz
sah man da erbleichen und an die Erde streichen."
Zur Erklärung: Nach der Schwertleite begab man sich zu einem Turnier. Im "Buhurt" kämpften die mit Schild und leichtem Speer bewaffneten Ritter in zwei Scharen gegeneinander. Enikel beschreibt den Bindenschild Herzog Friedrichs auch anlässlich eines Berichtes über dessen Begegnung mit Kaiser Friedrich II. in Friaul. Und schließlich findet sich im ältesten deutschen Wappengedicht, im CLIPEARIUS TEUTONICORUM des Zürcher Domkantors Conrad von Mure (um 1244) eine Beschreibung des neuen österreichischen Wappens. Weitere Theorien zur Entstehung von Rot-Weiß-Rot
Andreas Kusternig setzt sich in seiner Monographie "Adler und Rot-Weiß-Rot, Symbole aus Niederösterreich (Wien, 1986)
genau mit der nach dem Krieg sehr weit verbreiteten Theorie des ehemaligen Landeshistorikers von Niederösterreich, Karl Lechner, auseinander, nach welcher Friedrich II. den Bindenschild von den Grafen von Poigen-Hohenburg-Wildberg aus dem Raum nördlich von Horn (dem sogenannten "Poigreich" um Schloss Wildberg) übernommen haben soll. Nachdem Kusternig den Gegenbeweis geführt hat, versucht er selbst, noch eine weitere Theorie einzuführen (S. 50 f): Es wäre möglich, dass der Bindenschild ein altes Familienzeichen der Babenberger war, das neben dem Adler und den zwei Löwen der "Herzöge von Mödling" (eine Seitenlinie der Babenberger) schon vor Heinrich II., Jasomirgott, auftritt. Einen Hinweis dafür sieht Kusternig in einer Federzeichnung, die die Schlacht am Fluss Regen (1105) darstellt, bei der Leopold III., der Heilige, eine
wichtige Rolle spielte und bei der eine bindenähnliche Schildteilung dargestellt wird. Allerdings gibt es auch hier keinen Hinweis auf die Wappenfarben. Von den Babenbergern zu den Habsburgern
Nach dem Tod des letzten Babenbergers, Friedrich des Streitbaren, am 15. Juni 1246 in der Schlacht an der Leitha, begann der Bindenschild bereits den Charakter eines Territorialwappens anzunehmen. Unter Ottokar II., im Jahr 1254, finden sich auf dem Siegel des Grafen Otto von Plain und Hardeck, des österreichischen Bannerträgers (als "Signifer Austriae" gegen die Ungarn fiel Otto am 29. Juni 1260 bei Laa/Thaya), nicht nur das dreimal gestreifte Banner, sondern auch eine Krone und ein Busch aus Pfauenfedern. Damit begegnen wir der ersten deutlich erkennbaren Darstellung der österreichischen Fahne - der eindeutige Beweis dafür, dass die Farben Rot-Weiß-Rot das älteste bekannte staatliche Symbol dieser Art in Europa sind. Die Krone im Siegel sollte wohl ein erneuter Hinweis auf den heimlichen Anspruch Österreichs auf die Königswürde sein. Der sogenannte "Pfauenstoss" sollte ab diesem Zeitpunkt die zum Bindenschild gehörende Helmzier bleiben, sein genauer Ursprung ist freilich ungeklärt. @ Abb. (Original im Stiftsarchiv Zwettl).
Wie die österreichische Flagge geht auch die dänische bis in die Zeit der mittelalterlichen Grenzmarken des Heiligen Römischen Reiches ("Däne"-Mark und "Ost"-Mark) zurück. Auch über sie wird wird eine einprägsame Legende überliefert. Danach soll die dänische Flagge, der "Danebrog" ("rotes Dänentuch"), am 15. Juni 1219 während der Schlacht von Lyndanisse im heidnischen Estland auf Bitten dänischer Bischöfe am Himmel erschienen oder sogar vom Himmel gefallen sein. Dadurch
soll das dänische Heer unter König Waldemar II. (1170-1241) wieder Mut gefasst und die Esten besiegt haben. => Lindanise war der Name der alten estnischen Siedlung aus dem 13. Jh. Sie wurde Burg des dt. Ordens, später Hansestadt, war dann schwedisch, dann russisch beherrscht, ist nunmehr Hauptstadt des unabhängigen Estlands. (Estn.: Tallinn, russ. Talin, dt. Reval)
Anfänglich war das weiße Kreuz Dänemarks gleichschenkelig, doch im Laufe der Zeit wurde der zum Flugende zeigende Kreuzesarm länger, woraus sich das heute bekannte "Skandinavische Kreuz" entwickelte.
Abgebildet erscheint die dänische Flagge erstmals im Wappen von König Waldemar IV. Atterdag (1340-1375).
@ Abb. Eine unter mehreren Möglichkeiten der tatsächlichen Entstehung des dänischen Staatssymbols ist die direkte Übernahme des historischen Reichsbanners. Das weiße Kreuz im roten Feld, wie es die Reichssturmfahne des Heiligen Römischen Reiches zierte, findet sich ja heute auch noch in den Wappen der (Reichs)Städte Wien (1237) und Danzig, der Städte Pisa und Barcelona sowie in den Emblemen der Provinzen Utrecht und Savoyen. Auch die Flaggen der Schweiz und Maltas enthalten dieses ehemalige Symbol des auf christliche Grundvorstellungen gegründeten Römischen Reiches. Nach anderer Lesart hat Papst Honorius III. (1150-1227) das
Banner Waldemar II. dem Sieger für seinen Kreuzzug gegen die Esten verliehen.
Auf seinem berühmten Reitersiegel von 1273 (im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv) führt König Ottokar II.
von Böhmen, Markgraf von Mähren, Herzog von Österreich, Steier und später auch von Kärnten und Krain, folgende Staatssymbole:
den Adlerflug als die böhmische Helmzier, in der Rechten das Banner von Böhmen mit dem doppelt geschwänzten Löwen, in der Linken den österreichischen Bindenschild. Die Pferdedecke ist mit den Wappen von Kärnten, Mähren (geschachter, d.h. mit Schachbrettmuster versehener Adler), Steiermark (Panther) und Krain (Adler) belegt. @ Abb. Die ersten Habsburger führen die babenbergischen Traditionen weiter. An der von Friedrich II. geschaffenen Familiengrablege der
Babenberger im Stift Heiligenkreuz schmückten sie das dortige Brunnenhaus mit Darstellungen aus dem Leben Leopolds III., des Heiligen, wobei wie selbstverständlich der rot-weiß-rote Balkenschild als Wappen beigefügt wurde (um 1290). "Voll Stolz auf ihre neugewonnene Position im Südosten des Reiches fügen die Habsburger seit Albrecht, dem (seit 1282/83)
ersten Herzog Österreichs aus diesem Hause, den Bindenschild als österreichisches Landeswappen den Wappen für ihre angestammten südwestdeutschen Besitzungen an." (Kusternig, a.a.O. S. 52).
Rund 636 Jahre sollten die Habsburger den rot-weiß-roten Bindenschild im Wappen führen, bis er auf die Republik Österreich überging. Friedrich der Schöne (1314-1330) legte 1325 erstmals dem einfachen Königsadler den österreichischen Bindenschild auf die Brust es war dies die Urform des heutigen Bundeswappens und ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die Habsburger in ihren Besitzungen im Südosten bereits wohl fühlten. Der Bindenschild wurde aus diesem Grund immer mehr nicht nur zum Landeswappen sondern stieg - neben dem althabsburgischen Löwen - zum Familienkennzeichen der Habsburger auf. Er behielt seine Position als wichtigstes Wappen inmitten der Kennzeichen der zahlreichen Besitzungen des Hauses Österreich.
1340, im ältesten systematischen Wappenbuch im deutschsprachigen Raum, der Zürcher Wappenrolle, trägt der farbig ausgeführte Bindenschild mit Krone und Pfauenstoss noch den Charakter eines
Landeswappens. Besonders eindrucksvoll ausgeführt ist der rot-weiß-rote Balkenschild auf dem Titelblatt einer Urkunde von 1512, die das Privilegium maius aus dem Jahre 1359 bestätigt. Dort wird Österreich als "Herz und Schild des Heiligen Römischen Reiches" bezeichnet. Die im Auftrag Rudolf IV., des Stifters, durchgeführte Fälschung von fünf Schriftstücken, die mit dem von der Urkunde des Privilegium minus entfernten Siegel versehen waren, wurde aber von seinem Schwiegervater Kaiser Karl IV. durchschaut und erst von Kaiser Friedrich III. anerkannt. Im späteren sogenannten "Genealogischen Hauswappen" steht das österreichische Rot-Weiß-Rot schon auf dem Ehrenplatz zwischen den Wappen Habsburgs und Lothringens. Und nachdem der Bindenschild zwischen 1795 und 1804 noch als Symbol für das Herzogtum unter der Enns gedient hatte, wurde er von Franz II. (I.), endgültig zum "nunmehrigen Wapen des Allerdurchlauchtigsten Hauses Oesterreich" erkoren. Interpretationsversuche in Bezug auf die Farbkombination
Der humanistische Universal-Gelehrte Johannes Cuspinianus (recte Spiesshaimer, 1473-1529), kaiserlicher Leibarzt, Nachfolger von Konrad Celtis an der Wiener Universität und wie jener im Stephansdom begraben, verfasste unter dem Titel "Austria" eine 1543 in Basel erschienene topographisch-historische Landeskunde Österreichs. Auf ihn geht folgende Interpretation des Bindenschilds zurück: der rote Schild symbolisiere das fruchtbare Land, der silberne Querbalken sei die Donau, die es quer durchfließt (diese Bild erinnert ein wenig an Grillparzers
Monolog aus König Ottokar). Auch in der 1546 verfassten Geschichte Wiens, der "Vienna" des Wolfgang Lazius (1514-1565, ebenfalls Arzt, Humanist und erster
Kartograph Österreichs, begraben in der Wiener Peterskirche), findet sich die Akkon-Sage. Neben dem bekannten Bild von "Milch und Blut" (in ursymbolischer Deutung auch durch "Sperma" und "Menstruationsblut" im Sinne eines männlich-weiblichen "Dualsystems" ersetzbar) ist dem
Rot-Weiß-Rot der österreichischen Fahne durch den uns aus anderem Zusammenhang bekannten Guido von List noch eine weitere Bedeutung gegeben worden (vgl. den Artikel über das Hakenkreuz). Unter dem Titel "Österreichs Hort" kam 1908 in der "Patriotischen Volksbuchhandlung, Wien XX, Brigittenauer Laende 28" eine zweibändige "Festgabe an das österreichische Volk" heraus. Unter den samt und sonders aufdringlich deutschnational und pangermanisch argumentierenden "vaterländischen Schriftstellern", die die Herausgabe besorgten, befanden sich auch Guido v. List, der über die Babenberger und die Donau schrieb, und Dr. J. Lanz-Liebenfels, der über Klöster,
Ritter und Burgen handelte. Neben einem seitenverkehrt gedruckten
kaiserlichen Wappen im Frontispiz und einem unsäglich schlechten Gedicht über die Akkon-Sage ("Österreichs Wappenschild" von Kuffner) behandeln die beiden Bände vieles, was es an Symbolen
Altösterreichs gab, und zwar in historisch-literarischen Beiträgen, die kein Klischee auslassen. Guido v. List gibt dort den Farben Rot-Weiß-Rot vor Akkon die Bedeutung des altgermanischen "Ruoth"-"Wit"-Ruoth", was soviel wie "Recht" -
"Gesetz" - "Recht" bedeute - Farben, die also "mit Fug und Recht die österreichische Kriegsflagge bildeten" (Band 1/S. 42). Fest steht jedenfalls, dass die Farben Schwarz, Weiß (Silber) und Rot die Lieblingsfarben der Ritter im deutschen Sprachraum waren, während die Ritter im französischen und italienischen Sprachraum die Heroldzeichen auf ihren Schilden lieber in Blau und Gelb (Gold) gestalten ließen (Jahrbuch "Adler", Wien, 1886, 34, zit. nach KRPaW). Vgl. hiezu auch die Symbolfarben der "Eisernen
Krone"
Rot-Weiß-Rot als Fahne und Flagge
Im Gegensatz zum Bindenschild spielt die rot-weiß-rote Fahne nach der Ablöse der Ritterheere durch die Söldnertruppen eine relativ geringe Rolle. Da sie vor allem die Zugehörigkeit zum Herzogtum Österreich symbolisierte, wurde sie in den langen Jahrhunderten, in denen die Erzherzöge Österreichs Kaiser des Reiches waren, vom schwarz-gelben kaiserlichen Banner verdrängt. Die rot-weiß-
rote Fahne trat vor allem bei Erbhuldigungen, Festzügen und auf Ehrenpforten in Erscheinung.
Zu Lande wurden rot-weiß-rote Fahnen etwa gegen die Schweizer Eidgenossen bei den verlustreichen Schlachten von Sempach (9. Juli 1386) und Näfels (9. April 1388) geführt.
Im Solde des Deutschen Ritterordens wehten Österreichs Farben bei der Schlacht von Tannenberg am 15. Juli 1410. Wie Alfred Mell genau darlegt, dominieren Doppeladler und
Burgunderkreuz die Fahnen der österreichischen Soldaten in der
Neuzeit, wobei unter Ferdinand II. (1578-1637) noch das
Madonnenbild hinzutrat. Nach Berichten seines Beichtvaters und Biographen Wilhelm G. Lamormain, habe der Kaiser als einer der Promotoren der Gegenreformation das Motiv der "Generalissima" jenem des Adlers vorgezogen und deshalb befohlen, das Bild der Jungfrau Maria auf der Hauptfahne anzubringen, die den Soldaten
vorangetragen wurde. Diese im Dreißigjährigen Krieg entstandene Tradition hat sich nicht nur bis zu den Regimentsfahnen der ausgehenden Monarchie erhalten, sondern bis in den Ständestaat, ja bis heute: Das Garderegiment des Österreichischen Bundesheeres führt bei feierlichen Anlässen, (wie etwa bei der Heldenehrung am Nationalfeiertag) die Fahne der k.k. Trabantenleibgarde mit dem Doppeladler im Avers und dem Madonnenbild im Revers. => Alfred Mell, Die Fahnen der österreichischen Soldaten im Wandel der Zeiten, Bergland, Wien, 1962, S. 29
Unter Maria Theresia, die vorübergehend als Zugeständnis an Ungarn der Farbe Grün (in den Bordüren) mehr Bedeutung als vordem zumessen musste, wurde die auf Seide gemalte Fahnenform eingeführt. Unter ihren Nachfolgern kam es zu den üblichen Modifikationen heraldischer Details, bis schließlich 1859 die letzte tatsächlich zum Einsatz kommende Form der österreichischen Heeresfahne entwickelt wurde. Die Heeresfahnen hatten ab diesem Datum einen Doppeladler nach dem Entwurf des Malers Leopold Kupelwieser zu tragen, der
allerdings schon deutlich weniger kraftvoll und rund wirkte als seine Vorgänger aus den Jahren 1816 und 1837. @ Abb. Das Revolutionsjahr 1848 wird in Wien von Schwarz-Rot-Gold dominiert. Zunächst tauchen Kokarden in dem von der Paulskirche am 9. März zu Farben des Deutschen Bundes erklärten Schwarz-Rot-Gold auf. Am Morgen des 2. April erscheint eine riesenhafte schwarz-rot-goldene Flagge am Stephansturm. Auch an anderen Kirchen und Gebäuden wird Schwarz-Rot-Gold gehisst. Und noch einmal, vom 6. bis 31. Oktober, weht der grossdeutsche Dreifarb vom Stephansturm.
Die nationalen Burschenschaften, Turn- und Schulvereine, die
"völkischen" Gruppen der Jugendbewegung und die deutschnationale Intelligenz vor allem in der Provinz werden in der Folge zu Bannerträgern des großdeutschen Gedankens. Während im Wilhelminischen Kaiserreich ab 1871 Schwarz-Weiß-Rot die Oberhand behält, wird die gesamte deutschnationale Symbolik
in Österreich bis zum "Anschluss" 1938 von Schwarz-Rot-Gold beherrscht.
=> Bernhard Reinhold Pilz, "Schwarz-Rot-Gold und Rot-Weiß-Rot", in: Andreas Mölzer (Hg.), Österreich und die deutsche Nation, Aula-Verlag, Graz, 1985, 151 ff.
=> Wilhelm Brauneder, "Staat und Nation im Zeichen von Schwarz-
Rot-Gold", in: Aula, 7-8/1987
@ Ev. Abb. Ströhl, Wappen des Schulvereins
Der Ausgleich mit Ungarn von 1867 blieb, was die Fahnen betrifft,
zur Gänze unerfüllt, wenn man von jenem Entwurf absieht, der aufgrund der kaiserlichen Entschließung vom 11. Oktober 1915 hergestellt wurde. Danach hätte die Fahne der k.u.k. Armee
das mittlere gemeinsame Reichswappen von 1915 auf der einen und das Monogramm des Kaisers, umgeben von zwei österreichischen und zwei ungarischen Kronen in den Ecken des von einer fünffärbig
geflammten Bordüre (abwechselnd schwarz-gelb und rot-weiß-grün)
eingesäumten Fahnenblattes tragen sollen.
Wie schon unter Maria Theresia, so wurde aber auch diesmal verfügt, dass die noch vorhandenen Fahnen nicht außer Gebrauch zu nehmen, sondern nur im Bedarfsfall zu ersetzen seien. A. Mell vermutet, dass die Truppe die neue Fahnenform nur ungern akzeptiert hätte: "So kam es denn auch nur zur Herstellung eines einzigen gestickten Fahnenblattes unter der Aufsicht des Heeresmuseums, wo es heute noch wie ein Bahrtuch des einstigen wunderbaren k.u.k Heeres verwahrt wird." (52)
Für die k.k. Landwehr der cisleithanischen Reichshälfte gab es noch eine Besonderheit. Sie sollte nämlich als Belohnung für ihr tapferes Verhalten gemäß einer kaiserlichen Entschließung vom 7. Jänner 1916 Fahnen mit dem kleinen Reichswappen von 1848 auf der einen und den kaiserlichen Initialen samt vier österreichischen Kaiserkronen auf der anderen erhalten. Diese wieder vierfärbig geflammten,
maschingestickten Fahnenblätter gelangten nicht mehr zur Ausgabe.
Rot-Weiß-Rot zur See
Im Gegensatz zu ihrer eher bescheidenen Geschichte im Banner
der Landheere oder auf bürgerlichen Flaggen, haben die alten Babenbergerfarben nicht nur ruhmreiche Siege und schmerzliche Niederlagen in kriegerischen Auseinandersetzungen zu Wasser mitgemacht, sondern auch manche friedliche wissenschaftliche Expedition zu großen Erfolgen begleitet. Als Karl V. im Kampf gegen die mit den Franzosen verbündeten
Türken und deren Piratenzüge 1535 Tunis angriff und den türkischen Admiral Chair Ad Din vor La Goletta, dem ehemaligen Hafen von Tunis, schlug, wehten rot-weiß-rote Wimpel von den Schiffen der "Casa d'Austria". Am 7. Oktober 1571 besiegte eine als Antwort auf die Eroberung Zyperns durch die Türken von Spanien, Venedig und Papst Pius V. gebildete Flotte der "Heiligen Liga" eine zahlenmäßig überlegene Streitmacht und leitete damit den Niedergang der osmanischen Vorherrschaft im Mittelmeer ein. Die Schlacht fand vor Lepanto, dem heutigen Nafpaktos (gegenüber von Patras am Golf von Korinth) statt. Die christliche Flotte wurde von Juan d'Austria (dem außerehelichen Sohn Karls V.) befehligt, sein Schiff führte die rot-weiß-rote Flagge. Auch die Schiffe der ersten und zweiten orientalischen Handelskompagnie, mit welcher sich Österreich im letzten Drittel des 17. und des 18. Jahrhunderts in den Überseehandel einzuschalten versuchte, führten neben dem kaiserlichen Doppeladler die rot-weiß-rote Flagge. Dennoch: seitdem Kaiser Maximilian I. durch seine am 8. Jänner 1487 in Brügge gegebenen "See-Artikel" die kaiserlichen Schiffe dazu berechtigt und verpflichtet hatte, das Reichsymbol, den Doppeladler, zu führen, waren österreichische Schiffe vor allem unter diesem Symbol gesegelt. Eine derartige Darstellung findet sich auf einem aus der Zeit um 1730 stammenden Stich eines Linienschiffes im Heeresgeschichtlichen Museum. Handelsschiffe führten aus schwarzen und gelben Streifen zusammengesetzte Schiffsflaggen. Maria Theresia erließ am 29. November 1749 ein Hofreskript, mit dem sie eine neue Marineflagge anordnete: in Gelb den doppelköpfigen Adler OHNE Schwert und Zepter, überhöht von der Stephanskrone. Diese Zeichnung war bewusst jener der toskanischen Flagge ähnlich gehalten, um die österreichischen Schiffe in den Genuss der Vorrechte zu versetzen, die die toskanischen insbesondere gegenüber den habgierigen Berberstaaten besaßen. Die Flagge der 1737 durch Franz Stephan erworbenen Toskana zeigte ebenfalls in Gelb den doppelköpfigen Adler, jedoch Schwert und Zepter haltend und überhöht von der Kaiserkrone. => Joseph Ritter von Lehnert, Beiträge zur Geschichte der k.k. Flagge. In: Organ der militärwissenschaftlichen Vereine, 32/1886
Durch ein Missverständnis - schon damals gab es den typisch österreichischen Symbol-Pallawatsch - ordnete der kurzfristig als Commercial-Intendant des Küstenlandes amtierende Baron von Wiesenhütter in Triest an, dass österreichische Kriegs- und Handelsschiffe die TOSKANISCHE Flagge zu führen hätten.
Als man den Irrtum nach etwa einem Jahr in Wien erkannte, entschloss man sich, bei den toskanischen Flaggen zu bleiben, um
nicht erneut Unsicherheit zu schaffen. So segelten die
österreichischen Schiffe 37 Jahre lang unter dem Doppeladler
der Toskana, wobei jener der Kriegsschiffe groß im Mittelfeld der gelben Flagge stand, während die Handelsschiffe auf mit dünnen schwarzen Streifen versehenem gelben Grund einen kleineren Doppeladler im mastseitigen Obereck führten. Erst der reformfreudige Kaiser Joseph II. setzte dieser eher skurrilen Marinebeflaggung durch die Einführung einer echten Nationalflagge ein Ende. Eine ständige österreichische Kriegsmarine zum Schutz der Handelsschifffahrt im Mittelmeer und in der Adria gab es seit
1719. Im Jahre 1786 erwarb Joseph II. zwei bewaffnete Schiffe von Holland. 1809 wurde die Marine aufgelöst, da Österreich seine gesamte Küste an Napoleon verloren hatte. Doch 1814 baute sie der langjährige Flottenkommandant Auguste de Coninck (1761-1844)
wieder auf. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen österreichische Schiffe an einer Anzahl kleinerer Aktionen teil. 1849 begann die Reorganisation der kaiserlichen Marine unter dem dänischen Admiral Hans
Birch Dahlerup. Sie wurde von Erzherzog Ferdinand Max fortgesetzt. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges verfügte Österreich-Ungarn über eine Seemacht von rund 1 Million Tonnen.
Auf Initiative von Kaiser Joseph II. wurde am 20. März 1786 die rot-weiß-rote Seeflagge eingeführt. Sie trug im mastseitigen Drittel den unten in eine Spitze zusammenlaufenden Bindenschild, eingesäumt von einem gelben Wappenrand und überhöht von einer heraldischen Königskrone. Ursprünglich hatte man Kombinationen verschiedensten Kronen und Wappen erwogen, doch setzte sich schließlich Kaunitz mit der vornehmen Einfachheit des Bindenschildes durch. Ab 1.1.1787 führten die österreichischen Kriegsschiffe, aber auch die Handelschiffe der Monarchie, diese Flagge im Küstenland, ab 26. März 1787 trat sie auch in den österreichischen Niederlanden in Kraft. Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts wurden immer wieder
Änderungsvorschläge gemacht. Motiv dafür war einerseits, dass sich die Kriegsmarine von der Handelsmarine unterscheiden wollte, andererseits wurde ins Treffen geführt, die österreichische Seeflagge sei der spanischen zu ähnlich. So wurde in der Folge eine spezielle Kriegsflagge mit einem großen kaiserlichen Doppeladler in gelbem Feld mit schwarzem Rand vorgeschlagen. Als Handelsflagge sollte den rot-weiß-roten Farben ebenfalls ein großer Doppeladler mit Schwert und Reichsapfel aufgelegt werden. Dieser Entwurf besaß im Aufbau eine starke Ähnlichkeit mit der Dienstflagge der Zweiten Republik. Man nahm jedoch davon Abstand, die schlichte josephinische Flagge zu verändern, weil man darin eine neuerliche Gefährdung der Handelsschiffe sah und weil man plötzlich entdeckte, dass besonders bei Konsuln in der Levante noch immer die alte Seeflagge in der Version Maria-Theresias in Gebrauch war. (Der Umstand, dass alte Flaggenmuster die nächste Flaggen-Generation zu "überleben" versuchen, lässt sich in Österreich bis auf den heutigen Tag verfolgen, ja bildet geradezu den Normalzustand). Es blieb also bei Rot-Weiß-Rot mit Bindenschild, wozu allerdings 1828 noch zwei quadratische "Distinktionsflaggen" und 1850 zwei quadratische "Ehrenflaggen" traten:
* Eine gelbe Standarte mit Doppeladler und vierfärbiger Flammenbordüre für Mitglieder des Kaiserhauses. * Eine Flagge für den kommandierenden Admiral - die
Kriegsflagge im Seitenformat 1:1, später mit einem schwarz-gelb-schwarzen Jack im mastseitigen Obereck, wie sie Tegetthoff vor Lissa verwendete (Original im Heeresgeschichtlichen Museum).
* Die weiße Ehrenflagge (für nautische Leistungen) und die
rote Ehrenflagge (für kämpferische Leistung) trugen den kaiserlichen Doppeladler mit einem schwarzen Querband im Avers, das die Worte "Merito navali" bezw. "Fortitudini navali" enthielt. Den Revers zierte die Devise "Viribus unitis".
@ Abb. Die wichtigste Änderung aber brachte der Ausgleich mit Ungarn im Jahre 1867. Es wurde eine eigene k.u.k. Handelsflagge geschaffen, indem das untere rote Feld in Rot und Grün unterteilt wurde und in das weiße Mittelfeld neben den Bindenschild das Wappen Alt- und Neu-Ungarns gesetzt wurde. Die Kundmachung über diese Flagge trat am 1.8.1869 in Kraft. Lehnert führt an, dass es geraume Zeit dauerte, bis diese "Zwillingsflagge" bei den Küstenvölkern und entlang der Donau eingebürgert war und von den anderen Nationen anerkannt wurde. Immerhin konnte unter Mithilfe von Admiral Tegetthoff erreicht werden, dass die Kriegsflagge keiner Änderung unterzogen wurde. Es wurden allerdings im Laufe der Jahrzehnte aus den ursprünglich 30 Perlen der Krone 18, die die Kronländer symbolisieren sollten. In der Kriegsmarine (die erst seit 1889 offiziell als "k.u.k."
bezeichnet wurde) wurde die Zahl der Distinktionsflaggen stark vermehrt, wobei achtstrahlige goldene Sterne als Rangabzeichen dienten. Durch die Wappenänderung vom 10./11. Oktober 1915 sollten sich auch für die Seeflagge Änderungen ergeben, die aber über das Entwurfsstadium nicht hinauskamen. Es war daran gedacht, der
rot-weiß-roten k.u.k. Kriegsflagge ab 1916 sowohl den
Bindenschild mit der realistisch dargestellten Kaiserkrone als auch das Wappenschild Altungarns mit der stark überhöhten
Stephanskrone beizugeben.
@ Abb. Nach Baumgartner ist die Flaggenänderung in einigen Ausnahmefällen (auf Propaganda-Postkarten und auf einigen k.u.k Seeflugzeugen) zwar geschehen, infolge der Kriegsumstände generell aber unterblieben. => Lothar Baumgartner, Die Entwicklung der österreichischen Marineflagge, in: Militaria Austriaca, 1977, 29 ff.
Sieht man von einigen geringfügigen Änderungen ab (sie betrafen vor allem Format, Lage des Wappens und Anzahl der Perlen in der Krone), so blieb die unter Joseph II. eingeführte Form der österreichischen Seeflagge 132 Jahre lang als Kriegsflagge der Donaumonarchie in Gebrauch. Die rot-weiß-rote Marineflagge beflügelte die Flotte Tegetthoffs bei der letzten Schlacht mit Holzschiffen vor Helgoland 1864 und führte sie bei der ersten Seeschlacht mit Panzerschiffen vor Lissa 1866 zum Sieg. Sie wehte von den weißen Passagierschiffen auf See und von den olivgrünen Monitoren auf der Donau und grüsste vom Turm der ersten U-Boote sowie vom Leitwerk der ersten Marineflieger. Anmerkung: Im Gegensatz dazu zeigten die österreichisch-ungarischen Heeresflugzeuge ein dünnes schwarzes Tatzenkreuz in einem
weißen Quadrat (1915) oder freistehend (1916). Es war dem von den deutschen Flugzeugen geführten kräftigeren Tatzenkreuz
ähnlich - aber eben "dünner". @Abb. Die alte österreichische Seeflagge schmückte die "Viribus Unitis" nach nur zweijähriger Bauzeit bei ihrem triumphalen Stapellauf am 24.6.1911 in Triest. Die schmähliche Versenkung des österreichischen Flaggenschiffes (sic!) im unbewachten Hafen von Pola (kroatisch Pula) - zwei Tage vor dem Waffenstillstand - blieb ihr erspart. Am 31. Oktober 1918 war die k.u.k. Kriegsflotte an Bord derselben "Viribus Unitis" durch Konteradmiral von Horthy, den späteren ungarischen Reichsverweser, an den neuen südslawischen Nationalstaat übergeben worden. Das Schiff wurde in "Jugoslavija" umgetauft; das Kommando übernahm Janko Vukovic de Podkapelsky. Um 16.45 wurde die rot-weiß-rote Kriegsflagge eingeholt. Da Italien eine starke jugoslawische Kriegsflotte verhindern wollte, wurde behauptet, noch im Krieg zu sein, und am Morgen des 1. November 1918
versenkten zwei Kampfschwimmer das stolze Schiff mit Sprengsätzen.
Der Kapitän und mehr als 400 Seeleute fanden dabei den Tod. => Friedrich Wallisch, Die Flagge Rot-Weiß-Rot, v. Hase & Koehler, Leipzig, 1942, 322.
Zwei der harmonisch geformten Riesenanker der "Tegetthof" und der "Viribus Unitis" stehen bis heute vor dem Marinemuseum am Kai von Venedig. Und auch vor dem Marinemuseum von Rom halten österreichische Anker Wache - stumme Zeugen einer sogenannten "ruhmvollen Vergangenheit". (Eine wirkliche Seemacht-Politik hat Österreich freilich nie betrieben, dazu war das Land zu "kontinental" orientiert.
Es passt in dieses Bild, dass Kaiser Franz Josef I. Zeit seines Lebens keine Marineuniform besaß und die für Österreich reservierten Aktien des Suez-Kanals unverkäuflich blieben.) So begleitete Rot-Weiß-Rot zur See eine im Grunde unbesiegte Kriegsflotte bis an ihr nasses Grab. Die historischen Farben sollten in der neugegründeten Ersten Republik zwar sogleich wieder auferstehen, hatten aber noch viele Fährnisse durchzumachen, bis sie, erst geraume Zeit nach dem Staatsvertrag von 1955, 1957 durch das Seeflaggen- und 1981 durch das Seeschifffahrtsgesetz, den Verfassungsartikel 8a von 1981 und das Wappengesetz von 1984 einer endgültigen Regelung in friedlicher
Zeit zugeführt wurden.
@ Abb. z.B. Photo "morgen" 91/1993: grosse Heckflagge "Kaiserin Elisabeth" im Hafen von Triest, oder Postkarte "Viribus
Unitis". Sehr gut auch Aichelburg/kuk Dampfschiffe, 190.
Wallisch/RWR - Tegetthoff, Postkarte
@ ev. Photo Seeflagge Aichelburg U-Boote I/189
Als am 12. November 1918 vor dem Wiener Parlament die Republik
ausgerufen wurde, sollten rot-weiß-rote Flaggen gehisst werden.
Tatsächlich stiegen aber nur rote, aneinander geknotete Stoffbahnen empor. Angehörige der revolutionären "Roten Garden" hatten
- von einer noch nicht vorhandene Staatsmacht unbehelligt - den weißen Mittelstreifen der vorbereiteten Flaggen rasch
herausgerissen. Wenn wir heute die silhouettenartigen Filmausschnitte dieser Szene sehen, wird uns klar, in welch innerem Zwiespalt die Gründung unserer Republik vor sich gegangen sein muss.
=> Die "Rote Garde" war am 1. November 1918 in einer Versammlung vor dem Wiener Deutschmeisterdenkmal von Egon Erwin Kisch und Leo Rothziegel gegründet worden. Bei der Kundgebung hielt auch Franz Werfel eine Ansprache.
An sich grenzt es ohnehin an ein Wunder, dass die junge Republik, die sich in Art. 2 ihres Staatsgrundgesetzes gleich wieder selbst abschaffte ("Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik...") überhaupt zu den alten Babenbergerfarben gefunden hatte und nicht zu Schwarz-Rot-Gold. Die Trikolore der bürgerlichen deutschen Revolution wurde ja neben den roten
Fahnen der Kommunisten in jenen Tagen auch durch die Strassen Wiens getragen, wie Augenzeugenberichte belegen. => Wilhelm Brauneder, Schwarz-Rot-Gold: die Farben des österreichischen Bundeswappens, in: Die AULA, 10/1984
Nach dem offiziellen Polizeibericht waren anlässlich der geplanten Proklamation der Republik am 12.11.1918 rund zweitausend sozialdemokratische Arbeiter als "Ordner" zum Parlament gerufen
worden, die dort auch um etwa 14 Uhr eintrafen. Gleichzeitig aber waren sechs Züge der Roten Garde von der Stiftskaserne anmarschiert. Die Kommunistische Partei Deutschösterreichs hatte nämlich am Vorabend beschlossen, in einer Proklamation die Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung zu fordern. Der aus Hamburg stammende kommunistische Funktionär Karl Steinhardt sollte die Proklamation vor dem Parlament verlesen. "Zugleich wurde auch beschlossen, zum Zeichen des Protests gegen eine bürgerliche Regierung auf den Fahnenmasten vor dem Parlament rote Fahnen zu hissen."
=> Hans Hautmann, Die verlorene Räterepublik. Am Beispiel der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs, Europa Verlag, Wien, 1971, 84.
Als während der Ansprache des Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung, des Linzer deutschnationalen Abgeordneten Franz Dinghofer, Parlamentsdiener um 16 Uhr rot-weiß-rote Flaggen aufziehen wollten, rissen Rotgardisten den weißen Mittelstreifen heraus und hissten die miteinander verknüpften roten Stoffbahnen. Damit hatten sie den nächtlichen Beschluss der KPDÖ in die Tat umgesetzt. Daneben aber hatten sie auch noch von der Universität kommenden deutschnationalen Studenten zwei schwarz-rot-goldene Fahnen mit vorgehaltenem Revolver abgenommen, in den Kot geworfen und mit Füssen getreten.
Nachdem ein Sängerchor seinen Liedvortrag beendet hatte,
proklamierte Karl Seitz, ebenfalls einer der drei Präsidenten,
die Republik Deutschösterreich. Steinhardt erstieg danach den Brunnenrand des Athene-Denkmals, verlas die vorbereitete Proklamation der KPDÖ und hielt eine kurze Ansprache. Sodann versuchte er, in Begleitung zweier Rotgardisten als Beauftragter der KPDÖ beim Haupttor des Parlaments seine Forderung nach Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung vorzutragen. Doch dies misslang. Als ein Schuss fiel und darauf die Rollbalken der Parlamentsfenster heruntergelassen wurden, eröffneten die Angehörigen der Roten Garden in der Meinung, von Maschinengewehren angegriffen zu werden, das Feuer. Insgesamt wurden drei Personen mit Schussverletzungen in Spitäler eingeliefert, wovon zwei noch am selben Tag verstarben. Die Lage beruhigte sich freilich, als man den Rotgardisten nachwies, dass sich keine Maschinengewehre, ja nicht einmal Polizeibeamte im Parlamentsgebäude befanden.
=> Österreich im Jahre 1918, Berichte und Dokumente, Eingeleitet und herausgegeben von Rudolf Neck, R. Oldenbourg, München, 1968, S. 146 ff.)
Im oben zitierten Polizeibericht heißt es weiter:
"Kurz vor diesem Ereignis waren zwei Offiziere der roten Garde vor dem Tore des Rathauses in der Lichtenfelsgasse erschienen und hatten die Einziehung der gehissten rot-weiß-roten Fahne verlangt, da diese "aufreizend" wirke. Dem Verlangen wurde nicht nachgegeben, doch ließ der Bürgermeister für alle Fälle zur Beruhigung neben der offiziellen Flagge eine rote Fahne hissen."
Wie man sieht, kommt also dem Wiener Rathaus schon am ersten Tag
der Republik große symbolpolitische Bedeutung zu. Wir werden dem neugotischen Sitz der Wiener Stadtregierung 1938 und 1945 wieder begegnen: in beiden Jahren wird wieder jemand dazu auffordern, an diesem Gebäude einen Flaggenwechsel durchzuführen. => Auch 1994 wurde an diesem Gebäude "Flaggengeschichte" geschrieben. Seit dem EU-Referendum vom 12. Juni 1994 weht auf persönliche Anordnung des sehr symbolbewussten Wiener Bürgermeisters Dr. Helmut Zilk vom ringseitigen Nordturm des Rathauses die blaue Europaflagge. Der offizielle Polizeibericht bezieht sich noch einmal auf den Verlauf des 12. November 1918 und auf die Parlamentsflaggen,
wobei darauf hingewiesen wird, dass die roten Garden noch während der Ereignisse vor dem Parlament mit 150 Mann sämtliche Räume der "Neuen Freien Presse" in der Fichtegasse 11 besetzt und dort den Druck einer Extraausgabe erzwungen hatten. In diesem Blatt hatte es unter anderem geheißen: "Vor dem Parlamentsgebäude wurde heute Nachmittag die soziale Republik ausgerufen. Die rot-weiß-rote Fahne, die vorher vom Staatsrat gehisst worden war, wurde von den roten Garden mit Zustimmung der Arbeiterschaft heruntergerissen und die rote Fahne aufgezogen."
Es ist überliefert, dass Paul Kisch, der Bruder Egon Erwin Kischs, des Begründers der Roten Garden, damals Redakteur der "Neuen Freien Presse" war und dem eindringenden Bruder zurief: "Egon, das schreib ich aber der Mama nach Prag!". Egon Kisch (Erwin war das Pseudonym, unter dem er im Gymnasium schrieb) war sein ganzes Leben lang Kommunist. Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges soll er sich allabendlich effektvoll die Sterne vom Kragenspiegel gerissen haben, die ihm seine Freundin für den Auftritt am nächsten Tag wieder annähte - auch eine Geschichte über Symbole in Österreich.
Die Aktion gegen die "Neue Freie Presse", an welcher auch Soldaten des Infanterieregiments Nr. 4 "Hoch- und Deutschmeister" beteiligt gewesen sein sollen, und ein eher absurder Angriff auf das Schloss Schönbrunn waren die einzigen "revolutionären" Ereignisse bei der Entstehung der Republik Österreich. In Wirklichkeit hatten sich Repräsentanten aller Stände, Bürger, Bauern und Arbeiter zusammengetan, "das neue Österreich zu begründen" (Proklamation der Provisorischen Nationalversammlung). Doch während die Arbeiterbewegung die Republikgründung als "siegreiche Revolution" über Gebühr strapazierte, entglitt es dem Gedächtnis der bürgerlichen Seite, dass die Republik auch durch das Votum von Vertretern der Bürger- und Bauernschaft zustande gekommen war.
=> P. Dusek/A. Pelinka/E. Weinzierl, Zeitgeschichte im Aufriss, TR-Verlagsunion (J & V), Wien, 1981, 180.
Gustav Spann hat in seinem Beitrag "Flagge und Wappen der Republik Österreich" genau herausgearbeitet, dass die Staatssymbolik der Ersten Republik auf einem großkoalitionären Kompromiss beruhte: Die Sozialdemokraten unter Renner traten für das "revolutionäre Schwarz-Rot-Gold" als der Antithese zur Monarchie und zum Hause Habsburg und als der Synthese mit der deutschen Republik ein, während die Christlichsozialen unter Miklas in den "ehrwürdigen Babenberger- und Kreuzzugsfarben Rot-Weiß-Rot" ein Zeichen für Kontinuität und ein gewisses Maß an österreichischer Eigenständigkeit erblickten. => Gustav Spann, Zur Geschichte von Flagge und Wappen der Republik Österreich. In: Norbert Leser/Manfred Wagner (Hg.),
Österreichs politische Symbole, Böhlau, Wien, 1994 Während das neue Staatswappen erst nach einigen Geburtswehen festgelegt wurde und bis auf den heutigen Tag immer wieder Diskussionen auslöst (vgl. hiezu den Eintrag über das Bundeswappen) standen die Staatsfarben sehr bald und auf Dauer fest. Am 31. Oktober 1918, am Tag, an dem die Flagge Rot-Weiß-Rot auf der "Viribus Unitis" eingeholt wird, übergibt Ministerpräsident Dr. Heinrich Lammasch der provisorischen Staatsregierung die Regierungsgewalt. Als einer ihrer ersten offiziellen Akte erklärt sie auf Antrag des Christlichsozialen Dr. Wilhelm Miklas die alten Farben Rot-Weiß-Rot zu den Farben des neuen Staates.
Der geschichtsbewusste Gymnasialprofessor aus dem niederösterreichischen Horn stimmt sodann als einziger Vertreter des Staatsrates in der Sitzung am 11. November 1918 gegen den Anschlussartikel! Er sollte als Bundespräsident der letzte Vertreter des unabhängigen Österreichs sein, der sich bis in die Nachmittagsstunden des 13. März 1938 weigerte, sein Land an Hitler auszuliefern und lieber zurücktrat, als ein Gesetz über die "Wiedervereinigung" Österreichs mit dem Deutschen Reich zu unterschreiben. Im Gesetz vom 21. Oktober 1919 über die Staatsform (StGBl. Nr. 484/1919) wird in Artikel 6 erstmals die Nationalflagge Österreichs beschrieben: (1) Die Flagge der Republik besteht aus drei gleichbreiten, wagrechten (sic!) Streifen, von denen der mittlere weiß, der obere und der untere rot ist." (2) Durch Vollzugsanweisung wird bestimmt, auf welchen Flaggen überdies das Staatswappen anzubringen ist. Schon bei der historischen Begründung der Aufnahme des Bindenschilds in das neue Staatswappen (Gesetz vom 8. Mai 1919, StGBl. 257/1919) hatte man sich allerdings bemüht, den Farben Rot-Weiß-Rot jede habsburgische und imperiale Note zu nehmen und sie gewissermaßen auf ein "vorgeschichtliches Territorialsymbol" zu reduzieren:
"...das (sic!) rot-weiß-rote Bindenschild ist nicht das Schild eines Herrscherhauses, auch nicht das der Babenberger, sondern das Zeichen des Landes Österreich in der Zeit der Babenberger gewesen und war schon vor diesem fürstlichen Geschlecht landesüblich". => Beilage 202 d. Protokolle der Konstituierenden Nationalversammlung, 13. Sitzung, 8. Mai 1919. Nach allem, was wir heute wissen, sind die Farben Rot-Weiß-Rot verlässlich erst mit dem letzten Babenberger, Friedrich II., dem Streitbaren, d.h. mit dem Jahr 1230 in Verbindung zu bringen. 1918 mochte man vielleicht an die Akkon-Sage und damit an das Jahr 1192 anknüpfen. Aber die Behauptung, Rot-Weiß-Rot sei schon VOR den Babenbergern, also in der Zeit vor Leopold I., dem Erlauchten (976-994), "landesüblich" gewesen, ist eine pure
Geschichtsklitterung nach dem Muster des "Privilegium maius", auf das sie sich ohnedies stützen dürfte. So war also nicht nur das erste Hissen der Nationalfarben der Republik ein Fiasko, sondern auch die Begründung für ihre Aufnahme in das Wappen ein Flop. Doch wen wundert dies noch?
Nach dem Anschlussverbot von St. Germain werden 1921 der Begriff
"Deutschösterreich" und die Kodifikation des Anschlusswillens fallengelassen (Artikel 1 bis 3 des oben zitierten Gesetzes vom 21. Oktober 1919 über die Staatsform). Wirtschaft und Währung erholen sich, doch der anfängliche staatspolitische Konsens zerbricht. Daran kann auch das "Wunderteam" nichts ändern, das 1931/32 in 12 internationalen Fußballspielen ungeschlagen bleibt.
Obwohl die Erste Republik in drei einander immer unversöhnlicher gegenüberstehende politische Lager zerfällt, die über legale oder
illegale Wehrverbände verfügen und mit allen nur denkbaren symbolpublizistischen Mitteln um die Herzen der Bürger und um die Macht im Staate ringen, bis das demokratische Österreich im Blut eines Bürgerkrieges endet, bleiben die Nationalfarben Rot-Weiß-Rot weitgehend außer Streit. Sie werden erst wieder aktuell, als das immer einsamer werdende autoritäre Regime im Kampf gegen die reichsdeutsche Bedrohung versucht, den Mythos der Geschichte und den Macht der Tradition einzusetzen. Der Teufel soll durch Beelzebub ausgetrieben werden: die Deutschen der Ostmark werden zu den besseren Deutschen erklärt, dem schwarz-weiß-roten HEIDNISCHEN Hakenkreuz wird das rot-weiß-rote CHRISTLICHE
Kruckenkreuz gegenübergestellt, der NSDAP die VF, dem Horst-
Wessel-Lied das Dollfusslied. Das Geschehen in Österreich ist nicht ohne jenes im "Altreich" zu verstehen, von dem dauernder
politischer Druck ausgeübt wurde.
* 30. Jänner: Adolf Hitler wird zum Reichskanzler ernannt.
* Nach dem Reichstagsbrand vom 28. Februar werden die bürgerlichen Grundrechte eingeschränkt. * 5. März: Bei den Reichstagswahlen erzielen die NSDAP und die ihr nahestehende Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 52% der Stimmen. * 1. Juni: Tausend-Mark-Gebühr für Reise nach Österreich
* 22. Juni: Verbot der Sozialdemokratischen Partei
* 14. Juli: der Einparteienstaat wird gesetzlich verankert * 31. August bis 3. September "Reichsparteitag des Sieges" in Nürnberg. Insgesamt über 300.000 Teilnehmer
Republik Österreich 1933:
* 4. März: Die drei Präsidenten des Nationalrates treten zurück * 7. März: Die Regierung erklärt, das Parlament habe sich damit selbst ausgeschaltet.
* 31. März: Auflösung des Republikanischen Schutzbundes
* 19. Mai: Verbot aller regierungsfeindlichen Symbole (Fahnenverordnung)
* 20. Mai: Gründung der Vaterländischen Front (VF)
* 19. Juni: Verbot der NSDAP und des steirischen Heimatschutzes
* 8.-12. September: Allgemeiner deutscher Katholikentag (ohne
reichsdeutsche Teilnehmer), 250 J. Türkenbelagerung
* 11. September: Kundgebung der VF/Trabrennplatzrede mit der
Publikation des Kruckenkreuzes. => auf den Tag genau 50 Jahre später zelebriert Papst Johannes Paul II. im Wiener Donaupark eine Messe, am Vortag 10.9.83 Europavesper auf dem Heldenplatz - Zufall oder Absicht?
Der politische Kampf wurde sowohl im Deutschland der Weimarer Republik wie auch im Österreich der Ersten Republik mit allen
nur denkbaren symbolpublizistischen Mitteln geführt, die sich
insbesondere dann vervielfachten, wenn sie verboten wurden.
In diesem Lichte ist es zweifelhaft, welche Wirkung die von Dollfuss mit Hilfe des berühmten "kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes" ohne Mitwirkung des Parlaments eingeführte "Fahnenverordnung" (Verordnung der Bundesregierung vom 19. Mai 1933, betreffend den öffentlichen Gebrauch von Fahnen, Flaggen, Standarten, Wimpeln u. dgl., BGBl. 1933/186) tatsächlich entfalten konnte. Sie gehört jedenfalls zu den vielen Eigentümlichkeiten, die das Verhältnis des Österreichers zu seinen Symbolen kennzeichnen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil diese Verordnung durch die spätere österreichische Rechtsordnung formal nie aufgehoben wurde: nach Interpretation des Verfassungsdienstes wurde ihr allein durch das am 14. Jänner 1939 in der Ostmark in Geltung gesetzte Reichsflaggengesetz materiell derogiert.
=> Brief von Dr. Klaus Berchtold an den Verfasser, Dez. 1993
Hier nun der Wortlaut dieser "Fahnenverordnung", die ein deutliches Licht auf den "Kampf der Symbole" in den dreißiger Jahren wirft, den das Kruckenkreuz durch seine offizielle Einführung im September 1933 für sich zu entscheiden hoffte:
"Auf Grund des Gesetzes vom 24. Juli 1917, R.G.Bl. Nr. 307, wird zur Abwehr der mit einer Störung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit verbundenen wirtschaftlichen Gefahren verordnet, wie folgt:
§ 1. Der öffentliche Gebrauch von Fahnen, Flaggen, Standarten, Wimpeln u. dgl. ist untersagt, sofern hierdurch die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit gefährdet wird. Dieses Verbot gilt ausnahmslos für den öffentlichen Gebrauch von
roten Fahnen, Flaggen, Standarten, Wimpeln u. dgl., solchen mit dem Sowjetstern, solchen mit den drei Pfeilen und solchen mit dem Hakenkreuz.
Für den öffentlichen Gebrauch von sonstigen Fahnen, Flaggen, Standarten, Wimpeln u. dgl., durch die eine parteipolitische Einstellung zum Ausdruck gebracht wird, ist eine Bewilligung des Bundeskanzleramtes erforderlich. ..."
Im weiteren Text folgen Strafbestimmungen und Bestimmungen über den Verfall der Gegenstände, auf die sich die strafbare Handlung bezieht. Die allgemeinen Rechte der auswärtigen diplomatischen und konsularischen Vertreter werden durch die Verordnung nicht berührt. Die Vaterländische Front und das Kruckenkreuz Der Entstehung des Kruckenkreuzes und der ihm zukommenden Bedeutung für Österreich haben wir - so wie dem Hakenkreuz - eine eigene
Darstellung gewidmet. Das alt-christliche Zeichen trat also nun im September 1933 seinen symbolpolitischen Kreuzzug gegen sein neu-heidnisches Pendent an - zunächst nur als Symbol der einzigen zugelassenen politischen Bewegung, der Vaterländischen
Front. Ähnlich wie das Hakenkreuz bleibt das Kruckenkreuz relativ lange Symbol der staatlichen Einheitspartei. Während das Hakenkreuz aber zum alleinigen Staatssymbol aufsteigt, wird dem Kruckenkreuz nur eine "quasi-hoheitliche" Funktion zuteil. Das Kruckenkreuz fällt zunächst auf eine sehr unangenehme Weise auf: 1934 wird schon am ersten Tag der Februarkämpfe das den Sozialdemokraten sehr am Herzen liegende "Denkmal der Republik" mit Kruckenkreuzfahnen verhüllt - eine eher geschmacklose Verwendung der Nationalfarben - gewissermaßen zur mystischen, posthumen Enthauptung und Anprangerung der geistigen Führer des politischen Gegners. @ Abb.
Am 1. Mai 1934 wird "im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht", dem österreichischen Volk "für seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage" eine neue Verfassung gegeben. In Artikel 3 Abs. 1 der neuen Verfassung wird festgelegt: "Die Farben Österreichs sind Rot-Weiß-Rot". In Artikel 3 Abs. 2 wird der doppelköpfige, nimbierte Adler als Staatswappen eingeführt - die genauen Motive hiefür werden an anderer Stelle besprochen (vgl. die Geschichte
Bundeswappens).
Gleichzeitig mit der ständischen Verfassung wird auch die VF verfassungsgesetzlich verankert. Sie selbst gibt sich ein Bundesorganisationsstatut.
=> Irmgard Bärnthaler, Die Vaterländische Front, Geschichte und Organisation, Europa Verlag, Wien, 1971, 55 ff.
Im Zusammenhang mit der Verfassung des Ständestaats wird die VF als auf dem Führerprinzip aufgebauter Verband definiert, der als Träger des österreichischen Staatsgedankens berufen ist, alle Staatsbürger auf dem Boden eines selbstständigen, christlichen, deutschen und berufsständischen Bundesstaates Österreich zusammenzufassen. Ihr wird ein Mitspracherecht bei der Verwaltung eingeräumt, es wird aber keine Zwangsmitgliedschaft dekretiert. Die Bezeichnung "Vaterländische Front" darf nur die neue politische Bewegung führen, ebenso ist ihr allein das Führen des Kruckenkreuzes erlaubt. Die Mitglieder der VF hatten das folgende Abzeichen zu tragen: Ein 25 Millimeter langes und zwei Millimeter breites, über einen Metallkern gezogenens rot-weiß-rotes Doppelbändchen oder eine diesem Bändchen nachgebildeter Metallstreifen.
Man hatte sich demnach entschlossen, nicht das Kruckenkreuz -
das eigentliche Symbol der Bewegung - als Abzeichen zu wählen, um es dem verbreiteten (damals aber schon illegalen und daher meist hinter dem Rockaufschlag getragenen) runden Hakenkreuzabzeichen der NSDAP entgegenzusetzen, sondern sich der einigenden Kraft der Nationalfarben zu bedienen. Damit sollte es offenbar möglichst vielen Menschen, vor allem den tausenden Staatsbeamten, erleichtert werden, sich aktiv zur VF zu bekennen: die österreichischen
Staatsfarben zu tragen, konnte ja nicht verkehrt sein, und außerdem war das berühmte "Bändchen" von nicht gerade überwältigender Aufdringlichkeit. Drei Farben auf zwei Millimetern - ein wahrhafter Geniestreich österreichischer Kompromisskunst: ein halber Quadratzentimeter für das Bekenntnis zum Vaterland, ein Abzeichen, das man tragen konnte, ohne damit aufzufallen. Doch viele trugen es aus Angst um ihre Existenz - daher wurde das Bändchen oft auch "Existenzspange" genannt. Es gab verschiedene Versuche, das Kruckenkreuz zu popularisieren.
So etwa den Vorschlag des Bundesministeriums für Handel und Verkehr, an den gewerblichen Bundeslehranstalten rot-weiß-rote Fahnen mit dem Kruckenkreuz zu versehen und bei Schulfeiern und Umzügen mitzuführen. Hiezu habe die VF als ausschließlich verwendungsberechtigte Organisation ihre ausdrückliche Zustimmung gegeben.
=> Diesbezügliches Dokument vom 16. März 1935 im Besitz des Verfassers.
Die Kruckenkreuzflagge als "quasi-staatliches Hoheitszeichen"
Das Anfang September 1933 eingeführte Kruckenkreuz wurde bald auch auf die rot-weiß-rote Fahne gesetzt. So befand es sich bereits auf jenen Fahnentüchern, mit welchen am 12. Februar 1934 die Büsten am Denkmal der Republik verhüllt wurden (s. o.).
Offenbar unter dem Eindruck der massiven nationalsozialistischen Sichtpropaganda nach den Richtlinien des Reichsflaggengesetzes bei Gelegenheiten wie etwa den Olympischen Spielen (im Februar 1936 im Garmisch-Partenkirchen, im August 1936 in Berlin), aber dennoch nicht bereit, die Symbole von Partei und Staat nach deutschem Vorbild völlig zu verschmelzen, wurde am 28. Dezember 1936 das "Bundesgesetz über die Flagge des Bundesstaates Österreich", BGBl. 444/1936, beschlossen. Es enthielt folgende Bestimmungen:
§ 2. (1) Die Kruckenkreuzflagge ist im Inlande der Staatsflagge gleichzuhalten und kann neben dieser geführt werden. (2) Die Bestimmungen des § 16 des Bundesgesetzes über die "Vaterländische Front", B.G.Bl. Nr. 160/1936, werden hierdurch nicht berührt. (3) Die Kruckenkreuzflagge besteht aus drei waagrechten Streifen, von denen der mittlere weiß, der obere und untere rot ist. Der Mittelstreifen hat in zwei Fünftel der Länge eine kreisförmige Erweiterung, in deren Mitte sich ein durchbrochenes rotes Kruckenkreuz befindet. Die Flagge ist an der Flaggenstange mit einem grünen Sparren belegt, dessen äußerer Rand von der Mitte der roten Streifen und dessen innerer Rand von den Teilungslinien ausgeht.
Die Regierung Schuschnigg stand Ende 1936 bereits mit dem Rücken zur Wand. Nach dem Abkommen vom 11. Juli 1936 mussten "national-
betonte" Kräfte in das Kabinett aufgenommen werden. Italien,
auf das sich schon Karl Renner nach 1919 gestützt hatte, begann sich immer stärker von Österreich abzuwenden. An Stelle der am 10. Oktober aufgelösten Wehrverbände war die "Frontmiliz" im Rahmen von VF und Bundesheer geschaffen worden.
Durch den Mittelkreis mit Kreuzsymbol erhielt die nunmehr mit staatlicher Autorität ausgestattete Kruckenkreuzflagge eine gewisse Ähnlichkeit mit der Hakenkreuzflagge. Von ihrer optischen Signalwirkung her war sie freilich schwächer als diese, da ihr der kräftige Farbakzent fehlte, den das zentral positionierte schwarze Hakenkreuz bildete. Im übrigen hatte sie sich auch mit den im "Reich" oft gezeigten Fahnen der Hitlerjugend zu messen,
die ein großes schwarzes Hakenkreuz auf Rot-Weiß-Rot
zeigten - ob das Rot-Weiß-Rot der HJ-Fahnen eine bewusste oder unterbewusste heraldische Anspielung auf den "Ahnengau des Führers" war? Jedenfalls hatte es die Kruckenkreuzfahne bei dieser Konkurrenz nicht leicht. Sollte vielleicht der grüne Sparren, also der Winkel an der Mastseite, helfen, die Kruckenkreuzflagge durch eine Schmuckfarbe attraktiver zu machen? Die tatsächliche Bedeutung dieses Winkels konnte der Autor (noch) nicht feststellen. Noch 1933 hätte man ihn als Geste an die Heimwehren erklären können, gewissermaßen als Zeichen des "autoritären" Willens. Doch Ende 1936 waren bereits alle Wehrverbände aufgelöst und in die "Frontmiliz" eingegliedert worden. Sollten vielleicht die Nadelwälder der Alpen mit dem grünen Sparren symbolisiert und damit österreichische Eigenart ausgedrückt werden? Tatsache ist jedenfalls, dass in der Mehrzahl der Fälle, in denen die Kruckenkreuzflagge physisch verwendet oder drucktechnisch dargestellt wurde, auf die Beifügung dieses grünen Winkels vergessen wurde. Das musste wohl auch so sein, gab es doch wieder einmal ein österreichisches Staatssymbol, bei dem jeder Perfektionismus zu vermeiden war. Die Kruckenkreuzflagge war in diesem Sinn ja auch nicht das neue Hoheitszeichen Österreichs, sondern war nur "der Staatsflagge gleichzuhalten", "Hilfssymbol" sozusagen. Aus diesem Grunde durfte sie auch nur in Österreich selbst geführt werden. @ Abb., etwa aus Wien aktuell I/84
=> Auf den offiziellen Fahnen und Plakaten des Werbedienstes der VF unter Dr. Fritz Bock, dem langjährigen Handelsminister der Zweiten Republik, scheint der grüne Sparren auf.
Die gut gemeinten, aber ohne die Loyalität der Arbeiterschaft auf zu schwachen Beinen stehenden patriotischen Bemühungen des Ständestaates musste Dollfuss mit dem Leben und Schuschnigg mit dem Land bezahlen. Das defensive christliche Kruckenkreuz verlor den Kampf mit dem aggressiven heidnischen Hakenkreuz.
Schon lange vor dem Einmarsch der deutschen Truppen war das Hakenkreuz immer wieder in den verschiedensten Formen aufgetaucht, wie wir in der erwähnten Darstellung
beschrieben haben. Ab den Nachmittagsstunden des 11. März 1938 wehte die Hakenkreuzflagge bereits von vielen privaten und öffentlichen Gebäuden, und noch vor 23 Uhr hatte man am Bundeskanzleramt
eine solche angebracht. Nur kurze Zeit später wurde auch die Front des Wiener Rathauses mit einer Hakenkreuzflagge versehen. Zwei Demonstranten hatten die Fassade erklettert und von der Brüstung die Hakenkreuzfahne entrollt. Dies geschah unter dem Absingen von Deutschlandlied und Horst-Wessel-Lied ("Die Fahne hoch ..."), bevor noch der österreichische Bundespräsident und der Wiener Bürgermeister, die sich in den jeweiligen Amtsräumen befanden, zurückgetreten waren. Bürgermeister Richard Schmitz hatte sich trotz massiven Drucks seitens seines NS-Nachfolgers Major Fritz Lahr strikt geweigert, das Symbol des Okkupanten hissen zu lassen.
=> Rudolf Neck (Hg.), Wien 1938, Verein für Geschichte der Stadt Wien, 1978, S. 33.
Bis Mitternacht waren die wichtigsten öffentlichen Gebäude Wiens (nein, Österreichs!) mit dem "Hakenkreuz im weißen Feld, auf feuerrotem Grunde" (© Ottokar Kernstock) "geschmückt" - entweder von außen durch NS-Aktivisten oder von innen durch Überläufer bzw. Beamte, die die Aussichtslosigkeit ihrer Lage erkannt hatten.
=> Tomkowitz/Wagner, Gerhard/Dieter, "Ein Volk, ein Reich, ein Führer", Piper, München, 1968, 225 ff.
Die rot-weiß-roten Farben erstanden nicht erst nach der Befreiung Österreichs durch die alliierten Truppen wieder, sondern spielten schon im Widerstand gegen das Dritte Reich eine Rolle.
So etwa 1944 bei der Aufstellung von insgesamt fünf österreichischen "Freiheitsbataillonen" im Rahmen der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee. Die kommunistischen Exilpolitiker Johann Koplenig, Franz Honner und Friedl Fürnberg führten die diesbezüglichen Verhandlungen mit den Sowjets und den Tito-Partisanen. Friedl Fürnberg berichtet:
"Am 24. November 1944 wurde auf einer Wiese bei dem slowenischen Dorf Tribuce an einer primitiven Holzstange die rotweißrote Fahne Österreichs hochgezogen. Es war der Höhepunkt einer kurzen militärischen Feier anlässlich der Gründung des I. Österreichischen Freiheitsbataillons im Rahmen der jugoslawischen Partisanenarmee. Das Bataillon legte einen Treueeid ab für die Befreiung Österreichs und für ein unabhängiges, demokratisches Österreich zu kämpfen, gleichzeitig galt der Schwur dem gemeinsamen Kampf mit den slowenischen Partisanen gegen den deutschen Hitler-Faschismus und seine Verbündeten."
Nicht nur Kommunisten hatten sich dieser Truppe angeschlossen,
sondern Sympathisanten aller politischen Richtungen. Am linken Ärmel der jugoslawischen Uniform trugen sie den spitz zulaufenden rot-weiß-roten Bindenschild. Das 1. Bataillon kam tatsächlich zum Kampf- und Propagandaeinsatz. Am 12. Mai 1945 zogen Angehörige dieser Freiheitstruppen unter der rot-weiß-roten Fahne in die Wiener Hofburg ein.
=> Gerhard Oberkofler/Eduard Rabofsky, Pflichterfüllung für oder gegen Österreich, Globus, Wien, 1988, S. 40.
@ Abb. S. 41. sowie Andics/Insel der Seligen, ......................S. 71
Unter dem Titel "45 war ich zehn" schrieb Herbert Pirker
im "Wiener Journal" vierzig Jahre danach, in der Juli/August-Nummer 1985 (S. 40):
"Eine Grenze verlief da plötzlich, wo früher keine war, die Donau teilte, da wo ich jetzt lebte, ein Reich in zwei Teile, die Bauern klopften mit ihren Hämmern auf ihre runden Parteiabzeichen, bis sie unkenntlich waren, und vergruben dieselben, sie verbrannten die Führerbilder, von den roten Hakenkreuzfahnen trennten Sie den weißen Kreis mit dem schönen schwarzen Symbol herunter, schnitten die Fahnen der Länge nach in zwei Teile und fügten einen weißen Streifen ein, und rechts und links blieb auf den roten Teilen je ein hellroter Halbkreis, Zeichen der Schmach und des Verrats, ich verstand die Welt nicht mehr".
In der Tat, welches Kind sollte das verstehen - wo es doch manche Erwachsene bis heute nicht begriffen haben. Auch ich erinnere mich an die rot-weiß-roten Fahnen mit den seltsamen Halbkreisen - Ton in Ton, wie Hexenringe im grünen Gras, nur rote Muster auf rotem Grund - wie verbleichende Schatten, noch Jahre sichtbar nach einem vorüber gezogenen Hexensabbat. In Wien erschienen die Farben Rot-Weiß-Rot zum ersten Mal wieder am 9. April 1945.
Gordon Shepherd schreibt in seinem berühmten Buch "Die österreichische Odyssee": "Szokoll befand sich zur Zeit auswärts und entkam. Der unermüdliche Feldwebel Kaes erwartete seinen Vorgesetzten unterwegs und warnte ihn. Szokolls beide Vertraute, Hauptmann Huth und Leutnant Raschke, wurden an ihren Schreibtischen verhaftet. Zusammen mit dem unglücklichen Biedermann henkte man sie auf der Strasse in Floridsdorf, einem Wiener Stadtbezirk.
Es war der Nachmittag des 8. April 1945. Schon brach die Armee Tolbuchins vom ungeschützten Westen her gegen die Stadtmitte durch, eingewiesen durch Führer der O5. Am folgenden Nachmittag wurde die rot-weiß-rote Fahne von einem der Widerstandsbewegung angehörenden Wiener SS-Mann auf dem Stephansturm gehisst - zum ersten Mal seit sieben Jahren und neunundzwanzig Tagen." => S. 183, ebenso Weinzierl bei Mantl, ..............S. 91. Hellmuth Andics weiß zu berichten, dass am 10. April am Stephansturm eine weiße Fahne gezeigt wurde. Das bestätigt auch Prof. Rudolf Hanzl, Vorstand der Wiener Philharmoniker nach dem Krieg in einem Augenzeugenbericht. => Franz Danimann, Hugo Pepper (Hg.), Österreich im April '45,
Europaverlag, Wien, 1985, 225.
"Die Strassen menschenleer. Die Bewohner steckten alle in ihren Kellern. Artillerie schoss noch umher. Die ersten Infanterieplänkler marschierten in Gefechtsformation durch die Kärntner Strasse gegen den Stephansplatz. Dann wurde es ruhiger.
Die Deutschen leisteten anscheinend keinen Widerstand mehr.
Da ich vermutete, dass die Luft rein sei, nahm ich zwei Kübel, um mir Wasser aus dem Bunker neben der Oper zu holen. Ich wollte die
Kärntner Straße überqueren und sah dabei am Ring russische Soldaten stehen, als plötzlich zwei russische Granaten ein paar Schritte vor mir explodierten. Patzer! dachte ich ärgerlich, schießt die Artillerie mitten unter die eigenen Leute! Mein Trommelfell wurde dabei so erschüttert, dass ich heute noch schlecht höre.
Dann wanderte ich in die Stadt. Am Kai wurde geschossen und gekämpft, deshalb ging ich zum Rathaus. Dort waren schon Unberufene, wohl Ausländer, am >Werk< und schleppten Möbel auf die Straße. Ich sagte einem Rathausportier, er möge weiße Fahnen oder Staatsfahnen hissen.
Und wirklich: man fand oder nähte im Rathaus in aller Eile eine große rotweißrote Staatsfahne und zog sie am Turm hoch. In diesem Augenblick war Österreich wieder geboren, ging seine Hauptstadt Wien aus Krieg und Not, wohl bedeckt mit schweren Wunden, aber als Gemeinschaft freier Menschen hervor."
=> Gustav K. Bienek, "Ein Leben für Österreich", Theodor Körner zum 80. Geburtstag, Jugend und Volk, Wien, 1953, S. 77 ff.
Peter Gosztony beschreibt in seinem Buch => Endkampf an der Donau 1944/45, Molden Taschenbuch, Wien, 1978, S. 261 das Auftreten der rot-weiß-roten Farben am 9. April 1945 wie folgt: "Inzwischen hatten die Russen bereits den Ring in Besitz genommen. Bei Heiligenstadt und in Erdberg standen sie am Donaukanal. Parlament, Universität und das schwerbeschädigte Rathaus (auf dessen linken Seitenturm von unbekannten Händen die rotweißrote Fahne gehisst worden war) waren Hauptkampflinie geworden. Glücklicherweise nicht für lange Zeit. Die Waffen-SS zog sich am 10. April aus der Innenstadt zurück und bezog neue Stellungen entlang des Donaukanals." Nach anderer Lesart wurde die erste rot-weiß-rote Fahne 1945 auf dem Palais Auersperg, dem Sitz der Widerstandsbewegung, gehisst.
"Jetzt ist alles vorbei"
Nachdem der Wiener Feuerwehrmann Erwin Racek auf Geheiß der Russen die nationalsozialistischen Adler in einer kühnen, bei Hugo Portisch spannend geschilderten Aktion von den beiden Parlamentsmasten heruntergeholt hatte, konnten jedenfalls am 29. April die rot-weiß-roten Flaggen gehisst werden. Zur Feier der Unabhängigkeitserklärung tanzten die Österreicher und Österreicherinnen auf der Ringstrasse aus Freude über die Befreiung vom Joch des Nationalsozialismus. Nach sieben langen Jahren wehte wieder das Rot-Weiß-Rot über der Ringstrasse.
Eine Augenzeugin berichtet über die Atmosphäre bei der Proklamation der wiedererlangten Unabhängigkeit Österreichs vor dem Parlament:
"Und als das verlesen war und irgendwer noch gesprochen hat, haben alle applaudiert, und in schlottrigen Kleidern sind Männer mit Musikinstrumenten gestanden, die haben, weil wir ja keine Hymne gehabt haben, halt den Donauwalzer gespielt. Und die ersten haben sich halt auch mal einen Russen geschnappt und sind mit ihm im Walzertakt rundherum getanzt. Man ist nach Hause gegangen und hat gewusst, es kann nix mehr passieren, jetzt ist alles vorbei"
Und Adolf Schärf sagt zum kommunistischen Vizebürgermeister
Karl Steinhardt: "Jetzt hast du Tränen der Rührung in den Augen, weil russische Soldaten die rot-weiß-roten Fahnen hochziehen, im November 1918 hast du schießen und das Weiße aus den Fahnen herausreißen lassen, so ändern sich die Zeiten."
Steinhardt antwortet: "Ja, ja, das wäre nicht notwendig gewesen, wenn ihr nur immer gemacht hättet, was wir wollten." => Hugo Portisch, Österreich II, Kremayr & Scheriau, Wien, 1985, S. 172 f.
Während am 29. April 1945 in Wien die Provisorische Staatsregierung Einzug im Parlament hielt, befand sich der größte Teil des heutigen österreichischen Staatsgebiets noch in den Händen deutscher Truppen. Im Westen bemühte sich die Widerstandsgruppe O5, im Kontakt mit den Alliierten bei dem vorherzusehenden Einmarsch der Amerikaner das Land möglichst ohne Widerstand zu übergeben. Doch nicht immer lief alles so glatt ab wie geplant. Als am 20. April, zum letzten Geburtstag Adolf Hitlers, O5-Männer von der Innsbrucker Polizeidirektion eine rot-weiß-rote Fahne entrollten und die Tiroler Hauptstadt mit Flugzetteln überschwemmten, erreichten sie das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigten. Die gereizte Gestapo veranstaltete eine Großrazzia, bei der zahlreiche Verhaftungen vorgenommen und der Geheimsender der O5 ausgehoben wurde. Am 1. Mai war die O5 erfolgreicher: die Innsbrucker Kasernen wurden im Handstreich besetzt; eine rot-weiß-rote Fahne, vom Dach des Hauses eines Widerstandskämpfers entrollt, leitete am 2. Mai eine zweite erfolgreiche Widerstandswelle ein, mit welcher die 05 die Stadt im Kampf gegen verbliebene SS-Einheiten unter ihre Kontrolle brachte. Als am 3. Mai 1945 gegen Abend die amerikanischen Truppen unter Major Sheldon D. Elliot vor dem Landhaus eintrafen, konnte Dr. Karl Gruber namens der Widerstandsbewegung eine vom Feind befreite Stadt übergeben.
Die Innsbrucker hatten getreu der Moskauer Deklaration ihren eigenen Beitrag zur Befreiung geleistet. Der amerikanische
Truppenkommandant staunte nicht schlecht, als viele
rot-weiß-rote Flaggen von den Dächern der Stadt wehten und ihn schließlich sogar ein riesiges Sternenbanner begrüßte, das vom Dachfirst entrollt wurde, als er vor dem Landhaus ankam. Noch einmal ging es im Innsbruck des Jahres 1945 um die Frage der österreichischen Staatssymbole. Als nämlich im Juli des ersten Nachkriegsjahres Tirol an die endgültige französische Besatzungsmacht übergeben werden sollte, wollte
man die beiden Hymnen spielen - die französische und die österreichische. Aber sowohl die mit der des Deutschlandliedes identische Melodie der alten Haydn-Hymne als auch die Tiroler Landeshymne - das gegen die Franzosen gerichtete Andreas-Hofer-
Lied - erwiesen sich als wenig passend. So einigte man sich schließlich auf die Egmont-Overtüre.
=> Andics, a.a.O., 108 ff., 119.
Rot-weiß-rote Fähnchen beherrschten den Park vor dem Wiener Belvedere, als am 15. Mai 1955 Leopold Figl vom Balkon herab das
unterschriebene Dokument des Staatsvertrages zeigte. Eine Nation
hatte endgültig zu sich selbst gefunden und ihre volle Freiheit wiedererlangt.
Ähnlich groß war der Jubel am Schwarzenbergplatz, als im Oktober 1955 die Flaggen der Besatzungsmächte auf dem Gebäude des Alliierten Kontrollrates (heute Sitz der Industriellen-Vereinigung) eingeholt und rot-weiß-rote Flaggen gehisst wurden.
Am ergreifendsten wird die Wertschätzung des neuen Österreich
für seine Farben durch die Worte beschrieben, die der am 8. Jänner 1964 verstorbene Staatsvertragskanzler Julius Raab in seinem Testament gefunden hat. Der letzte Wille von Julius Raab war am 9. Juli 1961 in einem Wiener Notariat hinterlegt worden. Der politische Teil wurde am 9. Jänner 1964 veröffentlicht. Er begann mit den Worten:
"Von meinen Freunden und Mitarbeitern und von allen Österreichern, meinen Anverwandten, erbitte ich Nachsicht über manches ungereimte Wort und um Verzeihung, wenn ich sie gekränkt haben sollte; das gilt auch für meine politischen Gegner.
Aber alle bitte ich inständig, die rot-weiß-rote Fahne hochzuhalten und unser schönes Österreich als einen Hort der Freiheit zu bewahren ..."
=> Alois Brusatti/Gottfried Heindl (Hrsg.), Julius Raab. Eine Biographie in Einzeldarstellungen, Trauner, Linz, 1985, 365.
Der zweite der beiden oben zitierten Sätze findet sich auch auf dem zum Gedenken an Julius Raab am 15. Mai 1967 enthüllten
Denkmal - nach römischem Vorbild ein Friedenstor - gegenüber dem Wiener Parlament. Rot-Weiß-Rot zur See in der Ersten und Zweiten Republik
Flagge, die rot, weiß und rote, ach, nimmer
Darf sie in buntfremden Häfen sich blähn,
Nimmer die Stirn deiner Söhne der Schimmer
Endloser Fahrten und Fernen umwehn.
Aus: Paula
von Preradović: Heimat ohne Meer, 1933
Die geschichtliche Entwicklung der österreichischen Seeflagge von 1786 bis zum Zerfall des Habsburgerreiches - und damit zum Untergang der altösterreichischen Kriegsflotte - wurde bereits behandelt.
Im folgenden soll kurz auf die Entwicklung der Flagge Österreichs zur See in der Ersten und Zweiten Republik eingegangen werden und der gegenwärtige Stand der Symbolik dargestellt werden. Das Gesetz über die Staatsform vom 21. Oktober 1919 (StGBl.484/1919) hatte die Flagge der Republik festgelegt und normiert, dass durch Vollzugsanordnung bestimmt werden könne, auf welchen Flaggen das Staatswappen anzubringen sei.
Mit Verordnung des Bundeskanzlers vom 1. April 1926 (BGBl. 85/1926) wurde den Wasserfahrzeugen des Bundesheeres die Berechtigung erteilt, auf ihren Flaggen und Wimpeln das Staatswappen zu führen. Drei Jahre später wurden zum ersten Mal die Größenverhältnisse der österreichischen Schiffsflagge, wie sie einer langen k.u.k. Tradition entsprachen, geregelt:
In § 1 der Verordnung des Bundeskanzlers vom 1. Mai 1929 (BGBl. 191/1929) betreffend die Nationalflagge der österreichischen Fahrzeuge der Binnenschifffahrt heißt es:
1) Die österreichischen Fahrzeuge der Binnenschifahrt haben, wenn sie in die Lage kommen, die Nationalflagge zu hissen, als solche an der hiefür vorbehaltenen Stelle des Fahrzeuges eine Flagge zu führen, die ein längliches Rechteck bildet, bei dem das Verhältnis der Höhe zur Länge wie zwei zu drei ist und das aus drei gleichen waagrechten Streifen besteht, von denen der mittlere weiß, der untere und der obere rot ist (Anlage 1).
2) Auf der Nationalflagge der im Dienste der österreichischen Bundesverwaltung stehenden Fahrzeuge der Binnenschifffahrt ist in der linken oberen Ecke des Flaggenblattes in einem schwarz eingerahmten Wappenschild mit weißem Grunde das Staatswappen derart anzubringen, dass die Entfernung des oberen und des linken Randes des Wappenschildes von dem oberen und dem linken Rande des Flaggenblattes je ein Fünftel der Breite des roten Streifens beträgt und die Spitze des Wappenschildes in der Mitte der Breite des weißen Streifens liegt (Anlage 2). @ Abb. lt. Gall S. 67, bzw. BGBl.191/129 (ev. neue Kopie!)
Diese Form der Dienstflagge blieb etwa bei der Strompolizei bis in die Mitte der achtziger Jahre in Verwendung, bis sie von der neuen Bundesdienstflagge gemäß Wappengesetz 1984 abgelöst wurde.
Für die Flaggenführung der rund 30 Hochseeschiffe, die unter österreichischer Flagge fahren, gilt heute das Seeschifffahrtsgesetz
vom 19. März 1981 (BGBl. 174/1981). Dieses Gesetz enthält eine genaue Beschreibung der österreichischen Seeflagge:
Flaggenführung und Reedereizeichen
§ 3. (1) Die Flagge der Republik Österreich zur See (Seeflagge) in der Form gemäß Abs.2 darf nur von österreichischen Seeschiffen geführt werden; sie dürfen die Seeflagge eines anderen Staates nicht führen.
(2) Die Seeflagge besteht aus drei gleichbreiten, waagrechten Streifen, von denen der mittlere weiß, der obere und der untere rot ist. Das Verhältnis der Höhe der Flagge zu ihrer Länge ist zwei zu drei. Andere Hinweise auf die österreichische Nationalität eines Seeschiffs (z.B. durch rot-weiß-rote Wimpel, Stander) sind unzulässig.
(4) Die Führung von Reedereiflaggen und -zeichen auf österreichischen Seeschiffen bedarf der Genehmigung des Bundesministers für Verkehr. Die Genehmigung darf nur erteilt werden, wenn das Bild der Flaggen bzw. Zeichen dem Ansehen der Republik Österreich nicht abträglich ist und nicht zu Verwechslungen mit der österreichischen Staatsflagge, der Seeflagge, den Flaggen anderer Staaten oder mit Signalflaggen Anlass gibt. Das Seeschifffahrtsgesetz 1981 bestimmt darüber hinaus in § 4, dass jedes österreichische Seeschiff einen Namen zu führen hat, der auch eine Devise sein kann, sich jedoch von anderen Schiffsnamen deutlich unterscheiden muss und dem Ansehen der Republik Österreich nicht abträglich sein darf. Der Name des Registerhafens österreichischer Seeschiffe lautet "Wien" und ist grundsätzlich am Heck unter dem Schiffsnamen anzubringen. Mehr als ein Jahrzehnt vor diesem Gesetz, zwei Jahre nach dem Staatsvertrag, am 17. Juli 1957, hatte der Nationalrat schon einmal ein Seeflaggengesetz beschlossen und in diesem (BGBl. 187/1957) eine dreijährige Legisvakanz bestimmt. Leider passierte dem Gesetzgeber dabei ein arger Lapsus: statt zu bestimmen, dass das Gesetz mit 31. Juli 1960 IN Kraft treten solle, wurde
bestimmt, dass es zu diesem Zeitpunkt AUSSER Kraft zu treten habe. Einige Wochen vor diesem Datum erkannte man den Irrtum
und setzte mittels einer Novelle das Gesetz dadurch in Kraft, dass man seine "Selbstaußerkraftsetzung" außer Kraft setzte. (Oh, du mein Österreich!)
Die österreichische Handelsschifffahrt wurde seit Einführung der Dampfschifffahrt in hohem Maße durch den 1836 in Triest gegründeten "Österreichischen Lloyd" bestimmt. Schon 1846 waren
20 zum Teil in England gebaute Dampfschiffe in Betrieb. Das Emblem des "Lloyd Austriaco" war ein mit der Kaiserkrone gekrönter goldener Anker, der von den beiden Initialen "L" und "A" flankiert wurde, darunter das Motto "Vorwärts". Gegen die Jahrhundertwende hin wurde das Emblem etwas verfeinert, indem die
Initialen mit dem Ankerschaft in Gold verbunden wurden. Auf kobaltblauem Flaggengrund ergab dies eine äußerst elegante Reedereiflagge. 1918 wurde das Schifffahrtsunternehmen in "Lloyd Triestino" umgetauft. Dessen Firmenzeichen ist heute sehr nüchtern und zeigt einen von den Buchstaben "L" und "T" flankierten stilisierten Anker.
@ Abb. lt. Ausstellungskatalog "Lloyd" 1987 Unter Auslassung des Wortes "Vorwärts" verwendet die heutige "Österreichischer Lloyd Ship Management Ges.m.b.H." das traditionelle goldene Lloyd-Emblem auf kobaltblauer Reedereiflagge. Das Unternehmen betreibt zur Zeit (1995) etwa 40 Hochseefrachtschiffe, davon 28 österreichische, die zumeist westösterreichische Namen tragen ("Innsbruck", "Arlberg" etc.) und meist in Schweden, Norwegen, Polen oder Japan gebaut wurden. Das größte in Betrieb stehende Schiff, das rot-weiße MS Tirol, ist an die 220 m lang und 32 m breit. Es ist sowohl für Getreide- als auch für Erztransporte geeignet. @ updaten!
Die schon einige Jahre vor dem Lloyd 1829 von zwei Engländern gegründete (Erste) Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft (DDSG), die vor dem Ersten Weltkrieg eine der größten Binnenflotten Europas besaß (1914: 142 Dampfer und 860 Schlepper) und auch noch in der Ersten Republik das führende Unternehmen auf der Donau war (1937: 22 Personendampfer, 25 Frachtdampfer, 394 Schlepper, 29 Tanker), musste nach dem Zweiten Weltkrieg als verstaatlichtes Unternehmen praktisch komplett neu aufgebaut werden. Nach einem fünfjährigen
Modernisierungsprogramm (Verdieselung und Umstellung auf Schubbetrieb) verfügte die DDSG 1978 wieder über insgesamt 55 selbstfahrende Einheiten (darunter 7 Fahrgastschiffe) und 123 Güter-/Tankkähne und Schubleichter. Ende 1993 wurde die Güterschifffahrt an die deutsche Stinnes AG, Mühlheim verkauft, die verpflichtet wurde, 30% der Anteile an österreichische Firmen weiterzugeben. @ ergänzen !
Ohne gesetzliche Grundlage - aber kraft stolzer Tradition - führt die DDSG die Anfangsbuchstaben ihres Firmennamens schon seit eh und je in ihrer Reedereiflagge: die vier schwarzen Grossbuchstaben ursprünglich im weißen Mittelstreifen neben einer goldenen Krone im oberen und einem goldenen Anker im unteren roten Streifen.
Heute zeigt die im Format 2:3 gehaltene rot-weiß-rote Reedereiflagge die goldenen Initialen und einen goldenen Anker.
@ Abb. - DDSG-Wimpel
Andere rot-weiß-rot gestreifte Flaggen
Im Gegensatz zur österreichischen ist die rot-weiß-rote peruanische Flagge vertikal gestreift. Die unseren Farben so ähnlichen wurden am 25.2.1825 eingeführt. Als Ursprung der Flagge wird erzählt, der argentinische Generalkapitän Jose(') de San Martin(') habe 1820 bei der Befreiung von der spanischen Vorherrschaft in einer Schar Flamingos ein günstiges Vorzeichen erblickt und die Farben dieser Tiere als Flagge gewählt. Lettland
Die Flagge Lettlands, in Gebrauch zwischen 1918 und 1940 sowie wieder seit 20. 2. 1990, ist karminrot-weiß-karminrot (horizontale Streifen), wobei der weiße Mittelstreifen nur etwa halb so breit ist wie der obere und der untere Steifen. Das Braunrot bezeichnet
das vergossene Blut, das Weiß bezeichnet Recht, Wahrheit und die
Ehre der freien Bürger. Die Legende spricht davon, dass einst ein Stück Stoff, einmal gefaltet, in Blut getaucht worden sei - der dünne weiße Streifen sei jener Teil, an dem das Tuch gehalten wurde. @ ergänzen
Am 7. 12. 1943 offiziell eingeführt, ist die libanesische Flagge rot-weiß-rot (horizontale Streifen). Im weißen Mittelstreifen, der etwa doppelt so hoch ist wie der obere und der untere Streifen, befindet sich das Bild einer Zeder als Symbol für Heiligkeit, Frieden und Ewigkeit. Die Farben Rot-Weiß-Rot wurden vom Libanon auf Empfehlung des Außenministers der jungen Republik und Präsidenten der österreichisch-libanesischen Freundschaftsgesellschaft, Henry bey Pharaon, gewählt. Durch dessen Vorfahren, den von Joseph II. zum Grafen erhobenen ehemaligen Oberzollpächter in Ägypten, Antoun Cassis-Pharaone, durfte die österreichische Flagge zum ersten Mal in Ägypten gehisst werden.
--> Arthur Breycha-Vauthier, Österreich in der Levante, Herold, Wien, 1972, 108.

References: Art. 2

§ 1

§ 2
 § 16
 § 1

§ 3
 § 4