Source: http://www.landesrecht-hamburg.de/jportal/portal/page/bshaprod.psml?showdoccase=1&st=lr&doc.id=jlr-HuGDVHApAnlage3
Timestamp: 2020-02-20 07:25:37+00:00

Document:
Verordnung zur Durchführung des Hundegesetzes (Durchführungsverordnung zum Hundegesetz - HundeGDVO) vom 21. März 2006
§ 1 - § 5 Teil I - Gehorsamsprüfung
§ 6 - § 8 Teil II - Wesenstest
§ 9 - § 12 Teil III - Zentrales Register
§ 13 - § 16 Teil IV - Weitere Vorschriften
Anlage 1 - Inhalt der Gehorsamsprüfung
Anlage 3 - Wesenstest für Hunde
Anhang I - ESKALATIONSSTUFEN VON DER DROHUNG BIS ZUR UNGEHEMMTEN BESCHÄDIGUNG
Fundstelle: HmbGVBl. 2006, S. 115
zu § 6 Absatz 1 HundeGDVO
Ziel des Wesenstestes ist es, Hundeindividuen mit gestörter aggressiver Kommunikation (Hunde mit „unakzeptablem Aggressionsverhalten“: Fehlen der Eskalationsstufen 1-6 gemäß Anhang I ) und das Auftreten von Indikatoren für inadäquates Aggressionsverhalten/Sozialverhalten zu erkennen. Aggressionsverhalten tritt hier nicht mehr als Form einer Anpassung auf, sondern erscheint biologisch und in seiner Genese als nicht nachvollziehbar, unvermittelt, plötzlich.
Alter der zu testenden Hunde:
Für einen endgültigen Wesenstest muss der zu testende Hund den 15. Lebensmonat vollendet haben. Mit jüngeren Hunden kann der Test mit den im Hinblick auf das Alter und den Entwicklungsstand des Hundes erforderlichen Abänderungen als vorläufiger Wesenstest für Junghunde nach § 18 Absatz 2 des Hundegesetzes durchgeführt werden.
Charakterisierung des Tests:
Im Wesenstest wird der Hund mit einer Vielzahl von Stimuli konfrontiert, die Aggressionsverhalten bei Hunden auslösen können. Aggressives Verhalten gehört zum normalen Hundeverhalten und ist erblich bedingt sowie von den Einflüssen der Umgebung abhängig. Somit wird Aggressionsverhalten durch verschiedene Ursachen und Motivationen hervorgerufen. Dies muss bei der Beurteilung des Hundes berücksichtigt werden. Entsprechenden Reizen müssen Hunde begegnen können, ohne dass es zu Ernstkämpfen (Eskalationen einer Interaktion) mit Artgenossen oder Menschen kommt.
Geprüft wird auf Sozialverhalten und Kommunikationsverhalten. Der Hund wird optischen, akustischen und olfaktorischen Reizen ausgesetzt, welche von der belebten (Sozialpartner: Menschen und Artgenossen, andere Spezies) und unbelebten Umwelt ausgehen.
Der Ort, den der Hund vom Training her kennt, muss ausgeschlossen werden. Gegebenfalls muss ein Hund den Wesenstest an zwei verschiedenen Testorten, beispielsweise auf dem Territorium des Besitzers (Haus/Garten) und in einem dem Hund fremden Gebiet (Park/Open Field Situation) wiederholen, wenn der Test ausschließlich an einem Ort nicht zu einem aussagekräftigen Ergebnis führt.
Für die Durchführung des Tests werden folgende Personen, Tiere und Gegenstände benötigt:
Zwei weitere Hunde, männlich und weiblich,
vier weitere Personen,
Kinderwagen, Kassettenrecorder o. ä. mit Kindergeschrei, benutzte Windeln, Luftballons, Blechdosen, Regenschirm, Ball, Fahrradklingel, Auto, Schrubber, Stock („Blinder“), Alkohol („Betrunkener“), langer Mantel, alte Jacke für Alkohol, Feuerzeug, Videokamera, Sicherheitsequipment (Maulkorb, der das Beißen des Hundes sicher verhindert, aber die Beurteilung der Mimik des Hundes zulässt sowie Doppelleine (Bedrohung des Hundes)).
Es ist eine Datenerhebung zur sozialen Vergangenheit des zu prüfenden Hundes gemäß Anhang II durchzuführen. Der von dem Hundebesitzer auszufüllende Besitzerfragebogen sollte nach definierter Gesetzmäßigkeit analysiert werden (Korrelationen mit bestimmten Ereignissen).
Durchführung des Tests:
Die/der Sachverständige führt zunächst eine Allgemeinuntersuchung des Hundes durch, um möglicherweise vorhandene organische Schäden oder Erkrankungen zu erkennen, die zur Beeinflussung des Verhaltens des Hundes führen können.
Danach wird ein Frustrations- und Lerntest durchgeführt, anhand dessen Vorbehandlungen des Hundes mit gewissen Beruhigungsmitteln erkannt werden können, da diese das Lernvermögen des Hundes erheblich herabsetzen würden.
Anschließend wird der Hund den im „Katalog der Beurteilungssituationen“ aufgeführten Beurteilungssituationen ausgesetzt.
Er wird dabei von dem Hundehalter an der Leine geführt und von den testenden Personen (Sachverständige/Sachverständiger und eine Helferin/ein Helfer) beobachtet und gefilmt. Die Situationen sollen einen möglichst „normalen“, alltäglichen Charakter haben. Der Hund muss den Stimuli in den einzelnen Testsituationen gezielt ausgesetzt werden. In Situationen der Bedrohung muss abgestuft bedroht werden (Distanzverkürzung, Steigerung der Gestik und Akustik). Im Bedarfsfall sind zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen zu treffen (ggf. zusätzliche Sicherheitsleine und/oder Maulkorb). Soweit möglich, sollte der Hund ohne Maulkorb getestet werden. Der Maulkorb erschwert die Beurteilung der Mimik des Hundes und kann u. U. ein anderes Verhalten provozieren.
Die Gesamtdauer des Tests beträgt ca. 50-60 Minuten. In diesem Zeitrahmen sind keine längeren Entspannungspausen für die Hunde enthalten. Da der Test nicht alle relevanten Situationen nachstellen kann, denen der Hund während der nächsten Jahre begegnen wird, ist ein gewisser Stresslevel wünschenswert. Abgesehen von kritischen Sonderfällen sind längere Pausen entbehrlich.
Wo keinerlei Reaktion des Hundes erfolgt, muss hinterfragt werden, ob der Hund den Stimulus überhaupt wahrgenommen hat. Unter Umständen muss mit veränderten Aspekten wie Prolongation, Intensitätswechsel, Richtungswechsel, Personenwechsel etc. gearbeitet werden.
Da die/der Sachverständige die Gesamtübersicht und Gesamtkontrolle über das Geschehen haben muss, sollte sie/er nur in speziellen Situationen (z.B. bei Bedrohung des Hundes) die Testperson darstellen.
Das Testen mit der Flexileine stellt ein großes Sicherheitsrisiko dar. Das Testen mit Stachelhalsband sollte möglichst unterbleiben, weil es zu Verletzungen führen und die Reaktionen des Hundes so beeinflussen kann, dass die Testsituation nicht aussagekräftig beurteilt werden kann, weil
nicht deutlich wird, wie gut der Halter seinen Hund tatsächlich kontrolliert oder ob nicht der Schmerz durch das Stachelhalsband den Hund in einer eventuellen Vorwärtsintention stoppt,
Schmerzen Stress erzeugen und Stress sich auf die Aggressionsbereitschaft auswirkt. Da der Hund kontrolliert bestimmten Stressoren ausgesetzt werden soll, ist es nicht wünschenswert, diese durch nicht kalkulierbare Stressoren zu beeinflussen.
Das Verhalten des Besitzers muss mit ein Kriterium für die Bewertung sein. In Situationen, in denen die Besitzer aktiv massiv Einfluss auf das Hundeverhalten nehmen (bewusst oder unbewusst), sollte mit „neutralem“ Besitzer bzw. ohne Besitzer nachgetestet werden.
Skalierungssystem für die Reaktionen:
Keine aggressiven Signale beobachtet (z.B. Hund zeigt Meide- oder Angstverhalten).
Akustische Signale (Knurren und/oder tiefes Bellen/ Fauchen/Schreifauchen);
Optische Signale (Zähneblecken, Drohfixieren u. a. mit oder ohne Knurren und/oder Bellen u. a.), dabei bleibt der Hund stationär oder befindet sich im Rückzug.
Schnappen (Beißbewegungen aus einiger Entfernung), mit oder ohne Knurren und/oder Bellen und/oder Zähneblecken, Drohfixieren u. a. Drohsignale mimisch bzw. im Körperbereich dabei bleibt der Hund stationär oder befindet sich im Rückzug.
Wie 3., aber mit unvollständiger Annäherung (Stehenbleiben in einer gewissen Distanz). Dabei ist darauf zu achten, ob der Hund selbst stoppt oder durch die Leine gestoppt wird.
Beißen (Beißversuche) oder Angreifen (Angriffsversuche: Annäherung bei hoher Geschwindigkeit und Zustoßen; mit Knurren und/oder Bellen und/oder Zähneblecken).
Wie 5., aber ohne mimische oder lautliche Signale.
Wie 6., aber: Beruhigung des Tieres nach Eskalation ist erst nach über 10 Minuten zu beobachten.
Anforderungen an das zu erstellende Gutachten:
Das Gutachten muss folgende Anforderungen erfüllen:
Darstellung der gesetzlichen Grundlagen,
Definition relevanter Termini (zumindest des Begriffs „Aggressionsverhalten“),
Darlegung des Testablaufs,
Beschreibung aller Situationen, in denen der Hund mit mehr als Skalierung „1“ beurteilt wurde,
ableitende Beurteilung aus der Befundung.
Im Gutachten soll abgewogen werden, ob die dem Hund eigene individuelle Qualität und Quantität aggressiver Reaktionen auf entsprechende Stimuli eine erhebliche Gefahr für den Menschen darstellt oder nicht.
Es ist eine Videoaufzeichnung über den Test anzufertigen (Forensik). Das Datum und die aktuelle Uhrzeit sollten auf dem Video dokumentiert sein. Die Kamera darf nicht vom Gutachter selbst geführt werden, damit dieser die Gesamtübersicht und Kontrolle über das Geschehen behält - auch unter Sicherheitsaspekten. Die Situationen sind vollständig mit allen Beteiligten ins Bild zu nehmen. Insbesondere der Hund und dessen Reaktionen müssen erkennbar sein. Die Kamera sollte dabei nicht allein auf einem Stativ stehen, da sonst relevante Aspekte der jeweiligen Situation verloren gehen können.
Katalog der Beurteilungssituationen des Wesenstests
(Die Nummerierung dient lediglich der besseren Orientierung und stellt keine vorgegebene Reihenfolge dar.)
Skalierung (A)
Bemerkungen (Beschreibung des Ausdrucksverhaltens
Der Hundehalter versucht, mit dem Hund zu spielen, macht optische Spielaufforderungen
Eine Person nähert sich dem Hund von vorn und starrt ihn an
Der Hund wird an einem Pfosten (wie z. B. vor einem Geschäft) angebunden und eine Person läuft in ca. 50 cm Abstand vorbei
Eine Person in schwarzem Mantel (lang) und mit Hut geht vorbei; der Mantel berührt den Hund
Eine andere Person (mit Krückstock oder Gehhilfe) humpelt an Hund und Hundehalter vorbei
Eine Person kniet vor dem Hund und streckt die Hand aus, mit Ansprache (Individualabstand 0,50 m + Leine * )
Eine Person liegt am Boden (oder hockt sich hin) und steht abrupt auf, als Halter und Hund den Testgang machen (Abstand 2 m * )
Eine Person stolpert beim Passieren des Hundes in ca. 1 m Entfernung *
Ein Jogger läuft in beiden Richtungen vorbei, läuft dabei einmal plötzlich (ohne Ankündigung) vor dem Hund weg
Eine Person mit Stock tastet sich über den Weg Abstand 2 m *
Ein "Betrunkener" torkelt vorbei (Abstand 2 m * )
Eine Person spricht den Hund an
Eine Person schreit den Hund wütend an
Eine Person weint (wie Kind)
Der Hundehalter spricht freundlich mit dem Hund und streichelt ihn , während eine Person diesen beim Passieren anschreit, dazu klatscht die Person laut in die Hände
Der Hundehalter legt die Hand auf den Hals/Rücken des Hundes, umfasst den Fang (zusammen mit freundlichem Ansprechen des Hundes)
Eine Person streift den Hundekörper beim Passieren
Eine Person macht Spielbewegungen vor dem Hund
Einige (4) Personen kommen auf den Hund zu (nicht zielgerichtet) und bleiben mit Körperberührung neben ihm stehen (Fahrstuhlsituation)
Eine fremde Person versucht, dem Hund über den Rücken zu streichen (mit Ansprache)
Eine Gruppe bleibt neben dem Hund stehen und unterhält sich, der Hund wird dabei ab und zu leicht berührt (wenn möglich)
Ein bellender Hund steht vor dem Hundehalter und dem Hund (Abstand ca. 2 m)
Zwei Hunde unterschiedlichen Geschlechts mit unterschiedlicher äußerer Erscheinung (z. B. Größe, Haarkleid), die der Testhund nicht kennt, passieren den Prüfling (Abstand etwa 2 m)
Unmittelbar danach: der Halter stolpert und berührt dabei den Hund **
Konfrontation mit einem gleichgeschlechtlichen Hund hinter einem Zaun
Der zu prüfende Hund wird - vom Halter isoliert (Sichtschutz) - ca. 2 m vor dem Zaun angebunden und mit einem gleichgeschlechtlichen Hund konfrontiert
Mehrere Personen bleiben dicht neben dem Hund stehen, während ein lärmendes Gerät vorüber geschoben wird
Halter und Hund passieren (sehr eng) einige bunte Luftballons
Ein Regenschirm wird unmittelbar vor dem Hund aufgespannt (aber nicht als bedrohende Intentionsbewegung, vielmehr so, wie es auf der Straße geschehen kann)
Ein Ball rollt auf den Hund zu
Ein Kinderwagen mit Babygeräuschen (Kassettenrecorder mit Babygeschrei; Babypuppe) wird vorbei geschoben
Ein Fahrrad fährt am Hund vorbei, dabei ertönt die Fahrradklingel (Abstand 2 m)
Eine Testperson geht auf den Hund zu, bedroht ihn, schreit ihn an (ohne Hilfsmittel)
Eine Person bedroht den Hund mit einem Stock (aus dem Stand - niemals aus der Hocke!)
Eine Person geht mit einem brennenden Feuerzeug auf den Hund zu
Ein Schrubber macht Geräusche auf dem Boden
Eine Kontrolle des Halters muss sichtbar sein. Der Hund muss auf Signal kommen und auf Signal "aus" geben.
ggf. ist die Situation mit immer kürzerem Abstand zu wiederholen
Vorsicht! Sicherheitsmaßnahmen erforderlich! Die Aggression des Hundes könnte sich gegen den Halter richten.

References: § 1
 § 5

§ 6
 § 8

§ 9
 § 12

§ 13
 § 16
 § 6
 § 18