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Arbeitsrecht im Betrieb - PDF
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1 Arbeitsrecht im Betrieb AiB ZEITSCHRIFT FÜR DEN BETRIEBSRAT SONDERAUSGABE März 2015 D 3591 EXTRA BIG DATA IM BETRIEB Ausgespäht, analysiert und ausgeliefert?2 dtb Datenschutz- und Technologieberatung Datenschützer Eine Überprüfung am SAP -System durch unsere zertifizierten Experten schafft Sicherheit. Jetzt Infos anfordern unter (0561) oder So gehen wir vor: Erstellen eines individuell en Prüfeitfadens auf Basis der Betriebsvereinbarung L ive-überprüfung am SA P -System vor Ort im Betrieb Auswertung der Ergebnis se D atenschutzlücken gemeins am schließen Noch mehr Informationen im Internet: dtb Datenschutzund Technologieberatung Theaterstraße Kassel Fotos: Fotolia.com: bestpixels, Sergey Nivens, VRD Wird die Betriebsvereinbarung zum Schutz der Beschäftigtendaten wirklich umgesetzt? Das dtb-audit nach Maß!3 editorial AiB extra Mä rz Ausgespäht nicht mit uns! Liebe Leserinnen und Leser, Eva Maria Stoppkotte Redaktion Arbeitsrecht im Betrieb Matthias Wilke Datenschutz und Technologie beratung (dtb), Kassel Big Data die Anhäufung großer Mengen an Daten, vor allem in der Finanzindustrie, dem Energiesektor, Gesundheitswesen und in der Wissenschaft, lässt nicht nach. Nach Berech nungen des international tätigen Beratungsun ternehmens»international Data Corporation«verdoppelt sich das weltweite Datenvolumen alle zwei Jahre. Diese Entwicklung macht auch vor den Unternehmen nicht halt, denn die wittern Wettbewerbsvorteile, neue Geschäfts felder und Einsparmöglichkeiten beim Personal. Big Data bedeutet für sie auch»big Money«mit Auswirkungen auf Kunden, Beschäftigte und den Beschäftigtendatenschutz. Big Data ist deshalb ein Thema, um das Be triebs und Personalräte zukünftig nicht mehr herumkommen, denn sie sind die Hüter des Beschäftigtendatenschutzes. Sie müssen auf die Wahrung des informationellen Selbstbestim mungsrechts der Beschäftigten achten, wenn es um bedenkliche Entwicklungen wie Profil erstellung, Analysealgorithmen, Verhaltens vorhersagen und Verknüpfung von Daten geht. Doch was ist ein vorbildlicher Beschäftigten datenschutz und was können die Interessen vertretungen angesichts von Big Data noch ausrichten? All das waren Themen auf dem DGB/dtb Technologieforum im November Die daraus resultierenden Impulse und Antworten von renommierten Datenschutz Experten finden Sie in dieser AiB EXTRA, herausgegeben von dem Büro für Datenschutz und Technologieberatung (dtb) in Kassel. Viel Spaß bei der Lektüre wünschen 34 inhaltsverzeichnis Ai B extra März 2015 BIG DATA IM BETRIEB HANDLUNGSHILFEN FÜR BETRIEBS- UND PERSONALRÄTE Ausgespäht, analysiert und ausgeliefert? Hinter dem Stichwort»Big Data«verbirgt sich das Phänomen, dass riesige Datenmengen verfügbar gemacht werden, die mit immer besseren Methoden ausgewertet werden können. Dies betrifft auch Beschäftigtendaten. Big Data ist ein Thema für Betriebs- und Personalräte. 45 inhaltsverzeichnis AiB extra Mä rz FERDINAND KIRCHHOF WOLFGANG DÄUBLER RUBRIKEN Zwischen Big Data und Grundgesetz Neben der realen Welt leben wir heute auch in einer virtuel len. Diese Welt bestehend aus Internet, sozialen Netzwerken und Suchmaschinen ist für uns zur lebensnotwendigen Infrastruktur geworden, für die wir mit unseren Daten bezahlen. Internet und Arbeitnehmerdatenschutz Was tun, wenn die Personaldaten in den USA lagern? Wie kann man im Internet eine Berichtigung durchsetzen? Was geschieht mit Daten, die beim»crowdworking«anfallen? ACHIM THANNHEISER IMKE SOMMER Giant Data für Smart Bosses Wirtschaft 4.0 ist das neue Zauberwort. Dabei werden riesige Men gen an Daten gesammelt und von Algorithmen ausgewertet. Auch die Daten der Beschäftigten im dazugehörigen Beschäftigungsverhältnis ge raten in diesen Sog. Doch ist das erlaubt und wo sind die Grenzen? 22 PETER WEDDE Betriebsräte und Big Data Arbeitnehmer können nur begrenzt datenschutzrechtliche Forderungen gegenüber ihrem Arbeitgeber durchsetzen. Damit sind Betriebsräte gefordert, die Interessen der Beschäftigten vor Überwachung zu schützen. Editorial Impressum dtb148-04_anzeige_inhalt_pfade_2 Mobile Kommunikation und Arbeit Smartphones, Tablet PCs oder Notebooks sind heute selbst verständliche Arbeitsmittel. Das hat Vor, aber auch Nachteile. Was können Personalräte hier tun? 38 THOMAS PROBST Datenschutzaudits Ob datenschutzrechtliche Regelungen tatsächlich eingehalten werden, ist gar nicht so einfach festzustellen. Mit Daten schutzaudits können die Einhaltung des Daten schutzes strukturiert geprüft und die Ergebnisse dokumentiert werden. 42 C M Y CM MY 26 ROLAND WOLF, EVA BARLAGE-MELBER Datenschutz in Zeiten der Digitalisierung Zwei Drittel aller Beschäftigten in Deutschland haben einen digitalisierten Arbeitsplatz und der Trend setzt sich fort. Die Sozialpartner haben es in der Hand, datenschutzrechtliche Lösungen zu finden. MATTHIAS WILKE, EBERHARD KIESCHE CY CMY Aus Erfahrung klug werden Beschäftigtenda tenschutz hat aufgrund unzähliger Datenschutz skandale bei großen Unternehmen öffentlich an Bedeutung gewonnen. Aber reicht das? K 47 HANS-HERMANN SCHILD, DETLEV SACHSE Löschen im SAP System Stark verknüpfte SAP Anwendungen sehen Löschroutinen nicht vor, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Es gibt aber Möglichkeiten, wie das Löschen gerade auch bei diesen komplexen Programmen funktioniert. 56 ferdinand kirchhof Zwischen Big Data und Grundgesetz Zwischen Big Data und Grundgesetz staatliche regelungen Neben der realen Welt leben wir heute auch in einer virtuellen. Diese besteht aus dem Internet, sozialen Netzwerken, Datenbanken und Suchmaschinen. Sie ist für uns zur lebensnotwendigen Infrastruktur geworden, für die wir mit unseren Daten bezahlen. VO N F E R D I N AN D K IRC HHOF 6 Ai B extra März 20157 Zwischen Big Data und Grundgesetz AiB extra Mä rz K eine Reise- oder Hotelbuchung mehr ohne Suche in Internetportalen, statt Immobilienmakler oder Gebrauchtwagenhändler Verkaufsplattformen mit Preisvergleich und direkter Bestellmöglichkeit. Maiers Konversationslexikon ist passé, denn wir haben ja Wikipedia. Das Problem der virtuellen Welt Die globale virtuelle Welt ist aber nicht nur von Nutzern bevölkert, sondern auch von Unternehmen, die sie betreiben. Die Suchmaschine Google ist Türhüter des Internets, Amazon hat den Buch- und Medienmarkt erobert, Twitter und Facebook beherrschen die Kommunikation. Auch die Staaten wirken mit. Das Sicherheitsbedürfnis der Bürger bewegt sie zur vorsorglichen elektronischen Überwachung der Menschen. Hinzu tritt das Internet der Dinge, in dem Maschinen miteinander kommunizieren. Das eigene Auto meldet seinen Aufenthaltsort, der Fernseher unser Programm und die Heizung den Energieverbrauch. Es informiert nicht nur, sondern handelt auch selbständig. Die Autofirma verstellt während der Fahrt den Zündzeitpunkt des Motors, das Internet bietet uns Filme nach unserem TV - Verhalten an und die Stadtwerke schlagen vor, wie wir mit Gas und Strom sparsamer umgehen können. Die elektronische Welt bekommt eine Eigendynamik; wir überblicken nicht mehr, was sie tut und zu welchen Zwecken sie handelt. Diese virtuelle Welt baut auch Barrieren im Alltag für uns auf. Wo man zuvor nur die Vorteile einer weltumspannenden Kommunikation sah, vom unbegrenzten Informationsangebot des Internets profitierte und elektronische Plattformen neue Märkte erschlossen, gängeln uns heute zahllose Informationen und Daten; teilweise entmündigen sie uns geradezu. Der Jugendliche, der sich mit guten Noten um einen Arbeitsplatz bewirbt, wird aus dem Bewerberkreis herausgefiltert, weil er seine Jugendsünden im fröhlichen Partyleben zuvor im sozialen Netzwerk fotografisch niedergelegt hatte. Das Hotel, das im Angebotsportal nicht auf die erste Seite kommt, scheidet aus dem Wettbewerb um Gäste aus, Mietanfragen werden nicht mehr angenommen, wenn der Sucher in einer zahlungsschwachen Gegend wohnt. Oft ist ein Abschluss von Geschäften in der realen Welt gar nicht mehr möglich. Versuchen Sie einmal, bei Fernbuslinien ein Ticket an der Theke der ferdinand kirchhof darum geht es 1. Die virtuelle Welt bestimmt zunehmend unser Leben. Wir sind hilflos ohne Internet, Daten banken, soziale Netz werke und Such maschinen. 2. Doch wir zahlen für diese von Google und Co. zur Verfügung gestellte Infrastruktur einen hohen Preis, zwar nicht in Geld aber mit unseren Daten. 3. Der Staat ist gefragt, hier ordnend einzugrei fen und unsere Daten zu schützen. Das Bundes verfassungsgericht hat Wege aufgezeigt, wie das gelingen kann. 78 ferdinand kirchhof Zwischen Big Data und Grundgesetz Ai B extra März 2015 abgefangen und für andere Zwecke verwendet wird. Hier ist das klassische Grundrecht auf Telekommunikationsfreiheit gefragt, denn die individuelle Kommunikation verläuft technisch über einen Dritten, der aber Nachrichten nur übermitteln, nicht mithören oder auswerten soll. Sodann muss man die Datenspeicher im Auge behalten, die riesige Vorräte an Daten sammeln und umnutzen. Hier bildet das Recht auf Vergessen und die Vermeidung von Persönlichkeitsprofilen den Schwerpunkt für Regulierungsüberlegungen. Auch ist zu fragen, welche Regelungen das Internet als globale Infrastruktur dieser virtuellen Welt benötigt. Ich denke dabei wie beim Straßenverkehr an Regelungen darüber, wer sich mit welchen Instrumenten als Unternehmen daran beteiligen darf und an Verkehrs- und Verhaltensregeln für Nutzer. Zuletzt ist an die Suchmaschinen zu denken, die den Zugang zum Internet inhaltlich öffnen oder auch verschließen. Viele Geschäftsaktivi täten sind in der realen Welt nicht mehr möglich. Der Kauf von Tickets für einen Fernbus läuft zum Beispiel nur noch elektronisch. Niederlassung zu erwerben. Sie werden scheitern, das geht nur elektronisch. Beschwerden werden nur noch über Internet akzeptiert, weil sie lästig sind und Kosten verursachen. Kurz: Die virtuelle Welt der elektronischen Netze zeigt heute ihre Janusköpfigkeit. Dabei strotzen deren Akteure vor Selbstbewusstsein. Der Vorsitzende von Google, Eric Schmidt, sagte im Jahre 2010:»Wir wissen, wo Du bist. Wir wissen, wo Du warst. Wir können mehr oder weniger wissen, was Du gerade denkst.«so drängt sich Google distanzlos in unser Privatleben hinein. Mathias Döpfner schrieb als Vorsitzender des Verlags Axel Springer, also eines Medienriesen, über die Abhängigkeit seines Unternehmens von Google. Er fürchte sich vor Google. Die vier Regionen der virtuellen Welt Die dargestellten Fälle drängen zum Handeln. Vor allem die privaten Internetunternehmen expandieren blitzschnell und besetzen rechtlich ungeregelte Räume nach ihrer eigenen Konzeption. So entsteht ein Wilder Westen in der virtuellen Welt, in der jeder seinen Claim absteckt und nach seinem Gutdünken verwaltet. Der Blick der Vorsicht richtet sich auf vier Bereiche: Auf die individuelle elektronische Telekommunikation vom Handy über und SMS bis hin zu den sozialen Netzwerken, weil dort Privates zwischen individuellen Personen übermittelt und trotzdem von Dritten 8 Die drei Akteure: Staat, Private und Internet der Dinge Die Risiken von Big Data sind aus drei Perspektiven zu betrachten. Die klassische Blickrichtung erfasst den Staat, der unter gesetzlicher Verpflichtung vom Bürger Daten erhebt. Die Grundrechte reagieren auf diesen hoheitlichen Eingriff als Abwehrrecht. Sie schützen gegen jede Erhebung, Speicherung und Verwendung von Daten. Ein neues Risikopotential ergibt sich hier aus den grenzenlosen Speichervolumina, welche die elektronischen Anlagen bieten. Andere Datenschutzprobleme verursachen die privaten Akteure. Sie arbeiten nicht mit hoheitlichem Zwang und gesetzlicher Verpflichtung; sie verführen den Nutzer vielmehr dazu, seine persönlichen Daten freiwillig zu offenbaren. Sie locken ihn mit kostenloser Information, mit Preisvergleichen und Bestellmöglichkeiten, mit Routenplanungen und Restaurantempfehlungen zur Preisgabe personenbezogener Daten. Trotz angeblicher Kostenfreiheit zahlt der User aber einen Preis; er berechnet sich nur nicht nach Euro und Cent. Das Entgelt besteht aus der Offenlegung persönlicher Kommunikationsinhalte und technischer Verbindungsdaten. Das elektronische Internetangebot leistet, die dabei anfallenden Daten bezahlen die Leistung. Mit herkömmlich interpretierten Grundrechten ist hier kein Freiheitsschutz mehr zu gewinnen.9 AiB extra Mä rz Wenn Daten aus dem Internet der Dinge stammen, zum Beispiel aus dem eigenen Auto oder der Positionsangabe des iphones, ist fraglich, ob überhaupt ein Grundrechtsinhaber betroffen ist. Wer den aktuellen Standort eines Wagens abfragt, dürfte wohl noch ein personenbezogenes Datum des Fahrers erfahren, die Abfrage von Zündzeitpunkt oder Ölstand ist hingegen kaum von individueller Relevanz. Die Frage, ob überhaupt ein Eingriff vorliegt, verschärft sich, wenn Nutzungsbedingungen die Einwilligung des Nutzers zum Zugriff auf seine Daten verlangen. Stimmt er zu, so wird der Verwender unter Hinweis auf die Freiwilligkeit der Zustimmung einen Eingriff verneinen. Ob der Nutzer überhaupt eine Chance hatte, die Einwilligung zu verweigern, weil er auf die Leistungen des Internetanbieters angewiesen ist, bleibt dabei auf der Strecke. Hier versagen zivilrechtliche Einwilligungskonstruktionen. Die Schwierigkeiten normativer Datenschutztechniken Die Teilnahme am Internet hängt nicht vom Standort des Nutzers oder Anbieters ab. Wirtschaftsrechtliche Regelungen, die auf Wohnsitz, Aufenthalt oder Geschäftssitz der Beteiligten abstellen, zielen ins Leere. Der Datenverkehr ist ebenfalls global organisiert und von den Beteiligten nicht zu bestimmen. Damit entfallen territoriale Ansatzpunkte für Datenschutzregelungen, denn nationale oder supranationale Rechtsgewalt bedarf immer der Anbindung von Rechtsverhältnissen an das eigene Territorium. Sie stößt deshalb schnell an Grenzen. Große Internetunternehmen sehen darin sogar die Chance, aus einer hoheitlichen Rechtsordnung, die ihnen lästige Auflagen macht, auszuscheiden und liebäugeln mit dem Gedanken, über Drohnen, Satelliten oder Schiffe auf Hoher See jeglicher souveräner Staatsgewalt auszuweichen. Es ist also auch zu klären, wer Schutzvorschriften erlässt und wie sie durchgesetzt werden können. Die Technik des Datenverkehrs entwickelt sich rasant. Staatliche Vorschriften beruhen auf praktischen Erfahrungen und rekurrieren auf den Stand der Technik zur Zeit ihres Erlasses. Sie laufen der technischen Entwicklung meistens hinterher. Wenn sie an Telekommunikationstechniken oder -verfahren anknüpfen, sind sie nach kurzer Zeit wegen der Entwicklung der Informationstechnik überholt. Vor al- Zwischen Big Data und Grundgesetz ferdinand kirchhof lem im Strafprozessrecht finden sich Normen, die auf zur Zeit ihres Erlasses gängige Techniken abstellen und so rasch ihr eigentliches Ziel der Regelung des Zugriffes und des Bürgerschutzes verfehlen. Der Gesetzgeber muss deswegen die auftretenden Freiheitsprobleme abstrakt beschreiben und lösen. Damit ist er jedoch oft überfordert. Die berechtigten Interessen Dritter im Datenschutz Wir dürfen aber auch nicht in einer eindimensionalen Perspektive des Datenschutzes verharren. Die virtuelle Welt bildet die Infrastruktur unserer Gesellschaft, auf die jeder in seiner alltäglichen Kommunikation angewiesen ist. Internetunternehmen handeln zwar mit unseren Daten und erzielen damit ihre Gewinne. Sie betreiben aber zugleich das lebensnotwendige System und sorgen für sein Funktionieren. Damit erfüllen sie einen Gemeinwohlzweck. Eine Datenschutznorm, die den Bürgerschutz gewährleistet, fördert deswegen nicht unbedingt das Gemeinwohl. Sie könnte die Infrastruktur auch lähmen. Sie muss ebenso die ökonomischen und technischen Interessen der Internetunternehmen berücksichtigen, damit die virtuelle Welt weiter existiert und funktioniert. Die Lösung im Datenschutz liegt also nicht in einer martialischen Attacke auf jegliche Datennutzung, sondern in der Ausrichtung der gesamten elektronischen Telekommunikation sowohl auf ihr Funktionieren als auch auf den Schutz des Bürgers. Der Datenschutz berücksichtigt oft nur den Bürger, dessen Daten erhoben und verwendet werden. Oft haben aber die Anbieter einer Information ein grundrechtlich geschütztes Interesse an deren Verbreitung. Die Meinungsäußerungsfreiheit und die Pressefreiheit des Art. 5 Grundgesetz (GG) garantieren die Freiheit, seine Ansichten Dritten darzulegen, auch in der virtuellen Welt. Der kürzlich vom Europäischen Gerichtshof entschiedene Fall Google Spain macht das Problem deutlich. In dieser Suchmaschine wurde bei der Recherche nach einer Person als erste Position deren 15 Jahre zurückliegende, kurzzeitige Illiquidität genannt. Mit einem Recht auf Vergessen wurde Google Spain veranlasst, diese Information zu entfernen. Am Rande wird in der Entscheidung darauf hingewiesen, dass der Anbieter, der die Informationen ins Internet gestellt hat, ein gegensätzliches Interesse an ihrer bleiben- supranationale rechtsordnung Eine Rechtsordnung, die sich über der natio nalen und staatlichen Rechtsordnung befindet. Die Europäische Union ist eine solche supra nationale Organisation. Sie hat auch Rechtsset zungskompetenz. 910 ferdinand kirchhof Zwischen Big Data und Grundgesetz lex specialis Eine lex specialis ist ein spezielles Gesetz, das dem allgemeinen Gesetz (lex generalis) vorgeht. Dieses besondere Gesetz verdrängt das allgemeine Gesetz. Die Spezialität des Gesetzes kann sich beispielsweise daraus ergeben, dass es nur einen bestimmten Sach bereich regelt, während das allgemeine Gesetz für mehrere Bereiche gilt. So ist etwa die Fahr zeugführerhaftung des Kfz-Führers (StVG) spezieller als die allge meine Delikts haftung nach 823 BGB. 10 den Anzeige haben könnte. Dieser Anbieter, ein Zeitungsunternehmen, wurde aber am Prozess gar nicht beteiligt, er konnte seine Rechte überhaupt nicht einbringen. Eine faire Norm über den elektronischen Datenverkehr muss die Interessen dieser Beteiligten jedoch ebenso berücksichtigen. Es ist sowohl der Freiheit des Nutzers, den ökonomischen Interessen des Betreibers als auch den Belangen des Informationsanbieters Rechnung zu tragen. Die faire Austarierung dieses Interessendreiecks fällt schwer und kann nicht durch eine einzige, rigide Daumenregel erfolgen. Die Vorarbeiten des Bundes verfassungsgerichts im Datenschutz Der Frage, was der Gesetzgeber regeln soll, muss die Feststellung vorausgehen, was bereits hinreichend geregelt ist. An gesetzlichen Vorgaben zum Datenschutz fehlt es primär bei den privaten Akteuren. Sie entziehen sich nationalen und supranationalen Rechtsordnungen durch ihre Globalität. Gegen nationale, vor allem staatliche Zugriffe existieren aber bereits ausführlichere Gesetze. Es war die Rechtsprechung, die Deutschland schon etliche Vorgaben gemacht hat. Das Bundesverfassungsgericht war sicherlich Vorreiter und hat schon früh die Aufmerksamkeit auf unbegrenzte Datenerhebungen gerichtet und verfassungsrechtliche Vorgaben für die virtuelle Welt formuliert, um das Kräftedreieck aus Persönlichkeitsrecht, Infrastrukturverantwortung und Meinungsäußerungsfreiheit in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Das Gericht hatte 1983 Gelegenheit, Grundzüge des Datenschutzes bei der Überprüfung des Volkszählungsgesetzes zu entwickeln. Von Internet, sozialen Netzwerken oder Suchmaschinen war damals noch keine Spur; es ging um eine Befragung der Bevölkerung, um melderechtliche, berufliche und gebäudestatistische Fragen sowie um eine Arbeitsstättenzählung, für die Fragebögen auszufüllen waren. Das Gericht hat aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht des Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG ein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung hergeleitet, das jedem das Recht gibt, selbst über die Verwendung seiner persönlichen Daten zu bestimmen. Damit waren jede Erhebung, Speicherung, Verwendung und Weitergabe persönlicher Daten ein Grundrechtseingriff, der nur im überwiegenden Allgemeininteresse aufgrund Gesetzes zulässig war. Ai B extra März 2015 In den folgenden 30 Jahren wurde dieses Recht auf informationelle Selbstbestimmung präzisiert. Die absolute Sperre unantastbarer Bereiche privater Lebensgestaltung wurde vorgezeichnet. Eine Änderung der Zweckbindung von Daten wurde erst dann für zulässig erklärt, wenn Allgemeinbelange die grundrechtlich geschützten Interessen überwiegen. Die Herkunft der Daten ist zu kennzeichnen, um ihre»wir wissen, wo Du bist. Wir wissen, wo Du warst. Wir können mehr oder weniger wissen, was Du gerade denkst.«e R I C S C H M I DT, VO R S I T Z E N D E R VO N G O O G L E Weiterverwendung zu einem anderen Zweck erkennbar zu machen. Das Gericht stellte klar, dass es unter den Bedingungen der elektronischen Datenverarbeitung kein schlechthin belangloses personenbezogenes Datum gibt, dass eine Rundumüberwachung zur Herstellung eines umfassenden Persönlichkeitsprofils stets verfassungswidrig ist und dass schon die Persönlichkeitsgefährdung als Eingriff betrachtet wird. Zugleich wurden das Telekommunikationsgeheimnis aus Art. 10 GG und der Schutz der Unverletzlichkeit der Wohnung nach Art. 13 GG als leges speciales (spezielle Gesetze, s. Randspalte) zum Recht auf informationelle Selbstbestimmung herausgearbeitet. Mit dem Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung nach Art. 13 GG wurde ein Schutz der»virtuellen Wohnung«begründet, nach dem es beim Zugriff auf Wohnungen nicht auf das körperliche Betreten und Durchsuchen ankommt, sondern ein Ausspähen der Wohnung durch akustische, optische und elektronische Mittel genügt. Das Telekommunikationsgeheimnis des Art. 10 GG erfasst nach der Karlsruher Rechtsprechung sowohl den Inhalt der Kom-11 AiB extra Mä rz munikation als auch deren Verbindungsdaten. Ziel des Art. 10 GG ist die Aufrechterhaltung einer freien Kommunikation, bei der Beteiligte nicht mit dem Eindringen Dritter rechnen müssen. Unter Verletzung des Telekommunikationsgeheimnisses erlangte Daten dürfen nicht verwertet werden. Rechtsschutz wurde schon bei begründetem Verdacht eines Erfasstwerdens durch Überwachungsmaßnahmen gewährt. Bei heimlicher Erhebung muss der Betroffene später benachrichtigt werden, wenn dadurch nicht der Zweck der Maßnahme vereitelt wird. Nur unerheblich und zufällig Betroffene müssen nicht davon informiert werden. Im Jahre 2008 wurden die speziellen Risiken der Computerkommunikation erfasst. Ein Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und der Integrität informationstechnischer Systeme schützt alle personenbezogenen Daten im jeweiligen System. Mit diesem»computergrundrecht«werden das gesamte technische System, seine gespeicherten Kommunikationsinhalte und seine Verbindungsdaten geschützt. Damit wurde das Bundesverfassungsgericht zum Vorreiter eines weitgehenden Datenschutzes, in der sich Freiheitsrechte in elektronischen Medien in gleicher Weise wie in der realen Welt des Papiers und des Kugelschreibers durchsetzen. Die Entscheidungen befassen sich aber mit dem Zugriff des Staates; Zwischen Big Data und Grundgesetz ferdinand kirchhof über private Betreiber und Anbieter im Internet wurde noch nicht entschieden. Heute ist zu erwägen, ob diese Grundsätze für staatliche Eingriffe auch für Zugriffe in der privaten virtuellen Welt gelten sollten. Kein rechtsfreier Raum für private Unternehmen Die virtuelle Welt wird von Staaten und von privaten Unternehmen betrieben. Gesetzgebung und Rechtsprechung haben sich bisher vorrangig mit staatlichen Datenzugriffen befasst. Wir sollten den Blick jetzt auch auf die privaten Eingriffe richten. Private Internetunternehmen sehen dies oftmals anders. Sie fühlen sich in einem rechtsfreien Raum, in dem sie die Regeln selbst setzen könnten. Dort herrscht jedoch das gleiche Bedürfnis für den Schutz des Bürgers wie in der realen Welt. Ein rechtsfreier Raum würde Bürger und Anbieter rechtlos stellen. Der Gesetzgeber ist zum Handeln aufgefordert; in der Demokratie entscheidet er über die rechte Ordnung des Gemeinwesens, also auch über die Rechtsordnung der virtuellen Welt. Die rechtlichen Beziehungen zwischen Nutzern, Anbietern und Betreibern des Internets sollten jetzt geregelt werden, denn hier hat sich eine rechtliche Asymmetrie zulasten von Nutzern und Anbietern ergeben, weil die Betreiber sich von nationalen Unter bestimmten Um ständen müssen Such maschinen wie Google Links löschen so die Entscheidung des Euro päischen Gerichtshofs vom in der Rechtssache C-131/12. 1112 ferdinand kirchhof Zwischen Big Data und Grundgesetz definitionen Ein Cookie (Keks oder Plätzchen) ist in seiner ursprünglichen Form eine Textdatei auf einem Computer. Sie enthält typischerweise Daten über besuchte Websei ten, die der Webbrowser beim Surfen im Internet speichert. App bezeichnet Anwen dungssoftware (Applicati on software) allgemein. Als Trojanisches Pferd, auch kurz Trojaner genannt, wird ein Computer programm bezeichnet, das als nütz liche Anwendung getarnt ist, im Hintergrund aber ohne Wissen des Anwenders eine andere Funktion erfüllt. Rechtsordnungen unabhängig wähnen und ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgen. Gefordert ist die Legislative. Die Regelung der Rechtsbeziehungen in der virtuellen Welt Wie eine Rechtsordnung für die virtuelle Welt konzipiert werden könnte, möchte ich jetzt mit einigen Eckpunkten darstellen. Sie könnten diesen Rechtsbereich anleiten, alle Beteiligten im wahrsten Sinne des Wortes»zu ihrem Recht kommen«zu lassen. Jeder Nutzer sollte nach seiner eigenen nationalen oder eventuell einer vorrangigen supranationalen Rechtsordnung behandelt werden, weil er der schwächste Teilnehmer ist und mit Internetunternehmen großer Wirtschaftsmacht in Kontakt tritt. Jeder Anbieter und jedes Internetunternehmen sollte dieser Rechtsordnung des Nutzers unterstellt werden. Für den institutionellen Datenschutz und die Aufsicht kann die für sie einschlägige Rechtsordnung zwar nach ihrem Firmen- oder Geschäftssitz bestimmt werden, im Verhältnis zum Benutzer müssen sie sich jedoch nach dessen Rechtsordnung richten. Gleicher Datenschutz in der realen wie in der virtuellen Welt In der virtuellen Welt sollten dieselben Regelungen und der identische Rechtsschutz wie in der realen Welt gelten. Die Persönlichkeitsrechte des Bürgers und die geschützten Interessen der Anbieter von Informationen sind in beiden Welten gleich. Unterschiedlichen Rechtsschutz für beide Bereiche vorzusehen würde bedeuten, die Freiheitsrechte der beteiligten Personen nach der Art ihrer Kommunikation und nach der dabei eingesetzten Technik zu bemessen, obwohl ihr Schutzbedürfnis in beiden Welten gleich hoch ist. Deshalb müssen die materiellen Vorschriften für beide identisch ausfallen. Ausnahmen sind allenfalls möglich, wo Vorschriften wegen der Technik der elektronischen Kommunikation anders ansetzen müssen. Wo in der realen Welt zur Erhaltung der Pressefreiheit Auskunftsrechte, Gegendarstellungsansprüche und Freiheitsrechte ausreichen, müssen in der virtuellen Welt noch elektronische Zugänge, Datenfilter und Links zu anderen Nutzern geregelt werden. Hier geht es um technische Regelungen für Cookies, Apps 12 Ai B extra März 2015 oder auch Trojaner. Die technischen Regeln können also verschieden ausfallen, die materielle Rechtsordnung muss aber in beiden Welten identisch ausgestaltet sein. Das eigentumsähnliche Verfügungsrecht über eigene Daten Die Regelung von Zugriffen des Staates ist zwar von denen über Eingriffe Privater zu trennen, weil beide mit verschiedenen Methoden, zu differenten Zielen und mit unterschiedlichen Eingriffsmitteln arbeiten. Gemeinsam sollte aber für beide Bereiche festgelegt sein, dass jede Erhebung, Speicherung, Verwendung und Zweckänderung von Daten das Persönlichkeitsrecht des Betroffenen berührt und einer Erlaubnis durch Gesetz oder einer Zustimmung des Betroffenen bedarf. Personenbezogene Daten dürfen ohne Erlaubnis nur für die Belange des konkreten Kommunikationsakts verwendet werden, aus dem sie stammen. Das führt letztlich zu einem eigentumsähnlichen Verfügungsrecht des Betroffenen über seine eigenen personenbezogenen Daten. Diese Beschränkung dürfte dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung und seiner ratio legis am besten entsprechen. Individualisierte und anonymisierte Daten Das Recht statistischer, anonymisierter Daten kann freizügiger gestaltet werden, vor allem, wo es um die Erfüllung öffentlicher Aufgaben oder um die Ermittlung demoskopischer Trends geht. Sie sind möglichst frühzeitig zu anonymisieren und dürfen später nur für statistische Zwecke verwendet werden. Eine individuelle personenbezogene Anwendung, weise durch individual pricing im beispiels Handel, ist nicht gestattet. Ein strengeres Datenschutzregime greift ein, wenn Daten wieder individualisierbar sind oder wieder individualisiert angewendet werden. Die elektronische Infrastruktur und die Gewährleistungspflicht des Staates Internet und elektronische Kommunikation bilden mittlerweile einen Teil der Infrastruktur unseres Gemeinwesens, auf die wir alle angewiesen sind. Wie die Verkehrsnetze oder das Bankensystem sind vor allem die elektronischen Netzwerke und deren kontinuierlicher Alltagsbetrieb eine Voraussetzung für13 AiB extra Mä rz unser Geschäftsleben und den Privatverkehr. Stellen Sie sich nur vor, die Betreiber des Internets oder die Suchmaschinen würden streiken und ihre Dienste für einige Wochen einstellen. Chaos im Gemeinwesen wäre die Folge. Der Finanz- und Bankendienst würde zusammenbrechen, Tourismus, Hotelgewerbe und Einzelhandel stünden still, Handelsplattformen würden schweigen. Der Informationsaustausch zwischen den Nutzern des Internets und zu den Anbietern wäre gelähmt. Im Ergebnis würde das Alltagsleben im Gemeinwesen blockiert, weil sich jeder auf das Funktionieren von elektronischer Kommunikation und auf das Internet verlässt. Die elektronische Infrastruktur muss deshalb aufrechterhalten werden. Das ist typischerweise eine Aufgabe der Daseinsvorsorge des Staates. Er hat dafür zu sorgen, dass Bürger und Wirtschaftsteilnehmer ein funktionierendes elektronisches Netz für ihre Alltagsbedürfnisse vorfinden. Dem Staat obliegt mittlerweile eine Gewährleistungspflicht, dass diese Netze funktionieren, wie wir es auch zum Beispiel von Verkehrsnetzen gewohnt sind. So wie er Straßen bauen und unterhalten und den Eisenbahnverkehr sichern muss, obliegt ihm die Aufgabe, die elektronischen Netze funktionsfähig zu halten. Sie hat hinsichtlich der Telekommunikation in Deutschland mit der Pflicht, eine flächendeckende Versorgung zu gewährleisten, in Art. 87f. GG sogar eine verfassungsrechtliche Basis gefunden. Die notwendig entgeltliche Nutzung privat betriebener Netze Weil elektronische Netze und das Internet mittlerweile die virtuelle Infrastruktur unseres Gemeinwesens bilden, auf die jeder angewiesen ist, erfüllen die privaten Betreiber des Internets eine Aufgabe des Gemeinwohls für Gesellschaft und Bürger. Wer ein Netz technisch bereitstellt, dient dem Bedürfnis des Gemeinwesens, wer Angebote im Netz unterbreitet, versorgt die Gesellschaft mit Wirtschaftsgütern. Wer dort Informationen liefert, bringt der Demokratie, der Wissenschaft und den Bürgern das notwendige Wissen. Wir verlassen uns zurzeit auf private Unternehmen, die diese notwendige virtuelle Infrastruktur des Gemeinwesens bereitstellen und unterhalten. Deren Aktivität ist aber nicht selbstverständlich. Sie betreiben die Netze und machen Zwischen Big Data und Grundgesetz ferdinand kirchhof Eric Emerson Schmidt ist seit April 2011 Executive Chairman von Google, einem Unternehmen für Internetdienstleistungen. Google hat sich zum Ziel gesetzt,»die Informatio nen der Welt zu orga nisieren und allgemein zugänglich und nützlich zu machen.«dort Angebote, weil sie wie jedes private Wirtschaftssubjekt Gewinne erzielen wollen. Sie benötigen einen finanziellen Ertrag für ihre Tätigkeit, denn sie leben wirtschaftlich vom Internet. Wenn sich die Welt auf die elektronische Telekommunikation und auf das Internet verlässt, muss sie dessen Betreibern aber auch ihre ökonomische Existenz sichern. Die Erhaltung der elektronischen Infrastruktur ist nicht kostenlos zu haben. Wir müssen sie bezahlen. Bisher entgelten wir sie mit unseren persönlichen Daten, die jene oftmals eigenmächtig für ihre Zwecke verwenden. Wenn wir die Nutzung unserer Daten durch die Betreiber einschränken wollen, müssen wir sie, um ihre finanzielle Lebensfähigkeit zu erhalten, auf andere Weise entgelten. Hier sollte man künftig eine klare Entscheidung treffen: Entweder wir bezahlen wie bisher mit unseren persönlichen Daten und stellen sie den Betreibern der elektronischen Infrastruktur zur weiteren Verwendung zur Verfügung oder wir entlohnen ihre Dienste in der klassischen Weise mit Geld. Wer Datenschutz im Internet verlangt, muss dessen Leistungen pekuniär ausgleichen. Vor diesen zwingenden Alternativen verschließt die Öffentlichkeit zurzeit die Augen. Wir pochen auf Daten- und Benutzerschutz, sind aber bisher nicht bereit, den Preis für den elektronischen Service an private Betreiber zu entrichten. 1314 ferdinand kirchhof Zwischen Big Data und Grundgesetz Die rechtliche Steuerung globaler Netzbetreiber durch nationales Zivilrecht Spannende Podiums diskussion zum Thema Big Data, v.l.n.r. Claudia Schick, Ulrike Schramm-de Robertis, Prof. Dr. Ferdinand Kirchhof, Prof. Dr. Peter Wedde. 14 Berechtigte ökonomische Interessen der Betreiber in der elektronischen Welt sollten aber zugleich in das staatliche Regelungskonzept zum Datenschutz einbezogen werden. Regulierungskonzepte für die virtuelle Welt denken meistens nur an normative Steuerungsmöglichkeiten. Sie setzen auf Verbote, Zulassungsbedingungen und Marktregeln. Dort muss man sicher auch ansetzen. Aber der Staat hat zur Regulierung noch andere Pfeile im Köcher. Vor allem, wo man einen Global Player im Internet nur schwer rechtlich erfassen kann, ist es oftmals möglich, ihn in seinen ökonomischen Interessen vor Ort in Deutschland oder in Europa zu treffen. Suchmaschinen, Internet anbieter und Telekommunikationsvermittler mit Sitz außerhalb Deutschlands wollen mit ihren Serviceleistungen ökonomische Erfolge im Inland erzielen. Sie wollen dort gegen Entgelt werben, über Handelsplattformen Geschäfte abschließen oder für den Verkauf von Waren anbahnen. Der Benutzer soll die Leistung bezahlen und dafür vertraglich gebunden werden. Hier liegt der Ansatzpunkt für nationale oder europäische Einwirkungen auf die virtuelle Welt. Während man Unternehmen, Server oder deren Verhalten auswärts schwer steuern kann, sind ihre wirtschaftlichen und rechtlichen Beziehungen zum Nutzer fast immer national geregelt. Der Anbieter einer kostenpflichtigen Information aus dem Ausland benötigt das deutsche Zivilrecht, um den Nutzer zur Zahlung zu verpflichten; er ist bei Ai B extra März 2015 einer Verweigerung des Entgelts auf deutsches Zwangsvollstreckungsrecht angewiesen. Der deutsche Anbieter von Tourismusleistungen im Internet zahlt der Handelsplattform oder Suchmaschine, die sich territorial außerhalb der deutschen Rechtsordnung befindet, ein Entgelt, das die deutsche Rechtsordnung zivilrechtlich verbindlich macht. Hier könnte ein Nationalstaat mit seinen Regulierungsbemühungen ansetzen. Werden die Daten eines Nutzers in Deutschland entgegen deutschem Datenschutzrecht für andere Zwecke vom ausländischen Anbieter weiterverkauft oder verschiebt eine ausländische Suchmaschine aus Eigeninteressen entgegen deutschem Wettbewerbsrecht in einem Hotelportal die Positionen deutscher Anbieter, könnte man den Entgeltwünschen dieser ausländischen Betreiber für ihre Leistungen die zivilrechtliche Anerkennung in Deutschland versagen. Der Nationalstaat ist gegenüber diesen Anbietern aus dem Ausland nicht ohnmächtig. Kassandrarufe sind hier nicht angebracht. Für die Erfüllung seiner ökonomischen Erwartungen benötigt ein ausländischer Anbieter in der Regel die Rechtsordnung, in der sich der Benutzer aufhält. Hier liegt ein großes Potential zur Einwirkung auf die virtuelle Welt durch Einzelstaaten. Das grundsätzliche Verbot einer Zweitverwendung von Daten Wenn ein Bürger im Internet seine persönlichen Daten in sozialen Netzwerken, bei Bestellungen, im Aufrufen von Apps oder in der elektronischen Telekommunikation preisgibt, sollte wie in der realen Welt der Grundsatz gelten, dass der technische Betreiber von Netzen, Suchmaschinen, sozialen Netzwerken oder Handelsplattformen diese Daten nicht weitergeben oder sonst für dritte Zwecke verwenden darf. Der Benutzer kommuniziert mit der virtuellen Welt jeweils aus einem bestimmten Motiv in einer konkreten Beziehung. Er will elektronisch telefonieren oder schriftliche Botschaften versenden, er will einen vertraglichen Kontakt anbahnen, er sucht eine Information im Internet oder möchte mit anderen Benutzern chatten. Niemals hat er aber die Absicht, seine personenbezogenen Daten allgemein an die Öffentlichkeit zu geben oder den Betreibern der virtuellen Welt zur beliebigen Weiterverwendung anzubieten. Diese haben in den Zeiten der rasanten Entwicklung des15 AiB extra Mä rz Internets einfach nur die Gelegenheit wahrgenommen, sich der bei ihnen vorhandenen personenbezogenen Daten zur Drittverwertung zu bemächtigen. Diese Okkupation der Daten sollte unterbunden werden. Eine Weiterverwendung von Daten über den vom Benutzer erkennbaren und verfolgten Zweck hinaus sollte in der virtuellen Welt grundsätzlich unzulässig sein. Sicherlich ist eine Verwendung dieser Daten aus den technischen Erfordernissen der Vermittlung und Dokumentation von Kontakten zulässig. Deren Verwendung für sonstige Zwecke beruht aber auf der Eigenmächtigkeit des elektronischen Anbieters. Darüber hinausgehende Zugriffe des Anbieters auf außerhalb des konkreten Kontakts liegende Adresslisten, andere Kontakte oder gar Inhalte des Computers sollten ebenfalls unterbunden werden. Die Voraussetzungen wirksamer Einwilligung in eine Zweitverwendung Suchmaschinen, Anbieter von Apps oder Telekommunikationsunternehmen versuchen diese eigenmächtige, weitere Verwendung von individuell zweckgewidmeten Kontaktdaten zu legitimieren, indem sie vom Nutzer eine Einwilligung verlangen. Dazu werden umfangreiche Allgemeine Geschäftsbedingungen oder Nutzungsbedingungen im Internet präsentiert, die der Nutzer mit einem Klick akzeptieren soll. Diese Technik der Einwilligung kann eine Weiterverwendung von Daten generell kaum rechtfertigen. Wie wir schon aus den Bemühungen von Gesetzgebung und Rechtsprechung um die Vereinbarung von fairen Allgemeinen Geschäftsbedingungen bei Verträgen wissen, darf man den Verfassern solcher Einwilligungsregelungen keine unbeschränkte Formulierungsfreiheit geben, weil sie in der Regel den Einwilligenden übervorteilen. In der virtuellen Welt müssten deshalb Einwilligungen zu Nutzungsbedingungen, die einer Fairnesskontrolle zwischen Verwender und Nutzer nicht standhalten, unwirksam sein. Auch ist zu fordern, dass die Nutzungsbedingungen nicht verborgen bereits durch bloße Verwendung einer App oder eines Dienstes anerkannt werden können, sondern dass die Weiterverwendung von Daten mit hinreichender optischer Kenntlichmachung in überschaubarer Weise dargestellt werden muss und sie nur durch einen besonderen Klick zu aktivieren sind. Dieser»Haken im Kästchen«müsste bei jedem Aufruf durch den Nutzer erneut gege- Zwischen Big Data und Grundgesetz ferdinand kirchhof ben werden. Eine einmalige Zustimmung für alle Kontakte und Aufrufe in der Zukunft wäre zu unterbinden. Eine Einwilligung zur Weiterverwendung von Daten oder zum Zugriff auf den PC des Nutzers sollte von Gesetzes wegen stets unwirksam sein, wenn der Bürger auf die Nutzung bestimmter Internetangebote angewiesen ist. In diesen Fällen wird nur scheinbar freiwillig die Zustimmung zur Zweitverwendung gegeben. Die Freiwilligkeit fehlt zum Beispiel in der gesamten individuellen Kommunikation zwischen zwei Gesprächspartnern in Sprache oder Schrift, also im Sprechverkehr und bei der Versendung von SMS oder s. Wer im Internet telefoniert, möchte allein mit seinem Gesprächspartner kommunizieren, auch wenn ein Dritter die Signale übermittelt. Er hat aber niemals den Willen, die Inhalte dieser Telekommunikation oder gar weitere Daten dem Dritten freizugeben. Wenn ein Unternehmen als Zugangsbedingung zur Nutzung individueller Telekommunikation die Einwilligung zur Weiterverwendung aller Daten verlangt, die das Unternehmen aus Anlass der Verbindungsherstellung erlangt, sollte das rechtlich unterbunden werden. Konstitutionelle Bindung privater Betreiber an Datenschutzregeln? Im Datenschutzrecht sehen Gesetzgebung und Rechtsprechung seit Jahrzehnten auf den Staat, der Daten teilweise mit Zwang erhebt, speichert und verwendet. Zum Schutz des Bürgers sind dafür zahlreiche Gesetze erlassen worden. Die Grundrechte auf informationelle Selbstbestimmung oder auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme, das Telekommunikationsgeheimnis des Art. 10 GG oder die Unverletzlichkeit der Wohnung auch gegen elektronisches Eindringen nach Art. 13 GG bilden Bollwerke zur Sicherung des Privatlebens. Diese Grundrechte haben sich aus der historischen Erfahrung entwickelt, dass eine hoheitliche Staatsgewalt auf die Freiheiten des Bürgers zugreift. Deshalb binden Grundrechte nach Art. 1 Abs. 3 GG nur den Staat. In der virtuellen Welt sind aber andere Akteure unterwegs. Sie stammen aus dem Bereich der Wirtschaft und der Gesellschaft. In der Regel sind es Private, die unsere Daten weiterverwenden und damit Bürgerfreiheiten bedrohen. Wo zu Zeiten des schwarzen 1516 ferdinand kirchhof Zwischen Big Data und Grundgesetz Bakelittelefons die Deutsche Bundespost als öffentlich-rechtliche Anstalt mit grauen Servicefahrzeugen, die die Aufschrift»Deutsche Bundespost Fernmeldewesen«trugen, Telefon- und Fernschreibverkehr besorgte, bieten uns jetzt private Unternehmen wie Google, Facebook, ebay oder Amazon elektronische Leistungen an. Sie verwenden unsere Daten zu anderen Zwecken; sie wünschen den Zugriff auf Adresslisten, andere Kontaktdaten und Inhalte unseres PCs. Die Bedrohung hat sich strukturell gewandelt. Statt des Staates, der mit Zwangsgewalt agiert, sind es nun Private, die über lockende Angebote in unser privates Leben eindringen. Der Grundrechtsschutz, der zum Beispiel in der Fernmeldefreiheit des Art. 10 GG gegen den Staat vorgesehen ist, läuft leer, wenn der Staat sich dieser Aufgabe und seines Fernmeldemonopols entledigt und sie privaten Dritten übergibt. Das Grundrecht verliert seine Schutzfunktion, obwohl es nicht nur Abwehrrecht sein, sondern auch objektiv individuelle Fernkommunikation schützen soll. Hier wäre zu überlegen, ob der Verfassungsstaat, der des Bürgers Freiheit sichern will, diese Grundrechte auch auf die privaten Anbieter dieser einstmals staatlichen Leistungen erstrecken soll oder ob zumindest einfache Gesetze diesen bisher durch Grundrechte gesicherten verfassungsrechtlichen Schutz in gleicher Intensität bieten könnten. Um zu vermeiden, dass materiell der Bürgerschutz leidet, ist hier normatives Handeln des Staates gefragt. Der Schutz der Äußerungsberechtigten im Internet Des Weiteren sind die grundrechtlich geschützten Interessen von Äußerungsberechtigten im Internet in gleicher Weise wie in der realen Welt zu berücksichtigen. Das setzt zum Beispiel bei Presse und Rundfunk eine Beachtung ihrer demokratiewesentlichen Rolle voraus. Auch Verbraucherschutzverbände, Wissenschaftsvertreter, politische Verbände und Parteien können eine Berücksichtigung ihrer verfassungsrechtlich gesicherten Positionen fordern. Deshalb darf einem einseitigen Löschungsantrag eines Betroffenen nicht ohne Einbeziehung der anderen interessierten Personen und ohne Möglichkeit einer Prüfung der Löschungsentscheidung durch ein staatliches Gericht stattgeben werden. Zurzeit überlassen wir es den Suchmaschinen, ob sie»unange- 16 Ai B extra März 2015 messene Inhalte«streichen oder vom Nutzer beantragte Löschungen vornehmen. Damit wird ein am Geschehen interessierter Akteur zur streitentscheidenden Instanz befördert. Er wird Löschungsanträge schnell bewilligen, wenn ihm ein Streit über die Begründetheit des Antrags lästig ist. Er wird die berechtigten Belange von Informationsanbietern aus den Medien zurückstellen, um den von einer unangenehmen Nachricht betroffenen Bürger zu beruhigen. Staatliche Kontrolle statt private Eigenregie Die Kontrolle kann nur durch eine unabhängige Stelle ausgeübt werden, die jenseits von Einflüssen der Akteure, seien es Nutzer, Anbieter oder Betreiber, die Fälle beurteilt. Die Kontrolle über die virtuelle Welt sollte in der Hand des Staates bleiben. Man darf sie nicht der Eigenregie der Beteiligten überlassen. Sie würden mit einer Selbstkontrolle nur ihre eigenen»unter Verlet zung des Tele kommunikationsgeheimnisses erlangte Daten dürfen nicht ver wertet werden.«f E R D I N A N D K I RC H H O F Interessen verfolgen. Man kann private Unternehmen zwar gesetzlich auf die Erfüllung von Aufgaben des Gemeinwohls verpflichten, aber von ihnen nicht erwarten, dass sie ihre individuellen Ertragsinteressen negieren und altruistisch handeln. Die Vorstellung, die Akteure im Internet würden ihre Infrastrukturaufgabe und den Bürgerschutz in Eigenregie zufriedenstellend bewältigen, ist naiv. In den letzten Jahren sind sie im Zugriff auf die Nutzerdaten zur ungenehmigten Weiterverwendung oder im Eindringen in die privaten Datenbereiche stets vorangeschritten. Anderenorts hat zum17 Zwischen Big Data und Grundgesetz AiB extra Mä rz ferdinand kirchhof Ungenehmigte Weiter verwendung von per sönlichen Daten hat in den letzten Jahren zugenommen. Beispiel die Entwicklung im Bankensystem gezeigt, dass die Vorstellung von einer Selbstregulierung der Wirtschaft ohne staatliche Überwachung verfehlt ist, weil alle Beteiligten lediglich ihren eigenen ökonomischen Interessen folgen. Deshalb muss die gesamte Kontrolle in Staatshand bleiben. werden, um die Beachtung des Rechts in der virtuellen Welt zu sichern. Dem subjektiven Rechtsschutz bei Gericht muss eine objektive Rechtskontrolle durch eine unabhängige staatliche Institution an die Seite treten. Sie prüft anlasslos und beaufsichtigt die Betreiber und Anbieter in der virtuellen Welt. Kontrolle durch Gerichte und Schutz durch unabhängige Aufsichtsinstitutionen Ausblick Zur Durchsetzung der subjektiven Datenschutzrechte einzelner Bürger dienen die staatlichen Gerichte. Der Rechtsstaat geht von der Voraussetzung aus, dass der in seinen Rechten verletzte Bürger sich selbst individuell vor Gericht wehrt und auf diese Weise die Rechtsordnung auch allgemein durchsetzt. In der elektronischen, virtuellen Welt reichen derartige individuelle Schutzvorkehrungen nicht mehr aus. Der regelmäßige Nutzer des Internets kann nicht gegen jede Rechtsverletzung vor Gericht ziehen; er würde zum Internetquerulanten. Meist bemerkt er den rechtswidrigen Datenzugriff gar nicht, denn jener entsteht erst bei einer späteren Weiterverwendung seiner Angaben durch den Internetanbieter. Der große Umfang und die mangelnde Bemerkbarkeit dieser Zugriffe verhindern einen hinreichenden subjektiven Rechtsschutz. Damit verliert auch die Prämisse, subjektiver Rechtsschutz im Einzelfall garantiere auch die Einhaltung der gesamten Rechtsordnung, ihre Basis. Deshalb müssen zusätzliche Methoden eingesetzt Im Ergebnis ist gerade in der Demokratie, die die Struktur des Gemeinwesens selbst regelt, der Staat, vielleicht auch die Europäische Union gefragt, Big Data zu ordnen und allen Akteuren die ihnen zukommende Rolle normativ zwingend zuzuweisen. Der Staat ist dabei nicht so ohnmächtig, wie es manchmal erscheint. Er muss aus der Perspektive des Bürgerschutzes die virtuelle Welt gleich der realen behandeln, denn elektronische Techniken gefährden dieselben materiellen Schutzbedürfnisse des Bürgers. Es ist jetzt an der Zeit für den Staat zu handeln. Er muss aber auch beachten, dass er die für das Gemeinwesen unerlässliche elektronische Infrastruktur privaten Betreibern überlassen hat und diese auf ökonomischen Ertrag angewiesen sind. Der Preis sollte allerdings nicht in der Nutzung persönlicher Daten, sondern in Geld bestehen. v Prof. Dr. Ferdinand Kirchhof, Vizepräsident des Bundes verfassungsgerichts in Karlsruhe. 1718 imke sommer Giant Data für Smart Bosses Ai B extra März 2015 Giant Data für Smart Bosses it-anwendungen Wirtschaft 4.0 ist das neue Zauberwort. Dabei werden riesige Mengen an Daten gesammelt und von Algorithmen ausgewertet. Auch die Daten der Beschäftigten im dazugehörigen Beschäftigungsverhältnis geraten in diesen Sog. Doch ist das erlaubt und wo sind die Grenzen? VO N IMK E S OMMER darum geht es 1. Der Wunsch des Arbeitgebers, möglichst umfassenden Zugriff auf alle Daten seiner Beschäf tigten zu erhalten, sie besser analysieren zu können und die gewon nenen Erkenntnisse zu nutzen, kollidiert mit den Persönlichkeitsrech ten der Beschäftigten. 2. Das Erfassen und Auswerten personen bezogener Daten ist im Beschäftigungsverhältnis nur zulässig, wenn es dafür eine gesetzliche Grundlage gibt. Auch sind die Grundsätze Daten sparsamkeit, Anonymisie rung und Verschlüsselung zu beachten. 3. Beschäftigte haben einen Anspruch auf Transparenz: Sie müssen wissen, welche ihrer Daten in die Algorithmen eingespeist und wie sie gewichtet werden. 18 D as Adjektiv»smart«bezeichnet im Englischen besonders kluge, pfiffige und intelligente Menschen. Gerade der»menschenwitz«ist es also, der mit diesem Begriff auf den Punkt gebracht werden soll. Dieses Kreativitätspotential sollen wir uns nach Auffassung derjenigen, die IT-Anwendungen an die Nutzerinnen und Nutzer bringen wollen, nun mit Dingen teilen. Dabei wird im Deutschen aus»smartintelligent«. Den Dingen wird deshalb»smartness«, also bisher nur Menschen mögliche Kreativität attestiert, weil sie in der Lage sein sollen, menschliches Verhalten vorauszusagen. Die Eintrittswahrscheinlichkeit der Prognosen soll deshalb so hoch sein, weil es große Datenmengen (»Big Data«) sind, in denen die benötigten Verhaltensmuster erkennbar werden. verhältnis soll gesammelt und ausgewertet werden. Giant Data für Smart Bosses steht damit für das Phänomen der Auswertung riesiger Mengen verknüpfter und daher auf den einzelnen Beschäftigten beziehbarer Daten. Versetzen wir uns nun in das Denken einer Arbeitgeberin, um die Attraktivität der»smarten«anwendungen für uns erlebbar zu machen. Und was wäre geeigneter dafür, als über die deutsche Fußballnationalmannschaft zu sprechen, als deren Chefinnen und Chefs wir uns ja vermutlich fast alle fühlen? Fußballweltmeister durch Giant Data? Dabei ist der Begriff Big Data in quantitativer Hinsicht längst nicht mehr zutreffend: Schätzungen zufolge hat die Menschheit gegenwärtig 4,2 Zetabyte Daten produziert. 1 Zetabyte in Byte umgerechnet ergibt eine Eins mit 21 Nullen. Und die Datenmenge verdoppelt sich jedes Jahr.1 Es handelt sich also nicht mehr um Big Data, sondern schon längst um Giant Data, um riesige Datenmengen. Seit dem IT-Gipfel wissen wir zudem, dass wir nicht mehr im 2.0er-Stadium der digitalen Entwicklung sind, sondern es schon um die»wirtschaft 4.0«geht. Auch im dazugehörigen Beschäftigungs- Nachdem Deutschland im Sommer 2014 den Fußball-WM-Titel erhalten hatte, kam die Frage auf, wie viel Anteil daran Big Data gebühre.2 Hintergrund dieser Frage ist die Partnerschaft zwischen dem Deutschen Fußballbund e.v. und der IT-Firma SAP. Die Firma hatte eine Datenbank mit Daten wie Laufwegen, Raumaufteilungen und Ballbesitz von über Spielen der potenziellen Gegner der deutschen Nationalmannschaft gefüllt und ausgewertet. Wer genau weiß, in welchen Situationen selbst ein Christiano Ronaldo Fehler macht, scheint den Titel schon halb in der Tasche zu haben. Auch in der Bundesliga soll Giant Data eingesetzt werden. So plant die FC Bayern München AG, mithilfe derselben IT-Firma Daten über das Leistungsvermögen, die Stärken und Schwächen, insbesondere die Gesundheit der Spieler zu erfassen und in Echtzeit auszuwerten. Ziel iview/executive-summary-a-universe-of.htm 2 Christian Scholz, 2014/08/26/big-data-grosse-glaeserne-mitarbeiter-408/ Big Data ist schon Giant Data19 AiB extra Mä rz ist es,»einen neuen, optimierten Spieler«zu schaffen.3 Dieselbe IT-Firma hat übrigens auch eine Partnerschaft mit der TSG Hoffenheim Fußball Spielbetriebs GmbH. Dort tragen Spieler Trikots, in die Sensoren eingebaut sind, deren Daten dem Trainer auf eine Datenbrille gespielt werden. Die schöne neue Fußballwelt ist vermutlich nur ein Vorbote dessen, was auch in der Arbeitswelt geplant ist. Die Frage, welche Giant Data-Anwendungen Smart Bosses verarbeiten dürfen, stellt sich deshalb sehr dringlich. Ist Giant Data zur Durchführung des Beschäftigungsverhältnisses erforderlich? Datenverarbeitung»für Zwecke des Beschäftigungsverhältnisses«, also auch Giant Data für Smart Bosses, ist nur unter den Voraussetzungen des 32 Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) möglich. Danach dürfen personenbezogene Daten von Beschäftigten erhoben, verarbeitet oder genutzt werden,»wenn dies ( ) nach Begründung des Beschäftigungsverhältnisses für dessen Durchführung ( ) erforderlich ist«. Datenverarbeitungen müssen, um»menschen dürfen keinen negativen Folgen ausgesetzt sein, wenn sie anders entschei den wollen als es der Algorithmus vorschlägt.«imke SOMMER Giant Data für Smart Bosses ses«dient. Ein Beschäftigungsbezug liegt allenfalls dann vor, wenn die erhobenen Daten der zulässigen Beantwortung der Frage dienen, ob sich die Beschäftigten entsprechend ihrer vertraglichen Verpflichtungen verhalten. Sofern Giant Data-Anwendungen hierüber hinausgehen, erfüllen sie schon die erste gesetzliche Voraussetzung nicht. So weisen Daten, die der Privatsphäre der Beschäftigten zuzurechnen sind, keinen Beschäftigungsbezug auf und können grundsätzlich nicht verarbeitet werden.4 Selbst wenn der Beschäftigungsbezug besteht, sind die Giant Data-Anwendungen regelmäßig zwar möglicherweise für die Arbeitgeberseite das wünschenswerteste, nicht jedoch das mildeste Mittel zur Durchführung des Beschäftigungsverhältnisses. Sie sind also nicht»erforderlich«. Dies gilt insbesondere, wenn Giant Data-Anwendungen sensible Daten verarbeiten, zu denen auch Gesundheitsdaten wie diejenigen zählen, die von den erwähnten Profifußballern erhoben werden. Beschäftigte sind grundsätzlich nicht verpflichtet, Arbeitgebern Auskünfte über ihren gesundheitlichen Zustand zu erteilen.5 Auch die Gedanken des verbotenen, da unzumutbaren Überwachungsdrucks auf Beschäftigte sind hier selbstverständlich anwendbar. Da also in der Regel keine gesetzliche Grundlage für Giant Data im Beschäftigungsverhältnis zu finden ist, bleibt nur die Einwilligung des Betroffenen als Rechtfertigungsgrund für den Grundrechtseingriff. Schon die Freiwilligkeit der Einwilligungen von hoch verdienenden Bundesligaprofis in solche Datenverarbeitungen muss mit einem Fragezeichen versehen werden. Auch sehr gut bezahlte Menschen handeln nicht freiwillig, wenn sie in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Jedenfalls für alle normal Verdienenden gilt, dass eine datenschutzrechtliche Einwilligung im Beschäftigungsverhältnis mangels Freiwilligkeit ausscheidet. imke sommer big data Big Data steht für die technischen Möglich keiten, in riesigen Daten mengen Muster zu erkennen und mithilfe von Algorithmen auszu werten, um beispiels weise menschliches Verhalten voraus zusagen. Die gesammelten Daten können aus nahezu allen Quellen stammen: Wie bei elektronischen Kommunika tionsdaten und Daten aus Über wachungssystemen kann es sich um offensichtlich personenbezogene Daten handeln. Sofern Daten aus dem»internet der Dinge«, wie etwa die Daten der»intelligenten Stromsysteme«, Men schen zugeordnet werden können, bedeutet ihre Verarbeitung ebenfalls einen Eingriff in das Grundrecht auf informati onelle Selbstbestimmung. Datenerhebung nicht rechtmäßig rechtmäßig zu sein, also zum einen Beschäftigungsbezug haben und zum anderen das mildeste aller für die Durchführung des Arbeitsverhältnisses geeigneten Mittel sein. Hier ist schon teilweise zweifelhaft, ob der Einsatz von Giant Data-Verarbeitungen der»durchführung des Beschäftigungsverhältnis3 big-data-im-sport-der-glaeserne-lahm/ html Für uns als Chefinnen und Chefs der Nationalmannschaft sind diese Antworten unbefriedigend, weil sie die Rechtmäßigkeit der Daten erhebungen in Zweifel ziehen und den Erfolg im Fußball deshalb vermeintlich erschweren. Ebenso scheinen die geltenden Regeln des Beschäftigtendatenschutzes aus Sicht der Chef 4 Seifert, in: Simitis, Bundesdatenschutzgesetz, 8. Auflage 32 Rdnr Seifert a.a.o. Rdnr20 imke sommer Giant Data für Smart Bosses algorithmen Algorithmen sind mathe matische Gleichungen und damit die Basis für Softwareprogramme. Algorithmen überset zen kausale Annahmen in Rechenprogramme. Wenn beispielsweise aus einer Datenmenge die Daten von Arbeitslosen gefunden werden sollen, kann nach den Begriffen»Harz IV«,»arbeitslos«etc. gesucht werden. In das Suchprogramm können dabei Annahmen einfließen, die falsch oder diskriminierend sind. Wenn die Program miererin keine Schicht arbeiterin kennt, geht sie vielleicht davon aus, dass diejenigen, die erst mittags aufstehen, keiner geregelten Beschäftigung nachgehen. Nach dem Bundesdatenschutz gesetz dürfen Anschriften daten für die Berechnung der Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens»nicht ausschließlich«genutzt werden. innen und Chefs der»wirtschaft 4.0«den wirtschaftlichen Erfolg zu hemmen. An dieser immer weiter um sich greifenden Einschätzung zeigt sich, wie gefährdet der gesellschaftliche Konsens über Beschäftigtendatenschutz ist. Der Dammbruch in Sachen Giant Data im Fußballsport, den wir als Fans gutheißen mögen, kann uns an anderer Stelle also zumindest nasse Füße bereiten. Was tun, wenn Smart Bosses Giant Data nutzen wollen? Was bleibt, um Giant Data-Anwendungen der Smart Bosses mit dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung in Einklang zu bringen, sind Datenvermeidung (»privacy by design«) und die wirksame Anonymisierung. Für Daten, für deren Verarbeitung sich doch eine Rechtsgrundlage oder eine wirksame Einwilligung finden, kommen darüber hinaus die Verschlüsselung und andere technische und organisatorische Maßnahmen des Datenschutzes in Betracht. Diese Grundsätze Datenvermeidung, Anonymisierung und Verschlüsselung und alle anderen Maßnahmen des technischen und organisatorischen Datenschutzes sind technikneutral und finden ihre Grundlage in der Grundrechtstheorie. Sie bringen auch aus heutiger Sicht alle erforderlichen Regelungen für den Umgang mit»smarten«anwendungen auf den Punkt. In inhaltlicher Hinsicht müssen wir bei Giant Data-Anwendungen auf die Transparenz der Algorithmen und schließlich darauf achten, dass es immer frei entscheidende Menschen bleiben, die die grundrechtsrelevanten Entscheidungen treffen. Datenvermeidung keine unnötigen personenbezogenen Daten erheben Für die»smarten«anwendungen ist der Personenbezug häufig irrelevant. In diesen Fällen können sie auf den»beifang«personenbezogener Daten verzichten. Dies ist Ausdruck des Prinzips der Datenvermeidung, dessen Gedanken auch unter dem Begriff»privacy by design«firmieren. Dass der Verzicht auf die Erhebung und Verarbeitung personenbezogener Daten so schwer durchzusetzen ist, liegt auch daran, dass die Speicherung von personenbezogenen Daten bis zu dem Zeitpunkt, zu dem sie für ein künftiges Geschäftsmodell einmal nützlich 20 Ai B extra März 2015 sein könnten, kaum Kosten verursacht und der Markt mit»smarten«anwendungen hohe Umsätze verspricht. Anonymisierung den Personenbezug erfolgreich und nachhaltig kappen Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung schützt nur personenbezogene Daten, also Daten, die mit einer bestimmten Person in Zusammenhang gebracht werden können. Pseudonymisierte Daten, also solche Daten, die Personen lediglich unter einem anderen als ihrem gewöhnlichen Namen oder unter einer Nummer erfassen, sind deshalb weiterhin personenbezogene Daten. Erst wenn der Personenbezug nicht mehr hergestellt werden kann, Daten also wirksam anonymisiert sind, fallen sie aus dem Schutzbereich des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung heraus. Für viele»smarte«anwendungen sind nicht die identifizierbaren Personen, sondern Personengruppen interessant. Daher können in diesen Fällen anonymisierte Daten verwendet werden. Was zu tun ist, um zuvor personenbezogene Daten erfolgreich zu anonymisieren, ergibt sich aus dem Bundesdatenschutzgesetz:»Anonymisieren ist das Verändern personenbezogener Daten derart, dass die Einzelangaben über persönliche oder sachliche Verhältnisse nicht mehr oder nur mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand an Zeit, Kosten und Arbeitskraft einer bestimmten oder bestimmbaren natürlichen Person zugeordnet werden können.«zugangserschwerungen durch Verschlüsselung und Co. Wenn es wider Erwarten doch eine Rechtsgrundlage für Datenverarbeitungen im Rahmen von»smarten«anwendungen geben sollte, muss auf jeden Fall sichergestellt sein, dass nur diejenigen die Daten tatsächlich verarbeiten können, denen die Datenverarbeitung erlaubt ist. Kryptographische Schutzverfahren erschweren die Zugänglichkeit von Daten am sichersten. Daneben listet das Bundesdatenschutzgesetz technische und organisatorische Maßnahmen auf, die es erschweren, Zugang zu personenbezogenen Daten zu erhalten. Hierbei handelt es sich um die Maßnahmen Zutrittskontrolle, Zugangskontrolle, Zugriffskontrolle, Weitergabekontrolle, Eingabekontrolle, Auftragskontrolle und Verfügbarkeitskontrolle. Mehr anzeigen
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