Source: https://advocatusdeorum.wordpress.com/2011/12/26/wenn-alle-gierig-waren/
Timestamp: 2017-10-21 23:12:15+00:00

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Wenn alle gierig wären… | St.Neptune's Homepage
Wenn alle gierig wären…
hätte die Menschheit wohl kaum die rund fünf Millionen Jahre seit ihrer Entstehung überlebt. Deswegen gehen die „warmen Worte“ unseres Budesoberhirten sowohl an der Sache als auch an seinen Schäflein vorbei:
Weihnachtsansprache: Wulff ruft zu Solidarität in Europa auf tagesschau.de
Nicht alle Menschen sind so gierig wie „Seine Scheinheiligkeit“ vom Schloß Bellevue:
…3. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, daß Kain dem Herren Opfer brachte von den Früchten des Feldes;
4. und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem
Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und seine Opfer.
5. Aber Kain und seine Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärde verstellte sich.
6. Das sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? warum verstellt sich deine Gebärde?
7. Ist’s nicht also? wenn du fromm bist, so bist du angenehm, bist du nicht fromm, so ruhet die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen, du aber herrsche über sie…(1. Buch Mose Kap.3)
Die Bibel läßt uns leider in Unkenntnis darüber, warum Kain seinen Bru- der erschlug, überliefert ist lediglich: 9. Da sprach der Herr zu Kain, wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: ich weiß es nicht, soll ich meines Bru- ders Hüter sein?
Ebenso rätselhaft wie das Motiv für die sinnlose Bluttat des Kain ist der Umstand, daß Gott Kain dafür nicht bestrafte, sondern durch das „Kainsmal“ dafür Sorge trug, daß ihm die anderen kein Leid zufügten. – Irgendwie paßt die Geschichte hinten und vorne nicht.
Da wir uns mit Jirkas Boot mitten in der Schöpfungsgeschichte befinden, könnte in den augenscheinlich widersprüchlichen und unvollständigen Angaben der Bibel dennoch ein Wegweiser der Evolution versteckt sein.
Dann müßte an dieser Stelle der Bibeltext eine verschlüsselte Botschaft enthalten, die eine evolutionäre Veränderung des Menschen zum Gegen- stand hat. Schauen Sie sich nochmals die oben zitierten Verse drei bis fünf an.
Es fällt auf, daß Gott offenbar das Opfer Abels höher bewertet als das des Kain. Abel bringt schließlich Fleisch, Kain nur Obst und Gemüse. Kain verfällt der Mißgunst und wird gewalttätig. Der Streit dreht sich folglich um die Art der Ernährung, ihre Wertschätzung und ihre Verteilung. Im Gegensatz zu Abel scheint Kain nur sehr widerwillg bereit ist, von den Früchten seiner Arbeit etwas abzugeben. Das alles hat noch sehr wenig mit unserer eigenen Vorstellungswelt zu tun, aber wir dürfen nicht verges- sen, daß der Supermarkt an der Ecke uns die „Nahrungssuche“ und die
„Beuteverteilung“ weitgehend abgenommen hat. Das gibt Anlaß, unser Verhalten und das unserer Verwandten bei der Nahrungsverteilung näher zu beleuchten.
In allen Kulturen gab und gibt es ein Problem, daß unter dem Schlagwort
Verteilungsgerechtigkeit auch bei uns Furore machte.
Wolfgang Wickler nimmt zur Beuteverteilung beim Schimpansen wie folgt Stellung:
„…Der erfolgreiche Jäger ist dann im Besitz des von allen begehren
Fleisches. Und nun zeigt sich, daß es in der Schimpansengruppe keinen Zweifel darüber gibt, wer der Eigentümer der Beute ist. Selbst ranghöhere Männer, die dem Jäger die Beute ohne weiteres mit Gewalt abnehmen könnten, setzen sich statt dessen neben ihn und bitten mit offen vorgestreckter Hand um ein Stück Fleisch. Meist bekommen sie auch etwas, aber durchaus nicht immer und oft erst nach langem Warten. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nicht so sehr, daß das Fleisch durch Bit- ten und Geben verteilt wird, sondern daß wieder das von allen begehrte Objekt als Eigentum eines einzelnen tabu ist und ihm von den anderen zugestanden wird.“49
Nachfolgend gebe ich einen Beitrag von Rudolf Bilz zu diesem Thema vollständig wieder, weil er sich meiner Meinung nach nicht kürzen läßt, ohne den Inhalt und den Sinn zu verfälschen. Ferner schlägt Bilz darin eine Brücke von der hier besprochenen Epoche menschlichen Daseins zu unserer unmittelbar anschaulichen Gegenwart. Ohne Sinnveränderung können Sie allerdings die darin enthaltenen Begriffe „Biologische Radikale“ und „Identische Exekutive“ durch den Begriff des Verhaltensmusters ersetzen.
Die Identische Exekutive einer Bejahung
Wir sind Zeuge, wie ein Kindermädchen, das soeben gemeinsam mit ei- nem drei- oder vierjährigen Kinde Leckerei aufgenascht hat, ihm klar- machen will, daß nun nichts mehr »vorhanden« oder »zuhanden« ist. Unsere Hände sind es, die – ebenso wie die Affenhände – die Nahrung dem Munde zuführen. Das Mädchen streckt die offenen Handteller vor, während es mit weit offenem Munde sagt: »Ah, alles alle..< Die Anhäufung des A- Lautes besagt: »Schaue mir in den Mund, da ist auch nichts mehr.< In den Händen nicht und im Mund nicht. Man kann tatsächlich feststellen, wie Kinder sich gegenseitig den Mund inspizieren. Man stellt empirisch das Nichts fest, ob es sich auf die Hände oder den Mund be- zieht. Non habeo. Man kann auch feststellen, wie Hunde, die noch nicht gesättigt sind, einander die Schnauzen beschnuppern.
Die Stimmung (Erlebnisbereitschaft), die nun in dieser Situation aufkommt, könnte man als die Verzichts-Stimmung bezeichnen. Es gibt drei Möglichkeiten menschlichen Reagierens im Appetenz-Verhaltcn resp. im Hungern: I) Das Kind bettelt, d. h. es streckt die Non- habeo- Hände vor. Betteln ist sozusagen das angeborene Recht des Kindes. Man wird nicht sagen können, daß die kleinen Kinder neidisch auf ihre Eltern sind. Im Gegenteil, je reicher die Eltern anmuten, desto mehr erhöht sich das Selbstwert- Gefühl der Kinder, vorausgesetzt, daß es sich um biologisch gesunde Relationen handelt. Angenommen, das Kindermädchen hätte einige Brocken versteckt, so würde das Kind endlos betteln, hätte es davon Kenntnis. Das Mädchen steht als eine Mutter- Imago vor ihm. Jetzt dagegen, nachdem das Mädchen dem Kind das Nichts sinnfällig demonstriert hat, so daß Mißtrauen nicht besteht, ist das Kind beruhigt. Verzichtsstimmung. Es gibt 2) die Möglichkeit, daß zwei etwa gleichaltrige Geschwister gemeinsam über Nahrung verfügen. Ob in diesem Falle das Mißtrauen so rasch erlischt, ist die Frage. Hier bettelt man nicht, wenn das Subjekt Nahrung auf der anderen Seite vermutet, sondern man fühlt sich betrogen, fordert und wird aggressiv. So praktiziert sich >Brüderlichkeit< bei Kindern. Situation 3) ist gegeben, wenn Alpha über Nah – rung verfügt, der Herr, der seit Urzeiten als der »Nahrungs- Oberherr< respektiert wird. Wenn der mächtige Pavian mit einigen Weibchen oder auch untergeordneten Männchen im Käfig sitzt und ich werfe Bananen in den Raum, so gehören zunächst alle Früchte dem hohen Herrn. Er wird nicht von den anderen belästigt, weder angebettelt noch angegriffen, solange das »Prinzip des geleckten Knüppels< gilt, d. h. solange er sich radikal durchsetzen kann: Wenn er sie mißhandelt, weil sie sich unbotmäßig verhielten, nehmen sie ihm das nicht übel, sondern buhlen trotzdem oder sogar »erst recht- um seine Gunst. Geduldig warten sie, bis er gesättigt ist und in der Stimmung einer Jovialität das Interesse an den Früchten verliert.
J. van Lawick- Goodall (I) berichtet aus ihren Aufzeichnungen: Ein jun- ger Schimpanse hatte einen Colobus- Affen getötet. Ohne viel Aufhebens wurde die Beute zerrissen »und unter der ganzen Gruppe verteilt, ohne Kampf und Streit- . Diesem jungen Burschen kam das Nahrungs- Privileg nicht zu, darum konnte man nach dem Likendeeler-Prinzip verfahren: Aufteilung zu etwa gleichen Teilen, ohne daß Neidgefühle zustande kommen. Ganz anders dagegen liegen die Voraussetzungen, wenn einer der hohen Herren am Hebel sitzt. Ich möchte diese ganz andere Situation als die Feudalsituation bezeichnen: »Die anderen Mitglieder der Gruppe zeigen Ehrerbietung. Sie sitzen so nahe wie möglich bei dem Männchen, schauen mit Stielaugen auf das Fleisch und halten die Hände bittend hoch- , lesen wir bei van Lawick-Goodall. Von einer Gleichteiler-Ge- rechtigkeit kann hier sowenig die Rede sein wie in dem Paviankäfig. Im Gegenteil, van Lawick-Goodall berichtet, daß der Herr des Fleisches die Artgenossen unterschiedlich behandelt, so daß es – wie in der Feudalzeit
»bei Hofe< _ Günstlinge gibt, die bevorzugt werden. Ich könnte mir denken, daß die in unserer Sprache geläufige Wendung »jemand wird abgespeist< auf Situationen dieser Art hinweist: Der Herr selber >speist<, während die armen Schlucker »abgespeist< werden. Neid wird es in die- sen Situationen nicht geben, solange die >Ehrerbietung< oder zumindest der Respekt vorhält.
Welche von den drei Situationen dominiert, wenn bei uns Notzeiten herrschen? Wir haben es erlebt, daß die Nahrung knapp war, im besonderen während der beiden Kriege, aber auch unmittelbar nach den beiden Kapitulationen. Die Ranghohen sind auch bei uns die Nahrungs- Oberherren. Das Verteilungsprivileg liegt in des Wortes Wahrster Bedeutung »in ihren Händen. Irgendwie müssen wir »abgespeist« werden, was so geschieht, daß man sog. Kartenstellen errichtet: Wir erscheinen bei Alpha, diesen Ämtern, und erhalten Nahrungsäquivalente, d. h. farbige Karten, die mit Anweisungen bedruckt sind und die man damit den Banknoten vergleichen könnte. Aber wir haben keine Kontrolle und Mitbestimmung. Eins steht fest, wenn es wirklich zu einem allgemeinen Verhungern käme, würden die »Oberherren unserer Nahrung< die allerletzten sein, die am Nahrungsmangel sterben. Mit anderen Worten: Die – Stielaugen – derer, denen der Magen knurrt, und die Alpha- Gestalten, denen die Verfügung über die eßbaren Dinge zusteht, sind auch noch bei uns, zum mindesten in den Hungerzeiten, sichtbar.
Bei uns ist es Alpha, die Bürokratie, die den Platz des ranghohen Schimpansen einnimmt und den Leuten den Brotkorb mehr oder weniger hoch- hängt. Was man am Gombe- Strom in Ostafrika als die »gemeinsamen Futterstellen- (van Lawick- Goodall) bezeichnet, sind bei uns die Lagerhäuser resp. die Lebensmittelgeschäfte. Bei uns sind die Beamten »die großen Tiere, denen wir Respekt zollen. Gleichzeitig, während in den Hungerzeiten die staatliche Bürokratie sich als die Nahrungs- Oberherrin aufspielt, gibt es eine zweite Erscheinung, die einen paläoanthropologischen Akzent aufweist: Während in den Städten die Nahrungsknappheit herrscht, gewinnt das Land eine bis dahin unvorstellbare Bedeutung. Es etabliert sich dortselbst ein Tauschhandel allerprimitivster Art.
Während des letzten Krieges ging das bittere Scherzwort um, daß die Bauern ihre Kuhställe mit Perserteppichen auslegen könnten, wenn sie wollten, da die hungrigen Städter ihnen unglaubliche Tauschangebote machten. Wer Nahrung »erzeugt«, also die Bauern, erlangt jetzt ein Prestige, während die Städter, unabhängig von ihren Bankkonten, zu
»armen Schluckern« degradiert sind. Geld oder Kontoauszüge sind nicht eßbar. Nahrungs- Oberherren sind nun die Bauern, die »Erzeuger«, so daß man sagen kann, daß sich die Relationen einer Urzeit in Annäherung aufs neue etablieren: Die »Stielaugen« glotzen nun aus den freundlich- höflichen Gesichtern der Stadtbewohner, die mit Rucksäcken weite Wanderungen über die Dörfer machen, um sich bei den »Erzeugern« an- zubiedern. Fleisch und Feldfrüchte sind nun Trumpf. Diese Non- ha- beo- Hände kommen zu Fuß anmarschiert, da ihnen das vordem so repräsentative Automobil von der Wehrmacht beschlagnahmt wurde. Mit dem Aufkommen des Hungers ist ihnen die Tünche des Grandseigneurs abhanden gekommen. So treten sie bescheiden in die Erscheinung, wie es sich für »arme Schlucker« gehört. Selbst ein armer Dorfbewohner, der nichts als ein Schwein und eine Ziege besitzt, ist jetzt ein »Herr der Tiere«, verglichen mit diesen Leuten, die von der »Hand in den Mund« leben und die man »Hamsterer« nannte.
Bevor ich die Identische Exekutive einer Bejahung beschreibe, die noch heute, mitten im üppigsten Wohlstand, nahrungsbezogen lebendig ist, gebe ich noch einen Bericht über das Verhalten der wilden Schimpansen wieder: In dem Grundriß der vergleichenden Verhaltenserforschung von I. Eibl- Eibesfeldt (2: S. I42) finden sich zwei Photos, die Schimpansenhände darstellen. Gerade auf die Hände kommt es mir an. Diese Aufnahmen gehen zurück auf die Eheleute van Lawick- Goodall. Frappierend ist dabei die Tatsache, daß die Non- habeo- Hand erscheint, die bettelnd vorgestreckt wird. Man wird ohne weiteres erraten, daß hier ein Subjekt Nahrung »haben« will. Wenn Non- habeo- Hand gegen Non- habeo- Hand steht, so bedeutet die zweite Hand, daß die Bitte der ersten, die zugleich eine Frage- Hand ist, negiert wird. Hier dagegen ist die zweite Hand in Pronations- Stellung, d. h. daß der Handrücken nach oben gedreht ist. Man siehe auf dem Photo, wie die Pronations- Hand in die Non- ha- beo- Hand hineingreift. Wir sind gespannt, was sich aus dieser Zuordnung ergibt. Eibl- Eibesfeldt schreibt: »Der Rangniedere hält die Hand mit nach oben gekehrter Handfläche dem Ranghohen hin.« Wir brauchen dazu nichts zu bemerken: Das ist die Geste des Bettlers, der die Non- habeo- Hand vorstreckt. Im Text liest man alsdann: »Die Initiative geht vom Rangniederen aus, der in einer Bettelbewegung die nach oben offene Hand dem Ranghöheren reicht.« Und nun der entscheidend bedeutsame Satz, der das Kernstück unserer weiteren Erörterungen über die Identische Exekutive einer Bejahung ist: Rangniedere holen auf diese Weise auch das Einverständnis Ranghöherer ein, wenn sie z. B. in ihrer Gegenwart Futter von einer gemeinsamen Futterstelle holen wollen. Hier stoßen wir auf eine Geste der Bejahung: Die pronierte Hand des ranghohen Schimpansen bringt eine Zustimmung zum Ausdruck: »Ja, du darfst dir Nahrung von der gemeinsamen Futterstelle holen.« Wenn man es mit einem im Viehhandel geläufigen Ausdruck der deutschen Sprache be zeichnen wollte, so müßte man sagen: Der Schimpanse, der die Non- habeo- Hand vorstreckt, erhält seitens des Ranghohen, der die pronierte Hand ausstreckt, »den Zuschlag«.
Es soll meine Aufgabe sein, abschließend über das Brauchtum des »Zuschlags« zu sprechen: Wenn wir im Krieg auf der sog. Kartenstelle die Lebensmittelkarten abholten, wurden uns diese in einer formlosen Weise ausgehändigt. Um es negativ zu sagen: Wir streckten die Non- habeo- Hände nicht vor, und der Beamte gab uns nicht mit betont pronierter Hand die Lebensmittelkarte in die offene Hand, die uns berechtigte, zu der »gemeinsamen Futterstelle«, nämlich in das Lebensmittelgeschäft, zu gehen. Dieses Parallelverhalten (Identische Exekutive) war nicht fest- zustellen, aber es gab und gibt genau diese Verhaltensexekutive bei dem sog. Zuschlag: Wenn ein Metzger auf dem Dorf eine Kuh kauft, die er schlachten und deren Fleisch er an die städtische Bevölkerung verkaufen wird, so hält er dem >>Oberherrn der Nahrung«, in diesem Falle dem Bauern, die Non- habeo- Hand vor, in die dieser genauso wie der rang- hohe Schimpanse auf dem Photo mit pronierter Hand »einschlägt«. Aus der Vereinigung der supinierten (offenen) und der pronierten Hand er- gibt sich der »Zuschlag«. Es hat sich uns bei diesem Anblick das Para- digma für die Identische Exekutive einer Bejahung bezeugt.
Ich darf sagen, daß ich in meiner Kindheit des öfteren einem Kuhhandel auf dem Dorfe beigewohnt habe. Bauer und Metzger mochten miteinander feilschen oder sich sogar Grobheiten sagen, d. h. sich als »Spitzbuben« titulieren, wenn der »Handel« – ein Wort, das auf die Hand hin- weist – zustande kam, streckte der Metzger die Non- habeo- Hand vor, während der Bauer seine pronierte rechte Hand in die offene Hand des Partners hineinschob. Nun war das Rechtsgeschäft gültig. Seitens des Bauern war der »Zuschlag« erfolgt. Es ist unvorstellbar, daß umgekehrt der »Oberherr der Nahrung«, nämlich der Bauer, die offene Hand vor- schiebt. Das wäre unsinnig, denn er will ja nichts »haben«. Er kann bei diesem »Handel« nur geben, nämlich sein »Ja« und mit diesem zusam- men die Kuh. Dem Geldäquivalent kommt dabei nur eine sekundäre Bedeutung zu. Ich habe mich überzeugt: Das Zuschlagbrauchtum ist noch heute – im Jahre I969 – auf den Dörfern in der Umgebung von Mainz bekannt. Es war mir wichtig, auch eine Geste der Bejahung als Identische Exekutive zu zeigen. Man darf annehmen, daß die Gestik älter ist als die verbale Sprache. Wer von uns hätte gedacht, daß sogar schon die wilden Schimpansen einen nahrungsbezogenen »Zuschlag erteilen«. So darf man wohl sagen, daß dieses »Ja« aus einer fernen Urzeit auf uns gekom- men ist. Auch in dieser Situation – und zwar identischen Situation _ gilt die Formel: Semper idem. Es handelt sich um eine Abfolge von motorischen Zuordnungen, die so und nicht anders erfolgen. Die Umkehrung ist, wie bemerkt, unvorstellbar, wenn diese Situation gegeben ist. Das alles liegt in unserem >Es<. C.G. Jung würde sagen: in unserem kollektiven Unbewußten.
Einen »Oberherrn der Nahrung« gab es im menschlichen Dasein wohl seit den Uranfängen, was damit zusammenhänge, daß der Mensch als zoon politikon lebt, ebenso wie die Schimpansen. Das Nahrungsprivileg steht Alpha zu. Als unsere Vorfahren im Verlaufe der Evolution, wobei ich an die europäische Steinzeit denke, als Jäger und Sammler in Erscheinung standen, gab es Herren sogar der lebenden Wildtiere. Streng genommen müßte man den Alpha- Schimpansen als »Herrn der Beute« und der Gemeinsamen Futterstellen« bezeichnen. Man stellte sich »Herren der Wildtiere« noch unlängst bei den Eskimos und den sibirischen Jägervölkern vor, nämlich göttliche Wesen, wie sie Speck (3) in seinem Buch Naskapi beschreibt. Auch da war von Zuteilungen die Rede, auch von Günstlingen, die bevorzugt wurden. Wir würden heute vom »Jagdglück« sprechen. Diese Vorstellungen gehörten zur Religiosität dieser Jäger, so wie sie zum religiösen Repertoire unserer Vorfahren gehörten, die mancherlei Tabus zu beobachten hatten, d. h. daß sie auch Verpflichtungen auf sich zu nehmen hatten.
Die nächste Stufe auf dem Wege dieser Evolution wäre darin zu sehen, daß sich eine Anzahl der Wildtiere zähmen ließ. Das war nun gleichsam der Akt einer Säkularisation: Jetzt waren die Viehzüchter »Herren der Tiere«, was zugleich heißt: Oberherren der Nahrung. Ich könnte mir vor- stellen, daß es Jäger in der vorgeschichtlichen Zeit gegeben hat, die nach einem vergeblichen Jagdzug zusammensaßen und dabei die utopische Idee aussprachen, daß einmal die Zeit kommen möge, wo man die Tiere in seinem eigenen Gewahrsam hat, d. h. auf Viehweiden oder in Ställen, wo man sie ohne weiteres wegführen und töten kann. Um dieses »Weg- führen« handelt es sich, wenn der Metzger auf dem Dorfe erscheint, der gleichsam im Namen der anderen, die über Schlachtvieh nicht gebieten, von einem Gutsherrn oder Bauern ein Tier kaufen will. Die utopische Idee, daß Menschen zu Herren der Tiere werden, wurde Wirklichkeit. Wenn wir in dem Aufsatz VII/34 hörten, daß der Eskimo- Schamane bei der »Herrin der Tiere« erschien, um von ihr Rentiere zu erbitten, so darf man daran denken, daß nun, einige tausend Meilen entfernt, bei uns der Metzger zum Bauern geht, um für die Stadtbevölkerung Fleisch zu be- schaffen. Jetzt fällt dem Viehzüchter die Alpha- Rolle des Herrn resp. der Herrin der Tiere zu, während der Metzger in der Rolle des Eskimo- Schamanen ist. Metzger wie Schamane sind in der Rolle des Mittlers oder Vermittlers, und in beiden Fällen muß eine Zustimmung eingeholt wer- den. Das Ziel ist dasselbe: Nahrungsbeschaffung für die hungernden Mitbürger. Überraschend ist die Tatsache, daß die genaue Übereinstimmung des Verhaltens festgestellt werden kann: Die Photos, die wir den Eheleuten van Lawick- Goodall verdanken, zeigen uns die Non- habeo- Hand und die »Zuschlagshand«, d. h. die pronierte Hand, die die Zustimmung ausdrückt. Hier bezeugt sich ein »Ja«.
Die Tatsache, daß Alpha der Herr der Nahrung ist, was sich auf Fleisch ebenso wie auf vegetabilische Nahrung beziehen kann, zeigt uns auch die vierte Bitte des »Vaterunsers«. Der Passus lautet: »Unser täglich‘ Brot gib uns heute«. Die Idee eines göttlichen Zuschlags (Zustimmung) ist eine der elementaren Vorstellungen im Sinne das Ethnologen Adolf Bastian (4). C. G. Jung würde von den archetypischen Zuordnungen sprechen. Da hat sich im Verlaufe der Jahrtausende nichts geändert. Man kann nicht sagen, daß das, was sich am Gombe- Strom in Ostafrika er- eignete, als die rangtiefen Schimpansen ihre Non- habeo- Hände vor- streckten, viel zu lange zurückliegt, als daß es für uns noch bedeutungs- voll sein könnte. Man wird sich vorstellen dürfen, daß es im Dasein unserer Vorfahren auch einmal das gleiche Betteln um die Gemeinsame Futterstelle« gegeben hat. Hier handelt es sich um Identische Exekutiven. Ich erinnere an das menschliche Küssen, das ebenfalls zu den nahrungs- bezogenen Erbkoordinationen des Menschen gehört, d. h. als Identische Exekutive gelten muß. Das Küssen vollzieht sich ebenso beim modernen Menschen, wie es sich noch bei den wildlebenden Schimpansen vollzieht.
Ich spiele damit auf die Zählebigkeit der Erbkoordinationen (= Identischen Exekutiven) an. Nachdem ich eine Reihe von Identischen Exekuti- ven aufweisen konnte, die sich auf die Negierung beziehen, wollte ich auch eine auf die menschliche Hand bezogene Identische Exekutive der Bejahung beschreiben. Übrigens fällt das Küssen bereits in die Gruppe der bejahenden Gesten.
Man wird zweierlei Identische Exekutiven unterscheiden: Die eine Gruppe wird von der Tradition gepflegt, während die andere als verpönt gelten muß. Man wird nicht sagen können – wenn ich an den Wadenkrampf erinnern darf, der auf einen Zehenstand anspielt- , daß der coitus stans a tergo in den zurückliegenden Jahrhunderten christlich- abendländischer Prägung propagiert wurde. Im Gegenteil. Trotzdem gab und gibt es diese Erbkoordinationen unverändert. Mit anderen Worten: Lernvorgänge müssen dabei nicht im Spiele sein. Wenn die affektiv-eigengesetzliche Situation es erfordert, und zwar von sich her, bricht diese motorische Exekutive als »archaische Funktionsreserven (s) unwillkürlich hervor, unwillkürlich und unerwünscht Impuls seit der Zeit in uns liegt, als unsere Vorfahren ihren Vettern, den Schimpansen, noch weitgehend glichen, sie wurde aber auch in dem anderen Sinne vererbt, wie Brauchtum und Sitte über das Vorbild und ein Erlernen weitergegeben werden. Erlernen bedeutet hier Billigung. Der Impuls wird alsdann geduldet und kultiviert. Ich schlage dir vor, daß wir uns nun wieder ver söhnen.< der Partner jetzt seine Rechte proniert und sie in die dargereichte offene Vola manus schiebt, so bedeutet dieser »Zuschlag« dasselbe wie bei einem hitzigen Viehhandel, nämlich die Zustimmung. Ja, man wird unsere alltäglichen Begrüßungen, soweit sie mit einem Handschlag verbunden sind, in diesem weiteren, allgemeineren Sinne zu deuten haben. Eine Atmosphäre der Zustimmung, der Friedfertigkeit, wird damit gleichsam besiegelt.
Ich weise in diesem Denk- resp. Deutungszusammenhang auf die Tatsa- che hin, daß Menschen, die einander ablehnen, einander die Hand nicht zum Gruß reichen, und zum anderen, daß wir unseren Kindern sagen, daß sie dem fremden Besucher »das Patschhändchen geben« sollen, was als Ausdruck der Höflichkeit gilt. Später allerdings hat man zu warten, ob der Ranghohe uns mittels des Händedrucks seiner Huld versichern will. Ich kann nicht einfach dem hohen Herrn meine Non- habeo- Hand entgegenstrecken. Sind wir etwa ranggleich, was man nie so genau wis- sen kann, und ich strecke meine Hand aus, ohne daß der andere ein- schlägt, so gilt das als eine schwere Kränkung. Ist er eindeutig ein Mann hohen Ranges und ich habe ihm meine Rechte »geboten«, so gelte ich als ein Tölpel. Es muß dem hohen Herrn überlassen bleiben, ob er sich mir gegenüber als »jovial« erweisen will. Ich habe abzuwarten. Er bezeugt, wenn überhaupt, eine »herablassende< Brüderlichkeit. Man sieht, wie unser Anstandskodex auf Zeiten feudaler Ordnung zurückweist.
Ganz allgemein gilt der Handschlag als eine Geste bejahender »Brüder- lichkeit«. Unklar bleibt in diesem Zusammenhang, ob die Männer hohen Ranges prinzipiell die Pronations- Hand vorstrecken, etwa in gewissen Riten, so daß die Rangtiefen damit gezwungen sind, die Bettler- Hand vorzuweisen, die sich in die huldvolle Pronations- Hand schiebt. Ich habe einen englischen Film gesehen und glaube mich erinneren zu dürfen, daß der ranghohe Offizier, der ein Kriegsschiff inspizierte, die Front der Offiziere langsam abschritt, die ihm namentlich vorgestellt wurden, wobei er jedem einzelnen, Mann für Mann, die pronierte Hand entgegenstreckte, in die sie alsdann ihre Non-habeo-Hände einlegten. Man wird sagen können, daß hier ein huldvoller Akt demonstriert wurde, da ja die Pronations- Hand die schenkende Hand ist. Es könnte allerdings auch behaup- tet werden, daß die rangtieferen Offiziere damit gedemütigt wurden, denn es wurde ihnen damit klar gemacht, daß sie nur »Almosenempfänger« sind. Verlangt ein Abstandskodex, daß der ranghohe Offizier bei Ritualen dieser Art niemals seine Non- habeo- Hand vorstrecken darf?
Eine Feststellung empirischer Art liegt eindeutig vor: Wenn eine Dame der sog. oberen Zehntausend, z. B. auf einem Symposion von Wissenschaftlern, die männlichen Teilnehmer begrüßt, so wird sie ihre Rechte in Pronationshaltung vorstrecken. Von Männern, die Kinderstube haben« oder die zum mindesten bemüht sind, diesen Eindruck zu erwecken, wird diese Hand ergriffen und zum Mund geführt. Das ist der Handkuß, der auf den Handrücken gehaucht wird, nie jedoch in die offene Hand hin- ein. Nicht alle Männer sind zum Handkuß bereit. Sie schieben dann in diese Pronations-Damenhand ihre Non- habeo- Hand. Man beachte grundsätzlich die Hände der Frauen: die einen strecken einem die Non- habeo- Hand entgegen, während die anderen, die sich dabei auf einen Anstandskodex berufen können, den Männern die Pronations- Hand huldvoll- herablassend wie eine Kostbarkeit reichen. Diagnostik zu treiben ist in dieser Situation ermöglicht. Man sieht, das hat alles Bedeutung sowohl als auch Geschichte.
Wenn ich darauf hinweisen darf, daß es sich dabei letzten Endes _ wir erinnern uns der Szene am Gombe- Strom _ immer um Nahrungsmittelrobleme handelt, wozu selbst das Küssen in der Begrüßung gehört, könnte man an Bert Brecht erinnert werden und in Abwandlung eines häufig zitierten Wortes sagen: »Erst kommt das Fressen« (= die Stoff- wechsel- Notwendigkeit), damit verknüpft alsdann sind die Fragen der Rangbehauptung, worin der menschliche Anstand begründet ist. Vieleicht ist ein »Fressen«, das uns nicht in das Ranggefängnis zwingt, das sprichwörtlich gerühmte »gefundene Fressen«.
Ob es diese überraschende Aussage auch in anderen Sprachen gibt? »Es war mir ein gefundenes Fressen«, diese Wendung besagt, daß wir durch einen ungewöhnlichen Glücksfall überrascht wurden. Ich erlangte plötz- lich Nahrung (Fressen) in Hülle und Fülle, ohne daß ich dabei in eine Partnerschaft verstrickt war.
1. J. van Lawick- Goodall: My Friends – The Wild Chimpanzees, Wash- ington T967
2. Eibl- Eibesfeldt: Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung, 2. Auflage München 1969
3 F. G. Speck: The Savage Hunters of the Labrador- Peninsula, Ok- lahoma 1955
4 A. Bastian: Ethnische Elementargedanken in der Lehre vom Menschen, Berlin 1895
5 R. Bilz: Pars pro toto. Ein Beitrag zur Pathologie menschlicher Affekte und Organfunktionen, Leipzig 1940“50
Ein „gefundenes Fressen“ hatten unsere Vorfahren allenfalls dann, wenn sie irgendwo ein Stück Aas fanden. Ansonsten haben sie im Gegensatz zu den Schimpansen bereits frühzeitig nicht nur anderen Affen, Waldschweinen oder Antilopen nachgestellt, sie mußten mit größeren Brocken fertig werden und sie verteilen.
Stellen wir uns einfach einmal einen Trupp Australopithecinen vor, der einen Büffel erlegt hat. Die Männer stehen vor einem für ihre Verhältnisse gigantischen Fleischberg, Frauen und Kinder ziehen in der Nähe der gemeinsamen Schafplätze auf der Suche nach pflanzlicher Nahrung umher. Hätten sich die Männer nach Altväter Sitte hingesetzt, dem letztlich „erfolgreichen“ Jäger das Recht der Zuteilung überlassen und ansonsten um Futter gebettelt, wäre die Menschheit seit damals keinen Schritt weiter. Damit zeigt sich aber, daß die Taktik des Bettelns und Gewährens für die Jägerhorde zunehmend unpassender wurde. Selbstverständlich beschwor diese Art der Erschließung neuer Nahrungsquellen Konflikte herauf, die das bis zu diesem Zeitpunkt vorherrschende Sozialsystem überforderte. Angesichts der im wahrsten Sinne des Wortes fetten Beute, die nun nicht mehr nur gelegentlich auf dem Speisezettel stand, mußte die gewöhnliche Konfliktlösungstrategie der Primaten versagen.
Der hier deutlich werdende Gabelungspunkt wirkte sich nicht nur auf die Beuteverteilung aus, sondern ebenso auf die Führung innerhalb der Gruppe. Denn mit der Jagd war der Macht des auf körperlicher Überlegenheit beruhenden Alphatieres die Konkurrenz des erfolgreichen Jägers erwach- sen, der plötzlich ungewollt als „Herr der Nahrung“ dastand.
Es mußte sich also etwas ändern im menschlichen Verhalten.
Für eine Veränderung, die sich im subtilen Bereich des Verhaltens abspie- len, sich also genetisch allenfalls als Nuance niederschlagen, fehlt zwangs- läufig jeder versteinerte Beleg. Deshalb müssen wir nach Verhaltensmustern suchen, die uns aus der heutigen Zeit geläufig sind, die aber auch, ohne daß der Verstand eingeschaltet wird, für die Lösung des angesprochenen Problems einschlägig sind.
Merkwürdigerweise finden wir das, was wir weiter oben als Team beschrieben haben, unter dem Begriff Gesellschaft im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) wieder; dort findet sich unter § 705 folgende Definition der Gesellschaft:
„Durch den Gesellschaftsvertrag verpflichten sich die Gesellschafter gegenseitig, die Erreichung eines gemeinsamen Zweckes in der durch den Vertrag bestimmten Weise zu fördern,…“
Lassen wir den Gesellschaftsvertrag als Rechtsinstitut einmal weg, so haben wir hier eine Beschreibung des Musters des ursprünglichen Jägertrupps. Demzufolge bestimmt das BGB, in § 726, daß die Gesellschaft endet, wenn der Zweck erreicht ist oder die Erreichung des Zwecks unmöglich geworden ist. – Und jetzt wird es interessant, denn in § 734 BGB regelt das Gesetz die Verteilung der „Beute“. Spontan würde man meinen, daß die Verteilung des Überschusses (Beute) einer Gesellschaft zu gleichen Teilen erfolgen würde. Das Gesetz sagt in § 734 BGB jedoch, daß der Überschuß den Gesellschaftern nach dem Verhältnis ihrer Anteile gebührt. Dem Gießkannenprinzip, das alle „gleich“ behandelt, folgt das Gesetz also nicht, vielmehr tariert es die Verteilung des Gewinns sehr fein aus.
Daß es sich bei der Gewinnverteilung im Rahmen der bürgerlich-rechtlichen Gesellschaft um ein aus unvordenklichen Zeiten stammendes Muster handelt, wird durch einen verblüffend ähnlichen Beuteverteilungsschlüssel der Pygmäen im südlichen Afrika belegt:
„Bei den Bayaka-Pygmäen gehört ein bei der Treibjagd erbeutetes Tier auf jeden Fall dem Besitzer des Netzes, in dem es sich gefangen hat. Der Töter bekommt Kopf und Hals. Das sind meist die älteren Männer, die mit ihren Speeren hinter dem Netz in Wartestellung hocken. Wer sonst beim Töten mitgeholfen hat, bekommt ein Stück Brust. Der Netzbesitzer, dem nach Traditionsrecht der ganze restliche Körper gehört, behält im allgemeinen einen Keule und alle Innereien einschließlich der Gedärme, bei den Pygmäen eine echte Delkatesse. Den Rest des Körpers teilt er dann nach eigenem Ermessen unter den an der Jagd beteiligten Leuten auf. Bei den Efe-Pygmäen im Ituri hat der Schütze auch Anrecht auf den Hauptteil der Beute, nämlich auf das Lendenstück mit den Hinterläufen. Der Organisator der Jagd erhält den Rücken, der Eigentümer des Hun- des, der das Wild aufgestöbert hat, bekommt Kopf und Hals. Der Rest wird an die übrigen Jagdteilnehmer verteilt. Man sollte annehmen, daß es sich in den verschiedenen Gemeinschaften um festgelegte Regeln han- delt, doch ganz ohne Streit geht eine solche Verteilung der Beute nie aus. Auch bei den Bayaka-Pygmäen war ich häufig Zeuge, wie es beim Verteilen zu wilden und lautstarken Streitereien kam. Man beschimpfte sich mit den übelsten Verbalinjurien, zumal es den Pygmäen an einem lockeren Mundwerk nicht fehlt. Man bedrohte sich auf Distanz mit den Fäusten und ging auch einmal aufeinander los, ohne daß es dabei aber zu wirklichen Handgreiflichkeiten kam. Man blieb meist in etwa 2 m Abstand voneinander stehen und drohte und schimpfte mit einer ausdrucksstarken Gesichtsmimik. Dabei wurde laut und für alle hörbar hoch und heilig verkündet, daß man niemals mit dem da auf die Jagd gehen werde. Doch am gleichen Abend noch, ins Wohnlager zurückgekehrt, saßen alle wieder friedlich am Feuer vor ihren Hütten, verspeisten den Gemüse-Eintopf mit dem wohlschmeckenden Flesich und stopften sich genüßlich schmatzend die Bäuche voll. Wer beim Verteilen der Gazelle im Wald zu kurz gekommen war oder gar nichts abbekommen hatte, konnte dann spätestens beim Abendessen seinen Anteil verzehren…“51
In dieser Schilderung können Sie nicht nur die Ähnlichkeit des Musters bei der „Beuteverteilung“ in einer reinen Jäger- und Sammlerkultur und bei der „zivilisierten“ Variante erkennen, Sie sehen auch den hohen Re- spekt, den das Eigentum des erfolgreichen Jägers genießt, was wiederum die Nahtstelle zu unseren felltragenden Vettern erahnen läßt. Die Ähnlichkeit eines von hochgebildeten Juristen ersonnenen Gesetzes52 und naturverbundem Gerechtigkeitsempfinden zeigt überdies, wie nahe wir alle den Pygmäen sind, die als einer der ältesten lebenden Volksstämme gelten. Wir mit unserer „fortschrittlichen“ Zivilisation sind im sozialen Bereich keinen Schritt weiter! – Die Fülle von Gerichtsentscheidungen zu § 734 BGB belegt nämlich ebenfalls unsere Nähe zu den Pygmäen.
Die Parallele der Verhaltensweisen rechtfertigt den Schluß, daß es sich um ein Verhalten handelt, das einer biologischen Wurzel entpringt und damit in den Tiefen des menschlichen Gehirns verankert ist. Es ist damit der Natur des Menschen zuzurechnen. Der hier wie dort auftretende Streit belegt ebenfalls, daß hier nicht kaltes Kalkül und nüchterner Verstand am Werke sind, sondern emotionale Antriebsmuster.
Das „Austarieren“ der Anteile, das Gewichten von Geben und Nehmen hat innerhalb der menschlichen Gemeinschaften überall auf der Welt einen hohen Stellenwert. Eibl-Eibesfeld hat das anhand vieler Beispiele aus verschiedenen Kulturkreisen und im Rahmen von Untersuchungen mit Kindern nachweisen können.53 Das Phänomen des Austauschs wird unter dem Begriff des reziproken Altruismus diskutiert. – Selbstverständlich passen die Ergebnisse der Humanethologie nicht in unsere vom Streit über die Richtigkeit miteinander wetteifernder Ideologien geprägte Zeit. Also schweigt man sie am liebsten tot und leugnet die Ergebnisse weg. Denn nur mit dem Homo oeconomicus, dem streng egoistisch und streng ratio- nal handelnden Menschen, lassen sich Ideologien von Kapitalismus bis Kommunismus rational begründen und verteidigen.
Und dennoch finden wir in unserer Zivilisation eine genaue Entsprechung für das Muster des reziproken Altruismus:
Sie gehen frühmorgens zum Büdchen. „Eine Bild-Zeitung, bitte.“ – „Sieb- zig Pfennig.“ – „Danke, Tschüs!“ – „Vielen Dank auch, schönen Tag!“ In diesem Augenblick haben Sie den ersten Vertrag des Tages schon hinter sich. Gegen Mitternacht verspüren Sie Hunger und bestellen eine Pizza. Wenn Sie den Pizzafahrer bezahlt haben, war das für diesen Tag der letzte Vertrag.
Wir sind unablässig damit beschäftigt, Verträge zu schließen und zu erfüllen. Das System des Gebens, damit der andere gibt, ist die Keimzelle dessen, das weltweit unter dem Begriff Zivilrecht bekannt ist. Es ist vollkommen gleichgültig, in welchen Winkel der Welt sie sich begeben. Überall, wo Sie auf Menschen treffen, können Sie deren reziproken Altruismus mit den dürren Worten der §§ 145 ff des § 305 BGB beschreiben: Die §§ 145 ff BGB beschreiben das Zustandekommen eines Vertrges durch die unmißvertändlich erklärte Willensübereinstimmung zweier oder mehrerer Menschen. § 305 BGB spiegelt das Bedürfnis des Menschen zu reziprokem Verhalten wider: „Zur Begründung eines Schuldverhältnisses sowie zur Änderung des Inhalts eines Schuldverhältnisses ist ein Vertrag zwischen den Parteien erforderlich, soweit nicht das Gesetz ein anderes vor- schreibt.“
Sie werden unschwer feststellen, daß Vertrag etwas damit zu tun hat, daß man sich verträgt. Denn nur wer sich mit einem anderen verträgt, kann einen mit diesem übereinstimmenden Willen haben.
Allerdings wird die Unzahl von Verträgen, in die der Mensch in seinem
Leben verwickelt wird, in der Regel nicht bemerkt. Daß es sich um
„Schuldverhältnisse“ handelt, merkt der Mensch erst, wenn bei dessen Abwicklung etwas schiefläuft. – Bleiben wir bei unserem Beispiel: wenn Sie die Pizza in Empfang nehmen, dem Boten aber die Tür vor der Nase zuschlagen anstatt zu bezahlen, verletzen Sie die Regeln. Der Bote wird aber nicht zum Gesetzbuch greifen um festzustellen, gegen welche Regel Sie verstoßen haben, sondern sich spontan fürchterlich aufregen. Das wiederum zeigt, daß der gegenseitige Vertrag, wie ihn das BGB beschreibt, kein Konstrukt der Ratio des Menschen ist; seine Wurzeln reichen viel- mehr tief in den animalischen Teil des menschlichen Gehirns hinein.
Damit kam allerdings nichts grundsätzlich Neues in die Welt, denn das Prinzip des gegenseitigen Vertrages ist den Juristen unter der Bezeichnung Synallagma geläufig, die biologische Entsprechung heißt Symbiose. Auch die Partner in einer Symbiose geben, weil und damit der Partner gibt.
Die Natur war in diesem Fall auch nicht auf irgendeine ominöse Mutation angewiesen, ein „Vertrags-Gen“ muß daher nicht postuliert werden. Die Wurzeln des reziproken Verhaltens haben ihre Wurzeln in der sozialen Bindungskraft des Gebens, des Geschenks.
Das „Geschenk“ zum Zwecke der sozialen Bindung ist nicht allein auf den Menschen und andere Primaten beschränkt, sie kommen auch bei an- deren sozialen Tieren vor.
Nun könnte man freilich das Geben auch als die „voauseilende“ Duldung der Wegnahme durch den „Mächtigen“ interpretieren; Geben als Vermei- dung der Aggression des Ranghöheren. Auch, so könnte man meinen, das Geben erspare dem „Herrn der Nahrung“ das lästige Betteln. Dagegen spricht jedoch die Tatsache, daß beim Schimpansen der „Herr der Nahung“ sehr viel Geduld an den Tag legt. Gegen eine solche Interpretation spricht ferner der Umstand, daß sowohl beim Schimpansen als auch beim Menschen, selbst bei Kleinkindern, die Wegnahme von Dingen auf eine ausgeprägte Protesthaltung stößt.
49 Wolfgang Wickler, Die Biologie der Zehn Gebote, München 1977, S. 143
50 Rudolf Bilz, Paläoanthropologie, Frankfurt/Main 1971, S. 488ff
51 Armin Heymer, Die Pygmäen, München 1995, S. 204f
52 Die Vorarbeiten zum Bürgerlichen Gesetzbuch begannen kurz nach der Reichs- gründung 1871, waren aber erst 1896 bgeschlossen. Das BGB faßt in seinem Kern die mitteleuropäischen Rechtstraditionen von Jahrtausenden zusammen.
53 vlg. Eibl-Eibesfeld aaO 497 ff, er faßt seine Ergebnisse u.a. wie folgt zusammen: „…In allen von uns untersuchten Kulturen verfügen bereits Säuglinge im vorsprachlichen Alter über die Strategien des Anbietens, und sie erfreuen sich spielerischer Dialoge des Gebens und Nehmens, die bereits die Regeln der Reziprozität beachten. Aus dem reziproken Geschenkeaustausch entwicklte sich der Handel. Die ethologischen Erhebungen bestätigen die Annahme von Marcel Mauss, daß die soziale Funktion des Objekttransfers am Anfang der Entwicklung stand. Bindungen an Mitmenschen werden als Besitz geachtet und verteidigt. So- ziale Bindungen sind jedoch stets partnerschaftlich wechselseitig.( S. 508)
Quelle: Gerhard Altenhoff, Australopithecus Superbus – der Mensch im Licht nichtlinear-dynamischer Evolution S. 87 ff
Die Bezifferung der Fußnoten entspricht der des Originals
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References: § 705
 § 726
 § 734
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 § 734
 § 305
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