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Timestamp: 2019-10-16 09:45:17+00:00

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Völ­ker­recht – und die Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes | Rechtslupe
Völkerrecht - und die Auslegung des Grundgesetzes
Völ­ker­recht – und die Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes
Das Grund­ge­setz ist völ­ker­rechts­freund­lich aus­zu­le­gen.
Völ­ker­ver­trag­li­che Bin­dun­gen haben inner­staat­lich nicht den Rang von Ver­fas­sungs­recht 1.Gleich­wohl besit­zen sie ver­fas­sungs­recht­li­che Bedeu­tung als Aus­le­gungs­hil­fe für die Bestim­mung des Inhalts und der Reich­wei­te der Grund­rech­te und rechts­staat­li­chen Grund­sät­ze des Grund­ge­set­zes 2.
Ihre Her­an­zie­hung ist Aus­druck der Völ­ker­rechts­freund­lich­keit des Grund­ge­set­zes, das einer Ein­bin­dung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in inter- und supra­na­tio­na­le Zusam­men­hän­ge sowie deren Wei­ter­ent­wick­lung nicht ent­ge­gen­steht, son­dern die­se vor­aus­setzt und erwar­tet. Das Grund­ge­setz erstrebt aus­weis­lich sei­ner Prä­am­bel die Ein­fü­gung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als gleich­be­rech­tig­tes Glied in die Rechts­ge­mein­schaft fried­li­cher und frei­heit­li­cher Staa­ten 3. Es ist nach Mög­lich­keit so aus­zu­le­gen, dass ein Kon­flikt mit völ­ker­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht ent­steht 4.
Aller­dings zielt die Her­an­zie­hung als Aus­le­gungs­hil­fe nicht auf eine sche­ma­ti­sche Par­al­le­li­sie­rung ein­zel­ner ver­fas­sungs­recht­li­cher Begrif­fe 5. Viel­mehr gilt auch für die völ­ker­rechts­freund­li­che Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes, dass Ähn­lich­kei­ten im Norm­text nicht über Unter­schie­de, die sich aus dem Kon­text der Rechts­ord­nun­gen erge­ben, hin­weg­täu­schen dür­fen 6. Außer­dem endet die Mög­lich­keit völ­ker­rechts­freund­li­cher Aus­le­gung dort, wo die­se nach den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung und Ver­fas­sungs­in­ter­pre­ta­ti­on nicht mehr ver­tret­bar erscheint 7. Soweit im Rah­men gel­ten­der metho­di­scher Stan­dards Aus­le­gungs- und Abwä­gungs­spiel­räu­me eröff­net sind, trifft deut­sche Gerich­te die Pflicht, der kon­ven­ti­ons- oder ver­trags­ge­mä­ßen Aus­le­gung den Vor­rang zu geben. Es wider­spricht aber nicht dem Ziel der Völ­ker­rechts­freund­lich­keit, wenn aus­nahms­wei­se Völ­ker­ver­trags­recht nicht beach­tet wird, sofern nur auf die­se Wei­se ein Ver­stoß gegen tra­gen­de Grund­sät­ze der Ver­fas­sung abzu­wen­den ist 8.
Im Rah­men der Her­an­zie­hung der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on als Aus­le­gungs­hil­fe berück­sich­tigt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te, und zwar auch dann, wenn sie nicht den­sel­ben Streit­ge­gen­stand betref­fen. Dies beruht auf der jeden­falls fak­ti­schen Ori­en­tie­rungs- und Leit­funk­ti­on, die der Recht­spre­chung des EGMR für die Aus­le­gung der EMRK auch über den kon­kret ent­schie­de­nen Ein­zel­fall hin­aus zukommt 9. Die inner­staat­li­chen Wir­kun­gen der Ent­schei­dun­gen des EGMR erschöp­fen sich daher nicht in einer auf den kon­kre­ten Lebens­sach­ver­halt begrenz­ten Berück­sich­ti­gungs­pflicht 10.
Die Her­an­zie­hung der Recht­spre­chung des EGMR als Aus­le­gungs­hil­fe auf der Ebe­ne des Ver­fas­sungs­rechts über den Ein­zel­fall hin­aus dient dazu, den Garan­ti­en der EMRK in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land mög­lichst umfas­send Gel­tung zu ver­schaf­fen, und kann dar­über hin­aus hel­fen, Ver­ur­tei­lun­gen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu ver­mei­den 11. Wäh­rend sich die Ver­trags­par­tei­en durch Art. 46 EMRK ver­pflich­tet haben, in allen Rechts­sa­chen, in denen sie Par­tei sind, das end­gül­ti­ge Urteil des EGMR zu befol­gen 12, sind aller­dings bei der Ori­en­tie­rung an der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs jen­seits des Anwen­dungs­be­reichs des Art. 46 EMRK die kon­kre­ten Umstän­de des Fal­les im Sin­ne einer Kon­tex­tua­li­sie­rung in beson­de­rem Maße in den Blick zu neh­men 6.
Stel­lung­nah­men von Aus­schüs­sen oder ver­gleich­ba­ren Ver­trags­or­ga­nen zur Aus­le­gung von Men­schen­rechts­ab­kom­men sind dem­ge­gen­über unge­ach­tet ihres erheb­li­chen Gewichts weder für inter­na­tio­na­le noch für natio­na­le Gerich­te ver­bind­lich 13. Dies gilt auch für die Berich­te (Art. 39 BRK), Leit­li­ni­en (Art. 35 Abs. 3 BRK) und Emp­feh­lun­gen (Art. 36 Abs. 1 BRK) des Aus­schus­ses für die Rech­te von Men­schen mit Behin­de­run­gen nach Art. 34 BRK zur Aus­le­gung der Kon­ven­ti­ons­be­stim­mun­gen und zur Rechts­la­ge in Deutsch­land 14. Ein Man­dat zur ver­bind­li­chen Inter­pre­ta­ti­on des Ver­trags­tex­tes kommt dem Aus­schuss nicht zu. Auch ver­fügt er nicht über eine Kom­pe­tenz zur Fort­ent­wick­lung inter­na­tio­na­ler Abkom­men über Ver­ein­ba­run­gen und die Pra­xis der Ver­trags­staa­ten hin­aus (vgl. Art. 31 Wie­ner Über­ein­kom­men über das Recht der Ver­trä­ge vom 23.05.1969, BGBl II 1985 S. 939). Natio­na­le Gerich­te soll­ten sich im Rah­men einer völ­ker­rechts­freund­li­chen Aus­le­gung des natio­na­len Rechts mit der Auf­fas­sung der­ar­ti­ger Ver­trags­or­ga­ne aus­ein­an­der­set­zen; sie müs­sen sie aber nicht über­neh­men 15.
Der BRK-Aus­schuss ver­fügt nicht über ein Man­dat zur ver­bind­li­chen Aus­le­gung der BRK 16. Ein sol­ches käme allen­falls in Betracht, wenn die Pra­xis der Ver­trags­staa­ten der Auf­fas­sung des Aus­schus­ses fol­gen wür­de. Dies ist jedoch nicht der Fall, da sich die BRK-Ver­trags­staa­ten mit einem jeg­li­che Dif­fe­ren­zie­rung aus­schlie­ßen­den inklu­si­ven Wahl­recht in einer deut­li­chen Min­der­heit befin­den 17. Zudem steht die Auf­fas­sung des BRK-Aus­schus­ses im Wider­spruch zur Posi­ti­on des IPB­PR-Aus­schus­ses. Obwohl die­ser aus­drück­lich fest­ge­stellt hat, dass Wahl­rechts­aus­schlüs­se auch unter Berück­sich­ti­gung von Art. 29 lit. a BRK aus objek­tiv ver­nünf­ti­gen Grün­den gerecht­fer­tigt sein kön­nen 18, ver­hält der BRK-Aus­schuss sich hier­zu nicht. Eben­so wenig lässt er sich dazu ein, dass Frank­reich und Rumä­ni­en Inter­pre­ta­ti­ons­er­klä­run­gen zur BRK abge­ge­ben haben, wonach Wahl­rechts­aus­schlüs­se im Rah­men des Art. 29 BRK bei Beach­tung der Bedin­gun­gen des Art. 12 Abs. 4 BRK zuläs­sig sind 19. Vor allem aber trägt die Rechts­auf­fas­sung des BRK-Aus­schus­ses der Rege­lung des Art. 12 Abs. 4 BRK unzu­rei­chend Rech­nung. Der Aus­schuss ent­nimmt Art. 12 BRK ledig­lich die Ver­pflich­tung der Ver­trags­staa­ten, wirk­sa­me Siche­run­gen zur Wahr­neh­mung der Rechts- und Hand­lungs­fä­hig­keit von Men­schen mit Behin­de­run­gen zu schaf­fen. Für Ein­schrän­kun­gen der Rechts- und Hand­lungs­fä­hig­keit bie­te die Vor­schrift kei­ne Grund­la­ge. Dies wird dem Rege­lungs­ge­halt von Art. 12 Abs. 4 BRK nicht gerecht. Die Vor­schrift for­dert "für alle die Aus­übung der Rechts- und Hand­lungs­fä­hig­keit betref­fen­den Maß­nah­men geeig­ne­te und wirk­sa­me Siche­run­gen", um Miss­bräu­che zu ver­hin­dern. Art. 12 Abs. 4 Sät­ze 2 und 3 BRK beschrei­ben sodann die Bedin­gun­gen kon­ven­ti­ons­kon­for­mer Aus­ge­stal­tung die­ser Siche­run­gen und for­dern dabei ins­be­son­de­re die Beach­tung des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes. Damit geht die Vor­schrift erkenn­bar davon aus, dass bei Beach­tung die­ser Bedin­gun­gen die Mög­lich­keit von Maß­nah­men, die die Rechts- und Hand­lungs­fä­hig­keit ein­schrän­ken, besteht 20.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 29. Janu­ar 2019 – 2 BvC 62/​14
vgl. BVerfGE 74, 358, 370; 83, 119, 128; 111, 307, 316 f., 329; 120, 180, 200 f.; 128, 326, 367 f.; 142, 313, 345 Rn. 88; BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12[↩]
vgl. BVerfGE 111, 307, 319[↩]
vgl. BVerfGE 137, 273, 320 f. Rn. 128; 141, 1, 30 Rn. 72 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12[↩][↩]
vgl. BVerfGE 111, 307, 329; 128, 326, 371; 141, 1, 30 Rn. 72; BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12[↩]
vgl. BVerfGE 111, 307, 319; BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12[↩]
vgl. BVerfGE 111, 307, 320; 128, 326, 368; BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12 129[↩]
vgl. BVerfGE 111, 307, 328; 112, 1, 25 f.; BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12[↩]
vgl. BVerfGE 128, 326, 369; BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12[↩]
vgl. BVerfGE 142, 313, 346 Rn. 90; BVerfG, Urteil vom 24.07.2018 – 2 BvR 309/​15 u.a.[↩]
vgl. BVerfGE 142, 313, 345 f. Rn. 89; BVerfG, Urteil vom 24.07.2018 – 2 BvR 309/​15 u.a. 91[↩]
vgl. BVerfGE 142, 313, 346 f. Rn. 90; sie­he auch – aller­dings für Ent­schei­dun­gen inter­na­tio­na­ler Gerich­te – BVerfGE 111, 307, 317 f.; 128, 326, 366 ff., 370; stRspr[↩]
vgl. BVerfGE 142, 313, 346 f. Rn. 90; BVerfG, Urteil vom 24.07.2018 – 2 BvR 309/​15 u.a.[↩]
vgl. BMAS-For­schungs­be­richt 470, 2016, S. 248 ff.; Schma­len­bach, in: BMAS-For­schungs­be­richt 470, 2016, S. 156 ff.[↩]
vgl. IPB­PR-Men­schen­rechts­aus­schuss, Con­clu­ding obser­va­tions on the third perio­dic report of Hong Kong, Chi­na, 29.04.2013, UN-Doc CCPR/C/CHN-HKG/CO/3, Rn. 24; Con­clu­ding obser­va­tions on the third perio­dic report of Para­gu­ay, 29.04.2013, UN-Doc CCPR/​C/​PRY/​CO/​3, Rn. 11[↩]
vgl. Schma­len­bach, in: BMAS-For­schungs­be­richt 470, 2016, S. 147 Fn. 67[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 307; 142, 313, 345 Rn. 88; BVerfG, Urteil vom 24.07.2018 – 2 BvR 309/​15 u.a.[↩]
GesetzesauslegungGrundgesetzVölkerrechtVölkerrechtsfreundlichkeit

References: EGMR 
 EGMR 
 EGMR 
 Art. 46
 EGMR 
 Art. 46
 Art. 34
 Art. 31
 Art. 29
 Art. 29
 Art. 12
 Art. 12
 Art. 12
 Art. 12
 Art. 12