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Timestamp: 2020-07-02 10:09:39+00:00

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Prozessvergleich - und das nachträglich vereinbarte Widerrufsrecht | Rechtslupe
Prozessvergleich - und das nachträglich vereinbarte Widerrufsrecht
Pro­zess­ver­gleich – und das nach­träg­lich ver­ein­bar­te Wider­rufs­recht
Ein im Pro­zess­ver­gleich nicht ent­hal­te­nes Wider­rufs­recht kann von den Par­tei­en nach­träg­lich nur wirk­sam ver­ein­bart wer­den, wenn die für den Pro­zess­ver­gleich gel­ten­den Förm­lich­kei­ten ein­ge­hal­ten wer­den und die pro­zess­be­en­den­de Wir­kung des Ver­gleichs noch nicht ein­ge­tre­ten ist.
Der Pro­zess­ver­gleich hat eine recht­li­che Dop­pel­na­tur. Er ist zum einen Pro­zess­hand­lung, durch die der Rechts­streit been­det wird und deren Wirk­sam­keit sich nach ver­fah­rens­recht­li­chen Grund­sät­zen bestimmt. Dazu ist er ein pri­va­tes Rechts­ge­schäft, für das die Vor­schrif­ten des mate­ri­el­len Rechts gel­ten und mit dem die Par­tei­en Ansprü­che und Ver­bind­lich­kei­ten regeln. Pro­zess­hand­lung und pri­va­tes Rechts­ge­schäft ste­hen nicht getrennt neben­ein­an­der. Viel­mehr sind die pro­zes­sua­len Wir­kun­gen und die mate­ri­ell­recht­li­chen Ver­ein­ba­run­gen von­ein­an­der abhän­gig. Der Pro­zess­ver­gleich ist nur wirk­sam, wenn sowohl die mate­ri­ell­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für einen Ver­gleich als auch die pro­zes­sua­len Anfor­de­run­gen erfüllt sind, die an eine wirk­sa­me Pro­zess­hand­lung zu stel­len sind. Fehlt es an einer die­ser Vor­aus­set­zun­gen, liegt ein wirk­sa­mer Pro­zess­ver­gleich nicht vor; die pro­zess­be­en­di­gen­de Wir­kung tritt nicht ein [1].
Zu den pro­zes­sua­len Vor­aus­set­zun­gen eines wirk­sa­men Pro­zess­ver­gleichs gehört, dass er vom Son­der­fall des § 278 Abs. 6 ZPO abge­se­hen in gericht­li­cher Ver­hand­lung erklärt; und vom Gericht in das Pro­to­koll oder eine Anla­ge dazu auf­ge­nom­men wird (§ 160 Abs. 3 Nr. 1, Abs. 5 ZPO). Das Pro­to­koll muss den Ver­trags­schlie­ßen­den vor­ge­le­sen, zur Durch­sicht vor­ge­legt oder aus einer vor­läu­fi­gen Auf­zeich­nung vor­ge­le­sen oder vor­ge­spielt und von ihnen geneh­migt wer­den (§ 162 Abs. 1 ZPO) sowie vom Vor­sit­zen­den; und vom Urkund­s­be­am­ten unter­schrie­ben wer­den (§ 163 ZPO). Nur der auf die­se Wei­se ord­nungs­ge­mäß beur­kun­de­te Ver­gleich ist ein wirk­sa­mer Ver­gleich, der das Ver­fah­ren been­det [2]. Ein Ver­zicht der Par­tei­en auf die Beach­tung der Form­vor­schrif­ten ist unwirk­sam [3].
Pro­zess­hand­lun­gen kön­nen im All­ge­mei­nen nicht unter eine Bedin­gung gestellt wer­den. Es ist jedoch aner­kannt, dass im Pro­zess­ver­gleich zuguns­ten einer oder bei­der Par­tei­en ein Wider­rufs­vor­be­halt ver­ein­bart wer­den kann. Es han­delt sich dabei in der Regel um eine auf­schie­ben­de Bedin­gung [4]. Der Pro­zess­ver­gleich wird erst wirk­sam, wenn von dem Wider­rufs­recht kein Gebrauch gemacht wor­den ist; dann erst endet die Rechts­hän­gig­keit.
Auch nach dem Abschluss eines Pro­zess­ver­gleichs kön­nen die Par­tei­en durch einen Abän­de­rungs- oder Auf­he­bungs­ver­trag die mate­ri­ell­recht­li­chen Wir­kun­gen des Ver­gleichs ändern oder besei­ti­gen. Allein dadurch ent­fällt aber nicht die pro­zess­be­en­den­de Wir­kung des Ver­gleichs. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann eine nach­träg­lich außer­halb des been­de­ten Rechts­streits getrof­fe­ne Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en die ver­fah­rens­recht­li­che Wir­kung des Pro­zess­ver­gleichs nicht besei­ti­gen und die Sache nicht von Neu­em rechts­hän­gig machen, weil andern­falls der Rechts­un­si­cher­heit und dem Miss­brauch Tür und Tor geöff­net wäre [5]. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt [6] und das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt [7] hat­ten die­se Ansicht schon zuvor ver­tre­ten. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt [8] hat sich dage­gen auf den Stand­punkt gestellt, in der Arbeits­ge­richts­bar­keit besei­ti­ge die Auf­he­bung eines Pro­zess­ver­gleichs durch die Par­tei­en wegen der Beson­der­hei­ten des arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens, ins­be­son­de­re wegen des in § 9 Abs. 1 Nr. 1 ArbGG nor­mier­ten Beschleu­ni­gungs­grund­sat­zes, auch des­sen pro­zess­be­en­den­de Wir­kung. Der Bun­des­ge­richts­hof sieht kei­nen Anlass, von der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs abzu­wei­chen. Des­halb kann, wenn ein Rechts­streit durch einen wirk­sa­men Pro­zess­ver­gleich bereits been­det ist, sei es weil kein Wider­rufs­recht vor­be­hal­ten wur­de oder weil von einem ein­sei­ti­gen Wider­rufs­vor­be­halt kein Gebrauch gemacht wur­de, die pro­zess­be­en­den­de Wir­kung nicht dadurch wie­der besei­tigt wer­den, dass die Par­tei­en nun­mehr ein (wei­te­res) Wider­rufs­recht ver­ein­ba­ren.
Im Streit­fall haben die Par­tei­en aller­dings die im Pro­zess­ver­gleich ver­ein­bar­te Rege­lung nicht nach, son­dern noch vor dem Wirk­sam­wer­den des Ver­gleichs und damit vor der Been­di­gung der Rechts­hän­gig­keit inso­weit ver­än­dert, als sie der Beklag­ten ein eige­nes Wider­rufs­recht ein­räum­ten. Dies recht­fer­tigt jedoch kei­ne ande­re Beur­tei­lung.
Aller­dings ent­spricht es seit lan­gem der gericht­li­chen Pra­xis und der in der ver­öf­fent­lich­ten Recht­spre­chung und im Schrift­tum ganz über­wie­gend ver­tre­te­nen Mei­nung, dass die Par­tei­en eine im Pro­zess­ver­gleich ver­ein­bar­te Wider­rufs­frist ohne gericht­li­che Pro­to­kol­lie­rung wirk­sam ver­län­gern kön­nen [9]. Der Bun­des­ge­richts­hof hat ent­schie­den, dass bei einer Ver­säu­mung der Wider­rufs­frist eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht in Betracht kom­me, weil es sich um eine ver­trag­lich ver­ein­bar­te Frist hand­le, die nur von den Par­tei­en ver­län­gert wer­den kön­ne [10]. Einer Mit­wir­kung des Gerichts bedarf es hier­bei nicht. Die­ser Auf­fas­sung tritt der Bun­des­ge­richts­hof bei. Für sie spricht auch die prak­ti­sche Erwä­gung, dass eine Mit­wir­kung des Gerichts oft nicht recht­zei­tig erreicht wer­den könn­te, was viel­fach einen vor­sorg­li­chen, bei aus­rei­chen­der Über­le­gungs­zeit ver­meid­ba­ren Wider­ruf des Ver­gleichs zur Fol­ge hät­te.
Die blo­ße Ver­län­ge­rung der Frist, inner­halb der ein form­wirk­sam im Pro­zess­ver­gleich ver­ein­bar­tes Wider­rufs­recht aus­ge­übt wer­den kann, ist aber mit der erst­ma­li­gen Ver­ein­ba­rung eines Wider­rufs­rechts und damit einer (zusätz­li­chen) Bedin­gung der Wirk­sam­keit außer­halb des Pro­zess­ver­gleichs nicht ver­gleich­bar. Die förm­li­chen Anfor­de­run­gen an den Abschluss eines wirk­sa­men Pro­zess­ver­gleichs, ins­be­son­de­re die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ne Beur­kun­dung durch Pro­to­kol­lie­rung, die­nen vor­nehm­lich der Rechts­si­cher­heit. Sie sol­len nach Mög­lich­keit ver­hin­dern, dass über den Inhalt, aber auch über das wirk­sa­me Zustan­de­kom­men und damit über die pro­zes­sua­len Fol­gen Pro­zess­be­en­di­gung und Voll­streck­bar­keit (§ 794 Abs. 1 Nr. 1 ZPO) Streit ent­steht. Die­ses Ziel wäre gefähr­det, wenn man den Par­tei­en gestat­te­te, einen form­gül­tig geschlos­se­nen Pro­zess­ver­gleich nach­träg­lich von zusätz­li­chen Wirk­sam­keits­er­for­der­nis­sen abhän­gig zu machen, ohne dabei die für einen Pro­zess­ver­gleich gel­ten­den Förm­lich­kei­ten ein­zu­hal­ten. Ein sol­ches Wirk­sam­keits­er­for­der­nis ist auch ein im Pro­zess­ver­gleich noch nicht ent­hal­te­ner Wider­rufs­vor­be­halt, der das Wirk­sam­wer­den des Ver­gleichs unter die auf­schie­ben­de Bedin­gung der Nicht­aus­übung des Wider­rufs stellt. Den Ein­tritt der pro­zes­sua­len Fol­gen des Pro­zess­ver­gleichs hin­dert eine sol­che Ver­ein­ba­rung nur, wenn die für den Pro­zess­ver­gleich selbst gel­ten­den förm­li­chen Anfor­de­run­gen ein­ge­hal­ten wer­den. Geschieht dies nicht, muss der Inhalt der Ver­ein­ba­rung im Wege der ein­schlä­gi­gen Rechts­be­hel­fe gel­tend gemacht wer­den.
BGH, Urteil vom 14.07.2015 – VI ZR 326/​14, BGHZ 206, 219 Rn. 12 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 05.10.1954 – V BLw 25/​54, BGHZ 14, 381, 398; Urteil vom 10.03.1955 – II ZR 201/​53, BGHZ 16, 388, 390; Stein/​Jonas/​Münzberg, ZPO, 22. Aufl., § 794 Rn. 29[↩]
Rosenberg/​Schwab/​Gottwald, Zivil­pro­zess­recht, 17. Aufl., § 130 Rn. 10; Wieczorek/​Schütze/​Paulus, ZPO, 4. Aufl., § 794 Rn. 30a[↩]
BGH, Urteil vom 27.10.1983 – IX ZR 68/​83, BGHZ 88, 364, 367[↩]
BGH, Urteil vom 15.04.1964 Ib ZR 201/​62, BGHZ 41, 310, 312 f; vom 19.05.1982 IVb ZR 705/​80, NJW 1982, 2072, 2073[↩]
BSG, NJW 1963, 2292[↩]
BVerwG, DÖV 1962, 423, 424[↩]
BAG, NJW 1983, 2212[↩]
OLG Hamm, FamRZ 1988, 535 und BauR 2001, 833; OLG Karls­ru­he, MDR 2005, 1368; Stein/​Jonas/​Roth, ZPO, 23. Aufl., § 224 Rn. 3; Zöller/​Geimer, ZPO, 32. Aufl., § 794 Rn. 10c; Musielak/​Voit/​Lackmann, ZPO, 14. Aufl., § 794 Rn. 14; Rosenberg/​Schwab/​Gottwald, Zivil­pro­zess­recht, 17. Aufl., § 130 Rn. 45; Thomas/​Putzo/​Hüßtege, ZPO, 38. Aufl., § 224 Rn. 1; Schnei­der, MDR 1999, 595, 596 f; aA VG Ham­burg, MDR 1982, 962; LG Bonn, MDR 1997, 783; ein­schrän­kend Münch­Komm-ZPO/­Wolfs­tei­ner, 5. Aufl., § 794 Rn. 63; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 76. Aufl., Anh. § 307 Rn. 46[↩]
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References: § 278
 § 9
 § 794
 § 130
 § 794
 § 224
 § 794
 § 794
 § 130
 § 224
 § 794
 § 307