Source: https://lesen.lexisnexis.at/_/wie-beweist-man-dass-das-risikomanagement-den-anforderungen-der-/artikel/rwz_digitalonly/2020/7/RWZ_digitalOnly_2020_07_027.html
Timestamp: 2020-08-07 12:36:34+00:00

Document:
RWZ digital exklusiv 2020/27 – Wie beweist man, dass das Risikomanagement den Anforderungen der §§ 91 und 93 AktG nicht genügt (obwohl ... – LexisNexis Zeitschriften
Wie beweist man, dass das Risikomanagement den Anforderungen der §§ 91 und 93 AktG nicht genügt (obwohl bestätigende Prüfberichte der Wirtschaftsprüfer existieren)?
Es wird erläutert, wie eine auf die	gesetzlichen Anforderungen fokussierte fachlich-wissenschaftliche Begutachtung des	Risikomanagements durchgeführt wird, deren Ziel es ist, zu beweisen, dass	gesetzliche Anforderungen nicht erfüllt werden. Diese Anforderungen lassen sich in	nur zwei zentralen Punkten zusammenfassen: 1. Das Risikofrüherkennungssystem muss	gem § 91 deutsches AktG sicherstellen, dass mögliche "bestandsgefährdende	Entwicklungen"1 früh erkannt werden, und zwar	solche aus (1) Einzelrisiken wie auch solche aus (2) Kombinationseffekten von	Einzelrisiken. 2. Ein Vorstand muss gem § 93	AktG beweisen2 können,	dass bei einer "unternehmerischen Entscheidung" die für diese erforderlichen	"angemessenen Informationen" vorgelegen haben, also insb festgehalten wurde, welche	Veränderungen des Umfangs an Chancen und Gefahren (Risiken) sich durch diese	Entscheidung ergeben.
Bei einer Prüfung des	Risikofrüherkennungssystems basierend auf IDW Prüfungsstandard 340 sollte, ähnlich	wie auch schon beim DIIR RS Nr 2 (von 2018), gewährleistet sein, dass diese	gesetzlichen Kernanforderungen im Mittelpunkt stehen. Prüfungen nach IDW	Prüfungsstandard 340 haben oft Defizite, die bisher dazu führen, dass auch	gravierende Mängel von Risikofrüherkennungssystemen nicht aufgedeckt	werden.
Viele empirische Studien belegen, dass die	Risikomanagementsysteme, speziell auch Risikofrüherkennungssysteme, deutscher	Unternehmen gravierende Mängel aufweisen (zB in den Bereichen Risikoquantifizierung	und Risikoaggregation).3 Oft sind die Schwächen so	gravierend, dass auch die gesetzlichen (Mindest-)Anforderungen, die sich insb aus	den §§ 91 und	93 AktG	ergeben, nicht erfüllt werden. Solche Lücken zeigen sich auch dann, wenn ein	Unternehmen eine Prüfung des Risikofrüherkennungssystems oder des	Risikomanagementsystems durch den Wirtschaftsprüfer, orientiert an IDW	Prüfungsstandard 340 bzw IDW Prüfungsstandard 981, "bestanden" hat	(also kein schwerwiegender Mangel festgestellt wurde). So hat Ende 2019 die	euromicron AG Insolvenz angemeldet, ohne dass das Risikofrüherkennungssystem eine	"bestandsgefährdende Entwicklung" aufgezeigt hatte.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie eine auf die gesetzlichen	Anforderungen fokussierte fachlich-wissenschaftliche	Begutachtung des Risikomanagements vonstattengeht, deren Ziel es ist,	zu beweisen, dass gesetzliche Anforderungen nicht erfüllt	werden können. Sie ist implizit auch eine "Prüfung der Prüfung" des	Risikofrüherkennungssystems, die seitens eines Wirtschaftsprüfers erstellt wurde	(nach § 317 HGB).4
Anlass einer solchen fachlich-wissenschaftlichen Begutachtung sind insb die	folgenden Konstellationen:
1) Situationen, bei denen das Risikofrüherkennungssystem durch einen	Wirtschaftsprüfer A bei einer Prüfung im Grundsatz akzeptiert wurde, aber	bei einer (etwas späteren) Prüfung durch eine andere	Wirtschaftsprüfungsgesellschaft B eklatante Schwächen aufgezeigt werden	(also Prüfberichte sich widersprechen).
2) Um Vorwürfe gegen einen Vorstand, die gesetzlichen Anforderungen aus den	§§ 91	und 93 AktG	nicht erfüllt zu haben, (a) zu untermauern oder (b) zu widerlegen (zB bei	einer gerichtlichen oder vorgerichtlichen Auseinandersetzung).
3) Wenn Vorstand und/oder Aufsichtsrat selbst belegen möchten, dass die	Prüfung des Risikomanagements durch einen Wirtschaftsprüfer - basierend auf	IDW Prüfungsstandard 340 oder IDW	Prüfungsstandard 981 - gravierende Schwächen aufweist, die	sich zum Nachteil des Unternehmens auswirken können.
4) Bei sog "simulierten Stresstests des	Risikomanagements" in denen untersucht	wird, ob ein Vorstand oder Aufsichtsrat in einem Streitfall - zB ausgelöst	durch "aktivistische Aktionäre" - dadurch angreifbar wäre, dass sich	grundlegende Schwächen des Risikofrüherkennungssystems beweisen	ließen.
In all den hier genannten (und einigen	anderen) Fällen geht es im Kern also darum, ob sich durch ein	fachlich-wissenschaftliches Gutachten beweisen ließe, dass das Risikomanagement	eines Unternehmens den gesetzlichen Anforderungen eindeutig nicht	genügt. Die Methoden für eine derartige Beurteilung von	Risikomanagementsystemen werden in diesem Beitrag skizziert. Dies geschieht va auch	vor dem Hintergrund des seit September 2019 vorliegenden Entwurfs für die	Überarbeitung des IDW Prüfungsstandards 340 "Die Prüfung des	Risikofrüherkennungssystems nach § 317 Abs 4 HGB" (IDW EPS	340). Der neue Prüfungsstandard, der im Juli veröffentlicht werden soll,	sollte nämlich sicherstellen, dass nach einer Prüfung auf dieser Grundlage nicht	leicht beweisbar übersehene Schwächen im Risikomanagementsystem	bestehen.
2.Was sind die gesetzlichen Mindestanforderungen an das	Risikomanagement?
Alle Risikomanagementsysteme weisen	Verbesserungspotenziale auf. Allein aus dem Sachverhalt, dass irgendetwas noch etwas	besser gemacht werden könnte, ergeben sich im Allgemeinen keine gravierenden	Probleme - und speziell keine Sorgfaltspflichtverletzung - für den	Vorstand.
Von einem schwerwiegenden Problem - und einer Sorgfaltspflichtverletzung des	Vorstands - ist dagegen immer dann auszugehen, wenn beweisbar	das implementierte Risikomanagementsystem methodisch und strukturell nicht in der	Lage ist, den gesetzlichen Anforderungen speziell aus den §§ 91 und § 93 AktG5 zu genügen (COSO Enterprise Risk Management stellt ähnliche	Anforderungen, vgl Hunziker, Enterprise Risk Management -	Modern Approaches to Balancing Risk and Reward [2019]). Die Analyse hat damit einen	anderen Fokus als übliche Angemessenheits- und	Wirksamkeitsprüfungen.6 Es geht hoch fokussiert	um die gesetzlichen Kernanforderungen. Diese lassen sich ganz knapp in nur zwei	zentralen Punkten zusammenfassen:7
1) § 91	AktG (Kontroll- und	Transparenzgesetz): Das Risikofrüherkennungssystem muss gem	§ 91	AktG sicherstellen, dass mögliche	"bestandsgefährdende Entwicklungen"8 früh	erkannt werden, und zwar solche aus (1) Einzelrisiken wie auch solche aus	(2) Kombinationseffekten von Einzelrisiken (was eine Risikoaggregation	erfordert).
2) § 93	AktG (Business Judgement Rule):	9 Ein Vorstand muss gem	§ 93	AktG beweisen können, dass bei einer	"unternehmerischen Entscheidung" die für diese erforderlichen "angemessenen	Informationen" vorgelegen haben, also insb festgehalten wurde, welche	Veränderungen des Umfangs an Chancen und Gefahren (Risiken) sich durch diese	Entscheidung ergeben.10
3.Typische Beweise für die Nichterfüllung der gesetzlichen Anforderungen	an das Risikomanagement (und Defizite in Prüfberichten)
3.1.Beweisführung zu § 91	AktG (KonTraG)
Für die Beweisführung muss man zeigen,	dass es an sich leicht erkennbare "bestandsgefährdende Entwicklungen" geben	kann, die durch ein strukturelles oder methodisches Defizit im	Risikofrüherkennungssystem übersehen werden. Die wissenschaftlichen Gutachten zu	einem derartigen Sachverhalt könnten im Streitfall unterschiedliche Aspekte	beleuchten. Die Praxis zeigt aber, dass ein Versagen des	Risikofrüherkennungssystems im Hinblick auf die Erfüllung der gesetzlichen	Anforderungen meist sehr "leicht" und eindeutig durch folgende Defizite bewiesen	werden kann:
3.1.1.Es gibt keine Risikoaggregation mit einer adäquaten Methode	(Monte-Carlo-Simulation11)
Es ist klar, dass auch	Kombinationseffekte von Einzelrisiken "bestandsgefährdende Entwicklungen"	auslösen können. Werden solche Kombinationseffekte von Einzelrisiken nicht	(oder nicht adäquat) betrachtet, "übersieht" das Risikofrüherkennungssystem	an sich leicht erkennbare "bestandsgefährdende Entwicklungen". Dabei sind	prinzipiell Kombinationseffekte zwischen allen relevanten Risiken zu	betrachten (und nicht etwa nur zwei oder drei Szenarien). Geschieht dies	nicht, erfüllt das Risikofrüherkennungssystem die gesetzlichen Anforderungen	nicht.12
3.1.2.Das Risikomanagementsystem betrachtet seltene, aber	relevante "Extremrisiken" mit potenziell bestandsgefährdenden	Auswirkungen nicht
Wenn ein Unternehmen zB ein	Investmentgrade anstrebt und damit eine Insolvenzwahrscheinlichkeit von	unter 0,5 % pa erreichen möchte, müssen auch Einzelrisiken mit	bestandsgefährdenden Auswirkungen betrachtet werden, wenn sie eine	Insolvenzwahrscheinlichkeit von zB 0,5 %, 1 % oder 2 %	aufweisen.13 Wenn in einem solchen Fall	bspw im Risikomanagementsystem geregelt wird, dass zB nur Risiken mit einer	Eintrittswahrscheinlichkeit von 5 % oder mehr pro Jahr zu analysieren und zu	überwachen sind, werden potenziell bestandsgefährdende Einzelrisiken	ignoriert und damit die gesetzlichen Anforderungen nicht erfüllt.
3.1.3.Fehlende Betrachtung der Liquiditätswirkung von	Risiken
Die "bestandsgefährdenden	Entwicklungen" und Insolvenzen werden heute verursacht durch (drohende)	Illiquidität und nicht durch Überschuldung.14 Um daher bestandsgefährdende Entwicklungen erkennen zu können, ist es	erforderlich, die Liquiditätswirkung von Risiken zu erfassen und auch	Risiken zu berücksichtigen, die primär Liquiditätswirkung haben (zB der	mögliche Anstieg der Kapitalbindung im Working Capital durch eine	Verlängerung der Debitorenfrist). Wenn Risikofrüherkennungssysteme die	Liquiditätsauswirkungen von Risiken nicht adäquat erfassen, sind	"bestandsgefährdende Entwicklungen" möglich, die als solche durch den	entsprechenden Mangel nicht erkannt wurden (aber bei adäquaten Methoden	leicht erkennbar wären).
3.1.4.Fehlende Präzisierung und Analyse des Gesamtfeldes möglicher	"bestandsgefährdender Entwicklungen"
Bestandsgefährdende Entwicklungen	infolge (drohender) Illiquidität (vgl 3.1.3.)15 können sich insb ergeben durch
- Verletzung der Mindestanforderungen an ein Rating (und damit oft	verbundenem fehlenden Zugang zu Kapitalmarkt und Finanzmitteln durch	Kreditinstitute), zB bei einer anstehenden Refinanzierung,	und/oder
- Verletzung von Kreditvereinbarungen (Covenants), die zu	Kreditkündigungen führen.16
Wenn das Risikofrüherkennungssystem	eines Unternehmens die Auswirkungen von Einzelrisiken oder deren	Kombinationseffekte (im Rahmen der Risikoaggregation, vgl 3.1.1.) auf solche	Covenants oder das zukünftige Rating nicht untersucht, ist es auch nicht in	der Lage, mögliche "bestandsgefährdende Entwicklungen" aus der Verletzung	von Covenants oder Ratinganforderungen zu erkennen.
3.1.5.Die Risikoquantifizierung basiert nur auf	Eintrittswahrscheinlichkeit und erwarteter Schadenshöhe
Häufig werden ereignisorientierte	Risiken17 beschrieben durch erwartete	Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit. Diese quantitative	Beschreibung ist fast immer nicht sachgerecht, da praktisch bei jedem Risiko	die Schadenshöhe selbst auch unsicher ist. Die gesetzlichen	Mindestanforderungen aus dem KonTraG werden nicht erfüllt, wenn insb neben	der Schadenshöhe ein erwarteter Schaden angegeben wird.18 Dadurch, dass die Schadenshöhe auf eine sichere Zahl,	einen Erwartungswert, verdichtet wird, werden höhere potenziell	bestandsgefährdende Extremszenarien der Schadensausprägung eines Risikos	ignoriert. Mögliche Schäden müssen durch eine sachgerechte	Wahrscheinlichkeitsverteilung beschrieben werden (zB Angabe von Mindestwert,	wahrscheinlichstem Wert und Maximalwert).
3.1.6.Fehlende Quantifizierung von wesentlichen Risiken mit	quantitativer Wirkung auf Gewinn oder Liquidität
Entgegen den klar formulierten	Anforderungen des (alten) IDW Prüfungsstandards 340,	Risiken zu quantifizieren, werden oft auch wesentliche Risiken nicht	quantifiziert.19 Haben nicht	quantifizierte Risiken aber monetäre Auswirkungen, speziell auf die	Liquidität, die einzeln oder in Kombination mit anderen Risiken zu einer	"bestandsgefährdenden Entwicklung" führen können, führt diese	(scheinbare)20 Nichtquantifizierung der	Risiken dazu, dass an sich erkennbare "bestandsgefährdende Entwicklungen"	übersehen werden.
Die hier knapp skizzierten Ansatzpunkte einer wissenschaftlichen	Beweisführung zeigen, wie einfach es im Allgemeinen ist, zweifelsfrei zu	beweisen, dass aufgrund methodischer Defizite ein Risikofrüherkennungssystem	gar nicht in der Lage war, an sich bei adäquater Methodik durchaus	erkennbare "bestandsgefährdende Entwicklungen" früh zu erkennen. Sollte	tatsächlich eine Krise bzw bestandsgefährdende Entwicklung eintreten, die	bei Beachtung aller oben skizzierten Sachverhalte erkennbar gewesen wäre,	hat der Vorstand ein Problem. Die gesetzliche Anforderung nach	§ 91	AktG wurde nämlich nicht erfüllt.
Es ist zu erwähnen, dass diese Überlegungen auch der Prüfung von	Risikomanagementsystemen durch interne Revisoren basierend auf dem neuen	DIIR Revisionsstandard Nr 2 (November 2018) zugrunde liegen. In diesem	Standard wird erstmalig klar gefordert, dass die Prüfung des	Risikomanagementsystems sich auch auf die Methoden (zB für	Risikoquantifizierung und Risikoaggregation) beziehen muss. Nur so kann man	gewährleisten, dass die in einem Unternehmen implementierten Methoden	tatsächlich geeignet sind, mögliche "bestandsgefährdende Entwicklungen" früh	zu erkennen.
3.2.Beweisführung zu § 93	AktG (Business Judgement Rule)
Knapp eingegangen werden soll noch auf die	zentrale Anforderung aus § 93	AktG, die allerdings der IDW	Prüfungsstandard 340 durch den Fokus auf § 91 AktG bisher gar nicht	beachtet (anders als der DIIR RS Nr 2, der infolge § 93 AktG fordert, zu prüfen, ob	das Risikomanagement bei der Vorbereitung "unternehmerischer Entscheidungen"	einbezogen war).21
Die Business Judgement Rule - aus § 93 Abs 1 Satz 2 AktG abgeleitet	- regelt schadensersatzträchtige Pflichtverletzungen des Vorstands (siehe auch	§ 116	AktG).22	Grundsätzlich liegt eine Pflichtverletzung dann nicht vor, wenn ein	Vorstandsmitglied "bei einer unternehmerischen Entscheidung vernünftigerweise	annehmen durfte, auf der Grundlage angemessener Information zum Wohle der	Gesellschaft zu handeln". Damit die Business Judgement Rule greift, muss im	Rahmen einer unternehmerischen Entscheidung zwischen alternativen	Handlungsmöglichkeiten gewählt werden und die Entscheidung bestimmte	Eigenschaften aufweisen. Graumann erläutert:	"Dazu gehören nach Auffassung des BGH geeignete Ziele sowie das	Abwägen der Vor- und Nachteile der in Betracht kommenden	Handlungsmöglichkeiten. Letzteres erfordert Prognosen, wie sich die	Handlungsmöglichkeiten auswirken, und dass die damit verbundenen Risiken	gemessen und beurteilt werden [...]."23
Bei einer Entscheidung unter Unsicherheit sind es insb die	Risikoinformationen, die bei der Entscheidungsvorbereitung wesentlich sind und	dem Vorstand zur Verfügung gestellt werden müssen, damit dieser über	"angemessene Informationen" iSv § 93 Abs 1 Satz 2 AktG	verfügt.
Eine Implikation der Business Judgement Rule ist eine Ausweitung des	Aufgabenfelds des Risikomanagements.24 Schien es	mit dem KonTraG nach 1998 noch akzeptabel, sich nur mit den wesentlichen Risiken	zu befassen, die allein oder in Kombination mit anderen zu "bestandsgefährdenden	Entwicklungen" führen, ist dies inzwischen nicht mehr	ausreichend.25 Entscheidungsvorbereitende	Risikoanalysen sind damit nun notwendig bei allen unternehmerischen	Entscheidungen, die vom Vorstand bzw der Geschäftsführung getroffen werden	("entscheidungsorientiertes Risikomanagement).26	Risiken sind damit auch dann zu betrachten, wenn sie keine "bestandsgefährdenden	Entwicklungen" auslösen können. Natürlich ist insb zu prüfen, ob es durch eine	"unternehmerische Entscheidung" zu einer bestandsgefährdenden Entwicklung kommen	kann.
Um zu beweisen, dass die Anforderungen aus § 93 AktG nicht erfüllt sind,	nutzt man insb die folgenden Ansatzpunkte:
1. Man zeigt, dass kein Prozess im Unternehmen	vorgesehen27 und implementiert ist,	der gewährleistet, dass bei der Vorbereitung "unternehmerischer	Entscheidungen" dokumentiert wird, welche Veränderung von Chancen und	Gefahren (Risiken) sich durch diese Entscheidung ergeben	würde.28
2. Man zeigt, dass in Entscheidungsvorlagen idR keine neutralen und	quantitativen Risikoinformationen enthalten sind und damit unklar	bleibt, welche Veränderung des Risikoumfangs sich durch die Entscheidung	ergeben würde.
3. Man zeigt, dass nach einer Entscheidung an sich leicht erkennbare	Risiken Planabweichungen ausgelöst haben, die in der	Entscheidungsvorlage nicht genannt wurden, aber leicht erkennbar waren	(zB weil unsichere Planannahmen immer auf hier bestehende Chancen und	Gefahren, also Risiken, hinweisen).
3.3.Beweisbare Defizite bei Prüfungen und Prüfberichten
Natürlich hat auch ein Wirtschaftsprüfer	potenziell ein Problem, wenn er bei einer Prüfung des	Risikofrüherkennungssystems dieses nicht wegen schwerwiegender	Mängel29 beanstandet hat, obwohl es	beweisbar viele mögliche "bestandsgefährdende	Entwicklungen" gar nicht früh erkennen kann. Dies wird man als schwerwiegenden	Mangel der Prüfung und des Prüfberichts auffassen müssen. Auftraggeber und	Gesetzgeber erwarten naheliegenderweise, dass gerade das	Risikofrüherkennungssystem unter besonderer Beachtung der gesetzlichen	Anforderungen geprüft wird. Es ist nicht akzeptabel, wenn hier wesentliche	Mängel nicht erkannt oder adäquat dokumentiert werden. Dies muss man als	wesentliche Anforderung für Prüfungen nach dem neuen IDW	Prüfungsstandard 340 des Jahres 2020 ansehen. Die gesetzlichen	Kernanforderungen müssen grundsätzlich im Fokus der Prüfung stehen. Es sollte	sichergestellt werden, dass Mängel im Risikofrüherkennungssystem, die dazu	führen, dass an sich leicht erkennbare "bestandsgefährdende Entwicklungen" nicht	erkannt werden, konsequent aufgedeckt werden. Die in 3.1. und 3.2. genannten	Punkte zeigen die hier zentralen Prüfungsinhalte. So ist es bspw ohne eine	adäquate Quantifizierung und Aggregation von Risiken nicht möglich, dass	bestandsgefährdende Entwicklungen aus Kombinationseffekten von Einzelrisiken	früh erkannt werden. Ohne eine Beachtung der Wirkung von Einzelrisiken oder	ihren Kombinationseffekten auf das zukünftige Rating oder Financial Covenants	werden ebenfalls denkbare bestandsgefährdende Entwicklungen übersehen. Eine	solche Analyse erfordert eine Risikoaggregation mittels Monte-Carlo-Simulation	(vgl 4.1.).
4.Der IDW Prüfungsstandard 340 und die Ursachen für eine unzureichende	Prüfung
4.1.Der IDW PS 340
Wie im Beitrag bisher erläutert, ist es	vergleichsweise einfach und strukturiert möglich, Defizite in den	Risikofrüherkennungssystemen, die zur Verfehlung der gesetzlichen Anforderungen	aus den §§ 91 und	93 AktG	führen, klar zu erkennen und zu belegen. Es erscheint daher naheliegend, genau	die in Abschnitt 3. erläuterten Sachverhalte auch zu Kernelementen der Prüfung	der Risikofrüherkennungssysteme gem § 317	AktG durch den Wirtschaftsprüfer zu machen.	Tatsächlich zeigt aber der seit September 2019 vorliegende Entwurf für den IDW	PS 340 "Die Prüfung der Maßnahmen nach § 91 Abs 2 AktG	im Rahmen der Jahresabschlussprüfung gemäß § 317 Abs 4 HGB", dass	dies nur eingeschränkt der Fall ist. Insb entstand der Eindruck, dass das schon	im "alten" IDW PS 340 von 1998 formulierte Gebot für die Quantifizierung der	finanziellen Auswirkungen von Risiken "relativiert" wird, die bedeutende	Verbindung zu Covenants und Rating ignoriert und die zentrale Bedeutung der	Monte-Carlo-Simulation für die Risikoaggregation nicht betont werden soll. Die	zentrale Bedeutung der Risikoaggregation an sich ist damit in der Zwischenzeit	allerdings klar formuliert.
Die genannten Defizite des IDW EPS 340 werden an einigen nachfolgend	beispielhaft gezeigten Stellen deutlich:
Der "alte" IDW PS 340 Tz 10 führt zur Risikoanalyse und	Risikoaggregation aus:
"Die Risikoanalyse beinhaltet eine Beurteilung der Tragweite der	erkannten Risiken in Bezug auf Eintrittswahrscheinlichkeit und quantitative	Auswirkungen. Hierzu gehört auch die Einschätzung, ob Einzelrisiken, die	isoliert betrachtet von nachrangiger Bedeutung sind, in ihrem Zusammenwirken	oder durch Kumulation im Zeitablauf zu einem bestandsgefährdenden Risiko	führen können."30
Gefordert wird also auch schon bisher eine Aggregation über alle	(wesentlichen) quantifizierten Risiken und auch über die Zeit.31 Da nur quantifizierte Risiken aggregiert werden können,	ist das Gebot der Quantifizierung sämtlicher Risiken nur konsequent.	Wohlgemerkt: Diese klare Forderung steht im "alten" IDW PS 340. Im IDW EPS 340	(Tz 10) wurde dagegen die Möglichkeit einer "qualitativen" Aggregation	angesprochen. Es gibt allerdings keine "qualitativen	Risikoaggregationsverfahren", die in der Lage wären, die möglichen	"bestandsgefährdenden Entwicklungen" aus einer prinzipiell beliebigen	Kombination von Einzelrisiken zu erkennen. Damit stellt der IDW EPS 340 hier	sogar einen "Rückschritt" gegenüber dem schon erreichten Stand dar und	formuliert aus wissenschaftlicher Sicht zu niedrige Anforderungen. Die	Aggregation von Risiken im Kontext der Unternehmensplanung erfordert den Einsatz	von Simulationsverfahren (Monte-Carlo-Simulation),32 weil Risiken - anders als Kosten oder Umsätze - nicht	addierbar sind und im Allgemeinen analytische Lösungen nicht	existieren.33 Dies kann man leicht	zeigen.34
1. Es ist unstrittig, dass die Erkennung möglicher	"bestandsgefährdender Entwicklungen" die zentrale Anforderung an das	Unternehmen darstellt, die in § 91 Abs 2 AktG	formuliert ist.
2. Es ist unstrittig, dass solche "bestandsgefährdenden Entwicklungen"	nicht nur aus Einzelrisiken, sondern auch aus Kombinationseffekten von	Risiken entstehen können (und zwar meist durch deren Wirkung auf	Liquidität, Rating und Covenants). Dies stellt der IDW EPS 340 auch	klar: "Bestandsgefährdende Entwicklungen können auch aus dem	Zusammenwirken mehrerer Risiken resultieren, die bei isolierter	Betrachtung an sich nicht bestandsgefährdend sind. Bei der Beurteilung,	ob eine bestandsgefährdende Entwicklung vorliegt, ist daher eine	Aggregation der Risiken vorzunehmen" (vgl Tz 18).
3. Aus 1. und 2. ergibt sich zwingend, dass damit solche	Kombinationseffekte von Einzelrisiken auszuwerten sind, und genau dies	ist Aufgabe der Risikoaggregation (die entsprechend auch im IDW PS 340	genannt wird).
4. Um die Auswirkungen von Kombinationseffekten der Einzelrisiken auf	Rating und Covenants, die zu Kreditkündigungen führen können,	auszuwerten, müssen diese mit Bezug auf die Unternehmensplanung (und	Finanzkennzahlen) aggregiert werden.35	Es gibt nun kein anderes Verfahren als die Monte-Carlo-Simulation, um	verschiedene Risiken mit Bezug auf die Unternehmensplanung zu	aggregieren.
Sehr problematisch ist dabei die im IDW	ESP 340 formulierte "Öffnungsklausel" in Tz 10:
"Die Methoden zur Bestimmung der Risikotragfähigkeit liegen im	Ermessen des Unternehmens und können sowohl quantitativ als auch qualitativ	ausgestaltet sein (vgl. TZ. 15, TZ. A4f.)."
Dieser Aussage ist klar zu widersprechen.36	Es liegt nicht im Ermessen des Vorstands, zu entscheiden, was er als	"bestandsgefährdende Entwicklung" ansieht (und welches	Risikotragfähigkeitskonzept er wünscht). Eine bestandsgefährdende Entwicklung	ist im Allgemeinen als eine Konstellation zu sehen, in der es die	Unternehmensführung nicht mehr selbst in der Hand hat, eine Insolvenz abzuwenden	(und entsprechend zB angewiesen ist auf die Zustimmung von Kreditgebern zu einer	Kreditverlängerung oder auf die Bereitschaft der Eigenkapitalgeber, Eigenkapital	zuzuführen).37 Unstrittig ist, dass	zumindest eine in der Insolvenzordnung38 klar	erläuterte Insolvenz als eine bestandsgefährdende Entwicklung anzusehen ist. Das	Risikofrüherkennungssystem muss damit mindestens in der Lage sein, drohende	Insolvenzszenarien früh zu erkennen, also insb zu zeigen, wann es durch	Kombinationseffekte von Einzelrisiken zur Insolvenz kommen kann, insb also	Szenarien einer (drohenden) Liquidität zu erkennen.
Folglich sollte der neue IDW PS 340 eine Klarstellung zu	Risikoquantifizierung und Risikoaggregation enthalten, wie die folgende (in	Anlehnung an Tz 10 des "alten" IDW PS 340):39
"Die Risikoanalyse beinhaltet eine Quantifizierung der erkannten	Risiken in Bezug auf Eintrittswahrscheinlichkeit und die meist unsicheren	quantitativen finanziellen Auswirkungen (Gewinn und Liquidität). Die	Unsicherheit der Auswirkungen ist durch eine geeignete	Wahrscheinlichkeitsverteilung zu beschreiben (zB durch Angabe von	Mindestwert, wahrscheinlichstem Wert und Maximalwert einer	Dreiecksverteilung). Ergänzend ist durch eine Risikoaggregation zu	untersuchen, ob Einzelrisiken, die isoliert betrachtet von nachrangiger	Bedeutung sind, in ihrem Zusammenwirken durch Kombinationseffekte zu	"bestandsgefährdenden Entwicklungen" führen können. Die Aggregation der	Risiken muss Bezug nehmen auf die Unternehmensplanung, um eine	Berücksichtigung des heutigen und zukünftig geplanten	Risikodeckungspotenzials (und damit der Risikotragfähigkeit) zu	gewährleisten. Durch die Aggregation der Risiken über die nächsten	Geschäftsjahre sollen bestandsgefährdende Entwicklungen durch Überschuldung	und eine (drohende) Illiquidität aufgedeckt werden. Eine solche	Risikoaggregation mit Bezug auf die Unternehmensplanung erfordert eine	Monte-Carlo-Simulation und die Betrachtung aller potenziellen Ursachen für	bestandsgefährdende Entwicklungen (wie zB die Verletzung von	Mindestanforderungen an die Bonität/Rating oder die Verletzung von	Covenants, die zur Kreditkündigung führen können)."
4.2.Warum fehlen im IDW EPS 340 wichtige	Klarstellungen?
Bei Betrachtung der Erläuterung in Kapitel	3. und der Ausführungen zum IDW EPS 340 in Abschnitt 4.1. ergibt sich die Frage,	warum offenbar manche Abschlussprüfer die zentralen Anforderungen nicht	deutlicher als zentralen Prüfungsgegenstand benennen wollen und zB selbst im	Jahr 2019 noch die Notwendigkeit einer Monte-Carlo-Simulation für die	Risikoaggregation nicht klar formuliert wird.
Die nachfolgenden Thesen sind als mögliche Erklärungsansätze zu verstehen,	ohne dass damit eine Aussage über deren relative Bedeutung getroffen werden	soll.
4.2.1.Fehlende Kompetenz bei der Prüfung der Methoden der	Risikoaggregation
Die Prüfung von Methoden und Modellen	für die Risikoaggregation erfordert spezifische Spezialkenntnisse. Ein	Prüfer muss zunächst beurteilen, ob die gewählten	Wahrscheinlichkeitsverteilungen und stochastischen Prozesse für die	Beschreibung von Risiken sachgerecht sind und adäquate Herangehensweisen	gewählt wurden, um in der Praxis typische Herausforderungen - Probleme zB	bei der Datenqualität oder die Notwendigkeit der Verwendung subjektiver	Expertenschätzungen - adäquat zu behandeln. Dazu ist es erforderlich, das	für die Risikoaggregation zugrunde gelegte integrierte	Unternehmensplanungsmodell, inklusive der zugrunde liegenden Planungslogik,	die Verknüpfung der Risiken mit dem Planungsmodell sowie die Interpretation	der Simulationsergebnisse zu prüfen (zB, ob die Auswirkungen von	risikobedingt möglichen Zukunftsszenarien auf Covenants des Unternehmens,	die zu einer Kreditkündigung führen können, adäquat erfasst worden sind). Da	eine solche Prüfung eben spezifische fachliche Qualifikationen im Bereich	Risikoaggregation erfordert, ist ein entsprechendes Spezial-Know-how nicht	bei jedem Wirtschaftsprüfer verfügbar. Ein Mangel an Prüfern, die die	spezifische Qualifikation bei der Prüfung von Risikoaggregationsverfahren	haben, könnte daher erklären, warum die in den Unternehmen etablierten	Verfahren bisher nicht konsequent geprüft werden.
4.2.2.Mangel an Budget
Die Prüfung von	Risikoaggregationsmodellen erfordert zudem Zeit und damit Budget. Wenn eine	Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sich nicht in der Position sieht, die für	die Prüfung der Risikoaggregation erforderlichen Budgets zu erhalten, kann	dies ein Grund sein, dass eine solche Prüfung eben nicht	stattfindet.
4.2.3.Vermeidung von Konflikten mit Mandanten
Wie oben bereits erwähnt, zeigen	Studien, dass eine Risikoaggregation von vielen Unternehmen nicht mit	adäquaten Methoden durchgeführt wird, sodass ein Wirtschaftsprüfer bei einer	konsequenten Prüfung der Risikoaggregation relativ häufig "schwerwiegende	Mängel" des Risikofrüherkennungssystems bei seiner Prüfung feststellen und	kommunizieren müsste. Dies führt natürlich potenziell zu einem Konflikt mit	dem beauftragenden Unternehmen, sofern dieses kein eigenes Interesse an	einer adäquaten Risikoaggregation hat (sei es aus Unwissen, Mangel an	eigenen Fachkräften für die Risikoaggregation oder schlicht aus Sorge, dass	bei einer Risikoaggregation eben "bestandsgefährdende Entwicklungen"	erkennbar würden, die man gar nicht zur Kenntnis nehmen möchte). Solche	Konflikte mögen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften als für die	Mandantenbeziehung problematisch ansehen; insb in einer Situation, in der	jeder Mandant relativ einfach einen Wirtschaftsprüfer finden kann, der die	Methoden der Risikoaggregation nicht konsequent prüft.
4.2.4.Fehlende Sanktionierung der Wirtschaftsprüfer
Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft	mag zu der Schlussfolgerung kommen, dass sich der Zeiteinsatz (und mögliche	Konflikte, siehe 4.2.3.) für die Prüfung der Risikoaggregation meist gar	nicht lohnen würde. Prüft eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft einen Konzern	mit einem Investmentgrade-Rating, wird man die Wahrscheinlichkeit für eine	"bestandsgefährdende Entwicklung", die öffentlich bekannt wird, als gering	ansehen. Wenn ein Unternehmen also zB ein Investmentgrade-Rating von	Standard & Poor’s oder Moodys aufweist, das eine	Insolvenzwahrscheinlichkeit pro Jahr < 0,5 % anzeigt, könnte man dies	quasi als "Ersatz" für das Risikofrüherkennungssystem des Unternehmens	selbst interpretieren. Wenn es nicht zu einer Insolvenz - als öffentlich	erkennbare Bestandsgefährdung - kommt, wird sich vielleicht niemand die	Frage stellen, warum nie eine Risikoaggregation zur Identifikation möglicher	"bestandsgefährdender Entwicklungen" vorgenommen wurde (und die	Aggregationsmodelle auch nicht geprüft wurden).40	, 41 Und sollte es in einer schweren	Wirtschaftskrise durch die Verbindung exogener Risiken (Nachfrage-Einbruch)	mit negativen Auswirkungen interner Risiken (zB gescheiterte Großprojekte)	doch zu bestandsgefährdenden Entwicklungen kommen, haben vermutlich so viele	Unternehmen gravierende wirtschaftliche Schwierigkeiten, dass der	"Einzelfall" als entschuldbar erscheinen könnte (zumal eine	Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sicherlich in einem derartigen Fall auf	Referenzfälle anderer Wirtschaftsprüfungsgesellschaften verweisen kann, bei	denen eine sachgerechte Prüfung der Risikoaggregationsmethoden auch nicht	vorgenommen wurde).
Fehlende fachliche Kompetenzen, fehlende Budgets, Angst vor Konflikten	mit dem Mandanten und die möglicherweise fehlende Sorge, dass Defizite bei	der Prüfung der Risikoaggregationsverfahren für den Wirtschaftsprüfer selbst	zu einem Problem werden können, mögen - in irgendeiner Kombination -	erklären, warum die zur Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen aus den	§§ 91	und 93 AktG	so zentralen Verfahren der Risikoaggregation noch immer keinen	Prüfungsschwerpunkt darstellen.
Meist kann man durch	fachlich-wissenschaftliche Gutachten leicht beweisen, dass das	Risikofrüherkennungssystem eines Unternehmens den zentralen gesetzlichen	Anforderungen aus den §§ 91 und 93 nicht gerecht wird. Wenn zB keine adäquate	Risikoaggregation durchgeführt wird, werden mögliche bestandsgefährdende	Entwicklungen aus Kombinationseffekten von Risiken nicht erkannt. Werden die	Auswirkungen von Risiken auf die Unternehmensliquidität, Covenants oder das	zukünftige Rating ignoriert, werden ebenfalls mögliche "bestandsgefährdende	Entwicklungen" übersehen. Die gesetzlichen Anforderungen werden so nicht erfüllt. Es	ist wesentlich, zu beachten, dass im Allgemeinen nicht etwa Einzelrisiken - und	schon gar nicht deren Auswirkungen auf Jahresüberschuss und Eigenkapital - zu einer	bestandsgefährdenden Entwicklung führen. Bestandsgefährdende Entwicklungen ergeben	sich fast immer aus Kombinationseffekten von Risiken und deren Auswirkung auf die	Liquidität (zB über die Verletzung von Covenants).
Bei einer Prüfung des Risikofrüherkennungssystems basierend auf IDW	Prüfungsstandard 340 sollte, ähnlich wie auch schon beim DIIR RS Nr 2	(von 2018), gewährleistet sein, dass diese gesetzlichen Kernanforderungen im	Mittelpunkt stehen. Wenn bei einer solchen Prüfung keine wesentlichen Mängel	festgestellt werden, sollte man später nicht einfach beweisen	können, dass durch dieses ein Großteil aller denkbaren	"bestandsgefährdenden Entwicklungen" übersehen wird. Da "bestandsgefährdende	Entwicklungen" auch aus den zusätzlichen Risiken einer "unternehmerischen	Entscheidung", zB Akquisition, resultieren können, sollten diese - und damit die	Anforderungen aus § 93	AktG - bei einer Prüfung des	Risikofrüherkennungssystems auch einbezogen werden. Diese Gedanken sollten bei der	zukünftigen Weiterentwicklung des IDW Prüfungsstandards 340 in besonderer Weise	beachtet werden.
Siehe zum Begriff Gleißner, DB 2017, 2749-2754.
Gem Art 93 Abs 3 liegt die Beweislast beim Vorstand. Es ist zu beachten, dass	die Verantwortung für eine adäquate Fundierung der Entscheidungen auch dann beim	Vorstand verbleibt, wenn der Aufsichtsrat die Entscheidung gebilligt hat	(§ 93 Abs 4	AktG).
Vgl zB Ulrich/Scheuermann/Spitzenpfeil, CM 6/2018, 62-68;	Link/Scheffler/Oehlmann, CM 1/2018, 72-78;	Berger/Gleißner, ZCG 2/2007, 62-68;	Köhlbrandt/Gleißner/Günther, Umsetzung gesetzlicher	Anforderungen an das Risikomanagement in DAX- und MDAX-Unternehmen. Eine empirische	Studie zur Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen nach den	§§ 91 und	93 AktG	(erscheint in Kürze); Henschel/Busch, CM 1/2015, 66-73, und	Angermüller/Berger, RM 24/2010, 16-24.
Vgl Gleißner/Sassen/Behrmann, Prüfung und Weiterentwicklung	von Risikomanagementsystemen - Ökonomische und aktienrechtliche Anforderungen	(2019).
Business Judgement Rule, vgl Graumann, WISU 2014, 317-320,	und Graumann/Linderhaus/Grundei, BFuP 2009, 492-505.
Vgl § 317 HGB zur Prüfung der Anforderungen aus § 91 AktG.
Siehe dazu weiterführend Füser/Gleißner/Meier, DB 1999,	753-758; Romeike, Rechtliche Grundlagen des Risikomanagement -	Haftungs- und Strafvermeidung für Corporate Compliance (2008), sowie	Gleißner, WPg 2017, 158-164, und	Gleißner, DB 2018, 2769-2774.
Siehe dazu Graumann/Linderhaus/Grundei, BFuP 2009, 492-505;	Graumann, WISU 2014, 317-320;	Gleißner, GRC aktuell 2019, 148-153, und Risk	Management Association e. V. (RMA) (Hrsg), Managemententscheidungen	unter Risiko, erarbeitet von Werner Gleißner, Ralf	Kimpel, Matthias Kühne, Frank	Lienhard, Anne-Gret Nickert und	Cornelius Nickert (2019).
Der Sachverhalt, dass bei Managemententscheidungen unter Unsicherheit bzw	Risiken die Risikoinformationen hier zentrale Bedeutung haben, betonen	Rechtsprechung und Schrifttum einheitlich, siehe zB Graumann,	WISU 2014, 317-320; Graumann/Linderhaus/Grundei, BFuP 2009,	492-505, und zusammenfassend zur Rechtslage und Rechtsprechung Risk	Management Association e.V. (RMA) (Hrsg), Managemententscheidungen	unter Risiko (2019).
Gleißner, Grundlagen des Risikomanagements3 (2017)	251-268.
Was schon der "alte" IDW Prüfungsstandard 340 klarstellt (vgl	Gleißner, WPg 2017, 158-164).
Als durchaus sachgerecht kann man dagegen ansehen, wenn Risiken von vornherein	ausgeschlossen werden, deren geschätzte Eintrittswahrscheinlichkeit unter 0,1 %	liegt.
Vgl Basel II/III, die Insolvenzordnung (InSo); vgl	Gleißner, DB 2017, 2749-2754.
Nickert/Nickert/Kühne, KTS 2019, 29-65.
Siehe weiterführend Gleißner, DB 2017, 2749-2754.
Zum Begriff Füser/Gleißner/Meier, DB 1999,	753-758.
Dies ist erforderlich, wenn die mittlere Belastung durch ein Risiko	"erwartungstreu" geschätzt werden soll.
Im IDW Prüfungsstandard 340 Tz 10, steht: "Die	Risikoanalyse beinhaltet eine Beurteilung der Tragweite der erkannten Risiken in	Bezug auf Eintrittswahrscheinlichkeit und quantitative Auswirkungen. Hierzu	gehört auch die Einschätzung, ob Einzelrisiken, die isoliert betrachtet von	nachrangiger Bedeutung sind, sich in ihrem Zusammenwirken oder durch Kumulation	im Zeitablauf zu einem bestandsgefährdenden Risiko aggregieren	können." Vgl dazu auch Gleißner, WPg 2017,	158-164, und DB 2018, 2769-2774.
Bekanntlich ist eine tatsächliche Nichtquantifizierung von Risiken gar nicht	möglich. Korrekterweise müsste man sagen, dass die (monetären) Auswirkungen eines	sog "nicht quantifizierten" Risikos tatsächlich mit null Schadenshöhe oder null	Eintrittswahrscheinlichkeit quantifiziert wurden. Risikoquantifizierung muss die	besten verfügbaren Informationen nutzen, ggf auch subjektive	Expertenschätzungen.
Vgl Gleißner/Kimpel, ZIR 4/2019,	148-159.
Vgl Risk Management Association e.V. (RMA) (Hrsg),	Managemententscheidungen unter Risiko (2019) mit einer umfassenden	Darstellung.
Graumann, WISU 2014, 319, und	Graumann/Linderhaus/Grundei, BFuP 2009, 492-505.
Vgl Gleißner, DB 2018, 2769-2774;	Gleißner/Hunziker, EXPERT FOCUS 2019, 745-749, und	Wolfrum in Risk Management	Association, Vernetzung von Risikomanagement und Controlling: Grundlagen	- Praktische Aspekte - Synergiepotenziale (2018) 15-20, speziell mit Erläuterung der	Beziehung von Risikomanagement und Controlling.
In § 91 AktG wird	gefordert, dass mögliche bestandsgefährdende Entwicklungen "früh" erkannt werden	sollen, was bedeutet: vor einer Entscheidung, die zu solchen Risiken führt (vgl	Gleißner, WPg 2017, 158-164).
Gleißner, GRC aktuell 2019, 148-153.
Meist genügt hier eine Angemessenheitsprüfung (die Wirksamkeitsprüfung hat	sekundäre Bedeutung).
Insb wird man hier betrachten, ob das Risikomanagement "entscheidungsorientiert"	ausgerichtet ist (siehe Gleißner/Hunziker, EXPERT FOCUS 2019,	745-749, und Gleißner/Kimpel, ZIR 2019, 148-159), also in die	Vorbereitung unternehmerischer Entscheidungen - also Entscheidungen unter Risiko -	eingebunden wird.
Vgl Entwurf IDW Prüfungsstandard 340.
IDW Prüfungsstandard: Die Prüfung des Risikofrüherkennungssystems nach § 317 Abs	4: HGB (IDW PS 340, Stand: 11. 9. 2000).
Siehe dazu Füser/Gleißner/Meier, DB 1999, 753-758.
Siehe die wissenschaftliche gemeinsame Stellungnahme zum IDW EPS 340 von	Prof. Niels Olaf Angermüller, Prof. Thomas B. Berger, Prof. Ulrich	Blum, Prof. Roland Franz Erben, Prof. Dietmar Ernst, Prof. Werner Gleißner,	Prof. Thilo Grundmann, Prof. Reinhard Heyd, Prof. Kay H. Hofmann, Prof.	Christoph Mayer, Prof. Matthias Meyer, Prof. Robert Rieg, Prof. Ottmar Schneck,	Prof. Patrick Ulrich, Prof. Ute Vanini, https://www.idw.de/blob/121892/bdef576a6a3bff52ee039511482c6057/down-idweps340nf-gem-stn-hochschullehrer-rm-data.pdf	(abgerufen am 4. 2. 2020).
Bereits der Titel des Gesetzes nennt "Transparenz" als oberstes Prinzip; damit	ist eine überschlägige Aggregation der Risiken nicht angemessen (und mit dem	menschlichen Verstand ohnehin nicht zu leisten). Abgesehen von wenig realitätsnahen	Spezialfällen (zB Normalverteilung aller Risiken) gibt es keine analytischen	Formeln, um Risiken zu aggregieren. Damit wird im Schrifttum auch kein anderes	Verfahren als die Monte-Carlo-Simulation vorgeschlagen, um künftige Risiken zu	aggregieren und den Gesamtrisikoumfang zu bestimmen.
In Anlehnung an Gleißner/Wolfrum, Die Prüfung des	Risikomanagementsystems durch den Wirtschaftsprüfer: trügerische Sicherheit, in	Risk Management Association e.V. (Hrsg), Digitale Risiken	und Werte auf dem Prüfstand (2019) 111-112.
Sonst kann man schlicht nicht feststellen, ob Mindestanforderungen an ein Rating	bzw Covenants verletzt werden.
Vgl die wissenschaftliche gemeinsame Stellungnahme zum IDW EPS 340, https://www.idw.de/blob/121892/bdef576a6a3bff52ee039511482c6057/down-idweps340nf-gem-stn-hochschullehrer-rm-data.pdf	(abgerufen am 4. 2. 2020).
Vgl Gleißner, DB 2017, 2749-2754.
Siehe auch Kommentierungen zur InsO.
Aus der wissenschaftlichen gemeinsamen Stellungnahme zum IDW EPS 340, https://www.idw.de/blob/121892/bdef576a6a3bff52ee039511482c6057/down-idweps340nf-gem-stn-hochschullehrer-rm-data.pdf	(abgerufen am 4. 2.2020).
Tatsächlich ist bekannt, dass gerade die nicht adäquate Erfassung der in der	Zukunft liegenden Risiken eines Unternehmens aber die größte Schwäche traditioneller	Ratingverfahren darstellt, siehe dazu zB Bemmann, Entwicklung	und Validierung eines stochastischen Simulationsmodells für die Prognose von	Unternehmensinsolvenzen (Dissertation, Dresden 2007), und	Blum/Gleißner/Leibbrand, Stochastische Unternehmensmodelle	als Kern innovativer Ratingsysteme, IWH Discussion paper, https://www.researchgate.net/publication/5135055_Stochastische_Unternehmensmodelle_als_Kern_innovativer_Ratingsysteme	(abgerufen am 30. 1. 2020).
Überraschende Insolvenzen selbst bei guten makroökonomischen Rahmenbedingungen -	wie zB Ende 2019 bei der euromicron AG - zeigen aber sehr wohl, welche Bedeutung	auch bei börsennotierten Gesellschaften Risikoaggregationsverfahren hätten.
RWZ digital exklusiv 2020/27
Prof. Dr. Werner Gleißner, Technische Universität Dresden (Betriebswirtschaft, insb. Risikomanagement) und Vorstand der FutureValue Group AG und der EACVA (European Association of Certified Valuators and Analysts).
Er vertritt einen Forschungsansatz zur Integration der Methoden aus Risikomanagement, Rating und Bewertungstheorie (speziell durch die Nutzung von Simulationsverfahren).

References: § 91
 § 93
 § 317
 § 317
 § 93
 § 91
	§ 91
 § 93
	§ 93
 § 91
	§ 91
 § 93
 § 93
 § 91
 § 93
 § 93
	§ 116
 BGH 
 § 93
 § 93
 § 317
 § 91
 § 317
 § 91
 § 93
 § 317
 § 91
 § 91
 § 317