Source: https://m.grin.com/document/166383
Timestamp: 2020-02-25 19:25:20+00:00

Document:
Widersprüche eines öffentlichen Diskurses
von Florian Bödecker (Autor)
II. Zur Methode
A. Allgemeine Überlegungen: Diskursanalyse und/oder Ideologiekritik?
B. Konkrete Durchführung
III. Der Diskurs
A. Das Thema „mediale Gewalt“ im Diskurs
1. Vom Medienkonsum zur Medienwirkung
2. Ausdifferenzierung des Wirkungsgedankens durch Annahme eines multifaktoriellen Wirkungszusammenhangs
3. Kritik am Gedanken einer Medienwirkung
4. Wirken Medien oder wirken sie nicht? Versuch einer Antwort auf eine falsch gestellte Frage
a) Exkurs: die Subjektivitätskonzeption der Kritischen Psychologie und ihre methodologischen Konsequenzen
b) Die Widersprüchlichkeit der Medienwirkungsforschung und ihre begründungstheoretische Aufhebung
5. Zusammenfassung: Der Medien-Diskurs als doppelte Enteigentlichung realer Begründungsprämissen
B. Das Thema „Täterpersönlichkeit“ im Diskurs
1. Die Pathologie des Täters als moralistischer Fehlschluss oder: was nicht sein kann, weil es nicht sein darf
2. Der Amokläufer als „narzisstische Persönlichkeit“
3. Biografische Entwicklungskonstruktionen als Tataufschluss?
4. Implikationen des Persönlichkeitsbegriffs
5. Zusammenfassung: Die „Täterpersönlichkeit“ als Suspendierung von Welt
C. Das Thema „Schule“ im Diskurs
1. Programmatische Überlegungen zur Schulreformdiskussion nach dem Amoklauf von Erfurt
a) Die Lehrerseite: Kritik an der zu fachwissenschaftlichen Lehrerausbildung, die zu wenig Pädagogik/Psychologie beinhalte
b) Die Schülerseite: „Erziehung zu Selbstbewusstsein“, „soziales Lernen“ und „schülerorientierter Unterricht“ unter der Prämisse schulischer Bewertungsuniversalität?
c) Die Schulseite allgemein: Verbesserung des Schulklimas durch die unmittelbar Beteiligten unter der Prämisse neoliberaler Hegemonie?
2. Die Schule als Gegenstand der Kritik
a) Kritik am thüringenschen Schulsystem: Kein Abitur = Kein Abschluss?
b) Allgemeine Kritik am bundesdeutschen Schulsystem
3. Zusammenfassung: Die Schule als Gewaltpräventionsinstitution unter der Prämisse universeller Bewertung und allgemeinem Selektionsauftrag
IV. Zusammenfassung: Der Amoklauf von Erfurt als diskursives Ereignis im Spannungsfeld zwischen Kritikabwehr und konstruktiver Kritik
A. Kritische Überlegungen zu Huiskens (2002) Erfurt-Analyse aus subjektwissenschaftlicher Sicht
B. Artikelverzeichnis
Am Vormittag des 26. April 2002 betrat der 19-jährige ehemalige Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt – Robert Steinhäuser – zum Zeitpunkt der mündlichen Abiturprüfungen das Schulgelände, und erschoss in wenigen Minuten acht Lehrerinnen, vier Lehrer, eine Schülerin, einen Schüler, einen Polizisten und anschließend sich selbst. Dieses Ereignis sorgte weltweit für Entsetzen und Trauer. Tagelang war der ‚Amoklauf[1] von Erfurt’ auf den Titelseiten der einheimischen Presse. „Deutschlands schlimmster Tag“ („ Bild “-Zeitung) war gekennzeichnet durch den bis dato opferreichsten Amoklauf in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Entsetzen speiste sich aber nicht nur aus dem Entsetzen über die Tat und der Trauer über die siebzehn Todesopfer, sondern auch daraus, dass eine derartige Form von mörderischer Gewalt an deutschen Schulen nicht für möglich gehalten wurde: „So jedenfalls wurde er zum Tag eines Verbrechens, das es so noch nicht gegeben hatte, nicht mal in Amerika und natürlich [!] nicht in Deutschland, nicht in einer Schule und nicht durch einen so jungen Täter“ (Spiegel, Art. 5: 119). So geriet wenige Monate nach der Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studie (dem sog. „PISA-Schock“) das deutsche Bildungssystem erneut in eine Krise bzw., es verschärfte sich die schon bestehende. Entgegen dem erbetenen Moratorium von Bundespräsident Rau, die allgemeine Ratlosigkeit nicht mit voreiligen Erklärungen zu überspielen versuchen, um sich stattdessen Zeit für die Trauer um die Opfer zu nehmen (vgl. Huisken 2002: 125), folgte die übliche Mischung aus ferndiagnostischen Expertisen, Spekulationen über mögliche Motive des Täters und Erklärungsversuchen auf unterschiedlichem Niveau, der Schultragödie auf den Fuß. Generelles Kennzeichen der verschiedenen Deutungen der Tat, ist die Subsumtion des ‚Falls’ Robert Steinhäuser unter die jeweiligen wissenschaftlichen bzw. alltäglichen Theorien. Eine eigene Erörterung des Falls findet dagegen kaum statt.
Schnell waren die ‚üblichen Verdächtigungen’ bei der Hand, wie sie schon aus der Jugendgewaltdebatte bekannt waren: Die erste Abteilung von Reaktion betrachtet den Amoklauf als ein unerklärliches, singuläres Phänomen, das einer wissenschaftlichen Aufhellung weder bedürftig noch zugänglich sei. Der zweite Typ von Erklärungsmustern bezieht sich auf die Frage der medialen Gewalt und sieht in Robert Steinhäuser ein Opfer eines ausufernden Medienkonsums und zunehmend brutaler werdenden Gewaltdarstellungen in den Medien. Ein drittes Erklärungsmuster beschäftigt sich mit der seelischen Verfassung des Täters, der sich in die Scheinwelt seiner Computerspiele zurückgezogen habe. Er habe getrennt von der Realität in seiner eigenen Welt gelebt. Seine Wahrnehmung sei also der Wirklichkeit nicht angemessen gewesen, auch gerade seine Wahrnehmung der Schulwirklichkeit sei als irrational zu bezeichnen und habe keinen Realitätsgehalt gehabt. Die diagnostizierte ‚Verrücktheit’ des Täters korrespondiert dann wiederum mit der mit Bundespräsident Johannes Rau verordneten Fassungslosigkeit, da der Amoklauf hier seinen Referenzpunkt nicht in der außerindividuellen Realität hat, sondern zirkulär in dem ‚geschlossenen System’ Robert Steinhäuser.
Allerdings werden nicht nur die bekannten Erklärungsversuche wieder in Anschlag gebracht, da sich in der Debatte um den Amoklauf von Erfurt etwas Neues feststellen lässt. Im Gegensatz zu früheren Diskussionen gerät hier das Schulwesen selbst, also nicht nur das Erfurter Gymnasium, die Schulleitung oder die thüringische Schulpolitik, sondern das deutsche Schulsystem als solches, in den Fokus der Aufmerksamkeit. Eventuell lässt sich die Schulkritik vor dem Hintergrund der PISA-Debatte verstehen, wo das deutsche Schulsystem mit seinem hierarchisch gegliederten Sekundarbereich und dem extrem frühen Verteilen der Schüler auf die verschiedenen Schulformen schon einmal – zumindest bei korrekter Rezeption der Ergebnisse – in die Kritik geraten war. Die auf den ersten Blick außergewöhnlich radikal erscheinende Schulkritik, die sozusagen das deutsche Schulsystem fundamental einer kritischen Betrachtung unterzieht, bezieht sich größtenteils auf den Leistungsdruck, dem die Schüler ausgesetzt sind, und mit dem sie allein gelassen werden. Im Zuge dieser – neben den ‚üblichen Verdächtigen’ – bemerkenswerten Verallgemeinerung möglicher Ursachen für den Schüleramoklauf, die das gängige individuumszentrierte Paradigma überschreitet, wurden sogar Verhältnisse auf gesamtgesellschaftlicher Ebene in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Sogar oder ausgerechnet von höchster politischer Stelle wurden gesellschaftliche Entwicklungen mit dem Amoklauf von Erfurt in Verbindung gebracht. Exemplarisch kann dafür die Aussage von Bundesinnenminister Schily gelten, der in der ARD-Talkshow „Sabine Christiansen“ vom 28.04.2002, die Frage nach den Ursachen des Amoklauf auf gesamtgesellschaftlicher Ebene stellt: „ Ich glaube, wir sollten den Schock, den wir alle verspüren, auch dazu benutzen, einmal tiefer darüber nachzudenken, in welches Fahrwasser unsere Gesellschaft eigentlich geraten ist“.
Die Debatte um den Amoklauf von Erfurt ist also erstaunlich breit. Es finden sich in ihr die üblichen Erklärungsmuster, die bei Erörterungen zum Thema ‚Jugendgewalt’ zu finden sind, wie auch bemerkenswert weitgehende Problematisierungen gesellschaftlicher Entwicklungen. Das macht m.E. den Erfurter Diskurs interessant. Sollte es etwas möglich sein, das der Erfurter Diskurs sogar grundlegende Gesellschaftskritik, die an die Wurzeln des Problems reicht, ermöglicht? Oder besteht der kritische Gehalt, die Tiefe der Analyse nur bei oberflächlicher Betrachtung und stellt sich im Nachhinein als bloße Rhetorik heraus? Diesen Fragen möchte ich in meiner Diplomarbeit nachgehen. Ich möchte in diesem Sinne untersuchen, welches kritische Potential in dem Diskurs enthalten ist bzw. welche Verkürzungen und Vereinseitigungen das jeweils Sagbare einschränken. Neutraler formuliert, geht es mir darum, herauszuarbeiten, welche Deutung der Schultragödie über den Diskurs transportiert wird, welches ‚Bild’ von diesem Ereignis, was den Tod von siebzehn Menschen zur Folge hatte, in der Öffentlichkeit erzeugt wird. Die Relevanz einer diskursanalytischen Untersuchung besteht darin, dass mit Diskursen nicht schlicht einfach Formen gesellschaftlicher Rede gemeint sind, sondern dass mit Diskursen positive Wahrheitsfunktionen konstituiert werden, wodurch festgelegt wird, in welcher Weise man selbstverständlich über ein Ereignis zu reden hat und auf welche nicht. Dadurch, dass die Machtbestimmtheit der Diskurse eine Definitionsmacht darüber einschließt, welche Redeweisen und Denkmöglichkeiten als wahr zugelassen werden oder als unwahr aus dem Sagbaren ausgeschlossen werden, üben sie Macht aus, da sie Wissen transportieren, das individuelles und kollektives Bewusstsein speist. Das jeweils Sagbare stellt dabei das Wissen bereit, auf dessen Grundlage individuelles und kollektives Handeln Wirklichkeit gestaltet. Kurz: Da Diskurse über die Konstitution des jeweils gültigen Wissens, auch bestimmte Praktiken nach sich ziehen, ist es nicht gleichgültig, welche Deutung des Amoklaufs von Erfurt über den Diskurs transportiert wird (s. Abb. unten). In Abhängigkeit davon, ob die Ursachenerforschung konsequent betrieben wird oder ob der Untersuchungsgegenstand selber nur in bestimmter Weise vorkommen darf und bestimmte Denkmöglichkeiten ausgeschlossen werden, wird es möglich sein, in Zukunft ähnliche Eskalationen, zu verhindern.
In der Debatte um den Amoklauf von Erfurt geht es also in erster Linie um die Frage nach dem ‚Warum?’. Dabei sind die einzelnen Erklärungsversuche zwar weniger als wirkliche Versuche einer Annäherung an das Tatgeschehen zu sehen, denn als Schuldzuweisungen, die jeweils Argumente taktisch benutzen, statt unvoreingenommen zur Aufklärung des Geschehens beizutragen (vgl. Huisken 2002: 74f.), sie bilden aber dennoch die Grundlage für das Gerüst meiner Arbeit, da sie sozusagen die Haupterklärungsmuster darstellen. Diese kommen in unterschiedlichen Varianten vor, so dass ich die Hauptkapitel jeweils im Hinblick auf die einzelnen Erscheinungsformen der Hauptdeutungsmuster untergliedert habe.
In Abschnitt II. beschreibe ich meine Untersuchungsmethode. Dieser Abschnitt ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten allgemeinen Teil, versuchen ich zu begründen, warum m.E. ein diskursanalytisches Vorgehen einer ideologiekritischen Reflexion bedarf, im zweiten Teil, werden diese Überlegungen im Hinblick auf meine Fragestellung konkretisiert.
Abschnitt III. stellt den eigentlichen Hauptteil meiner Arbeit dar. Dort analysiere ich den Diskursstrang um den Amoklauf von Erfurt und bewerte ihn kritisch bezüglich seines Erkenntnisgehaltes. Dabei bilden die drei Grunderklärungsmuster: die Rolle medialer Gewaltdarstellungen, die psychische Verfasstheit des Täters und die Bedeutungskonstellation Schule, die Grundlage für die Grobgliederung des Kapitels. Diese werden allerdings durchaus kontrovers diskutiert, so dass die spezifischen Ausprägungsformen der Erklärungsmuster die Basis für die nochmalige Untergliederung der drei Hauptthemen im Diskurs darstellen.
Abschließend fasse ich – in Abschnitt IV. - die Ergebnisse aus der Analyse der Themen und Unterthemen des Diskurses zu einer Gesamtbeurteilung des Diskurses zusammen.
Das verwendete Datenmaterial – die analysierten Artikel – sind in einem Verzeichnis in den Anhang gestellt worden. Dort findet sich auch eine kurze Auseinandersetzung mit Huiskens (2002) Erfurt-Analyse, die bei der Verwertung seiner Überlegungen nicht ausbleiben konnte.
Im Folgenden wird es darum gehen, die methodische Grundlage dieser Arbeit zu beschreiben. Dabei werde ich mich mit zwei Konzepten auseinandersetzen, mit deren Hilfe ich den Erfurter Diskurs untersuchen möchte.
Die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Diskurs nach dem Erfurter Attentat, der so weite Kreise zog, setzt natürlich eine geeignete Methode voraus, mit der dieses diskursive Ereignis adäquat analysiert werden kann. Die Bezeichnung der öffentlichen Debatte als „Diskurs“ legt dabei schon eine „Diskursanalyse“ als Instrument nahe. Das Problem herbei ist, dass eine explizite Methode von Diskursanalyse mit der diskursive Formationen in bestimmten Gesellschaften systematisch zu analysieren wären, trotz der der empirischen Arbeiten Foucaults, nicht vor liegt (Jäger 2001c: 111). Der Duisburger Germanist Siegfried Jäger versucht diese Lücke zu schließen, indem er in seiner „Kritischen Diskursanalyse“ (KDA) den, meines Wissens, einzigen Ansatz vorlegt, der einen praktischen Leitfaden enthält, mit dem Diskursanalysen durchgeführt werden können. Jägers KDA war, in diesem Sinne, auch die Grundlage für zahlreiche diskursanalytische Untersuchungen, die sich in seinem Arbeitszusammenhang z.B. dem Themenbereich Rassismus in den Medien u.a.m., gewidmet haben.
Gleichzeitig geht es mir aber nicht nur um die entsprechende Analyse des Diskurses, sondern auch um eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit den gewonnenen Daten. Der „Amoklauf von Erfurt“ ist als diskursives Ereignis deswegen sehr wichtig, weil es einen unheimlichen breiten Diskurs induziert hat, der sich in seiner kritischen Attitüde – zumindest auf den ersten Blick – von vorangegangen ähnlichen Diskurssträngen unterscheidet. Der Diskurs um das Erfurter Attentat richtet sich vornehmlich auf die Frage nach den Ursachen des Schulmassakers, um ähnliches in der Zukunft verhindern zu können. So steht auch im Zentrum meiner Arbeit, die Frage nach den angebotenen Erklärungsmustern und damit verbunden, die Untersuchung ihrer strategischen Funktion im Diskurs, sowie – in Abhängigkeit davon - ihre wissenschaftliche Stimmigkeit.
Wie in jedem anderen öffentlichen Diskurs, bzw. anderen Spezial- bzw. Alltagsdiskursen waren auch hier vielfältige ideologische, d.h. verkürzte und widersprüchliche Denkfiguren zu erwarten, deren Analyse eben die Strategien der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen ans Licht bringen soll, durch die, statt der „kontinuierliche[n] Großzügigkeit des Sinns“ die „aufgezwungene Knappheit“ regiert (Foucault 1996: 44). Das Ziel ist also, die impliziten und expliziten Deutungsmuster des Erfurter Attentats daraufhin zu untersuchen, inwieweit durch die jeweilige theoretische Fassung der Erklärungsversuche eine unverkürzte wissenschaftliche Durchdringung der Ereignisse behindert wird, indem genau die Denkfiguren benutzt werden, die den gesellschaftlichen Status quo durch Konfliktvermeidung mit den gesellschaftlich Herrschenden sichern sollen.
Bei der Suche nach einem Konzept von Ideologiekritik bin ich auf das Buch „Einführung in die Ideologiekritik von Gerhard Hauck (1992) gestoßen. Deswegen stand für mich zunächst die Frage nach dem Verhältnis der beiden Konzepte zueinander im Vordergrund, also die Frage ob sie sich wechselseitig ergänzen könnten, sich ausschlössen oder miteinander zu verbinden wären.
Um die Methode der Diskursanalyse zu skizzieren, ist zunächst eine Klärung der Grundbegriffe sinnvoll, um so die Möglichkeiten und Ziele von Diskursanalyse – so wie sie Jäger versteht – aufzuzeigen.
Der Diskursbegriff wird heute weitgehend inflationär benutzt. Es gibt kaum wissenschaftliche Theoriegebäude – zumindest in den Sozialwissenschaften – in denen nicht in irgendeiner Weise von Diskursen die Rede ist. Insofern ist der Diskursbegriff aus der akademischen Debatte kaum noch wegzudenken. Der Terminus Diskurs wird in diesen Zusammenhängen meist einfach synonym mit Rede bzw. Text gesetzt und ist größtenteils zu einem Modewort geworden (vgl. Jäger 2001c: 120). Im Gegensatz zur dieser alltagssprachlichen Verwendung des Diskursbegriffs, bemüht sich Jäger um die Begründung eines wissenschaftlichen Diskursbegriffs, der sich an Foucault und Link orientiert (ebd.).
M.E. sind zwei Punkte bei der Unterscheidung von Text und Diskurs bzw. Textanalyse und Diskursanalyse zentral: Zum einen wird bei einer Textanalyse der Sinn selbstreferentiell aus den Text selbst herausgedeutet, während aus diskursanalytischer Sicht die einzelnen Diskursfragmente (als thematisch einheitliche Textteile) als Bestandteile eines oder mehrerer Diskursstränge betrachtet werden, die zusammen den gesellschaftlichen Gesamtdiskurs bilden. Deswegen sind einzelne Texte auch als Spuren diskursiver Aktivität zu sehen, die also nur verständlich werden können, wenn sie als Teile vergangener und gegenwärtiger diskursiver Formationen betrachtet werden. Sprachliche Formanalyse ist zwar notwendiger Bestandteil von Diskursanalyse, da Diskursfragmente meist in sprachlicher Form vorliegen, wird aber erst dann zur Diskursanalyse, wenn Texte (besser: Diskursfragmente) als Bestandteile von Diskurssträngen aufgefasst werden, die den elementaren Gegenstand der Untersuchung ausmachen. Diskursanalyse zielt – um das schon vorwegzunehmen – auf die jeweiligen Diskursstränge und ihre Verschränkungen miteinander (vgl. Angermüller 2001: 8, Jäger 2001c: 119,158,173, Jäger 2002a). Von strukturalistischen Zugängen grenzt sich Diskursanalyse insofern ab, als dass Texte als Produkte gesellschaftlicher Praxis gesehen werden, d.h. der Text nicht ausschließlich als isoliertes Produkt eines Autors gefasst wird. Und im Unterschied zu einer klassischen Hermeneutik, zielt diskursanalytisches Vorgehen – nach Angermüller – „weniger auf den Inhalt, das letztlich Intendierte oder die Sinnsubstanz, als auf die Formen, Mechanismen und Regeln, durch die Text und Kontext diskursiv verknüpft sind.“ (Angermüller 2001: 8).
Ein zweiter zentraler Punkt für diesen Diskursbegriff ist die Charakterisierung von Diskursen als Materialitäten und damit Diskurstheorie als materialistische Kulturtheorie, die Diskurse als gesellschaftliche Produktionsmittel auffasst (Jäger 2001c: 116,147), „da sie Wissen transportieren, das kollektives und individuelles Bewusstsein speist. Dieses zustande kommende Wissen ist die Grundlage für individuelles und kollektives Handeln und die Gestaltung von Wirklichkeit“ (Jäger 2001b: 304). Damit wird der Diskurs von allen widerspiegelungstheoretischen Ansätzen unterschieden, die Diskurse lediglich als Ausdruck von Wirklichkeit sehen und damit vergessen, dass Diskurse gegenüber der Wirklichkeit ein Eigenleben führen, (Jäger 2001c: 144) d.h., dass sie selber, vermittelt über die Tätigkeit der Subjekte, Wirklichkeit, durch Regulierung von Wissen und Bedeutungszuweisungen, produzieren:
„Diskurse sollen hier – vorläufig formuliert – als eine artikulatorische Praxis begriffen werden, die soziale Verhältnisse nicht passiv repräsentiert, sondern diese als Fluss von sozialen Wissensvorräten durch die Zeit aktiv konstituiert und organisiert. Diese Auffassung von Diskurs markiert einen entscheidenden Perspektivenwechsel gegenüber allen widerspiegelungstheoretischen argumentierenden sozial- und sprachwissenschaftlichen Ansätzen: Dem Diskurs wird damit ein völlig anderer Stellenwert beigemessen, da er selbst als gesellschaftliche und Gesellschaft bewegende Macht (Kraft, Power) verstanden wird.“ (ebd.: 23)
Damit bezieht sich Jäger auf den an Foucault angelehnten Diskursbegriff, der selber – so Jäger - niemals im marxistischen Sinne ideologiekritisch argumentiert habe, sondern diskurstheoretisch: „Diskurse repräsentieren die Wirklichkeit nicht, sie konstituieren sie“ (ebd.: 23). Die aktiv gestaltende Macht der Diskurse wird von Jäger insofern betont, als sie für das Verhältnis von Macht und Diskurs von Wichtigkeit sei:
„[…] ob ein Diskursfragment (oder Text) nur – wie auch immer verzerrt – einen Bereich der Wirklichkeit sprachlich ausdrückt oder ob er Elemente enthält, die für die vergangene, gegenwärtige oder auch zukünftige Gestaltung von Wirklichkeit entscheidend sind, das macht einen Unterschied ums Ganze aus. Passiver Repräsentation steht aktiv gestaltende Macht gegenüber.“ (ebd.: 24)
„Diskurse üben als ´Träger´ von (jeweils gültigem) ´Wissen´ Macht aus; sie sind selbst ein Machtfaktor, indem sie geeignet sind, Verhalten und (andere) Diskurse zu induzieren. Sie tragen damit zur Strukturierung von Machtverhältnissen in einer Gesellschaft bei.“ (Jäger 2001b: 302)
Die These, dass Macht diskursiv (durch Ausschließungs- und Einschränkungsmechanismen des gesellschaftlich gültigen Wissens und generell durch Subjekt- und Gesellschaftskonstituierung (ebd.: 150)) durchgesetzt wird, veranschaulicht Foucault (1996), indem er Diskurse nicht als Ausdruck geschichtlicher Kämpfe sieht, sondern als Kampf- bzw. Machtmittel selbst:
„[…] und der Diskurs – ist auch nicht bloß das, was die Kämpfe oder die Systeme der Beherrschung in Sprache übersetzt: er ist dasjenige, worum und womit man kämpft; er ist die Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht.“ (1996: 11)
An anderer Stelle wird die obige Charakterisierung von Diskursen als eigenständige Materialitäten, die selber Wirklichkeit konstituieren, womit der Existenz einer prädiskursiven Wirklichkeit, die sich quasi „pur“ im Bewusstsein der Menschen ausdrückt, eine Absage erteilt wird, von Foucault, wie folgt erläutert:
„Der Diskurs ist nicht ein Spiel von vorgängigen Bedeutungen aufzulösen. Wir müssen uns nicht einbilden, dass uns die Welt ein lesbares Gesicht zuwendet, welches wir nur zu entziffern haben. Die Welt ist kein Komplize unserer Erkenntnis. Es gibt keine prädiskursive Vorsehung, welche uns geneigt macht. Man muss den Diskurs als eine Gewalt begreifen, die wir den Dingen antun; jedenfalls als eine Praxis, die wir ihnen aufzwingen.“ (ebd.: 34f.)
Die Charakterisierung von Diskursen als eigenständige Materialitäten fußt also darauf, dass sie Resultante des gesamtgesellschaftlichen Tuns der Subjekte sind und über Ausschließungsprozeduren bzw. Einschränkungsprozesse (vgl. Foucault 1996) jeweils gültiges Wissen konstituieren, was vermittelt über das Bewusstsein der Subjekte und deren Handlungen, Wirklichkeit selber herstellt. In diesem Sinne definiert Link Diskurs als: „ […] institutionalisierte, geregelte redeweisen, insofern, sie an handlungen gekoppelt sind und also machtwirkungen ausüben.“ (Link, zit. n. Jäger 2001c: 127; Kleinschreibung im Org.) Wie schon oben deutlich geworden ist, wird hier wieder darauf abgehoben, dass Diskurse nicht als Ausdruck gesellschaftlicher Praxis von Interesse sind, sondern weil sie dem Zweck dienen, Machtwirkungen auszuüben. Dies geschieht – nach Link – eben dadurch, dass sie institutionalisiert und geregelt und an Handlungen gekoppelt sind (Jäger 2001c: 128). Jäger erweitert diese Definition, indem er den Diskurs von vornherein als geregelt begreift: „ Der Diskurs ist, ganz allgemein formuliert, ja nichts anderes als der ´ Fluss von Wissen durch die Zeit´; und wenn dies so ist, dann ist davon auszugehen, dass der Diskurs immer schon mehr oder minder stark strukturiert und also ´fest´ und geregelt (im Sinne von konventionalisiert bzw. sozial verfestigt ist“ (ebd.: 129) Diskurse (s.o.) sind also mit Macht verknüpft aber auch mit Gegenmacht, hegemoniale Diskurse können kritisiert werden,
„[…] indem sie analysiert werden, ihre Widersprüche und ihr Verschweigen bzw. die Grenzen der durch die abgesteckten Sag- und Machbarkeitsfelder aufgezeigt werden, die Mittel deutlich gemacht werden, durch die die Akzeptanz nur zeitweilig gültiger Wahrheiten herbeigeführt werden soll – von angeblichen Wahrheiten also, die als rational, vernünftig oder gar als über allen Zweifel erhaben dargestellt werden soll.“ (Jäger 2001b: 298f.)
Wenn die kritisch zu analysierenden Machtwirkungen dadurch ausgeübt werden, dass eine diskursive Formation, ein begrenztes positives Feld von Aussage-Häufungen, darstellt (Jäger 2001c: 130, in Anlehnung an Link), und umgekehrt dann andere mögliche Aussagen, Fragestellungen, Blickrichtungen usw. ausgeschlossen sind, dann hat Diskursanalyse folgerichtig die Aufgabe, eben diese Sagbarkeitsfelder sowie die entsprechenden Strategien, die das jeweils Sagbare und Nicht-Sagbare konstruieren, herauszuarbeiten:
„Diskursanalyse erfasst somit auch das jeweils Sagbare in seiner qualitativen Bandbreite bzw. alle Aussagen, die in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit geäußert werden (können), aber auch die Strategien, mit denen das Feld des Sagbaren ausgeweitet oder auch eingeengt wird, etwa Verleugnungsstrategien, Relativierungsstrategien etc.. Das Auftreten solcher Strategien verweist oft auf Aussagen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Gesellschaft nicht sagbar sind, da es besonderer ´Tricks´ bedarf, wenn man sie doch äußern will. Das Sagbarkeitsfeld kann durch direkte Verbote und Einschränkungen, Anspielungen, Implikate, explizite Tabuisierungen aber auch durch Konventionen, Verinnerlichungen, Bewusstseinregulierungen etc. eingeengt oder auch zu überschreiten versucht werden. Der Diskurs als ganzer ist die regulierende Instanz; er formiert Bewusstsein.“ (ebd.: 130)
Im Zentrum seiner KDA steht - so Jäger - folglich die Frage, wie gesellschaftlich gültiges Wissen produziert, reproduziert und welche Auswirkungen dieses Wissen für die Konstituierung von Subjekten und die Gestaltung der Gesellschaft insgesamt hat. Mit Wissen sind alle Arten von Bewusstseinsinhalten gemeint bzw. die Bedeutungen, mit denen jeweils historische Menschen die sie umgebende Wirklichkeit deuten und gestalten (Jäger 2001b: 297). Die gestalterische Kraft von Diskursen speist sich aus der Tatsache – so Jäger – dass Menschen ihre Wirklichkeit auf dem Hintergrund von Bedeutungen bzw. des jeweiligen Wissens oder Unwissens verstünden und gestalteten (Jäger 2002a). Die Wirklichkeit sei nur in der Form vorhanden, wie sie den, in die sozio-historischen Diskurse verstrickten Menschen, Bedeutung zugewiesen bekomme. Insofern sei auch keine Wirklichkeit außerhalb der diskursiven, denkbar (Jäger 2002a). Diskursanalyse geht es i.d.S. „folglich auch nicht nur um Deutungen von etwas bereits vorhandenem, also nicht (nur) um die Analyse einer Bedeutungszuweisung post festum, sondern um die Analyse der Produktion von Wirklichkeit, die durch die Diskurse – vermittelt über die tätigen – Menschen geleistet wird“(Jäger 2001b: 301).
Diskursanalyse beansprucht in diesem Zusammenhang politische Relevanz: Jäger sieht in ihr ein Instrument gesellschaftlich reaktionäre Tendenzen zu kontakarieren (Jäger 2002a). Die Deutungsmuster bzw. die Bedeutungszuweisungen in unserer Gesellschaft sind ja, wie oben schon dargestellt, - für Jäger - nicht bloß unverbindliche symbolische Handlungen, sondern konstituieren subjektives Bewusstsein, was sich in entsprechenden Handlungen niederschlagen könne.[2] So könne z.B. die verwendete Kollektivsymbolik bei der rassistischen Darstellung von Einwanderern als „Fluten“, „Läuse“ oder sogar als „Schweine“ durchaus dazu führen, dass viele Menschen entsprechende Bedeutungszuweisungen vornähmen, wodurch die Ausländer wirklich als „Fluten“ gesehen würden, die man abwehren müsse oder als „Laus“ bzw. „Schwein“, dass man zerquetschen oder abschlachten müsse (Jäger 2002a).[3] Insofern wird Diskursanalyse als genuin politischer Ansatz verstanden,
„weil er politische Mittel gegen undemokratische Entwicklungen bereitstellt; weil er das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Herrschaft der harten Fakten und der harten Männer, der Gewalt der Durchkapitalisierung und Instrumentalisierung unseres Alltags und unserer Lebensbedingungen abbauen kann und einem fatalistischen oder zumindest resignativen Gefühl Paroli bieten kann, das dazu beiträgt, einer heute herrschenden Elite von Dummköpfen und Reaktionären den politischen Durchmarsch zu gestatten.“ (Jäger 2002a)
In diesem Sinne hat Diskursanalyse eine praktische Relevanz, weil sie die entsprechenden Mittel bereitstellt, um zu zeigen, dass politische Perspektivveränderungen nötig und möglich sind und so in politische Prozesse eingreifen kann (Jäger 2002a). Dies geschieht auch dadurch, dass Diskursanalyse herausarbeitet, was sagbar und nicht sagbar sei (Sagbarkeitsfeld, s.o.) und deshalb Vorstellungen, die eine Lösung von Problemen verhindern, herausstellen und bearbeiten könne (Jäger 2002b).
Zusammengefasst zielt Jägers Interesse auf den Zusammenhang von Gesellschaft, Individuum und Sprache (Jäger 2001c: 12). Im Unterschied zu bloßen Auseinandersetzungen mit Foucaults Diskurstheorie geht es Jäger darüber hinaus um die Entwicklung von „ Grundlagen […] für ein Verfahren der Diskursanalyse, mit dessen Hilfe empirische Arbeiten durchgeführt werden können“ (ebd.: 120). In diesem Sinne soll seine KDA, geeignete Beschreibungs- und Materialaufbereitungsverfahren für die empirische Analyse von Texten und Diskursen bereitstellen, um Hilfestellung für Bearbeitung „brisanter Themen“ zu geben, was letztendlich dem Ziel diene, „Möglichkeiten dafür zu eruieren, wie die Kunst zu erwerben ist, - wie Michel Foucault sagt - ´nicht dermaßen regiert zu werden´“ (ebd.:9). Jäger weist ausdrücklich darauf hin, dass sein vorgeschlagenes Verfahren als Bereitstellung einer „Werkzeugkiste“ zu sehen sei, „mit der man durchaus kreativ und eigenständig umgehen solle“ (ebd.: 121).
Zunächst wird Diskursanalyse also als ein ausschließlich beschreibendes Verfahren gekennzeichnet, das außer der Darstellung von Sachverhalten nichts weiter leisten könne (ebd.: 222). Allerdings enthält Diskursanalyse – nach Jäger – schon per se ein kritisches Moment, da bereits die Beschreibung von Diskursen, durch das Aufzeigen der Mittel, mit denen Wahrheit produziert wird bzw. die Beschreibung der Wahrheiten selbst, aufzeigt, in wessen Interesse, welche Wahrheiten diskursiv transportiert werden (ebd.: 223). So geht es nicht darum, Diskurse (s.o.) als Ausdruck von etwas zu sehen, kritisch wird Diskursanalyse dann, wenn die herausgearbeiteten Sachverhalte, kritisiert und bewertet werden, um Widerstand dagegen zu leisten, „dermaßen regiert zu werden“.
Noch einmal zusammengefasst, meint Diskursanalyse die Beschreibung der analysierten Diskursstränge. Aber erst wenn die gefundenen diskursiven Sachverhalte wohlbegründet bewertet und kritisiert werden, wird Diskursanalyse zu Kritischer Diskursanalyse (ebd.: 224).
Allerdings taucht an diesem Punkt ein Problem auf, da Jäger Möglichkeiten der Kritik aufzeigen will, ohne sich dabei auf ‚irgendwelche Wahrheiten’ zu berufen (ebd.: 173). So stellt sich natürlich der Frage, was denn dann der Maßstab der Kritik sein kann, wenn es nicht mehr um den Aufweis der inhaltlichen Falschheit des dargestellten Wissens geht. Diese Frage, die untrennbar mit der Frage nach Wahrheit verbunden ist, beantwortet Jäger so, dass Wahrheit kein wissenschaftsinternes Problem sei, sondern ein gesellschaftlich humanes. Der Maßstab lautet dann folgerichtig: Sind die herrschenden Normen und Gültigkeiten, die in den jeweiligen Gesellschaften hegemonial sind, dem Dasein der Menschen und jedes Individuums dienlich oder eher abträglich (ebd.: 227f.). Dementsprechend ist der Fluchtpunkt der Kritik – so Jäger – das Bild eines allgemeinen universalen Menschen, den es so zwar nicht gäbe, aber jede spezifische Moral bezöge sich auf eine allgemeine Moral in der jeweiligen Gesellschaft. Deswegen sei es die Aufgabe von Diskursanalyse, herauszuarbeiten, ob die faktisch gültige Moral mit den moralischen Ansprüchen der Gesellschaft übereinstimme oder nicht und in welchem Interesse sie als Wahrheit gehandelt werde (ebd.: 230). So erschließt sich der Maßstab der Kritik nicht aus einem gesellschaftlichen Standpunkt, nämlich dem der Beherrschten, weil nur sie an der Aufdeckung „brisanter Sachverhalte“ interessiert sein können, sondern aus der moralisch richtigen Entscheidung für die Position der Unterdrückten. So definiert Jäger, Kritik dann gerade nicht als gedankliches Tun, das Wahrheit beanspruchen könne, sondern als eine „´Haltung´, eine ´Tugend´ ein ´Ethos´ […]“ (ebd.: 225). Maßstab der Kritik ist also eine allgemein menschliche Moral, die im Sinne aller ist. Was allerdings Inhalt solcher Normen ist, die alle Menschen unterschreiben könnten, könne nur friedlich unter den Menschen ausgehandelt werden, indem man sich auf diese diskursiven Kämpfe einlasse (ebd.: 228). In Anlehnung an Foucault zielt Diskursanalyse – nach Jäger – auf die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen. „Ihre Resultate, ebenso wie eingenommene Standpunkte und Haltungen aber sind Mittel, mit denen jede/r sich auf die diskursiven Auseinandersetzungen einlassen kann“ (ebd.: 234).
Wenn Diskursanalyse über die Analyse das Sagbarkeitsfeldes, das jeweils gültige Wissen herausarbeitet, mit dem sich Menschen deutend auf Wirklichkeit beziehen, stellt sich die Frage, wie denn das Nicht-Sagbare sagbar gemacht werden kann. Mit dem Nicht-Sagbaren sind ja nicht nur z.B. Umkehrschlüsse bzw. Negationen von Aussagen gemeint, die dann dazu dienen könnten, Implikate deutlich zu machen (z.B. ob das halbgefüllte Glas als halbleer oder halbvoll bezeichnet wird), sondern Wissen, das dem jeweiligen Diskurs selber gar nicht zu entnehmen ist, da es aus dem Sagbarkeitsfeld ausgeschlossen ist.
Der Widerspruch lässt sich m.E. nur auflösen, indem das Nicht-Sagbare vor dem Hintergrund solcher wissenschaftlichen Ansätze reflektiert wird, die das Nicht-Sagbare sagbar machen können. Das Wissen, das jeweils ‚unter den Tisch fällt’ lässt sich nur anhand des Vergleichs mit seinem Gegenteil identifizieren. Woher soll sonst die Erkenntnis über das Nicht-Sagbare stammen? Insofern ist ein Vergleichsmaßstab notwendig, der nicht, unter den zu herauszuarbeitenden Verkürzungen leidet.[4] Woher soll aber eine entsprechend unverkürzte Argumentation stammen, die eben nicht aufgrund von Herrschaftsinteressen, von gesellschaftlichen Widersprüchen abstrahiert? Die Möglichkeit das Nicht-Sagbare zu sagen, setzt doch diskursive Zusammenhänge voraus, die nicht in dem Maße von gesellschaftlichen Herrschaftseinflüssen bzw. –interessen, die Jäger selber für das Resultat von Diskursverläufen verantwortlich macht (ebd.: 223), kontaminiert sind.
Die Analyse, inwieweit Wahrheit als diskursiver Effekt durch Herrschaftseinflüsse konstruiert wird, ist die grundlegende Aufgabe von Konzepten wie Ideologiekritik. So fasst Hauck (1992) sein Ideologiekritikkonzept so zusammen, dass ‚Wahrheit der Sieg des besseren Arguments’ sei, während Ideologie „auf die kürzeste Formel gebracht, der Sieg der Herrschaft im Diskurs [sei]“ (1992: 132). Mit dem Ideologie begriff untrennbar verbunden ist der Ideologie vorwurf, d.h. die Behauptung der inhaltlichen Falschheit des ideologischen Denkens. Hierbei geht es nicht nur um die Falschheit von Einzelaussagen, sondern auch darum, dass diese untereinander verknüpft sind und so ein verzerrtes Gesamtbild ergeben, was die Unabänderlichkeit der herrschenden Verhältnisse behauptet (vgl. die Funktion des gesamtgesellschaftlichen Diskurses). Allerdings beinhaltet Ideologiekritik – nach Hauck – nicht nur die Frage nach Wahrheit oder Falschheit im strikt empirischen Sinn, sondern auch das Aufzeigen der immanenten Widersprüche oder Tautologien, die vorgeben, Aussagen über Realität treffen zu können. Auch damit könne Realität verschleiert werden. Dies mache auch einen großen Teil von ideologiekritischer Arbeit aus; die inneren Widersprüche einer Theorie durch interessierte Blindheit aufzuzeigen, sei eines der gängigsten Mittel einer ideologischen Auseinandersetzung (ebd.: 117). Die Behauptung der inhaltlichen Falschheit muss aber - in diesem Zusammenhang - nicht für sich selber den Anspruch haben, selbst im Besitz einer absoluten und ewigen Wahrheit zu sein. Wahrheit beansprucht nur, die besseren Argumente zu haben, die jeder, nach ernsthafter Prüfung anerkennen müsse. Der Wahrheitsanspruch beinhaltet, dass alle ernsthaften Zweifel, d.h. alle Gegenargumente ausgeräumt sind, die tatsächlich zu dieser Zeit existent sind; alle möglichen Zweifel auszuräumen sei dabei ein Ding der Unmöglichkeit, was nicht von Menschen geleistet werden könne. Erst wenn neue Zweifel auftauchen, müsse deswegen die Frage nach Wahrheit neu diskutiert werden (ebd.: 119).
So gesehen ist die Kritik am Wahrheitsanspruch der Ideologiekritik, von diskursanalytischer Seite nicht wirklich treffend. Dass Wahrheiten diskursive Effekte sind, die durch die jeweiligen Ausschließungs- und Einschränkungsmechanismen gesellschaftlich gültigen Charakter bekommen, ist dabei m.E. unstrittig. Auch das diese Wahrheiten im Plural existieren, also parallel immer mehrere Deutungsmuster von Wirklichkeit miteinander konkurrieren und Wahrheiten „veralten“ können, ist im Allgemeinen kein Streitpunkt. Allerdings wird m.E. ein Wahrheitsbegriff bzw. Wahrheitsanspruch damit nicht obsolet. Gerade wenn Wahrheit untrennbar mit Macht verbunden ist und mehrere Wahrheiten nebeneinander existieren können, obwohl sie sich teilweise widersprechen, wäre doch daraus zu folgern, eben Wahrheit so zu definieren, dass Wahrheit das ist, was in einem idealtypisch vorgestellten herrschaftsfreien Diskurs[5], der nicht von partikularen Interessen durchsetzt ist, also dem besseren Argument folgen kann, als wahr ausgehandelt werden kann. Zumal auch Jäger letztlich wieder bei einem herrschaftsfreien Diskurs landet, da sein Fluchtpunkt der Kritik ja eine universelle Moral darstellt, die aber auch frei ausgehandelt werden müsse (s.o.), also gerade solche Bedingungen voraussetzt, dass sich ein Allgemeininteresse durchsetzen kann, was nur insofern denkbar ist, als das diese Aushandlungsprozesse eben nicht durch partikulare Herrschaftsinteressen verunmöglicht werden.
Jäger kritisiert zwar– ähnlich wie Foucault (vgl. ebd.: 110f.) – ideologiekritische Konzepte, betreibt dann aber doch Ideologiekritik mit großem Engagement. So kritisiert er beispielsweise die Bernsteinsche Sprachbarrierentheorie dahingehend, dass sie ein Beispiel dafür sei, wie sich Wissenschaft in Widersprüche verwickle, wenn sie die Konflikte mit den herrschenden Verhältnissen vermiede, die auftreten könnten, wenn sie die eigenen Denkvoraussetzungen logisch zu Ende dächte (vgl. Jäger 2001c: 43). Genau das Aufzeigen von Widersprüchen in der Argumentation von Theorien, die sich aus gesellschaftlichen Interessenskonstellationen erklärt, ist – wie oben erwähnt – Aufgabe von Ideologiekritik. Bei diesem Beispiel wird doch gerade kritisiert, dass das konsequente, rationale Weiterdenken durch den Einfluss gesellschaftlicher Machtverhältnisse blockiert wird. So gesehen ist natürlich die Kritik an wissenschaftlichen Wahrheitsansprüchen angemessen, sofern eben das als Wahrheit hypostasiert wird, was im Grunde gerade die wissenschaftliche Durchdringung des Untersuchungsgegenstands verhindert. Das ändert aber nichts daran, dass die Konsequenz doch gerade deshalb nur lauten kann, wissenschaftliche Diskurse zu etablieren, die eben nicht bzw. weniger an der herrschenden Ideologie orientiert sind. Wenn beispielsweise Galileo Galilei (1564-1642), der Vorkämpfer der heliozentrischen Lehre des Kopernikus für seine These, die Erde drehe sich um die Sonne, von der katholischen Kirsche 1633 zu unbefristeter Haft verurteilt wird und diese 359 Jahre braucht, um die Richtigkeit seiner Behauptung einzugestehen und ihn 1992 (!) rehabilitiert, dann zeigt dies zunächst zwar, dass man nur im Wahren ist, „wenn man den Regeln der diskursiven ´Polizei´ gehorcht, die man in jedem seiner Diskurse reaktivieren muss.“ (Foucault 1996: 25) Deswegen folgt aber m.E. aus der Absage an ein absolutes Wissen nicht zwangsläufig die Gleichsetzung von historisch bedingt richtigem Wissen mit dem jeweils hegemonialen bzw. als gültig geltendem Wissen (vgl. Jäger 2001c: 64). Dass die katholische Kirsche die Erkenntnisse des Galilei und anderen Wissenschaftlern aus Herrschaftsinteressen nicht gelten lassen wollte, ändert nichts an der Tatsache, dass sich die Erde auch schon zu Galileis Zeiten um die Sonne gedreht hat, also das gesellschaftliche gültige Wissen auch schon damals im Widerspruch zu dem historisch richtigen stand.
Wissen ist natürlich immer insofern historisch bedingt, als es nicht unabhängig von der gesellschaftlich-historischen Entwicklung betrachtet werden kann. Andernfalls wäre das ein Rückfall in idealistisches Denken, wo das menschliche Bewusstsein quasi losgelöst von der gesellschaftlichen Lebenserhaltung existiert. Aber macht das einen Wahrheitsbegriff obsolet? Natürlich können Menschen immer nur zu den Erkenntnissen gelangen, die ihnen in ihrer spezifischen Raumzeitlichkeit möglich sind. Aber gerade Galileis Beispiel zeigt doch, dass das Problematische nicht in einem Wahrheitsanspruch selbst liegt, sondern darin, dass sich die besseren rationalen Argumente nicht gegen gesellschaftliche Herrschaftsinteressen durchsetzen konnten, die das prinzipielle Ziel haben, den gesellschaftlichen Status quo als den einzig möglichen bzw. als den besten aller möglichen darzustellen. Woraus die Konsequenz resultiert, dass Wissenschaft in solchen Zusammenhängen nicht mehr das Ziel verfolgen kann, einen Sachverhalt so gut wie (historisch) möglich aufzuklären, sondern im Widerspruch dazu, eher versucht, diese Sachverhalte zu rechtfertigen.[6][7] Zu schlussfolgern wäre also, dass nicht der Wahrheits anspruch als solcher problematisch ist, sondern der Anspruch „ ‚Wahrheit’“administrativ durchsetzen zu wollen“ (Markard 2000a: 9). In diesem Sinne sind theoretischer Wahrheitsanspruch und wissenschafts politische Pluralität zwei Seiten derselben Medaille einer demokratischen Wissenschaftspraxis:
„ ‚Wahrheitsanspruch’ und ‚Pluralität’ entstammen nämlich unterschiedlichen Diskursen: Ein Wahrheitsanspruch zielt auf eine mit wissenschaftlichen Mitteln zu bewerkstelligende Reduktion konkurrierender Theorien, während ‚Pluralität’ – wissenschaftspolitisch – die Existenz und die Artikulationsmöglichkeiten konkurrierender Theorie beschreibt und gegen administrative Eingriffe so zu sichern hat, das konkurrierende Wahrheitsansprüche die Chance ihrer wissenschaftsförmigen Durchsetzung haben.“ (Markard 1993: 6; vgl. auch ebd.: 149f.)
Ein Wahrheitsanspruch zielt also darauf, mit wissenschaftlichen Mittel einen Erkenntnisfortschritt zu erzielen, indem konkurrierende und sich teils widersprechende Theorien, in ihrem Erkenntnisgehalt und ihren Erkenntnisgrenzen miteinander ins Verhältnis gesetzt werden, um so die Problematik des Eklektizismus zu vermeiden. Das Anerkennen pluraler Theoriebildung ist dafür quasi die Voraussetzung, da Pluralität kein wissenschafts theoretisches, sondern ein wissenschafts politisches Konzept darstellt, was wieder auf die Notwendigkeit verweist, wissenschaftliche Erkenntnisse daraufhin zu prüfen, inwieweit am Maßstab eines vorgestellten herrschaftsfreien Diskurses, gesellschaftliche Interessen nicht blind reproduziert werden. Dies wäre genau das, was Ideologiekritik ausmacht (vgl. Hauck 1992: 132).
Ein weiterer Punkt, der nach Jäger gegen ideologiekritische Konzepte spricht, ist, dass sie voraussetzten, dass es ‚Nicht-Ideologie’ geben könne, was dann eine Spielart der Widerspiegelungstheorie sei (Jäger 2001c: 224). Im Widerspruch dazu steht allerdings seine Kritik der traditionellen Psychologie, die er dahingehend kritisiert, dass sie sich auf rein innere Tätigkeit bzw. ideelle Tätigkeit beschränke, dass sie der Reflex auf die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse sei, d.h. die Trennung von Kopf- und Handarbeit in der Klassengesellschaft ausdrücke (vgl. ebd.: 95). An dieser Stelle wird m.E. klassisch ideologiekritisch argumentiert. Die Reduzierung menschlicher Tätigkeit auf bloße Innerlichkeit wird in einem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Seinsstrukturen gesehen, es wird also, wenn es um je bestimmtes Bewusstsein im je bestimmten Sein geht, dann doch wieder ‚widerspiegelungstheoretisch’ argumentiert.
So wird von Jäger zwar auf allgemeiner Ebene der Ideologiebegriff zurückgewiesen, und damit auch der Anspruch, Wirklichkeit adäquat erkennen zu können, auf der anderen Seite betreibt Jäger, wenn es um konkrete inhaltliche Auseinandersetzungen geht, m.E. dann doch eine ähnliche Kritik. So scheint das Insistieren darauf, dass Wirklichkeit ebenso wie Wahrheit eben nicht prädiskursiv d.h. diskursextern vorhanden sei (vgl. ebd.: 129, Foucault 1996: 35), keinen wirklichen analytischen Wert für konkrete wissenschaftliche Auseinandersetzungen zu haben, sondern eher, als eine allgemeine Warnung vor einem naiven erkenntnistheoretischen Realismus zu dienen. Die Frage, inwieweit Denken ideologisch ist oder nicht ideologisch sein kann, ist in dieser Abstraktheit ebenso scholastisch, wie die Frage nach die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens (vgl. Marx 1969: 5) und deswegen auch nicht sinnvoll zu beantworten (vgl. Hauck 1992: 9, 112ff.).
Ein weiteres Indiz für die Unklare Abtrennung der beiden Konzepte Diskursanalyse und Ideologiekritik ist m.E. die Tatsache, dass Jäger an zahlreichen Stellen in seinem Buch den Begriff „Ideologie“ oder das Adjektiv „ideologisch“ zur Bezeichnung von Diskursen (vgl. Jäger 2001c: 177, 184, 186, 221, 226, 228) verwendet, was als sprachliche Differenzierung nur Sinn ergibt, wenn auf der anderen Seite auch nicht bzw. weniger ideologische Diskurse denkbar sind. Zudem rekurriert Jäger an einer Stelle auf die Forschung der Arbeitsgruppe um Jürgen Link, denen es insgesamt „um die Funktion von Diskursen als herrschaftslegitimierenden und –sichernden Techniken in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft [ginge]“(ebd.:127). An dieser Stelle zeigt sich m.E. wiederum, dass die Abgrenzung vom Ideologiebegriff alles andere als klar ist. Zum einen wird hier die Existenz des Kapitalismus als objektiv vorausgesetzt und die Diskurse – an dieser Stelle – eher in ihrer Funktion zur Herrschaftslegitimierung gefasst und nicht als - wie oben - als Produktionsmittel von Wirklichkeit selbst; zum anderen lässt sich hier für Diskurs auch synonym der Ideologiebegriff verwenden. Denn wodurch wird Herrschaft legitimiert, wenn nicht durch Ideologie, d.h. durch die Verschleierung dieser Klassenherrschaft mittels der Ineinssetzung von partikularen Interessen des Bürgertums mit allgemein-menschlichen Interessen? Dies geschieht bekanntermaßen zum einen durch Naturalisierung kapitalistischer Verhältnisse, was insofern glaubwürdig erscheint, als im Kapitalismus im Gegensatz zu früheren Gesellschaftsformen, wo die gesellschaftliche Produktion gemeinschaftlich oder herrschaftlich aufoktroyiert reguliert wurde, die gesellschaftlicher Produktion hier keinem gemeinsamen Plan geschuldet ist, sondern sich quasi „naturwüchsig“ außerhalb der Kontrolle jedes einzelnen Warenbesitzers durchsetzt (Hauck 1992: 13ff.): So lässt die Warenform den Wert als natürliche Eigenschaft der Dinge, statt als gesellschaftliches Verhältnis erscheinen; die Kapitalform der Produktionsmittel lässt die spezifisch kapitalistischen Produktionsmittel als naturnotwendige erscheinen und die Lohnform des Arbeitsentgelts mystifiziert die Aneignung von ungezahlter Arbeit (ebd.: 17). Zum anderen werden die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse, die durch Zwang, Ausbeutung und Konkurrenz charakterisiert sind, im Sinne der bürgerlichen Ideologie in ihr Gegenteil Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verkehrt. Das scheint deswegen glaubwürdig zu sein, weil in der Zirkulationssphäre tatsächlich diese formalen Freiheiten gegeben sind, so dass die materielle Ungleichheit, die sich im Besitz- bzw. Nichtbesitz von Produktionsmitteln bzw. anderen Einkommensquellen ausdrückt und die daraus resultierende existentielle Abhängigkeit, die die Klassenherrschaft begründet, aus dem Blick gerät (ebd.: 15ff.,138).
M.E. ist also eine Abgrenzung des Diskurs- vom Ideologiebegriff alles andere als klar. Vielleicht lässt sich der Ideologiebegriff im Diskursbegriff aufheben, dazu wäre aber eine eigene Untersuchung, die sich dezidiert mit dem Verhältnis der beiden Konzepte auseinandersetzt nötig.
Die dargestellten Widersprüchlichkeiten bzw. Missverständlichkeiten in Jägers Konzeption von Kritischer Diskursanalyse beeinträchtigen nicht sein vorgeschlagenes Verfahren zur Diskursanalyse und auch nicht seine theoretische Fassung von Diskurstheorie. Allerdings zeigen sie, dass ein Konzept von Ideologiekritik damit erstens nicht obsolet geworden ist und zweitens nicht so diametral diskursanalytischen Konzeptionen entgegengesetzt ist, wie das Jäger des Öfteren betont und weswegen er eine Vermengung ablehnt, da sie Verwirrung stiften könne (Jäger 2001c: 24).
Dagegen ist m.E. klar geworden, dass beide Konzepte, auch bei Jäger – was nicht nur möglicherweise unpräzisen sprachlichen Formulierungen geschuldet ist – schon von vornherein miteinander vermengt sind und auch gar nicht voneinander getrennt werden können.
Für meine Diplomarbeit ist diese Verhältnisbestimmung insofern wichtig, als ich den Erfurter Diskursstrang im Hinblick auf die präsentierten Erklärungsmuster untersuchen möchte und darauf aufbauend diese dann einer ideologiekritischen Analyse unterziehen will. Wie gesagt, verfolgt m.E. Kritische Diskursanalyse auch kein anderes Ziel, da auch dort die immanenten Widersprüche und die Stringenz der Argumentation auf dem Prüfstand stehen (ebd.: 72), nur wird dort auf den aktiven, gestalterischen Charakter von Diskursen hingewiesen, der dem Ideologiebegriff abgesprochen wird. Der Analyse zugänglich ist aber – im Erfurter Fall – nur die Diskursebene der Medien, so dass über eine eventuelle „Wirkung“, da diese ja nur vermittelt über die Tätigkeit der Subjekte existiert, nichts ausgesagt werden kann und damit die Frage, ob man allgemein Diskursen bzw. Ideologien einen nicht nur passiven, die Wirklichkeit nur repräsentierenden Charakter, zuschreibt oder nicht, hier praktisch nicht relevant ist.
Mit beiden Konzepten ist in diesem Sinne eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Erfurter Diskursstrang (die Beschreibung vorausgesetzt), mit dem Ziel die Deutungsangebote kritisch auf Widersprüche bzw. fehlende Zusammenhänge zu untersuchen, möglich. So kann versucht werden als Ergebnis herauszuarbeiten, mit welchen Argumentationsstrategien welche Deutung des Attentats angeboten wird und inwieweit eine solche Deutung gesellschaftlich funktional sein kann. Beide Konzepte zielen von ihrem Ansatz her dabei nicht nur, auf die inhaltliche Analyse des Diskurses, sondern auch auf das Aufzeigen der gesellschaftlichen Folgen, wie z.B. die Reproduktion der herrschenden kapitalistischen Verhältnisse durch ihre Naturalisierung (vgl. Hauck 1992: 14, Jäger 2001c: 156).
Nach den obigen allgemeinen methodologischen Überlegungen, geht es nun darum, diese im Sinne der Fragestellung zu konkretisieren. Resümierend lässt sich Diskursanalyse also als ein empirisches Verfahren zur gegenwartsbezogenen (synchron) oder historischen (diachron) Analyse von Diskurssträngen bzw. deren Verschränkungen, beschreiben. Wie Jäger ausführt, sind jedoch diachrone Untersuchungen mit einem so hohen Arbeitsaufwand, aufgrund der kaum zu bewältigen Materialmenge, verbunden, dass im Grunde ‚nur’ synchrone Diskursanalysen durchgeführt werden, die sich entweder auf einen überschaubaren Zeitraum beziehen, oder einen längeren Zeitraum wählen und dort historische ‚Tiefenbohrungen’ vornehmen, also den entsprechenden Diskursstrang anhand von ausgewählten Zeitpunkten analysieren. Da Diskursstränge generell immer eine Vergangenheit und eine Zukunft haben, gilt dies natürlich auch für den Diskursstrang um den Erfurter Amoklauf. Eine diachrone Untersuchung könnte sich beispielsweise mit der Frage beschäftigen, wie bei früheren Amokläufen in Schulen Bedeutungszuweisungen vorgenommen wurden und inwieweit das Thema in der Gegenwart eine Bedeutungsverschiebung erfahren hat.
Da Diskursanalysen aufgrund des großen Arbeitsaufwands, was die Analyse bzw. Feinanalyse der einzelnen Diskursfragmente angeht, im Grunde ohnehin nicht in „Ein-Mann-Projekten“ wie z.B. Diplomarbeiten zu bewältigen sind (vgl. Jäger 2001c: 191), hat auch meine Arbeit eher den Charakter eines Pilotprojekts, das als Auftakt für ausführlichere Analysen dienen könnte.
Aus demselben Grund, sind auch Verschränkungen von unterschiedlichen Diskurssträngen (z.B. Migration und Rassismus), nicht Thema dieser Arbeit. Ein Beispiel für eine interessante Analyse in diesem Sinne, wäre die Erörterung der Frage, inwieweit der Diskurs um den ‚PISA-Schock’ dazu beigetragen hat, dass in dem Diskurs um das Erfurter Attentat – zumindest auf den ersten Blick – relativ radikale Schulkritik geäußert werden konnte. Durch die Ergebnisse der PISA-Studie war das deutsche Schulsystem ja bereits vor Erfurt heftig in die Kritik geraten. Insofern wäre eine Analyse dieser beiden Diskursstränge sicherlich sinnvoll, um zu verstehen, wieso die Debatte um Erfurt, im Gegensatz zu dem vergangenen Jugendgewaltdiskurs, an kritischem Gehalt gewonnen hat.
Aufgrund des hohen Arbeitsaufwandes lassen sich mit dem üblichen Mitteln nur synchrone Schnitte durch die jeweiligen Diskursstränge bewerkstelligen. Wegen der sehr beschränkten Forschungskapazitäten, die durch den Rahmen einer Diplomarbeit abgesteckt sind, sind jedoch weitere Einschränkungen unerlässlich (vgl. ebd.: 189). Ich konzentriere mich daher von vornherein auf die Diskursebene der Medien. Aber auch diese Auswahl ist gerade, was den Amoklauf von Erfurt als diskursives Ereignis angeht, viel zu breit gewählt. Schließlich wurde er nicht nur in den Printmedien breit diskutiert, sondern auch im Fernsehen, Radio usw. Ich begrenze meine Untersuchung deshalb von vornherein auf den Diskurssektor der Printmedien.
Konkret fokussiere ich mich auf den Teil-Sektor der meinungsbildenden Tageszeitungen, von denen ich die „ Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) als renommierten Vertreter einer politisch konservativen Position ausgewählt habe, die „ Süddeutsche Zeitung“ (SZ) als Vertreter einer politischen liberalen Position und die „ Frankfurter Rundschau“ (FR) als Vertreter einer links-liberalen Position. Damit beabsichtige ich, die überregionalen Zeitungen der ‚politischen Mitte’ abzudecken, da sie gleichzeitig als Referenzpunkte für die Reaktionen kleinerer, regionaler Zeitungen betrachtet werden können. Da diese drei ausgewählten Tageszeitungen die überregionalen Zeitungen mit der größten Auflage sind, ist es nicht unplausibel anzunehmen, dass damit schon wesentliche Elemente des Diskurs in seiner qualitativen Bandbreite erfasst werden können.
Die Analyse von Tageszeitungen bietet den Vorteil, dass die Artikel sich durch hohen Aktualitätsgrad auszeichnen sowie durch eine hohe Verbreitung, aufgrund einer großen Zahl an Abonnementen. Allerdings ist die Länge und damit die Ausführlichkeit der Erörterung in Tageszeitungen doch eher begrenzt. Artikel, die sich über mehrere Seiten einer Thematik widmen, sind meist im Feuilleton oder in speziellen Dossiers untergebracht. Aus diesem Grund schien es mir ratsam, zusätzlich Wochenzeitschriften bzw. Magazine in die Analyse mit einzubeziehen. Mit meiner Diskursanalyse beabsichtige ich ja, über einen synchronen Schnitt durch den Erfurter Diskurs, quasi stichprobenartig, die qualitative Bandbreite des Diskurses zu erfassen. Ausführlichere Erörterungen scheinen mir daher geeignet, um den Diskurs mehr in seiner ‚Tiefe’ zu erfassen. Meine Wahl fiel auf die Wochenzeitschrift „ Die Zeit “ und auf das Wochenmagazin „ Der Spiegel “. Diese Wahl begründete sich damit, dass beide Zeitschriften renommierte Vertreter ihrer ‚Gattung’ sind, was sich auch daran zeigen mag, dass die „ Die Zeit “ und „ Der Spiegel “ zu den zwei der drei am häufigsten zitierten Printmedien zählen. So ist auch hier davon auszugehen, dass die Artikel meinungsbildende Wirkung haben und über breite Rezeption eine entsprechende Verbreitung erfahren.
Es handelt sich bei meiner Stichprobe also um drei ausgewählte Tageszeitungen, eine Wochenzeitschrift und ein Wochenmagazin. Diese Stichprobe kann weder Repräsentativität bezüglich der Konsumenten beanspruchen, noch bezüglich der Diskursebene der Printmedien. Dies deshalb nicht, weil ich zwar führende Tageszeitungen ausgewählt habe, aber z.B. die „ Bild “-Zeitung, die auflagestärkste Zeitung Europas, unberücksichtigt gelassen habe. Auch die Auswahl der Zeitungen hinsichtlich ihres politischen Standpunkts, wo ich von konservativer bis links-liberaler Position das Spektrum der ‚politischen Mitte’ abdecken wolle, kann nicht als repräsentativ für die deutsche Zeitungslandschaft gelten, da ich keine Informationen darüber habe, wie die unterschiedlichen politischen Richtungen quantitativ in Deutschland verteilt sind. Mit meiner Auswahl beabsichtige ich eher, die hegemonialen Positionen im Diskurs zu erfassen, da diese relevant sind, für die Konstituierung von Wahrheitsfeldern und damit relevant für die daraus resul
So ist m.E. die Diskursposition der „ Bild “-Zeitung insofern qualitativ zu vernachlässigen, als sie nicht hegemonial ist, und im Bezug auf die Erörterungen des Amoklaufs kaum erst genommen wurde (vgl. z.B. die Suche nach dem „Killer-Gen“ etc). M.E. ist daher anzunehmen, dass ich mit meiner Stichprobe die wesentlichen thematischen, hegemonialen Bezüge des Diskurses erfassen kann und i.d.S. das Sagbare und das Nicht-Sagbare herausarbeiten kann. Wie schon im allgemeinen Methodenteil erläutert, ist eine Diskursanalyse insofern relevant, als sie (s. Abb. 1) herausarbeiten kann, welche Wirklichkeitskonstruktionen dem Alltagsbewusstsein bzw. auch den politisch Handelnden angeboten werden. Diese bewusstseinsbildenden Momente gilt es herauszuarbeiten, da sie handlungsanleitend für die alltägliche bzw. politische Praxis sind.
Nach dieser begründeten Auswahl der einzelnen Medien und der Eingrenzung des Analysebereichs auf einen bestimmten Sektor einer Diskursebene, geht es im nächsten Schritt darum, die Materialmenge, d.h. den Umfang der Untersuchung zu bestimmen. Da die Materialmenge selber bereits Teil der empirischen Untersuchung ist, kann sie nicht im Vorhinein festgelegt werden (vgl. Jäger 2001c: 197). Der Umfang der zu untersuchenden Artikel resultiert natürlich aus der Fragestellung selbst. In meiner Arbeit bedeutet dies, alle Artikel zu sichten, die sich auf den Amoklauf von Erfurt beziehen. Die Anzahl der Artikel hängt dabei zweitens auch von dem gewählten Zeitrahmen der Untersuchung ab. Je nach veranschlagtem Zeitraum, vergrößert oder verkleinert sich die Anzahl der zu untersuchenden Diskursfragmente. Dieser ist allerdings bei synchronen Schnitten durch einen Diskursstrang nicht allzu lang (vgl. ebd.: 198). Ein solcher Querschnitt bot sich auch beim Amoklauf von Erfurt an, das als diskursives Ereignis zwar Vorläufer und Nachfolger hatte (vgl. das jüngste Schulattentat in Coburg) aber für sich genommen, ein einmaliges Ereignis darstellt. Ich sah mich gezwungen als arbeitsökonomischen Gründen einen gewissen Zeitraum festzulegen, von dem ich annahm, dass er die qualitative Bandbreite abdeckte. Im Verlauf der Artikelrecherche stellte sich ziemlich schnell heraus, dass die quantitative Häufung von Artikeln zu meinem Thema einer gewissen Konjunktur unterlag. So lässt sich leicht feststellen, dass – quantitativ betrachtet – der Höhepunkt des Amoklaufs als diskursives Ereignis in den ersten Tagen, nach dem Geschehen liegt. Darüber hinaus nimmt die Anzahl der Artikel, die sich thematisch damit befassen, deutlich ab (vgl. Anhang B). So bot es sich an, den Untersuchungszeitraum beginnend mit dem 27.4.2002, als erstem Tag der Berichterstattung, und abschließend mit dem 10.5.2002, wo nur noch drei Artikel zu finden sind, auf insgesamt vierzehn Tage zu begrenzen. Das mediale Interesse hat also seine ‚Hochzeit’ ein paar Tage nach Ereignis, verliert aber schnell an Bedeutung, so dass es nicht unplausibel erscheint, dass der gewählte Untersuchungszeitraum geeignet ist, um die hegemonialen Aspekte des Diskursstrangs zu erfassen. Dies bedeutet nicht, dass über diesen Zeitraum hinaus, keine Artikel über den Amoklauf – oft auch in diskursreflektierender Form – zu finden sind. Ich nehme lediglich an, dass die inhaltliche Bandbreite bezogen auf die Fragestellung, d.h. die Frage nach den Erklärungsmustern der Tat, im Wesentlichen schon vorher verhandelt wurde.
Nach der Einschränkung des Untersuchungsbereichs im Hinblick auf die Stichprobe und des Untersuchungszeitraumes, ging es nun darum, die entsprechenden Artikel zu finden und zu analysieren. Dabei habe ich nicht zwischen den verschiedenen Textarten wie z.B. Kommentar, Bericht, Glosse, Feuilleton-Artikel, Interview etc. unterschieden. Die Diskursposition der einzelnen Zeitungen lässt sich natürlich am eindeutigsten am ‚Kommentar’ ablesen, da dieser eine persönliche Stellungnahme zu einem bestimmten Thema ist. Da aber das einzelne Diskursfragment selber schon insofern sozial ist, als es als Bestandteil eines Diskurses aufgefasst wird, ist die Differenzierung zwischen einzelnen Textsorten insofern nicht relevant, als auch scheinbar ‚neutrale’ Artikel wie z.B. Experten-Interviews im Kontext mit den übrigen Diskursfragmenten den Diskursstrang ausmachen. So lässt z.B. – wenn der Blick vom einzelnen Fragment auf das Allgemeine des Diskursstrang gerichtet wird – das ‚Experteninterview’ eine bestimmte Präferenz der Zeitungsredaktion bezüglich der ausgewählten Experten deutlich werden, die sozusagen im Diskurs der jeweiligen Zeitung im ‚Wahren’ sind.
Die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Diskursanalysen liegt darin begründet, dass das Allgemeine im Diskurs liegt, der in seiner Bandbreite erfasst werden soll, während das Besondere eine Facette des Allgemeinen darstellt (vgl. ebd.: 209). Vollständigkeit ist dann erreicht, wenn keine formal oder inhaltlichen neuen Erkenntnisse mehr auftreten (vgl. ebd.: 111, 205). Daher ist in der Diskursanalyse die Trennung von Qualität und Quantität aufgehoben (vgl. ebd.: 205). Da das einzelne Diskursfragment als Ausschnitt des Sozialen gilt und die Diskursanalyse diese Lücke zwischen dem Ausschnitt und dem Sozialen insgesamt, d.h. dem Diskursstrang schließen soll, geht es – wie gesagt – um qualitative Vollständigkeit und nicht um die quantitative Hochrechnung der erzielten Ergebnisse (ebd.). Damit wird die übliche Kombination von qualitativer Forschung mit quantitativen Methoden, um verallgemeinerbare Ergebnisse zu erzielen, zurückgewiesen:
„Das [die Kompensation von quantitative durch qualitative Methoden; F.B.] ist natürlich nur ein Behelf, denn wenn qualitative Sozialforschung eine Antwort auf die Schwäche der quantitativen Sozialforschung ist, nämlich ständig in der Gefahr zu stehen, unzulässig zu verallgemeinern, dann kann sie diese ja wohl kaum als Mittel dazu anführen, die bei sich selbst gesehene Schwäche der mangelnden Repräsentativität aufzuheben.“ (ebd.: 206)
Der quantitative Aspekt bei Diskursanalysen ist daher immer von geringerer Relevanz als die qualitative Aspekt (vgl. ebd.: 111). Dies auch insofern, als – wie Jäger behauptet – zur Erfassung des jeweiligen hegemonialen Diskurs nur eine geringe Anzahl von Diskursfragmente nötig ist (vgl. ebd.: 214). Dies weiterhin deshalb, weil hegemoniale Diskurse als solche sehr homogen verlaufen: Das Sagbarkeitsfeld, die Argumente und Inhalte, die zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu finden sind, sind erstaunlich beschränkt (vgl. ebd.: 111).
Das bedeutet allerdings nicht, dass quantitative Aspekte gar keine Rolle spielen. Bei der Analyse der ausgewählten Artikel zeigen sich bestimmte Häufungen und Verteilungen, die insofern interessant sind, als sie Hinweise darauf gegen, welche Diskursposition die jeweiligen Zeitungen im Diskurs aufgrund ihrer Schwerpunktsetzungen einnehmen (vgl. ebd.: 206). So lassen sich auch im Hinblick auf meine Fragestellung die politische Grundhaltungen (s.o.) der ausgewählten Medien im Diskurs wieder finden. Am deutlichsten positionieren sich die Zeitungen im Hinblick auf das Thema ‚Schule’: So lassen sich in der FAZ gerade einmal zwei Artikel (2,28) finden, die sich explizit mit der Schulstruktur auseinander setzen. Dagegen erfährt die Frage, inwieweit die Schule selbst gewalttätiges Verhalten provoziert, in der „ Zeit “ die größte Aufmerksamkeit (Art. 5,9). Ähnliches lässt sich exemplarisch auch bezüglich des Themas ‚mediale Gewalt’ verdeutlichen. Hier sind zwar die Diskurspositionen am uneindeutigsten (s.u.), auffällig ist aber, dass die FAZ quantitativ betrachtet, diesem Thema den größten Raum gibt, während in der „ Zeit “ zwar kurz der wissenschaftliche Stand der Medienforschung referiert wird (Art. 3), das Thema aber sonst eher satirisch abgehandelt wird (vgl. Art. 10,12,13).
Ein möglicher Gegenstand meiner Arbeit, wäre daher die Untersuchung der Diskurspositionen der einzelnen Zeitungen/Zeitschriften gewesen, womit die Kapitel meiner Arbeit dann entsprechend den einzelnen Diskurspositionen zu gliedern gewesen wären. Da es mir jedoch um die Analyse des Erfurter Diskursstrangs als solchem geht, und die ausgewählten Medien quasi im Hinblick auf die dominanten Positionen selektiert wurden, sind die unterschiedlichen Diskurspositionen nur von nachrangigem Interesse. Sie werden lediglich indirekt durch die Beschreibung und Analyse des Diskurses deutlich. Wesentlich ist für mich, die Analyse des Diskursstrangs im Hinblick auf die vorhandenen Themen und Unterthemen, die auch gleichzeitig die Basis für die Gliederung meiner Arbeit bilden.
Unter diesen Prämissen begann ich damit, die Artikel der einzelnen Medien im ausgewählten Untersuchungszeitraum systematisch zu sichten, und für die eigentliche Analyse auszuwählen. Da nur die Artikel ausgewählt wurden, die für meine Fragestellung relevant waren, wurde die Auswahl der Diskursfragmente hier – zusätzlich zu der oben beschriebenen Eingrenzung auf Ort und Zeit – inhaltlich weiter eingeschränkt. Mich interessiert – wie beschrieben – die Frage nach dem ‚Warum’ des Amoklaufs, d.h. die Frage, welche Erklärungs- oder Deutungsmuster im Diskurs zu finden sind und inwieweit der Sachverhalt damit verkürzt oder seinem gesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet wird. Daher bleiben alle Artikel unberücksichtigt, die sich ausschließlich mit den staatlichen Sofortmaßnahmen gegen Jugendgewalt beschäftigen. Bei den drei Sofortmaßnahmen handelt es sich um die Alterskennzeichnung für Computerspiele, die Erweiterung der Zuständigkeit der Bundesprüfstelle für elektronische Medien und die Verschärfung des Waffengesetzes. Erörterungen über adäquate Sofortmaßnahmen sind für mich insofern nicht einschlägig, als sie nicht auf eine Ursachenergründung des Amoklaufs zielen, sondern lediglich „die Erschwerung der Mittelbeschaffung und die Reduzierung von öffentlich zugänglichen, ‚gewaltverherrlichenden’ Imitationsvorlagen“ (Huisken 2002: 71f.) diskutieren, also sich gar nicht auf die Handlungsgründe der Menschen beziehen, die Menschen zu solchen Taten bewegen (vgl. ebd.: 71). „Wenn Gesetzesverschärfungen beschlossen werden, zumal solche, die allein den Zugang zu Tatmitteln und Tatvorlagen erschweren sollen, dann geht es nicht ums Verhindern, sondern ums Bestrafen “ (ebd.: 73).
Nachdem also jetzt der Arbeit eine präzise Fragestellung zugrunde lag, die den Untersuchungsgegenstand eingrenzte, sammelte ich alle Artikel zu dem Thema ‚Warum gab es einen Amoklauf in Erfurt?’, die wiederum nach Unterthemen differenziert wurden. Trotz der beschriebenen Einschränkungen bezüglich der Materialmenge und der präzisierten Fragestellung, hatte ich 97 Artikel (vgl. Anhang B) zu bearbeiten. Aufgrund der großen Anzahl von Diskursfragmenten ist es im Rahmen einer Diplomarbeit unmöglich, alle Artikel systematisch einer „Feinanalyse“ (zum Vorgehen bei einer Feinanalyse vgl. Jäger 2001c: 174-187) zu unterziehen (vgl. ebd.: 171). Aus diesem Grund unterscheidet Jäger zwischen einer „Strukturanalyse“ und einer „Feinanalyse“, die sich auf jeweils für den Diskursstrang „typische“ Artikel bezieht. Die Vorraussetzung für die Durchführung einer Strukturanalyse ist die Erstellung eines „Materialcorpus“. Dafür wird zunächst das gesamt Material gesammelt und systematisch archiviert. Die einzelnen Artikel werden in chronologischer Reihenfolge zusammengestellt (vgl. Anhand B.) und mit Stichwörtern versehen, die die wichtigsten Themen und Unterthemen sowie Verschränkungen mit anderen Diskurssträngen markieren. Die erfassten Merkmale sind – wie gesagt – von der Fragestellung abhängig, also von dem Hauptthema. In meiner Arbeit bestanden die Hauptthemen aus den jeweiligen Erklärungsmustern, die Unterthemen bildeten die unterschiedlichen Spezifikationen der Hauptthemen. Nachdem auf diese Weise wesentliche Elemente des Materials kategorisiert wurden, die Daten systematisch in Textdateien zusammengetragen wurden, lässt sich auf dieser Grundlage der Diskursstrang inhaltlich beschreiben und in seiner Grundsstruktur erfassen. Damit liegt die Strukturanalyse des gesamten Diskursstrangs vor. Sie „erfasst alle Diskursfragmente und stellt ihre wesentlichen Merkmale heraus (wie Inhalt, Verwendung von Kollektivsymbolik, Personenmarkierung u.ä.)“ (ebd.: 172, Fn. 178). Nach dieser Beschreibung der Themen und Unterthemen in ihrer qualitativen Bandbreite und quantitativen Dichte, werden die inhaltlichen Doppelungen zunächst ausgeschieden. Das Ergebnis dieses Prozesses wird von Jäger als „Dossier“ bezeichnet, „das also die qualitative Bandbreite, in der ein Thema behandelt wurde, festhält“ (vgl. ebd.: 192). Die dabei sichtbar werdenden Häufungen dienen dem Aufweis von Aufmerksamkeitsschwerpunkten bzw. Trends im Diskursstrang. Der projektierte Übergang vom Corpus zum Dossier, dient der Erfassung des Diskursstrangs in seiner qualitativen Bandbreite. Mit Hilfe der Ergebnisse der Strukturanalyse und des Dossiers lässt sich zeigen, welche inhaltlichen, formalen und auch ideologischen Schwerpunkte eine Zeitung oder Zeitschrift setzt. Damit sind Hinweise gegeben, welche Artikel „typisch“ sind. Diese werden dann mit einer Feinanalyse ausgewertet (für die Auswahl der Kriterien von ‚typischen Artikeln’ vgl. ebd.: 193).
„Typische Diskursfragmente auszuwählen und einer Feinanalyse zu unterziehen, verfolgt den Zweck, in Rückkoppelung mit den Strukturanalysen stark verallgemeinernde Aussagen über einen Diskursstrang in einer bestimmten Zeitung etc. vornehmen zu können, ohne ‚vom Material erschlagen’ zu werden.“ (ebd.: 193)
Zusammenfassend stellt Jäger fest: „Flankiert von den vorangegangenen Strukturanalysen, bilden Feinanalysen typischer Diskursfragmente eine solide Basis für die abschließende Gesamtinterpretation des Diskursstrangs in einer Zeitung etc.“ (ebd.).
Resümierend lässt sich das diskursanalytische Vorgehen wie folgt beschreiben (vgl. den komprimierten Analyseleitfaden bei Jäger 2001b: 195f.): Zu Beginn wird das gesamte Material bezogen auf die Diskursebene und den Diskurssektor im Sinne der Fragestellung, also des Hauptthemas archiviert. Nach dieser materiellen Erfassung des Diskursstrangs wird das Material hinsichtlich der Themen und Unterthemen qualitativ und quantitativ analysiert. Nach der Auswahl typischer Artikel – die Diskursposition einer Zeitung oder ein Thema betreffend – werden diese detailliert untersucht. Mittels der Reflexion der Ergebnisse der Feinanalysen und der überblickshaften Strukturanalyse soll dann eine Gesamtinterpretation des Diskursstrangs möglich werden (vgl. ebd.: 194).
Ich hatte allerdings den Zeitbedarf eines solchen Vorgehens völlig unterschätzt und mich sozusagen arbeitstechnisch überfordert. So war es mir zwar möglich den Materialcorpus zu erstellen, d.h. die Gliederung und Zusammenfassung einzelner Artikeln im Hinblick auf die diskutierten Themen, der Übergang zum Dossier ist mir aber in der verbleibenden Zeit nicht gelungen. Daher war ich gezwungen die Vereinheitlichung der qualitativen Elemente quasi erst bei der Beschreibung des Diskurses vorzunehmen. Eine Feinanalyse typischer Artikeln konnte ich ebenfalls nicht vornehmen. Einzige Ausnahme ist der resümierte Spiegel -Artikel in Kap. III. B. 3. Ich verweise allerdings bei der Darstellung der einzelnen Erklärungsmuster und deren impliziter Diskurstaktik auf ‚typische’ Artikel in denen das gemeinte exemplarisch veranschaulicht wird. Diese sind aber nicht einer tieferen Analyse unterzogen wurden.
Allerdings kommt m.E. – wie ich im vorherigen Teilkapitel versucht habe, zu begründen, Diskursanalyse als Methode nicht ohne ideologiekritisches Moment aus. Das allgemeine Ziel einer Diskursanalyse besteht darin, Diskursstränge bzw. deren Verschränkungen historisch oder gegenwartsbezogen zu analysieren und zu kritisieren. Auf welcher theoretischen Grundlage aber soll die Kritik erfolgen, wenn Diskursanalyse als empirische Methode selber keine inhaltlich-begrifflichen Mittel zu Verfügung stellt? Das Problem ist m.E., dass ein diskursanalytisches Vorgehen selber keine theoretische Ebenen enthält, vor deren Hintergrund die Sagbarkeitsfelder, die Widersprüche und Verkürzungen, kurz: die Erkenntnismöglichkeiten und Erkenntnisgrenzen, reflektiert werden können. Wie sollen z.B. die inhaltlich-ideologischen Aussagen (als Analyseschritt der Feinanalyse von Diskursfragmenten [Jäger 2001c: 184]) herausgearbeitet werden, ohne dabei auf andere Gesellschaftstheorie zurückgreifen zu können. Um Aussagen im Hinblick auf das zugrunde liegende Menschenbild oder weltanschaulichen Implikationen beurteilen zu können, bedarf es eines theoretischen Konzeptes von z.B. Gesellschaftstheorie, vor dessen Hintergrund die Reichweite und Begrenzungen der auftretenden inhaltlichen Positionierungen überhaupt erst als solche deutlich werden können. Die Analyse der Rede von z.B. natürlichen Begabungen bei Menschen, setzt eben die Kenntnis anderer Konzeptionen des Verhältnisses von Mensch, Natur und Gesellschaft voraus. Ideologiekritik hat in diesem Sinne die Aufgabe, durch den Aufweis der Seinsgebundenheit der jeweiligen Konzepte, unzulässige Universalisierungen konkret-historischer gesellschaftlicher Verhältnisse bzw. problematische Naturhypostasen aufzudecken. Ich halte es deshalb für notwendig, für eine adäquate Bewertung des Erfurter Diskursstrangs, eine theoretische Reflexionsebene zu haben, die den Erkenntnisgehalt des Diskurses sichtbar macht. Ich stütze mich dabei größtenteils auf die Analysen der Kritischen Psychologie und auf Huiskens (2002) Erfurt-Analyse (vgl. meine kritische Auseinandersetzung in Anhang A).
Für die Kritische Psychologie bestand das Grundproblem der Psychologie als Einzelwissenschaft darin, dass es keine ausgewiesene Grundbegrifflichkeit gibt, die Psychologie sich also in einem vor-paradigmatischen Zustand befand und sich ‚leihwissenschaftlich’ ihre Grundbegriffe bei anderen Disziplinen ‚borgte’. Problematisch ist das deshalb, weil durch die Begrifflichkeit der traditionellen Psychologie menschliche Lebens- und Erlebensmöglichkeiten nur verkürzt erfasst werden kann, da gesellschaftliche Verhältnisse ausgeblendet werden. Damit ist die, sich als objektiv sehende, Psychologie in Wirklichkeit als parteilich blamiert, da entgegen dem Schein eines möglichen Standpunkts außerhalb von Gesellschaft, Wissenschaft in einer Klassengesellschaft notwendig gesellschaftlich Stellung bezieht, also sich auf der einen oder anderen Seite des Klassengegensatzes widerfindet. Psychologische Konzepte sind also im Rahmen gesellschaftlicher Widersprüche unvermeidlich parteilich. Die Frage nach der Parteilichkeit von Begriffen richtet die Aufmerksamkeit auf das Verhältnis von aktueller gesellschaftlicher Faktizität und allgemeinmenschlicher Möglichkeit menschlicher Lebensgewinnung (vgl. Markard 2000a 32-34). Von der Potenz das Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit menschlicher Existenz zu entfalten, hängt der unterschiedlicher Erkenntnis- und Objektivitätsgehalt wissenschaftlicher Konzepte ab (vgl. Markard 2000b: 13). Folglich zielt die Kritische Psychologie – mit dem Anspruch eine emanzipatorische Psychologie zu sein – darauf,
„die menschlichen Möglichkeiten auf den Begriff zu bringen und zu befördern, die in der vorfindlichen Psychologie nicht begriffen und in der bürgerlichen Gesellschaft real unterdrückt oder behindert werden. Dies würde also bedeuten, die Begrifflichkeit der vorfindlichen Psychologie daraufhin zu untersuchen, inwieweit menschliche Lebens- und Erlebensmöglichkeiten, verkürzt um ihre allgemeine Perspektive, nur in ihrer gesellschaftlichen Formbestimmtheit gefasst werden, letztere aber blind universalisiert wird […].“ (ebd.)
Um die begriffliche Verstrickung der Psychologie in bürgerliche Existenzformen zu beweisen und zu überwinden, wurde versucht, mittels einer Kategorialanalyse historisch-empirisch, menschliche Subjektivität (als Gegenstand der psychologischen Wissenschaft) in der widersprüchlichen Einheit von Natur-, Gesellschafts- und Individualgeschichte, zu rekonstruieren.
Kurz zusammengefasst, bietet die Kritische Psychologie also aufgrund ihre per Kategorialanalyse erarbeiteten wissenschaftlichen Bestimmungen menschlicher Subjektivität, eine Perspektive durch die – zumindest ihrem Anspruch nach – Verkürzungen des Mensch-Welt-Verhältnisses durch blinde Verdoppelung des gesellschaftlichen Status quo als solche sichtbar gemacht werden können. Daher ist gerade die Konzeption des Mensch-Welt-Verhältnisses der Kritischen Psychologie von entscheidendem Wert für meine Analyse. Dies auch deshalb, weil Subjektivität zwar für die Psychologie als Einzelwissenschaft den zentralen Gegenstand bildet, empirische Subjektivität aber auch für die Padägogik zur Gegenstandsseite gehört. Dies ist auch gerade im Hinblick auf meine Untersuchung des Erfurter Diskurses der Fall, da es hier um das Handeln des Subjekts Robert Steinhäuser geht. So ist auch eine erziehungswissenschaftliche Untersuchung „von der inhaltlichen (und methodischen) Klärung des Subjektivitätsproblems in der Psychologie abhängig, so dass der Psychologie hier eine Schlüsselfunktion zukommt“ (Markard 1993: 99). Die theoretischen Konzeptionen der Kritischen Psychologie stelle ich in den Kapiteln III. A. 4. und III. B. 5. in einem eigenen Teilkapitel dar, dass die Basis für die Gesamtinterpretation des jeweiligen Deutungsmuster bildet. Eine Ausnahme ist Kapitel III C. wo ich die theoretische Reflexion ‚am Ort’ vornehme, da ich auf unterschiedliche Aspekte direkt eingehen will.
Den zweiten Schwerpunkt für die theoretische Reflexion stellt Huiskens Buch „z.B. Erfurt“ dar, da es eine eigene Analyse des Amoklaufs ist und daher von mir im Rahmen meiner Arbeit natürlich besonders gründlich rezipiert wurde. Dies ist es deshalb geboten, weil Huisken in seinem Buch seine Position in Auseinandersetzung mit der öffentlichen Debatte entwickelt. So lässt sich sein Buch auch als unsystematische Diskursanalyse lesen, die als Orientierungspunkt für meine Arbeit hilfreich ist.
Abschließend sei mein Vorgehen noch einmal kurz zusammengefasst: Ich stelle zunächst die jeweiligen Erklärungsmuster dar, die für den Amoklauf als relevant angesehen werden. Dabei skizziere ich die unterschiedlichen Spielarten bzw. Ausprägungsformen, die im Diskurs in ihrer qualitativen Bandbreite zu finden sind. Um eine Reflexionsebene zur Beurteilung der Erkenntnismöglichkeiten und Erkenntnisgrenzen der angebotenen Deutungsmuster zu gewinnen, wechsele ich nach der Beschreibung vorhandenen Themen und Unterthemen – diskurstheoretisch gesprochen – von der Diskursebenen der Medien in einen akademischen Spezialdiskurs, um ideologische Verkürzungen, Widersprüche oder Erweiterungen des bisherigen Sagbarkeitsfeldes herauszuarbeiten. Jedes Hauptthema wird dann auf der Grundlage der herausgearbeiteten Regelhaftigkeit des Diskurses und der theoretischen Reflexion einer abschließenden Interpretation unterzogen. Das Schlusskapitel meiner Diplomarbeit fasst dann alle drei thematischen Bezüge, die den Amoklauf berühren, zu einer Gesamtbewertung des Erfurter Diskurses zusammen.
Wie schon angedeutet, verläuft der Erfurter Diskurs über alle Diskurspositionen der einzelnen Zeitungen/Magazine hinweg, sehr kontrovers. Es lassen sich zwar Tendenzen finden, die der politischen Ausrichtung der Zeitungen entsprechen, jedoch weit weniger homogen als bei anderen Diskursen üblich. Im Gegensatz zu anderen diskursiven Ereignissen, wozu z.B. auch das Verdikt von Bundeskanzler Schröder: “Es gibt kein Recht auf Faulheit“ zählt oder auch die einschlägigen Debatten um die soziale Re- bzw. Deformierung des Sozialstaates genannt werden können, verläuft diese Debatte, das heißt die Diskussion im Hinblick auf die Erklärungsmuster, die als Deutungen für die Tat angeboten werden, auch innerhalb der einzelnen Medien sehr kontrovers. Unterschiedliche Diskurspositionen lassen sich zwar hinsichtlich bestimmter Tendenzen festmachen (z.B. wird das Thema Schulstruktur im Kontext von Schülergewalt in der FAZ kaum erwähnt, dafür sind dort mit Abstand die meisten Artikel zum Thema mediale Gewalt zu finden), dennoch wird kein Erklärungsmuster eindeutig bejaht oder verneint. Aufgrund dieser konkurrenten Diskussion über die Relevanz der verschiedenen Deutungsmuster, ist die Darstellung erschwert, da es keine eindeutige Positionierung einer Zeitung oder eines Erklärungsmusters gibt. Ein Großteil der Widersprüchlichkeit in der Argumentation der einzelnen Artikel, liegt darin, dass verschiedene inkompatible psychologische oder soziologische Einzeltheorien aneinandergereiht werden, ohne dass herausgestellt wird, inwieweit sie miteinander vermittelt werden können.
Aus darstellungstechnischen Gründen müssen, aber im Sinne der Fragestellung, d.h. die Frage nach den grundsätzlichen Deutungsmustern der Tat, diese Einzelerklärungen nebeneinander gestellt werden, um sie in ihrer Grundform herauszuarbeiten. Natürlich handelt sich insofern um idealtypische Konstruktionen, als die vorgestellten Analysen in dieser Reinform zwar auch, aber nicht immer zu finden sind. Andererseits werden alle Erklärungen, die in längeren Artikeln angeboten werden - meist in der Perspektive dritter Person - zwar nacheinander angesprochen, aber selten miteinander in Beziehung gesetzt, so dass die Darstellung der einzelnen Deutungsmuster in ihren verschiedenen Ausprägungen m.E. die sinnvollste Form der Darstellung meiner Diskursanalyse darstellt. Nach der Analyse der verschiedenen Deutungsmuster bzw. ihrer jeweiligen spezifischen Ausprägung, sollen diese ideologie- bzw. funktionskritisch auf ihre Implikationen untersucht, d.h. in Hinblick auf die Frage, inwieweit gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnisse adäquat reflektiert oder blind reproduziert werden und sie somit affirmativ im Hinblick auf den Status quo wirken. Als letzter Schritt werden diese verschiedenen Muster einer Gesamtinterpretation unterzogen, um abschließend zu bewerten, ob der Diskurs um den Erfurter Amoklauf, seinen Gegenstand richtig erfasst, oder ob entscheidende Zusammenhänge im herrschenden Interesse ausgeblendet werden und so letztendlich ‚alles beim alten’ bleibt.
Bei Aufsehen erregenden Gewaltverbrechen wird in der öffentlichen Debatte, bei der Frage nach den Ursachen von derartigen Gewaltexzessen, oft auf die Rolle von Gewaltdarstellungen in den Medien verwiesen, denen ein ursächlicher oder mitursächlicher Charakter zugeschrieben wird.
Die sog. „Medienschelte“ ist dabei allerdings kein Phänomen der jüngeren Vergangenheit, sondern i.w.S. so alt, wie die Medien selbst. Um nur einige Beispiele, beginnend mit der zweiten großen Entwicklungsphase der Mediengeschichte – der Dominanz der Druckmedien - zu nennen (vgl. Faulstich 1997: 14), lässt sich folgendes stickwortartig skizzierend: Bei der Verbreitung des Buchdrucks werden Bedenken laut wegen der „falschen“ Auslegung der Bibel (womit die Frage nach der schädlichen Wirkung medialer Darstellungen auch immer sowohl die Frage nach gesellschaftlichen Herrschaftsinteressen berührt, wie auch nach Emanzipationsmöglichkeiten), als Zeitungen täglich gedruckt wurden, hieß es, dass Lügen und Verleumdungen verbreitet würden und Weltekel und Sucht erzeugt würde. Bei der Einführung des Kinofilms wurde argumentiert, die Jugend würde moralisch verdorben und kriminalisiert, als der Tonfilm erfunden wurde, sehnten sich die Kritiker nach dem Stummfilm zurück. Die Implementierung von neuen Medien oder Programmformaten (Action, Reality-TV), etc.) führt immer wieder zu „Kulturschocks“ und Diskussionen, die mitnichten auf die Medien selbst, sondern immer auf einen dahinter liegenden Wertekanon verweisen. Deshalb dürfe – so Faulstich – die Frage auch nicht lauten, wogegen sich die Medienkulturkritik richte, sondern wofür sie kämpfe. Die kritisierten Medien hätten dabei die Funktion eine Ablenkungsmanövers, deshalb solle diese Kritik nicht nach ihren Gegenständen, sondern nach ihren impliziten Funktion befragt werden (ebd.: 31). Kultureuphorie wie auch Kulturkritik sei gleichermaßen die Abwehr von Kultur selber, da nicht die Welt zugrunde ginge, sondern nur die Bereitschaft und die Fähigkeit sich gestaltend mit ihr auseinanderzusetzen (ebd.: 33).
So scheint es so sein, dass gerade auch die Pädagogik der Entwicklung neuer Medien und deren Nutzung immer hinterher hinkt. Die fast reflexhaft anmutende Medienkritik, die bei problematischen empfundenen gesellschaftlichen Entwicklungen immer die Diskurse mitbestimmte, zeigt einerseits, dass die Medienschelte eben nicht ausschließlich mit dem diskursiven Ereignis verbunden ist, und nährt so den Verdacht, dass es sich eher um ein ‚Sündenbockkonzept’ handelt könnte, dessen Funktion in einer kognitiven Krisenbewältigung zu sehen ist: die gesellschaftliche Krisenerscheinungen werden herrschaftskonform so bewältigt, dass Probleme auf Nebenschauplätzen ausgelagert werden können, die nicht die herrschende Ordnung berühren. Andererseits macht das Phänomen der Medienschelte, die die Medien seit ihrer Entstehung begleitet und somit immer auch in gesellschaftliche Interessenskonflikte mit eingebunden ist, die Auseinandersetzung mit neuen Medien wie derzeit z.B. Internet etc. nicht überflüssig. Die Entwicklung neuer Medien bedeutet weder, dass dem Medium automatisch schädliche Auswirkungen zugeschrieben werden müssen, noch lässt sich – in abstrakter Negation - mit dem Verweis auf die gängige Medienschelte, eine Generalabsolution erteilen.
Unumgänglich ist m.E. die kritische Auseinandersetzung mit jeder neuen Medienform, wobei sich ein kritisches Urteil eben nur als Resultat einer entsprechenden Analyse ergeben kann und nicht aus den erwähnten vorurteilsbehafteten Denkfiguren. Auch am Beispiel Erfurt muss sich eine kritische Analyse mit dem Argument auseinandersetzen, das neue mediale Formen, in diesem Fall die sog. Ego-Shooter (mit)verantwortlich für das angerichtete Massaker zeichnen.
In dem Erfurter Diskurs ist das Thema mediale Gewalt das Thema, das quantitativ die größte Relevanz besitzt (vgl. Anhang B). Wie oben angesprochen, wird das Thema jedoch sehr kontrovers diskutiert. So finden sich auch in dem Mediendiskurs, der bezogen auf den Erfurter Diskurs, einen Unterdiskurs darstellt, unterschiedliche Positionen zum Thema mediale Gewalt. So ist sowohl die These von einer eindeutigen Medienwirkung zu finden, wie auch die Kritik an diesem stereotyp wirkenden Standardargument. Die Darstellung wird sich deswegen an den Argumentationsmustern orientieren, d.h. es werden zu erst die verschieden Argumentationslinien, die ich analysiert habe, dargestellt. Als zweiter Schritt erfolgt eine theoretische Auseinandersetzung mit der Frage nach der Relevanz von präsentierter medialer Gewalt für die Ausübung realer Gewalt. Durch die Analyse der Medienwirkungstheorien, soll dann herausgearbeitet werden, welche Aspekte des Gegenstands sagbar sind und welche Aspekte aus dem Sagbaren ausgeschlossen werden. Dadurch verspreche ich mir, Denkanstöße zu gewinnen, aus denen über eine mögliche Funktion dieses Themas im Diskurs nachgedacht werden kann. Abschließend sollen die Ergebnisse zusammengefasst dargestellt werden.
Der Anlass, der zur Spekulation über den Einfluss medialer Gewaltdarstellungen auf die Tat von Robert Steinhäuser führt, ist die Entdeckung von Computerspielen und Videokassetten von polizeilichen Ermittlern im Zimmer des Täters. Laut Polizeiinformationen habe der Täter auf seinem PC 35 Spiele gespeichert, in denen es meist um den Besitz von Waffen und deren Einsatz gegangen sei. Dabei gehe es, in diesen Spielen hauptsächlich darum, Menschen zu erschießen, um sich mit Gewalt den Weg zu ebnen. Von den Dutzend Videokassetten, die man fand, waren zwei Kassetten mit Musiksendungen oder Fernsehbeiträgen wie der Lindenstrasse bespielt. Auf den anderen fand die Polizei „dunkle, bluttriefende gewaltverherrlichende Filme“ (vgl. FAZ, Art.29). Seine Musiksammlung enthielt CDs von „Gute-Laune-Gruppen“ wie „Ace of Base“, sowie „Werke der Metal- und Teufelsanbeter-Fraktion“ (vgl. Spiegel, Art.5). Die nachfolgende Argumentationslogik basiert daher schlicht auf der Tatsache, dass bei Robert Steinhäuser die oben genannten Medien gefunden wurden. Allerdings lässt sich aus dem bloßen Besitz von Computerspielen, Musik etc. nicht darauf schließen ob und wie intensiv sie konsumiert wurden. Dementsprechend wird auf die Einschätzung Dritter rekurriert, die als Zeugen für den Medienkonsum angeführt werden. So soll Robert Steinhäuser, nach Aussagen von Mitschülern, begeisterter Spieler des Computerspiels „Counterstrike“ (CS) gewesen sein (vgl. FAZ, Art. 3). Auffallend dabei ist, dass der Medienkonsum nicht als solcher zur Debatte steht und einer systematischen Untersuchung zugänglich gemacht werden soll, sondern dass die Medienhalte, denen eine Wirkung zugeschrieben werden, relativ selektiv von jeweiligen Betrachter vorsortiert sind. Somit ergibt sich eine Reduzierung des Medienkonsums auf die Bestandteile, die jeweils beanstandet werden. Von den gefundenen Computerspielen, Videokassetten und CDs werden nur solche im weiteren Verlauf betrachtet, die als gewaltverherrlichend eingestuft werden. Unbestreitbar ist zwar, dass diese einen großen Teil, der gefunden Medien ausmachen, auf der anderen Seite, lassen sie sich aber auch nicht darauf reduzieren. Welchen Einfluss der Konsum der „Lindenstrasse“ bzw. als „Gute-Laune-Bands“ bezeichnete Musikgruppen auf sein Verhalten gehabt haben könnten, wird daher nicht weiter thematisiert. So wird die Tatsache unterschlagen, dass Robert Steinhäuser anscheinend, wenn auch in unbekanntem Ausmaß, die kritisierten Medieninhalte konsumierte, aber eben nicht ausschließlich. So sollen die als ‚brutal’ etikettierten Spiele, bzw. Lieder eine entsprechende Wirkung auf sein Verhalten haben; warum im Sinne dieser Argumentation, entsprechenden, als harmlos veranschlagte Inhalten, nicht folgerichtig auch eine harmlose Wirkung zugesprochen wird, bleibt offen.
Die Logik der Argumentation verläuft also nach dem Muster, dass aus dem Medienkonsum auf seine Wirkung, in Hinblick auf die Tatdurchführung, geschlossen wird. Allerdings beschränkt sich diese Behauptung sehr selektiv ausschließlich auf den Medien konsum. Selektiv ist daran, dass das Leben von Robert Steinhäuser auf Konsum von Computerspielen und gewaltverherrlichender Musik reduziert wird und andere bedeutungsvolle Erlebnisse, je nach Willkür des Betrachters, ausgeblendet werden. So versteigt sich der „ Spiegel “ zu der Behauptung, seine Welt habe „aus brutalen Computerspielen, Heavy Metal und Waffen [bestanden, F.B.]“ (Spiegel, Art.1: 80). In dieser Linie bewegt sich das Postulat der „Scheinwelt“, in der Robert Steinhäuser gelebt haben soll, die quasi als Gegenwelt zur Realität zu betrachten sei. Robert Steinhäusers Computer sowie andere reale Gegenstande bekommen dabei surrealistische Attribute zugeschrieben. So wird der Metalltisch mit Rollen auf dem sein Computer gestanden hat, als „Altar“ bezeichnet, also als ein Ort, an dem etwas Heiliges, etwas Übersinnliches verehrt wird (vgl. Spiegel, Art. 5). Das Kinderzimmer sei eine bizarre Welt gewesen, in der Robert Steinhäuser gleichzeitig mit Kopfhörern Musik hörte und auf den Bildschirm starrte. Im Sinne dieser ‚Berieselung’ mit künstlichen Reizen wird die Welt von Robert Steinhäuser als „Scheinwelt“ bezeichnet, die zwar eine brutalere, aber für ihn bessere Welt darstellt habe (vgl. ebd.).
Mit dieser Reduktion der Lebenswelt auf die virtuelle Realität, erscheint die Behauptung, mediale Gewalt sei (mit)ursächlich für das Attentat auf die Erfurter Lehrer, doch eher voluntaristisch. Da anhand des bloßen Konsums bzw. des bloßen Ausübens von Computerspielen auf eine ursächliche Wirkung geschlossen wird, ließen sich mit derselben Plausibilität – jedenfalls zunächst - ebenfalls andere Tätigkeiten als für die Tat relevant heranführen. Die Logik dieser Argumentation, nach der jeweils relativ beliebig, die Aspekte aus der Lebenstätigkeit selektiert werden, die dem Betrachter als problematisch erscheinen, also fernab von der subjektiven Bedeutung des Täters (die allerdings auch meist nicht mehr in Erfahrung zu bringen ist), wird von dem Dokumentarfilmer und Oscarpreisträger Michael Moore in seinem Film „Bowling for Columbine“ karikiert. Der Titel des Filmes, der sich u.a. auch mit dem High School Massaker an der Columbine High School (Colorado/USA), bei dem zwei Schüler, zwölf Mitschüler und einen Lehrer töteten, beschäftigt, drückt den Gedanken aus, dass man ebenso das Bowlingspielen der beiden Täter am Morgen vor der Tat, als Ursache für die Tat anführen könne:
“One reason the film is called ‚Bowling For Columbine’ is that, after the massacre, all the pundits and experts started blaming all the usual suspects that are wheeled out for blame whenever a school shooting occurs—evil rock music (in this case Marilyn Manson), violent video games, and bad parenting. My point is that those scapegoats make about as much sense as blaming bowling. After all, Eric and Dylan were bowlers, they took bowling class at Columbine—was bowling responsible for their evil deeds? If they bowled that morning, did the bowling trigger their desire to commit mass murder? Or, if they skipped their bowling class that morning, did that bring on the massacre? Had they bowled, that may have altered their mood and prevented them from picking up their guns. As you can see, this is all nonsense, just as it is nonsense to blame Marilyn Manson. The title suggests other metaphors for the state of the nation which are best left to the viewers and their imagination.”[8]
Allerdings gewinnt die Annahme, dass mediale Gewaltdarstellungen den Täter zu seinem Amoklauf animiert haben könnten, dadurch an Plausibilität, dass Analogien zwischen CS und der Dramaturgie der Tat, gesprochen wird auch von einer „Inszenierung“ der Tat, festgestellt werden. So soll das Computerspiel den „Handlungscode“ für die Tat geliefert haben. Das Spiel diene in diesem Sinne als Handlungsentwurf, quasi als „Blaupause“ für den realen Massenmord. So wird auf mehrere Parallelen zwischen Spiel und der realen Tat hingewiesen. Wie im Spiel benutzte Robert Steinhäuser „Primär- und Sekundärwaffe“, war darauf aus, seine Opfer aufzuspüren und niederzustrecken. Nach Informationen von Polizeichef Grube habe er Türen geöffnet und sie wieder geschlossen, wenn kein Lehrer zu sehen war. Wenn er einen Lehrer gesehen habe, habe er gezielt gefeuert. Die beiden Schüler seien beim Durchschießen der Tür getötet wurden (vgl. Zeit, Art.2). Verkleidet wie ein Ninja-Kämpfer sei er, wie bei CS, von Raum zu Raum gewandert und habe Lehrer getötet. Ein direkter Zusammenhang zwischen dem Spiel und der Tat, die quasi das in die Realität umgesetzte Spiel darstellen soll, drückt sich in Formulierungen aus wie: „Die Software fürs Massaker“ oder der Behauptung, CS sei das perfekte Trainingslager für das Massaker gewesen (FAZ, Art.3; Spiegel, Art. 5). Die Dramaturgie der Tat soll also überdeutliche Parallelen zu einer bestimmten Art von Computerspielen haben, den sog. „Egoshootern“[9]. Die ausgemachten Parallelen beziehen sich dabei in erster Linie auf ‚oberflächliche’ Gemeinsamkeiten wie auf die Art der Kleidung bzw. die Art der Durchführung. In diesem Zusammenhang erscheinen Behauptungen, das Spiel sei quasi das in die Tat umgesetzte Computerspiel, das durch Rainer Heises mutige Intervention unterbrochen worden sei (durch das persönliche Ansprechen, soll der Lehrer keine bloße Silhouette in einem Computerspiel gewesen sein, sondern ein reales Gesicht [vgl. Spiegel, Art. 5]), eher eine Art willkürliche Analogiebildung zu sein, bei der jeweils die Elemente, die offensichtliche Parallelen aufweisen, rezipiert werden und andere, die dieser Sicht einer deterministischen Wirkung des Spiels zu widersprechen scheinen, außen vor bleiben. So wird auf den Inhalt des Spiels selber nur an anderer Stelle eingegangen, wobei der unterschiedliche Kontext des Spiels unberücksichtigt bleibt. Die Tatsache, dass CS inhaltlich mit dem Kontext Schule nichts zu tun hat, bleibt ausgeblendet (s.u.).
Der Verweis auf die medialen Präsentationen, die für Robert Steinhäuser eine brutale, bessere Welt dargestellt haben sollen, gehen meist mit normativen Be- bzw. Abwertungen, die kritisierten Medien einher. Am deutlichsten positioniert sich hier der Spiegel. In reißerischer Manier, werden hier populistisch, verschiedene, von Robert Steinhäuser präferierte, Bands und Spiele in ähnlicher Wiese dämonisiert, wie ein paar Jahrzehnte zuvor die Rock n´ Roll Musik. So wird die Musik der Heavy Metal Band „Slipknot“ als Musik bezeichnet, die keine mehr sei, als „Irrsinn“, den Robert Steinhäuser sich anhörte und dabei „hasste“ (vgl. Spiegel, Art. 1). An anderer Stelle wird der kritisierten Musik ebenfalls der Musikcharakter abgesprochen. So habe er sich dieses „Zeug“ angehört, während er vor dem Computer saß und das „Brutalste“ und „Bestialischste“, also das „Begehrteste“ (!) spielte, was auf dem Computerspielmarkt angeboten werde (vgl. Spiegel, Art. 5). Allgemein firmiert dieser Teil der Unterhaltungsindustrie unter dem Begriff „Hassindustrie“ (vgl. etwa Spiegel, Art. 7). Diese Hassindustrie wird nun dadurch gekennzeichnet, dass sie analog zu einer Liebes- und Glücksindustrie, „Hass“ als Ware vermarkte. Durch das Internet werde eine neue Gemeinschaft der Hassenden gestiftet. Im Internet gebe es die Plattform, um ohne Hemmungen, dass auszusprechen, was sie radikal mache. Im Gegensatz zu extremer politischer Ideologie müsse hier der Hass nicht mit einem Weltbild kaschiert werden (vgl. FAZ, Art. 14). Die „Hassindustrie“ wird also als Zuliefererbetrieb gesehen, die einem die Möglichkeit gibt, sein Gefühl, entgegen sonstiger zivilisatorischer Hemmungen, Ausdruck verleihen zu können. „Hass“ wird i.d.S. als unhinterfragbare Letztheit gesehen, die inhaltslos für jede Form von Aggressivität verantwortlich sein soll. In welchen Prämissen dieses Gefühl begründet ist, bzw. welche „Feindbilder“ strukturell nahe gelegt werden, wird dabei nicht thematisiert.
Die beschriebenen - eher auf Äußerlichkeiten - beruhenden Parallelen zwischen dem Spiel CS und dem Attentat auf die Erfurter Lehrer werden zur Verplausibilisierung der These angeführt, dass die sog. Ego-Shooter bzw. Gewaltvideos Robert Steinhäuser zu der Tat animiert haben könnten. Auch wenn man nicht wissen könne, wie genau im konkreten Fall, der Täter von Video-Gewalt geleitet wurden sei, sei es eine Tatsache, dass Bilder Macht haben und gewaltexzessive Filme entsprechende Auswirkungen. So spricht Heribert Prantl in der SZ von einem „Automatismus zur Tat“. Als Beispiel führt er die Ermordung eines kleinen Jungen in Liverpool durch zwei Zehnjährige an, die als Vorlage für die Tat, einen Film gehabt hätten, bei dem eine Puppe, die von Bösen besessen ist, zerstückelt wird (SZ, Art. 6). Er fordert – in diesem Sinne konsequent – eine Produkthaftung für gewalttätige Medieninhalte. Die Idee, „die Profiteure der Gewalt“ zivilrechtlich anzugreifen, stammt ursprünglich von dem Anwalt und Bestsellerautor John Grisham, der vor einigen Jahren den amerikanischen Regisseur Oliver Stone verklagt hatte, weil jugendliche Serientäter seinen Film „Natural Born Killers“ als Vorlage für ihre „Schlächtereien“ benutzt hätten, bei dem eine befreundete Person so stark verletzt wurde, dass sie seitdem im Rollstuhl saß. Grisham verglich den Film mit einem explodierenden Toaster, mit dem Unterschied allerdings, dass bei ersterem die Explosion im Kopf und nicht in der Hand stattfände (vgl. FAZ, Art. 16)[10]. Der Vergleich suggeriert, dass der Zusammenhang zwischen der Rezeption von Gewaltvideos und realem Handeln sich ebenso in physikalischen Kategorien beschreiben lässt, wie der explodierende Toaster. Die gewählte Metapher drückt die Position im Diskurs aus, die am deutlichsten an der Vorstellung eines deterministischen Kausalzusammenhangs orientiert ist. Dementsprechend wird das Verhalten der Rezipienten im Bedingheitsdiskurs formuliert, der ein „bewusstes Verhalten zu“, per definitionem ausschließt. Wie ein Toaster unter bestimmten, wiederholbaren Bedingungen, explodiert, so eskaliert auch der Konsum von gewalthaltigen Filmen unter bestimmten Bedingungen in Ausübung von realer Gewalt. Ähnlich deutlich äußert sich der bereits erwähnt FAZ -Artikel, der entsprechend titelt: „Die Software fürs Massaker“ (FAZ, Art.5). Niemand werde mehr ernsthaft bestreiten, dass sich virtuelle Gewalt auch real entladen könne (FAZ, Art. 8). So wird ein direkter Zusammenhang zwischen dem virtuellen Töten auf dem Bildschirm und dem realen Töten der Lehrer hergestellt. So soll Robert Steinhäuser das Töten per Kopfschuss am Computer geübt haben, was nach Polizeiangaben mit verantwortlich dafür sei, dass es wenig Verletzte und gleich Tote gegeben habe (vgl. SZ, Art.8).
In diesem Zusammenhang wird gleichzeitig das reale Schiessen, bei dem ja immerhin auf motorischer Ebene, die Handfertigkeiten für das Bedienen von Waffen real eingeübt werden, für seine pädagogisch wertvollen Auswirkungen auf das Verhalten der Heranwachsenden, gegen Verdächtigungen in Schutz genommen. Der Schützenverein, wo Robert Steinhäuser Mitglied war, sei nicht mit den kritisierten Computerspielen zu vergleichen, da dort die kontrollierte Ausübung eines Sports im Mittelpunkt stehe, und nur auf Zielscheiben geschossen werde. Das „entgrenzende Moment“ der Tat, sei nicht dem Schiessen auf Scheiben entsprungen, sondern entstamme einer Phantasie, die an kruden Konfliktlösungsmodellen orientiert gewesen sei. In diesem Sinne habe sich der Täter offensichtlich mehr an virtuellen (Videokassetten und Spielen, in denen derjenige gewinnt, der sich mit Waffengewalt den Weg bahnt) als an wirklichen Rollenvorbildern orientiert (vgl. FAZ, Art.8; SZ, Art.8). Die Frage inwieweit, die Wirklichkeit getrennt von der digitalen Welt gesehen werden kann, oder ob gerade der Inhalt der Spiele eher Ausdruck der Realität ist, wird in diesem Zusammenhang, zugunsten einer eindeutigen Polarisierung zwischen einer intakten Realität und einer „kruden“ virtuellen Welt, ausgeblendet.
Verplausibilisiert wird die Behauptung einer direkten Wirkung auf das Handeln der Rezipienten, mit dem Verweis auf wissenschaftliche Studien, die eben diesen Zusammenhang untersuchen und zum Beleg dieser These, als beweiskräftige Zeugen herangezogen werden (vgl. FAZ, Art. 8,23; Zeit, Art. 3; Spiegel, Art. 7). Auf eine Studie wird dabei am häufigsten rekurriert. Dies mag zum einen daran gelegen haben, dass die veröffentlichen Ergebnisse zu diesem Zeitpunkt gerade einmal einen Monat alt waren, also dementsprechend aktuell. Und zum anderen handelt es sich bei ihr um eine Längsschnittstudie von durchaus beeindruckendem Ausmaß. Exemplarisch möchte ich sie deshalb vorstellen und zeigen, dass die Rezeption der Studienergebnisse teilweise problematisch ist und so den Sachverhalt verfälscht.
Der FAZ -Artikel „´Mehr Fernsehen mehr Gewalt´. Eine Studie belegt die Verbindung von Medienkonsum und Aggression“ (vgl. Art. 8) bezieht sich auf die – zu diesem Zeitpunkt - kürzlich veröffentlichten Ergebnisse einer Studie (29.3.02) die von der Forschergruppe um den amerikanischen Psychologen Jeffrey G. Johnson (2002) von der Columbia University und dem New York State Psychiatric Institute vorgelegt wurden (für eine deutschsprachige Zusammenfassung der Ergebnisse vgl. Gebel 2002). Im Gegensatz zu früheren Studien handelt es sich bei der „Children of the Community Study“ um eine Längsschnittstudie, die über den Zeitraum von 17 Jahren (1975-1993) 707 Familien mit einem Kind von damals durchschnittlich sechs Jahren beobachtete. Untersucht wurde dabei das Fernsehverhalten der Jugendlichen (quantitativ nach der Stundenanzahl) und etwaiges späteres Auftreten aggressiver Verhaltensweisen. Als Resultat fanden die Forscher einen signifikanten Zusammenhang zwischen der vor dem Fernseher verbrachten Zeit innerhalb des Zeitraums von Jugend und frühem Erwachsenenalter und der Wahrscheinlichkeit nachfolgender aggressiver Handlungen gegenüber anderen, heraus. Der Zusammenhang blieb – so das Ergebnis – auch signifikant nachdem andere Einflüsse (Kovariablen), die mit aggressivem Verhalten korrelieren, statistisch kontrolliert wurden. Dazu zählten Vernachlässigung in der Kindheit, Familieneinkommen (Armut), Gewalttätigkeit in der Nachbarschaft, geringe Bildung der Eltern und psychische Erkrankungen. Da es sich nur um die Veröffentlichung der Ergebnisse handelt, wird nicht weiter auf die konkrete Durchführung eingegangen. So wurde z.B. das Konstrukt „Vernachlässigung in der Kindheit“ anhand anschlägiger Daten der zuständigen Ämter überprüft, sowie über retrospektive Betrachtungen der Mütter (die Väter waren anscheinend davon ausgenommen). Offen bleibt m.E., ob und wie dieses Konstrukt operationalisiert wurde, da bei einer direkten Befragung zumindest offen wäre, inwieweit davon ausgegangen werden kann, dass Mütter - auch angesichts der herrschenden Mutterschaftsideologie - freimütig über Vernachlässigungen ihrer Kinder berichten würden. Ohne entsprechende Informationen ist natürlich eine Bewertung der Untersuchung schwierig. Bezug nehmen kann man allerdings auf die – von den Autoren – selbst präsentierten Ergebnissen. Zusammenfassend kommen sie zu dem Schluss, dass die Verbindung von Fernsehkonsum bei Jugendlichen und frühen Erwachsenen und der erhöhten Wahrscheinlichkeit von gewalttätigen Handlungen gegenüber anderen, nur teilweise durch die erwähnten Hintergrundvariablen, die mit Fernsehkonsum und aggressivem Verhalten korrelieren, aufgeklärt werden kann. Allerdings merken die Autoren explizit an, dass eine starke Kausalität nicht ohne die Durchführung eines kontrollierten Experiments zu bestätigen sei. Auch sei nicht auszuschließen, dass noch andere Hintervariablen, die nicht statistisch kontrolliert wurden, verantwortlich für diese Zusammenhänge seien (vgl. Johnson 2002: 2470). Die Autoren führen weiter aus, dass die entdeckten Zusammenhänge auch im Einklang mit der Annahme einer Wechselwirkung zwischen Fernsehkonsum und aggressivem Verhalten stünden. Obwohl aggressive Individuen mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen mögen als andere, scheint – so vermuten die Forscher - diese Tendenz (gemeint ist wahrscheinlich die zeitliche Abfolge) nicht den Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und aggressivem Verhalten zu erklären (ebd.).
Auf diese Studie rekurriert – wie gesagt – auch der erwähnte FAZ -Artikel. Zu Beginn wird darauf hingewiesen, dass Statistiken nie die Ursachen für eine Einzeltat offen legen könnten, sie seien jedoch in der Lage, einzelne Faktoren herauszufiltern, die die Gewaltbereitschaft förderten (vgl. FAZ, Art. 8). Anschließend wird die Durchführung der Untersuchung - m.E. korrekt - dargestellt. Problematisch ist allerdings die Interpretation der Untersuchungsergebnisse:
„Bei der erhaltenen Statistik [Korrelation zwischen früherem Fernsehkonsum und späterer Gewaltausübung, F.B.] schlossen die Forscher anschließend sorgfältig bestimmte Einflüsse wie Vernachlässigung in der Kindheit […] aus, die nach Untersuchungen die Gewaltbereitschaft erhöhen. Das Ergebnis der Untersuchung lässt keine Zweifel: Je länger Heranwachsende vor dem Fernseher sitzen, umso häufiger werden sie als Jugendliche oder junge Erwachsene gewalttätig. Das gilt vor allem für Jungen: Sitzen Vierzehnjährige im Durchschnitt weniger als eine Stunde am Tag vor dem Fernseher, greift ungefähr jeder zwölfte im Alter zwischen sechzehn und zweiundzwanzig Jahren andere Menschen tätlich an.“ (ebd.)
Durch diese Interpretation werden die Ergebnisse m.E. schlicht verfälscht. Die Forschergruppe selbst, spricht ausdrücklich von Wahrscheinlichkeiten. Im Artikel wird daraus ein Determinismus, der jeder Grundlage entbehrt, da ein zeitlicher Zusammenhang kein kausaler sein muss, und in der Studie lediglich Häufigkeiten zweier Merkmale in Beziehung zueinander gesetzt werden. Weiter schlossen die Wissenschaftler Hintergrundvariablen nicht aus, sondern räumten ja gerade ein, dass nicht ausgeschlossen werden könne, das weitere existieren könnten, die für den Zusammenhang relevant seien. Behauptet wurde nur, dass die gängigen sozialen „Faktoren“, die von Studien für Gewaltanwendungen verantwortlich gemacht werden (vgl. z.B. Prokop 2000: 237f.), diesen Zusammenhang nicht in Gänze aufklären könnten. Durch diese Darstellung, wird jedoch entgegen der eingangs getroffenen Feststellung, aus einem „Faktor“ letztendlich die alleinige Ursache gemacht. So wird von der FAZ aus einer Korrelation ein Kausalzusammenhang gemacht. Die Autoren der Studie neigen zwar auch zu einer kausalen Interpretation der Korrelation (vgl. Gebel 2002: 143), räumen aber indirekt ein, dass dies aus der Korrelation selbst nicht abzuleiten sei. Der gemessene Korrelationskoeffizient ist bekanntlich nur ein Maß für den Gleichklang in den Daten der untersuchten Variablen. Entsprechend sagt eine Korrelation bzw. die Höhe der Korrelation nichts über einen Zusammenhang aus. Zum einen lassen sich Korrelationen auf reinen Zufall zurückführen (vgl. z.B. die berühmte positive Korrelation vom Rückgang der Storchenpopulation und der Sinken der Geburtenrate bei Menschen), zum anderen lässt sich die Frage nach der Kausalität und Richtung der Kausalität nur durch die Analyse Forschungsgegenstandes selber klären. Weiterhin können beide Variablen – wie auch eingeräumt wird – selber durch weitere Hintergrundvariablen verursacht sein, die nicht immer bekannt sein müssen. Aber auch wenn ein Zusammenhang tatsächlich nachgewiesen ist, ist es weiterhin fraglich, ob dieser kausalanalytisch oder besser begründungstheoretisch zu begreifen ist (s.u.)[11].
Dass die Studie nur die bloße Verweildauer gemessen habe (s.u.) und vom Inhalt dementsprechend abgesehen hat, mindere aber – nach Ansicht der Spiegel -Autoren die Überzeugungskraft nicht (vgl. Spiegel, Art. 7). So scheint es im Grunde gleichgültig, was die Kinder an Inhalten rezepieren (ebd.). Im Gegensatz dazu, bezieht sich die Debatte um den Amoklauf von Erfurt ausschließlich auf die Auswirkungen medialer Gewalt (s.u.). Durch die Abstraktion vom Inhalt, wird aus der These, dass medialer Gewaltdarstellungen mit der Ausübung realer Gewalt korrespondieren, eine ganze andere These: Medienkonsum macht Jugendliche bzw. Erwachsene generell gewalttätiger. Woraus dann allerdings die Konsequenz resultiert, dass entweder der gesamte Fernsehkonsum reduziert werden muss oder aber, dass, da ja Fernsehen generell aggressiver macht, es dementsprechend auch gleichgültig sein dürfte, um welche Inhalte es sich handelt. Der erwähnte FAZ -Artikel hält die Studie aber deshalb für glaubwürdig, da sechzig Prozent aller Fernsehprogramme Gewaltszenen enthielten (vgl. FAZ, Art. 8). Da bliebe dann m.E. aber dennoch nachzufragen, welche Wirkung dann die verbleibenden vierzig Prozent haben.
Erstaunlich ist überhaupt, dass der Fernsehkonsum nur quantitativ und nicht qualitativ erhoben wurde. Damit wird der Zusammenhang zur Mediengewalt, bloß spekulativ hergestellt wie Hausmanninger problematisiert (2003: 24). Bloß weil das Fernsehprogramm auch Gewalt enthalte, könne auf Gewaltwirkungen geschlossen werden. Als solcher Schluss vom Programminhalt auf Verhaltensänderungen ist jedoch – so Hausmanninger – problematisch, da nicht die Nutzungsweisen und Programmpräferenzen mit erfasst werden. Für Hausmanniger ist daher das gesamte Ergebnis – allein die Quantität des Fernsehkonsums soll aggressiv, gewalttätig und kriminell machen unabhängig davon, welche Formate gesehen werden – „derart verblüffend, dass es eher Anlass zur Frage nach einsichtigeren Gründen der gemessenen Aggressions-, Gewalt- und Delinquenzsteigerung ist, als die Darlegung solcher Gründe“ (ebd.).
[1] Der Begriff „Amoklauf“ bzw. „Amokläufer“ wird im Diskurs uneindeutig bis widersprüchlich diskutiert. Die Bandbreite reicht von einem alltagssprachlichen Gebrauch, wo unter einem Amoklauf ein irrationaler, pathologischer, eruptiver, wahnhafter (selbst-) mörderischer Gewaltausbruch verstanden wird, bis zu hin zu Positionen, die sich an klinischen Definitionen anlehnen, die das Phänomen Amok als „kulturgebundenes psychiatrisches Krankheitssyndrom“ (Wetter 2002) betrachten (vgl. FAZ, Art. 5,12 ; FR, Art. 2, 8 ; SZ, Art. 3; Zeit, Art. 2).
In der klinischen Psychologie wird versucht, mit Hilfe der festgestellten psychopathologischen Gemeinsamkeiten von Amoktätern, ein Ablaufbild eines typischen Amoklaufs zu konstruieren (vgl. Wetter 2002). Der Versuch Gemeinsamkeiten bezüglich der Psychopathologie des Täters herauszuarbeiten, gestaltet sich dabei schwierig, da die Täter vor der Tat „auffällig unauffällig“ (s.u.) sind und nach der Tat meistens nicht mehr am Leben. So fehlen reliable und valide Daten zur Charakterisierung der Täter. Allgemeiner Konsens besteht aber darin, „dass es sich bei den Tätern in der Regel um narzisstische oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen handelt“ (ebd.). Aktuelle Untersuchungen gehen davon aus, dass jede zweite Amoktat von einem akut psychischen kranken Täter durchgeführt wird. Forensisch müsse die Bewertung der Tat als Bewusstseinsstörung diskutiert werden: Auch wenn der Auslöser der Tat überraschend und kurzfristig sei, sei die Tat meist gut vorgeplant und vorbereitet. Fraglich sei daher, ob die strafrechtliche Verantwortung hier eingeschränkt werden könne, denn wenn die eigentliche Tötungsabsicht in einem Zustand getroffen wurden sei, wo die Entscheidung zu der Tat nicht durch eine nennenswerte Geistesstörung beinträchtig gewesen sei, dann wäre der spätere Kontrollverlust bei der Tatausübung als weniger gravierend zu bewerten (vgl. ebd.).
Da diese Charakterisierung von Amokläufern bzw. Amokläufen bewusstes, intentionales Handeln nicht per se ausschließt, kann der Begriff Amoklauf m.E. ohne Anführungsstriche in einem, der Spezifik menschlichen Handelns adäquaten, Diskurs über „begründetes Handeln“ verwendet werden (vgl. Kap. III A 4 a), so dass nicht von vornherein, weiterführende Fragen durch Pathologisierungen des Täters abgeschnitten werden müssen, sondern Amokläufe als begründetes Verhalten potentiell konzeptualisierbar bleiben. Ich verwende „Amok“ in diesem Sinne als neutrales Beschreibungskonzept, da Spekulation über den psychischen Zustand von Robert Steinhäuser hier nicht am Platz sind. Unter einer Amoktat verstehe ich daher exzessive Gewalttaten, „bei denen in der Regel [scheinbar wahllos] Menschen umgebracht oder verletzt werden und der oder die Täter dabei den eigenen Tod billigend in Kauf nehmen oder sich hinterher selbst töten“ (ebd.; Klammer: F.B.).
[2] Hier taucht ein Problem auf, das sich durch viele Formulierung Jägers zieht: Subjekte werden grammatikalisch und auch inhaltlich als Objekte dargestellt. So ist oft von „Wirkung“ der Diskurse u.ä. die Rede, wobei natürlich – wie Jäger an anderer Stelle betont – nur Subjekte handeln können. Allerdings wird so m.E. der Eindruck erweckt, als gäbe es eine Art Determinationszusammenhang zwischen dem Diskurs als ‚Über-Subjekt’ und dem Individuum als bloße ‚Knetmasse’. Sicherlich gibt es keine individuelle Subjektivität außerhalb von Gesellschaft, insofern auch nicht außerhalb von diskursiven Formationen, dennoch kann sich trotzdem jedes Subjekt – zumindest potentiell - bewusst zu die jeweiligen Diskursen verhalten; zumal ja kein gesamtgesellschaftlicher Diskurs in dem Sinne existiert, dass er als homogen zu bezeichnen wäre. Deswegen wäre es m.E. sinnvoller, davon zu sprechen, dass die Individuen in dem Maße an den Diskurse ‚weiterstricken’, wie sie sie als funktional im Sinne ihre subjektiven Lebensinteressen erfahren. Nach Holzkamp sind i.d.S. Diskurse „in ihrer den Individuen zugekehrten Seite als ‚gesellschaftliche Bedeutungsstrukturen’ aufzufassen – d.h. als bestimmte verallgemeinerte Handlungsmöglichkeiten und Handlungsbeschränkungen, die von Individuum übernommen, aber auch in bewusstem ‚Verhalten’ dazu reflektiert und verändert werden können“ (Holzkamp 1997: 288f.). Das Verhältnis Diskurs und Individuum stellt sich dann so dar: Diskurse als gesellschaftliche Bedeutungskonstellationen beinhalten Handlungsmöglichkeiten und Handlungsbeschränkungen, die als Prämissen in die interessenfundierten Handlungsgründe der Individuen eingehen (vgl. ebd.). So haben z.B. institutionell-rassistische Diskurse die Funktion, die Prämissenlage so einzuschränken (‚Ausländer leben auf unsere Kosten’), dass die Begründungsmuster individueller Handlungen im Sinne herrschender gesellschaftlicher Interessen beeinflusst werden (vgl. ebd.: 294).
Die Rede von ‚Wirkungen’ ist auch deshalb problematisch, weil eine Diskursanalyse, die z.B. Diskurse in den Printmedien zum Gegenstand hat, sich auf einer gesellschaftlichen Ebene bewegt (wenn sie Aussagen über den gesamten Mediendiskurs machen will) und nicht auf der Ebene individueller Subjektivität. Inwieweit Individuen, die diskursiven Elemente für sich als Handlungsprämissen akzentuieren, ist empirisch offen und im Rahmen einer solchen Untersuchung nicht zu beantworten.
[3] Obwohl Jäger sich explizit gegen sprachmagische bzw. idealistische Missverständnisse ausspricht, d.h. gegen die Vorstellung, dass Sprache selber Wirklichkeit verändern könne bzw. Wirklichkeit nur über Diskurse hergestellt werde (obwohl er auch dort widersprüchlich argumentiert), erwecken solche Formulierungen den Anschein, als seien Individuen quasi grundlos bzw. durch fortlaufende Verabreichung von Inhalten, Symbolen und Strategien (vgl. Jäger 2001c: 169f.) dazu motiviert, z.B. ausländerfeindliche Symbolik zu verinnerlichen. Allerdings bleibt dann die Frage offen, wieso manche sich von rassistischen Diskursen beeinflussen lassen und andere nicht. Wie schon in der obigen Fußnote angesprochen, besteht prinzipiell die Möglichkeit sich bewusst zu z.B. ausländerfeindlichen Diskursen zu verhalten und die angebotenen Prämissen zurückzuweisen. Jäger selbst, ist das beste Beispiel dafür, dass ohne eine Distanzierungsmöglichkeit von Diskursen bzw. Auswahlmöglichkeit zwischen mehreren Diskursen für je meine Handlungsbegründungen, eine kritische Analyse gar nicht denkbar ist. Wenn man also die Akzeptanz von ausländerfeindlichen Diskursen nicht tautologisch aus sich selbst heraus erklären will – die Menschen akzeptieren diese Kollektivsymbolik und die damit verbundene Sichtweise, weil sie gelernt haben, sie zu akzeptieren – muss man die subjektive Grundlage der Wirkmächtigkeit solcher Diskurse analysieren. Nach Osterkamp wurzelt die subjektive Grundlage für die Akzeptanz rassistischen Gedankenguts in der Angst, durch die gesellschaftliche Entwicklung – gerade in Krisenzeiten – überrollt, ins Abseits gedrängt zu werden. Das Deutungsangebot die Ausländer als „Flut“ wahrzunehmen, biete eben die Möglichkeit, die wirklichen gesellschaftlichen Ursachen von z.B. wirtschaftlicher Krise zu verdrängen und nach der Logik des geringsten Widerstandes, den Konflikt mit den Herrschenden zu vermeiden, um ihn anderer Stelle auf Kosten der jeweils Schwächeren (vermeintlich) zu lösen (vgl. Osterkamp 1991: 53). Insofern wirken Jägers Formulierungen, gerade da, wo es um ‚Wirkungen’ von Diskursen geht, doch wieder idealistisch, da das Bewusstsein nicht in Auseinandersetzung mit dem je konkreten Sein steht, also mit den jeweiligen gesellschaftlichen Lebensbedingungen, sondern unabhängig davon, einfach schon deshalb von Diskursen konstituiert wird, weil es sie gibt. Warum aber gerade spezielle Diskurse zu bestimmten Zeiten hegemonial sind und andere nicht, bleibt dabei unbeantwortet.
[4] So arbeitet z.B. Holzkamp (1997: 300-341) vor dem Hintergrund des Ansatzes der Kritischen Psychologie heraus, dass im psychoanalytischen Rassismusdiskurs, Rassismus nur als individual-pathologisches Phänomen diskutierbar sei. Es bliebe so ausgeblendet, das Rassismus nicht Ausfluss individueller Aggressivität sei, sondern das für Individuen in widersprüchlichen gesellschaftlichen Lebenslagen staatlich-rassistische Bestechungsangebote zu Prämissen werden könnten, je nach dem, ob sie als im subjektiven Lebensinteresse liegend betrachtet würden oder ob die Individuen ihre kurzfristige Privilegierung auf Kosten anderer wegen der darin liegenden Selbstentmächtigung, nicht in ihrem Lebensinteresse aufgehoben sähen. Rassistische Handlungen von Individuen seien daher, von deren Standpunkt aus, als in ihrem Lebensinteresse begründet anzusehen. Die Prämissenlage sei dabei insofern widersprüchlich, als das rassistisch handelnde Individuum um der Sicherung kurzfristiger Vorteile willen, möglicherweise seine langfristigen Lebensinteressen dadurch verletze, dass es seine eigene Machtlosigkeit gegenüber den herrschenden Verhältnissen durch Akzeptanz des ‚Teile-und-Herrsche’-Prinzips verstärke, und damit die allgemeine Ausbeutung in der Klassengesellschaft festige. So wird dann der psychoanalytische Rassismusdiskurs als Konfliktvermeidungsstrategie mit den Herrschenden charakterisiert, weil er selber Konflikte abwehre. So handele es sich bei Rassismus nicht um Projektion von frühkindlichen Konfliktkonstellationen und der daraus erwachsenen Aggressivität in die Gegenwart, sondern umgekehrt würden die, aus der gegenwärtigen Situation (den gesellschaftlichen Widerspruchsverhältnissen) entstandenen Aggressionen, in die Vergangenheit verlagert, was entsprechend den Vorteil habe, sich nicht mit gesellschaftlichen Konflikten auseinander setzen zu müssen.
[5] Ich möchte hier nicht zwei unterschiedliche Diskursbegriffe – von Habermas bzw. Foucault – miteinander vermischen. Nützlich ist es aber - aus ideologiekritischer Sicht - das idealtypisches Kriterium „Herrschaftsfreiheit“ als Hinweis oder Unterscheidungsmöglichkeit von ideologischen (im herrschaftslegitimierenden Sinn) und weniger ideologischen Diskursen zu verwenden.
[6] Marx spricht in diesem Zusammenhang von der Verwandlung uneigennütziger Forschung in bezahlte Korbflechterei, die sich, aus dem, mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zuspitzenden Klassenantagonismus zwischen Proletariat und Bürgertum, erkläre (Marx 1998: 21)
[7] Innerhalb der Erziehungswissenschaften versucht Andreas Gruschka in seiner „Negativen Pädagogik“, die Widersprüche einer Disziplin aufzudecken, die entstehen, wenn die Widersprüche zwischen pädagogischer Theorie und seiner Praxis nicht in seiner gesellschaftlichen Vermittlung herausarbeitet werden, sondern Theorie – blind für den gesellschaftlichen Kontext - diese Widersprüche verschleiert, indem sie, für eine schlechte Praxis, statt sie auf den Begriff zu bringen, auch noch ihre „wissenschaftliche“ Rechtfertigung leistet, also quasi-legitimatorische Funktion erfüllt (vgl. Gruschka 1988, auch 1994). Ähnlich argumentiert Huisken (1991,1992), der ebenfalls an der Erziehungswissenschaft kritisiert, dass sie nicht an der stattfindenden Erziehung in den gesellschaftlichen Institutionen, die Inhalte und Methoden analysiere, um von da aus Kritik zu üben oder zu zustimmen (und deshalb nicht in der Lage ist, Widersprüche zwischen Erziehungsbegriff und Erziehungswirklichkeit herauszuarbeiten), sondern dass die gesellschaftliche Wirklichkeit von vornherein im Licht eines erfundenen pädagogischen Ideals gedeutet werde, um von diesem Standpunkt aus – widersinnigerweise – die Wirklichkeit als schlechte Bedingungen für das Gelingen des pädagogischen Zwecks zu kritisieren. Das Problematische bestehe dann darin, dass solche Kritik nur konstruktiv sein könne, da sie den ausgedachten pädagogischen Zweck als Hauptbewegungsmoment pädagogischer Institutionen und Mittel, wie Schule, Notengebung etc., einfach unterstelle. Die Folge sei, dass z.B. an der Notengebung „herumproblematisiert“ werde, ob und wie sie ihre Funktion am besten erfüllen könne. Da sich diese Kritik von vornherein nur auf den unterstellten Zweck beziehe, stehe die eigentliche Funktion von z.B. Noten, selber nicht zur Disposition. Wer bei der Notengebung haufenweise Probleme entdecke, statt zu erkennen, dass sie selbst das Problem ist, werde dann nie mehr ein Kritiker der Leistungskonkurrenz.
[8] Online im Internet: URL: http://www.bowlingforcolumbine.com/about/faq.htm [Stand 2003-01-14]
[9] Für das Genre der „Egoshooter“, auch First-Person-Shooter genannt, ist charakteristisch, dass der Spiele aus der Ich-Perspektive spielt. Im Gegensatz zu anderen Spielen ist die Spielperson nicht aus einer Drittperspektive (von oben oder von der Seite) sichtbar, sondern betrachtet das Spielgeschehen quasi mit den Augen der Spielfigur. Ähnliche Perspektiven lassen sich auch in Horrorfilmen wie z.B. „Halloween“ finden, bei dem manche Einstellungen aus der Ich-Perspektive des Täters gedreht sind. Problematisiert wird daran, die größere Indentifikationsmöglichkeit des Spielers/Zuschauers mit dem Akteur, da hier die entsprechende Außensicht, mit der eine größere Distanzierungsmöglichkeit gegeben sein soll, fehlt („radikale Subjektivierung des Blicks“) (vgl. Spiegel, Art. 7).
[10] Auch in Deutschland wurde von einem Münchener Anwalt erwogen, auf dieser Argumentationsgrundlage (der Produkthaftung) Klage gegen Produzenten von Gewaltvideos und Waffen zu erheben (vgl. FR, Art. 13). Mandanten waren bis zu diesem Zeitpunkt allerdings noch keine in Sicht.
[11] Das bedeutet nicht, dass Korrelation generell wertlos sind, sie können aber m.E. nur den Auftakt einer Analyse darstellen, da sie auf mögliche Zusammenhänge hinweisen bzw. Kausalzusammenhänge widerlegen können, diese aber nicht beweisen können.
v166383
Amoklauf Kritische Psychologie Schulkritik Medienwirkungsforschung Diskursanalyse Persönlichkeitskonzepte Psychologiekritik
Florian Bödecker (Autor)

References: Art. 5
 Art. 10
 Art.29
 Art.5
 Art. 3
 Art.1
 Art. 5
 Art.2
 Art.3
 Art. 5
 Art. 5
 Art. 1
 Art. 5
 Art. 7
 Art. 14
 Art. 6
 Art. 16
 Art.5
 Art. 8
 Art.8
 Art.8
 Art.8
 Art. 8
 Art. 3
 Art. 7
 Art. 8
 Art. 8
 Art. 7
 Art. 8
 Art. 5
 Art. 2
 Art. 3
 Art. 2
 Art. 7
 Art. 13