Source: https://www.proasyl.de/news/die-griechisch-tuerkische-grenze-darf-nicht-zur-menschenrechtsfreien-zone-werden/
Timestamp: 2020-07-05 21:23:18+00:00

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Die griechisch-türkische Grenze darf nicht zur menschenrechtsfreien Zone werden! | PRO ASYL
»Wir sind auch nur Menschen« - Szenen an der europäischen Außengrenze 2020. Foto: picture alliance / Ahmed Deeb / dpa
Trä­nen­gas gegen schutz­su­chen­de Men­schen (dar­un­ter Kin­der) an der tür­kisch-grie­chi­schen Gren­ze. Boo­te mit flie­hen­den Men­schen auf der Ägä­is, die erst spät geret­tet wer­den oder beim Anlan­den von einer auf­ge­brach­ten Men­ge abge­hal­ten wer­den: Die aktu­el­len Bil­der aus Grie­chen­land sind scho­ckie­rend. Vie­le Men­schen fra­gen sich, wie­viel die Men­schen­rech­te an den euro­päi­schen Gren­zen noch wert sind.
PRO ASYL for­dert fol­gen­de Maß­nah­men, um eine wei­te­re Eska­la­ti­on zu ver­hin­dern:
Sofor­ti­ge Eva­ku­ie­rung aller Flücht­lin­ge von den grie­chi­schen Inseln: Ange­sichts des huma­ni­tä­ren Not­stan­des ist ein groß ange­leg­tes Auf­nah­me­pro­gramm aus Grie­chen­land not­wen­dig: Die Hot­spots müs­sen geräumt wer­den, Schutz­su­chen­de auf das grie­chi­sche Fest­land trans­por­tiert wer­den. Dort müs­sen sie men­schen­wür­dig unter­ge­bracht und schnellst­mög­lich in ande­re EU-Mit­glied­staa­ten über­stellt wer­den.
Ein­hal­tung des Rechts: Kei­ne ille­ga­len Zurück­wei­sun­gen an den eruo­päi­schen Gren­zen, Geflüch­te­te müs­sen Zugang zu rechts­staat­li­chen Asyl­ver­fah­ren erhal­ten.
Die grie­chi­sche Regie­rung hat als Reak­ti­on auf die aktu­el­le Lage an der grie­chisch-tür­ki­schen Gren­ze am 1. März 2020 beschlos­sen, Asyl­ver­fah­ren von irre­gu­lär ein­ge­reis­ten Per­so­nen für einen Monat lang aus­zu­set­zen und eine sofor­ti­ge Rück­füh­rung aller irre­gu­lär ein­rei­sen­den Men­schen in das Her­kunfts­land oder ein Tran­sit­land (sprich die Tür­kei) zu ver­an­las­sen. Dies ist euro­pa­rechts­wid­rig und ver­stößt gegen inter­na­tio­na­les Recht, wie die fol­gen­de Ana­ly­se deut­lich macht.
»Es ist empö­rend, dass die EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en dies deckt, indem sie von Grie­chen­land als »euro­päi­schem Schild« spricht und damit das bru­ta­le und rechts­wid­ri­ge Vor­ge­hen legi­ti­miert.«
Zudem soll die ille­ga­le Ein­rei­se scharf sank­tio­niert wer­den. Dazu muss zunächst fest­ge­hal­ten wer­den: aus Syri­en und/oder aus der Tür­kei flie­hen­den Men­schen bleibt gar nichts ande­res übrig, als »ille­gal« nach Grie­chen­land ein­zu­rei­sen. Auf die Fäh­ren, die zwi­schen der Tür­kei und Grie­chen­land täg­lich mehr­fach fah­ren, wer­den sie wegen feh­len­dem Visum nicht gelas­sen. An der Land­gren­ze wer­den sie aktu­ell sogar mit Trä­nen­gas davon abge­hal­ten, bis zum Grenz­über­gang vor­zu­kom­men. Art. 31 Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on (GFK) sieht wegen die­sem Man­gel an lega­len Zugangs­we­gen vor, dass Flücht­lin­ge nicht wegen einer ille­ga­len Ein­rei­se kri­mi­na­li­siert wer­den sol­len, wenn sie sich unver­züg­lich bei den Behör­den mel­den. Trotz­dem wur­den jetzt schon 17 Afgha­nen in Grie­chen­land wegen ille­ga­lem Grenz­über­tritt zu drei­ein­halb Jah­ren Haft ver­ur­teilt.
Der See­hofer-Deal & sei­ne Kon­se­quen­zen
Die grie­chi­sche Regie­rung hat ange­kün­digt, ent­spre­chend dem Art. 78 Abs. 3 des Ver­trags über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­sche Uni­on (AEUV) »vor­läu­fi­ge Maß­nah­men zuguns­ten der Hel­le­ni­schen Repu­blik zu ergrei­fen«. Die­ser Arti­kel sieht vor, dass der Rat auf Vor­schlag der Kom­mis­si­on im Fal­le einer plötz­li­chen Not­la­ge auf­grund einer hohen Anzahl Schutz­su­chen­der sol­che »vor­läu­fi­ge Maß­nah­men« beschlie­ßen kann.
Ein Jahr Seehofer-Deal
Zurück­wei­sun­gen euro­pa- und men­schen­rechts­wid­rig
Mit Sicher­heit kön­nen sol­che Maß­nah­men aber ein Unter­lau­fen des Non-Refou­le­ment Prin­zips nicht recht­fer­ti­gen. Des­sen Ein­hal­tung und der Respekt der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on (GFK) wird näm­lich im Absatz 1 des glei­chen Arti­kels garan­tiert (Art. 78 Abs. 1 AEUV). Zudem müs­sen sol­che Maß­nah­men sich an der EU-Grund­rech­te­char­ta mes­sen las­sen, die das Recht auf Asyl nach Maß­ga­be der GFK garan­tiert (Art. 18) und Kol­lek­tiv­aus­wei­sun­gen ver­bie­tet (Art. 19).
Die Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie ist laut ihrem Art. 3 auf alle Asyl­an­trä­ge, die an den Gren­zen, in Hoheits­ge­wäs­sern und in Tran­sit­zo­nen gestellt wer­den, anwend­bar. Bei einer gro­ßen Anzahl von Schutz­su­chen­den kann zwar die Frist zur Regis­trie­rung auf zehn Tage ver­län­gert wer­den (Art. 6 Abs. 5), eine Aus­set­zung der Annah­me von Asyl­an­trä­gen ist aber nicht vor­ge­se­hen und wür­de gegen die EU-Grund­rech­te­char­ta ver­sto­ßen, die bei der Anwen­dung von EU-Recht immer zu berück­sich­ti­gen ist.
Grie­chen­land ist als Ver­trags­staat zur Ach­tung der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ver­pflich­tet. Wie das UN-Flücht­lings­kom­mis­sa­ri­at UNHCR in einer Pres­se­mel­dung fest­stellt, sieht die­se eine wie von Grie­chen­land ange­kün­dig­te Aus­set­zung von Asyl­an­trä­gen nicht vor.
»»Neit­her the 1951 Con­ven­ti­on Rela­ting to the Sta­tus of Refu­gees nor EU refu­gee law pro­vi­des any legal basis for the sus­pen­si­on of the recep­ti­on of asyl­um app­li­ca­ti­ons«.«
Direk­te Rück­füh­run­gen in die Tür­kei oder Her­kunfts­län­der wür­den auch gegen das Non-Refou­le­ment Gebot des Art. 33 GFK ver­sto­ßen, der Abschie­bun­gen ver­bie­tet, wenn Ver­fol­gung droht. Um sicher­zu­stel­len, dass dies nicht der Fall ist, muss es ein ent­spre­chen­des Prüf­ver­fah­ren geben.
Sowohl Grie­chen­land als auch die Tür­kei sind als Mit­glie­der des Euro­pa­ra­tes an die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EMRK) gebun­den. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine kla­re Recht­spre­chung ent­wi­ckelt, die auf­bau­end auf dem abso­lu­ten Ver­bot der Fol­ter sowie der unmensch­li­chen und ernied­ri­gen­den Behand­lung (Art. 3 EMRK) die Abschie­bung von Men­schen ver­bie­tet, wenn ihnen im Ziel­land (egal ob Her­kunfts- oder Tran­sit­land) eine sol­che schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zung droht. Die­ses Abschie­bungs­ver­bot gilt auch aktu­ell an der tür­kisch-grie­chi­schen Gren­ze. Das Ver­bot der Fol­ter ist im Übri­gen auch von Ein­schrän­kun­gen im Fal­le eines Not­stan­des aus­drück­lich aus­ge­nom­men (Art. 15 Abs. 2 EMRK).
Paukenschlag aus Straßburg
EGMR macht Rück­zie­her beim Schutz von Men­schen­rech­ten an der Gren­ze
Die grie­chi­sche Regie­rung und ande­re Politiker*innen bezie­hen sich auf ein kürz­lich ergan­ge­nes Urteil des EGMR bezüg­lich der spa­ni­schen Abschie­bungs­pra­xis nach Marok­ko (N.D. und N.T. gegen Spa­ni­en), um direk­te Abschie­bun­gen von Grie­chen­land in die Tür­kei zu recht­fer­ti­gen. Eine sol­che Argu­men­ta­ti­on beruht aber auf einer ver­kürz­ten und fal­schen Inter­pre­ta­ti­on des Urteils.
PRO ASYL hat­te das Urteil gegen Spa­ni­en scharf kri­ti­siert, denn auf eine rea­li­täts­fer­ne Art und Wei­se hat­ten die Straß­bur­ger Richter*innen einen Ver­stoß von Spa­ni­en gegen das Ver­bot der Kol­lek­tiv­aus­wei­sung (Art. 4 Zusatz­pro­to­koll zur EMRK Nr. 4) ver­neint. Das Argu­ment: Die Klä­ger hät­ten bestehen­de lega­le Zugangs­we­ge nicht genutzt und sich durch das Klet­tern über einen Zaun selbst in eine rechts­wid­ri­ge Situa­ti­on gebracht. Damit stün­de ihnen der Schutz des Ver­bots der Kol­lek­tiv­aus­wei­sung nicht mehr zu.
So ernüch­ternd die­ses Urteil war, es erlaubt bei wei­tem nicht die Push-Backs von Grie­chen­land in die Tür­kei.
So ernüch­ternd die­ses Urteil war, es erlaubt bei wei­tem nicht die Push-Backs von Grie­chen­land in die Tür­kei. Dies gilt schon allein, weil auch das Ver­bot der Fol­ter (Art. 3 EMRK) zum Tra­gen kommt, wel­ches in N.D. und N.T. nicht bespro­chen wur­de. Dies hat auch der Völ­ker­rechts­ex­per­te Dr. Con­stan­tin Hrusch­ka kurz nach dem Urteil auf dem Ver­fas­sungs­blog fest­ge­stellt. Sein Fazit: »Art. 3 EMRK gilt viel­mehr abso­lut, also auch dann, wenn Per­so­nen ille­gal ein­rei­sen (und zwar egal auf wel­che Wei­se)«.
Der EGMR stell­te selbst im Urteil fest, dass die Ver­trags­staa­ten die Kon­trol­le ihrer Gren­zen im Ein­klang mit der EMRK orga­ni­sie­ren müs­sen, ins­be­son­de­re unter Ach­tung des Non-Refou­le­ment Prin­zips:
»Howe­ver, it should be spe­ci­fied that this fin­ding does not call into ques­ti­on the broad con­sen­sus wit­hin the inter­na­tio­nal com­mu­ni­ty regar­ding the obli­ga­ti­on and neces­si­ty for the Con­trac­ting Sta­tes to pro­tect their bor­ders – eit­her their own bor­ders or the exter­nal bor­ders of the Schen­gen area, as the case may be – in a man­ner which com­plies with the Con­ven­ti­on gua­ran­tees, and in par­ti­cu­lar with the obli­ga­ti­on of non-refou­le­ment«. (N.D. und N.T., Rn. 232)
Wie auch das Deut­sche Insti­tut für Men­schen­rech­te in einer Stel­lung­nah­me fest­stellt, bedeu­tet Grenz­si­che­rung im Ein­klang mit der EMRK eben auch, dass Maß­nah­men ver­hält­nis­mä­ßig sein müs­sen. Der Ein­satz von Trä­nen­gas bis hin zu Gum­mi­ge­schos­sen gegen unbe­waff­ne­te schutz­su­chen­de Men­schen, dar­un­ter auch Kin­der, ist in dem Sin­ne nicht zu recht­fer­ti­gen, denn sie stel­len eine mas­si­ve Gefähr­dung der Gesund­heit und sogar des Lebens der betrof­fe­nen Per­so­nen dar.
Eine direk­te Rück­füh­rung einer schutz­su­chen­den Per­son in ein Dritt­land oder in ihr Her­kunfts­land, ohne Prü­fung ob eine Art. 3 EMRK-Ver­let­zung droht, ist also auch ein­deu­tig rechts­wid­rig und mit der EMRK nicht ver­ein­bar. Dies bleibt auch bei einer Viel­zahl von Schutz­su­chen­den der Fall. Bezüg­lich Ungarn hat der EGMR es so for­mu­liert:
»The Court is mind­ful of the chal­len­ge faced by the Hun­ga­ri­an aut­ho­ri­ties during the rele­vant peri­od in 2015, when a very lar­ge num­ber of for­eig­ners were see­king inter­na­tio­nal pro­tec­tion or pas­sa­ge to wes­tern Euro­pe at Hungary’s bor­ders. Howe­ver, the abso­lu­te natu­re of the pro­hi­bi­ti­on of ill-tre­at­ment ensh­ri­ned in Arti­cle 3 of the Con­ven­ti­on man­da­tes an ade­qua­te exami­na­ti­on of the risks in the third coun­try con­cer­ned«. (Ahmed und Ili­as gegen Ungarn, Rn. 155)
Wenn sich die Kom­mis­si­on unter Prä­si­den­tin von der Ley­en nicht für die Ein­hal­tung grund­le­gends­ter Wer­te und Rech­te stark macht, stellt dies auch die zen­tra­le Funk­ti­on der Kom­mis­si­on in Fra­ge.
Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on gilt als die »Hüte­rin der Ver­trä­ge«, denn Teil ihrer Rol­le ist es, die Anwen­dung von EU-Recht zu über­wa­chen. Es ist des­we­gen umso erstaun­li­cher, dass die ein­deu­ti­ge Miss­ach­tung euro­päi­schen Rechts durch Grie­chen­land bis­lang nicht einen kri­ti­sche Kom­men­tar wert war. Statt­des­sen legt Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin von der Ley­en selbst nur einen Fokus auf Grenz­si­che­rung und Abschot­tung und dankt Grie­chen­land gar das Euro­päi­sche » aspi­da« (dt: Schild) zu sein – Wor­te der Mili­ta­ri­sie­rung anstatt Wor­te der Rechts­staat­lich­keit.
Wenn sich die Kom­mis­si­on unter Prä­si­den­tin von der Ley­en nicht für die Ein­hal­tung grund­le­gends­ter Wer­te und Rech­te, wie sie in der EU-Grund­rech­te­char­ta ver­brieft sind, stark macht, dann stellt dies auch die zen­tra­le Funk­ti­on der Kom­mis­si­on in Fra­ge.
(beb / wj)

References: Art. 31
 Art. 78
 Art. 3
 Art. 33

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 Art. 3
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