Source: http://m.hensche.de/Zeugnis_Wunschformel_kein_Anspruch_auf_Zeugnis_mit_Wunschformel_LAG_Baden-Wuerttemberg_21Sa74-10_u.html
Timestamp: 2018-06-22 13:06:59+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 21 Sa 74/10
Akten­zeichen: 21 Sa 74/10
Ent­scheid­ungs­datum: 03.02.2011
Leit­sätze: Auf ei­ne all­ge­mei­ne Höflich­keits­be­kun­dung am En­de ei­nes qua­li­fi­zier­ten Zeug­nis­ses, die of­fen­sicht­lich kei­nen Be­zug zum Ver­hal­ten und/oder der Leis­tung des Ar­beit­neh­mers im Ar­beits­verhält­nis hat, sind die Grundsätze der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zum be­red­ten Schwei­gen nicht an­zu­wen­den.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 18.06.2010, 13 Ca 308/09
Nachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 11.12.2012, 9 AZR 227/11
Ak­ten­zei­chen: Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben
13 Ca 308/09 (ArbG Stutt­gart - Kn. Aa­len)
hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg - 21. Kam­mer -
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Rie­ker,
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Kou­ba
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Neid­lein
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 03.02.2011
1. Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart - Kam­mern Aa­len - vom 18.06.2010 - Az: 13 Ca 308/09 - ab­geändert:
a) Das Versäum­nis­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart - Kam­mern Aa­len - vom 26.05.2009 wird auf­ge­ho­ben.
b) Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.
2. Der Kläger trägt die Kos­ten des Rechts­streits mit Aus­nah­me der Kos­ten, die durch die Säum­nis der Be­klag­ten im Ter­min am 26.05.2009 ent­stan­den sind, wel­che die Be­klag­te trägt.
Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, das dem Kläger un­ter dem Da­tum 28.02.2009 von ihr er­teil­te qua­li­fi­zier­te Ar­beits­zeug­nis ganz am En­de um die For­mu­lie­rung „Wir be­dan­ken uns für die langjähri­ge Zu­sam­men­ar­beit und wünschen ihm für sei­ne pri­va­te und be-ruf­li­che Zu­kunft al­les Gu­te“ zu ergänzen, nach­dem die Be­klag­te im er­teil­ten Zeug­nis am En­de le­dig­lich „Wir wünschen ihm für die Zu­kunft al­les Gu­te“ for­mu­liert hat.
Der am 16.09.1974 ge­bo­re­ne Kläger war bei der Be­klag­ten vom 01.07.1998 bis 28.02.2009, zu­letzt mit ei­ner Brut­to­mo­nats­vergütung in Höhe von € 5.000,00, als Markt­lei­ter ei­nes von ihr be­trie­be­nen Bau­markts in S. beschäftigt. Nach­dem die Be­klag­te ihm zunächst un­ter dem Da-tum 28.02.2009 ein qua­li­fi­zier­tes Ar­beits­end­zeug­nis durch Herrn R. er­teilt (vgl. hier­zu An­la­ge 2 zum Schrift­satz der Be­klag­ten vom 30.08.2010, Bl. 23, 24 der Ak­ten) und der Kläger sich mit des­sen In­halt gemäß sei­nem Schrei­ben an die Be­klag­te vom 18.03.2009 (Bl. 25 der Ak­ten) nicht ein­ver­stan­den erklärt hat­te, änder­te die Be­klag­te das zunächst er­teil­te Zeug­nis teil­wei­se ab und er­teil­te ihm, nun­mehr un­ter­schrie­ben von Frau B., un­ter dem Da­tum 28.02.2009 ein neu­es Zeug­nis (vgl. An­la­ge 4 Schrift­satz der Be­klag­ten vom 30.08.2010, Bl. 26, 27 der Ak­ten). Hier­ge­gen er­hob der Kläger wie­der­um Einwände mit Schrei­ben an die Be­klag­te vom 29.03.2009 (Bl. 28 bis 30 der Ak­ten), wor­auf die Be­klag­te ihm - er­neut un­ter­schrie­ben von Frau B. - das End­zeug­nis in der nun­mehr zwi­schen den Par­tei­en im vor­lie­gen­den Rechts­streit strei­ti­gen Fas­sung mit Da­tum 28.02.2009 er­teil­te. Bezüglich der Ein­zel­hei­ten die­ses Zeug­nis­ses wird voll in­halt­lich auf Bl. 31, 32 der Ak­ten = Bl. 4,5 der Ak­ten - Ar­beits­ge­richt ver­wie­sen.
er ha­be An­spruch auf ei­ne vollständi­ge Schluss­for­mu­lie­rung im Zeug­nis­text, da ei­ne feh­len­de bzw. un­zu­rei­chen­de „Wunsch­for­mel“ re­gelmäßig ein be­son­ders gu­tes Zeug­nis ent­wer­te. Aus dem vollständi­gen oder teil­wei­se Feh­len von Schluss­for­mu­lie­run­gen im Ar­beits­zeug­nis zögen vie­le po­ten­ti­el­le Ar­beit­ge­ber re­gelmäßig ne­ga­ti­ve Schluss­fol­ge­run­gen. Je­den­falls aber ent­wer­te der vor­lie­gend von der Be­klag­ten knapp for­mu­lier­te Schluss­satz, der we­der Dank für die bis­he-ri­ge Zu­sam­men­ar­beit, noch ein Be­dau­ern sei­nes Aus­schei­dens be­inhal­te, deut­lich die aus dem übri­gen Zeug­nis­text zu­vor her­vor­ge­hen­de gu­te Leis­tungs- und Führungs­be­ur­tei­lung sei­ner Per-son.
Der Kläger hat zunächst be­an­tragt,
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, dem Kläger Zug um Zug ge­gen Rück­ga­be des mit Da­tum vom 28.02.2009 er­teil­ten Ar­beits­zeug­nis­ses ein neu­es Ar­beits­zeug­nis zu er­tei­len, wel­ches sich vom vor­ge­nann­ten Zeug­nis le­dig­lich da­hin­ge­hend un­ter­schei­det, dass der letz­te Satz des Zeug­nis­tex­tes wie folgt um­for­mu­liert wird: „Wir be­dan­ken uns für die langjähri­ge Zu­sam­men­ar­beit und wünschen ihm für sei­ne pri­va­te und be­ruf­li­che Zu­kunft al­les Gu­te“
und zu­letzt,
das Versäum­nis­ur­teil vom 26.05.2009 auf­recht­zu­er­hal­ten.
un­ter Auf­he­bung des Versäum­nis­ur­teils vom 26.05.2009 die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
es feh­le an ei­ner An­spruchs­grund­la­ge für die vom Kläger be­gehr­te Zeug­nis­be­rich­ti­gung. Der Kläger ha­be nicht dar­ge­legt, wor­aus sich der von ihm gel­tend ge­mach­te An­spruch, der der Be-klag­ten auf­er­le­ge, sich bei ihm für langjähri­ge Zu­sam­men­ar­beit zu be­dan­ken und ihm für sei­ne pri­va­te und be­ruf­li­che Zu­kunft al­les Gu­te zu wünschen, er­ge­ben sol­le.
Nach­dem die Be­klag­te mit ge­richt­li­cher Verfügung vom 08.05.2009 un­ter Beifügung der Dop­pel der Kla­ge­schrift zum Güte­ter­min am 26.05.2009 durch ge­richt­li­che Verfügung vom 08.05.2009 ge­la­den wur­de, er­schien sie zum Güte­ter­min am 26.05.2009 nicht, was sie mit Schrift­satz vom 22.05.2009 (Bl. 12 der Ak­ten-Ar­beits­ge­richt) zu­vor an­gekündigt hat­te. Die ge­richt­li­che Ter­mins-verfügung zum Ter­min am 26.05.2009 und die Dop­pel der Kla­ge­schrift hat­te sie am 12.05.2009 er­hal­ten (vgl. Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de Bl. 8 der Ak­ten-Ar­beits­ge­richt). In­fol­ge ih­res Nich­ter-schei­nens am 26.05.2009 verkünde­te das Ar­beits­ge­richt ent­spre­chend dem Kla­ge­an­trag des Klägers auf des­sen An­trag hin ein Versäum­nis­ur­teil (vgl. Pro­to­koll über die öffent­li­che Sit­zung vom 26.05.2009, Bl. 14 der Ak­ten-Ar­beits­ge­richt), bezüglich des­sen Ein­zel­hei­ten voll in­halt­lich auf Bl. 16 und 17 der Ak­ten-Ar­beits­ge­richt ver­wie­sen wird und das die Be­klag­te am 03.06.2009 er­hielt (vgl. Emp­fangs­be­kennt­nis Bl. 19 der Ak­ten-Ar­beits­ge­richt). Auf den am 08.06.2009 per Te­le­fax und am 09.06.2009 im Ori­gi­nal beim Ar­beits­ge­richt Stutt­gart - Kn. Aa­len - ein­ge­gan­ge-nen Ein­spruch der Be­klag­ten ge­gen die­ses Versäum­nis­ur­teil (vgl. ge­richt­li­cher Ein­gangs­stem­pel Bl. 20 und 21 der Ak­ten-Ar­beits­ge­richt) er­ging am 18.06.2010 durch das Ar­beits­ge­richt ein En­dur­teil, in dem es sein Versäum­nis­ur­teil vom 26.05.2009 in vol­lem Um­fang auf­recht­er­hielt und den Ein­spruch der Be­klag­ten zurück­wies. Das Ar­beits­ge­richt führt in die­sem Ur­teil aus,
zwar sei der Ar­beit­ge­ber nicht ver­pflich­tet, das Ar­beits­zeug­nis mit For­mu­lie­run­gen ab­zu­sch­ließen, in de­nen er dem Ar­beit­neh­mer für die gu­te Zu­sam­men­ar­beit dankt und ihm für die Zu­kunft al­les Gu­te wünscht und das Feh­len von Schlusssätzen ma­che das Zeug­nis nicht un­vollständig. So­weit der Ar­beit­ge­ber je­doch sol­che Re­de­wen­dun­gen im Zeug­nis ver­wen­de, müss­ten sie mit dem übri­gen Zeug­nis­in­halt in Ein­klang ste­hen. Wer­de ei­ne Schluss­for­mel vom Ar­beit­ge­ber ge­braucht, dürfe sie ins­be­son­de­re nicht wie ein ge­hei­mes Zei­chen den zu­vor ste­hen­den Text kon­ter­ka­rie­ren. Die Be­klag­te ha­be dem Kläger ein Zeug­nis er­teilt, das ei­ne über­durch­schnitt­li­che Be­wer­tung ent­hal­te und dann als Schluss­for­mu­lie­rung nur „Wir wünschen ihm für die Zu­kunft al­les Gu­te“ auf­geführt. Da­mit wer­de ein Ge­gen­satz zu der Ver­gan­gen­heit her­ge­stellt. Es könne der Ein­druck ent­ste­hen, dass in der Ver­gan­gen­heit nicht al­les gut ge­we­sen sei. Der feh­len­de Dank für die Zu­sam­men­ar­beit, die zu­vor fach­lich und ver­hal­tensmäßig im gu­ten Be­reich an­ge­sie­delt ge­we­sen sei, müsse als Ge­gen­satz zu den Zu­kunftswünschen auf­mer­ken las­sen.
Ge­gen die­ses der Be­klag­ten am 06.07.2010 zu­ge­stell­te Ur­teil (vgl. Emp­fangs­be­kennt­nis Bl. 99 der Ak­ten-Ar­beits­ge­richt) wen­det sich ih­re am 27.07.2010 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg ein­ge­gan­ge­ne Be­ru­fung (vgl. ge­richt­li­cher Ein­gangs­stem­pel Bl. 1 der Ak­ten), die sie mit am 30.08.2010 per Te­le­fax und am 31.08.2010 im Ori­gi­nal beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen an­walt­li­chen Schrift­satz (vgl. ge­richt­li­che Ein­gangs­stem­pel Bl. 11 und 16 der Ak­ten) be­gründet hat.
Die Be­klag­te ist wei­ter­hin der An­sicht,
der Kläger könne die gewünsch­ten Ände­run­gen man­gels Be­ste­hens ei­nes An­spruchs nicht von ihr ver­lan­gen. We­der stel­le die kläger­seits be­haup­te­te und aus­drück­lich zu be­strei­ten­de „heu­ti­ge Üblich­keit“ ei­ne sol­che dar, noch sei es so, dass bei Feh­len der Schluss­for­mel von vie­len po­ten­ti­el­len neu­en Ar­beit­ge­bern dar­aus re­gelmäßig ne­ga­ti­ve Schluss­fol­ge­run­gen ge­zo­gen wür-den. Sol­che Schluss­fol­ge­run­gen sei­en ei­ner­seits zu be­strei­ten, an­de­rer­seits aber un­er­heb­lich, weil es nicht in ih­rer Ri­si­ko­sphäre lie­ge, wenn po­ten­ti­el­le Ar­beit­ge­ber oder ent­spre­chen­de Zeug­nis­rat­ge­ber die auch vom Kläger zi­tier­te Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts igno-rier­ten.
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart - Kam­mern Aa­len - vom 18.06.2010 - 13 Ca 308/09 - un­ter Auf­he­bung des Versäum­nis­ur­teils vom 26.05.2009 ab­zuändern und die Kla­ge in vol­lem Um­fang kos­ten­pflich­tig ab­zu­wei­sen.
Er ver­tieft sein erst­in­stanz­li­ches Vor­brin­gen und ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil. Bei ei­ner rund­um gu­ten Leis­tungs- und Führungs­be­ur­tei­lung ent­spre­che es der Üblich­keit und auch der Er­war­tung ei­nes po­ten­ti­el­len neu­en Ar­beit­ge­bers, dass dem Ar­beit­neh­mer am En­de des Zeug-nis­tex­tes nicht nur für die Zu­sam­men­ar­beit ge­dankt, son­dern ihm zu­dem für die Zu­kunft - und zwar so­wohl pri­vat als auch be­ruf­lich - al­les Gu­te gewünscht wer­de. Dies gel­te um­so mehr, wenn der Ar­beit­neh­mer, wie er, über 10 Jah­re für den bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­ber tätig ge­we­sen sei.
I. Zulässig­keit der Be­ru­fung
1. Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ist gemäß den §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1, 2 lit. b ArbGG statt­haft. Sie ist auch gemäß den §§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG, 519 Abs. 1, 520 ZPO in der ge­setz­li­chen Form und Frist ein­ge­legt und be­gründet wor­den.
2. Ins­be­son­de­re ist die Be­schwer­de­sum­me des § 64 Abs. 2 lit. b ArbGG über­schrit­ten, nach-dem das Ar­beits­ge­richt den Rechts­mit­tel­streit­wert in Ziff. 3 des an­ge­grif­fe­nen Ur­teils vom 18.06.2010 auf € 1.000,00 fest­ge­setzt hat und die­se auf den §§ 61 Abs. 1 ArbGG, 2, 3 ZPO be­ru­hen­de Fest­set­zung nicht of­fen­sicht­lich un­zu­tref­fend ist (vgl. hier­zu BAG vom 27. Mai 1994 in AP ArbGG 1979 § 64 Nr. 17).
II. Be­gründet­heit der Be­ru­fung
Die Be­ru­fung ist be­gründet, nach­dem der Ein­spruch der Be­klag­ten ge­gen das Versäum­nis­ur­teil des Ar­beits­ge­richts vom 26.05.2009 zulässig und be­gründet ist.
1. Der Ein­spruch der Be­klag­ten ge­gen das Versäum­nis­ur­teil des Ar­beits­ge­richts vom 26.05.2009 ist statt­haft (§§ 46 Abs. 2 ArbGG, 338 ZPO) und auch im übri­gen zulässig, ins­be­son­de­re ist er form- und frist­ge­recht ein­ge­legt wor­den (§§ 59, 46 Abs. 2 ArbGG, 340 Abs. 2 und 3 ZPO). Das Versäum­nis­ur­teil vom 26.05.2009 wur­de der Be­klag­ten am 03.06.2009 zu­ge­stellt (vgl. Emp­fangs­be­kennt­nis der Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­klag­ten - Bl. 19 der Ak­ten - Ar­beits­ge­richt); der Ein­spruch der Be­klag­ten ge­gen die­ses Versäum­nis­ur­teil ging durch an­walt­li­chen un­ter­schrie­be­nen Schrift­satz vom 08.06.2009 vor­ab per Te­le­fax am 08.06.2009 und im Ori­gi­nal am 09.06.2009 (vgl. ge­richt­li­che Ein­gangs­stem­pel Bl. 20, 21 der Ak­ten - Ar­beits­ge­richt) beim Ar­beits­ge­richt Stutt­gart - Kam­mern Aa­len - ein.
2. Der Ein­spruch der Be­klag­ten ist auch be­gründet, da die zulässi­ge Kla­ge un­be­gründet ist. Das Versäum­nis­ur­teil ist des­halb auf­zu­he­ben und die Kla­ge ab­zu­wei­sen ( § 342 ZPO).
a) Die Kla­ge ist zulässig. Die all­ge­mei­nen Pro­zess­vor­aus­set­zun­gen lie­gen vor. der Streit­ge-gen­stand im Sin­ne des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO ist hin­rei­chend be­stimmt. Der Kläger bringt klar zum Aus­druck um wel­che kon­kre­ten For­mu­lie­run­gen das ihm von der Be­klag­ten zu­letzt er­teil­te Zeug­nis ergänzt wer­den soll und aus wel­chem Le­bens­sach­ver­halt und wel­cher Ver­pflich­tung er den gel­tend ge­mach­ten An­spruch her­lei­tet.
b) Ist ein Ar­beit­neh­mer mit dem ihm er­teil­ten Zeug­nis nicht ein­ver­stan­den, kann er vom Ar-beit­ge­ber ge­richt­lich des­sen Be­rich­ti­gung oder Ergänzung ver­lan­gen. Mit ei­ner sol­chen Kla­ge macht er je­doch wei­ter­hin die Erfüllung sei­nes Zeug­nis­an­spruchs gel­tend und kei­nen dem Ge­setz frem­den Be­rich­ti­gungs­an­spruch (BAG vom 14. Ok­to­ber 2003 - 9 AZR 12/03 - in AP BGB § 630 Nr. 28 IV 2a. bb. der Gründe mwN). Für den An­spruch des Ar-beit­neh­mers auf ein qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis ist seit dem 01.01.2003 die maßgeb­li­che Rechts­grund­la­ge § 109 Ge­wO. Ent­spricht das dem Ar­beit­neh­mer er­teil­te Zeug­nis nach Form und In­halt nicht den ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen, ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, dem Ar­beit­neh­mer ein „neu­es“ Zeug­nis zu er­tei­len (BAG vom 21. Ju­ni 2005 - 9 AZR 352/04 - in AP BGB § 630 Nr. 31).
Ein Zeug­nis muss all­ge­mein verständ­lich ge­fasst sein. In die­sem Rah­men ist der Ar­beit­ge­ber grundsätz­lich frei in der For­mu­lie­rung des Zeug­nis­ses, so­lan­ge das Zeug­nis nichts fal­sches enthält. „Falsch“ ist ein Zeug­nis auch dann, wenn es Merk­ma­le enthält, die den Zweck ha­ben, den Ar­beit­neh­mer in ei­ner aus dem Wort­laut des Zeug­nis­ses nicht er­sicht­li­chen Wei­se zu kenn­zeich­nen und de­nen ent­nom­men wer­den muss, der Ar­beit­ge­ber dis-
tan­zie­re sich vom buchstäbli­chen Wort­laut sei­ner Erklärung, der Ar­beit­neh­mer wer­de in Wahr­heit an­ders be­ur­teilt, nämlich ungüns­ti­ger als im Zeug­nis be­schei­nigt. Ein un­zulässi­ges Ge­heim­zei­chen kann auch im Aus­las­sen ei­nes an sich er­war­te­ten Zeug­nis­in­halts be­ste­hen (BAG vom 20. Fe­bru­ar 2001 - 9 AZR 44/00 in AP BGB § 630 Nr. 26 B. I. 2a der Gründe mwN). Die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zu un­zulässi­gem Aus­las­sen, dem so­ge­nann­ten be­red­ten Schwei­gen, be­trifft den ge­setz­lich ge­schul­de­ten Zeug­nis­in­halt, al­so u.a. die Leis­tungs- und Führungs­be­ur­tei­lung, die sich auf das An­for­de­rungs­pro­fil der vom Ar­beit­neh­mer wahr­ge­nom­me­nen Auf­ga­ben be­zie­hen muss, wie es sich aus der Tätig­keits­be­schrei­bung ab­le­sen lässt. Die­se Recht­spre­chung ist auf das Feh­len von Schlusssätzen nicht zu über­tra­gen. Rich­tig ist zwar, dass Schlusssätze viel­fach ver­wen­det wer­den und Schlusssätze nicht be­ur­tei­lungs­neu­tral, son­dern ge­eig­net sind, die ob­jek­ti­ven Zeug­nis­aus­sa­gen zur Führung und Leis­tung des Ar­beit­neh­mers und die An­ga­ben zum Grund der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu bestäti­gen oder zu re­la­ti­vie­ren. So­weit der Ar­beit­ge­ber sol­che Re­de­wen­dun­gen ver­wen­det, müssen sie da­her mit dem übri­gen Zeug­nis­in­halt in Ein­klang ste­hen. Wei­ter­ge­hen­de Rechts­fol­gen las­sen sich aus die­ser Zeug­nis­pra­xis je­doch nicht her­lei­ten. Po­si­ti­ve Schlusssätze sind ge­eig­net, die Be­wer­bungs­chan­cen des Ar­beit­neh­mers zu erhöhen. Ein Zeug­nis mit „pas­sen­den“ Schlusssätzen wird da­her auf­ge­wer­tet. Dar­aus lässt sich aber nicht im Um­kehr­schluss fol­gern, ein Zeug­nis oh­ne je­de Schluss­for­mu­lie­rung wer­de in un­zulässi­ger Wei­se „ent­wer­tet“. Viel­mehr ob­liegt dem Ar­beit­ge­ber die For­mu­lie­rung und Ge­stal­tung des Zeug­nis­ses. Zu sei­ner Ge­stal­tungs­frei­heit gehört auch die Ent­schei­dung, ob er das Zeug­nis um Schlusssätze an­rei­chert. Wenn ein Zeug­nis oh­ne ab­sch­ließen­de For­meln in der Pra­xis „oft“ als ne­ga­tiv be­ur­teilt wer­den soll­te, so ist das hin­zu­neh­men (BAG vom 20.02.2001 aaO mwN).
c) Bei An­wen­dung die­ser Grundsätze auf den vor­lie­gen­den Fall er­gibt sich aus Sicht der er-ken­nen­den Kam­mer, dass in der vor­lie­gen­den Schluss­for­mu­lie­rung der Be­klag­ten kein be­red­tes Schwei­gen, son­dern die For­mu­lie­rung ei­ner Höflich­keits­be­kun­dung vor­liegt und des­halb ei­ne Ergänzung der Schluss­for­mel durch die Be­klag­te, wie vom Kläger ge­for­dert, nicht zu er­fol­gen hat.
aa) Zunächst schließt sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt voll­in­halt­lich den Ausführun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts in sei­ner Ent­schei­dung vom 20. Fe­bru­ar 2001 (Az.: 9 AZR 44/00) an, wes­halb es auf die Fra­ge ei­ner be­ste­hen­den „Üblich­keit“ ei­nes Ver­wen­dens von Schluss­for­meln bzw. ei­ner Er­war­tung po­ten­ti­el­ler Ar­beit­ge­ber da­hin­ge­hend, dass ei­ne Schluss­for­mel in ei­nem qua­li­fi­zier­ten Zeug­nis ent­hal­ten ist, nicht an­kommt.
bb) Ent­ge­gen dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln in sei­ner Ent­schei­dung vom 29.02.2008 (4 Sa 1315/07 - Zi­tat nach Ju­ris) steht je­doch die von der Be­klag­ten gewähl­te Schluss­for­mu­lie­rung im streit­ge­genständ­li­chen Zeug­nis nicht in Wi­der­spruch zum sons­ti­gen Zeug­nis­in­halt. Rich­tig ist zwar, dass ei­ne Schluss­for­mel nicht wie ein ge­hei­mes Zei­chen den zu­vor ste­hen­den Text kon­ter­ka­rie­ren darf. Rich­tig ist auch, dass die Leis­tungs- und Führungs­be­ur­tei­lung des Klägers im streit­ge­genständ­li­chen Zeug­nis nicht nur durch­schnitt­lich, son­dern deut­lich über­durch­schnitt­lich ist und ein gut dar­stellt, je­den­falls aber an ein gut her­an­reicht. Den­noch han­delt es sich vor­lie­gend nicht um ei­ne Schluss­for­mu­lie­rung, die mit der vo­ri­gen Leis­tungs- und Ver­hal­tens­be­ur­tei­lung des Klägers in ir­gend­ei­ner Ver­bin­dung steht. Dem Kläger wird in der Schluss­for­mu­lie­rung der Be­klag­ten nicht et­wa al­les Gu­te für die wei­te­re be­ruf­li­che und/oder pri­va­te Zu­kunft gewünscht, was je­den­falls bei gu­ten Wünschen für die be­ruf­li­che Zu­kunft durch­aus ei­nen Zu­sam­men­hang mit der vor­aus­ge­gan­ge­nen Leis­tungs- und Ver­hal­tens­be­ur­tei­lung des Ar­beit­neh­mers her­stel­len würde. Auch könn­te dann ein be­red­tes Schwei­gen vor­lie­gen, wenn dem Ar­beit­neh­mer le­dig­lich für sei­ne pri­va­te und nicht auch für sei­ne be­ruf­li­che Zu­kunft al­les Gu­te gewünscht wird, eben­so, wenn dem Ar­beit­neh­mer nicht al­les Gu­te, son­dern et­wa „für die Zu­kunft viel Glück“ oder „künf­tig viel Er­folg“ gewünscht wird. Dar­um geht es vor­lie­gend aber nicht. In der von der Be­klag­ten ver­wand­ten For­mu­lie­rung „Wir wünschen ihm für die Zu­kunft al­les Gu­te“ liegt le­dig­lich und aus­sch­ließlich ei­ne höfli­che Ver­ab­schie­dung des Ar­beit­neh­mers durch den Ar­beit­ge­ber im Zeug­nis. Wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf in sei­nem Ur­teil vom 03.11.2010 (Az.: 12 Sa 974/10) zu Recht ausführt, ist Höflich­keit ne­ben an­de­ren Wer­ten wie Dis­zi­plin, Pünkt­lich­keit und Rück­sicht­nah­me ein kul­tu­rel­ler Wert und ma­ni­fes­tiert sich in freund­li­cher Kon­zi­li­anz. „Die wah­re Höflich­keit be­steht dar­in, dass man ein­an­der mit Wohl­wol­len ent­ge­gen­kommt. So­bald es uns an die­sen nicht ge­bricht, tritt sie oh­ne Mühe her­vor“ (Rous­seau, Émi­le 2,4). Auch Scho­pen­hau­er führt zur Höflich­keit aus „Höflich­keit ist Klug­heit. Folg­lich ist Unhöflich­keit Dumm­heit. Sich mit­tels ih­rer unnöti­ger- und mut­wil­li­ger­wei­se Fein­de ma­chen ist Ra­se­rei“ (Apho­ris­men zur Le­bens­weis­heit V, 36). Ei­ne freund­li­che Schluss­for­mel ist mit­hin, so­fern kein Be­zug zum pri­va­ten und/oder be­ruf­li­chen Be­reich er­folgt, nicht die Kund­ga­be wirk­li­cher oder vor­geb­li­cher Emp­fin­dun­gen, son­dern wahrt, an­ders als ei­ne Leis­tungs­be­wer­tung oder Ver­hal­tens­be­wer­tung nach ei­ner Zu­frie­den­heits­ska­la, nur all­ge­mei­ne Stan­dards der Höflich­keits­form. So­fern die zum Aus­druck ge­brach­te Höflich­keits­form kei­nen Be­zug auf die Führung und/oder Leis­tung des Ar­beit­neh­mers und kei­ne persönli­chen Emp­fin­dun­gen zum Aus­druck bringt, hat der Ar­beit­ge­ber kei­ne Ver­pflich­tung auf die Ge­samt­no­te ab­ge­stimm­te For­mu­lie­run­gen zu ver­wen­den.
Der Ar­beit­ge­ber würde da­mit nur da­zu an­ge­hal­ten, die in­halt­li­che Rich­tig­keit des von ihm aus­ge­stell­ten Zeug­nis­ses durch die Be­kun­dung von Be­dau­ern oder Dank noch­mals zu bestäti­gen, ob­wohl er nur den all­ge­mei­nen Höflich­keits­maßstäben ei­ner zi­vi­li­sier­ten Ge­sell­schaft Rech­nung tra­gen woll­te, die gar nicht zum Kern ei­nes Zeug­nis­in­halts gehören (in die­sem Sin­ne wohl auch Sch­leßmann: Das Ar­beits­zeug­nis 19. Aufl. 2010, S. 172 oben, der emp­fiehlt, je­den­falls Zu­kunftswünsche im Zeug­nis auf­zu­neh­men als schlich­ten Akt der Höflich­keit beim Ab­schied).
cc) In­fol­ge­des­sen be­steht aus Sicht der er­ken­nen­den Kam­mer bei der von der Be­klag­ten im streit­ge­genständ­li­chen Zeug­nis gewähl­ten For­mu­lie­rung kein Be­zug auf die zu­vor ab­ge­ge­be­ne Leis­tungs- und Ver­hal­tens­be­ur­tei­lung des Klägers und es ist kei­ne For­mu­lie­rung von der Be­klag­ten ver­wandt (wie et­wa „Glück“ oder „Er­folg“), die mit ei­ner vor­aus­ge­gan­ge­nen Führungs- und/oder Leis­tungs­be­ur­tei­lung in Wi­der­spruch ste­hen könn­te. Al­lein der Wunsch des Aus­stel­lers nach Gu­tem für den aus­schei­den­den Ar­beit­neh­mer genügt im Hin­blick auf die­se all­ge­mei­ne Höflich­keits­for­mu­lie­rung aus Sicht der er­ken­nen­den Kam­mer nicht, um dar­aus be­redt schließen zu können, im Ar­beits­verhält­nis sei nichts oder je­den­falls nicht al­les gut ge­we­sen. Des­halb ist der Ar­beit­ge­ber im Rah­men sei­ner For­mu­lie­rungs­frei­heit in die­sem Fall nicht ver­pflich­tet, den vom Kläger be­gehr­ten In­halt ganz oder teil­wei­se in das Zeug­nis auf­zu­neh­men. Die Be­klag­te hat den An­spruch des Klägers auf Er­tei­lung ei­nes rich­ti­gen vollständi­gen und nicht wi­dersprüchli­chen Zeug­nis­ses gemäß § 109 Abs. 1 Ge­wO erfüllt (§ 362 Abs. 1 BGB).
1. Nach­dem die Be­ru­fung der Be­klag­ten in vol­lem Um­fang Er­folg hat, trägt der Kläger gemäß § 91 Abs. 1 ZPO die Kos­ten des ge­sam­ten Rechts­streits. Hier­von aus­ge­nom­men sind le­dig­lich gemäß § 344 ZPO die Kos­ten, die durch die Säum­nis der Be­klag­ten ent­stan­den sind. Als Aus­nah­me­vor­schrift zu § 91 Abs. 1 ZPO kommt es in­so­weit nicht dar­auf an, dass die Be­klag­te in der Sa­che ob­siegt hat, son­dern nur dar­auf, ob ein Fall der Säum­nis im Sin­ne des § 330 ZPO vor­lag.
2. Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on für den Kläger be­ruht auf § 72 Abs. 2 Nr. 2 ArbGG.
Rie­ker
Kou­ba
Neid­lein
zur Übersicht 21 Sa 74/10

References: § 64
 § 64
 § 342
 § 253
 § 630
 § 109
 § 630
 § 630
 § 109
 § 91
 § 344
 § 91
 § 330
 § 72