Source: https://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Verordnung_Postmindestlohn_rechtswidrig_Bundesverwaltungsgericht_8C19.09_u.html
Timestamp: 2019-12-11 14:32:28+00:00

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BVerwG 8 C 19.09 OVG 1 B 13.08
am 28. Ja­nu­ar 2010
hat der 8. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 27. Ja­nu­ar 2010
den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Dei­se­roth und
die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Hau­ser und Dr. Held-Da­ab
am 28. Ja­nu­ar 2010 für Recht er­kannt:
Das Ur­teil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 18. De­zem­ber 2008 wird in­so­weit auf­ge­ho­ben, als es in Abände­rung des Ur­teils des Ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin vom 7. März 2008 die Kla­gen der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 ab­ge­wie­sen hat. Die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird auch in­so­weit zurück­ge­wie­sen.
Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird zurück­ge­wie­sen.
Die Be­klag­te trägt die Kos­ten des Be­ru­fungs- und des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens mit Aus­nah­me der außer­ge­richt­li­chen Kos­ten der Bei­ge­la­de­nen, die die­se selbst trägt.
Die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4, Ar­beit­ge­ber der Brief­dienst­leis­tungs­bran­che und Mit­glie­der des am 11. Sep­tem­ber 2007 ge­gründe­ten Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des Neue Brief- und Zu­stell­diens­te e.V., und der Kläger zu 2, ein Ar­beit­ge­ber­ver­band der­sel­ben Bran­che, wen­den sich mit ih­ren Fest­stel­lungs­kla­gen ge­gen die am 1. Ja­nu­ar 2008 in Kraft ge­tre­te­ne Ver­ord­nung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ar­beit und So­zia­les über zwin­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen für die Bran­che Brief­dienst­leis­tun­gen vom 28. De­zem­ber 2007 (Bun­des­an­zei­ger 2007, Nr. 242, S. 8410). Mit die­ser bis zum 30. April 2010 be­fris­te­ten Ver­ord­nung re­gelt die Be­klag­te, dass näher be­zeich­ne­te Rechts­nor­men des Ta­rif­ver­tra­ges über Min­destlöhne für den Be­reich Brief­dienst­leis­tun­gen, der zwi­schen dem im Au­gust 2007 ge­gründe­ten Ar­beit­ge­ber­ver­band Post­diens­te e.V. und der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di ab­ge­schlos­sen wur­de, auf al­le nicht an ihn ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer an­wend­bar sind, die un­ter sei­nen
Gel­tungs­be­reich fal­len. Da­nach beträgt der Brut­tom­in­dest­lohn mit Wir­kung vom 1. De­zem­ber 2007 für Brief­zu­stel­ler un­abhängig vom zeit­li­chen und/oder men­genmäßigen An­teil an der Ge­samttätig­keit je nach Bun­des­land 9,00 € bzw. 9,80 € und für die übri­gen Ar­beit­neh­mer der Bran­che 8,00 € bzw. 8,40 €.
Am 11. Sep­tem­ber 2007 be­an­trag­ten der Ar­beit­ge­ber­ver­band Post­diens­te e.V., dem die Deut­sche Post AG an­gehört, und die Ge­werk­schaft ver.di beim Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les die Auf­nah­me der Bran­che Post­dienst­leis­tun­gen in das Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz und zu­gleich die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung ei­nes an die­sem Tag ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­tra­ges zur Re­ge­lung der Min­destlöhne in der Bran­che Post­diens­te. Er soll­te für al­le Be­trie­be gel­ten, die ge­werbs- oder geschäftsmäßig Brief­sen­dun­gen für Drit­te befördern, un­abhängig vom An­teil die­ser Tätig­keit an der Ge­samttätig­keit des Be­trie­bes. Ein Ver­fah­ren nach § 5 TVG wur­de nicht be­trie­ben. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um lei­te­te ein Ver­fah­ren zum Er­lass ei­ner Rechts­ver­ord­nung nach § 1 Abs. 3a Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz ein. Im Bun­des­an­zei­ger vom 8. No­vem­ber 2007 wur­den der An­trag auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung des Ta­rif­ver­tra­ges für die Bran­che Post­diens­te und der Ent­wurf ei­ner Ver­ord­nung über zwin­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen für Brief­dienst­leis­tun­gen be­kannt ge­macht, ver­bun­den mit der Gewährung ei­ner Frist zur schrift­li­chen Stel­lung­nah­me von drei Wo­chen. Im gleich­zei­tig durch­geführ­ten Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren zur Ände­rung des Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­set­zes war ins­be­son­de­re die Reich­wei­te des ein­zu­be­zie­hen­den Be­reichs um­strit­ten.
Nach ei­ner Ände­rung des Ta­rif­ver­tra­ges vom 11. Sep­tem­ber 2007 durch Pro­to­koll­no­ti­zen An­fang No­vem­ber 2007 ho­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ih­ren Ta­rif­ver­trag am 29. No­vem­ber 2007 un­ter Aus­schluss von Nach­wir­kun­gen auf und schlos­sen am sel­ben Tag den nun­mehr von der Ver­ord­nung er­fass­ten Ta­rif­ver­trag. Zu­gleich be­an­trag­ten sie beim Bun­des­mi­nis­ter für Ar­beit und So­zia­les die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung die­ses Ta­rif­ver­tra­ges. Den dar­auf­hin an­ge­pass­ten Ver­ord­nungs­ent­wurf lei­te­te das Bun­des­mi­nis­te­ri­um nur den­je­ni­gen, die sich auf die Be­kannt­ma­chung vom 8. No­vem­ber 2007 geäußert hat­ten, mit Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me bis zum 7. De­zem­ber 2007 zu. Ei­ne neue Be­kannt­ma­chung hielt es für unnötig.
Die bei­ge­la­de­ne, im Ok­to­ber 2007 ge­gründe­te Ge­werk­schaft der Neu­en Brief- und Zu­stell­diens­te schloss am 11. De­zem­ber 2007 mit dem Ar­beit­ge­ber­ver­band Neue Brief- und Zu­stell­diens­te e.V. ei­nen Ta­rif­ver­trag für das Bun­des­ge­biet. Er be­trifft Un­ter­neh­men, die Mehr­wert­brief­dienst­leis­tun­gen an­bie­ten, die von der Uni­ver­sal­dienst­leis­tung trenn­bar sind, be­son­de­re Leis­tungs­merk­ma­le auf­wei­sen und qua­li­ta­tiv höher­wer­tig sind. Nach § 3 des Ta­rif­ver­tra­ges beträgt der Brut­tom­in­dest­lohn für Mehr­wert­brief­dienst­leis­tun­gen mit Wir­kung vom 1. Ja­nu­ar 2008 je nach Bun­des­land 6,50 € oder 7,50 €. Wei­ter schloss die Bei­ge­la­de­ne am 12. De­zem­ber 2007 mit dem Kläger zu 2 ei­nen Ta­rif­ver­trag für al­le ta­rif­ge­bun­de­nen Be­trie­be, die als we­sent­li­che be­trieb­li­che Tätig­keit näher de­fi­nier­te Post­dienst­leis­tun­gen, ins­be­son­de­re die ge­werbsmäßige Beförde­rung von adres­sier­ten schrift­li­chen Mit­tei­lun­gen bis zu 2 kg zwi­schen Ab­sen­der und Empfänger, er­brin­gen. Er gilt deutsch­land­weit. Der ab dem 1. Ja­nu­ar 2008 ver­ein­bar­te Brut­tom­in­dest­lohn liegt eben­falls un­ter den in der strei­ti­gen Ver­ord­nung be­stimm­ten Beträgen.
Am 14. De­zem­ber 2007 be­an­trag­ten der Ar­beit­ge­ber­ver­band Neue Brief- und Zu­stell­diens­te e.V. und die Bei­ge­la­de­ne beim Bun­des­mi­nis­te­ri­um den von ih­nen ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trag zur Re­ge­lung von Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen für Mehr­wert­brief­dienst­leis­tun­gen vom 11. De­zem­ber 2007 für all­ge­mein­ver­bind­lich zu erklären.
Am 14. De­zem­ber 2007 be­schloss der Bun­des­tag das am 28. De­zem­ber 2007 in Kraft ge­tre­te­ne Zwei­te Ge­setz zur Ände­rung des Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­set­zes. Des­sen Art. 1 fügte in § 1 Abs. 1 Satz 4 die­ses Ge­set­zes die Wörter „und für Ta­rif­verträge für Brief­dienst­leis­tun­gen, wenn der Be­trieb oder die selbstständi­ge Be­triebs­ab­tei­lung über­wie­gend ge­werbs- und geschäftsmäßig Brief­sen­dun­gen für Drit­te befördert“ ein.
Am 19. De­zem­ber 2007 stimm­te die Bun­des­re­gie­rung un­ter der Be­din­gung des
Am 28. De­zem­ber 2007 un­ter­zeich­ne­te der Bun­des­mi­nis­ter für Ar­beit und So­zia­les die Ver­ord­nung, die am Tag dar­auf im Bun­des­an­zei­ger be­kannt ge­macht wur­de.
Im Kla­ge­ver­fah­ren vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt mach­ten die Kläger u.a. gel­tend, die Ver­ord­nung ver­let­ze ih­re Rech­te aus Art. 9 Abs. 3, Art. 12 Abs. 1 und Art. 14 Abs. 1 GG. Sie sei for­mell rechts­wid­rig, weil die nach § 1 Abs. 3a Satz 2 Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz in der sei­ner­zeit gel­ten­den Fas­sung - AEntG a.F. - ge­bo­te­ne Be­tei­li­gung der Be­trof­fe­nen feh­ler­haft ver­lau­fen sei. Die Ver­ord­nung sei außer­dem ma­te­ri­ell rechts­wid­rig. Sie sei nicht von ih­rer Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge ge­deckt, die nur ei­ne Er­stre­ckung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges auf nicht an­der­wei­tig Ta­rif­ge­bun­de­ne ermögli­che und ei­ne Ent­sen­de­pro­ble­ma­tik vor­aus­set­ze. Der Ver­ord­nungs­ge­ber miss­brau­che sei­ne Ver­ord­nungs­macht zu wett­be­werb­li­chen Zwe­cken.
Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat auf den An­trag der Kläger fest­ge­stellt, die Rechts­ver­ord­nung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ar­beit und So­zia­les vom 28. De­zem­ber 2007 über zwin­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen für die Bran­che Brief­dienst­leis­tun­gen ver­let­ze den Kläger zu 2 in sei­nem Recht aus Art. 9 Abs. 3 GG so­wie die übri­gen Kläge­rin­nen in ih­ren Rech­ten aus Art. 9 Abs. 3 und Art. 12 Abs. 1 GG.
Ge­gen die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts hat die Be­klag­te die vom Ver­wal­tungs­ge­richt zu­ge­las­se­ne Be­ru­fung ein­ge­legt. Die Kla­gen sei­en be­reits un­zulässig, je­den­falls aber un­be­gründet.
Es feh­le an ei­nem kon­kre­ten Rechts­verhält­nis. Der Kläger zu 2 sei als Ar­beit­ge­ber­ver­band nicht ein­mal Nor­madres­sat der Ver­ord­nung. Die­se be­gründe zwar für die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 un­mit­tel­bar Pflich­ten, aber nicht für die Be­klag­te. Die Rechts­ver­ord­nung sei über­dies rechtmäßig. Ins­be­son­de­re sei sie von der Ermäch­ti­gung im Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz ge­deckt. Die dar­in ver­wen­de­te For­mu­lie­rung, es kön¬ne be­stimmt wer­den, dass die Rechts­nor­men des Ta­rif­ver­tra­ges auf „nicht ta­rif­ge­bun­de­ne“ Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer An­wen­dung fänden, sei bei ei­nem wei­ten Verständ­nis, wo­nach auch an­der­wei­tig ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer von der Rechts­ver­ord­nung er­fasst würden, ver­fas­sungs­recht­lich
nicht zu be­an­stan­den. Die­ses Verständ­nis ha­be die Be­klag­te bis­her al­len Min­dest­lohn­ver­ord­nun­gen zu­grun­de ge­legt.
Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat im Be­ru­fungs­ver­fah­ren das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts teil­wei­se geändert und die Kla­gen der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 ab­ge­wie­sen. Im Übri­gen hat es die Be­ru­fung der Be­klag­ten - hin­sicht­lich des Klägers zu 2 - zurück­ge­wie­sen. Hin­sicht­lich der Kla­gen der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 sei­en die Sa­chur­teils­vor­aus­set­zun­gen ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge gemäß § 43 Vw­GO nicht erfüllt. Zwar sei­en die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 kraft Ver­ord­nung un­mit­tel­bar ver­pflich­tet, ih­ren Ar­beit­neh­mern den im Ta­rif­ver­trag vom 29. No­vem­ber 2007 be­stimm­ten Min­dest­lohn zu gewähren. Zwi­schen den Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 und der Be­klag­ten be­gründe dies je­doch kein kon­kre­tes Rechts­verhält­nis im Sin­ne des § 43 Abs. 1 Vw­GO. Der Zulässig­keit ste­he zu­dem die Sub­si­dia­rität der Fest­stel­lungs­kla­ge (§ 43 Abs. 2 Vw­GO) ent­ge­gen, die rechts­wegüberg­rei­fend zu ver­ste­hen sei. Die Rechtmäßig­keit der Ver­ord­nung könne in­zi­dent im ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren geklärt wer­den. Die Fest­stel­lungs­kla­ge des Klägers zu 2 sei da­ge­gen zulässig. Zwar be­gründe die Rechts­ver­ord­nung für ihn kei­ne un­mit­tel­ba­ren Pflich­ten. Sie be­tref­fe ihn aber in sei­nen sat­zungsmäßigen Auf­ga­ben als Ar­beit­ge­ber­ver­band, zu de­nen auch der Ab­schluss von Ta­rif­verträgen gehöre. Dem Kläger zu 2 wer­de durch die Rechts­ver­ord­nung die Möglich­keit ge­nom­men, im Gel­tungs­be­reich des Ta­rif­ver­tra­ges für sei­ne Mit­glie­der ab­wei­chen­de Ta­rif­verträge ab­zu­sch­ließen. Da­mit wer­de der Kläger zu 2 in sei­ner grund­recht­lich geschütz­ten Betäti­gungs­frei­heit als Ar­beit­ge­ber­ko­ali­ti­on ein­ge­schränkt. Das Grund­recht der Ko­ali­ti­ons­frei­heit aus Art. 9 Abs. 3 GG schütze auch die Ko­ali­ti­on selbst in ih­ren Betäti­gun­gen, so­fern die­se der Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen die­nen. Die Kla­ge des Klägers zu 2 sei auch be­gründet. Der Er­lass der Ver­ord­nung ver­let­ze ihn in sei­nem Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG. Über­dies ver­s­toße die Ver­ord­nung ge¬gen den Ge­set­zes­vor­be­halt gemäß Art. 80 Abs. 1 GG, weil die in der Ver­ord­nung zi­tier­te ge­setz­li­che Ermäch­ti­gung in § 1 Abs. 3a Satz 1 AEntG es nur zu­las­se, dass al­le un­ter den Gel­tungs­be­reich die­ses Ta­rif­ver­tra­ges fal­len­den und nicht be­reits an­der­wei­tig ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer von de­ren Gel­tungs­er­stre­ckung er­fasst würden. Die Ver­ord­nung grei­fe auch de­halb un­zulässig in ver­fas­sungsmäßige Rech­te des Klägers zu 2 ein, weil die
Be­klag­te bei ih­rem Er­lass die in § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG ge­re­gel­ten Be­tei­li­gungs­rech­te miss­ach­tet ha­ben. Die An­fang No­vem­ber ein­geräum­te Möglich­keit zur Stel­lung­nah­me durch die er­folg­te Veröffent­li­chung im Bun­des­an­zei­ger ha­be den ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen nicht genügt. Die Auf­he­bung des al­ten und der Ab­schluss ei­nes neu­en Ta­rif­ver­tra­ges hätten die Ein­lei­tung ei­nes neu­en Ver­fah­rens mit er­neu­ter Be­tei­li­gung er­for­der­lich ge­macht.
Ge­gen die Ent­schei­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts ha­ben die Kläge­rin­nen
zu 1, 3 und 4 und die Be­klag­te die vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zu­ge­las­se­ne Re­vi­si­on ein­ge­legt.
Die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 rügen, dass das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zu Un­recht von der Un­zulässig­keit ih­rer Kla­ge aus­ge­gan­gen sei. In Übe­rein­stim­mung mit dem Kläger zu 2 ma­chen sie gel­tend, die Ver­ord­nung über zwin­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen für die Bran­che Brief­dienst­leis­tun­gen vom 28. De­zem­ber 2007 sei for­mell und ma­te­ri­ell rechts­wid­rig und ver­let­ze sie in ih­ren Grund­rechts­po­si­tio­nen.
Die Kläge­rin zu 1 be­an­tragt,
das Ur­teil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg auf­zu­he­ben, so­weit es die Kla­ge der Kläge­rin und Be­ru­fungs­be­klag­ten zu 1 ab­ge­wie­sen hat, und die Be­ru­fung der Be­klag­ten auch in­so­weit zurück­zu­wei­sen.
Die Kläge­rin­nen zu 3 und 4 be­an­tra­gen,
un­ter Abände­rung des an­ge­foch­te­nen Ur­teils des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 18. De­zem­ber 2008 die Be­ru­fung der Be­klag­ten ins­ge­samt zurück­zu­wei­sen.
das Ur­teil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 18. De­zem­ber 2008 ab­zuändern, so­weit es die Be­ru­fung der Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen hat, und die Kla­ge des Klägers zu 2 ab­zu­wei­sen und die Re­vi­sio­nen der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 zurück­zu­wei­sen.
Der Kläger zu 2 be­an­tragt,
Die Be­klag­te hält die Kla­gen der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 für un­zulässig und die Kla­ge des Klägers zu 2 für un­be­gründet. Zwi­schen den Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 und der Be­klag­ten be­ste­he kein fest­stel­lungsfähi­ges Rechts­verhält­nis, weil die strei­ti­ge Ver­ord­nung vom 28. De­zem­ber 2007 die Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen Norm­ge­ber und Nor­madres­sa­ten nicht un­mit­tel­bar ge­stal­te. Des­sen un­ge­ach­tet sei ei­ne Fest­stel­lungs­kla­ge auch sub­si­diär. Die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 hätten die Möglich­keit, die Ver­ord­nung vom 28. De­zem­ber 2007 in ei­nem Ver­fah­ren vor dem Ar­beits­ge­richt oder, so­weit Über­wa­chungs- und Sank­ti­ons­maßnah­men in Be­tracht kämen, vor dem Fi­nanz­ge­richt in­zi­dent über­prüfen zu las­sen.
Die Kla­ge des Klägers zu 2 sei un­be­gründet. Die Ver­ord­nung vom 28. De­zem­ber 2007 sei for­mell und ma­te­ri­ell rechtmäßig, ins­be­son­de­re sei die Ein­ho­lung ei­ner er­neu­ten Stel­lung­nah­me der von der Ver­ord­nung be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer nach Ände­rung des Ta­rif­ver­tra­ges vom 11. Sep­tem­ber 2007 nicht mehr er­for­der­lich ge­we­sen.
Die Re­vi­sio­nen der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 ha­ben Er­folg. Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil des Be­ru­fungs­ge­richts be­ruht auf ei­ner Ver­let­zung von § 43 Vw­GO, in dem es zu Un­recht an­nimmt, die Fest­stel­lungs­kla­gen der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 sei­en man­gels ei­nes fest­stell­ba­ren Rechts­verhält­nis­ses zwi­schen Norm­ge­ber und Nor­madres­sat und we­gen der Sub­si­dia­rität der Fest­stel­lungs­kla­gen un­zulässig (§ 137 Abs. 1 Nr. 2 Vw­GO). Die Ent­schei­dung stellt sich auch nicht im Er­geb­nis aus an­de­ren Gründen als rich­tig dar (§ 144 Abs. 4 Vw­GO). Des­halb führen die Re­vi­sio­nen in­so­weit zur Auf­he­bung des Ur­teils (1.). Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten er­weist sich nicht als be­gründet. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist
im Er­geb­nis zu Recht da­von aus­ge­gan­gen, dass die Fest­stel­lungs­kla­ge des Klägers zu 2 zulässig ist (2.). Auch sei­ne An­nah­me, der Kläger zu 2 sei we­gen Miss­ach­tung des in § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. vor­ge­schrie­be­nen Be­tei­li­gungs­ver­fah­rens in sei­nen Rech­ten ver­letzt, ist frei von Rechts­feh­lern. Die Miss­ach­tung des Be­tei­li­gungs­ver­fah­rens ver­letzt in glei­cher Wei­se auch die Rech­te der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 (3.).
1. Die Fest­stel­lungs­kla­gen der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 sind zulässig.
Gemäß § 43 Abs. 1 Vw­GO kann durch Kla­ge die Fest­stel­lung des Be­ste­hens oder Nicht­be­ste­hens ei­nes Rechts­verhält­nis­ses be­gehrt wer­den, wenn der Kläger ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se an der bal­di­gen Fest­stel­lung hat.
a) Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts sind un­ter ei­nem fest­stel­lungsfähi­gen Rechts­verhält­nis die recht­li­chen Be­zie­hun­gen zu ver­ste­hen, die sich aus ei­nem kon­kre­ten Sach­ver­halt auf­grund ei­ner öffent­lich-recht­li­chen Norm für das Verhält­nis von (natürli­chen oder ju­ris­ti­schen) Per­so­nen un­ter­ein­an­der oder ei­ner Per­son zu ei­ner Sa­che er­ge­ben (Ur­tei­le vom 23. Ja­nu­ar 1992 - BVerwG 3 C 50.89 - BVerw­GE 89, 327 <329 f.> = Buch­holz 418.711 LMBG Nr. 30 S. 87 f., vom 26. Ja­nu­ar 1996 - BVerwG 8 C 19.94 - BVerw­GE 100, 262 <264> = Buch­holz 454.9 Miet­preisR Nr. 15 S. 2 f. und vom 20. No­vem­ber 2003 - BVerwG 3 C 44.02 - Buch­holz 418.32 AMG Nr. 37). Ge­gen­stand der Fest­stel­lungs­kla­ge muss ein strei­ti­ges kon­kre­tes Rechts­verhält­nis sein, d.h. es muss „in An­wen­dung ei­ner Rechts­norm auf ei­nen be­stimm­ten be­reits über­schau­ba­ren Sach­ver­halt strei­tig“ sein (Ur­tei­le vom 13. Ok­to­ber 1971 - BVerwG 6 C 57.66 - BVerw­GE 38, 346 m.w.N. = Buch­holz 232 § 123 BBG Nr. 8 und vom 30. Mai 1985 - BVerwG 3 C 53.84 - BVerw­GE 71, 318 = Buch­holz 418.32 AMG Nr. 13; Be­schluss vom 12. No­vem­ber 1987 - BVerwG 3 B 20.87 - Buch­holz 310 § 43 Vw­GO Nr. 97). Un­abhängig von der Fra­ge der Kon­kre­ti­sie­rung des Rechts­verhält­nis­ses setzt ein fest­stel­lungsfähi­ges Rechts­verhält­nis vor­aus, dass zwi­schen den Par­tei­en die­ses Rechts­verhält­nis­ses ein Mei­nungs­streit be­steht, aus dem her­aus sich ei­ne Sei­te berühmt, ein be­stimm­tes Tun oder Un­ter­las­sen der an­de­ren Sei­te ver­lan­gen zu können. Es müssen sich al­so aus die­ser Rechts­be­zie­hung her­aus be­stimm­te Rechts­fol­gen er­ge­ben
können, was wie­der­um die An­wen­dung von be­stimm­ten Nor­men auf den kon­kre­ten Sach­ver­halt vor­aus­setzt (Ur­teil vom 23. Ja­nu­ar 1992 a.a.O. S. 330 bzw. S. 88). Dar­an fehlt es, wenn nur abs­trak­te Rechts­fra­gen wie die Gültig­keit ei­ner Norm zur Ent­schei­dung ge­stellt wer­den. Auch bloße Vor­fra­gen oder un­selbstständi­ge Ele­men­te ei­nes Rechts­verhält­nis­ses können nicht Ge­gen­stand ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge sein. Dar­auf be­schränkt sich das Kla­ge­be­geh­ren bei sinn­gemäßer Aus­le­gung nach § 88 Vw­GO je­doch nicht.
aa) Der An­trag der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 fest­zu­stel­len, dass die Rechts­ver­ord­nung des Bun­des­mi­nis­ters für Ar­beit und So­zia­les vom 28. De­zem­ber 2007 über zwin­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen für die Bran­che Brief­dienst­leis­tun­gen sie in ih­ren sub­jek­tiv-öffent­li­chen Rech­ten (Art. 9 Abs. 3, Art. 12 Abs. 1 GG) ver­letzt, rich­tet sich nicht auf die Fest­stel­lung der Gültig­keit oder Ungültig­keit ei­ner Norm, so dass § 47 Vw­GO ge­genüber dem Rechts­schutz­be­geh­ren der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 kei­ne Sperr­wir­kung ent­fal­tet. Dem Sys­tem des ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Rechts­schut­zes kann nicht ent­nom­men wer­den, dass außer­halb des § 47 Vw­GO die Über­prüfung von Recht­set­zungs­ak­ten aus­ge­schlos­sen sein soll. Es gehört zur rich­ter­li­chen Prüfungs­kom­pe­tenz, auch die Gültig­keit ei­ner Rechts­norm, ins­be­son­de­re ih­re Ver­ein­bar­keit mit höher­ran­gi­gem Recht, zu über­prüfen, so­fern es für den Aus­gang des Rechts­streits hier­auf an­kommt (Ur­teil vom 3. No­vem­ber 1988 - BVerwG 7 C 115.86 - BVerw­GE 80, 355 <363> = Buch­holz 310 § 40 Vw­GO Nr. 238). Von ei­ner „Um­ge­hung“ des § 47 Vw­GO kann nur dann die Re­de sein, wenn mit ei­nem auf ei­ne an­de­re Kla­ge­art gestütz­ten Rechts­schutz­be­geh­ren le­dig­lich die Klärung der Gültig­keit ei­ner Rechts­norm oder ei­ner abs­trak­ten Rechts­fra­ge auf­grund ei­nes nur er­dach­ten oder ei­nes un­ge­wis­sen künf­ti­gen Sach­ver­halts er­reicht wer­den soll; in ei­nem sol­chen Fall würde der Rechts­streit nicht der Durch­set­zung von kon­kre­ten Rech­ten der Be­tei­lig­ten, son­dern da­zu die­nen, Rechts­fra­gen gleich­sam um ih­rer selbst wil­len theo­re­tisch zu lösen (Ur­teil vom 9. De­zem­ber 1982 - BVerwG 5 C 103.81 - Buch­holz 310 § 43 Vw­GO Nr. 78). An­ders liegt es da­ge­gen, wenn - wie vor­lie­gend - die An­wen­dung ei­ner Rechts­norm auf ei­nen be­stimm­ten, in der Wirk­lich­keit ge­ge­be­nen Sach­ver­halt strei­tig ist, so dass die Rechtmäßig­keit der Norm als - wenn auch strei­tent­schei­den­de - Vor­fra­ge auf­ge­wor­fen wird (Ur­tei­le vom 9. De­zem­ber 1982 - BVerwG 5 C 103.81 - a.a.O. und vom 28. Ju­ni
2000 - BVerwG 11 C 13.99 - BVerw­GE 111, 276 <278> = Buch­holz 442.42 § 27a Luft­VO Nr. 1; so auch BVerfG, Be­schluss vom 17. Ja­nu­ar 2006 - 1 BvR 541/02 u.a. - BVerfGE 115, 81 <95 f.>). Mit dem Fest­stel­lungs­be­geh­ren wer­den sub­jek­ti­ve Rechts­po­si­tio­nen der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 gel­tend ge­macht, um Ein­schränkun­gen der ta­rif­au­to­no­men Aus­ge­stal­tung der Ar­beits­be­din­gun­gen ih­rer Beschäftig­ten auf der Grund­la­ge des Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­set­zes ab­zu­weh­ren.
bb) Ent­ge­gen der An­nah­me des Be­ru­fungs­ge­richts be­steht zwi­schen den Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 und der Be­klag­ten ein fest­stel­lungsfähi­ges kon­kre­tes strei­ti­ges Rechts­verhält­nis im Sin­ne von § 43 Abs. 1 Vw­GO. Es er­gibt sich aus der An­wen­dung der Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge des § 1 Abs. 3a AEntG in der Fas­sung vom 21. De­zem­ber 2007 (BGBl I S. 3140) und der den Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 verbürg­ten Grund­rech­te aus Art. 9 Abs. 3, Art. 12 Abs. 1 GG. Strei­tig ist, ob der zuständi­ge Mi­nis­ter der Be­klag­ten for­mell- und ma­te­ri­ell­recht­lich ge­genüber den Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 be­fugt war, auf der Grund­la­ge des § 1 Abs. 3a Satz 1 AEntG in der Fas­sung vom 21. De­zem­ber 2007 (a.F.) die strei­ti­ge Rechts­ver­ord­nung zu er­las­sen, und ob die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 nach wie vor be­rech­tigt sind, ih­re Ar­beit­neh­mer zu nied­ri­ge­ren Löhnen zu beschäfti­gen, als es den im Ver­ord­nungs­weg er­streck­ten Min­dest­lohn­re­ge­lun­gen ent­spricht. Das Vor­brin­gen der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4, we­gen ein­ge­gan­ge­ner an­der­wei­ti­ger Ta­rif­bin­dung würden sie von der Er­stre­ckungs­re­ge­lung in der Rechts­ver­ord­nung nicht er­fasst, lässt sich als ein Gel­tend­ma­chen des „Nicht­be­ste­hens“ ei­nes Rechts­verhält­nis­ses im Sin­ne des § 43 Abs. 1 Alt. 2 Vw­GO deu­ten.
Ein im Verhält­nis zur Be­klag­ten fest­stel­lungsfähi­ges Rechts­verhält­nis ist nicht be­reits des­halb zu ver­nei­nen, weil das Recht der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4, die Zah­lung des Min­dest­lohns zu ver­wei­gern, nicht ge­genüber der Be­klag­ten, son­dern nur ge­genüber ih­ren Ar­beit­neh­mern bestünde. Das Be­ste­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses zwi­schen den Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 und ih­ren Ar­beit­neh­mern schließt das gleich­zei­ti­ge Be­ste­hen ei­nes öffent­lich-recht­li­chen Rechts­verhält­nis­ses der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 zur Be­klag­ten als Ver­ord­nungs­ge­be­rin nicht aus. Bei­de Rechts­verhält­nis­se sind von ein­an­der ab­zu­gren­zen, weil sie
auf der An­wen­dung un­ter­schied­li­cher Rechts­nor­men be­ru­hen. Das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 zu ih­ren Ar­beit­neh­mern rich­tet sich nach den ar­beits­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen des Pri­vat­rechts so­wie - bei wirk­sa­mer Er­stre­ckung - der ta­rif­li­chen Min­dest­lohn­ver­ein­ba­rung. Das strei­ti­ge Rechts­verhält­nis der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 zur Be­klag­ten be­ur­teilt sich hin­ge­gen nach § 1 Abs. 3a Satz 1 und 2 AEntG a.F. und den Grund­rechts­po­si­tio­nen, in de­ren Schutz­be­reich die ta­rif- oder pri­vat­au­to­no­me Ver­ein­ba­rung von Ar­beits­ent­gel­ten fällt. We­gen des von den Kläge­rin­nen zu 3 und 4 zwi­schen­zeit­lich ab­ge­schlos­se­nen Man­tel-/Haus­ta­rif­ver­tra­ges vom 23. April 2008 und der Bin­dung der Kläge­rin zu 1, die Mit­glied im Ar­beit­ge­ber­ver­band Neue Brief- und Zu­stell­diens­te ist, an den Ta­rif­ver­trag vom 11. De­zem­ber 2007 kommt ei­ne Ver­let­zung ih­rer po­si­ti­ven, ih­nen als Ar­beit­ge­bern zu­ste­hen­den Ko­ali­ti­ons­frei­heit nach Art. 9 Abs. 3 GG in Be­tracht. Je­den­falls ist ih­re Be­rufs­ausübungs­frei­heit nach Art. 12 Abs. 1 GG berührt, weil die Er­stre­ckung von Min­dest­lohn­ta­rif­re­ge­lun­gen das Recht des Ar­beit­ge­bers ein­schränkt, die Ar­beits­be­din­gun­gen pri­vat­au­to­nom zu ge­stal­ten (BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 29. De­zem­ber 2004 - 1 BvR 2283/03, 2504/03 und 2582/03 - NZA 2005, 153 <155>).
cc) Die An­nah­me ei­nes fest­stel­lungsfähi­gen Rechts­verhält­nis­ses schei­tert vor­lie­gend auch nicht dar­an, dass ei­ne Fest­stel­lungs­kla­ge des Nor­madres­sa­ten un­mit­tel­bar ge­gen den Norm­ge­ber im Re­gel­fall aus­schei­det. Da nach Art. 30 GG die Ausübung der staat­li­chen Be­fug­nis­se und die Erfüllung der staat­li­chen Auf­ga­ben grundsätz­lich Sa­che der Länder ist und Art. 83 GG eben­so grundsätz­lich be­stimmt, dass die Länder Bun­des­ge­set­ze als ei­ge­ne An­ge­le­gen­hei­ten ausführen, d.h. sie ver­wal­tungsmäßig um­set­zen, eröff­net sich im Re­gel­fall ein Rechts­verhält­nis zwi­schen Nor­madres­sa­ten und Nor­m­an­wen­der, nicht hin­ge­gen zwi­schen Nor­madres­sa­ten und Norm­ge­ber, weil Letz­te­rer an der Um­set­zung der Norm ge­genüber dem Adres­sa­ten nicht be­tei­ligt ist (Ur­teil vom 23. Au­gust 2007 - BVerwG 7 C 2.07 - BVerw­GE 129, 199 <204> = Buch­holz 451.221 § 24 KrW-/Ab­fG Nr. 5). Das schließt je­doch nicht aus, über den Aus­nah­me­fall der zulässi­gen Nor­mer­lass­kla­gen hin­aus - wenn et­wa das Recht des Be­trof­fe­nen auf Gleich­be­hand­lung den Er­lass oder die Ände­rung ei­ner Rechts­norm ge­bie­tet (BVerfG, Be­schluss vom 17. Ja­nu­ar 2006 a.a.O.; BVerwG, Ur­tei­le vom 4. Ju­li 2002 - BVerwG 2 C 13.01 - Buch­holz 240 § 49 BBesG Nr. 2 und
vom 7. Sep­tem­ber 1989 - BVerwG 7 C 4.89 - Buch­holz 415.1 AllgKommR Nr. 93) - ei­ne Fest­stel­lungs­kla­ge ge­gen den Norm­ge­ber auch für zulässig zu hal­ten, wenn man­gels ad­mi­nis­tra­ti­ven Voll­zugs kein kon­kre­tes Rechts­verhält­nis zwi­schen Nor­m­an­wen­der und Nor­madres­sat be­gründet, die Rechts­be­ein­träch­ti­gung be­reits un­mit­tel­bar durch die Norm be­wirkt wird und ef­fek­ti­ver Rechts­schutz nur im Rechts­verhält­nis zwi­schen Norm­ge­ber und Nor­madres­sat gewährt wer­den kann.
Dass ei­ne Norm „sel­f­ex­cu­ting“ ist, d.h. dass sich aus ihr un­mit­tel­bar Rech­te und Pflich­ten er­ge­ben, be­gründet je­doch noch kein fest­stel­lungsfähi­ges Rechts­verhält­nis zum Norm­ge­ber, so­weit dort noch Ver­wal­tungs­voll­zug möglich ist (vgl. Ur­teil vom 23. Au­gust 2007 a.a.O. S. 205). Auch bei sol­chen Nor­men können sich norm­be­trof­fe­ne Per­so­nen und ei­ne die Norm voll­zie­hen­de Behörde ge­genüber­ste­hen, die die Re­ge­lun­gen kon­kre­ti­siert oder in­di­vi­dua­li­siert und An­ord­nun­gen für den Ein­zel­fall auf­grund ge­setz­li­cher Be­fug­nis­se trifft. In sol­chen Fällen muss die Fest­stel­lung ei­nes kon­kre­ten strei­ti­gen Rechts­verhält­nis­ses zwi­schen Nor­madres­sat und Nor­m­an­wen­der geklärt wer­den und nicht ei­ne Rechts­be­zie­hung zum Norm­ge­ber.
Ei­ne Fest­stel­lungs­kla­ge ge­gen den Norm­ge­ber kommt mit­hin nur dann in Be­tracht, wenn die Rechts­ver­ord­nung un­mit­tel­bar Rech­te und Pflich­ten der Be­trof­fe­nen be­gründet, oh­ne dass ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung oder In­di­vi­dua­li­sie­rung durch Ver­wal­tungs­voll­zug vor­ge­se­hen oder möglich ist (vgl. et­wa Ur­teil vom 1. März 1967 - BVerwG 4 C 74.66 - BVerw­GE 26, 251 <253> = Buch­holz 445.4 § 23 WHG Nr. 2; Be­schluss vom 19. De­zem­ber 2002 - BVerwG 7 VR 1.02 - Buch­holz 451.221 § 24 KrW-/Ab­fG Nr. 2; Ur­tei­le vom 28. Ju­ni 2000 - BVerwG 11 C 13.99 - BVerw­GE 111, 276 <279> = Buch­holz 442.42 § 27a Luft­VO Nr. 1, vom 26. No­vem­ber 2003 - BVerwG 9 C 6.02 - BVerw­GE 119, 245 <249> = Buch­holz 442.42 § 27a Luft­VO Nr. 2 und vom 24. Ju­ni 2004 - BVerwG 4 C 11.03 - BVerw­GE 121, 152 <155 f.> = Buch­holz 442.42 § 27a Luft­VO Nr. 3). Das ist hier der Fall. Aus der Er­stre­ckung ta­rif­ver­trag­li­cher Re­ge­lun­gen durch § 1 Brie­fArbbV er­ge­ben sich un­mit­tel­bar Pflich­ten der von ih­rem An­wen­dungs­be­reich er­fass­ten Ar­beit­ge­ber. Ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung oder In­di­vi­dua­li­sie­rung durch Maßnah­men des Ver­wal­tungs­voll­zugs ist nicht vor­ge­se­hen.
Nach dem Wort­laut des § 1 Brie­fArbbV führt die Er­stre­ckung der Rechts­nor­men des zwi­schen dem Ar­beit­ge­ber­ver­band Post­diens­te e.V. und der ver.di- Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­tra­ges vom 29. No­vem­ber 2007 da­zu, dass des­sen Re­ge­lun­gen auf al­le nicht be­reits an den Ta­rif­ver­trag ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer an­zu­wen­den sind. Sie gel­ten da­mit kraft Ta­rifer­stre­ckung durch Rechts­ver­ord­nung, in­dem sie die be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer in den persönli­chen Gel­tungs­be­reich des er­streck­ten Ta­rif­ver­tra­ges ein­be­zie­hen. Die Be­trof­fe­nen un­ter­lie­gen da­mit der Bin­dung an die Re­ge­lun­gen des Ta­rif­ver­tra­ges eben­so wie die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en. Nach § 4 Abs. 1 TVG ver­drängen ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen in ih­rem Gel­tungs­be­reich grundsätz­lich ent­ge­gen­ste­hen­de ar­beits­ver­trag­li­che Ab­re­den, oh­ne dass es da­zu ei­ner Um­set­zung oder an­de­rer Maßnah­men be­darf (Löwisch/Rieb­le, TVG, 2. Aufl. 2004, § 4 Rn. 21). Bei ei­ner Er­stre­ckung des An­wen­dungs­be­reichs ta­rif­ver­trag­li­cher Re­ge­lun­gen nach § 1 Abs. 3a AEntG tritt die un­mit­tel­ba­re Ge­stal­tungs­wir­kung je­den­falls bei Ar­beits­verhält­nis­sen zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer ein, die bis­her kei­ner Ta­rif­bin­dung un­ter­la­gen. Auch bei Ar­beits­verhält­nis­sen, auf die un­ter­schied­li­che ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen An­wen­dung fin­den können, ist un­ter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts da­von aus­zu­ge­hen, dass die Rechts­ver­ord­nung ei­ne Ver­pflich­tung der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 zur Zah­lung des Min­dest­lohns be­gründet. Auch die Be­klag­te geht da­von aus, dass durch die un­mit­tel­ba­re Ge­stal­tungs­wir­kung der Rechts­ver­ord­nung ei­ne an­der­wei­ti­ge Ta­rif­bin­dung ver­drängt wird.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts sind die Fälle der Ta­rif­kon­kur­renz, d.h. der Bin­dung bei­der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en an kon­kur­rie­ren­de Ta­rif­verträge, grundsätz­lich nach den Re­geln der sog. Ta­rif­spe­zia­lität zu lösen. Zur An­wen­dung kommt der spe­zi­el­le­re Ta­rif­ver­trag, der dem be­tref­fen­den Be­trieb räum­lich, fach­lich und persönlich am nächs­ten steht. Das gilt auch bei ei­ner Ta­rif­kon­kur­renz zwi­schen ei­nem für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärten Ta­rif­ver­trag nach § 5 TVG und ei­nem nicht für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärten Ta­rif­ver­trag und für die Fälle der Ta­rifp­lu­ra­lität, al­so der Bin­dung ei­nes Ar­beit­ge­bers an meh­re­re Ta­rif­verträge (BAG, Ur­teil vom 4. De­zem­ber 2002 - 10 AZR
113/02 - AP Nr. 28 zu § 4 TVG Ta­rif­kon­kur­renz; a.A. LAG Frank­furt/Main, Ur­teil vom 14. Ju­li 2003 - 16 Sa 530/02 - DB 2004, 1786). Der Vor­rang des spe­zi­el­le­ren Ta­rif­ver­tra­ges gilt al­ler­dings dann nicht, wenn der spe­zi­el­le­re Ta­rif­ver­trag oh­ne Ta­rif­bin­dung des Ar­beit­ge­bers le­dig­lich ein­zel­ver­trag­lich ver­ein­bart wor­den ist (BAG, Ur­tei­le vom 22. Sep­tem­ber 1993 - 10 AZR 207/92 - AP Nr. 21 zu § 4 TVG Ta­rif­kon­kur­renz und vom 4. De­zem­ber 2002 a.a.O.).
Im An­wen­dungs­be­reich des § 1 Abs. 1 und 3 AEntG a.F. wer­den Ta­rif­kon­kur­ren­zen nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts je­doch nach dem Güns­tig­keits­prin­zip gelöst. Die für den Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Re­ge­lung ver-drängt die ungüns­ti­ge­re, un­abhängig da­von, ob der be­tref­fen­de Ta­rif­ver­trag auf­grund ver­trag­li­cher Bin­dung nach § 3 TVG oder auf­grund ei­ner All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung an­zu­wen­den ist (BAG, Ur­tei­le vom 20. Ju­li 2004 - 9 ARZ 343/03 - BA­GE 111, 247 und vom 18. Ok­to­ber 2006 - 10 AZR 576/05 - BA­GE 120, 1). Wird die Ta­rif­kon­kur­renz auch bei ei­ner Er­stre­ckung ta­rif­li­cher Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen durch Rechts­ver­ord­nung nach dem Güns­tig­keits­prin­zip auf­gelöst, er­gibt sich für al­le Ar­beit­ge­ber, die nicht be­reits auf­grund an­der­wei­ti­ger Ta­rif­bin­dung zur Zah­lung des Min­dest­loh­nes ver­pflich­tet sind, die­se Pflicht aus der un­mit­tel­ba­ren Ein­be­zie­hung in den Gel­tungs­be­reich des er­streck­ten Ta­rif­ver­tra­ges.
Das Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz sieht we­gen der un­mit­tel­ba­ren und zwin­gen­den Wir­kung der durch die Rechts­ver­ord­nung er­streck­ten Ta­rif­nor­men kei­ne Um­set­zungs- bzw. Voll­zugs­ak­te vor, son­dern be­schränkt sich dar­auf, Verstöße mit Sank­tio­nen zu be­weh­ren (vgl. § 2 Abs. 1, § 5 Abs. 4 AEntG a.F. i.V.m. § 36 Abs. 1 Satz 1 OWiG zur Zuständig­keit der Bun­des­behörden; § 5 Abs. 1 und 2 AEntG a.F.). Ei­ne Ver­fol­gung von Verstößen als Ord­nungs­wid­rig­keit ist je­doch nicht ge­eig­net, zwi­schen den Kläge­rin­nen und der Be­klag­ten ein fest­stel­lungsfähi­ges Rechts­verhält­nis im Sin­ne des § 43 Abs. 1 Vw­GO zu be­gründen. Ein sol­ches Rechts­verhält­nis be­steht aus­sch­ließlich zur Be­klag­ten als Norm­ge­be­rin, die die Pflich­ten­re­ge­lung durch die Be­kannt­ga­be im Bun­des­an­zei­ger aus­gelöst hat und die sie wie­der auf­he­ben könn­te (Be­schluss vom 19. De­zem­ber 2002 a.a.O.).
Die­se An­nah­me steht nicht im Wi­der­spruch zur nicht ent­schei­dungs­tra­gen­den Erwägung im Ur­teil des 7. Se­nats vom 23. Au­gust 2007 (a.a.O.), dass es über den Aus­nah­me­fall der zulässi­gen Nor­mer­lass­kla­gen hin­aus­ge­hend kei­ner wei­te­ren „aty­pi­schen Fest­stel­lungs­kla­gen“ ge­gen den Norm­ge­ber bedürfe. Die­se For­mu­lie­rung ist nicht da­hin­ge­hend zu ver­ste­hen, dass ein kon­kre­tes Rechts­verhält­nis zum Norm­ge­ber in al­len an­de­ren Fällen be­griff­lich aus­ge­schlos­sen wäre, son­dern erklärt sich dar­aus, dass re­gelmäßig, wie im sei­ner­zeit zu ent­schei­den­den Fall, die Fra­ge nach der Rechtmäßig­keit der Norm im Rah­men der ge­gen die Voll­zugs­behörde ge­rich­te­ten Fest­stel­lungs­kla­ge als in­zi­dent zu prüfen­de Vor­fra­ge geklärt wer­den kann. So wur­de da­mals die Zulässig­keit ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge ge­gen den Norm­ge­ber mit Blick auf die Be­fug­nis in § 21 KrW-/Ab­fG zum Voll­zug der Ver­pa­ckungs­ver­ord­nung ver­neint. Mit der Fra­ge, ob bei Feh­len des Ver­wal­tungs­voll­zugs ei­ne Fest­stel­lungs­kla­ge ge­gen den Norm­ge­ber in Be­tracht kommt, setzt sich die Ent­schei­dung des 7. Se­nats nicht aus­ein­an­der.
Für die An­nah­me ei­nes strei­ti­gen Rechts­verhält­nis­ses genügt es, dass die Möglich­keit der Ver­drängung ei­ner an­der­wei­ti­gen Ta­rif­bin­dung der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 durch ei­ne un­mit­tel­ba­re Ge­stal­tungs­wir­kung der Rechts­ver­ord­nung be­steht, de­ren Be­ach­tung von der Be­klag­ten ein­ge­for­dert wird. Im Rah­men der Zulässig­keitsprüfung der Fest­stel­lungs­kla­ge muss we­der ab­sch­ließend geklärt wer­den, ob bei ei­ner Ta­rifer­stre­ckung nach § 1 Abs. 3a Satz 1 AEntG a.F. das Güns­tig­keits­prin­zip an­zu­wen­den ist, noch, ob sich die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 un­ter Hin­weis auf den Grund­satz der Spe­zia­lität auf ei­nen be­triebsnähe­ren Ta­rif­ver­trag be­ru­fen können, der ih­re Ver­pflich­tung zur Zah­lung ei­nes er­streck­ten Min­dest­loh­nes ent­fal­len lässt. Fra­gen zur Wirk­sam­keit der von den Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­verträge sind da­her eben­falls un­er­heb­lich.
b) Die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 ha­ben auch ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se an ei­ner bal­di­gen Fest­stel­lung. Das in § 43 Abs. 1 Vw­GO ge­for­der­te be­rech­tig­te In­ter­es­se an der be­gehr­ten Fest­stel­lung schließt je­des als schutzwürdig an­zu­er­ken­nen­de In­ter­es­se, ins­be­son­de­re auch wirt­schaft­li­cher oder ide­el­ler Art ein. Un­abhängig von den Sank­tio­nen, die den Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 dro­hen, falls sie den fest­ge­setz­ten Brut­tom­in­dest­lohn ih­ren Ar­beit­neh­mern nicht be­zah-
len, er­gibt sich ein wirt­schaft­li­ches In­ter­es­se der Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 schon dar­aus, dass sie we­gen der fi­nan­zi­el­len Be­las­tung möglichst frühzei­tig wis­sen wol­len, ob sie ver­pflich­tet sind, den fest­ge­setz­ten Brut­tom­in­dest­lohn zu zah­len. Die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 können da­ne­ben auch gel­tend ma­chen, dass sie durch die Er­stre­ckungs­wir­kung in ih­ren sub­jek­tiv-öffent­li­chen Rech­ten ver­letzt sind. Ei­ne Ver­let­zung von Art. 12 Abs. 1 GG und/oder von Art. 9 Abs. 3 GG ist je­den­falls möglich.
c) Zu Un­recht hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ei­ne Sub­si­dia­rität der Fest­stel­lungs­kla­ge gemäß § 43 Abs. 2 Vw­GO be­jaht und an­ge­nom­men, ei­ne mögli­che Klärung des Rechts­streits sei in ei­nem ar­beits­ge­richt­li­chen Pro­zess aus pro­zessöko­no­mi­schen Gründen vor­ran­gig.
We­gen des feh­len­den Ver­wal­tungs­voll­zugs können die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 kei­nen Rechts­schutz durch ei­ne ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Ge­stal­tungs­kla­ge im We­ge der An­fech­tung er­lan­gen. Auch ei­ne ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Leis­tungs­kla­ge schei­det aus.
Ei­ne Sub­si­dia­rität ge­genüber Rechts­be­hel­fen zu den Ar­beits- oder Fi­nanz­ge­rich­ten ist nicht ge­ge­ben. Eben­so we­nig können die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 dar­auf ver­wie­sen wer­den, vor­ran­gig in ei­nem Ver­fah­ren nach dem Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ge­setz ei­ne Klärung der auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen her­bei­zuführen. Das Be­ru­fungs­ge­richt wird im an­ge­grif­fe­nen Ur­teil der Ziel­set­zung des § 43 Abs. 2 Satz 1 Vw­GO nicht ge­recht. Die­se Vor­schrift will unnöti­ge Fest­stel­lungs­kla­gen ver­mei­den, wenn für die Rechts­ver­fol­gung ei­ne an­de­re sachnähe­re und wirk­sa­me­re Kla­ge­art zur Verfügung steht (Ur­teil vom 7. Sep­tem­ber 1989 - BVerwG 7 C 4.89 - Buch­holz 415.1 AllgKommR Nr. 93). Der dem Kläger zu­ste­hen­de Rechts­schutz soll aus Gründen der Pro­zessöko­no­mie auf ein ein­zi­ges Ver­fah­ren, nämlich das­je­ni­ge, das sei­nem An­lie­gen am wir­kungs­volls­ten ge­recht wird, kon­zen­triert wer­den (Ur­teil vom 25. April 1996 - BVerwG 3 C 8.95 - Buch­holz 418.61 Tierkörper­be­sei­ti­gungs­ge­setz Nr. 12). We­gen der prin­zi­pi­el­len Gleich­wer­tig­keit der Rechts­we­ge gilt die­se Ziel­set­zung „rechts­wegüberg­rei­fend“, d.h. et­wa auch dann, wenn die mit der Fest­stel­lungs­kla­ge kon­kur­rie­ren­de Kla­ge vor dem Zi­vil­ge­richt zu er­he­ben ist (Ur­tei­le vom 18. Ok­to­ber 1985 - BVerwG 4 C
21.80 - Buch­holz 406.11 § 1 BBauG Nr. 28 = BVerw­GE 72, 172 und vom 12. Ju­li 2000 - BVerwG 7 C 3.00 - BVerw­GE 111, 306 <308 f.> = Buch­holz 310 § 43 Vw­GO Nr. 133). Ei­ne Sub­si­dia­rität ist je­doch zu ver­nei­nen, wenn die Fest­stel­lungs­kla­ge - wie hier - ef­fek­ti­ve­ren Rechts­schutz bie­tet (Ur­teil vom 24. Ju­ni 2004 - BVerwG 4 C 11.03 - BVerw­GE 121, 152 <156> = Buch­holz 442.42 § 27a Luft­VO Nr. 3).
Die Fest­stel­lungs­kla­ge ist nicht sub­si­diär ge­genüber der Möglich­keit, sich ge­gen Leis­tungs­kla­gen der Ar­beit­neh­mer auf Lohn­zah­lung vor den Ar­beits­ge­rich­ten zu weh­ren und in die­sen Ver­fah­ren ei­ne in­zi­den­te Kon­trol­le der Brie­fArbbV her­bei­zuführen. Zum ei­nen legt der Wort­laut des § 43 Abs. 2 Vw­GO na­he, dass die Sub­si­dia­rität die Möglich­keit an­der­wei­ti­ger ak­ti­ver Gel­tend­ma­chung ei­ge­ner Rech­te, und nicht nur ei­ne Ver­tei­di­gungsmöglich­keit oder ei­ne mögli­che Be­tei­li­gung als Drit­ter vor­aus­setzt. Im Übri­gen würde die Stel­lung als Be­klag­te im ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 nicht da­vor schützen, von der zuständi­gen Behörde vor Er­ge­hen ei­nes rechts­kräfti­gen Ur­teils des Ar­beits­ge­richts über die Lohn­kla­ge mit Sank­tio­nen we­gen der Nicht­gewährung des Min­dest­lohns be­langt zu wer­den.
Es ist für die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 auch nicht zu­mut­bar, über ein Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ver­fah­ren ei­ne ge­richt­li­che Klärung zu er­rei­chen (Ur­teil vom 13. Ja­nu­ar 1969 - BVerwG 1 C 86.64 - Buch­holz 310 § 43 Vw­GO Nr. 31 = BVerw­GE 31, 177). § 5 Abs. 3 AEntG a.F. er­laubt ei­ne Ahn­dung mit bis zu 500 000 €. Dass die Be­klag­te ih­re Behörden an­ge­wie­sen hat, während der Dau­er des ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens kei­ne Sank­tio­nen zu verhängen und sich auf Er­mitt­lun­gen zu be­schränken, be­deu­tet kei­nen Ver­zicht, son­dern nur ei­nen zeit­li­chen Auf­schub. Da die Kläge­rin­nen zu 1, 3 und 4 Klar­heit ha­ben wol­len, ob sie ver­pflich­tet sind, al­len bei ih­nen beschäftig­ten Mit­ar­bei­tern den Brut­tom­in­dest­lohn zu zah­len, geht es ih­nen auch nicht le­dig­lich dar­um, vor­beu­gen­den Rechts­schutz ge­genüber et­wai­gen späte­ren Bußgeld­ver­fah­ren zu er­lan­gen (Ur­tei­le vom 7. Mai 1987 - BVerwG 3 C 53.85 - BVerw­GE 77, 207 <213> = Buch­holz 418.711 LMBG Nr. 16 und vom 23. Ja­nu­ar 1992 - BVerwG 3 C 50.89 - BVerw­GE 89, 327 <331> = Buch­holz 418.711 LMBG Nr. 30).
So­weit nach § 23 des Ge­set­zes zur Bekämp­fung der Schwarz­ar­beit und il­le­ga­len Beschäfti­gung vom 23. Ju­li 2004 (BGBl I S. 1842), zu­letzt geändert durch Ge­setz vom 22. April 2009 (BGBl I S. 818), der Rechts­weg zu den Fi­nanz­ge­rich­ten eröff­net ist, han­delt es sich um Rechts­be­hel­fe ge­gen Prüfungs- und Er­mitt­lungs­maßnah­men so­wie ge­gen da­ten­schutz­recht­lich re­le­van­tes Han­deln der Fi­nanz­behörden im Zu­ge der Ver­fol­gung von Verstößen ge­gen das Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz. Un­ter­las­sungs­kla­gen da­ge­gen stel­len kei­nen ef­fek­ti­ven Rechts­schutz hin­sicht­lich der Klärung der gel­tend ge­mach­ten Rechts­ver­let­zun­gen durch die Ver­ord­nung dar, der ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge gemäß § 43 Abs. 1 Vw­GO vor­geht.
2. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat die Zulässig­keit der Kla­ge des Klägers zu 2 im Er­geb­nis zu Recht be­jaht.
a) Auch zwi­schen dem Kläger zu 2 und der Be­klag­ten be­steht ein kon­kre­tes fest­stel­lungsfähi­ges Rechts­verhält­nis im Sin­ne von § 43 Abs. 1 Vw­GO. Ge­gen­stand des Streits zwi­schen die­sen Be­tei­lig­ten ist die An­wen­dung des § 1 Abs. 3a AEntG und der dar­auf gestütz­ten Brie­fArbbV auf ei­nen kon­kre­ten Sach­ver­halt, nämlich die durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Betäti­gung des Klägers zu 2 als Ar­beit­ge­ber­ver­band (Ko­ali­ti­on). Strei­tig ist, ob § 1 Abs. 3a Satz 1 AEntG zur Ta­rifer­stre­ckung ge­genüber an­der­wei­tig ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­bern ermäch­tigt mit der Fol­ge, dass vom Kläger zu 2 wirk­sam ab­ge­schlos­se­ne oder noch ab­zu­sch­ließen­de Ta­rif­verträge bei An­wen­dung des Güns­tig­keits­prin­zips ver­drängt würden, und ob dem Kläger zu 2 we­gen ei­nes mit­tel­ba­ren Ein­griffs in sein Recht auf ko­ali­ti­ons­gemäße Betäti­gung aus Art. 9 Abs. 3 GG ein Ab­wehr­recht ge­gen die Gel­tungs­er­stre­ckung ta­rif­li­cher Min­dest­lohn­re­ge­lun­gen nach § 1 Brie­fArbbV zu­steht, ob­wohl die Ver­ord­nung nur für sei­ne Mit­glie­der, und nicht für ihn selbst un­mit­tel­bar Rech­te und Pflich­ten be­gründet.
Für das Vor­lie­gen ei­nes im Sin­ne des § 43 Abs. 1 Vw­GO strei­ti­gen kon­kre­ten Rechts­verhält­nis­ses ist es im Rah­men der Zulässig­keitsprüfung nicht er­for­der­lich, ab­sch­ließend zu klären, ob die zwi­schen den Be­tei­lig­ten strei­ti­ge Be­fug­nis
zum Er­lass der Ver­ord­nung und das gel­tend ge­mach­te Ab­wehr­recht tatsächlich be­ste­hen.
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten setzt das Vor­lie­gen ei­nes fest­stel­lungsfähi­gen Rechts­verhält­nis­ses zwi­schen ihr und dem Kläger zu 2 we­der vor­aus, dass die um­strit­te­ne Ver­ord­nung den Ar­beit­ge­ber­ver­band un­mit­tel­bar ver­pflich­tet, noch, dass sie ihm den Ab­schluss den Min­dest­lohn un­ter­schrei­ten­der Ta­rif­verträge ver­bie­tet. Das Grund­recht der Ko­ali­ti­ons­frei­heit kann auch mit­tel­ba­ren Be­ein­träch­ti­gun­gen der ko­ali­ti­ons­gemäßen Betäti­gung ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den.
Art. 9 Abs. 3 GG schützt die Ko­ali­ti­on selbst in ih­rem Be­stand, in ih­rer or­ga­ni­sa­to­ri­schen Aus­ge­stal­tung und ih­ren Betäti­gun­gen, so­fern die­se der Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen die­nen (BVerfG, Ur­teil vom 1. März 1979 - 1 BvR 532/77 u.a. - BVerfGE 50, 290 <373 f.>; Be­schlüsse vom 26. Ju­ni 1991 - 1 BvR 779/85 - BVerfGE 84, 212 <224>, vom 27. April 1999 - 1 BvR 2203/93, 1 BvR 897/95 - BVerfGE 100, 271 <282> und vom 3. April 2001 - 1 BvL 32/97 - BVerfGE 103, 293 <304>). Der Schutz ist nicht von vorn­her­ein auf ei­nen Kern­be­reich ko­ali­ti­onsmäßiger Betäti­gun­gen be­schränkt. Er er­streckt sich viel­mehr auf al­le ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Ver­hal­tens­wei­sen (Be­schluss vom 27. April 1999 a.a.O. m.w.N.) und um­fasst ins­be­son­de­re auch die Ta­rif­au­to­no­mie, die im Zen­trum der den Ko­ali­tio­nen ein­geräum­ten Möglich­kei­ten zur Ver­fol­gung ih­rer Zwe­cke steht. Das Aus­han­deln von Ta­rif­verträgen ist ein we­sent­li­cher Zweck der Ko­ali­tio­nen (BVerfG, Be­schluss vom 24. April 1996 - 1 BvR 712/86 - BVerfGE 94, 268 <283> m.w.N.). Zu den der Re­ge­lungs­be­fug­nis der Ko­ali­tio­nen über­las­se­nen Ma­te­ri­en gehören ins­be­son­de­re das Ar­beits­ent­gelt und die an­de­ren ma­te­ri­el­len Ar­beits­be­din­gun­gen (BVerfG, Be­schlüsse vom 24. April 1996 a.a.O., vom 14. No­vem­ber 1995 - 1 BvR 601/92 - BVerfGE 93, 353 <358> und vom 11. Ju­li 2006 - 1 BvL 4/00 - NJW 2007, 51 <53>). Die Wahl der Mit­tel, die die Ko­ali­tio­nen zur Erfüllung ih­rer Auf­ga­ben für ge­eig­net hal­ten, blei­ben un­ter dem Schutz des Art. 9 Abs. 3 GG grundsätz­lich ih­nen über­las­sen (BVerfG, Be­schluss vom 28. April 1976 - 1 BvR 71/73 - BVerfGE 42, 133 <138>; Ur­teil vom 4. Ju­li 1995 - 1 BvF 2/86 u.a. - BVerfGE 92, 365 <393>). Al­ler­dings schützt Art. 9 Abs. 3 GG ei­nen Ar­beit­ge­ber­ver­band nicht ge­gen ein
ta­rif­po­li­ti­sches Kon­kur­renz­verhält­nis, selbst wenn die­ses den Ver­lust von Ver­bands­mit­glie­dern zur Fol­ge ha­ben kann (Be­schlüsse vom 24. Mai 1977 - 2 BvL 11/74 - BVerfGE 44, 322 <352> m.w.N. und vom 15. Ju­li 1980 - 1 BvR 24/74, 1 BvR 439/79 - BVerfGE 55, 7 <24>). Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit schützt aber vor staat­li­cher Ein­fluss­nah­me auf das Kon­kur­renz­verhält­nis.
Sol­che für den Kläger zu 2 als Ar­beit­ge­ber­ver­band nach­tei­li­gen mit­tel­ba­ren Be­ein­träch­ti­gun­gen sei­ner Ko­ali­ti­ons­frei­heit er­ge­ben sich bei An­wend­bar­keit des Güns­tig­keits­prin­zips aus der Ver­drängungs­wir­kung der er­streck­ten ta­rif­li­chen Min­dest­lohn­ver­ein­ba­rung ge­genüber den Min­dest­lohn un­ter­bie­ten­den, be­reits ab­ge­schlos­se­nen oder noch ab­zu­sch­ließen­den Ta­rif­verträgen im sel­ben Gel­tungs­be­reich. Auf die Fra­ge, ob der vom Kläger zu 2 be­reits ab­ge­schlos­se­ne Ta­rif­ver­trag wirk­sam ist, und auf die in die­sem Zu­sam­men­hang er­ho­be­nen, ar­beits­ge­richt­lich noch nicht rechts­kräftig geklärten Be­den­ken ge­gen die Ta­riffähig­keit und Geg­ner­frei­heit der Bei­ge­la­de­nen kommt es für die Gel­tend­ma­chung ei­ner mit­tel­ba­ren Be­ein­träch­ti­gung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit nicht an. Auch wenn die Ver­drängungs­wir­kung sich noch nicht ak­tua­li­siert ha­ben soll­te, ver­schlech­tert sie be­reits jetzt die Ver­hand­lungs­po­si­ti­on der Ar­beit­ge­ber­verbände, die nicht am Ab­schluss des er­streck­ten Ta­rif­ver­tra­ges be­tei­ligt wa­ren. Die Er­stre­ckung der Gel­tung ta­rif­lich ver­ein­bar­ter Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen auf an­der­wei­tig Ta­rif­ge­bun­de­ne be­ein­träch­tigt die Ver­hand­lungs- und Wett­be­werbs­po­si­ti­on der nicht am Ta­rif­ver­trags­schluss be­tei­lig­ten Ko­ali­tio­nen je­den­falls in­so­weit, als sie mit ei­ner Ver­drängung ih­rer - auch künf­ti­gen - Ta­rif­a­bre­den rech­nen müssen. Auf­grund der durch die Rechts­ver­ord­nung er­folg­ten Er­stre­ckung des Ta­rif­ver­tra­ges vom 29. No­vem­ber 2007 kann der Kläger zu 2 sei­ne durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten ta­rif- und so­zi­al­po­li­ti­schen Ziel­vor­stel­lun­gen beim an­ge­streb­ten Ab­schluss an­der­wei­ti­ger Ta­rif­verträge mit von der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung ab­wei­chen­dem In­halt nur noch im be­schränk­ten Maße ver­wirk­li­chen. Sei­ne ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­sche Ver­hand­lungs­po­si­ti­on wird durch den Er­lass der Rechts­ver­ord­nung da­mit be­ein­träch­tigt. Für ihn ver­schlech­tern sich die Möglich­kei­ten, un­be­hin­dert von den Rechts­wir­kun­gen der Ta­rifer­stre­ckung mit Ar­beit­neh­mer­ko­ali­tio­nen Ta­rif­verträge aus­zu­han­deln und ab­zu­sch­ließen, die sei­nen ta­rif- und so­zi­al­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen und den­je­ni­gen sei­ner Mit­glieds­un­ter­neh­men ent­spre­chen.
Die Be­ein­träch­ti­gung sei­ner Ko­ali­ti­ons­frei­heit kann im Ein­zel­fall durch kol­li­die­ren­des Ver­fas­sungs­recht ge­recht­fer­tigt sein, ist aber je­den­falls recht­fer­ti­gungs-bedürf­tig. Das reicht für das Vor­lie­gen ei­nes fest­stel­lungsfähi­gen Rechts­verhält­nis­ses im Sin­ne von § 43 Abs. 1 Vw­GO aus. Dem Kam­mer­be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 18. Ju­li 2000 - 1 BvR 948/00 - (Ge­wArch 2000, 381 f.) lässt sich nichts Ge­gen­tei­li­ges ent­neh­men. Denn we­der er selbst noch die dar­in in Be­zug ge­nom­me­nen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­hal­ten sich zur Fra­ge, ob in ei­ner Er­stre­ckung ta­rif­ver­trag­li­cher Nor­men auf ei­nen Ar­beit­ge­ber­ver­band ei­ne recht-fer­ti­gungs­bedürf­ti­ge mit­tel­ba­re Be­ein­träch­ti­gung sei­ner Ko­ali­ti­ons­frei­heit lie­gen kann.
b) Das nach § 43 Abs. 1 Vw­GO er­for­der­li­che be­rech­tig­te In­ter­es­se des Klägers zu 2 an der bal­di­gen Fest­stel­lung liegt vor. Der Kläger zu 2 ist mit­tel­bar ein­ge­schränkt, sei­ne ta­rif- und so­zi­al­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen und Zie­le zu ver­fol­gen und ent­spre­chend die­sen Ziel­vor­stel­lun­gen für sei­ne Mit­glieds­un­ter­neh­men von dem durch Rechts­ver­ord­nung er­streck­ten Ta­rif­ver­trag ab­wei­chen­de Ar­beits­be­din­gun­gen aus­zu­han­deln und ab­zu­sch­ließen. Er hat ein geschütz­tes wirt­schaft­li­ches und ide­el­les In­ter­es­se dar­an, die Rechtmäßig­keit sei­ner Ein­schränkung ge­richt­lich durch Fest­stel­lungs­kla­ge über­prüfen zu las­sen und kann ei­ne mögli­che Ver­let­zung sei­ner Ko­ali­ti­ons­frei­heit aus Art. 9 Abs. 3 GG gel­tend ma­chen.
c) Die vom Kläger zu 2 er­ho­be­ne Fest­stel­lungs­kla­ge ist auch nicht un­zulässig, weil sie ge­genüber ei­ner Kla­ge vor den Ar­beits­ge­rich­ten (§ 2 Abs. 1 Nr. 1 ArbGG i.V.m. § 9 TVG) sub­si­diär wäre. Nach § 9 TVG sind rechts­kräfti­ge Ent­schei­dun­gen der Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen, die in Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Ta­rif­ver­trags­par­tei­en aus dem TVG oder über das Be­ste­hen ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges er­gan­gen sind, in Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen ta­rif­ge­bun­de­nen Par­tei­en so­wie zwi­schen die­sen und Drit­ten für die Ge­rich­te und Schieds­ge­rich­te bin­dend. Für sol­che sog. Ver­bands­kla­gen ist nach § 2 Abs. 1 Nr. 1 ArbGG der Rechts­weg zu den Ar­beits­ge­rich­ten eröff­net. Da­bei han­delt es sich um ei­ne „qua­si-Nor­men­kon­trol­le“ (Rei­ne­cke, in: Däubler, Kom­men­tar zum Ta­rif­ver­trags-
ge­setz, 2. Aufl. 2006, § 9 Rn. 3) der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, die den Ta­rif­ver­trag ab­ge­schlos­sen ha­ben. Der Kläger zu 2 schei­det als Par­tei ei­nes Ver­fah­rens nach § 9 TVG ge­gen den Ta­rif­ver­trag vom 29. No­vem­ber 2007 von vorn­her­ein aus, weil er an des­sen Ab­schluss nicht be­tei­ligt war.
Der Kläger zu 2 kann auch nicht auf den Ab­schluss ei­nes ei­ge­nen Ta­rif­ver­tra­ges ver­wie­sen wer­den, um dann gemäß § 2 Abs. 1 Nr. 1 ArbGG i.V.m. § 9 TVG des­sen Gültig­keit im We­ge der Ver­bands­kla­ge abklären zu las­sen. Mit ei­ner sol­chen Kla­ge kann das Be­ste­hen oder Nicht­be­ste­hen ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges, je­doch nicht geklärt wer­den, ob ein Ta­rif­ver­trag nach den Re­ge­lun­gen der Ta­rif­kon­kur­renz oder aus an­de­ren Gründen ge­genüber an­de­ren Ta­rif­verträgen zurück­tritt (Fran­zen, in: Er­fur­ter Kom­men­tar zum Ar­beits­recht, 10. Aufl. 2010, § 9 TVG Rn. 7). Sie könn­te den Kläger zu 2 je­den­falls vor den hier in Be­tracht zu zie­hen­den mit­tel­ba­ren Be­ein­träch­ti­gun­gen sei­ner Ko­ali­ti­ons­frei­heit, die von der Rechts­ver­ord­nung aus­ge­hen, nicht schützen.
3. Ge­gen die selbstständig tra­gen­de An­nah­me des Be­ru­fungs­ge­richts, dass beim Er­lass der Rechts­ver­ord­nung zur Er­stre­ckung der ta­rif­li­chen Min­dest­lohn­re­ge­lun­gen das vor­ge­schrie­be­ne Ver­fah­ren nicht be­ach­tet wor­den ist und dass die we­gen der Evi­denz des Ver­fah­rens­feh­lers rechts­wid­ri­ge Ver­ord­nung den Kläger zu 2 in sei­nen Rech­ten aus Art. 9 Abs. 3 GG ver­letzt, ist re­vi­si­ons­recht­lich nichts ein­zu­wen­den. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat in­so­weit die Be­ru­fung der Be­klag­ten zu Recht zurück­ge­wie­sen.
a) Es ist zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, dass die Brie­fArbbV den Kläger zu 2 in sei­nen Rech­ten ver­letzt, weil die Be­klag­te beim Er­lass der Rechts­ver­ord­nung das ge­setz­lich in § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. vor­ge­schrie­be­ne Ver­fah­ren miss­ach­tet hat. Die An­nah­me des Be­ru­fungs­ge­richts, dem dort ge­re­gel­ten Be­tei­li­gungs­ge­bot kom­me we­gen des Feh­lens sons­ti­ger ma­te­ri­ell­recht­li­cher An­for­de­run­gen an den Er­lass der Rechts­ver­ord­nung ei­ner­seits und der hand­greif­li­chen Be­trof­fen­heit der Ar­beit­ge­ber­sei­te im grund­recht­lich geschütz­ten Be­reich an­de­rer­seits we­sent­li­che Be­deu­tung für die Abwägung der für und wi­der den Er­lass der Rechts­ver­ord­nung strei­ten­den Erwägun­gen zu, ist nicht zu be­an­stan­den. Der Se­nat teilt die Auf­fas­sung, dass zwi­schen den nor­ma­ti­ven Re­ge-
lun­gen des Ta­rif­ver­tra­ges und dem Be­tei­li­gungs­recht ein un­mit­tel­ba­rer Be­zug der­ge­stalt be­steht, dass sich die Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me der be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer auf die kon­kre­te Ta­rif­ver­trags­ver­ein­ba­rung be­zie­hen muss und nicht all­ge­mein auf ein „Pro­jekt“, das in ei­ner Bran­che Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen mit dem In­stru­men­ta­ri­um des Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­set­zes fest­le­gen will.
b) Gemäß § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. gibt das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les vor Er­lass der Rechts­ver­ord­nung den in den Gel­tungs­be­reich der vor­ge­se­he­nen Rechts­ver­ord­nung fal­len­den Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern so­wie den Par­tei­en des Ta­rif­ver­tra­ges Ge­le­gen­heit zur schrift­li­chen Stel­lung­nah­me. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ist § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. nicht da­hin­ge­hend zu in­ter­pre­tie­ren, dass es aus­reicht, den zu Be­tei­li­gen­den auch in dem Fall Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me nur zum ursprüng­li­chen Ent­wurf der Rechts­ver­ord­nung zu ge­ben, wenn die­ser im wei­te­ren Ver­lauf des Ver­fah­rens we­sent­lich in sei­nem In­halt verändert wird. Die ge­gen­tei­li­ge An­nah­me der Be­klag­ten lässt sich we­der aus dem Wort­laut der Be­stim­mung, noch aus ih­rem Sinn und Zweck und ih­rer Sys­te­ma­tik her­lei­ten.
Be­reits aus dem Wort­laut von § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. er­gibt sich, dass das Recht zur Stel­lung­nah­me auf den kon­kre­ten Ta­rif­ver­trag be­zo­gen ist, des­sen Rechts­nor­men durch Rechts­ver­ord­nung auf al­le un­ter sei­nen Gel­tungs­be­reich fal­len­den und nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer er­streckt wer­den sol­len. Zu be­tei­li­gen sind nicht nur die­je­ni­gen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer, die un­ter den An­wen­dungs­be­reich der Rechts­ver­ord­nung fal­len, son­dern auch die Par­tei­en des Ta­rif­ver­tra­ges, des­sen Re­ge­lun­gen er­streckt wer­den sol­len. Da­mit be­steht zwi­schen den Rechts­nor­men des kon­kre­ten, zu er­stre­cken­den Ta­rif­ver­tra­ges und dem Recht zur Stel­lung­nah­me ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­zie­hung, die das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zu­tref­fend mit „hand­greif­li­cher Be­trof­fen­heit“ je­den­falls im grund­recht­lich geschütz­ten Be­reich um­schrie­ben hat. Exis­tiert der ursprüng­li­che Ta­rif­ver­trag nicht mehr und wird ein neu­er Ta­rif­ver­trag ab­ge­schlos­sen, so be­darf es grundsätz­lich auch ei­nes hier­auf be­zo­ge­nen neu­en An­trags auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung und ei­ner er­neu­ten Be­tei­li­gung im Sin­ne des Ge­set­zes.
Auch der er­kenn­ba­re Zweck des Rechts zur Stel­lung­nah­me spricht für ei­ne er­neu­te Be­tei­li­gung im vor­lie­gen­den Fall. § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. dient nicht nur der In­for­ma­ti­on des zuständi­gen Mi­nis­te­ri­ums, son­dern soll den Be­trof­fe­nen die Möglich­keit einräum­en, ih­re Rech­te gel­tend zu ma­chen. § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. gewährt den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern so­wie den Par­tei­en des Ta­rif­ver­tra­ges das Recht zur Stel­lung­nah­me, weil sich die Gel­tungs­er­stre­ckung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges per Rechts­ver­ord­nung un­mit­tel­bar ge­stal­tend auf die je­wei­li­gen Ar­beits­verhält­nis­se aus­wirkt. Be­trof­fen sind grund­recht­lich geschütz­te Po­si­tio­nen der Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer, da die Frei­heit zur pri­vat­au­to­no­men Ge­stal­tung der Ar­beits­verhält­nis­se ein­ge­schränkt wird. Die da­mit ein­her­ge­hen­de fi­nan­zi­el­le Be­las­tung der Ar­beit­ge­ber durch die Ver­pflich­tung zur Zah­lung des Min­dest­lohns kann je nach Wirt­schafts­la­ge und Kos­ten­struk­tur ei­nes be­trof­fe­nen Un­ter­neh­mens un­ter Umständen auch zu be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen führen und so mit­tel­bar die freie Be­rufs­ausübung der Ar­beit­neh­mer be­ein­träch­ti­gen. Die Be­tei­li­gung nach § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. soll gewähr­leis­ten, dass der Ver­ord­nungs­ge­ber die­se Ge­sichts­punk­te und die In­ter­es­sen al­ler Be­trof­fe­nen in das Ver­ord­nungs­ver­fah­ren ein­be­zieht, um in ei­nem späte­ren Abwägungs­vor­gang die wi­der­strei­ten­den In­ter­es­sen zu ge­wich­ten und zu wer­ten (vgl. Be­gründung der Be­schluss­emp­feh­lung des Aus­schus­ses für Ar­beit und So­zi­al­ord­nung vom 4. De­zem­ber 1998, BT­Drucks 14/151 S. 32 f.). We­gen der ein­ge­schränk­ten Kon­troll­dich­te bei der Prüfung ge­setz­ge­be­ri­scher Einschätzun­gen und Ziel­set­zun­gen im Be­reich des Ar­beits- und Wirt­schafts­rechts ist die vom Ge­setz ein­geräum­te Ge­le­gen­heit zur Gel­tend­ma­chung ei­ge­ner Rech­te vor In­kraft­tre­ten der Re­ge­lung von be­son­de­rer Be­deu­tung. Da die Ver­ord­nung un­mit­tel­ba­re Ge­stal­tungs­wir­kung hat und ein ad­mi­nis­tra­ti­ver Voll­zug nicht vor­ge­se­hen ist, können die Be­trof­fe­nen auch nicht auf ein Ver­wal­tungs­ver­fah­ren ver­wie­sen wer­den, um dort recht­li­ches Gehör nach Maßga­be der Vor­schrif­ten des VwVfG zu er­lan­gen. Ih­re recht­li­chen In­ter­es­sen können sie nur im Rah­men der Be­tei­li­gung vor Er­lass der Ver­ord­nung zu Gehör brin­gen.
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten führt der Ver­gleich mit dem Kon­sul­ta­ti­ons- und Kon­so­li­die­rungs­ver­fah­ren, das von der Bun­des­netz­agen­tur im
Markt­re­gu­lie­rungs­ver­fah­ren (vgl. §§ 9 f. TKG) durch­zuführen ist, zu kei­nem an­de­ren Er­geb­nis, weil die­ses Ver­fah­ren an­de­ren Zwe­cken dient. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in der Ent­schei­dung vom 2. April 2008 - BVerwG 6 C 15.07 - (BVerw­GE 131, 41 <59 f.>) da­zu aus­geführt: „Bei der Kon­sul­ta­ti­on geht es nicht oder je­den­falls nicht in ers­ter Li­nie um die Gewährung recht­li­chen Gehörs ge­genüber dem Re­gu­lie­rungs­adres­sa­ten ..., son­dern um die Her­stel­lung um­fas­sen­der Trans­pa­renz ge­genüber der in­ter­es­sier­ten Fachöffent­lich­keit.“ Da­her be­zieht die Kon­sul­ta­ti­on ne­ben den An­trag­stel­lern und den Adres­sa­ten gemäß § 12 Abs. 1 TKG auch nur „in­ter­es­sier­te“ Drit­te mit ein, und ist das Kon­sul­ta­ti­ons­er­geb­nis nach § 5 TKG zu veröffent­li­chen.
Der von der Be­klag­ten vor­ge­nom­me­ne Ver­gleich mit Anhörungs­pflich­ten aus dem Be­reich pla­ne­ri­scher oder pla­nungsähn­li­cher Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen führt zu kei­ner an­de­ren recht­li­chen Einschätzung. Viel­mehr sieht § 73 VwVfG, der das Anhörungs­ver­fah­ren für den Be­reich der Plan­fest­stel­lung re­gelt, eben­falls ei­ne er­neu­te Anhörung für den Fall der Planände­rung vor (vgl. § 73 Abs. 8 VwVfG).
Auch aus § 28 Abs. 1 VwVfG folgt nicht, dass ei­ne ein­ma­li­ge Anhörung in al­len Ver­wal­tungs­ver­fah­ren auch im Fal­le nachträglich er­folg­ter we­sent­li­cher Ände­run­gen des Anhörungs­ge­gen­stan­des aus­rei­chend ist, um dem Ge­bot der Gewährung recht­li­chen Gehörs zu genügen. § 28 VwVfG gilt über­dies aus­sch­ließlich für Ver­wal­tungs­ver­fah­ren, die in den Er­lass ei­nes Ver­wal­tungs­akts münden und ist auf die Be­tei­li­gung in ei­nem Nor­mer­lass­ver­fah­ren we­der un­mit­tel­bar noch ent­spre­chend an­zu­wen­den. § 1 Abs. 3a AEntG a.F. ist in­so­fern lex spe­cia­lis.
Für die Not­wen­dig­keit ei­ner er­neu­ten Be­tei­li­gung vor Er­lass der Rechts­ver­ord­nung nach § 1 Abs. 3a AEntG für den Fall ei­ner we­sent­li­chen Ände­rung des ursprüng­li­chen Ta­rif­ver­tra­ges, des­sen Erklärung als all­ge­mein­ver­bind­lich zunächst be­an­tragt wor­den war, spricht auch die Ge­set­zes­sys­te­ma­tik. Mit § 1 Abs. 3a AEntG a.F. soll­te im In­ter­es­se ei­ner wirk­sa­men Durchführung des Ge­set­zes die bis­lang aus­sch­ließli­che An­knüpfung an all­ge­mein­ver­bind­li­che Ta­rif­verträge um ei­ne Ermäch­ti­gung zur Ta­rifer­stre­ckung durch Rechts­ver­ord­nung
ergänzt wer­den. In Be­zug auf die Ver­bind­lich­keit der ein­zu­hal­ten­den Ar­beits­be­din­gun­gen soll­te sich hier­aus kein Un­ter­schied er­ge­ben (BT­Drucks 14/45 S. 17, 25, 26). § 5 Abs. 1 und 2 TVG stellt so­wohl hin­sicht­lich der am Ver­fah­ren zu Be­tei­li­gen­den als auch bezüglich der ma­te­ri­ell­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges höhe­re An­for­de­run­gen als das Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz. Nach § 5 Abs. 1 TVG ist ne­ben dem An­trag ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei und dem Ein­verständ­nis des Aus­schus­ses, der aus je drei Ver­tre­tern der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer be­steht, für die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung er­for­der­lich, dass die ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber nicht we­ni­ger als 50 v.H. der un­ter den Gel­tungs­be­reich des zu er­stre­cken­den Ta­rif­ver­tra­ges fal­len­den Ar­beit­neh­mer beschäfti­gen (Grund­satz der Re­präsen­ta­ti­vität) und dass die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung im öffent­li­chen In­ter­es­se ge­bo­ten er­scheint. Fer­ner sieht § 5 Abs. 2 TVG un­ter an­de­rem vor, dass vor der Ent­schei­dung über den An­trag den Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern, die von der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung be­trof­fen würden, so­wie den am Aus­gang des Ver­fah­rens in­ter­es­sier­ten Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen der Ar­beit­ge­ber Ge­le­gen­heit zur schrift­li­chen Stel­lung­nah­me so­wie zur Äußerung in ei­ner münd­li­chen und öffent­li­chen Ver­hand­lung zu ge­ben ist. Da­ge­gen ist nach § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. we­der ein Aus­schuss aus In­ter­es­sen­ver­tre­tern der Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer zu be­tei­li­gen noch ist des­sen Ein­ver­neh­men vor dem Er­lass der Rechts­ver­ord­nung durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les er­for­der­lich. Auch das Er­for­der­nis des sog. 50 %-Quo­rums und des öffent­li­chen In­ter­es­ses im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 TVG sind dem Wort­laut des § 1 Abs. 3a AEntG a.F. nicht zu ent­neh­men. Er ver­langt für den Er­lass ei­ner Rechts­ver­ord­nung le­dig­lich ei­nen An­trag ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung. Die­ser Ver­zicht auf die Ab­stim­mung mit ei­nem Aus­schuss, der mit den je­wei­li­gen In­ter­es­sen­ver­tre­tern be­setzt ist, und der Ver­zicht auf in­halt­li­che Vor­ga­ben für den Er­lass ei­ner er­stre­cken­den Rechts­ver­ord­nung ver­lei­hen dem in § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG vor­ge­se­he­nen Recht auf Stel­lung­nah­me - gleich­sam als Aus­gleich für die Re­du­zie­rung der for­mel­len und ma­te­ri­el­len An­for­de­run­gen - ein be­son­de­res Ge­wicht. Die Be­tei­li­gung Be­trof­fe­ner dient dem Schutz ih­rer Rech­te (vgl. da­zu auch BVerfG, Be­schluss vom 17. No­vem­ber 1994 - 2 BvB 1/93 - BVerfGE 91, 262). Soll das Be­tei­li­gungs­recht mit Blick auf die in Re­de ste­hen­den Grund­rech-
te aus Art. 9 Abs. 3, Art. 12 Abs. 1 GG nicht „leer“ lau­fen, gebührt ihm im Nor­mer­lass­ver­fah­ren be­son­de­re Auf­merk­sam­keit und Be­ach­tung. Es stellt kei­nen „unnöti­gen For­ma­lis­mus“ dar, auf ei­ner er­neu­ten Be­tei­li­gung zu be­ste­hen, wenn der Ta­rif­ver­trag, zu dem die Be­trof­fe­nen Ge­le­gen­heit zur schrift­li­chen Stel­lung­nah­me er­hal­ten ha­ben, durch ei­nen neu­en, hin­sicht­lich des Gel­tungs­be­reichs oder der zu er­stre­cken­den Re­ge­lun­gen ab­wei­chen­den Ta­rif­ver­trag er­setzt wird. Dies setzt ein neu­es Ver­fah­ren in Gang.
c) Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat zu Recht an­ge­nom­men, dass der Mit­tei­lung der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en über den Ab­schluss ei­nes neu­en Ta­rif­ver­tra­ges mit Schrei­ben vom 29. No­vem­ber 2007 ein neu­er An­trag auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung zu ent­neh­men ist, der ei­ne er­neu­te Stel­lung­nah­me er­for­der­lich mach­te. Die For­mu­lie­rung des Schrei­bens, die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en hiel­ten an ih­rem An­trag auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung des Ta­rif­ver­tra­ges vom 11. Sep­tem­ber 2007 „fest“ und be­an­tra­gen „nun­mehr“ die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung „un­ter Ein­schluss der am 29. No­vem­ber 2007 er­folg­ten Ände­rung“, ändert nichts dar­an, dass der Ta­rif­ver­trag vom 11. Sep­tem­ber 2007 nebst Pro­to­koll­no­tiz vom 9. No­vem­ber 2007 von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en am 29. No­vem­ber 2007 „un­ter Aus­schluss von Nach­wir­kun­gen“ auf­ge­ho­ben und durch den neu­en Ta­rif­ver­trag vom 29. No­vem­ber 2007 er­setzt wur­de (vgl. BA 3 Bl. 389). Da­bei han­del­te es sich nicht le­dig­lich um die „Ände­rung“ ei­nes frühe­ren Ta­rif­ver­tra­ges, der in den ursprüng­li­chen An­trag mit ein­be­zo­gen wur­de, son­dern um ei­nen neu­en Ta­rif­ver­trag, der den An­trag vom 11. Sep­tem­ber 2007 ge­gen­stands­los und ei­nen neu­en An­trag mit neu­er Be­tei­li­gungs­pflicht er­for­der­lich mach­te.
Die er­neu­te schrift­li­che Stel­lung­nah­me der Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber so­wie der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zum neu­en Ent­wurf der Rechts­ver­ord­nung war auch nicht des­halb ent­behr­lich, weil sich des­sen Re­ge­lungs­in­halt ge­genüber dem vor­her­ge­hen­den Ent­wurf nicht we­sent­lich geändert hätte. Ursprüng­lich soll­ten vom Ta­rif­ver­trag vom 11. Sep­tem­ber 2007 „al­le Be­trie­be, die ge­werbs- oder geschäftsmäßig Brief­sen­dun­gen für Drit­te befördern, un­abhängig vom An­teil die­ser Tätig­keit an ih­rer Ge­samttätig­keit des Be­trie­bes“ von des­sen Gel­tungs­be­reich er­fasst wer­den. Dem­ge­genüber sieht der Ta­rif­ver­trag vom
29. No­vem­ber 2007 vor: „Der Ta­rif­ver­trag gilt für die Bran­che Brief­dienst­leis­tun­gen. Dies sind al­le Be­trie­be und selbstständi­ge Be­triebs­ab­tei­lun­gen, die über­wie­gend ge­werbs- oder geschäftsmäßig Brief­sen­dun­gen für Drit­te befördern.“
Mit der Ände­rung vom 29. No­vem­ber 2007 soll­te si­cher­ge­stellt wer­den, dass das „50 %-Quo­rum“ erfüllt ist, das nach Einschätzung der Be­klag­ten ursprüng­lich für er­for­der­lich ge­hal­ten wur­de, um ei­ne Er­stre­ckung ta­rif­li­cher Min­dest­lohn­re­ge­lun­gen zu recht­fer­ti­gen (UA S. 5). Be­trof­fe­ne, die des­halb bei der ers­ten Anhörung mei­nen konn­ten, es genüge auf den aus ih­rer Sicht be­ste­hen­den Man­gel der Re­präsen­ta­ti­vität hin­zu­wei­sen, muss­ten nun­mehr Ge­le­gen­heit er­hal­ten, auch zum In­halt der Rechts­nor­men des zu er­stre­cken­den Ta­rif­ver­tra­ges Stel­lung zu be­zie­hen. Der Ein­wand des Be­klag­ten, der neue Ent­wurf der Rechts­ver­ord­nung be­deu­te ge­genüber dem ursprüng­li­chen Ent­wurf le­dig­lich ein „Mi­nus“ trifft nicht zu, viel­mehr hat er qua­li­ta­tiv an­de­re Wir­kun­gen für die Rechts­po­si­tio­nen der be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer. Durch den geänder­ten Ta­rif­ver­trag ist ein Teil des ursprüng­li­chen Adres­sa­ten­krei­ses gänz­lich von der Er­stre­ckungs­wir­kung der Rechts­ver­ord­nung aus­ge­nom­men wor­den, während Be­trie­be und selbstständi­ge Be­triebs­tei­le, die über­wie­gend ge­werbs- oder geschäftsmäßig Brief­sen­dun­gen für Drit­te befördern, vom Gel­tungs­be­reich des neu­en Ta­rif­ver­tra­ges nach wie vor er­fasst wer­den. Dar­in liegt ei­ne grund­rechts­re­le­van­te recht­fer­ti­gungs­bedürf­ti­ge Un­gleich­be­hand­lung, die ei­ne (er­neu­te) Be­tei­li­gung der Adres­sa­ten der neu­en Rechts­ver­ord­nung nach § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. er­for­der­lich mach­te. Die ver­fas­sungs­recht­li­che Re­le­vanz der Ein­schränkung des Gel­tungs­be­reichs er­gibt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten be­reits aus der un­glei­chen recht­li­chen Be­hand­lung zwei­er Grup­pen von Brief­dienst­leis­tern und nicht erst aus den mögli­chen, durch Markt­ana­ly­sen zu er­mit­teln­den wirt­schaft­li­chen Fol­gen der Un­gleich­be­hand­lung. Ge­ra­de auch zur Fra­ge, ob durch die Be­schränkung des Gel­tungs­be­reichs ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges auf Un­ter­neh­men ei­nes be­stimm­ten Zu­schnitts ei­ne Verände­rung der Wett­be­werbs­si­tua­ti­on ein­tritt, müssen die un­mit­tel­bar Be­trof­fe­nen nach § 1 Abs. 3a AEntG vor­ab Stel­lung neh­men können.
d) Die nach § 1 Abs. 3a Satz 2 AEntG a.F. er­for­der­li­che Stel­lung­nah­me zum
stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, ge­gen die die Re­vi­sio­nen kei­ne Ein­wen­dun­gen er­ho­ben ha­ben (§ 137 Abs. 2 Vw­GO), nicht ermöglicht. Ei­ne Veröffent­li­chung im Bun­des­an­zei­ger ist un­ter­blie­ben (vgl. UA S. 5, 38 f.).
Das Ver­ord­nungs­er­lass­ver­fah­ren lei­det da­mit an ei­nem Ver­fah­rens­man­gel, der evi­dent ist (BVerfG, Be­schluss vom 11. Ok­to­ber 1994 - 1 BvR 337/92 - BVerfGE 91, 148). Das Be­tei­li­gungs­recht ist im Hin­blick auf die Wah­rung der Grund­rechts­po­si­tio­nen der Ar­beit­ge­ber und de­ren Ko­ali­tio­nen so ge­wich­tig und be­deut­sam, dass durch sei­ne Nicht­be­ach­tung das Recht­set­zungs­ver­fah­ren an ei­nem er­heb­li­chen Man­gel lei­det, der die Brie­fArbbV un­wirk­sam macht.
Auf die wei­te­ren Rechts­fra­gen kommt es nicht an, weil be­reits die Ver­let­zung der Be­tei­li­gungs­rech­te zum Er­folg der Kla­gen führ­te.
Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 154 Abs. 2, § 162 Abs. 3 Vw­GO.
Der Wert des Streit­ge­gen­stan­des wird für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren auf 250 000 € fest­ge­setzt.
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References: § 5
 § 1
 § 3
 Art. 1
 § 1
 Art. 9
 Art. 12
 Art. 14
 § 1
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 12
 § 43
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 Art. 9
 Art. 9
 Art. 80
 § 1
 § 1
 § 43
 § 1
 § 43
 § 123
 § 43
 § 88
 Art. 12
 § 47
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 § 40
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 § 43
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 Art. 12
 § 1
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 Art. 9
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 Art. 30
 Art. 83
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 § 23
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 § 27
 § 27
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 § 1
 § 1
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 § 5
 § 4
 § 4
 § 1
 § 3
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 § 36
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 § 43
 § 21
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 § 43
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 Art. 9
 § 43
 § 43
 § 1
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 § 27
 § 43
 § 43
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 § 23
 § 43
 § 43
 § 1
 Art. 9
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 § 43

Art. 9
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 § 9
 § 2
 § 9
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 § 1
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 § 12
 § 5
 § 73
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 § 28
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 § 5
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 Art. 9
 Art. 12
 § 1
 § 1
 § 1
 § 154
 § 162