Source: https://m.diplom.de/document/224615
Timestamp: 2019-10-22 07:23:57+00:00

Document:
Am Beispiel einer deutschen nicht börsennotierten Kapitalgesellschaft
von Thomas Spiegl (Autor)
6.3 Wertermittlung unter Berücksichtigung von Risikoabschlägen aus modifizierter Due-Diligence und quantitativer Risikoanalyse
6.4 Wertermittlung unter Berücksichtigung des pauschalen Risikoklassenabschlags
Eine komplexe Unternehmensanalyse mittels einer DD macht es notwendig die Gesamtaufgabe in Teilaufgaben zu untergliedern. Derzeit existiert kein einheitlicher thematischer Aufbau einer DD.[49] Fluck/Roos definieren zu diesem Zweck folgende Teilgebiete:[50]
- Commercial (Market)
Dieser Unterteilung folgt auch der Aufbau dieses Kapitels um alle Risikobereiche abzudecken und somit eine möglichst vollumfängliche Erfassung aller Risiken zu gewährleisten. Der Bereich Financial wird jedoch anders als bei Fluck/Roos als letzter analysiert, da zur Überprüfung der Plandaten im Hinblick auf Plausibilität die Risiken aus allen anderen Untersuchungsfeldern bekannt sein müssen.[51]
Bevor die einzelnen Arten der DD detailliert betrachtet werden, ist zuerst zu klären, was unter dem Begriff Risiko zu verstehen ist. In der wissenschaftlichen Literatur existiert keine einheitliche Definition des Risikobegriffs.[52] In dieser Arbeit wird Risiko im Sinne der betriebswirtschaftlichen Entscheidungstheorie verstanden.[53] Vereinfacht kann der Begriff wie folgt eingeordnet werden:
Entscheidungssituationen lassen sich in Sicherheit oder Unsicherheit im Hinblick auf ein Handlungsergebnis im Entscheidungszeitpunkt unterscheiden. Bei Entscheidungen unter Sicherheit steht das Ergebnis einer Handlung im Zeitpunkt der Entscheidung bereits fest, da alle notwendigen Informationen vorliegen. Im Fall der Unsicherheit liegen nicht alle notwendigen Daten vor, deshalb ist das Ergebnis einer Handlung unsicher. Risiko und Ungewissheit stellen dabei Unterfälle von Unsicherheit dar. Eine Risikosituation liegt dann vor, wenn die subjektive oder objektive Eintrittswahrscheinlichkeit einer Entscheidung bekannt ist. Bei einer Ungewissheitssituation fehlen jegliche Informationen über die Eintrittswahrscheinlichkeiten von bestimmten Ereignissen.[54]
Als erstes DD-Teilgebiet wird die Tax-Due-Diligence (TDD) betrachtet. „Ziel der Tax Due Diligence ist es in erster Linie, die steuerlichen Risiken des Zielunternehmens zu identifizieren[…]“.[55] Daneben zielt die Tax-Due-Diligence darauf ab, Informationen zur steuerlichen Gestaltung des Unternehmenserwerbs zu liefern.[56] Der hier interessierende Aspekt, steuerlichen Risiken zu erkennen, zielt darauf ab, mögliche Steuernachforderungen der Finanzverwaltung zu erkennen.[57]
Bei TDD handelt es sich um nichts anderes als um eine vorgezogene Betriebsprüfung.[58] Die Untersuchung umfasst alle Veranlagungszeiträume seit der letzten Betriebsprüfung und bezieht sich auf noch nicht verjährte Veranlagungszeiträume.[59] Aus dem Blickwinkel eines Betriebsprüfers stellt sich der TDD-Prüfer die Frage nach möglichen Gründen für eine Steuernachzahlung.[60] Die Bereiche Körperschaft-, Gewerbe und Umsatzsteuer rücken dabei in den Mittelpunkt. Daneben ist der Bereich Lohnsteuer, Sozialabgaben und gegebenenfalls der Bereich ausländischer Quellensteuern zu untersuchen.[61]
Als typische Sachverhalte, die zu einer Steuernachzahlung führen können, sind beispielhaft zu nennen:[62]
- Körperschaftsteuer: Die Problematik der verdeckten Gewinnausschüttung und der Gesellschafterfremdfinanzierung gem. § 8a KStG;
- Gewerbesteuer: Insbesondere die Hinzurechnungen § 8 GewStG und die Kürzungen § 9 GewStG zur Ermittlung des Gewerbeertrags;
- Umsatzsteuer: Finanzbuchhaltung, z. B. Umsatzsteuerverschlüsselung bestimmter Konten;
- Lohnsteuer und Sozialversicherungsabgaben: Arbeitgeberhaftung gem. § 42d EStG, Problematik der Abgrenzung zwischen Selbstständigkeit und abhängiger Beschäftigung;
- Sonstige Steuern: Insbesondere Grunderwerbsteuer bei Änderung der Unternehmensstruktur und Kapitalertragsteuer, z. B. Einbehaltungspflicht von Quellensteuern.
Die Informationsquellen für Steuerrisiken lassen sich laut Löffler [63] in externe und interne aufteilen. Zur Ermittlung externer steuerlicher Informationen bietet es sich an, Auskünfte von Unternehmensberatern, wie bspw. Wirtschaftsprüfern, Steuerberatern und Rechtsanwälten des zu analysierenden Unternehmens, einzuholen. Zudem stehen öffentlich zugängliche Informationsquellen, wie veröffentlichte Jahresabschlüsse, Handelsregisterauszüge, Grundbucheintragungen, Branchenverzeichnisse usw., zur Verfügung.
Als interne Informationsquellen lassen sich Betriebsbesichtigungen und Interviews mit Mitarbeitern nennen. Die aufschlussreichsten internen Daten bieten in diesem Zusammenhang allerdings die vom Unternehmen bereitgestellten Unterlagen, wie bspw. Satzungen, Gewinnabführungsverträge, Darlehensverträge, Mietverträge, Geschäftsführerverträge, Betriebsprüfungsberichte, Steuererklärungen und Steuerbescheide seit der letzten Betriebsprüfung.[64]
Die Informationen werden, wie in allen DD-Bereichen üblich, durch größtenteils standardisierte Checklisten erhoben. Dadurch wird gewährleistet, dass keine erheblichen Risiken übersehen werden.[65]
Als besonders bedeutsam ist die Tatsache zu sehen, dass die TDD aufgrund der Regelungen des § 153 AO (im Gegensatz zu allen anderen im Unternehmen aufgedeckten Risiken) nicht nur zu einer Identifizierung und Bewertung der Steuerrisiken führen kann, sondern auch zu einer unmittelbaren Ertragsbelastung.[66] Gemäß § 153 AO ist ein Steuerpflichtiger verpflichtet unverzüglich anzuzeigen und richtig zu stellen, wenn er nachträglich vor Ablauf der Festsetzungsfrist erkennt, dass eine bereits abgegebene Steuererklärung unrichtig oder unvollständig ist und diese eine Steuerverkürzung zur Folge hätte. Wurde die Unrichtigkeit bzw. Unvollständigkeit der Steuererklärung erkannt und vorsätzlich gegen die Berichtigungspflicht aus § 153 AO verstoßen, so liegt der Steuerstraftatbestand einer Steuerhinterziehung gemäß § 370 AO vor.[67] Aufgrund dieser Rechtsnorm wird hier angenommen, dass eine Aufdeckung steuerlicher Risiken mittels einer TDD kein Risiko gem. Definition mehr darstellt, da diese Rechtsnorm eine sichere Belastung des zukünftigen Unternehmenserfolgs zur Folge hat.
Es stellt sich hier die Frage, ob nicht bei Übertragung eines Anteils an einer nichtnotierten Kapitalgesellschaft eine offizielle Betriebsprüfung durchgeführt werden soll, da neben der o. g. rechtlichen Problematik die Vorgehensweise im Rahmen einer TDD zudem dem Ablauf einer Betriebsprüfung entspricht. Dadurch würden Doppelarbeiten vermieden und es könnte eine vollumfängliche Ermittlung von Steuer-„Risiken“ erfolgen. Aus diesen Gründen liegt es Nahe, dass im Falle einer umfassenden Risikoberücksichtigung die Durchführung einer Betriebsprüfung geeigneter ist, als eine modifizierte TDD durch die Finanzverwaltung durchführen zu lassen.
Eine Legal-Due-Diligence (LDD) dient dem Aufspüren von rechtlichten Risiken, schließlich möchte ein Unternehmen unternehmerisch tätig sein und nicht durch eine Vielzahl von Prozessen juristisch beschäftigt werden.[68] Langwierige juristische Auseinandersetzungen können zu erheblichen finanziellen Abflüssen führen und im schlimmsten Falle zur Existenzbedrohung werden.
In der Literatur[69] lässt sich mehrheitlich eine Unterteilung der LDD in folgende drei Untersuchungsgebiete feststellen:
- gesellschaftliche Aspekte
- vermögensrechtliche Aspekte
In den Aufgabenbereich einer LDD fallen immer auch kartellrechtliche Aspekte. Sie spielen im Rahmen dieser Arbeit lediglich bei wettbewerbswidrigem Verhalten eine Rolle.[70]
Die gesellschaftsrechtlichen Aspekte der LDD beziehen sich auf die Rechtsgrundlagen der Unternehmensexistenz. Um die rechtswirksame Errichtung des Unternehmens nachzuprüfen, sind Gesellschaftsvertrag oder Satzung, ein aktueller Handelsregisterauszug, sowie eine Gewerbeanmeldung vorzulegen.[71] Auch sind die Beteiligungsverhältnisse und internen Vollmachten zu prüfen. Ferner sind im Falle von Mutter-Tochter-Beziehungen die Innenverträge (Beherrschungs- und/oder Gewinnabführungsverträge) auf ihre Rechtswirksamkeit hin zu untersuchen.[72] Bei einer Kapitalgesellschaft ist insbesondere die Gefahr einer verdeckten Sacheinlage im Zuge der Gesellschaftsgründung oder Kapitalerhöhung zu beachten.[73]
Vermögensrechtliche Betrachtungen sind eng mit der Fragestellung der FDD verknüpft, so dass es zu Überschneidungen kommen kann. Bei der rechtlichen Beurteilung der Eigentumsverhältnisse und der Werthaltigkeit des Gesellschaftsvermögens wird zum einen das Immobilienvermögen anhand von Grundbuchauszügen, Grundschuld- und Sicherungsurkunden sowie Flur- und Bebauungspläne analysiert.[74] Zum anderen sind auch bewegliche Vermögensgegenstände (insbesondere wertvolle und immaterielle Vermögensgegenstände) im Hinblick auf die Eigentumsverhältnisse zu prüfen. Zudem sollten bilanziell bedeutende Tochterunternehmungen der gleichen vermögensrechtlichen Analyse unterzogen werden.[75]
Ein Großteil der LDD nimmt die Durchsicht der Verträge ein. Dauerrechtsbeziehungen (z. B. Miet- und Pachtverhältnisse, Versicherungsverträge) finden regelmäßig ihren Niederschlag in expliziten schriftlichen Verträgen, während im Tagesgeschäft weitgehend standardisierte Musterregelungen (insbesondere Geschäftsbedingungen für den Einkauf oder Verkauf) verwendet werden.[76] Bei diesen laufenden standardisierten Geschäften sind die zu Grunde liegenden Geschäftsbedingungen im Hinblick auf Gewährleistungs- und Haftungsregelungen zu prüfen.[77] Auch ist die rechtliche Wirksamkeit des Auftragsbestandes in Erfahrung zu bringen, da insbesondere in großen Aufträgen ein entsprechend großes Risiko zukünftiger Verluste liegen kann.[78] Im Rahmen der Prüfung von Dauerrechtsbeziehungen gilt ein besonderes Augenmerk den Miet- und Pachtvereinbarungen von für das Unternehmen bedeutsamen Gebäuden. Die Risiken können in einer Nichtverlängerung, Kündigung oder in einer erheblichen Erhöhung des Entgeltes liegen.[79] Im Bereich der internen Rechtsstrukturen liegt das Hauptaugenmerk auf der Begutachtung der Arbeitsverträge, im speziellen der Verträge für Führungskräfte und Organmitglieder.[80]
Neben diesen drei großen Hauptprüfungsfeldern im Rechtsbereich gibt es eine Reihe von Sondertatbeständen, die nicht jedes Unternehmen betreffen. Dazu zählen bspw. behördliche Genehmigungen, Risiken aus Haftungsübernahmen, wie z. B. Bürgschaften oder Risiken aus Konsortien.[81]
Als Informationsquelle dienen bei dieser Form der DD fast ausschließlich Dokumente (Verträge, behördliche Genehmigungen, Auszüge aus öffentlichen Registern, wie Handelsregister und Grundbuch, Jahresabschlüsse). Auch hier werden zur systematischen und möglichst lückenlosen Aufdeckung aller potenziellen Schwachstellen Checklisten verwendet.
Mit immer größer werdender Bedeutung des Umweltschutzes gewinnt die Umwelt-Due-Diligence (UDD) bei Unternehmenstransaktionen an Gewicht.[82] Insbesondere das umfangreiche Umweltrecht[83] und die Verschärfungen im Bereich des Umweltrechts[84] machen die Berücksichtigung von Umweltrisiken auch in der Anteilsbewertung nach dem SV unumgänglich, zumal Rückstellungen für diese Risiken erst gebildet werden dürfen, wenn die zuständige Umweltbehörde das Risiko mittels eines Bescheides o. ä. festgestellt hat und deshalb das Unternehmen mit einer Inanspruchnahme rechnen muss.[85] Besonders wichtig ist eine UDD im Zusammenhang mit der Risikoerfassung und Risikobewertung in umweltsensiblen Branchen, wie bspw. in der chemischen Industrie.[86]
Eine UDD setzt sich aus zwei Phasen zusammen. Für eine Prüfung in Phase I werden ausschließlich am Unternehmensstandort und durch Behörden verfügbare Informationen verwendet. Diese bereits vorhandenen Daten dienen als Grundlage zur Einschätzung von Umweltrisiken. Werden hingegen neue Daten durch Proben und Laboranalysen ermittelt, so spricht man von Phase II der UDD.[87]
Um die Prüfung wirtschaftlich zu gestalten, sollte zuerst eine System- und Funktionsprüfung vorgenommen werden. Dies ist aber nur möglich, wenn das Unternehmen im Umweltbereich entsprechend organisiert ist. Als Grundlage dafür können die Aufbau- und Ablauforganisation, ein auf Umweltrisiken ausgelegtes Meldewesen, die Position eines Umweltbeauftragten im Unternehmen und das Abfallmanagement dienen. An die System- und Funktionsprüfung schließen sich einzelfallorientierte Prüfungshandlungen an. Dabei beginnt man mit einer Betriebsbegehung, um einen ersten Überblick über unternehmensspezifische Risiken zu gewinnen. Durch Interviews mit Mitarbeitern, Einsicht in Gutachten, Berichte über interne und externe Audits sowie aus Berichten des Umweltbeauftragten werden weitere Informationen gewonnen. Ergeben sich aus den bisherigen Prüfungshandlungen neue Verdachtsmomente, so sind Proben zu nehmen und zu analysieren.[88]
Von den Prüfern werden in diesem Bereich eine hohe fachliche Qualifikation und viel praktische Erfahrung erwartet.[89] Die für gewöhnlich mit einer DD beauftragten Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwälte verfügen meist nicht über entsprechende Fachkenntnisse.[90] Mit dieser Aufgabe sollten nur Experten mit technisch-naturwissenschaftlichen, umweltrechtlichen und zudem betriebswirtschaftlichen Kenntnissen betraut werden.[91]
Die durch die UDD identifizierten Risiken lassen sich in direkte Umweltrisiken und indirekte ökologische Unternehmensrisiken aufgliedern. Erstere können direkte finanzielle Auswirkungen haben, wie in erster Linie die Altlastenproblematik in Boden, Grundwasser und Gebäuden oder ein Verstoß gegen Umweltgesetze oder behördliche Auflagen.[92] Indirekte ökologische Unternehmensrisiken treten als Folge von Umweltrisiken auf und können zu finanziellen Schäden an anderer Stelle führen, wie etwa Imageverlust und dadurch bedingte Umsatzeinbußen[93] oder Kreditausfälle bei Kreditinstituten.[94]
Typischerweise dienen als Informationsquellen für Umweltrisiken insbesondere ein schriftlich niedergelegtes Umweltmanagement-System, eine Auflistung vergangener Umweltschäden, eine Darstellung der vergangenen und derzeitigen Nutzung der Grundstücke, eine umfassende Besichtigung des Betriebs, inklusive technischer Überprüfung, Auszüge aus dem Altlastenkataster und aus Bodendatenbanken sowie eine Anfrage nach dem Umweltinformationsgesetz.[95]
Die notwendigen Informationen über personelle Risiken lassen sich in sog. „harte“ und „weiche“ Daten unterscheiden. Während im Rahmen einer Human-Resource-Due-Diligence (HRDD) harte Daten, wie z. B. Vergütungssysteme, regelmäßig untersucht werden, findet eine Berücksichtigung weicher Daten, wie z. B. die Motivation der Mitarbeiter, nur selten statt. Die Gründe dafür liegen in der schwierigen Ermittlung der dafür relevanten Daten, in der fehlenden Messgenauigkeit und damit verbundenen erheblichen Interpretationsspielräumen.[96]
Die Risikoanalyse der harten Fakten beschäftigt sich mit deskriptiven, leicht identifizierbaren und quantifizierbaren Daten.[97] Dielmann nennt hier als wesentliche Datenquelle für diese Risiken u. a. Übersicht über alle Mitarbeiter und deren relevanten Daten, Muster der Einstellungsverträge, Tarifvereinbarungen, Betriebsvereinbarungen, Fehlzeiten und deren Gründe, betriebliche Sozialleistungen, Pensionsverpflichtungen, Liste der Arbeitssicherheitsmängel, Entwicklung des Personalaufwands.[98]
Bei einem Betriebsübergang kommt der Beachtung der Rechte und Pflichten des § 613a BGB zentrale Bedeutung zu. Diese Norm beinhaltet eine einjährige Veränderungssperre der bestehenden Betriebsvereinbarungen und ist somit wichtiger Inhalt jeder HRDD.[99] Im Zusammenhang mit einer Übertragung von Anteilen einer nicht börsennotierten Kapitalgesellschaft findet diese Rechtsnorm, weder im Erbfall noch im Schenkungsfall, Anwendung.[100] Somit ist dieses Risiko hier nicht gegeben.
Pensionsrückstellungen sind an dieser Stelle oder im Rahmen der FDD genau zu prüfen, da es sich dabei meist um hohe Werte handelt und somit die Risikotragweite ebenso hoch ist.[101]
Da sich diese Arbeit nicht mit Unternehmensfusionen bzw. -übernahmen beschäftigt, sondern lediglich mit bestehenden Risiken auseinandersetzt, sind die in einer HRDD üblichen psychologischen Folgen einer Übernahme auf die Mitarbeiter (sog. Merger-Syndrom)[102] nicht zu beleuchten. Nichtsdestotrotz gibt es eine Vielzahl von psychologischen Risiken, die einen Abschlag vom Unternehmenswert rechtfertigen. Nachfolgend sind die Hauptrisiken dargestellt, die auf weichen Daten beruhen.
An erster Stelle steht die Beurteilung der Führungskräfte im Hinblick auf deren Führungsfähigkeiten, deren Motivation und die Motivationstransformation auf die Mitarbeiter. Die Führungs- und Motivationskompetenz der leitenden Personen muss aus einer Vielzahl von Einzelaspekten ermittelt werden. Dazu zählen bspw. der Führungsstil, die Ausbildung und Erfahrungen der Führungsperson, ebenso wie Alter, Gesundheitszustand, Charakter und persönliche Verhältnisse.[103]
Des Weiteren sind die Mitarbeiter psychologisch zu beurteilen. Eine negative Motivation der Mitarbeiter kann anhand von hohen Fluktuationsraten und hohem Krankenstand nachgewiesen werden. Hier ist immer ein Vergleich mit Branchenzahlen notwendig.[104] Weitere Anzeichen von fehlender Motivation können u. a. niedrige Überstundenflexibilität, hohe Streikbereitschaft der Belegschaft oder über dem Branchentarif liegende Lohn- und Gehaltsstrukturen sein.[105]
Neben der psychologischen Beurteilung von Führung und Belegschaft sind auch die Beziehungen zu Kunden, Lieferanten und Kreditgebern zu untersuchen.[106]
Als Instrumente für die Ermittlung von weichen Daten eigenen sich zum einen leicht bestimmbare quantitative Daten (Krankenstand, Fluktuation, Gehaltstruktur). Als weitere Informationsmöglichkeiten sind hier zu nennen: Mitarbeiterinterviews, Manager-Präsentationen, Arbeitsproben und Rollenspiele.[107]
Um die künftigen Chancen und Risiken des zu betrachtenden Unternehmens beurteilen zu können, wird das Instrument der Market-Due-Diligence (MDD) im Rahmen einer DD-Analyse angewandt. Die MDD steht in engem sachlichen Zusammenhang mit der in Kapitel 3.7 behandelten Financial-Due-Diligence (FDD). In der FDD werden u. a. Planrechnungen aufgestellt, die sich entscheidend auf die Unternehmensbewertung auswirken. Um diese für die Zukunft angenommen Ergebnisentwicklungen abzusichern, bedarf es der Ergebnisse der MDD. Die MDD besteht aus einer internen und einer externen Unternehmensanalyse.[108] Die nachfolgenden Ausführungen orientieren sich am gut nachvollziehbaren Schema von Steinmann/Schreyögg orientiert, der großteils auf Porter zurückgreift.
Die externe Unternehmensanalyse (Umweltanalyse) lässt sich in eine globale Umweltanalyse und eine Geschäftsfeldanalyse einteilen.[109]
Die globale Umweltanalyse besteht aus fünf Hauptgebieten, die in Bezug auf Risiken zu untersuchen sind:[110]
- Makro-ökonomische Umwelt: ökonomische Einflüsse, wie bspw. Konjunkturprognosen, Arbeitslosigkeit;
- Technologische Umwelt: Risiko, technologische Entwicklungen zu verpassen, bspw. Fotoapparathersteller verpasst Trend zur digitalen Fotografie;
- Politisch-rechtliche Umwelt: Politische Entscheidungen, wie Importzölle oder Steuergesetzgebung;
- Sozio-kulturelle Umwelt: Z.B. demographische Entwicklungen, Wertvorstellungen;
- Natürliche Umwelt: Ressourcenrestriktion, Öffentlichkeitswirkung der Umweltpolitik des Unternehmen, umweltbezogener Wertewandel der Konsumenten.
Im Rahmen einer DD-Analyse wird allerdings oft aus Zeitgründen auf eine ganzheitliche globale Umweltanalyse verzichtet. Stattdessen werden meist nur Einzelaspekte daraus untersucht, bei denen eine konkrete Auswirkung auf künftige Unternehmensergebnisse vermutet wird.[111] Es könnte durchaus auch auf eine der vielen existierenden Globalanalysen bspw. von Verbänden oder öffentlichen Instituten zurückgegriffen werden.
Eine Geschäftsfeldanalyse findet dagegen regelmäßig innerhalb einer MDD-Analyse statt. Zunächst ist es erforderlich, die notwendigen kritischen Erfolgsfaktoren anhand von Interviews mit Führungskräften und neutralen Branchenexperten herauszufiltern.[112] Des Weiteren muss der relevante Markt (Geschäftsfeld) abgegrenzt werden.[113] Als Abgrenzungsmerkmale werden Produktmerkmale, unterschiedliche Abnehmer und Regionen verwendet.[114]
Nachdem die Geschäftsfelder abgegrenzt wurden, müssen die relevanten Faktoren näher untersucht werden. Das Fünf-Kräfte-Modell von Porter[115] benennt die zentralen Einflussgrößen, die typischerweise auf einen Markt wirken. Auf diesen relevanten Markt wirken ihrerseits die globalen Umweltkräfte.[116]
Um die unternehmensinternen Stärken und Schwächen beurteilen zu können und damit einen strategischen Wettbewerbsvorteil definieren zu können, ist eine Identifizierung und Bewertung der Unternehmensressourcen im Vergleich mit den Wettbewerbern und aus der Sicht des Kunden, also des Marktes, notwendig. Dabei ist jedoch nicht unbedingt entscheidend, ob das betrachtete Unternehmen gegenwärtig eine vorteilhafte Position innehat, sondern wie die Position in Zukunft eingeschätzt wird.[117]
[49] Vgl. Voß (2002), S. 105. Andere Gliederungsvorschläge finden sich u. a. bei Blöcher, in: Scott (2001), S. 35; Helbling (1998), S. 186; Barthel, DStZ 1999, S. 136 (137).
[50] Vgl. Fluck/Roos, FB 2001, S. 8 (9).
[51] Die Financial-Due-Diligence wird in der Literatur fast ausschließlich als erste behandelt, da sie als das Kernelement jeder DD-Analyse angesehen wird. Einzig Wegmann/Koch, DStR 2000, 1027 bzw. Koch/Wegmann (2002), S.59 -123, systematisieren nach dem logischen Arbeitsablauf.
[52] Vgl . Schulte/Horsch (2002), S. 14.
[53] Vgl. Laux (1998), S. 22f.; Bamberg/Coenenberg (2002) S. 19 und Bamberg, in: Gerke/Steiner (2001), Sp. 1836.
[54] Vgl. Bamberg, in: Gerke/Steiner (2001), Sp. 1836.
[55] Krüger/Kalbfleisch, DStR 1999, S. 174 (178).
[56] Vgl. Fluck/Roos, FB 2001, S. 8 (11); Der zweite Aspekt einer TDD, die Steuergestaltung, spielt im Zusammenhang mit der Thematik dieser Arbeit keine Rolle.
[57] Vgl. Streck/Mack/Schwedheim, AG 1998, S. 421 (422).
[58] Vgl. Bredeck/Bredy/Welbers, in: Berens/Brauner/Strauch (2002), S. 313.
[59] Vgl. Fluck/Roos, FB 2001, S. 8 (12).
[60] Vgl. Bredeck/Bredy/Welbers, in: Berens/Brauner/Strauch (2002), S. 313.
[61] Vgl. Fluck/Roos, FB 2001, S. 8 (12).
[62] Vgl. Bredeck/Bredy/Welbers, in: Berens/Brauner/Strauch (2002), S. 313ff.
[63] Vgl. Löffler (2002), S.139f.
[64] Vgl. Löffler (2002), S. 141f, hier auch noch weitere Beispiele.
[65] Vgl. Löffler (2002), S. 154.
[66] Vgl. Streck/Mack/Schwedheim, AG 1998, S. 421 (422).
[67] Vgl. Trzaskalik, in: Hübschmann/Hepp/Spitaler (2004) , Kommentar zur AO und FGO, § 153 AO,
Rn. 18.
[68] Vgl. Fritzsche, in: Berens/Brauner/Strauch (2002), S. 365.
[69] Vgl. dazu u. a. Wegmann/Koch, DStR 2000, S. 1027 (1030) und Pack, in: Picot (2002), S. 290.
[70] Hier ist als Beispiel das Risiko einer Sanktion durch die Kartellbehörden zu nennen.
[71] Vgl. Fritzsche, in: Berens/Brauner/Strauch (2002), S. 368f.
[72] Vgl. Koch/Wegmann (2002), S. 113.
[73] Vgl. Krüger/Kalbfleisch, DStR 1999, S.174 (176f.). Zum Begriff der verdeckten Sacheinlage: Bei Gründung einer Kapitalgesellschaft oder bei einer Kapitalerhöhung sind die Gesellschafter verpflichtet, eine Einlage in bar zu erbringen. Umgeht nun ein Gesellschafter diese gesetzliche Verpflichtung, indem er eine Sacheinlage vornimmt und die dafür erhaltene Geldleistung als Einlage in „bar“ erbringt, liegt der Sachverhalt einer verdeckten Sacheinlage vor. Dies hat u. a. zur Rechtsfolge, dass die Verpflichtung zur Bareinlage weiterhin besteht.
[74] Vgl. Pack, in: Picot (2002), S. 290.
[75] Vgl. Krüger/Kalbfleisch, DStR 1999, S. 174 (177).
[76] Vgl. Krüger/Kalbfleisch, DStR 1999, S. 174 (177).
[77] Vgl. Fritzsche, in: Berens/Brauner/Strauch (2002), S. 372.
[78] Vgl. Pack, in: Picot (2002), S. 291.
[79] Vgl. Koch/Wegmann (2002), S. 115.
[80] Vgl. Pack, in: Picot (2002), S. 290.
[81] Vgl. Pack, in: Picot (2002), S. 291, hier auch noch weitere Sondertatbestände.
[82] Vgl. König/Zorn, in: Scott (2001), S. 140.
[83] Vgl. Pföhler/Hermann, in: WPg 1997, S. 628: „Zur Zeit existieren in Deutschland etwa 800 Umweltgesetze, rund 3000 Verordnungen und rund 5000 Verwaltungsvorschriften, die noch durch das europäische Recht ergänzt werden.“
[84] Vgl. Kummer, in: Picot (1998), S. 823, Rn. 1.
[85] Vgl. OFD Hannover, BB 1999, S. 153; BFH/NV 2002, S. 486.
[86] Vgl. Krüger/Kalbfleisch, DStR 1999, S. 174 (176).
[87] Vgl. König/Zorn, in: Scott (2001), S. 141f.
[88] Vgl. Pföhler/Hermann, WPg 1997, S. 628 (631-633).
[89] Vgl. König/Fink, in: Energiewirtschaftliche Tagesfragen 1999, S. 527.
[90] Vgl. Turiaux/Knigge, in: BB 1999, S. 913 (914).
[91] Vgl. Pföhler/Hermann, in: WPg 1997, S.628 (630).
[92] Vgl. König/Zorn, in: Scott (2001), S. 142f.
[93] Vgl. Pföhler/Hermann, in: WPg 1997, S.628 (628f.).
[94] Vgl. Turiaux/Knigge, in: BB 1999, S. 913 (917): Der deutsche Sparkassen- und Giroverband schätzt die ökologisch bedingten Kreditausfälle auf 10 Prozent der gesamten Kreditausfälle.
[95] Vgl. Turiaux/Knigge, BB 1999, S. 913 (917).
[96] Vgl. Fluck/Roos, FB 2001, S. 8 (13f.).
[97] Vgl. Aldering/Freiin von Hutten, in: Berens/Brauner/Strauch (2002), S. 411.
[98] Vgl. Dielmann, Personal 1997, S. 470 (471).
[99] Vgl. Schmeisser/Clermont, Personalwirtschaft 1999, S. 50 (52).
[100] Vgl. Weidenkaff, in: Palandt (2005), BGB-Kommentar, § 613a, Rn. 6: Im Falle eines Gesellschafterwechsels besteht die Identität der Gesellschaft als Arbeitgeber fort.
[101] Vgl. ausführlich dazu Höfer/Küpper, DB 1997, S. 1317ff.
[102] Vgl. Pack, in: Picot (2002), S. 287.
[103] Vgl. Koch/Wegmann (2002), S. 97-99.
[104] Vgl. Koch/Wegmann (2002), S. 101.
[105] Vgl. Schmeisser/Clermont, Personalwirtschaft 1999, S. 50 (55).
[106] Vgl. Koch/Wegmann (2002), S. 104-106.
[107] Vgl. Aldering/Freiin von Hutten, in: Berens/Brauner/Strauch (2002), S. 422ff.
[108] Vgl. Pack, in: Picot (2002), S. 281ff. In der Managementlehre wird von Unternehmens- und Umweltanalyse, anstatt von interner und externer Unternehmensanalyse gesprochen. Diese beiden Unteranalysen sind als Teilgebiete der sog. SWOT-Analyse (Strengths, Weaknesses, Opportunities, Threats) in der Managementliteratur bekannt. Vgl. Steinmann/Schreyögg (2002), S. 158.
[109] Vgl. Steinmann/Schreyögg (2002), S. 160.
[110] Vgl. Steinmann/Schreyögg (2002), S. 162ff.
[111] Vgl. Koch/Wegmann (2002), S. 63.
[112] Vgl. Sebastian/Niederdrenk/Tesch, in: Berens/Brauner/Strauch (2002), S. 398.
[113] Vgl. Wegmann/Koch, DStR 2000, S. 1027 (1029) und Steinmann/Schreyögg (2002), S. 169f.
[114] Vgl. Steinmann/Schreyögg (2002), S. 170.
[115] Vgl. Porter (1999), S. 33ff.
[116] Vgl. Steinmann/Schreyögg (2002), S. 171.
[117] Vgl. Sebastian/Niederdrenk/Tesch, WISU 1998, S. 888 (889f.); Steinmann/Schreyögg (2002), S. 180ff.
9783832494841
9783838694849
v224615
diligence monte carlo risikobewertung unternehmensbewertung stuttgarter verfahren
Thomas Spiegl (Autor)

References: § 8
 § 8
 § 9
 § 42
 § 153
 § 153
 § 153
 § 370
 § 613
 § 153
 § 613