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Timestamp: 2020-01-19 12:43:19+00:00

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Die Vor­la­ge­pflicht an den EuGH und der gesetz­li­che Rich­ter | Rechtslupe
Die Vor­la­ge­pflicht an den EuGH und der gesetz­li­che Rich­ter
Das letzt­in­stanz­li­che Gericht ver­letzt das Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter gemäß Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG, indem es von einem gebo­te­nen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Art. 234 Abs. 3 EG absieht. Mit die­ser Begrün­dung hob jetzt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richt auf, mit dem die­ses eine arbeits­ge­richt­li­chen Kün­di­gungs­schutz­kla­ge abge­wie­sen hat­te.
Vor­la­ge­pflicht für das letzt­in­stanz­li­che Gericht
Abse­hen von der Vor­la­ge
Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ist gesetz­li­cher Rich­ter im Sin­ne des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG. Es stellt einen Ent­zug des gesetz­li­chen Rich­ters dar, wenn ein natio­na­les Gericht sei­ner Pflicht zur Anru­fung des Gerichts­hofs im Wege des Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nach Art. 234 EG nicht nach­kommt 1. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wird durch die grund­rechts­glei­che Gewähr­leis­tung des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG jedoch nicht zu einem Kon­troll­organ, das jeden einem Gericht unter­lau­fe­nen Ver­fah­rens­feh­ler kor­ri­gie­ren müss­te. Es bean­stan­det viel­mehr die Aus­le­gung und Anwen­dung von Ver­fah­rens­nor­men nur, wenn sie bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung der das Grund­ge­setz bestim­men­den Gedan­ken nicht mehr ver­ständ­lich erschei­nen und offen­sicht­lich unhalt­bar sind 2.
Vor­la­ge­pflicht für das letzt­in­stanz­li­che Gericht[↑]
Hin­sicht­lich der Vor­la­ge­pflicht nach Art. 234 EG wur­de die­ser Maß­stab vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt durch bestimm­te bei­spiel­haf­te Fall­grup­pen näher prä­zi­siert 3.
Die Vor­la­ge­pflicht nach Art. 234 EG zur Klä­rung der Aus­le­gung gemein­schafts­recht­li­cher Vor­schrif­ten wird in ver­fas­sungs­wid­ri­ger Wei­se gehand­habt, wenn ein letzt­in­stanz­li­ches Gericht eine Vor­la­ge trotz der – sei­ner Auf­fas­sung nach bestehen­den – Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der gemein­schafts­recht­li­chen Fra­ge über­haupt nicht in Erwä­gung zieht, obwohl es selbst Zwei­fel hin­sicht­lich der rich­ti­gen Beant­wor­tung der Fra­ge hat (grund­sätz­li­che Ver­ken­nung der Vor­la­ge­pflicht) 4. Glei­ches gilt in den Fäl­len, in denen das letzt­in­stanz­li­che Gericht in sei­ner Ent­schei­dung bewusst von der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs zu ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­gen abweicht und gleich­wohl nicht oder nicht neu­er­lich vor­legt (bewuss­tes Abwei­chen von der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs ohne Vor­la­ge­be­reit­schaft) 5.
Liegt zu einer ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge des Gemein­schafts­rechts ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on noch nicht vor oder hat er die ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge mög­li­cher­wei­se noch nicht erschöp­fend beant­wor­tet oder erscheint eine Fort­ent­wick­lung der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs nicht nur als ent­fern­te Mög­lich­keit (Unvoll­stän­dig­keit der Recht­spre­chung), so wird Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ver­letzt, wenn das letzt­in­stanz­li­che Haupt­sa­che­ge­richt den ihm in sol­chen Fäl­len not­wen­dig zukom­men­den Beur­tei­lungs­rah­men in unver­tret­ba­rer Wei­se über­schrit­ten hat. Dies kann ins­be­son­de­re dann der Fall sein, wenn mög­li­che Gegen­auf­fas­sun­gen zu der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge des Gemein­schafts­rechts gegen­über der vom Gericht ver­tre­te­nen Mei­nung ein­deu­tig vor­zu­zie­hen sind 6. In die­sem Zusam­men­hang ist auch zu prü­fen, ob sich das Gericht hin­sicht­lich des euro­päi­schen Rechts aus­rei­chend kun­dig gemacht hat. Hat es dies nicht getan, ver­kennt es regel­mä­ßig die Bedin­gun­gen für die Vor­la­ge­pflicht. Zudem hat das Gericht Grün­de anzu­ge­ben, die dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Kon­trol­le am Maß­stab des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ermög­li­chen 7.
Bei den in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts genann­ten Fall­grup­pen han­delt es sich um eine nicht abschlie­ßen­de Auf­zäh­lung von Bei­spie­len für eine ver­fas­sungs­recht­lich erheb­li­che Ver­let­zung der Vor­la­ge­pflicht. Dabei kommt es für die Fra­ge nach einer Ver­let­zung des Rechts auf den gesetz­li­chen Rich­ter gemäß Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG durch Nicht­vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Aus­gangs­punkt nicht in ers­ter Linie auf die Ver­tret­bar­keit der fach­ge­richt­li­chen Aus­le­gung des für den Streit­fall maß­geb­li­chen mate­ri­el­len Gemein­schafts­rechts – hier etwa der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie (MERL) 8 – an, son­dern auf die Beach­tung oder Ver­ken­nung der Vor­aus­set­zun­gen der Vor­la­ge­pflicht nach der Vor­schrift des Art. 234 Abs. 3 EG, die den gesetz­li­chen Rich­ter im Streit­fall bestimmt. Die Ver­tret­bar­keit des Unter­las­sens eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens muss daher im Zusam­men­hang mit der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zu Art. 234 Abs. 3 EG gese­hen wer­den.
Hier­nach muss ein Gericht sei­ner Vor­la­ge­pflicht nach­kom­men, wenn sich in dem bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge des Gemein­schafts­rechts stellt, es sei denn, das Gericht hat fest­ge­stellt, dass die betref­fen­de Bestim­mung des Gemein­schafts­rechts bereits Gegen­stand einer Aus­le­gung des Gerichts­hofs war oder dass die rich­ti­ge Anwen­dung des Gemein­schafts­rechts der­art offen­kun­dig ist, dass für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel kei­ner­lei Raum bleibt 9. Davon darf das inner­staat­li­che Gericht aber nur dann aus­ge­hen, wenn es über­zeugt ist, dass auch für die Gerich­te der übri­gen Mit­glied­staa­ten und für den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten die glei­che Gewiss­heit bestün­de. Nur dann darf das Gericht von einer Vor­la­ge abse­hen und die Fra­ge in eige­ner Ver­ant­wor­tung lösen 10. Denn Art. 234 Abs. 3 EG soll ins­be­son­de­re ver­hin­dern, dass sich in einem Mit­glied­staat eine natio­na­le Recht­spre­chung her­aus­bil­det, die mit den Nor­men des Gemein­schafts­rechts nicht im Ein­klang steht 11.
Abse­hen von der Vor­la­ge[↑]
Bezo­gen auf die­se für die Anwen­dung des Art. 234 Abs. 3 EG maß­geb­li­chen Grund­sät­ze wird ein letzt­in­stanz­li­ches natio­na­les Gericht, das von einem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen absieht, dem Recht der Pro­zess­par­tei­en auf den gesetz­li­chen Rich­ter gemäß Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG in der Regel nur dann gerecht, wenn es nach Aus­wer­tung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Bestim­mun­gen des Gemein­schafts­rechts eine ver­tret­ba­re Begrün­dung dafür gibt, dass die maß­geb­li­che Rechts­fra­ge durch den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten bereits ent­schie­den ist oder dass die rich­ti­ge Ant­wort auf die­se Rechts­fra­ge offen­kun­dig ist. Die gemein­schafts­recht­li­che Rechts­fra­ge wird hin­ge­gen nicht zumin­dest ver­tret­bar beant­wor­tet, wenn das natio­na­le Gericht eine eige­ne Lösung ent­wi­ckelt, die nicht auf die bestehen­de Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten zurück­ge­führt wer­den kann und auch nicht einer ein­deu­ti­gen Rechts­la­ge ent­spricht. Dann erscheint die fach­ge­richt­li­che Rechts­an­wen­dung des Art. 234 Abs. 3 EG nicht mehr ver­ständ­lich und ist offen­sicht­lich unhalt­bar 12.
Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ver­letzt, indem es von einem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen wegen der im Zusam­men­hang mit der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge zu klä­ren­den Fra­gen abge­se­hen hat.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 25. Febru­ar 2010 – 1 BvR 230/​09
vgl. BVerfGE 73, 339, 366 f.; 82, 159, 192 ff.; stRspr[↩]
vgl. BVerfGE 82, 159, 194; BVerfGK 8, 401, 404[↩]
vgl. BVerfGE 82, 159, 195; BVerfGK 10, 19, 29 f.[↩]
vgl. BVerfGE 75, 223, 245; 82, 159, 195[↩]
vgl. BVerfGE 82, 159, 195 f.; BVerfGK 10, 19, 29[↩]
vgl. BVerfGK 8, 401, 405; 10, 19, 31; BVerfG, Beschluss vom 20.02.2008 – 1 BvR 2722/​06, NVwZ 2008, S. 780, 780 f.; Beschluss vom 09.01.2001 – 1 BvR 1036/​99[↩]
Richt­li­nie 98/​59/​EG des Rates vom 20. Juli 1998 zur Anglei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen, ABl. EG Nr. L 225 vom 12. August 1998, S. 16 – Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie (MERL) [↩]
vgl. EuGH, Urteil vom 06.10.1982 – C-283/​81, Slg. 1982, S. 03415; Urteil vom 15.09.2005 – C‑495/​03; Urteil vom 06.12.2005 – C‑461/​03; stRspr[↩]
vgl. EuGH, Urteil vom 06.10.1982 – C-283/​81, Slg. 1982, S. 03415[↩]
vgl. EuGH, Urteil vom 15.09.2005 – C‑495/​03[↩]
vgl. zu die­sem Maß­stab BVerfGK 10, 19, 29[↩]

References: EuGH 
 EuGH 
 Art. 101
 Art. 234
 Art. 101
 Art. 234
 Art. 101
 Art. 234
 Art. 234
 Art. 101
 Art. 101
 Art. 101
 Art. 234
 Art. 234
 Art. 234
 Art. 234
 Art. 101
 Art. 234
 Art. 101