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OLG Hamm: Kein Nachschieben einer Begründung bei der Bußgeldbemessung - Verkehrsrecht Blog
OLG Hamm: Kein Nachschieben ei­ner Begründung bei der Bußgeldbemessung
Veröffentlicht am 8. April 2015 von Alexander Gratz — Keine Kommentare ↓ Ein Bußgeldrichter kann sei­ne Erwägungen be­züg­li­ch ei­nes Bußgelds, von de­nen er si­ch bei der Urteilsfällung lei­ten lässt, nicht spä­ter durch an­de­re er­set­zen. Das AG führ­te aus: “Soweit im Urteil im Sitzungsprotokoll die Tatbestandsnummer 142606 an­ge­ge­ben ist, han­delt es si­ch um ein Versehen. Die Tatbestandsnummer 142606 kann nur durch Führer ei­nes LKW be­gan­gen wer­den, was hier aber selbst­ver­ständ­li­ch nicht der Fall ist. Im Ergebnis dürf­te die Entscheidung des er­ken­nen­den Gerichtes aber nicht rechts­feh­ler­haft sein. Die Tatbestandsnummer 141238 sieht als Sanktion ei­ne Geldbuße von 35,00 Euro vor. Angesichts der Tatsache, dass der Betroffene ei­ne Voreintragung auf­weist (vor­sätz­li­ches Fahren oh­ne Fahrerlaubnis, rechts­kräf­tig ge­wor­den am 11.07.2011) ist es hier an­ge­mes­sen, das Bußgeld auf 80,00 Euro zu er­hö­hen.“ Das OLG Hamm sah zwar kei­nen Zulassungsgrund (§ 80 OWiG), wies aber auf Folgendes hin (Beschluss vom 26.02.2015, Az. 1 RBs 28/15).
Das Amtsgericht führt al­so in den Urteilsgründen selbst aus, dass es si­ch bei der Bußgeldbemessung von ei­ner Regelung hat lei­ten las­sen, wel­che für Lastkraftwagen gilt (Nr. 142606 des Tatbestandskataloges ver­weist auf Nr. 11.1.4 der Anlage 1 der BKatV). Dies ist, wie das Amtsgericht zu­tref­fend er­kannt hat, fal­sch. Das Nachschieben ei­ner an­de­ren Begründung ist aber eben­falls nicht an­gän­gig. Nach § 267 Abs. 3 S. 1 StPO i.V.m. § 71 OWiG (zur Anwendbarkeit des § 267 Abs. 3 S. 1 StPO im Bußgeldverfahren vgl. Seitz in: Göhler, OWiG. 16. Aufl., § 71 Rdn. 40) sind in den schrift­li­chen Urteilsgründen die Umstände an­zu­füh­ren, die für die Zumessung der Geldbuße be­stim­mend „ge­we­sen sind“. Schon nach dem Wortlaut der Vorschrift sind al­so nicht Gründe an­zu­ge­ben, die ggf. auch die Geldbuße ge­recht­fer­tigt hät­ten, son­dern die, die nach dem Ergebnis der Beratung bei Urteilsfällung, d.h. in der Hauptverhandlung, für das er­ken­nen­de Gericht be­stim­mend wa­ren (vgl. auch Stuckenberg in: Löwe/Rosenberg, StPO, 26. Aufl., § 267 Rdn. 87). Dafür spricht auch, dass die Frage, ob ein Urteil „im Ergebnis“ gleich­wohl „nicht rechts­feh­ler­haft“ ist, ei­ne Frage ist, die vom Rechtsbeschwerdegericht zu prü­fen ist. In der Rechtsbeschwerdeinstanz ist zu ent­schei­den, ob z.B. das an­ge­foch­te­ne Urteil auf ei­nem tat­säch­li­ch vor­lie­gen­den Rechtsfehler nicht be­ruht.
Ferner zeigt auch ein Vergleich mit der Rechtsprechung zur Urteilsberichtigung, dass das hier ge­wähl­te Vorgehen un­zu­läs­sig war. Nach die­ser Rechtsprechung schei­det näm­li­ch ei­ne nach­träg­li­che Berichtigung der Urteilsgründe aus, wenn si­ch da­hin­ter in Wahrheit die sach­li­che Abänderung des in­halt­li­ch an­ders be­schlos­se­nen Urteils ver­birgt (BGH, Urteil vom 14. November 1990 – 3 StR 310/90 –, ju­ris). Etwas an­de­res kann aber dann auch für die vor­lie­gen­de Konstellation nicht gel­ten, denn das Urteil wur­de auf der Grundlage ei­ner an­de­ren Vorschrift ge­fasst und da­mit ge­ra­de in­halt­li­ch an­ders. Auch ent­spricht es der höchst­rich­ter­li­chen Rechtsprechung, dass die schrift­li­chen Urteilsgründe die tat­säch­li­chen und recht­li­chen Grundlagen des Urteils wie­der­ge­ben sol­len, wie sie nach der Hauptverhandlung in der Beratung ge­won­nen wor­den sind (BGH bei Miebach, NStZ 1988, 213; vgl. auch Stuckenberg in: Löwe/Rosenberg, StPO, 26. Aufl., § 267 Rdn. 10). Bei ei­nem Einzelrichter – wie hier – fin­det zwar kei­ne Beratung im her­kömm­li­chen Sinne, d.h. i.S. ei­ner ge­mein­sa­men Besprechung, statt. Es han­delt si­ch viel­mehr um ei­nen im Inneren ei­nes Menschen lie­gen­den Vorgang („mit si­ch zu Rate ge­hen“, vgl. OLG Köln NStZ 2005, 710, 711). Das än­dert aber nichts dar­an, dass auch hier die schrift­li­chen Urteilsgründe das Ergebnis die­ser „Beratung“ wie­der­ge­ben sol­len.
Weiter ist an­zu­mer­ken, dass der Umstand, dass die Geldbuße we­gen der Voreintragung mehr als ver­dop­pelt wur­de, nä­he­rer Erläuterung be­durft hät­te. Es han­delt si­ch um ei­ne ganz er­heb­li­che Erhöhung der Regelgeldbuße. Die Voreintragung war nicht ein­schlä­gi­ger Natur. Bei der nun­mehr be­gan­ge­nen Verkehrsordnungswidrigkeit geht das Amtsgericht von ei­ner fahr­läs­si­gen Begehungsweise aus. Insoweit hät­te es der nä­he­ren Erläuterung be­durft, war­um nur die so deut­li­ch er­höh­te Geldbuße ge­eig­net war, den Betroffenen an sei­ne Ordnungspflicht zu er­in­nern.
Nun auch das OLG Saarbrücken zur Zustellung des (Protokoll-)Urteils und nach­träg­li­cher Begründung OLG Hamm: Entbindung vom per­sön­li­chen Erscheinen gilt auch dann, wenn kein Verteidiger er­scheint OLG Bamberg: Begründung von Fahrverbot we­gen be­harr­li­chem Pflichtenverstoß BGH: Begründung ei­ner iso­lier­ten Sperre bei Nicht-Katalogtat Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Straf- und OWi-Recht und gekennzeichnet mit Bußgeld, Bußgeldbemessung, Nachschieben, OLG Hamm, OWi, StPO, Urteil, Urteilsbegründung von Alexander Gratz. Permalink	Über Alexander Gratz

References: § 267
 § 71
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