Source: https://studylibde.com/doc/7033513/universit%C3%A4t-stuttgart-fakult%C3%A4t-wirtschafts
Timestamp: 2019-09-22 04:28:39+00:00

Document:
Universität Stuttgart Fakultät Wirtschafts
Abteilung III (Finanzwirtschaft)
Department III (Corporate Finance)
Das Dekarbonisierungspotenzial von Pensionskassenportfolios
M.Sc. Maximilian Bong
ISSN 1864-0125
Betriebswirtschaftliches Institut der Universität Stuttgart
und Finanzwirtschaft
T: +49 (0)711-685-86000
F: +49 (0)711-685-86009
E: h.schaefer@bwi.uni-stuttgart.de
Kontext und Ziel des Forschungsvorhabens
Dekarbonisierung im Kontext des Klimawandels ..................................... 2
2.1.1. Anthropogener Klimawandel und die Klimaforschung ............................. 2
2.1.2. Aus dem Klimawandel resultierende Risiken ........................................... 5
2.1.3. Die politischen Ziele zum Klimaschutz ..................................................... 8
2.1.4. Investitionsbedarf für Maßnahmen der Mitigation und Adaption ............ 12
2.1.5. Kapitalmarktreaktionen auf den Klimawandel und politische Vorgaben . 14
2.1.6. Nachhaltige Kapitalanlagen und Anlagestrategien ................................ 17
Forschungsbedarfs bezüglich der Dekarbonisierung............................. 21
2.2.1. Die Rolle institutioneller Investoren in der Dekarbonisierung ................. 21
2.2.2. Portfolioperformance mit Dekarbonisierungsstrategien ......................... 23
2.2.3. Fähigkeit der Finanzmärkte zur Bewirkung von Verhaltensänderungen
bei Unternehmen ................................................................................... 26
Forschungsziel ...................................................................................... 28
Methodische Vorgehensweise ............................................................... 30
3.1.1. Engagement-Fallstudie .......................................................................... 30
3.1.2. Empirische Portfolioanalyse .................................................................. 31
Inhaltliche Vorgehensweise ................................................................... 33
3.2.1. Regulatorische Rahmenbedingungen für nachhaltige Geldanlagen von
Pensionskassen .................................................................................... 34
3.2.2. Der Investmentprozess und darin eingebettete Prinzipal-AgentKonflikte ................................................................................................. 40
3.2.3. Aktives Aktionärstum als Strategie zur Dekarbonisierung ..................... 49
Anhang: Forschungsplan
Abbildung 1: Globale anthropogene CO2-Emissionen ................................................ 3
Abbildung 2: Nachhaltige Geldanlagen im Investitionsprozess ................................. 18
Abbildung 3: Nachhaltige Anlagestrategien in Deutschland (in Mrd. Euro) ............... 20
Abbildung 4: Prozess der empirischen Portfolioanalyse ........................................... 32
Abbildung 5: Investmentprozess ............................................................................... 40
Abbildung 6: Typen von Informationsasymmetrien ................................................... 44
Tabelle 1: Deutsche klimapolitischen Ziele ............................................................... 11
Tabelle 2: Investitions- und Streuungsquoten nach AnlV ......................................... 37
Best-of-Classes
Balanced Growth Equivalent
Flourkohlenwasserstoff
Internationale Klimainitiative
Kapitalausstattungsverordnung
Mean-Variance-Optimierung
Stickstoffdioxid (Lachgas)
Organismen für gemeinsame Anlagen in
Portfolio Decarbonization Coaliton
United Nations Principles of Responsible
United Nations Environment Programme Finance
Die Weltklimakonferenz in Paris Ende 2015 hat gezeigt wie ernst die Politik den
Klimawandel nimmt und wie dringend dieses Thema angegangen werden muss. Die
Klimaforschung zeigt, dass ohne eine zügige und drastische Änderung der
Wirtschaftsweise und damit einhergehend eine Senkung der Treibhausgasemissionen
die Klimaerwärmung unumkehrbar wird. Die vereinbarten Ziele, allen voran die
maximale Erderwärmung auf 2°C, bzw. wenn möglich auf 1,5°C zu beschränken,
erfordern hohe Investitionen zur Restrukturierung weiter Teile der Wirtschaft hin zu
einer karbonarmen Wirtschaftsweise. Investitionen in dieser Größenordnung können
nicht nur staatlich finanziert werden, sondern machen eine Mobilisierung von Privatkapital nötig. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft kann also durch die Kapitalmärkte
und Investoren unterstützt werden, durch die Neuausrichtung von Portfolios hin zu
nachhaltigen Geldanlagen und der aktiven Mitgestaltung der Unternehmensstrategien
von Firmen im Portfolio.
Dieses Forschungsprojekt soll untersuchen, welches Potenzial die Anlageportfolios
von Pensionskassen für eine Reduzierung der CO2-Intensität bieten. Institutionelle
Investoren wie Altersvorsorgeeinrichtungen und im speziellen Pensionsfonds und kassen bieten dabei durch ihre Größe und ihren langfristigen Anlagehorizont eine
perfekte Untersuchungsgrundlage. Dabei soll erstens der innerorganisatorische
Prozess von Investitionen in nachhaltige Geldanlagen untersucht werden sowie die
existierenden Prinzipal-Agenten Beziehungen und die möglichen Probleme die aus
diesen resultieren. Zweitens soll die Wirksamkeit von aktivem Aktionärstum des
Investors untersucht werden und gezeigt werden, ob und wie dieser „active
Ownership“-Ansatz zu einer CO2-Reduzierung beitragen kann. Schließlich soll drittens
eine Portfolioanalyse zeigen, inwiefern verschiedene nachhaltige Anlagestrategien
eine Verbesserung der CO2-Bilanz darstellen können und wie sich diese auf das
Verhältnis von Rendite und Risiko und Shortfallrisikomaße auswirken.
Im folgenden Kapitel soll das Thema genau verortet und abgegrenzt werden. Dafür
wird der Untersuchungskontext analysiert und daraus der Forschungsbedarf
abgeleitet. Des Weiteren werden genaue Forschungsziele und -fragen definiert,
welche die Arbeit beantworten soll.
Das dritte Kapitel widmet sich der Vorgehensweise der Forschungsarbeit. Zuerst wird
die Methodik der Fallstudie erläutert, mit Hilfe welcher die Wirkung von
Dekarbonisierungsengagements
moderierenden Faktoren diese Wirkung tatsächlich beeinflussen. Zudem soll die
Methodik der empirischen Portfolioanalyse beschrieben werden, mit der das CO2Reduktionspotenzial aufgezeigt werden soll. Anschließend werden die Forschungsschwerpunkte inhaltlich näher betrachtet.
2. Kontext und Ziel des Forschungsvorhabens
Das folgende Kapitel beschreibt den Kontext des Forschungsvorhabens ausgehend
von anthropogenem Klimawandel, den damit einhergehenden Risiken und nötigen
Maßnahmen zur Adaption und Mitigation bis hin zu den Finanzmarktreaktionen auf
den Klimawandel. Darauf aufbauend werden der Forschungsbedarf bezüglich der
Rolle institutioneller Investoren im Rahmen der Dekarbonisierung, der Performance
von nachhaltigen Geldanlagen mit dem Ziel der Dekarbonisierung und das Potenzial
der Finanzmärkte zur Bewirkung von Verhaltensänderung bei Unternehmen
2.1. Dekarbonisierung im Kontext des Klimawandels
Um die Notwendigkeit einer Dekarbonisierung der Weltwirtschaft aufzuzeigen muss
zunächst der Kontext erläutert werden, der diese Entwicklung überhaupt notwendig
macht und wie die gesellschaftlichen Akteure auf diese Entwicklung reagieren.
2.1.1. Anthropogener Klimawandel und die Klimaforschung
Anthropogener Klimawandel bezeichnet den Klimawandel der auf menschlichen
Einfluss zurückzuführen ist. Generell wird der Klimawandel durch den Treibhausgaseffekt verursacht. Klimawirksame Spurengase stellen die Ursache des Effekts
dar, da diese die Sonneneinstrahlung zur Erdoberfläche zulassen, aber die Wärmeabstrahlung durch Absorption dieser Energie verhindern. Dabei ist zwischen dem
natürlichen und dem anthropogen verstärkten Treibhausgaseffekt zu unterschieden.
Der natürliche Treibhausgaseffekt basiert auf bereits in der Atmosphäre vorhandenen
Gasen und wird hauptsächlich durch Wasserdampf verursacht. Kohlenstoffdioxid
(CO2) stellt hierbei nur die zweitgrößte Konzentration dar. Der anthropogene
Treibhausgaseffekt resultiert aus von Menschen verursachten Emissionen, wie der
Verbrennung fossiler Energieträger, Waldrodung, Verkehr, Viehhaltung und Reisanbau.1 Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) veröffentlicht
regelmäßig Sachstandsberichte über den Klimawandel und zeigt darin den aktuellen
wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Wissensstand auf. Diese
Berichte stellen damit die Grundlage des Verständnisses des anthropogenen Klimawandels dar. Seit der Industrialisierung hat die Menschheit verstärkt Treibhausgase
wie CO2, Methan (CH4), Distickstoffmonoxid (N2O), Fluorkohlenwasserstoffe (FCKWs)
und Ozon (O3), als Folgeprodukt der Verbrennung z.B. fossiler Energieträger, in die
Atmosphäre ausgestoßen. CO2 stellt den größten Anteil der emittierten Treibhausgase
dar. 78% der Zunahme der globalen Emissionen seit 1970 können auf CO 2 aus der
Verbrennung von fossilen Energieträgern und industrieller Prozesse zurückgeführt
werden. Abbildung 1 zeigt den starken Anstieg von CO2-Emissionen aus der Verbrennung von fossilen Energieträgern seit der Industrialisierung.
Abbildung 1: Globale anthropogene CO2-Emissionen
Quelle: IPCC (2014), S. 45
Die erhöhte Konzentration dieser Stoffe in der Atmosphäre führt zu einer verstärkten
Energieaufnahme des Klimasystems und ist damit einer der Hauptverursacher des
Klimawandels.2 Gleichzeitig führen der Klimawandel und eine veränderte Landnutzung
dazu, dass der Kohlenstoffkreislauf, also die natürliche Aufnahme und Abgabe von
Vgl. Schönwiese (1996), S. 15ff.
Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change [IPCC] (2014), S. 44ff.
CO2 z.B. im Ozean oder in Wäldern, gestört wird und dadurch zur Erwärmung der
Atmosphäre beiträgt. Circa 30% der von Menschen verursachten CO2-Emissionen
sind in den Ozeanen gebunden, allerdings führt die Erwärmung dieser dazu, dass die
CO2 Aufnahmefähigkeit sinkt und dadurch mehr Treibhausgase in der Atmosphäre
verbleiben.3 Da die Treibhausgase unterschiedliche Klimaerwärmungspotenziale
besitzen werden Emissionen oft als CO2-Äquivalente (CO2e) gemessen, um eine
einzelne Einheit zu erhalten. Aufgrund der unterschiedlichen Verweildauer in der
Atmosphäre erlaubt dies trotzdem keinen direkten Vergleich.4 Die oben genannten
Emissionen haben eine Auswirkung sowohl auf die Erdoberfläche, als auch auf die
Ozeane, die Kryosphäre und den Meeresspiegel. So gut wie jeder Bereich der Welt
hat im Zeitraum 1901-2012 eine Erwärmung der Erdoberfläche gezeigt. Die letzten 30
Jahre stellen dabei sehr wahrscheinlich die wärmste Periode der letzten 800 Jahre in
der nördlichen Hemisphäre dar. Eine Erwärmung der Troposphäre ist so gut wie
sicher.5 Circa 90% der aufgenommenen Energie wird in den Ozeanen gespeichert und
führt dort zu einer Erwärmung der obersten Schicht und sehr wahrscheinlich auch der
unteren Schichten. Weiterhin führt die Aufnahme der Treibhausgase zu einer
Versäuerung der Ozeane. Der Meeresspiegelanstieg kann größtenteils (90%) durch
das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes und des Antarktischen Eises, den
Rückgang von Gletschern in der nördlichen Hemisphäre, sowie durch die thermale
Ausdehnung der Ozeane erklärt werden.6 Die Ergebnisse der IPCC Sachstandsberichte werden regelmäßig von manchen Autoren angezweifelt oder methodisch
kritisiert.7 Als Antwort auf diese Kritik wurde das InterAcademy Council (IAC) als
Kontrollgremium eingeschaltet, um die Methodik und die Strukturen des IPCC und der
Sachstandsberichte zu kontrollieren. Trotz einiger Verbesserungsvorschläge bezüglich der Verwendung grauer Literatur statt geprüfter wissenschaftlicher Veröffentlichungen und mancher Management Prozesse hat die IAC die Schlussfolgerungen
der IPCC Sachstandsberichte bestätigt.8 Generell herrscht in der wissenschaftlichen
Gemeinschaft ein klarer Konsensus über den Einfluss des Menschen auf das globale
Klima. Circa 97% aller regelmäßig publizierenden Klimaforscher bestätigen die Thesen
des anthropogenen Klimawandels.9
Vgl. Schinke et al. (2011), 7f.
Vgl. IPCC (2014), S. 87 f.
Vgl. Ebd., S. 40.
Vgl. IPCC (2014), S. 40 ff.
Vgl. Bojanowski (2014).
Vgl. InterAcademy Council [IAC] (2010).
Vgl. Anderegg et al. (2010), 12107 ff., sowie Cook et al. (2013), S. 6.
2.1.2. Aus dem Klimawandel resultierende Risiken
Der Klimawandel stellt ein nicht zu unterschätzendes Risiko sowohl für die Realwirtschaft als auch für die Finanzmärkte dar. Dabei muss zwischen drei Arten von
Risiko unterschieden werden. Unsicherheit über die genaue Klimaveränderung, Klimarisiken für die Wirtschaft und Klimapolitikrisiko. Es herrscht noch Unsicherheit über den
genauen Klimawandel, also Unsicherheit über die Zusammenhänge der einzelnen
Faktoren und Fragen bezüglich eines Stabilisierungseffektes der Natur, möglichen
Rückkopplungseffekten und sogenannten Kippelementen. Letztere sind Teile des
Klimasystems an denen irreparable und unumkehrbare Veränderungen im Klima auftreten können. Das Klimarisiko wird definiert als die Unsicherheit über den Einfluss der
Klimaveränderung auf die Wirtschaft. Zu beachten ist hier, dass aus der Klimaveränderung negative oder positive Konsequenzen entstehen können. Neben negativen
Entwicklungen und Schäden können sich auch Geschäftsmöglichkeiten ergeben. Die
dritte Risikoform ist das Klimapolitikrisiko, das die Unsicherheit über künftige Klimapolitik beschreibt. Es herrscht noch viel Diskurs über die richtige Regulatorik, sowie
darüber, wann und welches Regulierungsinstrument implementiert werden soll.10
Einer der größten Unsicherheitsfaktoren sind die sogenannten Kippelemente (tipping
points). Kleine Veränderungen des Klimas können bei diesen Teilen des Klimasystems
zu drastischen Veränderungen führen, welche unumkehrbar sind. Lenton et al. (2008)
definieren Kippelemente als Subsysteme des Klimasystems der Erde, mit mindestens
subkontinentaler Ausdehnung, welche durch kleine Veränderungen in einen unterscheidbaren anderen Zustand gewechselt werden. Als solche Kippelemente
identifizierte Subsysteme sind z.B. die thermohaline Zirkulation im Atlantik, die Permafrostböden in Sibirien mit dem darin gespeicherten CO2 und Methan, der Amazonas
Regenwald, das Arktische Seeeis oder das Grönland Eisschild. Positive Rückkopplungseffekte können den Effekt sogar noch verstärken. So kann ein Abschmelzen des
Seeeises in der Arktis dazu führen, dass eine größere Fläche des dunklen Ozeans
freigelegt wird und dadurch noch mehr Sonnenenergie absorbiert wird. Dies wiederum
verstärkt die Erwärmung noch weiter und lässt mehr Eis schmelzen. Die genaue
Sensitivität dieser Kippelemente gegenüber Klimaveränderungen ist allerdings noch
nicht endgültig geklärt.11
Vgl. Hjort (2016), S. 3ff.
Vgl. Lenton et al. (2008), S. 1877ff.; Kriegler et al. (2009), S. 5042ff.
Um die Unsicherheit bezüglich der Folgen des Klimawandels einschätzen zu können
und langfristige Erderwärmung und damit möglichweise irreparable Schäden an der
Umwelt vorhersagen zu können, spielt das IPCC vier Emissionsszenarien anhand von
Klimamodellen und Integrated Assessment Modellen (IAM) durch. Das einzige
Szenario, welches die Erderwärmung bis Ende des 21. Jahrhunderts auf (wahrscheinlich) unter 2° Celsius beschränkt und damit mögliche langfristige und irreparable
Schäden an der Umwelt verhindert, setzt laut IPCC Emissionsreduzierungen um 4070% bis 2050 und eine Emissionsfreiheit oder sogar negative Emissionen (durch CO2Sequestierung und Carbon Dioxide Capture and Storage (CCS)) bis Ende des
Jahrhunderts voraus.12 Diese vier Sets basieren auf vier Representative Concentration
Pathways (RCPs), welche vier Strahlungsantriebslevel13 darstellen. Die RCPs wurden
so gewählt, dass sie repräsentativ für die Szenarien in der Klimamodellliteratur sind
und je ein bestimmtes Strahlungsantriebslevel darstellen.14
Die wirtschaftlichen Schäden, die aus dem Klimawandel resultieren, können ebenfalls
anhand von Klimamodellen geschätzt werden. Stern (2007) beziffert den pro Kopf
Konsumverlust auf 10,9% innerhalb der nächste zwei Jahrhunderte ein, sollten keine
Vorkehrungen getroffen werden um den Klimawandel zu verhindern bzw. abzuschwächen. Verschiede Klimaszenarien ermöglichen die Bestimmung eines Kostenintervalls
von 5% bis 20% Verlust des pro Kopf Konsums je nach Szenario. Diese Kosten wirken
sowohl intra- als auch intergenerativ. Berücksichtigt wurden dabei sowohl Einflüsse
auf den Markt, Einflüsse die nicht den Markt betreffen (z.B. auf Gesundheit und
Umwelt) als auch Katastrophenrisiken.15 In Folge der Berechnungen kam vielfach
Kritik auf, welche die Ergebnisse in Frage stellte, wenngleich die Notwendigkeit von
Maßnahmen zur Einschränkung des Klimawandels von der Mehrheit unterstützt
wurde.16 Andere Berichte, wie der des IPCCs schätzen die ökonomischen Kosten des
Klimawandels zwischen 0,2% und 2,0% des weltweiten BIPs ein. Es wird aber auch
auf die Limitationen zur Vorhersage dieser Kosten hingewiesen.17 Nordhaus (2013)
berechnet, basierend auf seinem Model, einen aggregierten Schaden von etwas über
1% des globalen BIP bei einem Temperaturanstieg von 2%. Die Schadenskurve
Vgl. IPCC (2014), S. 82f.
Strahlungsantrieb wird als Maß für die Veränderung der Energiebilanz des Klimasystems verwendet und wird in Watt/m 2
Vgl. van Vuuren et al. (2011), S. 11ff.
Vgl. Stern (2007), S. 162 f.
Sterns Berechnungen wurden weithin kritisiert, sowohl aufgrund methodischer Mängel, als auch der Wahl und Annahme
verschiedener Parameter, siehe Anthoff und Tol (2009); Nordhaus (2007); Tol und Yohe (2006)
Vgl. IPCC (2014), S. 73.
seines Modells ist nicht-linear und konvex. Bei Berücksichtigung eines Kipppunktes
bei 3,5°C Erwärmung wird die Schadenskurve ab diesem Punkt deutlich steiler und
der wirtschaftliche Schaden steigt entsprechend scharf an.18
Die zwei Möglichkeiten zur Reduzierung der Risiken und damit der Kosten des
Klimawandels werden als Mitigation und Adaption bezeichnet. Adaption beschreibt
eine Klimaanpassung an das aktuelle, sowie an das erwartete Klima und zielt darauf
ab, die schädliche Wirkung des Klimawandels abzuschwächen oder zu verhindern und
eventuelle positive Auswirkungen auszunutzen. Die Effektivität der Anpassung an das
Klima hängt sowohl vom betroffenen Sektor ab, als auch von Kapazitätsbeschränkungen. Die Wirkung von Adaption ist hauptsächlich kurzfristiger Natur und
entfaltet seine Wirkung über die nächsten Jahrzehnte. In Kontrast dazu entfaltet
Mitigation seinen Effekt erst mittel- bis langfristig und sollte noch bis in die zweite Hälfte
des 21. Jahrhunderts wirken. Unter Mitigation wird die Reduzierung von Treibhausgasemissionen sowie die Verbesserung von Kohlenstoffsenken verstanden, Methoden
die damit den eigentlichen Klimaschutz darstellen. Ohne zusätzliche Mitigationsbemühungen kann das angestrebte Kohlenstoffbudget zur Begrenzung der Erderwärmung auf unter 2° Celsius nicht mehr erreicht werden. Dennoch werden beide Ansätze
benötigt, da Adaption und Mitigation komplementäre Strategien zur Reduzierung der
Klimarisiken und Kosten sind. Der Grund hierfür ist dass sie interagieren und die
Risiken in unterschiedlichen Zeithorizonten adressieren.19
Diese Notwendigkeit zur Emissionsminderung stellt vor allem CO2-intensive Branchen
und Industrien, aber auch deren Investoren vor Herausforderungen. Investments
welche einen plötzlichen Wertverlust durch unvorhergesehene Änderungen in der
Regulierung, in der Technologie, in sozialen Werten oder der Umwelt erfahren, werden
als „stranded assets“ bezeichnet.20 CO2-Emissionen als negative Externalität könnten
einen solchen Wertverlust verursachen. Neue vorhandene Technologie zur
Gewinnung sauberer Energie und ein Wandel der sozialen Normen hin zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise könnten dazu führen, dass CO 2-intensive Branchen neu
bewertet werden müssen. Doch auch staatliche Regulierung hat einen Einfluss, da
Steuern auf Emissionen höhere Kapitalkosten verursachen und damit zu einer
Abwertung des emittierenden Unternehmens führen können. Dieser Einfluss auf den
Vgl. Nordhaus (2013), S. 139 ff und S. 213 f.
Vgl. IPCC (2014), S. 76 ff.; Stecher und Fichter (2010), S. 53 f.
Vgl. Robins (2014), S. 3.
Finanzmarkt stellt das Klimapolitikrisiko dar. Wenn das Ziel der Beschränkung der
Emissionen und damit einer maximalen Erwärmung um 2° Celsius erreicht werden
soll, kann ein Großteil der existierenden fossilen Energieträger nicht genutzt werden.
Laut eine Studie von McGlade und Ekins (2015) müsste die Hälfte der mit heutiger
Technologie erschließbaren Gasreserven, 80% der Kohlereserven und ein Drittel der
Ölreserven ungenutzt bleiben um das CO2-Budget nicht zu überschreiten.21 Die
Carbon Tracker Initiative warnt in diesem Zusammenhang vor einer Carbon Bubble im
Markt.22 Dementsprechend müsste der Staat hier regulierend eingreifen.
2.1.3. Die politischen Ziele zum Klimaschutz
Die Staatengemeinschaft hat diese Risiken für die Weltwirtschaft erkannt und
beschäftigt sich daher seit einigen Jahren mit dem Klimaschutz. Das Kyoto-Protokoll
von 1997, welches aus der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen hervorgegangen ist (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC),
war das erste völkerrechtlich bindende Klimaschutzabkommen. Darin verpflichteten
sich die ratifizierenden Länder zu einer Emissionsbegrenzung und -senkung.23 Die EUStaaten verpflichteten sich zu einer Reduktion der Emissionen um 8% gegenüber dem
Basisjahr 1990. Im Rahmen des Lastenverteilungsverfahrens wurde das Gesamtziel
unter den 15 EU Ländern individuell aufgeteilt, infolgedessen sich Deutschland für eine
Reduktion um 21% verpflichtete. Sowohl Deutschland, als auch der Rest der EU,
konnten Ihre Ziele zwischen 2008 und 2012 sogar übertreffen. Um diese Emissionssenkung zu erreichen beinhaltet das Protokoll drei Mechanismen: Joint Implementation, Clean Development Mechanisms (CDMs) und Emissionshandel. Die ersten
beiden, die flexiblen Mechanismen, beschreiben wie emissionsmindernde Investitionen und Projekte in anderen ratifizierenden Staaten oder Schwellenländer in die
Reduktionsziele der investierenden Länder integriert werden können. Der dritte
Mechanismus stellt einen internationalen Emissionshandel dar. Ein Emissionshandel
hat das Ziel die negative Externalität der Treibhausgasemissionen zu internalisieren.
Des Weiteren soll durch den Preis der Emissionszertifikate auch eine emissionseffiziente Wirtschaftsweise von Unternehmen und Ländern gefördert werden. Dabei erhält
jedes Land eine gewisse Anzahl an Emissionsrechten die ausgeschöpft sind sobald
das Land sein festgesetztes Reduktionsziel genau erfüllt. Sollte ein Land mehr
Vgl. McGlade und Ekins (2015), S. 187 ff.
Vgl. Carbon Tracker Initiative [CTI] (2013), S. 4.
Vgl. United Nations Framework Convention on Climate Change [UNFCCC] (1998), S. 4.
Treibhausgase emittieren wollen, muss es Zertifikate von anderen Ländern kaufen,
welche ihr gesetztes Ziel übertreffen.24 Die Europäische Emission hat dies unter dem
Namen des EU Emissions Trading Systems (EU ETS) umgesetzt und den aktuell
größten Markt für den Handel mit Verschmutzungsrechten geschaffen (45% der
Treibhausgasemissionen in 28 EU Mitgliedsstaaten). Die im Markt verfügbaren
Emissionszertifikate werden dabei sukzessiv jedes Jahr reduziert. 2014 hat die
Europäische Union beschlossen die Emissionen bis 2030 um 40%, bis 2040 um 60%
und bis 2050 um 80-95% zu reduzieren. Emissionen die in Sektoren des ETS fallen
sollen bis 2030 um 43% und nicht-ETS Emissionen um 30% reduziert werden.25 Der
Preis für diese Emissionszertifikate des EU ETS ist zwischen 2008 und 2013 drastisch
gefallen, jedoch ohne dass die Hauptursache dafür gefunden werden konnte. Zwar
spielen die anhaltenden wirtschaftlichen Probleme in den EU Staaten eine Rolle, da
eine geringere Produktion die Nachfrage nach Zertifikaten sinken ließ und der
verstärkte Einsatz von erneuerbaren Energien die Nachfrage nach fossilen
Energieträgern noch weiter senkte, allerdings kann auch die kombinierte Wirkung
dieser beiden Faktoren den Preisverfall nicht erklären.26 Der niedrige Preis für die
Emissionsrechte und deren Überangebot bietet keinen Anreiz zur Steigerung der
Emissionseffizienz oder Emissionsreduktion für Firmen. Diese Verfehlung des Ziels
macht eine Reform des EU ETS dringend nötig.
Da die zweite Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls 2020 ausläuft, wurde über
ein neues verpflichtendes Abkommen für die Zeit nach 2020 verhandelt und schließlich
auf der Pariser Klimakonferenz 2015 beschlossen. Darin verpflichten sich die 196
Vertragsparteien auf eine Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2°C und zu
Anstrengungen, um eine Begrenzung auf unter 1,5°C zu erreichen. Als Teil des
Beschlusses sollen Industrienationen die Entwicklungs- und Schwellenländer in Ihren
Anstrengungen zur Emissionsreduzierung unterstützen und für sich selbst feste
Reduktionsziele setzen. Außerdem wurde festgelegt, dass die Welt in der zweiten
Hälfte des 21. Jahrhunderts treibhausgasneutral werden soll und damit der Grundstein
für eine nötige Dekarbonisierung gelegt.27
Die Bundesregierung hat die deutschen Klimaschutzziele im Energiekonzept 2010
festgehalten. Dieses baut auf dem Integrierten Energie- und Klimaschutzgesetz von
Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit [BMUB] (2015b)
Vgl. European Comission (2014), S. 2 f.; European Comission (2011), S. 4.
Vgl. Koch et al. (2014), S. 681 f.
Vgl. UNFCCC (2015), S. 22 ff.
2007 auf. Das Energiekonzept 2010 zeigt die enge Verbindung von Energie- und
Klimapolitik. Hauptziel ist die Verringerung der Emissionen, um dies zu erreichen soll
sukzessiv der Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix erhöht werden.
Gleichzeitig soll die Energieeffizienz gesteigert, die Gebäudesanierung vorangetrieben
und der Endenergieverbrauch im Verkehr reduziert werden. 28 Der Grundstein für den
Ausbau der erneuerbaren Energie wurde bereits 2000 durch das Erneuerbare
Energien Gesetz (EEG) gelegt und 2014 überarbeitet. Das EEG bildet die rechtliche
Grundlage für den Anschluss von Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbarer
Energie an das öffentliche Netz, deren vorrangige Abnahme, Verteilung und Übertragung, sowie deren Förderung durch die EEG-Umlage. Des Weiteren erhöht die
überarbeitete Fassung nochmal die Zielquoten der erneuerbaren Energie im
nationalen Energiemix und setzte feste Ausbauschritte für verschiedene Erzeugungsarten.29 Der im Juni 2016 beschlossene Entwurf der EEG Novelle 2016 regelt die
Vergütung der erneuerbare Energien über Ausschreibungen. Dabei sollen die
gezahlten Vergütungssätze für Anlagen, die erneuerbare Energien produzieren, in
wettbewerblichen Ausschreibungsverfahren zwischen den Anlagenbetreibern ermittelt
werden. Die 2014 entwickelten Ausbaukorridore sollen eingehalten werden und durch
die Novelle effektiver und planbarer gestaltet werden. Das Gesetz soll auch die Vielfalt
der aktiven Akteure im Markt für erneuerbare Energien sichern.30 Tabelle 1 fasst die
deutschen Klimaschutzziele noch einmal zusammen.
Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie [BMWi] und BMUB (2010), S. 4 f.
Vgl. Deutscher Bundestag (2014), S. 6 f.
Vgl. Bundesregierung (2016b), S. 1 ff.
Tabelle 1: Deutsche klimapolitischen Ziele
Gesetz/ Verordnung
Energiekonzept 2010
Verringerung der Treibhausgasemissionen (gegenüber
Anteil der erneuerbaren
Energien im Bruttoendenergieverbrauch (gegenüber 1990)
Energien am Bruttostromverbrauch (gegenüber 1990)
Senkung des Primärenergieverbrauchs (gegenüber 2008)
Energieendverbrauch im
Verkehr (gegenüber 2005)
Bis 2020: -40%
Bis 2030: -55%
Bis 2040: -70%
Bis 2050: -80% bis -95%
Bis 2020: 18%
Bis 2030: 30%
Bis 2040: 45%
Bis 2050: 60%
Bis 2020: 35%
Bis 2030: 50%
Bis 2040: 65%
Bis 2050: 80%
Bis 2020: -20%
Bis 2050: -50%
Um 2,1% p.a.
 Bis 2020: -10%
 Bis 2050: -25%
Jährlich 2% des Gebäudebestands
 Bis 2050: -40%
 Bis 2025: 40-45%
 Bis 2035: 55-60%
 Bis 2050: 80%
am Bruttoendenergieverbrauch
 Bis 2020: min. 18%
Ausbaupfad zur Steigerung
 Windenergieanlagen an Land
(netto): +2500 MW/Jahr
 Windenergieanlagen auf See
2020: 6500 MW
2030: 15.000 MW
 Photovoltaik (brutto): +2500
MW/Jahr
 Biomasse (brutto): +100 MW/Jahr
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an BMWi, BMUB (2010) sowie Deutscher Bundestag (2014)
Der Klimaschutzplan 2050 sowie die neue deutsche Nachhaltigkeitsstrategie legen die
zukünftigen Maßnahmen des deutschen Klimaschutzes dar. Der Klimaschutzplan
2050 soll konkrete Maßnahmen für die Erreichung der 95% Emissionsminderung bis
2050 gegenüber 1990 aufzeigen und wird gerade im Dialog des Bundesministeriums
für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) mit Verbänden, Ländern
und Kommunen entwickelt. Die Maßnahmen sollen an das Aktionsprogramm
Klimaschutz 2020 anschließen.31 Mit der neuen deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ist
Deutschland der Forderung der Umsetzung der Sustainable Development Goals
(SDGs) und der Agenda 2030 der UN in nationale Ziele nachgekommen. Die Strategie
betrifft alle Aspekte der Nachhaltigkeit und damit auch den Umwelt- und Klimaschutz.32
Diese geschaffenen Rahmenbedingungen ermöglichen nun den Wandel hin zu einer
nachhaltigen und klimaschützenden Gesellschaft und Wirtschaft. Auf Basis dieser
regulatorischen Vorgaben können schließlich Maßnahmen zur Mitigation und Adaption
konkretisiert werden, welche wiederrum Investitionen erfordern.
2.1.4. Investitionsbedarf für Maßnahmen der Mitigation und Adaption
Die notwendigen Maßnahmen zum Schutz vor weiteren Veränderungen und zur
Anpassung an das bereits veränderte Klima erfordern hohe jährliche Investitionen. Die
Transformation der Weltwirtschaft, hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaftsweise
sowie die Erfüllung der bedingungslosen Reduktionsziele der Teilnehmer, wie sie auf
der Pariser Klimakonferenz beschlossen wurden, benötigt nach Berechnung der
International Energy Agency (IEA) weltweit 13,5 Bio. US Dollar bis 2030 in erneuerbare
Energien und Energieeffizienz.33 Bis 2050 geht die IEA sogar von einem
Investitionsbedarf in Höhe von 44 Bio. US Dollar aus, um das Energiesystem zu
dekarbonisieren und das 2°C Ziel einzuhalten. Dem gegenüber stehen allerdings
Kraftstoffeinsparungen in Höhe von geschätzten 115 Bio. US Dollar, woraus
Nettoeinsparungen von 71 Bio. US Dollar resultieren.34 Stern (2007) kommt in seinem
Modell zu jährlichen langfristigen Kosten in Höhe von 1% des weltweiten BIPs mit
einem Intervall zwischen -1% und +3,5%. Hierdurch könnten die CO2e-Emissionen auf
ein Level beschränkt werden, welches eine Einhaltung der 2°C Ziele (wahrscheinlich)
ermöglicht.35 Das Intervall zeigt, dass Klimaschutz nicht nur Kosten verursacht
sondern durchaus auch Investitionsmöglichkeiten und Wachstum schafft. Die
tatsächlichen Kosten für eine effektive Mitigation hängen stark von der Partizipation
der Länder ab. In seinem Modell konstatiert Nordhaus (2013), dass das Erreichen
eines 2°C Klimaziels nur moderate Kosten von circa 1,5% des weltweiten Einkommens
verursachen würde. Die Annahmen hierfür sind 100% Partizipation und universelle,
Vgl. Umweltbundesamt [UBA] (2016), S. 7 ff.
Vgl. Bundesregierung (2016a), S. 9 ff.
Vgl. International Energy Agency [IEA] (2015), S. 2.
Vgl. IEA (2014), S. 14.
Vgl. Stern (2007), S. 211.
effizient implementierte Interventionen. Bei nur 50% Partizipation ist das Erreichen von
2°C, selbst unter den restlichen Annahmen, so gut wie nicht mehr zu erreichen.36
Schätzungen der Kosten für die deutsche Energiewende alleine belaufen sich auf
zusätzliche 865 Mrd. Euro bis 2050. Andere Studien prognostizieren Kosten von 202
Mrd. Euro bis 2020 und weitere 586 Mrd. Euro zwischen 2021 und 2050. 37 In 2014
wurden in Deutschland im Rahmen der erneuerbaren Energien Investitionen in Höhe
von 18,8 Mrd. Euro getätigt, was eine knapp 20% Steigerung gegenüber 2013 darstellt.
Weltweit hingegen war das Investitionsvolumen leicht rückläufig mit 214 Mrd. US
Dollar. Im Bereich Energieeffizienz waren die Investitionen in Deutschland höher: 2013
flossen 39 Mrd. Euro in energetische Wohngebäudesanierung und 15 Mrd. Euro in die
Sanierung von Nichtwohnungsbauten, während staatliche Energieeffizienzmaßnahmen weitere 5 Mrd. Euro an Investitionen mobilisierten.38
Im Rahmen der internationalen Klimaschutzfinanzierung haben sich die Industrienationen 2009 darauf geeinigt die Entwicklungsländer mit 100 Mrd. US Dollar jährlich
bis 2020 zu unterstützen. Die Mittel sollen dabei aus öffentlichen und privaten Quellen
stammen.39 Durch das Pariser Klimaabkommen wurde diese Zusammenarbeit bis
2025 ausgeweitet. Zusätzlich wurde 2010 auf der Klimakonferenz der Green Climate
Fund ins Leben gerufen, um die schwächeren Entwicklungsländer auf Ihrem Weg zu
einer klimaverträglichen und emissionsarmen Wirtschaft zu unterstützen. Der Fonds
erhielt eine Erstfinanzierung von 10,2 Mrd. US Dollar von 30 Staaten. 40 Deutschland
hat 2013 knapp zwei Milliarden Euro für die Klimafinanzierung bereitgestellt und
unterstützt die Entwicklungsländer beim Klimaschutz und der Umsetzung der
Beschlüsse der Klimakonferenzen über die Internationale Klimainitiative (IKI) und
bilaterale Projekte mit über 79 Partnerländern.41
Zu beachten ist bei der Klimaschutzfinanzierung, dass diese als Investitionen auch
Wachstum schaffen, Innovationen fördern und Geschäftsmöglichkeiten bedeuten. Das
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit hat in einer
Szenarioanalyse festgestellt, dass die Erreichung der Klimaschutzziele der Bundesregierung bis 2030 jährlich 25-40 Mrd. Euro an zusätzlichen Investitionen benötigt,
allerdings dafür auch das BIP um etwa 25-30 Mrd. Euro höher ausfällt als im Vergleich
Vgl. Nordhaus (2013), S. 176 ff.
Vgl. Matthes et al. (2014), S. 3.; Kemfert und Schäfer (2012), S. 4 f.
Vgl. BMUB (2015a), S. 61 f.
Vgl. UNFCCC (2009), S. 7.
Vgl. UNFCCC (2010), S. 17., sowie BMUB (2015a), S. 12.
Vgl. BMUB (2015a), S. 12.
zu einem Szenario in welchem keine weiteren Maßnahmen ergriffen werden, als die
in 2011 bestehenden. Des Weiteren könnten positive Beschäftigungseffekte in Höhe
von 200.000 neuen Stellen entstehen. Da außerdem in Folge der Energiewende teure
Energieimporte zurückgehen werden, verbessert sich der Finanzierungssaldo des
Staates um 5,6 Mrd. Euro. Selbst bei Berücksichtigung eines crowding out Effektes bei
dem Klimaschutzinvestitionen andere Investitionen verdrängen bleibt ein positiver
gesamtwirtschaftlicher Effekt.42
Die Höhe der notwendigen Investitionen für eine Transformation zu einer kohlenstoffarmen Weltwirtschaft zeigt, dass diese nicht alleine durch staatliche Mittel gedeckt
werden können. Deshalb ist es wichtig, dass Privatkapital für den Klimaschutz
mobilisiert wird. Eine wichtige Bedingung hierfür sind stabile Rahmenbedingungen und
langfristige Regulierung, um das Klimapolitikrisiko zu minimieren, negative externe
Effekte auszugleichen und Investitionsanreize zu schaffen. Der private Sektor wird
benötigt, da hierdurch die Ressourcenallokation effektiver durchgeführt werden kann,
als es alleine durch staatliche Investments möglich wäre. Der freie Wettbewerb bei der
Finanzierung durch Privatkapital stellt sicher, dass eine effektive Ressourcenallokation
erfolgt, da die Mittel zu den Projekten fließen, die ökonomisch am sinnvollsten sind.
Das verstärkte Investoreninteresse kann bei diesen Firmen und Projekten dann zu
geringeren Fremd- und Eigenkapitalkosten führen, wodurch die Technologie für Klimaschutz und Adaption günstiger finanziert werden kann.43 Weiterhin ist zu beachten,
dass die Größe des privaten Kapitalmarktes diese Investitionsmenge überhaupt erst
möglich macht.44
2.1.5. Kapitalmarktreaktionen auf den Klimawandel und politische Vorgaben
Klimawandel kann zu großen wirtschaftlichen Schäden führen, Schocks verursachen,
internationalen Handel beeinflussen und die politische Stabilität in Regionen
gefährden. All dies erhöht das Risiko von Wertminderungen bei Vermögenswerten und
Portfolios. Der Finanzmarkt kann auf mehrere Arten vom Klimawandel betroffen
werden. Risiken resultieren entweder direkt über Schäden oder verringertes Wachstum oder indirekt aus der Klimapolitik, wenn diese zu stranded assets führt. Das
Bundesministerium für Finanzen (2016) unterscheidet hier zwischen den physischen
Vgl. BMUB (2013), S. 10 f.
Vgl. Weistroffer (2007), S. 6.
Vgl. Kahlenborn et al. (2010), S. 10., sowie UNFCCC (2007), S. 5.
Risiken und den Transitionsrisiken. Die Risiken entfalten ihre Wirkung in mehreren
Runden. Primäreffekte wirken in den direkt betroffenen Industrien, während Zweitrundeneffekte die Portfolios der, gegenüber den betroffenen Industrien exponierten,
Finanzmarktakteuren darstellt. Drittrundeneffekte schließlich beschreiben Spillovereffekte zu anderen Finanzmarktakteuren die gar nicht gegenüber den Risiken exponiert sind. Die Transitionsrisiken werden vom BMF kurz- und mittelfristig als relevanter
für die Finanzmarktstabilisation angesehen, verglichen mit den physischen Risiken.45
Eine Lösung kann die Absicherung gegenüber Klimarisiken sein, welche momentan
diskutiert wird. Andersson et al. (2016) zeigen, dass es mit einem dekarbonisierten
Index möglich, ist eine marktähnliche Rendite zu erzielen und gleichzeitig gegen
Klimawandel und eine mögliche Fehlbewertung des Kohlenstoffrisikos abgesichert zu
sein. Durch diese Methode können auch die Klimaschutz- und Emissionsreduktionsziele der Staaten unterstützt werden, indem Investoren darauf aufmerksam gemacht
werden, dass eine marktübliche Rendite auch mit minimalen CO2-Fußabdruck möglich
ist. Verstärkte Dekarbonisierung von Seiten der Investoren erzeugt Druck auf die emissionsintensivsten Firmen und schafft damit Anreize zur Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen in den Unternehmen.46 Auf der anderen Seite jedoch gibt es auch
die Meinung, dass Klimarisiken nicht abzusichern sind, da Klimawandel und die resultierenden Schäden zu einer globalen Rezession führen und damit zu Wertminderung
in allen Anlageportfolios, unabhängig von der Portfolioallokation, führen werden. Eine
Reallokation des Portfolios hin zu Industrien, welche durch geringes Klimarisiko
gekennzeichnet sind, kann zwar ca. die Hälfte der negativen Einflüsse des Klimawandels absichern, allerdings beinhaltet Klimarisiko auch einen nicht-hedgebaren Teil.47
In der Praxis haben institutionelle Anleger, als Reaktion auf Klimarisiken, angefangen
ihre Portfolios zu dekarbonisieren. Zusammenschlüsse institutioneller Investoren, wie
die Portfolio Decarbonisation Coalition (PDC), wollen die allgemeine Wahrnehmung
zu diesem Thema steigern, verschiedene Dekarbonisierungsansätze aufzeigen und
letztlich Treibhausgasemissionen verringern.48 Andere Initiativen, wie der Montreal
Carbon Pledge, setzen auf Transparenz durch die Veröffentlichung der CO 2-Fußabdrücke ihrer Portfolios.49
Vgl. Bundesministerium der Finanzen [BMF] (2016), S. 13 ff.
Vgl. Andersson et al. (2016), S. 22 ff.
Vgl. Cambridge Institute for Sustainability Leadership [CISL] (2015), S. 30.
Vgl. Portfolio Decarbonization Coalition [PDC] (2015), S. 9 ff.
Vgl. Montreal Carbon Pledge (2014)
Es gibt drei gängige Arten der Dekarbonisierung. Erstens die Devestition aus
emissionsreichen Branchen und Unternehmen. Dadurch sollen einerseits der Wert des
Unternehmens gesenkt und andererseits die Kapitalkosten für diese umweltschädlichen Unternehmen erhöht werden. Zweitens können Investitionen in
emissionsarme Unternehmen umgeleitet werden, um deren Kapitalkosten senken.
Drittens ist es möglich können durch einen aktiven Ansatz, Unternehmen und Regulatoren zu Klimaschutz oder Klimaanpassung zu ermuntern und dadurch die Dekarbonisierung zu unterstützen.50
Paun et al. (2015) identifizieren vier verschiedene Devestitionsstrategien: 100%
Devestition aus Aktivposten mit Bezug zu fossilen Brennstoffen, teilweise Devestition
(anhand von Indexklassifizierung, Anteil der Umsätze aus Projekten der Unternehmen
mit Bezug zu fossilen Brennstoffen oder Bewertung des Risikos des Wertverlusts auf
einer Projektbasis), Wertschöpfungskettenanalyse (um nicht nur die Hersteller fossiler
Brennstoffe zu beachten, sondern auch Zulieferer etc.) oder worst-in-class Ansätze
(um die emissionsintensivsten Firmen in allen Sektoren zu identifizieren).51 Das theoretische Ziel der Devestition in Bezug auf die Dekarbonisierung ist es, diese emissionsintensiven Firmen zu stigmatisieren und dadurch Nachfrage nach Aktien oder zu
reduzieren, um den Wert dieser zu senken. Die reduzierte Nachfrage erhöht folglich
die Fremd- und Eigenkapitalkosten und verhindert damit Investitionen der Firmen und
senkt ihre Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu emissionsarmen Unternehmen.52
Umgekehrt verhält es sich bei Investitionen in emissionsarme Unternehmen und
Industrien. Das verstärkte Investoreninteresse verringert die Kapitalkosten und steigert
damit die Wettbewerbsfähigkeit dieser Firmen. Daraus resultiert eine mittel- bis
langfristige Emissionsminderung.53
Die dritte Art der Dekarbonisierung zielt auf die Veränderung von Unternehmenspraktiken ab. Im Gegensatz zur Devestition ermöglicht diese ‚Halten und Engagieren‘
Strategie den Anlegern weiterhin Einfluss auf das Unternehmen auszuüben, Diversifikation der Unternehmen in emissionsarme Energie oder Technologie, über direkten
Kontakt mit dem Unternehmensmanagement, anzustreben und an Abstimmungen auf
Hauptversammlungen teilzunehmen.54
Vgl. Covington und Thamotheram (2014), S. 45 f.
Vgl. Paun et al. (2015), S. 15.
Vgl. Baron und Fischer (2015), S. 17 f.
Vgl. Covington und Thamotheram (2014), S. 46.
Vgl. Paun et al. (2015), S. 21., sowie Institutional Investors Group on Climate Change (2015), S. 15.
2.1.6. Nachhaltige Kapitalanlagen und Anlagestrategien
Investitionen und Geldanlagen die den Klimaschutz oder Klimaanpassung betreffen,
sind per Definition Teil der nachhaltigen Geldanlagen. Auch die Dekarbonisierungsstrategien lassen sich zu einzelnen nachhaltigen Anlagestrategien zuordnen. Kapitalanlagen werden dann als nachhaltig bezeichnet, wenn sie neben den traditionellen
Anlagekriterien wie Rendite, Risiko und Liquidität (magisches Dreieck der Kapitalanlage) auch ethisch/moralische und andere nicht-finanzielle Aspekte berücksichtigen
(magisches Viereck der nachhaltigen Kapitalanlage).55 Diese nicht-finanziellen Informationen und Kriterien lassen sich noch in 3 Unterkategorien unterteilen. E (Environmental) betrifft Informationen zur Umweltverträglichkeit des Unternehmens, S (Social)
bezieht sich auf die sozialen Aspekte der Geschäftspraxis und G (Governance) auf
Corporate Governance Themen und die Unternehmensführung. Zusammengefasst
werden diese nicht-finanziellen Informationen auch als ESG Information bezeichnet.56
Während in der Vergangenheit nachhaltige Geldanlagen durch ethische Motive
begründet wurden, hat sich dies seit der Jahrtausendwende geändert. Im neueren
Verständnis wird nun auf das Zusammenspiel von finanziellen und nicht-finanziellen
Aspekten hingewiesen. In diesem Zusammenhang wird oft von SRI (Sustainable and
Responsible Investments) gesprochen.57 Laut des European Social Investment
Forums (Eurosif) existiert noch keine einheitliche Definition in Europa, was SRI ausmacht. Ihre SRI Marktstudien behandeln daher jeden Investmentprozess der finanzielle Ziele von Investoren mit nicht-finanziellen Themen (ESG-Faktoren) verbindet.58
Im akademischen Gebrauch haben sich zwei unterschiedliche SRI Anlagephilosophien herausgebildet. Auf der einen Seite aktive Strategien, welche das aktive
Aktionärstum der Unternehmen beschreiben und so einen positiven ökologischen,
sozialen oder finanziellen Effekt erzielen wollen. Passive SRI Strategien verzichten auf
so eine aktive Herangehensweise und sind reine Kauf- und Verkaufs-Strategien.59
Weiterhin lässt sich die Unterscheidung auch nach dem Zeitpunkt des NachhaltigkeitsEngagements im Investmentprozess durchführen. So kann zwischen pre- und postInvestment-Strategien unterschieden werden.60
Vgl. Schäfer und Mayer (2013), S. 131., sowie Rosen (2009), S. 82.
Vgl. Principles for Responsible Investment [PRI] (2016), S. 4.
Vgl. Schäfer und Mayer (2013), S. 133.
Vgl. Eurosif (2014), S. 8.
Vgl. Schäfer und Lindenmayer (2007), S. 1083.
Vgl. Schäfer und Mayer (2013), S. 137.
Abbildung 2: Nachhaltige Geldanlagen im Investitionsprozess
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Schäfer/Mayer (2013), S. 137 und PRI (2016), S. 7
Abbildung 2 zeigt die verschiedenen nachhaltigen Anlagestrategien, eingeordnet in
den Investmentprozess. In der Pre-Investment Phase sind die meisten Strategien
screening-basiert, d.h. das Investmentuniversum wird aufgrund festgelegter Kriterien
ausgewählt, dabei wird zwischen positivem und negativem Screening unterschieden.
Negatives Screening ist die simpelste Art der nachhaltigen Anlagestrategien, da
Unternehmen oder ganze Sektoren einfach auf Basis bestimmter Kriterien ausgeschlossen werden und somit das Investmentuniversum eingeschränkt wird. Es handelt
sich also um eine exkludierende Anlagestrategie. Problematisch kann dies bei
Unternehmen werden, die in mehreren Branchen aktiv sind. Hier wird eine Bestimmung von Schwellenwerten nötig: Ab welchem Anteil, z.B. des Umsatzes in dem
ausgeschlossenen Sektor, ein Unternehmen ausgeschlossen wird.61 Eine besondere
Form des negativen Screenings ist das Normen-basierte Screening. Dabei werden
Unternehmen ausgeschlossen, die bestimmte Minimumstandards international
anerkannter Normen nicht erreichen.62
Positives Screening beschreibt eine inkludierende Anlageart, bei der die Investoren
aktiv Unternehmen auswählen, welche bestimmte Nachhaltigkeitskriterien oder ratings erfüllen, um sicherzustellen, dass das Unternehmen nachhaltig wirtschaftet. Es
wird, im Vergleich zu positivem Screening, als schwieriger wahrgenommen, da
Vgl. Fung et al. (2010), S. 29.
Vgl. PRI (2016), S. 6.
manche Nachhaltigkeitskriterien nur schwer quantifizierbar sind und stark von der
Nachhaltigkeitsratingagentur oder dem Schwellenwert des Investors abhängen.63 Die
am häufigsten auftretende Form ist das Pioneerscreening, das eine Auswahl der
Unternehmen anhand von deren außergewöhnlicher Innovationsstärke in nachhaltigen Themengebieten und Verbesserungspotenzial der ökologischen Situation
darstellt.64 Eine weitere besondere Form des positiven Screenings ist der Best-in-class
(BiC)-Ansatz. Dabei wird die Nachhaltigkeitsperformance eines Unternehmens mit
einem Industriestandard und seinen Peerunternehmen verglichen und nur die Firmen
mit der besten Nachhaltigkeitsperformance einer Industrie werden schließlich für das
Portfolio ausgewählt.65
Impact Investments oder auch wirkungsorientierte Investments sind Investitionen mit
dem Ziel, neben der finanziellen Rendite einen klar messbaren, positiven sozialen oder
ökologischen Einfluss zu haben. Die Investoren sind also an einer Investitionslenkung
interessiert, da sie explizit eine Zwecksetzung des von ihnen gegebenen Kapitals
vorschreiben und dies auch durch die vorgeschriebene Messung des Einflusses überprüfen. Des Weiteren finden die Investitionen auch nicht in großen, international agierenden Unternehmen oder Projekten statt, sondern in kleineren (Sozial-) Unternehmen, die eine Lösung für ein gesellschaftliches Problem anbieten. Damit ist
wirkungsorientiertes Investment eigentlich von SRI abzugrenzen.66
Themeninvestments sind passive Investitionen in Fonds, die sich auf die Investition in
Unternehmen mit einem speziellen Themenbezug spezialisiert haben. Beispiele für
Themengebiete sind saubere Technologien, Mikrofinanzen, erneuerbare Energien
oder Klimawandel.67 Themeninvestments können auch als Impact Investments im
weiteren Sinn bezeichnet werden, da ein angestrebtes nicht-finanzielles Ziel der
Investition erkennbar ist. Bei Themeninvestments fehlt lediglich der explizit gesetzte
und zu messende Einfluss.68
Integration bezeichnet die direkte, systematische Berücksichtigung von ESG-Risiken
in der traditionellen Investitionsanalyse.69 Wichtig ist dabei die Darlegung einer festen
Ursache-Wirkungs-Beziehung der nicht-finanziellen Aspekte auf die finanziellen, z.B.
Vgl. Fung et al. (2010), S. 28.
Vgl. Schäfer et al. (2015), S. 8.
Das Verfahren kann sich auch statt auf einzelne Unternehmen auf ganze Industrien ausweiten und wird dann als Best-ofClasses (BoC) bezeichnet. Dabei wird die nachhaltigste Branche gesucht. Siehe Schäfer und Mayer (2013), S. 139 f.
Vgl. Schäfer und Hochstötter (2015), S. 2 ff.
Vgl. PRI (2016), S. 8.
Vgl. Schäfer und Hochstötter (2015), S. 5.
Vgl. Eurosif (2014), S. 67.
durch einen Analysten.70 ESG-Faktoren und -Risiken werden dabei meistens über Key
Performance Indicators (KPIs) in die Analyse aufgenommen, mit Hilfe dessen die
Nachhaltigkeit der Unternehmen quantifizierbar ist.71
Wenn die Investition bereits stattgefunden hat, kann der Investor die Nachhaltigkeit
des Investments nur noch über aktives Aktionärstum beeinflussen. Die aktive Stimmrechtsabgabe, der Dialog mit dem Management und das Einbringen von Anträgen auf
Hauptversammlungen, wird als ‚Voice‘ bezeichnet und steht damit im Gegensatz zum
‚Exit‘, der Devestition.72
Abbildung 3 zeigt die verschiedenen Anlagestrategien und die Summe der auf diese
Weise investierten Vermögenswerte in Deutschland.
Abbildung 3: Nachhaltige Anlagestrategien in Deutschland (in Mrd. Euro)
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an FNG (2016), S. 29
Über alle Anlagestrategien hinweg kann man dabei beobachten, dass SRI Assets und
Strategien in Deutschland stark wachsen. Die am weitesten verbreitete Strategie in
Deutschland sind Ausschlüsse, also negatives Screening. Die systematische Integration von ESG-Kriterien ist weiterhin an zweiter Stelle. Ein starkes Wachstum zeigen
Active Ownership-Strategien. Stimmrechtsausübung und direktes Engagement sind
die dritt- und viertstärkste SRI Strategie in Deutschland. Laut FNG sind Klimawandelthemen dabei das zweithäufigst angesprochene Thema in Dialogen mit dem
Vgl. Schäfer und Mayer (2013), S. 141.
Vgl. Schmidt und Weistroffer (2010), S. 10 f.
Vgl. Hirschman (1970), S, 4 und S. 30.
Vgl. Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V. [FNG] (2016b), S. 29.
2.2. Forschungsbedarfs bezüglich der Dekarbonisierung
Im folgenden Abschnitt soll aufgezeigt werden, inwiefern Forschungsbedarf über das
Dekarbonisierungspotenzial bei Pensionskassen als große institutionelle Investoren
besteht, ob Finanzmärkte die Fähigkeit haben Verhaltensänderungen bei Unternehmen zu bewirken und ob nachhaltige Anlagestrategien einen Einfluss auf die
Performance und Shortfallrisiken der Anlageportfolios haben.
2.2.1. Die Rolle institutioneller Investoren in der Dekarbonisierung
Wie bereits dargelegt, erfordert die Dekarbonisierung eine Mobilisierung von
Privatkapital. Aufgrund der schieren Menge der nötigen finanziellen Mittel und der
Langfristigkeit der Investitionen sind große institutionelle Investoren wie Pensionsfonds oder Versicherungen die naheliegenden Kapitalgeber. Institutionelle Investoren
aus OECD Staaten verwalteten im Jahr 2013 Wertanlagen in Höhe von 92,7 Bio. US
Dollar, wovon 24,6 Bio. US Dollar auf Wertanlagen von Pensionsfonds zurückfielen.74
Bedingt durch die langfristigen Verbindlichkeiten der Pensionsfonds, welche bis in die
zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts reichen, ist der Anlagehorizont sehr langfristig.
Grund hierfür ist die gängige Vorgehensweise im Rahmen des Asset Liability Managements die Fälligkeiten der Aktiva und Passiva anzugleichen, wodurch langfristige
Investitionen nötig werden. Dies macht Investitionen in den Klimaschutz für diese
Investoren interessant und Klimawandel zu einem wichtigen Risikofaktor, da der
Klimawandel langfristig das Wirtschaftswachstum und damit auch den Wert der
Anlageportfolios beeinflusst.75 Institutionelle Investoren können über drei Kanäle in
den Klimaschutz und die Klimaanpassung investieren. Entweder über den Erwerb von
Aktien, Anleihen und Firmenanteilen von Unternehmen, die sich mit Klimaschutz oder
erneuerbaren Energien beschäftigen (Indirekte Investition), über Eigenkapital- oder
Fremdkapitalfinanzierung von Projekten mit Bezug zu Klimaschutz oder -anpassung
(Direkte Investition) oder über gebündelte Anlageinstrumente wie z.B. Infrastrukturoder Investmentfonds.76
Ein Großteil der, für den Klimaschutz und die Transformation in eine kohlenstoffarme
Wirtschaft, benötigten Investition sind Infrastrukturprojekte wie erneuerbare Energiequellen oder effiziente Stromnetze. Die Finanzierung von langfristigen, nachhaltigen
Vgl. OECD (2014), S. 9.
Vgl. Kaminker und Stewart (2012), S. 14.
Vgl. Nelson und Pierpont (2013), S. 13., sowie PDC (2015), S. 14.
Infrastrukturprojekten und erneuerbaren Energieprojekten wurde durch die Finanzkrise sehr beeinträchtigt. Staatliche Budgets in OECD Ländern zur Finanzierung
solcher Projekte wurden zurückgeschraubt. Die großen Energielieferanten selber
können diese Investitionen auch nicht tätigen, da sie durch niedrige Strompreise, Wertverluste ihrer Anlagen und gesunkenen Profitabilität keine Kapazitäten für neue, teure
Investitionen haben. Des Weiteren können Energieversorger, auf Grund der oben
genannten Probleme, keine existierenden Projekte mehr von Projektentwicklern
abkaufen. Dadurch wiederrum können diese kein Kapital für neue Projekte beschaffen.
Des Weiteren wird der Großteil an Infrastrukturprojekten durch Kredite von Bankenkonsortien finanziert. Da aber durch die, im Zuge der Finanzkrise entstandenen, neuen
Regularien wie Basel III und Kapitalrückstellungspflichten Banken sich aus illiquiden
Anlageklassen zurückziehen und ihren Anlagehorizont verkürzen, fällt auch diese
Form der Projektfinanzierung aus oder findet nur noch mit deutlich verringertem
Volumen statt.77
Langfristige, generationsübergreifende Pensionsverbindlichkeiten sollten durch langfristige Investitionen abgedeckt werden. Die anhaltende Niedrigzinsphase führt zu
geringen Renditen in langfristigen, festverzinslichen Wertpapieren und erschwert
somit die Fälligkeitskongruenz für Pensionskassen, wenn nicht höhere Risiken in Kauf
genommen werden wollen oder können. Eine Möglichkeit diese langfristigen Verbindlichkeiten zu finanzieren, können jedoch Infrastrukturinvestments sein, da diese dem
angestrebten Anlagehorizont entsprechen und stetige und inflationsgeschützte
Einkommensströme schaffen können. Die geringe Marktkorrelation von ökologisch
nachhaltigen Infrastrukturinvestitionen macht sie noch attraktiver für das ALM der
Pensionskassen. Des Weiteren können Pensionskassen auch die Rolle der Energieversorger übernehmen und fertig entwickelte Projekte von Projektentwicklern
übernehmen, damit diese freies Kapital für neue erneuerbare Energieprojekte finanzieren können.78 Jedoch existieren zahlreiche regulatorische Barrieren und Restriktionen für Infrastrukturinvestitionen von institutionellen Investoren, welche bisher ein
hohes Investitionsvolumen in dieser Assetklasse verhindert haben.79
Auch indirekte Investitionen in Unternehmen mit Bezug zu Klimaschutz und erneuerbaren Energien können attraktiv für institutionelle Investoren und im speziellen für
Vgl. OECD (2015), S. 32 f.
Vgl. Kaminker und Stewart (2012), S. 13 ff.; sowie OECD (2015), S. 33 ff. und Nelson und Pierpont (2013), S. 14.
Vgl. OECD (2015), S. 36 ff.
Pensionskassen sein. Die geringere Korrelation von Klimarisiken zu normalen
Wertpapierrisiken erlaubt oftmals eine bessere Diversifikation und senkt somit das
Risiko des Portfolios.80 Weiterhin kann der Investor durch eine Investition in emissionsarme Unternehmen möglicherweise eine Absicherung gegen Klimarisiken und Klimapolitikrisiken erreichen. Eine zunehmend wachsende Finanzierungsquelle von
erneuerbaren Energieprojekten und Energieeffizienzmaßnahmen sind grüne Anleihen
oder Klimaanleihen von supranationalen, aber auch nationalen, Banken oder Finanzinstituten. Diese werden ausgegeben mit dem expliziten Ziel, nachhaltige Klimaschutzinvestitionen zu finanzieren und bieten ebenfalls eine interessante indirekte
Anlagemöglichkeit.81
Es besteht also noch Forschungsbedarf darüber, hinsichtlich der Rolle institutioneller
Investoren. Wie können sie den Klimaschutz unterstützen, die Infrastrukturlücke füllen
und sowohl in die Projektfinanzierung für erneuerbare Energien, als auch über normale
Eigen- und Fremdkapitalfinanzierung in grüne Investments und Technologien
einsteigen? Dabei wird auf die regulatorischen Rahmenbedingungen eingegangen
und erörtert, inwiefern Investitionsbarrieren überwunden werden können, falls sie
2.2.2. Portfolioperformance mit Dekarbonisierungsstrategien
Pensionskassen geben bei Vertragsabschlüssen einen Garantiezins vor, mit dem die
eingezahlten Beträge der Beitragszahler verzinst werden. Durch diese Praxis müssen
ihre Anlageportfolios eine gewisse Zielrendite (über oder gleich dem Garantiezins)
erreichen, um eine Finanzierungslücke zu verhindern. Die Nicht-Erreichung dieser
Rendite stellt das Shortfallrisiko dar. Das Regulierungssystem von Pensionskasseninvestitionen in Deutschland bietet keinen Anreiz dafür, nachhaltige Anlagestrategien
zu verfolgen. Dennoch kann es sich für Pensionskassen lohnen diese Ansätze zu
berücksichtigen, wenn es sich finanzwirtschaftlich lohnt, d.h. wenn also keine Schlechterstellung im Vergleich zu konventionellen Anlagen daraus resultiert und eventuell
sogar Verbesserungspotential für Rendite und Risiko daraus erwächst.82 Aufgrund der
Idee, dass die nachhaltige und vorausschauende Ausrichtung der Investments eine
Verringerung des Risikos mit sich führen könnte und damit sich die Performance im
Vgl. Weistroffer (2007), S. 7.
Vgl. Hjort (2016), S. 62 f.; sowie Kaminker und Stewart (2012), S. 35 ff.
Vgl. Hertrich (2014), S. 49.
Vergleich zu konventionellen Investments verbessern müsste, wurde die finanzielle
Performance nachhaltiger Geldanlagen weithin untersucht und analysiert. Eine direkte
Vergleichbarkeit ist jedoch schwer aufgrund der unterschiedlichen Zeiträume, Untersuchungsgegenstände und Methoden. Ältere Studien, welche häufig einfache Marktund Faktormodelle wie Jensens Alpha, die Sharpe- oder die Treynor-Ratio als Performancemaße verwenden und damit SRI Fonds mit konventionellen Benchmarks
vergleichen, können meistens keinen signifikanten Unterschied in der finanziellen
Performance feststellen.83
Neuere empirische Analysen stützen sich oft auf Matching Ansätze, um so SRI-Fonds
und konventionelle Fonds vergleichen zu können, welche ähnliche Eigenschaften
(Alter, Anlageuniversum, Größe usw.) besitzen. Damit können Performanceunterschiede durch Fondscharakteristika ausgeschlossen werden und bietet daher eine
genauere Betrachtung. Die Performancemessung wird mit Hilfe von Multifaktorenmodellen, wie dem Fama-French-Dreifaktorenmodell oder dem Carhart-Vierfaktorenmodell, welche für bekannte Risikofaktoren wie den Markt, Wachstumspotenzial und
Momentum kontrollieren, durchgeführt.84 Die Ergebnisse sind, im Vergleich zu den
älteren Studien, unverändert. Der Konsensus bleibt, dass kein signifikanter Unterschied in der Performance nachhaltiger Fonds gegenüber konventionellen Fonds
besteht.85
Neben Studien zum Performance Vergleich von SRI-Fonds und konventionellen
Fonds, untersuchen viele Studien auch den Zusammenhang der einzelnen Dimensionen von SRI auf die finanzielle Performance. Für diese Arbeit ist besonders die
Auswirkung der ökologischen Performance der Unternehmen auf die finanzielle Performance von Interesse. In ihrer Analyse mehrerer Studien stellen Clark und Viehs (2014)
fest, dass die Mehrzahl dieser Studien eine positive Auswirkung der ökologischen
Performance auf die finanzielle Performance der Unternehmen hat.86 Ebenso finden
Guenster et al. (2005), die Öko-Effizienz als Maß für die ökologische Performance der
Unternehmen nutzen, eine positive Auswirkung auf operative Performance und Marktwert.87 Eine Strategie nach welcher man Firmen kauft, welche in den Klimaschutz
Vgl. Benson et al. (2006), S. 338., sowie Peylo (2008), S. 55.
Vgl. Fama und French (1992), S. 429.; sowie Carhart (1997), S. 61 f.
Vgl. Bauer et al. (2005), S. 1765 f.; sowie Rennebog et al. (2008), S. 1736 ff.; Chegut et al. (2011), S. 77 ff.
Vgl. Clark und Viehs (2014), S. 24 ff.
Vgl. Guenster et al. (2011), S. 692 ff.
investieren und diese Investitionen offen kommunizieren und gleichzeitig Firmen
leerverkauft die dies nicht tun, bietet vor allem in Europa Alphapotential.88
Im Rahmen der Dekarbonisierung verlangen immer mehr Investoren und Nichtregierungsorganisationen (NRO) die Offenlegung von Emissionsinformationen der
Unternehmen und fordern vielfach eine Reduzierung dieser. Fisher-Vanden und
Thorburn (2011) untersuchen die Auswirkungen einer Teilnahme an einer freiwilligen
Umweltinitiative und folglich einer freiwilligen Reduzierung der Emissionen. Am Tag
der Veröffentlichung der Teilnahme an der Umweltinitiative und der Ankündigung der
Emissionsreduktion zeigen die untersuchten Firmen eine signifikante, negativ
abnormale Rendite. Unternehmen in emissionsintensiven Industrien zeigten weniger
negative Reaktionen. Bei Umweltinitiativen ohne Reduktionsziel gibt es keine signifikante Reaktion. Die Autoren schließen daraus auf eine erwartete Vernichtung von
Aktionärsvermögen durch teure Reduktionsmaßnahmen.89 Im Gegensatz dazu finden
Gans und Hintermann (2013) positiv abnormale Rendite bei der Ankündigung der
Teilnahme an der Chicago Climate Exchange, einem cap-and-trade Marktes zur Treibhausgasemissionsreduktion. Die Ratifizierung des Waxman-Markey Gesetzes in den
USA, ein Anzeichen für eine künftige verpflichtende Teilnahme an einem Emissionshandel, führte zu positiven abnormalen Renditen für Unternehmen, die schon freiwillig
an der Chicago Climate Exchange teilnahmen, im Vergleich zu Unternehmen welche
noch nicht teilnahmen.90
Die wichtigere Performancemesszahl für Pensionskassen stellt aber das Shortfallrisiko
dar. Der Einfluss von SRI Anlagestrategien auf das Shortfallrisiko von Pensionskassen
wurde von Hertrich (2013) untersucht. Seine empirischen Ergebnisse zeigen, dass,
unabhängig von der gewählten Strategie, die SRI Portfolios eine im Durchschnitt
bessere Rendite aufweisen, als konventionelle Strategien. Auch in Bezug auf das
Shortfallrisiko stehen die SRI Strategien besser da als die konventionellen. Daraus
schließt Hertrich, dass SRI als Assetklasse in die strategische Asset Allocation (SAA)
von Pensionsfonds und –kassen aufgenommen werden sollte.91 Eine ähnliche Untersuchung wird durch Hoeppner et al. (2011) durchgeführt. Sie untersuchen die
Auswirkungen der Integration ökologischer Firmenratings (EIRIS Ratings) auf die
Pensionsfondsportfolios
Vgl. Ziegler et al. (2011), S. 1293.
Vgl. Fisher-Vanden und Thorburn (2011), S. 430 ff.
Vgl. Gans und Hintermann (2013), S. 291 ff.
Vgl. Hertrich (2013), S. 271 ff.
Performanceunterschiede zwischen guten und schlechten Unternehmen. Die
Integration führt auch nicht zu riskanteren Portfolios (basierend auf der Volatilität),
sondern verbessert gleichzeitig noch die downside volatility und senkt damit das
Shortfallrisiko der Portfolios.92
Da SRI Anlagen scheinbar keinen Renditeverlust darstellen und auch das
Shortfallrisiko nicht erhöhen, sind diese Anlagestrategien für Pensionskassen
geeignet. Die Auswirkung von Emissionsreduktionen auf die Performance und der
Zusammenhang zwischen Emissionsintensivität und finanzieller Performance des
Anlageportfolios sind jedoch noch nicht eindeutig aufgezeigt. Daher besteht hier noch
Forschungsbedarf. Insbesondere die Auswirkung unterschiedlicher Screeningprozesse für die nachhaltigen Portfolios und deren Auswirkung auf CO 2-Bilanz und Rendite/
Risiko des Gesamtportfolios ist noch nicht erforscht. Darüber hinaus ist das Thema
CO2-Bewertung von Portfolios und der Zusammenhang zwischen CO2-Intensität und
Performancemaßen noch nicht weit entwickelt und bietet daher noch viel Potenzial.
2.2.3. Fähigkeit der Finanzmärkte zur Bewirkung von Verhaltensänderungen bei
Um die Transformation zu einer emissionsarmen Wirtschaft zu vollziehen, muss der
Kapitalmarkt in der Lage sein, durch gelenkte Investitionen, Verhaltensänderungen
und Anpassung der Geschäftspraktiken bei Unternehmen zu bewirken.
Besonders an der Wirksamkeit der Devestitionsstrategie vieler Investoren wird
gezweifelt. Eine Devestition mag zwar die CO2-Bilanz des Investors verbessern,
allerdings ist dadurch die Transformation der Weltwirtschaft nicht wahrscheinlicher
geworden, da der Unternehmensanteil anschließend nur von einem anderen Investor
gehalten wird und das Unternehmen als Reaktion nicht notwendigerweise seine CO 2Bilanz verbessert. Das globale Devestitionsvolumen ist, im Vergleich zu der Marktkapitalisierung von Unternehmen mit Bezug zu fossilen Brennstoffen, zu gering. Des
Weiteren beeinflusst die Devestition nicht die kurzfristigen, zukünftigen Cashflows der
Unternehmen, wodurch es wahrscheinlich ist, dass neutrale Investoren die mit einem
Rabatt angebotenen Aktien von emissionsintensiven Unternehmen kaufen und
dadurch mittelfristig den Kurseinbruch stabilisieren.93 Über einen längeren Zeitraum
könnte die Stigmatisierung von emissionsreichen Industrien und die Änderung von
Vgl. Hoepner et al. (2011), S. 23 ff.
Vgl. Ansar et al. (2013), S. 70.
Marktnormen durch institutionelle Investoren einen Einfluss auf die Erwartung bezüglich der langfristigen Cashflows von betroffenen Unternehmen beeinflussen und damit
Unternehmen zu einem Umdenken in Sachen Klimaschutz motivieren.94 Generell
empfiehlt sich eher das aktive Engagement mit Erzeugern fossiler Brennstoffe und der
aktiven Verbesserung deren CO2-Bilanz oder wenn die Devestition schon beschlossen
ist, eine Neuinvestition des Kapitals in saubere Technologien und erneuerbare
Energie, um durch disruptive Innovationen fossile Brennstoffe als primäre Energieträger abzulösen.95
Neben der Devestition hat vor allem das aktive Aktionärstum der Anteilseigner
Potenzial, Verhaltensänderungen bei den Unternehmen zu bewirken. Aktives
Aktionärstum unterteilt sich wie bereits beschrieben in die Strategien ‚Voice‘ und ‚Exit‘.
Der Vorteil von ‚Voice‘ liegt in der Beibehaltung des Mitspracherechts und Einflusses
auf das Geschäft. Dadurch kann der Investor nachhaltig das Verhalten des Unternehmens ändern und damit eine Verbesserung der CO2-Bilanz bewirken, z.B. durch
Beeinflussung des Managements zu Investitionen in emissionsärmere Energien oder
Technologien.96 Die bloße Stimmrechtsausübung auf Hauptversammlungen reicht
allerdings oft nicht aus, um eine Wirkung zu erzielen. Der direkte Dialog (Engagement)
mit dem Management des Unternehmens wird als effektiver und einflussreicher
angesehen.97
Weiterer Forschungsbedarf besteht darin zu testen, inwiefern die angesprochenen
Dekarbonisierungsstrategien (Devestition, Investition in saubere Technologien und
Energien und aktives Aktionärstum) einen Einfluss auf die CO2-Bilanz eines institutionellen Investors, wie einer Pensionskasse, haben können und welche Strategie
auch eine echte Verhaltensänderung bei den Unternehmen bewirken kann. In diesem
Sinne ist es von Interesse herauszufinden wieviel Kapital benötigt wird, um einen
Einfluss auf die Unternehmenskultur zu erreichen oder ob dies nur im Zusammenspiel
mit aktivem Aktionärstum möglich ist.
Vgl. Ebd., S. 71.
Vgl. Ebd., S. 71 f.
Vgl. Paun et al. (2015), S. 21 f.
Vgl. Institut für nachhaltige Kapitalanlagen [NKI] (2015), S. 2.
2.3. Forschungsziel
In den vorangegangenen Kapiteln wurde aufgezeigt, dass der Klimawandel ein
zentrales Thema der Gesellschaft ist, welches ein erhebliches Risiko für die Wirtschaft
darstellt. Um den Klimawandel und dessen Risiken abzuschwächen sind sehr hohe
Investitionen nötig. Der Kapitalmarkt und die Mobilisierung von Privatkapital sind
erforderlich, um die Transformation zu einer emissionsarmen Wirtschaft durch Dekarbonisierungsstrategien zu unterstützen, sowohl wegen der nötigen Investitionshöhe
als auch der effektiven Allokation des Kapitals. Institutionelle Investoren, die den
Großteil des Privatvermögens verwalten, spielen demzufolge eine besondere Rolle.
Seit 2015 hat sich unter den institutionellen Investoren eine Dekarboniserungsbewegung und die Forderung nach Offenlegung der CO 2-Bilanzen von Unternehmen
entwickelt, um Transparenz zu schaffen und Klimarisiken zu reduzieren. Diese Arbeit
wird sich auf Pensionskassen als besondere Form eines institutionellen Investors
beschränken, da der lange Anlagehorizont die Berücksichtigung und die Absicherung
gegen Klimarisiken für diese Investoren besonders erforderlich macht. Die zentrale
Fragestellung dieser Arbeit lautet daher:
Welches Potenzial bieten Anlageportfolios von deutschen Pensionskassen für
die Dekarbonisierung und welche Dekarbonisierungsstrategie ist am
wirksamsten ohne dabei das Risiko-Rendite-Profil und das Shortfallrisiko des
Portfolios negativ zu beeinflussen?
Um diese Frage zu beantworten werden zwei Schwerpunkten näher betrachtet. Zum
einen der innerorganisatorische Prozess für Investitionen in die Dekarbonisierung und
zum anderen das praktisch umsetzbare Potenzial in Pensionskassenanlageportfolios.
Im Rahmen des ersten Schwerpunktes muss zuerst auf die Diskussion bezüglich der
treuhänderischen Pflichten der Pensionskassenmanager eingegangen werden, um
festzustellen ob nachhaltige Investitionen und damit Investitionen mit nicht-finanziellen
Zielen, überhaupt möglich sind. Daraufhin muss das regulatorische Umfeld für
Pensionskassen analysiert werden, um zu überprüfen ob die nachhaltigen Anlagestrategien zur Dekarbonisierung unter den existierenden Regeln überhaupt implementierbar sind. Anschließend wird der innerorganisatorische Entscheidungsprozess
beleuchtet und darin eingebettete Prinzipal-Agenten Probleme. Sofern möglich sollen
Lösungen für diese gefunden werden, um den Investitionsprozess der Pensionskassen zu optimieren.
Der zweite Schwerpunkt des Forschungsprojektes betrifft das tatsächliche und
praktisch umsetzbare Potenzial der unterschiedlichen Dekarbonisierungsstrategien
und deren Einfluss auf die Rendite-Risiko-Struktur des Portfolios sowie dessen Shortfallrisiko. Als zentrale Strategie wird zuerst das Potenzial für aktives Aktionärstum und
dessen Wirkung genauer betrachtet. Speziell soll untersucht werden wie die Wirkung
verstärkt werden kann und welche Rahmenbedingungen dafür eine Rolle spielen. Der
Fokus liegt auf Engagements mit Dekarbonisierungsbezug, allerdings lässt sich
daraus auch generell auf die Engagementwirkung einzelner Faktoren schließen. Um
die theoretischen Überlegungen auf ihre praktische Umsetzbarkeit hin zu untersuchen,
sollen diese im Rahmen einer Fallstudie, über die Engagementaktivitäten deutscher
Pensionskassen, getestet werden. Im nächsten Schritt wird schließlich mittels einer
Portfolioanalyse und der CO2-Bewertung der gebildeten Portfolios die Auswirkung
verschiedener nachhaltiger Anlagestrategien analysiert. Aus diesen beiden Schwerpunkten ergeben sich folgende Teilfragestellungen:
Verletzt die Integration von ESG-Faktoren in die Investitionsentscheidung die
treuhänderischen Pflichten von Pensionskassenmanagern?
Wie sieht der regulatorische Rahmen für Investitionen von Pensionskassen in
Wie sieht der innerorganisatorische Entscheidungsprozess zugunsten nachhaltiger Geldanlagen aus und wie wird dieser durch Prinzipal-Agenten-Beziehungen
Welchen Einfluss kann aktives Aktionärstum auf die CO2-Bilanz des Anlageportfolios haben und durch welche Strategie und Kanäle lässt sich dieser Effekt
Welche Auswirkungen haben nachhaltige Anlagestrategien wie Best-in-classAnsätze, negatives Screening oder alternative Investments?
In den folgenden Abschnitten wird zunächst die Methodik für die empirischen
Untersuchungen beschrieben und anschließend die inhaltliche Vorgehensweise und
die thematischen Schwerpunkte charakterisiert. Die inhaltlichen Schwerpunkte liegen
in den Bereichen der regulatorischen Rahmenbedingungen, des innerorganisatorischen Entscheidungsprozesses und des Investitionsprozesses mit den darin eingebetteten Prinzpal-Agenten-Beziehungen.
3.1. Methodische Vorgehensweise
Die Forschungsarbeit beinhaltet zwei empirische Untersuchungen. Zum einen eine
Untersuchung der Engagementaktivitäten deutscher Pensionskassen und zum
anderen die empirische Portfolioanalyse über die Auswirkung verschiedener Anlagestrategien auf die CO2-Bilanz eines typischen Anlageportfolios.
3.1.1. Engagement-Fallstudie
Die empirische Untersuchung von Engagementaktivitäten und deren Wirkung steht
noch am Anfang der Entwicklung und bisher hat sich noch kein klarer methodischer
Standard herausgebildet. Bereits veröffentlichte Untersuchungen sind entweder noch
rudimentär oder basieren auf nicht-öffentlichen, sehr spezifischen Datensätzen von
Unternehmen oder Dienstleistern. Mögliche Vorgehensweisen, wie sie bisher in der
akademischen Literatur vorkommen, sind Regressionsmodelle, wenn genaue quantitative Informationen über Engagements und die engagierten Unternehmen vorliegen
oder Fallstudien zur Untersuchung bestimmter Engagements und Engagementpraktiken, wenn Informationen zu diesen vorliegen. Des Weiteren sind experimentelle
Ansätze vorstellbar, in welchen hypothetische Szenarien durchgespielt werden können, um die Wirksamkeit bestimmter Faktoren auf den Engagementerfolg zu testen.
Möglich wären hier Engagementszenarien, welche sich in den Eigenschaften des
aktiven Investors unterscheiden. Basierend auf diesen Szenarien sollen die Probanden dann festlegen, ob das Engagement erfolgsversprechend erscheint oder nicht.
Durch den innovativen Charakter der Forschungsarbeit in diesem Gebiet kann der
genaue Prozess und die Methodik noch nicht genau festgelegt werden, da zuerst noch
die weitere Entwicklung dieses Forschungsfeldes beobachtet werden muss. Außerdem ist ein reger Austausch mit Ansprechpartnern in der Branche nötig, wie z.B ProxyVotern, Zusammenschlüssen von Investoren und einzelnen institutionellen Investoren,
die Vorreiter in diesem Gebiet darstellen, um die maximale Aussagefähigkeit und praktische Anwendbarkeit der Ergebnisse sicherzustellen. Im Folgenden wird eine, nach
dem momentanen Forschungs- und Datenstand, umsetzbare Methodik aufgezeigt.
Abweichungen von dieser sind jedoch noch möglich.
Um die tatsächliche Wirkung von Engagements im Bereich der Dekarbonisierung zu
charakterisieren und die moderierenden Faktoren auf diese Wirkung herauszufiltern,
stützt sich diese Forschungsarbeit auf eine Fallstudie. Im Rahmen dieser Fallstudie
sollen deutsche Pensionskassen mittels strukturierter Fragebögen zu spezifischen
Engagement in den Themen Klimawandel und Umwelt befragt werden, um so einen
Überblick über die Wirksamkeit solcher Engagements zu bekommen. Durch die unterschiedlichen Eigenschaften und Merkmale der Pensionskassen und der Engagements
sollen diejenigen Eigenschaften identifiziert werden, welche eine positive Auswirkung
auf den Engagementerfolg haben. Weiterhin sollen durch die Fragebögen die Engagementaktivität der Pensionskassen in Deutschland allgemein und speziell im Bereich
der Dekarbonisierung quantifiziert werden. Mit Hilfe dieser Ergebnisse können dann
die theoretischen Erkenntnisse, welche hauptsächlich aus dem angelsächsischen
Raum kommen, wo das Thema Engagement schon weit verbreitet und auch schon in
der Vergangenheit verstärkt durchgeführt wurde, auf Deutschland übertragen werden.
In Kapitel 3.2.3. werden die theoretischen Rahmenbedingungen für aktives Aktionärstum und insbesondere Engagement dargelegt. Die Fallstudie soll nun zeigen, ob
das theoretische Potenzial, für eine Verbesserung der Portfolio CO2-Bilanz, auch
praktisch umsetzbar ist für deutsche Pensionskassen.
3.1.2. Empirische Portfolioanalyse
Die Untersuchung der Auswirkungen verschiedener Anlagestrategien auf die CO 2Bilanz erfolgt mit Hilfe einer empirischen Portfolioanalyse. Der Prozess, aus dem diese
besteht, basiert auf mehreren Schritten, wie in Abbildung 4 erkennbar.
Abbildung 4: Prozess der empirischen Portfolioanalyse
Zeitreihendaten für
BootstrapSimulation
zukünftiger Renditedistributionen
Portfoliooptimierung im Zuge
Performancebewertung,
Shortfallrisikobewertung und
CO2 Bewertung der
Ausgangpunkt sind die historischen Renditedaten der einzelnen Assets und
Assetsklassen (Schritt 1). Die Gewinnung dieser Datensätze erfolgt mittels bekannter
Datenbanken wie Datastream oder WRDS. Mit Hilfe dieser werden dann über Bootstrapping Simulationen Renditedistributionen der jeweiligen Assets simuliert (Schritt
2). Der Vorteil der Verwendung von Bootstrap Simulationen liegt in der Möglichkeit der
Verwendung und Analyse der gesamten Renditeverteilung und ihrer vier Momente,
ohne Annahmen über die Wahrscheinlichkeitsverteilung treffen zu müssen.98
Im nächsten Schritt (Schritt 3) werden schließlich auf Basis der Wahrscheinlichkeitsverteilung der Assets die gewünschten Musterportfolios gebildet. Dabei wird zunächst
ein typisches Pensionskassenportfolio mit konventionellen Anlageklassen erstellt und
anschließend durch die unterschiedlichen nachhaltigen Anlagestrategien ausgebaut
und ersetzt. Die Zusammensetzung der Portfolios von institutionellen Investoren und
damit auch von Pensionskassen wird über die Strategische Asset Allokation bestimmt.
Dabei können verschiedene Optimierungsstrategien verwendet werden, um die
genaue Gewichtung der einzelnen Assets zu bestimmen. Die bekannteste und am
weitesten verbreitete fußt auf der modernen Portfolio Theorie nach Markowitz und
heißt Mean-Variance Optimierung (MVO).99 Dies bedeutet, dass Portfolios basierend
auf dem Zusammenspiel von Risiko und Rendite optimiert werden, also z.B. bei einem
festgelegten Risikolevel die Rendite maximiert wird. Es sind allerdings auch andere
Optimierungsmethoden möglich, wie z.B. die Maximierung des geometrischen Mittels.
In dieser Methode wird ein Portfolio zusammengestellt, welches den höchsten erwarteten Endwert besitzt, also den Fokus auf das Kapitalwachstum legt.100 Die Entscheidung diesbezüglich hängt von der Risikonutzenfunktion des rationalen Anlegers
zusammen. Wenn eine logarithmische Nutzenfunktion vorliegt, ist die Maximierung
Vgl. Brooks (2014), S. 597.
Vgl. Markowitz (1952)
Vgl. Latané und Young (1969), S. 611.
des geometrischen Mittels optimal, während eine MVO Optimierung von Anlegern mit
quadratischer Nutzenfunktion präferiert werden sollte.101
Im letzten Schritt werden die gebildeten Portfolios dann auf ihre Performance untersucht. Dabei wird zum einen die Rendite-Risiko-Struktur der Portfolios betrachtet und
zum anderen deren Shortfallrisiko bewertet. Die Forschungsarbeit orientiert sich dabei
an der Shortfallrisikobewertung von Hertrich (2013) und verwendet die gleichen Kennzahlen auf Basis der Lower Partial Moments (LPM), um möglichen nicht-normalverteilten Renditewahrscheinlichkeitsverteilungen vorzubeugen. Die verwendeten
Risikokennzahlen sind Downside Deviation, Omega, Sortino Ratio und Kappa 3.102
Anschließend werden die gebildeten Portfolios noch von einem externen Dienstleister
auf ihre CO2-Bilanz untersucht. Somit kann verglichen werden, welches Portfolio mit
welcher Anlagestrategie eine verringerte CO2-Bilanz aufweist und damit eine Dekarbonisierungsstrategie darstellt ohne die Performance und die Shortfallrisikomaße
3.2. Inhaltliche Vorgehensweise
Die folgenden Kapitel beschreiben die inhaltlichen Schwerpunkte der Forschungsfragestellung, sowie das weitere Vorgehen der Arbeit. Zuerst wird auf die Rahmenbedingungen für Dekarbonisierungsbemühungen von Pensionskassen eingegangen.
Dafür werden regulatorische Rahmenbedingungen aufgezeigt, sowie der Entscheidungs- und Investitionsprozess und die darin eingebetteten Prinzipal-Agenten-Beziehungen erörtert. Der zweite Schwerpunkt beschäftigt sich mit dem tatsächlichen
Dekarbonisierungspotenzial in Anlageportfolios von Pensionskassen und beschreibt
aktives Aktionärstum als primäre Dekarbonisierungsstrategie sowie moderierende
Faktoren auf ihre Wirkung.
Vgl. Breuer et al. (2006), S. 69 f.
Vgl. Hertrich (2013), S. 12 f.
Die regulatorischen Rahmenbedingungen bilden die Voraussetzung für nachhaltige
Geldanlagen von Pensionskassen und dafür, ob diese SRI Anlagestrategien und damit
eine Dekarbonisierung zulassen. Zu nennen sind hier das Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG), die Anlageverordnung (AnlV), mehrere Rundschreiben der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und Solvency II.
Ziel dieser Verordnungen ist es, die Einhaltung der Pensions- oder Versicherungsansprüche der Beitragszahler zu gewährleisten, wenn diese in der Zukunft fällig
werden. Aus diesem Grund muss das ALM von Versicherungen, Pensionsfonds und kassen überwacht und die Investitionsmöglichkeiten reguliert werden. Dadurch soll
dafür gesorgt werden, „dass die Sicherheit, Qualität, Liquidität und Rentabilität des
Portfolios als Ganzes sichergestellt werden“.103 Für Erstversicherungsunternehmen,
zu denen Pensionskassen gehören, werden die Vorgaben der für sie zulässigen
Kapitalanlagen in der AnlV festgelegt. Die AnlV, sowie die inhaltsgleiche Pensionsfonds-Kapitalanlageverordnung, wurden 2015 in einer neuen Fassung verabschiedet,
um beide an die Vorgaben des Kapitalanlagegesetzbuches (KAGB) anzupassen,
welches das Investmentgesetz (InvG) ersetzt und dessen Regelung integriert. Ob
Solvency II auch für Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge und Pensionsfonds
eingeführt wird, ist noch nicht festgelegt und hängt noch von Stresstests der European
Insurance and Occupational Pensions Authority (EIOPA) ab. Bisher werden
Pensionskassen davon ausgeschlossen.
Die Regeln und Regularien bezüglich Pensionsfonds können in drei Kategorien
aufgeteilt werden. (1) Bilanzaspekte, (2) qualitative Investitionsleitlinien und (3) quantitative Assetspezifikationen und Quoten für Investitionen in bestimmte Assetklassen.104
B. VAG
Das VAG beschreibt zwei essentielle Bilanzaspekte. Der wichtigste Bilanzpunkt für
Pensionsfonds und -kassen ist das Sicherungsvermögen. Dies wird in §125 VAG
Bafin (2016), §124 Abs. 1 Satz 2.
Vgl. Hertrich (2013), S. 62.
definiert. Dieses muss dabei mindestens die Summe der Werte von Beitragsübertragungen, Deckungsrückstellungen, Rückstellungen für noch nicht abgewickelte
Versicherungsfälle und Rückkäufe, erfolgsunabhängige Beitragsrückerstattung,
unverbrauchte Beiträge aus ruhenden Versicherungsverträgen, Teile der Rückstellung
für erfolgsabhängige Beitragsrückerstattung, Verbindlichkeiten aus dem selbst abgeschlossenen Versicherungsgeschäft gegenüber Versicherungsnehmern, sowie als
Prämie eingenommenen Beträge, die zurückzuzahlen sind, wenn ein Versicherungsvertrag nicht zustande gekommen ist betragen. Des Weiteren ist das Solvabilitätskapital von Bedeutung (§89 VAG). Die Höhe des Solvabilitätskapitals wird in der
Kapitalausstattungsverordnung (KapAusstV) genauer spezifiziert. So muss ein
Versicherungsunternehmen 4% der Deckungsrückstellungen plus 0,3% des Risikokapitals als Eigenmittel bereithalten.105
Laut VAG sind die Vermögenswerte einer Pensionskasse nach dem Grundsatz der
unternehmerischen Vorsicht anzulegen, um die vertraglichen Verpflichtungen der
aktuellen und zukünftigen Beitragsempfänger zu erfüllen. Für Pensionskassen gelten
nach §234 Abs. 1 und 2 VAG die Vorschriften für kleine Versicherungsunternehmen
(§212 - §216 VAG) sowie §124 VAG. Die genaueren Anforderungen des VAG
schreiben den Erstversicherungen vor ihre Assets ausschließlich in Anlagen zu
investieren, dessen Risiko identifizierbar, bewertbar, überwachbar sowie steuer- und
kontrollierbar ist. Außerdem müssen diese Risiken in die Berichterstattung aufgenommen und in den Solvabilitätskapitalanforderungen berücksichtigt werden.106 Das
Sicherungsvermögen muss so angelegt werden, dass „möglichst große Sicherheit und
Rentabilität bei jederzeitiger Liquidität des Versicherungsunternehmens unter
Wahrung angemessener Mischung und Streuung erreicht werden“.107 Sicherheit sowie
Mischung und Streuung sprechen dabei das Portfoliorisiko an. Durch ausreichende
Diversifikation soll das unsystematische Risiko des Portfolios reduziert werden und
durch die Streuung eine zu hohe Exposition gegenüber einzelnen Gegenparteien,
Industrien oder Regionen verhindert werden. Die Vorgabe der Liquidität soll sicherstellen, dass die Pensionskasse jederzeit fähig ist ihre Pensionsverpflichtungen zu
bezahlen. In Bezug auf die Rentabilität wird keine spezifische Mindestrendite verlangt,
aber sie sollte ausreichen, um die künftigen Pensionsverpflichtungen zu decken.
Vgl. KapAusstV §9 Abs. 1
Vgl. §124 Abs. 1 Nr. 1 VAG
§215 Abs. 1 VAG
§215 Abs. 2 VAG spezifiziert die zulässigen Anlageklassen, aber diese werden in der
Pensions-Kapitalanlageverordnung und der AnlV genauer beschrieben und mit
Quoten bedacht.
C. AnlV
Die neue Anlageverordnung verweist in §1 Abs. 2 AnlV auf die allgemeinen
Anlagegrundsätze in §124 VAG. Außerdem werden die Notwendigkeit für ein qualifiziertes Anlagemanagement, interne Kapitalanlagegrundsätze, Kontrollverfahren und
eine strategische sowie taktische Anlagepolitik hervorgehoben.108 Pensionskassen
müssen auf wandelnde wirtschaftliche und rechtliche Bedingungen sowie Veränderungen auf den Finanzmärkten reagieren können, ebenso wie auf Katastrophenereignisse mit Schadensfällen großen Ausmaßes oder auf sonstige ungewöhnliche
Marktsituationen. Die AnlV regelt auch die möglichen Assetklassen und Quoten für
das Sicherungsvermögen von Pensionskassen (§2 Abs 1, sowie §3), Diversifikationspflichten (§4) und Kongruenzregeln für die Anlage in Fremdwährungen (§5). Tabelle 1
listet die einzelnen Anlagequoten der AnlV auf.
D. Bafin-Rundschreiben (R03/2009 und R04/2011)
Die beiden Bafin-Rundschreiben 03/2009 und 04/2011 konkretisieren die Bestimmungen der alten AnlV sowie des alten VAG und bieten vertiefende Vorgaben zu den
Anlagegrundsätzen, zum zulässigen Anlagekatalog und zum Risikomanagement der
Kapitalanlagen von Pensionskassen. Allerdings wurden diese Rundschreiben noch
nicht an das neue VAG und die Novelle der AnlV angepasst, wodurch ihre Aussagekraft nicht mehr gegeben ist und erst auf ein Schreiben der Bafin gewartet werden
Vgl. §1 Abs. 2 AnlV
E. Quantitative Investmentquoten
Tabelle 2: Investitions- und Streuungsquoten nach AnlV
Mischungsquoten
§3 Abs. 3
Beinhaltet Aktien, nachrangige Darlehen, Genuss-
rechte, Private Equity Fonds, sowie bargeld- und
wertpapiergesicherte Anleihen
ABS und Credit Linked
Gegen Unternehmen mit Sitz in EWR oder OECD-
Nr. 1 AnlV
Vollmitglied oder die an einer Börse zum Handel zugelassen oder an einem anderen organisierten Markt
zugelassen oder in diesen einbezogen oder in einem
Staat außerhalb des EWR an der Börse zum Handel
zugelassen oder dort an einem anderen organisierten
Markt zugelassen oder in diesen einbezogen sind.
Anteile und Aktien an
Im Sinne des § 1 Absatz 1 des KAGB
Nr. 2 AnlV
inländischen, offenen
Im Sinne des § 1 Absatz 6 Satz 1 des KAGB
Anrechnung auf 35% Risikokapitalquote
Sofern diese Darlehen ausreichend dinglich oder
Nr. 3 AnlV
schuldrechtlich gesichert sind
Spezial-AIFs,
Hedgefonds- und
Anlagen die nicht im
Anlagekatalog ent-
Nr. 4 AnlV
halten sind/ dessen
quantitative Begrenzungen überschreiten
Bei erhöhtem Marktrisikopotenzial Anrechnung auf 35%
inländische, offene
Risikokapitalquote
In Form von bebauten oder in Bebauung befindlichen
Grundstücken, Darlehen an Grundstücksgesellschaften.
Aktien einer REIT-AG oder Anteilen an ähnlichen
Kapitalgesellschaften, Aktien oder Anteilen an inländischen Spezial-AIF oder inländischen geschlossenen
Publikums-AIF oder inländische offenen Spezial-AIF mit
Nicht-börsennotierte nachrangige Forderungen und
Genussrechte, Portfoliounternehmen, unregulierte und
regulierte Fonds, einschließlich Dachfonds
Anrechnung auf die 35% Risikokapitalquote
Mischungsquote
B.3.4 b)
Für jede Anlageklasse soweit nichts anderes festgelegt
Streuungsquoten
Streuungsquote
§4 Abs. 2
Wenn Schuldner die BRD, Länder, Gemeinden,
Satz 1 AnlV
Kommunen, EWR, OECD Staaten und internationale
Organisationen in denen die BRD Mitglied ist
von Kreditinstituten aus
Wenn diese Schuldverschreibungen durch eine kraft
Gesetzes bestehende besondere Deckungsmasse
EWR oder OECD
Anlagen bei
Wenn und soweit die Anlagen durch eine umfassende
Institutssicherung des Kreditinstituts oder durch ein
Einlagensicherungssystem tatsächlich abgesichert
Anlagen bei öffentlich-
§4 Abs. 4
Von gleichem Emittenten
Unregulierte Private
Regulierte Private
Durchrechnung auf Portfoliounternehmen möglich
(inländische
geschlossene AIF)
Aktien und Anteile an
§4 Abs. 5
Einzelne Grundstücke, Anteile an Unternehmen mit
Zweck der Bebauung, Erwerb oder Verwaltung von
Grundstücken in EWR oder OECD Staaten, sowie
Anteile oder Aktien an inländischen Spezial-AIFs mit
Quelle: Eigene Darstellung nach den Angaben der AnlV
Generell lässt sich festhalten, dass die regulatorischen Vorhaben kein Hindernis für
Investitionen in nachhaltige Anlageprodukte darstellen. Die neue AnlV vereinfacht
sogar noch den Zugang zu Infrastrukturinvestitionen und erneuerbaren Energien.
Durch die Möglichkeit der Investition in hochverzinsliche Darlehen (5% Quote und
Anrechnung auf 35% Risikokapitalquote), Infrastrukturdarlehen sowie die fehlende
Quote für Organismen für gemeinsame Anlagen in Wertpapieren (OGAW) und inländische Spezial-AIFs wurde Pensionskassen diese Art der Investitionen vereinfacht.109
F. Treuhänderische Pflichten
Da institutionelle Investoren und damit auch Pensionskassen nicht auf eigene Rechnung arbeiten und investieren, sondern lediglich als Treuhänder das Kapital anderer
verwalten, unterliegen sie den sogenannten treuhänderischen Pflichten. Im Wesentlichen besagen diese, dass die Investitionsentscheidungen der Pensionkassenmanager im besten Interesse der Vorsorgeempfänger und Beitragszahler getätigt
werden müssen, ohne dass der Manager aus seiner Position einen Profit schlagen
darf.110 Diese treuhänderische Pflicht ist im angelsächsischen Raum gesetzlich klar
geregelt, während sie nicht Deutschland nicht so fest verankert ist. Dennoch wird sie
in §124 Abs. 1 Nr. 4 VAG in den allgemeinen Anlagegrundsätzen angesprochen. Diese
besagen, dass im Falle eines Interessenskonfliktes die Anlagen im Sinne der
Versicherungsnehmer und Anspruchsberechtigten erfolgen.
In der Vergangenheit wurde dies üblicherweise als Maximierung der Rendite
verstanden, dem alle anderen Ziele unterzuordnen waren, um die Pensionsverpflichtungen garantieren zu können.111 Diese Sicht wurde mit der Zeit immer weiter
angezweifelt und mit dem sogenannten Freshfields-Report entkräftet. Im Auftrag der
UNEP FI untersuchte die Anwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer die
Regularien bezüglich der treuhänderischen Pflichten in mehreren Jurisdiktionen. Die
Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die Berücksichtigung von ESG-Faktoren in
die Investitionsanalyse nicht gegen die treuhänderischen Pflichten verstößt, da die
Verbindung von ESG-Faktoren und finanzieller Performance immer offensichtlicher
wird. Mit Hilfe der Integration dieser Faktoren kann die finanzielle Performance besser
vorhergesehen werden. Dadurch könnte sogar eine Integration durch die Regularien
Vgl. Raos (2015), sowie o. V. (2015), S. 18.
Vgl. Schürmann (2014), S. 179.
Vgl. Hutchinson und Cole (1980), S. 1359 ff., sowie Posner und Langbein (1980), S. 98 ff.
vorgeschrieben sein.112 Die folgenden Reporte der UNEP FI bestätigen die Ergebnisse
des Freshfield-Reports und gehen sogar noch etwas weiter. Anstatt eine Barriere für
ESG-Integration und nachhaltige Investitionen darzustellen ist die Nicht-Berücksichtigung eher eine Vernachlässigung der treuhänderischen Pflichten.113
Auch in Deutschland stellen die treuhänderischen Pflichten keine Barriere für nachhaltige Investitionen und die Berücksichtigung von ESG-Faktoren durch Pensionskassen dar. Es gilt lediglich die Maßgabe die Anspruchsberechtigten darüber zu
informieren, ob der Versicherungsanbieter ökologisch, ethisch oder soziale Belange in
der Anlageentscheidung berücksichtigt.114 Die neue angelsächsische Interpretation
einer Verpflichtung zur Berücksichtigung von ESG-Faktoren ist in Deutschland noch
nicht verbreitet. Dennoch findet hier die Integration immer öfter statt, aus dem
einfachen Grund, dass sie die Qualität der Analyse verstärken kann.115
3.2.2. Der Investmentprozess und darin eingebettete Prinzipal-Agent-Konflikte
A. Der Investmentprozess
Die Entscheidung über die Allokation des Vermögens in den verschiedenen
Investitionsmöglichkeiten fällt in Folge eines strukturierten Investmentprozesses. Die
genaue Ausprägung des Prozesses ist von Investor zu Investor verschieden, allerdings sind die nötigen Schritte und deren Struktur im Allgemeinen gleich. Abbildung 5
zeigt die vier nötigen Schritte.
Abbildung 5: Investmentprozess
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Aigner/Vöcking (2002), S. 23
Vgl. Freshfields Bruckhaus Deringer (2005), S. 13.
Vgl. UNEP FI (2015), S. 9., sowie UNEP FI (2009)
§234 Abs. 3 Nr. 7 VAG, sowie §144 Abs. 1 Nr. 1f VAG
Vgl. Schürmann (2014), S. 180.
Im ersten Schritt müssen die Ziele der Vermögensanlage festgelegt werden. Generell
sollten hier Rendite und Risikoziele, der Anlagehorizont und der Liquiditätsbedarf
berücksichtigt werden und in quantitative Vorgaben übersetzt werden. Wichtig ist die
Betrachtung von Wechselwirkungen der Zielsetzungen untereinander, um realistische
Erwartungen formulieren zu können.116 Im Falle einer Pensionskasse kann dies z.B.
die Festlegung einer Zielrendite über dem Garantiezins sein oder die Festlegung
nötiger Liquiditätsvoraussetzungen, um jederzeit die fälligen Rentenansprüche bedienen zu können. Eine Möglichkeit die Ziele herzuleiten ist eine Asset-Liability-Analyse.
Besonders die quantitativen Rendite- und Risikoziele können in diesem Zusammenhang einfach formuliert werden. Der Fokus sollte dabei auf der Verpflichtungsseite
liegen, aber dennoch auch die Wechselbeziehungen zwischen Anlagen- und Verpflichtungsseite nicht vernachlässigen.117
Der nächste Schritt ist die strategische Asset Allocation (SAA). Ziel dieses Schrittes ist
die Bildung und Festsetzung einer Portfoliostrategie und der Definition von
Zielgewichten der einzelnen gewünschten Assetklassen. Die Wichtigkeit der SAA für
die Portfolioperformance lässt sich empirisch nachweisen. Demnach können mehr als
90% der Renditevarianz von Pensionsfonds in den USA durch die Asset AllocationStrategie erklärt werden.118 Um die Portfoliogewichte festlegen zu können, muss erst
einmal das Anlageuniversum in die verschiedenen Assetklassen eingeteilt werden.
Anschließend kann nun, anhand der vorher definierten Ziele, eine Gewichtung
erfolgen, um diese Ziele zu erreichen.119 Die Herleitung der Gewichte erfolgt durch
Optimierungsverfahren, welche sich auf die historische Rendite und Korrelationsstruktur der Assetklassen beziehen und davon ausgehend eine optimale Zusammensetzung ermitteln können. Das bekannteste Verfahren ist die Mean-VarianceOptimierung (MVO) nach Markowitz.120 Im Falle von Pensionskassen sind hierbei
zusätzlich die regulatorischen Rahmenbedingungen zu betrachten und die spezifischen Mischungsquoten der AnlV. Außerdem müssen im Rahmen der SAA noch
Benchmarks definiert werden, an denen schließlich die Zielerreichung gemessen
Vgl. Aigner und Vöcking (2002), S. 24 f.
Vgl. Menßen (2006), S. 53 ff.
Vgl. Brinson et al. (1991), S. 40., sowie Ibbotson und Kaplan (2000), S. 28 f.
Vgl. Aigner und Vöcking (2002), S. 25 f.
Der dritte Schritt besteht aus der taktischen Asset Allocation. In diesem Schritt wird die
Asset Allocation-Strategie umgesetzt und die spezifischen Wertpapiere in den einzelnen Assetklassen ausgewählt. Üblicherweise wird das Portfoliomanagement nicht von
der Pensionskasse selber erledigt, sondern wird per Mandat an interne oder
spezialisierte externe Assetmanager ausgelagert.121 Oftmals werden auch mehrere
Manager der gleichen Assetklasse zugeordnet, um so das individuelle Managerrisiko
zu diversifizieren.122 Im Fall von aktiven Managern sollte auch über verschiedene
Investmentstile diversifiziert werden.123 Der Portfoliomanager erhält ein Mandat für
eine gewisse Investitionssumme, welche er in die ihm zugeordnete Assetklasse
investieren soll. Die Investitionsstrategien der Portfoliomanager lassen sich dabei
immer aktivem oder passivem Portfoliomanagement zuordnen. Passives Management
bedeutet, dass das Portfolio einem oder einer Kombination von Indizes folgt und diese
nachbildet, wodurch die Wertentwicklung auch der Indexwertentwicklung folgt. Bei
aktivem Management, dem häufigeren Ansatz, wird dem Manager zwar auch ein
Benchmark zur Bewertung der relativen Performance vorgegeben, allerdings werden
ihm stärkere Abweichung vom Benchmark und den strategischen Gewichten erlaubt,
um durch Informationsvorteile und kurzfristige Marktchancen den Benchmark zu
schlagen und eine Überrendite zu erzielen.124 Die Abweichung vom Benchmark
entsteht also durch Market Timing, Über- und Untergewichtung bestimmter Branchen
und der Einzeltitelselektion.125 Die genaue Auswahl der Wertpapiere innerhalb seines
Mandates bleibt ihm überlassen. Allerdings ist hier auf die hohen Kosten des aktiven
Managements hinzuweisen, welche durch hohe Transaktionskosten, Managementvergütung und eventuelle performanceabhängige Vergütung entstehen.126 Um die
hohen Kosten zu decken, muss aktives Management eine höhere Rendite in ihren
Portfolios erzielen als passiv gemanagte Portfolios. Empirische Beweise belegen
allerdings, dass aktive Manager diese Überrendite oft nicht erreichen.127 Laut Fama
und French (2010) muss aktives Portfoliomanagement ein Nullsummenspiel sein, da
positive Überrendite nur auf Kosten anderer aktiver Portfoliomanager entstehen kann.
Die dabei entstehenden Kosten lassen es schließlich zu einem Negativsummenspiel
werden.128 Es müssen also Assetmanager gefunden werden die konstant eine
Vgl. Lakonishok et al. (1992), S. 342.
Vgl. Kurr et al. (2006), S. 56 f.
Vgl. Krämer (2002), S. 45.
Vgl. Ebd., S. 35 ff.
Vgl. Krämer (2002), S.37.
Vgl. French (2008), S. 1539 f.
Vgl. Lakonishok et al. (1992), S. 355.
Vgl. Fama und French (2010), S. 1915.
Überperformance generieren können, wenn ein aktives Mandat vergeben werden soll.
Dies macht die Auswahl der Assetmanager so bedeutend und wichtig. 129
Der letzte Schritt im Investmentprozess ist die Performance- und Risikomessung, das
Monitoring und die Sicherstellung der Einhaltung der gesetzten Ziele sowie die
Berichterstattung darüber. Im Rahmen der Performance- und Risikomessung wird oft
auf Kennzahlen zurückgegriffen an denen der Erfolg gemessen werden kann. Im Fall
von aktiv gemanagten Portfolios kann das generierte Alpha, also die Überschussrendite gegenüber einem Portfolio mit gleicher Risikostruktur, betrachtet werden. Des
Weiteren kann die Treynor Ratio berechnet werden, um die Risikoprämie je Einheit
eingegangen, systematischen Risikos zu betrachten. Die Information-Ratio ist ebenfalls interessant, da sie die Fähigkeit der Überperformance eines Portfoliomanagers
gegenüber einem Benchmark und die Beständigkeit dieser Überperformance aufzeigt.
Für passive Portfolios ist der Tracking Error von Wichtigkeit, da er zeigt wie nah sich
das Portfolio am Benchmark hält. Anhand dieser Kennzahlen werden die Assetmanager schließlich in regelmäßigen Abstände beurteilt und gegebenenfalls das
Mandat neu vergeben. Abschließend muss die Portfolioperformance an die Kunden,
bzw. für Pensionskassen an die Vorsorgeberechtigten kommuniziert werden.130
B. Prinzipal-Agenten-Konflikte
Ausgehend vom oben genannten Investmentprozess lassen sich mehrere Delegationsprozesse feststellen, welche zu Konflikten und Problemen führen können. Die
grundsätzliche Ursache dieser Konflikte ist die Trennung von Eigentum und Kontrolle,
wodurch sich Möglichkeiten zu opportunistischem Handeln ergeben. Theoretisch
basieren die Probleme dieser Delegationsprozess auf der Agency Theory von Jensen
und Meckling (1976). Die Autoren beschreiben eine Agency-Beziehung als einen
Vertrag durch den eine oder mehrere Personen (Prinzipale) eine andere Person oder
Personen (Agenten) damit beauftragen eine Leistung in Ihrem Namen durchzuführen.
Dies beinhaltet die Delegation von Entscheidungsgewalt auf die Agenten. Wenn beide
Parteien Nutzenoptimierer sind besteht berechtigter Zweifel daran, dass die
Entscheidungen des Agenten nur im Sinne des Prinzipals gefällt werden und nicht
auch den Interessen des Agenten dienen.131
Vgl. Krämer (2002), S. 43.
Vgl. Aigner und Vöcking (2002), S. 30.
Vgl. Jensen und Meckling (1976), S. 308.
Generell entstehen Prinzipal-Agenten-Konflikte durch eine asymmetrische Informationsverteilung oder Interessenkonflikte zwischen dem Prinzipalen und dem Agenten.
Es lassen sich vier Arten der asymmetrischen Informationsverteilung unterscheiden.
Diese beruhen auf den Eigenschaften (Hidden Characteristics), den Absichten (Hidden
Intentions), den Informationen (Hidden Information) und den Handlungen (Hidden
Action) des Agenten.132 Abbildung 6 zeigt die verschiedenen Typen im Zeitablauf und
die daraus resultierenden Gefahren.
Abbildung 6: Typen von Informationsasymmetrien
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Heyd, Beyer (2011), S. 29 f
Der erste Typ, also Hidden Characteristics, existiert schon vor Vertragsabschluss. Die
vorvertraglich nicht einsehbaren Charakteristiken der Agenten bzw. der Leistungen der
Agenten können zu einer adversen Selektion führen.133 Hidden Intentions beziehen
sich auf die nicht beobachtbaren Absichten des Agenten und existieren oft während
der Vertragsumsetzung. Der Agent erkennt möglicherweise Vertragslücken und
verschweigt diese, um sie später zu seinem Vorteil nutzen zu können. Die spätere
Ausnutzung dieser Lücken wird als Hold-up bezeichnet.134 Zwar sind die Handlungen
des Agenten nach Vertragsabschluss für den Prinzipalen meist sichtbar, allerdings
Vgl. Heyd und Beyer (2011), S. 25.
Vgl. Akerlof (1970), S. 492 ff.
Vgl. Heyd und Beyer (2011), S. 31 f.
aufgrund fehlenden Fachwissens nicht immer beurteilbar. Dadurch kann der Agent
seine Informationsvorteile opportunistisch ausspielen und somit Entscheidungen auch
unter Berücksichtigung seiner eigenen Interessen fällen. Dieser nachvertragliche
Opportunismus wird auch als Moral Hazard bezeichnet. Manche Handlungen des
Agenten sind für den Prinzipalen nicht beobachtbar, sondern lediglich das Ergebnis
dieser. Das Ergebnis jedoch wird nicht nur durch die Anstrengungen des Agenten
beeinflusst, sondern auch durch externe Effekte. Der Agent kann also seine Anstrengungen minimieren und mögliche Fehlschläge durch negative externe Effekte erklären
oder positive externe Effekte als eigene Leistung deklarieren, ohne dass der Prinzipal
dies beurteilen kann. Nur durch hohe Überwachungs- und Monitoringkosten kann der
Prinzipal die Handlungen des Agenten überwachen. Dieses Verhalten wird auch als
Shirking bezeichnet.135
Der Prinzipal kann die Eignung und die Qualität der Entscheidungen des Agenten
kaum oder nur über hohe Kosten überwachen und somit entstehen aus diesen Beziehungen so gut wie immer Agenturkosten, welche aus den Überwachungskosten des
Prinzipalen, den Bonding-Kosten des Agenten sowie den Residualkosten, also dem
Wohlfahrtsverlust des Prinzipalen durch nicht-optimale Entscheidungen bestehen.136
Im Investitionsprozess lassen sich zwei Ebenen von Prinzipal-Agenten-Beziehungen
unterscheiden. Auf horizontaler Ebene entsteht ein möglicher Konflikt zwischen dem
Pensionskassenmanagement und den jeweiligen mandatierten Portfoliomanagern,
während auf vertikaler Ebene Prinzipal-Agenten-Beziehungen zwischen den Vorsorgeberechtigten (sowohl Vorsorgeempfänger als auch Beitragszahler) und dem
Pensionskassenmanagement bestehen. Die horizontalen Prinzipal-Agenten-Konflikte
basieren hauptsächlich auf Hidden Characteristics, wenn es die Auswahl der geeignetsten Portfoliomanager geht und Hidden Information, wenn es um Anlageentscheidungen
Prinzipal-Agenten-Beziehungen beruhen
hauptsächlich auf Hidden Information und Hidden Action.
Zuerst werden die horizontalen Beziehungen, zwischen Pensionskassenmanagement
und Portfoliomanagern, betrachtet. Im ersten Schritt der Mandatsvergabe, in der
taktischen Asset Allocation, müssen Portfoliomanager ausgewählt werden. Dies
geschieht üblicherweise auf Basis des Track Records und der Portfolioauswahltechnik.
Vgl. Heyd und Beyer (2011), S. 27 ff.
Diese Informationen stehen den Pensionskassen zur Verfügung. Allerdings kann der
Portfoliomanager die Informationen manipulieren und zu einem gewissen Grad
beeinflussen welche Informationen über ihn verfügbar sind.137 Außerdem ist zu
bezweifeln, inwiefern vergangene Portfolioperformance wirklich die Fähigkeit des
Portfoliomanagers wiederspiegelt und nicht durch andere Faktoren erklärbar ist.
Basierend auf Renditen von Investmentfonds, zeigen Carhart (1997) und Fama und
French (2010), dass die anhaltende positive Performance von Portfoliomanagern,
sofern die positive Performance überhaupt über mehrere Perioden anhält, meist nicht
durch die Fähigkeit des Portfoliomanagers zu erklären ist, sondern durch externe
Faktoren, wie Zufall oder Risikofaktoren.138 Demnach wäre die wahre Fähigkeit der
Portfoliomanager nicht einsehbar für die Pensionskasse als Prinzipal und somit eine
Quelle für adverse Selektion. In Bezug auf nachhaltige Geldanlagen kann die
Möglichkeit einer adversen Selektion verstärkt auftreten. Nachhaltigkeitsfonds oder
nachhaltige Portfolios von Portfoliomanagern sind komplex, vielfältig und mangels
Standardisierung bei der Berücksichtigung von ESG-Faktoren schwer einzuschätzen
ohne Fachwissen. Dadurch ergeben sich Hidden Characteristics, welche dazu führen
können, dass der Anleger, in diesem Fall die Pensionskasse sich für einen Portfoliomanager entscheidet der gar nicht das Nachhaltigkeitsverständnis der Pensionskasse
vertritt.139 Eine Möglichkeit zur Lösung dieses Problems ist es ein effektiveres
Screening der Portfoliomanager durchzuführen, um so die die asymmetrische
Informationssituation auszugleichen. Dabei sollte sowohl die wirkliche, vergangene
Rendite durch adäquate Risikofaktormodelle, wie das Carhart 4-factor- model, ermittelt
werden, als auch die Berücksichtigung von ESG-Faktoren transparent offengelegt
werden. Weiterhin könnte durch den Agenten Signalling betrieben werden, um
Transparenz zu schaffen, die Informationsasymmetrie abzubauen und Vertrauen zu
schaffen. Mögliche Signallingwerkzeuge wären Gütesiegel oder Zertifizierungen, wie
z.B. das Eurosif Transparenzlogo für nachhaltige Publikumsfonds140 oder die
Nachhaltigkeitsmatrix des FNG sowie deren Nachhaltigkeitsprofile141. Die Pensionskasse, bzw. Prinzipale generell, können diese dann nutzen, um auf die nicht-beobachtbare Produktqualität zu schließen.142
Vgl. Lakonishok et al. (1992), S. 343 f.
Vgl. Carhart (1997), S. 57 ff., sowie Fama und French (2010), S. 1916 ff.
Vgl. Schäfer et al. (2015), S. 24 f.
Vgl. Eurosif (2013)
Vgl. FNG (2016a), sowie Schäfer et al. (2015), S. 28.
Vgl. Heyd und Beyer (2011), S. 34.
Im Falle der Auswahl der Wertpapiere durch den Portfoliomanager im Rahmen der
taktischen Asset Allocation gibt es ebenfalls Potenzial für Prinzipal-Agenten-Konflikte.
Die genauen Anlageentscheidungen können zwar vom Prinzipal beobachtet werden,
durch die regelmäßige Berichterstattung des Assetmanagers, allerdings lassen diese
sich eventuell nicht durch die Pensionskasse beurteilen, sofern das spezifische
Fachwissen fehlt. Insbesondere die Beurteilung der Berücksichtigung von nichtfinanzieller Informationen und der Integration von ESG-Faktoren in die Anlageentscheidung kann für Pensionskassen problematisch werden, wenn keine Experten
in diesem Gebiet die Entscheidungen überprüfen können. Die Informationslage ist also
zugunsten des Portfoliomanagers verteilt. Die Informationsasymmetrie ist in diesem
Fall sogar noch verstärkt, da eine mehrstufige Prinzipal-Agenten-Beziehung vorliegt.
Dies ist der Fall, wenn der Portfoliomanager seine Nachhaltigkeitsinformationen von
einer externen Ratingagentur bezieht und damit folglich Prinzipal und Agent in einem
ist. Durch diese mehrstufige Beziehung ist die Pensionskasse als Prinzipal zusätzlichen Unsicherheiten aus der Beziehung zwischen Portfoliomanager und Ratingagentur ausgesetzt.143 Die Hidden Information kann vom Portfoliomanager letztlich
genutzt werden, um Anlageentscheidungen zu treffen, die zu seinen Interessen
dienen. Vorstellbar sind hier Transkationen die zu höheren Gebühren und damit zu
höheren Einnahmen für den Portfoliomanager führen. Des Weiteren könnte der
Portfoliomanager Anlageentscheidungen treffen die nicht im Sinne des Nachhaltigkeitsverständnisses der Pensionskasse sind, um eine hohe Rendite zu gewährleisten.
Dies wiederrum kann zu höheren Zuflüssen in seine gemanagten Portfolios führen und
damit zu höheren Einnahmen für den Agenten, was in seinem Interesse ist. Lösen
lässt sich dieser Konflikt möglicherweise durch die Schaffung geeigneter Anreizstrukturen, welche die Interessen des Portfoliomanagers mit denen der Pensionskasse
angleichen. Es könnten Nachhaltigkeitsziele mit dem Portfoliomanager vereinbart
werden, welche zu einer höheren Kompensation für ihn führen. Allerdings müsste hier
erstmal eine geeignete Performancemessung für den Nachhaltigkeitsaspekt gefunden
werden. Ein weiteres Instrument für die Interessenangleichung ist die Reputation oder
Bonding. Diese Instrumente gehen allerdings vom Agenten aus und nicht von der
Pensionskasse. Die Reputation stellt den Ruf des Portfoliomanagers dar und ist
gleichzeitig ein Signal an zukünftige Prinzipale über die Qualität der Leistungen des
Agenten. Der Agent wird also versuchen Reputationsschäden zu vermeiden, um seine
Vgl. Schäfer et al. (2015), S. 23-30.
zukünftigen Einnahmen nicht zu gefährden. Beim Bonding gibt der Agent gewisse
Garantien ab, die der Zielerreichung des Prinzipals entsprechen.144
Bei den vertikalen Prinzipal-Agenten-Beziehungen steht die Beziehung zwischen
Vorsorgeberechtigten (Prinzipale) und Pensionskassenmanagement (Agent) im
Mittelpunkt. Durch die langfristigen Verbindlichkeiten einer Pensionskasse ist der
Anlagehorizont sehr lang und sollte damit eigentlich optimal zu nachhaltigen
Wertanlagen und der Berücksichtigung von ESG-Faktoren, als langfristigen Werttreibern, passen. Die Pensionskassenmanager werden allerdings üblicherweise über ihre
kurzfristige Performance beurteilt und kompensiert. Außerdem müssen sie regelmäßig
über die Portfoliorendite im Vergleich zum Garantiezins berichten. Es ergibt sich also
ein Interessenkonflikt durch ein Anreizproblem. Die Berücksichtigung langfristiger
Trends und Wertreiber ist oft nicht im direkten Interesse des Managers, wenn er davon
ausgehen kann, dass er selber nicht so lang im Unternehmen tätig ist. 145 Eine Lösung
für dieses systemische Problem von kurzsichtigen Managemententscheidungen ist ein
angemessenes Anreizsystem, welches nicht nur kurzfristige Performance belohnt,
sondern auch langfristige Ziele berücksichtigt. Dafür muss ein organisatorisches Klima
geschaffen werden, in welchem sich die verantwortlichen Manager nicht dem kurzfristigen Performancedruck beugen müssen, welcher eine langfristige Orientierung
verhindert.146
Ein besonderer Fall der Prinzipal-Agenten-Beziehung tritt auf, da die Vorsorgeberechtigten unterschiedliche Anlagehorizonte besitzen und damit als verschiedene
Prinzipale auftreten. Diejenigen, welche bereits Rentenzahlungen der Pensionskasse
erhalten, haben einen kurzen Anlagehorizont und sind damit weniger an langfristigen
Werttreibern interessiert als an kurzfristiger Performance und Kapitalerhaltung. Die
Vorsorgeberechtigten, die noch in ihrem Berufsleben stecken, sind hingegen eher an
langfristiger Wertentwicklung interessiert, um so ihre künftigen Versicherungsansprüche zu sichern. Die daraus resultierende Mehr-Prinzipale-Agent-Beziehung
wird als common agency bezeichnet. Sofern die Prinzipale kooperieren verhält sich
die Beziehung wie eine normale Prinzipal-Agenten-Beziehung. Diese ändert sich
jedoch unter Nicht-Kooperationsbedingungen. Unter diesen kann kein Prinzipal alleine
von der Beziehung zum Agenten und den gebotenen Anreizen profitieren, muss aber
Vgl. Heyd und Beyer (2011), S. 34 f.
Vgl. Benartzi und Thaler (1995), S. 88.
Vgl. Laverty (2004), S. 950 f.
üblicherweise die vollen Kosten dieser tragen. Dadurch ergeben sich Free-Rider
Probleme und der Aufwand des Agenten ist geringer als unter Kooperationsbemühungen.147 Im Fall der Pensionskasse wird der Konflikt dadurch verstärkt, dass
der Pensionskassenmanager, wie oben erwähnt, selber eher kurzfristig orientiert ist
und damit indirekt die Vorsorgeempfänger bevorzugt. Dies wiederspricht allerdings der
Maßgabe die Interessen aller Berechtigten gleich zu behandeln. 148 Eine Möglichkeit
diesen Konflikt zu beruhigen stellt eine Anreizstruktur für Pensionskassenmanager
dar, welche sowohl kurzfristige Kapitalerhaltung beinhaltet, als auch die Berücksichtigung langfristiger Werttreiber wie ökologische, soziale und Governance-Themen.
3.2.3. Aktives Aktionärstum als Strategie zur Dekarbonisierung
Die Notwendigkeit von aktivem Aktionärstum basiert traditionell auf der Trennung von
Eigentum und Kontrolle in Firmen und daraus entstehenden Prinzipal-AgentenBeziehungen, wie sie im vorherigen Kapitel schon erläutert wurden. Die sich
ergebenden Möglichkeiten für opportunistisches Handeln der Agenten können durch
Überwachung und Monitoring begrenzt werden. Die weit verteilte Eigentümerstruktur
von Aktiengesellschaften erschwert dies allerdings, da ein Großteil der Eigentümer nur
einen so geringen Anteil hält, dass sich effektives Monitoring der Geschäftsführung
und des Vorstandes sowie die daraus entstehenden hohen Kosten für einzelne oft
nicht rentieren. Das Problem ist, dass der Investor der sich für die Überwachung
entschließt, die vollen Kosten dieser tragen muss, während er aber nur einen kleinen
Teil, in Höhe seines prozentualen Anteils, des Nutzen erhält. Daraus ergibt sich ein
sogenanntes Free-Rider Problem, was zu Passivität unter den Investoren führt. Sie
hoffen auf eine Übernahme der Überwachungskosten durch andere, um so ohne
Gegenleistung an dem Nutzengewinn teilzuhaben.149 Für einen Investor mit einem
größeren Anteil, sogenannten Blockholdern, ist der Anreiz höher das Management zu
überwachen, da der daraus gewonnene Nutzen eher die Kosten decken kann. 150
Besonders für große institutionelle Investoren ist dies also interessant, da sich der
Anteil des Aktienmarktes, der von großen institutionellen Investoren gehalten, wird seit
1980 vervielfacht hat.151 Aktives Aktionärstum durch große Investoren kann so helfen
Vgl. Macho-Stadler und Pérez-Castrillo (2001), S. 99 f.
Vgl. Johnson und Graaf (2009), S. 5., sowie CFA Institute (2008), S. 4.
Vgl. Grossman und Hart (1980), S. 42.
Vgl. Gillan und Starks (1998), S. 14 f.
Vgl. Ebd., S. 7 f.
ineffiziente Überwachung des Managements aufzuzeigen, Schwächen in der
Corporate Governance aufzudecken und jeweils zu lösen.
Aktives Aktionärstum im Kontext der Dekarbonisierung unterscheidet sich dabei von
klassischem aktivem Aktionsärstum oder Aktivismus von Aktionären und Hedgefonds,
da es nicht nur die Belange von Aktionären betrifft, sondern auch einen weiteren Kreis
von Stakeholdern mit einschließt.152 Dadurch rücken neue Themen in der Fokus. In
der Vergangenheit waren häufig Corporate Governance und die finanzielle Performance des Unternehmens die Themen, während inzwischen auch nicht-finanzielle
Themen, wie ökologische und soziale Belange, mehr Berücksichtigung finden. Im
Rahmen der Dekarbonisierung und dieser Arbeit liegt der Fokus klar auf aktivem
Aktionärstum, welches Klimawandel und ökologische Themen betrifft und stellt eine
der erfolgversprechendsten Strategien zur Dekarbonisierung des Portfolios dar. Um
dieses Ziel zu erreichen, können mehrere Kanäle sowie Strategien verwendet werden,
welche im Folgenden genauer erläutert werden
Nordén und Strand (2011) unterscheiden zwischen formellem und informellem aktiven
Aktionärstum. Formelle Kanäle beschreiben dabei alle öffentlich gemachten
Anstrengungen von Investoren, wie z.B. Hauptversammlungsbeschlüsse, Abstimmungen auf solchen, Klagen und öffentliche Debatten in der Presse oder Medien.
Informelle Kanäle hingegen bezeichnen private Dialoge und Verhandlungen zwischen
Aktionären und dem Management.153 Aktives Aktionärstum lässt sich auch als eine
Vielzahl von Antworten auf Unternehmensperformance darstellen. Das eine Extrem
stellt das einfache Kaufen und Verkaufen von Aktien durch Investoren dar, welches
bereits eine Meinungsäußerung bezüglich der Unternehmensperformance darstellt.
Das andere Extrem ist der Markt für Unternehmenskontrolle. In diesem Fall repräsentieren die Übernahmen einer Firma und der subsequente Wechsel des Managements
das aktive Aktionärstum. Dazwischen lassen sich aktivistische Großaktionäre
Einflussnahme auf das Management.154
Weiterhin lässt sich zwischen den zwei Strategien ‚Voice‘ und ‚Exit‘ unterscheiden.
Diese sind dies die Möglichkeiten von Investoren, um auf eine schlechte Unternehmensperformance zu antworten. ‚Voice‘ ist der Versuch eine unerwünschte
Vgl. Dimson et al. (2015), S. 3226.
Vgl. Nordén und Strand (2011), S. 376.
Vgl. Gillan und Starks (1998), S. 3.
Situation durch individuelles oder kooperatives petitionieren beim Management direkt
oder einer höheren Autorität sowie anderer Aktivitäten, die auch die Mobilisierung der
öffentlichen Meinung einschließen, zu lösen. Das Ziel ist die Erzwingung einer
Veränderung im Verhalten des Managements.155 Für Aktionäre bzw. Anteilseigner
bedeutet dies, dass sie Beschlüsse auf Hauptversammlungen einreichen und
Abstimmungen zu diesen fordern, ihre Stimmrechte ausüben, private Dialoge und
Verhandlungen mit dem Management anstreben und über Medien- und Presse Druck
auf das Management ausüben können. Engagement bezeichnet die private Interaktion
von einem oder mehreren Anteilseignern mit dem Management zu bestimmten,
anlassbezogenen Themen und Positionen des Unternehmens in Umwelt- und
Sozialthemen.156 Der Shareholder-Advocacy-Ansatz geht noch einen Schritt weiter
und beschreibt einen geregelten und andauernden Dialog mit dem Management des
Unternehmens.157 ‚Exit‘ hingegen beschreibt die Abwendung von einer unerwünschten
oder schlechten Unternehmensperformance, um somit indirekt ein Signal an
Unternehmensinsider zu senden, dass Unzufriedenheit mit der Situation herrscht.158
Für Investoren bedeutet dies eine Devestition. Der Verkauf der Anteile soll zu einem
Kursrückgang dieser führen und damit ein negatives Signal darstellen oder sogar expost das Management bestrafen, wenn dieses über Optionen und Anteile an dem
Unternehmen kompensiert wird.159 Es kann allerdings auch bereits die Androhung
(implizit oder explizit) einer Devestition eines großen Investors ausreichen, welcher auf
Basis von privater Informationen handelt, um eine disziplinierende Wirkung zu
erzeugen und den Manager von einer für den Investor nachteiligen Aktion abzuhalten,
welche einen privaten Nutzen für den Manager darstellt. Dasselbe gilt allerdings nicht
für die Motivation des Managers zu einer für den Investor positiven aber für den
Manager kostenintensiven Aktion.160 Die Existenz der ‚Exit‘ Option reduziert üblicherweise die Wahrscheinlichkeit der Ausübung der ‚Voice‘ Option. Loyalität zu dem
betroffenen Unternehmen allerdings ändert dies, da ,Exit‘ dann oftmals keine Option
mehr für die Unzufriedenen darstellt und die Person lieber versucht das Unternehmen
wieder in die Spur zu bekommen.161
Vgl. Hirschman (1970), S. 30.
Vgl. PRI (2016), S. 9.
Vgl. Schäfer und Mayer (2013), S. 142.
Vgl. Hirschman (1970), S. 4.
Vgl. Edmans (2014), S. 28 ff.
Vgl. Admati und Pfleiderer (2009), S. 2447.
Vgl. Hirschman (1970), S. 77 f.
In der Vergangenheit waren die Aktivitäten bezüglich aktivem Aktionärstum in
Deutschland noch relativ gering, ineffektiv und bezogen sich hauptsächlich auf
Corporate Governance Aspekte162. Auch 2013 stellte die Strategie aktives Aktionärstum in Deutschland nur einen Bruchteil der nachhaltigen Geldanlagen dar.
Während in Deutschland knapp 9% der gesamten nachhaltigen Geldanlagen in
Europa verwaltet werden, stellt der deutsche Anteil im Bereich Engagement und Voting
nur 0,3% dar. Hier zeigt sich also wie diese Strategie in Deutschland noch hinter
Ländern wie dem Vereinigten Königreich (ca. 52% Anteil der verwaltete Assets im
Bereich Engagement und Voting in Europa) und den Niederlanden (ca. 20%) zurückliegt.163 Es zeigt sich allerdings schon ein positiver Trend. Im aktuellen Marktbericht zu
nachhaltigen Geldanlagen in der DACH-Region des FNG zeigt sich, dass
Stimmrechtsabgabe (25,8 Mrd. Euro verwaltete Assets) und Engagement (22,2 Mrd.
Euro verwaltete Assets) die dritt- und viert-häufigste genutzte Anlagestrategien in
Deutschland ist. Unter den Themen die das Engagement aufgreift liegt der Klimawandel sogar noch vor Corporate Governance Themen.164 Auch in einer Umfrage von
Union Investment zum nachhaltigen Vermögensmanagement institutioneller Investoren zeigt sich, dass erst 13% der Investoren in einem aktiven Dialog mit ihren
Eigenanlagen stehen, wobei Altersversorgungseinrichtungen und Pensionskassen mit
23% hier deutlich über dem Durchschnitt liegen. Die verwendete Strategie des aktiven
Aktionärstums ist dann wieder vergleichbar mit der vorherigen Studie, da der direkte,
private Dialog mit dem Management die am häufigsten gewählte Methode darstellt und
vor der Stimmrechtsabgabe liegt.165 Auch börsennotierte Unternehmen selber sehen
Engagementstrategien als wirksamer an als pure Stimmrechtsabgabe.166
Die tatsächliche Wirkung von Engagement oder Shareholder Advocacy hängt von
mehreren Faktoren und Bedingungen ab. Sie fußen auf der Stakeholder Salience
Theory, welche die Rahmenbedingungen erläutert unter denen die Investoren Einfluss
auf das Management gewinnen, diesen ausüben und welche Faktoren diesen Einfluss
verstärken können. Stakeholder Salienz wurde von Mitchell, Agle und Wood (1997)
als die Priorität beschrieben, welche Unternehmensmanager den Ansprüchen der
Stakeholder zuweisen. Die Autoren führen dabei drei prägende Attribute ein, nach
welchen die Ansprüche der Stakeholder klassifiziert und priorisiert werden können.
Vgl. Schaefer und Hertrich (2011), S. 15 ff.
Vgl. Eurosif (2014), S. 21.
Vgl. FNG (2016b), S. 29.
Vgl. Union Investment (2013)
Vgl. NKI (2015), S. 6.; sowie oekom research (2013), S. 27.
Das erste Attribut ist power, also die Möglichkeit durch zwingende, funktionale oder
normative Mittel den eigenen Willen in der Beziehung durchzusetzen, um das
Management zu beeinflussen. Dieses Attribut beschreibt also die Macht des
Stakeholders. Weiterhin hat die legitimacy, also die Legitimität der Ansprüche, einen
Einfluss auf die Priorisierung. Das letzte Attribut ist die Dringlichkeit der Stakeholderansprüche, von Mitchell et al. (1997) als urgency bezeichnet. Die ersten beiden
Attribute sind dabei interagierend und sind notwendig damit ein Anspruch vom
Management als salient wahrgenommen wird. Die Dringlichkeit betrifft eher das
Ausmaß der benötigten, unmittelbaren Aufmerksamkeit, welches der Anspruch des
Stakeholders hat.167 Agle, Mitchell und Sonnenfeld (1999) weisen die Korrelation
dieser drei Attribute mit der Stakeholder Salienz empirisch nach, zeigen aber, dass
obwohl alle drei positiv mit Stakeholder Salienz korreliert sind, die Dringlichkeit der
beste Indikator für Stakeholder Salienz ist.168 Diese Theorie wurde von Gifford
aufgegriffen und als theoretisches Grundgerüst seiner Analyse von Investor-Unternehmens-Beziehungen im Kontext von Engagements weiterentwickelt. Für die Analyse wurden die ursprünglichen drei Attribute in Subattribute aufgeteilt, welche dann auf
Engagementpraktiken und Charakteristiken von Investoren abgebildet wurden.
Aktionäre können power auf drei verschiedene Arten ausüben. Mittels formaler
Aktionärsrechte, wie z.B. Hauptversammlungsbeschlüsse, der Ausübung von Wahlrechten, der Durchsetzung von Aktionärsrechten, oder Lobbyismus für Regulierungen,
um so eine Änderung zu erzwingen (coercive power). Mittels Abzug bzw. Zugabe von
Kapital in das Unternehmen oder Ausgestaltung der Vergütung des Managements,
also die Ausübung von Macht mittels finanzieller Anreize (utilitarian power). Sowie
mittels Ausübung von Aktionen, welche die Reputation des Zielunternehmens
und/oder des Managements beeinflussen, wie z.B. private oder öffentliche Statements
oder mittels reputativer Konsequenzen aus der Ablehnung eines Anspruchs eines
Aktionärs (normative power).169 Die Legitimität der Ansprüche der Aktionäre kann aus
vier Kanälen stammen. Den ersten Kanal stellt die Glaubhaftigkeit sowie die Expertise
und Erfahrung der Person, die das Engagement durchführt dar (individual legitimacy).
Die Glaubhaftigkeit der gesamten Organisation bzw. des institutionellen Investors
sowie dessen Wahrnehmung als aktiven Akteur im Markt bildet den zweiten Kanal.
Beeinflusst wird diese Legitimität weiterhin durch den gehaltenen Unternehmensanteil
Vgl. Mitchell et al. (1997), S. 863-868.
Vgl. Agle et al. (1999), S. 518.
Vgl. Gifford (2010), S. 80.
und die Übereinstimmung der Interessen von Investor und Unternehmen (organizational legitimacy). Des Weiteren spielt die Legitimität des Anspruches in den Augen
der Öffentlichkeit eine Rolle, wobei hier sowohl die Öffentlichkeit als Gesellschaft im
Sinne der Konsumenten als auch die Öffentlichkeit im Sinne der Politik und der
Aufsichtsbehörde gemeint ist. Breite Unterstützung durch die Öffentlichkeit, die Existenz von Normen oder Verhaltensregeln und Unterstützung durch die Politik verstärken
die Legitimität weiter (societal legitimacy). Der vierte Kanal ist schließlich die praktische Legitimität des Anspruches, also inwiefern der Anspruch ein solides wirtschaftliches Argument in den Augen des Managements darstellt und der Investor dem
Unternehmen neue Informationen bietet (pragmatic legitimacy).170 Die Dringlichkeit
der Ansprüche eines Aktionärs basiert auf zwei Faktoren. Zum einen die Zeitsensitivität der Ansprüche, welche durch Fristen und Zeitdruck von Seiten des Aktionärs
herbeigeführt werden können. Zum anderen Kritizität, welche die subjektive
Wichtigkeit des Anspruches in den Augen des Aktionärs darstellt und durch eine hohe
Intensität des Engagements Ausdruck findet sowie durch Bestimmtheit, Beharrlichkeit
und die Mobilisierung von Ressourcen für das Engagement.171
Weiterhin werden noch andere Einflussfaktoren genannt, welche sich allerdings nicht
in das theoretische Gerüst von Mitchell et al. (1997) einordnen lassen. Unter diese fällt
die relative Größe des Aktionärs gegenüber dem engagierten Unternehmen, was
letztlich sowohl auf eine erhöhte Macht durch die wirtschaftliche Situation oder den
großen gehaltenen Unternehmensanteil, als auch eine erhöhte Legitimität darstellt, da
der Aktionär dann ein respektierter Marktakteur ist. Auch die Kooperation und Koalitionsbildung von Aktionären fällt unter die nicht zuordenbaren Faktoren. Dies lässt sich
als Bündelung von Macht und Legitimität verstehen und ist damit auch eine Frage der
„Größe“ des Investors. Ein dritter Faktor sind die Werte des Managers des
Beteiligungsnehmers, also die subjektive Einstellung des Managers gegenüber den
Ansprüchen der Aktionäre.172
Mittels empirischer Untersuchungen und Fallstudien kann die positive Wirkung der
Attribute und Subattribute auf die Bedeutung der Ansprüche von Investoren getestet
werden.173 Auch wenn power eine Rolle in der Bedeutung von Ansprüchen spielt, so
ist die Ausübung von Macht doch eher ein Mittel um eskalierende Engagements, bei
Vgl. Ebd., S. 81-82.
Vgl. Gifford (2010), S. 82.
Vgl. Ebd., S. 82-83.
Vgl. Gifford (2010), sowie Neubaum und Zahra (2006) und Majoch et al. (2012)
denen die Legitimität und die Kritizität der Ansprüche nicht ausreichen, zum Erfolg zu
verhelfen.174 Von den drei Subattributen von power hat normative power den stärksten
Einfluss auf die Shareholder Salienz, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass
große Anteile nicht schnell veräußert werden können und gerade bei langfristigen
Investoren eine Devestition nur die letzte Möglichkeit darstellt. Außerdem greifen, wie
bereits erläutert, institutionelle Investoren lieber auf informelle Kanäle für aktives
Aktionärstum zurück anstatt auf formale Aktionärsrechte, wie es für coercive power
notwendig wäre. Allerdings beschädigt die Nutzung von medialen Quellen zur
Ausübung von Druck auf das Management, wie es für normative power nötig ist, auch
die Beziehung von Investor und Management.175 Einen höheren Stellenwert als power,
in der Wirkung auf die Shareholder Salienz, nimmt legitimacy ein. Besonders die
pragmatic legtimacy zeigt sich als effektives Mittel darin Engagements und Ansprüche
Bedeutung durch das Management zukommen zulassen.176 Aber auch die anderen
Legitimitätsattribute sind positiv mit Salienz verknüpft. Organizational legitimacy hat
vor allem bei größeren Investoren eine positive Wirkung auf die Bedeutung der
Ansprüche. Langfristige Investments, durch die langfristige Beziehungen zwischen
dem Investor und dem Management aufgebaut werden können, zeigen, dass die
Interessen von Investor und Management angeglichen sind und erhöhen somit die
organisatorische Legitimität, wodurch die Ansprüche eher vom Management berücksichtigt werden.177 Individual legitimacy verstärkt ebenfalls die Salienz, dabei macht es
aber nicht viel Unterschied in welchen Themenbereichen die Mitarbeiter Expertise
aufweisen, sondern einfach nur ihre generell wahrgenommene Professionalität und
Expertise in den Gebieten in denen sie eingesetzt werden.178 Societal legitimacy
schließlich hat auf sich allein gestellt wenig Einfluss auf die Salienz. Zwar können
soziale Präferenzen, Moral und Normen Regulierung und eine Änderung des Unternehmerischen Handels vorhersagen, wirken aber nur indirekt über die pragmatic
legitimacy, indem sie Reputationsrisiken, Regulierungsdynamik oder andere Konsequenzen aus der Nicht-Befolgung der Norm identifizieren.179 Neben legitimacy ist
urgency ein wichtiger Erklärungsfaktor für die Salienz von Ansprüchen. Gerade
Kritizität spielt eine wichtigere Rolle als Zeitsensitivität, da Engagements Zeit brauchen
und die angesprochenen Themen nicht wie Krisensituationen gelöst werden müssen.
Vgl. Gifford (2010), S. 96., sowie Majoch et al. (2012), S. 109 f.
Vgl. Majoch et al. (2012), S. 109 f.
Vgl. Majoch et al. (2012), S. 110.
Vgl. Gifford (2010), S. 91 f., sowie Neubaum und Zahra (2006), S. 124.
Vgl. Gifford (2010), S. 91.
Vgl. Ebd., S. 93.
Die Intensität der Engagements soll vor allem durch Beharrlichkeit und Ressourceneinsatz untermauert werden und weniger durch Bestimmtheit oder Eskalation der
Rhetorik, gleichwohl es durchaus im Rahmen des Möglichen ist.180
Von den Faktoren die nicht in den theoretischen Rahmen der Shareholder Salienz
fallen haben die Werte des Managers, sowie die Kooperation und die Koalitionsbildung
von Investoren den größten Anteil an höher-priorisierten Ansprüchen. Wenn die
subjektiven Werte des Managers mit denen der Investoren gleichgerichtet sind, haben
Ansprüche die größte Chance vom Manager wahrgenommen und priorisiert zu
werden. Übereinstimmende Werte und Vorstellungen des Managers unterstützen die
pragmatic legitimacy des Anspruches. Es hilft auch wenn Manager bereits Wissen
oder Erfahrung im Thema der Ansprüche haben, damit zu „radikale“ Ideen nicht gleich
verworfen werden.181 Koalitionsbildung, um die Salienz zu erhöhen, ist nicht nur mit
anderen Investoren möglich, sondern auch mit NROs und staatlichen Organisationen.
Die Kooperation kann dem Investor helfen in Themen oder Märkten Legitimität zu
erreichen, in denen er selber nicht stark aufgestellt ist, also die organizational
legitimacy verstärken. Gleichzeitig weist eine Koalition von Investoren auch auf eine
societal legitimacy hin. Außerdem können so auch kleinere Investoren die Legitimität
der größeren Investoren nutzen, um Ansprüche durchzusetzen.182
Neben den angestrebten positiven Wirkungen auf soziale, Umwelt oder GovernanceAspekte führt Engagement oft auch zu positiven Wertentwicklungen des Unternehmens. Engagements, welche Klimawandelthemen betreffen haben in einer
Untersuchung von Dimson et al. (2015) den größten positiven Einfluss auf den
Unternehmenswert, neben Corporate Governance Themen. Die Wahrscheinlichkeit
für Erfolg bei Engagements in sozialen und ökologischen Belangen ist allerdings
geringer als bei Governance Themen. Deshalb spielen insbesondere Reputationsrisiken sowie finanzieller Spielraum für die üblicherweise teuren, angestrebten
Verbesserungen bei Umwelt- und Sozialthemen eine starke Rolle bezüglich der
Erfolgsrate. Wie bereits oben beschrieben erhöht Kollaboration unter den Investoren
die Erfolgswahrscheinlichkeit bei diesen ES Themen.183
Vgl. Ebd., S. 93 f.
Vgl. Gifford (2010), S. 95., sowie Majoch et al. (2012), S. 110.
Vgl. Majoch et al. (2012), S. 110., sowie Neubaum und Zahra (2006), S. 125.
Vgl. Dimson et al. (2015), S. 3228 ff.
Wenn man die Wirkung von Engagement von Investoren untersuchen möchte muss
man also den Investor sowie die Ansprüche auf die Subattribute von Gifford (2009)
untersuchen. Diese Arbeit beschäftigt sich mit Pensionskassen als Investoren und
Dekarbonisierungsbemühungen als Ansprüchen. Pensionskassen sind üblicherweise
Investoren mit hohen Anteilen an vielen Unternehmen, wodurch die coercive power
klar gegeben ist. Auch normative power ist von Pensionskassen anwendbar, da sie
durch ihre Größe für ihre Peer-Unternehmen sehr sichtbar sind. Allerdings ist dies, wie
bereits erwähnt, schädlich für die Beziehung zwischen Investor und Management und
damit für langfristige Investoren wie Pensionskassen nicht empfehlenswert, wenn es
sich vermeiden lässt. Um mittels finanzieller Anreize das Management steuern zu
können, muss der Investor einen entsprechenden Stimmrechtsanteil besitzen, relativ
frei von Regularien bezüglich der Diversifikation und Assetverteilung und nicht allzu
sehr von Liquiditätsvoraussetzungen betroffen sein. Pensionskassen sind große
Investoren mit entsprechend großen Unternehmensanteilen und sind relativ frei in ihrer
Portfoliozusammenstellung. Gleichzeitig sind die benötigten Liquiden Mittel relativ
einfach vorherzusehen, wodurch sich für Pensionskassen im Bereich der utilitarian
power viele Möglichkeiten ergeben. Über individual legitimacy lässt sich nicht viel
sagen ohne die genauen Personen zu kennen, welche die Engagements durchführen.
Es kann aber hilfreich sein, das Engagement über Dienstleister wie Hermes EOS
durchführen zu lassen, da diese Dienstleister professionelle Mitarbeiter mit genügend
Engagement-expertise beschäftigen, wodurch die individual legitimacy gegeben ist.
Organizational legitimacy hängt von der Stellung des Investors im Markt ab und von
seinem gehaltenen Unternehmensanteil. Pensionskassen sind, wie bereits erwähnt,
große sowie aktive Investoren am Markt und daher auch bei den Managern bekannt.
Des Weiteren sind die Anteile, allein durch die schiere Menge des verwalteten Kapitals
normalerweise groß genug um die organizational legitimacy zu gewährleisten. Wenn
die Pensionskasse zusätzlich noch eine Vergangenheit darin hat sich an nichtfinanziellen Aspekten wie Umwelt und Soziales zu interessieren, dann erhöht dies
weiter die Salienz ihrer Ansprüche. Wie bereits dargelegt, stellt die Begrenzung der
Klimaerwärmung ein weltweit wichtiges Thema dar, dass auch gesellschaftlich
verankert ist und von der Politik durch Regularien und Gesetze unterstützt wird.
Ansprüche an die Dekarbonisierung zur Ermöglichung der Einhaltung des 2° C Ziels
sind dadurch durch die Gesellschaft legitimiert und sollten auch entsprechend vom
Management priorisiert werden. Dekarbonisierung kann sich auch wirtschaftlich für die
Unternehmen lohnen. Wie bereits gezeigt können positive Engagements in den
Bereichen Umwelt und Soziales eine positive Wertentwicklung der Unternehmen
verursachen. Des Weiteren werden durch eine Dekarbonisierung das Klimarisiko und
das Klimapolitikrisiko für Unternehmen reduziert. Eine geringere Exposition gegenüber
diesen Risiken kann zu niedrigeren Kapitalkosten führen und zusätzliche Investor
anlocken. Es ist also auch eine pragmatische Legitimität von Dekarbonisierungsansprüchen gegeben. Um den Klimawandel noch aufhalten zu können, müssen wie
bereits beschrieben konsequent und nachdrücklich Veränderungen stattfinden und
eine Transformation hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft erfolgen. Dieser Druck
und die breite Unterstützung sorgen für die nötige Kritizität der Ansprüche. Wenn die
Investoren nun intensiv in diesen Themen Engagements betreiben sollte so die
Aufmerksamkeit der Manager gewährleistet sein. Da das Thema der Dekarbonisierung
so intensiv in Investorenkreisen diskutiert wird und sich Investorengruppen wie die
PDC oder über den Montreal Carbon Pledge zusammenfinden um die Portfoliodekarbonisierung voranzubringen, sollte es einfach sein mittels Kooperationen und
Kollaborationen mit anderen Investoren die Ansprüche gegenüber dem Management
durchzusetzen. In ihrer Analyse verschiedener institutioneller Investoren, bezüglich
ihrer Salienz, fanden Ryan und Schneider (2003), dass Pensionsfonds (sowohl private
als auch staatliche) die größte Salienz aufweisen, egal ob bezogen auf die Attribute
power, legitimacy oder urgency.184
Der anthropogene Klimawandel und die damit verbundenen Risiken erfordern eine
schnelle und umgreifende Transformation hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaftsweise. Um dies zu bewerkstelligen, wird eine Mobilisierung von Privatkapital benötigt.
Staatliche Investitionen reichen nicht aus, um das nötige Investitionsvolumen zu
decken und sind ferner nicht geeignet für eine effektive Allokation der Mittel. Anhand
von Pensionskassen, als institutionellen Investoren, deren langfristiger Anlagehorizont
und deren Interesse an langfristigen Werttreibern zu einem Fokus auf nachhaltige
Entwicklung passen, soll das Dekarbonisierungspotenzial von Anlageportfolios
untersucht werden. Dafür werden zuerst die regulatorischen Rahmenbedingungen
näher beleuchtet, inwiefern diese überhaupt nachhaltige Investitionen erlauben bzw.
Vgl. Ryan und Schneider (2003), S. 420.
ermöglichen. Dabei ist zu untersuchen, ob die regulatorischen Investitionsrestriktionen
eine Hürde darstellen. Im nächsten Schritt sollen die innerorganisatorischen Probleme
von nachhaltigen Investitionen im Investmentprozess aufgezeigt werden. Der Fokus
soll dabei auf der Betrachtung von Prinzipal-Agenten-Beziehungen liegen, welche aus
dem Investitionsprozess entstehen. Wenn die Rahmenbedingungen geklärt sind muss
untersucht werden welche Strategie das größte Potenzial für die Dekarbonisierung des
Anlageportfolios bietet. Die primäre Strategie soll dabei das Engagement von
Beteiligungnehmern sein. In diesem Zusammenhang müssen zuerst die Faktoren,
Attribute von Investoren und die vorgebrachten Ansprüche daraufhin untersucht
werden, welche die Wirkung von Engagements positiv beeinflussen. Wenn dies
feststeht, sollen diese Faktoren auf Pensionskassen und Engagements im Bereich
Dekarbonisierung übertragen werden, um zu verstehen ob hier Potenzial existiert. Die
theoretischen Erkenntnisse aus dem angelsächsischen Raum sollen anschließend mit
Hilfe einer Fallstudie auf ihre praktische Umsetzbarkeit in Deutschland untersucht
werden. Neben Engagements sollen auch herkömmliche nachhaltige Anlagestrategien
auf ihr Dekarbonisierungspotenzial hin untersucht werden. Dafür wird eine empirische
Portfolioanalyse verwendet, welche die Wirkung der einzelnen Anlagestrategien auf
Portfolioperformance, Portfoliorisikomaße und die CO2-Bilanz des Portfolios ermitteln
soll. Die Arbeit soll so dazu beitragen institutionelle Investoren generell und
Pensionskassen im speziellen zu motivieren sich intensiver mit der Dekarbonisierung
und den sich damit bietenden finanziellen Möglichkeiten zu beschäftigen.
Auswahl der nötigen Anlageklassen und Indizes
für die empirische Portfolioanalyse
Erfassung der Daten aus gängigen
Konzeptionierung des Fragebogens für die
Durchführung der empirischen Portfolioanalyse
mittels gängiger statistischer Software (R oder
Stata)
Übergabe der gebildeten Portfolios an externen
Dienstleister zur Bewertung der CO2-Bilanz
Auswertung der Ergebnisse der empirischen
Auswertung der Ergebnisse des Fragebogens
mittels gängiger statistischer Software
Auswahl der nachhaltigen Anlagestrategien
Wahl der Portfoliooptimierungsmethode im
Rahmen der Strategischen Asset Allokation
Einarbeitung in die Verwendung von BootstrapSimulationen zur Generierung von Daten für die
Einarbeitung in die Berechnung von
Performancemaßen und Shortfallrisikomaßen
für die Portfoliobewertung
Niederschrift der Grundlagenkapitel
Auswertung der CO2-Bewertung der Portfolios
Niederschrift der Empirie
Niederschrift der Fallstudie
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