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Timestamp: 2017-03-27 10:44:34+00:00

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Wenzel Resl - Zur Psychologie der subjektiven Überzeugung [1/2]
R. WahleH. CohnTh. LippsS. MarckP. NatorpB. Varisco WENZEL RESL
Zur Psychologie der subjektiven Überzeugung
"Für objektive Gründe gelten der Logik außer den genannten Fundamentalbegriffen und Axiomen auch alle jene Begriffe und Urteile, die sich aus diesen beiden durch richtige Folgerungen und Syllogismen ableiten lassen. Was sind nun, psychologisch betrachtet, die Grund- oder Fundamentalbegriffe, was Axiome oder Grundsätze? Es sind solche Begriffe und Urteile, deren reale Gültigkeit von Jedermann ohne weiteres als unabweislich anerkannt wird, weil kein Vernünftiger jemals zweifeln kann, daß sie nach Inhalt und Form den wirklichen Objekten und deren Beziehungen zueinander entsprechen."
"In einem öffentlichen Vortrag bringt ein Professor, der bei seinen Schülern als ein vielseitiger Gelehrter gilt, die englischen Worte high church so vor, daß er das Wort high falsch wie hitsch ausspricht. Die der englischen Sprache unkundigen Hörer des Vortrages nehmen die Aussprache in naiv gläubiger Zuversicht als die richtige an und wiederholen so dieselbe. Ein Hörer jedoch, der englisch versteht, dessen Wissen aber infolge seines simplen und unscheinbaren Äußeren den Mitschülern wenig bekannt ist, äußert einige Zeit später gegen dieselben, als sie die Laute wiederholt falsch nachsprechen, high solle nicht hitsch, sondern hei ausgesprochen werden. Aber was geschieht dann? Er findet keinen Glauben, die Aussprache des Professors wird von ihnen als die richtige angesehen und in den Kolloquien beibehalten."
Eine psychische Erscheinung, welche tief eingreift in alle unsere Interessen, ist unstreitig diejenige, die wir mit dem populären Namen "Glauben, Meinen", mit dem mehr wissenschaftlichen "subjektive Überzeugung" bezeichnen. Sie verdient es in hohem Grad, wissenschaftlich untersucht, erklärt und in ihrer Bedeutung für das Seelenleben gewürdigt zu werden. Dies ist aber aus verschiedenen Gründen noch immer nicht in der Art und in dem Umfang geschehen, daß es der Häufigkeit, Mannigfaltigkeit und Wichtigkeit des Phänomens angemessen wäre. Die vorliegende Arbeit soll nun zur Lösung dieser Aufgabe dadurch beitragen, daß von einem exakt-realistischen Standpunkt auf Grundlage der schon anerkannten psychologischen Gesetze die Art und Weise dargelegt wird, wie die subjektive Überzeugung aus der Natur und Wechselwirkung verschiedener Seelenzustände hervorgeht, sich fortbildet und ihrerseits wieder andere Seelentätigkeiten beeinflußt. Möge der Beitrag, das Ergebnis eines unbefangenen Studiums, der Beachtung der Sachverständigen freundlich empfohlen sein.
Die subjektive Überzeugung mit ihren Arten, Glauben und Meinen, ist wie bekannt im Gegensatz zur objektiven, dem Wissen und Erkennen, jenes Fürwahrhalten d. h. Urteilen, welches trotz unzureichender objektiver Gründe dennoch mit der Zuversicht der Gültigkeit stattfindet. Wenn wir demnach die psychologischen Gesetze kennen lernen wollen, nach denen die subjektive Überzeugung entsteht und sich weiterhin betätigt, so haben wir vor allem die psychologische Natur des Urteilens überhaupt, dann aber die desjenigen Urteilens ins Auge zu fassen, welches ohne ausreichende objektive Gründe zuversichtlich vollzogen wird.
Jedes Urteilen ist, psychologisch betrachtet, nichts anderes als eine Art der Apperzeption (1). Die Apperzeption ist jedoch eine Seelentätigkeit, welche bisher nicht in dem Maß zur allseitigen Beleuchtung und Erklärung mancher psychischern Phänomene, darunter namentlich auch des Urteilens und zur Darlegung ihres Zusammenhangs mit anderen verwertet wurde, als es zweckdientlich, ja notwendig ist. Der Vorgang der Apperzeption sollte am zweckmäßigsten an die Spitze der Lehre vom Denken gestellt werden, da ja auch jegliche Begriffsbildung durch fortgesetztes Urteilen zustande kommt (2). Stattdessen wird gewöhnlich die Entstehung der Begriffe von Raum und Zeit, oft die ganze Lehre vom Denken, zuweilen auch die Aufmerksamkeit früher behandelt und so die Apperzeption in den Hintergrund gedrängt, wo sie für die Theorie der Intelligenz nicht mehr nach Gebühr benützt werden kann. Für unseren Zweck ist es nötig, sich die volle Bedeutung der Apperzeption gleich von Anfang an gegenwärtig zu halten.
In der Tat, die Apperzeption bewährt sich, wenn man genauer zusieht, als maßgebend für die meisten Funktionen des höheren Seelenlebens. Sie ist allerdings nur die Zugesellung solcher Seelenzustände zu den neueintretenden Vorstellungen, welche durch die letzteren irgendwie hervorgerufen werden; allein diese Zugesellung und deren Ergebnis gestaltet sich ebenso mannigfach und weitgreifend, als es die Eigentümlichkeiten der neueintretenden Vorstellungskomplexe einerseit, die der hervorgerufenen Seelenzustände andererseits, schließlich deren beider Wirkungs- und Wechselwirkungsmodalitäten dritterseits sein können. In Bezug auf die ersten beiden Faktoren der Apperzeption läßt sich leicht ermitteln, daß sie jeder für sich ebensoweohl als Träger von Gefühls- und Strebungszuständen wie auch ohne solche, man erlaube mir in diesem Sinne den Ausdruck, rein theoretisch auftreten können. Aus der Wechselwirkung können natürlich wiederum als Produkt teils rein theoretische, teils mit neuen Gefühlen und Strebungen verbundene Gebilde hervorgehen. Kombinieren wir nun diese dreimaldrei verschiedenen Möglichkeiten zu ihren 27 Fällen und denken wir zugleich an die vielerlei Arten der Gefühle, Strebungen und theoretischen Seelenzustände, die innerhalb jedes derselben vorkommen können, so eröffnet sich uns eine vielumfassende Perspektive auf die Wirksamkeit der Apperzeption.
Doch, wir wollen vorerst nur deren Tragweite für die Gestaltung des Urteilens als solchen untersuchen. Beim Apperzipieren können sowohl die neueintretenden als auch die von ihnen reproduzierten Vorstellungen vorherrschend als Gruppen oder vorherrschend als Reihen oder gleichmäßig als beides auftreten und in Wechselwirkung kommen. Schon daraus ergibt sich ein wichtiger Unterschied des Urteilens, in dessen Form die Apperzeption sich kundgibt. Im ersten Fall nämlich wird analytisch, in den beiden andern synthetisch geurteilt. Nach den Qualitäten, bzw. Gegensatzgraden und nach den Intensitäten der dabei zusammentreffenden Vorstellungen findet eine mannigfach modifizierte Verteilung der Hemmungssumme und eine demgemäße Assoziation, d. h. Komplikation und Verschmelzung statt und gibt dem Urteil, als welches die Apperzeption auftritt, ein eigentümliches Gepräge. Insofern sich die beim Apperzipieren anfänglich in eine Wechselwirkung getretenen Vorstellungen auch nach ihrer Entfaltung und nach entsprechender Verteilung einer allenfälligen Hemmungssumme bis zum Vollzug der Assoziation über die Grenze des Bewußtseins behaupten, bildet die Apperzeption positive, im Gegenteil aber, wo einer der dabei tätigen Vorstellungskomplexe ganz oder größerenteils in Folge von entfalteten Gegensätzen noch vor dem Abschluß der Assoziation soweit an oder unter die Grenze des Bewußtseins herabgedrückt wird, daß seine Assoziation in einem unterscheidbaren Klarheitsrest unmöglich wird, negative Urteile (3). Dabei ist für unseren Zweck das Bemerkenswerteste der anfänglich, sozusagen, versuchte dann aber mißlingende Anlauf zum positiven, der dem negativen Abschluß der Apperzeption vorangeht.
Es zeigt sich nämlich bei genauerer Untersuchung des Entwicklungsganges der Apperzeptionstätigkeit, daß die Apperzeption überhaupt später sehr häufig da negativ abgeschlossen wird, wo sie anfänglich in ihren ersten Bildungsstadien positive Anläufe genommen hat. Denn, indem anfänglich die Vorstellungsgruppen und Reihen wegen einseitiger, lückenhafter, überhaupt nicht adäquater Auffassung der Objekte durch die Sinne oder wegen einer veränderten Reproduktion gar mancher Bestandteile und Glieder entbehren, die erst später in Folge wiederholter, vielseitigerer Erfahrung und genauerer Reproduktion hinzukommen, erscheinen sie in ihrer ersten rudimentären Gestalt leicht als gegensatzlos verträglich und apperzipieren einander positiv, während sie, durch neue Bestandteile und Glieder bereichert, leicht, vordem ungeahnte, Gegensätze aufweisen und Apperzeptionen mit einem negativen Abschluß verursachen. So greift das Kind (4) anfänglich nach dem Schatten, indem es die Vorstellung vom Schatten durch die vom Körper positiv apperzipiert, hört aber schließlich damit auf, sobald es durch die Vervollständigung beider Vorstellungen zu einem negativen Abschluß der Apperzeption genötigt wird.
Bei der Reihenapperzeption insbesondere kann eine anfänglich zufällige Reihenassoziation der Vorstellungen, die durch ein zufälliges oder zeitweiliges Nach- und Nebeneinander der Vorstellungsobjekte oder durch eine sprachliche Mitteilung veranlaßt wird, sowie eine unbewußt veränderte Reproduktion der Reihen derartige synthetische positive Urteile herbeiführen, welche bei fortgesetzter Beobachtung durch Eintreten gegensätzlicher Glieder statt der bisher geläufigen zu einem negativen Abschluß gelangen. So wird ein Kind, das auf sein Geschrei die Befriedigung irgendeines Verlangens folgen sah, sobald das Verlangen wieder eintritt, das Geschrei abermals erheben und danach auch die Befriedigung erwarten und sich beides so lange in konstanten, d. h. kausalem Zusammenhang vorstellen, bis es durch gegensätzliche Erfolge eines Besseren belehrt sein Urteil negativ abschließt.
Wegen der Natur der Reproduktionsgesetze geschieht es beim Fortgang der Apperzeption seltener, daß nach einem negativen Abschluß derselben das unterdrückte Prädikat infolge von Vervollständigung oder Reihenentwicklung des Subjekts wieder hervorgehoben und über der Grenze des Bewußtseins damit assoziiert, d. h. zu einem positiven Urteil verknüpft wird; viel häufiger dagegen kommt es vor, daß auf das unterdrückte Prädikat nach einer Vervollständigung oder Reihenentwicklung des Subjekts durch ein anderes neureproduziertes ein positiver Ersatz folgt. So schreitet ein Kind, das bei der ersten Wahrnehmung von Schnee, diese neueintretende Vorstellung durch die reproduzierte Vorstellung von der Baumwolle positiv apperzipiert, nach einer weiteren Beobachtung des Wahrgenommenen zu einem negativen Abschluß der Apperzeption, ersetzt aber das zurückgewiesene Prädikat "Baumwolle" aufgrund der Grundlage einer neuen Produktion durch das Prädikat "Wasser" positiv. Es gibt auch genug Fälle, wo Zurückweisung und Ersatz, d. h. Hemmung und Reproduktion, Negation und neue Position nach Maßgabe der Subjektentwicklung mehrmals abwechselnd aufeinander folgen.
Im Zusammenhang mit dieser Art in der Apperzeption steht auch die Erscheinung, daß anfänglich, wo die Erfahrung noch einseitig und auf wenige Fälle beschränkt ist, die aus der apperzeptiven Zusammenfassung oder Assoziation der dadurch gebotenen Komplexionen und Reihen gebildeten Begriffe gar manches als wesentliches, d. h. allen sie bildenden Komplexionen und Reihen eigentümliches Merkmal enthalten und somit auch reproduzieren, was, wenn neue, mehr Gegensätzliches enthaltende Komplexionen und Reihen hinzukommen, bei der Apperzeption des Begriffs als zufälliges, d. h. nur einigen zukommendes Prädikat sich im Bewußtsein positiv behaupten kann. Indem so im ersten Fall die Apperzeption des Begriffs durch das allen seinen Komplexionen und Reihen zukommende Merkmal als ein allgemein positives Urteil vollzogen wird, gestaltet sie sich im zweiten notwendig zu einem partikulären und zwar positiv hinsichtlich der alten, negativ hinsichtlich der neuen Komplexionen und Reihen. Wenn nun auch die allerersten Urteile natürlich individuell sein müssen, so bilden sich doch aus ihnen, wie wir sehen, anfänglich vorherrschend die allgemeinen und bei fortschreitender Erweiterung des Vorstellungskreises erst die partikulären aus. So hält ein Kind, das bis dahin von Niemandem hintergangen wurde, arglos jeden für vertrauenswert, bis es sein Urteil quantitativ einzuschränken genötigt wird.
Weder der negative Abschluß einer Apperzeption, nach dessen nachträglicher Ersatz durch einen positiven, noch die quantitative Einschränkung der Apperzeption zu einer partikulären usw. wird immer mit gleicher Raschheit und Entschiedenheit vollzogen. Es kann ja, während die neueintretende Vorstellung mit der reproduzierten nach Maßgabe der im ersten Moment ihres Zusammentreffens resultierenden Hemmungssumme sich zu assoziieren beginnt, eine Entwicklung oder Vervollständigung der einen oder der andern oder beider, sei es durch die sich an die neueintretende fortgesetzt anschließenden Empfindungen, derartig eintreten, daß die Assoziation auf Grundlage der anfänglichen Hemmungssumme unterbrochen und eine neue mit einer anderen Verteilung der Hemmungssumme unterbrochen und eine neue mit einer anderen Verteilung der Hemmung ins Werk gesetzt wird. Auch diese neue kann jedoch aus denselben Gründen wieder unterbrochen und modifiziert, vielleicht gar abermals z. B. durch rekurrente oder beiderseits evolvierbare Reihen auf die frühere reduziert werden usw. Leicht findet so ein Schwanken zwischen Position und Negation, Allgemeinheit und Partikularität des wiederholt versuchten Urteils statt, ohne zu einem entschiedenen, d. h. zuversichtlichen Abschluß zu führen. Ein solcher gelingt nur da, wo die Apperzeption durch keine weitere Entwicklung und veränderte Hemmung der dabei in Wechselwirkung tretenden Vorstellungen gestört und hintangehalten wird.
Natürlich hat die Entschiedenheit und Zuversicht beim Vollzug der Apperzeption ebensoviele Grade oder Modalitäten, als es Zwischenstufen zwischen notwendiger Stabilität und heftigster Schwankung der Hemmungsverhältnisse während des Assoziationsvorgangs geben kann. Dabei haben wir besonders den Umstand zu beachten, daß im Bewußtsein des Kindes die Apperzeptionstätigkeit auf dem Weg zu ihrer Vervollkommnung anfänglich leichter ungestört verläuft, d. h. in mehr zuversichtlichen Urteilen auftritt, weil bei einem weniger Störungen der Apperzeptionen eintreten können, daß sich jedoch mit dem Umfang der Erfahrung und des Gedächtnisses auch die Zahl der möglichen Störungen steigert, bis es schließlich in vielen Fällen, jedoch nicht in den meisten, wieder gelingt, nach einer den Objekten ganz korrelaten Vervollständigung der Vorstellungen zu einem stabilen Verhältnis der Hemmungsanteile bei ihrer apperzeptiven Assoziation zu gelangen. So vollzieht ein Kind, dem gesagt wird, daß die Weihnachtsgeschenke vom Christuskindlein gebracht werden, ganz zuversichtlich diese synthetische Apperzeption und beharrt auch lange dabei ohne Störung. Sobald es jedoch infolge mehrseitiger Beobachtung und Gedächtnisbereicherung durch gewisse Vorbereitungen, Gänge, Äußerungen der Eltern vor dem Weihnachtsfest gegensätzliche Glieder in die bisher geurteilte Kausalreihe einzufügen veranlaßt wird, entsteht leicht ein Schwanken zwischen gegensätzlichen Prädikaten als apperzipierenden Vorstellungen, indem bald das eine, bald das andere mehr durch die vervollständigte Subjektvorstellung als die apperzipierte hervorgehoben wird, ohne daß ein entschiedenes Übergewicht des einen über das andere einträte. Dies ist der Zustand des Zweifelns, währenddessen das Kind nicht recht weiß, was es von der Sache zu denken hat, und nur als möglich vermutet, was es endlich, nachdem die Vorstellungen dem wirklichen Sachverhalt adäquat geworden sind, entweder als unhaltbar für immer verneint oder als wirklich stabil bejaht.
Was in den bisher betrachteten und vielen ähnlichen Fällen vom Entwicklungsgang der Apperzeption beim Kind gilt, das gilt auf dem Gebiet der sogenannten Vorurteile, der vorgefaßten Meinungen und dgl. von Erwachsenen und auf dem Gebiet des Aberglaubens, der Mythen, Sagen usw. von ganzen Völkern. Man denke z. B. an den Fall, wie lange die Erde für eine dunkle, ruhende Scheibe, dann unbewegliche Kugel galt, bis dieses Prädikat zurückgewiesen und durch das Prädikat "Wandelstern" ersetzt wurde; oder wie lange man glaubte, daß alle Planeten sich innerhalb des Tierkreises bewegen, bis man zur Kenntnis der Asteroiden gelangte; oder wie lange Hexenprozesse stattfanden, um die Angeklagten als vermeintliche Ursachen verschiedener Übel zu verbrennen und dgl.
Damit wären wir schon dem eigentlichen Gegenstand unserer Betrachtung näher gerückt; allein da wir bisher nur die theoretische Seite des Urteilens beachteten, so bleibt auch noch dessen Gestaltung unter dem, wir wollen sagen praktischen Einfluß von Gefühlen und Strebungen im Allgemeinen zu erwägen. Schon durch den neueintretenden Vorstellungskomplex allein kann eine solche Mehrheit von Vorstellungen gleichzeitig gegeben sein, daß unter ihnen wegen etwaiger Gegensätze eine auffällige Spannung sich insofern fühlbar macht, als der Drang zu einer wechselseitigen Hemmung wegen der sich irgendwie erneuernden Kräftigung der Gegensätze andauert oder größer wird. Dieses anfänglich unmerkliche Spannungsgefühl kann sich allmählich so steigern, daß es sich dem Vorstellungskomplex als etwas besonders Auffälliges gleich einem reproduzierten Prädikat apperzeptionsartig anschließt und zugesellt, dem Objekt aber, worauf der Komplex projiziert wird, als eine inhärierende [innewohnende - wp] Eigentümlichkeit, als "ästhetisches Prädikat" (5) zugeschrieben und auch sprachlich als solches bezeichnet wird. Ähnliches findet statt, wenn innerhalb des neueintretenden Vorstellungskomplexes ein auffälliges Forderungs gefühl gegeben ist. Jenes geschieht z. B. wenn wir eine Übeltat "häßlich, schändlich" finden, dieses, wenn uns eine Wohltat als "schön, edel" gefällt. Ein solches Apperzipieren oder Urteilen wird mit Recht das ästhetische genannt.
Indessen, dieses ästhetische Urteilen mit seiner vollständigen Evidenz interessiert uns hier, wo wir es mit der Erklärung der subjektiven Überzeugung zu tun habenm weniger in seinem Vollzug als
1. in der Entstehung seines jeweiligen Substrats oder Subjekts, nämlich de neueintretenden und durch das ästhetische Prädikat apperzipierten Vorstellungskomplexes,
2. in dem weiteren über den Vollzug des Urteils hinausgehenden Ergebnis der auffälligen Spannung oder Förderung innerhalb jenes Substrates. Und da finden wir, was den ersten Punkt betrifft, bei einiger Überlegung, daß jenes Substrat unter anderem auch das Resultat vollzogener theoretischer Apperzeption in den verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung sein kann und in sehr vielen Fällen auch wirklich ist.
So erscheinen uns gar manche Taten und Charakterzüge der heidnischen Götter in evidenter Weise schändlich, andere achtenswert, das Subjekt aber zum ästhetischen Prädikat unseres Mißbilligungs- oder Billigungsurteils bilden nur solche Vorstellungskomplexe, die aus einer eigentümlichen Phase der Apperzeptionstätigkeit heidnischer Völker hervorgegangen sind. Daß dieser Zusammenhang des theoretischen Urteilens mit dem ästhetischen nicht ohne wichtige Konsequenzen bleibt, ist leicht zu merken. Wir wollen dieselben in dem unter 2. erwähnten, über den Vollzug des ästhetischen Urteils hinausgehenden Ergebnis der auffälligen Spannung oder Förderung innerhalb der Subjektsvorstellung vorläufig nur insoweit verfolgen, wie es zur allgemeinen Charakteristik des Urteilens als einer Art der Apperzeption nötig ist.
Mit der Auffälligkeit der Spannung, d. h. der andauernden Hemmung innerhalb des neueintretenden Vorstellungskomplexes ist notwendig auch ein zeitweiliges Sinken des ganzen Komplexes insofern verbunden, als die Erneuerung einer Kräftigung der sich darin hemmenden Gegensätze zeitweise nachläßt und dieselben unterdessen gleichsam ungestört bleiben im Geschäft der Verteilung und Realisierung ihrer Hemmungssumme. Das Nachlassen dieser Erneuerung tritt, wenn der ganze Komplex aus Reproduktionen besteht, sehr leicht nach Erschöpfung der Hilfen ein; besteht er aber teilweise und zwar gerade in der ihn erneuernd kräftigenden Partie aus Empfindungen, so bleibt die Erneuerung sicher aus, wenn entweder infolge erschöpfter Empfänglichkeit oder infolge verringerter äußerer Reizung die Intensität der betreffenden Empfindungen abnimt und die Aufmerksamkeit durch die Auffälligkeit der Spannung mehr nach Innen zu abgelenkt wird, d. h. wie ein beliebter Ausdruck lautet, wenn sich anstelle der Rezeptivität die Reflexion und Spontaneität der Seelentätigkeit einfindet. Das während solcher Pausen in der Kräftigung der Gegensätze eintretende Sinken des ganzen ästhetischen Subjekts wird desto mehr als solches auffallen, je länger die Kräftigungspausen dauern, je öfter sie nach erneuerter Kräftigung der Gegensätze wiederkehren, je größer die zu realisierende Hemmungssumme ist und in je höherem Grad dadurch anderweitige, bisher unterdrückte und zum ganzen ästhetischen Subjekt oder zu gewissen Partien desselben gegensätzliche Vorstellungen frei werden, um sich über die Grenze des Bewußtseins zu heben. Ein solches auffälliges Sinken gegen Gegensätze ist aber ein Streben, und zwar ein an das Subjekt eines jeden ästhetischen Mißbilligungsurteils notwendig gebundenes, darin gleichsam fixiertes Verwerfen, das wir wegen seiner konstanten objektiven Natur am passendsten ein "ästhetisches Postulat" oder eine "ästhetische Forderung" nennen. Weil es jedoch eben als ein so konstant an das betreffende Subjekt gebundenes auffällt und sich demselben so zugesellt, so schließt es sich auch demselben wie ein reproduziertes Prädikat als etwas Besonderes apperzeptionsartig an und wird dem Objekt, worauf der ganze Vorstellungskomplex projiziert wird, als verwerfliche Eigentümlichkeit als ein, ich finde kein besseres Wort dafür: postulatives Prädikat oder Merkmal zugeschrieben und sprachlich als solches eigens bezeichnet, z. B. "sollte nicht sein" oder "soll nicht, darf nicht sein" und dgl.
Damit braucht jedoch diese Art der Apperzeption nicht abgeschlossen zu bleiben. Es kann vielmehr bei einem solchen Urteilen, das ich das postulative nennen will, das Subjekt, indem es trotz seines zweitweisen auffälligen Sinkens infolge erneuerter Kräftigung im Bewußtsein verweilt, leicht Reproduktionen solcher Vorstellungen veranlassen, welche in dem Grad die Spannung innerhalb des Subjekts vermindern, wie sie selbst erstarken, bis sie schließlich bei gehörig gesteigerter Intensität dieselbe ganz zu beseitigen imstande sind: Diese Verminderung und Beseitigung der Spannung kann natürlich nur durch eine teilweise oder gänzliche Hemmung und entsprechenden Ersatz jener Bestandteile und Glieder des Subjekts-Vorstellungskomplexes erwirkt werden, welche sich in Spannung versetzen, insbesondere derjenigen unter ihnen, welche weniger nachhaltig erneuert werden und darum ihrer Hemmung einen geringeren Widerstand entgegensetzen. Bei diesem Vorgang der Spannungsbeseitigung werden sich besonders Reihenproduktionen wirksam zeigen, weil bei ihnen, namentlich bei den einseitig evolvierbaren, das Steigen der nachfolgenden Glieder mit einem Sinken der vorangehenden verbunden zu sein pflegt. Überhaupt werden die dafür wirksamen Vorstellungen nur bestimmte und zwar solche sein können, die durch das Subjekt des postulativen Urteils reproduzierbar sind und dessen spannende Bestandteile hemmen und ersetzen können. Sobald sie aber einmal reproduziert eintreten und die Spannung nach Maßgabe ihres Steigens zu lösen beginnen, wird ihr Steigen ebenso konstant auffallen, wie dessen Kehrseite, das Sinken des Subjekts im Allgemeinen oder mancher seiner Bestandteile im Besonderen auffiel, d. h. es wird ein neues postulative Prädikat zu demselben Subjekt, diesmal jedoch positiv hinzugefügt in der Form des Urteils: "Es sollte so und so sein." So wird bei der Wahrnehmung eines Streites infolge der Spannung zwischen den Bestandteilen der Streitvorstellung das verneinende postulative Urteil gefällt: "Man sollte nicht streiten", und nachdem durch die Vorstellung von den dabei tätigen Personen anderweitige, für die Lösung der Spannung geeignete Willensreihen reproduziert wurden, auf Grundlage von deren konstantem Steigen ein neues postulatives Urteil bejahend vollzogen: "Man sollte sich friedlich verständigen."
Es kann jedoch das Subjekt dieses neuen positiven Postulat-Urteils nach seiner weiteren Entfaltung und Vervollständigung auch der Sitz einer neuen Spannung und somit auch einer neuen negativen Forderung werden und diese wieder zu einer weiteren positiven führen usw. gerade so, wie wir oben beim theoretischen Urteilen einen fortschreitenden Wechsel von Negation und Position möglich fanden (6). SO kann das zuletzt als Beispiel angeführte postulative Urteil: "Man sollte sich friedlich verständigen", zu folgenden weiteren führen: "doch darf keine Partei beim Ausgleich unbillig verfahren, vielmehr möglichst gleichmäßig Lasten und Vorteile teilen, jedoch sollen dabei die Rechte eines Dritten nicht verletzt, im Gegenteil, sie sollen sichergestellt werden" usw.
Die Analyse des postulativen Urteilens läßt uns einsehen, daß es gleichsam ein Korollar [Zugabe - wp] des ästhetischen Mißbilligungsurteils ist, und zwar ein primäres, wenn es verneinend, ein sekundäres, wenn es bejahend ausfällt. Dieses gilt auch allgemein. Denn aus dem ästhetischen Billigungsurteil an und für sich kann darum kein postulatives hervorgehen, weil sich das ästhetische Billigungsurteil auf ein Forderungsgefühl gründet, welches in seinem Wesen (7) der Befriedigung einer Strebung gleichkommt, ein jedes Streben aber mit seiner Befriedigung aufhört, ein solches zu sein und als solches aufzufallen und somit das im Subjekt des Billigungsurteils befriedigt für sich allein den Hinzutritt eines postulativen Prädikats nicht mehr verlassen kann. Ich sage für sich allein; denn es kann dies allerdings in dem Fall, wenn es durch Gegensätze gehemmt wird, die für dasselbe zugleich Hilfen sind, so daß es als sekundäres Postulat zur Spannungsbeseitigung auftritt, wie z. B. wenn wir in einem bestimmten Fall ein liebevolles Betrachten mit einem lieblosen vergleichend uns zum liebevollen innerlich aufgefordert, d. h. verpflichtet fühlen.
Insofern aus dem ästhetischen Urteilen das postulative hervorgeht, dieses letztere aber wegen der ihm zugrunde liegenden fixierten Strebungen notwendig zu Willenstätigkeiten führt, nennen wir das ästhetische und postulative Urteilen zusammen im Gegensatz zum theoretischen mit Recht das praktische. Erinnern wir uns schließlich, daß die Subjektsvorstelungen wie bei den ästhetischen so natürlich auch bei den postulativen Urteilen das Resultat verschiedener Phasen der theoretischen Apperzeptionsentwicklung sein können, so wird uns klar, wie innig das theoretische Urteilen mit dem praktischen zusammenhängt und wie sehr dieses letztere von jenem beeinflußt wird.
Wir haben aus unserer bisherigen Betrachtung der psychologischen Natur des Urteilens wohl zur Genüge erkannt, daß dasselbe überhaupt, egal ob analytisch oder synthetisch, positiv oder negativ, allgemein oder partikulär, zuversichtlich oder zweifelhaft, theoretisch oder praktisch, ein in verschiedenen Stadien der Entwicklung begriffenes Apperzipieren ist. Wir wollen nun auf Grundlage des so erkannten weiter untersuchen, worin das Wesen der subjektiven Überzeugung als desjenigen Urteilens besteht, das ohne ausreichende objektive Gründe zuversichtlich vollzogen wird.
Damit uns dies besser gelingt, wird es nötig sein, zuerst dasjenige psychologisch genauer zu erörtern, was die Logik unter ausreichenden objektiven Gründen versteht. Denn, haben wir dies einmal erkannt, so wird alles Übrige, was sonst noch ein zuversichtliches Urteilen bewirkt, von selbst als zu den subjektiven Gründen gehörig erscheinen.
Für objektive Gründe gelten der Logik außer den genannten Fundamentalbegriffen und Axiomen auch alle jene Begriffe und Urteile, die sich aus diesen beiden durch richtige Folgerungen und Syllogismen ableiten lassen. Als ausreichend erkennt sie die Logik nur dann an, wenn das zu vollziehende Urteil aus ihnen als seinen Prämissen vollständig nach seiner Quantität, Qualität, Relation und Modalität sich in richtiger Weise ergibt.
Was sind nun, psychologisch betrachtet, die Grund- oder Fundamentalbegriffe, was Axiome oder Grundsätze? Es sind solche Begriffe und Urteile, deren reale Gültigkeit von Jedermann ohne weiteres als unabweislich anerkannt wird, weil kein Vernünftiger jemals zweifeln kann, daß sie nach Inhalt und Form den wirklichen Objekten und deren Beziehungen zueinander entsprechen. Unter welchen Umständen sich beim Apperzipieren der Zweifel, d. h. ein Schwanken zwischen gegensätzlichen Prädikaten einfindet, wurde schon oben gezeigt. Daraus ergab sich, daß dieses Schwanken erst dann vollkommen und für immer aufhört und in ein unterschütterlich stabiles Hemmungsverhältnis der Vorstellungen bei ihrer apperzeptiven Assoziation übergeht, wenn diese Vorstellungen in einer normalen und den Objekten ganz adäquaten, d. h. allseitig korrelaten Weise vervollständigt wurden, so daß keine weiteren Erfahrungen ihr Wesen zu ändern imstande sind. Von einer solchen Beschaffenheit müssen eben auch die Grundbegriffe und Axiome sein, damit die darauf gegründeten Apperzeptionen mit absolut stabiler und stets unerschütterlicher Zuversicht vollzogen werden können. Und darum heißt auch diese absolut stabile Zuversicht, mit welcher die darauf gegründeten Apperzeptionen vollzogen, d. h. Urteile gefällt werden, die objektive Überzeugung, weil sie ebenso unerschütterlich ist, wie das Wesen der Objekte selbst. Gegründet aber werden die Apperzeptionen auf Grundbegriffe und Axiome teils unmittelbar oder einstufig als logisch normale Folgerungen, teils mittelbar, so daß sie zwei- oder mehrstufig als korrekte Syllogismen in einem Zusammenhang auftreten, bei welchem die Schlußsätze als resultierende Apperzeptionsstufen aus den Vordersätzen (Prämissen) als grundlegenden Apperzeptionsstufen sich notwendig ergeben.
Damit jedoch diese mehrfachen und zusammenhängenden Apperzeptionsstufen logisch richtig verlaufen, und die als letzte Apperzeptionsstufen daraus resultierenden Schlußurteile vollkommene Stabilität und somit objektive Gültigkeit erlangen, ist es nötig, daß sie in letzter Instanz wirklich nur Grundbegriffe und Axiome zu Prämissen haben und nur aus deren gedächtnismäßig unverändertem Vorstellen und dessen Wechselwirkung mit Ausschluß aller ihnen fremdartigen psychologischen Einflüsse, z. B. Einbildungen, Gefühle, Strebungen und dgl. hervorgehen. Eine solche Gestaltung des Apperzipierens d. h. Denkens ist jedoch wie die Ausbildung der Grundbegriffe und Axiome selbst ein logisches Ideal, das der Mensch nur auf einem verhältnismäßig beschränkten Gebiet seines Geisteslebens erreicht, während er sich demselben in dem viel zahlreicheren übrigen Vorstellen bloß mehr oder weniger nähert. Denn, wenn auch die menschliche Wissenschaft in den letzten Jahrhunderten großartige Dimensionen angenommen hat, so ist doch "die Summe des bloß Wahrscheinlichen in unserer Erkenntnis ohne Vergleich größer als die des Gewissens" (8). Ursache dessen ist hauptsächlich die Beschränktheit menschlicher Erfahrungen nach Raum, Zeit und den Beobachtungsmitteln, nebenbei aber auch noch die mannigfache Beeinflussung unserer Apperzeptionen durch anderweitige Seelenzustände.
Trotz allem aber fühlt sich jeder denkende und gewissenhafte Mensch unwiderstehlich angetrieben und unabweislich verpflichtet, diesem Ideal zuzustreben und nicht nur die Sphäre seiner Erfahrungen zu erweitern, Die Beobachtungsmittel zu vermehren und zu vervollkommnen, sondern auch seine Gedanken vom Einfluß fremdartiger Seelenzustände "frei zu machen. Angetrieben fühlt er sich dazu, weil der Zweifel als ein Schwanken zwischen gegensätzlichen Prädikaten von einer Spannung zwischen diesen letzteren, d. h. von einem unangenehmen intellektuellen Gefühl begleitet, zum auffälligen Sinken des Ganzen in den Apperzeptionsvorgang verflochtenen Vorstellungskomplexes, d. h. zu einem Streben führt, welches, wenn die Subjektsvorstellung sich immer weiter erneuert, nur dadurch vollständig und für immer befriedigt werden kann, daß durch erfolgreiche und den Objekten adäquate Forschung einem der gegensätzlichen Prädikate ein entschiedenes Übergewicht über die anderen verschafft und so der Zweifel gelöst und eine stabile Hemmungsverteilung und Assoziation in der Form eines objektiv gültigen Urteils erreicht wird. Verpflichtet aber fühlt er sich dazu, weil eine objektiv nicht ausreichend begründete und somit der Schwankung leicht unterliegende Apperzeption, wie wir später noch genauer erwägen wollen, die Willenstätigkeit vielfältig teils hintanhält, teils beeirrt und erfolglos macht, in jedem dieser Fälle sie daher unvollkommen gestaltet, das Unvollkommene aber neben dem Vorbild des Vollkommeneren notwendig mißfällt und verworfen wird. Dieser unwiderstehlich Antrieb, diese unabweislich Verpflichtung zur Anstrebung des Ideals der vollen objektiven Überzeugung bei unserer Apperzeptionstätigkeit, d. h. des Wissens und Erkennens, ist einer der Haupthebel des Fortschritts nicht nur auf dem Gebiet der Wissenschaft, sondern auch sonst überall im Leben, und wir haben hier allen Grund, darauf fortan zu achten, um einen praktischen Maßstab für den Wert der subjektiven Überzeugung als jenes Apperzipierens zu haben, welches zwar auch entschieden und ohne Schwanken, d. h. zuversichtlich vollzogen wird, dabei jedoch der eben betrachteten ausreichenden objektiven Gründe mehr oder weniger ermangelt.
Um nun den psychologischen Ursprung der subjektiven Überzeugung darzulegen, wollen wir erstens die Ursachen des Mangels an ausreichenden objektiven Gründen noch einzeln erörtern und dann den Quellen nachgehen, aus denen zur Herstellung der Zuversicht beim Urteilen ein Ersatz für diesen Mangel zu entspringen pflegt.
Wir haben kurz vorher gesehen, daß Grundbegriffe und Axiome und alle darauf beruhenden als objektive Gründe auftretenden Gedanken nur aus der normalen Wechselwirkung solcher Vorstellungen hervorgehen können, welche den Objekten vollständig korrelat sind. Allein eine so vollständig den Objekten korrelate Beschaffenheit der Vorstellungen ist in vielen Fällen nur nach langer Zeit und nach Beobachtung großer Räume, in noch mehreren Fällen aber gar nicht erreichbar, weil die Raum- und Zeitdistanzen, in denen die Objekte (das Wort in weitester Bedeutung genommen) vorkommen, für den Menschen als ein räumlich und zeitlich beschränktes Wesen zu groß sind. Man denke an die Bewegung und Lebensgestaltung der Himmelskörper. Dazu kommt, daß manche Objekte als Phänomene rasch und selten oder nur einmal auftreten und die zu ihrer Zeit unvollständig gebliebene Beobachtung durch nichts ergänzt werden kann, wie dies z. B. bei vielen geschichtlichen Tatsachen der Fall ist. Doch selbst bei Objekten, die wiederholt und nahe und lange beobachtet werden können, gehen Kinder und die in der Kindheitsperiode der Bildung stehenden Menschen und Völker nur insoweit an die Beobachtung, als sie dazu durch die zufällig sich darbietenden äußeren Reize oder durch die jeweiligen Bedürfnisse veranlaßt werden. Von einer mit Absicht auf allseitige Vollständigkeit ausgehenden Untersuchung kann da noch keine Rede sein. Diese ist erst bei einer hochgebildeten, den Wert der objektiven Überzeugung anerkennenden Intelligenz üblich. Dazu kommt noch, daß anfänglich auch oft die geeigneten äußeren Mittel fehlen, um eine Beobachtung anzustellen. Wir brauchen nur an den großen Unterschied zwischen den Beobachtungsmitteln der Alten auf dem Gebiet der Astronomie, Meteorologie, Geologie usw. und denen unserer Zeitgenossen zu erinnern, um es erklärlich zu machen, warum so lange für viele der einschlägigen Urteile die den Objekten ganz korrelaten Vorstellungen und somit die ausreichenden objektiven Gründe mangelten.
Neben der inhaltlichen Mangelhaftigkeit der anfänglichen Vorstellungen, insofern sie Gruppen bilden, ist bei den reihenweisen Verbindungen derselben noch jene nicht minder wichtige formelle Unangemessenheit zu unterscheiden, derzufolge die Gliederstellung, die Gliederanzahl, die Verwebung und der Ablaufsrythmus der Reihen sich nur allmählich den objektiven Verhältnissen adäquat gestaltet, oder immer bloß nähert. Man denke an den Kausalnexus, wie sich ihn der Zauberglaube denkt, oder an den Unterschied in der subjektiven Raummessung des Kindes und des Mannes oder an die verschiedene subjektive Messung desselben Zeitraums durch einen Gelangweilten oder durch einen Interessierten.
Doch selbst dann, wenn die ursprüngliche Auffassung der Objekte durch Vorstellungsgruppen und Reihen eine allseitige und adäquate war, geschieht es oft, daß die ursprünglich den Objekten ganz korrelaten Vorstellungen verändert nach Zusammensetzung und Reihenfolge reproduziert werden und hiermit ihre den Objekten adäquate Natur und die Fähigkeit verlieren, objektive Gründe durch ihre apperzeptive Wechselwirkung unter sich und mit anderen Vorstellungen heranzubilden. Diese veränderte Reproduktion findet als sogenannte abstrahierende, determinierende oder kombinierende Einbildungskraft, wie bekannt, aus verschiedenen Ursachen statt. Wir wollen von denselben nur als die wichtigsten erwähnen die zu große Ungleichheit und zu lose Verbindung der Klarheitsreste bei der ursprünglichen Assoziation der Seelenzustände, und die unwillkürliche Mitreproduktion ursprünglich unzugehöriger Vorstellungen. Schon die erwähnten genügen, um uns erkennen zu lassen, daß sich in der Kindheitsperiode der Apperzeptionsbildung der Einfluß der Einbildungskraft auf die Apperzeption am häufigsten und umfassendsten geltend machen muß. Denn, da in der Kindheit der Menschen und Völker nur insoweit zur Beobachtung geschritten wird, als sich dazu durch zufällige äußere Reize oder durch die jeweiligen Bedürfnisse der Anlaß bietet, so sind nicht nur inhaltliche und formelle Mängel der Vorstellungsgruppen und Reihen sondern auch zu große Klarheitsunterschiede bei deren Bestandteilen und Gliedern die Folge. Diese quantitativen Unterschiede unter den ursprünglich assoziierten Klarheitsresten der Vorstellungen sind übrigens bei jugendlich ungebildeten Beobachtern nicht bloß darum größer, weil die Beobachtungsweise eine zu ungleich und zufällige ist, sondern auch deshalb, weil bei ihnen die hemmenden und fördernden Wechselwirkungsweisen der Seelenzustände, wie sie sich im Ton der Empfindungen und in der Qualität der Gefühle kundgeben, wegen der noch zu fragmentarischen Assoziation und Verwerbung der Vorstellungen heftiger und effektvoller verlaufen und greller abwechseln, so daß das Unangenehme und Häßliche noch geringere, das Angenehme und Schöne noch größere Klarheitsreste für die Erinnerung zurückläßt, als dies ohnehin selbst bei Erwachsenen und Gebildeten zu geschehen pflegt. Ein Beleg dafür ist die Tatsache, daß von Einzelnen wie von Völkern ihre jugendliche Vergangenheit so leicht idealisiert wird, wie ja uns allen das räumlich und zeitlich Entfernte so gern in einem verklärten Licht erscheint. Ferner werden die so sich bildenden Klarheitsunterschiede um so größer, je variabler nach Naturell, Temperament und dgl. die Erregbarkeit der Beobachter ist, und je greller, wie z. B. in Tropen-, Polar- und Alpenländern die Reizgröße wechselt. Zu den verursachten Klarheitsunterschieden der assoziierten Vorstellungen gesellt sich in der Kindheitsperiode der Bildung noch häufig eine zu große Flüchtigkeit der Auffassung, die teils durch die Raschheit und Seltenheit der beobachteten Phänomene, wie sie wiederum den genannten Klimaten und Ländern mehr eigen ist, teils durch das unstete Wesen der Kinder und kindlichen Naturen hervorgebracht, nur eine sehr lose Assoziation der Vorstellungen ermöglicht. Das alles bewirkt, daß bei der Reproduktin von Gruppen und Reihen, selbst wenn sie ursprünglich nach Inhalt und Form den Objekten vollständig adäquat waren, die verhältnismäßig zu schwach und zu lose assoziierten Bestandteile und Glieder unter der Grenze des Bewußtseins bleiben, während Unzugehöriges nach dem Gesetz der Ähnlichkeit, der Isomorphie [Gleichgestaltigkeit - wp] und dgl. umso leichter unwillkürlich mitreproduziert sich anschließt, je fragmentarischer und unbestimmter sich die über die Grenze reproduzierten Vorstellungen gestalten.
Das Verlorene können die so verändert reproduzierten Vorstellungen nur dann wieder gewonnen, wenn durch eine erneuerte allseitige Beobachtung eine innigere und in mehr gleichen Klarheitsresten vor sich gehende Assoziation bewirkt wird. Dies ist aber bei einmaligen und rasch vorübergehenden Phänomenen, deren es gar viele gibt, unmöglich, bei seltenen und kurz dauernden mannigfach erschwert.
Fassen wir diese Ursachen des Mangels an ausreichenden objektiven Gründen kurz zusammen, so finden wir sie
1. in der räumlichen, 2. in der zeitlichen Beschränktheit, 3. in der zufälligen Unvollständigkeit, 4. in den unvollkommenen Mitteln der Beobachtung; 5. in der unangemessenen Reihenbildung, 6. in der veränderten Reproduktion der Vorstellungen. Wo immer objektiv unhaltbare Urteile in naiver Zuversicht gefällt werden, sind sie durch eine oder mehrere dieser Ursachen oder auch durch alle zusammen herbeigeführt. Wenn ein Kind sein Spiegelbild hinter dem Spiegel sucht; wenn es seinen Spielball wie eine Kartoffel pflanzt, um mehrere Spielbälle daraus wachsen zu lassen; wenn es die Mondsichel für ein Vanille-Kipferl ansieht; wenn es einen Kürbis für belebt hält oder den Stuhl züchtigt; wenn es lebhaft Geträumtes mit wachend Vorgestelltem konfundiert [vermengt - wp]: so finden wir es nach dem Gesagten natürlich, aber nicht minder natürlich ging es aus den angeführten Ursachen hervor, wenn ein ganzer Volksstamm in einer gewissen Periode seiner Apperzeptionsbildung dafürhielt, daß ein Gebirge den Himmel stützt oder bis in denselben emporragt; wenn er wähnte, daß aus gesäten Drachenzähnen oder rücklings geworfenen Steinen Menschen hervorwachsen, wenn ganzen Völkern Sonne, Mond und vieles andere belebt schien, wenn für sie bloß Geträumtes zeitweise gleiche Geltung hatte mit Wirklichem (9); oder wenn eine religiös lebhaft erregte, sonst jedoch minder gebildete Generation bloß Prophezeites mit wirklich Geschehenem unbewußt vermengt (10).
In vielen Fällen sind die Ursachen des Mangels an zureichenden objektiven Gründen allerdings nur zeitweilig und können durch fortgesetzte, vervollkommnete und vervielfältigte Beobachtung ersetzt werden; in noch mehreren aber sind sie, wie gesagt, konstant und entweder gar nicht oder nur schwer zu entfernen. Wo HOMER geboren, wie ROMULUS gestorben war, wer wird es je entscheiden können? Ob der Planet Mars bewoht, ob der Nordpol von einem offenen Meer bedeckt ist, wann wird man es wissen?
Trotz dieses natürlichen und häufig nur schwer oder nie zu behebenden Mangels an ausreichenden objektiven Gründen sehen wir doch sowohl im geschichtlich überlieferten geistigen Leben der Vergangenheit als auch in dem der Gegenwart zahlreiche und mannigfache Urteile mit einer Zuversicht gefällt, d. h. Apperzeptionen mit einer Entschiedenheit vollzogen, die entweder von allem Zweifel frei ist, oder dem Andringen desselben mit einer solchen Zähigkeit und Energie widersteht, daß sie unsere Verwunderung, in manchen Fällen unser gerechtes Erstaunen erregt. Woher nun diese offenbar nur subjektive Zuversicht und Entschiedenheit des Apperzipierens?
Wir haben schon oben bei der psychologischen Betrachtung der Modalität der Urteile darauf hingewiesen, daß im Bewußtsein des Kindes und der in der Kindheitsperiode der Bildung stehenden Menschen und Völker die Apperzeptionstätigkeit anfänglich leichter ungestört verläuft, d. h. in mehr zuversichtlichen Urteilen auftritt, weil bei dem beschränkteren Kreis der Empfindungen und Reproduktionen weniger Störungen durch neue Gegensätze eintreten können. Gesetzt nun, der eine oder der andere oder beide der während der Apperzeption in Wechselwirkung tretenden Vorstellungskomplexe haben etwas zum Gegenstand, das nur selten oder schwer oder nie weiter unmittelbar wahrgenommen werden kann; so wird natürlich jeder der apperzeptiv assoziierten Vorstellungskomplexe jedesmal und so lange ohne Störung d. h. entschieden und ohne Zweifel an den anderen irgendwie reproduzierten sich apperzeptiv anschließen, solange keine neue Beobachtung eintritt, die irgendwelche neue Gegensätze einzuführen und somit eine abweichende Verteilung der Hemmungssumme unter diesen Vorstellungen zu veranlassen geeignet ist. Dies ist die naive, zweifellose Zuversicht des Urteilens infolge der Beschränktheit des Vorstellungskreises. Ein tatsächliches Beispiel möge den Vorgang veranschaulichen. Dem Verfasser wurde in seinem Knabenalter einmal auf die dunklen Stellen der Mondscheibe hingewiesen und gesagt, dort befinde sich der heilige König DAVID und spiele zum Lob Gottes die Harfe. Der Knabe hatte nur sehr unvollständige Vorstellungen von beiderlei Objekten und somit keinen Grund, beim Vollzug dieser Apperzeption zu schwanken; er machte das Urteil zu seinigem mit der naiven Zuversicht des Kindes und wiederholte es bei jedem neuen Anblick der Mondscheibe ohne alle Ahnung, daß es anders sein könnte, bis dieses Urteil einer besseren Einsicht wich.
Diese anfängliche, naive Zuversicht infolge des Mangels an störenden neuen Gegensätzen finden wir wohl nach dem Gesagten begreiflich, man nun die ursprüngliche Apperzeption durch eine eigene unvollständige Beobachtung oder durch die traditionielle Mitteilung einer fremden ebenso gearteten veranlaßt sein. Sie ist so leicht und allgemein begreiflich, daß wir beinahe überall da, wo man subjektive Überzeugungen, d. h. die Zuversicht in objektiv nicht ausreichend begründete Apperzeptionen ungestört erhalten will, eine Absperrung der Vorstellenden gegen das Andringen gegensätzlicher Prädikate, das sich aus einer Erweiterung des Vorstellungskreises ergeben könnte, vornehmen und sorgfältig behüten läßt. Exempla sunt odiosa. [Tatsachen brauchen keine Beispiele. - wp] Freilich verraten dabei die absperrenden Erzieher ihr eigenes Mißtrauen gegen die Haltbarkeit dieser Zuversicht, denn "wer immer Furcht hat vor der Emanzipation des Gedankens, der hat kein Vertrauen zur Wahrheit seines Bekenntnisses". Das Mittel ist jedoch als solches zweckmäßig, wenn auch nach unserem oben schon erkannten Ideal der objektiven Überzeugung dem Trieb nach Wissen hinderlich, wenig nachhaltig und sittlich verwerflich.
Was uns jedoch hier noch viel mehr interessiert als die nie gestörte naive Zuversicht des Urteilens, ist jenes mehr oder weniger energische Widerstreben und Sichbehaupten der ein- oder mehrmal ungestört vollzogenen und so angewöhnten Apperzeption gegen eine endlich bei fortschreitender Bereicherung des Vorstellungskreises andringende Störung durch neuhinzutretende Gegensätze, das wir die überlegte Zuversicht nennen wollen. Die Gründe dieses Widerstrebens, die das einmal gefaßte oder gewohnte Vor urteil sehr häufig wunderbar zäh und siegreich gegen störende Korrektive machen, haben wir nun als weitere Quellen der subjektiven, aber nicht mehr naiven sondern überlegten Zuversicht beim Urteilen genauer zu untersuchen.
Daß sie mannigfach und oft sehr wirksam sein müssen, können wir nach der Menge und Verschiedenheit der einschlägigen Tatsachen vermuten. In der Tat, all das, was, ohne zu den objektiven Gründen zu gehören, die Energie der Reproduktion und die Steigerung der Intensität des naiv zugeeigneten Prädikats fördern, alles, was dagegen den gegensätzlichen neuen Prädikaten in dieser Hinsicht Abbruch tun kann, muß als befähigt angesehen werden, den Fortbestand der Apperzeptionszuversicht auch nach dem Übergang aus dem Zustand der Naivität in den der Überlegtheit trotz der sich anbietenden Gegensätze und trotz der fortdauernden Unzulänglichkeit der objektiven Gründe zu verursachen.
Die Energie der Reproduktion wächst, wie bekannt, nicht nur mit der Stärke und Menge der Hilfen sondern auch mit der Innigkeit der Assoziation, wobei letztere wieder durch die Zeitdauer des Zusammen, bzw. durch die Häufigkeit der Wiederholung dieses Zusammen der Vorstellungen erhöht wird. Darin besteht die Macht der Gewohnheit. Durch die mechanische Angewöhnung d. h. Wiederholung und die daraus entspringende Raschheit der Reproduktion und Menge der Hilfen gewinnt das naiv angeeignete Prädikat einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung vor seinen Gegnern beim Anschluß an das betreffende Subjekt. Derselbe wächst mit der Dauer der Angewöhnung und mit der Zahl der Stärke der dadurch angesammelten Hilfen. Ungebildete Landleute pflegen, wenn ihnen eine neue Bewirtschaftungsweise als die bessere anempfohlen wird, einfach die Äußerung entgegenzustellen: "Die Väter, die Großväter usw. machten es so, wir bleiben beim Alten." In vielen anderen Fällen geschieht Ähnliches, z. B. bei manchen Anstandsregeln, Sitten, Gebräuchen verschiedener Völker und dgl.
Bei denjenigen Apperzeptionen, die infolge der Mitteilung als Urteile nachgebildet werden, ist von großem Einfluß auf die nachhaltige Energie oder Zuversicht ihres Vollzugs, d. h. auf die Höhe, Raschheit und Häufigkeit der Hebung und auf die Innigkeit der Assoziation von Subjekt und Prädikat auch die Gesamtheit jener Urteile, mit denen reihenförmig verbunden und verwebt das fraglich werdende Urteil mitgeteilt wurde. Je mehr objektiv vollgültige Urteile nämlich in dieser damit verwobenen Gesamtheit vorkommen und bei jeder Probe ihre Stabilität siegreich behaupten, ein desto durchgreifenderes System stabiler Hilfen, erfüllter und erfüllbarer Erwartungen von stabilen Vorstellungsverbindungen bilden sie und lassen demgemäß desto zuversichtlicher auch im fraglichen Fall ein vollgültiges Urteil erwarten, d. h. in seinem Vollzug rasch und in gleicher Zeit zu höherer Intensität die Vorstellungen ansteigen, öfter wiederkehren und sich inniger verbinden, wie etwa ein System gleichmäßig erfolgender Taktschläge einen neuen zeitgemäßen und gleichgestaltigen Taktschlag uns sicher erwarten und mitbewirken macht. Das Prädikat eines unter solchen Verhältnissen aufgenommenen und wiederholt nachgebildeten Urteils leistet dann natürlich neueintretenden gegensätzlichen Konkurrenten einen umso erfolgreicheren Widerstand, je günstiger ein solches System seiner Hilfen gebildet ist und je weniger ein solches seinen Gegnern unter sonst gleichen Umständen zugute kommt. So läßt ein System von Urteilen, welches in einem Schriftwerk mitgeteilt wird, wenn es viele objektiv vollgültige und probehaltige Urteile enthält, auch die minder begründeten so entschieden und zuversichtlich sich vollziehen, daß später sich anbietende gegensätzliche Prädikate leichter zurückgewiesen werden. Ganze Lehrsysteme verdankten und verdanken noch, wie z. B. die dogmatischen Systeme der Buddhisten, Mohammedaner u. a. den vielen evidenten Wahrheiten, die sie, namentlich in der Sittenlehre, enthalten, die Zuversicht zu schwachbegründeten Partien. Es verhält sich damit wie mit der Beweiskraft der Induktion und Analogie, welche zunimmt mit der Anzahl der günstigen Fälle und Bedingungen.
Ein solches System von erfüllten und erfüllbaren Erwartungen gültiger Urteile kann sowohl ohne Rücksicht auf die es mitteilende Persönlichkeit gegeben, als auch, und dies ist sogar häufiger der Fall, in der Vorstellung von einer solchen mitenthalten sein. Ein tatsächliches Beispiel möge uns dies klarer machen. In einem öffentlichen Vortrag bringt ein Professor, der bei seinen Schülern als ein vielseitiger Gelehrter gilt, die englischen Worte high church so vor, daß er das Wort high falsch wie hitsch ausspricht. Die der englischen Sprache unkundigen Hörer des Vortrages nehmen die Aussprache in naiv gläubiger Zuversicht als die richtige an und wiederholen so dieselbe. Ein Hörer jedoch, der englisch versteht, dessen Wissen aber infolge seines simplen und unscheinbaren Äußeren den Mitschülern wenig bekannt ist, äußert einige Zeit später gegen dieselben, als sie die Laute wiederholt falsch nachsprechen, high solle nicht hitsch, sondern hei ausgesprochen werden. Aber was geschieht dann? Er findet keinen Glauben, die Aussprache des Professors wird von ihnen als die richtige angesehen und in den Kolloquien beibehalten. Wir haben in diesem Vorgang offenbar eine Apperzeption vor uns, die, einmal mit naiver Zuversicht vollzogen und wiederholt, einer Störung und Umgestaltung von Seiten des später sich anbietenden gegensätzlichen Prädikats nachhaltig widersteht. Was hat nun das alte Prädikat vor dem späteren voraus, daß es sich ihm gegenüber mit Erfolg im Bewußtsein behauptet? Trotz der Einfachheit des Falles mehreres. Vorerst die in einem so weit hinreichenden Innigkeits- und Intensitätsgard fertige Assoziation mit dem Subjekt, daß ihm ein Vorsprung bei der Wiederholung des Zusammen ceteris paribus [unter vergleichbaren Umständen - wp] sicher ist. Zweitens den sehr wichtigen Umstand, daß es mit vielen anderen unzweifelhaft wahren Urteilen assoziiert ist und mit jenem viel umfassenderen und energischeren System von Vorstellungen, wie mit einem System ebensovieler Hilfen in Verbindung steht, wodurch die Persönlichkeit des das Prädikat mitteilenden Professors vorgestellt wird. Dieses System besteht, nach dem bekannten Wesen der Ich-Vorstellung, die hier eine Nachbildung und Zurechnung der fremden Seelenzustände ist, insofern der Professor den Schülern als ein vielseitiger Gelehrter gilt, in einer Vielheit von erfüllten und erfüllbaren Erwartungen gültiger Urteile, die, je größer sie ist, auf Grundlage der Wiederholung mit desto mehr Energie auch im vorliegenden Fall ein gültiges Urteil erwarten, d. h. in seinem Vollzug rasch die Vorstellungen ansteigen und sich innig verbinden läßt, wie wir es oben schon bemerkten und einem System gleichmäßig erfolgender Taktschläge ähnlich wirksam fanden. Ein solches System erfüllter und erfüllbarer Erwartungen braucht jedoch nicht bloß die Intelligenz des Professors zum Gegenstand zu haben, es kann auch dessen Wollungen mitumfassen, und so ebenfalls einen sehr erheblichen Beitrag zur Wiederholung und Nachhaltigkeit der betrachteten ursprünglichen Apperzeption liefern. Der Professor ist den Schüler als ein Mann bekannt, der auch in Nebensachen sorgfältig und gründlich arbeitet, weil er das regste Interesse für sein Fach und nebst dem Talent auch den konsequenten Willen hat, den Zuhörern einen möglichst vollkommenen Unterricht zu erteilen. Auch dieses System erwarteter und verwirklichter, auf Herstellung gültiger Urteile gerichteter Wollungen wirkt in gleicher Weise mit. Wie sieht es dagegen mit dem später sich anbietenden Prädikat aus? Viel ungünstiger. Die Vorstellung von der Persönlichkeit von welcher das Prädikat geboten wird, ist viel ärmer, bietet statt erfüllter manche getäuschte Erwartungen wahrer Urteile und entsprechender Wollungen usw. Die Konnexion d. h. Assoziation des zweiten Prädikats mit einer solchen Vorstellung, kann ihm nicht nur in seiner Hebung ins Bewußtsein nicht behilflich, sie kann ihm eher, insofern Täuschung in Intelligenz und Wollen als möglich erwartet und verabscheut wird, nachteilig sein. Man nennt aber das System der Vorstellungen, das zum Gegenstand die Persönlichkeit hat, welche eine Apperzeption mitteilt, insofern es die Zuversicht des die Apperzeption nachbildend Aufnehmenden erhöht und befestigt, die Autorität. So wie aber der Einfluß der Autorität auf die Bildung von Überzeugungen groß ist, so kann derselbe auch ins Gegenteil umschlagen, wenn an ihr einmal wichtige Verkehrtheiten des Urteils oder des Willens entdeckt werden und auch alles übrige, selbst vielleicht in unbegründeter Weise, als ein System von Täuschungen erwarten lassen. Dann werden sogar statt der gebotenen richtigen Prädikate gerade die gegenteiligen gern geglaubt, mit dem Irrigen auch das Wahre verworfen. Wir begreifen nun, warum da, wo objektive Gründe nicht ausreichen, so häufig die Persönlichkeit des Urhebers oder Mitteilers der protegierten Apperzeption bis in den Himmel erhoben, die des Gegners dagegen in den Staub gezerrt und der Hölle überantwortet wird. Es ist dies ein Mittel zur Hebung und Festigung der Zuversicht bei den betreffenden Urteilen, das umso erfolgreicher wirkt, je mehr wirkliche oder vermeintliche Vorzüge jener Urheber oder Mitteiler, und je mehr wirkliche und angedichtet Gebrechen der Gegner aufweist, je verklärter jener durch zeitliche und räumliche Ferne, je alltäglicher dieser durch die prosaische Nähe erscheint. Wenn BUDDHA über allen Göttern, wenn MOHAMMED über allen Propheten steht, wer sollte die von ihnen vollzogenen und mitgeteilten Apperzeptionen nicht zuversichtlich aufnehmen und etwa auf die Einwendungen der betörten Sansara-Leute und ungläubigen Giaurs hören? Stat pro ratione auctoritas. [Statt der Vernunft gilt die Autorität. - wp] Damit soll jedoch der Autorität nicht aller Wert bei der Nachbildung der Apperzeptionen abgesprochen werden, da ja doch nicht jeder alles selbst beobachten und nachprüfen kann; es soll nur mit Rücksicht auf das Ideal der objektiven Überzeugung als Bildungsregel festgehalten werden, daß man der Autorität nicht blindlings folgen, sondern auch für die von scheinbar beschränkten und willensschwachen Menschen vorgebrachten Gegengründe einen zugänglichen Sinne bewähren sollte, um auf dem Weg zur Vollkommnung seiner Urteile vorwärts schreiten zu können.
LITERATUR - Wenzel Resl, Zur Psychologie der subjektiven Überzeugung, Czernowitz 1868
vgl. DROBISCH, Empirische Psychologie, § 63
DROBISCH, ebd. und HERBART, Lehrbuch zur Psychologie, § 189
vgl. HERBART, Psychologie als Wissenschaft, zweiter Teil, § 123
Die in diesem Aufsatz als Beispiele erwähnten Seelenzustände sind durchgehend tatsächlich, und zwar entweder selbsterlebt oder, wenn fremd, kritisch erwiesen.
vgl. HERBART, Psychologie als Wissenschaft, zweiter Teil, § 125.
vgl. ROBERT ZIMMERMANN, Ästhetik, zweiter Teil, Über die Form der Ausgleichung, z. B. § 147 und öfter.
vgl. HERBART, Lehrbuch zur Psychologie, § 37
DROBISCH, Logik, dritte Auflage, § 157, Seite 204. Vergleiche ULRICI, "Glauben und Wissen", Seite 255f. 9)
vgl. J. G. MÜLLER, "Geschichte der amerikanischen Urreligionen", Seite 214, 86 und öfter.
DAVID FRIEDRICH STRAUSS, Leben Jesu, zweite Auflage, Seite 524f

References: § 63
 § 189
 § 123
 § 125
 § 147
 § 37
 § 157