Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/kapitalanlagerecht/umschuldung-griechischer-staatsanleihen-und-die-deutsche-gerichtsbarkeit-3203114
Timestamp: 2020-07-13 08:58:08+00:00

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Umschuldung griechischer Staatsanleihen - und die deutsche Gerichtsbarkeit | Rechtslupe
Umschuldung griechischer Staatsanleihen - und die deutsche Gerichtsbarkeit
Es ist eine all­ge­mein aner­kann­te Regel des Völ­ker­rechts, dass ein Staat grund­sätz­lich kei­ner frem­den Gerichts­bar­keit unter­wor­fen ist. Auch nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts besteht eine Staa­ten­im­mu­ni­tät zwar nicht (mehr) für die soge­nann­ten acta iure ges­tio­nis, wohl aber weit­ge­hend unein­ge­schränkt für sol­che Akte besteht, die hoheit­li­ches Han­deln dar­stel­len.
Mit die­ser Begrün­dung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, die sich gegen ein Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs rich­tet, mit dem eine Kla­ge auf Erfül­lung bezie­hungs­wei­se Scha­dens­er­satz infol­ge der Umschul­dung grie­chi­scher Staats­an­lei­hen abge­wie­sen wor­den ist.
Das ange­grif­fe­ne Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs ver­letzt die Beschwer­de­füh­rer nach Ansicht der Ver­fas­sungs­rich­ter nicht in ihrem Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter. Es bedurf­te kei­ner Vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, da der Bun­des­ge­richts­hof ledig­lich die all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts, dass ein Staat grund­sätz­lich kei­ner frem­den Gerichts­bar­keit unter­wor­fen ist, zur Anwen­dung gebracht hat. Die Umschul­dung der Staats­an­lei­hen unter­liegt als hoheit­li­che Maß­nah­me eines aus­län­di­schen Staats nicht der deut­schen Gerichts­bar­keit.
Umschul­dung der grie­chi­schen Staats­an­lei­hen
Die Ent­schei­dun­gen der Zivil­ge­rich­te
Staa­ten­im­mu­ni­tät – und der gesetz­li­che Rich­ter
Staats­an­lei­hen – und die Staa­ten­im­mu­ni­tät
Zwi­schen 1998 und 2010 begab die Hel­le­ni­sche Repu­blik diver­se Staats­an­lei­hen. Bei­de Beschwer­de­füh­rer erwar­ben auf dem Sekun­där­markt sol­che Anlei­hen. Im Febru­ar 2012 trat das Gesetz 4050/​2012 in Kraft, mit dem zum Zwe­cke der Restruk­tu­rie­rung des grie­chi­schen Staats­haus­hal­tes eine Umschul­dungs­re­ge­lung ein­ge­führt wur­de. Auf­grund die­ses Geset­zes unter­brei­te­te die Hel­le­ni­sche Repu­blik den Anlei­he­be­rech­tig­ten ein Umtausch­an­ge­bot, das von der Mehr­heit der Anlei­he­be­rech­tig­ten – nicht aber von den bei­den Beschwer­de­füh­rern – ange­nom­men wur­de: Die aus­ge­ge­be­nen Anlei­hen soll­ten gegen neue Anlei­hen zu einem um 53, 5 % nied­ri­ge­ren Nenn­wert getauscht wer­den (soge­nann­ter Hair-Cut). Dar­auf­hin wur­den bei den depot­füh­ren­den Ban­ken die bis­he­ri­gen Anlei­hen der Beschwer­de­füh­rer aus- und die neu­en Anlei­hen ein­ge­bucht.
Im Dezem­ber 2013 erho­ben die Beschwer­de­füh­rer beim Land­ge­richt Osna­brück Kla­ge gegen die Hel­le­ni­sche Repu­blik auf Rück­zah­lung der mit den ursprüng­lich erwor­be­nen Staats­an­lei­hen auf­ge­wen­de­ten Mit­tel gegen Rück­bu­chung der Anlei­hen, hilfs­wei­se auf Scha­dens­er­satz für die erlit­te­nen Wert­ver­lus­te aus vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung bezie­hungs­wei­se rechts­wid­ri­ger Ent­eig­nung oder rechts­wid­ri­gem ent­eig­nungs­glei­chen Ein­griff.
Das Land­ge­richt Osna­brück wies die Kla­ge als unzu­läs­sig ab [1]. Der Kla­ge ste­he der Grund­satz der Staa­ten­im­mu­ni­tät ent­ge­gen. Der Rechts­streit las­se sich unter kei­nem Gesichts­punkt in der Sache ent­schei­den, ohne zumin­dest inzi­dent über die Recht­mä­ßig­keit bezie­hungs­wei­se Wirk­sam­keit von Maß­nah­men der Hel­le­ni­schen Repu­blik zu ent­schei­den, die ein­deu­tig hoheit­li­chen Cha­rak­ter hät­ten. Schon in der Rüge der Beschwer­de­füh­rer, dass ein "rechtswidrige[r] enteignungsgleiche[r] Ein­griff" vor­ge­le­gen habe, zei­ge sich, dass es im Kern um einen Hoheits­akt gehe. Die dage­gen vor­ge­brach­ten Argu­men­te, mit denen ein fis­ka­li­sches Han­deln belegt wer­den sol­le, gin­gen fehl. Der in der Lite­ra­tur geäu­ßer­te Vor­wurf des Ver­trags­bru­ches durch die Hel­le­ni­sche Repu­blik sei unbe­grün­det und wider­spre­che der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Grund­satz der Staa­ten­im­mu­ni­tät. Die­ses habe die Zah­lungs­kla­ge eines grie­chi­schen Leh­rers, der für eine grie­chi­sche Schu­le in Deutsch­land tätig war und von des­sen Gehalt die Hel­le­ni­sche Repu­blik eine Quel­len­steu­er ein­be­hal­ten hat­te, wegen des Grund­sat­zes der Staa­ten­im­mu­ni­tät für unzu­läs­sig gehal­ten [2]. Gegen­stand des Rechts­streits sei inso­weit nicht die unter­blie­be­ne voll­stän­di­ge Aus­zah­lung des Brut­to­ge­halts gewe­sen, son­dern die Besteue­rung als hoheit­li­cher Akt. Nichts ande­res kön­ne im vor­lie­gen­den Fall gel­ten.
Die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung der Beschwer­de­füh­rer wies das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg zurück [3]. Das Land­ge­richt Osna­brück habe die Kla­ge zu Recht als unzu­läs­sig abge­wie­sen. Bezüg­lich (hilfs­wei­se ver­folg­ter) delik­ti­scher Ansprü­che sei das Land­ge­richt zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass einer Kla­ge der Grund­satz der Staa­ten­im­mu­ni­tät ent­ge­gen­ste­he. Zwar gel­te der Grund­satz nicht für ver­trag­li­che Rück­zah­lungs­an­sprü­che; jedoch feh­le es inso­weit an der inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit nach der EuGV­VO [4].
Der Bun­des­ge­richts­hof wies die Revi­si­on der Beschwer­de­füh­rer zurück, weil sich das Urteil des Beru­fungs­ge­richts im Ergeb­nis als rich­tig dar­stel­le [5]. Zwar sei es rechts­feh­ler­haft davon aus­ge­gan­gen, dass der Grund­satz der Staa­ten­im­mu­ni­tät inso­weit nicht ent­ge­gen­ste­he, als die Kla­ge auf ver­trag­li­che Rück­zah­lungs­an­sprü­che gestützt wer­de; die Zuer­ken­nung eines ver­trag­li­chen Anspru­ches set­ze jedoch den­knot­wen­dig vor­aus, dass das ange­ru­fe­ne Gericht die Rechts­wid­rig­keit und eine gege­be­nen­falls dar­aus resul­tie­ren­de Nich­tig­keit oder Unbe­acht­lich­keit des grie­chi­schen Geset­zes 4050/​2012 und der All­ge­mein­ver­bind­lich­keits­er­klä­rung fest­stel­len müss­te. Eine sol­che Beur­tei­lung des hoheit­li­chen Han­delns eines ande­ren Staa­tes schlie­ße der Grund­satz der Staa­ten­im­mu­ni­tät aus. Im Übri­gen kön­ne die Hel­le­ni­sche Repu­blik nicht mit einem sons­ti­gen Schuld­ner pri­va­ter For­de­run­gen gleich­ge­setzt wer­den, da sie sich staat­li­cher Mit­tel bedient habe. Die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zur Ver­ord­nung (EG) Nr. 1393/​2007 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13.11.2007 über die Zustel­lung gericht­li­cher und außer­ge­richt­li­cher Schrift­stü­cke in Zivil- oder Han­dels­sa­chen in den Mit­glied­staa­ten (Zustel­lung von Schrift­stü­cken) und zur Auf­he­bung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1348/​2000 des Rates sei inso­weit nicht rele­vant. Die deut­sche Gerichts­bar­keit erge­be sich auch nicht aus Art. 10 Abs. 1 des Über­ein­kom­mens der Ver­ein­ten Natio­nen über die Immu­ni­tät der Staa­ten und ihres Ver­mö­gens von der Gerichts­bar­keit vom 02.12 2004 [6] (im Fol­gen­den: UNStImm), da die­ses Über­ein­kom­men bis­her nicht in Kraft getre­ten und weder von Grie­chen­land noch von Deutsch­land gezeich­net oder rati­fi­ziert wor­den sei.
Die Beschwer­de­füh­rer rügen eine Ver­let­zung ihres Rechts auf den gesetz­li­chen Rich­ter aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 in Ver­bin­dung mit Art. 100 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 25 Satz 1 GG.
Der Bun­des­ge­richts­hof habe "über die hoch­strei­ti­ge Fra­ge nach dem völ­ker­ge­wohn­heits­recht­li­chen Umfang des Bestehens der Immu­ni­tät" im vor­lie­gen­den Fall bezüg­lich des beklag­ten grie­chi­schen Staa­tes ent­schie­den. Ent­schei­dungs­er­heb­lich sei ins­be­son­de­re gewe­sen, ob ein völ­ker­ge­wohn­heits­recht­lich bestehen­des Recht eines Staa­tes auf Immu­ni­tät dann zu ver­nei­nen ist, wenn der Staat sich rechts­ge­schäft­lich auf die Ebe­ne des Pri­vat­rechts bege­ben hat, ob also der Grund­satz "once a tra­der always a tra­der" ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Völ­ker­rechts ist. Nach Ansicht der Beschwer­de­füh­rer hät­te der Bun­des­ge­richts­hof des­halb gemäß Art. 100 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 25 Satz 1 GG die Pflicht gehabt, die­se Fra­ge dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Rah­men des soge­nann­ten Norm­ve­ri­fi­ka­ti­ons­ver­fah­rens vor­zu­le­gen.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men: Sie hat kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung, weil die maß­geb­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­gen durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bereits ent­schie­den sind. Ihre Annah­me ist auch nicht zur Durch­set­zung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG genann­ten Rech­te ange­zeigt (§ 93a Abs. 2 BVerfGG), denn die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist unbe­grün­det.
Das ange­grif­fe­ne Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs ver­letzt die Beschwer­de­füh­rer nicht in ihrem Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG). Zwar kann Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG durch eine unter­blie­be­ne Vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nach Art. 100 Abs. 2 GG ver­letzt wer­den; einer sol­chen Vor­la­ge bedurf­te es jedoch nicht. Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te über die Revi­si­on der Beschwer­de­füh­rer ent­schei­den, ohne im Rah­men eines Norm­ve­ri­fi­ka­ti­ons­ver­fah­rens klä­ren zu las­sen, ob eine all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts (Art. 25 GG) Bestand­teil des Bun­des­rechts ist und ob sie unmit­tel­bar Rech­te und Pflich­ten für den Ein­zel­nen erzeugt [7].
Einer Vor­la­ge nach Art. 100 Abs. 2 GG bedarf es, wenn zwei­fel­haft ist, ob eine all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts im Sin­ne des Art. 25 GG exis­tiert, die Bestand­teil des Bun­des­rechts ist, und zwar hin­sicht­lich ihres Inhalts, Umfangs, ihrer Trag­wei­te, All­ge­mein­heit sowie ihres zwin­gen­den Cha­rak­ters [8].
Dar­an fehl­te es vor­lie­gend, weil der Bun­des­ge­richts­hof nur eine aner­kann­te und in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hin­rei­chend geklär­te Regel des Völ­ker­rechts ange­wandt hat.
Es ist eine all­ge­mein aner­kann­te Regel des Völ­ker­rechts, dass ein Staat grund­sätz­lich kei­ner frem­den Gerichts­bar­keit unter­wor­fen ist [9]. Aller­dings fol­gen die Staa­ten heu­te mehr­heit­lich einem restrik­ti­ven Immu­ni­täts­ver­ständ­nis [10], nach dem die staat­li­che Immu­ni­tät nur für Hoheits­ak­te (acta iure impe­rii), nicht aber für pri­vat­wirt­schaft­li­ches Han­deln (acta iure ges­tio­nis) gilt [11].
Dies ent­spricht auch der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, nach der Staa­ten­im­mu­ni­tät weit­ge­hend unein­ge­schränkt für sol­che Akte besteht, die hoheit­li­ches Han­deln dar­stel­len, nicht (mehr) jedoch für die soge­nann­ten acta iure ges­tio­nis [12].
Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts, deren Inkor­po­ra­ti­on in das Bun­des­recht in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts wie­der­holt fest­ge­stellt wor­den ist, ledig­lich zur Anwen­dung gebracht. In dem ange­grif­fe­nen Urteil geht der Bun­des­ge­richts­hof zwar davon aus, dass die Emis­si­on von Staats­an­lei­hen als Akt iure ges­tio­nis zum Kreis des nicht-hoheit­li­chen Han­delns gehö­re. Unter Beru­fung auf sein Urteil vom 08.03.2016 [13] führt er jedoch aus, dass es im vor­lie­gen­den Fall dar­auf nicht ankom­me, son­dern auf die Rechts­na­tur der hoheit­li­chen Maß­nah­me, die zur Aus- und Umbu­chung der Staats­an­lei­hen bei den Beschwer­de­füh­rern geführt hat. Die­se Umschul­dungs­maß­nah­men sei­en durch den grie­chi­schen Gesetz­ge­ber vor­ge­nom­men wor­den und daher als acta iure impe­rii zu qua­li­fi­zie­ren. Dabei bezieht er sich auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, das die Ein­füh­rung einer aus­län­di­schen Quel­len­steu­er und ihre Ein­zie­hung von einem bei dem aus­län­di­schen Staat beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer dem hoheit­li­chen Bereich zuge­rech­net hat [14]. Dies ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.
Im Übri­gen stellt sich das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs auch als zutref­fend dar. Wäh­rend die Emis­si­on von Staats­an­lei­hen nach ganz über­wie­gen­der Ansicht zum Kreis nicht-hoheit­li­chen Han­delns gerech­net wird [15], gehört die Gesetz­ge­bung zu dem all­ge­mein aner­kann­ten Bereich hoheit­li­cher Tätig­keit [16]. Ein Akt iure impe­rii liegt auch vor, wenn ein Staat den sei­ner Hoheits­ge­walt Unter­wor­fe­nen zum Zwe­cke der Ein­nah­men­er­zie­lung ein­sei­tig und gegen­leis­tungs­frei Steu­ern und sons­ti­ge Abga­ben auf­er­legt [14].
Unter Zugrun­de­le­gung die­ser Wer­tun­gen der für die Abgren­zung aus­schlag­ge­ben­den deut­schen Rechts­ord­nung [17] steht auch im vor­lie­gen­den Rechts­streit ein Akt iure impe­rii in Rede. Gegen­stand des Rechts­streits ist die Kür­zung der Ansprü­che der Beschwer­de­füh­rer auf­grund des durch grie­chi­sches Gesetz ver­an­lass­ten Zwangs­um­tau­sches und die damit ver­bun­de­ne unter­blie­be­ne voll­stän­di­ge Aus­zah­lung des ursprüng­lich geschul­de­ten vol­len Nenn­werts der emit­tier­ten und sodann zwangs­um­ge­tausch­ten Staats­an­lei­hen. Eine sol­che Kür­zung des Nenn­werts durch Gesetz steht einem pri­va­ten Markt­teil­neh­mer als Hand­lungs­op­ti­on nicht zur Ver­fü­gung und gehört jeden­falls für nach dem Recht des emit­tie­ren­den Staa­tes bege­be­ne Anlei­hen zum Kern­be­reich hoheit­li­chen Han­delns [18]. Als sol­che hoheit­li­che Maß­nah­me eines aus­län­di­schen Staa­tes unter­liegt sie nicht der deut­schen Gerichts­bar­keit [19].
Die­se Beur­tei­lung wird von Ent­schei­dun­gen ande­rer Gerich­te gestützt.
So hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in Bezug auf den grie­chi­schen Zwangs­um­tausch der Staats­an­lei­hen bestä­tigt, dass kei­ne Zwei­fel dar­an bestün­den, dass die frag­li­che Maß­nah­me "gesetz­lich vor­ge­se­hen" gewe­sen sei und im öffent­li­chen Inter­es­se gele­gen habe [20].
Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat in der ein­schlä­gi­gen Rechts­sa­che Kuhn fest­ge­stellt, dass es sich bei einer Kla­ge wie der hier zugrun­de­lie­gen­den um kei­ne Zivil­sa­che han­de­le, für die der Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen (EuGV­VO) eröff­net wäre. Die­se Ver­ord­nung gel­te nicht für die Haf­tung des Staa­tes für Hand­lun­gen oder Unter­las­sun­gen im Rah­men der Aus­übung hoheit­li­cher Rech­te und ins­be­son­de­re nicht für Strei­tig­kei­ten, die einer Wahr­neh­mung von Hoheits­rech­ten durch eine der Par­tei­en des Rechts­streits ent­sprin­gen. Die­se wür­de Befug­nis­se aus­üben, die über die im Ver­hält­nis zwi­schen Pri­vat­per­so­nen gel­ten­den all­ge­mei­nen Regeln hin­aus­gin­gen [21].
Die – auch im Rah­men der Ver­fas­sungs­be­schwer­de in Rede ste­hen­de –Maß­nah­me der Hel­le­ni­schen Repu­blik sei eine sol­che hoheit­li­che Maß­nah­me. Sie gehe ins­be­son­de­re auf die im Rah­men eines zwi­schen­staat­li­chen Unter­stüt­zungs­me­cha­nis­mus bestehen­de Not­wen­dig­keit zurück, die grie­chi­schen Staats­schul­den umzu­struk­tu­rie­ren und die Gefahr des Schei­terns des ent­spre­chen­den Umstruk­tu­rie­rungs­plans aus­zu­schlie­ßen, um einen Zah­lungs­aus­fall Grie­chen­lands zu ver­hin­dern und die Finanz­sta­bi­li­tät des Euro-Wäh­rungs­ge­biets sicher­zu­stel­len. Die rück­wir­ken­de Ein­füh­rung einer CAC habe es der Hel­le­ni­schen Repu­blik somit ermög­licht, allen Anlei­he­inha­bern eine wesent­li­che Ände­rung der finan­zi­el­len Bedin­gun­gen die­ser Anlei­hen auf­zu­er­le­gen, und zwar auch jenen, die mit die­ser Ände­rung nicht ein­ver­stan­den gewe­sen sei­en [22].
In einem ita­lie­ni­schen Fall betref­fend argen­ti­ni­sche Staats­an­lei­hen, die in New York bege­ben und in Luxem­burg auf dem Sekun­där­markt gehan­delt wor­den waren, hat auch die Cor­te Supre­ma di Cas­sa­zio­ne 2005 Immu­ni­tät bei Erklä­rung eines Staats­not­stan­des ange­nom­men [23]. Sie befand, dass es sich bei den Rechts­ak­ten, mit denen Argen­ti­ni­en den Staats­not­stand erklärt und die Ein­stel­lung des Schul­den­diens­tes ange­ord­net hat­te, um Äuße­run­gen sou­ve­rä­ner Staats­ge­walt gehan­delt habe und dass des­halb die Immu­ni­tät des Staa­tes ein­grei­fe [24].
Der öster­rei­chi­sche Obers­te Gerichts­hof (OGH) ent­schied zwar zunächst, dass der Kla­ge eines Anle­gers, der über eine öster­rei­chi­sche Depot­bank grie­chi­sche Staats­an­lei­hen erwor­ben hat­te und aus die­sen Erfül­lungs­an­sprü­che gel­tend mach­te, der Ein­wand der Staa­ten­im­mu­ni­tät nicht ent­ge­gen­ste­hen kön­ne [25]. Die­se Recht­spre­chung hat er Ende 2018 jedoch auf­ge­ge­ben und ein Bestehen der öster­rei­chi­schen Gerichts­bar­keit im Anschluss an das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on in der Rechts­sa­che Kuhn ver­neint [26].
In die­sem Sin­ne hat sich schließ­lich auch Lord Wil­ber­for­ce in einer abwei­chen­den Mei­nung zu einer Ent­schei­dung des House of Lords [27] geäu­ßert. Er bejah­te, dass ein aus­län­di­scher Staat auch im Zusam­men­hang mit einem zunächst durch eine Hand­lung iure ges­tio­nis begrün­de­ten Rechts­ver­hält­nis Immu­ni­tät bean­spru­chen kann, wenn er sich spä­ter als Hoheits­trä­ger geriert [28]. Wenn ein Staat in der Lage sei, auf eine Maß­nah­me zu ver­wei­sen, die ein­deu­tig ein Akt iure impe­rii sei, dann kön­ne er sein Han­deln der Sphä­re iure ges­tio­nis ent­zie­hen [29]. Ein sol­cher Akt iure impe­rii zeich­ne sich dadurch aus, dass er hoheit­li­cher Natur sei, im Gegen­satz zu einem Akt, den auch ein pri­va­ter Bür­ger voll­brin­gen könn­te [29].
Die­se Beur­tei­lung wird nicht dadurch erschüt­tert, dass Stim­men in der Recht­spre­chung ande­rer Staa­ten [30] und dem Schrift­tum [31] dem Gesetz­ge­ber des emit­tie­ren­den Staa­tes den Zugriff auf zivil­recht­li­che For­de­run­gen ver­weh­ren wol­len. Abge­se­hen davon, dass sie häu­fig auf der Grund­la­ge unkla­rer Vor­aus­set­zun­gen argu­men­tie­ren, stüt­zen sie sich jeden­falls nicht auf eine all­ge­mei­ne Über­zeu­gung einer Mehr­heit der Staa­ten und kön­nen daher kei­ne all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts sta­tu­ie­ren [32].
Schließ­lich ver­mag auch die Beru­fung auf Art. 10 Zif­fer 1 UNStImm, der einem Staat die Immu­ni­tät für pri­vat­wirt­schaft­li­che Rechts­ge­schäf­te abspricht, kein ande­res Ergeb­nis zu begrün­den. Zum einen ist das UNStImm-Über­ein­kom­men bis­her weder in Kraft getre­ten noch von Deutsch­land oder Grie­chen­land gezeich­net wor­den. Zum ande­ren ver­hält sich die Rege­lung auch nicht zu dem Pro­blem eines nach­träg­li­chen hoheit­li­chen Ein­griffs in ein pri­vat­recht­lich begrün­de­tes Schuld­ver­hält­nis.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Mai 2020 – 2 BvR 331/​18
LG Osna­brück, Urteil vom 15.05.2015 – 7 O 2995/​13[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 17.03.2014 – 2 BvR 736/​13[↩]
OLG Olden­burg, Urteil vom 18.04.2016 – 13 U 43/​15[↩]
Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/​2001 des Rates vom 22.12 2000 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen; aktu­el­le Fas­sung: Ver­ord­nung Nr. 1215/​2012 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 12.12 2012 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen[↩]
BGH, Urteil vom 19.12.2017 – XI ZR 217/​16[↩]
ILM 44 (2005), S. 801, 807[↩]
vgl. BVerfGE 18, 441, 447 f.; 64, 1, 12 f.; 109, 13, 22 f.[↩]
vgl. BVerfGE 15, 25, 31 f.; 16, 27, 32; 23, 288, 318; 64, 1, 13; 92, 277, 316; 94, 315, 328; Stern, in: Bon­ner Kom­men­tar, Bd. 18, Art. 100, Rn. 220, Juli 1967; Sieck­man­n/­Kes­sal-Wulf, in: v. Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, 7. Aufl.2018, Art. 100 Rn. 77[↩]
vgl. Inter­na­tio­na­ler Gerichts­hof, Urteil vom 03.02.2012, Juris­dic­tio­n­al Immu­nities of the Sta­te, Ger­ma­ny v. Ita­ly: Greece inter­vening, Judgment, I.C.J. Reports 2012, p. 99 Rn. 58, 107[↩]
vgl. tabel­la­ri­sche Über­sicht bei Bank­as, The Sta­te Immu­ni­ty Con­tro­ver­sy in Inter­na­tio­nal Law, 2005, S. 329 ff.; Inter­na­tio­na­ler Gerichts­hof, Urteil vom 03.02.2012, Juris­dic­tio­n­al Immu­nities of the Sta­te, Ger­ma­ny v. Ita­ly: Greece inter­vening, Judgment, I.C.J. Reports 2012, p. 99 Rn. 60 f.; anders Chi­na oder Bra­si­li­en, die von einem unbe­grenz­ten Immu­ni­täts­ver­ständ­nis aus­ge­hen, vgl. Shaw, Inter­na­tio­nal Law, 8. Aufl.2017, S. 531 Fn. 60[↩]
vgl. Stoll, in: Wol­frum, The Max Planck Ency­clo­pe­dia of Public Inter­na­tio­nal Law, 2012, s.v. "Sta­te Immu­ni­ty", Rn. 25[↩]
vgl. BVerfGE 16, 27, 33 ff.; 117, 141, 153; BVerfG, Beschluss vom 17.03.2014 – 2 BvR 736/​13, Rn.19[↩]
BGHZ 209, 191, 197 Rn. 17[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 17.03.2014 – 2 BvR 736/​13, Rn. 22[↩][↩]
vgl. auch BVerfGE 117, 141, 153[↩]
vgl. BVerfGE 16, 27, 63; 46, 342, 394; BVerfG, Beschluss vom 17.03.2014 – 2 BvR 736/​13, Rn. 21[↩]
vgl. BVerfGE 16, 27, 62; 46, 342, 393 f.; 64, 1, 42; BVerfG, Beschluss vom 17.03.2014 – 2 BvR 736/​13, Rn. 21[↩]
vgl. Man­kow­ski, EWiR 2016, S. 285, 286[↩]
vgl. den Rechts­ge­dan­ken des § 20 Abs. 2 GVG und wei­ter Frei­tag, in: Reithmann/​Martiny, Inter­na­tio­na­les Ver­trags­recht, 8. Aufl.2015, Rn.06.657; Grü­ne­berg, WM 2016, S. 1621, 1621 f.; Nodous­ha­ni, WuB 2016, S. 481, 483[↩]
vgl. EGMR, Mama­tas et autres c. Grè­ce, Urteil vom 21.07.2016, Nr. 63066/​14, 64297/​14 und 66106/​14, §§ 99, 105[↩]
vgl. EuGH, Urteil vom 15.11.2018, Kuhn, – C‑308/​17, EU:C:2018:911, Rn. 27 ff., 35, 42 f.[↩]
vgl. EuGH, Urteil vom 15.11.2018, Kuhn, – C‑308/​17, EU:C:2018:911, Rn. 39 f.[↩]
vgl. Sez. Unite, ordin. 27.05.2005, n. 6532[↩]
vgl. Sez. Unite, ordin. 27.05.2005, n. 6532, ins­be­son­de­re Ziff. 4[↩]
vgl. OGH, Beschlüs­se vom 20.05.2014 – 4 Ob 227/​13f; vom 30.07.2015 – 8 Ob 67/​15h; vom 31.08.2015 – 6 Ob 122/​15g; und vom 25.11.2015 – 8 Ob 125/​14p[↩]
OGH, Beschluss vom 22.01.2019 – 10 Ob 103/​18x, Ziff. 1.1[↩]
I Con­gre­so del Par­ti­do [1983] AC 244, HL[↩]
zustim­mend Shaw, Inter­na­tio­nal Law, 8. Aufl.2017, S. 535[↩]
vgl. I Con­gre­so del Par­ti­do [1983] AC 244, HL, S. 269[↩][↩]
US Supre­me Court, Repu­blic of Argen­ti­na v. Welt­o­ver, Inc., 504 U.S. 607[↩]
Dami­an, Staa­ten­im­mu­ni­tät und Gerichts­zwang, 1985, S. 106, 178; Kren Kost­kie­wicz, Staa­ten­im­mu­ni­tät im Erkennt­nis- und im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren, 1998, S. 420 f.; Szo­druch, Staa­ten­in­sol­venz und pri­va­te Gläu­bi­ger, 2008, S. 379 f.; Fox/​Webb, Law of Sta­te Immu­ni­ty, 2013, S. 409 f.; Gei­mer, Inter­na­tio­na­les Zivil­pro­zess­recht, 8. Aufl.2020, Rn. 584; Mül­ler, Staats­bank­rott und pri­va­te Gläu­bi­ger, 2015, S.191; Lorz, Aus­län­di­sche Staa­ten vor deut­schen Zivil­ge­rich­ten, 2017, S. 82 ff.; Gei­mer, in: Zöl­ler, 33. Aufl.2020, IZPR, Rn. 30; Man­kow­ski, ZIP 2019, S.193, 198 f.[↩]
vgl. BVerfGE 95, 96, 129; 96, 68, 86 f.; 109, 13, 27 f.; 109, 38, 53[↩]
EuGVVOGerichtsstandgesetzlicher RichterGriechenlandInternationale ZuständigkeitStaatenimmunitätStaatsanleihen

References: Art. 10
 Art. 101
 Art. 100
 Art. 25
 Art. 100
 Art. 25
 § 90
 Art. 101
 Art. 100
 Art. 100
 Art. 25
 Art. 10
 Art. 100
 Art. 100
 § 20