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Timestamp: 2016-12-04 21:25:04+00:00

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1 2 VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München herausgegeben von HANS ROTHFELS und THEODOR ESCHENBURG in Verbindung mit Theodor Schieder, Werner Conze, Karl Dietrich Erdmann, Paul Kluke und Walter Bußmann Schriftleitung: Redaktion: PROF. DR. HELMUT KRAUSNICK HELLMUTH AUERBACH 8 München 27, Möhlstraße 26 AUFSATZE INHALTSVERZEICHNIS Wolfgang Benz.... Vom freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht 317 Hans-Wolfgang Strätz. Die studentische Aktion wider den undeutschen Geist" im Frühjahr Walter Bußmann... Zur Entstehung und Überlieferung der Hoßbach-Niederschrift" 373 MISZELLE Lothar Gruchmann.. Das Urteil von Nürnberg nach 22 Jahren. 385 DOKUMENTATION Hitlers grundlegende" Rede über den Antisemitismus (Reginald H. Phelps) 390 BIBLIOGRAPHIE 137 Das Inhaltsverzeichnis zum 16. Jahrgang 1968, sowie Titelei und Register für Jahrgang 15 und 16 (1967/68) der Bibliographie zur Zeitgeschichte werden dem Januar- Heft 1969 beigefügt. Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt GmbH., Stuttgart O, Neckarstr. 121, Tel Preis des Einzelheftes DM 9. = sfr ; die Bezugsgebühren für das Jahresabonnement (4 Hefte) DM 30. = sfr zuzüglich Zustellgebühr. Für Studenten im Abonnement jährlich DM 24.. Erscheinungsweise: Vierteljährlich. Für Abonnenten, die auch die Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" im Abonnement beziehen (2 Bände im Jahr), beträgt der Abonnementspreis im Jahr DM 44. ; für Studenten DM 38.- (zuzüglich Versandspesen). Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen und der Verlag entgegen. Geschäftliche Mitteilungen sind nur an den Verlag zu richten. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages gestattet. Das Fotokopieren aus VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags gestattet. 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Jahrgang Heft/Oktober WOLFGANG BENZ VOM FREIWILLIGEN ARBEITSDIENST ZUR ARBEITSDIENSTPFLICHT -Detrachtet man die verschiedenen -wirtschaftlichen, sozialpolitischen, sozialpädagogischen, caritativen oder militärischen Gesichtspunkte, unter denen die Propagierung des Arbeitsdienstes betrieben wurde, so werden zwei Bestrebungen sichtbar, die wenig miteinander gemein haben. Der Freiwillige Arbeitsdienst (FAD) war vor allem als Maßnahme der produktiven Arbeitslosenfürsorge gedacht und wurde deshalb durch die Regierung Brüning und ihre Nachfolger seit dem Sommer 1931 gefördert. Die Arbeitsdienstpflicht", die durch das Vorbild des Vaterländischen Hilfsdienstes" - mit dem 1916/17 das Hindenburgprogramm 1 durchgeführt werden sollte inspiriert war, muß dagegen als Bestandteil autoritärer und totalitärer Ideologie verstanden werden 2. Die Verfechter der allgemeinen Dienstpflicht hatten ihren politischen Standort zum größten Teil im Kreise derjenigen, die sich mit der Entwicklung nach 1918 nicht abfinden konnten und den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen der Weimarer Republik ablehnend gegenüberstanden. Der Stahlhelm erhob sehr frühzeitig die Forderung nach der Arbeitsdienstpflicht 3, wobei der Gedanke eines Äquivalents für die abgeschaffte Wehrpflicht im Vordergrund stand. Die einzelnen Arbeitsvorhaben sollten bewußt auf die Landesverteidigung ausgerichtet werden 4. Aus der entgegengesetzten politischen Richtung, nämlich von Matthias Erzberger, 1 RGBl. I (1916), S. 1555ff. - vgl. Karl Helfferich, Der Weltkrieg, Bd. II, München 1919, S. 249 ff. 2 Eine erste, durch die verwendeten Quellen gut fundierte Darstellung ist jüngst nach Abschluß des Manuskripts zu vorliegendem Aufsatz erschienen: Henning Köhler, Arbeitsdienst in Deutschland, Pläne und Verwirklichungsformen bis zur Einführung der Arbeitsdienstpflicht im Jahxe 1935, Berlin Köhler legt das Schwergewicht seiner Arbeit auf die letzten Jahre der Weimarer Republik. Im folgenden wird der Versuch unternommen, einen Beitrag zu der Übergangsphase zwischen dem staatlich geförderten, aber freiwilligen Arbeitsdienst der Weimarer Republik und der institutionell diktierten Dienstpflicht im RAD des NS-Staates zu liefern. 3 Volker R. Berghahn, Der Stahlhelm, Düsseldorf 1966, S. 231 ff. 4 Vgl. Stahlhelmfibel, hrsg. Propaganda-Abt. d. Stahlhelm-Bundesamtes, Berlin, o. J. Berghahn, a. a. O., erwähnt einen Artikel im Stahlhelm", der sich bereits im Oktober 1920 mit der Einführung der Arbeitsdienstpflicht befaßte. Ein Memorandum zur Einführung des obligatorischen Arbeitsdienstes vom Dezember 1930 stammt von Georg von Neufville, dazu H. Steiss, Unser Marsch, Stuttgart 1936, S. 196ff.4 518 Wolf gang Benz kam um dieselbe Zeit (1919/20) ebenfalls ein Plan zur Errichtung eines Nationalen Arbeitsdienstes", in dem alle Deutschen zwischen 18 und 25 Jahren 18 Monate lang dienerj. sollten. Gewinnung von Arbeitskräften für die Landwirtschaft, den Wohnungsbau und den Kohlebergbau (hierzu mit Prämien und verkürzter Dienstzeit als besonderem Anreiz ausgestattet) waren die Ziele Erzbergers. Aber auch der Ersatz für den Militärdienst, die Förderung staatsbürgerlichen Bewußtseins gegenüber der jungen Republik und das Bestreben, die Jugendkriminalität einzudämmen, gehörten zu seinen Motiven hatte sich ein privater Verein unter dem Namen Deutscher Bund für Xrbeitsdienstpflicht" in Hamburg konstituiert. Die Einführung eines Arbeitsdienstjahres forderte auch die Deutsch-Soziale Partei im Jahre Für diese, wie für die meisten Vorschläge zu einer allgemeinen Dienstpflicht, hatte das Beispiel Bulgariens Pate gestanden. Dort war im Dezember 1920 ein staatlicher Arbeitsdienst gegründet worden, der namentlich zur verkehrsmäßigen Erschließung des überwiegend agrarischen Landes nicht wenig beitrug. Der bayerische Generalstaatskommissar von Kahr, der nach dem Münchner Debakel des 9. November 1925 seine schwer angeschlagene Stellung durch rastlose gesetzgeberische Initiativen zu zementieren hoffte, unterbreitete dem bayerischen Staatsministerium des Innern Anfang Februar 1924 einen Gesetzentwurf über die Arbeitsdienstpflicht. In der Begründung räumte von Kahr ein, daß der gewisse Stillstand im wirtschaftlichen Niedergang", der sich seit der Stabilisierung der Währung im November 1925 zeigte, derartig einschneidende Maßnahmen wie die Arbeitsdienstpflicht zur Entlastung des Arbeitsmarktes nicht mehr erfordere. Auch die inzwischen abgetane Notwendigkeit vermehrter Gütererzeugung und das auf die deutsche Volkswirtschaft nicht anwendbare Beispiel der bulgarischen Arbeitsdienstpflicht vertrat Kahr in seiner Begründung nicht. Der Generalstaatskommissar argumentierte vielmehr mit allgemeinen Überlegungen: Werteschaffende Beschäftigung für öffentliche oder gemeinnützige Zwecke, Erziehung der heranwachsenden Jugend zur Pflichterfüllung gegenüber dem Staat, zur gesundheitlichen ; und sittlichen Kräftigung. Immerhin zeichnete sich die Idee der produktiven Arbeitslosenfürsorge bereits ab, wenn auch die autoritäre Auffassung des Staates als Selbstzweck höherer Ordnung im Vordergrund des Kahrschen Denkens stand; Bei allgemeiner Gefahr für den Staat" oder bei öffentlichem Notstand" sah der Gesetzentwurf das Aufgebot aller Einwohner zwischen 18 und 50 Jahren durch die Polizei vor. Eine weitgehende materielle Leistungspflicht (Stellung von Fahrzeugen, Maschinen, Werkzeugen u. dgl.) hätte die Dienstpflicht im Falle des Staatsnotstandes zu ergänzen 7. Diese Gedankengänge Kahrs bewegten sich nicht ferne der Linie, auf der er in den vergangenen Jahren die bayerischen Einwohnerwehren formiert und 6 Klaus Epstein, Matthias Erzberger und das Dilemma der deutsehen Demokratie, Berlin, Prankfurt a. M. 1962, S Wahlaufruf 1924, abgedruckt in: Reichstagshandbuch, II. Wahlperiode 1924, S. 339f. 7 Gesetzentwurf Kahrs m. Begründung v , abgedruckt bei: Ernst Deuerlein, Der Hitler-Putsch, Stuttgart 1962, S5 Vom freiwilligen Arbeitsdienst zw Arbeitsdienstpflicht 319 gegen die - von der Entente erzwungene - Auflösung bis zum äußersten verteidigt hatte. Indessen hatte die bayerische Regierung im Februar 1924 andere Sorgen als die Einführung der Arbeitsdienstpflicht, nicht zuletzt die, wie sie sich des Generalstaatskommissars Kahr entledigen könne. Der Gesetzentwurf über die Arbeitsdienstpflicht wurde stillschweigend zu den Akten geschrieben 8. Zur gleichen Zeit hatte sich die bayerische Regierung auch mit einem Vorschlag zu beschäftigen, der im November 1925 vom Augsburger Stadtrat eingereicht worden war. Danach sollten jugendliche Erwerbslose zwischen dem 16. und dem 21. Lebensjahr durch die Staatsgewalt einem gemeinnützigen Arbeitsdienst unterworfen werden", um sie vor Volkssittlicher Gefahr, Unbotmäßigkeit und politischem Radikalismus " zu bewahren. Stockholzausschlagen für die arme Bevölkerung, Straßenausbesserung, Entwässerung, Moor- und Ödlandkultivierung u. a. Beschäftigungen waren als geeignete Arbeiten empfohlen worden. Der Plan scheiterte an dem rigorosen Einspruch des Finanzministers Krausneck, der neben einer ganzen Reihe von anderen Gründen auf die Gefahren solcher Scheinmaßnahmen hinwies und vor der schematischen Einschätzung des volkswirtschaftlichen Wertes derartiger Kulturarbeiten warnte. Es habe keinen Zweck, Arbeitskraft und Geld da zu vergeuden, wo sie nach den gegebenen Verhältnissen niemals Früchte tragen könnten 9. Unter der Vielzahl der Denkschriften und Entwürfe, die sich in den folgenden Jahren mit der Arbeitsdienstpflicht beschäftigten, wird es wenige gegeben haben, auf die die Einwände des bayerischen Finanzministers nicht ebenfalls zugetroffen hätten veröffentlichte Artur Mahraun, Gründer und Hochmeister des Jungdeutschen Ordens, einen Plan zur Einführung der allgemeinen gleichen Arbeitsdienstpflicht 10. Dieser Plan gehörte zum Modell des Volksstaates", den der Jungdo in mancherlei politischem Zickzack verfocht. An die Stelle der nicht durchführbaren Wehrpflicht sollte eine Arbeitsdienstpflicht von zweijähriger Dauer treten. Das wirtschaftspolitische Ziel war dabei die Vermehrung deutschen Reichsvermögens, die Stärkung des Vertrauens zur deutschen Wirtschaft und die Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten. Die Projekte der Arbeitsdienstpflicht sollten in keinen Wettbewerb zur allgemeinen Volkswirtschaft treten, die Ödlandkultivierung zur späteren Ansiedlung stand im Vordergrund der Überlegungen; Kanäle, Deiche, Flußregulierungen, Kraftwerke, Krankenhäuser sollten später in Angriff genommen werden. Sozialpolitisch stand bei den Absichten Mahrauns an erster Stelle die Heraus- 8 Wie sehr sich die bay. Regierung von dem Kahrschen Entwürfe distanzierte, geht aus den abschlägigen Antworten an einen Danziger Abgeordneten und an die Schriftleitung der Sozialen Praxis" hervor, die um Überlassung des Entwurfs als Material zu einem dortigen Gesetzentwurf bzw. zur Veröffentlichung gebeten hatten, Bay. Geh. Staatsarchiv, MA Bay. Geh. Staatsarchiv, a. a. O. 10 Artur Mahraun, Über die Einführung der allgemeinen gleichen Arbeitsdienstpflicht, Kassel 1924.6 320 Wolf gang Benz ziehung einer Million jugendlicher Arbeitskräfte aus der freien Wirtschaft und die Freimachung einer entsprechenden Zahl von Arbeitsplätzen für ältere Arbeitslose. Daneben sollte das Führerkorps des Arbeitsdienstes den abgebauten Beamten und Versorgungsanwärtern des reduzierten Heeres offenstehen. Für die Landwirtschaft hatte der Autarkiegedanke wie bei allen derartigen Plänen - den Vorrang; durch Innenkolonisation sollte die Ernährung Deutschlands unabhängig vom Ausland werden. Die Erträgnisse des Arbeitsdienstes hätten die Grundlage der gesamten sozialen Fürsorge zu bilden. Die Finanzierung des Arbeitsdienstes nach Mahrauns Vorstellung war ebenso originell wie irrational. Eine Bank der Arbeitsdienstpflicht" würde als Verrechnungsstelle zwischen Staat, Privater Hand und Arbeitsdienst fungieren. Reich, Länder und Gemeinden sollten dem wirtschaftlich selbständigen Arbeitsdienst ihre Öd- und Unlande übergeben und von den ersparten Arbeitslosengeldern einen ersten Kredit finanzieren. Schließlich würde nach dem Muster der Rentenmark eine durch die vom Arbeitsdienst erzeugten Werte gedeckte Arbeitsmark" als neues wertbeständiges Zahlungsmittel ausgegeben werden. Mit dieser Nebenwährung sollten nicht nur alle anfänglichen Bedürfnisse des Arbeitsdienstes neben dem staatlichen Anfangskredit bestritten werden, die Arbeitsmark" war auch als Anreiz zum Sparen gedacht und hätte, nach Mahraun, den geschaffenen Werten entsprechend unaufhörlich vermehrt werden können 11. Mahraun dachte bei seinem Arbeitsdienstplan vor allem an den Einsatz des Einzelnen für die Gesamtheit des Volkes ( Gemeiner Nutzen geht vor sonderlichen Nutzen"). Gemeinschaftüches Denken, selbstlose Kameradschaft und nicht zuletzt die Erziehung der Jugend im Sinne des Staates und der Gemeinschaft", die man ehedem im Heeresdienst gewährleistet sah, körperliche Ertüchtigung und Traditionsbildung ehemaliger Arbeitsdienstpflichtiger, ähnlich wie im alten Heer, sollten den Sinn der Arbeitsdienstpflicht augenfällig machen. Mahraun wollte seine Arbeitsdienst-Organisation zwar unabhängig von allen parlamentarischen Schwankungen der Regierung, aber mit einem Minister an der Spitze, der obersten Leitung des Reiches unterstellt wissen. Weder in der breiten Öffentlichkeit, noch beim Jungdeutschen Orden gelang es Mahraun, mit seiner Idee die gewünschte Resonanz hervorzurufen 12. Sein Programm ist jedoch insofern bedeutungsvoll, als seine wesentlichen Thesen immer wieder aufgegriffen wurden und für die Ideologie der Arbeitsdienstpflicht als repräsentativ gelten dürfen. Auch das Arbeitsdienstprogramm, das Jahre später von der NSDAP vertreten wurde, lehnt sich in wesentlichen Punkten an Mahraun an. Sogar die Floskel Arbeitsdienst ist die soziale Schule der Nation", die von Konstantin Hierl aufs Panier des späteren RAD geschrieben wurde, läßt noch eine 11 Ein Plan, der den Arbeitsdienst ebenfalls mit Maßnahmen zur Geldschöpfung koppelt, bei: Ludwig Reiners, Schluß mit der Arbeitslosigkeit, in: Süddt. Monatshefte, 29. Jg. (1951/ 32), S. 794 f. 12 Bemühungen um ein Volksbegehren hatten keinen Erfolg, Tgl. Johann Hille, Mahraun, der Pionier des Arbeitsdienstes, Leipzig 1933, S. 36.7 Vom freiwilligen Arbeitsdienst zw Arbeitsdienstpflicht 521 Formulierung Mahrauns aus dem Jungdeutschen Manifest erkennen: Die Volksdienstpflicht ist eine Schule für die Volksgemeinschaft" 13. Charakteristisch für den Jungdeutschen Orden wie für den Stahlhelm war gleicherweise, daß beide Verbände ihre Vorstellungen vom Arbeitsdienst erst zu Verwirklichen suchten, als sie mit politischen Zielen gescheitert waren. Der Jungdeutsche Orden formierte seine Mitglieder nach dem mißglückten Abenteuer der Staatspartei im Frühjahr 1931 im Zeichen des Arbeitsdienstes. Vier Wochen ehe die Förderung des Freiwilligen Arbeitsdienstes durch die Regierung Brüning einsetzte, begann das erste jungdeutsche Freikorps der Arbeit" mit Flußregulierungsarbeiten in der Nähe von Bautzen 14. Der Stahlhelm gab nach der Reichspräsidentenwahl 1932, bei der er sich durch die Kandidatur Duesterbergs politisch isoliert hatte, die Parole Arbeitsdienst" für seine Mitglieder aus. Innerhalb kurzer Zeit hatte der Stahlhelm im FAD die zahlenmäßig beherrschende Stellung errungen 15. Die ersten Versuche, Arbeitsdienst in irgend einer Form zu praktizieren, gingen jedoch nicht von den Befürwortern der Arbeitsdienstpflicht aus. Ostern 1925 hatten sich Studenten des Altwandervogels in einem Arbeitslager in Colborn versammelt. In den beiden folgenden Jahren wurden durch den Bund der Wandervögel und die Deutsche Freischar weitere Arbeitslager für Studenten durchgeführt; 1928 fanden sich erstmals 100 Jungarbeiter, Jungbauern und Studenten im Boberhaus in Schlesien zusammen. Das Experiment wurde in den zwei folgenden Jahren wiederholt. Die Teilnehmer kamen größtenteils aus der Jugendbewegung. Das Lagerleben gehörte ohnehin zur bündischen Tradition, ebenso war es Brauch, durch Arbeitsleistungen einen Teil der Kosten für Fahrt und Lager aufzubringen. Die schlesischen Lager wurden Vorbild in anderen Teilen Deutschlands. Fördererkreise für Arbeitslager, die meist von Hochschulen, Pädagogischen Akademien und Vertretern des Volksbildungswesens getragen wurden, bildeten die Vorstufe zu einem zentralen Ausschuß für Arbeitslager, der sich im Juni 1931 in Karlsruhe konstituierte. Die Geschäftsführung lag beim Deutschen Studentenwerk 16. Die Motive der Arbeitslagerbewegung der bündischen Jugend waren dem Streben nach der Dienstpflicht diametral entgegengesetzt. Die Ideale der Jugendbewegung - Selbsterziehung, Gemeinsamkeit, gemeinschaftliches Lebensgefühl, praktisches Handeln anstelle theoretischer Diskussion - führten zu einer ganz anderen Auffassung vom Arbeitsdienst. Das Arbeitslager sah seinen Sinn nicht darin, wirtschaftliche Werte zu schaffen und Arbeitslose mit Notstandsarbeiten zu beschäftigen. Jedes einzelne Lager stand unter einem Leitgedanken z.b. Entvölkerung Schlesiens " der in Arbeitsgemeinschaften zu erarbeiten war. Körperliche Tätigkeit 13 A. Mahraun, Das Jungdeutsche Manifest, Berlin 1927, S. 169; vgl. auch Mahraun, Der große Plan, Berlin Vgl. Klaus Hornung, Der Jungdeutsche Orden, Düsseldorf 1958, S. 108f. (die S. 118/119 angegebenen Zahlen dürften zu hoch sein). 15 Berghahn, a. a. O. 16 Helmuth Croon, Arbeitslager und Arbeitsdienst, in: Die Jugendbewegung, Welt und Wirkung, Zur 50. Wiederkehr des freideutschen Jugendtages auf dem Hohen Meißner, Düsseldorf, Köln 1963, S. 221 ff.; Georg Keil, Vormarsch der Arbeitslagerbewegung, Berlin 1932.8 322 Wolf gang Benz durfte also nur die Hälfte der Arbeitszeit in Anspruch nehmen, wenn der Ertrag eines Lagers nicht nur in Kubikmetern bewegter Erde gemessen werden sollte. Nicht Uniformierung und Ausrichtung nach Befehl und Gehorsam, sondern gemeinsame Verantwortlichkeit wurde erstrebt. Die Selbstverwaltung war daher Grundprinzip des Lagerlebens. Das bedeutete gemeinschaftliche Regelung aller technischen Funktionen von der Kassenführung bis zur Arbeitsverteilung. Das Bild vom strammstehenden Arbeitssoldaten" mit dem Spaten im Präsentiergriff war ein Schreckbild für die Jugendbewegung 17. Durch die wirtschaftliche Krisensituation, die sich nach ihrem Einsetzen im Jahre 1929 sofort rasend verschärfte, schwollen die Rufe nach der Aufstellung einer Arbeits-Armee wieder an. Im Sommer und im Herbst 1930 hatte die Wirtschaftspartei im Reichstag Anträge zur Einführung der Arbeitsdienstpflicht eingebracht 18, andere rechtsstehende Parteien schlössen sich in der Folgezeit an. Die Ablehnung der übrigen Parteien, am stärksten bei den linksstehenden, nur wenig modifiziert bei den bürgerlichen 19, verwies aber die Diskussion um die Arbeitsdienstpflicht auf den außerparlamentarischen Raum- Unter dem Druck der steigenden Arbeitslosenziffern, die 1931 nur noch knapp unterhalb der 5-MiIlionen-Marke blieben und im Februar 1932 mit über 6 Millionen ihren Höhepunkt erreichten, begann sich auch die Reichsregierung für die Idee des Arbeitsdienstes zu interessieren. Als Mittel zur Arbeitsbeschaffung war allerdings. pflichtmäßiger wie freiwilliger Arbeitsdienst gleich indiskutabel. Die Bemühungen zur Arbeitsbeschaffung, die für alle Reichsregierungen von Brüning bis Hitler vorrangig waren, tangierten das Problem Arbeitsdienst" kaum. Die im Frühjahr 1931 eingesetzte Gutachterkommission zur Arbeitslosenfrage war zu dem Ergebnis gekommen 20, daß die Einführung der Arbeitsdienstpflicht ungeeignet zur Entlastung des Arbeitsmarktes sei, dagegen wurde die Förderung von freiwilligem Arbeitsdienst als Mittel zur Linderung der Folgen der Arbeitslosigkeit empfohlen. Zwei Gründe sprachen vor allem dafür. Einmal war es die sozialpädagogische Forderung, vorhandene Berufsfertigkeiten, namentlich bei Jugendlichen, durch geeignete Bildungs- und Schulungsmaßnahmen zu erhalten, nach Möglichkeit auch zu fördern und zu erweitern. Diese Forderung hatte schon in das Arbeitslosenversicherungsgesetz (AVAVG) von 1927 Eingang gefunden. Der zweite Grund war der Wunsch nach möglichst produktiver Verwendung der Erwerbslosenunterstützungen. Die Beschäftigung bei Notstandsarbeiten, die, meist auf 17 Eugen Rosenstock und Carl Dietrich von Trotha, Das Arbeitslager, Berichte aus Schlesien von Arbeitern Bauern, Studenten, Jena 1931; darin insbes.: Rosenstock, Arbeitslager und Arbeitsdienst, S. 146 f. 18 Reichstagsdrucksache 2159 der 4. Wahlperiode und Drucksache 144 der 5. "Wahlperiode. 19 Die DVP etwa verhielt sich abwartend und lehnte aus finanziellen Gründen die Arbeitsdienstpflicht vorläufig ab, auch weil sie staatssozialistische" Experimente befürchtete, bewertete aber immerhin die geistige Bereitschaft des deutschen Volkes und seiner Jugend für einen solchen Staatsdienst" positiv; vgl. Stichworte für den Wahklampf, hrsg. im Auftrag der Reichsgeschäftsstelle der DVP, Berlin 1930, S. 18f. 20 Gutachten zur Arbeitslosenfrage, Sonderveröffentlichung des Reichsarbeitsblattes 1931.9 Vom freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht 323 kommunaler Basis, seit Jahren praktiziert wurde, hatte in ähnlichen Überlegungen ihren Ausgangspunkt. Die Gemeinschaft habe, so das Argument, Anspruch auf einen, wenn auch bescheidenen, Nutzen aus dem Aufwand öffentlicher Mittel für die Arbeitslosenfürsorge. Zur Durchführung dieser Zielsetzungen im Rahmen des Freiwilligen Arbeitsdienstes mußten zunächst die Hemmungen beseitigt werden, die in der gesetzlichen Regelung der Arbeitslosenunterstützung und -fürsorge bestanden. Das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, vom Juli 1927 hatte zugunsten des Versicherungsprinzips das Fürsorgeprinzip fallenlassen. Die Regelung der Arbeitslosenversicherung und -Vermittlung erfolgte durch die zentrale und autonome Reichsanstalt. Die Arbeitslosenunterstützung (Alu) war für die Dauer von 26 Wochen vorgesehen, sie konnte bei außerordentlich großer Arbeitslosigkeit auf 39 Wochen ausgedehnt werden. Nach Ablauf dieser äußersten Frist setzte die Krisenunterstützung (Kru) ein, für die jeweils eigene Mittel durch den Reichsarbeitsrmnister bereitgestellt werden mußten. Bei noch länger andauernder Arbeitslosigkeit mußte dann die Wohlfahrtsfürsorge (Wolu) der Gemeinden einspringen. Das System der Arbeitslosenversicherung war auf maximal Hauptunterstützungsberechtigte angelegt, diese Berechnungsgrundlage erwies sich schon 1929, beim Einsetzen der Depression, als Illusion und sollte sich vor allem auf die kommunalen Finanzen der folgenden Jahre verhängnisvoll auswirken. Durch die Notverordnung vom 5. Juni 1951 wurde der nachmals berühmte 139 a AVAVG eingeführt, wodurch der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung die Förderung und Finanzierung des FAD übertragen wurde 21. Freilich waren der Betätigung im FAD zunächst ziemlich enge Grenzen gezogen. Da die Förderung nur aus Mitteln der Reichsanstalt bestritten werden konnte, beschränkte sich auch der Kreis des Freiwilligen Arbeitsdienstes auf Empfänger der Arbeitslosenunterstützung (Alu) und der Krisenunterstützung (Kru); nur noch bedingt konnten Wohlfahrtsunterstützte (Wolu) gefördert werden. In jedem Fall endete die Förderung nach 20 Wochen und damit für den einzelnen auch der Aufenthalt im Arbeitsdienst. Die Arbeitsvorhaben, die freiwillig, gemeinnützig und zusätzlich sein mußten, wurden von Trägern des Dienstes" unter Verantwortung und für Rechnung der Träger der Arbeit" ausgeführt. Zur Finanzierung überwies die Reichsanstalt die Arbeitslosenunterstützungen an die einzelnen Träger, die damit Unterkunft, Verpflegung und Taschengeld der Dienstwilligen bestritten 22. Als Träger der Arbeit fungierten neben Körperschaften des öffentlichen Rechts auch Vereinigungen mit gemeinnützigem Zweck, Stiftungen, Kirchengemeinden, Genossenschaften. Als Träger des Dienstes erschienen Turn- und Sportverbände, 21 RGBl. I, S Die einzelnen Bestimmungen bei: Gerhard Jaerisch, Der Freiwillige Arbeitsdienst im Deutseben Reiche, Ein Kommentar für die Praxis, Breslau Friedrich Syrup, Die ersten Erfahrungen mit dem Freiwilligen Arbeitsdienst, in: Soziale Praxis 40. Jg. (1931), Sp. 1623f.; Dr. Zschucke, Idee und Durchführung des freiwilligen Arbeitsdienstes, ebda., Sp. 1063f.10 324 Wolf gang Benz konfessionelle Organisationen, freie und christliche Gewerkschaften, die Technische Nothilfe und nicht zuletzt die politischen Verbände, etwa der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband und die Wehrverbände. Vom Stahlhelm bis zum Reichsbanner war außer der SA und dem Rotfrontkämpferbund fast alles vertreten. Bei etwa der Hälfte aller Arbeitsvorhaben im FAD waren Träger des Dienstes und Träger der Arbeit identisch. Eigene Sonderverbände zur Durchführung des FAD wurden auf regionaler Basis gegründet. In Bayern hatte sich am 30. Juli 1951 ein Volksbund für Arbeitsdienst" konstituiert, der auf überparteilicher, interkonfessioneller und wirtschaftlich neutraler Grundlage die Bestrebungen einer großen Zahl von Verbänden und Vereinen zusammenfaßte. Neben dem Bayerischen Christlichen Bauernverein", dem Bayerischen Heimatschutz", dem Verband der Bayerischen Offiziers- und Regimentsvereine", der Gewerkschaft Deutsche Hilfe", dem Bayerischen Ärzteverein" waren auch die Katholische Elternvereinigung" und die Evangelische Handwerkervereinigung" vertreten, ebenso der Bayerische Turnerbund" und der Zentralverband der Kriegsbeschädigten" oder der Verein für Arbeiterkolonien", der Hauptverband der Siedler" und der Bund Deutscher Bodenreformer". Aber auch der Landesverband des Roten Kreuzes, der Verband der Landgemeinden Bayerns und zahllose andere arbeiteten im Volksbund für Arbeitsdienst mit. Der Bayerische Stahlhelm, die Vaterländischen Verbände und der Bayerische Kriegerbund bildeten mit dem Volksbund zusammen eine Arbeitsgemeinschaft 23. Die sozialpädagogischen Absichten, die von der Regierung mit der Förderung des FAD verbunden wurden, fanden insbesondere bei Organisationen, die sich mit Volksbildung befaßten, aber auch bei den Kirchen, Zustimmung 24. Durch die Gutschrift von RM 1,50 für jeden Arbeitstag sollte den Arbeitsdienstwilligen über die Zeit ihrer Beschäftigung im FAD hinaus ein Anreiz zur Siedlung gegeben werden 25. Die Förderung des FAD ging Hand in Hand mit dem allgemeinen Abbau der Sozialpolitik, der durch die Brüningschen Notverordnungen im Juli 1931 eingeleitet wurde und seinen Höhepunkt mit den Notverordnungen der Regierung Papen erreichte. Das finanzielle Problem der Unterstützung der Erwerbslosen wurde durch Verschiebung der Arbeitslosenhilfe von der Versicherung auf die Krisenfürsorge 23 Karl Kaufmann, Führer durch den FAD, München Theodor Bäuerle, Erwachsenenbildung und Arbeitsdienst, in: Freie Volksbildung 7 (1932), S. 247ff.; Fritz Laack, Gefahren für den Arbeitsdienst?, ebda., S. 431 ff.; Viktor Engelhardt, Die gesetzlichen und verordnungsmäß. Ansatzpunkte für den sozialpädagogischen Ausbau des FAD, ebda., S. 285ff. und 321 ff.; Gerhard Schie, FAD als Mittel ländlicher Volksbildung in der Siedlung, ebda., S. 365ff.; H. Link, Aufgaben des Pädagogen im FAD in: Soziale Praxis 41 (1932), Sp. 1093f. - Seelsorge und FAD, in: Caritas 37 (1932), S. 607; Saarbourg-Bichter-Voß, Maßnahmen zur Betreuung der unorganisierten und der erwerbslosen Jugend (Handbuch d. Jugendpflege H. 14), Berlin 1933, S. 18ff. 25 F. Laack, Arbeitsdienst und Siedlung in: Freie Volksbildung 7 (1952), S. 241ff. - Zu den Bemühungen auf kath. Seite, Arbeitslager als Vorbereitung zur Siedlung vor allem auch bei Auswanderern durchzuführen s. Konrad Theiß, Arbeitsdienst als Weg und Vorstufe zur Gemeinschaftssiedlung, in: Caritas 37 (1932), S. 262ff. - Ders., Gestaltung des Arbeitslagers, ebda., S. 422f.11 Vom freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht 525 und von dieser auf die kommunale Wohlfahrtsunterstützung, jeweils unter Einschränkung der Leistungen und der Unterstützungsdauer, zu lösen versucht. Aktionen zur Betreuung der arbeitslosen Jugend, wie das Weihnachten 1932 verkündete Notwerk der deutschen Jugend", das als Auffangorganisation für abgehende FAD-Teilnehmer gedacht war oder das Reichskuratorium für Jugendertüchtigung", das im September des gleichen Jahres vom Reichs wehr m i ri isterium inauguriert wurde und der Papensche Plan eines Abiturientenwerkjahres können hier nur erwähnt werden 28. Bei den Maßnahmen der Regierung Brüning hatten noch sozialpädagogische Erwägungen den Ausschlag für die Förderung des FAD gegeben, bei Papen muß man außerdem die ideologischen Kulissen im Auge behalten, zwischen denen sein Kabinett agierte. Die Notverordnungen vom Juli und August des Jahres 1932 verbesserten die Förderungsbedingungen gegenüber der bisherigen Regelung ganz wesentlich, vor allem wurde die Beschränkung auf den Personenkreis der Alu- und Kru-Empfänger" aufgehoben 27. Aus Reichsmitteln standen jetzt für jeden Arbeitsdienstwilligen 2 RM pro Kopf und Werktag zur Verfügung 28. Die Zahl der Beschäftigten, die von 106 im September 1931 auf 6810 im Januar und auf im Juli 1932 angewachsen war, stieg im September 1932 auf an 29. Im Juli 1932 war Friedrich Syrup, der Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, zum Reichskommissar für den Freiwilligen Arbeitsdienst bestellt worden. Damit zeigte sich die beginnende Institutionalisierung des FAD. Als Dachorganisation der Dienstträger entstand an der Jahreswende 1932/33, ausgehend von den Heimatwerken in Baden und Württemberg, die Reichsarbeitsgemeinschaft der Dienstträgerverbände" 30. Die Diskussion um die Frage Freiwilligkeit oder Dienstpflicht?" erreichte zu dieser Zeit den Höhepunkt 31. Die Literatur wurde jetzt vollends unübersehbar, eigene Zeitschriften widmeten sich diesem Problem ( Deutscher Arbeitsdienst für Volk und Heimat" und Arbeit und Gemeinschaft"), andere Zeitschriften ver- 26 Einzelheiten bei Köhler, a. a. O., S. 210ff. 27 RGBl. I, S. 352 die weiteren Bestimmungen bei: L. v. Funcke, Handbuch für den Freiwilligen Arbeitsdienst, Berlin 1933 (3. Aufl.), und Hans Boening, ABC des Freiwilligen Arbeitsdienstes mit allen grundlegenden Verordnungen, Berlin 1953; vgl. auch Ernst Schellenberg, Der Freiwillige Arbeitsdienst auf Grund der bisherigen Erfahrungen, Untersuchung auf Grund einer Erhebung des Kommunalwissenschaftlichen Instituts... Berlin Vgl. Anordnungen des Reichskommissars für den FAD, in: Soziale Praxis 41 (1952), Sp. 1071; Entwicklung des Freiwilligen Arbeitsdienstes, ebda., Sp. 1505; Zur Klärung von Begriffen im Freiwilligen Arbeitsdienst, ebda., Sp F. Syrup, Der freiwillige Arbeitsdienst für die männliche deutsche Jugend, Sonderdr. aus Reichsarbeitsblatt, S Köhler, a. a. O., S. 117, S Werner Bohnstedt, Um die Gestaltung des Arbeitsdienstes, in: Soziale Praxis 41 (1932), Sp. 910ff.; Dr. Amhold, Um die Zukunft des Arbeitsdienstes, ebda., Sp. 1217ff.; Zur Frage der Arbeitsdienstpflicht (o. Vf.), in: Soz. Praxis 40 (1931), Sp. 114; Dr. Platzmann, Arbeitsdienstpflicht als Volksdienst, München 1935; Fritz Leinweber, Freiwilliger Arbeitsdienst und allgemeine Dienstpflicht, in: Die Tat 25 (1951/52), S. lollf.12 326 Wolf gang Benz anstalteten Sonderhefte, in fast jeder Nummer der Tagespresse wurde das Problem diskutiert. Die Befürworter der Arbeitsdienstpflicht fanden sich in der Reichsarbeitsgemeinschaft für Deutsche Arbeitsdienstpflicht (Rada)" zusammen. Diese Vereinigung von Vertretern der äußersten Rechten forderte die allgemeine Dienstpflicht zur Durchführung eines Nationalen Wirtschaftsprogramms", tolerierte aber den FAD, soweit er sich auf lokale Maßnahmen und örtliche Organisationen beschränkte. Ein Zusammenschluß der einzelnen Träger des FAD zu einer Reichsorganisation und die Weiterentwicklung des FAD zur Dienstpflicht auf diesem Wege wurde von der Rada" scharf abgelehnt. Die Verwirklichung der Dienstpflicht sollte einer neuen Ära, nicht dem derzeitigen System", vorbehalten bleiben. Diese Auffassung teilten die Vereinigten Vaterländischen Verbände, NSDAP und Stahlhelm 32. Die Kirchen beider Konfession - dem Katholischen Reichswerk für den freiwilligen Arbeitsdienst" stand ein Evangelischer Reichsbeauftragter für FAD" gegenüber - lehnten hingegen die Arbeitsdienstpflicht strikt ab 33. Durch die trostlose Situation auf dem Arbeitsmarkt und die wachsende Verelendung der langfristig Arbeitslosen wurde auch die Sozialdemokratie gezwungen, ihre Haltung gegenüber dem Arbeitsdienst zu überprüfen. An der Ablehnung der Dienstpflicht änderte sich aber für die SPD genausowenig wie für die Gewerkschaften. Eine Ausnahme machten die Sozialistischen Monatshefte", in denen seit 1931 die Beteiligung der Sozialdemokratie im FAD propagiert wurde 34. An den Maßnahmen des FAD dagegen beteiligten sich die Gewerkschaften, sie wachten jedoch voll Mißtrauen darüber, daß der Arbeitsdienst nicht von den Trägern zur billigen untertariflichen Arbeitsleistung benutzt wurde. (Ein solcher Verdacht richtete sich vor allem auf die deutschnationalen Kreise um Alfred Hugenberg.) Ebenso wurde die Freiwilligkeit der Teilnahme und die Zusätzlichkeit der Maßnahmen scharf beobachtet. Auf keinen Fall sollte der FAD dem Arbeitsmarkt ordentliche, tariflich bezahlte Arbeit wegnehmen 35. Die Furcht vor antisozialen Nebengedanken im Arbeitsdienst teilten Christliche und Freie Gewerkschaften. Für beide war die Forderung nach Schaffung neuer Kaufkraft für die Arbeiter vordringlich, diese Forderung konnte der FAD, der allenfalls Arbeitsprodukte, aber keine Kaufkraft erzeugte, nicht erfüllen. Die Berechtigung des FAD lag so für die Gewerkschaften ausschließlich im Pädagogischen und Psychologischen. Nur um die Arbeitsfähigkeit, Berufstüchtigkeit und Schaffens- 32 Deutscher Arbeitsdienst, 2. Jg. (1932), S Kath.: Wilhelm Reinermann, Freiwilliger Arbeitsdienst oder Arbeitsdienstpflicht?, in: Caritas 37 (1932), S. 361 f.; Gustav Gundlach, Zur Arbeitsdienstpflicht, in: Stimmen der Zeit 63 (1932/33), S. 56ff. - Ludwig Münz, Der Arbeitsdienst, in: Hochland 1932/33, S. 83f. Evang.: Gerhard Strathenwerth, Eine Bresche! Der Arbeitsdienst als Ausweg..., Bethel Köhler, a. a. O., S. 164; Bruno Broecker, Gewerkschaften und freiwilliger Arbeitsdienst, in: Arbeit und Gemeinschaft 1932, S. 78f. 35 Sehr. d. Bundesvorstandes d. ADGB an Schriftleitung d. Dt. Arbeitsdienst" v abgedr. in: Deutscher Arbeitsdienst, 2. Jg. (1932), S. 108.13 Vom freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht 327 freude des einzelnen zu erhalten, beteiligten sie sich an den Mäßnahmen des FAD 36. Die Gewerkschaften sahen, ebenso wie die Sozialdemokratische Partei, im FAD ausschließlich eine Notmaßnahme, die nach Stabilisierung der Verhältnisse möglichst schnell der Eingliederung der Erwerbslosen in den normalen Arbeitsprozeß zu weichen hatte. Für das sozialdemokratische Mißtrauen kann als Beispiel auch die Haltung der Sozialistischen Arbeiterjugend dienen. Der Reichsausschuß der SAJ hatte sich im Frühjahr 1952 grundsätzlich dafür entschieden, an Maßnahmen des FAD teilzunehmen, soweit als Träger öffentliche Körperschaften oder sozialistische Organisationen auftraten. Auch die SAJ erklärte ausdrücklich, daß der FAD nur als Krisenmaßnahme verstanden werde und lehnte jeden Versuch der politischen Beeinflussung der Dienstwilligen ebenso ab wie die Möglichkeit, den FAD zur Arbeitsdienstpflicht auszubauen 37. Zur Entlastung des Arbeitsmarktes hatte der Außerordentliche Kongreß der Gewerkschaften Deutschlands im April 1932 von der Reichsregierung ein breit angelegtes Programm von öffentlichen Arbeiten (Straßenbau, landwirtschaftliche Meliorationen, Siedlungen usw.) gefordert. Von dem Kostenaufwand sollte ein möglichst großer Teil auf die tarifliche Entlohnung der dabei Beschäftigten entfallen 38. In dieser Forderung, die ein grundsätzliches Moment gewerkschaftlicher Sozialpolitik widerspiegelt, zeigt sich am deutlichsten, daß die Gewerkschaften dem FAD bestenfalls reserviert gegenüberstehen und in diesen Bestrebungen keinesfalls eine über die Krise des Tages hinaus gültige Idee sehen konnten. Es ist hier auch auf eine Bewegung einzugehen, obwohl sie im eigentlichen Sinne den Arbeitsdienst nur am Rande berührte. Die Artamanen", deren Ziel in der Umschulung junger Städter zur landwirtschaftlichen Siedlung bestand, zogen nämlich aus dem Blut- und Boden-Mythos" der äußersten politischen Rechten zum erstenmal praktische Folgerungen. Damit hatten sie auch auf die Entwicklung der Ideologie von der Arbeitsdienstpflicht einen gewissen Einfluß. Durch einen gemeinsamen Aufruf Bruno Tanzmanns, des Gründers der Deutschen Bauernhochschule" und Wilhelm Kotzdes, des Bundesvaters der Adler und Falken" (die sich als Erben des Wandervogels aus der Vorkriegszeit betrachteten) entstand im Frühjahr 1924 der Bund Artam". Der Name war einem völkischen Flugblatt Willibald Hentschels aus dem Jahre 1925 entnommen und wurde abwechselnd als Hüter der Scholle" oder als Ritterüche Kampfgenossenschaft junger Helden, welche ausziehen, die Welt zu retten" interpretiert 39. Der Bund strebte 36 Ebenda, S. 99f. und: Niederschrift d. Verhandlungen d. 13. Kongresses der Christi. Gewerkschaften Deutschlands in Düsseldorf, Berlin 1932, S. 360f. 37 Zitiert nach Jugendpressedienst Wille und Werk 4, in: Deutscher Arbeitsdienst, 2. Jg. (1932), S Protokoll d. Verhandlungen des außerordentl. (15.) Kongresses der Gewerkschaften Deutschlands in Berlin ( ), Berlin 1932, S. 18f. 39 Naumburger Briefe 1925, Heft 8 (Artamanenheft), S. 34f.; weitere Deutungen zitiert Köhler, a. a. O., S. 40.14 528 Wolf gang Benz eine Lebensform durch freiwillige Arbeit auf dem Lande an und richtete sich in seiner Werbung zunächst an die völkische Jugendbewegung (über die Adler und Falken") und an Vaterländische und Wehrverbände (über die Deutsche Bauernhochschule"). Die Ziele der Artamanen lassen sich mit folgenden Schlagworten umreißen: Wiederherstellung der Ehre und Achtung der landwirtschaftlichen Arbeit, Kampf gegen die Landflucht, Ersatz und Verdrängung der polnischen Wanderarbeiter auf den mittel- und ostdeutschen Rittergütern, Selbsthilfe der Jugend gegen die Arbeitslosigkeit und, als Endziel, die Förderung des Siedlungsgedankens. Sowohl die heterogene Zusammensetzung der Bewegung als auch das programmatische Gedankengut forderten frühzeitig Kritik aus verschiedenen Lagern heraus. Waren zunächst Widerstände aus agrarischen Kreisen gegen die Ziele des Bundes Artam zu überwinden, so meldeten sich auch bald warnende Stimmen, die auf gewisse Unvereinbarkeiten der völkischen Ideale mit dem Geist der Jugendbewegung hinwiesen 40. Eifrigster Propagandist der Bewegung und Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde der Artamanen", einem vornehmlich aus Großagrariern zusammengesetzten Fördererkreis, war der Naumburger Sanitätsrat Dr. Schiele 41. Die Aufrufe in allen völkischen Zeitungen und Zeitschriften hatten zahlreiche Meldungen von ehemaligen Freikorps-Kämpfern 42, Mitgliedern der NSDAP, von Angehörigen der Verbände Wehrwolf" und Wiking", anfänglich auch von Stahlhelm und Jungdo zur Folge. Der Zustrom aus der Jugendbewegung setzte später ein vor allem ab Mai 1924, als sich die erste Artamanengruppe auf Gut Limbach bei Dresden schon im Einsatz befand 43. Die Angehörigen der Wehrverbände blieben in der Überzahl, verhältnismäßig viele Süddeutsche waren dem Bund Artam beigetreten, was sich vor allem durch die in Bayern stark vertretene völkische Presse erklären läßt 44. Im Gründungs jähr 1924 waren auf 16 meist sächsischen Rittergütern mindestens 100 Artamanen an der Arbeit. Im folgenden Jahr verdoppelte sich diese Zahl, im Jahre 1926 waren es etwa 700 auf 70 Gütern, 1928 etwa 2000 auf 180 Gütern 45. Der Höhepunkt der Bewegung war damit bereits überschritten verließ Bruno Tanzmann die Artamanen, Wilhelm Kotzde und Professor Schöpke 40 Hans Waldbauer, Grundsätzliches zur Artamanenbewegung, in: Die Tat 19 (1927/28), S. 448ff. 41 Dr. Georg Wilhelm Schiele hatte seine Arztpraxis zugunsten der politischen Publizistik aufgegeben ( Naumburger Briefe"). Er verfocht eine völkische Agrarpolitik im Zeichen der Autarkie bemühte er sich erfolglos um ein Reichstagsmandat der DNVP. Er gehörte zur engsten Umgebung Kapps und mußte sich, obwohl er das Wirtschaftsniimsterium im Kappschen Kabinett nicht angenommen hatte, aber entscheidende Gesetzentwürfe anläßl. des Putsches ausgearbeitet hatte, vor Gericht verantworten; s. Mikrofilm MA 616/4 im Institut für Zeitgeschichte (HZ), Bl ff. und 57376ff. 42 Z. B. von Rudolf Höss, dem späteren Kommandanten von Auschwitz; vgl. Höss, Kommandant in Auschwitz, Stuttgart 1958, S. 51 f. 43 Naumburger Briefe 1925, Heft 2: Freiwilliger Arbeitsdienst im Limbacher Beispiel. 44 Vgl. den Aufruf im Völkischen Beobachter v Fr. Schmidt, Die Artamanenbewegung, in: Deutsches Adelsblatt 44 (1926), S. 704.15 Vom freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht 329 zogen sich wenig später ebenfalls zurück. Wegen der zunehmenden politischen Radikalisierung unter Georg Kenstier (die preußische Regierung hatte ihn als lästigen Ausländer abgeschoben) kam es 1929 zur Spaltung. Fortan gab es zwei Organisationen, die miteinander in heftiger Fehde lebten und sich um die Berechtigung, den Namen Bund Artam" zu führen, stritten zeigte sich die Bewegung, die von der preußischen Regierung unter den staatsfeindlichen Organisationen geführt wurde 46, vollständig zersplittert. Der alte Artam-Bund, der in seiner Blütezeit 5000 Mitglieder gezählt haben mag, mußte Konkurs anmelden. Politisch gehörten zu dieser Zeit bereits 90% aller Artamanen ins Lager der NSDAP. Reorganisationsversuche einzelner Gauführer blieben im ganzen ergebnislos. Die Reste des Artam-Bundes wurden 1934 dem Reichsnährstand angegliedert 47. Die Entwicklung des Bundes Artam, dem zeitweilig prominente Nationalsozialisten wie Himmler und Darre angehörten, war im ganzen unabhängig von der des Arbeitsdienstes verlaufen, wenn sich Berührungspunkte auch hie und da ergaben wurden etwa ehemalige Angehörige des NS-Arbeitsdienstes im Rahmen des Arbeitsdank" für die Siedlung auf dem Artamanen-Bundesgut Koritten geschult 48. Den Artamanen nahe stand Karl Schöpke, der 1925 ein Landwerk" gegründet hatte, um junge Städter für die Landwirtschaft umzuschulen. Bekämpfung der Landflucht und Verdrängung der polnischen Wanderarbeiter waren auch seine Ziele. Schöpke beteiligte sich zunächst auch an den Bemühungen zur Einführung des Freiwilligen Arbeitsdienstes und arbeitete mit Pastor Bodelschwingh (Bethel) zusammen 49, um dann aber im Zeichen der Arbeitsdienstpflicht in die Leitung des nationalsozialistischen Arbeitsdienstes einzutreten 80. Verhältnismäßig spät, nämlich erst im Laufe des Jahres 1932, traten nationalsozialistische Arbeitslager in Erscheinung 61. Im Braunen Haus schwankte man lange, ob sich die NSDAP am staatlich geförderten FAD beteiligen oder aber bis zur Machtergreifung" abwarten solle, um dann die Arbeitsdienstpflicht einzuführen. Der Strasser-Flügel der Partei drängte auf die Errichtung von Lagern im Rahmen 46 S. Akten d. Preuß. Innenministeriums/Abt. II, Deutsches Zentralarchiv Potsdam, Rep. 77 Tit. 4043: Die Artamanen (Mikrofilm im HZ MA 198/5). 47 Bund Artam e.v. [Hrsg.], Zehn Jahre Artam, Sternberg-Neumark Ebenda, S Eine den Artamanen nicht ganz unähnliche Zielsetzung hatten auch Die Sigmarshofer", eine von Bethel ausgehende evangelische Bewegung zur Umschulung jugendlicher Arbeitsloser für die Landwirtschaft. Praktische Versuche wurden 1931 in Mecklenburg-Strelitz angestellt; vgl. Gerhard Stratenwerth, Die Sigmarshofer, Bethel Er schied 1934 aus politischen Gründen" wieder aus; vgl. dazu Nürnberger Dokument NO S. a. Karl Schöpke, Deutsches Arbeitsdienstjahr statt Arbeitslosenwirrwarr, München 1930; dazu auch NS-Monatshefte 1 (1950), S. 184f. 61 Syrup, Die ersten Erfahrungen mit dem FAD, in: Soziale Praxis 40 (1951), Sp. 1627, erwähnt allerdings für das Jahr 1931 bereits ein nationalsozialistisches Arbeitsvorhaben im Rahmen des PÄD, das aber wohl auf eine örtlich begrenzte Initiative zurückging.16 350 Wolf gang Benz des Freiwilligen Arbeitsdienstes. Hitler war persönlich am ganzen Problem weniger interessiert, auch das Gros der Gauleiter hatte andere Sorgen 52. Oberst a.d. Konstantin Hierl 53, seit 1929 Reichsorganisationsleiter II - bis 1927 hatte er zur engsten Umgebung Ludendorffs im Tannenbergbund gehört und war dann über Strasser in die NSDAP gekommen - war ein Anhänger der Arbeitsdienstpflicht. Schon 1923, als er noch im Reichswehrrninisterium. Dienst tat, hatte er in einer Denkschrift Seeckt für die Arbeitsdienstpflicht zu erwärmen versucht. Den Freiwilligen Arbeitsdienst lehnte Hierl jedoch ab ernannte ihn Hitler, hauptsächlich wohl deshalb, um ihn von dem Posten als Organisationsleiter, dem er nicht gewachsen war, abzulösen, zum Beauftragten des Führers für den Arbeitsdienst". Hierl beschränkte sich in dieser Stellung zunächst darauf, generalstabsmäßig" Gesetzentwürfe für die dereinstige Einführung der Arbeitsdienstpflicht anfertigen zu lassen 54. Gregor Strasser und vor allem dessen Intimus Paul Schulz ( Feme-Schulz") drängten dagegen auf die Beteiligung der NSDAP am Freiwilligen Arbeitsdienst. Schulz hatte im Herbst 1931 die Einstellung Helmut Stelhechts als Fachbearbeiter für den Arbeitsdienst" in die Parteileitung veranlaßt. Damit war Hierl ein Anhänger des Arbeitsdienstes unterstellt, der nicht bis zur Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht abwarten wollte, sondern die sofortige Teilnahme der Nationalsozialisten in freiwilligen Arbeitslagern forderte. Für Hierl galt der FAD zu dieser Zeit im besten Falle als entbehrliche Vorstufe, eher aber als Verfälschung der Idee der Arbeitsdienstpflicht", die das Eintreten der wirtschafthchen und volkserzieherischen Wirkungen" des obligatorischen Arbeitsdienstes verzögere 55. Erst allmählich kam Hierl zu der Auffassung, daß der staatlich unterstützte FAD die Möglichkeit bot, Erfahrungen für die Zukunft zu sammeln und Führungskader auszubilden. Er gab dem Drängen Stellrechts nach und genehmigte die Errichtung einzelner Lager, die als Stammabteilungen" für eine spätere NS-Organisation gedacht waren. Vorher hatte schon Paul Schulz mit der Gründung des Vereins zur Umschulung freiwilliger Arbeitskräfte" in Berlin einen eigenen Vorstoß unternommen, um den Nationalsozialisten einen Anteil an der Arbeitslagerbewegung zu sichern. Das Lager in Hammerstein (Hinterpommern), das Anfang 1932 errichtet wurde und als eines der ersten, wenn nicht als das erste NS-Arbeitslager überhaupt gilt, ging auf die Initiative von Paul Schulz zurück. Auch anderenorts wurden jetzt nationalsozialistische Arbeitsdienstvereine, immer unter dem Mimikri der Umschulung", nach dem Schulzschen Vorbild gegründet. In der später erfolgten Zusammenfassung zum Reichsverband Deutscher Arbeitsdienstvereine e.v." bildeten sie den Grundstock des NS-Arbeitsdienstes. In Groß-Kühnau bei Dessau förderte die nationalsozialistische Landesregierung 62 Mündl. Auskunft von Dr. H. Stellrecht. BS H. H. Grote und H. Erb, Konstantin Hierl, Berlin 1934; Konstantin Hierl, Im Dienste für Deutschland , Heidelberg 1954; Zeugenschrifttum Hierl im HZ. 54 K. Hierl, a. a. O., S K. Hierl, Sinn und Gestaltung der Arbeitsdienstpflicht, München 1932.17 Vom freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht 531 von Anhalt unter Ministerpräsident Freyberg und Gauleiter Löper die Errichtung eines Arbeitslagers, das unter Leitung des Major a.d. Lancelle die Keimzelle für den späteren RAD wurde. Eine Lehrabteilung und eine Führerschule verfolgten auch hier den Zweck, hauptberufliche Arbeitsdienstführer für die Zukunft heranzubilden. Wie gering jedoch der Anteil der NSDAP an den Lagern des FAD war, geht aus einer Umfrage hervor, die von der Obersten SA-Führung im September 1952 bei allen SA-Gruppen und Untergruppen im Reich durchgeführt wurde 56. Die weitaus meisten SA-Führer standen nicht nur dem freiwilligen Arbeitsdienst, wie er derzeit überall in Deutschland praktiziert wurde, ablehnend gegenüber, sie verfolgten auch den Aufbau einer nationalsozialistischen Arbeitsdienstorganisation mit Argwohn. Den parteieigenen Arbeitsdienst, dessen Voraustrupps in den Gauleitungen gerade installiert wurden, empfand die SA großenteils als Konkurrenz. Die Oberste SA- Führung hatte auch vorsorglich verfügt, daß alle SA-Führer, die sich zur Teilnahme in NS-Arbeitslagern meldeten, aus dem SA-Führerkorps auszuscheiden hatten. Am erstrebenswertesten erschien es den meisten SA-Führern, den Arbeitsdienst in eigener Regie der SA durchzuführen. Einige SA-Gruppen ersehnten aber auch einen Arbeitsdienst der NSDAP für die Mitarbeit im staatlich geförderten FAD in den allen offen stehenden Lagern waren sie sich zu schade um die größtenteils erwerbslosen SA-Männer wirtschaftlich sichern zu können. Meldungen über bereits errichtete Arbeitslager der NSDAP lagen im September aber nur aus Niederschlesien, Bochum, Danzig und aus Pommern vor. Der theoretische Beitrag, den Konstantin Hierl namens der NSDAP zur Diskussion der Arbeitsdienstfrage lieferte, war denkbar bescheiden. Er bestand weitgehend aus der Adaption des vorliegenden Schrifttums, soweit es sich in das Programm der NSDAP einfügen Heß. Insbesondere auf die Schriften Karl Schöpkes und auf den zeitweiligen sächsischen Wirtschaftsminister Walter Waldemar Wilhelm mußte zurückgegriffen werden 57. Die erste größere parteiamtliche" Schrift über den Arbeitsdienst erschien erst Neben den Phrasen von der Überwindung des liberalistisch-kapitalistischen Wirtschaftsdenkens" und der Aufrichtung eines deutschen Sozialismus" 59 wurden 86 Mikrofilm MA 132 und MA 153 im KZ. B ' Er gehörte als Mitglied der Wirtschaftspartei von Januar bis Juni dem zweiten Kabinett Heldt an. Sein vielbeachtetes Buch, Volk im Dienst, Leipzig 1951, in dem er die Einführung der Arbeitsdienstpflicht zur Überwindung der Wirtschaftskrise forderte, wurde von der NSDAP restlos akzeptiert. Vgl. NS-Monatshefte 2. Jg. (1951), S. 479ff.: Der Verfasser gehört, obwohl anscheinend nicht äußerlich, nach seiner inneren Einstellung zu uns." Die Gesetzesvorschläge und Organisationsentwürfe Wilhelms wurden von Hierl zum Teil ausgewertet. Vgl. auch: Will Decker, Die politische Aufgabe des Arbeitsdienstes, Berlin 1935, S Helmut Stellrecht, Der Deutsche Arbeitsdienst, Aufgaben, Organisation, Aufbau, Berlin Das Buch wurde nach dem Ausscheiden Stellrechts aus dem Arbeitsdienst kaum noch erwähnt; vgl. Grote/Erb, Konstantin Hierl, S. 60; s. a. Jesco von Puttkamer, Deutschlands Arbeitsdienst, Oldenburg 1953, S Rede Hierls am (Reichsparteitag) in Nürnberg, hier nach: Müller-Brandenburg, Was ist Arbeitsdienst? Was soll er?, Leipzig 1934, S. 49; Stellrecht, a. a. O., S. 7;18 332 Wolf gang Benz vor allem die gemeinschaftsbildenden Werte des Arbeitsdienstes betont. Wirkte hier das Fronterlebnis des Ersten Weltkrieges nach, so stand hinter der Umschichtung unseres Volkes aus den Großstädten aufs Land" und der Umgruppierung aus der übermäßig aufgeblähten Industrie zurück zur Bodenkultur" 60 (wie auch bei vielen nicht-nationalsozialistischen Forderungen nach der Dienstpflicht) Hans Grimms Volk ohne Raum". Übrig blieb die Formel vom Ehrendienst am Deutschen Volke", der im Arbeitsheer geleistet werden sollte. Werner Beumelburg bemühte sich, dieses nationalpädagogische Ziel mit folgender Formulierung zu fassen: Die Unehre des Soldaten wurde durch die allgemeine Wehrpflicht überwunden, ausgemerzt und in ihr Gegenteil verwandelt. Die mindere Stellung des Arbeiters wird in zehn Jahren vorüber sein, wenn erst einmal jeder junge Deutsche durch die Schule des Arbeitsdienstes gegangen sein wird." 61 Hinter allen romantischen Sehnsüchten und irrationalen Begründungen für die Notwendigkeit einer allgemeinen Arbeitsdienstpflicht (es wurde z. B. nur in wenigen der späteren Publikationen über den RAD versäumt, darauf hinzuweisen, daß der Geist Friedrichs des Großen über allen Kultivierungsarbeiten des Reichsarbeitsdienstes schwebe) steht jedoch der universale Verfügungsanspruch des totalen Staates über den Einzelnen (Buchheim). Der 30. Januar 1933 kam für den Beauftragten des Führers der NSDAP für den Arbeitsdienst" überraschend. Zu der Überraschung trat die Enttäuschung hinzu, daß der Stahlhelmführer Seldte das Reichsarbeitsrninisterium im Kabinett Hitler erhalten hatte. Die Regierungserklärung vom 1. Februar, in der es hieß: Zu den Grundpfeilern unseres Programms gehört der Gedanke der Arbeitsdienstpflicht" 62, konnte Hierl nicht trösten, denn schon am folgenden Tag meldete Seldte seine Ansprüche auf das Reichskommissariat für den FAD an. An der Spitze aller Organisationen, die im Freiwilligen Arbeitsdienst als Träger des Dienstes auftraten, stand immer noch der Stahlhelm; das Reichskabinett hatte daher keine Bedenken, anstelle des zurückgetretenen Arbeitsrninisters Syrup, der wieder die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung übernahm, Seldte mit der Leitung des FAD zu betrauen 63. Die Ernennung Seldtes zog sich allerdings wegen der Verhandlungen mit Hierl, der ja auch irgendwie an der Spitze des FAD untergebracht werden mußte, noch Hierl, Der Geist des Arbeitsdienstes, Berlin [1934] (Mikrofilm MA 132 im HZ, Bl ff.), hier wird Sozialismus mit deutsche Volksgemeinschaft" übersetzt. 60 K. Hierl, Sinn und Gestaltung der Arbeitsdienstpflicht (Vortrag b. d. Reichsarbeitsgemeinschaft für dt. Arbeitsdienstpflicht am ), München 1932, S Werner Beumelburg, Durch Arbeit zur Nation, in: Süddeutsche Monatshefte 30 (1932/ 33), S. 385ff.; vgl. W. Beumelburg, Arbeit ist Zukunft, Oldenburg Hohlfeld IV, Nr. 5., S. 7f. 63 Sitzungsprotokoll des Reichskabinetts v BA Koblenz, Best. R 43 I (Fotokopie Fa 203/1 im IfZ).19 Vom freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht 333 bis Mitte März hin. Nachdem Hierl seine Bereitschaft zur Mitarbeit im letzten Augenblick trotz der Konzessionen Seldtes, der unter anderem den Rücktritt seines Beauftragten nach Ablauf von drei Monaten zugesichert hatte, zurückzog, wurde Seldte Reichskommissar für den FAD. Er hatte sich Hitler gegenüber vorher verpflichtet, den Aufbau des Arbeitsdienstes - das hieß: Umbau des bestehenden FAD zur Dienstpflicht - im Einvernehmen mit der Reichswehr und der NSDAP durchzuführen 64. Vorläufig hatte die Rivalität zwischen Seldte und Hierl, als den Exponenten des Arbeitsdienstgedankens innerhalb des Stahlhelms und der NSDAP, mit einem Sieg des ersteren geendet. Während Seldte als Reichsarbeitsminister und Reichskommissar für den FAD die Schlüsselpositionen besetzen konnte, war Hierl leer ausgegangen und stand, obwohl Beauftragter der NSDAP für den Arbeitsdienst, abseits. Aber schon am 51. März mußte Seldte ihn zur Ernennung zum Staatssekretär (als Leiter des Arbeitsdienstes) dem Kabinett vorschlagen. Der Arbeitsdienst sollte als besondere Abteilung dem Reichsarbeitsministerium eingegliedert werden 65. Nach seinem Amtsantritt als Staatssekretär für den Arbeitsdienst" ging Hierl zunächst daran, alle nationalsozialistischen Arbeitsdienstvereine unter dem Dach des ReichsVerbands deutscher Arbeitsdienstvereine (RDA)" zusammenzufassen. Den Vorsitz übernahm er selbst in seiner Eigenschaft als Beauftragter der Partei. Die Gliederung des Dachvereins in Gauarbeitsdienstvereine ermöglichte die Gleichschaltung aller Arbeitslager der nicht-nationalsozialistischen Organisationen und Verbände. Der nationalsozialistische Sturm auf die Arbeitslager brach mit solcher Wucht los, daß um die Mitte des Jahres 1955 alle Dienstträgerorganisationen - außer dem Stahlhelm aus dem Felde geschlagen wurden. Die offenen" und gemischten" Lager, in denen sich die Arbeitsfreiwilligen nur zur Arbeit einfanden, um nach Feierabend ins Privatleben zurückzukehren, waren zuerst verschwunden. Das Chaos, das die Nationalsozialisten in den Lagern anderer Organisationen angeblich vorgefunden hatten 66, begann aber erst jetzt, da ein großer Teil der Männer die Lager verließ, um nicht unter nationalsozialistischer Regie weiterarbeiten zu müssen. Außerdem verfügte der Arbeitsdienst Hierls noch lange nicht über die nötige Organisation und das Führerpersonal, um alle Lager ordnungsgemäß weiterführen zu können. Mit besonderem Eifer wurden die konfessionell gebundenen Lager aufgelöst. Vorstellungen des Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz und ein Protest Kardinal 64 Sehr. Seldte an Hitler v. 11. und 14. März 1933, Akten d. Reichskanzlei, BA Koblenz, Bestand R 43 II (Fotokopie im IfZ, Sign. Fa 199/21) im folgenden zitiert als Akten Reichskanzlei. 66 Sitzungsprotokolle d. Reichskabinetts, BA Koblenz, Best. R 43 I (Fotokopie Fa 203/2 im IfZ). Als Unterabteilungsleiter d. Abt. Jugendertüchtigung, die neu errichtet werden sollte, schlug Seldte den Stahlhelmführer Mahnken und Strattenwert [sie] vor. 66 Vgl. Herbert Erb, Die Entwicklung des Arbeitsdienstes (Amtl. Schriften d. Reichsleitung d. Arbeitsdienstes Heft 4), Leipzig 1934, S. 41; s. a. die einzelnen Aufsätze im Heft 56 der NS-Monatshefte, 5. Jg. (1934), S. 978ff. Vierteljahishefte 2/420 334 Wolf gang Benz Faulhabers bei Hitler und Seldte gegen die Besetzung von Lagern des katholischen Reichswerkes durch die NSDAP blieben erfolglos. Lediglich gewisse Fristen für die Liquidierung der Lager und die Abwicklung bereits begonnener Vorhaben wurden unter Hinweis auf die Verfügung des Reichskommissars für den FAD zur Neuregelung der Dienstträgerschaft im FAD" vom 28. April 1935 zugestanden. Die insbesondere von Kardinal Faulhaber 67 aufgeworfenen Fragen der Entschädigung für das enteignete Vermögen und die Versorgung der katholischen Arbeitslagerführer wurden von Hierl ebenso wie die Forderung zur Abhaltung von Gottesdiensten in den Lagern - hinhaltend abschlägig behandelt 68. Mit der Gleichschaltung der Arbeitslager hatte sich Hierl zunächst einen Rückhalt gegenüber Seldte geschaffen, dem er ja im staatlichen Bereich unterstellt war. Als Vorsitzender des Reichsverbandes der Arbeitsdienstvereine war er jedoch selbständig und konnte, gestützt auf die einzelnen Vereine, daran gehen, sich auch innerhalb der staatlichen Organisation die entsprechende Position zu erkämpfen. Die entscheidenden Schritte mußten aber auch hier wieder in den unteren Instanzen erfolgen. Schon im Frühjahr 1933 ging die Bearbeitung der Angelegenheiten des FAD von den Präsidenten der Landesarbeitsämter und den Leitern der Arbeitsämter auf neu ernannte Bezirkskommissare über. Anfang August wurden diese Dienststellen in 30 Arbeitsgauleitungen" umgewandelt, die als Mittelinstanzen des Reiches fungierten. Die Bezirkskommissare und späteren Arbeitsgauführer waren größtenteils mit den Vorsitzenden der gleichgeschalteten Gauarbeitsdienstvereine identisch. Der Stahlhelm-Arbeitsdienst, als letzter nicht-nationalsozialistischer Dienstträger, wurde im Juli 1933 von den Gauvereinen übernommen. Ende des Jahres 1933 war der FAD ein unter Kontrolle der NSDAP stehender Verein, dessen regionale Vorsitzende in Personalunion Leiter staatlicher Dienststellen waren und dessen Reichsvorsitzender Hierl auf Reichsebene Staatssekretär beim Reichskommissar für FAD und auf Parteiebene Beauftragter des Führers war. Im Februar 1934 wurde die vollzogene Gleichschaltung aller Arbeitsdienstbestrebungen augenfällig, als der Verein (RDA) den neuen Namen NS-Arbeitsdienst erhielt. Während Hierl auf der unteren und mittleren Ebene die Ausschaltung der Dienstträger und die Gleichschaltung der Lager erzwang, war man sich über die künftige Organisationsform des Arbeitsdienstes auf der obersten Ebene noch lange nicht einig. Seldte hatte Anfang April 1933 einen Plan zur Errichtung eines Ministeriums für Arbeit und Jugend entwickelt, scheiterte damit aber am Einspruch des Finanzwie des Wirtschaftsministeriums 69. Seldte mußte sich vor allem Kritik an dem 67 Sehr. Faulhaber an Hitler v und Antwort Hierls v , Akten Reichskanzlei. 68 Vgl. dazu die Richtlinien für die Beteiligung des Reichsarbeitsdienstes an kirchlichen Feiern" von Hierl (o. D.), Nürnbg. Dokument PS Vgl. Chefbesprechung üb. Fragen der Arbeitsdienstpflicht und Jugendertüchtigung am , Akten Reichskanzlei. Mehr anzeigen
Folge: Kurzfristige Schulden des Reiches: März 1919 = 64 Mrd. Mark März 1920 = 92 Mrd. Mark Bargeldmenge (Banknoten, Darlehenskassenscheine): März 1919 = 30 Mrd. Mark März 1920 = 59 Mrd. Mark 23 Vorläufiges Mehr Grundsätze für das Bundesleben nach der Satzung der Marburger Burschenschaft Arminia e.v.
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 Art. 23
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 Art. 1
 Art. 2
 Art. 3
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