Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Betriebsratsmitglied_Vergleich_Abmahnung_Lohn_Rechtsanwalt_Kosten_BAG_7ABR68-08.html
Timestamp: 2017-03-29 01:28:41+00:00

Document:
ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/149
Der Rechts­weg ist lang und teu­er
§ 12a ArbGG - Be­nach­tei­li­gung von Be­triebsräten leicht ge­macht?
Der Fall: Be­triebs­rats­mit­glied schließt nach im Streit um Ab­mah­nun­gen und Lohn ei­nen Ver­gleich in An­leh­nung an § 12a ArbGG
BAG: Ei­ne Be­nach­tei­li­gung liegt nicht vor
§ 12a ArbGG - Be­nach­tei­li­gung von Be­triebsräten leicht ge­macht? Nach § 78 Satz 2 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - (Be­trVG) dürfen Mit­glie­der des Be­triebs­ra­tes we­gen ih­rer Tätig­keit nicht be­nach­tei­ligt oder begüns­tigt wer­den. Die Re­ge­lung dient der Un­abhängig­keit der Be­triebs­rats­mit­glie­der. Je­des Be­triebs­rats­mit­glied soll oh­ne Furcht vor Maßre­ge­lun­gen des Ar­beit­ge­bers sein Amt ausüben können. Ver­ein­ba­run­gen, die ge­gen § 78 Satz 2 Be­trVG ver­s­toßen, sind nach § 134 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) als Ver­s­toß ge­gen ein ge­setz­li­ches Ver­bot zu be­wer­ten und da­her nich­tig.
Ge­gen die­se ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen, je­den­falls ge­gen ih­ren Geist, wird in der be­trieb­li­chen Pra­xis manch­mal mas­siv ver­s­toßen. So gibt es im­mer wie­der Fälle, in de­nen Be­triebsräte durch un­be­rech­tig­te Lohnkürzun­gen und Ab­mah­nun­gen re­gel­recht zermürbt wer­den sol­len. In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on des "Be­triebs­rats­mob­bings" wird ein Be­triebs­rats­mit­glied zwar re­gelmäßig we­nig Pro­ble­me da­mit ha­ben, vor dem Ar­beits­ge­richt sei­ne Ansprüche (al­so bei­spiels­wei­se den vor­ent­hal­te­nen Lohn oder die Ent­fer­nung der Ab­mah­nung) durch­zu­set­zen. Der Pfer­de­fuß ist aber ei­ne Be­son­der­heit des ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens: Denn gemäß § 12a Abs.1 Satz 1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) muss im Ur­teils­ver­fah­ren vor Ar­beits­ge­rich­ten in der ers­ten In­stanz je­de Par­tei ih­ren Rechts­an­walt selbst be­zah­len.Auch wenn der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer in vol­lem Um­fang ei­nen Pro­zess vor ei­nem Ar­beits­ge­richt ge­winnt, kann er die Kos­ten für sei­nen An­walt nicht auf den un­ter­le­ge­nen Ar­beit­ge­ber überwälten. Ei­gent­lich soll die­se Re­ge­lung den Ar­beit­neh­mer vor unnöti­gen Kos­ten schützen. Aber sie gilt auch zu­guns­ten von Ar­beit­ge­bern.
Der Fall: Be­triebs­rats­mit­glied schließt nach im Streit um Ab­mah­nun­gen und Lohn ei­nen Ver­gleich in An­leh­nung an § 12a ArbGG Ein Be­triebs­rats­mit­glied ver­lang­te im Ur­teils­ver­fah­ren vor dem Ar­beits­ge­richt vom Ar­beit­ge­ber Ar­beits­vergütung für vier Ar­beits­ta­ge im Ju­ni und Ju­li 2006 so­wie die Ent­fer­nung ei­ner Ab­mah­nung vom 11.07.2006. In der Ab­mah­nung hat­te der Ar­beit­ge­ber dem Be­triebs­rats­mit­glied vor­ge­wor­fen, sei­ne Ar­beit an die­sem Tag nicht auf­ge­nom­men, son­dern oh­ne Ab­mel­dung nicht er­for­der­li­che Be­triebs­rats­auf­ga­ben er­le­digt zu ha­ben. Das Be­triebs­rats­mit­glied mach­te in dem Rechts­streit gel­tend, an den strei­ti­gen Ta­gen ent­we­der nach vor­he­ri­ger Ab­mel­dung er­for­der­li­che Be­triebs­ratstätig­keit wahr­ge­nom­men oder aber ge­ar­bei­tet zu ha­ben. Dem hielt der Ar­beit­ge­ber, of­fen­bar in Kennt­nis der Rechts­wid­rig­keit sei­nes Ver­hal­tens, nichts ent­ge­gen. Die Par­tei­en be­en­de­ten den Rechts­streit mit ei­nem Ver­gleich, in dem sich der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­te­te, al­le Kla­ge­for­de­run­gen mit Aus­nah­me der Zin­sen zu erfüllen. Außer­dem ent­hielt der Ver­gleich die Re­ge­lung, dass je­de Par­tei ih­re An­walts­kos­ten selbst tra­gen soll­te. Sie be­tru­gen auf Sei­ten des Be­triebs­rats­mit­glieds 676,86 EUR. In ei­nem Fol­ge­pro­zess, der in Form ei­nes ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­rens geführt wur­de, ver­lang­te das Be­triebs­rats­mit­glied Frei­stel­lung von den An­walts­kos­ten. Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main wies den An­trag zwar zurück (Be­schluss vom 07.08.2007, 4 BV 47/07), doch gab das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) ihm in ei­ner ausführ­lich und gut be­gründe­ten Ent­schei­dung statt (Be­schluss vom 10.04.2008, 9 TaBV 236/07).
BAG: Ei­ne Be­nach­tei­li­gung liegt nicht vor Das BAG ent­schied an­ders als die Vor­in­stanz zu Guns­ten des Ar­beit­ge­bers.
Fa­zit: Die­se Ent­schei­dung schwächt die Po­si­ti­on von Be­triebs­rats­mit­glie­dern, die sich im ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils­ver­fah­ren ge­gen un­be­rech­tig­te Lohnkürzun­gen oder auch ge­gen ei­ne un­be­rech­tig­te, ih­ren Son­derkündi­gungs­schutz miss­ach­ten­de Kündi­gung zu Wehr set­zen müssen. Von sol­chen Maßnah­men be­trof­fe­ne Be­triebsräte soll­ten nicht klein bei­ge­ben, son­dern not­falls al­le be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Mit­tel ausschöpfen. Ins­be­son­de­re ein Be­schluss­ver­fah­ren gemäß § 23 Abs.3 Be­trVG we­gen gro­ber Miss­ach­tung der Rech­te des Be­triebs­rats oder ei­ne Straf­an­zei­ge we­gen Be­hin­de­rung der Be­triebs­ratstätig­keit gemäß § 119 Abs.1 Nr.2 Be­trVG sind recht­li­che und kos­ten­neu­tra­le Möglich­kei­ten, auf ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge An­grif­fe zu re­agie­ren, wenn die­se "un­ter der Gürtel­li­nie" lie­gen. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 20.01.2010, 7 ABR 68/08

References: § 12
 § 12

§ 12
 § 78
 § 78
 § 134
 § 12
 § 12
 § 23
 § 119