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Timestamp: 2020-07-10 09:16:02+00:00

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Insolvenzverschleppung bei der Ltd. - und die persönliche Haftung ihres Directors | Rechtslupe
Insolvenzverschleppung bei der Ltd. - und die persönliche Haftung ihres Directors
Auf den Direk­tor einer pri­va­te com­pa­ny limi­ted by shares, über deren Ver­mö­gen in Deutsch­land das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den ist, kommt § 64 Satz 1 GmbHG zur Anwen­dung.
Mit die­ser Ent­schei­dung setzt der Bun­des­ge­richts­hof eine Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on um. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Aus­le­gung der Art. 49, 54 AEUV und des Art. 4 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1346/​2000 des Rates vom 29.05.2000 über Insol­venz­ver­fah­ren EuIns­VO in Bezug auf § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG in der Fas­sung vor Inkraft­tre­ten des Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung des GmbH-Rechts und zur Bekämp­fung von Miss­bräu­chen (MoMiG, inhalts­gleich mit der Neu­fas­sung) fol­gen­de Fra­gen vor­ge­legt [1]:
Betrifft eine Kla­ge vor einem deut­schen Gericht, mit der ein Direk­tor einer Limi­ted, über deren Ver­mö­gen in Deutsch­land nach Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den ist; vom Insol­venz­ver­wal­ter auf Ersatz von Zah­lun­gen in Anspruch genom­men wird, die er vor Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens, aber nach Ein­tritt der Zah­lungs­un­fä­hig­keit geleis­tet hat, das deut­sche Insol­venz­recht im Sin­ne des Art. 4 Abs. 1 EuIns-VO?
Der Uni­ons­ge­richts­hof hat dazu fest­ge­stellt [2]:
Art. 4 EuIns­VO ist dahin aus­zu­le­gen, dass in sei­nen Anwen­dungs­be­reich eine Kla­ge vor einem deut­schen Gericht fällt, mit der der Direk­tor einer Gesell­schaft eng­li­schen oder wali­si­schen Rechts, über deren Ver­mö­gen in Deutsch­land das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den ist; vom Insol­venz­ver­wal­ter die­ser Gesell­schaft auf der Grund­la­ge einer natio­na­len Bestim­mung wie § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG aF auf Ersatz von Zah­lun­gen in Anspruch genom­men wird, die der Direk­tor vor Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens, aber nach dem Zeit­punkt, auf den der Ein­tritt der Zah­lungs­un­fä­hig­keit fest­ge­setzt wur­de, geleis­tet hat.
Die Art. 49 AEUV und 54 AEUV ste­hen der Anwen­dung einer natio­na­len Vor­schrift wie § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG aF auf den Direk­tor einer Gesell­schaft eng­li­schen oder wali­si­schen Rechts, über deren Ver­mö­gen in Deutsch­land das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den ist, nicht ent­ge­gen.
Nun­mehr bejaht der Bun­des­ge­richts­hof die Haf­tung des Direc­tors einer eng­li­schen Limi­ted nach § 64 GmbHG:
Nach § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG aF sind die Geschäfts­füh­rer einer Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung der Gesell­schaft oder nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens dem Insol­venz­ver­wal­ter zum Ersatz von Zah­lun­gen ver­pflich­tet, die nach Ein­tritt der Zah­lungs­un­fä­hig­keit der Gesell­schaft oder nach Fest­stel­lung ihrer Über­schul­dung geleis­tet wor­den sind. Zu Recht hat das Beru­fungs­ge­richt die­se Vor­schrift auf die Direk­to­rin als die Direk­to­rin einer Limi­ted ange­wandt.
Der Zweck der Vor­schrift besteht dar­in, Mas­se­ver­kür­zun­gen im Vor­feld des Insol­venz­ver­fah­rens zu ver­hin­dern und für den Fall, dass der Geschäfts­füh­rer sei­ner Mas­se­si­che­rungs­pflicht nicht nach­kommt, sicher­zu­stel­len, dass das Gesell­schafts­ver­mö­gen wie­der auf­ge­füllt wird, damit es im Insol­venz­ver­fah­ren zur rang­ge­rech­ten und gleich­mä­ßi­gen Befrie­di­gung aller Gesell­schafts­gläu­bi­ger zur Ver­fü­gung steht [3]. Damit wird von § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG aF im Regel­fall nicht ein Scha­den der Gesell­schaft erfasst, son­dern ein Scha­den der künf­ti­gen Insol­venz­gläu­bi­ger. Die ver­bots­wid­ri­gen Zah­lun­gen die­nen in der Regel der Erfül­lung von Ver­bind­lich­kei­ten der Gesell­schaft und füh­ren bei die­ser nur zur Ver­kür­zung der Bilanz­sum­me, nicht aber zu einem Ver­mö­gens­scha­den. Ver­rin­gert wird nur die Insol­venz­mas­se in dem nach­fol­gen­den Insol­venz­ver­fah­ren, was zu einem Scha­den allein der Insol­venz­gläu­bi­ger führt [4]. Die Haf­tung nach § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG aF setzt im Regel­fall die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens vor­aus. Es ist dann Sache des Insol­venz­ver­wal­ters, den Anspruch gel­tend zu machen.
Die­ser Geset­zes­zweck trifft auf bei­de Gesell­schafts­for­men zu. Sowohl in der Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung als auch in der Limi­ted haf­ten die Gesell­schaf­ter grund­sätz­lich nicht mit ihrem per­sön­li­chen Ver­mö­gen für die Gesell­schafts­schul­den. In bei­den Gesell­schafts­for­men wer­den die Geschäf­te von einer dafür ver­ant­wort­li­chen, nicht not­wen­dig auch als Gesell­schaf­ter betei­lig­ten Per­son geführt. Bei bei­den Gesell­schafts­for­men besteht die Gefahr, dass der Geschäfts­füh­rer oder der Direk­tor nach Insol­venz­rei­fe Zah­lun­gen zu Las­ten der spä­te­ren Insol­venz­gläu­bi­ger leis­tet und damit die Insol­venz­mas­se ver­kürzt. Die­se Umstän­de recht­fer­ti­gen es, den Geschäfts­füh­rer deut­schen Rechts und den Direk­tor eng­li­schen oder wali­si­schen Rechts in Bezug auf die Haf­tung bei der­ar­ti­gen Zah­lun­gen gleich­zu­be­han­deln [5].
Die­se Rechts­an­wen­dung steht nicht in Wider­spruch zum Uni­ons­recht.
Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat viel­mehr fest­ge­stellt, dass § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG aF auch auf Direk­to­ren einer Limi­ted anwend­bar sei, über deren Ver­mö­gen im Inland das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den ist.
Die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen einer Haf­tung aus § 64 Abs. 2 GmbHG aF sind erfüllt.
Das Beru­fungs­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass die Direk­to­rin die strei­ti­gen Zah­lun­gen aus dem Gesell­schafts­ver­mö­gen zu einer Zeit ver­an­lasst hat, zu der die Schuld­ne­rin schon zah­lungs­un­fä­hig und damit insol­venz­reif war. Es hat dage­gen nicht fest­ge­stellt, dass die Zah­lun­gen aus­nahms­wei­se mit der Sorg­falt eines ordent­li­chen Geschäfts­manns im Sin­ne des § 64 Abs. 2 Satz 2 GmbHG aF ver­ein­bar waren oder aus sons­ti­gen Grün­den nicht zu einer Haf­tung nach § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG aF geführt haben. Das Ver­schul­den des Geschäfts­füh­rers wird bei die­ser Sach­la­ge ver­mu­tet [6].
Der Anspruch ist im vor­lie­gen­den Fall auch nicht ver­jährt. Die Ver­jäh­rungs­frist beträgt nach § 43 Abs. 4 GmbHG in Ver­bin­dung mit § 64 Abs. 2 Satz 3 GmbHG aF fünf Jah­re. Ange­sichts des ein­deu­ti­gen Wort­lauts der Nor­men kommt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on eine ana­lo­ge Anwen­dung der drei- bzw. zehn­jäh­ri­gen Ver­jäh­rung nach den all­ge­mei­nen Bestim­mun­gen der §§ 195, 199 BGB nicht in Betracht. Das Beru­fungs­ge­richt hat rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt, dass die Ver­jäh­rung durch die Ein­rei­chung des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­suchs gehemmt wor­den ist.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. März 2016 – II ZR 119/​14
BGH, Beschluss vom 02.12 2014 – II ZR 119/​14, ZIn­sO 2015, 92[↩]
EuGH, ZIP 2015, 2468[↩]
BGH, Urteil vom 20.09.2010 – II ZR 78/​09, ZIP 2010, 1988 Rn. 14 Dober­lug; Habersack/​Schürnbrand, WM 2005, 957, 959; Klein­diek in Lutter/​Hommelhoff, GmbHG, 18. Aufl., § 64 Rn. 4[↩]
zustim­mend Ser­va­ti­us, DB 2015, 1087 ff.; Schall, ZIP 2016, 289 ff.; Man­kow­ski, NZG 2016, 281 ff.; von Wilcken, DB 2016, 225 f.; Weller/​Hübner, NJW 2016, 225; Schulz, EWiR 2016, 67[↩]

References: § 64
 Art. 49
 Art. 4
 § 64
 Art. 3
 Art. 4

Art. 4
 § 64
 Art. 49
 § 64
 § 64
 § 64
 § 64
 § 64
 § 64
 § 64
 § 64
 § 64
 § 43
 § 64
 § 64