Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BVerfG&Datum=15.12.2011&Aktenzeichen=2%20BvR%202362/11
Timestamp: 2019-06-26 03:12:14+00:00

Document:
BVerfG, 15.12.2011 - 2 BvR 2362/11 - dejure.org
https://dejure.org/2011,3404
BVerfG, 15.12.2011 - 2 BvR 2362/11 (https://dejure.org/2011,3404)
BVerfG, Entscheidung vom 15.12.2011 - 2 BvR 2362/11 (https://dejure.org/2011,3404)
BVerfG, Entscheidung vom 15. Dezember 2011 - 2 BvR 2362/11 (https://dejure.org/2011,3404)
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Zwangsmedikation eines in einem psychiatrischen Krankenhaus Untergebrachten mit Neuroleptika - mangelnde Rechtswegschöpfung (§ 90 Abs 2 S 1 BVerfGG) bei Nichtinanspruchnahme fachgerichtlichen Rechtsschutzes gem § 327 Abs 1 FamFG
Art 100 Abs 1 GG, § 90 Abs 2 S 1 BVerfGG, § 90 Abs 2 S 2 BVerfGG, § 327 Abs 1 FamFG, § 10 PsychKG SN 2007
Nichtannahmebeschluss: Zwangsmedikation eines in einem psychiatrischen Krankenhaus Untergebrachten mit Neuroleptika - mangelnde Rechtswegschöpfung (§ 90 Abs 2 S 1 BVerfGG) bei Nichtinanspruchnahme fachgerichtlichen Rechtsschutzes gem § 327 Abs 1 FamFG - Zur Obliegenheit der Fachgerichte, aufgrund der Senatsentscheidung vom 23.03.2011 (2 BvR 882/09) die verfassungsrechtlichen Anforderungen an Zwangsbehandlungen von Amts wegen zu berücksichtigen
BVerfGG § 90 Abs. 2 S. 2; BVerfGG § 93a
BVerfGK 19, 286
Die Verfassungsmäßigkeit einer gesetzlichen Eingriffsgrundlage kann von den Fachgerichten überdies von Amts wegen - unabhängig von einer entsprechenden Rüge des jeweiligen Klägers - zu prüfen sein (…vgl. BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 19. Juli 2017 - 2 BvR 2003/14 -, juris, Rn. 44; BVerfGK 19, 286 m.w.N.).
Festzuhalten ist jedoch, dass es zunächst Sache der Fachgerichte ist, auf Anträge von Untergebrachten hin, die sich gegen eine Zwangsbehandlung richten, auch die Vereinbarkeit der jeweils herangezogenen landesrechtlichen Rechtsgrundlagen mit dem Grundgesetz zu prüfen, gegebenenfalls vorläufigen Rechtsschutz zu gewähren und bei negativem Ausgang der Prüfung die Sache im Verfahren der konkreten Normenkontrolle dem Bundesverfassungsgericht vorzulegen (vgl. BVerfGK 19, 286 m.w.N.).
Zwar kann von den Fachgerichten nicht verlangt werden, rügeunabhängig oder unabhängig von näherer Substantiierung ein Gesetz ins Blaue hinein auf nicht offen zutage tretende verfassungsrechtliche Fehler zu prüfen (vgl. BVerfGK 19, 286 m.w.N.).
vgl. BVerfG, Beschlüsse vom 24. Juni 1992, 1 BvR 1028/91 -, BVerfGE 86, 382 = juris, Rn. 29, und vom 15. Dezember 2011, 2 BvR 2362/11, juris, Rn. 5; OVG NRW, Beschluss vom 10. April 1992 - 12 B 2298/90 -, NVwZ 1992, 1226 = juris, Rn. 1 bis 4; Schoch, in: Ders./Schneider/Bier, VwGO, Stand August 2012, § 123 Rn. 129.
b) Da das Landgericht die Verfassungsmäßigkeit der Eingriffsgrundlage nicht geprüft hat, weist die Kammer erneut darauf hin, dass es zunächst Sache der Fachgerichte ist, auf Anträge von Untergebrachten hin, die sich gegen eine Zwangsbehandlung richten, auch von Amts wegen - unabhängig von einer entsprechenden Rüge des jeweiligen Klägers oder Antragstellers - die Vereinbarkeit der jeweils herangezogenen landesrechtlichen Rechtsgrundlagen mit dem Grundgesetz zu prüfen (vgl. BVerfGK 19, 286 mit weiteren Nachweisen).
Jedenfalls nachdem durch die Senatsentscheidungen (BVerfGE 128, 282; 129, 269; 133, 112) die wesentlichen Anforderungen an die gesetzlichen Grundlagen einer Zwangsbehandlung geklärt sind, muss von den Fachgerichten aber erwartet werden, dass sie diese bei Entscheidungen, die die Zwangsbehandlung von Untergebrachten betreffen, von Amts wegen im Auge behalten und entsprechend verfahren (vgl. BVerfGK 19, 286 ).
Nach den Entscheidungen des BVerfG vom März und Oktober 2011, deren Beachtung des BVerfG in seiner letzten Entscheidung (BVerfG, Beschl. v. 15.12.2011, 2 BvR 2362/11 zit. n. juris) ausdrücklich den Fachgerichten zur Aufgabe macht, ist nunmehr § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB anhand der unter 2.a. beschriebenen Maßstäbe verfassungskonform auszulegen.
Dass den Fachgerichten die Kompetenz zur Verwerfung gesetzlicher Bestimmungen fehlt, hindert sie - wie oben ausgeführt - nicht, einem Rechtsschutzsuchenden - sofern die Voraussetzungen hierfür im Übrigen vorliegen - vorläufigen Rechtsschutz auch insoweit zu gewähren, als der gerügte Verfassungsverstoß in der Hauptsache nur durch eine verfassungsgerichtliche Entscheidung ausgeräumt werden kann (…vgl. BVerfG, Beschl. v. 14.8.2013, 2 BvR 1601/13, juris Rn. 3;… BVerfG, Beschl. v. 5.9.2005, 1 BvR 1781/05, EuGRZ 2005, S. 634 f.; Beschl. v. 15.12.2011, 2 BvR 2362/11, juris 5 ) .
Zwangsbehandlungen nach § 18 Abs. 4 PsychKG NRW sind "Vollzugsmaßnahmen" im Rahmen der - hier vorliegenden - öffentlich-rechtlichen Unterbringung, die ausschließlich der gerichtlichen Überprüfung nach § 327 FamFG (zuvor § 701 FGG) unterliegen (…vgl. Dodegge/Zimmermann, PsychKG NRW, 1. Aufl. 2000, Teil A Rn. 118, 119;… Jürgens/Marschner, BetreuungsR, 4. Aufl. 2010, § 327 FamFG Rn. 2; BVerfG, Beschl. v. 15.12.2011, Az.: 2 BvR 2362/11 = BeckRS 2012, 45915).
Effektiver Rechtsschutz ist dem Betroffenen durch die Überprüfung der Rechtmäßigkeit der Zwangsbehandlung durch das Amtsgericht zu gewähren (vgl. BVerfG, Beschl. v. 15.12.2011, Az.: 2 BvR 2362/11 = BeckRS 2012, 45915).
Das Gericht hat die von ihm aufgestellten Maßstäbe bei der Frage der Zulässigkeit einer Zwangsbehandlung auch auf die Zwangsmedikation nach dem Unterbringungsgesetz Baden-Württemberg ausgedehnt (Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 12.10.2011 - 2 BvR 633/11 -) und weiter darauf hingewiesen (Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 15.12.2011 - 2 BvR 2362/11 -), dass die wesentlichen Anforderungen an die gesetzlichen Grundlagen einer Zwangsbehandlung damit geklärt seien und von den Fachgerichten bei Entscheidungen, die die Zwangsbehandlung von Untergebrachten betreffen, im Auge zu behalten seien und entsprechend zu verfahren sei.

References: § 327
 § 90
 § 90
 § 327
 § 10
 § 327
 § 90
 § 93
 § 123
 § 1906
 § 18
 § 327
 § 701
 § 327