Source: http://bosselverein-martje-flohrs.de/old/html/geschichte.html
Timestamp: 2019-03-22 15:26:36+00:00

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Das Boßeln in Katharinenheerd
Da nicht jedem Besucher unserer Homepage der Boßelsport vertraut sein wird, sei eine kleine Boßelkunde dem Bericht über das Boßeln in unserem Dorf vorangestellt:
Das Boßeln: ein Kugelspielsport, das an der deutschen und der angrenzenden niederländischen Nordseeküste gespielt wird und vermutlich von einwandernden Holländern im 17./18. Jahrhundert nach Eiderstedt, das heute noch Hochburg des Boßelns ist, bzw. nach Nordfriesland gebracht wurde.
Die Boßel: eine mit mehreren Löchern versehene, mit Blei ausgegossene, 500g schwere Apfel- oder Pockholzkugel mit einem Durchmesser von 65mm. Für jüngere Spieler gibt es kleinere Kugeln.
Der Boßelwurf: mit einem längeren Anlauf und einer Drehung des Boßlers wird die Boßel nach vorn geschleudert.
Arten des Boßelns: das Feldboßeln (Mannschaftsspiel auf den Fennen, wird vor allem an der norddeutschen Westküste praktiziert), das Straßenboßeln (Mannschafts- oder Einzelkampf), das Preis- und Konkurrenzboßeln (Einzelstandkampf) und das Pokalboßeln (Mannschaftsstandkampf)
Wer boßelt? In früherer Zeit war es ein reiner Männersport (Mannsboßeln), seit Ende des Zweiten Weltkrieges boßeln auch Frauen (Fruunsboßeln)
Wann? Das ganze Jahr hindurch, vorwiegend jedoch im Winter, wenn die Gräben zugefroren sind und man querfeldein über die Fennen laufen kann.
Das Spiel: zwei gleich starke Mannschaften müssen die Boßel mit möglichst wenigen Würfen - die Boßler werfen abwechselnd - über eine festgelegte Bahn bringen. Das Spiel hat zwei Durchgänge. Gewonnen hat die Mannschaft, die mit ihren Würfen als erste die vorgegebene Strecke bewältigt, wobei die Wurfweiten der einzelnen Spieler zusammengezählt werden.
Über den Ablauf eines Boßelkampfes berichtet der langjährige 1.Vorsitzende und heutige Ehrenvorsitzende Dirk Johns:
“Beim Feldboßeln geht es für jede Mannschaft nach einer vorher festgelegten Rolle (Personenliste). Falls der aufgerufene Boßler nicht anwesend ist, muss ein Ersatzmann einspringen. Mit einer vorangetragenen Fahne wird die Bahn (Wurfstrecke) ausgewiesen. Das macht der Bahnanweiser. Der Rollenleser muß laufend nach jedem Wurf den folgenden Boßler aufrufen. Nach jedem Wurf steht der Stockleger bereit, der die Lage der Boßel mit einem Stock markiert. Der nächste Boßler darf beim Abwurf den Stock nicht übertreten, was beim Anlauf und sich einmal um die eigene Achse drehen passieren kann. Nach Beendigung des Kampfes wird von den Vorsitzenden der Vereine eine kleine Ansprache gehalten. Die Verlierer übergeben der Gewinnermannschaft die Feldboßel mit den Worten: “Wi kamt anner Johr woller un holn uns de Boßel wor!” Dann folgt der dreimalige Boßelgruß mit “Lüch op!”
Alte Gelände und Bahnen werden heute noch benutzt, so in Katharinenheerd die Strecke der zwischen Drescherhof und Rumpenhof ostwärts gelegenen Fennen Mit einer großen Mannschaft kann eine lange Strecke (bis Hochbohm, Kleihörn und zurück) durchgeboßelt werden, bei kleiner Rollenbesetzung geht es bis Hemminghörn.
Die älteren Boßler erinnern sich an lange, frostreiche Winter auf diesen Bahnen. In heutiger Zeit sind die Winter milder geworden, so dass die Boßler hiesige Fennen selten nutzen können und an die Deiche ausweichen.
Das auch die Windverhältnisse eine wesentliche Rolle für den Austragungsort spielen können, zeigt schon ein Boßelvertrag zwischen Oldenswort und Garding von 1886, wo es in Punkt 8 heißt: “Bei steilem Süd- und Westwind kommen (die Boßler) nach Katharinenheerd...” Auch heute noch wechselt man bei ungünstigen Winden auf andere Bahnen über.
Vereinsgründung: Sicherlich boßelte man in Katharinenheerd - wie in Eiderstedt überhaupt - schon sehr lange Zeit vor der Gründung von Vereinen um die Wette. Hier ist das Boßeln Sport geblieben, während es sich in anderen Regionen zu einem Leistungssport wandelte.
Nach Entstehung des “Verbandes Schleswig-Holsteinischer Eisboßler” 1894 bildeten sich an der Westküste bald viele Ortsvereine, so auch 1908 in Katharinenheerd, wo die Aktivitäten des Boßelvereins bis heute das Dorfleben in einzigartiger Weise mitgestalten und prägen.
1908 rief der Lehnsmann Boye Gertz die Männer von Katharinenheerd zusammen, um einen Boßelverein zu gründen. “Wegen zu geringer Beteiligung wurde die Versammlung vertagt und beim zweiten Anlauf waren dann 19 Mann gekommen, die alle Mitglieder wurden.” ,berichtet der Schriftführer. Ein Nachtrag des Vereinsprotokolls zeigt, dass sich noch im gleichen Jahr die Mitgliederzahl auf 41 erhöhte: Pastor Gehrkens, August Möller, Fritz Nebbe, Fritz Ketels, Gustav Elias, Wilhelm Matz, Peter Sass, Richard Alberts, Max Hansen, Boye Gertz jr., Hermann Stuck, G.Christian, Jens Röhe, Andreas Röhe, Thomas Röhe, Emil Jans, Julius Nissen, Emil Martens, Carl Christian, D.Marwig, Wilhelm Peters, B.Helm, Joh.Gröhn, Ludwig Petersen, Lehnsmann Gertz, Lehrer Sachau, Theodor Lorenz, B.Spreckelsen, Wilhelm Kühl, Hinrich Hansen, Emil Petersen, Jacob Sieverts, Max Martens, Carl Thoms, Hans Kempf, Willy Thums, Heinrich Peters, Jacob Alberts, Joh.Elias, Joh.Borrmann und Peter Burmeister.
Die Boßelversammlung beschloss, dem Verein den Namen “Boßelverein Martje Flohrs” zu geben. Es wurden folgende Statuten des Boßelvereins beraten und angenommen:
§1 Zweck des am 12.Januar 1908 gegründeten Vereins ist, den Gemeinsinn und die Teilnahme an dem uns von unseren Vorfahren überlieferten Boßeln anzuregen und zu heben.
§2 Der Verein wird geleitet durch den Vorstand, bestehend aus dem Vorsitzenden, dem Schriftführer, dem Kassierer, resp. deren Stellvertretern.
§3 Die Wahl der Vorstandsmitglieder geschieht durch Stimmenmehrheit auf die Dauer von zwei Jahren, turnusmäßig scheidet die Hälfte alljährlich aus. Der Kassierer hat auf der Generalversammlung alljährlich Rechnung abzulegen.
§4 Das Versammlungslokal wechselt jährlich zwischen Röhe und Hemminghörn. Auf Wunsch des Vorstandes, oder wenn ein Drittel der Mitglieder des Vereins es schriftlich beim Vorsitzenden beantragen, kann eine Extraversammlung stattfinden. Die Versammlungen werden per Zirkular oder Zeitung bekanntgegeben.
§5 Der Gang der Versammlung wird in einem Protokoll verzeichnet und genehmigt. Jeden ersten Sonntag im Monat Dezember, nachmittags 7 Uhr, findet im Versammlungslokal die Generalversammlung statt.
§6 Jeder Einwohner der Gemeinde Katharinenheerd kann Mitglied werden.
§7 Das Ausscheiden aus dem Verein wird angenommen, wenn ein Mitglied des Vereins seinen Verpflichtungen diesen Statuten gegenüber nicht nachkommt.
§8 Der Beitrag beträgt monatlich 10 Pfennig und wird halbjährlich durch den Kassierer eingesammelt.
§9 Der Vorstand ist ermächtigt, für unvorgesehene Ausgaben bis zu 10 Mark aus der Vereinskasse zu entnehmen.
§10 Sind in der Gemeinde Nichtmitglieder als gute Boßler bekannt, so kann der Vorstand dieselben bei einem Boßelkampf hinzuziehen und müssen Mitglieder sich eine Zurücksetzung gefallen lassen.
§11 Bei Festlichkeiten des Vereins sind Einführungen seitens der Mitglieder gegen Zahlung von 60 Pfennig Eintrittsgeld pro Person gestattet. Damen haben freien Zutritt.
§12 Bei einer Auflösung des Vereins, die von zwei Drittel der Anwesenden beschlossen werden kann, wird die Kasse unter den Mitgliedern verteilt.
Vorstehende Statuten wurden beraten und angenommen in der Versammlung am 12.Januar 1908.
J.Boye Gertz, Vorsitzender W.Matz, Kassierer G.Christian, Schriftführer
Vorsitzender: Boye Gertz
Stellvertreter: August Möller
Schriftführer: Gustav Christian
Stellvertreter: Richard Alberts
Kassierer: Wilhelm Matz
Stellvertreter: Andreas Röhe
Während des ersten Weltkrieges wurde das Boßeln fast eingestellt. Die zum Kriegsdienst eingezogenen Boßelmitglieder aber vergaß der Verein nicht. Im Protokoll vom 14.11.1914 heißt es:”...sämtliche Anwesende der Versammlung erklären sich damit einverstanden, dass vom Verein aus an die im Feld stehenden Boßler zu Weihnachten Liebesgaben gesandt werden. Eine Sammlung ergibt hierfür im ganzen 62 Mark. Da 16 Empfänger in Frage kommen, entfällt auf jeden eine Gabe von 3 Mark fünfzig. Es sollen dafür Zigarren gesandt werden. Pastor Möller übernimmt die Absendung der Gaben.”
Nach Ende des Ersten Weltkrieges begann man, das Boßelspiel wieder zu beleben. 1919 hatte der Verein 48 Mitglieder zu verzeichnen. 1921 legte Boye Gertz sen. den Vorsitz nieder, an seine Stelle trat Boye Gertz jun. Als dieser 1925 verzog, übernahm Max Hansen den Vorsitz.
Das Jahr 1924 war ein besonderes in der Vereinsgeschichte. 9 Kämpfe wurden mit einer Mannschaftsstärke von 25 - 31 Boßlern ausgetragen, davon wurden fünf Kämpfe gewonnen und vier verloren.
1928 wurde Dirk Johns zum ersten Vorsitzenden gewählt. “Wi weern 20 Mann un harrn all schreckliche Lust to boßeln.” Bei klirrendem Frost ging es mit Pferd und Wagen in die Nachbardörfer. So manches Mal fiel einer der Aktiven im Eifer des Gefechtes schon mal rückwärts in den Graben. “Na`t Isbaden gung dat wieder oder gau na Huus.”
Dirk Johns leitete die Geschicke des Vereins 42 Jahre lang und hatte großen Anteil daran, das die Leistungen der Boßler im Dorf beachtlich anstiegen. Von alten Boßlern wird immer wieder ein Name erwähnt: “Hanne Witt” (Johannes Petersen). Er war bis 1956, als er Ehrenmitglied wurde, langjähriger Distriktsmann und Fahnenträger. “1923, bei einem Boßelkampf gegen Tetenbüll-Straße, war er Rollenleser und hatte ein Schild an seinem Zylinder mit der Aufschrift: “Wir müßen siegen oder sterben”. Auch erschien er oft mit seinem Bauchladen,” berichtet Dirk Johns, “um die Kämpfer mit heißen Würstchen zu stärken. Und zur Fastnachtszeit kamen immer viele Dorfbewohner, um bei ihm und seiner Frau Greta das Heißeweckendrehen mitzumachen.
Die alle Bereiche durchdringende Herrschaft des Nationalsozialismus hatte im Katharinenheerder Boßelverein zur Folge, dass der Unterverband Eiderstedt Dirk Johns, der kein Parteimitglied war, 1934 schriftlich aufforderte, sein Amt niederzulegen. Er erinnert sich: “Wilhelm Gertz wurde `Führer`, so hieß das unter Hitler. Ich bin dann sein Stellvertreter geworden. Die Arbeit für den Verein habe ich aber wie früher weitergemacht, da waren Willem und ich uns einig. Wir machten da keine Politik. Und dann, wer kein Nazi war, versuchte in die Feuerwehr zu kommen, bei der entstand eine enorme Aktivität.” 1936 wurde Dirk Johns jedoch erneut der Vorsitz gegeben, das Protokoll bezeichnet ihn als “Vereinsleiter”.
1933 wurde beschlossen, einen Boßelbund mit den Vereinen Kating und Kotzenbüll zu gründen, den sogenannten “K-Bund”. Dieser Zusammenschluss berührte allerdings nicht die Arbeit der örtlichen Vereine. 1.Vorsitzender des K-Bundes war von 1933 bis 1969 Dirk Johns. “Der K-Bund konnte gleich eine gute Mannschaft von 50 - 60 Boßlern aufweisen. Zunächst boßelten in der Winterzeit die kleinen Vereine gegeneinander, danach wurden die besten Boßler ausgesucht und als K-Bund-Teilnehmer für die Wettkämpfe mit den größeren Vereinen eingesetzt.”
1935 fand die Weihe der Fahne des Boßelvereins im Vereinslokal Jens Röhe statt. “Seitdem wurde sie”, so Dirk Johns, “bei jeder festlichen Gelegenheit mitgenommen. Zum Fahnenträger wählten wir Johannes Petersen, unseren `Hanne Witt`, denn er galt als ein eifriger Förderer unseres Boßelspiels.”
In der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurde das Vereinsleben völlig eingestellt. Bald nach Kriegsende boßelte man wieder und so fand 1949 - der Boßelverein war (wie alle Vereine) 1945 von der englischen Besatzungsmacht aufgelöst worden - die Neugründung des Boßelvereins “Martje Flohrs” im Kirchspielskrug Röhe statt. Dirk Johns übernahm erneut den Vorsitz.
“Die Mitgliederzahl wuchs damals rasch,” berichtet er. “Es war ein großes Glück, das viele Flüchtlinge Spaß am Boßeln fanden. Das bot ja auch eine gute Möglichkeit, sich in der neuen Heimat einzuleben. Besonders der Jugendwart Erich Bies war es, der die Jugendlichen wieder motivierte und Schwung in den Verein brachte.” Der ortsansässige Kaufmann betreute fünf Jahre lang die Jugend und brachte bei den 10-15 jährigen viele große Talente auf den Weg. “Etwa 50 Jungs waren dabei,” erinnert sich Marten Spreckelsen. “Boßeln war damals der Sport überhaupt, im Unterschied zu heute. Einmal wöchentlich ging`s zu Fuß oder per Rad zum Boßeln. Wenn einer mal nicht so warf wie er sollte, dann knallte Erich kräftig mit seiner Peitsche herum und trieb seine Mannschaft an mit: “Wenn jüm sik tohoop rieten, denn gev`ik een ut!”
Unvergesslich bleibt den Katharinenheerdern das Jahr 1955: Nach langer Zeit konnte der Verein in hartem Kampf den B.V. Kotzenbüll mit einem “Kiekut” von 13 Metern bezwingen. Es war für die Gemeinde so etwas wie ein Olympiasieg. Die Mannschaft fuhr mit aus offenen Autos wehenden Fahnen durch das Dorf, man winkte ihr begeistert zu und feierte gemeinsam den Sieg im Kirchspielkrug Ketels “mit 28 Bowlen, von Dorfbewohnern gestiftet und Karl Godehardt machte mit seiner Quetsche Musik.”
In diesem Jahr auch schenkte die Katharinenheerderin Anne Wiese dem Boßelverein eine von ihr bestickte Feldfahne, die bei Feldkämpfen den Boßlern des Vereins vorangetragen wird. Die Fahne trägt auf der Vorderseite die Inschrift “Boßelverein Martje Flohrs - 1908” und auf der Rückseite die Ermunterung an die Boßler: “Hier mutt he her”.
So begann eine hervorragende Zeit der Vereinsleistungen, kaum ein Kampf ging verloren, viele goldene Boßeln wurden gewonnen. In den 60iger Jahren war das Team des B.V. Martje Flohrs fast unschlagbar: “12Mann, die im Schnitt 200 Meter warfen!” Im K-Bund war der Verein dank der “guten Schmieter” (wie Marten und Jann Spreckelsen, Helmut und Herbert Wilke, Erich Riedel, Heinz Römer Nickels, Günter Stapel, Werner und Richard Plähn, Walter Ploog) bis Anfang der 70iger Jahre führend.
Sie wurden 1966 in Koldenbüttel erstmalig Unterverbandsmeister des K-Bundes: v.l. Helmut Wilke, Herbert Wilke, Marten Spreckelsen, Matthias Bodenhagen, Jann Spreckelsen, Werner Plähn
Die erfolgreiche Jugendarbeit wurde durch Marten Spreckelsen fortgeführt, der ab 1964 insgesamt 20 Jahre hindurch das Amt des Jugenwartes wahrnahm. Als Spitzenboßler brachte er `gute Talente ans Boßeln`und führte für die Katharinenheerder Boßler viele Veranstaltungen durch.
Von 1914 - 1934 wurden 42 Feldkämpfe ausgetragen, davon 23 verloren und 19 gewonnen. Von 1947-1978 wurden vom Verein 75 Feldkämpfe audgetragen, dabei gewann man 48 Kämpfe und verlor 27. In diesen Jahren wurden den Katharinenheerder 14 goldene Boßeln überreicht, während man 3 goldene Boßeln abgeben mußte.
Die erfolgreichsten Boßler im Verein und im K-Bund:
bis 1939    Hinrich Albers           194,5m
Dirk Johns             193,0m
ab 1949     Helmut Wilke            228,5m
Marten Spreckelsen         223,5m
Jann Spreckelsen          217,0m
Werner Plähn            222,5m
Herbert Wilke           207,0m
Bernhard Hennings         199,0m
Heinz Römer Nickels        198,0m
Horst Kupfernagel         198,0m
Auf Unterverbandsebene (Eiderstedt) boßelten im allgemeinen 130-170 Jungen. Aus Katharinenheerd wurden Jugendunterverbandsmeister:
10-15 Jahre: Heinz Römer Nickels, Berend Spreckelsen, Peter Matz, Arne Wilke
6-9 Jahre: Jörg Spreckelsen, er war auch 1985 Hauptverbandssieger
Beim Jugendstraßenboßeln errang man dreimal den Mannschaftssieg vom Unterverband Eiderstedt und zwar mit: Detlef Dircks, Jörg und Thorsten Spreckelsen.
1970 zog sich Dirk Johns auf eigenen Wunsch nach 42jähriger Tätigkeit vom Amt als 1. Vorsitzender zurück und wurde gleichzeitig zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Nachfolger wurde sein langjähriger Stellvertreter Jann Spreckelsen. Er führte das jährlich im Sommer stattfindende Lagerfeuer auf dem Sportplatz und das Preis-Doppelkopf-Spiel im Februar für das ganze Dorf ein. Zudem war er 20 Jahre lang Vorsitzender des K-Bundes. 1998 erhielt er die Ernennung zum Ehrenvorsitzenden aufgrund seiner Verdienste für den Boßelverein “Martje Flohrs”. Über die Gemeindegrenzen hinaus war er tätig als Unterverbands- und Hauptverbandsjugendwart sowie Hauptverbandkassenwart des Verbandes Schleswig-Holsteinischer Boßler. Er rief ausserdem auf Unterverbandebene das Straßenboßeln mit ins Leben und nahm ebenfalls an Europameisterschaften teil.
1989 beging der Boßelverein sein Jahresfest zu Ehren des 300. Geburtstages von Martje Flohrs. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst standen im Mittelpunkt der Feierlichkeiten der Vortrag Peter Witts über das Leben von Martje Flohrs, die Festrede des Ehrenvorsitzenden Dirk Johns zur Weihe einer neuen Vereinsfahne (gestickt von Brigitte Schwerdt); die Aufführung des historischen Theaterstücks “Et gah uns wohl op unse olen Dage” und die Uraufführung des Liedes “Katharinenheerd”, dessen Text Pastorin Johanna Lenz-Aude, die Vertonung ihr Mann KMD a.D. Heinz Aude schufen.
1992 wurde Marten Spreckelsen 1.Vorsitzender des Boßelvereins, als sein Bruder Jann nach 22 Jahren Tätigkeit zurück trat.
1996 übernahm Harro Widderich das Amt als 1.Vorsitzender. Jugendwart wurde Walter Hennings der zur Zeit bis zu 15 Mädchen und Jungen trainiert. Harro Widderich steht einer schwierigen Situation gegenüber: der hiesige Verein weist nicht mehr genügend Boßler auf, um ein gleichwertiger Partner für andere Mannschaften zu sein. Zum einen nehmen viele Boßler aus beruflichen Gründen nicht mehr teil, auch erfuhr das Boßeln durch das heutige große Sportangebot eine Stellenwertänderung, zum anderen fehlt es durch Verringerung der Zahl von Jugendlichen im Dorf an Nachwuchs.
“Wir hatten besonders 1996 viele Abgänge junger Boßler. Für Katharinenheerd besteht zur Zeit kaum eine Chance, einen Kampf zu gewinnen. “Allgemein ist es zudem schwieriger geworden, geeignete Boßelflächen benutzen zu dürfen: Durch Deichneubauten und -verstärkung, durch Wegebau werden alte Boßelflächen zerschnitten, von der geänderten Nutzung her ist das Boßeln auf vielen Flächen nicht mehr möglich und wegen des Naturschutzes läßt das Umweltministerium des Landes Schleswig-Holstein bzw. die Landschaftsschutzbehörde des Kreises Nordfriesland auf vielen Flächen das Boßeln nicht mehr zu.
1998 feierte der Boßelverein “Martje Flohrs” sein 90-jähriges Bestehen mit einem festlichen und fröhlichen Boßelball. Harro Widderich eröffnete den Ball mit einer Festansprache, verdiente Boßler wurden geehrt, Jann Spreckelsen zum Ehrenvorsitzenden ernannt und Marten Spreckelsen hielt einen ausführlichen Rückblick auf die Geschichte des Vereins.
Ehemalige und der neue Vorsitzende des Boßelvereins: Jann Spreckelsen, Dirk Johns, Harro Widderich, Marten Spreckelsen (v.l.n.r.)
Die Kasse wies in den Jahren nach der Gründung des Boßelvereins ein recht kleines Vereinsvermögen auf, so besagt das Protokoll vom 04.12.1910: “Ablage der Rechnung: Von Kassierer Wilhelm Matz wurde die Jahresrechnung vorgelegt, dieselbe wurde revidiert und als richtig empfunden, die Rechnung wies auf:
Einnahme: 56,10DM Ausgabe: 17,50DM
Mithin Vermögen: 38,60DM
Nach dem ersten Weltkrieg, berichtet Dirk Johns, sei es schwierig gewesen, die Beiträge zu kassieren, da die Leute nicht viel Geld gehabt hätten. Aber das Ansehen des Boßelvereins Martje Flohrs sei im Ort so hoch gewesen, das einzelne Gemeindemitglieder freiwillig Spenden gegeben hätten, um den Verein zu unterstützen. Die Finanzlage sah ohnehin schon gleich nach der Gründung des Vereins 1908 nicht rosig aus. Aus alten Protokollen ist zu ersehen, dass bei jeder ausserplanmäßigen Ausgabe “per Circulator” freiwillige Gaben eingesammelt wurden. Fuhren Mitglieder zu Preis- oder Verbandsboßelfesten auswärtiger Vereine, mußten sie die Kosten selber tragen. Die Mitgliedsbeiträge hielten sich stets in bescheidenem Rahmen, freiwillige Spenden der Dorfbewohner besserten jedoch immer wieder die Kassenlage auf. In der wirtschaftlich schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schlug sich die steigende Inflation auch in der Beitragshöhe nieder:
Im Jahr 1919:      1,50 Mark
Im Jahr 1920:      3,00 Mark
Febr.  1922:      5,00 Mark
Dez.  1922:     10,00 Mark
Bis dann nach der Währungsreform 1923 der Beitrag auf 1 Rentenmark festgesetzt wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann man bei der Neugründung des Vereins Anfang 1949 mit einem Jahresbeitrag von 2,00 DM, “wobei 1,00 DM sofort, der Rest am 01.07.1949 zu bezahlen ist.” Erst 1964 erhöhte sich der Beitrag auf 5,00 DM der nun durch die Währungsumstellung 5,00 € beträgt.
Die Vereinsfahne.
Bald nach Gründung des Vereins 1908 setzte man die “Fahnenfrage” auf die Tagesordnung und beschloss, ungeachtet der schwierigen Finanzlage, Sammelaktionen für die Anschaffung einer Fahne durchzuführen. 1922 floß dieses “Fahnengeld” (110 Mark) allerdings zunächst in die Vereinskasse zurück. 1926 erging erneut der Beschluss, sich um eine Fahne zu bemühen. Dieses Vorhaben wurde erst 1933 in die Tat umgesetzt (“der Stoff darf höchstens 39 Reichsmark kosten”) und endlich konnte die Fahnenweihe 1935 im Kirchspielkrug Röhe stattfinden. Das Boßlermotiv der einen Seite entwarf der Gardinger Malermeister Peter Lorenzen, “gestickt wurde die Fahne” berichtet der Schriftführer Paul Reher, “von Frl. Anne Wiese und Marie Matz in mustergültiger Weise”.
Die neue Fahne des Boßelvereins
Diese alte Fahne tat bis 1989 ihren Dienst, als die Katharinenheerderin Brigitte Schwerdt mit Können und Ausdauer eine neue Fahne mit dem Motiv des Drescherhofes stickte. Diese neue Fahne hängt in der “Olen School” in Katharinenheerd, während die alte sich im Kirchspielkrug Claußen in Tetenbüll befindet.
Der Boßelball
Nach altem Brauch findet einmal im Jahr ein Boßelball statt, ein Fest, das bis vor dem Zweiten Weltkrieg noch “Vereinsvergnügen” genannt wurde und aus einer Mischung von Festreden, Ehrungen, Preisverleihungen, Theateraufführungen, Sketchen und viel Tanz besteht, kurz “een vergnögte Abend”. Diese Festlichkeit begehen die Katharinenheerder nun schon fast ein ganzes Jahrhundert lang in schöner Regelmäßigkeit. In den Wochen vor dem Boßelball gehen vier Boßler als Einlader von Haus zu Haus und bitten um eine Spende zur Unkostendeckung der Festlichkeit, Anlaß auch, um zu klönen und “ok een Lütten to nehm”. Eingeführt wurde dieses Fest durch die Generalversammlung des 05.12.1909: “Ein Antrag wegen eines Vereinsvergnügens wurde beraten. Das Vereinsvergnügen wurde einstimmig angenommen. 1910 konnten auch “Freunde zu dem Ball eingeführt werden, gegen Zahlung von 60 Pfennig.” Für die Musik nahm man 10 Mark aus der Vereinskasse. 1926 wurden 45 Mark für die Musik bewilligt. An Eintritt wurde erhoben: “Verheiratete à Paar 1,50 Mark, Junge Leute 1 Mark, Junge Mädchen 50 Pfennig.” 1928 fand, laut Protokoll, ein “Vereinsvergnügen auf Hemminghörn mit (in diesem Jahr zum ersten Mal und bis in die heutige Zeit als Brauch beibehalten) der Aufführung eines Theaterstücks statt, “nachfolgend Ball”. Die Musik kostet 25 Mark. Dieser Betrag darf nicht überzogen werden, dafür haftet der Wirt!”
Nach dem Zweiten Weltkrieg veranstaltete man erst wieder ab 1954 Boßelbälle. Dirk Johns berichtete: “Als Günter und Elisabeth Ketels den Kirchspielkrug käuflich übernahmen, wurden die Vereinsfeierlichkeiten hier alljährlich mit Theater- und Tanzvergnügen gefeiert. Fast das ganze Dorf beteiligte sich, so reichte der vorhandene Platz im Saal nicht aus und die Gäste fanden auch noch Platz im Flur, der besten Stube und im Gastzimmer.” Welche große Beliebtheit sich diese Bälle erfreuten, zeigt ein Zeitungsartikel von 1963: “Der Boßelverein hatte zu einem fröhlichen Winterfest in den Kirchspielkrug unter dem Motto “Fasching bei Martje Flohrs” eingeladen. Aus einer “Bütt” wurde die sehr vollzählig gekommene Dorfgemeinschaft launig begrüßt. Der Vorsitzende Dirk Johns sprach begeistert über das eifrige Boßeln und die Erfolge des Vereins, dann wurden die einzelnen Büttenredner, unter ihnen besonders zünftig Ernst Petersen und Rudi Münchow, in die Bütt gebracht. Gegen 22 Uhr wurde der als Bardame kostümierten Wirtin Elisabeth Ketels vom Festausschuß der goldene Schlüssel für die Bar überreicht. Gleichzeitig wurde diese für Katharinenheerd völlig neue Einrichtung mit dem Namen “Lilli-Bar” getauft - ein Abend von großer Fröhlichkeit und Ausgelassenheit.
In der gleichen Dekoration des Kirchspielkruges veranstaltete der Boßelverein dann für sämtliche Kinder des Dorfes am Rosenmontag ein Kostümfest, das sehr gut besucht war. Man sah reizende Kostüme.” Als 1968 das alte Kirchspielkruggebäude abgerissen wurde, mussten die Katharinenheerder ihre Festlichkeiten für ein Jahr in der Gaststätte Hemminghörn und die weiteren Jahre nach Garding (Schäfers Gasthof) verlegen, bis sie ab 1975 jedes Jahr - und so ist es noch heute - ihren Boßelball im Kirchspielkrug Claußen in Tetenbüll feiern konnten.
Der Boßelverein hat jedoch nicht nur die Bälle ausgerichtet, sondern auch nach dem Zweiten Weltkrieg das Dorfleben durch vielerlei Aktivitäten mitgestaltet: Lottoabende zugunsten der Jugendboßler und des (bis 1986 bestehenden) Jugendchores, Preisdoppelkopf, Weihnachtsfeiern für die Jugend, Kinderfeste und schließlich das Dorffest mit Lagerfeuer auf dem Sportplatz, das mittlerweile sowohl Dorfbewohner als auch andere Eiderstedter und manche Feriengäste besuchen. “Der erste Lagerfeuerabend wurde”, berichtet Protokollführer Ernst Petersen, “im Spätsommer 1977 mit Grillwurststand und Ausschank veranstaltet. Helga Lehmann sang mit der Jugend und den Dorfbewohnern bis in die Nacht hinein.” In späteren Jahren kamen für die Kinder Wettbewerbe an verschiedenen Spielständen hinzu, die “handgemachte Musik”, Lieder mit Instrumentalbegleitung, wurde durch weit über den Sportplatz hinweg schallende Musik vom Band ersetzt.

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