Source: https://www.yumpu.com/de/document/view/20655371/doppelseitige-bundeskonferenz-fur-erziehungsberatung
Timestamp: 2019-09-17 16:59:15+00:00

Document:
doppelseitige - Bundeskonferenz für Erziehungsberatung
Hochkonflikthaften,
Hochstrittiger,
Doppelseitige,
Bundeskonferenz,
Arbeit mit hochkonflikthaften
Trennungs- und Scheidungsfamilien:
Peter S. Dietrich, Dr. Jörg Fichtner,
Maya Halatcheva, Eva Sandner,
unter Mitarbeit von Matthias Weber
Das Projekt » Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft « wurde gefördert vom:
Telefon: 0 18 05 / 778 090*
Fax: 0 18 05 / 778 094*
Lektorat und fachjournalistische Überarbeitung: Inge Michels, Bonn
www.familientext.de
Titel und Satz: Agentur Ostseh, Dipl.-Des. Thomas Franke-Opitz, Weimar
Druck: graphik + druck GmbH, Peter Pöllinger, München
© 2010 Deutsches Jugendinstitut e.V.
Projekt » Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft «
Telefon: +49 (0)89 / 62 306-156
Fax: +49 (0)89 / 62 306-162
E-Mail: sandner@dji.de
Homepage: www.dji.de/hochkonflikt/
ISBN 978-3-935701-60-0
* jeder Anruf kostet 14 Cent/Min. aus dem deutschen Festnetz,
Deutsches Jugendinstitut e.V. (DJI), München
Institut für angewandte Familien-, Jugend- und Kindheitsforschung e.V. (IFK) an der Universität Potsdam
Im Verbundprojekt
» Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft «
Seite 6 1 Einleitung
Seite 8 2 Hochkonflikthafte Trennungs- und Scheidungsfamilien –
Seite 8 2.1 Definitionen von hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien
Seite 11 2.2 Merkmale hochkonflikthafter Eltern
Seite 11 2.2.1 Individuelle Merkmale
Seite 13 2.2.2 Merkmale der Beziehungsdynamik
Seite 15 2.2.3 Soziodemographische Merkmale und hilfebezogene Kriterien
Seite 16 2.3 Umgang mit Spiegelungseffekten in der professionellen Arbeit mit
hochkonflikthaften Familien
Seite 17 3 Kinder in hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien
Seite 17 3.1 Konflikterleben des Kindes
Seite 20 3.2 Eltern-Kind-Beziehung
Seite 20 3.2.1 Eingeschränkte Qualität der Eltern-Kind-Beziehung
Seite 20 3.2.2 Kindliche Lösungsversuche im Spannungsfeld »Umgang«
Seite 22 3.3 Belastungen und Ressourcen
Seite 22 3.3.1 Missglückte Copingstrategien und Selbstwertprobleme
Seite 23 3.3.2 Ressourcen und Minimalstandards der Elternverantwortung
Seite 24 3.4 Angebote von Beratungsstellen für Kinder hochkonflikthafter Eltern
Seite 24 3.4.1 Beratungsangebote aus Sicht der Kinder
Seite 25 3.4.2 Beratungskontinuität für Kinder
Seite 27 3.5 Kinder im Blick der verfahrensbeteiligten Akteure
Seite 30 3.6 Hochkonflikthaftes elterliches Verhalten und Kindeswohlgefährdung
Seite 31 4 Beratung von hochkonflikthaften Eltern
Seite 31 4.1 Besonderheiten der Beratung
Seite 32 4.2 Hochkonflikthaftigkeit erkennen und Rahmenbedingungen schaffen
Seite 34 4.3 Wie Eltern in die Beratung kommen und wie sie diese erleben und bewerten
Seite 37 4.4 Beratung mit hochkonflikthaften Eltern aus Sicht der BeraterInnen
Seite 39 4.5 Bausteine von erfolgversprechenden Interventionen
Seite 40 4.5.1 Ein Stufenplan für die Hochkonfliktberatung
Seite 41 4.5.2 Orientierungslinien für die Hochkonfliktberatung
Seite 44 4.5.3 Bausteine psychosozialer Interventionen
Seite 45 5 Interprofessionelle Kooperation im Kontext hochkonflikthafter
Seite 45 5.1 Interprofessionelle Kooperationsbeziehungen
Seite 47 5.1.1 Fallübergreifende Kooperation
Seite 51 5.1.2 Fallbezogene Kooperation und Koordination
Seite 52 5.2 Juristische Professionen als Kooperationspartner
Seite 52 5.2.1 Kooperation mit RechtsanwältInnen
Seite 52 5.2.2 Kooperation mit RichterInnen
Seite 53 5.3 BeraterInnen als Kooperationspartner
Seite 53 5.3.1 BeraterInnen zwischen Kooperation und Vertrauensschutz
Seite 56 5.3.2 Die Gestaltung der Beratungsprozesse im Kontext der Kooperation
Seite 61 6 Schluss
Seite 62 7 Literatur
Seite 66 A Anhang
4 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 5 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Jedes Jahr sind ca. 170.000 Kinder und Jugendliche von der Scheidung ihrer
Eltern betroffen. Tausende von Kindern und Jugendlichen erleben die Trennung
ihrer nicht miteinander verheirateten Eltern. Etwa 30.000 der von der
Scheidung oder Trennung ihrer Eltern betroffenen Kinder und Jugendlichen
sind dauerhaft einem stark eskalierten elterlichen Konflikt ausgesetzt. Weder
gerichtliche noch außergerichtliche Interventionen vermögen diesen Konflikt
zu lösen oder zumindest in seinen Wirkungen zu mildern. Versuche der Klärung
sorge- und umgangsrechtlicher Fragen scheitern regelmäßig in diesen
Fällen »hochstrittiger« oder »hochkonflikthafter« Elternschaft. Es liegt auf der
Hand, dass ein solch’ anhaltend hohes Konfliktniveau zwischen den Eltern mit
erheblichen Risiken für die Entwicklung der betroffenen Kinder verbunden ist,
wie einschlägige Forschungsstudien belegen. Und es verwundert auch nicht,
dass diese Entwicklungsrisiken, die meist über Jahre hinweg bestehen, häufig
in tatsächliche Gefährdungen und Schädigungen des Kindeswohls münden.
Wenn es darum geht, diese hochproblematischen intrafamilialen Folgen
eskalierter Elternkonflikte zu minimieren, kommt es zunächst einmal darauf
an, dass die an Kindschaftsrechtsverfahren auf Seiten der Familiengerichtsbarkeit
und der Jugendhilfe beteiligten Akteure die Hochkonflikthaftigkeit der
elterlichen Beziehung möglichst frühzeitig erkennen und Zugang zu diesen
Familien finden, damit ihnen passgenaue, an ihrer spezifischen Situation ausgerichtete
Hilfen zuteilwerden können. Wichtig ist dabei insbesondere auch,
dass die unterschiedlichen beteiligten Institutionen und Berufsgruppen mit
ihren jeweils eigenen professionellen Hintergründen in die Arbeit mit hochkonflikthaften
Familien einbezogen werden und aufeinander abgestimmt
Um diesen Anliegen mit der Entwicklung und Evaluation zielgruppenspezifischer
Diagnosetools und Unterstützungsprogramme Rechnung zu tragen,
hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Verbundprojekt
»Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« des Deutschen Jugendinstituts
(DJI) e.V., des Instituts für angewandte Familien-, Jugend- und
Kindheitsforschung (IFK) e.V. an der Universität Potsdam und der Bundeskonferenz
für Erziehungsberatung (bke) gefördert. Die vorliegende Handreichung
greift die zentralen Ergebnisse aus diesem Forschungsprojekt auf und
gibt praktische Orienthilfen für fachliches Handeln zur Sicherung des Kindeswohls
an der Schnittstelle zwischen Familiengericht und Jugendhilfe in Fällen
hochkonflikthafter Elternschaft.
Berlin im Mai 2010
6 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 7 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
In der vorliegenden Handreichung werden die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt
»Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« 1 vorgestellt und
Empfehlungen für die professionelle Arbeit mit hochkonflikthaften Familien
abgeleitet. Initiiert wurde das Forschungsprojekt mit dem Ziel, Erkenntnisse
über die Charakteristika hochkonflikthafter Eltern zu sammeln, die Folgen
der Konflikte für die Kinder zu erfassen und Erfahrungen über wirksame Interventionen
zur Reduktion der Konflikte zu gewinnen. 2
Die Forschung beruhte auf einer multiperspektivischen Rekonstruktion
von hochkonflikthaften Fällen sowie einer quantitativen Erhebung einer Vergleichsstichprobe
und verschiedenen Gruppendiskussionen mit Fachkräften.
Die Befragten wurden an insgesamt sieben Projektstandorten über eine Erziehungsberatungsstelle,
Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle oder eine
Stelle, die beide Angebote bereithalten, rekrutiert.
Die Fallrekonstruktion beinhaltete eine qualitative und quantitative Befragung
hochkonflikthafter Elternpaare, von deren Kindern und den zuständigen
BeraterInnen und FamilienrichterInnen. Einbezogen werden konnte eine
Stichprobe von 27 Fällen mit 44 Elternteilen und 29 Kindern. Durch diese
multiperspektivische Vorgehensweise konnte die Hochkonflikthaftigkeit der
Familienmitglieder aus verschiedenen Blickwinkeln rekonstruiert und deren
Bedeutung für die Familie selbst und die Fachkräfte erfasst werden. An der
quantitativen Befragung nahmen des Weiteren 114 getrennte bzw. geschiedene
Elternteile teil. Dieses Vorgehen diente dazu, Hochkonflikthaftigkeit in Abgrenzung
zu nicht-hochkonflikthaften Trennungen und Scheidungen zu präzisieren.
Die genauen Angaben zur Stichprobe und zu den Befragungen sind
im Anhang nachzulesen. Durch diese Studie liegen neue Erkenntnisse vor, die
das Phänomen Hochkonflikthaftigkeit konkretisieren und praktische Hinweise
für die Arbeit mit Trennungs- und Scheidungsfamilien geben. Langfristig
sollen dadurch die familiären Folgen eskalierender Konflikte, insbesondere im
Hinblick auf den Schutz der betroffenen Kinder minimiert, sowie die personellen
und finanziellen Belastungen der beteiligten Institutionen reduziert
Die Handreichung richtet sich in erster Linie an BeraterInnen, die mit Familien
in Trennung und Scheidung arbeiten. Darüber hinaus werden JugendamtsmitarbeiterInnen,
FamilienrichterInnen, RechtsanwältInnen, Sachver-
1 Ein herzliches Dankschön gilt allen beteiligten Familien und Fachkräften, ProjektpartnerInnen und Mitglieder
des Projektbeirats, die uns mit ihrem Engagement bei der Realisierung des Forschungsprojektes
sehr unterstützt haben. Nicht zuletzt danken wir unseren Kolleginnen Dipl.-Psychologin Ute Hermann
und Dipl.-Psychologin Stephanie Paul für die wertvolle Unterstützung bei der Arbeit in Kapitel 3.
2 Ausführliche Einzelergebnisse sind im wissenschaftlichen Abschlussbericht des Projektes dargestellt
(Fichtner u. a. 2010). Desweiteren wurden im Rahmen des Projektes vier Expertisen erstellt: Paul (2008):
Aktueller Stand der nationalen und internationalen Forschung zu Folgen bei Kindern durch hochkonflikthafte
Trennungen; Roos & Gimber-Roos (2010): Ökonomische Folgen von Hochstrittigkeit; Weber (2009):
Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft: Entwicklung eines Fortbildungskonzeptes für die Fachpraxis;
Weber & Alberstötter (2010): Kriterien und Indikatoren für eine gute Praxis von Interventionen bei hochstrittigen
Scheidungsund Trennungsfamilien. Der Bericht und die Expertisen werden auf der Internetseite
des Deutschen Jugendinstituts zum Download zur Verfügung gestellt.
ständige, Verfahrensbeistände und UmgangspflegerInnen angesprochen. Für
all diese Berufsgruppen wird auf den folgenden Seiten eine Orientierungshilfe
geboten, die sich auf vier Themenschwerpunkte konzentriert:
• Erkennen von hochkonflikthaften Familien,
• Hilfen für die Kinder,
• Aufbau der Beratung sowie
• Entwicklung interdisziplinärer Kooperationen.
Der Bericht ist folgendermaßen aufgebaut:
Im Kapitel »Hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien – Definitionen
und Merkmale« werden wissenschaftliche Definitionen und empirisch
gewonnene Merkmale hochkonflikthafter Eltern für ein rasches Erkennen in
der Praxis zusammengetragen.
Das Kapitel »Kinder in einer hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien«
analysiert die Situation der Kinder und diskutiert Möglichkeiten
für die kindliche Beteiligung am Hilfeprozess.
»Beratung von hochkonflikthaften Eltern« befasst sich mit Besonderheiten
psychosozialer Interventionen und gibt Anregungen für ihre zielgruppenspezifische
und effektive Gestaltung.
Schließlich widmet sich das Kapitel »Interprofessionelle Kooperation im
Kontext hochkonflikthafter Familien in Trennung und Scheidung« dem Zusammenwirken
unterschiedlicher Berufsgruppen und deren Bedeutung für die
Arbeit mit hochkonflikthaften Familien.
Hochkonflikthafte Eltern stellen nicht nur für die betroffenen Kinder eine
erhebliche Belastung und Gefährdung ihrer Entwicklung dar, die Arbeit mit
ihnen bedeutet auch für BeraterInnen eine besondere Anstrengung. Vor diesem
Hintergrund war es den AutorInnen der Handreichung außerdem ein Anliegen,
Wege aufzuweisen, wie BeraterInnen diese Herausforderungen in einem
professionellen Rahmen bewältigen können.
In diesem Sinne wünschen wir eine anregende und hilfreiche Lektüre.
8 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 9 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
2 Hochkonflikthafte Trennungs- und Scheidungsfamilien –
2.1 Definitionen von hochkonflikthaften Trennungsund
Im fachlichen Diskurs um das Kindeswohl spielen hochkonflikthafte Familien
seit der Kindschaftsrechtsreform im Jahr 1998 zunehmend eine Rolle. In der
Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere im Bereich der psychosozialen Beratung
sowie im Familienrecht, versteht man darunter solche Trennungs- und
Scheidungsfamilien, die über eine längere Zeit hinweg Streit um das Kind
führen. Die Konflikte der Eltern wachsen an und geraten schließlich außer
Kontrolle, wobei die Kinder nicht selten mit einbezogen und dadurch belastet
Die professionelle Arbeit mit hochkonflikthaften Familien bringt einen
besonders hohen Zeitaufwand und starke psychische Belastung mit sich.
Herkömmliches Wissen und bisher bewährte Methoden aus der Arbeit mit
Scheidungs- und Trennungsfamilien reichen nicht aus, um solchen Eltern
nachhaltig zu einvernehmlichen Regelungen zu verhelfen. Nach geeigneten
Interventionen kann aber erst dann gesucht werden, wenn man die Zielgruppe
genau kennt. Was sind also Hochkonfliktfamilien, woran sind sie zu erkennen,
und wie häufig gibt es sie?
Belastbare Daten zum genauen Umfang hochkonflikthafter Trennungen und
Scheidungen in Deutschland fehlen. Das Statistische Bundesamt gibt lediglich
Auskunft über die Anzahl geschiedener Ehen. Trennungen von nicht miteinander
verheirateten Eltern werden nicht erfasst. Im Jahr 2008 wurden knapp
200 000 Ehen geschieden, die Zahl der davon betroffenen minderjährigen
Kinder beträgt rund 151 000 (Statistisches Bundesamt 2010). Schätzungen zufolge
nehmen etwa 5% aller Scheidungen und Trennungen einen hochkonflikthaften
Verlauf (Paul/Dietrich 2006). Demzufolge sind im Jahr 2008 ca. 10.000
Familien von Hochkonflikthaftigkeit betroffen gewesen.
Hochkonflikthafte Scheidungsfamilien sind in ihrer Gesamtheit eine sehr heterogene
Gruppe. Das Auftreten und die Intensität typischer Merkmale variieren
stark. Ein einheitliches Verständnis von hochkonflikthaften Familien gibt
es deswegen nicht. Vielmehr wurden in Forschung und Praxis verschiedene
Begriffsbestimmungen vorgenommen, die die fachliche Diskussion um hochkonflikthafte
Familien bestimmen.
In den USA blickt man auf eine 20-jährige Forschungstradition im Bereich
»high conflict divorce« zurück. 3 Im Fokus stehen geschiedene und getrennte
Eltern, die anhaltende Konflikte bezüglich Sorgerechts- und Umgangsvereinbarungen
haben. Das Konfliktniveau bleibt über längere Zeit hinweg konstant
hoch und lässt sich währenddessen weder durch gerichtliche noch durch außergerichtliche
Interventionen nachhaltig reduzieren (Kelly 2003).
Neben dieser eher allgemein formulierten Definition gibt es zwei differenziertere
Vorschläge zur Erfassung von Hochkonflikthaftigkeit nach Trennung
und Scheidung. Der erste stammt von der amerikanischen Scheidungsfor-
scherin Janet R. Johnston (1999) und beinhaltet folgende Charakteristika:
• Die Eltern führen einen kindzentrierten Rechtsstreit über Sorgerecht und
Umgang. Die gerichtlichen Verfahren werden häufig wiederaufgenommen.
Regelungen, die durch gerichtliche Anordnung oder andere Interventionen
getroffen wurden, halten die Eltern nicht ein.
• Es bestehen andauernde Auseinandersetzungen hinsichtlich der Kommunikation
und Koordination der Erziehung der gemeinsamen Kinder. Die
Kommunikation zeichnet sich durch offene sowie verdeckte Feindseligkeit
aus, bedingt durch einen hohen Grad an Wut und Misstrauen zwischen den
Eltern. Auch emotionaler Missbrauch des ehemaligen Partners durch Demütigungen
und Verleumdungen gehört zum Verhaltensrepertoire hochkonflikthafter
Eltern. Insbesondere bei Kontakt wegen Übergabe der Kinder
kommt es zur Anwendung verbaler und physischer Gewalt.
• Die Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil wird nicht respektiert.
Häufig werden schwere, nicht bewiesene Anschuldigungen über Verhalten
und Erziehungspraktiken des ehemaligen Partners gemacht: Vernachlässigung,
Missbrauch und Belästigung der Kinder, Kindesentführung, häusliche
Gewalt, Suchtverhalten.
• Die gemeinsamen Kinder werden in den Konflikt mit einbezogen, ihre
Bedürfnisse geraten aus dem Blickfeld der Eltern.
Die Praxis kennt jedoch auch solche hochkonflikthaften Trennungs- und
Scheidungseltern, die nicht all diese Kriterien erfüllen. In dieser Hinsicht wäre
eine Definition hilfreich, die zwar mehrere Kriterien berücksichtigt, dennoch
aber die Bandbreite hochkonflikthafter Familien empirisch erfasst. Das Team
von Homrich/Muenzenmeyer-Glover/Blackwell-White (2004) schlägt folgende
Anhaltspunkte vor. Hochkonflikthaftigkeit besteht dann, wenn bei wiederholter
Gerichtspräsenz der Eltern:
• deren emotionale Probleme ursächlich erscheinen;
• die ehemaligen Partner unfähig oder nicht willens sind, solche Konflikte
ohne Hilfe des Gerichts zu lösen, die andere Scheidungspaare autonom
• die Eltern ihre Kinder in die Paarkonflikte einbeziehen, die Beziehung
zum anderen Elternteil belasten und Kinder potenziell emotionale und physische
Schäden davon tragen;
• mehrere Versuche gescheitert sind, den Konflikt mit herkömmlichen
außergerichtlichen Interventionen (Mediation) zu beenden.
3 In Anlehnung an die anglo-amerikanische Forschung ist in folgender Handreichung nicht, wie es der
Projekttitel »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« vermuten lässt von »Hochstrittigkeit«, sondern
von »Hochkonflikthaftigkeit« die Rede.
10 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 11 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Im Unterschied zur angloamerikanischen Forschung sind empirische Erkenntnisse
und Theoriebildung zu hochkonflikthaften Familien in Deutschland wenig
herausgearbeitet. Eine klare und verbindliche Definition, die ausschließlich
auf diese Gruppe von Scheidungs- und Trennungsfamilien zutrifft, fehlt
(Spindler 2008).
Aufgabe des Forschungsprojekts »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«
war Hochkonflikthaftigkeit zunächst theoretisch zu beschreiben und daraufhin
empirisch zu überprüfen (Fichtner u.a. 2010). Als hochkonflikthaft werden
in dieser Studie jene Scheidungs- und Trennungsfamilien bezeichnet, in denen
ein so hohes Konfliktniveau vorliegt, dass erhebliche
• Beeinträchtigungen auf den Ebenen des Verhaltens und/oder der Persönlichkeit
mindestens eines Elternteils,
• Beeinträchtigungen der Beziehung zwischen den Eltern untereinander
und zwischen ihnen und dem Kind sowie
• Beeinträchtigungen der Nutzung von institutioneller Hilfe zur Klärung
der Konfliktsituation
vorhanden sind. Eine Reduktion der Konflikte und Klärung von Alltagsfragen
erscheint auch mit rechtlichen und/oder beraterischen Hilfen deutlich erschwert.
Eine Belastung der Kinder ist wahrscheinlich.
Das elterliche Konfliktniveau 4 bildet den Kern dieser Definition. Belastungen
der Kinder durch weitere Faktoren, wie Gewalt, psychische Erkrankungen
oder Substanzmissbrauch seitens der Eltern können zusätzlich gegeben sein.
Gemeinsam ist allen Definitionen die Unterscheidung zwischen vier verschiedenen
Merkmalen der Hochkonflikthaftigkeit: individuelle Merkmale, Merkmale
der Beziehungsdynamik sowie soziodemographische und hilfebezogene
Merkmale. Zu den individuellen Merkmalen zählen Persönlichkeitseigenschaften
und Verhaltensweisen der Eltern sowie deren elterliche Kompetenz.
Die Beziehungsdynamik ist charakterisiert durch den Kommunikationsstil,
die Konfliktthemen und die gegenseitigen Vorwürfe der Eltern. Als hilfebezogene
Merkmale gelten Inanspruchnahme, Dauer und Verlauf professioneller
Interventionen sowie deren Ergebnisse. Die konkreten Ausprägungen dieser
Merkmale werden im Folgenden beschrieben.
4 Die Gesamtstichprobe von 158 Elternteilen konnte mittels eines Sets von acht Items in drei Konfliktniveaus
eingeteilt werden; davon sind 45 Elternteile als hochkonflikthaft einzustufen (vgl. Fichtner, u.a.
2.2 Merkmale hochkonflikthafter Eltern
2.2.1 Individuelle Merkmale
Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen hochkonflikthafter Eltern
In der Arbeit mit hochkonflikthaften Familien wird immer wieder die Frage
nach spezifischen Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen der Eltern
Die Forschungsergebnisse des Projekts »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«
zeigen sechs Eigenschafts- und Verhaltensmerkmale, die als typisch für
diese Gruppe von Trennungs- und Scheidungsfamilien gelten:
• Reduzierte Offenheit für neue Erfahrung
• Reduzierte Verträglichkeit
• Als gering erlebte Selbstwirksamkeit in der elterlichen Beziehung
• Unflexible Denkstrukturen
• Wahrnehmungsverzerrungen
• Eingeschränkte Emotionsregulation
Im Folgenden werden diese Merkmale beschrieben:
Reduzierte Offenheit für neue Erfahrung
Die Offenheit für Erfahrung ist eine psychodiagnostische Dimension, die zur
Beschreibung von menschlicher Persönlichkeit dienen kann. Hochkonflikthafte
Mütter und Väter zeichnen sich durch ein schwaches Interesse an neuen
Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken aus. Traditionalismus, feste Ansichten
und eine konservative Haltung sind bei dieser Gruppe von Scheidungseltern
Reduzierte Verträglichkeit
Verträglichkeit bildet eine weitere Dimension zur Persönlichkeitsdiagnostik.
Bei hochkonflikthaften Eltern ist sie eher gering ausgeprägt. Dies bedeutet,
dass die Mütter und Väter eher zu Misstrauen und kühlen, kritischen Haltungen
neigen. Kooperation, Vertrauen und Nachgiebigkeit sind bei hochkonflikthaften
Müttern und Vätern seltener festzustellen.
Als gering erlebte Selbstwirksamkeit in der Elternbeziehung
Die erlebte Selbstwirksamkeit hochkonflikthafter Mütter und Väter meint die
persönliche Überzeugung, gerade in eskalierenden Konflikten einen eigenen
Handlungsspielraum zu bewahren. Je geringer ausgeprägt sie ist, desto mehr
fühlen sich die Eltern der Konfliktdynamik sowie dem ehemaligen Partner
ausgeliefert. In Familienkonstellationen mit hohem Konfliktniveau erleben Eltern
sich selbst tendenziell als hilflos und ihre Handlungsmöglichkeiten als
Unflexible Denkstrukturen
Unflexible Denkstrukturen stehen hier für rigides Denken und Handeln in
Konfliktsituationen. Dieses Persönlichkeitsmerkmal wurde überwiegend bei
12 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 13 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Elterliche Kompetenzen
Vätern aus hochkonflikthaften Familien festgestellt. Sie sind fixiert auf die
eigenen Ansichten und Feindbilder und deswegen nicht in der Lage, die Reaktionen
ihrer ehemaligen Partnerin zu verstehen und/oder die Bedürfnisse ihrer
Kinder wahrzunehmen.
Hochkonflikthafte Mütter und Väter erleben sich häufig als Opfer. Sie nehmen
»die ganze Welt« als gegen sie selbst gerichtet wahr. Solche Eltern deuten das
Verhalten des ehemaligen Partners/der ehemaligen Partnerin als permanenten
Versuch, eigene Vorhaben zu sabotieren. Auffällig ist dabei ein stark ausgeprägtes
»Schwarz-Weiß«-Wahrnehmungsmuster: Es besteht ein Selbstbild, der
bessere, fähigere Elternteil zu sein, während der andere Elternteil nur als »böse«
oder »unfähig« bewertet wird.
Eingeschränkte Emotionsregulation
Die eingeschränkte Fähigkeit, trennungsbedingte Emotionen zu regulieren, ist
ein weiteres typisches Merkmal hochkonflikthafter Mütter und Väter. Sie zeigt
sich daran, dass negative Gefühle, wie Wut, Enttäuschung, Trauer und Hass
weiter im Konflikt mit dem ehemaligen Partner ausgetragen werden. Die eingeschränkte
Emotionsregulation spricht für einen Mangel an Bewältigungsstrategien
im Umgang mit negativen Gefühlen.
Weitere individuelle Besonderheiten: Depressionen und soziale Erwünschtheit
Depressives Verhalten ist keine seltene Reaktion hochkonflikthafter Mütter
und Väter auf die Trennung. Eine weitere individuelle Besonderheit kann sich
im Verlauf des Beratungsgesprächs oder in anderen professionellen Kontexten
zeigen: Die Klientinnen und Klienten bemühen sich um eine positive Selbstdarstellung.
Oft treten all diese innerpersönlichen Merkmale in Verbindung mit einer
starken Kränkung durch die Trennung auf. Vor dem Hintergrund dieses Wissens
lassen sich Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Beratung hochkonflikthafter
Eltern erschließen. Insbesondere die Verbesserung der erlebten Selbstwirksamkeit
in der Nachtrennungsbeziehung wäre ein lohnenswerter Bestandteil
der professionellen Arbeit mit zerstrittenen Eltern (s. Kapitel 3 »Beratung von
hochkonflikthaften Eltern«).
Zwischen Paar- und Elternebene zu unterscheiden, ist ein Leitprinzip in der
professionellen Arbeit mit hochkonflikthaften Familien. Für hochkonflikthafte
Eltern erweist sich jedoch genau dies als besonders schwierig. Dies zeigt sich
daran, dass die Mütter und Väter nicht in der Lage sind, die negativen Gefühle
für den ehemaligen Partner zurückzustellen, um zugunsten der gemeinsamen
Kinder zu kooperieren. Vielmehr führt eine negative und emotional aufgeladene
Wahrnehmung des Anderen als Person dazu, seine elterlichen Kompetenzen
in Zweifel zu ziehen. Dieses Unvermögen hochkonflikthafter Mütter
und Väter erschwert enorm die Suche nach einvernehmlichen Regelungen.
Darüber hinaus ist es mit einer Instrumentalisierung des Kindes verbunden.
2.2.2 Merkmale der Beziehungsdynamik
Für den deutschen Sprachraum sind bereits zahlreiche Verfahren zur Individualdiagnostik
von Erwachsenen adaptiert worden. In der Arbeit mit hochkonflikthaften
Familien können etwa PSSI 5 oder MMPI-2 6 zur Persönlichkeitsdiagnostik
und DEF 7 zur Diagnostik des Erziehungsverhaltens eingesetzt werden.
Mithilfe dieser Testverfahren lassen sich persönliche Merkmale hochkonflikthafter
Eltern abklären, die im Zusammenhang mit Offenheit für Erfahrung
und Verträglichkeit stehen. Beispiele dafür wären Vertrauen, Bereitschaft zur
Kooperation, Kompromissfähigkeit oder Interesse an Neuem.
Die Kommunikation zwischen hochkonflikthaften Müttern und Vätern zeichnet
sich durch hohe emotionale Beteiligung und Feindseligkeit aus. Anstatt
einer konstruktiven Diskussion auf sachlicher Ebene steht der Beziehungsaspekt
im Vordergrund. Dieser kommunikative Stil kann von beiden Eltern an
den Tag gelegt werden. Möglich ist aber auch, dass sich einer der Elternteile
bei Differenzen zurückzieht und Gespräche meidet. Dies wird vom anderen
Elternteil als Ignoranz oder Boykott wahrgenommen.
Ein interessantes Ergebnis aus dem Forschungsprojekt »Kinderschutz bei
hochstrittiger Elternschaft« ist, dass hochkonflikthafte Eltern durchaus ein
Bewusstsein für die Bedeutung einer streitfreien, sachlichen Kommunikation
Obwohl dies von den Eltern erkannt wird, bleibt eine Verständigung oft aus.
Desweiteren kommt es vor, dass die Dialogbereitschaft des anderen Elternteils
strategisch genutzt wird, um die eigene Position im Konflikt durchzusetzen.
Hochkonflikthafte Eltern sind tendenziell nicht in der Lage, eine Kommunikation
aufrechtzuerhalten, die den Bedürfnissen der Kinder dient. Stattdessen
versuchen sie, dem ehemaligen Partner/der ehemaligen Partnerin aus
dem Weg zu gehen und ihn bzw. sie aus ihrem Leben zu streichen. Die Eltern
zeigen sich hier ambivalent: Einerseits soll der andere Elternteil aus dem Leben
verschwinden, andererseits besteht eine Bindung durch den Konflikt.
5 Persönlichkeits-Stil und Störungs-Inventar (http://www.testzentrale.de/?mod=detail&id=622)
6 Minnesota Multiphasic Personality Inventory 2 (http://www.testzentrale.de/?mod=detail&id=694)
7 Diagnostischer Elternfragebogen (http://www.testzentrale.de/?mod=detail&id=448)
14 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 15 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Ein typisches Merkmal hochkonflikthafter Eltern in Trennung und Scheidung
ist die Häufung verschiedener, gleichzeitig bzw. wechselweise ausgetragener
Konfliktthemen. Im Spektrum dieser Themen lässt sich eine bestimmte Rangfolge
I. Die gemeinsamen Kinder
1. Aufenthaltsbestimmungsrecht
II. Die elterliche Beziehung
2. Wunsch nach Klärung
Charakteristisch für die hochkonflikthaften Auseinandersetzungen ist das
Wiederkehren derselben Konfliktthemen. Direkte Konfrontationen finden
tendenziell seltener statt als bei Eltern in nicht hochkonflikthafter Trennung
und Scheidung. Die Streitigkeiten finden auf der Ebene von Vorwürfen statt,
tiefer liegende Konflikte werden demgegenüber kaum thematisiert.
Das Verhältnis von hochkonflikthaften Müttern und Vätern zueinander ist
stark von Vorwürfen geprägt. Als typisch für eskalierte Trennungen lassen sich
folgende Vorwürfe festhalten:
• Der andere Elternteil hetze das Kind gegen die ehemalige Partnerin/
den ehemaligen Partner auf
• Der andere Elternteil sei nicht erziehungsfähig
• Der andere Elternteil leide an einer Suchterkrankung
• Der andere Elternteil vernachlässige das Kind
• Das Interesse der ehemaligen Partnerin/des ehemaligen Partners am
Kind sei lediglich finanziell bedingt
Weitere gängige Vorwürfe, insbesondere auf der Ebene der elterlichen Beziehung,
beziehen sich auf verbale Aggressionen, starkes Rückzugsverhalten,
zu geringes Einlenken bei Streitigkeiten sowie reduzierte Kompromissbereitschaft.
Gewaltbezogene Vorwürfe in Bezug auf physische oder sexuelle Gewalt gegen
das Kind oder gegen den ehemaligen Partner werden nicht gehäuft geäußert.
Auch das Bestehen eines Näherungsverbotes zeigt sich nicht als typisches
Charakteristikum hochkonflikthafter Eltern. Ebenso ergibt sich aus den Daten
des Forschungsprojekts keine geschlechterspezifische Zuordnung einzelner
2.2.3 Soziodemographische Merkmale und hilfebezogene Kriterien
zeigen, dass soziodemographische Merkmale keinen Einfluss auf
die Hochkonflikthaftigkeit von Eltern in Trennung und Scheidung ausüben.
Weder Alter noch Geschlecht, Herkunft, Bildungsgrad und kultureller Hintergrund
spielen eine Rolle. Dasselbe gilt für Faktoren, wie Erwerbstätigkeit,
früheren und aktuellen Familienstatus sowie biographische Umbrüche wie Migration
und Trennung/Scheidung in der Herkunftsfamilie.
Hochkonflikthafte Eltern lassen sich auch nicht dadurch typisieren, ob sie
eine Ehe-, Familie- und Lebensberatung, eine Erziehungsberatung oder eine
integrierte Beratung in Anspruch nehmen. Als unbedeutsam erweisen sich
weiterhin die Fragen, ob die Eltern aus eigener Initiative kommen oder vom
Gericht/Jugendamt geschickt werden, ob die Beratung aktuell stattfindet oder
bereits abgeschlossen ist und ob jemals eine Paarberatung durchgeführt wurde
Als durchaus bedeutsam für das Erkennen hochkonflikthafter Eltern erweisen
sich hingegen die Gerichtsanhängigkeit und die Zahl der bisherigen
anwaltlichen Vertretungen.
Um hochkonflikthafte Eltern zu erkennen, sollte im Hinblick auf diese Forschungsergebnisse
• aktuelle oder abgeschlossene familiengerichtliche Verfahren zu Umgangsund
Sorgefragen
• Eigene/keine Rechtsvertretung und Häufigkeit ihres Wechsels
Im Hinblick auf gerichtliche Verfahren zeigen hochkonflikthafte Eltern einen
höheren Regelungsbedarf in Sorge- und Umgangsfragen als andere Eltern in
Trennung und Scheidung. Insbesondere ist die Zahl der außergerichtlichen
Einigungen bei ihnen geringer, die Zahl der offenen und abgeschlossenen gerichtlichen
Verfahren höher. Auch eine Unzufriedenheit mit der bisherigen Regelung
kann als typisches Merkmal von Hochkonflikthaftigkeit festgehalten
werden. Damit scheinen Neuregelungen von Sorge- und Umgangsfragen für
die hochkonflikthaften Eltern subjektiv notwendig zu sein. Gleichzeitig ist es
deutlich schwieriger für sie, Neuregelungen autonom, ohne professionelle Hilfe,
Die Inanspruchnahme einer anwaltlichen Vertretung und insbesondere der
Wechsel von Rechtsanwälten sind ebenfalls Anhaltspunkte für bestehende
Hochkonflikthaftigkeit der Eltern. Jedoch ist hier Vorsicht geboten: Die Richtung
von Ursache und Wirkung lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Mit
steigender Konflikthaftigkeit der Eltern nimmt auch deren Bereitschaft zu,
16 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 17 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
mehrere Anwälte zu konsultieren. Möglich ist aber auch, dass hochkonflikthafte
Eltern solche Rechtsanwälte engagieren, die geneigt sind, den Konflikt
eskalieren zu lassen.
Im Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« wurde
eine Skala zur Diagnostik von Hochkonflikthaftigkeit der Eltern entwickelt
(s. Anhang). Die Skala integriert objektive und subjektive Kennzeichen des
Konfliktniveaus wie folgt:
• Subjektive Einschätzung der Konflikte durch die Betroffenen selbst
• Darstellung der Umgangsregelung(en) seit der Elterntrennung
• Anhängigkeit eines FGG-Verfahrens zum Umgang oder zur Sorge
• Pauschale Bewertung der gerichtlichen Interventionen
• Einschätzung der ehemaligen Partnerin/des ehemaligen Partners anhand
von vier im Feld häufig vorkommenden Vorwürfe
Diese Faktoren wurden in die Skala aufgenommen, weil sie sich als inhaltlich
wichtig zur Bestimmung des Konfliktniveaus zeigten und empirisch erfassbar
sind. Durch das einfache Auswertungsschema ermöglicht die Skala eine erste
Einschätzung des Konfliktniveaus von Müttern und Vätern in Trennung und
2.3 Umgang mit Spiegelungseffekten in der professionellen Arbeit
mit hochkonflikthaften Familien
Die professionelle Arbeit mit hochkonflikthaften Familien stellt nicht nur inhaltlich-methodische
Anforderungen an die kooperierenden Berufsgruppen.
Auch die gedankliche und emotionale Ausgeglichenheit von Berater- Innen,
JugendamtsmitarbeiterInnen, RichterInnen und RechtsanwältInnen wird von
streitenden Eltern in Trennung und Scheidung regelmäßig auf die Probe gestellt.
Die emotional aufgeladenen Fallgeschichten wirken auf die ZuhörerInnen
ein und erzeugen so genannte Spiegelungseffekte: Obwohl die Professionellen
an den geschilderten familieninternen Ereignissen ursprünglich nicht beteiligt
waren, werden sie von den Eltern mit eingebunden. Dadurch überträgt sich die
eskalierende Dynamik nicht nur auf einzelne Professionelle, sondern auch auf
das gesamte Helfersystem. Eine beliebte Strategie hochkonflikthafter Eltern
ist etwa das Schmieden von Allianzen. Nach dem Motto »Das sage ich aber
nur Ihnen …« versuchen sie, einzelne Professionelle für sich zu gewinnen. Sie
erhoffen sich, dadurch gegen andere Berufsgruppen auftreten zu können. Das
Ergebnis solcher Verwicklungen ist eine Spaltung innerhalb einer Institution
und/oder zwischen verschiedenen, miteinander kooperierenden Institutionen.
Darunter leidet die Handlungsfähigkeit des gesamten professionellen
Woran sind Spiegelungsphänomene zu erkennen? – Die Stimmung während
der Arbeit am Fall ist der erste Indikator dafür. Aggressive Impulse und Gereiztheit,
aber auch Erschöpfung und Resignation unter den beteiligten Professionellen
sind häufige Reaktionen, die auf Resonanzeffekte hinweisen.
Als Umgang hiermit sollten BeraterInnen, JugendamtsmitarbeiterInnen,
RichterInnen und RechtsanwältInnen als erstes ein Bewusstsein für diese
Problematik entwickeln. Nur dann können Spiegelungseffekte erkannt und
thematisiert werden. Durch Selbstreflexion der einzelnen Professionellen und
im Team kann ein Raum eröffnet werden, um die Beziehung zwischen KlientInnen
und Helfersystem zu klären, für Unterschiede in Selbst- und Fremdwahrnehmung
zu sensibilisieren, mit Nähe und Distanz in der Fallarbeit umzugehen
und die eigenen blinden Flecken kennenzulernen.
3 Kinder in hochkonflikthaften Trennungs- und
3.1 Konflikterleben des Kindes
Eine Scheidung bzw. Trennung löst im Leben der Betroffenen eine Reihe von
individuellen, sozialen und materiellen Veränderungen aus. Diese Veränderungen
zu bewältigen, erfordert einen intensiven und mitunter langwierigen
Anpassungsprozess. Wie Längsschnittstudien gezeigt haben, unterscheiden
sich Familien darin, wie sie die Trennung bearbeiten und überwinden
(Schmidt-Denter 2000). In den meisten Familien ist diese Anpassungsphase in
der Regel nach wenigen Jahren abgeschlossen. In hochkonflikthaften Familien
allerdings bleibt ein derartiges Entwicklungsergebnis im Wesentlichen aus.
Durch ein exzessiv geführtes anhaltendes Konfliktverhalten mutet diese besondere
Elterngruppe ihren Kindern einen äußerst stressreichen emotionalen
Ausnahmezustand zu. Walper (2006) konnte zeigen, dass Elternkonflikte unabhängig
von der Familienstruktur zu den Faktoren mit der höchsten Vorhersagekraft
für kindliche Fehlentwicklungen zählen. So limitieren diese Eltern
in nicht unerheblicher Weise akut und langfristig die Möglichkeiten einer
erfolgreichen Entwicklung und Lebensgestaltung ihrer Kinder (Doolittle &
Deutsch 1999).
Im Rahmen einer Analyse einschlägiger Studien identifizierten Paul &
Dietrich (2006) folgende Effekte von anhaltenden Elternkonflikten auf die
18 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 19 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Effekte anhaltender Elternkonflikte auf die kindliche Entwicklung
• Internalisierende Verhaltensprobleme
(Depressivität, Ängstlichkeit, Rückzug)
• Externalisierende Verhaltensprobleme
(Aggressivität, Delinquenz)
Kindliche Symptomatik
Hilflosigkeit und Dauerstress
Qualität der Eltern-Kind-Beziehung
• Vermehrt negative Interaktionen
• Parentifizierung
• Loyalitätskonflikte
• Unsicheres Bindungsverhalten
Familial Außerfamilial
• Probleme bei der Emotionsregulation
• Inadäquates Coping-Verhalten
• Geringeres Selbstwertgefühl/
• Auffälliges Sozialverhalten/
• Geringere akademische Leistungsfähigkeit/schulvermeidendes
Elternkonflikte und kindliche Entwicklung
Betrachtet man die Situation von Kindern in hochkonflikthaften Familiensystemen
zusammenfassend, kann man formulieren: Die Eltern provozieren
durch ihr wenig kindfokussiertes Verhalten im (Nach-)Trennungsprozess nicht
nur eine verzögerte Anpassung ihrer Kinder an die neue Familienwirklichkeit,
sondern auch gravierende individuelle Entwicklungsstörungen bei ihren Kindern.
Die Ergebnisse des Forschungsprojektes »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«
verdeutlichen, wie insbesondere die hoch belasteten der untersuchten
Kinder 8 die destruktiv geführten Auseinandersetzungen erleben: Die
Eltern streiten nicht nur anhaltend und verletzend, sie bleiben auch nach einer
Auseinandersetzung häufig »böse« und wütend aufeinander. Das elterliche
Spannungsfeld wird von den Kindern als permanent (»Streit ohne Ende«) erlebt,
es gibt für sie keine Entspannung. Das ständige Überwachen der elterlichen
Konflikte beutet ihre emotionalen Ressourcen aus und zieht in der Regel einen
Zustand andauernder hoher physiologischer Erregung nach sich.
8 Das Alter der 29 qualitativ und quantitativ befragten Kinder lag zwischen 7 und 14 und ihr Altersdurchschnitt
bei 10 Jahren. In dieser Stichprobe fanden sich insbesondere Unterschiede zwischen dem Teil der
Kinder, die stark durch die Trennung belastet sind und denen, bei denen dies nicht der Fall schien. 15
Kinder zeigten sich als hochbelastet.
Daraus resultiert, dass sich die Kinder dem elterlichen Konfliktgeschehen oftmals
hilflos ausgeliefert fühlen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen und entwickeln
nicht selten Befürchtungen, dass alles noch schlimmer werden könnte.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Kinder ihre Möglichkeiten, das Konfliktgeschehen
beeinflussen zu können, nach unseren Befunden als eher gering
einschätzen. Sie haben zu häufig erlebt, dass die Eltern in ihrem Konfliktverhalten
kaum beeinflussbar sind. In den Interviews mit den Jungen und Mädchen
tritt deutlich hervor, dass die Kinder die Unversöhnlichkeit der Eltern in
den Auseinandersetzungen als besonders belastend empfinden.
Gravierend und zunehmend belastend wird es für die Kinder, wenn die Eltern
ihre eigenen emotionalen Belastungen mit den Kindern teilen wollen und
die Unterstützung der Kinder erwarten oder gar einfordern.
Das Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« bestätigt
auch Erkenntnisse aus der Stressforschung, nach denen vor allem die
Bewertung einzelner kritischer Ereignisse darüber entscheidet, wie die Kinder
mit den stresshaften Erfahrungen umgehen können. Als einflussreiche Größe
erweist sich das individuelle Belastungserleben der Kinder und weniger das
von den Eltern selbst oder den Beratern beschriebene elterliche Konfliktniveau.
Hinzu kommt, dass hochkonflikthafte Eltern oftmals einen Anspruch auf die
Deutungshoheit bei der Einschätzung des Befindens ihrer Kinder erheben, wie
die im Rahmen des Forschungsprojekts durchgeführten Elternbefragungen
zeigten. Tatsächlich sind diese Eltern eher ungeeignete Quellen für diese Informationen,
da sie über den Konflikt die Bedürfnisse der Kinder aus dem Blick
verloren haben. Darüber hinaus ist ihre konfliktbezogene Wahrnehmung meist
verzerrt und selektiv. Nicht zuletzt verbirgt sich hier oftmals auch ein gewisses
Eigeninteresse, bestimmte Symptome der Kinder über- oder unterzubewerten.
Ohne die direkte Erfassung der Lebenswelt und Befindlichkeit der Kinder
gestaltet sich eine direkte Ableitung wirkungsorientierter Interventionen als
Auch Kinder aus »normalen« Trennungsfamilien erleben sich als belastet, hilflos
und zerrissen, als ungewollte Vermittler und Koalitionäre ihrer Eltern – jedoch
nur für eine relativ kurze Zeit. Bei Kindern hochkonflikthafter Eltern
gehört dieses Erleben jahrelang zum Aufwachsen dazu. Es ist oft Teil ihrer
gesamten Kindheit und wirkt sich, wie das folgende Kapitel zeigt, auf die Eltern-Kind-Beziehung
20 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 21 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
3.2.1 Eingeschränkte Qualität der Eltern-Kind-Beziehung
Als bedeutsame Einflussfaktoren auf die kindliche Befindlichkeit stellen sich
in der psychologisch orientierten Familienforschung die Qualität der Eltern-
Kind-Beziehung und das elterliche Erziehungsverhalten heraus.
Das von Doolittle & Deutsch (1999) metaanalytisch gewonnene Ergebnis,
dass hochkonflikthafte Eltern das Zusammenleben mit ihren Kindern nur eingeschränkt
an deren Bedürfnissen orientiert gestalten, kann auch durch die
im Forschungsprojekt gewonnenen Daten gestützt werden. Außerdem nehmen
die befragten Kinder ihre Eltern als inkonsistent in ihrem Erziehungsverhalten
wahr. Während die Väter als wenig unterstützend erlebt werden, gelten die
Mütter als wenig verlässlich und berechenbar in ihrem Erziehungsverhalten.
Tendenzen zur Parentifizierung, also zur Rollenumkehr zwischen Eltern
und Kind (z.B. wenn das Kind häufig als Gesprächspartner zu emotionalen
Problemen eines Elternteils herangezogen wird), zeigen sich bei den durch uns
befragten Kindern in nicht unerheblichem Maße. Dabei neigen aus der Sicht
der Kinder Mütter etwas stärker dazu, ihre Kinder in eine Erwachsenenrolle
zu drängen bzw. das Kind als Partnerersatz/Bindungsobjekt zu sehen als die
Insbesondere aus den qualitativen Interviews mit den Kindern geht hervor,
dass diese in der Regel ihre persönliche Beziehung zu beiden Elternteilen (unabhängig
von der Elternbeziehung) dennoch als durchaus positiv einschätzen.
Dass hier auch Wunschvorstellungen der Kinder eine Rolle spielen, kann nicht
mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Deutlich wird allerdings, dass diese positiven
Beziehungen regelmäßig in Gefahr geraten, wenn die Kinder das Gefühl
haben, dass zumindest ein (bindungsintoleranter) Elternteil nicht damit
zurecht kommt, wenn das Kind andeutet, auch zum anderen Elternteil eine
gute Beziehung zu haben.
3.2.2 Kindliche Lösungsversuche im Spannungsfeld »Umgang«
Der Gestaltung der Umgangskontakte kommt in hochkonflikthaften Elternsystemen
Die Ergebnisse des Forschungsprojekts »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«
weisen darauf hin, dass die Kinder, die sich durch die Konflikte
der Eltern hoch belastet fühlen, ausnahmslos auch durch die wenig entwicklungsgerechte
Gestaltung der Umgangskontakte belastet sind. Gerade diese
Kinder neigen dann dazu, den Kontakt zu umgangsberechtigten Elternteil zu
vermeiden bzw. zu verweigern.
Die konsequente Verweigerungshaltung eines Kindes gegenüber Kontakten
zum nicht betreuenden Elternteil im Kontext hochkonflikthafter Trennungen
kann einerseits die Konflikthaftigkeit der Elternbeziehung erhöhen, wenn beispielsweise
der abgelehnte Elternteil dem betreuenden Elternteil Manipulation
des Kindes unterstellt. Andererseits stellt die Verweigerungshaltung des Kindes
auch BeraterInnen, GutachterInnen, Verfahrensbeistände oder Richter-
Innen vor große Herausforderungen, wenn etwa Unsicherheiten im Hinblick
auf die beste Lösung für das Kind oder die Ursache für die Kontaktablehnung
Kinder, die über längere Zeit unter den oben beschriebenen Bedingungen leben
müssen, erleben meist Einschränkungen ihrer emotionalen Sicherheit und
sind auf sogenannte bedingte Bindungsstrategien angewiesen. Nach Kindler
(2009) beinhalten diese Strategien kindliche Anpassungsversuche, die unter
den gegebenen Hochkonflikt-Bedingungen ein noch erreichbares Maximum
an emotionaler Sicherheit bewahren sollen.
Unterschiedliche Strategien zeigen sich in den im Rahmen des Forschungsprojekts
»Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« gewonnenen Daten: Einige
Kinder versuchen über einen langen Zeitraum, ihre Eltern wieder zu versöhnen,
andere passen sich den Erwartungen der Elternteile an. Entscheidend ist
aber, dass die Kinder, je länger sie im Hochkonfliktfeld der Eltern verbleiben,
umso häufiger zur Strategie der Distanzierung bis zum Kontaktabbruch wechseln.
Besondere Aufmerksamkeit ist auch bei »auffällig unauffälligen Kindern« geboten.
Diese Kinder scheinen (über-)angepasst und psychisch unbeeindruckt
von den multiplen Strapazen in ihren Familien (s. missglückte Copingstrategie
im folgenden Kapitel). Auch viele Kinder der Langzeitstudie von Wallerstein
und Lewis (2001) waren ursprünglich unauffällige Kinder. Trotzdem litten sie
erheblich unter von Fachkräften empfohlenen und von Richtern festgelegten
Umgangsregelungen, so dass sich ihre Störungen z. T. noch auf die Entwicklung
ihrer eigenen Kinder auswirkten.
Diese Befunde zur Qualität der Eltern-Kind-Beziehung zeigen deutlich, wie
bedeutsam die Einbeziehung der kindlichen Perspektive für das Verständnis
der familialen Situation und die Ableitung von Interventionsangeboten ist.
22 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 23 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
3.3 Belastungen und Ressourcen
3.3.1 Missglückte Copingstrategien und Selbstwertprobleme
Die am Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« beteiligten
Kinder, die sich infolge der anhaltenden Konflikte sehr belastet fühlten,
waren in umfassender Weise auch in verschiedenen Bereichen der Persönlichkeitsentwicklung
beeinträchtigt. Es konnten Belastungen bei Persönlichkeitsmerkmalen,
im individuellen Befinden der Kinder, im Stresserleben und in der
Stressbewältigung nachgewiesen werden.
Betrachtet man die Ergebnisse der Forschungsstudie genauer, so wird deutlich,
dass diese Kinder zu einer erhöhten emotionalen Erregbarkeit neigen und
andere Kinder oftmals positiver wahrnehmen als sich selbst. Zudem zeigen
sie ein größeres Bedürfnis nach Ich-Durchsetzung, verhalten sich häufiger oppositionell
bzw. aggressiv und fühlen sich ihren Eltern weniger verbunden.
Identifiziert wurden also sowohl internalisierende wie externalisierende Auffälligkeiten.
Da verwundert es nicht, dass sich die Kinder in der Familie wenig wertgeschätzt
fühlen und häufig zu Selbstwertproblemen sowie Trennungs- und
Verlustangst neigen. Im Ergebnis leiden die Kinder vermehrt unter aktuellem
Stress, auf den sie in der Regel mit physischen Stresssymptomen reagieren.
Denn sie können diesen Stress mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln
nicht selbst reduzieren. Sie versuchen zwar, alle ihnen zur Verfügung stehenden
Möglichkeiten einer Stressbewältigung zu nutzen, sind aber zu einer
angemessenen Auswahl nicht in der Lage. So kommt es häufig zu inadäquaten
emotionsbezogenen Versuchen, den Stress zu bewältigen.
Hinzu kommt: Kinder aus hochkonflikthaften Familiensystemen konzentrieren
sich – wie bereits angemerkt – vornehmlich auf die emotionalen Befindlichkeiten
und Bedürfnisse ihrer Eltern. Eine derartige Fokussierung auf
die (irritierende) elterliche Emotionalität führt dazu, dass sie das eigene Befinden
und die eigene Bedürfnislage aus den Augen verlieren. Sie werden unsicher
gegenüber anderen und ebenso unsicher gegenüber den eigenen Gefühlen.
An dieser Stelle sei auf einen weiteren wichtigen Aspekt hingewiesen: Manche
Kinder können durch die anhaltende Uneinigkeit ihrer Eltern eine bedenkliche
Rolle im Konflikt erlangen. Sie erhalten Macht zur Manipulation durch
mangelnde Grenzsetzung der auf den Konflikt fokussierten Eltern und beginnen
durch Parteiübernahme (Allianzen) im Konflikt zu agieren. Kurzfristig
mag diese Strategie für die Kinder scheinbar einen Gewinn bringen. Langfristig
betrachtet ist allerdings festzuhalten, dass die Kinder lernen, Beziehungen
zu manipulieren. Sie werden letztlich in der Entwicklung von Fähigkeiten zur
konstruktiven Konfliktlösung und Beziehungsgestaltung behindert.
Kinder in hochkonflikthaften Familien können durch die negativen Auswirkungen
des Konfliktverhaltens ihrer Eltern, verbunden mit den daraus resultierenden
Belastungen, in wesentlichen Bereichen der Persönlichkeitsentwicklung
massiv beeinträchtigt und in ihrer individuellen Entfaltung gestört werden.
3.3.2 Ressourcen und Minimalstandards der Elternverantwortung
Betrachtet man mögliche Quellen, aus denen Kinder auch in hochkonflikthaften
Familiensystemen Kraft schöpfen können, interessieren zunächst diejenigen
Kinder, die trotz Hochkonflikthaftigkeit »unverletzlich« erscheinen, also
ein hohes Maß an »Resilienz« zeigen. Sie trotzen den Einflüssen der hochstrittigen
Auseinandersetzungen ihrer Eltern und durchlaufen eine Entwicklung,
die weitgehend unproblematisch erscheint. Diese Kinder sind u.a. dadurch gekennzeichnet,
dass sie auf soziale Protektivfaktoren, also familiale Unterstützungssysteme
wie Großeltern, neue Partner oder Geschwister oder auch externe
Hilfen wie Nachbarn, Sportvereine oder Freunde zurückgreifen können.
Zudem sind individuelle Faktoren der Kinder von entscheidender Bedeutung.
Sowohl intellektuelle Fähigkeiten als auch Temperamentsmerkmale spielen
hier eine Rolle. Diese Kinder sind trotz der emotionalen Belastung eher
in der Lage, den konflikthaften Trennungsverlauf, die Rolle der Eltern und
die eigene Position adäquat zu reflektieren. Zudem nutzen sie insbesondere in
Zeiten hoher Belastung Stressbewältigungsstrategien, die auf die aktive Lösung
des Problems mit oder ohne soziale Unterstützung fokussieren. So gelingt
es ihnen, sich vom Konflikt der Eltern zu distanzieren und gleichzeitig eigene
Stärken (v.a. Selbstwirksamkeit) zu entwickeln.
Positive Aspekte der kindlichen Persönlichkeit können sich aber auch durch
spezifische elterliche Kompetenzen bzw. elterliches Verhalten entwickeln.
Gelingt es den Eltern trotz der intensiven Konflikte auf der Paarebene, eine
funktionale Kommunikation bezogen auf die Sicherung der Kontinuität der
Umgangskontakte zu etablieren, so trägt das enorm zur Entlastung der Kinder
bei und sorgt für ein Mindestmaß an Sicherheit. Dies gilt, wenn eine Beeinflussung
der Kinder unterbleibt und sie nicht als Vermittler benutzt werden.
In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass die am Forschungsprojekt
beteiligten Kinder, die als »Botschafter« in den elterlichen Auseinandersetzungen
agieren mussten, von ihren Eltern als deutlich ängstlicher und sozial
auffällig beschrieben wurden. Daraus lässt sich die Annahme ableiten: Gelingt
es Eltern, eine Art Minimalstandard von elterlicher Verantwortung zu etablieren
und beizubehalten, entlasten sie ihre Kinder und reduzieren deren Stress.
Nimmt man die vielfältigen Belastungen oder auch die Ressourcen von Kindern
aus hochkonflikthaften Familiensystemen in den Blick, so wird ein weiteres
Mal deutlich, wie wichtig es ist, das Hauptaugenmerk auf das individuelle
Erleben der Kinder zu legen. Deutlich wird dies insbesondere auch bei der
Betrachtung von Geschwisterkonstellationen in hochkonflikthaften Familien.
24 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 25 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Die im Forschungsprojekt gewonnenen Daten zeigen, dass sich die individuelle
Situation und die subjektiv erlebte Belastung zwischen Geschwistern
stark unterscheiden kann, obwohl sie im gleichen Familiensystem leben und
den elterlichen Auseinandersetzungen in ähnlicher Weise ausgesetzt sind (vgl.
Dunn & Plomin 1990). Demzufolge ist es ratsam, das individuelle Erleben und
spezifische Belastung der Kinder zu erkunden und sich so unabhängig vom
elterlichen Konfliktverhalten ein Bild darüber zu verschaffen.
3.4 Angebote von Beratungsstellen für Kinder hochkonflikthafter Eltern
3.4.1 Beratungsangebote aus Sicht der Kinder
An dieser Stelle sei noch einmal angemerkt, dass die am Forschungsprojekt
»Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« beteiligten 29 Kinder im Durchschnitt
zehn Jahre alt waren. Somit lagen uns nur für diese Altersgruppe Daten
hinsichtlich der Wahrnehmung und Bewertung beraterischer Angebote vor.
Kinder bei elterlichen Hochkonflikttrennungen in den Interventionsprozess
einzubeziehen, ist in den Beratungsstellen keine Selbstverständlichkeit.
So wird in der Praxis häufig und engagiert über die Sinnhaftigkeit bzw. Notwendigkeit
des Einbezugs betroffener Kinder debattiert (vgl. dazu Weber &
Alberstötter, 2010).
In Anbetracht der geschilderten Befunde erscheint die Diskussion darüber,
ob Kinder ein eigenes Angebot erhalten sollten, weitgehend nicht nachvollziehbar.
Stattdessen muss zunehmend eine breite fachliche Auseinandersetzung
darüber geführt werden, wie Kinder in Beratung oder andere Unterstützungsmaßnahmen
einbezogen werden. Dies beinhaltet auch die Überwindung von
Ressort- zugunsten Ressourcendenkens (s. dazu nachfolgendes Kapitel).
Kinder reagieren unterschiedlich auf das elterliche Konfliktgeschehen. Ausmaß
und Art der Belastung drücken sich auf verschiedene Weise aus. Daraus
resultiert eine große Bandbreite von Möglichkeiten, die Kinder in ihrer individuellen
Situation zu unterstützen.
Die im Rahmen des Forschungsprojekts durchgeführte Befragung der Kinder
ergab, dass sie in der Regel Einzelangebote als angenehm und kaum belastend
empfinden. Von diesen Kontakten profitieren sie besonders dann, wenn nicht
auf die Trennungs- und Konfliktsituation der Eltern fokussiert wird, sondern
auf die Stärkung ihrer Persönlichkeit.
Als eher negativ erlebten die Kinder jedoch Familiensitzungen. Im Rahmen
gemeinsamer Sitzungen mit beiden Eltern in der Beratungsstelle wurden die
befragten Mädchen und Jungen wiederholt Zeugen des destruktiven Konfliktverhaltens
ihrer Eltern. Mehrfach wurde beschrieben, dass es den BeraterInnen
nicht gelang, die Eskalation zu stoppen und die Eltern zu einem gemäßigteren
3.4.2 Beratungskontinuität für Kinder
Umgang miteinander vor den Kindern zu bewegen. Bei hochkonflikthaften
Eltern ist die Gefahr solcher Eskalationen jederzeit gegeben, selbst nach phasenweisen
Kinder profitieren also eher von auf sie persönlich ausgerichteten Angeboten.
Im Rahmen des Forschungsprojekts gaben allerdings die am stärksten belasteten
Kinder an, die Interventionen hätten keinerlei Auswirkungen, weder
bezüglich des Streitverhaltens der Eltern noch hinsichtlich positiver Veränderungen
Wirksame Interventionen bei Hochkonflikttrennungen müssen sowohl die Interessen
der Eltern als auch die der Kinder berücksichtigen: weder die alleinige
Konzentration auf die Eltern, noch auf die Kinder erscheint ausreichend.
Die Möglichkeiten, die Spannungssituation für die Kinder allein über die Beratung
(oder andere Interventionen) der Eltern positiv zu verändern, sind beschränkt.
Die im Forschungsprojekt durchgeführte Befragung der Fachkräfte
zur Wirksamkeit der elternbezogenen Interventionen zeigt, dass hinsichtlich
des elterlichen Konfliktverhaltens meist nur geringe Erfolge erzielt werden, die
zudem häufig nicht von Dauer sind. Selbst während laufender Elterninterventionen
gibt es lange Phasen, in denen sich für die Kinder die Situation nicht
verändert. Je destruktiver das Agieren der Eltern ist, umso mehr (Beratungs-)
Zeit benötigen sie für kleine Schritte in Richtung eines angemesseneren Konfliktverhaltens,
umso öfter wechseln Phasen von Kooperationsbereitschaft und
Widerstand und desto höher ist die Gefahr eines Abbruchs oder anderweitigen
Scheiterns der Elterngespräche.
Umso mehr gilt: Bei Unterbrechung oder Abbruch der Elternintervention
bleibt die Rolle der BeraterInnen als AnsprechpartnerIn für die Kinder weiterhin
wichtig, zur Entlastung der Kinder, aber auch für das Aufgreifen kindlicher
Lösungsversuche. Kinder haben oft konkrete und umsetzbare Ideen, die
die Eltern aufgrund ihrer Zerstrittenheit nicht sehen (können). Diese Überlegungen,
Kinder ernst zu nehmen und ihnen eine Stimme zu verleihen, wirken
gegen die von den Kindern oft erlebte Hilflosigkeit – einem Hauptfaktor für
die Entwicklung der beschriebenen Belastungen.
Wie beschrieben, scheinen Kinder destruktive Elternkonflikte selbst dann psychisch
weitgehend unbelastet zu überstehen, wenn sie bestimmte persönliche
Stärken und Widerstandsfähigkeiten gut entwickeln konnten und in einem
stabilen sozialen Umfeld leben.
Bei Hochkonflikten beinhaltet Intervention und Kinderschutz demnach vor
allem die Unterstützung der Kinder beim Aufbau oder Erhalt von Selbstwirksamkeit.
26 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 27 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Beratung sollte Kindern dabei helfen, eine innere Vorstellung zu entwickeln,
wie sie mit ihrem Verhalten (wenn »Sturm an der Elternfront« aufzieht) etwas
bewirken können; selbst in einer Umgebung, wo scheinbar wenig zu bewirken
ist. Darüber hinaus muss das Wahrnehmen, Verstehen und der Umgang mit
den eigenen Gefühlen (Emotionsregulation) unterstützt werden, denn dazu
sind hochkonflikthafte Eltern kaum in der Lage.
Hintergrund: Interventionsmodell
Bisher wurden international wenige und nur vereinzelte zielgruppenspezifische
Interventionsprogramme in Deutschland für Kinder erarbeitet und erprobt.
Verwiesen wird an dieser Stelle auf die projektvorbereitenden bzw. -begleitenden
Expertisen von Paul & Dietrich (2006) und Paul (2008), die eine
Sammlung und kritische Bewertung einschlägiger Programme (einschließlich
psychodiagnostischer Verfahren zur Erfassung der Folgen von elterlichen
Hochkonflikten für Kinder) vornehmen. In dem nachfolgenden integrativen
Interventionsmodell wird den Eltern bei Beginn der Einbezug der Kinder als
selbstverständlich deklariert. Das Setting sieht Beratungssitzungen mit den
Eltern sowie Gruppen- und Einzelangebote (in die diagnostische Verfahren
implementiert sind) für die Kinder vor. Das Modell basiert auf den im Forschungsbericht
(vgl. Fichtner u.a. 2010) beschriebenen Praxisansätzen und v.a.
auf der Erfahrung, dass den Eltern überbrachte Botschaften der Kinder helfen,
den Fokus vom Kampf mit dem anderen Elternteil zurück auf die Kinder zu
(1) In vorgeschalteten Einzelgesprächen teilen die Eltern Vorstellungen,
Ideen, Forderungen und Positionsbezüge mit, die sie vor der Gegenseite
nicht offen aussprechen wollen oder können. Daneben werden in diesen
Sitzungen Konfliktbiografie und -dynamik sowie erziehungs- und konfliktbezogene
Kompetenzen diagnostiziert. Außerdem wird mit den Eltern das
Setting der Maßnahme besprochen, und es werden genaue Hinweise gegeben,
wie sie ihre Kinder auf die Teilnahme vorbereiten können. Gleichzeitig
wird ein Nachsorgetermin für die Kinder nach Abschluss oder Abbruch
verbindlich festgelegt. Die Eltern müssen zudem zusichern, dass sie die Vertraulichkeit
der Beratung ihres Kindes respektieren und von den Inhalten
nur in dem Maße erfahren, wie dies vom Kind gewünscht wird.
(2) Lehnen die Eltern gemeinsame Beratungssitzungen ab, werden mehrere
Einzelgespräche vereinbart. In diesen Einzelgesprächen können die Eltern
dem Berater Vorstellungen, Ideen, Forderungen und Positionsbezüge mitteilen,
die sie vor der Gegenseite nicht offen aussprechen wollen oder können.
Innerhalb dieses Settings entwickelt der Berater mit den Parteien einseitige,
aber strukturierte Lösungsoptionen. Den Eltern bietet sich damit ein erster
Einstieg in die nachfolgende gemeinsame Konfliktbearbeitung.
(3) In diesem Interventionsmodell wird ein symbolischer Einbezug der
Kinder in die Elternsitzungen dadurch erreicht, dass deren Bilder sichtbar
für die Eltern auf den Tisch gestellt werden. Die während der Gruppentreffen
gewonnenen Erkenntnisse über die Situation der Kinder werden den
Eltern in den Beratungssitzungen gespiegelt. Die größte »heilsame« also
konfliktreduzierende Wirkung wird dadurch erreicht, dass den Eltern Videosequenzen
von der Arbeit mit den Kindern in den Gruppen gezeigt werden.
Die Eltern erleben durch Äußerungen und Verhalten ihrer Kinder authentisch
die Auswirkungen/Folgen ihres destruktiven Konfliktverhaltens. Um
den Vertrauensschutz gegenüber den Kindern zu gewährleisten, ist dieses
Vorgehen mit ihnen abzusprechen und ihre Zustimmung einzuholen.
(4) Parallel zu den Elternberatungssitzungen werden die Kinder zu Gesprächen
empfangen. Inhaltlich beziehen sich Sitzungen mit den Kindern vor allem auf
die Erfassung des kindlichen Stressbewältigungsverhaltens und der Emotionsregulationskompetenz.
Es wird aber auch der trennungsbezogene Alltag
thematisiert (beispielsweise die Gestaltung der Übergabesituation). Schließlich
geht es um vorhandene positive Erfahrungsmöglichkeiten (Freunde,
wichtige Bezugspersonen, »Wo geht’s dir gut?«) und um trennungsbezogene
Wünsche (»Was können wir tun?/Wie sollen/Was dürfen wir mit den Eltern
besprechen, damit es dir besser geht?«). Je nach Ergebnis der Auswertung
erfolgt die Planung der weiteren Arbeit mit den Kindern (flankierend zum
Beratungsprozess der Eltern). Hier wird deutlich, dass die Arbeit mit den
Kindern diagnostische und beraterische Elemente mit dem Ansatz einer
flexibel angelegten Elternintervention vereint. Besonders die emotionalen
Belastungen werden exploriert und darauf aufbauend mit den Kindern und
den Eltern nach Entlastungsmöglichkeiten gesucht.
3.5 Kinder im Blick der verfahrensbeteiligten Akteure
Alle verfahrensbeteiligten Professionen (RichterInnen, Jugendamtsmitarbeiter-
Innen, Verfahrensbeistände, Sachverständige, ggf. BeraterInnen) sind dem
Wohl eines Kindes, welches Teil eines hochkonflikthaften Familiensystems
ist, im besonderen Maße verpflichtet. Viele örtliche Arbeitskreise haben (auch)
als Antwort auf diese Anforderung gemeinsame Verfahrensmodelle entwickelt,
nach denen nun innerhalb von vier Wochen nach Antragseingang (in der Regel
wg. Aufenthalt und Umgang) ein erster Termin (s. Kap. 5) mit den Eltern vor
dem Familiengericht stattfindet.
Entlang der nachfolgenden, vereinfachten Darstellung eines familiengerichtlichen
Verfahrensablaufs (strittiges Umgangsrecht) soll auf einige Aspekte
bei der Wahrung kindlicher Interessen aufmerksam gemacht werden.
Rechtsgestaltung im Interesse des Kindes
Zwischen der gerichtlichen Eingangsverfügung und dem ersten Termin hat
das Jugendamt bereits mit der Familie Kontakt aufgenommen und erste Interventionsmöglichkeiten
Im ersten Termin des Verfahrens werden die Konflikte und Lösungsmöglichkeiten
ausführlich (bis zu zwei Stunden) besprochen, dabei kommen vordringlich
die Eltern persönlich zu Wort. Schriftliche Ausführungen der Anwälte
sind dazu nicht notwendig. Das Jugendamt erstattet mündlich seinen
28 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 29 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Bericht und signalisiert dem Familiengericht, ob und ggf. welches Handeln
nötig ist. RichterInnen, die die Interessen eines Kindes bei der Entscheidungsfindung
zu berücksichtigen haben, sollten im Verhandlungstermin mit den
Eltern genau darauf achten, wie diese ihre Beziehung zum Kind definieren und
welche Entwicklungsräume sie für ihr Kind zur Verfügung stellen (können).
Wird im ersten Termin kein Einvernehmen erzielt, so hat das Familiengericht
mit den Beteiligten und dem Jugendamt den Erlass einer einstweiligen
Anordnung zu erörtern (§ 156 Abs. 3 FamFG). Wenn das Familiengericht
eine Beratung oder eine familienpsychologische Begutachtung anordnet,
soll das Gericht im Verfahren, die das Umgangsrecht betreffen, den Umgang
durch eine einstweilige Anordnung regeln oder ihn ausschließen (§ 156 Abs. 3
Vor dem Erlass einer einstweiligen Anordnung zur Regelung des Umgangsrechts
soll das betroffene Kind persönlich angehört werden. Hierbei ist zu beachten,
dass die mögliche einmalige Belastung des Kindes im Rahmen einer
Anhörung weniger schwer wiegt als das Übersehen eines Gefährdungsrisikos.
Carl & Eschweiler (2005) kamen in ihrer Abhandlung zu »Chancen und Risiken«
einer Kindesanhörung zu dem Schluss, dass die mit einer Anhörung
einhergehenden Chancen die Risiken deutlich übersteigen.
Die im Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« zu ihren
Erfahrungen mit richterlichen Anhörungen befragten Kinder gaben zwar
an, dass daraus für sie Stresssituationen resultierten. Die Jungen und Mädchen
sahen jedoch auch Vorteile: Sie fühlten sich immer dann entlastet, wenn eine
schnelle gerichtliche Entscheidung zur Reduktion von Intensität und Häufigkeit
des Elternkonfliktes beitrug.
Nach § 156 Abs. 1 FamFG kann das Familiengericht anordnen, dass Eltern an
einer Beratung der Kinder- und Jugendhilfe teilnehmen. Eine solche Anordnung
ist von den Eltern rechtlich nicht anfechtbar; sie kann aber auch nicht
mit Zwangsmitteln gegen die Eltern durchgesetzt werden. Wenn streitenden
Eltern im Resultat des richterlichen Abwägens Beratungsgespräche »verordnet«
werden, sollte in der Regel auch dem Kind die Möglichkeit geboten werden,
Unterstützung durch die Jugendhilfe zu erhalten.
Ähnlich formulierte es ein Richter in einem Interview im Rahmen des Forschungsprojekts,
der den Eltern regelmäßig mit auf den Weg gab: »Ich erwarte
von Ihnen, dass Sie auch ihr Kind dort vorstellen«. Die handlungsleitende
Wirkung einer solchen richterlichen Aufforderung wäre aus Sicht des befragten
Beraters nicht zu unterschätzen.
Nach dem Bekanntwerden des Scheiterns einer Beratungslösung setzt das Gericht
kurzfristig einen zweiten Anhörungstermin fest. Zur Vorbereitung auf
diesen Termin könnten RichterInnen mit Blick auf die Aufklärung »entscheidungserheblicher
Sachverhalte« einen Sachverständigen (gem. § 163 FamFG)
hinzuziehen. Der psychologische Sachverständige erhält Akteneinsicht zur
Vorbereitung auf die Anhörung und bringt sein Fachwissen (bereits) in den
zweiten Anhörungstermin ein.
Je nach Notwendigkeit und Verfahrensstand können RichterInnen folgende
für die Entlastung des Kindes relevante Verfahrensbeteiligte hinzuziehen: Verfahrensbeistände
und UmgangspflegerInnen. § 158 I FamFG stellt klar, dass eine
Pflicht zur Bestellung eines Verfahrensbeistands besteht – eine Pflicht, die allerdings
die richterliche Einschätzung voraussetzt, dass ein Verfahrensbeistand
zur Wahrung der Kindesinteressen erforderlich ist. Im Falle eine hochkonflikthaften
Verstrickung der Eltern dürfte die regelmäßige Missachtung von kindlichen
Interessen sehr wahrscheinlich sein. Das Wirken der bisherigen VerfahrenspflegerInnen
wird auf der Grundlage rechtstatsächlicher Untersuchungen
sowohl von den FamilienrichterInnen wie auch von den Kindern selbst als sehr
positiv eingeschätzt (vgl. Stötzel, 2004). Die wichtigste Erkenntnis aus dieser
Untersuchung ist wohl die Tatsache, dass die Kinder und Jugendlichen sich
überwiegend von ihrer Interessenvertretung auch wirklich einbezogen fühlten
Mit der Regelung des § 1684 Abs. 3 BGB soll eine Pflegschaft mit dem Aufgabenkreis
der Durchführung des Umgangs (»Umgangspflegschaft«) gesetzlich
geregelt werden. Der Umgangspfleger/die Umgangspflegerin kann die konkrete
Ausgestaltung des Umgangs bestimmen. Ergeben sich Meinungsverschiedenheiten
der Eltern über die Umgangsmodalitäten, dann hat der Umgangspfleger
die Möglichkeit, zwischen den Eltern zu vermitteln oder von seinem Bestimmungsrecht
Für alle genannten Verfahrensbeteiligten gilt: Sie sind Lobbyisten für das
Kind. Sie entlasten das Kind bestmöglich und versuchen, es schützend aus
dem Feld der elterlichen Konflikte zu nehmen. Dies geschieht dadurch, dass sie
an Stelle des Kindes bei den Eltern die kindliche Perspektive auf den Konflikt
Kindliche Lösungsversuche sollten als ein im Sinne der Bindungstheorie »internes
Arbeitsmodell« verstanden werden. Das heißt, Kinder sollen bei der
Modellierung ihrer Lösungen zur Bewältigung ihrer Erfahrungen unterstützt
werden, insbesondere durch Beratungsangebote, die ihnen helfen, die unübersichtliche
Situation einer hochkonflikthaften Trennung zu strukturieren und
die eigene Verunsicherung zu begrenzen. Ein gerichtliches Umgangsrechtsverfahren,
das diese kindlichen Lösungsversuche übergeht, kann schnell zu einem
zusätzlichen Belastungsfaktor für das Kind werden.
30 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 31 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
3.6 Hochkonflikthaftes elterliches Verhalten und Kindeswohlgefährdung
Hocheskalierte Elternkonflikte können eine erhebliche Belastung für die
betroffenen Kinder darstellen: In der Scheidungsfolgenforschung besteht
mittlerweile Konsens darüber, dass das Ausmaß elterlicher Scheidungs- und
Trennungskonflikte maßgeblich dafür mitverantwortlich ist, welches Belastungsniveau
die Kinder erreichen. Ergebnisse zeigen auch, dass Kontakte
mit dem getrenntlebenden Elternteil sogar zur Belastung für das Kind werden
können, wenn das elterliche Konfliktniveau hoch ist und/oder ausgeprägte Loyalitätskonflikte
beim Kind auftreten. Darüber hinaus liegen auch eine Reihe
Forschungsergebnisse zu kindeswohlgefährdenden Folgen von Partnerschaftsgewalt
vor (Kindler 2006).
Es ist also sicher davon auszugehen, dass solche eskalierte Konflikte mit einer
verringerten Fähigkeit der Eltern einhergehen, insgesamt kindeswohldienliche
Bedingungen zu schaffen. Ein Hilfebedarf ist in allen betroffenen Fällen
gegeben. Die Jugendhilfeangebote sollten v.a. die Kinder dabei unterstützen
und sie ggf. in die Lage versetzen, möglichen Gefahren selbst aktiv zu begegnen
und sich ihnen zu widersetzen.
Dieses besondere elterliche Konfliktverhalten stellt fraglos einen Risikofaktor
für die kindliche Entwicklung dar; die beschriebenen Entwicklungsrisiken
für Kinder liegen latent oder manifest vor. Dies wirft die Frage auf, inwieweit
damit auch die Gefahr einer Kindeswohlgefährdung besteht. Eine pauschale
Antwort hierauf erscheint nicht möglich, ein schematisches Verhalten wenig
sinnvoll. Vielmehr sollte im Einzelfall eine entsprechend abgestufte Prüfung
Innerhalb des Forschungsprojekts wurden mögliche kindeswohlgefährdungsrelevante
Kriterien unter Hochkonfliktbedingungen diskutiert. Der Projektbeirat,
bestehend aus WissenschaflterInnen und VertreterInnen der Praxis,
formulierte folgende Empfehlung: Die Gefährdungsschwelle des § 1666 BGB
ist erreicht bzw. wurde überschritten, wenn in hochkonflikthaften Familien
summarisch folgende vier Gefährdungskriterien vorliegen:
1. Einschränkung der Erziehungsfähigkeit des hauptsächlich betreuenden
Elternteils oder beider Elternteile aufgrund der kognitiven Verengung
auf den Elternkonflikt,
2. Behandlungsbedürftige Belastungssymptomatik des Kindes,
3. Eingeschränkte Bewältigung altersentsprechender Entwicklungsaufgaben
4. Fehlentwicklungen in der Eltern-Kind-Beziehung.
Eine deutliche Mehrheit hochkonflikthafter Familien bewegt sich allerdings
unterhalb dieser Schwelle, ab der eine Kindeswohlgefährdung abgeklärt werden
Eine solche Abklärung ist bei folgenden Beobachtungen relevant:
• Hinweise auf ein fortbestehend hohes Konfliktniveau der Eltern mit fortlaufender
Einbindung der Kinder,
• oder zusätzliche Hinweise auf Partnerschaftsgewalt,
• oder erhebliche Belastungen, etwa in Form von Verhaltensproblemen
(z.B. starkes Rückzugsverhalten, Devianz) der Kinder, wobei Eltern keine
Hilfen für das Kind akzeptieren.
Trifft dies zu, sollte eine erfahrene Fachkraft nach § 8a SGB VIII hinzugezogen
werden, um eine Kindeswohlgefährdung auszuschließen.
4 Beratung von hochkonflikthaften Eltern
4.1 Besonderheiten der Beratung
Dem Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« und
anderen Studien zu Folge, gibt es Eltern, die als hochkonflikthaft bezeichnet
werden können; und es gibt deren Kinder, die unter den besonderen Belastungen
dieser Konflikte leiden. Aber gibt es auch spezifische Beratungsansätze,
Methoden, Vorgehen, die als »Hochkonfliktberatung« bezeichnet werden
können? Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach.
Viele MitarbeiterInnen von Erziehungs- oder Ehe- und Familienberatungsstellen
machen schon lange Beratung von hochkonflikthaften Eltern. Es ist davon
auszugehen, dass die Nachfrage danach im Rahmen der neuen Familiengesetzgebung
noch steigen wird. Denn das neue Familienrecht ist in Bezug auf
Kindschaftssachen von der Überzeugung geprägt, dass elterliche Einigungen
durch entsprechende Unterstützung hilfreicher für die Kinder sind als juristische
Entscheidungen über Umgangs- oder Sorgerechtsfragen; für die Beratungsstellen
insbesondere in § 156 Familienverfahrensrecht (Meysen 2009).
Auch andere psychosoziale Berufsgruppen wie MitarbeiterInnen des Jugendamtes
und des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD), UmgangspflegerInnen,
Verfahrensbeistände oder psychologische Sachverständige beraten solche Familien.
Nicht zuletzt sind auch die juristischen Berufsgruppen der Richter-
Innen und AnwältInnen bemüht, die streitenden Parteien mit mediativen
Techniken zu einer einvernehmlichen Lösung zu bringen. Einige JuristInnen
achten darauf, selbst solche Kompetenzen zu erwerben oder durch Fachleute
in das Verfahren zu integrieren. Die Beratung von hochkonflikthaften Eltern
findet also bereits häufig statt, und engagierte Beratungen für solche Familien
werden praktiziert (vgl. Weber & Schilling 2006; Fichtner 2006). Das ist die
gute Seite der Medaille.
Die schlechte ist: Es gibt keine definierte Technik und kein feststehendes
Beratungsverfahren, wie hocheskalierte Konflikte sicher gelöst werden können.
Aber es gibt viele Erfahrungen mit dieser Arbeit, seitens der Beratungsstellen
und seitens der Eltern. Diese werden im Folgenden zusammengestellt, um Orientierungshilfen
für »Hochkonfliktberatung« zu geben.
32 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 33 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
4.2 Hochkonflikthaftigkeit erkennen und Rahmenbedingungen schaffen
Wie im zweiten Kapitel dargestellt, weisen Hochkonfliktfamilien verschiedene
Merkmale auf, die unterschiedlich rasch und sicher zu erkennen sind. Dass sie
vom Gericht oder vom Jugendamt »geschickt« wurden, ist ebenso wenig ein sicheres
Indiz, wie dass sie als »Selbstmelder« in die Beratung kommen. Mit viel
Erfahrung kann man bereits aus den Akten oder bei der telefonischen Anmeldung
aufgrund der Schilderungen der Eltern erkennen, ob diese bereits stark
eskalierte Konflikte haben. Häufig wird es aber erst nach dem Erstgespräch
möglich sein, das Konfliktniveau hinreichend zu beurteilen. Sowohl diese Erfahrungen,
als auch die Ergebnisse des Forschungsprojekts »Kinderschutz bei
hochstrittiger Elternschaft« zeigen, dass es günstig ist, verschiedene Kriterien
heranzuziehen, um das Konfliktniveau zu bestimmen.
Eine erste Hilfe für eine breite und trotzdem rasche Erfassung des Konfliktniveaus
bietet der Kurzfragebogen des Praxisprojektes (s. Anhang), der bereits
mehrere Aspekte von Konflikten berücksichtigt. Am besten ist es, möglichst
viele der im ersten Kapitel genannten Aspekte zu erfassen, um zu einer Einschätzung
zu gelangen. Gleichwohl wird eine Einschätzung des Konfliktniveaus
nicht in jedem Fall zufriedenstellend sicher möglich sein.
Die meisten erfahrenen BeraterInnen sind sich einig, dass das Konflikt-
niveau möglichst rasch eingeschätzt werden sollte. Um die Erfolgschancen einer
entsprechenden Beratung zu erhöhen, sollte möglichst von Beginn an ein
bestimmtes Setting und eine bestimmte Haltung der Beratung bei Hochkonflikteltern
Leitlinien aus dem Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«
• Erstens wird der Terminierung von Beratungen mit hochkonflikthaften
Eltern eine hohe Bedeutung eingeräumt. Das, was im neuen FamFG als
»Vorrang- und Beschleunigungsgebot« (§ 155 FamFG, s. Kapitel 5) aufgenommen
wurde, ist auch für eine erfolgversprechende Beratung notwendig:
Der Beginn der Beratung sollte möglichst rasch erfolgen, damit die Konflikte
nicht weiter eskalieren und drängende Fragen möglichst einer ersten
Klärung zugeführt werden. Dazu ist eine Zusammenarbeit des Gerichts mit
der Beratungsstelle unerlässlich. Selten wird das »gerichtsnahe Beratung«
mit Beratungsräumen im Amtsgericht sein, wie etwa in Regensburg. Einfacher
zu realisieren ist die Vergabe fester Beratungszeiten an das Gericht,
oder die Anwesenheit von MitarbeiterInnen der Beratungsstellen bereits
beim ersten gerichtlichen Anhörungstermin, um dort Indikationen für die
Beratung zu stellen und Termine zu vereinbaren (s. auch Kapitel 5). Häufig
ist zumindest ein Elternteil zu diesem Zeitpunkt nur wenig motiviert, Beratung
Erfahrene BeraterInnen berichten von zwei unterschiedlichen Vorgehensweisen,
wie sie mit einer solchen eher ablehnenden Haltung umgehen: Manche
kommen den KlientInnen mit den Beratungsterminen entgegen und bieten
diese auch abends oder Freitagnachmittags an; andere machen dagegen
enge Terminvorgaben zum Indikator für die Motivation der KlientInnen.
• Zweitens halten viele BeraterInnen bei Hochkonflikteltern eine Co-Beratung,
am besten im gemischtgeschlechtlichen Team, für sinnvoll oder gar notwendig.
Einerseits, um auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten und
Belastungen der Eltern angemessen einzugehen; und andererseits, um die
erheblichen Belastungen für die BeraterInnen durch die kollegiale Unterstützung
zu reduzieren. Dadurch erhöht sich allerdings der Zeitaufwand, da
im Idealfall die einzelnen Sitzungen sowohl gründlich vorbesprochen, wie
auch gemeinsam aufbereitet werden sollten. Weiterhin ist für eine erfolgversprechende
Co-Beratung darauf zu achten, dass die KollegInnen in ihrer
Arbeitsweise so harmonieren, dass dadurch nicht zusätzliche Spannungen
oder gar Spaltungen entstehen.
• Drittens erscheint eine eindeutige Klärung der möglichen Ziele der Beratung
und auch der Umgangsformen miteinander in der Beratung notwendig. Gerade
bei mandatierten KlientInnen muss zum einen ein ausdrücklicher
Beratungsauftrag erarbeitet werden, der von den Eltern auch unterstützt
wird. Hierbei wird es auch stark auf die richtige Formulierung durch die
BeraterInnen ankommen. Zum anderen müssen gleich zu Beginn Verhaltensregeln
für einen nicht-destruktiven Umgang mit Konflikten und Verärgerungen
in der Beratung festgelegt werden. Auch die Konsequenzen einer
Verletzung dieser Regeln müssen für beide Eltern zu Beginn der Beratung
klar sein. Solche Verletzungen können zu Ermahnungen, kurzzeitige Unterbrechungen
der aktuellen Sitzung bis hin zur Aussetzung oder zum Abbruch
der gemeinsamen Gespräche führen. Wichtig ist, dass für BeraterInnen und
Eltern diese Reaktionen im Vorhinein klar abschätzbar sind.
• Viertens achten erfahrene BeraterInnen darauf, sich Entlastungen von den
Hochkonfliktberatungen zu suchen.
Das geschieht zum einen, indem sie solche Beratungen nicht zeitlich verdichtet,
sondern möglichst nur eine am Tag durchführen oder sogar nur alle
zwei Tage. Zum anderen entlasten sich Berater/ innen indem sie sich positive
Beschäftigungen als Ausgleich zu den Beratungen organisieren oder indem
sie solche Beratungen nicht in ihren eigenen Beratungszimmern, sondern in
anderen Räumlichkeiten der Beratungsstelle durchführen
Einigen BeraterInnen scheint es sogar zu gelingen, diese Hochkonfliktberatung
positiv als besondere Herausforderung zu sehen. Nicht alle Formen der
Entlastung werden an allen Beratungsstellen möglich sein. Zentral scheint
aber, dass alle BeraterInnen ihre Grenzen kennen und aktiv für Entlastung
sorgen. Nur so kann der hohe psychische Einsatz, den solche Beratungen
erfordern, auch gewährleistet werden.
34 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 35 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
4.3 Wie Eltern in die Beratung kommen
und wie sie diese erleben und bewerten
Befragt man hochkonflikthafte Eltern zu laufenden oder bereits abgeschlossenen
Beratungen, lassen sich daraus weitere Anregungen für eine erfolgversprechende
Beratungsarbeit ziehen. So zeigen sich z. B. einige beachtenswerte
»Eingangsvorausetzungen« der Eltern:
• Es deuten sich leichte Motivationsunterschiede an, je nachdem, ob Eltern
eine Erziehungsberatungsstelle (EB) oder eine Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle
(EFL) aufsuchen: Die Klientel der EB – die übrigens auch
einen etwas niedrigeren Bildungsdurchschnitt aufweist – sieht die Problematik
eher bei den Kindern. Sie will primär diese diagnostiziert und ggf.
behandelt haben. In einigen Fällen soll diese Diagnostik die eigenen Argumente
im gerichtlichen Verfahren stärken. Die Klientel der EFL betrachtet
die Problematik stärker auf der Elternebene und erscheint zunächst eher
bereit, an der Elternbeziehung zu arbeiten.
• Werden Eltern nach den Zielen der gerichtlich angeordneten Beratung
befragt, nennen sie häufig entweder eine generelle Verbesserung der elterlichen
Kommunikation oder die Umsetzung einer gerichtlich beschlossenen
Regelung, etwa hinsichtlich der Kontakte der Kinder zum anderen Elternteil.
In der Praxis sollten Beratungsstellen mit gemischten Anliegen aus beiden
Aspekten rechnen.
• Die Erwartungen von hochkonflikthaften Eltern an die Beratung sind oft
niedrig: Sie schätzen ihre Problematik als zu spezifisch und außergewöhnlich
ein, als dass Beratung helfen könnte, auch wenn diese sonst hilfreich
sein mag. Es zeigte sich bei der Befragung von Elternpaaren auch, dass diese
häufig heterogene und wiedersprechende Erwartungen haben. Umso wichtiger
ist es, zu Beginn der Beratung Erwartungen zu klären und gemeinsam
realistische Ziele zu erarbeiten.
• Eltern mit hohem Konfliktniveau haben meist mehr Erfahrung mit unterschiedlichen
Formen von beraterischen oder juristischen Interventionen. Je
mehr dieser Maßnahmen parallel laufen, desto unzufriedener zeigten sich
die Eltern mit ihnen.
Allerdings deuten die Ergebnisse des Forschungsprojektes »Kinderschutz bei
hochstrittiger Elternschaft« darauf hin, dass nicht die Anzahl von Maßnahmen
für das hohe Konfliktniveau verantwortlich ist, sondern umgekehrt: Hochkonflikthaften
Eltern brauchen zunächst einfach mehr Interventionsversuche
(s. Kapitel 5).
Was erleben Eltern als hilfreich oder problematisch in der Beratung
sowie bei den gerichtlichen Maßnahmen?
Zunächst einmal weisen die Angaben der Eltern im Forschungsprojekt auf folgende
Stolpersteine hin. In der rückblickenden Befragung fällt zunächst keine
spezifische Form von Beratung oder sonstiger Hilfen auf. Die Eltern geben
nicht systematisch häufiger bestimmte Interventionen wie Einzelberatung, gemeinsame
Beratung, Mediation o.ä. an als die Eltern mit weniger Konflikten.
Lediglich gemeinsame Familiensitzungen mit Eltern und Kin dern scheinen
bei hochkonflikthaften Eltern häufiger angewandt zu werden als bei anderen.
Ein wichtiges gemeinsames Merkmal dieser Eltern ist jedoch ihr geringes
Selbstwirksamkeitserleben (s. Kapitel 2). Dies sollte also möglichst verbessert
werden. Eine Standardmethode hierfür ergibt sich allerdings aus den Forschungsergebnissen
nicht. Es kann also nur Ziel sein, an der Selbstwirksamkeit
sowohl in der Einzelberatung als auch – entsprechend umsichtig – in der
gemeinsamen Elternberatung zu arbeiten.
Allerdings scheint ein Ereignis die Selbstwirksamkeit zu steigern: Das durch
einvernehmliche Regelungen herbeigeführte Ende der gerichtlichen Verfahren.
Schafft es die Beratung, eine gerichtliche Entscheidung überflüssig zu machen,
ist damit viel für die elterliche Autonomie und das Selbstwirksamkeitserleben
der Eltern erreicht.
Insgesamt scheint Beratung bei den hochkonflikthaften Eltern häufig eine
andere, meist geringere Wirkung zu haben als bei anderen Eltern. Kritisch
bewerten Eltern Beratung insbesondere, wenn sie ihre Beziehung zum Kind
nicht angemessen gewürdigt erleben. Manche Eltern kommen explizit mit dem
Wunsch in die Beratung, Einschätzungen zu ihrem Kind zu erhalten. Die übrigen
wehren sich hingegen eher gegen kritische Bewertungen der Situation
des Kindes. Sehr sensibel zeigen sich solche Eltern insbesondere, wenn sie das
Gefühl haben, dass die BeraterInnen die Partei des Partners/ der Partnerin
ergreifen. Um nicht in diese Fall zu tappen, sollten sich BeraterInnen gerade
im elterlichen Streit nicht auf vermeintliche Objektivität oder »Beweislagen«
konzentrieren, sondern die Konfliktbiographie der Eltern erkennen und ihre
konfliktbezogenen Kompetenzen stärken.
Es zeigt sich, dass die Bewertung der Beratungsstelle oder des Gerichts stark
durch die Einstellungen der Eltern im Konflikt bestimmt ist: Oft haben die Eltern
deutliche Vorannahmen von richtig und falsch, von Täter und Opfer und
erwarten, das BeraterInnen und RichterInnen diese teilen. Häufig steht für die
Eltern deswegen weniger eine Konfliktlösung im Vordergrund als die Unterstützung
in diesem Konflikt. Damit ergibt sich das Problem, dass sich Eltern
für Beratung nicht offen für diese erscheinen, sondern argumentieren, als stünden
sie auch hier vor einem Richter.
36 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 37 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Neben solchen problematischen Seiten einer Hochkonfliktberatung scheint es
einige wichtige Erfolgsfaktoren von Beratung aus Sicht der Eltern zu geben:
• Auch zwischenzeitliche Entlastungen im Konflikt ohne dauerhafte Konfliktlösung
werden als hilfreich erlebt.
• Die persönliche Beziehung zu den BeraterInnen ist ein entscheidendes
Kriterium der Beratungsbewertung: Diese sollten auch für die eigene Position
Verständnis zeigen. In der Summe heißt das, die BeraterInnen sollten
mindestens als neutral, im besten Fall als allparteilich wahrgenommen
• Wichtiges »Erfolgserlebnis« in Beratungen ist, wenn Eltern wieder das
Gefühl eines gegenseitigen Verständnisses erwerben, wenn sie also das Empfinden
bekommen, der andere Elternteil kann sie besser verstehen, und
sie selbst können den anderen besser verstehen. Vor allem reduziert dies
die Angst, bei Verhandlungen über konkrete Regelungen übervorteilt zu
• Grundsätzlich scheinen schnelle, selbst gefundene Regelungen für offene Fragen
die Zufriedenheit der Eltern zu erhöhen. Lösungen sollten aber nicht
direktiv vorgegeben werden: Mit gerichtlichen Regelungen zeigen sich die
hochkonflikthaften Eltern (Mütter wie Väter) meist unzufriedener als mit
selbst gefundenen. Allerdings gilt das nicht für alle: Manche Eltern wollen
eine gerichtliche Regelung und brechen ggf. auch Beratungen ab, um zu
einer richterlichen Entscheidung zu kommen.
• Wichtig für die Eltern sind ihre Autonomie gegenüber dem anderen Elternteil
und Verlässlichkeit der Abmachung: So wird regelmäßiger Umgang zwar
am positivsten gesehen, gar kein Umgang aber besser als unregelmäßiger.
Wechselmodelle werden in der Summe genauso gut bewertet wie das alleinige
Aufenthaltsbestimmungsrecht eines Elternteils.
• Hochkonflikthafte Eltern bewerten fast alle beraterisch-therapeutischen
oder gerichtlichen Interventionen weniger hilfreich zur Reduzierung der
Elternkonflikte und zur Verbesserung der Situation des Kindes als andere
Eltern. Dies bezieht sich auf Interventionen, die sich – zumindest zunächst
– gründlich mit der Situation des einzelnen Elternteils beschäftigen: Einzeltherapie,
Einzelberatung oder auch psychologische Begutachtung.
In der Studie konnte beobachtet werden, dass gerichtliche Regelungen von Sorge
und Umgangsfragen häufiger bei mittelhohen Konfliktniveaus stattfinden als
bei sehr hohen. Auch scheinen sich die Eltern, bei denen gerichtliche Interventionsformen,
wie Verfahrensbeistandschaften (§ 158 FamFG), Umgangspflegschaften
(§ 1684 BGB) oder familienpsychologische Gutachten (§ 163 FamFG),
durchgeführt werden, etwas zu unterscheiden: Verfahrensbeistände werden
verstärkt bei solchen Eltern berufen, wo sowohl diese vielfältig belastet sind,
als auch die Belastungen der Kinder aus elterlicher Sicht sehr ausgeprägt scheinen.
Eltern, deren elterliches Recht auf Regelung und Ausgestaltung des Umgangs
auf einen Umgangspfleger übertragen wurde, scheinen ihre eigenen Bedürfnisse
und ihr eigenes Befinden mit den Bedürfnissen und dem Befinden
ihrer Kinder durcheinander zu bringen und beziehen sie besonders stark in die
elterlichen Konflikte ein. Und Eltern, bei denen eine Begutachtung angeordnet
wird, sind vor allem durch geringe Verträglichkeit und damit durch problematische
Persönlichkeitszüge geprägt.
Schließlich zeigen sich bei manchen Eltern auch Vorbehalte gegenüber untereinander
zu stark kooperierenden Fachkräften, wenn sie dadurch das Gefühl
bekommen, dass ihr Anliegen durch niemanden mehr vertreten wird (s.
4.4 Beratung mit hochkonflikthaften Eltern aus Sicht der BeraterInnen
BeraterInnen, die häufig mit hochkonflikthaften Eltern und deren Kinder arbeiten,
erleben sich hierbei in einer anderen Rolle als bei der sonstigen Beratung.
»Hochkonfliktberatung« erscheint als eigenständige Aufgabe, die aber gleichwohl
in den Arbeitsablauf und die Strukturen der »normalen« Beratungsstelle
eingebunden werden muss. Die im Rahmen des Forschungsprojekts »Kinderschutz
bei hochstrittiger Elternschaft« befragten Beraterinnen beschrieben die
Beratung für hochkonflikthaften Eltern wie folgt:
• Grundsätzlich erfordert diese Arbeit ein höheres Maß an Strukturierung:
BeraterInnen müssen in jeder Phase der Beratung aktiv (mit-) gestalten und
können sich nicht auf die Moderationsrolle zurückziehen. Sie müssen gleich
zu Beginn die Rahmenbedingungen festlegen und die Sammlung der Themen
so strukturieren, dass hierbei nicht neue Vorwürfe entstehen. Viele
BeraterInnen haben den Eindruck, dass sie Konflikte rasch unterbinden
müssen, damit diese nicht eskalieren.
• Wichtig scheint, den Beratungsauftrag möglichst früh und so konkret wie
möglich zu klären: Hilfreich ist es, hierzu Listen von Themen aufzustellen.
Diese werden zwar von den Eltern in der Beratung häufig wieder verworfen
und durch neue Themen ergänzt. Sie bilden aber gleichwohl eine wichtige
Grundlage für die Strukturierung der Arbeit. Auch die Ergebnisse der einzelnen
Sitzungen sollten am besten schriftlich festgehalten und den Eltern
in dieser Form übergeben werden.
• Es gibt kein standardisiertes Beratungsvorgehen, sondern es wird fallspezifisch
ein möglichst breites methodisches Instrumentarium genutzt. Wichtig
hierbei erscheint vor allem, die Eltern zur Mitarbeit zu motivieren; sowohl
durch kleine Erfolge, als auch durch Einstellungsveränderungen.
Dabei erscheint vor allem wichtig, den Eltern auch Wertschätzung über ihre
Bemühungen und Empathie gegenüber ihrem enormen Druck zu zeigen.
Tragfähige Lösungen können vor allem dann gefunden werden, wenn es gelingt,
dass die Eltern die Beratung nicht mehr als sinnlose Pflicht, sondern als
hilfreiches Angebot sehen.
• Die Dauer von Hochkonfliktberatungen ist häufiger an den zeitlichen
Extremen angesiedelt: So umfassen viele Hochkonfliktberatungen aufgrund
von Abbrüchen (seitens der KlientInnen oder der BeraterInnen) nur sehr
38 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 39 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
wenige Stunden. Sind solche Beratungen dagegen erfolgreich, sind sie nicht
selten über sehr lange Zeiträume von über zwei Jahren notwendig, um eine
Stabilisierung der Situation zu gewährleisten.
Eine zentrale Herausforderung der Hochkonfliktberatung stellt die geringe Eigenmotivation
solcher KlientInnen dar, die häufig durch Rechtsanwälte, das
Jugendamt oder zunehmend das Gericht zur Beratungsstelle zugewiesen bzw.
geschickt werden. Viele BeraterInnen haben den Eindruck, dass diese Mütter
und noch mehr die Väter ihre Situation als so schwierig einstufen, dass sie den
BeraterInnen gar nicht zutrauen, über die notwendigen Kompetenzen verfügen,
die nötig wären, die Konflikte zu lösen. Nicht selten treten diese Eltern
dann sehr fordernd auf, werfen den BeraterInnen Parteilichkeit vor oder brechen
die Beratung ab. Wichtig scheint hierbei vor allem eine große Sensibilität
der BeraterInnen für »Trigger« oder »Minenfelder«, also Formulierungen oder
Themen, die zu raschen Konflikteskalationen führen.
Als Maßnahme gegen solche Eskalationen und zum Aufbau von Motivation
halten viele BeraterInnen zwischenzeitliche Einzelsitzungen mit den Elternteilen
für sinnvoll. Im Sinne der Ausgewogenheit sollten diese – wenn möglich
– beiden Eltern angeboten werden.
Die Rolle der Kinder (s. Kapitel 2) ist für manche Beratungsstellen noch zwiespältig:
Grundsätzlich dient die Beratung dem Ziel, die Situation der betroffenen
Kinder zu verbessern. Bei vielen BeraterInnen besteht einerseits der Eindruck,
dass die Eltern über die Argumentation, die die Situation ihrer Kinder
betrifft, am besten zu erreichen sind. Deswegen werden die Kinder symbolisch,
z. B. durch Bilder, in die Beratung integriert. Andererseits scheuen sich
viele BeraterInnen davor, mit den Kindern im Rahmen von Beratung selbst zu
sprechen und systematisch ihre Situation und Belastungen zu analysieren. Sie
befürchten dadurch eine zusätzliche Einbindung der Kinder in den Konflikt.
Es gibt jedoch zunehmend Beratungsstellen, bei denen die Kinder systematisch
einbezogen und zumindest nach ihrer Sicht der Situation und ihren Wünschen
befragt werden. Teilweise gehören auch ausführliche Kinderdiagnostik und
Hilfen für die Kinder zum Angebot der Beratungsstellen.
Aus der Studie kann der vorsichtige Schluss gezogen werden, dass die Rückmeldung
tatsächlicher kindlicher Wünsche und Bedürfnisse in der Elternberatung
ein noch wirkungsvolleres Mittel zu sein scheint, um die Eltern hierfür
sensibler zu machen. Darüber hinaus sollten die Kinder auch eigenständige
Beratung erhalten (s. auch Kapitel 2).
Die Rolle der BeraterInnern in der Arbeit mit hochkonflikthaften Familien
ist häufig durch hohe Ansprüche der Eltern und Dritter, großen Druck und
ein hohes Maß an Unsicherheit gekennzeichnet. Eine so anspruchsvolle Arbeit
– das zeigen die Befragungen von BeraterInnen in der Studie – bedarf auch
entsprechender Ressourcen:
• Die Sitzungen mit hochkonflikthaften Elternpaaren werden häufig als
belastend und sehr kräftezehrend empfunden. Solche Beratungen sollten nur
von erfahrenen BeraterInnen angeboten und mit »leichteren« Beratungen
abgewechselt werden und das Arbeitsfeld nicht zu stark bestimmen. Das
Setting der Co-Beratung, intensive Vor- und Nachbesprechungen und Supervision
sind Möglichkeiten, mit der Belastung besser fertig zu werden.
Viele BeraterInnen geben auch an, dass Sitzungen nicht länger als eine
Stunde dauern sollten.
• BeraterInnen schätzen die Erfolgsquote sehr kritisch und oft unbefriedigend
ein. Wichtig erscheint, selbst kleine oder vorläufige Erfolge wertzuschätzen.
Trotz der aktiveren Rolle, die BeraterInnen in dieser Arbeit übernehmen
müssen, sollten sie nicht die Verantwortung für das Ergebnis übernehmen.
Hochkonfliktberatungen sollten im Idealfall als Co-Beratung angeboten werden.
Sie erfordern zudem mehr Kapazitäten im Sekretariat, an Räumen, in
Teambesprechungen und Supervisionen und auch an Fortbildungen. Vor allem
aber sind aufgrund des hohen Zeitaufwandes für diese Beratungen zusätzliche
Beratungskapazitäten zur Verfügung zu stellen. Eine wirtschaftliche Expertise
des Forschungsprojektes zeigt, dass sich Investitionen in Hochkonfliktberatung
rechnen: Für die öffentliche Hand zahlt sich die Einrichtung von Stellen
in diesem Bereich im Vergleich zu den Folgekosten schon dann aus, wenn
Beratung nur in einem von zehn Fällen erfolgreich ist (Roos & Gimber-Roos
4.5 Bausteine von erfolgversprechenden Interventionen
Die Einschätzungen von Eltern und BeraterInnen in unserer Studie lassen sich
mit anderen Erfahrungen und Forschungsarbeiten zu Interventionen bei hochstrittigen
Eltern verbinden; vor allem mit Konzepten, wie sie in den angloamerikanischen
Ländern existieren.
Zunächst einmal sollten Interventionen in ihrer Reichweite dem Umfang
der elterlichen Konflikte angemessen sein. In den USA werden z.B. in verschiedenen
Programmen für Scheidungseltern einmalige, mehrstündige Informationsveranstaltungen
zu Scheidungsfolgen für Kinder und rechtlichen Aspekten
angeboten, aber auch umfassende und langfristig angelegte Therapieangebote.
Durch die Anordnung einer Beratung (§ 156 Abs. 1 FamFG) in kindschaftsrechtlichen
Sachen – oder Informationsgesprächen über Mediation (§ 135 Fam-
FG) in anderen Scheidungsfolgesachen – sind unterschiedliche außergerichtliche
Verfahren im neuen Verfahrensrecht in Familiensachen als Verpflichtung
aufgenommen. Wie gut dies zukünftig zu einer differenzierten Zuweisung der
angemessenen Verfahren führt, dürfte zum einen maßgeblich vom Ausbau der
Kooperationen zwischen Gericht und psychosozialer Beratung abhängen (s.
40 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 41 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Kapitel 5). Zum anderen erscheint eine grundsätzlich geeignete Intervention
nicht zu jedem Zeitpunkt geeignet zu sein. Aus diesen Gründen sollten Interventionen
in Form aufeinander aufbauender Bausteine oder in differenzierten
Phasen angelegt werden. Manche dieser Interventionen schaffen erst die Voraussetzungen
für weitere Hilfen, wie das anschließende Kapitel zum Stufenplan
4.5.1 Ein Stufenplan für die Hochkonfliktberatung
Viele Programme in anglo-amerikanischen Ländern (vgl. Paul & Dietrich
2006) werden von den teilnehmenden Eltern sehr positiv bewertet und führen
zu einer Reduktion des Konfliktniveaus, zu weniger Gerichtsverfahren und
zu mehr Kontakten zwischen den Kindern und den getrennt lebenden Elternteilen.
Fasst man die Merkmale dieser Programme zusammen, lassen sich
folgende Stufen für das Vorgehen bei hochkonflikthaften Eltern formulieren.
Hilfreich erscheint dabei, dass Phasen, die aus Einzelgesprächen bestehen, der
gemeinsamen Elternarbeit vorgeschaltet sind.
• Als erstes sollte mit den Eltern getrennt eine Diagnostik des Konfliktes, der
Persönlichkeit der Eltern und der Kinderbelastungen erfolgen. In dieser
Phase können auch schon Informationen über den rechtlichen Rahmen und
ggf. die Funktion der Beratung gegeben werden. Gegebenenfalls sollten hier
schon beraterische oder therapeutische Maßnahmen für die Kinder oder
auch die Eltern empfohlen werden.
• Ein zweiter Schritt, der ebenfalls noch Einzelarbeit umfasst, kann psychoedukative
Elemente beinhalten: Die Folgen von Scheidung bzw. Trennung
für Kinder sollen vermittelt und die Erziehungsfähigkeit gerade in dieser
schwierigen Situation erhöht werden. Aber es sollten auch die Belastungen
der Eltern thematisiert und Möglichkeiten, diese zu reduzieren, erarbeitet
werden. Hier könnten auch Varianten von Umgangs- und Sorgerechtsregelungen
angesprochen werden. Ein zweiter Bestandteil dieses Schrittes kann
sein, an Wahrnehmungsverzerrungen und Fehlattributionen der Eltern zu
arbeiten und ein gemeinsames Verständnis für die aufrechterhaltenden Faktoren
des Konfliktes sowie Konfliktbewältigungsstrategien zu vermitteln.
• Erst in einem dritten Schritt sollte dann mit den Eltern gemeinsam der
Aushandlungsprozess über die strittigen Fragen beginnen. Wie stark hierbei
auch emotionale Probleme der Ex-Partner miteinander bearbeitet werden,
hängt stark von der Ausrichtung der BeraterInnen und deren Erfahrungen
Zentral erscheint die Fähigkeit der BeraterInnen, auftretende Konflikteskalationen
so weit steuern zu können, dass weder ein Elternteil sich selbst
stark angegriffen fühlt noch einer oder beide die Konflikte als weiterhin
überwältigend und nicht beeinflussbar erleben. Wenn die Eltern erfahren,
dass sowohl Lösungen für praktische Fragen gefunden werden können, als
auch emotionale Konflikte gemeinsam mit Hilfe von Fachleuten bearbeitet
werden können, trägt dies zu einer Stabilisierung beider Elternteile bei.
• In einem vierten Schritt sollten schließlich die gefundenen Lösungen noch
längerfristig begleitet und den Eltern ggf. einzeln weitere Unterstützungen
angeboten werden; besonders dann, wenn individuelle Probleme vorliegen,
die die Einigung zu unterlaufen drohen. Solche Einzelgespräche können
durchaus auch zur kurz- und langfristigen Nachsorge von gemeinsamen
Elterngesprächen bei besonders belasteten Paaren durchgeführt werden.
4.5.2 Orientierungslinien für die Hochkonfliktberatung
Viele BeraterInnen vertreten die Position, dass sie in der Arbeit mit Hochkonflikteltern
nicht deren Beziehungsgeschichte aufarbeiten wollen; zumal Ereignisse
aus dieser Geschichte häufig Gegenstand des Streits und nicht selten auch
der Argumentation vor Gericht ist. Allerdings wird gerade bei solchen Elternpaaren
kaum rein sachlich an Regelungen gearbeitet werden können, ohne den
emotionalen Konflikt zu beachten, der aus der Beziehungsgeschichte resultiert.
Eine intensive Beratung der Eltern wird nicht umhinkommen, Aspekte der
Beziehungsgeschichte soweit zu integrieren, dass die Eltern ihren emotionalen
Konflikt zu bewältigen lernen. Erst dann sind dauerhafte Lösungen der sachlichen
Differenzen möglich.
sachlicher Differenz
42 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 43 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Das Team um den US-amerikanischen Psychologen Mitchell Baris (2001), das
sich viel mit solchen strittigen Familien beschäftigt, macht einige hilfreiche
Vorschläge für Haltungen und Techniken einer solchen Beratungsarbeit. Danach
sollen BeraterInnen
• auf den Prozess der Verhandlungen zwischen den Eltern und nicht auf das
Ergebnis der Verhandlungen fokussieren.
• die Probleme, die von den Eltern genannt werden, in einer Weise umdefinieren,
dass sie keine Beschuldigungen mehr beinhalten, sondern Wünsche
• hinter die Positionen der Eltern auf deren eigentliche Interessen schauen;
diese sind häufig besser zu vermitteln und mit denen des anderen Elternteils
• vor allem Empathie für den anderen Elternteil aufbauen, aber auch für das
Kind und dessen Situation.
• die Sichtweisen der Eltern auf Probleme verändern und dabei insbesondere
negative Emotionen abbauen; hierzu sind auch Einzelgespräche sinnvoll.
• den Eltern helfen, ihr eigenes Verhalten und ihre Kommunikation zu verändern
und dabei insbesondere Trigger (Auslösereize) für negative Emotionen
des anderen Elternteils zu vermeiden.
• klare Grenzen bei elterlichen Vereinbarungen setzen, wenn diese kindliche
Belastungen nicht hinreichend berücksichtigen.
Auch aus den Diskussionen mit Beratungsstellen, die im Rahmen des Forschungsprojekts
»Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« geführt wurden,
ergeben sich weitere Orientierungslinien für die Arbeit mit hochkonflikthaften
• Klare Regeln statt Diffusion: Die Arbeit mit Hochkonfliktfamilien bedeutet
für die BeraterInnen nicht nur Konfrontation mit einer Vielzahl von belastenden
Emotionen, sondern hält auch eine Reihe von Unvorhersehbarkeiten
bereit. So muss auch zwischen den Beratungsterminen immer damit
gerechnet werden, dass Eltern Kontakt aufnehmen, Absprachen revidieren
möchten oder Unterstützung in einem aktuellen Konflikt suchen. Auch in
den Beratungssitzungen selbst können häufig vorher vereinbarte Themen
nicht besprochen werden, weil andere aktuell geklärt werden sollen. Es werden
Sitzungen von einem Elternteil unter- oder gar abgebrochen, teilweise
muss dies auch der Berater bzw. die Beraterin tun. All dies sind erhebliche
Stressoren für die BeraterInnen (und auch die Eltern), denen mit einer
möglichst genauen Absprache über Regeln der Beratung begegnet werden
Zu den Beratungsregeln gehören die Festlegung von zu bearbeitenden Themen,
Absprachen über Umgangsformen, Festsetzung von »Stop-Signalen«
und dezidierte Absprachen über Kontakte außerhalb der Beratungssitzung.
• Situationsdiagnostik statt Standardantworten: Viele eskalierte Elternkonflikte
werden von erfahrenen BeraterInnen ähnlich und in ihren Strukturen
vergleichbar wahrgenommen. Gleichwohl sollte in jedem Fall zunächst die
spezifischen Problemlagen und die individuellen Belastungen der Beteiligten
einschließlich der Kinder, gründlich angeschaut werden. Hierzu gehört
auch, elterliche Befürchtungen hinsichtlich einer Gefährdung der Kinder
beim anderen Elternteil – soweit möglich – zu untersuchen. Seitens der
Eltern erhöht dies die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Im Hinblick auf
die Problemlösung bietet nur dieses Vorgehen Gewähr dafür, den Familien
die notwendigen Hilfen auch wirklich anzubieten und an den zentralen
Konflikten und Barrieren arbeiten zu können. Neben der Erfassung der
Konfliktbiographie der Eltern sollten auch die Kinder eigenständige Termine
erhalten und ihr Bewältigungsverhalten sowie ihre Emotionsregulationskompetenz
erhoben werden (s. Kapitel 3).
• Aktiver Einbezug des Kindes statt abstraktes Kindeswohl: Eine fallspezifische
Beratung, die auf eine elterliche Lösung zum Wohle des Kindes setzt, wird
nicht auf generelle und abstrakte Kindeswohlkriterien setzen können. Zwar
wird es in vielen Fällen so sein, dass für die Kinder ein möglichst unbeschwerter
und umfangreicher Kontakt zu beiden Elternteilen am besten ist.
Gleichwohl muss in der Regel auch der spezifische Kindeswille Beachtung
finden. Dazu müssen die Vorstellungen der Kinder erfragt werden. Nicht
selten ist dazu eine gründliche Diagnostik von belasteten Kindern notwendig
und in einigen Fällen auch das Angebot spezifischer Hilfen für Kinder
• Bewältigungsfähigkeiten statt Beziehungsstreitigkeiten: Nicht selten kommen
zerstrittene Eltern – aus eigenem Antrieb oder auf Zuweisung von Gericht
oder Jugendamt – mit einem doppelten Auftrag: konkrete Regelungen zu
finden und ihre »Kommunikation zu verbessern«. Gleichzeitig kommen sie
mit einer belastenden Beziehungsgeschichte von Enttäuschungen, Verletzungen
und Rachegefühlen. Hochkonfliktberatung wird versuchen müssen,
Fähigkeiten bei den Eltern zu verbessern, ohne Differenzen über die Vergangenheit
klären zu können. Hierzu sollten konkrete Regelungen gesucht
und ausprobiert werden, um die Eltern unmittelbar zu entlasten. Erzieherische
Defizite in der Belastungssituation müssen erkannt und bearbeitet
werden, was wiederum Eltern und Kinder entlastet.
Der Beratung sollte es gelingen, bei den Eltern die Fähigkeiten zum Aushalten
und Bewältigen gegenseitiger negativer Emotionen zu stärken, um dadurch die
Elternbeziehung belastbarer zu machen.
• Iteration (Wiederholung) statt Interpunktion: Alle fachlichen Beteiligten
werden in der Arbeit mit Hochkonfliktfamilien damit konfrontiert werden,
dass eine dauerhafte Lösung in einigen Familien nicht zu finden ist. Einvernehmen
ist kein dauerhafter Zustand, sondern ein Prozess, der immer wieder
erarbeitet werden muss. Häufig sind Lösungen nur für einen begrenzten
Zeitraum tragfähig, und die Eltern sind nach ein oder zwei Jahren wieder
in Konflikte verstrickt. Hilfe bedeutet hier, immer wieder beraterisch und
gerichtlich zu intervenieren und sowohl Eltern als auch den Kinder Unterstützung
anzubieten (s. Kapitel 2)
• Indikationen statt Illusionen: Zu einer angemessenen Sicht auf realistische
Interventionsziele gehört auch die Entwicklung von nachvollziehbaren Indikationen
für einzelne Interventionen. ScheidungsforscherInnen und MediatorInnen
machen darauf aufmerksam, dass das Konfliktniveau dafür
entscheidend ist, ob einer Familie Mediation hilft oder ob sie eine gerichtliche
Entscheidung braucht. Beratung wird sich auf einem Feld dazwischen
ansiedeln und mit den zuständigen Gerichten und Jugendämtern klären
müssen, welche Fälle für Beratung geeignet sind und welche nicht.
• Fachkräfte koordinieren statt fachliche Unterschiede planieren: Beratungsstellen
sind an vielen Orten Mitglieder interdisziplinärer Arbeitskreise. Sie
arbeiten ohnehin mit zuweisenden Jugendämtern zusammen und werden
zunehmend auch fallspezifische Kooperationen mit dem Gericht aufbauen
(s. Kapitel 5). Diese Kooperation braucht Synchronisation von Arbeitsabläufen.
Gleichzeitig ist es notwendig, fachspezifische Besonderheiten zu
44 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 45 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
4.5.3 Bausteine psychosozialer Interventionen
Beratung hat eine andere Aufgabe und andere Instrumente als das Gericht
oder dessen Hilfspersonen. Das gilt auch im Fall der gerichtlich angeordneten
Teilnahme an einer Beratung. So schwierig das im Einzelfall ist, sollte dieser
Unterschied auch den Eltern vermittelt werden, damit bei den Eltern nicht der
Eindruck entsteht, alle Fachpersonen »kollaborierten« gegen sie.
In der Arbeit mit hochkonflikthaften Familien kann auf eine Reihe von Interventionen
zurückgegriffen werden, die zwar nicht unmittelbar für diese Gruppe
entwickelt wurden, die aber auch dort mit Einschränkungen sinnvoll sind:
• Wie weit Mediation bei hocheskalierten Elternkonflikten wirkungsvoll ist,
wird sowohl in der deutschen Beratungslandschaft als auch international
heftig diskutiert. Es wurden spezielle Ansätze entwickelt, die unter dem
Namen »therapeutische Mediation« Elemente einbringen, die stärker an den
zugrundliegenden Emotionen ansetzen. Häufig wird die Position vertreten,
dass gerade hochkonflikthafte Eltern mit einer klassischen Mediation meist
überfordert sind. Auch die Befunde zur Wirksamkeit von Mediation bei
dieser Zielgruppe sind relativ heterogen, zumal auch die genauen Vorgehensweisen
solcher Mediationen in den Studien oft unterschiedlich sind.
Insgesamt erscheinen mediative Elemente in der Hochkonfliktberatung
einsetzbar, wenn gleichzeitig die BeraterInnen den Prozess vorab hinreichend
strukturieren, für Bewältigung des emotionalen Konfliktes und der
zugrundeliegenden Ängste sorgen und auch von sich aus die Bedürfnisse
des Kindes im Auge haben (z.B. Dietz, Krabbe & Thomsen 2008).
• Mit der Kindschaftsrechtsreform von 1998 hat der Begleitete Umgang (gem.
§ 1684 BGB) erheblich an Bedeutung gewonnen (z.B. Fthenakis 2008). Zu
den Indikationen einer solchen Maßnahme kann ein erhebliches Konfliktniveau
der Eltern gehören. Begleitete Umgänge dienen dann häufig der
Vermeidung von Konflikten bei der Übergabe des Kindes und der Verhinderung
neuer Konflikte über die Betreuungsfähigkeit. Allerdings führt der
begleitete Umgang nicht per se zur Minderung des Konfliktniveaus und
sollte durch entsprechende Beratungen von hochkonflikthaften Eltern flankiert
herausgearbeitet: Die Maßnahme Begleiteter Umgang wurde zwar von Eltern
mit eher geringem und mit mittlerem Konfliktniveau als konfliktmindernd
und hilfreich für das Kind eingestuft, nicht aber von jenen mit ausgeprägten
• Relativ gut untersucht sind psychoedukative Trainings für Eltern, bei denen
im Rahmen von Gruppenprogrammen zentrale Kenntnisse über die Bedürfnisse
von Kindern bei einer Elterntrennung sowie Kommunikationsfertigkeiten
vermittelt werden. Mit »Kinder im Blick« steht auch in Deutschland
ein Gruppenprogramm zur Verfügung, das gut evaluiert ist (Bröning 2009).
Elemente dieses Programms scheinen auch für die Arbeit mit den Eltern im
Einzel- oder Paarsetting geeignet. In solchen Trainings zeigen Eltern eine
besonders große Offenheit für die Vermittlungen von Fähigkeiten, die dazu
dienen, besser auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen zu können.
• Schließlich können auch unmittelbar vom Gericht mit der Umgangspflegschaft
(§ 1684 BGB), der Verfahrensbeistandschaft (§ 158 FamFG) oder dem
familienpsychologischen Gutachten (§ 163 FamFG) Fachkräfte ins Verfahren
integriert werden, die ebenfalls über psychosoziale Interventionsmöglichkeiten
verfügen sollten. Verfahrensbeiständen kann nach neuem Recht sogar
aufgegeben werden, am Einvernehmen der Eltern mitzuwirken. Auch
die Sachverständigen können im Rahmen einer lösungsorientierten Begutachtung
explizit beauftragt werden, auf elterliches Einvernehmen aktiv
hinzuwirken. Umfassende Evaluationen solcher Interventionen liegen allerdings
In den Daten des Forschungsprojekts »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«
deutet sich an, dass hochkonflikthafte Eltern der psychologischen Begutachtung
positive Effekte attestieren, dass sie Elternkonflikte reduziert und
die Situation des Kindes verbessert. Dies könnte damit zusammenhängen, dass
in einer Begutachtung in der Regel Einzelgespräche mit den Eltern eine große
5 Interprofessionelle Kooperation im Kontext
hochkonflikthafter Familien in Trennung und Scheidung
5.1 Interprofessionelle Kooperationsbeziehungen
Es befassen sich in der Regel sechs Berufsgruppen mit hochkonflikthaften
Trennungs- und Scheidungsfamilien. Dies sind: RechtsanwältInnen, Richter-
Innen, JugendamtsmitarbeiterInnen, BeraterInnen, Verfahrensbeistände und
psychologische Sachverständige. Sie gehören sowohl dem Jugendhilfe- als auch
dem Rechtssystem an. Ein laufendes Gerichtsverfahren ist jedoch kein zwingendes
Kriterium für Hochkonflikthaftigkeit (s. Kapitel 2), da es auch Trennungs-
und Scheidungsfamilien gibt, die eine gerichtliche Regelung nicht in
Betracht ziehen und ausschließlich von psychosozialen Fachkräften betreut
werden oder gar nicht in Kontakt mit professionellen HelferInnen stehen.
Die folgenden Ausführungen beziehen sich im Unterschied zu den zuletzt
aufgeführten Möglichkeiten explizit auf das Zusammenwirken des Rechts- und
Jugendhilfesystems, da diese Art der interprofessionellen Kooperation durch
die Anwendung des Familienverfahrensrechts (FamFG) in der Praxis besonders
46 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 47 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
relevant ist. Die meisten Arbeitsbeziehungen in diesem Bereich sind durch gesetzliche
Regelungen festgelegt. Vor allem betrifft dies die Zusammenarbeit
• RichterInnen und RechtsanwältInnen: §§ 10, 11, 114, 270 FamFG
• RichterInnen und JugendamtsmitarbeiterInnen: §§ 50, 79 SGB VIII, §§ 7,
155 Abs. 2, 162 FamFG
• JugendamtsmitarbeiterInnen und BeraterInnen: §§ 17, 18, 27, 28, 65 SGB
VIII, 203 StGB
• RichterInnen und Verfahrensbeistände: § 158 FamFG
• RichterInnen und BeraterInnen: §§ 50, 65 SGB VIII, § 203 StGB
• RichterInnen und psychologischen Sachverständigen: § 163 FamFG,
§§ 402 ff ZPO
Zusätzlich spielen psychosoziale Fachkräfte, die Umgangskontakte begleiten
(§ 1684, Abs. 4, Satz 3 u. 4 BGB), UmgangspflegerInnen (§ 1684 BGB) und
ErgänzungspflegerInnen (§ 1909 BGB) im Kontext von hochkonflikthaften
Trennungs- und Scheidungsfamilien eine Rolle. ErgänzungspflegerInnen bilden
hier jedoch eher die Ausnahme. Nicht geregelt bzw. formal nicht vorgesehen
ist eine Zusammenarbeit der RechtsanwältInnen untereinander sowie
zwischen RechtsanwältInnen und Fachkräften der Jugendhilfe.
Die oben aufgeführten Berufsgruppen unterhalten gesetzlich geregelte Arbeitsbeziehungen
sowohl innerhalb ihrer Systemgrenzen als auch über deren
Grenzen hinweg. Die Gemeinsamkeit des Rechts- und Jugendhilfesystems
liegt hier in dem Ziel, bei den Eltern Veränderungsprozesse und konstruktive
Konfliktlösung anzuregen sowie in dem Bemühen, die elterliche Verantwortung
(Art. 6 GG) und das Wohl des Kindes ins Zentrum der Konfliktlösung
zu stellen. Von entscheidender Bedeutung bei hochkonflikthaften Eltern ist,
dass sie von sich aus weitere Professionelle mit ins Spiel bringen.
Das familiengerichtliche Verfahren (FamFG) 9 betont das Zusammenwirken der
unterschiedlichen Professionen. Für hochkonflikthafte Familien ist insbesondere
das Vorrangs- und Beschleunigungsgebot (§ 155 Abs. 1 FamFG) von Bedeutung.
Kindschaftssachen, die den Aufenthalt des Kindes, das Umgangsrecht
oder die Herausgabe des Kindes betreffen, sowie Verfahren wegen Gefährdung
des Kindeswohls sollen vorrangig und beschleunigt durchgeführt werden. Das
Vorrangs- und Beschleunigungsgebot wird durch den so genannten frühen
Termin (Erörterungstermin) umgesetzt. Das Gericht arrangiert diesen Termin
spätestens vier Wochen nach Verfahrensbeginn. Dort sondieren die RichterInnen
und JugendamtsmitarbeiterInnen gemeinsam mit den Beteiligten die
familiäre Situation und besprechen Lösungsbzw. Unterstützungsangebote.
Im Kontext von Trennung und Scheidung soll der frühe Termin dazu beitragen,
dass sich Konflikte nicht zuspitzen oder hochkonflikthafte Fälle rasch
erkannt werden. Gleichzeitig sollte verhindert werden, die Konflikte durch
Schriftsätze oder schriftliche Stellungnahmen zu verstärken. Damit die JugendamtsmitarbeiterInnen
ihre Einschätzung mitteilen können, sollten sie bereits
mit der Familie entsprechende Gespräche geführt haben. Diese dienen
dazu, Informationen über die Konflikte und die Situation des Kindes zu erfahren.
Auf Grundlage dieser Informationen bringen die Jugendamtsmitarbei-
9 Vgl. zum familienrichterlichen Verfahren die Empfehlungen des Deutschen Vereins für öffentliche und
private Fürsorge e.V. (2010 in Vorbereitung) und zum Beschleunigungsgebot Müller- Magdeburg (2009)
5.1.1 Fallübergreifende Kooperation
terInnen ihre Einschätzung im frühen Termin ein und machen Vorschläge für
das weitere Vorgehen oder für Interventionen. Sie können zudem anregen, dass
auch BeraterInnen diesen Termin wahrnehmen, um gezielt an der Klärung
des Beratungsbedarfs mitwirken zu können. BeraterInnen erhalten dadurch
keinen Status als Beteiligte innerhalb des gerichtlichen Verfahrens, sondern
bleiben LeistungserbringerInnen für die Jugendhilfe.
Nach den Erfahrungen, die die MitarbeiterInnen des Forschungsprojekts »Kinderschutz
bei hochstrittiger Elternschaft« bei ihren Besuchen vor Ort machen
konnten, ist es bei der Durchführung des frühen Termins ausschlaggebend,
dass ausreichende Informationen vorliegen, um zu entscheiden, wie die Eltern
zu einem Einvernehmen kommen können.
Wenn Eltern eine Weitervermittlung an eine Beratungsstelle nicht annehmen,
besteht die Möglichkeit der Anordnung einer Teilnahme der Eltern an Beratung.
Die Anordnung verpflichtet jedoch nicht die BeraterInnen. Deren Aufgaben
ergeben sich aufgrund des Sozialgesetzbuches (SGB VIII).
Auch der Verfahrensbeistand sollte so früh wie möglich bestellt werden (§ 158
Abs. 3 Satz 1 FamFG). Der Zeitpunkt der Bestellung durch RichterInnen hängt
davon ab, wann die Anzeichen für die Notwendigkeit erkennbar werden. Für
Sachverständige gilt das Beschleunigungsgebot ebenfalls. RichterInnen können
ihnen Fristen setzen, um eine rasche Einschätzung des Sachstandes zu
erhalten (§ 163 Abs. 2 FamFG).
Durch die Übergabe der Fälle zwischen den genannten Akteuren entstehen
verschiedene Schnittstellen und Schnittmengen, die es zu bestimmen und zu
gestalten gilt. Unsere Studie zeigt, wie wichtig es ist, bei der Gestaltung dieser
Übergaben zwischen fallübergreifender und fallbezogener Kooperation zu unterscheiden.
Darum geht es in den folgenden Unterkapiteln.
Fallübergreifende Kooperation wird deutschlandweit in zahlreichen Kommunen
im Rahmen regionaler Arbeitskreise oder Runder Tische durchgeführt.
Diese berücksichtigen die jeweils lokalen Gegebenheiten und Erfahrungen 10 .
Diese Arbeitskreise zeichnen sich dadurch aus, dass dort keine Einzelfälle besprochen
48 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 49 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
10 Beispiele unter: www.ak-cochem.de/; http://www.lwl.org/LWL/Jugend/Landesjugendamt/LJA/Service/
jhaktuell/0209/www-berlin.de/sen/justiz/gerichte/ag/pw/beschleunigtes_familienverfahren.html;
www.hannfampraxis.de; http://www.karlsruherweg.de/fileadmin/Entwurf/2008-07-23_Erklaerung_
zum_Karlsruher_Weg__endgueltige_Fassung__.pdf;
Die Forschungsergebnisse im Projekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«
machen deutlich, dass die Klärung von Arbeitsbeziehungen und Abläufen
innerhalb des Jugendhilfe- und Rechtssystems eine wichtige Voraussetzung
für eine gelingende fallübergreifende Kooperation zwischen beiden Systemen
Zunächst gilt: Zu Beginn der Kooperation sollten Erwartungen, Ziele und
Entscheidungsbefugnisse geklärt sowie eine Kooperationsverantwortliche oder
ein -verantwortlicher festgelegt werden. Ziel der fallübergreifenden Kooperation
ist es, zu Kooperationsvereinbarungen zu kommen. Dabei sollte generell
auch fallübergreifend der allgemeine Umgang mit besonders konflikthaften
Familien besprochen werden. Zudem stehen der fachliche Austausch und das
gegenseitige Kennenlernen im Vordergrund.
Die Ergebnisse der Kooperationstreffen sollten für die nicht anwesenden KooperationspartnerInnen
verfügbar gemacht werden, da nicht davon auszugehen
ist, dass sich alle mit Trennungs- und Scheidungsfamilien befassten Professionellen
an der fallübergreifenden Kooperation beteiligen können.
Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass in der Fachöffentlichkeit fachliche
Standards verbreitet werden. Standards dienen der genauen Beschreibung
von konkreten Vorgehensschritten der KooperationspartnerInnen untereinander.
Diese können sich beispielsweise auf die Verabredung von Rechtsanwält-
Innen bezüglich der angemessenen Ausgestaltung von Schriftsätzen beziehen
oder auf eine Beschreibung der verschiedenen Zugangswege der Eltern in die
Es empfiehlt sich, Kooperationen regelmäßig auszuwerten, die Vereinbarungen
zu prüfen und sie gegebenenfalls an veränderte Rahmenbedingungen oder
fachliche Entwicklungen anzupassen (vgl. Santen van/Seckinger 2003).
Zentrale Themen fallübergreifender Kooperation sind
• Bestimmung von Verfahrensweisen,
• Vereinbarung der Strukturen für Fallübergaben und Informationsaustausch,
• Festlegung fachlicher Standards sowie
• Austausch des Fachwissens und Klärung der verwendeten Begriffe.
Von besonderer Bedeutung sind außerdem effektive und transparente Übergaben
von einer Institution an die andere. Darüber hinaus dient die fallübergreifende
Kooperation der Klärung der Frage, welche Informationen zwischen
den einzelnen KooperationspartnerInnen ausgetauscht werden (müssen) und
wie dies unter Einhaltung der datenschutzrechtlichen Regelungen geschehen
kann (s. Punkt 4.2).
Relevant für die Arbeit mit hochkonflikthaften Eltern ist es zu analysieren, wie
die Situation der betroffenen Kinder verbessert und durch welche fallübergreifenden
Maßnahmen dies erreicht werden kann.
Welche Bedeutung hat fallübergreifende Kooperation im Kontext
hochkonflikthafter Trennungen und Scheidungen?
In den Regionen der Befragten des Forschungsprojekts »Kinderschutz bei
hochstrittiger Elternschaft« werden in der Regel Arbeitskreise unterhalten, die
nicht speziell für hochkonflikthafte Kontexte gegründet wurden, sondern sich
zunächst auf alle Trennungs- und Scheidungsfamilien beziehen. Daneben gibt
es auch Fachkräfte, die gute funktionierende Kooperationsbeziehungen pflegen,
welche jedoch nicht in Arbeitskreisen institutionalisiert sind. Zugleich
erwägen weitere Befragte aufgrund zunehmender hochkonflikthafter Fälle,
Arbeitskreise mit dem Ziel zu etablieren, grundsätzliche Fragen zu Kindschaftssachen
bei Trennung und Scheidung fallübergreifend zu klären. Dies
erscheint aus der Sicht der Befragten im Forschungsprojekt »Kinderschutz bei
hochstrittiger Elternschaft« sehr sinnvoll, da den Arbeitskreisen im Kontext
hochkonflikthafter Trennungs- und Scheidungsfamilien eine hohe Bedeutung
zukommt, und zwar aus folgenden Gründen: Professionelle haben es in diesem
Feld schwer, sich den bestehenden Konflikten und emotionalen Spannungen
zu entziehen und mit den betroffenen Eltern in de-eskalierender Weise umzugehen
sowie auf ihre kommunikative Strategie einzugehen. Für die Professionellen
besteht tendenziell das Risiko, sich von den Eltern instrumentalisieren
und gegeneinander ausspielen zu lassen. Dies kann eher verhindert werden,
wenn die unterschiedlichen Akteure die Handlungsaufträge und Arbeitsweisen
gegenseitig kennen und einschätzen können.
Gemeinsame Vorgehensweisen abzustimmen und fachliche Standards zu entwickeln,
reduziert zugleich Handlungsunsicherheit und Aktionismus im Einzelfall.
Denn gerade bei eskalierten Konflikten kann für die Professionellen
ein hoher Handlungsdruck und Hilflosigkeit entstehen. Professionelle Akteure
können sich durch diese Dynamik aufgefordert fühlen, über die Grenzen ihrer
Zuständigkeiten hinweg Handlungsaufträge und Verantwortung anderer
zu übernehmen oder eigene Aufgabenbereiche an andere zu übertragen. Hier
können klar umrissene Grenzen beruflicher Zuständigkeiten entlastend für die
Akteure sein.
Zudem wirken fallübergreifende verlässliche und transparente Rahmenbedingungen
vertrauensbildend auf die betroffenen Eltern. Sie geben auch ihnen
Sicherheit im ansonsten unübersichtlichen Netz verschiedener AnsprechpartnerInnen.
Gleichzeitig wirken klare Regeln und Grenzen indirekt strukturierend
auf das Verhalten der Eltern ein und können die Konfliktbewältigung
Die Anwendung von fallübergreifenden Kooperationsvereinbarungen kann
in Fällen konflikthafter Trennungs- und Scheidungsfamilien zu nachhaltigen
Lösungen beitragen. Es muss trotzdem damit gerechnet werden, dass Konflikte
ungelöst bleiben oder sich zuspitzen. Nach den im Forschungsprojekt
50 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 51 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
gewonnenen Erkenntnissen besteht zwar ein Grundkonsens der verfahrensbeteiligten
professionellen Akteure in diesem Arbeitsfeld, Konflikte nicht durch
fachliches Handeln zu verstärken, sondern mit den Eltern produktiv an einer
Lösung zu arbeiten. Es gibt jedoch unterschiedliche Einschätzungen dazu, wie
das gelingen kann. Insbesondere die folgenden drei Vorgehensweisen werden
• Gemeinsame Verfahren, die das elterliche Konfliktverhalten positiv beeinflussen
können, werden vereinbart.
• Sehr klar fixierte Verfahren mit der Festlegung von Zielen werden vorgegeben;
Umgangskontinuität ist dabei nur eine von mehreren Zielperspektiven.
• Den Eltern wird gemeinsam die Haltung vermittelt, dass alle Kinder ohne
Ausnahme mit beiden Eltern Kontakt haben sollten; Ziel ist es, die Eltern
zu überzeugen, sich auf Umgangskontakte zu einigen.
Bei allen Vorteilen, die interdisziplinäre Kooperation verspricht, hat das Forschungsprojekt
aber auch gezeigt, dass eine solche Verständigung mit von
vornherein verabredeten Interventionszielen dazu führen kann, dass Eltern die
Kooperation als gegen sich gerichtet erleben und sich von den Fachkräften
distanzieren. Eine gemeinsame Haltung wird von den Eltern vor allem dann
kritisch bewertet, wenn sie annehmen, die Professionellen folgten ausschließlich
gesetzlichen Normen und vernachlässigten individuelle Bedürfnisse und
Belastungen der Kinder oder Besonderheiten im Kontext häuslicher Gewalt.
Des Weiteren ist die letzte der oben beschriebenen Vorgehensweisen – Umgang
ohne Ausnahme – im Fachdiskurs umstritten. Wissenschaftliche Erkenntnisse
zeigen, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Umgang und
Kindeswohl gibt. Beispielsweise wird bei lang anhaltenden Konflikten der
Umgang für Kinder tendenziell zu einer Belastung (vgl. Kindler 2009).
KooperationspartnerInnen haben also die Aufgabe, einerseits zu analysieren,
wie Eltern in die Lage versetzt werden können, den Rechtsanspruch des Kindes
auf Umgang anzuerkennen und diesen Anspruch umzusetzen. Andererseits
kann nicht auf eine differenzierte Entscheidung im Einzelfall verzichtet werden.
Es ist also empfehlenswert zu überdenken, wie weitgehend KooperationspartnerInnen
bzw. Arbeitskreise eine gemeinsame Haltung öffentlich vertreten
sollen und inwiefern dies Einzelfallentscheidungen einschränken darf.
Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass auch in Kooperationsbeziehungen
Konflikte unvermeidbar sind und nicht in allen Fragen Konsens hergestellt
werden kann. Umso bedeutsamer scheint es demnach zu sein, eine Konfliktkultur
innerhalb der Kooperation zu etablieren.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass auf der einen Seite grundsätzlich
von einem hohen Nutzen und damit von der Notwendigkeit fallübergreifender
Kooperation auszugehen ist. Auf der anderen Seite bestehen die Risiken
darin, dass intransparente Kooperationsbeziehungen das Misstrauen fördern
können. Deshalb erscheint es sinnvoll, den betroffenen Eltern Kooperationsvereinbarungen
zugänglich und damit transparent zu machen.
Ein weiteres Risiko muss ebenfalls abgewogen werden: Im Rahmen fallübergreifender
Kooperation besteht die Gefahr, dass Informationen über die Familie
auf informellem Weg weitergegeben werden. Rechtliche Voraussetzung
einer Datenweitergabe ist jedoch die Einwilligung des Betroffenen, wenn nicht
aus Gründen einer Kindeswohlgefährdung eine gesetzliche Offenbarungsbefugnis
5.1.2 Fallbezogene Kooperation und Koordination
Fallübergreifende Kooperation kann die fallbezogene Zusammenarbeit der
Professionellen nicht ersetzen. Die Kooperation im Einzelfall wird in fallübergreifenden
Arbeitskreisen lediglich präzisiert und allgemein verbindlich
gemacht und verbessert. Bei einer fallbezogenen Kooperation steht insbesondere
die Kindperspektive im Zentrum. Dies geschieht mit dem Ziel, sich die
unterschiedlichen Fachkenntnisse nutzbar zu machen und die Eltern zu einer
Konfliktlösung bzw. Verhaltensänderung anzuregen.
Zu beachten ist, dass fallbezogene Kooperation datenschutzrechtlichen Bestimmungen
unterliegt (s. Kapitel 5.3.1). Fallbezogene Kooperation findet in
spezifischen Gesprächen zur Fallübergabe, Weiterverweisung und zur Rückmeldung
an Jugendamt und Gericht statt.
Wie bereits angedeutet bietet der frühe Termin nach § 155, Abs. 2 FamFG bietet
eine gute Möglichkeit, mit der fallbezogenen Kooperation zu beginnen.
Eltern, die eine Vielzahl an Professionellen mit ihrem Konflikt befassen, sind
häufig besonders unzufrieden mit der Situation, so die Forschungsergebnisse
des Projekts »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«. Auch wenn kein
ursächlicher Zusammenhang zwischen der hohen Beteiligung von Professionellen
und der hohen Unzufriedenheit der Eltern erkennbar ist, sollte im
Einzelfall entschieden werden, wie die Anzahl von Professionellen weitgehend
gering gehalten werden kann.
52 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 53 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
5.2 Juristische Professionen als Kooperationspartner
5.2.1 Kooperation mit RechtsanwältInnen
5.2.2 Kooperation mit RichterInnen
Aus Sicht der JugendamtsmitarbeiterInnen und BeraterInnen ist die Einbindung
der RechtsanwältInnen in die Kooperation von hoher Bedeutung. Die
Zusammenarbeit der elterlichen RechtsanwältInnen untereinander ist häufig
die erste Kooperationsbeziehung, in der Weichen für das weitere Vorgehen gestellt
werden. RechtsanwältInnen regen Eltern entweder zu außergerichtlichen
Lösungen an und/oder dokumentieren die emotionale Empörung der ehemaligen
PartnerInnen in Schriftsätzen.
Das Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« ergab,
dass RechtsanwältInnen, die bislang noch nicht einigungsorientiert gearbeitet
haben, durch die Kooperation ein neues Rollenverständnis entwickeln. Sie sehen
sich nicht nur als InteressensvertreterInnen, sondern auch als Vermittler-
Innen im familiären Konflikt. Zugleich lernen sie durch die fallübergreifende
Kooperation die Rückmeldungen ihrer MandantInnen über psychosoziale Angebote
besser einschätzen. Des Weiteren erhoffen sich die RechtsanwältInnen,
weniger hochkonflikthafte Verfahren führen zu müssen.
Gerade von hochkonflikthaften Eltern werden RechtsanwältInnen als
wichtige Unterstützung bewertet. Schaffen es diese, sowohl die Interessen ihrer
Mandantschaft zu vertreten als auch Wege zu einer Konfliktlösung aufzuzeigen,
scheinen Eltern am ehesten bereit zu sein, mitzumachen. Gerade wenn
erste Beratungsversuche gescheitert sind, trauen die Eltern ihren Rechtsvertretungen
Unterstützung und Rat zu.
Im Forschungsbericht »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« berichten
AnwältInnen davon, dass es für sie sehr nützlich war, die Arbeit der
Beratungsstellen kennen zu lernen. Das erleichtert ihnen, ihre MandantInnen
dort auch gezielt hin zu verweisen bzw. entsprechende Regelungen vor dem
Familiengericht mit zu tragen.
Die befragten RichterInnen thematisieren ein strukturelles Dilemma, das die
interprofessionelle Kooperation für sie vor folgendem Hintergrund notwendig
macht: Die Kindschaftsrechtsreform geht von der grundlegenden Regelvermutung
aus, dass alle Kinder Kontakt zur ihren getrennt lebenden Eltern
haben sollten. Hierin wird nicht nur ein Entscheidungs-, sondern vielmehr
ein Herstellungsauftrag gesehen, der sich auf private Beziehungen bezieht.
Dieser Herstellungsauftrag wird durch Kontaktabbrüche zwischen Elternteil
und Kind sowie Nichteinhaltungen von Umgangsvereinbarungen gerade bei
Hochkonfliktfamilien ständig unterlaufen. Zudem wirkt sich die destruktive
Beziehungsdynamik zwischen den getrennten Eltern unmittelbar auf den Arbeitsumfang
und die Erfolgsaussichten richterlichen Handelns aus. FamilienrichterInnen
geraten damit in eine Helferposition, die vor allem psychosoziale
Fertigkeiten voraussetzt. Der implizite Arbeitsauftrag von FamilienrichterInnen
rückt damit sehr nahe an psychosoziale Berufe heran. Kooperation kann deshalb
von richterlicher Seite als Versuch gesehen werden, solche psychosozialen
Kompetenzen im Verfahren für das Gericht verfügbar zu machen und damit
die Wirksamkeit der Familiengerichtsbarkeit gerade im Sinne der gesetzlichen
Regelvermutung des § 1684 Abs. 1 BGB wieder herzustellen.
Gerichtliche Regelungen werden von hochkonflikthaften Eltern noch viel kritischer
bewertet als beraterische Interventionen. Nur ein geringer Teil der Eltern
sieht dadurch den Konflikt reduziert oder die Situation des Kindes verbessert.
Die Ergebnisse des Forschungsprojektes »Kinderschutz bei hochstrittiger
Elternschaft« sprechen gegen die häufige These, dass das Konfliktniveau erst
durch das Verfahren entsteht. Allerdings deutet sich an, dass das Selbstwirksamkeitserleben
von Eltern unter einem laufenden Verfahren leidet.
Ein Kritikpunkt an gerichtlichen Regelungen seitens der Eltern ist deren praktische
Umsetzbarkeit. Die Eltern fordern, dass RichterInnen darüber informiert
sein sollten, ob z.B. eine Beratung oder eine Umgangsbegleitung überhaupt zur
Verfügung steht. Ein weiteres Problemfeld stellt der Wunsch der Eltern dar,
dass das Familiengericht sich ausführlich mit ihrer Situation auseinandersetzt.
Dies wird in einem frühen, ersten Termin angesichts der richterlichen Arbeitsbelastung
häufig schwer möglich sein und erfordert eine entsprechende Organisation
der gerichtlichen Abläufe.
Wie unter Punkt 5.1.1 bereits angedeutet, handelt das Familiengericht auf
der Grundlage des FamFG und der Logik des gerichtlichen Verfahrens. Jugendämter
und Beratungsstellen arbeiten dagegen auf der Grundlage des SGB
VIII. Sie folgen dabei den fachlichen Standards sozialpädagogischer Verfahren
und psychosozialer Beratung. Den Schnittstellen zwischen beiden Systemen
kommt eine besondere Bedeutung zu. Im folgenden Unterkapitel liegt
der Schwerpunkt zum einen auf dem Übergang der Eltern vom Gericht bzw.
Jugendamt in die Beratung und zum anderen auf der Rückmeldung über das
Ergebnis der Beratung an Gericht und Jugendamt.
5.3 BeraterInnen als Kooperationspartner
5.3.1 BeraterInnen zwischen Kooperation und Vertrauensschutz 11
Aus der BeraterInnenperspektive wird die Zusammenarbeit im Einzelfall von
einem Spannungsfeld zwischen transparenten und verlässlichen KooperationspartnerInnen
einerseits und der Aufgabe, den Eltern einen geschützten Raum
für persönliche Themen anzubieten andererseits bestimmt (vgl. Weber 2009).
Für Beratung gilt der Vertrauensschutz nach § 65 SGB VIII und die gesetzliche
Regelung in § 203 StGB. Personenbezogene Daten dürfen nur dann
weitergegeben werden, wenn die Betroffenen einwilligen oder eine gesetzliche
Befugnis besteht. Eine gesetzliche Befugnis (Offenbarungsbefugnis), Daten
an das Familiengericht weiterzugeben, besteht nach § 65, Abs. 1 Nr. 2 SGB
11 Vgl. zur informationellen Selbstbestimmung Papenheim & Baltes (2009).
54 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 55 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
VIII nur im Fall einer Kindeswohlgefährdung. In Fällen hochkonflikthafter
Trennungs- und Scheidungsfamilien ist jedoch eine Kindeswohlgefährdung
eher eine Ausnahme (s. Kapitel 3). Wenn allerdings die Konflikte der Eltern
und entsprechende Begleitumstände zu einer hohen Belastung des Kindes führen
und es in seiner Entwicklung gefährdet ist, sind BeraterInnen befugt, zur
Abschätzung des Gefährdungsrisikos Informationen an die dafür zuständigen
Fachkräfte weiterzugeben (§ 65 Abs. 1 Nr. 4, § 8a SGB VIII). Bis auf diese
beiden Ausnahmen können BeraterInnen nicht ohne Einwilligung der Eltern
Informationen an das Jugendamt und das Familiengericht weitergeben. BeraterInnen
sollten jedoch trotz der oben genannten Befugnis betroffenen Eltern
gegenüber einen solchen Schritt transparent machen, und sie in die Weitergabe
von Informationen einbeziehen. Dies gilt, soweit dadurch das Kind nicht gefährdet
In der fallübergreifenden Kooperation gilt es zu besprechen und transparent zu
machen, welche Informationen über Einzelfälle weitergegeben werden. Dies
ist wichtig, um ein Ineinandergreifen der jeweiligen Arbeit zu gewährleisten.
Ebenso sollte geklärt werden, auf welche Weise eine Einverständniserklärung
der Eltern schriftlich eingeholt wird. Abgestimmt werden sollte jedoch auch,
welche Beratungsinhalte aus Gründen des Vertrauensschutzes nicht weitergegeben
Der Informationsaustausch zwischen RichterInnen bzw. Jugendamtsmitarbeiterinnen
und BeraterInnen sollte auf zwei Ebenen festgelegt werden: zum einen
wie und welche Informationen die BeraterInnen vor Beginn der Beratung
von Gericht bzw. Jugendamt erhalten; zum anderen wie und welche Rückmeldungen
die BeraterInnen an die beiden Institutionen geben.
Zunächst soll es um die Informationen von Gericht bzw. Jugendamt an BeraterInnen
gehen. Hier ist zu klären und allen Beteiligten transparent zu machen,
welche Informationen – Anhörungsprotokolle, Aktennotizen etc. – die
BeraterInnen vor Beginn der Beratung erhalten. Dabei ist für BeraterInnen zu
überdenken, inwieweit Informationen im Vorfeld der Beratung ihre Haltung
gegenüber den betroffenen Eltern beeinflusst.
Bei den Rückmeldungen von BeraterInnen an Gericht bzw. Jugendamt gibt
es zwei Varianten, wie die BeraterInnen Informationen weitergeben können.
Diese werden im Folgenden kurz vorgestellt und diskutiert (vgl. Weber/Alberstötter
• BeraterInnen geben keine Informationen an das Jugendamt oder Gericht:
Der Nachteil einer solchen Vorgehensweise ist, dass den RichterInnen und
JugendamtsmitarbeiterInnen beispielsweise bei gescheiterter Beratung keine
Anhaltspunkte vorliegen, um über die weitere Vorgehensweise zu entscheiden
bzw. Unterstützung anzubieten.
• BeraterInnern holen das Einverständnis bei den Eltern ein, um ausgewählte
Informationen weiterzugeben: Diese Art der Informationsweitergabe scheint
in hochkonflikthaften Fällen teilweise nötig zu sein, da die anderen involvierten
Fachkräfte bei einem Abbruch oder einem ergebnislosen Abschluss
des Beratungsprozesses informiert sein sollten. Folgende Themen können
bei einem Informationsaustausch zwischen BeraterInnen und JugendamtsmitarbeiterInnen
bzw. RichterInnen eine Rolle spielen:
. Inanspruchnahme des Erstgesprächs
. Fortdauer der Beratung
. Unterbrechung oder Abbruch der Beratung durch die Eltern
. Beendigung der Beratung durch die Beratungsstelle
. Ergebnis der Beratung: Vereinbarung zwischen den Eltern
. Gründe für das Scheitern der Beratung
. Situation des Kindes
. Gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung
Die BeraterInnen übermitteln bei diesem Vorgehen dem Jugendamt bzw. Gericht
Rahmendaten über die Beratung. Wichtig ist, die Eltern vor Beginn der
Beratung über dieses Vorgehen zu informieren und dafür zu gewinnen sowie
ihre Einwilligung zu erhalten. Trotz einer Einwilligung sollten BeraterInnen
die betroffenen Eltern über den konkreten Informationsaustausch in Kenntnis
setzen und wichtige Inhalte aus Gesprächen mit anderen Fachkräften an sie
Zu beachten ist: Eine allgemeine Schweigepflichtentbindung, bei der nicht
festgelegt ist, mit wem genau und zu welchem Anlass Informationen ausgetauscht
werden, ist rechtlich nicht zulässig.
Informationsaustausch zwischen BeraterInnen und anderen KooperationspartnerInnen
Für BeraterInnen kann es aus fachlichen Gründen wichtig sein, mit weiteren
KooperationspartnerInnen, wie JugendamtsmitarbeiterInnen, Verfahrensbeiständen
oder Sachverständigen im Einzelfall Kontakt aufzunehmen und Informationen
auszutauschen (s. Kapitel 4.2.2). Dies kann entweder im frühen
Termin geklärt werden, oder es kann dafür im laufenden Beratungsprozess
eine Einwilligung von den Eltern eingeholt werden. Grundsätzlich kann davon
ausgegangen werden, dass Eltern bereit sind, einem Informationsaustausch zuzustimmen.
Unter den hochkonflikthaften Eltern gibt es zwei Tendenzen: Da
sind zum einen die Eltern, die von sich aus (großzügig) Daten weitergeben, um
damit auf ihre Schwierigkeiten und Lösungsideen aufmerksam machen oder
sich argumentativ besser gegen den anderen Elternteil durchzusetzen. Zum anderen
gibt es eine Gruppe von Eltern, die sich sehr skeptisch gegenüber einem
Informationsaustausch zeigt, da sie bereits schon einmal einen persönlichen
Nachteil daraus erfahren haben oder einen solchen befürchten. In beiden Fällen
ist es Aufgabe der Berater- Innen, gemeinsam mit den Eltern darüber zu
sprechen, was sie sich von einer Informationsweitergabe erhoffen bzw. was sie
befürchten. Beides sollte in Beratungsgesprächen thematisiert werden.
Bei hochkonflikthaften Eltern sollte im Einzelfall überdacht werden, inwieweit
Informationen mündlich oder schriftlich weitergegeben werden. Eine
mündliche Stellungnahme signalisiert, dass es sich um einen gemeinsamen Dialog
und einen Aushandlungsprozess handelt und nicht um Problemzuschreibungen.
Mündliche Äußerungen können allerdings zu Missverständnissen
56 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 57 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
führen. Sie erfordern eine hohe kommunikative Kompetenz aller Beteiligten.
Bei einer schriftlichen Einlassung kann jede Formulierung in ihrer Wirkung
auf die betroffenen Eltern entscheidend und Auslöser für Rechtfertigungen
oder »Gegenangriffe« ihrerseits sein.
5.3.2 Die Gestaltung der Beratungsprozesse im Kontext der Kooperation
Indikation für Beratung
Wie bereits in Kapitel 4 erörtert wurde, kann im Kontext hochkonflikthafter
Trennungs- und Scheidungsfamilien kaum auf fachlich etablierte und sicher
zu vertretende Beratungsmethoden zurückgegriffen werden. Umso wichtiger
ist es für BeraterInnen, sich in die interprofessionelle Kooperation einzubringen
und sich über erfolgreiche Beratungsmethoden und -techniken auszutauschen.
Die konkrete methodische Umsetzung der Beratung bleibt jedoch das
Kernstück der Beratungsarbeit selbst und sollte nicht in der fallübergreifenden
Kooperation festgelegt werden. Dennoch kommt den BeraterInnen bei Fragen
des Vorgehens in folgenden Themenbereichen eine wichtige Rolle bei der interprofessionellen
Kooperation zu:
Bereits in der Vergangenheit delegierten Jugendämter Beratungen im Zusammenhang
mit Trennung und Scheidung (nach §§ 17, 18 oder 28 SGB VIII)
an Beratungsstellen öffentlicher und freier Träger. Auch viele Rechtsanwält-
Innen im Familienrecht ermunterten ihre MandantInnen bislang zu solch
einem Schritt. Zunehmend werden nun auch Familiengerichte Eltern nach
dem ersten frühen Termin an Beratungsstellen verweisen. Das zeigt einerseits
die Wertschätzung für diese anspruchsvolle Arbeit. Andererseits birgt es auch
die Gefahr der Überschätzung der Möglichkeiten von Beratung.
Die Angaben von Eltern und BeraterInnen verweisen darauf, dass Beratung bei
hochkonflikthaften Familien das »Mittel der Wahl« sein kann, aber nicht das
»Mittel für alle Fälle«. Gerade der »Beratungsoptimismus« des FamFG macht
es nötig, einerseits die Weiterentwicklung von Beratungsansätzen und die Ausbildung
von BeraterInnen zu fördern, andererseits aber auch die Indikationen
für erfolgreiche Hochkonfliktberatung zu schärfen.
Ergebnisse des Forschungsprojekts und Erfahrungen von PraktikerInnen sprechen
dafür, dass das Konfliktniveau maßgeblich dafür ist, welche Interventionen
den größten Erfolg versprechen: Mediation oder gewöhnliche Scheidungs-
und Trennungsberatung scheinen am ehesten bei niedrigem Konfliktniveau
angezeigt. Elternkurse und spezifische Formen von Beratung und Mediation
sind besser geeignet für Fälle mit höherem Konfliktniveau. Umgangsbegleitung
mit flankierender Konfliktberatung ist in vielen Fällen für noch höhere
Konfliktniveaus angemessen. Einen stärkeren Eingriff bei höchstem Konfliktniveau
stellen schließlich lösungsorientierte Begutachtung und Einrichtung
einer Umgangspflegschaft dar. Schließlich gibt es auch Fälle, bei denen nur in
Kombination von gerichtlichen Entscheidungen, einstweiligen Anordnungen
und psychosozialen Hilfen eine Konfliktreduzierung möglich ist.
BeraterInnen sollten also bei fallübergreifender Kooperation ihr Erfahrungswissen
und ihre Kenntnisse über wissenschaftliche Befunde einbringen,
um die Frage zu klären, wann und für welche Konfliktkonstellationen Beratung
eine geeignete Hilfe sein kann (s. Kapitel 4).
Im Einzelfall sollten vor der Entscheidung über eine Beratung folgende
Fragen geklärt sein:
• Welche Hilfen gab es schon?
• Welche Erfahrungen haben die Eltern mit bereits erfolgter Beratung
oder anderen Interventionen gemacht?
• Was denken die Eltern, wieso bisherige Hilfen nicht geeignet waren?
• Was spricht für oder gegen eine Beratung mit beiden Elternteilen?
• Welche Unterstützung braucht das Kind? Inwieweit sollte es selbst
• Was ist geeigneter: eine richterliche Entscheidung oder ein Hinwirken
auf Einvernehmen durch Beratung oder beides?
Übergänge und Klärung von Aufträgen durch FamilienrichterInnen und JugendamtsmitarbeiterInnen
bei angeordneter Teilnahme der Eltern an Beratung
Das Familiengericht kann die Teilnahme der Eltern an Beratung anordnen,
um zwischen den Eltern ein Einvernehmen herbeizuführen (§ 156 Abs. 1 Satz 4
FamFG). Wichtige Voraussetzung dafür ist, dass RichterInnen die Beratungskonzepte
der BeraterInnen gut kennen, um nicht Lösungen zu versprechen, die
nicht erreicht werden können. Es empfiehlt sich deshalb, in der fallübergreifenden
Kooperation die Möglichkeiten und Grenzen angeordneter Beratung bei
hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien zu klären.
BeraterInnen sollten bei der fallübergreifenden Kooperation einbringen, welche
Aufträge der RichterInnen an die Eltern günstig, und welche eher hinderlich
sind bzw. von Beginn an nicht zum Gelingen der Beratung beitragen. Zudem
ist im Einzelfall zu klären, inwieweit die Anordnung auch für das Kind gilt
und in welcher Form das Kind an Beratung teilnimmt.
Aufgabe des Jugendamts ist es zu klären, welche Beratungsstellen bereit sind,
eine gerichtlich initiierte Beratung durchzuführen. Es ist außerdem dafür zuständig,
die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung zu stellen (§ 36a, 79
SGB VIII). Es muss geklärt werden, ob ein direkter Kontakt zwischen FamilienrichterInnen
und BeraterInnen bestehen soll.
58 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 59 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Es gibt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, Aufträge an die betroffenen Eltern
und BeraterInnen zu vermitteln:
• RichterInnen übermittelten den Auftrag im frühen Termin an Eltern und
BeraterInnen (§ 155, Abs. 2 FamFG) oder telefonisch bzw. schriftlich an die
BeraterInnen.
• JugendamtsmitarbeiterInnen übermitteln den Auftrag des Gerichts an die
BeraterInnen, und zwar in einem gemeinsamen Erst-/Übergabegespräch
mit den Eltern oder telefonisch bzw. schriftlich.
Unabhängig davon, welche dieser Möglichkeiten angewandt wird, sollte sie für
alle KooperationspartnerInnen und betroffenen Eltern klar und transparent
sein. Zudem ist wichtig, dass die Fragestellung der RichterInnen, die in der Beratung
geklärt bzw. bearbeitet werden soll, eindeutig formuliert ist und Eltern
sowie BeraterInnen darum wissen (vgl. Weber & Alberstötter 2010).
In der Arbeit mit hochkonflikthaften Eltern empfiehlt es sich, den betroffenen
Eltern den Auftrag von Gericht und Jugendamt in Gegenwart der BeraterInnen
Dies ist sinnvoll, um den Eltern zu zeigen, dass BeraterInnen vor der Anmeldung
oder im Einzelgespräch mit dem anderen Elternteil nicht beeinflusst werden
konnten. Ein weiterer Vorteil dieses Vorgehens liegt darin, dass das Gericht
seinen Auftrag allen Beteiligten transparent macht und die BeraterInnen
wichtige Informationen für den Beratungsbeginn erhalten. Zusätzlich können
Vereinbarungen miteinander getroffen und Zuständigkeiten festgelegt werden.
Klar ist, dass ein solches Vorgehen konkrete Absprachen braucht.
Fazit: RichterInnen und BeraterInnen haben die Chance, mit angeordneter
Beratung Eltern für Beratung zu gewinnen, die sie sonst nicht erreichen
könnten. Vor allem hochkonflikthafte Eltern können dadurch für Veränderungsprozesse
gewonnen werden (vgl. Conen 2007).
Wie kann der Übergang von Gericht bzw. Jugendamt zur Beratung gestaltet werden?
Wie kommt es zum ersten Beratungstermin?
Als Antwort auf diese Frage gibt es drei Möglichkeiten:
• BeraterInnen sind beim frühen Termin anwesend und vereinbaren mit den
Eltern einen Termin.
• RichterInnen oder JugendamtsmitarbeiterInnen kennen freie Termine der
Beratungsstelle und vergeben sie an die betroffenen Eltern.
• Eltern nehmen selbst den Kontakt zur Beratungsstelle auf.
Wenn die Eltern von sich aus Kontakt zur Beratungsstelle aufnehmen wollen,
sollten sie verpflichtet werden, dies bis zu einem benannten Termin zu tun und
dem Jugendamt Rückmeldung darüber zu geben.
Einzelgespräche mit Eltern
Wie das Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«
zeigt, sind bei hochkonflikthaften Eltern zu Beginn des Beratungsprozesses
eher Einzel- als Paargespräche angezeigt. Die zuständigen BeraterInnen sollten
gemeinsam ein Konzept entwickeln, wann und wie sie unter Einhaltung des
Vertrauensschutzes gemeinsame Elterngespräche initiieren können. Ausgesprochen
wichtig ist dabei eine klare Vereinbarung mit den Eltern sowie Klarheit
der BeraterInnen über ihren Handlungsauftrag, denn hochkonflikthafte Eltern
haben in der Regel kein Interesse daran, dass der andere Elternteil erfährt,
was in der Beratung gesprochen wurde. Gleichzeitig sollten die BeraterInnen
darauf achten, dass die Verantwortung für eine Lösung bei den Eltern bleibt.
Gemeinsame Gespräche sind zwar ein Ziel der Beratung. Sie sollten allerdings
zu einem geeigneten Zeitpunkt stattfinden und setzen die Zustimmung beider
Elternteile voraus.
Da BeraterInnen in Einzelgesprächen in der Regel empathisch mit dem
Betroffen sind, liegt eine besondere Herausforderung darin, in der Anbahnung
oder Durchführung von gemeinsamen Gesprächen Verständnis für
beide Elternteile zu haben und ihre jeweils unterschiedlichen Perspektiven
Wie in Kapitel 3 beschrieben, sollte Kindern aus hochkonflikthaften Trennungs-
und Scheidungsfamilien unabhängig von ihren Eltern Hilfemaßnahmen
angeboten werden. Falls im Vorfeld der Beratung mit dem Kind bereits andere
Interventionen stattgefunden haben, kann eine fallbezogene Kooperation
von besonderer Relevanz sein.
Um mehrmalige Tests und Befragungen des Kindes zu vermeiden, muss in
einem systematischen Vorgehen festgelegt sein, wie BeraterInnen von anderen
Fachkräften über bereits erfolgte Befragungen und Hilfeangebote erfahren.
Zudem ist zu klären, wie BeraterInnen die Informationen über das Kind in
ihre eigene Arbeit bzw. Beratung einbeziehen und wie sie eine Entscheidung
über ein angemessenes Unterstützungsangebot treffen.
Im weiteren Verlauf ist unter den KooperationspartnerInnen abzusprechen, wie
die unterschiedlichen Informationen über die Belastungen des Kindes zusammengeführt
und wie diese an die Eltern zurückgemeldet werden. Die Rückmeldung
an die Eltern kann hilfreich sein, um ihre Aufmerksamkeit auf ihr
Kind zu richten und damit sie sich aktiv an der Suche nach Unterstützungsmöglichkeiten
für ihr Kind beteiligen.
Nach dem Scheitern einer Beratung muss das Familiengericht über weitere
Schritte in Bezug auf das Kind entscheiden. Es ist deshalb auf fachkundige
Informationen zur Situation des Kindes angewiesen. BeraterInnen wird auch
nach einer gescheiterten Beratung die Situation des Kindes oft besser bekannt
sein als dem Gericht oder Jugendamt. Wenn dies der Fall ist, sollten sie das
Familiengericht über die Entwicklungssituation und Belastungen des Kindes
60 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 61 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
oder Jugendlichen informieren, um Fehlindikationen des Gerichts zu vermeiden.
Voraussetzung ist allerdings, dass die BeraterInnen dazu vor der Beratung
eine Einwilligung der Eltern eingeholt haben. Je nach Alter sollte auch das
Kind selbst über die Informationsweitergabe informiert werden.
Beratung in Zusammenhang mit dem Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung
und dem besonderen Vertrauensschutz in persönlichen und erzieherischen Hilfen
(§§ 8a Abs. 2, 65 Abs. 1, Satz 4 SGB VIII)
BeraterInnen sind wie alle Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe verpflichtet,
im Rahmen ihrer Leistungserbringung auch den Schutz des Kindeswohls
im Blick zu behalten (§ 8a SGB VIII). Diese Pflicht gewinnt bei der Beratung
hochkonflikthafter Eltern eine besondere Bedeutung. Wie oben dargestellt,
verlieren solche Eltern über ihren Streit das Wohl des eigenen Kindes oft aus
dem Blick. Insbesondere durch ihr Konfliktverhalten werden Kinder sehr belastet.
BeraterInnen sollten dann prüfen, ob sie Anzeichen für eine Gefährdung
des Kindeswohls erkennen. Dies kann z.B. der Fall sein, wenn große
Belastungssymptome beim Kind vorliegen, es sich nicht altersgemäß entwickelt,
eine Fehlentwicklung der Eltern-Kind-Beziehung vorliegt oder die Erziehungsfähigkeit
der Eltern in Frage steht.
Die BeraterInnen sind dann gehalten, das Risiko einer Kindeswohlgefährdung
abzuschätzen. Nach den Grundsätzen fachlichen Handelns in der institutionellen
Beratung stellen sie diese Beratung im multidisziplinären Fachteam
vor. Wenn ihm keine in Fragen des Kinderschutzes erfahrene Fachkraft
angehört, ist diese hinzuziehen. Wenn das Wohl des Kindes nicht mehr mit
den Mitteln der Beratung gesichert werden kann, werden die BeraterInnen - in
der Regel mit Kenntnis der Eltern - das Jugendamt informieren. Das Jugendamt
bietet dann je nach Fallkonstellation weitergehende Hilfen an oder ruft
das Familiengericht an.
Das Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« zeigt,
dass interprofessionelle Kooperation die Arbeitszufriedenheit aller beteiligten
Professionen erhöht. Zugleich erscheint ihnen die eigene Arbeit effizienter,
da weniger Zeit damit verloren geht, im Einzelfall Strukturen zu klären, Absprachen
zu treffen und nicht zuletzt eine stärkere Kollegialität der Professionen
untereinander zu entwickeln. Dabei sollten jedoch die unterschiedlichen
Rollen, Kompetenzen und Handlungsaufträge aufrechterhalten bleiben. Eine
fachliche Begründung dafür liegt in den Reichweiten der unterschiedlichen
professionellen Ansätze, gerade im Hinblick auf elterliche Einigungen und
Hochkonflikthafte Eltern in Scheidung und Trennung zeigen eine deutlich
verringerte Offenheit gegenüber beraterischen Interventionen. Zugleich haben
sie einen hohen Bedarf an Unterstützung, insbesondere zur Förderung von
erlebter Selbstwirksamkeit in der Beziehung zum ehemaligen Partner. In ihrem
konfliktreichen Alltag sind Mütter und Väter nur bedingt imstande, die
Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen. Das kindliche Erleben spiegelt die
Hochkonflikthaftigkeit der Eltern als zwei sehr unterschiedliche Reaktionen
wieder: Entweder als sehr hohe Belastung mit offensichtlichem Hilfebedarf
oder aber als scheinbar gute Anpassung, die vor allem durch Ausblenden der
Konflikte und der eigenen Belastungen erreicht wird. Beides spricht für die
Notwendigkeit, die Situation von Kindern in hochkonflikthaften Familien
gründlich abzuklären und sie durch Interventionen vor emotionalen und sozialen
Risiken zu schützen. Auch wenn im Feld der professionellen Arbeit mit
dieser speziellen Gruppe von Scheidungs- und Trennungsfamilien noch Verunsicherung
herrscht, scheinen gerade der regionale fachliche Austausch unter
den beteiligten Akteuren sowie eine Anpassung der Interventionen aneinander
für viele Professionelle eine wichtige Perspektive für erfolgreiche Praxis zu
Vor dem Hintergrund einer hohen Erwartung des neuen FamFG an die
Beratungsarbeit ist es erforderlich, spezialisierte Interventionen für hochkonflikthafte
Eltern weiter zu entwickeln und auszubauen, um Kinder vor den
aufgezeigten Belastungen wirkungsvoll zu schützen. Insbesondere ist dabei auf
einen angemessenen Einbezug der Kinder in diese Hilfen zu achten sowie darauf,
Fortbildungen und fachliche Kooperation zu fördern.
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66 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 67 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
I. Erhebungsschritte und Stichprobengröße
Insgesamt erfolgten im Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger
Elternschaft« folgende Erhebungen durchgeführt:
• Quantitative Befragung von 158 Elternteilen in Trennung und Scheidung,
in insgesamt 31 Fällen konnten beide Ex-PartnerInnen befragt werden.
• Qualitative Einzelinterviews mit 44 Elternteilen; in 17 Fällen konnten
beide Ex-PartnerInnen befragt werden
• Testdiagnostik und teilstandardisierte Einzelinterviews mit 29 Kindern der
interviewten Elternteile
• Quantitative Befragung von 19 Fachkräften der psychosozialen Beratung
zu 30 Fällen
• Qualitative fallbezogene Interviews mit 17 Fachkräften der psychosozialen
Beratung zu 27 Fällen
• 7 Gruppendiskussionen mit Beraterteams
• 6 Gruppendiskussionen mit interdisziplinären Arbeitskreisen »Trennung
und Scheidung«
Alle weiteren Informationen und Ergebnisse über das Forschungsprojekt
«Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft« sind im wissenschaftlichen Abschlussbericht
nachzulesen (Fichtner u.a. 2010).
II. Hinweise zur Diagnostik von hochkonflikthaften Familien
Diagnostik des Konflikterlebens der Kinder
Die Erfassung des Erlebens der elterlichen Trennung durch die Kinder stellt
den diagnostischen Kernbereich dar. Denn die dauerhaft erlebte Belastung
durch die elterlichen Auseinandersetzungen bildet den Ausgangspunkt für
mögliche weitreichende Risiken in verschiedenen Bereichen der Persönlichkeitsentwicklung
der Kinder. Zur Erfassung des kindlichen Erlebens der elterlichen
Trennung wurden die deutsche Kurzversion der Children´s Perception
of Interparental Conflict Scale (CPIC), Skalen aus der Negative Divorce Event
Schedule (DESC) sowie aus dem Projekt »Familien in Entwicklung« (FIE;
München, Jena) eingesetzt. Konkret erfolgte hierbei eine Befragung zu den
• »Destruktiver Konfliktstil der Eltern« und »Kind als Vermittler« (CPIC),
• »Kind als Konfliktinhalt« und »Hilflosigkeit des Kindes« (CPIC),
• »Belastung der Kinder durch die Trennung der Eltern« (DESC), »Koalitionsbildung
der Eltern mit dem Kind« und »Zerrissenheitsgefühle« (FIE).
• Gödde, Mechthild & Walper, Sabine, 2001: CPIC
• Negative Divorce Event Schedule, 1986: DESC
• Skalen »Elterliche Zusammenarbeit«, »Parentifizierung«,
und »Loyalitätskonflikte«: FIE
Diagnostik der Eltern-Kind-Beziehung
Die Einschätzung der Kinder zur Eltern-Kind-Beziehung ist nicht zuletzt deshalb
von Bedeutung, weil die Fokussierung der Eltern auf den (Paar-) Konflikt
dazu führen kann, dass diese den Blick auf ihre Kinder verlieren, kaum auf die
Bedürfnisse der Kinder reagieren und wenig Unterstützung leisten können.
Anhaltende intensive elterliche Auseinandersetzungen können so direkt auf die
Qualität der Eltern-Kind-Beziehung wirken.
Zur Erfassung des Erziehungsverhaltens der Eltern aus der Sicht der Kinder
werden Skalen aus dem Erziehungsstilinventar (ESI) sowie Items aus dem methodischen
Inventar der Projekte »Familien in Entwicklung« (FIE; München,
Jena) eingesetzt. Insbesondere kann auf die Dimensionen »Unterstützung« und
»Inkonsistenz« (ESI) sowie »Parentifizierung« und »Elterliche Zusammenarbeit«
(FIE) zurückgegriffen werden.
• Krohne, Heinz W. & Pulsack, Andreas, 1995: ESI
Persönlichkeitsdiagnostik mit Kindern
Kinder, die in hochkonflikthaften Familien leben, können daraus resultierend
Belastungen in verschiedenen Bereichen der Persönlichkeitsentwicklung zeigen.
So können sich Probleme vor allem in spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen,
im individuellen Befinden der Kinder oder auch im Stresserleben und
in der Stressbewältigung manifestieren.
Zur Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen können ausgewählte Skalen
aus dem Persönlichkeitsfragebogen für Kinder und Jugendliche (PFK 9-14)
verwendet werden. Insbesondere die Teilbereiche
• »Emotionale Erregbarkeit«,
• »Zurückhaltung und Scheu im Sozialkontakt«,
• »Bedürfnis nach Ich-Durchsetzung, Aggression und Opposition«,
• »Schulischer Ehrgeiz«,
• »Neigung zu Gehorsam und Abhängigkeit gegenüber Erwachsenen« sowie
• »Selbsterleben von Unterlegenheit«
Das individuelle Befinden der Kinder wird mit Skalen aus der Aussagenliste
(ALS), der deutschen Version der General Anxiety Scale for Children (GASC)
sowie dem Depressionstest für Kinder (DTK) erhoben. Konkret geht es dabei
um die Skalen »Befinden in der Familie« (ALS), »Trennungs- und Verlustangst«
(GASC) sowie »Dysphorie/ Selbstwertprobleme« (DTK).
Zur Erfassung des Stresserlebens und der Stressbewältigung kann eine adaptierte
Fassung des Fragebogens zur Erhebung von Stress und Stressbewältigung
im Kindes- und Jugendalter (SSKJ) eingesetzt werden. Die Dimensionen
»Ausmaß des aktuellen Stresserlebens«, »Art und Umfang der eingesetzten Bewältigungsstrategien«
sowie »Ausmaß der aktuellen physischen Stresssymptomatik«
sind hier besonders relevant.
• General Anxiety Scale for Children (GASC): deutschsprachige Adaptation
von Schick, Andreas (2000).
68 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 69 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
• Lohaus, Eschenbeck, Kohlmann & Klein-Heßling (2006): Fragebogen
zur Erhebung von Stress und Stressbewältigung im Kindes- und Jugendalter
(SSKJ). Hogrefe-Testzentrale
• Petermann & Jäger (1995): Aussagen-Liste zum Selbstwertgefühl von
Kindern und Jugendlichen (ALS). Hogrefe-Testzentrale.
• Rossmann, Peter (2005): Depressionstest für Kinder (DTK).
III. Kurzfragebogen zur Situation nach Trennung und Scheidung
Der hier angefügte Kurzfragebogen basiert auf den Befunden der Elternbefragung
im Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«
(vgl. Fichtner u.a. 2010, insb. Kapitel II) und wurde in Anlehnung an bereits
existierenden Instrumente, wie etwa das »Michigan Abuse Risk Assessment«
von Wagner/Hull/Luttrell 1996 konstruiert. Dieser Kurzfragebogen berücksichtigt
objektive und subjektive Kriterien, die sich in der Studie als relevant
erwiesen haben. Im Vergleich mit anderen Studien scheint eine Validität gegeben;
die Kennwerte der Skalen sind ausreichend bis gut. Mit diesem Instrument
wurde der Versuch unternommen, das Konfliktniveau in einer ersten
Annäherung bestimmbar zu machen und für die Beratungspraxis ein einfach
einzusetzendes Instrument zu entwickeln. Zur Bestimmung des Konfliktniveaus
scheinen auf Grundlage der Forschungsergebnisse fünf Aspekte wichtig,
die sich im Kurzfragebogen widerspiegeln: die subjektive Einschätzung der
Konflikte durch die Betroffenen selbst; die Darstellung der Umgangsregelung
seit der Elterntrennung; die Frage, ob ein Familiengerichtsverfahren anhängig
war oder noch ist; eine allgemeine Bewertung der gerichtlichen Interventionen
und schließlich die Einschätzung des Ex-Partners/der Ex-Partnerin anhand
vier typischer Vorwürfe.
Die erste Seite des Kurzfragebogens kann als Vorlage für die Befragung
der Eltern dienen; die zweite Seite enthält Informationen zur Bewertung der
Ergebnisse durch die Fachkräfte. Diese Seite sollte nicht den Eltern vorgelegt
und auch nicht von ihnen selbst ausgewertet werden, da es sich um negativ
konnotierte Auswertungskategorien handelt. Die erzielten Werte werden zusammengezählt
und geben Anhaltspunkte bezüglich des Konfliktniveaus. Das
heißt, Eltern mit Werten bis einschließlich »10« sind als »normal« konflikthaft
einzustufen und Eltern mit Werten über »21« als hochkonflikthaft. Diese
Einstufungen korrespondieren mit den Konfliktniveaus bei den 158 befragten
Elternteilen aus dem Forschungsprojekt »Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft«
(vgl. Fichtner u.a. 2010).
Mit dem Instrument des Kurzfragebogens ist allerdings nur eine allererste
allgemeine Einschätzung des Konfliktniveaus möglich. Der Fragebogen könnte
als Einstieg in den Beratungsprozess etwa bei der Anmeldung oder im Erstgespräch
eingesetzt werden, um relevante Aspekte zur Einschätzung des Konfliktniveaus
zu erfragen bzw. anzusprechen. Die Anwendung dieses Kurzfragebogens
ersetzt jedoch keine weitere tiefergehende Diagnostik und qualitative
Auswertung von Gesprächen mit Eltern und Kindern.
Kurzfragebogen zur Situation nach Trennung und Scheidung
1) Läuft oder lief ein Verfahren zum Umgang oder zur elterlichen Sorge?
ja, aktuell.
ja, abgeschlossen.
2) Falls ein Verfahren oder eine Beratung stattgefunden hat:
Das Verfahren hat meine Situation:
3) Findet ein kontinuierlicher Umgang zwischen Ihrem Kind und dem
Elternteil statt, bei dem es nicht seinen Lebensmittelpunkt hat?
Ja, seit der Trennung bis heute gab es stets regelmäßige
Umgangskontakte.
Ja, es gab Kontakte, aber unregelmäßig.
Von der Trennung bis heute gab es nur seltene Kontakte.
Es hat früher einmal Kontakte gegeben, die aber abgebrochen wurden.
Nein, es gab niemals Umgangskontakte.
Was denken Sie zu folgenden Fragen:
4) Ich habe es nicht verdient, dass mein Ex-Partner /
meine Ex-Partnerin so mit mir umgeht.
5) Mein Ex-Partner / meine Ex-Partnerin will das Kind
gegen mich aufhetzen.
6) Mein Ex-Partner / meine Ex-Partnerin ist gar nicht
in der Lage, sich allein um das Kind zu kümmern.
7) Mein Ex-Partner / meine Ex-Partnerin klammert
sich krankhaft an das Kind.
• Wagner Dennis, Hull Sue & Luttrell Julie: Structured Decision-Making
in Michigan. In: Toshia, Tatara (Ed.), 9th National Roundtable on CPS
Risk Assessment: Summary of Highlights, Washington, 1996, 165-191.
70 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 71 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
8) Wie schätzen Sie die Situationen zwischen Ihnen und Ihrem Ex-Partner
ein? Zwischen uns bestehen ….
Bewertungsbogen für Fachkräfte
Wenn Sie die erzielten Punkte zusammenzählen, ist ein Vergleich des Konfliktniveaus
mit den 158 befragten Eltern aus dem Forschungsprojekt »Kinderschutz
bei hochstrittiger Elternschaft« möglich. Eltern mit Werten bis einschließlich
»10« sind als normale Konflikte von Eltern in einer Beratungsstelle eingestuft
worden, Werte über »21« als hochkonflikthaft (vgl. Fichtner u.a. 2010).
4 ja, aktuell.
2 ja, abgeschlossen.
0 nein, nie.
4 verschlechtert.
2 nicht verändert.
0 verbessert.
0 Ja, seit der Trennung bis heute gab es stets regelmäßige
2 Ja, es gab Kontakte, aber unregelmäßig.
3 Von der Trennung bis heute gab es nur seltene Kontakte.
3,5 Es hat früher einmal Kontakte gegeben, die aber abgebrochen wurden.
4 Nein, es gab niemals Umgangskontakte.
0 1 1,5 2 4
0 1 2 3,5 4
ein? Zwischen uns bestehen ...
4 sehr viele Konflikte
2 viele Konflikte
1 wenig Konflikte
0 keine Konflikte
72 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis 73 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
74 Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis
Institut für angewandte Familien-, Jugend- und Kindheitsforschung e.V. (IFK)
Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien: Eine Handreichung für die Praxis Peter S. Dietrich, Dr. Jörg Fichtner, Maya Halatcheva, Eva Sandner, unter Mitarbeit von Matthias Weber
Seite 2: Das Projekt » Kinderschutz bei hoc
Seite 6: Vorwort Jedes Jahr sind ca. 170.000
Seite 10: 2 2 Hochkonflikthafte Trennungs- un
Seite 14: 2.2 Elterliche Kompetenzen Vätern
Seite 18: 2.3 mehrere Anwälte zu konsultiere
Seite 22: 3.2.1 3.2 Eltern-Kind-Beziehung 3.2
Seite 26: 3.4.1 Die im Forschungsprojekt gewo
Seite 30: 3.5 Bericht und signalisiert dem Fa
Seite 34: 4.2 4.2 Hochkonflikthaftigkeit erke
Seite 38: 4.3 Neben solchen problematischen S
Seite 42: 4.5.1 Kapitel 5). Zum anderen ersch
Seite 46: 4.5.3 4.5.3 Bausteine psychosoziale
Seite 50: 5.1.1 Hinweis: Die Forschungsergebn
5.2.2 5.2 Juristische Professionen
5.3.2 führen. Sie erfordern eine h
5.3.2 oder Jugendlichen informieren
7 Santen, Eric van & Seckinger, Mik
A • Lohaus, Eschenbeck, Kohlmann
Notizen/Anmerkungen 74 Arbeit mit h
Magazin: doppelseitige - Bundeskonferenz für Erziehungsberatung

References: § 156
 § 163
 § 158
 § 1684
 § 1666
 § 8
 § 156

§ 1684
 § 158
 § 203
 § 163
 § 155
 § 1684
 § 65
 § 203
 § 65
 § 8
 § 156

§ 50