Source: http://www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/GermLat/Acta/Burkard.htm
Timestamp: 2019-05-25 04:17:08+00:00

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Die lateinische Grammatik im 18. und frühen 19. Jahrhundert
Von einer Wortarten- zu einer Satzgliedgrammatik. Ellipsentheorie, Kasuslehre, Satzglieder
Das System der lateinischen Grammatik, wie es heute an Schule und Universität gelehrt und bei der Behandlung lateinischer Texte wie selbstverständlich verwendet wird, ist innerhalb des deutschen Sprachraums im Großen und Ganzen einheitlich und jedem, der Latein gelernt hat, zumindest in Grundzügen bekant. Kein Klassischer Philologe – und mögen seine Exercitia grammaticalia noch so weit zurückliegen – wird bei der Interpretation einer Horazode zögern, Begriffe wie Subjekt oder Ablativus separativus zu verwenden, und er kann zu Recht davon ausgehen, zumindest innerhalb des deutschen Sprachraums verstanden zu werden. Diese allgemeine Gültigkeit der traditionellen lateinischen Grammatik verleitet nun oft zu dem Schluss, das gesamte System stamme nahezu ausnahmslos aus der antiken Grammatiktradition. Das Gegenteil ist der Fall: Viele wesentliche Züge der sogenannten traditionellen lateinischen Grammatik gehen nicht auf die antike Grammatik zurück, sondern haben ihren Ursprung im 18. Jahrhundert und entfalten und etablieren sich erst im 19. Jahrhundert; [1] die entscheidenden Veränderungen fallen ungefähr in die Jahre zwischen 1780 und 1840. Die Unterschiede zwischen der heutigen Lateingrammatik und der Grammatik vor 1800 lassen sich anhand von zwei Paradigmenwechseln beschreiben: (I) Zum einen ist in der Kasuslehre ein Wandel der Erklärungsmodelle zu beobachten: Dominierte vor 1800 die Ellipsentheorie, so wird diese von der Lehre von den Kasus(grund)bedeutungen im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts in die Bedeutungslosigkeit verdrängt. (II) Zum anderen entwickelt sich die lateinische Grammatik von einer Wortartengrammatik, wie sie bereits in der Antike vorlag, zu einer Satzgliedgrammatik. [2] Eine Wortartengrammatik kennt gegenüber den drei Beschreibungsebenen der Satzgliedgrammatik nur zwei Beschreibungsebenen, nämlich eine Ausdrucks- und eine Inhaltsebene, die Satzgliedgrammatik besitzt zusätzlich noch eine funktionale Ebene, die Ebene der Satzglieder. Die Koinzidenz dieser beiden Entwicklungen ist nicht zufällig; die Herausbildung einer Grammatik der Kasusgrundbedeutungen fördert, wie zu zeigen sein wird, die Einbürgerung der Satzgliedbezeichnungen in einer ehemaligen Wortartengrammatik. Im Einzelnen entwickelt sich diese Untersuchung wie folgt: (1) Die Ablösung der Ellipsentheorie durch die Lehre von den Kasusbedeutungen wird anhand exemplarischer Erklärungen von Einzelfällen vorgestellt. (2) Es wird gezeigt, dass und wie die Satzgliedgrammatik aus der Wortartengrammatik entsteht, indem nämlich Begriffe der Inhaltsebene für die neu geschaffene funktionale Ebene verwendet werden. Diese Entwicklung wird exemplifiziert anhand der Entstehung der satzfunktionalen Verwendung der Begriffe Subjekt, Prädikat und Objekt. [3] (3) An drei Beispielen (G.F. Grotefend, 1820; A. Grotefend, 1830; Kühner, 1836) werden abschließend verschiedene Modelle eines Kasussystems vorgeführt.
I. Die Kasuslehre: Ellipsentheorie und Kasusgrundbedeutungen
1. Die Ellipsentheorie
Die uns vertrauten, vielfältigen Kasusbedeutungen (z.B. Genitivus possessivus, Ablativus limitationis) haben sich erst in einem späten Stadium der grammatischen Tradition herausgebildet; Antike und frühe Neuzeit kannten nur wenige Bedeutungen, v.a. diejenigen, die mit der Bezeichnung der einzelnen Kasus verbunden waren. Die Beschreibung mittels der Kasusbedeutung besitzt einen hohen Erklärungswert; so lässt sich mit ihrer Hilfe ein ungewöhnlicher Kasusgebrauch durch die Zurückführung auf eine allgemeine Bedeutung erklären, also etwa der Ablativ nach potiri als Instrumentalis oder der Ablativ nach carere als Separativus. [4] Bevor sich diese Methode endgültig durchsetzte, beherrschten andere Erklärungsmodelle die lateinische Grammatik, insbesondere die Ellipsentheorie, [5] zu deren bedeutendsten Vertretern Franciscus Sanctius (1523–1600/1601) gehört, dessen Grammatik Minerva 1587 in zweiter Auflage erschien und in den folgenden zwei Jahrhunderten häufig nachgedruckt und kommentiert wurde. [6] Dort nimmt die Behandlung der Ellipse über die Hälfte des vierten Buches ein und damit ein knappes Viertel des Gesamtwerks. [7] Sanctius rechtfertigt die Ellipsentheorie zu Beginn dieses Kapitels und erteilt dann methodische Anweisungen für die Ansetzung von Ellipsen. [8] Die zwei wichtigsten Leitlinien sind: (1) Ergänzungen dürfen nur dann vorgenommen werden, wenn sie in der Antike bei vergleichbaren grammatikalischen Phänomenen belegt sind. (2) Nur solche Ergänzungen sind zulässig, die nach den Regeln der Grammatik stehen müssen; diese grammatikalischen Regeln gelten aber nur in einem abstrakten Sinne und sind nicht für die tatsächlich geäußerten Sätze verbindlich. Sanctius führt an zwei Terenz-Versen aus, wie umfangreich die (übrigens meistens brachylogischen, nicht elliptischen) Ergänzungen wären, und zeigt mithilfe einer neunzeiligen Paraphrase, dass die Ellipse für den lateinischen Sprachgebrauch typisch ist. Die Möglichkeit einer durchgehenden Paraphrase zeigt, dass die Ellipse kein diachrones, sondern ein synchrones Erklärungsmodell ist: [9] Die zu ergänzenden Bestandteile eines Satzes (z.B. die Präpositionen) werden vom Hörer mitverstanden (subintelliguntur). [10] Wie wendet Sanctius nun die Ellipsentheorie praktisch an? Er erklärt etwa den Ablativ pecuniis nach carere als eine Ellipse von caritatem a / de. Der präpositionslose Ablativ pecuniis ist erklärungsbedürftig,weil der Ablativ nach Sanctius der Casus praepositionis ist, der immer von einer Präposition regiert werde. [11] Daher wird er auf eine Ellipse der Präpositionen ab oder de zurückgeführt. Der zu restituierende Ausdruck lautet also carere caritatem ab / de aliqua re. [12] Das Erklärungsprinzip des Sanctius beruht auf der Grundvoraussetzung, dass ein Verb regulär den Akkusativ regiert und somit jeder andere (scheinbar) verbal regierte Kasus erklärungsbedürftig ist. Daher kann fast jede Ausnahmeerscheinung in der Kasuslehre durch die Rückführung auf einen transitiven Ausdruck gelöst werden. [13] Halten schon diese methodischen Voraussetzungen keiner empirischen, sprachvergleichenden Überprüfung stand, so liegt die größ ere Crux der Ellipsentheorie im Verstoß gegen ihre eigenen Prinzipien, nämlich in der mangelnden sprachlichen Korrektheit der restituierten Ausdrücke: Da die Ellipsentheorie eine synchrone Theorie ist, müssen die postulierten Ausdrucksweisen ebenso dem Anspruch der grammatikalischen Korrektheit gerecht werden wie die elliptischen Ausdrücke. Die Explikation der Ellipsen führt aber zu unlateinischen Ausdrücken, wie die oben angeführten Beispiele zeigen, weil die Ellipsentheorie die Sprache nach dem Baukastenprinzip behandelt, indem sie ein Verb mit einem Substantiv und dieses mit einem Präpositionalausdruck verbindet, ohne die Frage zu berücksichtigen, ob diese Verbindungen sprachlich korrekt sind. Der logische Fehler der Ellipsentheorie liegt in der Grundannahme, dass Verben nur den Akkusativ regieren können. Aus dieser Voraussetzung entsteht bei carere aliqua re ein Erklärungsbedarf, aber auch die Lösung des Problems: die Ansetzung einer neuen Valenz, nämlich carere caritatem ab aliqua re. [14]
Die Ellipsentheorie verliert ihre beherrschende Stellung allmählich gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Der Pastor Christian Gottlob Bröder (1745–1819), der in seiner einflussreichen Lateingrammatik von 1793 [15] seinerseits vor uns heute absurd anmutenden Ellipsenannahmen nicht zurückschreckt, [16] wendet sich dennoch prinzipiell, wohl aus dem Bedürfnis, sich von anderen Grammatiken abzugrenzen, gegen die Ellipsensucht, die er als "unnütze Grübeleyen" bezeichnet. So führt er Gerhard Johann Vossius' (1577–1649) Erklärung des Ablativs bei Deponentien an (utor vino sei entstanden aus utor usum e vino) [17] und beanstandet, dass man diese Erklärung nicht beweisen könne; mit demselben Recht könne man den deutschen Ausdruck "sich des Weines bedienen" (anstelle von "mit Weine") mit einer Ellipse wie "mit dem Getränke des Weines" erklären. Dagegen spreche aber, dass kein Deutscher an eine solche Ellipse denke oder sogar diese Konstruktion falsch verwende. [18] Bröder setzt also gegen die abstrakt angenommene Sprach-Ratio des Sanctius den Usus der native speaker und entzieht durch die implizite Behauptung, kein Deutscher würde bei dem Ausdruck 'sich des Weines bedienen' ein Substantiv wie 'Getränk' hinzudenken, der subintellectio-Theorie den Boden. Die synchrone Theorie der Ellipse wird also mit einer synchronen Argumentation widerlegt. Bröder steht mit seinen Einwänden stellvertretend für viele Grammatiker, die in der Theorie die Auswüchse der Ellipsentheorie ablehnen, [19] sie in der Praxis aber nur allzu oft selbst anwenden. [20] Daher sind es nicht diese methodischen Vorbehalte, die zu einer Ablösung der Ellipsentheorie führen, sondern die übermächtig werdende Konkurrenz der Lehre von den Kasusbedeutungen, wie im Folgenden zu zeigen sein wird. So absonderlich uns im Übrigen die Ellipsentheorie, wie sie Sanctius und andere formulieren und durchführen, auch vorkommen mag, so sollte man sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in modernen Grammatiken noch Überbleibsel dieser Theorie zu finden sind. Wenn man auch kaum bezweifeln wird, dass die allgemein akzeptierte Annahme von Ellipsen bei Phänomenen wie ad Castoris (sc. templum; z.B. Cic. Mil. 91) oder dextra (sc. manus) das Richtige trifft, so finden sich doch auch fragwürdige Fälle, die noch aus der Blütezeit der Ellipsentheorie stammen, z.B. die Erklärung des Accusativus exclamationis mit der Ellipse eines transitiven Verbs [21] oder die Annahme eines zu ergänzenden Regens wie officium oder munus beim Genitivus proprietatis. [22]
Im Folgenden soll anhand des Genitivs der Wandel der Erklärungsmodelle von der Ellipsentheorie zur Kasusgrundbedeutung skizziert werden: Die Annahme der Ellipse einer Form von res, negotium oder anderen leicht zu ergänzenden Substantiven diente dazu, Genitive zu erklären, die mit den akzeptierten Modellen nicht zu erklären waren, so etwa den prädikativen Genitivus qualitatis und den Genitivus proprietatis mit einer Ellipse von homo, negotium, officium etc., [23] den Genitivus pretii mit einer Ellipse von pretium oder negotium, [24] den Genitiv bei den Verba impersonalia mit einer Ellipse von negotium. [25] Exemplarisch für die Kasuslehre beim Genitiv ist der Wandel der Erklärungsmodelle für den Genitiv bei interest und refert: [26] Bröder übernimmt die Erklärung von Sanctius und Scaliger, [27] denen zufolge es sich bei Ausdrücken wie rei publicae interest um die Auslassung von commoda oder negotia handelt, die von inter bzw. ausgelassenem ad regiert werden, so dass die Vollform lauten würde: est inter commoda rei publicae. Aus dieser Vollform sei interest rei publicae entstanden; analog wird aus refert se ad tua commoda [28] die Form tua refert. [29] Man muss also nicht näher begründete Transformationen [30] annehmen, um die Annahme einer Ellipse plausibel zu machen, was an Vossius' Erklärung von utor aliqua re erinnert. Die referierte Erklärung erscheint heute zu Recht als abwegig – nicht zuletzt deswegen, weil die Possessivpronomina bei interest und refert Ablative sind. [31] Wie groß noch um 1820 der Einfluss der Ellipsentheorie war, als sich die Erklärung mithilfe der Kasusbedeutungen bereits durchgesetzt hatte, zeigt die Tatsache, dass Georg Friedrich Grotefend, der den Ellipsen in der Praxis zurückhaltend gegenüber stand, dieser Deutung bei interest und refert prinzipiell zustimmt. [32] Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, [33] dass es sich bei den Possessivpronomina um Ablative handelt, so dass man nun entweder causa [34] oder re (in Analogie zu re-fert) [35] als zu ergänzendes Substantiv ansetzt. Für die Geschichte der Erklärungsversuche des Genitivs (bzw. des Possessivpronomens) bei interest sei noch ein Zeuge angeführt, der dänische Philologe Johan Nicolai Madvig, der hier wie so oft durch sein zurückhaltendes Urteil besticht: "Der Ursprung dieser sonderbaren Construction ist unbekannt. Vielleicht hat das Pronomen eine Art adverbialer Bedeutung: in meiner Richtung (in Betreff meiner)." [36]
Die Darstellung der Entwicklung von Erklärungsmodellen in der Kasuslehre nimmt das Ergebnis des ersten Teils dieser Untersuchung schon vorweg: In den Grammatiken vor dem 18. Jahrhundert besaßen die Kasus nur einen geringen semantischen Eigenwert und waren zumeist auf eine Grundbedeutung festgelegt. So ergab sich die Bedeutung der Preisangabe, die heute dem Genitivus pretii zugewiesen wird, aus dem hinzugedachten (subintellectum) Nomen pretium und nicht aus dem Genitiv; die Bedeutungen beim Genitivus proprietatis inhärieren dem zu ergänzenden Nomen (negotium, proprium, officium) usw. Das semantische Merkmal, das wir heute mit der jeweiligen Ausprägung eines Kasus verbinden, lag also nicht in diesem selbst, sondern war exkorporiert. Die Entwicklung ging dahin, immer mehr semantische Merkmale in einem Kasus zu vereinigen (zu inkorporieren), [37] so dass die vorwiegend morphologisch definierte Kategorie des Kasus allmählich zu einer primär morpho-semantischen Kategorie wurde. Erst dadurch wurde es möglich, von Kasusbedeutungen zu sprechen und die einzelnen Kasus semantisch weiter zu unterteilen.
2. Die Kasusgrundbedeutung
Die Ellipsentheorie von Sanctius beruhte auf der Annahme, dass ein Kasus nur von einer bestimmten Wortart regiert werden kann: nur Präpositionen, aber nicht Verben, regieren den Ablativ; Verben wiederum regieren nur den Akkusativ; der Genitiv wird von Substantiven regiert. [38] Da diese drei Kasus also in erster Linie durch das Auftreten bei einem Regens definiert werden, sind sie bei Sanctius vor allem strukturelle Kasus, die allenfalls eine einzige allgemeine Bedeutung haben, die sich aus ihrer strukturellen Funktion ergibt. Der Genitiv ist der Kasus des Besitzes, [39] der Dativ der Kasus des Zwecks und des Besitzers. [40] Der Ablativ ist bei Sanctius im Gegensatz zu modernen Auffassungen fast ausschließlich ein struktureller Kasus: Während heute der Ablativ vor allem als adverbieller (und damit freier) Kasus gilt, [41] nennt Sanctius ihn den Casus praepositionis, der immer von einer Präposition regiert werde. [42] Diese lange Zeit vorherrschende Sichtweise ist der Hauptgrund dafür, dass – im Gegensatz zur Praxis des 19. Jahrhunderts – dem Ablativ fast keine semantischen Rollen zugewiesen werden, während die Semantik von Akkusativ, Genitiv und Dativ eingehend behandelt wird. [43] Die semantische Information bei Ablativausdrücken beruht nicht auf dem Kasus, sondern auf der Präposition, mag sie gesetzt sein oder nur gedanklich vorschweben. [44] Diese Reduzierung des Ablativs auf einen vorrangig strukturellen, nicht-semantischen Kasus erklärt, warum dem Ablativ im Gegensatz zum ebenfalls regierten Akkusativ, der den leidenden Gegenstand (den Patiens) oder die Wirkung in Opposition zum durch den Nominativ ausgedrückten Agens bezeichnet, keine semantischen Funktionen zugewiesen werden. [45] Der Ablativ drückt nur scheinbar und daher akzidentiell semantische Verhältnisse aus, die eigentlich anderen Kasus zukommen; so heißt es etwa im Hermes von James Harris: " [Der Genitiv] sollte alle Verhältnisse, die von ihm anfangen ..., ausdrücken"; sicherster Beweis dafür sei, dass die Präpositionen des Genitivs ab, de, ex seien. [46] Ein weiterer Grund für die stiefmütterliche Behandlung des Ablativs ist sein Fehlen in den modernen Sprachen, da die Erneuerung der lateinischen Grammatik von den Innovationen der Allgemeinen Grammatik (von der noch zu sprechen sein wird) und der volkssprachlichen Grammatiken ihren Ausgang nimmt. Wenn dem Ablativ explizit eine eigenständige semantische Rolle zugewiesen wird, so handelt es sich vor dem 19. Jahrhundert fast ausschließlich um die instrumentale Bedeutung. [47] Alle anderen uns vertrauten, im Kasus inkorporierten Ablativ-Bedeutungen verfestigen sich erst im Laufe der weiteren Tradition. Die Methode, die diesen Klassifikationen zugrunde liegt, ist ein (primär synchroner) Reduktionismus, der versucht, die Vielfalt der Gebrauchsweisen eines Kasus auf eine Grundbedeutung oder Grundfunktion zu reduzieren, und der schon für die Auswüchse der Ellipsentheorie verantwortlich war. Dieser Reduktionismus, der bei Sanctius noch vor allem formale Züge trug (der Ablativ als Präpositionalfall; ein Verb kann nur den Akkusativ regieren), wird im Laufe der Zeit zunehmend zu einem semantischen Reduktionismus, da das philosophische und vor allem logische Gedankengut immer mehr in die sprachliche Analyse einbezogen wird und zu einer Semantisierung der Kasus führt. Die Voraussetzung für die Entstehung des semantischen Reduktionismus ist die Verlagerung des wissenschaftlichen Interesses von der syntaktischen auf die semantische Ebene. Wie wir gesehen haben, war für die Grammatiktradition, in der Sanctius steht, die Kasusbedeutung zweitrangig, in den meisten Fällen ist der Kasus ein syntaktisches Phänomen, das selbst kaum eigene semantische Informationen trägt. Diese Sichtweise ändert sich erst, als eine universalistische Grammatikrichtung über die Einzelsprache hinausgeht und nach Sprachuniversalien und somit nach Kasusbedeutungen sucht. Diese Richtung ist die in der Nachfolge der Grammatik von Port-Royal entstehende Allgemeine Grammatik, die im zweiten Teil noch ausführlicher zu behandeln sein wird. Da für die Allgemeine Grammatik nicht eine einzelne Sprache im Zentrum steht, sondern die allen Sprachen gemeinsamen Universalien, werden die einzelsprachlich bedingten morphologischen und syntaktischen Eigenheiten der Kasus nebensächlich: Objekt der wissenschaftlichen Analyse ist in erster Linie der logische Aufbau oder, wie wir heute sagen würden, die semantische Tiefenstruktur. [48] Neben Bedeutungen wie 'Instrument' (Ablativ), 'Agens' (Nominativ) und 'Patiens' (Akkusativ) konnte man zu diesem Zweck auch die bei dreiwertigen Verben wie dare wichtige Unterscheidung persona vs. res aus der traditionellen Grammatik übernehmen und sie mit den Kasus korrelieren lassen, was zu der häufig anzutreffenden Formel führt, dass der Dativ den persönlichen Gegenstand oder den Gegenstand, dem etwas "zu Gute oder zu Leide geschiehet", der Akkusativ hingegen den sächlichen oder den leidenden Gegenstand bezeichne. [49] Daraus entsteht im Laufe der Zeit der Objektbegriff, der an die Stelle des deutschen Wortes 'Gegenstand' tritt, da als Objekt das Signifikat des Kasus und nicht dessen Funktion bezeichnet wird. (Diese Entwicklung wird im zweiten Teil verfolgt.) Da in Anlehnung an den Begriff der Transitivität der Akkusativ oft als der Fall bezeichnet wird, der das Übergehen der Handlung auf einen anderen Gegenstand anzeigt, heißt er auch Zielfall (unter dem Einfluss des Objektbegriffs) und (zur Bezeichnung des effizierten Objekts) Wirkfall; parallel dazu erscheint der Dativ als Zweckfall, eine Bestimmung, die wir bereits bei Sanctius angetroffen haben. [50]
Da nun die bisherige grammatische Tradition zwar einige wenige Kasusbedeutungen bereits vorgab, diese aber nicht logisch-hierarchisch miteinander verknüpfte, [51] musste sich die Allgemeine Grammatik zur Strukturierung der vorgegebenen Kategorien anderer Quellen bedienen: der philosophischen Disziplinen. Die Gemeinsamkeit aller seit etwa 1780 in Deutschland unter dem Einfluss der Allgemeinen Grammatik entstehenden wissenschaftlichen Kasussysteme besteht darin, dass in einem ersten Schritt für die einzelnen Kasus die – nach Möglichkeit universalsprachlichen – Bedeutungen aufgezählt und sodann diese Bedeutungen auf einige wenige, im Idealfall auf eine einzige reduziert werden. [52] Der sich vollziehende Paradigmenwechsel in der Kasuslehre lässt sich genau fassen: Während sich ein Grammatiker früher darauf konzentrierte, neue Ellipsen zu entdecken, strebte man nun nach dem Entwurf eines organischen Systems von Kasus(grund)bedeutungen. Da Auswahl und Hierarchisierung der Bedeutungen dabei dem Zufall, um nicht zu sagen dem Belieben des jeweiligen Grammatikers überlassen blieben, fehlte das entscheidende Korrektiv zur systematischen Erfassung der Bedeutungen und damit zu einer geschlossenen Kasus-Systematik. Diese Lücke wurde nach der Auffassung der Zeitgenossen erst geschlossen, als die Allgemeine Grammatik damit begann, die Kantischen Kategorien auf die Sprache anzuwenden.
Der Königsberger Philosophieprofessor Immanuel Kant (1724–1804) hatte in der 1781 erstmals erschienenen Kritik der reinen Vernunft eine Kategorientafel entworfen, die die Aristotelischen Kategorien bald ablösen sollte. Der Kritik war zunächst zwar nur geringer Erfolg beschieden, aber nach der zweiten Auflage von 1787 wurde sie allmählich rezipiert, und die ersten Sprachlehren nach Kantischem Muster entstanden, woraus sich bald eine Mode entwickelte, so dass um 1800 fast alle Allgemeinen Sprachlehren und viele einzelsprachliche Grammatiken von Kant beeinflusst sind; [53] stellvertretend seien genannt: Hasse, 1792, Roth 1795, Hermann, 1801, Philosophische Principien, 1805, Reinbeck, 1813, Schmitthenner, 1826, Reisig, 1839. [54]
In der Kritik der reinen Vernunft gewinnt Kant innerhalb des ersten Buches der 'Transzendentalen Analytik' (in der 'Analytik der Begriffe') in den beiden Abschnitten 'Von der logischen Funktion des Verstandes in Urteilen' und 'Von den reinen Verstandesbegriffen oder Kategorien' die zwölf Kategorien aus der Analyse der logischen Urteile; uns muss hier nur das Ergebnis, die Kategorientafel selbst, interessieren, die in vier Klassen die zwölf Verstandesbegriffe oder Kategorien umfasst: 1. Quantität: Einheit, Vielheit, Allheit, 2. Qualität: Realität, Negation, Limitation, 3. Relation: Inhärenz und Subsistenz (substantia et accidens), Kausalität und Dependenz (Ursache und Wirkung), Gemeinschaft (Wechselwirkung zwischen den Handelnden und Leidenden), 4. Modalität: Möglichkeit – Unmöglichkeit, Dasein – Nichtsein, Notwendigkeit – Zufälligkeit. Neben den genannten zwölf Kategorien werden noch zwei weitere Elemente der Kantischen Philosophie bedeutsam für die Sprachwissenschaft: der Raum und die Zeit. So heißt es ebenfalls in der Kritik der reinen Vernunft in der Transzendentalen Ästhetik (dem ersten Teil der transzendentalen Elementarlehre), §§ 2-7, dass sowohl der Raum als auch die Zeit notwendige Vorstellungen a priori seien, die allen äußeren Erscheinungen und Anschauungen zugrunde lägen. Dass im Bewusstsein der Zeitgenossen Zeit und Raum gleichsam als die dreizehnte und vierzehnte Kantische Kategorie galten und von den zwölf Kategorien die Kausalität (genauer: die Relation von Kausalität und Dependenz) am wichtigsten war, zeigt etwa Schopenhauers Interpretation der Kantischen Philosophie: Nach Schopenhauer lassen sich alle Kategorien Kants auf Raum, Zeit und Kausalität zurückführen. [55] Diese drei Kategorien sind es, auf die viele Grammatiker in der Folgezeit die Kasusgrundbedeutungen reduzieren werden. Oft treten noch die anderen beiden Kategorien der Relation hinzu, die Relation von Inhärenz und Subsistenz, die Relation der Gemeinschaft (oder Wechselwirkung), und die Kategorien der Modalität. An einem Beispiel sei kurz skizziert, wie die Sprachwissenschaft Kants Kategorien adaptierte:
Der Professor für Lateinische Philologie in Halle, Christian Karl Reisig (1792–1829), ein Schüler Gottfried Hermanns, dessen an Kant orientiertes Kasussystem am Ende dieser Untersuchung vorgestellt wird, [56] entwirft in seinen in der zweiten Hälfte der 20er Jahre gehaltenen sprachwissenschaftlichen Vorlesungen, die nach Reisigs Tod 1839 von seinem Schüler Friedrich Haase (1808–1867) herausgegeben wurden, ein Forschungsprogramm für die lateinische Sprachwissenschaft. Eine von Reisigs Prämissen lautet: "Allgemeine Gesetze menschlicher Sprachen sind Raum und Zeit als Grundformen der Anschauung, die Verstandeskategorien und die Empfindungen." [57] Der sprachlichen Analyse müsse man daher die Kantischen Kategorien zugrunde legen, "um nach ihnen die Eintheilung des nöthigen Sprachvorraths zu wählen", [58] weil der Verstand die Wirklichkeit nur in bestimmten Kategorien wahrnehme. Reisig zählt die vier Kantischen Kategorienklassen auf und setzt sie in Beziehung zu den Wortarten, den Kasus und den Modi, so dass sich grob folgende Einteilung ergibt: (1) Der Quantität entspricht das Substantiv, (2) der Qualität das Adverb, das Adjektiv (beide für "Position" und Negation), die Gradus Comparationis (für die Limitation) und die Präposition (für Negation oder Limitation); (3) bei der Relation entspricht der Genitiv der Substantialität, "indem er das Verhältniß von Wesen und Eigenschaft ausdrückt", der Kausalität entsprechen Dativ und Ablativ, der "Communio (Wechselwirkung)" der Akkusativ; (4) die Modalität bezieht sich auf die Modi. [59]
Die Kantischen Kategorien gaben den Grammatikern ein verbindliches wissenschaftliches Rüstzeug an die Hand, mit dessen Hilfe man glaubte, die sprachlichen Phänomene und vor allem die Kasus erschöpfend klassifizieren zu können. Diese Klassifikationen fielen freilich je nach Autor verschieden aus; vier Beispiele für Kasuslehren nach Kantischen Prinzipien werden am Ende dieser Untersuchung vergleichend einander gegenüber gestellt. Zuvor sei noch auf die Entstehung und Entwicklung der Satzgliedterminologie eingegangen.
II. Von einer Wortartengrammatik zu einer Satzgliedgrammatik
Eine Wortartengrammatik kennt nur zwei Ebenen der sprachlichen Beschreibung, die Ausdrucksebene (die Signifikanten) und die Inhaltsebene (die Signifikate); eine konsequent angewendete funktionale Ebene fehlt, d.h. es gibt keine Satzgliedterminologie; die Signifikanten werden zwar in Klassen zusammengefasst (Substantive, Verben, Kasusmorpheme usw.), aber diese Klassen sind keine weitere Ebene der Sprachbeschreibung. Obwohl eine Wortartengrammatik nicht über eine Begrifflichkeit zur Bezeichnung von funktionalen Gliedern verfügt, kann sie dennoch das syntaktische Verhältnis zwischen Valenzträger und Ergänzung darstellen, nämlich mithilfe der Rektion: In dem Satz Gaius amat Claudiam wird die Beziehung zwischen amat und Claudiam nicht als eine Prädikat-Objekt-Beziehung beschrieben, sondern als die Rektion von Claudiam (oder des Akkusativs) durch das Verb amat. Die Geschichte des Rektionsbegriffs, der in der Antike noch unbekannt ist, beginnt erst im Mittelalter [60] und erstreckt sich bis heute. [61] So stellt etwa der Priscian-Kommentator Petrus Helias im 12. Jahrhundert die Frage Quid sit dictionem regere dictionem (Was es bedeute, wenn man sagt, dass ein Wort ein anderes regiere) und beantwortet sie vor allem syntaktisch, indem er seine Auffassung von den damaligen semantischen Definitionen des Begriffs abgrenzt. [62] Das entscheidende Defizit dieser Art der rektionalen Analyse besteht darin, dass es nicht möglich ist, zwischen verschiedenen Funktionen eines Kasus begrifflich zu unterscheiden. So ist sowohl ein prädikativer Akkusativ (etwa consulem in Ciceronem consulem facere) als auch ein Akkusativobjekt (Ciceronem in Ciceronem consulem facere) nach der traditionellen Rektions-Terminologie ein regierter Akkusativ; [63] die Einsicht, dass der Nebensatz in postulavit, ut obsides redderet funktional identisch ist mit dem Akkusativ in postulavit obsides, ist ohne eine entsprechende funktionale Begrifflichkeit zumindest schwer zu beschreiben. Der aus dem Mittelalter stammende Rektionsbegriff ist ein formaler Rektionsbegriff, während die uns heute geläufige Satzgliedlehre einen funktionalen Rektionsbegriff verwendet, nach dem ein Wort die syntaktische Funktion eines anderen Wortes bestimmt. [64] Der funktionale Rektionsbegriff ist dem formalen Rektionsbegriff überlegen, da er ihn beinhaltet [65] und die Begrifflichkeit der Satzgliedterminologie (Subjekt, Objekt, Adverbiale, Ergänzung usw.) differenzierter ist als diejenige der traditionellen Rektionstheorie (Regens, Rectum). Wenn eine Grammatik aus dem hier zu betrachtenden Zeitraum (ca. 1780–1840) von Rektion spricht, so ist regelmäß ig die formale Rektionstheorie gemeint, wie sie sich etwa in klassischer Formulierung bei Georg Friedrich Grotefend findet: Grotefend spricht von Rektion (oder Bestimmung), wenn ein Wort zur Ursache der Veränderung eines anderen Wortes wird, so dass das Regens die Form des Rectum bestimmt: "Ein Wort regiert einen Casum, wenn es den Grund enthält, warum ein anderes Wort in einem gewissen Casu steht." [66] Die Fähigkeit zur Rektion wird Wortarten je nach Autor zu- oder abgesprochen; unumstritten ist die Rektionsfähigkeit der Verben; daneben werden von den Grammatikern auch Präpositionen und Subjunktionen als Regentia bezeichnet. [67]
Die Ausbildung eines funktionalen Rektionsbegriffs ist erst möglich, wenn sich bereits Begriffe für grammatische Funktionen herausgebildet haben. Anhand der frühen Begriffsgeschichte der drei wichtigsten Satzglieder (Subjekt, Prädikat, Objekt) soll gezeigt werden, wie diese Termini zunächst als semantische Begriffe verwendet wurden. Die spätere Entwicklung zu grammatischen Funktionsbegriffen kann hier nur noch angedeutet werden.
Die Begriffe Subjekt und Prädikat [68] fehlen in der grammatikalischen Terminologie der Antike, [69] des Mittelalters [70] und der frühen Neuzeit. [71] Vor dem 17. Jahrhundert findet sich überhaupt keine einzige der heutigen Satzgliedbezeichnungen in Grammatiken oder sprachtheoretischen Werken. [72] In der 1660 erstmals erschienenen Grammatik von Port Royal werden sujet und attribut zumeist i.S.v. Satzgegenstand und Satzaussage verwendet, wodurch die Vereinigung von logischer und grammatischer Analyse des Urteils vollzogen wird. [73] Diese Terminologie setzt sich im französischsprachigen Raum durch, während im Deutschland des 18. Jahrhunderts die Begrifflichkeit subiectum / praedicatum in den Grammatiken erscheint. Die Etablierung dieser Termini in der deutschen Grammatik fällt aller Wahrscheinlichkeit nach etwa in die Mitte des 18. Jahrhunderts, da das Begriffspaar bei Gottsched 1748 noch fehlt, Aichinger es aber sechs Jahre später wie selbstverständlich verwendet; [74] somit ist 1754 ein Terminus post quem non für die Einführung der beiden Begriffe in die grammatische Literatur. Ein sicherer Terminus ante quem non für den deutschen Sprachraum fehlt, [75] lediglich für die Einführung des Begriffspaares in die lateinische Grammatik lässt sich das Jahr 1740 anführen, in dem die Überarbeitung der Lateingrammatik des Gymnasialrektors Christoph Cellarius (1634–1707) durch den Göttinger Professor Johann Matthias Gesner (1691–1761) erstmals erscheint. [76] Dort wird 'Nominativus' in ähnlichem Sinne verwendet wie später der Begriff Subjekt. [77] Unstrittig ist aber, dass die ersten heute geläufigen Satzgliedbezeichnungen, die in grammatischem Kontext erscheinen, nämlich die Begriffe Subjekt, Prädikat und Kopula, aus der Logik übernommen werden. [78] Die Logik war im 18. Jahrhundert eine der wichtigsten Teildisziplinen der Philosophie und daher in Schule und Universität ein auf hohem Niveau gelehrtes Grundlagenfach, während die lateinische Grammatik in erster Linie zur Sprachbeherrschung gelehrt wurde und Sprachreflexion vor allem Reflexion über das Denken an sich bedeutete. [79] Diese bereits in der mittelalterlichen Sprachreflexion anzutreffende Verknüpfung der beiden Disziplinen ist insbesondere kennzeichnend für die sogenannte Allgemeine Grammatik, die von der rationalistischen Grammaire du Port-Royal von Arnauld und Lancelot (1660) ausgeht und bald nicht nur in französischen Sprachlehren zur beherrschenden wissenschaftlichen Methode wird. [80] Die universalistische Allgemeine Grammatik, wie sie sich im 18. Jahrhundert allmählich zur Führungswissenschaft auf dem Gebiete der Sprachforschung entwickelte, suchte nach den "Grundsätzen ... die allen Sprachen wesentlich sind", [81] die "aus der Art und Weise unsers Denkens ... hergenommen werden" (wie man Kopien von ihrem Original ableite) und a priori aufgefunden werden müssen. [82] Da nun die Beschäftigung mit ganzen Texten zu den Aufgaben anderer Wissenschaften gehört und Texte nichts anderes sind als eine Abfolge von Sätzen, gilt das Hauptinteresse der Allgemeinen Grammatik dem Satz, [83] den sie mithilfe der logischen Analyse – so verfuhr schon die Grammatik von Port-Royal – "als Form des logischen Urteils auf Subjekt, Prädikat und Kopula" reduziert. [84] Die Allgemeine Grammatik wurde in Deutschland vor 1800 insbesondere durch zwei Werke verbreitet: [85] durch den Hermes des englischen Staatsmannes James Harris (1709–1780) von 1751 (deutsch 1788) [86] und durch den Versuch einer Sprachlehre des deutschen Gymasialrektors Johann Werner Meiner (1723–1789) von 1781. [87] Harris unterscheidet im Hermes zwischen drei Ebenen, der ontologischen, der logischen und der grammatischen, und ebenso vielen Verknüpfungen: der "natürlichen Verknüpfung" von Substanz und Attribut, der logischen zwischen Subjekt und Prädikat und der grammatischen zwischen Substantiv und Attributiv. [88] Diese Gegenüberstellung von Subjekt / Prädikat einerseits und Substantiv / Attributiv andererseits ist der erste Schritt bei der Übernahme der beiden Begriffe aus der Logik in die Sprachwissenschaft. Subjekt und Prädikat bezeichnen hier weder Satzteile noch unabhängig zu denkende Signifikate, sondern die Glieder des logischen Urteils, das als quasi-platonisches Urbild hinter dem Satz steht und sich einer sprachlichen Analyse entzieht, da es – gemäß den philosophischen Voraussetzungen der Allgemeinen Grammatik – allen Sprachen zugrunde liegt. [89] Die Allgemeine Grammatik versucht nicht Regeln aufzustellen, nach denen einzelsprachliche Sätze aus den allgemeinsprachlichen Urteilen entstehen (also Sätze von der Tiefen- in die Oberflächenstruktur überführt werden), sondern die Ebene der Logik, also die Tiefenstruktur, zu beschreiben. [90] Die Verbindung der sprachlichen und der logischen Ebene wird nur vollzogen bei der Untersuchung der als zweitrangig betrachteten Frage, welche logischen Glieder durch welche Wortarten ausgedrückt werden. [91] Die einzelnen Wortarten werden nicht als Bündel morphologischer, syntaktischer und semantischer Eigenschaften dargestellt, sondern nur in Korrelation zu den zugehörigen Signifikaten. Da der erkenntnisleitende Primat bei der Analyse der Tiefenstruktur liegt, heißt es bei Johann Severin Vater (1771–1826) in der hebräischen Grammatik von 1797, dass man durch den Vergleich von einzelsprachlichen Phänomenen (etwa hinsichtlich des Subjektbegriffs) wie mihi scribendum est und 'ich muss schreiben' nur "zu den Eigenthümlichkeiten der einzelnen Sprachen" gelange, "nicht zu einem allgemeinen Resultat"; zu diesem komme man nur, wenn man den "Begriff aufgesucht hat, der in diesen Phrasen bezeichnet werden soll, und ihn in seinem Verhältnis zu andern Begriffen betrachtet." Dies sei die logische Betrachtung – die grammatische Betrachtung untersuche nur noch, wie und durch welche Worte die Urteile und die Begriffe ausgedrückt werden. [92] Aufschlussreich für die Verwendung der Begriffe Subjekt und Prädikat ist folgendes Beispiel Vaters: nigredo und 'schwarze Farbe' sind "derselbe Begriff, und in logischer [also semantischer] [93] Hinsicht nicht verschieden", sondern nur in grammatischer Hinsicht: "das Prädikat des zusammengesetzten Begriffs ist im letzteren Falle durch ein besondres Wort ausgedrückt, durch ein Prädikatswort." Mit dem Begriff Prädikat ist das adjektivische Attribut 'schwarz' gemeint, bei dem es sich in Vaters Terminologie um ein "Begriffsprädikat" handelt, während 'gefällt' in dem Satz "die weiße Wand gefällt" ein Urteilsprädikat ist: jene heißen Adjektive, diese Verben. [94] Folgerichtig bezeichnet Vater jedes Substantiv als Subjektswort, unabhängig davon, ob es im Casus rectus steht oder nicht, ebenso nennt er Adverbien Prädikatswörter. [95] Die Begriffe Subjekt und Prädikat verbleiben also in der logischen (also semantischen) Sphäre. Hüten muss man sich vor der Versuchung, Vaters Termini 'Subjektswort' und 'Prädikatswort' im heutigen Sinne von Subjekt und Prädikat aufzufassen: Es handelt sich nicht um funktionale Begriffe, sondern um kategoriale Bezeichnungen für Wörter, die das logische Subjekt bzw. das logische Prädikat ausdrücken, also um synonyme Begriffe für die Wortarten, die lediglich aussagekräftiger sind als Substantiv und Verb.
Fassen wir zusammen: Da sich die Analyse der Allgemeinen Grammatik nicht auf die Syntax, sondern auf die Semantik konzentriert, kann die Verwendung der logischen Begriffe Subjekt, Prädikat und Kopula nicht dazu führen, dass der formale Aufbau eines Satzes untersucht wird. Das Ziel der Allgemeinen Grammatik ist die Entdeckung der universellen Tiefenstruktur der Sätze, und daher behandelt sie einen Ausdruck wie 'weiße Wand' in gleicher Weise wie den tiefenstrukturell zugrunde liegenden Satz 'die Wand ist weiß', so dass folgerichtig in beiden Fällen 'Wand' als Subjekt bezeichnet wird: In beiden sprachlichen Äußerungen wird der Gedanke der Weißheit der Wand in Worte gekleidet, nimmt eine Verbindung von Dingen oder Gedanken eine sprachliche Form an. Die Suche nach den Gedanken, die den Sätzen vorausgehen, hat Vorrang vor der Untersuchung der sprachlichen Form: die Signifikanten sind nur Hindernisse auf dem Weg zu den Signifikaten und den Gedanken der Menschen. Somit kommen wir zu folgender Einteilung der bereits bei Harris verwendeten Ebenen: auf der ontologischen Ebene handelt es sich um Dinge, die im Kopfe des Menschen Gedanken (Vorstellungen) hervorrufen (logische Ebene), die dieser mithilfe von Signifikanten ausdrückt (sprachliche Ebene). Die Begriffe Subjekt und Prädikat gehören zur zweiten, der logischen oder, in moderner Ausdrucksweise, semantischen Ebene. Ob ein Wort als Subjekt (oder genauer: als Subjektswort) oder als Prädikat(swort) bezeichnet wird, hängt nicht von seinen morphologischen und syntaktischen Verhaltensweisen ab, sondern allein von der Analyse der logischen Struktur des zugrunde liegenden Gedankens.
Die Begriffe Subjekt und Prädikat werden also als semantische (und nicht etwa als syntaktisch-funktionale) Kategorien verwendet. Die Definitionen der beiden Termini in den Grammatiken des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts weichen nicht nennenswert voneinander ab, da sie zusammen mit den Termini aus der Logik übernommen werden und somit der logischen Bestimmung von Satzgegenstand und Satzaussage entsprechen: "Subject heißt das, wovon etwas gesagt wird; Prädikat heißt das, was von dem Subject gesagt wird." [96] Dementsprechend bestimmt Bröder in dem Satz Deus amat probos als Subjekt Deus, als Prädikat amat probos. Da der Objektbegriff noch keine terminologische Größ e in der Grammatik darstellt, analysiert Bröder probos in der Begrifflichkeit der Rektionsgrammatik: "der Casus probos wird von dem Verbo amat regiert." [97] Ebenso ist nach Johann Christoph Adelung das Prädikat in Sätzen wie "Es frieret mich, es grauet mir" das Verb mit seinem Casus – überhaupt "macht" das Verbum finitum "mit allen seinen Bestimmungen eigentlich das Prädicat aus". [98] Prädikat bezeichnet bei Bröder und Adelung also, in moderner Terminologie, das Prädikat mitsamt seinen Ergänzungen. Diese umfassende Interpretation des Begriffs setzt sich in der Folgezeit nicht durch. Gewöhnlich findet sich eine Auffassung von Prädikat, die schon in den oben vorgeführten Analysen vorlag und sich auf die Satzanalyse von Port-Royal zurückführen lässt: Da mit dem Begriff Prädikat dasjenige bezeichnet wird, was von dem Subjekt ausgesagt wird, entspricht dem semantischen Begriff des Prädikats auf der Ebene der Signifikanten unser Prädikatsnomen [99] – diese Verwendung des Begriffs findet sich – um nur ein Beispiel von vielen anzuführen – etwa bei Adelung: Die Stelle des Prädikats können "Hauptwörter mit allen ihren Bestimmungen" oder "Adverbia" (gemeint sind die unflektierten Adjektive und Partizipien im Deutschen) einnehmen, so dass Adelung das Prädikat sogar als Adverb bezeichnet, das einem Substantiv (oder Subjekt) durch ein Verb zugesprochen wird. Folgerichtig und im Einklang mit der Tradition analysiert Adelung eine Verbform wie 'kommt' als 'ist kommend'. [100] So ist in dem Satz "Cajus kommt von Wien" 'kommend' das Prädikat, das Verbum "dasjenige Wort, welches das unselbständige Prädicat mit dem selbständigen Dinge verbindet", also 'ist'. [101] Bei Adelung ist das Prädikat also sowohl das finite Verb mit seinen Ergänzungen (s. die zuerst angeführten Stellen) als auch (bei zweiwertigen Verben) das Prädikatsnomen. [102] Dieser scheinbare Widerspruch wird aufgelöst, wenn man davon ausgeht, dass Adelung auch im ersten Fall nicht das Verbum finitum, sondern den prädizierenden Teil des Verbum finitum meint, zu dem im Falle von zwei- und mehrwertigen Verben das Objekt (im heutigen Sinne) zu rechnen ist. Das Prädikat ist also das "unselbständige" Merkmal einer Substanz, dieses Merkmal kann entweder Handlung oder Eigenschaft sein: erstere wird durch Verben, zweitere durch Adjektive und (seltener) Substantive ausgedrückt. Diese Auffassung von Prädikat muss immer berücksichtigt werden, wenn man den Begriff in einer Grammatik des hier betrachteten Zeitraums findet.
Weicht schon die Verwendung des Begriffs des Prädikats von dem heutigen Usus ab, so ist der Gebrauch des Subjektbegriffs nach heutigen Maßstäben noch schillernder. Um das Ergebnis der folgenden Untersuchungen bereits vorwegzunehmen: Der Begriff Subjekt bezeichnet sowohl den Gegenstand als auch den Ausdruck für diesen Gegenstand; eine funktionale Verwendung als sprachlicher Terminus lässt sich nur ansatzweise belegen. [103]
Wir haben oben davon gesprochen, dass Subjekt und Prädikat semantische Kategorien sind. Wie man aber an den angeführten geläufigen Definitionen [104] erkennen kann, handelt es sich genauer gesagt um pragmatische Begriffe: Das Subjekt entspricht dem Thema, das Prädikat dem Rhema. Bei dieser pragmatischen Definition wäre nun zu erwarten, dass Sätze nach dem Grad der Informationsverteilung analysiert werden, dass also z.B. topikalisierte Begriffe als Subjekt bezeichnet werden, ohne dass sie das grammatische (genauer: syntaktische) Subjekt sind. Dies ist auch zuweilen der Fall: So bezeichnet Adelung in dem Satz "graben mag ich nicht" den Infinitiv 'graben', in dem Satz "gestern sah ich ihn" 'gestern' als Subjekt. [105] Diese Analysen sind, bei einer Definition des Subjektes als Satzgegenstand, konsequent. Je nach Kontext können in den angeführten Sätzen 'graben' und 'gestern' Themata und somit Subjekte sein. [106] So konsequent diese Analyse auch nach der allgemeinen Definition von Subjekt und Prädikat ist, so selten folgt ihr die Praxis der Grammatiker – zu verfestigt ist schon die unwillkürliche Identifikation des Hauptnominativs [107] eines Satzes mit dem Subjekt, [108] wie sie sich etwa aus den in Grammatiken verwendeten Beispielsätzen zur Einführung der Begriffe regelmäß ig ergibt. Diese Identifikation führt dazu, dass das Subjekt mit dem Agens eines Satzes gleichgesetzt wird [109] und damit als Träger einer semantischen Rolle fungiert. Adelung diskutiert das Problem der unpersönlichen Verben, bei denen das Subjekt nur scheinbar im Dativ oder im Akkusativ stehe, denn: "diese sind alsdann wirklich der leidende Gegenstand, und das Subject wird durch das unbestimmte es vertreten." [110] Die Deutung, die Adelung hier angreift, [111] geht offenbar von einer Identität der Sätze "ich friere" und "mich friert" aus, in deren semantischer Tiefenstruktur 'ich' und 'mich' in der Tat dieselben Positionen einnehmen, so dass es sich, eine bestimmte semantische Definition des Subjekts vorausgesetzt (Subjekt als Handlungsträger, nämlich als Frierender), in beiden Fällen um das Subjekt handelt. Auch Adelung geht, zumindest an der zitierten Stelle, von einer semantischen Definition des Subjekts aus, da er die Bezeichnung Subjekt für 'mich' mit der Begründung ablehnt, 'mich' bezeichne den leidenden Gegenstand und nicht – wie zu ergänzen ist – die handelnde Person. Wäre Adelung konsequent, dürfte er 'ich' in 'ich friere' ebenfalls nicht als Subjekt bezeichnen – daran hindert ihn aber die unwillkürliche Identifikation des Subjekts mit dem Nominativ. Adelung verstöß t somit (wie viele) gegen die tiefenstrukturelle Analyse der Allgemeinen Grammatik und lässt sich durch die morphologische Form täuschen. Mit diesen unwillkürlichen Identifikationen, die die schon bei Harris aufgezählten Ebenen der Sprachbeschreibung vermischen und mit der impliziten Bestimmung des Subjekts als Bezeichnung eines Agens einen neuen Aspekt einführen, ist der Grundstein gelegt für eine Verwendung der Begriffe Subjekt und Prädikat zur Bezeichnung von Satzgliedern. Man kann hier bereits in nuce von einer syntaktischen Verwendung des Begriffs Subjekt sprechen.
Der Subjektbegriff wird nun um 1800 nicht nur auf Nomina in obliquen Kasus ausgedehnt, die man heute allenfalls als logische Subjekte bezeichnen würde (also etwa auf die Akkusative bei unpersönlichen Verben), [112] sondern auch auf andere oblique Kasus, ohne dass sich eine Systematik feststellen ließe: So bezeichnet Grotefend das erste Vergleichsglied beim Ablativus comparationis als Subjekt, auch wenn es sich wie in dem Satz Neque ego hac nocte longiorem me vidisse censeo [113] um ein Akkusativobjekt handelt. [114] Ebenso erklärt er den doppelten Akkusativ damit, dass das "Prädikat" (also das Prädikatsnomen) zugleich mit seinem "passiven" Subjekt regiert werde, was als Attraktion zu betrachten sei. [115] Nach Schmitthenners Ursprachlehre von 1826 kann der qualitative Genitiv das Subjekt bezeichnen (z.B. in Verbindungen wie "des Mannes Kraft, der Diener des Herrn") oder das Subjekt im Gegensatz zum Objekt (z.B. in dem Ausdruck "Gedichte Schillers"). [116] Erstere Auffassung Schmitthenners findet sich auch in Krügers Lateingrammatik von 1842: "Die Eigenschaft wird nämlich als den Gegenstand, dem sie angehört, innehabend, erfüllend, durchdringend gedacht. Der Gegenstand ist daher gleichsam das Besitzthum oder der Sitz der Eigenschaft. Man könnte sagen: magna sapientia obtinet hominem; demnach: homo magnae sapientiae", und in einer Fußnote: "Auf diese Weise erscheint der Gegenstand als das Object [der Eigenschaft] ..., sie selbst als Subject." [117] Auch in Kühners Griechischer Grammatik, die der noch zu behandelnden Beckerschen Satzlehre verpflichtet ist, findet sich die Aussage, dass "das attributive Satzverhältniss zur näheren Bestimmung des Subjekts (eines Substantivbegriffes) dient"; [118] andererseits heißt es wie selbstverständlich: "Das Subjekt steht im Nominativ". [119] Auch die schon bei Adelung vorgefundene Bedeutung von Subjekt, Subjekt i.S.v. 'Gegenstand der realen Welt', findet sich bei Kühner: Bei den passiven Verben erscheine "das Subjekt als von einem Gegenstande leidend und afficirt"; so spricht Kühner auch an einigen Stellen von einem Objekt der Subjektsphäre. [120]
Die zitierten Beispiele belegen eine bis weit ins 19. Jahrhundert hinein herrschende Begriffsverwirrung, die die Frage berechtigt erscheinen lässt, aus welchen Gründen man das logische Begriffspaar Subjekt und Prädikat zu den schon existierenden Paaren Substanz / Attribut und Substantiv / Attributiv hinzugefügt hat – stiften die beiden logischen Termini doch offensichtlich mehr Verwirrung als Ordnung. Handelt es sich also bei der Übernahme der beiden Begriffe aus der Logik um eine akademische Bereicherung der Begrifflichkeit, die nichts zur Lösung theoretischer oder praktischer sprachlicher Probleme beiträgt, so dass ihre auch heute noch unumstrittene Verwendung überraschen müsste? Aber bereits ein Beleg aus den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts, noch dazu aus einer praktischen Sprachlehre, zeigt, dass sich mithilfe der neuen Kategorien Missverständnisse vermeiden ließen, die aus der Beschreibung mit rein morphologischen Kriterien entstehen mussten: In seiner lateinischen Sprachlehre für Schulen lehnt Immanuel Scheller die sinnlosen, weil nicht eindeutigen Lehrerfragen nach dem Nominativ oder Verb eines Satzes ab und fordert statt dessen, nach Subjekt und Prädikat (oder Verbum finitum) zu fragen, [121] die er wie folgt definiert: "Das Subject ist der sogenannte Hauptnominativ, [122] der vor dem Verbo vorher gehen muß. [123] Das Prädicat ist das sogenannte Verbum mit seinem Casu." Es könne nun vorkommen, dass sich aus dem Kontext nicht eindeutig erkennen lässt, welcher Nominativ das Subjekt bzw. Prädikat ist, so dass der Schüler überlegen müsse, was Subjekt und was Prädikat ist: miles est maritus. [124] Mithilfe der Bezeichnungen Subjekt und Prädikat lassen sich also Missverständnisse vermeiden, die entstehen, wenn man lediglich von Nominativ oder Verb spricht. Scheller und mit ihm alle, die die Begriffe Subjekt und Prädikat verwenden, erkennen durch diese Praxis implizit und ohne dass es ihnen bewusst wäre die Überlegenheit eines funktionalen Rektionsbegriffs an. Doch trotz dieser ersten Schritte zu einer Unterscheidung zwischen Wortarten (Redeteilen) und Funktionen (Satzgliedern) bleibt die synonyme Verwendung der Termini lange Zeit bestehen. [125] So bilden nach Reinbeck das Substantiv (die Bezeichnung der Substanz), das Verb und die Kopula den Satz. [126] In seiner Definition von Subjekt und Prädikat identifiziert Ramshorn letzteres mit dem Verb. [127] Noch Madvig wird von dem "im Verbum ausgesagten Prädicat" sprechen [128] und das Verb semantisch und funktional, aber ausdrücklich nicht morphologisch definieren. [129]
Während Subjekt und Prädikat aus der Logik in die Grammatik übernommen werden, stammen zwei andere Satzgliedbezeichnungen aus der allgemeinen philosophischen Terminologie, nämlich Objekt und Attribut. [130] Da die Behandlung beider Begriffe den Rahmen dieser Untersuchung sprengen würde, musste eine Beschränkung vorgenommen werden. Die Wahl fiel deswegen auf den Objektbegriff, weil die Verwendung des Attributbegriffs um 1800 mit dem heutigen Gebrauch weitgehend übereinstimmt – zumindest verglichen mit dem Bedeutungswandel des Begriffs Objekt.
Der Terminus Objekt ist heutzutage ein schwer fassbarer Begriff. In den Grammatiken wird die Bezeichnung Objekt auf Ergänzungen im Akkusativ, Dativ und Genitiv sowie auf ablativische Ergänzungen von Deponentien (uti, frui, fungi etc.) beschränkt, während präpositionale Ergänzungen (etwa ad aliquid aggredi) nicht als Objekt bezeichnet werden. Diese Verwendung des Begriffs hat sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgebildet. [131] So liest man in der wichtigsten bayerischen Schulgrammatik dieser Zeit, derjenigen von Englmann: "Objekt heißt der Gegenstand, den ein Verb oder ein Adjektiv auf die Fragen wen? oder was? wem? wessen? für wen? etc. als Ergänzung zu sich nimmt." [132] Folgerichtig bezeichnet Englmann die ablativischen Ergänzungen der Deponentien als Objekt, wendet diese Ausdrucksweise aber nicht an bei carere, abundare und anderen den Ablativ regierenden Nicht-Deponentien, ja nicht einmal bei Verben, die den Genitiv regieren (z.B. oblivisci). [133] Diese enumerative Definition und die sich daraus ergebende Einschränkung des Objektbegriffs sind linguistisch unzureichend, da bei einer synchronen, valenzgrammatischen Betrachtung kein Unterschied besteht zwischen dem Ablativobjekt von uti und den ablativischen Ergänzungen bei Nicht-Deponentien (oder präpositionalen Ergänzungen). Nicht zuletzt wegen der Unschärfe des Objektbegriffs bevorzugen neuere Lateingrammatiken statt Objekt aus der Valenzgrammatik stammende Begriffe wie Ergänzung (z.B. Happ, 1976; vgl. Pinkster 1988). Es wird sich zeigen, dass die heutige inkonsequente Verwendung des Begriffs aus seiner Geschichte erklärt werden kann.
Da die Begriffe Objekt und Attribut in der Logik, der wichtigsten Begriffsquelle für die Wortartengrammatik des 18. Jahrhunderts, allenfalls eine untergeordnete Rolle spielten, fanden sie später Eingang in die grammatische Terminologie als Subjekt und Prädikat. [134] Der Begriff des Objekts wird als Antipode zum Subjekt vermutlich aus der Erkenntnistheorie übernommen. Wie der Subjektbegriff bezeichnet Objekt bis weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein (genauer gesagt bis zu den bahnbrechenden Arbeiten Beckers und anderer Mitglieder des Frankfurter Gelehrtenvereins) entweder den bezeichneten Gegenstand, also das ontologische oder mentale Signifikat, [135] oder den Ausdruck des Signifikats; in beiden Fällen handelt es sich um einen semantischen und nicht um einen funktionalen Begriff. [136]
Das Wort obiectum bezeichnet in den Grammatiken ursprünglich die Sache im Gegensatz zur Person (persona). So unterscheidet Gesner 1740 zwischen einem "Accusativus Personae" und einem "Genitivus Obiecti, oder des Dinges" bei den Verba affectuum. [137] In dieser Verwendungsweise wird obiectum synonym zu res gebraucht. [138] Als Locus classicus für die Verwendung des Objektbegriffs in einem dem heutigen Gebrauch nahe kommenden Sinne gilt das Werk Les vrais principes de la langue françoise des Abbé Gabriel Girard (um 1677–1748) aus dem Jahre 1747. Girard verwendet nicht nur den Begriff Objekt zur Bezeichnung des Gegenstandes, sondern er prägt außerdem die Bezeichnung Objectif für den Ausdruck des Objekts, scheidet also terminologisch zwischen Signifikat-und Signifikantenebene. [139] Hier handelt es sich aber lediglich um eine begriffliche Differenzierung und nicht um eine funktionale Bestimmung von Satzteilen, die Girard nicht syntaktisch, sondern semantisch definiert, nämlich als Ausdrücke ihrer Signifikate. [140] Syntaktische Beziehungen sind nicht integraler Bestandteil der Definition, sondern spiegeln lediglich die Beziehungen auf der Ebene der Signifikate wieder: So ist das objet das Ziel der Prädikation (von Girard als Attribution bezeichnet); [141] das Objectif ist der Ausdruck des objet, und wie dieses in Beziehung zur Attribution steht, so wird das Objectif vom Attributif, dem Ausdruck der Attribution, regiert. Welche Bedeutung der Zeichenfunktion der Ausdrücke zukommt, erkennt man auch daran, dass Girard in seinen exemplarischen Satzanalysen die Satzglieder nach semantischen Kriterien identifiziert; so ist in dem Satz "nous donnons toujours la préférence àcelleci" der Ausdruck 'la préference' das Objectif, weil es die Attribution auf ein bestimmtes Objekt ("objet déterminé") festlegt. [142] Die Leistung Girards liegt also v.a. in der Schaffung einer eigenen Begrifflichkeit für eine dritte Ebene, weniger in der konsequenten Ausgestaltung dieser neuen Ebene. Da sich sein terminologisches System aber nicht durchsetzen kann, wird es bis in die 20er Jahre des folgenden Jahrhunderts dauern, bis ein vergleichbarer Systematisierungsversuch unternommen wird. Die Zeit war noch nicht gekommen für Girards Gedanken, die zu originell und ungewohnt waren; erst als sich die neuen Begriffe längst ihr Bleiberecht in der grammatischen Beschreibung gesichert hatten, war es möglich, sie zu systematisieren und zu differenzieren. [143]
Das Wort obiectum lässt sich also in der Grammatik zu einem recht frühen Zeitpunkt nachweisen; der Terminus ist der wohl aus der Philosophie übernommene Gegensatzbegriff zu persona und wird daher vor allem bei der Beschreibung von Verben gebraucht, die sowohl eine personale als auch eine Sachergänzung regieren. Da in allen anderen Fällen die Differenzierung zwischen Personen und Sachen zweitrangig ist, wird der Objektbegriff in der grammatischen Darstellung nur spärlich verwendet; erst nachdem sich die Dreiheit Subjekt, Prädikat und Kopula etabliert hat, kann der Objektbegriff Bedeutung erlangen. Da sich nämlich mit diesen drei Termini ein Satz noch nicht erschöpfend beschreiben lässt, entstehen Leerstellen, die – entsprechend der Verwendung dieser Dreiheit als logische Begriffe [144] – als semantische Leerstellen empfunden werden. Das Objekt füllt nun eine Leerstelle aus, indem es dem Subjekt gegenübertritt: Ein i.d.R. vorausgesetztes, aber nicht immer explizit erwähntes Merkmal des Subjekts ist die Tätigkeit. [145] Dieser Tätigkeit des Subjekts werden nun zwei Dinge entgegengesetzt (obiciuntur): die Passivität eines leidenden Gegenstandes und die Aktivität eines persönlichen, handelnden Gegenstandes. [146] Ein Beispiel für diese zweifache Verwendung des Begriffs findet sich in Meiners Versuch einer Sprachlehre von 1781, [147] wo vier "zur Erklärung des Prädikats erforderliche selbständig gedachte und deswegen mit Substantiuis ausgedrückte Dinge" aufgezählt werden: das Subjekt, [148] der persönliche Gegenstand (oder Objectum personale, um dessentwillen etwas geschieht und das in allen Sprachen durch den Dativ ausgedrückt wird), der leidende Gegenstand (Objectum reale) und das Instrument (Werkzeug, Mittel). [149]
Zuweilen versucht man, diesen zweifach verwendeten Objektbegriff auf seine ursprüngliche Verwendung, nämlich als Bezeichnung der Sache im Gegensatz zur Person (Subjekt) einzuschränken, doch die meisten derartigen Versuche bleiben theoretischer Natur, da in den entsprechenden Werken de facto die Bezeichnung Objekt auch auf Personen ausgedehnt wird, die durch ein Substantiv in einem obliquen Kasus bezeichnet werden. So setzt Bröder in seiner Lateingrammatik von 1793 zwar Subjekt mit Person und Objekt mit Sache gleich, wenn er sagt, dass bei den Verba impersonalia"das Subject oder die Person im Accusativ, das Object aber, oder die Sache ... im Genitiv" stehe, [150] bezeichnet aber andererseits das Objekt nach Verben mit doppeltem Akkusativ als Objekt und führt ein personales Beispiel an. [151] Eine andere Möglichkeit, den Objektbegriff zu reduzieren, ergibt sich aus der Opposition 'handelnd' (d.h. Subjekt) vs. 'leidend': So kann nach den Philosophischen Principien von 1805 das Subjekt zwar dreifach gedacht werden (existierend, handelnd, leidend), das Objekt aber "nur als existirend und leidend, nie aber als handelnd". [152] Manchmal wird auch der Begriff des Objekts, wie bei Girard, auf den Akkusativ eingeschränkt. [153]
Ein Beleg dafür, dass es um 1820 noch keinen grammatischen Objektbegriff gibt, [154] während das Subjekt bereits auch syntaktisch aufgefasst wird, ist Georg Friedrich Grotefends lateinische Grammatik. Grotefend unterscheidet dort zwischen dem grammatischen und dem physischen Subjekt. Das grammatische Subjekt steht im Gegensatz zum Prädikat, das physische Subjekt im Gegensatz zum Objekt: "Bei einem Verbo activo sind beiderlei Subjecte in einem Worte vereinigt, bei einem Verbo passivo aber ist das Object der Handlung grammatisches Subject." [155] Objekt ist für Grotefend das Objekt der Tiefenstruktur und somit eine semantische Kategorie. Das Objekt bleibt in der Lateingrammatik lange Zeit ein semantischer Begriff (s. auch oben das Zitat aus Englmanns Grammatik von 1881). So findet sich in Krügers Abhandlung von 1826 folgender Satz: "Object eines ... Verbi, oder im Allgemeinen einer ... Thätigkeit". [156] Der Beckeradept Raimund Wurst definiert in den 40er Jahren Objekt als Gegenstand, [157] ebenso Madvig in seiner lateinischen Grammatik. [158]
Zu einem funktionalen Begriff entwickelt sich der Terminus Objekt vor allem durch die Veröffentlichungen, die im Umfeld des Frankfurtischen Gelehrtenvereins für Deutsche Sprache entstanden sind, obwohl (und dies ist nur auf den ersten Blick ein Paradox) die 'Frankfurter' noch unmissverständlicher als andere Grammatiker Objekt mit Gegenstand gleichsetzen. Zu dem Verein, der im Jahre 1817 gegründet wurde und seitdem eine eigene Zeitschrift herausgab, gehörten u.a. Karl Ferdinand Becker, der schon mehrfach erwähnte Georg Friedrich Grotefend, sein Neffe August Grotefend, Simon H.A. Herling, G.T.A. Krüger, Raphael Kühner, Georg Reinbeck und Friedrich Schmitthenner. Dem Verein nahe stand der Direktor des Lehrerseminars in St. Gallen, Raimund Jakob Wurst (1800–1845), der das in Frankfurt entwickelte Satzgliedsystem seit 1836 vor allem in der Volksschule verbreitete. Am bekanntesten und einflussreichsten von den 'Frankfurtern' wurde der Lehrer und Arzt Karl Ferdinand Becker (1775–1849), [159] mit dem schon seine Zeitgenossen das später nach ihm benannte Satzgliedsystem in Verbindung brachten. Die wissenschaftliche Leistung Beckers wurde im 19. und 20. Jahrhundert häufig heruntergespielt, wenn nicht gänzlich geleugnet. Erst allmählich erkannte man seine Bedeutung: Auf Becker gehen die Fixierung der grammatischen Begriffe in der wissenschaftlichen und pädagogischen Grammatik, die Trennung zwischen Attribut und Prädikat und die konsequentere Scheidung zwischen der Ebene der Signifikanten und der Ebene der Signifikate zurück. [160]
Hier seien nur diejenigen Charakteristika des Beckerschen Systems skizziert, die für unsere Zwecke unmittelbar von Belang sind. Becker kommt in seiner deszendenten, vom Satz ausgehenden Sprachbetrachtung zu drei Satzverhältnissen: [161] dem prädikativen (Subjekt–Prädikat), dem attributiven (Erweiterung des Subjekts durch ein Attribut) [162] und dem objektiven Satzverhältnis (Erweiterung des Prädikats durch ein Objekt). Das Objekt gliedert sich zweifach, in das ergänzende (das im Wesentlichen unserer Ergänzung entspricht) und in das bestimmende Objekt (unserer freien Angabe). Das ergänzende Objekt ist die notwendige Ergänzung eines Verbalbegriffs, während das bestimmende Objekt die Verbalhandlung nach den vier Beziehungen Raum, Zeit, Kausalität und Weise bestimmt. [163] Ob ein Objekt ergänzend oder bestimmend ist, entscheidet der Verbalbegriff – modern gesprochen hat Becker also einen semantischen Valenzbegriff. Aus heutiger Sicht ist die Tatsache überraschend, dass Becker sowohl Ergänzungen als auch freie Angaben unter dem Objektbegriff zusammenfasst [164] – wohl deswegen, weil er an der Vierzahl (Subjekt, Prädikat, Attribut, Objekt) festhalten wollte, um der Bestimmung des Subjekts (Attribut) nur eine Bestimmung des Prädikats gegenüberzustellen. Bei Becker, wie überhaupt im Frankfurter Gelehrtenverein, war das Bemühen um eine genaue Begriffsverwendung am größ ten, und so versucht er, strikt zu trennen zwischen den grammatischen Begriffen, die er auf -iv (Objektiv, Attributiv) enden lässt, und ihren Signifikaten (Objekt, Attribut). [165] Diese Trennung hält Becker aber nicht durch, [166] weil die Begriffe Objekt und Attribut schon viel zu etabliert waren, als dass sich ihre Derivativa auf -iv hätten durchsetzen können. So scheidet etwa der 'Frankfurter' Kühner zwar terminologisch genau, wenn er sagt: "Der auf diese Weise bezogene Substantivbegriff wird, insofern er dem Prädikate (Verb, Adjektiv) gleichsam entgegensteht, Objekt und der Ausdruck des Objekts Objektiv genannt", [167] beachtet seine eigene Unterscheidung aber kaum; er spricht etwa, um nur eines von vielen Beispielen anzuführen, von der "Flexion des substantivischen Objekts". [168] So wird gerade das Bedürfnis nach einer klaren Festlegung des Objektbegriffs auf die Semantik zum Steigbügelhalter für seine Verwendung in der Syntax.
Abschließend sei noch im Sinne einer Zusammenfassung der Versuch unternommen, eine Antwort auf die zu Beginn dieses Abschnitts implizit gestellte Frage zu geben, warum in den Lateingrammatiken seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts die ablativischen Ergänzungen von Nicht-Deponentien nicht als Objekte bezeichnet werden. Hier spielen wohl folgende Faktoren eine Rolle: (1) Ursprünglich war der Objektbegriff auf Ergänzungen im Dativ und Akkusativ beschränkt, erst allmählich wurde auch der Genitiv einbezogen. (2) Die ablativische Ergänzung nach Deponentien wie uti wurde wie die Ergänzung von synonymen Verben (etwa adhibere) aufgefasst, so dass qua Analogie der Objektbegriff auf den regierten Ablativ übertragen wurde. [169] (3) Der Ablativ nach anderen Verben wird nicht als Objekt aufgefasst, weil die eigentümliche Kraft des adverbialen Kasus des Ablativs hier noch zu spüren war (nämlich die separative oder instrumentale Bedeutung oder deren Gegenteil). (4) Dadurch, dass sich die Beckersche Bezeichnung Objekt für Ergänzung und freie Angabe nicht durchsetzen konnte, [170] blieb dem als adverbial empfundenen Ablativ nach carere und anderen Nicht-Deponentien die Anerkennung als Objekt verwehrt.
III. Vier Beispiele für Kasussysteme: Gottfried Hermann (1801), Georg Friedrich Grotefend (1820), August Grotefend (1830) und Raphael Kühner (1836)
Als Beispiele für vier unterschiedliche Kasussysteme seien die lateinischen Grammatiken von Georg Friedrich Grotefend (1820), seinem Neffen August Grotefend (1830) und die griechischen Grammatiken von Gottfried Hermann (1801) und Raphael Kühner (1836) herangezogen. [171] Hermanns Grammatik ist ein in ihrer Radikalität wohl einzigartiger Versuch, die Kantischen Kategorien konsequent in der Sprachwissenschaft anzuwenden. Die Kasuslehren der anderen Autoren unterscheiden sich deutlich voneinander, obwohl alle drei zum Frankfurter Gelehrtenverein gehörten: Georg Friedrich Grotefend verbindet die traditionellen Ansätze mit den Kantischen Kategorien. Sein Neffe August Grotefend kann sich schon auf die von Becker herausgearbeiteten Satzverhältnisse stützen, von denen er das objektive Satzverhältnis benützt, um zu den Grundbedeutungen der Kasus zu gelangen; vor allem in seinen Schlussfolgerungen in Einzelfragen weicht er von seinem Onkel stark ab. Raphael Kühner bezieht sich zwar ebenfalls auf Beckers Satzverhältnisse, greift aber gleichzeitig die neuen lokalistischen Kasustheorien auf, die aus der Anwendung der Kantischen Kategorien entstanden waren. [172]
(a) Gottfried Hermann (1772–1848)
Der Klassische Philologe Gottfried Hermann, Professor in Leipzig, sah in der Anwendung der Kantischen Philosophie die einzige Möglichkeit, die griechische Grammatik wissenschaftlich zu behandeln. Die Unzulänglichkeit eines entsprechenden Versuches von Johann Hasse beweist Hermann anhand einiger Beispiele. [173] Er selbst entwirft in seiner lateinisch verfassten Griechischgrammatik von 1801 ein an Kant orientiertes, recht komplexes grammatisches System, in dem er die Quantität dem Numerus, die Qualität dem Genus, die Modalität den Personen und die Relation dem Kasus zuordnet. [174] Von diesem Theoriegebäude ist für uns nur die Behandlung der Kasuslehre interessant. [175] Unter die erste Kategorie der Relation fallen sowohl der Genitiv, da in einem Ausdruck wie Atheniensium civitas durch Atheniensium die Substanz, durch civitas das Akzidenz bezeichnet werde, als auch der Akkusativ, der Akzidenzien bezeichne. So wird durch den Satz teneo librum ausgedrückt (significatur), dass es sich bei librum um die Akzidenz des Haltenden handelt. Ablativ und Dativ gehören zur zweiten relationalen Kategorie, der Ablativ zur Kausalität, was Hermann – aufgrund der grammatischen Tradition – als selbstverständlich ansieht, der Dativ zur Wirkung. Der Ablativ drückt aber nicht die eigentliche Ursache aus, sondern die sie vollziehende Sache, das Werkzeug. Ebenso bezeichnet der Dativ nicht die Wirkung, sondern die Sache, an der sich die Wirkung vollzieht. Sagt man scribere alicui (Hermann selbst führt lateinische Beispiele an), so stellt man sich vor, dass der Empfänger des Briefes affiziert wird und spürt, dass etwas in ihm bewirkt wird; Hermann betont eigens, dass dies für alle Beispiele des Dativs gelte. Mit der Nähe von Ursache und Wirkung erklärt Hermann die Tatsache, dass Dativ und Ablativ im Griechischen keine morphologischen Unterschiede aufweisen: dies sei aus nachlässigem Sprachgebrauch entstanden. Der dritten Kategorie der Relation, der Wechselwirkung, haben die Sprachen nach Hermann keinen Kasus zugeordnet. Hermann fügt in seinen Darlegungen zu den Kasus oft ausdrücklich hinzu, dass es nicht darum gehe, auf welche Weise die Signifikate in der Wirklichkeit existieren (das wären die nicht erkennbaren Kantischen Dinge an sich), sondern wie sie gedacht werden. Diese Theorie ist nicht typisch für Hermann, sondern überhaupt ein Charakteristikum der Lehre von den Kasusbedeutung, deren Vertreter häufig betonen, dass die Bedeutung eines Kasus unterschwellig gedacht oder empfunden werde. Wenn man einen modernen Begriff verwenden möchte, so handelt es sich um eine Theorie der Konnotation, die man als semantisches Pendant zur subintellectio der Ellipsentheorie auffassen kann: Wie man bei dem Ausdruck carere aliqua re Akkusativ und Präposition (caritatem ab) hinzudenken muss, um ihn syntaktisch zu erklären, so erschließen erst die mitzudenkenden Konnotationen eines Kasus die Bedeutung eines Ausdrucks vollständig. Wie schon der Ellipsentheorie, so öffnet sich hier der Kasustheorie eine Möglichkeit für Spekulationen, die sie nicht mehr aus dem Sprachmaterial rechtfertigen muss, da sie immer mit der allgemeinen Konnotation eines Kasus argumentieren kann. Die Prozesse der konnotativen oder mentalen Ebene schieben sich zwischen die Signifikate und die Signifikanten und beeinflussen die Transformationsprozesse zwischen diesen Ebenen. [176] Mithilfe dieser Theorie lassen sich auch Unterschiede im Kasusgebrauch verschiedener Sprachen erklären, worauf wir bei der Behandlung von August Grotefends Kasussystem noch zurückkommen werden.
In den folgenden beiden von Hermann angeführten Beispielen unterscheiden sich jeweils zwei denotativ identische Ausdrücke in ihrem konnotativen Gehalt: der Unterschied zwischen Alexander Philippo creatus und Alexander Philippi filius besteht nach Hermann darin, dass durch den Genitiv Alexander als eines der Akzidenzien Philipps (nämlich als dessen Besitz) bezeichnet wird, während der Ablativ den Grund für die Geburt Alexanders angibt. Auch bei dem Paar donare aliquid alicui und donare aliquem aliqua re besteht kein Unterschied in der Denotation, wie Hermann betont, sondern lediglich in der Auffassung: Im ersten Fall wird der Beschenkte als unabhängig vom Willen des Schenkenden aufgefasst, im zweiten Fall ist er – als Akzidenz, dessen Kasus der Akkusativ ist – dem Willen des Schenkenden unterworfen. [177] Es sei noch ein drittes Beispiel angeführt, das zeigt, wie die Semantik die Syntax dominiert: Im AcI steht das Prädikatsnomen (praedicatum) im Akkusativ, weil es eine Akzidenz bezeichnet; das Subjekt des AcI gleicht seinen Kasus dem Prädikatsnomen im Akkusativ an – nicht etwa umgekehrt; dies beweist Hermann, indem er den Fall der subjektslosen Subjektsinfinitive anführt (z.B. praestat bonum esse).
(b) Georg Friedrich Grotefend (1775–1853)
Der Hannoveraner Gymnasialdirektor Georg Friedrich Grotefend, der durch die seit 1802 veröffentlichte Entzifferung der altpersischen Keilschrift berühmt geworden ist, entwarf in seiner Lateingrammatik von 1820 und in Vorarbeiten ein Kasussystem, in dem die Kantischen Kategorien der Relation, der Zeit und des Raumes mit den traditionellen Klassifizierungen der Fälle etwa als Zweck- (Dativ) oder Zielfall (Akkusativ) verbunden wurden: [178]
Verhältnis im Satz
inneres, an und für sich notwendiges Verhältnis der Einverleibung (Inhärenz) [179]
Beschränkfall [180]
Merkmal oder Teil eines Dings
an und für sich notwendige Ergänzung eines Begriffs, nicht erst durch die Wortverbindung im Satz bedingt [181]
äußeres Verhältnis der Abhängigkeit (Dependenz)
Zielfall
nächstes Ziel oder unmittelbares, eigentliches Objekt der Handlung:
einseitige Einwirkung oder Objektivität
adverbial auch:
Hinsicht auf etwas
Richtung wohin
Ausdehnung in Zeit und Raum
Zweckfall
entfernteres Ziel oder Objekt: Zweck, [182] daher wechselseitige Einwirkung oder Reciprocität (Gemeinschaft)
nicht-notwendiges Verhältnis [183]
adverbialer Beisatz
Nebenbegriff ohne notwendige Beziehung zu einem Satzteil:
(1) Ort wo und von wo, daher auch die Zeit wann, Grund, wirkende Ursache
(2) Mittel und Werkzeug, daher auch die Art und Weise (Modalität), Grad, Preis, Vergleichungspunkt, Gegenstand, über welchen man hervorragt (hierher gehören auch die regierten Ablative nach Deponentien) [184]
Grotefend zieht nun in der Praxis weitreichende Schlüsse aus den allgemeinen Kasusdefinitionen, die zeigen, dass sich durch die Verbindung der Kasus mit semantischen Kategorien neue Erklärungsmöglichkeiten ergaben: Da der Genitiv ein notwendiges, [185] bleibendes Merkmal bezeichnet, der Ablativ nur einen zufälligen, augenblicklichen Umstand, "welchen nicht der Begriff [während der Genitiv im Begriff enthalten ist; Anm. d. Verf.], sondern die Aussage [also der Satz; Anm. d. Verf.] bedingt", und der Akkusativ nur "das augenblickliche Ziel eines Verbi", gibt es Bedeutungsunterschiede zwischen Genitivus und Ablativus qualitatis und den beiden Rektionsmöglichkeiten beim Partizip Präsens Aktiv. [186] So bezeichnet amans Deum einen Menschen in dem "Augenblick, da er Gott liebt; amans Dei in Bezug auf seinen bleibenden Charakter ... Ebenso kann ein grausamer Wüterich vir summa clementia seyn, wenn er einmahl eine große Gnade ausübt; an und für sich ist er aber vir summae crudelitatis." [187] Dass der Genitiv überhaupt mit anderen Kasus vertauscht werden kann, erklärt sich daraus, dass ein Genitivus subiectivus bei der Umwandlung des Ausdrucks in ein passives Verb zu einem Ablativ mit ab wird (iudicium hominum wird zu iudicatur ab hominibus), der Genitivus obiectivus aber zu einem Akkusativ. [188] Diese Erklärungsmodelle, die sich zuerst bei Grotefend belegen lassen, finden sich bekanntlich auch heute noch in Grammatiken. [189]
(c) August Grotefend (1798–1836)
Der Göttinger Gymnasialdirektor August Grotefend geht in seiner lateinischen Grammatik von 1830 von dem objektiven Satzverhältnis Beckers aus, um zu den Grundbedeutungen der Kasus zu gelangen: "der Casus selbst hängt ab von der Art der Beziehung, in welcher der Gegenstand zur Thätigkeit gedacht wird. ... Da die Beziehungen des Objekts zum Verbum die mannigfaltigsten sind, und daher zuerst der genaueren Bezeichnung bedurften, so müssen wir, um die Grundbedeutung eines jeden Casus zu erkennen, auch von der Verbindung des Objekts mit dem Verbum ausgehen." [190] Da Grotefends Bestimmung der Kasusbedeutung ihren Anfang bei der Verbindung des Objekts mit dem Verb nimmt, steht am Anfang der häufigste Objektskasus, der Akkusativ, bei dem zwei Hauptfunktionen identifiziert werden, die von der Tradition bereits vorgegeben waren: Ziel und Wirkung (oder Zweck). Da die Zielfunktion auch von den anderen Casus obliqui ausgedrückt werden kann, während nur der Akkusativ den Zweck bezeichnet, ist nicht die Bezeichnung des Ziels, sondern die des Zwecks die dem Akkusativ eigentümliche semantische Funktion. [191] Aufgrund der unterschiedlichen Ausprägung der Zielfunktion bei den einzelnen Kasus gelangt Grotefend zu unterschiedlichen Grundbedeutungen, aus denen sich weitere Bedeutungen ergeben: [192]
Funktion des Ziels
Kasusgrundbedeutung
erweiterte Kasusbedeutungen
der Tätigkeit unterworfen
leidender Gegenstand
Zweck oder Wirkung der Tätigkeit
persönlich, die Tätigkeit aufnehmend oder ihr entgegenwirkend; dem Subjekt gegenüberstehend [193]
erzeugender Gegenstand, Ursache, Grund [194]
vermittelnd, ohne eigene Tätigkeit
Mittel, Vermittlung
Grund, Ursache > Raum > Zeit
Der Akkusativ bezeichnet also die Objektsbeziehung auf die allgemeinste Art, während die drei anderen Casus obliqui besondere Arten derselben darstellen. Da nun nach Grotefend bei der Erweiterung des Sprachgebrauchs das Allgemeine (wir würden heute von unmarkierten Elementen sprechen) immer an die Stelle des Besonderen (des markierten Elements) treten kann, sofern keine Zweideutigkeit entsteht, steht der Akkusativ oft anstelle eines anderen Kasus, nämlich dann, wenn das Ziel als bloße Sache gedacht werden soll. [195] Der Akkusativ kann daher als unmarkierter Kasus für die meisten Objektsbeziehungen verwendet werden. Grotefends Kasussystem unterscheidet sich – trotz der Einflüsse Kants und der modernen Grammatik – in keiner Hinsicht von den oben dargestellten traditionellen Ansätzen, deren Ursprünge sich bereits in der Antike nachweisen lassen, abgesehen davon, dass die Begründung von der Austauschbarkeit der anderen obliquen Kasus gegen den allgemeinen Kasus des Akkusativs ein neuer Gedanke zu sein scheint – und hier liegt der entscheidende Unterschied zu der Kasuslehre seines Onkels, in der Rektionsalternativen mit Bedeutungsunterschieden verbunden wurden. Eine wichtige Gemeinsamkeit verbindet August Grotefend und Gottfried Hermann: Beide betonen das konnotative Element in der Sprache, und wie Hermann interessiert sich auch Grotefend, wie sich zeigen wird, für denotativ identische Minimalpaare.
Grotefend erklärt nun das Auftreten eines Kasus mithilfe der Grundbedeutungen. So stehen Städte- und Inselnamen auf die Frage 'wo?' im örtlichen Dativ, weil die Orte als persönliche Wesen, die den Gegenstand aufnehmen, gedacht werden. [196] Da der Genitiv der Kasus der Ursache ist, bezeichnet er nach potiri den Gegenstand, welcher die Macht erzeugt. [197] Den schon oben behandelten Genitiv nach Präsenspartizipien wie amans erklärt Grotefend als einen kausalen Genitiv. [198] Kausal ist der Genitiv etwa auch bei folgenden Verben: Verba iudicialia; Verba affectuum; [199] Verben des Erinnerns und Vergessens; egere, indigere, refert, interest. [200] Die Ursache nennt Grotefend die sekundäre Bedeutung des Ablativs. So verwandelt sich bei den intransitiven Verben der Begriff des Mittels in den der Ursache, so dass der Ablativ auf die Fragen 'wovon? woran?' in notwendiger Beziehung (d.h. als Ergänzung) steht: [201] abundare, redundare, egere, liberare, spoliare etc. [202] Bei Städtenamen und allgemeinen Ortsbestimmungen verwandelt sich die sekundäre ursächliche Beziehung in die tertiäre räumliche Bedeutung, weil die Frage 'wovon?' zur Frage 'woher?' wird. Da sich nun alle Bestimmungsweisen vom Raum auf die Zeit übertragen lassen, wird aus der tertiären räumlichen Beziehung beim Ablativ eine zeitliche Beziehung (Frage 'wann?'). Außerdem dient der Ablativ zur Bezeichnung der Art und Weise durch die Angabe eines begleitenden Umstandes. Kommen wir zu den Fällen unterschiedlicher Konstruktionen bei einem Verb, die wir schon bei Hermann betrachtet haben und die von Grotefend paradigmatisch für die Folgezeit behandelt wurden. Grotefend behandelt z.B. Verbpaare, die im Deutschen eine vom Lateinischen abweichende Konstruktion aufweisen (adiuvare vs. helfen, invidere vs. beneiden usw.), und fordert eine angemessene deutsche Übersetzung, die den lateinischen Kasus beibehält, da etwa adiuvo te nicht genau dem deutschen Satz 'ich helfe dir' entspreche: Im Lateinischen ist das Objekt nur ein Gegenstand, im Deutschen sind Subjekt und Objekt gleich tätig gedacht, da der Dativ den Gegenstand bezeichnet, der dem Subjekt gleichberechtigt gegenübertritt. Grotefend stützt seine Behauptung mit dem Argument, dass man im Lateinischen sagen könne adiuvare laborem, im Deutschen aber 'der Arbeit helfen' eine unzulässige Ausdrucksweise wäre. Dieses Argument ist nicht nur schwach, sondern passt noch nicht einmal in Grotefends eigenes System, denn wenn es schlüssig wäre, müsste die Verbindung 'die Arbeit unterstützen' grammatikalisch sein. Grotefends Argumentation lässt sich auch auf anderem Wege mit ihren eigenen Waffen ad absurdum führen: Grotefend kann mithilfe seiner Theorie nicht befriedigend erklären, warum 'dem Freunde helfen' im Gegensatz zu *'der Arbeit helfen' ungrammatisch ist; wenn man sich nämlich die Arbeit als tätigen Gegenstand vorstellt (wie in 'der Arbeit obliegen, sich der Arbeit widmen'), müsste die zweite Ausdrucksweise ebenfalls möglich sein. Die Begründung dafür, dass der Ausdruck *'der Arbeit helfen' das Kriterium der Grammatikalität nicht erfüllt, ist vielmehr, dass das Verb 'helfen' nur mit persönlichen Objekten verbunden werden kann. Abschließend seien noch einige unkommentierte Beispiele für den sprachübergreifenden und sprachinternen Vergleich von Synonyma angeführt: Der Satz 'dem Tage folgt die Nacht' ist energischer als der Ausdruck diem nox subsequitur, dem vielmehr 'die Nacht folgt auf den Tag' entspricht. Im griechischen akouein tinos wird das Objekt als der die Aufmerksamkeit erregende Gegenstand bezeichnet, bei audire aliquem hat das Objekt keine eigene Wirksamkeit. In evadere periculo hält die Gefahr das Subjekt gleichsam gefangen, in effugere periculum ist sie ein wirkungsloser Gegenstand. Da der Akkusativ als der allgemeine Fall klassifiziert wird, ist die Konstruktion eines Verbs mit dem Genitiv oder Dativ immer energischer als die Konstruktion mit dem Akkusativ, ja falls eine Wahlmöglichkeit besteht, sind Genitiv und Dativ nach Grotefend poetischer als der Akkusativ: "jemehr eine Sprache aufhört Dichtersprache zu sein, indem sie die Beziehungen des Objekts zur Thätigkeit mehr mit dem Verstande, als mit der Phantasie auffaßt, desto vorherrschender wird der Akkusativ in den Objektsbeziehungen gebraucht werden." [203] Diese Differenzierungen ergeben sich folgerichtig aus Grotefends Kasussystem, das versucht, mit einer geringen Anzahl an Kasusbedeutungen möglichst alle Phänomene zu erklären.
(d) Raphael Kühner (1802–1878)
Der Hannoveraner Gymnasialrektor und Mitglied des Frankfurter Gelehrtenvereins [204] Raphael Kühner entwarf ein Kasussystem, das der lokalistischen Richtung zuzuordnen ist, der zufolge die Kasus ursprünglich räumliche Verhältnisse bezeichneten und diese in einem zweiten Schritt auf zeitliche, in einem dritten auf uneigentliche Verhältnisse übertragen wurden. Die wichtigsten Vertreter der lokalistischen Kasustheorie waren damals Doeleke (1814), Wüllner (1827, 1831) [205] und Hartung (1831). [206] Sie führten die Kasusendungen auf Ortsadverbien zurück; die Kasus bezeichnen ursprünglich nur "Raumanschauungen". [207] Die Lokalisten gingen davon aus, dass die sprachlichen Formen nur allgemeine Kategorien des menschlichen Denkens bezeichnen konnten, aber nicht konkrete Beziehungen wie etwa Eigentum. [208] Im Folgenden wird Kühners lokalistisches Kasussystem, wie es sich in seiner Griechischen Grammatik von 1836 findet, dargestellt. [209]
Kühner geht wie August Grotefend von dem objektiven Satzverhältnis aus und entdeckt dieselben objektiven Beziehungen wie Becker: [210] 1. Ortsbeziehung; 2. Zeitbeziehung; 3. kausale Beziehung; 4. Beziehung der Art und Weise. [211] Innerhalb dieser vier Kategorien liegt nun der historische Primat bei den räumlichen Beziehungen, [212] da die durch das Verb (als "Tätigkeitsbegriff") ausgedrückte Tätigkeit als Bewegung gedacht wird. [213] Daher gibt es drei räumliche Objekte. Aus den räumlichen Beziehungen leitet Kühner sodann die zeitlichen, kausalen und modalen Verhältnisse ab: [214]
Ursache, Grund, Ursprung, Urheber
wohin [215]
Wirkung, Folge, Erfolg, Werk
Die Bedeutungsentwicklung der einzelnen Kasus ist nun unterschiedlich verlaufen, so dass die Kasus in der uns bekannten griechischen Sprachform sich von den ursprünglichen Bedeutungen entfernt oder diese ausdifferenziert haben: Der Akkusativ ist nicht nur der Richtungskasus, sondern auch der Kasus des leidenden Gegenstandes: "Die Thätigkeit in der Richtung: Wohin stellt sich dar in denjenigen Verben, bei welchen das Subjekt die Thätigkeit auf einen Gegenstand so richtet, dass derselbe als leidend und getroffen (im Akkusativ) erscheint ... oder in solchen, bei denen das Objekt (im Akkusativ) die Wirkung oder das Produkt der Thätigkeit ist." [216] Der Genitiv dient vor allem zur Bezeichnung des kausalen Verhältnisses. [217] Wie August Grotefend zählt auch Kühner die meisten verbal regierten Genitive zum Genitivus causae i.e.S., der die Ursache bezeichnet, die die Tätigkeit des Subjekts hervorruft: den Genitiv nach Verben wie epithymein [218] (dies widerspricht allerdings der Einordnung des Genitivs nach ephiesthai unter dem Genitivus totius – übrigens nicht die einzige Inkonsequenz Kühners bei der Behandlung des Genitivs), den Genitiv nach Verben des Schmerzes, Zürnens, Bewunderns, Sorgens, Beneidens; bei den Verba iudicialia bezeichnet der Genitiv die Ursache der Rache, Strafe usw. [219] Eine Untergruppe des kausalen Genitivs ist der Genitiv der Wechselbeziehungen, der wohl von der Kantischen Kategorie der Gemeinschaft oder Wechselwirkung [220] inspiriert ist; dieser Genitiv der Wechselwirkung steht bei den Verben des Herrschens, Übertreffens und Unterliegens. Da bei vielen der angeführten Genitivarten die Rubrizierung als kausaler Genitiv schwer nachzuvollziehen ist, soll die dahinter stehende Ratio anhand von Beispielen Kühners vorgeführt werden: "In Redensarten, wie: labein tina gounon [... wird] das Knie als der Gegenstand gedacht, von dem der Berührende und Anfassende abhängt und gleichsam getragen wird." [221] Der Genitiv bei Verben des Erreichens wird mithilfe des geistigen Strebens erklärt. [222]
Den Dativ teilt Kühner in drei Gruppen ein: 1. Dativus localis auf die Frage 'wo?'; 2. Dativ als Raum- und Personenkasus auf die Frage 'wohin?'; [223] 3. Dativ als räumlicher Sachkasus: Dativus instrumentalis oder Ablativ(!) auf die Frage 'woher?'. Die Einführung der zweiten und dritten Gruppe sind nach der allgemeinen Einleitung in die Kasuslehre schwer nachzuvollziehen. Kühner rettet diese Einteilung, indem er sagt, dass Genitiv und Akkusativ nur innere und unmittelbare Beziehungen des Tätigen und des Getanen zur Tätigkeit ausdrücken können, während der Dativ auch die äußeren und entfernteren Beziehungen bezeichnet. [224] Er führt also neue Kriterien ein, um den empirisch nachweisbaren Kasusgebrauch, der sich nur schwer auf das räumliche Wo zurückführen lässt, erklären zu können. Zur zweiten Gruppe bemerkt er, dass der eigentliche Dativ "das Ziel in der Richtung: Wohin, d. h. den Gegenstand, auf welchen die Thätigkeit des Verbs (Adjektivs) hinstrebt, ohne jedoch (wie diess beim Akkusativ der Fall ist) den Gegenstand selbst zu einem leidenden, bearbeiteten, getroffenen zu machen", bezeichne. "Daher hat sich der Dativ ganz eigentlich zum Personenkasus ausgebildet." [225] Wie stark die grammatische Tradition auch die 'Frankfurter' beeinflusste, zeigt sich daran, dass Kühner hier auf anderem Wege zu denselben konventionellen Kasusbedeutungen gelangt wie August Grotefend: zum Dativ als Personenkasus, zum Akkusativ als Leidefall und zum Genitiv als Kausalfall.
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[1] S. dazu vor allem Pfister, 1985.
[2] Vgl. dazu etwa Naumann, 1986, 55; Kaltz, 1996, 320. Albrecht, 1999, 192f. spricht von einer Syntax der partes orationis, Morphosyntax oder Kasus(funktions)syntax im Gegensatz zu einer Satz(funktions)syntax.
[3] Die hier vorgenommene Untersuchung der grammatikalischen Termini geht semasiologisch vor, d.h. sie verfolgt den Bedeutungswandel der Begriffe. Bei dem hier behandelten Gebiet ist in dem gegebenen Rahmen eine onomasiologische Untersuchung undurchführbar, da sie klar definierte Begrifflichkeiten voraussetzen würde, die jeweils einwandfrei in den einzelnen Primärtexten identifiziert werden müssten. Es sei verwiesen auf das onomasiologische Register grammatikalischer Termini (darunter auch Subjekt, Prädikat, Objekt) am Ende von Forsgrens Monographie (1985, 113-117).
[4] Vgl. etwa HSz 122 bzw. 105.
[5] Zur Ellipsentheorie allgemein s. Breva-Claramonte, 1983, passim, speziell zu Sanctius 167-183 mit vielen Beispielen. Andere wichtige Vertreter der Ellipsentheorie waren Thomas Linacre, Julius Caesar Scaliger, Gerhard Johann Vossius, Caspar Scioppius und Jacob Perizonius.
[6] Zu Sanctius vgl. vor allem die Monographie von Breva-Claramonte, 1983, zur Nachwirkung 241. Eine knappe Würdigung der Minerva findet sich bei Latacz, 1979, 211f.; vgl. auch Michelsen, 1837, 24-36.
[7] Sanctius, 1693, 385-530.
[8] a.O., 386-400.
[9] Sie ist aber kein mit einer Tiefenstruktur operierendes Modell, wie oft behauptet wird (z.B. Percival, 1976, Breva-Claramonte, 1977 und – vorsichtiger – 1983, 218f., 238-240; Pfister, 1988, 141-155, zuerst 1978; vgl. dagegen Núñez González, 1987, 158), mag es auch hier und da scheinbare Überschneidungen geben (vgl. Fußn.14). Die von der Ellipsentheorie rekonstruierten sprachlichen Ausdrücke und Sätze sind weder universalsprachlich, noch sind sie kategorial von ihren elliptischen Pendants verschieden, wie Sanctius' Forderung zeigt, die nicht-elliptischen Ausdrucksweisen müssten den Regeln der Latinitas gehorchen. Außerdem interessiert sich Sanctius nicht dafür, nach welchen Regeln die Vollform zu einer Ellipse wird. Die Identifizierung der von der Ellipsentheorie hergestellten Ebene mit der Tiefenstruktur verwischt zudem die Unterschiede zwischen ihren Ansätzen und denjenigen der Generativen Transformationsgrammatik.
[10] Der adverbiale Akkusativ und der bloße Ablativ werden virtute ... praepositionis subintellectae aut appositae gesetzt (Sanctius, 1693, II 5,126f.). Ein Synonym zu subintelligere ist subaudire; vgl. dazu Pfister, 1988 (zuerst 1978), 141-143.
[11] Sanctius, 1693, II 7, 135; vgl. Fußn.42.
[12] a.O., III 3, 231. Vgl. auch egeo egestetaem àpecuniis (a.O., 240).
[13] So ist auch der Dativ bei zweiwertigen Verben auf die Ellipse eines Akkusativs zurückzuführen: Bei parcere fehlt der accusativus cognatus [d.h. entsprechend zu vitam bei vivere], qualiscumque sit (a.O., 261). Sanctius bestreitet, dass ein Verb den Genitiv regieren könne, und erklärt dies damit, dass der Genitiv den Besitz bezeichnet; Besitzer und Besitz seien aber nomina relata, die nicht unabhängig voneinander gedacht werden könnten: possidere verba significabunt, at possessionem nunquam. Da sie das verkannt hätten, würden die Grammatiker zu Unrecht behaupten, dass Verben den Genitiv regieren (a.O., II 3, 113f.).
[14] Zuweilen arbeitet Sanctius auch mit der Annahme von Transformationen, so wenn er pudet me tui auf pudor habet me tui zurückführt (a.O., 115). Einfacher (und im Einklang mit den Ellipsenprinzipien des Sanctius) erklärt Gesner den Genitiv bei den Verba affectuum: pudet me (pudor) huius facti (1786, 88, § 144,8).
[15] Zur Bedeutung seiner Grammatik vgl. Faulhaber, 1990, v.a. 63f. und Michelsen, 1837, 56. 117.
[16] Um nur einige Beispiele anzuführen: Bröder führt wie Sanctius den bloßen Ablativ regelmäß ig auf die Ellipse einer Präposition zurück. Den Ablativ auf die Frage 'wann?' erklärt er mit der Ellipse von in, den Ablativ auf die Frage 'wovon?' mit der Ellipse von ab (Bröder, 1793, 96, § 114 und 124, § 174), den Genitiv nach den Adiectiva relativa mit der Ellipse von ratione ("in Ansehung"; a.O., 156, § 231), das Supinum I mit der Ellipse von ad (a.O., 215, § 355). Noch in der zweiten Auflage der Schulgrammatik von Baumgärtner werden alle bloßen Ablative unter dem Kapitel "Ablativ nach Präpositionen" zusammengefasst (1841, 223-236, § 461-505).
[17] Vgl. zu dieser Erklärung mittels der Figura etymologica Fußn.13. Eine ähnliche Erklärung von (ab)utor aliqua re findet sich bei Sanctius, 1693, III 3, 218. Es ist aufschlussreich, den Paradigmenwechsel zu verfolgen: Madvig, 1844/1847, § 265 Anm.1 erklärt den Gebrauch des Ablativs damit, dass die Verben uti, frui etc. ursprünglich keine rein transitive Bedeutung gehabt hätten.
[18] Bröder, 1793, XIV-XV.
[19] Eine andere häufige Argumentation war der Nachweis der mangelhaften Latinität der entstehenden Ausdrücke, s. zur Erklärung von interest etwa Schulz' Kritik der weiter unten vorgestellten Ellipsenannahmen (1834, 403, § 76,21).
[20] Noch 1837 beklagt Michelsen die "bequeme Aushülfe der Ellipsen, –von denen einige selbst jetzt noch eine unglückliche Celebrität haben" (S.56).
[21] Vgl. KSt 1,272f., Scherer 44 und 115f.; MBS, S.427; zurückhaltend urteilt dagegen RHH 115; nach HSz 48 ist es müß ig, oft sogar unmöglich, ein Verb zu ergänzen. Für die Grammatiken des 18. und 19. Jahrhunderts sei exemplarisch auf Grotefend, 1820, 306, § 213 verwiesen.
[22] Vgl. MBS 303,1; HSz 62 ("Der häufige Typus praetorum est ante et prae ire [...] ist zu vergleichen mit [...] non matronarum officiumst ... subblandirier"); die Erklärung findet sich nicht bei RHH 131,2b und KSt 1,452-454.
[23] Ruddiman, Institutiones, 2, 117; Gesner, 1786, 87, § 144,6; Bröder, 1793, 162, § 243; 164f., § 245-247; Ramshorn, 1824, 182f., § 108,2f.; Schulz, 1834, 391, § 76,11; Baumgärtner, 1841, 183f., § 373f. und 186, § 379; Zumpt, 1844, 391, § 426 und 406f., § 448. Zumpt hat beim Genitiv ein eigenes Unterkapitel 'Genitiv elliptisch' (a.O., 404-409, §§ 444-450); hier werden behandelt (die Termini stehen nicht bei Zumpt): Genitivus pretii, Genitivus criminis, Genitivus proprietatis, Genitiv bei interest / refert.
[24] Bröder, 1793, 167, § 251 Anm.2.
[25] a.O., 169, § 256.
[26] Beim Genitivus proprietatis teilt G.F. Grotefend die Meinung etwa von Bröder und Zumpt, dass Substantive wie homo oder res zu ergänzen seien (1820, 271, § 188 Anm.3). Krüger scheint diesen Genitiv unter dem Genitivus possessivus zu subsumieren, ohne eine andere Erklärung als die beim Genitivus possessivus gegebene anzuführen (Krüger, 1842, 459f., § 344), den er damit erklärt, dass in ihm schon der Begriff des Eigentums und des Werkes liege (a.O., 458, § 343). Der auch sonst zurückhaltende Madvig verzichtet darauf, den Genitivus proprietatis zu erklären (1844, § 290, 1847, § 282).
[27] Vgl. Sanctius, 1693, III 5, 302-308 mit Verweis auf Scaliger; vgl. auch Ruddiman, Institutiones, 2, 201 Fußn.6; Gesner, 1786, 88, § 144,9; Baumgärtner, 1841, 195f., § 405.
[28] Schulz ist der einzige der von mir eingesehenen Grammatiker, der – zu Recht –darauf hinweist, dass bei dieser Erklärung eine Verwechslung von rÇfert und rÂfert vorliegt (1834, 403, § 76,21); allerdings setzte bereits Ramshorn, 1824, 193, § 114 die unterschiedliche Prosodie der Wörter voraus.
[29] Bröder, 1793, 170f., § 259 Anm.
[30] Der Begriff Transformation wird hier in allgemeinem Sinne verwendet und nicht etwa streng terminologisch.
[31] Zum Ablativ bei interest und refert vgl. etwa HSz 84 (wo der Ablativ als kausaler Ablativ gedeutet wird).
[32] Grotefend, 1820, 280, § 194 Anm.1; Grotefend erklärt lediglich die Konstruktion von refert anders. Um ein Beispiel für Grotefends Ablehnung einer Ellipsenannahme anzuführen: Er verwirft Bröders Analyse des Genitivs bei den Verba impersonalia (s. Fußn.25) und erklärt den Genitiv als "Object des Affectes" in Analogie zum Genitiv bei misereor, miseresco, der "an und für sich" stehe (Grotefend, 1820, 278, § 193 Anm.1).
[33] Zur schon früher geführten Diskussion über den Kasus der Pronomina vgl. Ruddiman, Institutiones, 2, 201 Fußn.6; nach Ruddiman a.O. hat Perizonius den Streit eindeutig zugunsten des Akkusativs entschieden.
[34] Zumpt, 1844, 408, § 449 mit Belegstellen für den Ablativ und Verweis auf Priscians Deutung der Possessiva als Ablative (Prisc. gramm. II 595,9f.); vgl. auch Ramshorn, 1824, 193f., § 114; Schulz, 1834, 403f., § 76,21, der für den Ablativ nicht nur auf Priscian, sondern auch auf die Dichtung verweist.
[35] Krüger, 1842, 463f., § 348. Den Ablativ erklärt Krüger "aus einer veralteten Construction von inter mit dem Ablativ, welche auch das Compositum interea zu bestätigen scheint." (a.O., 464 Anm.1).
[36] Madvig, 1844/1847, § 295 Fußn.
[37] Inkorporation liegt schon bei Harris' Bestimmung des Genitivs vor (s.u. mit Fußn.46); Harris soll nach Doeleke, 1814, 7 der erste gewesen sein, der die Kasus auf diese Art und Weise analysiert hat.
[38] Vgl. allgemein zu Sanctius' Tendenz zur Monofunktionalisierung Breva-Claramonte, 1977, 15.
[39] Vgl. Fußn.13.
[40] Sanctius, 1693, II 4,122. Zu Sanctius' Kasuslehre und seinem semantischen und formalen Reduktionismus vgl. Breva-Claramonte, 1983, 119-126; Núñez González, 1987, 153-159 und 165-167.
[41] Vgl. dazu etwa Pinkster, 1988, 57-72.
[42] Sanctius, 1693, II 6, 135. Harris, 1788, 221 behauptet sogar, dass die Römer den Ablativ vermutlich "aufgenommen [haben] ... um ihn mit ihren Praepositionen zu verbinden, da sie ihren Genitivus und Dativus dieses Vorrechtes beraubt hatten; ein gewiss nicht nothwendiger Casus, weil die Griechen das nemliche auch ohne ihn ausrichten, und selbst die Römer sich seiner häufig nicht bedienen" (dieselbe Erklärung des Ablativs auch bei Arnauld, Grammaire, Kap. 6, S.63). Noch für August Grotefend ist der Ablativ nicht so ursprünglich wie die anderen obliquen Kasus: "Die ältesten Casus sind unstreitig Genitiv, Dativ und Akkusativ" (1830, 283f., § 375).
[43] Noch Doeleke wird mit Blick auf diese Eigenheit des Ablativs behaupten, dass der Ablativ "bekanntlich eigentlich kein Casus" ist (1814, 9 Fußn.4).
[44] Daher darf die Aufzählung von Fragen zum Ablativ (wann? wo? usw.) nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach den meisten Grammatikern der bloße Ablativ nur virtute praepositionis subintellectae z.B. lokale Bedeutung hat (vgl. Fußn. 10. 16 und 47).
[45] Vgl. etwa Harris, 1788, 226: "Der Accusativus ist der Casus, wodurch zu einem wirkenden Nominativus und einem Verbo der Handlung entweder die Wirkung oder der leidende Gegenstand hinzugefügt wird."
[46] Harris, 1788, 227 und 220f. Die Formulierung zeigt, dass hier die Kasusbezeichnungen nicht nur als morphologische, sondern auch als semantische Begriffe verwendet werden.
[47] Bröder definiert den Ablativ als den Kasus, der "das Mittel oder Werkzeug einer Sache [anzeigt], auf die Frage: womit? wodurch? wovon?"; führt aber bei der Behandlung des Ablativs mehr Fragepronomina auf, z.B. auch "wo?" und "wann?" (1793, 7, § 12 und 95-98, §§ 113-118). Gesner kennt folgende (scheinbaren) Ablativbedeutungen: instrumenti, causae, partis, modi, pretii, temporis, die er aber alle auf die Ellipse einer Präposition zurückführt (1786, 94f., § 148,1): Auch hier ist die semantische Information also nicht im Kasus selbst enthalten, sondern im Regens. Vgl. zum Ablativ auch Reinbeck, 1813, 53, § 103; 54, § 105; 55, § 106.
[48] Vgl. auch Naumann, 1986, 201-207. Es kann hier nur en passant erwähnt werden, dass der Begriff der Semantik sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts etabliert und dass vieles, was heute in Grammatiken des 18. und 19. Jahrhunderts befremdet, darauf zurückzuführen ist, dass der Begriff der Semantik fehlt – häufig entspricht der dort gebrauchte Begriff 'logisch' unserem Begriff 'semantisch' (vgl. etwa van Driel, 1989, 315, 320). Andere Vorläufer unseres Semantikbegriffs sind etwa Semasiologie (wohl eingeführt von C.K. Reisig, vgl. Schmitter, 1985), Sematologie oder Semiologie (vgl. zu diesen Termini Nerlich, 1996).
[49] Adelung, Sprachlehre, 414 und 455; vgl. Bröder, 1793, 7, § 12; Reinbeck, 1813, 55, § 106; Grotefend, 1830, 6f., §§ 6-8; vgl. Forsgren, 1985, 82; vgl. auch die Fußn.45 mit dem Zitat aus Harris.
[50] Zum Akkusativ als Ziel- oder Wirk- und zum Dativ als Zweckfall vgl. Reinbeck, 1813, 56, § 106; Grotefend, 1820 (s.u. die Darstellung seines Kasussystems im dritten Teil); Baumgärtner, 1841, 11, § 24. In den Philosophischen Principien wird der Dativ als Zielfall, der Akkusativ als Wirkfall bezeichnet (1805, 67 und 72f.).
[51] So kennt Ruddiman Agens und Patiens (passim), bei den Circumstantiae außerdem Causa, Modus, Instrumentum, Locus, Tempus (Institutiones, 2, 262).
[52] Es gab auch nicht-reduktionistische Darstellungen, in denen man sich damit beschied, die Bedeutungen eines Kasus aufzuzählen: So führt etwa Adelung zehn Bedeutungen des Genitivs mit Beispielen an, ohne diese auf wenige Grundbedeutungen zu reduzieren (Adelung, Sprachlehre, 363-367).
[53] Naumann, 1986, 61. Selbst bei Schmitthenner, 1826, der sich ausdrücklich dagegen verwahrt, als Anhänger Kants angesehen zu werden, ist die Abhängigkeit nach Naumann a.O. eindeutig.
[54] Vgl. dazu Naumann, 1986, 24-28; 65-72; Hauger, 1994, 153-155.
[55] Schopenhauer, Welt, § 1, § 31; vgl. auch unten Reisig.
[56] Reisig lehnt aber das System seines Lehrers ab (1839, 12f.). Die Unterschiede in der Kasuslehre ergeben sich aus der Darstellung der beiden Systeme.
[57] Reisig, 1839, 6.
[58] a.O., 9.
[59] a.O., 8-13. Eine ähnliche Anwendung der Kantischen Kategorien findet sich bei Reinbeck, 1813, 35-40, § 69-76. Reinbeck verwendet die Bezugnahme auf Kant zur wissenschaftlichen Begründung der Redeteile (a.O., 32, § 64).
[60] Zur Entstehung mittelalterlicher Termini wie regere oder regimen vgl. Carter, 1989; zur Begriffsgeschichte bis in die neuere Zeit vgl. Ágel, 2000, 16-19 mit Literatur.
[61] Es ist unzutreffend, wenn Ágel, 2000, 21-25 behauptet, die Zeit zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert sei, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für die Rektionstheorie "eine lange Trinkpause" (S.21) gewesen; die Tradition bricht nie ab. Ágel gelangt zu dieser Behauptung allein aufgrund der Sichtung von deutschen Grammatiken; bezieht man die lateinischen Grammatiken in die Untersuchung ein, so kommt man zwangsläufig zu anderen Ergebnissen.
[62] Vgl. dazu und allgemein zu regere im Mittelalter und in der frühen Neuzeit: Seidel, 1982.
[63] So erklärt sich auch, warum wir noch heute sowohl bei Verben, die zwei Akkusativobjekte regieren (Ciceronem litteras docere), als auch bei Verben, die ein Akkusativobjekt und einen prädikativen Akkusativ (Ciceronem consulem facere) regieren, unterschiedslos von einem doppelten Akkusativ sprechen.
[64] Die Begrifflichkeit 'formaler Rektionsbegriff' vs. funktionaler Rektionsbegriff' ist übernommen aus Ágel, 2000, 47-57 (dort auch weiterführende Literatur).
[65] Vgl. Ágel, 2000, 49.
[66] Grotefend, 1820, 232, § 166. Noch Englmann, 1881, 91 spricht davon, dass das regierende Wort die Form regiert; vgl. Reinbeck, 1813, § 64, 32: "Wörter, welche von andern in Hinsicht der Form abhängig sind, [nennt man] regierte".
[67] Nach Sanctius, 1693, III 12, 346 sind Präpositionen die einzigen Partikeln, die einen Kasus regieren können; nach Bröder, 1793, 94, § 112 und 98, § 119 regieren Präpositionen den Akkusativ oder Ablativ (vgl. Baumgärtner, 1841, 12f., § 26f.), Subjunktionen (Bröder spricht von Konjunktionen) den Konjunktiv (etwa a.O., 109, § 140). Auch nach Grotefend, 1820, 232, § 166 sind sowohl die Präpositionen als auch die Subjunktionen rektionsfähig; eine andere Auffassung findet sich bei Reinbeck, 1813, 33, § 66.
[68] Grundlegend für die Begriffsuntersuchung ist neben den einschlägigen Monographien zur Grammatikographie: Pfister, Zur Geschichte der Begriffe von Subjekt und Prädikat, in: ders., 1988, 126-140; daneben auch Seuren, 1999. Für die Entwicklung der beiden Begriffe nach dem hier behandelten Zeitraum vgl. Elffers-van Ketel, 1991 und Forsgren, 1992. Die Probleme der Satzglieder behandelt Konopka, 1996 überhaupt nicht.
[69] Die Wurzeln des Begriffspaares liegen in der Aristotelischen Logik (vgl. Seuren, 1999, 42-44). Der erste Beleg für subiectum als Terminus technicus, aber in ontologischem, nicht in grammatikalischem Zusammenhang, findet sich vermutlich bei Martianus Capella im 5. Jh. n. Chr. (Mart. Capell. 4,361), vgl. Pfister, 1988 (zuerst 1976), 128f.
[70] Vgl. Pfister, 1972, 20.
[71] Die seit dem 13. Jahrhundert auftretenden (und auch von Sanctius verwendeten) Begriffe suppositum und appositum, die sich nie fest etablieren, sind keine funktionalen Begriffe, sondern entsprechen allenfalls Satzgegenstand und Satzaussage (teilweise werden sie auch nach ihrer Stellung im Satz definiert, so dass appositum unserem Objekt entspricht, so auch bei Sanctius, z.B. I 12, 59). Zuweilen werden die beiden Begriffe ausdrücklich mit den in der "ars dialectica" gebräuchlichen subiectum und praedicatum identifiziert (vgl. Pfister, 1988, 130-139 mit weiterer Literatur).
[72] Bekanntlich fungieren die Wortartenbezeichnungen oder die Kasusnamen stellvertretend als Satzteilbegriffe, vgl. etwa Sanctius, 1693, II 2, 112: Ex nomine, & verbo tanquam ex materia, & forma, quae brevissima sit, constiuitur oratio; vgl. Fußn.77.
[73] Arnauld, Grammaire, Kap. 6, S. 59 (vgl. dazu Kaltz, 1996, 323f.). Das sujet hat bereits in Port-Royal mehrere Bedeutungen, über die im Laufe der Untersuchung noch zu sprechen sein wird. So bezeichnet Arnauld, Grammaire, Kap. 6, 60 in dem Ausdruck color rosae den Nominativ color als Akzidenz oder Attribut, rosae als Subjekt; a.O., 62 wird der Akkusativ nach transitiven Verben als Ausdruck des Subjekts oder Objekts bezeichnet (vgl. auch a.O., Kap. 2, S.49); Arnauld, Logik, I 2, S. 35 wird Subjekt mit Substanz identifiziert.
[74] Aichinger, 1754, 1, zit. nach Gardt, 1999, 184 und Konopka, 1996, 70. In der fünften Auflage von Gottscheds Grundlegung erscheinen Subjekt und Prädikat (1762, 457, zit. nach Gardt, 1999, 180), aber in der Ausgabe von 1748 fehlt das Begriffspaar an der entsprechenden Stelle (und anderswo).
[75] Unzutreffend ist auf jeden Fall die Ansicht Pfisters, erst Immanuel Scheller übernehme 1779 Subjekt und Prädikat aus der Logik in die Grammatik (1985, 78).
[76] Allerdings könnte das Fehlen der beiden Begriffe auch auf Cellarius zurückzuführen sein. Dann wäre der Terminus ante quem non das Jahr 1731, in dem der zweite Band der ambitionierten Lateingrammatik von Ruddiman erscheint. In den Institutiones von Ruddiman erscheinen zwar (gegen Pfister, 1988, 138f.) die Begriffe suppositum und appositum (z.B. p.210), aber nicht Subjekt und Prädikat (so auch Pfister a.O.). Im Index der Ausgabe von 1823 existiert zwar das Lemma subiectum, aber dieser Index ist eigens für diese Ausgabe von Stallbaum angefertigt worden (s. das Vorwort, p.V), und der Begriff kommt an den angegebenen Stellen selbst nicht vor.
[77] Vgl. etwa: "Ein Nominatiuus geht vor einem Verbo Personali her, in gleichem Numero und Persona; e.g. Puer discit ... Oft stellet ein Infinitiuus, oder eine ganze Rede, den Nominativum vor, als: Didicisse fideliter artes, emollit mores" (Gesner, 1786, 83f., § 143,1). Der Genitivus subiectivus bzw. obiectivus hieß früher activus bzw. passivus (vgl. Ruddiman, Institutiones, 2, 42).
[78] Vgl. etwa Naumann, 1986, 55. Zwischen die Logik und Grammatik wie Konopka, 1996, 67-74 (für komplexe Ausdrücke) noch die Rhetorik als vermittelndes Bindeglied anzusetzen, ist für die Begriffe Subjekt und Prädikat unnötig.
[79] Noch im 19. Jahrhundert war die vorherrschende Aufgabe des Deutschunterrichts die Denkschulung (Schmidt, 1985, 261f.), vgl. etwa Reinbeck, 1813, V.
[80] Vgl. zum Einfluss der Allgemeinen Grammatik Naumann, 2000, 1045.
[81] Harris, 1788, 12.
[82] Meiner, 1781, p.IV.
[83] Vgl. Harris, 1788, 18.
[84] Vgl. Naumann, 1986, 39.
[85] Der Terminus 'Allgemeine Grammatik' wird um 1800 am häufigsten gebraucht, noch vor Begriffen wie 'Philosophische Grammatik', 'Universale Grammatik' usw. (Naumann, 1986, 48); vgl. zur Allgemeinen Grammatik jetzt Gardt, 1999, 203-218; Naumann, 2000.
[86] Zu Harris allgemein vgl. Schreyer, 1996, 57-63.
[87] So nennt Ludwig Ramshorn in seiner Lateingrammatik Harris und Meiner als herausragende Vertreter der Allgemeinen Grammatik (1824, p.VII), ebenso werden sie von Prahm erwähnt, wenn auch kritisch (1826, 4f.). Meiners Werk erreicht nicht zuletzt durch Adelung einen großen Bekanntheitsgrad, der es sowohl positiv rezensiert als auch ausgiebig rezipiert; vgl. Forsgren, 1985, 30 und Adelungs positive Rezension von 1782 (dazu: Naumann, 1990, 443f.). Adelungs Sprachlehre wird ihrerseits für den preußischen Schulunterricht verbindlich (Schmidt, 1985, 259). Nach Forsgren a.O. ist die Bedeutung der deutschen Übersetzung von Harris' Hermes für eine Ausbildung der Allgemeinen Grammatik in Deutschland noch höher zu veranschlagen. Nach 1800 erfährt daneben auch die Allgemeine Sprachlehre des Franzosen Silvestre de Sacy von 1804 in Deutschland eine breite Rezeption. Nach Naumann, 1986, 56 war das Verfassen einer Allgemeinen Grammatik in Deutschland um 1800 eine Modeerscheinung.
[88] Harris, 1788, 223. Zur Vorgeschichte dieser drei Ebenen in Antike (v.a. bei Aristoteles) und früher Neuzeit vgl. Forsgren, 1985, 41-44.
[89] Vgl. etwa Vater, 1797, 110.
[90] Daher wurde die Allgemeine Grammatik den philosophischen Fächern zugerechnet (vgl. Prahm,1826, 18).
[91] Dies verleitet in der konkreten Analyse häufig zur unscharfen Identifikation der logischen Glieder mit Wortarten.
[92] Vater, 1797, 110.
[93] S. Fußn.48.
[94] Vater, 1797, 109-112.
[95] Vgl. etwa a.O., 113 und 444 und unten zu Adelung.
[96] Bröder, 1793, 87, § 101; vgl. außerdem etwa: Adelung, Sprachlehre, 474f.; id., Lehrgebäude, 2, 568f.; Moritz, 1792, 16; Vater, 1797, 111; Hermann, 1801, 127f.; Reinbeck, 1813, 26, § 52; Grotefend, 1818, 168f. und 258; Ramshorn, 1824, 150, § 91; Grotefend, 1830, 2, §§ 1-2; Schulz, 1834, 357, § 70,1f.; Kühner, 1836, 220, § 259; Becker, 1837, 3, § 210; Madvig, 1844, 194, § 207, 194 = 1847, 200, § 208; Englmann, 1881, 90. Da die Definition aus der Logik übernommen wird, übersieht man gewöhnlich, dass sie auf die sprachlichen Gegebenheiten nur unzureichend zutrifft: sie gilt z.B. nicht für imperativische Sätze. So fügt etwa Madvig, offensichtlich um diesem Mangel abzuhelfen, zu 'gesagt' "verlangt" hinzu (1844/1847, § 207 bzw. § 208; ähnlich auch Becker, 1837, 1, § 210). Oft wird das Subjekt auch als dasjenige definiert, was man sich denkt oder wovon man sich etwas denkt, z.B. Grotefend, 1820, 11 Anm.1, aber auch Grotefend spricht in der Darstellung i.d.R. von "Aussage" (ähnlich Becker, 1837, 1 und 3, § 210; vgl. auch Sacy, 1804, 4; Philosophische Principien, 1805, 23; Grotefend, 1830, 1, § 1, vgl. aber a.O., 2, § 2).
[97] Bröder 1793, 87, § 101.
[98] Adelung, Sprachlehre, 451 und 455.
[99] Das daraus entstehende Problem, dass für das finite Verb keine eigene Bezeichnung vorhanden ist, wird meistens nicht wahrgenommen; die Lösung von G.F. Grotefend ist eine Ausnahme; dort wird das Prädikat (im heutigen Sinne) als "Meldewort" bezeichnet (1820, 11 und 248, § 171). Vgl. auch Madvig, 1875 (zuerst 1842), 93: "Was man durch das verbum finitum ausspricht, ist die Totalvorstellung vom Subjekt und dem daran angeschauten Prädikat (Mann – Laufen) als eine abgeschlossene, für die Anschauung vollständige Existenz". Auch Madvig a.O., 94 und 95 kennt noch das "adjektivische Prädikat" und "ein als Prädikat gesetztes Substantiv" (vgl. auch a.O., 89 und Hauger, 1994, 120-124).
[100] Diese damals übliche Analyse (vgl. etwa Prahm, 1826, 20f.) wird auch noch in den Grammatiken, die in der Tradition von Becker stehen, gepflegt, vgl. etwa Kühner, 1836, 222, § 362.
[101] Adelung, Sprachlehre, 75. Den Begriff Verb verwendet Adelung hier für den Teil des Satzes, der ansonsten mit dem logischen Begriff der Kopula bezeichnet wird, also nicht als Bezeichnung für eine Wortart. Anstelle von Kopula wird Verb auch bei Sacy, in den Philosophischen Principien und bei Grotefend, 1830, 2, § 1 verwendet.
[102] Nach Forsgren, 1985, 73 stammt der erste Beleg für Prädikatsnomen aus dem Jahr 1828. Von Prädikat i.S. unseres Prädikatsnomens sprechen z.B. auch: Bröder, 1793 (z.B. 189, § 299), Grotefend 1820, 217, § 155. Schon früh findet sich aber auch der Terminus Prädikatsnominativ (Grotefend, 1820, 248, § 171 Anm.1; Ramshorn, 1824, 158, § 97). Madvig verwendet Prädikatsnomen in unserem Sinne (1844/1847, § 209). Zuweilen wurde auch Apposition i.S.v. Prädikatsnomen (offenbar zumeist für das akkusativische Prädikatsnomen) verwendet: Ramshorn, 1824, 180, § 108; Schulz, 1834, 420, § 78,7 (bezeichnend ist die Inkonsequenz, die aus der nur sporadischen Anwendung der funktionalen Terminologie entspringt, wenn Schulz das finale Gerundivum nicht als Apposition, sondern lediglich als Participium Futuri Passivi bezeichnet, a.O., 421, § 78,8); Baumgärtner, 1841, 147-149, § 288-295.
[103] Ein Beispiel (G.F. Grotefend) wird im Abschnitt über das Objekt behandelt.
[104] Vgl. Fußn.96.
[105] Adelung, Sprachlehre, 475; id., Lehrgebäude, 2, 508; vgl. auch a.O., 507: "Das Subject, und alles, was als Subject dargestellet wird, ist der unbestimmteste Theil der Rede, weil es eben durch die ganze Rede seine Bestimmtheit und Aufklärung erhält ... Es macht daher auch mit seinen Bestimmungswörtern allemahl den Anfang der ganzen Rede."
[106] Mit dieser pragmatischen Analyse korrespondiert die Auffassung, dass Subjekt und Prädikat feste Positionen im Satz einnehmen. Es kann nur am Rande erwähnt werden, dass an anderer Stelle 'graben' von Adelung als grammatisches oder künstliches Subjekt (im Gegensatz zum wahren oder logischen Subjekt bei regulärer Wortstellung) bezeichnet wird, da in dem Beispielsatz "vermöge der Inversion ein Begriff aus dem Prädicate in die Stelle des Subjectes gesetzet wird, um die Aufmerksamkeit vorzüglich auf denselben zu lenken, da denn der übrige Theil des Satzes als das Prädicat dieses hervor gezogenen Begriffes betrachtet wird"; 'ich' ist daher in beiden Sätzen das logische Subjekt, das "in die Stelle des Prädicates gerathen" ist (Adelung, Lehrgebäude, 2, 568f.).
[107] Zum Begriff Hauptnominativ s. Fußn.122.
[108] S. u. mit Fußn.122.
[109] Vgl. auch Philosophische Principien, 1805, 23 (wo das handelnde Subjekt abgegrenzt wird gegenüber dem leidenden Gegenstand, dem Objekt).
[110] Adelung, Sprachlehre, 405.
[111] Diese Ansicht findet sich etwa bei Bröder, 1793, 169, § 256 und Ramshorn, 1824, 192, § 113 ("das Subject oder die Person"); Ramshorn und Bröder sprechen auch bei interest und refert von dem "Subject, dem daran / an etwas gelegen [ist]" (1793, 170, § 257 bzw. 1824, 193, § 114), Ramshorn beim Dativus possessivus vom "besitzenden Subject" (a.O., 202, § 117).
[112] Vgl. die vorige Fußnote.
[113] Plaut. Amph. 279.
[114] Grotefend ist einer der ersten, der zwischen einem logischen (bei ihm: physischen) und einem grammatischen Subjekt unterscheidet (1820, 235, § 166,10; die Stelle wird unten im Haupttext zu Fußn.155 zitiert), wenn auch offenbar ohne allzu große Wirkung. Diese Dichotomie setzt sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch (vgl. Elffers-van Ketel, 1991, 219-237; Seuren, 1999, 45-50).
[115] Grotefend, 1820, 317, § 219 Anm.2. und 237, § 166,18.
[116] Schmitthenner, 1826, 261.
[117] Krüger, 1842, 453f., § 339 mit Anm.1.
[118] Kühner, 1836, 261, § 435.
[119] a.O., 220 und 360. Zu dieser häufigen Inkonsequenz vgl. Naumann, 1986, 210f.
[120] a.O., 207, § 337 und 209-211, § 339-342.
[121] Scheller, 1779, VII-VIII.
[122] Der Begriff Hauptnominativ wird bald abgelöst von Subjektsnominativ (z.B. Ramshorn, 1824, 151, § 93).
[123] Dieser Verweis auf die Wortstellung ist typisch für die Allgemeine Grammatik des 18. Jahrhunderts, die bemüht war nachzuweisen, wie die natürliche Ordnung des Denkens mit der Ordnung der Wörter im Satz korrespondierte (vgl. dazu Gardt, 1999, 177).
[124] Scheller, 1785, XXIII.
[125] Bei dem Paar Verb / Prädikat hält sie bekanntlich heute noch an.
[126] Reinbeck, 1813, § 51, S.26. Reinbeck spricht a.O., § 51, auch von Subjekt, Prädikat und Kopula.
[127] Ramshorn, 1824, 150, § 91: "das Praedicat oder Verbum".
[128] Madvig, 1844/1847, § 222 Anm.1.
[129] Madvig, 1875 (zuerst 1842), 89 und 91 ("das Wesen des Verbums liegt nicht in einer Form, sondern in der Funktion"). Madvig zieht nur die logischen, wenn auch uns merkwürdig anmutenden Konsequenzen aus den grammatischen Theorien seiner Zeit, wenn er sagt, dass "die ursprünglichen Wortklassen ... Funktionen der Wörter nach der Form der Auffassung der Vorstellungen im Satz" seien (a.O., 85).
[130] subiectum und obiectum bezeichnet Hermann bei der Behandlung des Vokativs explizit als philosophische Termini (1801, 142f.); vgl. Fußn.134.
[131] Vor 1850 wurden die den Ablativ regierenden Deponentien durchaus mit Verben wie carere zu Verben, die den Ablativ regieren, zusammengefasst (z.B. Baumgärtner, 1841, 213, § 438).
[132] Englmann 1881, 91.
[133] a.O., 126-129; 119f.
[134] Für die Phasenverschiebung bei der Adaptation der Begriffe sind etwa die Einträge in Campes Fremdwörterbuch von 1804 beredte Zeugnisse: dort werden Objekt und Attribut als "denklehrliche", Subjekt und Prädikat als "sprach- und denklehrliche Begriffe" bezeichnet (zit. nach Naumann, 1986, 55f.); ungenau ist allerdings Naumanns Aussage "Objekt und Attribut sind zu dieser Zeit [um 1800] sogar noch rein philosophische Fachwörter und werden in der Sprachwissenschaft nicht verwendet" (Naumann, 1986, 55), da diese beiden Begriffe in der Sprachwissenschaft vorkommen, wenn auch nicht, wie zu zeigen sein wird, zur Bezeichnung funktionaler Elemente.
[135] Diese Herkunft des Begriffs (bzw. der immer noch lebendige Einfluss der Bedeutung 'Gegenstand') ist auch heute noch in der Redeweise der Grammatiken zu spüren, so etwa in den Bezeichnungen 'affiziertes / effiziertes Objekt' – dahingegen wird man eine affizierte oder gar leidende Ergänzung in den Grammatiken vergeblich suchen.
[136] Allerdings ist hinzuzufügen, dass beim Subjekt früh (aber lediglich punktuell) eine Tendenz zur funktionalisierenden Verwendung zu beobachten ist; ein Beispiel, nämlich G.F. Grotefend, wird gleich behandelt werden.
[137] Gesner, 1786 (zuerst 1740), 88, § 144,8.
[138] So spricht Gesner etwa beim doppelten Dativ von einem Dativus Personae und einem Dativus Rei (a.O., 91, § 145,3).
[139] Vgl. dazu Pfister, 1972, 23; Forsgren, 1985, 43f. Zur Originalität von Girards Ansatz vgl. Swiggers in seiner Einleitung zu Girard, 1747, 57; vgl. außerdem Kaltz, 1996, 326f. mit weiterer Literatur. Der Begriff objet wird bereits in den Werken von Port-Royal verwendet, und zwar i.S.v. 'Gegenstand', v.a. 'Gegenstand des Denkens'; vgl. Arnauld, Logik, II 1, S.95; id., Grammaire, Kap. 2, S.48 ("Les objets de nos pensées sont ou les choses ... ce qu'on appelle ordinairement substance; ou la manière des choses ... ce qu'on appelle accident"); a.O., 6, S.60.
[140] Vgl. Girard 1, 1747, 88f.
[141] Girard, 1747, 93 (que l'attribution a en võe).
[142] a.O., 93f.
[143] Eine Übernahme als funktionale Terminologie war im deutschen Sprachraum schon deswegen schwierig, weil die französischen Begriffe so eingedeutscht wurden, dass sie eindeutig als semantische Termini aufgefasst wurden (Hauptsache, Beymessung, Gegenstand usw.); vgl. dazu Forsgren, 1985, 43 (auch zum Ausbleiben einer Rezeption Girards; dazu auch Kaltz, 1996, 326f.). Eine Ausnahme ist Karl Philipp Moritz, der die Begriffe Objektivus und Terminativus von Girard zu übernehmen scheint (vgl. Forsgren, 1992); Moritz bezeichnet damit allerdings die Endung oder die Stellung eines Wortes im Satz, an denen man erkennen könne, ob es sich um das Objekt oder das Zweckwort handelt (Moritz, 1792, 78-83; vgl. Forsgren, 1985, 76-78).
[144] Zur teilweisen Überschneidung des damaligen Begriffs der Logik mit unserem heutigen Semantikbegriff s. Fußn.48.
[145] Vgl. o. zum Subjekt mit Fußn.109.
[146] Im Laufe der Zeit verfestigen sich die auch uns geläufigen Bezeichnungen 'näheres/nächstes Objekt' (Ramshorn, 1824, 222, § 126 [mit 'Gegenstand' statt 'Objekt']; Krüger, 1826, 72; Schmitthenner, 1826, 262; Krüger, 1842, 475, § 356 Anm.4) für den leidenden Gegenstand und 'entfernteres Objekt' für den "beteiligten Gegenstand" (s. etwa Ramshorn, 1824, 198, § 116 [mit 'Gegenstand' statt 'Objekt']; Schmitthenner, 1826, 262; Schulz, 1834, 359 und 363, § 70, 5 und 13; Krüger, 1842, a.O.) (vgl. Naumann, 1986, 228f.).
[147] Zu Meiner vgl. besonders Naumann, 1990; Gardt, 1999, 212-217.
[148] Nur am Rande sei erwähnt, dass Meiner zwischen einem metaphysischen und einem logischen Subjekt unterscheidet (1781, LXIIIf.); keiner der beiden Begriffe ist aber (gegen Naumann, 1990, 440 und teilweise gegen Gardt, 1999, 215) funktional aufzufassen; sie entsprechen daher auch nicht unserem 'grammatischen Subjekt'. Vielmehr handelt es sich bei dem logischen Subjekt um substantivierte Adjektive; durch die Substantivierung wird das in der Natur (metaphysisch) Unselbständige im menschlichen Denken (logisch) zu einer selbständigen Substanz erhoben.
[149] Meiner, 1781, 149. 153. 160-162. Vgl. dazu Naumann, 1986, 217-219; Forsgren, 1985, 74f.
[150] Bröder, 1793, 169, § 256, vgl. 167, § 252.
[151] a.O., 197, § 320.
[152] Philosophische Principien, 1805, 29.
[153] Vgl. etwa Moritz, 1792, 28. Da Moritz außerdem das Objekt als Ziel bestimmt, bezeichnet er auch adverbiale Bestimmungen wie "in die Kirche" als Objekt (a.O., 29f. und 37). Hierin steht er den 'Frankfurtern' nahe, die aber aus anderen Gründen zu dieser Identifikation kommen.
[154] Wenn Etzler, 1826, 26, § 29 von einem "objektiven Ablativ" bei carere, uti, opus est, dignus und anderen Ausdrücken spricht, so ist damit lediglich gemeint, dass der Ablativ hier einen Gegenstand bezeichnet (synonym ist der Ausdruck 'Ablativ der Sache'). Es handelt sich also noch nicht um die Bezeichnung eines Satzgliedes.
[155] Grotefend, 1820, 235, § 166,10; vgl. 213, § 151.
[156] Krüger, 1826, 76.
[157] Wurst, 1843, 78f.
[158] S. etwa Madvig, 1844 /1847, § 210a.
[159] Zu Biographie, Werk und System Beckers vgl. die Monographie von Haselbach, 1966.
[160] Vgl. Schmidt, 1985, 272f.
[161] S. zum Folgenden Becker, 1836, 18-23. 37-39; id., 1837, 3-7; außerdem etwa Krüger, 1842, 365-368; KSt 1,1f. 206-208. 251f.; Haselbach, 1966, 155-160.
[162] Hier mag man die Frage stellen, warum ein Attribut nur ein Subjekt bestimmt. Das hängt auch hier wieder damit zusammen, dass es sich um tiefenstrukturelle Satzverhältnisse handelt: In dem Satz "Der zornige Mann schlägt den frechen Jungen" lässt sich der Objektausdruck in den Satz "Der Junge ist frech" umwandeln.
[163] Hier könnte ein Einfluss Kants vorliegen, allerdings kannte schon die traditionelle Grammatik diese Umstandsbestimmungen (vgl. Fußn.51).
[164] Diese Terminologie wird übrigens von vielen Beckeradepten beibehalten, ja sogar in der heute noch in Gebrauch befindlichen Überarbeitung der Lateinischen Grammatik von Kühner durch Stegmann werden mit Objekt auch substantivische Adverbialien bezeichnet (KSt 1,20).
[165] Dieselbe Unterscheidung traf, wie gesehen, bereits Girard, 1747 – mit demselben Erfolg.
[166] Vgl. Haselbach, 1966, 160.
[167] Kühner, 1836, 261, § 435.
[168] a.O., 262, § 436.
[169] Ein früher Beleg für die Bezeichnung des Ablativs nach frui als Objekt findet sich bei Ast, 1808, 71.
[170] In der Beckerschen Tradition steht etwa Krüger, wenn er das Kapitel über den Ablativ mit den Worten beginnt: "Das im Ablativ stehende Object enthält verschiedene Bestimmungen einer Tätigkeit." (Krüger, 1842, 486, § 367).
[171] Die Behandlung von griechischen Grammatiken ist methodisch zulässig, da die 'Frankfurter' wie die Vertreter der Allgemeinen Grammatik (zu denen man Hermann zählen kann) an den universalsprachlichen Kasus interessiert waren, so dass Kühners hier referierte Aussagen über die griechischen Kasus ebenso für die Kasus jeder anderen Sprache gelten (Hermann benützt ohnehin lateinische Beispiele zur Explikation).
[172] Eine Darstellung anderer Ansätze in der Kasusgrammatik der damaligen Zeit findet sich bei Naumann, 1986, 201-240 (zu lokalistischen und rationalistischen Kasustheorien 232-234).
[173] Hermann, 1801, 124-127.
[174] a.O., 133. Für die Kategorien der Relation verwendet Hermann folgende Begriffe: inhaerentia (substantia, accidens), consequutio (causa, effectus), communio (a.O., 138).
[175] Das Folgende nach Hermann, 1801, 137-148.
[176] Ein illustratives Beispiel ist G.F. Grotefends Erklärung der Rektionsalternativen bei donare. Der übliche Transformationsprozess verwandelt das nähere Objekt in einen Akkusativ, das entferntere in einen Dativ (aliquid alicui donare); denkt man sich aber auf der konnotativ-mentalen Ebene das entferntere Objekt als ein näheres, so kann man es auch mit einem Akkusativ wiedergeben (1820, 237, § 166,19) –warum aber *aliquid aliquem donare ungrammatisch ist, kann diese Theorie nicht erklären.
[177] Entsprechend, lediglich mit einer anderen Terminologie, unterscheidet auch Menge 54 die beiden Alternativen: "Der Dat. ist zu wählen, wenn die Person oder Sache nicht bloß leidend als Objekt der Handlung, sondern als bei der Handlung beteiligt dargestellt werden soll, oder wenn die Frage 'wem zum Nutzen oder Schaden?' besonders in Betracht kommt." Fast wortwörtlich findet sich diese Differenzierung auch bei KSt 1,334.; vgl. auch Pinkster, 1988, 75f.
[178] Das Folgende nach Grotefend, 1818, 197 und 1820, 233f., § 166,3-6, 293, § 204 mit Anm.1f., 314, § 217, 320, § 220. In der Tabelle bezeichnen die von mir stammenden Kursivierungen Kantische Kategorien, die sich nicht immer wörtlich bei Grotefend finden.
[179] Der Genitiv drückt auch nach Schulz, 1834, 382, § 76,1 die "innere Verbindung zwischen zweien Begriffen" aus.
[180] Nach Doeleke, 1814, 11 Fußn.5 geht die Bezeichnung des Genitivs als "Beschränkform" auf C.M. Paulis Schrift Beiträge zur Sprachwissenschaft von 1812 zurück. Bei Doeleke a.O. findet sich eine interessante Zurückweisung dieser Begrifflichkeit aus der Sicht des Lokalisten, die hier aus Platzgründen nicht zitiert werden kann.
[181] Die Ergänzungen im Genitiv sind notwendig, weil sie Eigenschaften des durch das regierende Substantiv ausgedrückten Gegenstandes bezeichnen.
[182] Der Dativ als Fall zur Bestimmung von Zweck oder entfernterem Ziel findet sich auch bei Ramshorn, 1824, 162, § 99).
[183] Auch Ramshorn unterscheidet zwischen inneren, notwendigen und äußeren, zufälligen Verhältnissen und wendet diese Begriffe in ähnlicher Weise wie Grotefend in der Kasuslehre an (1824, 161f., 99-101). Nach Schmitthenner drücken auch Dativ und Akkusativ die innere Beziehung aus (Schmitthenner, 1826, 262).
[184] Auch hier zeigt sich das Paradigma des Reduktionismus: Die beiden Grundbedeutungen des Ablativs sind die lokale und die instrumentale, aus denen sich jeweils die anderen Bedeutungen entwickeln.
[185] Vgl. dazu oben und Grotefend, 1820, 255, § 177 Anm.1.
[186] Ein Erklärungsbedarf bei zwei oder mehr Rektionsalternativen eines Verbs ergibt sich bei der Ellipsentheorie nicht, weil dort die Kasus keine eigene Bedeutung haben.
[187] Grotefend, 1820, 234f., § 166,6-8. Dieselbe Erklärung von Genitivus und Ablativus qualitatis findet sich bei Ramshorn, 1824, 254, § 140.
[188] Grotefend, 1820, 236, § 166,14. Mit diesen Transformationen operiert Grotefend auch, um den Ablativ bei donare u.a. Verben zu erklären: Der Nominativ werde bei der Passivierung zum Ablativ: aus circumdatum est corpus animo wird animus circumdatus a Deo est corpore (Grotefend, 1820, 293, § 204 Anm.2). Es ist unklar, warum Grotefend im zweiten Satz mit dem Zusatz a Deo den Agens hinzufügt und so seine Erklärung fragwürdiger macht.
[189] Zu Ablativus und Genitivus qualitatis wie Grotefend KSt 1,454; vorsichtiger Menge 74,3 und RHH 134,2; vgl. demgegenüber HSz 118: "Der Streit um den Begriff der dauernden Eigenschaft, der dem Abl. qual. nach den einen, oder der wechselnden, der ihm nach den anderen wesensgemäß zukommen soll [...] ist ein müß iges Spiel mit Worten." Bei der Rektion des Partizips Präsens wurde von Grotefends Deutung nur die 'dauernde Eigenschaft' übernommen, diese aber nicht mit dem Genitiv, sondern mit dem als Adjektiv aufgefassten Partizip verbunden, vgl. Schulz, 1834, 395f., § 76,16; KSt 1,450; Menge 85 und RHH 135,1b. Anders wird die Genitivrektion bei HSz gedeutet, nämlich zum Teil aus dem zugrunde liegenden Verbalbegriff (bei Partizipien wie cupiens und egens), zum Teil aus dem nominalen Charakter des substantivierten Partizips (HSz 80). Eine andere Deutung als bei Grotefend findet sich bei Ramshorn, dem zufolge die PPA den Genitiv regieren, "wenn sie adiective (gemeint ist als Prädikatsnomen) stehen" (1824, 177, § 107,4); fast identisch damit ist die Deutung bei MBS 315 (dort auch Belegstellen, die Grotefends Auffassung widerlegen).
[190] Grotefend, 1830, 283f., § 375.
[191] a.O., 284f., § 376; 290, § 381.
[192] Die Tabelle nach Grotefend, 1830, 6-20, §§ 6-24 und 284f., § 376.
[193] Eine ähnliche Dativdefinition findet sich bei Krüger, 1842, 474f., § 356.
[194] Grotefend geht sogar so weit zu behaupten, dass viele Nomina als Nominativ den Genitiv verwenden (z.B. avis), da das Subjekt eine Tätigkeit bewirke oder erzeuge (1830, 281, § 373).
[195] a.O., 285, § 377.
[196] a.O., 9, § 11.
[197] a.O., 13, § 17.
[198] a.O., 287, § 378 Anm.3.
[199] Der Genitiv bei den Verba affectuum wurde auch von Wüllner (1827, 32f.) und Hartung (1831, 17f.) als verursachender Genitiv erklärt.
[200] a.O., 12f., §§ 14-17.
[201] Hier steht August Grotefend im Gegensatz zu seinem Onkel, der den Ablativ als Kasus der zufälligen Beziehung bezeichnet hat.
[202] a.O., 16, § 21.
[203] Alle Beispiele bei Grotefend, 1830, 285f., § 377. Bei der letzten Äußerung fühlt man sich wohl nicht zu Unrecht an die Inhaltsgrammatik von Weisgerber erinnert.
[204] Kühners Mitgliedschaft im Frankfurter Gelehrtenverein für die deutsche Sprache wird sogar auf der Titelei seiner Griechischen Grammatik von 1836 verzeichnet, was wohl von dem hohen Ansehen zeugt, das der Verein damals zumindest in altphilologischen Kreisen genoss.
[205] Wüllner selbst betont die Neuheit seiner Gedanken (1831, IX).
[206] Wenn auch der dänische Philologe Madvig in seinem Kasussystem ausgefallene Wege beschreitet, so ist er doch auch den damals herrschenden lokalistischen Ansichten verpflichtet (vgl. Hauger, 1994, 128-134, zu Madvigs Lokalismus 131-133).
[207] Wüllner, 1831, 145-147. Eine harte Kritik an den Lokalisten findet sich bei Michelsen, 1837, 34f., der ihnen sogar Sanctius vorzieht.
[208] Vgl. Wüllner, 1827, 1f.
[209] Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts wich offenbar der vorherrschende Lokalismus anderen Paradigmen, wie sich aus KSt 1,252 Anm.1 entnehmen lässt: Erst Stegmann scheint die lokalistische Theorie Kühners durch flexiblere Ansätze ersetzt zu haben.
[210] Vgl. Fußn.163.
[211] Kühner, 1836, 261, § 435.
[212] Vgl. Kühner, 1836, 262, § 436: Alle diese Beziehungen "werden ursprünglich als räumliche Beziehungen aufgefasst". Damit kommt bei Kühner deutlicher als bei den beiden Grotefends die diachrone Ebene der Sprachbetrachtung zum Vorschein. Dies hängt sicher mit der allmählich aufblühenden Disziplin der Indogermanistik zusammen.
[213] Kühner, 1836, 207, § 337. Dort definiert Kühner (wie auch Becker) das Verb als Ausdruck eines Tätigkeitsbegriffes (entsprechend a.O., 213, § 347 das Substantiv als Ausdruck des Begriffs des Seienden) und fährt fort: "Die Thätigkeit wird von dem sinnlich denkenden Menschen als räumliche Bewegung aufgefasst."
[214] a.O., 262, § 436.
[215] Das Problem, dass der Akkusativ auch eine räumliche Ausdehnung bezeichnet, löst Kühner, indem er diesen Fall als leidenden Gegenstand bei Verben der Bewegung erklärt und erst daraus den adverbiellen Gebrauch hervorgehen lässt (a.O., 281f., § 480).
[216] a.O., 207, § 337.
[217] "Das eigentliche Gebiet des Genitivs wurde die Bezeichnung der kausalen Beziehung" (a.O., 264, § 440 A.).
[218] a.O., 273, § 460.
[219] a.O., 275, § 464. Dagegen erklärt die Ellipsentheorie den Genitiv mit einer Auslassung von crimine o.ä. Substantive (z.B. Sanctius, 1693, II 3, 114. IV 414-416; Bröder, 1793, 168, § 254 mit Anm.1; Ramshorn, 1824, 187f., § 110).
[220] G.F. Grotefend ordnet demgegenüber die "wechselseitige Einwirkung" dem Dativ zu (s.o.).
[221] Kühner, 1836, 268, § 448 Anm.2. Um den Genitiv bei den Verben des Bittens zu erklären, wendet Kühner aber nicht dieselbe Begründung an, sondern geht von einer Analogiebildung nach den Verben der Berührung aus, da "der Bittende die Kniee oder das Bild der Gottheit berührend sein Gebet aussprach" (a.O.). Vielleicht spielt bei dieser analogistischen Erklärung die Vorstellung von der semantischen Entwicklung des Verbs von einer konkreten ('berühren') zu einer abstrakteren ('bitten') Bedeutung eine Rolle. Schon bei Harris ist der Genitiv seinem Namen entsprechend der Fall, der Verhältnisse ausdrücke, "die von ihm anfangen" (s.o. mit Fußn.46). So erklärt sich nach Harris die Tatsache, dass altgriechische Verben des Bittens den Genitiv regieren: Man erwarte nämlich von demjenigen, den man bittet, eine Gabe. Mit dieser Grundbedeutung des Genitivs erklärt er auch Beispiele wie dominus servi vs. servus domini: Das regierende Substantiv beziehe sich hier jeweils "auf die Grenze oder den Punkt, von welchem es sein Wesen, oder seine Erkennbarkeit erhält" (Harris, 1788, 228f.). Auch Adelung führt als erste Bedeutung des Genitivs die Bezeichnung des Verhältnisses der wirkenden Ursache an, und zwar mit Beispielen wie: der Sohn Gottes, der Befehl des Königs, Söhne eines Vaters (Adelung, Sprachlehre, 363). Somit ergibt sich das Paradoxon, dass der Genitiv zwar von seinem Begriff her gedeutet wird, man dasselbe Interpretationsschema aber nicht auf den Ablativ (von ablatio / auferre) anwendet.
[222] Kühner, 1836, 269, § 450. Entsprechende Erklärungen des Genitivs finden sich häufig, vgl. etwa Wurst, 1843, 90 (zur Erklärung des Genitivs bei 'bedürfen' und 'spotten'): "Der Kranke weiß z.B., daß der Arzt in Krankheiten helfen kann. Die Vorstellung 'Arzt' wirkt auf ihn (den Kranken) ein und ruft bei ihm die Thätigkeit des Bedürfens hervor ... Der Gebrechliche wirkt auf den Muthwilligen ein und ruft bei ihm die Thätigkeit des Spottens hervor." Aus diesem Grunde nenne Becker den Genitiv auch den Woherfall (a.O., 91).
[223] "Wir nennen diesen Dativ vorzugsweise den Dativ" (Kühner, 1836, 287, § 491); er spricht daher vom eigentlichen Dativ (a.O., 288, § 495).
[224] a.O., 286f., § 491.
[225] a.O., § 495.
Autor (author): Thorsten Burkard

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