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Timestamp: 2018-04-24 10:42:52+00:00

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BAG, Urteil vom 15.11.2012, 8 AZR 683/11 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 15.11.2012, 8 AZR 683/11
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Magdeburg, Urteil vom 2.11.2010 - 9 Ca 278/10
Landesarbeitsgericht Sachsen-Anhalt, Urteil vom 20.7.2011 - 4 Sa 442/10
15. No­vem­ber 2012
hat der Ach­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 15. No­vem­ber 2012 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Hauck, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Böck und
Brein­lin­ger so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Ave­na­ri­us und Hen­ni­ger für Recht er­kannt:
Mit Wir­kung vom 1. April 2003 ging das Ar­beits­verhält­nis des Klägers auf die A GmbH & Co. KG (im Fol­gen­den: A KG) über.
Bei der A KG han­del­te es sich um ei­ne vermögens­ver­wal­ten­de Kom­man­dit­ge­sell­schaft. Persönlich haf­ten­de Ge­sell­schaf­te­rin war die I mbH. Die Geschäfte der Ge­sell­schaft führ­te gemäß dem Ge­sell­schafts­ver­trag die DAG als geschäftsführen­de Kom­man­di­tis­tin.
Der Kläger ist der Auf­fas­sung, es lie­ge ein Be­triebsüber­gang auf die Be­klag­te vor. Es sei im vor­lie­gen­den Fal­le prägend, dass mit dem Grund­be­sitz und Zu­behör in dem Ob­jekt in der J na­he­zu das ge­sam­te Vermögen der A KG und da­mit auch der Be­trieb auf die Be­klag­te über­ge­gan­gen sei. Das Gebäude wer­de nach wie vor über­wie­gend durch die Be­klag­te ge­nutzt. Die Be­klag­te ha­be im Übri­gen nicht nur die Im­mo­bi­lie über­nom­men, son­dern auch die da­mit im Zu­sam­men­hang ste­hen­den Ver­sor­gungs­verträge so­wie Miet­verträge mit Drit­ten.
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis des Klägers seit dem 1. Fe­bru­ar 2010 auf die be­klag­te Par­tei über­ge­gan­gen ist und mit die­ser zu un­geänder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen fort­be­steht,
Sie meint, es lie­ge kein Be­triebsüber­gang vor. Der Funk­ti­ons- und Zweck­zu­sam­men­hang der frühe­ren Ein­heit sei nicht bei­be­hal­ten wor­den. Der mit dem Gebäude bei der A KG ver­folg­te Zweck ha­be in der Ge­winn­erzie­lung und Ver­mie­tung be­stan­den. Ziel des Kau­fes für die Be­klag­te sei hin­ge­gen ge­we­sen, Aus­ga­ben im Ver­wal­tungs­haus­halt zu re­du­zie­ren und die Im­mo­bi­lie selbst zu nut­zen. Die Ände­rung der Nut­zung der Im­mo­bi­lie von ei­ner Fremd­ver­mie­tung in ei­ne Ei­gen­nut­zung stel­le ei­ne we­sent­li­che Ände­rung dar. Dass sie die Miet­verträge mit Drit­ten ha­be über­neh­men müssen, fol­ge aus dem Ge­setz. Sie ha­be we­der die al­ten Be­triebs­struk­tu­ren noch das Per­so­nal der A KG über­nom­men. Es sei auch kei­ne Ein­glie­de­rung in ei­ne bei der Er­wer­be­rin ähn­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on er­folgt. Die Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur des Ei­gen­be­triebs Kom­mu­na­les Gebäude­ma­nage­ment be­inhal­te kei­ne tech­ni­sche und kaufmänni­sche Haus­ver­wal­tung für ei­ne Fremd­nut­zung des Gebäudes, son­dern nur für ei­ne Ei­gen­nut­zung.
der Kläger die Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on be­an­tragt.
neu­en In­ha­ber an­zu­neh­men ist, rich­tet sich nach den Umständen des kon­kre­ten Ein­zel­fal­les. Als Teil­as­pek­te der Ge­samtwürdi­gung zählen ins­be­son­de­re die Art des be­tref­fen­den Be­triebs, der Über­gang ma­te­ri­el­ler Be­triebs­mit­tel wie be­weg­li­cher Güter und Gebäude, der Wert im­ma­te­ri­el­ler Ak­ti­va im Zeit­punkt des Über­gangs, die Über­nah­me der Haupt­be­leg­schaft durch den neu­en In­ha­ber, der Über­gang von Kund­schaft und Lie­fe­ran­ten­be­zie­hun­gen, der Grad der Ähn­lich­keit zwi­schen den vor und nach dem Über­gang ver­rich­te­ten Tätig­kei­ten und die Dau­er ei­ner Un­ter­bre­chung die­ser Tätig­keit. Die Iden­tität der Ein­heit kann sich auch aus an­de­ren Merk­ma­len er­ge­ben, wie ih­rem Per­so­nal, ih­ren Führungs­kräften, ih­rer Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on, ih­ren Be­triebs­me­tho­den und ggf. den ihr zur Verfügung ste­hen­den Be­triebs­mit­teln. Den für das Vor­lie­gen ei­nes Über­gangs maßgeb­li­chen Kri­te­ri­en kommt je nach der aus­geübten Tätig­keit und je nach den Pro­duk­ti­ons- oder Be­triebs­me­tho­den un­ter­schied­li­ches Ge­wicht zu (st. Rspr., vgl. BAG 15. De­zem­ber 2011 - 8 AZR 197/11 - Rn. 39, EzA BGB 2002 § 613a Nr. 130).
We­sent­li­che Ände­run­gen in der Or­ga­ni­sa­ti­on, der Struk­tur oder im Kon­zept der be­trieb­li­chen Tätig­keit können ei­ner Iden­titäts­wah­rung ent­ge­gen­ste­hen (vgl. BAG 10. Mai 2012 - 8 AZR 434/11 - Rn. 26, NZA 2012, 1161; 22. Ja­nu­ar
2009 - 8 AZR 158/07 - Rn. 24, AP BGB § 613a Nr. 367 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 107; 4. Mai 2006 - 8 AZR 299/05 - Rn. 34, BA­GE 118, 168 = AP BGB § 613a Nr. 304 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 51). Ein Be­triebsüber­gang schei­det auch aus, wenn die funk­tio­nel­le Ver­knüpfung der Wech­sel­be­zie­hung und ge­gen­sei­ti­gen Ergänzung zwi­schen den Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren beim an­de­ren Un­ter­neh­mer ver­lo­ren geht. Bei ei­ner Ein­glie­de­rung der über­tra­ge­nen Ein­heit in die Struk­tur des Er­wer­bers fällt der Zu­sam­men­hang die­ser funk­tio­nel­len Ver­knüpfung der Wech­sel­be­zie­hung und ge­gen­sei­ti­gen Ergänzung zwi­schen den für ei­nen Be­triebsüber­gang maßgeb­li­chen Fak­to­ren nicht zwangsläufig weg. Die Bei­be­hal­tung der „or­ga­ni­sa­to­ri­schen Selbständig­keit“ ist nicht er­for­der­lich, wohl aber die Bei­be­hal­tung des Funk­ti­ons- und Zweck­zu­sam­men­hangs zwi­schen den ver­schie­de­nen über­tra­ge­nen Fak­to­ren, der es dem Er­wer­ber er­laubt, die­se Fak­to­ren, auch wenn sie in ei­ne neue, an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur ein­ge­glie­dert wer­den, zur Ver­fol­gung der­sel­ben oder ei­ner gleich­ar­ti­gen wirt­schaft­li­chen Tätig­keit zu nut­zen (vgl. EuGH 12. Fe­bru­ar 2009 - C-466/07 - [Kla­ren­berg] Rn. 48, Slg. 2009, I-803 = AP Richt­li­nie 2001/23/EG Nr. 4 = EzA EG-Ver­trag 1999 Richt­li­nie 2001/23 Nr. 2).
Im Rah­men des § 613a BGB gel­ten die all­ge­mei­nen Grundsätze der Dar­le­gungs- und Be­weis­last. Nimmt der Ar­beit­neh­mer den ver­meint­li­chen Be­triebsüber­neh­mer in An­spruch, muss er die Vor­aus­set­zun­gen ei­nes Be­triebs(teil)über­gangs so­wie ggf. sei­ner or­ga­ni­sa­to­ri­schen Zu­ord­nung zum über­ge­gan­ge­nen Be­triebs­teil dar­le­gen und be­wei­sen (BAG 10. Mai 2012 - 8 AZR 434/11 - Rn. 28, NZA 2012, 1161).
2. Nach die­sen Grundsätzen hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt rechts­feh­ler­haft ei­nen Be­triebsüber­gang auf die Be­klag­te be­jaht.
Be­triebs­mit­tel sind viel­mehr die für die kaufmänni­sche Sach­be­ar­bei­tertätig­keit not­wen­di­gen Mit­tel wie Büro, EDV-Aus­stat­tung so­wie die im Rah­men der tech­ni­schen Sach­be­ar­bei­tung er­for­der­li­chen Ar­beits­geräte. In ähn­li­cher Wei­se hat der Se­nat für an­de­re Ar­ten von Dienst­leis­tun­gen be­reits ent­schie­den. So hat er bspw. hin­sicht­lich der Be­treu­ung von tech­ni­schen An­la­gen durch ein Fa­ci­li­ty-Ma­nage­ment an­ge­nom­men, die An­la­gen stell­ten auch bei wer­ten­der Be­trach­tung kei­ne sach­li­chen Be­triebs­mit­tel für die er­brach­ten Tätig­kei­ten dar (BAG 22. Ja­nu­ar 2009 - 8 AZR 158/07 - Rn. 25, AP BGB § 613a Nr. 367 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 107). Glei­ches hat er letzt­lich auch für ei­nen Wech­sel ei­nes Be­wa­chungs­auf­trags bei ei­nem Trup­penübungs­platz ent­schie­den (BAG 25. Sep­tem­ber 2008 - 8 AZR 607/07 - Rn. 49, AP BGB § 613a Nr. 355 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 98).
be­ne ge­werb­li­che Haus­ver­wal­tung, die auf ei­ne ver­mie­te­te Im­mo­bi­lie be­zo­gen war, un­ter­schei­det sich von ei­ner Ver­wal­tung, die ei­ne vom Ei­gentümer selbst ge­nutz­te Im­mo­bi­lie zum Ge­gen­stand hat. Mit an­de­ren Wor­ten: Was im­mer die A KG ge­macht hat, die Be­klag­te macht dies nicht.
Die A KG war ei­ne auf Ge­winn­erzie­lung ge­rich­te­te Vermögens­ver­wal­tungs­ge­sell­schaft. Ei­ne Vermögens­ver­wal­tungs­ge­sell­schaft ver­wal­tet ent­we­der frem­des Vermögen oder ver­wal­tet ei­ge­nes Vermögen, wel­ches ihr - zu­meist durch In­ves­to­ren - treuhände­risch über­las­sen wur­de. Sie wird ge­werb­lich tätig, weil sie auf Dau­er dar­auf ab­zielt, Ge­winn zu er­zie­len. Dies setzt not­wen­di­ger­wei­se die Ver­mie­tung der Im­mo­bi­lie vor­aus. Zu die­sem Zwe­cke un­ter­hielt die A KG ei­ne kaufmänni­sche und tech­ni­sche Ver­wal­tung. Vor die­sem Hin­ter­grund kann als Be­triebs­zweck der Haus­ver­wal­tung nicht nur die In­stand­hal­tung der Im­mo­bi­lie ge­se­hen wer­den. Die­ser Zweck bleibt re­gelmäßig auch dann er­hal­ten, wenn die Im­mo­bi­lie an ei­nen neu­en Ei­gentümer veräußert wird, der die An­la­ge selbst nutzt. Die­ser wird idR im ei­ge­nen In­ter­es­se die not­wen­di­gen In­stand­hal­tungs­maßnah­men durchführen. Der Ge­winn­erzie­lungs­zweck durch Ver­mie­tung, der für die A KG von zen­tra­ler Be­deu­tung war, ist bei der Be­klag­ten je­doch ent­fal­len.
Dar­an ändert auch nichts, dass die Be­klag­te zu ei­nem ge­rin­gen Teil be­ste­hen­de Miet­verhält­nis­se auf­recht er­hal­ten will. Nach dem nicht be­strit­te­nen
und da­mit als un­strei­tig zu be­han­deln­den Vor­trag der Be­klag­ten nutz­te sie be­reits vor dem Ei­gen­tums­wech­sel ca. 82 % der Nutzflächen als Mie­te­rin selbst. Zu der Auf­recht­er­hal­tung der übri­gen Miet­verhält­nis­se war sie nach § 566 Abs. 1 BGB kraft Ge­set­zes ver­pflich­tet. Da­mit stand für die Be­klag­te weit über­wie­gend die ei­gen­wirt­schaft­li­che Nut­zung des er­wor­be­nen Grundstücks im Vor­der­grund.
lie über­wie­gend für ei­ne Ver­mie­tung und da­mit zur Ge­winn­erzie­lung zu nut­zen. Maßgeb­lich ist viel­mehr, dass sie in tatsäch­li­cher Hin­sicht die Art der Nut­zung gänz­lich verändert hat.
II. Über den ursprüng­lich hilfs­wei­se ge­stell­ten Beschäfti­gungs­an­trag des Klägers war nicht zu ent­schei­den. Bei sach­ge­rech­ter Aus­le­gung der Kla­ge­schrift ist die­ser An­trag als un­ech­ter Hilfs­an­trag zu ver­ste­hen, der nur für den Fall ge­stellt wer­den soll­te, dass der Kläger mit sei­nem Fest­stel­lungs­an­trag ge­genüber der Be­klag­ten in der Haupt­sa­che ob­siegt. Denn nur bei Be­ste­hen ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses mit der Be­klag­ten macht der Beschäfti­gungs­an­trag
ei­nen Sinn. Dies hat das Ar­beits­ge­richt ver­kannt und den Beschäfti­gungs­an­trag nicht ver­be­schie­den, ob­wohl es dem Fest­stel­lungs­an­trag statt­ge­ge­ben hat. Dem Kläger wäre es möglich ge­we­sen, hier­ge­gen Ur­teil­s­ergänzung nach § 321 ZPO zu be­an­tra­gen. Da er dies nicht in­ner­halb der An­trags­frist des § 321 Abs. 2 ZPO ge­tan hat, ist die Rechtshängig­keit sei­nes Hilfs­an­trags ent­fal­len (BAG 21. Au­gust 2012 - 3 ABR 20/10 - Rn. 20, Be­trAV 2013, 63).
zur Übersicht 8 AZR 683/11

References: § 613
 § 613
 § 613
 § 613
 § 613
 EuGH 
 § 613
 § 613
 § 613
 § 613
 § 613
 § 566
 § 321
 § 321