Source: https://www.rechtsportal.de/Rechtsprechung/Rechtsprechung/2017/BGH/Gerichtlicher-Zustaendigkeitsstreit-betreffend-die-Entscheidung-ueber-den-Einspruch-gegen-einen-Bussgeldbescheid-Verstoss-gegen-eine-Regel-der-Internationalen-SeeKollisionsverhuetungsegeln-Bestimmung-der-zustaendigen-Behoerde-durch-die-rechtlichen-Gegebenheiten-Organisatorischer-Mittelpunkt-des-behoerdlichen-Dienstbetriebs3
Timestamp: 2020-08-11 22:23:16+00:00

Document:
BinSchAufgG § 7 Abs. 1
BinSchUO § 16 Abs. 2 Nr. 2
BinSchUO § 17 Abs. 4 Nr. 17
BGH, Beschluss vom 07.06.2017 - Aktenzeichen 2 ARs 47/15
DRsp Nr. 2017/8864
BinSchAufgG § 7 Abs. 1; BinSchUO § 16 Abs. 2 Nr. 2; BinSchUO § 17 Abs. 4 Nr. 17; OWiG § 36 Abs. 1 Nr. 1 ; OWiG § 46 Abs. 1 ; OWiG § 68 Abs. 1 S. 1; StPO § 14 ;
Die "Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt Außenstelle Nord" mit Sitz in Kiel erließ am 15. November 2013 einen Bußgeldbescheid über eine Geldbuße von 400 Euro nebst Kosten gegen den Betroffenen wegen einer Ordnungswidrigkeit, die er auf der U. begangen haben soll. Vorgeworfen wird ein Verstoß gegen § 7 Abs. 1 BinSchAufgG in Verbindung mit § 16 Abs. 2 Nr. 2, § 17 Abs. 4 Nr. 17 BinSchUO.
Nach Einspruch des Betroffenen gegen den Bußgeldbescheid hat die Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Kiel die Sache dem Amtsgericht Kiel vorgelegt. Dieses Gericht hat sich durch Beschluss vom 26. August 2014 für unzuständig erklärt. Dazu hat es ausgeführt, der Sitz der Außenstelle Nord der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt in Kiel begründe keine Gerichtszuständigkeit; denn der Außenstelle sei die Verfolgung und Ahndung von Ordnungswidrigkeiten nicht wirksam übertragen worden. Die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt habe ihren Sitz in Bonn. Auch wenn eine Außenstelle die Sache bearbeitet habe, sei der Sitz der Hauptstelle für die Gerichtszuständigkeit gemäß § 68 Abs. 1 OWiG maßgeblich. Anders wäre es nur, wenn der Außenstelle die Zuständigkeit zur Verfolgung und Ahndung von Ordnungswidrigkeiten gemäß § 36 Abs. 2 oder 3 OWiG übertragen worden wäre. Eine solche Übertragung sei aber nicht wirksam erfolgt. Dazu wäre eine Regelung durch Rechtsverordnung erforderlich. Der Organisationserlass des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung vom 19. April 2013 genüge nicht. Die organisatorische Neugliederung der Behörden habe keine selbständige Behörde bei der Außenstelle geschaffen.
2. Gemäß § 68 Abs. 1 Satz 1 in Verbindung mit § 36 Abs. 1 Nr. 1 OWiG und in Verbindung mit § 7 Abs. 5 und 6 BinSchAufgG (Gesetz über die Aufgaben des Bundes auf dem Gebiet der Binnenschifffahrt - Binnenschifffahrtsaufgabengesetz - BinSchAufgG vom 15. Februar 1956, BGBl. II S. 317 , in der Fassung der Neubekanntmachung vom 5. Juli 2001, BGBl. I S. 2026 ) in der bis zum 31. Mai 2016 geltenden Fassung ist das Amtsgericht Kiel für die Entscheidung über den Einspruch gegen den Bußgeldbescheid zuständig.
Die Verwaltungsbehörde hat ihren Sitz grundsätzlich dort, wo ihre Hauptstelle eingerichtet ist, also wo die betreffende Behörde den organisatorischen Mittelpunkt ihres Dienstbetriebs hat. Erlässt eine Nebenstelle den Bußgeldbescheid, ist für den Sitz der Behörde im Sinne von § 68 Abs. 1 Satz 1 OWiG grundsätzlich der Ort der Hauptstelle maßgeblich. Etwas anderes gilt aber dann, wenn die Aufgabe der Verfolgung und Ahndung von Ordnungswidrigkeiten der Außenstelle als eigenständiger Behörde zugewiesen wurde. Maßgeblich für die Abgrenzung ist nicht die Betrachtung des Auftritts der Verwaltungsbehörde. Bestimmt wird die Zuständigkeit vielmehr durch die rechtlichen Gegebenheiten (vgl. BeckOK-OWiG/Gertler, OWiG , 15. Ed., § 68 Rn. 4; Rebmann/Roth/Herrmann aaO).
§ 7 Abs. 5 BinSchAufgG in der bis zum 31. Mai 2016 geltenden Fassung hat insoweit folgendes bestimmt: "Verwaltungsbehörde im Sinne des § 36 Abs. 1 Nr. 1 des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten ist die Wasser- und Schifffahrtsdirektion." § 7 Abs. 6 Satz 1 BinSchAufgG in jener Fassung hat dies wie folgt konkretisiert: "Örtlich zuständig ist nur die Wasser- und Schifffahrtsdirektion, in deren Bezirk die Tat begangen ist." Die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord, welche die Aufgabe der Gewährleistung der Sicherheit und der Leichtigkeit des Verkehrs auf den Bundeswasserstraßen der deutschen Ostseeküste, der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, der Unterelbe und ihren Zuflüssen, dem Nord-Ostsee-Kanal, der Eider, der Untertrave und der Peene hatte, war nach dieser Rechtslage zur Zeit des Erlasses des Bußgeldbescheids örtlich und sachlich zuständig.
Der Umstand, dass die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes durch Erlass des Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung vom 19. April 2013 (VkBl. 2013, S. 422 ff.) neu geordnet worden ist (vgl. zur Begründung der späteren gesetzlichen Regelung BR-Drucks. 497/15 S. 25 ff.) und die "Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord" nicht mehr diese Bezeichnung trägt, sondern als "Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt Außenstelle Nord" bezeichnet ist, berührt die ursprünglich durch § 7 Abs. 5 und 6 BinSchAufgG begründete Zuständigkeit nicht. Sie umfasst auch Fälle der Rechtsnachfolge oder geänderten Behördenbezeichnung (vgl. VG Schleswig, Urteil vom 16. September 2014 - 3 A 223/13, RdTW 2015, 117, 118 f.). Soweit § 7 Abs. 5 BinSchAufgG in der bis zum 31. Mai 2016 geltenden Fassung bestimmt hat, "Verwaltungsbehörde im Sinne des § 36 Abs. 1 Nr. 1 des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten ist die Wasser- und Schifffahrtsdirektion" und § 7 Abs. 6 Satz 1 BinSchAufgG die örtliche Zuständigkeit der Wasser- und Schifffahrtsdirektion zugewiesen hat, in deren Bezirk die Ordnungswidrigkeit begangen wurde, handelt es sich daher um eine Zuständigkeitsregelung, welche auch die "Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt Außenstelle Nord" einschließt.
b) Die Tatsache, dass nach Erlass des angefochtenen Bußgeldbescheids die Zuständigkeit für die Verfolgung und Ahndung von Ordnungswidrigkeiten nach § 7 Abs. 5 BinSchAufgG in der ab dem 1. Juni 2016 geltenden Fassung der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt zugewiesen wurde, ändert nichts an der bereits begründeten Gerichtszuständigkeit (vgl. KKOWiG/Ellbogen, OWiG , 4. Aufl., § 68 Rn. 7; Rebmann/Roth/Herrmann aaO, § 68 Rn. 2).
Vorinstanz: AG Kiel, - Vorinstanzaktenzeichen 36 OWi 5/14
Vorinstanz: AG Bonn, - Vorinstanzaktenzeichen 430 Js 985/14
Zitieren: BGH - Beschluss vom 07.06.2017 (2 ARs 47/15) - DRsp Nr. 2017/8864

References: § 7
 § 16
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 § 46
 § 68
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