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Timestamp: 2020-06-02 00:30:57+00:00

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Feuerbachs Straftheorie - digi-hub
herausgegeben von H. Vaihinger und B. Bauch.
^o. 3.
Feuerbachs Straftheorie
zur Kantischen Philosophie.
Oskar Döring,
Dr. jiiK et phil.
Verlag von R e u t h e r
& Reichard
Ladenpreis: Mk. 1,20.
Für die Abonnenten de? •„ Kantshidien":
Für Jahresmitglieder der v Kantgesellschaft
Mk.0,90.
VERLAG VON R E U T H E R & R E I C H A R D IN BERLIN W. 9.
E. Adickes, E. Boutroux, Edw. Caird, J. E. Creighton, W. Dilthey, B. Erdmann,
R. Euchen, M. Heinze, A. Riehl, Fei. Tocco, W. Windelband
u n d mit U n t e r s t ü t z u n g der „ K a n t g e s e l l s c h a f t "
Dr. Hans Vaihinger, und Dr. Bruno Bauch,
Privatdozent in Halle.
Die K a n t s t u d i e n h a b e n in i h r e n b i s j e t z t e r s c h i e n e n e n z e h n B ä n d e n eine grosse Fülle von Beiträgen
gebracht. Unter den hauptsächlichsten Mitarbeitern erwähnen wir
A d i c k e s , B u s s e , D i l t h e y , E u c k e n , H ö f f d i n g , E. K ö n i g ,
K ü h n e m a n n , O. K ü l p e , L a s s w i t z , L i e b m a n n , N a t o r p ,
Paulsen, Reicke, Rickert, Riehl, Simmel, Stadler,
S t a u d i n g e r , T o c c o , T r o e l t s c h , K- V o r l ä n d e r , W i n d e l b a n d ,
T h e o b . Z i e g l e r u. a.
Die K a n t s t u d i e n veröffentlichen in künstlerisch vollendeten
Reproduktionen bisher unbekannte Kantbilder. Bis jetzt sind den
Kantstudien 14 derartige Kunstbeilagen beigegeben worden.
Die „ K a n t s t u d i e n " erscheinen in zwanglosen Heften, welche
zu Bänden zusammengefasst werden. Der Preis des Bandes von
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an . . E r g ä n z u n g s h e f t e " , im Jahre 2—3, deren jedes eine
grössere abgeschlossene Abhandlung enthält. Die Abonnenten der
„Kantstudien" können diese „Ergänzungshefte" zu einem um
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G u t t m a n n , J. Kants Gottesbegriff in seiner positiven Entwicklung
(Mk. 2.80, für Abonnenten der „Kantstudien" Mk. 2.10).
O e s t e r r e i c h , T. Kants Verhältnis zur Metaphysik (Mk. 3.20, für
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D ö r i n g , O. Feuerbachs Straftheorie und ihr Verhältnis zur Kantischen
Philosophie (Mk. 1.20, für Abonnenten der „Kantstudien" Mk. 0.90).
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Zeitschrift an und können das neueste Heft zur Ansicht vorlegen.
B e r l i n W. 9, Köthenerstr. 4.
§ § § § § § herausgegeben von H. V a i h i n g e r und B. Bauch.
Dr. jur. et phil.
Jahresmitglieder der „Kantgesellschaft"
erhalten, die „Kantstudien", sowie die Ergänzungshefte zu denselben
durch Professor Dr. Y a i h i n g e r in Halle a. S. (Reichardtstrasse 15).
Söit#
1. Feuerbachs Verhältnis zur Philosophie im allgemeinen
2. Methode der Abhandlung
Kants Lehre . . . . . . . . . . . .
1. Kants Rechtsphilosophie im allgemeinen .
2. Kants „Straftheorie
1. Feuerbachs Rechtsphilosophie im allgemeinen . .
2. Feuerbachs Straftheorie . . . . . . . . . .
D a s V e r h ä l t n i s der F e u e r b a e h s c h e n S t r a f t h e o r i e zur K a n t i s c h e n P h i l o s o p h i e . .
Vorliegende Schrift ist von der hohen juristischen Fakultät der™
Universität Jena als Dissertation angenommen und genehmigt worden.
1. F e u e r b a c h s V e r h ä l t n i s z u r P h i l o s o p h i e im a l l g e m e i n e n .
Binding schreibt in seinem Handbuche des Strafrechts S. 7:
„Die neueren relativen Theorien über Grund und Zweck der Strafe
sind der Philosophie des Naturrechts entsprungen, und die einander
ablösenden philosophischen Systeme der grossen deutschen Denker
bedeuten eben so viele Perioden deutscher Rechtswissenschaft.
E s w ä r e eine i n t e r e s s a n t e A u f g a b e der D o g m e n g e s c h i c h t e ,
das Mass d i e s e r A b h ä n g i g k e i t a u f z u w e i s e n . H i e r g e n ü g t
es, an den Z u s a m m e n h a n g z w i s c h e n K a n t und F e u e r b a c h
zu e r i n n e r n . " In diesen Worten ist das Thema dei
vorliegenden Abhandlung ausgesprochen. Sie will untersuchen, in
welchem Umfange und nach welcher Richtung hin Kantische Anschauungen in die Feuerbachsche Straftheorie eingegangen sind.
Dass eine Beeinflussung durch den grossen Königsberger stattgefunden hat, lässt schon vor aller kritischer Untersuchung ein
Blick auf Feuerbachs Entwicklungsgang vermuten, wie er sich so
klar in den von seinem Sohne Ludwig gesammelten Briefen spiegelt.
In Jena hat der junge Anselm von 1792 an zu den Füssen
des Kantianers Reinhold gesessen, hat seine 4 ersten Universitätsjahre fast ausschliesslich dem Studium der kritischen Philosophie
gewidmet und auf ihren Resultaten in seinen Erstlingsschriften
seine naturrechtlichen Überzeugungen aufgebaut. Geschichte und
Philosophie waren die Gegenstände seiner inneren Neigung, und
nur die bittere Not zwang ihn, an ihrer Stelle das Studium der
Rechtswissenschaft zu betreiben. Noch im Jahre 1820 schreibt
der damals in ganz Europa bewunderte Kriminalist an seinen Söhn:
„Die Jurisprudenz war mir von meiner frühesten Jugend an in
der Seele zuwider, und auch jetzt noch bin ich von ihr als Wissenschaft nicht angezogen. Auf Geschichte und b e s o n d e r s Philosophie
war ausschliesslich meine Liebe gerichtet; meine ganze Universitätszeit (gewiss 4 Jahre) war allein diesen Lieblingen, die meine ganze
JCantstudien, Erg.-Heft 3.
Seele erfüllten, gewidmet, ich dachte nichts als sie, glaubte nicht
leben zu können ohne sie, ich hatte schon den philosophischen
Doktorgrad genommen, um als Lehrer der Philosophie aufzutreten.
Aber siehe, da wurde ich mit Deiner Mutter bekannt; ich kam in
den Fall, mich ihr verpflichtet zu erkennen; es galt, ein Fach zu
ergreifen, das schneller als die Philosophie Amt und Einnahme
bringe; da wandte ich mich zur abstossenden Jurisprudenz."
1796 begann er seine juristischen Studien, 1797 vollendete
er als ihre erste Frucht seinen Antihobbes, eine, wie spater gezeigt
werden wird, wesentlich auf Kantischön Anschauungen aufgebaute
staatsrechtliche Schrift, und gab in ihr zum ersten Male seine
Straftheorie. Fest gefügt, streng in sich geschlossen, wuchs sie
aus dem Boden seiner bisherigen Überzeugungen hervor, sodass
sich wohl auch ohne nähere Prüfung einem jeden die Vermutung
aufdrängt, sie müsse genährt worden sein von den Säften Kantischer Philosophie. Und ebenso nahe liegt die Annahme, dass
auch seine speziellen juristischen Studien für die Entwicklung
seiner Straftheorie von Einfluss gewesen sind, zwei Präsumptionen,
die sich im Gange der Abhandlung als wahr und berechtigt erweisen werden.
Von den zeitgenössischen nicht kritischen Philosophen hat
Feuerbach wenig gehalten und ist wohl kaum von ihren Systemen
beeinflusst worden. In einer kleinen Schrift vom Jahre 1810
„Blick auf die deutsche Rechtswissenschaft" schildert er die verderbliche Wirkung der Nachkantischen Philosophie, „die nicht
treundin, sondern Gebieterin der Rechtswissenschaft" sein wolle,
unter dem Namen einer Vernunftherrschaft die Anarchie der Vernunft
proklamiere und unter dem Scheine ewiger Wissenschaft dem echt
wissenschaftlichen Geiste den Tod drohe. Gegen Fichte hat er
fast leidenschaftliche Abneigung; Schelling fordert seinen mitIeicligeirSpott heraus (cf:""die ' Briefe vom lg. Januar 1802 an
seinen T ä t e r und vom Oktober 1805 an Jakobi). Ausser Kant
sind es in der Hauptsache nur Leibniz und Locke, deren Werke
er eifrig studierte, und deren Philosophie ihm hohe Achtung einflösste. So schreibt er am 30. Januar 1799 (also in der Zeit der
Entstehung seines grundlegenden straftheoretischen Werkes: „Revision der Grundsätze und Grundbegriffe des peinlichen Rechts")
an seinen Vater: „Ich bin übrigens ein geschworener Feind von
Fichte als einem unmoralischen Menschen und von seiner Philosophie als der abscheulichsten Ausgeburt des Aberwitzes, die diß
Feuerbachs Verhältnis zur Philosophie im allgemeinen.
Vernunft verkrüppelt und die Einfälle einer gährenden Phantasie
für Philosopheme verkauft. Als Phantasiephilosophie hat sie allerdings etwas Gefälliges und Anziehendes, aber nicht für den, d e n
d e r K a n t i s c h e G e i s t g e n ä h r t h a t , und der es weiss,
dass mit leeren Begriffen spielen noch nicht philosophieren heisst.
Wenn Du Müsse hast, so nehme d i e L e i b n i z e , L o c k e u n d
K a n t e zur Hand. Hier weht ein unsterblicher, echt philosophischer Geist." Zur Entwicklung seiner Straftheorie hat freilich
Leibniz kaum etwas beigetragen. Von ihm, den er in seiner
Schrift „Über die Philosophie und Empirie in ihrem Verhältnisse
zur positiven Rechtswissenschaft" aus dem Jahre 1804 den „erhabensten Genius, welchen Deutschland hervorgebracht", nennt,
übernimmt er vielmehr seine positiven metaphysischen Anschauungen,
deren sein künstlerisch veranlagter Geist dringend bedurfte, und
die namentlich in seiner optimistischen Geschichtsauffassung zu
Tage treten (cf. die zahlreichen Briefe an Elise von der Recke).
Da hingegen wird uns der Einfluss Lockes bei der näheren Betrachtung der Anschauung Feuerbachs über die menschliche Willensfreiheit begegnen, die in seiner Straftheorie eine bedeutsame Rolle
Wenn es übrigens scheint, als habe Feuerbach in seinen
späteren Jahren sein Verhältnis zu Kant geändert („ich ging ,in
den Ketten der Kantischen .Philosophie" im.Briefe vom 18. Januar
1820 an Elise von der Recke), so sind alle einschlagenden Stellen
nur auf die schon erwähnte Thatsache zu beziehen, dass er sich
später (unter Beibehaltung der kritischen Methode) über Kant
hinaus eine positive (Leibnizische) Weltanschauung gebildet hat,
die aber auf die Gestaltung seiner Straftheorie in keiner Weise
influierte. Dazu kommt noch die bei seiner Veranlagung („Ehrgeiz
und Ruhmbegierde machen einen hervorstechenden Zug in meinem
Charakter aus" 16. April 1795) nur zu leicht verständliche Tendenz,
den tiefgreifenden Einfluss Kants auf [seine wissenschaftlichen
Überzeugungen nicht unumwunden eingestehen zu wollen. So
schreibt er schon 1796 in der Vorrede zu seiner „Kritik des
natürlichen Rechts als Propädeutik zu einer Wissenschaft der
natürlichen Rechte": „Niemand kann den Königsbergischen Weisen
inniger verehren, niemand mit tieferer Dankbarkeit die Verdienste
erkennen, die sich dieser grosse Denker um Philosophie und
Menschheit, um Welt und Nachwelt erworben hat, als ich. Aber
so gross auch die Hochachtung gegen diesen Philosophen ist, so
vermochte sie doch niemalen so viel über mich, nur mit seinen
Augen "zu -sehen, mich an der Krücke einer fremden Vernunft
ängstlich hin und her zu bewegen und durch den Schwur auf des
Meisters Worte auf alle Selbständigkeit Verzicht zu thun." Inwieweit. diese Behauptung gerechtfertigt ist, wird sich aus der
Abhandlung ergeben.
Zum Schlüsse soll in der Einleitung noch darauf hingewiesen
werden, dass sich die so stark entwickelte philosophische Neigung
Feuerbachs aufs glücklichste mit einer eben so unbedingten Respektierung des im Rechtsgebiete positiv Gegebenen verband. „Die
Philosophie ist die Magd, die der Jurisprudenz mit ihrer Fackel
leuchtet", das ist sein Standpunkt, der sich mit zahlreichen Stellen
belegen lässt. Die Gesetze sind zwar aus der Philosophie als
ihrer Quelle hervorgegangen, und insofern ist die Philosophie für
den Gesetzgeber von materieller Bedeutung. Für den Juristen
aber kann sie nur von formellem Gebrauche sein, indem sie scharfe
Präcision und lichtvolle Klarheit der rechtlichen Begriffe, inneren
Zusammenhang der Rechtssätze und systematischen Zusammenhang
der Rechtslehren vermittelt (cf. „Über Philosophie und Empirie").
Von diesem Standpunkte hat sich Feuerbach nur bei Aufstellung
seiner Imputationslehre entfernt, die ihm einen materiellen Gebrauch
der Philosophie zu bedingen schien, wie wir im Laufe der Abhandlung noch sehen werden.
2. M e t h o d e d e r A b h a n d l u n g .
Ehe nun auf die spezielle Darstellung eingegangen wird, soll
noch mit einigen Worten über die Methode der vorliegenden Abhandlungen gesprochen werden. Sie ergiebt sich auf Grund der
Erwägung, dass bei Feuerbach als einem durchaus philosophisch
veranlagten Kopfe eine spezielle Lehre sich nicht isoliert auf dem
Felde seiner allgemeinen Anschauungen erheben kann, dass vielmehr
seine Straftheorie mit festen Wurzeln in dem Boden seiner rechtsphilosophischen Überzeugungen haften muss. Es ist also unsere
Pflicht, vor der Betrachtung seiner Lehre von der Strafe uns mit
seiner Rechtsphilosophie vertraut zu machen. Und da wir ja
Feuerbachs Abhängigkeit von Kant ermitteln möchten, so müssen
wir auch dessen rechtsphilosophische Anschauungen vor seiner
Straftheorie näher untersuchen. Vorliegende Abhandlung wird also
zweckmässig in drei Teile gegliedert werden, von denen uns die
beiden ersten mit Kants bez. Feuerbachs Rechtsphilosophie im all-
Kants Rechtsphilosophie im allgemeinen.
gemeinen und ihrer Straftheorie im besonderen vertraut machen,
der dritte schliesslich auf dem Wege der Yergleichung heider Anschauungen die Abhängigkeit der Feuerbachschen Straftheorie
II. Kants Lehre.
1. K a n t s R e c h t s p h i l o s o p h i e im a l l g e m e i n e n .
Um Kants rechtsphilosophische Überzeugungen kennen und
verstehen zu lernen, muss man sich ausser an die „Kritik der
reinen Vernunft" (1781) und die ethischen Schriften „Grundlegung
der Metaphysik der Sitten" (1784) und „Kritik der praktischen
Vernunft" (1788) namentlich an die „metaphysischen Anfangsgründe
der Rechtslehre" in der „Metaphysik der..Sitten" von 1797 halten.
Da aber dieses Werk schon dem hohen Greisenalter des Königsbergischen Weisen angehört und namentlich im Staatsrechte deutliche Spuren abnehmender Geisteskraft aufweist, so ist es ratsam,
seine darin enthaltenen staatsrechtlichen Anschauungen auch in
der Schrift von 1.7.93 - n a ch zul& se n „Über...den. Gemeinspruch: „das
mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis",
deren zweiter Teil „Von dem Verhältnis der Theorie zur Praxis
im Staatsrecht (gegen Hobbes)" handelt. Ausserdem ist von Nutzen
die Lektüre der Aufsätze: „Idee zu einer allgemeinen Geschichte
in weltbürgerlicher Absicht" (1784), „Mutmasslicher Anfang der
Menschengeschichte" (1786) und „Zum ewigen Frieden" (1795).
Für unsere Darstellung können natürlich nur diejenigen rechtsphilosophischen Überzeugungen Kants in Betracht kommen, die
mit seiner und mit Feuerbachs Straftheorie in irgend welchem
Zusammenhange stehen.
Während die theoretische Vernunft dem wirklichen Eeiche
der Natur ihre Gesetze vorschreibt und auf diese Weise Erkenntnis
ermöglicht, ist die praktische Vernunft die Gesetzgeberin über das
mögliche Eeich der Zwecke, das durch das menschliche Handeln
verwirklicht werden und in der Moralität als dem höchsten Zwecke
gipfeln soll. Wäre der Mensch ein rein geistiges Wesen, so müsste
für ihn mit der blossen Thatsache der Existenz solcher praktischer
Gesetze auch der Zwang ihrer Befolgung verbunden sein. Da der
Mensch aber auch der Welt der Erscheinungen angehört und sich
bei seinem Handeln für ihre Einflüsse nur zu empfänglich erweist,
Kants Lehre.
so muss die praktische Vernunft zu uns durch Imperative, d. h.
Sollvorschriften, sprechen, die, wenn sie bedingungslos gelten,
kategorische Imperative heissen.
Die Thatsache nun, dass wir solche kategorische Imperative
in uns tragen, beweist die Realität der menschlichen Willensfreiheit,
die sich in der Kritik der theoretischen Vernunft nur als widerspruchslos denkbar darthun liess. Das Ziel der praktischen Vernunft
ist nun darauf gerichtet, den Menschen in einen dem Vermögen
seiner Willensfreiheit, entsprechenden Zustand zu bringen (cf. Kr.
d. U. S. 13 „Der E'reiheitsbegriff soll den durch seine Gesetze
aufgegebenen Zweck in der Sinnenwelt wirklich machen"). Da
der Mensch ein Wesen von zwiefacher Natur ist, da er als Ding
an sich der Verstandeswelt und als Erscheinung zugleich der
Sinnenwelt angehört, so muss seine Freiheit auch von zwiefachem
Gebrauche sein: Als Noumenon macht der Mensch von ihr einen
inneren Gebrauch, indem er seine Gesinnung den Freiheitsgesetzen
entsprechend erzieht, indem er also der Natur seiner Vernunft
entsprechend seinem Willen selber die Gesetze vorschreibt. Als
Phänomenon dagegen, das als Glied einer bürgerlichen Gesellschaft
äusseren Gesetzen unterworfen ist, kommt ihm äussere Freiheit
zu, d. h. „Die Befugnis, keinen äusseren Gesetzen zu gehorchen,
als zu denen ich meine Zustimmung habe geben können" (Zum
ewigen Frieden S. 160), woraus dann die Pflicht erwächst, solche
anerkannte äussere Gesetze durch die That streng zu befolgen.
Daraus - ergiebt sich, dass das Ziel der allgemeinen praktischen
Vernunft ein doppeltes sein muss: Als spez. moralisch (ethisch)
gesetzgebende Vernunft erstrebt sie die Möglichkeit uneingeschränkten inneren Gebrauches der Freiheit des Menschen, d. h.
erstrebt sie höchste Moralität. Als juridisch-gesetzgebende Vernunft
zielt sie ab auf die Möglichkeit uneingeschränkten äusseren Gebrauchs
der Freiheit, d. h. auf die Legalität, oder was schliesslich auf
dasselbe hinauskommt, auf den besten Staat. Das oberste Prinzip
(der kategorische Imperativ) der ethischen Vernunft heisst: Handle
so, dass du die Maxime deiner Handlung als allgemeines Gesetz
wollen kannst. Gut oder moralisch ist also eine Handlung nur,
wenn die Pflicht zugleich Triebfeder zur Handlung war. Das
letzte Prinzig der juridisch-gesetzgebenden Vernunft heisst: Handle
äusserlich so, dass deine Handlung mit jedermanns Freiheit nach
einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann. Bei ihr
wird also von der Triebfeder zur Handlung abstrahiert.
Kants Reclitspliiosoplue im allgemeinen.
Daraus ergiebt sich der grundlegende Unterschied zsdschen
Moral im besonderen und Kocht. Die Gesetze der ersteren wenden
sich an die Gesinnung des Menschen, stellen ihr einen bestimmten
Zweck als Pflicht vor, entstammen also einer inneren Gesetzgebung.
Die Gesetze des letzteren verlangen ausschliesslich eine äussere
Handlung und setzen eine äussere Gesetzgebung voraus. Zur Erfüllung von Tugendpflichten im Gegensatz zu Rechtspflichten 'kann
niemand gezwungen werden. Das Recht dagegen ist mit der Befugnis zu zwingen verbunden. Dabei hat das Recht mit der Moral
nur das eine gemeinsam, dass es gleich ihr aus der als Pflicht
vorgestellten Forderung der allgemeinen praktischen Vernunft
entspringt, die Verwirklichung eines dem Vermögen der menschlichen Freiheit entsprechenden Zustandes herbeizuführen, und dass
es in dieser Forderung das Regulativ für seine Gesetzgebung findet.
Diesen Standpunkt hat Kant in seiner Rechtslehre trotz vielfacher
Unklarheiten deutlich zum Ausdruck gebracht, und wenn er sich
an vereinzelten Stellen wieder eine Vermengung von Moral und
Recht zu schulden kommen lässt, so muss dies eben auf den Einfluss
seines hohen Alters zurückgeführt werden, der ihn das Wort Moral
In verschiedener Bedeutung gebrauchen lässt, das eine Mal in
weitester Bedeutung als Pflichtenlehre (Rechts- und Tugendpflicht),
das andere Mal in engster Bedeutung als Tugendlehre (nur Tugendpflichten). Auf jeden Fall ist man zu der Behauptung berechtigt,
dass Kant das Gebiet des Rechts scharf von dem der MoralTugendlehre getrennt habe (cf. auch S. 243 „Das Prinzip der Absonderung der Tugendlehre von der Rechtslehre gründet sich
darauf, dass der Begriff der Freiheit, der beiden gemeinsam ist,
die Einteilung in die Pflichten der äusseren und inneren Freiheit
notwendig macht").
Die Kantische Definition des Rechts lautet entsprechend den
obigen Ausführungen: „Das Recht ist der Inbegriff der Bedingungen,
unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen
nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt
werden kann." Das allgemeine Prinzip des Rechts muss demnach
heissen: „Eine Handlung ist recht, die mit jedermanns Freiheit
nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann." Da
nun die Verhinderung eines Hindernisses der Freiheit mit der
Freiheit nach allgemeinen Gesetzen, also mit dem Prinzip des
Rechts, zusammenstimmt, so ist das Recht „mit der Befugnis zu
zwingen verbunden". Deshalb sagt Kant: „Das strikte Jus (d. k-
das Recht in enger Bedeutung) kann auch als die Möglichkeit eines
mit jedermanns Freiheit nach allgemeinen Gesetzen zusammenstimmenden, durchgängigen, wechselseitigen Zwanges vorgestellt
Die Möglichkeit eines solchen wechselseitigen Zwanges und
dadurch die Sicherung der äusseren Freiheit jedermanns ist nun
im Naturzustande des Menschen ausgeschlossen, da ja in ihm jeder
Einzelne seine Freiheit ohne Rücksicht auf die Freiheit der andern
zu gebrauchen strebt. Deshalb ist „das grösste Problem für die
Menschengattung, zu dessen Auflösung die Natur ihn zwingt, die
Errichtung einer allgemeinen das Recht verwaltenden bürgerlichen
Gesellschaft" (Idee zu einer allgemeinen Geschichte der Menschheit),
in welcher „Freiheit unter äusseren Gesetzen in grösstmöglichem
Grade mit unwiderstehlicher Gewalt verbunden angetroffen wird".
Also ist in letzter Hinsicht in der Vernunftforderung eines Zustandes wechselseitiger Freiheit aller der G r u n d und in der Verwirklichung eines solchen von der Vernunft geforderten Zustandes
der Zweck der bürgerlichen Gesellschaft gelegen. („Die Idee der
Staatsverfassung überhaupt, welche zugleich a-bsolutes Gebot
der nach Rechtsbegriffen urteilenden praktischen Vernunft für ein
jedes Volk ist, ist heilig.") Diesen erstrebten Zustand sehen
wir nun in der Staatenbildung (wenn auch noch nicht in seiner
Vollkommenheit) verwirklicht, ohne freilich über den Vorgang des
geschichtlichen Zustandekommens der ersten bürgerlichen Gesellschaft unterrichtet zu sein. Dafür aber giebt uns die praktische
Vernunft eine Idee zur Beurteilung aller öffentlichen Verfassung,
nämlich die Idee eines ursprünglichen Vertrags, durch den sich die
einzelnen Subjekte zur bürgerlichen Gesellschaft, d. h. zu einer
„Vereinigung von Menschen unter Rechtsgesetzen", zusammengeschlossen haben. Wir dürfen nicht behaupten, dass der Staat
wirklich durch Vertrag entstanden sei, sondern sollen seine Verfassung so beurteilen, als ob er durch Vertrag entstanden wäre.
Daraus ergiebt sich als allgemeines Prinzip für die kritische Betrachtung jeder öffentlichen Gesetzgebung der Satz: „Was ein
Volk über sich selbst nicht beschliessen kann, das kann der Gesetzgeber auch nicht über das Volk beschliessen." Denn er soll
ja durch sein öffentliches Recht das allgemeine private Recht nicht
beeinträchtigen, sondern vielmehr vor Beeinträchtigung sichern und
schützen. Und das Volk wiederum kann nur das über sich beschliessen, was mit dem Grundsätze des Rechts übereinstimmt,
was nämlich mit der wechselseitigen Freiheit aller zusammen besteht. Der Gesetzgeber findet also das Regulativ seiner Legislation
in diesem von der juristisch gesetzgebenden Vernunft unmittelbar
gegebenen Prinzip.
Aus demselben spriessen nun als apriorische Ideen, auf denen
ein vernunftgemässer Staat errichtet sein muss, die Ideen erstens:
der F r e i h e i t jeden Gliedes als Menschen, zweitens: der G l e i c h h e i t desselben mit jedem anderen als Unterthan und drittens: der
S e l b s t ä n d i g k e i t jeden Gliedes als Bürgers. Eine auf diesen
Prinzipien gegründete, Verfassung nennt Kant eine republikanische.
Für sie ergiebt sich mit Notwendigkeit die Forderung einer Trennung
der drei Staatsgewalten: 1. der Herrschgewalt (Gesetzgebungsgewalt), die nur dem vereinigten Willen des Volkes zukommt,
2. der vollziehenden Gewalt, die von dem Staatsregeuten ausgeübt
wird, und 3. der rechtsprechenden Gewalt, die in den Händen der
vom Volke gewählten Richter liegt. „Der Regent steht unter dem
Gesetz und wird durch dasselbe dem Suverän (Gesetzgeber) verpflichtet. Jener kann diesem auch seine Gewalt nehmen, ihn absetzen oder seine Verwaltung reformieren, aber ihn nicht strafen,
denn das wäre ein Akt der ausübenden Gewalt." Dagegen giebt
es wider das gesetzgebende Oberhaupt des Staates, auch wenn
es der Vernunftforderung entgegen durch eine physische Person
vertreten wird, keinen rechtmässigen Widerstand seitens des
Volkes, denn sonst stünde ja der Volkswille über dem in dem
Gesetzgeber repräsentierten allgemeinen Willen, was doch ein
Widerspruch sein würde. Eine Revolution ist also unter, keiner,.
Bedingung erlaubt. Wo die Staatsverfassung der Verbesserung
bedürftig ist, da muss letztere durch eine vom Suverän selbst ausgeführte Reform bewirkt werden. Das ist in engem Umrisse die
Grundlage, auf der sich Kants Lehre von der Strafe aufbaut.
2. K a n t s S t r a f t h e o r i e .
Eine eigentliche Straftheorie hat Kant nur einmal gegeben,
nämlich in den metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre
1797, und es würde wohl kaum in seinem Sinne sein, wollte man
mit Binding (Grundriss) aus der gelegentlichen Berührung des Begriffs der Strafe in seiner Kritik der praktischen V ernunft (S. 45)
eine ganze Theorie herauslesen. An dieser Stelle nämlich kommt
es ja Kant lediglich darauf an, unter anderem auch an dem Begriffe der Strafe nachzuweisen, dass das Prinzip der Glückselig-
keit keinen wahren sittlichen Grundsatz abgeben könne. Da wir
nämlich in unserer praktischen Vernunft die Idee vorfinden,, dass
jede Übertretung eines sittlichen Gesetzes mit ihrer Strafwürdigkeit
verbunden sei und nach dein Prinzipe der Gerechtigkeit auch wirklich mit der Strafe verbunden sein soll, da ferner, wie Kant als
allgemein anerkannt voraussetzt, die Strafe ein physisches Übel,
also eine Einbusse an Glückseligkeit, darstellt, so ergiebt sich
hieraus ein Widerstreit zwischen der uns unmittelbar und unabweisbar von der praktischen Vernunft gegebenen Idee der Strafwürdigkeit jeder sittlichen Übertretung und dem empirisch aufgegriffenen Prinzip der Glückseligkeit, der also zugleich eine Ablehnung des letzteren bedeutet. Denn dass etwa der Bestrafende
durch die Bestrafung für den Verbrecher eine gütige Absicht verwirklichen, dass er also für dessen Glückseligkeit Sorge tragen
wolle, widerspricht dem Begriffe der Strafe, dessen Wesen ja die
Gerechtigkeit ausmacht, die unbedingt verlangt, dass das Los jedes
Menschen seinem Verhalten angemessen sei. Damit ist im wesentlichen jene Stelle in der Kritik der praktischen Vernunft erschöpft.
Kant hat es eben hier nur auf die Widerlegung des Eudämonismus,
nicht aber auf die Darstellung einer Straftheorie abgesehen. Daraus
erklärt sich auch, dass er es in dieser gelegentlichen Ausführung
nicht für nötig erachtet, den Begriff des Rechts im Gegensatz zur
Moral (wie er es später thut) einzuführen, sodass man den Eindruck
gewinnen könnte, als habe er um 1788 das Rechtsgesetz noch dem
Sittengesetze gleichgesetzt. Bei genauerer Betrachtung aber sieht
man diesen Unterschied schon aus dem Satze hervorschimmern:
„Also (dieses Also soll keine „unvermittelte" Schlussfolgerung einleiten, wie Binding meint, sondern soll das Vorhergegangene noch
einmal zusammenfassen) ist Strafe ein physisches Übel, welches,
wenn es auch nicht als natürliche Folge mit dem moralisch Bösen
verbunden wäre, doch als Folge nach Prinzipien einer sittlichen
Gesetzgebung verbunden werden müsste." Damit wird doch offenbar der später durchgeführte Unterschied zwischen der natürlichen
und der richterlichen Strafe angedeutet, welch letztere auf Grund
einer nach den Prinzipien der praktischen (juridischen) Vernunft
aufgestellten äusseren Gesetzgebung verhängt wird. Das Wort
Moral wird eben im obigen Satze in der erweiterten Bedeutung
einer Lehre von den Rechts- und Tugendpflichten gebraucht. Entsprechend lässt sich der Vorwurf Bindings, dass Kant über Qualität
und Quantität der Strafe „kein Wort" aussage, durch die nochmalige
Kants Straftheorie.
Behauptung abweisen, dass Kant in seiner Kritik der praktischen
Vernunft eine Straftheorie überhaupt nicht habe geben wollen.
Wir werden uns also ausschliesslich an die „metaphysischen Anfangsgründe der Rechtslehre" in seiner „Metaphysik der Sitten"
Der Staat ist die Vereinigung einer Mehrheit von Menschen
unter öffentlichen Gesetzen, durch welche die von der praktischen
Vernunft geforderte wechselseitige Freiheit aller ermöglicht werden
soll. Wer nun gegen diese öffentlichen Gesetze verstösst, die
Freiheit anderer also gesetzwidrig beeinträchtigt, handelt in letzter
Hinsicht auch gegen ein Gebot der praktischen Vernunft. Da nun
jede Übertretung einer Vernunftvorschrift für uns unmittelbar mit
der Idee ihrer Strafwürdigkeit verbunden ist, so muss dies auch
für die Verletzung der öffentlichen Gesetze zutreffen. Deshalb
darf Kant sagen: „Die blosse Idee einer Staatsverfassung unter
Menschen führt schon den Begriff der Strafgerechtigkeit mit sich."
Und wie nun die Befolgung der Vernunftgebote Zweck an sich ist,
so kann eine Übertretung derselben lediglich deshalb gestraft
werden, weil eben gegen ein Gebot Verstössen worden ist. Auch
im Staate darf also ein Zuwiderhandeln gegen die öffentlichen
Gesetze nur bestraft werden, quia peccatum est. Das Strafrecht
hat deshalb seinen letzten Grund in einem kategorischen Imperativ
der praktischen Vernunft, nämlich dem „kategorischen Imperativ
der Strafgerechtigkeit".
Dieser Grund verbietet es zugleich,- die Strafe nur als Mittel
zur Erreichung eines Zweckes zu verhängen. „Das Strafgesetz
ist ein kategorischer Imperativ", d. h. ein unbedingtes, von keinem
Zwecke abhängiges Gebot. Denn dieselbe Vernunft, die unbeugsam die Bestrafung einer Übertretung ihrer Gebote fordert, verlangt mit eben dieser Strenge, dass im Menschen jederzeit das
vernünftige, mit Freiheit begabte Wesen, d. h. die Persönlichkeit,
respektiert werde. Würde die Strafe um eines Zweckes willen
über den Verbrecher verhängt werden, so würde man ihn einer
Sache, d. h. einem vernunftlosen Gegenstande gleich behandeln.
Wenn nun aber die Strafe nicht bloss um eines Zweckes willen
bewirkt werden darf, so ist dennoch ihre Verbindung mit einem
Zwecke nicht ausgeschlossen. „Die Strafgerechtigkeit (justitia
punitiva), da nämlich das Argument der Strafbarkeit moralisch ist
((juia peccatum est), muss hier von der Strafklugheit, da es bloss
pragmatisch ist (ne peccetur) und sich auf Erfahrung von dem
gründet, was am stärksten wirkt, Verbrechen abzuhalten, unterschieden werden." Die Strafklugheit darf aber erst dann befragt
werden, wenn der Strafgerechtigkeit genüge getan ist. Dies spricht
sich auch in dem Satze aus: „Der zu Strafende muss vorher
strafbar befunden sein, ehe noch daran gedacht wird, aus dieser
Strafe einigen Nutzen für ihn selbst oder seine Mitbürger zu
ziehen." Kant vertritt also zwar mit grösstem Nachdrucke eine
absolute Straftheorie, aber er führt sie keineswegs mit der formalistischen Starrheit durch, die ihm Paulsen in seinem Kantwerke
vorwirft. Im 3. Teile der vorliegenden Abhandlung wird noch
kurz auf die Berührungspunkte dieser philosophischen Straflehre
mit den relativen Theorien der zeitgenössischen Kriminalisten hingewiesen werden.
Nach der Kantischen Auffassung vom vernunftgemässen
Staate muss die Strafgesetzgebung dem Suverän, d. h. also dem
vereinigten Volkswillen, der Strafvollzug dem Regenten zukommen.
Jeder einzelne Bürger ist also gewissermassen Mitgesetzgeber der
Strafgesetze. Daraus folgt aber keineswegs, dass im Sozialkontrakte das Versprechen enthalten wäre, sich strafen zu lassen,
wie die Gegner der Todesstrafe (z. B. der Marchese Beccaria)
argumentieren, vielmehr verhält sich die Sache so: „Wenn ich ein
Strafgesetz gegen mich, als einen Verbrecher, abfasse, so ist es in
mir die reine rechtlichgesetzgebende Vernunft (homo noumenon),
die mich als einen des Verbrechens Fähigen, folglich als eine andere
Person (homo phänomenon) samt allen übrigen in einem Bürgervereine dem Strafgesetze unterwirft." Sie begründet also, wie
schon oben ausgeführt, das Recht des Suveräns und Regenten auf
Erlassung und Vollzug von Strafgesetzen. Dass dieses Recht äusserlich als „das Recht des Befehlshabers (Kant denkt hier an die
politischen Verhältnisse seiner Zeit, in der ja in den einzelnen
Staaten gesetzgebende und vollziehende Gewalt in derselben physischen Person vereinigt waren) gegen den Unterwürfigen" erscheint, kann an der Thatsache nichts ändern, dass sein innerer
Grund nach Kant eben in einer Forderung der praktischen Vernunft
liegt. Und mit diesem Grunde für das Strafrecht ist dem Staatsoberhaupt auch zugleich eine S t r a f p f l i c h t gegeben. Der kategorische Imperativ der Strafgerechtigkeit verlangt eben auch unabweisbar die Bestrafung der Übertretung öffentlicher Gesetze.
„Selbst wenn sich die bürgerliche Gesellschaft mit aller Glieder
Einstimmung aufiösete (z.B. das eine Insel bewohnende Volk be-
Kants Straftlieorle.
schlösse, auseinanderzugehen und sich in alle Welt zu zerstreuen),
miisste der letzte im Gefängnis befindliche Mörder vorher hingerichtet werden, damit jedermann das widerfahre, was seine
Thaten wert sind, und die Blutschuld nicht auf dem Volke hafte,
das auf diese Bestrafung nicht gedrungen hat; weil es als Teilnehmer an dieser öffentlichen Verletzung der Gerechtigkeit betrachtet werden kann." Darum nennt Kant das Begnadigungsrecht
für den Verbrecher „das schlüpfrigste unter allen Rechten des
Suveräns" und lässt es nur für das crimen laesae majestatis gelten.
Wir können also zusammenfassend sagen: Durch den kat e g o r i s c h e n I m p e r a t i v der S t r a f g e r e c h t i g k e i t wird i n f o l g e der Ü b e r t r e t u n g ö f f e n t l i c h e r G e s e t z e , und z w a r
lediglich d i e s e r Ü b e r t r e t u n g w e g e n , ein S t r a f r e c h t und
e i n e S t r a f p f l i c h t b e g r ü n d e t , deren S u b j e k t das S t a a t s o b e r h a u p t ist.
Wir wenden uns jetzt dem O b j e k t e des Strafrechts, nämlich
dem V e r b r e c h e r , zu und fragen uns zunächst: Was versteht
Kant unter einem Verbrechen? Er führt aus: Jede That, die
gegen eine Pflicht verstösst, heisst Übertretung. Geschieht diese
Übertretung unvorsätzlich, so wird sie blosse Verschuldung (Culpa)
genannt, kann aber gleichwohl zugerechnet werden. „Eine vorsätzliche Übertretung (d. h. diejenige, welche mit dem Bewusstsein, dass sie Übertretung sei, verbunden ist) heisst Verbrechen
(Dolus)." Diese Definition ist giltig sowohl für das Gebiet des
Rechts als auch der Moral (Tugendlehre). Eine spezielle Begriffsbestimmung des öffentlichen Verbrechens giebt Kant mit den
Worten: „Diejenige Übertretung des öffentlichen Gesetzes, die den,
welcher sie begeht, unfähig macht, Staatsbürger zu sein, heisst
Verbrechen schlechthin (crimen), aber auch öffentliches Verbrechen
(crimen publicum)." Dahin gehören Geld- und Wechselfälschung,
Raub, Diebstahl und alle, den Staat gefährdenden Übertretungen,
die aus einer „niederträchtigen und gewalttätigen Gemütsart" entspringen. Im Gegensatze zu diesen Crimina publica, die vor die
Kriminalgerechtigkeit gehören, stehen die Privatverbrechen (z. B.
Veruntreuungen, Betrug im Kauf bei sehenden Augen des anderen),
durch die nur einzelne Personen gefährdet werden, und die deshalb vor die Zivilgerechtigkeit zu ziehen sind. Nach der obigen
Definition des öffentlichen Verbrechens kann also nur ein Staatsbürger Objekt des Strafrechts sein. Ehe nun eine Strafe vollzogen
Werden darf, muss durch richterliche Entscheidung festgestellt
werden, ob die verbrecherische Handlung dem Subjekte z u z u r e c h n e n ist oder nicht.
„Zurechnung (imputatio) in moralischer Bedeutung ist das
Urteil, wodurch jemand als Urheber (causa libera) einer Handlung,
die alsdann That (factum) heisst und unter Gesetzen' steht, angesehen wird, welches, wenn es zugleich die rechtlichen Folgen aus
dieser That bei sich führt, eine rechtskräftige (imputatio judiciaria)
sein würde." Für den Richter muss nun der Grundsatz massgebend sein, dass jede Gesetzesübertretung aus einer Maxime des
Verbrechers, sich die Unthat zur Regel zu machen, entspringe.
„Denn wenn man sie von einem sinnlichen Antriebe ableitete, so
Wäre sie nicht von ihm als einem freien Wesen begangen worden
und könnte ihm nicht zugerechnet werden." Wie nun einerseits
der letzte Grund zur Handlung in der freien Willkür des Subjekts
zu suchen ist, so darf andererseits auch der Einfluss der Sinnlichkeit nicht vernachlässigt werden, und es gilt dann für den
Richter die Regel: „Je kleiner das Naturhindernis, je grösser das
Hindernis aus Gründen der Pflicht, desto mehr wird die Übertretung als Verschuldung zugerechnet."
„Daher der Gemütszustand, ob das Subjekt die That im Affekt oder mit ruhiger
Überlegung verübt habe, in der Zurechnung einen Unterschied
macht, der Folgen hat." (S. 29). Was nun die W i r k u n g e n der
verbrecherischen That anbelangt, so steht Kant auf dem Standpunkte: „Die schlimmen Folgen einer unrechtmässigen Handlung
können dem Subjekte zugerechnet werden." (S. 29). Von formalistischer Starrheit darf also auch hinsichtlich dieser Imputationslehre nicht gesprochen werden, und durch sie wird der von Binding
der Talion gemachte Vorwurf unzutreffend, dass Kant nur die
äussere Seite des Verbrechens berücksichtige und die Schuld
Ist nun die verbrecherische Handlung dem Subjekte rechtsgiltigzugerechnet worden, so tritt die B e s t r a f u n g des Verbrechers
ein. „Der rechtliche Effekt einer Verschuldung ist die Strafe."
Kant unterscheidet zwei Arten von Strafen, die natürliche (poena
naturalis), „dadurch das Laster sich selbst bestraft, und auf welche
der Gesetzgeber garnicht Rücksicht nimmt", und die richterliche
Strafe (poena forensis). Ihrem Wesen nach denkt er sich die
letztere als einen Schmerz („das Strafrecht ist das Recht des
Befehlshabers gegen den Unterwürfigen, ihn wegen seines Verbrechens mit einen Schmerz zu belegen"), dessen Quelle ein
physisches oder auch psychisches Übel sein kann (z. B. Kränkung
an der Ehre). Q u a l i t ä t und Q u a n t i t ä t der Strafe bestimmen
sich nach dem. Prinzip des Wiedervergeltungsrechts (jus talionis),
das uns die praktische Vernunft in dem kategorischen Imperativ
der Strafgerechtigkeit an die Hand giebt. „Per quod quis peccat,
per idem punitur et idem." „Nur das "Wiedervergeltungsrecht
kann die Qualität und Quantität der Strafe bestimmt angeben;
alle anderen sind hin- und herschwankend und können anderer
sich einmischender Bücksichten wegen keine Angemessenheit mit
dem Spruche der reinen und strengen Gerechtigkeit enthalten."
Nur dann geschieht dem Verbrecher recht, wenn er sich seine
Übeltat selber über den Hals zieht und ihm, „wenngleich nicht
dem Buchstaben, doch dem Geiste des Strafgesetzes gemäss^ das
widerfährt, was er an anderen verbrochen liat". Schon aus den
letzten Worten ersieht man, dass Kant auch die Talion nicht
äusserlich starr durchgeführt wissen will. Nicht auf den Buchstaben kommt es ihm an, sondern auf die Wirkung der Strafe wie
des Verbrechens. Wo z. B. wegen der Verschiedenheit der Stände
oder des Besitzes eine buchstäblich durchgeführte Talion für den
zu Bestrafenden empfindlicher oder weniger empfindlich sein würde
als die Verletzung für den durch das Verbrechen Betroffenen, da
muss eben das jus talionis für die Empfindlichkeit beider Teile
Auf den Mord angewandt, führt nun das Wiedervergeltungsrecht zu einer Sentenz, die den Königsberger Philosophen in
Widerspruch zu der herrschenden Überzeugung seiner Zeit setzte
und nicht zum wenigsten der Grund war, dass die „metaphysischen
Anfangsgründe der Rechtslehre" selbst bei Anhängern der kritischen
Philosophie auf hartnäckigen Widerspruch stiessen, nämlich zu
dem Spruche: „Wer gemordet hat, muss sterben." Kant sagt:
»Es ist keine Gleichartigkeit zwischen einem noch so kummervollen
Leben und dem Tode, also auch keine Gleichheit des Verbreebens
und der Wiedervergeltung, als durch den am Thäter gerichtlich
vollzogenen, doch von aller Misshandlung, welche die Menschheit
in der leidenden Person zum Scheusal machen könnte, befreieten
Tod." Und mit einer vielleicht etwas zu absprechenden und
scharfen Polemik wendet er sich gegen den Marchese Beccaria,
der die Unrechtmässigkeit der Todesstrafe damit begründen will,
dass letztere ja im bürgerlichen Vertrage nicht enthalten sein
könnte, weil niemand das Kecht hätte, über seiö Leben zu ver-
Beuerbachs Lehre.
fügen. Wir haben schon oben die Gründe angeführt, mit denen
Kant diese „Sophisterei und Rechtsverdrehung" zu widerlegen
Gegenüber dieser unbeugsamen Strenge nimmt sich nun freilich
die Ansicht etwas seltsam aus, dass der Kindesmord und der Kriegsgesellenmord (Duell) straflos bleiben sollen, weil in letztem Sinne
die Mangelhaftigkeit der Gesetzgebung und Staatsverfassung an
der Möglichkeit und Wirklichkeit dieser Verbrechen selber schuld
sei. Und zum Schlüsse soll noch darauf hingewiesen werden, dass
diese Talionslehre Kant auch die Berechtigung verstümmelnder
Strafen anerkennen liess, z. B. Kastration für Notzüchtigung, wogegen doch mit Recht der Einwand erhoben werden darf, dass
solch eine Strafe eine Verletzung der Menschheit in der Person
des Verbrechers bedeuten würde. Damit haben wir die Betrachtung
der Kantischen Straftheorie beendet und können uns jetzt den
Lehren Feuerbachs, und zwar zunächst seinen allgemeinen rechtsphilosophischen Überzeugungen, zuwenden.
III. Feuerbachs Lehre.
1. F e u e r b a c h s R e c h t s p h i l o s o p h i e im a l l g e m e i n e n .
Was Binding allgemein von den relativen Straftheorien behauptet, gilt für die Feuerbachsche ganz besonders. Sie ist aus
der Philosophie des Naturrechts entsprungen und zwar des nach
kritischer Methode behandelten Und begründeten Naturrechts.
Wenn man aus Feuerliachs eigenem Munde erfährt, dass er anfänglich keineswegs auf juristische, speziell strafrechtliche Studien
abzielte, da muss man umsomehr erstaunen über die scheinbar
bewusste und überlegte Konsequenz, mit der seine ersten Schriften
in strenger logischer Folge durch ihre naturrechtlichen Untersuchungen das Fundament für seine Straf-Theorie legen. Schon
die erste Abhandlung von 1795 „Über die einzigmöglichen Beweisgründe gegen das Dasein und die Gültigkeit der natürlichen Rechte"
ist von grundlegender Bedeutung für seine allgemeine Rechtsanschauung und offenbart Feuerbachs eminente philosophische Begabung. Mit scharfen straffen Argumenten tritt der 19jährige
den F e i n d e n der Naturrechtslehre entgegen, weist ihre Gründe
wider das Dasein und die Gültigkeit der Vernunftrechte einen
nach dem anderen mit überraschender Treffsicherheit zurück und
Feuerbachs Rechtsphilosophie im allgemeinen.
spricht schliesslich bez. einer Widerlegung der natürlichen Rechte
seine Überzeugung mit den Worten aus: „1. Das Dasein der Vernunftrechte kann auf keine andere Weise als nur dadurch gültig
widerlegt werden, dass man die Prinzipien, aus welchen das Dasein
derselben durch "Vernunft bewiesen wird, oder n a c h Grundsätzen
der k r i t i s c h e n P h i l o s o p h i e bewiesen werden kann, widerlege.
2. Die Unanwendbarkeit der Vernunftrechte kann nur dadurch,
dass man die völlige Unmöglichkeit einer Wirklichmachung derselben beweise, dargethan werden."
Und auch über die zeitgenössischen V e r t r e t e r der Naturrechtslehre geht der junge Anselm in dieser ersten Schrift mit
eigener Uberzeugung weit hinaus. Er wirft ihnen vor, dass sie
das Dasein der Vernunftrechte nicht bewiesen, dass sie dieselben
vielmehr ohne weiteres aus der Pflicht abgeleitet und dadurch
das Gebiet des Rechts nicht von dem der Moral getrennt hätten.
Und dann giebt er eine Deduktion der Pflichten und der Rechte,
die für jeden Kantforscher von Interesse sein muss. Wie die
theoretische Vernunft mit Hilfe der transscendentalen Werkzeuge
(Anschauungsformen, Raum und Zeit, Kategorieen, Schemata, transscendentale Grundsätze) systematische Einheit im Reiche der Natur
erzeugt, so bedient sich die praktische Vernunft der Pflichten,
um diese Einheit im Reiche der sich vielfach widerstreitenden
"Zwecke zu schaffen. „Systematische Einheit also ist der Grund
des Daseins der Pflichten durch Vernunft" (S. 94). (Vielleicht ist
er zu dieser Parallele angeregt worden durch die Bemerkung Kants
in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" S. 83/84.) Und
das äussere Recht ist ganz im Sinne der erst zwei Jahre später
erschienenen Kantischen „Metaphysik der Sitten" deduzierte Äussere
Rechte existieren insofern durch Vernunft, als sie a) in dem Rechte
der Freiheit enthalten und um dieses Rechtes willen von der
Vernunft sanktioniert sind; b) als dieses Recht auf Freiheit eine
notwendige Bedingung zur Sittlichkeit (d. h. Erreichung des höchsten
Zweckes) ist und darum von der Vernunft unmittelbar um des
Sittengesetzes willen sanktioniert werden musste."
Diese bedeutsamen Erörterungen über Begriff, Wesen und
Geltungsgebiet des Rechts führt dann Feuerbach i n s e i n e r zweiten
Schrift 1796 „Kritik des natürlichen Rechts als Propädeutik zu
einer Wissenschaft der natürlichen Rechte" mit so tiefbohrender
Gründlichkeit und so überzeugender Kraft fort, dass ihn „die
ganze Welt in den dicken Dampf ihres Weihrauchs" hüllte und
Kantstudien, Erg.-Heft 3,
ein Würzburger. Rezensent in ihm „den wahren Vater des Naturrechts" zu sehen glaubte (cf. den Brief v. 28. Juni 1796 an seinen
Vater)". Nachdem er in diesem Werke zunächst den B e g r i f f des
Naturrechts durch die Definition „Naturrecht ist die Wissenschaft
der durch Vernunft gegebenen und durch Vernunft erkannten
Rechte des Menschen" bestimmt, das Naturrecht, gegen die Moral,
das positive Recht und die Politik abgegrenzt und die abweichenden
Nalurrecbtsdefinitionen seiner Zeitgenossen zurückgewiesen hat,
wendet er sich der so hochbedeutsamen Frage nach dem G r u n d e
der Rechte zu. Da muss er sich zunächst mit den drei verschiedenen Auffassungen der Naturrechtslehrer seiner Zeit auseinandersetzen, von denen die erste Partei für das Recht eine
absolute Deduktion aus dem Sittengesetze aufstellte (Recht ist
das aus dem Sittengesetz sich unmittelbar ergebende Erlaubtsein),
wogegen die zweite Partei eine r e l a t i v e Deduktion aus dem
Sittengesetz leistete (ich habe darum ein Recht, weil der andere
die Verbindlichkeit (vollkommene Pflicht) hat, mich an dieser
Handlung nicht zu hindern, und weil ich es weiss, dass ihm diese
Verbindlichkeit obliegt. Das Recht fusst also auf den vollkommenenunerlässlichen Pflichten), während schliesslich die dritte Partei
(Hufeland, Maimon) durch Vereinigung der absoluten und relativen
Ableitung ein s y n k r e t i s t i s c h e s System gewinnt. Bei der Zurückweisung der relativen Deduktion ist für uns von besonderem Interesse, dass Feuerbach im Anschluss an sie eine nach den Kantischen Gesichtspunkten der Quantität, Qualität, Relation und
Modalität durchgeführte Untersuchung über die vollkommenen
und unvollkommenen Pflichten giebt und davon anmerkt (S. 175):
»Wenn ich in meiner Untersuchung über diesen Gegenstand Kants
Überzeugung entgegen sein sollte (welches, wenn ich anders richtig
sehe, nicht der Fall sein dürfte), so bitte ich den grossen Mann
um gütige Belehrung und Zurechtweisung, wofern er meinen Versuch
eines Blickes würdigen sollte."
Jenen drei angeführten Systemen setzt nun Feuerbach seine
„einzig mögliche Deduktion des Rechtsbegriffs" entgegen. Er führt
aus (S. 243): „Da das Recht als etwas schlechthin Gesetztes (der
Materie Vorhergehendes) Produkt der reinen Vernunft, Recht aber
ein sich auf den Willen beziehender praktischer Gegenstand ist
und die Vernunft, inwieferne sie dem Willen etwas bestimmt,
praktische Vernunft heisst, so ist das Recht das Produkt der reinen
praktischen Vernunft. Das Recht kann, wie gezeigt worden, nicht
Beuerbachs Rechtsphilosophie im allgemeinen.
aus dem Sittengesetz als einem Produkte der reinen praktischen
Vernunft hergeleitet werden. (Denn dann würde das Recht ja
eine blosse Negation sein: Recht=Erlaubtsein=Nichtverbotensein.)
Nun ist aber doch die reine praktische Vernunft Grund des Rechts.
Folglich muss d a s R e c h t in einem eigenen, R e c h t e gebenden
Vermögen der p r a k t i s c h e n V e r n u n f t g e g r ü n d e t sein,"
Dieses Vermögen nennt er die j u r i d i s c h e F u n k t i o n der praktischen V e r n u n f t , die dem moralischen Vermögen als beigeordnet
erscheint. Damit hat er ein von dem Sittengesetze verschiedenes
und in dem berechtigten Subjekte liegendes Prinzipium essendi
der Rechte gefunden und h a t als e r s t e r eine deutliche
T r e n n u n g der Moral vom R e c h t e d u r c h g e f ü h r t . Dass Kant
ein Jahr später in der Metaphysik der Sitten verblüffend ähnliche
Überzeugungen äussert (er spricht an mehreren Stellen von einer
juridisch gesetzgebenden Vernunft im Gegensätze zur ethisch
gesetzgebenden), beweist uns, wie tief Feuerbach in den Geist der
kritischen Philosophie eingedrungen war, wie vollkommen er seinen
Meister verstanden hatte. Und was der alternde Kant zum Teil
nur andeutungsweise, zum Teil dunkel und widerspruchsvoll gab,
das entwickelte der junge Anselm auf dem Boden der Vernunftkritik stehend mit überzeugender Kraft.
Wie er mit Kant über den Grund der Rechte übereinstimmt,
so findet er gleich ihm den i n n e r e n C h a r a k t e r des Rechts bestehend in einer Möglichkeit des Zwanges und giebt eine entsprechende Definition (S. 259). „Recht ist ein von der Vernunft
um des Sittengesetzes willen bestimmtes Erlaubtsein des Zwanges."
Die Frage nach dem G e b i e t e des Rechts schliesslich beantwortet
er sich unmittelbar nach der Kantischen Formel: „Behandle kein
vernünftiges Wesen ausser dir als willkürliches Mittel zu deinen
willkürlichen Zwecken", indem er den Grundsatz aufstellt: ^Ich
habe zu allem ein Recht, wodurch ich ein anderes vernünftiges
Wesen nicht als willkürliches Mittel zu beliebigen Zwecken behandle." Diese über das Wesen des Rechts im Gegensatz zur
Moral gewonnenen Resultate fasst er gegen Schluss seiner Schrift
auf S. 304 noch einmal kurz zusammen mit den Worten: „Das
Naturrecht hat mit der Moral nichts anderes gemeinsam als ihre
allgemeine Quelle: die Vernunft, und zwar die praktische Vernunft.
Im übrigen sind sie durchgängig voneinander unterschieden. In
Hinsicht auf das prinzipium essendi ist die Quelle der Moral das
Sittengesetz oder die moralische Funktion der Vernunft, die Quelle
Feuerbachs Lehre.
des Naturrechts die juridische Vernunft. In Hinsicht auf ihren
Gegenstand überhaupt machen Pflichten und das vom Sittengesetz
Erlaubte den Gegenstand der Moral, Rechte aber den Gegenstand
des Naturrechts aus. In Hinsicht auf den Umfang geht das
Naturrecht weiter als die Moral. Diese bestimmt nur das als
möglich, was dem Sittengesetz nicht widerspricht; jenes alles, was
dem Rechte des. anderen nicht widerspricht. Der Gerichtshof der
Moral ist ein innerer (forum internum), der Gerichtshof des Naturrechts ein äusserer Gerichtshof (forum externum)." Das sind Auffassungen, die man mit fast denselben Worten in Kants „Metaphysik der Sitten" von 1797 wiederfindet. Wer so seines Meisters
Überzeugungen vorweg nehmen konnte, der musste vom Geiste
der kritischen Philosophie voll und ganz durchdrungen sein.
Nachdem sich Feuerbach in seinen ersten beiden Schriften
über die letzten Prinzipien und das Wesen des Rechts Aufklärung
verschafft hatte, drängte ihn sein philosophisches Bedürfnis, sich
nun mit dem S t a a t e als dem Zustande der Verwirklichung der
menschlichen Rechte zu beschäftigen. Diesem Thema sind implicite seine beiden nächsten Schriften: „Antihobbes oder über die
Grenzen der höchsten Gewalt und das z^waugsrecht der Bürger
gegen den Oberherrn" aus dem Jahre 1797 und „PhilosophischJuridische Untersuchung über das Verbrechen des Hochverrats"
von 1798 gewidmet. Der Antihobbes verdankt seine Entstehung,
wie schon einmal angedeutet, der Kantischen Schrift: „Vom Verhältnis der Theorie zur Praxis im Staatsrecht gegen Hobbes" aus
dem Jahre 1793. Feuerbach charakterisiert selbst die Stellung
seiner Abhandlung zur Kantischen, indem er auf S. 85 sagt: ^Inwiefern ist also dieser Antihobbes auch Antikant? Offenbar nicht
insofern, als er wird erweisen wollen, dass der Regent als blosse
Privatperson (wenn seine Handlungen garnicht öffentliche Handlungen sind) nicht unverletzlich sei: denn das Gegenteil hiervon
ist Kants Behauptung nicht; offenbar auch nicht insofern, als
Kant behauptet, dass man dem Regenten als einer öffentlichen,
wiewohl selbst die Grundverträge verletzenden Person nicht positiv
zu widerstehen berechtigt sei: denn darin werden Kant und Antihobbes eines Sinnes sein. Nur insofern wird sich Antihobbes Kant
entgegenstellen, als er wird zu erweisen suchen, dass mau selbst
dem Regenten als einer öffentlichen Person, die aber die bürgerlichen Grundverträge verletzt, negativ durch Zwang sich zu widersetzen berechtigt sei," Daraus geht hervor, dass sich Feuerbach
auch in seiner Staaatslehre in den weitaus meisten Punkten an
Kant anlehnt.
Schon seine Auffassung über Grund und Zweck des
S t a a t e s ist ganz der Kantischen nachgebildet. „Der Gebrauch
der Freiheit eines vernünftigen Wesens darf dem "Gebrauche der
Freiheit jedes anderen vernünftigen Wesens nicht widersprechen.
Dies ist das letzte Gesetz der Gerechtigkeit, l i e "Grutfabetihgung
der Behauptung unserer vernünftigen Natur in der Welt der Erscheinungen" (S. 13). Daraus entspringt nun die Pflicht des
Menschen, denjenigen Stand zu suchen und zu errichten, in dem
diese wechselseitige Freiheit ermöglicht wird. Dies ist die bürgerliche Gesellschaft. „Eine solche Gesellschaft, in welcher alle gegen
alle sich ihre Freiheit verbürgen, heisst bürgerliche Gesellschaft"
(S. 21). Ihr letzter Zweck ist also Sicherung der Freiheit, d. h.
der Hechte der einzelnen Bürger. Wie alle Naturrechtslehrer, so
denkt sich auch Feuerbach den Staat entstanden durch Vertrag
(pactum unionis civilis). Dass er dabei diese Idee des Sozialkontraktes nur als regulatives Prinzip betrachtet, wie Kant dies
that, geht aus seinen Schriften nicht hervor. Wenn man zur Ergänzung die Abhandlung über den Hochverrat herzuzieht, so erhält man etwa folgendes Bild der E n t s t e h u n g einer b ü r g e r lichen G e s e l l s c h a f t nach Feuerbach: Damit eine Anzahl von
Menschen aus dem Naturzustande heraus in den eines bürgerlichen
Vereines treten kann, müssen drei Grundverträge geschlossen
werden, nämlich der Gesellschafts- oder Vereinigungsvertrag (pactum
unionis), der Unterwerfungsvertrag (pactum subjectionis) und der
Verfassungsvertrag (pactum ordinationis); der Gesellschaftsvertrag
ist derjenige, durch den die Menschen aus dem Stande der Natur
heraustreten und sich zum Zwecke einer bürgerlichen Gesellschaft
verbinden. Durch den Unterwerfungsvertrag wird ein Organ des
allgemeinen Willens konstituiert, d. h. das Recht der höchsten
Gewalt einer physischen oder moralischen Person übertragen. Der
Verfassungsvertrag schliesslich bestimmt die willkürlichen Gremien
der höchsten Gewalt und die Art, wie sie ihren Willen äussern
soll, durch die Grundgesetze (leges fundamentales), deren Inbegriff
Konstitution heisst. Er wird geschlossen einerseits zwischen den
Bürgern untereinander und andererseits zwischen der Gesamtheit
der Bürger und dem Regenten. Zu den drei Kantischen Staatsgewalten — gesetzgebende (jus legislationis), ausführende (potestas executoria) und richterliche (potestas judiciaria) —
Feuerbach noch das Recht der Oberaufsicht (jus supremae inspectionis) hinzu, »
Die Güte eines Staates hängt nun im wesentlichen von dem
V e r h ä l t n i s s e der G e w a l t e n z u e i n a n d e r und zu den
B ü r g e r n , oder wenn alle Gewalten in einer Hand, nämlich in
der Hand des Oberhaupts, liegen, von dem Verhältnis desselben
zur Gesamtheit der Bürger ab. Darum ist die Entscheidung der
Frage: „Wo liegen die Grenzen der höchsten Gewalt?" und „haben
die Bürger ein Zwangsrecht gegen den Oberherrn?" von der
höchsten Bedeutung. „Kant," sagt Feuerbach S. 85, „leugnet nur
dann ein Insurrektionsrecht gegen den Regenten, wenn dieser iu
einer, obgleich ungerechten und den bürgerlichen Grundverträgen
widerstreitenden Ausübung einer von den Staatsgewalten begriffen
ist, wenn er also als Gesetzgeber ungerechte Gesetze giebt, oder
als Richter ungerecht und gesetzwidrig Urteil spricht, oder als
Besitzer der ausübenden Gewalt diese gegen vorhandene Gesetze
und Rechte der Bürger missbraucht. Bloss darauf bezieht sich
die scheinbar so schrecklich demütigende Sentenz des grossen
Mannes: „Der Unterthan kann sich dem Oberhaupt nicht widersetzen, Und wenn dieser sogar den ursprünglichen Vertrag verletzt
und sich dadurch des Rechts, Gesetzgeber zu sein, nach dem Urteile seiner Unterthanen verlustig gemacht haben sollte." Handelt
dagegen der Oberherr nicht in Ausübung einer der Staatsgewalten,
so giebt auch Kant den Unterthanen ein Zwangsrecht gegen ihr
Feuerbach geht nun in seinem Antihobbes einen Schritt über
diese Auffassung hinaus, indem er argumentiert: Verletzt der
Regent die Grundverträge, so hört er für die bestimmte Handlung,
durch welche er diese Verletzung begeht, auf, Regent zu sein.
Er wird also nicht als Oberherr, sondern als Privatperson gezwungen, wenn das Volk sich gegen ihn erhebt. Denn es lässt
sich keine vollkommene Verbindlichkeit des Volkes zum Gehorsam
deliken, als nur in denjenigen Verfügungen des Regenten, in
welchen er nicht den Grundverträgen zuwider handelt, wobei
Fauerbach von dem Axiom ausgeht: „In dem Begriff des OberheWn kann nichts enthalten sein, was dem Begriff der bürgerlichen Gesellschaft widerspricht, und er kann keine Rechte haben,
welche„die Natur der bürgerlichen Gesellschaft aufheben" (S. 95).
Uiid während Kant mit grösster Entschiedenheit ein Strafrecht der
üliterthanen gegen ihren Oberherrn zurückweist, tritt Feuerbacb
mit eben solcher Bestimmtheit dafür ein. Um nun die Berechtigung
dieser seiner Auffassung nachweisen zu können, sieht er sich zu
einer näheren Untersuchung des Wesens der Strafe genötigt und
giebt uns hier zum ersten Male auf S. 203—226 seine Straftheorie , die also offenbar mit seinen allgemeinen rechtsphilosophischen Überzeugungen in enger Berührung stehen muss. Da
aber ihre Darstellung in den nächsten Teil der vorliegenden Abhandlung gehört, begnügen wir uns damit, zu bemerken, dass
Feuerbach aus seiner Theorie die Folge zieht, „dass das Strafrecht
nicht bloss in dem Staat und in den Händen eines Oberhaupts,
sondern auch in dem Naturzustande und unter den bloss natürlichen Rechten des Menschen müsse zu finden sein". Das natürliche Strafrecht ist nach ihm auf der vernünftigen Natur des
Menschen gegründet, das abgeleitete Strafrecht des Staates dagegen
beruht auf einem Akte der Erwerbung und Übertragung. Es wäre
nun falsch, wollte man in diesem Hinweise auf die menschliche
Vernunft eine nachdrückliche Anlehnung an den Kantischen kategorischen Imperativ derStrafgerechtigkeit finden. Vielmehr setzt
schon hier Fauerbach der Absolutheit der Kantischen Theorie „die
Relativität seiner eigenen entgegen: Das Strafrecht ist ihm vor
allem ein natürliches Mittel der Verteidigung und Erhaltung der
Rechte. Und deshalb gehört es auch, so führt er auf S. 230 aus,
«unter diejenigen natürlichen Mittel und Rechte der Verteidigung,
durch welche eine beleidigte Nation sich gegen die widerrechtlichen
Angriffe eines beleidigenden Regenten schützt". Damit glaubt er
bewiesen zu haben, dass den Unterthanen wirklich ein Strafrecht
gegen den die Grundverträge verletzenden Oberherrn zusteht, der
eben in Beziehung auf seine verletzende Handlung als Privatperson erscheint und gewissermassen den Naturzustand wieder
herbeiführt. Diese Unterscheidung zwischen der privaten und
öffentlichen Person des Regenten, die auch in seiner Untersuchung
über den Hochverrat eine Rolle, spielt, hat Feuerbach später selbst
beanstandet, wie sich aus der Anmerkung zu § 172 seines Lehrbuchs ergiebt: „Indessen dürfte sich aus legislativen Prinzipien
gegen die Tauglichkeit dieser Unterscheidung vieles erinnern lassen."
Er hat sich also später den Kantischen Anschauungen auch in Bezug auf diesen Gegenstand offenbar wieder genähert. — Damit
haben wir einen Einblick gethan in Feuerbachs Anschauungen über
Grund, Wesen und Geltungsgebiet des Rechtes, über das Verhältnis des Rechtes zur Moral, über Entstehung, Wesen, Zweck
des Staates als der Verwirklichung des rechtlichen Zustandes,
über das Verhältnis des Oberhaupts zur Gesamtheit der Unterthanen als Vorbedingung zur Erhaltung dieses vernunftmässigen
rechtlichen Zustandes, kurz, wir haben uns orientiert über die allgemeinen rechtsphilosöphischen Überzeugungen Feuerbachs und
können uns nun der Betrachtung seiner Straftheorie zuwenden, die
wir schon aus seiner Eechtsphilosophie herauswachsen sahen.
2. F e u e r b a c h s S t r a f t h e o r i e .
Zweck des Staates ist nach der von Kant übernommenen
Auffassung Feuerbachs die Errichtung und Sicherung eines der
Forderung der praktischen Vernunft entsprechenden Zustandes
wechselseitiger Freiheit aller unter allgemeinen Gesetzen, oder wie
Feuerbach in seinem Lehrbuche § 8 sagt: „Zweck des Staates ist
die Errichtung' des rechtlichen Zustandes, d. h. das Zusammenbestehen der- Menschen nach dem Gesetze des Rechts." Während
nun aber Kant immer vor Augen hat, dass dieser Zustand eben
ein von der praktischen Vernunft aufgegebenes Problem ist, dass
also Staatsgrund und -Zweck in letzter Hinsicht in der Vernunft
gelegen seien, und während er infolgedessen zu einer absoluten
Deduktion des Strafrechts und der Strafpflicht gelangt, drängt
Feuerbach diese gleiche, durch sein Rechtsprinzip (juridische
Funktion der praktischen Vernunft) bedingte Auffassung mehr und
mehr zurück und hält sich bei Aufstellung seiner Straftheorie nur
noch an die Form, in der dieser letzte Zweck sich in der erscheinenden Welt offenbart, nämlich eben an den Staatszweck als
Sicherung der Rechte der Bürger. Hieraus entspringen nun nach
seiner Meinung S t r a f r e c h t und - P f l i c h t des S t a a t e s . Da
dieser eben die Aufgabe zu erfüllen hat, die Rechte seiner Bürger
vor Verletzungen zu sichern und zu schützen, so muss er notwendigerweise berechtigt und zugleich verpflichtet sein, Zwangsanstalten zu treffen, wodurch Rechtsverletzungen überhaupt unmöglich gemacht werden." Die schwierige Frage lautet nun: Wie
müssen diese Anstalten beschaffen sein, damit sie 1. diesen Zweck
erfüllen.und 2. mit dem Rechte zusammen bestehen? P h y s i s c h e r
Z w a n g , der entweder 1. zuvorkommend (indem er noch nicht
vollendete Beleidigung verhindert) oder 2. nachfolgend (indem er
Rückerstattung oder Ersatz vom Beleidiger erzwingt) sein kann,
reicht: zur Verhinderung von Rechtsverletzungen nicht aus. Es
Feuerbachs Straftheorie.
ist neben ihm vielmehr noch ein anderer Zwang erforderlich, der
sich nicht auf einen bestimmten Fall der Rechtsverletzung in
concreto bezieht, sondern der gegen alle Bürger als mögliche Verbrecher gerichtet ist, nämlich ein p s y c h o l o g i s c h e r Z w a n g .
Dass ein solcher psychologischer Zwang, durch den die einzelnen
Subjekte von Übertretungen der Gesetze zurückgehalten werden
können, thatsächlich möglich ist, lehrt eine Betrachtung der menschlichen Gemütsvermögen, insofern' sie bei der Ausführung einer
Handlung in Funktion treten. Sie zeigt uns auch zugleich, welcher
Art dieser psychologische Zwang sein muss, wenn er seinen vorgestellten Zweck erreichen soll. Eine solche Untersuchung ergiebt
folgende Resultate: Da der Mensch, wenn er den Forderungen der
Vernunft streng Folge leistete, niemals gegen ein Gesetz „ Verstössen könnte, so muss e i n e Rechtsverletzung ihren letzten, Grund,
in der Sinnlichkeit haben. Ein äusseres Gut affiziert das Begehrungsvermögen des Subjekts, erregt in ihm ein Gelüsten, das,
wenn es auf das Bewusstsein des Subjekts vom Nichtbesitz des
Gegenstands bezogen wird, zum Bedürfnis nach dem Gegenstande
wird und sich, wenn kein Zwang entgegentritt, in eine das Bedürfnis befriedigende Handlung umsetzt (cf. S. 210 217 Antihobbes). Würde dagegen das Subjekt sich bewusst sein, dass auf
seine That unausbleiblich ein Übel folgen werde, welches grösser
wäre als die Unlust aus dem nichtbefriedigten Bedürfnisse, so
würde durch dieses Bewusstsein der sinnliche Antrieb zur Handlung
aufgehoben werden. Denn der praktische Verstand verfolgt die
sinnlichen Zwecke des Menschen nach Regeln und Grundsätzen,
denen es geradezu widersprechen würde, „ein Übel, das keine
Güter zur Folge hat, einer augenblicklichen Befriedigung der Begierde vorzuziehen" (S. 218 Antihobbes).
Um sich also vor künftigen Beleidigungen der Bürger als
möglicher Verbrecher zu sichern, müsste der Staat durch bestimmte
Gesetze auf solche verletzende Handlungen sinnliche Übel androhen und dieselben, damit diese Androhung ihre abschreckende
Wirkung auch wirklich ausüben kann, im -gegebenen Falle der
Rechtsverletzung an dem Verbrecher vollstrecken. „Das vom
Staate durch ein Gesetz angedrohte und kraft des Gesetzes zuzufügende Übel ist die b ü r g e r l i c h e S t r a f e " (Lehrbuch § 15)Sie erfordert also zwei Handlungen der Staatsgewalt, eine And r o h u n g und eine V o l l s t r e c k u n g . Es ist nun unsere Aufgabe,
für beide Massnahmen ei neu a l l g e m e i n e n G r u n d ihrer Not-
wendigkeit und ihres Daseins, einen Zweck und einen R e c h t s g r u n d nachzuweisen.
Der a l l g e m e i n e Grund der Strafandrohung und der Strafexecution ist die Notwendigkeit der Erhaltung der wechselseitigen
Freiheit aller durch Aufhebung des sinnlichen Antriebs zu Rechtsverletzungen (§ 15 Lehrbuch). Der Zweck der A n d r o h u n g der
Strafe im Gesetz .ist. Abschreckung aller als möglicher Verbrecher
von Rechtsverletzungen. Der Zweük der Z.utüguag. derselben
besteht darin, die Androhung selbst wirksam zu machen. „Wer
nämlich ein übel androht, um sich vor künftigen Beleidigungen
zu sichern, der widerspricht sich selbst, wenn er, falls die Beleidigung eintritt, die Drohung nicht vollzieht. Denn eine Drohung
kann nur dann als eine solche wirksam sein, wenn das in ihr enthaltene Übel als ein künftiges, wirklich eintretendes Übel vorgestellt
wird" (Antihobbes S. 225). D e r R e c h t s g r u n d d e r S t r a f a n d r o h u n g , von dem die rechtliche Möglichkeit der Strafe abhängt, ergiebt sich aus der Überlegung, dass ja durch die Androhung kein Recht beleidigt wird, dass dieselbe vielmehr mit der
wechselseitigen Freiheit aller zusammen besteht. Schwieriger ist
schliesslich d i e R e c h t m ä s s i g k e i t d e r S t r a f v o l l z i e h u n g
darzuthun. Wenn Feuerbach im § 17 seines Lehrbuchs sagt:
„Der Rechtsgrund der Zufügung ist die vorhergegangene Drohung
des Gesetzes", so bedeutet dies in Wahrheit eine Beweiserschleichung.
Denn wenn die Strafandrohung nur deswegen rechtlich möglich ist,
weil sie mit der Freiheit der Bedrohten zusammen besteht, so
kann doch durch sie nicht die Rechtmässigkeit der Strafvollziehung
begründet sein, die ja den schroffsten Widerspruch zu der Freiheit
des Betroffenen darstellt. Diesen Mangel seiner Beweisführung
hat Feuerbach recht wohl gekannt und hat ihn in seiner Schrift
von 180.0 „Uber die Strafe als Sicherungsmittel" zu beseitigen
gesucht. Er sagt dort auf S. 95/96: „Aber auch die Ausführung
"dieser Drohung im Falle einer wirklichen Rechtsverletzung ist
gerecht. Die Rechtmässigkeit derselben gründet sich zunächst
auf die rechtlich notwendige Einwilligung des Thäters in die Strafe
durch Einwilligung in die That. Denn die Strafe ist in dem Gesetze als die Bedingung der That angekündigt. Die Handlung
soll nicht geschehen, ohne dass die Strafe eine rechtlich notwendige
Folge derselben sei, und ohne dass der Verbrecher sich dieser
Strafe unterwerfe. Nun ist aber die Einwilligung in ein rechtlich
Bedingtes nicht möglich ohne die Einwilligung in die Bedingung.
Es ist daher die Rechtmässigkeit der Zufügung der in dem Gesetze angedrohten Strafe durch die rechtlich notwendige Einwilligung des Thäters in die Strafe begründet." Und auf S. 100
fügt er noch berichtigend und erklärend hinzu: „ M e i n e eigentliche
Meinung ist folgende: Das Recht, die angedrohte Strafe zuzufügen,
beruht nicht auf der wirklichen Einwilligung des Verbrechers in
die Strafe, sondern auf der rechtlichen Notwendigkeit von Seiten
des Verbrechers (der Rechtspflicht), sich der Strafe zu unterziehen.
Woraus lässt sich diese Notwendigkeit erweisen, und wie Messt
aus ihr jenes Recht des Staates ? Es ist ein unbestreitbarer Satz,
dass ich berechtigt bin, jede Handlung, zu welcher der andere
gegen mich kein Recht hat, willkürlich zu bedingen, d. h. etwas
beliebig festzusetzen, ohne welches diese Handlung nicht geschehen
Wer diesen „unbestreitbaren Satz" für richtig und rechtlich
möglich hält, der wird zugeben müssen, dass Feuerbach auch für
die Strafvollziehung einen Rechtsgrund logisch geschlossen deduziert
hat. Man darf daher wohl mit Recht behaupten, dass der Vorwurf,
den ßinding in seinem Grundrisse der relativen Straftheorie im
allgemeinen macht (sie wisse nicht, „warum sie ü b e r h a u p t s t r a f t ,
warum sie nur straft, nachdem v e r b r o c h e n i s t , warum sie den
Verbrechex straft, obgleich dessen That den Rechtsgrund der
Strafe nicht abgiebt, warum sie endlich zugiebt, dass der S t a a t
den Verbrecher straft"), auf die Feuerbachsche Lehre nicht zutrifft.
Denn hier wird die erste Frage dreifach beantwortet: Mit einem
a l l g e m e i n e n Grund der Notwendigkeit des. Daseins der Strafe,
einem Z w e c k e (=; Wirkung, deren Hervorbringung als Ursache des
Daseins der Strafe gedacht wird) und einem R e c h t s g r u n d e , in
denen zugleich die Antworten auf die zweite und dritte Frage,
die sich ja auf die Strafexecution und deren Objekt beziehen, und
auf die vierte Frage enthalten sind. Die Strafe wird vollzogen,
nachdem v e r b r o c h e n ist, weil erstens die Execution überhaupt
nur den Zweck hat, die für- den Fall der Rechtsverletzung im
Gesetze ausgesprochene Drohung wirksam zu machen, indem eben
nach geschehener Verletzung diese Drohung auch wirklich vollzogen wird, und weil ja zweitens erst in der durch die verbrecherische Handlung bekundeten Einwilligung des Thäters in
die Strafe der Rechtsgrund der Zufügung gegeben ist. Damit ist
Zugleich ausgesprochen, dass bei Feuerbach die T a t des Verb r e c h e r s wirklich den Rechtsgrund der Strafe, d.h. der Straf-
Vollziehung, darstellt, was auch aus der auf S. 56 seiner „Bevision"
gegebenen Strafdefinition unmittelbar hervorgeht: „Die bürgerliche
Strafe ist ein vom Staate wegen einer begangenen Rechtsverletzung
zugefügtes, durch ein Strafgesetz vorher angedrohtes sinnliches
Übel." Und dass schliesslich der S t a a t den Verbrecher straft,
hat, wie sich aus dem obigen ergiebt, nach Feuerbach seinen
Grund darin, dass der Staatszweck, nämlich die Sicherheit der
Rechte der Bürger, durch das Verbrechen gefährdet wird und
durch die Strafe erhalten werden soll. (Der Staat hat, eben darum,
weil er Staat ist und die Sicherung der Eechte aller zu dem
Objekte seiner ganzen Wirksamkeit hat, das Eecht und die Verbindlichkeit, auf die rechtswidrigen Handlungen sinnliche Übel
mittels eines Gesetzes zu drohen. („Über die Strafe als Sicherungsmittel" S. 94/95).
Die Feuerbachsche Theorie zeigt sich also in ihren letzten
Fundamenten als durchaus streng geschlossen und logisch fest begründet, und sie hat ihre Fruchtbarkeit und ihre Berechtigung
auch in zahlreichen Kämpfen gegen mannigfaltige zeitgenössische
Straflehren deutlich bewiesen. Als Feuerbach im Jahre 1797 zum
ersten Male im Antihobbes seine Theorie entwickelte, da war unter
den meisten Rechtslehrern die Auffassung verbreitet, dass der
wesentliche Zweck und Grund der Strafe in der u n m i t t e l b a r e n
A b s c h r e c k u n g a n d e r e r d u r c h d e n S t r a f v o l l z u g am
Verbrecher bestehe. „Ist denn aber," fragt Feuerbach dagegen,
„Abschreckung anderer durch ein, vernünftigen Wesen zugefügtes
Übel ein rechtlicher, vor der Vernunft zu verantwortender Zweck?
Heisst dies nicht ein vernünftiges Wesen als eine Sache, als ein
beliebiges Mittel zu einem höheren Zwecke gebrauchen?" (Antihobbes S. 208). Hier schützt ihn also ein Kantischer Grundsatz
vor dem Anschluss an eine Lehre, die nach seiner Ansicht „vieles
für sich, manches wenigstens vor den anderen Meinungen vorauszuhaben scheint". Zahlreiche Anhänger hatte ferner die P r ä v e n t i o n s t h e o r i e , die den Zweck der Strafe darin fand, durch
die Bestrafung des Verbrechers dessen künftigen Beleidigungen in
der Weise zuvorzukommen, dass er entweder die physische Möglichkeit
zu weiteren Verletzungen verliert oder von künftigen Verbrechen
abgeschreckt wird. Auch dieser Lehre konnte Feuerbach nicht
zustimmen. Denn da sie ja von der Androhung im Gesetze gänzlich
absah, machte sie aus der Strafe ein blosses Zwangsübel zum
Zwecke der Verteidigung und entzog sich selbst den Rechtsgrund
Peüerlbachs Straftlieorie.
für die Execution, der eben, durch die'That des Verbrechers
bedingt, in dem Strafgesetze enthalten liegt. Noch weniger
schliesslich konnte sich Feuerbach mit der Theorie einverstanden
erklären, die den Zweck der Strafe ..in der B e s s e r u n g des Verbrechers sah; er hatte, von Kantischen Grundsätzen geleitet, den
Zweck des Staates zu deutlich in der Sicherung und Verteidigung
der Rechte der Bürger erkannt, als dass er dem Staate das Recht
einräumen konnte, seine Bürger zum Zwecke ihrer Besserung mit
sJnaEchen Übeln zu belegen, denn ein solches Übel ist keine Strafe,
sondern eine Züchtigung, und „Züchtigung ist nie in der rechtlichen Gewalt des Staates begriffen" (Antihobbes S. 203).
Indem sich Feuerbach so mit den zeitgenössischen Theorien
auseinandersetzte, gewann er seine eigenen Überzeugungen vom
Zwecke der bürgerlichen Strafe. Er lässt uns einen tiefen Blick
in die Genesis seiner Theorie thun, wenn er in seiner „Revision
der Grundsätze" S. 59/60 ausführt, seine Lehre stimme mit den
anderen Vorstellungsarten überein und vereinige das Wahre derselben in sich. Denn nach seiner Theorie sei der Zweck der
Strafe auch 1. B e s s e r u n g , aber .nicht,, insofern als die Strafe,
exequiert wird, sondern i n s o f e r n sie a n g e d r o h t wild, denn durch
diese Drohung soll der Wille zum Besseren, zur Gesetzmässigkeit
gewendet werden; 2. Abschreckung^ aber nur in Beziehung auf
das S t r a f g e s e t z , welches eine gesetzwidrige Handlung mit Strafen
bedingt und durch Furcht den Willen zu bestimmen sucht, während
die Execution nur mittelbar Abschreckung bewirken soll, insofern
sie die gesetzliche Drohung als Drohung möglich macht; 3. P r ä vention, aber ebenfalls nicht durch die Execution, sondern durch
die Androhung, insofern diese dem Verbrechen zuvorzukommen
und durch Abschreckung aller möglicher Verbrecher (nicht eines
bestimmten Verbrechers) Sicherheit der Rechte zu bewirken sucht.
Aus solchen Anmerkungen ist deutlich zu entnehmen, dass die
entgiltige Ausgestaltung der Feuerbachschen Straftheorie zum grossen
Teile aus einer kritischen bewussten Anlehnung an die bestehenden
Lehren seiner Zeitgenossen hervorgegangen ist. Wie weit der
Kantische Einfluss reicht, diese Entscheidung muss dem dritten
Teile dieser Abhandlung vorbehalten werden.
Nachdem wir uns bisher über den Grund des Strafrechts und
der Strafpflicht, über das Subjekt beider, über G r u n d und Zweck
der Strafe nach Feuerbachs Überzeugung und schliesslich über
das Verhältnis der zeitgenössischen Theorieen zu dieser Au-
schauung unterrichtet haben, gehen wir näher auf die Untersuchung1
des Wesens der b ü r g e r l i c h e n S t r a f e ein. Ihr B e g r i f f ist
in der Definition enthalten: „Die bürgerliche Strafe ist ein vom
Staate wegen einer begangenen Rechtsverletzung zugefügtes,
durch ein Strafgesetz vorher angedrohtes sinnliches Übel." Das
S t r a f g e s e t z ist also notwendige Voraussetzung jeder Strafexekution. „Nulla poena sine lege". Feuerbach definiert es im
Sinne der bisherigen Ausführungen im § 73 seines Lehrbuchs mit
folgenden Worten: „Die lex poenalis ist die kategorische Erklärung der Notwendigkeit eines sinnlichen Übels im Falle einer
bestimmten Rechtsverletzung." Daraus folgt, dass das Strafgesetz
gültig ist, 1. durch sich s e l b s t (d. h. seine Anwendung kann
nicht abhängen von der richterlichen Beurteilung seiner Zweckmässigkeit in besonderem Falle) und 2. f ü r alle in d e m s e l b e n
e n t h a l t e n e n F ä l l e , d.h. das Strafgesetz gilt ausnahmslos. Die
folgenschwere Bedeutung dieser beiden aus der Feuerbachschen
Theorie sich ergebenden Sätze für die damalige Zeit lernt man
verstehen, wenn man die kriminellen Zustände des ganzen 18. Jahrhunderts betrachtet, wie sie uns Feuerbach selbst in dem Fragmente. ,1805 „Über die bevorstehende Reform der bayrischen
Kriminalgesetze'' schildert. Der Mangel an klaren, bestimmten,
dem Geiste und den Forderungen der Zeit angepassten Strafgesetzen hatte derartig zu richterlicher Willkür geführt, dass auf
der einen Seite sentimentale Humanitätsduselei, auf der anderen
Seite unmenschliche Härte und Grausamkeit aller Gerechtigkeit
Hohn sprachen. „Die Gerechtigkeit mit der Milde, die Strenge
mit der Humanität geschickt zu vereinigen, eine kräftige, jedoch
menschlich gerechte Kriminaljustiz zu gründen, die richterliche
Willkür ihrer angemassten Herrschaft zu entsetzen, ohne darum
die Vernunft des Richters bloss an tote Buchstaben zu fesseln,
dieses ist eine der ersten Aufgaben des Strafgesetzgebers," sagte
Feuerbach, als er im Jahre 1813 dem Plenum des königlichen geheimen Rats den Entwurf seines Strafgesetzbuches vorlegte, und
fügte hinzu: „sie zu lösen, war ein Hauptzweck bei der Bearbeitung des hier vorliegenden Werkes." Und dass die ausnahmslose Geltung der Strafgesetze für alle, d. h. die Gleichh e i t der U n t e r t h a n e n vor dem G e s e t z e , die auch Kant gefordert hatte, "für ihn ein leitender Grundsatz war, das spricht er
deutlich genug in den Bemerkungen zu dem Votum des Grafen
yon Arco aus.: .„Wer ein Verbrechen begeht, der ist nun eben
Verbrecher und hat als Verbrecher durchaus keinen anderen Rang,
als den "ihm seine That anweist." Das b e s t i m m t e Strafgesetz,
in dem ein Verbrechen mit einer der Qualität und Quantität nach
festgesetzten Strafe bedroht wird, schliesst, soweit nicht gesetzliche Gründe zu einer Ausnahme vorhanden sind, richterliche Willkür überhaupt aus. Das r e l a t i v u n b e s t i m m t e Strafgesetz, das
für ein Verbrechen verschiedene Strafen alternativ oder eine bestimmte Strafe nur qualitativ festsetzt, lässt die richterliche Beurteilung nur für die Qualität bez. Quantität der Strafe zu,
während schliesslich die u n b e s t i m m t e n Strafgesetze, die nichts
über die Qualität und Quantität der Strafe aussagen, den Richter
berechtigen und verpflichten, nach eigenem Ermessen die Strafe
zu bestimmen. Aber dabei ist er, wie auch der Gesetzgeber für
die bestimmten und relativ unbestimmten Strafgesetze, bezw. der
Qualität und Quantität der Strafe an die Grundsätze gebunden,
die sich aus dem Wesen, dem Grunde und Zwecke der Strafe ergeben. Da nämlich die Androhung der Strafe Abschreckung von
Verbrechen bewirken soll, so muss die Qualität des Strafübels
nach den beiden Forderungen bestimmt werden: 1. Die Strafe
muss ihrer Art nach in der .Kegel ein B e w e g g r u n d zur Unterl a s s u n g der H a n d l u n g sein können, und 2. die Strafe muss
direkt d e r j e n i g e n T r i e b f e d e r w i d e r s p r e c h e n , aus der das
V e r b r e c h e n g e w ö h n l i c h b e g a n g e n wird. „Bei Verbrechen
aus Ehrsucht muss die Freiheitsstrafe mit ausgezeichneter Ehrenkränkung, bei Verbrechen aus Hochmut und Geringschätzung
anderer mit Demütigung, bei Verbrechen aus Trägheit mit Arbeit
verbunden werden" (Kritik des Kleinschrodischen Entwurfs S. 132).
Die Q u a n t i t ä t der Strafe erglebt sich ebenfalls aus den
Prinzipien der Theorie. Da der allgemeine Grund der Strafe in
der Sicherung des Staates gelegen ist, da also ein Verbrechen im
letzten Sinne bestraft wird, weil es die. Sicherheit der bürgerlichen,
Gesellschaft gefährdet, so muss die Strafquantität ihren Massstab
iu der G e f ä h r l i c h k e i t des V e r b r e c h e n s für den S t a a t
finden. „Je grösser die Gefahr für den rechtlichen Zustand ist,
Welche die Handlung begründet, desto grösser ist die äussere
Strafbarkeit, desto grösser daher die Strafe" (Revision II S. 205).
Der Gesetzgeber muss sich also ein Verbrechen in abstracto vorstellen, muss sich die einzelnen Merkmale desselben und ihre Gefahr für die Staatssicherheit deutlich machen und muss darnach
eine Strafe festsetzen, sodass also deren im Gesetz bestimmter
Grad durch das Zusammentreffen aller dieser Prädikate bedingt
ist. Sind nun im besonderen Falle der Rechtsverletzung; diese
gesetzlichen Merkmale nicht in ihrer Gesamtheit vorhanden, so hat
der Richter von dem angedrohten Übel so viel abzuziehen, als den
fehlenden Merkmalen entspricht (Revision II S. 5). Zu solch
exakter Begriffssynthese und -Analyse gehört aber gediegene philosophische Schulung, die Feuerbach dem Gesetzgeber und Richter
zu formellem Gebrauche nicht eindringlich genug empfehlen kann.
Nach dieser dem engen Rahmen unserer Abhandlung angepassten Betrachtung des Charakters der Strafe wenden wir uns
jetzt zum O b j e k t e derselben, zum V e r b r e c h e r . Ganz im Sinne
Kants sagt Feuerbach § 21 seines Lehrbuchs: „Wer die durch
den Staatsvertrag verbürgte, durch Strafgesetze gesicherte Freiheit verletzt, begeht ein Verbrechen," und er unterscheidet ebenfalls ö f f e n t l i c h e V e r b r e c h e n , durch welche unmittelbar die
Rechte das Staates, und P r i v at.v.erb re c h e n, durch welche die
Rechte eines Unterthan verletzt werden. Aus dieser Definition
ergiebt sich ohne weiteres, dass nur ein Bürger, der durch die
Strafgesetze des Staates verpflichtet ist, Subjekt eines Verbrechens
sein kann (§ 27), wie andererseits eine als Verbrechen zu bestrafende Handlung auch notwendigerweise nur gegen eine unter
dem Schutze des Staates stehende Person gerichtet sein muss (§ 32).
Ehe nun aber eine Strafe verhängt werden darf, muss der
Richter über die a b s o l u t e S t r a f b a r k e i t des vorliegenden Falles
entscheiden, d. h. muss untersuchen, ob überhaupt die rechtliche
Möglichkeit der Anwendung eines Strafgesetzes vorliegt. Dieselbe
wird ausgeschlossen, wenn 1. der o b j e k t i v e Grund aller Strafbarkeit fehlt nämlich das V o r h a n de n s ein e i n e r T h a t s a c h e ,
welche unter der Drohung eines Strafgesetzes enthalten ist, und
2. der s u b j e k t i v e Grund der Strafbarkeit fehlt, nämlich die
Schuld des Handelnden. Diese letztere wiederum hängt ab von
der Z u r e c h n u n g s f ä h i g k e i t (Imputabilität) der Person, wobei
Feuerbach unfer Zurechnung (Imputation) „die Beziehung einer
objektiv strafbaren That als Wirkung auf eine dem Strafgesetze
widersprechende Willensbestimmung des Thäters als Ursache derselben" versteht.
Daraus ergeben sich zwei H a u p t e r f o r d e r n i s s e , die zum
Wesen der Zurechnung g e h ö r e n : 1. Dass das Verbrechen seinen
Grund im B e g e h r u n g s v e r m ö g e n der Person habe, und 2. dass
die Willensbestimmung, welche die Ursache des Verbrechens ist,
Beuerbachs Straftheorie.
auch i n n e r l i c h , d . h . im Gemüte des H a n d e l n d e n , dem Strafgesetze widerspreche, indem derselbe a) die Strafbai'keit seiner
Tliat kannte; b) sich im Zustande einer möglichen rechtmässigen
Willensbestimmung befand, und c) trotzdem seinen Willen dem
Strafgesetze entgegen bestimmte (§ 85). Die Art der Verschuldung
kann dann entweder sein: Culpa (Fahrlässigkeit), d. h. „eine gesetzwidrige Bestimmung des Willens zu einer Handlung oder Unterlassung, woraus nach den Gesetzen der Natur ohne die Absicht
der Person die Rechtsverletzung entsteht", oder Dolus, d. h. „eine
Bestimmung des Willens zu einer Rechtsverletzung als Zweck mit
dem Bewusstsein der Gesetzwidrigkeit des Begehrens" (§ 54). Ist
sich bei der Culpa die Person der Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit einer gesetzwidrigen Wirkung ihrer in anderer Absicht
unternommenen Handlung bewusst gewesen, so liegt u n m i t t e l b a r e F a h r l ä s s i g k e i t (Mutwille, Frevelhaftigkeit, Leichtfertigkeit),
im verneinenden Falle m i t t e l b a r e F a h r l ä s s i g k e i t vor
(Leichtsinn, Übereilung, Nachlässigkeit, Unbedachtsamkeit) (§ 56).
Auch der Dolus umfasst zwei Arten: 1. den bestimmten Dolus
(dolus determinatus), bei dem der gesetzwidrige Erfolg ausschliesslicher Zweck des Begehrens ist, und 2. den u n b e s t i m m t e n Dolus
(dolus eventualis), bei dem sich die verbrecherische Absicht auf
mehrere Rechtsverletzungen einer bestimmten Art oder Gattung
alternativ richtet.
Während also Culpa und Dolus die Zurechnungsfähigkeit der
Personen begründen, giebt es drei Hauptgruppen von gesetzwidrigen Handlungen, die aus Mangel einer Verschuldung n i c h t
gestraft werden dürfen: 1. Wenn die That unverschuldet ohne
Zuthun des Willens bloss mittelst der mechanisch bestimmten
Körperkraft erfolgte, 2. wenn die Person sich unverschuldet in
einem Gemütszustande befindet, in dem die Möglichkeit des BeWusstseins der Strafbarkeit ausgeschlossen ist (Kinder, Taubstumme,
Blöde, Geisteskranke etc.), und 3. wenn sich die Person unverschuldet in einem derartigen Zustande befindet, dass selbst bei
dem Bewusstsein des Strafgesetzes die mögliche W i r k s a m k e i t
desselben auf das Begehren aufgehoben war (z. B. im Zustande
Vorhandener Qualen, dringender höchster Gefahr) (§§ $9, 90, .91)Hat nun der Richter nach diesen Grundsätzen über die Zurechnungsfähigkeit des Delinquenten und den Grad seiner Verschuldung entschieden, so darf er, natürlich immer nur im Rahmen
der gesetzlichen Bestimmungen, an die F e s t s e t z u n g d e r S t r a f e
Kantstudieu, Erg.-Heft 3.
Das Verhältnis der Feuerbachschen Straftheorie
gehen. Und wie wir oben aus der Betrachtung der äusseren
Seite der Handlung in ihrer Gefahr für die allgemeine Sicherheit
des Staates einen Massstab für die objektive Strafbarkeit und damit für die Quantität der Strafe erkannten, so wird uns jetzt
durch die verschiedenen Arten der Verschuldung, d. h. durch die
s u b j e k t i v e n G r ü n d e d e r S t r a f b a r k e i t ein z w e i t e r M a s s s t a b für die S t r a f q u a n t i t ä t gegeben, der entsprechend auf die
S t a a t s g e f ä h r l i c h k e i t der s i n n l i c h e n T r i e b f e d e r als letzter
Ursache jeder Gesetzesübertretung eingestellt ist und zu der allgemeinen Eegel führt: „Der Dolus ist immer strafbarer als das
Verbrechen aus Culpa" (§ 116). Die Culpa ihrerseits ist umso
strafbarer, 1. je leichter die Handlung hätte unterlassen oder gethan werden können, 2. je enger der Zusammenhang zwischen der
Handlung und der daraus entstandenen Rechtsverletzung war,
3. je mehr die besonderen Verhältnisse den Schuldigen zur gehörigen Sorgsamkeit verpflichteten (§ 117). Für den Dolus andererseits gilt die Eegel: 1. Je stärker und heftiger die sinnliche Triebfeder wirkt, 2. je unverbesserlicher und fester sie im Gemüte
wurzelt, 3. auf je mehr Rechtsverletzungen sie gerichtet ist, desto
strafbarer ist die Handlung (§ 119). Wie diese bedeutsamen
Sätze der Feuerbachschen Imputationslehre entstanden sind, wie
viel sie dem Einflüsse der Kantischen Philosophie verdanken, das
soll der dritte Teil vorliegender Abhandlung unter anderem nachweisen, dem wir uns nach unserer Darstellung der Feuerbachschen
Straftheorie jetzt zuwenden.
IV. Das Verhältnis der Feuerbachschen Straftheorie
In den beiden ersten Teilen der Abhandlung ist eine Darstellung der Kantischen und Feuerbachschen rechtsphilosophischen
und straftheoretischen Überzeugungen gegeben worden unter stetem
Hinblick auf das Ziel dieser Arbeit, nämlich auf die Ermittelung
des Abhängigkeitsverhältnisses der Feuerbachschen Straftheorie
von der Kantischen Philosophie. Es zeigten sich bei der Entwicklung der Feuerbachschen Anschauungen so offenkundige Abhängigkeitsbeziehungen, dass es nur eines kurzen Hinweises bedurfte, um dieselben ins hellste Licht zu rücken. Was sich nun
auf diese Weise bisher vereinzelt ergab, das soll in unserm letzten
Teile in festem Zusammenhange vorgetragen werden. Bevor v i r
zur Itantisclien Philosophie
aber den Einfluss spezieller Kantischer Anschauungen auf die
Feuerbachsche Straftheorie betrachten, können wir schon das eine
konstatieren, das sich aus der Gegenüberstellung beider Lehren
unmittelbar ergiebt: F e u e r b a c h h a t seine R e s u l t a t e mit H i l f e
. K a n t i s c h e r Methode g e w o n n e n . Scharfe Präzision, lichtvolle
Klarheit, erschöpfende und umfassende Definition seiner Begriffe,
sorgfältige Deduktion seiner Lehrsätze und höchsten Prinzipien,
straffer innerer Zusammenhang seiner Sätze, systematischer Zusammenhang seiner Lehren, das sind Vorzüge, die er dem Studium
der Kantischen Schriften verdankt, und die z. B. seinem Lehrbuche
die anerkannt vorbildlichen Eigenschaften verliehen haben.
Um nun den Einfluss spezieller Kantischer Anschauungen auf
Feuerbach bequem und deutlich erkennen zu können, wird man
zweckmässig d r e i P e r i o d e n der F e u e r b a c h s c h e n E n t w i c k e l n g annehmen müssen. Die e r s t e reicht bis zum Antihobbes,
dessen staatsrechtliche Erörterungen sie einschliesst, und enthält
die A u s b i l d u n g der a l l g e m e i n e n r e c h t s p h i l o s o p h i s c h e n
G r u n d l a g e . In ihr macht sich der Einfluss Kants unbedingt
geltend, und Feuerbach schreitet durchaus in den Bahnen seines
Meisters einer a b s o l u t e n Theorie entgegen. Die z w e i t e Periode
Umfasst die e r s t e B e g r ü n d u n g der F e u e r b a c h s c h e n S t r a f t h e o r i e und bedeutet eine Zeit der V e r m i t t l u n g z w i s c h e n
K a n t i s c h e n A n s c h a u u n g e n und den z e i t g e n ö s s i s c h e n r e l a t i v e n S t r a f l e h r e n . Sie reicht bis 1799, nämlich bis zur Ausw e i t u n g der „Revision der Grundsätze". Die d r i t t e Periode
schliesslich ist die des A u s b a u e s der F e u e r b a c h s c h e n S t r a f t h e o r i e . • In ihr kommt der Kantische Einfluss wieder zu fast
ausschliesslicher Geltung. Aber Feuerbach vermag sich die Lehren
seines Meisters nicht mehr unbefangen anzueignen, sondern steht
Vollständig unter dem Banne seiner in der zweiten Periode gewonnenen Auffassung über Begriff und Wesen der Strafe und des
Strafgesetzes, woraus sich missverständliche Auffassungen Kantischer
Ansichten ergeben, die in der Imputationslehre zu einer der
Kantischen entgegengesetzten Theorie führen.
In seiner „Kritik des natürlichen Rechtes" sagt Feuerbach
S. 5: „Die Prinzipien der kritischen Philosophie, die Auffindung
der letzten Gründe der Sittlichkeit, das tiefere Durchforschen sowohl der Natur der theoretischen als auch der praktischen Vernunft mussten die Bemühungen der Selbstdenker auf dem Felde
des Naturrechts erleichtern, ihnen zum sicheren Leitfaden auf
I)as Verhältnis der Feuerbachschen Straftheorie
ihrem Wege dienen und eine festere Begründung dieser Wissenschaft möglich machen." Diese Worte treffen im vollsten Sinne
für Feuerbach selber in seiner ersten Periode zu. Ehe er sich
mit der Erörterung rechtsphilosophischer Fragen beschäftigte, hatte
er sich ganz in den Geist der Kantisch® theoretischen und praktischen Philosophie eingelebt. Dass die V e r n u n f t eine G e s e t z g e b e r i n für das Reich der Natur und das Reich der Zwecke bedeutet, ist seine von Kant übernommene grundlegende Auffassung,
die sein ganzes Rechtsgebäude trägt. Auf dem Gebiete der Moral
schliesst er sich kritiklos seinem Meister an und gebraucht nicht
selten dessen eigene Worte und Sätze. Der k a t e g o r i s c h e Imp e r a t i v mit seinen speziellen Formulierungen: „1. Behandle kein
willkürlichen Zwecken, 2. Behandle Dich selbst nicht als Mittel
zu Deinen beliebigen Zwecken, 3. Du sollst die vernünftige Natur
ausser Dir stets als Zweck betrachten, 4. Du sollst Dich stets
als Zweck betrachten," taucht in seinen Schriften immer wieder
auf und spielt für die Genesis seiner Straftheorie eine nicht unwesentliche Rolle. Ebenso übernimmt er in dieser Periode ganz
im Sinne seines Meisters dessen Überzeugung von der p r a k t i s c h e n
R e a l i t ä t der W i l l e n s f r e i h e i t , die durch die Thatsache des
Sittengesetzes in uns bewiesen wird. Die gesetzgebende Kraft
der Vernunft, die Forderung der menschlichen Freiheit, der kategorische Imperativ, das sind die ersten Pfeiler, auf die er den
Bau seiner Rechtsphilosophie stützt. Auf ihnen erheben sich zunächst seine Anschauungen über Quelle, Grundsatz, Wesen und
Gebiet des Rechtes, wie sie im zweiten Teile dargestellt sind, die,
weil auf Kantischen Prinzipien begründet, notwendigerweise mit
den Kantischen Überzeugungen übereinstimmen mussten. Und diese
entsprechenden Anschauungen über die G r u n d l a g e n des R e c h t s
und der Moral bedingten wiederum die Übereinstimmung beider
Männer hinsichtlich der U n t e r s c h e i d u n g dieser beiden Geb i e t e , wie wir sie im zweiten Teile konstatieren konnten. Dabei
liegt bezüglich dieser Rechtsmaterien auf Seiten Feuerbachs kein
unmittelbarer Anschluss an schon fertige Kantische Lehren vor.
Der Schüler nimmt vielmehr, vom Geiste der allgemeinen Überzeugungen seines Meisters durchdrungen, dessen besondere Ansichten voraus.
Ein wenig anders gestaltet sich das Abhängigkeitsverhältnis
hinsichtlich der s t a a t s r e c h t l i c h e n Anschauungen Feuerbachs.
Hier fand er in der Schrift von 1793 eine durchgebildete Kantische Auffassung vor, seine Überzeugung zwang ihn im wesentlichen zur Beistimmung, seine Selbständigkeit drängte ihm in unwesentlichen Punkten andere Meinung auf, die er, wie wir schon
gelegentlich bemerkten, später wieder zurücknahm. Der Kantische
Freiheitsbegriff ist der Pol, um den sich die staatsrechtlichen
Überzeugungen Feuerbachs drehen. Der l e t z t e Zweck des
S t a a t e s liegt ihm, wie bei Kant, in der Forderung der Vernunft
begründet, w e c h s e l s e i t i g e F r e i h e i t a l l e r zu ermöglichen.
Daraus entspringt dieselbe hohe Wertschätzung des Staates in der
Reihe menschlicher Institutionen, die uns schon bei Kant begegnete.
„Aus allem diesen geht die Wahrheit hervor, dass es ausser der
bürgerlichen Gesellschaft keinen Stand der Freiheit giebt, dass
Wir nichts durch den Staat* verlieren als die Freiheit, ungestraft
zu beleidigen, und dass der Staat den Rang der ehrwürdigsten
Und heiligsten aller menschlichen Anstalten vor der Vernunft behaupte" (Antihobbes S. 46). Hätte Feuerbach auf der Grundlage dieser allgemeinen Überzeugungen konsequent seine Straflehre
aufgebaut, dann hätte er n o t w e n d i g e r w e i s e zu e i n e r absol u t e n T h e o r i e g e l a n g e n müssen. Dazu zwang ihn ja eigentlich einerseits die Auffassung, dass die p r a k t i s c h e V e r n u n f t
das p r i n z i p i u m essendi des R e c h t e s sei, woraus doch eben
folgen würde, dass auch das Strafrecht seine letzte Quelle in der
Vernunft hat, dass es also nicht von einem äusseren Zwecke
seinen Grund hernimmt. Und andererseits hätte ihn auch seine
Überzeugung von dem in der Vernunft begründeten Staatszwecke
zu einer absoluten Straftheorie führen müssen.
In Wahrheit aber machte sich in der zweiten Periode bei
Feuerbach der Einfluss der r e l a t i v e n S t r a f l e h r e n seiner Zeit
geltend und liess ihn den Versuch wagen, diese Relativität mit
der Kantischen Absolutheit zu vereinigen. Feuerbach war ein
praktischer Kopf, der recht wohl wusste, dass eine Straftheorie
keine allgemeine Geltung und Ausbreitung finäen würde, die in
keinerlei Beziehung zu den herrschenden töliren seiner Zeit,stand.
So knüpfte er denn an die zeitgenössischen bedeutenderen relativen
Theorien an, suchte diejenigen Elemente heraus, die sich mit
Kantischen Gesichtspunkten in leidlichen Einklang bringen liessen
und vereinigte sie in seiner psychologischen Zwangstheorie. I m
zweiten Teile unserer Abhandlung haben wir aus seinem eigenen
Munde eine Bestätigung dieser Auffassung über die Entstehung*
seiner Lehre gehört. Es ist nun ausserordentlich interessant, zu
verfolgen, wie Feuerbach im einzelnen diese Verquickung relativer
Ansichten mit den Kantischen absoluten durchzuführen versuchte.
Die Auffassung vom p r i m ä r e n Zwecke des S t a a t e s , als
in einer Vernunftforderung begründet, lässt er, ohne sie gänzlich
aufzugeben, zurücktreten hinter dem s e k u n d ä r e n Zwecke der
Sicherung, der Bürgerrechte, den auch Kant, aber eben nur als
sekundären, anerkennt. Damit hat er Anschluss an die relativen
Theorien gefunden, ohne sich wesentlich von Kant entfernt zu
haben. Bezieht man Strafrecht und -Pflicht des Staates auf dessen
sekundären Zweck, so erscheinen beide relativ, bezieht man sie
auf den im Hintergrunde stehenden primären Zweck, so erscheinen
beide absolut deduziert.
Ganz entsprechend begründet Feuerbach seine Auffassung
über den Zweck der S t r a f e . Sein allgemeiner Grund der Notwendigkeit und des Daseins der Strafe, nämlich die „Notwendigkeit
der Erhaltung wechselseitiger Freiheit aller", verbindet ihn durch
seine Beziehung auf den absoluten Staatszweck mit Kant und
dessen absoluter Straftheorie. Der besondere Strafzweck, nämlich
die Abschreckung aller als möglicher Beleidiger von Rechtsverletzungen, dagegen lässt ihn Anschluss finden an die geltenden
relativen Theorien (wie wir im zweiten Teile erfahren haben) und
steht dennoch gleichzeitig durch seine Beziehung auf den Staatszweck mit dem allgemeinen Strafgrunde, also mit der Kantischen
Absolutheit, in Verbindung. Dass sich Feuerbach mit seiner relativen Theorie wirklich nicht allzuweit von Kants absoluter entfernt
hat, lässt sich aus Kant selbst nachweisen. Obgleich in erster
Hinsicht die Strafgerechtigkeit als eine in der Vernunft begründete
Forderung bei jeder Strafe zu Worte kommen soll, will Kant
dennoch auch die Strafklugheit nicht vernachlässigen. Und diese
Klugheit verlangt nach seiner Auffassung, dass die Strafandrohung
geeignet sei, das handelnde Subjekt von dem Verbrechen abzuschrecken, wie aus den Worten hervorgeht (Metaphysik d. S. 37
über das Notrecht): „Es kann nämlich kein Strafgesetz geben,
welches demjenigen den Tod zuerkennte, der im Schiffbruche mit
einem andern in gleicher Lebensgefahr schwebend, diesen von dem
Brette, worauf er sich gerettet hat, wegstiesse, um sich selbst zu
retten. Denn die durchs Gesetz angedrohte Strafe könnte doch
nicht grösser sein als die des Verlustes des Lebens des ersteren.
Nun kann ein solches Strafgesetz die beabsichtigte Wirkung garnicht
haben; denn die Bedrohung mit einem Übel, was noch ungewiss
ist (dem Tode durch den richterlichen Ausspruch), kann die Furcht
vor dem Übel, was gewiss ist (nämlich dem Ersaufen), nicht überwiegen." Damit ist ja implicite die Feuerbachsche Anschauungsweise auch von Kant sanktioniert, und es zeigt sich, dass auch
Kant nicht ohne Fühlung mit den relativen Lehren seiner Zeit
gewesen ist. Der Philosoph befragte zuerst die Strafgerechtigkeit
und gewann seine absolute Theorie; der praktische Kriminalist
hielt sich mehr an die Strafklugheit und gelaugte zu seiner relativen
Theorie. Schliesslich lässt sich auch für Feuerbachs Auffassung
vom R e c h t s g r u n d e der S t r a f a n d r o h u n g und - Z u f ü g u n g sein
Bemühen nachweisen, mit Kant in Fühlung zu bleiben. Den Rechtsgrund der Strafandrohung beweist er unmittelbar mit Hilfe des
Kantischen Rechtsprinzips: „Was mit der wechselseitigen Freiheit
aller zusammenbesteht, ist Recht." Und auch zur Begründung
seiner Auffassung vom Rechtsgrunde der Straf zufügung, insofern
er im Strafgesetze liegt, geht er auf Kant zurück, was sich unter
anderem deutlich aus der Stelle ergiebt (Revision I, S. 48): „Gesetzt
auch, die blosse Vorstellung von der wirklichen Strafe einzelner
Verbrecher wäre ein vollgiltiger psychologischer Grund zur Abschreckung anderer von ähnlichen Verbrechen; ist denn ein psychologischer Grund zugleich ein Rechtsgrund? Wie kann es ein
Recht geben, einem Menschen bloss darum ein Übel zuzufügen,
weil dieser ihm zugefügte Schmerz ihm nützlich ist? Dies heisst
einen Menschen als Sache behandeln, und auch der Verbrecher ist
Mensch." Und nun citiert er die Stelle aus Kants metaphysischen
Anfangsgründen der Rechtslehre (S. 173): „Richterliche Strafe
(poena forensis) kann niemals bloss als Mittel, ein anderes Gut zu
befördern für den Verbrecher selbst oder für die bürgerliche Gesellschaft, sondern muss jederzeit nur darum wider ihn verhängt
Werden, weil er verbrochen hat; denn der Mensch kann nie bloss
als Mittel zu den Absichten eines anderen gehandhabt und unter
die Gegenstände des Sachenrechts gemengt werden, wo wider ihn
seine angeborene Persönlichkeit schützt." Nur quia peccatum est,
kann also auf Grund des vorausgegangenen Strafgesetzes die Strafe
Kuno Fischers Darstellung des Verhältnisses von Beuerbach
zu Kant in seinem Kantwerke berücksichtigt ausschliesslich diesen
einen Punkt, redet also nur von dem Feuerbachschen Rechtsgruude
der Strafexecution und seiner Beziehung zu der Kantischen Straf-
Das Verhalten der Feuerbachschen Straftheorie
theorie unter Vernachlässigung des allgemeinen Grundes der Strafe,
des Zweckes und Rechtsgrundes der Strafandrohung und des Zweckes
der Strafzufügung. Seine Ausführungen erwecken auf diese Weise
den Eindruck, als habe Feuerbach mit Kant eine absolute Theorie
vertreten, und als seien seine Anschauungen aus der unmittelbaren
Anlehnung an die Kantische Straflehre hervorgegangen. „Infolge
der Kantischen Grundsätze vom Strafrecht hat A. Feuerbach eine
neue Theorie in die Lehre vom peinlichen Recht eingeführt." Dem
gegenüber soll nochmals bemerkt werden, dass Feuerbach seine
rechtsphilosophischen Überzeugungen wesentlich auf der Grundlage
der Kantischen E t h i k gewonnen und Kants Rechtslehren zum
grossen Teile vorausgenommen hat. Dass er bei der e r s t e n Aufstellung seiner relativen Straflehre nicht von der Kantischen absoluten Theorie beeinflusst worden sein kann, ergiebt sich ausser
aus inneren auch aus dem äusseren Grunde, dass ja, wie Feuerbachs Briefe erweisen, der Antihobbes schon in der ersten Hälfte
des Erscheinungsjahres der Metaphysik der Sitten vollendet war,
dass also Feuerbach dieses Werk unmöglich hat benutzen können.
Erst seit 1799 treten in Feuerbachs Schriften Zitate aus den
metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre auf. Und wo sie
sich auf die schon 1797 errichteten Grundpfeiler der Feuerbachschen
Straftheorie, wie z. B. den Rechtsgrund der Execution, beziehen,
da haben sie eben nur den Zweck, die unabhängig von der Metaphysik der Sitten gewonnenen Überzeugungen nachträglich als
mit den Kantischen übereinstimmend hinzustellen.
Für den w e i t e r e n Ausbau seiner Lehre, .wie er in der
dritten Periode vollführt wurde, hat Feuerbach allerdings auch die
K a n t i s c h e S t r a f t h e o r i e berücksichtigt und ist namentlich in
seiner, für die kriminalistische Praxis so bedeutsamen und segensreichen Anschauung über das S t r a f g e s e t z nicht unwesentlich von
ihr beeinflusst worden. Dies zeigt sich deutlich auf S. 141 Revision I, wo er, nachdem er sich über die jede richterliche Willkür
ausschliessende unbedingte Gültigkeit der Strafgesetze ausgesprochen
hat, in der Anmerkung sagt: „Das ist, was Kant durch den Satz
ausdrückt: Das Strafgesetz ist ein kategorischer Imperativ." Und
auf S. 147 giebt er die Definition: „Das Strafgesetz ist eine
kategorische Erklärung von der rechtlichen Notwendigkeit der Verknüpfung eines sinnlichen Übels mit einer rechtswidrigen Handlung."
Vielleicht könnte ein direkter Einfluss der Kantischen Straftheorie
auf die Feuerbachsche angenommen werden auch hinsichtlich der
Bestimmung von Begriff und A r t e n des V e r b r e c h e n s , die ja
auch in die dritte Periode gehört und zu auffallend übereinstimmenden Resultaten geführt hat. Die wichtigste Materie aber,
die Feuerbach in dieser Zeit nach 1798 behandelte, nämlich die
I m p u t a t i o n s l e h r e , führt uns bei der Untersuchung des Kantischen
Einflusses wieder ins Gebiet der Moral zurück, und ihre Betrachtung
wird uns das bestätigen, was wir schon am Anfange dieses letzten
Teiles vorausgreifend behauptet haben.
Auf S. XX der Einleitung zur Revision heisst es: „Die
Mangelhaftigkeit unserer Verordnungen macht schlechterdings
Grundsätze über die Anwendung der Strafe überhaupt und über
den Massstab der Strafen notwendig, welche den Inhalt der sogenannten Imputationslehre ausmachen, und weil wir diese L e h r e
aus dem B e g r i f f e von S t r a f e und S t r a f g e s e t z entwickeln
Müssen, der P h i l o s o p h i e ein R e c h t z u s i c h e r n , welches
ihr in allen übrigen T e i l e n der J u r i s p r u d e n z a b g e s p r o c h e n
Werden m u s s , ich meine das R e c h t , in der KriminalwissenSchaft n i c h t bloss einen f o r m e l l e n , sondern auch einen
Materiellen G e b r a u c h zu haben." Schon diese Bemerkung
begründet die Vermutung, dass die Kantische Philosophie für die
Eeuerbachsche Lehre von der Zurechnung eine bedeutsame Rolle
Seinem Programme entsprechend geht nun Feuerbach bei
Entwicklung seiner Imputationstheorie von dem B e g r i f f e der
S t r a f e und des S t r a f g e s e t z e s aus und stellt den Grundsatz
f : »Diejenigen Eigenschaften der Person als Ursache der strafbaren Handlung, durch welche die physische Möglichkeit der
Wirksamkeit des Strafgesetzes begründet ist, sind die ausschliesslichen Bedingungen der Möglichkeit der Zufügung einer Strafe"
(Revision I, S. 41). Und diese unerlässlichen Erfordernisse für
Jede absolute objektive Strafbarkeit findet er im Anschluss an die
drei Kantischen Gemütsver mögen: Verstand, Urteilskraft, Begehrungsvermögen. Er stellt entsprechend unseren schon früher gegebenen
Ausführungen fest: Jede Strafe setzt bei dem Subjekte voraus:
1- mit Hilfe des Verstandes erlangtes Bewusstsein des Strafgesetzes,
2. durch die Urteilskraft vermittelte Subsumtion der That unter
das Gesetz, 3. Bestimmung des Begehrungsvermögens zur Übertretung als Grund ihrer Existenz. Auch die Einteilung des Begehrungsvermögens in das obere (— reiner Wille, freie Willkür,
reine paktische Vernunft), das bestimmbar ist durch die blosse
Form der Vernunftforderung, und das untere, das bestimmt wird
lediglich durch sinnliche Vorstellungen, entnimmt er der Kantischen
Aber nun zwingt ihn seine Auffassung vom Wesen der Strafe
und des Strafgesetzes, die Bahnen Kants und aller zeitgenössischen
Kriminalisten zu verlassen. Wenn der Zweck des Strafgesetzes
darin bestehen soll, durch Androhung eines sinnlichen Übels vom
Verbrechen abzuschrecken, so muss notwendigerweise vorausgesetzt
werden, dass die verbrecherische Handlung ihren Ursprung in
sinnlichen Vorstellungen, also im unteren Begehrungsvermögen hat.
Denn würde der Verbrecher aus Freiheit die Gesetze verletzen,
würde seine That also ihre Quelle im oberen Begehrungsvermögen
haben, so wäre j a jede zum Zwecke der Abschreckung, gegebene
sinnliche Vorstellung völlig wirkungslos, d. h. das Strafgesetz als
Abschreckungsmittel wäre überflüssig. Wollte also Feuerbach in
seiner Theorie konsequent sein, so musste er notwendig zu einem,
von ihm selbst allerdings abgeleugneten Determinismus gelangen.
Und es ist nun eine höchst merkwürdige Thatsache, dass er diese
der Kantischen gerade entgegengesetzte Auffassung mit der missverstandenen Kantischen Freiheitslehre begründet.
Mit Kant vertraten wohl alle .zeitgenössischen Kriminalisten
den Standpunkt, dass die menschliche. Willensfreiheit das höchste
Prinzip aller Imputation sein müsse, dass also nur eine aus Freiheit
begangene Handlung zugerechnet werden dürfe, und sie schlössen
sich an den Kantischen Satz an: „Je kleiner das Naturhindernis,
je grösser das Hindernis aus Gründen der Pflicht, desto mehr
wird die Übertretung als Verschuldung angerechnet." Dieser Auffassung tritt nun Feuerbach mit aller Entschiedenheit entgegen,
sucht nachzuweisen, dass der Freiheitsbegriff überhaupt nicht ins
Gebiet der Rechtswissenschaft gehöre, und bemüht sich, seine
eigene Überzeugung aus der Kantischen Freiheitslehre heraus zu
entwickeln. Revision II, S. 90 sagt er: „Die Rechtslehrer werden
mir daher erlauben, wenn ich jetzt auf einige Augenblicke mit
ihnen über Freiheit überhaupt philosophiere und aus den neuereu
Entdeckungen in der Philosophie meine Überzeugungen vor ihnen
rechtfertige. Sie stützen sich auf einen Begriff, der innerhalb
der Philosophie liegt, dessen Bestimmung und Gehalt bloss durch
diese, gerechtfertigt werden kann, und dürfen uns daher auch nicht
verargen, wenn wir vor ihren Augen untersuchen, ob sie die Aussprüche der Philosophie verstanden oder nicht verstanden haben,"
Und in einer Anmerkung fügt er hinzu: „Geradezu auf Kants
Schriften zu verweisen und die Prinzipien zu meinen Behauptungen
bloss zu borgen, wäre ebenso töricht wie unbescheiden, als über
meine Gegner chevalierement abzusprechen oder flüchtig darüber
zu radottieren. Gleichwohl werde ich die wichtigsten Stellen Kants,
Welche die richtige Theorie von der Freiheit enthalten, meinen
Behauptungen ausdrücklich unterlegen; nicht als wenn ich diese
auf Treu und guten Glauben angenommen hätte, sondern um zu
zeigen, dass meine Überzeugungen nicht Privatüberzeugungen sind."
Und Revision I, S. 320 sagt er in einer Anmerkung zu seiner
Ansicht über die Freiheit: „Es ist dies die Kantische Vorstellungsart, die ich aber nicht, weil sie die Kantische, sondern weil sie
die einzig wahre ist, auch zu der meinigen gemacht habe."
Mehr denn 100 Seiten sind nun in Band I I der Darstellung
dieser Freiheitstheorie gewidmet. Wir wollen von diesen Feuerbachschen Ausführungen in aller Kürze nur folgendes als wesentlich herausgreifen: Nach Kant ist die Freiheit — als das Vermögen, einen Zustand schlechthin von selbst anzufangen — ein
iutelligibler Gegenstand, ein Begriff, deu wir zwar denken, dessen
Realität wir aber vor dem theoretischen Verstände nicht beweisen
können. Erst die Kritik der praktischen Vernunft ergiebt seine
Praktische Realität. Aus der unleugbaren Thatsache nämlich, dass
in der Vernunft jedes Menschen das Sittengesetz mit der Forderung
seiner Beachtung begründet liegt, ergiebt sich mit Notwendigkeit
die Existenz eines Vermögens, diesen Forderungen selbst gegen
sinnliche Antriebe nachkommen zu können, d. h. ergiebt sich die
Realität der Willensfreiheit. „In dem Bewusstsein des moralischen
Gesetzes ist daher auch die Notwendigkeit eines Vermögens enthalten, dieses Gesetz zu befolgen, die moralische Notwendigkeit
gegen alle physische Notwendigkeit auszuführen," sagt Feuerbach
S. 101 ganz im Sinne Kants. Das moralische Gesetz ist also der
Grund, um dessen willen wir die Realität der Freiheit annehmen.
»Da nun das B e g r ü n d e t e nicht w e i t e r gehen kann als
sein Grund, so kann auch der F r e i h e i t s b e g r i f f durchaus
i c h t ü b e r das Gebiet des S i t t e n g e s e t z e s hinaus ausgedehnt werden, wenn wir uns nicht der sonderbarsten metabasis eis allo genos zu schulden kommen lassen wollen" (S. 107).
Und als Konsequenz dieser Argumentation ergiebt sich, dass nur
auf dem Gebiete der Moral, nicht a b e r der Jurisprudenz
v o n f r e i h e i t die Rede sein kann. Denn nur auf dem ersteren
kommt der Mensch auch als Noumenon, als intelligibles \JfiSfin,
bei dem letzteren dagegen lediglich als Ehäno.ijißjaoa^xii,..Batracht.
Und da gilt eben die von Kant übernommene Wahrheit: „Inwiefern der Mensch ein Gegenstand der Erfahrung, ein Objekt unseres
Verstandes und unserer theoretischen Nachforschung ist (und nur
insofern kommt er dem Richter und Gesetzgeber in Betrachtung),
insofern müssen wir ihn immer als Naturwesen betrachten, mithin
als ein Wesen, das dem unabänderlichen Naturgesetze von Ursache
und Wirkung unterworfen ist, auf welches daher die Natur einwirkt, ttüd dessen Handlungen eben so gewiss wie alle anderen
Erscheinungen als Wirkung auf vorhergehende Naturursachen bezogen werden müssen" (Bd. I, S. 319/320). Und in der Anmerkung
fügt er hinzu: „Dieses „inwiefern" zeigt dem Kenner hinlänglich,
dass das, was ich hier vortrage, nicht Determinismus ist." Sofern
also eine menschliche Handlung der richterlichen Beurteilung unterzogen wird, muss sie als aus sinnlichen Antrieben, d. h. aus dem
unteren Begehrungsvermögen, entsprungen vorgestellt werden.
Wer die Freiheit des Subjekts zum Prinzip der Imputation erhebt,
der begeht ja zugleich den schweren Fehler, einen intelligiblen,
also theoretisch unerkennbaren, Gegenstand zum Massstabe seiner
Abschätzung zu wählen. Ein solcher Richter „knüpft, wenn er
straft, sein Urteil an ein übersinnliches Faktum und kann niemandem
beweisen, dass er ein gerechtes Urteil gesprochen habe." Den
sinnlichen Grundlagen des unteren Begehrungsvermögens dagegen
lässt sich sehr wohl nachspüren, und sie können Gegenstand der
richterlichen Erfahrung sein. Dieses untere Begehrungsvermögen
umfasst zwei Thätigkeiten: 1. Das tierische Begehren und 2. die
Willkür. Das erstere geht von einzelnen Vorstellungen aus, die
das Gelüsten erregen, wodurch das Bedürfnis erweckt und Schmerz
hervorgerufen wird, der schliesslich ohne Wahl und Überlegung
das Begehren bestimmt. Die Willkür dagegen ist das Vermögen,
uns nicht bloss nach einzelnen Vorstellungen und dem unmittelbaren Eindruck der Lust, sondern durch vorhergehende Vergleichung
und Wahl nach Begriffen und Grundsätzen zu bestimmen.
Auf S. 51 spricht sich Feuerbach noch deutlicher über das
Wesen dieser Willkür aus und zeigt, dass er in seiner von ihm
„Kantisch" genannten Auffassung wesentlich von L o c k e s F r e i h e i t s l e h r e beeinflusst ist. Er sagt: „Niemand ist insofern Herr
von seinen Vorstellungen, dass es von seiner Willkür abhinge, sie
für wahr oder falsch zu halten, sich die seiner wirklichen gegen-
kommt der Mensch auch, als Noumenon, als intelligibles Wesen,
bei dem letzteren dagegen lediglißh^als Eliänoroenon-iii-Betracht.
insofern müssen, wir ihn immer als Naturwesen betrachten, mithin
und Wirkung unterworfen ist, auf welches dalier die Natur einwifßt', und dessen Handlungen eben so gewiss wie alle anderen
also theoretisch unerkennbaren Gegenstand zum Massstabe seiner
„Kantisch" genannten Auffassung wesentlich von Lockes F r e i h e i t s l e h r e beeinflusst ist. Er sagt: „Niemand ist insofern Herr
Kur Kantisclien Philosophie.
wärtigen Überzeugung entgegengesetzte
• geben,
oder seinem Verstände höhere Kräfte zu verschaffen, um die Wahrheit besser und vollständig einzusehen. Insofern steht alles unter
Naturgesetzen, nämlich unter den Gesetzen des menschlichen
Geistes, die ebenso unabhängig und über den Einfluss der menschlichen Willkür erhaben sind, als die Gesetze der Körperwelt. In
unserm Willen steht insofern nichts als die Reflexion. Wir können,
wenn wir wollen, den unfreiwilligen Lauf unserer Vorstellungen
hemmen, können die Vorstellungen, die sich uns unfreiwillig darbieten, von der Hand abweisen, können auf verschiedene Seiten
derselben den Blick unseres Geistes heften und so den Gegenstand
vielseitiger betrachten, den wir ohne Reflexion nur einseitig betrachtet hätten." Was hier F e u e r b a c h Willkür n e n n t , d a s
i s t n a c h Locke die m e n s c h l i c h e W i l l e n s f r e i h e i t ü b e r h a u p t , die sich eben lediglich im zweiten Stadium des (Lockeschen)
Willensprozesses, in der überlegenden Vorstellungskombination,
Von den Kantischen Überzeugungen hat sich Feuerbach in
dieser Freiheitslehre, obgleich er es hartnäckig leugnet und immer
eue Zitate aus Kants Schriften als Beleg für seine1 Übereinstimmung mit seinem Meister anführt, weit entfernt. Wie wäre
s sonst zu erklären, dass die Anwendung ihrer Freiheitstheorieen
auf die Imputationslehre sie zu gegensätzlichen Resultaten führt?
»»Je kleiner das Naturhindernis, desto grösser die Strafbarkeit,"
sagt Kant. „Je grösser das Naturhindernis, desto grösser die
Strafbarkeit," sagt Feuerbach. Es handelt sich uun darum, zu
untersuchen, wo das wesentlichste Missverständnis Feuerbachs bei
Auffassung der Kantischen Freiheitstheorie gelegen ist. Denn das
eine ist ja deutlich ersichtlich: Bei Feuerbach verliert die Freiheit
jede praktische Realität, wird zu einem nebelhaften, in nichts zer-,
fliessenden Begriffe. , Wer die letzte Quelle jeder menschlichen
Handlung in der Sinnlichkeit findet, der ist eben Determinist, er
ag es leugnen oder nicht, und kein „inwiefern" kann ihn retten.
Feuerbach giebt die praktische Realität der Freiheit für das Gebiet der Moral zu, bestreitet sie aber für das Gebiet der JurisPrudenz. Was bedeutet denn aber „praktische Realität" der
Willensfreiheit anderes als Giltigkeit für jede ohne physischen
Zwang mit Bewusstsein ausgeführte menschliche Handlung, wobei
ja noch keineswegs behauptet wird, dass ihre Möglichkeit auch
theoretisch eingesehen werden kann. „Das vernünftige Wesen
ßas Verhältnis der SWerbachsclien ätraitheorie
kann von einer jeden gesetzwidrigen Handlung, die es verübt, ob
sie gleich als Erscheinung in dem Vergangenen hinreichend bestimmt ist, mit Recht sagen, dass es sie hätte unterlassen können;
denn sie mit allem Vergangenen, das sie bestimmt, gehört zu einem
einzigen Phänomen seines Charakters, den es sich selbst schafft,
und nach welchem es sich als einer von aller Sinnlichkeit unabhängigen Ursache die Causalität jener Erscheinungen selbst zurechnet" (Kritik der praktischen Vernunft S. 118/19). Nach Kant
muss eben jede derartige Handlung, man mag sie unter dem Gesichtspunkte der Moral oder der Jurisprudenz betrachten, so beurteilt werden, als ob sie aus Freiheit geschehen sei, „denn wenn
man sie von einem sinnlichen Antrieb ableitete, so wäre sie nicht
von ihm als einem freien Wesen begangen und könnte ihm nicht
zugerechnet werden" (Metaph. S. 161). Auf welche Weise aber
die Freiheit selbst wirksam werden, wie sie den Naturmechanismus
durchbrechen kann, das ist nach Kant theoretisch unerfassbar, weil
sie eben ein intelligibler Gegenstand ist.
Wenn man nun die Feuerbachsche Entwickelung der Kantischen Freiheitslehre kritisch verfolgt, da ergiebt sich, dass der
Irrtum in der Argumentation gelegen ist: „Da der Grund der
Freiheit im Sittengesetze beruht und das Begründete nicht weiter
gehen kann als der Grund, so kann die Freiheit nicht über das
Gebiet des Sittengesetzes, d. h. der Moral, hinaus Geltung haben."
Wäre das moralische Gesetz der Realgrund der Freiheit, dann
hätte Feuerbach richtig geschlossen. Aber n a c h K a n t i s t das
S i t t e n g e s e t z der E r k e n n t n i s g r u n d d e r F r e i h e i t , die
F r e i h e i t a b e r der R e a l g r u n d des S i t t e n g e s e t z e s . Und
das obige Axiom: „Das Begründete kann niemals weiter gehen als
der Grund," trifft wohl zu für die r a t i o e s s e n d i , nicht aber
auch für die r a t i o cognoscendi. Hätte sich Feuerbach dies
vorurteilslos vor Augen gestellt, so würde er seinen Irrtum in der
Beweisführung sicherlich erkannt und nicht ohne weiteres in der
Annahme seiner Übereinstimmung mit Kant die Wirksamkeit der
Willensfreiheit für das Gebiet der Jurisprudenz geleugnet haben.
Wir können also konstatieren, dass auch für die Imputationslehre
Feuerbachs die Kantische Philosophie, und zwar die Kantische
Freiheitslehre, von bedeutsamem Einflüsse gewesen ist, aber nicht
in der wahren Kantischen, sondern in einer falschen, durch Missverständnis hervorgerufenen Gestalt. Und dieser Irrtum lässt sich,
WX6 aus unserer Entwickelung hervorgeht, daraus erklären, dass
£tir Kantischen Philosophie.
Feuerbach durch seine Auffassung von Strafe und Strafgesetz,
deren Begriffe ihm ja, wie er selbst sagt, für die Durchführung
seiner Imputationslehre massgebend sein sollten, von vornherein
seine Unbefangenheit verloren hatte und auf deterministische Bahnen
gelenkt wurde. Dass er dagegen in seinen ersten Schriften bis
zum Antihobbes, also bis zur Aufstellung seiner Straftheorie,
den Freiheitsbegriff noch ganz in Kantischem Sinne gebraucht,
dass er darauf seine allgemeinen rechtsphilosophischen Überzeugungen
aufbaut, ist schon oben hervorgehoben worden.
Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, soll noch darauf
hingewiesen werden, dass es offenbar auch auf Kants Einfluss
zurückzuführen ist, wenn Feuerbach in einer Zeit, da fast die
ganze denkende Welt für die Abschaffung der T o d e s s t r a f e eintrat,
mit dem Königsberger Philosophen die Überzeugung von der Notwendigkeit und Rechtmässigkeit derselben teilte. In seiner „Kritik
des Kleinschrodischen Entwurfs" 1804 sagt er auf S. 164: „Hierzu
kommt noch, dass ein Gelehrter, der es wagt, sich für die Todesstrafe zu erklären, nach aller Erfahrung befürchten .muss, voa den
Empfindsamen ein Barbar und von den Philosophen der Gegenpartei
zur Bekräftigung ihrer Beweise ein Dummkopf genannt zu werden.
Ohne mich aber hier zu einer apriorischen Deduktion zu erheben,
ge ich gleichwohl das letzte und bediene mich eines Rechtes,
das bei lang und oft erörterten Gegenständen einem jeden zusteht,
h nehme die Gründe der denkenden Köpfe für die Todesstrafe
die meinigen aus Überzeugung an." Unter diesen denkenden
Köpfen dürfte Kant wohl den ersten Platz einnehmen. In seinen
späteren Jahren freilich, als der Kantische Einfluss nicht mehr so
inmittelbar wirken konnte, hat Feuerbach seine Meinung geändert,
Wie wir aus der Grolmanschen Schrift „Christentum und Vernunft
ür die Abschaffung der Todesstrafe" 1835 auf S. 237 erfahren,
ud hat sich davon überzeugt, dass „die Todesstrafe als unrechtmässiges Strafmittel abzuschaffen sei". Damit haben wir das
^er Abhängigkeit Feuerbachs von der Kantischen Philosophie
ermittelt und können zum Schlüsse unser Resultat noch einmal
urz in der Formel zusammenfassen: Die S t r a f t h e o r i e F e u e r a c h s s t e l l t dar eine n a c h K a n t i s c h e r Methode und mit
H i l f e K a n t i s c h e r B e g r i f f e und G r u n d s ä t z e vollzogene
V e r e i n i g u n g K a n t i s c h e r Moral- und R e c h t s a n s c h a u u n g e n
fflit den r e l a t i v e n S t r a f t h e o r i e n seiner Zeit,
Schlussbetraclitung.
Das Resultat der Abhandlung hat gezeigt, dass sich die befruchtende Wirkung der Kantischen Philosophie auch auf das Gebiet der Jurisprudenz erstreckt, dass aus ihrem Schosse eine der
bedeutendsten Straftheorieen hervorgegangen ist, die während der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem grossen Gebiete
Deutschlands auch die Praxis der Strafgesetzgebung und des Strafvollzugs beherrscht hat. Im Jahre 1813 trat das von Feuerbach
auf der Grundlage seiner Straflehre verfasste „Allgemeine Strafgesetzbuch für das Königreich Bayern" in diesem Lande in Kraft
und wurde schon im folgenden Jahre von Oldenburg rezipiert.
Die Tortur, die verstümmelnden Strafen, die verschärften Todesstrafen verschwanden.
An S t e l l e h e i l l o s e r V e r w i r r u n g
strafrechtlicher Begriffe, schrankenloser richterlicher
Willkür, g r a u s a m e r H ä r t e m a c h t e n sich die K ä n t i s c h e n
I d e e n von M e n s c h e n w ü r d e , von F r e i h e i t und G l e i c h h e i t
j e d e s B ü r g e r s vor dem G e s e t z e geltend.
e r w i e s s i c h a u c h auf d i e s e m G e b i e t e die K a n t i s c h e
P h i l o s o p h i e als eine s e g e n s r e i c h f ö r d e r n d e , w a h r e n
im S i n n e g e s u n d e r H u m a n i t ä t
bewirkende Kulturmacht.
Darum muss die Bemerkung
Paulsens in seinem Kantwerke: „Die formalistische Behandlung des Strafrechts, von Hegel aufgenommen, hat die Entwickelung der Straftheorie lange beherrscht. Die starre Abwendung des Blickes einerseits von den Ursachen des Verbrechens,
andererseits von den Wirkungen der Strafe, die von dem reinen
Formalismus gefordert wird, hat wohl auch auf die Praxis der
Strafgesetzgebung und des Strafvollzugs ihre üblen Wirkungen erstreckt", für das Verhältnis von Feuerbach zu Kant entschieden
Bofbuciidruckfltfei C. A. Kaemmerer & Co., Hall« a. 3.
VERLAG VON REUTHER & REICHARD IN BERLIN W. 9.
Zu Kants Gedächtnis.
Zwölf Festgaben zu seinem 100 jähr.
Todestage von 0. Liebmann, W. Windelband, F. Paulsen,
AI. Riehl, E. Troeltsch, F. Heman, F. Staudinger u. a. herausg.
von Dr. H. Vailiinger, Prof., u. Dr. B. Bauch, rnvataoz. a. a.
Mit 4 Beilagen.
Mk. 6.—.
und seine ^Beziehungen zu Kant.
Festgabe der »Kantstudien«. Mit Beiträgen von E. Euchen,
0. Liebmann, W. Windelband, J. Cohn, F. A. Schmid, Tim
Klein, B. Bauch u. H. Vailiinger herausg. von H. Vaihinger
u n d B. Bauch. Mit 3 S c h i l l e r p o r t r ä t s . Mk. 3.—.
Pbilosopbia militans.
Ütm Kierikali$mu$ und n a t u r a i i s m u s .
5ünf Abhandlungen von Tlieflricb Paulsetl. Z w e i t e , durcbge[ebene
Auflage. Hlk. 2 . — . Geb. m k , 3 . — .
Thomas von Aquino und Kant.
Welten von Dr. R. Eueken,
Univ. Jena.
Ein Kampf zweier
Geh. Hofrat und Prof. d. P h i l o s o p h i e a. d.
Mk. —.60.
Kant von Dr. AI. Riehl,
in seinem Verhältnis zu
Hierat, Prof. an der Univ. Berlin.
Mk. - . 8 0 .
Das Historische in Kants Religionsphilosophie.
Zugleich ein Beitrag zu den Untersuchungen über Kants
Philosophie der Geschichte von Dr. E. Troeltsch, Prof. der
Theologie in Heidelberg.
Mk. 3.—.
Kants Philosophie der Geschichte
iMvatdoz. a . d. Univ. Halle.
von Dr. F. Medicus,
M k . 2.40.
Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft.
erkenntnistheoretisch - psychologische Untersuchung von Dr.
Ed. Spranger. Mk. 3.—.
Rudolf Euckens Theologie
mit ihrer philosophischen
Grundlage von Dr. H. Pöhlmann. Mk. 1.50.
d e r P h i l o s o p h d e s P r o t e s t a n t i s m u s von D. 3 . R a t « « »
ord. Prof. a. d. Univ. Berlin. Hlk. —*50.
D r . Hans Vaihinger,
Prof. der Philosophie an der Universität Halle.
D r i t t e , vermehrte Auflage.
-<$> Gr. 8°.
126 Seiten. Mk. 1.—, geb. Mk. 1.60. <£-
„Eine neue Beleuchtung des eigenartigen Denkers gibt die jetzt schon
in d r i t t e r , vermehrter Auflage erscheinende Schrift . . . d e r e n e i g e n t ü m l i c h e r V o r z u g in der k l a r e n D i s p o s i t i o n u n d Ü b e r s i c h t l i c h k e i t ,
bezgl. der in Nietzsche sich kreuzenden Haupttendenzen . . . beruht etc.
(Buchwart 1905.)
„In der immer stärker anschwellenden Literatur über N i e t z s c h e sind es
wohl nicht viele Leistungen, die b l e i b e n d e Bedeutung behaupten werden.
Vorliegende, bereits in d r i t t e r Auflage erschienene Schrift d ü r f t e zu d e n
l e t z t e r e n g e h ö r e n . Der Verfasser will l e d i g l i c h o b j e k t i v N.'s Gedanken
wiedergeben, und verzichtet durchaus auf deren Kritik.... Sieben Haupttendenzen
hebt er charakteristisch hervor . . . sie alle führt er zurück auf den Kern der
Weltanschauung ihres Vertreters, die er als unter Darwinistischem Einfluss positiv
gewendeten Schopenhauerianismus bestimmt. . . . F e i n b e o b a c h t e t ist d e r
E i n f l u s s , d e n N.'s S t a n d p u n k t als k l a s s i s c h e r P h i l o l o g e oder genauer
als „Renaissance-Humanist auf d i e B i l d u n g s e i n e r U r t e i l e , n a m e n t l i c h
über das C h r i s t e n t u m , g e ü b t hat . .
„Zur E i n f ü h r u n g in N.'s Philosophie ist V.'s Schrift in h e r v o r - j
r a g e n d e m M a s s e geeignet."
(Prof. O. R i t s e h l in der Zeitschrift für Philosophie
und philosophische Kritik, CXXII. Bd.)
„— Die . . . Ausführungen sind, das sei vorausgesendet, in i h r e r A r t
v o r z ü g l i c h . Hier tritt jene Schulung hervor, die erwähnt worden ist: Die
F ä h i g k e i t , a u s a b g e r i s s e n e n E i n z e l h e i t e n ein s t r e n g l o g i s c h z u s a m m e n h ä n g e n d e s G a n z e s zu s c h a f f e n , in d e m a u c h s c h e i n b a r e
G e g e n s ä t z e s i c h als A u s s t r a h l u n g e n e i n e s G r u n d p r i n z i p s e r w e i s e n .
S c h a r f s i n d die H a u p t s a c h e n aus d e r U m g e b u n g h e r a u s g e l ö s t u n d
g a n z in d i e S p h ä r e d e s B e g r i f f l i c h e n g e h o b e n , b e f r e i t v o n a l l e m ,
w a s an d e r S t e l l e , wo sie in d e n S c h r i f t e n s t e h e n , v o n l e i d e n s c h a f t l i c h e r E r r e g u n g an i h n e n h a f t e t . In dieser Darstellung verschwindet das
Aphoristische, das Lyrische und Symbolische ganz — alles ist Gegenstand
philosophischer Betrachtung geworden. Es gewährt ein geistiges Vergnügen,
diese geordnete Welt von Nietzsches Oedanken hier erstehen zu sehen
(Trotz dieses Einwandes) e m p f e h l e ich d a s W e r k sehr angelegentlich; den
G e g n e r n n o c h b e s o n d e r s — d e n n es w i r d s i e l e h r e n , d a s s d e r e i n s e i t i g e H a s s e b e n s o b l i n d m a c h t , w i e d i e ü b e r s p a n n t e Liebe."
(O. v o n L e i x n e r über die e r s t e A u f l a g e :
»Ein F ü h r e r d u r c h N i e t z s c h e ' in der Tägl. Rundschau.)Druck von C. A. Kaemmeier & Co, Halle a. S.
ELEMENTARE GEOMETRIE HS 2OO9I2OIO

References: § 172
 § 8
 § 15
 § 17
 § 73
 § 21