Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/sachverstaendigengutachten-im-betreuungsverfahren-2-3100071
Timestamp: 2020-05-30 18:10:47+00:00

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Sachverständigengutachten im Betreuungsverfahren | Rechtslupe
§ 280 Abs. 1 Satz 1 FamFG sieht für das Betreu­ungs­ver­fah­ren eine förm­li­che Beweis­auf­nah­me vor. Nach § 30 Abs. 1 i.V.m. Abs. 2 FamFG ist die­se ent­spre­chend der Zivil­pro­zess­ord­nung durch­zu­füh­ren.
Danach bedarf es zwar nicht zwin­gend eines förm­li­chen Beweis­be­schlus­ses (vgl. § 358 ZPO), jedoch ist die Ernen­nung des Sach­ver­stän­di­gen dem Betrof­fe­nen wenn nicht förm­lich zuzu­stel­len, so doch zumin­dest form­los mit­zu­tei­len 1.
Fer­ner hat der Sach­ver­stän­di­ge gemäß § 280 Abs. 2 Satz 1 FamFG vor der Erstat­tung des Gut­ach­tens den Betrof­fe­nen per­sön­lich zu unter­su­chen oder zu befra­gen. Dabei muss er schon vor der Unter­su­chung des Betrof­fe­nen zum Sach­ver­stän­di­gen bestellt wor­den sein und ihm den Zweck der Unter­su­chung eröff­nen. Andern­falls kann der Betrof­fe­ne sein Recht, an der Beweis­auf­nah­me teil­zu­neh­men, nicht sinn­voll aus­üben 2.
Die Ver­wer­tung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens als Ent­schei­dungs­grund­la­ge setzt schließ­lich gemäß § 37 Abs. 2 FamFG vor­aus, dass das Gericht den Betei­lig­ten Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ein­ge­räumt hat. Inso­weit ist das Gut­ach­ten mit sei­nem vol­len Wort­laut grund­sätz­lich auch dem Betrof­fe­nen per­sön­lich im Hin­blick auf des­sen Ver­fah­rens­fä­hig­keit (§ 275 FamFG) zur Ver­fü­gung zu stel­len. Davon kann nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 288 Abs. 1 FamFG abge­se­hen wer­den 3.
Dem wur­de in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das instanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren 4 nicht gerecht:
Zu Recht rügen die Rechts­be­schwer­den, es sei weder aus den Akten noch sonst ersicht­lich, dass der Betrof­fe­nen die Bestel­lung des Sach­ver­stän­di­gen vor Beginn der Begut­ach­tung bekannt gege­ben wor­den ist. Auch sonst las­sen sich kei­ne Anhalts­punk­te dafür fin­den, dass die von dem Sach­ver­stän­di­gen durch­ge­führ­ten Erhe­bun­gen einer spä­te­ren Begut­ach­tung die­nen soll­ten und dies der Betrof­fe­nen bekannt war 5.
Schließ­lich kann den Akten nicht ent­nom­men wer­den, dass das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten der Betrof­fe­nen oder auch nur den ande­ren Betei­lig­ten vor Erlass der Ent­schei­dung bekannt gege­ben wor­den ist. Viel­mehr ergibt sich aus der Ver­fü­gung, mit der das Amts­ge­richt die Bekannt­ga­be sei­ner Ent­schei­dung ver­an­lasst hat, dass allen Betei­lig­ten mit Aus­nah­me der Betrof­fe­nen eine Abschrift des Gut­ach­tens erst mit der Beschluss­aus­fer­ti­gung über­sandt wor­den ist.
Die vor­ste­hen­den Ver­fah­rens­feh­ler sind auch nicht durch das Beschwer­de­ver­fah­ren geheilt wor­den, zumal das Beschwer­de­ge­richt die Betrof­fe­ne nicht selbst ange­hört hat.
Zwar räumt § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG auch in einem Betreu­ungs­ver­fah­ren dem Beschwer­de­ge­richt die Mög­lich­keit ein, von einer erneu­ten Anhö­rung des Betrof­fe­nen abzu­se­hen. Im Beschwer­de­ver­fah­ren kann aller­dings nicht von einer Wie­der­ho­lung sol­cher Ver­fah­rens­hand­lun­gen abge­se­hen wer­den, bei denen das Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges zwin­gen­de Ver­fah­rens­vor- schrif­ten ver­letzt hat. In die­sem Fall muss das Beschwer­de­ge­richt den betref­fen­den Teil des Ver­fah­rens nach­ho­len 6.
Sol­che Ver­fah­rens­vor­schrif­ten sind hier – wie aus­ge­führt – bezo­gen auf die Begut­ach­tung ver­letzt wor­den.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. August 2015 – XII ZB 610/​14
vgl. BGH, Beschluss vom 15.09.2010 – XII ZB 383/​10 , FamRZ 2010, 1726 Rn.19 für das Unter­brin­gungs­ver­fah­ren[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 15.09.2010 – XII ZB 383/​10 , FamRZ 2010, 1726 Rn.20 mwN[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 07.08.2013 – XII ZB 691/​12 , FamRZ 2013, 1725 Rn. 11 mwN[↩]
AG Han­no­ver, Beschluss vom 08.10.2014 – 661 XVII B 8681; LG Han­no­ver, Beschluss vom 16.10.2014 – 3 T 84/​14[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 15.09.2010 – XII ZB 383/​10 , FamRZ 2010, 1726 Rn. 23[↩]
BGH, Beschluss vom 17.10.2012 XII ZB 181/​12 , FamRZ 2013, 31 Rn. 10 mwN[↩]

References: § 280
 § 30
 § 358
 § 280
 § 37
 § 288
 § 68