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Timestamp: 2019-09-19 15:06:26+00:00

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Dar­le­gungs- und Beweis­last im Über­stun­den­pro­zess | Rechtslupe
20. April 2017 Rechtslupe
Dar­le­gungs- und Beweis­last im Über­stun­den­pro­zess
Der Arbeit­neh­mer genügt der ihm oblie­gen­den Dar­le­gungs­last für die Leis­tung von Über­stun­den, wenn er schrift­sätz­lich vor­trägt, an wel­chen Tagen er von wann bis wann Arbeit geleis­tet oder sich auf Wei­sung des Arbeit­ge­bers zur Arbeit bereit gehal­ten hat.
Die Dar­le­gung der Leis­tung von Über­stun­den durch den Arbeit­neh­mer muss ent­spre­chend § 130 Nr. 3 ZPO schrift­sätz­lich erfol­gen. Bei­gefüg­te Anla­gen kön­nen den schrift­sätz­li­chen Vor­trag nicht erset­zen, son­dern ledig­lich erläu­tern oder bele­gen, ver­pflich­ten das Gericht aber nicht, sich die unstrei­ti­gen oder strei­ti­gen Arbeits­zei­ten aus den Anla­gen selbst zusam­men­zu­su­chen1. Aus­rei­chend ist dage­gen, wenn der Arbeit­neh­mer im Ein­zel­nen dar­ge­legt, an wel­chen datums­mä­ßig bezeich­ne­ten Tagen er im Streit­zeit­raum von wann bis wann im Rah­men wel­cher Tour gear­bei­tet haben will.
Vom Arbeit­neh­mer kann dage­gen nicht bereits auf der ers­ten Stu­fe der Dar­le­gung der Leis­tung von Über­stun­den die Anga­be ver­langt, wel­che geschul­de­te Tätig­keit er erbracht habe, weil ansons­ten weder für die Arbeit­ge­be­rin noch für das Gericht nach­zu­voll­zie­hen sei, ob die Betä­ti­gung der ent­spre­chen­den Tas­ten durch den Arbeit­neh­mer rich­tig erfolg­te2. Eine der­ar­ti­ge Anfor­de­rung ver­mengt strikt zu tren­nen­de Fra­gen der Dar­le­gung mit sol­chen der Schlüs­sig­keit und Glaub­wür­dig­keit des Tat­sa­chen­vor­trags3.
Damit der Arbeit­neh­mer der Dar­le­gungs­last für die Leis­tung von Über­stun­den auf der ers­ten Stu­fe der Dar­le­gung genügt, ist es aus­rei­chend, dass der Arbeit­neh­mer schrift­sätz­lich vor­trägt, an wel­chen Tagen er von wann bis wann Arbeit geleis­tet oder sich auf Wei­sung des Arbeit­ge­bers zur Arbeit bereit­ge­hal­ten hat. Auf die­sen Vor­trag muss der Arbeit­ge­ber im Rah­men einer gestuf­ten Dar­le­gungs­last sub­stan­ti­iert erwi­dern und im Ein­zel­nen vor­tra­gen, wel­che Arbei­ten er dem Arbeit­neh­mer zuge­wie­sen hat und an wel­chen Tagen der Arbeit­neh­mer von wann bis wann die­sen Wei­sun­gen – nicht – nach­ge­kom­men ist4. Lässt er sich nicht sub­stan­ti­iert ein, gilt der Sach­vor­trag des Arbeit­neh­mers als zuge­stan­den (§ 138 Abs. 3 ZPO). Die­se Grund­sät­ze dür­fen nicht gleich­sam sche­ma­tisch ange­wandt wer­den, son­dern bedür­fen stets der Berück­sich­ti­gung der im jewei­li­gen Streit­fall zu ver­rich­ten­den Tätig­keit und der kon­kre­ten betrieb­li­chen Abläu­fe. So kann ein Kraft­fah­rer wie der Arbeit­neh­mer, dem vom Arbeit­ge­ber bestimm­te Tou­ren zuge­wie­sen wer­den, unab­hän­gig davon, ob die zuge­wie­se­nen Fahr­ten jeden Tag im Betrieb des Arbeit­ge­bers begin­nen und enden, sei­ner Dar­le­gungs­last bereits dadurch genü­gen, dass er vor­trägt, an wel­chen Tagen er wel­che Tour wann begon­nen und wann been­det hat. Im Rah­men der gestuf­ten Dar­le­gungs­last ist es dann Sache des Arbeit­ge­bers, unter Aus­wer­tung der Auf­zeich­nun­gen nach § 21a Abs. 7 Satz 1 ArbZG sub­stan­ti­iert dar­zu­le­gen, an wel­chen Tagen der Arbeit­neh­mer aus wel­chen Grün­den im gerin­ge­ren zeit­li­chen Umfang als von ihm behaup­tet gear­bei­tet haben muss5.
Die­sen Anfor­de­run­gen genüg­te der Sach­vor­trag des Arbeit­neh­mers in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall: Er hat im Schrift­satz vom 10.12 2015 für den Streit­zeit­raum dar­ge­legt, wel­che Tou­ren ihm an wel­chen Tagen zuge­wie­sen waren und an wel­chen Tagen er im Rah­men die­ser Tou­ren von wann bis wann gear­bei­tet haben will. Dabei ist es zivil­pro­zes­su­al nicht zu bean­stan­den, wenn ein Arbeit­neh­mer, der bei Aus­übung sei­ner Tätig­keit in ver­schie­de­nen orts- und jah­res­zeit­ab­hän­gig bestimm­ten Zeit­zo­nen Arbeit ver­rich­ten muss, Uhr­zeit­an­ga­ben in der Welt­zeit (UTC) vor­trägt. Ande­ren­falls könn­te zB flie­gen­des Per­so­nal geleis­te­te Arbeits­stun­den gar nicht ver­ständ­lich dar­le­gen. Mit dem Vor­trag, zu bestimm­ten Zei­ten gear­bei­tet zu haben, behaup­tet der Arbeit­neh­mer zugleich, wäh­rend der genann­ten Zei­ten die ver­trag­lich geschul­de­te Arbeits­leis­tung erbracht zu haben6. Zudem hat der Arbeit­neh­mer bereits erst­in­stanz­lich erläu­tert, dass er zur Arbeits­zeit nicht nur die Lenk­zei­ten zählt, son­dern auch Stand­zei­ten, die der Arbeits­vor­be­rei­tung die­nen oder beim Be- und Ent­la­den anfal­len. Wei­te­re Anga­ben sind von ihm auf der ers­ten Stu­fe der Dar­le­gung nicht zu ver­lan­gen7.
Im Rah­men der gestuf­ten Dar­le­gungs­last ist es nun­mehr Sache der Arbeit­ge­be­rin, zu den behaup­te­ten Arbeits­zei­ten sub­stan­ti­iert Stel­lung zu neh­men. Dafür reicht es nicht, wenn sie – wie bis­lang – auf eine aus ihrer Sicht feh­len­de Kon­troll­mög­lich­keit hin­weist und die Rich­tig­keit der Bedie­nung des digi­ta­len Kon­troll­ge­räts in Fra­ge stellt.
Als Arbeit­ge­be­rin weiß die Arbeit­ge­be­rin, wel­che Tätigkeit(en) sie dem Arbeit­neh­mer in Aus­übung ihres Wei­sungs­rechts gene­rell (zB Über­prü­fen des Fahr­zeugs auf Ver­kehrs­si­cher­heit, Siche­rung der Ladung, Rei­ni­gung des Fahr­zeugs) und spe­zi­ell (Lie­fe­rung von was an wen an wel­chem Tag) zuge­wie­sen hat. Die Arbeit­ge­be­rin hat damit Kennt­nis davon, mit wel­chen Tou­ren sie den Arbeit­neh­mer an wel­chen Tagen beauf­tragt hat und wel­che Arbei­ten dabei ange­fal­len sind und kann sich nicht auf Nicht­wis­sen (§ 138 Abs. 4 ZPO) zurück­zie­hen.
Wei­ter­hin ist es Sache der Arbeit­ge­be­rin, all­ge­mein oder im kon­kre­ten Ein­zel­fall den Zeit­auf­wand für die Erle­di­gung der zuge­wie­se­nen Arbei­ten zu ermit­teln. Dabei ste­hen ihr als Hilfs­mit­tel die von ihr als Arbeit­ge­be­rin nach § 21a Abs. 7 Satz 1 ArbZG kor­rekt (vgl. § 22 Abs. 1 Nr. 9 ArbZG) zu erstel­len­den Auf­zeich­nun­gen zur Ver­fü­gung, die – wei­ter gehend als § 16 Abs. 2 ArbZG – alle Arbeits­zei­ten eines Kraft­fah­rers ent­hal­ten müs­sen8. Die min­des­tens zwei Jah­re auf­zu­be­wah­ren­den (§ 21a Abs. 7 Satz 2 ArbZG) Auf­zeich­nun­gen, von denen dem Arbeit­neh­mer auf Ver­lan­gen eine Kopie aus­zu­hän­di­gen ist (§ 21a Abs. 7 Satz 3 ArbZG), die­nen zwar pri­mär der Kon­trol­le der Ein­hal­tung der arbeits­zeit­recht­li­chen Bestim­mun­gen durch die Auf­sichts­be­hör­den (vgl. § 17 Abs. 4 ArbZG). Zugleich sind sie aber – wie die Kon­troll­ge­rä­te nach der VO (EWG) Nr. 3821/​85 – für Arbeit­neh­mer und Arbeit­ge­ber ein geeig­ne­tes Hilfs­in­stru­ment bei der Rekon­struk­ti­on und Dar­le­gung der Arbeits­zeit, ohne ihnen den Nach­weis der Unrich­tig­keit der Auf­zeich­nun­gen abzu­schnei­den.
Rei­chen die Auf­zeich­nun­gen nach § 21a Abs. 7 ArbZG zur sub­stan­ti­ier­ten Erwi­de­rung nicht aus oder miss­traut der beklag­te Arbeit­ge­ber – wie im Streit­fall – der Red­lich­keit sei­nes Beschäf­tig­ten, obliegt es dem Arbeit­ge­ber, durch geeig­ne­te orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men oder Erkun­di­gun­gen9 sicher­zu­stel­len, dass er zB weiß, bei wel­chem Auf­trag wie lan­ge War­te­zei­ten beim Be- und Ent­la­den ange­fal­len sind. Fer­ner ist es grund­sätz­lich sei­ne Sache, im Vor­aus die Ruhe­pau­sen fest­zu­le­gen und damit Kennt­nis davon zu haben, an wel­chen Tagen der Arbeit­neh­mer zu wel­chen Zei­ten weder Arbeit leis­ten noch sich dafür bereit­hal­ten muss­te und frei über die Nut­zung des Zeit­raums bestim­men konn­te10.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 21. Dezem­ber 2016 – 5 AZR 362/​16
Offe­ne Video­über­wa­chung im Laden­lo­kal – und das… Für ein even­tu­el­les Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot kommt es auf die Fra­ge an, ob ein Ein­griff in das Recht der Arbeit­neh­me­rin auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung vor­liegt und ob die­ser…
Über­stun­den­auf­stel­lung "aus dem Gedächt­nis" Die von einem Arbeit­neh­mer für einen min­des­tens sechs Mona­te zurück­lie­gen­den Zeit­raum vom einem Jahr ohne kon­kre­te Anhalts­punk­te oder zeit­na­he Auf­zeich­nun­gen aus dem Gedächt­nis rekon­stru­ier­te Auf­stel­lung…
Über­stun­den­ver­gü­tung Ver­langt der Arbeit­neh­mer gem. § 611 BGB Arbeits­ver­gü­tung für Arbeits­leis­tun­gen, hat er dar­zu­le­gen und – im Bestrei­tens­fall, zu bewei­sen, dass er Arbeit ver­rich­tet oder einer…
Über­stun­den­ver­gü­tung – und der Dienst­plan Der Arbeit­neh­mer, der unter Vor­la­ge eines arbeit­ge­ber­sei­tig erstell­ten Dienst­plans vor­trägt, er habe ent­spre­chend den Ein­tra­gun­gen in die­sem Dienst­plan gear­bei­tet und die Ver­gü­tung der am Monats­en­de…
BAG 16.05.2012 – 5 AZR 347/​11, Rn. 29, BAGE 141, 330 [↩]
so aber Sächs. LAG, 07.01.2016 – 9 Sa 335/​15 [↩]
vgl. BAG 10.04.2013 – 5 AZR 122/​12, Rn. 11 [↩]
st. Rspr., vgl. zB BAG 10.04.2013 – 5 AZR 122/​12, Rn. 9 mwN [↩]
BAG 16.05.2012 – 5 AZR 347/​11, Rn. 28, BAGE 141, 330 [↩]
vgl. BAG 10.04.2013 – 5 AZR 122/​12, Rn. 10 [↩]
so bereits BAG 11.03.1981 – 5 AZR 878/​78, zu II 2 der Grün­de [↩]
vgl. zum Inhalt der Auf­zeich­nungs­pflicht im Ein­zel­nen: Buschmann/​Ulber ArbZG 8. Aufl. § 21a Rn. 44 ff.; Schlie­mann ArbZG 3. Aufl. § 21a Rn. 39 [↩]
vgl. BAG 17.08.2011 – 5 AZR 490/​10, Rn. 24, BAGE 139, 36 [↩]
vgl. zum Begriff der Pau­se BAG 25.02.2015 – 5 AZR 886/​12, Rn. 21 mwN, BAGE 151, 45 [↩]
ArbeitszeitArbeitszeitaufzeichnungenBeweislastDarlegungslastÜberstundenÜberstundenprozessÜberstundenvergütung

References: § 130
 § 21
 § 21
 § 22
 § 16
 § 17
 § 21
 § 611
 § 21
 § 21