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Belassung, Erhalt und Erteilung der gemeinsamen Sorge als Regelfall
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1 Fassbind, Gemeinsame Sorge als Regelfall ZKE 2/2014 Belassung, Erhalt und Erteilung der gemeinsamen Sorge als Regelfall Von Dr. iur. Patrick Fassbind, Advokat, MPA, Präsident der KESB Bern, Vorsitzender der Geschäftsleitung der KESB des Kantons Bern Stichwörter: Elterliche Sorge, Gemeinsame Erklärung, Regelung Unterhalt des Kindes, Unverheiratete Eltern, Zivilstandsamt, Zuständigkeit Unterhaltsregelung. Mots-clés: Autorité parentale, Compétence pour le règlement de l entretien de l enfant, Déclaration commune, Entretien de l enfant, Office de l état civil, Parents non mariés. Parole chiave: Autorità parentale, Competenza per regolare il mantenimento, Dichiarazione comune, Genitori non coniugati, Regolamento del mantenimento del figlio, Ufficio dello stato civile. Die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall für geschiedene und unverheiratete Eltern tritt am 1. Juli 2014 in Kraft. Der Beitrag beleuchtet die Belassung, den Erhalt und die Erteilung der gemeinsamen elterlichen Sorge und würdigt die neuen Bestimmungen kritisch. Die stossende Diskriminierung i.d.r. der Väter de lege lata wird mit der Revision beseitigt. Allerdings geht die Revision mit neuen Diskriminierungen (insb. von unverheirateten Müttern und von eheähnlichen Lebensgemeinschaften) sowie veritablen Verfahrensvakuen und verwirrungen einher, welche absehbar zu erheblichen Praxisproblemen führen werden. Es besteht dringender Handlungsbedarf, diese neuen Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten welche mit der fehlenden Kompetenz der Kindes und Erwachsenenschutzbehörden zu tun hat, den Unterhalt der Eltern auch bei Uneinigkeit verbindlich zu regeln anlässlich der laufenden Revision des Kindesunterhaltsrechts gleich wieder zu beseitigen. Die KESB muss den Kindesunterhalt bei Uneinigkeit von unverheirateten Eltern verbindlich festlegen können. Nur mit der Ausgestaltung der KESB als vollumfänglich kompetente Schutzbehörde für unverheiratete Eltern vergleichbar mit einem Eheschutz bzw. Scheidungsgericht, können unausweichliche Gabelungen bzw. Staffelungen des Rechtsweges (können ein Hin und Her bzw. Zuständigkeitswechsel) verhindert werden. Le maintien, l obtention et l attribution de l autorité parentale conjointe prise comme règle générale La règle générale de l autorité parentale conjointe des parents divorcés ou non mariés entrera en vigueur le 1 er juillet Le présent article examine les questions du maintien, de l obtention et de l attribution de l autorité parentale conjointe et se livre à une analyse critique des nouvelles dispositions. Certes, les discriminations flagrantes dont surtout les pères sont victimes selon le droit actuel se trouvent résorbées dans le cadre du droit révisé. Néanmoins, la révision entraîne de nouvelles discriminations (notamment pour les mères non mariées et pour les couples de fait), de même qu elle comporte des lacunes ou des incohérences au niveau de la procédure, et cela va immanquablement créer de sérieuses difficultés pratiques. Il y a vraiment urgence à supprimer ces nouvelles injustices et ces non sens, à l occasion précisément de la révision en cours qui porte sur le droit relatif à l entretien de l enfant; les défauts signalés relèvent notamment d une déficience dans les compétences attribuées à l Autorité de protection qui, en cas de désaccord entre des parents non mariés, doit pouvoir fixer impérativement l obligation d entretien qui leur incombe. Ce n est qu avec l institution d une Autorité de protection pleinement compétente vis à vis des parents non mariés, c est à dire investie d une compétence comparable à celle d un juge des mesures protectrices de l union conjugale ou du divorce, que l on pourra prévenir les inévitables 952 ZKE 2/2014 Fassbind, Gemeinsame Sorge als Regelfall ambiguïtés dérivant notamment de la dualité des voies de droit, avec surtout les incontournables aller et retours dus aux changements de compétence. Conferma, mantenimento e assegnazione, quale regola, dell esercizio in comune dell autorità parentale L autorità parentale esercitata in comune quale regola dai genitori divorziati o non coniugati assieme, entra in vigore il 1. luglio Il contributo chiarisce i concetti della conferma, del mantenimento, dell assegnazione, dell esercizio in comune dell autorità parentale e considera criticamente le nuove disposizioni. E soppressa, con l attuale revisione, l emarginante discriminazione del padre de lege lata. Tuttavia la riforma introduce nuove discriminazioni (in particolare per le madri non coniugate e quelle che vivono in comunità simili al matrimonio) così come comprende autentici vuoti di procedura e confusioni che prevedibilmente, nella prassi, provocheranno notevoli problemi. Per appianare queste ingiustizie e inesattezze, che si possono far risalire alla mancanza di competenza delle autorità di protezione degli adulti per regolare il mantenimento dei genitori in caso di disaccordo, vi è la possibilità d agire tempestivamente in occasione della revisione in corso del diritto al mantenimento. Alle APMA, quando vi è disaccordo fra i genitori, va data la facoltà di definire in modo vincolante il mantenimento del figlio. Solo con la designazione delle APMA quali autorità di protezione competenti nell ambito dei contenziosi sorti fra genitori non coniugati assieme, rendendole analoghe alle autorità di protezione del matrimonio o ai tribunali del divorzio, si possono evitare deragliamenti e inutili episodi decisionali nei percorsi definiti dal diritto, così come ci si può sottrarre a cambi di competenze e al rimbalzo dei casi da un foro all altro. I. Gemeinsame Sorge als Regelfall nach der Scheidung 1. Scheidungen nach Inkrafttreten des neuen Rechts am 1. Juli 2014 In Bezug auf die Scheidung und den Eheschutz ist die Revision als gelungen zu bezeichnen. Die Kinderbelange als «Scheidungswaffe» der Frauen sollten mit den neuen gesetzlichen Bestimmungen 1 weitgehend der Vergangenheit angehören. Das Scheidungs- bzw. Eheschutzgericht hat das während der Ehe bestandene gemeinsame Sorgerecht 2 unangetastet zu lassen, es sei denn, die Wahrung des Kindeswohls gebietet etwas anderes. 3 Die Hürden für einen Entzug der gemeinsamen Sorge dürften vergleichbar mit einem Obhutsentzug 4 absehbar hoch sein. Bloss fehlende Kooperationsfähigkeit der Eltern reicht dafür nicht mehr aus, weshalb zusätzliche Gefährdungen wie Gewalt an der Mutter oder am Vorbemerkung: Für das hervorragende Lektorat danke ich meiner Ehefrau, lic. rer. soc. Monika Spring Fassbind, herzlichst. 1 Vgl. nart. 133 i.v.m. nart. 296 Abs. 2 und nart. 298 ZGB. 2 Vgl. nart. 296 Abs. 2 ZGB. 3 Vgl. nart. 298 Abs. 1 ZGB; Heinz Hausheer / Thomas Geiser / Regina E. Aebi-Müller, Das Familienrecht des Schweizerischen ZGB, Bern 2014, Rz ff. 4 Vgl. Art. 310 ZGB. Die Botschaft orientiert sich sogar am in der Praxis kaum noch sprich nur in Extremfällen vorkommenden Sorgerechtsentzug gem. Art. 311 ZGB, vgl. Botschaft zu einer Änderung des Zivilgesetzbuches vom 16. November 2011 (Elterliche Sorge), BBI 2011, S. 9105; ausführlich dazu Urs Gloor / Jonas Schweighauser, die Reform des Rechts der elterlichen Sorge eine Würdigung aus praktischer Sicht, in: FAMPRA 1/2014, S. 6 ff.; aber auch Ziff. II.4.; Fn. 50 f. 963 Fassbind, Gemeinsame Sorge als Regelfall ZKE 2/2014 Kind, Erziehungsunfähigkeit aufgrund bestehender psychischer Erkrankungen (bspw. Drogensucht) oder andere Unfähigkeiten, das gemeinsame Sorgerecht zum Wohl des Kindes wahrzunehmen, hinzutreten müssen. 5 Inwiefern qualifizierte elterliche Kooperationsunfähigkeit ein Grund für die alleinige Sorge eines Elters ist und welche Voraussetzungen dafür erforderlich sind, wird die Praxis zeigen müssen. 6 I.d.R. belässt das Scheidungsgericht den Eltern demnach das gemeinsame Sorgerecht, auch wenn ein Elter damit nicht einverstanden ist. 7 Das Scheidungsgericht kann bei Uneinigkeit der Eltern anstatt dem Entzug der gemeinsamen Sorge bzw. der Erteilung der alleinigen Sorge an einen Elter die Obhut 8, den persönlichen Verkehr oder die Betreuungsanteile und den Kindesunterhalt regeln (nart. 133 Abs. 1 ZGB). Die Bestimmungen sind in sich stimmig und die Eltern werden nach ihrer Anhörung, der Möglichkeit der Wahrnehmung ihrer Verteidigungsrechte, i.d.r. anwaltlich beraten und vertreten, geschützt durch die vom Scheidungsgericht zu beachtende Offizial- und Untersuchungsmaxime mit einer kompletten Regelung der Kinderbelange, die i.d.r. harmonisch auf die übrigen scheidungsrechtlichen Anordnungen (insb. den nachehelichen Unterhalt) abgestimmt sind, den Gerichtssaal mit einem sie mehr oder weniger zufriedenstellenden Urteil, gegen welches ihnen nota bene der Rechtsweg offen steht, verlassen dürfen. 9 Gleichermassen stimmig verhält es sich im Trennungssetting vor dem Eheschutzrichter. Sehr vorteilhaft und zu begrüssen ist die neue Möglichkeit des Gerichts, nicht wie bisher im Konfliktfall nur ein väterliches Besuchsrecht zu bestimmen, sondern das ehelich gelebte Rollenmodell richterlich zu bestätigen, indem dem mitbetreuenden Kindsvater neben dem gemeinsamen Sorgerecht auch die bisher gelebten Kinderbetreuungsanteile (bspw. Betreuung des Kindes an jedem Frei- 5 Vgl. Botschaft elterliche Sorge (Fn. 4), S Vgl. als Beispiel für eine qualifizierte Kooperationsunfähigkeit AB 2012 N 1664 (Votum BRin Simonetta Sommaruga); ausführlich dazu Gloor / Schweighauser (Fn. 4), S. 5 ff.; Andreas Bucher, Elterliche Sorge im Schweizerischen und Internationalen Kontext, in: Familien in Zeiten grenzüberschreitender Beziehungen, Freiburg 2013, Rz. 18 f., 20 ff., Vgl. nart. 296 Abs. 2 i.v.m. nart. 298 Abs. 1 ZGB. Ein Widerspruch besteht noch zu Art. 111 ZGB, welcher weiterhin eine gemeinsame Vereinbarung über die Scheidungsfolgen inkl. Kindesbelange verlangt, vgl. dazu Bucher (Fn. 6), Rz Im Sinne des einzigen (Nestmodell), hauptsächlichen (herkömmliches Modell) oder geteilt hauptsächlichen (gleichberechtigtes Pendelmodell) Aufenthaltes des Kindes bei keinem unmittelbar (bzw. bei beiden mittelbar), unmittelbar bei einem oder unmittelbar bei beiden Elternteil(en) und des Aufenthaltsbestimmungsrechts innerhalb der Schranken von nart. 301a Abs. 2 ZGB. Dementsprechend muss in Zukunft bei einem Obhutsentzug gem. Art. 310 ZGB bei gemeinsamer Sorge beiden Elternteilen die Obhut entzogen werden, da beiden Elternteilen mit gemeinsamer Sorge zumindest ein Aufenthalts(mit)bestimmungsrecht zusteht. Das Obhutsrecht (rechtliche Obhut) steht neu beiden Eltern zu, vgl. nart. 301a Abs. 1 ZGB; a.a. Bericht über die Begriffe «Obhut», «Betreuung» und «Aufenthaltsort» des Bundesamts für Justiz vom 11. Juni 2012, S. 3, welcher von der Aufgabe des Begriffs des Obhutsrechts im neuen Sorgerecht spricht. 9 Vgl. zu dieser inneren Stimmigkeit im Gegensatz zur Situation für unverheirtate Eltern Bucher (Fn. 6), Rz. 61 ff. Eine grosse Diskrepanz besteht insb. darin, dass im Gegensatz zur gemeinsamen Erklärung der unverheirateten Eltern gem. nart. 298a ZGB die übrigen Kindesbelange vom Gericht (aufgrund der Schutzbedürfnisse der Kinder) zwingend geregelt werden müssen, vgl. Bucher (Fn. 6), Rz4 ZKE 2/2014 Fassbind, Gemeinsame Sorge als Regelfall tag) gegen den Willen der Kindsmutter zugesprochen werden können. 10 Somit wird das stossende Ergebnis des gleichzeitigen Verlusts des Sorge- und des bisherigen Betreuungsrechts anlässlich der Scheidung der sich über das Sorgerecht nicht einigen Eltern eine solche Uneinigkeit hat ein gemeinsames Sorgerecht bisher verunmöglicht beseitigt. 2. Scheidungen vor Inkrafttreten des neuen Rechts am 1. Juli 2014 und Veränderung der Verhältnisse nach Scheidungen allgemein Für vor dem 1. Juli 2014 rechtskräftige Scheidungen sieht das neue Recht in Art. 12 Abs. 4 und Abs. 5 SchlT ZGB die Möglichkeit vor, das gemeinsame Sorgerecht in sinngemässer Anwendung des nart. 298b ZGB gegen den Willen des alleinsorgeberechtigten Elternteils das gemeinsame Sorgerecht beim Gericht zu beantragen, wenn die Scheidung im Zeitpunkt des Inkrafttretens des neuen Rechts am 1. Juli 2014 weniger als 5 Jahre zurückliegt. Auf dieses Hauptmanko des neuen Sorgerechts wäre aufgrund der bei den unverheirateten Eltern noch aufzuzeigenden, 11 absehbaren, damit verbundenen Problemen vernünftigerweise besser verzichtet worden. Wird einem Elternteil anlässlich einer nach dem 1. Juli 2014 ausgesprochenen Scheidung das (gemeinsame) Sorgerecht gem. nart. 298 Abs. 1 ZGB entzogen, kann dieser gegen den Willen des anderen Elternteils nur bei einer wesentlichen Veränderung der Verhältnisse gem. Art. 134 Abs. 1 ZGB den Antrag auf Erteilung der gemeinsamen Sorge stellen. Das Gericht hat nart. 298b ZGB wiederum sinngemäss anzuwenden. Eine gemeinsame Erklärung nach neuem Recht können auch geschiedene, nicht gemeinsam sorgeberechtigte Eltern abgeben, deren Scheidung vor Inkrafttreten des neuen Rechts am 1. Juli 2014 rechtskräftig wurde. Zuständig ist gem. nart. 134 Abs. 3 i.v.m. nart. 298a Abs. 4 ZGB die Kindesschutzbehörde am Wohnsitz des Kindes. Die Zuständigkeit zur Neuregelung der Kindesbelange bei geschiedenen Eltern vorausgesetzt ist weiterhin eine wesentliche Veränderung der Verhältnisse richtet sich wie bisher nach Art. 134 Abs. 1 ZGB. nart. 134 Abs. 2 4 ZGB sehen die Zuständigkeit der Kindesschutzbehörden bei Einigkeit der Eltern vor. Die Kindesschutzbehörde kann bei Uneinigkeit der Eltern nicht nur wie bisher den persönlichen Verkehr, sondern neu auch die Betreuungsanteile der Kindseltern gegen den Willen der Eltern regeln. 10 Ein grosser Vorteil des neuen Sorgerechts besteht darin, dass der persönliche Verkehr und die Betreuungsanteile auch bei gemeinsamer Sorge verbindlich vom Gericht bzw. von der KESB geregelt werden können. Ein pragmatischer Ansatz, welcher dazu führen wird, dass bei bisher vielen gescheiterten altrechtlichen Vereinbarungen über das gemeinsame Sorgerecht, dieses zum Wohl des Kindes trotzdem erteilt werden kann. Auch dürfte zukünftig eine Beistandschaft eher das geeignete Mittel sein, an sich funktionierende gemeinsame Sorgerechtsmodelle, die bspw. bloss aufgrund fehlender, mangelhafter bzw. gestörter Kommunikation der Eltern zu scheitern drohen, mit einer vermittelnden Beistandschaft zum Gesamtwohl des Kindes retten zu können. 11 Vgl. unten Ziff. II.4. 985 Fassbind, Gemeinsame Sorge als Regelfall ZKE 2/2014 II. Gemeinsame Sorge als Regelfall für unverheiratete Eltern 1. Einführung Unvorteilhafter sieht es hingegen hinsichtlich von unverheirateten Eltern aus. Sind die Eltern nicht miteinander verheiratet und hat der Kindsvater das Kind anerkannt oder wird das Kindesverhältnis zu ihm durch Urteil festgestellt und hat nicht gleich das Gericht die gemeinsame Sorge verfügt 12, so kommt die gemeinsame Sorge aufgrund einer gemeinsamen Erklärung der Eltern zustande. 13 Anlässlich einer Vaterschaftsklage verfügt das Gericht i.d.r. die gemeinsame Sorge und alle Kindesbelange, insb. den Kindesunterhalt, von Amtes wegen, 14 sofern nicht zur Wahrung des Kindeswohls an der alleinigen elterlichen Sorge der Mutter festzuhalten oder die alleinige Sorge dem Vater zu übertragen ist. 15 Anlässlich der Anerkennung erfolgt die gemeinsame Erklärung gegenüber dem Zivilstandsamt, in allen anderen Fällen gegenüber der zuständigen KESB. 16 Eine gemeinsame Erklärung nach neuem Recht können unverheiratete Eltern auch abgeben, deren Kinder vor Inkrafttreten des neuen Rechts am 1. Juli 2014 geboren sind. Solange keine (allenfalls bereits vorgeburtliche) gemeinsame Erklärung vorliegt, ist die Kindsmutter alleinsorgeberechtigt. Kommt keine gemeinsame Erklärung zustande (bspw. wegen Uneinigkeiten in einzelnen Kindesbelangen) bzw. weigert sich ein Elternteil, die Erklärung über die gemeinsame Sorge abzugeben, so kann der andere Elternteil die KESB am Wohnsitz des Kindes anrufen und die Verfügung der gemeinsamen Sorge von der KESB verlangen, sofern nicht zur Wahrung des Kindeswohls an der alleinigen elterlichen Sorge der Mutter festzuhalten oder die alleinige elterliche Sorge dem Vater zu übertragen ist. 17 Das Antragsrecht kommt beiden Elternteilen und nicht nur dem Vater zu, auch wenn der Fall des Antrags der Mutter gegen den Willen des Vaters, um diesen in die elterliche Pflicht zu nehmen, eine eher seltene Konstellation darstellen dürfte. 18 Das Antragsrecht gegen den Willen des anderen Elternteils gilt nur für ab dem 1. Juli 2014 geborene Kinder und ist zeitlich unbefristet möglich. Eine Rückwirkung auf vor dem 1. Juli 2014 geborene Kinder ist nur im zeitlichen Rahmen von Art. 12 Abs. 4 und Abs. 5 SchlT ZGB vorgesehen. Solche Anträge sind inner- 12 Das stellt der Regelfall dar, vgl. nart. 298c ZGB, kritisch dazu vgl. Bucher (Fn. 6), Rz. 67 ff. Wie Bucher (Fn. 6), Rz. 66, richtigerweise und kritisch feststellt, wird das für den Kindsvater eigenartigerweise die einfachste Art sein, die gemeinsame Sorge zu erlangen. 13 Vgl. nart. 298a Abs. 1 ZGB; Bucher (Fn. 6), Rz. 26 ff. 14 Es gilt im Kindesrecht die Offizial- und Untersuchungsmaxime (allenfalls hat es den Sachverhalt durch eine geeignete Stelle oder Person extern abklären zu lassen), weshalb das Gericht das Kindeswohl von Amtes wegen abzuklären hat und die Entscheidung über die gemeinsame Sorge nach Feststellung des Kindesverhältnisses zum eingeklagten Kindsvater nicht an die KESB delegieren darf. Ebenso in dieser Beziehung ist die Revision als gelungen zu bezeichnen, weil eine einzige Instanz alle Kindesbelange auch gegen den Willen der Eltern entscheiden kann. 15 Vgl. nart. 298c ZGB; ausführlich dazu Bucher (Fn. 6), Rz. 52 ff. 16 Vgl. nart. 298a Abs. 4 ZGB. 17 Vgl. nart. 298b Abs. 1 und Abs. 2 ZGB. 18 Gl. A. Gloor / Schweighauser (Fn. 4), S. 6. Es ist gem. nart. 12 Abs. 4 und Abs. 5 SchlT ZGB von einem Antrag und nicht etwa von einem Gesuch zu sprechen. 996 ZKE 2/2014 Fassbind, Gemeinsame Sorge als Regelfall halb eines Jahres seit Inkrafttreten des neuen Rechts einzureichen. Zusammen mit dem elterlichen Antrag zur Erteilung der gemeinsamen elterlichen Sorge regelt die Kindesschutzbehörde vorbehältlich der Klage auf Leistung des Kindesunterhalts die übrigen strittigen Punkte. 19 Genau in diesem Vorbehalt liegt eines der Hauptmankos des neuen gemeinsamen Sorgerechts, wie noch darzustellen sein wird. 20 Im Trennungsfall mit gemeinsam erklärter elterlicher Sorge i.d.r. ohne ausdrückliche inhaltliche Vereinbarung über die Kindesbelange gem. nart. 298a ZGB (aber ebenso bei vorhandenen ausdrücklichen Vereinbarungen sowie bei Änderungsanträgen von bestehenden, weiterhin gültigen altrechtlichen Vereinbarungen über die gemeinsame Sorge) bzw. nach einem bereits abgelehnten Antrag auf gemeinsame Sorge gem. nart. 298b ZGB richtet sich ein (erneuter) Antrag auf Erteilung bzw. Aufhebung der gemeinsamen Sorge oder auf Regelung der übrigen Kindesbelange wie die hauptsächliche Obhut (das Aufenthaltsortsbestimmungsrecht im Rahmen von nart. 301a Abs. 2 ZGB), der persönliche Verkehr und die Betreuungsanteile bei bestehender oder gerade vorgängig erteilter gemeinsamer elterlicher Sorge nach nart. 298d ZGB: «Auf Begehren eines Elternteils, des Kindes oder von Amtes wegen regelt die Kindesschutzbehörde die Zuteilung der elterlichen Sorge neu, wenn dies wegen wesentlicher Änderung der Verhältnisse zur Wahrung des Kindeswohls nötig ist.» 21 «Sie kann sich auf die Regelung der Obhut, des persönlichen Verkehrs oder der Betreuungsanteile beschränken.» 22 Solche Anträge verlangen demnach eine wesentliche Änderung der Verhältnisse und bei einem gleichzeitigen Wechsel des Aufenthaltsortes des Kindes gem. nart. 301a ZGB die Zustimmung des anderen gemeinsam sorgeberechtigten Elters, 23 wobei bei Vorliegen von wesentlich veränderten Verhältnissen zur Erteilung der gemeinsamen Sorge wiederum nart. 298b ZGB sinngemäss zur Anwendung gelangen muss. Geht es um die Aufhebung der gemeinsam erklärten Sorge oder bloss um die Ausgestaltung der aufrechtzuerhaltenden gemeinsamen Sorge ist nart. 298d Abs. 1 und Abs. 2 ZGB einschlägig, wobei nart. 298b ZGB wiederum sinngemäss heranzuziehen ist. Wird die gemeinsame Sorge (erneut) abgelehnt, ist allenfalls der persönliche Verkehr gem. Art. 273 Abs. 3 i.v.m. Art. 275 ZGB neu zu regeln. 2. Gemeinsame Erklärung Die gemeinsame Erklärung gem. Art. 298a Abs. 4 ZGB hat die Bestätigung der Einigung über die gemeinsame Übernahme der Verantwortung für das Kind (über das gemeinsame Sorgerecht), die Einigung über die Obhut, den persönli- 19 nart. 298b Abs. 3 ZGB. Zum grossen Vorteil des neuen Sorgerechts, die übrigen strittigen Punkte bei bestehender gemeinsamer Sorge behördlich zu regeln, vgl. bereits Fn Vgl. unten Ziff. II nart. 298d Abs. 1 ZGB. 22 nart. 298d Abs. 2 ZGB. Zu diesem grossen Vorteil des neuen Sorgerechts vgl. bereits Fn Nur um ein gesetzgeberisches Versehen kann es sich handeln, wenn in Art. 134 Abs. 1 (inkl. Marginalie) und in der Marginalie von nart. 298d ZGB von «Veränderung» in Art. 298d Abs. 1 ZGB dann aber von «Änderung» gesprochen wird. 100 Ähnliche Dokumente
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