Source: http://www.ramses-tai.de/eine-insel-in-den-bergen/
Timestamp: 2018-12-19 13:14:53+00:00

Document:
Eine Insel in den Bergen > Innovation > Cheops Pyramide, Gizeh Plateau, Projekt Chufu Eine Insel in den Bergen : RAMSES-TAI
Kulisse für die Gottwerdung
Den Texten zufolge erscheint die Pyramide als Urhügel, welche sich aus dem Urgewässer erhebt. Dieser Urhügel, auch benben (bnbn) genannt, hat seinen Ursprung in einem kegelförmigen Steinfetisch. Seine Bezeichnung wurde ebenfalls auf die Spitze der Obelisken und den Abschlußstein der Pyramiden, dem Pyramidion, übertragen. Der Stein selbst, wurde als erste Erscheinungsform des Urgottes Atum-Chepre verehrt, der aus dem Urgewässer aufragte. Die Wortbildung bnbn, ebenso wie benu (bnw) ist hergeleitet vom Wortstamm wbn (aufgehen). Benu, griech. Phoenix, wurde seit der Frühzeit als heiliger Vogel von Heliopolis verehrt und galt in Form eines Grau-oder Purpurreihers als Erscheinungsbild des Sonnengottes Re. So heißt es in Ps 600 § 1652:
“Oh Atum-Chepre, […] du gingst auf als der benben-Stein im Hause des benu” (Phoenix) […]
Zwar ließ das Schriftbild in den Pyramidentexten anfänglich noch den Schluss zu es könne sich um eine Bachstelze, o. ä. handeln, doch kristallisierte sich in späteren Schreibweisen die Form des Reihers deutlicher heraus. [1]Bonnet, S.594. Als Wesen der Urzeit, entstanden aus geheimen Kräften, erschien er von Urbeginn an auf dem entstehenden Land. Diese Vorstellung resultiert zweifellos aus der Beobachtung, dass Reiher sich beim Rückgang der Nil Überschwemmung auf den aus den Fluten zum Vorschein kommenden Landflecken niederließen. Gleichwohl sah man im benu aber auch den Bavogel des Osiris und in einer höheren Form des Ba ein Sinnbild des sich durch den Tod erneuernden Lebens – der die Wiedergeburt verkörpernde Phönix (bnw – Benu), der sich als erstes Wesen nach der Schöpfung niederließ, um in der Glut des aufgehenden Sonnengottes zu verbrennen und aus seiner Asche verjüngt wieder aufzuerstehen und zum Himmel empor zu fliegen.
Beheimatet ist dieser Mythos in Heliopolis (griech. für “Sonnenstadt”, ägypt. Iunu , in der Bibel On). Die Priester von Heliopolis waren an einem Großteil der Entstehung des ägyptischen religiösen Schriftgutes beteiligt. Ihre Lehren fanden schon in sehr früher Zeit weite Verbreitung im Lande.
Heliopolis, eine Stadt wenige Kilometer nordöstlich Gizehs, beherbergte bereits seit dem frühen Alten Reich eines der bedeutendsten Sonnenheiligtümer. Nach der Mythologie sind hier die Götter entstanden (Enneade – Neunheit von Heliopolis), deshalb gehörte der Ort bis in die Spätzeit zu den Zentren des ägyptischen Pantheons. In ca. 10% der Pyramidentexte spielt Heliopolis eine Rolle. Insgesamt wird es über siebzig Mal erwähnt.
Eingangs bereits erwähnt, müssen die Pyramidentexte gleichwohl als Kulissenbuch verstanden werden. Darin übersetzt Faulkner in Ps 249 § 265 und Ps 273-4 § 397 die “Insel des Feuers” als Handlungsort. In der modernen Ägyptologie vornehmlich als “Flammeninsel” (iw nsrsr) bezeichnet, könnte aber auch die Übersetzung “Insel des Aufflammens” richtig sein (Sethe, Amun § 95); ihr begegnen wir nicht nur in Heliopolis, sondern vom Grundgedanken ihrer Bedeutung identisch auch in Hermopolis. Mit Hermopolis magma, äg. Unet, dem 15. oberägyptische Gau und dessen aus alter Zeit belegter Hauptstadt Unu hing die Stätte der Achtheit, der Enneade von Hermopolis eng zusammen.
“Durch das Ansehen, das die kosmogonische Lehre von den acht Urgöttern genoss, hat H., das in der Vorzeit offenbar selbst mit Heliopolis in Rivalität treten konnte (Sethe Urgesch. § 165), einen starken Einfluss auf die äg. Rel. geübt” […] Von erheblichen Umfang war denn auch der heilige Bezirk der Stadt […]
Wahrscheinlich haben wir in diesem Bezirk auch den Urhügel zu suchen, der mit der Flammeninsel inmitten des Messersees lag. [2]op.cit., S.293 f.
[…]Ihr Urbild entspringt deutlich der Morgenröte, aus deren Glut man allmorgendlich die Sonne aufsteigen sah.
[…] Durch den sich täglich erneuernden Sieg über die Mächte des Dunkels wird der Aufgang aus der Flammeninsel zu einem Symbol, in dem sich die sieghafte Kraft des Gottes offenbart.
[…] Unter dem Einfluss des solaren Jenseitsbildes bemächtigt sich der Totenglaube dieser Vorstellung, indem er den Toten dem Gotte gleich aus der Flammeninsel kommen lässt und diese dann weiter in mancherlei Formen zu einem Ort der Verheißung, insbes. zu einer Stätte der Rechtfertigung und damit des Triumphes über feindliche Mächte und der Begabung mit zauberischen Kräften macht. [3]op.cit, S.194.
In die Kosmogonie von Hermopolis hat die Flammeninsel früh Einzug gehalten, ob sie aber hermopolitanischen Gedankengebäude entsprungen ist, wie Hartwig Altenmüller in Apotropaia, München 1965, vertritt, oder dem heliopolitanischen, soll uns hier nicht weiter beschäftigen.
Davon ausgehend, dass die Pyramide den Urhügel symbolisiert, also eine Insel im Urgewässer war, können weitere Eigenheiten der Konstruktion dem begonnenen Konzept zugeordnet werden:
● Die Temenos-Umfassungsmauer
● Der Eingang zur Pyramide
● Bootsgruben
● Wasserabläufe im Hofpflaster und im Hof des Totentempels
Die Pyramide war von einem breiten gepflasterten Hof umgeben; im Norden und Osten betrug der Abstand zur Umfassungsmauer 10,20 m, im Süden und westen 9,75 m. Für die Temenos-Umfassungsmauer wurden Fundamente mit einer Breite von 3,15 bis 3,60 m (etwa 6-7 Ellen) in das Plateau geschnitten.
An der Westseite, wo der Felsen des Plateaus von guter Qualität ist, wurde der untere Teil der Umfassungsmauer direkt aus dem Felsen geschnitten. Die Basisbreite der Umfassungsmauer dürfte 5 Ellen, etwa 2,60 m betragen haben. Sie war mit dem dichten Tura-Kalk verkleidet. An keiner Stelle ist eine Konstruktion ersichtlich, die als Durchgang hätte dienen können. Die Höhe ist nicht mehr bestimmbar, der obere Abschluss dürfte jedoch gerundet gewesen sein.
Der Eingang der Pyramide liegt ca. 16,5 m hoch. Es gibt keine Hinweise darüber womit die Höhe beim Betreten der Pyramide überbrückt wurde.
Im direkten Umfeld der Pyramide, jedoch außerhalb der Umfassungsmauer, fanden sich 6 verschieden große Bootsgruben (s. Abb. 3), in denen entsprechend große Boote – Barken, in ihre Einzelteile zerlegt, bestattet wurden. In den zwei an der Südseite gelegenen Gruben haben sich intakte Bootsbegräbnisse erhalten. Eins der Boote hat man geborgen und rekonstruiert; das Boot aus Zedernholz war in 1224 Einzelteile zerlegt und erreicht die stattliche Länge von 43,30 m, eine Breite von 5,90 m, und hatte einen Tiefgang von ca. 1,5 m. Gemäß den Texten hat der tote König häufig Barken auf seinen Reisen durch die Götter- u. Dämonenwelt benutzt.
Durch die fugenlose Verlegung des ca. 34 cm starken Hofpflasters, aus fein strukturiertem Tura-Kalkstein, dichteten die Baumeister den Grund des Hofes gegen versickerndes Wasser ab.
Maragioglio & Rinaldi haben an den Nordwest- und Südwestecken Kanäle gefunden, die in den Felsen geschlagen wurden und nach gängiger Meinung zur Ableitung von Regenwasser unter der Umfassungsmauer hindurch gedient haben. [4]MR IV, p. 66.
Im Hof des an der Ostseite angrenzenden Tempels wurden Reste zweier Drainagen gefunden. [5]op. cit., p. 64, Lauer, temple funéraire, Pl. LXVIII. Eine besteht aus einem von Nord nach Süd verlaufenden Graben im Felsgrund, der von der Mitte des Hofes nach Norden aus dem Tempel hinaus verläuft, 70 bis 90 cm breit, und 45 bis 50 cm tief ist. Er befindet sich unterhalb des Basaltpflasters, dessen Niveau sich etwa einen Meter über dem Graben befindet und nicht mit diesem verbunden ist. Die Drainage war mit Kalksteinblöcken aufgefüllt, was nur vor der Verlegung des Pflasters geschehen sein kann.
Die zweite Drainage, die ca. 1,30 m höher liegt, verläuft aus dem Hof bis in eine kleine Depression im Felsen nördlich des Pyramidentempels. Trotz auffallend geringer Niederschläge in dieser Zeit weisen auch andere, v. a. Tempelbauten, aufwändige Wasserableitungssysteme auf, so z.B. die Tempel von Sethos I. in Qurna und Abydos.
Was die Entwässerungskanäle im Pyramidenhof betrifft, so scheint es fast so, als wenn es nur auf der Westseite der Pyramide geregnet hätte, denn immerhin beträgt der Abstand vom östlichen Teil der Umfassungsmauer bis zum westlichen ca. 250 m. Ein Gefälle nach Westen gab es im Hof nicht. Zum einen zählt die Nivellierung der Fundamentplattform auf der die Pyramide angelegt wurde und die Planierung des Pyramidenhofes bekanntlich zu einer der erstaunlichsten Leistung der damaligen Baumeister; die größte Abweichung beträgt gerade mal 2,1 cm, zum anderen berichtet Borchardt, dass das Pflaster Hofes jeweils nach außen hin ein leichtes Gefälle aufweist, was nach seiner Ansicht bei der Ableitung des Regenwassers hilfreich war. [6]Borchardt, Längen und Richtungen, vgl. a. MR IV, p. 66. Durch diese leichte Neigung aber hätte Regenwasser, v. a. von der Ostseite nie den Weg zu den Kanälen gefunden. Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass die Kanäle zur Ableitung von relativ geringen Mengen Regenwasser angelegt wurden. Wenn die Pyramide aber die Flammeninsel darstellte, so bedeutet das in der Konsequenz, dass der Pyramidenhof als Urozean fungierte und mit Wasser gefüllt war.
Die großzügig bemessene Statik der Temenos-Mauer, die sich auch in den Fundamenten des angrenzenden Tempels und des Aufwegs fortsetzt, ist ausreichend um dem Druck eines Gewässers rund um die Pyramide, bis zu einer Höhe von ca. 16 m standzuhalten.
Bei einer angenommenen Wasserhöhe von 14,5 m wäre der Pyramidenhof mit ca. 220 000 m³, oder 220 Mio. Liter Wasser gefüllt gewesen. War der Pyramidenhof bei der Umwandlung des Königs also mit Wasser gefüllt, dienten die eingebrachten Kanäle zum Ablassen dieser Wassermassen und erscheinen um ein vielfaches plausibler.
Das Ablassen des Wassers, des Urozeans, war erforderlich, weil mitunter Jahrzehnte vergingen bis der nächste König verstarb. Wäre die Anlage in dieser langen Zeit unentwegt mit Wasser befüllt gewesen, hätte sie zweifellos Schaden genommen. So aber konnte sie uneingeschränkt gewartet und gepflegt werden.
Anhand der funktionalen Kulisse verdeutlicht sich immer mehr die enge textliche Verbundenheit. Betrachtet man nunmehr den Pyramidenhof im Kontext als wassergefüllten Urozean, konnte der König seine letzte Reise textgetreu, real auf einer Barke fahrend, den Eingang zur Pyramide erreichen und auch die Barken im direkten Umfeld ergeben einen nachvollziehbaren, praktisch begründetet Sinn.
Gleichwohl aber muss auch die Befüllung der Anlage berücksichtigt werden; in den Texten gibt es auf die Herkunft des Wassers, wenn überhaupt, nur einen spärlichen Hinweis. In Ps 486 § 1039, von Faulkner als an den Nil gerichtete Ansprache verstanden, heißt es:
“Heil ihr, ihr von Shu dargebrachten Gewässer, die ihr die zwei Quellen empor hebt, in denen Geb seine Glieder badet”[…]
Shu, als Gott des Raumes zwischen Himmel und Erde, steht im Alten Reich in keiner direkten Verbindung zum Nil. Das ägyptische Weltbild zur Zeit der Pharaonen betrachtete die Welt als von allen Seiten mit Wasser umgeben. Shus Aufgabe bestand darin über der Erde einen Raum aufzuspannen der Leben ermöglicht. Es ist daher unwahrscheinlich, dass der Text Shu mit den damals angenommnenen Quelllöchern in Oberägypten in Verbindung bringen will.
Wie die Nilfluttheorie des zweiten und dritten Jahrtausends vor Christus genau formuliert war, ist nicht bekannt; doch woher kamen seine alljährlichen Fluten? Die Antike hat eine Reihe von Theorien hervorgebracht, u. a. eine wonach die Nilflut vom Nordwind aufgestaut wird. Hier mag vielleicht die Verbindung zu Shu zu suchen sein, denn als Herr der Luft sah man in ihm auch den kühlenden Wind, der von Norden kommt.
“In seiner Gestalt als guter Nordwind erhält S. was ist” (Dümichen, ÄZ 9, 93.)
Nach alter Lehre bricht der Nil durch zwei Quelllöcher aus der Tiefe der Erde hervor. Ihre Stelle wurde an die Südgrenze verlegt, an der der Fluß in Ägypten eintritt. [7]Bonnet, op. cit S. 525. Die mythische Ursprungsstätte des Stroms jedoch variierte. Ursprünglich suchte man sie wohl in der Gegend von Gebel-el Silsile (Sethe Urgesch. § 151), später in der Gegend des ersten Kataraktes bei Elephantine. In Oberägypten wurde der widderköpfige Chnum, in Unterägypten der mit weiblichen Brüsten dargestellte männliche Gott Hapi als Nilgott verehrt. Später, als Osiris zum Herrn der Überschwemmung und des Nilwassers wurde verlegte man die Quelllöcher nach Philae. In Philae war Osiris mit dem Nil eins geworden. Die Höhle des Berges von Bigge, in der sein Leichnam ruht, war darum zugleich Quellort des Stromes; aus seinem Bein, der Reliquie Philaes, brechen die Nilquellen auf. [8]Bonnet, op. Cit. S. 128.
Vielmehr scheint es, dass die Kanäle an den Nordwest- und Südwestecken des Pyramidenhofs nicht nur zum Ablassen des Wassers aus dem Pyramidenhof dienten, sondern primär symbolisch den Quelllöchern nachempfunden sind und auch beim befüllen Verwendung fanden.
Unter dem Gizeh Plateau ist ein weitläufiges Gangsystem nachgewiesen, in dem Schächte bis zu 65 m und tiefer unter das Plateau reichen. Die Erforschung dieser Schächte, die teilweise miteinander verbunden sind und teils bis zum Grundwasserspiegel reichen, wurde seitens der Äg. bislang vernachlässigt; es gibt daher noch keine exakten Befunde darüber.
In seinem Buch “Geheimakte Gizeh Plateau” liefert der umstrittene Autor Andreas von Rétyi erstmals Fotos, und eine vage Beschreibung von Teilen dieses Gang- u. Schachtsystems aus eigener Anschauung. Seine Schlussfolgerungen dazu sind allerdings eher als unseriös zu bewerten, deshalb erübrigt es sich näher darauf einzugehen.
Im Zusammenhang mit dem Transport des Wassers hinauf zur Pyramide ist dem ungeachtet jedoch anzunehmen, dass die tiefen Schächte und Gänge eine Schlüsselrolle übernahmen. Als (Wasser-) Versorgungskanäle und als Verlängerung der symbolischen Nilquellen ergäben sie jedenfalls einen Sinn.
Der Aspekt Wasser ist seitens der Ägyptologie bisher gänzlich außer Acht gelassen worden, deshalb gibt es ebenso wenig Untersuchungen die erklären könnten wie es auf das Plateau gekommen ist. Aufgrund der geologischen Besonderheiten in Gizeh gibt es jedoch eine Erklärung, die zu untersuchen ist:
Es gibt in Gizeh, genauer gesagt, in der ägyptischen Frühgeschichte nichts, was darauf schließen ließe, dass das Wasser mit einem mechanischen Pumpvorgang auf das Plateau befördert werden konnte. Die für mich einzig plausible Erklärung sehe ich deshalb in unterirdischem Druck, der imstande war eine solch große Pumpleistung zu vollbringen.
Vom seismologischen Standpunkt aus ist Gizeh als Erdbeben gefährdete Region einzustufen. Erdbeben in Ägypten sind seit frühester Zeit dokumentiert. Tektonisch gesehen liegt es nahe der Grenze zwischen Afrikanischer und Arabischer Platte. Bedingt durch die divergierende Driftbewegung kommt es immer wieder zu Rissen in der Erdkruste. Tief unter dem Plateau verlaufen zwischen Aquicluden (wasserundurchlässige Gesteinschichten) und Aquitarden (wasserdurchlässige Gesteinsschichten), Aquifere (Grundwasserleiter). Es ist denkbar, dass entweder ein Teil der Erdkruste, durch ein Erdbeben abgesenkt, einen Grundwasserleiter so unter massiven Druck setzte, oder dass eine Verwerfung entstand, und das auf diese Weise das unterirdisch gestaute Wasser durch den porösen Kalkstein nach oben gepresst wurde (Verwerfungsquelle).
Unterstützt würde ein solch angenommener Vorgang durch die alljährliche Nilflut, die Ägypten in der Mitte des Jahres, im Juni erreichte. Das Wasser stieg drei Monate lang, bis Ende September, und zwar beim ersten Katarakt um etwa 12,2 m, bei Theben um 11 m, bei Kairo um 7,6 m. Passend dazu heißt in Ps 424 § 774:
“Oh König, du hast dein Wasser, du hast deine Überschwemmung” […],
in PS 436 § 788:
“Oh König, du hast dein Wasser, du hast deine Flut” […]
und in Ps 457 § 857:
“Die Felder sind bereit, die Bewässerungsgräben sind aufgefüllt (geflutet)” […]
Zwar muss dieser Ansatz einer Erklärung erst geologisch geprüft werden, eine Vielzahl weiterer Hinweise, auf die wir noch näher eingehen, insbesondere der Sphinx und seine tatsächliche Verwendung, belegen Wasser auf dem Plateau definitiv.
Das dort austretende Wasser dürfte neben dem massiven Untergrund, der daraus zu gewinnenden Fülle an Baumaterial und der Nähe zum Nil einer der Hauptgründe für die Standortwahl gewesen sein.
Das Wasser füllte aber nicht nur den Innenhof der Pyramide und komplettierte somit die mythologisch erforderliche Kulisse, es war auch ein unabdingbares Element, welches das funktionieren der technischen Abläufe in der Pyramide gewährleistete.
Sowohl der Kern, als auch die äußere Verkleidungsschicht der im Wasser stehenden Pyramide sog sich voll. Auf diese Weise versiegelte die Verkleidungsschicht, wahrscheinlich von Sand unterstützt, den Kern von Innen und Außen, und der feuchte Kern versiegelte die Räume. Bei der Abdichtung des Innenhofes leistete der dichte, feinporige Tura-Kalkstein wertvolle Dienste, er verhinderte das schnelle versickern des Wassers im Felsgrund und versiegelte die Temenos-Umfassungsmauer. Sicherlich hätte man dafür auch den vollständig dichten Granit verwenden können, aber die Fülle des benötigten Materials bedeutete einen erheblichen Mehraufwand an Arbeit, Logistik und Kosten. Der um ein Vielfaches schwerer zu bearbeiten Granit wurde im ca. 800 Km entfernt liegenden Assuan abgebaut, der Tura-Kalkstein wenige Km östlich von Gizeh. Der Kontrast zwischen dem schwarz-roten Rosengranit und dem fast weißen Tura-Kalkstein der Pyramiden Verkleidung mag ein weiterer Aspekt gewesen sein.
Im Verlauf seiner Umwandlungsreise hatte der König noch viele andere Fahrten in unterschiedlichen Regionen und Lokalitäten zu absolvieren. Die verschiedenen Bereiche und Bauten in der unmittelbaren Umgebung der Pyramide, sind gleichzusetzen mit den in den Texten vorkommenden. So ist z. B. das Urgewässer in dem die Pyramide steht, gleichbedeutend mit dem sich in der Wasseroberfläche spiegelnden Himmel und dem Horizont, zudem hieß die Cheops Pyramide “Horizont des Chufu”. In Ps 263 § 340-41 übersetzt Faulkner die Rede des Königs:
“The Fields of Rushes are filled (with water), and I ferry across on the Winding Waterway; I am ferried over to the eastern side of the horizon” […]
“Die Binsengefilde sind gefüllt (mit Wasser), und ich setze hinüber auf dem *gekrümmten Wasserweg; Ich werde übergesetzt auf die östliche Seite des Horizonts” […].
In Ps 264 § 343-44:
“The Nurse-canal is opened, The Winding Waterway is flooded, The Fields of Rushes are filled with water, And I am ferried over thereon to yonder eastern side of the sky, To the place where the gods fashioned me, Wherein I was born, new and young.” […]
“Der Versorgungs-Kanal ist geöffnet, der gekrümmte Wasserweg* ist voll mit Wasser (geflutet, aufgefüllt), das Binsengefilde ist voll mit Wasser, damit ich hinüber befördert werde auf die östliche Seite des Himmels, an den Platz wo die Götter mich (um)formen (umwandeln), worin ich geboren werde, neu und jung […]
Demzufolge sind Himmel/Horizont, Binsengefilde, Wasserweg und der Ort an dem die Umwandlung des Königs geschieht, die Pyramide, miteinander verbunden. Das bedeutet in der Konsequenz, dass der von Faulkner übersetzte “winding waterway”, nicht mit einem Fluss, sondern mit dem Aufweg der Cheops Pyramide zu assoziieren ist.
Da die Rückseite des Totentempels unmittelbar in die Umfassungsmauer integriert war verkörpert er demgemäß eines der erwähnten Binsengefilde. In den Sprüchen 263-65 ist ausdrücklich die Rede von “den Binsengefilden“; der so genannte Totentempel verkörperte also nicht nur das Irdische, sondern auch das Himmlische, und war die unmittelbare Verbindung zwischen Wasserweg und der sich im Urgewässer spiegelnden östlichen Seite des Himmels/Horizonts (des Chufu).
Das legt den Schluss nahe, dass auch der Tempel, besser gesagt dessen Dach, so konstruiert war, dass es mit Wasser gefüllt werden konnte, worin sich dann das himmlische Binsengefilde spiegelte, über das der König gemäß den Texten übergesetzt wurde, um von dort den Eingang der Pyramide zu erreichen. Die darunter liegenden Räumlichkeiten des Tempels dürften demnach wohl ein symbolischer Teil der Unterwelt gewesen sein.
Die angesprochenen Wasserabläufe im Hof des Tempels dürften weniger als Ableitung für Regenwasser angelegt worden sein, sondern primär für Wasser, das durch eventuelle Undichtigkeiten des Daches in den Hof gelangte.
*Der an dieser Stelle (die sog. “Schilfbündelsprüche”) genannte Begriff ist <mr-nxA> „der gewundene Wasserlauf“, der in den Pyramidentexten oft verwendet wird. [9]Hannig, Ägyptisches Wörterbuch, Bd. I, S. 1556.
Das Wort <nxA>, das hier als “winding” wiedergegeben ist, bleibt in seinem Zusammenhang als „Gewässername“ unklar. Das damit verbundene Wort <jAx> heißt in seiner Grundbedeutung „überschwemmt (sein)“ und im Zusammenhang mit Wasser dann wohl „Überschwemmungskanal“, o.ä.
<mr> „Kanal, Wassergraben“ wird mal mit, mal ohne mr-Hacke geschrieben; [10]Hannig, Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch, S. 345.
<nxA> ist mit der Bedeutung „gewunden“ bei Hannig nicht erwähnt. Sicher ist sie aus dem „gewundenen“ Determinativ in § 359 und anderen Stellen in den Pyramidentexten abgeleitet. Hinzu kommt noch § 2061c, wo es heißt: <Hr qAb.w mr-nxA>… „auf den Windungen des gewundenen Wasserlaufs", <qAb.w> "Windung,(Schlange, Gewässer), Krümmung". [11]op. cit, S. 849.
Faulkner übersetzt hier: “upon the bends of the Winding Waterway”. “Bends” übersetzt ins Deutsche, bedeutet Knick, Krümmung, Biegung, und damit liegt er sicher nicht falsch.
Eine andere Möglichkeit ist <mr n xA>, so dass man dann xA-Kanal zu lesen hätte. Diese Position verfolgt Rolf Krauss. [12]Krauss, Astronomische Konzepte und Jenseitsvorstellungen.
Der altägyptische Name dieses Kanals lässt sich auch heute noch nicht sicher übersetzen. Vorschläge lauten auf ‘Kanal des Vernichtens’, oder ‘Krummer Kanal’ sowie “Hin-und-Her-Pendelnder Kanal”. [13]Krauss, Altägyptische Astronomie in den Pyramidentexten.
Das gekrümmte Kanalzeichen scheint eine Besonderheit der Schreiber der Pepi-I-Pyramide zu sein, die wohl auf die Weiterentwicklung der Schrift zurückzuführen ist. Es erscheint in dieser Form nur dort: §§ 359b, 594b, f, 595b, 596b, 597b und ff., 1228c, 1441a – und wurde in den nachfolgenden Pyramiden nicht übernommen.
Die Frage ist in welcher Ansicht man den Determinativ für Kanal dargestellt hat. In der Regel sind die Hieroglyphen in der Seitenansicht und in der Frontansicht dargestellt, selten in der Draufsicht. Das Zeichen N37 “Teich” z.B., ist in der Draufsicht dargestellt. Für den Teich gibt es viele Abbildungen in Gräbern, die ihn von oben zeigen, während Bäume und Sträucher in der Seitenansicht um ihn herum stehen. Für das Zeichen N36 “Kanal” wird auch die Darstellung in der Draufsicht angenommen (s. Abb. 11), ohne jedoch ähnliche Ableitungen wie bei “Teich” heranziehen zu können. Wäre es aber entgegen der Annahme die Seitenansicht, käme dem Determinativ des “gewundenen”
Kanals in § 359 eine ganz andere Bedeutung zu – dann wäre es der “Auf-, oder ansteigende Wasserweg (kanal)”.
Insofern kann man “Winding Waterway” durchaus als “gekrümmter Wasserweg (Kanal)”, oder vielleicht sogar als “aufsteigender Wasserweg” deuten; beides träfe in dem von mir vorausgesetzten Kontext mit dem Cheops Aufweg zu. Heute lässt sich nur noch ein schemenhaftes Bild vom Aufweg zeichnen. Er besteht prinzipiell aus drei Teilen und hat eine Gesamtlänge von ca. 825m (s. Abb. 12). Der Erste Teil verläuft von seiner Mündung in den Taltempel bis zum Knick (Krümmung) ca. 125 m. Der mittlere Teil, bestehend aus einem gewaltigen Viadukt, reicht vom Knick in der Abdel Hamid el-Wastani Street bis hinauf zum Plateau und der obere Teil auf dem Plateau, der schließlich im Pyramidentempel (Totentempel) an der Ostseite der Cheopspyramide mündet.
Vom Aufweg ist heute, von gewaltigen Aufmauerungen in Form des schon erwähnten Viadukts einmal abgesehen, kaum noch etwas zu sehen. Vor dem Abbruch des Plateaus, etwa 250-270 m östlich des Pyramidentempels, sind Blöcke, grob in Form gebracht aus lokalem Kalkstein, in situ vorhanden (s. Abb. 13), die die Basis des Aufweg bildeten. [14]MR IV, p. 68.
Einst muss es sich bei diesem Aufweg um eine der eindrucksvollsten Anlagen Ägyptens gehandelt haben, über die der griechische Geschichtsschreiber Herodot begeistert schrieb:
“Zehn lange Jahre dauerte es, bis das geplagte Volk die Straße gebaut hatte, auf der sie die Steine zogen, und ihre Erbauung war eine Leistung nicht viel geringer als die Erbauung der Pyramide, meine ich jedenfalls; denn lang ist sie fünf Stadien (930,5 m) [15]Meter nach Messiha, p. 13. und breit zehn Klafter (18,30 m) und hoch, da wo sie am meisten herausragt, acht Klafter, und sie ist aus geglätteten Steinen, und Bilder sind darin eingemeißelt.” [16]Herodot, II, 124.
Georges Goyon, der den Aufweg im Dorf verfolgt und anhand dort gefundener Mauerreste rekonstruiert hat, stellte fest, dass allein das Viadukt ohne Aufbau eine Höhe von mehr als 21 m gehabt und dabei ein Volumen von ca. 140.000 Kubikmeter Steinblöcken verschlungen haben muss (s. Abb. 14). [17]Goyon, Le secret, p. 157. Nach einer Beobachtung von Mark Lehner erhöht sich das Volumen noch erheblich, denn die Höhe am Abbruch des Plateaus dürfte wohl eher 30 m betragen haben. [18]Lehner, Development, p. 120.
Goyon führte seine Untersuchungen einmal direkt am Abbruch des Plateaus, Senn el-Agouz, und weiter östlich, an einer Stelle die noch unbebaut war durch. So wie in einigen daran angrenzenden Straßen dieses Bereichs. [19]Goyon, La chausée, pp. 49-70
Bei Senn el-Agouz wählte Goyon ebenfalls einen Bereich der noch nicht bebaut war. [20]ibd, pp. 51 ff.
Praktisch die ganze Aufschüttung, die noch heute dort zu sehen ist, besteht aus den Resten dieses Aufwegs. [21]ibd, p. 50. Unter diesen Überbleibseln fand Goyon noch 22 Lagen von Blöcken in situ, die Aufschluss über diverse Merkmale des gewaltigen Viadukts zuließen. [22]ibd, p. 51.
In Ps 267 § 365 spricht der König:
“Ein Treppenaufgang zum Himmel ist für mich bereitgestellt, damit ich auf ihm zum Himmel emporsteigen möge” [.]
Setzen wir den Aufweg nunmehr als “gekrümmten Wasserweg” (aufsteigenden) voraus, so kann mit Treppenaufgang nur dieser gemeint sein, der als Schiffstreppe in Form mehrerer integrierter Schleusen für die Barke diente, auf der der König hinauf auf die östliche Seite des Himmels, bzw. Horizonts befördert wurde.
Um die verschieden großen Lokalitäten passieren zu können, benötigte der König verschieden große Barken, wie sie in unmittelbarer Nähe der Pyramide bestattet worden sind. Um den Aufweg und das Tempeldach zu passieren war eine kleinere Barke erforderlich, als die rekonstruierte Barke, welche über 40 m lang ist. Auf ihr dürfte der König nach seinem Tod in einer Abschiedsprozession über den Nil durch die Gaue gefahren worden sein, denn es konnten ja nicht alle Einwohner Ägyptens seiner Bestattung, bzw. Umwandlung in Gizeh beiwohnen. Nach Abschluss dieser Prozession kehrte sie zurück in den Hafen vor dem Taltempel, von wo aus der Aufstieg der Sonne (Re) gleich im Osten begann und zunächst zwar in westliche Richtung, aber auf die östliche Seite des Himmels und des Horizontes führte.
Darüber, ob das Dach des Taltempels gleichfalls so konstruiert war, dass es mit Wasser aufgefüllt war, oder ob es nur als Anlegestelle für den Aufweg diente, gibt es keinen Hinweis in den Texten. Angesichts des kläglichen Befundes, der kaum mehr als die Standortbestimmung zulässt, kann die architektonische Gestaltung des Tempels nicht rekonstruiert werden. Die Herleitung aus der vorangegangenen Entwicklung ist genauso wenig möglich, denn beim direkten Vorgänger der Cheopspyramide, der Roten Pyramide, ist der Befund eher noch schlechter zu deuten.
Ps 304 § 469 berichtet von einem Schleusenwärter der erhöht am Ufer des Wasserwegs steht, deshalb ist davon auszugehen, dass es eine Kombination aus Schiffstreppe und Aufweg war.
Eine Möglichkeit vom Nil her Wasser in diese Schiffstreppe, zu pumpen gab es nicht, infolgedessen kann das Wasser nur von Oben, aus dem Pyramidenhof, in den Aufweg geleitet und von dort, vielleicht unter Einbeziehung des Taltempels, in den Hafen abgeleitet worden sein.
[1] Bonnet, Hans; Lexikon der Ägyptschen Religionsgeschichte S.594.
[2] op.cit.; S.293 f.
[3] op.cit.; S.194.
[4] Maragioglio & Rinaldi IV; p. 66.
[5] op. cit.; p. 64, Lauer, temple funéraire, Pl. LXVIII.
[6] Borchardt, Ludwig; Längen und Richtungen, vgl. a. MR IV, p. 66.
[7] Bonnet, Hans; S. 525.
[8] op. Cit.; S. 128.
[9] Hannig, Rainer; Ägyptisches Wörterbuch, Bd. I, S. 1556.
[10] Hannig, Rainer; Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch, S. 345.
[11] op. cit., S. 849.
[12] Krauss, Rolf; Astronomische Konzepte und Jenseitsvorstellungen.
[13] Krauss, Rolf; Altägyptische Astronomie in den Pyramidentexten.
[14] Maragioglio & Rinaldi IV; p. 68.
[15] Meter nach Messiha; p. 13.
[16] Herodot; II, 124.
[17] Goyon, Georges; Le secret, p. 157.
[18] Lehner, Mark; Development, p. 120.
[19] Goyon, Georges; La chausée, pp. 49-70.
[20] ibd.; pp. 51 ff.
[21] ibd.; p. 50.
[22] ibd.; p. 51.

References: § 1652
 § 265
 § 397
 § 95
 § 165
 § 1039
 § 151
 § 774
 § 788
 § 857
 § 340
 § 343
 § 359
 § 2061
 § 359
 § 365
 § 469