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Timestamp: 2018-05-22 19:34:32+00:00

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VG Köln, 19 K 2117/03: VG Köln: verkündung, umwandlung, rechtsverordnung, erlass, unechte rückwirkung, widerruf, rücknahme, streichung, rechtsgrundlage, ermächtigung
Urteil des VG Köln vom 19.03.2004, 19 K 2117/03
19 K 2117/03
VG Köln: verkündung, umwandlung, rechtsverordnung, erlass, unechte rückwirkung, widerruf, rücknahme, streichung, rechtsgrundlage, ermächtigung
Verkündung, Umwandlung, Rechtsverordnung, Erlass, Unechte rückwirkung, Widerruf, Rücknahme, Streichung, Rechtsgrundlage, Ermächtigung
Verwaltungsgericht Köln, 19 K 2117/03
Aktenzeichen: 19 K 2117/03
Tenor: Die Bescheide des Direktors des Amtsgerichts L. vom 13. und 18. März 2003 werden aufgehoben.
Die Kostenentscheidung ist vorläufig vollstreckbar. Das beklagte Land darf die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung oder Hinterlegung in Höhe des beizutreiben- den Betrages abwenden, wenn nicht die Klägerin vor der Vollstreckung Sicherheit in derselben Höhe leistet.
Tatbestand: Die Klägerin steht als Justizamtfrau im Dienst des beklagten Landes und ist beim Amtsgericht L. beschäftigt. Mit ihrer Klage wendet sie sich gegen die nachträgliche Umwandlung des von ihr am 24. Januar 2003 in Anspruch genommenen sog. Arbeitszeitverkürzungstages (AZV-Tag) in Erholungsurlaub im Zusammenhang mit der rückwirkenden Streichung der betreffenden Dienstbefreiungsregelung im Jahre 2003.
2Seit der Tarifeinigung 1985 wurden Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst im Zuge der Arbeitszeitverkürzung in jedem Kalenderhalbjahr an einem Arbeitstag unter Fortzahlung der Bezüge von der Arbeit freigestellt. Die Freistellung vom Dienst an halbjährlich einem Arbeitstag führte das beklagte Land in der Folgezeit stufenweise auch für Beamte ein. Mit Wirkung vom 1. Juli 1996 wurde diese Freistellung auf einen Tag im Kalenderjahr reduziert. Nach § 2a Abs. 1 Satz 1 der Verordnung über die Arbeits- zeit der Beamten im Lande Nordrhein Westfalen in der bis zum 13. Januar 2003 geltenden Fassung der Bekanntmachung vom 28. Dezember 1986 (GV. NRW. 1987 S. 15), zuletzt geändert durch Verordnung vom 25. Januar 2000 (GV. NRW. S. 26) - AZVO a.F. - wurde der Beamte im Kalenderjahr an einem Arbeitstag - sofern er Schichtdienst leistete, für eine Dienstschicht - vom Dienst freigestellt.
3Am 10. Januar 2003 wurde die Tarifrunde 2002/2003 im öffentlichen Dienst u.a. mit dem Ergebnis abgeschlossen, dass auch der zuletzt verbliebene AZV-Tag für Arbeitnehmer mit Wirkung vom 01. Januar 2003 entfällt.
Durch Runderlass vom 14. Januar 2003 - Az.: 24-1.25.02-7/03 - teilte das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen u.a. den übrigen obersten Landes- 1
behörden seine Absicht mit, die für Beamtinnen und Beamte geltende Rechtslage durch eine kurzfristig vorzunehmende Änderung des § 2a AZVO a.F. mit rückwirken- der Kraft der nunmehr für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer geltenden Rechtslage anzupassen. Mit Rücksicht auf die erfolgte bzw. bevorstehende Rechts- änderung werde im Einvernehmen mit dem Finanzministerium gebeten, bei Arbeit- nehmern und Beamten keinen AZV-Tag mehr zu bewilligen. Sollten AZV-Tage be- reits bewilligt, aber noch nicht in Anspruch genommen worden sein, so sei dem Be- schäftigten mitzuteilen, dass die Rechtsgrundlage für die Inanspruchnahme entfallen sei. Für den Bereich der Beamtinnen und Beamten werde auf die Widerrufsmöglich- keit gemäß § 49 Abs. 2 Nr. 4 VwVfG hingewiesen. Es bestünden keine Bedenken, diese Tage im Einvernehmen mit den Beschäftigten in Erholungsurlaub oder Gleitta- ge umzuwandeln. Sei der arbeitsfreie Tag für das Jahr 2003 bis zum 13. Januar 2003 bereits in Anspruch genommen, habe es hierbei sein Bewenden.
5Dieser Runderlass wurde mit Erlass des Justizministeriums des Landes Nord- rhein- Westfalen vom 17. Januar 2003 - Az. 2043 - I B.11 - u.a. dem Präsidenten O- berlandesgerichts Köln bekannt gegeben, der beide Erlasse am 17./20. Januar 2003 an die Leiter der ihm nachgeordneten Justizbehörden per E-Mail oder Telefax weiterleitete.
6Durch Art. I der "Verordnung zur Änderung der Verordnung über die Arbeitszeit der Beamten im Lande Nordrhein-Westfalen sowie zur Änderung der Verordnung über die Arbeitszeit der Polizeivollzugsbeamten des Landes Nordrhein-Westfalen und zur Änderung der Verordnung über die Arbeitszeit der Beamten des feuerwehr- technischen Dienstes in den Feuerwehren der Gemeinden und Gemeindeverbände des Landes Nordrhein-Westfalen" vom 18. Februar 2003 wurde § 2a AZVO a.F. ge- strichen. Diese Verordnung wurde im Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Nordrhein-Westfalen vom 7. März 2003, S. 74, veröffentlicht. Sie tritt nach Art. V mit Wirkung vom 14. Januar 2003 in Kraft. Die Verordnung enthält in Art. IV eine Über- gangsregelung mit folgendem Wortlaut: "Arbeitstage, die ab dem 14. Januar 2003 als Arbeitszeitverkürzungstage in Anspruch genommen worden sind, werden in Erho- lungsurlaubstage umgewandelt. Soweit die jeweiligen Arbeitszeitregelungen es zu- lassen, ist wahlweise eine Umwandlung in Freizeitausgleich im Rahmen der Gleiten- den Arbeitszeit möglich."
7Mit Erlass vom 7. März 2003 - Az. 2043 - I B. 11 - wies das Justizministerium die Landesjustizbehörden unter wörtlicher Wiedergabe des Art. IV der Änderungsverordnung auf die eingetretene Rechtsänderung hin und erteilte den Dienstvorgesetzten die Weisung, bewilligte, aber noch nicht abgewickelte Freistellungen gemäß § 49 Abs. 2 Nr. 4 VwVfG NRW zu widerrufen.
8Bereits am 16. Januar 2003 hatte die Klägerin für den 24. Januar 2003 ihre Frei- stellung vom Dienst nach § 2a AZVO a.F. beantragt. Der Arbeitszeitverkürzungstag wurde ihr durch Verfügung des Direktors des Amtsgerichts L. vom 17. Januar 2003 antragsgemäß bewilligt und von ihr in Anspruch genommen.
9Nach Änderung der AZVO teilte der Direktor des Amtsgerichts L. der Klägerin durch unförmlichen Bescheid vom 13. März 2003 mit, dass der am 24. Januar 2003 in Anspruch genommene AZV-Tag in einen Erholungsurlaubstag umgewandelt wer- de, da sie von ihrem "Wahlrecht nach dem Erlass des Justizministeriums vom 7. März 2003" keinen Gebrauch gemacht habe.
10Hiergegen legte die Klägerin am 14. März 2003 Widerspruch ein, mit dem sie geltend machte, die nachträgliche Streichung des AZV-Tages und die Umwandlung in einen Urlaubstag seien rechtswidrig. Diesen Widerspruch wies der Direktor des Amtsgerichts L. durch Bescheid vom 18. März 2003 unter Hinweis auf den v.g. Erlass des Justizministeriums sinngemäß als unbegründet zurück.
11Am 10. April 2003 hat die Klägerin Klage erhoben, zu deren Begründung sie vorträgt: Die Umwandlung des am 24. Januar 2003 in Anspruch genommenen AZV- Tages in einen Erholungsurlaubstag aufgrund der rückwirkend zum 14. Januar 2003 in Kraft gesetzten Änderungsverordnung vom 18. Februar 2003 stelle eine verfassungsrechtlich unzulässige echte Rückwirkung in einen abgeschlossenen Sachverhalt dar, die ihr damaliges Vertrauen in den Bestand der geltenden Rechtslage unbillig beeinträchtige. Die Änderung der AZVO sei erst nach der Bewilligung und der Inanspruchnahme des Arbeitszeitverkürzungstages erfolgt. Die beabsichtigte Rechtsänderung, namentlich der Runderlass des Innenministeriums vom 14. Januar 2003, sei ihr vor der Dienstbefreiung am 24. Januar 2003 nicht bekannt gegeben worden; vielmehr habe sie erstmals durch den angefochtenen Bescheid vom 13. März 2003 davon erfahren, dass der in Anspruch genommene AZV-Tag in einen Erholungsurlaubstag umgewandelt werden solle. Die angegriffene Maßnahme beinhalte im Übrigen den rechtswidrigen Widerruf eines begünstigenden Verwaltungsaktes. Die gesetzlichen Voraussetzungen für einen Widerruf der Bewilligung des AZV-Tages gemäß § 49 Abs. 2 Nr. 4 VwVfG lägen nicht vor, weil sie von der Bewilligung bereits Gebrach gemacht habe und eine konkrete Gefährdung des öffentlichen Interesses durch den Fortbestand der Bewilligung nicht bestehe.
den Bescheid des Direktors des Amtsgerichts L. vom 13. März 2003 in Gestalt des Widerspruchsbescheids vom 18. März 2003 aufzuheben. 13
Das beklagte Land beantragt, 14
Zur Begründung führt es aus: Die rückwirkende Streichung des Arbeitszeitverkürzungstages und die angeordnete Umwandlung in Anspruch genommener AZV-Tage in Urlaubstage durch die Verordnung vom 18. Februar 2003 seien als eine verfassungsrechtlich unbedenkliche unechte Rückwirkung zu beurteilen. Eine echte Rückwirkung liege insoweit nicht vor, weil Beamte nach früherer Rechtslage "im Kalenderjahr" an einem Arbeitstag freigestellt worden seien. Die Änderungsverordnung sei im Interesse der Gleichbehandlung von Beamten mit Arbeitnehmern rückwirkend zum 14. Januar 2003 in Kraft gesetzt worden. Normzweck der Umwandlungsregelung sei das der Gleichbehandlung aller Bediensteter sowie der Vermeidung von Unfrieden dienende Anliegen, die durch Inanspruchnahme des AZV- Tages Begünstigten nicht besser zu stellen als diejenigen, denen ab dem 14. Januar kein AZV-Tag mehr bewilligt worden sei. Der Nachteil, dass der Urlaubsanspruch der Betroffenen um einen Tag verringert werde, erscheine bei einer Abwägung unter Verhältnismäßigkeitsgesichtspunkten zumutbar und verdiene seinem Gewicht nach keinen Vorrang vor der Verwirklichung der Normänderungszwecke. Zumindest seit dem Tarifabschluss 2002/2003 und der entsprechenden Medienberichterstattung habe kein schützenswertes Vertrauen auf die Weitergewährung des AZV-Tages für Beamte mehr 16
bestehen können. Der Verlust des AZV-Tages bedeute zudem keinen besonders schwerwiegenden Eingriff in die Rechtsposition der Beamten, zumal diese insoweit keine erheblichen Dispositionen getroffen hätten, die hierdurch nachträglich entwertet werden könnten. Der Klägerin sei die Erlasslage zum Zeitpunkt der Inanspruchnahme des AZV-Tages im Übrigen bekannt gewesen. Sie selbst habe am 15. Januar 2003 per E-Mail sämtliche Bedienstete des Amtsgerichts L. über den den Tarifbereich betreffenden Erlass des Finanzministeriums vom 13. Januar 2003 informiert, wonach Arbeitern und Angestellten ab dem 14. Januar 2003 kein AZV-Tag mehr gewährt werden sollte. Aus diesem Grunde habe der Direktor des Amtsgerichts L. von einer Bekanntgabe des mit Erlass des Justizministeriums vom 17. Januar 2003 weitergeleiteten Runderlasses des Innenministeriums vom 14. Januar 2003 an die Bediensteten des örtlichen Amtsgerichts abgesehen.
Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakte und der beigezogenen Verwaltungsvorgänge Bezug genommen. 17
Entscheidungsgründe Die Klage ist als Anfechtungsklage zulässig und begründet. 18
Die Bescheide des Direktors des Amtsgerichts L. vom 13. und 18. März 2003 sind rechtswidrig und verletzen die Klägerin in ihren Rechten. Die angeordnete Umwandlung des von ihr am 24. Januar 2003 in Anspruch genommenen AZV-Tages in einen Erholungsurlaubstag entbehrt einer diesen belastenden Verwaltungsakt rechtfertigenden gesetzlichen Ermächtigungsgrundlage.
20Auf die in der Klageerwiderung des beklagten Landes angeführte Bestimmung des Art. IV Satz 1 der Verordnung zur Änderung der AZVO vom 18. Februar 2003 (ÄndVO- AZVO) kann die angegriffene Verwaltungsentscheidung nicht gestützt werden, weil diese untergesetzliche Norm wegen Verstoßes gegen höherrangiges Recht unwirksam ist.
Die als Übergangsvorschrift konzipierte Regelung, nach der Arbeitstage, die ab dem 14. Januar 2003 - also nach dem rückwirkenden Inkrafttreten der am 7. März 2003 verkündeten Änderungsverordnung - in Anspruch genommen worden sind, in Erholungsurlaubstage umgewandelt werden, verstößt zunächst gegen Art. 70 Sätze 1 bis 3 der Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen (LVerf). Danach bedarf eine landesrechtliche Rechtsverordnung einer Ermächtigung durch ein formell-materielles Landesgesetz, das Inhalt, Zweck und Ausmaß der erteilten Ermächtigung bestimmen muss; nach Art. 70 Satz 3 LVerf ist in jeder Rechtsverordnung die ihr zugrunde liegende gesetzliche Ermächtigungsnorm anzugeben. Die in der Änderungsverordnung vom 18. Februar 2003 zitierte (hier allein relevante) Rechtsgrundlage des § 78 Abs. 3 des Landesbeamtengesetzes (LBG) ermächtigt die Landesregierung, das Nähere zu den Absätzen 1 und 2 (sowie zu § 78a Abs. 1 LBG), insbesondere über Dauer, Verlängerung und Verkürzung der regelmäßigen Arbeitszeit sowie über dienstfreie Zeiten der Beamten durch Rechtsverordnung zu regeln. Die Umwandlungsvorschrift des Art. IV Satz 1 ÄndVO- AZVO beschränkt sich aber nicht auf eine Regelung der Arbeitszeit i.S.d. § 78 Abs. 1 und 2 LBG, sondern greift in einem der Rücknahme oder dem Widerruf begünstigender Verwaltungsakte (§§ 48, 49 VwVfG NRW) vergleichbaren Weise nachträglich in die Bewilligung eines AZV-Tages ein und verfügt zugleich ohne entsprechenden Antrag der betroffenen Beamten über deren Anspruch auf Erholungsurlaub (vgl. § 101 Abs. 1 LBG i.V.m. § 1 der Erholungsurlaubsverordnung). Die der Arbeitszeitverkürzung dienende Freistellung vom Dienst an einem Arbeitstag im 19
Kalenderjahr nach § 2a AZVO a.F. wurde unabhängig vom Erholungsurlaub gewährt und war rechtssystematisch keine Urlaubs-, sondern eine Arbeitszeitregelung.
22Vgl. im Einzelnen: Plog/Wiedow/Beck/Lehmhöfer, Kommentar zum Bundesbeamtengesetz, Loseblattausgabe, § 72 Rdnr. 14a.
23Für eine Gleichsetzung von AZV-Tagen mit Erholungsurlaubstagen und deren wechselseitige Verrechnung bietet folglich § 78 Abs. 3 LBG keine Grundlage. Dieser Vorschrift ist auch keine Ermächtigung dafür zu entnehmen, eine von dem zuständigen Dienstvorgesetzten verfügte Bewilligung eines AZV-Tages nach dessen Inanspruchnahme ohne Rücksicht auf die Voraussetzungen der §§ 48, 49 VwVfG NRW nachträglich aufzuheben. Die in Art. IV Satz 1 ÄndVO-AZVO mittelbar vorgesehene Aufhebung der Bewilligung eines bereits in Anspruch genommenen AZV-Tages und dessen Umwidmung in einen Erholungsurlaubstag überschreitet daher eindeutig die Grenzen der in der Verordnung zitierten gesetzlichen Verordnungsermächtigung des § 78 Abs. 3 LBG.
24Vgl. ebenso: VG Gelsenkirchen, Urteile vom 25. November 2003 - 1 K 4269/03 -, S. 7 der Ausfertigung, und- 1 K 4348/03 -, NWVBl 2003, 118.
25Die Umwandlungsregelung des Art. IV Satz 1 ÄndVO-AZVO verletzt für Fallkonstellationen der vorliegenden Art außerdem das aus dem Rechtsstaatsprinzip (Art. 20 Abs. 3, Art. 28 Abs. 1 Satz 1 GG) abzuleitende Rückwirkungsverbot, das als rechtsstaatliche Gewährleistung der Rechtssicherheit und des Vertrauensschutzes im Beamtenverhältnis eine eigene, von Art. 33 Abs. 5 GG umfasste Ausprägung erfahren hat,
26vgl. dazu im Einzelnen: BVerfG, Beschluss vom 10. Dezember 1985 - 2 BvL 18/83 -, BVerfGE 71, 255 (272) m.w.N.; BVerwG, Urteil vom 3. Juli 2003 - 2 C 36.02 -, DVBl 2003, 1554.
27Die Übergangsvorschrift enthält jedenfalls insoweit eine verfassungsrechtlich unzulässige "echte" Rückwirkung als danach u.a. solche Arbeitstage, die in der Zeit zwischen dem rückwirkenden Inkrafttreten der Änderungsverordnung vom 18. Februar 2003 am 14. Januar 2003 und ihrer Verkündung im Gesetz- und Verordnungsblatt am 7. März 2003 aufgrund entsprechender Bewilligung als Arbeitszeitverkürzungstage in Anspruch genommen wurden, nachträglich in Erholungsurlaubstage umgewandelt werden.
28Eine Rechtnorm mit belastendem Inhalt entfaltet dann eine nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts grundsätzlich unzulässige "echte" Rückwirkung, wenn der Beginn ihres zeitlichen Anwendungsbereichs, in dem die Rechtsfolgen der Regelung eintreten sollen, auf einen vor dem Gültigwerden der Norm liegenden Zeitpunkt festgelegt wird. Das ist dann der Fall, wenn ein Gesetz nachträglich in bereits abgewickelte, der Vergangenheit angehörende Sachverhalte normativ eingreift. Im Grundsatz erlaubt die Verfassung nur ein belastendes Gesetz, dessen Rechtfolgen frühestens mit Verkündung der Norm eintreten. Die Anordnung, eine Rechtsfolge solle schon für einen vor dem Zeitpunkt der Verkündung der Norm liegenden Zeitraum eintreten, ist grundsätzlich mit den allgemeinen rechtsstaatlichen Grundsätzen des Vertrauensschutzes und der Rechtssicherheit nicht vereinbar. Denn der von einem Gesetz Betroffene muss regelmäßig bis zur Verkündung einer
gesetzlichen Neuregelung darauf vertrauen können, dass er nicht nachträglich einer bisher nicht geltenden Belastung unterworfen wird. Eine rechtssatzmäßige "Rückbewirkung" von Rechtsfolgen ist nur dann ausnahmsweise verfassungsrechtlich zulässig, wenn sich bei den Betroffenen kein Vertrauen in den Fortbestand der bisherigen Rechts (mehr) bilden konnte, wenn durch die Rückwirkung ein nur ganz unerheblicher Rechtsnachteil verursacht wird oder wenn sie durch zwingende, dem Gebot der Rechtssicherheit und des Vertrauensschutzes übergeordnete Gründe des gemeinen Wohls gerechtfertigt ist.
Vgl. zum Ganzen: BVerfG, Urteil vom 5. Februar 2004 - 2 BvR 2029/01 -, www.bverfg.de/entscheidungen/rs20040205_2bvr202901.html, Rz. 175 ff. = EuGRZ 2004, 73, sowie Beschlüsse vom 3. Dezember 1997 - 2 BvR 882/97 -, BVerfGE 97, 67 (78 f.), vom 15. Oktober 1996 - 1 BvL 48/92 -, BVerfGE 95, 64 (86 f.) und vom 14. Mai 1986 - 2 BvL 2/83 -, BVerfGE 72, 200 (241 f.).
30Die Regelung des Art. IV Satz 1 ÄndVO-AZVO ist in ihrem vorbeschriebenen Anwendungsbereich als "echte" Rückwirkung zu qualifizieren, da die rückwirkend zum 14. Januar 2003 in Kraft gesetzte Vorschrift durch die angeordnete Umwandlung auch schon vor der Verkündung der Verordnung am 7. März 2003 in Anspruch genommener (bewilligter) AZV-Tage in Erholungsurlaubstage nachträglich in bereits abgewickelte Rechtsfolgen eines in der Vergangenheit liegenden abgeschlossenen Lebenssachverhalts belastend eingreift. Denn die tatsächliche Inanspruchnahme eines bewilligten AZV-Tages hatte die abschließende Erfüllung des ursprünglich auf das ganze Kalenderjahr 2003 bezogenen Anspruchs des Beamten nach § 2a Abs. 1 AZVO a.F. auf Freistellung vom Dienst an einem Arbeitstag im Jahr zur Folge; in diesen Fällen war die nachträglich mit Wirkung zum 14. Januar 2003 gestrichene Arbeitszeitregelung hinsichtlich ihrer Rechtsfolgen mithin schon vor dem Inkrafttreten der Änderungsverordnung und ihrer Übergangsvorschrift vollständig abgewickelt.
31Nach Auffassung der Kammer liegen keine besonderen Umstände vor, die die in Art. IV Satz 1 ÄndVO-AZVO vorgesehene "echte" Rückwirkung ausnahmsweise verfassungsrechtlich rechtfertigen. Es ist nicht ersichtlich, dass die Erstreckung der Rechtswirkungen dieser Regelung auf bereits vor ihrer Verkündung abgeschlossene Sachverhalte aus zwingenden Gründen des Gemeinwohls geboten war. Die von der Landesregierung angestrebte zeitnahe Gleichbehandlung von Arbeitnehmern und Beamten sowie die Vermeidung von Unfrieden wegen bereits vor der Verkündung der Änderungsverordnung bewilligter und ausgenutzter AZV-Tage rechtfertigen eine Durchbrechung des Rückwirkungsverbots unter diesem Gesichtspunkt nicht, zumal die Inanspruchnahme gemäß § 2a Abs. 1 AZVO a.F. bewilligter Arbeitszeitverkürzungstage in der Zeit vom 14. Januar bis zum 7. März 2003 verhältnismäßig wenige Einzelfälle des Anwendungsbereichs dieser rückwirkend aufgehobenen Regelung betraf. Die rückwirkende Umwandlung eines bereits vor dem 7. März 2003 in Anspruch genommenen und damit "verbrauchten" AZV-Tages in einen Erholungsurlaubstag bedeutet auch keine nur ganz unerhebliche Verschlechterung der Rechtsposition des betroffenen Beamten i.S.d. sog. Bagatellvorbehalts des Rückwirkungsverbots, da ihm hierdurch ohne sein Einverständnis ein Tag des sonst nur auf Antrag zu bewilligenden Erholungsurlaubs genommen wird.
Ein Zurücktreten des Rückwirkungsverbots hinter den Intentionen des Verordnungsgebers wegen fehlenden Vertrauensschutzes der von der Umwandlungsregelung nachträglich betroffenen Beamten scheidet hier ebenfalls aus. 29
Der Schutz des Vertrauens in den Fortbestand einer geltenden Rechtsfolgelage entfällt, wenn die Betroffenen bereits in dem Zeitpunkt, auf die sich die gesetzliche Rückwirkungsanordnung bezieht, nicht mehr mit der Fortgeltung der bisherigen Regelung rechnen durften. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts endete das schutzwürdige Vertrauen in den Bestand formell-materieller Gesetze erst mit dem Tag des endgültigen Gesetzesbeschlusses der zuständigen gesetzgebenden Körperschaft über die Neuregelung, weil die Betroffenen danach mit deren Verkündung und Inkrafttreten rechnen müssen und ihr Verhalten entsprechend einrichten können; allein das Bekanntwerden einer Gesetzesinitiative und die Berichterstattung über die Vorbereitung einer gesetzlichen Neuregelung durch die gesetzgebenden Körperschaften beseitigen den Vertrauensschutz aber nicht.
33Vgl. st. Rspr. des BVerfG, z.B. Beschlüsse vom 3. Dezember 1997, a.a.O., vom 15. Oktober 1996, a.a.O., S. 87, vom 14. Mai 1986, a.a.O., vom 10. März 1971 - 2 BvL 3/68 -, BVerfGE 30, 272 (287) und vom 19. Dezember 1961 - 2 BVL 6/59 -, BVerfGE 13, 261 (272).
34Beim Zustandekommen einer landesrechtlichen Rechtsverordnung - eines materiellen Gesetzes - gibt es keine dem Gesetzesbeschluss im Gesetzgebungsverfahren formellmaterieller Gesetze entsprechende, der Verkündung vorhergehende rechtsverbindliche Verlautbarung der Rechtssetzung, die das Vertrauen der von der Neuregelung betroffenen Bürger in die Fortgeltung der bisherigen Rechtlage beseitigen könnte. Die Beschlussfassung des Verordnungsgebers über den Erlass einer dem nordrheinwestfälischen Landesrecht unterliegenden Rechtsverordnung kann in diesem Zusammenhang nicht dem Gesetzesbeschluss einer gesetzgebenden Körperschaft gleichgestellt werden,
35vgl. aber a.A. BVerwG, Urteile vom 19. November 2002 - 2 C 32.01 -, Buchholz 237.7 § 72 NWLBG Nr. 5. und vom 22. März 2001 - 2 CN 1.00 -, Buchholz 237.6 § 75c NdsLBG Nr. 1 [ohne nähere Begründung zur rückwirkenden Änderung landesrechtlicher Rechtsverordnungen],
36da der Verordnungsbeschluss - anders als ein Gesetzesbeschluss - vor der Ausfertigung und Verkündung der Rechtsverordnung im Gesetz- und Verordnungsblatt nicht in einer öffentlich zugänglichen amtlichen Quelle bekannt gemacht wird. Der Beschluss eines Landesministers oder der Landesregierung über den Erlass einer Rechtsverordnung ist daher bis zu ihrer Verkündung nach Auffassung der Kammer nicht geeignet, das Vertrauen der Betroffenen in den Bestand des bisherigen Rechts zu beseitigen, da sie eine verordnungsrechtliche Rechtsänderung vor der Verkündung nicht voraussehen und ihr Verhalten demzufolge auch nicht darauf einstellen können. Eine dem Verordnungsbeschluss vorhergehende ministerielle Ankündigung einer beabsichtigten Rechtsverordnung - wie hier der Runderlass des Innenministeriums vom 14. Januar 2003 - vermag als bloße Absichtsbekundung im Vorfeld der Rechtssetzung den Vertrauensschutz in die bisherige verordnungsrechtliche Rechtslage ebenfalls nicht aufzuheben (ebenso: BVerwG, a.a.O.).
37Die danach ohne Rechtsgrundlage gegenüber der Klägerin verfügte Umwandlung des am 24. Januar 2003 in Anspruch genommenen AZV-Tages in einen Erholungsurlaubstag lässt sich auch nicht durch eine Umdeutung der angefochtenen Bescheide in eine Rücknahme oder in einen Widerruf der Bewilligung des Arbeitszeitverkürzungstages rechtfertigen.
38Eine solche Umdeutung kommt nach § 47 Abs. 1 VwVfG NRW schon deshalb nicht in Betracht, weil eine Rücknahme oder ein Widerruf der Bewilligung des AZV- Tages nicht auf die gleiche Rechtfolge gerichtet wäre wie die verfügte Umwandlung in einen Erholungsurlaubstag. Die Rücknahme sowie der Widerruf eines begünstigenden Verwaltungsaktes beseitigen zwar dessen Rechtsgrund und ermöglichen eine Rückabwicklung der rechtgrundlos erbrachten Leistung nach Bereicherungsgrundsätzen. Ein sich daraus ergebender öffentlich-rechtlicher Erstattungsanspruch vermag aber die Umwandlung eines in Anspruch genommenen AZV-Tages in einen Erholungsurlaubstag durch Verwaltungsakt des Dienstvorgesetzten nicht zu rechtfertigen, weil Erholungsurlaub ausschließlich auf Antrag des Beamten bewilligt werden kann.
39Im Übrigen waren die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Rücknahme oder einen Widerruf der Bewilligung des AZV-Tages im vorliegenden Fall nicht gegeben. Eine Rücknahme nach § 48 Abs. 1 Satz 2 VwVfG NRW scheidet insoweit aus, weil die Bewilligungsverfügung vom 17. Januar 2003 in dem für die rechtliche Beurteilung maßgebenden Zeitpunkt ihres Ausspruchs nicht rechtswidrig, sondern wegen des seinerzeit noch geltenden § 2a Abs. 1 AZVO a.F. rechtmäßig war. Die rückwirkende Streichung dieser Vorschrift zum 14. Januar 2003 ändert daran nichts, weil die Rechtmäßigkeit der Bewilligung eines AZV-Tages nicht vom Fortbestand ihrer Rechtsgrundlage bis zur Inanspruchnahme der Dienstbefreiung abhängig ist; denn eine solche Bewilligung hat nicht den Rechtscharakter eines Dauerverwaltungsaktes. Die Bewilligungsverfügung vom 17. Januar 2003 konnte auch nicht aufgrund der hier allein in Frage kommenden Ermächtigung des § 49 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 VwVfG NRW widerrufen werden, da die Klägerin von der ihr gewährten Begünstigung durch die Inanspruchnahme des AZV-Tages am 24. Januar 2003 bereits Gebrauch gemacht hatte.
40Der Klage war danach mit der Kostenfolge aus § 154 Abs. 1 VwGO zu entsprechen. Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf § 167 VwGO i.V.m. §§ 708 Nr. 11, 711 Satz 1 ZPO.

References: § 2
 § 2
 § 49
 § 2
 § 49
 § 2
 § 49
 Art. 70
 Art. 70
 § 78
 § 78
 § 78
 § 101
 § 1
 § 2
 § 72
 § 78
 § 78
 Art. 28
 Art. 33
 § 2
 § 2
 § 72
 § 75
 § 47
 § 48
 § 2
 § 49
 § 154
 § 167