Source: https://www.dbsv.org/ii-gleichbehandlung-und-barrierefreiheit.html
Timestamp: 2019-05-24 05:46:04+00:00

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„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.” So steht es in Artikel 3 Abs. 3 Satz 2 des Grundgesetzes (GG). Vergleichbare Regelungen finden sich auch in den Verfassungen der Bundesländer. Das verfassungsrechtlich garantierte Benachteiligungsverbot wird durch zahlreiche gesetzliche und untergesetzliche Regelungen konkretisiert. Dazu gehören solche zur Nichtdiskriminierung, zur barrierefreien Gestaltung der Umwelt und ein individuelles Leistungsrecht. Letzteres ist in Deutschland vor allem in den zwölf Teilen des Sozialgesetzbuches geregelt. Daneben enthalten aber auch andere Rechtsbereiche Schutzrechte und Nachteilsausgleiche. Gemeinsam ist allen Regelungen das Ziel, dass behinderte Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Entscheidend ist dabei, dass Gleichberechtigung immer vom Ergebnis her zu denken und zu beurteilen ist. Es reicht also nicht aus, dass behinderte Menschen formal die gleichen Rechte haben wie nicht behinderte Menschen. Vielmehr ist Gleichberechtigung erst erreicht, wenn gewährleistet ist, dass eine tatsächliche Gleichstellung erfolgt. Dieser Maßstab muss immer bei der Auslegung von Gesetzen, Verordnungen und sonstigen Regelungen angelegt werden.
Seit dem 26.03.2009 ist das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vom 13.12.2006 (kurz: Behindertenrechtskonvention, BRK) in Deutschland unmittelbar geltendes Recht. Die BRK schafft keine „Sonderrechte“, sondern sie konkretisiert die universellen Menschenrechte aus der Perspektive von behinderten Menschen. Durchgängiger Grundsatz ist dabei die Inklusion. Das heißt, behinderte Menschen sind von Anfang an selbstverständlich Teil einer pluralen Gesellschaft. Ihre Belange müssen konsequent mitgedacht und mitberücksichtigt werden, damit volle, wirksame und gleichberechtigte Teilhabe gelingt. Zu den Grundprinzipien gehören weiter die Achtung der Menschenwürde, der individuellen Autonomie einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, die Nichtdiskriminierung, die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt, die Chancengleichheit und die Zugänglichkeit. Konkretisiert werden diese Grundsätze für alle Lebensbereiche, also die unabhängige Lebensführung, persönliche Mobilität, Gesundheit, Bildung, Beschäftigung, Rehabilitation, freie Meinungsäußerung, Teilhabe am politischen Leben, um nur einige Beispiele zu nennen.
Da es sich bei der BRK um einen völkerrechtlichen Vertrag handelt, verpflichtet er vorrangig die Staaten zum Handeln, das heißt zur kontinuierlichen Umsetzung der für eine gleichberechtigte Teilhabe erforderlichen Maßnahmen. Das bedeutet, dass nicht alle „Rechte”, die in der BRK niedergelegt sind, auch vom einzelnen Bürger unmittelbar einklagbar sind. Dort allerdings, wo es um Fragen der Diskriminierung geht, bestehen unmittelbar geltende Ansprüche, wobei eine Diskriminierung auch in der Versagung angemessener Vorkehrungen bestehen kann. Daneben hat die BRK Einfluss auf die Auslegung der in Deutschland geltenden Gesetze und Rechtsverordnungen sowie auf den politischen Diskurs zur Weiterentwicklung unserer Rechtsordnung.
Die beim Deutschen Institut für Menschenrechte angesiedelte Monitoring-Stelle hat gemäß Artikel 33 Abs. 2 BRK den Auftrag, die Rechte von behinderten Menschen im Sinne der BRK in Deutschland konstruktiv wie kritisch zu begleiten.
Schon vor Ratifizierung der BRK galten in Deutschland verschiedene Richtlinien der EU zur Gleichbehandlung. Sie wurden auf nationaler Ebene durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vom 14.08.2006 gebündelt und präzisiert. Das Gesetz hat das Ziel, „Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.” Der Anwendungsbereich ist auf das Arbeitsrecht (siehe 3.1) und das Zivilrecht (siehe 3.2 und 3.3) beschränkt. Vom Schutzbereich werden sowohl unmittelbare als auch mittelbare Diskriminierungstatbestände umfasst. Das AGG verbietet nicht jede Ungleichbehandlung (wegen einer Behinderung oder wegen einer der anderen genannten Merkmale), stellt aber an ihre Zulässigkeit bestimmte Anforderungen. Zulässig sind auf jeden Fall positive Maßnahmen zugunsten behinderter Menschen oder bestimmter Behindertengruppen, wenn sie dem Ausgleich von Nachteilen und somit der Gleichstellung von behinderten und nicht behinderten Menschen dienen sollen. Auch die BRK erlaubt in Artikel 5 solche positiven Maßnahmen bzw. stuft sie nicht als (positive) „Diskriminierung” ein. Ebenso verbietet Artikel 3 Abs. 3 Satz 2 GG ganz bewusst nur die „Benachteiligung” wegen der Behinderung. Vergünstigungen im Sinne von Nachteilsausgleichen für behinderte Menschen unterliegen also keinem Verbot und auch nicht einer besonderen Begründungspflicht.
Gemäß § 27 AGG kann sich jeder, der der Ansicht ist, im Sinne des AGG benachteiligt worden zu sein, an die eigens dafür eingerichtete Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden (Glinkastraße 24, 10117 Berlin, Tel.: (0 30) 1 85 55 - 18 65, E-Mail: poststelle@ads.bund.de, Internet: www.antidiskriminierungsstelle.de). Daneben ist natürlich der Rechtsweg zu den jeweils zuständigen Gerichten offen, wobei für die Durchsetzung von Ansprüchen eine für den Betroffenen günstigere Beweislastverteilung gilt.
Die Gleichbehandlung im Berufsleben ist in den §§ 6 ff. AGG geregelt (siehe Kapitel VII, 3).
Benachteiligungen im Zusammenhang mit Verträgen und anderen Rechtsgeschäften unterliegen dem AGG nur, wenn es sich um sogenannte Massengeschäfte handelt. Das sind solche, „die typischerweise ohne Ansehen der Person zu vergleichbaren Bedingungen in einer Vielzahl von Fällen zustande kommen”. Es geht also um den Einkauf im Supermarkt oder beim Bäcker, um den Erwerb eines Autos vom Händler oder um das Buchen von Reisen. Wohnungsmietverträge zählen erst dann zu den „Massengeschäfte”, wenn der Vermieter mehr als 50 Wohnungen vermietet. Ob dieser eingeschränkte Geltungsbereich mit der BRK vereinbar ist, ist umstritten. Das AGG gilt ferner nicht für die in einem Testament verfügten Anordnungen.
Leider erklärt § 20 Abs. 1 Satz 2 AGG eine unterschiedliche Behandlung immer schon dann für zulässig, wenn sie „der Vermeidung von Gefahren, der Verhütung von Schäden oder anderen Zwecken vergleichbarer Art dient.”
Was erlaubt das AGG den Versicherungsunternehmen, was verbietet es? Der von der PKV vorgenommene Ausschluss von Vorerkrankungen ist dem Risikoprinzip geschuldet und verstößt deshalb nicht gegen das AGG. Wird aber der Abschluss des Vertrages aus Risikogründen verwehrt oder werden Risikozuschläge verlangt, so muss die Risikobewertung des Versicherungsunternehmens auf „relevanten und genauen versicherungsmathematischen und statistischen Daten beruhen” und ein für die Vertragsverweigerung oder für den Risikozuschlag „bestimmender Faktor” sein. Das AGG ist hier also relativ streng: Die Darlegungs- und Beweispflicht für die die Benachteiligung rechtfertigenden Gründe liegt hier voll beim betreffenden Versicherungsunternehmen.
Das Recht auf Gleichbehandlung einschließlich des Schutzes vor Diskriminierung gegenüber Behörden und anderen Trägern öffentlicher Gewalt ist nicht im AGG geregelt. Die wesentlichen Bestimmungen finden sich in den Behindertengleichstellungsgesetzen des Bundes und der Länder sowie im Sozialgesetzbuch.
Das Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes (BGG) hat das Ziel, die Benachteiligung von behinderten Menschen zu verhindern sowie ihre gleichberechtigte und barrierefreie Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten. Dadurch soll ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung ermöglicht werden. Das BGG bindet Dienst­stellen und sonstige Einrichtungen der Bundesverwaltung einschließlich der bundesunmittelbaren Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts sowie Landesverwaltungen des öffentlichen Rechts einschließlich landesunmittelbarer Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts, soweit diese Bundesrecht ausführen. Unter den Anwendungsbereich des BGG fallen insbesondere:
Bundesministerien und die ihnen nachgeordneten Behörden, die sachlich für bestimmte Verwaltungsaufgaben und örtlich für das gesamte Bundesgebiet zuständig sind (u. das Bundeskriminalamt, das Kraftfahrt-Bundesamt und das Statistische Bundesamt),
Bundesorgane, zum Beispiel der Deutsche Bundestag und die Bundesgerichte, soweit sie öffentlich-rechtliche Verwaltungstätigkeit ausüben,
Das BGG hat im Jahr 2016 eine grundlegende Überarbeitung erfahren. § 7 Abs. 1 BGG verbietet es den „Trägern öffentlicher Gewalt”, dass „behinderte und nicht behinderte Menschen ohne zwingenden Grund unterschiedlich behandelt und behinderte Menschen dadurch in der gleichberechtigten Teilhabe am Leben in der Gesellschaft unmittelbar oder mittelbar beeinträchtigt werden.” Ähnliche Regelungen zum Diskriminierungsschutz gibt es auch auf Landesebene.
Das Recht auf angemessene Vorkehrungen wird zum Beispiel in § 10 BGG konkretisiert. Blinde und sehbehinderte Menschen können hiernach zur Wahrnehmung eigener Rechte im Verwaltungsverfahren insbesondere verlangen, dass ihnen Bescheide, öffentlich-rechtliche Verträge und Vordrucke ohne zusätzliche Kosten auch in einer für sie wahrnehmbaren Form zugänglich gemacht werden. Das Nähere regelt die Verordnung über barrierefreie Doku­mente in der Bundesverwaltung (VBD). Ähnliche Regelungen gibt es in allen Bundesländern für die Landesbehörden. Im staatsanwaltlichen oder gerichtlichen Verfahren gilt § 191a Gerichtsverfassungsgesetz nebst der dazugehörigen Ausführungsverordnung. Wichtig: Anspruch auf Dokumente in zugänglichen Formaten hat man auch, wenn man eine andere Person mit der Wahrnehmung seiner Rechte beauftragt hat, wenn man also zum Beispiel anwaltlich vertreten wird.
Die Zugänglichmachung kann – je nach Wunsch des Betroffenen – durch Blindenschrift, Großdruck, durch elektronische Übermittlung (Datei), durch Aufsprache oder Vorlesen erfolgen. Die Behörde kann das vom Betroffenen gewählte Format nur dann zurückweisen, wenn es „ungeeignet” ist.
Zu beachten ist, dass für das rechtliche Verfahren, das heißt insbesondere für die Einhaltung von Fristen, weiterhin der ganz normale Schriftverkehr in Schwarzschrift maßgeblich ist. Die Blindenschrift ist also verfahrensrechtlich kein Ersatz für die Schwarzschrift. Allerdings sollen die Schwarzschrift-Dokumente möglichst gleichzeitig mit der dem blinden oder sehbehinderten Menschen zugänglichen Information beim Empfänger ankommen. Geht die zugängliche Information erst später zu und kann der Betreffende deshalb die ihm gesetzte Frist nicht einhalten, so kann er die Wiedereinsetzung des Verfahrens in den vorigen Stand beantragen und so die durch die Nichteinhaltung der Frist eintretenden Rechtsfolgen abwenden.
Neu ins BGG aufgenommen wurde die Verwendung von „Leichter Sprache“. Leichte Sprache soll vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten die Kommunikation erleichtern. Gemäß § 11 BGG sollen Träger öffentlicher Gewalt Infor­mationen vermehrt in Leichter Sprache bereitstellen. Sie sollen mit Menschen mit geistigen Behinderungen und Menschen mit seelischen Behinderungen in einfacher und verständlicher Sprache kommunizieren. Auf Verlangen sollen sie ihnen insbesondere Bescheide, Allgemeinver­fügungen, öffentlich-rechtliche Verträge und Vordrucke in einfach verständlicher Weise und, soweit dies nicht ausreicht, in Leichter Sprache erläutern.
Die BRK (siehe Kapitel II, 2) hebt die Notwendigkeit von Barrierefreiheit als Voraussetzung für die gleichberechtigte Teilhabe besonders hervor. Das BGG verpflichtet die Träger öffentlicher Gewalt, ihre baulichen Anlagen, Verkehrssysteme und Informationsangebote für behinderte Menschen zugänglich zu gestalten. Auch die Landesgleichstellungsgesetze sehen Regelungen zur Barrierefreiheit vor, wobei hier unterschiedlich weitgehende Normen geschaffen wurden.
§ 4 BGG definiert Barrierefreiheit wie folgt: „Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informations­verarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwer­nis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Hierbei ist die Nutzung behinderungsbedingt notwendiger Hilfsmittel zulässig.“ Diese Zieldefinition wird sodann für verschiedene Sachverhalte im BGG konkretisiert.
§ 8 BGG regelt die Bedingungen, unter denen die bauliche Barrierefreiheit in Gebäuden der Träger öffentlicher Gewalt zu gewährleisten ist.
§ 12 regelt den barrierefreien Zugang zu digitalen Informationsangeboten. Träger öffentlicher Gewalt gestalten ihre Internetauftritte und -angebote sowie die von ihnen zur Verfügung gestellten grafischen Programmoberflächen einschließlich Apps und sonstiger Anwendungen schrittweise barrierefrei. Die Einzelheiten, namentlich die anzuwendenden Standards, sind in der „Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV” geregelt. Der Bund ist zudem die Selbstverpflichtung eingegangen, das Intranet und die IT an den Arbeitsplätzen aller Mitarbeitenden schrittweise barrierefrei zu gestalten.
Um die Her- und Sicherstellung von mehr barrierefreien Angeboten zu unterstützen, wurde am 19.07.2016 bei der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See die Bundesfachstelle Barrierefreiheit errichtet. Sie berät und unterstützt vorrangig Bundesbehörden, steht auf Anfrage aber auch Unternehmen, Verbänden und gesellschaftlichen Organisationen als Ansprechpartner zur Verfügung.
Bei der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen ist eine Schlichtungsstelle eingerichtet (§ 16 BGG). Sie bietet Einzelpersonen und Verbänden die Möglichkeit, Streitigkeiten nach dem BGG außergerichtlich beizulegen. Das Verfahren ist kostenlos. Die Schlichtungsstelle ist erreichbar unter:
Schlichtungsstelle nach dem Behindertengleichstellungsgesetz,
Bei der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen,
Mauerstraße 53, 10117 Berlin,
Tel.: (0 30) 1 85 27 - 28 05,
E-Mail: info@schlichtungsstelle-bgg.de,
Internet: www.schlichtungsstelle-bgg.de).

References: § 27
 § 20
 § 7
 § 10
 § 191
 § 11

§ 4

§ 8

§ 12