Source: http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/3350/4432
Timestamp: 2019-10-21 00:53:14+00:00

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Volume 20, No. 3, Art. 6 – September 2019
Zusammenfassung: Auch wenn die Projekterfahrung zu partizipativen Forschungsansätzen im deutschsprachigen Raum zunimmt, sind partizipative Auswertungsverfahren noch selten erprobt. Bezugnehmend auf das im Forschungsverbund "PartKommPLus – Forschungsverbund für gesunde Kommunen" angesiedelte Teilprojekt "ElfE – Eltern fragen Eltern" zeigen wir ein Anwendungsbeispiel für die partizipative Datenauswertung, in der wir unter anderem das Kodierverfahren der Grounded-Theory-Methodologie (GTM) einsetzten. Die GTM ist an partizipative Ansätze gut anschlussfähig: Auch Mitforschende ohne sozialwissenschaftliche Grundausbildung können durch die starke Materialorientierung der GTM und die Prozesshaftigkeit des Kodierens in einem moderierten Arbeitsverfahren mitwirken. Andere Bestandteile der GTM stellen eine Herausforderung für die partizipative Gesundheitsforschung dar.
Thematisch ging es in ElfE um die Verbesserung der Chancengleichheit von Familien mit Kindern im Kita-Alter. In zwei Kommunen wurden Eltern mit Kindern im Kita-Alter als Peer- bzw. Mitforschende gewonnen. In Forschungswerkstätten wurde der gesamte Forschungsprozess partizipativ entwickelt und durchgeführt. Als Ergebnis sind Kernbotschaften für die kommunale Praxis, für Fachkräfte und für die Elternschaft entstanden.
In diesem Beitrag zeigen wir am empirischen Beispiel die partizipative Auswertung qualitativer Daten. Die GTM als etabliertes Verfahren der qualitativen Sozialforschung kann die methodische Weiterentwicklung partizipativer Forschung unterstützen. Voraussetzung ist eine sparsame Datenerhebung, die Steuerung des Auswertungsprozesses sowie ein arbeitsteiliges Vorgehen zwischen akademisch Forschenden und Mitforschenden.
Keywords: qualitative Datenanalyse; Grounded-Theory-Methodologie; partizipative Gesundheitsforschung; Peerforschung
2. Datenauswertung in partizipativen Forschungsprojekten
3. Ableitung des methodischen Vorgehens für die partizipative Datenauswertung im Projekt ElfE
3.1 Verfahren in der nicht partizipativen qualitativen Sozialforschung
3.2 Auswertungsverfahren der partizipativen Forschung
3.3 Beispiele für die Anwendung der GTM in der partizipativen Forschung
4. Die partizipative Auswertung im Projekt ElfE: Eltern fragen Eltern
4.1 Datenerhebung und -aufbereitung in ElfE
4.2 Konzeption und Durchführung der Datenauswertung in ElfE
5.2 Empfehlungen für partizipative Auswertungen
In der partizipativen Forschung lässt sich beobachten, dass Partizipation im Prozess der Auswertung gegenüber den anderen Forschungsphasen seltener und weniger umfassend umgesetzt wird (CASHMAN et al. 2008; FLICKER & NIXON 2014; JACKSON 2008). Auch in Überblicksarbeiten zu partizipativen Forschungsmethoden wird auf die partizipative Auswertung nicht detailliert eingegangen. Dabei sind nach Jarg BERGOLD und Stefan THOMAS (2010) die Herausforderungen an Partizipation im Forschungsprozess bei der gemeinsamen Datenauswertung am größten. Sie führen dies auf Unterschiede bei den Zeitressourcen und im Kenntnisstand zurück (BERGOLD & THOMAS 2012). Obwohl in der partizipativen Forschung einzelne Verfahren in der Literatur beschrieben werden (FLICKER & NIXON 2014; VAN LIESHOUT & CARDIFF 2011; VON UNGER 2012), gilt nach wie vor, was CASHMAN et al. (2008) bilanzierten: Es existieren bislang für die gemeinsame Datenanalyse keine etablierten Verfahren (siehe auch ACCESS ALLIANCE MULTICULTURAL HEALTH AND COMMUNITY SERVICES 2011). [1]
Die partizipative Gesundheitsforschung hat sich aus der Tradition der Aktionsforschung entwickelt (VON UNGER 2014). In Abgrenzung zur nicht partizipativen Forschung wird in der Aktionsforschung unter anderem eine Arbeit mit über lebensweltlich oder über ihren Sozialraum verbundenen Gruppen sowie die Beteiligung der Gruppenmitglieder an der Auswertung vorgesehen (a.a.O.). International wird die partizipative Gesundheitsforschung auch als Community Based Participatory Research (CBPR) oder Participatory Health Research (PHR) bezeichnet. [2]
Die im Folgenden dargestellten Erfahrungen einer partizipativen Datenanalyse stammen aus dem Forschungsprojekt ElfE: Eltern fragen Eltern, einem Teilprojekt im Forschungsverbund PartKommPlus – Forschungsverbund für gesunde Kommunen, der vom Ministerium für Bildung und Forschung (FKZ: 01EL1423D) in einer ersten und zweiten Förderphase (Februar 2015 bis Januar 2018 sowie Februar 2018 bis Januar 2021) gefördert wurde. ElfE ist somit in der partizipativen Gesundheitsforschung verortet, d.h. der gesamte Forschungsprozess – von der Definition der Forschungsfrage bis zur Auswertung der Daten – soll mit denjenigen partnerschaftlich organisiert und durchgeführt werden, deren Lebensbereich erforscht wird (PARTNET 2017). Zugleich ist ElfE in den Kontext der Stärkung gesundheitlicher Chancengleichheit eingebunden, indem die Angebote zusammen mit und für Eltern in belastenden Lebenslagen (z.B. alleinerziehend und wenig Einkommen) entwickelt werden. [3]
Ausgangspunkt von ElfE sind die Schuleingangsuntersuchungen, in denen für Kinder teils sogar zunehmende soziallagenbezogene Unterschiede in der sprachlichen, motorischen und sozialen Entwicklung aufgezeigt wurden (BEZIRKSAMT MARZAHN-HELLERSDORF VON BERLIN 2017; BEZIRKSAMT MITTE VON BERLIN 2013; ELLSÄßER & LÜDECKE 2016). Entlang der Schuleingangsuntersuchungen wird außerdem deutlich, dass sich der (langjährige) Besuch der Kita positiv auf die Entwicklung auswirken kann (GEENE, RICHTER-KORNWEITZ, STREHMEL & BORKOWSKI 2016; ROSBACH, KLUCZNIOK & KUGER 2008). Zwar kompensiert auch ein langjähriger Kitabesuch die sozial bedingten Entwicklungsunterschiede nicht vollständig, aber einige Familien können die Angebote der Kindertagesbetreuung gut in dieser Hinsicht nutzen (ANDRESEN & GALIC 2015). Daher schien es ratsam, gemeinsam mit Eltern diese förderlichen und hemmenden Nutzungsbedingungen besser auszuleuchten. In beiden Förderphasen wurden und werden daher in ElfE Eltern mit Kindern im Kita-Alter als Mitforschende partnerschaftlich an allen Entscheidungen der Forschung beteiligt. Damit wird das Prinzip der partizipativen Gesundheitsforschung umgesetzt, Entscheidungen gemeinsam zu treffen. In ElfE wird das als "geteilte Entscheidungsmacht" definiert. [4]
Für den Forschungsprozess in der ersten Förderphase im Projekt ElfE nutzten wir die Methoden der qualitativen Sozialforschung1) (PRZYBORSKI & WOHLRAB-SAHR 2014). Nach der Festlegung der Forschungsfrage(n) wurden Interviewleitfäden entwickelt, Interviews durchgeführt sowie transkribiert und diese dann mithilfe des Kodierverfahrens der GTM nach STRAUSS und CORBIN (1996 [1990]), das durch das in der partizipativen Forschung entwickelte DEPICT-Verfahren nach Sarah FLICKER und Stephanie NIXON (2014) ergänzt wurde, ausgewertet. [5]
Der Schwerpunkt unseres Beitrags liegt auf der qualitativen Datenanalyse in einem partizipativen Forschungsprojekt. Basierend auf einer Reflexion der Herausforderungen in der partizipativen Datenanalyse (Abschnitt 2) diskutieren wir die Eignung etablierter Analysemethoden der qualitativen Sozialforschung sowie der in der Literatur dokumentierten (partizipativen) Auswertungsverfahren und leiten daraus das Konzept für die Datenanalyse im Peerforschungsprojekt ab (Abschnitt 3). Im Anschluss stellen wir die konkrete Umsetzung im Projekt ElfE vor (Abschnitt 4). Abschließend synthetisieren wir die Herausforderungen im Licht der Erfahrungen und leiten den weiteren Forschungsbedarf ab (Abschnitt 5). [6]
In den von uns rezipierten Publikationen zu partizipativer Forschung werden übereinstimmend die Vorteile betont, wenn im Auswertungsprozess unterschiedliches Wissen und unterschiedliche Perspektiven einbezogen und für die Reflexion genutzt werden (BERGOLD & THOMAS 2010; VON UNGER 2012, 2014; einen Überblick geben BERGOLD & THOMAS 2012). Kernprinzip des partizipativen Ansatzes ist die Forschung mit und nicht über Menschen (INTERNATIONAL COLLABORATION FOR PARTICIPATORY HEALTH RESEARCH [ICPHR] 2013). Die Integration der Perspektive der Mitforschenden ist somit ein Gütezeichen für die partizipative Datenauswertung (CASHMAN et al. 2008). Nur so können diese bei der Interpretation wirksam werden und die Erkenntnisgewinnung bereichern (BERGOLD & THOMAS 2012). [7]
Hieraus resultiert, Partizipation im Forschungsprozess so umzusetzen, dass möglichst alle Perspektiven berücksichtigt werden können (VON UNGER 2014), damit Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Lebenswelt und der Wissenschaft systematisch und gleichwertig zur Geltung kommen (BEHRISCH & WRIGHT 2018). Es geht dabei nicht um eine Addition, sondern um ein gemeinsam erarbeitetes, neues Wissen, das auch als transformatives Wissen bezeichnet wird (REASON & TORBERT 2001). [8]
In der Literatur werden unterschiedliche Formen des Erfahrungswissens differenziert: Birgit BEHRISCH und Michael WRIGHT (2018) unterscheiden zwischen dem aus dem praktischen Handeln in konkreten Situationen generierten Praxiswissen, das auf der Grundlage subjektiver Erfahrungen und deren Verarbeitung entwickelt wird und dem Alltagswissen, das unsystematisch erworben wird. Benjamin MARENT, Rudolf FORSTER und Peter NOWAK (2015) grenzen die durch Ausbildung und Arbeitspraxis erworbenen professionellen Erkenntnisse (professional knowledge) von den durch das Alltagserleben gewonnenen Erkenntnissen (lay knowledge) ab (vgl. für weitere Unterscheidungsvarianten z.B. REASON & TORBERT 2001). Aus methodologischer Sicht ist jedoch offen, welche Wissensformen neben dem (fach-) wissenschaftlichen Wissen in der partizipativen Forschung adressiert werden und einfließen (BEHRISCH & WRIGHT 2018). Diese Forschungslücke können wir hier nur benennen, weil der Fokus unseres Beitrags auf dem Prozess der gemeinsamen Datenanalyse liegt. [9]
Wie die Verschränkung der verschiedenen Perspektiven gelingen kann, wurde von Heinz MOSER (1995) für die Aktionsforschung beschrieben. Er betrachtet ein iteratives Vorgehen als charakteristisch und hat daraus das "Handlungsmodell der Aktionsforschung" entwickelt. In diesem Modell versteht er die Erkenntnisgewinnung als einen sich spiralförmig wiederholenden (zyklischen) Prozess des Planens, Handelns, der Informationssammlung sowie einer sich anschließenden diskursiven Verständigung, der auf eine Reflexion der Praxis zielt. Demnach werden die Erfahrungen der an der Forschung Beteiligten hin zu einem mehr allgemeinen Wissen aufgearbeitet. MOSER hat den Aktionsforschungsansatz vor allem auf Praxisforschung zugeschnitten. Margaret LEDWITH (2017) stellt auch für die emancipatory action research (EAR) ein solches zyklisches, sich über verschiedene Phasen entwickelndes Modell vor, in dem aus den Alltagserfahrungen nach und nach auf Veränderung zielende Erkenntnisse erarbeitet werden. Das (fach-) wissenschaftliche und das Erfahrungswissen im Sinne von alltagsweltlichen Erkenntnissen sind in diesen Modellen gleichwertig. Sowohl MOSER als auch LEDWITH versuchen insoweit – anders als sonst üblich – dem Primat des (fach-) wissenschaftlichen Wissens (BEHRISCH & WRIGHT 2018) ein dialogisches Erkenntnismodell entgegenzusetzen. Dies scheint somit auch für die partizipative Forschung angezeigt. Forschungspraktisch gehen damit einige Herausforderungen einher, die wir im Folgenden umreißen. [10]
Mit dem zyklischen Vorgehen ist die Aufgabe verknüpft, den Forschungsprozess dynamisch zu gestalten und das Forschungs- und Methodendesign im Verlauf kontinuierlich anzupassen (a.a.O.). Ebenso wie im gesamten Forschungsprozess scheint eine Kanonisierung des methodischen Vorgehens auch in der partizipativen Datenanalyse nicht sinnvoll und nur bedingt möglich (BERGOLD & THOMAS 2012). Zudem steht die explizit geforderte Verknüpfung der Wissensformen der traditionellen Trennung zwischen Vorwissen/Erfahrungen der Forschenden und materialbasierter Auswertung in der empirischen Sozialforschung entgegen (MEINEFELD 2010 [2000]). Im Gegenteil: Das Material soll durch die Lebensweltexpertise der Mitforschenden angereichert werden (ABMA et al. 2019). Hier bedarf es einer weitergehenden methodischen und methodologischen Diskussion, wie sie rund um den Begriff zur partizipativen Validität (ICPHR 2013) begonnen wurde. Auch sind die für die qualitative Forschung geltenden Gütekriterien ebenfalls für die partizipative Forschung in den Blick zu nehmen. Nach BERGOLD und THOMAS (2012) sind dabei besonders die Gegenstandsangemessenheit, d.h. die Eignung des Verfahrens für die Analyse des Materials und die Prozessorientierung, d.h. die Stimmigkeit, mit der sich das Verfahren in den Forschungsprozess einfügt zu betrachten (FLICK 2012 [1995]). [11]
Hinzu kommen weitere Herausforderungen: In der partizipativen Forschung fehlen den Mitforschenden in der Regel die Kenntnisse über die in der Wissenschaft gebräuchlichen Methoden (BERGOLD & THOMAS 2010). Dieses spezifische Wissen wird seitens der akademisch Forschenden eingebracht. Somit ist deren Rolle keineswegs auf die Moderation und Gestaltung des Prozesses begrenzt. Eine Mitbestimmung des Forschungsverlaufes setzt voraus, dass auch die Mitforschenden Kenntnisse über die möglichen Methoden besitzen. Dieser parallele Aufbau von Wissen erfordert geeignete Wege der Vermittlung und eine adäquate Ressourcenausstattung, die häufig nicht gegeben ist (a.a.O.). [12]
Nicht zuletzt beschreiben Mitforschende selbst die Datenauswertung mitunter als den uninteressantesten Teil des partizipativen Forschungsprozesses: "Some community partners have argued that their involvement – particularly in data analysis – is not always the best use of their time" (CASHMAN et al. 2008, S.1407). Daher ist im Zuge der Datenanalyse immer auch eine Verständigung über den Sinn des Vorgehens und eine Stärkung der Motivation zur Beteiligung zu leisten. [13]
Wie wir zuvor dargestellt haben, muss ein Verfahren für die partizipative Auswertung qualitativer Daten vor allem drei Herausforderungen Rechnung tragen:
die Ermöglichung eines zyklischen, iterativen Forschungsprozesses, der auf die Generierung transformativen Wissens zielt und die Einbeziehung unterschiedlicher Wissensformen ermöglicht. Hier kommen insbesondere interpretative Verfahren in Betracht (BERGOLD & THOMAS 2010; VON UNGER 2014);
die Sicherstellung der Gegenstandsangemessenheit und Prozessorientierung (BERGOLD & THOMAS 2012; FLICK 2012 [1995]);
die Eignung des Verfahrens aus forschungspraktischer Sicht. Nach Hella VON UNGER (2014) gehören dazu Aspekte wie Nachvollziehbarkeit und Umsetzbarkeit für alle Beteiligten. BERGOLD und THOMAS (2010) plädieren für "die Anwendung von pragmatisch gehaltenen Beteiligungsverfahren und reduzierten Auswertungsverfahren" (S.341). [14]
Vor diesem Hintergrund halten BERGOLD und THOMAS (2012) besonders solche Verfahren für geeignet, die detailliert beschrieben und vielfach erprobt sind. Wir nehmen daher im Folgenden zunächst neben den im Kontext von partizipativer Forschung verwandten Methoden auch Auswertungsverfahren der qualitativen Sozialforschung in den Blick, die in der traditionellen, d.h. nicht partizipativen Forschung entwickelt und angewendet werden. [15]
Für die Auswertung von Interviews liegen in der nicht partizipativen qualitativen Sozialforschung eine Vielzahl unterschiedlicher Verfahren vor (einen Überblick gibt MRUCK unter Mitarbeit von MEY 2000). Dabei würden im deutschsprachigen Raum die qualitative Inhaltsanalyse und die Grounded-Theory-Methodologie häufig verwendet (a.a.O.). Beides sind kodierende Verfahren, die für die Auswertung u.a. von Leitfadeninterviews als besonders geeignet gelten (FLICK 2012 [1995]). [16]
Bei der qualitativen Inhaltsanalyse wird das Textmaterial im Zuge der Auswertung reduziert, indem es zusammengefasst und kategorisiert wird. Auch wenn unterschiedliche Basisformen sowie Varianten bestehen (einen Überblick gibt SCHREIER 2014), ist die qualitative Inhaltsanalyse generell stark deduktiv an vorhandener Theorie und dem dokumentierten Forschungsstand orientiert. Der Prozess der Interpretation ist von der Analyse getrennt und hat daher eine nachgeordnete Rolle (FLICK 2012 [1995]). Die Reproduzierbarkeit einer Analyse sowie die Intercoder-Reliabilität, d.h. die Übereinstimmung der Kodierung durch verschiedene Personen, zählen zu den spezifischen Gütekriterien der Inhaltsanalyse (MAYRING 2015 [1983]). [17]
Bezogen auf eine partizipative Auswertung wird die qualitative Inhaltsanalyse von einigen AutorInnen aus forschungspraktischer Sicht empfohlen (VAN DER DONK, VAN LANEN & WRIGHT, 2014). VAN DER DONK et al. verweisen hinsichtlich der konkreten Umsetzung auf die Basisliteratur von Uwe FLICK (2007 [1995]), Siegfried LAMNEK (2010 [1988]) und Philipp MAYRING (2010 [1983]). Sie empfehlen eine induktive oder deduktive Kodierung der relevanten Segmente des Materials. Die anschließenden Interpretationen und Schlussfolgerungen werden aus den so aufbereiteten Daten logisch abgeleitet; die persönliche Erfahrung der Auswertenden soll darauf keinen Einfluss ausüben. [18]
Vor allem der letztgenannte Hinweis steht der Intention entgegen, in der partizipativen Auswertung und vor allem in der Peerforschung die Subjektivität und spezifischen Erfahrungen der Beteiligten einzubeziehen. Dies spricht dafür, auch die Grounded-Theory-Methodologie (GTM) für die gemeinsame Datenanalyse in den Blick zu nehmen, da hier die Interpretation Kern des empirischen Vorgehens ist (FLICK 2012 [1995]) und die persönliche Erfahrung explizit wertgeschätzt wird (STRAUSS 1994 [1991]). [19]
Die GTM wurde in den 1960er-Jahren von Barney GLASER und Anselm STRAUSS als Methode vorgestellt, um systematisch aus (qualitativen) Daten Theorien zu generieren. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an Weiterentwicklungen (einen Überblick bieten BRYANT & CHARMAZ 2007 sowie MEY & MRUCK 2011 [2007]). Nachfolgend nehmen wir auf die von Anselm STRAUSS und Juliet CORBIN (1996 [1990]) publizierte Variante Bezug, die als eher pragmatisch gilt: Sie befürworten die Adaption an den jeweiligen Kontext und die Fragestellung. Dabei hält STRAUSS je nach Rahmenbedingungen und Intention auch abgekürzte Anwendungen für zielführend (LEGEWIE & SCHERVIER-LEGEWIE 2004). [20]
Folgende Kernelemente charakterisieren die GTM nach STRAUSS und CORBIN (1996 [1990]): ein spezifischer Kodierprozess für das Konzeptionalisieren der Daten und die sukzessive Datengewinnung im Rahmen des theoretischen Samplings bis hin zur theoretischen Sättigung, d.h., im Zuge der Auswertung werden zusätzliche Daten zur weiteren Detaillierung oder auch Kontrastierung der gebildeten Kategorien erhoben bzw. einbezogen, bis keine neuen Einsichten mehr zu erwarten sind. Wesentlich sind weiterhin der ständige Vergleich durch die wiederholte Rückbindung an die Daten sowie eine theoretische Sensibilität der Forschenden, die durch das Schreiben von Memos, d.h. eine Verschriftlichung der Gedanken über die Daten, gestärkt werden soll. Der Aufbau des Forschungsprozesses verläuft in einem zirkulären Prozess, in dem Datenerhebung, Datenauswertung und Theoriebildung nicht aufeinanderfolgen, sondern in iterativen Schleifen durchgeführt werden (HILDENBRAND 2010 [2000]). Alles, was der Theorienbildung nutzen kann, gilt als Material, sodass die Analyse nicht auf schriftliches Datenmaterial wie z.B. Interviewtranskripte begrenzt ist. Dieses Vorgehen erfordert eine hohe Aufmerksamkeit für den Prozess und eine stetige Reflexion über die jeweils geeigneten Analyseschritte (STRAUSS 1994 [1991]). [21]
Der Kodierprozess der GTM nach STRAUSS und CORBIN ist ebenfalls flexibel angelegt. Er besteht aus drei Kodierschritten, die zwar chronologisch aufeinanderfolgen, aber zugleich miteinander verwoben sind und ineinanderfließen (HILDENBRAND 2010 [2000]): Im offenen Kodieren werden die Daten zunächst anhand von Fragen und/oder Vergleichen aufgeschlüsselt, indem aus den jeweiligen Analyseeinheiten (z.B. einem Satz oder Absatz) ein Konzept, d.h. eine Art Hypothese, entwickelt wird, die die Analyseeinheit abbildet (STRAUSS & CORBIN 1996 [1990]). Im axialen Kodieren werden diese Konzepte zu Kategorien ausdifferenziert, die konzeptionellen Zusammenhänge werden so immer weiter hin zu einer Theorie verdichtet (HILDENBRAND 2010 [2000]). Dabei bleiben die gebildeten Kategorien bis zum Abschluss der Analyse offen, d.h. sie können in Rückbindung an die Daten immer wieder verändert werden (MUCKEL 2011 [2007]). Durch die Entwicklung von Verbindungen zwischen den Kategorien entwickeln sich neue Zusammenhänge zwischen den Konzepten und Kategorien. Dies wird durch das Kodierparadigma unterstützt, bei dem die zu einer Kategorie gehörenden Konzepte nach ursächlichen Bedingungen, Kontext- sowie intervenierenden Bedingungen, Konsequenzen und Handlungsstrategien gruppiert werden (BÖHM 2010 [2000]). Mit dem letzten Schritt des selektiven Kodierens wird dann aus dem Analysematerial, d.h. den erarbeiteten Konzepten und Kategorien ebenso wie z.B. aus den Memos, die zentrale Kategorie bzw. Kernkategorie ausgewählt und in Beziehung zu allen Kategorien gesetzt. In diesem Schritt geht es darum, die entwickelte Theorie noch einmal mit den erhobenen Daten rückzukoppeln (BERG & MILMEISTER 2011). [22]
Verschiedene Gründe sprechen für eine gute Anschlussfähigkeit der GTM an die partizipative Forschung: Bei beiden ist der Forschungsprozess responsiv und flexibel konzeptualisiert. Ebenso wie die Aktionsforschung bzw. die partizipative Forschung setzt die GTM auf kontinuierliche Entwicklung. In beiden Fällen steht nicht die Recherche (und Überprüfung) existierender Theorien am Beginn des Forschungsprozesses. Vielmehr werden diese erst nach und nach einbezogen, um die Entdeckung von Neuem zu ermöglichen. Es können unterschiedliche Datenquellen analysiert werden. Zudem ist die Expertise aller Beteiligten nicht nur erlaubt, sondern wird gefordert, sodass die Diversität der Perspektiven auf das im Fokus stehende Feld erhöht wird. Nicht nur die partizipative Forschung, sondern auch die GTM will einen Wandel im Forschungsfeld bewirken (HILDENBRAND 2010 [2000]). Dies zeigt sich auch durch die Weiterentwicklung der GTM zur "Grounded Action" (OLSON 2007). Hier steht die Entwicklung von Handlungsstrategien im Fokus, die auf Daten basierend systematisch aus der Grounded Theory abgeleitet werden. Ein weiteres Argument unterstützt die Verwendung der GTM: Eines der Kernmerkmale der partizipativen Gesundheitsforschung ist die Herausbildung eines "kreativen Chaos" (WRIGHT 2013, S.129; siehe auch COOK 2009). Der Dialog der Beteiligten und damit der Austausch über unterschiedliche Perspektiven und Wissensformen führt zu Irritationen, da das bisherige Denken über den Forschungsgegenstand durch neue Möglichkeiten ergänzt wird. Diese Irritation erfordert die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Wahrnehmungen und Einschätzungen und öffnet zugleich den Raum für neue Ideen. "Das 'Chaos' kann als kommunikativer Raum verstanden werden, in dem die Beteiligten sich trauen, neue individuelle und kollektive Erkenntnisse zu formulieren und dadurch altes Wissen zu ersetzen" (WRIGHT 2013, S.130). [23]
Zusammenfassend ist die GTM – im Vergleich zu stärker regelgeleiteten Verfahren wie der qualitativen Inhaltsanalyse – vor allem deshalb von (größerem) Interesse, weil die GTM und die partizipative Forschung
zyklisch, iterativ und dialektisch verwendet werden (und damit Raum schaffen für das "kreative Chaos");
nicht als starre methodische Rezepturen zu verstehen sind, sondern Flexibilität für eine Anpassung an die Erfordernisse im Prozess ermöglichen und erfordern;
eine Wertschätzung der Beteiligten und ihrer spezifischen Erfahrungen beinhalten und
auf Handlung und Veränderung ausgerichtet sind. Für die GTM wird dies auch verdeutlicht durch ihre Erweiterung zu "Grounded Action" (OLSON 2007; SIMMONS & GREGORY 2003). [24]
Bei der GTM liegt der Schwerpunkt auf der Reflexion und Interpretation des Materials mittels eines Kodierverfahrens, das den Prozess von den Rohdaten zu den Konzepten und Kategorien bis zur Theorie detailliert beschreibt. Mithilfe der GTM kann die Expertise der Mitforschenden umfassend zum Tragen kommen. Theoretisches Wissen und bestehende Konzepte können so in den Forschungsprozess einbezogen und Ergebnisse erzielt werden, die über den direkten Gegenstand hinausgehen. Insofern lässt sich durch ihre Anwendung in der partizipativen Forschung die Theoriebildung unterstützen und Transparenz über das Vorgehen herstellen (DICK 2007). [25]
Bei allem genannten Potenzial ist die Anwendung der Grundelemente der GTM in der partizipativen Umsetzung sehr komplex und damit ressourcenaufwändig. Allein die Terminologie wie die Verfahrensschritte bedürfen begleitender Erläuterungen, um die Nachvollziehbarkeit und Umsetzbarkeit für Mitforschende ohne methodische Ausbildung sicherzustellen (VON UNGER 2014). Spiegelbildlich setzt es aufseiten der Moderation ebenfalls einen erheblichen Lernprozess voraus, um die Potenziale des Erfahrungswissens der Mitforschenden im Prozess zur Geltung zu bringen. Es ist zu erwarten, dass diese Aspekte stärker in speziell für die partizipative Auswertung entwickelten Verfahren bzw. in einem für die partizipative Anwendung adaptierten Verfahren der GTM Berücksichtigung finden. [26]
Vor allem international wurden Erfahrungsberichte publiziert, die sich spezifisch auf die Analyse schriftlichen Datenmaterials in einem partizipativen Prozess beziehen (CASHMAN et al. 2008; JACKSON 2008). Die Mitforschenden waren meist nicht methodisch in der qualitativen Sozialforschung vorgebildet. Diese Vorgehensweisen und Verfahren unterscheiden sich deutlich im Hinblick auf die Arbeitsteilung, die Tiefe der Analyse sowie den Grad der Umsetzung einer Auswertung des gesamten Materials oder aber ausgewählter Passagen. [27]
Häufig werden die Ergebnisse durch die Beteiligten mit methodischer Ausbildung zunächst aufbereitet und zusammengefasst. Im Anschluss erfolgt dann die Erörterung des aufbereiteten Materials durch die Mitforschenden ohne methodische Ausbildung, beispielsweise über Feedback-Schleifen oder ein Konzept-Mapping, d.h. eine Visualisierung der Zusammenhänge im Material (JACKSON 2008). Die Partizipation der Mitforschenden ist somit auf die Interpretation der Ergebnisse begrenzt. [28]
Nachfolgend stellen wir zunächst Verfahren vor, bei denen alle Mitforschenden in den gesamten Auswertungsprozess einbezogen sind. Davon lassen sich arbeitsteilig organisierte Verfahren unterscheiden, die wir im Anschluss präsentieren. [29]
3.2.1 In Gemeinschaft durchgeführte Verfahren
Suzanne JACKSON beschreibt ein gruppenbasiertes partizipatives Vorgehen bei der Datenanalyse in drei kanadischen Projekten. In einem vierstufigen Prozess im Rahmen eines moderierten Workshops über zwei Tage wurden die Daten in Kleingruppen gemeinsam gesichtet, gruppiert und kodiert. Für die Interpretation wurden die herausgebildeten Hauptkategorien von allen Forschenden zusammengeführt und gemeinsam interpretiert. Die vier Schritte wurden gemeinsam von Forschenden mit und ohne methodische Ausbildung durchgeführt. Auf diese Weise konnte in kurzer Zeit viel Ausgangsmaterial in die Auswertung einbezogen werden. Die akademisch Forschenden haben dann in einem fünften Schritt die Ergebnisse in einen Bericht überführt. [30]
Eine Auswertungsmethode, bei der die Interpretation des Materials mit künstlerischen Methoden in den Vordergrund gestellt wird, beschreiben Famke VAN LIESHOUT und Shaun CARDIFF (2011). Sie entwickelten das siebenphasige CCHA-Verfahren (Critical Creative Hermeneutic Analysis), mit dessen Hilfe Themen/Kategorien anhand des Materials entwickelt werden, indem die "Essenz" der Texte durch frei gewählte, kreative Methoden zum Ausdruck gebracht wird. Im Wesentlichen stellen die Mitforschenden durch das Lesen des aufbereiteten Rohmaterials ein individuelles Verständnis des Textes her bzw. sind aufgefordert, die intuitiv erfasste Bedeutung der Texte zunächst für sich zu ordnen und dann mithilfe z.B. von Collagen, Gedichten, Bildern oder Skulpturen zum Ausdruck zu bringen. Dies kann jeweils sowohl einzeln oder in Gruppenarbeit erfolgen. Die Interpretationen werden dann in der Gruppe reflektiert. Gemeinsam wird der thematische Rahmen abgeleitet, mit dessen Hilfe in einem nächsten Schritt aus dem Ausgangsmaterial unterstützende Passagen herausgearbeitet werden. Während des Prozesses können Themen immer wieder neu gebildet oder auch umformuliert werden. [31]
3.2.2 Arbeitsteilige Verfahren
CASHMAN et al. (2008) zeigen vier Beispiele, von denen eines sich ausschließlich auf qualitative Daten und zwei Beispiele auf die Auswertung qualitativer und quantitativer Daten beziehen. Bei der qualitativen Datenauswertung wurde stark arbeitsteilig gearbeitet. Beispielsweise wurde in dem Forschungsprojekt, in dem die Gesundheitsversorgung einer indigenen amerikanischen Bevölkerungsgruppe untersucht wurde, das Ausgangsmaterial zunächst durch die akademisch Forschenden aufbereitet und dann mit den Prozessbeteiligten (z.B. VertreterInnen der Gesundheitsversorgung, von Schulen, Polizei sowie mit AdressatInnen) diskutiert. Daran schloss sich eine Diskussion in einem erweiterten Kreis von AdressatInnen und die Überführung in Handlungsempfehlungen an. In dem Forschungsbeispiel, dessen Fokus auf der Gesundheitsförderung lateinamerikastämmiger Männer in North Carolina lag, wurden die Transkripte aus Fokusgruppendiskussionen gemeinsam mit einer Vertretung der Adressaten kodiert und anschließend an vier Diskussionsterminen von allen Mitforschenden analysiert. Während im erstgenannten Beispiel ein eher kompaktes Verfahren eingesetzt wurde, erforderte das zweitgenannte Beispiel durch das gemeinsame Kodieren des Materials einen längeren Arbeitsprozess. [32]
Ein Verfahren, das arbeitsteilig sowohl gemeinsam von akademisch Forschenden und Mitforschenden als auch nur von Mitforschenden durchgeführt werden kann, beschreiben Sarah FLICKER und Stephanie NIXON (2014) mit dem "DEPICT-Modell". Auf Basis der Erfahrungen aus verschiedenen Praxisprojekten im Gesundheitsbereich und der HIV-Prävention werden in dem Modell sechs aufeinanderfolgende Arbeitsschritte vorgesehen: aktives Lesen (dynamic reading), Beteiligung an der Entwicklung des Kodierleitfadens (engaged codebook development), gemeinschaftliches Kodieren (participatory coding), Zusammentragen und Vergleich des Materials (inclusive reviewing and summarizing of categories), gemeinschaftliches Interpretieren (collaborative analyzing) und Verbreitung der Ergebnisse (translating). Mittels des DEPICT-Verfahrens wird das gesamte Interviewmaterial ähnlich wie in der qualitativen Inhaltsanalyse mithilfe eines Kodierleitfadens in einem gemeinschaftlichen Prozess ausgewertet. [33]
Mit den beschriebenen spezifisch für die partizipative Auswertung entwickelten qualitativen Verfahren wird ein breites Spektrum verschiedener Möglichkeiten aufgezeigt. Während das von CASHMANN et al. (2008) vorgestellte Beispiel mit aus Lateinamerika stammenden Männern sowie das DEPICT-Verfahren deutlich an den nicht-partizipativen Verfahren der qualitativen Sozialforschung orientiert sind, setzen die anderen genannten Verfahren eher auf eine selektive, stark auf Reflexion und die Interpretation der Beteiligten ausgerichtete Vorgehensweise. Dabei unterscheiden sich die Methoden in dem Umfang, in dem iterative Verläufe angeregt werden. VAN LIESHOUT und CARDIFF (2011) machen in ihrem CCHA-Verfahren, im Gegensatz zu den anderen vorgestellten Verfahren, die Explikation von spezifischen Wissensformen zum Gegenstand. Kreative Methoden sollen hier helfen, Wissen zum Ausdruck zu bringen, das (noch) nicht in Worte gefasst werden kann (REASON & TORBERT 2001). Die akademisch Forschenden übernehmen im Rahmen dieser Interpretation zwar moderierende Aufgaben, jedoch keine spezielle Aufbereitung oder Konzentrierung des Materials. Es bleibt größtenteils offen, inwieweit und in welchem Umfang die akademisch Forschenden ihr Wissen in diesen Interpretationsprozess eingebracht haben. Da für die partizipative Forschung die Kombination verschiedener Wissensformen innerhalb des Auswertungsprozesses gefordert wird (COOK 2009; MARENT, FORSTER & NOWAK 2012; REASON & TOBERT 2001), sollte dieser Aspekt künftig ebenfalls stärker explizit gemacht werden. [34]
Eine wichtige Aufgabe der akademisch Forschenden – das wird ausdrücklich beschrieben – ist die Prozessmoderation (ABMA et al. 2019). Sie sollen den Dialog und Austausch stimulieren, indem sie den Teilnehmenden das Vertrauen vermitteln, dass ihr Wissen von Bedeutung ist. Nur so könne ein tiefes und genaues, auf den eingebrachten unterschiedlichen Wissensformen basierendes neues Wissen erzeugt werden. Folgt man wie MAY (2008) dem zyklischen Aktionsforschungsmodell von Heinz MOSER (1995), so ist gerade das arbeitsteilige Vorgehen konstitutiv für die Wissensgenese. [35]
Wie einleitend beschrieben, wird Partizipation im Auswertungsprozess seltener als in anderen Forschungsphasen umgesetzt, unter anderem wegen der für die gemeinsame Auswertung erforderlichen zeitlichen Ressourcen und methodischen Kenntnisse. Auch die Anwendung der GTM ist, wie dargestellt, ressourcenaufwändig. Eine wichtige Frage in der Umsetzung ist daher die der Arbeitsorganisation, die zugleich Einfluss auf die Ressourcenplanung hat: Nicht alle Beteiligten müssen alle Schritte der Aufbereitung und Auswertung persönlich durchführen, sondern es kann arbeitsteilig verfahren werden (ABMA et al. 2019; VON UNGER 2014). Zugleich ist mit Bezug auf COOK (2009) entscheidend, den gemeinsamen Diskurs auch durch die Breite des Materials zu inspirieren. Das bedeutet, die von einzelnen Mitforschenden oder Kleingruppen erarbeiteten Ergebnisse im Prozess immer wieder auch mit allen Beteiligten zu diskutieren, was die Möglichkeiten der Arbeitsteilung eingrenzt. [36]
Ein weiterer entscheidender Einflussfaktor auf die Arbeitsorganisation ist das Ausmaß der Bereitschaft der Mitforschenden, sich auf die mit hoher Wahrscheinlichkeit anstrengende gemeinsame Auswertung einzulassen. Hier weisen OSPINA, DODGE, FOLDY und HOFMANN-PINELLA (2008) in einem Beispiel aus einem US-amerikanischen Forschungsprogramm auf einen sehr unterschiedlichen Umgang der Mitforschenden mit dem Angebot zur Partizipation hin: "[v]on einer vollständigen Partizipation und Engagement bei einigen, über die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zu einer teilweisen und mit der Zeit unwilligen Zusammenarbeit bis hin zur Nicht-Partizipation in wenigen Fällen" (S.424, eigene Übersetzung). Insofern muss die praktische Umsetzung auch einen flexiblen Umgang mit den sich ggf. im Prozess verändernden Motivationen der Mitforschenden ermöglichen. Mit den nachfolgenden Beispielen zeigen wir verschiedene arbeitsteilig organisierte Formen der partizipativen Auswertung mit Bezug zur GTM und verdeutlichen die Möglichkeiten, zugleich aber auch die Anforderungen an die Adaption. [37]
Beispiele für die Kombination von GTM und Aktionsforschung bzw. partizipativer Forschung finden sich bei ACKERMANN und ROBIN (2017), DICK (2007), GREENALL (2006) sowie bei TERAM, SCHACHTER und STALKER (2005). Während GREENALL (2006) nicht im Detail auf den Kodierprozess eingeht, zeigen die Beispiele von ACKERMANN und ROBIN (2017) sowie von TERAM et al. (2005) ein stark arbeitsteiliges Vorgehen. TERAM et al. berichten von einer Erstanalyse durch die akademisch Forschenden und einer Diskussion der Ergebnisse in der Gruppe. In dem von ACKERMANN und ROBIN (2017) vorgestellten Verfahren wurden die im Rahmen der stationären Jugendhilfe geführten und transkribierten Interviews in einem ersten Schritt vollständig durch die beteiligten akademisch Forschenden gelesen und kodiert. Diese Kodings wurden dann mit den Jugendlichen gemeinsam diskutiert. Außerdem wurden Sequenzen aus den Interviews zusammen mit allen kodiert (der Text wurde dafür mithilfe eines Beamers visualisiert). Die Jugendlichen konnten so wichtige Eckpunkte und neue Konzepte im Auswertungsprozess ergänzen und auch die Kernkategorie formulieren. Allerdings verblieben wichtige Entscheidungen, z.B. wie mit den Einwürfen und Anmerkungen der Jugendlichen weiter verfahren werden sollte, in der Hand der akademisch Forschenden. [38]
Eine andere Möglichkeit der Adaption entwickelte Bob DICK (2007). Er schlägt vor, an die Stelle des Kodierens (beispielsweise von Interviews, aber auch von anderen Datenquellen) eine strukturierte Diskussion anhand von Entscheidungsfragen zu setzen. Mit diesen Fragen sollen zum einen abwechselnd die Situation, erwünschte Wirkungen und Handlungen identifiziert und zum anderen die Zusammenhänge zwischen den in den jeweiligen Durchgängen gegebenen Antworten aufgezeigt werden. [39]
Mit dem Einsatz der spezifisch für die Partizipation entwickelten Verfahren können akademisch Forschende die Auseinandersetzung und gemeinsame Reflexion der Mitforschenden stärken und zudem eine Überforderung der Teilnehmenden durch das methodische Design zu vermeiden suchen. Zugleich wird aber dadurch der Raum für die Verschränkung der verschiedenen Wissensformen eingeengt. [40]
Vor dem Hintergrund dieses Forschungsstandes haben wir für das im Folgenden dargestellte Beispiel das Verfahren der GTM und hier besonders den partizipativen Kodierprozess als handlungsleitend für den gemeinsamen Forschungsprozess festgelegt. Für die erforderliche partizipative Adaption berücksichtigten wir das Interesse und die Vorkenntnisse der Mitforschenden sowie die zur Verfügung stehenden zeitlichen und finanziellen Voraussetzungen. Zugleich war uns wichtig, die unterschiedlichen Wissensformen zum Tragen zu bringen und dem "kreativen Chaos" partizipativer Forschungsprozesse Raum zu geben. Der Diskussions- und Interpretationsprozess sollte deshalb so weit wie möglich durch das zugrunde gelegte Ausgangsmaterial und nicht bereits aufbereitetes Material geleitet werden. [41]
Im folgenden Abschnitt führen wir in das ElfE-Projekt ein und erläutern, wie erstens einige Elemente der GTM aus forschungspraktischen Erwägungen für den partizipativen Prozess gezielt adaptiert, zweitens wie und warum einzelne Elemente des DEPICT-Verfahrens ("aktives Lesen" und "gemeinschaftliches Interpretieren") ergänzt wurden und drittens welche Schritte prozessbedingt – obwohl anders intendiert – nicht umgesetzt werden konnten. [42]
Im Folgenden geben wir einen Überblick über die Struktur und Organisation des Forschungsprozesses im Projekt ElfE. Viele wichtige Aspekte wie die Motivation der beteiligten Eltern, Fragen des Empowerments der Beteiligten, die Verschränkung von Peer- und kollaborativer Forschung u.v.a.m. können wir in diesem Artikel nicht vertiefen. Einige Hinweise zur Durchführung des Projektes finden sich auf der Webseite des Forschungsverbundes PartKommPlus. [43]
Die Projektstruktur in den beiden ElfE-Fallstudien (Bezirk Marzahn-Hellersdorf, Berlin, Kommune Lauchhammer im Landkreis Oberspreewald-Lausitz, Brandenburg) umfasste zwei wesentliche Standbeine (BÄR & SCHAEFER 2016): Zum einen existierte eine in beiden Fallstudien verortete kommunale Steuerungsgruppe, die im Sinne kollaborativer Forschung aus unterschiedlichen AkteurInnengruppen des Handlungsfeldes Kita gebildet wurde. Zum andern gab es in beiden Fallstudien Forschungsteams bestehend aus Eltern (n=19) von Kindern im Kita-Alter und uns akademisch Forschenden. Mehr als die Hälfte der 19 beteiligten Eltern besaßen keine Vorerfahrung mit wissenschaftlicher Arbeit. Es wurden drei Forschungsteams gebildet, die sich regelmäßig in Forschungswerkstätten getroffen haben. So wurde eine kontinuierliche Entscheidungsteilhabe im Prozess ermöglicht und das erforderliche methodische Wissen sukzessive gemeinsam aufgebaut. [44]
Zum Ende der ersten Forschungsphase legten alle drei Forschungsteams Leitfadeninterviews als Forschungsmethode fest. Dies trug dem Interesse der Eltern Rechnung, "richtige" Forschung umsetzen, d.h. mit etablierten sozialwissenschaftlichen Methoden arbeiten zu wollen. Für die 14 Eltern, die Interesse an der Datenerhebung hatten, boten die Leitfäden zudem die Möglichkeit, einem gemeinsam festgelegten Fragegerüst zu folgen. Insgesamt wurden 27 Leitfadeninterviews durchgeführt. Zwei Peerforschende sprachen Russisch als Muttersprache und haben vier Interviews in Russisch durchgeführt. Alle Interviews wurden extern transkribiert, die Länge variierte zwischen vier und 18 Seiten. Meist lag der Umfang bei zehn Seiten. Obwohl die Interviewleitfäden sehr umfassend waren, fielen die Interviews teilweise recht kurz aus. Es zeigte sich an dieser Stelle, wie schwierig es ist, eine Balance zwischen intensivem Nachfragen und dem Abfragen eines vollständigen Interviewleitfadens zu finden (ACKERMANN & ROBIN 2017). Aus methodischer Sicht wird dies in Abschnitt 5 kritisch reflektiert. [45]
Nach Fertigstellung schickten wir das Transkript an die Interviewerin bzw. den Interviewer (per Post), damit diese es durchsehen und ggf. korrigieren konnten. Im Falle von Interviews mit Angehörigen aus dem Forschungsteam (insgesamt drei Interviews) sendeten wir das Transkript an die interviewte Person mit der Bitte, den Text für eine Freigabe zu prüfen. In einem Fall wurde die Freigabe aus nicht genannten Gründen nicht erteilt, sodass insgesamt 26 Interviews, davon zwei mit teilnehmenden Peerforschenden, in die Auswertung eingeflossen sind. [46]
Spätestens zwei Tage nach dem jeweiligen Interview führte eine von uns akademisch Forschenden – dem Vorschlag von ROCHE, GUTA und FLICKER (2010, S.11) folgend – eine telefonische Nachbesprechung (debriefing) mit der Interviewerin bzw. dem Interviewer durch. Auf Initiative einzelner Peers, die ungern ein längeres Telefonat führen wollten, bestand zusätzlich die Möglichkeit, die Fragen schriftlich zu beantworten. Aus forschungsethischer Sicht war die Nachbesprechung für die emotionale Nachbereitung der Interviews hilfreich und nützlich. Eine weitergehende Einbeziehung dieser zusätzlichen Materialien konnte aus Zeitgründen nicht mehr erfolgen. [47]
Die Anforderungen an die partizipative Datenauswertung sind, wie in Abschnitt 3.4 ausgeführt, komplex und werden durch die projektseitigen Voraussetzungen bestimmt. Wir stellen im Folgenden die Konzeption und Umsetzung der Datenauswertung so dar, dass auch nachvollzogen werden kann, wie das Konzept entwickelt wurde. Dabei stehen das aktive Lesen aus dem DEPICT-Verfahren, der Kodierprozess der GTM und das gemeinschaftliche Interpretieren wiederum aus dem DEPICT-Verfahren im Fokus. [48]
4.2.1 Konzeption der Datenauswertung
Der Entwicklung des Auswertungskonzeptes stellten wir zunächst eine Erprobung des aktiven Lesens und Markierens als wichtig erachteter Aussagen (FLICKER & NIXON 2014) in den Interviewtranskripten voran. Alle Forschenden in den Teams hatten zunächst einen grundsätzlichen Lernprozess zu vollziehen: Die Mitforschenden mussten verstehen, wie qualitativ ausgewertet werden, wir akademisch Forschenden mussten einen Eindruck gewinnen, wie die Zusammenarbeit gestaltet und unterstützt werden kann. Dieser Schritt führte zu "Etiketten" im Sinne einer Überschrift bzw. Paraphrase für den als wichtig erachteten Inhalt. Diese wurden auf Moderationskarten notiert und an eine Moderationstafel geheftet. Beispiele für Etiketten sind "Eingewöhnungsphase" oder "Informationsvermittlung an Eltern". [49]
Danach kodierten die Teams offen und axial. Für das offene Kodieren, in den Werkstätten auch als "beschreibende Auswertung"2) bezeichnet, überführten sie den Inhalt der ausgewählten Textpassagen in kurzer Form in ein Konzept im Sinne der GTM: Sie fassten die Textpassage nicht nur zusammen, sondern interpretierten deren mögliche Bedeutung, die dann auf einer Moderationskarte notiert wurde. Für das Etikett "Eingewöhnungsphase" lautete die Interpretation z.B. "Ausgangspunkt der Zusammenarbeit" und für das Etikett "Informationsvermittlung an Eltern" z.B. "Transparenz". Im Anschluss stellten die Forschenden Erklärungen und Zusammenhänge zwischen den so gebildeten Konzepten her und bildeten daraus Kategorien. So zog das Team z.B. für die "Eingewöhnungsphase" die Schlussfolgerung, dass hier ein Austausch über Erziehungsvorstellungen sinnvoll ist und auch Eltern einer Eingewöhnung in die Kita bedürfen. Oder es wurde das Konzept "Transparenz" der Kategorie "Vertrauensgrundlage" (die Eltern aus individuellen Informationen zum Kind gewinnen) zugeordnet. Dieser Arbeitsschritt wurde in den Werkstätten als interpretierende Auswertung bezeichnet und sollte das axiale Kodieren für die Mitforschenden verständlich machen. Abb. 1 zeigt, dass diese Arbeitsschritte einerseits sukzessive eingeführt und gleichzeitig parallel umgesetzt wurden. Nachdem diese Arbeitsschritte für alle Interviews abgeschlossen waren, nutzten die Forschungsteams drei Sitzungen für ein gemeinsames Interpretieren nach dem DEPICT-Verfahren. Die bis dahin gebildeten Konzepte und Kategorien wurden im Überblick auf Flipcharts visualisiert und unter der Frage "Was haben wir herausgefunden?" betrachtet. Soweit wurden alle Analyseschritte in den drei Forschungsteams getrennt durchgeführt, auch wenn die Werkstätten in Marzahn-Hellersdorf für die Teilnehmenden der jeweils anderen Forschungsteams offen waren.
Abb. 1: ElfE-Auswertungsprozess [50]
Im Anschluss organisierten wir einen Workshop aller drei Forschungsteams, für den wir in Anlehnung an M'BAYO und NARIMANI (2015) den Begriff big discussion day wählten, auch wenn es sich hier nicht um einen Fachtag handelte. Vielmehr nutzten die Forschungsteams diesen Tag, sich die bis dahin erarbeiteten Ergebnisse gegenseitig vorzustellen und im Anschluss gemeinsam eine Kernkategorie zu erarbeiten. Im Zuge dieses Arbeitsschritts wählten die Forschungsteams, angelehnt an das selektive Kodieren nach der GTM, die für die Beantwortung der Forschungsfrage bedeutendste Kategorie aus und setzten ein Großteil der anderen Kategorien zu dieser in Verbindung. [51]
4.2.2 Umsetzungsprozess und Aufgabenteilung zwischen Mitforschenden und akademisch Forschenden
Alle Arbeitsschritte des Kodierens wurden von den Mitforschenden und uns gemeinsam durchgeführt. Das aktive Lesen der Transkripte organisierten die Teams überwiegend in Form von Kleingruppenarbeit in den Forschungswerkstätten. Sie teilten den Text dafür in Abschnitte auf. Teils las eine Person aus der Gruppe den Abschnitt laut und die Gruppe entschied nach jedem Absatz gemeinsam über die Markierung. Teils lasen und markierten die Mitglieder der Kleingruppe den gleichen Textabschnitt parallel; anschließend verglichen und diskutierten sie die Markierungen und stimmten darüber ab. Im Sinne einer "Abkürzungsstrategie" (VON UNGER 2014) bereiteten die Mitforschenden außerdem einen Teil der Transkripte in Heimarbeit vor: Entweder markierten sie die Texte oder brachten diese bereits auf Moderationskarten etikettiert zu den Forschungswerkstätten mit, wo diese dann gemeinsam gesichtet, diskutiert und ggf. in Konzepte und Kategorien überführt wurden. Für die in russischer Sprache durchgeführten (und transkribierten) Interviews erfolgte die Kleingruppenarbeit nur innerhalb der (russischsprachigen) Gruppe, die auch die Interviews durchgeführt hatte. [52]
Alle gebildeten Etiketten, Konzepte und Kategorien notierten die Forschenden auf unterschiedlich farbige Moderationskarten und hefteten sie an vorbereitete Pinnwände. Um die Zuordnung zu erleichtern, gruppierten sie die Karten entsprechend der drei Hauptbereiche der Interviewleitfäden – "Kita", "ErzieherInnen" und "Eltern". Im Zuge des Diskussionsprozesses für die Kategorienbildung wurde diese Trennung in Hauptbereiche teilweise aufgelöst, d.h. die Forschenden stellten neue Verbindungen und Zuordnungen her. Für die gemeinsame Diskussion im Rahmen des big discussion day und die anschließende Ergebnisaufbereitung verwendeten wir diese Hauptbereiche erneut. Auch für den Arbeitsschritt des gemeinsamen Interpretierens strukturierten wir die Diskussion anhand dieser Hauptbereiche. [53]
Parallel zum Vorankommen in den Forschungswerkstätten übertrugen wir alle formulierten Etiketten, Konzepte und Kategorien in MAXQDA, eine Software zur computergestützten qualitativen Datenanalyse. Die Kodierungen aus den Interviews konnten so mit den originalen Textstellen verknüpft werden, ohne dass eine aufwändige Suche per Hand notwendig war. Auf diese Weise wollten wir eine leichtere Übersicht, einen einfacheren Zugriff auf das Originalmaterial im Zuge der Interpretation und somit eine kontinuierliche Datenfundierung ermöglichen. [54]
Das Vorankommen und der Verlauf des Auswertungsprozesses unterschieden sich in den drei Forschungsteams infolge der unterschiedlichen Größe der Teams und der daraus resultierenden unterschiedlichen Anzahl durchgeführter Interviews. Hinzu kam, dass wir aufgrund der räumlichen Entfernung in Lauchhammer weniger Auswertungswerkstätten durchführen konnten: Während sich die Forschungsteams in Marzahn-Hellersdorf jeweils 14-tägig trafen, fanden hier nur monatliche Auswertungstreffen statt. Zusätzlich geplante Gespräche per Skype und ein höherer Anteil an Heimarbeit bei der Auswertung, die die geringere Werkstattfrequenz kompensieren sollten, erwiesen sich als nicht praktikabel, da nicht alle Mitforschenden über einen stabilen Internetzugang verfügten. In Lauchhammer konnte der gesetzte zeitliche Rahmen dennoch eingehalten werden, da die Mitforschenden hier nur vier Interviews geführt hatten und das Forschungsteam den Schritt des gemeinsamen Interpretierens (nach DEPICT) nicht vollzog. [55]
Im Rahmen des big discussion day erarbeiteten die drei Forschungsteams zunächst Modelle mit den aus ihrer Sicht bedeutendsten Kategorien und versuchten dann, gemeinsame Kategorien herauszubilden. Deren Basis waren die Fragen, die in den drei Interviewleitfäden ähnlich gestellt worden waren. Da dieser Abstraktionsschritt zunächst eine Herausforderung darstellte, zogen die Teams Beispiele gut wie schlecht empfundener Kita-Situationen aus den Interviews heran und verdichteten bzw. sortierten sie anhand des Kodierparadigmas nach STRAUSS und CORBIN (1996 [1990]). Die dafür ausgewählten Beispiele wurden mithilfe der mit MAXQDA erzeugten Übersichten aus den Interviews selektiert. Dieser Zwischenschritt ermöglichte es den Teams, eine gemeinsame Kernkategorie zu formulieren und damit zugleich die jeweiligen Ergebnisse aus den vergleichbaren Leitfragen zusammenzuführen. Aus zeitlichen Gründen konnten die Teams im Rahmen dieses Diskussionstages nur einen Teil der formulierten Kategorien gemeinsam in Beziehung zur Kernkategorie setzen. Obwohl das Ausgangsmaterial zunächst vollständig aufgearbeitet wurde, ist es letztlich in die Analyse nicht vollständig eingeflossen. Dies gilt es in Bezug auf die zukünftigen Möglichkeiten für arbeitsteiligere Verfahren bzw. selektivere Auswertungen in partizipativer Forschung kritisch zu reflektieren (vgl. Abschnitt 5). [56]
Bei der Auswertung arbeiteten wir den Forschungsteams durch die Eingabe der Daten in MAXQDA zu. Eine Peerforscherin übersetzte die für die Etiketten, Konzepte und Kategorien verwendeten Textstellen aus den russischen Interviews und ergänzte die gemeinsame Datei in MAXQDA um diese. Als weitere Zuarbeit im Rahmen der Auswertung stellten wir Übersichten zu allen Kategorien für jedes Forschungsteam bereit und aktualisierten diese laufend. Zudem unterstützten wir das Vorgehen methodisch, d.h. wir entwickelten insgesamt drei Merkblätter zu den Themen "Wie können Interviews ausgewertet werden", "Auswertung der Interviewtranskripte Schritt 1: Offenes Kodieren" und "Auswertung der Interviewtranskripte Schritt 2 und 3: Axiales und selektives Kodieren". Weiterhin präsentierten wir wesentliche Arbeitsschritte, z.B. das logische Modell des Kodierparadigmas, auf Flipcharts. Abb. 2 stellt die Arbeitsschritte der Datenanalyse in der Übersicht dar.
Abb. 2: Analyseschritte [57]
4.2.3 Ergebnisaufbereitung und Präsentation
Für die Aufbereitung der Ergebnisse reflektierten die Forschungsteams zunächst den gesamten Auswertungsprozess, die Übersicht über alle gebildeten Kategorien sowie die anhand des Kodierparadigmas herausgearbeiteten Fallbeispiele aus den Interviews gemeinsam mit den Mitgliedern der beiden kommunalen Steuerungsgruppen. [58]
Mit dem Zusammenbringen von Peerforschung und kommunaler Projektsteuerung am Ende des Forschungsprozesses (bis dahin hatte die Steuerungsgruppe den Prozess der Peerforschung begleitet, aber nicht gestaltet) wollten wir den Handlungsbezug von ElfE stärken. In der partizipativen Forschung ist die Herbeiführung von (positiven) Veränderungen Teil des Forschungsprozesses, da Wissen und Handeln verknüpft werden sollen (VON UNGER 2014). Die erzielte Breitenwirkung ist demnach eines der bedeutendsten Merkmale partizipativer Forschung (WRIGHT 2013). [59]
Auf Empfehlung der Beteiligten in den Steuerungsgruppen bereiteten wir daher im Anschluss zentrale, auf der Kernkategorie aufbauende Ergebnisse zur Kommunikation zwischen Eltern und ErzieherInnen auf, mit an Eltern, pädagogische Fachkräfte und die Kita gerichteten Handlungsempfehlungen. Diese wurden den Kita-Trägern in Marzahn-Hellersdorf im Rahmen einer routinemäßigen Sitzung der bezirklichen AG "Tagesbetreuung von Kindern"3) präsentiert. Außerdem wurden die Ergebnisse auf einer öffentlichen Versammlung des Bezirkselternausschusses "Kita" (BEAK) in Marzahn-Hellersdorf vorgestellt. [60]
Als geeignete Transferformate in die Praxis wurden ein Film von Eltern für Eltern sowie ein an Fachkräfte gerichtetes Kartenset zur Reflexion ausgewählter Interviewbeispiele dialogisch entwickelt. Die weitere Aufbereitung der Ergebnisse wird eine Aufgabe der zweiten Förderphase sein. [61]
4.2.4 Erfahrungen und Reflexion des Auswertungsprozesses
Die Etikettierung der als wichtig erachteten Aussagen als Ergebnis des aktiven Lesens ließ sich in den Forschungswerkstätten gut umsetzen. Dieses Vorgehen ermöglichte zunächst einen überschaubaren Einstieg in die Datenauswertung, was für die erste Auseinandersetzung mit dem Material hilfreich war. Zugleich wurde deutlich, dass im Zuge dieses Arbeitsschrittes immer wieder lebhafte Diskussionen über die markierten Aussagen entstanden, die teils anhand persönlicher Erfahrungen reflektiert wurden. [62]
Diese Erfahrung war letztlich ausschlaggebend dafür, das Verfahren der GTM nach STRAUSS und CORBIN (1996 [1990]) in einer reduzierten Form einzusetzen. Hierdurch war es den Forschungsteams möglich, das Wissen und die persönlichen Erfahrungen der Peers vergleichend und ergänzend zu integrieren, den Auswertungsprozess dynamisch und reflexiv zu gestalten sowie mit den unterschiedlichen Zusammensetzungen der Forschungswerkstätten umzugehen. Es konnte so dem vorne dargestellten "kreativen Chaos" partizipativer Forschung (COOK 2009; WRIGHT 2013) ein Bezugsrahmen gegeben werden, der gegenüber den Peerforschenden immer auch den für sie wichtigen Aspekt des Vorankommens im Arbeitsprozess deutlich machte. [63]
Als große Herausforderung in den Auswertungswerkstätten erwies sich die Trennung der Schritte Etikettieren, offenes Kodieren und axiales Kodieren. Besonders die Trennung zwischen Konzepten und Kategorien erfolgte während der Forschungswerkstätten auf Vorschlag durch maximal zwei, häufig nur eine Person von uns, die zugleich in die Moderation der Treffen eingebunden war. Es zeigte sich hier, dass es dafür mindestens eine weitere Person in der Moderation gebraucht hätte, die sich ausschließlich auf die Zuordnung der Aussagen und Ergebnisse der Interpretationen hätte konzentrieren können. Eine Nachbearbeitung der häufig spontan festgelegten Zuordnungen im Nachgang zu den Werkstätten durch uns wurde diskutiert, jedoch verworfen, um nicht zu stark in die Interpretationen der Peers einzugreifen. [64]
Die Erfassung und Eingabe der formulierten Konzepte und Kategorien in MAXQDA war für die Herausbildung der Kernkategorien sowie für die Überprüfung des logischen Zusammenhangs anhand von Beispielen aus den Interviews sehr hilfreich. Auch der für die Zusammenführung der Ergebnisse und Festlegung der Kernkategorie durchgeführte big discussion day erwies sich als zielführend. Die Forschungsteams arbeiteten Gemeinsamkeiten heraus und einigten sich auf eine Kernkategorie. Die Anwendung des Kodierparadigmas anhand von Beispielen mündete bei den Teilnehmenden in dem Eindruck, dass es v.a. die Beispiele sind, die die generalisierten Aussagen mit Bedeutung für den pädagogischen Alltag versehen. Dieser Eindruck wurde auch später durch die Mitglieder der Steuerungsgruppen geteilt. Allerdings reichte die Zeit nicht aus, alle in den einzelnen Forschungsteams gebildeten Kategorien in Bezug zur Kernkategorie zu setzen. Insofern konnte das Ziel der GTM, eine auf den Daten basierende Theorie zu generieren, nicht eingelöst werden. [65]
Auch wenn STRAUSS und CORBIN (1996 [1990]) eine pragmatische Nutzung der GTM akzeptieren, konnten wir verschiedene Grundelemente nicht umsetzen: Die Organisation einer schrittweisen Datengewinnung im Rahmen des theoretischen Samplings widersprach den Vorstellungen der Peerforschenden. Die meisten wollten persönlich ein Interview durchführen, außerdem nahmen sie an, dass eine möglichst große Anzahl an Interviews die Aussagekraft der Ergebnisse stärke. Es wurden daher zu Beginn der Forschungsphase so viele Interviews geführt, dass eine weitere Datenerhebung aufgrund der Ressourcen nicht mehr möglich war. Dies führte dazu, dass eine Schärfung der gebildeten Konzepte und Kategorien im Prozess sowie ein Voranbringen der Datenerhebung bis zur theoretischen Sättigung nicht mehr möglich waren. [66]
Weiterhin sehen STRAUSS und CORBIN vor, nicht nur Interviews in die Analyse einzubeziehen. In unserem Fall betrifft dies z.B. das Ergebnis der Nachbesprechung oder den Kenntnisstand aus der Literatur zur Zusammenarbeit zwischen Eltern und ErzieherInnen oder die Nutzung visueller Daten (Fotos, Videos, siehe MEY & DIETRICH 2016) aus den Forschungswerkstätten. Obwohl dies geplant war, ließ es sich vor allem aus Zeitgründen nur ansatzweise realisieren. Hinzu kam, dass in den Nachbesprechungen durch die unterschiedliche Form der Erhebung (schriftliche Zusammenfassung durch uns auf Basis eines strukturierten Telefonats vs. schriftlicher Zusammenfassung durch die InterviewerInnen) in Bezug auf Ablauf und Inhalt der Interviews unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt wurden. [67]
Ebenfalls nicht (direkt) umgesetzt wurde das Schreiben von Memos zu den Gedanken über die Daten oder zum Diskussionsverlauf in den Forschungswerkstätten. Allerdings erarbeiteten die Teams zu jeder Forschungswerkstatt ein Flipchartprotokoll, in dem sie neben organisatorischen Fragen auch wichtige inhaltliche Aspekte festhielten. Diese Flipchartprotokolle wurden jeweils als Einstieg für die Diskussion der folgenden Werkstatt genutzt. [68]
Sowohl paradigmatische als auch erkenntnistheoretische Gründe sprechen für eine partizipative Datenauswertung. Im Kern geht es darum, transformatives Wissen aus dem gezielten Einbezug von Erfahrungswissen zu generieren und aus diesen neuen Erkenntnissen sozialen Wandel, beispielsweise mehr Chancengleichheit zu ermöglichen. Ein "kreatives Chaos" in diesem Prozess ist nicht nur gewollt, sondern stellt ein Qualitätsmerkmal der gemeinsamen Arbeit dar. [69]
In dem dargestellten Forschungsprojekt ElfE haben wir für die Datenanalyse das (Kodier-) Verfahren der Grounded-Theory-Methodologie durch Elemente des DEPICT-Verfahrens ergänzt und in einer für den partizipativen Prozess adaptierten Form umgesetzt. Leitgedanke bei der Gestaltung der Auswertung (ebenso wie des gesamten Forschungsprozesses) war die geteilte Entscheidungsmacht zwischen den akademisch Forschenden und den Mitforschenden. Gegenüber den in Abschnitt 3.3 gezeigten Beispielen einer Anwendung der GTM in der partizipativen Forschung (u.a. ACKERMANN & ROBIN 2017 sowie DICK 2007) sollte der Einfluss der Mitforschenden in der Aufarbeitung des Ausgangsmaterials erhöht werden. [70]
Verschiedene Gründe haben zu dieser Methodenwahl geführt: Zum einen konnte so dem explizit für die Datenerhebung geäußerten Wunsch der mitforschenden Peers nach "richtiger" Forschung weiterhin entsprochen werden. Zum anderen konnte das Forschungsteam auf ein detailliert beschriebenes Verfahren Bezug nehmen. Auch wenn partizipative Forschung nicht durch die rigorose Befolgung von Methoden gesteuert wird (ABMA et al. 2019), bietet der Rückgriff auf bewährte Verfahren in dem oft schwer überschaubaren zyklischen Prozess der Datenanalyse immer wieder Orientierung. Nicht zuletzt bewerten wir die Grounded-Theory-Methodologie, vor allem wegen ihres Handlungsbezugs, des Fokus auf Interpretation sowie ihres zyklischen Vorgehens als sehr gut anschlussfähig an partizipative Verfahren. Sie unterstützt die Öffnung eines Raumes für die Diskussion und Interpretation durch alle Beteiligten, der für die partizipative Forschung konstitutiv ist. Nachfolgend reflektieren wir sowohl die Erfahrungen mit der gemeinsamen Umsetzung des Verfahrens in den Forschungsteams als auch die vorgenommenen Adaptionen. [71]
Zunächst können wir festhalten, dass die gemeinsame Datenanalyse, organisiert in regelmäßigen Forschungswerkstätten, in denen das Verfahren nach und nach umgesetzt wurde, insgesamt gut funktionierte: Die beteiligten Peers ließen sich auf diesen zeitintensiven, iterativen Prozess ein und beteiligten sich (wenn auch weniger ausgeprägt als in den vorangegangenen Forschungsphasen) kontinuierlich daran. Statt einer Schulung der Peers im Vorfeld erwies es sich als vorteilhaft, das erforderliche Wissen sukzessive im Zuge der Werkstätten aufzubauen und in diesem Rahmen eine Verschränkung der von allen Beteiligten eingebrachten Wissensdimensionen zu ermöglichen. Durch die Verwendung der GTM konnte zudem das gegenstandsbezogene Vorwissen der beteiligten Eltern explizit und systematisch in die Auswertung und Interpretation der Daten integriert werden. [72]
Der Kodierprozess aller Interviews verlief partizipativ. Im Zuge des Kodierens wurde eine Fülle an Erkenntnissen und Aussagen herausgearbeitet. Wir wollten so die partizipative Validität (WRIGHT 2013) der Auswertung sichern. Da alle Interviews gemeinsam in den Forschungswerkstätten gelesen wurden, konnte der Diskussions- und Interpretationsprozess möglichst umfangreich durch das Interviewmaterial inspiriert werden. Trotz des zyklischen Vorgehens und des teils dynamisch verlaufenden Diskussionsprozesses war es anhand der durchgeführten Kodierschritte außerdem möglich, das Vorankommen und den Fortschritt in der Auswertung zu verdeutlichen. Für die teilnehmenden Eltern bedeutete dies eine wichtige Voraussetzung für die Zufriedenheit mit dem Arbeitsprozess. [73]
Auch wenn es einerseits eine hohe Bereitschaft der Peers gab, sich auf den für sie teils ungewohnten Prozess des Lesens und Bearbeitens langer Texte einzulassen, zeigten sich hier Unterschiede zu uns akademisch Forschenden. Für sie waren die jeweiligen Transkripte nach der Bearbeitung, d.h. nach dem Lesen und Kodieren in den Forschungswerkstätten, abgeschlossen. Es gab nur wenig Bereitschaft, diese im Zuge iterativer Schleifen erneut zu diskutieren und zu interpretieren. Dies engte aus unserer Sicht den Analyseprozess ein und weist auf ein Dilemma bezüglich Genauigkeit und Zuverlässigkeit in der partizipativen Forschung hin (McCARTAN, SCHUBOTZ & MURPHY 2012). [74]
Dieses Dilemma zeigte sich auch bezüglich der Durchführung eines theoretischen Samplings in der Datenerhebung sowie der Verdichtung des Materials im Arbeitsschritt des gemeinschaftlichen Interpretierens. In der Abschlussreflexion wurde dieser Analyseschritt von den Peerforschenden als Wiederholung und Doppelung gegenüber den zuvor geführten Diskussionen empfunden. Wir hatten beabsichtigt, zuvor nicht aufgenommene Aspekte zu ergänzen und die Diskussionen nochmals zusammenzuführen. Es sollte auf diese Weise sichtbar werden, welche Aspekte aus dem Interviewmaterial mit dem Alltagswissen der Mitforschenden zusätzlich zugespitzt werden können. [75]
Nach CREAN (2018) wäre zu erwarten gewesen, dass die Peers im Zuge des Forschungsprozesses und vor allem der Datenanalyse ihre Perspektive ergänzen und die Transkripte stärker losgelöst von den persönlichen Erfahrungen beurteilen. Dies konnte von uns jedoch nicht beobachtet werden. Vielmehr entstand der Eindruck, dass der Blick auf das Datenmaterial stark auf Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede in den Erfahrungen bezogen blieb. Fallbezogenes Auswerten und ein Fokussieren auf Differenzen zwischen den Interviews unterblieben auf diese Weise. [76]
Der Prozess des gemeinsamen Kodierens des gesamten Interviewmaterials brauchte viel Zeit (30 Forschungswerkstätten für den Auswertungs- und Interpretationsprozess der drei Teams). Diese Zeit fehlte später für eine vollständige gemeinsame Aufarbeitung der Ergebnisse. Daher konnte diese Phase nur auf einem niedrigeren Partizipationsniveau umgesetzt werden. Im Zuge des Auswertungsprozesses war außerdem eine weniger regelmäßige Teilnahme an den Forschungswerkstätten zu beobachten. Dies kann einerseits den engen Zeitabständen zwischen den Forschungswerkstätten in dieser Phase und/oder der Langwierigkeit des Gesamtprozesses und des "Herauswachsens" der Familien aus der Lebensphase "Kita" geschuldet sein. Andererseits kann dies aber eventuell auch für ein nachlassendes Interesse an einer noch stärkeren Verdichtung des Materials sprechen. [77]
In Bezug auf die gegenüber der GTM und dem DEPICT-Modell vorgenommenen Adaptionen ist zu resümieren, dass die Arbeitsschritte des Etikettierens sowie des offenen und des axialen Kodierens in den Forschungswerkstätten nicht trennscharf durchgeführt werden konnten. Auch blieb, da wir in die Moderation der Werkstätten eingebunden waren, nicht genügend Raum, auf eine stärkere Verdichtung des Materials im Sinne des permanenten Vergleichs oder des Einbezugs von weiterem Material (vor allem Memos) hinzuwirken. [78]
Gute Erfahrungen machten wir mit der Zusammenführung der als besonders wichtig eingeschätzten Kategorien aus den drei Forschungsteams sowie der Ableitung einer Kernkategorie. Allerdings wurde das Kodierparadigma dann nicht mehr für alle gebildeten Kategorien vervollständigt. Auch wurden in die Zusammenführung spezifische Fragen aus den Interviewleitfäden nicht aufgenommen. Daher verwendeten wir auch für die im Anschluss erarbeiteten Präsentationen der ElfE-Ergebnisse nicht alle Kategorien. Diese Erfahrungen legen ebenso wie die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Peers den Schluss nahe, dass hier eine "sparsamere", d.h. reduzierte Datenerhebung ggf. zielführender gewesen wäre. [79]
STRAUSS und CORBIN (1996 [1990]) reflektieren den jeweiligen Forschungsprozess anhand spezifischer Fragen, die sich schwerpunktmäßig auf die Umsetzung der Grundelemente der GTM beziehen. Da in dem dargestellten Beispiel die GTM nur in Teilen umgesetzt wurde, können wir diese Kriterien hier nicht sinnvoll für die Reflexion nutzen. In Bezug auf die Gütekriterien, die in der qualitativen Forschung herangezogen werden (siehe u.a. FLICK 2012 [1995]; STEINKE 2010 [2000]), profitierte der Auswertungsprozess im ElfE-Projekt von der Verwendung eines kodifizierten Verfahrens in verschiedener Hinsicht: [80]
Die intersubjektive Nachvollziehbarkeit wurde ebenso gestärkt wie die Prozessgestaltung, die sich an einer detaillierten Beschreibung orientieren konnte. Auch in Bezug auf die Gegenstandsangemessenheit können wir konstatieren, dass das methodische Vorgehen gut vermittelbar war und es den Raum öffnete, das Wissen und die Erfahrungen der Mitforschenden in den Prozess umfassend zu integrieren, sodass die Voraussetzungen für eine transformative Erkenntnisgenerierung gegeben waren. Als besonders wertvoll wurden hier von den Peers ebenso wie von den in die Diskussion um Transferformate einbezogenen Fachkräften die herausgearbeiteten Beispiele beurteilt, die die Herausforderungen der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Kita-Fachkräften im Alltag verdeutlichen. Es waren somit weniger die generalisierenden Aussagen als vielmehr die Beispiele aus dem Betreuungsalltag, die als Beitrag zur Prozessqualität von allen Beteiligten als besonderer Gewinn dieses Forschungsprojektes betrachtet wurden. [81]
Bezüglich der empirischen Verankerung ließen sich die aus dem Material herausgezogenen Thesen gut fundieren und wurden kommunikativ umfassend validiert. Zugleich nahmen diese aber nur Bezug auf die als besonders wichtig erachteten Kategorien. Die weitere Aufarbeitung der Ergebnisse ist ein Handlungsziel der zweiten Förderphase. [82]
Partizipative Forschung erzeugt lokale Evidenz, d.h., der Fokus liegt auf einer kleinräumigen Ebene. Das jeweilige partizipative Projekt ist als Fallstudie zu verstehen und eine Generalisierbarkeit des so erzeugten Wissens wird nicht angestrebt (WRIGHT 2013). Diese Limitation gilt entsprechend auch für die ElfE-Ergebnisse. [83]
Grundsätzlich hat das Projekt gezeigt, dass partizipative Forschung mit Peersforschenden als NovizInnen in Erhebungs- und Auswertungsverfahren durchgeführt werden kann. Das Beispiel der Interviewführung und die Kürze der Gespräche zeigen jedoch auch auf, dass neben der vorbereitenden Schulung eine gemeinsame Durchführung oder eine längere Pretestphase zum vertieften Kompetenzaufbau sinnvoll wäre. Es ist für das ElfE-Projekt davon auszugehen, dass in den geführten Interviews das Potenzial der Peerforschenden nicht ausgeschöpft werden konnte und das Datenmaterial mehr inhaltliche Tiefe hätte gewinnen können. [84]
Der auf die GTM bezogene Auswertungsprozess wurde nicht vollständig durch- bzw. zu Ende geführt. Zwar konnten gut begründete Thesen, die eine Grundlage für Handlungsempfehlungen bieten, aus dem Material herausgearbeitet werden, eine Theorieentwicklung erfolgte jedoch nicht. Auch erfolgte keine Sonderauswertung für spezielle Zielgruppen. Als Peers angesprochen waren Eltern mit Kindern im Kita-Alter aus dem Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf und der Kommune Lauchhammer. Bildungshintergrund, Berufsausbildung sowie Erwerbstätigkeit der beteiligten Eltern waren divers. In Bezug auf den kulturellen Hintergrund waren in die Fallstudie Marzahn-Hellersdorf Eltern mit Russisch als Muttersprache einbezogen. In Lauchhammer wurden Eltern von Kindern mit Frühförderbedarf befragt. Kategorien, die diese Spezifika erfassten, wurden jedoch für die Aufarbeitung der Ergebnisse aus Zeitgründen nicht verwendet. [85]
Somit unterstützte besonders der Kodierprozess der GTM die Ziele der partizipativen Forschung, den kollektiven Erkenntnisprozess zu ermöglichen und lokal gültiges Wissen zu produzieren. Die Ambition der GTM selbst, die Theorieentwicklung voranzutreiben, konnten die Forschungsteams nur rudimentär umsetzen. Auch nutzten die Teams wichtige Grundelemente wie das theoretische Sampling, das Schreiben von Memos sowie den Einbezug anderer Datenquellen in Ansätzen, setzten diese aber nicht ausreichend um. Dies lag einerseits an fehlenden Verfahrensroutinen und zeitlichen Ressourcen, andererseits wirkten sich auch unterschiedliche Interessen zwischen uns und den Peerforschenden auf die Gestaltung des Forschungsprozesses aus. Das Potenzial, das sich aus dieser weiteren Verdichtung der Analyse ergibt, muss für einen zukünftigen partizipativen Analyseprozess überzeugender herausgestellt werden. [86]
Um dieses Dilemma zu vermeiden, ist für eine künftige partizipative Auswertung eine Arbeitsteilung bzw. stärkere Zuarbeit durch die akademisch Forschenden zu überlegen. Zugleich kann – mit dem Ziel einer "sparsamen" Datenerhebung – auch das theoretische Sampling als Verfahren nutzbringend sein. Es ermöglicht, die untersuchten Fälle im Wechsel von Erhebung, Entwicklung der Konzepte sowie Kategorien und anschließender weiterer (bezüglich der sich entwickelnden Theorie relevanter) Datenerhebung auszusuchen (STRAUSS & CORBIN 1996 [1990]). Dies setzt allerdings ein Einvernehmen mit den Mitforschenden voraus. Wir vermuten diesbezüglich, dass nicht nur im Projekt ElfE das Image von Forschung bei den Mitforschenden impliziert, dass möglichst viele Daten gesammelt werden sollten. Auch bedarf es einer Entscheidung, wer aus der Gruppe der Mitforschenden in dem jeweiligen Schritt für die Datenerhebung ausgewählt wird. [87]
Aus den Erfahrungen mit dem Auswertungsprozess leiten wir folgende Empfehlungen für eine künftige partizipative Auswertung ab:
Die Nutzung der GTM ermöglicht, das alltagsweltliche Wissen und die Erfahrungen der Mitforschenden in den Auswertungsprozess einzubeziehen und mit dem Wissen der akademisch Forschenden zu verschränken. Damit entsteht Raum für eine intensive Auseinandersetzung, der die Generierung neuer Erkenntnisse ermöglicht. Aus erkenntnistheoretischer Sicht eignet sich der Ansatz für die partizipative Auswertung daher eher als inhaltanalytische Verfahren.
Die Datenerhebung sollte, auch wenn dies nach den Erfahrungen im ElfE-Projekt der Intention der Mitforschenden widerspricht, eher sparsam erfolgen. Ein sukzessives Vorgehen, wie es für die GTM herausgearbeitet ist, kann sinnvoll sein: D.h., Daten werden zunächst nur in einem begrenzten Umfang erhoben und ausgewertet; dann wird, auch unter Berücksichtigung der theoretischen Sättigung, über die weitere Datenerhebung entschieden.
Die Frage nach der "Sparsamkeit" der Datenerhebung ist auch in Bezug auf die Organisation mehrerer Forschungsteams und, daraus resultierend, unterschiedlicher Forschungsfragen zu diskutieren.
Die Umsetzung der Kodierschritte sowie der weiteren Kernelemente der GTM setzt entsprechende Erfahrungen bei den akademisch Forschenden voraus und erfordert eine Aufbereitung für partizipatives Arbeiten sowie ausreichende personelle Ressourcen. Hierfür sind mindestens zwei Personen notwendig, die nicht in die Moderation der Arbeitstreffen eingebunden sind.
Es sollte geprüft und gemeinsam mit den Mitforschenden diskutiert werden, inwieweit eine Nachbearbeitung (Überprüfung der spontanen Zuordnungen zu Etiketten, Konzepten und Kategorien) im Anschluss an die Forschungswerkstätten sinnvoll sein kann. Hierfür müssen zeitliche und personelle Ressourcen eingeplant werden.
Die Nachbesprechung hat sich in Bezug auf die emotionale Entlastung nach den Interviews und die Reflexion ethischer Fragen bewährt. Für die Nutzung im Zuge der Auswertung sind jedoch Verfahren zu entwickeln, die sich an den Memobesprechungen der GTM orientieren können. Sinn und Nutzen der Nachbesprechung muss für alle Beteiligten stärker herausgearbeitet werden.
Ein arbeitsteiliges Vorgehen (z.B. Eingabe der Kodierungen in Softwareanalyseprogramme) hat sich bewährt. Voraussetzung ist, dass alle definitorischen und rahmengebenden Tätigkeiten in der gemeinsamen Federführung verbleiben.
Die Ergänzung der GTM durch das aktive Lesen aus dem DEPICT-Modell hat sich als niedrigschwelliger Einstieg in die Auswertung bewährt. Der Nutzen des Arbeitsschritts des gemeinschaftlichen Interpretierens sowie Spezifika der GTM-Kodierschritte sollte stärker verdeutlicht und ein Verfahren gefunden werden, wie das auch im Prozess ersichtlich wird.
Wichtige Aufgaben der akademisch Forschenden im Auswertungsprozess sind die Aufarbeitung von Differenzen zwischen den Erzählungen im Datenmaterial und die Stärkung eines iterativen Vorgehens, d.h., den Vergleich zwischen den Daten zu fördern (BERG & MILMEISTER 2008).
Obwohl der Verlauf eines so organisierten Auswertungsprozesses zeitlich nur schlecht kalkulierbar ist, müssen die zur Verfügung stehenden Ressourcen im Voraus präzise kalkuliert werden. Diese Kalkulation sollte fortlaufend geprüft und die Prozessgestaltung ggf. angepasst werden. [88]
1) Der Forschungsprozess wurde von drei ForscherInnengruppen aus Eltern, moderierenden Fachkräften und akademischen Partnerinnen gestaltet. Wenn im Folgenden von "wir" gesprochen wird, sind die akademischen Partnerinnen gemeint, die den Prozess für diesen Artikel dargestellt und methodisch reflektiert haben. Der Publikationsvereinbarung des Projektes folgend werden die Mitwirkenden des Forschungsprojektes ElfE als AutorInnen summarisch mit aufgeführt. <zurück>
2) Die anstelle der GTM-Terminologie verwendeten Begriffe sind aus methodischer Sicht kritisch zu reflektieren. Sie sind eher als eine alltagssprachliche Umsetzung einer Terminologie zu sehen, um den Eltern den Zugang zu erleichtern und die gemeinsame Interpretation auf das Material zu fokussieren. Die konkrete Analysearbeit ging in diesem Schritt über eine zusammenfassende Beschreibung in einem inhaltsanalytischen Sinn hinaus. Dies muss zukünftig für die begriffliche Präzisierung genutzt werden. <zurück>
3) In der Arbeitsgruppe Tagesbetreuung von Kindern nach §78 Kinder- und Jugendhilferecht (KHJG) des Bezirks Marzahn-Hellersdorf (AG 78) sind alle Kita-Träger im Bezirk unter Leitung des Jugendamtes im Bezirksamt Berlin von Marzahn-Hellersdorf zusammengeschlossen. <zurück>
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Ina SCHAEFER ist Gesundheitswissenschaftlerin. Derzeit ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice Salomon Hochschule Berlin beschäftigt. Sie forscht dort partizipativ mit Eltern im Rahmen des Projektes ElfE – Eltern fragen Eltern.
E-Mail: ina.schaefer@ash-berlin.eu
URL: https://www.ash-berlin.eu/forschung/forschungsprojekte-a-z/elfe/
Prof. Dr. Gesine BÄR ist Professorin für partizipative Ansätze in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Sie leitet das Projekt ElfE und ist außerdem Sprecherin des Netzwerkes "PartNet – Partizipative Gesundheitsforschung".
E-Mail: baer@ash-berlin.eu
URL: https://www.ash-berlin.eu/hochschule/lehrende/professor-innen/prof-dr-gesine-baer/
Mitwirkende des Forschungsprojektes ElfE
URL: http://partkommplus.de/teilprojekte/elfe/elfe-erste-foerderphase/
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