Source: https://www.dasschlafmagazin.de/archiv/ausgaben2011/dsm-4-11
Timestamp: 2019-10-17 08:44:56+00:00

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Ausgabe 4/2011: Sekundenschlaf, Schlafapnoe-Therapie: Wasserbetten
Das Schlafmagazin: Ausgabe 4/2011
Ein anwaltlicher Praxisbericht über die unterschiedliche Sanktionspraxis: Verkehrsunfälle durch Einschlafen am Steuer
Wer ist bei einer falschen oder abgelehnten Therapie haftbar?
Neue Wege in der Schlafapnoe-Therapie: Wasserbetten?
Auch bei Patienten mit reduzierter Zahnzahl möglich!: Unterkieferprotrusionsschienen gegen Schlafapnoe
Aufwach-Schlaganfall durch Alkohol und Schlafapnoe
Atemluftkonditionierung – eine physikalische Betrachtungsweise
„Zurück zum Schlaf-Genuss“ : Neue Wege in der Burn-out-Prävention und -Intervention​​​​​​​
Interdisziplinär und patientenfreundlich: Das neue Schlaflabor in Leonberg
Seminar für Schlafapnoe-Patienten: Hilfe bei Therapieproblemen
Erektionsstörungen nachhaltig behandeln: Es muss nicht immer gleich Viagra und Co. sein
Buchtipp: In vier Schritten zum guten Schlaf
Schwere Verletzungen hat ein vierundzwanzig Jahre alter Mann aus dem Ruhrgebiet bei einem Unfall am Donnerstag gegen 2.55 Uhr auf der Autobahn zwischen den Anschlussstellen Neuenkirchen-Vörden und Holdorf erlitten. Der Mann war nach Polizeiangaben mit seinem mit Trockeneis beladenen LKW mit Anhänger aus ungeklärter Ursache nach rechts von der Fahrbahn abgekommen. Das Fahrzeug durchbrach die Leitplanke und den Wildschutzzaun, kippte um und blieb auf dem Dach liegen.“
„Schon ein paar Sekunden Schlaf am Steuer können teuer werden. Diese Erfahrung musste auf der A 6 ein Lastwagenfahrer machen. Nach dem Einnicken verlor er in Höhe der Ortschaft Birgland die Kontrolle über sein Gespann. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, kam der LKW nach links von der Fahrbahn ab und walzte auf einer Länge von mehr als 20 Metern die Mittelleitplanke platt.“
„Bei einem Horror-Unfall auf der Brenner-Autobahn starb eine dreiköpfige Familie aus Düsseldorf. Zu dem Unfall kam es am Samstag gegen 8.30 Uhr. Der Audi prallte bei voller Fahrt auf einen LKW aus Tschechien, der in einer Haltebucht stand. Am Steuer saß die Mutter. Der Tacho soll nach dem Crash auf 200 km/h gestanden haben. Weil die Polizei keine Bremsspuren entdeckte, gehen die Ermittler von Sekundenschlaf aus. Der Aufprall war so stark, dass das Auto teilweise unter den Lastwagen rutschte und Teile des PKWs bis zu 100 Meter weit flogen.“
Guter Schlaf ist erholsam, Sekundenschlaf kann tödlich sein, wenn einen die winzige Müdigkeitsattacke in einer kritischen Fahrsituation erwischt, etwa in einer Kurve, aus der man sich selbst ins Abseits katapultiert, besonders bei hoher Geschwindigkeit, oder auf einer gerade verlaufenden Landstraße, auf der einen die Schlafattacke für Bruchteile von Sekunden auf die Gegenfahrbahn geraten lässt und so in einer tödlichen Frontalkollision mit dem entgegenkommenden Fahrzeug endet. Früher stand im Protokoll der Polizei, dass der Fahrer wohl einen Fehler begangen habe, oder schlicht: Ursache unbekannt. Heute ist man klüger und weiß um die Gefahren des Sekundenschlafs.
Schlaflexikon: Sekundenschlaf
Sekundenschlaf ist ein ganz banales Phänomen, nämlich ungewolltes Einnicken, das nur wenige Sekunden dauert. Ursachen dafür gibt es viele. Sekundenschlaf tritt im Straßenverkehr bei übermäßig langen und monotonen Fahrten auf. Das ist in erster Linie auf Autobahnen der Fall.
Besonders gefährlich sind Nachtfahrten zwischen 2 und 5 Uhr morgens. Das hängt mit unserer inneren Uhr zusammen, mit dem Biorhythmus. In dieser Zeit ist der Körper, ob er darf oder nicht, auf Schlaf eingestellt und so steigt die Wahrscheinlichkeit, einmal kurz wegzunicken. Der Sekundenschlaf dauert beim Autofahren nur sehr kurz. Gemessen wurden Zeiträume von 0,2 bis 5 Sekunden. Von Zugführern dagegen ist bekannt, dass sie sich auch einmal bis zu 30 Sekunden verabschieden. Bei Airlinepiloten können das sogar bis zu 2 Minuten sein.
Wachheit messen
Wie lässt sich Wachheit feststellen? Lässt sich Müdigkeit messen und woran kann man selbst erkennen, wie wach man gerade ist? „Wachheit oder Schläfrigkeit kann man ganz schwer von außen durch Beobachtung oder Untersuchung des Betroffenen feststellen“, so Prof. Barbara Wilhelm von der Universitäts-Augenklinik in Tübingen, die sich seit Jahren mit dieser Thematik beschäftigt. „Man kann ihn natürlich fragen, aber die meisten Menschen können nicht gut oder überhaupt nicht beurteilen, wie einschlafgefährdet sie sind. Darin liegt gerade die Gefahr des Sekundenschlafs. Es gibt unterschiedliche Verfahren, z. B. in schlafmedizinischen Zentren, Schläfrigkeit zu messen. Man kann dies tun, indem man den Betroffenen mehrmals am Tag in einem dunklen Raum hinlegt und unter Ableitung der Hirnströme feststellt, wie lange es dauert, bis er einschläft. Das ist recht zeitaufwendig: Dazu braucht man Personal, und der Betroffene muss sich einen ganzen Tag lang bereithalten. Oder man kann durch bestimmte Konzentrations- oder Leistungsaufgaben indirekt festzustellen versuchen, wie schläfrig jemand ist. Doch das funktioniert nur sehr ungenau.“
Barbara Wilhelm hat mit ihrem Team ein Testgerät entwickelt, den Pupillografen, mit dem man relativ zuverlässig den Grad der Wachheit oder Schläfrigkeit eines Menschen messen kann. „In einem Teil unseres Gehirns, dem Hirnstamm, gibt es einen Wachheit steuernden Kern“, erläutert Wilhelm, „und dieser Kern, eine Gruppe von Nervenzellen, steuert maßgeblich unser Wach- und Schlafverhalten. Und genau dieser Kern ist dafür zuständig, wie sich unsere Pupille in Dunkelheit verhält. Wenn dieser Kern also Schläfrigkeit signalisiert, dann bewegt sich unsere Pupille im Dunkeln hin und her. Das heißt, die Pupille wird kleiner und wieder größer. Es ist so, als würden wir aus einem Luftballon dann Luft herauslassen und langsam wieder hineinblasen. Dieses Phänomen kann man auch mit dem bloßen Auge bei der Untersuchung feststellen und in bestimmten Messgrößen erfassen.“
Schläfrigkeit kann viele Ursachen haben. Diplompsychologin Sabine Eller, Leiterin des Schlaflabors der Klinik Schillerhöhe: „Teilweise können wir etwas dafür, teilweise tritt sie gegen unseren Willen ein. Es kann zum Beispiel sein, dass die Missachtung bestimmter Regeln, die dem gesunden Schlaf zuträglich sind, unseren Schlaf beeinflusst. Das wäre etwa eine zu kurze Ruhezeit, die wir sträflicherweise über Tage, über Wochen durchhalten. Es können aber auch Folgen von Schichtarbeit sein, die uns nicht regelmäßig schlafen lassen und dann, wenn wir schlafen könnten, durch den Rhythmus, der uns nicht gemäß ist, vielleicht zu Schwierigkeiten führen.
Es gibt auch Verhaltensweisen wie starkes Rauchen vor dem Schlafengehen oder große Essensmengen, auch starker Alkoholgenuss, Koffein, Tein oder Aufputschmittel, die wir bewusst oder unbewusst zu uns nehmen und die die Schlafqualität beeinträchtigen. Ferner wissen wir, dass auch Krankheiten unseren Schlaf beeinträchtigen. Dies könnte die Krankheit der unruhigen Beine sein, die manche bewusst beim Einschlafen noch wahrnehmen, woran viele aber selbst nach einem erschwerten Einschlafen in der Nacht noch weiter leiden. Diese unruhigen Beine verändern die Schlafqualität, vermindern sie und lassen die Betroffenen erst in den frühen Morgenstunden in Schlaf fallen.“
Die Augen beginnen langsam zu brennen, das Augenzwinkern wird häufiger, gleichzeitig aber auch langsamer, und die Pupillen verengen sich zunehmend. Außerdem beginnt man zu frösteln. Man gähnt überdurchschnittlich viel, reagiert nicht mehr so schnell wie sonst und macht mehr Fehler beim Fahren, übersieht Verkehrsschilder oder Ausfahrten. Es fällt einem schwer, die Spur zu halten. Ein weiteres typisches Anzeichen ist schlechte Laune – man wird plötzlich nervös oder aggressiv und regt sich über Sachen auf, die einen normalerweise kalt lassen würden. Oft kann man sich gar nicht mehr an die letzten gefahrenen Kilometer erinnern oder hat das Gefühl, nicht zu wissen, wo man ist. Und vielleicht fallen einem sogar für den Bruchteil einer Sekunde die Augen zu – das ist aber dann wirklich schon Alarmstufe Rot. Wer jetzt nicht auf seinen Körper hört und eine Pause macht, läuft Gefahr, dass er sein Auto – wenn auch nur für kurze Zeit – führerlos und damit unkontrolliert lässt.
Doch auch der Sekundenschlaf mit offenen Augen ist tückisch, denn in diesem Zustand verarbeitet das Gehirn die Wahrnehmungen der Augen so gut wie gar nicht mehr bzw. zu langsam, sodass eine Reaktion zu lange dauert. So verlängert sich die Reaktionszeit schon nach einer vierstündigen Nonstop-Fahrt um 50 %. Das bedeutet, dass sich das Unfallrisiko verdoppelt. Nach sechs Stunden Fahrt ohne Unterbrechung steigt es sogar auf das Achtfache. Ein müder Fahrer reagiert nicht nur langsamer und beurteilt Situationen häufig falsch, sondern er überschätzt auch die eigene Leistungsfähigkeit.
Den Mikroschlaf austricksen!
Das beste Mittel gegen Schläfrigkeit ist zunächst einmal, dass man vor einer weiten Fahrt nach einem langen Arbeitstag ausreichend schläft. Das ist natürlich nicht immer möglich, vor allem dann, wenn Fahrer in ihrem Fahrzeug in unbequemen Kabinen Lärm und Hitze ausgesetzt sind. So schläft man schlecht. Dagegen hilft nur ein Kurzschlaf. Auch bei Tag! Dieses Powernapping von zehn bis fünfzehn Minuten ist das Allerwirksamste, was man gegen Schläfrigkeit tun kann. Besonders wirksam ist es, diesen Kurzschlaf mit Koffein zu kombinieren. Den Kaffee sollte man schon vor dem Kurzschlaf trinken. Er braucht ungefähr 20 Minuten, um seine Wirkung zu entfalten.
Auch Krankheiten machen müde
Akute Schläfrigkeit rechtzeitig zu erkennen und dann nicht einfach weiterzufahren, sondern etwas dagegen zu tun, ist das eine. Aber damit ist das Problem nur vorübergehend gelöst. Wer nachts schlecht schläft und sich dadurch tagsüber ständig unausgeruht fühlt, der leidet möglicherweise an einer Schlafstörung, die ärztlich diagnostiziert und behandelt werden muss. Besonders häufig ist es eine Schlafapnoe, also das krankhafte Schnarchen mit den immer wiederkehrenden Atemaussetzern. Wer unter Schlafapnoe leidet und das weiß, macht sich strafbar, wenn er sich hinter das Steuer setzt und einen Unfall verursacht. Schlafapnoe lässt sich leicht diagnostizieren und behandeln.
Gemäß § 3 I des Straßenverkehrsgesetzes (StVG) hat die Fahrerlaubnisbehörde die Fahrerlaubnis zu entziehen, wenn sich jemand als ungeeignet oder nicht befähigt zum Führen von Kraftfahrzeugen erweist. Die Fahrerlaubnisverordnung (FeV) ergänzt die Bestimmungen des StVG. Bewerber um eine Fahrerlaubnis müssen laut § 11 FeV die hierfür notwendigen körperlichen und geistigen Anforderungen erfüllen. Die Anforderungen sind insbesondere nicht erfüllt, wenn eine Erkrankung oder ein Mangel nach Anlage 4 oder 5 vorliegt, wodurch die Eignung oder bedingte Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen ausgeschlossen wird. In § 46 I FeV heißt es, dass die Fahrerlaubnisbehörde dem Fahrerlaubnisinhaber die Fahrerlaubnis zu entziehen hat, wenn er sich als ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen erweist. Der Gesetzgeber hat in Anlage 4 der Fahrerlaubnisverordnung (zu den §§ 11, 13 und 14) vermeintlich klare Regelungen zur Eignung und bedingten Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen für Menschen mit chronischen Schlafstörungen aufgenommen (dazu: Fromm, Änderungen der Fahrerlaubnisverordnung zulasten von Schlafapnoe-Kranken, Das Schlafmagazin 04/2007, S. 22–25). Differenziert wurde nach Ziffer 11.2.1 im Wesentlichen in unbehandelte und behandelte Schlafstörungen. Weiter ergibt sich aus der Tabelle, unter welchen Voraussetzungen eine Eignung bzw. bedingte Eignung vorliegt. Ist der Betroffene bedingt geeignet, so unterliegt er Beschränkungen/Auflagen. Die Fahrerlaubnis von chronisch Erkrankten ist (ggf. nachträglich) mit entsprechenden Auflagen/Bedingungen zu versehen. Unbehandelte Schlafstörungen sollen nach dem Willen des Gesetzgebers nach Ziffer 11.2.1 zur Fahruntauglichkeit führen, wenn eine messbar auffällige Tagesschläfrigkeit vorliegt. Nur Betroffene mit behandelten Schlafstörungen sollen bedingt fahrtauglich bleiben, unter der Voraussetzung, dass keine messbar auffällige Tagesschläfrigkeit mehr vorliegt. In jedem Fall fordert der Gesetzgeber bei Schlafstörungen als Auflage auch nach einer Behandlung regelmäßige Kontrollen von Tagesschläfrigkeit.
Unabhängig von den verwaltungsrechtlichen Maßnahmen der Fahrerlaubnisbehörde kann jedoch etwa das Einschlafen am Steuer als Folge krankhafter (Schlaf-)Störung, etwa Schlafapnoe, auch zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft führen. Oft verrät sich der Betroffene am Unfallort im Rahmen von „Spontanäußerungen“unüberlegt selbst, noch bevor er von den Strafverfolgungsorganen über sein Schweigerecht belehrt wurde. Der Begriff der Schlafstörung ist im Strafgesetzbuch – im Gegensatz zu den Regelungen des Verwaltungsrechts – nicht erwähnt. Werden durch einen Unfall andere Verkehrsteilnehmer verletzt oder – in schweren Fällen – getötet, droht neben einer Entziehung der Fahrerlaubnis im Fahrerlaubnisrecht eine Bestrafung wegen fahrlässiger Körperverletzung (§ 229 Strafgesetzbuch) oder fahrlässiger Tötung (§ 222 Strafgesetzbuch). Die Fahrlässigkeit des Schlafapnoe-Erkrankten kann darin bestehen, die im Verkehr erforderliche Sorgfalt dadurch außer Acht gelassen zu haben, dass er trotz der Schlafstörung die Gefährdung Dritter hingenommen hat, insbesondere sich über von ihm erkannte Vorzeichen des Einnickens, sog. Prodromal-Erscheinungen, hinweggesetzt hat (Oberlandesgericht Oldenburg, NJW-RR 1999, 469). § 222 StGB sieht als Rechtsfolge eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe vor. Die fahrlässige Körperverletzung kann geahndet werden mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe. Es muss aber für eine strafrechtliche Verurteilung nicht unbedingt zum Schlimmsten, dem Unfall, kommen: Hat der Beschuldigte den Leib oder das Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert durch gesundheitliche Mängel konkret gefährdet, kann der Straftatbestand der Gefährdung des Straßenverkehrs gem. § 315 c StGB erfüllt sein. Die extreme Übermüdung kann einen Mangel in diesem Sinne darstellen (BGH VRS 14, 284, Cramer/Sternberg-Lieben, in Schönke/Schröder, Strafgesetzbuch, 27. Aufl. 2006; Jagusch-Hentschel, § 315 c StGB Rdnr. 14; Rüth, in: LK-StGB, § 315 c Rdnr. 24). Allerdings führt nicht jede Übermüdung eines Kraftfahrers zur Bejahung der Tatbestandsvoraussetzung des § 315 c I Nr. 1 b StGB, zu verlangen ist vielmehr ein solcher Übermüdungszustand, welcher für den Beschuldigten die erkennbare Erwartung eines nahen Sekundenschlafs mit sich bringt (BayObLG, NJW 2003, 3499). Neben den Hauptstrafen des StGB kann die Freiheits- oder Geldstrafe einhergehen mit einem Fahrverbot oder einer Entziehung der Fahrerlaubnis. Beim Fahrverbot gemäß § 44 StGB wird dem Beschuldigten verboten, für eine bestimmte Dauer mit einem Kraftfahrzeug am öffentlichen Straßenverkehr teilzunehmen. Bei einem Fahrverbot wird der Führerschein für die Dauer des Verbotes bei einer Behörde verwahrt und nach Ablauf der Verbotsdauer wieder an den Beschuldigten ausgehändigt. Die Entziehung der Fahrerlaubnis ist eine Maßregel der Besserung und Sicherung. Wird jemand wegen einer rechtswidrigen Tat, die er bei oder im Zusammenhang mit dem Führen eines Kraftfahrzeuges oder unter Verletzung der Pflichten eines Kraftfahrzeugführers begangen hat, verurteilt, so entzieht ihm das Gericht gemäß § 69 I 1 StGB die Fahrerlaubnis, wenn sich aus der Tat ergibt, dass er zum Führen von Kraftfahrzeugen ungeeignet ist. Allerdings führt auch die Tatsache, dass der Täter Schlafapnoiker ist, nicht unbedingt zu der Annahme, dass die Fahrerlaubnis entzogen werden wird (Landgericht Traunstein, Beschl. v. 08.07.2011, 1 Qs 225/11). Im Falle der Entziehung der Fahrerlaubnis erlischt – mit der Rechtskraft des Urteils – die behördliche Erlaubnis des Beschuldigten, ein Kraftfahrzeug zu führen (§ 69 III StGB), und der Führerschein wird eingezogen und unbrauchbar gemacht.
Ähnliches ereignete sich im April 2011 in Bayern. Ein Pkw-Fahrer kam, nachdem er eingeschlafen war, über die Gegenfahrbahn hinaus nach links von der Fahrbahn ab. Das Fahrzeug fuhr eine Böschung hinunter, überrollte ein Verkehrsschild und hob dann aufgrund einer leichten Erhöhung vom Boden ab, flog einige Meter durch die Luft und landete direkt in einem Spargelverkaufsstand. Der Autolenker wurde bei dem Unfall schwer verletzt. Die Verkäuferin des Standes hatte großes Glück, sie blieb unverletzt: Sie sah das herbeifliegende Auto und konnte sich in letzter Sekunde retten. Der Beschuldigte erhielt einen Strafbefehl, die Geldstrafe wurde auf über 6 000 EUR beziffert. Ferner wurde ihm die Fahrerlaubnis entzogen, der Führerschein wurde sogar direkt nach dem Vorkommnis einbehalten (§ 111 a Strafprozessordnung). Der Beschuldigte ließ jedoch Einspruch einlegen. Auf die erfolgreiche Beschwerde beim Landgericht gegen die vorläufige Entziehung der Fahrerlaubnis wurde ihm die Fahrerlaubnis zurückgegeben. Damit steht fest, dass er immerhin bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung vorläufig weiter von seiner Fahrerlaubnis Gebrauch machen darf. Dieser Fall weicht dadurch von dem ersten ab, dass die Post der Fahrerlaubnisbehörde nicht lange auf sich warten ließ. Die Behörde wollte ein ärztliches Gutachten anordnen (§ 11 Fahrerlaubnisverordnung). Für den Fall, dass der Betroffene die Bedenken gegen die körperliche Eignung nicht durch Vorlage eines ärztlichen Gutachtens ausräumen kann, wurde bereits angekündigt, ihm hilfsweise verwaltungsrechtlich die Fahrerlaubnis entziehen zu wollen. Bei Nichtvorlage eines Gutachtens wäre auf die Nichteignung geschlossen worden. Die Fahrerlaubnisbehörde beging jedoch den Verfahrensfehler, dass sie nicht zunächst den Ausgang des Strafverfahrens abwartete, bevor sie zu Maßnahmen des Verwaltungsrechts griff (§ 3 III Straßenverkehrsgesetz).
Bei durchaus vergleichbarem Personen- und Sachschaden wurde in einem weiteren Falle nur eine Geldbuße nach dem Gesetz über Ordnungswidrigkeiten in Höhe von – nicht im Verkehrszentralregister eintragungspflichtigen – 35,00 EUR verhängt („Zwei Personen bei Unfall auf A 31 bei Heede schwer verletzt“, Neue Osnabrücker Zeitung vom 04. April 2011). Hier hatten ein Mann und eine Frau bei einem Verkehrsunfall im April dieses Jahres schwere Verletzungen auf der Autobahn A 31 bei Heede erlitten. Der Pkw war von der Fahrbahn abgekommen und in den Seitengraben geschleudert worden. Die Beifahrerin wurde bei dem Unfall in dem Autowrack eingeklemmt. Einsatzkräfte der Feuerwehren aus Heede und Dörpen befreiten die Frau aus dem total zertrümmerten Fahrzeug. Der Fahrer und die Beifahrerin wurden mit Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht. Der Fahrzeugführer war nach dem Einnicken auf gerader Strecke nach rechts von der Fahrbahn abgekommen und in den Seitenraum geraten. Der Pkw schlingerte noch ein ganzes Stück durch einen Graben, bevor er zum Stehen kam. Nachdem der Betroffene die Geldbuße entrichtet hatte, ordnete die Behörde ein ärztliches Gutachten an (§ 11 Fahrerlaubnisverordnung). Erfreulicherweise bestätigte ihm der zuständige Facharzt mit verkehrsmedizinischer Qualifikation die körperliche Eignung zum Führen von Fahrzeugen.
1. Fahrerlaubnisinhaber müssen die für eine Fahrerlaubnis notwendigen körperlichen und geistigen Anforderungen erfüllen. Die Anforderungen sind insbesondere nicht erfüllt, wenn eine Erkrankung oder ein Mangel nach Anlage 4 oder 5 vorliegt. Die Eignung ist bei Schlafstörungen (laut Anlage 4, Ziffer 11.2) nicht gegeben, wenn eine messbar auffällige Tagesmüdigkeit vorliegt. Wird die Schlafstörung dagegen wirksam behandelt, ist von einer Beseitigung der Tagesmüdigkeit auszugehen. Das heißt, die Fahrerlaubnis kann aufrechterhalten bleiben, wenn sich der Betroffene regelmäßig schlafmedizinisch untersuchen lässt. 2. Derjenige, der infolge seiner Erkrankung einen Verkehrsunfall verursacht hat, kann sich wegen fahrlässiger Körperverletzung (§ 229 Strafgesetzbuch), fahrlässiger Tötung (§ 222 Strafgesetzbuch) und Gefährdung des Straßenverkehrs gemäß § 315 c StGB strafbar machen. 3. Ergibt sich zusätzlich aus der Tat, dass der Betroffene zum Führen von Kraftfahrzeugen ungeeignet ist, so wird die Entziehung der Fahrerlaubnis durch den Strafrichter gemäß § 69 StGB angeordnet. 4. Bei unterbliebener Fahrerlaubnisentziehung im Strafrecht gemäß § 69 StGB darf die Fahrerlaubnisbehörde – nach Abschluss des Strafverfahrens gemäß § 3 III StVG – die Fahreignung nochmals überprüfen. Der Beschuldigte muss sich daher auf einen doppelten Kampf (einmal im Strafverfahren und später im Verwaltungsrecht) gefasst machen. Ausnahmsweise darf die Fahrerlaubnisbehörde den Führerschein nicht entziehen, wenn dies mit dem Inhalt des Strafurteils nicht vereinbar wäre, dort etwa festgehalten wurde, dass das Gericht aus bestimmten Gründen keine Entziehung der Fahrerlaubnis angeordnet hat, vgl. § 3 IV 1 StVG. 5. Die Sanktionspraxis ist derzeit in Deutschland sehr unterschiedlich. Auch hier gilt das „Nord-Süd-Gefälle“. Dies haben die vorgestellten Fälle exemplarisch belegt. Unbedingt sollte ein spezialisierter Rechtsanwalt aufgesucht werden. So besteht eine größere Chance, als Gewinner aus dem Sitzungssaal zu gehen.
Schlafkongress in Mannheim
Neue Wege in der Schlafmedizin
Neue Wege in der Burn-out- Prävention und -Intervention
Die CPAP-Therapie wurde in den drei Jahrzehnten seit ihrer Erfindung kontinuierlich verbessert: Die einst 20 bis 30 kg schweren, potthässlichen Beatmungsmonster haben sich zu handlich kleinen, fast schon elegant wirkenden Geräten gemausert. Der ursprüngliche Geräuschpegel konnte auf ein Viertel reduziert werden: Mit etwa 24 Dezibel sind die heutigen CPAP-Geräte beinahe flüsterleise. Außerdem gibt es mittlerweile eine große Auswahl unterschiedlicher Therapiemodi: Neben den ursprünglichen Geräten, die einen konstanten Druck abgeben, werden inzwischen vielfach automatische CPAP-Geräte verwendet, die ihren Druck flexibel dem jeweiligen Bedarf des Patienten anpassen. Damit kann man ungefähr 2 mbar Therapiedruck pro Nacht einsparen. Das macht die Therapie angenehmer und verbessert die Compliance. Denn der Schweregrad der Obstruktionen variiert von Nacht zu Nacht und sogar von Stunde zu Stunde – je nach Schlafphase, Schlafposition, abendlichem Alkoholkonsum und anderen Einflussfaktoren.
Ferner gibt es CPAP-Geräte mit flexibler Druckabsenkung (C-Flex). Sie wurden entwickelt, weil viele Patienten es als unangenehm empfinden, gegen den Therapiedruck des Geräts auszuatmen. Diese Geräte senken den Beatmungsdruck genau zu Beginn der Ausatmung ab; beim Einatmen steigt der Druck wieder an. Viele Patienten empfinden das als Entlastung, weil sie jetzt nicht mehr gegen einen „Widerstand“ anatmen müssen.
Auch die Masken – die Schnittstellen zwischen Patient und Gerät, die besonders häufig Probleme bereiten – wurden in den letzten 30 Jahren deutlich verbessert: Inzwischen gibt es so viele verschiedene Maskentypen, dass nahezu für jeden Patienten etwas Passendes dabei ist.
Lagerungsgürtel zur Verhinderung der Rückenlage
Aber es werden auch immer mehr Alternativen zur CPAP-Therapie erforscht und entwickelt. Neben diversen HNO-ärztlichen Eingriffen und Zahnschienen, die den Unterkiefer nach vorn verlagern, spielen Vorrichtungen zur Verhinderung der Rückenlage eine wichtige Rolle: Bei vielen Schlafapnoikern nimmt die Anzahl der Apnoen nämlich zu, wenn sie auf dem Rücken liegen. Da war es natürlich naheliegend, sich etwas auszudenken, was die Patienten von der Rückenlage abhält. Angefangen hat es mit provisorischen Lösungen wie dem berühmten in die Schlafanzugjacke eingenähten Tennisball: wirkungsvoll, aber nicht besonders bequem. Die heutigen Rückenlageverhinderungswesten (umgangssprachlich auch als „Schnarchrucksäcke“ bezeichnet) sind sehr viel komfortabler, was auch für die Schlafqualität wichtig ist: Denn was nützt es dem Patienten, wenn er zwar nicht mehr schnarcht, aber dafür bei jedem Umdrehen hellwach wird?
Ein neu entwickelter Lagerungsgürtel kommt aus den USA: Der per Klettverschluss schließbare Gürtel besteht aus leichtem synthetischem Schaumstoff und soll bald auch in Deutschland erhältlich sein. Er eignet sich für Patienten mit leichter bis mittelschwerer (Apnoe-Hypopnoe-Index: unter 20) und lageabhängiger Schlafapnoe.
Einer Studie zufolge haben 92 % der untersuchten Patienten von dieser Methode profitiert: Sie schliefen mit dem Gürtel tatsächlich nicht mehr auf dem Rücken, sondern nur noch auf der Seite und ihre Atmung normalisierte sich. Bisherige Studien zur Lageabhängigkeit zeigen, dass der AHI sich in Seitenlage immerhin um rund 50 % reduziert. Allerdings liegt nur bei etwa 35 % aller Schlafapnoiker eine Lageabhängigkeit vor, und zwar besonders häufig bei leichten bis mittelschweren schlafbezogenen Atemstörungen.
Nasenventile und „offenes“ CPAP
Ferner gibt es Ventile, die nachts in die Nasenöffnungen geschoben werden und beim Einatmen geöffnet sind (sodass der Patient genügend Luft bekommt), sich bei der Ausatmung aber verengen. Auf diese Weise erhöht sich der Druck in den Atemwegen beim Ausatmen, wodurch (so vermutet man wenigstens) die Kollapsneigung der oberen Atemwege im Schlaf auch noch während der Einatmung verhindert wird. Tatsächlich ließ sich in einer Studie der AHI durch diese Nasenventile von 24,8 auf 14,2 senken. Auch das Schnarchen wurde von 26,9 % auf 9,4 % des Nachtschlafs reduziert, und die Patienten waren tagsüber weniger schläfrig. Allerdings ist diese Therapie nicht ganz billig: Es handelt sich nämlich um Einwegventile, und zehn Nächte kosten 20 Dollar – also vielleicht doch eher eine Alternative für Reisen, aber keine Dauertherapie. Außerdem sind die Nasenventile zurzeit nur in den USA, Hongkong, Indien, Australien und Neuseeland erhältlich.
Auch die transnasale Insufflation (TNI) bewirkt eine Druckerhöhung in den oberen Atemwegen. Dabei wird dem Patienten über eine einfache Nasenkanüle mit hohem Fluss (20 Liter/Minute) auf 32 bis 33 °C angewärmte Luft in die Nasenlöcher geblasen. Die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch: Sie liegt bei mindestens 80 %. Der zuführende Schlauch, der bei CPAP-Geräten einen Durchmesser von 1,5 bis 2 cm hat, liegt bei der TNI unter 1 cm Durchmesser, wirkt also weniger störend. Außerdem entfällt natürlich auch die Beatmungsmaske, mit der viele Patienten Probleme haben.
Allerdings erreicht man mit diesem offenen Beatmungsverfahren keinen so hohen Therapiedruck. Und die Behandlung ist auch nur bei bestimmten Patientengruppen gut wirksam, nämlich bei Schlafapnoikern mit geringgradiger Atemstörung, die eher Hypopnoen als Apnoen entwickeln – bei denen sich die Atemwege also nicht völlig verschließen, sondern nur verengen. Bei solchen Patienten kann man mit dem ausgeübten Druck tatsächlich verhindern, dass die Atemwege weiter zugehen, insbesondere im REM-Schlaf. Wer also besonders viele Atemstörungen im REM-Schlaf (der Schlafphase mit lebhaften Träumen und schnellen Augenbewegungen) und viele Hypopnoen hat, profitiert von der Therapie. Die höchste Erfolgsrate ist bei leichten Schlafapnoe-Formen zu erwarten. Bei zentralen Apnoen wirkt die TNI nicht; außerdem sind noch Untersuchungen zur Langzeitanwendung erforderlich, um die Anwendungsgebiete und den klinischen Nutzen genauer abzusichern. Ob die Krankenkassen die Kosten für diese Therapie übernehmen oder nicht, ist Verhandlungssache.
Besseres Wiedereinschlafen dank SensAwakeTM
Über die automatische CPAP-Therapie, welche die Obstruktionen nur im Bedarfsfall bekämpft, wurde bereits gesprochen – der flexibel an die jeweilige Atemwegssituation angepasste und insgesamt niedrigere Druck wird von vielen Patienten als angenehm empfunden. Eine weitere Erleichterung für Schlafapnoiker bieten Geräte mit Wachphasenerkennung, die den Druck im Wachzustand absenken. Denn dieser Druck ist (v. a. bei längeren Wachliegephasen) für viele Patienten unangenehm und erschwert ihnen das Wiedereinschlafen.
Geräte mit der SensAwake™-Technologie von Fisher & Paykel „merken“ anhand der unregelmäßigen Atmung des Patienten, dass er wach ist, und senken den Druck dann blitzschnell ab. Eine Untersuchung hat gezeigt, dass die Geräte tatsächlich 61,2 % aller längeren Wachphasen erkennen. Das verbessert Patientenkomfort und Therapieakzeptanz und kann Therapieabbrüchen vorbeugen.
Wer mit seiner CPAP-Therapie also beim besten Willen nicht zurechtkommt oder sie zumindest als so unangenehm empfindet, dass er sein Gerät manchmal am liebsten in die Ecke stellen würde, dem bieten C-Flex und SensAwake™ vielleicht eine gewisse Therapieerleichterung. Es auszuprobieren, lohnt sich auf jeden Fall. Denn CPAP ist nach wie vor die wirksamste Behandlungsoption gegen obstruktive Schlafapnoe; und da diese schlafbezogene Atemstörung sich bislang nicht heilen lässt, muss das Gerät regelmäßig jede Nacht benutzt werden, um zu wirken. Gerade Patienten mit leichteren Schlafapnoe-Formen sollten, wenn sie Probleme mit der CPAP-Therapie haben, ihren Arzt aber ruhig auch einmal nach anderen, weniger belastenden Behandlungsmöglichkeiten fragen.
„Zurück zum Schlaf-Genuss“
Es ist eine der schwierigsten Aufgaben, erschöpfte Menschen überhaupt zu erreichen. Das gilt in besonderem Maße für die Wirtschaftsklientel: Sie reagieren auf Ratschläge allergisch, auf Vorschläge skeptisch, auf Mitgefühl mit Stolz, und Psychotherapie kommt einer feindlichen Übernahme an der Börse gleich. Wie also erreicht man sie? – Dieser Frage widmete sich Business-Coach Lucie Neumann aus Stuttgart und entwickelte das Einzel-Coaching „Zurück zum Schlaf-Genuss “ als Alternative zu schlafhygienischen Trainings. Planbar, messbar, überschaubar, anonym, innovativ, vertretbar – das sind die Kriterien ihres neuroplastisch wirksamen Methodenmix. Erstmals wurden damit 260 internistisch-orthopädische Reha-Patienten gecoacht: Die Evaluation ergab neun Punkte Verbesserung auf einer 12er-Stress-Skala innerhalb von zwei Stunden.
Müde und misstrauisch ist sein Blick, als er durch die Tür der Villa tritt: „Guten Tag, Herr Siegfried*, wie geht es Ihnen bei uns?“ „Ich weiß gar nicht, was ich hier soll – was machen Sie denn?!“ „Was machen Sie denn so – beruflich?“ „Ich bin Stanz- und Umformungs-Techniker.“ „Sehen Sie, das mache ich auch: umformen.“
Herr Siegfried blinzelt. Ich erkläre, dass sich das Gehirn ständig umformt – sozusagen – und neu vernetzt. Dass es sich immer anpasst, in jedem Alter, und dass es neue Techniken gibt, die aus der Gehirn- und Gedächtnisforschung kommen, mit deren Hilfe sich seine Schlaflosigkeit schnell verändern kann. Er müsse sich zu nichts zwingen und auch nichts lernen – das mache das Gehirn ganz von alleine. Nur das Prinzip verstehen. Jetzt nickt er, auf Grundprinzipien verstehe er sich als Techniker: „Einverstanden.“
Mehr Leichtigkeit, Freude und Genuss
Einverstanden – ein guter Start. Denn ums Einverständnis und Selbst-Verständnis geht es uns im Pilotprojekt „Die Zukunft meiner Arbeit. Ressourcen-Coaching für beruflich belastete Reha-Patienten“ an der internistisch-orthopädischen Rehaklinik Höhenblick in Baden-Baden. Dort sind wir uns seit September 2009 einig: „Wir brauchen mehr Leichtigkeit, Freude und Genuss in der Gesundheitsaufklärung, dann klappt es auch mit der Selbsthilfe.“
Freude, die will Herr Siegfried wieder haben und schöpft jetzt Hoffnung, dass sich seine fünf Jahre alten Ein- und Durchschlafprobleme verändern können. Dass er sie „in den Griff kriegt“, dass er nachts schläft und sich nicht durchs Bett pflügt. Und dass es doch eine Lösung gibt. Der Hausarzt hatte jedenfalls keine, nur Schlaftabletten und – stirnrunzelnd – eine Warnung vor denselben; im Schlaflabor hieß es, es gebe keinerlei organische Ursachen, was ihm jedoch am liebsten gewesen wäre, und von den Hausmittelchen aller Art habe er nun wirklich die Nase voll, er verdreht die Augen. Jetzt grüble er sich mehr denn je quer durchs Bett, bis er zwei oder drei Stunden weg-nicke und dann wieder glockenhellwach sei. Er sei am Ende. Ob das mit dem Alter zusammenhänge?
Selbst-Verständnis löst Angst
Nein, es hängt nicht mit dem Alter zusammen. Aber oft mit den unzähligen Klischees, die sich um „Alter & Arbeit“ ranken. Auch heute noch, trotz des bekannten Fachkräftemangels und der Anstrengungen von Unternehmen und Politik, ältere Arbeitnehmer (gesund) zu halten. Die Angst vor dem Alter ist bei zwei Dritteln meiner Klienten ein Thema. Es schaukelt sich in schlaflosen Nächten endlos auf. Angst ist Stress, die Amygdala feuert, „Alarm-Hormone“ fluten den Körper – er liegt in Hochspannung wach. Das erkläre ich ihm, dem Techniker, technisch. Und weiter: Serotonin, ein Botenstoff, der tags für die guten Gefühle zuständig sei, werde in der Nacht in Melatonin umgewandelt. Die Aufgabe des Melatonins sei es, Lebewesen in den Schlaf zu schicken. In der Dunkelheit fehle ein Gutteil des „Sprits für gute
Gedanken“, deshalb grübelt mein Klient. Es sei also primär ein biochemisches Problem, kein persönliches. Herr Siegfried seufzt. Gut. Seufzen löst Muskeln. Und Selbst-Verständnis löst Angst. Das ist mein Ziel: schnellst- und bestmöglich die Stressspirale unterbrechen. Zum einen durch die Entdramatisierung der Situation, zum anderen durch die Erklärung der physiologischen Zusammenhänge. So, dass er sie als Techniker versteht. Alle Ressourcen leite ich aus dem Beruf ab, beim Maschinenführer ebenso wie beim Vorstandsvorsitzenden.
Die hohe Anspannung durch Altersangst kann ich ihm in der ersten Stunde nehmen. Als sich eine Woche später sein Schlaf deutlich verbessert hat, vertraut er etwas mehr „dem, was Sie da machen“, sagt er. Jetzt geht es um die Sortierung der Eindrücke. Der myostatische Test zeigt: Es sind nicht die vielen Frontlinien, an denen er in den letzten Monaten kämpfte, wie die Altersangst, die entnervte Gattin, der Hausbau, die Lehre der Kinder. Der myostatische Test weist eindeutig den Stress mit dem Chef aus, der früher einmal, vor Jahren, ein Freund war. Autsch, denke ich. Autsch, sagt Herr Siegfried.
„Social Pain“ – Sozialschmerz – landet im Schmerzgedächtnis, wie die Psychologen Eisenberger und Lieberman von der kalifornischen Universität in Los Angeles bereits 2004 publizierten. Im Alltag führt unverarbeiteter Sozialschmerz emotional zu Verwirrung durch extrem widersprüchliche Gefühle. Bei Herrn Siegfried waren es Wut, Ohnmacht, Rebellion – und eine gute Portion Trauer. Unverarbeitet führt dieser scharfe Emotions-Mix – nicht nur bei Herrn Siegfried – zu Schlaflosigkeit, Verspannungen im ganzen Körper, die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der Organe wird unterbrochen, manchmal entsteht so Drehschwindel. Spätestens jetzt wird es eng ums Herz und im Gehirn, der Mensch verliert buchstäblich den Boden unter den Füßen. Emotionaler Schmerz – der ist lösbar. Wie andere Sorgen, die die Menschen nachts durchs Bett treiben: Sie sind selbst-lösbar, in den meisten Fällen ohne Chemie oder Psychotherapie.
Der Stress der Sorgen
Der Schlüssel liegt im Verarbeitungswissen des Gehirns, das der Körper in vielfältiger Form angelegt hat. Dreh- und Angelpunkt ist jedoch der Schlaf. Oder wie der Harvard-Professor Allan Hobson sagt: „Schlaf kommt vom Hirn, wird vom Hirn gemacht und nutzt dem Hirn.“ Von zentraler Bedeutung sind die REM-Phasen. Die stresslösende Wirkung der schnellen Augenbewegungen entdeckte 1987 die amerikanische Psychologin Francine Shapiro. Daraus entwickelte sich die erstaunlich effiziente Traumatherapie EMDR und seit 2001 die Coaching-Methode wingwave: „Wache REM-Phasen“ lösen den Stress der Sorgen, die den Schlaf behindern. Seit 2004 arbeite ich mit diesem überraschend wirksamen Methoden-Ansatz. Nicht zuletzt, weil meine Klienten aus der Wirtschaft kurze Wege zurück zur Form brauchen, aber weder „strippen“ noch analysiert werden wollen. Wie so viele Therapieferne.
Darum wurde der beruflich belastete Herr Siegfried mit Priorität „hoch“ bei mir angemeldet. Der Chefarzt der internistisch-orthopädischen Rehaklinik Höhenblick, Dr. Jürgen Möbis-Wolf, sandte ihn zu mir mit den Worten: „Vergessen Sie, was Sie gelernt haben, gehen Sie erst mal zu Frau Neumann.“ Ich muss lachen, als mein Klient davon erzählt, hatte es doch seine Zeit gedauert, die Skepsis der Ärzte zu überwinden. Ein Wirtschafts-Coach, der sich um Schlafstörungen kümmert ... Jetzt, nach zwei Jahren und um die Erfahrung mit 260 Klienten reicher, wissen wir: Der interdisziplinäre Schulterschluss funktioniert. Die Evaluation zeigt neun Punkte Verbesserung auf einer 12er-Stress-Skala in genau zwei Stunden.
Der Oberarzt und die leitende Psychologin hatten im September 2009 den Weg für dieses in Deutschland einzigartige Projekt geebnet: einen Business-Coach mit ins Team zu nehmen, der mit Kurzzeit-Methoden arbeitet. Weil „Burn-out“ und berufliche Belastungen enorm zunehmen, weil Daueranspannung internistische und orthopädische Befunde ausprägt, weil es den fatalen Verlauf von „Burn-out“ unbedingt frühzeitig zu verhindern gilt. Und weil es geht – in zwei Stunden.
Voraussetzung dafür ist die Rückkehr zum Schlaf. Ich arbeite auf dem Fundament der Schlafforschung und entwickelte aus Praxis und Gehirn-/Gedächtnisforschung eine genussfreundliche Alternative zur Schlafhygiene. Konkret: Es gibt keine strengen (Schlaf-)Regeln oder Restriktionen. Stattdessen geht es immer um Ressourcen, um persönliche Rituale, die leicht verbessert werden können. Denn in meiner Praxis berichten Key-Account-Manager, Top-Vertriebsmitarbeiter, dass sie abends beim Geschäftsessen ihre Abschlüsse vorbereiten, und schütteln in heller Verzweiflung den Kopf: „Wie soll das denn gehen, wenn ich ab 18 Uhr nur noch wenig essen und keinen Alkohol trinken soll? Und wo bleibt mein Leben, wenn ich am Wochenende abends um 22 Uhr schlafen gehen soll? Was ist denn das für ein Leben – diese Kriechspur?“ Von diesen Reaktionen berichtet auch der leitende Arzt eines Schlaflabors: „Und dann ändert sich nichts.“
Insbesondere Männer in verantwortlichen Positionen führen keine Schlaftagebücher, sie finden das peinlich. Zum Schlaf- oder Psychotherapeuten würden sie niemals gehen. Und in ihren Lebensstil lassen sie sich schon gar nicht dreinreden. „Müssen Sie nicht“, sage ich dann, „es reicht, wenn Sie verstehen, wie sich das Gehirn beruhigt. Dann können Sie Ihre eigenen Methoden ‚upgraden‘.“ Und wenn die Mundwinkel misstrauisch zucken: „Spanier schlafen auch, obwohl sie erst um 21.00 Uhr im Restaurant etwas zu essen bekommen.“ Dann lachen selbst müde Key-Account-Manager. Gut. Lachen entspannt die Muskulatur.
Rund ein Drittel der Burn-out-Gefähr-deten könnten präventiv mit diesem Verarbeitungswissen aus der Gehirnforschung wieder zu Kräften kommen, ein weiteres Drittel durch direkte Intervention. Denn dann wissen sie, wie erstaunlich effizient das Gehirn bestmöglich das „Stress-Verdauungs-Problem“ löst. „Proppleme“ – wie der Schriftsteller Kurt Tucholsky schon vor 100 Jahren schrieb – hat die Natur des Gehirns schon längst gelöst. Und wie es Deutschlands interdisziplinärster Gehirnforscher, Professor Dr. Gerald Hüther, sagt: „Wir müssen uns auf bewährte Prinzipien rückbesinnen.“
Das Wesentliche ist der Schlaf. Er ist die Zentraleinheit für den emotionalen, rationalen und körperlichen Reset eines Menschen, nachts werden sowohl Zellen „gewartet“ wie auch Eindrücke verarbeitet. Er ermöglicht seit Jahrtausenden den täglichen Neustart, ein bewährtes Prinzip. Sonst würde es die Menschheit schon lange nicht mehr geben. Und wie der Schlafmediziner der Karlsruher Paracelsus-Klinik, Dr. Thorsten Piepgras, erläutert: „Der Schlaf gehört zu den ganz frühen und sehr konstanten Entwicklungen der Natur. Bei uns Menschen beträgt der Anteil der Schlafzeit an der Gesamtlebenszeit ca. 25–30 Prozent. Wenn die Natur so viel Zeit für Schlaf ‚einplant‘, ist dies ein Zeichen für dessen zentrale Bedeutung für die Lebensfunktionen.“
Wäre es dann nicht naheliegend, allen Burn-out-Gefährdeten die zügige Rückkehr zum Schlaf zu ermöglichen? Ist es nicht erstaunlich, dass während der Aktionswoche zum „Tag der Seelischen Gesundheit“ im Oktober 2011 nur drei Schlafthemen zu finden waren, bei mehr als 200 Veranstaltungen an 40 Standorten? Dass der „Spiegel“ im Juli titelte „Neustart: Wie Sie der Burn-out-Falle entkommen“ und übers betriebliche Gesundheitsmanagement berichtet – aber sich auch dort nichts zum Schlaf findet?
„Schlaf eine Nacht drüber“
Ist Schlaf also Privatsache? Aus meiner Erfahrung: ja und nein. Ja, weil jedes durchorganisierte Leben auch Freiräume braucht. Und nein, weil die starke Zunahme der Burn-out-„Befunde“ es erfordert, aus der Volksweisheit „Schlaf eine Nacht drüber“ leichtgängiges Public-Health-Wissen zu „Schlaf-Genuss“ zu machen.
Woran liegt es, dass das Naheliegende noch so wenig Beachtung findet? Zwar warben in den vergangenen Jahren zahlreiche Wellness-Hotels mit Vorträgen zur Schlafhygiene, aber heute finden sich diese Angebote kaum mehr. Ist die Schlafhygiene noch zu lebensfern? Das ist zu vermuten. Es geht menschenfreundlicher und nachhaltiger, in vielerlei Hinsicht. Das ist ein Ergebnis unseres Projekts.
Mehr auf Praktiker hören
Insbesondere bei „Burn-out“ ist ein ressourcenorientiertes Durchstarten von zentraler Bedeutung. Politik und innovative Krankenkassen müssten angesichts der schnell anschwellenden Burn-out-„Befunde“ neue praxisrelevante Programme auflegen. Und gerade auf Praktiker sollte weitaus mehr gehört werden. So zitiert der Neurobiologe Peter Spork in seinem „Schlafbuch“ den Chefarzt der psychosomatischen Oberberg-Klinik Berlin-Brandenburg: „Vor allem müssen sie schlafen.“
Das „Wie“ bleibt noch im Dunkeln: Neben der klinischen Forschung – am besten interdisziplinärer Forschung, zum Beispiel in Verbindung mit der Bewegungsmedizin – braucht es die Hausarzt-Forschung; Patientenwissen sollte einbezogen werden, wie zum Beispiel das Projekt „Krankheitserfahrungen.de“ der medizinischen Fakultäten in Freiburg und Göttingen; auch unser Praxis-Projekt „Zurück zum Schlaf-Genuss“ kann sich in der Forschung bewähren. Aber Forschung braucht Gelder. Trotz der Bedeutung, die der Schlaf bei Burn-out, psychischen, internistischen und orthopädischen Erkrankungen hat, gibt es bis heute keinen Lehrstuhl für Schlafmedizin, so der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Professor Dr. Geert Mayer. Und weiter: „Trotz des Angebots an qualifizierten Ausbildungsplänen der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin haben diese Lehrpläne bisher keinen Eingang in die Ausbildung von Medizinern/innen gefunden.“ Liegt es vielleicht mit an der Schwere der Kommunikation? Bewegungs- und Ernährungsmedizin haben bereits innovative, genussfreundliche und kurze Wege zum Patienten gefunden. Internisten und Schlafmediziner bestätigen: „Wir wissen, dass ‚Schlafhygiene’ ein schwerfälliges Vehikel ist.“
In meiner Arbeit an der Klinik ist der „Schlaf-Genuss“ inzwischen das Einstiegsszenario zur Lösung von beruflichen Lasten, damit Klienten möglichst schnell zur Ruhe zurückfinden. Die schnelle Veränderung schafft Hoffnung. Dann setzt die Lösungs­fähigkeit wieder ein, dann können die Klienten in Selbsthilfe für die Verarbeitung sorgen. Selbstmedikation bzw. Selbsthilfe ist ohnehin das zweitwichtigste Gesundheitsthema, gleich nach der Prävention, wie die Kommunikationsagentur fischerAppelt aus Hamburg 2009 erhoben hat. Kurze Wege zur Selbsthilfe, dafür habe ich diese neue Herangehensweise entwickelt, die sich in der Klinik in (fast) allen Bildungsschichten, Berufen und Branchen bewährt hat. In meiner Privatpraxis wird sie besonders schnell von Führungskräften und Selbstständigen angenommen. Weil sie immer nach effizienten, praktikablen Lösungen suchen und nach ihren eigenen Regeln leben. Und weil sie ihren Schlafmangel manchmal bis in die Knochen spüren.
Mein Klient, Herr Siegfried, besucht mich am letzten Tag seines Reha-Aufenthalts: Er kann wieder schlafen, seine Nackenschmerzen ist er los, er drückt mir seinen anonymen Evaluierungsbogen in die Hand, ich will protestieren, aber er sagt: „Mir geht es gut, das will ich Ihnen persönlich sagen.“ Ich blinzle, nicke und lache. Bevor er unter der Tür der Villa verschwindet, ruft er noch: „Funktioniert das auch für Schichtarbeiter?“ Ich rufe zurück: „Es gibt Hinweise.“ – Tatsächlich, das „Schlaf-Problem“ der Deutschen ruft nach neuen Lösungen.

References: § 3
 § 11
 § 46
 § 222
 § 315
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 § 44
 § 69
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 § 3
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