Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Diskriminierung_Alter_Befristung_Mangold_EuGH_C-144/04.html
Timestamp: 2017-03-28 00:33:39+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: C-144/04
1. Im Rah­men des Vor­la­ge­ver­fah­rens nach Ar­ti­kel 234 EG be­sitzt das vor­le­gen­de Ge­richt, das al­lein über ei­ne un­mit­tel­ba­re Kennt­nis des Sach­ver­halts verfügt, die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen, um un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­son­der­hei­ten der Rechts­sa­che die Not­wen­dig­keit ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung für den Er­lass sei­nes Ur­teils zu be­ur­tei­len. Be­tref­fen da­her die vom na­tio­na­len Ge­richt vor­ge­leg­ten Fra­gen die Aus­le­gung ei­ner Be­stim­mung des Ge­mein­schafts­rechts, so ist der Ge­richts­hof grundsätz­lich ge­hal­ten, darüber zu be­fin­den.
Dem Ge­richts­hof ob­lieg es je­doch, zur Prüfung sei­ner ei­ge­nen Zuständig­keit die Umstände zu un­ter­su­chen, un­ter de­nen er vom na­tio­na­len Ge­richt an­ge­ru­fen wird. Denn der Geist der Zu­sam­men­ar­beit, di­en dem das Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren durch­zuführen ist, ver­langt auch, dass das na­tio­na­le Ge­richt sei­ner­seits auf die dem Ge­richts­hof über­tra­ge­ne Auf­ga­be Rück­sicht nimmt, die dar­in be­steht, zur Rechts­pfle­ge in den Mit­glied­staa­ten bei­zu­tra­gen, nicht aber dar­in, Gut­ach­ten zu all­ge­mei­nen und hy­po­the­ti­schen Fra­gen ab­zu­ge­ben.
2. Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der mit der Richt­li­nie 1999/70 zu der EGB-UN­ICE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge durch­geführ­ten Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge vom 18. März 1999, der vor­sieht, dass die Um­set­zung die­ser Ver­ein­ba­rung nicht als Recht­fer­ti­gung für die Sen­kung des all­ge­mei­nen Ni­veaus des Ar­beit­neh­mer­schut­zes in dem von die­ser Ver­ein­ba­rung er­fass­ten Be­reich die­nen darf, ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung nicht ent­ge­gen­steht, mit der aus Gründen der Beschäfti­gungsförde­rung und un­abhängig von der Um­set­zung der Rah­men­ver­ein­ba­rung das Al­ter ge­senkt wur­de, ab dem un­ein­ge­schränkt be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können.
3. Das Ge­mein­schafts­recht und ins­be­son­de­re Ar­ti­kel 6 Ab­satz 2 der Richt­li­nie 2000/78 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ent­ge­gen­ste­hen, nach der der Ab­schluss be­fris­te­ter Ar­beits­verträge mit Ar­beit­neh­mern, die das 52. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, un­ein­ge­schränkt zulässig ist, so­fern nicht zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht.
Der­ar­ti­ge Rechts­vor­schrif­ten sind nicht nach Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 die­ser Richt­li­nie ge­recht­fer­tigt, wie nicht nach­ge­wie­sen ist, dass die Fest­le­gung ei­ner Al­ters­gren­ze als sol­che un­abhängig von an­de­ren Erwägun­gen im Zu­sam­men­hang mit der Struk­tur des je­wei­li­gen Ar­beits­mark­tes und der persönli­chen Si­tua­ti­on des Be­trof­fe­nen zur Er­rei­chung des Zie­les der be­ruf­li­chen Ein­glie­de­rung ar­beits­lo­ser älte­rer Ar­beit­neh­mer ob­jek­tiv er­for­der­lich ist, so das die­se Rechts­vor­schrif­ten über das hin­aus­ge­hen, was zur Er­rei­chung des ver­folg­ten Zie­les an­ge­mes­sen und er­for­der­lich ist.
Dass die Frist zur Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78 zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses des be­tref­fen­den Ver­tra­ges noch nicht ab­ge­lau­fen war, steht die­ser Aus­le­gung nicht ent­ge­gen. Denn während der Frist für die Um­set­zung ei­ner Richt­li­nie dürfen die Mit­glied­staa­ten kei­ne Vor­schrif­ten er­las­sen, die ge­eig­net sind, die Er­rei­chung des in die­ser Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Zie­les ernst­lich zu in Fra­ge zu stel­len. In die­sem Zu­sam­men­hang kommt es nicht dar­auf an, ob die frag­li­che, nach In­kraft­tre­ten der be­tref­fen­den Richt­li­nie er­las­se­ne Re­ge­lung des na­tio­na­len Rechts de­ren Um­set­zung be­zweckt oder nicht.
4. Es ob­liegt dem na­tio­na­len Ge­richt, bei dem ein Rechts­streit über das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters, das ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Ge­mein­schafts­recht ist, anhängig ist, im Rah­mens ei­ner Zuständig­kei­ten den recht­li­chen Schutz, der sich für den Ein­zel­nen aus dem Ge­mein­schafts­recht er­gibt, zu gewähr­leis­ten und die vol­le Wirk­sam­keit des Ge­mein­schafts­rechts zu ga­ran­tie­ren, in­dem es je­de mögli­cher­wei­se ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det lässt, auch wenn die Frist für die Um­set­zung ei­ner Richt­li­nie, die sich, wie die Richt­li­nie 2000/78 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, an die­sem all­ge­mei­nen Grund­satz ori­en­tiert, noch nicht ab­ge­lau­fen ist.
Arbeitsgericht München, Beschluss vom 26.02.2004, 26 Ca 14314/03
UR­TEIL DES GERICH­TSHO­FES (Große Kam­mer)
22. No­vem­ber 2005(*)
„Richt­li­nie 1999/70/EG – Pa­ra­gra­fen 2, 5 und 8 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge – Richt­li­nie 2000/78/EG – Ar­ti­kel 6 – Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf – Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Al­ters“
In der Rechts­sa­che C‑144/04
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Ar­ti­kel 234 EG, ein­ge­reicht vom Ar­beits­ge­richt München (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 26. Fe­bru­ar 2004, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 17. März 2004, in dem Ver­fah­ren
Wer­ner Man­gold
Rüdi­ger Helm
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten der Ers­ten Kam­mer P. Jann in Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben des Präsi­den­ten, der Kam­mer­präsi­den­ten C. W. A. Tim­mer­m­ans, A. Ro­sas und K. Schie­mann, der Rich­ter R. Sch­int­gen (Be­richt­er­stat­ter), S. von Bahr, J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues, der Rich­te­rin R. Sil­va de La­pu­er­ta so­wie der Rich­ter K. Lena­erts, E. Juhász, G. Ares­tis, A. Borg Bart­het und M. Ilešiè, Ge­ne­ral­an­walt: A. Tiz­za­no,
Kanz­ler: K. Sz­tranc, Ver­wal­tungsrätin,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 26. April 2005,
– von W. Man­gold, ver­tre­ten durch die Rechts­anwälte D. Hum­mel und B. Kart­haus,
– von Rechts­an­walt R. Helm, ver­tre­ten durch sich selbst,
– der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten, ver­tre­ten durch N. Yer­rell und S. Grünheid so­wie durch D. Mar­tin und H. Krep­pel als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 30. Ju­ni 2005
Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Pa­ra­gra­fen 2, 5 und 8 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge vom 18. März 1999 (im Fol­gen­den: Rah­men­ver­ein­ba­rung), die mit der Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1999 zu der EGB-UN­ICE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge (ABl. L 175, S. 43) durch­geführt wor­den ist, so­wie des Ar­ti­kels 6 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16).
Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Herrn Man­gold und Herrn Helm über den zwi­schen ih­nen ab­ge­schlos­se­nen be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag (im Fol­gen­den: Ver­trag).
Die Rah­men­ver­ein­ba­rung 3.
Nach ih­rem Pa­ra­gra­fen 1 soll die Rah­men­ver­ein­ba­rung
„a) durch An­wen­dung des Grund­sat­zes der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung die Qua­lität be­fris­te­ter Ar­beits­verhält­nis­se ver­bes­sern;
b) ei­nen Rah­men schaf­fen, der den Miss­brauch durch auf­ein­an­der fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verträge oder -verhält­nis­se ver­hin­dert“. 4.
Pa­ra­graf 2 Num­mer 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung be­stimmt:
„Die­se Ver­ein­ba­rung gilt für be­fris­tet beschäftig­te Ar­beit­neh­mer mit ei­nem Ar­beits­ver­trag oder -verhält­nis gemäß der ge­setz­lich, ta­rif­ver­trag­lich oder nach den Ge­pflo­gen­hei­ten in je­dem Mit­glied­staat gel­ten­den De­fi­ni­ti­on.“ 5.
Pa­ra­graf 5 Num­mer 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung lau­tet:
b) die ins­ge­samt ma­xi­mal zulässi­ge Dau­er auf­ein­an­der fol­gen­der Ar­beits­verträge oder -verhält­nis­se;
c) die zulässi­ge Zahl der Verlänge­run­gen sol­cher Verträge oder Verhält­nis­se.“ 6.
Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung be­stimmt:
„Die Um­set­zung die­ser Ver­ein­ba­rung darf nicht als Recht­fer­ti­gung für die Sen­kung des all­ge­mei­nen Ni­veaus des Ar­beit­neh­mer­schut­zes in dem von die­ser Ver­ein­ba­rung er­fass­ten Be­reich die­nen.“
Die Richt­li­nie 2000/78 7.
Die Richt­li­nie 2000/78 ist auf der Grund­la­ge des Ar­ti­kels 13 EG er­las­sen wor­den. Die ers­te, die vier­te, die ach­te und die fünf­und­zwan­zigs­te Be­gründungs­erwägung die­ser Richt­li­nie lau­ten:
… (8) In den vom Eu­ropäischen Rat auf sei­ner Ta­gung am 10. und 11. De­zem­ber 1999 in Hel­sin­ki ver­ein­bar­ten beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Leit­li­ni­en für 2000 wird die Not­wen­dig­keit un­ter­stri­chen, ei­nen Ar­beits­markt zu schaf­fen, der die so­zia­le Ein­glie­de­rung fördert, in­dem ein gan­zes Bündel auf­ein­an­der ab­ge­stimm­ter Maßnah­men ge­trof­fen wird, die dar­auf ab­stel­len, die Dis­kri­mi­nie­rung von be­nach­tei­lig­ten Grup­pen, wie den Men­schen mit Be­hin­de­rung, zu bekämp­fen. Fer­ner wird be­tont, dass der Un­terstützung älte­rer Ar­beit­neh­mer mit dem Ziel der Erhöhung ih­res An­teils an der Er­werbs­bevölke­rung be­son­de­re Auf­merk­sam­keit gebührt.
Nach ih­rem Ar­ti­kel 1 be­zweckt die Richt­li­nie 2000/78 „die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten“. 9.
Ar­ti­kel 2 der Richt­li­nie 2000/78 – „Der Be­griff ‚Dis­kri­mi­nie­rung‘“ – be­stimmt in den Absätzen 1 und 2 Buch­sta­be a:
Ar­ti­kel 3 der Richt­li­nie 2000/78 – „Gel­tungs­be­reich“ – sieht in Ab­satz 1 vor: „Im Rah­men der auf die Ge­mein­schaft über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten gilt die­se Richt­li­nie für al­le Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Be­rei­chen, ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len, in Be­zug auf
Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet: „Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Ab­satz 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen sind und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.
Nach Ar­ti­kel 18 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78 muss­ten die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten er­las­sen, um die­ser Richt­li­nie spätes­tens bis zum 2. De­zem­ber 2003 nach­zu­kom­men. In Ab­satz 2 die­ses Ar­ti­kels heißt es je­doch: „Um be­son­de­ren Be­din­gun­gen Rech­nung zu tra­gen, können die Mit­glied­staa­ten er­for­der­li­chen­falls ei­ne Zu­satz­frist von drei Jah­ren ab dem 2. De­zem­ber 2003, d. h. ins­ge­samt sechs Jah­re, in An­spruch neh­men, um die Be­stim­mun­gen die­ser Richt­li­nie über die Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und ei­ner Be­hin­de­rung um­zu­set­zen. In die­sem Fall set­zen sie die Kom­mis­si­on un­verzüglich da­von in Kennt­nis. Ein Mit­glied­staat, der die In­an­spruch­nah­me die­ser Zu­satz­frist be­sch­ließt, er­stat­tet der Kom­mis­si­on jähr­lich Be­richt über die von ihm er­grif­fe­nen Maßnah­men zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und ei­ner Be­hin­de­rung und über die Fort­schrit­te, die bei der Um­set­zung der Richt­li­nie er­zielt wer­den konn­ten. Die Kom­mis­si­on er­stat­tet dem Rat jähr­lich Be­richt.“
Da die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ei­ne sol­che Zu­satz­frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie be­an­tragt hat, läuft die Um­set­zungs­frist für die­sen Mit­glied­staat erst am 2. De­zem­ber 2006 ab. Na­tio­na­les Recht
§ 1 des Beschäfti­gungsförde­rungs­ge­set­zes in der durch das Ge­setz vom 25. Sep­tem­ber 1996 (BGBl. 1996 I S. 1476) geänder­ten Fas­sung (im Fol­gen­den: BeschFG 1996) sah vor: „(1) Die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges ist bis zur Dau­er von zwei Jah­ren zulässig. Bis zur Ge­samt­dau­er von zwei Jah­ren ist auch die höchs­tens drei­ma­li­ge Verlänge­rung ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges zulässig.
(2) Die Be­fris­tung des Ar­beits­ver­tra­ges ist oh­ne die in Ab­satz 1 ge­nann­ten Ein­schränkun­gen zulässig, wenn der Ar­beit­neh­mer bei Be­ginn des be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses das 60. Le­bens­jahr voll­endet hat.
(3) Die Be­fris­tung nach den Absätzen 1 und 2 ist nicht zulässig, wenn zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag oder zu ei­nem vor­her­ge­hen­den be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag nach Ab­satz 1 mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht. Ein sol­cher en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang ist ins­be­son­de­re an­zu­neh­men, wenn zwi­schen den Ar­beits­verträgen ein Zeit­raum von we­ni­ger als vier Mo­na­ten liegt.
(4) Die Zulässig­keit der Be­fris­tung des Ar­beits­ver­tra­ges aus an­de­ren Gründen bleibt un­berührt.
Nach § 1 Ab­satz 6 BeschFG 1996 galt die­se Re­ge­lung bis zum 31. De­zem­ber 2000.
Die Richt­li­nie 1999/70 zur Durchführung der Rah­men­ver­ein­ba­rung wur­de mit dem Ge­setz über Teil­zeit­ar­beit und be­fris­te­te Ar­beits­verträge und zur Ände­rung und Auf­he­bung ar­beits­recht­li­cher Be­stim­mun­gen vom 21. De­zem­ber 2000 (BGBl. 2000 I S. 1966, im Fol­gen­den: Tz­B­fG) in die deut­sche Rechts­ord­nung um­ge­setzt. Die­ses Ge­setz ist am 1. Ja­nu­ar 2001 in Kraft ge­tre­ten.
§ 1 Tz­B­fG – „Ziel­set­zung“ – lau­tet: „Ziel des Ge­set­zes ist, Teil­zeit­ar­beit zu fördern, die Vor­aus­set­zun­gen für die Zulässig­keit be­fris­te­ter Ar­beits­verträge fest­zu­le­gen und die Dis­kri­mi­nie­rung von Teil­zeit­beschäftig­ten und be­fris­tet beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern zu ver­hin­dern.“
§ 14 Tz­B­fG, der be­fris­te­te Ar­beits­verträge re­gelt, be­stimmt: „(1) Die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges ist zulässig, wenn sie durch ei­nen sach­li­chen Grund ge­recht­fer­tigt ist. Ein sach­li­cher Grund liegt ins­be­son­de­re vor, wenn
1. der be­trieb­li­che Be­darf an der Ar­beits­leis­tung nur vorüber­ge­hend be­steht,
2. die Be­fris­tung im An­schluss an ei­ne Aus­bil­dung oder ein Stu­di­um er­folgt, um den Über­gang des Ar­beit­neh­mers in ei­ne An­schluss­beschäfti­gung zu er­leich­tern,
3. der Ar­beit­neh­mer zur Ver­tre­tung ei­nes an­de­ren Ar­beit­neh­mers beschäftigt wird,
4. die Ei­gen­art der Ar­beits­leis­tung die Be­fris­tung recht­fer­tigt,
5. die Be­fris­tung zur Er­pro­bung er­folgt,
6. in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­de Gründe die Be­fris­tung recht­fer­ti­gen,
7. der Ar­beit­neh­mer aus Haus­halts­mit­teln vergütet wird, die haus­halts­recht­lich für ei­ne be­fris­te­te Beschäfti­gung be­stimmt sind, und er ent­spre­chend beschäftigt wird oder
8. die Be­fris­tung auf ei­nem ge­richt­li­chen Ver­gleich be­ruht.
(2) Die ka­len­dermäßige Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges oh­ne Vor­lie­gen ei­nes sach­li­chen Grun­des ist bis zur Dau­er von zwei Jah­ren zulässig; bis zu die­ser Ge­samt­dau­er von zwei Jah­ren ist auch die höchs­tens drei­ma­li­ge Verlänge­rung ei­nes ka­len­dermäßig be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges zulässig. Ei­ne Be­fris­tung nach Satz 1 ist nicht zulässig, wenn mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber be­reits zu­vor ein be­fris­te­tes oder un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis be­stan­den hat. Durch Ta­rif­ver­trag kann die An­zahl der Verlänge­run­gen oder die Höchst­dau­er der Be­fris­tung ab­wei­chend von Satz 1 fest­ge­legt wer­den. Im Gel­tungs­be­reich ei­nes sol­chen Ta­rif­ver­tra­ges können nicht ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer die An­wen­dung der ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen ver­ein­ba­ren.
(4) Die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges be­darf zu ih­rer Wirk­sam­keit der Schrift­form.“
§ 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG wur­de durch das Ers­te Ge­setz für mo­der­ne Dienst­leis­tun­gen am Ar­beits­markt vom 23. De­zem­ber 2002 (BGBl. 2002 I S. 14607, im Fol­gen­den: Ge­setz von 2002) geändert. Die neu­ge­fass­te Vor­schrift, die am 1. Ja­nu­ar 2003 in Kraft trat, lau­tet: „Die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges be­darf kei­nes sach­li­chen Grun­des, wenn der Ar­beit­neh­mer bei Be­ginn des be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses das 58. Le­bens­jahr voll­endet hat. Die Be­fris­tung ist nicht zulässig, wenn zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht. Ein sol­cher en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang ist ins­be­son­de­re an­zu­neh­men, wenn zwi­schen den Ar­beits­verträgen ein Zeit­raum von we­ni­ger als sechs Mo­na­ten liegt. Bis zum 31. De­zem­ber 2006 ist Satz 1 mit der Maßga­be an­zu­wen­den, dass an die Stel­le des 58. Le­bens­jah­res das 52. Le­bens­jahr tritt“. Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen
Am 26. Ju­ni 2003 schloss der da­mals 56‑jähri­ge Herr Man­gold mit Wir­kung zum 1. Ju­li 2003 den Ar­beits­ver­trag mit Herrn Helm, der als Rechts­an­walt tätig ist.
§ 5 des Ver­tra­ges lau­tet: „1. Das Ar­beits­verhält­nis be­ginnt am 01.07.2003 und ist be­fris­tet bis 28.02.2004.
2. Die Be­fris­tung wird auf die ge­setz­li­che Be­stim­mung über die er­leich­ter­te Be­fris­tung mit älte­ren Ar­beit­neh­mern in § 14 Abs. 3 Satz 4 i.V.m. Satz 1 Tz­B­fG … gestützt, weil der Ar­beit­neh­mer älter als 52 Le­bens­jah­re ist.
3. Die Par­tei­en sind sich ei­nig, dass der un­ter der vor­ge­nann­ten Zif­fer be­zeich­ne­te Be­fris­tungs­grund der ein­zi­ge Be­fris­tungs­grund ist, auf den die Be­fris­tungs­ab­re­de gestützt wird. Vom Ge­setz­ge­ber und der Recht­spre­chung grundsätz­lich für zulässig an­ge­se­he­ne an­de­re Be­fris­tungs­gründe wer­den aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen und sind nicht Ge­gen­stand hie­si­ger Be­fris­tungs­ab­re­de.“ 22.
Herr Man­gold ist der An­sicht, dass die Be­fris­tungs­ab­re­de des § 5, ob­wohl auf § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG be­ru­hend, un­ver­ein­bar mit der Rah­men­ver­ein­ba­rung und der Richt­li­nie 2000/78 sei. 23.
Herr Helm macht gel­tend, dass Pa­ra­graf 5 der Rah­men­ver­ein­ba­rung den Mit­glied­staa­ten vor­schrei­be, zur Ver­hin­de­rung des Miss­brauchs durch auf­ein­an­der fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verhält­nis­se Maßnah­men vor­zu­se­hen, nämlich ins­be­son­de­re sach­li­che Gründe für die Verlänge­rung die­ser Verträge zu ver­lan­gen oder ei­ne ma­xi­mal zulässi­ge Dau­er oder ma­xi­ma­le An­zahl der Verlänge­run­gen be­fris­te­ter Ar­beits­verträge oder -verhält­nis­se fest­zu­le­gen. 24.
§ 14 Ab­satz 3 Satz 4 Tz­B­fG se­he ei­ne sol­che Be­schränkung bei älte­ren Ar­beit­neh­mern zwar nicht aus­drück­lich vor, doch lie­ge ein sach­li­cher Grund für den Ab­schluss ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags im Sin­ne des Pa­ra­gra­fen 5 Num­mer 1 Buch­sta­be a der Rah­men­ver­ein­ba­rung dar­in, dass es für die­se Ar­beit­neh­mer an­ge­sichts der Verhält­nis­se auf dem Ar­beits­markt schwer sei, Ar­beit zu fin­den.
Das Ar­beits­ge­richt München zwei­felt an der Ver­ein­bar­keit von § 14 Ab­satz 3 Satz 1 Tz­B­fG mit dem Ge­mein­schafts­recht.
Ers­tens verstößt die­se Be­stim­mung nach An­sicht des Ar­beits­ge­richts ge­gen das Ver­schlech­te­rungs­ver­bot des Pa­ra­gra­fen 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung, weil mit ihr im Rah­men der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70 das Al­ter der vom Schutz ge­gen sach­grund­lo­se Be­fris­tung der Ar­beits­verträge aus­ge­nom­me­nen Per­so­nen von 60 auf 58 Jah­re ge­senkt und da­mit das all­ge­mei­ne Schutz­ni­veau für die­se Grup­pe von Ar­beit­neh­mern her­ab­ge­setzt wor­den sei. Die­se Be­stim­mung ver­s­toße außer­dem ge­gen Pa­ra­graf 5 der Rah­men­ver­ein­ba­rung, mit dem der Miss­brauch durch sol­che Verträge ver­hin­dert wer­den sol­le, da er kei­ner­lei Be­schränkun­gen für de­ren Ab­schluss mit ei­ner großen, al­lein nach dem Le­bens­al­ter de­fi­nier­ten Grup­pe von Ar­beit­neh­mern ent­hal­te.
Zwei­tens fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt, ob ei­ne Re­ge­lung wie § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG mit Ar­ti­kel 6 der Richt­li­nie 2000/78 ver­ein­bar ist, da der Schutz älte­rer Men­schen im Ar­beits­le­ben durch die Her­ab­set­zung des Al­ters für die sach­grund­lo­se Be­fris­tung der Ar­beits­verträge von 58 auf 52 Jah­re durch das Ge­setz von 2002 nicht si­cher­ge­stellt wer­de. Auch der Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit sei nicht ge­wahrt.
Zum Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses, am 26. Ju­ni 2003, sei die Frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78 in in­ner­staat­li­ches Recht zwar noch nicht ab­ge­lau­fen ge­we­sen. Nach Rand­num­mer 45 des Ur­teils vom 18. De­zem­ber 1997 in der Rechts­sa­che C‑129/96 (In­ter-En­vi­ron­ne­ment Wal­lo­nie, Slg. 1997, I‑7411) dürfe aber ein Mit­glied­staat, an den ei­ne Richt­li­nie ge­rich­tet sei, während der Um­set­zungs­frist kei­ne Vor­schrif­ten er­las­sen, die ge­eig­net sei­en, die Er­rei­chung des in der Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Zie­les ernst­lich in Fra­ge zu stel­len.
Im Aus­gangs­ver­fah­ren sei die Ände­rung des § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG durch das Ge­setz von 2002 am 1. Ja­nu­ar 2003 in Kraft ge­tre­ten, al­so nach Veröffent­li­chung der Richt­li­nie 2000/78 im Amts­blatt der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten, je­doch vor Ab­lauf der in Ar­ti­kel 18 der Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Um­set­zungs­frist.
Drit­tens wirft das vor­le­gen­de Ge­richt die Fra­ge auf, ob der na­tio­na­le Rich­ter in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten die dem Ge­mein­schafts­recht ent­ge­gen­ste­hen­de Re­ge­lung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det zu las­sen ha­be. In­so­weit sei gemäß dem Vor­rang des Ge­mein­schafts­rechts der Schluss zu zie­hen, dass § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG ins­ge­samt nicht an­wend­bar sei und des­halb die Grund­norm des § 14 Ab­satz 1 Tz­B­fG an­zu­wen­den sei, die das Vor­lie­gen ei­nes sach­li­chen Grun­des für den Ab­schluss ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags ver­lan­ge.
Das Ar­beits­ge­richt München hat da­her das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt: 1. a) Ist Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung da­hin ge­hend aus­zu­le­gen, dass er im Rah­men der Um­set­zung in das in­ner­staat­li­che Recht ei­ne Ver­schlech­te­rung durch Sen­kung des Al­ters von 60 auf 58 Jah­re ver­bie­tet?
b) Ist Pa­ra­graf 5 Num­mer 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung da­hin ge­hend aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung, die – wie die hier strei­ti­ge – kei­ne Ein­schränkun­gen im Sin­ne der drei Al­ter­na­ti­ven der Num­mer 1 enthält, ent­ge­gen­steht?
2. Ist Ar­ti­kel 6 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin ge­hend aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung, die – wie die hier strei­ti­ge – die Be­fris­tung von Ar­beits­verträgen mit Ar­beit­neh­mern ab 52 Jah­ren – im Un­ter­schied zum Grund­satz der Er­for­der­lich­keit ei­nes sach­li­chen Grun­des – oh­ne das Vor­lie­gen ei­nes sach­li­chen Grun­des zulässt, ent­ge­gen­steht?
3. Falls ei­ne der drei Fra­gen be­ja­hend be­ant­wor­tet wird: Hat der na­tio­na­le Rich­ter die dem EG-Recht ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen, und gilt dann der all­ge­mei­ne Grund­satz des in­ner­staat­li­chen Rechts, nach dem Be­fris­tun­gen nur mit sach­li­chem Grund zulässig sind?
Zur Zulässig­keit der Vor­la­ge
32. In der münd­li­chen Ver­hand­lung hat die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die Zulässig­keit des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens mit der Be­gründung in Fra­ge ge­stellt, der Rechts­streit des Aus­gangs­ver­fah­rens sei fik­tiv oder künst­lich. Herr Helm ha­be nämlich schon früher öffent­lich die­sel­be The­se zur Rechts­wid­rig­keit des § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG ver­tre­ten wie Herr Man­gold.
Hier­zu ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ein Ge­richt ei­nes Mit­glied­staats, dem ei­ne Fra­ge nach der Aus­le­gung des EG-Ver­trags oder ab­ge­lei­te­ter Rechts­ak­te der Ge­mein­schafts­or­ga­ne ge­stellt wird, den Ge­richts­hof gemäß Ar­ti­kel 234 EG er­su­chen kann, über die­se Fra­ge zu be­fin­den, wenn es ei­ne Ent­schei­dung darüber zum Er­lass sei­nes Ur­teils für er­for­der­lich hält (vgl. u. a. Ur­teil vom 21. März 2002 in der Rechts­sa­che C‑451/99, Cu­ra An­la­gen, Slg. 2002, I‑3193, Rand­nr. 22).
Im Rah­men die­ses Vor­la­ge­ver­fah­rens be­sitzt das vor­le­gen­de Ge­richt, das al­lein über ei­ne un­mit­tel­ba­re Kennt­nis des Sach­ver­halts verfügt, die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen, um un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­son­der­hei­ten der Rechts­sa­che die Not­wen­dig­keit ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung für den Er­lass sei­nes Ur­teils zu be­ur­tei­len (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 16. Ju­li 1992 in der Rechts­sa­che C‑83/91, Meili­cke, Slg. 1992, I‑4871, Rand­nr. 23, vom 7. Ju­li 1994 in der Rechts­sa­che C‑146/93, McLach­lan, Slg. 1994, I‑3229, Rand­nr. 20, vom 9. Fe­bru­ar 1995 in der Rechts­sa­che C‑412/93, Le­clerc-Si­plec, Slg. 1995, I‑179, Rand­nr. 10, und vom 30. Sep­tem­ber 2003 in der Rechts­sa­che C‑167/01, In­spi­re Art, Slg. 2003, I‑10155, Rand­nr. 43).
Be­tref­fen da­her die vom na­tio­na­len Ge­richt vor­ge­leg­ten Fra­gen die Aus­le­gung ei­ner Be­stim­mung des Ge­mein­schafts­rechts, so ist der Ge­richts­hof grundsätz­lich ge­hal­ten, darüber zu be­fin­den (vgl. Ur­tei­le vom 8. No­vem­ber 1990 in der Rechts­sa­che C‑231/89, Gmur­zyns­ka-Bscher, Slg. 1990, I‑4003, Rand­nr. 20, Le­clerc‑Si­plec, Rand­nr. 11, vom 23. Fe­bru­ar 1995 in den Rechts­sa­chen C‑358/93 und C‑416/93, Bor­des­sa u. a., Slg. 1995, I‑361, Rand­nr. 10, und In­spi­re Art, Rand­nr. 44).
Dem Ge­richts­hof ob­liegt es je­doch, zur Prüfung sei­ner ei­ge­nen Zuständig­keit die Umstände zu un­ter­su­chen, un­ter de­nen er vom na­tio­na­len Ge­richt an­ge­ru­fen wird. Denn der Geist der Zu­sam­men­ar­beit, in dem das Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren durch­zuführen ist, ver­langt auch, dass das na­tio­na­le Ge­richt sei­ner­seits auf die dem Ge­richts­hof über­tra­ge­ne Auf­ga­be Rück­sicht nimmt, die dar­in be­steht, zur Rechts­pfle­ge in den Mit­glied­staa­ten bei­zu­tra­gen, nicht aber dar­in, Gut­ach­ten zu all­ge­mei­nen oder hy­po­the­ti­schen Fra­gen ab­zu­ge­ben (Ur­tei­le vom 3. Fe­bru­ar 1983 in der Rechts­sa­che 149/82, Ro­bards, Slg. 1983, 171, Rand­nr. 19, Meili­cke, Rand­nr. 25, und In­spi­re Art, Rand­nr. 45).
In An­be­tracht die­ser Auf­ga­be hat sich der Ge­richts­hof nicht für be­fugt ge­hal­ten, über ei­ne vor ei­nem na­tio­na­len Ge­richt auf­ge­wor­fe­ne Vor­ab­ent­schei­dungs­fra­ge zu be­fin­den, wenn of­fen­sicht­lich ist, dass die Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Rea­lität oder dem Ge­gen­stand des Aus­gangs­rechts­streits steht.
Im vor­lie­gen­den Fall lässt sich je­doch nicht in Ab­re­de stel­len, dass die vom vor­le­gen­den Ge­richt be­an­trag­te Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts tatsächlich ei­nem durch die Ent­schei­dung des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits be­ding­ten ob­jek­ti­ven Bedürf­nis ent­spricht. Es ist nämlich un­strei­tig, dass der Ver­trag tatsächlich durch­geführt wor­den ist und sei­ne An­wen­dung ei­ne Fra­ge nach der Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts auf­wirft. Dass sich die Par­tei­en des Aus­gangs­rechts­streits über die Aus­le­gung des § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG mögli­cher­wei­se ei­nig sind, ändert nichts dar­an, dass die­ser Rechts­streit tatsächlich be­steht.
Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ist da­her zulässig.
Zur ers­ten Fra­ge, Buch­sta­be b
Mit der ers­ten Fra­ge, Buch­sta­be b, die zu­erst zu prüfen ist, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Pa­ra­graf 5 der Rah­men­ver­ein­ba­rung da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­steht, die wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge kei­ne der in die­ser Be­stim­mung für den Rück­griff auf be­fris­te­te Ar­beits­verträge vor­ge­se­he­nen Be­schränkun­gen enthält. 41.
Da­zu ist fest­zu­stel­len, dass Pa­ra­graf 5 Num­mer 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung zum Ziel hat, „Miss­brauch durch auf­ein­an­der fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verträge oder ‑verhält­nis­se zu ver­mei­den“.
Die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ha­ben je­doch, wie sie in der münd­li­chen Ver­hand­lung bestätigt ha­ben, nur die­sen ei­nen Ar­beits­ver­trag mit­ein­an­der ge­schlos­sen.
Un­ter die­sen Umständen ist die Aus­le­gung von Pa­ra­graf 5 Num­mer 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung für die Ent­schei­dung des bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streits of­fen­sicht­lich nicht er­heb­lich, so dass die ers­te Fra­ge, Buch­sta­be b, nicht zu be­ant­wor­ten ist.
Zur ers­ten Fra­ge, Buch­sta­be a
Mit sei­ner ers­ten Fra­ge, Buch­sta­be a, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ent­ge­gen­steht, mit der im Rah­men der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70 das Al­ter, ab dem un­ein­ge­schränkt be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können, von 60 auf 58 Jah­re ge­senkt wor­den ist. 45.
Ein­lei­tend ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge Ver­trag am 26. Ju­ni 2003 ge­schlos­sen wor­den ist, d. h. un­ter der Gel­tung des Tz­B­fG in der Fas­sung des Ge­set­zes von 2002, mit dem das Al­ter, ab dem be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können, von 58 auf 52 Jah­re her­ab­ge­setzt wur­de. Un­strei­tig ist Herr Man­gold im Al­ter von 56 Jah­ren von Herrn Helm ein­ge­stellt wor­den.
Das na­tio­na­le Ge­richt ist je­doch der An­sicht, dass die Aus­le­gung von Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 für die Prüfung der Rechtmäßig­keit des § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG in sei­ner ursprüng­li­chen Fas­sung gleich­wohl nütz­lich wäre, da ei­ne Un­ver­ein­bar­keit der letzt­ge­nann­ten Vor­schrift mit dem Ge­mein­schafts­recht auch die Ungültig­keit ih­rer Ände­rung durch das Ge­setz von 2002 nach sich zie­hen würde. 47.
Es ist je­den­falls fest­zu­stel­len, dass der deut­sche Ge­setz­ge­ber be­reits im Rah­men der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70 in in­ner­staat­li­ches Recht das Al­ter, von dem an be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können, von 60 auf 58 Jah­re ge­senkt hat­te.
Nach An­sicht von Herrn Man­gold verstößt die­se, wie auch die durch das Ge­setz von 2002 be­wirk­te Ver­schlech­te­rung ge­gen Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung.
Die deut­sche Re­gie­rung ver­tritt da­ge­gen die Auf­fas­sung, dass die Her­ab­set­zung des Al­ters da­durch aus­ge­gli­chen wor­den sei, dass den be­fris­tet ein­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mern neue so­zia­le Ga­ran­ti­en gewährt wor­den sei­en, wie z. B. ein all­ge­mei­nes Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot und die Er­stre­ckung der für der­ar­ti­ge Verträge vor­ge­se­he­nen Ein­schränkun­gen auf klei­ne Un­ter­neh­men und auf kurz­fris­ti­ge Ar­beits­verhält­nis­se.
In­so­weit er­gibt sich schon aus dem Wort­laut von Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung, dass de­ren Um­set­zung für die Mit­glied­staa­ten nicht als Grund für die Sen­kung des all­ge­mei­nen Ni­veaus des Ar­beit­neh­mer­schut­zes in dem von der Ver­ein­ba­rung er­fass­ten Be­reich die­nen kann.
Mit dem in Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung oh­ne wei­te­re Erläute­rung ver­wen­de­ten Aus­druck „Um­set­zung“ kann nicht nur die ursprüng­li­che Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70 und ins­be­son­de­re ih­res die Rah­men­ver­ein­ba­rung ent­hal­ten­den An­hangs ge­meint sein; er muss viel­mehr al­le na­tio­na­len Maßnah­men er­fas­sen, die die Er­rei­chung des mit der Richt­li­nie ver­folg­ten Zie­les gewähr­leis­ten sol­len, ein­sch­ließlich der­je­ni­gen, mit de­nen nach der ei­gent­li­chen Um­set­zung die be­reits er­las­se­nen na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten ergänzt oder geändert wer­den.
Hin­ge­gen ist ei­ne Ver­min­de­rung des den Ar­beit­neh­mern im Hin­blick auf be­fris­te­te Ar­beits­verträge ga­ran­tier­ten Schut­zes nicht als sol­che durch die Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­bo­ten, wenn sie in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Um­set­zung die­ser Rah­men­ver­ein­ba­rung steht. 53.
So­wohl aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung als auch aus den Erklärun­gen der deut­schen Re­gie­rung in der münd­li­chen Ver­hand­lung er­gibt sich, dass – wie auch der Ge­ne­ral­an­walt in den Num­mern 75 bis 77 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat –die schritt­wei­se Her­ab­set­zung des Al­ters, ab dem der Ab­schluss be­fris­te­ter Verträge un­ein­ge­schränkt möglich ist, nicht durch das Er­for­der­nis der Um­set­zung der Rah­men­ver­ein­ba­rung, son­dern durch die Not­wen­dig­keit ge­recht­fer­tigt ist, die Beschäfti­gung älte­rer Men­schen in Deutsch­land zu fördern.
Auf die ers­te Fra­ge, Buch­sta­be a, ist da­her zu ant­wor­ten, dass Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen nicht ent­ge­gen­steht, mit der aus Gründen der Beschäfti­gungsförde­rung und un­abhängig von der Um­set­zung der Rah­men­ver­ein­ba­rung das Al­ter ge­senkt wur­de, ab dem un­ein­ge­schränkt be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können.
Mit der zwei­ten und der drit­ten Fra­ge, die zu­sam­men zu prüfen sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ent­ge­gen­steht, nach der der Ab­schluss be­fris­te­ter Ar­beits­verträge mit Ar­beit­neh­mern, die das 52. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, un­ein­ge­schränkt zulässig ist, so­fern nicht zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht. Für den Fall, dass dies be­jaht wird, fragt das Ge­richt, wel­che Fol­gen der na­tio­na­le Rich­ter aus die­ser Aus­le­gung zu zie­hen hat.
In­so­weit ist dar­an zu er­in­nern, dass die Richt­li­nie 2000/78 nach ih­rem Ar­ti­kel 1 die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung in Beschäfti­gung und Be­ruf aus den dort ge­nann­ten Gründen, dar­un­ter we­gen des Al­ters, be­zweckt.
§ 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG be­gründet da­durch, dass die Ar­beit­ge­ber mit Ar­beit­neh­mern, die das 52. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, un­ein­ge­schränkt be­fris­te­te Ar­beits­verträge schließen können, ei­ne un­mit­tel­bar auf dem Al­ter be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung.
Eben zu Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters be­stimmt Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78, dass die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen können, dass sol­che Un­gleich­be­hand­lun­gen „kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen sind und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind“. Nach Ab­satz 1 Un­ter­ab­satz 2 Buch­sta­be a können sol­che Un­gleich­be­hand­lun­gen u. a. „die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, … um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Ar­beit­neh­mern und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len“, so­wie nach den Buch­sta­ben b und c in ei­ni­gen be­son­de­ren Fällen die Fest­le­gung von al­ters­be­zo­ge­nen An­for­de­run­gen be­tref­fen.
Wie sich aus den dem Ge­richts­hof vom vor­le­gen­den Ge­richt über­mit­tel­ten Ak­ten er­gibt, be­zwe­cken die­se Rechts­vor­schrif­ten klar, die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung ar­beits­lo­ser älte­rer Ar­beit­neh­mer zu fördern, weil die­se er­heb­li­che Schwie­rig­kei­ten ha­ben, wie­der ei­nen Ar­beits­platz zu fin­den. 60.
Die Le­gi­ti­mität ei­nes sol­chen im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­den Zie­les steht außer Zwei­fel, wie die Kom­mis­si­on im Übri­gen selbst ein­geräumt hat.
Folg­lich ist ein der­ar­ti­ges Ziel – wie in Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 ers­ter Un­ter­ab­satz der Richt­li­nie 2000/78 vor­ge­se­hen – grundsätz­lich als ei­ne „ob­jek­ti­ve und an­ge­mes­se­ne“ Recht­fer­ti­gung ei­ner von den Mit­glied­staa­ten vor­ge­se­he­nen Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters an­zu­se­hen.
Wei­ter ist nach dem Wort­laut die­ser Be­stim­mung zu prüfen, ob die ein­ge­setz­ten Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses le­gi­ti­men Zie­les „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sind.
In­so­weit verfügen die Mit­glied­staa­ten un­be­streit­bar über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum bei der Wahl der Maßnah­men zur Er­rei­chung ih­rer Zie­le im Be­reich der Ar­beits- und So­zi­al­po­li­tik.
Wie das vor­le­gen­de Ge­richt aus­geführt hat, läuft die An­wen­dung na­tio­na­ler Rechts­vor­schrif­ten wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen je­doch dar­auf hin­aus, dass al­len Ar­beit­neh­mern, die das 52. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, un­ter­schieds­los – gleichgültig, ob und wie lan­ge sie vor Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags ar­beits­los wa­ren – bis zum Er­rei­chen des Al­ters, ab dem sie ih­re Ren­ten­ansprüche gel­tend ma­chen können, be­fris­te­te, un­be­grenzt häufig verlänger­ba­re Ar­beits­verträge an­ge­bo­ten wer­den können. Die­se große, aus­sch­ließlich nach dem Le­bens­al­ter de­fi­nier­te Grup­pe von Ar­beit­neh­mern läuft da­mit während ei­nes er­heb­li­chen Teils ih­res Be­rufs­le­bens Ge­fahr, von fes­ten Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen aus­ge­schlos­sen zu sein, die doch, wie sich aus der Rah­men­ver­ein­ba­rung er­gibt, ei­nen wich­ti­gen As­pekt des Ar­beit­neh­mer­schut­zes dar­stel­len.
Sol­che Rechts­vor­schrif­ten ge­hen in­so­fern, als sie das Al­ter des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers als ein­zi­ges Kri­te­ri­um für die Be­fris­tung des Ar­beits­ver­trags fest­le­gen, oh­ne dass nach­ge­wie­sen wäre, dass die Fest­le­gung ei­ner Al­ters­gren­ze als sol­che un­abhängig von an­de­ren Erwägun­gen im Zu­sam­men­hang mit der Struk­tur des je­wei­li­gen Ar­beits­mark­tes und der persönli­chen Si­tua­ti­on des Be­trof­fe­nen zur Er­rei­chung des Zie­les der be­ruf­li­chen Ein­glie­de­rung ar­beits­lo­ser älte­rer Ar­beit­neh­mer ob­jek­tiv er­for­der­lich ist, über das hin­aus, was zur Er­rei­chung des ver­folg­ten Zie­les an­ge­mes­sen und er­for­der­lich ist. Die Wah­rung des Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit be­deu­tet nämlich, dass bei Aus­nah­men von ei­nem In­di­vi­du­al­recht die Er­for­der­nis­se des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes so weit wie möglich mit de­nen des an­ge­streb­ten Zie­les in Ein­klang ge­bracht wer­den müssen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 19. März 2002 in der Rechts­sa­che C‑476/99, Lom­mers, Slg. 2002, I‑2891, Rand­nr. 39). Der­ar­ti­ge na­tio­na­le Rechts­vor­schrif­ten können da­her nicht nach Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78 ge­recht­fer­tigt wer­den.
Dass die Frist zur Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78 zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses des Ver­tra­ges noch nicht ab­ge­lau­fen war, steht die­ser Fest­stel­lung nicht ent­ge­gen.
Ers­tens hat nämlich der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den, dass die Mit­glied­staa­ten während der Frist für die Um­set­zung ei­ner Richt­li­nie kei­ne Vor­schrif­ten er­las­sen dürfen, die ge­eig­net sind, die Er­rei­chung des in die­ser Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Zie­les ernst­lich in Fra­ge zu stel­len (Ur­teil In­ter-En­vi­ron­ne­ment Wal­lo­nie, Rand­nr. 45).
In die­sem Zu­sam­men­hang kommt es nicht dar­auf an, ob die frag­li­che, nach In­kraft­tre­ten der be­tref­fen­den Richt­li­nie er­las­se­ne Re­ge­lung des na­tio­na­len Rechts de­ren Um­set­zung be­zweckt oder nicht (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 8. Mai 2003 in der Rechts­sa­che C‑14/02, ATRAL, Slg. 2003, I‑4431, Rand­nrn. 58 und 59).
Im Aus­gangs­ver­fah­ren ist die Her­ab­set­zung des Al­ters, ab dem be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können, von 58 auf 52 Jah­re durch Ar­ti­kel 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG im De­zem­ber 2002 er­folgt, und die­se Maßnah­me soll bis zum 31. De­zem­ber 2006 gel­ten.
Der Um­stand, dass die Gel­tung die­ser Vor­schrift am 31. De­zem­ber 2006 en­det, d. h. nur we­ni­ge Wo­chen nach Ab­lauf der vom be­tref­fen­den Mit­glied­staat ein­zu­hal­ten­den Um­set­zungs­frist, ist als sol­cher nicht ent­schei­dend.
Zum ei­nen er­gibt sich nämlich schon aus dem Wort­laut von Ar­ti­kel 18 Ab­satz 2 der Richt­li­nie 2000/78, dass ein Mit­glied­staat, der – wie im vor­lie­gen­den Fall die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land – ei­ne Zu­satz­frist von drei Jah­ren ab dem 2. De­zem­ber 2003 für die Um­set­zung die­ser Richt­li­nie in An­spruch zu neh­men be­sch­ließt, „der Kom­mis­si­on jähr­lich Be­richt über die von ihm er­grif­fe­nen Maßnah­men zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters … und über die Fort­schrit­te, die bei der Um­set­zung der Richt­li­nie er­zielt wer­den konn­ten“, er­stat­tet.
Die­se Be­stim­mung im­pli­ziert al­so, dass der Mit­glied­staat, der aus­nahms­wei­se in den Ge­nuss ei­ner länge­ren Um­set­zungs­frist kommt, schritt­wei­se kon­kre­te Maßnah­men er­greift, um sei­ne Re­ge­lung schon dem in der Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Er­geb­nis an­zunähern. Die­ser Ver­pflich­tung würde je­doch jeg­li­che prak­ti­sche Wirk­sam­keit ge­nom­men, wenn es dem Mit­glied­staat ge­stat­tet wäre, während der Frist zur Um­set­zung der Richt­li­nie Maßnah­men zu er­las­sen, die mit de­ren Zie­len un­ver­ein­bar sind.
Zum an­de­ren wird am 31. De­zem­ber 2006, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Num­mer 96 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, ein be­acht­li­cher Teil der Ar­beit­neh­mer, auf die die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge Re­ge­lung an­wend­bar ist – dar­un­ter Herr Man­gold −, das 58. Le­bens­jahr be­reits voll­endet ha­ben und so­mit wei­ter un­ter die Son­der­re­ge­lung des § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG fal­len, so dass für die­se Per­so­nen­grup­pe die Ge­fahr des Aus­schlus­ses von der Ga­ran­tie ei­nes fes­ten Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses in Form ei­nes un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags be­reits de­fi­ni­tiv ein­ge­tre­ten ist, un­abhängig da­von, dass die Al­ters­gren­ze von 52 Jah­ren nur bis En­de 2006 gilt.
Zwei­tens ist zu be­ach­ten, dass der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf nicht in der Richt­li­nie 2000/78 selbst ver­an­kert ist. Nach ih­rem Ar­ti­kel 1 be­zweckt die­se Richt­li­nie nämlich le­dig­lich „die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung“, wo­bei das grundsätz­li­che Ver­bot die­ser For­men der Dis­kri­mi­nie­rung, wie sich aus der ers­ten und der vier­ten Be­gründungs­erwägung der Richt­li­nie er­gibt, sei­nen Ur­sprung in ver­schie­de­nen völker­recht­li­chen Verträgen und den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten hat.
Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters ist so­mit als ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts an­zu­se­hen. Fällt ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung in den Gel­tungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts, was bei dem durch das Ge­setz von 2002 geänder­ten § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG als Maßnah­me zur Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70 der Fall ist (vgl. hier­zu auch Rand­nrn. 51 und 64 des vor­lie­gen­den Ur­teils), hat der Ge­richts­hof, wenn er im Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren an­ge­ru­fen wird, dem vor­le­gen­den Ge­richt al­le Aus­le­gungs­hin­wei­se zu ge­ben, die es benötigt, um die Ver­ein­bar­keit die­ser Re­ge­lung mit die­sem Grund­satz be­ur­tei­len zu können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. De­zem­ber 2002 in der Rechts­sa­che C‑442/00, Ro­dríguez Ca­bal­le­ro, Slg. 2002, I‑11915, Rand­nrn. 30 bis 32).
Folg­lich kann die Wah­rung des all­ge­mei­nen Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf das Al­ter, als sol­che nicht vom Ab­lauf der Frist abhängen, die den Mit­glied­staa­ten zur Um­set­zung ei­ner Richt­li­nie ein­geräumt wor­den ist, die die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters be­zweckt, vor al­lem was die Be­reit­stel­lung ge­eig­ne­ter Rechts­be­hel­fe, die Be­weis­last, die Vik­ti­mi­sie­rung, den so­zia­len Dia­log so­wie die po­si­ti­ven und an­de­ren spe­zi­fi­schen Maßnah­men zur Um­set­zung ei­ner sol­chen Richt­li­nie an­geht.
Es ob­liegt da­her dem na­tio­na­len Ge­richt, bei dem ein Rechts­streit über das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters anhängig ist, im Rah­men sei­ner Zuständig­kei­ten den recht­li­chen Schutz, der sich für den Ein­zel­nen aus dem Ge­mein­schafts­recht er­gibt, zu gewähr­leis­ten und die vol­le Wirk­sam­keit des Ge­mein­schafts­rechts zu ga­ran­tie­ren, in­dem es je­de mögli­cher­wei­se ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det lässt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 9. März 1978 in der Rechts­sa­che 106/77, Simm­en­thal, Slg. 1978, 629, Rand­nr. 21, und vom 5. März 1998 in der Rechts­sa­che C‑347/96, Sol­red, Slg. 1998, I‑937, Rand­nr. 30). 78.
Nach al­le­dem ist auf die zwei­te und die drit­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass das Ge­mein­schafts­recht und ins­be­son­de­re Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen, nach der der Ab­schluss be­fris­te­ter Ar­beits­verträge mit Ar­beit­neh­mern, die das 52. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, un­ein­ge­schränkt zulässig ist, so­fern nicht zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht, ent­ge­gen­ste­hen. Es ob­liegt dem na­tio­na­len Ge­richt, die vol­le Wirk­sam­keit des all­ge­mei­nen Ver­bo­tes der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters zu gewähr­leis­ten, in­dem es je­de ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det lässt, auch wenn die Frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie noch nicht ab­ge­lau­fen ist.
1. Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge vom 18. März 1999, die mit der Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1999 zu der EGB-UN­ICE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge durch­geführt wor­den ist, ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen nicht ent­ge­gen­steht, mit der aus Gründen der Beschäfti­gungsförde­rung und un­abhängig von der Um­set­zung der Rah­men­ver­ein­ba­rung das Al­ter ge­senkt wur­de, ab dem un­ein­ge­schränkt be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können.
2. Das Ge­mein­schafts­recht und ins­be­son­de­re Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen, nach der der Ab­schluss be­fris­te­ter Ar­beits­verträge mit Ar­beit­neh­mern, die das 52. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, un­ein­ge­schränkt zulässig ist, so­fern nicht zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht, ent­ge­gen­ste­hen.
Es ob­liegt dem na­tio­na­len Ge­richt, die vol­le Wirk­sam­keit des all­ge­mei­nen Ver­bo­tes der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters zu gewähr­leis­ten, in­dem es je­de ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det lässt, auch wenn die Frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie noch nicht ab­ge­lau­fen ist. Un­ter­schrif­ten. * Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch
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