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Timestamp: 2018-03-20 21:06:19+00:00

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BAG, Urteil vom 22.04.2009, 5 AZR 436/08 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 22.04.2009, 5 AZR 436/08
Schlagworte: Lohn und Gehalt
Leitsätze: Ein auffälliges Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung im Sinne von § 138 Abs. 2 BGB liegt vor, wenn die Arbeitsvergütung nicht einmal zwei Drittel eines in der betreffenden Branche und Wirtschaftsregion üblicherweise gezahlten Tariflohns erreicht.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Hamburg 26. Kammer, 21. Mai 2007, Az: 26 Ca 241/02, Urteil Landesarbeitsgericht Hamburg 1. Kammer, 17. April 2008, Az: 1 Sa 10/07, Urteil
1. Auf die Re­vi­si­on der Kläge­rin wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ham­burg vom 17. April 2008 - 1 Sa 10/07 - auf­ge­ho­ben.
Die Kläge­rin hat im Ju­ni 2002 Stu­fen­kla­ge er­ho­ben. Die Ent­gelt­ver­ein­ba­rung sei we­gen Lohn­wu­chers nich­tig. Sie, die Kläge­rin, sei im Prin­zip An­alpha­be­tin. Auf­grund feh­len­der Sprach­kennt­nis­se, ih­res ge­rin­gen Bil­dungs­stands und ih­rer Un­kennt­nis über Ar­beit­neh­mer­schutz­vor­schrif­ten ha­be sie das Ver­hal­ten des Be­klag­ten hin­neh­men müssen. Der Be­klag­te schul­de für De­zem­ber 1999 bis Mai 2002 die übli­che Vergütung abzüglich der er­brach­ten Zah­lun­gen. Zu­grun­de zu le­gen sei die Lohn­grup­pe 7 des Lohn­ta­rif­ver­trags für die Gar­ten­bau­be­trie­be in den Ländern Schles­wig-Hol­stein, Ham­burg, Nie­der­sach­sen und Bre­men zzgl. al­ler Zu­la­gen und Zu­schläge.
den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an sie 36.855,96 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. vier Pro­zent bzw. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins nach ei­ner be­stimm­ten zeit­li­chen Staf­fe­lung zu zah­len.
Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung der Kläge­rin zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Kläge­rin ih­ren An­trag wei­ter.
1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat für die Be­ur­tei­lung des Wu­cher­tat­be­stands auf die Verhält­nis­se am 1. Ja­nu­ar 1994 ab­ge­stellt, als das zunächst be­fris­tet ab­ge­schlos­se­ne Ar­beits­verhält­nis ein­ver­nehm­lich fort­ge­setzt wur­de. Dem­ge­genüber kommt es bei ar­beits­ver­trag­li­chen Vergütungs­ver­ein­ba­run­gen auf den je­weils streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum an. Ei­ne Ent­gelt­ver­ein­ba­rung kann bei Ver­trags­ab­schluss noch wirk­sam sein, je­doch im Lau­fe der Zeit, wenn sie nicht an die all­ge­mei­ne Lohn- und Ge­halts­ent­wick­lung an­ge­passt wird, ge­gen § 138 BGB ver­s­toßen (Se­nat 26. April 2006 - 5 AZR 549/05 - BA­GE 118, 66, 72). Dafür spricht schon der Wort­laut des § 138 Abs. 2 BGB, der ne­ben
dem „sich ver­spre­chen las­sen“, das „sich gewähren las­sen“ aus­drück­lich ein­be­zieht. Letz­te­res be­trifft nicht al­lein das Erfüllungs­geschäft und ge­schieht auch nach Ver­trags­schluss durch Rechts­geschäft, weil die bei­der­sei­ti­gen Leis­tun­gen wei­ter­hin von dem übe­rein­stim­men­den Wil­len der Ver­trags­par­tei­en ge­tra­gen sind. Bei ei­nem un­ter Umständen jahr­zehn­te­lan­gen Ar­beits­verhält­nis kann nicht al­lein an die Verhält­nis­se bei Ver­trags­schluss an­ge­knüpft wer­den und die wei­te­re Ent­wick­lung un­berück­sich­tigt blei­ben.
a) Das auffälli­ge Miss­verhält­nis be­stimmt sich nach dem ob­jek­ti­ven Wert der Leis­tung des Ar­beit­neh­mers. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­klag­ten ist nicht der sog. An­eig­nungs­wert für den Un­ter­neh­mer maßge­bend. Aus­gangs-punkt der Wert­be­stim­mung sind in der Re­gel die Ta­riflöhne des je­wei­li­gen Wirt­schafts­zweigs. Sie drücken den ob­jek­ti­ven Wert der Ar­beits­leis­tung aus, wenn sie in dem be­tref­fen­den Wirt­schafts­ge­biet übli­cher­wei­se ge­zahlt wer­den. Ent­spricht der Ta­rif­lohn da­ge­gen nicht der ver­kehrsübli­chen Vergütung, son­dern liegt die­se un­ter­halb des Ta­rif­lohns, ist von dem all­ge­mei­nen Lohn-
ni­veau im Wirt­schafts­ge­biet aus­zu­ge­hen (Se­nat 24. März 2004 - 5 AZR 303/03 - BA­GE 110, 79, 83; 23. Mai 2001 - 5 AZR 527/99 - zu II 2 a der Gründe, EzA BGB § 138 Nr. 29; 11. Ja­nu­ar 1973 - 5 AZR 321/72 - zu I 2 b der Gründe, AP GG Art. 3 Nr. 110).
wer­den, bei de­nen ei­ne größere Ab­wei­chung noch to­le­riert wer­den konn­te (vgl. Se­nat 24. März 2004 - 5 AZR 303/03 - aaO). Dem­ent­spre­chend fin­det sich bei den In­stanz­ge­rich­ten (vgl. et­wa LAG Ber­lin 20. Fe­bru­ar 1998 - 6 Sa 145/97 - zu 2.2 der Gründe, NZA-RR 1998, 392; LAG Bre­men 17. Ju­ni 2008 - 1 Sa 29/08 - zu I 2 c aa der Gründe, LA­GE BGB 2002 § 138 Nr. 1; LAG Rhein­land-Pfalz 19. Mai 2008 - 5 Sa 6/08 - zu II der Gründe; LAG Ber­lin-Bran­den­burg 28. Fe­bru­ar 2007 - 15 Sa 1363/06 - zu 2 der Gründe) und im Schrift­tum (vgl. nur Pe­ter AuR 1999, 289, 293; Ger­hard Rei­ne­cke NZA 2000 Bei­la­ge zu Heft 3 S. 23, 32; Lak­ies NZA-RR 2002, 337, 341; zurück­hal­tend Schaub/Linck ArbR-Hdb. 12. Aufl. § 36 Rn. 11; an­ders MünchArbR/Ha­nau 2. Aufl. § 63 Rn. 6, der als Faust­re­gel die Hälf­te des Markt­lohns an­nimmt) weit­ge­hend Übe­rein­stim­mung im Be­reich ei­nes Richt­werts von zwei Drit­teln des übli­chen Lohns.
kom­men Ab­schläge beim Wert der Ar­beits­leis­tung von Ar­beit­neh­mern mit be­son­ders ein­fa­chen Tätig­kei­ten oder mit er­heb­li­chen Leis­tungs­de­fi­zi­ten in Be­tracht, wenn der ein­schlägi­ge Ta­rif­ver­trag auf die­se Per­so­nen kei­ne Rück­sicht nimmt. Das gilt ins­be­son­de­re für Fälle, in de­nen der Ar­beit­neh­mer zu den ein­schlägi­gen Ta­rif­be­din­gun­gen re­gelmäßig über­haupt kei­nen Ar­beit­ge­ber fin­den würde. Je­den­falls kann die weit­ge­hen­de Sub­ven­tio­nie­rung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses durch die öffent­li­che Hand ei­ne ent­schei­den­de Rol­le spie­len. Für Aus­zu­bil­den­de hält § 17 BBiG ei­ne Son­der­vor­schrift be­reit. Die hier­zu er­gan­ge­ne Recht­spre­chung (vgl. Se­nat 10. April 1991 - 5 AZR 226/90 - BA­GE 68, 10, 15 f.) lässt sich nicht auf Ar­beits­verhält­nis­se über­tra­gen.
aus­bil­dung nach zweijähri­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit) für Beschäftig­te im gärt­ne­ri­schen Be­reich von Gar­ten­bau­be­trie­ben des Lohn­ta­rif­ver­trags für die Gar­ten­bau­be­trie­be in den Ländern Schles­wig-Hol­stein, Ham­burg, Nie­der­sach­sen und Bre­men her­an­ge­zo­gen und die Zu­schläge, das Ur­laubs­geld und die sons­ti­gen Ne­ben­leis­tun­gen des Rah­men­ta­rif­ver­trags un­berück­sich­tigt ge­las­sen. Rechts­feh­ler sind auch bei der Um­rech­nung der Net­to­stun­den­vergütung in ei­nen Brut­to­be­trag an­hand der ein­zel­nen Mo­na­te nicht er­sicht­lich. Auf die­ser Grund­la­ge hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stellt, die Kläge­rin ha­be im Durch­schnitt der Mo­na­te pro Ar­beits­stun­de 65 % des Ta­ri­fent­gelts be­zo­gen. Hier­ge­gen hat der Be­klag­te kei­ne er­heb­li­chen Rügen er­ho­ben. Er­rech­net man ent­ge­gen der Me­tho­de des Lan­des­ar­beits­ge­richts aus der Net­to­stun­den­vergütung der Kläge­rin auf der Grund­la­ge der ta­rif­li­chen Ar­beits­zeit, der ge­setz­li­chen Höchst­ar­beits­zeit oder der tatsächlich durch­schnitt­lich er­brach­ten Ar­beits­zeit un­ter Berück­sich­ti­gung der persönli­chen Verhält­nis­se der Kläge­rin (Lohn­steu­er­klas­se IV, 2 Kin­der­frei­beträge, römisch-ka­tho­lisch, ge­setz­lich ver­si­chert) ei­nen Brut­to­lohn oder auf der Grund­la­ge des ta­rif­li­chen Brut­to­stun­den­lohns un­ter Berück­sich­ti­gung der persönli­chen Verhält­nis­se der Kläge­rin ei­nen (ta­rif­li­chen) Net­to­stun­den­lohn, er­gibt sich eben­falls je­weils ei­ne Un­ter­schrei­tung des Ta­rif­lohns um mehr als ein Drit­tel.
60 und 70 % be­tra­ge, hat es aus­drück­lich nicht zur Grund­la­ge sei­ner Ent­schei­dung ge­macht. Die­se Fra­ge ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig ge­blie­ben. Sie ist im neu­en Be­ru­fungs­ver­fah­ren zu klären. Ei­ne Üblich­keit der Ta­rif­vergütung kann an­ge­nom­men wer­den, wenn mehr als 50 % der Ar­beit­ge­ber ei­nes Wirt­schafts­ge­biets ta­rif­ge­bun­den sind oder wenn die or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­ge­ber mehr als 50 % der Ar­beit­neh­mer ei­nes Wirt­schafts­ge­biets beschäfti­gen. Dem­ge­genüber ist der Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad der Ar­beit­neh­mer we­ni­ger aus­sa­ge­kräftig, denn die­ser führt oh­ne Ta­rif­bin­dung der Ar­beit­ge­ber nicht zur Üblich­keit ent­spre­chen­der Ta­ri­fent­gel­te. Auf die vom Be­klag­ten gel­tend ge­mach­ten Be­son­der­hei­ten sei­nes Be­triebs kommt es je­den­falls nicht an.
2001 - XII ZR 49/99 - zu 4 b der Gründe mwN, NJW 2002, 55, 56). Ein be­son­ders auffälli­ges Miss­verhält­nis zwi­schen Leis­tung und Ge­gen­leis­tung spricht oh­ne wei­te­res für ei­ne ver­werf­li­che Ge­sin­nung des Begüns­tig­ten. Im Übri­gen muss sich die­ser auch dann, wenn das be­ste­hen­de Miss­verhält­nis be­reits ei­nen hin­rei­chend si­che­ren Schluss auf den sub­jek­ti­ven Tat­be­stand zulässt, nach der all­ge­mei­nen Le­bens­er­fah­rung zu­min­dest leicht­fer­tig der Er­kennt­nis ver­schlos­sen ha­ben, es lie­ge ein sol­ches Miss­verhält­nis vor (BGH 13. Ju­ni 2001 - XII ZR 49/99 - aaO).
4. Die Ein­re­de der Verjährung für die Ansprüche aus der Zeit vor dem 1. Ja­nu­ar 2000, al­so hin­sicht­lich der Nach­for­de­rung für De­zem­ber 1999, wird er­folg­los blei­ben. Be­steht der Kla­ge­an­spruch, ist er gem. § 614 BGB am 1. Ja­nu­ar 2000 fällig ge­wor­den. In­so­weit galt gem. § 196 Abs. 1 Nr. 9 BGB aF in Verb. mit Art. 229 § 6 Abs. 1 und 3 EGBGB ei­ne zweijähri­ge Verjährungs­frist, die gem. § 201 Satz 1 BGB aF und § 198 Satz 1 BGB aF mit dem Schluss des Jah­res 2000 be­gann. Die Kläge­rin hat im Ju­ni 2002 und da­mit vor Frist­ab­lauf ei­ne Stu­fen­kla­ge er­ho­ben, mit der sie die vol­le Zah­lung auf der Grund­la­ge des
Ta­rif­lohns ver­langt hat. Die Stu­fen­kla­ge hemmt die Verjährung im Rah­men des ge­stell­ten An­trags, § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB.
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References: § 138
 § 138
 § 138
 § 138
 Art. 3
 § 138
 § 36
 § 63
 § 17
 § 614
 § 196
 Art. 229
 § 6
 § 201
 § 198
 § 204