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Timestamp: 2019-03-26 17:24:43+00:00

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Review: Brian Kleiner, Isabell Renschler, Boris Wernli, Peter Farago & Dominique Joye (Eds.) (2013). Understanding Research Infrastructures in the Social Sciences | Manderscheid | Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research
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Volume 15, No. 2, Art. 12 – Mai 2014
Brian Kleiner, Isabell Renschler, Boris Wernli, Peter Farago & Dominique Joye (Hrsg.) (2013). Understanding Research Infrastructures in the Social Sciences. Zürich: Seismo; 226 Seiten; ISBN 978-3-03777-133-4
Zusammenfassung: Forschungsinfrastrukturen als essenzieller Bestandteil sozialwissenschaftlichen Forschens sind kaum im Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Wissenschaften präsent. Sie sind jedoch maßgeblich an der Produktion, Dokumentation und Archivierung von Daten beteiligt und tragen zur Entwicklung von Standards ebenso wie zur Methodenkompetenzvermittlung bei. Der besprochene Band, der auf ein Symposium des Schweizer Kompetenzzentrums für die Sozialwissenschaften (FORS) zurückgeht, zielt darauf, Forschungsinfrastrukturen und ihre Leistungen stärker sichtbar zu machen, nicht zuletzt, um die Notwendigkeit einer nachhaltigen Finanzierung derselben zu unterstreichen.
Keywords: Forschungsinfrastruktur; Datenproduktion; Archive; Bibliothek; Datendokumentation
4. Schlussfolgerungen und Implikationen
Forschungsinfrastrukturen sind das Rückgrat der Wissenschaften. Während dies, wie die Herausgebenden im letzten Kapitel festhalten, für die Naturwissenschaften evident ist, scheint es für die Geistes- und Sozialwissenschaften weniger offensichtlich zu sein, obwohl gerade deren Archive, Bibliotheken und Sammlungen zu den ältesten Forschungsinfrastrukturen gehören und sich bis in die Antike, beispielsweise die berühmte Bibliothek von Alexandria, zurückverfolgen lassen (S.194). Dass Forschungsinfrastrukturen sich auf die Art und Weise, wie sozialwissenschaftliche Forschung organisiert und durchgeführt wird, auswirken, stellt den Ausgangspunkt des vorgestellten Bandes dar (S.13). Dieser geht auf ein Symposium zurück, das 2011 in Lausanne, organisiert von FORS, dem Schweizer Kompetenzzentrum für die Sozialwissenschaften, stattfand. Ziel dieses Symposiums und des daraus hervorgegangenen Buches ist es, das akademische Bewusstsein für diese Infrastrukturen zu entwickeln und zu stärken. Dahinter steht auch eine politische Motivation, über die deutliche Verankerung dieser Forschungsinfrastrukturen im wissenschaftlichen und öffentlichen Bewusstsein deren Bedeutung und damit die Notwendigkeit ihrer nachhaltigen Förderung zu unterstreichen. Der Fokus der Beiträge liegt dabei jedoch weniger auf historisch nachvollziehbaren Einflüssen der Entwicklung von Infrastrukturen auf die Forschungspraxis als auf Entwicklungen und Organisationsformen dieser Infrastrukturen selbst. [1]
Der Band besteht aus drei Teilen und insgesamt neun Kapiteln: Teil I, "The Basics" (S.11-27), erarbeitet Definitionen und Grundlagen; Teil II, "The Cases" (S.31-185), versammelt eine Reihe von Beispielen von Forschungsinfrastrukturen, während Teil III, "The Lessons" (S.187-206), einige Schlussfolgerungen zieht. Die HerausgeberInnen sind alle mit FORS verbunden, unter den AutorInnen finden sich hingegen auch VertreterInnen nicht-schweizerischer Forschungsinfrastruktureinrichtungen. [2]
Im ersten Beitrag des ersten Teils des vorgestellten Buches erarbeiten Isabelle RENSCHLER, Brian KLEINER und Boris WERNLI zunächst die grundlegenden Konzepte, um sozialwissenschaftliche Forschungsinfrastrukturen zu verstehen (S.11-18). Forschungsinfrastrukturen definieren sie zugespitzt auf die Sozialwissenschaften als "durable institutions, technical tools and platforms, and/or services that are put into place for supporting and enhancing research as a public good for the social science community" (S.14). Zu den zentralen Eigenschaften dieser Forschungsinfrastrukturen gehöre, dass sie erstens öffentliche, d.h. nicht-exklusive und nicht-kompetitive Dienstleistungen und Ressourcen bereitstellten; zweitens seien ihre Dienstleistungen NutzerInnen-orientiert und drittens sollten die Infrastrukturen selbst dauerhaft und langfristig stabil zur Verfügung stehen. Weiterhin gehöre zu den zentralen Eigenschaften viertens, dass Forschungsinfrastrukturen sich auch an die wandelbaren Bedürfnisse der Forschungsgemeinschaft anpassen und fünftens zur Anwendung wissenschaftlicher Methoden über Datenzugänge beitragen (S.15f.). [3]
Der zweite Beitrag, verfasst von Max KAASE (Universität Mannheim), beschäftigt sich mit der Einrichtung und Entwicklung von akademischen Datenarchiven in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (S.19-27). In groben Zügen deutet KAASE hier Wechselverhältnisse zwischen verfügbaren Daten, den Datenverarbeitungstechnologien und den Praktiken der standardisiert-empirischen Sozialforschung an. So habe die international vergleichende quantitative Sozialforschung erst mit der Entwicklung vergleichender Surveyprogramme wie dem Eurobarometer in den 1970er Jahren, dem ISSP (International Social Survey Programme), dem CSES (Comparative Study of Electoral Systems) und in der Folgezeit dem ESS (European Social Survey) (S.21ff.) Fahrt aufnehmen können. Dabei werde, so die These, die parallele Entwicklung von Forschungsausrichtung, infrastruktureller Entwicklung und europäischer Integration sichtbar. [4]
Spätestens hier wird der Fokus des Bandes auf Infrastrukturen deutlich, die standardisierte Datensätze produzieren, dokumentieren, zugänglich machen und archivieren. Zwar wird Qualidata erwähnt, das Archiv für qualitative Daten in Großbritannien (vgl. den Beitrag von CORTI im vorgestellten Band, s.u.; siehe dazu in FQS u.a. die Beiträge von CORTI 2011 und VALLES, CORTI, TAMBOUKOU & BAER 2011), nicht jedoch andere Infrastrukturen wie Bibliotheken, die ebenfalls in die genannte Definition passen würden (u.a. ABBOTT 2011). Im Gegensatz zu der im vorgestellten Band vertretenen Engführung auf Infrastrukturen im Bereich der quantitativen Daten und als Beispiel für die Untrennbarkeit von Forschung, Daten und Literatur sind beispielsweise im Angebot des deutschen GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften auch literaturbezogene Dienstleistungen wie Sowiport, ein sozialwissenschaftliches Rechercheportal von Literatur, Forschungsprojekten und Volltexten enthalten. Weiterhin hält GESIS auch SSOAR vor, das Social Science Open Access Repository, das als Gemeinschaftsprojekt mit dem Institut für qualitative Forschung und dem Center für Digitale Systeme der Freien Universität Berlin, unterstützt von der DFG, aufgebaut wurde. Diese Einbeziehung von Literatur und deren Archivierung und Verfügbarmachung in den Aufgabenbereich sozialwissenschaftlicher Infrastrukturen der Forschung entspricht einem integralen Blick auf den Forschungsprozess, der mit der Recherche zum Stand der Forschung beginnt. [5]
Der zweite Teil des vorgestellten Bandes, der die Kapitel drei bis sieben enthält, wird von einem Beitrag von Boris WERNLI, Isabelle RENSCHLER, Brian KLEINER und Dominique JOYE von FORS eingeleitet (S.31-38), in dem sie die vier Hauptkomponenten sozialwissenschaftlicher Forschungsinfrastrukturen als Kernpunkte der Fallanalysen darstellen: 1. Dokumentieren, Aufbewahren und Verbreiten von Daten; 2. Bereitstellen und Verknüpfen von Daten; 3. Entwickeln verbesserter Methodologien sowie 4. Weiterbildung im Bereich der Datenanalysekompetenzen (S.31). Insbesondere auch die Erschließung von bestehenden Datenquellen wie amtlichen Statistiken (S.33) und die Entwicklung von technischen Plattformen und Prozessstandards für die Speicherung und Zugänglichmachung von Daten charakterisiere die Arbeit dieser Dateninfrastruktureinrichtungen der letzten Dekaden. Entsprechend seien hier starke Befürworterinnen eines Open-Data-Ansatzes zu finden, einer Bewegung, die sich für einen freien Zugang zu aus öffentlichen Mitteln finanzierten Daten einsetzen (S.32). Während im Bereich standardisierter digitalisierter Daten inzwischen kaum noch ein Mangel bestehe, sehen die AutorInnen Handlungsbedarf bei der Sekundärnutzung – und entsprechenden Sammlung, Dokumentation und Bereitstellung – von qualitativen Daten (S.33). Offenbar gibt es, so die AutorInnen, in der qualitativen Forschung größere Vorbehalte gegenüber der Sekundärnutzung von Daten wegen deren großer Kontextsensitivität (u.a. CORTI, WITZEL & BISHOP 2005; SAVAGE 2005; VAN DEN BERG 2005). Dass qualitative Daten bislang kaum in den Infrastrukturarchiven und -angebogen auftauchen, sei jedoch, so die AutorInnen, nicht nur auf eine geringere Nachfrage zurückzuführen, vielmehr zeige das Beispiel Qualidata aus Großbritannien (vgl. den Beitrag von CORTI in diesem Band) wertvolle Möglichkeiten der Datensekundärnutzung auch in diesem Bereich. [6]
Hans Jørgen MARKER vom Schwedischen Data Service stellt in seinem Beitrag (S.39-46) die Entwicklung und Bedeutung der Kooperationsplattform CESSDA (Council of European Social Science Data Archives) dar. Ziel dieser Struktur, einer Zusammenarbeit verschiedener sozialwissenschaftlicher Datenarchive sei die Sammlung, Archivierung und Zugänglichmachung von Daten in Zusammenarbeit nationaler Institutionen in Europa sowie die Arbeit mit neuen Formen und technischen Möglichkeiten der Datenorganisation (S.39f.). Weiterhin sei diese Institution aktiv in die Entwicklung von Standards im Feld der Datenbearbeitung involviert, beispielsweise die Entwicklung der Standard Study Description (SSD)1) oder der Data Documentation Initiative (DDI)2) (S.41) und im Bereich von technischen Lösungen wie dem webbasierten Datenanalysetool NESSTAR und diversen Folgeprojekten (S.43). [7]
Roxanne SILBERMANN vom Réseau Quetelet in Paris diskutiert in ihrem Beitrag (S.47-66) die Zugänglichmachung von amtlichen Mikrodaten, die typischerweise nicht zu Forschungszwecken erhoben und aufgrund von Datenschutzrichtlinien und Problemen der Anonymisierung weitgehend unter Verschluss gehalten werden. SILBERMANN behandelt eine Reihe von Ansätzen und plädiert dafür, diese wertvollen Datenquellen trotz dieser Hindernisse für die wissenschaftliche Forschung zu erschließen, beispielsweise über technische Lösungen wie Remote Execution Systems3) als Alternative zum exklusiven On-Site Zugang4) (S.53f.). Für die internationale Forschung seien weiterhin auch transnationale Zugänge von großer Bedeutung, d.h. Zugänge zu Datenbeständen der amtlichen Statistik anderer Länder (S.54f.). Herausforderungen stellten dabei diverse rechtliche Rahmenbedingungen und Harmonisierungsprobleme dar (S.57ff.). Zur Debatte stehe in diesem Zusammenhang die Entwicklung eines einheitlichen europäischen Akkreditierungsprozesses als einer Art "Europäischem Pass", der den Zugang zu Daten anderer Länder ermögliche (S.60). Unterstützung für derartige Entwicklungen seien, so SILBERMANN, von dem EU-Projekt "Data without Boundaries" (DwB) zu erwarten, das die Datenarchive mit Statistikinstituten auf europäischer Ebene zusammenbringen will (S. 64f.). Dieses visiere die Entwicklung eines einzigen Zugangspunktes zu Daten an sowie eine zentralisierte Informierung der ForscherInnen, einen standardisierten Akkreditierungsprozess sowie eine einheitliche Infrastruktur für den Zugang zu offiziellen Mikrodaten (S.65). [8]
Die dritte Fallstudie, das Archiv für qualitative Daten in Großbritannien, Qualidata, stellt Louise CORTI, Mitarbeiterin dieser Institution, vor (S.67-79). Ausgangsmaterial und Kristallisationspunkt dieses Archivs seien Materialen der Studie von Paul THOMPSON "Family Life and Work Experiences before 1918" gewesen, das aus etwa 500 qualitativen Interviews bestand (S.68). Durch die Förderung über das britische Economic and Social Research Council (ESRC) hätten im nächsten Schritt Mitte der 1990er Jahre die Daten der wichtigsten sozialwissenschaftlichen Studien der vergangenen 50 Jahre gesichert werden können (S.69). Aus diesem Rettungsakt habe sich das Archiv Qualidata entwickelt, das Vorreiterin für die Archivierung nicht-standardisierten Datenmaterials für viele andere Länder geworden sei (vgl. CORTI 2000, 2011). Da Sekundäranalysen in diesem Feld bislang eher die Ausnahme darstellten, gehe die Arbeit des Archivs einher mit einem entsprechenden Ausbildungsangebot für Sekundäranalysetechniken von qualitativen Daten (S.73). [9]
Die folgenden fünf im fünften Kapitel des Buches versammelten Beiträge stellen eine Reihe von Datenerhebungsprogrammen vor: ESS, den European Social Survey (FITZGERALD, HARRISON & RYAN, S.100-113); EVS, die European Value Study (DE GRAAF & HALMAN, S.114-122) und SHARE, den Survey of Health, Aging and Retirement in Europe (BÖRSCH-SUPAN, S.123-134). Über Initiativen und Plattformen für die Harmonisierung von Daten berichten LILLARD (National Household Panels, S.80-88) sowie GRONICK, HÓLM RAGNARSDÓTTIR und KOSTECKI (LIS—Cross-National Data Center in Luxembourg, S.89-99). Diesen Programmen und Initiativen ist die Herausforderung gemeinsam, Datenerhebungen in verschiedenen Ländern als Zusammenarbeit unterschiedlich aufgestellter Institutionen und Forschungskulturen zu koordinieren und dabei die Sicherung der Datenqualität zu gewährleisten. Für die international vergleichende Forschung stellen diese Strukturen ohne Frage eine unersetzbare Ressource dar. Entsprechend tragisch ist die sich durch alle Beiträge durchziehende Konstatierung einer unsicheren und überwiegend unzureichenden Finanzierung dieser Forschungsinfrastrukturen. [10]
Das sechste Kapitel widmet sich den methodologischen Innovationen, die an drei Fallstudien dargestellt werden. Willem E. SARIS stellt in seinem Beitrag (S.135-144) die SQP2.0-Software vor, ein Instrument zur Einschätzung von Fragequalität, das im Zusammenhang des ESS entwickelt wurde. Die Bewertung der Fragequalität sei insbesondere für die Fehlerschätzung von Bedeutung (S.143). Ineke A.L. STOOP vom niederländischen Institut für Sozialforschung und Achim KOCH von der GESIS diskutieren im folgenden Beitrag die Qualitätssicherung in internationalen Datenerhebungen am Beispiel des ESS. Dieser Beitrag zeigt die Prozesshaftigkeit der Qualitätssicherungen, die nur über fortwährende Feedback- und Analyse-Mechanismen zu erreichen sei, die in die dezentrale Datenerhebung des ESS integriert sei (S.149). Entsprechend seien im ESS Standards für die Survey-Organisation, die Ergebnisse der Datenerhebung und die Vorgehensweisen der Datenerhebung entwickelt worden (S.146ff.). Eine wesentliche Innovation des ESS bestehe weiterhin in der Erhebung und Zugänglichkeit sogenannter Paradaten, die die Kontaktierung der Zielpersonen dokumentieren und für die Analyse von Nonresponse, aber auch für die Verbesserung der Datenqualität und der Surveyorganisation von großer Wichtigkeit seien (S.157). Ebenfalls mit Standards beschäftigt sich der dritte Text dieses Kapitels von Joachim WACHEROW (GESIS) und Mary VARDIGAN vom Inter-University Consortium for Political and Social Research ICPSR (S.158-167). Mit der bereits erwähnten Data Documentation Initiative (DDI) lenken der Autor und die Autorin den Blick auf Fragen der Datendokumentation als wesentlicher Voraussetzung für Sekundäranalysen und Replikationsstudien (S.159, 169). Zentral erscheint ihnen dabei die Vereinheitlichung und Maschinenlesbarkeit der Metadaten sowie der Balanceakt zwischen Komplexität und Aufwand bei deren Sammeln (S.160f.). Die Durchsetzung dieser Richtlinien erfordere jedoch auch eine entsprechende Anpassung der Forschungspraktiken, da die Dokumentation der Daten während des Forschungsprozesses, also an der Quelle, durchgeführt werden soll. Für die Forschenden selbst stehe dies in Kontrast zu den engen Zeitlimiten ihrer Forschungsprozesse, sodass hier auf einen Paradigmenwechsel zu hoffen sei (S.164, 167). Wie CORTI bei dem ähnlich gelagerten Problem in Bezug auf qualitative Daten ausführt, bestehe ein Weg möglicherweise in der Einführung von Digital Object Identifiers (DOIs)5), über die die Möglichkeit der Zitation von Datensätzen geschaffen und deren Weitergabe so für Forschende attraktiv werde (S.75). [11]
Mit dem Weiterbildungs- und Schulungsangebot von Forschungsinfrastrukturen beschäftigen sich die beiden Texte des 7. Kapitels. Silke SCHNEIDER, Alexia KATSANIDOU, Laurence HORTON und Christof WOLF von der GESIS stellen verschiedene Formen der Vermittlung von Datenanalysekompetenzen vor (S.168-176). Diese Schulungs- und Fortbildungsangebote werden als Ergänzung und Weiterführung der universitären Methodenausbildung verstanden (S.168f.). Deren Schwerpunkt liege jedoch im Bereich der quantitativen Auswertungstechniken, Methoden der qualitativen Datenanalyse würden mit Ausnahme des UK Data Archive nur selten angeboten. Zielgruppe seien vor allem DoktorandInnen und Nachwuchsforschende, wobei auch von außerhalb der Wissenschaft eine große Nachfrage beobachtet werde (S.169). In Zukunft würden neben den Auswertungstechniken – und angesichts sich fortwährend wandelnder Hard- und Softwarelandschaften – auch Fragen des Datenmanagements und der Datensicherung an Bedeutung innerhalb dieses Fortbildungsangebots gewinnen (S.171). Dabei gehe es nicht zuletzt um rechtliche Bedingungen sowie Herausforderungen durch neue Arten von Daten und technologische Entwicklungen (S.172f.). Angela DALE und Cathie MARSH vom Centre of Census and Survey Research der University of Manchester stellen in ihrem Beitrag (S.177-183) das sozialwissenschaftliche Forschungsnetzwerk QMSS 2 (Quantitative Methods in the Social Sciences) vor, das von der European Science Foundation zeitlich befristet gefördert wurde. Ziel dieser Struktur bestand in der Vernetzung von ExpertInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen über ein breites Angebot an Seminaren und Sommerschulen zu ausgewählten quantitativen Methodenthemen (S.177ff.). Allerdings stehe die projektförmige Organisation dieser Infrastruktur in offensichtlichem Widerspruch zur Dauerhaftigkeit des Vernetzungsziels (S.183). [12]
Im abschließenden dritten Teil des FORS-Bandes ziehen zunächst Markus ZÜRCHER von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) (S.187-193) und anschließend Brian KLEINER, Isabelle RENSCHLER, Boris WERNLI und Peter FARAGO (S.194-206) Schlussfolgerungen für die Zukunft der sozialwissenschaftlichen Forschungsinfrastrukturen. Das Resümee von ZÜRCHER ist teils konkret auf die Schweizer Forschungslandschaft gemünzt, in der aktuell keine systematische Aufteilung der Verantwortlichkeiten zwischen den AkteurInnen der Forschungs- und Infrastrukturförderung bestehe (S.190). Über die Schweizer Situation hinaus weist jedoch die Beschreibung des grundlegenden Widerspruchs zwischen der Anforderung der Dauerhaftigkeit, die an Forschungsinfrastrukturen sinnvollerweise gestellt wird einerseits und der Projektorientierung und zeitlichen Begrenzung der Finanzierungs- und Förderpolitiken auf den verschiedenen nationalen und internationalen Ebenen andererseits, die zudem offenbar gesamt unter einem allgemeinen Sparzwang stehen. Dies zeigen die einzelnen Fallstudien des Buches in eindrucksvoller Weise. Allerdings ist dieser Widerspruch nicht nur für die vorgestellten Datenarchive und -programme wirksam, sondern auch für die Arbeit von Bibliotheken oder von Forschungsnetzwerken. In vielen Fällen passen die Bedürfnisse und Arbeitsweisen der Scientific Community ganz offensichtlich nicht in die vorgesehenen und politisch geformten Fördergefäße. [13]
Neben dieser Forderung nach langfristiger Sicherung heben KLEINER, RENSCHLER, WERNLI und FARAGO in ihrem Resümee den Einfluss der Forschungsinfrastrukturen auf die Forschungslandschaften und -praktiken heraus (S.194f.). Dieses Verhältnis muss dabei als wechselseitig verstanden werden, denn Forschungsinfrastrukturen sind keineswegs nur Serviceangebote für die Wissenschaft, sondern tragen – aufgrund internationaler Datensätze und Zugangsmöglichkeiten – beispielsweise zu deren Internationalisierung und Vernetzung sowie entsprechenden Forschungsausrichtungen bei (S.195f.). [14]
Ohne Frage stellt der Band zu sozialwissenschaftlichen Forschungsinfrastrukturen einen wichtigen Beitrag zur Bewusstmachung der Rahmenbedingungen dar, unter denen Forschung stattfindet und die diese überhaupt erst ermöglichen. Gerade gegenüber den VertreterInnen der Politik sollte dies deutlicher vertreten werden, sodass (Sozial-) Wissenschaft und Forschung, deren Freiheit notwendigerweise auf stabile Strukturen angewiesen ist, nicht vollständig zum Spielball kurzfristiger Planungshorizonte und wechselnder Mehrheitsverhältnisse wird. [15]
Davon abgesehen ist das Bild, das die Beiträge des Bandes zeichnen, wie bereits angedeutet, etwas einseitig, wenn sozialwissenschaftliches Forschen mit der Auswertung standardisierter Daten quasi gleichgesetzt wird und entsprechende Infrastrukturen auf Einrichtungen, die mit der Produktion, Archivierung und Verbreitung der entsprechenden Datensätze betraut sind, reduziert werden. Mit qualitativem Datenmaterial und dessen Archivierung wird am Rand eine ebenfalls relevante Form des sozialwissenschaftlichen Forschens angesprochen (v.a. CORTI 2000, 2011). Nicht angesprochen werden hingegen Forschungen, die Text- oder Bilddaten auswerten, die an anderen Orten in der sozialen Welt erzeugt werden. Gerade Medienarchive, die oft in Bibliotheken integriert sind, bilden hierfür eine wichtige Forschungsinfrastruktur. Auch in Bibliotheken wird Datenmaterial – in Form von Texten – erfasst, archiviert und der Forschungsgemeinschaft zugänglich gemacht. Weiterhin stellen Bibliotheken gerade auch die Werkzeuge zum Umgang mit diesem Material bereit und vermitteln die notwendigen Kompetenzen für deren Anwendung, die gerade angesichts immer neuer technologischer und informationeller Entwicklungen auch für erfahrene ForscherInnen von hoher Bedeutung sind. Diese Infrastrukturen, obwohl überwiegend sehr universitätsnah organisiert, sehen sich mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert wie die im Zentrum des FORS-Bandes stehenden Datenarchive. Mit dieser im besprochenen Band vorgenommenen Ausklammerung von Bibliotheken aus dem Blick auf Forschungsinfrastrukturen bleiben schließlich auch das Arbeiten mit und auf Basis von bereits vorhandenen Publikationen und damit auch Forschen als kontinuierlicher, an bestehende Erkenntnisse anknüpfender Prozess der Wissensproduktion, der gerade nicht nur das geisteswissenschaftliche Forschen kennzeichnet, ausgeblendet. [16]
Einen interessanten Ausgangspunkt für eine nähere Betrachtung stellt das in den Einzeltexten immer wieder angedeutete Wechselverhältnis von Infrastruktur und Forschungspraxis dar. Dieses könnte dann selbst zum Gegenstand von Forschung gemacht werden, beispielsweise von Analysen in der Tradition der Science and Technology Studies (STS) bzw. der Wissenschaftsforschung. Erstaunlicherweise gibt es in dieser Richtung keinerlei Andeutungen in den Beiträgen des Buches. Allerdings konzentrieren sich gerade auch STS-Forschungen stärker auf Labore und naturwissenschaftliches Forschen und wenden ihre Einsichten bezüglich der Relevanz von und Interaktion mit Infrastrukturen und technischen Geräten erstaunlich selten auf die sozialwissenschaftliche Forschungspraxis an (vgl. UPRICHARD, BURROWS & BYRNE 2008). [17]
1) Das SSD, auf das sich die CESSDA-Mitglieder 1980 in Kopenhagen geeinigt haben, legt Standards der Datendokumentation fest. Dies erlaubt z.B. den Austausch von Metadaten der Erhebungen, d.h. Daten über die Daten, wie Kontaktversuche durch die InterviewerInnen, Dauer der Befragung o.ä.. <zurück>
2) Die Entwicklung der DDI, deren erste Version 2000 veröffentlicht wurde, zielt auf die Dokumentation des gesamten Lebenszyklus von Forschungsdaten ab mit einem Schwerpunkt auf die Wiederverwendung von Metadaten vom Beginn einer Erhebung über die Publikation der Daten und darüber hinaus (vgl. den Beitrag von WACKEROW und VARDIGAN im vorliegenden Band). <zurück>
3) Bei Remote Execution Systems wird die von dem Forscher/der Forscherin gewünschte Auswertung nach Prüfung durch die Dateninstitution ausgeführt. Dies kommt dann zum Einsatz, wenn Forschende keinen Zugang zum Datensatz selbst haben. <zurück>
4) Einige Statistikinstitute haben Zentren eingerichtet, in denen Forschende in einer kontrollierten Umgebung Zugang zu Daten erhalten. Die Auswertungsergebnisse werden anschließend geprüft, um die Anonymität der Befragten zu schützen (S.53). <zurück>
5) Ein Digital Object Identifier ist ein eindeutiger und dauerhafter digitaler Identifikator für physische, digitale oder abstrakte Objekte. Damit ist er etwa vergleichbar mit der ISBN für gedruckte und elektronische Bücher, enthält zusätzlich jedoch eine Lokalisierungsfunktion, die das Objekt unabhängig von der URL im Internet auffindbar macht. <zurück>
Abbott, Andrew (2011). Library research infrastructure for humanistic and social scientific schloarship in the twentieth century. In Charles Camic, Neil Gross & Michèle Lamont (Hrsg.), Social knowledge in the making (S.43-87), Chicago, IL: The University of Chicago Press.
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Uprichard, Emma; Burrows, Roger & Byrne, David (2008). SPSS as an "inscription device": From causality to description?. The Sociological Review, 56(4), 606-622.
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Katharina MANDERSCHEID, Dr. phil., ist Oberassistentin im Bereich qualitative und quantitative Methoden des Soziologischen Seminars der Universität Luzern und arbeitet zu Mobilität und sozialer Ungleichheit in international-vergleichender und in diskurs- und dispositivanalytischer Perspektive. Weitere Forschungsschwerpunkte sind Raum, Stadtsoziologie, Gender Studies, Lebensstil- und Nachhaltigkeitsforschung. In FQS hat Katharina MANDERSCHEID eine Rezension zum Handbuch Diskurs und Raum (von GLASZE & MATTISSEK 2009) sowie zu Diskurs und Hegemonie (DZUDZEK & WULLWEBER 2012) verfasst.
Tel.: +41 41 229 56 91
Manderscheid, Katharina (2014). Rezension: Brian Kleiner, Isabell Renschler, Boris Wernli, Peter Farago & Dominique Joye (Hrsg.) (2013). Understanding Research Infrastructures in the Social Sciences [17 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 15(2), Art. 12,
Copyright (c) 2014 Katharina Manderscheid

References: Art. 12
 Art. 2
 Art. 11
 Art. 49
 Art. 31
 Art. 8
 Art. 30
 Art. 12