Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/sorgerechtverfahren-anhoerung-kindes-3113391
Timestamp: 2020-07-11 18:42:07+00:00

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Sorgerechtverfahren - und die persönliche Anhörung des Kindes | Rechtslupe
In ver­fah­rens­recht­li­cher Hin­sicht bestehen bei der Über­tra­gung der Sor­ge auf die Eltern gemein­sam nach § 1626 a Abs. 2 BGB gegen­über den Fäl­len des § 1671 BGB Beson­der­hei­ten im Hin­blick auf den Umfang der gericht­li­chen Sach­ver­halts­auf­klä­rung. Wäh­rend nach § 1671 Abs. 1 BGB, abge­se­hen vom Fall der Zustim­mung des sor­ge­be­rech­tig­ten Eltern­teils, kei­ne Ein­schrän­kun­gen der Amts­er­mitt­lungs­pflicht sowie der gebo­te­nen Anhö­rung Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter und des Jugend­amts vor­ge­se­hen sind, genügt es gemäß § 1626 a Abs. 2 Satz 2 BGB für die gericht­li­che Über­tra­gung der elter­li­chen Sor­ge auf die Eltern gemein­sam bereits, dass der ande­re Eltern­teil kei­ne Grün­de vor­trägt, die der Über­tra­gung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge ent­ge­gen­ste­hen kön­nen, und sol­che Grün­de auch sonst nicht ersicht­lich sind. Dem ent­spricht die ver­fah­rens­recht­li­che Rege­lung in § 155 a Abs. 3 FamFG. Danach soll das Gericht in den Fäl­len des § 1626 a Abs. 2 Satz 2 BGB im schrift­li­chen Ver­fah­ren ohne Anhö­rung des Jugend­amts und ohne per­sön­li­che Anhö­rung der Eltern ent­schei­den. Die per­sön­li­che Anhö­rung des Kin­des ist aller­dings durch die Rege­lung nicht ein­ge­schränkt [1].
Ent­ge­gen einer in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur ver­tre­te­nen Auf­fas­sung [2] kann auf die Anhö­rung von Kin­dern, die das 14. Lebens­jahr noch nicht voll­endet haben, grund­sätz­lich nicht ver­zich­tet wer­den. Gemäß § 159 Abs. 2 FamFG ist ein sol­ches Kind dann per­sön­lich anzu­hö­ren, wenn die Nei­gun­gen, Bin­dun­gen oder der Wil­le des Kin­des für die Ent­schei­dung von Bedeu­tung sind oder wenn eine per­sön­li­che Anhö­rung aus sons­ti­gen Grün­den ange­zeigt ist. Die Nei­gun­gen, Bin­dun­gen und der Kin­des­wil­le sind gewich­ti­ge Gesichts­punk­te des Kin­des­wohls [3], so dass in allen Ver­fah­ren betref­fend das Sor­ge­recht regel­mä­ßig eine Anhö­rung auch des unter 14 Jah­re alten Kin­des erfor­der­lich ist [4].
Die per­sön­li­che Anhö­rung dient neben der Gewäh­rung des recht­li­chen Gehörs vor allem auch der Sach­auf­klä­rung [5]. Dass die Mut­ter als Inha­be­rin der allei­ni­gen Sor­ge das am Ver­fah­ren betei­lig­te Kind in die­sem Ver­fah­ren grund­sätz­lich ver­tritt [6], kann die per­sön­li­che Anhö­rung nicht erset­zen.
Die Anhö­rung kann auch regel­mä­ßig nicht des­we­gen abge­lehnt wer­den, weil dem Kind die abs­trak­te recht­li­che Kon­struk­ti­on der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge nicht ver­mit­tel­bar sei [7]. Dies ver­kennt, dass es Auf­ga­be des Gerichts ist, das Ver­fah­ren, ins­be­son­de­re die Umstän­de sowie die Art und Wei­se der Kin­des­an­hö­rung, unter Berück­sich­ti­gung des Alters, des Ent­wick­lungs­stands und der sons­ti­gen Fähig­kei­ten des Kin­des so zu gestal­ten, dass das Kind sei­ne per­sön­li­chen Bezie­hun­gen zu den Eltern erkenn­bar wer­den las­sen kann (vgl. § 159 Abs. 4 FamFG). Denn in der Regel wird eine Ent­schei­dung den Belan­gen des Kin­des nur dann gerecht, wenn es die­se Mög­lich­keit hat [8]. Wegen feh­len­der Äuße­rungs­fä­hig­keit wird nur bei sehr jun­gen Kin­dern [9] oder bei auf­grund beson­de­rer Umstän­de erheb­lich ein­ge­schränk­ter Fähig­keit des Kin­des, sich zu sei­nem Wil­len und sei­nen Bezie­hun­gen zu äußern, auf die Anhö­rung ver­zich­tet wer­den kön­nen. Regel­mä­ßig wird der Rich­ter erst im Ver­lauf der Anhö­rung fest­stel­len kön­nen, ob und in wel­cher Wei­se er mit dem Kind über den Ver­fah­rens­ge­gen­stand spre­chen kann [10]. Selbst wenn das Kind sei­ne Wün­sche nicht unmit­tel­bar zum Aus­druck brin­gen kann, erge­ben sich mög­li­cher­wei­se aus dem Ver­hal­ten des Kin­des Rück­schlüs­se auf des­sen Wün­sche oder Bin­dun­gen [11]. Gegen die Anhö­rung des Kin­des spricht auch nicht, dass es vie­len Kin­dern gleich­gül­tig ist, ob ein Eltern­teil allein oder bei­de gemein­sam die elter­li­che Sor­ge aus­üben [12]. Erst durch eine per­sön­li­che Anhö­rung kann über­prüft wer­den, ob auch das im Ein­zel­fall betrof­fe­ne Kind so emp­fin­det.
Die Belas­tung für das Kind kann nur im Aus­nah­me­fall ein Grund sein, gemäß § 159 Abs. 3 Satz 1 FamFG von der Anhö­rung abzu­se­hen [13]. Eine even­tu­ell gege­be­ne Belas­tung des Kin­des ist durch die Gestal­tung der Anhö­rung auf ein zumut­ba­res Maß zu redu­zie­ren.
OLG Karls­ru­he Beschluss vom 02.04.2015 – 18 UF 253/​14 38 und FamRZ 2015, 2168, 2170; Münch­Komm-FamF­G/­Schu­mann 2. Aufl. § 155 a Rn.20; Johannsen/​Henrich/​Büte Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 155 a FamFG Rn. 13[↩]
BGH, Beschluss BGHZ 185, 272 = FamRZ 2010, 1060 Rn.19[↩]
BGH, Beschluss vom 11.07.1984 – IVb ZB 73/​83 , FamRZ 1985, 169, 172[↩]
vgl. BGH, Beschluss BGHZ 191, 48 = FamRZ 2011, 1788 Rn. 8[↩]
a.A. OLG Karls­ru­he FamRZ 2015, 2168, 2170; OLG Bran­den­burg [4. FamS] FamRZ 2016, 240, 242[↩]
BVerfG FamRZ 1981, 124, 126[↩]
vgl. Carl FamRZ 2016, 244, 245[↩]

References: § 1626
 § 1671
 § 1671
 § 1626
 § 155
 § 1626
 § 159
 § 159
 § 159
 § 155
 § 155