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Altersdiskriminierung bei der Berechnung der Kündigungsfrist, § 622 Abs. 2 S. 2 BGB | huber.mücke.helm – Menschenrechte im Betrieb
Altersdiskriminierung bei der Berechnung der Kündigungsfrist, § 622 Abs. 2 S. 2 BGB 15. Juli 2009 | Von frost | Kategorie: Aktuelles	Hier geht es um die Frage, ob bei der Berechnung einer Kündigungsfrist Beschäftigungszeiten, die vor Erreichen des 25. Lebensjahres liegen Berücksichtigung finden dürfen. § 622 Abs. 2 S. 2 BGB sieht vor „Bei der Berechnung der Beschäftigungsdauer werden Zeiten, die vor der Vollendung des 25. Lebensjahrs des Arbeitnehmers liegen, nicht berücksichtigt.“
Folge ist, dass ein Arbeitnehmer, welcher z.B. 9 Jahre beschäftigt war und bei Kündigung 27 Jahre alt ist eine (arbeitgeberseitige) Kündigungsfrist von nur einem Monat zum Monatsende hat. Ein Arbeitnehmer, der 9 Jahre beschäftigt war, aber 34 ist, hat dagegen eine (arbeitgeberseitige) Kündigungsfrist von 3 Monaten. Es wird also eine unterschiedliche Frist angewendet, obwohl der einzige Unterschied das Alter der Arbeitnehmer ist. Diese Regelung steht derzeit auf dem Prüfstand vor dem Europäischen Gerichtshof. Es wird vertreten, dass eine solche Regelung gegen das Vebot der Altersdiskriminierung aus der Richtlinie 2000/78 EG verstößt. Dies hat der Schlussantrag des Generalanwalts am 07.07.2009 nochmals bestätigt. Auch er vertritt die Auffassung, dass diese Regelung europarechtswidrig ist. Die deutschen Gerichte sollen diese unangewendet lassen. Damit bestätigt er auch die Rechtsprechung in der Rechtssache C-144/04 Mangold gegen Helm.
Es wäre schön, wenn der EuGH dem Generalanwalt folgt. Denn es ist schlicht nicht einzusehen, warum ein junger Arbeitnehmer einer teilweise deutlich kürzeren Kündigungsfrist ausgesetzt sein soll, als sein älterer Kollege, wenn beide gleich lang im Betrieb beschäftigt waren. Eine Entscheidung wird wohl noch bis mindestens Ende des Jahres auf sich warten lassen.
Schlussantrag im Volltext:
EuGH – Rechtssache C?555/07 – Seda Kücükdeveci
Rechtssache C?555/07
73. Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, ist der Gerichtshof davon ausgegangen, dass der Umstand, dass zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses die Frist für die Umsetzung der Richtlinie 2000/78 noch nicht abgelaufen war, die Feststellung der Unvereinbarkeit zwischen der betreffenden nationalen Rechtsvorschrift und Art. 6 Abs. 1 der Richtlinie 2000/78 nicht in Frage stellen konnte. Er hat sich erstens auf seine mit dem Urteil vom 18. Dezember 1997, Inter?Environnement Wallonie(27), begründete Rechtsprechung gestützt, aus der sich ergibt, dass die Mitgliedstaaten während der Frist für die Umsetzung einer Richtlinie den Erlass von Vorschriften unterlassen müssen, die geeignet sind, das in dieser Richtlinie vorgeschriebene Ziel ernstlich in Frage zu stellen(28).
2 – C?144/04, Slg. 2005, I?9981.
3 – ABl. L 303, S. 16.
4 – Dieser letzte Satz war in seinem wesentlichen Gehalt bereits in § 2 Abs. 1 des Gesetzes über die Fristen für die Kündigung von Angestellten vom 9. Juli 1926 enthalten.
5 – BGBl. 2006 I, S. 1897.
6 – Urteile vom 5. Oktober 2004, Pfeiffer u. a. (C?397/01 bis C?403/01, Slg. 2004, I?8835, Randnr. 119), sowie vom 4. Juli 2006, Adeneler u. a. (C?212/04, Slg. 2006, I?6057, Randnr. 124).
7 – Das vorlegende Gericht verweist insoweit auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 7. Juni 2005 sowie auf das Urteil des Gerichtshofs vom 7. Dezember 2006, SGAE (C?306/05, Slg. 2006, I?11519, Randnr. 34).
8 – Urteil Mangold (Randnr. 75).
9 – Urteil vom 16. Oktober 2007, Palacios de la Villa (C?411/05, Slg. 2007, I?8531, Randnr. 42).
10 – Urteil vom 5. März 2009, Age Concern England (C?388/07, Slg. 2009, I?0000, Randnr. 46).
11 – Randnr. 46.
12 – Urteil Palacios de la Villa (Randnr. 68).
13 – Urteil Age Concern England (Randnr. 51).
14 – 106/77, Slg. 1978, 629.
15 – Urteil vom 7. Juni 2007, Carp (C?80/06, Slg. 2007, I?4473, Randnr. 20 und die dort angeführte Rechtsprechung).
16 – Urteil vom 14. Juli 1994, Faccini Dori (C?91/92, Slg. 1994, I?3325, Randnr. 24).
17 – Vgl. Simon, D., La directive européenne, Dalloz, 1997, S. 73.
18 – Vgl. insbesondere Urteile Pfeiffer u. a. (Randnr. 113 und die dort angeführte Rechtsprechung) sowie vom 23. April 2009, Angelidaki u. a. (C?378/07 bis C?380/07, Slg. 2009, I?0000, Randnr. 197).
19 – Urteil Angelidaki u. a. (Randnr. 200).
20 – Urteil Pfeiffer u. a. (Randnr. 116).
21 – Urteil Angelidaki u. a. (Randnr. 199 und die dort angeführte Rechtsprechung).
22 – Ebd., Randnr. 202 und die dort angeführte Rechtsprechung.
23 – Wegen einer allgemeinen Darstellung des Unterschieds zwischen diesen beiden Wirkungen des Gemeinschaftsrechts vgl. insbesondere Nrn. 24 bis 90 der Schlussanträge des Generalanwalts Léger in der Rechtssache Linster (C?287/98, Urteil vom 19. September 2000, Slg. 2000, I?6917) sowie Simon, D., „Synthèse générale“, Les principes communs d’une justice des États de l’Union européenne, Actes du colloque des 4 et 5 décembre 2000, La Documentation française, Paris, 2001, S. 321, wo es heißt: „[W]enn der Gerichtshof bestimmten Vorschriften des Gemeinschaftsrechts keine unmittelbare Wirkung beilegt, so ganz einfach deshalb, weil diese Vorschriften von den nationalen Gerichten nicht angewandt werden können, ohne dass damit die nationalen Gerichte gezwungen wären, ihre richterliche Aufgabe hinter sich zu lassen und an die Stelle des nationalen Gesetzgebers zu treten, der in dem Fall über ein Ermessen verfügt, von dem ein Gericht nicht ohne Verstoß gegen die Grundprinzipien der Gewaltenteilung Gebrauch machen kann“ (S. 332). Durch die Möglichkeit der Berufung auf die Ausschlusswirkung wird die Ausübung dieses Ermessens nicht beeinträchtigt. Es geht nur um die Kontrolle, dass der Mitgliedstaat bei der Ausübung seines Ermessens innerhalb der Grenzen des Ermessens geblieben ist.
24 – Die Urteile vom 30. April 1996, CIA Security International (C?194/94, Slg. 1996, I?2201), sowie vom 26. September 2000, Unilever (C?443/98, Slg. 2000, I?7535), werden oft angeführt als Anerkennung der Möglichkeit der Berufung auf die Ausschlusswirkung der Richtlinien in einem Rechtsstreit zwischen Einzelnen. Der Gerichtshof hat nämlich die Auffassung vertreten, dass das nationale Gericht eine technische Vorschrift, die nicht gemäß den Anforderungen der Richtlinie 83/189/EWG des Rates vom 28. März 1983 über ein Informationsverfahren auf dem Gebiet der Normen und technischen Vorschriften (ABl. L 109, S.8 ) mitgeteilt worden ist, was nach Ansicht des Gerichtshofs „einen wesentlichen Verfahrensfehler“ darstellt, unangewendet zu lassen hat, und zwar auch in einem Rechtsstreit zwischen Einzelnen (Urteile CIA Security International, Randnr. 48, und Unilever, Randnr. 50). Der Gerichtshof rechtfertigte diesen Schwenk im Vergleich zur bisherigen Rechtsprechung damit, dass „die Richtlinie 83/189 … keineswegs den materiellen Inhalt der Rechtsnorm [festlegt], auf deren Grundlage das nationale Gericht den bei ihm anhängigen Rechtsstreit zu entscheiden hat. Sie begründet weder Rechte noch Pflichten für Einzelne“ (Urteil Unilever, Randnr. 51).
25 – Vgl. insbesondere Urteil vom 17. Januar 2008, Velasco Navarro (C?246/06, Slg. 2008, I?105, Randnr. 38).
26 – Urteil Mangold (Randnrn. 77 und 78).
27 – C?129/96, Slg. 1997, I?7411.
28 – Randnr. 45. Vgl. auch Urteil Mangold (Randnr. 67).
29 – Urteil Mangold (Randnr. 74).
30 – Ebd. (Randnr. 75).
31 – ABl. L 175, S. 43. Vgl. Urteil Mangold (Randnr. 75 und die dort angeführte Rechtsprechung).
32 – Urteil Mangold (Randnr. 76).
33 – Die Charta wurde zum ersten Mal am 7. Dezember 2000 in Nizza feierlich verkündet (ABl. C 364, S. 1), später erneut am 12. Dezember 2007 in Straßburg (ABl. C 303, S. 1).
34 – Urteil vom 19. Oktober 1977, Ruckdeschel u. a. (117/76 und 16/77, Slg. 1977, 1753, Randnr. 7).
35 – Vgl. insbesondere Urteile vom 25. November 1986, Klensch u. a. (201/85 und 202/85, Slg. 1986, 3477, Randnr. 9), sowie vom 12. Dezember 2002, Rodríguez Caballero (C?442/00, Slg. 2002, I?11915, Randnr. 32 und die dort angeführte Rechtsprechung).
36 – Urteil Rodríguez Caballero (Randnr. 32).
37 – Vgl. insbesondere den Einfluss, den der Gleichheitsgrundsatz auf die Bestimmung des Geltungsbereichs der Richtlinie 76/207/EWG des Rates vom 9. Februar 1976 zur Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von Männern und Frauen hinsichtlich des Zugangs zur Beschäftigung, zur Berufsbildung und zum beruflichen Aufstieg sowie in Bezug auf die Arbeitsbedingungen (ABl. L 39, S. 40) im Urteil vom 30. April 1996, P./S. (C?13/94, Slg. 1996, I?2143, Randnrn. 18 bis 20), haben konnte.
38 – Vgl. insbesondere Urteil vom 10. März 1998, Deutschland/Rat (C?122/95, Slg. 1998, I?973, Randnrn. 54 bis 72).
39 – Urteil Rodríguez Caballero (Randnr. 30 und die dort angeführte Rechtsprechung).
40 – Ebd., Randnr. 31 und die dort angeführte Rechtsprechung.
41 – Richtlinie des Rates vom 10. Februar 1975 zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Anwendung des Grundsatzes des gleichen Entgelts für Männer und Frauen (ABl. L 45, S. 19).
42 – 43/75, Slg. 1976, 455.
43 – Randnr. 54.
44 – Randnr. 60.
45 – 96/80, Slg. 1981, 911.
46 – Randnr. 22.
47 – C?17/05, Slg. 2006, I?9583, Randnr. 29.
48 – Vgl. insbesondere Urteile vom 12. Dezember 1974, Walrave und Koch (36/74, Slg. 1974, 1405), Defrenne sowie vom 6. Juni 2000, Angonese (C?281/98, Slg. 2000, I?4139). Vgl. außerdem für eine Bestätigung der horizontalen unmittelbaren Wirkung der Vertragsbestimmungen über die Grundfreiheiten wie Art. 43 EG aus jüngerer Zeit Urteil vom 11. Dezember 2007, International Transport Workers’ Federation und Finnish Seamen’s Union (C?438/05, Slg. 2007, I?10779, Randnrn. 57 bis 59 und die dort angeführte Rechtsprechung).
49 – Die Frage wäre dann komplizierter, denn der Gerichtshof hätte es neben dem großen Hindernis im Zusammenhang mit der Natur der Richtlinie mit der allgemeineren Frage zu tun, ob das Diskriminierungsverbot alle Arten von Beziehungen zwischen Privatpersonen bestimmen kann. Ich weise darauf hin, dass der zwingende Charakter des Verbots bestimmter, in Vorschriften des Primärrechts aufgeführter Formen von Diskriminierung den Gerichtshof veranlasst hat, den Vorschriften die größtmögliche Anwendbarkeit zuzuerkennen, insbesondere im Rahmen von Beziehungen zwischen Privatpersonen (vgl. insbesondere Urteile Defrenne, Randnr. 39, und Angonese, Randnrn. 34 bis 36). Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 2000/78, der bestimmt, dass die Richtlinie „für alle Personen in öffentlichen und privaten Bereichen [gilt]“, zeigt zudem, dass der Gemeinschaftsgesetzgeber das Diskriminierungsverbot dahin versteht, dass es sich auf privatrechtlich geregelte Arbeitsverhältnisse erstreckt. Wegen einer Entscheidung außerhalb des Rahmens der Gemeinschaft vgl. ferner EGMR, Urteil Pla und Puncernau/Andorra vom 13. Juli 2004, Recueil des arrêts et décisions, 2004?VIII, in dem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte offenbar anerkennt, dass das Recht auf Nichtdiskriminierung nach Art. 14 der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten, unterzeichnet in Rom am 4. November 1950, im Rahmen von Beziehungen zwischen Privatpersonen gilt, und damit die Möglichkeit eröffnet, die Vereinbarkeit ausschließlich privater Handlungen anhand des genannten Artikels zu kontrollieren (vgl. hierzu Sudre, F., Droit européen et international des droits de l’homme, PUF, Paris, 2008, 9. Auflage, S. 264).
50 – Vgl. hierzu De Schutter, O., „Les droits fondamentaux dans l’Union européenne: une typologie de l’acquis“, Classer les droits de l’homme, 2004, S. 315. Der Verfasser nennt als Beispiele das Recht auf Unterrichtung und Anhörung der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Unternehmen (Art. 27), den Arbeitnehmerschutz bei ungerechtfertigter Kündigung (Art. 30), das Recht auf gerechte und angemessene Arbeitsbedingungen (Art. 31), das Verbot der Kinderarbeit und Schutz der Jugendlichen am Arbeitsplatz (Art. 32), die Garantie, Familien- und Berufsleben miteinander in Einklang bringen zu können (Art. 33), und das Recht auf soziale Sicherheit der Wanderarbeitnehmer (Art. 34 Abs. 2) (S. 346 und 347).
[Quelle: http://curia.europa.eu/]
Tags: Altersdiskriminierung, Europarecht, Kündigungsfrist, § 622 BGB Keine Kommentare möglich.

References: § 622
 § 622
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 EuGH 

EuGH 
 Art. 6
 § 2
 Art. 43
 Art. 3
 Art. 14
 § 622