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Timestamp: 2018-10-22 06:24:45+00:00

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Nachhaltige Entwicklung durch ein bedingungsloses Grundeinkommen? | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
1.1 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit
1.2 Disziplinäre Einordnung und Forschungsstand
2.1 Entwicklungsgeographische Einführung
2.1.1 Armut und Unterentwicklung als globale Herausforderungen
2.1.2 Armut und Unterentwicklung: Ein vielschichtiges Problem
2.1.3 Entwicklungsgeographie und die Ursachen der Unterentwicklung
2.1.4 Ziele der Entwicklungspolitik
2.2 Der Begriff der Entwicklung
2.2.1 Entwicklung und seine Bedeutung innerhalb unterschiedlicher Zielsysteme
2.2.2 Entwicklung und das Konzept der Lebensqualität
2.2.3 Die drei Säulen von Entwicklung
2.3 Die Messung von Entwicklung
2.3.1 Indikatoren für die Messung von Entwicklung
2.3.2 Operationalisierung der Indikatoren
2.4 Das bedingungslose Grundeinkommen
2.4.1 Die Entstehungsgeschichte einer Idee
2.4.2 Ein bedingungsloses Grundeinkommen vor dem Hintergrund globaler Herausforderungen
2.4.3 Ein bedingungsloses Grundeinkommen als Instrument in der Sozialpolitik
2.4.4 Argumente für ein bedingungsloses Grundeinkommen
2.4.5 Argumente gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen
2.4.6 Ein bedingungsloses Grundeinkommen als Instrument der Entwicklungsförderung
3 DAS PROJEKTUND SEINE RAHMENBEDINGUNGEN
3.1 Der Untersuchungsraum Brasilien
3.1.1 Sozioökonomische und bevölkerungsgeographische Rahmenbedingungen
3.1.2 Ein Land sozialer Disparitäten
3.1.3 Sozialpolitik in Brasilien
3.1.4 Das bedingungslose Grundeinkommen in Brasilien
3.2 Das Untersuchungsgebiet Quatinga Velho
3.2.1 Die Metropolregion Säo Paulo
3.2.2 Sozioökonomische Rahmenbedingungen in Quatinga Velho
3.2.3 Infrastruktur in Quatinga Velho
3.3 Das Grundeinkommensprojekt in Quatinga Velho
3.3.1 Die Organisation ReCivitas
3.3.2 Zielsetzungen und theoretisches Fundament des Projekts
3.3.3 Finanzierung und ökonomischer Wert
3.3.4 Konkreter Ablauf in der Praxis
3.3.5 Erste Effekte nach sechs Monaten Projektverlauf
3.3.6 Zukunft des Projekts
4 DIEMETHODIK DER UNTERSUCHUNG
4.1 Erläuterung der Methodik
4.1.1 Erhebungsmethoden der Untersuchung
4.2 Die Datenerhebung
4.2.1 Durchführung der Untersuchung
4.2.2 Herausforderungen an die Methodik
5 DIE FORSCHUNGSERGEBNISSE
5.1 Beschreibung und Auswertung der Daten
5.1.1 Demographische und sozioökonomische Daten
5.1.2 Verwendung des bedingungslosen Grundeinkommens
5.1.3 Das bedingungslose Grundeinkommen und die Lebensqualität
5.1.4 Das bedingungslose Grundeinkommen und gesellschaftliche Befähigung
5.1.5 Das bedingungslose Grundeinkommen und Nachhaltigkeit
5.2 Bewertung des Projekts und seiner Ergebnisse
5.2.1 Meinungen zum Projekt
5.2.2 Meinungen zum bedingungslosen Grundeinkommen
5.2.3 Ergebnis der Untersuchung
5.2.4 Beurteilung des Projekts inBezug auf die Ziele von ReCivitas
6.2 Eignung des Untersuchungsdesigns
6.3 Offene Fragen und Ausblick
Abbildung 1: Dimensionender Armut
Abbildung 2: PKE und Glücklichsein (,happiness') in den USA
Abbildung 3: PKE und Glücklichsein
Abbildung 4: Die drei Säulen von Entwicklung
Abbildung 5: Topographisch Karte Brasilien
Abbildung 6: Die Metropolregion Säo Paulo
Abbildung 7: Quatinga Velho in der Metropolregion Säo Paulo
Abbildung 8: Steinhaus in Quatinga Velho
Abbildung 9: Steinhaus in Quatinga Velho
Abbildung 10: Holzhütte mit Feld in Quatinga Velho
Abbildung 11: Felder eines lokalen Bauernhofs
Abbildung 12: Verkehrstechnische Erschließung Quatinga Velhos
Abbildung 13: Zufahrt nach Quatinga Velho von Süden kommend
Abbildung 14: Zufahrt nach Quatinga Velho von Norden kommend
Abbildung 15: Nächstgelegene Unter- und Mittelzentren
Abbildung 16: Kleiner Supermarkt in Quatinga Novo
Abbildung 17: Spielzeugverleih in Quatinga Velho
Abbildung 18: Auszahlung des BGEs an Familie in Quatinga Velho
Abbildung 19: Treffen des lokalen Komitees der Bewohner
Abbildung 20: Altersstruktur der Befragten, Anteile in % bei n = 31
Abbildung 21: Kinderanzahl der Befragten, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 22: Anzahl der Personen im Haushalt bei den Befragten, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 23: Monatliches Haushaltseinkommen der Befragten, Anteile in % bei n=29
Abbildung 24: Schulabschluss der Befragten, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 25: Dauer der Teilnahme am BGE-Projekt, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 26: Nutzung des BGEs, Nennungen in % bei n = unbekannt
Abbildung 27: Nutzung des BGEs, Nennungen in % bei n = 43
Abbildung 28: Veränderung durch das BGE bei der Möglichkeit die Grundbedürfnisse zu
befriedigen, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 29: Beurteilung der Gesundheitsversorgungssituation, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 30: Zufriedenheit mit materiellem Besitz, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 31: Veränderung der materiellen Situation durch das BGE, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 32: Zufriedenheit mit dem Leben allgemein, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 33: Veränderung der Zukunftsperspektive durch das BGE, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 34: Beurteilung des Zugangs zu Bildungsmöglichkeiten, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 35: Beurteilung des Ausmaßes der Partizipation an Entscheidungsprozessen in der Gemeinde, Anteile in % bei n=32
Abbildung 36: Erhöhung der Eigeninitiative in Quatinga Velho durch das BGE? Anteile in % bei n = 32
Abbildung 37: Vertrauen in die langfristige Auszahlung des BGEs, Anteile in % bei n=32
Abbildung 38: Beurteilung der lokalen Umweltsituation, Anteile in % bei n = 32
Abbildung 39: Bewertung der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit der Projektziele,Anteile in% bei n=32
Tabelle 1: Bewertung des Glücklichseins
Tabelle 2: Zufriedenheit in Relation zur Einkommensschicht
Tabelle 3: Die objektive und subjektive Seite der Lebensqualität
Tabelle 4: Bestimmungsgrößen der Lebensqualität nach Perspektive
Tabelle 5: Indikatoren zur Messung von Entwicklung, ein Zielsystem zur Evaluation
„Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einmal satt, lehre ihn Fischen, und er wird nie wieder hungern."
Dies ist vermutlich eines der am häufigsten zitierten Sprichwörter im Kontext der Entwicklungszu­sammenarbeit. Dahinter verbergen sich zwei wesentliche Ideen, welche die Leitbilder der Ent­wicklungszusammenarbeit prägen: Die sogenannte ,Hilfe zur Selbsthilfe' und die Nachhaltigkeit. Hilfe zur Selbsthilfe zielt darauf ab, Notleidende zu befähigen, ihre Notlage selbst zu beseitigen. Nachhaltigkeit beschreibt in diesem speziellen Zusammenhang die Langfristigkeit einer Problem­lösung. Eine Maßnahme ist demnach nur dann nachhaltig, wenn sie die Bedürftigen von Unter­stützungsleistungen in Zukunft unabhängig macht.
Diese Ideen sind in der Theorie als grundlegende Fundamente der Entwicklungszusammenarbeit unbestritten. Dennoch fördert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen Ent­wicklung und Entwicklungsstrategien sehr unterschiedliche Ansichten zu Tage: Während Manche davon sprechen, dass die Industrieländer mit ihrer Entwicklungsunterstützung die „Welt zu Tode retten" (Vgl. Easterly 2006), fordern Andere gar einen „Marshall-Plan für die Dritte Welt" (Vgl.Gore 1992, 296 ff.). Wie kommt es zu solch einer erheblichen Kontroverse? Kritiker halten vor,dass in den letzen fünf Jahrzehnten 2,3 Billionen US$ (Vgl. Easterly 2006, 11) in der Entwicklungs­zusammenarbeit ausgegeben wurden und dass es bisher trotzdem nicht gelungen ist, Armut und Unterentwicklung in der dritten Welt zu beseitigen. Ebenso ist es nicht gelungen, die im neuen Millennium stark angestiegene Zahl der Hungernden zu verringern (Vgl. FAO 2010,1). Woran kann es also liegen, dass trotz der ausgiebig eingesetzten Mittel keine befriedigenden Erfolge bei der weltweiten Bekämpfung der Armut, der Unterentwicklung und des Hungers zu vermelden sind? Die Gründe, die hierfür aufgeführt werden, sind vielseitig: Unfaire Handelsbedingungen, Korrupti­on, Wirtschaftskrisen, Kapitalflucht, mangelndes Know-how, falsche Erwartungen und Zielsetzun­gen, kulturelle Barrieren, Interessenskonflikte der Geberländer, die Schaffung neuer Abhängigkeiten, technologischer Wandel usw. All diese Faktoren können die Erfolge von Entwick­lungsarbeit zunichtemachen und haben unbestrittenermaßen einen hohen Einfluss auf den Erfolg bzw. Misserfolg von Entwicklungsmaßnahmen. Deshalb gibt es im Rahmen der Entwicklungsfor­schung außerordentlich fundiertes Wissen und nahezu unerschöpfliche Studien zu diesen Einfluss­faktoren. Eine Vielzahl von Gründen für den Misserfolg einiger Entwicklungsprojekte ist also hinlänglich bekannt. Dennoch gelingt es oftmals einfach nicht, den Prozess der Hilfe zur Selbsthilfe in ausreichendem Maße zu stimulieren und langfristig aufrechtzuerhalten. Es stellt sich also die Frage, wie sich das Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe erfolgreich in der Praxis umsetzen lässt.
Ein ungewöhnliches Modell versucht es hier mit dem direkten Weg: Der unmittelbaren finanziel­len Unterstützung Hilfsbedürftiger, statt bspw. der Einbindung in indirekt wirkende Entwick­lungsmaßnahmen. Ein einfacher Geldtransfer ohne Umwege, welcher an keinerlei Bedingungen oder Gegenleistungen geknüpft ist. So sollen die Menschen dazu ermächtigt werden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dieses neue Modell wird in einem Projekt in Quatinga Velho, Brasi­lien, erprobt. Es findet seit Oktober 2008 im Bundesstaat Säo Paulo statt. Dort wird den Bewoh­nern des Ortes Quatinga Velho ein sogenanntes ,bedingungsloses Grundeinkommen' (BGE) ausgezahlt. Hierbei erhalten Menschen Geld, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Das Modell basiert auf dem Grundgedanken der Freiheit und baut auf die Eigeninitiative der Men­schen. Kann eine solche Strategie erfolgreich Hilfe zur Selbsthilfe stimulieren oder werden die Menschen damit nur zu bequemen Transferleistungsempfängern erzogen? Welche Effekte wer­den dort erzielt? Das zentrale Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit bezieht sich auf diese Fragen und widmet sich daher dem BGE-Projekt in Quatinga Velho und seinen Auswirkungen. Im Kern dreht sich vorliegende Arbeit um das sozialpolitische Modell eines BGEs und dessen Einsatz als ein Instrument der Entwicklungsförderung. Zu diesem Zweck wird das Projekt in Quatinga Vel­ho empirisch untersucht und dessen Auswirkungen auf räumliche und soziale Strukturen analy­siert.
Das Ziel dieser Arbeit ist zu überprüfen, ob es messbare Effekte des BGE-Projekts auf den Ort und die Menschen in Quatinga Velho gibt. Folgenden Fragen wird im Einzelnen nachgegangen:
1. Wie lässt sich Entwicklung bzw. nachhaltige Entwicklung definieren und messen?
2. Welche räumlichen Effekte hat das bedingungslose Grundeinkommen in Quatinga Velho?
a. Welche Auswirkungen hat es auf die lokalen Produktions- und Konsumstrukturen?
b. Welche Auswirkungen hat es auf die lokale Infrastruktur?
3. Welche gesellschaftlichen Effekte hat das bedingungslose Grundeinkommen in Quatinga Velho? Trägt es:
a. zur Befriedigung der materiellen Grundbedürfnisse bei?
b. dazu bei, die Lebensqualität der Empfänger zu steigern?
c. zu einer Erhöhung der gesellschaftlichen Befähigung bei?
4. Trägt das bedingungslose Grundeinkommen zu nachhaltiger Entwicklung in Quatinga Vel­ho bei?
Dies sind die zentralen Fragestellungen dieser Arbeit, welche anhand der empirischen Untersu­chung am Beispiel von Quatinga Velho erforscht werden sollen.
Die in dieser Arbeit gestellten Forschungsfragen sind dem Zweig der Entwicklungsgeographie zu­zuordnen. Die Geographie als Querschnittswissenschaft bietet mit ihrer multidimensionalen Be­trachtungsweise eine einzigartige Problemlösungskompetenz im Bereich der Entwicklungs­forschung. Diese setzt sich mit dem Zusammenhang zwischen Entwicklung und räumlichen Struk­turen auseinander und erforscht Ursachen, unterschiedliche Aspekte, Kennzeichen sowie die Fol­gen von Entwicklung und Unterentwicklung. Die schier endlose Zahl an Publikationen zu der Materie ist Ausdruck der hohen Bedeutung, die das Thema bereits seit mehreren Jahrzehnten im wissenschaftlichen Diskurs genießt. Zahlreiche Organisationen und Autoren tragen mit der steti­gen Veröffentlichung neuer Titel und Studien dazu bei, dass der Stand der Forschung in diesem Gebiet außerordentlich aktuell ist und weitestgehend auf einer Höhe mit den in der Praxis auftre­tenden Problemstellungen.
Bei dem Gegenstand dieser Arbeit, aber auch in entwicklungsgeographischen Fragestellungen im Allgemeinen, besteht eine große Schnittmenge mit den Nachhaltigkeitswissenschaften. Diese beschäftigen sich mit der Erforschung und Umsetzung nachhaltiger Entwicklung. In diesem Be­reich gibt es ebenfalls eine außerordentliche Vielzahl von Publikationen, welche beständig erwei­tert wird. Der Forschungsstand kann hier ebenfalls als sehr umfangreich und fortgeschritten bezeichnet werden.
Eine weitere Wissenschaftsdisziplin, die in dieser Arbeit Anwendung findet, ist die Soziologie. Dies gilt insbesondere für den Teil der Arbeit, bei dem es um das BGE geht, da sich dabei intensiv mit den Themen Zusammenleben in der Gesellschaft und Sozialpolitik auseinandergesetzt wird. Glei­chermaßen gilt dies auch für den methodischen Teil der Arbeit, da hier zur Entwicklung des Fra­gebogens sowie zur Messung gesellschaftlicher Veränderungen Kenntnisse der empirischen Sozialforschung erforderlich sind. Das Hauptanliegen dieser Arbeit dient schlussendlich der Über­prüfung einer sozialwissenschaftlichen Hypothese: Führt ein BGE im konkreten Fall Quatinga Vel­ho zu nachhaltiger Entwicklung? Der Anteil der Soziologie ist in der vorliegenden Arbeit somit entsprechend umfangreich.
Zum Themenbereich des BGEs ist die Forschung sehr jung und bietet noch viel Raum für neue Erkenntnisse. Gegenwärtig steigt die öffentliche Aufmerksamkeit für das Sujet, was sich in der zunehmenden Zahl unterschiedlicher Veröffentlichungen wiederspiegelt. Die Mehrheit der Bei­träge zu dem Thema stammt aus den Jahren seit 2000, ein großer Teil von Publikationen sogar aus den Jahren seit 2007. Dies ist Ausdruck für die allmählich an Fahrt gewinnende wissenschaftliche Diskussion. Viele Abhandlungen drehen sich dabei um die sozialen Aspekte des BGEs und bewe­gen sich aufgrund der mangelnden Praxiserfahrungen auf einem eher abstrakten und hypotheti­schen Feld. Die ersten praktischen Erfahrungen mit einem BGE werden seit Anfang des Jahres 2008 in Namibia in dem Ort Otjivero-Omitara gemacht. Die erste Studie dazu wurde ebenfalls im Jahr 2008 von den dortigen Projektinitiatoren veröffentlicht. Diese Studie hat insofern wissen­schaftliches Neuland betreten, da sie die ersten praktischen Erfahrungen mit einem BGE be­schreibt. Es wird also deutlich, dass der Forschungsbedarf zu Praxisprojekten dieser Art noch erheblich ist. Die vorliegende Arbeit soll dazu beitragen, neue Erkenntnisse zum wissenschaftli­chen Diskurs beizusteuern und weiteren Forschungsbedarf aufzudecken.
Im Zentrum dieser Arbeit steht eine quantitativ orientierte empirische Untersuchung zu der Frage, ob das BGE zu einer nachhaltigen Entwicklung in Quatinga Velho beiträgt. Der quantitative For­schungsansatz wurde gewählt, da er sich in besonderem Maße dazu eignet, die Auswirkungen des BGE-Projekts in Quatinga Velho möglichst umfassend zu beschreiben. Hierfür wurde ein standar­disierter Fragebogen zur Befragung der Projektteilnehmer entwickelt1. Zusätzlich wurden stan­dardisierte Beobachtungen sowie eine Dokumentenanalyse durchgeführt. Diese beiden Methoden werden flankierend zur Befragung eingesetzt, um die Befragungsergebnisse zu ergän­zen und so am Ende ein umfassenderes Bild zu ermöglichen.
Ziel der empirischen Untersuchung ist es, die aktuelle Situation sowie die Veränderungen in Qua­tinga Velho zu dokumentieren und vor dem Hintergrund nachhaltiger Entwicklung zu betrachten. Um dies in die Tat umzusetzen, war eine zweiwöchige Exkursion nach Brasilien erforderlich. Dort wurden das Projekt und die räumlichen Strukturen vor Ort in Augenschein genommen und foto­grafisch dokumentiert sowie eine Befragung der Projektteilnehmer durchgeführt.
Die Arbeit ist von ihrer Struktur so aufgebaut, dass nach einer kurzen Einführung in das Thema und der Vorstellung der Forschungsfrage im darauffolgenden zweiten Kapitel die theoretischen Grundlagen und zentralen Begriffe der Arbeit erörtert werden. Im Rahmen dessen werden die für diese Arbeit notwendigen entwicklungsgeographischen Grundlagen behandelt. Basierend auf der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesen, wird die für diese Arbeit maßgebliche Defini­tion von nachhaltiger Entwicklung erarbeitet. Diese bildet das Zielsystem und damit den Rahmen zur Evaluation des BGE-Projekts. Hiervon ausgehend werden Indikatoren zur Messung nachhalti­ger Entwicklung diskutiert und abgeleitet sowie in einem weiteren Schritt für die Verwendung in der Befragung operationalisiert.
Der Theorieteil der Arbeit wird fortgeführt, indem die Idee des BGEs, ihre Entstehungsgeschichte sowie ihre theoretischen Hintergründe beleuchtet werden. Darauf aufbauend wird die Funktion des BGEs als Instrument der Entwicklungsförderung erörtert und hiermit das Theoriekapitel abge­schlossen.
Im nächsten Kapitel dieser Arbeit werden die wesentlichen räumlichen, wirtschaftlichen und sozi­alen Rahmenbedingungen des Untersuchungsraums Brasilien sowie des Untersuchungsgebiets Quatinga Velho dargestellt. Nach dem geographischen Überblick folgt die Vorstellung des BGE- Projekts in Quatinga Velho sowie der Nicht-Regierungs-Organisation (NRO) ReCivitas, die das Pro­jekt durchführt.
Im vierten Kapitel wird die Methodik der empirischen Untersuchung erläutert. Dafür wird der Gegenstand der Untersuchung in diesem Kapitel abgesteckt und das Untersuchungsdesign im Detail veranschaulicht. Dies umfasst die Beschreibung der Entwicklung eines Fragebogens, der Durchführung der Untersuchung und der Problemfelder sowie der Auswertung der erhobenen Daten.
Zuletzt werden die gesammelten Daten statistisch analysiert und ausgewertet. Die daraus gewon­nenen Erkenntnisse über die Effekte des BGEs in Quatinga Velho werden im fünften Kapitel der Arbeit zusammengefasst und im Hinblick auf die Forschungsfrage dieser Arbeit bewertet. Das gewählte Untersuchungsdesign wird in diesem Zuge noch einmal diskutiert. Zum Abschluss wird ein Fazit gezogen, offen gebliebene Fragen vorgebracht und zukünftige Forschungsaufgaben auf­gezeigt.
Zu Beginn dieses Kapitels werden zentrale entwicklungsgeographische Fragestellungen, wie z. B. das Problem der Armut und Unterentwicklung, erörtert. Dazu werden unterschiedliche Problem­dimensionen und Entwicklungsstrategien aufgezeigt sowie Ziele der Entwicklungspolitik betrach­tet. Am Ende dieses Kapitels steht eine Definition des Begriffs Entwicklung, welche für den weiteren Fortgang dieser Arbeit von zentraler Bedeutung ist.
Die Länder der Erde sind von außerordentlich gegensätzlichen ökonomischen und sozialen Struk­turen geprägt. Auf der einen Seite stehen die Industrienationen mit wirtschaftlicher Potenz, mate­riellem Wohlstand sowie politischer Macht, auf der anderen Seite die sogenannten Entwicklungsländer, denen es daran im Vergleich mangelt. Mit dem kontinuierlich voranschrei­tenden Globalisierungsprozess wird die Tendenz zu einer weiteren Polarisierung auf diesen Ebe­nen vorangetrieben. Die damit einhergehenden, ungleichen Lebensbedingungen für die Bevölkerung der jeweiligen Länder können einen signifikanten Unterschied für die Lebenschancen eines Menschen darstellen. Davon sind grundlegende Konditionen des menschlichen Lebens be­troffen, wie z. B. die Lebenserwartung. Dies lässt sich anhand einiger Zahlen veranschaulichen:Nach Angaben des UNDP hatten im Jahr 2005 weltweit ca. 1,4 Mrd. Menschen (UNDP 2010, 4) weniger als 1 US$ pro Tag zur Verfügung und galten somit als extrem arm. Zieht man die Armuts­grenze nach dieser Definition bei 2 US$ pro Tag, gelten insgesamt 2,6 Milliarden Menschen und damit fast die Hälfte der Weltbevölkerung als arm (Weltbank 2009, 33). Die größte Zahl dieser Menschen lebt in Asien und Afrika. Diese sogenannte ,extreme Armut' hat beklagenswerte Le­bensbedingungen zur Folge: Hunger und Unterernährung, eine Einschränkung der Lebenserwar­tung sowie eine Einschränkung der kindlichen Entwicklung seien nur als Beispiele für die vielfach auftretenden humanitären Missstände aufgeführt. Zum Vergleich: In den drei Flächenstaaten mit dem höchsten pro Kopf Einkommen (PKE) der Welt2 (UNDP 2009, 181), beträgt die durchschnittli­che Lebenserwartung im Schnitt 79,8 Jahre (UNDP 2009, 181), in den drei mit dem geringsten Einkommen3 (UNDP 2009, 182), in denen im Zeitraum von 2008 bis 2010 keinerlei bewaffneten Auseinandersetzungen stattfanden, im Schnitt 51,1 Jahre. In den drei reichsten Ländern haben die Menschen umgerechnet durchschnittlich 47.879 US$ an Einkommen pro Kopf in lokaler Kauf-kraftparität zur Verfügung, in den drei Ärmsten nur 547 US$ (UNDP 2009, 181 ff.). Armut ist auf­grund dieser Ungleichheit der Lebensbedingungen aber nicht nur ein moralisches Problem, son­dern sie stellt auch ein Risiko für den Frieden in den ärmeren Weltregionen dar, denn sie ist Ursache von Verteilungskonflikten und birgt eine große Gefahr der Destabilisierung sozialer und politischer Systeme. Weiterhin befördert die Armut das Bevölkerungswachstum und erhöht somit einerseits den Migrationsdruck al auch den Druck auf die Umwelt. In einigen Teilen der Welt ist sie Nährboden für Radikalismus und somit eine Gefährdung von Sicherheit und Stabilität. Armut stellt sich somit als ein zentrales globales Menschheitsproblem dar, für welches es Antworten zu finden gilt.
Kennzeichnend für die Erfassung von Armut ist ihre Bemessung anhand des PKEs. Die Begründung hierfür liegt in der Annahme, dass Einkommen und Entwicklung miteinander korrelieren. Bedeu­tet arm zu sein nur unter einer bestimmten Einkommensgrenze zu liegen? Eine gängige statisti­sche Methode ist die Festlegung einer bestimmten Einkommensgrenze unterhalb derer man als arm gilt. Diese kann von Land zu Land variieren, wird im Allgemeinen aber bei 50 % des nationalen Durchschnittseinkommens gesetzt. Anhand dieser Methode lässt sich feststellen, wie groß die sogenannte ,relative Armut' in einer Gesellschaft ist. Die Methode der Weltbank setzt die Armuts­grenze bei 1 US$ pro Tag in lokaler Kaufkraft. Wer darunter liegt, gilt als extrem arm. Diese Me­thode ist relativ ungenau, allerdings gewährt sie aufgrund des Mangels an verfügbaren umfassenden statistischen Daten ein gewisses Maß an Vergleichbarkeit, insbesondere im Rahmen eines globalen Maßstabs. Demnach bezeichnet ,absolute Armut' den Zustand einer ungenügen­den Versorgung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen (Vgl. Nuscheler 2005,146). Dies betrifft bspw. die Versorgung mit den existenziellen Grundbedürfnissen Nahrung, Kleidung sowie Wohnmöglichkeiten. Wenn diese nicht befriedigt werden können, stellt dies eine Verletzung der Menschenwürde dar, welche somit ein charakteristisches Merkmal der absoluten Armut ist. Abso­lute Armut ist allerdings nur eine Folgeerscheinung; Unterentwicklung stellt das eigentliche Struk­turproblem dar. Unterentwicklung beschreibt die mangelnde Fähigkeit von Gesellschaften sich selbst zu versorgen.
Gleichwohl hat sich mittlerweile das Verständnis von Armut und damit auch von Unterentwick­lung gewandelt. Beide werden nicht mehr ausschließlich über mangelndes Einkommen definiert. Inzwischen werden auch umfassendere Methoden erprobt Armut und Unterentwicklung zu erfas­sen. Der seit 1990 von den Vereinten Nationen verwendete Human Development Index (HDI) ist eines von vielen Beispielen für die Tendenz, menschliche Entwicklung breiter zu begreifen. Dieser schließt Indikatoren wie Lebenserwartung und das Bildungsniveau bei der Messung mit ein. So verstanden, manifestiert sich Armut nicht nur über einen Mangel an Kaufkraft, sondern als ein soziales Problem mit zahlreichen Facetten. Die beschriebene Methode zur Messung von Armut über das Einkommen deckt die materielle Sphäre ab, lässt dabei aber vielfältige andere Dimensio­nen außen vor. Amartya Sen und Martha Nussbaum haben mit dem von ihnen hervorgebrachten ,Befähigungsansatz' das Bewusstsein hierfür geschaffen. Demnach definiert sich Armut auch über einen Mangel an Rechten, Chancen und Fähigkeiten, von ihnen unter ,Verwirklichungschancen' zusammengefasst. Der Ausschluss von sozialer, kultureller oder politischer Teilhabe ist hierfür ein Beispiel. Diese Unfreiheiten schränken die Wahl- und Handlungsmöglichkeiten der betroffenen Personen ein und sind daher ein ausschlaggebendes Charakteristikum der Armut. Weitere Merk­male sind der mangelnde Zugang zu Ressourcen sowie eine hohe Verwundbarkeit der Betroffe­nen, z. B. durch Naturkatastrophen oder anderen sozialen Krisensituationen. Unsicherheit und Schutzlosigkeit sind somit entscheidende Dimensionen der Armut (Vgl. Nuscheler 2005, 151). Folgende Grafik soll die Wechselbeziehungen der Dimensionen von Armut verdeutlichen:
Abbildung 1: Dimensionen der Armut
Die wirtschaftliche Sphäre beschreibt die Möglichkeit, ein Einkommen zu erzielen, zu konsumie­ren und dadurch in der Lage zu sein, Ernährungssicherheit, materielles Wohlergehen und soziales Ansehen zu erreichen. Die Dimension Mensch umschreibt die Möglichkeit auf Bildung, Gesund­heit, Wohnung und sauberes Trinkwasser. Die politische Sphäre umfasst Menschenrechte und politische Teilhabe. Die soziokulturelle Sphäre bezeichnet die Möglichkeit, als angesehenes Mit-glied einer Gesellschaft am Gemeinschaftsleben teilzuhaben. Mit der Dimension Sicherheit ist die Fähigkeit gemeint, Krisen wirtschaftlicher oder sozialer Art Stand halten zu können. Wie diese Abbildung verdeutlicht, stehen die unterschiedlichen Dimensionen der Armut in Wechselbezie­hungen zueinander. Es wird anhand dieser Beispiele deutlich, dass eine Definition der Armut über rein materielle Faktoren zu kurz greift. Vielmehr ist Armut ein vielschichtiges Problem mit unter­schiedlichen Ebenen zu verstehen.
Mit dem Aufzeigen und der Erklärung solcher Zusammenhänge beschäftigt sich unter anderem die geographische Entwicklungsforschung. Als Zweig innerhalb der Geographie, befasst sie sich mit entwicklungstheoretischen, entwicklungspolitischen sowie entwicklungspraktischen Themen (Vgl. Scholz 2004, 14). Dabei ist das aus Kolonialzeiten umfangreich vorhandene länderkundliche Wissen die Grundlage für die Beschäftigung der Geographie mit diesem Feld gewesen. Untersucht werden u. a. Themengebiete wie Ressourcennutzung, Umweltveränderungen in ökologisch ge­fährdeten Regionen, politische und gesellschaftliche Transformationsprozesse, Verstädterungs­prozesse, Hunger-Management, Marginalisierungsprozesse etc. Diese Bereiche werden auf unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen vom lokalen über den regionalen bis zum globa­len Kontext erforscht. Praktisch befasst sich die geographische Entwicklungsforschung also mit solchen Entwicklungsdefiziten, die sich räumlich manifestieren. Das Bestreben dieses Wissen­schaftszweiges ist dabei, regionale Strukturen von Unterentwicklung zu erforschen, die Komplexi­tät der Zusammenhänge zu erfassen und diese zu vermitteln, damit regional angepasste Strategien und Maßnahmen z. B. im Rahmen einer Entwicklungspolitik formuliert werden können (Vgl. Scholz 2004,18).
Der Grundgedanke von Entwicklungspolitik ist es, Armut und Unterentwicklung zu bekämpfen und somit die globale Diskrepanz der unterschiedlichen Lebensbedingungen zu verringern. Dieser Gedanke wurde politisch zum ersten Mal vom amerikanischen Präsidenten Harry Truman zum Ausdruck gebracht, welcher 1949 in seiner Antrittsrede als Erster davon sprach unterentwickelten Regionen dabei zu helfen, den Fortschritt zu befördern. Dieser Anspruch ist jedoch aufgrund der z. T. unbefriedigenden Ergebnisse in der praktischen Entwicklungszusammenarbeit der letzten Jahr­zehnte Gegenstand vieler Diskussionen. Mitunter wird die Entwicklungszusammenarbeit sogar grundsätzlich in Frage gestellt. Zweifel an ihrer Wirksamkeit entstehen aus der Tatsache, dass trotz 50 Jahren ,Entwicklungshilfe' humanitäre Probleme wie die Ernährungsfrage sowie die Verringerung des Elends nicht gelöst werden konnten, sondern z.T. sogar noch dringlicher geworden sind (Vgl.Rauch 2009, 13). Die Bandbreite der Meinungen über den Sinn und Unsinn der Entwicklungszusam­menarbeit reicht daher von massiver Erhöhung der finanziellen Förderung bis zu ihrer gänzlichen Abschaffung. Trotz der Enttäuschung über die teilweise unbefriedigenden Ergebnisse bisheriger Ent­wicklungszusammenarbeit lässt der zunehmende Handlungsdruck, welcher durch die globalen Menschheitsprobleme verursacht wird, keinen Zweifel über die Notwendigkeit einer globalen Koope­ration im Rahmen einer solchen Entwicklungszusammenarbeit. Neben handfesten politischen Inte­ressen an partnerschaftlicher Entwicklungszusammenarbeit für den Frieden sowie politische und ökonomische Sicherheit, existiert hier auch eine ethische Verantwortung der wohlhabenden Länder. (Vgl. Klockner 2006, 43)
Die Ansichten darüber, welche Strategie am ehesten dazu geeignet ist, Armut und Unterentwick­lung zu überwinden, variieren im wissenschaftlichen Diskurs allerdings sehr und finden ihren Aus­druck in den unterschiedlichen entwicklungspolitischen Theorien. Diese führen zur Erklärung von Unterentwicklung eine Vielzahl unterschiedlicher Gründe auf. Allgemein lassen sich dabei folgen­de zwei Ansätze unterscheiden: Die Modernisierungs- und die Dependenztheorien.
Die Modernisierungstheorien führen die Ursachen von Unterentwicklung auf endogene Ursachen zurück. Demnach sind die Hauptursachen der Unterentwicklung interne Defizite einer Nation, welche das Wirtschaftswachstum hemmen. Dazu zählen Einflussfaktoren wie z. B. ein ungünstiges Klima, ein Mangel an natürlichen Ressourcen, ökologische Probleme, ökonomische Faktoren, gesellschaftliche Strukturen und sozialpsychologische Rahmenbedingungen sowie politisch-institutionelle Gegeben­heiten. Die Modernisierungstheoretiker vertreten das Leitbild der sogenannten ,nachholenden Ent­wicklung', welche annimmt, eine Angleichung unterentwickelter Gesellschaften an die entwickelten Gesellschaften der westlichen Industrieländer lasse sich durch Wirtschaftswachstum erreichen (Vgl. Rauch 2009, 68).
Die Dependenztheoretiker hingegen führen Unterentwicklung hauptsächlich auf exogene Ursachen zurück. Sie betrachten die historisch gewachsenen Abhängigkeiten aus dem Kolonialismus und Impe­rialismus sowie die daraus resultierende unfaire Einbindung in den internationalen Weltmarkt als die Hauptursache von Unterentwicklung. Die Dependenztheoretiker verfolgen das Leitbild einer auto­nomen Entwicklung von Nationen durch die Abkopplung vom Weltmarkt (Vgl. Rauch 2009, 69).
Die Diskussion über die Ursachen der Unterentwicklung soll an dieser Stelle allerdings nicht weiter ausgeführt werden, da in dieser Arbeit die Erforschung alternativer Entwicklungsstrategien im Mittelpunkt steht. Daher wird der Frage nach Lösungskonzepten im Folgenden mehr Raum ge­stattet, als der Frage nach den Ursachen von Unterentwicklung. Es gilt jedoch festzuhalten, dass das Phänomen der Unterentwicklung eine hochgradig verflochtene und komplexe Problemstel- lung ist. Eine monokausale Herangehensweise, wie sie von den verschiedenen entwicklungstheo­retischen Schulen offeriert wird, bietet hierfür keine „angepasste, kontext- und standortbezoge­ne, adressatenspezifische Lösung" (Rauch 2009, 18) welche den vielschichtigen und multidimensionalen Problemen gerecht wird.
Seit der Antrittsrede Harry Truman's war es der Antrieb der Entwicklungspolitik, nach Wegen und Strategien zur Überwindung der sogenannten Unterentwicklung zu suchen. Das Problembewusstsein für die Frage nach Entwicklung entspringt somit ursprünglich aus dem Problem der Unterentwick­lung. Wer Unterentwicklung beschreibt, gibt gleichzeitig ein Bild von Entwicklung vor.
Die Ziele der internationalen Entwicklungspolitik haben sich beständig weiterentwickelt und in­zwischen wurden sie auf globaler Ebene in den sogenannten Millenniums-Entwicklungszielen (MDG) festgeschrieben. Die Definition solcher gemeinschaftlichen Entwicklungsziele auf globaler Ebene ist entwicklungspolitisch ein außerordentlich großer Fortschritt gewesen. Während die Entwicklungspolitik in den Jahren bis 1990 hauptsächlich vom kalten Krieg geprägt war und als ein machtpolitisches Instrument genutzt wurde (Rauch 2009, 28), existiert mit den MDG erstmals eine globale und einklagbare politische Absichtserklärung. Die MDG sind umfassend, konkret messbar und dazu größtenteils mit zeitlichen Zielvorgaben versehen. Neben den politischen Ak­teuren haben sich erstmals auch Unternehmen, internationale Organisationen und auch die Zivil­gesellschaft einstimmig zu den erarbeiteten Zielen bekannt. Zur gemeinsamen Bestimmung dieser Ziele haben sich im Jahr 2000 die Mitglieder der Vereinten Nationen sowie Vertreter der Welt­bank, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und mehre­ren NROs auf dem Millenniumsgipfel versammelt und die unterschiedlichen Ziele formuliert. Zur Messung des Fortschritts bei der Zielerreichung wurden 60 Indikatoren ausgewählt. Als Ausgangs­jahr der Messung wurde das Jahr 1990 festgelegt, Zieljahr ist 2015. An erster Stelle steht das Be­streben, die Zahl derer, die weniger als 1 US$ am Tag haben, bis zum Jahr 2015 zu halbieren sowie den Anteil derer, die Hunger leiden. Insgesamt wurden acht Entwicklungsziele für das Jahr 2015 formuliert (Vgl. Nuscheler/ Roth 2006, 242):
1. Bekämpfung von extremer Armut und Hunger,
2. Primarschulbildung für alle,
3. Gleichstellung der Geschlechter / Stärkung der Rolle der Frauen,
4. Senkung der Kindersterblichkeit,
5. Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter,
6. Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schweren Krankheiten,
7. Ökologische Nachhaltigkeit,
8. Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung.
Oberstes Bestreben der MDG ist die globale Zukunftssicherung. Bezeichnend ist allerdings, dass die MDG zwar eindeutige und verbindliche Ziele vorgeben, dabei aber offen gelassen wird, wie diese Ziele verwirklicht werden sollen. Hieraus wird deutlich: Nicht nur die Frage nach den Ursa­chen der Unterentwicklung ist umstritten, sondern auch die der passenden Entwicklungsstrate­gien. Die Bandbreite der MDG, vom Bereich der Grundbedürfnissicherung über Umwelt- und politische Ziele, macht desweiteren deutlich, dass die grundsätzliche Frage danach, wie der Begriff der Entwicklung überhaupt zu definieren ist, ebenfalls Gegenstand des wissenschaftlichen Disputs ist. Das rein auf ökonomisches Wachstum fokussierte westliche Wohlstands- und Entwicklungs­modell, welches lange als globales Leitbild für Entwicklung galt, wird inzwischen von vielerlei Sei­ten grundsätzlich in Frage gestellt. Folglich stellt sich die Frage danach, was genau ,Entwicklung'bedeutet. Dieser Frage soll im folgenden Abschnitt nachgegangen werden.
Franz Nuscheler und Wolfgang Sachs kritisieren den Begriff der Entwicklung als „inhaltsleeren", „un­säglichen Konglomeratsbegriff" (Nuscheler 2005, 225). Da dieser aber ein zentraler Bestandteil dieser Arbeit ist, ist es unerlässlich, das Verständnis dieses Terminus zu erörtern und für den Gebrauch in dieser Arbeit festzulegen, um eine Grundlage für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema zu schaffen. Wie lässt sich ,Entwicklung' aus der geographischen Perspektive also möglichst umfassend, aber gleichzeitig prägnant, definieren?
Wie zuvor schon deutlich gemacht wurde hat die Bestimmung dessen, was Unterentwicklung bedeutet, Implikationen darauf, was als Entwicklung gilt. Die Definition von Unterentwicklung liefert somit erste Ansatzpunkte für eine Definition von Entwicklung. Nuscheler hat Unterentwick­lung als die „unzureichende Fähigkeit von Gesellschaften die eigene Bevölkerung mit lebensnotwen­digen Gütern und Dienstleistungen zu versorgen" definiert (Nuscheler 2005, 186). Unterentwicklung sei ein Strukturproblem, von dem Armut eine Folgeerscheinung ist. Folglich definiert Nuscheler alles das als Entwicklung, was zur Überwindung dieser Strukturprobleme von Unterentwicklung beiträgt bzw. den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt befördert (Vgl. Nuscheler 2005, 225). Entwicklung beschreibt also Veränderungsprozesse von Individuen oder Gesellschaften, die eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in den Entwicklungsländern zur Folge haben (Vgl. Rauch 2009, 12). Offen bleibt dabei, was genau als ,positiv' und was als Verbesserung' nach welchen Maß­stäben bewertet werden kann. Hierfür sei nur beispielhaft auf kulturelle Aspekte hingewiesen, die für diese Frage eine sehr große Rolle spielen können und die weitreichenden Differenzen, die aus dem jeweiligen kulturellen Verständnis dafür entstehen können. Nuscheler's Entwicklungsbegriff lässt also noch einige Fragen offen. Ist es z. B. auch als Entwicklung zu verstehen, wenn Strukturprobleme um den Preis des ökologischen Gleichgewichts überwunden werden? Nach seiner Definition würde dies nicht klar ausgeschlossen. Die Bedeutung des Begriffs einer ,positiven Verbesserung' muss also einge­fasst in einem vorgegebenen Zielsystem definiert werden, um zu einer konkreteren Aussage über das Verständnis von Entwicklung zu kommen. Mehrere Zielsysteme sind hierfür im Laufe der sogenann­ten Entwicklungsdekaden konzipiert worden. Diese spiegeln sehr unterschiedliche Vorstellungen und Zielsetzungen von Entwicklung wieder.
Zu Beginn der entwicklungspolitischen Praxis in den 1950er Jahren wurde als oberstes Ziel eine Ver­stärkung des Wirtschaftswachstums postuliert, wodurch eine Produktivkraftentwicklung erreicht werden sollte, welche zu einer Modernisierung nach dem Vorbild der Industrieländer sowie zu brei­tem Wohlstand in der Bevölkerung führen sollte. Dahinter steht das Konzept der bereits erwähnten nachholenden Entwicklung.
In den 1970er Jahren kam ein weiteres Konzept hinzu: Das der grundbedürfnis- und menschen­rechtsorientierten Entwicklung. Die Intension hierbei war es, Minimumstandards materieller und immaterieller Bedürfnisse für alle Bevölkerungsgruppen zu gewährleisten. Als Grundbedürfnisse materieller Art wurden Nahrung, sauberes Trinkwasser, Kleidung und eine Unterkunft definiert. Die International Labour Organization (ILO) hat noch vier weitere, sogenannte qualitative' oder auch ,immaterielle' Bedürfnisse hinzugefügt: Die Möglichkeit eines angemessenen Einkommens­erwerbs, eine gesunde Umwelt, politische Teilhabe und Freiheit. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte z. B. definiert Entwicklung als die Schaffung einer Welt, in der die Menschen „frei von Furcht und Not" (UNGA 1948, 1) leben können. Über diese immateriellen Grundbedürf­nisse gibt es bis heute keinen internationalen Konsens, da sie mit der politischen Kontroverse über die allgemeinen Menschenrechte verknüpft sind. Die Einforderung von Freiheitsrechten ist dabei eine maßgebliche Streitfrage, weshalb diese oft als kulturspezifisch und nicht verallgemeinerbar kritisiert werden. Die Diskussion um die Grundbedürfnisse des Menschen hat den Entwicklungsbegriff allerdings erweitert und bereichert, da hieraus neue Perspektiven und Konzepte entstanden sind. Sie war die Grundlage für die Entwicklung der so genannten Grundbe-dürfnisstrategie, welche im Vergleich zum Konzept der nachholenden Entwicklung ein anderes Verständnis von Entwicklung vertritt und die absolute Armut und die Erfüllung der menschlichen Grundbedürfnisse in den Mittelpunkt rückt. Sie setzt also unmittelbar bei der Zielgruppe der abso­lut Armen an. Entwicklung bedeutet demzufolge im Rahmen der Grundbedürfnisstrategie, solche Veränderungsprozesse voranzutreiben, die zur Erfüllung der Grundbedürfnisse der Menschen beitragen und dabei helfen, nicht tolerierbare Missstände zu beseitigen (Vgl. Rauch 2009, 34). Allerdings soll dies in der Form geschehen, dass die Armen dazu ermächtigt werden, ihre Grund­bedürfnisse selbst befriedigen zu können. Zentral ist bei der Grundbedürfnisstrategie daher, dass die Beseitigung der Missstände über eine Stärkung der Selbsthilfefähigkeit der Armen erfolgt statt über Hilfsmaßnahmen, welche die strukturellen Ursachen der Armut nicht beseitigen.
Seit den 1990er Jahren wird ein neues Leitmotiv, das der sogenannten nachhaltigen Entwicklung', verfolgt. Einzigartig an diesem Leitbild ist, dass neben der Zielsetzung der Grundbedürfnisbefriedi­gung der heutigen Generation auch die zukünftigen Generationen berücksichtigt werden und damit die Aspekte der Langfristigkeit und Zukunftsfähigkeit in das Entwicklungsverständnis mit einbezogen werden. Dieses Leitmotiv verfolgt drei unterschiedliche Zieldimensionen: Ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit. So soll unter anderem ein langfristiger Erhalt der natürlichen Lebens­grundlagen sichergestellt werden, indem die Wirtschaftsweise so verändert wird, dass sie eine dau­erhafte und tragfähige Grundlage für die Zukunft bietet und die Umwelt, das Klima sowie Ressourcen schont (Vgl. Nuscheler 2005, 382 f.). Die Tatsache, dass die Entwicklungspfade der reichen Länder dabei auch thematisiert und hinterfragt werden, ist ein bedeutsamer Unterschied zu den vorherigen Entwicklungsleitbildern. Entwicklung wird hier als eine globale Fragestellung verstanden und nicht einzig auf die armen und unterentwickelten' Länder reduziert. In diesem Kontext wird auch der Gleichberechtigung der Völker eine höhere Bedeutsamkeit beigemessen. Die Zieldimension der sozialen Nachhaltigkeit forciert gesellschaftliche Teilhabe, welche als Grundlage für eine zukunftsfä­hige und lebenswerte Gesellschaft dient. Teilhabe bezeichnet hierbei die Beteiligung an den Pro­duktionsprozessen und der Entscheidungsfindung, den Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen öffentlichen Dienstleistungen und der Teilhabe an den Erfolgen der Entwicklung als Voraussetzung für einen sozial gerechten Entwicklungsprozess (Vgl. DAC Jahresbericht 1989, 107 zitiert nach Noll 1995,195).
Der von Amartya Sen in den 1980ern entwickelte Befähigungsansatz hat den Entwicklungsbegriff noch um weitere Dimensionen ergänzt. Sein Ansatz legt das Augenmerk auf eine Förderung mensch­licher Potenziale und der Entfaltung ihrer Fähigkeiten. Dies soll allerdings nicht nur ein Mittel zur besseren Befriedigung materieller Bedürfnisse sein, sondern der Ausbildung menschlicher Freiheiten sowie ihrer Wahl- und Handlungsmöglichkeiten dienen. Der Nyerere-Bericht von 1991 hat dazu folgendes gesagt: „Entwicklung ist ein Prozess, der es Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten, Selbstvertrauen zu gewinnen und ein erfülltes und menschenwürdiges Leben zu führen. Entwicklung ist ein Prozess, der die Menschen von der Angst vor Armut und Ausbeutung be-freit.(...) Entwicklung ist daher gleichbedeutend mit wachsender individueller und kollektiver Ei­genständigkeit." (Bortfeldt 1991, 34). Das Ziel des Befähigungsansatzes ist es, den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung der Menschen zu erhöhen, damit sie ihre Interessen wieder selbstverantwortlich verfolgen können. Diese Form der Freiheit sorgt für eine Beeinflussung vor­handener Machtstrukturen und dient damit der Herstellung sozialer Gerechtigkeit, welche im Nyerere-Bericht als „ein integraler Bestandteil echter Entwicklung" bezeichnet wird (Bortfeldt 1991, 128). Dieses Entwicklungsleitbild fand seine Bestätigung in den 1990er Jahren und ist heute ein unumstrittener Bestandteil vieler Entwicklungsstrategien.
Diese kurze Zusammenfassung über die Entwicklungsdekaden und die dabei verfolgten Ansätze macht deutlich, dass es sehr viele unterschiedliche Ansichten darüber gibt, was Entwicklung be­deutet. Nichtsdestotrotz beinhaltet jede der vorgestellten Leitbilder wichtige Ansätze, um Ent­wicklung grundlegend beschreiben und definieren zu können. Somit ist es notwendig diese Aspekte zu berücksichtigen, und in ein umfassendes und aussagekräftiges Begriffsverständnis von Entwicklung mit einfließen zu lassen.
Um auf die Ausgangsfrage dieses Abschnitts zurückzukehren, nämlich was Entwicklung ausmacht und wie sie sich definieren lässt, sollen die wichtigsten Aspekte der unterschiedlichen Zielsysteme noch einmal in einem kurzen Überblick zusammengetragen werden. Entwicklung bedeutet dem­nach:
- eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in Entwicklungsländern,
- materiellen Wohlstand durch Wirtschaftswachstum und eine Steigerung der Produktiv­kräfte,
- die Sicherung der physischen Grundbedürfnisse sowie einer menschenwürdigen Existenz durch die Beseitigung schlimmster Missstände,
- die Sicherung immaterieller Bedürfnisse wie die Möglichkeit eines angemessenen Ein­kommenserwerbs, einer gesunden Umwelt, politischer Teilhabe und Freiheit,
- Nachhaltigkeit durch Langfristigkeit und Zukunftsfähigkeit für einen Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen,
- Teilhabe durch Beteiligung an den Produktionsprozessen und der Entscheidungsfindung, Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen öffentlichen Dienstleistungen und der Teilhabe an den Erfolgen der Entwicklung,
- die Gleichberechtigung der Völker,
- die Stärkung der Selbsthilfekräfte der Armen und damit ihrer individuellen und kollektiven Eigenständigkeit (Ermächtigung),
- die Förderung menschlicher Potenziale, die Ausbildung ihres Selbstvertrauens und ihrer Freiheiten sowie ihrer Wahl und Handlungsmöglichkeiten (Befähigung),
- die Herstellung sozialer Gerechtigkeit.
In dieser Aufzählung finden sich sehr unterschiedliche Forderungen wieder. Einige sind sehr all­gemein, andere konkret, manche wiederum klingen fast unerreichbar. Trotzdem soll diese Auflis­tung als Diskussionsgrundlage für eine profunde Definition von Entwicklung dienen. Die Unterschiedlichkeit der Ziele sowie ihre teilweise Widersprüchlichkeit sollen dafür im Folgenden erörtert werden. Als erster Punkt wird hier z. B. die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in den Entwicklungsländern angeführt. Die zentrale Frage, die sich hierbei allerdings stellt, ist, wie man diese verbessert. In dieser Hinsicht bedeutet Entwicklung zu aller erst die Si­cherung der materiellen Grundbedürfnisse und damit einer menschenwürdigen Existenz. Trotz­dem bedeutet Entwicklung auch weit mehr als nur die Befriedigung physischer Grundbedürfnisse, wie anhand der weiteren aufgezählten Punkte deutlich wird. Was also macht eine Verbesserung der Lebensbedingungen in einem umfassenden Sinne aus und wie lässt sich eine solche messen?
Bei der Strategie der nachholenden Entwicklung, welche Wirtschaftswachstum und eine Steige­rung der Produktivkräfte anstrebt, liegt der Fokus auf der Schaffung materiellen Wohlstands, da dieser mit einer hohen Lebensqualität für die Bevölkerung gleichgesetzt wird. Die Lebensqualität wird durch den Grad des Wohlbefindens eines Menschen oder einer Gruppe bestimmt, welcher allerdings durch viele unterschiedliche u. a. nicht-materielle Aspekte beeinflusst wird. Noll sagt hierzu, Lebensqualität sei: „ein multidimensionales Konzept, das sowohl materielle wie auch im­materielle, objektive und subjektive, individuelle und kollektive Wohlfahrtskomponenten gleich­zeitig umfasst und das „besser" gegenüber dem „mehr" betont." (Noll 2000, 3).
Die Strategie nachholender Entwicklung lässt somit eine Vielzahl wichtiger Aspekte außen vor.
Neben ihrer Eindimensionalität, gibt es an dieser Strategie der nachholenden Entwicklung noch weitere Kritikpunkte. Dazu zählt insbesondere, dass der materielle Wohlstand einer Nation ge­messen am PKE nichts über die tatsächliche Verteilung dieses Wohlstandes innerhalb der Gesell­schaft aussagt. Dies ist jedoch, wie im Folgenden noch verdeutlicht wird, eine maßgebliche Frage, wenn es um die Lebensqualität in einer Gesellschaft geht. Beispiel hierfür sind Länder, welche sich durch eine sehr kleine äußerst reiche Oberschicht auszeichnen. In solchen Fällen gibt das PKE als Durchschnittswert ein günstigeres Bild wieder, als es den Tatsachen entspricht. Des Weiteren ist eine der Prämissen dieses Konzepts, dass ein höherer materieller Wohlstand automatisch zu einer höheren Lebensqualität für die Bevölkerung führt, ebenfalls umstritten. Die folgende Abbildung verdeutlicht dies:
Wie hieraus ersichtlich wird, bleibt der Anteil an Menschen die sich sehr glücklich fühlen über den Ablauf der Zeit konstant, während sich das PKE im gleichen Zeitraum nahezu verdreifacht. Dies ist ein Zusammenhang, der nicht nur in den USA so festgestellt wurde (Vgl. Frey/ Marti 2010, 55).
Quelle: General Social Survey 20104
Dies überrascht allerdings umso mehr, da sich eine eindeutige Korrelation zwischen dem Glücklichsein und Einkommen nachweisen lässt. Dies wird deutlich, wenn man zwischen den ein­zelnen Einkommensschichten innerhalb einer Gesellschaft unterscheidet, wie folgende Tabelle aufzeigt.
Quelle: General Social Survey 2010
Vom reichsten Viertel der Gesellschaft sind 41 % sehr glücklich, während vom ärmsten Viertel nur 26 % dies von sich behaupten. Die logische Annahme müsste daher lauten, dass mit steigendem PKE auch der Anteil an glücklichen Menschen steigt, was die Abbildung 2 allerdings widerlegt. Im Zeitraum von 1975 bis 1996 ist deren Anteil in den USA nicht gestiegen, trotz des starken Anstiegs des PKEs. Eine Begründung hierfür liegt an einem Gewöhnungseffekt. Durch die Gewöhnung an einen höheren Lebensstandard steigen demnach gleichzeitig die Ansprüche, um glücklich zu sein. Obwohl die Bevölkerung also objektiv gesehen glücklicher sein müsste, kommt es ihr subjektiv nicht so vor. Diese Zahlen beziehen sich nur auf das Beispiel USA. Folgende Abbildung zeigt jedoch ein sehr ähnliches Bild im Ländervergleich:
Quelle: Inglehart/Klingemann 2000,168
Sobald ein Land ein PKE von ca. 15.000 US$ übersteigt, scheint das Niveau des Glücklichseins un­abhängig vom Einkommen zu sein. Diese Erkenntnis ist auch als das Easterlin-Paradox bekannt. Bezeichnend hierfür ist das Beispiel Puerto Rico, welches mit einem fast nur halb so großen PKE wie Italien und Großbritannien, höhere Glückswerte erreicht. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass ab einem Einkommen unter 15.000 US$ das Einkommen und die Glückswerte mehr oder weniger korrelieren. Bis zur Erreichung eines materiellen Mindeststandards, hängen materieller Wohlstand und Glücklichsein also direkt voneinander ab (Vgl. Frey/ Marti 2010, 52).
Materieller Wohlstand ist also nicht mit Lebensqualität, Glück und Wohlbefinden gleichzusetzen. In materieller Hinsicht sollte sich der Maßstab von Entwicklung daher an Minimumstandards ma­terieller Grundbedürfnisse orientieren. Der Weg der Industrieländer, durch Massenkonsum und Wirtschaftswachstum materiellen Wohlstand zu erreichen, kann hingegen nicht als universelles Leitbild von Entwicklung gelten. Mit ihm ist durch den übermäßigen Ressourcenverbrauch auf unzertrennliche Weise ein ökologisches Dilemma verbunden: „Eine Welt, in der die Dinge so wei­terlaufen wie bisher, ist bereits unvorstellbar. Aber was ist mit einer Welt, in der neun Milliarden Menschen alle das gleiche Maß an Wohlstand anstreben wie in den OECD-Ländern? Eine solche Wirtschaft müsste bis 2050 15-mal größer sein als unsere heutige und gegen Ende des Jahrhun­derts 40-mal größer. Wie sieht eine solche Wirtschaft aus? Auf was würde sie basieren? Bietet dies wirklich eine glaubhafte Vision für gemeinsamen und anhaltenden Wohlstand?"5 (Jackson 2009: 6). Unter Anerkennung dieser Sachlage, gilt es eine Neudefinition des Zielsystems von Ent­wicklung vorzunehmen. Von zentraler Bedeutung hierfür ist der zuvor dargelegte Zusammenhang, dass erhöhter materieller Wohlstand nicht mit erhöhter Lebensqualität bzw. erhöhtem Wohlbe­finden gleichzusetzen ist. Das oberste Ziel zukunftsfähiger Entwicklung sollte demzufolge statt einer Maximierung materiellen Wohlstands eine Maximierung von Lebensqualität sein. Materiel­ler Wohlstand macht hiervon aber nur einen Teilaspekt aus.
Ein solcher Paradigmenwechsel wirft aber auch wichtige Fragen auf: Wie definiert sich Lebens­qualität und wie lässt sie sich überhaupt steigern? Lebensqualität wird „als ein auf größere Bevöl­kerungsgruppen bezogenes Maß der Kongruenz von objektiven Lebensbedingungen und deren subjektiver Bewertung (Wohlbefinden, Zufriedenheit) aufgefasst" (Schumacher/Klaiberg/Brähler 2003, 9). Diese Definition hebt einen zentralen Punkt hervor: Die Unterscheidung zwischen den objektiven Lebensbedingungen und deren subjektiver Bewertung durch das Individuum. Folgende Tabelle soll dies verdeutlichen:
Quelle: Glatzer/Zapf 1984, 25
Menschen nehmen verschiedenste objektive Gegebenheiten subjektiv als gut oder schlecht wahr, was wiederum Auswirkungen auf ihre Lebensqualität hat. Dabei spielen äußere und innere Fakto­ren eine Rolle. Zu den äußeren Faktoren zählen z. B. Gesundheit, Bildung und Kompetenz, sozialer Status, materieller Wohlstand, Möglichkeiten der Teilhabe an kulturellen Gütern, Partizipation und Autonomie, Beziehungen, Berufschancen, Gewaltfreiheit, Umweltbedingungen, etc. (Vgl. Ernst-Freiberger Stiftung 2010, 34 ff.). Die inneren Faktoren sind solche, welche die individuelle Wahrnehmung der Lebenssituation bestimmen, also Erziehung und Werte, Selbstwertgefühl, Mo­tivation und Genetik und die aus diesen Faktoren resultierende Lebenseinstellung.
Die Forschungen in diesem Gebiet unterscheiden sich hauptsächlich hinsichtlich der Faktoren,welchen die größere Bedeutung für die Erfassung von Lebensqualität beigemessen wird. Ein An­satz, der hauptsächlich in den skandinavischen Ländern verfolgt wird, ist der sogenannte ,level of living approach'. Dieser versteht Lebensqualität als eine Frage von Ressourcen, auf welche Indivi­duen unter gegebenen Umständen zurückgreifen können und damit ihre Lebensbedingungen gestalten können. In erster Linie werden bei diesem Ansatz daher objektive soziale Indikatoren gemessen (Vgl. Noll 1999, 17). Ein anderer Ansatz wird bei der sogenannten ,quality of life'- Forschung verfolgt, welche hauptsächlich in den USA betrieben wird. Hierbei wird das Augenmerk auf die subjektive Wahrnehmung von Lebensbedingungen gelegt. Lebensqualität wird nicht als die objektive Verfügbarkeit von materiellen und immateriellen Dingen definiert, sondern über den Grad der Erreichung des erwünschten körperlichen, psychischen und sozialen Zustands eines Indi­viduums. Subjektives Wohlbefinden ist bei diesem Ansatz das zentrale Ziel und der Maßstab für Entwicklung (Vgl. Noll 1999, ebda.). Daher werden hier subjektive soziale Indikatoren wie Zufrie­denheit und Glück untersucht.
Nach Zapf definiert sich Lebensqualität und demnach auch die Wohlfahrt „über gute Lebensbe­dingungen, welche mit subjektivem Wohlbefinden einhergehen" (Zapf 1984, 23). In dieser Arbeit sollen auf Grundlage dieser Definition beide Ansätze in die Forschungen mit einbezogen werden. Für die Entwicklungsgeographie ist der objektive und gesellschaftsbezogene Teil der Lebensquali­tätsforschung aber von größerem Forschungsinteresse, da sich hieraus Erkenntnisse für die Ge­staltung von Gesellschaften ableiten lassen. Das Bestreben dahinter ist die Schaffung von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, welche die objektiven Lebensbedingungen und somit die Wahrscheinlichkeit einer guten Lebensqualität verbessern.
Weiterhin ist es von Bedeutung die Begriffe Lebensstandard und Lebensqualität voneinander ab­zugrenzen. Beide lassen sich in der Form voneinander unterscheiden, als das der Lebensstandard nur die materielle Dimension der Wohlfahrt bezeichnet. Wie bereits zuvor aufgezeigt wurde, wer-den die Begriffe teilweise synonym verwendet, da eine Steigerung des Lebensstandards oft mit einer Steigerung der Lebensqualität gleichgesetzt wird.
Die Möglichkeit eines angemessenen Einkommenserwerbs, eine gesunde Umwelt, politische Frei­heit, Sicherheit, Partizipation und Teilhabe, Ermächtigung und Befähigung, soziale Gerechtigkeit: All diese Punkte, wurden als Aspekte von Entwicklung festgehalten, haben aber auch maßgebli­chen Einfluss auf die Lebensqualität.
Wie aus den Ausführungen des vorigen Abschnitts deutlich wird, ist das Konzept der Lebensquali­tät eine zentrale Säule für die Definition dessen, was Entwicklung bedeutet. Gleichwohl macht eine alleinige Steigerung der Lebensqualität nicht schon Entwicklung aus. Die Bedeutung des Ter­minus Entwicklung umfasst noch mehr als eine Steigerung der Lebensqualität.
Einen weiteren zentralen Bestandteil für die Definition von Entwicklung stellt das Leitbild der Nachhaltigkeit dar. Die hierbei vertretenen Leitmotive der Langfristigkeit und Zukunftsfähigkeit sind in Anbetracht der globalen Menschheitsprobleme grundlegend für jegliche Auseinanderset­zung mit der Entwicklungsproblematik. Mit den global relevanten Fragen nach Ressourcenver­brauch und Klimawandel, werden hier auch Veränderungsprozesse in den Industrieländern thematisiert. Der Gegensatz zwischen ökonomischer Entwicklung und dem Schutz der ökologi­schen Lebensgrundlagen ist dabei zentral. Ein Entwicklungsleitbild, das eine Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen sowie eine effizientere Nutzung von Ressourcen als grundlegende Ziele anerkennt, ist daher für die Zukunft essentiell (Vgl. Rauch 2009, 15). Nachhaltige Entwicklung beschränkt sich allerdings nicht nur auf rein ökologische Fragestellungen, sondern zielt auf eine gleichzeitige Realisierung ökologischer, ökonomischer und sozialer Ziele ab. Die intergenerative Gerechtigkeit ist der Ausgangsgedanke hinter diesem Konzept. Auch die Frage nach der Gleichbe­rechtigung der Völker wird in den Blickpunkt gerückt. Das Leitbild der Nachhaltigkeit stellt somit ein unverzichtbares Standbein des Begriffsverständnisses von Entwicklung dar.
Aufgrund dieser Betrachtung wird deutlich, dass eine Definition von Entwicklung ausschließlich über den materiellen Lebensstandard gemessen in Form des BIPs oder PKEs nicht geeignet ist, um Entwicklung in umfassender und angemessener Weise zu beschreiben. Vielmehr ist es aufgrund der Diskrepanz zwischen ökonomischer Entwicklung und ökologischer Nachhaltigkeit notwendig, ein Leitbild von Entwicklung zu verfolgen, welches sich nicht am ökologisch fragwürdigen Entwick­lungsweg der Industrieländer orientiert. Die Befriedigung von materiellen Grundbedürfnissen bleibt hiervon unberührt.
Ein wichtiges Ziel von Entwicklung ist dabei aber nicht nur die Befriedigung der Grundbedürfnisse, sondern auch die Vermittlung der hierzu erforderlichen Fähigkeiten. Dahinter steht das Bestre­ben, Eigenversorgung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen zu erreichen, also das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Dieser Gedanke der Befähigung, wie er in Amartya Sen's und Mar­tha Nussbaum's zuvor dargestellten Befähigungsansatz zur Geltung kommt, ist für den Entwick­lungsbegriff von substantieller Bedeutung. Er ist ganz im Sinne der Aufklärungsphilosophen auf welche Nuscheler sich ebenfalls bezieht wenn er sagt Entwicklung bedeutet aktives sich selbst entwickeln, durch das „Auswickeln der eigenen Fähigkeiten." (Nuscheler 2005, 226). Gemeint sind damit aber nicht nur individuelle Fähigkeiten, sondern die daraus erwachsenden ,gesellschaftli­chen Fähigkeiten', welche die Problemlösungskapazitäten einer Gesellschaft definieren. Die Fort­entwicklung dieser, ist eine Grundvoraussetzung für eine kontextgerechte und selbstbestimmte Lösung von Problemen (Vgl. Rauch 2009, 35) sowie für das Verfolgen eigener Entwicklungswege. Autonomie und Kompetenz sind wesentliche Kennzeichen von Entwicklung. Die ,gesellschaftliche Befähigung' stellt somit ein weiteres Standbein der Definition von Entwicklung dar.
Die auf den voranstehenden Ausführungen basierende und dieser Arbeit zugrunde liegende Defi­nition von Entwicklung lautet folglich: Entwicklung ist ein Prozess, der darauf abzielt, die Lebens­qualität in Gesellschaften zu steigern, die Befähigung von Gesellschaften durch die Ausbildung menschlicher Fähigkeiten zu erhöhen und diese Ziele auf der Grundlage des Leitmotivs der Nach­haltigkeit zu realisieren.
Wie aus dieser Abbildung deutlich wird, ist das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung ein wesentli­cher Bestandteil dieses Entwicklungsverständnisses. Deshalb werden der Einfachheit halber fortan in dieser Arbeit die Begriffe,Entwicklung' und nachhaltige Entwicklung' als Synonyme verwendet. Die hier erarbeitete Definition von Entwicklung dient als Grundlage für die weiteren Ausführun­gen in dieser Arbeit. Eine wichtige Frage, die sich an dieser Stelle aufdrängt, ist, wie sich ein so definierter Entwicklungsbegriff möglichst präzise messen lässt. Hiermit soll sich im folgenden Un­terkapitel befasst werden.
ln diesem Unterkapitel steht die Frage im Mittelpunkt, wie sich Entwicklung messen lässt und welche Indikatoren sich für die Messung verwendet lassen. Hierauf aufbauend findet eine Aus­wahl der Indikatoren statt, welche in dieser Arbeit untersucht werden sollen.
Indikatoren werden zur Analyse und Erklärung von realen Problemen eingesetzt, da man mit ihrer Hilfe Hypothesen und Wirkungszusammenhänge auf ihre Realitätsnähe untersuchen kann. Wei­terhin dienen sie dazu, Vorhersagen zu machen, und schließlich werden sie für das Monitoring bestimmter Sachverhalte eingesetzt. Indikatoren dienen somit drei grundlegenden wissenschaftli­chen Zwecken: der Problemerkennung, der Analyse und der Prognose (Vgl. Spangenberg 1996, 207 f.).
Bisher findet die Messung von Entwicklung vorwiegend anhand des BIPs bzw. PKEs oder neu ent­wickelte Indikatoren wie den HDI statt. Letztlich werden alle diese drei Indikatoren in Frage ge­stellt, da sie analytische Mängel aufweisen (Vgl. Frein / Hütz-Adams 2010,10.).
Die Verwendung des BIPs und PKEs als Indikatoren für Entwicklung haben dazu beigetragen, dass heute die Termini Wirtschaftswachstum und Entwicklung oftmals als Synonyme gedacht und ver­wendet werden. Der in den Industrieländern erwirtschaftete materielle Wohlstand ist fest mit einem Wachstumsparadigma verbunden, welches so auch auf den Rest der Welt übertragen wird. Allerdings bedarf es einer wesentlichen Unterscheidung zwischen den beiden Begriffen Wirt­schaftswachstum und Entwicklung. Bei einer Gleichsetzung dieser, tritt ein Verständnis von Ent­wicklung zu Tage, welches sich nur auf materielle Werte bezieht. Legt man dem Begriff Entwicklung jedoch ein umfassenderes als dieses Verständnis zu Grunde, dann wird klar: Eine solche Gleichsetzung der Begriffe Wirtschaftswachstum und Entwicklung ist nicht sachgerecht (Vgl. Frein / Hütz-Adams 2010, 11f.). Folgendes Gedankenspiel möge dies verdeutlichen: Wenn im Land A eine Sondermülldeponie undicht wird, hat dies Ausgaben zur Folge, um diese wieder zu reparieren, wodurch das BIP gesteigert wird. Die undichte Deponie kann z. B. Umwelt- und Gesundheitsschäden hervorrufen, welche weitere Ausgaben und damit eine Erhöhung des BIP nach sich ziehen. Von Entwicklung oder einer Erhöhung der Lebensqualität kann dabei aber in keiner Weise die Rede sein. Ein solches Beispiel verdeutlicht die Notwendigkeit, die Begriffe Ent­wicklung und Wirtschaftswachstum voneinander abzugrenzen. Es hilft anschaulich dabei, die ori­ginären Zielsetzungen des Wirtschaftens zu reflektieren und die unbesonnene Fixierung auf das Wirtschaftswachstum als universellen Indikator für Entwicklung und als Richtwert für Erfolg in Frage zu stellen.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass auf der Berechnungsgrundlage des BIPs Luxusgüter und kostenintensive Dienstleistungen mehr wert sind als Güter und Dienstleistungen, die Massenbe­dürfnissen dienen. Dies hat konkret zur Folge, dass einem Flatscreen Fernseher ein höherer Wert beigemessen wird als 1.000 Schultafeln z. B. für Kinder in Afrika. Aus dem Blickwinkel der Nach­haltigkeit betrachtet weist diese Art der Berechnung somit schwere Mängel auf, da z. B. der Wert der Bildung nicht erfasst wird (Vgl. Nuscheler 2005, 188 f.). Weiterhin sagen BIP und PKE nichts über die reale Verteilung der Einkommen in der Gesellschaft aus. Wirtschaftliche Aktivitäten im informellen Sektor oder nicht entlohnte Arbeit wie z. B. Hausarbeit werden nicht erfasst. Diese machen in manchen Fällen aber große Teile der Wirtschaftsleistung eines Landes aus. Hierzu sagt Nuscheler „Einkommensstatistiken messen Unterschiede des Habens, die wenig über das Sein aussagen. Entwicklung bedeutet aber nicht nur ein Mehr an materiellen Gütern, sondern auch ein mehr an Lebensqualität. Die Höhe des Bruttosozialprodukts pro Kopf misst weder nichtmonetäre Werte, die das Leben lebenswert machen, noch Belastungen, die es zur Hölle machen." (Nusche­ler 2005, 189). Ein weiterer Kritikpunkt an dieser Eindimensionalität der Indikatoren ist, dass sie zu einer Geringschätzung kulturellen Reichtums führen. Hierzu sagt Wolfgang Sachs: „Einkom­mensarmut definiert ganze Völker nicht in dem was sie sind und was sie sein wollen, sondern in dem was ihnen fehlt und was sie zu werden haben. Ökonomische Geringschätzung war so an die Stelle kolonialer Geringschätzung getreten." (Sachs, Wolfgang 1993, 5 zitiert nach Nuscheler 1995, 139). Dabei wird deutlich, dass die eindimensionale Fixierung auf ökonomische Werte die Gefahr in sich birgt, den Mensch als Mittelpunkt von Entwicklung aus den Augen zu verlieren.
Trotz dieser vielen Mängel: Differenzierte Indikatoren für die Entwicklung zu kreieren, ist ein diffi­ziles Unterfangen. Andere Indikatoren konnten sich lange Zeit aufgrund des Mangels an umfas­sendem statistischem Datenmaterial nicht gegen Einfachheit des BIPs durchsetzen. Es drängt sich somit die Frage auf, wie sich Entwicklung überhaupt alternativ erfassen und vergleichen lässt. Oft wird der Mangel an erprobten und leicht operationalisierbaren Indikatoren als Rechtfertigung angeführt, weshalb das BIP weiterhin als Maßstab für Entwicklung verwendet wird. Diesen offen­sichtlichen Missstand zu beheben, ist eine große Herausforderung für die Wissenschaft. Als Ant­wort auf die Kritik an dem BIP, hat das UNDP den HDI entwickelt. Dieser beinhaltet drei wesentliche Elemente des Lebens als Teilindikatoren: Die Lebenserwartung, die Alphabetisie­rungsrate und die reale Kaufkraft pro Kopf als Indikator für den Lebensstandard (Vgl. Nuscheler 2005, 190). Die Kritik am HDI ist u. a., dass er ebenfalls ein sogenannter,Defizitindex' ist, da er eine Hierarchisierung vornimmt und eine bestimmte Art der sozialen Evolution unterstellt. Eine weitere große Schwierigkeit besteht auch in der Gewichtung der Indikatoren. Weiterhin treffen für den HDI die gleichen Kritikpunkte wie für das BIP und das PKE zu, da der Teilindikator des Le­bensstandards beim HDI über diese ermittelt wird. BIP und HDI weisen somit als Indikatoren für Entwicklung einige grundlegende Schwachstellen auf (Vgl. Frein / Hütz-Adams 2010, 10 ff.).
Aufgrund dieser Mängel wird von vielen Seiten daran gearbeitet, neue Indikatoren zu entwickeln und die Messgrößen für Fortschritt und Wohlergehen zu verbessern. Mit dem HDI wurde der ers­te Schritt in diese Richtung getan. Auch die Lebensqualitätsforschung versucht dies zu erzielen. Dennoch werden neue Indikatoren gebraucht, die so klar und einfach sind wie das BIP, aber die auch andere Dimensionen von Entwicklung, insbesondere die sozialen und umweltbezogenen, mit einbeziehen. Um dies zu erreichen, hat der französische Präsident Nicolas Sarkozy eigens eine Kommission6 unter dem Vorsitz von Joseph Stiglitz und Amartya Sen beauftragt. Zu diesem Zweck haben auch die Europäische Kommission, das EU-Parlament, der Club of Rome, die OECD und der WWF die Initiative ,Mehr als BIP'7 ins Leben gerufen (Vgl. Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament, Das BIP und mehr - Die Messung des Fortschritts in einer Welt im Wandel).
Der Politik liegt es an einer solchen Neudefinition der Maßstäbe zur Messung von Wohlfahrt. Die mit Hilfe neuer Indikatoren gewonnenen umfassenderen Informationen sollen politische Ent­scheidungsfindungen unterstützen. Lebensqualität und Wohlergehen haben für die Bevölkerung einen hohen Stellenwert, eine Verbesserung der Lebensqualität liegt daher im ureigensten Inte­resse der politischen Entscheidungsträger. Ziel der Bemühungen ist es, Indikatoren bereitzustel­len, die den Fortschritt bei der Verwirklichung sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Ziele messen können. Die Vielzahl an Initiativen zeigt, dass dies ein sehr aktueller Forschungsbereich ist, der sich gerade in einer Blütezeit befindet. Es verdeutlicht aber auch, dass es diesem Bereich noch viele offene Fragen gibt.
Im vorigen Unterkapitel wurden drei Hauptziele von Entwicklung definiert:
- die Lebensqualität zu steigern,
- die gesellschaftliche Befähigung zu erhöhen,
- und dabei die Leitlinien der Nachhaltigkeit zu befolgen.
Wie zuvor deutlich gemacht wurde, wird die Lebensqualität in einer Gesellschaft von vielen unter­schiedlichen Faktoren beeinflusst. Die Vielfältigkeit der Einflussgrößen muss daher auch bei der Messung von Lebensqualität abgebildet werden. Unterschiedliche Bereiche, welche die objektive und subjektive, die gesellschaftliche aber auch die individuelle Ebene abdecken, müssen daher mit einbezogen werden.
Die Messung von Lebensqualität ist aufgrund ihrer Vielschichtigkeit außerordentlich komplex und aufwendig. Derzeit gibt es folgende Indikatorensysteme, welche sich u. a. mit der Messung von Lebensqualität befassen (Vgl. Beyond GDP 2010):
- Calvert-Henderson Quality of Life Indicators,
- Canadian Indexof Wellbeing,
- World Database of Happiness der Erasmus Universität Rotterdam,
- Capability Index,
- Comparing Welfare of Nations,
- Europaweite Erhebung zur Lebensqualität (European Quality of Life Survey),
- EU Indikatoren für nachhaltige Entwicklung,
- Index of Individual Living Conditions,
- Happy Life Years,
- Happy Planet Index,
- Sustainable Society Index,
- UK Sustainable Development Index,
- World Happiness Index.
Jedes dieser Indikatorensysteme setzt sich wiederum aus einer großen Anzahl von einzelnen Indi­katoren zusammen. Hieraus ergibt sich eine diffuse Zusammenstellung an Unmengen unter­schiedlicher Indikatoren. Da eine vollständige Berücksichtigung all dieser den Umfang dieser Arbeit bei weitem übersteigen würde, gilt es, pragmatisch vorzugehen und aus dem vorhandenen Pool exemplarische Indikatoren auszuwählen, welche das subjektive Wohlbefinden und damit auch die gesellschaftliche Lebensqualität beeinflussen (Vgl. Verlet/Devos 2009, 206 ff.).
1 Siehe Anhang I bzw. Anhang II
2 Norwegen, USA und Irland
3 Mosambik, Guinea-Bissau und Liberia
4 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit und des optischen Gesamtbildes der Arbeit wird nachfolgend im Text sowie bei Bildunterschriften auf das Ausschreiben von http Adressen elektronischer Quellen verzichtet. Die vollständigen Quellenangaben für die elektronischen Quellen sind im Literaturverzeichnis einzusehen.
5 Eigene Übersetzung
6 Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress, auch Stiglitz-Kommission
7 Beyond GDP
Leuphana Universität Lüneburg (Institut für Stadt- und Kulturraumforschung)
Mathias Rudolph (Autor)
V165921
9783640818105
9783640824519
Der Autor verzichtet auf sein Autorenhonorar und gibt es direkt an das im Buch beschriebene Projekt in Quatinga Velho weiter.
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Mathias Rudolph (Autor), 2010, Nachhaltige Entwicklung durch ein bedingungsloses Grundeinkommen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165921
M.A. Mathias Rudolph

References: BGE 
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