Source: https://issuu.com/hosiwien/docs/l182
Timestamp: 2020-01-24 12:55:08+00:00

Document:
LAMBDA 2.2018 by Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien - Issuu
Lambda Ã&#x2013;STERREICHISCHE LGBTIQ-ZEITSCHRIFT SEIT 1979
AUSGABE NR. 174 // 2/2018 // 40. JAHRGANG
Familien unterm Regenbogen
Editorial Seite 4 Grusswort der Chefredaktion
Vienna Pride 2018 EuroPride 2019
Regenbogenfamilien Seite 20-22 Regenbogenfamilien Ehe für alle, Kinder für alle?
Interview mit Norbert und Markus
Staffelübergabe in Göteborg
Seite 23-24 Wer den Regenbogenfamilien hilft: „Also haben wir es selbst gemacht.“
„Wieso hab́ ich nicht auch zwei Mamas?“
Der kleine Prinz Interview mit Norbert und Markus
Seite 6 Über den Tellerrand geschaut
LGBTIQ - Rechte International
Verdruckste Rehabilitation
La vita è bella! — —
Community & Politik
Seite 8 Ein Nachruf auf Erich Zavadil Abschied vom Täubchen
Seite 9 Neue Zeiten in der HOSI Wien
Seite 10-11 Vienna Pride 2018 | EuroPride 2019 Staffelübergabe in Göteburg
Wer den Regenbogengamilien hilft
Luna-Check EuroPride 2019, here we come
Seite 32-33 25 Jahre: Die Löwenherzen
Die letzten ihrer Art. Ein Kommentar von Andreas Brunner
Seite 35-37 Berlinale 2018
25 Jahre: Die Löwenherzen
Seite 38-39 Familienglück auf Chinesisch
„Also haben wir es selbst gemacht.“
BERLINALE-Interview mit Jordan Schiele zu
Europäische Pride-Veranstalter_innen von Wien begeistert
Ehe und EP: Regierung zwischen
Rechtsstaat und Kirche —
VfGH-Erkenntnis ermöglicht Eintragung des Dritten Geschlechts im Personenstand
Seite 15 Wohnrecht im Todesfall II
Seite 16-18 PrEP! Gespräch mit Dr. Horst Schalk Einblick in eine Wiener Schwerpunktpraxis
„Wieso hab’ ich nicht auch zwei Mammas?“
Eine Landwirtin geht ihren Weg, 2020 olympische Bogenschützin zu werden
Seite 44-45 Gay Games Medaillenregen für österreichische AthletInnen —
Eine Landwirtin geht ihren Weg,
2020 olympische Bogenschützin zu
Veranstaltungskalender Gugg
Seite 47 Impressum
Nr . 174 - 2/2018
Nr . 1 74 - 2 /2 0 1 8
Liebe Leser*innen der Lambda
Im Oktober können wir den Relaunch der L ambda realisieren. Hierfür danke ich allen für die Geduld, die überwältigende Teilnahme an unserer Umfrage sowie vielen engagierten Mitarbeiter*innen und Unterstützer*innen, die sich mit viel Zeit und Liebe zum Detail eingebracht haben. In Zeiten des Vormarsches konservativer Kräfte ist es essentiell, sich trotz unterschiedlicher Perspektiven in LGBTIQ*Lebenswelten zu vernetzen, ein offenes Ohr füreinander zu haben und sich nach den besten Möglichkeiten und Ressourcen gegenseitig zu unterstützen. Dieser Gedanke leitet(e) die neue Konzeption der Lambda maßgeblich.
Ein Freund war vor kurzem mit Arbeitskollegen beim Grillen und die Stimmung schon etwas weinselig, als ihn einer beiseite nahm: „Ich habe früher Schwule nicht gemocht, wegen der Religion. Aber seit ich dich kenne, sehe ich das anders. Du bist ehrlich, du bist leiwand.“
Fotocredits: Martin Darling
Ab 2019 wird die Printausgabe viermal jährlich erscheinen. Zudem werden wir einen Online-Bereich www.lambda. wien etablieren, in welchem die HOSI Wien und unsere Redakteur*innen tagesaktuell auf (inter-)national relevante Ereignisse eingehen. Unser Serviceangebot (Gesundheit, Recht, u.a.) werden wir dort in Form eines Glossars auf- und ausbauen. Wir wollen ein Medium der österreichischen LGBTIQ*-Community sein, das gesellschaftspolitisch Relevantes dynamisch diskutiert und aus verschiedenen Perspektiven reflektiert. Um dies in konzentrierter Form umzusetzen, setzt jede Printausgabe einen besonderen Themenschwerpunkt: in diesem Heft sind das Regenbogenfamilien. Mir war dieses Thema lange fremd, weil ich eine Annäherung an klassische Lebensformen ablehne. Durch die Arbeit verschiedener Vereine entstand jedoch das Anliegen, innovativen Familienmodellen Sichtbarkeit zu verschaffen und einen Raum zu geben. Solche kleinen Änderungen in scheinbar festgefahrenen Meinungen und Denkstrukturen wünsche ich mir für alle von uns! Nichtsdestoweniger bleiben bestehende Themengebiete erhalten und werden um die in der Umfrage gewünschten Aspekte erweitert: Gastkommentare, (internationale) Stellungnahmen und Aktivitäten der HOSI Wien sowie Service-, Kultur-, und Sportbeiträge. Selbstverständlich wird auch das kommende Großereignis, die EuroPride Vienna 2019, thematisiert. Diversität wird hierbei in allen Bereichen groß geschrieben. Wir schlagen z. B. die gegenderte Schreibweise mit Asterisk vor, überlassen jedoch den Redakteur*innen die jeweilige Entscheidung für ihre Beiträge. Viele erwarten nach unserer langen Absenz eine vollständige Neuorientierung der L ambda . Die Erneuerung von L ambda wird technisch durch das Layout von Tarik Yilmazarslan sichtbar und inhaltlich durch die kontinuierliche Feinjustierung programmatischer Schwerpunkte für sich sprechen. Wir bleiben natürlich dennoch die Zeitschrift der HOSI Wien, doch wollen wir mehr sein: Eine Zeitschrift, in der die verschiedenen Standpunkte der Community zu Wort kommen, die zeitgemäß Themen aufbereitet und die man einfach gerne liest. Es gäbe L ambda nicht ohne die engagierte redaktionelle Arbeit vergangener Jahrzehnte, für die ich mich an dieser Stelle bedanke. Darauf aufzubauen und dies, gemeinsam mit euch, liebe Leser*innen, auszubauen, ist mein Anliegen als Chefredakteur der L ambda . Sei es in Form von Briefen, Kommentaren oder Gesprächen bei unterschiedlichsten Veranstaltungen: Kommt auf mich bzw. das L ambda -Team zu. Wir freuen uns auf Rückmeldungen und am besten auch eure Mitarbeit!
Hier geht es um weit mehr als nur die HOSI Wien: Unser Erfolgsgeheimnis als gesamte LGBTI-Community ist das Coming-out. Es ist unser überzeugendstes Argument und die prägendste Veränderung, die wir bewirken können. Jede_r für sich und damit für alle. Wenn wir uns im Alltag nicht verstecken, tut uns das persönlich gut, weil die Last des Verheimlichens von uns abfällt. Gleichzeitig zwingt es auch alle, die bisher Vorurteile hatten, diese zu hinterfragen. Das Private kann man nicht verleugnen, auch deswegen ist es so politisch. Es ist für die HOSI Wien und für uns alle entscheidend, mehr Sichtbarkeit zu schaffen. Deswegen braucht es Prides und Paraden im Großen und die Unterstützung beim Coming-out von allen, denen das im Moment noch riskant erscheint, im Kleinen. Deswegen braucht es auch Medien von und für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender- und Intersex-Personen. Deswegen gibt es L ambda . Und auch deswegen haben wir Regenbogenfamilien als ersten Themenschwerpunkt gewählt, denn hier entsteht seit einigen Jahren eine ganz neue Form der Sichtbarkeit. Sichtbarkeit schafft Schutz. Jedes vermeintlich dunkle Geheimnis kostet Zeit und Nerven, schlimmstenfalls macht es erpressbar. Es drückt Scham aus, wo es nichts zum Schämen gibt. Sichtbarkeit ist das beste Mittel im Kampf um Akzeptanz. Als Minderheit sind wir immer schwächer, aber gemeinsam mit unseren Freund_innen, Eltern, Schul- oder Arbeitskolleg_innen, die zu uns stehen, sind wir keine. Deswegen ist für ÖVP und FPÖ das Hin und Her zur Ehe-Öffnung in den eigenen Reihen so unangenehm, denn sie wissen: Die Bevölkerung ist längst weiter als die Langsameren unter ihren Funktionär_innen. Der Wandel in den westlichen Gesellschaften für LGBTIs in den knapp 50 Jahren seit Stonewall ist historisch radikal, so viel auch noch zu tun bleibt. Er ist der Erfolg von allen, die offen mit ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität umgegangen sind. L ambda ist die älteste durchgehend erscheinende Zeitschrift der Community im deutschsprachigen Raum. Diesmal haben wir uns mit dem Generationenwechsel in der HOSI Wien eine Nachdenkpause genommen, eine Umfrage unter den Leser_innen gemacht und ein neues Konzept erarbeitet. Das Ergebnis haltet ihr in Händen, Feedback und eigene Vorschläge würden uns freuen. Damit wendet euch bitte an Fabian Wingert, unseren neuen Chefredakteur. L ambda soll eine Zeitschrift für die gesamte Community sein. In der alle zu Wort kommen, sich austauschen und diskutieren können. Dafür braucht es eure Anregungen, eure Kritik. Und eine vielfältige Redaktion und eine unabhängige Chefredaktion. Wir freuen uns, dass Fabian diese Aufgabe übernommen hat. Danke auch allen, die an der Erneuerung von L ambda mitgearbeitet haben. Und jetzt: Viel Vergnügen beim Lesen!
Ich wünsche euch viel Vergnügen und interessante Momente bei der Lektüre des L ambda -Relaunchs, der sicher einige kleinere und größere Überraschungen bereithält. λ
Mor itz Yvon Fabian Wing ert
Obmann HOSI Wien - moritz.yvon@hosiwien.at
Chefredakteur - fabian.wingert@hosiwien.at
Über den Tellerand geschaut LGbTIQ*-Rechte International Chile Parlament stimmt für freie Geschlechtswahl. Namensänderungen für Transpersonen nun auf dem Standesamt möglich.
Kriminalisierung von gleichgeschlechtlichem Sex wird vom Obersten Gerichtshof aufgehoben.
Präsident Miguel Díaz-Canel spricht sich für die Ehe-Öﬀnung aus.
Malaysia Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes werden zwei Frauen zu Peitschenhieben aufgrund angeblich homosexueller Handlungen verurteilt.
Kirche behauptet, gleichgeschlechtliche Liebe „vergifte“ die Gesellschaft.
Referendum über Familiendefinition wird ausgerufen, um gleichgeschlechtliche Ehe zu verhindern.
Polizei verweigert Hilfe bei Gewaltdrohungen für Schwule und Lesben mit der Begründung, die Gruppe sei nicht schützenswert.
Erbitterter LGBTIQ-Gegner, Ralph Shortey, zu 15 Jahren Haft nach bezahltem Sex mit Minderjährigem verurteilt.
Verdruckste Rehabilitation Kürzlich erreichte uns eine Nachricht aus Neuseeland. Das ist, von Mitteleuropa aus gesehen, der fernste Fleck der Erde, aber auch einer der freiheitlichsten. Es heißt in der Meldung, das Parlament des Landes annulliere alle Verurteilungen wegen Homosexualität. Bis 1986 war Schwules dort verboten, was einem aus heutiger Sicht vorkommt wie eine Ära des Mittelalters. Justizminister Andrew Little entschuldigte sich anlässlich des Parlamentsvotums für die „Vorurteile, Stigmatisierungen und andere negative Auswirkungen“, welche die Betroffenen wegen ihrer Verurteilung erlitten hätten. Das neue Gesetz sei ein „klares Signal, dass Diskriminierung homosexueller Menschen nicht länger akzeptabel“ sei.
Das ist eine, im Hinblick auf das staatsbürgerliche Klima dieses Landes, vorbildliche Geste. Viele jener, die damals abgeurteilt wurden, leben ja noch. Die Zeit, in der ein Sonderstrafparagraph gegen Homosexuelle existierte, war darüber hinaus eine, die generell Schwules (und Lesbisches) unter Verdacht stellte. Das strafgesetzliche Signal symbolisierte stets: Du solltest besser heterosexuell leben, sonst droht Strafe und die Zerstörung der bürgerlichen Existenz. So gesehen verurteilt der Parlamentsbeschluss auch ein tatsächlich flächendeckendes Einschüchtern. In Deutschland existiert seit Mitte vorigen Jahres ein Gesetz zur Rehabilitierung schwuler Männer, die nach dem § 175 verurteilt worden waren. Besonders betrifft dies Männer, die bis 1969 abgestraft wurden, als der Schandparagraph noch nationalsozialistischen Inhalts war. Das war gut, das war nützlich, das besiegelte ein Kapitel der an Horrorgeschichten nicht armen deutschen Rechtshistorie. Nach neun Monaten seither lässt sich freilich feststellen: Es melden sich nur sehr wenige Opfer, denen Rehabilitierung mit kleinen Entschädigungssummen zugute kommen könnte. Ich denke, das hat mit dem Alter der Personen zu tun – wer 1968 wegen des § 175 im Gefängnis saß, so um die 25 Jahre alt war, müsste heute mitte siebzig sein. Das ist ein Alter, das nicht alle erreichen. Ich schätze jedoch, die Rehabilitierungsgeschichte wurde zu eng angelegt. Kürzlich starb ein Opfer jener menschenrechtswidrigen Rechtsprechung, aber dieser hatte ohnehin keinen Anspruch auf Entschädigung, denn er saß nur im Gewahrsam der Polizei bzw. nur in Untersuchungshaft. Er wurde indes nicht verurteilt – aber weil er nicht abgeurteilt worden war, entfällt jetzt die Grundlage für eine Entschädigung. Insofern: Die Bindung einer Rehabilitierung an das Insassentum im Gefängnis ist verfehlt – und die Juristen im Bundesjustizministerium hätten dies auch wissen können. Es gibt nicht einmal Schätzungen, aber die Fälle, in denen der § 175 allein durch Anzeigebere-
itschaft von Nachbarn, durch Razzien der Polizei und Personalausweiskontrollen seine furchtsame Wirkung entfaltete, gegen vermutlich in die Hunderttausende bis zu einer Million Fälle. Für schwule Männer waren die fünfziger und sechziger Jahre in der Bundesrepublik eine Zeit der Alpträume – und der zerstörten Lebenshoffnungen. Am 1. Juli jährt sich der Todestag des selbst schwulen (aber nicht sexuell aktiv lebenden) Juristen Fritz Bauer zum 50. Mal. 1968 starb er, dessen Name mit den Auschwitzprozessen verbunden wird, weil er diese als hessischer Staatsanwalt ermöglicht und befördert hat. Bauers Wirken war aber vor allem eines gegen die christlichpostnationalsozialistisch gesinnte Sittenpolitik der Nachkriegsjahre. Er hat viel erreicht, auch, dass der § 175 wenigstens 1969 reformiert wurde – Schwules war nun nicht mehr verboten. Wir sollten an ihn, einen Helden vor der Zeit der Schwulenbewegung, denken. Die Rehabilitierung unserer Vorfahren ist noch längst nicht beendet, sie hat erst begonnen. λ Jan Feddersen
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ LGBTIQ*
+43 1 585 69 60 praxis@wahala.at www.wahala.at
Neue Zeiten in der HOSI Wien Fotocredits: Privat
E rich Z avadil *23.08.1933
†11.04.2018
Abschied vom Täubchen Die HOSI Wien hatte seit den letzten Lambda einen Trauerfall zu beklagen: Erich „Täubchen“ Zavadil ist am 11. April 2018 im Alter von 84 Jahren nach schwerer Krankheit verstorben. Er war ein Urgestein der HOSI Wien: Als er im April 1981 beitrat, gab es den Verein gerade einmal eineinhalb Jahre. Bei der Generalversammlung im Mai wurde ihm dann – erstmalig in der Vereinsgeschichte – die Ehrenmitgliedschaft posthum verliehen. Er stand an vorderster Front, als der Homosexuellen-Gedenkstein in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen gegen Proteste angebracht wurde, leitete lange Jahre das Antifaschistische Komitee der HOSI Wien, vertrat den Verein bei Gedenkveranstaltungen, pflegte Beziehungen zum Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands und zu ehemaligen KZ-Häftlingen und setzte sich unermüdlich für die Aufklärung und das Erinnern ein. Dabei ging es ihm immer auch um Solidarität: So ist es ganz entscheidend sein Verdienst, dass die HOSI Wien seit vielen Jahren an der Gedenkfeier in Lackenbach teilnimmt, wo einst das sog. „Zigeunerlager“ stand.
Die Mitglieder der HOSI Wien haben bei der Generalversammlung am 5. Mai ein neues Kapitel in der Vereinsgeschichte aufgeschlagen: Ich wurde mit 82% zum neuen Obmann gewählt. Auch das bisherige Vorstandsteam wurde von den Mitgliedern mit klaren Mehrheiten bestätigt: Lui Fidelsberger als Obfrau, Markus Steup und Paula Gludovatz als KassierInnen sowie Barbara Fröhlich und Michael Richter als SchriftführerInnen. Christian Högl hatte sich nach 22 Jahren als Obmann bereits im März zurückgezogen und Kurt Krickler ist nun nicht mehr Generalsekretär, seine Verantwortung als Chefredakteur dieser Zeitschrift trägt nun Fabian Wingert und jene als Geschäftsführer des Guggs Andreas Stefani. Der Vorstand hat Peter Funk gebeten, sich um die internationale Arbeit zu kümmern. Ebenfalls neu ist Jasmin Wimmer als Frauensekretärin (bisher Jugendreferentin), um Frauen in der HOSI Wien gezielt zu fördern und ihre Anliegen zu koordinieren.
Danke, Kurt! Danke, Christian! Es ist also Zeit, jenen zu danken, die den Verein aufgebaut und über viele Jahrzehnte geleitet haben. Kurt hat die HOSI Wien vor knapp 40 Jahren mitbegründet und es gab keine Zeit, in der er sich nicht für sie engagierte, sei das als Chefredakteur, als Generalsekretär oder in den Vorständen der EPOA und ILGA-Europe. Er hat Konflikte nie gescheut, etwa beim Outen von Bischöfen, und verkörpert damit den Pioniergeist der LGBTI-Bewegung. Ebenso hat sich Christian jahrzehntelang in den Dienst der gemeinsamen Sache gestellt. Er engagierte sich bereits in den 80ern in der Jugendgruppe, wurde 1996 Obmann, übernahm als solcher die Verantwortung für Regenbogenparade und -ball, setzte sich 2009 entschieden für das Gesetz zur Eingetragenen Partnerschaft ein und war die treibende Kraft dahinter, das Gugg als neues Vereinszentrum zu übernehmen. Um auf den Punkt zu kommen: Danke, Kurt! Danke, Christian! Wir alle, die wir heute offen leben können, verdanken euch viel.
Neue Zeiten brauchen neue Zugänge Dass ein Generationenwechsel bei so prägenden Persönlichkeiten aber auch eine Eigendynamik entwickeln kann und manchmal nicht ganz friktionsfrei verläuft, kann kaum überraschen. Denn neue Personen bringen immer neue Ideen und Ansichten mit, etwa den salomonischen Zugang, verschiedene Formen des Genderns zuzulassen, womit wir der Vielfalt unserer Aktivist_innen gerecht werden. Gerade auch, weil es uns wichtig ist, die gute Tradition der HOSI Wien als starke Interessenvertretung, unsere seriösen Positionierungen und die großen bisherigen Leistungen in die Zukunft zu führen. Umso wichtiger war daher der rege Andrang der Mitglieder zur Generalversammlung und ihr starkes demokratisches Mandat für eine Öffnung und Erneuerung des Vereins. Wir reichen der gesamten Community und ihren Freund_innen die Hand: Sehen wir unsere Vielfalt als Stärke und kämpfen wir gemeinsam für alle Menschen unter dem Regenbogen! λ Moritz Yvon
Lebenswerk: Anerkennung der NS-Opfer und LGBT bei den Anonymen Alkoholikern Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit kämpfte Erich, der über 35 Jahre trocken war, um eine lesbischschwule Gruppe der Anonymen Alkoholiker. Die Widerstände waren gehörig, doch er ließ sich nicht davon abbringen und heute gibt es AA-Gruppen für Lesben, Schwule und Transgender seit über 25 Jahren. Davor, so erzählte er, mussten Schwule, die er kannte, die absurdesten verbalen Verrenkungen machen, wenn sie von ihrem Partner sprachen, um dessen Geschlecht nicht zu nennen.
Fotocredits: HOSI Wien
Er konnte auch von der Zeit erzählen, als es noch das Totalverbot von Homosexualität gab und Anonymität unerlässlich war. Damals begann er, den Nom de guerre „Täubchen“ zu führen, unter dem er bis zuletzt von Freund_innen gerufen wurde. Mit dem Täubchen verlieren wir einen Freund mit ganz außergewöhnlichem Humor, Herzlichkeit und Liebe zur Operette. Wir werden es sehr vermissen. λ Moritz Yvon
Vienna Pride 2018 EuroPride 2019 Staffelübergabe in Göteborg
Wie es sich anfühlt, ein Stück LGBTIQ-Geschichte in den Händen zu halten? Davon kann unser Team berichten, welchem die Ehre zuteil wurde, den EuroPride-Quilt von den Organisator*innen der EuroPride 2018, während der feierlichen Abschlussveranstaltung in Göteborg, Schweden, überreicht zu bekommen. Der Quilt besteht aus 24 gleichgroßen Quadraten, die das jeweils wechselnde Sujet der vergangenen europäischen Prides abbilden, beginnend mit dem Jahr 1992, in dem die erste europäische Pride in London stattfand. Der Quilt wird nun seit über 26 Jahren von den verschiedenen Veranstalter*innen von EuroPride zu EuroPride weitergegeben und hat es nun nach 18 Jahren wieder nach Wien geschafft - der Stadt, die das Großevent bereits 2001 hosten durfte, mit der HOSI Wien erneut als Organisatorin.
Fotocredits: Stephane Magloire
Wir sind stolz auf den Umstand, dass wir die EuroPride im Jahre 2019 veranstalten dürfen, dem Jahr, indem wir auch das 40-jährige Bestehen unseres Vereins feiern. Dieses Jahr wird daher in doppelter Weise ein geschichtsträchtiges sein: auf lokaler und internationaler Ebene, schließlich ist es auch das 50-Jahr-Jubiläum der Stonewall Riots, mit denen die moderne LGBTI-Bewegung ihren Anfang nahm. Und nach der gelungenen Generalprobe in Form der Vienna Pride 2018, die die größte Pride in der Geschichte der Stadt war und bei der die Regenbogenparade mit 200.000 Teilnehmer*innen einen Allzeit-Rekord hinlegte, freuen wir uns umso mehr darauf. Wir haben also jeden Grund – um es mit den Worten einer Teilnehmerin der diesjährigen EuroPride in Göteborg zu beschreiben – „To be proud of our Pride!“ λ Anna Szutt
Luna-Check
EuroPride 2019, here we come Es wird ein großes Fest werden, die EuroPride Parade am 15. Juni 2019 in Wien, und auch die beiden Wochen davor wird Wien die europäische Regenbogenhauptstadt sein: Es gilt, zu feiern, was wir in 50 Jahren Engagement für gleiche Rechte, für Akzeptanz (nicht nur Toleranz, dulden alleine ist zu wenig!), für Respekt des Andersseins in einer offenen, liberalen Gesellschaft erreicht haben – und gleichzeitig Kraft und Energie zu tanken für die Auseinandersetzung mit und gegen all jene, die uns Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intersex-Personen wieder ‚back to the closet’, also zurück in unsere eigenen vier Wände schicken wollen; die uns raus aus der öffentlichen Sichtbarkeit zurück in Angst, Verdrängung, Unterdrückung – und ins Unglück schieben wollen. EuroPride 2019 soll ein Fest der Sichtbarkeit und Akzeptanz werden, der Fröhlichkeit und Kooperation mit ganz vielen Teilen der (Hetero-)Gesellschaft, die sich geöffnet haben und ihre Wertschätzung für Vielfalt und gegen Spaltung an den Tag legen wollen. Es wird nicht nur eine zweitägige Business- und Menschenrechtskonferenz geben (12. bzw. 13.6.2019), sondern im Vorfeld Veranstaltungen von so unterschiedlichen KooperationspartnerInnen, wie sie EuroPride in seiner fast 30jährigen Geschichte kaum je gesehen hat: Wer hat schließlich schon einmal im Umfeld einer europäischen Regenbogenparade einen Tiergarten besucht oder ein Konzert im Schloss der Kaiserin Sissi? Oder ein Abendessen in einem sich drehenden Restaurant hoch über der Stadt mit einem großartigen Blick über dieselbe genossen? Das sind nur einige Specials, die für den EuroPride Monat Juni im nächsten Jahr in Wien auf der Planungsliste stehen. Erreichen wollen wir alle – Conchita und ich als EuroPride-BotschafterInnen, und das Team von Stonewall Vienna 2019 rund um Katharina Kacerovsky, gemeinsam mit der Hosi Wien rund um Moritz Yvon und Lui Fidelsberger, dass die Öffnung der Gesellschaft mit EuroPride vorangetrieben wird. Ein Beispiel ist etwa, dass – wem ist das schon aufgefallen? – an jeder BillaEingangstüre ein Regenbogensticker klebt. Das darf aber nicht alles sein: Unternehmen sollen nicht nur ans gute Geschäft denken, sondern müssen auch intern alles tun, um ein positives Klima zu schaffen, nicht nur für uns LGBTI-Menschen, sondern für alle, die irgendeiner Minderheit angehören – seien das Menschen
mit Behinderung, Mitglieder verschiedener Religionsgemeinschaften oder Menschen verschiedener Hautfarben und Herkunft. EuroPride 2019 ist eine große Chance. In Zeiten, in denen gehetzt wird gegen Anders-Aussehende und – Denkende, in denen in diesem unserem gemeinsamen Europa – teils von offiziellen (Regierungs-)Stellen, aber auch in den angeblich ‚sozialen’ Medien – mittels Sexismus, Homo- und Transphobie, Rassismus, Antisemitismus und Xenophobie Angst geschürt wird und völkischer Nationalismus wieder Einzug hält in die Alltagspolitik: in diesen Zeiten ist EuroPride 2019 in Wien die Chance, das weltoffene, liberale, demokratische Wien und Europa zu zeigen und zu feiern, und klar und deutlich allen Ewiggestrigen zu sagen: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir sind sichtbare und stolze BürgerInnen, mit gleichen Rechten und Pflichten, get used to it! Noch etwas möchte ich gerne bei EuroPride 2019 umsetzen: Es ist ja auch das 50jährige Jubiläum des Stonewall-Widerstandes in der New Yorker Christopher Street, die bekanntlich den Regenbogenparaden (alias CSD – Christopher Street Day) den Namen gab. Auch in Europa gab es damals (und teils auch davor) einzelnen Widerstand gegen Verbotsgesetze und Razzien, Lesben und Schwule, die begannen sich zu wehren und gegen die Vereinzelung anzukämpfen. Ich möchte gerne, gemeinsam mit Andreas Brunner von QWien, eine Ausstellung und eine Publikation machen, um mit einzelnen Schaustücken zu dokumentieren, was in welchem Teil des Europarats-Europa es an Widerstand und Erfolgen gegeben hat in diesen 50 Jahren – schon vor langer Zeit oder auch erst jüngst. Bei der ILGA-Europa Jahreskonferenz in Brüssel Ende Oktober haben wir die Möglichkeit, mit AktivistInnen von Organisationen aus so gut wie allen Europarats-Mitgliedstaaten zu reden, um einen Überblick zu bekommen, was es alles gibt. Denn nicht nur für uns LGBTIs gilt: Du musst deine Geschichte kennen, um die Zukunft meistern zu können! λ
Ulrike Lunacek ist gemeinsam mit Conchita Botschafterin für EuroPride 2019. Sie war bis 2017 Grüne Europaabgeordnete und Vizepräsidentin des Europaparlaments sowie Vorsitzende der LGBTI-Intergroup des Europaparlaments. Jetzt ist sie freiberuflich tätig.
Europäische Pride-Veranstalter_innen von Wien begeistert Die Vorbereitungen zur EuroPride Vienna 2019 laufen auf Hochtouren: Vom 7.-9. September waren daher die europäischen Pride-Organisator_innen bei der Generalversammlung der EPOA (European Pride Organisers Association) in Wien zu Gast. Mit rund 100 Teilnehmer_innen war es die größte in der Geschichte der EPOA. Das lag nicht nur am Interesse an der kommenden EuroPride, sondern auch an zahlreichen Stipendien für Teilnehmer_innen aus Ländern mit niedrigeren Einkommen, die das Völkerrechtsbüro im Außenministerium durch großzügige Unterstützung ermöglichte. Wien konnte sich dabei als engagierte Gastgeberstadt präsentieren. Das Team der HOSI Wien organisierte unter Leitung von Barbara Fröhlich die Konferenz und sorgte für einen reibungslosen Ablauf, Andreas Brunner von QWIEN führte die Gäste durch historische Orte des LGBTI-Lebens in der Stadt. Das offizielle Wien trug entscheidend zum Gelingen der Konferenz bei: Stadtrat Jürgen Czernohorszky und Gemeinderätin Marina Hanke demonstrierten die Unterstützung der Stadt bei einer Einladung durch Bürgermeister Michael Ludwig. Dort wurde auch Ulrike Lunacek, ehemalige Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, als offizielle EuroPride-Vienna-Botschafterin international präsentiert. Auch Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner ließ es sich nicht nehmen, sein Engagement für das kommende Jahr bei einer weiteren Einladung mit Stargast Tamara Mascara zu unterstreichen. So konnten wir vom Austausch profitieren: „Über das
EPOA-Netzwerk arbeiten wir eng mit anderen VeranstalterInnen von Prides, EuroPrides und WorldPrides zusammen. Das ermöglicht uns einen intensiven Erfahrungsaustausch und unterstützt uns in der erfolgreichen Gestaltung der EuroPride Vienna”, so Katharina Kacerovsky, Geschäftsführerin EuroPride Vienna. Beim Bericht über den aktuellen Entwicklungsstand der Großveranstaltung gab es zum Abschluss begeisterten Applaus. λ Moritz Yvon
Ehe und EP: Regierung zwischen Rechtsstaat und Kirche Als Justizminister Josef Moser Ende August ankündigte, sowohl die Ehe als auch die Eingetragene Partnerschaft (EP) öffnen zu wollen, war die Freude in der Community groß. Damit wäre zwar bloß das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs (VfGH) umgesetzt, doch war unklar, ob den homophoben Kräfte in ÖVP und FPÖ nicht am Ende doch noch etwas einfallen würde, wie sie es umgehen würden. Deshalb war auch nach dieser Ankündigung noch Skepsis geboten.
ligiöse Würdenträger die Bibel. Ganz davon abgesehen, dass die Zivilehe sich nicht nach kirchlichen Maßstäben zu richten hat, wie sich ja auch der Staat nicht in die kirchliche Zeremonie einmischt. ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz hielt sich bedeckt und sprach zwar davon, das Erkenntnis “respektieren” zu wollen, doch sagte er auch, die Regierung habe die Aufgabe, „hier mögliche Wege zu finden”. Manche Orakelsprüche aus Delphi waren klarer. Moser reagierte dagegen recht eindeutig: Mit ihm werde es “sicher keine Regelung geben, wo eine Diskriminierung stattfinden kann.” Besonders erfreulich ist dabei, dass er sich auch für die Beibehaltung der EP ausspricht, wie es der langjährigen Forderung der HOSI Wien entspricht. Als Community können wir im Moment also nur hoffen, dass die Regierung seiner vernünftigen und rechtsstaatlichen Haltung folgt. Aber selbst wenn nicht: Es wäre nicht das erste Mal, dass wir uns unsere Rechte erst gegen Widerstände erkämpfen. Wir sind bereit. λ
Man kennt eben seine Pappenheimer: Es dauerte keinen Tag, bis erst der Regierungssprecher bekannt gab, dass die Regierung noch prüfe, und einige Tage darauf ließ FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache wissen, erst mit der Kirche reden zu wollen. Wenig überraschend, schließlich hat er sich immer gegen die Öffnung der Ehe positioniert, und es ist die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV), die argumentiert, es wäre dem VfGH-Erkenntnis mit einer Öffnung der EP für heterosexuelle Paare Genüge getan. Womit die AKV das Erkenntnis ähnlich selektiv liest wie manche re-
Das Erkenntnis G 77/2018-9 vom 15.6.2018 bringt erfreuliche Neuigkeiten für intergeschlechtliche Personen. In einem amtswegig eingeleiteten Gesetzesprüfungsverfahren (Art 140 Abs 1 Z 1 lit b B-VG) entschied der Verfassungsgerichtshof (VfGH), dass der Begriff des „Geschlechts“ in § 2 Abs 2 Z 3 Personenstandsgesetz 2013 (PStG 2013) grundrechtskonform nicht als starre binäre Einteilung in „männlich“ oder „weiblich“ auszulegen ist, sondern auch alternative Geschlechtsidentitäten miteinschließt. Anlassfall war eine Entscheidungsbeschwerde (E 2918/2016) gegen ein Erkenntnis des Landesverwaltungsgerichts Oberösterreich, in der sich die beschwerdeführende Partei (Alex Jürgen, vertreten durch RA Dr. Graupner) u.a. im Recht auf Privat- und Familienleben nach Art 8 Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) verletzt sah, weil die das Personenstandsgesetz vollziehende Behörde dem Verlangen nach einer vom Begriff „männlich“ und „weiblich“ unterschiedlichen Eintragung im Zentralen Melderegister und folglicher Beurkundung nicht entsprochen hatte. Der Anlassfall selbst wurde (ebenso) zur Zufriedenheit der beschwerdeführenden Partei gelöst, der VfGH sah das angesprochene Grundrecht im konkreten Fall verletzt. Eine verfassungskonforme Interpretation des Begriffs „Geschlecht“ (Anm.: keine Aufhebung/ Abänderung des Begriffs nötig, nur eine korrekte Begriffsdeutung durch die Behörden, weil im PStG 2013 keine Geschlechtskategorien vorgeschrieben sind) fordert von den Standesämtern zukünftig die Wünsche von Antragsteller*innen auf Einträge, die ihre tatsächliche Geschlechtsidentität abbilden, zu befolgen. Ob der Behörde die Bezeichnung „divers“, „inter“, „offen“ (wie von der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt in einer Stellungnahme zum Thema vorgeschlagen) oder ein ähnlicher Begriff der Behörde geeignet erscheint, bleibt ihr überlassen. Jedenfalls haben Menschen „mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung gegenüber
Sollte der/die überlebende PartnerIn alleinige(r) WohnungseigentümerIn der Wohnung sein und der/die verstorbene PartnerIn bislang formlos in der Wohnung mit dem/der anderen gewohnt haben, ändert sich rechtlich nichts. Hatte der/die überlebende PartnerIn als WohnungseigentümerIn einen Mietvertrag über die Mitbenützung der Wohnung mit seinem/ihrer verstorbenen PartnerIn abgeschlossen, so gilt zwar gemäß § 1116a Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB), dass der Mietvertrag vererblich ist und auf die Erben/Erbinnen des/der Verstorbenen übergeht. Der/die Überlebende kann jedoch diesen Mietvertrag unter Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist von einem Monat zum Monatsletzten (§ 560 Abs 1 lit e Zivilprozessordnung (ZPO)) auflösen, um den Erben/ Erbinnen des/der Verstorbenen die Mitbenützung der Wohnung zu verwehren. In der Praxis wird es hier kaum zu Problemen kommen, weil die Erben/Erbinnen, falls diese die gemeinsamen Kinder sind, sowieso einen familienrechtlichen Anspruch haben in der Wohnung zu wohnen, und wohnungsfremde Erben/ Erbinnen selten Interesse haben werden mit dem/der PartnerIn des/der Verstorbenen zu wohnen.
Menschen haben künftig nur jene Geschlechtszuschreibungen bei Eintragungen im Personenstand zu akzeptieren, die ihrem Geschlechtszugehörigkeitsempfinden entsprechen, womit der VfGH ganz klar nicht nur genitale Merkmale meint. Gebunden sind daran andere Behörden nicht unbedingt (denkbar z.B. geschlechtsbezogene Ermittlungen der Stellungskommission des Militärkommandos für die Prüfung der Tauglichkeit). Aus technischen Gründen muss die Behördensoftware, die bis dato nur eine Eintragung auf entweder „männlich“ oder „weiblich“ zuließ, aktualisiert werden. Rein praktisch wird sich die Bescheidung von Personenstandsanträgen bis dahin verzögern (Entscheidungsfrist über Anträge jedoch max. 6 Monate, § 73 Abs 1 AVG). λ
War umgekehrt der/die verstorbene PartnerIn alleinige(r) WohnungseigentümerIn und hat einen Mietvertrag mit dem/der überlebende PartnerIn abgeschlossen, so muss der/die neue WohnungseigentümerIn, der/die die Wohnung nunmehr erbt, (sofern der/die Erbe/Erbin nicht sowieso der/die überlebende PartnerIn ist), in die Vermieterstellung und den Mietvertrag von Gesetzes wegen eintreten (§ 2 Mietrechtsgesetz (MRG)).
Anmerkung der Redaktion: Günther Menacher ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Schreibweise mit Binnen-I inklusiv gemeint ist und aufgrund der juristischen Fachasprache verwendet wurde.
Im letzten Beitrag wurde ausführlich auf die Frage eingegangen, welche Rechte dem/der überlebenden PartnerIn nach dem Tod des/der anderen Partners/Partnerin in Bezug auf die gemeinsame Mietwohnung zustehen. Heute möchte ich darauf eingehen, welche Rechtsfolgen in Bezug auf die gemeinsam bewohnte Wohnung für den/die überlebenden PartnerIn zu erwarten sind, wenn die Wohnung einem/-r der PartnerInnen alleine gehört hat oder die Wohnung in gemeinsamen Eigentum der PartnerInnen gestanden ist.
männlich oder weiblich“ (so das VfGH-Wording) ein Recht auf richtige Eintragungen. Sind vollständige Eintragungen innerhalb angemessener Frist nicht möglich, sind sie unvollständig durchzuführen (§ 40 Abs 1 PStG 2013). Eintragungen sind zu ändern, wenn sie unrichtig geworden sind (§ 41 Abs 1 PStG 2013), allenfalls zu ergänzen (§ 41 Abs 2 PStG 2013) und zu berichtigen (§ 42 PStG 2013). Das Gesetz bietet somit schon jetzt ausreichende verfahrensrechtliche Handhabe für den Personenstand, weil Intergeschlechtlichkeit bei Geburt nicht eindeutig erkennbar sein muss, in der Pubertät sich der Körper anders als erwartet entwickeln könnte oder sich Menschen im Lauf des Lebens aus freien Stücken zu geschlechtsspezifischen Anpassungen entscheiden könnten. Betont hat der VfGH, dass Intersexualität kein Ausdruck einer krankhaften Entwicklung ist und geschlechtszuordnende medizinische Eingriffe im Neugeborenen- und Kindesalter außer bei medizinischer Indikation (potentielle Stigmatisierung kein Grund!) zu unterlassen sind. Diese sind nämlich zwangsläufig fremdbestimmt. Art 8 EMRK schützt die geschlechtliche Identität und Selbstbestimmung.
Wohnrecht im todesfall ii
Etwas anders: Wenn dem/der verstorbenen PartnerIn die Wohnung gehört hat und der/die Überlebende bislang formlos in der Wohnung (also ohne Mietvertrag) mitgewohnt hat, gilt folgendes: Falls der/die überlebende PartnerIn nicht sowieso Erbe/Erbin der Wohnung ist, hat er/sie das Recht, sofern zwischen den PartnerInnen eine eingetragene Partnerschaft begründet war, auf die zum Haushalt gehörigen in der Wohnung befindlichen beweglichen Sachen (Hausrat) und das Recht in der Wohnung weiterhin zu wohnen (§ 745 ABGB). Das bedeutet, dass ihm/ihr ein/-e wohnungsfremde(r) Erbe/Erbin der Wohnung das Weiterwohnen in der Wohnung gewähren muss. Das Recht nach § 745 ABGB hat der/die Überlebende neuerdings auch dann, wenn er/sie mit dem/der Verstorbenen in mindestens dreijähriger Lebensgemeinschaft gewohnt hat und nicht mit ihm/ihr verpartnert war, es erlischt jedoch diesfalls ein Jahr nach dem Tod des/der Verstorbenen. Das Recht nach § 745 ABGB besteht auch dann, wenn wie im vorherigen Absatz beLa mbda
schrieben ein Mietvertrag abgeschlossen war und ist allenfalls der Aufrechterhaltung des Mietvertrags vorzuziehen, weil es eine kostenlose Wohnmöglichkeit bietet und kein Mietzins zu entrichten ist. Schließlich gibt es den Fall, dass beide PartnerInnen – egal ob familienrechtlich verpartnert oder nicht – eine sog. Eigentümerpartnerschaft nach dem Wohnungseigentumsgesetz (WEG) an der Wohnung begründet haben. Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass die Wohnung beiden gemeinsam gehört („der mit dem Wohnungseigentum untrennbar verbundende Mindestanteil ist auf beide EigentümerpartnerInnen aufgeteilt“). Beim Tod eines/einer Eigentümerpartners/ Eigentümerpartnerin gilt unter Ausschluss der sonstigen Erbfolge, dass der Anteil des/der Verstorbenen am Mindestanteil und gemeinsamen Wohnungseigentum (d.h. somit eine von zwei „Wohnungshälften“) unmittelbar ins Eigentum des/der überlebenden Partners/ Partnerin übergeht. Der/die überlebende PartnerIn hat aber einen sog. Übernahmspreis in Höhe des Hälftewerts des Mindestanteils der Wohnung an die Erben/ Erbinnen zu bezahlen, d.h. eine Leistung in Höhe des halben Werts der Wohnung – sozusagen als Ausgleich. Wenn der/die Überlebende sowieso Erbe/Erbin des/ der Verstorbenen ist, hat das wenig Bedeutung. Ansonsten muss der/die Überlebende die Erben/Erbinnen „auszahlen“ (§ 14 Wohnungseigentumsgesetz (WEG). Wenn sich der/die Überlebende den Übernahmspreis nicht leisten kann, kann das Verlassenschaftsgericht die Zahlungspflicht bis zu 5 Jahre aufschieben. Es gibt außerdem Fälle, in denen die Höhe des Übernahmspreises reduziert ist. Unabhängig davon kann wie im vorherigen Absatz beschrieben das Recht in der Wohnung weiterzuwohnen nach § 745 ABGB bestehen. Die Fülle an unterschiedlichen Regeln ist sicher nicht ganz einfach zu überblicken. Die beschriebenen Schutzvorschriften sollen den/die überlebende(n) PartnerIn davor schützen, dass die nicht mehr in der Familienwohnung lebenden Kinder, (die ein besseres gesetzliches Erbrecht als der/die PartnerIn haben), das verstorbene Elternteil nicht aus der Wohnung werfen können. Will man also „das Beste“ für seinen/ seine PartnerIn und dass er/sie komplikationslos in der gemeinsamen Wohnung nach dem eigenen Tod weiterleben kann, sollte man ihn/sie als Erben/Erbin einsetzen oder zu seinen/ihren Gunsten ein Vermächtnis in Bezug auf die Eigentumswohnung bzw. den eigenen „Wohnungsanteil“ verfassen. Das, was zur eingetragenen Partnerschaft gesagt wurde, gilt genauso unter Eheleuten. Aufgrund jetziger (noch) bestehender Rechtslage war jedoch nur von der Eingetragenen Partnerschaft die Rede. λ Günther Menacher Nr . 1 74 - 2 /2 0 1 8
Gespräch mit Dr. Horst Schalk: Einblick in die Realität einer Wiener Schwerpunktpraxis über
Im Sommer 2018 fand in Amsterdam die Welt AIDS Konferenz statt. 16.000 Teilnehmer*innen aus über 150 Ländern diskutierten über unterschiedlichste Themen rund um sexuelle Gesundheit. Ein spezielles Thema, welches in Amsterdam, aber auch auf vielen anderen HIV-Kongressen momentan große Aufmerksamkeit erhält, ist die PrEP (Prä-Expositionsprophylaxe). Auf einem dieser Kongresse berichtete auch der Wiener Schwerpunktarzt Dr. Horst Schalk über seine Erfahrungen mit der PrEP in einem Kurzvortrag. Er erzählte, er hätte den Bedarf etwas falsch eingeschätzt, als seine Hausapotheke fragte, wie viele PrEP-Packerln sie denn vorbestellen sollten. Die vermutete Menge von fünf bis sechs Packungen war zwar richtig, allerdings nicht auf längerem Zeitraum, sondern, wie sich herausstellte, pro Tag. Diese Anekdote aus der Wiener PrEP-Realität war der Anlass, ein Interview mit ihm über die PrEP in seiner Ordination zu führen.
Lambda: Seit Anfang 2018 gibt es auch bei Euch in der Ordination die PrEP für ca. 60 Euro pro Monat. Wie schnell hat sich diese Information verbreitet? Bzw. konkret: Wann sind die ersten Anfragen aufgekommen und wie viele Menschen nehmen bei Euch jetzt eine PrEP?
Was ist PrEP? Bei einer PrEP nehmen HIV-negative Menschen HIV-Medikamente ein, um sich vor einer Infektion zu schützen. PrEP - steht für Prä-Expositionsprophylaxe - ist eine Ergänzung der Safer Sex Maßnahmen - schützt nicht vor anderen STDs - ist nicht für alle geeignet - muss individuell mit ExpertInnen besprochen werden - erfordert begleitende ärztlichen Kontrollen Bei richtiger Anwendung bietet die PrEP einen sehr guten zusätzlichen Schutz vor HIV.
HS: Aus unserer Sicht gibt es zwei Szenarien. Die eine wäre, dass der Markt nach den ersten Monaten gesättigt ist, da alle, die auf die PrEP gewartet hatten, gleich angefragt haben. Die andere Variante wäre, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist und es mit der Zeit und durch die Weitergabe von Erfahrungsberichten in der Szene wesentlich mehr PrEP-User*innen werden. Das kann man jetzt noch nicht beurteilen. Lambda: Zurück zur lokalen Situation, bzw. konkret zu eurer Gruppenpraxis am Zimmermannplatz: Wie groß ist denn hier die Gruppe der PrEP-User*innen im Vergleich zur Gesamtzahl eurer Patient*innen?
Horst Schalk: Es scheint, dass viele bereits darauf warteten, dass die Preise sinken. Durch die Entwicklung in Deutschland war irgendwie zu vermuten gewesen, dass die PrEP auch bei uns kostengünstiger wird. Dementsprechend haben sehr schnell viele Interessent*innen in unserer Praxis nachgefragt: Anfangs waren es fünf bis sechs Männer pro Tag, jetzt hat es leicht nachgelassen. Zurzeit (Mitte August) betreuen wir etwa 280 PrEP-User*innen.
HS: Pro Quartal betreuen wir ca. 3.000 Patient*innen. Vom Bauchgefühl her würde ich sagen, dass zwei Drittel davon schwul sind. Und als HIV-Schwerpunktpraxis sind bei uns auch etwa 1.000 HIV-positive Personen in Behandlung. Und dazu betreuen wir jetzt eben ca. 280 PrEP-User*innen; im Verhältnis zur Gesamtzahl also eine kleine Gruppe. Sie ist aber durchaus eine zeitintensive Gruppe, denn es braucht natürlich ausführliche Beratung.
Lambda: Es verschreiben natürlich auch andere Ärzt*innen die PrEP und es läuft zeitgleich eine Studie dazu: Kannst Du abschätzen, wie viele PrEP-User es insgesamt in Österreich momentan gibt?
Lambda: Jetzt gehst du mit dem Stichpunkt Beratung schon in die alltägliche PrEP-Praxis. Wie läuft denn das Prozedere für eine PrEP bei euch ab?
HS: Das ist schwer zu sagen. Es gibt vermutlich eine Dunkelziffer von PrEP-User*innen, welche die Medikamente auf anderem Wege beziehen und daher nicht bei den HIV-Spezialist*innen vorstellig werden. Bei uns ist es übrigens ganz selten, dass jemand bereits eine PrEP eingenommen hatte und jetzt auf diese neue günstige Variante umsteigt. Wir haben eigentlich nur PrEP-Neueinstellungen. Vielleicht könnte man momentan österreichweit von 500 bis 600 ausgehen, aber wie gesagt – das ist eine reine Vermutung. Lambda: Wie denkst du, entwickelt sich die PrEP? Wird die Nachfrage weiter steigen oder abnehmen?
HS: Es ist ratsam, sich bei Interesse an einer PrEP einen Termin zu vereinbaren. Da wird besprochen, was die PrEP ist und was man davon erwarten kann und was eben nicht. Also z. B., dass sie wirklich nur vor einer HIV-Infektion schützt und nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STDs). Und es wird gemeinsam angeschaut, wie oft welches Risiko überhaupt besteht. An Hand dessen diskutieren wir dann das Einnahme-Schema. Es gibt zwei Möglichkeiten, die offiziell zugelassene tägliche Einnahme, oder die sogenannte „on-demand“ Einnahme, bei der die Tabletten nur in den Tagen rund um ein mögliches Infektionsrisiko eingenommen werden. Und abschließend wird noch besprochen, welche Laborkon-
trollen in welchen Abständen notwendig sind. Am wichtigsten sind hier natürlich die regelmäßigen HIVTests, aber z. B. auch die Nierenwertkontrolle. Lambda: Die PrEP ist keine Kassenleistung, d.h. im Konkreten: Die PrEP-Medikamente sind mit Privatrezept in der Apotheke zu bezahlen, die Laborkontrolluntersuchungen privat bei euch in der Ordination? HS: Genau. Hier gibt es manchmal Unklarheiten, da angenommen wird, die Laborkontrollen werden von der Krankenkassa übernommen. Dem ist leider nicht so, was zugegebenermaßen nicht zufriedenstellend ist. Die Kassen sollten viel mehr präventive Medizin übernehmen, aber das Thema fängt ja bereits bei den Impfungen an. Die Situation hängt halt mit dem gesetzlichen Auftrag an die Kassen zusammen, sie haben eben einen kurativen und keinen präventiven Auftrag. Lambda: Wenn hier z. B. Unklarheiten bestehen, was sind denn sonst noch häufige Fragen? HS: Ich muss ganz positiv anmerken, dass die meisten wirklich sehr gut informiert sind. Z. B., dass die PrEP nicht vor anderen STDs schützt oder, dass es eben diese beiden Einnahmevarianten gibt. Lambda: Du hast in deinem Kurzvortrag auch eine dritte Variante erwähnt, die du „Urlaubs-PrEP“ tituliert hattest. Was meinst du damit? HS: Die Urlaubsvariante ist quasi mit der zugelassenen durchgehenden Einnahme gleichzusetzen, nur, dass man vorher schon den gesamten Zeitraum kennt. Also praktisch gesehen: man startet die PrEP eine Woche vor dem Urlaub, nimmt sie in der Urlaubszeit durchgehend und zusätzlich noch eine Woche nachher. Ich würde da z. B. an die schwulen Kreuzfahrten denken, da könnte die PrEP eine gute Ergänzung sein. Lambda: Wenn wir an Urlaub und in dem Zusammen-
hang an Sextourismus denken, es gibt natürlich auch weiblichen Sextourismus. Dementsprechend gleich die Frage, hattet ihr schon Anfragen von Frauen? HS: Nein, keine. Könnte aber natürlich ebenfalls für Frauen interessant sein. Die durchgehende Einnahme ist ja für Anal- und Vaginal-Verkehr zugelassen, also genauso für Frauen eine Option. Aber ich denke, dass die PrEP in der heterosexuellen Bevölkerung derweil völlig unbekannt ist. Wenn eine Anfrage kommen sollte, na klar, das ist vollkommen OK. Lambda: Hast Du denn schon mal jemanden abgewiesen? HS: Nein. Wir haben jedoch einzelne Patient*innen, bei denen aus medizinischer Sicht praktisch kein Risiko besteht, die aber unter einer massiven AIDSAngst leiden. Dann hat die PrEP eher eine psychosomatische Wirkung, damit eventuell wieder eine stressfreie Sexualität gelebt werden kann. Wir sagen natürlich klar, dass es von wissenschaftlicher Seite keinen Grund gibt. Aber wenn es jemandem durch diese zusätzliche Schutzmaßnahme eine signifikante psychische Entlastung bringt, dann steht dem nichts im Wege. Lambda: Zum Thema „PrEP als zusätzliche Schutzmaßnahme“: Spielt das Kondom noch eine Rolle in euren Gesprächen? HS: Ja klar. Dennoch muss man realistisch sein. Das Kondom wird halt weggelassen oder nicht immer verwendet, vor allem, wenn z. B. Chems oder Alkohol im Spiel sind. Und im nüchternen Zustand wird es vielleicht wieder verwendet. Es gibt hier kein Schwarz oder Weiß. Lambda: Das ist durchaus eine häufige Frage, wenn das Kondom wegen der PrEP weggelassen wird, dann fehlt ja ein Schutz vor anderen STDs. Wie ist das bei
Euch: Siehst Du mehr STDs als vorher? HS: Nein, eigentlich nicht. Aber man muss halt bedenken, dass wir sehr viele schwule Patienten betreuen, bei denen häufig STDs auftreten und daher die Gruppe der PrEPUser*innen im Verhältnis zu klein ist, um etwas zu sehen. Wir haben natürlich schon vor, uns das genauer anzuschauen, ob es bei unseren PrEP-User*innen im Vergleich zu vor der PrEP Veränderungen in Bezug auf die STD-Rate gibt. Momentan sehen wir jedenfalls keine Tendenz. Lambda: Für diesen Vergleich müssen sie natürlich schon länger in eurer Praxis betreut werden, d.h. es sind hauptsächlich Männer, die schon vor Start einer PrEP bei euch waren? HS: Vom Gefühl her würde ich sagen, 80% sind unsere Patient*innen, 20% sind wegen der PrEP neu bei uns. Und ein paar kommen jetzt aus dem Nicht-Wiener Raum, da die PrEP derweil ja nicht überall in Österreich erhältlich ist.
Macht euch bereit für das Ball-Event des Jahres 2019, den
22. Wiener Regenbogenball! Es erwartet euch wieder eine klassisch-wienerische LGBTIQ-Melange mit einem Schuss Pomp, Glitter und einer großen Portion Walzer! Das Organisationsteam befindet sich mitten in den Vorbereitungen und hat die wichtigsten Facts für euch zusammengestellt: Motto: Walz for Pride Mitternachtseinlage: The real ABBA Tribute & Circus Pikard Datum & Uhrzeit: Samstag, der 26. Jänner 2019, 19:30 Uhr bis 4:30 Uhr Ort: Parkhotel Schönbrunn Dresscode: Ob bodenlange Ballrobe oder Smoking, Hauptsache el gant! Keine Kleiderordnung nach Geschlecht! Your gender, your choice! Tickets: http://www.hosiwien.at/regenbogenball/
Lambda: Es haben sich also auch bei euch Dinge geändert seit Jahresbeginn. Zum Abschluss vielleicht: Hast Du ein persönliches Highlight im Zusammenhang mit der PrEP? HS: Das Highlight haben wir soeben hier auf der Konferenz gehört. Nach den Erfolgen in London, hat jetzt San Francisco bekannt gegeben, dass die Neuinfektionen um die Hälfte zurückgegangen sind. Und natürlich spielt dabei auch die PrEP eine große Rolle. Eine Infektionsrate zu halbieren das ist doch einfach sensationell! Lambda: Also erst London, dann San Francisco, dann Wien? HS: Das wäre natürlich der große Plan! λ
Das Interview für die Lambda führte Birgit Leichsenring. Sie ist in der medizinischen Information/Dokumentation der AIDS-Hilfen Österreichs c/o Aids Hilfe Wien tätig.
Start des Ticketvorverkaufs: 1. Oktober 2018 Mitarbeit: Du möchtest der Community einen Dienst erweisen und dir bei der Gelegenheit das Eintrittsgeld für den Regenbogenball sparen? Dann komme an Bord und werde eine*r unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen! Das Anmeldeformular und alle Infos findest du hier:
STUDIO ENZERSDORF Hauptplatz 9, 2301 Groß-Enzersdorf STUDIO WIEN Siegesplatz 4, 1220 Wien
http://www.hosiwien.at/regenbogenball/mitarbeit/
Wir machen mehr aus Ihrer Küche. Wir machen sie perfekt. La mbda
-rEgEnbogEnfamiliEn-
Ehe für alle, Kinder für alle? Die Diskussion um die Ehe für alle zeigt: Auch bei nicht heterosexuellen Menschen findet das Famlienleben mit Kindern statt. Der Kampf homosexueller Menschen gegen Benachteiligung biegt in die Zielgerade des Familienlebens mit Kindern. Jetzt geht es um die Ehe und Eingetragene Partnerschaft für alle. Mancherorts funktionieren solche Regenbogenfamilien schon. L ambda hat recherchiert, wie – und wer ihnen dabei hilft, mit den doch beträchtlichen Problemen zurechtzukommen. Die in dieser Titelgeschichte zusammengeefassten Berichte, Reportagen und Interviews drehen sich um Lebensfragen der Community: Wie funktioniert Familie in unserem zwangsläufig nicht ganz konventionellen Rahmen? Was ist wie üblich, was anders? Welche Herausforderungen gibt es (rechtlich, gesellschaftlich und privat)? Was macht das mit unserer Community - werden wir jetzt spießig? Unterschiede zwischen lesbischen und schwulen Paaren? Wie geht’s den Kindern? Was sind aktuelle gesellschaftspolitische Forderungen? Was wäre von der kommerziellen Leihmutterschaft zu erwarten? Für homosexuelle Menschen wird Familiengründung mit Kindern in den letzten Jahren erstmals zur realistischen Option und immer mehr Junge denken darüber nach – mit guten Aussichten: In den letzten Jahrzehnten ist der Rechtsbestand in Bezug auf Homo- und Heterosexualität ständig angeglichen worden – vom Ende der Strafbarkeit bis zur Adoption. Doch die Politik hat die größten Brocken der nicht mehr zu rechtfertigenden Ungleichheit nur selten freiwillig aus dem Weg geräumt. Meistens brauchte es den Zwang der Rechtsprechung vom kleinsten Bezirksgericht über den Verfassungsgerichtshof bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Trotzdem kommt die Gleichheit sogar mit einer so mächtigen Unterstützung nur stolpernd voran. Am Beispiel Ehe für alle: Das Urteil des Verfassungsgerichtshofs im vergangenen Dezember war klar – die Unterscheidung zwischen Ehe und Eingetragener Partnerschaft verletzt das Diskriminierungsverbot. Die Regierung muss nun die Ehe für alle bis Jahresende umsetzen – ob ihr das passt oder nicht. Es passt ihr allerdings eher nicht: Sie muss und wird daher zwar die Ehe für alle öffnen, so der letzte Stand – aber es gibt in beiden Parteien Abgeordnete, die gemeinsam mit der Kirche Wege suchen, das doch noch zu verhindern. Diesfalls wird man einander vor Gericht wiedersehen.
„Am Spruch des Gerichtes gibt es nichts zu deuteln.“
Fotocredits: FAmOS
Rechtsanwalt Helmut Graupner war bei allen großen Kämpfen der Community an vorderster Front – ob als Beratender in der Gesetzgebung oder Kläger vor Gerichten. Er sieht im Gespräch mit Lambda die Bemühungen der FPÖ, die Ehe weiter zu privilegieren, gelassen: „Das ist
Wer den Regenbogenfamilien hilft
nur vom Sachverstand des durchschnittlichen FP-Abgeordneten getragen. Es geht völlig am klaren Spruch des Verfassungsgerichtshofes vorbei: Der sagt, beide Einrichtungen müssen allen offenstehen. Daran gibt es nichts zu deuteln.“ Genauso sieht es die Anwältin Michaela Tulipan, ebenfalls eine verlässliche Anlaufstelle in juristischen Belangen der Community, im Gespräch mit Lambda: „Mir ist das ganz unvorstellbar, dass sich die Politik um diese klare Vorgabe herumdrücken will. Die Materie der Ehe für alle – und nicht nur für heterosexuelle Paare mit Kinderwunsch – ist durch.“
Reizthema Leihmutterschaft Und was ist mit dem letzten großen Thema, der kommerziellen Leihmutterschaft? Die HOSI Wien hat sich explizit dagegen ausgesprochen. Tulipan: „Das Verbot in Österreich ist so verwurzelt, dass ich mir für die nähere Zukunft nicht einmal den Versuch vorstellen kann, das aufzuheben.“ Anwalt Graupner ergänzt: „Eine Partei, die das derzeit aufgreift und ändern will, begeht politischen Selbstmord.“
Regenbogenfamilien sind Familien mit Kindern, in denen mindest ein Elternteil schwullesbisch, bi, transgender, intersexuell mit Kindern oder Kinderwunsch lebt. Das ist nicht immer ganz einfach. Aber es gibt Hilfe, auch von Stadt Wien und dem Bund: Der Verein FAmOs (Familien Andersrum Österreich) hat in Wien ein Regenbogen-Familienzentrum nach Berliner Muster aufgebaut.
Verena Flunger vom Regenbogenfamilienzentrum und Barbara Schlachter von Familien Andersrum Österreich sehen das differenziert: „Es gibt da eine klare Ablehnung von der Gesetzgebung über die Interessenvertretungen bis tief in die Community hinein, meist wegen der Ausbeutung von Frauen in ärmeren Ländern. Aus feministischer Sicht kann man, ähnlich wie beim Thema Sexarbeit, Gründe dagegen und dafür finden – zum Beispiel medizinische und rechtliche Sicherheit und Schutz vor Ausbeutung. Es geht da immer um den Einzelfall. In Zeiten der Umorientierung verlangt es die Menschen aber nach Pauschalerklärungen. Schwarz oder weiß. Uns ist es wichtig, dass FAmOs und das Regenbogenfamilienzentrum allen Regenbogenfamilien offen steht, egal wie diese enstanden sind.“
2011 gründete eine kleine Gruppe lesbischer Mütter den Verein FAmOs, „Familien Andersrum Österreich“. Obfrau Barbara Schlachter zu Lambda: „Wir haben gesehen, dass niemand für uns etwas tut und dass es keine Anlaufpunkte gibt. Also haben wir es selbst gemacht.“ Was mit informellen Treffen in der Rosa Lila Villa begann, fiel in eine günstige Zeit, denn das Thema nahm in Medien Schwung auf. Das Rechtskomitee Lambda begann mit Klagen, die explizit verbotene Stiefkinderadoption durchzusetzen.
Anwalt Graupner dazu: „Braucht es auch nicht unbedingt – die Leihmutterschaft ist in halb Europa ohnedies erlaubt. Und die daraus entstehenden Kinder genießen in Österreich den vollen Rechtsbestand.“ λ Paul Yvon
Wunsch nach einem Leben mit Kindern, ihren Wunsch nach Familienleben.“ Trotzdem werden Regenbogenfamilien von der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen, es fehlt an ge-
Schlachter: „Da kamen die Medien zu uns und Paare gingen in die Medien bis hin zu Live-Auftritten im TV. Wir haben dann Politiker aufgesucht und denen von der Lebensrealität von Regenbogenfamilien erzählt – und dass die Kinder eine Absicherung brauchen, kurz: Dass Regenbogenfamilien anerkannt werden müssen. Da hat uns die damalige Familienministerin Sophie Karmasin in den Familienpolitischen Beirat geholt. Das hat Türen zu Subventionen geöffnet.“ (Frühere Regierungen agierten überhaupt weniger brachial als jetzt Türkis-Blau: Als es um die Adoption ging, hat die SP-VP-Koalition dazu eine Arbeitsgruppe eingerichtet, in der neben Vertretern der Ministerien auch alle österreichischen Homosexuellenorganisationen, u. a. Rechtskomitee Lambda, RosaLila PantherInnen sowie HOSI Linz, Salzburg, Tirol und Wien vertreten waren.)
Wiens ehemalige Frauen-Stadträtin Sandra Frauenberger half, dass FAmOs in Wien ein Regenbogen-Familienzentrum nach Berliner Muster aufbauen konnte. Leiterin Verena Flunger: „In Österreich gibt es immer mehr Kinder, die mit LGBTIQ-Eltern leben. Früher war es oft so, dass Kinder in Regenbogenfamilien einer früheren, heterosexuellen Beziehung entstammen, heute werden sie zunehmend in eine bereits bestehende gleichgeschlechtliche Beziehung hineingeboren. Immer mehr Lesben und Schwule erfüllen sich ihren
„Wieso hab’ ich nicht auch zwei Mamas?“ Petra erzählt vom Leben ihrer Regenbogenfamilie am Land: Mit Kirche, Kindern, Nachbar*innen und Tradition. Und schwul und lesbisch. Und das alles geht ohne Probleme, ganz einfach und offen. Weil sie ihre Lebensweise offen und sicher vertreten, glauben sie.
sellschaftlicher Präsenz und verbriefter Gleichwertigkeit mit anderen Familienkonstellationen. Schlachter: „Deshalb ist es wichtig, dass wir uns vernetzen und vereinen, unsere Kräfte bündeln und uns gegenseitig unterstützen. Sei es bei der Erfüllung unseres Kinderwunsches oder bei Themen, die sich aufgrund der Besonderheit unserer familiären Konstellationen ergeben können.“ „Es hat einst mit den Patchworkfamilien begonnen, die ein ganz neues Rollenverständnis verlangten – und jetzt geht es mit wieder Neuem weiter, nämlich den Regenbogenfamilien“, sagt Schlachter. Und die Leiterin des
Regenbogenfamilienzentrums Verena Flunger ergänzt: „Ganz wichtig ist uns auch, unser Wissen aus der Praxis den Pädagog*innen in Kindergärten und Schulen zu vermitteln, denn diese haben immer öfter mit Regenbogenfamilien zu tun.“ Schlachter: „Je früher ein Kind lernen darf, dass es andere Formen des Familienlebens gibt als Mama Papa Kind, desto besser. Aber das Thema ist bei so vielen Menschen wie früher einmal die Scheidung noch so vorurteilsbehaftet. Es ist ein Tabu und die Pädagog*innen trauen sich nicht, es anzusprechen. Das gehört sich nicht. Aber genau das wollen wir: gefragt werden. Fragt uns doch!“ λ Paul Yvon
Co-Eltern-Gruppe für nicht leibliche Eltern: Termine nach Vereinbarung, jeweils 19.00 – 21.00
Themen: Kinderwunsch, rechtliche Fragestellungen, psychosoziale Themen, Coming- out als Regenbogenfamilie, Erziehung, Trennung und Patchwork-Konstellationen – das ganze Themenspektrum von (angehenden) Regenbogeneltern und ihren Kindern. Die Beratung ist anonym, verschwiegen und kostenlos.
Babytreffen – jeden zweiten Montag, 11.00 – 13.00
Vortragsabende und Workshops bieten (künftigen) Eltern Information und Unterstützung rund um die Themen Familienplanung und Familienleben.
Kinderwunschgruppe – jeden dritten Samstag im Monat, 19.00 – 21.00
Alle Treffen im Regenbogenfamilienzentrum Wien; Franzensgasse 25/11, 1050 Wien FAmOs leben – Regenbogenfamilien in der Praxis
Regenbogenfamilientreffen – jeden dritten Samstag in Monat, 15.00 – 18.00
Workshops zum Thema Regenbogenfamilien für (angehende) Kindergartenpädagog*innen: auf Anfrage
Regenbogenvätergruppe – jeden zweiten Montag im Monat, 19.00 – 21.00
Geburtsvorbereitungskurse Infos: famos@regenbogenfamilien.at
Zuerst einmal habe ich Matthias bei der Arbeit, in einem Sozialberuf, kennengelernt. Das war 2006. Dann, in einem Sprachkurs 2007, Kathi und Thomas. Matthias und Thomas waren da schon ein Paar. 2011, da waren Kathi und ich schon ein Paar, haben wir über ein Kind nachzudenken begonnen. Konkret wurde es 2012, ich war knapp vierzig. Medizinische Unterstützung gab es damals bei uns noch nicht – und wer sich dafür im Internet alles anbietet, also ganz und gar unmöglich.
Angebote von FAmOs: Geförderte Familienberatung
Wer will, kann das Foto so sehen. Aber man kann es auch einfacher sehen: Als das Bild einer Familie, in der die Menschen ganz offensichtlich liebend und gut miteinander auskommen.
Ein vaterloses Kind wollten wir aber nicht. Und da waren dann Matthias und Thomas schnell in unseren Köpfen. Die haben unsere Winke mit dem Zaunpfahl zuerst nicht verstanden. Also haben wir es ihnen als Scherz verkauft, dass wir von ihnen ein Kind wollen. Das haben sie endlich verstanden – worauf wir fragten: „Und wenn es kein Scherz ist?“ – Da haben sie geschaut. „Denkt darüber nach!“, haben wir gesagt. Und wenn ja, dann entscheidet ihr, wer der Vater sein soll. Matthias hat sich zuerst als biologischer Vater gemeldet. Es war aber von Anfang an in unseren Gesprächen über Familie klar, dass wir auf jeden Fall ein zweites Kind möchten und in diesem Fall dann Kathi und Thomas die biologischen Eltern sein sollten. Das Ergebnis sieht man auf dem Foto. Wir haben die häusliche Insemination mit der Becher-Methode gewählt – und es hat sofort geklappt. Ich habe früher mit einem Mann gelebt und mein Frauenarzt hat erst damals von Kathi und den Männern erfahren. Er hat
Fotocredits: FAmOS/ Privat
Barbara Schlachter (links) und Verena Flunger (rechts) im Gespräch.
Auf dem Familienfoto seht ihr von links Matthias, Vater von meinem Sohn Tobias (neben ihm); dann Thomas, verpartnert mit Matthias und Vater von Mathilda. Daneben meine Frau Kathi, Mutter der kleinen Mathilda. Ganz rechts stehe ich, Petra.
dabei viel dazugelernt. Überhaupt, die Frage nach den Vorbehalten, nach der Ausgrenzung: Obwohl wir am Land leben in einer größeren Siedlung, erleben wir nichts davon, gar nichts. Bei Ärzt*innen nicht und nicht im Kindergarten, beim Einkaufen oder bei Behörden. Sogar der Pfarrer, der hat die Kinder getauft und von Anfang an gesagt, jeder Mensch sei wertvoll. Seinetwegen bin ich wieder in die Kirche eingetreten. Was in anderen Köpfen passiert, weißt du nie – aber man würde bei den Leuten ja auch spüren, wenn’s nicht direkt ausgesprochen wird. Man merkt’s schon an den Blicken. Aber da ist einfach nichts. Allenfalls Neugier. Und erst recht nicht in unseren Herkunftsfamilien: Vier Opas, vier Omas und ein Schüppel Cousins und Cousinen. Mit Ausnahme eines Bruders und seiner Frau, die ihrer Tochter unsere Familienart nicht sagen
wollen, geht da alles leicht und einfach.
Urlaube werden 50 zu 50 getragen. Konflikte? Ja, gibt es. Klar. Aber die werden ausgetragen – von jedem auf eine eigene Weise. Wie in allen anderen Beziehungen auch.
Nicht böse. Nur unsicher – und neugierig Vor diesem Gespräch mit Lambda habe ich mit allen darüber gesprochen und Thomas sagt, wahrscheinlich liegt das daran, dass wir uns immer sofort geoutet haben, das heißt gar keine Zweifel haben aufkommen lassen. Ganz offen waren. Und das überträgt sich auf die Leute. Die sind unserer Erfahrung nach nicht böse oder aggressiv – sie sind vor allem unsicher, wie man mit etwas derart Ungewohntem umgehen soll. Zu unserem Familienalltag gibt’s kaum was zu sagen, was sich vom Alltag anderer Familien unterscheidet – außer, dass wir Frauen mehr Zeit für uns haben als andere, weil die Väter so präsent sind. Und dass wir sonntags immer zusammensitzen und die kommende Woche besprechen, wer was tun wird. Wir leben in einem Zweifamilienhaus, die Frauen unten. Tobias schläft drei Tage bei uns, drei bei den Vätern und den siebenten Tag kann er sich aussuchen. Die Finanzen sind getrennt, die gemeinsamen
Trotzdem haben wir diskutiert, ob und wie weit wir uns auch in Lambda darstellen wollen. Es war nicht einfach. Durchgesetzt hat sich das Argument, wie denn bei Regenbogenfamilien die Umgebung lernen soll, dass die auch nicht anders sind und nichts anderes wollen: Glück, Liebe und Kinder. Wer soll es erzählen, wenn wir es nicht tun? Die Familiennamen lassen wir aber doch weg und den Wohnort – für die Geschichte ist das unwichtig. Mit dem Foto dagegen gibt es kein Problem: Wer uns darauf erkennt, kennt uns ohnehin schon.
Porträtiert von Paul Yvon
Der große schwule Jahrhundert-Roman: Die Weltreise von Felix und Kilian aus Wien. Markus Jäger: Helden für immer. D 2018, € 18.50 Buchhandlung Löwenherz Mo bis Do 10-19 Uhr, Fr 10-20 Uhr, Sa 10-18 Uhr tel (01) 317 29 82, buchhandlung@loewenherz.at www.loewenherz.at
Wie unsere Kinder einmal leben werden? Schwer zu sagen. Ob sie etwas anderes lernen? Vielleicht: Sie lernen jedenfalls, dass es das Eine, das einzig Normale, nicht gibt. Vielleicht macht sie das offener anderen gegenüber, sie werten weniger. Und das tut seine Wirkung auch nach außen: Neulich erzählt mir eine Mutter aus dem Kindergarten, ihr Bub hat sie gefragt, wieso er nicht auch zwei Papas und zwei Mamas haben kann so wie der Tobias. λ
Norbert und Markus sind seit knapp 20 Jahren ein Paar. Markus kommt aus einer kinderreichen Familie. Als Jüngster von vier Kindern liebt er die große Familie. Norbert unterrichtet unter anderem Kinder und Schauspiel an der Performing Academy, schreibt und inszeniert Musicals, z. B. für „Teatro“ (Theater von und für Kinder und Jugendliche). Bei beiden war der Wunsch nach einem Kind schon lange gegeben. Lambda: Wann war es soweit, dass ihr aktiv begonnen habt, eurem Kinderwunsch nachzukommen? Norbert: Das war zu Silvester 2016, als in der ZiB 2 die Nachricht kam, dass ab 1. Jänner 2017 auch gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren dürfen. Um Mitternacht sagte ich zu Markus: „Das machen wir!“, und er sagte gleich: „Ja!“ – Ich habe dann sofort am nächsten Tag hingeschrieben, da wir dachten, dass es einen großen Andrang geben wird. Dem war aber nicht so. Markus: Erst wollten wir adoptieren. Dafür ist eine Verpartnerung die Voraussetzung. Nur Neugeborene können adoptiert werden. Auch eine Auslandsadop-
tion hätten wir uns gut vorstellen können. Gleichgeschlechtliche Paare können allerdings nur in den USA und Südafrika adoptieren. Beides ist sehr kostspielig. Wir haben in den nächsten Monaten die notwendigen Kurse besucht, uns aber schließlich doch für eine Pflegeelternschaft entschieden. Hauptgrund war die lange Wartezeit von bis zu fünf Jahren und länger. Norbert: Wir wollten nicht warten. Natürlich hatten wir Angst, dass uns ein Pflegekind wieder weggenommen werden könnte. Allerdings geschieht das sehr selten. Es gibt immer gute Gründe, warum Kinder von ihren Eltern weggenommen werden. Die Situation wird in den ersten Monaten geprüft. Solange ist das Kind in einer Krisenpflege. Erst danach kommt es zu den Pflegeeltern. Eine Rückführung passiert eher selten. Man achtet sehr darauf, was für das Kind am besten ist. Allerdings werden nur Kinder bis zum dritten Lebensjahr vermittelt. Danach kommen sie in eine soziale Wohngemeinschaft. Es werden dringend Pflegeeltern gesucht. Unglaublich, wie viele bedürftige Kinder es allein in Wien gibt. Markus: Wir machten dann aber trotzdem alle Kurse, also auch jene, die für die Adoption vorgeschrieben gewesen wären, da wir uns erst einmal über alles informieren wollten. Das hat etwas länger als ein Jahr gedauert. Kurse für Adoption kosten etwas, für die Pflege sind sie umsonst. Lambda: Wie haben die anderen Kursteilnehmer auf euch als schwules Paar reagiert? Norbert: Wir waren in allen Kursen das einzige schwule Paar. Es gab aber keinerlei negative Reaktionen. Im Gegenteil. Alle waren da sehr relaxed und ausgesprochen freundlich. Warum auch nicht? Auch die Sozialarbeiterinnen, mit denen wir dann im Laufe der Zeit zu tun hatten, waren uns gegenüber immer positiv eingestellt. Wir hatten das Gefühl, alle freuen sich sehr für uns, dass wir diesen Weg gehen. Markus: Es gab dann auch einen Wohnungsbesuch und es wurde nach unserem familiären Hintergrund gefragt. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Das ist ja auch richtig so. Bei einem der letzten Gespräche mit dem Jugendamt wurden wir dann gefragt, was wir uns
Out and Proud Fotocredits: Privat
Zwei Männer (und zwei Kater) nehmen erst einen Jugendlichen aus den USA und dann ein Mädchen aus Italien bei sich auf. AFS (Austauschprogramme für interkulturelles Lernen) versteht sich als Bildungsorganisation. Der Austausch ist dabei Mittel zum Zweck – und die Gastfamilien lernen ebenso wie die Schüler*innen.
alles zutrauen würden, also auch ein krankes oder behindertes Kind, ein „Drogenbaby“, etc. Da kann man etwas einschränken, wenn man das möchte. Ansonsten kann man sich nichts wünschen. Uns wäre auch jedes Kind recht gewesen. Das war Ende Mai 2017. Norbert: Da ich gerade das Musical „Der kleine Prinz“ im Stadttheater Mödling inszenierte, sagten wir, ab Anfang August wäre ideal. Allerdings bekamen wir bereits wenige Tage später einen Anruf, dass es da einen Jungen mit zwei Jahren gäbe. Als ich seinen Namen gehört habe, gab es kein Zurück mehr. Und spätestens beim Anblick des ersten Fotos schmolz ich dahin und es war alles klar. Als wir uns kennenlernten, hatte ich kurz Stress: Das wird jetzt das Kind, das ich sehr lieben werde. Und Liebe kommt ja auch nicht von selbst. Ich war sehr überrascht, wie schnell das dann ging mit der Liebe. Und wie tief die sein kann. Markus: Natürlich kamen wir ein wenig in Vorbereitungsstress. Das Kinderzimmer musste noch eingerichtet werden, wussten wir doch nicht, wie alt das Kind sein würde. Kleidung, Spielsachen, etc. Aber wir wurden sehr von Freunden unterstützt. Innerhalb weniger Tage hatten wir alles und noch nicht mal einen Cent ausgegeben. Aber die Freude, gemischt mit einer Portion Aufregung, war natürlich übergroß. Es kam dann zu einer langsamen Eingewöhnungsphase von etwa zwei Wochen. Erst lernten wir seine Mama kennen. Dann ihn. Immer im Beisein von SozialarbeiterInnen und seiner Krisenmama. Sehr aufregende und bewegende Situationen waren das. Lambda: Wie hat die Mutter auf die Tatsache reagiert, dass ihr Kind zu einem schwulen Paar in Pflege kommt? Norbert: Man hatte tatsächlich vergessen, es ihr vorher zu sagen. Aber als sie uns gesehen hat, hat sie sich, glaube ich, gefreut. Immerhin bleibt sie so immer noch die einzige Mama. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, sie hätte auch kein Veto einlegen können, wenn sie damit Probleme gehabt hätte. Aber natürlich wünscht man sich ein möglichst harmonisches Zusammenspiel zwischen den leiblichen Eltern und den Pflegeeltern, gibt es doch regelmäßigen Besuchskontakt. Bei uns ist das z. B. alle sechs Wochen. Etwa zwei Stunden lang. Erst betreut. Mittlerweile machen wir uns das
alleine aus und es klappt sehr gut. Lambda: Was hat sich in eurem Leben jetzt so verändert? Markus: Ich bin für ein halbes Jahr in Karenz gegangen, was auch bei einem Pflegekind möglich ist. Das war in der Firma gar kein Problem. Jetzt arbeite ich, allerdings nicht die vollen 40 Stunden. Da ich nie so ein Partytiger war, geht es mir auch nicht ab, dass wir jetzt die meisten unserer Abende zuhause verbringen. Wir genießen die Zeit mit unserem Kind sehr, auch wenn die sogenannte Auszeit für mich, vor allem zu Beginn, relativ kurz war. Es dreht sich halt alles um unseren Sohn. Norbert: Da unser Bub früher als geplant kam, war ich die ersten Wochen ziemlich im Arbeitsstress. Allerdings habe ich ihn oft zu den Proben mitgenommen. Für mich war es sehr besonders, den „Kleinen Prinzen” auf die Bühne zu bringen, während ich meinen kleinen Prinzen auf dem Schoß hatte. Nach der Premiere habe ich auch erst mal alles abgesagt, um uns in Ruhe aufeinander einlassen zu können. Schon nach einer Woche haben wir gesagt, es ist, als ob er immer bei uns gewesen wäre. Markus: Da unser Sohn natürlich eine Vorgeschichte hat mit zwei Jahren – Gewohnheiten und Erlebnisse, die wir nur ungefähr kennen, waren wir zu Beginn extrem übervorsichtig. In der ersten Zeit hat er gar nicht gesprochen und nicht alleine in seinem Bett geschlafen. Sein Zimmer war ihm egal. Er wollte immer bei uns sein. Wir haben dann ein langes Einschlafritual erfunden. Jetzt schläft er immer noch bei uns. Norbert: Natürlich dreht sich alles um ihn. Aber es ist alles Organisationssache. Wie bei allen Eltern. Trotz Kind sind Markus und ich immer noch die gleichen Menschen geblieben. Nur um einen riesigen, liebevollen Part reicher. Er sagt zu uns beiden Papa. Er lacht, er trotzt, er singt und spielt. Alles wie in anderen Familien auch. Alle lieben ihn. Nachbarn freuen sich mit uns. Familie hilft mit. Ein sehr schönes Leben ist das. Mit sehr viel Liebe. Und ich kann nur nochmal betonen: es werden dringend, dringend Pflegeeltern gesucht! Macht es! λ Das Interview führte Barbara Fröhlich
Als ich 15 war, habe ich an einem AFS Austauschprogramm teilgenommen – drei Monate lebte ich in Bologna und ging dort zur Schule. Für mich war klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, selbst Gastkinder aufzunehmen. Ich hatte das Glück, einen diesbezüglich aufgeschlossenen Mann zu bekommen. 2015 war es soweit und wir zeigten Eric aus den USA sein Zimmer. Das ist wohl nicht selbstverständlich. Zwei Männer (und zwei Kater) nehmen einen Jugendlichen bei sich auf. AFS geht es nicht um Spracherwerb, es versteht sich als Bildungsorganisation im interkulturellen Bereich. Der Austausch ist dabei Mittel zum Zweck – und die Gastfamilien lernen ebenso wie die SchülerInnen. Eric ist aus einem recht kleinen Ort in Wisconsin, selbst schwul – und war bei uns plötzlich in einer Welt, in der er seine sexuelle Orientierung nicht rechtfertigen oder gar verbergen musste. Wir wohnen im 7. Bezirk, also ist nicht nur unsere Wohnung ein sicherer Ort, sondern eigentlich die ganze Umgebung. Sehr schnell hat er das kulturelle Angebot genutzt: Bälle (natürlich auch den Regenbogenball), die HOSI Jugendgruppe, die Buchhandlung Löwenherz, den Chor der Universität Wien.
Eric hat eigene Pläne Das war ganz spannend, weil wir zunächst nicht damit gerechnet hatten, dass wir uns als Eltern fühlen würden. Aber ganz automatisch haben wir damit begonnen, Vätergespräche zu führen und uns für den „Kleinen“ (er überragt uns beide) verantwortlich zu fühlen. Unglaublich stolz auf ihn waren wir bei der Regenbogenparade. Dass wir dort alle hingehen würden, stand außer Frage. Recht bald hatte uns Eric aber gesagt, dass er eigene Pläne hat. Uns war’s recht, schließlich will man ja nicht dauernd mit den peinlichen Eltern gesehen werden – gab es da vielleicht gar einen anderen jungen Mann...? Des Rätsels Lösung war dann ganz anders, und für uns sehr bewegend und schön: Wir hatten uns im Startbereich positioniert, um den ganzen Zug an uns vorbeiziehen zu sehen, als wir plötzlich Eric entdeckten, der stolz der „Buchhandlung Löwenherz“ als Schildträger vorangeht.
Out and proud Zwei Jahre später haben wir uns entschieden, für drei Monate ein Mädchen aus Italien aufzunehmen: Stefania. Das war Liebe auf den ersten Blick. Auch sie kommt aus einer sehr ländlichen Gegend, aus Paestum, südlich von Neapel. Auch sie fand sich plötzlich inmitten einer Großstadt wieder (und beim Anblick der Mariahilferstraße mit mehr als einem H&M (!) hat sie erst einmal hyperventiliert). Ich habe sie einmal bei einem Einkaufsbummel begleitet, wo mir eine ältere Dame zu meiner wohlerzogenen Tochter gratuliert hat. Na, ich bin geplatzt vor Stolz. Natürlich wussten wir bei Stefania schon ungefähr, worauf wir vorbereitet sein sollten, schließlich war sie unser zweites Kind. Und auch sie hat, wie Eric, unser Leben verändert und geprägt. Ich glaube, sie hat es sehr genossen, in einem ganz anderen Familiensetting zu sein, als sie es gewohnt war, und es hat ihr vielleicht auch ein bisschen in der pubertären Rebellion geholfen. Ihr italienischer Vater war zunächst sehr skeptisch, die Tochter zu zwei Männern zu geben, aber er hat sich überzeugen lassen. Und ich glaube, Stefanias biologische Eltern haben es nicht bereut. Der Abschied von ihr war schwer und tränenreich. Aber kurz darauf haben wir sie wiedergesehen: Gut zwei Monate später hat sie unserer Hochzeit beigewohnt. Und saß natürlich am Familientisch.
Stefania kann blitzartig Deutsch Für uns ist das Konzept von AFS voll aufgegangen – wir wurden auch begleitet, genau wie Eric und Stefania. Wir hatten AnsprechpartnerInnen, die sich Zeit genommen haben, uns über kleinere Hürden zu helfen (größere gab es bei uns nicht). Stefania hat bei uns Deutsch gelernt und ist von einem Kenntnisstand von Null in drei Monaten auf das Niveau B1 geklettert. Eric, der sehr ehrgeizig ist, hat bereits vor seinem Aufenthalt Deutsch gelernt und kam gut vorbereitet nach Wien. Wir können also aus unseren Erfahrungen Sorgen, die es um die Sprache gibt, zerstreuen. Wir haben noch immer guten Kontakt. Die beiden sind Teil unserer Familie geworden, und sie sind noch immer sehr präsent bei uns. λ Philipp Wagner-Nguyen
La vita è bella! Annalisa aus Kalabrien auf dem Weiberhof in der Steiermark: Ein wunderbares Jahr, vollgepackt mit Neuem, mit Liebe und ganz ohne Probleme.
1995 verbrachte mein (damals 16-jähriger) Sohn Christoph sein AFS-Jahr in Italien. AFS haben wir schätzen gelernt als international tätige, parteipolitisch unabhängige und gemeinnützige Freiwilligenorganisation, deren interkulturelle Bildungsprogramme Menschen unterstützen sollen, Verständnis, Wissen und Fähigkeiten zu entwickeln, die zu einer gerechteren und friedvolleren Welt beitragen.
Und so füttert sie mit uns die Lamas, Esel, Schafe, Ziegen, Hühner und die beiden Hunde und hat inzwischen nicht nur hervorragend Deutsch gelernt. Auch Bogenschießen kann sie schon oder Gitarre spielen. Einiges hat sie einfach einmal auch nur ausprobiert wie z. B. Spinnen und Stricken in der Wollwoche oder Skifahren und regelmäßig nimmt sie mit uns an einem griechischen Tanzkurs teil. Freud und Leid hat sie in den letzten Monaten in ihrer Gastfamilie erlebt, hat den Großteil unserer beiden Familien kennengelernt – und Abschied genommen, als ihre Gastoma verstorben ist. Das Leben lehrt. Höhen und Tiefen – ein besonderes Hoch ist sicher unsere Hochzeit im Kreise unserer Familien und Freund*innen – denn wer ist schon bei der Hochzeit der Gastmütter dabei? Was noch gelernt wird: Lösungen zu finden in Problemsituationen etwa oder mit neuen Situationen umzugehen? Für jedes Problem gibt es schließlich eine Lösung.
2012 erhalten wir einen Anruf von AFS, dringend würden Gastfamilien für AFS-Schüler*innen gesucht werden, wir seien noch in der Datei und nun wende man sich mit dieser Bitte an uns. Mein erster Gedanke: Unmöglich – meine Lebenssituation hatte sich inzwischen grundlegend verändert. AFS zeigt sich ausdauernd – und schließlich ist es soweit: Wir – meine Frau und ich – holen unsere Gasttochter vom Bahnhof ab, hinein in unser Leben, in ein gemeinsames Abenteuer. Monate später: „Solle iche die Tiere füttern?” – Wir schmunzeln über Annalisas charmanten Akzent. Wer hätte vor wenigen Monaten noch gedacht, dass unsere italienische Gasttochter aus Kalabrien ihr Auslandsjahr auf einem Biobauernhof im Naturpark Südsteiermark verbringen würde? Und mehr noch – in Österreichs einzigem Frauenferien- und Frauenbildungshof, dem Weiberhof.
Regen Austausch findet Annalisa sowohl in den Gesprächen mit uns als auch in jenen mit unseren Urlauber*innen oder in unserem Lieblingscafé in Großklein und ab und zu trifft sie sich mit Albert, unserem AFS-Betreuer in Graz und tauscht sich mit ihm
So viel zu lernen, so viel zu leben
Stefania aus dem Bericht von Seite 29 mit ihren beiden Gastvätern Daniel (rechts) und Philipp (links).
über italienische Literatur aus. Den „Faust“ hat sie mittlerweile in der Schule erarbeitet und bei uns findet sie zu ihrer Freude Frauenliteratur, denn Simone de Beauvoir hat sie schon zu Hause gelesen.
Inzwischen haben wir Annalisa und ihre Familie in Kalabrien besucht und ihre Familie war bei uns in der Steiermark– unsere Familien sind miteinander verbunden. La vita è bella! Grazie AFS.
Steiermark – Wien – Salzburg – Niederösterreich – Oberösterreich – Tirol – Slowenien – Kroatien: Wie schnell doch ein Jahr vergeht! So vieles hätten wir ihr noch zeigen und erzählen wollen, so vieles gibt es noch zu philosophieren, diskutieren und erkunden. Und dann heißt es Abschied nehmen (und der ist schlichtweg furchtbar traurig). Voll mit Eindrücken reist Annalisa in ihre Heimat zurück und wir sind dankbar dafür, sie in unseren Herzen zu wissen.
2013 feierten übrigens mein Sohn Christoph und meine kanadische Schwiegertochter ihre Hochzeit in Wien – mit dabei: Christophs italienische Gasteltern … 2018 freuen wir uns wieder auf den Besuch von Annalisa am Weiberhof! Nährere Informationen zum Weiberhof finden sich unter: www.weiberhof.at. λ Erika Hütter
„Ehe nur für Paare, die Kinder bekommen können“:
Karin Kneissl lässt sich von Wladimir Putin scheiden
Wien/Steiermark – Sie waren das Traumpaar des diesjährigen Sommers: Die österreichische Außenministerin Karin Kneissl (53) und der russische Präsident Wladimir Putin (65). Die Bilder der glamourösen Hochzeit im steirischen Gamlitz gingen um die Welt. Während einige Experten von einer „politischen Hochzeit“ sprachen, war für den Großteil der Öster-
len!“, kommentiert FPÖ-Verteidigungsminister Mario Kunasek (42, verheiratet, kinderlos) die Entscheidung der Außenministerin. Und auch vom Koalitionspartner ÖVP gibt es Zustimmung: Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (48, verlobt, kinderlos) meint: „Schwule und Lesben und wie die alle heißen, sollten ausnahmslos alle Rechte haben. Aber die Ehe ist nur
reicherinnen und Österreicher klar, dass sich hier zwei Lebensmenschen gefunden hatten. Doch die Ehe währte nur kurz. Denn nun gab Kneissl bekannt, dass sie, in Einklang mit der Linie der FPÖ, die Scheidung beantragen würde. „Ein schwieriger Schritt, aber ich verstehe sie. Die Ehe ist heilig und von Natur aus gedacht für Paare, die Kinder bekommen können und wolNr . 174 - 2/2018
für Mann und Frau.“ Bundeskanzler Sebastian Kurz (32, kinderlos) meldete sich auf Twitter zu Wort: „Mutiger Schritt von @Karin Kneissl. Und ich habe immer gesagt, dass wir #Balkanroute schließen müssen.“ λ Stefan K. (Satirekollektiv Hydra) - 31 -
25 Jahre: Die Löwenherzen Lambda: Jürgen, seit wann bist du ein Löwenherz? Jürgen Ostler: Aufgesperrt haben wir 1993. Wir haben uns zunächst um den Aufbau des Ganzen gekümmert, zusammen mit Andreas Brunner und Leo Kellermann. Lambda: Wer hatte die Idee: Ein Buchgeschäft?
Jürgen Ostler: Eigentlich hatte er die Idee und dann auch danach gesucht, wie realisiere ich das, eben in Verbindung mit dem Gewerbebund und wie kann man das zum Laufen bringen durch das Café “Berg”, das ein Betrieb ist, der schwarze Zahlen schreibt und eine Buchhandlung, die tendenziell gefährlicherweise defizitär ist. Und im Ausgleich sollte das Gesamtprojekt eben positiv bleiben
„Gestartet sind wir damals mit ca. 3.000 Titeln”
cheiden, ob es eine Mutprobe oder ein echtes Coming-out ist. Lambda: Es ist ja offen und es ist licht, keine schummrige Kneipe oder irgendwas… Jürgen Ostler: …das besonders große Ängste auslösen kann, aber es führt dann schon dazu, dass die Leute ein Problem haben, sich zu äußern und was zu sagen. Vor allem am Anfang: Wenn man hier in diesen vier Wänden jemand angesprochen hat, der hier sein Coming-out hatte, denen sind ja oft, wenn man sie angesprochen hat, vor Schreck die Bücher aus der Hand geflogen. Die Geschichte ist, dass sich natürlich auch einiges erleichtert und gelockert hat. Es gibt z. B. Kommunikation mit der Schule, die hier in der Nähe ist. Wir kooperieren mit „Ausgesprochen“, das ist der Verein von Lehrern, die nach allen Richtungen offen sein wollen gegenüber Schülern im Coming-out, Hilfe an der Schule, Kommunikation mit Schulleitungen, evtl. mit dem Unterrichtsministerium. Da geht es um ganz viel und da ist das Löwenherz sicher auch ein wichtiger Ort, weil der Zugang da relativ niederschwellig ist. In eine Buchhandlung geht man leichter als in ein offen schwules Lokal. Wir haben auch immer wieder Schüler hier drin, die ihre Facharbeiten mit unserer Hilfe machen, die dann auch offen schwule, lesbische, queere Themen in der Schule zum Thema einer Facharbeit werden lassen. Früher in der Anfangsphase war sowas eher ein Thema für eine Universitätsarbeit. Mittlerweile ist das aber schon an der Oberschule angekommen.
„Die Geschichte ist, dass sich natürlich auch einiges erleichtert hat”
Lambda: Wie war der Start?
gen, die eben jeder für irgendwelche Events braucht.
Jürgen Ostler: Gestartet sind wir damals mit ca. 3.000 Titeln und heute sind wir bei ca. 13.000 Lagertiteln. Da ist viel dazu gekommen. Wir haben auch wirklich versucht, alles zu haben, was nur irgendwie geht. Wir haben importiert aus England, aus Amerika, aus Frankreich, ein bisschen auch aus Italien – das hat sich allerdings nie so ganz ausbauen lassen.
Lambda: Wissenschaft, Genderforschung, Gendertheorie, Queerness, Trans*- und Inter*-Themen: Hat sich das erst in den letzten Jahren verstärkt?
Lambda: Im deutschsprachigen Raum gibt es ja einige schwul-lesbische Buchhandlungen. Besteht da unter euch eine Vernetzung?
„Wir sind auch eine Anlaufstelle”
Lambda: Ihr führt also längst nicht mehr nur lesbisch oder schwul orientierte Literatur. Wie hat sich das im Laufe der Zeit geändert?
Jürgen Ostler: Spezialthemen der Genderthematik wie Transvestismus, Transgender allgemein, bis hin zu IntersexThemen, das ist dazugekommen. Die Literatur war prinzipiell immer da, aber wirklich tröpfchenweise am Anfang. Da gab es ganz, ganz wenig und momentan zählt dieses Thema wirklich zu den ganz großen Boom-Themen. Es ist natürlich schwer einzuschätzen, wie dauerhaft das präsent sein wird und auch eine solche Nachfrage und ein solches Interesse auslöst. Es gab früher auch andere Themen: Bisexualität war z. B. eine zeitlang ein sehr angesagtes Thema. Das ist ziemlich verschwunden.
Jürgen Ostler: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es hat im deutschsprachigen Raum, insbesondere in der Bundesrepublik, sehr lange eine Vernetzung zwischen den Läden gegeben, die so genannte „AG der Schwulen Buchläden”. Wie wir im Jahr 1993 aufgesperrt haben, hat es neun schwule Buchläden im deutschsprachigen Raum gegeben, von denen jetzt noch drei übrig sind in Stuttgart, Berlin und Wien. Zwischen den verbliebenen Läden gibt es einen regen Kontakt. Unser Geheimnis, dass wir noch da sind, ist, dass wir zusammenarbeiten.
Jürgen Ostler: Natürlich sind neue Medien hinzugekommen. Das Sortiment war am Anfang eher das einer schwulen Vollbuchhandlung. Heute sind wir zur Hälfte schwul, zur Hälfte lesbisch. Es gibt leider ein paar Dinge, die es auf schwuler Seite ganz groß gibt, aber auf lesbischer Seite gibt es das nicht in diesem Umfang wie auf der schwulen Seite. Das sind z. B. Bildbände und Kalender. Wobei man da natürlich sagen muss, dass „lesbisch“ für uns heißt: „Von Lesben für Lesben mit Lesben.” Es gibt natürlich „Lesbisches“, das für Heteromänner gezimmert ist und das wollen wir ja explizit nicht bedienen. Wir haben dann im Bereich der Lesben-Literatur sehr stark erweitert. Was es früher nicht gab, ist z. B. der Bereich „Kinderbuch“. Der ist von uns sehr ausführlich bearbeitet worden, bis hin zu einer selbst gebastelten, eigenen Kinderbuchabteilung. Und wir haben auch den ganzen NonBook-Bereich sehr ausgebaut, z. B. Pickerln fürs Auto, die Ampelpärchen, bis hin zu ganz klassischen Regenbogenflag-
Lambda: Sind die Menschen tatsächlich zu euch in die Buchhandlung gekommen und haben Rat gesucht? Jürgen Ostler: Wir sind auch, obwohl keiner von uns beiden in dieser Richtung ausgebildet ist, eine Anlaufstelle. Das Einladende der Buchhandlung führt natürlich dazu, auch die Nähe zu einem wichtigen Gymnasium im 9. Bezirk, der Wasagasse, dass es zu Formen von Coming-outs hier drin kommt. Am Anfang war es für uns gar nicht leicht zu unters-
Lambda: Was sollte eine schwul-lesbische Buchhandlung denn aus eurer Perspektive sein? Jürgen Ostler: Eines der Basics, das wir bieten, ist, dass wir den gesamten Buchmarkt für unsere Kunden auf einschlägige Titel durchforsten. Das klingt banal, aber das Kuriose in unserer heutigen Zeit ist, dass Verlage, insbesondere die großen Publikumsverlage, ihren schwul-lesbischen Content verklausulieren. Wenn es um Artikelbeschreibungen geht, muss man auf so Schlüsselbegriffe achten wie „Doppelleben”, „Geheimnisse”, etc. und da wird man dann auch sehr geübt. Es sind ja hunderttausende von Titeln, die jedes Jahr neu erscheinen und die interessant sein können. Es wissen die Ver-
lage oft selbst nicht so genau, was sie da eingekauft haben, gerade wenn es sich um Übersetzungen handelt. Lambda: Na ja, das tut aber jede andere spezialisierte Buchhandlung auch.
„Es gibt Kaffee und manchmal auch einen Kuchen” Jürgen Ostler: Ist auch nicht das Wichtigste. Schon eher, dass wir uns als Teil der Community betrachten. Was bedeutet das? Es kommen mitunter Menschen zu uns, die Touristen sind. Wir sind ja, wie es früher den Spartacus gab, auch so ein Ding, das man irgendwann nicht mehr kennen wird, aber mit einer enormen Funktion. Du gehst in eine Stadt mit einem Reiseführer und weißt, dieses oder jenes ist einschlägig, also schaue ich mir das mal an. Dass es diese Orte gibt, ist also wichtig. Es gibt immer etwas vor Ort, aber dann musst du auch wissen, wo. Das ist alles nicht zentral erhältlich. Und dann kommen Touristen her und fragen, was es so alles gibt. Und wir sagen dazu, wo man hingehen kann und was los ist. Wir sind Anlaufpunkt der Community und haben uns nicht nur auf Touristen, sondern auch auf die hiesigen Leute spezialisiert, die einfach mal für bestimmte Themen irgendwas suchen. Du hast auch einen Ort, wo es ein bisschen gemütlicher ist. Wir sind kein Buchkaufhaus. Natürlich kann man bei uns Bücher und andere Dinge kaufen, aber die Leute sollen in keinem Fall den Eindruck haben, sie müssten hier so schnell wie möglich durch und ich drücke ihnen drei Bücher in die Hand und gehe möglichst schnell wieder hinaus, damit die nächsten kommen können. Es gibt Kaffee und manchmal auch einen Kuchen an einem Samstagnachmittag, wenn uns danach ist oder wir machen mal eine Flasche Cidre auf. Es soll halt ein Ort sein, an dem sich die Leute wohlfühlen. Was eine schwul-lesbische Buchhandlung noch leisten kann ist, dass wir bis heute ein Ausbildungsort sind. Löwenherz hat auch Lehrlinge ausgebildet und es ist uns wichtig, dass wir von diesen Dingen, die wir hier angesammelt haben, auch etwas weitergeben an eine jüngere Generation, denn auch wir werden nicht ewig sein. Lambda: War das 1993 auch so „problemlos”? Die Eröffnung des Geschäfts, dass Kunden sich locker hinein getraut haben? Jürgen Ostler: Ganz und gar nicht. Damals herrschte ja eine vollkommen andere rechtliche Situation, als wir sie heute kennen. Es war zum Beispiel alles, wenn es aus der schwulen Richtung kam, automatisch „harte“, verbotene Pornographie. Wir hatten damals auch eine Polizeirazzia im Laden, das war ziemlich genau zwei Jahre, nachdem wir aufgesperrt hatten. Das war eine völlig absurde Geschichte, weil sie die Bücher aufgrund einer Anzeige durch den Zoll beschlagnahmen wollten. Lambda: Traf das auch andere schwule Organisationen? Jürgen Ostler: Ja, die HOSI Wien. Es gab ja nicht nur dieses Pornographiegesetz, sondern auch das Vereinigungs- und das Werbeverbot. Unser Glück war, dass das auch unter Juristen größtenteils als obsolet angesehen wurde. λ Das Interview führte Fabian Wingert
Ein Kommentar von Andreas Brunner Als die Buchhandlung Löwenherz vor 25 Jahren ihre Pforten öffnete, war sie eine von vielen schwulen Buchläden im deutschsprachigen Raum. In Berlin, Hamburg, München, Köln, Stuttgart oder Nürnberg gab es welche, aber auch international gehörten sie zum schwulen Leben der Metropolen. So gab es in New York in den 1990er-Jahren noch mehrere Läden. Heute gehört Löwenherz international zu den wenigen noch existierenden queeren Buchhandlungen. In den USA hat seither ein Kahlschlag stattgefunden. In New York sucht man seit Jahren vergeblich nach einem schwulen Buchladen, aber auch alteingesessene Institutionen wie „The Different Light“ in San Francisco oder „Giovanni’s Room“ in Philadelphia, die älteste schwule Buchhandlung der USA, haben inzwischen geschlossen. In Deutschland gibt es nur noch in Berlin „Prinz Eisenherz“, der „Erlkönig“ in Stuttgart kämpft seit Jahren ums ökonomische Überleben. Oft wird dem Online-Handel, Versandriesen wie Amazon, die Schuld am Niedergang des stationären Buchhandels gegeben, im Falle der schwulen Buchhandlungen ist er aber nur eine Seite der Medaille. Ein Faktor ist auch die veränderte Bedeutung der Buchläden in den Communities der Städte. Wenn ich in den 1980erund 1990er-Jahren in eine fremde Stadt reiste, war der schwule Buchladen meist die erste Anlaufstelle, die ich aufsuchte. Egal ob in Berlin, Paris, Amsterdam oder New York – dort fand ich die wichtigsten aktuellen Informationen über das schwule Leben – Stadtmagazine, Flyer für Partys, Informationen über Ausstellungen und Events. Die schwulen Buchläden waren Informationsdrehscheiben. Das trifft übrigens auch auf die einst weit verbreiteten Frauenbuchhandlungen zu, die oft auch lesbische Literatur führten. Darüber hinaus informierten die schwulen Buchläden auch über wichtige Themen wie Coming-out, HIV/Aids und schwulen Sex. Und sie waren Orte des Kampfs um
schwule Emanzipation, die heute von Vielen abgehakt wird, da bis zur „Ehe für alle“ alles erreicht scheint. Ihre Funktion als oft erste und niederschwellige Anlaufstelle haben die Buchläden heute weitgehend verloren. Informationen zu Coming-out, aber auch zu vielen anderen Themen, die man früher oft nur in schwulen Buchhandlungen fand, sind heute im Internet leicht verfügbar. Auch schwule Literatur, vom anspruchsvollen literarischen Roman bis zum schwulen Krimi sind heute leicht zu googeln und ein paar Mausklicks weiter habe ich sie auch schon bestellt. Bestelle ich im Onlinehandel einen schwulen Roman, schlägt mir der Algorithmus gleich weitere ähnliche Titel vor, die mir gefallen könnten. Eine Maschine übernimmt die Beratung. Will ich allerdings persönliche Beratung, Hinweise auf Bücher, die vielleicht etwas abseits meiner aktuellen Suchanfrage liegen, muss ich mich in den Buchladen begeben. Die Buchhändler bei Löwenherz haben aufgrund jahrelanger Erfahrung, aber auch weil sie sich intensiv mit aktuellen Neuerscheinungen in allen Genres, von Belletristik bis Wissenschaft, beschäftigen, einen Überblick, den keine Suchmaschine bieten kann. Sie kennen tausende von Büchern und finden oft schneller und zuverlässiger den passenden Titel als jeder Algorithmus von Google und Co. Man kann dieses Atout der wenigen verbliebenen schwulen Buchhandlungen wie Löwenherz nicht hoch genug schätzen. Und ich kann alle nur aufrufen, diese Karte immer wieder und regelmäßig zu ziehen. Denn sollte es die Buchhandlung Löwenherz eines Tages nicht mehr geben, werden wir erst merken, welchen Verlust wir erlitten haben. Aber auch die Sache mit der Emanzipation ist – fürchte ich – noch lange nicht gegessen. λ
Andreas Brunner war neben Jürgen Ostler Gründungsbuchhändler von Löwenherz.
die Buchhandlung für Schwule und Lesben La mbda
Gerne erinnere ich mich an die diesjährige Berlinale zurück, weil in den Filmen des internationalen Festivals auch heuer die Aufarbeitung sozialer Ungleichheiten eine große Rolle spielte. Game Girls (F, D 2018) von Alina Skrzeszewska ist so ein Beitrag. Der Dokumentarfilm ist in einem so genannten Problemgebiet angesiedelt, nämlich in Skid Row in Los Angeles. Das Viertel wird im Volksmund auch als „homeless capital” bezeichnet. Die Regisseurin Alina Skrzeszewska hat sich von dem schlechten Ruf des Stadtteils und seiner angeblichen Feindseligkeit gegenüber Eindringlingen nicht beeindrucken lassen. Vor zehn Jahren lebte sie selbst für eine längere Zeit in Skid Row, in einer hotelähnlichen Einrichtung. Trotz Skepsis aus dem Freundeskreis fand sie sich in dem Umfeld gut zurecht, erfuhr Solidarität und konnte Frauen für ihre Doku gewinnen. Einige gelangten über die Beteiligung an der Filmarbeit zu mehr Selbstbewusstsein und einem neuen Betätigungsfeld außerhalb von Skid Row. Aber nicht alles ist glückliche heile Welt in dem Panorama Dokumente-Beitrag. Davon können die Protagonistinnen Teri and Tiahna ein Lied singen, die es schon als Kinder nicht einfach hatten, in schwierigen Familien aufwuchsen und als Erwachsene gewalttätige Verhaltensmuster in ihre Liebesbeziehung hineintragen. Obwohl die Regenbogenhochzeit in Las Vegas Grund zur Hoffnung gibt, ebenso der unerschütterliche Wille des Frauenpaares, alle Hürden zu überwinden, die schwarzen Menschen wie ihnen immer wieder in den Weg gelegt werden. Die beiden Frauen wurschteln sich verhältnismäßig gut durch. Trotz Vorstrafenregister und Gefängnisaufenthalten schaffen sie es, einen begehrten Wohnraum zu ergattern. Das ist mehr, als viele Menschen, die in Berlin leben, von sich in diesen Tagen behaupten können. Das erzählt ein Mann aus dem Publikum im Gespräch nach dem Film und fragt die Regisseurin um Rat, ob sie wisse, was man tun
könne, wenn man wie er Ende 50 sei, seine Arbeit verloren habe, einem die Wohnung gekündigt wurde, es keinen Ersatz gebe, weil niemand jemandem etwas vermieten wolle, der wegen kapitalistischer Abenteuer der Vermieterin zwar schuldlos auf der Straße stehe, aber doch eine Räumungsklage am Hals habe. Die Situation der meist obdachlosen oder von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen in L.A. im Film habe ihn an seine eigene Situation erinnert, obwohl ihm bewusst sei, dass viele in Skid Row schlechter dran seien als er. Aber auch in Berlin werde man zunehmend von Verdrängung und GeschäftemacherInnen bedroht. Das Beispiel dieses Mannes hat Eindruck auf die Regisseurin gemacht, und sie erzählt davon in einem anderen Publikumsgespräch. Sie nutzt es wohl auch, um den KritikerInnen ihrer angeblich so „weißen“ Filmperspektive den Wind aus den Segeln zu nehmen, nachdem einige sich besorgt geäußert hatten, dass man in Berlin soziale Missstände wie Obdachlosigkeit, Armut und Diskriminierung wohl nicht nachvollziehen könne. Doch Verdrängung und marktwirtschaftliche Verwertbarkeit, denen sich der Mensch ohne Rücksicht auf Verluste unterordnen soll, nehmen allerorten zu, was in vielen Filmen der Berlinale auch so analysiert wird. Ein weiterer queerer Beitrag – und auch eine Doku, dieses Mal aus der Sektion Forum – ist Yours in Sisterhood (USA 2018) von Irene Lusztig. Wie in Game Girls werden die Gründe für Diskriminierung in verschiedenen Marginalisierungsaspekten gesehen. Bei Game Girls stehen schwarze Frauen in prekären sozialen Verhältnissen im Vordergrund, aber auch andere Aspekte, wie kapitalistische Verdrängung, Armut und Umweltverschmutzung sind Teil des abgebildeten Spektrums. Bei Yours in Sisterhood ist die Bandbreite noch weiter gefasst, obwohl auch hier Frauen im Mittelpunkt des Filmes stehen, und zwar diejenigen, die in den 1970ern Leserbriefe an das
feministische Magazin „Ms.“ schickten. Diese Briefe landeten zu Tausenden in Archiven. Irene Lusztig hat die zumeist unveröffentlichten Stellungnahmen zu den unterschiedlichsten Themen und aus den entlegensten Regionen der USA ausgegraben, die Orte, aus denen sie abgeschickt wurden, aufgesucht und dort jeweils eine Frau gebeten, einen Brief vorzulesen. In seltenen Fällen hat sie die Autorin selbst ausfindig gemacht und diese ihren über vierzig Jahre alten Brief vortragen lassen. Lusztig fordert die Leserinnnen außerdem auf, zu dem Referierten aus heutiger und persönlicher Sicht Stellung zu beziehen. Dabei kommt es zu einem Konglomerat unterschiedlicher Perspektiven und sozialer Strukturen sowie zu einem Kaleidoskop von Historien und Kulturen der USA. Die Frauen und Mädchen beziehen das Gelesene immer auch auf ihre eigene Situation als Angehörige einer bestimmten Minderheit, sowohl ethnischer, als auch sozialer, politischer und/oder queerer Herkunft. Lustzig ist mit den Interviews ein Überblick über die landschaftliche und kulturelle Vielfalt der USA gelungen, in dem auch die Thematisierung rassistischer und rechtskonservativer Strömungen besonders in Hinblick auf die Wahl und Amtsperiode Trumps nicht ausgespart wird. Und gerade in der Hinsicht sind sich die Portraitierten einig, dass bürgerrechtliche und feministische Errungenschaften nicht selbstverständlich sind, sondern immer wieder verteidigt und eingefordert werden müssen. Die Themen Selbstermächtigung und Gegenwehr spiegelten sich zudem auch in den Teddy-Preisverleihungen, die den queeren Teil der Berlinale ausmachen, wider. Hier machten die LateinamerikanerInnen in diesem Jahr das Rennen. Als bester Spielfilm wurde Tinta bruta (BR 2018, erhielt außerdem den Cicae Art Cinema Award) von Filipe Matzembacher und Marcio Reolon auserwählt: das Portrait eines jungen Mannes, der sich im Internet als körperbemalter „NeonBoy“ verdingt und sich irgendwann auf ein leibhaftiges Date
in der echten Welt einlässt. Als bester Dokumentarfilm überzeugte Bixa Travesty (BR 2018) von Claudia Priscilla und Kiko Goifman um die Performerin Linn da Quebrada aus Sao Paulo, die auch bei der Teddy-Gala anwesend war und zusammen mit der Sängerin Jup do Bairro für rappende Unterhaltung sorgte. Retablo (PE, D, N 2017) von Álvaro Delgado Aparicio L. erhielt den L’Oréal TEDDY Newcomer Award (und eine lobende Erwähnung der Jugendjury im Wettbewerb Generation 14plus): Ein Vierzehnjähriger sucht seinen Platz in der patriarchalischen Ordnung seines peruanischen Dorfes und eckt dabei mit den Erwartungen des Vaters an. Der TEDDY Readers’ AWARD, der vom „Mannschaft Magazin“ gespendet wurde, ging an Las Herederas (PY, ROU, D, BR, N, F 2018) von Marcelo Martinessi. Der Film erhielt außerdem den Silbernen Bären AlfredBauer-Preis und einen Preis der Fipresci Jury. Schauspielerin Ana Brun wurde mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet. Gezeigt wird das Leben eines Frauenpaares in festgefügten Rollen, die durch finanzielle Schwierigkeiten ins Wanken geraten, als eine der Frauen eine Gefängnisstrafe absitzen muss und die andere plötzlich allein auf sich gestellt ist. Obscuro Barroco (F, GR 2018) von Evangelia Kranioti wurde mit dem Teddy Jury Award ausgezeichnet und spielt in der Metropole Rio de Janeiro, in der die Erzählerin und Ikone der queeren Subkultur Brasiliens, Luana Muniz, die vergangenes Jahr im Alter von 59 Jahren starb, Einblicke in und auf ihre Stadt gewährt, in der sich im nächtlichen Karneval feenartige Genderangehörige im ekstatischen Tanz vereinen und das Glitzerlicht des Feuerwerks die homo- und transphobe Unerbittlichkeit des Alltags vergessen lässt.
Berater des offiziellen Programms der Berlinale, dankte besonders den internationalen RegisseurInnen, die oftmals ihr Leben aufs Spiel setzten, um ihre Filme zu machen. Aber auch bei uns in den westlichen Ländern sehe es besonders im LGBT-Bereich nicht so rosig aus, wie man eigentlich erwarten könne, sagte Speck. Trotz Einführung der Ehe für Schwule und Lesben würden Rechtsradikale weiterhin auch gegen queere Menschen und Lebensweisen vorgehen. Alle RednerInnen – unter ihnen der Berliner Justizsenator Dr. Dirk Behrendt und der Staatsminister des Auswärtigen Amtes Michael Roth – betonten, dass die Verleihung des Teddys unerlässlich sei, um auf Diskriminierung, Ungleichheit und Unfreiheit von queeren Personen und Lebensweisen aufmerksam zu machen. Zwischen den Preisverleihungen gab es Musik- und Showeinlagen unter anderem mit Irmgard Knef, der fiktiven Zwillingsschwester Hildegard Knefs, und Markus Pabst, dem Godfather of Variety, der gern im Kirchengewand auftritt und nicht
nur am Teddy-Abend mit dem verwandlungsfähigen Künstler Jack Woodhead, der die Verleihungszeremonie moderierte, zusammenarbeitet. Pabst fordert: „Wir müssen das Maul wieder aufmachen; wir müssen schreien!“ λ Anette Stührmann
Weitere Infos zu Filmen und Preisverleihungen, zum Beispiel zu dem österreichischen Beitrag L’Animale (2018) von Katharina Mückstein, der den dritten Platz beim Panorama-Spielfilm-Publikumspreis machte, gibt es unter www.berlinale.de.
Während der Teddy-Gala wurde Wieland Speck, der Daddy of the Teddy, der übrigens nach 25 Jahren Kuratorentätigkeit die Verantwortung für die PanoramaSektion an Paz Lázaro, Michael Stütz und Andreas Struck übergeben hat, besonders geehrt. Speck, nun
Berlinale-Interview mit Jordan Schiele zu The Silk And The Flame
Jordan Schiele: Das ist ein kultureller Unterschied zwischen China und dem Westen. Dabei interessiert es den Vater eigentlich gar nicht, was der Sohn mit seinem persönlichen Leben macht, da dieser ja nicht mal in dem Dorf lebt, sondern weit weg in Peking. Aber er erwartet, dass der Sohn seine Pflicht erfüllt. Das ist etwas, was Ausländer wie mich an der Situation fasziniert. Denn wenn einer, der aus USA, Deutschland oder Österreich ist, sich nicht outet, ist das aus einem anderen Grund. Eigentlich leben viele ChinesInnen ein Versteckspiel, weil sie sich mehr für ihre Familien interessieren als für sich selbst. Sie stellen die Stärke der Familie und deren Ruf über ihre eigenen Bedürfnisse. Lambda: Und stimmen Sie dieser Sichtweise zu?
Jordan Schiele, 33 Jahre alt, hat seine Heimatstadt New York verlassen, als er 17 war. In Brooklyn hatten die meisten seiner MitschülerInnen mindestens eine zweite Herkunftskultur, mit fremden Traditionen, exotischem Essen und einer weiteren Muttersprache. Schiele war immer der weiße amerikanische Typ, zwar mit jüdischem Background, aber nicht religiös lebend. Um den Mangel an „anderer Identität“ zu kompensieren, lernte er von früh auf Sprachen – Russisch, Spanisch, Latein, Französisch, Hebräisch, ein bisschen Deutsch, und ein bisschen Jiddisch, von seiner Großmutter und Mutter her. Irgendwann entschied er sich, bei Chinesisch zu bleiben und in die Kultur einzutauchen. Er lebte eine Weile in Paris, reiste durch Mexiko, Großbritannien, Singapur, Taiwan und Japan, war den größten Teil seines Erwachsenenlebens unterwegs, und vor etlichen Jahren ließ er sich in Peking nieder. Zwar kehrt er ein- oder zweimal jährlich für einige Wochen in die USA zurück, aber in China ist sein Lebensmittelpunkt. Sein Film The Silk And The Flame (USA 2018), der bei der Berlinale in der Sektion Panorama Dokumente lief, reflektiert Jordan Schieles Willen zum Eintauchen in die für ihn nicht mehr fremde, aber doch faszinierende Kultur. Er begleitet seinen guten Freund Yao zum Neujahrsfest in dessen Heimatdorf. Yaos Eltern und Geschwister lassen nicht locker und wollen, dass der 40-Jährige endlich eine nette Frau findet, mit der er Kinder haben kann. Doch Yao ist schwul und nicht an Frauen interessiert, trotzdem hat er seinem Vater versprochen, seinen „Verpflichtungen“ nachzukommen.
Lambda: Waren Sie eigentlich auch mal in Österreich?
Lambda: Sind Sie religiös?
Jordan Schiele: Nein, leider nicht, aber meine Mutter und Schwester waren dort. Die beiden waren total begeistert. Sie haben sich in Wien Portraits von Egon Schiele angeschaut. Auf einem soll er genauso aussehen wie ich.
Jordan Schiele: Nein. Ein großer Bevölkerungsanteil in New York ist jüdisch. Uns verbindet die Kultur, der besondere Humor, und wir kennen uns aus in der Religion. Aber es gibt keine gläubige Hingabe. Jedenfalls kenne ich das so nicht. Seit ich in Asien lebe, lerne ich zudem viel Kultur kennen, die mit Religion und Glauben zusammenhängt.
Lambda: hre Familie ist also tatsächlich mit Egon Schiele verwandt? Jordan Schiele: Das behauptet mein Vater. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Jedenfalls hatte Schiele eine Schwester, die Melanie hieß. Und so heißt auch meine Schwester, die übrigens wie ich Filmemacherin ist. Schiele ist ja ein nicht so häufig vorkommender Name in Österreich. Der Vater meines Vaters war aus Österreich, seine Mutter aus Belgien; das wissen wir genau. Mein Vater zeichnet außerdem. Er hat das nicht karrieremäßig verfolgt, aber er ist wirklich talentiert. Wir stellen uns in unserer Familie gerne vor, dass wir mit Egon Schiele verwandt sind. Und angeblich sehe ich österreichisch aus. Lambda: Ist das für Sie okay, dass man Sie für österreichisch aussehend hält? Jordan Schiele: Ich nehme es als Kompliment. Ich bin in der Hinsicht wie wohl die meisten Menschen in den USA. Wir sind erpicht darauf, eine Identität zu haben, die von der eigenen Herkunft oder der der Vorfahren abhängt. Mich hat man deshalb irgendwann Hebräisch lernen und die Bar Mitzwa feiern lassen.
Lambda: Und wann haben Ihre Verwandten Österreich verlassen? Jordan Schiele: Das war zwischen den beiden Weltkriegen. Wenn man bedenkt, dass von hier aus, wo wir uns jetzt befinden, ein Vernichtungskrieg geführt wurde, ist es unglaublich, dass die Premiere meines Filmes in Berlin stattfindet. Und es ist schon mein zweiter Film, den ich als jüdischer Regisseur bei der Berlinale vorstelle. Lambda: Worum geht es in Ihrem Film? Jordan Schiele: Es geht eigentlich nicht um einen schwulen Mann, der mit seiner sexuellen Orientierung im Schrank bleibt, sondern darum, welche Erwartungen die Familie an ihn hat. Er könnte genauso gut ein Heterosexueller sein, dessen Eltern darüber traurig sind, dass er keine Frau und keine Kinder hat. Ich will in meinem Film Yaos Stärke zeigen, denn er übernimmt Verantwortung und bringt Opfer für seine Familie. Er versteckt sich auch nicht, denn er erzählt nur seinen Eltern nicht, wie er lebt. Alle seine Freunde wissen Bescheid. Und da er nicht mehr bei seinen Eltern lebt, ist das kein Problem. Für mich ist er ein mutiger Mann.
Jordan Schiele: Es ist doch so, dass wir alle Nutzen und Risiken unserer Entscheidungen abwägen. Für Yao überwiegen die Vorteile, wenn er seinen Eltern nicht alles von sich erzählt. Er fühlt sich gut, wenn er die Familie unterstützt und will sein Ansehen nicht verlieren. Denn vieles in seinem Leben baut darauf auf. Andererseits hat sein Vater, der während des chinesischen Bürgerkrieges geboren wurde, die Erfahrung gemacht, wie es ist, gemobbt zu werden. Er möchte, dass seine Kinder stark sind. In einem Dorf mit nur 300 EinwohnerInnen bedeutet Stärke, dass man Kinder hat. Lambda: Yao will es seinem Vater um jeden Preis recht machen. Jordan Schiele: Eine Person aus China, die den Film guckt, wird wahrscheinlich gar nicht wahrnehmen, dass Yao sich versteckt, sondern nur sehen, dass er um jeden Preis versucht, seine Pflicht zu erfüllen. Lambda: Aber die Brautwahl, mit der er seinem Vater gefallen will, ist merkwürdig, oder? Jordan Schiele: Ja, die erste ist nicht hübsch genug, die zweite ist in der Hinsicht okay. Das Urteil der Eltern ist sehr einfach. Deshalb ist der Film auch schwarz-weiß gehalten. Für die Eltern gibt es keine Zwischentöne. Sie öffnen sich nicht der Möglichkeit, dass die junge Frau auch intellektuelle Qualitäten haben könnte. Aber die Idee hinter der Brautauswahl ist, dass sich mit dem Familienzuwachs durch eine hübsche Schwiegertochter und der Geburt wohlgeratener Kinder auch Einfluss und Macht im Dorf vergrößern. Und damit ist die Gefahr, dass einzelne Familienmitglieder benachteiligt werden, weniger groß. Lambda: Andererseits wirkt die Geschichte mit der jungen Frau, die dem Vater über Skype vorgestellt wird, wie eine Show. Jordan Schiele: Während des Videochats sagt der Vater nur einmal etwas und lächelt. Er glaubt die ganze Geschichte wohl nicht recht, aber er ist überzeugt davon, dass sein Sohn sein Bestes gibt, um seine Pflicht zu erfüllen. Lambda: Der Vater denkt nur an sich. Jordan Schiele: Seiner Meinung nach ist das Glück der Familie wichtiger als die persönliche Entfaltung seines Sohnes. Durch den Familienzuwachs beim Bruder wird es bald sechs Enkelkinder geben, drei Kinder pro Geschwister-
Familienglück auf Chinesisch
Lambda: Weil er meint, seine Pflicht erfüllen zu müssen?
teil. Und auch die Eltern haben drei Kinder. Yao soll es ebenfalls zu drei Kindern bringen, ansonsten wäre die Familie nicht vollständig. Lambda: Was ist mit der Mutter, die nicht richtig sprechen kann? Jordan Schiele: Für mich ist sie inspirierend. Sie kann sich noch erinnern, wie es war, als sie noch sprechen konnte, deshalb schreit sie so viel. Und immer noch hofft sie, eines Tages wieder sprechen zu können, obwohl es mehr als fünfzig Jahre her ist, dass sie sich in ganzen Sätzen artikulieren konnte. Trotz ihres Leids kümmert sie sich um ihren kranken und behinderten Ehemann. In der Rolle ist sie sehr stark. Und sie ist sehr direkt in ihrer Art, trotz ihrer Sprachbehinderung, während ihr Mann und ihr Sohn sich nie wirklich aussprechen. Lambda: Wie sieht sie die Homosexualität ihres Sohnes? Jordan Schiele: Ich glaube nicht, dass sie das Konzept Homosexualität überhaupt versteht und es mit ihrem Sohn in Verbindung bringt. Sie war nur einmal in ihrem Leben außerhalb des Dorfes. Nämlich vor vielen Jahren, als sie zusammen mit ihrem Mann den Sohn in Peking besuchte. Sie kann nicht hören, deshalb verfolgt sie die Nachrichten nicht. Und niemand im Dorf lebt offen homosexuell. Sie weiß wahrscheinlich nicht, was Homosexualität ist. Lambda: Wie lange kennen Sie Yao? Jordan Schiele: Vier Jahre lang. Von Anfang an war dieser Film mit ihm und seiner Familie bei mir im Hinterkopf, weil er immer so toll davon erzählt hatte. Wir wurden gute Freunde, und er zeigte mir das kulturelle Leben in Peking: Tanzperformances, Theater und Musik. Er bereicherte mein Leben, wie es andere Freunde nicht taten. Er zeigte mir die moderne chinesische Kultur. Und irgendwann fragte er mich, ob ich mit ihm sein Heimatdorf besuchen wolle. Das wollte ich unbedingt. Und bei einem der Aufenthalte habe ich dann angefangen zu filmen, was Yao gut gefiel, weil er sein Leben dokumentieren will. Durch die jahrelange Filmarbeit habe ich Yao, seine Familie, das Dorf, die Kultur und Politik besser kennengelernt. Wichtig ist mir, das chinesische Neujahrsfest als Hintergrund für meinen Film zu nutzen. Während der Feiertage, in denen man die gesamte Familie wiedertrifft, werden Probleme erörtert, über die man sich das ganze Jahr Gedanken gemacht hat. Lambda: Wie haben Sie das Neujahrsfest empfunden? Jordan Schiele: Für mich war es eine Gelegenheit, die chinesische Kultur in einem tieferen Sinne zu begreifen. Ich fühle mich privilegiert, so einen Ort besuchen zu können und als Teil der Familie und Feierlichkeiten aufgenommen zu werden. λ Das Interview führte Anette Stührmann
Buchrezensionen Verletzliche Begierde Das nachfolgend beschriebene Buch begleitet uns in das Leben eines amerikanischen Lehrers, der seit kurzem an einer Schule in Bulgarien arbeitet. Sein Name bleibt uns aufgrund der Ich-Erzählform verborgen. Auf einer öffentlichen Toilette lernt er Mitko kennen. Sie kommen sich näher und diesem ersten intensiven Kontakt folgen mehrere, wobei das Verhältnis durch monetäre Gegenleistungen bestimmt ist. Der Lehrer lässt ihn dabei immer weiter in sein Privatleben eindringen. Da Mitko mittellos ist, ist ein Ausnutzen des neuen Freundes, als den Mitko ihn betrachtet, wohl vorprogrammiert. Es entwickelt sich ein Wechsel von Verlangen und Momenten der Gewalt, des Wegstoßens und der Anziehung. Im Verlauf des Buchs wird immer mehr von der Geschichte des Lehrers offenbart. Er wächst in den Südstaaten der USA auf, stark bestimmt vom Verhältnis zu seinem konservativen Vater. Wir werden Teil der Zeit, in der er sich seiner sexuellen Orientierung bewusst wird, seiner ersten vorsichtigen Schritte, des sich Hingezogenfühlens zu einem Jugendfreund. Es wird das langsame Herantasten beschrieben, ohne zu wissen, ob der andere dasselbe fühlt, immer mit der Gefahr, sich bloßzustellen. Schon damals war es das Erleben von Verletzlichkeit, die sich mit Begierde mischte und nun ein lebenslanges Zusammenspiel ergibt, was sich letztendlich auch in der Beziehung zu Mitko widerspiegelt. Das Buch wirft die Fragen auf, warum und wie weit wir uns auf andere Menschen einlassen und wie wir erkennen, wann es besser ist sie wieder loszulassen. Manchmal widerfährt uns etwas, dessen wir uns erst bewusst werden, wenn es zu spät ist. λ Garth Greenwell: Was zu dir gehört. Übersetzt von Daniel Schreiber. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag. München: 2018. Martin Weber Reines Herz Georg Weise, ein Berliner Künstler, stellte seine Werke bereits mehr als 80-mal weltweit aus. Der hier beschriebene Katalog lässt einen tiefen Blick auf seine Kindheit zu. Er zeigt eine Reihe von Bildern, die sich teilweise mit von ihm geschaffenen Skulpturen ergänzen. Oft ist nur ein kleiner Junge darauf zu finden, in dessen Hintergrund bereits die Vergänglichkeit zu lauern scheint. Der Junge nimmt häufig nur einen kleinen Teil der Fläche ein und wirkt fast wie verloren. Zum Teil vervollständigen Wörter, die erst entdeckt werden müssen, die Aussage seiner Bilder. Freude wird nur in geringen Dosen präsentiert und offenbart sich meist nicht sofort. Auf vielen Werken wendet sich die dargestellte Person vom Betrachter*innen ab, was den Eindruck von Traurigkeit vermittelt. Aber ab und an tritt sie schüchtern mit uns in Kontakt und es ist ein Lächeln zu erkennen, welches die glücklichen Momente der Kindheit durchschimmern lässt. Die meiste Zeit sind wir Beobachter*innen und nur manchmal werden wir beobachtet. Die Hintergründe scheinen willkürlich ausgewählt, aber bei längerer Betrachtung unterstreichen sie die Bedeutung und geben dem Bild Namen. Es mag die eingefangene Einsamkeit einer Kindheit sein, festgehalten bei Ereignissen, die nachdenklich machen, die Situationen zeigen, bei denen die Person mit sich alleine ist und wohl nicht gestört werden will. Es ist eine sensible Periode in die wir eindringen dürfen. Meist ist es so, dass vordergründige Fröhlichkeit die Traurigkeit verdeckt und hier ist es auf den ersten Blick Traurigkeit, die den Blick auf die Fröhlichkeit nicht zulässt. Sie ist dennoch zu finden, nämlich in der Offenlegung eines reinen Herzens. λ Georg Weise: Reines Herz. Männerschwarm Verlag. Berlin: 2017.
Die Flotte Biene Das poetische Album vom jungen Wolfgang Schüssel? Johanna Dohnals Liebesgedichte? Egal, wie literarisch wertvoll diese Lyrik wäre, sie stieße in jedem Fall auf großes Interesse. So kann man sich auch „Auf Bienchens Flügeln“ nähern. Dass uns der Name Karl Heinrich Ulrichs kaum mehr geläufig ist, schränkt seine Bedeutung für die Gleichstellungspolitik von Homosexuellen nicht ein. Der „erste Schwule der Weltgeschichte“ (V. Sigusch) trat zeit seines Lebens (1825 – 1895) für die Eheschließung von Männern ein und hielt am deutschen Juristentag 1867 eine Brandrede für den Uranismus, also die gleichgeschlechtliche Liebe. Renommierte Sexualwissenschafter wie Magnus Hirschfeld bauten auf Ulrichs’ Theorien auf, die heute teilweise skurril anmuten, für damals jedoch revolutionär waren. Deshalb kann man in Ulrichs’ mutigem und kompromisslosem Kampf auch den Beginn der Schwulen- und Lesbenbewegung sehen. Und daneben schrieb er Gedichte. Diese sind im Band „Auf Bienchens Flügeln“ zusammengefasst. Tatsächlich lässt er darin eine Biene um die Erde fliegen und rund 280 meist kurze Gedichte einsammeln. Viele sind metrisch und formal streng gebaut, katalogisiert und kommentiert. Zwar klingen manchmal das politische Interesse und sein Einsatz für gleichgeschlechtlich Liebende durch, im Allgemeinen jedoch sind sie recht harmlos. Gerade deshalb jedoch wird die Person greifbar, wir teilen Ulrichs’ Blick auf die Welt und seine Zeit. Wer also unangestrengt ins 19. Jahrhundert eintauchen will und sich von Versmaßen nicht abschrecken lässt, wird Freude an der Erinnerung an einen zu Unrecht Vergessenen haben. λ Karl Heinrich Ulrichs: Auf Bienchens Flügeln. Ein Flug um den Erdball in Epigrammen und poetischen Bildern. Hg: Wolfram Setz. Bibliothek rosa Winkel, Band 73. Männerschwarm Verlag. Hamburg: 2017. Markus Bader Vivisektion Der Topos vom geheimnisvollen Fremden, der in festgefügte soziale Strukturen eindringt, diese durcheinanderbringt und dann wieder verschwindet, ist in der Literatur, aber auch im Film sehr beliebt. Kein Wunder, so lassen sich eingefahrene Verhaltensmuster aufzeigen und deren Veränderungen plausibel und spannend erklären. Am erfolgreichsten sind die Geschichten dann, wenn der Eindringling sein Geheimnis behält. In „Brackwasser“ von Paul Russel, 1990 erschienen, geht das Konzept fast vollständig auf: Zwei Männer und eine Frau haben ein sensibles Gleichgewicht gefunden, um ihre Freundschaft zu erhalten. Sie leben in der Nähe von New York, sind Mitte zwanzig, schleppen ihre Komplexe mit sich herum, hängen Träumen nach – und projizieren ihre Sehnsüchte auf Leigh, den „jungen Gott der Fußgängerzone“, der unbekümmert durch ihre Leben zieht. Zugleich erleben wir die frühen 90er mit Schallplatten, echten Telefonen und AIDS als allgegenwärtigem Thema. Hier gelingt Russel ein stimmungsvolles Gesamtbild einer ganzen Generation. Trotzdem steht bei allem ein „Fast“: Der Klappentext kündigt an, dass der Autor die Figuren „seziert wie Insekten unter dem Mikroskop“, womit er die Schwäche des Buches auf den Punkt bringt: So genau will man es manchmal gar nicht lesen. Durch diese Vivisektion nämlich verlieren die Figuren an Authentizität, selbst Leigh bekommt ein bisschen zu viel Geschichte. Man muss ein Herz schließlich nicht sehen, um zu wissen, dass es schlägt. λ
Paul Russel: Brackwasser. Übersetzt von Joachim Bartholomae. Männerschwarm Verlag. Hamburg: 2017.
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26 | JAN | 2019
La mbda - 4 0 - Nr . 174 - 2/2018 PARKHOTEL SCHÖNBRUNN
MI T T ERNACH T SEINL AGE : T HE RE AL ABBA T RIBU T E & CIRCUS PIK ARD DAT UM & UHRZEI T: 26. JÄNNER 2 019, 19 : 3 0 UHR BIS 4 : 3 0 UHR OR T: PARKHOT EL S CHÖNBRUNN DRESS CODE : OB BODENL ANGE BALLROBE ODER SMOKING , HAUP T SACHE ELEG AN T! KEINE KLEIDERORDNUNG NACH GES CHLECH T! YOUR GENDER , YOUR CHOICE! T ICKE T S : H T T P://W W W.HOSIWIEN. AT/REGENBOGENBALL/ S TAR T DES T ICKE T VORVERK AUF S: 1. OK TOBER 2 018 La mbda
Fast wie ein zweites “Brokeback Mountain” Nicht von ungefähr drängt sich bei diesem neuen britischen Schwulenfilm der Vergleich zu »Brokeback Mountain« aus dem Jahr 2005 auf: eine schwule Liebesgeschichte unter Schafhütern in grandiosen einsamen Landschaften. Der 24-jährige Johnny wohnt und arbeitet auf der abgelegenen Schafsfarm seiner Familie in Nordengland. Zwischen ihm, seinem kranken Vater und der stoischen Großmutter fallen nur wenige, grobe Worte. Die meiste Zeit geht man sich aus dem Weg; verbringt die Zeit einsam draußen im Freien bei den Schafen. An sich ist Johnny frustriert. Weil ihm nichts Besseres einfällt, betrinkt er sich häufig im nahe gelegenen Pub und hat ab und zu unverbindlichen Sex mit jungen Männern - nichts Ernstes. Auch soll seine Familie möglichst nichts von seiner Homosexualität erfahren. Als im Frühjahr der gleichaltrige Saisonarbeiter Gheorghe aus Rumänien auf die Farm kommt, ist Johnny zunächst misstrauisch und abweisend. Nachdem die beiden jungen Männer während der harten Farmarbeit viel Zeit miteinander verbringen, funkt es jedoch zwischen ihnen. Aus flüchtigen Blicken und Gesten werden Berührungen und schließlich das erste Mal schwuler Sex. Johnny beginnt etwas für Gheorghe zu empfinden und sich bei ihm wohl zu fühlen. Doch was passiert, wenn die Saison zu Ende geht und Gheorghe wieder nach Rumänien zurückkehren muss? Dieser Film avancierte letztes Jahr zu einem ganz großen Kinoerfolg in England. λ God’s Own Country. UK 2017, engl. OF, dt. SF, dt., frz. UT, 104 min. Regie: Francis Lee
Eine lesbische Ironie des Schicksals Mary McArdle ist sechs Monate lang im Knast gewesen. In einem Wutanfall hatte sie ein anderes Mädchen in einem Club tätlich angegriffen. Genau wegen ihres ungestümen Temperaments wird Mary von allen nur »Mad Mary« genannt. Als Mary nach der Haft in ihre Heimatstadt Drogheda, einem Vorort von Dublin, zurückkehrt, erfährt sie, dass sich ihre beste Freundin Charlene verlobt hat und zu heiraten gedenkt. Und sie wünscht sich angeblich Mary als Trauzeugin. Um Marys Freiheit zu feiern, taucht die Braut allerdings nicht auf. Die folgenden peinlichen Kommunikationsversuche und all die nicht beantworteten Anrufe verunsichern Mary. Kann sie sich der Freundschaft überhaupt noch sicher sein? Ist die Einladung eher Ausdruck einer lästigen Verpflichtung? Schließlich kommt es raus: die unsensible Charlene traut Mary nicht zu - so, wie sie nun mal ist -, dass sie je einen Begleiter finden wird, der mit ihr auf die Hochzeit gehen würde. Das spornt Marys Ehrgeiz an. Sie will Charlene das Gegenteil beweisen. Aber alle Versuche enden im Nirgendwo. Jetzt wird Mary die eigene Einsamkeit erst so richtig bewusst. Doch dann trifft Mary die unaufdringlich attraktive Fotografin-Künstlerin Jess, die Charlene engagiert hat, um auf der Feier Fotos zu machen und zu filmen. Die von ihrem Umfeld ständig überforderte Jess wirkt faszinierend auf Mary. Zwischen den beiden entwickelt sich behutsam eine lesbische Affäre, der Charlene mit Blick auf ihre eigene Freundschaft zu Mary abweisend gegenübersteht. Doch für Mary ist es die Chance, ihrer Einsamkeit zu entkommen. λ Ein Date für Mad Mary. Irland 2016, engl. OF, dt. UT, 82 min. Regie: Darren Thornton
Eine Landwirtin geht ihren Weg, 2020 olympische Bogenschützin zu werden Die im Jahr 1971 geborene Nina Riess lebt seit 15 Jahren mit ihrer Partnerin am Weiberhof in Goldes in der Südsteiermark, wo sie auch gemeinsam als Landwirtinnen einen Ferien- und Bildungshof für Frauen mit Hühnern, Schafen, Ziegen, Eseln, Katze und zwei Hunden bewirtschaften. Bogenschießen ist von Beginn an Teil des Seminarangebotes am Weiberhof und wird auch in dem von den beiden Frauen gegründeten Verein UBSC Artemis Steiermark in Großklein trainiert. Im Jahr 2000 ist Nina Riess zum Bogenschießen gekommen: Gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Erika Hütter hat sie mit großem Interesse und Neugierde die Sportart des Bogenschießens kennengelernt. „Seit diesem Moment begleitet uns und besonders mich das Bogenschießen in besonderer Weise“, sagt die inzwischen 47jährige sportliche Bogenschützin Nina Riess. Als aktive Bogenschützin ist sie auch als Trainerin im Bogensport für AnfängerInnen und Fortgeschrittene aller Bogenklassen in ihrem Verein sowie als Landestrainerin der Steiermark für die KaderschützInnen tätig. Seit 2012 organisiert Nina Riess einmal im Jahr die „Kernöltrophy“, ein beliebtes Bogenschießturnier, in der südsteirischen Gemeinde Großklein auf einem großen Freiluftgelände. In diesem Jahr 2018 fand es gemeinsam mit den steirischen Landesmeisterschaften am 30. Juni und ersten Juli statt. Rund 80 BogenschützInnen haben teilgenommen, was einen großartigen Erfolg für das Turnier signalisiert. Für ihren Hochleistungssport als Bogenschützin investiert Nina Riess in der Regel 30 Stunden pro Woche in ihr persönliches Training: Sie trainiert zwei Drittel dieser Zeit direkt am Schießplatz, den Rest der Zeit macht sie Ausdauer- und Kraftsport. Radfahren und im Winter Langlaufen gehören zu ihrem regelmäßigen Ausdauertraining, das Krafttraining findet im Fitnesscenter statt und auch ihr mentales Training ist stets im Alltag eingeplant. „Vor allem Selbstzweifel sind im Bogensport hinderlich, denn nur mutig kann ein guter Schuss gelingen“, sagt Riess. Je besser eine Bogenschützin werde, desto mehr will sie auch schaffen, was aber auch zu mehr persönlichem Druck führe. Beim Bogenschießen sei es daher wichtig, die richtige Mischung zwischen „cooler Gelassenheit“ und dem „aktiven Wollen“ zu erreichen, sagt Riess. Für ihr persönliches Training profitiere sie aber auch vonihrer Arbeit als
Trainerin im Bogenschießsport, denn dadurch beschäftigt sie sich laufend mit den Basiskenntnissen der Sportart, was sich auf ihr eigenes Training positiv auswirkt, sagt die Bogenschützin. Jedoch ist Nina Riess zeitlich auch mit ihrer Vollzeitarbeit als Landwirtin im Dauereinsatz und sagt: „So eine Arbeitswoche mit zusätzlich 30 Trainingsstunden im Durchschnitt ist schon sehr dicht. Die Entscheidung eine Olympia Teilnahme 2020 in Tokio zu versuchen ist mit der Zeit gewachsen.“ Das bedeute allerdings jahrelanges intensives Training, viel Verzicht auf andere Aktivitäten, großes Verständnis und viel Unterstützung von Seiten ihrer Partnerin, sagt sie, die ihr internationales Debut im Jahr 2015 hatte; seit dieser Zeit ist sie Mitglied im Nationalteam. „Zu Beginn der Menschheit diente das Bogenschießen der Nahrungsbeschaffung und später der kriegerischen Auseinandersetzung, jedoch heute dient Bogenschießen den sportlichen, therapeutischen und meditativen Zwecken“, dokumentiert der Österreichische Bogensportverband auf seiner Webseite und versucht sowohl dem Leistungs- als auch dem Breitensport Entsprechendes anzubieten. Bogenschießen ist eine Sportart, die bereits seit dem 16. Jahrhundert ausgeübt wird, aber erst seit dem Jahr 1972 nehmen die BogenschützInnen wieder an der Olympiade teil, jedoch nur mit dem Recurvebogen. Außerdem dürfen seit dem Jahr 1972 erstmals auch Frauen an der olympischen Disziplin des Bogenschießsports teilnehmen, obwohl bereits im Jahr 1894 Alice Lengh als außergewöhnlich erfolgreiche und herausragendste britische Bogenschützin galt. Heute sind die Koreanerinnen in der olympischen Disziplin des Bogenschießens herausragend, aber auch viele andere Nationen haben Topathletinnen, sagt Riess. Schließlich landeten bei den 31. Olympischen Spielen im Jahr 2016 in Rio de Janeiro gleich drei Koreanerinnen auf den ersten acht Plätzen beim olympischen Bogenschießen, und die Koreanerin Chang Hye-jin wurde Erstplatzierte. In Korea ist Bogenschießen, wie in Österreich das Schifahren, ein Volkssport. Aber auch in Europa gibt es eine enorme Dichte an sehr guten BogenschützInnen. So wurde Lisa Unruh aus Deutschland bei der letzten Olympiade 2016 Zweitplatzierte. Laurence Baldauff erreichte, nach 24 Jahren erstmals als einzige österreichische Bogenschützin bei einer Olympiade, zumindest die Vorrunde auf dem 41. Platz, mit
zwei Qualifikationsrunden, mit jeweils sechs mal sechs Pfeile, durchgeführt werden. In einer sogenannten Passe müssen die sechs Pfeile in vier Minuten geschossen werden. Nach insgesamt 72 Pfeilen gibt es ein Ranking, maximal 720 Ringe können geschossen werden, dabei zählt die Zehn, das ist die sogenannte goldene Mitte auf der Zielscheibe, am Meisten. Bei internationalen Wettbewerben schießen die besten BogenschützInnen oft 680 oder 690 Ringe. Im Anschluss an die Qualifikationsrunden finden die Finalrunden in einem K.O.-System statt: Die Erste schießt gegen die Letzte, die Zweite gegen die Vorletzte. In den Matches werden nur mehr drei Pfeile in zwei Minuten geschossen. Um überhaupt gewinnen zu können muss eine Bogenschützin oder ein Bogenschütze in den Qualifikationsrunden zumindest den sogenannten „Cut“ schaffen, um in das Finale einzusteigen. Für Riess geht es nun vorerst im Juli nach mehreren nationalen Turnieren mit ihren TeamkollegInnen zum Weltcup nach Berlin, dort wird sie versuchen, ihre Leistung bestmöglich abzurufen. Der Weg nach Tokio 2020 ist aber noch ein weiter, ob es geschafft werden wird, noch unklar. Dennoch: Ziele müssen verfolgt werden, um Wirklichkeit werden zu können. Riess hat sich auf den Weg gemacht und geht diesen mit Zuversicht, gemeinsam mit ihren TeamkollegInnen, um das Bestmögliche aus sich herauszuholen. λ
Gay Games Paris Medaillenregen für österreichische AthletInnen
Die Eröffnung war leider nicht so animierend, wie die Tausenden TeilnehmerInnen es sich vorgestellt hatten: Vor dem Einzug der SportlerInnen ins Stadion stundenlanges Warten in der brütenden Hitze, keine Schilder und Fahnen fürs Einreihen für den Einzug – und dann im Stadion ganz wenige Stände mit Getränken: für ein Bier mußten manche sich mehr als eine Stunde anstellen! Aber die SportlerInnen ließen sich die Freude an den Wettkämpfen nicht nehmen. Und die österreichischen TeilnehmerInnen vollbrachten einige großartige Leistungen: Die Volleyball-Männer von Aufschlag erspielten in ihrer Klasse Gold. Zwei Steirerinnen radelten in ihrer Altersklasse auf dem Mountainbike zu Gold: Gabriele Reinstadler und Gabriele Weitgasser, die nach Amsterdam, Sydney und Köln in Paris schon das 4. Mal an Gay Games teilgenommen haben, und auch das nächste Mal in Hongkong dabei sein wollen. Zwei weitere Frauen liefen den Marathon in ihrer Altersklasse zu Gold. Silber gab es für zwei Österreicherinnen beim Tanzen (Latein), und für einen österreichischen Tennisspieler. Ob es beim Tischtennis eine weitere Medaille für Österreich gab, konnten wir leider bis Redaktionsschluss nicht eruieren.
Ein Portrait von Veronika Reininger
Beim Schwimmen waren vier Männer dabei, alle von den Wiener Kraulquappen: Paul Molecz, Ernst Varga, Erwin Apfler und Christian Santner. Paul Molecz, unser ‚Dienstältester’, trat zum ersten Mal 1996 bei den Eurogames in Berlin an und war bis 1999 der einzige Österreicher bei den Schwimmbewerben. Damals hat er mit der Vernetzung mit anderen Schwimm-Willigen begonnen, unter anderen ist die Autorin dieser Zeilen seit 2000 dabei, Ernst Varga und Erwin Apfler seit 2005, Christian Santner kam einige Jahre später dazu. Unser Teamname hat sich in diesen Jahren von „Rainbow Swim Austria“ über „Aufschlag Schwimmen“ bis hin zu „Kraulquappen“ (seit 2006) entwickelt. Wir trainieren im Rahmen des Masters-Schwimmens des Wiener Schwimmvereins SC Diana und freuen uns sehr darüber, dass der SC Diana tatkräftig bei unserem im Zweijahresrhythmus abgehaltenen Vienna Valentine Schwimmturnieren mithilft – das nächste Mal bei ViVa8 am 16.2.2019: http://viva. kraulquappen.at/
Fotocredits: Christian Santner
619 Ringen. „Das Bogenschießen ist bei uns für fast alle ein Amateursport, neben der beruflichen bezahlten Arbeit“ sagt Riess. Derzeit sind in Österreich nur drei Männer hauptberuflich als Bogenschützen im Heeressportzentrum. In Korea hingegen ist der Bogenschießsport gesellschaftlich im System gut verankert und bereits sehr kleine Kinder werden gut gefördert und unterstützt. Auf die Frage, warum es nicht gleich viele Männer wie Frauen im leistungsorientierten Bogensport gibt, sieht Riess auch das herrschende Gesellschaftssystem mit als grundlegende Ursache, denn Frauen sind es gewohnt, soziale Aufgaben vor ihr eigenes Weiterkommen, ihr Training, zu stellen. „Es ist wichtig, sauber und technisch einwandfrei zu schießen, und das Material gut zu beherrschen“, sagt die Trainerin Riess. Grundsätzlich ist der Schuss bei allen Arten von Bögen der Gleiche, nur die Zielmethoden und auch die Bauweisen sind unterschiedlich. Riess hat von Anfang an, vor allem als Technikerin und wegen der edlen Schönheit, Gefallen am Recurvebogen gefunden, auch ihr erster Trainer, selbst olympischer Bogenschütze, hat sie dabei mitgeprägt. Früher wurden die Distanzen beim olympischen Bogenschießen zwischen Frauen und Männern noch unterschiedlich geschossen. Seit der Olympiade im Jahr 2000 schießen aber alle olympischen BogenschützInnen, unabhängig vom Geschlecht, die gleiche Distanz von 70 Metern bei den Wettkämpfen, bei denen
In Paris hat Paul Molecz drei Medaillen erschwommen, Silber über 400mLagen und jeweils Bronze über 200mRücken und 200mSchmetterling. Diese drei Medaillen sind eine Premiere, das war ihm bis dato bei weltweiten Spielen wie den Gay Games alleine (dh. in einem Einzelbewerb, nicht in der Staffel) noch nie gelungen! Auch Ernst Varga ist die 1500mFreistil als Sechster in seiner AK mit einer persönlichen Bestzeit geschwommen, und auch Christian Santner hat die 200mFreistil und 50mFreistil in persönlicher Bestzeit beendet – das ist deswegen bemerkenswert, denn beim Schwimmen wird in 5-Jahres-Kategorien gewertet, da die AthletInnen beim Schwimmen das Älterwerden noch mehr merken als bei anderen Sportarten. Für die SchwimmerInnen waren die Gay Games trotz der starken Konkurrenz aus USA, Kanada und Australien deshalb sehr erfolgreich! λ Ulrike Lunacek
Demnächst im Gugg Das Gugg: Café & Vereinszentrum der HOSI Wien Heumühlgasse 14, 1040 Wien
Impressum Herausgeberin, Medieninhaberin Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien - 1. Lesben und Schwulenverband Österreichs (ZVR-Nr. 524 534 408)
Gruppentreffs Mittwochs ab 19 Uhr:	Lesbenabend - Women only Donnerstags ab 17:30 Uhr:	Coming-out-Treff (bis 19 Jahre) Auch Vier-Augen-Gespräche möglich Donnerstags ab 19:30 Uhr:	Teens & Twens (bis 29 Jahre): Kontakte knüpfen, plaudern, Spaß haben Freitags ab 21:00 Uhr:	Resis.danse-Frauentanzabend: Für Tänzerinnen und Nicht-Tänzerinnen, zum Tanzen und Plaudern jeder 3. Di im Monat ab 18:00 Uhr:	Prime Timers: Gemütlicher Stammtisch für alle 50+ jeder 1. Di im Monat ab 19:00 Uhr: visiBility: Workshops und Treffpunkt für Bi*- und Pansexuelle Dienstag den 9.10. 6.11. 11.12 ab 19:00 Uhr: TwentyThirtySomething: Ungezwungener Plausch für alle unsere Freund*innen zwischen Jugend- und 50+-Gruppe
Spiel Mit! Werwöfe von Düsterwald : Termin Di 16.10. 13.11. 18.12. 29.1.19 12.3.19 ab 19:30
Gugg und Spiele: Termine Di 30.10. 27.11.18 15.1. 19.2. 26.3.19 ab 19:30
Pub Quiz: Termine 1. Termin: Di 23.10. ab 19:30
Kultur Lesung Ohrenschmaus: Montag 22.10.2018 Einlass/Lokalöffnung: 19:00 Beginn: 20:00
Lesung & Podiumsdiskussion zum Thema Behinderung und Sexualität, mit Schwerpunkt Homosexualität & Transgender. Weitere Infos folgen!
Lesung Tina & Silvia: Samstag 17.11.2018 Beginn: 19:30
Zwei Autorinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten machen diese Lesung aus. Tina Ra kennt ihr vielleicht bereits, Silvia ist eine junge Newcomerin. Spannend und abwechslungsreich. Eintritt ist frei!
Mitgliedsorganisation der Internationalen Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA), der International Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer Youth and Student Organisation (IGLYO) und der European Pride Organisers Association (EPOA). Autor*innen dieser Ausgabe: Andreas Brunner, Andreas Stefani, Anette Stührmann, Anna Szutt, Barbara Fröhlich, Birgit Leichsenring, Christian Höller, Erika Hütter, Fabian Wingert, Günther Menacher, Jan Feddersen, Löwenherz, Moritz Yvon, Paul Yvon, Philipp Wagner-Nguyen, Stefan K. / Satirekollektiv Hydra, Ulrike Lunacek, Veronika Reininger Chefredaktion Fabian Wingert Creative Director Tarik Yilmazarslan Lektorat Sven Mostböck Druck AV-Astoria Druckzentrum GmbH Faradaygasse 6 1030 Wien Redaktionsanschrift HOSI Wien Heumühlgasse 14/1 1040 Wien Tel. (01) 216 66 04 fabian.wingert@hosiwien.at www.hosiwien.at Abonnement Jahresversandgebühr € 15,– Bankverbindung AT92 1400 0100 1014 3980 BAWAATWW (Bawag-PSK) Leser*innenbriefe und Beiträge sowie Bestellungen früherer Ausgaben der Lambda an obige (E-Mail-)Adresse. Redaktionsschluss für 01/2019: 15. Dezember 2018 Erscheinungstermin der nächsten Nummer: Jänner 2019
Allgemeiner Cafe Betrieb Dienstags ab 19.00 & Freitags ab 19:30 Wenn du einfach vorbeikommen und etwas trinken möchtest, freuen wir uns ebenso auf dich! Zusammengestellt von Andreas Stefani
PARKHOTEL SCHÖNBRUNN THE REAL ABBA TRIBUTE CIRKUS PIKARD ZOË · DJ Q-SO · DJANE NICA· THE „MANNE“-QUINS MODERATION: PETER SCHREIBER
WIENER DAMENKAPELLE JOHANN STRAUSS A-LIVE · DESERT WIND ERÖFFNUNGSKOMITEE · LES SCHUH SCHUH
www.regenbogenball.at - 4 8 - Nr . 174 - 2/2018
LAMBDA 2.2018

References: § 175
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 § 2
 § 1116
 § 73
 § 745
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