Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/3df7ea65cd72b94c546b6cf972cf9ca7cff3079d1a532985ca558260367c4396
Timestamp: 2018-05-21 06:53:52+00:00

Document:
BGH, 1 StR 457/02: BGH (schwerer fall, gewalt, stgb, waffe, besitz, sache, erwerb, strafe, aufhebung, annahme)
Urteil des BGH vom 14.01.2003, 1 StR 457/02
1 StR 457/02
BGH (schwerer fall, gewalt, stgb, waffe, besitz, sache, erwerb, strafe, aufhebung, annahme)
Schwerer fall, Gewalt, Stgb, Waffe, Besitz, Sache, Erwerb, Strafe, Aufhebung, Annahme
Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat am 14. Januar 2003 gemäß
Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Augsburg vom 18. April 2002
1. im Schuldspruch dahin geändert, daß der Angeklagte schuldig ist
a) der Tötung auf Verlangen in Tateinheit mit Ausüben der
tatsächlichen Gewalt über eine vollautomatische Selbstladewaffe,
b) tateinheitlich
- des unerlaubten Erwerbs einer vollautomatischen
Selbstladewaffe, des Ausübens der tatsächlichen Gewalt
über diese und Überlassens,
- des unerlaubten Erwerbs und Ausübens der tatsächlichen Gewalt über eine ihrer äußeren Form nach den
Anschein einer vollautomatischen Selbstladewaffe hervorrufenden halbautomatischen Selbstladewaffe, die
Kriegswaffe im Sinne des Gesetzes über die Kontrolle
von Kriegswaffen ist,
- des unerlaubten Ausübens der tatsächlichen Gewalt
über eine halbautomatische Selbstladewaffe, die ihrer
äußeren Form nach den Anschein einer vollautomati-
schen Selbstladewaffe, die Kriegswaffe im Sinne des
Gesetzes über die Kontrolle von Kriegswaffe ist, hervorruft,
über eine halbautomatische Selbstladewaffe mit einer
Länge von nicht mehr als 60 Zentimetern in zehn tateinheitlichen Fällen,
über Schußwaffen in neun tateinheitlichen Fällen,
- des unerlaubten Umgangs mit explosionsgefährlichen
Stoffen in zwei rechtlich zusammentreffenden Fällen,
c) der Sachbeschädigung;
2. (halbautomatisches Selbstladegewehr Marke Sterling)
und II. B. 3. (Waffensammlung) der Urteilsgründe sowie im
Ausspruch über die Gesamtstrafe mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben.
Rechtsmittels, an eine andere als Schwurgericht zuständige
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Tötung auf Verlangen in
Tateinheit mit Ausübung der tatsächlichen Gewalt über eine vollautomatische
Selbstladewaffe sowie wegen der im Tenor im einzelnen bezeichneten weiteren
Straftaten zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Das auf die
Sachrüge gestützte Rechtsmittel des Angeklagten hat teilweise Erfolg.
1. Die Überprüfung des Schuldspruchs im Fall II. A. 1. der Urteilsgründe
wegen Tötung auf Verlangen in Tateinheit mit Ausübung der tatsächlichen Gewalt über eine vollautomatische Selbstladewaffe sowie im Fall II. B. 4. wegen
Sachbeschädigung hat keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten
aufgezeigt. Dagegen kann die gesonderte Verurteilung des Angeklagten im
Fall II. B. 1. wegen Erwerb, Ausübung der tatsächlichen Gewalt und Überlassen der Tatwaffe an S. (Sten Mark 2 - UA S. 23, 48 f., 61) keinen
Der Erwerb der (ursprünglich als Deko-Satz erworbenen und auf Veranlassung des Angeklagten scharf gemachten) Maschinenpistole und das Überlassen an das Tatopfer stehen in Tateinheit, da die verschiedenartigen Verstöße gegen das Waffengesetz durch die unerlaubte Ausübung der tatsächlichen
Gewalt über die Waffe zu einer Tat verbunden werden (vgl. BGH NStZ 1984,
171). Weder die kurze Dauer des Waffenbesitzes noch der Umstand, daß die
Waffe auch nicht kurzfristig der Waffensammlung beigefügt wurde, lassen den
sachlich-rechtlichen Zusammenhang zum Besitz der übrigen Waffen entfallen
(vgl. BGH NStZ 1997, 446 m. w. Nachw.).
2. Hinsichtlich der Waffendelikte in den Fällen II. B. 2. und 3. der Urteilsgründe beanstandet die Revision zu Recht die Annahme von Tatmehrheit.
a) Nach den Feststellungen hatte der Angeklagte spätestens seit 1989
eine Schußwaffensammlung aufgebaut. Bei seiner vorläufigen Festnahme am
3. Mai 2001 war er im Besitz von 21 erlaubnispflichtigen Schußwaffen, darunter
eines halbautomatischen Selbstladegewehrs Fabrikat Sterling, Modell Armalite
AR 180, mit aufmontiertem Zielfernrohr. Diese Waffe, die sich dem äußeren
Anschein nach nicht vom Sturmgewehr AR 18 - einer vollautomatischen
Kriegswaffe - unterscheidet, hatte der Angeklagte im März 2000 erworben. Sie
war Bestandteil seiner Waffensammlung (Fall B. 2 - UA S. 23f., 61 ff.). Der Erwerb und Besitz sämtlicher vom Angeklagten seit dem Jahre 1989 angesammelter Schußwaffen war, losgelöst von deren waffenrechtlicher Einordnung, zu
einer tateinheitlichen waffenrechtlichen Dauerstraftat verbunden, deren Bindeglied der zeitgleiche Besitz der vielen Waffen bildet (vgl. Senat NStZ 1997, 446
m. w. Nachw.). Daß es sich bei dem Selbstladegewehr Sterling um eine Waffe
handelt, die ihrer äußeren Form nach den Anschein einer vollautomatischen
Selbstladewaffe - Kriegswaffe - hervorruft (§ 37 Abs. 1e Satz 1 Nr. 1e, § 52a
Abs. 1 Nr. 2 WaffG), ist unerheblich, da die Konkurrenzfrage losgelöst von der
waffenrechtlichen Einordnung der einzelnen Waffen zu beantworten ist (vgl.
BGH aaO zur Kriegswaffe).
b) Soweit das Landgericht den Angeklagten wegen zehn tateinheitlicher
Fälle des unerlaubten Ausübens der tatsächlichen Gewalt über halbautomatische Selbstladewaffen mit einer Länge von nicht mehr als 60 Zentimetern
schuldig gesprochen hat, bemerkt der Senat: Bei den Sachverhaltsfeststellungen (B. 2 der Urteilsgründe) enthält das Urteil zwar nur Angaben zu neun derartiger Waffen (Waffen Nrn. 11 bis 13, 15 bis 17, 19, 20, 24 - UA S. 26 bis 29).
Aus den Urteilsausführungen zur waffenrechtlichen Einordnung (V. A. II. 3 b) -
UA S. 63 bis 66) ergibt sich jedoch, daß bei dem Angeklagten tatsächlich zehn
Waffen der genannten Art sichergestellt worden sind, bei der Auflistung unter
II. B. 2. der Urteilsgründe die Nennung der Waffe Nr. 18 (vgl. UA S. 27, 28 einerseits, UA S. 65 andererseits) aufgrund eines Fassungsversehens unterblieben ist.
3. Der Senat kann den Schuldspruch entsprechend ändern. § 265 StPO
steht nicht entgegen, da der Angeklagte sich nicht anders als geschehen hätte
1. Soweit die Revision die Bemessung der Einzelstrafe im Fall II. A. 1
(Tötung S. ) beanstandet, deckt sie keinen Rechtsfehler auf. Die
Strafzumessung ist grundsätzlich Sache des Tatrichters. Es ist seine Aufgabe,
auf der Grundlage des umfassenden Eindrucks, den er in der Hauptverhandlung von der Tat und der Persönlichkeit des Täters gewonnen hat, die wesentlichen ent- und belastenden Umstände festzustellen, sie zu bewerten und gegeneinander abzuwägen. Das Revisionsgericht kann nur eingreifen, wenn die
Zumessungserwägungen in sich fehlerhaft sind, gegen rechtlich anerkannte
Strafzwecke verstoßen oder wenn sich die verhängte Strafe nach oben oder
unten von ihrer Bestimmung, gerechter Schuldausgleich zu sein, soweit löst,
daß sie nicht mehr innerhalb des dem Tatrichter eingeräumten Spielraums
liegt. Eine ins Einzelne gehende Richtigkeitskontrolle ist ausgeschlossen
(BGHSt 34, 345, 349; 29, 319, 320). In Zweifelsfällen muß das Revisionsgericht die vom Tatrichter vorgenommene Bewertung hinnehmen (BGHSt 29, 319,
320; BGHR StGB § 46 Abs. 1 Beurteilungsrahmen 1).
Diese Grundsätze gelten auch für die Annahme oder Verneinung des
Vorliegens eines minder schweren Falles. Die Prüfung, ob ein minder schwerer
Fall gegeben ist, erfordert eine Gesamtbetrachtung, bei der alle Umstände heranzuziehen und zu würdigen sind, die für die Wertung der Tat und des Täters
in Betracht kommen. Die Erschwernis- und Milderungsgründe nach pflichtgemäßem Ermessen gegeneinander abzuwägen, ist Sache des Tatrichters. Seine
Wertung ist vom Revisionsgericht nur begrenzt nachprüfbar. Weist sie keine
Rechtsfehler auf, ist sie deshalb auch dann zu respektieren, wenn eine andere
Entscheidung möglich gewesen wäre oder vielleicht näher gelegen hätte
(BGHR StGB vor § 1 minder schwerer Fall, Gesamtwürdigung, fehlerfreie 1 m.
Die Erwägungen, mit denen die Strafkammer im Fall der Tötung des
S. die Annahme eines minder schweren Falles im Sinne des § 52a
Abs. 3 WaffG abgelehnt hat (UA S. 71 bis 73), sind frei von Rechtsfehlern. Solche werden auch von der Revision nicht aufgedeckt. Wenn das Landgericht
trotz Vorliegens allgemeiner Strafmilderungsgründe, insbesondere des umfassenden Geständnisses des Angeklagten und trotz Vorliegens des vertypten
Milderungsgrundes gemäß §§ 49 Abs. 1, 21 StGB einen minder schweren Fall
im Sinne des § 52a Abs. 3 WaffG abgelehnt und deshalb die Strafe dem nach
§§ 49 Abs. 1, 21 StGB gemilderten Normalstrafrahmen des § 52a Abs. 1 WaffG
entnommen hat, weil der Angeklagte tateinheitlich ein - unter den auf UA S. 73
im einzelnen gewerteten Umständen - Vergehen nach § 216 StGB begangen
hat, ist dies hinzunehmen, zumal die Strafrahmenobergrenze des gemilderten
Strafrahmens des § 216 StGB ebenfalls drei Jahre und neun Monate beträgt.
Mit der - an sich bedenklichen - strafschärfenden Berücksichtigung des Umstandes, daß sich der Angeklagte an der Vortäuschung eines Selbstmordes
durch den Hinweis auf die Erforderlichkeit eines Abschiedsbriefes und seine
Hilfe bei der Errichtung der Vorrichtung für die Waffe beteiligt hat, wollte das
Landgericht ersichtlich nur auf die hohe kriminelle Energie des Angeklagten bei
der Tatausführung abstellen. Die strafschärfende Erwägung, daß die Tötung
nicht zur Beendigung eines unerträglichen Leidenszustandes vorgenommen
wurde, sondern S. "lediglich familiäre Probleme vorgegeben hat"
und damit ein nachvollziehbarer Grund, warum der Angeklagte dem Verlangen
des Tatopfers nachkam, nicht vorgelegen habe (UA S. 73), ist nicht zu beanstanden. Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers hat das Landgericht
damit nicht in Zweifel gezogen, daß der Angeklagte die Äußerung S. s, er
wolle erschossen werden, weil seine Ehefrau ihn endgültig verlassen werde
(UA S. 19), nicht ernst genommen habe, sondern hat allein darauf abgestellt,
daß dieses Motiv für die Herbeiführung einer Tötung auf Verlangen kein nachvollziehbarer Grund ist. Im übrigen erschöpfen sich die Einwendungen des Beschwerdeführers im wesentlichen in dem im Revisionsverfahren unzulässigen
Versuch, eine eigene Gewichtung der Strafzumessungserwägungen des Landgerichts vorzunehmen. Daß der Angeklagte die Tatwaffe zu einem früheren
Zeitpunkt dem Tatopfer überlassen hatte und deshalb insoweit (auch) eine ge-
sonderte Strafe zu verhängen war, mußte bei der Strafzumessung nicht strafmildernd berücksichtigt werden.
2. Die Änderung des Schuldspruchs erfordert die Aufhebung der Einzelstrafaussprüche in den Fällen II. B. 1., B. 2. und 3. der Urteilsgründe sowie die
Aufhebung der Gesamtfreiheitsstrafe. Die Einzelstrafe von drei Monaten Freiheitsstrafe für den Fall II. B. 4. kann bestehen bleiben; die übrigen Strafen
müssen neu zugemessen werden.

References: BGH 
 BGH 

BGH 
 BGH 
 BGH 
 § 52

BGH 
 § 265
 § 46
 § 1
 § 52
 § 52
 § 52
 § 216
 § 216