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Timestamp: 2017-02-21 05:24:39+00:00

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Mängel handschriftlicher Testamente - Lexology
Mngel handschriftlicher Testamente
Matthias Bizzarro*
Im Erbrecht allgemein und besonders betreffend die letztwilligen Verfgungen stellt unsere Rechtsordnung umfangreiche Formvorschriften auf. Bei eigenhndigen Testamenten, die oft im stillen Kmmerlein entstehen und ohne Beirat verfasst werden, sind Verletzungen der Formvorschriften des ZGB relativ hufig anzutreffen. Dieser Artikel bietet einen berblick ber die relevanten Formvorschriften und errtert die Rechtsfolgen einer Missachtung derselben. Hierbei wird auf die Unterscheidung zwischen Nichtigkeit und Ungltigkeit eingegangen und es werden anhand von Lehre und Rechtsprechung Fallgruppen gebildet. Zum Schluss wird dargelegt, wie sich eine Verletzung von Formvorschriften auf die oft entscheidende Frage der Beweislast auswirkt.
Notre ordre juridique dicte toute une srie de prescriptions de forme pour le droit successoral en gnral et pour les testaments en particulier. A cet gard, les violations de prescriptions de forme du CC sont particulirement frquentes dans les testaments olographes, qui sont souvent rdigs dans l'intimit et sans l'aide d'un conseil avis. Cet article fournit un aperu des prescriptions de forme pertinentes en la matire et examine les consquences juridiques de leur non-observation. A cet gard, l'auteur aborde la distinction entre nullit et annulabilit et prsente des catgories de cas sur la base de la doctrine et de la jurisprudence. Enfin, il est dmontr comment une violation de prescriptions de forme affecte la question, souvent dterminante, du fardeau de la preuve.
I. Einfhrung in die Problematik II. Formvorschriften des eigenhndigen Testaments
A. Eigenhndige Errichtung B. Datierung C. Unterschrift D. nderungen und Zustze E. brige Formvorschriften III. Rechtsfolgen der Verletzung von Formvorschriften A. Unterschiede NichtigkeitUngltigkeit
1. Feststellungsklage Bercksichtigung von Amtes wegen und in allen Verfahren
2. Keine Verwirkung oder Heilung 3. Erga-omnes-Wirkung B. Fallgruppen nichtiger Testamente 1. Nicht-Testament 2. Fehlender Verfgungsempfnger oder fehlendes
Verfgungsobjekt 3. Extremflle anderer Formmngel? IV. Beweislast A. Allgemeines zu Art. 8 ZGB B. Beweislastverteilung bei Ungltigkeit bzw. Nichtigkeit eines Testaments C. Echtheit des Testaments D. Richtigkeit des Datums V. Fazit
I. Einfhrung in die Problematik
Unsere Privatrechtsordnung geht von der Formfreiheit eines Rechtsgeschfts aus; Formzwang besteht somit
* Matthias Bizzarro, Rechtsanwalt, Br & Karrer AG, Lugano. Es handelt sich um die berarbeitete und vertiefte Fassung des Vor-
trages anlsslich des St. Galler Erbrechtstags vom 25. November 2015.
nur, wenn es eine Gesetzesbestimmung gibt, welche die Formfreiheit beschrnkt (Art. 11 Abs. 1 OR). Dies ist bei letztwilligen Verfgungen der Fall, denn das Gesetz stellt einen ein Formzwang in der Gestalt eines numerus clausus an zulssigen Verfgungsformen auf (vgl. Art. 498 ZGB).1 Vorgesehen sind zwei ordentliche Formen, nmlich ffentliche Beurkundung (Art. 499 ff. ZGB) und eigenhndige Errichtung (Art. 505 ZGB), sowie eine ausserordentliche Form, die Errichtung durch mndliche Erklrung (Art. 506 ff. ZGB).2
Das eigenhndige Testament ist wohl bei weitem die meistgenutzte Testamentsform.3 Nun werden Testamente oft durch juristische Laien, vielfach ohne vorgngige Beratung und nicht selten in fortgeschrittenem Alter verfasst. Daher erstaunt es nicht, dass man in der Praxis vielfltige Mngel handschriftlicher Testamente antrifft. So kann es sein, dass man mit einem nicht handschriftlichen Datum
1 BSK ZGB II-Breitschmid, Art. 498 N 1, in: Heinrich Honsell/ Nedim Peter Vogt/Thomas Geiser (Hrsg.), Zivilgesetzbuch II, Basler Kommentar, 5. A., Basel 2014 (zit. BSK ZGB II-Verfasser); Arnold Escher, Zrcher Kommentar, III. Bd.: Erbrecht, 1. Abteilung: Die Erben (Art. 457536 ZGB), 3. A., Zrich 1959 (zit. ZK-Escher), Art. 498 ZGB N 1; Martin Lenz, in: Daniel Abt/ Thomas Weibel (Hrsg.), Erbrecht, Praxiskommentar, 3. A., Basel 2015 (zit. PraxKomm Erbrecht-Verfasser), Art. 498 ZGB N 1; Peter Weimar, Berner Kommentar zum schweizerischen Privatrecht, Die Erben: Die gesetzlichen Erben. Die Verfgung von Todes wegen, Art. 457516 ZGB, Bern 2009 (zit. BK-Weimar), Art. 498 ZGB N 1.
2 BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 498 N 1; ZK-Escher (FN 1), Art. 498 ZGB N 2; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 498 ZGB N 1.
3 BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 498 N 10.
oder einem maschinengeschriebenen Testament konfrontiert ist, oder gar Zweifel an der Echtheit des Schriftstcks aufkommen; es ist nicht immer leicht zu entscheiden, welche unter ihnen von Gerichten geheilt werden bzw. als noch akzeptable Versehen oder aber als rechtlicher Mangel beurteilt werden, der auf erhobene Klage hin zur Ungltigkeit fhrt. In den krassesten Fllen knnte wie zu zeigen ist das Testament als nichtig betrachtet werden, was in prozessualer Hinsicht einschneidende Konsequenzen haben kann.
Vorab beginne ich mit einer Auslegeordnung formeller Mngel handschriftlicher Testamente (unten II.), wobei hier ein weiter Begriff von Formmngel verwendet wird. Sodann befasse ich mich mit der Unterscheidung zwischen nichtigen und anfechtbaren letztwillige Verfgung, immer im Zusammenhang mit Formmngeln (unten III.) sowie mit dem damit verbundenen Aspekt der Beweislastverteilung (unten IV.). Die praktische Anwendung der diesbezglichen Grundstze knnen im Zusammenhang mit (formellen) Ungltigkeits- und Nichtigkeitsgrnden unklar sein, weshalb versucht wird, hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen.
II. Formvorschriften des eigenhndigen Testaments
Vorab sei in internationalprivatrechtlicher Hinsicht auf das Haager bereinkommen vom 5. Oktober 1961 ber das auf die Form letztwilliger Verfgungen anwendbare Recht verwiesen (SR 0.211.312.1; Art. 93 IPRG), welches eine Alternativanknpfung der folgenden innerstaatlichen Rechte anstellt: a) das Recht am Errichtungsort der letztwilligen Verf-
gung; b)das Heimatrecht des Erblassers im Errichtungszeit-
punkt oder im Todeszeitpunkt; c) das Recht des Staates, in dem der Erblasser im Er-
richtungszeitpunkt oder im Todeszeitpunkt seinen gewhnlichen Aufenthalt hatte; d) soweit es sich um unbewegliches Vermgen handelt, das Recht des Staates, in dem sich dieses befindet.
Sodann ist in intertemporaler Hinsicht im Bereich der Formmngel das in Art. 16 Abs. 2 SchlT ZGB verankerte Gnstigkeitsprinzip zu beachten.
Die Formbedrftigkeit eines Rechtsgeschfts ist nicht Selbstzweck. Mit Bezug auf das eigenhndige Testament hat das Bundesgericht erwogen, dass die Form vor allem den Zweck habe, den Willen des Erblassers sichtbar zu
machen.4 Die Erklrung dieses Testierwillens, des animus testandi, sei eine unerlssliche Voraussetzung fr die Existenz des Testaments. Der Wille msse aus dem hervorgehen, was der Erblasser geschrieben habe, mithin aus dem Testament selbst, was eine Heranziehung von Testamentsexterna fr die Auslegung des Geschriebenen nicht ausschliesse.5 Die Auslegung einer Willenserklrung setze aber voraus, dass ein animus testandi aus der Verfgung hervorgehe.6
Sodann hat das Bundesgericht besttigt, dass der Grundsatz der Auslegung in favorem testamenti auch im Bereich der Formvorschriften anwendbar ist.7 Allerdings knne dieses Prinzip nicht dazu fhren, dass die Formvorschriften gnzlich unbeachtlich wrden.8
Der Inhalt einer letztwilligen Verfgung muss somit wenn auch nur in auslegungsbedrftiger Weise im formgltigen Text des eigenhndigen Testamentes ausgedrckt sein.9 Wann ein eigenhndiges Testament formgltig ist, bestimmt im schweizerischen Recht grundstzlich Art. 505 Abs. 1 ZGB: Zum einen muss der Text eigenhndig geschrieben sein. Ferner verlangt das Gesetz die Datierung mit Jahr, Monat und Tag sowie die Unterschrift.10
A. Eigenhndige Errichtung
Das ganze Testament muss eigenhndig, d.h. einerseits vom Erblasser (eigenschriftlich), andererseits von Hand11 (handschriftlich) errichtet werden,12 und zwar von Anfang bis Ende.13
Damit wird zum einen bezweckt, die Echtheit der Urkunde sicherzustellen.14 Zum anderen schtzt das Er-
4 BGE 131 III 601 E. 3.1; BGer, 5A_323/2013, 23.8.2013, E. 2.1. 5 BGE 131 III 601 E. 3.1; BGer, 5A_323/2013, 23.8.2013, E. 2.1. 6 BGE 131 III 601 E. 3.1; BGer, 5A_323/2013, 23.8.2013, E. 2.1. 7 BGE 135 III 206 E. 3.7; 116 II 117 E. 7b. 8 BGE 135 III 206 E. 3.7. 9 Vgl. Jean Nicolas Druey, Grundriss des Erbrechts, 5. A., Bern
2002 (zit. Lehrbuch), 12 N 6; Kgi Denise Gut, Die Trennung von Willensusserung und Form im Testamentsrecht, Jusletter vom 1. September 2014, N 13. 10 PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 1. 11 Bei Vorliegen ernsthafter Grnden soll auch eine Errichtung mit dem Mund oder Fuss zulssig sein, siehe PraxKomm ErbrechtLenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 4; Jean Guinand/Martin Stett ler/Audrey Leuba, Droit de successions, 6. A., Zrich 2005, N 269; Steinauer Pierre Henri, Le droit des successions, 2. A., Bern 2015, N 692a. 12 Vgl. Peter Breitschmid, Formvorschriften im Testamentsrecht, Diss., Zrich 1982 (zit. Diss.), N 342. 13 BGE 131 III 601 E. 3.1; BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 2; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 4. 14 BGer, 5A_131/2015, 26.5.2015; E. 4; Druey (FN 9), Lehrbuch, 9 N 12; BK-Weimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 5.
fordernis der Eigenhndigkeit vor bereilung.15 Darber hinaus unterstreicht eine selbst errichtete Testamentsurkunde den Willen, letztwillig zu verfgen.16
Eine Mitwirkung von Drittpersonen bei der Errichtung wird gemeinhin nur in beschrnktem Ausmass zugelassen: Zulssig ist das sogenannte Sttzen der Hand, wo im Gegensatz zur unerlaubten Handfhrung die Individualitt des erblasserischen Schriftzuges erhalten bleibt.17
Passagen, die von einer Drittperson in ein vorhandenes Testament eingefgt werden, sind unwirksam und gelten als nicht geschrieben.18 Die restlichen Teile des Testaments sind nur (aber immerhin) insofern unwirksam, als der verbleibende Text keinen Sinn mehr ergibt oder erstellt ist, dass der Erblasser seinen Text nicht ohne die unwirksamen Passagen gewollt htte.19 Analoges gilt fr maschinengeschriebene Testamentsteile.20
Das Erfordernis der vollstndigen eigenhndigen Errichtung ist dahingehend zu przisieren, dass alle wesentlichen Komponenten, d.h. die Willensusserungen der letztwilligen Verfgung vom Erblasser eigenhndig zu errichten sind.21 So ist zwar klar, dass z.B. der Vermchtnisnehmer in einer letztwilligen Verfgung bestimmt oder zumindest bestimmbar (eigenhndig) umschrieben werden muss.22 Allerdings msste es m.E. durchaus zulssig sein, dass nhere Angaben in einer (ausgedruckten) Beilage zum Testament enthalten sind. Beispielsweise knnte der Erblasser eigenhndig schreiben: Ich vermache meinen Enkeln alle meine Kunstbilder. Eine Liste dieser Bilder per heutigem Datum befindet sich im Anhang 2 zu meinem Testament. Die nicht eigenhndige Liste wre
eine Auslegungshilfe tatschlicher Natur im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung und sollte deshalb nicht zur Ungltigkeit der Verfgung fhren.23
Art. 505 Abs. 1 ZGB verlangt beim eigenhndigen Testament die Angabe von Jahr, Monat und Tag der Errichtung. Die Datumsangabe dient dazu, die Verfgungsfhigkeit des Erblassers einzuschtzen sowie bei mehreren letztwilligen Verfgungen die chronologische Reihenfolge sicherzustellen.24
Was die Platzierung des Datums anbelangt, so ist diese nach Lehre und Rechtsprechung solange unwichtig, als das Datum sich auf die gesamte Verfgung bezieht.25 So ist insbesondere eine Datierung am Anfang des Testaments zulssig;26 ebenso statthaft ist es aber, das Datum am Ende der Urkunde (sogar nach der Unterschrift) festzuhalten.27
Das Datum hat richtig zu sein, wobei das vom Erblasser angegebene Datum als richtig vermutet wird.28
Seit dem 1. Januar 1996 fhrt die fehlende (oder falsche)29 Datierung nicht mehr in jedem Fall zur Ungltigkeit der letztwilligen Verfgung, sondern lediglich dann, wenn sich die erforderlichen zeitlichen Angaben nicht auf andere Weise feststellen lassen und das Datum fr die Beurteilung der Verfgungsfhigkeit, der Reihenfolge mehrerer Verfugungen oder einer anderen, die Gltigkeit der Verfgung betreffenden Frage notwendig ist (Art. 520a ZGB).
15 Druey (FN 9), Lehrbuch, 9 N 13. 16 BGer, 5A_131/2015, 26.5.2015; E. 4; BSK ZGB II-Breitschmid
(FN 1), Art. 505 N 2. 17 BGE 98 II 73 E. 3a m.w.H.; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1),
Art. 505 ZGB N 6; Karlheinz Muscheler, Das eigenhndige Testament gestern, heute und morgen, Successio 2014, 24 ff.,
25; vgl. BGer, 5A_131/2015, 26.5.2015, E. 4; a.M. BSK ZGB IIBreitschmid (FN 1), Art. 505 N 4. 18 BGE 131 III 601 E. 3.1. 19 BGE 131 III 601 E. 3.1; 98 II 73 E. 3b.cc; BSK ZGB II-Breit schmid (FN 1), Art. 505 N 4; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 8; vgl. BK-Weimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 8. 20 PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 4; vgl. BKWeimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 8. 21 BGE 73 II 208 E. 3 (Der Grundsatz, dass testamentarische Anord-
nungen nicht, durch blosse Bezugnahme auf eine andere Urkunde,
getroffen werden knnen [...], steht dem nicht entgegen, da es sich
bei der Angabe des Enterbungsgrundes nicht um eine solche An-
ordnung, d.h. eine Willensusserung, sondern um eine Angabe tat-
schlicher Natur handelt); BGE 56 II 351 E. 2; vgl. auch BGE 98 II 73 E. 3b.cc; 68 II 155 E. 7; BK-Weimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 10. 22 Prinzip der materiellen Hchstpersnlichkeit, BGE 89 II 278 E. 4a;
81 II 22 E. 6; 68 II 155 E. 7.
23 Vgl. Muscheler (FN 17), 24 f. m.w.H. zur deutschen Rechtsprechung; Peter Breitschmid, Testament und Erbvertrag Formprobleme: Die Einsatzmglichkeiten fr die Nachlassplanung im Lich-
te neuerer Rechtsentwicklungen, in: Breitschmid Peter (Hrsg.),
Testament und Erbvertrag, Bern/Stuttgart 1991 (zit. Formprobleme), 27 ff., 67 f.; Breitschmid (FN 12), Diss., N 604; vgl. auch zur Bezugnahme auf einen Testamentsentwurf zur Auslegung eines
unklaren Vermchtnisses BGer, 5A_715/2009, 14.12.2009, E. 2. 24 Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 696. 25 Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 696a; PraxKomm Erbrecht-
Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 14. 26 BGE 56 II 245 E. 2; BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505
N 10; BK-Weimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 19; Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 696a. 27 BGE 70 II 7 E. 1; BK-Weimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 19; Stei nauer (FN 11), Lehrbuch, N 696a. 28 BGE 116 II 117 E. 3; BK-Weimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 17; Fiorenzo Cotti/Evelyne Gygax, Kommentar zum Erbrecht, in: Antoine Eigenmann/Nicolas Rouiller (Hrsg.), Commentaire du
droit des successions (Art. 457640 CC; Art. 1124 LDFR), Bern
2012, Art. 505 ZGB N 18; vgl. BGE 75 II 343 E. 2; 80 II 302 E. 3; BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 11. 29 BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 11; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 15.
Die Frage, ob die Datierung ebenfalls eigenhndig verfasst sein muss, ist umstritten: Whrend ein Teil der Lehre der Ansicht ist, dass das Datum mit der Einfhrung von Art. 520a ZGB nunmehr auch vorgedruckt oder mittels Datumsstempel eingefgt werden knne,30 verlangen andere Autoren eine eigenhndige Datumsangaben,31 mit der Rechtsfolge, dass einem nicht eigenhndigen Datum die Richtigkeitsvermutung abgesprochen wird.32
Die Unterschrift dient wie die Eigenhndigkeit dem Zweck, den Erblasser zu identifizieren.33 Solange die Identifikation mglich ist, werden nebst der blichen Unterschrift auch andersartige Bezeichnungen gebilligt, wie Initialen, Pseudonymen, Vornamen,34 Verwandtschaftsbezeichnungen (Dein Vater),35 Funktionsbezeichnungen etc.36 Weniger klar ist die Lage bei der Paraphierung,37 welche aber zumindest fr Testamentszustze gengen soll.38
Nach der herrschenden Lehre und der Rechtsprechung gehrt die Unterschrift am Ende bzw. bei Platzmangel neben dem Ende des Testaments.39 Dementsprechend gengt die einleitende Selbstbenennung nicht.40 Ein weiterer Zweck der Unterschrift sei jener, den definitiven Charakter einer letztwilligen Verfgung zu attestieren. Die
30 BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 10; unklar Stein auer (FN 11), Lehrbuch, N 697a.
31 PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 14; BK-Wei mar (FN 1), Art. 505 ZGB N 17; Druey (FN 9), Lehrbuch, 9 N 20.
32 PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 14; BK-Wei mar (FN 1), Art. 505 ZGB N 17.
33 BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 5; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 9; BK-Weimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 23; Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 698; vgl. BGE 80 II 302 E. 2.
34 BGE 57 II 15 E. 1. 35 BGE 57 II 15 E. 1; vgl. Cotti/Gygax (FN 28), Art. 505 ZGB
N 21. 36 PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 9; Cotti/Gy
gax (FN 28), N 21 Art. 505 ZGB. 37 Bejahend BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 5; ZK-
Escher (FN 1), Art. 505 ZGB N 15; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 9; vgl. auch, die Gltigkeit einer mit Initialen unterschriebene Widerrufsvereinbarung eines Erbverzichtsvertrags bejahend, BGE 104 II 341 E. 2; a.M. BK-Weimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 23; Peter Gauch/Walter R. Schluep/Jrg Schmid, Schweizerisches Obligationenrecht Bd. I, 10. A., Zrich 2014, N 511. 38 BGE 80 II 302 E. 2. 39 BGE 135 III 206 E. 3.5; Cotti/Gygax (FN 28), N 21 Art. 505 ZGB. 40 BGE 135 III 206 E. 3.5; 85 II 565; 40 II 190 E. 4; a.M. LGer UR, RB 1990/91 Nr. 3, 37; vgl. auch Muscheler (FN 17), 6.
Unterschrift unterscheide somit den Entwurf von einer endgltigen Fassung. Daher knne dieses Ziel mit einer Benennung des Testators am Anfang des Dokuments mithin in einem Zeitpunkt, zu dem noch nicht feststehe, ob die Verfgung berhaupt zu Ende gebracht werden knne nicht erreicht werden.41
D. nderungen und Zustze
nderungen und Zustze, welche der Erblasser vor der Unterzeichnung am Testament anbringt, sind gltig und werden von der danach angefgten Unterschrift mitgetragen.42
Nach der Unterzeichnung der letztwilligen Verfgung gilt Folgendes: Streichungen sind gemss der herrschenden Auffas-
sung als teilweise Vernichtung i.S.v. Art. 510 ZGB zu verstehen und bedrfen keiner Unterschrift;43 brige nderungen und Zustze (inkl. Nachtrge)44, die als neue letztwillige Verfgung gelten oder eine vorhandene Disposition abndern, mssen hingegen grundstzlich datiert und unterzeichnet sein, wobei die Paraphierung mittels Initialen gengt.45
E. brige Formvorschriften
Weitere Formvorschriften stellt das Gesetz nicht auf. So ist nicht erforderlich, dass das Testament als solches bezeichnet wird.46 Auch bezglich des Trgers des Testaments stellt das Gesetz keinerlei Vorschriften auf.47 Ent-
41 BGE 135 III 206 E. 3.5. 42 Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 693; PraxKomm Erbrecht-Lenz
(FN 1), Art. 505 ZGB N 18; BK-Weimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 25; a.M. BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 13. 43 BGE 116 II 411 E. 8; 83 II 500 E. 2; Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 694; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 510 ZGB N 7; Druey (FN 9), 9 N 59; a.M. BK-Weimar (FN 1), Art. 509511 ZGB N 13 f.. 44 Vgl. Breitschmid (FN 12), Diss., Nr. 619; BGE 59 II 115 E. 5. 45 Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 695; BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 14; BK-Weimar (FN 1), Art. 505 ZGB N 25; vgl. BGE 117 II 239 E. 3e; 80 II 302 E. 2. Relativierend fr Zustze oberhalb der Unterschrift Eitel Paul, Nichtigkeit vs. Ungltigkeit eines Testamentszusatzes, Jusletter vom 19. April 2004, N 21; vgl. auch Peter Tuor, Berner Kommentar zum schweizerischen Privatrecht, Die Erben, Art. 457536 ZGB, 2. A., Bern 1964 (zit. BK-Tuor), Art. 505 ZGB N 13 (wonach generell auf eine erneute Unterzeichnung eines Zusatzes oberhalb der Unterschrift verzichtet werden knnen). 46 BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 15; ZK-Escher (FN 1), Art. 505 ZGB N 5; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 2; Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 689; BKTuor (FN 45), Art. 505 ZGB N 4. 47 Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 688.
sprechend kann eine letztwillige Verfgung als Brief,48 Postkarte49 oder gar als Zettel auf einem zu vermachenden Gegenstand50 verfasst werden.51
III. Rechtsfolgen der Verletzung von Formvorschriften
Gemeinhin kann man die Unwirksamkeit von Rechtsgeschften d.h. das Fehlen eines von der Rechtsordnung aufgestellten Gltigkeitserfordernisses in zwei Kategorien unterteilen: Nichtigkeit als die strkere Sanktion wirkt nach traditioneller Auffassung von Anfang an (ex tunc) und absolut; sie ist von Amtes wegen zu beachten und ist unheilbar.52 Demgegenber werden Rechtsgeschfte, denen ein Ungltigkeitsgrund anhaftet, primr als wirksam angesehen. Sie sind jedoch einseitig unverbindlich in dem Sinne, dass die Rechtsordnung einer oder mehreren Personen das Recht gibt, die Wirkungslosigkeit des Geschfts herbeizufhren.53
Zuweilen wird in der Lehre ferner die Inexistenz eines Rechtsgeschfts von dessen Unwirksamkeit (unterteilt in Ungltigkeit und Nichtigkeit) abgegrenzt.54 Im vorliegenden Zusammenhang ist diese Unterscheidung jedoch entbehrlich, da das Nicht-Testament als Unterkategorie einer nichtigen letztwilligen Verfgung behandelt wird (unten III.B.1.).
Nach den allgemeinen Regeln des schweizerischen Zivilrechts fhrt die Nichtbeachtung der vorgeschriebenen Form in der Regel (unter Vorbehalt des Rechtsmissbrauchs) zur Nichtigkeit des betreffenden Geschfts (Art. 11 Abs. 2 OR).55
Im Erbrecht gilt jedoch wie gesehen das Prinzip der Auslegung in favorem testamenti. Eine Verfgung, die
48 BGE 88 II 67 E. 2. 49 BGE 56 II 245 E. 1. 50 BGE 45 II 142 E. 2 (i.c. Namensobligationen). 51 Guinand/Stettler/Leuba (FN 11), N 268. 52 Daniel Abt, Die Ungltigkeitsklage im schweizerischen Erbrecht,
Diss. Basel 2001, Basel/Genf/Mnchen 2002, 3 ff. m.w.Verw.; vgl. auch Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 743; PraxKomm ErbrechtAbt (FN 1), Art. 519 ZGB N 2 ff.; vgl. BGE 108 II 409 E. 3. Zur Relativierung dieses Konzepts vgl. Gauch/Schluep/Schmid (FN 37), N 558 ff., m.w.H. 53 Abt (FN 52), 7 f.; vgl. auch Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 743; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 1. 54 Vgl. Pierre Tercier, Le droit des obligations, 4. A., Zrich 2009, N 481 ff.; Denis Piotet, Les inefficacits des dispositions cause de mort en droit suisse, in: Franois Bohnet (Hrsg.), Quelques actions en annulation, Neuenburg 2007, N 5 ff. und 34 ff.; Paul Pio tet, Inxistence et invalidit des dispositions cause de mort, JdT 1969 I, 164 ff. 55 BGE 113 II 270 E. 3; 112 II 330 E. 1b; 106 II 146 E: 3 m.w.H.
nach dem usseren Anschein den wahren Willen des Erblassers ausdrckt, soll deshalb zunchst als gltig angesehen werden und den allflligen Mngel der Verfgung soll mittels eines befristeten Gestaltungsrechts zur Herbeifhrung der Ungltigkeit Rechnung getragen werden.56 Entsprechend diesem Grundgedanken geht das Gesetz von der Vermutung aus, dass formwidrige Testamente an sich gltig und nur dann unwirksam sind, wenn ihre Ungltigkeit auf Klage hin innert der anwendbaren Verwirkungsfrist ausgesprochen wird (Art. 520 Abs. 1 ZGB). Erbrechtliche Willenserklrungen sind bei Formmngeln daher in der Regel anfechtbar, aber nicht zum vornherein nichtig.57
Voraussetzung ist jedoch, dass ein rechtsgengender Verpflichtungswille des Erblassers zu bejahen ist. Andernfalls kann auch im Bereich der Testamente, namentlich bei fehlenden Willenserklrungen oder qualifizierten inhaltlichen Rechtswidrigkeiten Nichtigkeit vorliegen.58 Einzelheiten diesbezglich sind freilich umstritten. Oder um es mit Breitschmids Worten auszudrcken: [...] der Begriffswirrwarr ist babylonisch.59
Zwar ist die Mglichkeit der Nichtigerklrung im Erbrecht im Gesetz nicht explizit geregelt.60 Allgemein anerkannt ist jedoch, dass eine Ungltigerklrung voraussetzt, dass berhaupt ein dem gesetzlichen Begriff entsprechendes Testament vorliegt. Dies ist nicht der Fall bei Schriftstcken, wo gar kein Testierwille des Erblassers ersichtlich ist (z.B. im Falle von Flschungen, Zwang, unverbindlichen Wunscherklrungen, Entwrfe; siehe dazu unten III.B.1.): Solche Testamente sind ex tunc nichtig61 und knnen als rechtlich inexistent angesehen werden.62
56 BK-Tuor (FN 45), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 5 ff. m.w.Verw.; vgl. ZK-Escher (FN 1), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 2.
57 BGE 113 II 270 E. 3; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 1; BSK ZGB II-Forni/Piatti (FN 1), N 23 Art. 519 f. ZGB; BK-Tuor (FN 45), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 5.
58 BGE 113 II 270 E. 3; BSK ZGB II-Forni/Piatti (FN 1), N 23 Art. 519 f. ZGB.
59 Breitschmid (FN 23), Formprobleme, 27 ff., 63. 60 Vgl. Hans Michael Riemer, Nichtige (unwirksame) Testamente
und Erbvertrge, in: Festschrift fr Max Keller zum 65. Geburtstag, Zrich 1989, 245 ff., 246. 61 Breitschmid (FN 23), Formprobleme, 27 ff., 63 f.; Druey (FN 9), Lehrbuch, 12 N 59 ff.; vgl. BGE 131 III 601 E. 3.1; 129 III 580 E. 2; 90 II 476 E. 2; 89 II 182 E. 7; 81 II 22 E 4; 72 II 154 E. 2; BGer, 5A_715/2009, 14.12.2009, E. 2; 5C.70/2000, 17.7.2000, E. 3b.aa; Siehe ferner schon Jean-Pierre Henri Cottier, Le testament olographe en droit Suisse, Diss. Lausanne 1960, 34 m.w.Verw.; ZK-Escher (FN 1), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 2, Art. 520 ZGB N 1; unprzise (ein Testamentsentwurf als ungltig bezeichnend) BGE 78 II 348 E. 2. 62 Vgl. BGer, 5C.70/2000, 17.7.2000, E. 3b.aa; Denis Piotet (FN 54), N 5 ff. und 34 ff.; Paul Piotet (FN 54), 164 ff.
Ein Teil der Lehre sowie (zumindest andeutungsweise) die bundesgerichtliche Rechtsprechung gehen in Anlehnung an das Konzept von Riemer davon aus, dass ber die vorgenannte Kategorie hinaus besonders gravierende, extreme Flle der Ungltigkeitstatbestnde nach Art. 519 ff. ZGB Nichtigkeit zur Folge haben knnen.63 Ausgehend von den vier Grundelementen einer Verfgung von Todes wegen, nmlich (i) Erblasser, (ii) Verfgungswille, (iii) Verfgungsobjekt und (iv) Verfgungsempfnger kann man nach Riemer bezglich jedes dieser Grundelemente Flle der Nichtigkeit definieren. Daraus ergeben sich nebst Konstellationen, die sich von den Anfechtungsgrnden nach Art. 519 ff. ZGB grundstzlich unterscheiden64 auch Fallgruppen, die als Extremflle der Ungltigkeitsgrnde nach Art. 519 ff. ZGB angesehen werden knnen.65
Die verfahrensrechtlichen Folgen der Unterscheidung zwischen Nichtigkeit und Ungltigkeit sind von praktischer Bedeutung. Sie werden nachfolgend behandelt (III.A.). Danach sollen Fallgruppen von Formmngel gebildet werden, welche Nichtigkeit nach sich ziehen knnen (III.B.).
A. Unterschiede NichtigkeitUngltigkeit
Nachfolgend richte ich den Fokus auf die Unterschiede zwischen den Rechtsinstituten der Nichtigkeit und der Ungltigkeit von Testamenten. Freilich bestehen Gemeinsamkeiten so ist z.B. fr die klageweise Durchsetzung beider Rechtsinstitute das Gericht am letzten Wohnsitz des Erblassers zustndig (Art. 28 Abs. 1 ZPO)66 auf die jedoch nicht weiter einzugehen ist.
63 Breitschmid (FN 23), Formprobleme, 63 f.; Peter Tuor/Bern hard Schnyder/Alexandra Jungo, Das Schweizerische Zivilgesetzbuch, 14. A., Zrich 2015, 69 N 3, Fn 1; Riemer (FN 60), 246 ff.; Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 746 ff.; Tamara Vlk, Die Pflicht zur Einlieferung von Testamenten (Art. 556 ZGB) und Erbvertrgen und ihre Missachtung, Diss., Zrich 2003, 24 f.; vgl. BGE 132 III 315 E. 2.2; 129 III 580 E. 1.2; 108 II 409 E. 3 (absolute Nichtigkeit eines formungltigen Versprechens, einen Erbvertrag abzuschliessen); Urs Schwaller, Die Unwirksamkeit des eigenhndigen Testamentes, Diss. Freiburg 1981, 67 ff.; a.M. PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 6; Jean Nicolas Druey, BGE 129 III 580, AJP 2004, 328 ff., 329.
64 Riemer (FN 60), 249 f. 65 Riemer (FN 60), 250 ff. 66 BSK ZPO-Martin-Sphler, Art. 28 N 4, in: Karl Sphler/Luca
Tenchio/Dominik Infanger (Hrsg.), Schweizerische Zivilprozessordnung, 2. A., Basel 2013 (zit. BSK ZPO-Verfasser); PraxKomm Erbrecht-Schweizer (FN 1), Anhang ZPO N 11; Annette Spy cher, in: Berner Kommentar zum schweizerischen Privatrecht, Schweizerische Zivilprozessordnung, Bd. I, Art. 1149 ZPO, Bern 2012 (zit. BK-Verfasser), Art. 28 ZPO N 4; Alexander Zrcher, in: Sutter-Somm Thomas/Hasenbhler Franz/Leuenberger Chris-
Wie soeben gesehen ist eine anfechtbare letztwillige Verfgung primr gltig und kann erst auf erhobene Klage hin fr ungltig erklrt werden. Entsprechend ist das Urteil, welches die letztwillige Verfgung fr ungltig erklrt, nicht etwa ein Feststellungs-, sondern ein Gestaltungsurteil.67
Ein nichtiges Rechtsgeschft vermag hingegen von Anfang an (ex tunc) grundstzlich keine Wirkungen zu erzeugen.68 Entsprechend muss die Nichtigkeit einer letztwilligen Verfgung von Amtes wegen sowie von allen rechtsanwendenden Behrden allen Verfahren bercksichtigt werden, und zwar nicht nur in gerichtlichen (Ungltigkeits-69, Erbschafts-, Vermchtnis-70, Herabsetzungs- und Erbteilungsklage),71 sondern auch in verwaltungs(erb)rechtlichen Angelegenheiten (insbesondere im Verfahren zur Ausstellung eines Erbscheins bzw. eines Willensvollstreckerzeugnisses72),73 was unter Umstnden bedeutende taktische Konsequenzen nach sich ziehen kann.
Des Weiteren kann vorausgesetzt ein gengendes Feststellungsinteresse ist gegeben74 eine allgemeine Klage auf Feststellung der Nichtigkeit angestrengt werden.75
toph (Hrsg.), Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, 2. A., Zrich 2013, Art. 28 ZPO N 9; Riemer (FN 60), 257. 67 BGE 132 III 315 E. 2.2; Christoph Brckner/Thomas Weibel, Die erbrechtlichen Klagen, 3. A., Zrich 2012, N 21; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 56; Riemer (FN 60), 257. 68 BGE 134 III 438 E. 2.3; vgl. ZK-Escher (FN 1), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 2; vgl. auch BSK ZGB II-Huguenin/Meise (FN 1), N 53 ff. Art. 19 f. OR sowie zu den Relativierungen dieser Auffassung N 56 ff. Art. 19 f. OR. 69 Vgl. BGE 132 III 315 E. 2.2; 101 II 211; 46 II 11. 70 BGE 68 II 155 (Nichtigkeit des Vermchtnisses, weil der Erblasser die Wahl der Person des Vermchtnisnehmers an einen Dritten bertragen hatte). 71 Vgl. PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 8; BSK ZGB II-Forni/Piatti (FN 1), Art. 519 f. N 4; Riemer (FN 60), 256. 72 AppGer BS, 25.2.2010, E. 3, in: BJM 2011, 318 ff. 73 BGE 108 II 405 E.3 (Versprechen, einen Erbvertrag abzuschliessen); PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 2; vgl. auch BGE 123 III 60 E. 3b; vgl. ZK-Escher (FN 1), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 2. 74 Vgl. BGE 123 III 414 E. 7b; 120 III 20 E. 3; 97 II 108 E. 4; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 10; AppGer TI, 9.9.2013, in: RtiD I-2014, Nr. 11c, E. 5. 75 PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 9; Brckner/ Weibel (FN 67), N 25; Eitel (FN 45), N 10; Riemer (FN 60), 257; vgl. BGE 90 II 476 E. 2; 89 II 182 E. 7; 81 II 22 E. 4.
Nichtsdestotrotz sind nichtige Verfgungen trotzdem gemss Art. 556 ZGB einzuliefern76 und gemss Art. 557 ZGB zu erffnen.77
2. Keine Verwirkung oder Heilung
Die Klage, womit um Feststellung der Nichtigkeit eines Testamentes ersucht wird, kann jederzeit und unbefristet angehoben werden.78 Sie untersteht namentlich nicht der Verwirkungsfrist des Art. 521 ZGB.79 Es handelt sich dabei zweifellos um einen der wichtigsten Unterschiede zwischen den zwei Rechtsinstituten.80 Allerdings gilt es zu beachten, dass dies lediglich beim Nichtbesitzenden relevant ist, kann sich doch der besitzende Anfechtende auch im Rahmen der Ungltigkeitsgrnde auf eine entsprechende, unverjhrbare Einrede berufen (Art. 521 Abs. 3 ZGB).81
Nichtige Rechtsgeschfte knnen nach allgemeiner Auffassung weder durch Verjhrung noch durch nachtrgliche Genehmigung geheilt werden.82 In Anlehnung an Art. 20 Abs. 2 OR ist indes denkbar, dass nur ein Teil des Testamentes fr nichtig erklrt wird, z.B. im Falle von nicht eigenhndig geschriebenen Zustzen.83
3. Erga-omnes-Wirkung
Whrend das Ungltigkeitsurteil lediglich unter den Prozessparteien (inter-partes) wirkt84 geht die herrschende
76 Vlk (FN 63), 25 ff.; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 3.
77 Vlk (FN 63), 43 f.; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 3. Vgl. KGer GR, ZK1 12 43, 21.9.2012, E. 4c.
78 Vgl. BGE 129 III 580 E. 2 (Nichtigkeit eines nicht unterschriebenen Testamentsnachtrages nach Ablauf der Verwirkungsfrist geprft aber verneint); 90 II 476 E. 2; 81 II 22 E. 4 (Feststellung, dass kein dem gesetzlichen Begriff entsprechendes Vermchtnis besteht); 72 II 154 E. 2 (Simulierter Erbvertrag); PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), N 11 Art. 519 ZGB.
79 Vgl. BGE 90 II 476 E. 2; 81 II 22 E. 4; 72 II 154 E. 2; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 11.
80 Vgl. Riemer (FN 60), 257. 81 Vgl. PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 521 ZGB N 19 ff.; Abt
(FN 52), 53. Selbst der besitzende Ansprecher darf sich jedoch nach Ablauf der Verwirkungsfrist nicht auf Ungltigkeit des Testamentes berufen, wenn er auf der klgerischen Seite einen Prozess anstrengt, vgl. BGE 102 II 193 E. 3. 82 Vgl. BGE 112 II 330 E. 2b; 97 II 108 E. 4; PraxKomm ErbrechtAbt (FN 1), Art. 519 ZGB N 2; BSK-Huguenin/Meise, N 53 Art. 19 f. OR. 83 BGE 98 II 73 E. 3b.cc; Riemer (FN 60), 258; vgl. BGer, 5C.95/2006, 26.6.2006, E. 2.4; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 17 und 76 f.; BSK ZGB II-Forni/Piatti (FN 1), Art. 519 f. N 4; Riemer (FN 60), 258. 84 BGE 81 II 33 E. 3 m.w.Verw.; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 74; Abt (FN 52), 169; BSK ZGB II-Forni/Piatti (FN 1), Art. 519 f. N 30.
Meinung davon aus, dass ein Urteil, welches die Nichtigkeit einer letztwilligen Verfgung feststellt, gegenber jedermann (erga omnes) Wirkung entfaltet.85
B. Fallgruppen nichtiger Testamente
1. Nicht-Testament
Es handelt sich bei dieser Fallgruppe um das am wenigsten umstrittene Beispiel fr eine nichtige Verfgung von Todes wegen.86 In dieser Konstellation, welche schon andeutungsweise erwhnt wurde, geht es um Flle, wo gar kein Testierwille des Erblassers ausgemacht werden kann.87
Ausgangspunkt ist, dass letztwillige Verfgungen aus dem Geltungswillen des Erblassers hervorgehen und einen Geschftswillen ausdrcken mssen.88 Geschftswille ist im Erbrecht die erbrechtliche Anordnung oder Verfgung (Verfgungswille, animus testandi).89 Als Geltungswille (oder Erklrungswille) versteht man dabei den Entschluss, den Geschftswillen durch Erklrung zur Geltung zu bringen.90
Nicht-Testamente sind somit Schriftstcke, die keinen Verfugungswillen zum Ausdruck bringen oder ohne Geltungswillen zustande gekommen sind.91 Diese Nicht-Testamente knnen analog zu anderen Situationen wo der relevante Geschftswillen fehlt als rechtlich inexistent angesehen werden.92 Obwohl mit den Willensmngel verwandt, ist der Nexus dieser Kategorie nichtiger letztwilliger Verfgungen mit den erbrechtlichen Formvorschriften unbersehbar.
85 PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 10; Brckner/ Weibel (FN 67), N 25; a.M. Riemer (FN 60) , 257.
86 Vgl. aber PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 6. 87 Vgl. Breitschmid (FN 12), Diss., N 695 m.w.H.; BK-Tuor
(FN 45), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 8 ff.; Breitschmid (FN 23), Formprobleme, 63 f.; Druey (FN 9), Lehrbuch, 12 N 59 ff.; vgl. BGE 131 III 601 E. 3.1; 129 III 580 E. 2; 90 II 476 E. 2; 89 II 182 E. 7; 81 II 22 E 4; 72 II 154 E. 2; BGer, 5C.70/2000, 17.7.2000, E. 3b.aa; Siehe ferner schon Cottier (FN 61), 34 m.w.H.; ZKEscher (FN 1), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 2, Art. 520 ZGB N 1. 88 BK-Weimar (FN 1), Einleitung zum 14. Titel N 40 f.. 89 BK-Weimar (FN 1), Einleitung zum 14. Titel N 41. 90 BK-Weimar (FN 1), Einleitung zum 14. Titel N 41; vgl. auch BKKramer, N 33 Art. 1 OR; Gut Kgi (FN 9), N 14. 91 BK-Weimar (FN 1), Einleitung zum 14. Titel N 41; vgl. auch Gut Kgi (FN 9), N 14; BK-Tuor (FN 45), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 8 ff.; Jean Nicolas Druey, Bemerkungen zu BGE 129 III 580, AJP 2004, 328 ff., 329. 92 Vgl. BGer, 5C.70/2000, 17.7.2000, E. 3b.aa. (l'atto falso non pu infatti contenere la reale volont del de cuius e come testamento non esiste); Denis Piotet (FN 54); Paul Piotet (FN 54), 165 f.; vgl. auch Tercier (FN 54), N 481 ff.
Nichtig sind somit nach dieser Konzeption Verfgungen von Todes wegen, die simuliert (vgl. Art. 18 Abs. 1 OR) oder sonst nicht
ernsthaft gewollt sind; darunter fallen Scherztestamente, Entwrfe etc.;93 die keine verbindliche Anordnung treffen (Wnsche);94 die dem Willen eines Dritten entsprechen; klassisches Beispiel ist hier die Flschung, aber auch dann, wenn ein Dritter die Hand des Erblassers durch berwltigenden Zwang fhrt, kann nicht mehr von einem Willen des Erblassers gesprochen werden.95
2. Fehlender Verfgungsempfnger oder fehlendes Verfgungsobjekt
hnlich gelagert wie beim Nicht-Testament ist der Fall, wo der Erblasser das Prinzip der materiellen Hchstpersnlichkeit verletzt, wonach der Erblasser selbst Verfgungsobjekt und Verfgungsempfnger zumindest in bestimmbarer Weise festlegen muss.96
So ist nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ein Vermchtnis nichtig, welches nach Wahl der zwei Nutzniesserinnen an eine Niederlassung des Ordens Sacr-Coeur im Elsass oder in der Schweiz gehen sollte. Anspruch auf ein Vermchtnis habe aufgrund des Prinzips der materiellen Hchstpersnlichkeit nur, wer aus der Verfgung des Erblassers unmittelbar als in dieser Weise Bedachter hervorgehe.97
Ebenfalls als nichtig erklrt wurde die Ermchtigung, wonach der Willensvollstrecker das brige Vermgen zu einem bestimmten Zweck einsetzen sollte. Dies sei kein Vermchtnis im Sinne des Gesetzes, weil der Erblasser
93 ZK-Escher (FN 1), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 2, Art. 520 ZGB N 1; BK-Weimar (FN 1), Einleitung zum 14. Titel N 42 und 44 ff.; Guinand/Stettler/L euba (FN 11), N 401; vgl. BGE 78 II 348 E. 2 (Entwurf, allerdings lediglich als ungltig bezeichnet); 73 II 148 E. 2 (Auftrag an den Notar, ein Testament zu errichten); 72 II 154 E. 2 (simulierter Erbvertrag); 48 II 308 E. 2 (Absicht, eine sptere Verfgung zu errichten); D ruey (FN 91), AJP 2004, 329.
94 BGE 90 II 476 E. 4. Ob der Erblasser einen unverbindlichen Wunsch oder eine hfliche Anordnung ausdrcken wollte, ist eine Frage der Testamentsauslegung, vgl. BGE 117 II 142 E. 2; 88 II 67; Guinand/Stettler/Leuba (FN 11), N 403.
95 BK-Weimar (FN 1), Einleitung zum 14. Titel N 43; Guinand/ Stettler/Leuba (FN 11), N 401; vgl. BGE 98 II 73 E. 3b; 72 II 154 E. 2 (obiter dictum zur zwangsweise Handfhrung); vgl. ZK-Escher (FN 1), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 2, Art. 520 ZGB N 1; BK-Tuor (FN 45), Vorbem. Art. 519 ff. ZGB N 8 ff.; Piotet (FN 54), 165.
96 Vgl. BGE 91 II 177 E. 3; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 7 m.w.Verw; BK-Weimar (FN 1), Einleitung zum 14. Titel N 27 ff.; Druey (FN 91), AJP 2004, 329 f.; Guinand/ Stettler/Leuba (FN 11), N 401.
97 BGE 68 II 155 E. 7.
die mit einem Vermchtnis bedachten Personen selbst zu bezeichnen habe und deren Bestimmung nicht einem Dritten berlassen knne.98
Beauftragt der Erblasser den Willensvollstrecker, das restliche Vermgen in erster Linie einer bestimmten Person und danach nach Gutdnken zu verteilen, so ist diese Anordnung gnzlich nichtig. Der Teil, der dem gengend bezeichneten Begnstigten zukommen soll, sei weder bestimmt noch bestimmbar.99
Interessant wre, die oben genannten Flle von den Instituten der unselbstndigen Stiftung und der erbrechtlichen Begnstigung mit Auflage, diese fr bestimmte Zwecke zu verwenden, abzugrenzen. Dies wrde den Rahmen dieses Artikels jedoch sprengen.
Fraglich kann sein, wie es sich mit einem Testament verhlt, wo zur Bestimmung der Erben oder Vermchtnisnehmer auf eine beigelegte, maschinengeschriebene Liste verwiesen wird.100 M.E. muss mit dem Bundesgericht davon ausgegangen werden, dass nicht eigenhndig geschriebene Teile der Verfgung als nicht existierend zu betrachten sind.101 Von Amtes wegen sollte dieser Formfehler jedoch nur bercksichtigt werden, sofern die beigelegte Liste nicht vom Erblasser unterschrieben wurde (siehe unten III.B.3.b.).
3. Extremflle anderer Formmngel?
Klar ist, dass Formmngel einer letztwilligen Verfgung in der Regel lediglich zur Anfechtbarkeit und nicht zur Nichtigkeit fhren.102 Ob es Ausnahmen hierzu gibt, und gegebenenfalls welche, ist mitunter umstritten.
a. Bundesgerichtliche Rechtsprechung
Die bundesgerichtliche Praxis in diesem Bereich kann als schwankend bezeichnet werden. So befand das Bundesgericht in BGE 113 II 270, auf den Nachlass bezogene Willenserklrungen seien wegen Formwidrigkeit bloss anfechtbar, aber nicht zum vornherein nichtig, sofern der Verpflichtungswille des Erblassers zu bejahen sei.103 In diese Richtung gehen Urteile, welche die folgenden letztwilligen Verfgungen nicht als nichtig erachteten:
98 BGE 81 II 22 E. 6. 99 BGE 89 II 278 E. 4a. 100 Beispiel aus Muscheler (FN 17), 24. 101 BGE 131 III 601 E. 3.1; vgl. auch BGE 61 II 274 E. 1. 102 Druey (FN 9), Lehrbuch, 12 N 39; Roland Fankhauser, in:
Marc Amstutz et al. (Hrsg.), Handkommentar zum Schweizer Privatrecht, 3. A., Zrich 2016, Art. 519 ZGB N 1; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 498 ZGB N 19. 103 BGE 113 II 270 E. 3a; vgl. auch BGE 89 II 87 E. 3.
ein nicht unterschriebenes handschriftliches Testa ment;104
ein unterschriebenes Testament bei vollstndiger Handfhrung durch den knftigen Erben;105
ein handschriftlicher Erbvertrag (gemeinschaftliches Testament);106
ein nicht unterzeichneter Nachtrag.107
Demgegenber fhrte das Bundesgericht in BGE 129 III 580, unter Zitierung von Riemer, aus, das Fehlen der Unterschrift in einer letztwilligen Verfgung knne je nach den weiteren konkreten Umstnden des Einzelfalles zur Nichtigkeit der betreffenden Verfgung fhren.108 Auch nach BGE 132 III 315 knnen qualifizierte inhaltliche Rechtswidrigkeiten und dementsprechend eigentliche Extremflle der im Gesetz als Ungltigkeitsgrnde erfassten Tatbestnde die Nichtigkeit letztwilliger Verfgungen begrnden.109
Auch erklrte das Bundesgericht in einem lteren Entscheid ein eigenhndig unterzeichnetes, maschinengeschriebenes Testament, als nichtig (nul et de nul effet; pseudo-testament).110 hnlich entschied 2010 das baselstdtische Appellationsgericht: Hier ging es ebenfalls um ein maschinengeschriebenes Testament, das vom Erblasser unterzeichnet worden war. 111
Neulich befasste sich das Bundesgericht wiederum mit einem maschinengeschriebenen Testament, das vom Erblasser unterschrieben worden war: Es ging im bundesgerichtlichen Urteil indes lediglich um die Frage der unentgeltlichen Prozessfhrung, worum die Anfechtungsgegnerin im Rahmen einer (rechtzeitig erhobenen) Ungltigkeitsklage ersucht hatte. Diesbezglich urteilte das Bundesgericht, Art. 505 ZGB lasse keinen Spielraum zu fr eine objektiv-zeitgemsse Auslegung, wie sie die
104 Vgl. BGE 40 II 193 E. 3. 105 Riemer (FN 60), 254, mit Verweis auf AppGer TI, 6.3.1947, in:
Rep 1947, 474 ff. Allerdings handelt es sich hierbei um ein Urteil im Zusammenhang mit einer rechtzeitig eingereichten Ungltigkeitsklage, so dass das Tessiner Appellationsgericht keinen Grund hatte, sich zur Unterscheidung zwischen Nichtigkeit und Ungltigkeit zu ussern. 106 BGE 89 II 87 E. 3. 107 BGE 129 III 580 E. 2 (hingegen wurde die Frage nicht unter dem Blickwinkel der Ungltigkeit i.S.v. Art. 520 ZGB analysiert, da der Klger die einjhrige Verwirkungsfrist verpasst hatte; unprzise deshalb Steinauer [FN 11], Lehrbuch, N 695, der von valable spricht, vgl. auch Eitel [FN 45], N 13 und 17 ff.). 108 BGE 129 III 580 E. 1.2. 109 BGE 132 III 315 E. 2.2. 110 BGE 61 II 274 E. 1. A.M. Cotti/Gygax (FN 28), Art. 505 ZGB N 14; BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 4; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 7. 111 AppGer BS, 25.2.2010, E. 3, in: BJM 2011, 318 ff.
Beschwerdefhrerin postuliert habe. Maschinenschrift sei bei einem eigenhndigen Testament ausgeschlossen. Die klare Rechtslage lasse demgemss den Standpunkt der Beschwerdefhrerin auch in einem Verfahren nach Art. 257 ZPO als aussichtslos erscheinen.112 Leider sind dem genannten Urteil aber keine Ausfhrungen zur Thematik der Nichtigkeit zu entnehmen.
Zum Teil wird in der Lehre die Auffassung vertreten, Art. 520 ZGB sei lex specialis zu Art. 11 Abs. 2 OR, weshalb ein Testament wegen Formmangels nie nichtig, sondern lediglich anfechtbar sein knne.113
Demgegenber sollen gemss Riemer extreme Missachtungen der Formvorschriften Nichtigkeit mit sich ziehen.114 Als Unterscheidungskriterium fordert Rie mer neben den vier Grundelementen eines Testaments,115 (i) dass ein (von ihm oder einem Dritten) irgendwie niedergeschriebener Text sowie (ii) die Unterschrift des Erblassers vorhanden seien.116 Entsprechend diesem Konzept wren folgende Beispiele als extrem formungltig und deshalb als nichtig zu betrachten:117
mndliche letztwillige Verfgungen (sofern die Art. 506 f. ZGB nicht beachtet wurden);118
ein von einem Vertreter mit Wissen und Willen des Erblassers unterschriebenes Testament;119
vollstndige Handfhrung durch einen zuknftigen Erben;120
112 Vgl. zum Ganzen BGer, 5A_131/2015, 26.5.2015, E. 4. 113 Breitschmid (FN 12), Diss., N 701 ff. (vgl. aber Breitschmid
[FN 23], Formprobleme, 63 f., wo er sich der Ansicht Riemers anschliesst); PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 519 ZGB N 6; BSK ZGB II-Forni/Piatti (FN 1), Art. 519 f. N 22. 114 Riemer (FN 60), 253; vgl. auch AppGer TI, 9.9.2013, in: RtiD I-2014, Nr. 11c, E. 5; Guinand/Stettler/Leuba (FN 11), N 400 ff.; Tuor/Schnyder/Jungo (FN 63), 70 N 1, Fn 1; a.M. Druey (FN 91), AJP 2004, 329. 115 Erblasser, Verfgungswille, Verfgungsobjekt und Verfgungsempfnger, vgl. Riemer (FN 60), 248. 116 Riemer (FN 60), 254; vgl. auch PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 498 ZGB N 19; vgl. zum Falle eines maschinengeschriebenen und unterzeichneten Testament BGer, 5A_131/2015, 26.5.2015, E. 4. 117 Riemer (FN 60), 254; zustimmend auch Breitschmid (FN 23), Formprobleme, 63 f. 118 Ebenso Schwaller (FN 63), 68 f.; vgl. auch Abt (FN 52), 160; ZK-Escher (FN 1), Art. 508 ZGB N 3; a.M. BSK ZGB II-Breit schmid (FN 1), Art. 506 ff. N 10; BK-Weimar (FN 1), Art. 506 ff. ZGB N 19; Gregor Joos, Testamentsformen in der Schweiz und in den USA, Diss., Zrich 2001, 173 f. 119 A.M.: BK-Weimar (FN 1), Einleitung zum 14. Titel N 43. 120 Riemer (FN 60), 254; vgl. AppGer TI, 6.3.1947, in: Rep 1947, 474 ff., 480, wonach jegliche Zusammenarbeit des Erben bei der Verfassung des Testamentes zu dessen Ungltigkeit fhren soll;
vollstndig maschinengeschriebene Testamente (ohne Unterschrift).121
Nicht nichtig wren danach also wohl Testamente, die zwar von einem Dritten verfasst wurden oder maschinengeschrieben sind, die jedoch die Unterschrift des Erblassers tragen.122
Dieser Auffassung mchte ich mich anschliessen. Insbesondere soll m.E. ein von einem Dritten verfasstes Testament, das nicht vom Erblasser unterzeichnet worden ist, unabhngig davon, ob dies mit oder ohne bzw. gegen den Willen des Erblassers geschah, als nichtig betrachtet werden. Erstens gilt nmlich im Erbrecht das Prinzip der formellen Hchstpersnlichkeit, welche besagt, dass erbrechtliche Verfgungen einer Vertretung nicht zugnglich sind.123 Zweitens haben wir gesehen, dass ein Verstoss gegen das verwandte Prinzip der materiellen Hchstpersnlichkeit zur Nichtigkeit der betreffenden Verfgung fhrt. Drittens macht sich der Dritte, der ein Testament fr den Erblasser auf dessen Wunsch verfasst, ohne dass der Erblasser selber unterzeichnet htte, der Urkundenflschung nach Art. 251 StGB strafbar.124 Schriftlichkeit und insbesondere die Unterschrift als formgltige Festlegung eines erblasserischen Willens scheint somit als unumgngliche Mindestvoraussetzung, welche an die Form einer letztwilligen Verfgung zu stellen ist.
In Ergnzung zu Riemers Konzeption msste man sich heute zustzlich fragen, wie es sich mit einem Testament verhielte, das mit einer qualifizierten elektronischen Signatur i.S.v. Art. 14 Abs. 2bis OR des Erblassers versehen wurde. Da das Gesetz diese Signatur der Unterschrift gleichstellt, darf m.E. dieser Fall nicht anders beurteilt werden. Ein solches elektronisches Testament wre somit nicht als nichtig zu betrachten.
Zu guter Letzt sei auf den in der Praxis nicht selten vorkommenden Fall hinzuweisen, wo (lediglich) eine Fotokopie eines handschriftlichen Testaments vorliegt. In Anwendung der oben genannten Kriterien muss auch hier bei Fehlen einer erblasserischen Unterschrift auf Nichtig-
vgl. auch Schwaller (FN 63), 65 ff., der allerdings nur das erste der zwei Elemente als notwendig erachtet, wobei er damit eine individuelle Anfertigung durch den Erblasser meint (70). 121 So wohl auch PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 4; Steinauer (FN 11), Lehrbuch, N 750. 122 Vgl. auch BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 505 N 4; PraxKomm Erbrecht-Lenz (FN 1), Art. 505 ZGB N 7. 123 BK-Weimar (FN 1), Einleitung zum 14. Titel N 26 m.w.Verw. 124 BSK StGB II-Boog, N 24 Art. 251, in: Marcel Alexander Niggli/ Hans Wiprchtiger (Hrsg.), Strafrecht II, Basler Kommentar, 3. A., Basel 2013 (zit. BSK StGB II-Verfasser); vgl. auch BGE 132 IV 57 E. 5.1.2, 128 IV 265 E. 1.1.3; BGer, 6S.276/2004, 16.2.2005, E. 3.3; a.M. Breitschmid (FN 12), Diss., N 697.
keit erkannt werden. Anders kann es sich wohl nur dann verhalten, wenn erstellt ist, dass die Urkunde durch Zufall oder aus Verschulden anderer [d.h. nicht des Erblassers] vernichtet wurde (Art. 510 Abs. 2 ZGB).
Nach Art. 8 ZGB hat derjenige, der aus einer behaupteten Tatsache Rechte ableitet, deren Vorhandensein zu beweisen. Wie verhlt es sich damit aber im Zusammenhang mit erbrechtlichen Formmngeln? Ist umstritten, ob das Datum auf dem Testament richtig ist, so behauptet in der Regel der Testamentsinteressent, das Datum sei richtig, whrend der Anfechtende das Gegenteil geltend macht. Dasselbe gilt im Falle von Flschungen, unzulssiger Handfhrung etc.
Vorab ist klar, dass das Thema der Beweislast erst dann relevant ist, wenn sich das Gericht ber eine bestrittene Tatsachenbehauptung nach Durchfhrung des Beweisverfahrens keine berzeugung in die eine oder andere Richtung bilden konnte.125 Die (objektive) Beweislast bestimmt nmlich nicht, wie und von wem Beweise in den Prozess eingefhrt werden, sondern lediglich, welche Partei die Folgen eines offenen Beweisergebnisses zu tragen hat.126
Es kommt jedoch in der Praxis durchaus vor, dass nicht erstellt werden kann, ob z.B. das angegebene Datum richtig ist bzw. welches das effektive Errichtungsdatum war,127 oder ob ein bestimmter Zusatz (oder gar das gesamte Testament) vom Erblasser stammt. In solchen Fllen kann die Beweislastverteilung entscheidend fr den Ausgang eines Prozesses oder einer Verhandlung sein.
A. Allgemeines zu Art. 8 ZGB
Art. 8 ZGB ist nicht mehr als eine allgemeine Norm, welche die Beweislastverteilung nicht abschliessend regelt.128 Die Anwendung von Art. 8 ZGB kann deshalb mitunter Schwierigkeiten bereiten und hngt massgeblich von der
125 BGE 138 III 193 E. 6.1; 137 III 268 E. 3; 132 III 626 E. 3.4; 130 III 591 E. 5.4; 98 II 73 E. 5.
126 Siehe nur Hans Peter Walter, Berner Kommentar zum schweizerischen Privatrecht, Bd I: Einleitung und Personenrecht, 1. Abteilung: Einleitung, Bern 2012 (zit. BK-Walter), Art. 8 ZGB N 28 ff. und 171 m.w.H.
127 Vgl. BGer, 5A_666/2012, 3.7.2013, E. 4. 128 BSK ZGB I-Lardelli, N 37 f. Art. 8 ZGB, in: Heinrich Honsell/
Nedim Peter Vogt/Thomas Geiser (Hrsg.), Zivilgesetzbuch I, Basler Kommentar, 5. A., Basel 2014 (zit. BSK ZGB I-Verfasser); BKWalter (FN 126), Art. 8 ZGB N 252.
Auslegung des materiellen Rechts ab.129 Entsprechend hat die Lehre versucht, die richterrechtliche Rechtsfortbildung zur Beweislastverteilung anhand von Prinzipien und Kategorien einzuordnen. Eine eingehende Auseinandersetzung mit dieser Thematik wrde den Rahmen dieses Artikels freilich sprengen. Allerdings interessieren in diesem Zusammenhang vor allem die erwhnten Kategorien: Den rechtserzeugenden Tatsachen stehen rechtsvernichtende und rechtshemmende Tatsachen gegenber. Darber hinaus ist die Kategorie der rechtshindernden Tatsachen vorliegend relevant.130
Rechtserzeugende Tatsachen sind jene Sachumstnde, woraus sich eine Berechtigung ableitet.131 Diese Tatsachen muss unstreitig jener beweisen, der das Recht als entstanden behauptet. Beispielsweise muss der Glubiger seine Aktivlegitimation beweisen.132
Demgegenber geht es bei rechtsvernichtenden Tatsachen um solche, welche den Untergang eines Rechts bedeuten, whrend rechtshemmende Tatsachen Gestaltungsrechte umschreiben, welche die Rechtsdurchsetzung verunmglichen.133 Solche Tatsachen (bspw. Erfllung als Untergangsgrund oder die Einrede der Verjhrung) sind vom Anspruchsgegner zu beweisen.134
Interessant ist die Kategorie der rechtshindernden Tatsachen. Es geht hier um Umstnde, welche eine Berechtigung von Anfang verunmglichen, wie beispielsweise Rechtswidrigkeit oder Sittenwidrigkeit i.S.v. Art. 19 f. OR. Nach Walter trgt hier zwar derjenige die Beweislast, der den Anspruch bestreitet. Allerdings kann mit diesem Autor festgestellt werden, dass es sich bei den rechtshindernden Tatsachen um nichts anderes als um das (negative) Gegenstck einer rechtserzeugenden Tatsache
handelt, da sie die Rechtserzeugung gerade verhindern.135 Entsprechend msse die Beweislastverteilung je nach den konkreten Umstnden und der Systematik der angerufenen Norm verteilt werden, wobei hufig eine Verteilung nach Regel und Ausnahme angebracht sei.136
Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die Rolle tatschlicher Vermutungen.137 Gesttzt auf die allgemeine Lebenserfahrung fhren natrliche Vermutungen zu einer Beweiserleichterung zugunsten des Beweisbelasteten. Hingegen beeinflussen tatschliche Vermutungen die Verteilung der objektiven Beweislast etwa im Sinne einer Beweislastumkehr nicht.138 Dies im Gegensatz zu gesetzlichen Vermutungen.139 Insbesondere gengt es fr den Vermutungsgegner, dass er den Gegenbeweis (nicht: Beweis des Gegenteils) erbringt, um die Vermutung ausser Kraft zu setzen. Dazu reicht es aus, dass gengend Zweifel an der Wahrheit der Vermutungsbasis beim Gericht erzeugt werden knnen.140 Als Beispiel einer tatschlichen Vermutung, kann die Urteilsfhigkeit im Alter dienen: Beweispflichtig ist allgemein jener, der die Urteilsunfhigkeit behauptet.141 Hingegen erleichtert die Rechtsprechung die Beweisfhrung desjenigen, der die Urteilsunfhigkeit behauptet, wenn er beweist, dass die betreffende Person dauernd geisteskrank oder altersschwach war. Fr diesen Fall stellt die Rechtsprechung eine natrliche Vermutung der Urteilsunfhigkeit auf, welche jedoch durch den Gegenbeweis142 der die Vermutungsbasis (dauernder Krankheits- oder Schwchezustand) erschttert entkrftet werden kann.143
129 Vgl. BGE 130 III 321 E.3.1; 128 III 271 E. 2a.aa; BSK ZGB ILardelli (FN 128), Art. 8 N 38; BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 252.
130 Vgl. BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 8 N 38; BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 254 ff.; BGer, 9C_634/2014, 31.8.2015,
E. 6.3.4. 131 BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 8 N 42; Tuor/Schnyder/
Schmid (FN 63), 7 N 7; BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 265 m.w.Verw. 132 Vgl. BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 8 N 42; Tuor/Schny der/Schmid (FN 63), 7 N 7; BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 265 m.w.Verw.; vgl. auch BGE 132 III 60 E. 3a sowie BGer,
9C_634/2014, 31.8.2015, E. 6.3.4. 133 Vgl. BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 8 N 56 ff.; Tuor/
Schnyder/Schmid (FN 63), 7 N 7; BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 256. 134 Vgl. BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 8 N 56 ff.; Tuor/ Schnyder/Schmid (FN 63), 7 N 7; BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 281 ff. m.w.Verw.; vgl. auch BGE 132 III 60 E. 3a
sowie BGer, 9C_634/2014, 31.8.2015, E. 6.3.4.
135 BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 288 ff.; m.w.Verw.; vgl. BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 8 N 59.
136 BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 293 ff., m.w.Verw.; vgl. BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 8 N 59.
137 Vgl. Abt (FN 52), 166. 138 Vgl. BGE 117 II 256 E. 2b; 109 II 443 E. 2c; 100 II 352 E. 4b;
BGer, 5A_728/2010, 17.1.2011, E. 2.2.4; Tuor/Schnyder/ Schmid (FN 63), 7 N 17. 139 Vgl. BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 8 N 35, m.w.H.; BKWalter (FN 126), Art. 8 ZGB N 70 ff. 140 Vgl. zum Ganzen BK-Walter (FN 126), Art. 8 N 476 m.w.Verw. 141 Vgl. BGE 117 II 231 E. 2b; 116 II 117 E.8; BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 8 N 60; BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 493 m.w.Verw.; Abt (FN 52), 110. 142 Vgl. hierzu BGE 133 III 81 E. 4.2.2; 130 III 321 E. 3.4; BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 8 N 36. 143 Vgl. BK-Walter (FN 126), Art. 8 N 495 m.w.H.; Abt (FN 52),
110; vgl. auch BGE 124 III 5 E. 1; BGer, 5A_191/2012, 12.10.2012,
E. 4.1.
B. Beweislastverteilung bei Ungltigkeit bzw. Nichtigkeit eines Testaments
Wendet man die soeben erwhnten Grundstze auf den Fall der Formmngel (i.w.S.) beim eigenhndigen Testament an, knnte man folgern, Ungltigkeitsgrnde seien rechtshemmende Tatsachen, die folglich von den Anfechtenden zu beweisen seien. Auf der anderen Seite scheint die Gltigkeit eines Testamentes eine rechtserzeugende Tatsache zu sein, welche gegebenenfalls vom Testamentsinteressent zu beweisen wre.144
Dieser scheinbare Konflikt wird von der Lehre und Rechtsprechung grundstzlich wie folgt gelst: Die Existenz einer letztwilligen Verfgung, als rechtserzeugende Tatsache, ist von demjenigen (Erben oder Vermchtnisnehmer) zu beweisen, der sich auf das Testament beruft,145 wobei unter die Existenz auch die Echtheit zu subsumieren ist.146
Die Beweislast fr Formmngel welche als rechtshemmend zu qualifizieren sind muss demgegenber dem Anfechtenden aufgebrdet werden.147
Diese scheinbar recht klaren Regeln der Beweislastverteilung sind auch im Lichte einiger neuerer Urteile genauer zu analysieren. Ich werde dies anhand zweier Beispiele tun: der Echtheit des Testaments und der Richtigkeit des Datums.
1. Echtheit des Testaments
Wie gesehen gehrt die Echtheit eines Testaments zur Sphre der Existenz desselben und ist folglich grundstzlich vom Testamentsinteressenten zu beweisen.148 Unumstritten ist indes, dass eine sich als Einheit darstellende Testamentsurkunde149 eine Vermutung fr die Richtig-
144 Vgl. Breitschmid (FN 12), Diss., N 410. 145 Breitschmid (FN 12), Diss., N 411; BK-Tuor (FN 45), Art. 519
ZGB N 13; ZK-Escher (FN 1), Art. 519 ZGB N 9; BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 638; Paul Piotet (FN 54), 165. 146 Breitschmid (FN 12), Diss., N 411; ZK-Escher (FN 1), Art. 519 ZGB N 9; BK-Tuor (FN 45), Art. 519 ZGB N 13; vgl. BGer, 5C.70/2000, 17.7.2000, E. 3b); Paul Piotet (FN 54), 165. 147 Breitschmid (FN 12), Diss., N 411; BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 638; Antoine Eigenmann, in: Antoine Eigenmann et al. (Hrsg.), Commentaire du droit des successions, Bern 2012, Art. 519 ZGB N 27 und Art. 520 ZGB N 6; vgl. Abt (FN 52), 166; vgl. auch BGE 98 II 73 E. 4; 80 II 302 E. 3; KGer VS, RVJ 1991, 219 ff., E. 4b); BGer, 20.6.1991, in: ZR 90/1991, Nr. 55, 173 ff., 182 f., E. 3a; Paul Piotet (FN 54), 165. 148 Breitschmid (FN 12), Diss., N 411; BK-Tuor (FN 45), Art. 519 ZGB N 13; ZK-Escher (FN 1), Art. 519 ZGB N 9; vgl. BGer, 5C.70/2000, 17.7.2000, E. 3b. 149 BGE 82 II 302 E. 3.
keit und Echtheit des Testaments schafft (sog. Ernstlichkeits- und Authentizittsvermutung).150
Nach Breitschmid ergibt sich hieraus, dass der Anfechtende die Flschung zu beweisen habe, sofern das Testament optisch mit anderen Schriftstcken bereinstimme. Ansonsten oder bei Fehlen von Vergleichsschriften sei der Testamentsinteressent beweispflichtig.151 Darber hinaus msse der Anfechtende in jedem Fall eine allfllige Flschung der Unterschrift beweisen.152
Die bundesgerichtliche Rechtsprechung hierzu ist nicht eindeutig.
In BGE 80 II 302 wurde erwhnt die Authentizittsvermutung bestehe unter Vorbehalt von Gegenbeweisen.153
In BGE 98 II 73 wurde besttigt, der Beweis der Echtheit des Testaments sei durch die durch das Testament begnstigten Klger zu leisten, wobei przisiert wurde, dass hierzu der Nachweis genge, dass die Verfgung grsstenteils von der Erblasserin geschrieben wurde. Die Testamentsinteressenten htten nicht nachzuweisen, dass das Testament ganz oder doch in allen wesentlichen Punkten von der Hand der Erblasserin stamme. Vielmehr obliege den das Testament anfechtenden Beklagten der Nachweis der Tatsachen, aus denen sich die Ungltigkeit der zur Hauptsache von der Erblasserin geschriebenen und daher als echt zu betrachtenden Verfgung ergeben solle.154
Am 17. Juli 2000 erging soweit ersichtlich das einzige bundesgerichtliche Urteil, das sich nuanciert und ausfhrlich mit dieser Thematik befasst. Dennoch blieb dieser Entscheid praktisch unbeachtet. Darin fhrt das Bundesgericht aus, der Beweis die Echtheit der Testamentsurkunde sei von den Testamentsinteressenten zu fhren. Die Ungltigkeit sei hingegen von den Anfechtenden zu beweisen. Darunter falle indes nicht der Beweis der Echtheit. Ein geflschtes Testament sei nmlich gar keines (come testamento non esiste), weshalb dieser Mangel nicht unter die Art. 519 ff. ZGB falle. Im Bereich der Echtheit von Urkunden bestehe indes bei anscheinend einwandfreien Dokumenten eine tatschliche Vermutung fr deren Authentizitt. Diese natrliche Vermutung habe jedoch keine Auswirkung auf die Verteilung der Beweislast, sondern erleichtere lediglich die Beweisfhrung. Bei dieser Sachlage stehe es den Anfechtenden offen, Beweise oder Umstnde in den Prozess einzubringen, welche erhebliche Zweifel an die Echtheit der Urkunde begrnden
150 PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 520a ZGB N 10; BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 520a N 7.
151 Breitschmid (FN 12), Diss., N 413. 152 Breitschmid (FN 12), Diss., N 411. 153 BGE 80 II 302 E. 3. 154 BGE 98 II 73 E. 4.
und die natrliche Vermutung somit umstossen wrden. Diesfalls bleibe es bei der anfnglichen Beweislastverteilung zulasten der Testamentsinteressenten.155 Das Bundesgericht fhrt sodann berraschend aus, im Bereich der Echtheit von Urkunden komme Art. 8 ZGB jedoch nicht zur Anwendung, denn es gehe nicht um ein von einer Partei geltend gemachtes Recht, sondern um eine Tatsache: Diesbezglich sei die Beweislast hierfr dem (damals noch kantonal geregelten) Zivilprozessrecht zu entnehmen.156
Der Vollstndigkeit halber sei noch erwhnt, dass in einem Urteil des Bundesgerichts vom 22. September 2005 in einem obiter dictum ausgefhrt wurde, der Nachweis der nicht eigenhndigen Errichtung des Testaments oder der unerlaubten Dritteinwirkung sei von den Anfechtenden zu erbringen, da sie daraus Rechte ableiten wrden.157 Es handelt sich bei diesem Urteil jedoch m.E. um einen Ausrutscher, was sich auch daran zeigt, dass die oben zitierten Entscheide darin nicht erwhnt wurden.
Mir scheint, den Ausfhrungen im erwhnten Urteil vom 17. Juli 2000 sei zuzustimmen. Ausgenommen hiervon sei der letzte zitierte Satz der in einem weiteren Urteil von 2004 bekrftigt wurde.158 Beweisgegenstand sind nmlich rechtserhebliche, streitige Tatsachen (Art. 150 Abs. 1 ZPO),159 worunter die Echtheit einer Urkunde m.E. klar fallen msste.160 Nach dem Inkrafttreten der ZPO ist die Frage jedoch obsolet geworden: Art. 178 ZPO kodifiziert nun ausdrcklich die Richtigkeitsvermutung fr Urkunden und gibt somit die schon frher herrschende Rechtsprechung wieder.161 Ob Art. 178 ZPO Art. 8 ZGB leidglich in prozessualer Hinsicht konkretisiert oder ob er lex specialis dazu ist, kann hier offenbleiben und ist praktisch wohl auch nicht relevant.162
2. Richtigkeit des Datums
Gemss Art. 520a ZGB ist bei diesem Ungltigkeitsgrund zu beachten, dass die Unrichtigkeit des Datums nur bei
155 BGer, 5C.70/2000, 17.7.2000, E. 3b. 156 BGer, 5C.70/2000, 17.7.2000, E. 4a. 157 BGer, 5C.153/2005, 22.9.2005, E. 3.1. 158 BGer, 5C.52/2003, 11.3.2004, E. 3.2. 159 BGE 116 II 357 E. 2c; 114 II 289 E. 2a; BSK ZGB I-Lardelli
(FN 128), Art. 8 N 2; BK-Walter (FN 126), Art. 8 ZGB N 87 ff.. 160 Vgl. BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 9 N 21. 161 Vgl. BGE 132 III 140 E. 4.1.2; 113 III 89 E. 4; . BSK ZGB I-
Lardelli (FN 128), Art. 9 N 21, m.w.H.; BK-Retschi (FN 66), Art. 178 ZPO N 3. 162 Vgl. Botschaft zur Schweizerischen Zivilprozessordnung (ZPO), BBl 2006 7221 ff., 7322; BSK ZPO-Dolge (FN 66), Art. 178 N 4; BSK ZGB I-Lardelli (FN 128), Art. 9 N 21; BK-Walter (FN 126), Art. 9 ZGB N 44.
sog. Opportunitt ausgesprochen werden kann, das heisst, wenn das Datum berhaupt relevant ist fr die Beurteilung der Gltigkeit des Testaments, z.B. weil mehrere Testamente vorliegen.163 Die Authentizittsvermutung, die wir soeben gesehen haben (III.B.1.), greift nach allgemeiner Auffassung auch fr die Richtigkeit des Datums.164
Daraus folgert Breitschmid, wer die Richtigkeit bestreite, habe die Wahrscheinlichkeit der Unrichtigkeit und die Relevanz des geltend gemachten Mangels (im Sinne von Art. 520a ZGB) darzutun. Sei die Opportunitt der Datierung nachgewiesen, obliege dem aus dem Testament Begnstigten der (ausreichend genaue) Nachweis, in welchem Zeitraum das Testament errichtet bzw. dass es ausserhalb einer kritischen Periode errichtet wurde.165
Gemss Abt soll die Beweislast fr beides dem Anfechtenden auferlegt werden: Dieser msse einerseits die Erforderlichkeit der (richtigen) Datumsangabe nachweisen und trage die Beweislast fr eine hinreichend genaue zeitliche Einordnung der Testamentserrichtung. Umgekehrt verhalte es sich nur bei fehlendem Datum und nachgewiesener Opportunitt desselben.166
Ein krzlich ergangenes Urteil des Bundesgerichts betraf einen Sachverhalt, wo die Opportunitt gegeben war, da erstellt war, dass die Erblasserin vor Ihrem Tode urteilsunfhig geworden war.167
Das Tessiner Appellationsgericht ging unter Zitierung des oben erwhnten Urteils vom 17. Juli 2000 von den gleichen Grundstzen wie bei einer Testamentsflschung aus. Einerseits sei das Datum als gltig zu vermuten. Der Klgerin stehe indes der Gegenbeweis offen, um Zweifel an der Echtheit des Datums zu begrnden.168 Das Beweisverfahren sei mit Bezug auf das effektive Datum ergebnislos geblieben,169 womit die Echtheit des Datums als nicht erwiesen gelte.170 Das Datum sei aber in concreto
163 Vgl. PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 520a ZGB N 6 ff.; BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 520a N 5.
164 BGE 80 II 302 E. 3; 75 II 343 E. 2; Peter Breitschmid, Revision der Form Vorschriften des Testaments Bemerkungen zur Umsetzung der Initiative Guinand, ZBJV 1995 179 ff. (zit. Revision), N 6; PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 520a ZGB N 10; BSK ZGB II-Breitschmid (FN 1), Art. 520a N 7.
165 Breitschmid (FN 164), Revision, N 6; vgl. auch BSK ZGB IIBreitschmid (FN 1), Art. 520a N 7.
166 PraxKomm Erbrecht-Abt (FN 1), Art. 520a ZGB N 10; vgl. auch Abt (FN 52), 166.
167 BGer, 5A_666/2012, 3.7.2013, Beschwerde gegen das Urteil des AppGer TI, 11.2011.37, 30.7.2012 (auf www.sentenze.ti.ch erhltlich); teilweise publiziert in: RtiD II-2013, Nr. 11c.
168 AppGer TI, 11.2011.37, 30.7.2012, E. 5. 169 AppGer TI, 11.2011.37, 30.7.2012, E. 79. 170 AppGer TI, 11.2011.37, 30.7.2012, E. 10.
relevant fr die Frage der Urteilsfhigkeit.171 Da der Beklagte (Testamentsinteressent) trotz der Zweifel die Richtigkeit des Datums nicht habe beweisen knnen, sei die letztwillige Verfgung aufzuheben.172 Im Ergebnis ging das Appellationsgericht also davon aus, dass die Testamentsinteressentin die Hauptbeweislast trage, da der Gegenbeweis gelungen sei.
Gegen dieses Urteil erhob die Beklagte Beschwerde an das Bundesgericht. Unter anderem wurde eine fehlerhafte Beweislastverteilung gergt. Indes verwarf das Bundesgericht die Rge mit dem Hinweis, die Vorinstanz habe die Unrichtigkeit des Datums festgestellt, weshalb die Beweislastverteilung keine Rolle spiele.173
Wie man sieht, ging die Vorinstanz davon aus, die Beweislast fr die Richtigkeit des Datums obliege dem Testamentsinteressenten, was zumindest im Gegensatz zur Meinung von Abt steht,174 und auch vor dem Hintergrund der allgemeinen Regeln zur Beweislastverteilung nicht naheliegend ist.175 Eine bundesgerichtliche Klrung wre bei dieser Sachlage m.E. nicht nur wnschenswert, sondern geboten gewesen. Wie gesehen war das Beweis ergebnis bezglich der Richtigkeit des Datums gerade offen, weshalb sich das Bundesgericht mit der Rge htte auseinandersetzen mssen.176
gltigkeitsgrnde auf dem Spiel stehen.177 Dem scheint indes angesichts der zitierten Rechtsprechung nicht unbedingt so zu sein. Fraglich bleibt, ob die Beweislast fr die Unrichtigkeit des Datums (trotz Richtigkeitsvermutung) effektiv beim Testamentsinteressenten liegt. Bejahendenfalls msste danach gefragt werden, ob diese Rechtslage auf andere Ungltigkeitsgrnde bertragen werden kann. Es bietet sich also Material an fr eine weitere Vertiefung des Themas.
Wie gesehen sind die Konturen der Formvorschriften im Bereich der eigenhndigen Testamente nicht gerade scharf. Die Rechtsfolgen, die sich aus einer Missachtung derselben ergeben, sind umso streitiger, obwohl prozessual einschneidend. Sodann konnten einerseits die Grundregeln der Beweislastverteilung fr Formmngel im weiteren Sinne dargelegt werden. Daraus wre eigentlich zu erwarten gewesen, dass sich die Beweislastverteilung unterscheidet, je nachdem ob Nichtigkeits- oder aber Un-
171 AppGer TI, 11.2011.37, 30.7.2012, E. 11. 172 AppGer TI, 11.2011.37, 30.7.2012, E. 12. 173 BGer, 5A_666/2012, 3.7.2013, E. 4.2.1. 174 Breitschmid (FN 164), Revision, N 6, spricht hingegen davon,
dass der Anfechtende die Wahrscheinlichkeit der Unrichtigkeit zu
beweisen habe, was im Ergebnis der Konzeption des Tessiner Ap-
pellationsgerichtes gleicht. 175 Vgl. Hierzu Matthias Bizzarro, Echtheit bzw. Richtigkeit des
Datums beim Testament Beweislastverteilung, Urteil des BGer
5A_666/2012 und RTiD II-2013, Nr. 11c, Successio 4/2016 (im Er-
scheinen). 176 Fr eine eingehende Urteilsbesprechung vgl. Bizzarro (FN 175);
vgl. auch Roberto Fornito, Formungltigkeit eines eigenhndigen Testamens wegen falscher Angabe des Errichtungsdatums, Ur-
teilsbesprechung des Urteils 5A_666/2012, Successio 2014, 158 ff.
177 So Joos (FN 118), 174.
Matthias Bizzarro Back
* Tax News: Corporate Tax Reform III rejected by referendum
* BEDEUTUNG DER USR III FR SCHWEIZER HOLDINGGESELLSCHAFTEN * New Regulations Regarding Drug Pricing

References: Art. 8
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