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Timestamp: 2020-05-27 12:40:10+00:00

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Das Bundesverfassungsgericht - und die EU-Grundrechte | Rechtslupe
Das Bundesverfassungsgericht - und die EU-Grundrechte
Auch bei gleich­zei­ti­ger Gel­tung der Uni­ons­grund­rech­te prüft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt pri­mär die deut­schen Grund­rech­te.
Han­delt es sich nicht um die Anwen­dung von voll­stän­dig deter­mi­nier­tem Uni­ons­recht, steht das Uni­ons­recht der Zuläs­sig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de von vorn­her­ein nicht ent­ge­gen 1. Das gilt auch dann, wenn nicht aus­ge­schlos­sen ist, dass Uni­ons­grund­rech­te für den Ein­zel­fall anwend­bar sind und sich dar­aus zu beach­ten­de Anfor­de­run­gen erge­ben kön­nen. Sol­chen ist im Rah­men der mate­ri­el­len Prü­fung Rech­nung zu tra­gen.
Sie­he hier­zu auch die wei­te­re Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom glei­chen Tag zum uni­ons­recht­lich voll­ver­ein­heit­lich­ten Recht
Das schließt nicht aus, dass dane­ben im Ein­zel­fall auch die Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on Gel­tung bean­spru­chen kann. In Betracht kommt das frei­lich nur im Rah­men der uni­ons­recht­li­chen Ver­trä­ge und damit dann, wenn nach Art. 51 Abs. 1 Satz 1 GRCh die "Durch­füh­rung von Uni­ons­recht" in Fra­ge steht. Hier­durch wird der inner­staat­li­che Anwen­dungs­be­reich der Char­ta bewusst begrenzt gehal­ten und der Grund­rechts­schutz sonst – auf der gemein­sa­men Grund­la­ge der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on – den Mit­glied­staa­ten und ihren inner­staat­li­chen Grund­rechts­ver­bür­gun­gen über­las­sen. Die Char­ta errich­tet so kei­nen umfas­sen­den Grund­rechts­schutz für die gesam­te Euro­päi­sche Uni­on, son­dern erkennt schon mit der Begren­zung ihres Anwen­dungs­be­reichs föde­ra­ti­ve Viel­falt (vgl. Art. 4 Abs. 2 Satz 1 EUV; sie­he auch Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG) für die grund­recht­li­chen Gewähr­leis­tun­gen an. Einer gleich­zei­ti­gen Anwend­bar­keit der Uni­ons­grund­rech­te neben den Grund­rech­ten des Grund­ge­set­zes sind damit Gren­zen gesetzt. Dies darf auch durch eine über­mä­ßig wei­te Aus­le­gung des Art. 51 Abs. 1 Satz 1 GRCh nicht unter­lau­fen wer­den 2.
Sowohl die Prä­am­bel des Uni­ons­ver­tra­ges als auch die­je­ni­ge der Grund­rech­te­char­ta aner­ken­nen die Viel­falt der Kul­tu­ren und Tra­di­tio­nen 3, und eben­so fin­det der Respekt vor der Viel­ge­stal­tig­keit des Grund­rechts­schut­zes in Art. 51 Abs. 1, 2, Art. 52 Abs. 4, 6 und Art. 53 GRCh sei­nen Aus­druck. Nähe­re Aus­ge­stal­tung erfährt dies in Art. 5 Abs. 3 EUV, der den Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät zu den Grund­prin­zi­pi­en der Euro­päi­schen Uni­on erklärt, was in Art. 51 Abs. 1 Satz 1 GRCh für den Grund­rechts­schutz aus­drück­lich auf­ge­nom­men wird. Die­se ver­trag­lich garan­tier­te Viel­ge­stal­tig­keit des Grund­rechts­schut­zes fin­det Unter­stüt­zung und Absi­che­rung in der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs. Indem die­ser auch im Anwen­dungs­be­reich der Char­ta die Anwen­dung natio­na­ler Schutz­stan­dards aner­kennt, wenn Vor­rang, Ein­heit und Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts nicht beein­träch­tigt wer­den, hält er den Mit­glied­staa­ten dort, wo ihnen durch das Fach­recht der Uni­on Gestal­tungs­spiel­räu­me eröff­net sind und die­ses somit selbst Viel­falt vor­sieht, die Mög­lich­keit offen, ihre eige­nen grund­recht­li­chen Stan­dards zur Gel­tung zu brin­gen. Aller­dings ist dabei dafür Sor­ge zu tra­gen, dass das Schutz­ni­veau der Char­ta, wie sie vom Gerichts­hof aus­ge­legt wird, nicht beein­träch­tigt wird 4. Dies ist bei der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Kon­trol­le am Maß­stab der Grund­rech­te zu berück­sich­ti­gen.
Soweit es um Rege­lungs­be­rei­che geht, für die den Mit­glied­staa­ten uni­ons­recht­lich ein Umset­zungs­spiel­raum zukommt und die damit unter­schied­li­cher Gestal­tung unter­lie­gen, zielt das nach der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs 5 zu wah­ren­de Schutz­ni­veau der Char­ta regel­mä­ßig nicht auf eine Ein­heit­lich­keit des Grund­rechts­schut­zes. Viel­mehr rich­tet sich der Umfang, in dem Raum für ver­schie­de­ne Wer­tun­gen der Mit­glied­staa­ten besteht, hier maß­geb­lich nach dem uni­ons­recht­li­chen Fach­recht. So ver­pflich­tet der Gerichts­hof die Mit­glied­staa­ten für die Aus­ge­stal­tung des Medi­en­pri­vi­legs zwar, die Ein­schrän­kung der Pri­vat­sphä­re natür­li­cher Per­so­nen auf Zwe­cke zu begren­zen, die unter die Frei­heit der Mei­nungs­äu­ße­rung fal­len, sieht jedoch die Fra­ge, wie die­se Grund­rech­te in Ein­klang gebracht wer­den, als Auf­ga­be der Mit­glied­staa­ten an 6. Damit ent­nimmt der Euro­päi­sche Gerichts­hof der Char­ta für das inso­weit gestal­tungs­of­fe­ne Fach­recht ein Schutz­ni­veau, das – anders als für voll­ver­ein­heit­lich­te Rege­lungs­be­rei­che – hier nur einen wei­ten Rah­men vor­gibt. Es kann ange­nom­men wer­den, dass sich ein auf den grund­recht­li­chen Schutz der Pri­vat­sphä­re und der Mei­nungs­frei­heit beschränk­ter Aus­gleich der gegen­läu­fi­gen Inter­es­sen regel­mä­ßig inner­halb die­ses Rah­mens hält.
Ent­spre­chend ver­langt er, dass Richt­li­ni­en im Lich­te der maß­geb­li­chen Grund­rech­te der Char­ta aus­zu­le­gen sind, aner­kennt aber bei einer inhalt­li­chen Offen­heit der Richt­li­ni­en weit­ge­hen­de Gestal­tungs­spiel­räu­me der Mit­glied­staa­ten, soweit hier­mit die Richt­li­ni­en und die mit ihnen geschütz­ten grund­recht­li­chen Inter­es­sen nur nicht aus­ge­höhlt wer­den 7. In die­sem Sin­ne wer­den dort, wo der Gerichts­hof dem Fach­recht einen wei­ten Gestal­tungs­spiel­raum der Mit­glied­staa­ten ent­nimmt, die grund­recht­li­chen Maß­stä­be, ins­be­son­de­re auch der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, grob­ma­schig dar­auf beschränkt, dass die Maß­nah­men nicht "unver­nünf­tig" sein dür­fen 8.
Das uni­ons­recht­li­che Fach­recht bestimmt den Grad der unmit­tel­bar fach­recht­li­chen Ver­ein­heit­li­chung. Es kann dabei für die Umset­zung mit­glied­staat­li­cher Gestal­tungs­spiel­räu­me grund­recht­li­che Maß­ga­ben ent­hal­ten 5, die jedoch nach dem Sub­si­dia­ri­täts­grund­satz regel­mä­ßig Grund­rechts­viel­falt zulas­sen. Inso­weit ist das Ver­hält­nis zwi­schen Fach­recht und Grund­rech­ten im Uni­ons­recht weni­ger sta­tisch als nach der deut­schen Ver­fas­sung. Dies ergibt sich aus dem dyna­mi­schen Anwen­dungs­be­reich der Char­ta, der nach Art. 51 Abs. 1 Satz 1 GRCh wegen der Anknüp­fung an die "Durch­füh­rung von Uni­ons­recht" von dem Grad der fach­recht­li­chen Ver­ein­heit­li­chung abhän­gig ist, und fin­det auch in der insti­tu­tio­nel­len Aus­ge­stal­tung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs sei­nen Aus­druck, der Fach­recht und Grund­rech­te glei­cher­ma­ßen prüft. Der Uni­ons­ge­setz­ge­ber legt so den Rah­men für die Anwen­dung der mit­glied­staat­li­chen Grund­rech­te in einer föde­ra­ti­ven Balan­ce fest. Die­ser Rah­men hat damit sei­ne Grund­la­ge in poli­tisch ver­ant­wor­te­ten Ent­schei­dun­gen, die dem Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip genü­gen müs­sen.
In die­ser dyna­mi­schen, fach­rechts­ak­zes­so­ri­schen Anla­ge der Uni­ons­grund­rech­te, wie sie von Art. 51 Abs. 1 Satz 1 GRCh vor­ge­ge­ben ist und von der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs wei­ter ent­fal­tet wur­de, kon­kre­ti­siert sich die Viel­ge­stal­tig­keit des euro­päi­schen Grund­rechts­schut­zes als Struk­tur­prin­zip der Uni­on (vgl. Prä­am­bel, Abs. 3 GRCh; Prä­am­bel, Abs. 6 EUV). Zugleich liegt in ihr die Aner­ken­nung des Sub­si­dia­ri­täts­grund­sat­zes (Art. 5 Abs. 3 EUV). Ent­spre­chend respek­tier­te der Gerichts­hof schon in Bezug auf die grund­rechts­glei­chen all­ge­mei­nen Rechts­grund­sät­ze für die Aus­ge­stal­tung des Grund­rechts­schut­zes Frei­räu­me der Mit­glied­staa­ten für die Berück­sich­ti­gung der jewei­li­gen unter­schied­li­chen Umstän­de 9 und aner­kann­te – unter Rück­griff auf die mar­gin of appre­cia­ti­on ‑Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te – einen Spiel­raum für die Beur­tei­lung, ob ein Grund­rechts­ein­griff im rech­ten Ver­hält­nis zu dem erstreb­ten Ziel steht 10. Wei­ter­hin liegt nahe, dass dort, wo schon das uni­ons­recht­li­che Fach­recht Viel­falt vor­sieht, auch Art. 53 GRCh dahin zu ver­ste­hen ist, dass grund­recht­li­che Wer­tungs­kon­flik­te im Grund­satz auf der Grund­la­ge der jeweils mit­glied­staat­li­chen Grund­rech­te gelöst wer­den kön­nen, und auch die­se Vor­schrift das Schutz­ni­veau der Char­ta – anders als bezüg­lich voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­ter Rege­lun­gen 11 – für Viel­falt öff­net 12.
Getra­gen ist die­se Ver­mu­tung von einer über­grei­fen­den Ver­bun­den­heit des Grund­ge­set­zes und der Char­ta in einer gemein­sa­men euro­päi­schen Grund­rechts­tra­di­ti­on. Wie schon die grund­rechts­glei­chen all­ge­mei­nen Rechts­grund­sät­ze, die der Euro­päi­sche Gerichts­hof zunächst rich­ter­recht­lich ent­wi­ckelt hat­te 13, stützt sich auch die Char­ta auf die ver­schie­de­nen Ver­fas­sungs­über­lie­fe­run­gen der Mit­glied­staa­ten (vgl. Prä­am­bel Abs. 5 Satz 1, Art. 52 Abs. 4 GRCh). Sie führt die­se zusam­men, baut sie aus und ent­fal­tet sie als Maß­stab für das Uni­ons­recht.
Dabei ist von Bedeu­tung, dass die ver­schie­de­nen mit­glied­staat­li­chen Grund­rechts­ord­nun­gen heu­te ihrer­seits ein gemein­sa­mes Fun­da­ment in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on haben, auf das sich schon die Ver­trags­grund­la­gen der Uni­on selbst sowie die Grund­rech­te­char­ta ihrer­seits stüt­zen. Sowohl Art. 6 Abs. 3 EUV als auch die Prä­am­bel der Char­ta neh­men aus­drück­lich auf sie Bezug. Über Art. 52 Abs. 3, Art. 53 GRCh wer­den ihre Garan­tien in die Grund­rech­te­char­ta der Sache nach weit­hin inkor­po­riert. Für die Mit­glied­staa­ten liegt in ihr ein über­grei­fen­des gemein­sa­mes Fun­da­ment des Grund­rechts­schut­zes. Die Kon­ven­ti­on ist ein ver­bind­li­cher völ­ker­recht­li­cher Ver­trag, den nicht nur alle Mit­glied­staa­ten mit inner­staat­li­cher Wir­kung umge­setzt haben, son­dern dem durch den Euro­pa­rat und ins­be­son­de­re den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te auch beson­de­re Wirk­sam­keit ver­lie­hen wird. Die Euro­päi­sche Uni­on selbst ist der Kon­ven­ti­on zwar noch nicht, wie ver­trag­lich in Art. 6 Abs. 2 EUV vor­ge­se­hen, bei­getre­ten. Sie bil­det jedoch für die Aus­le­gung der Char­ta eine maß­geb­li­che Richt­schnur und wird in Ein­klang mit Art. 52 Abs. 3 Satz 1 GRCh und unter Rück­griff auf die Recht­spre­chung des Men­schen­rechts­ge­richts­hofs vom Euro­päi­schen Gerichts­hof für die Aus­le­gung der Char­ta her­an­ge­zo­gen 14.
Wie die Aus­le­gung der Char­ta eine maß­geb­li­che Grund­la­ge in der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on hat, wer­den auch die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes im Lich­te der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on aus­ge­legt. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung folgt aus Art. 1 Abs. 2, Art. 59 Abs. 2 GG die Pflicht, die Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und ihre Aus­le­gung durch den Men­schen­rechts­ge­richts­hof bei der Anwen­dung der Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes als Aus­le­gungs­hil­fe her­an­zu­zie­hen. Hier­aus folgt zwar kein unmit­tel­ba­rer Ver­fas­sungs­rang der Kon­ven­ti­on; auch ver­langt die Her­an­zie­hung der Kon­ven­ti­on als Aus­le­gungs­hil­fe kei­ne sche­ma­ti­sche Par­al­le­li­sie­rung der Aus­sa­gen des Grund­ge­set­zes mit deren Gewähr­leis­tun­gen, son­dern nur ein Auf­neh­men von deren Wer­tun­gen, soweit dies metho­disch ver­tret­bar und mit den Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes ver­ein­bar ist 15. Jedoch wird hier­in deut­lich, dass die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes eben­so wie die der Char­ta auf der Basis der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­stan­den und ange­wen­det wer­den und deren Gewähr­leis­tun­gen grund­sätz­lich in sich auf­neh­men.
Ange­sichts des gemein­sa­men Fun­da­ments in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on kann für Rege­lungs­be­rei­che, in denen das Uni­ons­recht selbst kei­ne Ein­heit­lich­keit ver­langt, davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes auch das Schutz­ni­veau der Char­ta mit­ge­währ­leis­ten. Sol­che Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Char­ta, Kon­ven­ti­on und mit­glied­staat­li­chen Ver­fas­sun­gen als Grund­la­ge eines für Viel­falt geöff­ne­ten, aber doch durch einen gemein­sa­men Grund unter­fan­ge­nen Grund­rechts­schut­zes fin­den beson­ders deut­lich in Art. 52 Abs. 3, 4 GRCh ihren Aus­druck, wonach die Rech­te der Char­ta "die glei­che Bedeu­tung und Trag­wei­te" haben wie ent­spre­chen­de Rech­te der Kon­ven­ti­on, und ihre Gewähr­leis­tun­gen in Ein­klang mit den gemein­sa­men Ver­fas­sungs­über­lie­fe­run­gen aus­zu­le­gen sind, aus denen sie sich erge­ben. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Char­ta zum Teil auch Rech­te ohne Ent­spre­chung in der Kon­ven­ti­on kennt und nach Art. 52 Abs. 3 Satz 2 GRCh wei­ter­ge­hen­den Schutz als die Kon­ven­ti­on gewäh­ren kann. Soweit sol­che zusätz­li­chen Garan­tien im Rah­men des auch bei nicht ver­ein­heit­lich­tem Uni­ons­recht zu gewähr­leis­ten­den Schutz­ni­veaus der Char­ta maß­geb­lich sind und zugleich kei­ne Ent­spre­chung im Grund­ge­setz haben, kann und muss dem im Ein­zel­fall durch die unmit­tel­ba­re Anwen­dung der Char­ta Rech­nung getra­gen wer­den.
Eben­so wie die Char­ta aus den ver­schie­de­nen Grund­rechts­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten – zu denen auch die deut­sche gehört – ent­stan­den und im Ein­klang mit die­sen aus­zu­le­gen ist (vgl. Art. 52 Abs. 4 GRCh), hat auch für das Ver­ständ­nis der grund­ge­setz­li­chen Garan­tien die Char­ta als Aus­le­gungs­hil­fe Berück­sich­ti­gung zu fin­den. Nach den Grund­sät­zen der Völ­ker- und Euro­pa­rechts­freund­lich­keit des Grund­ge­set­zes, wie sie sich aus der Prä­am­bel sowie aus Art. 1 Abs. 2, Art. 23 Abs. 1, Art. 24, Art. 25, Art. 26, Art. 59 Abs. 2 GG erge­ben, stellt das Grund­ge­setz die Aus­le­gung der Grund­rech­te und die Fort­ent­wick­lung des Grund­rechts­schut­zes in die Ent­wick­lung des inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­schut­zes und ins­be­son­de­re in die euro­päi­sche Grund­rechts­tra­di­ti­on 16.
Damit wird die Eigen­stän­dig­keit der Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes eben­so­we­nig in Fra­ge gestellt wie ihre Aus­le­gung auch aus den Erfah­run­gen der deut­schen Geschich­te und unter Berück­sich­ti­gung der spe­zi­fi­schen Struk­tu­ren der Rechts­ord­nung und gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit der Bun­des­re­pu­blik. Eine euro­pa- und völ­ker­rechts­freund­li­che Aus­le­gung, die ande­re über­staat­li­che Grund­rechts­ka­ta­lo­ge berück­sich­tigt und sich von deren Inter­pre­ta­ti­on inspi­rie­ren lässt, bedeu­tet nicht, dass unter Nut­zung des offe­nen Wort­lauts der Grund­rech­te jede Inter­pre­ta­ti­on inter­na­tio­na­ler oder euro­päi­scher Ent­schei­dungs­in­stan­zen und Gerich­te zu über­neh­men ist 17. Wel­che Bedeu­tung ande­ren Grund­rechts­quel­len für die Aus­le­gung der grund­ge­setz­li­chen Grund­rech­te zukommt, ist eine Fra­ge des Ein­zel­falls und hängt ins­be­son­de­re auch von Rang, Inhalt und Ver­hält­nis der auf­ein­an­der ein­wir­ken­den Rechts­nor­men ab. Unbe­scha­det der engen inhalt­li­chen Ver­knüp­fung kön­nen danach bei einer Aus­le­gung der Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes im Lich­te der Grund­rech­te­char­ta der Euro­päi­schen Uni­on im ein­zel­nen ande­re Gesichts­punk­te und Ver­hält­nis­be­stim­mun­gen zum Tra­gen kom­men als bei einer Aus­le­gung im Lich­te der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Denn die Stel­lung von Kon­ven­ti­on und Char­ta in der euro­päi­schen Grund­rechts­ord­nung unter­schei­det sich erheb­lich. Die Grund­rech­te­char­ta hat nach Art. 51 Abs. 1 Satz 1 GRCh einen beschränk­ten Anwen­dungs­be­reich, der außer­halb des­sen Raum belässt für unter­schied­li­che Grund­rechts­tra­di­tio­nen der ver­schie­de­nen Mit­glied­staa­ten. Eine eigen­stän­di­ge und in ein­zel­nen Wer­tun­gen abwei­chen­de Inter­pre­ta­ti­on der deut­schen Grund­rech­te kann auch in Blick auf Kon­se­quen­zen für Mate­ri­en, die nicht uni­ons­recht­lich über­formt sind, eine wich­ti­ge Bedeu­tung haben. Dies gilt jeden­falls inso­weit, als die Char­ta nicht ihrer­seits nur die für alle Mit­glied­staa­ten ohne­hin ver­bind­li­chen Gewähr­leis­tun­gen der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on absi­chert, son­dern für das Uni­ons­recht spe­zi­fisch eige­ne Kon­kre­ti­sie­run­gen her­vor­bringt. Dem­ge­gen­über hat die Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on grund­sätz­lich einen ver­gleich­ba­ren Anwen­dungs­be­reich wie die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes. Sie erstrebt die Gewähr­leis­tung eines euro­pa­weit über­grei­fen­den rechts­staat­li­chen Fun­da­ments, über das sich die Mit­glied­staa­ten – unbe­scha­det wei­ter Frei­räu­me bei der Gestal­tung ihres Grund­rechts­schut­zes – jeden­falls im Ergeb­nis auch inner­staat­lich nicht hin­weg­set­zen dür­fen.
Zwar kann in Über­ein­stim­mung mit der auf Viel­falt aus­ge­rich­te­ten Anla­ge der Char­ta davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass dort, wo den Mit­glied­staa­ten fach­recht­lich Spiel­räu­me belas­sen sind, in der Regel auch grund­recht­lich ver­schie­de­ne Wer­tun­gen zum Tra­gen kom­men kön­nen; jedoch kann das Fach­recht aus­nahms­wei­se auch für Umset­zungs­spiel­räu­me enge­re grund­recht­li­che Maß­ga­ben ent­hal­ten und damit die Reich­wei­te der Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes als natio­na­le Schutz­stan­dards im Sin­ne der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs 18 bei Durch­füh­rung von Uni­ons­recht inso­weit wei­ter beschrän­ken. Inwie­fern die – im Umset­zungs­spiel­raum wei­ter­hin anwend­ba­ren – Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes den uni­ons­recht­li­chen Maß­ga­ben 19 ent­spre­chen, ist dann näher zu prü­fen. In Betracht kommt das aller­dings nur, wenn sich hier­für kon­kre­te und hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te im uni­ons­recht­li­chen Fach­recht fin­den.
Eine wei­ter­ge­hen­de Prü­fung ist in Betracht zu zie­hen, wenn kon­kre­te und hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te vor­lie­gen, dass das uni­ons­recht­li­che Fach­recht – auch wenn es den Mit­glied­staa­ten Gestal­tungs­spiel­raum lässt – aus­nahms­wei­se nicht auf Grund­rechts­viel­falt aus­ge­rich­tet ist, son­dern enge­re grund­recht­li­che Maß­ga­ben ent­hält. Für die Aus­nah­me von der Regel grund­recht­li­cher Viel­falt im gestal­tungs­of­fe­nen Fach­recht müs­sen sich Anhalts­punk­te aus dem Wort­laut und Rege­lungs­zu­sam­men­hang des Fach­rechts selbst erge­ben. Ein­schrän­kun­gen begrün­den sich inso­weit aber nicht schon dar­aus, dass im uni­ons­recht­li­chen Fach­recht auf die unein­ge­schränk­te Ach­tung der Grund­rech­te­char­ta oder ein­zel­ner ihrer Bestim­mun­gen ver­wie­sen wird, wie dies nach der­zei­ti­ger Pra­xis regel­mä­ßig etwa in den Erwä­gungs­grün­den der Richt­li­ni­en geschieht 20. Für gestal­tungs­of­fe­ne Rege­lungs­be­rei­che schließt die Char­ta die Anwen­dung natio­na­ler Schutz­stan­dards der Grund­rech­te der Mit­glied­staa­ten in Aner­ken­nung des Sub­si­dia­ri­täts­grund­sat­zes nicht schon für sich aus, son­dern bleibt für Viel­falt offen; es bedarf daher genaue­rer Anhalts­punk­te dafür, dass die uni­ons­recht­li­chen Rege­lun­gen aus­nahms­wei­se spe­zi­fi­sche grund­recht­li­che Maß­ga­ben für die mit­glied­staat­li­chen Gestal­tungs­spiel­räu­me ent­hal­ten sol­len.
Hat sich danach erge­ben, dass die deut­schen Grund­rech­te das Schutz­ni­veau der Char­ta aus­nahms­wei­se nicht mit abde­cken, sind die ent­spre­chen­den Rech­te der Char­ta inso­weit in die Prü­fung ein­zu­be­zie­hen. Soweit sich hier­bei unge­klär­te Fra­gen hin­sicht­lich der Aus­le­gung der Char­ta stel­len, legt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die­se dem Euro­päi­schen Gerichts­hof nach Art. 267 Abs. 3 AEUV vor. Sind die Fra­gen dem­ge­gen­über im Sin­ne der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs aus sich her­aus der­art offen­kun­dig, dass für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel kein Raum bleibt, oder durch des­sen Recht­spre­chung bereits geklärt 21 und geht es nur noch um deren kon­kre­ti­sie­ren­de Anwen­dung, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Uni­ons­grund­rech­te in sei­nen Prü­fungs­maß­stab ein­zu­be­zie­hen und grund­sätz­lich auch zur Gel­tung zu brin­gen 22.
Die pri­mä­re Her­an­zie­hung der Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes sei­tens des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts neben sol­chen der Grund­rech­te­char­ta stellt die unmit­tel­ba­re Anwend­bar­keit der Grund­rech­te­char­ta – soweit deren Anwen­dungs­be­reich denn reicht (Art. 51 Abs. 1 Satz 1 GRCh) – nicht in Fra­ge. Ent­spre­chend kön­nen die Fach­ge­rich­te sich inso­weit stel­len­de Aus­le­gungs­fra­gen zum Uni­ons­recht nach Art. 267 Abs. 2 AEUV dem Euro­päi­schen Gerichts­hof vor­le­gen 23. Dies lässt unbe­rührt, dass die Fach­ge­rich­te, soweit das Uni­ons­recht den Mit­glied­staa­ten Gestal­tungs­spiel­räu­me belässt, gemäß Art. 1 Abs. 3, Art.20 Abs. 3 GG immer auch die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes zur Anwen­dung zu brin­gen haben. Hin­sicht­lich des mate­ri­el­len Ver­hält­nis­ses der deut­schen Grund­rech­te zu den Uni­ons­grund­rech­ten gel­ten die dar­ge­leg­ten Grund­sät­ze.
vgl. Prä­am­bel, Abs. 3 GRCh; Prä­am­bel, Abs. 6 EUV[↩]
vgl. EuGH, Urteil vom 16.?Dezember 2008, Sata­kunn­an Mark­ki­na­pörs­si und Sata­me­dia, – C‑73/​07, EU:C:2008:727, Rn. 52 ff.; auch Urteil vom 14.02.2019, Bui­vids, – C‑345/​17, EU:C:2019:122, Rn. 48 ff.[↩]
vgl. EuGH, Urteil vom 21.07.2011, Fuchs u.a., – C‑159/​10 u.a., EU:C:2011:508, Rn. 61 f. – unter Bezug auf Art. 15 Abs. 1 GRCh –; Urteil vom 15.?Januar 2014, Asso­cia­ti­on de média­ti­on socia­le, – C‑176/​12, EU:C:2014:2, Rn. 26 f.; vgl. wei­te Spiel­räu­me auch in EuGH, Urteil vom 14.02.2008, Dyna­mic Medi­en, – C‑244/​06, EU:C:2008:85, Rn. 41 ff.; Urteil vom 19.06.2014, Specht u.a., – C‑501/​12 u.a., EU:C:2014:2005, Rn. 46 ff.; Urteil vom 11.11.2014, Schmit­zer, – C‑530/​13, EU:C:2014:2359, Rn. 38; Urteil vom 14.03.2017, G4S Secu­re Solu­ti­ons, – C‑157/​15, EU:C:2017:203, Rn. 34 ff.[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.11.2019 – 1 BvR 276/​17, dort Rn. 76[↩]

References: Art. 51
 Art. 4
 Art. 23
 Art. 51
 Art. 51
 Art. 52
 Art. 53
 Art. 5
 Art. 51
 Art. 51
 Art. 51
 Art. 53
 Art. 52
 Art. 6
 Art. 52
 Art. 53
 Art. 6
 Art. 52
 Art. 1
 Art. 59
 Art. 52
 Art. 52
 Art. 52
 Art. 1
 Art. 23
 Art. 24
 Art. 25
 Art. 26
 Art. 59
 Art. 51
 Art. 267
 Art. 267
 Art. 1
 Art.20
 Art. 15