Source: https://www.hensche.de/betriebsrat-steht-einsicht-in-gehaltslisten-mit-arbeitnehmernamen-zu-lag-niedersachsen-12-tabv-23-18-11.01.2019-18.10.html
Timestamp: 2020-01-21 23:00:58+00:00

Document:
Betriebsrat steht Einsicht in Gehaltslisten mit Arbeitnehmernamen zu - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/011
Be­triebs­rat steht Ein­sicht in Ge­halts­lis­ten mit Ar­beit­neh­mer­na­men zu
Ein­sicht in Brut­to­ge­halts­lis­ten: Ar­beit­neh­mer-Da­ten­schutz ge­mäß der DS-GVO be­rech­tigt nicht zur An­ony­mi­sie­rung der dem Be­triebs­rat vor­ge­leg­ten Lis­ten: Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Be­schluss vom 22.10.2018, 12 TaBV 23/18
11.01.2019. Der Be­triebs­rat kann vom Ar­beit­ge­ber ver­lan­gen, dass er ihm Ein­sicht in die Brut­to­lohn- und -ge­halts­lis­ten ge­währt.
Die­ses Recht dient dem Ar­beit­neh­mer­schutz, denn es soll dem Be­triebs­rat die Mög­lich­keit ge­ben, die kor­rek­te An­wen­dung von Ta­rif­ver­trä­gen, die Gleich­be­hand­lung der Ge­schlech­ter und die Be­ach­tung des ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes zu über­prü­fen.
Ob der Be­triebs­rat al­ler­dings auch da­zu be­rech­tigt ist, die Na­men der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer zu er­fah­ren, ist ge­setz­lich nicht klar ge­re­gelt. In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen die­se Fra­ge zu­guns­ten des Be­triebs­rats ent­schie­den und klar­ge­stellt, dass das um­fas­sen­de Ein­sichts­recht des Be­triebs­rats auch mit dem Ar­beit­neh­mer-Da­ten­schutz ver­ein­bar ist: LAG Nie­der­sach­sen, Be­schluss vom 22.10.2018, 12 TaBV 23/18.
Kann der Ar­beit­ge­ber dem Be­triebs­rat an­ony­mi­sier­te Lohn­lis­ten vor­le­gen und sich da­bei auf den Ar­beit­neh­mer-Da­ten­schutz be­ru­fen?
Be­triebs­rat ei­nes am­bu­lan­ten Ge­sund­heits­zen­trums mit 100 Ar­beit­neh­mern erhält nur Ein­sicht in an­ony­mi­sier­te Ge­halts­lis­ten
LAG Han­no­ver: Ar­beit­neh­mer-Da­ten­schutz gemäß DS-GVO be­rech­tigt nicht zur An­ony­mi­sie­rung der dem Be­triebs­rat vor­ge­leg­ten Brut­to­lohn­lis­ten
Der Be­triebs­rat hat gemäß § 80 Abs.1 Nr.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) darüber zu wa­chen, dass die zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer gel­ten­den Ge­set­ze, Ver­ord­nun­gen, Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträge und Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen durch­geführt wer­den.
Zu den „Ge­set­zen“ im Sin­ne die­ser Vor­schrift gehören auch un­ge­schrie­be­ne Rechts­grundsätze, die in der Recht­spre­chung all­ge­mein an­er­kannt sind und da­her wie ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen „gel­ten“, so z.B. der ar­beits­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz.
Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ver­bie­tet zwar kei­ne in­di­vi­du­el­len Lohn­un­ter­schie­de auf Grund­la­ge von Ein­zel­ar­beits­verträgen, doch dürfen ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer oder Ar­beit­neh­mer­grup­pen nicht "willkürlich" bzw. oh­ne sach­li­che Be­gründung von all­ge­mei­nen Vergüns­ti­gun­gen aus­ge­nom­men wer­den, al­so z.B. von Prämi­en, Gra­ti­fi­ka­tio­nen oder all­ge­mei­nen Loh­nerhöhun­gen ("Lohn­wel­len"), die der Ar­beit­ge­ber al­len Ar­beit­neh­mern des Be­triebs (oder ei­ner be­stimm­ten Ar­beit­neh­mer­grup­pe) nach ei­ner all­ge­mei­nen Re­gel gewährt.
Vor die­sem Hin­ter­grund muss der Be­triebs­rat gemäß § 80 Abs. 1 Nr.1 Be­trVG auch über die Ein­hal­tung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes wa­chen. Und da­mit er das ef­fek­tiv tun kann, hat der Be­triebs­rat gemäß § 80 Abs.2 Satz 2 Be­trVG ein Recht zur Ein­sicht in die vom Ar­beit­ge­ber geführ­ten Brut­to­lohn­lis­ten (in größeren Be­trie­ben nimmt die­ses Recht ein Be­triebs­aus­schuss wahr oder ein nach Aus­schuss gem. § 28 Be­trVG). Die­se Vor­schrift lau­tet:
„Dem Be­triebs­rat sind auf Ver­lan­gen je­der­zeit die zur Durchführung sei­ner Auf­ga­ben er­for­der­li­chen Un­ter­la­gen zur Verfügung zu stel­len; in die­sem Rah­men ist der Be­triebs­aus­schuss oder ein nach § 28 ge­bil­de­ter Aus­schuss be­rech­tigt, in die Lis­ten über die Brut­tolöhne und -gehälter Ein­blick zu neh­men.“
Vom Ge­setz nicht ein­deu­tig ent­schie­den ist da­bei al­ler­dings, ob der Ar­beit­ge­ber dem Be­triebs­rat bei der Ein­sicht in die "Lis­ten über die Brut­tolöhne und -gehälter" auch die Na­men der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer nen­nen muss oder ob er sich aus Gründen des Ar­beit­neh­mer-Da­ten­schut­zes dar­auf be­schränken kann, dem Be­triebs­rat an­ony­mi­sier­te Ge­halts­lis­ten vor­zu­le­gen. Im­mer­hin gilt seit dem 25.05.2018 die Da­ten­schutz-Grund­ver­ord­nung (DS-GVO), die vie­le stren­ge und neue Re­geln über die Da­ten­schutz­rech­te von Ar­beit­neh­mern und Da­ten­schutz­pflich­ten von Ar­beit­ge­bern enthält.
Kon­kret fragt sich, ob die Of­fen­le­gung der Ar­beit­neh­mer­na­men zu­sam­men mit den Lohn­lis­ten ge­genüber dem Be­triebs­rat nach Art.6 Abs.1 Buchst. c) DS-GVO ge­recht­fer­tigt ist, d.h. da­durch, dass die­se Form der Ver­ar­bei­tung von Ar­beit­neh­mer­da­ten "zur Erfüllung ei­ner recht­li­chen Ver­pflich­tung er­for­der­lich, der der Ver­ant­wort­li­che un­ter­liegt". Die­se Fra­ge ist durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) bis­her nicht ver­bind­lich geklärt, denn das BAG hat bis­lang nur auf der Grund­la­ge der Alt­fas­sung des Bun­des­da­ten­schutz­ge­set­zes (BDSG) ent­schie­den, dass die Ein­sicht des Be­triebs­rats in die Ge­halts­lis­ten mit dem Da­ten­schutz ver­ein­bar ist, und in die­ser Ent­schei­dung nicht aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass die­se Ein­sicht die Kennt­nis der Ar­beit­neh­mer­na­men um­fasst (BAG, Be­schluss vom 14.01.2014, 1 ABR 54/12, Rn.27).
Im Streit­fall woll­te der fünfköpfi­ge Be­triebs­rat ei­ner me­di­zi­ni­schen Ein­rich­tung mit et­wa 100 Ar­beit­neh­mern Ein­sicht in die Lohn­lis­ten neh­men, was der Ar­beit­ge­ber ihm auch nach ei­nem länge­ren Schrift­wech­sel im Ju­li 2016 zu­ge­stand. Da­bei leg­te er dem Be­triebs­rat aber nur ei­ne an­ony­mi­sier­te Lis­te der ge­zahl­ten Brut­tolöhne und -gehälter vor und be­rief sich da­bei auf den Da­ten­schutz.
Der Be­triebs­rat woll­te sich da­mit nicht ab­fin­den und zog vor das Ar­beits­ge­richt. Er war der Mei­nung, dass er nur bei Vor­la­ge der Ge­halts­lis­ten un­ter Nen­nung der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer in der La­ge sei, mögli­che Dis­kri­mi­nie­run­gen zu er­ken­nen. Er könne die Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit der Gehälter nur ef­fek­tiv prüfen, wenn ihm die Ge­halts­lis­ten in­di­vi­dua­li­siert bzw. mit Na­mens­nen­nung zur Ein­sicht vorlägen.
Das Ar­beits­ge­richt Han­no­ver gab dem Be­triebs­rat Recht (Be­schluss vom 01.03.2018, 2 BV 10/17).
Das LAG Nie­der­sach­sen ent­schied eben­falls zu­guns­ten des Be­triebs­rats und ver­pflich­te­te den Ar­beit­ge­ber da­zu,
"ei­nem vom Be­triebs­rat be­nann­ten Mit­glied Ein­sicht in die Brut­to­lohn- und Ge­halts­lis­ten un­ter Na­mens­nen­nung der ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer und Auf­schlüsse­lung der Brut­to­ent­gel­te nach ih­ren Be­stand­tei­len mit Aus­nah­me der lei­ten­den An­ge­stell­ten gemäß § 5 Abs. 3 Be­trVG zu gewähren."
Zur Be­gründung führt das LAG zunächst aus, dass sich aus Sinn und Zweck des Ein­sichts­rechts gemäß § 80 Abs.2 Satz 2 Be­trVG das Recht des Be­triebs­rats er­gibt, die Na­men der Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­neh­me­rin­nen zu er­fah­ren, de­ren Bezüge in den Lohn­lis­ten auf­geführt wer­den. Denn das er­laubt es dem Be­triebs­rat, so die Han­no­ve­ra­ner Rich­ter,
"zu über­prüfen, ob die für ein­zel­ne Ent­gelt­be­stand­tei­le (...) er­for­der­li­chen tatsächli­chen Vor­aus­set­zun­gen auch vor­lie­gen. Der Be­triebs­rat wird durch die na­ment­li­che Zu­ord­nung in die La­ge ver­setzt, Mit­ar­bei­ter dar­auf an­zu­spre­chen, ob sie bei­spiels­wei­se ak­tu­ell in der Nacht­schicht ein­ge­setzt sind oder kann dies an­hand der Dienst­pläne nach­voll­zie­hen."
Die­se Of­fen­le­gung von Ar­beit­neh­mer­da­ten ist auch mit dem Da­ten­schutz­recht ver­ein­bar, so das LAG.
Zum ei­nen ist die Of­fen­le­gung der Da­ten gemäß Art.6 Abs.1 Buchst. c) DS-GVO ge­recht­fer­tigt, da der Ar­beit­ge­ber ge­setz­lich da­zu ver­pflich­tet ist, nämlich durch § 80 Abs.2 Satz 2 Be­trVG in der Aus­le­gung die­ser Vor­schrift durch das LAG.
Zum an­de­ren kann sich der Ar­beit­ge­ber auch auf § 26 Abs.1 Satz 1 BDSG be­ru­fen, denn die Vor­la­ge der nicht an­ony­mi­sier­ten Lis­ten dient der Ausübung und der Erfüllung der ge­setz­li­chen Rech­te des Be­triebs­rats, ei­ner "In­ter­es­sen­ver­tre­tung der Beschäftig­ten" (LAG Nie­der­sach­sen, Be­schluss vom 22.10.2018, 12 TaBV 23/18, Rn.33).
Fa­zit: Das LAG Nie­der­sach­sen hat im Er­geb­nis eben­so wie vor kur­zem be­reits das LAG Hamm ent­schie­den (LAG Hamm, Be­schluss vom 19.09.2017, 7 TaBV 43/17). Bei­de LAG ha­ben die Rechts­be­schwer­de zum BAG zu­ge­las­sen, das über die­se Streit­fra­ge vor­aus­sicht­lich demnächst ent­schei­den wird. Es ist sehr wahr­schein­lich, dass auch das BAG zu dem Er­geb­nis kommt, dass der Be­triebs­rat Ein­sicht in die nicht an­ony­mi­sier­ten Ge­halts­lis­ten ver­lan­gen kann.
Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Be­schluss vom 22.10.2018, 12 TaBV 23/18
Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Be­schluss vom 19.09.2017, 7 TaBV 43/17
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 14.01.2014, 1 ABR 54/12
Hand­buch Ar­beits­recht: Da­ten­schutz im Ar­beits­recht
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Letzte Überarbeitung: 28. Juli 2019

References: § 80
 § 80
 § 80
 § 28
 § 28
 Art.6
 § 5
 § 80
 Art.6
 § 80
 § 26