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Timestamp: 2019-12-09 04:59:20+00:00

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FS Stathopoulos
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Die Entwickelung des Versprechensvertrags
- gegen die Mystik des Willensvereinigungsmodells
I. Vom römischen Vertragsystem zum naturrechtlichen Versprechensmodell ... 2
1. Baldus de Ubaldis und die Kanonisten.................................................................... 2
2. Grotius (1583 – 1645)............................................................................................... 4
3. Pufendorf (1632- 1694) ............................................................................................ 7
4. Der causa-Begriff im naturrechtlichen Versprechensmodell .............................. 7
a) causa der pollicitatio ............................................................................................. 8
b) causa der alienatio............................................................................................... 10
c) Die Besonderheit des Austauschzwecks im gegenseitigen Vertrag...................... 11
II. Säkularer Paradigmenwechsel zu einem Willensvereinigungsmodell ? ......... 12
1. Die Behauptungen Schmidlins .............................................................................. 12
2. Kants Rechtslehre zur Entstehung eines Versprechensvertrags .......................... 12
3. Das Vertragsmodell des Pandektenrechts ............................................................. 12
a) Puchta (1798- 1846) ............................................................................................ 14
b) Windscheid (1817-1892)...................................................................................... 15
c) Regelsberger (1827-1916) ................................................................................... 16
d) Dernburg (1829- 1907)........................................................................................ 17
e) Arndts (1822-1878) .............................................................................................. 19
f) Fazit ...................................................................................................................... 20
4. Savignys Vertrags- und Obligationsverständnis .................................................. 21
a) Die allgemeinste Vertragsdefinition .................................................................... 21
b) Das obligatorische „Rechtsverhältnis“ zwischen Gläubiger und Schuldner..... 22
c) Zum Obligationenbegriff Savignys....................................................................... 24
d) Zur causa der Leistungsversprechen ................................................................... 26
aa) Die herrschende Pandekten-Lehre .................................................................. 26
bb) Savignys Übereignungs- und causa-Lehre: auf falscher Spur? ...................... 27
cc) Kritische Betrachtung der Prämissen Savignys .............................................. 29
5. Die gesetzlichen Regelungen des BGB ................................................................. 33
a) Der allgemeine Vertragsbegriff der §§ 145 ff. BGB............................................ 33
b) Kausale und abstrakte vertragliche Zuwendungen.............................................. 36
III. Schluß: Abstrakte und kausale Versprechensverträge bedürfen einer causa ... 36
Wie werden schuldrechtliche Leistungsversprechen wirksam? Die Frage erscheint banal, die
Antwort einfach: durch Vertrag "natürlich". Aber was sind die Voraussetzungen eines Vertrags im Allgemeinen und die eines schuldrechtlichen (gegenseitigen) Versprechensvertrags,
z.B. eines Kaufvertrags im Besonderen? Dazu ist vor einiger Zeit die Behauptung aufgestellt
worden, in der deutschen Pandektistik sei auf der Grundlage der Rechtslehre Kants und von
Äußerungen Savignys in einem "säkularen Paradigmenwechsel" aus dem naturrechtlichen
Versprechensmodell ein „Willensvereinigungsmodell“ entwickelt worden, das dem deutschen
BGB und dem schweizerischen Obligationenrecht zu Grunde liege und sich gegen die entgegenstehenden Vorstellungen und Regelungen des französischen Code Civil und des österreichischen ABGB immer mehr durchsetze. Nach diesem Willensvereinigungsmodell habe die
Willenserklärung eines Versprechenden keine Übertragungsfunktion mehr, folglich bedürfe es
auch keiner Übertragungscausa mehr für die aus dem Versprechen entstehende Forderung des
Versprechensempfängers, die Funktion der causa seit daher entfallen. Demgegenüber hat der
verehrte Jubilar in seinem Beitrag zur Entstehung vertraglicher Verpflichtungen nicht nur die
historische Bedeutung der causa zur Befreiung des Vertragsbegriffs vom Form- und Typenzwang des römischen Rechts dargelegt, sondern auch deren fortbestehende Bedeutung als
Seriositätsindiz in der englischen consideration-Lehre und darüber hinaus als Rechtsgrund
(causa, Zweck) vertraglicher Leistungen und Leistungsversprechen herausgestellt1: „Natürlich ist jedem vernünftigen Menschen klar, dass auch dieses (abstrakte) Versprechen letztlich
irgend einen Grund hat. Jedenfalls hat der reine Konsens nirgendwo für sich selbst allein
Geltung.“ Leistungen werden in der Regel gewährt oder versprochen, um einer Gegenleistung willen (quod Graeci σύναλλαγμα vocant), ausnahmsweise auch donandi causa und
häufiger auch zur Erfüllung (solvendi causa) oder sonstiger Abwicklung (sicherungs- oder
vergleichshalber) einer bereits bestehenden Verpflichtung. Das war so und ist so und bleibt
auch so bis ans Ende aller Zeiten. Dass sich viele Praktiker des Rechts dieser historischen und
logischen Voraussetzungen unseres Vertragsrechts, angesichts der dichten positivrechtlichen
Regelungen der wichtigsten daraus entstehenden Fragen, häufig nicht mehr hinreichend bewusst sind, ist leicht verständlich und letztlich ein Beweis für den praktischen Nutzen der Kodifizierung, die dem Praktiker möglichst „fertige Begriffe“ an die Hand geben soll, die ihn
von der Beschäftigung mit deren Voraussetzungen weitgehend befreien können; dass jedoch
auch Rechtshistoriker solch naivem Gesetzespositivismus verfallen, ist ein schlimmes Zeichen der Vulgarisierung unserer Rechtswissenschaft.
I. Vom römischen Vertragsystem zum naturrechtlichen Versprechensmodell
Bekanntlich war das römische Vertragsrecht noch nicht zum Prinzip der Vertragsfreiheit
durchgedrungen, unterschied vielmehr zwischen Konsensualkontrakten (emptio venditio, locatio conductio, mandatum, societas), Verbalkontrakten (stipulationes), Litteral- und Realkontrakten. Die bloße Übereinstimmung des freien Willens (nudus consensus) der Vertrags1
Stathopoulos, Probleme der Vertragsbindung und Vertragslösung in rechtsvergleichender Betrachtung, in: AcP
194 (1994), S. 543 ff.
parteien konnte ein wirksames Schuldverhältnis (obligatio) nur in der Form der vier anerkannten Konsensualkontrakte hervorbringen. Nicht in den Numerus clausus der Konsensualkontrakte passende rechtsgeschäftliche Absichten (Interessen) konnten nur in der feierlichen
Form der stipulatio (spondes - spondeo) oder im vestimentum von Litteral- und Realkontrakten zur Geltung gebracht werden. Der einfache Gedanke, dass der individuelle Wille eines
Menschen - jedenfalls wenn er die Zustimmung (consensus) eines anderen findet - zwischen
den beiden (relatives) Recht setzen könnte, ist jedoch erst in den Lehren des Naturrechts zum
Durchbruch gekommen2.
1. Baldus de Ubaldis und die Kanonisten
Dahinter steht ein langwieriger und vielschichtiger rechtsgeschichtlicher Prozess, der vor
allem beeinflusst wurde durch die scholastische Kausalitätslehre und das kanonische Recht,
die im Wege der Interpretation vor allem durch Baldus de Ubaldis (1327-1400) zu einem veränderten Verständnis der römischen Quellen des Obligationenrechts führten. Das kanonische
Recht ist auf der Grundlage der christlichen Lehre, dass Lüge Sünde sei, zu der Auffassung
gekommen, dass der Mensch an jedes ernstliche Versprechen gebunden und daher auch ein
pactum nudum (kirchen-)rechtlich verbindlich sein müsse. Dem stand jedoch das vestimentum-Erfordernis der römischen Quellen entgegen, weshalb die mittelalterlichen Legisten diesen Satz nicht akzeptieren konnten. Auch Thomas von Aquin3, der die theologische Lehre auf
den einfachen Nenner brachte: „Es ist eine Lüge, wenn einer nicht erfüllt, was er versprochen
hat“, betrachtete die darin steckende Verpflichtung jedoch nur als eine moralische, nicht als
eine rechtliche. Hinter der Zurückhaltung der Legisten und des Aquinaten gegenüber der Anerkennung eines pactum nudum als rechtlich verbindliche, klagbare Verpflichtung stand von
Anfang an - neben der Bindung an die Autorität des Corpus Juris Civilis - auch die Erkenntnis, den Schutz des vestimentum-Erfordernisses vor etwas leichtfertigen, nicht so ernst gemeinten Äußerungen nicht ohne weiteres aufgeben zu können, vielmehr ein Kriterium („Seriositätsindiz“) dafür haben zu müssen, dass das, was gesagt wurde, auch ernsthaft als ein Verbindliches gemeint war und gelten sollte4. Zu diesem Zwecke hat Baldus die aus der aristotelischen Kausalitätslehre entwickelte scholastische Lehre nutzbar gemacht und eine causa als
vestimentum-Ersatz eingesetzt, die im Sinne dieser Lehre sowohl causa impulsiva als auch
causa finalis sein konnte.
Dieser Versuch der Harmonisierung der römischen vestimentum-Lehre mit dem kanonischen
Recht hat zwar bei den Kanonisten, nicht aber bei den Legisten große Anerkennung gefunden,
trotzdem aber auch im weltlichen Recht eine Entwicklung zur allgemeinen Vertragsfreiheit
ausgelöst, die nicht mehr aufzuhalten war. Im Usus modernus wurde diese Entwicklung im
Anschluss an Hermann Conring (1606- 1681) und dessen Widerlegung der „Lotharingischen
Grundlegend Hugo Grotius, De iure Belli ac Pacis, Amsterdam, Libri Tres, 1735[Abk: JB]; ins Deutsche übersetzt und hrsg. von Walter Schätzel, Tübingen 1950; Hugo de Groot, Inleidinge tot de Hollandsche Rechtsgelehrdheid, Nachdruck Leiden 1965; englische Übersetzung mit kurzen Anmerkungen von: Robert Warden, The
Jurisprudence of Holland, Nachdruck Aalen 1977; von Samuel v. Pufendorf, De Jure Naturae et Gentium, 1726
(Nachdruck 1967; Nachdruck der Übersetzung 1998); dazu Diesselhorst, Die Lehre des Hugo Grotius vom
Versprechen, Köln 1959; Nanz, Die Entstehung des allgemeinen Vertragsbegriffs im 16. bis 18. Jahrhundert,
München 1985; Schmidlin, Die beiden Vertragsmodelle des europäischen Zivilrechts: das naturrechtliche Modell
der Versprechensübertragung und das pandektistische Modell der vereinigten Willenserklärungen, in: Rechtsgeschichte und Privatrechtsdogmatik, (Hrsg. Reinhard Zimmermann), Heidelberg 1999; Bremkamp, Causa, Berlin
Thomas v. Aquin, Summa Theologica, Deutsche Thomas Ausgabe, München ab 1934, II-II, Qu. 110, Art 3, 5
(Übersetzung : Heinrich Fahsel (Hrsg.), Zürich 1945/46); dazu Nanz (Fn. 2), 49; Bremkamp (Fn. 2), 56.
Dazu Grotius unten Fn. 14; auch in ALR I 4 § 52 heißt es demgemäß noch: " Eine Willenserklärung, woraus
Rechte und Verbindlichkeiten entstehen sollen, muss ernstlich seyn."
Legende“ verstärkt durch die These, das römische Vertragsrecht sei nicht rezipiert worden5.
Auf dieser Grundlage bildeten sich Partikularrechte, in denen die Gültigkeit formloser "atypischer Versprechen" (keine Konsensualkontrakte) für verbindlich erklärt wurden, wenn etwas
"mit Bedächtigkeit zugesagt6" wird. Die immer noch mächtige Autorität des Corpus Juris
Civilis wird also jedenfalls partikulär positivrechtlich überwunden; zumindest aber eine "Bedächtigkeit" des Versprechens gefordert, die auch keine "unehrliche Sache" betreffen darf.
2. Grotius (1583 – 1645)
a) Der Durchbruch durch die römische vestimentum-Lehre zur Willensautonomie (Voluntarismus) gelang auf breiter Front jedoch erst durch Grotius, der allgemein als Begründer des
natur- und vernunftrechtlichen Systems gilt; was allerdings Wieacker etwas in Frage stellt,
indem er dessen Vermittlerrolle zwischen der moraltheologischen Tradition und dem aufkommenden profanen Naturrecht hervorhebt7. Grotius begründet die verbindliche Wirkung
menschlichen Versprechens zunächst auch eher theologisch als rational damit, dass Gott, obwohl er durch kein positives Gesetz verpflichtet werden kann, doch gegen seine Natur handeln würde, wenn er das Verheißene nicht gewährte: "Hieraus ergibt sich, dass die Pflicht zur
Erfüllung des Versprochenen aus der Natur der unveränderten Gerechtigkeit kommt, die sowohl Gott als allen vernünftigen Wesen in ihrer Weise gemeinsam ist8". Jedoch der menschlichen Vernunft bieten sich in allen Fragen zumeist viele Möglichkeiten. So beginnt auch
Grotius seine Ausführungen über das Versprechen mit dem Hinweis darauf, dass Franz Conanus, „ein Mann von nicht gewöhnlicher Gelehrsamkeit“, behauptet, dass nach Natur- und
Völkerrecht alle Verträge, welche keinen Leistungsaustausch enthalten, keine Verbindlichkeiten begründen, weil das Vermögen aller in große Gefahr komme, wenn alle leichtsinnigen
Versprechen erfüllt werden müssten9. Darin kann auch der Ursprung der consideration-Lehre
gesehen werden9a.
b) Zur Frage, unter welchen Voraussetzungen den menschlichen Versprechen eine verbindliche rechtliche Wirkung zukommen solle, unterscheidet Grotius drei „Grade des Sprechens“10:
Der erste Grad sei die Erklärung, jetzt etwas Zukünftiges ernstlich zu wollen, nicht aber die
Wieacker, Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. Aufl. 1967, 206; Nanz (Fn. 2), 104 ff; Bremkamp (Fn. 2), 86.
So das Freiburger Stadtrecht von 1520 in II, 6 § 8. Liebs (Römisches Recht, 6. Aufl. 2004, 259) sagt dazu, dass
Ulrich Zasius (1461- 1535), Verfasser dieses Stadtrechts, in seinen Vorlesungen die Klagbarkeit atypischer
formloser Verträge strikt abgelehnt und den Standpunkt des römischen Rechts vertreten habe; dazu auch Söllner,
SavZ (Rom.Abt.) 1960, 77, 166; Nanz (Fn. 2), 114 ff; Bremkamp (Fn. 2), 77 f.
Wieacker, (Fn. 5), 299.
Grotius, J.B. (Fn.2), 2. Buch 11. Kapitel § 4 Abs. 1 (II 11 § 4 I); die Übersetzung folgt der von Schätzel (Fn. 2);
vgl. auch Schmidlin (Fn. 2), 191. Liebs (Fn. 6, 260) schränkt die Schlüssigkeit dieser „naturrechtlichen“ Argumentation mit dem „protestantischen“ Hinweis ein, Grotius habe pikanterweise übergangen, dass beim Gelübde
Gott menschliche Wünsche nur gegen Gegenleistung zu erfüllen verheiße, wenn aber Gott selbst auf einer Gegenleistung bestehe, sich auf einen Pakt nur einlasse, wenn auch für ihn etwas dabei herausschaue, dann sei das
Verhalten Gottes gerade kein taugliches Argument für die Verbindlichkeit jedes Versprechens, auch des uneigennützigen. Es entspricht aber auch menschlicher Vernunft, die Verbindlichkeit unentgeltlicher Versprechen
zurückhaltender zu beurteilen (vgl. § 518 BGB), warum also sollte ein für „vernünftig“ erklärter Gott anders
denken? Wenn freilich vernünftig ist, was wirklich ist, wie kann dann angesichts des Elends der Welt der allmächtige Gott vernünftig sein? Für Nietzsche, der Gott für tot erklärte, gehört die Aufgabe, „ein Tier heranzuzüchten, das versprechen darf“, zum Ursprung der Moral, die den Menschen zum Herrn seines freien Willens
macht und seine Verantwortung begründet; vgl. Genealogie der Moral, 1887, 2.Abh. Für Kant (dazu unten II 2)
ist die Pflicht, sein Wort zu halten, eine aus dem kategorischen Imperativ folgende Selbstverständlichkeit.
Grotius, J.B. (Fn.2), II 11 § 1 I u. II. Im Übrigen weist Diesselhorst (Fn.1, S. 9) darauf hin, dass auch nach
kanonischem Recht eine causa Voraussetzung der Verbindlichkeit des Versprechens gewesen sei; was den Einwand Liebs (Fn. 8) gleichfalls rechtfertigt.
Dazu Klinke (Fn. 34), S. 22, 88; Ehmann (Fn. 21a), um Fn. 89a; dazu unten Fn. 150d.
Grotius, J.B. (Fn. 2), II, 11, § 2-4; dazu Nanz (Fn. 2), 142 ff; Bremkamp (Fn. 2), 93 f.
Absicht, auf diesem Willen zu beharren, weil jeder Mensch nicht nur die Macht, sondern auch
das Recht habe, seinen Willen zu ändern. Der zweite Grad sei, wenn der Wille deutlich zu
erkennen gibt, dass es ihm ernst sei, dabei zu verharren, was pollicitatio (Schätzel [Fn. 2]
übersetzt: „Gelübde11“) genannt werde und auch ohne Staatsgesetz den Versprechenden bedingt oder unbedingt verpflichte, jedoch dem anderen noch kein eigenes Recht (sed ius
proprium alteri non dat) gewähre12. Die Willensbindung solcher pollicitatio bestehe also nur
vor sich selbst, sei - wie gesagt wird - bloß von „moralischer“ Art13. Der dritte Grad sei, "wo
zu der Willensentscheidung noch ein Zeichen hinzutritt, dass man dem anderen ein Recht
übertragen wolle (accedit signum, volendi ius proprium alteri conferre)14: welches das "vollkommene Versprechen" (perfecta promissio) sei, das die gleiche Wirkung habe, wie die Veräußerung des Eigentums (alienatio dominii); "denn es ist entweder der Weg zur Veräußerung
des Eigentums oder die Veräußerung eines Teils unserer Freiheit" (alienatio particulae
nostrae libertatis15).
c) Zum Begriff des "vollkommenen Versprechens" und seiner rechtlichen Verbindlichkeit
werden von Grotius jedoch noch eine ganze Reihe weiterer Voraussetzungen aufgestellt (J. B.
II, 11 §§ 5-22): 1. der Gebrauch der Vernunft, weshalb Kinder und Blödsinnige nicht versprechen können (§ 5); 2. dass der Versprechende möglichst frei von Irrtum ist (§ 6 I); 3. dass die
"Voraussetzungen" der Willensbildung tatsächlich (noch) gegeben sind (§ 6 II); 4. dass der
Versprechende ohne Furcht versprochen hat (§ 7); 5. dass die versprochene Sache dem Versprechenden gehört (§ 8); 6. dass nicht zu unrechtem Zweck versprochen wird, z.B. zur Begehung eines Mordes oder als Dirnenlohn (§ 9); 7. dass zu dem bloßen Versprechen eine äußere
Handlung (actum externum), ein Sprechen oder Schreiben, zumindest ein Zeichen (signum)
hinzutritt (§ 11); 8. dass das Versprechen vom Versprechensempfänger angenommen wird
(acceptatio, § 1416); 9. dass die Annahme dem Versprechenden bekannt wird oder er einverstanden ist, dass das Versprechen mit der Annahme verbindlich wird (§ 15); zur Möglichkeit
des Widerrufs des Versprechens vor der Annahme vgl. §§ 16-18; zur Wirksamkeit bedingter
Versprechen vgl. § 19; schließlich weist Grotius darauf hin, dass die Bestimmungen des positiven Rechts nicht mit denen des Naturrechts vermengt (confundantur) werden dürfen, insbesondere seien Versprechen, wenn sie auch keine „ausdrückliche Grundlage“ (causa17 expressa) haben, ebenso wie Schenkungen von Sachen nach dem Naturrecht gültig (§ 21). Sind diese und andere Voraussetzungen gegeben, so sind die Verträge für Grotius nach Naturrecht
gültig, ohne Rücksicht auf den Formen- und Typenzwang des römischen Rechts, "denn jene
unbenannten Verträge (Innominatcontracte) sind nicht weniger natürlich und nicht weniger
alt. Der Tausch, welcher zu ihnen gezählt wird, ist einfacher und älter als der Kauf18". Grotius
Nach ALR I 5 § 5 haben bloße Gelübde, als bloß einseitige Versprechen, nach bürgerlichen Gesetzen keine
Verbindlichkeit, was freilich seinen Grund auch darin hat, dass sie von keinem anderen Menschen angenommen
wurden. Für Gelübde von Todes wegen, die der Erblasser noch zu erfüllen angefangen, wird allerdings vermutet,
dass er den Erben zu dessen Vollendung habe verpflichten wollen (ALR I 5 § 6).
Schätzel (Fn. 2) übersetzt: "… ein eigentliches Recht gewähre", was missverständlich ist. Zu dieser Art des
(Ver-) Sprechens zitiert Nanz (Fn. 2, 103) das deutsche Rechtsprichwort: "Ein Mann, ein Wort"; kritisch dazu
Jhering, Geist des römischen Rechts, 5. Aufl. 1898, Bd. II, 1, § 45, S. 490 f.
Die Richtigkeit dieser "moralischen" Betrachtung ist zweifelhaft. Jedenfalls ist später die mangelnde Bindung
des Erklärenden an seine eigene Erklärung vor allem mit Irrtum oder sonstigen Mängeln (mangelnde Geschäftsfähigkeit, Sittenwidrigkeit usw.) erklärt und der mangelnde (innere) Konsens des geäußerten Willen mit dem
„eigentlichen“ Willen von dem mangelnden (äußeren) Konsens des Erklärenden mit dem Erklärungsempfänger
unterschieden worden; vgl. dazu den nachstehenden Text.
Grotius, J.B. (Fn. 2), II, 11, § 4 I 1; dazu Nanz (Fn. 2), 148; Bremkamp (Fn. 2), 94 f.
Grotius, J.B. (Fn. 2), II, 11, § 4 I 2; dazu Nanz (Fn. 2), 144; Bremkamp (Fn. 2), 94.
Dieses Erfordernis der Annahme (acceptatio) fehlt noch in der Versprechenslehre der Inleidinge (Fn. 2); dazu
Nanz (Fn.2), 141 f.
Unter causa in diesem Sinne sind wohl die anerkannten Vertragstypen des römischen Rechts zu verstehen.
Grotius, J.B. (Fn. 2), II 12 § 3 III.
definiert diesen Vertragsbegriff so19: „Omnes actus utiles, extra mere beneficos, contractuum
nomine appellantur.“
d) In dieser Versprechenslehre von Grotius sind zu Recht die Bausteine erkannt worden, die
über die Naturrechtsgesetzbücher (ALR, Code Napoleon und AGBG) und über die Pandektistik auch bis heute die allgemeine Rechtsgeschäfts- und Vertragslehre auch des deutschen
BGB beherrschen, nämlich Willenstheorie, Erklärungstheorie, Irrtumslehre, Angebot und Annahme, Dissens und Konsens und auch die causa- oder Zwecklehre20. Zunächst wird der Vertragsbegriff gespalten in zwei Willenserklärungen (pollicitatio/promissio - acceptatio), was
zur Folge hat, dass in den nach Grotius entstehenden Naturrechtsgesetzbüchern und auch in
der Wissenschaft (Pandektistik) der Darstellung und Regelung des Vertragsrecht eine Darstellung und Regelung „Von Willenserklärungen“ (Rechtsgeschäftslehre) vorgeschaltet wird,
welche deren Wirksamkeitsvoraussetzungen regelt, die für einen Vertragsschluss erforderlich
sind (Angebot und Annahme); aber auch für sonstige Willenserklärungen (einseitige Rechtsgeschäfte) gelten (z.B. Testament, Auslobung, Kündigung, Rücktritt, Genehmigung). Diese
einseitigen Rechtsgeschäfte (Willenserklärungen) können wirksam oder unwirksam sein, weil
der Erklärende nicht geschäftsfähig ist, weil die Erklärung durch einen Irrtum des Erklärenden
verursacht ist, weil sie gegen Gesetz oder gute Sitten verstoßen, weil sie dem Empfänger nicht
zugegangen sind oder weil deren Wirksamkeit unter eine Bedingung oder Befristung gestellt
wurde usw. Im ALR wird die Regelung dieser Fragen unter der Überschrift "Von Willenserklärungen" im 4. Titel des I. Theils, §§ 1-169 der Regelung „Von Verträgen“ (I. Theil, 5. Titel, §§ 1-453) und „Von Kaufs- und Verkaufsgeschäften“ (I. Theil, 11. Titel, §§ 1-375) vorgeschaltet. Im Code Civil fehlt demgegenüber eine derartige Abtrennung einer allgemeinen
Rechtsgeschäftslehre von der Vertragslehre (vgl. Art 1101 ff CC). Im deutschen BGB ist diese Trennung dagegen wieder klar durchgeführt (vgl. §§ 104 ff.; 145 ff; 241 ff., 433 ff. BGB).
e) Aus der Sicht dieser erst später entwickelten gesetzlichen Vertragsordnungen lässt sich die
Bedeutung der sog. Dreistufenlehre von Grotius klarer erkennen: zuerst (vor der Annahme)
soll geprüft werden, ob die Willensäußerung für sich selbst betrachtet überhaupt wirksam ist
oder mangels eines hinreichenden Geschäftswillens (Rechtsgeltungswillens), wegen Geschäftsunfähigkeit, wegen Irrtums, wegen Zwangs oder Drohung, wegen Gesetzes- oder Sittenwidrigkeit oder wegen einer Bedingung oder Befristung unwirksam ist. Bevor geprüft
wird, ob der Wille des Versprechenden (Erklärenden) mit dem Willen des Erklärungsempfängers übereinstimmt (äußerer Konsens), soll geprüft werden, ob ein innerer Konsens zwischen
dem „erklärten“ und dem „eigentlichen“ Willen des Erklärenden besteht: „Similiter ergo dicimus, si promissio fundata est, in praesumtione quadam facti quod non ita se habeat, naturaliter eius esse vim: quia omnino prommissor non consentit in promissum, nisi sub quadam
conditione, quae reipsa non existit21“. In diesem Satz ist Windscheids Voraussetzungslehre
und die spätere Geschäftsgrundlagen-Lehre vorausgedacht21a. Aber Grotius begreift offenbar 19
Grotius, J.B. (Fn. 2), II 12 § 7: „Alle Handlungen, welche einem anderen nützlich sind, werden mit Ausnahme
der wohltätigen, mit dem Namen Vertrag belegt.“ Nanz (Fn. 2, 147 f) sieht im Ausschluß der promissiones aus
dieser Definition eine Widersprüchlichkeit der Vertragslehre von Grotius. Was damit als Widerspruch erkannt
wird, könnte der Anfang sein der in §§ 145 ff BGB Gesetz gewordenen Verallgemeinerung des Vertragsbegriffs
über den des schuldrechtlichen Versprechensvertrags hinaus (dazu unten II 4 a und 5 b), die wohl der Hauptgrund ist für die im sog. Willensvereinigungsmodell zu Tage tretende Verwirrung.
Vgl. dazu auch Grotius, J.B. (Fn. 2), II, 12. Kapitel: "Über die Verträge" §§ 2 bis 26; ALR I 4 §§ 152-162;
dazu Wieacker (Fn. 5), 294 f; Schmidlin (Fn. 2), 192 ff; Bremkamp (Fn. 2), 128 f.
Grotius, J.B. (Fn. 2), II, 11, § 6 II: „Entsprechend sagen wir, wenn das Versprechen auf der Voraussetzung
einer Tatsache beruht, die nicht so ist wie angenommen, so wird es naturrechtlich keine Wirkung haben.“ Vgl.
dazu auch Schmidlin (Fn. 2), 193.
21a Dazu Ehmann, Die Lehre vom Zweck als Entwickelung der Voraussetzungslehre, in: Festschrift für
Beuthien, 2009, S. – (erscheint demnächst).
ebenso wie später noch Windscheid - es als einen Fall des mangelnden inneren Konsenses,
wenn der Erklärende den Mangel der in seiner Erklärung vorausgesetzten Wirklichkeit nicht
kennt: Er hätte seiner eigenen Erklärung nicht zugestimmt, wenn er den Mangel gekannt hätte. Windscheid definierte später einen solchen Mangel der "Voraussetzung" als Nichtübereinstimmung des „wirklichen“ (erklärten) mit dem „eigentlichen“ Willen des Erklärenden22.
Vom Erfordernis dieses inneren Konsenses (ALR I 4, §§ 20-98; Code Civil Art. 1131 [fausse
cause23]; BGB §§ 104-144) zu unterscheiden ist der äußere Konsens, die Übereinstimmung
des Willens des Erklärenden mit dem des Erklärungsempfänger, dessen Mangel im ALR in I,
5 §§ 78-453, im Code Civil in Art. 1131 (sans cause) und im BGB in §§ 145-157, 241 ff seine
Regelung gefunden hat.
3. Pufendorf (1632- 1694)
Pufendorf übernimmt im wesentlichen die Versprechenslehre von Grotius, erklärt damit aber
nicht nur die Verbindlichkeit einseitiger Versprechen, sondern macht diese Lehre zur zentralen Grundlage eines Vertragssystems, das zwischen einer allgemeinen Rechtsgeschäftslehre,
einem allgemeinen Vertragsrecht und „besonderen Vertragsverhältnissen24“ unterscheidet.
Der allgemeinen Rechtsgeschäftslehre werden auf der Grundlage des von Grotius entwickelten und von Pufendorf übernommenen Erfordernisses eines inneren Konsenses die Probleme
zugeordnet, die im ALR im I. Theil, 4. Titel §§1-169: "Von Willenserklärungen“ und im heutigen deutschen BGB in den §§ 104 ff, 116 ff., 134, 138 geregelt sind. Im allgemeinen Vertragsrecht werden die Verträge eingeteilt in belastende (contractus onerosi), wohlthätige (benefici) und gemischte Verträge (negotium mixtum)25. Die Unterscheidung zwischen lästigen
(gegenseitigen) und wohltätigen (unentgeltlichen) Verträgen ist im ALR I, 5 §§ 7 und 8 übernommen worden26. Die gemischten Verträge sind schon dem römischen Recht als negotium
mixtum bekannt, hatten aber für Pufendorf besondere Bedeutung, weil er dem Austauschgedanken (Austauschzweck) des gegenseitigen Versprechens das Erfordernis einer Gleichwertigkeit (aequale onus) der ausgetauschten Leistungen entnahm27 und daher einen Kauf zum
„halben Preis“ nur als wirksam anerkennen konnte, wenn die Sache als teils verkauft und teils
verschenkt betrachtet werden konnte.
4. Der causa-Begriff im naturrechtlichen Versprechensmodell
Aussagen zur causa und ihrer Bedeutung für die Verbindlichkeit vertraglicher Versprechen
fehlen bei Pufendorf, jedoch ist zu Recht in seiner Unterscheidung zwischen lästigen und
wohltätigen Verträgen eine Unterscheidung von Austausch- und Liberalitätszweck erkannt
worden28. Auch die Aussagen von Grotius zur causa sind in seinem Hauptwerk eher spär22
Windscheid, Zur Lehre des Code Napoleon von der Ungültigkeit der Rechtsgeschäfte, Düsseldorf 1847, S.
294; 294; ders, Die Lehre des römischen Rechts von der Voraussetzung, Düsseldorf 1850, S. 2, 44 ff, 58; dazu
Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), unter I 3.
Der Mangel des inneren Konsenses wird in Art 1131 CC mit dem Begriff cause fausse erfasst; vgl. Windscheid, Code Napoleon (Fn. 22), 297 ff; Bremkamp (Fn. 2), 116.
In deren Darstellung Wieacker (Fn. 5, S. 310) einen Vorläufer eines "Besonderen Teils der Schuldverhältnisse" sehen will; kritisch dagegen Seiler, Die Systematik der einzelnen Schuldverhältnisse in der für neueren Privatrechtsgeschichte, Münster 1957, S. 26; dazu Bremkamp (Fn. 2), 102.
Diese Unterscheidungen macht auch schon Grotius vgl. J.B. (Fn. 2), II, 12 §§ 2, 3 und 5.
Das ALR definiert in I 5 § 7 den lästigen Vertrag wie folgt: „Wenn beide Theile gegenseitige Verbindlichkeiten übernehmen, so wird solches ein lästiger Vertrag genannt.“ § 8 lautet: “ Wohlthätig heißt ein Vertrag, durch
welchen nur Ein Theil etwas zu Gunsten des Anderen zu geben, zu leisten, zu dulden, oder zu unterlassen verpflichtet wird.“ Auch Kant übernimmt in seiner Rechtslehre diese Begriffe, dazu unten II 2.
Wieacker (Fn. 5), 311; Seiler (Fn. 24), 24 f; dazu Bremkamp (Fn. 2), 103.
Luig, Causa und Innominatvertrag in der Vertragslehre zur Zeit des Naturrechts, in: Causa et contratto nella
prospetiva storico-comparistica, Turin 1995, S. 228 ff; Seiler (Fn. 24), 24; Bremkamp (Fn. 2), 101.
lich29, aufschlussreicher dagegen seine Bemerkungen in der "Inleidinge tot de Hollandsche
Rechtsgelehrdheid 30", wo gesagt wird, dass alle Versprechen (toezegginghen) klagbar sind,
wenn sie eine redliche Ursache (redelicke oorzaeken) haben.
a) causa der pollicitatio
Schmidlin meint31, hinsichtlich der pollicitatio liege ein hinreichender Grund für den Willensakt in dem Willen, sich selbst zu binden; dagegen bedürfe der zweite Willensakt der alienatio
einer zusätzlichen Motivation oder einer causa, welche die Übertragung der particula libertatis (gemeint: die Zuwendung einer Forderung) rechtfertige. Der Sinn der causa - so Schmidlin
- liege nicht in der pollicitatio, sondern in der alienatio, die wie jeder Rechtsübertragungsakt
einer „Übertragungscausa“ bedürfe, „die als causa transferendi den Übergang des Versprechens in die Hand des Annehmenden rechtfertigt“. Dafür kenne das Naturrecht nur zwei
Gründe: um eine Gegenleistung zu erhalten oder reine Liberalität. Es sei verfehlt in der causa
einen Ersatz für den objektiven Vertragstyp zu sehen, aber die Übertragung des Versprechens
sei nur wirksam, wenn ihr eine causa zugrunde liegt.
Es ist sicherlich sehr schwer aus den zitierten Texten zuverlässig zu ermitteln, wie deren Verfasser den Begriff der causa und deren Funktion im Vertragsbegriff letztlich verstanden haben. Der Begriff der causa ist schon im römischen Recht vieldeutig gewesen, weshalb auch
Windscheid ihn nicht verwenden und für seine Zwecke durch den Begriff der „Voraussetzung“ ersetzen wollte32. Im Sprachgebrauch der mittelalterlichen Juristen und der Naturrechtslehrer ist diese Vieldeutigkeit offensichtlich noch größer gewesen. Für Baldus war der
aus der scholastischen Kausalitätslehre entnommene causa-Begriff eine Art vestimentumErsatz, freilich nicht als Ersatz für einen bestimmten Vertragstyp, vielmehr als Seriositätsindiz, als ein Zeichen für die Ernsthaftigkeit des Wollens, dafür dass etwas "mit Bedächtigkeit"
zugesagt wurde, also für die rechtlich erhebliche "Geschäftsmäßigkeit" des Wollens (Rechtsbindungswillen). In diesem Sinne gehört die causa in der Lehre von Grotius und Pufendorf
aber (auch) zum „inneren Konsens", zur Übereinstimmung des erklärten (wirklichen) mit dem
eigentlichen Willen des Versprechenden. Keine hinreichende causa ist daher auch im französischen Recht noch eine sog. cause fausse iSd Art 1131 CC, also ein wegen Sitten- oder Gesetzeswidrigkeit nichtiger oder wegen eines erheblichen Irrtums nicht tragfähiger Grund.
Auch die richtige Vorstellung über die Wirklichkeit, auf deren Grundlage das Versprechen
abgegeben wurde, gehört nach dem oben zitierten Satz von Grotius ursprünglich zum „inneren Konsens“, also als causa zur "Voraussetzung" der Gültigkeit eines Versprechens. Solche
und andere „Voraussetzungen“ eines abgegebenen Versprechens, die mit dem eigentlichen
Willen des Versprechenden nicht in Einklang stehen, betreffen den Beweggrund (causa impulsiva) des Versprechens, der nach römischem Recht auch causa genannt werden konnte und
nach heutigem Recht entweder unbeachtliches Motiv oder unbeachtlicher Motivirrtum sein,
aber auch einen Anfechtungs- oder sonstigen Unwirksamkeitsgrund für die abgegebene Willenserklärung bilden kann. Ein solcher Grund, dessen Mangel das Versprechen unwirksam
oder anfechtbar oder kondizierbar macht, kann auch als "Voraussetzung" oder (unentwickelte)
Bedingung oder als Geschäftsgrundlage oder sonstwie bezeichnet werden. Auf das Wort
kommt es nicht an, sondern auf den Begriff, der damit verbunden sein soll. Klar ist jedoch,
dass ein Versprechen und jede Willenserklärung an einem Mangel des Willensbildungsprozesses leiden kann, der nach uralter Rechtstradition die Unwirksamkeit oder Anfechtbarkeit
oder Kondizierbarkeit der Erklärung zur Folge haben kann, auch wenn der Erklärungsemp29
Vgl. J.B. (Fn. 2), II 11 §§ 6 II, 21; II 12 §§ 2, 3, u. 5.
(Fn. 2); dazu Bremkamp (Fn. 2), 95.
(Fn. 2), 193 f.
Windscheid, (Code, Fn.21), S. 273 Fn. 7; (Voraussetzungslehre, Fn. 22), S. 41 , 48 f, 86 f; dazu Ehmann, FS
Beuthien (Fn. 21a), I 3.
fänger mit diesem Mangel der Willensbildung des Erklärenden gar nichts zu tun hat. Wie heute war es aber auch schon immer schwer sich vorzustellen, dass ein vertraglicher Verpflichtungswille ohne Grund aus dem Nichts entsteht (nihil est sine ratione) und man hat daher den
Grund, der diesen Willen hervorbringt, causa impulsiva genannt. Von Anfang an war es freilich ein Problem, unbeachtliche Motive solcher Art von beachtenswerten Gründen abzugrenzen, was zumindest teilweise durch die Unterscheidung zwischen causa impulsiva und causa
finalis geschah33. Weil es aber unbezweifelbar richtig ist, dass Grotius und Pufendorf und die
auf ihre Lehren gestützten Naturrechtsgesetzbücher nicht bloß einen äußeren Konsens des
Willens des Versprechenden mit dem Versprechensempfänger, sondern auch einen inneren
Konsens des erklärten Willens mit dem eigentlichen Willen des Erklärenden forderten, so
muss auch - gegen Schmidlin – anerkannt werden, dass in deren System schon dem erklärten
Versprechen selbst (der pollicitatio, nicht erst der alienatio) eine hinreichende causa, ein tragfähiger, vernünftiger Grund - wie immer man ihn nennen mag - zu Grunde liegen muss, sofern nicht ein Fall der Geisteskrankheit gegeben ist.
Windscheid nannte diesem Grund "Voraussetzung", die er definierte als Übereinstimmung des
erklärten ("wirklichen") Willen mit dem "eigentlichen" Willen34:
„Zur Voraussetzung wird der Beweggrund dadurch, dass er Grundlage des Willens, auch nachdem er ihn hervorgebracht hat, bleibt und Bestandtheil desselben wird, so daß sein Inhalt sich nicht in der Formel: ich will, weil
…, sondern in der darstellt: ich will, würde aber nicht wollen, wenn nicht …. Sobald ein solcher Grund sich als
nicht vorhanden ausweist, oder wegfällt, kann derjenige, welcher den Willen erklärt hat, zwar nicht sagen: ich
habe nicht gewollt, aber doch: ich will nicht mehr."
Damit ein Beweggrund so zur „Voraussetzung“ wird, sollte jedoch die bloße Nennung des
Beweggrundes nicht genügen, eine ausdrückliche Erklärung aber auch nicht erforderlich sein,
es im allgemeinen aber genügen, dass für den Erklärungs- oder Leistungsempfänger erkennbar geworden ist, dass der erklärte Wille unter einer derartigen Voraussetzung stand. Diese
Rechtsfigur Windscheids hat der Kritik Lenels u.a. nicht standgehalten und ist auf allgemeine
Ablehnung gestoßen, weil sie zu großer Rechtsunsicherheit hinsichtlich des Bestands von
Verträgen geführt und den zum Schlagwort gewordenen Grundsatz pacta sunt servanda sehr
gefährdet hätte. Allgemein hat sich daher die schon von Windscheids Schüler Theodor Kipp35
entwickelte Ansicht durchgesetzt, dass eine derartige "Voraussetzung" rechtlich nur verbindlich sein könne, wenn sie zwischen den Vertragspartnern vereinbart worden ist (Zweckvereinbarung). Ein Motiv ("Voraussetzung", unentwickelte Bedingung) wird demnach zum rechtlich erheblichen Zweck (causa) oder zur Bedingung (conditio) erhoben, wenn die Parteien
den "Umstand" als Zweck oder Bedingung vereinbart haben.
Die Vorstellung von Schmidlin, dass "das Willensvermögen sich selbst zu binden" zur Wirksamkeit der pollicitatio genügen soll, ist letztlich schon deswegen (auch "naturrechtlich") unhaltbar, weil ein gänzlich abstraktes Versprechen, dessen Wirksamkeit von jeder Verfolgung,
Vereinbarung und Erreichung irgendeines Zwecks völlig abstrahiert ist, schlicht contra naturam36 und auch praktisch kaum vorstellbar ist37. Die römische stipulatio und das heutige abs33
Vgl. Flume, Allgemeiner Teil des bürgerlichen Rechts, 2. Bd: Das Rechtsgeschäft, 3. Aufl. 1979, § 12 I 5;
Ehmann, Gesamtschuld, Berlin 1972, S. 141; ders. FS Beuthien (Fn. 21a), II 5 a.
Windscheid (Code, Fn. 22), S. 286; dazu Klinke, Causa und genetische Synallagma, Berlin 183, 35 f; Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), I 3.
Windscheid/Kipp, Lehrbuch der Pandekten, 8. Aufl. 1900, § 97 Note 1 a.E.; § 423 a. E. in eckiger Klammer;
Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), II 3 b.
Gegen die Natur des Menschen, Kreß, Allgemeines Schuldrecht, S. 49 Fn. 36; ders, Natürliche Grundlagen
des Privatrechts, Rektoratsrede 1931, abgedruckt als "Einführung" des Nachdrucks, Aalen 1974, S. XXXV –
trakte Schuldversprechen (§ 780 BGB) kam/kommt zwar wirksam zu Stande ohne eine Einigung über ihren Zweck (causa) und ohne dessen Erreichung, sie unterliegt im Falle des Dissenses über den Zweck oder dessen Verfehlung aber der Kondiktion. Schon im römischen
Recht und auch heute noch ist also ein abstraktes Versprechen ohne zureichenden Grund
(causa, Zweck) insofern nicht dauerhaft wirksam als es der Kondiktion unterliegt. Das ist
auch nicht bloß eine positivrechtliche Regelung, das muss vielmehr so sein, weil eine andere
Regelung unvernünftig wäre.
b) causa der alienatio
Wie oben dargelegt erkennt auch Schmidlin für die alienatio das Erfordernis einer causa in
Analogie zur Eigentumsübertragung (traditio) und wohl auch zum abstrakten Schuldversprechen (stipulatio) an. Die Frage bleibt, was diese causa ist und in welcher Weise die Wirksamkeit des Vertrags oder Versprechens von dieser causa abhängig sein soll. Schmidlin meint in
Übereinstimmung mit anderen, das Naturrecht kenne dafür nur zwei Gründe: um eine Gegenleistung zu erhalten oder aus reiner Liberalität; die causa aquirendi und die causa donandi
also. Hinter dieses Verständnis des Naturrechts ist jedoch ein Fragezeichen zu setzen. Allerdings ergibt sich die Zweiteilung menschlicher Absichten in Austausch- und Liberalitätszweck aus der Natur des Menschen, der entweder egoistisch oder altruistisch handelt; ein
Drittes ist von Natur aus nicht gegeben. Mit der Anerkennung der Wirksamkeit eines Versprechens, mit der Entwicklung des Begriffs des Schuldverhältnisses als einer Verpflichtung,
die erfüllt werden muss, eines Bandes (obligatio), von dem sich der Schuldner wieder lösen
(solvere) muss, ist jedoch notwendigerweise auch der Erfüllungszweck (causa solvendi) in die
Welt gesetzt worden, denn der Schuldner muss die versprochene Leistung zum Zwecke der
Erfüllung des Versprechens (der Verpflichtung) erbringen38. Wenn die Naturrechtslehre trotzdem, obwohl sie wirksame Leistungsversprechen anerkennt, den Erfüllungszweck nicht
kennt, so ist dies ohne Zweifel einfach ein Mangel dieser Lehre, der umso erstaunlicher ist,
als das römische Recht mit der causa solvendi diesen Gedanken längst erfasst hatte. Eine Erklärung könnte der Erkenntnisverlust in der empirischen Tatsache finden, dass auf der Versprechens- oder Verpflichtungsebene der Austauschzweck praktisch völlig im Vordergrund
steht und zusammen mit dem Liberalitätszweck zunächst (d.h. ohne ein wirksames Leistungsversprechen) ein geschlossenes System bildet; teilweise ist wohl – jedenfalls später - auch
gedacht worden, dass eine Leistung oder ein Leistungsversprechen solvendi causa zur „Erlangung eines besondern Gegenvorteils“ (Dernburg) erfolge, die causa solvendi also eine besondere Art von causa credendi sei. Versprechen zur Erfüllung oder sonstigen Abwicklung (z. B.
Sicherung, causa fiduciae) eines anderen Schuldverhältnisses treten auch heute noch in der
Praxis in der Regel (große Ausnahme: Bürgschaftsversprechen) nur in der Form abstrakter
Schuldversprechen (Wechsel, Scheck) in Erscheinung.
Offen lässt nicht nur Schmidlin aber auch die Frage, wie diese causa transferendi zustande
kommen soll, deren Mangel offenbar nicht nur - wie bei abstrakten Versprechen - die Kondiktion auslösen, sondern die Unwirksamkeit der Übertragung bewirken soll. Die Versprechen
dieses naturrechtlichen Modells werden offenbar als kausal abhängig von ihrer causa gedacht.
Wer aber setzt diese causa, der Versprechende allein oder muss sie mit dem Versprechensempfänger vereinbart werden? Wenn A dem B 100 verspricht damit dieser ihm eine bestimmte Sache zu Eigentum verspricht, der B aber das Versprechen als Geschenk annimmt, so ist
doch wohl nach allen Rechtsvorstellungen weder ein Kauf- noch ein Schenkungsvertrag zu
Stande gekommen und also bedarf die causa der Vereinbarung der Vertragsparteien; denn
Windscheid und Capitant können sich einen menschlichen Willen ohne Grund nur in Fällen der Geisteskrankheit vorstellen, vgl. unten II 3 b. Ein derartig abstrakter Wille ist psychologisch ein Unding und rechtlich Unsinn.
Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), II 3 e.
wenn ein Dissens möglich und einen Konsens nötig, so ist eine Vereinbarung erforderlich.
Das Angebot zu dieser causa-Vereinbarung muss dann in der pollicitatio stecken und die Annahme in der acceptatio; denn nur eine Erklärung des dritten Grads (pollicitatio) hat die Qualität eines Angebots im heutigen Sinne, das im Falle der unbedingten Annahme (acceptatio)
durch den Versprechensempfänger zur vertraglichen Bindung führt. Einer wirksame pollicitatio setzt also auch voraus, dass für den Versprechensempfänger erkennbar ist, ob sie zum
Zwecke einer Gegenleistung (Austauschzweck) oder donandi causa oder auch solvendi causa
abgegeben wurde und der erforderliche „äußere Konsens“ erfordert, dass der Annehmende
auch den Zweck des Versprechenden akzeptiert.
c) Die Besonderheit des Austauschzwecks im gegenseitigen Vertrag
Im einseitigen Versprechen, das die Grundlage der Lehre von Grotius bildet, bereitet die Vorstellung dieser causa und ihrer Vereinbarung keine besonderen Schwierigkeiten. Der Versprechende muss klar zum Ausdruck bringen, aus welchem Grunde, zu welchem Zwecke er
die Leistung versprechen will und der Versprechensempfänger muss diesen Zweck akzeptieren. Das gilt gleichermaßen für Schenkungs- und sonstige unentgeltliche Versprechen, wie für
abstrakte einseitige Versprechen, aber auch für Versprechen zu atypischer Gegenleistung, die
- wie im römischen Recht die "Gegenleistungen" sog. Innominatscontracte - nicht wirksam
versprochen werden können, aber causa (Voraussetzung, Zweck, „Bedingung“) des Leistungsversprechens oder der Leistung des Versprechenden sind, die daher kondiziert werden
können (sofern sie nicht wegen Verfehlung des kausalen Austauschzwecks [funktionelles Synallagmas] oder wegen Ausfall einer echten Bedingung gemäß § 158 ipso iure unwirksam
sind), wenn der andere die von ihm versprochene Handlung ("Gegenleistung") nicht vornimmt; z.B. die vom Gutsherren geschwängerte Magd nicht heiratet, wofür jener 3000 Mark
versprochen hatte39.
Viel komplizierter ist dagegen die Erscheinung und Erklärung des Austauschzwecks (quod
Graeci σύναλλαγμα vocant 40) im gegenseitigen Vertrag, welcher Leistung und Gegenleistung der beiden Vertragspartner miteinander verbindet und im Falle der Unwirksamkeit des
Leistungsversprechen des einen grundsätzlich auch die Unwirksamkeit des Leistungsversprechen des anderen zur Folge hat (funktionelles Synallagma). Der Austauschzweck ist zunächst
- wie der Zweck eines einseitigen Leistungsversprechens - die Absicht (causa, Bedingung)
des Versprechenden, für sein Leistungsversprechen das Leistungsversprechen des anderen
Teils und die daraus entstehende Forderung gegen den anderen zu erwerben. Der Austauschzweck ist aber nicht nur dieser Zweck des einen (z.B. des Käufers, der den Kaufpreis unter
der "Bedingung" verspricht, dass der Verkäufer die Kaufsache verspricht), sondern auch der
Zweck des anderen (des Verkäufers, der die Sache zu dem Zweck verspricht, dass der Käufer
den Kaufpreis verspricht); der Austauschzweck ist also ein gemeinsamer Zweck, der durch
die Zweckvereinbarung zustande kommt, weil jeder den Zweck des anderen akzeptieren muss.
Der (Austausch-) Zweck eines jeden ist also sowohl Rechtsgrund (causa) des eigenen Leistungsversprechens (oder der eigenen Leistung) als auch in Form des davon getragenen Leistungsversprechens (oder der Leistung) "Bedingung" (causa, Rechtsgrund, Zweck) des Gegenleistungsversprechens oder der Gegenleistung des anderen. Im gegenseitigen Vertrag enthält
die Annahme des Leistungsversprechens daher notwendigerweise gleichzeitig das Versprechen der Gegenleistung, dessen Annahme allerdings schon im Voraus mit dem Leistungsversprechen unter der Bedingung dessen Annahme erklärt wurde. Wenn der Austauschzweck
vorstehend als „gemeinsamer Zweck“ bezeichnet wird, so ist damit nicht nur gemeint, dass er
ein vereinbarter Zweck sei. Auch der Schenkungs- oder sonstige Zweck einseitiger Leis39
RGZ 62, 273; dazu Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), II 5 c (4) und II 5 d, cc (4) ; ferner unten II 3 e zu Arndts.
D.2.14.7.2; D.50.16.19; dazu unten II 4 d, cc; ferner Klinke (Fn. 34), 100; Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), I 2
Fn. 5.
tungsversprechen muss ein vereinbarter Zweck sein, bleibt aber der einseitig verfolgte Zweck
des einseitig Versprechenden. Der Austauschzweck ist demgegenüber ein gemeinsamer
Zweck insofern, als in ihm die verschiedenen Leistungszwecke der beiden gegenseitig Versprechenden (Ware gegen Geld) zu einem Austauschzweck verschmolzen sind41.
II. Säkularer Paradigmenwechsel zu einem Willensvereinigungsmodell ?
1. Die Behauptungen Schmidlins
Schmidlin behauptet, auf der Grundlage der kritischen Philosophie Kants und Äußerungen
Savignys habe in der deutschen Pandektistik ein "Paradigmenwechsel" stattgefunden, in welchem das oben dargestellte naturrechtliche Versprechensmodell durch ein "Willensvereinigungsmodell" ersetzt wurde. In diesem Willensvereinigungsmodell hätten die Willenserklärungen nicht mehr die Funktion eines Versprechens und dessen Annahme (promissiopollicitatio-acceptatio), zielten vielmehr auf die Entstehung eines Rechtsverhältnisses, eines
Vertrags, in welchem sich die Willenserklärungen der Parteien zu „einem einzigen, ganzen
ungetheilten Willen“ (Savigny) vereinigten (fusionierten) und diesen „Vertragswillen“ zur lex
contractus machen würden, welcher unmittelbar die vertraglichen Rechtswirkungen, also die
Rechtspflichten der Parteien erzeuge. Die Willenserklärung (das Versprechen) habe daher
keine Übertragungsfunktion mehr, weil sie nur auf die Entstehung eines Rechtsverhältnisses
gerichtet sei; mit dem Wegfall der Übertragungsfunktion der Willenserklärung (des Versprechens) sei auch die Funktion der causa entfallen42:
„…, so bedarf es auch keiner Übertragungscausa mehr. Es ist die Einigung im gemeinsamen Willen, die den
Vertrag entstehen lässt und dieser gemeinsame Wille ist sich selbst causa genug. …Die Lehre vom Versprechen
weicht der Lehre von der Willenserklärung, an die Stelle der Versprechensübergabe tritt die Willenseinigung,
der Konsens, der als gesetzgebender (Hervorh. von Schmidlin), das heißt normativer Wille keiner Übertragungscausa mehr bedarf, sondern direkt in der Einigung besteht…. Die rechtsgeschäftlich normative Willenseinigung
erzeugt unmittelbar die vertragliche Rechtswirkung, sie erhebt den Vertragswillen zur lex contractus, die ursprüngliche Funktion der causa ist obsolet. Einer Übertragungscausa bedarf es nicht.“
Die Behauptungen, Vorstellungen dieser Art seien auf der Grundlage der Rechtslehre Kants
"zum beherrschenden Vertragsmodell des Pandektenrechts" und in den §§ 145 ff. BGB Gesetz geworden43, sind völlig unbegründet und nachweisbar falsch.
2. Kants Rechtslehre zur Entstehung eines Versprechensvertrags
Schmidlin44 behauptet, diese Neukonzeption des Vertrags als "Willensvereinigungsmodell"
sei ein Werk der Aufklärung und stehe unter dem Zeichen der kritischen Philosophie Kants,
dessen "metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre" hätten auf die Vertragslehre unmittelbar eingewirkt45. Zur sedes materiae dieser Behauptungen erklärt Schmidlin § 19 der
Diese Verschiedenheit des Austauschzwecks von anderen causae wird in der Literatur im Allgemeinen unter
dem Begriff des (genetischen und funktionellen) Synallagmas, freilich in nicht ganz einheitlicher Weise, erfasst
und erörtert; vgl. Erman/Westermann, 12. Aufl. vor § 320 Rz 12; grundlegend Klinke (Fn. 34), 94 ff mit umfangr. Nachw.; dazu Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), II 3 c.
Schmidlin (Fn. 2), 199, 201.
Schmidlin (Fn.1), 202.
Schmidlin (Fn.1), 199 ff.
Kants Metaphysik der Sitten mit seinen metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre sind in 1. Auflage
im Jahre 1797 und in 2. Auflage 1798 erschienen. Zum Zeitvergleich: Das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten (ALR) ist am 20. März 1791 vorläufig bekannt gemacht worden
Rechtslehre und zitiert daraus im übrigen Stellen aus §§ 18 und 20, die aber sämtlich seine
Behauptungen nicht rechtfertigen, vielmehr folgt Kant im wesentlichen der naturrechtlichen
Versprechenslehre und erklärt lediglich die Gebundenheit des Versprechenden an sein Versprechen nicht aus der Gottähnlichkeit des Menschen, sondern aus dem „kategorischen Imperativ“. Im Anschluss an die von Schmidlin zitierte Stelle aus § 19 stellt Kant die für die Versprechenslehre grundlegende Frage: "Soll ich mein Versprechen halten?" Und antwortet darauf selbst,
"dass ich es soll, begreift ein jeder von selbst. Es ist schlechterdings unmöglich, von diesem kategorischen Imperativ noch einen Beweis zu führen. … Es ist ein Postulat der reinen (…) Vernunft und …ist selbst die Deduktion
des Begriffs der Erwerbung durch Vertrag; so wie es in dem vorigen Titel der Lehre von der Erwerbung durch
Bemächtigung der äußeren Sache46 war.
Damit ist klargestellt, dass Kant im Versprechen den Grund für die Verpflichtung des Versprechenden und den Erwerb des entsprechenden persönlichen Rechts (der Forderung) des
Versprechensempfängers erkennt. Das Versprechen aber ist vom Versprechenden zu halten,
wenn der Versprechensempfänger es angenommen hat, weil die Möglichkeit der Willkür
(Freiheit) des Versprechenden, sein Wort nicht zu halten, in der Willkür (Freiheit) des anderen seine Grenze hat. Das "allgemeine Gesetz der Freiheit", das die Willkür des einen und des
anderen miteinander vereinigt (vgl. § B der Einleitung in die Rechtslehre), ist der Vertrag
oder wie Kant sagt (§ 19), "meine Besitznehmung der Willkür eines anderen (und so wechselseitig)". In diesem Sinne bezeichnet Kant (§ 18 a.E.) die „vereinigte Willkür“ zweier Personen als Vertrag, „wodurch überhaupt das Seine des einen auf den anderen übergeht“. In § 18
ist diese Definition allerdings auf die Übertragung des Eigentums bezogen, in der oben zitierten Stelle wird darauf zur Erklärung der Entstehung eines persönlichen Rechts (der Forderung) aufgrund eines Versprechens jedoch Bezug genommen.
Diese Parallele zwischen dem Erwerb des Eigentums an einer Sache und dem Erwerb des
persönlichen Rechts auf die Sache (alienatio particulae nostrae libertatis46a), die völlig in der
Tradition des naturrechtlichen Versprechensmodells steht, verdeutlicht Kant in den §§ 21 und
31 seiner Rechtslehre. In § 31 bezeichnet er den Kaufvertrag als "belästigten Vertrag47" und
versteht ihn als Tausch von Ware gegen Geld. In § 21 Satz 1 stellt Kant klar, dass die (Kauf-)
Sache nicht schon durch Annehmung (acceptatio) des Versprechens, sondern nur durch
Übergabe (traditio) erworben werde: "Denn alles Versprechen geht (nur) auf eine Leistung,
…“. Das Recht aus dem Vertrag sei daher nur ein persönliches und werde erst durch die
Übergabe zu einem dinglichen Recht. Kant erläutert diese Sätze an folgendem Beispiel:
"Wenn ich einen Vertrag über eine Sache, z.B. über ein Pferd, das ich erwerben will, schließe, …, lasse ich es
aber in den Händen des Verkäufers …, so ist dieses Pferd noch nicht mein, und mein Recht, was ich erwerbe, ist
nur ein Recht gegen eine bestimmte Person, nämlich den Verkäufer, von ihm in den Besitz gesetzt zu werden
(poscendi traditionem), …, d.i. mein Recht ist nur ein persönliches Recht, von jenem die Leistung des Versprechens (praestatio), mich in den Besitz der Sache zu setzen, zu fordern.“
Damit wird wie in der Naturrechtslehre die Entstehung eines persönlichen Rechts (einer Forderung) aus einem
Versprechen des Schuldners in ähnlicher Weise erklärt wie die Eigentumsübertragung durch Tradition. In § 18
heißt es dazu bei Kant: Erwerbung von einem anderen kann nicht allein durch dessen Verzicht, "sondern allein
durch Übertragung (translatio) geschehen, welche nur durch einen gemeinschaftlichen Willen möglich ist, vermittelst dessen der Gegenstand immer in die Gewalt des einen oder des anderen kommt, alsdann einer seinem
Anteile an dieser Gemeinschaft entsagt, und so das Objekt durch Annahme desselben (mithin einen positiven
Akt der Willkür) das Seine wird. - Die Übertragung eines Eigentums an einen anderen ist die Veräußerung. Der
Akt der vereinigten Willkür zweier Personen, wodurch überhaupt das Seine des einen auf den anderen übergeht,
ist der Vertrag."
Vgl. oben Fn. 15.
Kant unterscheidet in § 31 ebenso wie Pufendorf (vgl. oben I 3) und wie ALR I 5 §§ 7 und 8 zwischen wohltätigen und lästigen (belästigten) Verträgen.
Wenn aber alles Versprechen nur auf eine Leistung geht, das in der dargelegten Weise durch
die Annahme des Versprechens, also durch einen Vertrag zwischen den beiden verbindlich
wird und durch ein kaufrechtliches Versprechen zunächst eine Verpflichtung des Verkäufers
und ein dementsprechendes Forderungsrecht des Käufers gegen den Verkäufer entsteht, das
durch die traditio erfüllt werden muss, so entspricht dies dem naturrechtlichen Versprechensmodell, das im Allgemeinen Preußischen Landrecht (vgl. ALR I 9 § 6; I 10 § 1) Gesetz
geworden ist. Es ist nicht zu erkennen, wie aus der Rechtslehre Kants und den daraus von
Schmidlin zitierten Stellen ein „säkularer Paradigmenwechsel“ zu einem „Willensvereinigungsmodell“ in dem von ihm dargelegten Sinne entnommen werden könnte.
3. Das Vertragsmodell des Pandektenrechts
Schmidlin beruft sich jedoch nicht nur zu Unrecht auf Kant, sondern behauptet darüber hinaus, das sog. „Willensvereinigungsmodell“ sei zum „beherrschenden Vertragsmodell des
Pandektenrechts“ geworden, was gleichfalls einer kritischen Überprüfung nicht standhält.
a) Puchta (1798- 1846)
Puchta, Zeitgenosse, Schüler und Freund Savignys, der nach Wieackers48 Urteil auf die Methode der Zivilrechtswissenschaft stärkeren Einfluss gehabt hat als Savigny selbst und wohl
als der bedeutendste Pandektist neben Windscheid zu betrachten ist, verstand unter "Veräußerungsgeschäften“49:
„nicht bloß die, wodurch die Veräußerung unmittelbar ins Werk gesetzt wird z.B. Übertragung des Eigenthums,…, Erlaß der Forderung, sondern auch die, welche sie begründen, daher die Verträge, wodurch sich
jemand zur Veräußerung verpflichtet. Diese Verträge lassen sich übrigens nicht bloß als Vorbereitungen einer
Veräußerung, sondern auch zugleich selbst als Veräußerungen auffassen; wenn ich mich gegen jemanden verpflichte, ihm meine Sachen zu geben, so ist dieser Vertrag der Grund der künftigen Veräußerung, insofern wir
darunter die Veräußerung des Eigenthums verstehen; sofern aber sein Vermögen durch die Forderung gegen
mich schon vermehrt, und das meinige durch das Passivum, das ich übernommen, in der That schon vermindert
ist (da das, was ich schulde, nur noch nominell zu meinem Vermögen gehört), enthält jener Vertrag selbst schon
eine wirkliche Veräußerung. Die Veräußerung kann nun in doppelter Art geschehen:
1) Der Veräußernde erhält ein Äquivalent gegen das, was er aufgiebt, …
2) Der Veräußernde soll kein Äquivalent erhalten, …“
Das in diesem einzigen Zitat deutlich genug sichtbar werdende Vertragsmodell Puchtas steht
in völligem Einklang mit dem naturrechtlichen Vertragsmodell, das sich aus der Versprechenslehre von Grotius entwickelt hat und insoweit auch von Schmidlin zutreffend dargestellt
wird50. Wegen der Verschiedenheit des Zwecks einer Darstellung der „Institutionen“ von dem
des Pandektenrechts sollen nachstehend aber auch Puchtas einschlägige Äußerungen in seinem Pandektenrecht51 angeführt werden. Puchta erklärt in seinen Pandekten die Verträge als
Rechtsgeschäfte (§ 249) und diese als juristische Handlungen (§ 49). Das Zustandekommen
der Rechtsgeschäfte setze allgemein "einen auf den Gegenstand und Zweck desselben gerichteten Willen und die Erklärung desselben voraus" (§ 65). Diese allgemeinen Erfordernisse
werden für Verträge ergänzt in § 250 wie folgt:
(Fn. 5), 399.
Cursus der Institutionen, 2. Band, 1. Aufl. 1842; 5. Aufl. 1857 (nach dem Tode des Verfassers besorgt von
Rudorff), § 205, S. 373.
(Fn. 2), S. 190 ff.; vgl. dazu vor allen auch Nanz (Fn.2), 135 ff.
Pandekten, 1. Auflage 1838, 5. Auflage 1856; nach dem Tode des Verfassers (1846) ab der 4. Auflage (1847)
besorgt von Rudorff; im folgenden wird zitiert aus der 8. Auflage, 1856.
„ Zur Existenz eines Vertrags gehört die Übereinstimmung der Willen beider Parteien (Paciscenten, Contrahenten), und die Erklärung derselben, welche von beiden Seiten (Versprechen - Acceptation) erfolgen muß. Für
diese Erklärung kommt im römischen Recht eine doppelte Art von gesetzlichen Formen vor: 1) Formen, welche
die Gültigkeit des Vertrags bedingen, diese sind auch auf das heutige Recht übergegangen, und in diesem noch
sehr vermehrt worden; 2) Formen, die zur Klagbarkeit des Vertrags nothwendig sind. Das R.R. geht nämlich von
dem Grundsatz aus, daß eine bloße Übereinkunft, pactum, die auf irgendeine Art erklärte Uebereinstimmung der
Willen, nicht hinreichen soll, eine klagbare Obligatio hervorzubringen, es muß noch eine besondere causa obligationis hinzukommen, wodurch die Uebereinkunft zum contractus wird.“
Diesen Ausführungen Puchtas folgt eine kurze Darstellung des römischen Vertragssystems
(Real-, Verbal-, Litteral- und Consensualcontracte), die hier nicht wiederholt werden soll,
„Diese ganze Beschränkung der Klagbarkeit ist in dem heutigen Recht weggefallen, eine gewöhnliche Uebereinkunft bringt (wenn sie nur gültig ist) in allen Fällen eine klagbare Obligatio hervor, so gut als in den wenigen
Fällen der römischen Consensualcontracte und der ausnahmsweise durch Civil- oder prätorisches Recht klagbar
gemachten Pacta. Damit ist alles, was wesentlich mit jener Beschränkung zusammenhängt, namentlich die Theorie der s.g. unbenannten Contracte und das dabey stattfindende Jus Pönitendi (§ 308 Note c) antiquirt. Dieses
heutige Recht erklärt sich daraus, daß die wirkliche Anwendung der römischen Contractsformen, namentlich der
Stipulationen, unthunlich war, und man entweder nicht das Geschick oder die Macht, oder nicht die Einsicht des
Bedürfnisses hatte, eine zeitgemäße Form an ihre Stelle zu setzen.“
Auf dieser Grundlage wird das Zustandekommen eines Kaufcontracts in § 360 wie folgt beschrieben:
„Das Unterscheidende des Kaufcontracts liegt in dem verschiedenen Charakter der Leistungen, zu welchen sich
die Contrahenten gegenseitig verpflichten. Der Gegenstand, welchen der Verkäufer in das Vermögen des Käufers zu bringen verspricht, hat die Bedeutung einer Waare, für welche der Käufer seine Leistung als Preis verspricht…. Der Kaufcontract ist geschlossen, wenn die Contrahenten über den Gegenstand und über den Preis
übereingekommen (convenire) sind.“
Zur causa- Frage heißt es in § 257 des Pandektenrechts schließlich:
„Zur Entstehung einer Obligatio durch Vertrag ist die formelle Rechtsbeständigkeit des Versprechens und der
Acceptation keineswegs hinreichend, es muss auch ein materieller Grund für die Obligirung (causa in diesem
materiellen Sinne) vorhanden seyn… Ohne eine solche materielle causa debendi, die entweder Schenkung oder
Vergeltung oder Erfüllung einer schon bestehenden Verbindlichkeit seyn kann, ist der Vertrag unwirksam52“.
b) Windscheid (1817-1892)
Sämtliche vorstehend zitierten Stellen und auch die Gesamtdarstellung von Puchta ist mit den
Behauptungen Schmidlins nicht zu vereinbaren. Schmidlin aber ignoriert Puchtas Ansicht
völlig und zitiert zum Beweis seiner Behauptung, das "Willensvereinigungsmodell" sei zur
herrschenden Lehre des Pandektenrechts geworden, lediglich zwei von Flume übernommene
Stellen53 von Windscheid und Regelsberger; von Windscheid54 den Satz: „Der Vertrag ist
In der an „ unwirksam“ angehängten Fußnote g wird von Puchta hinzugefügt: "Diese Unwirksamkeit ist aber
keine Nichtigkeit, sondern besteht bloß in einer Gegenwirkung (nämlich der condictio). …Es ist durchaus nicht
abzusehen, weshalb der nackte Wille, Schuldner zu werden, nach Beseitigung der Stipulation zur Begründung
einer Obligatio nicht genügen sollte, der für jede andere Vermögenszuwendung genügt. Vgl. auch Windscheid,
Voraussetzung 1850 S. 198.“
Schmidlin (Fn.1), 201 Fn. 36 zitiert Flume, Allgemeiner Teil des bürgerlichen Rechts, Zweiter Band: Das
Rechtsgeschäft, 4. Aufl. 1992, S. 618; Flume zitiert an der angegebenen Stelle in der Tat Windscheid Pandektenrecht I § 69 N. 1 und Regelsberger, Pandekten § 149 I 1 mit dem Satz: „Man kann sagen: durch den Zusammenschluss der Willen entsteht ein neuer Wille, der Vertragswille“.
Pandekten I, § 69 Note 2.
nicht bloß Willensübereinstimmung, sondern Willensvereinigung“. Windscheid verweist zur
Erklärung dieses Satzes jedoch auf § 305 seines Lehrbuchs und dort heißt es:
„ Der obligatorische Vertrag besteht, wie jeder Vertrag, in der Vereinigung zweier Willenserklärungen. Die
Erklärung des einen Vertragschließenden ist darauf gerichtet, daß er zu einer Leistung verpflichtet sein wolle, die
des anderen Vertragschließenden darauf, daß er diesen Verpflichtungswillen ergreife, sich aneigene - ohne Bild
ausgedrückt: daß für ihn auf die Leistung, zu welcher der andere Theil verpflichtet sein zu wollen erklärt, ein
Forderungsrecht entstanden sein solle.“
Die Erklärung des einen, dass er verpflichtet sein wolle, ist aber nichts anderes als ein Leistungsversprechen und die Erklärung des anderen, dass er diesen Verpflichtungswillen ergreife, sich aneigne, doch nichts anderes als die Annahme dieses Versprechens, zumeist verbunden mit einem Gegenleistungsversprechen, worin dann zugleich eine Einigung über den Austauschzweck (causa aquirendi) liegt. Zu der nach Schmidlin im "Willensvereinigungsmodell"
nicht mehr erforderlichen causa äußert sich Windscheid schwerpunktmäßig jedoch weder in
§ 69, noch in § 305, sondern in § 318 seines Lehrbuchs unter der Überschrift "Grund des Vertrags", wo es heißt: „So wenig wie irgendeine menschliche Handlung ohne Bestimmungsgrund vorgenommen wird, so wenig wird ein Versprechen ohne causa abgegeben.“ In der
Fußnote dazu heißt es bei Windscheid: "Vom Falle der Geistesstörung wird hier natürlich abgesehen“55. Im übrigen unterzieht Windscheid in § 318 seines Lehrbuchs die Bedeutung des
Begriffs Verpflichtungsgrund (causa) einer sehr differenzierten Betrachtung, die letztlich in
den Problemen seiner Voraussetzungslehre56, also in die Fragen münden, ob der "Verpflichtungsgrund" (causa) bloßer Beweggrund oder als "Voraussetzung" im dem Sinne zu verstehen
ist, dass sein Nichtbestehen oder sein Wegfall die condictio oder die exeptio doli begründet
oder ob er zur Bedingung der Wirksamkeit des Vertrags erhoben ist. Alle diese Fragen bleiben
bei Schmidlin in dem Nebel des "einzigen, ganz ungetheilten Willen“ (Savigny) verborgen, in
dessen normativer (gesetzgebender) Wirkung sich die besonderen Rechtsverhältnisse materialisieren und die Pflichten und Rechte der Vertragspartner hervorbringen sollen. Welche Rechte? Welche Pflichten? Und unter welchen Voraussetzungen? Alles bleibt offen. Festzuhalten
bleibt jedenfalls, dass die Behauptung, das sog. Willensvereinigungsmodell sei im Pandektenrecht zur herrschenden Lehre geworden, weder auf Puchta noch auf Windscheid gestützt werden kann. Ob es gegen Puchta und gegen Windscheid eine herrschende Lehre des Pandektenrechts geben kann, mag offen bleiben, schauen wir, was andere Pandektisten zu diesem Thema zu sagen hatten.
c) Regelsberger (1827-1916)
Bei Regelsberger57, den Schmidlin auch nur über Flume zitiert, heißt es in der Tat: "Man kann
sagen: durch den Zusammenschluss der Willen entsteht ein neuer Wille, der Vertragswille".
Zur Begründung verweist Regelsberger in der Fußnote auf D. 14.2.1.358, womit klargestellt
Ebenso sagt Capitant (De la cause des obligations, 3. Aufl. 1927, S. 17): „S’obliger sans but ne pourrait être
que l’acte d’un fou“ ; ebenso schon Jhering, Geist (Fn. 12), S. 216; dazu Klinke (Fn. 34), S. 18 ; Stathopoulos,
AcP 195 (1994), 543, 549 ; Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), I 2.
Vgl. dazu Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), S. 3 ff.
Regelsberger, Pandekten, Bd 1, 1893, § 149 I, 1.
Conventionis verbum generale est ad omnia pertinens, de quibus negotii contrahendi transigendique causa
consentiunt qui inter se agunt : nam sicuti convenire dicuntur qui ex diversis locis in unum locum colliguntur et
veniunt, ita et diversis animi motibus in unum consentiunt, id est unam sententiam decurrunt. In der Übersetzung
von Behrends/Knütel u.a. (Corpus Iuris Civilis - Text und Übersetzung -, Bd. I-IV, ab 1990) heißt das: „Das
Wort conventio, Übereinkommen, Einigung, Vertrag ist ein allgemeines und erfasst alle Fälle, in denen diejenigen, die miteinander rechtlich zu tun haben, im Anschluss oder in der Erledigung eines Rechtsgeschäfts übereinstimmen. Denn wie man bei denen von convenire, zusammenkommen, spricht, die sich von verschiedenen Orten
wird, dass unter dem Vertragswillen nichts anderes verstanden wird als die conventio des römischen Rechts. Die dem vorstehenden Zitat voranstehenden Sätze Regelsbergers bestätigen
dieses Verständnis:
„Von Willenseinigung kann nur gesprochen werden, wo mehrere bewußt dasselbe wollen, um durch ihr Zusammenwirken ein gemeinsames Ergebnis zu erzeugen. Das ist selbst bei den gegenseitigen Schuldverträgen der
Fall: beim Kaufvertrag ist der Wille jedes Teils auf die doppelte Verpflichtung sowohl des Verkäufers zur Leistung der Ware als des Käufers zur Zahlung des Kaufpreises gerichtet; denn die eigene Verpflichtung ist der Preis
für die erwünschte Verpflichtung des Gegners.“
Aus diesen Sätzen ergibt sich klar, dass Regelsberger mit dem aus der conventio, dem Zusammenschluss (Zusammenwirken) der verschiedenen Willen der Vertragsparteien zu einem
neuen (gemeinsamen) Vertragswillen letztlich nichts anderes zum Ausdruck bringen wollte,
als dass mit dem Zusammenkommen (Übereinkunft, Einigung, Einverständnis, Vertrag) der
Käufer nicht mehr nur die Sache haben, sondern auch den Kaufpreis zahlen will und andererseits der Verkäufer nicht bloß den Kaufpreis haben, sondern auch die Sache leisten will. So ist
aus den gegenseitigen Willenserklärungen des gegenseitigen Vertrags ein übereinstimmender
Wille der Vertragsparteien geworden, was aber nicht der Ansicht entgegensteht, dass der Käufer dem Verkäufer durch sein von diesem angenommenes Kaufpreisversprechen eine Forderung auf den Kaufpreis verschafft hat und dass dieser Forderung nicht der Schenkungs- oder
ein sonstiger oder gar kein Zweck, sondern der Austauschzweck (quod Graeci σύναλλαγμα
vocant59) zugrunde liegt; entsprechendes gilt für das Leistungsversprechen des Verkäufers.
Auch die "Willensvereinigung" Windscheids ist ebenso wie der (gemeinsame) "Vertragswille"
Regelsbergers also nichts anderes als die im Vertrag zustande gekommene Übereinstimmung
der Willenserklärungen beider Parteien, die nichts anderes voraussetzt, als dass jeder Vertragspartner den Willen des anderen akzeptiert und ihn damit auch zu seinem eigenen Willen
macht. Anders haben auch weder Flume noch v. Tuhr die Sache verstanden60.
d) Dernburg (1829- 1907)
Auch bei Dernburg, den Wieacker61 zu den Klassikern der Pandektistik zählt und ihm besonderen praktischen Rechtsverstand bescheinigt, ist von dem behaupteten säkularen Paradigmenwechsel zu einem Willensvereinigungsmodell nichts zu erkennen, vielmehr kommen für
Dernburg62 die Verträge zustande durch "die Erklärung zweier Teile, die sich hierdurch zur
Begründung, Veränderung, Bestärkung oder Aufhebung eines Rechtsverhältnisses vereinigen.
Erforderlich ist hierzu das Begehren des einen und das Bewilligen des anderen." Die Verträge
werden als zweiseitige Rechtsgeschäfte bezeichnet, können aber einseitige (z.B. Schenkung)
oder zweiseitige (gegenseitige) Verträge (z. B. Kauf) sein. Vertragliche Geschäfte, welche das
Vermögen eines Beteiligten vermindern bezeichnete Dernburg als "vermögensmindernde
Geschäfte", die in der Veräußerung von Vermögensbestandteilen und der Übernahme von
Verbindlichkeiten bestehen können. Eine derartige Vermögensminderung sei niemals Selbstzweck, "vielmehr nothwendig zur Erreichung von Zwecken bestimmt, welche ihren Grund ihre causa - bilden". Der Grund kann "Erlangung eines Gegenvortheils" (causa credendi)
oder Erweisung einer Liberalität (causa donandi) sein. In der Tilgung einer Schuld (solvendi
causa) sieht Dernburg auch die Erlangung eines Gegenvorteils. In den drei causae (solvendi,
aus an einem Ort versammeln und dort zusammenkommen, so spricht man von Zusammenkommen auch bei
denen, die anfangs von verschiedenen Absichten bewegt am Ende in ein- und demselben übereinstimmen.“
Vgl. oben Fn. 39 und den Text von I 4 c sowie unten Fn. 118, 130.
Vgl. Flume (Fn. 33), 618; v. Tuhr, Der Allgemeine Teil des Deutschen Bürgerlichen Rechts, 1914, Nachdruck
Berlin 1957, Bd. II 1, § 53 II 5, S. 225.
(Fn. 5), 445.
Dernburg, Pandekten Bd. 1, 2. Auflage 1888, § um 92.
credendi, donandi) sieht er die häufigsten aber nicht die einzigen Zwecke einer Veräußerung
oder eines Leistungsversprechens63:
„Eine Vermögenszuwendung ohne Zwecke der einen oder anderen Art wäre ein sinn- und
gedankenloses Handeln. Das Setzen von Zwecken bei vermögensmindernden Geschäften ist
also nichts Zufälliges, sondern im Wesen der Dinge begründet. Es ist eine psychologische
Nothwendigkeit."
Hinsichtlich von Vermögenszuwendungen durch Leistungsversprechen unterscheidet Dernburg klar zwischen abstrakten Versprechen und kausalen Versprechensverträgen: "Bei kausalen Geschäften gehört die Verwirklichung des sie bestimmenden Zwecks zum Wesen und Bestande des Geschäfts". Bei abstrakten Geschäften unterscheidet Dernburg auch schon zwischen "notwendig" abstrakten Geschäften (z.B. Wechsel) und "gewöhnlich" abstrakten (z.B.
Eigentumsübertragung), die unter eine Bedingung gestellt werden können. Eine besondere
Art der kausalen Geschäfte bilden die gegenseitig verpflichtenden Geschäfte, die Dernburg in
§ 20 seines Obligationenrechts behandelt64:
„Den synallagmatischen Geschäften ist wesentlich, daß Versprechen gegen Versprechen ausgetauscht wird. Es
besteht auch eine gewisse gegenseitige Abhängigkeit der aus ihnen entspringenden gegenseitigen Obligationen.
Wie weit? Dies ist eine feine und wichtige Frage. Denn es kreuzen sich die Erwägungen. Je selbstständiger die
beiderseitigen Obligationen sind, desto größer ist ihr besonderer Wert, desto leichter ihre Realisierung und prozessualische Durchführung, desto näher liegt aber auch die Gefahr, daß der eine Teil sich auf Kosten des anderen
bereichere.“
Die nachstehenden Ausführungen Dernburgs betreffen das Zug-um-Zug-Problem, also die
Frage, ob jeder auf die vom anderen versprochene Leistung klagen kann oder nur auf Austausch der Leistungen, was in § 320 BGB mit der Einrede des nicht erfüllten Vertrags seine
Regelung gefunden hat. In der Begründung seiner im Wesentlichen dem heutigen § 320 BGB
entsprechenden Ansicht beruft sich Dernburg auch auf Bechmann65, der von der "genetischen
Zweiseitigkeit" des gegenseitigen (Kauf-)Vertrags ausgehe, der Austausch und Umsatz zweier
gegenseitiger Verträge sei, also auf der Begründung von Gegenforderungen beruhe, die bei
ihrer Entstehung „konnex“ sind. Zu dem klaren Satz, dass im gegenseitigen Vertrag das Leistungsversprechen des einen (stillschweigende) Bedingung des Leistungsversprechens des anderen ist, den zu dieser Zeit Windscheid66 schon längst ausgesprochen hatte, kommt Dernburg
zwar nicht, aber der Satz ist ganz offenbar völlig im Sinne seiner Ausführungen. In der Frage
der causa der Stipulation (des abstrakten Schuldversprechens) folgt auch Dernburg67, der im
wesentlichen von Liebe entwickelten und von Bähr68 ausgebauten Lehre, die zwar von Savigny abgelehnt wurde, aber gemäß § 780 BGB in dieser Form im Jahre 1900 Gesetz geworden
ist und bis heute unbestritten die Praxis beherrscht68a. Von einem „Willensvereinigungsmo63
Pandekten I, § 95: "Die causa der vermögensmindernden Geschäfte" (2. Aufl. 1888); in der 5. Aufl. 1896
lautete die Überschrift: "Die Zwecke der Vermögenszuwendungen"; unter "Vermögenszuwendungen" versteht
Dernburg jedoch nichts anderes als unter "vermögensmindernden Geschäften", nämlich alle Geschäfte, welche
das Vermögen des Zuwendenden vermindern, gleichgültig, ob diese Minderung durch ein Äquivalent ausgeglichen wird oder nicht, insbes. also Veräußerungen von Vermögensbestandteilen oder die Übernahme von Verbindlichkeiten. Auch Bähr (Die Anerkennung als Verpflichtungsgrund, [1. Aufl. 1855], 3. Aufl. 1894, S. 122)
bezeichnet ein abstraktes Schuldverhältnis als „etwas psychologisch Unvollendetes“, das nach Bähr (S. 124)
aber klagbar sein kann, wenn der Wille des Versprechenden darauf gerichtet ist, "ein Forderungsrecht unter Abstraction von seinem Rechtsgrund zu begründen"; was in § 781 BGB Gesetz wurde, wenn in der Weise versprochen wird, “dass das Versprechen die Verpflichtung selbstständig begründen soll“.
Dernburg, Pandekten, Bd.2: Obligationenrecht, 7. Aufl. 1903, § 20, S.56.
Bechmann, Der Kauf nach gemeinem Recht, 1. Teil: Geschichte des Kaufs im römischen Recht, Erlangen
1876, S. 540.
Voraussetzungslehre, 1850, S. 88, 144, 163; dazu Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), um Fn. 6, 135.
(Fn. 64), § 22.
(Fn. 63), insbes. §§ 5 und 6.
dell“ oder derartigen Vorstellungen einer lex contractus, aus der (quasi gesetzliche) Schuldverhältnisse entspringen, die (wie Deliktsobligationen?) einer causa nicht mehr bedürfen, ist
auch bei Dernburg an keiner Stelle nur andeutungsweise die Rede.
e) Arndts (1822-1878)
Schließlich soll noch die Auffassung Arndts dargelegt werden, dessen Pandekten-Lehrbuch in
14 Auflagen erschienen ist69. Arndts definiert zunächst in § 63 den allgemeinen Vertragbegriff
als Rechtsgeschäft wie folgt:
„Rechtsgeschäfte sind Willenserklärungen, deren Zweck und Absicht wesentlich auf die rechtliche Wirkung,
Entstehung, Endigung oder Änderung eines Rechtsverhältnisses, gerichtet ist. Das Rechtsgeschäft ist einseitig
(negotium unilaterale), wenn Dasein und Inhalt desselben wesentlich nur Ausfluss eines Willens ist; es ist zweiseitig (bilaterale) oder mehrseitig, wenn zu seiner Entstehung die Einigung verschiedener einander gegenüberstehender Willen erforderlich ist. Die gegenseitig erklärte Einigung des Willens verschiedener Personen aber,
bezüglich auf Rechtsverhältnisse, welche dadurch begründet, geändert oder aufgehoben werden sollen, ist ein
Vertrag, pactio, conventio70.
Die „Eingehung von Schuldverträgen“ behandelt Arndts erst in § 231 und schreibt dazu:
„Ein Schuldvertrag ist die gegenseitig erklärte Einigung des Willens verschiedener Personen, welche auf Begründung einer Verpflichtung der einen oder beider zu einer obligatorischen Leistung gerichtet ist. Wesentlich
also ist dazu ein Versprechen von der einen, und die Annahme desselben (Acceptation) von der anderen Seite
(einseitiger Schuldvertrag), oder gegenseitiges Versprechen und dessen Annahme von beiden Seiten (zweiseitiger oder gegenseitiger Schuldvertrag).“
Zu der Frage der causa dieser Schuldversprechen schreibt Arndts in § 233:
„Bei der Eingehung einer Schuldverbindlichkeit ist übrigens immer, wie bei jeder absichtlichen Änderung in
Vermögensverhältnissen, eine gewisse rechtliche Absicht vorauszusetzen, ein Bestimmungsgrund, aus welchem
die Verpflichtung eingegangen wird (Verpflichtungsgrund, causa obligandi71) wodurch denn zugleich der juristische Charakter des Rechtsgeschäfts näher bestimmt wird72. Die Verpflichtung kann zu einer Begünstigung
eines anderen (aus Liberalität) eingegangen werden, in der Absicht namentlich, diesem unentgeltlich einen Gewinn zu gewähren (Schenkung, donandi causa), oder in der Absicht, einem bestehenden Rechtsanspruche zu
genügen (solvendi causa), oder dessen künftige Geltendmachung zu erleichtern und zu sichern73, oder für eine
Leistung von der anderen Seite eine Rückleistung oder Gegenleistung zu gewähren, für eine Verpflichtung des
anderen Theils eine Gegenverpflichtung zu übernehmen (credendi causa), oder auch ohne eine Gegenverpflich68a
Vgl. Statt aller Staudinger/Marburger, 15. Aufl. 2009, Vorbem zu §§ 780 ff. Rz. 1 ff.
Arndts, Lehrbuch der Pandekten, 1. Aufl. 1852, ehrfurchtsvoll und dankbar gewidmet dem großen Rechtslehrer Friedrich Karl von Savigny; ich zitiere im folgenden aus der mir vorliegenden 10. Auflage von 1879, die
nach dem Tod Arndts (1878) von Pfaff und Hofmann besorgt wurde, die alle Änderungen und Zusätze in eckige
Klammern gesetzt und das Werk ansonsten unverändert ließen.
In dem wie hier an den Begriff conventio angefügten Fußnote verweist Arndts ebenso wie Regelsberger auf
D.14.2.1.3; im Übrigen auch auf Vangerow (Pandekten I § 350; III § 621), der als Vertrag nicht jede Einigung,
sondern nur aus Versprechen bestehende verstehen will, die erfüllt werden müssen.
In der an den Begriff causa obligandi angeknüpften Fußnote verweist Arndts auf Meyerfeld, Liebe, Windscheid, Savigny (OR II § 78) ohne zu erkennen zu geben, dass er einen dieser Schriftsteller dahingehend verstehen will, dass eine causa obligandi („Übertragungscausa“) nicht erforderlich sei. Damit hat Arndts allerdings
Savigny missverstanden (dazu unten II 4 d) oder wollte ihn nicht verstehen, jedenfalls seine Lehre nicht akzeptieren.
In der an dieser Stelle angefügten Fußnote schreibt Arndts: „Voigt (Über die condictiones ob causam und über
causa und titulus im Allgemeinen, 1862, S.498) tadelt diesen Satz als dem römischen Recht widersprechend; es
bleibe für das Wesen der Stipulatio durchaus gleichgültig, ob dieselbe donandi oder solvendi oder credendi causa erfolge. Aber ist es für das Rechtsgeschäft, das sich in der Stipulatio abschließt, auch gleichgültig? Die Stipulatio kann nichtig sein, weil sie donandi causa geschieht, während sie solvendi causa usw. vollkommen gültig
In der an dieser Stelle eingefügten Fußnote verweist Arndts u.a. auf Bähr, Die Anerkennung als Verpflichtungsgrund, Cassel 1855.
tungen Jemanden doch wenigstens mittelbar durch Bedingung des Versprechens zu einer Handlung oder Unterlassung zu bestimmen, oder sonst irgendwie einen rechtlichen Zweck zu erreichen74, z.B. conditionis implendae
oder dotis constituendi causa. Ohne solche Absicht und solchen Bestimmungsgrund ist ein ernstlicher Wille,
sich zu verpflichten, nicht denkbar; ist dieser Verpflichtungswille gewiss, ein anderer Verpflichtungsgrund aber
nicht ersichtlich, so muss die Absicht, eine Liberalität zu üben, zu Grunde liegen75“.
Es ist nach alledem einfach nicht richtig, dass in der deutschen Pandektistik eine Meinung zur
Herrschaft gekommen sei, die auch nur annähernd dem entspricht, was Schmidlin unter "Willensvereinigungsmodell" verstehen will. Auch verwundert die "rechtswissenschaftliche Methode", aus beiläufigen Bemerkungen Flumes über zwei Pandektisten und von ihm übernommene, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate eine solche Behauptung abzuleiten, ohne
auch nur ein einziges Werk eines bekannten Pandektisten zur Hand zu nehmen. Flume selbst
misst der Ansicht, „dass aus dem Zusammenschluss des Willens der beiden Kontrahenten ein
einheitlicher Wille - der Vertragswille – entsteht“, keinen grundlegenden Paradigmenwechsel
zu, versteht sie vielmehr nur dahin, dass der Wille eines jeden Kontrahenten auf denjenigen
des anderen bezogen sei und durch diese gegenseitige Bezogenheit ein Einverständnis in Hinsicht auf die vertragliche Regelung entstehe, was man als "Willensvereinigung" verstehen
könne ohne einem Mystizismus zu huldigen; weist aber auch daraufhin, dass v. Tuhr die Vorstellung eines „einheitlichen Vertragswillens“ als "mystische Anschauung" bezeichnet und
ablehnt76:
„Der Konsens wird oft so aufgefaßt77, als ob aus dem Zusammenschluss des Willens der beiden Kontrahenten
ein einheitlicher Wille - der Vertragswille - entstehe. Diese, ich möchte fast sagen, mystische Anschauung ist
meines Erachtens abzulehnen: was wir Willen nennen, ist nur als Vorgang in der Seele eines Menschen bekannt.
Wenn zwei Menschen dasselbe wollen und zu wollen erklären, so entsteht daraus, wenn man die Tatsachen unbefangen betrachtet, kein über den Parteien schwebender und nirgends zu lokalisierender psychischer Vorgang,
wohl aber, nach Vorschrift des Gesetzes78, ein für beide Parteien gemeinsam geltender, weil von jedem von
ihnen gewollter Rechtszustand."
Noch etwas näher zu betrachten sind dennoch die von Schmidlin zitierten Bemerkungen von
Savigny und deren Bedeutung.
In der an dieser Stelle angefügten Fußnote schreibt Arndts: Dagegen Sintenis (II § 96 A. 25) sonst mit dem
Hauptsatze einverstanden, will die den dreien solvere, credere, donare, hinzugefügte vierte Alternative, "oder
sonst irgend einen rechtlichen Zweck zu erreichen," nicht in der Eigenschaft als Verpflichtungsgrund neben
jenen anerkennen, indem er in gezwungener und ungenügender Weise auch dem dotem constituere und conditionem implere eine solutio oder donatio unterstellt; dazu Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), II, 4.
In der Fußnote hierzu verweist Arndts auf die entgegenstehende Ansichten von Voigt und Sintenis, für welche
der Satz streitet, donatio non praesumitur; vgl. Wacke, AcP 191 (1991), S. 1ff.
v. Tuhr (Fn. 60), S. 225.
v. Tuhr zitiert: Windscheid § 69 Anm. 2; Regelsberger § 149 I 1; Staudinger Erl. 1 vor § 145; Planck Erl. 2 vor
§ 145, dort heißt es: “Der rechtsgeschäftliche Wille von mindestens zwei Personen muß sich zu einem auf Hervorbringung derselben rechtlichen Wirkung gerichteten Willen zusammenschließen und diese Zusammenschließung der beiden Willen zu einem Willen - dem Vertragswillen - einen genügenden Ausdruck erhalten.“ Auch
diese Formulierung kann durchaus im herkömmlichen Sinne der Naturrechtslehre und der Pandektenwissenschaft verstanden werden und stellt keinesfalls einen säkularen Paradigmenwechsel dar.
Mit dem Satzteil "nach Vorschrift des Gesetzes" nimmt v. Tuhr die Definition des Rechtsgeschäfts in Bezug:
"Rechtsgeschäft im Sinne des Entwurfs (des BGB) ist eine Willenserklärung, gerichtet auf die Hervorbringung
eines rechtlichen Erfolges, der nach der Rechtsordnung deswegen eintritt weil er gewollt ist" (Motive I, 126 =
Mugdan I, 421). Der private Wille bringt die Rechtswirkung hervor, aber nur, weil die Rechtsordnung der Privatperson diese Autonomie grundsätzlich eingeräumt hat. Der private Wille wird dadurch aber nicht zu einem
"normativen Willen", denn die Privatperson bestimmt, was sie will und was von Rechts wegen eintreten soll.
4. Savignys Vertrags- und Obligationsverständnis
Im wesentlichen stützt Schmidlin seine These vom säkularen Paradigmenwechsel, die - wie
dargelegt - weder in der Rechtslehre Kants noch in den Darstellungen der großen Pandektisten
die geringste Bestätigung findet, auf zwei Zitate von Savigny (1779-1861) aus dessen „System
des heutigen Römischen Rechts“:
a) Die allgemeinste Vertragsdefinition
„Vertrag ist die Vereinigung mehrerer zu einer übereinstimmenden Willenserklärung, wodurch ihre Rechtsverhältnisse bestimmt werden. … Er (dieser Begriff) unterscheidet sich als
einzelne Art von dieser seiner Gattung durch das Merkmal der Vereinigung mehrerer Willen
zu einem einzigen, ganz ungetheilten Willen, anstatt daß die Willenserklärung überhaupt auch
von einer einzelnen Person ausgehen kann.“
Diese Definition des Vertragsbegriffs ist System III, S. 309 entnommen, wo Savigny den allgemeinen Vertragsbegriff definiert, der aus übereinstimmenden Willenserklärungen entsteht
und schlechthin alle Verträge erfassen soll, nicht bloß solche des Privatrechts, sondern auch
die des Völker- und Staatsrechts79. Im Privatrecht soll diese Definition nicht nur den obligatorischen Vertrag, sondern auch die Vereinbarungen des Sachenrechts80 (Tradition) und des
Familienrechts81 (Ehe, Adoption) erfassen. Dieser allgemeine Vertragsbegriff, der mit dem
Einschluss von staats- und völkerrechtlichen Verträgen weiter gefasst ist als der Vertragsbegriff der §§ 145 ff. BGB muss selbstverständlich von den Besonderheiten obligatorischer Verträge abstrahieren, deren wesentliches Ziel darauf gerichtet ist, aus dessen ein- oder gegenseitigen Versprechen, Obligationen, Schuldverhältnisse, Forderungen entstehen zu lassen, aufgrund deren ein oder beide Vertragspartner vom jeweils anderen eine (reale) Leistung verlangen können. Diese besondere Art des obligatorischen Vertrags soll zwar in der zitierten allgemeinen Definition (System III, 309) eingeschlossen sein, wird aber erst im Obligationenrecht II (Theil des Systems des heutigen Römischen Rechts, ursprünglich als dessen 5. Buch
geplant) in dessen §§ 52 ff. speziell definiert und im Einzelnen entwickelt. Dass die allgemeine Definition in System III, 309 nicht die Entstehung und Zuwendung von Forderungen
bestimmen kann, folgt schon daraus, dass Savigny mit dem so definierten Vertragsbegriff
auch die sachenrechtliche Tradition erfassen will, die er nicht bloß als Besitzübergabe versteht, sondern als "dinglichen" Vertrag, aus dem aber keine Forderungen entstehen; wonach
vielmehr mit der Besitzübertragung (anders als bei Miete oder Leihe) das Eigentum der Sache
übertragen wird, was die justa causa bewirken soll, die Savigny als den "dinglichen Vertrag"
(heute: dingliche Einigung im Sinne des § 929 BGB) versteht. Savigny kritisiert ferner ausdrücklich andere juristische Schriftsteller82, die den Vertragsbegriff enger verstehen wollen,
Vgl. Savigny, System des heutigen Römischen Rechts, 3. Bd. 1840 (im Folgenden zitiert: System III), S. 310;
Savigny, Das Obligationenrecht - als Theil des heutigen Römischen Rechts -, 2. Bd., Berlin 1853 (im Folgenden
zitiert: OR II), S. 7 und öfters. Zu dieser Herauslösung des Vertragsbegriffs aus dem Obligationenrecht durch
Savigny vgl. auch Flume (Fn. 33), § 33 I; dazu unten II, 5.
System III, 312, OR II, 257.
System III, 311 ff.
Gegen Savigny hat Vangerow (Lehrbuch der Pandekten, Bd. 1, 2. Abt, § 350 Anm. 1) stets daran festgehalten,
dass ein Vertrag - sei es pactio oder stipulatio - stets in einem Versprechen bestehe, das eine Obligation erzeuge;
die Eigentumsübertragung und die Begründung einer Servitut erfolge daher nicht durch Vertrag. Dernburg (Pandekten I, § 92 N. 4) sagt dazu, dass die neueren Juristen den Vertragsbegriff weiter fassen. Trotzdem hat der
BGB-Gesetzgeber den „dinglichen Vertrag“ iS Savignys „Einigung“ genannt. Schmidlin ist gewissermaßen das
„letzte Opfer“ eines von der Naturrechtslehre ausgehenden und von Savigny zu weit gefassten Vertragsbegriffs,
der freilich allein in ihm den Gedanken hat entstehen lassen, dass eine vertragliche Forderung anders als durch
ein Versprechen des Schuldners entstehe.
darunter auch Kant83, dessen (oben teilweise zitierte) Ausführungen er so versteht, dass Kant
nur auf Veräußerungen gerichtete Vereinbarungen oder gar nur solche als "Verträge" verstehen will, in denen diese Veräußerung vorbereitet wird (Versprechensverträge also), da ihre
Vollendung erst in der Tradition stattfinde. Schärfer kritisiert Savigny, dass Kant auch die Ehe
als obligatorischen Vertrag verstehen will, in welchem sich zwei Menschen verschiedenen
Geschlechts wechselseitig den Gebrauch ihrer Geschlechtsorgane versprechen84:
„Wenn der Geistliche die Verlobten fragt, ob sie einander Liebe und Treue beweisen wollen bis in den Tod und
sie diese Frage bejahen, so hat ihre Erklärung nicht den Sinn eines Versprechens bestimmter Handlungen (Hervorh.v.Verf.), noch der Unterwerfung unter den gerichtlichen Zwang, für den Fall dass diese Handlungen nicht
geleistet würden; wohl aber hat sie den Sinn, daß sie sich der von dem Christenthum85 geforderten Gestalt der
Ehe bewußt sind, und daß sie den übereinstimmenden Willen haben, in dieser Weise ihr gemeinsames Leben zu
führen. Weil von dieser Willenserklärung die Anerkennung der Ehe als eines Rechtsverhältnisses abhängt, nennen wir sie mit gutem Grund einen Vertrag.“
Es ist nicht der Sinn dieser Zitate, Kants merkwürdige Vorstellungen über den Zweck der
Ehe86 zu verteidigen, vielmehr soll hier nur darauf hingewiesen werden, dass der allgemeine
Vertragsbegriff Savignys zwar auch obligatorische Verträge, nicht aber notwendigerweise das
Versprechen irgendeiner Leistung (dare oder facere) und die Entstehung der Forderung des
Gläubigers auf deren Erfüllung einschließt, was mit dem Hinweis auf die Tradition und die
Eheschließung bewiesen werden sollte (vgl. §§ 925, 1310 BGB). Schon deswegen ist die zitierte allgemeine Definition des Vertragsbegriffs nicht geeignet, einen „säkularen Paradigmenwechsel“ im Verständnis des obligatorischen Versprechensvertrags zu begründen.
b) Das obligatorische „Rechtsverhältnis“ zwischen Gläubiger und Schuldner
Das zweite Zitat entnimmt Schmidlin § 53 des ersten Bandes des „Systems“, wo Savigny das
"Wesen" und die "Arten der Rechtsverhältnisse" beschreibt, in denen der Mensch mit anderen
Menschen zusammen in der "äußeren Welt" lebt, deren rechtliche Regelungen seine Freiheit
und die Grenzen seiner Willensmacht bestimmen (§ 52). In § 53 unterscheidet Savigny drei
derartige Rechtsverhältnisse: 1. das Verhältnis einer Person zu sich selbst und das Urrecht an
sich selbst, das heute „Allgemeines Persönlichkeitsrecht“ genannt, von Savigny aber abgelehnt wird, weil es u.a. zur Anerkennung eines Rechts zum Selbstmord führe; 2. das Rechtsverhältnis zur "unfreyen Natur", die von uns nicht als Ganzes, sondern nur in bestimmter
räumlicher Begrenzung, also hinsichtlich Sachen beherrscht werden könne, woraus sich die
erste Art möglicher Rechte ergäbe: "das Recht an einer Sache, welches in seiner reinsten und
vollständigsten Gestalt Eigentum heißt". Das dritte Rechtsverhältnis bestehe zu anderen Personen, wobei zu unterscheiden sei zwischen durch Obligationen vermittelten Beziehungen
und den durch Ehe und Familie (väterliche Gewalt) vermittelten Beziehungen. In Bezug auf
das Obligationsverhältnis sagt Savigny, die anderen Personen (Schuldner) würden
„auf ähnliche Weise wie eine Sache "in das Gebiet unserer Willkür herein gezogen, also unserer Herrschaft unterworfen. Wäre nun diese Herrschaft eine absolute, so würde dadurch in dem Anderen der Begriff der Freyheit
und Persönlichkeit aufgehoben; wir würden nicht mehr über eine Person herrschen, sondern über eine Sache,
unser Recht wäre Eigenthum an einem Menschen, so wie es das Römische Sklavenverhältnis in der That ist. Soll
dieses nicht seyn, wollen wir uns vielmehr ein besonderes Rechtsverhältniß denken, welches in der Herrschaft
über eine fremde Person, ohne Zerstörung ihrer Freyheit, besteht, so daß es dem Eigenthum ähnlich, und doch
von ihm verschieden ist, so muss die Herrschaft nicht auf die fremde Personen im Ganzen, sondern nur auf eine
Savigny, System III, 318 zitiert MdS- Rechtslehre, S. 98, 103, also aus §§ 18-20.
Savigny, System III, 320.
Vgl. dazu Thibaut, System des Pandekten-Rechts, Bd. 1, 6. Aufl. 1823, §§ 380-383 mit einer sachlichen, staatliches und kirchliches Recht rational trennenden Darstellung der Voraussetzungen einer Eheschließung.
Gegen Kants Vorstellungen vom Zweck der Ehe vgl. auch Hegel, Rechtsphilosophie, §§ 161 ff.
einzelne Handlung derselben bezogen werden; diese Handlung wird dann, als aus der Freyheit des Handelnden
ausgeschieden, und unserem Willen unterworfen gedacht87“
Savigny geht es an dieser Stelle offensichtlich darum, den „Teil unserer Freiheit“ (particulae
nostrae libertatis) im Sinne von Grotius zu beschreiben, an welcher ein Gläubiger durch das
von ihm angenommene Versprechen des Schuldners ein (Forderungs-) Recht gegen diesen
erwirbt und dadurch - in der Sprache Kants88 - einen entsprechenden Teil der Freiheit des anderen aus dessen Willkür ausscheidet und in Besitz nimmt. Schmidlin89 missversteht offenbar
an dieser Stelle den Text Savignys, reißt den kursiv gesetzten Teil des vorstehenden Zitats
unvermittelt aus seinem Zusammenhang und benutzt ihn in Verbindung mit der oben wiedergegebenen allgemeinen Vertragsdefinition als Belegstelle für folgende Behauptungen, die
durch das Zitat und die Auffassung Savignys nicht gedeckt sind:
1. „Die Elemente des translativen Versprechensvertrag können in dieses Modell (das Willensvereinigungsmodell) nicht mehr eingefügt werden; die Lehre vom Versprechen weicht der Lehre von der Willenserklärung, an
die Stelle der Versprechensübergabe tritt die Willenseinigung, der Konsens, der als gesetzgebender, das heißt
normativer Wille keiner Übertragungscausa mehr bedarf, sondern direkt in der Einigung besteht.“
2. “Der Erwerb der vertraglichen Pflicht des Schuldners erfolgt in der einverständlichen Einräumung der Herrschaftsgewalt über ein bestimmtes Handeln des Schuldners: das Abhängigkeitsverhältnis, das jeder Obligation
innewohnt, ist in der gemeinsamen Willenseinigung aufgehoben, die als lex contractus, als normativer Wille,
dem vertraglichen Rechtsverhältnis Geltung verleiht. Darin liegt die Bedeutung des von Savigny so ausdrücklich
hervorgehobenen gemeinschaftlichen Willens: ‚das Merkmal der Vereinigung mehrerer Willen zu einem einzigen, ganzen ungetheilten Willen’.“
Es ist nicht einfach, eindeutig und klar zu verstehen, worin der „säkulare Paradigmenwechsel“
dieses sog. Willensvereinigungsmodells bestehen soll, aber doch wohl darin, dass nicht mehr
das rechtlich wirksame Versprechen des Schuldners mit der Annahme durch den Gläubiger,
dessen klagbare Forderung auf die versprochene Leistung (dare oder facere) begründet, dass
vielmehr die Einigung der Parteien (worüber? beim Kaufvertrag wohl über Ware und Preis)
ein (gesetzliches?) Rechtsverhältnis (lex contractus) entstehen lässt, aus dem sich, wie aus
einem Gesetz („normativer Wille“), die Rechte und Pflichten der Vertragsparteien ergeben:
und zwar nicht nur die Nebenpflichten des dispositiven Rechts gesetzlich typisierter Schuldverhältnisse, sondern wohl auch die Hauptpflichten, welche den gesetzlichen Typus dieses
Vertrags bestimmen90. Welche Haupt- und Nebenpflichten erwachsen aber aus dieser lex
contractus, wenn der Wille der Parteien nicht auf den Abschluss eines gesetzlich vertypten
Schuldverhältnisses gerichtet ist? Ist mit diesem Willensvereinigungsmodell der Typenzwang
des römischen Rechts oder irgendeiner sozialistischen oder sonstigen utopischen Rechtsvorstellung verbunden? Sind im Falle eines typischen Kaufvertrags die Ansprüche des Käufers
auf die Kaufsache und des Verkäufers auf den Kaufpreis als Ansprüche aus § 433 BGB zu
verstehen, entsprechend den Ansprüchen aus § 823 BGB, wenn einer dem anderen auf den
Kopf haut? Eine solche Hinwendung zu einer extremen Grundfolgentheorie91 könnte in der
Tat als „säkularer Paradigmenwechsel“ verstanden werden, ist in solch extremer Form zwar
auch denkbar, mit unserer Rechts- und Gesellschaftsordnung aber nicht zu vereinbaren, kann
jedenfalls auf Savigny nicht gestützt werden. Es ist zwar verschiedentlich schon bemerkt wor87
System I, 338 f.
MdS- Rechtslehre § 19.
(Fn. 2), 201.
Welche Rechten und Pflichten sollen aber entstehen, wenn die Vertragsparteien sich atypische Leistungen zu
atypischen Zwecken gegenseitig versprechen, für welche im Gesetz weder für die Haupt- noch für die Nebenpflichten irgendwelche Vorschriften gegeben sind?
Die prinzipiellen Unterschiede zwischen den Vorstellungen der Rechts- und Grundfolgentheorie können in
diesem Rahmen nicht dargelegt werden, vgl. dazu v. Tuhr, (Fn. 60), § 50 V, S. 161 ff; Enneccerus/Nipperdey,
Allgemeiner Teil II, 14. Aufl. 1955 § 145 II A 1; Flume (Fn. 33), § 4, 5.
den, dass die Rechtslehre Savignys, abweichend von der Naturrechtslehre und den Auffassungen anderer Pandektisten, vermittelt durch seinen Begriff des "Rechtsverhältnisses" an "institutionellen Ordnungen" ausgerichtet ist92. Eine genauere Betrachtung der Obligationenlehre
Savignys lässt jedoch einen derart weitgehenden Paradigmenwechsel nicht erkennen.
c) Zum Obligationenbegriff Savignys
Savigny definiert den obligatorischen Vertrag in Anlehnung an den allgemeinen Vertragsbegriff als "Vertrag Mehrerer zu einer übereinstimmenden Willenserklärung", mit dem Nachsatz93: "wodurch unter ihnen eine Obligation entstehen soll". Er unterscheidet dabei wie damals üblich zwischen einseitigen und zwei- oder gegenseitigen Verträgen94. Dass das Wesen
der auf die Entstehung einer Obligation gerichteten Willenserklärung das Versprechen einer
Leistung ist, ist dabei auch für Savigny so selbstverständlich, dass es zwar nirgends ausdrücklich hervorgehoben wird, aber vielfach zum Ausdruck kommt, nicht nur für das formelhafte
mündliche Versprechen der stipulatio95 (spondes-spondeo), sondern auch für Schenkungsversprechen96, das Darlehensversprechen97, für das Versprechen des Verkäufers sein Haus verkaufen zu wollen98, für das Zinsversprechen99 (auch als formloses [Neben-] Versprechen im
Rahmen von Konsensualverträgen) und schließlich auch für alle anderen im Laufe der Zeit
anerkannten formlosen Versprechen100.
Durchliest man die gesamte Darstellung des Obligationenrechts von Savigny, so fällt vor allem auf, dass er den gesamten Beitrag der mittelalterlichen Juristen, der Naturrechtslehre und
des Usus modernus zur Weiterentwicklung des römischen Obligationenrechts bis zur Anerkennung auch formloser Versprechen und damit zur allgemeinen Vertragsfreiheit in seinem
"heutigen System" nur beiläufig und nebenher erwähnt und weder dem kanonischen Recht
noch Grotius oder Pufendorf oder einem anderen Schriftsteller besonderen Einfluss auf diese
Entwicklungen beimisst. Ausdrücklich weist er auch die These zurück, dass das römische
Obligationenrecht nicht mit dem übrigen römischen Recht rezipiert worden sei101, erklärt die
rechtliche Geltung formloser Versprechen vielmehr so: das Rechtsinstitut der Stipulation sei
bedingt durch die "Thatsache der Stipulation" (das förmliche Versprechen spondes-spondeo),
„ also durch ihre wirkliche Übung, begründet in einer herrschenden Volkssitte, so wie sie bei
den Römern in der That erscheint". Eine solche Volkssitte habe in Deutschland aber weder
zur Zeit der Rezeption noch früher oder später je bestanden, „und es konnte also auch nicht
das Recht der Stipulation in Deutschland Anwendung finden102". Die Formen der römischen
Stipulation hätten zwar in Deutschland durch Gesetz eingeführt werden können, was aber
nicht geschehen sei. Daher hätten wir in Deutschland den Grundsatz der klagbaren Stipulation
erhalten, ohne die eigentümliche Form derselben, die mündliche Frage und Antwort103:
Dazu unten II 4 d, cc nach Fn. 124 c; ferner Wieacker (Fn.4), 398; Wilhelm, Zur juristischen Methodenlehre
im 19. Jahrhundert, 1958, S. 46 ff.
OR II, 8.
OR II, 12.
OR II, 14, 206, 220 f, 240 und öfters.
System IV, 145 ff.; OR II, 230.
OR II, 246.
OR II, 245.
OR II, 238, 241.
OR II, 212, 230, 239 ff.
OR II, 239.
Mit dieser Begründung folgt Savigny (mit Hinweis in OR II, § 77 Note a) im Wesentlichen der Darstellung
von Eichhorn, Einleitung in das deutsche Privatrecht mit Einschluss des Lehenrechts, 1823, § 92; ähnlich auch
schon Puchta, Vorlesungen über das heutige römische Recht, aus dessen Nachlass hrsg. von Rudorff, Bd. 2, 2.
Aufl. 1894, § 250.
OR II, 240, 241.
„Durch die von selbst eintretende Abstraction von dieser Form verwandelte sich also für uns die Stipulation
unvermerkt, unter unseren Händen, in den formlosen Vertrag, und so kamen wir durch unabwendbare Nothwendigkeit, und ohne Zuthun eines Gesetzgebers, zu dem Grundsatz: Jeder formlose Vertrag ist klagbar. Die Stipulation war nun zusammengefallen mit den Consensualcontracten und dem nudum pactum".
Savigny sieht die Vorteile dieser Entwicklung, aber auch deren Nachteile104. Ohne die Dreistufenlehre von Grotius auch nur zu erwähnen, legt er dar, dass in der Entstehungsgeschichte
jedes einzelnen Vertrags zwischen dem ersten Gedanken daran und dem "völligen Abschluss"
eine "Reihe von zweifelhaften unentschiedenen Gedanken in der Mitte liegen", die mit dem
endgültigen Abschluss leicht verwechselt werden könnten, so dass der Richter hierin zweifeln
oder fehl greifen könnte; deshalb sei es ein großer Vorteil für die Rechtssicherheit, wenn ein
"untrügliches Kennzeichen" vorhanden wäre, durch welches der vollendete Entschluss von
den erwähnten Vorbereitungen und Übergängen unterschieden werden könnte105. Diesen Bedenken knüpft Savigny eine weitere damit zusammenhängende Betrachtung an, die einst für
Baldus und die Juristen des Usus modernus Anlass waren als "Seriösitätsindiz" für "bedächtige Zusagen" eine causa als Wirksamkeitsvoraussetzung zu fordern106:
„Für das Gedeihen des Rechtsverkehrs ist es wünschenswerth, dass Verträge nicht übereilt, sondern in besonnener Ueberlegung der daraus entspringenden Folgen, geschlossen werden. Die Natur des formellen Vertrags (wie
der Römischen Stipulation) führt dahin, die besonnene Ueberlegung zu wecken, also jenen wünschenswerthen
Zustand zu befördern107“.
Die Art, in der sich Savigny in Überwindung dieser Nachteile trotzdem zur Anerkennung
formloser Versprechensverträge bekennt, erscheint allerdings nicht ohne Ironie108:
„Wir entbehren also den Vortheil, welchen die Römer in der Form der Stipulation fanden für die sichere Unterscheidung des vollendeten Vertrags von den bloßen Vorbereitungen und Uebergängen zu einem solchen (§ 74),
und wir überlassen es lediglich dem Richter, in jedem einzelnen Fall diese Unterscheidung zu treffen. Eben so
entbehren wir den vortheilhaften Einfluss, den die feierliche Form der Stipulation auf die Besonnenheit der Parteien üben konnte, indem wir es den Parteien überlassen, durch besonnene Ueberlegung sich selbst vor Schaden
zu wahren".
Das erst in neuerer Zeit eingeführte Widerrufsrecht (§ 355 BGB) für Verbraucherverträge
bestätigt zumindest für diese Fälle die Berechtigung der von Savigny aufrechterhaltenen Bedenken gegen völlig formfreie Versprechen aller Art. Gegen den Erwerb mehr oder weniger
wertloser "Schrottimmobilien" hat das Verbraucherschutzrecht in der Vergangenheit allerdings nur selten und wenig geholfen109 und gegen den Erwerb wertlos gewordener Zertifikate
von Lehman Brothers und anderen Brüdern, denen es die Rechtsprechung erlaubt, übergangslos von ihrer Beraterrolle (als Beraterbank) in eine Verkäuferrolle zu wechseln und den Beratenen zu übervorteilen (circumvenire), wird es auch nicht helfen110. Trotzdem kann kein
Vgl. OR II, 217 ff.
OR II, 219.
Dazu oben I 1.
Savigny, OR II, 219.
OR II, 242
Vgl. Erman/Ehmann, Handkommentar zum BGB, 12. Aufl. 2008, § 675 Rz 67-97. Zum Zusammenhang von
causa- Erfordernis und Verbraucherschutzrecht vgl. auch Stathopoulos, AcP 194 (1994), 543, 552 f.
Vgl. D.4.4.16.4 - Ulpian : Idem Pomponius ait, in pretio emptionis et venditionis naturaliter licere contrahentibus se circumvenire. D.19.2.22.3 - Paulus: Quemadmodum in emendo et vendendo naturaliter concessum
est quod pluris sit minoris emere, quod pluris sit minoris vendere et ita invicem se circumscribere, ita in locationibus quoque et conductionibus iuris est.
Übersetzung von Behrends/Knütel u.a. (Fn. 58): „Ulpian: Pomponius sagt ferner, beim Kaufen und Verkaufen
sei es den Vertragsparteien hinsichtlich des Kaufpreises natürlich erlaubt, einander zu übervorteilen (umgehen,
hintergehen). – Paulus: Wie es beim Kaufen und Verkaufen natürlicherweise erlaubt ist, etwas, das mehr wert
ist, billiger zu kaufen, oder etwas, dass weniger Wert ist, teurer zu verkaufen und so jeweils den anderen zu
Zweifel darüber bestehen, dass Savigny die Entwicklung formloser Versprechensverträge in
Form eines "Zusammenfallens" der Stipulation mit den Konsensualkontrakten anerkannt hat,
so wie sie sich im Zeitpunkt des Erscheinens seines Obligationenrechts (Band 2: 1853) entwickelt hatte. So erkennt er z.B. ausdrücklich die Klagbarkeit eines Vertrags an, "worin ein Darlehen zu geben versprochen wird111", also eines Darlehensversprechensvertrags; bekanntlich
hat der BGB-Gesetzgeber (1900) den Darlehensvertrag jedoch noch als Realvertrag gestaltet111a, was freilich nach überwiegender Lehre den Darlehensversprechensvertrags über § 305
BGB a.F. nicht unmöglich machen sollte, der aber erst durch den Modernisierungsgesetzgeber
(2002) in § 488 BGB n.F. zum gesetzlichen Typus erhoben wurde.
Im Zentrum der Darstellung Savignys zur Entwicklung des Obligationsbegriff steht die Frage112, wie es zu erklären ist, dass trotz der Rezeption des römischen Rechts im Ganzen, welche die des römischen Vertragssystems einschließt, dessen Form- und Typenzwang in
Deutschland nicht gelten soll, vielmehr formlose Versprechensverträge anzuerkennen seien.
Seine eigene Beantwortung dieser Frage beginnt Savigny mit dem Satz: "Die Antwort auf
diese Frage wird aus folgender Betrachtung hervorgehen", und er hängt an diesen Satz eine
Fußnote an, in welcher es heißt: „Im Wesentlichen stimmen mit der hier aufgestellten Ansicht
überein: Eichhorn Deutsches Recht § 92. Puchta Pandekten § 250, und Vorlesungen: § 250“.
Die Pandekten Puchtas sind in 1. Auflage 1838 und in 7. Auflage 1852 also vor Savignys Obligationenrecht (Bd. I: 1851, Bd. II: 1853) erschienen. Die Kernsätze Puchtas aus § 250 seiner
Pandekten sind oben I 3 a zitiert. Ein "säkularer Paradigmenwechsel" zwischen der Ansicht
Puchtas und Savignys kann daher auch aus diesem Grunde nicht angenommen werden, vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass Savigny mit der Ansicht Puchtas, seines Schülers und Freunds, im Wesentlichen übereinstimmte.
d) Zur causa der Leistungsversprechen
aa) Die herrschende Pandekten-Lehre
In der Frage der causa der Leistungsversprechen gibt es allerdings einen wesentlichen Unterschied zwischen den Ansichten Savignys und denen Puchtas, Windscheids, Dernburgs, Arndts
und anderer Pandektisten. Wie dargelegt ist nach Puchta außer dem Leistungsversprechen
eine causa obligationis erforderlich, damit die Übereinkunft zum contractus wird; die causa
obligationis kann in der Vereinbarung einer Gegenleistung (causa aquirendi, Austauschzweck, Synallagma) bestehen oder causa donandi (Liberalitätszweck), aber auch causa solvendi (Erfüllungs- oder sonstiger Abwicklungszweck) sein113. Für Windscheid ist eine causa
notwendige Voraussetzung eines jeden Leistungsversprechens, nur ein Geisteskranker kann
übervorteilen, so ist dies auch bei Miete, Pacht, Dienst- und Werkverträgen rechtens.“ - Auffallend und interessant ist, dass Ulpian und Paulus im Falle eines Mandats (Geschäftsbesorgung, Beratung) das „circumvenire“ anders als der 11. Senat des BGH - nicht erlauben, obwohl auch nach dem Recht des BGB der Geschäftsbesorger
verpflichtet ist, die Interessen des Auftraggebers zu wahren, das gilt nicht nur für den unentgeltlichen Auftrag,
sondern auch für die entgeltliche Geschäftsbesorgung; vgl. Erman/Ehmann (Fn. 109), § 662 Rz 16,17; § 675 Rz
6 a, 35- 40 f; 41-63.
Vgl. Kreß, Besonderes Schuldrecht, S. 138, 145; ders, Allgemeines Schuldrecht, S. 95 f; dazu Ehmann, FS
Beuthien (Fn. 21a), Fußn. 89a.
OR II, 217 ff., 239.
Vgl. oben I 3 a. Im Pandektenrecht (§ 250) begreift Puchta die römischen Kontraktsformen (res, verba, litterae, consensus) als causae; in den Institutionen (§ 205) befreit er sich dagegen von diesem Erfordernis des so
rezipierten römischen Rechts und erkennt, dass das Versprechen - ebenso wie die Tradition - entgeltlich oder
unentgeltlich erfolgen kann; allerdings auch zur Erfüllung oder Sicherung einer bestehenden Schuld (Abwicklungszweck), z.B. zur Sicherung oder zur Leistung an Erfüllungs Statt gegebene abstrakte Schuldversprechen
(meist in Form eines Schecks oder Wechsels).
nach Windscheids Ansicht etwas versprechen ohne Grund114. Auch für Arndts ist eine causa
obligationis ("ebenso wie für jede Änderung in Vermögensverhältnissen") notwendige Voraussetzung einer durch Leistungsversprechen entstandenen "Schuldverbindlichkeit"; diese
kann causa credendi, donandi oder solvendi sein. Das ist die herrschende Lehre des Pandektenrechts.
bb) Savignys Übereignungs- und causa-Lehre: auf falscher Spur?
Savigny folgt dieser Lehre jedoch nicht, wendet sich vielmehr gegen eine "neuerlich" aufgestellte "großentheils abweichende Lehre, deren scharfsinnige und gelehrte Vertheidigung ihr
nicht wenig Anerkennung zugewendet hat". Savigny meint und zitiert für diese abweichende
Lehre die Schrift von Liebe115 über die Stipulation, der sich, wie Savigny in der Fußnote vermerkt, Puchta und Gneist angeschlossen hätten, nicht aber Windscheid. Diese Streitfrage ist
aber wohl die einzige, in welcher Windscheid eine in seiner Voraussetzungslehre aufgestellte
Rechtsansicht später selbst als irrig bezeichnet und ausdrücklich wieder aufgegeben hat116. So
ist Liebes Ansicht vor allem aufgrund ihrer Bestätigung durch Otto Bähr auch gegen Savigny
im Pandektenrecht zur herrschenden Auffassung geworden. Heute ist allgemein anerkannt,
dass ein abstraktes Schuldversprechen eine "Leistung" (Zuwendung einer Forderung an den
Versprechensempfänger, § 812 II BGB) ist, die kondiziert werden kann, wenn der rechtliche
Grund im Sinne des § 812 I 1 BGB fehlt oder später wegfällt. Savigny kennzeichnet die von
ihm abgelehnte Lehre Liebes dahingehend, dass die Stipulation als Voraussetzung ihrer Klagbarkeit (heute: Wirksamkeit) einer causa bedürfe, die credendi117, donandi oder solvendi sein
könne. Savigny meint jedoch zu Unrecht, diese Lehre könne weder mit den Quellen des römischen Rechts118 noch mit einer Analogie zur traditio begründet werden.
Die Tradition (im Sinne von Besitzübergabe) bedarf nach ganz allgemeiner Meinung der Pandektistik, wenn sie Eigentum übertragen soll, einer justa causa, wie gemäß § 929 BGB die
Besitzübertragung einer „dinglichen Einigung“ bedarf. Ebenso allgemein wird in der Pandektistik analog dazu als Wirksamkeitsvoraussetzung der Stipulation eine causa gefordert. Dieser
Analogieschluss wird von Savigny aus zwei Gründen abgelehnt. Der erste Ablehnungsgrund
ist wiederum in der Entwicklungsgeschichte des römischen Rechts begründet: Danach sei eine
Analogie hinsichtlich der Voraussetzungen der stipulatio auf die traditio nicht gerechtfertigt,
weil diese keine "civile Handlung" sei, gerechtfertigt sei daher nur eine Analogie zur Mancipation, diese bedürfe aber keiner justa causa119’ 120.
Vgl. oben I 3 b.
Liebe, Die Stipulation, 1840.
Vgl. Windscheid, Voraussetzungslehre (Fn. 22), S. 198; ders. (Pandekten II § 318 Note 4), wo er sich wohl
vor allem aufgrund der Schrift von Otto Bähr (Fn. 63) der Ansicht von Liebe und Gneist ausdrücklich anschließt.
Credendi causa ist in diesem Sinne nicht als Darlehenszweck, sondern als Austauschzweck zu verstehen,
dazu Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), II 1 c (3).
Savigny (OR II, 253) zitiert dafür Ulpian D. 2.14.7. §§ 2, 4, in der deutschen Übersetzung von Behrends,
Knütel u.a. (Fn. 58) lauten diese Stellen: § 2: „Aber auch wenn ein Geschäft nicht unter einen besonderen Vertragsbegriff fällt, jedoch eine zweckbestimmte Leistung vorliegt, sei, so hat Aristo dem Celsius treffend geantwortet, ein Schuldverhältnis gegeben. Wie zum Beispiel, wenn ich dir eine Sache gegeben habe, damit du mir
eine andere gibst, oder wenn ich etwas gegeben habe, damit du etwas tust. Dies sei (in griechischer Sprache) ein
Synallagma, ein Vertrag, und hieraus entstehe ein zivilrechtliches Schuldverhältnis.“ - § 4: „Wenn aber keine
zweckbestimmte Leistung vorliegt, steht fest, dass dann durch ein bloßes Übereinkommen (conventionem) ein
Schuldverhältnis nicht begründet werden kann. Eine bloße formlose Abrede (nuda pactio) bringt also kein
Schuldverhältnis hervor, aber sie bringt eine Einrede hervor.“ Savigny räumt selbst ein, dass die zitierten Stellen
"auf den ersten Blick" als Bestätigung der von ihm abgelehnten Lehre begriffen werden könnten, lehnt dieses
Verständnis aber mit in der römischen Entwicklungsgeschichte begründeten Argumenten, nämlich der Unterscheidung von legitimae und juris gentium conventiones ab, die jedenfalls heute keine Bedeutung mehr haben.
Die mancipatio ist eine andere Rechtsform der Übereignung, die für res mancipi (Sklaven, Großvieh) erforderlich ist. Die Rechtsform ging im Laufe der Zeit verloren (vgl. Gaius D. 41.1.9.3). Savignys diesbezügliches
Argument hat daher jedenfalls heute keine Bedeutung mehr. Außerdem sei bemerkt, dass die Manzipation ur115
Zweitens begründet Savigny seine Ablehnung der Analogie von der causa traditionis zur causa stipulationis mit deren wesensmäßiger Verschiedenheit. Die Tradition (Besitzübergabe)
könne zu verschiedenen Zwecken erfolgen: zur Miete, zur Verwahrung, als Pfand, und in diesen Fällen gehe gewiss kein Eigentum über; aber die Tradition könne auch infolge eines Verkaufs, eines Tausches oder als Geschenk oder als Darlehen geschehen, und in diesen Fällen
gehe Eigentum über. Aus der Verschiedenheit dieser Fälle folge, „dass die Tradition das Eigenthum überträgt durch den übereinstimmenden Willen beider handelnden Personen, ohne
diesen Willen aber nicht.“ In der an diesen Satz angehängten Fußnote heißt es: „Die Tradition selbst ist daher ein wahrer Vertrag, nur nicht ein obligatorischer, sondern ein dinglicher;
und wohl zu unterscheiden von dem obligatorischen Vertrag (Kauf, Tausch usw.), der ihr zum
Grunde liegen kann, und meist wirklich zum Grunde liegt und vorher zu gehen pflegt. Vgl.
System B. 3 § 140.“
Dieser Satz mit seiner Fußnote ist der Kern und der Schlusspunkt der Savigny’schen Übereignungslehre121, also der Erfindung des dinglichen Vertrags, der als "dingliche Einigung" in §§
873, 925, 929 BGB in Deutschland zum Gesetz wurde. Zur Verstärkung seiner Begründung
bezieht sich Savigny noch auf die Gaius-Stelle D. 41.1.9.3: „Die Sachen, die durch formfreie
Übergabe unser Eigentum werden, erwerben wir nach iure gentium: Nichts entspricht so sehr
der natürlichen Billigkeit, als dass der Wille des Eigentümers, der auf Übertragung der ihm
gehörigen Sache auf einen anderen gerichtet ist, rechtswirksam sein soll122“, und bemerkt dazu, dass diese Stelle mit seiner Ansicht nahezu wörtlich übereinstimme und darin auch von
einer justa causa kein Wort gesagt werde. Savigny ist also der Ansicht, dass die Besitzübergabe und die nackte dingliche Einigung das Eigentum übertragen und dazu nicht eine Absicht
oder Abrede (Vereinbarung) über den Grund (causa) erforderlich sei. Dass der mangelnde
Grund (sei es causa credendi, donandi oder solvendi) die Kondiktion auslöst, wird selbstverständlich von Savigny nicht verkannt und auch nicht bestritten, aber in einer solchen „negativen Bedingung“ - ebenso wie in einem Irrtum oder sonstigen Anfechtungsgrund, dessen Geltendmachung zur Unwirksamkeit des Rechtsgeschäfts führt, - keine Voraussetzung der Übereignung gesehen123. Auf Grund dieser Abstraktion der Übereignung nicht bloß von der
Zweckerreichung (äußere causa), sondern auch von der Zweckvereinbarung (innere causa)
hat für Savigny die causa (im Sinne des schuldrechtlichen Geschäfts: Austausch, Liberalität
oder Abwicklung) nur noch die Funktion eines Indizes für den (nackten) Übereignungswillen:
beim Kauf, Tausch, Schenkung, Erfüllung indiziert; bei Miete, Verwahrung, Pfand nicht indiziert:
„Wenn es bei der Tradition üblich wäre, - ebenso wie bei der Mancipation - ausdrücklich zu sagen: durch diese
Handlung soll Eigenthum übergehen (oder: nicht übergehen), so bedürfte es keiner weiteren Prüfung, der Übergang (oder Nichtübergang) des Eigenthums wäre dadurch allein völlig und sicher entschieden.“
sprünglich die Zahlung des Kaufpreises und später noch die symbolische Übergabe eines Stück Kupfers voraussetzte, wodurch in plastischer Form auch nichts anderes als der Austauschzweck zum Ausdruck gebracht wurde.
Der jahrtausende alte Streit um die justa causa ist gekennzeichnet durch die Antinomie zwischen Julian D.
41.1.36 und Ulpian D. 12.1.18. Wenn Geldstücke credendi causa gegeben, aber donandi causa angenommen
wurden, so war Julian der Auffassung, dass das Eigentum an den Geldstücken übergehe trotz des Dissenses über
den Rechtsgrund; dagegen war Ulpian der Auffassung, dass wegen dieses Dissenses über den Rechtsgrund auch
das Eigentum nicht übergehe; dazu unten Fn. 123, 126.
Vgl. dazu insbes. Felgentraeger, Friedrich Carl v. Savignys Einfluss auf die Übereignungslehre, Leipzig
1927 mit Auswertung von Vorlesungsnachschriften u.a. der Gebrüder Grimm vom Wintersemester 1803/1804.
Übersetzung von Behrends, Knütel u.a. (Fn. 58). Lateinisch: „…Nihil enim tam conveniens est naturali aequitati quam voluntatem domini volentis rem suam in alium transferre ratam haberi.“
OR II, 261 f; die Auffassung von Savigny steht in Einklang mit Julian D. 41.1.36 und in Widerspruch zu
Ulpian D. 12.1.18; dazu Fn. 120, 126.
Nur weil ein solcher Ausdruck des Übereignungswillens bei der Tradition nicht üblich sei,
bleibe "nichts anderes übrig, als auf die umgebenden Umstände, Absichten, Zwecke zu sehen,
auf dasjenige Rechtsgeschäft, mit welchem die Tradition in Verbindung steht, wodurch sie
herbeigeführt worden ist." Die causa traditionis ist für Savigny also nur noch Auslegungshilfe
für den (völlig abstrakten) Übereignungswillen.
Eine solche Auslegungshilfe sei aber für die Stipulation nicht erforderlich, weil bei dieser die
"Absicht der Verpflichtung" nicht erst künstlich durch Schlussfolgerungen begründet, sondern
in den Worten: centum dare spondes? – Spondeo! ganz ausdrücklich zum Ausdruck komme.
Daher bedürfe es zur Begründung der Verpflichtung aus einer Stipulation keiner causa, vielmehr nur des (nackten) Verpflichtungswillens124. Das mag ja richtig gewesen sein für das antike römische Recht; nach Savignys eigener Ansicht ist jedoch die förmliche mündliche Frage
und Antwort in Deutschland nie üblich gewesen und daher für das zu seiner Zeit geltende
Recht schon nicht mehr richtig, also auch seine Argumentation in sich selbst unschlüssig.
Liebe hatte schließlich das Erfordernis einer causa stipulationis auch damit begründet, dass
der Mangel einer causa die Kondiktion auslöst. Auch dieses Argument lässt Savigny nicht
gelten, es wäre mit der "wahren Natur der Rechtsverhältnisse" nicht zu vereinbaren, wenn
man jede "negative Bedingung" (Anfechtungs-, Unwirksamkeits-, Kondiktionsgründe) zur
Voraussetzung des Zustandekommens der Rechtsgeschäfte erklären wolle. Deshalb wirft er
den Verteidigern dieser Lehre, die er anfänglich noch großherzig als scharfsinnig bezeichnet
hat, zum Schluss die Fehlschlüsse seines eigenen Denkens als mangelnde Logik vor:
"Ein solches unlogisches Verfahren muss ich den Vertheidigern der hier vorliegenden Lehre vorwerfen, indem
sie die möglichen Condictionen (indebiti usw.) gegen eine Stipulation als Grund geltend machen, weshalb die
Stipulation, als ein blos formales Geschäft, nur unter der Voraussetzung einer causa als vollständig und vollgültig angesehen werden könne."
cc) Kritische Betrachtung der Prämissen Savignys
Savigny abstrahiert die Wirksamkeit eines Vertrags vor allem deswegen zu weit von den damit verfolgten Absichten (Zwecken, causae) der Parteien, weil dieser Vertragsbegriff nicht
nur schuldrechtliche Versprechensverträge (Kauf, Miete, Dienst- und Werkvertrag etc.) umfasst, sondern auch familien- und sogar völkerrechtliche Vereinbarungen, für welche eine
derartige Abstraktion richtig sein kann. Ein Ehevertrag ist nicht nur bedingungsfeindlich (§
1311 S. 2 BGB), sondern soll auch nicht abhängig sein von den damit verfolgten Zwecken, er
ist nicht kondizierbar, wenn der Zweck verfehlt wird, kann vielmehr nur bei Vorliegen von
Nichtigkeits- oder Anfechtungsgründen oder durch Scheidung aufgelöst werden124a. In verstärktem Maße gilt dies für die Wirksamkeitsvoraussetzungen völkerrechtlicher Verträge124b.
Der allgemeine Vertragsbegriff Savignys ist daher notwendigerweise diffus geblieben und
erfasst jedenfalls nicht die typischen Voraussetzungen schuldrechtlicher Versprechensverträge. Auch bezüglich atypischer sonstiger Arten von Vereinbarungen offenbart Savigny selbst
eine tiefe Unsicherheit, wie das folgende von ihm gebildete Beispiel zeigt124c:
Dagegen vor allem klar Dernburg, Pandekten II, § 22; dazu oben II 3 d.
124a Dazu Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), II 5 d, cc (1).
124b Vgl. Steinberger, Völkerrechtliche Aspekte des deutsch-sowjetischen
Vertragswerks v. 12. 8. 1970, ZaöRV
Bd. 31 (1971), S. 68 ff.
System III (Fn. 79), S. 308; dazu unten Fn. 150 b.
124d Zu den Begriffen "Rechtsverhältnis" und "Rechtsinstitut" im System und Rechtsdenkens Savignys vgl. Wilhelm (Fn. 92), S. 46 ff.
124e Dazu oben II 4 c.
„Kommen zwey Menschen mit einander überein, sich gegenseitig in Tugend, Wissenschaft,
Kunst, durch Rath und Beyspiel zu fördern, so würde das nur sehr uneigentlich ein Vertrag
genannt werden. Der Unterschied von dem beispielsweise angeführten Kaufcontract, der
wirklich ein Vertrag ist, liegt aber darin, dass in diesem der Wille auf ein Rechtsverhältniß
als Zweck gerichtet ist, in jenen Fällen auf andere Zwecke.“
Das ist nur schwer zu verstehen, eine Vereinbarung soll also nur dann ein wirksamer Vertrag
sein, wenn in dieser "der Wille auf ein Rechtsverhältniß124d (wie einen Kaufvertrag) als
Zweck gerichtet ist". Damit bleibt Savigny - wie es sich auch in einigen anderen Stellen seines
Obligationenrechts zeigt124e - letztlich beim römischen Vertragssystem stehen und will im
Zweifel Vereinbarungen nur als wirksame („eigentliche“)Verträge anerkennen, wenn sie wie
die römischen Konsensualverträge als Rechtsverhältnis vertypt oder als formlose Verträge
von einem hinreichenden Seriositätsprinzip beherrscht sind, dessen Voraussetzungen aber
nicht näher konkretisiert werden, vielmehr sollen formlose atypische Vereinbarungen, die
nicht auf ein vertyptes Rechtsverhältnis bezogen sind, nur unklar "uneigentliche Verträge"
Diese Ansichten Savignys sind in der Pandektistik daher auch vereinzelt geblieben. Seine
Übereignungslehre ist zwar in den §§ 873, 925, 929 BGB insofern allgemein anerkannt worden als damit durch das Erfordernis einer dinglichen Einigung das Trennungs- und Abstraktionsprinzip zum Gesetz erhoben wurden. Im Übrigen sind aber die Prämissen Savignys von
der romanistischen Forschung im Wesentlichen widerlegt worden. Auch hinsichtlich des Abstraktionsprinzips ist man sich heute im Wesentlichen darüber einig, dass im Falle einer kaufweisen Übereignung grundsätzlich nur eine Abstrahierung von der Wirksamkeit des Kaufvertrags (der äußeren causa, der Zweckerreichung) stattfinden sollte, nicht aber eine Abstraktion
von der inneren causa (dem Konsens über die causa solvendi oder causa donandi oder quod
Graeci σύναλλαγμα vocant125)126. Wenn aber der Dissens über den Zweck der Eigentumsübertragung (gleichgültig ob über: causa solvendi, donandi, credendi) den Eigentumsübergang hindert127, so kann nicht mehr gesagt werden, dass der Mangel der causa nur eine "negative Bedingung" sei, deren Mangel nur die Kondiktion auslöst, vielmehr ist die Einigung über
die innere causa dann auch echte Wirksamkeitsvoraussetzungen der Eigentumsübertragung.
Aber auch wenn man dieser Auffassung nicht folgt und meint, die dingliche Einigung sei
grundsätzlich auch von der Zweckvereinbarung (inneren causa) abstrahiert, so bedarf die Eigentumsübertragung doch einer causa, weil sie ansonsten kondizierbar und also ihr Fortbestand nicht gesichert ist.
Völlig unhaltbar ist schließlich die These der „Wesensverschiedenheit“ der Tradition von der
Stipulation und die daraus abgeleitete Behauptung, das abstrakte Schuldversprechen bedürfe 125
Vgl. den Beispielsfall RGZ 119,12; dazu Ehmann, Gesamtschuld, 156.
Vgl. Strohal, JherJb 27, 335; Krückmann, ArchfBürgRecht, S. 4 ff; Siber, JherJb70, 235; Breyhan, Abstrakte
Übereignung und Parteiwille in der Rechtsprechung, Leipzig 1929; Kreß, Allgemeines Schuldrecht, S. 49;
Brandt, Eigentumserwerb und Austauschgeschäft - Der abstrakte dingliche Vertrag und das System des deutschen Rechts im Licht der Rechtswirklichkeit - Leipzig 1940; Jahr, SavZ (Rom.Abt.) 80, 141 ff, 157, 167, 174
u. öfters; ders, AcP 168 (1968), 9 ff; Oeckinghaus, Kaufvertrag und Übereignung beim Kauf beweglicher Sachen
im dt. und frz. Recht, Berlin 1973, S. 15 ff.; Ehmann, Gesamtschuld, S. 155 ff; ders, JZ 2003, 702, 707 m.w.N;
Kegel, FS Mann, 73 f; zum dürftigen Stand der verbreiteten andersartigen Repetitorenauffassung vgl. Jauernig,
Jus 1994, 721.
Wie schon Ulpian D. 12.1.18; Paulus D. 41.1.31 und Gaius Inst. II § 20 angenommen haben; zur abweichenden Auffassung von Julian D. 41.1.36 vgl. die Nachweise in vorstehender Fn. 126, insbes. die Darstellungen von
Strohal und Jahr. Das „praecesserit“ in D. 41.1.31, aus dem abgeleitet wird, dass jedem Zuwendungsgeschäft
notwendigerweise ein Verpflichtungsgeschäft als causa vorausgehen müsse, ist wahrscheinlich ein mechanischer
Abschreibfehler und müßte proccesserit heißen, vgl. Juan Miquel, SavZ 80, 237; anders Savigny, OR II, 259.
anders als die Eigentumsübertragung - keiner causa128 . Die Zuwendung einer Forderung geschieht - ebenso wie jede andere Vermögenszuwendung - grundsätzlich nicht ohne Grund
(Ausnahme: Geisteskrankheit) und ist daher mangels einer rechtlich hinreichenden causa stets
kondizierbar. Wenn eine Vermögensverschiebung (Eigentumsübertragung oder Zuwendung
einer Forderung) im Falle des Fehlens oder des Wegfalls der causa zwar zunächst wirksam
zustande kommt, aber kondizierbar bleibt, so ist dies – jedenfalls unter den heute bestehenden
Voraussetzungen des geltenden Rechts129 - eine Rechtsfolge der Abstraktion des Zustandekommens des Rechtsgeschäfts von seiner causa, nicht aber ein Beweis für das mangelnde
Erfordernis einer causa; die Kondizierbarkeit des rechtsgrundlosen Geschäfts beweist vielmehr, dass nur das Zustandekommen des Rechtsgeschäfts von der causa abstrahiert ist, der
Fortbestand des Geschäfts aber einer wirksamen causa bedarf. Das gilt ungeachtet deren Verschiedenheit gleichermaßen für die Übereignung wie für ein abstraktes Schuldversprechen;
allerdings nicht für den Ehevertrag, der aber auch nach heutiger Ansicht noch ein Vertrag im
Sinne der §§ 145 ff. BGB ist.
Das gilt aber auch und sogar erst recht für kausale Leistungsversprechen, die deswegen kausale Versprechen heißen und sind, weil schon ihr Zustandekommen von der Vereinbarung und
Erreichung der causa, in der Regel des Austauschzwecks (causa aquirendi) abhängig ist; die
Römer haben dafür von den Griechen die Bezeichnung synallagmatische Versprechen übernommen130, z.B. für Kauf-, Dienst- und Mietverträge. In diesen Verträgen verspricht der eine
eine Leistung damit der andere dafür eine Gegenleistung verspricht, in der Regel Ware gegen
Geld oder Dienstleistungen gegen Geld. In solchen Verträgen sind die ausgetauschten Leistungsversprechen nicht nur unwirksam, wenn kein Konsens über die auszutauschenden Leistungsversprechen zustande kommt, oder wenn der Zweck des einen (ein wirksames Gegenleistungsversprechen zu erhalten) oder des anderen (ein wirksames Leistungsversprechen zu
erhalten) nicht erreicht wird, z.B. ein Leistungsversprechen wegen Geschäftsunfähigkeit des
Versprechenden oder wegen anfänglicher Unmöglichkeit der versprochenen Leistung unwirksam ist (genetisches Synallagma, vgl. u.a. §§ 104 ff, 154, 155, 275, 320 ff. BGB), sondern
auch dann, wenn die Erfüllung des einen oder anderen Leistungsversprechens nachträglich
unmöglich wird (funktionelles Synallagma, §§ 275 , 320 ff. BGB)131. Die Darstellung der besonderen Probleme des genetischen und funktionellen Synallagmas gegenseitiger Versprechensverträge wird bei Savigny stark vernachlässigt und war bei den meisten Pandektisten
viel weiter entwickelt132. Weil der Austauschzweck in der Regel jedoch causa tacita, d.h. konkludent (stillschweigend) mit der Einigung über Ware (Dienstleistung) und Preis vereinbart
wird, ist aber irgendwann die Auffassung entstanden und verbreitet worden, nur die "reinen
Zuwendungsgeschäfte" bedürften einer causa, zweiseitig verpflichtende Verträge hätten dagegen keinen vom Geschäftsinhalt sich unterscheidenden Rechtsgrund: "Ihr Inhalt ist zugleich
ihr Rechtsgrund133". Wohl auf der Grundlage solcher Vorstellungen, dass die anerkannten
Vgl. Wolf, Causa Stipulationis, 1970, S. 26, 34.
Wonach der Wille und nicht eine feierliche Form die Rechtswirkung hervorbringt und dieser Wille eines
hinreichenden rechtlichen Grundes bedarf. Diese Voraussetzungen waren aber auch schon zur Zeit Savignys
herrschende Lehre des Pandektenrechts.
Vgl. D.2.14.7.2; D.50.16.19: „quod Graeci σύναλλαγμα vocant“; dazu Fn. 40, 118; ferner Klinke (Fn.34),
100; Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), I 2 Fn. 4.
Zum genetischen und funktionellen Synallagma vgl. vor allem Klinke (Fn. 34), 94 ff mit umfangr. Nachw
ferner Erman/Westermann, 12. Aufl. vor § 320 Rz 10 ff;; dazu oben I 4 c; ferner Ehmann, FS Beuthien (Fn.
21a), II 3 c.
Das gilt nicht nur für die Darstellungen von Windscheid, Puchta, Regelsberger, Dernburg und Arndts (dazu
oben II 3), sondern auch für das viel früher erschienene System des Pandekten-Rechts von Anton Friedrich Justus Thibaut (1772-1840), 1. Aufl. 1803, 6. Aufl. 1823, Bd. 1: §§ 141 ff, insbes, § 168 ff; Bd. 2: §§ 853 ff.
So Sohm/Mitteis/Wenger, Institutionen, Geschichte und System des römischen Privatrechts, 17. Aufl. 1926,
§ 42 II 3, S. 223. Eine Begründung für diese Behauptung wird nicht gegeben, habe ich auch anderswo nicht
gefunden, wohl deswegen, weil eine solche Ansicht allenfalls behauptet, nicht aber begründet werden kann, weil
(gegenseitigen) Konsensualkontrakte (Kauf, Miete usw.) causalose Geschäfte seien, hat Liebe
das Erfordernis einer causa für (abstrakte) Stipulationen mit der "formalen Natur" dieser Leistungsversprechen begründet. Diesen verfehlten Gegenschluss Liebes glaubt Savigny mit Hinweis auf D. 19.1.5.1 widerlegen zu können, wonach derjenige, der aufgrund einer vermeintlichen testamentarischen Verpflichtung (Auflage) einem anderen eine Sache verkauft oder stipuliert, sowohl die Klage aus Kauf als auch aus der Stipulation mit der Arglisteinrede abwehren kann, wenn die testamentarische Verpflichtung nicht besteht. Savigny entnimmt daraus,
dass die "alten Juristen" Stipulationen und Consensualcontracte hinsichtlich der causa und der
doli exeptio "auf die gleiche Linie" gestellt hätten und schließt daraus (in die falsche Richtung):
"Damit fällt also auch die causa, als angebliche Eigenthümlichkeit des in der Stipulation enthaltenden formalen
Geschäfts, hinweg, und so verschwindet auch noch der letzte Anhaltspunkt für die hier besprochene Lehre."
Genau das Gegenteil wird aber jedenfalls heute allgemein für richtig gehalten. Wenn der Erbe
aufgrund einer vermeintlichen testamentarischen Verpflichtung einem anderen einen bestimmten Gegenstand versprochen hat, so kann er im Falle der Unwirksamkeit des Testaments
die Leistung nicht nur im Falle eines abstrakten Versprechens verweigern, sondern auch im
Falle eines kaufweisen Versprechens, allerdings nur, wenn der Kaufvertrag und die darin versprochene Gegenleistung des anderen keinen hinreichenden Rechtsgrund für das Leistungsversprechen bildet, wenn also der Zweck der Erfüllung der testamentarischen Verpflichtung
dem Zweck des Verkäuferversprechens (die Gegenleistung zu erhalten) "angestaffelt" oder zu
dessen Bedingung gemacht worden ist134. Das zeigt und beweist aber nur, dass das Kausalgeschäft des Kaufvertrags auch eine causa hat, die typischerweise aber allein in dessen Austauschzweck (Synallagma) besteht, also darin, dass der Verkäufer für sein Versprechen das
Gegenleistungsversprechen des Käufers und dass gleichzeitig der Käufer für sein Versprechen
das Leistungsversprechen des Verkäufers zugewendet erhält. Durch Vereinbarung zwischen
Käufer und Verkäufer können diesem typischen und hinreichenden Austauschzweck aber
noch weitere atypische Zwecke angefügt werden, z.B. die Erfüllung einer testamentarischen
Verpflichtung oder die Verwendbarkeit der Kaufsache für einen bestimmten Verwendungszweck; in solchem Falle ist der Kaufvertrag auch von der Erreichung dieser vereinbarten weiteren Zwecke abhängig. Die Annahme, der Kaufvertrag und andere Consensualcontracte hätten keine causa, abstrakte Schuldversprechen auch nicht, ist daher jedenfalls heute unrichtig
und war auch schon zu Zeiten Savignys rechtlich nicht haltbar und keinesfalls herrschende
Ansicht der Pandektisten.
Nicht zuletzt ist zu beachten, dass der zweite Band von Savignys Obligationenrecht erst 1853
erschienen ist, und daher nicht nur ein Spätwerk Savignys (1779 bis 1861) ist, sondern auch
erst nach dem Tode Puchtas (1798-1846) auf den Markt kam, zu einem Zeitpunkt also, als
Puchtas Pandekten- Lehrbuch schon in der 7. Auflage (1852) erschienen war. Selbst Arndts
Pandekten- Lehrbuch erschien in der ersten Auflage schon 1852. Savignys Obligationenrecht
konnte daher schon aus Gründen des späten Zeitpunkts seines Erscheinens die herrschende
sie offensichtlich falsch ist. In der 5. noch von Sohm selbst besorgten Auflage (1894) dieses Werkes ist diese
Behauptung auch nicht enthalten. Selbstverständlich muss die Absicht des Versprechenden, dafür eine Gegenleistung zu wollen (oder der sonstige Zweck seines Leistungsversprechens), zum Inhalt des Vertrages gemacht
werden, weil sie sonst bloßes Motiv bleibt (dazu Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), II 5). Leistungsgegenstand und
Leistungszweck bilden den wesentlichen Inhalt eines gegenseitigen Vertrags, sie sind die essentialia negotii über
die ein Konsens unbedingt erforderlich ist, um einen wirksamen Vertrag zu Stande zu bringen.
Vgl. dazu Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), II 4. Im Falle D. 19.1.5.1 war die testamentarische Verpflichtung
nicht auf unentgeltliche, sondern auf kaufweise Übertragung der Sache gerichtet. Wenn der Erbe die Sache aufgrund der testamentarische Verpflichtung durch Stipulation dem anderen versprochen hatte, musste er sich also
die Gegenleistung gleichfalls stipulieren lassen.
Meinung der Pandektisten zu diesen Fragen überhaupt nicht mehr bilden. Die erste Auflage
von Windscheids Pandektenrecht erschien zwar erst 1862 blieb aber - wie dargelegt - auch
von den erörterten Auffassungen Savignys unbeeinflusst. Windscheid schloss sich diesbezüglich vielmehr im Wesentlichen der in erster Auflage 1855 erschienenen Schrift von Otto Bähr
(Die Anerkennung als Verpflichtungsgrund) an, die auch zur herrschenden Meinung und im
BGB zum Gesetz wurde. Es ist daher nicht bloß unwahr, sondern auch unmöglich, dass auf
Grund von Äußerungen Savignys in der deutschen Pandektistik ein "säkularer Paradigmenwechsel" aus dem naturrechtlichen Versprechensmodells zu einem "Willensvereinigungsmodell" entwickelt worden sei.
5. Die gesetzliche Regelung des BGB
a) Der allgemeine Vertragsbegriff der §§ 145 ff. BGB
Unrichtig ist schließlich auch die Behauptung Schmidlins, das sog. Willensvereinigungsmodell sei im 3. Titel des Allgemeinen Teil des BGB in den §§ 145 ff. in Deutschland Gesetz
geworden. Das Prinzip der Regelung des 3. Titels des Allgemeinen Teils, der mit den §§ 145157 BGB Gesetz geworden ist, war im 1. Entwurf in § 77 formuliert worden, welcher lautete:
„Zur Schließung eines Vertrags wird erfordert, dass die Vertragsschließenden ihren übereinstimmenden Willen sich gegenseitig erklären." Die 1. Kommission hatte geglaubt diese Vorschrift, die lediglich ein Prinzip aussprach, aber keinen Rechtssatz enthielt, als Grundlage der
nachfolgenden Vorschriften (heute: §§ 145-157 BGB) ins Gesetz schreiben zu müssen und
dabei in den Motiven darauf verwiesen, dass ähnliche Vorschriften sich wohl in allen Gesetzgebungen und Entwürfen finden135. § 77 E 1 ist zwar nicht Gesetz geworden, weil die 2.
Kommission eine gesetzliche Regelung des Prinzips nicht für erforderlich hielt136. Die Begründung der 1. Kommission für ihren Gesetzesvorschlag beweist jedoch, dass man sich mit
den Gesetz gewordenen Regelungen der §§ 145- 157 BGB im wesentlichen im Einklang mit
dem ALR, dem französischen Code, dem österr. ABGB sowie den sonstigen zitierten Gesetzen und Entwürfen wusste, deren Regelungen auch nach der Ansicht von Schmidlin vom naturrechtlichen Versprechensmodell geprägt wurden.
Die Einfügung dieser allgemeinen Vertragsregelungen vor die Klammer des Schuld-, Sachen, Familien- und Erbrechts beruhte auch auf dem Vorbild des ALR, das gleichfalls im 4. Titel
des I. Teils §§ 1-169 allgemeine Regelungen „Von Willenserklärungen“ aufstellte und dem
im 5. Titel ein allgemeines Vertragsrecht („Von Verträgen“) folgen ließ, wo es in § 78 heißt:
"Alles, was zur Rechtsgültigkeit einer Willenserklärung überhaupt gehört, wird auch zur Gültigkeit der Annahme eines Versprechens erfordert". Die Aufspaltung des Vertrags in die Willenserklärung des Versprechenden und die des Annehmenden ist nicht Ausfluss eines sog.
Willensvereinigungsmodells, sondern folgt dem naturrechtlichen Verständnis der pollicitatio
und der acceptatio; die Vorschriften der §§ 104 ff., 116 ff., 134, 138 BGB sind daher nichts
anderes als detaillierte Regelungen des naturrechtlich erforderlichen „inneren Konsenses“
zwischen dem wirklichen (eigentlichen) und dem erklärten Willen des Versprechenden.
Neu in den allgemeinen Vertragsvorschriften des BGB war damals lediglich die Regelung,
dass der Erklärende bei Angeboten an Abwesende gemäß § 147 II BGB an sein Angebot bis
zu dem Zeitpunkt gebunden bleibt, an dem unter regelmäßigen Umständen eine Antwort erwartet werden darf. Damit sollten die Schwierigkeiten beseitigt werden, die darin begründet
waren, dass nach den Naturrechtslehren und auch noch im gemeinen Recht der Erklärende
Motive I, 162 = Mugdan I, 441. Verwiesen wurde auf ALR I, 5 §§ 1, 2, 4; Code 1101; sächs. GB. § 82; bayer. Entw.II 7; hess. Entw. IV Art. 61, 77; dresd. Entw. 42; öst. GB. § 861; zür. GB. § 930; schw. ObligR 1.
Mugdan II, 688; dazu Nanz (Fn. 2), 201; dazu Bremkamp (Fn. 2), 166 f.
seinen Willen bis zum Zugang der Antwort ändern konnte. Vorbild der Regelung des § 147 II
BGB war Art. 319 des alten HGB137. Auch diese Neuerung des BGB ist also - entgegen der
Behauptung Schmidlins138 - nicht eine Folge des sog. Willensvereinigungsmodells.
b) Kausale und abstrakte vertragliche Zuwendungen
Eine dem Willensvereinigungsmodell Schmidlins entsprechende Vorstellung ist also weder in
der Pandektistik zur herrschenden Lehre noch in den §§ 145 ff. BGB zum Gesetz geworden.
Einzuräumen ist allerdings, dass vor allem aufgrund von Repetitorskripten und sonstiger Trivialliteratur in Deutschland die Meinung verbreitet ist, ein (gegenseitiger) Versprechensvertrag bedürfe keiner causa, der Vertrag komme vielmehr zustande durch "übereinstimmende
Willenserklärungen von mindestens zwei Personen139", also durch bloßen Konsens140. In diesem Sinne könnte auch folgende Definition verstanden werden141:
"Der Vertrag ist die erklärte Willensübereinstimmung (Konsens) zweier oder mehrerer Beteiligter über die Herbeiführung eines bestimmten rechtlichen Erfolges. Er besteht aus inhaltlich verschiedenen, aber einander entsprechenden, korrespondierenden Willenserklärungen, die in Bezug auf einen einheitlichen Erfolg übereinstimmen müssen."
Zwar nicht in der Lehre vom Vertrag, sondern vorausgeschickt in der Rechtsgeschäftslehre im
Kapitel über "kausale und abstrakte Rechtsgeschäfte" heißt es aber auch bei Hübner klar142:
„Entsprechend diesen tatsächlichen Gegebenheiten des Wirtschaftslebens sieht auch die Rechtsordnung jede
rechtsgeschäftliche Zuwendung durch einen sogenannten Rechtsgrund - nach römisch-rechtlicher Bezeichnung:
causa - begründet.“
Als herkömmliche Rechtsgründe (causae) werden auch von Hübner genannt: causa aquirendi,
causa donandi, causa solvendi. Selbst im Palandt heißt es143: "Zuwendungsgeschäfte können
v. Tuhr (Fn. 60), § 62 III, S. 466. Im Übrigen wollte auch schon Windscheid (Pandekten II § 307 N.5) den
Erklärungsempfänger dadurch schützen, dass er ihm einen Ersatzanspruch auf das negative Interesse gegen den
Widerrufenden einräumte.
S. 202. Richtig ist allein, dass auch Kant (MdS- Rechtslehre, § 19) die Schwierigkeit erkannt hatte, dass sich
die Parteien - wegen der Widerrufsmöglichkeit beider Seiten - möglichst gleichzeitig („zugleich“) ihren Willen
erklären und darüber einigen müssen. Er nahm deshalb an, dass die Rechtswirkungen des Vertrags nicht aus den
(unverbindlichen) Akten des Versprechens und der Annehmung, sondern nur aus dem durch die vertragliche
Einigung entstandenen "einzigen gemeinsamen Willen" ("welcher durch das Wort zugleich ausgedruckt wird")
hervorgehen könne. Der BGB-Gesetzgeber hat mit § 147 II die bessere Lösung gefunden.
Vgl. Brox/Walker, Allgemeiner Teil, 30. Aufl. 2006, § 4 Rz 77; § 8 Rz 165. Das Erfordernis einer causa des
Versprechensvertrags und sonstiger Zuwendungsgeschäfte wird von diesen Autoren aber in § 5 II dargestellt. Für
Anfänger ist der innere Zusammenhang dieser Darstellungen aber schwer verständlich. Manchmal ist fast zweifelhaft, ob die Verfasser selbst die Zusammenhänge noch verstehen; das beruht jedoch nicht auf dem sog. Willensvereinigungsmodell, sondern auf zu weit gehender Verallgemeinerung und Auflösung der Problemzusammenhänge; vgl. aber auch Larenz/Wolf (Allgemeiner Teil, 8. Aufl. 1997), für die der Vertrag ein "zweiseitiger
Akt rechtlicher Geltungserzeugung" sein soll, der durch die übereinstimmenden Willenserklärungen der Vertragspartner zu Stande kommt (§ 29 XII aaO); auch Larenz/Wolf unterscheiden aber kausale und abstrakte
Rechtsgeschäfte: "Bei den Kausalgeschäften bildet der von den Parteien festgelegte und rechtlich anerkannte
Geschäftszweck (causa) den wesentlichen Kern und Inhalt, dessen Erreichung über Bestand und Inhalt der Rechte und Pflichten entscheidet" (§ 23 IV,1, Rz 62 aaO).
Dagegen Stathopoulos (Fn. 1); Erik Ehmann, Schuldanerkenntnis und Vergleich, 2005, 39 f; Bremkamp (Fn.
2), 165 f.
Hübner, Allgemeiner Teil, 2. Aufl. 1996, § 40 B I 1; ähnlich schon Lehmann, Allgemeiner Teil, 9. Aufl.
1955, § 33 I, dazu aber auch § 25 III über abstrakte und kausale Geschäfte.
(Fn. 141), § 31 B IV 1, Rz 635 f. In ähnlicher Weise sind andere Lehrbuchdarstellungen des Allgemeinen
Teils des BGB gegliedert, allen voran Enneccerus/Nipperdey, Allgemeiner Teil II, 14. Auflage 1955, § 161:
Erfordernisse des Vertrags; § 148 I: abstrakte und kausale Geschäfte. Selbst v. Tuhr trennt die Darstellungen des
Vertragschluss (AT II, 1: § 62) und die der "rechtlichen Zwecke der Zuwendung" (AT II, 2: § 72), wobei er aber
die Zusammenhänge klarstellt, z.B. zum Austauschzweck eines gegenseitigen Vertrags in § 72 II 2 c, S. 71 f.
Palandt/Heinrichs, 60. Aufl. 2001, Vor § 104 Rz 19.
sowohl Verpflichtungsgeschäfte als auch Verfügungen sein. Jede rechtsgeschäftliche Zuwendung bedarf eines Rechtsgrundes (‚causa’)." Im wissenschaftlichen Schrifttum kommt allenfalls Flume den Vorstellungen Schmidlins nahe, dessen im Wesentlichen an Savignys Lehren
ausgerichteter Darstellung er nicht nur seine Zitate zum Pandektenrecht, sondern auch manche Formulierung entnommen hat, unter anderem die, dass die Vertragspartner durch den
Vertragsschluss die "lex contractus in Geltung setzen144". Auch zum Verständnis dieser und
anderer Bemerkungen Flumes zum Vertragsbegriff ist aber zu beachten, dass diese den von
Savigny aus dem Obligationenrecht herausgelösten ganz allgemeinen Vertragsbegriff betreffen, wozu Flume selbst sagt, es gebe "den" Vertrag nicht, sondern nur "die" Verträge144a. Zu
den Verträgen aber, welche Vermögensverschiebungen (Zuwendungen) begründen sagt auch
Flume145: "Alle rechtsgeschäftlichen Zuwendungen bedürfen eines Rechtsgrundes, einer causa, durch welche die Zuwendung als Zuwendung im Verhältnis der Partner des Rechtsgeschäfts gerechtfertigt wird." Zuwendungen in diesem Sinne sind auch für Flume "Leistungen"
oder "Forderungen auf eine Leistung", also auch die Leistungsversprechen, die diese Forderungen begründen.
Nach alledem sind es also nicht Vorstellungen nach Art des sog. Willensvereinigungsmodells,
sondern die Herauslösung des Vertragsbegriffs aus dem Obligationenrecht und dessen weit
getriebene Verallgemeinerung, welche die "Zuwendung einer Forderung" durch ein Leistungsversprechen und deren causa aus dem (allgemeinen) Vertragsbegriff herausgelöst haben.
Deswegen hat auch der BGB-Gesetzgeber das causa- Problem nicht im Zusammenhang mit
der Regelung der §§ 145 – 157 BGB (≈ §§ 77 – 90 E 1), sondern bei der Frage erörtert, ob
abstrakte Schuldversprechen als rechtswirksam anzuerkennen sind, was in der Form der §§
780, 781 BGB erfolgte und im Gesetzgebungsverfahren zu den §§ 683, 684 E 1 ausführlich
beraten und in bewusster Abweichung zu Art 1131 CC beschlossen wurde. Im Ergebnis war
man sich dabei völlig darüber einig, dass jedes Leistungsversprechen ebenso wie jede Leistung einer causa bedarf, dass nur ausnahmsweise auch abstrakte Schuldversprechen (vor allem in Form von Wechseln und sonstigen kaufmännischen Papieren) als wirksam anzuerkennen sind, wenn die Leistung in der Weise schriftlich versprochen wird, "dass das Versprechen
die Verpflichtung selbstständig begründen soll"; wenn also ganz bewusst zur Entstehung der
Verpflichtung auf die Voraussetzung einer causa von beiden Parteien schriftlich verzichtet
wurde. Diese Beratungen und ihr Ergebnis waren vor allem durch die Schriften von Liebe,
Gneist und Bähr146 sowie die Beratungen des 8. und 9. Deutschen Juristentages (1869 und
1871) bestens vorbereitet. Referent des 8. DJT war kein geringerer als Rudolf von Jhering
(1818-1892), der in seinem Plädoyer für das abstrakte Schuldversprechen daran erinnerte,
dass zu seiner Studienzeit kein Jurist es gewagt hätte, sich zur Anerkennung eines bloßen
Schuldversprechens ohne causa zu bekennen, man habe ein solches als zivilrechtliche Missgeburt angesehen, wie einen Menschen ohne Geschlecht147. Daraus erhellt, dass Windscheid
(1817 - 1892) in seiner Habilitationsschrift und seiner Voraussetzungslehre147a nicht nur gegen Art 1131 CC und die französische Lehre, sondern auch gegen die zu seiner Studienzeit in
Deutschland herrschende Lehre wetterte. In dieser Auseinandersetzung setzte sich aber nicht
Savignys Auffassung durch, sondern vielmehr die von Savigny bekämpfte Ansicht von Liebe,
in der Form, die sie bei Otto Bähr gefunden hat, der auch Windscheid beigetreten ist.
Flume (Fn. 33), § 33 Nr. 2, S. 602.
Flume (Fn. 33, § 33 Nr. 2, S. 602) wirft damit (unbewusst?) Fragen des Universalienstreits auf.
(Fn. 33), § 12 I 1.
Liebe, Die Stipulation und das einfache Versprechen, 1840; Gneist, Die formellen Verträge des neueren römischen Obligationenrechts in Vergleichung mit den Geschäftsformen des griechischen Rechts, 1845, Neudruck
Aalen 1970; Bähr, Anerkennung als Verpflichtungsgrund, 1855, 3. Aufl. 1894.
8. DJT (1871), III, Jhering, S. 88; dazu Bremkamp (Fn. 2), 148, 154 ff. mit umfangr. Nachweisen zur Entwicklung der causa der (abstrakten) Verpflichtungsgeschäfte.
Nachweise oben Fn.22; dazu ausführlich Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), I 3.
Auch wenn die Entstehung eines abstrakten Schuldversprechens sowohl inhaltlich (von der
Zweckvereinbarung) als auch äußerlich (von der Zweckerreichung) völlig abstrahiert ist, so
bedarf ihr Fortbestand doch der Vereinbarung eines hinreichenden Leistungszwecks und dessen Erreichung, weil im Falle eines Dissenses über den Zweck oder dessen Nichterreichung
die Kondiktion gegeben ist; was im ersten Entwurf in § 684 geregelt war und im BGB in 812
Abs. 2 Ausdruck gefunden hat. Im Wesentlichen verschiebt die Abstraktion des Schuldversprechens - jedenfalls im Zweipersonenverhältnis - also nur die Beweislast148 hinsichtlich des
Zwecks des Leistungsversprechens vom Gläubiger auf den Schuldner; in Dreipersonenverhältnissen kann allerdings die Kondiktion des abstrakt Versprechenden gegen den Dritten
ebenso ausgeschlossen sein, wie im Falle einer Zahlung die Kondiktion des Angewiesenen
gegen den Anweisungsempfänger149. Von einem Denken, Beurteilen und Richten all dieser
Fragen nach den Vorstellungen des sog. Willensvereinigungsmodells ist nirgends die Rede, es
wüsste wohl auch niemanden zu sagen, wie das funktionieren soll.
III. Schluß: Abstrakte und kausale Versprechensverträge bedürfen einer causa
1. Der Versprechensvertrag hat sich in einem mühsamen Prozess aus den vielfältigen Vertragsformen des römischen Rechts entwickelt und in diesem Entwicklungsprozess deren
Form- und Typenzwang (vestimentum) abgestreift. Dabei ist zunehmend gedacht worden,
dass der Wille des Menschen und nicht die Magie einer feierlichen Form die rechtliche Bindung an das gesprochene Wort erzeuge; gleichzeitig ist aber auch zum Bewusstsein gekommen, dass kein menschlicher Wille ist ohne (vernünftigen) Grund150. Damit entstand das
Problem, ob und unter welchen Voraussetzungen die Wirksamkeit des Rechtsgeschäfts von
diesem Grund (causa) des Wollens abhängig sein soll, also das Problem der Abgrenzung von
Motiv, causa und Bedingung (conditio)150a. Die Befreiung vom Form- und Typenzwang des
römischen Rechts warf aber auch das Problem der Abgrenzung zwischen unverbindlichem
Gerede und rechtlich verbindlichen Erklärungen auf, für welche daher ein "deutliches Zeichen", ein "Seriositätsindiz" (signum) gefordert wurde, welches auch als causa bezeichnet
wurde, aber nicht der Grund des Wollens (causa credendi, donandi, solvendi) sein sollte, sondern nur der Grund für die Wohlüberlegtheit, "Bedächtigkeit" des gesprochenen Wortes. Dieses Problem der Voraussetzung des erforderlichen Rechtsbindungswillens eines schuldrechtlichen Versprechens fand auf der Grundlage der Quellen des römischen Rechts im naturrechtlichen Versprechensmodell seine Lösung darin, dass ein Leistungsversprechen analog zur traditio als Zuwendung einer Vermögensposition (Forderung) verstanden wurde, die als rechtlich
verbindlich betrachtet wurde, wenn der erklärte Wille mit dem wirklichen Willen (innerer
Konsens) und dem Willen des Versprechensempfängers übereinstimmte (äußerer Konsens),
also wenn das ohne wesentlichen Irrtum erklärte ernsthafte Versprechen (pollicitatio) vom
Versprechensempfänger angenommen wurde (acceptatio). Das Erfordernis der Ernsthaftigkeit, Bedächtigkeit des Versprechens verwandelte sich im Laufe der Zeit zu einer causa der
Zuwendung der Forderung (Übertragungscausa, analog zur causa der Tradition) und steht im
Falle eines Austauschzwecks grundsätzlich150b außer Zweifel; beim Schenkungszweck jedoch
nur in Fällen der realen Handschenkung (§ 516 BGB) oder der notariellen Beurkundung des
Schenkungsversprechens (§ 518 I BGB) oder dessen Erfüllung (§ 518 II BGB). Zur Verbindlichkeit sonstiger unentgeltlicher Leistungsversprechen, die weder ein reales Moment (Leis148
Dazu Erik Ehmann (Fn. 141), 51 f.
Zu diesen und allen anderen dogmatischen Fragen des Mangels einer Zweckvereinbarung oder Zweckerreichung bei abstrakten Schuldversprechen ausführlich Erik Ehmann (Fn. 141), 49 ff.
Vgl. Eduard Wahl, RvglHWB VI, 289 ff, 294 ff.
Dazu ausführlich Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), II 5.
tung oder Anzahlung) noch eine bestimmte Form zur Voraussetzung haben (Leihe, unentgeltliches Darlehen, Auftrag), wird grundsätzlich ein „Rechtsbindungswille“ gefordert, den die
Rechtsprechung nur anzunehmen bereit ist, wenn die wirtschaftliche und rechtliche Bedeutung der Tätigkeit den Beteiligten erkennbar ist150c. In dieser „Seriositätsfunktion“ der causa
liegt die Verwandtschaft der consideration- Lehre zur causa- Lehre150d.
2. So wurde im Pandektenrecht schließlich einhellig gelehrt, dass ein Leistungsversprechen
eine entsprechende Forderung des Versprechensempfängers begründet, wenn sie von diesem
angenommen und von einer causa getragen ist, die in der Regel in der Absicht der Erlangung
einer Gegenleistung oder eines Gegenleistungsversprechens besteht und nur ausnahmsweise
causa donandi ist. Erst später wurde vor allem in Bezug auf abstrakte Schuldversprechen klar,
dass Leistungsversprechen auch zur Erfüllung (meist an Erfüllungs Statt) oder zur Sicherung
(z.B. Bürgschaftsversprechen) oder zur vergleichsweisen Erledigung151, also zur Abwicklung
eines bereits bestehenden Schuldverhältnisses abgegeben werden können. Die Dreiteilung der
denkbaren Gründe (Zwecke, causae) der Leistungen oder Leistungsversprechen in causa credendi, donandi und solvendi erfolgte wohl erst im Pandektenrecht, ist aber zunächst nicht als
numerus clausus typischer Zwecke verstanden worden. Auch die verschiedenen atypischen
Zwecke (implendae causae) sollten eine hinreichende causa eines Versprechensvertrags bilden können.
3. Das naturrechtliche Versprechensmodell ist also nicht nur im Allgemeinen Preußischen
Landrecht und im Code Napoleon Gesetz geworden, sondern auch von den deutschen Pandektisten übernommen und weiterentwickelt worden. Entgegen Schmidlins Behauptungen
zeigt auch der von Kant in seiner Rechtslehre dargestellte Vertragsbegriff keine prinzipielle
Abweichung von den in die Regelungen des ALR eingegangenen naturrechtlichen Vorstellungen. Windscheid hat sich allerdings mit seiner vor allem gegen Art 1131 CC und dessen
causa-Begriff entwickelten Voraussetzungslehre etwas verrannt, aber auch nicht in dem von
Schmidlin behaupteten Sinne; in seinem Pandektenrecht wird vielmehr völlig klar zum Ausdruck gebracht, dass es kein Versprechen gibt ohne causa ("vom Falle der Geistesstörung
abgesehen").
4. Savigny weicht allerdings nicht nur mit seiner Übereignungslehre, sondern auch mit seiner
Behauptung, eine Stipulation bedürfe keiner causa, von der in der Pandektistik herrschend
gewordenen Lehre ab (bleibt damit aber vereinzelt), die zunehmend die Stipulation als ein
von seiner causa abstrahiertes, also abstraktes Schuldversprechen versteht152. Auch Savignys
Definition des Vertrags als "Vereinigung mehrerer Willen zu einem einzigen, ganzen ungetheilten Willen" kann daher nicht als der behauptete säkulare Paradigmenwechsel verstan150b
Nicht aber im obigen Beispiel (Fn. 124b) Savignys, in welchem schon die Leistungspflichten nicht hinreichend klar bestimmt sind, wie fördert man einen anderen in Tugend, Wissenschaft und Kunst durch Rath und
Beispiel, soll der Erfolg oder nur ein Handlungsbemühen geschuldet sein? Obligation de moyen ou de résultat?
Was soll mit diesen Pflichten sein, wenn der Gläubiger nicht mehr förderungsfähig ist oder der Verpflichtete
nicht mehr fähig ist, den anderen zu fördern? Da sie sich gegenseitig fördern sollen, liegt den Versprechen wohl
der Austauschzweck zu Grunde, aber soll wenn die Verpflichtung des einen unmöglich geworden ist, auch die
Verpflichtung des anderen entfallen? Diese Vereinbarung kann schon deswegen kein wirksamer Vertrag sein,
weil sowohl die Leistungspflichten als auch der Leistungszweck im Unklaren verschwimmen und rechtlich nicht
fassbar sind. Das Beispiel zeigt aber auch, dass eine Vereinbarung, die sich sehr weit vom Typus gesetzlich
geregelter Verträge entfernt, sowohl Gegenstand als auch Zweck der versprochenen Leistungen sehr genau beschreiben muss, um als rechtswirksamer Vertrag gelten zu können. Nicht zuletzt ist bei Vereinbarungen solcher
Art im Allgemeinen am erforderlichen Rechtsbindungswillen zu zweifeln.
Vgl. Erman/Ehmann (Fn. 109), § 662 Rz 4.
Vgl. Klinke (Fn. 34), S 28, 88 mwN; dazu Ehmann, FS Beuthien (Fn. 21a), um Fn. 89a.
Dazu Stathopoulos AcP 194 (1994), 543, 553; Erik Ehmann (Fn. 141), 197 ff.
Vgl. Dernburg, Pandekten II § 22; dazu oben II 3d.
den werden, weil mit dieser Definition ganz offensichtlich nur ein ganz allgemeiner Vertragsbegriff geprägt werden sollte, der auch sachen-, familien- und erbrechtliche, darüber hinaus
sogar staats- und völkerrechtliche Verträge erfasst. Die Regelungen der §§ 145 ff. BGB gelten
in entsprechender Weise jedenfalls für alle zivilrechtlichen Verträge, auch für die dingliche
Einigung und den Ehevertrag. Alle schuldrechtlichen Versprechensverträge bedürfen jedoch
ebenso wie die dingliche Einigung grundsätzlich einer causa, die Begründung schuldrechtlicher Versprechensverträge kann allerdings gemäß § 780 BGB von ihrer causa abstrahiert
sein; im Falle eines Dissenses über die causa oder deren Nichterreichung unterliegt das abstrakte Versprechen jedoch der Kondiktion, weshalb es nicht richtig, zumindest missverständlich ist zu behaupten, abstrakte Versprechen bedürften keiner causa. Die Behauptung Schmidlins, es habe im Pandektenrecht ein säkularer Paradigmenwechsel zu einem Willensvereinigungsmodell stattgefunden, der mit den §§ 145 ff. BGB Gesetz geworden sei, entbehrt demnach jeder verständlichen Grundlage.
causa sui - Ox
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References: § 52
 § 8
 § 4
 § 4
 § 518
 § 1
 § 2
 § 1416
 § 19
 § 5
 § 6
 § 45
 § 4
 § 4
 § 3
 § 7
 § 6
 Art. 1131
 Art. 1131
 § 7
 § 8
 § 12
 § 97
 § 423
 § 158
 § 19
 § 320
 § 19
 § 18
 § 31
 § 21
 § 18
 § 31
 § 6
 § 1
 § 250
 § 205
 § 360
 § 257
 § 69
 § 149
 § 69
 § 305

§ 69
 § 305
 § 318
 § 318
 § 149
 § 53

§ 20
 § 320
 § 320
 § 780
 § 95
 § 781
 § 20
 § 22
 § 63
 § 231
 § 233
 § 350
 § 621
 § 78
 § 96
 § 69
 § 149
 § 145

§ 145
 § 929
 § 33
 § 350
 § 92
 § 53
 § 53
 § 433
 § 823
 § 19
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 § 4
 § 77
 § 92
 § 250
 § 675
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 § 488
 § 92
 § 250
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 BGH 
 § 662
 § 675
 § 812
 § 812
 § 929
 § 318
 § 2
 § 4
 § 140
 § 22
 § 20
 § 320
 § 168

§ 42
 § 77
 § 77
 § 78
 § 147
 § 82
 Art. 61
 § 861
 § 930
 § 147
 Art. 319
 § 62
 § 307
 § 19
 § 147
 § 4
 § 8
 § 5
 § 40
 § 33
 § 25
 § 31
 § 161
 § 148
 § 62
 § 72
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 § 104
 § 33
 § 33
 § 12
 § 684
 § 662
 § 22
 § 780