Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/widerruf-verstaendigung-staatsanwaltschaft-3120504
Timestamp: 2019-12-06 20:19:23+00:00

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Wider­ruf einer Ver­stän­di­gung durch die Staats­an­walt­schaft | Rechtslupe
Widerruf einer Verständigung durch die Staatsanwaltschaft
Nach Zustan­de­kom­men einer Ver­stän­di­gung durch Zustim­mung des Ange­klag­ten und der Staats­an­walt­schaft zu dem Vor­schlag des Gerichts (§ 257c Abs. 3 Satz 4 StPO) kann die Staats­an­walt­schaft die­se nach­träg­lich nicht wie­der ein­sei­tig zu Fall brin­gen, auch dann nicht, wenn sie die Vor­aus­set­zun­gen von § 257c Abs. 4 Satz 1 oder 2 StPO als gege­ben ansieht 1.
Aus der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung 2 ergibt sich nichts ande­res. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat zwar aus­ge­führt, dem gesetz­li­chen Rege­lungs­kon­zept der Ver­stän­di­gung sei die Annah­me des Erfor­der­nis­ses eines Rechts­bin­dungs­wil­lens in dem Sin­ne, dass sich die Betei­lig­ten unwi­der­ruf­lich und end­gül­tig zu einer Hand­lung oder Ent­schei­dung ver­pflich­ten müss­ten, jeden­falls fremd 3. Dabei hat es sich indes nur mit der Fra­ge befasst, ob auch sol­che Pro­zess­hand­lun­gen, die ihrer­seits wie­der rück­gän­gig gemacht wer­den kön­nen, wie etwa die Erklä­rung der Staats­an­walt­schaft, Anträ­ge auf Ein­stel­lung des Ver­fah­rens gemäß § 154 Abs. 2 StPO zu stel­len, oder der Ver­zicht auf oder die Rück­nah­me von bereits gestell­ten Beweis­an­trä­gen Gegen­stand einer Ver­fah­rens­ab­spra­che im Sin­ne von § 257c Abs. 2 Satz 1 StPO sein kön­nen, und dies bejaht 4.
Eine Aus­sa­ge dazu, dass die Staats­an­walt­schaft – wie hier – etwa durch den Wider­ruf ihrer Zustim­mung zu der Ver­stän­di­gung deren Wir­kun­gen zu Fall brin­gen bzw. das Gericht dazu zwin­gen kann, von der Abspra­che Abstand zu neh­men, lässt sich der Ent­schei­dung hin­ge­gen nicht ent­neh­men.
Viel­mehr hat auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt her­vor­ge­ho­ben, dass das Gesetz in § 257c Abs. 4 StPO (nur) für das Gericht grund­sätz­lich eine aus­drück­li­che Bin­dungs­wir­kung vor­sieht 3. Die durch eine zustan­de gekom­me­ne Ver­stän­di­gung ein­ge­tre­te­ne Bin­dungs­wir­kung ent­fällt weder durch den "Wider­ruf" der Staats­an­walt­schaft noch kraft Geset­zes, viel­mehr bedarf es dazu einer Ent­schei­dung durch das Tat­ge­richt, wenn und soweit es die Vor­aus­set­zun­gen des § 257c Abs. 4 Satz 1 oder 2 StPO bejaht 5.
Danach trat durch den "Wider­ruf" der Staats­an­walt­schaft bzw. durch ihre Erklä­rung am letz­ten Tag der Haupt­ver­hand­lung, dass der Ver­stän­di­gungs­vor­schlag "hin­fäl­lig" sei, für sich genom­men kei­ne Rechts­wir­kung ein, die ein Fest­hal­ten des Gerichts an der Ver­stän­di­gung aus­schloss oder in sons­ti­ger Wei­se aus sich her­aus zu einer Ver­fah­rens­feh­ler­haf­tig­keit der Abspra­che führ­te.
Unge­ach­tet des­sen konn­te die Staats­an­walt­schaft – wie gesche­hen – ihre Auf­fas­sung zu Gehör brin­gen, die von den Ange­klag­ten abge­ge­be­nen Ein­las­sun­gen hät­ten nicht dem bei dem Ver­stän­di­gungs­vor­schlag pro­gnos­ti­zier­ten Pro­zess­ver­hal­ten ent­spro­chen. Die Prü­fung und Ent­schei­dung dar­über, ob des­halb die Bin­dungs­wir­kung der Ver­stän­di­gung zu ent­fal­len hat­te, oblag indes allein dem Land­ge­richt 6, das im vor­lie­gen­den Fall jedoch zu der Annah­me gelangt war, das Ein­las­sungs­ver­hal­ten der Ange­klag­ten ent­sprä­che sei­ner Pro­gno­se im Zeit­punkt des Ver­stän­di­gungs­vor­schlags, weil es sich jeweils um eine "noch – gestän­di­ge Ein­las­sung im Sin­ne der Ver­stän­di­gung" gehan­delt habe.
Ein Ent­fal­len der Bin­dungs­wir­kung der Ver­fah­rens­ab­spra­che setzt zudem wei­ter vor­aus, dass das Gericht wegen der ver­än­der­ten Beur­tei­lungs­grund­la­ge bzw. wegen des Abwei­chens des Ange­klag­ten von dem erwar­te­ten Pro­zess­ver­hal­ten zu der Über­zeu­gung gelangt, dass die in Aus­sicht gestell­te Strafo­ber- oder Straf­un­ter­gren­ze (§ 257c Abs. 3 Satz 2 StPO) nicht mehr tat- oder schuld­an­ge­mes­sen ist.
Eine Lösung von der Ver­stän­di­gung kann des­halb nur gerecht­fer­tigt sein, wenn das spä­ter gezeig­te tat­säch­li­che Pro­zess­ver­hal­ten des Ange­klag­ten aus der Sicht des Gerichts der Straf­rah­men­zu­sa­ge die Grund­la­ge ent­zieht 7.
Bei der Prü­fung die­ser Fra­ge kommt dem Tat­ge­richt – wie auch sonst bei Wer­tungs­ak­ten im Bereich der Straf­zu­mes­sung – ein wei­ter Beur­tei­lungs­spiel­raum zu, der erst über­schrit­ten ist, wenn der zuge­sag­te Straf­rah­men nicht mehr mit den Vor­ga­ben des mate­ri­el­len Rechts in Ein­klang zu brin­gen ist, etwa weil die Straf­rah­men­zu­sa­ge sich unter Berück­sich­ti­gung des tat­säch­li­chen Pro­zess­ver­hal­tens des Ange­klag­ten so weit von dem Gedan­ken eines gerech­ten Schuld­aus­gleichs ent­fernt, dass sie als unver­tret­bar erschie­ne 8. Ins­be­son­de­re genügt eine blo­ße abwei­chen­de recht­li­che Ein­stu­fung der Tat­bei­trä­ge eines Ange­klag­ten inso­weit nicht 9. Nichts ande­res stellt aber die Annah­me der Straf­kam­mer dar, die Ange­klag­ten hät­ten die ihnen nach­ge­wie­se­nen Betäu­bungs­mit­tel­de­lik­te nicht ban­den­mä­ßig began­gen.
Die Rüge, das Land­ge­richt habe gegen § 260 Abs. 3 StPO ver­sto­ßen, weil es das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren in bestimm­ten Fäl­len nicht ein­ge­stellt habe, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Ein Ver­fah­rens­hin­der­nis wegen der von der Staats­an­walt­schaft – ent­ge­gen der zustan­de gekom­me­nen Ver­stän­di­gung – unter­las­se­nen Anträ­ge auf Ein­stel­lung des Ver­fah­rens nach § 154 Abs. 2 StPO käme inso­weit nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, die zu einer Ver­stän­di­gung vor Inkraft­tre­ten der gesetz­li­chen Rege­lung ergan­gen ist, allen­falls in Betracht, wenn die Straf­kam­mer bei Aus­nut­zung der recht­li­chen Gestal­tungs­spiel­räu­me ins­be­son­de­re im Rah­men der Straf­zu­mes­sung zu kei­nem Ergeb­nis gelangt wäre, das das Ver­fah­ren ins­ge­samt noch als fair erschei­nen lie­ße 10.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Dezem­ber 2016 – 3 StR 331/​16
BGH, Urteil vom 21.06.2012 – 4 StR 623/​11, BGHSt 57, 273, 278 mwN; El-Gha­zi, JR 2012, 406, 409; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 59. Aufl., § 257c Rn. 25; zwei­felnd KK-Mol­den­hau­er/Wens­ke, StPO, 7. Aufl., § 257c Rn. 34[↩]
BVerfG, Beschluss vom 21.04.2016 – 2 BvR 1422/​15, NStZ 2016, 422[↩]
BVerfG aaO, S. 424[↩][↩]
BVerfG aaO, S. 423 f.[↩]
BGH, Urteil vom 21.06.2012 – 4 StR 623/​11, BGHSt 57, 273, 278 f. mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 21.02.2013 – 1 StR 633/​12, NStZ 2013, 417, 419[↩]
BGH, Urteil vom 21.06.2012 – 4 StR 623/​11, BGHSt 57, 273, 279 f.[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 25.10.2012 – 1 StR 421/​12, NStZ-RR 2013, 184[↩]
BGH, Urteil vom 12.03.2008 – 3 StR 433/​07, BGHSt 52, 165, 173 f.[↩]
DealStrafprozessVerständigungWiderruf

References: § 257
 § 154
 § 257
 § 257
 § 257
 § 260
 § 154
 § 257
 § 257