Source: https://www.art5drei.de/artikel.cfm?kat=3&aid=3015
Timestamp: 2020-05-31 10:03:49+00:00

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Rokokosaal, Foto © Steingraeber & Söhne
Steingraeber-Haus, Foto © Steingraeber & Söhne
Detailansicht mit Schriftzug, Foto © Gerhard Buechner
Udo Schmidt-Steingraeber, Foto © Matthias Hoch
Qualität und Innovation aus Tradition!
Die Klaviermanufaktur Steingraeber & Söhne in Bayreuth wird 200 Jahre alt
Wer heutzutage einen hervorragenden Flügel oder ein erstklassiges Klavier sein Eigen nennen möchte, der muss in unserer Region gar nicht so weit fahren. Im beschaulichen oberfränkischen Oberzentrum Bayreuth gibt es seit dem 17. August 1852 die Pianofortefabrik Steingraeber, gegründet vom Namensgeber Eduard Steingraeber. Und seitdem hat sich einiges getan in der Dammallee. Nachdem man sich schon im 19. Jahrhundert zur größten Bayerischen Klavierfabrik entwickelte und solche namhaften Künstler wie Franz Liszt und Richard Wagner belieferte, hatte man im 20. Jahrhundert zunächst zwei Weltkriege zu überstehen, bevor man in den 1970er Jahren die kontinuierliche Fertigung von Flügeln wieder aufnehmen konnte. Und seitdem glänzen Steingraeber & Söhne wieder mit Perfektion und Innovation, wenn es um Flügel oder Klaviere geht. Weltneuheiten, Innovations- und Designpreise oder aber auch zahlreiche Siege bei den Klaviertests in Paris legen beredtes Zeugnis über die Bayreuther Manufaktur ab. Und der Sprung in die Neuzeit der Musik ist dem Firmenchef Udo Schmidt-Steingraeber mittlerweile auch gelungen. Begriffe wie Transducer-Flügel oder Steingraeber-Virtual-Recording lassen erahnen, dass das Haus für die Zukunft gut gerüstet ist. Das 200-jährige Jubiläum ist für ART. 5|II ein sehr willkommener Anlass, dem Firmenchef Udo Schmidt-Steingraeber ein paar Fragen zu stellen:
ART. 5|III: Sehr geehrter Herr Schmidt-Steingraeber. Seit 1980 sind Sie nun der Chef von Steingraeber & Söhne. Was hat Sie damals dazu veranlasst diesen Schritt zu gehen? Schließlich hatten Sie Jura und Theaterwissenschaften in München studiert?
Udo Schmidt-Steingraeber: Es ist die unglaubliche Vielfalt verschiedener Bereiche, die den Klavierbau für mich damals wie heute so spannend macht:
Handwerk & Kunst … Regionalität & Internationalität … Geschichte & Zukunftsforschung … ja sogar Derbheit & „Abgehobenheit“. Dazu (wie auch heute) diese eingeschworene Mannschaft von Spezialistinnen und Spezialisten, Könnern ihres Fachs - die konnte ich damals, nach dem plötzlichen Tod des Chefs, einfach nicht im Stich lassen ... und das habe ich nie bereut!
Dazu kommt: mit dem relativ großen Steingraeber-Areal ist ein sehr besonderes, kleines Stadtviertel zu erhalten und zu verwalten: unsere verschiedenen Anwesen am Stadtzentrum von Bayreuth datieren zurück bis zum Markgrafenpalais von1754 – dieses ganze "Kaleidoskop" liebte ich damals wie heute viel zu sehr, um daran denken zu können es aufzugeben.
ART. 5|III: War das damals sozusagen der sprichwörtliche „Sprung ins kalte Wasser“ oder hatten Sie schon immer Interesse am Familienunternehmen?
Udo Schmidt-Steingraeber: Den Klavierbau hatte ich im eigenen Betrieb schon über die Schulzeit und Studentenjahre hinweg kennengelernt. Durch Messen und viele internationale Geschäftsreisen kannte ich schon viele Kunden und konnte nach dem plötzlichen Tod meines Vaters mit 24 Jahren an Vorkenntnisse anknöpfen; aber ohne den erfahrenen Mitarbeiterstand hätte das damals nicht geklappt.
ART. 5|III: 1820, also genau vor 200 Jahren, gründete Gottlieb Steingraeber seine Klavier-Werkstatt in Neustadt/Orla. Seitdem ist viel passiert, sowohl mit der Firma Steingraeber als auch persönlich mit Ihnen. Wie lebt es sich mit 200 Jahren Tradition im Gepäck? Und ist diese lange Tradition für Sie persönlich eher Ansporn oder auch schon einmal eine Bürde?
Udo Schmidt-Steingraeber: Vor 200 Jahren steuerte das Klavier auf einen grandiosen Höhepunkt zu und erlangte enorme Bedeutung im gesellschaftlichen Leben: der 50-jährige Beethoven hatte das "Klavierjahrhundert" eingeläutet und Liszt, Chopin und Schumann befanden sich im Knabenalter. Das beflügelte die Klavierbauer und die Klavierbegeisterung ist bis heute spürbar - am Schönsten ist es, dass die heutige Jugend immer noch am liebsten Klavier spielt; seit 1980 haben sich die Schülerzahlen an öffentlichen Musikschulen verdoppelt! Bereinigt man die Zahl von den Anteilen "Digitalpiano" und Wiedervereinigung, so bleibt trotzdem mehr als ein Viertel an Zuwachs!
Die erste Steingraeber-Generation blieb noch brav in Thüringen, Sohn Eduard wagte sich bis nach Wien in die Höhle des Tastenlöwen Franz Liszt. So baute Eduard sein Meisterstück als Kombination von allem Modernen und Zukunftsträchtigen was die technische Entwicklung damals hergab.
Das Suchen nach Neuem im hergebrachten Klavier ist bis heute eine spannende und lohnende Aufgabe, keine Bürde. Keine Klavierfabrik der Welt hat mehr Innovationen in den letzten 25 Jahren heraus gebracht als Steingraeber-Bayreuth.
ART. 5|III: Steingraeber & Söhne wird immer wieder in einem Atemzug mit den außerhalb der Branche vielleicht bekannteren Namen wie Steinway & Sons, Bösendorfer oder auch Blüthner genannt, gehört sicherlich zu den sogenannten „Big Five“ des Geschäfts. Macht Sie das besonders stolz?
Udo Schmidt-Steingraeber: Eigentlich muss man von den „Big Six“ sprechen wenn man das US-Ranking zitiert. Das "Big" gilt nur hinsichtlich der Qualität – zusammen mit Fazioli gehören wir nämlich zu den kleinsten der Qualitätsführer. Stolz dürfen insbesondere die Steingraeber Mitarbeiter sein, die zu 100 % eine solche Qualität in Bayreuth (und NUR in Bayreuth!) auf die Beine stellen.
ART. 5|III: Steingraeber & Söhne setzt immer noch auf Handarbeit. Warum? Wäre es nicht wirtschaftlicher die Arbeit den Maschinen zu überlassen?
Udo Schmidt-Steingraeber: Je mehr Kunststoffmaterialen in einem Klavier verbaut werden, umso besser eignet es sich für die CNC-gesteuerte Fertigung.
Dort wo CNC-gesteuerte Maschinen gleich gut oder gar besser sind, werden sie auch für Steingraeber Klaviere eingesetzt. Beim Klavier ist dies aber nur in wenigen Fällen zutreffend: Je mehr natürliches Material (Hölzer, Leder, Filze etc.) verwendet wird, umso weniger kann CNC eingesetzt werden (denn kleine Abweichungen im Material erfordern die große Aufmerksamkeit des Handwerksmeisters). Unsere Preise sind dabei immer noch zwischen 10 und 20 % günstiger als die des Marktführers, obwohl unabhängige Klaviertests zeigen, dass wir qualitativ als gleichwertig erachtet werden.
Es ist also durchaus wirtschaftlich in Handarbeit zu investieren, solange man es am Klang hört, in den Tasten fühlt … und es am Ende auch bezahlt wird … J
ART. 5|III: Apropos Wirtschaftlichkeit… Wie viele Menschen stellen denn wie viele Instrumente jährlich in der Produktion in Bayreuth her?
Udo Schmidt-Steingraeber: Alle zusammen sind wir 35 bei Steingraeber-Bayreuth. In der Fertigung sind wir 24. Da fertigt im Schnitt ein(e) Mitarbeiter*in alle 2 Monate 1 Klavier, wobei ich den Terminus „Klavier“ klassisch verwende, nämlich für Piano und Flügel – wir stellen ungefähr 2/3 Flügel und 1/3 aufrechte Pianos her.
ART. 5|III: Steingraeber & Söhne ist ja dafür bekannt, dass man Neuerungen offen gegenübersteht und so wie es derzeit scheint, gelingt Ihrem Unternehmen die Transformation des Instrumentes in die Zukunft geradezu beispielgebend. Egal ob Neukonstruktionen, Weiterentwicklungen oder sogar Weltneuheiten, an Ideen scheint es Ihnen und Ihren Mitarbeitern nicht zu mangeln. Sind der Transducer-Flügel und das „Steingraeber-Virtual-Recording“ System die momentane Spitze der Entwicklung?
Udo Schmidt-Steingraeber: Die Techniker im SWR Experimental Studio in Freiburg, die Musiker bei den berühmten "Donaueschinger Musiktagen" und die Kompositionsklasse der Musikhochschule Würzburg sehen uns z.B. an der Spitze der Entwicklung. Wir kombinieren bei Ihren Beispielen das akustische Klavier mit verrückten elektronischen Möglichkeiten bis zum Spiel auf drei Ebenen: Akustisch + live Elektronik + Playback und alles aus dem gleichen klassischen Resonanzboden! Aber in der Welt der Elektronik weiß man nie so genau, wo auf der Welt ein genialer Kopf schon wieder „eins drauf gesetzt“ hat …
Genauso wichtig ist für uns auch die Wiederbelebung historischer Register, die von Beethoven bis Chopin alle Komponisten und Pianisten eingesetzt haben. Merkwürdigerweise sind wir auf diesem Gebiet genauso allein in der Branche wie bei modernen Materialien, die wir z.B. aus dem Flugzeugbau adaptieren.
So gibt es bei Steingraeber Unikate wie den „Mozart-Zug“ oder das „Sordino-Pedal“ … es gibt den Kohlefaserresonanzboden (optional!) oder den super-leichten schwingenden Klangdeckel für Konzertflügel.
Unser Job ist es, die Zukunft des Klaviers auf eine möglichst breite Basis zu stellen und von Pop bis Barock und Johann Sebastian Bach bis Alicia Keys alles möglich zu machen, was sich in Klassik, Romantik, Jazz und Blues seit 300 Jahren getan hat.
ART. 5|III: Nach 40 Jahren Geschäftsführung mag diese Frage erlaubt sein. Wie lange bleibt der Kapitän noch an Bord oder würden Sie das Bild des Dirigenten bevorzugen?
Udo Schmidt-Steingraeber: Dirigent ist mir schon lieber, denn der bringt ja individuelle Musikergenies zu einem Ganzen zusammen, während der Kapitän doch sehr als Einzelner dominieren muss. Meine Kinder bestimmen, wann ich mich zurückziehen darf und meine Hoffnung ist es, dass diese "Erlaubnis" irgendwann um den Termin des gesetzlichen Rentenalters herum eintrifft.
ART. 5|III: Mit Ihren Kindern Alban und Fanny steht die nächste Unternehmergeneration ja schon in den Startlöchern bzw. ist schon für das Unternehmen tätig. Beruhigt Sie das ein wenig, dass die Nachfolge bereits geregelt ist?
Udo Schmidt-Steingraeber: Alban und Fanny bestreiten schon seit Jahren die Messen weltweit; sie sind Teilhaber in der Familien-KG und schon richtig mit dem Herzen dabei - das ist das größte Glück für meine Frau und mich, viel mehr als nur eine Beruhigung. Aber erstmal sollen die beiden in Ruhe zu Ende studieren.
Herr Schmidt-Steingraeber, wir bedanken uns sehr herzlich für die Duldung unserer Neugier und wünschen Ihnen und der Firma Steingraeber & Söhne nur das Beste. Die Fragen stellte Ludwig Märthesheimer.

References: ART. 5

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