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Landesgesetzliche Regelungen im Bereich des Kinderschutzes bzw. der Gesundheitsvorsorge - PDF
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1 Gefördert vom Landesgesetzliche Regelungen im Bereich des Kinderschutzes bzw. der Gesundheitsvorsorge Dr. Susanne Nothhafft Informationszentrum Kindesmisshandlung / Kindesvernachlässigung
2 Dr. Susanne Nothhafft Landesgesetzliche Regelungen im Bereich des Kinderschutzes bzw. der Gesundheitsvorsorge
3 Informationszentrum Kindesmisshandlung / Kindesvernachlässigung im Auftrag des BMFSFJ München 2008 Deutsches Jugendinstitut e.v. Nockherstr München Fon: Fax: Mail: Weitere Informationen:
4 Landesgesetzliche Regelungen im Bereich des Kinderschutzes bzw. der Gesundheitsvorsorge 2 1 Aktivitäten der Länder 2 2 Grundsätzliches Verhältnis zwischen Bund und Ländern im Hinblick auf die Gesetzgebungs-zuständigkeit 4 3 Datenschutz Kinder- und Jugendhilfe Gesundheitshilfe 6 4 Basiselement: Verbindliches Einladungswesen zu Früherkennungsuntersuchungen Überblick über die landesgesetzlichen Regelungen im Hinblick auf Früherkennungsuntersuchungen Durchführung des Einladewesens Weitere Inhalte der gesetzlichen Regelungen im Bereich der Früherkennungsuntersuchungen Evaluierung der gesetzlichen Neuregelungen 12 5 Systemischer Ansatz: Qualitative Gesetzgebung zu Kinderschutz und Kindergesundheit 13 Rheinland-Pfalz 13 Schleswig-Holstein 13 Sachsen-Anhalt 15 6 Meldesysteme: Datenweitergabe an die Jugendämter 16 7 Fazit 17 1
5 Landesgesetzliche Regelungen im Bereich des Kinderschutzes bzw. der Gesundheitsvorsorge 1 Aktivitäten der Länder Die medial stark aufbereiteten Todesfälle bei Kleinkindern in den letzten Jahren haben zu einer breiteren öffentlichen Diskussion um das Kinderschutzsystem in Deutschland geführt. Aufgrund der föderalen Struktur der Bundesrepublik gehen Impulse zu einer Entwicklung des Kinderschutzsystems dazu gegenwärtig von Bund und Ländern aus. Seit 2007 beginnen die Bundesländer, nun auch eigene gesetzliche Regelungen zur Verbesserung des Kinderschutzes vorzulegen. Nach einer zunächst heteronomen Diskussion in und zwischen den Ländern, ob und in welcher Form landesgesetzliche Regelungen hinsichtlich der Bemühungen zu einer Verbesserung des Kinderschutzes insbesondere im Anwendungsbereich der Frühen Hilfen notwendig sind, haben im Laufe des letzten und dieses Jahres alle Bundesländer gesetzgeberische Aktivitäten in diesem Bereich entfaltet bzw. sind auch die Länder, die zunächst weitere, spezifische ländergesetzliche Regelungen explizit abgelehnt hatten, in der unmittelbaren Vorbereitung dazu (Berlin, Hamburg, Sachsen). Förderlich in diesem Prozess war zudem der Beschluss der 80. Gesundheitsministerkonferenz, die sich einstimmig dafür ausgesprochen hat, die verschiedenen Länderprojekte zur Prävention von Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern systematisch auszuwerten und zu evaluieren. Der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) wurde bis zur nächsten Sitzung der Gesundheitsministerkonferenz ein entsprechender Auftrag erteilt. 1 Basiselement in allen Bundesländern sind Regelungen zu einer Steigerung der Teilnahmezahlen an den Früherkennungsuntersuchungen durch ein verbindliches Einladewesen. Auch Berlin, Hamburg und Sachsen stellen Überlegungen zu einem verbindlichen Einladewesen an. Einige Ländergesetze verfolgen einen systemischen Ansatz und etablieren über das verbindliche Einladewesen hinaus Konkretisierungen der Aufgaben im Kinderschutz und machen Vorgaben zur Kooperation beim Kinderschutz und bei der Verbesserung der Kindergesundheit ( Kinderschutz- 1 Beschluss der 80. Gesundheitsministerkonferenz, Hauptkonferenz am 4. und 5. Juli 2007 in Ulm, TOP 5.13 Prävention von Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern : 1. die verschiedenen Methoden, Maßnahmen und Projekte, die es in den Ländern gibt, um Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern so früh wie möglich zu verhindern, darzustellen; 2. Wege zu finden, wie die Ergebnisse und Erfahrungen der verschiedenen Kinderschutzstrategien der Länder zusammengeführt werden können, damit zum Wohle von Kindern eine Vereinheitlichung von Standards und eine frühe systemische Erfassung von Risikosituationen für Vernachlässigung von Kindern erfolgen kann. Diese Ergebnisse müssen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren und sollen in der Praxis einfach handhabbar sein und die Grundlage für Informationsgespräche über Hilfeangebote für Eltern im Einzelfall ebenso bieten wie für die Evaluation unterschiedlicher Maßnahmen und Projekte in den einzelnen Ländern. 2
6 gesetze der Länder Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein). Einige Bundesländer haben Regelungen zu Meldungen und Datenweitergabe durch das Gesundheitssystem an Jugendämter eingeführt, wenn gewichtige Anhaltspunkte für Kindeswohlgefährdungen vorliegen: Eine unverzügliche Meldepflicht bei Vorliegen gewichtiger Anhaltspunkte beinhalten die Landesgesetze in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Eine abgestufte Meldepflicht mit einer Regelung zur Datenweitergabe, wenn die eigenen fachlichen Mittel nicht ausreichen oder die Personensorgeberechtigten nicht in der Lage oder nicht Willens sind, die Gefährdungslage zu beheben, formulieren Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. Schleswig-Holstein trifft eine klarstellende Regelung zur Datenweitergabe für Schulen, Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte, die auf die geltenden Rechtsnormen verweist. Hessen eröffnet im Rahmen seines Kindergesundheitsschutzgesetzes eine Befugnis zur Datenweitergabe bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung. Entsprechendes regeln auch die beiden für Thüringen vorliegenden Gesetzentwürfe (SPD Fraktion, Landesregierung). Die Bundesländer, die durch umfassende Kinderschutzgesetze einen systemischen Ansatz fokussieren und die interdisziplinäre Kooperation und Vernetzung der Hilfeansätze gesetzlich verankern und damit einfordern, ermöglichen durch eine abgestufte Meldepflicht bzw. (nur) eine Meldebefugnis die Ausschöpfung der fachlichen Ressourcen der Erstkontaktstelle außerhalb der Jugendämter, welche die gewichtigen Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung wahrnimmt. Von den Etablierungsprozessen im Hinblick auf Vernetzung und Kooperation wird also auch eine Weiterqualifizierung im Hinblick auf Gefährdungseinschätzung und -intervention angenommen. Im Folgenden soll eine Synopse und Analyse der landesgesetzlichen Regelungen im Bereich des Kinderschutzes bzw. der Gesundheitsvorsorge vorgelegt werden. 3
7 2 Grundsätzliches Verhältnis zwischen Bund und Ländern im Hinblick auf die Gesetzgebungszuständigkeit Die Ausübung der staatlichen Befugnisse und die Erfüllung der staatlichen Aufgaben ist gem. Art. 30 GG grundsätzlich Sache der Länder. Der Bund darf nur tätig werden, wenn das Grundgesetz dies ausdrücklich zulässt (Art. 70ff. GG). Mit dem Ziel, die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit von Bund und Ländern zu verbessern, intendiert die zum 1. September 2006 in Kraft getretene Föderalismusreform I eine deutlichere Zuordnung von politischen Verantwortlichkeiten und die Verringerung der zustimmungsbedürftigen Bundesgesetze. 2 Seitdem kennt das Grundgesetz nur noch zwei Arten von Gesetzgebungszuständigkeiten des Bundes: Im Rahmen der ausschließlichen Gesetzgebung (Art. 71 und 73 GG) hat der Bund das alleinige Recht, Gesetze zu erlassen. Den Ländern steht nur dann eine Gesetzgebungsbefugnis zu, wenn sie hierzu durch ein Bundesgesetz ausdrücklich ermächtigt werden (Art. 71 GG). Im Bereich der konkurrierenden Gesetzgebung (Art. 74 GG) haben die Länder die Befugnis zur Gesetzgebung, solange und soweit der Bund von seiner Gesetzgebungszuständigkeit keinen Gebrauch gemacht hat (Art. 72 Abs. 1 GG). Von diesem Grundsatz gibt es hingegen zwei Ausnahmen: - Auf bestimmten Gebieten des Art. 74 GG hat der Bund das Gesetzgebungsrecht nur, wenn und soweit die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet oder die Wahrung der Rechts- oder Wirtschaftseinheit im gesamtstaatlichen Interesse eine bundesgesetzliche Regelung erfordert (Art. 72 Abs. 2 GG). - In bestimmten Bereichen hat der Bund zwar die Gesetzgebungskompetenz, jedoch haben die Länder eine Abweichungskompetenz (Art. 72 Abs. 3 GG). Grundsätzlich führen die Länder Bundesgesetze als eigene Angelegenheiten aus (Art. 83 GG). Sie bestimmen daher grundsätzlich die Einrichtung von Behörden und das Verwaltungsverfahren selbst (Art. 84 Abs. 1 Satz 1 GG). Hat der Bund jedoch selbst eine entsprechende Regelung getroffen, ging diese den Landesregelungen vor (Art. 31 GG: Bundesrecht bricht Landesrecht. ). Seit dem 1. September 2006 dürfen die Länder in Fragen der Behördeneinrichtung vom Bundesrecht abweichen (Art. 84 Abs. 1 Satz 2 GG), ab dem 1. Januar 2009 dürfen sie auch abweichende Verfahrensregelungen treffen (vgl. Art. 125b Abs. 2 GG). Der Bund kann anschließend erneut eine andere, eigene Regelung treffen. Es gilt die jeweils jüngste Bundes- oder Landesregelung. 2 Wieland, J.: Föderalismusreform: Chancen fürs Soziale?, Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge 2004, S ,
8 3 Datenschutz Der Datenschutz ist im Grundgesetz nicht ausdrücklich aufgeführt. Im Bereich der Gesetzgebungszuständigkeiten ist er jedoch integraler Bestandteil der jeweils übergeordneten Regelungsbereiche. Die bundesverfassungsgerichtliche Vorgabe, Beschränkungen der informationellen Selbstbestimmung klar und für den Bürger erkennbar zu regeln und gleichzeitig ein möglichst umfassendes Normengerüst sicherzustellen, kann nur durch bereichsspezifische Regelungen gewährleistet werden. Generelle Aussagen kommen nur noch da zur Anwendung, wo es an bereichsspezifischen Bestimmungen mangelt. 3 Die Normierung des Schutzes personenbezogener Daten für die verschiedenen regelungsrelevanten Bereiche ist deshalb eine Aufgabe, die nur von Bund und Ländern gemeinsam zu erfüllen ist. Inwieweit es neben den allgemeinen weiterer gesonderter Regelungen bedarf, lässt sich erst beantworten, wenn über den mit der Datenerhebung bzw. verarbeitung verfolgten Zweck, die Art und Weise und damit auch die möglichen Auswirkungen auf den Betroffenen Klarheit besteht. 4 Von daher ist zunächst der konkrete Regelungszusammenhang zu bestimmen, um vor dessen Hintergrund über die konkrete Gesetzgebungszuständigkeit entscheiden zu können. 3.1 Kinder- und Jugendhilfe Für die Regelungen des Sozialdatenschutzes in der Kinder- und Jugendhilfe besteht eine konkurrierende Gesetzgebungszuständigkeit des Bundes. Für die bereichsspezifischen Vorschriften des Kinder- und Jugendhilferechts ( 61 ff. SGBVIII) ergibt sich dies aus Art. 74 Abs. 1 Nr. 7 GG ( öffentliche Fürsorge ), für die allgemeinen sozialdatenschutzrechtlichen Regelungen des SGB X zusätzlich aus Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG ( Sozialversicherung ). Sollte es sich beim Sozialdatenschutzrecht um Regelungen zum Verwaltungsverfahren im verfassungsrechtlichen Begriffsverständnis handeln, stünde den Ländern ein Abweichungsrecht zu (Art. 84 Abs. 1 Satz 2 GG). Sie könnten den Informationsfluss innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe sowie zwischen derselben und anderen Systemen eigenen Regelungen unterwerfen und wären an die Normierungen im Sozialgesetzbuch nicht gebunden. Nur dann, wenn Verfahrensregelungen neutral sind und den materiellen Gehalt der bundesrechtlichen Vorgaben etwa im SGB VIII nicht beeinflussen, sind sie als Verwaltungsverfahrensrecht einzuordnen und stünden damit zur landesrechtlichen Disposition. 5 Bei Regelungen mit 3 Grds. dazu: Simitis, S. (Hrsg.): Kommentar zum Bundesdatenschutzgesetz, 5. Aufl Simitis, S. (Hrsg.): Kommentar zum Bundesdatenschutzgesetz, 5. Aufl. 2003, Einl. Rn AGJF: Stärkung der landesrechtlichen Gestaltungsmöglichkeiten in der Kinder- und Jugendhilfe durch die Föderalismusreform, Arbeitspapier 2007, S , 43 f. 5
9 (auch) materiell-rechtlichem Charakter steht den Ländern kein Abweichungsrecht zu. 6 Beim Datenschutz geht es einerseits um Vorgaben für die Verwaltung, wie sie mit personenbezogenen Informationen verfahren soll und wie diese im Rahmen verwaltungsinterner Mitwirkungs- und Kontrollvorgänge verarbeitet werden dürfen. Andererseits kann auch die BürgerIn ein Recht auf Auskunft oder Akteneinsicht haben, können Anzeigepflichten normiert oder kann der Vertrauensschutz integraler Bestandteil der Rechte und Pflichten im Hauptverhältnis sein. Letzteres ist insbesondere der Fall, wenn die Behörde oder andere öffentliche Stellen eine Schweigepflicht trifft. 7 Die für die Kinder- und Jugendhilfe maßgeblichen sozialdatenschutzrechtlichen Vorschriften in 35 SGB I, 67 ff. SGB X und 61 ff. SGB VIII normieren einen sogar über das grundrechtlich geschützte Recht auf informationelle Selbstbestimmung hinausgehenden funktionalen Schutz der Vertrauensbeziehung zwischen den KlientInnen und der Behörde bzw. Fachkraft. 8 Die Fachkräfte, die im Rahmen dieser Hilfebeziehungen mit personenbezogenen Daten in Kontakt kommen, unterliegen daher der strafrechtlich sanktionierten Schweigepflicht ( 203 Abs. 1 Nr. 2, 4 oder 5 StGB). Als (auch) materiell-rechtliche Regelung ist das die Kinder- und Jugendhilfe betreffende Sozialdatenschutzrecht des Sozialgesetzbuchs daher dem Zugriff des Landesgesetzgebers entzogen. Entgegenstehende landesrechtliche Bestimmungen werden vom Bundesrecht gebrochen (Art. 31 GG). Lediglich dann, wenn die sozialdatenschutzrechtlichen Vorgaben allein verwaltungsinterne Abläufe betreffen, haben die Länder ein Abweichungsrecht. Dies betrifft etwa die Pflicht zur Anonymisierung oder Pseudonymisierung, wenn Sozialdaten im Rahmen einer Entscheidungsfindung oder Gefährdungseinschätzung an Fachkräfte von anderen Stellen übermittelt werden sollen ( 64 Abs. 2a SGB VIII) Gesundheitshilfe Für den Bereich des Gesundheitswesens sind dem Bund (konkurrierende) Gesetzgebungskompetenzen nur in spezifischen Teilbereichen (Art. 74 Abs. 1 Nr. 19, 19a GG) zugewiesen, die auch nicht durch eine erweiternde Auslegung der Gesetzgebungskompetenz für die öffentliche Fürsorge (Art. 74 Abs. 1 Nr. 7 GG) unterlaufen werden darf. 10 Für den Bereich z.b. der Frühen Hilfen besteht eine konkurrierende Gesetzgebungskompetenz des Bundes für den Bereich des Sozialdatenschutzes in der Gesundheitshilfe deshalb nur, soweit er die Sozialversicherung betrifft (Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG). 6 BVerfGE 10, 20 (49); 14, 197 (221) 7 BVerfGE 14, 197 (221) 8 Ausführlich hierzu: Meysen, T./ Ohlemann, L.: Kooperation für einen guten Start ins Kinderleben der rechtliche Rahmen, Expertise, DIJuF AGJF: Stärkung der landesrechtlichen Gestaltungsmöglichkeiten in der Kinder- und Jugendhilfe durch die Föderalismusreform, Arbeitspapier 2007, S , S BVerfGE 88, 203 (330). 6
10 Im Hinblick auf die Gesundheitsämter hat der Bund keine Gesetzgebungskompetenz. Die Länder haben entsprechende Regelungen getroffen, auch in Bezug auf den in den Gesundheitsämtern zu beachtenden Datenschutz. Die Sicherstellung des Datenschutzes in der Arbeit der ÄrztInnen und Hebammen/Entbindungspfleger war bislang landesgesetzlich nicht geregelt. Aufgrund der Beschränkungen der Anwendungsbereiche der Landesdatenschutzgesetze (LDSG) auf öffentliche Stellen bzw. auf nicht-öffentliche Stellen, die hoheitliche Aufgaben wahrnehmen, unterliegen sie keinen landesgesetzlichen Datenschutzvorschriften. Da es insofern an bereichsspezifischen Bestimmungen für die ÄrztInnen und Hebammen/Entbindungspfleger fehlt, greift das BDSG in seiner Auffangfunktion für Regelungsbereiche, in denen keine bereichsspezifischen Regelungen getroffen sind. 11 Den Ländern steht somit die Befugnis zu, bereichsspezifisch datenschutzrechtliche Regelungen für die Gesundheitshilfe zu treffen und insbesondere für die ÄrztInnen und Hebammen/Entbindungspfleger selbst einen Rahmen festzulegen. Beabsichtigen sie, von dieser Gesetzgebungsbefugnis Gebrauch zu machen, dürfen die Regelungen jedoch nicht hinter den Vorgaben des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) zurückbleiben, da diese die Mindestanforderungen widerspiegeln, die im Hinblick auf Einschränkungen des grundrechtlich geschützten informationellen Selbstbestimmungsrechts stets einzuhalten sind. Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt legen landesgesetzliche Regelungen zur Meldepflicht und zur Datenweitergabe bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung vor und machen damit von dieser Gesetzgebungskompetenz Gebrauch. In eigenen Vorschriften haben sie die Übermittlungsbefugnisse allgemein bzw. für ÄrztInnen und Hebammen/Entbindungs-pfleger kinderschutzbezogen konkretisiert. 11 Ausführlich hierzu: Meysen, T./ Ohlemann, L.: Kooperation für einen guten Start ins Kinderleben der rechtliche Rahmen, Expertise, DIJuF
11 4 Basiselement: Verbindliches Einladungswesen zu Früherkennungsuntersuchungen Seit dem letzten Jahr wurden in den Medien vor allem die kinderärztlichen Früherkennungsuntersuchungen als zentrales Instrument zur Verbesserung des Kinderschutzes in den Ländern diskutiert. Grundsätzlich soll es darum gehen, die Teilnahme aller in Frage kommenden Kinder an den Früherkennungsuntersuchungen sicherzustellen, indem die erfolgte Teilnahme durch ein Melde-/Datenabgleichsystem erfasst wird und bei der dadurch erkennbaren Nichtteilnahme eine Aufforderung zur Nachholung ergeht. 4.1 Überblick über die landesgesetzlichen Regelungen im Hinblick auf Früherkennungsuntersuchungen Eine landesgesetzliche Regelung für ein entsprechendes Teilnahmekontrollsystem und Einladungswesen ist bereits in Kraft getreten in den Ländern Brandenburg, Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Schleswig-Holstein. In Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befinden sich entsprechende Gesetzentwürfe in den Gesetzgebungsverfahren. Alle dürften noch bis spätestens Ende 2008 abgeschlossen sein. Für Berlin, Hamburg und Sachsen liegen noch keine entsprechenden Entwürfe vor. Gesetzliche Regelungen zu einem verbindlichen Einladungswesen sind jedoch geplant. Bayern statuiert seit Mai 2008 eine Pflicht der Personensorgeberechtigten zur Sicherstellung der Früherkennungsuntersuchungen, trifft aber in Gesundheitsdienst- und Verbraucherschutzgesetz keine Ausführungen für die konkrete Gestaltung eines Einladungswesens. Trotzdem ist das Fehlen einer zeitgerecht durchgeführten Früherkennungsuntersuchung mit Konsequenzen verbunden: Mit dem Antrag auf Landeserziehungsgeld ist der Nachweis der Früherkennungsuntersuchung U6 bzw. U7 zu erbringen (Art. 1 I Nr. 4 BayLErzGG). Fehlt dieser, wird das Landeserziehungsgeld (bis auf eine Härtefall-Ausnahmeregelung in Art. 2 II BayLErzGG) nicht gewährt. Auch das Thüringer Gesetz zur Weiterentwicklung des Kinderschutzes plant in Art. 2 eine Änderung des Erziehungsgeldgesetzes: Der Anspruch auf Erziehungsgeld soll den Nachweis der vorgesehenen Früherkennungsuntersuchungen voraussetzen ( 1 I Nr. 3 ThüErzGG). Ferner müssen Eltern in Bayern künftig bei der Anmeldung ihres Kindes in einer Kindertageseinrichtung, beispielsweise in einer Krippe oder auch im Kindergarten, die letzte fällige Früherkennungsuntersuchung nachweisen. Wurde die Untersuchung nicht wahrgenommen, werden Eltern durch das pädagogische Personal auf die Verpflichtung hingewiesen und gebeten, die letzte fällige Gesundheitsuntersuchung nachzuholen. Dabei arbeiten die Kindertageseinrichtungen eng mit den Gesundheitsämtern zusammen. Bereits seit 2006 ist die Gesundheitserziehung als ausdrückliches Bildungs- 8
12 und Erziehungsziel in der AVBayKiBiG geregelt. Ergeben sich Anhaltspunkte für die konkrete Gefährdung des Wohls eines Kindes, hat die pädagogische Fachkraft nach den Vorschriften der AVBayKiBiG auf die Inanspruchnahme geeigneter Hilfen seitens der Eltern hinzuwirken und erforderlichenfalls den örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe hinzuzuziehen. Der Verbleib des Kindes in der Kindertageseinrichtung wird durch eine Nichtvorlage nicht angetastet. Im Rahmen der verpflichtenden Schuleingangsuntersuchung haben die Eltern den Nachweis über die Durchführung der U9-Früherkennungsuntersuchung dem Gesundheitsamt vorzulegen. Das Gesundheitsamt soll über die neue Teilnahmeverpflichtung informieren und möglichst auf die Inanspruchnahme hinwirken. Wird der Nachweis trotzdem nicht erbracht, haben die betroffenen Kinder an einer schulärztlichen Untersuchung teilzunehmen. Wird auch diese schulärztliche Untersuchung verweigert, erfolgt eine Einbindung des Jugendamts. Dieses hat im Rahmen seiner Aufgaben und Befugnisse tätig zu werden. In Erfüllung seines Schutzauftrags hat es (unter Beteiligung der Erziehungsberechtigten) insbesondere festzustellen, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. 4.2 Durchführung des Einladewesens In den Ländern mit bereits etabliertem Einladewesen werden alle Kinder entsprechend ihrem Alter zeitnah im Vorfeld zu den anstehenden Früherkennungsuntersuchungen durch eine in den Ländergesetzen spezifisch benannte Stelle eingeladen: Brandenburg: Landesgesundheitsamt, Bremen: zuständiges Gesundheitsamt, Hessen: Kindervorsorgezentrum, Rheinland- Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein, Saarland: zentrale Stelle. Dort wo in den Ländern bereits Gesetzentwürfe vorliegen, sollen folgende Strukturen für das Einladewesen vorgehalten werden: Baden- Württemberg: zuständige Gesundheitsämter, Mecklenburg-Vorpommern: Servicestelle beim Landesamt für Gesundheit und Soziales, Niedersachsen: zuständige Behörde, Sachsen-Anhalt: Zentrale Früherkennungsstelle beim Landesamt für Verbraucherschutz; Thüringen: Vorsorgezentrum. In Nordrhein-Westfalen wurde zwar im HeilberufeGesetz ein verbindliches Meldesystem verankert. Die Rechtsverordnung, welche die Durchführung konkret regeln soll, steht aber noch aus. Die Meldebehörden übermitteln an die für das Einladewesen zuständigen Stellen die benötigten Meldedaten. Ob eine Inanspruchnahme erfolgt oder nicht, wird darüber kontrolliert, dass die ÄrztInnen sowie Hebammen/Entbindungspfleger die durchgeführte Untersuchung unverzüglich (Brandenburg, Bremen) bzw. innerhalb von drei (Rheinland-Pfalz) bzw. fünf (Hessen, Schleswig-Holstein) Arbeitstagen oder 14 Tagen (Mecklenburg-Vorpommern) der zuständigen zentralen Stelle melden. Das saarländische Gesetz enthält keine Zeitangabe. Stellt die zentrale Stelle bei dem sich daran anschließenden Datenabgleich zwischen Meldedaten und Meldungen über durchgeführte Früherkennungsuntersuchungen fest, dass eine Untersuchung versäumt wurde, löst dies zunächst die einmalige (Brandenburg, Bremen, Rheinland-Pfalz, 9
13 Schleswig-Holstein) oder zweimalige (Hessen, Saarland) Aufforderung der im jeweiligen Land benannten zentralen Stelle aus, die Untersuchung nachzuholen. In Mecklenburg-Vorpommern wird bei der U 2 und U 5 nur auf die nächste Früherkennungsuntersuchung hingewiesen. Wird die Früherkennungsuntersuchung nicht nachgeholt, ist die Reaktion eine weitere Datenübermittlung der Angaben über die Person (Name, Geschlecht, Geburtsdaten, Anschrift u. Ä.). Diese erfolgt je nach Bundesland an das zuständige Gesundheitsamt, das seinerseits Beratung über Inhalt und Zweck der Früherkennungsuntersuchung sowie eine subsidiäre Durchführung anbietet (Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland- Pfalz, Saarland). Im Saarland besteht die Besonderheit, dass auch Versäumnisse bei der U 1 bis U 3 erfasst werden. In diesen Fällen erfolgt keine erneute Aufforderung, sondern wird direkt das zuständige Gesundheitsamt informiert. Erfolgt die Früherkennungsuntersuchung auch nach einer Kontaktaufnahme durch das Gesundheitsamt nicht, so übermittelt im Saarland und in Mecklenburg-Vorpommern das Gesundheitsamt dem Jugendamt die entsprechenden Daten. In Rheinland-Pfalz wird bei einer fehlenden Nachholung der Früherkennungsuntersuchung das Gesundheitsamt aufgefordert, sich mit den Personensorgeberechtigten in Verbindung zu setzen und in geeigneter Weise auf die Inanspruchnahme hinzuwirken. Ergeben sich hierbei Anhaltspunkte für Vernachlässigung, Missbrauch oder Misshandlung, sind die Gesundheitsämter verpflichtet, das Jugendamt über die diesbezüglich vorliegenden Erkenntnisse zu unterrichten. direkt an das zuständige Jugendamt (Hessen); den zuständigen Landkreis oder die kreisfreie Stadt, damit diese geeignete und angemessene Maßnahmen ergreifen kann, um auf eine erhöhte Teilnahmerate hinzuwirken (Brandenburg, Schleswig-Holstein). In Schleswig-Holstein sollen die Kreise und kreisfreien Städte Beratung über Inhalt und Zweck der Früherkennungsuntersuchungen und die Durchführung durch eine/n Arzt/Ärztin anbieten sowie ggf. mit Einverständnis der gesetzlichen Vertreter/innen die notwendigen Kontakte herstellen. In Bremen ist das Gesundheitsamt bereits selbst zentrale Stelle. Erhält das Gesundheitsamt trotz der Erinnerung innerhalb einer angemessenen Frist keine Rückmeldung, nimmt es gezielt Kontakt mit den Personensorgeberechtigten auf, bietet einen Hausbesuch und die gleichzeitige Durchführung der Früherkennungsuntersuchung bei Gelegenheit des Hausbesuchs an. Wird eine Inanspruchnahme der Früherkennungsuntersuchung trotz schriftlicher Erinnerung ohne hinreichende und nachgewiesene Gründe abgelehnt, teilt das Jugendamt dies unverzüglich dem Gesundheitsamt mit. 10
14 Nach der Konzeption des saarländischen Gesetzentwurfes wurden bis zum Zeitpunkt der Weiterleitung der Daten an das Jugendamt - wg. einer trotz mehrfacher Aufforderung noch ausstehenden Früherkennungsuntersuchung - möglicherweise nur Daten und Schreiben ausgetauscht bzw. übersandt. Bis dahin hat ggf. noch kein persönlicher Kontakt mit dem Kind stattgefunden. Welche Aufgaben sich für das Jugendamt nach einer entsprechenden Mitteilung ergeben, erläutert das Gesetz ebenso wenig wie in Hessen, wo die Begründung vom Ermöglichen einer Risikoselektion der Verdachtsfälle spricht. Die Aufgaben des Jugendamts können sich daher nur aus dem SGB VIII ableiten. Für sich genommen ist die bloße Nichtteilnahme an einer Früherkennungsuntersuchung jedenfalls kein gewichtiger Anhaltspunkt für eine Kindeswohlgefährdung. 12 In Betracht kommen aufsuchende Beratungsangebote nach 16 SGB VIII. In Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein ist ebenfalls eine Informationsweitergabe an das Jugendamt vorgesehen, wenn die Aufforderungen durch das Gesundheitsamt nicht den gewünschten Teilnahmeerfolg gebracht haben. Quasi als Vorstufe zum Programm des 8a SGB VIII prüfen die schleswig-holsteinischen Jugendämter, ob gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung vorliegen, bieten geeignete und notwendige Hilfen an, schalten erforderlichenfalls das Familiengericht ein oder nehmen das Kind in Obhut, wenn die familiengerichtliche Entscheidung nicht abgewartet werden kann. Die rheinland-pfälzischen Jugendämter sollen in den betroffenen Familien prüfen, ob ein Hilfebedarf vorliegt, und die notwendigen sowie geeigneten Maßnahmen zur frühen Förderung und zum Schutz von Kindern zur Verfügung stellen. 4.3 Weitere Inhalte der gesetzlichen Regelungen im Bereich der Früherkennungsuntersuchungen Bayern und Hessen haben eine Teilnahmepflicht an den in den Kinder- Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses bei den Krankenversicherungen abrechenbaren Früherkennungsuntersuchungen gem. 26 i. V. m. 25 Abs. 4 Satz 2 SGB V normiert, deren Einhaltung die Personensorgeberechtigten sicherzustellen haben. In Hessen sind zusätzlich die Früherkennungsuntersuchungen auf behandelbare Stoffwechsel- und Hormonerkrankungen nach Anlage 2 der Kinder-Richtlinien verbindlich. Eltern von Kindern, die Kindertageseinrichtungen oder die Schule besuchen, haben die öffentlich empfohlenen Schutzimpfungen durch ärztliche Bescheinigung nachzuweisen oder schriftlich zu erklären, dass sie die Zustimmung zu bestimmten Impfungen nicht erteilen. In Bayern wird zudem die Teilnahmepflicht an einer Schuleingangsuntersuchung betont. Bei Nichtteilnahme wird dies dem Jugendamt mitgeteilt, das unter Heranziehung der Personensorge- oder Erziehungsberechtigten zu prüfen hat, ob gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung i. S. d. 8a SGB VIII vorliegen. 12 DIJuF-Rechtsgutachten JAmt 2008, S. 137; JAmt 2007, S
15 Brandenburg verankert in seinem Gesundheitsdienstegesetz, dass für Kinder vom Lebensmonat, die sich in Kindertagesbetreuung befinden, die Früherkennungsuntersuchung durch die Landkreise und kreisfreien Städte in der Kindertagesstätte durchgeführt wird. Die Landkreise und kreisfreien Städte führen auch die Schuleingangs- und Schulabgangsuntersuchung, die Erstuntersuchung nach 32 JArbSchG sowie zahnärztliche Untersuchungen in Kindertagesstätten und Schulen durch. Bei Kindern mit auffälligen Befunden wird ein Betreuungskontrolling etabliert. 4.4 Evaluierung der gesetzlichen Neuregelungen Eine Evaluation ist ausdrücklich vorgesehen in Bremen, wo nach zwei Jahren das Verfahren und dessen Wirksamkeit überprüft werden sollen. In Rheinland-Pfalz ist darüber hinaus nicht nur eine regelmäßige Berichtspflicht der Zentralen Stelle unter Beifügung statistischer Daten vorgeschrieben, sondern auch eine qualitative Auswertung anhand eines Berichts über die Umsetzung und die Auswirkungen sowie den Weiterentwicklungsbedarf der Maßnahmen zum Schutz von Kindeswohl und Kindergesundheit auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Evaluation sowie entsprechender Beiträge insbesondere des Landesamts für Soziales, Jugend und Versorgung und der Zentralen Stelle sowie der Gesundheitsämter und der Jugendämter ( 11 Abs. 1 Satz 1 LKindSchuG). Auch das Gesetz zur Weiterentwicklung und Verbesserung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen in Schleswig-Holstein statuiert eine Berichtspflicht in 14: Die Landesregierung legt dem Landtag in jeder Legislaturperiode einen Bericht zur Situation von Kindern und Jugendlichen bei Gefahren für ihr körperliches, geistiges oder seelisches Wohl vor. Der Bericht soll neben einer Situationsanalyse eine Darstellung der Umsetzung des Gesetzes in Schleswig-Holstein, sowie Vorschläge zur Verbesserung und Weiterentwicklung des Kinderschutzes in Schleswig-Holstein enthalten. Die Landesregierung beauftragt mit der Ausarbeitung des Berichts jeweils eine interdisziplinär zusammengesetzte Kommission, der neben Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe insbesondere Fachkräfte der Gesundheitshilfe und der Hilfe für behinderte Menschen, Vertreterinnen und Vertreter der Polizei, der Justiz, der Wohlfahrtsverbände und weiterer auf dem Gebiet des Kinderschutzes tätigen gesellschaftlichen Gruppen angehören. 12
16 5 Systemischer Ansatz: Qualitative Gesetzgebung zu Kinderschutz und Kindergesundheit Insbesondere Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt (Entwurf) haben weit über den Aspekt der Früherkennungsuntersuchung hinausgehende Gesetze zur Qualifizierung des Kinderschutzes vorgelegt. Rheinland-Pfalz Das rheinland-pfälzische Landesgesetz zum Schutz von Kindeswohl und Kindergesundheit definiert als konkrete Zielvorgaben die frühe Förderung des Kindeswohls durch möglichst niederschwellige, frühzeitige, umfassende und bedarfsgerechte Unterstützung der Eltern im Rahmen einer verstärkten Nutzung vorhandener Ressourcen bei freien Trägern und Kommunen (Jugendämter und Gesundheitsämter). Die Verbesserung des Schutzes von Kindern vor Vernachlässigung, Missbrauch oder Misshandlung soll mit gezielten Strategien von Wahrnehmung und Intervention durch den Aufbau und die Arbeit lokaler Netzwerke in der Federführung der Jugendämter ( 1 I, III LKindSchuG) erreicht werden. Das Gesetz knüpft ausdrücklich an den Schutzauftrag nach 8a SGB VIII an ( 1 II LKindSchuG). Kernelement ist hierbei die Kooperation. Das LKindSchuG enthält Programmsätze für eine qualifizierte Kinderschutzarbeit und Zusammenarbeit zwischen Gesundheitshilfe und Kinder- und Jugendhilfe und nimmt dabei alle Beteiligten durch die gesetzliche Verankerung der Kooperation in die Mitverantwortung. Die Träger der öffentlichen Jugendhilfe erhalten die Aufgabe, lokale Netzwerke zu errichten, zu planen und zu steuern mit Einrichtungen und Diensten der freien Jugendhilfe, Gesundheitsämtern, Sozialämtern, Polizei- und Ordnungsbehörden, Agenturen für Arbeit, Krankenhäusern, Sozialpädiatrischen Zentren, Beratungsstellen, Einrichtungen und Diensten zum Schutz gegen Gewalt in engen sozialen Beziehungen, Familienbildungsstätten, Familiengerichten, Angehörigen der Heilberufe und der Gesundheitsfachberufe. Das Land übernimmt Verantwortung durch Einrichtung einer überregionalen Servicestelle, die insbesondere die Bildung der lokalen Netzwerke und deren Arbeit beratend unterstützt und auf einen gleichmäßigen Ausbau der Einrichtungen und Angebote hinwirkt ( 4 I LKindSchuG). Außerdem fördert das Land den Aufbau und die Arbeit mit pauschal sieben Euro pro Jahr für jedes Kind unter sechs Jahren im jeweiligen Jugendamtsbezirk, den Trägern der Gesundheitsämter erstattet das Land für jedes Kind drei Euro pro Jahr ( 4 II LKindSchuG). Schleswig-Holstein Schleswig-Holstein definiert die Weiterentwicklung und Verbesserung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen als gesamtgesellschaftliche und hilfesystemübergreifende Aufgabe. Deswegen verpflichtet sich das Land 13
17 auch, zivilgesellschaftliches Engagement im Kinderschutz zu unterstützen. Das Jugendamt wird als zentrale Stelle für die Aufgabenwahrnehmung bei Kindeswohlgefährdung benannt ( 3 I KindSChG). Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte und auch Schulen teilen dem Jugendamt Anhaltspunkte für einen Verdacht oder Tatsachen im Zusammenhang mit einer möglichen Kindeswohlgefährdung mit. Das Jugendamt bestätigt den Eingang, teilt mit, ob es weiterhin tätig ist und stellt sicher, dass Informationen über mögliche Gefährdungen von Kindern und Jugendlichen unmittelbar und zuverlässig aufgenommen und bearbeitet werden. Das Jugendamt gewährleistet, dass junge Schwangere, Mütter und Väter sowie Familien in belasteten Lebenslagen, mit sozialer Benachteiligung oder individueller Beeinträchtigung frühzeitig auf Beratung, Unterstützung sowie Hilfen und Leistungen hingewiesen werden und dass frühe sowie rechtzeitige Hilfen leistungsträgerübergreifend angeboten werden ( 7 I KindSchG). Das Land fördert präventive Angebote zur Bildung, Beratung und Unterstützung von Familien sowie Fortbildungs- und Qualifizierungsangebote zu den Themen des Kinderschutzes für hauptamtliche und ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Außerdem wird der Erwerb der erforderlichen Kennt-nisse und Fähigkeiten für die Tätigkeit als Familienhebamme vom Land finanziell unterstützt ( 6 III KindSchG). Eine Landesförderung erhalten insbesondere Angebote zur Verhinderung von Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch und zur Unterstützung gewaltfreier sowie kindeswohlfördernder Erziehung ( 4 II KindSchG). Weiter hat das Land finanziell Mitverantwotung zu übernehmen für frühe und rechtzeitige Hilfen und Leistungen für Eltern und Kinder, die gemeinsam von Jugendhilfe, Gesundheitshilfe und Sozialhilfe erbracht werden ( 7 III KindSchG). Auch in Schleswig-Holstein sollen lokale Netzwerke für frühe und rechtzeitige soziale und gesundheitliche Hilfen und Leistungen für Schwangere, Kinder, Jugend, Mütter und Väter eingerichtet werden ( 8 KindSchG), die sich insbesondere befassen mit der Abstimmung zwischen den Beteiligten zur Erbringung früher und rechtzeitiger Hilfen und Leistungen, Sicherstellung eines engen Informationsaustausches, Realisierung der erforderlichen Hilfen und Leistungen, Sicherstellung einer zügigen Leistungserbringung, individuellen Fallerörterung mit Einverständnis der Betroffenen, anonymisierten Fallberatung, Fortbildung von Fachkräften und ehrenamtlich tätigen Personen, Öffentlichkeitsarbeit. Beteiligte an den lokalen Netzwerken sind das Jugendamt, die Stellen des öffentlichen Gesundheitsdienstes, das Sozialamt, Einrichtungen und Dienste, die Leistungen der Jugendhilfe, Gesundheitshilfe und Rehabilitation erbringen, Träger der freien Wohlfahrtspflege, Kinderschutzorganisationen und -zentren, niedergelassene GynäkologInnen, KinderärztInnen, ÄrztInnen, Entbindungs- und Kinderkliniken, Hebammen/Entbindungspfleger, Schwangerschaftsberatungsstellen, Frauenunterstützungseinrichtungen, Träger der Behindertenhilfe und Verbände für Menschen mit Behinderung und die Polizei ( 8 III KindSchG). Initiative und Steuerung wird von 14
18 den örtlichen Trägern der öffentlichen Jugendhilfe übernommen. Neben den lokalen Netzwerken sind Kooperationskreise in Kinder- und Jugendschutzangelegenheiten und bei Kindeswohlgefährdung einzurichten, an denen sich Jugend-, Gesundheitsämter, Schulen, Polizei- und Ordnungsbehörden, Staatsanwaltschaften und Gerichte, insbesondere Familiengerichte beteiligen sollen ( 12 KindSchG). Die Kooperationskreise dienen dem Aufbau von Rahmenbedingungen für eine effektive und schnelle Zusammenarbeit bei möglicher Kindeswohlgefährdung, insbesondere im Hinblick auf die Gewährleistung schneller Information und vernetzter Kooperation. Das schleswig-holsteinische Kinderschutzgesetz nimmt auch direkt Bezug auf den Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung nach dem SGB VIII. Es werden verbindliche und mögliche Regelungsinhalte für die Vereinbarungen nach 8a Abs. 2 SGB VIII normiert ( 9 II KindSchG). Die Pflichten zur Vorlage von Führungszeugnissen zwecks Sicherstellung der persönlichen Eignung von Fachkräften in Einrichtungen und Diensten bei Trägern der freien Kinder- und Jugendhilfe werden erweitert, insbesondere auf Kindertagespflegepersonen ( 10 KindSchG). Zudem enthält das Gesetz Konkretisierung bzw. sprachlich variierte Umschreibungen zur Inobhutnahme nach 42 SGB VIII ( 11 KindSChG). Sachsen-Anhalt Im Gesetz zur Verbesserung des Schutzes von Kindern und zur Förderung der frühkindlichen Bildung verpflichtet sich das Land, Eltern frühzeitig bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung für Pflege, Bildung und Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen, Risiken für das gesunde Aufwachsen von Kindern rechtzeitig zu begegnen und bei konkreten Gefährdungen des Kindeswohls konsequent durch wirksame Hilfen für den notwendigen Schutz zu sorgen ( 1). Als zentrales Organ des Kinderschutzes agiert im Hinblick auf den Schutzauftrag und das Vorhalten einer geeigneten Angebotsstruktur das Jugendamt ( 2 I, II). Das Jugendamt tut dies jedoch in Kooperation mit anderen dem Kindeswohl dienenden Einrichtungen ( 2 III). Gem. 8a III SGB VIII sollen entsprechende Vereinbarungen getroffen werden. Hierbei sind insbesondere Regelungen zur Abschätzung des Gefahrenrisikos unter Hinzuziehung geeigneter Fachkräfte zur Einbeziehung des Kindes/Jugendlichen zur Einbeziehung der Personensorgeberechtigten zum Hinwirken der Einrichtungen und Dienste auf die Inanspruchnahme von Hilfen, wenn diese für erforderlich gehalten werden, zur Mitwirkung am lokalen Netzwerk Kinder- und Jugendschutz aufzunehmen. In den Landkreisen und freien Städten werden lokale Netzwerke Kinderund Jugendschutz für frühe und rechtzeitige soziale und gesundheitliche Hilfen und Leistungen für Schwangere, Kinder, Jugendliche, Mütter und Väter eingerichtet ( 3). Sowohl in Aufgabenstellung und Zusammensetzung lehnen sich diese lokalen Netzwerke eng an die Strukturen in Rheinland- Pfalz an. 15
19 Ebenso wie Rheinland-Pfalz unterstützt Sachsen-Anhalt Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangebote für Familien. Die Angebote sollen präventiv wirken und in besonderen Belastungssituationen Hilfestellung bieten ( 4 I). Eine Landesförderung erhalten insbesondere Angebote zur Verhinderung von Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch und zur Unterstützung gewaltfreier sowie kindeswohlfördernder Erziehung ( 4 II). Außerdem wird der Erwerb der erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten für die Tätigkeit als Familienhebamme vom Land finanziell unterstützt ( 4 III). Zwei Jahre nach In-Kraft-Treten des Kinderschutzgesetzes in Sachsen- Anhalt erfolgt eine Evaluation des Verfahrens zum Einladungs- und Meldewesen im Bereich der Früherkennungsuntersuchungen. 6 Meldesysteme: Datenweitergabe an die Jugendämter Bayern und Mecklenburg-Vorpommern haben sowohl für den öffentlichen Gesundheitsdienst als auch für ÄrztInnen und Hebammen/Entbindungspfleger Meldepflichten eingeführt. Werden gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung (Gesundheitsdienst) bzw. für eine Misshandlung, Vernachlässigung oder einen sexuellen Missbrauch (ÄrztInnen, Hebammen/Entbindungspfleger) bekannt, ist das zuständige Jugendamt unverzüglich einzuschalten bzw. ist diesem die Wahrnehmung unter Übermittlung der erforderlichen personenbezogenen Daten unverzüglich mitzuteilen. Eine Prüfung, ob die Gefährdung mit den eigenen Mitteln behoben oder vorher für die Inanspruchnahme weitergehender Hilfen geworben werden kann, ist nicht zulässig. Deshalb scheidet u. a. der Einsatz von Instrumenten des Risikoscreenings von vornherein aus. 13 Die Ländergesetze in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen- Anhalt beinhalten eine abgestufte Meldepflicht bei Vorliegen gewichtiger Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung: Reichen die eigenen fachlichen Mittel nicht aus, um die Gefährdung abzuwenden, soll auf die Personensorgeberechtigten hingewirkt werden, die erforderlichen weitergehenden Hilfen in Anspruch zu nehmen. Ist ein Tätigwerden jedoch dringend erforderlich und sind die Personensorgeberechtigten nicht willens oder fähig, die Kindeswohlgefährdung abzuwenden, sind die Erstkontaktstellen befugt (Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg) / verpflichtet (Sachsen-Anhalt), die Daten an das Jugendamt zu übermitteln. Die Betroffenen sind vorab von der (Möglichkeit der) Datenweitergabe zu informieren, es sei denn, dies würde den wirksamen Schutz des Kindes in Frage stellen. 13 Meysen, T./ Ohlemann, L.: Kooperation für einen guten Start ins Kinderleben der rechtliche Rahmen, Expertise, DIJuF
20 Schleswig-Holstein trifft eine klarstellende Regelung zur Datenweitergabe für Schulen, Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte, die auf die geltenden Rechtsnormen verweist. Hessen eröffnet im Rahmen seines Kindergesundheitsschutzgesetzes eine Befugnis zur Datenweitergabe bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung, Entsprechendes regeln auch die beiden für Thüringen vorliegenden Gesetzesentwürfe (SPD Fraktion, Landesregierung). Das Saarland hat eine weitere Übermittlungspflicht an das Jugendamt in seine Meldedaten-Übermittlungsverordnung (MeldDÜV) aufgenommen. Zur Durchführung von Präventionsmaßnahmen zum Schutz vor Vernachlässigung Minderjähriger werden den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe alle im Zuständigkeitsbereich geborenen und zugezogenen Familien mit Kindern gemeldet. Weitergehende Aussagen darüber, welche Aufgaben sich für das Jugendamt hieraus ergeben, wurden durch den Landesgesetzgeber nicht getroffen, was für die Jugendämter eine gewisse Handlungsunsicherheit bedeutet. In doppelter Hinsicht verfassungswidrig sind die Meldepflichten in den Gesetzen über die Förderung von Kindern in Kindertageseinrichtungen aus Berlin und Sachsen. Danach ist die Leitung einer Kindertageseinrichtung/Kindertagespflege verpflichtet, das Jugendamt umgehend in Kenntnis zu setzen, wenn an einem Kind Anzeichen von Misshandlung oder grober Vernachlässigung festgestellt werden ( 9 IV Berliner KitaFöG, 7 III Sächsisches KitaG). Träger der freien Jugendhilfe dürfen nicht unmittelbar durch den Gesetzgeber in die Pflicht genommen werden. 14 Zudem sind die Landesgesetzgeber nicht befugt, die bundesgesetzliche Schwelle für eine Mitteilungspflicht an das Jugendamt zu verschieben. Bundesrecht bricht insoweit Landesrecht (Art. 31 GG). Zulässig und sinnvoll wäre allenfalls wie in Brandenburg über 11 III S. 2 KitaG ein Verweis auf 8a SGB VIII. 7 Fazit Angesichts tödlich verlaufener Fälle früher Vernachlässigung stellt sich nahezu zwangsläufig die Frage, inwieweit ein noch rechtzeitiges Erkennen und Eingreifen möglich gewesen wäre. Insbesondere die Chancen der kostenlosen kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen nach 26 SGB V werden hierbei öffentlich diskutiert. Dies ist nachvollziehbar, da diese Vorsorgeuntersuchungen bereits jetzt eine tragende Säule der staatlichen Gesundheitsvorsorge für Kinder darstellen. Der Gedanke liegt daher nahe, dieses Instrument gerade während der ersten Lebensjahre, in denen andere Institutionen in Deutschland keinen flächendeckenden Zugang zu Kindern haben, auch zum Erkennen von Misshandlung bzw. Vernachlässigung zu nutzen. 14 BVerfGE 22, 180,
Gefördert vom Landesgesetzliche Regelungen im Bereich des Kinderschutzes bzw. der Gesundheitsvorsorge Dr. Susanne Nothhafft Informationszentrum Kindesmisshandlung / Kindesvernachlässigung Dr. Susanne Nothhafft

References: Art. 30
 Art. 74
 Art. 125
 Art. 74
 Art. 74
 Art. 2
 Art. 2