Source: http://exploredoc.com/doc/9807909/wortprotokoll---portal-sozialpolitik
Timestamp: 2020-04-07 10:58:17+00:00

Document:
Wortprotokoll - Portal Sozialpolitik
Protokoll-Nr. 18/77
Berlin, den 30. Mai 2016, 14:00 Uhr
Paul-Löbe-Haus, 4.900
Vorsitz: Kerstin Griese, MdB
Entwurf eines Neunten Gesetzes zur Änderung des
Zweiten Buches Sozialgesetzbuch Rechtsvereinfachung
BT-Drucksache 18/8041
b) Antrag der Abgeordneten Katja Kipping, Sabine
Zimmermann (Zwickau), Matthias W. Birkwald,
Die Gewährleistung des Existenz- und
Teilhabeminimums verbessern - Keine
Rechtsvereinfachung auf Kosten der Betroffenen
Haushaltsausschuss (mb und § 96 GO)
Gutachtlich:
BT-Drucksache 18/8076
c) Antrag der Abgeordneten Dr. Wolfgang
Strengmann-Kuhn, Kerstin Andreae, Markus Kurth,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS
Grundsicherung gerechter und einfacher gestalten
- Jobcenter entlasten
BT-Drucksache 18/8077
Protokoll der 77. Sitzung
Abgeordnete mitberatender Ausschüsse
Ausschuss für Familie, Senioren,
Holm, RRin Viktoria (BMAS)
Kazda, OAR Björn (BMAS)
Kramme, PStSin Anette (BMAS)
Langer, MDgt Dr. Rose (BMAS)
Vogt, MR Martin (BMAS)
Arndt, Dr. Joachim (SPD)
Aust, Andreas (DIE LINKE.)
Hinkel, Heidemarie (DIE LINKE.)
Keuter, Christof (CDU/CSU)
Landmann, Jan (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Mädje, Dr. Eva (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Rasmussen-Bonne, Dr. Ulrike (CDU/CSU)
Schurath, Gisela (CDU/CSU)
Hofmann, ROARin Gabi (ST)
Kronenberger, Ref. Peter (SN)
Moritz, RDin Katja (BE)
Otte, Roland (BW)
Droste-Franke, Anna (AWO Bundesverband e. V.)
Fix, Dr. Birgit (Deutscher Caritasverband e. V.)
Hesse, Werner (Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege
Hilgendag, Uwe
Mempel, Dr. Markus (Deutscher Landkreistag und Deutscher Städtetag)
Otto, Provinzialvikar P. Franz-Ulrich (Provinzial der Deutschen Provinz
der Salesianer Don Boscos)
Robra, Dr. Anna (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände)
Sauer, Franz-Josef (Bundesagentur für Arbeit)
Sell, Prof. Dr. Stefan
Strobel, Eva (Bundesagentur für Arbeit)
Entwurf eines Neunten Gesetzes zur Änderung
des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch Rechtsvereinfachung
Strengmann-Kuhn, Kerstin Andreae, Markus
Kurth, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
Grundsicherung gerechter und einfacher
gestalten - Jobcenter entlasten
Vorsitzende Griese: Meine Damen und Herren, liebe
Kolleginnen und Kollegen, ich begrüße Sie herzlich zu
der heutigen öffentlichen Anhörung im Ausschuss für
Arbeit und Soziales. Gegenstand dieser Anhörung sind
folgende Vorlagen: einmal der Gesetzentwurf der Bundesregierung Entwurf eines Neunten Gesetzes zur Änderung des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch ‒ Rechtsvereinfachung auf Drucksache 18/8041, unter b) der Antrag
der Fraktion DIE LINKE. Die Gewährleistung des Existenz- und Teilhabeminimums verbessern – Keine
Rechtsvereinfachung auf Kosten der Betroffenen auf
Drucksache 18/8076 und unter c) der Antrag der Abgeordneten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Grundsicherung einfacher und gerechter gestalten – Jobcenter entlasten BT-Drs. 18/8077.
Die von den Verbänden, Institutionen und Einzelsachverständigen, die hier alle vor uns sitzen, abgegebenen
Stellungnahmen liegen Ihnen auf Ausschuss-Drucksache 18(11)649 vor. Wir wollen von Ihnen, liebe Sachverständige, von den anwesenden Vertretern und Vertreterinnen der Verbände und Institutionen hören, wie Sie
diese Vorlagen beurteilen. Und ich freue mich, dass ich
dazu - wie immer - auch die Bundesregierung in Person
der Parlamentarischen Staatssekretärin Frau Kramme
Zum Ablauf der heutigen Anhörung darf ich Ihnen einige Erläuterung geben. Viele von Ihnen waren schon
häufiger hier Sachverständige und kennen das schon,
aber Sie verstehen, dass ich es jedes Mal wieder für alle
sagen muss und möchte. Wir haben eine uns zur Verfügung stehende Beratungszeit von 60 Minuten, die nach
dem üblichen Schlüssel entsprechend ihrer jeweiligen
Stärke auf die Fraktionen aufgeteilt wird. Dabei wechseln die Fragesteller nach jeder Frage, also möglichst
eine Frage, eine Antwort. Möglichst präzise Fragen, die
konkrete Antworten zulassen bitte. Möglichst auch am
Anfang gleich benennen, wen Sie fragen. Wegen der
Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit sind Eingangsstatements der Sachverständigen nicht vorgesehen.
Dazu dienen die schriftlichen Vorlagen, die Sie uns alle
eingereicht haben. Schließlich noch der Hinweis, dass
wir inzwischen hier im Ausschuss die gute Praxis haben, dass wir am Ende der Befragungsrunde noch einmal eine so genannte „freie Runde“ von fünf Minuten
haben, wenn es noch Nachfragen aus den Fraktionen
Ich begrüße nun die Sachverständigen und rufe sie dafür einzeln auf: vom Deutschen Gewerkschaftsbund
Herrn Johannes Jakob, von der Bundesvereinigung der
Deutschen Arbeitgeberverbände Frau Dr. Anna Robra,
als Vertreter des Deutschen Landkreistages und des
Deutschen Städtetages Herrn Dr. Markus Mempel, von
der Bundesagentur für Arbeit Frau Eva Strobel und
Herrn Franz-Josef Sauer, vom AWO Bundesverband
e. V. Frau Anna Droste-Franke, vom Deutschen Caritasverband e. V. Frau Dr. Birgit Fix, von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e. V. Herrn
Werner Hesse, vom Provinzial der Deutschen Provinz
der Salesianer Don Boscos Herrn Provinzialvikar Pater
Franz-Ulrich Otto. Als Einzelsachverständige heiße ich
herzlich willkommen Herrn Uwe Hilgendag, Herrn
Frank Jäger sowie Herrn Professor Dr. Stefan Sell. Herzlichen Dank.
Jetzt haben wir einen Geschäftsordnungsantrag, den haben wir sonst in Anhörungen nicht, aber Herr Kurth
stellt einen Geschäftsordnungsantrag. Den darf er nicht
hier stellen. Ich werde zu Recht belehrt, weil wir das
bisher in einer öffentlichen Anhörung noch nicht hatten, dass das im nichtöffentlichen Teil stattfinden muss,
so dass wir zwei Alternativen haben: Entweder Sie gehen alle oder die Ausschussmitglieder gehen. Also es
gibt zwei Varianten. Da Sie, die Öffentlichkeit und die
Sachverständigen, etwas mehr sind als die Ausschussmitglieder, müssen wir Sie als Ausschussmitglieder
jetzt leider verlassen und uns zur Beratung eines Geschäftsordnungsantrages in Raum E 800 zurückziehen.
Die Sitzung ist für so kurze Zeit wie möglich unterbrochen.
von 14.05 bis 14.33 Uhr
Sachverständige, ich hoffe Sie hatten einen guten Kaffee. Liebe Öffentlichkeit, es tut mir leid, dass wir eine
halbe Stunde Beratungszeit brauchten. Wir haben herausgefunden, dass es 1994 zum letzten Mal passiert ist,
dass sich dieser Ausschuss zu Beginn einer öffentlichen
Anhörung kurz zur internen Beratung zurückziehen
musste. Aber wir haben alles geklärt. Deshalb können
wir jetzt mit dem fortfahren, was ich Ihnen schon zum
Ablauf der Anhörung vorgetragen habe. Ich war gerade
bei dem Punkt, dass ich Sie, liebe Sachverständige, alle
willkommen geheißen habe. Ich danke Ihnen noch einmal sehr für Ihre Geduld. Jetzt beginnen wir mit der Befragung der Sachverständigen. Sie haben alle den Zeitplan, wie das bei uns abläuft, vor sich liegen. Da oben
läuft die Uhr gleich rückwärts und ich bitte zuerst die
CDU/CSU-Fraktion, ihre Fragen zu stellen. Da beginnt
der Kollege Schiewerling, bitte sehr.
Abgeordneter Schiewerling (CDU/CSU): Ich fange allgemein an und frage den Deutschen Landkreistag und die
BDA, wie sie den Gesetzentwurf unter dem Gesichtspunkt der Entbürokratisierung einschätzen. Das war ja
der Ausgangspunkt dieses Gesetzes, dieses Neunten
SGB-II-Änderungsgesetzes, auf Wunsch der Länder und
des Bundes zu Vereinfachungen in der Bürokratie zu
kommen. Da sind eine Menge Punkte aufgelistet worden, diejenigen, die jetzt im Gesetz stehen, sind die, auf
die man sich dabei verständigt hat. Ist das eine Hilfe oder ist das keine?
Sachverständiger Dr. Mempel (Deutscher Landkreistag/Deutscher Städtetag): Meine Damen und Herren, die
Jobcenter brauchen dringend Rechtsvereinfachung. Die
Jobcenter brauchen dringend mehr Ressourcen, um sich
ihrer eigentlichen Arbeit widmen zu können, nämlich
dem Vermitteln, Integrieren langzeitarbeitsloser Menschen. Vor dem Hintergrund unterstützen wir den Gesetzentwurf nach Kräften. Wir waren auch Beteiligte in
der AG Rechtsvereinfachung vor zwei Jahren und begrüßen sehr, dass einige derer Vorschläge hier Umsetzung
erfahren. Ich will nur nennen, die Verlängerung des regelhaften Bewilligungszeitraumes, Neuregelung bei der
Darlehnsgewährung bei verbrauchten einmaligen Einnahmen, die Behandlung von Genossenschaftsanteilen,
die Verkürzung der Rücknahmefristen, Ausschluss von
Pfändbarkeit von Existenzsicherungsleistungen. Das
sind alles Regelungen, die in die richtige Richtung weisen, die zu einer Vereinfachung beitragen. Dennoch
sind wir nicht vollkommen glücklich mit dem Entwurf,
denn auf der anderen Seite bürdet er den Jobcentern
auch Mehrarbeit auf. Ich möchte nur zwei exemplarische Dinge nennen, die neu sind in § 14 Abs. 2 zu Beratungspflichten der Jobcenter. Das ist eine sehr engagierte Regelung, die unserer Auffassung nach dazu führen wird, dass hier mit einem Ansteigen von Widersprüchen und Anfechtungsklagen zu rechnen ist.
Zudem - und das möchte ich in der Sache gar nicht in
Abrede stellen - sehen sich die Jobcenter mit Mehrleistungen im Bereich der Ausbildungsaufstocker konfrontiert. Das hat in der Sache natürlich seine vollkommene
Berechtigung. Das begrüßen wir auch. Allerdings ist damit auch wiederum keine Vereinfachung der Arbeit und
der Erwirtschaftung einer Effizienzrendite in dem Sinne
verbunden, dass nun Mitarbeiter freigestellt werden
könnten für andere Aufgaben. Auch erachten wir die
temporäre Bedarfsgemeinschaft für noch einen Punkt,
an dem auch mit unserem Vorschlag, dem Vorschlag
des Deutschen Landkreistages, vielleicht noch konsequenter zu einer Rechtsvereinfachung gelangt werden
könnte. Darüber hinaus hat auch die AG Rechtsvereinfachung vor zwei Jahren etliche Punkte noch mit in das
Pflichtenheft geschrieben, die jetzt in diesem Regelwerk
keine Umsetzung erfahren, z. B. wenn es darum geht,
bei Erstattungsforderungen eine Bagatellgrenze einzuführen. Das würde vor Ort auch noch einmal zur Vereinfachung beitragen.
Zudem bedauern wir nach wie vor - und das möchte ich
jetzt als letzten Punkt noch anmerken -, dass die Sanktionsregelungen bzw. Sanktionsvereinfachungen, eine
Angleichung von u 25 und ü 25, es nicht in dieses Gesetzgebungsvorhaben geschafft haben. Das sind alles
Themen, die nach wie vor auf dem Tableau stehen. Insofern bleibt die Rechtsvereinfachung ein Dauerprojekt,
und so sehen wir das.
Sachverständige Dr. Robra (Bundesvereinigung der
Deutschen Arbeitgeberverbände): Die BDA hält ebenfalls eine Entbürokratisierung und eine Entlastung der
Jobcenter für dringend geboten. Insoweit haben wir
auch den Gesetzentwurf grundsätzlich begrüßt. Auch
wir sind der Auffassung, dass die Vorschläge aus der
Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die jetzt umgesetzt werden, positiv sind. Auch hier nennen wir zum Beispiel
die Verlängerung des Bewilligungszeitraums, wobei
man dort abwarten muss, inwieweit es da tatsächlich zu
einer Entbürokratisierung führen wird, weil einige Jobcenter das schon getan haben. Aber wir erhoffen uns
durch eine gesetzliche Klarstellung, dass einfach mehr
Jobcenter den längeren Bewilligungszeitraum wählen
werden. Wir haben ausdrücklich begrüßt, dass endlich
eine rechtliche Grundlage geschaffen wird, damit Jobcenter übergreifend Verwaltungsverbünde bilden und
sachbearbeitende Tätigkeiten gebündelt werden können.
Aus unserer Sicht fehlt es allerdings noch an einer wirklichen Verbesserung des Zielsteuerungssystems im SGB
II nach dem Vorbild des SGB III. Zudem haben wir uns
zumindest für eine schrittweise Abschaffung des Problemdruckindikators ausgesprochen. Auch wir sind für
eine stärkere allgemeine Pauschalierung. Ebenfalls haben wir - wie auch einige andere Sachverständige hier
in ihren schriftlichen Stellungnahmen zum Ausdruck
gebracht haben - eine Einführung einer Bagatellgrenze
befürwortet, um aufwendige Aufhebungs- und Erstattungsbescheide auch bei Kleinstbeträgen zu vermeiden.
Abgeordneter Whittaker (CDU/CSU): Ich habe eine
Frage sowohl an die Bundesagentur für Arbeit als auch
entweder an den Deutschen Städtetag oder Deutschen
Landkreistag. Da dürfen Sie sich nun entscheiden, wer
Sie beantworten soll. Ich möchte eine Frage stellen zu
dem Thema „Arbeitsgelegenheiten nach § 16 d“. Es
wird immer wieder diskutiert, dass dort die Förderdauer verlängert werden soll und dass der Personenkreis eventuell erweitert werden soll, der in den Genuss
kommt. Da wird u.a. diskutiert, ob man sagt, dass, wer
innerhalb eines Jahreszeitraums von zehn Jahren neun
Jahre lang im Leistungsbezug war, soll dort hineinkommen, für eine quasi jährliche Arbeitsgelegenheit, die
dann jedes Jahr neu entschieden wird. Da wollte ich
zum einen fragen: Wie viele Personen betrifft das tatsächlich? Können Sie dort eine statistische Auswertung
machen? Ist dieser Personenkreis mit dieser Auswahlkategorisierung richtig getroffen? Oder würden Sie sich
dort eine andere Auswahl wünschen würden?
Sachverständige Strobel (Bundesagentur für Arbeit): Sie
fragen nach einer Einschätzung dieser eng umgrenzten
Personengruppe, die den stärkeren Zugang zu Arbeitsgelegenheiten hat. Wir sehen ja faktisch, dass wir statistisch über 1,1 Mio. erwerbslose Leistungsberechtigte haben, die in den letzten zehn Jahren neun Jahre im Leistungsbezug standen. Hier sehen wir tatsächlich einen
Bedarf. Durch diese sehr eng gefasste Definition der
Zielgruppe ist es möglich, Menschen soziale Teilhabe
am Markt zu ermöglichen, die faktisch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen konnten. Diese
1,1 Mio. erwerbslose Leistungsberechtigte, die in den
letzten zehn Jahren neun Jahre Leistungen bezogen haben, sind jetzt nicht Eins zu Eins die Zielgruppe, die
auch tatsächlich über Arbeitsgelegenheiten weiter gefördert werden müssen und können. Da gibt es die Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die sagen, das ist etwa eine Personengruppe
zwischen 200.000 und 400.000 Menschen. Ob jetzt die
Zielgruppe richtig angemessen ausgesucht worden ist,
da braucht es auch nochmal Erfahrung dann, wenn hier
der Einsatz da ist.
Sachverständiger Dr. Mempel (Deutscher Landkreistag/Deutscher Städtetag): Ich kann das an dieser Stelle
nur bekräftigen. Wir wünschen uns an der Stelle eine
Flexibilisierung. Wir wünschen uns allerdings auch,
noch über den Vorschlag hinausgehend, eine konsequentere Flexibilisierung. Sie können sich sicherlich
vorstellen, in welche Richtung die geht. Es geht an die
drei Kriterien: an zusätzlich, im öffentlichen Interesse
und wettbewerbsneutral. Das fordern wir seit Langem
und können uns vorstellen, dass man dieses Nadelöhr
eher vom Gesetzestext weg auf die kommunale Ebene
verlagert und eben dem örtlichen Beirat vor Ort es überlässt, gewisse Spartentätigkeiten etc. Zielberufe als wettbewerbsneutral zu klassifizieren, um auf diese Weise
eine regionale Sicht auf die Arbeitsgelegenheiten zu bekommen. Wenn ich mir die Neun- aus Zehn-Regelung
hier anschaue, dann ist das vom Personenkreis natürlich, damit sind schon etliche sehr arbeitsmarktferne
Personen umfasst. Allerdings stellt sich gerade beim Zuständigkeitswechsel, also beim umziehenden Leistungsberechtigten, der von einer Optionskommune in das Gebiet einer gemeinsamen Einrichtung zieht, mitunter die
Frage, wie die Historie da aufgezeichnet wird. Also wie
bekomme ich heraus, dass jemand neun Jahre von zehn
in der Leistungsberechtigung war? Das ist für die Optionskommune nicht einfach, weil die andere Computersysteme hat als die Bundesagentur für Arbeit. Wenn
man hier sich innerhalb des Systems der Bundesagentur
für Arbeit bewegt, dann ist das einfach. Aber das soll
exemplarisch nur noch mal vor Augen führen, dass wir
uns da auch für eine höhere Durchlässigkeit der unterschiedlichen Computersysteme wechselseitig einsetzen.
Abgeordneter Stracke (CDU/CSU): Meine Frage richtet
sich an die Bundesagentur für Arbeit und ergänzend an
Frau Dr. Robra und Herrn Dr. Mempel. Nach der gegenwärtigen Rechtslage ist jede Arbeitsaufnahme zumutbar.
In Zukunft soll die Eingliederungsvereinbarung konkretisiert werden, insbesondere was die Tätigkeiten und
die Tätigkeitsbereiche angeht. Ich würde gerne von
Ihnen wissen, ob Sie durch diese neue Regelung befürchten, dass hier Flexibilitäten verloren gehen könnten, beziehungsweise durch diese Neufassung der Zumutbarkeitsregelung dann das Prinzip des Forderns unter Umständen unterlaufen werden könnte.
Sachverständige Strobel (Bundesagentur für Arbeit): Ich
würde gerne von der Neuregelung den Aspekt herausgreifen, den wir als positiv sehen, dass tatsächlich Eingliederungsvereinbarungen jetzt unbefristet geschlossen
und nur bei Bedarf angepasst und erneuert werden können.
Zum weitergehenden Aspekt, dass hier auch Hinweise
kommen, was in eine Eingliederungsvereinbarung mit
eingefügt werden kann: Tatsächlich alles, was dazu
dient, eine Integration zu befördern, hilft in einer Eingliederungsvereinbarung. Ich sehe aus unserer Sicht
keine Einschränkung der Flexibilität.
Deutschen Arbeitgeberverbände): Auf eine mögliche
Problematik hatte hier der Bundesrat in seiner Stellungnahme hingewiesen. Möglicherweise könnte man mit
dem Hinweis auf die Eingliederungsvereinbarung und
die dort festgelegten Tätigkeitsfelder eine zumutbare Tätigkeit ablehnen. Das sollte aus unserer Sicht noch einmal geprüft werden und ggf. aus der Sollregelung besser
eine Kannbestimmung werden.
Sachverständiger Dr. Mempel (Deutscher Landkreistag/Deutscher Städtetag): Ich möchte nur kurz ergänzen,
dass wir im Grunde die frühe Fixierung auf ganz konkrete Zielberufe eher kritisch sehen, weil wir meinen,
dass es den Potenzialentwicklungs-, Potenzialfindungsoder Eingliederungsprozess, wie man das auch immer
nennt, eher behindern kann, weil er zu einer frühzeitigen Einengung des Blickfeldes führt.
Abgeordnete Voßbeck-Kayser (CDU/CSU): Ich habe
eine Frage an die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Es geht um das Thema Sanktionen.
In den Anträgen der LINKEN geht es um die Abschaffung aller Sanktionen. In dem Antrag der GRÜNEN geht
es um die Aussetzung von Sanktionen bzw. um eine
Neuregelung. Wie bewerten Sie diese Forderung?
Deutschen Arbeitgeberverbände): Aus unserer Sicht widersprechen die Forderungen nach einer Abschaffung
der Sanktionen dem Prinzip des Förderns und Forderns,
das zu Recht auch eine Eigenbeteiligung des Einzelnen
bei der Arbeitsmarktintegration erforderlich macht. Gerade jungen Menschen muss aus unserer Sicht deutlich
gemacht werden und sie müssen die Erfahrung machen,
dass ihr Lebensunterhalt dauerhaft nicht durch die Solidargemeinschaft finanziert wird, ohne dass eine Gegenleistung gefordert wird.
Aus unserer Sicht ist es auch nicht so, dass die bestehenden Regelungen die hilfebedürftigen Menschen
überfordern. Es ist auch im eigenen Interesse der Menschen. Ich wollte hier noch einmal den präventiven
Charakter des Sanktionsrechts hervorheben, womit
deutlich gemacht wird, dass man sich frühzeitig um
eine Beschäftigung und Ausbildung kümmern muss.
Aus unserer Sicht sind auch die Sanktionsregelungen
speziell für Jugendliche verhältnismäßig. Denn, wenn
die Jugendlichen doch ihrer Pflicht nachkommen, dann
kann der Träger unter Berücksichtigung aller Umstände
des Einzelfalles die Kosten für die Unterkunft und Heizung gewähren.
Zusätzlich wollte ich deutlich machen, dass ein Großteil der Jugendlichen sich auch an das hält, was von
ihnen gefordert wird und aktiv mitarbeitet. Nur 4,2 %
aller erwerbsfähigen hilfebedürftigen U-25-Jährigen ist
überhaupt eine Sanktion ausgesprochen worden. Stichtag ist der Januar 2016.
Vorsitzende Griese: Wir gehen über zur Fragerunde der
SPD-Fraktion und da beginnt der Kollege Markus
Abgeordneter Paschke (SPD): Meine erste Frage richtet
sich an Herrn Hilgendag. Wie würden Sie den Verzicht
auf Rückforderungen bei überbezahlten Leistungen mit
Hilfe einer Bagatellgrenze beurteilen? Ist das eine sinnvolle Regelung? Wenn ja, welche Höhe würden Sie vorschlagen?
Sachverständiger Hilgendag: Ich bin sehr der Auffassung, dass eine Bagatellgrenze für Rückforderungsbeträge eingeführt werden sollte, weil es zum einen den
Arbeitsumfang der Jobcenter erheblich erleichtert. Zum
anderen wissen wir auch, dass ein Großteil der Menschen verschuldet ist, so dass man in diese Richtung
durchaus einen Betrag festlegen könnte. Denkbar wäre
zum Beispiel ein Betrag von 50,00 Euro, analog, es gibt
im § 115 SGB X eine Regelung, nach der Träger untereinander sich bis 50,00 Euro nicht zu erstatten haben.
Grund ist der erhebliche Arbeitsanfall, der dadurch
Ich persönlich wüsste allerdings keine Ableitung, wo
ich schon einen höheren Betrag für erforderlich halte
und würde ihn auch nicht pauschal festmachen, sondern würde versuchen, eine individuelle Lösung über
den § 44 SGB II zu finden, in dem steht, dass man die
Forderung verändern kann. Ich hoffe, ich habe die Frage
hinreichend beantwortet.
Abgeordneter Kapschack (SPD): Ich habe auch eine
Frage an Herrn Hilgendag. Macht es Sinn, dass Jugendliche stärker sanktioniert werden als ältere Arbeitssuchende?
Sachverständiger Hilgendag: Für mich macht das überhaupt keinen Sinn. Wer sich vielleicht erinnern möge,
der ein oder andere war auch einmal jung und man hat
eben im Leben Fehlentwicklungen. Da kann es durchaus sein, dass der eine oder andere nicht zu einer Zeit
bereit ist, die Dinge so zu erkennen, wie sie notwendig
sind. Ich halte die gänzliche Abschaffung von Sanktionen nicht für sinnhaft, die Sondersanktionen für unter
25-Jährige halte ich allerdings für vollkommen verfehlt.
Abgeordnete Hiller-Ohm (SPD): Ich habe eine Frage an
Herrn Dr. Mempel. Und zwar handelt es sich um die Gesamtangemessenheitsgrenze. Wie beurteilen Sie diese
neue Möglichkeit? Werden die kommunalen Träger davon Gebrauch machen? Wenn ich auf die Heizkosten
schaue, halten Sie die Einbeziehung der Höchstwerte
des bundesweiten Heizkostenspiegels für die Heizkosten, die zu einer insgesamt höheren Angemessenheitsgrenze führen und nach dem neuen Wortlaut zulässig
ist, für einen gangbaren Weg. Man könnte da ja auch mit
einbeziehen insgesamt die Unterkunftskosten.
Sachverständiger Dr. Mempel (Deutscher Landkreistag/Deutscher Städtetag): Die Gesamtangemessenheitsgrenze wird in den Jobcentern, mit denen wir uns über
diese Frage ausgetauscht haben, eher kritisch gesehen.
Sie haben das im Grunde in Ihrer Frage auch selbst angelegt. Man kommt über eine so geartete Pauschalierung
nicht umhin, gerade bei der kritischen Frage, wie hoch
setze ich Heizkosten an, zu pauschalieren und dann
eben so hoch anzusetzen, dass es teurer ist, als wenn ich
nicht mit einer Gesamtangemessenheitsgrenze operiere.
Das scheuen viele Landkreise, viele Jobcenter. So dass
ich den Eindruck gewonnen habe, dass von der Möglichkeit, die jetzt gesetzlich etabliert werden soll, eher
zurückhaltend Gebrauch gemacht werden soll. Das heißt
aber nicht, dass wir uns jetzt dagegen aussprechen würden. Wir meinen, dass diese Kann-Regelung in § 22
Abs. 10, wenn ich mich richtig erinnere, hineinkommen
soll, dass die eben genutzt wird oder nicht genutzt wird
und dass es ein zusätzliches Instrumentarium ist, was
möglicherweise der ein oder andere doch einsetzt. Aber
in der Regel, denke ich, ist nicht davon auszugehen.
Abgeordnete Mast (SPD): Meine Frage richtet sich an
die Bundesagentur für Arbeit und an Herrn Hilgendag.
Mir geht es um temporäre Bedarfsgemeinschaften. Die
eine Frage ist, wie werden denn heute die jeweiligen
Aufenthalte des Kindes festgestellt? Ist das einfach mit
einem Formular möglich? Zweitens, wie werden denn
heute Sonderbedarfe für Alleinerziehende definiert und
gibt es jenseits von Sonderbedarfen noch andere Unterschiede bei der Behandlung von Alleinerziehenden im
Verhältnis zu anderen Bedarfsgemeinschaften beispielsweise beim Regelsatz? Und drittens, gibt es eine muntere Diskussion darüber, wie festgestellt wird und wie
es sinnvoll verwaltungstechnisch umzusetzen ist, dass
Kinder ggf. in zwei Bedarfsgemeinschaften präsent sind.
Da würde mich jenseits der aktuellen Praxis interessieren, ob für Sie auch eine Praxis denkbar wäre, Kinder
zwei Bedarfsgemeinschaften zuzuweisen?
Sachverständige Strobel (Bundesagentur für Arbeit):
Die Kinder von getrennt lebenden Elternteilen, deren
Bedarfe werden sehr komplex berechnet. Es werden
aber alle Kosten für die Sicherung des Lebensunterhaltes berücksichtigt. Es gibt in den gegenwärtigen Anträgen und Vordrucken keine Frage nach der temporären
Bedarfsgemeinschaft. Sie wird durch die Elternteile
selbst eingebracht, wenn z. B. dann auch Kinder überwiegend in der einen Bedarfsgemeinschaft leben und
sich durch das Umgangsrecht besuchsweise in der anderen befinden und dort ebenfalls Bedürftigkeit oder Bedarfe bei diesem Elternteil hier mit eintreten. Das ist
also eine Fallgestaltung. Dort werden dann die 30 Tage
Grundbedarf für das Kind auf die beiden Bedarfsgemeinschaften aufgeteilt, gesplittet. Das entspricht der
Rechtsprechung des Bundessozialgerichtes und ist jetzt
eben auch durch die vorgesehene Regelung gesetzlich
klargestellt. Es gibt die Fallgestaltung, dass nur bei einem Elternteil Bedürftigkeit da ist und beim anderen
nicht. Dann werden, wenn es bekannt und wenn es angegeben wird, dass das Kind abwesend ist, diese Tage
abgezogen. Es gibt eine dritte Variante: Dadurch, dass
sich das Kind dann bei dem umgangsberechtigten Elternteil befindet, dann für diese Zeit Bedürftigkeit auch
bei diesem Elternteil mit entsteht. Es ist jedes Mal der
Auslöser in der verwaltungsmäßigen Umsetzung. Sind
es die Elternteile oder das Kind? Es wird gegenwärtig
Abgeordnete Mast (SPD): ich hatte noch nach Sonderbedarfen und unterschiedlicher Regelsatzbehandlung gefragt.
Grundsätzlich ist es dann so, dass die Kosten für Unterkunft und Heizung in der Bedarfsgemeinschaft bleiben,
indem sich das Kind überwiegend mit aufhält. Es gibt
für Alleinerziehende einen Mehrbedarf. Der Mehrbedarf
wird dem Elternteil zugeteilt, der sich überwiegend für
das Kind aufopfert. Es sei denn, es ist genau gleichwertig, so 50:50. Dann wird hier ebenfalls der Mehrbedarf
aufgeteilt, und es entstehen noch Sonderbedarfe, wie
zum Beispiel durch ein zusätzliches Kinderbett oder zusätzliche Reisekosten. Dann kann dies auch über den
kommunalen Anteil als Sonderbedarf anerkannt werden. Soweit die gegenwärtige Regelung.
Sachverständiger Hilgendag: Was Frau Strobel gerade
in Worte gefasst hat, zeige ich einmal anhand von einigen Blättern. Das ist die Menge von 193 Seiten eines Bescheides, den jemand bekommen hat, der in temporärer
Bedarfsgemeinschaft mit drei Kindern wohnt, die sich
wechselweise bei dem anderen Elternteil aufhalten. 193
Seiten, das ist die Seitenzahl, die bei diesem Bescheid
herauskam. Man kann sich vorstellen, dass, wenn sich
in diesen Verhältnissen etwas ändert, es einen sog. Änderungsbescheid gibt, der auch einige Seiten umfassen
wird. Also die derzeitige Art und Weise der Bescheidung von diesen temporären Bedarfsgemeinschaften ist
inakzeptabel für die Betroffenen in allererster Linie,
aber auch für die Jobcenter selber. Die Frage, ob man ein
Kind dann beiden Bedarfsgemeinschaften zuordnet? Ich
halte es, wenn es rechtlich zulässig ist, für den gangbarsten Weg. Ich halte das auch im Gegensatz zu jetzt
besser. Da ist es nämlich so, dass, wenn jemand das
Kind überwiegend bei sich hat, er den vollen Mehrbedarf bekommt. Wenn das Kind anteilig in einer anderen
Bedarfsgemeinschaft ist, bekommt er keinen Mehrbedarf. Auch vor diesem Hintergrund würde ich mir wünschen, dass man zukünftig die Kinder nach Tagen und
nicht nach genau abgerechneten Tagen, sondern nach
Anzahl der Tage jeweils einer Bedarfsgemeinschaft zuordnet. Den Jobcentern dürfte es auch einfacher fallen,
dann einmalige Leistungen zu bewilligen, wenn man
sieht, dass es sich um eine Bedarfsgemeinschaft handelt.
Vorsitzende Griese: Dann kommen wir zur nächsten
Runde. Das ist die Runde der Fraktion DIE LINKE. Dort
fragt zuerst die Kollegin Kipping.
Abgeordnete Kipping (DIE LINKE.): Das Thema „Sanktionen“ ist ja bereits von Seiten der CDU bei den Arbeitgebern abgefragt worden. Ich würde gerne einen Experten der Praxis von der anderen Seite befragen. Deswegen richtet sich meine Frage an Herrn Frank Jäger, genau zu dem Thema Sanktionen. In dem Abschlussbericht der Bund-Länder-Arbeitsgruppe gab es verschiedene Änderungsvorschläge zum Bereich Sanktionen. Einige davon sind nun nicht in den Gesetzesentwurf geflossen. Wie bewerten Sie dies, auch dass diese nun
nicht zur Anwendung kommen? Zweitens: Mit dem
jetzt vorliegenden Gesetzentwurf soll eine zweite Sanktionssäule ausgebaut werden, die Erstattungspflicht bei
sozialwidrigem Verhalten. Sie haben eine Regelberatungspraxis. Wie bewerten Sie das mit Blick auf Ihre Beratungspraxis, was das dann im realen Leben zur Folge
Sachverständiger Jäger: Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe hat vorgeschlagen, die Sanktionen zu vereinheitlichen, das heißt, die Sondersanktionen für unter 25jährige verschärft zurückzunehmen und generell die Sanktionen, auch aus dem Bereich Unterkunftskosten herauszuholen. Das haben wir jetzt auch in der Stellungnahme des Bundesrates wieder gesehen. Es hat mich
auch gefreut, dass das aufs Tablett gehoben wurde und
ganz klar die Folgen genannt worden sind. Der Bundesrat hat in seiner Stellungnahme ganz klar gesagt, diese
Sanktionierung in die Unterkunftskosten hinein führt
zur Wohnungslosigkeit oder zumindest zur drohenden
Wohnungslosigkeit. Damit sind natürlich auch nach
Auffassung des Bundesrates - und da kann ich eigentlich auch zustimmen - die weitreichenden Ziele des
SGB II, nämlich die Integration in Arbeit oder auch die
Integration in Gesellschaft oder die Beschäftigungsfähigkeit, auch durch solche Sanktionen mit gefährdet.
Außerdem muss ich noch sagen, durch diese Einschränkung bei drohendem Wohnungsverlust führen Sanktionen natürlich auch immer häufiger zu Entschuldung.
Sie führen zu gesellschaftlicher Ausgrenzung - vor allen
Dingen bei jungen Leuten, die dann auch nach verschärften Regeln in zwei Stufen auf null sanktioniert
werden. Die melden sich ganz häufig aus dem Leistungsbezug ab, beziehungsweise sind nicht mehr erreichbar und verschwinden von der Bildfläche. Da ist es
für mich nicht nachzuvollziehen, dass auf der einen
Seite mit dem neuen § 16 h SGB II, der jetzt für die unter 25-Jährigen zur besonderen Förderung eingeführt
werden soll, im Grunde genommen ein Instrument geschaffen werden soll, um die Leute wieder in das Leistungssystem zu bringen, um sie bei der Beantragung von
Leistungen, bei der Annahme von Angeboten durch die
Jobcenter zu unterstützen. Auf der anderen Seite wird
diese Ursache dafür, dass die Leute aus dem Leistungsbezug fallen, nämlich der Entzug von existenzsichernden Leistungen und eben die drohende Wohnungslosigkeit beziehungsweise der Entzug der Wohnung, nicht
angegangen. Ich halte es für ganz außerordentlich wichtig, diese extremen Sanktionsregelungen einzuschränken, weil in der Praxis ist es ganz schwierig, sich dagegen zu wehren, auch wenn gesagt wird, es gibt immer
nur einen gewissen Prozentsatz von Leistungsberechtigten, die sanktioniert werden. Wenn sie in so einer Situation sind, kommen sie ganz schwer wieder auf die
Beine, das ist ganz klar.
In der zweiten Frage ging es um die Erstattungspflicht,
dass also der Ersatzanspruch ausgeweitet wird. Bisher
kennen wir Ersatzanspruchsregelungen des § 34 SGB II
vor allen Dingen, wenn jemand die Hilfebedürftigkeit
vorsätzlich oder grob fahrlässig herbeiführt. Das wäre
der Fall, wenn etwa Vermögen verschleudert wird oder
jemand eine Beschäftigung grundlos aufkündigt. Jetzt
soll dieser Ersatzanspruch geltend gemacht werden,
wenn jemand nicht genügend tut, um Hilfebedürftigkeit
zu verringern oder wenn die Hilfebedürftigkeit eben
gleichbleibend ist oder sich eben geringfügig erhöht. Da
kommen wir wirklich in einen Bereich, dass die Hilfebedürftigkeit eben nicht verringert wird. Dieser Tatbestand ist so schwer zu fassen und in der Praxis auch für
die Leistungsberechtigten kaum nachzuweisen. Vielleicht ein Beispiel aus der Praxis, hier geht es wirklich
um prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Wenn ich die
Hilfebedürftigkeit verringere, dann geht es um die Aufnahme zum Beispiel von einem Minijob. Das sind häufig wirklich prekäre Arbeitsverhältnisse, wo die Arbeitsbedingungen und auch die persönlichen Anforderungen
sehr unterschiedlich sind. Wenn jemand hier überfordert ist oder durch Mobbing oder andere persönliche
Konflikte diesen Job nicht mehr machen kann, ist es
sehr schwierig, so etwas gegenüber dem Jobcenter darzulegen, das ist fast gar nicht möglich. In solchen Fällen
könnte dann ein Ersatzanspruch gestellt werden. Ganz
wichtig ist auch, dieser Ersatzanspruch ist vollkommen
unbestimmt. Das heißt, ich weiß gar nicht, wie lange ich
Leistungen zurückfordern kann und in welcher Höhe
ich diese Leistungen zurückfordern soll. Das ginge maximal bis zu drei Jahre; das halte ich für vollkommen
Abgeordneter Birkwald (DIE LINKE.): Auch meine
Frage geht an den Praktiker Frank Jäger von Tacheles.
Herr Jäger, Sie haben in ihrer Stellungnahme unter drittens Bezug genommen auf den Entwurf des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales für eine Neuregelung
zur temporären Bedarfsgemeinschaft. Ich frage Sie, wie
bewerten Sie den in der Diskussion befindlichen Vorschlag und welche gesetzlichen Regelungen würden Sie
zum Umgang mit temporären Bedarfsgemeinschaften
Sachverständiger Jäger: Der Gesetzentwurf sieht eine
weitere Schlechterstellung von Alleinerziehenden vor.
In der Diskussion ist das eben ein bisschen zu kurz gekommen. Bislang ist es tatsächlich nur so, diese temporäre Bedarfsgemeinschaft, so wie sie das Bundessozialgericht vorgeschlagen hat, ist mehr oder weniger eine
Notlösung. Die wird vollzogen, wenn beide Parteien hilfebedürftig sind, sowohl der Elternteil, bei dem das
Kind sich vorwiegend aufhält, als auch der Elternteil,
was das Umgangsrecht wahrnimmt. Diese beiden Elternteile sind hilfebedürftig. Das ist eben die gesetzliche
Vorgabe. Wir haben die SGB-II-Regelsätze, die sind Pauschalen und eine Pauschale kann man eben nur einmal
auszahlen, deswegen hat das BSG gesagt, wir müssen
das anteilig auf die Tage verteilen. Das ist allerdings
jetzt aktuell nur der Fall - und das ist auch von der
rechtlichen Seite vorgeschrieben -, wenn beide Parteien
hilfebedürftig sind. Meines Erachtens sind die meisten
Fallkonstellationen, wo das Umgangsrecht wahrgenommen wird, so, dass der Vater eben nicht hilfebedürftig
ist. Das heißt, die Zahl der Fälle, wo eine temporäre Bedarfsgemeinschaft herrschen würde, wird massiv nach
oben gehen. Das wird zu einem massiven Anstieg der
Bürokratie führen und es wird auch zu einem massiven
Anstieg der Nachweisforderung für die Eltern führen,
weil, sie müssen sich vorstellen, man muss sich dann
auch einig sein, welche Tage man hier bei dem Kind
verbringt und auch nicht. Das halte ich für sehr problematisch - vor allen Dingen auch unter dem Gesichtspunkt, dass eine Regelung nur bedarfsgerecht sein kann,
wenn sie einen erhöhten Bedarf vorsieht. Das Umgangsrecht bedeutet, wir haben erhöhte Bedarfe, weil ein
Kind in zwei Haushalten lebt, und das heißt, wir brauchen hier einen zusätzlichen Mehrbedarf. Und es darf
zu keiner Belastung der Alleinerziehenden werden, die
dann im Grunde genommen durch die aktuelle Regelung einen Anreiz hat, wenn sie das Umgangsrecht
nicht zulässt, weil sie mit materiellen Einschränkungen
zu rechnen hatten. Das kann so nicht sein, das belastet
die Familien und es ist ein bürokratischer Irrsinn. Wir
haben es hier eben gesehen bei der temporären Bedarfsgemeinschaft.
Vorsitzende Griese: Gut, dann schließen wir diese
Runde und kommen zur Fragerunde der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Da beginnt Herr Strengmann-Kuhn.
Abgeordneter Dr. Strengmann-Kuhn (BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN): Meine erste Frage geht an Prof. Sell. Ein wesentliches Ziel ist die Entlastung der Jobcenter. Ich
würde Sie gerne fragen, ob Sie finden, dass das Ziel erreicht ist, bzw. in welchem Umfang aus Ihrer Sicht eine
Entlastung der Jobcenter stattfindet und wo auf der anderen Seite Belastungen der Jobcenter oder auch der Betroffenen entstehen.
Sachverständiger Prof. Dr. Sell: In der Gesamtschau:
Wir haben es ja mit einer juristischen akrobatischen
Leistung zu tun, was den Detaillierungsgrad angeht.
Man hat auch schon gesehen, in welche Untiefen man
bei einzelnen Fallkonstellationen einsteigt. In der Gesamtschau muss man doch zu dem Ergebnis kommen,
selbst wenn man die offiziell angegebene Entlastungssumme sieht, die bereits im Wesentlichen verfrühstückt
ist durch die Tatsache, dass die dort angegebene
Summe, was den Bewilligungszeitraum Verlängerung
von 12 Monaten angeht, bereits da ist, bleibt unterm
Strich schon in der offiziellen Rechnung keine Entlastung.
Ich sehe sogar mehrere Punkte, wo es im Ergebnis zu einer Mehrbelastung der Jobcenter kommen wird - vor allem hinsichtlich der bereits angesprochenen Sanktionsverschärfungen, die wir haben. Dazu haben wir eben gerade etwas gehört. Ganz besonders massiv negativ wird
sich tatsächlich der letzte Punkt mit den temporären Bedarfsgemeinschaften auswirken. Es ist völlig widersinnig, wenn wir sehen, dass der Normalfall bei den Alleinerziehenden der Typus ist, dass die alleinerziehende im Regelfall die Mutter im Leistungsbezug ist
und der Partner, der tageweise den Umgang ausübt,
nicht im Leistungsbezug ist. Hier wird jetzt eine entsprechende Anrechnung fällig, mit vorläufigen Bescheiden, mit Änderungsbescheiden usw. Wenn wir das um
die kleinteiligen Regelungen ergänzen, die wir in dem
nachgereichten Änderungsantrag oder zumindest aus
der Formulierungshilfe, wie ich das aus dem Ministerium gelernt habe, sehen, bei dem Bereich der arbeitsmarktpolitischen Instrumente und die Kleinteiligkeit
der förderrechtlichen Bestimmungen erhöht wird, führt
das zu zusätzlichem Aufwand in den Jobcentern. Insofern ist nicht nur das Ziel nicht erreicht, sondern ich
sehe in der Gesamteinschätzung eine massive zusätzliche Belastung der Jobcenter. Die Stellungnahme beispielsweise der Personalräte der Jobcenter war in dieser
Frage auch eindeutig. Selbst wenn man die natürlich
auch immer nett formulierten Hinweise der BA, das
müssen sie auch tun, über die Bürokratiekosten hinsichtlich der Umsetzung dieses Gesetzentwurfs liest,
dann tun sich mir erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit des gesamten Gesetzentwurfes insgesamt auf,
weil sozusagen eher Kosten produziert werden, als das
hier wirklich große Vorschritte erreicht werden.
GRÜNEN): Meine nächste Frage geht an Frau Birgit Fix.
Was sind denn aus Ihrer Sicht Vorschläge, wie die Jobcenter tatsächlich entlastet werden könnten, ohne die
Betroffenen dabei zu belasten?
Sachverständige Dr. Fix (Deutscher Caritasverband
e. V.): Ich denke, da hätte es eine Reihe von Ideen geben
können, die man hätte aufnehmen können. Als Erstes
möchte ich das Thema der Einkommensanrechnung thematisieren. Wir haben im Moment die Situation der horizontalen Einkommensanrechnung im SGB II, die ist
sehr verwaltungsaufwändig und führt bei vielen Leistungsempfängern dazu, dass die Bescheide derartig
komplex werden, dass sie gar nicht mehr verstanden
werden. Hier hätten wir uns gewünscht, dass einfach
zum System der vertikalen Einkommensanrechnung
übergegangen werden sollte. Beim Bildungs- und Teilhabepaket könnte man auch etliches machen, damit die
Personen leichter an die Leistungen herankommen, z. B.
die Einführung eines Global-Antrages, in dem alle Leistungen mit einem Antrag beantragt werden können,
dann würden auch viel mehr Kinder in den Genuss dieser Leistungen kommen. Es wurde von anderen Sachverständigen bereits das Thema Bagatellgrenzen angesprochen, das wir auch als sehr wichtig empfunden hätten, Freibeträge für geringfügige Kapitalbeträge. Dann
noch ein Thema, das wir uns sehr wünschen würden,
dass es angegangen worden wäre, das ist das Thema der
Sanktionierung. Hier insbesondere der U25-Sanktionierung, die ich ansprechen möchte. Das ist ein äußerst
konfliktträchtiges Thema. Wir kommen in die Situation,
dass durch die Sanktionierung, wenn es ganz extrem
kommt, auch viele Jugendliche verloren gehen, in die
Wohnungslosigkeit kommen. Ich denke, das ganze Verfahren, das dann anlaufen muss, dass man diese Person
wieder in den Leistungsbezug reinbekommt und in die
Situation, dass sie in Ausbildung und Arbeit kommen,
ist ein derartig aufwendiges System, dass man gut daran
tun würde, diese Sonderregelung zu streichen.
GRÜNEN): Nächste Frage an den Deutschen Landkreistag oder Deutschen Städtetag. Ich mache das so, weil es
in beiden Stellungnahmen enthalten ist. Frau Fix hat
schon das Thema der vertikalen und horizontalen Einkommensanrechnung angesprochen. Können Sie aus Ihrer Sicht nochmals sagen, warum das aus Ihrer Sicht
eine wichtige Forderung wäre, die die Jobcenter entlasten könnte?
Sachverständiger Dr. Mempel (Deutscher Landkreistag/Deutscher Städtetag): Wir erheben die Forderung
schon seit längerem und versprechen uns davon zum einen, dass es leichter ist, Einkommen und Vermögen innerhalb einer Bedarfsgemeinschaft anzurechnen, nämlich genau bei der Person, bei der Einkommen und Vermögen vorhanden ist - und eben nicht, wie es jetzt geschieht, horizontal auf alle Bedarfsgemeinschaftsmitglieder sozusagen künstlich zu verteilen. Im SGB XII
wird das schon seit eh und je so gemacht. Damit wäre
im Grunde auch eine Rechtsangleichung zwischen dem
SGB II und dem SGB XII verbunden. Insofern sehen wir
da tatsächlich nur Vorteile. Der Vorteil für die Person
selbst ist im Grunde der, dass wenn Einkommen bei der
Person bleibt und auch angerechnet wird, kommt es
nicht dazu, dass diese Person möglicherweise in der
Hilfebedürftigkeit gehalten wird, dadurch nämlich, dass
das Einkommen gesplittet auf die ganze Bedarfsgemeinschaft verteilt wird. Das ist sozusagen ein Nebeneffekt.
Es würde das ganze System, finden wir, ehrlicher machen, zudem administrierbarer und würde letztlich
auch für die kommunale Seite günstig sein, weil es
dann eher dazu kommen würde, dass sich anrechenbares Einkommen und Vermögen bis zu den kommunalen
Leistungen durchschlagen würde. Insofern ist es ein Argument, das muss man der Ehrlichkeit halber sagen,
dass es eine gleichmäßigere Verteilung von Einkommen
und Vermögen, wenn es denn vorhanden ist, auf die
beiden Träger BA und kommunale Seite bewirken
GRÜNEN): Dann habe ich noch eine kurze Frage an die
Bundesagentur. Nochmals zu der Frage nach Mehr- oder
Entlastung. Wie sehen Sie denn die Belastung für die
Umsetzung der neuen Regeln eigentlich vor sich? Was
für ein Aufwand ist es für Sie, die Regeln umzusetzen
und bis wann könnten die Regeln tatsächlich umgesetzt
Grundsätzlichen sehen wir als Bundesagentur für Arbeit, dass der Reihe an Erleichterungen auch wieder
neue gesetzliche Vorschriften gegenüber stehen, die
wieder zu einem Mehraufwand finden. So dass dann
tatsächlich die große Entlastung nicht stattfinden wird.
Sie haben nun danach gefragt, bis wann die Reihe der
gesetzlichen Änderungen umgesetzt werden können. In
der Umsetzung über die IT wäre das frühestens im März
2017 der Fall. In der Übergangszeit wird ein zusätzlicher Mehraufwand für Übergangsregelungen für die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jobcentern
Vorsitzende Griese: Damit endet diese Runde. Wir gehen wieder über zur Runde der CDU/CSU-Fraktion und
Frau Eckenbach beginnt.
Abgeordnete Eckenbach (CDU/CSU): Ich habe eine
Frage an die Salesianer Don Boscos und an den Caritasverband. Welche Hindernisse stehen derzeit einer zielgerichteten Unterstützung schwer erreichbarer Jugendlichen entgegen? Das derzeitige Leistungsangebot im SGB
II - das wissen wir - könnte ergänzt werden. Sind Sie
der Auffassung, dass mit der Vorschrift des § 16 h im
SGB II zusätzliche Angebote möglich wären, die wir bisher auch noch nicht hatten?
Sachverständiger Provinzialvikar Pater Otto (Provinzial der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos):
Wir haben mit solchen Jugendlichen zu tun, die eine
Karriere des Scheiterns hinter sich haben und wo es
nicht geschafft wurde, sie in regelmäßige Dinge hinein
zu bekommen, wie die Schule oder auch die normalen
Kommunikationswege. Auch von den Jobcentern sind
sie oft ausgeschlossen. Von daher ist es notwendig, neue
Wege zu finden, die gegangen werden müssen. Denn befristete Maßnahmen haben bisher nicht viel geholfen,
weil gerade diese Jugendlichen nie erlebt haben, kontinuierlich begleitet zu werden. Die hatten nicht das
Glück, ein gutes Elternhaus zu haben, die zu ihnen gestanden haben bei Schwierigkeiten. Von daher brauchen
wir Kontinuität von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
bei kurzzeitigen Maßnahmen, die es bisher teilweise
gibt. Auch in Aktivierungsmaßnahmen ist das nicht gegeben, sondern im Gegenteil, es führt noch zu größeren
Frustrationen. Von daher sehen wir in diesem neuen §
16 h gute Möglichkeiten. Der Schwerpunkt liegt sicherlich im Beziehungs- und Vertrauensaufbau. Das muss
dabei im Vordergrund stehen, so dass natürlich dann
aber auch oftmals das Aufsuchen nötig ist. Das geht
nicht per Post, das geht auch nicht zu normalen Beratungszeiten. Deswegen haben wir die Erfahrung gemacht, dass das nur möglich ist, wenn man rund um die
Uhr auch eine Erreichbarkeit sicherstellt und bis dahin
Möglichkeiten der Grundversorgung, wie Notunterkunft
usw. bestehen. Dafür sind handverlesene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter notwendig. Letztlich ist es wichtig,
den Jugendlichen neue Perspektiven überhaupt zu geben, um eine Selbstwertschätzung aufbauen zu können,
nachdem sie eigentlich nur Karrieren des Scheiterns
hatten. Von daher denken wir, dass in diesem § 16 h
neue Möglichkeiten gegeben sind.
e. V.): Wir begrüßen die Einführung des § 16 h ebenfalls
aus den von Pater Otto genannten Gründen. Die Jugendlichen, die mehrfache Vermittlungshemmnisse haben,
erleben oft im Sicherungssystem, dass sie als Systemsprenger empfunden werden, weil sie so komplexe
Hilfebedarfe haben, dass sie durch die Maßnahmen, die
das SGB II vorsieht, im Moment gar nicht erreicht werden können. Der Vorteil des § 16 h ist auf jeden Fall,
dass man damit auch ganzheitlichere Ansätze durchführen kann, bei denen - was auch ganz wichtig ist - eine
intensive Begleitung der Personen möglich ist, und auch
wirklich - was Sie hervorgehoben haben -, dass ein vertrauter Ansprechpartner da ist. Es sind auch sehr viele
Jugendliche, die Leistungen brauchen, wie Notunterkünfte, wo die Wohnungslosigkeit droht, wo es Stress
zuhause gibt und wo komplexe Hilfen nötig sind. Jemand muss Beratungsangebote machen, damit auch Aktivitäten gegeben werden im künstlerischen Bereich oder im handwerklichen Bereich, die diese Jugendlichen
bekommen. Solche Komplexangebote sind mit dem § 16
h denkbar. Wir hätten uns allerdings gewünscht, dass
man im § 16 h als Schnittstelle nicht nur die Jugendhilfe sondern auch die Wohnungslosenhilfe mit erwähnt, also das Sozialgesetzbuch XII, und dann bei der
Zulassung auch beachtet, dass die Träger, die im SGB
VIII und im SGB XII tätig sind, bereits schon eine Zulassung in ihrem System haben. Darüber hinaus ist es für
uns noch sehr wichtig, dass man grundsätzlich das
Thema anschaut, wie diese komplexen Hilfeleistungen
zusammen kommen. Ich nenne das einmal unter dem
Stichpunkt Schnittstellen, die angeschaut werden müssen. Der Bundesrat hat hier einen sehr vernünftigen
Vorschlag gemacht, auch die Schnittstellen verpflichtender zu machen, so dass die Kooperationen zwischen
unterschiedlichen Leistungsträgern im Bedarfsfall eben
besser zur Wirkung und zur Anwendung kommen.
Aus unserer Sicht wäre ganz wichtig, dass man auch
noch die Altersgrenze in solch ein Paket mit aufnimmt,
denn sehr häufig scheitern die Hilfen an der Altersgrenze 18, wenn die Jugendlichen in der Situation sind,
dass die Jugendhilfe sagt, jetzt sind sie eigentlich in der
Zuständigkeit des SGB-II-Trägers. Deswegen fänden wir
es sehr wichtig, auch die Altersgrenze hier mitzuregeln
und auch das Thema der Kofinanzierung, das ebenfalls
vom Bundesrat aufgenommen wurde, sowie Finanzierungsmöglichkeiten Dritter zu ermöglichen, mit in den
Blick zu nehmen. Das heißt, $ 16 h SGB II ergänzt noch
um eine Schnittstellenregelung, in der die Kooperation
verpflichtender und besser geregelt wäre.
Abgeordnete Schmidt (CDU/CSU): Ich möchte gerne
eine Frage an die BDA stellen. Frau Dr. Robra, die Fraktion DIE LINKE. fordert in ihrem Antrag, die Regelung
in § 12 a SBG II abzuschaffen. Dass SGB-II-Empfänger
vorrangig andere Sozialleistungen in Anspruch nehmen
müssen, wird als Zwangsverrentung bezeichnet. Was
halten Sie von dieser Forderung?
Deutschen Arbeitgeberverbände): Die Pflicht der SGB-IILeistungsbezieher, Rentenansprüche geltend zu machen, resultiert aus dem Subsidiaritätsprinzip, das dem
Recht der Grundsicherung zugrunde liegt. Einkommen
und Vermögen sind demnach immer vor der Grundsicherung vorrangig. Wir sehen es nicht als zielführend
an, hier davon Abstand zu nehmen. Es ist auch nicht so,
dass damit Menschen, die eine vorgezogene Altersrente
in Anspruch nehmen, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen
sind. Im Gegenteil können sie weiter arbeiten und auch
hinzuverdienen. Härtefälle sind durch die Unbilligkeitsverordnung auch abgedeckt, die nach meiner Kenntnis
auch noch einmal ergänzt werden soll. Aus unserer
Sicht wäre es besser, die Hinzuverdienstmöglichkeiten
auch bei Teilverrentung noch zu verbessern.
Abgeordneter Whittaker (CDU/CSU): Ich möchte noch
einmal auf den Aspekt § 16 g SGB II eingehen, wo wir
in Zukunft Menschen durch Coaching fördern wollen,
obwohl sie eigentlich nicht mehr im Hartz-IV-Bezug
sind. Da habe ich Fragen an die Bundesagentur für Arbeit, an die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und auch an den Deutschen Gewerkschaftsbund. Einmal die grundsätzliche Frage, wie bewerten Sie dieses begleitende Coaching? Von der BA
hätte ich das gerne noch einmal ergänzt um die Frage,
ob die sechs Monate ausreichen. Von der BDA noch einmal die Ergänzung um den Aspekt, was aufgrund der
bisherigen Programme, die wir hatten, die wichtigsten
Aspekte sind, die sich im Coaching ergeben, und vom
DGB den Aspekt bitte beleuchten, ob es, wenn die Maßnahme des Coaching vom Jobcenter oder von anderen,
von Dritten angeboten wird, ein hilfreiches Konstrukt
ist oder ob es da auch Schwierigkeiten in Betrieben geben kann.
Sachverständiger Jakob (Deutscher Gewerkschaftsbund): Aus unserer Sicht ist das ein hilfreiches Instrument. Man muss realistisch sehen, dass wir so wahnsinnig viele Instrumente für dieses Ziel nicht zur Verfügung haben. Andererseits ist es so, dass ein erheblicher
Teil der Langzeitarbeitslosen bei Wiedereintritt in den
Arbeitsmarkt nach relativ kurzer Zeit wieder zurückkommt, weil Probleme auftreten. Es hat sich bei Modellversuchen durchaus herausgestellt, dass zum Beispiel
mit Coaching, d.h. also durch Moderation zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder durch zusätzliche
Ausbildungsmöglichkeiten, die angeboten werden,
diese Probleme manchmal behoben werden konnten.
Das wird kein Patentrezept sein, aber wir haben halt
nicht so viele Mittel zur Verfügung. Insofern ist es auf
jeden Fall ein guter Schritt.
Deutschen Arbeitgeberverbände): Ich kann mich den
Ausführungen von Herrn Jakob im Wesentlichen anschließen. Wir haben gerade im Zusammenhang mit
diesem Gesetzentwurf noch einmal positive Rückmeldungen aus unserer Mitgliedschaft bekommen - auch zu
einzelnen Modellprojekten, die es beispielsweise in
Hessen gab, Begriff Aufstiegscoach hieß das Programm,
was teilweise auch das Bildungswerk der hessischen
Wirtschaft selbst durchgeführt hat. Da ging es auch darum, Langzeitarbeitslose zu begleiten. Wesentlich ist
hier, dass durch diese nachgehende Betreuung die Beschäftigungsverhältnisse stabilisiert werden, was natürlich auch dem Arbeitgeber hilft, der wiederum auch einen festen Ansprechpartner hat, wie Herr Jakob das
auch schon deutlich gemacht hat. Aus unserer Sicht
können durch diese nachgehende Betreuung gerade die
kritischen Anfangshürden oftmals überwunden werden.
Dass eine nachgehende Betreuung oder ein begleitendes
Coaching sinnvoll ist, sehen wir auch beispielsweise im
Rahmen der unterstützenden Beschäftigung, die für
Menschen mit Behinderungen zur Verfügung steht, und
auch im Rahmen der Spätstarterinitiative bei Auszubildenden.
Inaf ist ein Projekt der Bundesagentur für Arbeit, Integration nachhaltig fördern. Dort haben wir die Erfahrungen gesammelt, dass sich Arbeitnehmer wünschen,
dass sie bei Vorstellungsgesprächen begleitet werden also assistierte Vorstellungsgespräche - und dass sie im
Arbeitsalltag auch noch mal durch einen Coach Unterstützung bekommen. Unsere Mitarbeiter haben einen
weiteren Hinweis gegeben, dass es auch ganz gut ist,
wenn das Coaching auch den Arbeitgeber, vor allem in
kleinen mittelständischen Unternehmen, mitbetreut
und mit anspricht.
Ihre Frage war, ob die sechs Monate hier ausreichen. Im
Rahmen unseres Modellversuches-Projektes haben wir
keine Anhaltspunkte bekommen, dass die sechs Monate
Vorsitzende Griese: Dann noch eine kurze Frage, aber
Sie haben noch die halbe Minute von der Runde davor.
Frau Eckenbach.
Abgeordnete Eckenbach (CDU/CSU): Ich habe noch
eine Frage an den Caritasverband und vielleicht auch an
die Bundesagentur für Arbeit. Wenn wir jetzt darüber
nachdenken, mit den Eingliederungsinstrumenten auch
künftig die örtlichen Beiräte zu stärken, könnte diese
Regelung Ihrer Einschätzung nach auch eine bessere
Förderung von Langzeitarbeitslosen durch Arbeitsgelegenheiten um den § 16 e denn dann herbeigeführt werden?
e. V.): Ich denke, es ist gut, die örtlichen Beiräte zu stärken. Unseres Erachtens wäre es wichtig, in den örtlichen Beiräten vor allen die Sozialpartner stärker zu
Wort zu kommen zu lassen. Bei der öffentlichen Förderung gibt es oft die Problematik, dass es zu Verdrängungen kommt. Das allein wird allerdings nicht ausreichen,
um zu einer besseren Förderung zu kommen. Was ganz
wichtig für uns wäre, sind diese Restriktionen aufzuheben. Zwei- in Fünf-Regelungen nenne ich das zum einen. Sozusagen, dass keine Anschlussförderung nach
den zwei Jahren notwendig möglich ist und dann im 16
e auch noch das Thema sozialpädagogische Begleitung
mit aufzunehmen. Das hielten wir im Übrigen auch für
den 16 d für sehr wichtig.
Diese sozialpädagogische Betreuung bzw. auch die zusätzlichen Personalkosten können bereits jetzt auch
schon übernommen werden. Es hilft aber auch, wenn es
hier noch einmal klargestellt wird. Wir sehen genauso
die weitere Möglichkeit der Arbeitsgelegenheiten im
Verbund mit der örtlichen Zusammenarbeit von verschiedenen Akteuren und Trägern sehr wertvoll. Denn
viele der Unterstützungsbedarfe, auch bei Langzeitarbeitslosen, kann nicht nur durch einen Träger, durch einen Akteur hier gewährt werden, sondern es braucht
hier auch diese Zusammenarbeit. Das hilft dann aber
auch, die Arbeitsgelegenheiten zielgerichtet einzusetzen.
Vorsitzende Griese: Vielen Dank. Wir kommen zur Fragerunde der SPD-Fraktion und Frau Mast beginnt. Bitte
die BAGFW und die AWO. Wir wollen den Kreis derjenigen, die in Integrationsfirmen arbeiten können und
auf die Quote angerechnet werden, um die psychisch
kranken Personen erweitern. Meine Frage ist jetzt, wie
schätzen Sie die Auswirkungen auf die Mittelausstattung der Integrationsfirmen ein?
es gut und sehr zu begrüßen, dass diese Ausweitung des
Personenkreises stattfindet, weil gerade die schwerer
psychisch kranken Personen nicht die Belastbarkeit an
den Tag legen, die man sich wünschen würde, und sie
dann in Integrationsfirmen, Integrationsbetrieben eine
gute Beschäftigungsmöglichkeit finden. Ich denke, man
wird jetzt sehen müssen, wie viele Menschen bekommt
man da hinein. Wie ist der Bedarf? Aber vermutlich
sind schon die bereitgestellten Mittel nicht hinreichend.
Aber man muss da jedenfalls in den nächsten Jahren
deutlich nachsteuern, zu schauen, was ist da, damit
man nicht ein Instrument schafft, das leerläuft, weil die
Mittel nicht zur Verfügung stehen.
Sachverständige Droste-Franke (AWO Bundesverband
e. V.): Genau wie von Herrn Hesse bereits ausgeführt,
begrüßen auch wir die Zielgruppenerweiterung in § 132
Absatz 2 SGB II. Für uns ist es ganz wichtig - und das
würde ich noch ergänzen wollen -, dass dabei sichergestellt wird, dass Arbeitsplätze nicht zwischen dieser bestehenden Personengruppe von Menschen mit Schwerbehinderung und der neuen Zielgruppe mit umverteilt
werden, sondern dass neue Beschäftigung geschaffen
und auch finanziert wird. Um gezielt auf die Mittelausstattung zu sprechen zu kommen, sind wir ganz strikt
gegen eine Finanzierung der neuen Arbeitsplätze für
langzeitarbeitslose Menschen ohne Behinderung im
SGB IX aus der Ausgleichsabgabe, weil die Förderung
sollte wirklich den schwerbehinderten Menschen vorbehalten bleiben. Wir sehen bereits jetzt, dass in der Praxis die Nachfrage das bestehende Angebot solcher Arbeitsplätze in den Integrationsprojekten übersteigt. Insofern muss, wenn man diese neue Möglichkeit ernst
nimmt, eine Aufstockung des Eingliederungstitels erfolgen.
Abgeordneter Paschke (SPD): Meine Frage richtet sich
an den Deutschen Städte- und Landkreistag und an die
BAGFW. Das Schulbedarfspaket wird zurzeit an zwei
Stichtagen im August und im Februar gezahlt. Sehen
Sie eine Bedarfsunterdeckung? Würde es Sinn machen,
dies stichtagsunabhängig zu gewähren, wenn wir diejenigen, die während des Schuljahres in eine Schule aufgenommen werden, entsprechend mit ausstatten? Halten Sie es für erforderlich, dass auch diejenigen, die
erstmalig im zweiten Halbjahr aufgenommen werden,
die Gesamtsumme auch zur Verfügung gestellt bekommen, um eine entsprechende Grundausstattung zu erhalten?
Sachverständiger Dr. Mempel (Deutscher Landkreistag/Deutscher Städtetag): Ja und Ja. Insgesamt halten wir
das Schulbedarfspaket für monetär nicht anzupassen,
aber zu flexibilisieren im Hinblick auf die Zeitpunkte.
Wir haben vor dem Hintergrund der aktuellen Zuzugssituation immer mehr die Situation, dass unterjährig Kinder in die Klasse kommen. Dann ist es etwas schwierig,
wenn dort der 1. August und der 1. Februar stehen. Deswegen unterstützen wir diesen Vorschlag der Flexibilisierung.
Sachverständiger Hesse (Bundesarbeitsgemeinschaft
der freien Wohlfahrtspflege e. V.): Zunächst einmal ist
der freien Wohlfahrtspflege e. V.): Ich denke, in der
Vielzahl der Fälle ist es mit den festen Stichtagen okay.
Aber, wie gerade auch der Kollege gesagt hat, gibt es
Fälle, die passen einfach nicht auf die Stichtage durch
spätere Zuzüge. Da muss man einfach die Regelung so
aufmachen, dass man auch zu anderen Zeitpunkten den
Bedarf decken kann, wenn er da ist. Wir haben auch
noch ein ganz anderes Thema. Das Sozialgericht Hildesheim hat vor kurzem geurteilt, dass in zwei Fällen wesentlich höhere Beträge geleistet werden mussten, weil
die 100 Euro einfach nicht ausgereicht haben wegen des
relativ hohen Schulbuchbedarfes im Gymnasialbereich.
Die Regelung ist in der Menge vielleicht okay, aber sie
muss Öffnungen haben.
Abgeordneter Gerdes (SPD): Ich möchte noch einmal
auf den Bereich der Sanktionen zurückkommen. Meine
Frage geht an den Deutschen Gewerkschaftsbund und
an Herrn Hilgendag. Halten Sie eine Verschärfung und
Sanktionierung von Mitwirkungsrechten bei Antragsstellung bei vorgelagerter Leistung im § 5 SGB II für
sinnvoll und angemessen?
Sachverständiger Jakob (Deutscher Gewerkschaftsbund): Die Sanktionierung ist auf jeden Fall kritisch.
Wir sind der Meinung, dass die Arbeitssuchenden eine
gewisse Autonomie selber bewahren müssen. Insofern
muss man das im Einzelfall beurteilen. Auf jeden Fall
sollten die Sanktionen nicht angewendet werden beim
Übergang in die Rente, so dass jemand gezwungen wird,
einen Rentenantrag zu stellen. Wir können einerseits
nicht sagen, dass die Menschen länger arbeiten sollen,
und andererseits zwingen wir Arbeitslose in die Rente
und setzen das notfalls noch mit anderen Mitteln durch,
wenn der Betreffende nicht mitwirken will. Insofern
würden wir das zumindest für diesen Punkt ablehnen.
Sachverständiger Hilgendag: Meine Auffassung ähnelt
der von Herrn Jakob. Ich halte diese sog. Zwangsverrentung für nicht akzeptabel, auch aus monetären Gründen
nicht. Wenn man bedenkt, dass irgendwann sich das
wieder rechnet, da derjenige irgendwann Grundsicherungsleistungen im Alter bezieht, und er wird vielleicht
85. Wenn man dann dagegen stellt, welche Prozentpunkte er in Abzügen hatte, dann stellt sich hinterher
die Frage, ob es nicht sogar ein finanzieller Verlust gewesen ist, was man dort gemacht hat. Die Sanktionierung als solche von unter 25-Jährigen, das hatte ich vorhin schon einmal angedeutet, halte ich für nicht gerechtfertigt.
Auch die ansonsten verhängten Sanktionen sollten
schon im Einzelfall betrachtet werden. So würde ich
mir wünschen, dass eine Sanktion, wenn sie denn erfolgen sollte, mit der Formulierung „soll“ ins Gesetz
kommt und nicht als „ist“. Sollte man darüber hinaus
zu dem Schluss kommen, dass es eine weitere Sanktion
geben könnte, dann sollte die mit einem „kann“ versehen werden.
Ich halte die Frage der Sanktionierung für eines der
wichtigsten Themen überhaupt und auch die am emotionalsten ist. In jedem Fall muss man weg von dieser
überzogenen Sanktionierung.
Vorsitzende Griese: Vielen Dank. Das war jetzt auch
eine zeitliche Punktlandung. Damit haben wir die Fragerunden der Fraktionen durch. Ich hatte schon am Anfang gesagt, dass wir hier noch eine sogenannte Freie
Runde, wenn es noch offene Fragen gibt, machen. Dafür
haben sich der Kollege Birkwald und die Kollegin
Brantner schon gemeldet.
Abgeordneter Birkwald (DIE LINKE.): Meine Frage geht
an Frau Dr. Fix von der Caritas. Derzeit ist es so, dass
Arbeitslose ab 63 Jahre gegen ihren Willen in die Rente
gezwungen werden dürfen. Das ist Zwangsverrentung.
Es gibt in der Bundesregierung Überlegungen, diesen
Zustand noch zu verschlechtern, wenn diejenigen nicht
mitmachen und die Anträge nicht richtig vorlegen. Was
halten Sie von diesen Verschlechterungsvorschlägen?
Wie stehen Sie zu dem Vorschlag der LINKEN, die
Zwangsverrentung abzuschaffen?
e. V.): Wir sind grundsätzlich der Meinung, dass vorrangige Sicherungssysteme zu nutzen sind und haben uns
deswegen auch zum Beispiel beim Kinderzuschlag und
beim Wohngeld dafür ausgesprochen, dies zu tun. Das
kann aber nicht in Fällen gelten, in denen sich die Personen dann selber in dieser Situation verschlechtern.
Wir haben in der Caritas in unseren Beratungseinrichtungen häufig die Erfahrung gemacht, dass die Personen, die von der sogenannten Zwangsverrentung betroffen sind, völlig frustriert und entsetzt bei uns ankommen. Die verstehen die Welt überhaupt gar nicht mehr,
warum auf der einen Seite darüber gesprochen wird,
dass länger gearbeitet werden soll und sie auf der anderen Seite ins Abstellgleis gestellt werden und vom Staat
in die Rente hinein gezwungen werden sollen. Das ist
Das SGB II hat die Aufgabe, die Personen in Arbeit hineinzubringen. Ich denke, das sollte an dieser Stelle auch
passieren, dass die Personen in die Arbeit vermittelt
werden. Denn die haben immerhin dann noch die Situation, wenn man die Rente mit 67 Jahren einmal anpeilt,
dass sie in vier Jahren ihre Situation verbessern können.
Wenn die Situation so ist, dass im Moment gar keine
Prüfung stattfindet, ob die Personen, wenn sie zwangsverrentet werden, dann dauerhaft in Sicherungssysteme
hineinkommen, haben wir die Situation, dass wirklich
jemand in die Zwangsverrentung geschickt werden
kann, dauerhaft in der Grundsicherung im Alter ist und
damit dauerhaft, bis er stirbt, in der Situation ist, dass er
in einem staatlichen Transfersystem ist. Das kann nicht
sein. Wir würden wirklich, weil es auch ein sehr konfliktanfälliges Feld ist, dafür plädieren, die Unbilligkeitsregelungen abzuschaffen und auch den §12, a der
im Gesetz steht.
Abgeordnete Brantner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Ich habe eine Frage an Professor Sell. Sie hatten vorhin
die Kritik in Bezug auf Alleinerziehende und die Frage
der Umgangstage beim anderen Elternteil erwähnt. Deswegen meine Frage an Sie. Wenn das Ziel ist, eine gemeinsame Erziehung durch die Eltern zu gewährleisten
und das zweite Ziel ist, eine unbürokratische pragmatische und gleichzeitig existenzsichernde Lösung zu finden, was würden Sie dann vorschlagen?
Sachverständiger Prof. Dr. Sell: Ganz wichtig, denn der
vorliegende Entwurf führt zu einer deutlichen Verschlechterung, das muss ich hier noch einmal sagen, für
die Alleinerziehenden, weil der tageweise Abzug des
Sozialgeldes der Kinder betrifft jetzt auch die Fälle, in
denen der Partner nicht im SGB-II-Bezug sich befindet.
Das heißt, es wird zu einem enormen Mehraufwand in
den Jobcentern führen. Das muss man ganz klar sagen.
Nach allem, was wir an Mehrbelastung aus der Forschung für die Alleinerziehenden wissen, ist das ein unerhörter Vorgang. Sie können nicht tageweise Abwesenheit mit dann neun Euro Abzug pro Tag pro Kind gegenrechnen. Wir haben laufende Kosten, die weiterlaufen.
Das ist wirklich ein skandalöser Eingriff in diese sehr
schwer belastete Personengruppe.
Die Lösung wäre relativ einfach. Wenn wir vor allem sehen, was wir auf der Verwaltungsseite bei den Jobcentern einsparen würden - die alleinerziehenden Elternteile im SGB II sind der Normalfall. Die einen Partner
haben, die nicht im SGB-II-Bezug sind, bekommen während des tageweisen Fernbleibens der Kinder weiterhin
ganz normal ihre Leistungen ausgezahlt. Da sollte sich
der Gesetzgeber schlichtweg angesichts der Größenordnung ein wenig großzügig zeigen. In dem Fall, in dem
der Partner oder der mit Umgangsrecht versehende Expartner im SGB-II-Bezug ist, plädiere ich für ein Unterhaltsmehrbedarf. Denn dort fällt ein realer Unterhaltsmehrbedarf an. Dazu gibt es verschiedene Berechnungen.
Ich gehe mal davon aus, dass ein Unterhaltsmehrbedarf
im Bereich zwischen 40 und 50 % des entsprechenden
Satzes angemessen wäre. Das wäre zu verhandeln.
Ich möchte die dringende Bitte einmal äußern, wir sollten mal die Verwaltungskosten, die wir jetzt bei diesem
tageweisen Kleckerabzug in den Jobcentern haben,
durch eine echte Personalkostenberechnung in den Jobcentern mal gegenrechnen, dann würde den Parlamentariern vielleicht deutlich werden, was hier an Kosten
produziert wird. Und das gleichzeitig bei einer hochverletzlichen Personengruppe, die hier schlechter gestellt
wird, wenn dieser Entwurf so durchgeht.
den Deutschen Gewerkschaftsbund. Es gibt in der öffentlichen Debatte - auch zwischen den Koalitionsfraktionen vereinbart - den Ansatz, die Unbilligkeitsverordnung bei der Zwangsverrentung dahingehend zu korrigieren, dass künftig eine Zwangsverrentung nicht mehr
möglich ist, wenn Altersarmut droht. Mich interessiert
die Position des Deutschen Gewerkschaftsbundes dazu.
Sachverständiger Jakob (Deutscher Gewerkschaftsbund): Das ist ein Fortschritt, dass man zumindest diejenigen, die durch die Kürzung der Rente hilfebedürftig
würden, nicht zwingt, den Rentenantrag zu stellen. Wir
würden uns allerdings mehr wünschen.
GRÜNEN): Vielleicht kann Herr Professor Sell noch einmal zwei Sätze zu den Veränderungen beim § 40 sagen,
das ist ein Teil, aber durchaus eine relevante Veränderung.
Sachverständiger Prof. Dr. Sell: Diese vorgesehene Veränderung ist in meinen Augen ein weiterer Baustein in
der Typisierung, dass wir es hier teilweise mit erheblichen Rechtsverschärfungen zu Ungunsten der Leistungsberechtigten zu tun haben. Ich kann nicht erkennen, was diese Regelung bewirken soll, außer eine weitere Verstärkung der Asymmetrie. Denn jetzt die Regelung, dass nur noch in einem Jobcenter einheitlich gehandelt werden muss, das ist der geheime Punkt da
drin. Das bedeutet für die Betroffenen, dass sie das in
Zukunft gar nicht mehr werden nachweisen können.
Damit wird ihre Rechtsposition vollständig durchlöchert. Damit wäre das auch aus meiner Sicht abzulehnen.
Vorsitzende Griese: Vielen Dank. Ich bedanke mich
noch einmal sehr herzlich bei Ihnen all den Sachverständigen. Ich entschuldige mich noch einmal für die
Verzögerung. Ich bedanke mich bei der Öffentlichkeit
für das Interesse und natürlich bei den Kolleginnen und
Kollegen Abgeordneten. Wir werden Ihre Anregungen
intensiv beraten. Damit ist diese Sitzung geschlossen.
Ende der Sitzung: 15.42
Bartke, Dr. Matthias (SPD) 3
Birkwald, Matthias W. (DIE LINKE.) 1, 3, 5, 10, 15
Eckenbach, Jutta (CDU/CSU) 3, 12, 14
Fix, Dr. Birgit (Deutscher Caritasverband e. V.) 4,
5, 11, 12, 14, 15
Gerdes, Michael (SPD) 3, 15
Griese, Kerstin (SPD) 1, 3, 5, 6, 8, 9, 10, 12, 14, 15,
Helfrich, Mark (CDU/CSU) 3
Hesse, Werner (Bundesarbeitsgemeinschaft der
freien Wohlfahrtspflege e.V.) 4, 5, 14, 15
Hilgendag, Uwe 4, 5, 8, 9, 15
Hiller-Ohm, Gabriele (SPD) 3, 8
Jäger, Frank 4, 5, 9, 10
Jakob, Johannes (Deutscher Gewerkschaftsbund) 4,
5, 13, 15, 16
Kapschack, Ralf (SPD) 3, 8
Kipping, Katja (DIE LINKE.) 1, 3, 5, 9
Kramme, PStS Anette (BMAS) 4, 5
Kurth, Markus (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) 2, 3,
Mast, Katja (SPD) 3, 8, 9, 14, 16
Mempel, Dr. Markus (Deutscher Landkreistag) 4,
5, 6, 7, 8, 11, 14
Müller-Gemmeke, Beate (BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN) 3
Paschke, Markus (SPD) 3, 8, 14
Pätzold, Dr. Martin (CDU/CSU) 3
Pothmer, Brigitte (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) 3
Robra, Dr. Anna (Bundesvereinigung der
Deutschen Arbeitgeberverbände) 4, 5, 6, 7, 8, 13
Rüffer, Corinna (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) 3
Rützel, Bernd (SPD) 3
Sauer, Franz-Josef (Bundesagentur für Arbeit) 4, 5
Schiewerling, Karl (CDU/CSU) 3, 6
Schmidt (Ühlingen), Gabriele (CDU/CSU) 3, 13
Schmidt (Wetzlar), Dagmar (SPD) 3
Schulz, Swen (SPD) 3
Sell, Prof. Dr. Stefan 4, 5, 11, 16
Stegemann, Albert (CDU/CSU) 3
Stracke, Stephan (CDU/CSU) 3, 7
Strengmann-Kuhn, Dr. Wolfgang (BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN) 2, 3, 5, 11, 12, 16
Strobel, Eva (Bundesagentur für Arbeit) 4, 5, 7, 9,
Voßbeck-Kayser, Christel (CDU/CSU) 3, 7
Whittaker, Kai (CDU/CSU) 3, 13
Zimmermann (Zwickau), Sabine (DIE LINKE.) 1, 3,
Achtung! Abweichende Sitzungszeit!
1. Ergänzungsmitteilung zur 78. Sitzung am Mittwoch, 1. Juni 2016
Recht: 95. Sitzung
Tipps zur Wohnungssuche - Alb-Donau
11.04.2016 - 70. Sitzung
Frage 8 - IQ Netzwerk Thüringen
Besuchen Sie unsere Informationsveranstaltungen 2016! 2. ETAGE
Organigramm 150515 - Katholische Kirche Drensteinfurt

References: § 96
 § 14
 § 16
 § 115
 § 44
 § 22
 § 16
 § 34
 § 16
 §
16
 § 16
 § 16
 § 16
 § 16
 § 16
 § 12
 § 16
 § 16
 § 132
 § 5
 §12
 § 40