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Timestamp: 2017-08-19 22:25:39+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 7 ABR 67/10
Schlag­worte: Schwerbehindertenvertretung, Aufhebungsvertrag
Akten­zeichen: 7 ABR 67/10
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgerichts Stuttgart, Beschluss vom 29.09.2010, 22 BV 294/09
22 BV 294/09
Sprung­rechts­be­schwer­deführe­rin,
hat der Sieb­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Anhörung vom 14. März 2012 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Lin­sen­mai­er, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Kiel, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmidt so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Met­zin­ger und Will­ms für Recht er­kannt:
Auf die Sprung­rechts­be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin wird der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 29. Sep­tem­ber 2010 - 22 BV 294/09 - auf­ge­ho­ben. Die Anträge des Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ters wer­den ab­ge­wie­sen.
A. Die Be­tei­lig­ten strei­ten im Sprung­rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren hauptsächlich darüber, ob der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter ge­genüber der Ar­beit­ge­be­rin ei­nen An­spruch auf Un­ter­las­sung des Ab­schlus­ses von Auf­he­bungs­verträgen mit schwer­be­hin­der­ten Men­schen hat, wenn er nicht zu­vor un­ter­rich­tet und an­gehört wor­den ist.
Die Ar­beit­ge­be­rin be­treibt städti­sche Kran­kenhäuser in Form ei­nes Ei­gen­be­triebs. An­trag­stel­ler ist der dort gewähl­te Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter. Die Ar­beit­ge­be­rin schloss im Frühjahr 2009 ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag mit der schwer­be­hin­der­ten Mit­ar­bei­te­rin S ab, oh­ne den Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter da­von vor­her un­ter­rich­tet und an­gehört zu ha­ben. Nach ei­ner Be­schwer­de des Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ters vom 19. Ok­to­ber 2009 über die un­ter­blie­be­ne Be­tei­li­gung be­stritt die Ar­beit­ge­be­rin ei­ne ent­spre­chen­de Ver­pflich­tung.
In dem dar­auf­hin ein­ge­lei­te­ten Be­schluss­ver­fah­ren hat der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter die Auf­fas­sung ver­tre­ten, er sei beim Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags mit ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen nach § 95 Abs. 2 Satz 1 SGB IX zu be­tei­li­gen. Die­ser An­spruch könne nur durch ei­nen all­ge­mei­nen Un­ter­las­sungs­an­spruch ge­si­chert wer­den. Die Sank­ti­on des § 95 Abs. 2 Satz 2 SGB IX ge­he ins Lee­re, weil der Auf­he­bungs­ver­trag trotz feh­len­der Be­tei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung wirk­sam sei.
1. der Ar­beit­ge­be­rin zu un­ter­sa­gen, ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag mit ei­nem im Ei­gen­be­trieb Kli­ni­kum S beschäftig­ten schwer­be­hin­der­ten Men­schen ab­zu­sch­ließen, be­vor nicht der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter un­ter­rich­tet und ihm Ge­le­gen­heit ge­ge­ben wur­de, da­zu Stel­lung zu neh­men,
2. hilfs­wei­se, für den Fall der Ab­wei­sung des An­trags zu 1., die Ar­beit­ge­be­rin zu ver­pflich­ten, ihn vor Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags mit im Ei­gen­be­trieb Kli­ni­kum S beschäftig­ten schwer­be­hin­der­ten Men­schen zu un­ter­rich­ten und ihm Ge­le­gen­heit zu ge­ben, da­zu Stel­lung zu neh­men,
3. für den Fall, dass die Ar­beit­ge­be­rin der Ver­pflich­tung aus An­trag Ziff. 1 nicht nach­kom­me, ihr für je­den Fall der Zu­wi­der­hand­lung ein Ord­nungs­geld bis zu 25.000,00 Eu­ro, er­satz­wei­se Ord­nungs­haft, zu voll­zie­hen am Geschäftsführer des Ei­gen­be­triebs S, an­zu­dro­hen.
Die Ar­beit­ge­be­rin hat be­an­tragt, die Anträge ab­zu­wei­sen. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, § 95 Abs. 2 Satz 1 SGB IX ver­lan­ge kei­ne Be­tei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung beim Ab­schluss von Auf­he­bungs­verträgen.
Das Ar­beits­ge­richt hat dem Un­ter­las­sungs­an­trag so­wie dem An­trag auf An­dro­hung von Ord­nungs­geld und Ord­nungs­haft ent­spro­chen und dem­gemäß über den Hilfs­an­trag nicht ent­schie­den. Es hat die Sprung­rechts­be­schwer­de zu­ge­las­sen, mit der die Ar­beit­ge­be­rin die Ab­wei­sung der Anträge des Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ters be­gehrt. Die­ser be­an­tragt die Zurück­wei­sung der Sprung­rechts­be­schwer­de.
B. Die nach § 96a ArbGG statt­haf­te und auch im Übri­gen zulässi­ge Sprung­rechts­be­schwer­de ist be­gründet. Sie führt zur Auf­he­bung des an­ge­foch­te­nen Be­schlus­ses und zur Ab­wei­sung der Anträge des Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ters. Zu Un­recht hat das Ar­beits­ge­richt dem Haupt­an­trag statt­ge­ge­ben. Die­ser ist un­zulässig, da er nicht hin­rei­chend be­stimmt ist. Der als Fest­stel­lungs­an­trag zu ver­ste­hen­de Hilfs­an­trag ist zulässig, aber un­be­gründet.
I. Der Un­ter­las­sungs­an­trag ist un­zulässig. Er ist nicht hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO.
1. Nach § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO muss ein An­trag auch im Be­schluss­ver­fah­ren so be­stimmt sein, dass die ei­gent­li­che Streit­fra­ge mit Rechts­kraft­wir­kung zwi­schen den Be­tei­lig­ten ent­schie­den wer­den kann. Im Fal­le ei­ner dem An­trag statt­ge­ben­den Ent­schei­dung muss für den in An­spruch ge­nom­me­nen Be­tei­lig­ten ein­deu­tig er­kenn­bar sein, was von ihm ver­langt wird. Die Prüfung, wel­che Maßnah­men der Schuld­ner vor­zu­neh­men oder zu un­ter­las­sen hat, darf grundsätz­lich nicht in das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ver­la­gert wer­den (BAG 12. Au­gust 2009 - 7 ABR 15/08 - Rn. 12, BA­GE 131, 316; 27. Ju­li 2010 - 1 ABR 74/09 - Rn. 11, AP ZPO § 253 Nr. 51). Ein Un­ter­las­sungs­an­trag muss des­halb - be­reits aus rechts­staat­li­chen Gründen - ein­deu­tig er­ken­nen las­sen, was vom Schuld­ner ver­langt wird. Soll der Schuld­ner zur zukünf­ti­gen Un­ter­las­sung ein­zel­ner Hand­lun­gen ver­pflich­tet wer­den, müssen die­se so ge­nau be­zeich­net sein, dass kein Zwei­fel be­steht, wel­ches Ver­hal­ten im Ein­zel­nen be­trof­fen ist. Für den Schuld­ner muss auf­grund des Un­ter­las­sungs­ti­tels er­kenn­bar sein, wel­che Hand­lun­gen oder Äußerun­gen er künf­tig zu un­ter­las­sen hat, um sich rechtmäßig ver­hal­ten zu können (vgl. BAG 17. März 2010 - 7 ABR 95/08 - Rn. 13, BA­GE 133, 342).
2. Die­sen An­for­de­run­gen genügt der Haupt­an­trag nicht. Der Ar­beit­ge­be­rin soll es für al­le denk­ba­ren Kon­stel­la­tio­nen un­ter­sagt wer­den, Auf­he­bungs­verträge mit im Kli­ni­kum beschäftig­ten schwer­be­hin­der­ten Men­schen ab­zu­sch­ließen, oh­ne dass der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter zu­vor un­ter­rich­tet wur­de und er Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me hat­te. Da­mit ist zwar klar, dass von der Un­ter­las­sungs­ver­pflich­tung al­le künf­ti­gen Auf­he­bungs­verträge mit schwer­be­hin­der­ten Men­schen er­fasst sein sol­len. Un­klar und un­be­stimmt ist aber, wie die Un­ter­rich­tung und Anhörung im Ein­zel­nen aus­ge­stal­tet sein soll, bei de­ren Feh­len der be­gehr­te Un­ter­las­sungs­ti­tel zur An­wen­dung kom­men soll. Es fehlt an jeg­li­cher Präzi­sie­rung, in wel­cher Form und Frist, mit wel­chem In­halt und in wel­chem Um­fang die Un­ter­rich­tung er­fol­gen und wel­che Zeit der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter zu ei­ner Stel­lung­nah­me ha­ben soll. So bleibt ua. un­klar, ob dem
Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter nur der be­ab­sich­tig­te Ver­trags­schluss selbst oder darüber hin­aus die ein­zel­nen Be­din­gun­gen oder sons­ti­gen Umstände des be­ab­sich­tig­ten Auf­he­bungs­ver­trags mit­zu­tei­len sind, und ob dies münd­lich oder schrift­lich ge­sche­hen soll. Die Be­ant­wor­tung die­ser Fra­gen darf nicht in das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ver­la­gert wer­den. Der be­an­trag­te Te­nor ließe of­fen, wel­ches rechtmäßige Ver­hal­ten der Ar­beit­ge­be­rin ge­nau ab­ver­langt würde.
II. Der An­trag auf An­dro­hung von Ord­nungs­mit­teln ist nur für den Fall des Ob­sie­gens mit dem Un­ter­las­sungs­an­trag ge­stellt. Er fällt dem Se­nat da­mit nicht zur Ent­schei­dung an (vgl. BAG 9. März 2011 - 7 ABR 137/09 - AP Be­trVG 1972 § 99 Ein­stel­lung Nr. 63 = EzA Be­trVG 2001 § 99 Ein­stel­lung Nr. 17).
III. Der hilfs­wei­se ge­stell­te Fest­stel­lungs­an­trag ist zulässig, aber un­be­gründet.
1. Der als Fest­stel­lungs­an­trag zu ver­ste­hen­de Hilfs­an­trag ist zulässig.
a) Wie der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter in der Anhörung auf den Hin­weis des Se­nats, der auf ei­ne zukünf­ti­ge Leis­tung ge­rich­te­te An­trag be­geg­ne we­gen § 259 ZPO Zulässig­keits­be­den­ken, erklärt hat, soll der An­trag als Fest­stel­lungs­an­trag ver­stan­den wer­den. Dar­in liegt kei­ne un­zulässi­ge An­tragsände­rung. Viel­mehr ist in dem zu­vor auf den Aus­spruch ei­ner Ver­pflich­tung ge­rich­te­ten An­trag der Fest­stel­lungs­an­trag ent­hal­ten (vgl. hier­zu BAG 27. Ok­to­ber 2010 - 7 ABR 36/09 - Rn. 17 mwN, AP Be­trVG 1972 § 99 Ein­stel­lung Nr. 61 = EzA Be­trVG 2001 § 99 Ein­stel­lung Nr. 16).
b) Wie die Aus­le­gung des An­trags er­gibt, ist er auf die Fest­stel­lung des Be­ste­hens von zwei Ver­pflich­tun­gen der Ar­beit­ge­be­rin ge­rich­tet. Zum ei­nen will der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter fest­ge­stellt wis­sen, dass er vor dem Ab­schluss von Auf­he­bungs­verträgen mit schwer­be­hin­der­ten Men­schen zu un­ter­rich­ten sei. Darüber hin­aus soll fest­ge­stellt wer­den, dass ihm Ge­le­gen­heit ge­ge­ben wer­den soll, vor dem Ver­trags­schluss Stel­lung zu neh­men.
c) Der An­trag ist hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Al­ler­dings fehlt es auch in­so­weit an ei­ner nähe­ren Be­stim­mung, wie die Un­ter­rich­tung und Anhörung im Ein­zel­nen aus­se­hen soll. An die hin­rei­chen­de Be­stimmt­heit ei­nes Fest­stel­lungs­an­trags sind grundsätz­lich kei­ne ge­rin­ge­ren An­for­de­run­gen zu stel­len als an die­je­ni­ge ei­nes Leis­tungs­an­trags. Wenn al­ler­dings be­reits das Be­ste­hen des (Mit­be­stim­mungs-)Rechts als sol­ches strei­tig ist und über des­sen ggf. zu be­ach­ten­de Aus­ge­stal­tung noch kein Streit be­steht, kann die­ses zum Ge­gen­stand ei­nes Fest­stel­lungs­an­trags ge­macht wer­den, oh­ne dass die Mo­di­fi­ka­tio­nen be­reits im Ein­zel­nen be­schrie­ben wer­den müss­ten (vgl. BAG 8. Ju­ni 2004 - 1 ABR 13/03 - zu B I 2 a aa der Gründe mwN, BA­GE 111, 36). Dies ist hier der Fall.
d) Die Vor­aus­set­zun­gen des § 256 Abs. 1 ZPO sind erfüllt. Die Ver­pflich­tun­gen, de­ren Be­ste­hen fest­ge­stellt wer­den soll, sind Rechts­verhält­nis­se iSv. § 256 Abs. 1 ZPO. Da die Ar­beit­ge­be­rin die Ver­pflich­tun­gen be­strei­tet, hat der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se an der be­gehr­ten Fest­stel­lung.
2. Der An­trag ist we­der ins­ge­samt noch teil­wei­se be­gründet. Der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter hat je­den­falls nicht in al­len Fällen ei­nen An­spruch dar­auf, vor dem Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags mit ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen un­ter­rich­tet zu wer­den. Ein An­spruch, vor dem Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags stets an­gehört zu wer­den, be­steht eben­falls nicht.
a) Nach § 95 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX hat der Ar­beit­ge­ber die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung in al­len An­ge­le­gen­hei­ten, die ei­nen ein­zel­nen oder die schwer­be­hin­der­ten Men­schen als Grup­pe berühren, un­verzüglich und um­fas­send zu un­ter­rich­ten und vor ei­ner Ent­schei­dung an­zuhören. Da­mit nor­miert die Be­stim­mung zwei Ver­pflich­tun­gen des Ar­beit­ge­bers, die sich nach In­halt, Um­fang und Zeit­punkt von­ein­an­der un­ter­schei­den.
aa) Zum ei­nen wird vom Ar­beit­ge­ber ver­langt, die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung um­fas­send zu in­for­mie­ren. Ge­gen­stand der Un­ter­rich­tung sind al­le
An­ge­le­gen­hei­ten, die ei­nen ein­zel­nen oder die schwer­be­hin­der­ten Men­schen als Grup­pe berühren. Der weit ge­fass­te An­spruch er­streckt sich nicht nur auf ein­sei­ti­ge Maßnah­men des Ar­beit­ge­bers, son­dern auf al­le An­ge­le­gen­hei­ten, die sich spe­zi­fisch auf schwer­be­hin­der­te Men­schen aus­wir­ken. Die Un­ter­rich­tungs­pflicht be­steht al­ler­dings dann nicht, wenn die An­ge­le­gen­heit die Be­lan­ge schwer­be­hin­der­ter Men­schen in kei­ner an­de­ren Wei­se berührt als nicht schwer­be­hin­der­te Beschäftig­te (vgl. BAG 17. Au­gust 2010 - 9 ABR 83/09 - Rn. 13, 18, BA­GE 135, 207). In­halt der Ver­pflich­tung ist die Un­ter­rich­tung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung. Der Ar­beit­ge­ber muss die­ser da­her die zu der An­ge­le­gen­heit gehören­den In­for­ma­tio­nen ge­ben. Da­bei muss die Un­ter­rich­tung, wie das Ge­setz aus­drück­lich be­tont, „um­fas­send“ sein. Die Un­ter­rich­tung hat „un­verzüglich“ zu er­fol­gen. Der Ar­beit­ge­ber muss da­her die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung über ei­ne die schwer­be­hin­der­ten Men­schen berühren­de An­ge­le­gen­heit in­for­mie­ren, so­bald er da­von Kennt­nis er­langt und ihm die Un­ter­rich­tung oh­ne schuld­haf­tes Zögern möglich ist. Die­ser Zeit­punkt kann je nach den Umständen vor oder nach dem Ab­schluss der An­ge­le­gen­heit lie­gen.
bb) Zum an­de­ren hat der Ar­beit­ge­ber die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung in An­ge­le­gen­hei­ten, die ei­nen ein­zel­nen oder die schwer­be­hin­der­ten Men­schen als Grup­pe berühren, vor ei­ner Ent­schei­dung an­zuhören. Die­se Ver­pflich­tung un­ter­schei­det sich von der Pflicht zur Un­ter­rich­tung. Sie geht in­so­fern darüber hin­aus, als die Anhörung re­gelmäßig ei­ne ent­spre­chen­de Un­ter­rich­tung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung vor­aus­setzt, sich dar­in aber nicht erschöpft, son­dern darüber hin­aus ver­langt, dass dem Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ge­ge­ben wird und der Ar­beit­ge­ber ei­ne ent­spre­chen­de Stel­lung­nah­me auch zur Kennt­nis nimmt. Die Anhörungs­pflicht be­zieht sich nicht auf sämt­li­che, die schwer­be­hin­der­ten Men­schen be­tref­fen­den An­ge­le­gen­hei­ten, son­dern nur auf die dies­bezügli­chen Ent­schei­dun­gen des Ar­beit­ge­bers. Ent­schei­dun­gen in die­sem Sin­ne sind die ein­sei­ti­gen Wil­lens­ak­te des Ar­beit­ge­bers. Das ent­spricht dem Wort­sinn des Be­griffs und wird da­durch bestätigt, dass das Ge­setz in § 95 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 2 SGB IX von der „ge­trof­fe­nen“ Ent­schei­dung spricht. Auch Sinn und Zweck des Anhörungs­rechts
zie­len dar­auf, der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung die Möglich­keit zu ge­ben, an der Wil­lens­bil­dung des Ar­beit­ge­bers mit­zu­wir­ken. Die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung soll Ge­le­gen­heit ha­ben, den Ar­beit­ge­ber aus ih­rer fach­li­chen Sicht auf mögli­che, ggf. nicht be­dach­te Aus­wir­kun­gen sei­ner Ent­schei­dung hin­zu­wei­sen (BAG 17. Au­gust 2010 - 9 ABR 83/09 - Rn. 17, BA­GE 135, 207; Düwell in LPK-SGB IX 3. Aufl. § 95 Rn. 35). An­ders als die Un­ter­rich­tung hat die Anhörung nicht „un­verzüglich“, son­dern „vor“ der Ent­schei­dung zu er­fol­gen. Der Ar­beit­ge­ber genügt da­her sei­ner Pflicht zur Anhörung nicht, wenn er die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung erst nach der Ent­schei­dung anhört. Dies macht auch § 95 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 2 SGB IX deut­lich.
b) Der Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags mit ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen ist zwar ei­ne „An­ge­le­gen­heit“ iSv. § 95 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX, aber kei­ne „Ent­schei­dung“ im Sin­ne die­ser Be­stim­mung.
aa) Der Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags mit ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen ist ei­ne An­ge­le­gen­heit, die ei­nen ein­zel­nen schwer­be­hin­der­ten Men­schen oder auch die schwer­be­hin­der­ten Men­schen als Grup­pe berührt. Die ein­ver­nehm­li­che Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­nes schwer­be­hin­der­ten Men­schen be­trifft un­mit­tel­bar des­sen recht­li­che Stel­lung und sein Ver­blei­ben im Be­trieb. Be­trof­fen sind die schwer­be­hin­der­ten Men­schen aber auch als Grup­pe. So wird durch das Aus­schei­den ei­nes schwer­be­hin­der­ten Men­schen un­mit­tel­bar die nach § 71 Abs. 1 Satz 1 SGB IX vom Ar­beit­ge­ber zu erfüllen­de Quo­te berührt. Der Ar­beit­ge­ber hat da­her die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung über den Ab­schluss ei­nes sol­chen Auf­he­bungs­ver­trags zu un­ter­rich­ten. Dies hat er un­verzüglich zu tun. Der kon­kre­te Zeit­punkt rich­tet sich nach den Umständen des Ein­zel­falls. Wird ein Auf­he­bungs­ver­trag mit ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen oh­ne ei­ne ent­spre­chen­de Vor­be­rei­tung spon­tan ge­schlos­sen, wird ei­ne Un­ter­rich­tung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung re­gelmäßig erst nachträglich er­fol­gen können. Ins­be­son­de­re ist der Ar­beit­ge­ber we­gen sei­ner Pflicht zur un­verzügli­chen Un­ter­rich­tung nicht ver­pflich­tet, mit dem Ab­schluss des Auf­he­bungs­ver­trags ab­zu­war­ten. Führt der Ar­beit­ge­ber da­ge­gen mit dem schwer­be-
hin­der­ten Men­schen über ei­nen be­stimm­ten Zeit­raum Ver­trags­ver­hand­lun­gen über den Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags, kann dar­in mögli­cher­wei­se be­reits ei­ne An­ge­le­gen­heit iSv. § 95 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX lie­gen, hin­sicht­lich de­rer die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung zu un­ter­rich­ten ist. Ob und un­ter wel­chen Umständen dies der Fall sein kann, be­darf hier kei­ner ab­sch­ließen­den Klärung.
bb) Der Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags mit ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen ist kei­ne „Ent­schei­dung“ iSv. § 95 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX. Der Ver­trags­schluss ist kein ein­sei­ti­ger Wil­lens­akt des Ar­beit­ge­bers. Der Ar­beit­ge­ber ist da­her nach § 95 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX nicht ver­pflich­tet, die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung vor dem Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags mit ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen an­zuhören. Auch Sinn und Zweck des Anhörungs­rechts ver­lan­gen in ei­nem sol­chen Fall die vor­he­ri­ge Anhörung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung nicht. Der schwer­be­hin­der­te Mensch muss nicht vor den mögli­chen Fol­gen ei­ner ein­sei­ti­gen Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers durch die Be­tei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung geschützt wer­den. Viel­mehr kann er selbst pri­vat­au­to­nom über den Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags ent­schei­den. Durch den be­son­de­ren Be­en­di­gungs­schutz nach §§ 85, 92 SGB IX be­fin­det sich der schwer­be­hin­der­te Mensch bei der Ver­hand­lung über ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag so­gar in ei­ner recht­lich stärke­ren Po­si­ti­on als an­de­re Ar­beit­neh­mer. Dass ei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung vor dem Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags zu hören, über­schießend wäre, wird ins­be­son­de­re deut­lich in Fall­ge­stal­tun­gen, in de­nen die Initia­ti­ve zum Ab­schluss ei­nes sol­chen Ver­trags von dem Ar­beit­neh­mer aus­geht.
c) Hier­nach ist die Ar­beit­ge­be­rin we­der stets ver­pflich­tet, den Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter vor dem Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags mit ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen zu un­ter­rich­ten, noch muss sie die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung zu­vor anhören. Der Ab­schluss ei­nes sol­chen Ver­trags ist zwar ei­ne An­ge­le­gen­heit iSv. § 95 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX. Die Ar­beit­ge­be­rin
muss da­her den Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter un­verzüglich un­ter­rich­ten. Der Zeit­punkt der Un­ter­rich­tung liegt aber nicht not­wen­dig vor dem Ab­schluss des Auf­he­bungs­ver­trags. Je­den­falls in den Fällen, in de­nen ein Auf­he­bungs­ver­trag oh­ne zeit­lich nen­nens­wer­te Vor­ver­hand­lun­gen ge­schlos­sen wird, genügt die Ar­beit­ge­be­rin ih­rer Un­ter­rich­tungs­pflicht, wenn sie den Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter un­verzüglich nach dem Ab­schluss des Auf­he­bungs­ver­trags in­for­miert. Ei­ne Ver­pflich­tung, den Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­ter vor dem Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags an­zuhören, be­steht schon des­halb nicht, weil der Ab­schluss kei­ne Ent­schei­dung iSv. § 95 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX ist.
G.Met­zin­ger
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References: § 95
 § 95
 § 95
 § 96
 § 253
 § 253
 § 253
 § 99
 § 99
 § 259
 § 99
 § 99
 § 253
 § 256
 § 256
 § 95
 § 95
 § 95
 § 95
 § 95
 § 71
 § 95
 § 95
 § 95
 § 95
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