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Timestamp: 2020-07-11 17:20:44+00:00

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349 Gefühl und Empfindung sind ähnlich und verschieden (Kajetan Weiller)
350 Jedes Gefühl ist einfacher Natur
351 Vieles ist das Gefühl (Nahlowsky)
352 Alles Wirkliche und Nichtwirkliche ist in unserm Gefühl (Hegel)
353 Einheit erfasst nur das Gefühl, nicht der Verstand (Eschenmayer)
354 Gefühl und Wahrheit
355 Nie ein Gefühl, stets zwei in der Seele (Beneke, Gefühle)
356 Lust und Unlust: Gefühle bestehen nur im Bewusstsein des Angenehmen
oder Unangenehmen (Tiedemann, Psychologie)
357 Gefühle richten sich nach Vorstellungen
358 Im reflektierten Gefühle erhellt oder verdunkelt sich alles zugleich (Beneke, Gefühle)
359 Fühlen, Vorstellen, Denken, Wollen, Leben (Schmidt Karl)
360 Fühlen und Begehren hängen aufs innigste zusammen (Waitz)
361 Jedes Gefühl ist unmittelbar Selbstgefühl
362 Fühlen des Anderen
363 Sicheinbilden der Leiblichkeit in das Selbstgefühl durch Gewohnheit (Hegel)
364 Innere Gefühle: sinnlich oder vernünftig.
365 Angeborenes moralisches Gefühl
366 Kein moralisches Prinzip gründet sich auf ein Gefühl (Kant)
367 Frömmigkeit ist Gefühl der Abhängigkeit von Gott (Braniß)
368 Pflichten in Bezug auf die Gefühle (Stäudlin)
Gefühl nennen wir den Zustand unserer selbst, der aller Wahrnehmung, unserer selbst sowohl als der Außenwelt, zum Grunde liegt. Durch Wahrnehmung der Außenwelt, wird dieser Zustand objektiv zu einer Empfindung. Ohne Mitwirkung des Gefühls können wir weder denken noch handeln. Jeder Gedanke, jede Handlung wirkt wieder besonders auf das Gefühl zurück. Was nur irgend zu unserem geistigen Dasein gehört, fließt in dem Gefühle, wie in einer einzigen Lebenstätigkeit, zusammen (Bouterwek, Aesthetik T1, 27f). Empfindung berichtet uns unser affiziert werden. Wir können uns aber auch selbst affizieren. Von diesem gibt uns das Gefühl Nachricht. Beide referieren uns über Zustände von uns. Empfindung berichtet uns nur ein Leiden von uns, Gefühl aber ein selbst Tätigsein. Genau betrachtet, referiert uns aber das Gefühl mehr als einen bloßen Zustand von uns. Gefühl berichtet uns über uns selbst. Wir wirken auf uns selbst und das Gefühl berichtet uns von diesem auf uns selbst Wirken. Die Empfindung kann nicht über sich, über uns Empfindende hinaus. Das Gefühl kann auch nicht über sich, über uns Fühlende hinaus, hat es aber auch nicht nötig, denn hier ist das Anregende und das Angeregte Eins. Wir fühlen uns selbst handelnd, und dadurch auch von uns selbst behandelt. Gefühl ist mit sich ganz vertraut. Empfindung bleibt sich immer wenigstens in etwas fremd. Gefühl ist einfach, Empfindung zusammengesetzt. Bei diesem fühlen wir uns immer von mehreren Mächten auf mehreren Punkten ergriffen. Bei jenem ergreifen wird uns nur selbst auf einem Punkte. Verbreitet sich aber auch von diesem Punkte alsdann eine Art geistigen Lebens über mehrere, so ist es doch immer dasselbe Einartige, was sich überall ankündigt, indes das bei der Empfindung sich Verbreitende immer mehr oder weniger verschiedenartig ist. Selbst verschiedenartige Gefühle haben noch sehr viel Gemeinschaftliches. Verwandt finden sich die Gefühle des Schönen, des Guten usw.
Gefühl berichtet uns Realität, Empfindung zunächst nur Erscheinung. Empfindung sagt uns Etwas, das für ein anderes Vernunftwesen etwas Anderes sein kann, weil dessen Verhältnis zu dem unbekannten Äußeren ein anderes ist. Gefühl sagt das, was für jedes Vernunftwesen dasselbe sein muss. Gefühl ist seinem Ursprung nach intellektuell, Empfindung sinnlich. Diese entsteht durch die Einwirkung eines Äußeren auf den Körper, jenes durch das Wirken unseres Geistes auf sich selbst. Wirkung des Geistes auf sich selbst kann zwar nachher auch noch eine Wirkung auf den Körper werden, alsdann wird sie eben auch Empfindung. Das Gefühl befindet sich in unserer Gewalt, die Empfindung nicht. Es übt zwar auch das Gefühl eine Art von Gewalt über uns aus. Aber in diesem selbst affizieren sind wir zunächst nur von uns selbst abhängig. Das Gefühl ist die Folge eines freien Aktes von uns, die Empfindung Folge eines blinden Außen. In so ferne wir diesen freien Selbstakt nicht unterdrücken, in so ferne kann dem Gefühl auch eine Art von physischer Notwendigkeit zugestanden werden, aber nur generell und nicht für einen einzelnen Fall. Überdies gibt es noch viele äußere Unterschiede zwischen Gefühl und Empfindung. Jenes wird mit höherer Kultur immer stärker, diese immer schwächer in der Gewalt über uns, jenes lässt sich voraus bestimmen, diese zeigt ihre Beschaffenheit erst hinterher usf (Weiller, freie Ansicht der Philosophie, Punkt 144..155). Charakter des Gefühls ist die innerliche Regung, welche äußere Erweiterungen oder Beschränkungen des eigenen Lebens in der Seele hervorbringen.
Auch Gefühle beziehen sich zunächst nur auf Naturverhältnisse bevor das Selbstbewusstein vergeistigend hinzutritt; immer bleibt das sinnlich tierische Stammgefühl, Lust oder Unlust, womit die mannigfaltigsten Vorstellungen verbunden sein können. Es hängt dann vom menschlichen Wollen ab, ob er das Gefühl durch diese Vorstellungen verstärken, fallen lassen oder unterdrücken will. Es ist an sich die im Bewusstsein zur Vorstellung erhobene Regung des Gefühls, welche die Seele in ihre eigene Tiefe führt. Die Empfindung hat es mit einer unendlichen Mannigfaltigkeit zu tun. Das Gefühl hat nie eine andere Beziehung als auf das eigene Selbst und dessen eigenste Wurzel, nach deren innerstem Lebenspunkt es drängt. Es würde leer sein ohne jene Mannigfaltigkeit, und jene Mannigfaltigkeit tot ohne den Lebenston des Gefühls. Das Gefühl, die Art wie es innerlich anklingt, ist stets die Anzeige eines von den Sinnen nicht wahrnehmbaren, tiefer begründeten Verhältnisses. Der einfache Mensch beruft sich bei allen Urteilen, die er nicht nachzuweisen vermag, auf sein Gefühl; mit Recht, denn die eigene Existenz und Art bleibt in ihrer Selbstbestimmtheit stets Maß und Modell für alle Bestimmbarkeit. Das Gefühl verstattet dem Menschen durchaus nicht, sich zu ignorieren. Empfindung, der Moment wo Gegenstand und Seele zusammenfließen, ist ebenso rätselhaft als das Gefühl. Der Mensch hängt überall am Band von Sinn und Gefühl, in allen Abstufungen. Eine Dunkelheit oder Verdunkelung von Vorstellungen ist das Gefühl nur insofern, als die Seele selbst eine Dunkelheit ist. Es ist ihr ans Licht sich gleichsam gebärendes Wesen, welches im Gefühl hervortritt (Kähler, Religion und Christentum 113..118)
Gefühl ist die Kraft der Seele, wodurch wir die materiellen Dinge aufnehmen oder unterscheiden (Johannes Damascenus, echter Glaube Buch 2). Gefühl nennen wir die unmittelbare Selbsttätigkeit des Reflexionsvermögens, d.h. die unmittelbare Tätigkeit der Urteilskraft. Das Gefühlsvermögen ist also keineswegs Sinn und Empfindung, sondern willkürliche Reflexion nur in ihrer unmittelbaren Tätigkeit. (Fries, Vernunft 407f). Gefühl ist nicht Begehren oder Verabscheuen, sondern eine Affektion, eine Disposition der Seele (Esser, Gemüt §83). Weder das Entstehen noch das Fortbestehen der Gefühle hängt von unserm Bewusstsein ab: das Gefühl der Zuneigung, Liebe, Freundschaft bleibt, obwohl wir uns seiner nicht fortwährend bewusst sind. Auch hier kann die Kraft infolge deren wir fühlen nicht als schlechthin identisch angesehen werden mit derjenigen, durch die wir uns unsrer Gefühle bewusst werden (Ulrici, Wissen 32) Jedes Gefühl kann unter anderen Umgebungen aufhören Gefühl zu sein und dagegen jede Seelentätigkeit, welche nicht Gefühl ist, unter angemessenen Umgebungen Gefühl werden (Beneke, Gefühle 224ff). Gefühle sind wie der Geschmack, zwar verschieden, allein sie behalten bei ihrer größten Verschiedenheit die strengste Einfachheit. Grund genug zur Verzweiflung, sie jemals auf Erkenntnisse, auf Begriffe zurückzubringen (Abicht, Vergnügen 99). Jedes Gefühl ist einfacher Natur und kann nicht in mehrere Gefühle aufgelöst werden (Schulze, Anthropologie 325f). Gefühl spricht nur zum Gefühl, nur sich selbst verständlich, weil der Gegenstand des Gefühls selbst nur Gefühl ist (Feuerbach, Christentum 34). Darum hat das Gefühl, wenn sein Inhalt auch der gediegenste und wahrste ist, die Form zufälliger Partikularität - außerdem, dass der Inhalt eben sowohl der dürftigste und unwahrste sein kann (Hegel Enzyklopädie § 447). Wo Gefühl ist, ist entweder Lust oder Unlust. Daraus folgt, dass es kein eigentlich gleichgültiges Gefühl gebe, da dieses einen Widerspruch mit sich selbst enthielte. Was wir bisweilen so nennen ist bei genauerer Untersuchung entweder bloß eine schwache Lust oder Unlust (Weber, Selbstgefühle 13ff). In jedem Gefühl wird ein Widerspruch gefühlt und es kann überhaupt nichts gefühlt werden, als ein innerer Widerspruch in uns selbst (Schelling, Idealismus 368). Gefühl ist Deine innigste und doch zugleich eine von Dir unterschiedene, unabhängige Macht, es ist in Dir über Dir. Es ist Dein eigenstes Wesen, das Dich aber als und wie ein anderes Wesen ergreift (Feuerbach, Christentum 37). Es ist das reine in sich Erzittern (Hegel). Gefühle sind insbesondere die ersten Regungen und Äußerungen des eignen inneren Lebens der Seele (Ulrici, Gott und der Mensch 587). Nichts im Innern des Menschen ist einem schnelleren Wechsel unterworfen, als seine Gemütszustände (Waitz, Lehrbuch der Psychologie 278). Das Schwanken der Gefühle ist durchaus nicht abzuleugnen, aber man darf daraus keineswegs den Schluss ziehen, es finde sich nirgends ein fester Punkt für unser Fühlen. Einen solchen festen Punkte besitzen wir in derjenigen Seelenstimmung welche die mittlere dauernde Grundlage unseres gewöhnlichen Lebens bildet (Beneke, Gefühle 254f). Jedes Gefühl ist wesentlich einerseits Selbstgefühl und andrerseits Gefühl eines bestimmten Objekts. Es gibt weder ein reines Selbstgefühl noch ein reines Objektsgefühl. Der Empfindung und dem Triebe rein als solchen geht beiden die persönliche Bestimmtheit, das Moment des Selbst ab (Rothe, Ethik 270ff). Wir haben keine Gewalt weder über unsre sinnlichen Empfindungen noch über unsre Gefühle und folglich auch nicht über unser Selbstgefühl. Über unser Bewusstsein und dessen Inhalt dagegen haben wir eine, wenn auch beschränkte Macht, die unser Wille ausübt (Ulrici, Wissen 41ff). Gefühl ist der begleitende Wächter, sinnlich-geistige Kontrolle aller unserer innern Zustände, stets wacher und höchst erregbarer Schätzer der Harmonie oder Disharmonie, des Grades der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung, in welchem das Subjekt jeden Augenblick durch Wechselwirkung mit seiner Umgebung sich befindet. (Fichte Immanuel, Psychologie 316) Sinnliches allgemeines Lebensgefühl bleibt mit allem unsern Selbstbewusstsein stets auf innigste verbunden (Francke 180). Das Gefühl ist die ursprünglichste Wechselwirkung des ICH mit sich selbst, ehe noch ein NICHT ICH - es versteht sich im ICH und für das ICH- vorkommt. (Fichte, Wissenschaftslehre 390). Es ist keine unbedeutende Wirkung der vernünftigen Natur, dass der Mensch allein fühlt, was Ordnung, was Anstand ist, welches Maß in Wort und Tat zu halten ist. (Cicero, Pflichten 371). Sind nicht alle Gefühle und Neigungen zugleich Triebfedern des Willens? (Eschenmayer, Psychologie 350). Das Gefühl begreift die Wirklichkeit in ihrer Fülle, ist aber nicht dazu geschaffen einen Entschluss zu fassen. Es schwankt, ist zu sehr den Dingen verhaftet um über sie verfügen zu können (Rousseau). Gefühl ist Stimmung des Geistes, welches von der freitätigen Kraft unzertrennlich ist (Salat, Vernunft u. Verstand 46f). Wenn aus dem Gefühl nicht immer unmittelbar die produktive Anschauung hervorträte, so wäre der einzelne durch ein Gefühl im ganzen verschlungen. Ebenso wenn aus der Anschauung nicht das produktive Gefühl hervorträte, so wäre der einzelne in einem Gedanken versteinert (Schleiermacher, Sittlichkeit, 358). Gefühle unterrichten die anderen Sinne. Demnach ist auch das Fühlen ein Erkennen und das Erkennen ein Fühlen (Condillac). Wir können uns einem Gefühle hingeben oder auch entziehen (Krause, Anthropologie 138f). Vorstellungen von äußern Objekten erwecken nicht immer die nämlichen Gefühle, was sie doch müssen, wenn sie von sich selbst rührend wären (Abicht, Preisschrift, 350f). Die Emotion folgt nicht auf die Repräsentation des Gegenstandes, sie geht ihr voraus. Noch bevor die Wahrnehmung die Eigenheiten des Gegenstandes unterscheidet, richtet eine durch und durch emotionale Synthese die Welt ein (Levinas, Levy-Bruhl und zeitgenössische Philosophie). Das Fühlen ist kein verkrüppeltes Denken, auch kein abgekürztes Denken, es reicht in eine andere Dimension. Es ist eine Art und Weise eine Macht zu erfahren (Levinas, Levy-Bruhl und zeitgenössische Philosophie). Gefühle wirken auf den Verstand und das Denken wirkt auf das Gefühlsleben zurück. Das Gefühlsvermögen ist der dunkle, verhüllte Grund, auf dem die Leidenschaften und tobenden Affekte schlafen; doch sind die Gemütsbewegungen keineswegs losgerissen von der leitenden Kraft des Verstandes. (Francke 186). Es gibt eine Logik der Gefühle und einen Gefühlsanteil in den Ideen. (Rosenkranz, Modifikationen Logik). Jeden Akt des Erkennens begleitet ein Gefühl (Bouterwek, Religion). Gefühl ist schlicht Einsicht und Erkenntnis (Levinas). Der Verstand begreift die Wahrheit, das Gefühlsvermögen fühlt sie ohne sie auf Begriffe und Schlüsse bringen zu können (Apelt, Metaphysik). Gefühl ist ein logisches Erkennen ohne bestimmten Begriff. (Fries, Philosophie 188). Die Vernunft tritt durch das Gefühl in den Verstand (Salat, Vernunft und Verstand). Gefühle hängen vom Augenblick ab, haben keinen tieferen Sinn. Endlich ist es auch vergeblich das Sein in irgend einem Gefühle aufzusuchen, weil das Sein worauf sich das Fühlen bezieht, vorausgesetzt ist (Bouterwek, Apodiktik, 196). Das Gefühl, indem es sich auf das Ewige bezieht ist Urgefühl, aus dem die Gefühle des Wahren, des Guten, des Schönen usw. hervorgehen (Salat, Vernunft und Verstand). Wie kann eine Seele die niemals empfunden hat wissen, dass sie vorhanden sei? (Bonnet). Gefühl wird als Kontakt mit dem Sein interpretiert, der direkter als die Empfindung ist (Levinas, Levy-Bruhl und zeitgenössische Philosophie). Für Kant hat die Philosophie ihre fühlbaren Geheimnisse. Gefühl hat einen Instinkt der Wahrheit und Gewissheit, einen Glauben an die Realität des Empfundenen (Rosenkranz, Modifikation Logik).
Historisch wurden Empfindungen, alle dunklen Vorstellungen, sie mochten Wahrnehmungen, Begriffe oder Ideen sein und die sich gewöhnlich in deren Gesellschaft findenden dunklen Bestrebungen, Gefühle genannt (Krug, Gefühle 9ff).
Solange das Fühlbare (dieses sei nun der eigene Leib oder ein fremder Körper) und das Fühlende nur unwillkürlich an einander geraten, wird in der Gefühlsempfindung und durch dieselbe das Gefühlte und das Fühlende keineswegs unterschieden, sondern beides verliert sich in einander und die Gefühlsempfindung ist dunkel. Erst durch die Betastung tritt die objektive Realität sowohl des eigenen Leibes als auch fremder Körper mit Klarheit hervor. Mit der objektiven Gefühlsempfindung des durch seine eigenen Glieder betasteten Leibes findet sich das sinnliche Selbstgefühl ein,
an welches sich alle anderen Empfindungen durch die übrigen Sinne anschließen (K.L. Reinhold, menschliches Erkenntnisvermögen 20ff). Doch hängt das Gefühl nicht von der leiblichen Empfindung ab. Stärkste Erschütterungen der Sinne lassen die Seele öfters ohne eigentliches Gefühl. Ein und dieselbe leibliche Empfindung erregt das eine Mal ein Gefühl freudiger, das andere Mal von missbehaglicher Art; es geschieht uns, dass Eindrücke, welche dem Leibe wohlgefällig sind, ein Missfallen der Seele nach sich ziehen oder umgekehrt. Wird nicht auch der Starke durch eine unbedeutende äußere Veranlassung in Gefühle versenkt, deren Macht und Dauer in gar keinem Verhältnis zum äußeren Eindruck stehen? Auch besteht die Eigentümlichkeit unserer Gefühle darin, dass die Kraft derselben noch wirksam ist, wenn die Seele kaum mehr weiß, was die Veranlassung war. Gefühl ist mithin nicht ein und dasselbe mit der sinnlichen Empfindung oder auch mit der Wahrnehmung (Schubert, Geschichte der Seele 500ff). Oft bezeichnen wir auch unsre Neigungen, Affekte und Leidenschaften mit dem Namen der Gefühle (z.b. Gefühl der Liebe, des Hasses, des Zornes, der Rache, der Furcht, des Mutes usw.) Bei einer Menge von Gefühlen findet die Bewusstlosigkeit in Ansehung ihres eigentlichen Gegenstandes statt. Wo sich ein Gefühl dieser oder jener Art zum ersten Male regt ist dies fast immer der Fall. (55f) Sinnliche Gefühle sind entweder Erzeugnisse des Sinnes selbst oder Erzeugnisse des durch den Sinn erregten Triebes. Zu den nichtsinnlichen Gefühlen rechnen wir das Wahrheitsgefühl, das sittliche Gefühl und das religiöse Gefühl. (59ff). Das Fühlen der Wahrheit ist seinem Wesen nach nichts anders als ein Denken oder Urteilen (Krug). Wenn wir das erste bewusstlose geistige Regen ebenso wie die höchste und lebendigste uns mögliche Auffassung des Wesens und Lebens der Dinge, neben andern in der Mitte stehenden Bedeutungen, Gefühl nennen wollen: hat nicht hier die fast unbegreifliche Nachlässigkeit in der Bezeichnung eine Vermischung und Verfälschung der Sachen selbst, d.i. der höchsten und der niedrigste geistigen Lebensformen, mit einander zur unvermeidlichen Folge haben müssen? (Francke, Urteilskraft176). Die Kompliziertheit der Zustände, sowie auch das individuelle Gepräge, das sie an sich tragen bieten Schwierigkeiten. Sie komplizieren sich mit dunkeln Gemeinempfindungen, mit den Gebilden der Phantasie, Neigungen, Wünschen, Trieben und in höherer Region mit den Gesinnungen. Sie im eigenen Innern zu fixieren ist nicht leicht, wegen der außerordentlichen Zartheit der einen, der großen Lebhaftigkeit, ja mitunter Vehemenz der anderen. So lang man selber von einem gewissen Gefühle ergriffen, ist dessen objektive Erfassung unmöglich. Wir lernen sie also nur aus der Perspektive der Erinnerung kennen (Nahlowsky, Gefühlsleben 5f). Mit der ersten Empfindung setzt die Seele sich als Vorstellendes. Die einfache Empfindung, diese Antwort der Seele, auf die ihr zugeleiteten organischen Reize ist eben der erste Ansatz zu einem Bewusstsein. Die Gefühle dagegen sind weit mehr als Elemente oder Baustoff; sie sind schon ein wesentliches Glied des bereits teilweise vollendeten Baues selbst. Auch Gefühle haben zu ihrer letzten Grundlage und Voraussetzung Empfindungen. Empfindung ist ein von ihrem leiblichen Substrate auf die Seele übertragener, Gefühl dagegen ihr selbst eigener Zustand. Gefühle reichen mitunter auch tief hinab und stehen dann im engen Rapport mit den Empfindungen: aber anderseits ragen sie auch in die Höhe des Seelenlebens hinein, wo sie der Intelligenz Wärme, der Phantasie ihren Schwung, dem Willen seine wirksamsten Impulse erteilen. (28.32) Gefühle kann man insofern subjektive Seelenzustände nennen, als es hier weniger auf das Objektive, den Inhalt dessen, was da vorgestellt wird, als vielmehr darauf ankommt, wie die im Bewusstsein sich begegnenden Vorstellungen auf den momentanen Gesamtzustand des Subjekts zurückwirken. Wesentlich ist das spezifische Wohl- oder Übelbefinden.(42f) Gefühl somit das unmittelbare Bewusstsein der momentanen Steigerung oder Herabstimmung. Das dunkle Gemeinbild, das sich der Einzelne von Intensität, Umfang und Volubilität seines eigenen Bewusstseins macht und das man allgemeines Lebensgefühl nennen kann, bildet den allgemeinen- jedoch verschiebbaren- Hintergrund, von dem sich dann die einzelnen Gefühlsregungen abheben (48f). Bei genauerer Betrachtung werden wir finden, dass unsere Gefühle auf ein noch nicht Gewordenes, Künftiges gerichtet sind, dass sie ihrem Wesen nach auf ein inneres Werden sich richten. Es ist nicht der gegenwärtige Genuss, sondern auch die Hoffnung des künftigen Genusses aus welchem das Gewebe der niederen Gefühle besteht. Gefühle auf das künftige Werden des Menschen sind in uns die mächtigsten, andauerndsten (Schubert, Geschichte der Seele 503f). Wie deshalb ein freudiges Gefühl der Hoffnung oder Erwartung nicht selten seine stärkende Kraft über die Seele hinaus auch auf den Leib ergießt (509).
Es ist nichts was nicht gefühlt werden kann. Alle menschlichen Zustände und Verhältnisse werden gefühlt; alle Vorstellungen des Verhältnisses seiner selbst zu geistigen und natürlichen Dingen werden Gefühle. Schon aus der Verschiedenheit, noch mehr aber aus dem Gegensatze und Widerspruch der Gefühle, lässt der richtige Schluss sich machen, dass das Gefühl etwas nur Formelles ist. Indem das Gefühl zum Prinzip gemacht wird, ist es nur darum zu tun, dem Subjekte es zu überlassen, welche Gefühle es haben will; es ist die absolute Unbestimmtheit, d.h. die Willkür und das Belieben zu sein und zu tun, was gefällt (Hegel, Vorrede zu Hinrichs, Religion).
Gefühl hat den allermannigfaltigsten Inhalt, wir haben Gefühl von Recht, von Unrecht, Gott, Farbe, Hass, Feindschaft, Freude etc. Es findet sich darin das
Widersprechendste, das Niederträchtigste und das Höchste, Edelste hat seinen Ort darin. Es ist Erfahrung, dass Gefühl den zufälligsten Inhalt hat; Gott hat, wenn er im Gefühl ist, nichts vor dem Schlechtesten voraus. Nicht nur das, was ist, kommt in unser Gefühl, nicht bloß Reales, Seiendes, sondern auch Erdichtetes, Erlogenes, alles Gute und alles Schlechte, alles Wirkliche und alles Nichtwirkliche ist in unserm Gefühl, das entgegen Gesetzteste ist darin. Im Gefühl bin ich am abhängigsten. Hier heißt Subjektivität nur Zufälligkeit. Mit dem Appellieren an das eigene Gefühl ist die Gemeinschaft unter uns abgerissen. Wir ziehen uns zurück in die Sphäre unserer Zufälligkeit und sehen nur zu, wie die Sache sich da vorfindet (Hegel, Religion 73ff). Das Gefühl ist ferner das, was der Mensch mit dem Tiere gemein hat, es ist die tierische sinnliche Form. Recht, Freiheit, Sittlichkeit etc. hat seine Wurzel in der höheren Bestimmung, wodurch der Mensch nicht Tier, sondern Geist ist. Alles dies kann in die Form des Gefühls versetzt werden; doch das Gefühl ist nur Form für diesen Inhalt, der einem ganz anderen Boden angehört. Wir haben so Gefühle von Recht, Freiheit, Sittlichkeit, aber es ist nicht das Verdienst des Gefühls, dass sein Inhalt dieser wahrhafte ist. Es ist eine Täuschung, das Wahre, Gute auf Rechnung des Gefühls zu schreiben (76ff). Das Gefühl ist Gefühl irgend eines Inhaltes und zugleich Selbstgefühl. Das Gefühl ist darum etwas so beliebtes, weil der Mensch seine Partikularität darin vor sich hat. Das Gefühl ist Reminiszenz seiner selbst. Im unmittelbaren Wissen ist der Gegenstand nicht seiend, sondern sein Sein fiel in das wissende Subjekt. Es fand daher den Grund seines Seins im Gefühl. (Hegel, Religion 78f). Ein ganz Anderes ist, ob Gott, Wahrheit, Freiheit aus dem Gefühle geschöpft, ob diese das Gefühl zu ihrer Berechtigung haben sollen, - oder ob umgekehrt solcher objektiver Inhalt als an und für sich gilt, in Herz und Gefühl erst einkehrt und die Gefühle erst vielmehr ihre Bestimmung, Berichtigung und Berechtigung von demselben erhalten. Auf diesen Unterschied kommt Alles an. Dieses Übel, die Zufälligkeit und Willkür des subjektiven Gefühls und seines Meinens, mit der Bildung der Reflexion verbunden, welche es sich erweist, dass der Geist des Wissens von Wahrheit unfähig sei, ist Sophisterei genannt worden. Gemeinschaftliches Bedürfnis der Religion und der Philosophie dagegen geht auf einen substantiellen, objektiven Inhalt der Wahrheit. Damit Glaube lebendig und keine Knechtschaft sei, bedarf er wesentlich des Zeugnisses von dem inwohnenden Geist der Wahrheit. Wenn Gott das Wissen von Gott dem Bewusstsein versagte, hätte er demselben alle Wahrheit versagt (Hegel, Vorrede am Ostertage 1822 zu Hinrichs, Religion).
Schleiermacher und Rothe stellen das Gefühl als individuelles Erkennen dem Denken als dem universellen gegenüber. Denken und Gefühl gehören wesentlich zusammen. Das eine erkennt nur in und mit dem anderen. Das Gefühl erkennt nicht für sich selbst; es vermittelt nur alles einzelne denkende Erkennen, indem es unmittelbar den Punkt der Zusammenstimmung mit dem Gesamtinhalt des Bewusstseins bezeichnet (Vorländer, Wissenschaft Erkenntnis 69). Gefühle gehen aus Verbindungen mit andern Vermögen der Seele hervor, wie das moralische Gefühl aus Verbindung mit Gemüt und Willen, das religiöse Gefühl mit dem Glauben, das intellektuelle Gefühl mit dem Verstande; es gibt auch ein Gefühl der Wahrheit, was in unbefangenen Menschen sicherer ist als das Urteil und endlich gibt es ein Gefühl des Angenehmen aus Verbindung mit der Sinnlichkeit (Eschenmayer, Hegel 30f). Ich lasse ein Kunstwerk durch Denk- und Einbildungskraft vollständig in mich eingehen: noch immer steht es, wenn auch in mein Vorstellen aufgenommen, in mir selbst, mir äußerlich gegenüber, bis ich seine Schönheit fühle und in diesem Gefühl sein Wesen mit dem meinigen vermähle. Anders ist es auch mit dem Sittengesetz nicht verwandt, von welchem gleicherweise Einer die vollständigste Erkenntnis haben und doch demselben in seinem Sinn und Handeln fremd sein kann: sittlich ist er erst, wenn es in sein Gefühl eingegangen und dieses Fühlen der bleibende Grundton geworden ist (Strauß, Charakteristiken u. Kritiken nach Hegel W17, 296f). Überall aber ist das Selbstgefühl der Grundakkord, der sich in allen Richtungen ausspricht. Im Gefühl liegt die wahre Einheit des innern Lebens, in welcher alle Funktionen der Seele ihren Mittelpunkt haben, während das Denken nur eine einseitige Tätigkeit ist. Das Gefühl liegt höher als der Begriff. Im Schönen sind eine Menge Begriffe und Urteile, die der Verstand nur abgesondert denken kann, in eine organische Einheit verbunden und diese Einheit fasst nur das Gefühl, nicht der Verstand. Dieses Gefühl widerstreitet allem Schlechten, Mangelhaften und Hässlichen und ist und war der sicherste Leiter fürs Schickliche, Ehrbare, Rechte und Gute. Mit dem Glauben verbunden erzeugt es alle die frommen Erregungen. In der Liebe schließt sich das innerste Gefühlsleben auf und wirft die Systeme ab wie dürre Blätter (Eschenmayer, Hegel 30f). Wie bedeutend auch das Gefühl in diesem Sinne für das Erkennen ist, besonders auch als Ausdruck des individuellen Selbstbewusstseins, so gewährt es doch für das Erkennen keine bestimmte Basis. Diese muss das Denken in der Entwicklung seines Inhalts suchen. Das Denken bestimmt durch Analyse und Synthese der Begriffe und Urteile das vorgestellte und wahrgenommene Gegenständliche aus der in sich selbst dunklen lebendigen Einheit des Gesamtbewusstseins (Vorländer, Wissenschaft Erkenntnis 69)
In unseren Zeiten besonders ist das Gefühl sehr beliebt geworden. Im Gefühle glaubt man die allgemeine Bewährung und die letzte Sicherheit für einen Satz zu finden. Die Schwankungen des Räsonnements schneidet man durch die Berufung auf das Gefühl ab, weil dieses in der Tat jedem Grunde Trotz bietet. Das Gefühl soll aber nicht nur der unfehlbarste Beweis einer Wahrheit, sondern ebenso die Quelle jeder Erkenntnis sein; Moral, Religion, alles soll nur auf dem Gefühle beruhen. Hiergegen ist zunächst die Dunkelheit der Gefühle zu rügen. Wenn auch alles noch so sehr im Gefühle ist, ehe es ins Denken kommt, so ist das Gefühl doch immer unbestimmt und kann so oder so ausgelegt werden. Wer sich also auf seine Gefühle beruft, muss sie aussprechen, entwickeln, in Worte fassen; auf diesem Übergange vermischt sich das Gefühl schon mit den Denken und es sind nicht bloße Gefühle, sondern zugleich Gedanken, die er vorbringt. Ferner wäre die Grundlosigkeit des Gefühls anzuführen; es verschmäht nicht nur jeden Grund für sich selbst, sondern hat sogar die Kühnheit, jedem Grunde, den der Andere anführt, die unmittelbare Gewissheit des Inneren entgegenzuhalten, welche höher, als alle Argumente sei. Ein Mensch, der sich auf seine Gefühle beruft, ist unangreifbar und unwiderlegbar; ebenso wenig wird er aber auch den Anderen überzeugen können. Durch diese Appellation an das Gefühl isolieren sich also die Menschen, geben die Gemeinschaft auf, welche die Vernunft unter ihnen geschlossen hat; jeder hat seine eigene Überzeugung, Denkungsweise und Religion. Auch versteht keiner mehr den Anderen. Das Gefühl ist das absolut Zufällige. Das Gefühl ist der Geist, wie er in Form der absoluten Einzelheit erscheint. Die Gefühle weit entfernt die Quelle der Wahrheit zu sein, müssen vielmehr durch die Vernunft geläutert werden (Michelet, subjektiver Geist 265).
Das Gefühl kann für sich allein über Wahrheit und Wirklichkeit nicht entscheiden. Es ist ein Spiegel, der leicht getrübt werden kann. Daher sind seine Aussprüche so oft schwankend und täuschend. Wie sein Gegenstand auf dasselbe einwirkt, so gestaltet es ich im Verhältnisse zu ihm (Kreuzhage, Wahrheit, 23ff).
Aber auch die Vernunft kann nicht erreichen, dass die Wahrheit ohne Gefühl lebendig werde. Nur im Gefühle hat das unmittelbare Verhältnis des Lebendigen zum Lebendigen seine Stelle. Das höchste vermittelte Wissen erreicht nur ein abstraktes Schema des Wirklichen, wenn es nicht im Gefühle sich zur lebendigen Gestaltung bildet. Im Gefühle wurzelt der Glaube, als das unmittelbare Bewusstsein eines affirmativen Verhältnisses zur Wahrheit (Kreuzhage). Das Gefühlsvermögen soll den Zustand der Vernunft wahrnehmen, wiefern er durch freie Handlungen modifiziert ist (Reinhard, christliche Moral 511f). Die erste Überzeugung des Vertrauens auf ihre eigne Wahrheitsfähigkeit, an ihre Selbständigkeit auch im Gebiet der Erkenntnis, liegt unserer Vernunft schon immer zugleich in der reinen Form ihrer Grundvorstellung der Einheit und Notwendigkeit, sowie in allem Wahrheitsgefühl mitgegeben zu Grunde. Dieses Selbstvertrauen ist mit dem Selbstbewusstsein verbunden der unmittelbarste Begleiter aller und jeder Erkenntnis und die erste Bedingung derselben, daher das erste Urteil, das erste Wahrheitsgefühl des Geistes, abgesehen von allem Gehalt -nur der bloßen subjektiven Form nach- unter dessen Voraussetzung die Bedeutung der Wahrheit überhaupt nur statt haben kann für den Menschen. (Francke, Urteilskraft 299). Die Vernunft vertraut unmittelbar, eben darum weil sie Vernunft ist, ihrem ersten Denkakt und eben damit sich selbst (Bouterwek). Mit dem Vertrauen auf die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft lebt zugleich das Vertrauen auf die Selbständigkeit menschlicher Geisteskraft unvertilgbar im Gefühle. Wobei dieses Gefühl keinem Sinn in der Empfindung, sondern der Denkkraft als Urteilskraft in ihrer unmittelbaren Tätigkeit gehört (Francke 314). Alle apodiktischen Wahrheiten müssen neben und vor ihrer Wiederauffassung durch die logische Reflexion des Verstandes notwendig immer schon durch eine unmittelbare Denkkraft, d.i. durch die Urteilskraft des Gefühls zum ersten Bewusstsein kommen (Francke, 396). Wahrnehmung des Wirklichen und Gefühl der Wahrheit, Bewusstsein und Leben sind Eine und Dieselbe Sache (Jacobi, Hume, 140). Bewusstsein des ursprünglichen Wahrheitsgefühls ist erster Zeuge für die Gewissheit in aller menschlicher Überzeugung. Alle Zustände, deren Summe ich ein geistiges Leben nenne, setzten Gefühl voraus. Aber diese Basis aller Subjektivität, das Gefühl, ist kein Erkenntnisvermögen; es ist nur eine Bedingung alles Erkennens. Wenn ich durch eine Reihe von Schlüssen finde, was mich überzeugt, bin ich befriedigt im Gefühle der Überzeugung, das wieder das Urgefühl des Wahren voraussetzt. Das Gefühl des Wahren kann nicht sinnlichen Ursprungs sein, weil ich eben darin mich frage, ob mich die Sinne nicht täuschen; es kann eben so wenig bloßes Reflexionsgefühl sein, weil ich die Begriffe, die immer nur mittelbare Vorstellungen sind, für trüglich halte, bis sie sich vor dem höheren Tribunal der Vernunft legitimieren. Woher kann das Gefühl des Wahren anders stammen als aus dem ersten Akte des Denkens? Diese ursprüngliche Vorstellung von Wahrheit konnte mir nur dunkel bewusst werden, solange sie sich noch in dem Urgefühl meines geistigen Daseins verlor. Der reine Gedanke, durch den ich Wahrheit von Irrtum scheide, ist mit dem Urgefühl meines geistigen Daseins unauflöslich verbunden. Die Unterlage eines Begriffs ist immer ein Gefühl. Reflexionsgefühle, die den logischen Vorstellungsprozess begleiten, sind die Substrate der Begriffe, durch die der Verstand sich selbst erkennt. Der Begriff, den ich von Wahrheit habe, gründet sich auf ein Gefühl, das über den logischen Vorstellungsprozess ebenso erhaben ist, wie das Räsonnieren über die sinnliche Wahrnehmung. Der Begriff, den ich mir von der Vernunft selbst machen kann ist abstrahiert aus dem Gefühle, das die erste Wirkung der Vernunft in mir ist. Hier allein ist die Wurzel des wahren Rationalismus, ohne welchen der Philosophie nichts übrig bleibt, als die Vernunft wieder für den bloßen Verstand zu erklären, das sinnliche Gefühl zur Mutter aller Wissenschaft zu machen und auf die alte Frage, warum ich meinen Sinnen trauen soll, die alte Antwort Epicurs zu wiederholen, dass sich die Sinne nicht widerlegen lassen. Dann kommt der Empirismus nach Locke und Condillac folgerecht zu Stande. Dass ich ein Gefühl in mir trage, das sich nicht widerlegen lässt, bezweifle ich nicht nur nicht. Aber ich habe eingesehen, dass dieses Gefühl ein Vernunftgefühl und seinem Ursprung nach sehr verschieden von allen Sinnengefühlen ist (Bouterwek, Kleine Schriften, Bd1, 66..70)
Gefühle mögen diese nun etwas für sich, oder etwas in einem Anderen sein, werden beinahe in jeden Augenblicke unseres Lebens in uns gebildet (Beneke, Gefühle 6f). Für das Subjekt sind die Gefühle eine unendliche Anzahl unendlich mannigfaltiger Erscheinungen. Gefühle können ursprünglich und abgeleitet, einfach und zusammengesetzt, dunkel und klar, Quellen der Gewissheit und ungewiss und schwankend, aus einem besonderen Grundvermögen hervorgegangen und bloße wechselnde Modifikationen eines Anderen sein; nur eben nicht dieselben, sondern das Eine diese, das Andere jene Gefühle. Eigentlich sei überhaupt nie ein Gefühl, sondern stets zwei Gefühle in der Seele gegeben (37). Fühlen wir eine Anschauung als erhaben, müssen wir zugleich denjenigen Seelenzustand, gegen welchen dieselbe hervortritt, als niedrig fühlen. Mit lebhafter Aufregung muss ein Gefühl träger Entwicklung zugleich gegeben sein. Nicht nur in quantitativer, auch in qualitativer Beziehung lässt die Zusammensetzung der Gefühle, trotz der Einfachheit ihrer Grundformen, eine unendliche Mannigfaltigkeit zu, wozu der in jedem Lebensaugenblicke rege Wechsel des Bewusstseins, genügend Gelegenheit darbietet. (169). Die Urfrische wird meistenteils in dem Genusse der Gegenwart am größten sein. Anders verhält es sich mit der Reinheit des Fühlens. Die gegenwärtige Freude wird mehr oder weniger durch Gefühle von entgegengesetzter Stimmung beschränkt. Dagegen fehlt diese beschränkende Beimischung gewöhnlich bei der Vorfreude und bei der Erinnerung (174).
356 Lust und Unlust: Gefühle bestehen nur im Bewusstsein des Angenehmen oder Unangenehmen (Tiedemann, Psychologie)
Lust ist die Empfindung einer Vollkommenheit oder Vortrefflichkeit, es sei an uns oder an etwas anders. Lust, Liebe, Kraft, Freiheit, Übereinstimmung, Ordnung und Schönheit sind einander verbunden (Leibniz, von der Weisheit). Alles, was irgend ein Vermögen mit Leichtigkeit beschäftigt ist angenehm, das Gegenteil unangenehm. Durch die Assoziation werden Eindrücke oder Vorstellungen, die an sich gleichgültig sind, angenehm oder unangenehm, ja selbst angenehme unangenehm oder unangenehme angenehm gemacht (151). Je lebhafter die Vorstellung, desto stärker werden die Gefühle selbst, weil die lebhaftere Vorstellung immer mehr Empfindung zu werden trachtet. Durch die Assoziation werden ferner die äußeren Zeichen unserer Empfindungen und Gefühle so fest an diese Gefühle selbst geknüpft, dass wir jene nicht ansehen oder uns vorstellen können, ohne diese zugleich mit zu empfinden. Ihr könnt kein zorniges Gesicht machen, ohne dass ihr zornig gestimmt werdet (165f) Auf die Art wie wir fühlen, hat unsre jedes Male Stimmung wesentlichen Einfluss. Ist ein Gefühl schon vorhanden, das mit einem neuen Eindrucke zusammenstimmt, so wird dieser schneller und stärker gefühlt. Ist das vorhandene Gefühl dem neuen entgegengesetzt; so wird es gar nicht, oder wenigstens sehr schwer gefühlt (177f) In allen Affekten findet sich ein höherer Grad des Angenehmen oder Unangenehmen und bloß dadurch unterscheiden sie sich von den Gefühlen. In sehr heftigen und dabei anhaltenden Gemütsbewegungen findet sich leicht ein plötzlicher Übergang zum Entgegengesetzten. In der größten Lustigkeit entseht auf einmal eine weinerliche Stimmung (Tiedemann, Psychologie 199f). Unsere Gemütsempfindungen beziehen sich auf das unmittelbar Angenehme und Widerwärtige; das erfahrungsmäßig Nützliche und Schädliche; das Schöne und Hässliche; das Ernsthafte und Scherzhafte; das Wahre und Falsche; das in moralischer Hinsicht Gute und Böse. (Reinhold, Erkenntnisvermögen 252). Die Rückwirkung der gemütlichen Empfindungen einerseits auf das Denken und Wollen, wie andrerseits auf den leiblichen Organismus ist von großem Unfang und Bedeutung (255). Aus diesem Gesichtspunkt kommt noch eine Einteilung in aufregende und niederschlagende hinzu. Der ersteren Klasse gehören z.B. die Gefühle der Hoffnung, Freude, des Zornes und des Mutes, der letzteren die Gefühle der Furcht, Betrübnis, des Ärgers und der Feigheit (Reinhold). Die Annehmlichkeit und Unannehmlichkeit der Gefühle richtet sich mit nach der Individualität eines jeden Menschen. Der mächtigste Reiz und Stachel zur Tätigkeit liegt in den unangenehmen Gefühlen, die auch tiefer in das Gemüt eindringen, länger in der Erinnerung erhalten werden, mannigfaltigere Formen annehmen und daher durch viel mehr Zeichen in der Sprache und den Gebärden sich äußerlich zu erkennen geben, als die angenehmen (Schulze, Anthropologie 328ff). Gemischte Gefühle sollen diejenigen sein, worin Lust und Unlust zugleich und einander durchdringend stattfinden, welches in der Hoffnung, dem Erstaunen usw. erfolgt. Genau genommen kann es keine gemischte Gefühle geben, Lust und Unlust können nie denselben Augenblick ausfüllen, sondern immer nur nach einander stattfinden, wohl aber mit einer solchen Schnelligkeit, dass ihre Verschiedenheit und ihr Wechsel kaum bemerkt wird. (331). Mangel an Kultur der Gefühle liegt insbesondere vor, wenn ganz entgegengesetzte aus inneren Ursachen herrührende Gefühle plötzlich mit einander wechseln, zB. Sanftmut und Härte, Gutmütigkeit und rohe Grausamkeit, Liebe und Hass gegen dieselbe Person; wenn mit starken Gefühlen Schwäche des Geistes und Willens in Verbindung steht (337f). Umgekehrt gibt es weit mehr Menschen von gesundem Verstande, als von gesundem und angemessenem Gefühle. Wir können nicht jede Art der Gefühle durch unsern Willen sogleich entstehen lassen oder die schon entstandenen unterdrücken. Wir haben es in unserer Gewalt, das Entstehen gewisser Gefühle zu verhindern und deren Dauer zu beschränken. Es kommt hierbei alles auf die Richtung an, welche wir der Aufmerksamkeit geben. Ferner werden Gefühle geschwächt und wohl gar vertilgt, wenn der Verstand sich mit dem Gegenstand, der sie hervorbrachte beschäftigt, diesen zergliedert und den Wert seiner Beschaffenheit berichtigt (Schulze, Anthropologie 340). Ein Gefühl ist Lust, wenn es das Subjekt bestimmt, in diesem Zustande zu bleiben, Unlust, wenn es dasselbe bestimmt, diesen Zustand zu verlassen (Kiesewetter). Es kann ein Gefühl allein für sich vorhanden, oder andern innig verbunden sein. Im letztern Fall sind Lust mit Lust, Unlust mit Unlust oder Lust mit Unlust verbunden (Kiesewetter, neuere Philosophie T2, 13f). Körperliche Lust oder Unlust wird von uns nicht für allgemeingültig ausgegeben, wir setzen den Grund davon in eine Beschaffenheit unseres Subjekts. Stimmen andere mit uns dabei überein, halten wir diese Einstimmung für zufällig. Die Lust welche mit dem Begehren in Verbindung steht, ist wie das Begehren selbst entweder sittlich oder sinnlich (Kiesewetter 22). Nicht nur als bedingt durch die äußeren Empfindungen vermittelst der fünf Sinne und durch die inneren Empfindungen der Bedürfnisse des organischen Lebens, sondern auch als bedingend die Wahrnehmung, die Erinnerung und daher auch das Bewusstsein, geht die Aktivität der sinnlichen Lust und Unlust vor der Wahrnehmung, der Erinnerung, dem Bewusstsein und der Kenntnis vorher, ist in so ferne wahrnehmungslos, erinnerungslos, bewusstlos und macht das Eigentümliche des Instinkts aus; diese unterscheidet sich dadurch von der durch Wahrnehmung, Erinnerung, Bewusstsein und Kenntnis bedingten Aktivität der Lust und Unlust, welche das Eigentümliche des positiven und negativen Begehrens, des Verlangens und des Verabscheuens ausmacht. Der Instinkt geht erst vermittelst der erworbenen Kenntnisse in eigentliche Begierden über. Ignoti nulla cupido. Sinnliche Neigungen, Zuneigungen, Abneigungen sind also instinktartig und angeboren oder erst angenommen, erworben, zugezogen (K.L. Reinhold, menschliches Erkenntnisvermögen 48f). Alle Lust und Unlust setzt Erkenntnis vom Gegenstand voraus; entweder eine Erkenntnis der Empfindung, oder der Anschauung, oder der Begriffe. Allein die Erkenntnis ist es nicht, in welcher die Lust angetroffen wird, sondern das Gefühl, wozu die Erkenntnis die Bedingung ist. Alle Prädikate der Dinge, welche die Lust und Unlust ausdrücken, sind nicht Prädikate, die dem Gegenstand an und für sich zukommen, sondern es sind Prädikate des Vermögens in uns von den Dingen affiziert zu werden. Lust und Unlust sind Vermögen, wodurch Gegenstände unterschieden werden, nicht was in ihnen selbst anzutreffen ist, sondern wie die Vorstellung von ihnen auf uns Eindruck macht.
Lust besteht im Begehren, Unlust im Verabscheuen. Lust ist ein Grund der Tätigkeit, Unlust ein Hindernis der Tätigkeit. Intellektuelle Lust oder Unlust beruht auf den Vorstellungen des Gegenstandes durch den Verstand (Kant, Vorlesungen Metaphysik 167..177). Wenn die Lust die Sinne, nicht aber den Verstand vergnüget, kann sie leicht zur Glücklosigkeit helfen. Daraus folgt, dass nichts mehr zur Glückseligkeit diene, als die Erleuchtung des Verstandes und Übung des Willens, allezeit nach dem Verstande zu wirken. Eine Freude, welche der Mensch sich allezeit selbst machen kann, besteht in der Lust an den Gemütskräften, wenn man in sich eine starke Neigung und Fertigkeit zum Guten und zur Wahrheit fühlet. Es ist eins der ewigen Gesetze der Natur, dass wir der Vollkommenheit der Dinge und der daraus entstehenden Lust nach Maß unserer Erkenntnis, guter Neigung und vorgesetzten Beitrags genießen werden (Leibniz, von der Weisheit)
Kein Gefühl ist in uns bewusstlos, d.h. durch jedes Gefühl ist das Bewusstsein bestimmt; ob wir uns gleich nicht eines jeden Gefühls als eines Gegenstandes klar und unterscheidend bewusst sind. (Abicht, Elementarphilosophie 129). Man könnte Gefühle geradezu für dunkle Vorstellungen und Bestrebungen erklären. Dies ist aber auch die Ursache, warum es uns so schwer wird unsere Gefühle auszusprechen. Denn dazu gehört Aufmerksamkeit und Nachdenken darüber. Überdies werden dadurch die Gefühle selbst für den, der sie betrachtet, gewissermaßen vernichtet (Krug, Gefühle 100). Mit der Veränderung des Gedankenkreises erführt immer auch die Gefühlswelt des Menschen eine gewisse Umwandlung. Einige werden allmählich stumpfer und schwächer, während ganz neue zum Vorschein kommen. Jedes Gefühl, mit einziger Ausnahme die ganz verworrenen, knüpft bei seiner Entstehung und in seinem ganzen Verlaufe an Gedanken, die ihrem Inhalte nach bisweilen schwankend und unbestimmt sind, ohne deren Gegenwart aber das Gefühl selbst gar nicht würde fortbestehen können (Waitz, Psychologie 281ff). Ohne zu denken können wir auch nicht fühlen. Gefühle werden häufig durch zergliederndes Nachdenken zerstört. Das Dunkle und Schwankende was ihnen fast durchgängig eigen ist, kann sich beim Auftreten bestimmter Begriffe nicht halten (Waitz 284). Obgleich Gefühle nicht selbst Vorstellungen sind, lehrt doch die Erfahrung, dass sie durch Vorstellungen teils genährt, teils verdrängt und zerstört werden können, ein Beweis dass sie mit diesen in demselben Innern, in der Seele zusammen sind. Nicht alle Vorstellungen erregen Gefühle, ja dieselben Vorstellungsreihen können unter verschiedenen Umständen bald Gefühle und Begehrungen veranlassen, bald ohne dieselben auftreten. Gefühle sind von Vorstellungen begleitet, die bald größere, bald geringere Klarheit besitzen. Wo dies nicht der Fall ist fühlen wir nicht, sondern empfinden. Unklares Vorstellen muss stets Gefühle herbeiführen. Verworrenheit der Gedanken kann immer nur gefühlt werden. Wird dagegen das bisher Verworrene aufgelöst, so hört das Gefühl auf und es tritt zugleich Klarheit des Denkens ein. Solange die Begriffsverbindungen noch nicht ganz fest gefasst sind, wechseln momentane Lichtblicke der Einsicht mit unklaren Wahrheitsgefühlen ab (Waitz, Psychologie 289ff). Der nämliche Gegenstand, dessen Vorstellung ihn uns als erhaben darstellt, wird zum Gegenstand der Geringschätzung, nicht durch seine veränderte Einwirkung, sondern durch unsere veränderte Vorstellung von ihm (Abicht, Elementarphilosophie)
Das Gefühl ist im Leben des Geistes das Erste und das Letzte. Ehe noch die Vorstellungskraft zu Begriffen gelangt, kündigt sich unser eigenes Sein, unsere Individualität und das Dasein der Dinge überzeugend an im Gefühl. Ehe noch das Sittengesetz unsere Handlungen reguliert, hat schon das Gefühl über gut und böse entschieden. Wenn auch keine Reflexion unsere Freiheit zu erklären vermag, ist doch die Überzeugung von der Freiheit da im Gefühle. Das Gefühlsvermögen ist eine ursprüngliche Eigenschaft des Geistes, die Eigenschaft des Geistes seiner selbst und seines Zustandes bei seiner Tätigkeit unmittelbar inne zu werden und gehört dem Triebe ebenso gut an, als der Vorstellungskraft; es ist Erscheinung des subjektiven geistigen Zustandes im unmittelbaren Selbstbewusstsein. Die Mannigfaltigkeit der Gefühle geht hervor aus den verschiedenen Graden der Stärke und Schwäche und aus den verschiedenen Richtungen der geistigen Tätigkeit. Alles was die Tätigkeit belebt oder hemmt, erzeugt Gefühle. Das Gefühl schwindet, wenn die Reflexion auf dasselbe sich richtet oder Vorstellungen klar gemacht werden. Richtet sich die Reflexion auf das Gefühl, erfolgt eine neue Tätigkeit und der innere Zustand selbst wird ein anderer. Durch den Hinzutritt der Vorstellungskraft zu den inneren unmittelbaren Ankündigungen kommt Klarheit und Bestimmtheit, aus dem Fühlen wird das Gefühl, als ein bestimmtes Bewusstsein eines inneren Zustands. Fühlen ohne Regung der Vorstellungskraft ist nicht möglich, auch kann es nur durch diese zu einem bestimmten Bewusstsein erhoben werden. Jedes einzelne Gefühl ist seinem Wesen nach eine Modifikation des unmittelbaren Selbstbewusstseins oder des Urgefühls (Gerlach, Grundriss Fundamentalphilosophie §77, §§81..87). Inwiefern durch das Reflektieren über ein Gefühl das Bewusstsein sich verändert, so wird dadurch allemal auch das Gefühl, quantitativ wenigstens, ein anderes (42). Entgegengesetzte Gefühlstöne in zugleich bewussten Seelentätigkeiten schwächen, übereinstimmende verstärken einander (138). In dem Gesamtgefühle klingen alle Gefühlstöne zugleich und das Gefühl wird z.B. zum Gefühle der Hoffnung (der überwiegenden Lust) oder zum Gefühle der Furcht (der überwiegenden Unlust) (131). Bei den Gesamtgefühlen aus entgegengesetzten Seelentätigkeiten tritt das umgekehrte ein: kontrastierende Farben verwischen und verdunkeln einander gegenseitig; die Hoffnung würde Vorfreude sein, wenn nicht die Lustvorstellungen durch Unlustvorstellungen, die Furcht Niedergeschlagenheit, wenn nicht die Unlustvorstellungen durch Vorstellungen des ungestörten Wohlseins in ihrem Gefühlstone beschränkt würden (Beneke, Gefühle 135). Wäre es auch möglich den Gefühlbegriffen und Gefühlurteilen die erforderliche Klarheit und Bestimmtheit zu verschaffen, so würde doch schon der Mangel an Allgemeingültigkeit uns abhalten müssen, denselben den Rang eines wahren Wissens zuzugestehen. Die Gefühle sind das Individuelleste in der menschlichen Seele: ein jeder Mensch hat deren andere; und da niemand dem Anderen die seinigen in ihrer vollen Individualität mitzuteilen vermag, so können wir nie sicher sein, ob ein Anderer wirklich dasselbe, wie wir, fühle (Beneke). Jeden Akt des Gefühls vollzieht jeder als einen solchen, den kein andrer ebenso vollziehen kann (Schleiermacher).
Gefühle können durch innere Erregungen der Organe, durch Reizung und indirekt durch einen Willensakt tätig werden. Da der Geist ein einziger ist, so können Vorstellungen Gefühle und Gefühle Vorstellungen anschlagen. Gefühle wecken Verlangen und Verabscheuen und aus diesen letzteren gehen wiederum Gefühle hervor. Aber es findet auch ein Antagonismus zwischen den Gefühlen einerseits und dem Denken und Wollen andrerseits statt. Abstrakte Spekulation schwächt das Gefühl. Und wiederum: Kein scharfes Denken gelingt, solange Gefühle lebendig auf und ab wogen. Auch gedeihen Gefühle umso weniger, je mehr man sie durch Befehle, Versprechungen, Drohungen und Strafen erzwingen will. Irrige Vorstellungen leiten zwar auch das Gefühl irre und richtige Vorstellungen wecken richtige Gefühle; doch wächst die Stärke des Gefühls nicht mit der Stärke der Vorstellungen und je mehr ein Gegenstand theoretisch zergliedert wird, umso mehr vermindert sich das Gefühl: je lebhafter und anschaulicher aber die Vorstellung wird, umso mächtiger wirken die Gefühle. Gefühl wird nur durch Gefühl geweckt. Schwäche und Reizbarkeit des Körpers rufen große Erregbarkeit der Gefühle hervor. Und wiederum spiegeln sich die Gefühle im Leibesleben ab. Gebärden sind der Ausdruck eines auf das Gefühl gemachten Eindrucks. (Schmidt Karl, Anthropologie T2. 301f). Alles was irgend wie das physische und psychische Leben des Organismus bewegen und erregen kann, bewegt und erregt auch Gefühle. Das Gefühl spricht durch Blick, Haltung, Stimme durch den ganzen Ausdruck des Menschen. Jedes Gefühl lebt im Verein mit allen anderen Gefühlen sein Leben. Es wirkt umso stärker, je mehr Eigenleben es hat, je mehr andere Gefühle zu seiner Stütze mit ihm verbunden sind. Auch ist es umso lebendiger und umso leichter zur Tat gestimmt, je länger und je öfter es schon tätig war. Tritt jedoch ein noch stärkeres Gefühl neben ihm auf, so wird es in seiner Tätigkeit gehemmt, es steigt ins Unbewusstsein und nur erst, wenn die Bedingung seiner Hemmung zurücktritt, wird es selbst auch wieder geweckt. Keines der Gefühle fällt mit anderen zusammen, auch kann keines durch das andere entwickelt werden, ob schon sie sich einander stützen und wecken. (Schmidt Karl, Anthropologie T2. 305f)
Gefühle hängen auf das genaueste mit dem Begehrungsvermögen zusammen und reizen die Neigungen desselben unausbleiblich (Reinhard, christliche Moral 179).
Im Gefühl ist Erkenntnis und Trieb vereinigt. An sich ist es gleich der Materie, Subjektives und Objektives zugleich, Identität. Gefühl sowohl als Trieb erscheinen als Begrenzte und die Äußerung des Begrenzten in uns ist Trieb und Gefühl. Das ursprüngliche bestimmte System von Trieben und Gefühlen ist die Natur. Da das Bewusstsein derselben sich uns aufdringt und zugleich die Substanz, in welcher dieses System von Begrenzungen sich findet, diejenige sein soll, welche frei denkt und will, ist es unsere Natur. Meine Natur ist selbst im ICH. Einmal sind Freiheit und Trieb Eines und eben Dasselbe, dies ist der transzendentale Gesichtspunkt. Das andere Mal sind beide verschieden, Eins herrschend über das Andere. Natur kann nie unbestimmt sein, wie ein freies Wesen gar wohl sein kann. ICH als Intelligenz, der Unbestimmte und ICH, der ich getrieben bin, werde dadurch derselbe, dass der Trieb zum Bewusstsein kommt; insofern nun steht er in meiner Gewalt. Das Reflektierende ist höher als das Reflektierte (Hegel, Philosophische Abhandlungen 227ff). Gefühle pflegen wir sämtlich als angenehm oder unangenehm und demnach als begehrte oder verabscheute zu bezeichnen, sodass also wie es scheint, kein Gefühl überhaupt für sich allein, sondern nur in Begleitung einer Begehrung auftreten kann. Umgekehrt sagt man auch vom Begehren, dass es auf dem Gefühle eines Mangels beruhe (Waitz, Psychologie 276). Fühlen und Begehren dürfen nicht zwei verschiedenen Vermögen der Seele zugeschrieben werden, da das eine aus dem andern hervorgeht und ohne dasselbe gar nicht denkbar ist. Aber die wesentlichen Verschiedenheiten treten umso stärker hervor. Das Denken steigt zum Maximum seiner Klarheit und Energie nur durch fortgesetzte Willensanstrengung, die Erhebung und der Ablauf der Gefühle kann durch den Willenseinfluss fast nur gestört werden. Gefühle ergreifen uns, in den Begriffen erscheinen wir uns als selbsttätig. Es ist lediglich von unserm Entschlusse abhängig ob wir durchdachte Überzeugungen besitzen wollen oder nicht, dagegen etwas zu fühlen oder zu begehren ist weder direkt noch indirekt eine Sache unserer Entschließung. Untereinander gehen Gefühle und Begehrungen äußerste mannigfaltige Verbindungen ein, Gefühle rufen Begehrungen und diese jene hervor, aber sie können auch in sehr verschiedener Weise miteinander in Streit geraten (Waitz, Psychologie 284). Empfindungen als auch gewisse Gefühle, wenn sie nämlich angenehm sind, werden begehrt, umgekehrt sind alle Begehrungen Gefühle. Begehren ist ein höchst einfaches Gefühl, das aus der zurückgehaltenen Vorstellung einer Lustempfindung entsprang. Was noch hinzukommen muss, ist die Vorstellung eines möglichen Eingriffes durch Selbsttätigkeit. Der vorgestellte Zweck muss die Reihe der Mittel produzieren (Waitz 429ff). Das Gefühl ist nicht alleinige die Strebungen erzeugende Ursache, sondern nur Anlass. Es erscheint nicht notwendig, dass auf das bloße Gefühl das Streben erfolge, die Seele könnte vielmehr diesem Gefühle gegenüber sich rein passiv verhalten (Ulrici, Wissen 41ff).
Das Subjekt reagiert gegen einen gegebenen Inhalt zuerst mit seinem besonderen Selbstgefühl, welches wohl gediegener und umfassender, als ein einseitiger Verstandesgesichtspunkt, jedoch eben so sehr auch beschränkt und schlecht sein kann, auf jeden Fall aber die Form des Partikulären und Subjektiven ist (Hegel, Enzyklopädie §447). Noch so verschiedene Gefühle unseres Gemüts, so viele Namen wir ihnen auch geben, lassen sich im Grunde auf eines, auf das Selbstgefühl zurückführen und konstituieren verschiedene Modifikationen dieses Selbstgefühls (Weber, Selbstgefühle 13ff). Wir unterscheiden die Empfindungen von uns selbst und gelangen so zum Bewusstsein unserer Selbst. Wir fühlen uns selbst in allen Gefühlen und die Idee von uns, insofern wir es sind, die ein gewisses Gefühl haben, liegt in jeglichem einzelnen Gefühl. Den äußeren Gefühlen und den Empfindungen des Fühlens haben wir das Bewusstsein unsrer selbst unmittelbar zu danken. Die Unterscheidung der Idee unsres Selbst von andren gegenwärtigen Empfindungen und Ideen ist das begleitende Bewusstsein. Das aber würde allein dem Menschen wenig nützen, wenn er nicht auch ein fortgesetztes hätte. Der Mensch wird nämlich gewahr, dass diese Idee heute eben dieselbe ist, die sie gestern war. Dies zieht die notwendige Folge nach sich, dass die Menschen sich selbst, als eben dieselben, die sie waren, ansehen müssen (Irwing, Mensch 189ff). Lediglich durch die Beziehung des Gefühls auf das ICH wird Realität für das ICH möglich, sowohl die des ICH, als die des NICHT ICH. Etwas das lediglich durch die Beziehung eines Gefühls möglich wird, ohne dass das ICH seiner Anschauung desselben sich bewusst wird, noch bewusst werden kann und das daher gefühlt zu sein scheint, wird geglaubt. An Realität überhaupt, sowohl die des ICH, als des NICHT ICH findet lediglich ein Glaube statt. (Fichte, Wissenschaftslehre 297f). Kommt aber vollends noch hinzu, dass die Idee von dem Selbst erst mit einem Zeichen belegt oder mit einem Worte benennt ist, kann der Mensch die Idee seines ICH bei der geringsten Veranlassung, davon sich immer eine oder mehrere in jedweder Empfindung und Idee finden, klar und vernehmlich machen. Das Bewusstsein unserer selbst ist, von einer andern Seite betrachtet zugleich das Bewusstsein unserer Ideen. Haben wir in einer Empfindung, die mit einem Fühlen oder einem Gefühl vereinigt ist, erst die Idee unsres ICH wahrgenommen, so werden wir auch zugleich gewahr werden, dass das übrige, was noch sonst in der Empfindung enthalten ist, nicht zur Idee unsres ICH gehört und dass in uns das ICH eben dasjenige ist, was die Empfindung hat; oder dass wir es sind, die diese oder jene Empfindung und Idee haben (Irwing, Mensch 192.195). Unsere Gemütsregungen und Eindrücke lassen sich in vieler Hinsicht auf einen physischen Ursprung zurückführen. Sie sind insofern unwillkürlich, dass ihre Ursachen wirken, ehe wir es gewahr werden und sie sind im Stande ihre Kraft gegen unsern Willen kund zu geben. Unterwürfe uns nicht unsere Verbindung mit dem Körper Gefühlen, gegen die wir, in Übereinstimmung mit unserm Gewissen und unserer Vernunft anzukämpfen haben, so würden wir jenes Selbstbewusstseins unfähig sein, wodurch wir uns selbst von unsern Körpern unterscheiden. Die, welche keine andere Veranlassung zum Denken und Handeln finden, als die der Körper gewährt, sind in der Tat unfähig, ein anderes, als ein körperliches Dasein zu begreifen und sie leben nicht nach geistigen, sondern nach sinnlichen Beweggründen. Die Gemütsregungen und Leidenschaften sind in der Tat nur verschiedene Bedingungen des Selbstbewusstseins; dann aber erhalten sie Modifikationen, je nach dem Grade der geistigen Kultur und der Reinheit der moralischen Beweggründe und Absicht, so wie auch aus dem Zustand des Körpers selbst (Moore, Der Mensch 148ff). Stimmung ist nichts andres als das allgemeine Selbstgefühl, d.h. das mehr oder minder bestimmte Gesamtresultat, welches vorhergegangene Einzelelemente, Vorstellungen und Strebungen in der Seele zurückgelassen und welches zugleich durch die Zustände des Körpers modifiziert wird. Dies allgemeine Selbstgefühl ist, in wechselnder Bestimmtheit, zwar immer vorhanden, aber es kann weder selbst uns zum Bewusstsein kommen noch auf den anderweitigen Inhalt unsers Bewusstseins einwirken, solange bestimmte gegenwärtige Empfindungen, Gefühle, Vorstellungen die Seele beherrschen und unsre Aufmerksamkeit von ihm ablenken. In jenen Augenblicken psychischer und geistiger Ruhe dagegen wird es kräftig genug hervortreten (Ulrici, Wissen 57). In dem ersten dunklen Gefühle der Existenz ist zugleich auch die Liebe für dieselbe enthalten, das Anschmiegen des Wesens an sein Dasein, das Ergreifen und Festhalten desselben. Dieses vergesellschaftet sich mit jedem Gefühle, mit jedem subjektivem Zustande und ist der letzte Grund des Wohlgefallens oder Missfallens. Das angenehme Gefühl ist nichts anderes als erhöhtes unmittelbares Selbstbewusstsein, das unangenehme dessen Gegenteil (Gerlach, Grundriss Fundamentalphilosophie §114).
Unmittelbar mit dem Gefühl gegeben ist das Gedächtnis und daher auf dasselbe zurückzuführen. Es gehört zur Natur des Gefühlsvermögens, dass durch eine später erfolgende Wiederanregung desjenigen bestimmten Gefühls, welches eine vergangene Sinnesperzeption zurückgelassen hat, ganz unmittelbar und unwillkürlich auch diese selbst wieder hervorgerufen wird. Das eine Gefühl, durch die sinnliche Empfindung wieder entstehend, führt das mit ihm verschmolzene andre Gefühl ganz mechanisch mit herbei; der Hund erinnert sich der Schläge und flieht. Das Gedächtnis bedarf immer der Anregung, beim Menschen folgt es auch dem Willen. (Ulrici, Wissen)
Jedes Gefühl geht immer auf die Einheit des Lebens, nicht auf etwas einzelnes. Jeden Akt des Gefühls vollzieht jeder als einen solchen den kein anderer ebenso vollziehen kann und durch das Gefühl spricht sich aus das Recht jedes Einzelwesens ein für sich Gesetztes zu sein. Denn im Gefühl am meisten ist die Geschiedenheit und es liegt darin, dass sofern es vollkommen ist auch an derselben Stelle und unter denselben Umständen kein anderer ebenso fühlen würde. (Schleiermacher, Sittenlehre, 138f). Selbstbewusstsein nämlich ist jedes Gefühl. Aber auch nur unmittelbares; denn das mittelbare, in dem wir uns selbst wieder Gegenstand geworden sind, wird Gedanke und ist nicht übertragbar (140). Die Unübertragbarkeit des Gefühls gilt aber nicht nur zwischen mehreren Personen, sondern auch zwischen mehreren Momenten desselben Lebens. Die Einheit des Lebens und die Identität der an die einzelnen verteilten Vernunft würde aufgehoben, wenn das Unübertragbare nicht wieder ein gemeinschaftliches und mitteilbares werden könnte. Kein einzelnes Gefühl ist eben wegen seiner Unübertragbarkeit ohne den zusammenhaltenden Gedanken des ICH, der in allen derselbe ist auf dieselbe Weise vollzogen (Schleiermacher 141). In dem Gefühl seiner selbst ist das Subjekt ein durch und durch einzelnes, eines unter Vielen, aber in dieser Vielheit nur eines. Als Individuum verhält es sich zur Gattung, die sich in ihm realisiert, wie das Einzelne zum Allgemeinen. Da das Selbstgefühl zugleich für Anderes und in Anderem existiert wird es zum Gefühl des Anderen. Die Bewegung im Selbstgefühl, welche das Empfinden ist, ist das nicht sich, sondern etwas anderes Fühlen (Daub Vorlesungen 130). Wir können nie ganz wie der Andere fühlen; und fühlen wir noch so lebhaft mit ihm, so fühlen wir doch nicht in ihm, fühlen stets was er fühlt, nur nach unserer Weise (Weber 115). Weil die Imagination das Medium ist, wodurch wir erst zum Mitgefühl des Zustandes eines Andern gelangen, nicht also durch unmittelbar Sensation dieses Zustandes, so fühlen wir bloß nach der lebhaften Vorstellung, wie es uns sein würde, wenn wir uns in der Lage des Andern befänden. Aber weiter kann uns auch die regeste Einbildungskraft nicht tragen. Sofern die Menschen dem Leiden unterworfen sind, findet zwischen ihnen keine natürliche Übereinstimmung statt, weil sie als leidend von Außen auf verschiedene Weise affiziert werden; sie können also sofern sie mit Affekten kämpfen einander widerstreben, in Gegensatz mit einander kommen, wie derjenige der dem Affekte unterworfen ist an sich schon unbeständig und veränderlich ist. Nur sofern sie nach Anleitung der Vernunft leben, stimmen sie von Natur notwendig und immer miteinander überein. (Sigwart, Spinozismus, 167). Sympathie ist ein ursprünglicher Grundtrieb unserer Natur, man nenne ihn nun Geselligkeits- oder Mitteilungstrieb oder natürliches Wohlwollen (Weber 118). Jedes verständige Wesen ist durch seine Natur bestimmt an allem Guten und Bösen, das andere betrifft, ohne alle vorhergegangene Überlegung Teil zu nehmen (Sulzer, Empfindungen). Auf humanen Gesinnungen und Taten treibt unsere Gattung vorwärts; denn ohne sie wäre kein harmonisches Zusammenwirken (Weber, Selbst- u. Mitgefühle 134). So wie das Selbstgefühl zunächst in der Individualität, so ist die Teilnahme zunächst in der Allgemeinheit der menschlichen Natur gegründet (Esser, Gemüt §113). Das Gefühl, wiewohl es zunächst nur das Innere des Menschen betrifft, tritt dennoch, weil der Mensch eine Einheit des Innern und Äußern darstellt auch in sein Äußeres bestimmend ein und somit ist eine Offenbarung des Inneren gegeben. Findet diese in solchem Maße statt, dass sie auch andern vernehmlich wird, so erregt sie in diesen zunächst nur die Vorstellung von dem Gemütszustand des Äußernden; an diese Vorstellung knüpft sich je noch die innere Nachbildung, welche, je verwandter der Vernehmende dem Äußernden und je lebendiger die Äußerung, desto leichter den geäußerten Zustand selbst hervorbringt. Auf diese Weise ist die mitteilende Kraft des Gefühls nachgewiesen (Braniß, Glaubenslehre 12)
363 Sicheinbilden der Leiblichkeit in das Selbstgefühl durch Gewohnheit
Das in die Besonderheiten der Gefühle (Empfindungen, Begierden, Triebe, Leidenschaften) versenkte Selbstgefühl ist zunächst ununterschieden von ihnen.
Aber an sich ist das Selbst einfache Beziehung der Idealität auf sich, die von der Besonderheit sich unterscheidende für sich seiende Allgemeinheit. Dies besondere Sein der Seele ist das Moment ihrer Leiblichkeit, mit welcher sie hier bricht, sich davon als deren einfaches Sein unterscheidet. Jenes reine Sein ist die Grundlage des Bewusstseins, zu welchem es in sich geht, indem es die Leiblichkeit, deren subjektive Substanz es ist und welche für dasselbe noch als Schranke ist, in sich aufgehoben hat und so als Subjekt für sich gesetzt ist (Hegel, Enzyklopädie § 409). Durch Gewohnheit reduziert die Seele das Besondere der Gefühle zu einer nur seienden Bestimmung in ihr. Die Seele hat den Inhalt auf diese Weise in Besitz und enthält ihn so an ihr, dass sie in solchen Bestimmungen nicht als empfindend ist, noch in sie versenkt ist und zugleich für die weitere Tätigkeit der Empfindung so wie des Bewusstseins des Geistes überhaupt offen ist. Gewohnheit ist der Mechanismus des Selbstgefühls wie das Gedächtnis der Mechanismus der Intelligenz. Gewohnheit ist die zu einem Natürlichseienden, Mechanischen gemachte Bestimmtheit des Gefühls, der Intelligenz, des Willens u.s.f., insofern sie zum Selbstgefühl gehören. Gewohnheit ist mit Recht die zweite Natur, denn sie ist ein unmittelbares Sein der Seele. Wesentliche Bestimmung ist die Befreiung, die der Mensch von den Empfindungen gewinnt. Die Form der Gewohnheit umfasst alle Arten und Stufen der Tätigkeit des Geistes. In der Geschicklichkeit ist die Leiblichkeit zum Instrumente gemacht, dass der Körper sie widerstandslos, flüssig und richtig äußert.
Denken bedarf ebenfalls der Gewohnheit und Geläufigkeit, dieser Form der Unmittelbarkeit. Erst durch diese Gewohnheit existiere ICH als Denkendes für mich. Gewohnheit ist für die Existenz aller Geistlichkeit im individuellen Subjekte das Wesentlichste, damit das Subjekt als konkrete Unmittelbarkeit, als seelische Idealität sei; damit der Inhalt, religiöser, moralischer u.s.f. ihm als diesem Selbst angehöre, in ihm weder bloß an sich, noch als vorübergehende Empfindung oder Vorstellung, noch als abstrakte, von Tun und Wirklichkeit abgeschiedene Innerlichkeit, sondern in seinem Sein sei. Allerdings ist der Form der Gewohnheit auch ganz zufälliger Inhalt fähig, weshalb diese auch als etwas Verächtliches übergangen zu werden pflegt. An sich aber ist das absolute Freiwerden des Selbstgefühls - das ungestörte Beisichsein der Seele in aller Besonderheit ihres Inhalts - etwas durchaus Notwendiges; denn an sich ist die Seele die absolute Idealität, das Übergreifende über alle ihre Bestimmtheiten. In ihrem Begriffe liegt es, dass sie sich durch Aufhebung der in ihr festgewordenen Besonderheiten als die unbeschränkte Macht über dieselben erweist; dass sie das noch Unmittelbare, Seiende in ihr zu einer bloßen Eigenschaft, zu einem bloßen Momente herabsetzt, um durch diese absolute Negation freie Individualität für sich selber zu werden. Bei sich selber sein nennen wir die Gewohnheit. In dieser hat die Seele den an sie gekommenen unmittelbaren und vereinzelten Inhalt in ihre Idealität so vollständig aufgenommen und sich in ihn so völlig eingewohnt, dass sie sich in ihm mit Freiheit bewegt. Das Allgemeine, auf welches sich die Seele in der Gewohnheit bezieht, ist jedoch - im Unterschiede von dem erst für das reine Denken vorhandenen, sich selbst bestimmenden, konkret Allgemeinen - nur die aus der Wiederholung vieler Einzelheiten durch Reflexion hervorgebrachte abstrakte Allgemeinheit. Diese Bemächtigung der Leiblichkeit bildet die Bedingung des Freiwerdens der Seele, ihres Gelangens zum objektiven Bewusstsein (Hegel, Enzyklopädie § 410)
Am unbestimmtesten ist immer noch der Begriff des Gefühls. Es taugt nicht zum Prinzip, aus dem sich das gewünschte höhere, der Inhalt des Schönen, des Moralischen und des Religiösen entwickeln ließe. Das Seelenelement an und für sich einfach, ist den Determinationen der Natur einerseits und des denkenden Subjekts anderseits passiv dahingegeben; nimmt man diese Potenzen weg, so bleibt zuletzt nichts als der reine Äther der Substanz in seiner unbestimmten Grenzenlosigkeit. Sobald daher das Gefühl sich in sich selbst vertieft, ist da nichts zu erkennen als das abstrakt Allgemeine, die spinozistische Substanz und sofern diese der alles produzierende Grund sein soll, eröffnet sich darin nur der Ungrund des Pantheismus und Naturalismus. Es taugt nur zum medium oder vinculum, ist das Aufhören aller bestimmten Gedanken, sowohl als realen Bestimmungen. Allerdings weist nun dieses medium auf einen Kosmos und eine organische Natur hin; aber auch nur von daher kommen dem Gefühlsmoment die spezifischen Bestimmungen als Inhalt; sodass die Forschung, indem sie den Weg zurück zur innern Einheit nimmt, ins Unbestimmte, in das alles in sich auflösende Gemeingefühl gerät, welches zur Quelle des Mystizismus und einer sensualistischen Schwärmerei werden kann (Chalybäus, Wissenschaftslehre 220f). Gefühl als Innewerden eines inneren Zustands, ist unmittelbar, aber weder objektiv noch subjektiv, sondern beides zugleich, Zustand und dessen Bewusstsein. Sinnliche Gefühle sind nicht in unsrer Gewalt; den durch die eigene Erfahrung werde wir inne, dass der Wille nicht freiwillig Liebe, Hass oder ähnliche Gefühle ablegen könne; sondern ein Gefühl wird vom andern besiegt. Wir sehen in einigen diese, in andern jene Gefühle herrschen; jeden zieht seine Begierde. Die törichten Sophisten aber behaupten, wenn man jemand hasse, so könne der Wille beschließen ihn nicht mehr zu hassen; wenn der, welcher hasset, den Hass abzulegen beschließet, so ist dies, wenn er nicht in Wahrheit von einem andern stärkeren Gefühle besiegt wird, bloß ein eingebildeter Gedanke seines Verstandes, aber keine Tat seines Willens. Bei den Gerechtfertigten bekämpfen gute Gefühle die schlechten; aber ich leugne, dass die inneren Gefühle in unserer Gewalt stehen. Wie oft bricht der Affekt hervor, wenn er heftig wird. Und wie vieles geschient von uns dem Anschein nach vortreffliches und was wir selbst für gut halten, weil wir das tadelnswerte Gefühl nicht erkennen, woraus die Handlung entspringt. (Melanchthon, loci, 1. Ausgabe, zit Sartorius, Lutherische Lehre 15.19). Von anderer Natur sind diejenigen inneren Gefühle, die zu den Elementen des Bewusstseins gehören, in welchen die Vernunft sich selbst erkennt, namentlich die Gefühle des Zweifels und der Überzeugung und alle moralischen Gefühle. Auch der Glaube ist ein Gefühl insofern, als er das Gemüt mit mehr oder weniger Stärke bewegt. Vernunft ohne Gefühl ist ebenso wenig eine wirkliche Vernunft, als ein gefühlloser Gott ein solcher ist, den man wahrhaft anbeten könnte (Bouterwek, Religion 88ff). Die Vernunft kann sich in einer sinnlichen Welt nicht anders beweisen, als dass sie in derselben durch ihre eigene Kraft Gefühle und durch Gefühle Neigungen und Abneigungen bewirke. So kennen wir entweder sinnliche oder vernünftige Gefühle. Letztere haben unstreitig auch in der Sinnlichkeit des Menschen ihren Sitz, bedürfen aber einer ganz anderen Kausalität. Die sinnlichen werden von fremden Kräften erzeugt, die vernünftigen aber bewirken wir durch eigene selbsttätige Kraft. Es gibt auch Gefühle, welche teils durch Einfluss empfangen, teils durch Vernunft gewirkt oder modifiziert sind, zB. Mitgefühl (Jakob, moralisches Gefühl, 4.10). Auch das unmittelbare Gewahrwerden des Wahren, Guten und Schönen, des Unwahren, Bösen und Hässlichen und das logische, moralische, religiöse Gefühl sind ebenfalls innere Gefühle (K. L. Reinhold, menschliches Erkenntnisvermögen 36).
Indem der Mensch dem moralischen Gefühle folgen soll, liegt darin dass dieses zu bestimmen habe, was moralisches oder unmoralisches Handeln sei. Einzig und allein der subjektiven Freiheit als solcher kommt die Entscheidung zu, wenn gleich noch nicht aus entwickeltem Bewusstsein und mit klarer Einsicht. Diese unmittelbare, obzwar geistige, aber ohne bestimmtes Bewusstsein tätige Subjektivität ist daher von Hume und einigen andern meist schottischen und englischen Moralisten als angebornes Gefühl und Prinzip der Moral ausgesprochen wurden (Michelet, philosophische Moral 136ff). Diejenigen welche das Dasein eines moralischen Gefühls, angeborner Grundsätze, eines natürlichen Gewissens behaupten, sagen, dass die Liebe zur Tugend, dass Hass gegen das Laster etwas instinktartiges im Menschen ist, oder die Begriffe von Recht und Unrecht anschauende Begriffe sind (Payley, Grundsätze 11ff). Sie bemerken, dass wir Beispiele von Großmut, Dankbarkeit, Treue augenblicklich billigen und das Gegenteil ebenso augenblicklich verdammen, ohne darüber erst Überlegungen anzustellen; dass diese Billigung gleichförmig und allgemein ist, in allen Zeiten und Ländern der Welt (Payley).
Schon Aristoteles behauptet, dass im Nichterkennen des Guten und Bösen die Schlechtigkeit bestehe. Das Gesetz der Natur ist nach Wolf also: Tue was dich und deinen und anderer Zustand vollkommener, unterlasse was ihn unvollkommener macht. Das sittliche Gefühl des Gewissens oder die sich selbst (subjektiv) richtende moralische Urteilskraft misst für einen gegebenen Fall unmittelbar den sittlichen Wert einer Handlung ab, ohne uns im Augenblick auf die Rückrechnung aller Bestimmungsgründe derselben einzulassen. Im Leben selbst, wenn es unvermeidlich aufs Urteilen und Handeln ankommt, werden wir uns selten der sittlichen Gesetze, denen wir die Taten unterzuordnen haben, in ganz bestimmten Begriffen bewusst sein. Der Behauptung, dass sich die im Gefühl vernommenen Sprüche des Gewissens auf die Regel klarer und strenger Sittenvorschriften zurückführen lassen, dass also wie alle Geisteskraft, so auch die unmittelbare Denkkraft des sittlichen Gefühls gebildet werden könne, widerstreitet es nicht, wenn man zugleich von einer Unauflöslichkeit des sittlichen Gefühls wie des Tugendgebots überhaupt spricht. Denn das wahre sittliche Urteil kann unmittelbar nur im lebendigen Gefühl zu uns sprechen, ohne bestimmten Begriff (Francke, Urteilskraft 350). Kant sagt: Bei der allgemeinen Stille der Natur und der Ruhe der Sinne redet das verborgene Erkenntnisvermögen des unsterblichen Geistes eine unnennbare Sprache und gibt unausgewickelte Begriffe, die sich wohl empfinden, aber nicht beschreiben lassen (Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels). Wenn die moralischen Empfindungen nicht für richtige Regeln gelten können, so sind sie doch oft unentbehrliche Hilfsmittel zur Entscheidung in besondern Fällen. Erstlich in allen Sachen, wo die Vernunft nicht völlig durchdringen kann, wird jeder Vernünftige sich lieber nach seinen vielleicht bloß angewöhnten Empfindungen, als nach ungewissen Entscheidungen seiner Spekulation richten. Zweitens, da wo schnelle und augenblickliche Entschlüsse zu fassen sind, wo eine langsame Abwägung der Gründe und Gegengründe unmöglich ist, wird jeder sich sicherer seinem Gefühle, als seinem Verstande überlassen. Es ist eine bekannte Anmerkung, dass die Empfindung gemeiniglich in den ersten Augenblicken am richtigsten ist. Endlich alle kleinen unbeträchtlichen Handlungen des menschlichen Lebens und auch oft das Umständliche in der Ausführung der wichtigen müssen der Empfindung überlassen werden. Wer alles abwägen und abmessen will, kommt mit nichts zu Stande. Unsere Empfindungen überhaupt also müssen wir durch die Vernunft zu berichtigen suchen, aber wir dürfen sie nicht bei jeder einzelnen Handlung durch unsre Grübeleien stören. Dem Gewissen zu gehorchen ist die Pflicht des gegenwärtigen Augenblicks; es zu berichtigen ist die Pflicht des ganzen Lebens (Garve, Cicero, 111).
Auf der andern Seite wird bemerkt, dass es kaum ein einziges Laster gibt welches nicht in irgend einem Zeitalter oder Lande durch die öffentliche Meinung wäre geschützt worden. Die Gegner des moralischen Gefühls sagen weiter, dass die allgemeine Billigung tugendhafter Handlungen in der frühen Jugend eingeprägt worden; weil diese Grundsätze von der Zeit an immer neue Stärke und Bestätigung erhalten haben, bloß vermöge der Macht des Ansehens und des Beispiels sich ausgebreitet und fortgepflanzt haben (Vgl. 16). Keine der Regeln, welche in der Wissenschaft der Moral gelehrt werden kann füglich als angeboren angesehen werden, weil keine durchaus und in allen Fällen wahr ist, weil keine ist, die nicht unter gewissen Umständen Ausnahmen leidet. Wahrhaftigkeit wird doch gegen einen Dieb, einen Feind, einen Wahnwitzigen nicht gefordert. (Payley, Grundsätze 19). Nach Kant steht das moralische Gefühl wenngleich sinnlich-vernünftigen Wesen gehörig, nur der praktischen reinen Vernunft zu Gebote. Gehört es zur Pflicht, das moralische Gefühl auszubilden, so kann doch der Begriff der Pflicht nicht davon abgeleitet werden. Das moralische Gefühl, das man mit andern Worten das Gewissen nennt, ist bei jedem Menschen zusammengesetzt aus zwei Arten von dunkeln Vorstellungen. Einige entspringen unmittelbar aus der Natur des Menschen und aus den beständigen Erfahrungen, welche er, seitdem er seine Sinne gebrauchen kann, über sich und andre Menschen gemacht hat. Die andern sind die wieder dunkel gewordenen Eindrücke, welche ihm von dem Unterrichte, der Erziehung, dem Beispiele, der Religion übrig geblieben. Diese beiden sind mit einander vermischt. (Garve, Cicero, 105ff). Da in der Moral als dem Dasein des subjektiven Willens, der Inhalt der Handlung und ihres Bestimmungsgrundes mit der innersten Subjektivität des Handelnden eins sein soll, so liegt darin, dass der Inhalt zu Gefühle werde, dieses also eine notwendige Form des moralischen Inhalts sei; denn begleitete ihn diese Form nicht, so bliebe er dem Subjekte in gewisser Fremdheit und Entfernung. Diese heißt aber doch nicht, dass der Inhalt nur als Gefühl sei. Wir bedürfen vielmehr eines äußerlichen Prinzips, welches das Gefühl erst dazu bestimme, Gefallen und Missfallen an dem zu finden, woran es soll (Michelet, philosophische Moral 180). Das, was in unsern moralischen Empfindungen aus den Besonderheiten unsers Temperaments, unsrer Denkungsart entsteht, ist gemeiniglich ein Irrtum. Hier muss also die Vernunft notwendig dem moralischen Gefühle zu Hilfe kommen. Sie allein kann den Ursprung unsrer Empfindungen untersuchen und wenn sie denselben aufgefunden, auch die Empfindungen selbst dadurch berichtigen (108ff). Wenn der Mensch ein unmittelbares Gefühl dessen hätte, was Recht und Unrecht, Tugend und Laster wäre: so hätte er einen weit sichereren Führer in Absicht seiner moralischen Aufführung als er nach der Erfahrung wirklich hat. Der tugendhafteste Mensch ist oft in der größten Verlegenheit, zu wissen, was jetzt Pflicht sei. Auch wird der Mensch der Sittlichkeit erst fähig, wenn der Verstand sich zuvor ausgebildet hat (Garve, Prinzipien, 161)
Gott ist in der Frömmigkeit ein Gefühltes. Da nun Gefühl und unmittelbar bestimmtes Selbstbewusstsein ein und dasselbe ist, so ist damit gesagt, dass Gott auf unmittelbare Weise in und mit dem Selbstbewusstsein gesetzt und daher als ein rein innerliches gegeben sei (Braniß, Glaubenslehre 12). Die Sünde beruht auf dem ungleichen Verhalten der Sinnlichkeit und des Gottesbewusstseins als intensiver Größen, noch näher aber auf dem ungleichmäßigen Verhalten der einzelnen Funktionen der Sinnlichkeit gegen die höhere Geistestätigkeit. Namentlich aber ist es der ungleiche Fortschritt von Verstand und Willen, welcher ein Bewusstsein der Sünde überall erst möglich macht; denn hätte unser Verstand keine höhere Vorstellung von Gott als unser Wille in unsern Handlungen ausspricht, so gäbe es für uns kein göttlicheres Leben, als dasjenige, welches wir führen (Braniß)
Es ist Pflicht des Menschen die Gefühle nicht in sich unterdrücken und ausrotten zu wollen, sondern sie zu entwickeln und auszubilden. Die Gefühllosigkeit, Unempfindlichkeit, die Schwäche oder Untätigkeit aller oder gewisser Gefühle ist durchaus unsittlich und der Bestimmung des Menschen zuwider. Der Mensch soll die Gefühle nicht in sich herrschen lassen. Sie sind überhaupt zum gehorchen bestimmt. Herrschen Gefühle der niedrigen Ordnung im Menschen, so sinkt er zur Rohheit herunter. Auch höhere Gefühle sollen nicht in uns gebieten und nicht bis zur Überspannung ausgebildet werden. Affekte, welche oft Selbstbewusstsein, Überlegung und Besonnenheit auf eine Zeitlang schwächen oder aufheben, soll der Mensch beherrschen, mäßigen, nach Umständen unterdrücken und gar nicht erwachen lassen. Die Herrschaft der Affekte kann unsere ganze Natur zerrütten und uns zur Übertretung aller Pflichten hinreißen. Auch die Affekte sollen zum Guten angewendet werden. Das Gute kann oft nur mit Affekt würdig gewollt und kräftig ausgeführt werden (Stäudlin, für Theologen 304ff)

References: §83
 § 447
 §77
 §447
 §114
 §113
 § 409
 § 410