Source: https://www.familienrecht-allgaeu.de/de/kindeswohl.html
Timestamp: 2019-03-19 03:28:34+00:00

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Wenn Familienrichter zu Pädagogen werden sollen ...
Das Kind im Familienrecht.
Leitfaden für Eltern bei gerichtlichen Verfahren um die Kinder
I. Was bedeutet Kindeswohlprinzip?
II. Rechtliche Kriterien zum Wohl des Kindes
III. Kindeswohl & Umgangsrecht
IV. Kindeswohl & Sorgerecht
Funktioniert die Wahrnehmung der gemeinsamen Elternverantwortung nicht mehr, müssen Richter zu Ersatz-Pädagogen werden. Sollen Streitigkeiten zwischen den Eltern um Angelegenheit, die das Kind betreffen, familiengerichtlich geklärt werden, wird sich jede gerichtliche Entscheidung am -> Kindeswohlprinzip ausrichten und orientieren (vgl. § -> 1697a BGB). Der im Gesetz mehrfach verwendete Begriff des Kindeswohls ist ein „schillernder“ Rechtsbegriff. Dazu haben sich -> rechtliche Kriterien herausgebildet.
♦ Verfassungsrechtlicher Maßstab
Diese -> rechtlichen Kriterien wurden in Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichthofs verwendet. „Entscheidungsleitendes rechtliches Kriterium des Kindeswohls ist darüber hinaus das im GG verankerte Erziehungsziel der selbständigen und eigenverantwortlichen, zu sozialem Zusammenleben fähigen Persönlichkeit (BVerfG FamRZ 2008, 1737) ... Diesem Kriterium sind alle anderen Maßstäbe untergeordnet" (Coester, 2009, 147). „Speziell bei Kindern, die sich erst auf dem Weg zu eigenverantwortlichen Personen befinden, spielen Ansprüche auf chancengleiche und anlagegerechte Entfaltung eine besondere Rolle. Zwar ist thematisch hierfür Art. 6 GG einschlägig, der in seinem Gesamtzusammenhang mehr als jede andere Vorschrift des Grundgesetztes dem Schutz künftiger Generationen dient, in dem Ehe und Familie als Fundament und besondere Verantwortungsinstanz der Kindesentwicklung sowohl geschützt als auch in die Pflicht genommen werden, doch bleibt auch für Art. 2 Abs. 1 GG Gewährleistungsraum, mitunter auch im Sine einer Rechtfertigung für Eingriffe in Art. 6 GG" (Di Fabio, 2001, 201). Das Grundrecht des Art.1, Abs.2 GG auf Persönlichkeitsentfaltung, Fürsorge und Schutz ist somit als Kindesrecht Maßstab für gesetzgeberische Regelungen und das maßgebliche Kriterium für das Kindeswohl und kann über die damit korrespondierende elterliche Erziehungseignung operationalisiert werden (Coester, 2005, 60). Die weiteren Kriterien können ebenso als rechtlich abgesichert angesehen werden: die inneren Bindungen des Kindes (neben der „seelischen" Komponente in § 1666 Abs. 1 vor allem § 1632 Abs. 4, § 1682 BGB; in verallgemeinerter Form § 1626 Abs. 3 und § 1685 BGB), die Wichtigkeit von Kontinuität und Stabilität der Betreuungs- und Erziehungsverhältnisse (vgl. § 1632 Abs. 4, § 1666 a Abs. 1, § 1682 BGB), der subjektive Wille des Kindes sowie der familiären Gesamtzusammenhangs des Kindesschutzes (§ 1666a BGB) (Coester, 2009, Seite 147).
♦ Kinderpsychlogischer Maßstab
Dabei ist die Terminologie in der Rechtspraxis nicht immer einheitlich (Coester, 2009, 354). Weiterhin werden diese Kriterien auch bei Westhoff & Kluck (2013) zur Erstellung von psychologischen Gutachten als Anforderungsprofil genannt auf das hin die psychologisch-diagnostischen Fragen, die entsprechenden Datenerhebungen und Schlussfolgerungen auszurichten sind (Westhoff & Kluck 2013, 48). Auch bei Salzgeber (2011) werde diese Kriterien verwendet (Salzgeber, 2011, 378-526) und der Sachverständige wird dort angehalten zur Ausfüllung des Kindeswohlbegriffs keine alltagstheoretische und persönlich motivierten Vorstellungen heranzuziehen, sondern sozialwissenschaftliche Erkenntnisse anzuwenden, die aber nicht statisch sind (Salzgeber, 2011, 12). „Neben dem emotionalen, psychologischen Bereich umfasst der juristische Kindeswohlbegriff auch den körperlich-physischen Bereich, ferner auch Pädagogisches — auch Achtung von Rechtsstaatlichkeit - Ethisches und Religiöses, nicht zuletzt den sozio- ökonomischen Bereich" (Salzgeber, 2011, 11). Die Kindeswohlklausel ist keine Gesamtverweisung auf außerrechtliches Aussagenmaterial, sondern als Anweisung an den Richter zu verstehen unter Beachtung des maßgeblichen Erfahrungswissens vom Kinde die sozialen Lebensverhältnisse, zu rechtschöpferischer Gestaltung zu ordnen (Coester, 1983, 164). In der Rechtsprechung, in der Rechtswissenschaft (z.B. Maier, 2013) und der rechtspsychologischen Literatur werden die von Coester (1983, 2009) genannten -> Kindeswohlkriterien durchgängig angewendet und je nach Bedarf und des Untersuchungsgegenstandes durch Erkenntnisse der Psychologie, der Pädagogik, der Sozialwissenschaften, der Humanwissenschaften operationalisiert und differenzierter ausgestaltet (z. B. Westhoff & Kluck, 2013, 48; Salzgeber, 2011, 378-526; Salzgeber & Fichtner, 2012, 225-230; Westhoff, Terlinden-Arzt, Klüber, 2000, 29, 32-79, 203-211). Die Inhalte, die zur Ausfüllung des Rechtsbegriffs herangezogen werden, müssen dabei rechtlicher Betrachtungsweise standhalten. Die inhaltliche Ausfüllung der Kindeswohlkriterien hat sich in den letzten Jahrzehnten relativ unsystematisch und vor allem bezüglich der Sorgerechtsregelung nach Trennung oder Scheidung herausgebildet (Zitelmann, 2007, 149).
♦ § 1697a BGB - Gesetzes-Text
♦ Anmerkung zu § 1697a BGB
§ 1697a BGB unterwirft einen gesamten Titel (= 5. Titel: Sorgerecht, des 2. Abschnitts: Verwandtschaft) dem Kindeswohlprinzip. Teil dieses 5. Titel ist auch das Umgangsrecht (§ 1684 BGB). Coester stellte im Jahr 1983 und 2009 mit umfassenden wissenschaftlichen Arbeiten rechtliche Kriterien zum Kindeswohl auf, die zwischenzeitlich in der höchstrichterlichen Rechtsprechung (-> Thema verfassungsrechtlicher Maßstab) und kinderpsychologischen Literatur (Thema kinderpsychologischer Maßstab) annerkannt sind. Sie sind Argumentationsgrundlage, die bei jeder gerichtlichen Einzelfall-Entscheidung zum Sorge- und Umgangsrecht in der Gesamtabwägung zu berücksichtigen sind. Gestritten wird in der Praxis nicht um die Anerkennung der rechtlichen Kriterien, sondern um die Intensität und das Gewicht der jeweiligen Kriterien in der tatrichterlichen Gesamtabwägung. Der Kindeswohlbegriff kann als Generalklausel angesehen werden, die das generelle Regelungsmuster insbesondere in zwei Richtungen offenhalten will: ,,Gegenüber den Besonderheiten des Einzelfalls und den sich wandelnden Anschauungen über die Bedürfnisse von Kindern in bestimmten Krisensituationen" (Coester, 1986, 39).
♦ Förderprinzip - Elterliche Erziehungseignung
♦ Bindungen des Kindes
♦ Kontinuitätsprinzip
♦ Kindeswille
-> als Ausdruck der Selbstbestimmung;
-> als Ausdruck der Verbundenheit
Wie in jedem -> MERKBLATT des Familiengerichts zum -> Umgang zu lesen ist, so vermag ein Familiengericht allenfalls die am wenigsten schädliche Regelung für das Kind zu treffen. Zum Wohle des Kindes können ausschließlich die Eltern aufgrund eines einvernehmlichen Konzepts ihrer beiderseitigen elterlichen Verantwortung handeln. Jede gerichtliche Entscheidung ist nur ein "Notnagel", die über die Kinder zu fällen ist, wenn die Eltern - aus welchen Gründen auch immer - keine gemeinsame Linie finden können. Bei allen Entscheidungen in Sorgerechts- oder Umgangsangelegenheiten haben sich die Familiengerichte - soweit nichts anderes gesetzlich bestimmt ist - diejenige Entscheidung zu treffen, die unter Berücksichtigung der tatsächlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten sowie der berechtigten Interessen der Beteiligten dem Wohl des Kindes am besten entspricht (§ 1697a BGB: Kindeswohlprinzip). Wie Gerichte in der Praxis diese gesetzliche Vorgabe umsetzen, soll beispielhaft gezeigt werden:
Kriterien der Kindeswohl-Prüfung zum Umgangsrecht
♦ Belastbarkeit des Kindes,
♦ die bisherige Intensität seiner Beziehungen zum Umgangsberechtigten und
♦ seine Vertrautheit mit diesem,
♦ die räumliche Entfernung der Eltern voneinander,
♦ die Interessen und Bindungen von Kind und Eltern,
♦ das Verhältnis letzterer zueinander,
♦ die persönliche und berufliche Situation und
♦ Betreuungsmöglichkeit des Umgangsberechtigten,
♦ der Wille des Kindes, soweit er mit seinem Wohl vereinbar ist, sowie dessen Alter und altersbedingtes Zeitempfinden, Entwicklungs- und Gesundheitszustand in den Blick zu nehmen (vgl. Völker/Clausius, a.a.O., § 2, Rz. 50 m.w.N.).
Thema SORGERECHTSVERFAHREN

References: Art. 6
 Art. 2
 Art. 6
 Art.1
 § 1666
 § 1632
 § 1682
 § 1626
 § 1685
 § 1632
 § 1666
 § 1682
 § 1697
 § 1697

§ 1697
 § 2