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Timestamp: 2018-02-18 20:07:53+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: Klagezulassung bei Fristversäumung des juristischen Vertreters
ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/136
Kla­ge­zu­las­sung bei Frist­ver­säu­mung des ju­ris­ti­schen Ver­tre­ters
Kei­ne nach­träg­li­che Kla­ge­zu­las­sung bei Kla­ge­frist­ver­säu­mung durch Ge­werk­schafts­ju­rist: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 28.05.2009, 2 AZR 548/08
Frist­ver­säum­nis geht zu Las­ten des Ar­beit­neh­mers
03.08.2009. Ge­gen ei­ne vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­ne Kün­di­gung kann der Ar­beit­neh­mer ge­mäß § 4 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) in­ner­halb von 3 Wo­chen Kün­di­gungs­schutz­kla­ge er­he­ben. Lässt er die­se Frist ver­strei­chen, so gilt die Kün­di­gung als wirk­sam.
In den al­ler­meis­ten Fäl­len, wird der Ar­beit­neh­mer ei­ne sol­che Kla­ge je­doch nicht selbst er­he­ben, son­dern sich da­bei Hil­fe su­chen. Was je­doch pas­siert, wenn eben die­se Hil­fe sich als un­zu­rei­chend er­weist, da die ein­zu­hal­ten­de Frist schlicht "ver­ba­selt" wur­de, hat­te kürz­li­che das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu ent­schei­den.
Ein Ge­werk­schafts­ju­rist hat­te es ver­säumt, recht­zei­tig Kla­ge zu er­he­ben, was dem Ar­beit­neh­mer zu­ge­rech­net wer­den soll­te: BAG, Ur­teil vom 28.05.2009, 2 AZR 548/08.
Kündi­gungs­schutz­kla­ge: Die Zeit läuft
Der Fall: Ver­spätet ein­ge­reich­te Kündi­gungs­schutz­kla­ge we­gen Bau­ar­bei­ten beim DGB
BAG: Ar­beit­neh­mer muß sich ver­späte­te Kla­ge­ein­rei­chung durch DGB-Rechts­schutz zu­rech­nen las­sen
Möch­te man sich als Ar­beit­neh­mer ge­gen ei­ne schrift­li­che Kündi­gung des Ar­beit­ge­bers zur Wehr setz­ten, hat man da­zu in al­ler Re­gel gemäß den Vor­schrif­ten des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes (KSchG) nur drei Wo­chen Zeit, ge­rech­net ab dem Zu­gang der Kündi­gungs­erklärung. Ist die Kündi­gungs­schutz­kla­ge nach Ab­lauf die­ser Frist nicht bei Ge­richt ein­ge­gan­gen, gilt die Kündi­gung als von An­fang an wirk­sam (§ 4 Satz 1 KSchG in Verb. mit § 7 KSchG).
Auch nach Ab­lauf der Drei­wo­chen­frist bleibt ein letz­ter Weg zur Kündi­gungs­schutz­kla­ge: § 5 Abs. 1 Satz 1 KSchG sieht vor, dass das Ge­richt die Kla­ge nachträglich zu­zu­las­sen hat, wenn der Ar­beit­neh­mer trotz An­wen­dung al­ler ihm zu­zu­mu­ten­den Sorg­falt an der Fris­tein­hal­tung ge­hin­dert war. Die nachträgli­che Zu­las­sung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge ist ih­rer­seits spätes­tens in­ner­halb von zwei Wo­chen nach Weg­fall des Hin­der­nis­ses für die Kla­ge­er­he­bung zu be­an­tra­gen.
Lan­ge Jah­re war un­ter Ar­beits­recht­lern um­strit­ten, ob das Ver­schul­den ei­ner mit der Kla­ge­er­he­bung vom Ar­beit­neh­mer be­auf­trag­ten Per­son „dem Ar­beit­neh­mer zu­zu­rech­nen“ ist oder nicht.
Hält man ei­ne Ver­schul­dens­zu­rech­nung für rich­tig, gibt es kei­ne nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung, wenn der Pro­zess­be­auf­trag­te schuld­haft die Kla­ge­frist versäumt hat (sein Ver­schul­den ist dann als das des Ar­beit­neh­mers an­zu­se­hen).
Hält man ei­ne Ver­schul­dens­zu­rech­nung da­ge­gen für falsch, hat der gekündig­te Ar­beit­neh­mer bei recht­zei­ti­ger Er­tei­lung ei­nes Kla­ge­auf­trags al­les aus sei­ner Sicht er­for­der­li­che ge­tan, um die Frist ein­zu­hal­ten. Versäumt dann der Pro­zess­be­auf­trag­te die Frist, kann der Ar­beit­neh­mer nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung be­an­tra­gen, die ihn selbst kei­ne Schuld trifft und die sei­nes Be­vollmäch­tig­ten ihm nicht zu­zu­rech­nen ist.
Seit dem 01.04.2008 ist über ei­nen An­trag auf nachträgli­che Zu­las­sung der Kla­ge nicht mehr wie zu­vor durch ei­nen ge­son­der­ten Be­schluss des Ge­richts, son­dern zu­sam­men mit der Kündi­gungs­schutz­kla­ge bzw. durch Ur­teil zu ent­schei­den. Da­mit be­steht erst­mals seit dem 01.04.2008 die Möglich­keit für das BAG, über die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner nachträgli­chen Kla­ge­zu­las­sung zu ent­schei­den.
Da nämlich nach al­ter Rechts­la­ge das Ar­beits­ge­richt über ei­nen An­trag auf nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung durch Be­schluss ent­schei­den muss­te und ein sol­cher Be­schluss nur mit ei­ner so­for­ti­gen Be­schwer­de zum Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) an­ge­grif­fen wer­den konn­te, en­de­te der In­stan­zen­zug mit der Ent­schei­dung des LAG, d.h. das BAG konn­te bis­lang über Fälle der nachträgli­chen Kla­ge­zu­las­sung nicht ent­schei­den. Seit­dem Anträge auf nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung zu­sam­men mit dem Ur­teil im Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren ent­schie­den wer­den, können sol­che Ent­schei­dun­gen auch bis hoch zum BAG ge­hen.
Seit­dem das BAG die Möglich­keit, zu den Fra­gen der nachträgli­chen Kla­ge­zu­las­sung zu ent­schei­den, hat es be­reits ei­ni­ge Ur­tei­le hier­zu er­las­sen. So stell­te es mit Ur­teil vom 11.12.2008 (2 AZR 472/08) fest, dass die schuld­haf­te Kla­ge­frist­versäum­ung durch ei­nen Rechts­an­walt dem Ar­beit­neh­mer gemäß § 85 Abs. 2 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) zu­zu­rech­nen ist (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/007). Be­auf­tragt ein Ar­beit­neh­mer da­her ei­nen An­walt mit ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge und „ver­ba­selt“ der An­walt die Kla­ge­frist, hat der Ar­beit­neh­mer sein Ar­beits­verhält­nis endgültig ver­lo­ren und kann dann nur noch den An­walt in Re­gress neh­men, d.h. von die­sem Scha­dens­er­satz in Geld ver­lan­gen.
Mit Ur­teil vom 28.05.2009 (2 AZR 548/08) (Pres­se­mit­tei­lung 57/09) muss­te das BAG nun­mehr ent­schei­den, ob für ei­nen ge­werk­schaft­li­chen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten das­sel­be gilt wie für ei­nen Rechts­an­walt.
Als ein Ar­beit­neh­mer am 19.07.2008 die Kündi­gung sei­nes Ar­beit­ge­bers er­hielt, ging Tags dar­auf zu ei­nem Be­spre­chungs­ter­min bei sei­ner Ge­werk­schaft, um ei­nen Kündi­gungs­schutz­pro­zess ein­zu­lei­ten. Ei­ne Ge­werk­schafts­an­ge­stell­te nahm die Un­ter­la­gen des Ar­beit­neh­mers und den Kla­ge­auf­trag ent­ge­gen. Zu die­sem Zeit­punkt war der Lei­ter der Geschäfts­stel­le, mit dem der Ar­beit­neh­mer ei­nen Be­spre­chungs­ter­min ver­ein­bart hat­te, ver­hin­dert.
Von ei­ner DGB-Ge­werk­schaft ent­ge­gen­ge­nom­me­ne Un­ter­la­gen ei­nes zur Kla­ge ent­schlos­se­nen Ge­werk­schafts­mit­glieds wer­den in der Re­gel um­ge­hend an den DGB Rechts­schutz wei­ter­ge­lei­tet, der als zen­tra­le Ein­rich­tung die Pro­zess­ver­tre­tung für Mit­glie­der von DGB-Ge­werk­schaf­ten über­nimmt. Im vor­lie­gen­den Fall lief das al­ler­dings schief.
Die vom Ar­beit­neh­mer frist­ge­recht ei­nen Tag nach der Kündi­gung über­ge­be­nen Un­ter­la­gen wur­den auf­grund von Bau­ar­bei­ten mit er­heb­li­cher Verzöge­rung, nämlich erst am 11.09.2007 an den DGB Rechts­schutz wei­ter­ge­lei­tet. Der er­hob am 13.09.2008 Kündi­gungs­schutz­kla­ge, ver­bun­den mit dem An­trag, die ver­späte­te Kla­ge gemäß § 5 KSchG nachträglich zu­zu­las­sen.
Das Ar­beits­ge­richt Frei­burg (Breis­gau) wies den An­trag auf nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung mit Be­schluss vom 15.01.2008 (7 Ca 378/07) zurück. Das LAG Ba­den-Würt­tem­berg ließ da­ge­gen die Kündi­gungs­schutz­kla­ge mit Ur­teil vom 07.05.2008 (10 Sa 26/08) nachträglich zu.
Das BAG ent­schied an­ders als das LAG Ba­den-Würt­tem­berg, d.h. es wies den An­trag auf nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung ab. Die Ur­teils­gründe sind der­zeit nur in Ge­stalt ei­ner Pres­se­mit­tei­lung des BAG be­kannt (Pres­se­mit­tei­lung 57/09), d.h. die schrift­li­che Ur­teils­be­gründung ist der Öffent­lich­keit noch nicht be­kannt ge­macht wor­den.
So­weit der Pres­se­mit­tei­lung zu ent­neh­men ist, berück­sich­tigt das BAG aus­drück­lich, dass der Kläger selbst an der Versäum­ung der Kla­ge­frist schuld­los war, da er be­reits am Ta­ge nach Er­halt der Kündi­gung mit der Be­auf­tra­gung sei­ner Ge­werk­schaft al­les Er­for­der­li­che für die Ein­lei­tung ei­nes Pro­zes­ses ge­tan hat­te.
Das hilft ihm aber nach An­sicht des BAG nichts, da er sich das Ver­schul­den sei­nes ge­werk­schaft­li­chen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten zu­rech­nen las­sen muss. Dass die Ge­werk­schaft ein Ver­schul­den traf, ist für das BAG nicht zwei­fel­haft, da man in der dor­ti­gen Geschäfts­stel­le Vor­keh­run­gen hätte tref­fen müssen, um die recht­zei­ti­ge Be­ar­bei­tung bzw. Wei­ter­lei­tung frist­ge­bun­de­ner Kla­ge­aufträge zu gewähr­leis­ten. Das hat­te die Ge­werk­schaft un­ter­las­sen und mit die Frist­versäum­ung ver­schul­det.
Mit die­ser Ent­schei­dung setzt das Bun­des­ar­beits­ge­richt sei­ne Recht­spre­chung zur Zu­rech­nung des Ver­schul­dens von Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten fort. Die­ser Recht­spre­chung zu­fol­ge ist an­walt­li­ches Ver­schul­den dem Ar­beit­neh­mer zu­zu­rech­nen (BAG, Ur­teil vom 11.12.2008, 2 AZR 472/08 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/007 Kein Kla­ge­recht bei Frist­versäum­ung durch Rechts­an­walt), und das Ver­schul­den ei­nes ge­werk­schaft­li­chen Rechts­se­kretärs gilt das­sel­be. Gründe, ge­werk­schaft­li­che Pro­zess­be­vollmäch­tig­te bzw. die von die­sen ver­tre­te­nen Ar­beit­neh­mer ge­genüber Rechts­anwälten bzw. de­ren Man­dan­ten bes­ser­zu­stel­len, sind nicht ge­ge­ben.
Zwar un­ter­steht ei­ne Ge­werk­schaft, wenn sie zu­guns­ten ih­rer Mit­glie­der Leis­tun­gen ge­richt­li­chen Rechts­schut­zes er­bringt, dem Schutz der Ko­ali­ti­ons­frei­heit gemäß Art.9 Abs.3 Grund­ge­setz (GG), doch ver­letzt ei­ne Ver­schul­dens­zu­rech­nung wohl kaum die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Ge­werk­schaft. Hier ist zu berück­sich­ti­gen, dass nie­mand die Ge­werk­schaft da­zu zwingt, Leis­tun­gen des Rechts­schut­zes an­zu­bie­ten. Bie­ten Ge­werk­schaf­ten ei­nen sol­chen Ser­vice an, müssen sie auch für die Sorg­falt ge­ra­de­ste­hen, die da­bei zu be­ach­ten ist.
Fa­zit: Will man als Ar­beit­neh­mer im Fal­le ei­ner Kündi­gung des Ar­beit­ge­bers hun­der­pro­zent si­cher sein, dass die Kündi­gungs­schutz­kla­ge recht­zei­tig er­ho­ben wird, muss man sich letzt­lich vor Ab­lauf der Frist bei sei­nem Rechts­an­walt oder sei­nem Ge­werk­schafts­ver­tre­ter darüber ver­ge­wis­sern, d.h. man muss sei­nem Pro­zess­ver­tre­ter „auf die Fin­ger gu­cken“.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 28.05.2009, 2 AZR 548/08
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 07.05.2008, 10 Sa 26/08

References: § 4
 § 7
 § 5
 § 85
 § 5
 Art.9