Source: http://friedrichrost.de/online-texte/vortrag.htm
Timestamp: 2018-10-19 20:45:21+00:00

Document:
Dr. Friedrich Rost - Online-Texte: Schenken heute
Schenken heute – lästige Pflicht oder eine Kunst,
sich selbst und andere zu erfreuen?
Einleitung: Zwiespältige Gefühle vor dem Weihnachtsfest
Schenken als Thema der Wissenschaft?
Das Phänomen "Schenken"
Sonderfälle des Schenkens
Die rechtliche Normierung des Schenkens
Die Besonderheiten des Schenkens als Gütertransaktion
Überblick OH-Folie
Nach einer kurzen Einleitung in das Thema und seine wissenschaftliche Wiederentdeckung werde ich erst einmal das Phänomen Schenken und einige seiner Besonderheiten genauer beschreiben. Anschließend werden Sie eine Merkwürdigkeit des deutschen Schenkrechts kennenlernen, nach dem es zwei Gruppen von Schenkungen gibt. Danach werde ich erklären, worin sich das Schenken von anderen Formen des Gütertransfers unterscheidet. Und zum Schluß werde ich in vier Thesen erläutern, warum der Mensch überhaupt schenkt – vielleicht sogar schenken sollte.
"Alle Jahre wieder" und "nicht nur zur Weihnachtszeit" schenken wir mehr oder weniger gerne, freuen uns selbst über erhaltene Geschenke oder sind über die Gaben und die Geber enttäuscht. Für Kinder jedenfalls sind Weihnachten, Geburtstag und andere Geschenktermine wie Ostern oder Nikolaus Höhepunkte im Jahreslauf und in ihrem Leben. Ein ganz besonderer Zauber geht für Kinder vom Weihnachtsfest aus und auch in den Kindheitserinnerungen der Erwachsenen spielen die erhaltenen Geschenke, die wunderbaren Weihnachtsüberraschungen eine große Rolle, aber auch die erlebten Enttäuschungen.
Dagegen sind wir als Erwachsene gerade in der Weihnachtszeit heftig im Streß, weil schon lange vor dem größten Festtag, der bei uns gefeiert wird, die Vorbereitungen zu treffen sind, insbesondere das rechtzeitige Besorgen, Verpacken und z. T. das noch zeitigere Versenden von Geschenken an Verwandte, Freunde und Bekannte, die mit einem Präsent oder wenigstens mit einem Weihnachtsgruß bedacht werden sollen oder gar bedacht werden müssen. Obwohl uns allen Schenken eine vertraute Praxis ist, ist es, wie schon SENECA feststellte, "keine leichte Sache und bereitet viel Schwierigkeiten." Der heute mit dem Schenken oft empfundene Streß oder gar Überdruß hat m E. mehrere Ursachen:
So spürt man z. B. im November / Dezember den Widerspruch zwischen der angeblich so besinnlichen Advents- und Weihnachtszeit und dem Termindruck, unter dem ja alle stehen, die Weihnachten mit Gabentausch feiern – und nicht rechtzeitig mit den Einkäufen begonnen haben.
Außerdem ödet uns die Kommerzialisierung des Festes an. Das "Weihnachtsgeschäft", Alt-68er sprachen vom "Konsumterror", soll nach den Wünschen der Händler früher beginnen, in der Hoffnung, daß die Kunden noch mehr Geld ausgeben. Unbehagen am Geschenkerummel zu Weihnachten gibt es nicht nur bei uns. Nach einer Umfrage von 1991 üben auch die Briten daran Kritik: 59% kritisieren die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes, 32% die hohen Geldausgaben, und 58% haben das Gefühl, zuviel Geld für Weihnachtsgeschenke auszugeben. In der Bundesrepublik Deutschland betrug der Weihnachtsumsatz 27,3 Mrd. DM.[1]
Immer häufiger höre ich Klagen darüber, daß der Kreis der zu Beschenkenden ausufere. Es müßten "Leute" bedacht werden, die man eigentlich gar nicht beschenken möchte. Andere jammern, daß das Schenken an sich überhand nehme, nicht nur zu Weihnachten, und die Erwartungen hinsichtlich des Geschenks immer größer würden. Kurz: Der Aufwand an Geld und Zeit für den Geschenkverkehr nehme zu. Zudem gebietet die Sitte, daß heutzutage jeder zu Bedenkende ein individuell gewähltes Geschenk erhalten soll, und das macht die Sache besonders anstrengend: Was soll ich Onkel Emil schenken, der doch eh alles hat und sich sowieso nicht freut? Und was denn all den anderen?
In etlichen Beziehungen wird darüber verhandelt oder ist es bereits beschlossen, gegenseitig auf Geschenke zu verzichten. Solche Abmachungen halten nicht alle durch, was wiederum Schwierigkeiten bei den dann doch Beschenkten hervorruft, die auf die getroffene Vereinbarung vertrauten und kein Geschenk besorgt haben. – Wiederum andere wollen verstaubte Festsitten bewußt ignorieren und lieber "zwischendurch" liebe Menschen mit einem Geschenk "überraschen", also Fest und Geschenk entkoppeln.
Ich hoffe nicht, daß Sie sich von mir Geschenktips für Tante Frieda erwarten. Mein Vortrag will Ihnen in der Kürze der Zeit Ergebnisse der Schenkforschung darlegen, die Ihnen als Kenntnisse höchstens indirekt nützlich sein können bei Ihrer Schenkpraxis.
Schenken schien lange Zeit kein Thema für die Wissenschaft zu sein: Nach dem berühmten Essay "Die Gabe" des Soziologen Marcel MAUSS [2] von 1922/1923, das sich mit der Gabe in "archaischen" Gesellschaften beschäftigte, und einem 1960 erschienenen Buch über die "Schenkende Wirtschaft" des Ökonomen Bernhard LAUM [3] fristete das Thema überwiegend in volkskundlichen Studien über den Geburtstag bzw. Weihnachten eine Nebenrolle, bis einige kleinere empirische Studien über das tatsächliche Schenkverhalten in westlichen Industriegesellschaften vorlagen.[4] Angeregt durch diese Ergebnisse und eine Soziologie, die nach ihren großen Themen nunmehr die kleinen privaten Nischen ausleuchtet, gibt es seit 1990 fünf deutschsprachige wissenschaftliche Monographien zum Schenken.(s. OH-Folie Literaturangaben)
Geben und Schenken sind als Gegenstände der Wissenschaft wiederentdeckt.
Das Phänomen Schenken
Nähern wir uns dem Schenken mit verallgemeinernden Beschreibungen: Klassisches Modell der Theoriebildung zum Schenken ist die sogenannte Handschenkung. Ein Mensch überreicht einem anderen einen Gegenstand als Geschenk. Doch gibt es in der Praxis, wie die empirische Schenkforschung feststellte, auch in den westlichen Industriegesellschaften eine Vielzahl von kollektiven Gebern (45%) und gemeinsamen Empfängern (21%), und oft wird zu einem Anlaß mehr als nur eine Sache geschenkt oder gesandt (zu Weihnachten in mehr als 57% der Fälle).[5] Die Beispiele zu diesen statistischen Daten sind Ihnen geläufig: Eltern als Paar beschenken ihr Kind zum Geburtstag mit mehreren Geschenken, Ehepaare bringen einen Strauß und/oder ein anderes Geschenk mit als Dank für die Einladung bei einem befreundeten Pärchen, die Kolleginnen haben zusammengelegt und einen riesengroßen, lautstarken Wecker erstanden für den ewig zu spät kommenden Kollegen, das Brautpaar nimmt anläßlich seiner Hochzeit die fünfte Kaffeemaschine für seinen Hausstand entgegen.
Schenken ist demnach noch mehr soziales Handeln als es in dem Modell der individuellen Handschenkung modelliert wird. Darum ist es von besonderem soziologischem Interesse. Geber wie Empfänger können Individuen, Paare oder Gruppen sein. Insofern unterscheidet sich unser Schenken empirisch nicht sonderlich von den Prozessen, die in "archaischen" Gesellschaften ablaufen.
Schenken erfolgt in den seltensten Fällen völlig spontan durch den Geber. Wohl kann es eine Überraschung für den Empfänger sein. Aus Sicht des Gebers müssen jedoch meistens Vorbereitungen getroffen werden, damit ein oder mehrere Geschenke überreicht werden können.
s. OH-Folie "Die Vorbereitungen des Schenkens"
In den allermeisten Fällen naht ein Anlaß, zu dem für jemanden Bestimmtes nach Sitte und Brauch ein Geschenk fällig ist. Man schenkt i. d. R. nicht alltäglich, sondern zu bestimmten Anlässen, und auch nicht jedem, sondern ganz bestimmten Menschen. Das müssen nicht unbedingt diejenigen sein, die einem wirklich nahestehen. Nach Anstand und Sitte gibt es bestimmte Personen, die man zu bestimmten Gelegenheiten bedenken muß, und dann gibt es weniger starke Zwänge und Verpflichtungen bis hin zur völligen Freiwilligkeit.
Die spätere Geberin, denn meist sind es die Frauen, denen diese Arbeit in den Familien obliegt, überlegt und sammelt verschiedene Geschenkideen, von denen dann eine oder mehrere umgesetzt werden, indem entsprechende Gegenstände für den Zweck der Schenkung angefertigt oder erworben werden.
Selbstgefertigtes macht in den USA lediglich 2 % aller Geschenke aus. Bei uns gibt es reichlich Anregungen für Selbstangefertigtes in Zeitschriften und Büchern und eine kleinere Sample-Umfrage vom Allensbacher demoskopischen Institut aus dem Jahr 1992 berichtet, daß in 15% der Haushalte auch Selbstverfertigtes verschenkt wird. [6] Doch die allermeisten Geschenke sind gekaufte Waren, die durch Entfernen des Preisschildes und Einwickeln in sogenanntes Geschenkpapier zu Geschenken transformiert werden. Also muß das Geschenk entweder im Laden oder zuhause möglichst attraktiv drapiert werden. Und wenn es wegen größerer Entfernungen nicht persönlich überreicht werden kann, muß es auch noch bruchfest verpackt werden, damit es wohlbehalten und vor allem rechtzeitig den Empfänger erreicht.
Sie sehen, welcher Aufwand an Gedanken, Fahrereien, Laufereien und Geld, letztlich also insgesamt Lebenszeit erforderlich ist, bevor geschenkt werden kann.
Betrachten wir nun einmal den Vorgang der Übergabe aus der Perspektive des ins Auge gefaßten Empfängers: Aus der Situation heraus, aus der meist ritualisierten Form der Darbietung und den begleitenden freundlichen Worten entnimmt der mögliche Empfänger, daß ein anderer ihm etwas überreichen möchte und daß es sich dabei um ein Geschenk handeln soll.
Hat der Empfänger an dem Tag Geburtstag, so wird er nicht überrascht sein, wenn ein ihm nahestehender Mensch ihm etwas schenken will. Nach Ergebnissen der empirischen Schenkforschung werden 96 % aller Geschenke zu einem institutionalisierten Anlaß wie Geburtstag oder Weihnachten gegeben.
Anders sieht die Sache aus, wenn – vielleicht trotz Geburtstag – der prospektive Empfänger als Beamter über öffentliche Bauaufträge mitzuentscheiden hat, der Geber Bauunternehmer und die Gabe ein mit Geldscheinen gefüllter Briefumschlag ist.
Ich will jetzt nicht noch das Thema Bestechung behandeln, sondern damit nur deutlich machen: Je nachdem, um welchen Anlaß, um welche Situation und welchen Geber es sich handelt, hat der Adressat blitzschnell zu entscheiden, ob er annehmen darf. Beziehungsweise ob und wie er das Angebot zurückweist. In vielen Fällen des zu Festtagen institutionalisierten Schenkens besteht eine ungeschriebene, jedoch starke Verpflichtung zur Annahme, zumindest von nahestehenden Gebern. Es sei denn, man ist öffentlicher Amtsträger.
Betrachten wir nun die Aktion der Übergabe genauer:
s. Abbildung 1 "Die Aktion des Schenkens"
Der äußere Rahmen, festliche Kleidung, eventuelle Anwesenheit von anderen, Einsatz von Symbolen wie der Geburtstagskerze, dem sog. Lebenslicht, oder des Weihnachtsbaumes, dieser äußere Rahmen gilt nur beim institutionalisierten Schenken.
Das für den Empfänger überraschende Schenken sowie das spontane Schenken, das selbst für den Geber aus einem plötzlichen Impuls erfolgt, sind zwar häufig in der Übergabe selbst auch ritualisiert. Doch beide, wesentlich selteneren Fälle, sind variantenreicher als das institutionalisierte Schenken, das – wie gesagt – 96 % aller Fälle ausmacht.
Zur Kunst des Gebens gehört bei uns, das Geschenk mit einigen liebenswürdigen Worten und mit freundlicher Miene zu übergeben, wobei man das zu überreichende Geschenk nicht etwa hervorhebt, sondern vielleicht der Hoffnung Ausdruck verleiht, daß es gefallen möge. Daraufhin nimmt es der Beschenkte entgegen und dankt für das Geschenk.
Auf die Häufigkeit der kollektiven Handschenkung ist schon hingewiesen worden. Ein Sonderfall, der in der Abbildung 1 nicht aufgeführt ist und besonders für Weihnachten Bedeutung hat, ist der Weihnachtsmann oder das Christkind als Gabenbringer für die Kleinen. Sie stehen für den inszenierten Geschenkvorgang, der auf das religiöse Schenken verweist. Obwohl andere die wahren Geber sind, wird so getan, als ob eine Himmelsmacht uns über Christkind oder Weihnachtsmann beschert, damit wir die Güte des Herrn erkennen, der uns seinen Sohn geschickt hat.
Oder die Erwachsenen erzählen die Geschichte, daß er oder es die Gaben heimlich gebracht und in einem Sack abgestellt oder unter dem Weihnachtsbaum abgelegt hat. Letzteres ist sicherlich eine Sonderform des sog. "Gabentisches", der auch zum Geburtstag eine Rolle spielt: Die Geschenke liegen meist eingewickelt und hübsch arrangiert an einem dafür geeigneten Ort. Die tatsächlichen Geber bleiben anonym oder werden schriftlich oder mündlich angegeben.
Bei großen Festen wie Hochzeiten müssen die Geschenke nicht sofort ausgewickelt werden, um so wichtiger ist ein am Geschenk befestigter Geschenkanhänger, auf dem der Name des oder der Geber steht. Diese Sitte ist auch ein Zeichen dafür, wie eng das Geschenk und die Person des Gebers miteinander verknüpft sind. Wird beispielsweise anläßlich einer Hochzeit für ein großes Geschenk wie eine Waschmaschine zusammengelegt, so geben etliche Geber noch ein kleines anderes Geschenk, um persönlich etwas überreicht zu haben.
Wird ausgewickelt, kommt der Moment der Spannung, falls das Geschenk nicht schon bekannt ist. Geschenke sollen im Beisein des Schenkers ausgewickelt und betrachtet werden.
Und nun kommt ein heikler Punkt: Das Problem des Sich-Freuens und des Annehmens von Geschenken, die nicht dem eigenen Geschmack entsprechen. Inwieweit darf man ehrlich sein oder muß sich verstellen? Klare Antwort der Ratgeberliteratur: "Das Empfangen von Geschenken erfordert ebensolches Feingefühl wie das Geben. Manche Menschen können sich über jede kleine Aufmerksamkeit, die ihnen beschert wird, freuen. Ihnen fällt es nicht schwer, diese Freude auch zu bekunden. ... Selbst wenn man ein unerwünschtes oder geschmackloses Geschenk bekommen hat, muß man gute Miene zum Spiel machen und sich so freundlich als möglich bedanken. Es gibt Menschen, die mit keinem Geschenk zufrieden sind. ... Sie verhehlen es gar nicht und verstimmen damit natürlich den Geber." [7]
Ebensowenig wie man die Enttäuschung zeigen oder gar entsetzt reagieren sollte, darf man als Beschenkter, sofern andere Geber anwesend sind, einzelne Geschenke hervorheben. Jede Gabe will gewürdigt sein und ist sie noch so klein oder unpassend. Die Gaben werden nach ihrer Würdigung durch den Beschenkten und einem 2. Dank an den jeweiligen Geber auf dem Gabentisch präsentiert und nicht etwa achtlos beiseite gelegt.
Es gehört demnach einiger Takt dazu, solche Situationen sowohl als Geber wie als Empfänger zu meistern, zumal es einige Sonderfälle gibt.
Sonderfälle des Schenkens s. OH-Folie "Sonderfälle"
Gefällt das Geschenk überhaupt nicht oder ist es schon vorhanden, sollte der Geber anbieten, daß er es umtauscht. Der Umtausch ist zwar eine weitere Erschwernis, dennoch sollte er möglichst bald erfolgen, um das Geschenk nachzureichen.
Letzteres gilt ebenso für die Einlösung des Geschenkgutscheins, der aus vielerlei Gründen ausgestellt werden kann. Man kann ihn selbst herstellen oder mittlerweile auch kaufen.
Geld selbst zu schenken, obwohl es die größtmögliche Wahlfreiheit des Beschenkten bedeutet, ist nach der Ratgeberliteratur immer noch mit erheblichen Vorurteilen belastet. Den Gebern Lieb- und Phantasielosigkeit unterstellend, sind Geldgeschenke nur in besonderen Ausnahmefällen erlaubt, und zwar intergenerationell bzw. hierarchisch abwärts. Das heißt, die nicht mehr ganz rüstige Oma darf ihrem Enkelkind durchaus Geld schenken, u. U. auch Eltern ihren erwachsenen Kindern. Eine Umkehrung des Geldschenkens könnte die Eltern bzw. Großeltern u. U. beschämen, so z. B. wenn diese wirklich auf materielle Unterstützung angewiesen sind. Postboten, Hausmeister, Hausangestellte wurden und werden zu Weihnachten / Neujahr auch eher mit Geld beschenkt zum Dank für die geleisteten Dienste. Mit der Geldgabe will man möglicherweise auch bewußt Distanz wahren, denn ein persönlicheres Geschenk würde vielleicht eine engere Bindung schaffen, die wahrscheinlich gar nicht erwünscht ist. – Mittlerweile gibt es nicht nur Bücher, wie man Geschenke beeindruckend verpackt, sondern auch Bastelbücher speziell für die originelle Verpackung von Geldgeschenken.
Ein weiterer Sonderfall ist der altbekannte Wunschzettel, den Kinder zu Weihnachten schreiben und dessen moderne Variante der Geschenkeliste, die vorwiegend für Hochzeiten angefertigt werden. Damit das Brautpaar auch das erhält, was es gebrauchen kann und ihm gefällt, stellt es oder nahestehende Personen ein Album zusammen mit Abbildungen der Gegenstände, die dem Brautpaar zusagen würden. Eingeladene entnehmen den Geschenktip, den sie realisieren wollen.
Kommen wir nun zu dem größten anzunehmenden Geschenkunfall: Der prospektive Empfänger nimmt die Gabe von A* nicht an. "Die Ablehnung eines Geschenkes erfordert sehr feines Taktgefühl. Alles im Leben, und nicht zuletzt Freigebigkeit, beruht im gewissen Maße auf Gegenseitigkeit. Daher muß man sich nach Annahme eines oder mehrerer Geschenke bei Gelegenheit erkenntlich zeigen. Wenn man nun nicht in die Schuld des andern geraten möchte und ... nicht durch eine unverhüllte Ablehnung kränken will, heißt es, einen guten Grund [für die] höfliche Zurückweisung des Geschenkes zu finden." [8]
Man sollte einerseits die Absicht anerkennen, auf der anderen Seite aber einen triftigen Grund nennen, warum man bedauerlicherweise das Geschenk nicht annehmen könne. Doch definitiv abzulehnen wird vom Geber als Zurückweisung seiner Person interpretiert. So gibt es der Ratgeberliteratur zufolge nur für Damen statthafte Gründe, Geschenke abzulehnen, insbesondere ganz bestimmte Geschenke: Damen und solche, die es werden wollen, sollten nur Blumen, Süßigkeiten oder ein Buch von Herren annehmen, auf keinen Fall Dessous, echten Schmuck oder pfui! – Geld: – Es sei denn, man wäre mit dem Herrn schon verheiratet.
Geschenke können also in Schwierigkeiten bringen, weil der Herr Gegenleistungen erwarten könnte und sei es ein Kuß oder mehr. Die Art des Geschenks ist – wie aus dem Beispiel deutlich wird – in hohem Maße kulturell mitbestimmt, insbesondere für die Phase der Annäherung eines Mannes an eine Frau: Dessous sind zu intim, Schmuck zu wertvoll und Geld nehmen bestimmte Frauen, die keine Damen sind.
Macht sich der Herr vergebens Hoffnungen, so soll ihm dies schonend und indirekt, eben "durch die Blume" mitgeteilt werden. Antipathie gegen den Geber, es sei denn, er will eine nichtwillkommene Liebeserklärung abgeben oder gar einen Antrag machen, reicht im übrigen nach der Vorstellung der Anstandsautorinnen für die Ablehnung von Geschenken nicht aus. Man müsse schon triftigere Gründe haben. Welche das sein könnten, wird nicht ausgeführt. Insofern sollten Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes für die sie betreffenden dienstlichen Vorschriften zur Geschenkannahme ausgesprochen dankbar sein. Denn die Annahme von Geschenken ist nicht nur im öffentlichen Dienst gefährlich, denken Sie an die Vorwürfe gegen Manager der Industrie, die sich in den Augen der Öffentlichkeit damit angreifbar machten.
Schauen wir uns nun doch einmal an, wie das Schenken in den Gesetzbüchern normiert ist.
s. OH-Folie "Schenkung nach BGB"
Wenngleich nach den Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches für den Akt der Schenkung nicht einmal Dank erforderlich ist, sondern nur die Annahme des Geschenks, so fordert die Etikette doch zumindest Dank an den Geber für seine Tat und Gabe. Auf der anderen Seite unterscheidet das BGB zwischen Schenkung (§ 516 BGB) und den sogenannten Pflicht- und Anstandsschenkungen (§ 534 BGB), für die unterschiedliche Normen gelten. So kann – entgegen der Auffassung des Sprichwortes "Geschenkt ist geschenkt" – das verschenkte Haus bei gröblichem Undank des Beschenkten gegen seinen Wohltäter ebenso zurückgewonnen werden. Ebenso wie in dem Fall, daß der Schenker unverschuldet in Not geraten ist. Obwohl bei solch einer Schenkung sofort ein Besitzwechsel erfolgt, ist der Eigentumswechsel erst nach 10 Jahren wirklich vollzogen. Wegen Pietätlosigkeit kann eine Schenkung lebenslang angefochten werden. Das ist anders bei den Pflicht- und Anstandsschenkungen nach § 534:
Die sittliche Pflicht zu einem Geschenk – so die gleichlautenden Kommentare zum BGB – erwächst aus den Umständen des Einzelfalls, wobei die persönlichen Beziehungen zwischen Schenker und Beschenktem sowie ihre Vermögen und ihre Lebensstellung einzubeziehen sind. Die Anstandspflicht gebietet es, zu den gebräuchlichen Anlässen ein Geschenk zu geben, wobei überraschenderweise nicht die Ansichten und Gepflogenheiten des Verwandten- und Bekanntenkreises des Schenkers maßgeblich sind, sondern die der beruflich Gleichgestellten. Diese Kommentierungen des BGBs zeigen zum einen, daß Schenken keine rein private Anlegenheit ist, sondern auch eine öffentliche, zum zweiten, daß Rang, Status und Vermögen eine Rolle beim Schenken spielen und zum dritten, daß Nichtschenken Achtungsverlust nicht nur des Nichtgebers zur Folge hat, sondern auf den gesamten Stand zurückfällt. Das BGB ist über 100 Jahre alt und scheint hier reichlich antiquiert. Gesellschaftlich scheint Schenken jedoch wichtig zu sein, denn Sozialhilfeempfänger können auf Antrag Geschenkzulage erhalten, damit sie keinen Achtungsverlust erleiden, z. B. bei ihren Kindern. Ein Gesetz aus den 70er Jahren dieses Jahrhunderts orientiert sich demnach an den Auffassungen des BGBs.
Ein Geschenk nach § 534 geht durch den Akt der Schenkung übrigens sofort und vollständig in das Eigentum des anderen über und ist auch nicht zurückzugewinnen. Hier gilt tatsächlich das Kindersprichwort: "Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen." – Bis auf einen weiteren Sonderfall: die Auflösung einer Verlobung, nicht etwa die Ehescheidung. Da spielen sicher noch magische Elemente eine Rolle und die Bedeutung der Liebesgabe als Unterpfand für die versprochene Ehe: Sämtliche Geschenke innerhalb der Verlobungszeit können zurückgefordert werden. Nicht jedoch solche der Ehe, das umfasst auch die während der möglichen Verlobungszeit, denn die Ehe wurde ja geschlossen. Doch damit können sich einige nicht abfinden. Bei Prozessen zur Ehescheidung entbrennt manchmal Streit um wertvolle Geschenke, um einen Pelzmantel oder einen Porsche, wenn die Klägerseite der Auffassung ist, daß diese Geschenke den Rahmen normaler Geschenke nach § 534 überstiegen haben, was vom Vermögen und sonstigen Lebensstil des Paares abhängig gemacht wird. Dann haben die Gerichte zu klären, ob Schenkung nach § 516 in Betracht kommt und wenn ja, ob sich der Beschenkte gröblich undankbar gegen den Schenker erwiesen hat. Nur dann ist der Porsche zurückzugewinnen.
Ich fasse diesen Teil kurz zusammen:
Beim Schenken handelt es sich juristisch um eine Sonderform des Transfers materieller Güter zwischen Individuen und / oder Gruppen. Eine Schenkung ist eine freiwillige Leistung, die unentgeltlich erfolgt, für die also rein rechtlich keine Gegenleistung erbracht werden muß. Doch das Bürgerliche Gesetzbuch kennt auch die Pflicht- und Anstandsschenkung nach § 534, die keine völlige Freiwilligkeit beinhaltet. Diese Sonderheit hat historische Gründe, die ich in meiner Dissertation [9] näher ausgeführt habe in einer Unterscheidung des religiösen Schenkens, dessen Ursprung in den großen Schenkungen an die Kirche und damit im Opfer zu suchen ist, und des weltlichen Gabentauschs, den auch die Heiden kannten. Insofern praktizieren wir meist heidnischen Gabentausch.
Wenngleich die Schenkung nach § 516 in den meisten Fällen nicht mit einer Gegenschenkung beantwortet werden kann – derjenige, der ein Haus geschenkt bekommt, hat meist nicht die Mittel, die Schenkung adäquat zu erwidern – und auch kein Dank erforderlich ist, darf sich der Beschenkte seinem Wohltäter gegenüber doch nicht gröblich undankbar erweisen. Dagegen fordert die Gabe der Pflicht- und Anstandsschenkung insgeheim nach den Sitten und Gebräuchen bis heute zu einer Gegengabe auf, was ja mit den Wortteilen "Pflicht- und Anstand" deutlich signalisiert wird.
So gelten in gewisser Weise für beide Schenkungsarten die Sprichwörter: "Geschenke binden die Gelenke" oder: "Wer gaben nimpt, der ist nicht frey." Und so entstehen mit dem ersten Geschenk oft lästige Bindungen und Verpflichtungen, denen man dann, selbst nach einem Gegengeschenk, nicht so leicht wieder entgehen kann.
Wir haben es mit einer paradoxen Situation zu tun. Von der Definition her ist ein Geschenk eine Leistung, die freiwillig und unentgeltlich gegeben wird, also nicht mit einer Gegenleistung vergolten werden muß. Aber das scheint nicht zu stimmen, da die Gegenleistung für die meisten Anlässe nahezu obligatorisch zu sein scheint. – Um dies genauer zu untersuchen, bedürfte es einer Betrachtung der kulturgeschichtlichen Ursprünge des Schenkens im Nahrungs- und Liebesgeschenk, im Opfer und im Gabentausch des Festes sowie seines Ursprungs in der Gastfreundschaft. Dabei kann man zwei Klassen von Gaben unterscheiden:
eine Klasse von Gaben, die zur Erwiderung verpflichteten, also auf Gegenseitigkeit angelegt sind,
und eine solche, die nicht verpflichtete.
Die Annahme von Geschenken verpflichtet in vielen Kulturen zur Gegenleistung. Trink- und Nahrungsgeschenke der Gastfreundschaft verpflichteten zu nichts, auch nicht zu einer Gegeneinladung. Eine genauere Darstellung würde einen eigenen Vortrag brauchen. Deshalb wende ich mich nun der Frage zu:
Worin unterscheidet sich denn nun das Schenken als Transfersonderform von anderen Formen der Gütertransaktionen wie dem Kaufen?
Die Antwort auf diese Frage findet sich bei Bernhard LAUM: Dem Geben beim Schenken wohnt eine Tendenz inne zur Großzügigkeit, zur Nichtaufrechnung von Leistung und durchaus möglicher Gegenleistung. Anders als auf dem Markt, wo Käufer und Verkäufer den eigenen Vorteil suchen, ist Rechenhaftigkeit beim Schenken verpönt. Doch wie soll man "nichtaufrechnende Großzügigkeit" und "besonderes Wohlwollen" dem Empfänger gegenüber signalisieren? Am einfachsten ist dies, indem man bei der Größe oder dem Wert der Gegengabe ein klein wenig, aber merklich zulegt, – also doch die Beziehung und ein mögliches Vorgeschenk taxiert. [10] Denn unser Aufwand bei den Überlegungen und dem Einkauf des Geschenks sind der Gabe nicht immer anzusehen und die besonderen Anstrengungen bei der Realisierung der Geschenkidee später dem Beschenkten zu schildern, gilt bei uns als unschicklich. Zugleich hält diese Tendenz zur Großzügigkeit das Spiel für einen weiteren Zyklus aufrecht, wenn man davon ausgeht, daß Geschenke u. U. in angemessenem zeitlichen Abstand durchaus mit Gegengeschenken beantwortet werden.
Würde dagegen jemand die Vase, die er selbst geschenkt erhielt, dem ehemaligen Geber zurückschenken, also das genaue Äquivalent dessen, was der andere gab, käme es in unserem Kulturkreis mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu einer Verstimmung zwischen den Parteien, obwohl dies in anderen Kulturen durchaus zu bestimmten Anlässen Praxis ist. Bei uns ist dies ein Regelverstoß in zweierlei Hinsicht: Zum ersten, weil die Bedeutung der Beziehung über Großzügigkeit symbolisch ausgedrückt werden sollte, was in diesem Fall nicht berücksichtigt wird; vor allem und damit zum zweiten, weil die Etikette heutzutage vorschreibt, keine Sachen weiterzuschenken, die man selbst als Geschenk erhielt – und vielleicht nicht leiden kann. "Man kennt sie, diese Bumerangs unter den Geschenken, die wie der Fliegende Holländer durch die Meere der Verwandtschaft und Bekanntschaft irren ... bis sie irgendwie ‘kaputtgehen’"[11], so beginnt der entsprechende Absatz im "1 x 1 des guten Tons" von Gertrud OHEIM zum Thema Weiterschenken, das sie kategorisch ablehnt. Doch das Weiterverschenken war nicht immer verpönt: Nicht nur in der Ilias, sondern auch in schriftlichen Quellen des Mittelalters wird berichtet vom Verschenken von Schwertern, goldenen Bechern und gebrauchter Kleidung mit ausdrücklicher Nennung der ehemaligen Besitzer. Ihr magischer und damit besonderer Wert hängt geradezu von den Vorbesitzern ab. Und wenn es sich um eine wertvolle oder originelle Antiquität handelt oder ein "Erbstück", das gefällt, relativieren sich für meinen Geschmack auch die Ausführungen der Ratgeberliteratur zum Thema gebrauchte Gegenstände und Weiterschenken.
Die Enttäuschung des Gebers, wenn er davon erfährt, daß seine Gabe weiterverschenkt oder gar auf dem Trödelmarkt für einen Bruchteil des Preises weiterverkauft wird, ist vielleicht angesichts des eingangs geschilderten Aufwandes an Vorbereitungen verständlich. Es ist vielleicht auch das Gefühl, daß das Geschenk keinen Platz im Herzen des Beschenkten gefunden hat. Und möglicherweise auch noch ein Rest aus den Zeiten, in denen das Geschenk ein Teil von einem selbst war, das einen verband mit einem anderen Menschen, der das Geschenk erhielt. Gegenstand und Wissen um dieses Geschenk verbanden zwei Menschen, Paare oder Gruppen. – Sind wir manchmal so gegen das Schenken eingestellt, weil wir uns nicht binden oder keine Gegenleistungen erbringen wollen?
Eine Funktion ist eben deutlich geworden: Wer schenkt, will binden. Darüber hinaus gibt es einige Erklärungsansätze und Theoriestücke, von denen ich Ihnen die wichtigsten thesenartig vorstellen möchte:
Thesen s. OH-Folie
1. Schenken ist eine stammesgeschichtlich sehr alte, elementare Verhaltensform, die sich nach Meinung der Soziobiologen aus dem Partnerwerbeverhalten und dem Brutpflegeverhalten entwickelt hat.
EIBL-EIBESFELDT hat in verschiedenen Kulturen elementare Verhaltensweisen studiert und in zahlreichen Veröffentlichungen darüber berichtet, z. B. in seinem Buch "Liebe und Haß". Nach seiner Auffassung verfügt jeder Mensch über aggressive Tendenzen, während sich die Fähigkeit, ein soziales Band zu stiften über die Brutpflege der Bezugspersonen und die Liebe des Kindes zu seiner Mutter entwickelt. "Der Mensch ist ursprünglich für ein Leben in individualisierten Verbänden geschaffen. Beim Übergang zum Leben in der anonymen Gemeinschaft ergeben sich Identifikationsschwierigkeiten. Einerseits besteht offensichtlich der Drang, auch zu Fremden ein Band zu stiften. Andererseits beobachten wir die Neigung, sich in Gruppen von anderen abzuschließen. ... Fremden gegenüber fühlt sich der Mensch stets weniger verbunden und damit auch weniger aggressionsgehemmt." Bindung an Menschen, aber auch an Bindungen an Objekte seien fundamentale Voraussetzungen für "jene Liebe und Sicherheit, in der das Urvertrauen zu Mitmenschen wächst." – so EIBL-EIBESFELDT [12] .
Freiwilliges Geben, Teilen, Schenken wirken demnach aggressionshemmend und stabilisieren Beziehungen. Diese kulturell gewonnene Erfahrung vieler Gesellschaften wird an die jüngere Generation weitergegeben, ist also Teil von Erziehung und Sozialisation. Nicht von ungefähr singen die Mütter der Yualayi den Kleinkindern ein Schlummerlied, das ihnen Gebefreudigkeit und Herzengüte einprägen soll, warnt der sterbende Massai seine Kinder vor Geiz, mahnt der Papua seine Söhne während der Beschneidung, sie sollten freigebig und gastfreundlich sein. Die Vielzahl der Vorschriften, von denen ich nur drei dem Buch von LAUM [13] entnommen habe, läßt einerseits erahnen, wie wichtig es den Älteren ist, diese kulturell positiv bewerteten Erfahrungen weiterzugeben, doch andererseits vielleicht auch, daß es uns doch nicht so leicht fällt, zu geben, zu teilen, zu schenken.
Der Anthropologe und Soziologe LÉVI-STRAUSS [14] vertrat überzeugend die These, daß Verwandtschaft, d. h. größere gesellschaftliche Einheiten erst durch das kulturelle Gebot entstanden ist, Frauen nicht für die eigene Gruppe zu behalten, sondern Männern einer anderen Gruppe zu geben. Frauen waren die kostbaren Geschenke, die Männer sich untereinander machten, bevor Frauen selbst mit Geschenken umworben wurden.
2. Nach Auffassung der Kinderpsychologie ist es ein bedeutender Entwicklungsschritt des etwa fünfjährigen Kindes, Dinge, die es eigentlich ganz allein besitzen will, mit anderen zu teilen oder gar zu verschenken.
Nach Susan ISAAC ist die Fähigkeit, sich zu gedulden und eigenen Besitz anderen zeitweise oder für immer zu überlassen, ein Entwicklungsschritt, der aus dem Erlebnis von Gegenseitigkeit entsteht und durch den Identifizierungsprozeß. Zu den schönsten Erfahrungen von Kindern gehöre es, ein Geschenk zu erhalten. Die dadurch ausgelöste Dankbarkeit empfindet das Kind sowohl aufgrund der Handlung als auch aufgrund des Geschenks. Vom Wert der Gabe völlig abgelöst, ist das Geschenk ein Anzeichen dafür, daß der Geber einen liebt und dementsprechend nicht haßt; zugleich aber auch dafür, daß man selbst ohne Feindschaft und Haß, sondern voller Liebe ist.
Aufgrund der kindlichen Abhängigkeit von den Erwachsenen wird beispielsweise das Übergangenwerden beim Austeilen von Gaben oder das Etwas-später-an-der-Reihe-Sein mit den Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht erlebt sowie der Befürchtung, möglicherweise zu kurz zu kommen oder vergessen zu werden. Wenn man dagegen – Zitat ISAAC [15] – selbst etwas "zu verschenken hat, ist man ... nicht mehr das hilflose greinende Kind, ausschließlich von den Geschenken der anderen abhängig und durch ... Ängste zu Wutanfällen und Eifersüchteleien getrieben ... Geben ist ein viel größerer Segen als nehmen, denn in der Lage zu sein zu geben, heißt, nicht selbst Not zu leiden’."
3. Knappheit als anthropologische Grundtatsache und menschliches Unzulänglichkeitsgefühl führen zu einem Bedürfnis nach Anerkennung.
Schon frühzeitig erleben Kinder und Jugendliche, daß andere mehr haben und daß man nicht alles haben kann. Dabei fallen Knappheiten individuell verschieden aus und werden unterschiedlich erlebt und verarbeitet. Ein Kind ist ja eine lange Zeit auf Unterstützung und Schutz angewiesen und erfährt nach Ansicht Alfred ADLERs – im Vergleich mit den Erwachsenen – seine Hilflosigkeit und Unzulänglichheit. ADLER entdeckte jedoch, daß dieses Problem tendenziell bei jedem Erwachsenen weiterbesteht.
Balint BALLA, ein Soziologe, hat ADLERs Konzept des Minderwertigkeitsgefühls erweitert: Es lasse sich ganz generell feststellen, Zitat BALLA [16] "daß anthropologische Unzulänglichkeit so gut wie alle Menschen betrifft. […] Minderwertigkeiten sind nicht nur ein allgemeiner Ausgangspunkt für spezifische Ausprägungen von Knappheit, sondern beeinträchtigen in der Regel das menschliche Handeln ganz konkret auch bei der Beschaffung von knappen ... Gütern«.
Mit Minderwertigkeiten ist hier nichts anderes behauptet, als daß wir alle bestimmte Ideale und einen Perfektheitsanspruch haben, denen wir in manchen Bereichen nicht entsprechen. Aus diesem Unzulänglichkeitsgefühl heraus speisen sich auch individuelle Probleme wie Neid, Eifersucht, Rivalität, und solche, die mit dem Schenken verbunden sein können, wie z. B. Probleme beim Geben oder Annehmen; das Gefühl, immer zu kurz zu kommen oder ein besonderes Geltungsstreben beim Schenken, das sich in besonders aufwendigen Geschenken ausdrücken kann.
Für den Streßforscher Hans SELYE sind soziale Handlungen vor allem auf Anerkennung durch andere ausgerichtet. Fokus menschlicher Lebensführung sei das Problem des Dürstens nach mitmenschlicher Anerkennung: "Sämtliche unserer Handlungen sind darauf angelegt – und sollten es auch sein –, bei unseren Mitmenschen ›Guthaben der Dankbarkeit‹ zu kumulieren, damit dieser ständige Mangel an Anerkennung befriedigt, unsere Existenz lebbar gestaltet werden kann." [17]
Dies hat Auswirkungen im Zusammenhang mit der 4. und letzten These:
4. Da die meisten Geschenke nicht alltäglich, sondern festtäglich rituell übergeben werden, muß die Bedeutung von Ritualen und Festen genauer betrachtet werden.
Beiträge aus der Anthropologie zum Ritual gehen davon aus, daß sich das Leben des einzelnen in allen Gesellschaften in Veränderungen vollzieht, die sich als Etappen betrachten lassen. Deren Bewältigung begleiten weltliche und religiöse Akte. Menschen wechseln beispielsweise ihren Aufenthaltsort, ihre Alters- oder Berufsgruppenzugehörigkeit. Solche Raum-, Zustands- und Zeitwechsel gefährdeten die soziale Ordnung der Gemeinschaft, die zum Statischen tendiere – so Arnold van GENNEP. Die Dynamik des Lebens erfordere aber ständige Grenzüberschreitungen, und mögliche Störungen würden durch gesteuerte Veränderungsprozesse abgeschwächt. Die hierzu verwendeten Riten, die solche Übergänge begleiten, gewährleisten und kontrollieren, bezeichnet van GENNEP als "rites de passage", als Übergangsriten.
s. OH-Folie "Übergangsriten nach van GENNEP"
Er unterscheidet die Riten des Lebenszyklus, kalendarische Riten, biologische Riten und solche für besondere Situationen.
Hinsichtlich des Schenkens ist auffällig, daß dieses sehr häufig stattfindet in Verbindung mit solchen Übergangsriten. Schon die Annäherung an Fremde erfolgt mit einer Gabe; Erklärung: um deren mögliche Aggressivität zu hemmen.
Abschiedsriten beschreibt van GENNEP [18] folgendermaßen »Besuche, ein letzter Gabentausch, ein gemeinsames Mahl, ein letztes Getränk, Wünsche, Weggeleit, manchmal auch Opferhandlungen«
Wenn wir nun den Zusammenhang von Riten und Festen näher betrachten, so betont der Soziologe Victor TURNER [19] den menschlichen Wunsch, Grenzen zu überschreiten und einem zu eintönigen Leben durch Abwechslung zu entfliehen. Dazu gestalten sich Menschen "soziale Dramen" mit besonderen Höhepunkten.
Eines davon ist sicherlich das Fest als Negation des Alltags und der Knappheit. Anthropologen wie Georges BATAILLE [20] behaupten, daß das Feste feiern, der Müßiggang, das Spiel, doch auch Gewalt und Krieg den Menschen einfach besser gefalle als die Arbeit. BATAILLE geht davon aus, daß es einen kollektiven Energieüberschuß der Natur gebe, dessen angeeignete Anteile der Mensch in destruktiver oder glorioser Form verausgaben müsse. Andererseits erscheint das kollektive Verschwenden von Ressourcen paradox angesichts der alltäglichen Not vieler, die um ihr Dasein zu kämpfen haben und angesichts des Wissens, daß man selbst in eine Notlage geraten kann.
Warum arbeitet der Mensch, um anderen schenken zu können, denen dann ein Geschenk ohne eigene Arbeit zufällt? Wo er doch Müßiggang und Spiel der Arbeit – so BATAILLE – vorzieht! Antwort TURNER: Das Gegenteil, die Ausnahme kann eine Regel als Regel noch mehr unterstreichen als die ständige Einhaltung der Regel.
Doch Knappheit, d. h. Mängel, Mißverhältnisse und Defizite sind ein vielschichtiger, ambivalenter [21] Grundtatbestand menschlicher Existenz, der sich nicht eliminieren läßt. Das Fest stellt – wie gesagt – eine Negation des Alltags dar. Ist der Alltag mit Arbeit, Mühsal und Knappheit assoziiert, möchte man – vielleicht nur einmal im Leben – viele einladen und ihnen ein großes Fest geben können, einmal im Mittelpunkt stehen, selbst wenn man sich dafür verschulden muß.
Dem zweckrationalen Handeln als wirtschaftswissenschaftlichem Idealtypus stehen individuelle wie kollektive Unzulänglichkeiten gegenüber, wie die Verdrängung von Realitäten, wie Geltungssucht und Besitzstreben. Kurz: Wir wollen einfach nicht immer vernünftig sein.
Neben der Knappheit materieller Art sowie der sozialer Beziehungen, die gepflegt werden wollen, gibt es insbesondere das Problem der Knappheit von Lebenszeit. Symbole wie das Lebenslicht auf dem Geburtstagstisch weisen sinnfällig darauf hin. Die Tatsache, daß wir alle eines Tages sterben müssen, diese zeitliche Begrenztheit individueller Existenz, wirkt wie ein unsichtbares Band zwischen den Menschen und Generationen. Die traditionelle Knappheitsbekämpfung der Menschheit führte zu gesellschaftlichen Institutionen wie gegenseitige Hilfeleistung in Not, Totenkult und Erbrecht. Zu diesem Bereich gehören sicher auch die Schenkungen von Eltern zu ihren Lebzeiten an ihre Kinder, die Weitergabe von »Erbstücken« der Älteren an Jüngere als »Andenken«, zumeist zu besonderen Anlässen wie einer Konfirmation, dem Erreichen der Volljährigkeit oder zur Hochzeit.
Ein Fest geben zu können, Geschenke verteilen zu können oder zu erhalten, ist Zeichen dafür, daß in der Gemeinschaft kein akuter Mangel herrscht und darum Grund zur Freude. In der bewußten Negation der Knappheit bis hin zur Verschuldung für ein Fest [22] liegt m. E. ein meist unbewußtes Motiv für die Transferökonomie des Schenkens und für das »Verbindende« gemeinsamer Feiern mit den dazugehörigen Geschenken als Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung.
Ich fasse noch einmal zusammen: Schenken ist soziales Handeln par excellence, denn es ist auf andere gerichtet, kommt aber zumeist beiden zugute, Beschenktem wie Schenkendem: Der Empfänger freut sich über die mit dem Geschenk ausgedrückte persönliche Wertschätzung. Der Geber hofft, daß er dem anderen eine Freude bereitet und mit seinen Geschenk Ehre einlegt. Ist das Schenken geglückt, haben beide Anerkennung erfahren. Allerdings schenkt man nicht jedem, sondern Personen aus dem Nahbereich: Verwandten, Freunden, Kollegen, Nachbarn, Bekannten.
So braucht es Phantasie, Feinfühligkeit und Wachsamkeit über das ganze Jahr, um die passenden, individuell gewählten Geschenke zu finden, die der jeweiligen Beziehung entsprechen. Selten steht, wie auch die empirische Schenkforschung bestätigt, dabei der materielle Wert des Geschenks im Vordergrund. Denn die meisten Geschenke könnten sich Erwachsene, sofern sie nicht arm sind, selbst leisten. Demnach handelt es sich beim Schenken zwar rechnerisch um eigentlich "überflüssige Transaktionen". - Jedoch, so gibt Gisela CLAUSEN [23] zu bedenken: "In den modernen westlichen Gesellschaften kann ein großer Teil der Menschen die benötigten und gewünschten Konsumgüter auf dem Markt selber erwerben. Nicht auf dem Markt kaufen kann der einzelne Akteur jedoch die soziale Wertschätzung, die ihm durch ein Geschenk übermittelt wird."
So mögen wir manchmal gehetzt und genervt sein, mag uns das Schenken oftmals lästige rituelle Verpflichtung sein, doch auch Gelegenheit, persönliche Beziehungen zu bedenken. Wenn wir uns dann zum Schenken entschlossen haben, sollten wir uns Mühe geben, genau das Geschenk zu finden, das den anderen beglücken könnte. Dann empfinden wir möglicherweise die Kunst des Schenkens, die Joachim RINGELNATZ [24] in einem Gedicht treffend in Verse gebracht hat:
Dieser Vortrag wurde gehalten in der Urania Berlin am 18.11.1996
[1] zit. nach Gerhard SCHMIED: Schenken. Über eine Form sozialen Handelns. - Opladen 1996 , S. 183.
[2] Marcel MAUSS: Die Gabe (1922/1923). - 2. Aufl. - Frankfurt/M. 1984.
[3] Bernhard LAUM: Schenkende Wirtschaft. - Frankfurt/M. 1960.
[4] insbesondere durch den Briten J. DAVIS, den US-Amerikaner Theodore CAPLOW und den Kanadier David CHEAL.
[5] CAPLOW: Christmas gifts and kin networks. In: ASR 47(1982), S.385; CHEAL: The gift economy. - London 1988, S. 82.
[6] zit. n. SCHMIED, a.a.O., 1996, S. 115.
[7] Walter von KAMPTZ-BORKEN: Der gute Ton von heute. Vaduz 1954, S. 187f.
[8] KAMPTZ-BORKEN, a.a.O., 1954, S. 188.
[9] Friedrich ROST: Theorien des Schenkens. - Essen 1994.
[10] LAUM: Schenkende Wirtschaft. - Frankfurt/M. 1960.
[11] Gertrud OHEIM: Einmaleins des guten Tons. - 4. Aufl. - Gütersloh 1955.
[12] Irenäus EIBL-EIBESFELDT: Liebe und Haß. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen. München 1970, S. 16f., S. 268.
[13] vgl. LAUM, a.a.O. 1960, S. 38.
[14] Claude LÉVI-STRAUSS: Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft (1949). - 2. Aufl. - Frankfurt/M. 1984.
[15] Susan ISAAC zit. n. LÉVI-STRAUSS, a.a.O., 1984, S. 149ff.
[16] Balint BALLA:: Soziologie der Knappheit. Stuttgart 1970, S. 14.
[17] SELYE zit. n. BALLA, a. a. O., 1978, S. 17f.
[18] Arnold van GENNEP: Übergangsriten. - Frankfurt/M., New York 1986, S. 43.
[19] Victor TURNER: Vom Ritual zum Theater. - Frankfurt/M; New York 1989.
[20] Georges BATAILLE: Die Aufhebung der Ökonomie. Der verfemte Teil (1949). - o. O. o.J.
[21] Ambivalent insofern, als Knappheit nicht nur negative Wirkungen, sondern auch positive, förderliche Aspekte beinhalten kann.
[22] vgl. z. B. MAUSS, a.a.O., 1984, S. 158.
[23] Gisela CLAUSEN: Schenken und Unterstützen in Primärbeziehungen. - Frankfurt/M. u. a. 1991, S. 182.
[24] Joachim RINGELNATZ [d.i. Hans BÖTTICHER]: Schenken. In: Ringelnatz in kleiner Auswahl als Taschenbuch. - 14. Aufl. - Berlin 1975, S. 58.
© Dr. Friedrich Rost, FU Berlin, Stand: 18.07.07

References: § 534
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 § 516
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