Source: https://judicialis.de/Bundesverfassungsgericht_2-BvR-86-97_Beschluss_22.01.1999.html
Timestamp: 2019-12-05 16:46:58+00:00

Document:
Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 22.01.1999 mit dem Az.: 2 BvR 86/97	/* Banner Ads */
Rechtsgebiete: BVerfGG, AuslG, AsylVfG, VwGO, VwVfG
AsylVfG § 78 Abs. 3
IM NAMEN DES VOLKES In dem Verfahrenüberdie Verfassungsbeschwerdeder türkischen Staatsangehörigen
1. B ...,
2. B ...,
3. B ..., 4. B ...,
5. B ...,
6. B ...,
7. B ...,
- Bevollmächtigte: Rechtsanwälte Lothar Hinz und Kollege, Lützowstraße 19, Hagen -
a) den Beschluß des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom 16. Dezember 1996 - 11 L 7683/95 -,
hat die 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch die Richter Sommer, Broß und die Richterin Osterloh gemäß § 93c in Verbindung mit §§ 93b, 93a Absatz 2 Buchstabe b BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473)
Das Urteil des Verwaltungsgerichts Lüneburg vom 30. August 1995 - 5 A 557/91 - verletzt den Beschwerdeführer zu 1. in seinem Grundrecht aus Artikel 16a Absatz 1 des Grundgesetzes. Es wird hinsichtlich des Beschwerdeführers zu 1. aufgehoben. Die Sache wird insoweit an das Verwaltungsgericht zurückverwiesen.
Damit wird der Beschluß des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom 16. Dezember 1996 - 11 L 7683/95 - gegenstandslos, soweit er den Beschwerdeführer zu 1. betrifft.
Die Verfassungsbeschwerde der Beschwerdeführer zu 2. bis 7. wird nicht zur Entscheidung angenommen.
Bei ihrer Anhörung durch das Bundesamt gaben die Beschwerdeführer zu 3. bis 6. im wesentlichen übereinstimmend an, von Soldaten wegen des Beschwerdeführers zu 1. schikaniert und nach diesem befragt worden zu sein. Der Beschwerdeführer zu 7. gab an, der Beschwerdeführer zu 1. sei immer wieder ins Gefängnis gebracht worden. Die Soldaten hätten nach Verstecken der PKK und nach dem Grund für die Unterstützung der PKK gefragt. Er sei nach seinen beiden Brüdern und dem Beschwerdeführer zu 1. befragt worden. Diese Fragen habe er stets mit Nichtwissen beantwortet und sei deshalb auf die Wache gebracht und dort gefoltert worden.
b) Durch in der mündlichen Verhandlung am 30. August 1995 verkündeten Beschluß lehnte das Verwaltungsgericht einen auf Vernehmung eines anwesenden Zeugen gerichteten Beweisantrag des Beschwerdeführers zu 1. dazu, daß er "in der Türkei die PKK unterstützt und deshalb wiederholt verhaftet worden sei", ab; die behaupteten Tatsachen könnten als wahr unterstellt werden.
c) Mit dem angegriffenen Urteil hat das Verwaltungsgericht die Klage abgewiesen: Die vom Beschwerdeführer zu 1. im Verwaltungsverfahren vorgetragene Begründung reiche für eine asylrelevante Verfolgungsgefahr nicht aus. Insoweit sei auf die Ausführungen in den angefochtenen Bescheiden des Bundesamts zu verweisen. Tatsachen, die - hiervon abweichend - die Beurteilung zuließen, daß die behaupteten Festnahmen des Beschwerdeführers zu 1. nicht als ordnungsrechtliche Maßnahmen des Staates gerechtfertigt gewesen seien, seien nicht einmal dargelegt worden und auch aus der allgemeinen Lageerkenntnis der Kammer nicht erkennbar. Wer - wie der Beschwerdeführer zu 1. - in politisch-separatistische Aktivitäten verwickelt werde, müsse in Gebieten des Ausnahmezustands mit strafrechtlichen Sanktionen rechnen. Derartige Abwehrmaßnahmen des Staates zur Abwehr eines revolutionären Separatismus seien für die Bewohner der Unruhegebiete nur dann politische Verfolgung, wenn sie eine staatliche Behandlung erführen, die härter sei als diejenige, die üblicherweise zur Verfolgung von Straftaten vergleichbarer Gefährlichkeit angewendet werde. Nach den Erkenntnissen der Kammer hätten die Beschwerdeführer bei Vernehmungen zwar mit Eingriffen in die körperliche Unversehrtheit zu rechnen. Daß diese jedoch über das allgemeine Maß hinausgingen, wie es bei Verhören wegen krimineller Delikte in türkischen Gefängnissen üblich sei, hätten die Beschwerdeführer nicht dargetan. Im übrigen seien die Verhaftungen des Beschwerdeführers zu 1. als Kurde nicht unmittelbarer Anlaß zur Ausreise gewesen. Durch die Freilassung nach kurzfristiger Inhaftierung werde zudem belegt, daß der Betreffende nicht als ernst zu nehmender Gegner des Staates eingeschätzt werde, gegen den weitergehende, asylrelevante und dem Staat zurechenbare Maßnahmen ergriffen werden sollen.
1. Mit ihren Verfassungsbeschwerden rügen die Beschwerdeführer, die beiden Gerichtsentscheidungen verletzten sie in ihren Rechten aus Art. 3 Abs. 1, 16a Abs. 1 und 103 Abs. 1 GG.
bb) Nicht nachvollziehbar sei ferner, daß das Verwaltungsgericht den Kausalzusammenhang zwischen der letzten Verhaftung und der zwei bis drei Monate später erfolgten Ausreise des Beschwerdeführers zu 1. verneint habe.
dd) Die Schlußfolgerungen des Verwaltungsgerichts aus der Teil-Amnestie für PKK-Mitglieder beruhten auf veralteten Auskünften. Unklar sei in diesem Zusammenhang auch, welchen Prognosemaßstab das Verwaltungsgericht mit seiner Wendung "mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit" herangezogen habe. Die Schlußfolgerung stehe zudem im Gegensatz zur allgemeinen Auskunftslage.
1. a) Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ist eine Verfolgung dann eine politische, wenn sie dem Einzelnen in Anknüpfung an asylerhebliche Merkmale gezielt Rechtsverletzungen zufügt, die ihn ihrer Intensität nach aus der übergreifenden Friedensordnung der staatlichen Einheit ausgrenzen. Geht es dabei um Beeinträchtigungen der körperlichen Unversehrtheit, so stellt generell jede derartige nicht ganz unerhebliche Maßnahme staatlicher Stellen, die an die politische Überzeugung oder Betätigung eines Betroffenen anknüpft, politische Verfolgung dar, ohne daß es insoweit noch auf eine besondere Intensität oder Schwere des Eingriffs ankommt (vgl. BVerfGE 54, 341 <357: "... unmittelbare Gefahr für Leib, Leben ...">; 80, 315 <333, 335 unter Hinweis auf die das Asylrecht tragende humanitäre Intention, in einer ausweglosen Lage Schutz zu gewähren>; vgl. auch BVerwGE 80, 321 <324>; 87, 141 <145 f.>).
Auf die Asylverheißung des Art. 16a Abs. 1 GG kann sich nicht berufen, wer seine politische Überzeugung unter Einsatz terroristischer Mittel betätigt hat. Maßnahmen des Staates zur Abwehr des Terrorismus sind keine politische Verfolgung, wenn sie dem aktiven Terroristen, dem Teilnehmer an oder einem Unterstützer von terroristischen Aktivitäten gelten. Allerdings kann auch in derartigen Fällen eine asylerhebliche Verfolgung dann vorliegen, wenn zusätzliche Umstände für eine solche Annahme sprechen (vgl. BVerfGE 81, 142 <152>). Dies ist etwa dann der Fall, wenn objektive Umstände - z.B. eine gesteigerte Verfolgungsintensität in Form einer härteren Bestrafung - darauf schließen lassen, daß der Betroffene gleichwohl wegen eines asylerheblichen Merkmals verfolgt wird (vgl. BVerfGE 80, 315 <336 ff.>; 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts, Beschlüsse vom 8. Oktober 1990 - 2 BvR 508/86 -, InfAuslR 1991, 18 <19 f.>, vom 25. April 1991 - 2 BvR 1437/90 -, InfAuslR 1991, 257 <260 f.> und vom 3. Juli 1996 - 2 BvR 1957/94 -, DVBl 1996, S. 1250). Nicht asylbegründend sind staatliche Maßnahmen danach nur dann, wenn und soweit sie sich auf die Abwehr des Terrorismus beschränken. Wird hingegen über die Bekämpfung von Straftaten hinaus der politische Gegner - in Anknüpfung an ein asylerhebliches Merkmal - verfolgt, kommt den dabei ergriffenen staatlichen Maßnahmen asylbegründende Wirkung zu. So vermag insbesondere eine (angebliche) Terrorismusbekämpfung staatlichen Gegenterror, der etwa darauf gerichtet ist, die nicht unmittelbar beteiligte zivile Bevölkerung in Erwiderung des Terrorismus unter den Druck brutaler staatlicher Gewalt zu setzen, nicht zu rechtfertigen. Deshalb werfen fachgerichtlich festgestellte weitreichende Menschenrechtsverletzungen im Rahmen einer unnachsichtigen Bekämpfung des Terrors durch den Staat stets die Frage auf, ob den staatlichen Maßnahmen die Annahme zugrunde liegt, daß zum Beispiel nur Angehörigen einer bestimmten Ethnie oder nur den in einem bestimmten Gebiet lebenden Angehörigen dieser Ethnie zumindest eine Nähe zu separatistischen/terroristischen Aktivitäten, wenn nicht gar eine generelle Sympathie für sie oder pauschal deren Unterstützung zu unterstellen sei. Bejahendenfalls läßt sich nicht von vornherein ausschließen, daß die staatlichen Maßnahmen - objektiv gesehen - zumindest auch auf die Ethnie gerichtet sind und an diese Zugehörigkeit anknüpfen (vgl. BVerfGE 80, 315 <339 f.>; 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts, Beschlüsse vom 9. Dezember 1993 - 2 BvR 1638/93 -, InfAuslR 1994, 105 <107 f.> und - 2 BvR 1916/93 -, InfAuslR 1994, 156 <158 f.>).
b) Das Bundesverfassungsgericht hat in bezug auf den Tatbestand "politisch Verfolgter" sowohl hinsichtlich der Ermittlung des Sachverhalts selbst als auch seiner rechtlichen Bewertung zu prüfen, ob die tatsächliche und rechtliche Wertung der Gerichte sowie Art und Umfang ihrer Ermittlungen der Asylgewährleistung gerecht werden (BVerfGE 76, 143 <162>). Den Fachgerichten ist dabei ein gewisser Wertungsrahmen zu belassen. Dieser bezieht sich u.a. auch auf die rechtliche Bewertung des ermittelten Sachverhalts. Verfassungsrechtlich zu beanstanden ist eine fachgerichtliche Bewertung nur dann, wenn sie anhand der gegebenen Begründung nicht mehr nachvollziehbar ist (vgl. 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts, Beschlüsse vom 20. Juni 1990 - 2 BvR 1727/89 -, InfAuslR 1991, 85 <88>; vom 12. März 1992 - 2 BvR 721/91 -, InfAuslR 1992, 231 <233> und vom 22. Juli 1996 - 2 BvR 1416/94 -, NVwZ-Beilage 2/97, S. 11). Ermittlungen zum Tatbestand "politisch Verfolgter" sind freilich vom Bundesverfassungsgericht daraufhin zu überprüfen, ob sie hinreichend verläßlich und auch dem Umfang nach, bezogen auf die besonderen Gegebenheiten im Asylbereich, zureichend sind. Angesichts der Feststellungsbedürftigkeit des Asylgrundrechts (vgl. dazu BVerfGE 56, 216 <236>; 60, 253 <295>; 94, 166 <199 f.>) hat die Sachaufklärungspflicht des Verwaltungsgerichts (§ 86 Abs. 1 Satz 1 VwGO) verfassungsrechtliches Gewicht (vgl. 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts, Beschluß vom 18. Januar 1990 - 2 BvR 760/88 -, InfAuslR 1990, 161 <164>). Zu den asylspezifischen Anforderungen an die gerichtliche Ermittlungstiefe gehört es in der Regel, tatsächlichen oder vermeintlichen Unklarheiten oder Widersprüchen im Sachvortrag des Asylbewerbers, etwa durch dessen Befragung, nachzugehen (vgl. 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts, Beschluß vom 22. Juli 1996 - 2 BvR 1416/94 -, NVwZ-Beilage 2/97, S. 11).
Diese vom Beschwerdeführer zu 1. geschilderten Maßnahmen hat das Verwaltungsgericht als asylrechtlich unerheblich qualifiziert. Die dazu angestellten Erwägungen stehen schon maßstäblich mit den oben dargelegten Grundsätzen, wonach solche Maßnahmen auch im Bereich des staatlichen Rechtsgüterschutzes politische Verfolgung sein können, nicht im Einklang. Das Verwaltungsgericht hat unberücksichtigt gelassen (jedenfalls läßt sich der Begründung Gegenteiliges nicht entnehmen), daß vor allem die Häufigkeit solcher Vorkommnisse, deren schikanöse Tendenz, die dem Beschwerdeführer zu 1. dabei zugefügte menschenrechtswidrige Behandlung, deren Fortsetzung trotz der von ihm eingeräumten Unterstützung der PKK und schließlich auch das Ausbleiben gesetzlich vorgesehener strafrechtlicher Konsequenzen im Sinne "sonstiger Umstände" Anhaltspunkte dafür ergeben können, daß es sich hierbei um Maßnahmen politischer Verfolgung - wenngleich unter dem Deckmantel angeblicher "Terrorismusbekämpfung" bzw. "gerechtfertigt" als "ordnungsrechtliche Maßnahmen" - handelt. In dieser Erscheinungsform können die genannten Maßnahmen nach ihrer objektiven Gerichtetheit jenseits der Terrorismusbekämpfung auch zum Ziel haben, die im Einzelfall festgestellte oder generell bei allen Kurden in Südostanatolien vermutete, mit dem Terrorismus/Separatismus sympathisierende Gesinnung durch Anwendung menschenrechtswidriger Gewalt und fortwährende Schikanen zu bekämpfen. Das Verwaltungsgericht hat dies - obwohl es nach den oben dargelegten verfassungsrechtlichen Maßstäben geboten gewesen wäre (vgl. 1. a) - nicht in den Blick genommen; es hat vielmehr die vom Beschwerdeführer zu 1. erlittene Behandlung - ohne erkennbare Würdigung der besonderen Umstände - als ordnungsrechtliche Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung beurteilt und damit als nicht asylbegründend erachtet.
b) Das Verwaltungsgericht ist der Frage, ob die dem Beschwerdeführer zu 1. widerfahrenen staatlichen Maßnahmen härter als diejenigen zur Verfolgung ähnlicher nicht politischer Straftaten von vergleichbarer Gefährlichkeit und damit asylrelevant (vgl. BVerfGE 80, 315 <338>) gewesen sein könnten, nicht nachgegangen, weil die Beschwerdeführer hierfür nichts dargelegt hätten; auch aus der allgemeinen Lageerkenntnis sei dies nicht erkennbar. Diese Begründung kann sich nicht auf eine den verfassungsrechtlichen Anforderungen genügende Grundlage stützen.
Mit dem Hinweis auf fehlenden Vortrag der Beschwerdeführer zum sog. "Politmalus" ist das Verwaltungsgericht jedenfalls seiner Sachaufklärungspflicht nicht gerecht geworden. Das Verwaltungsgericht hat glaubhaften Angaben des Beschwerdeführers zu 1. über von ihm erlittene Polizeimaßnahmen die asylrechtliche Beachtlichkeit abgesprochen, weil die Beschwerdeführer "nicht einmal dargelegt" hätten, daß die genannten Maßnahmen über das allgemeine Maß bei sonstigen kriminellen Delikten hinausgingen und nicht als ordnungsrechtliche Maßnahmen des Staates gerechtfertigt gewesen seien. Da es sich bei den geschilderten Maßnahmen nach dem objektiven Geschehensablauf, wie auch vom Verwaltungsgericht indirekt durch den Vorwurf fehlender Darlegung eingeräumt, jedenfalls auch um Akte politischer Verfolgung handeln kann, wäre es Sache des Verwaltungsgerichts gewesen, diesem wesentlichen Vorbringen nachzugehen. Der sich schon aus § 86 Abs. 1 Satz 1 VwGO ergebenden umfassenden Verpflichtung des Gerichts, von Amts wegen jede mögliche Aufklärung des Sachverhalts bis hin zur Grenze der Zumutbarkeit zu versuchen, kommt vorliegend im Hinblick auf Art. 16a Abs. 1 GG verfassungsrechtliches Gewicht zu (vgl. oben 1. b). Die Darlegungs- und Mitwirkungspflicht des Asylbewerbers wäre überspannt, würde man von ihm hier verlangen, eine unterschiedliche Behandlung im Rahmen polizeilicher Maßnahmen bei der Strafverfolgung von politischen Tätern einerseits und (sonstigen) Straftätern andererseits darzutun. Solange sich insoweit ein "Politmalus" bei solchen Verfolgungsmaßnahmen nicht von vornherein ausschließen läßt, ist es Sache des Gerichts, den Sachverhalt, soweit ihm Entscheidungserheblichkeit zukommt, in einer der Bedeutung des Asylgrundrechts entsprechenden Weise aufzuklären. Hierzu bestand vorliegend insbesondere deshalb Anlaß, weil auch das hier zuständige Niedersächsische Oberverwaltungsgericht - unter Bezugnahme auf die durch Erkenntnismittel abgesicherte Auffassung des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen - u.a. von einer im Vergleich zu sonstigen Straftätern häufigeren und härteren Mißhandlung solcher Häftlinge im türkischen Polizeigewahrsam ausgeht, denen eine staatsfeindliche Gesinnung zugeschrieben wird.
Auch der pauschale Hinweis auf die allgemeine Lageerkenntnis ohne Angabe von Erkenntnisquellen trägt die Begründung nicht. Schon der Anspruch auf rechtliches Gehör nach Art. 103 Abs. 1 GG gebietet den Gerichten, nur solche Tatsachen und Beweisergebnisse (einschließlich Presseberichte und Behördenauskünfte) zu verwerten, die von einem Verfahrensbeteiligten oder vom Gericht - im einzelnen bezeichnet - zum Gegenstand des Verfahrens gemacht worden sind und zu denen sich die Beteiligten äußern konnten (BVerfGE 70, 180 <189>). Dem hier angegriffenen Urteil läßt sich indes nicht einmal ansatzweise entnehmen, auf welchen Tatsachen und Beweisergebnissen die "allgemeine Lageerkenntnis" des Gerichts basiert (vgl. hierzu auch 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts, Beschluß vom 18. Februar 1993 - 2 BvR 1869/92 -, InfAuslR 1993, 146 <149>).
Der asylrechtlich geforderte Kausalzusammenhang zwischen politischer Verfolgung und Flucht fehlt nur dann, wenn ein Asylbewerber nach erlittener politischer Verfolgung noch längere Zeit im Heimatland verbleibt und in dieser Zeit dort unbehelligt und verfolgungsfrei leben kann (vgl. BVerfGE 74, 51 <60 ff.>; 80, 315 <344>; BVerwGE 87, 52 <55 f.>; 87, 141 <146 f.>). Der Beschwerdeführer zu 1. hat hierzu ausdrücklich bekundet, sich nach seiner Freilassung zwei Monate lang versteckt gehalten zu haben, um dann mittels Schlepperhilfe nach Deutschland geflüchtet zu sein. Im Hinblick darauf, daß seine Freilassung nur erfolgte, damit er seine zwei bei der PKK aktiven Söhne finde und an die Behörden ausliefere, sowie unter Berücksichtigung des Umstands, daß eine mit Schlepperhilfe organisierte illegale Aus-, Transit- und Einreise üblicherweise einige Zeit für die notwendige Kontaktaufnahme, Finanzierung und sonstige Vorbereitung bedarf, sind Umstände, die den erforderlichen Kausalzusammenhang zwischen politischer Verfolgung und Flucht entfallen ließen, hier nicht ersichtlich.
dd) Nicht nachvollziehbar ist schließlich auch die vom Verwaltungsgericht angestellte Prognose hinsichtlich der Rückkehrergefährdung. Da nach Vorstehendem eine Vorverfolgung des Beschwerdeführers zu 1. nicht auszuschließen ist, wäre zu seinen Gunsten vom herabgestuften Wahrscheinlichkeitsmaßstab für die Prognose zukünftiger Verfolgungssicherheit auszugehen. Die Rückkehr in den Herkunftsstaat wäre ihm danach nur dann zumutbar, wenn er in allen Landesteilen der Türkei für die absehbare Zukunft hinreichend sicher vor (erneuter) Verfolgung wäre (vgl. BVerfGE 54, 341 <360>) oder jedenfalls verfolgungsfrei eine zumutbare inländische Fluchtalternative erreichen könnte (vgl. BVerfGE 80, 315 <343 ff.>; 81, 58 <65 f.>). Aus der Sicht des Verwaltungsgerichts, das von einer unverfolgten Ausreise des Beschwerdeführers zu 1. ausging, bestand freilich keine Veranlassung, zu dessen Gunsten vom herabgestuften Wahrscheinlichkeitsmaßstab auszugehen; ausreichend war vielmehr die Feststellung, daß ihm im Falle der Rückkehr jedenfalls nicht mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit politische Verfolgung droht. Das Verwaltungsgericht meinte in diesem Zusammenhang, aus der am 24. Mai 1993 vom türkischen Kabinett beschlossenen Teil-Amnestie für PKK-Mitglieder schließen zu können, daß der türkischen Regierung "mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht daran gelegen" sei, eine Person (sc. "wie der Beschwerdeführer zu 1."), die die PKK ausschließlich mit Lebensmitteln und dergleichen unterstützt hat, zu verfolgen. Diese Formulierung mag eine Verfolgungsgefahr "von beachtlicher Wahrscheinlichkeit" ausschließen; mit ihr wird aber keinesfalls belegt, daß der Beschwerdeführer zu 1. auch mit "hinreichender Sicherheit" verfolgungsfrei würde zurückkehren können.
Auch das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht hat in seinem hier ebenfalls angegriffenen Beschluß Zweifel an den vom Verwaltungsgericht gezogenen Schlußfolgerungen im Hinblick darauf geäußert, daß der Beschwerdeführer zu 1. kein PKK-Mitglied gewesen sei und somit auch nicht zu dem durch die Amnestie möglicherweise begünstigten Personenkreis gehöre. Die insoweit bestehenden Zweifel werden noch dadurch verstärkt, daß vom Verwaltungsgericht auch keine Angaben zur Amnestiepraxis gemacht wurden; Auskünfte von der Jahresmitte 1993 dürften nicht ohne weiteres geeignet sein, die Feststellung einer Verfolgungssicherheit auch noch Mitte 1995 zu tragen. Ungeachtet dessen ist diese Argumentation auch aus einem weiteren Grund nicht tragfähig: Der Beschwerdeführer zu 1. wurde vor seiner Ausreise nicht strafrechtlich verfolgt; die Einleitung von Strafverfahren oder gar eine erfolgte Verurteilung wurden von ihm nicht behauptet. Hiervon ausgehend läßt sich aus einer Amnestie nicht ohne weiteres schlußfolgern, daß der allein von polizeilichen Maßnahmen der Sicherheitskräfte betroffene Asylbewerber auch nicht mehr mit Verfolgungsmaßnahmen durch Sicherheitsorgane - außerhalb von Strafverfahren und Strafvollzug - und mit - möglicherweise extralegaler, aber dem Staat gleichwohl zurechenbarer - Polizeihaft rechnen müsse.

References: § 78
 § 93
 Art. 3
 Art. 16
 § 86
 Art. 16
 Art. 103