Source: http://www.hom%c3%b6opedia.eu/index.php/Artikel:Sch%C3%BCtteln
Timestamp: 2019-02-21 12:58:22+00:00

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Artikel:Schütteln – Homöopedia
Das Schütteln, auch Verschütteln, ist eine ritualisierte Handlung bei der Herstellung homöopathischer Arzneien. Sie ist zusammen mit dem Verdünnen Teil des Potenzierens. Der Vorgang des „Potenzierens“ macht aus einer Urtinktur eine homöopathische „Arznei“. Das Schütteln wird in der Homöopathie auch „Dynamisierung“ genannt, also die Vorstellung, dass nicht alle, sondern nur die „guten“ Eigenschaften der Urtinktur auf die resultierende Arznei übergehen, während die „schlechten“ (z. B. deren Giftigkeit) durch Verdünnung verschwinden.
Benno Schilsky, seit ihrer Gründung 1957 bis 1968 Mitherausgeber der Zeitschrift für Klassische Homöopathie und Arzneipotenzierung[1] schrieb anlässlich seines 75. Geburtstags:
Halten Sie sich an die alten, bewährten Regeln der Homöopathie! Ein wissenschaftliches Mäntelchen kleidet die Homöopathie nicht und ebensowenig steht ihr ein Ausrufen in extravagante Phantastereien.[2][B 1]
1 Schütteln in Wissenschaft und Alltag
2 Entwicklung bei Hahnemann
3 Verfahren nach Korsakow
4 Verfahren nach Jenichen
5 Maschinelle Verfahren
5.1 Potenzierungsmaschinen
5.2 Elektrische Rührgeräte
5.3 Fluxionspotenzen
5.4 Potenzierung mit Ultraschall
6 Die homöopathische Vorstellung des Wirkprinzips
6.1 Der Ritus des Schüttelns
6.2 Moderne Interpretation durch Homöopathen
6.3 Kritische Bewertung
7 Wissenschaftliche Schlussbetrachtung
Schütteln in Wissenschaft und Alltag
Der Vorgang des Schüttelns ist ein alltäglicher Vorgang. Schütteln ist eine Methode in der Chemie, Pharmazie oder Biologie: Chemiker, Pharmazeuten, Apotheker und andere wissenschaftliche Mitarbeiter in Laboratorien wenden diese Methode an, um Stoffe gleichmäßig in einer Lösung zu verteilen (sie zu homogenisieren). Je nach Stoffmenge oder Aufgabenstellung gibt es verschiedene Möglichkeiten zu schütteln. Kleine Mengen können in Reagenzgläseren geschüttelt werden. Größere Mengen schüttelt man in Erlenmeyer-Kolben oder größeren Gefäßen. Im industriellen Maßstab werden große Gefäße verwendet. Neben dem Schütteln mit der Hand werden auch maschinelle Verfahren angewendet, wie z. B. elektrische Rührgeräte. Es gibt auch die Möglichkeit, kleine teflonbeschichtete Eisenstäbchen in eine Lösung zu geben und diese Eisenelemente von außen induktiv über ein sich drehendes Magnetfeld anzutreiben. Zum Einsatz kommen auch Vibrationen oder Schall- bzw. Ultraschallgeräte. Auch im Baugewerbe wird ein Betonguss mit Hilfe von Vibratoren verdichtet oder ein Schotterbelag mit Hilfe von Rüttelplatten. Dieser kleine Exkurs soll zeigen, dass es sich beim Schütteln um einen vollkommen normalen Vorgang handelt, der im Alltag häufig angewandt wird.
Schütteln ist einer der zentralen Begriffe in der Homöopathie.
Während die Verdünnung von Arzneien ein chemisches Prinzip in der Homöopathie ist, ist Schütteln das „mechanische Prinzip“. Beide – Verdünnen und Schütteln – gehören zum Vorgang des Potenzierens. Das Potenzieren ist eines der Fundamente der Homöpathie. Das war aber nicht immer so. In seiner Anfangszeit hat Samuel Hahnemann (1755–1843), der Begründer der Homöopathie, als Arzt und Apotheker aus den gleichen Gründen seine Arzneien verschüttelt wie heute: zum Vermischen und Homogenisieren. Erst später hat Hahnemann dem Verschütteln eine übergeordnete Bedeutung zugemessen – eine Bedeutung, die aus dem alltäglichen Vorgang des Schüttelns ein zentrales Prinzip in der Homöopathie gemacht hat. Hahnemann hat diesen Bedeutungswandel nicht unüberlegt vorgenommen, sondern war auf diesen Bedeutungswandel angewiesen.
Hahnemann hatte das Problem, dass seine nach den Regeln des Ähnlichkeitsprinzips ausgewählten Medikamente in den hohen Konzentrationen der unbearbeiteten Rohstoffe – Urtinkturen genannt – schädlich oder gar giftig waren. Die von ihm so genannte „Arzneimittelkrankheit“ (im strengen Sinne handelt es sich um Symptome einer Vergiftung) gehört essenziell zur Homöopathie. In den „homöopathischen Arzneimittelprüfungen“ wird nach spezifischen Giftwirkungen gesucht, die Substanzen auf Gesunde haben. Kranke, die Symptome zeigen, die den Vergiftungssymptomen einer Substanz ähnlich sind, werden – so fordert es die Ähnlichkeitsregel – mit den Substanzen behandelt, die den Krankheitssymptomen ähnliche Vergiftungssymptome aufweisen.
Die Idee des Ähnlichkeitsprinzips war und ist es heute noch, dass ein Körper nicht gleichzeitig an zwei ähnlichen Krankheiten leiden könne. Er würde sich von der schwächeren Krankheit trennen müssen. Der Homöopath löst durch die Gabe seiner homöopathischen Medikamente eine der Krankheit ähnliche Zweitkrankheit – eine „Kunstkrankheit“ – aus, in der Vorstellung, dass sich der Körper dann von der Erstkrankheit trennt und gesundet.[3]
Diese medikamentös induzierte Kunstkrankheit musste stärker sein als die Erstkrankheit, sonst hätte der Körper die Erstkrankheit behalten und hätte sich von der medikamentös induzierten Kunstkrankheit getrennt. Gleichzeitig durfte die medikamentös ausgelöste Kunstkrankheit aber nicht so stark sein, dass der Körper zusätzlichen Schaden nahm. Die homöopathischen Medikamente mussten also verdünnt werden, um die Kranken vor Vergiftungsschäden zu bewahren.[3]
Hahnemanns Homöopathie benötigte Arzneimittel, die zugleich stark und schwach waren. Die „Stärke“ musste die der Erstkrankheit übertreffen und die „Schwäche“ musste die Patienten vor zusätzlichen Vergiftungsschäden schützen. Und eine weitere Forderung musste an die homöopathischen Arzneimittel gestellt werden: Nach dem „Rückzug“ der zu behandelnden Erstkrankheit musste die Kunstkrankheit selbst auch wieder verschwinden – schneller als die unbehandelte Erstkrankheit verschwunden wäre. Es wäre sinnlos, eine kurze schwere Krankheit durch eine längere und schwerere ersetzen zu wollen.
Der Vorgang der Verdünnung der homöopathisch eingesetzten Substanzen ist also notwendig, um Patienten vor Schäden zu bewahren.
Hahnemann veröffentlichte 1797 in Hufelands Journal den Fall einer akuten Darmkolik eines Druckereiarbeiters, dem er täglich 0,25 g Veratrum album verschrieben hatte. Der Patient nahm die doppelte Dosis und verspürte eine heftige Verschlechterung. Nach drei Tagen jedoch sei er genesen.[4]
Ab 1801 verließ Hahnemann die klassische Mittelgabe mit „massiven“ Dosen. Anlass seiner Forschung waren Fehlschläge, die er auf zu hohe Dosen zurückführte. In der Folge eines Fehlschlages reduzierte er dann jeweils die Dosen.
Die Arzneiverschlechterung, die man natürlich nicht mit dem Erscheinen neuer Symptome verwechseln darf, war für Hahnemann lebenslang ein Schreckgespenst und hatte ihn dazu geführt, seine Medikamente immer weiter zu verdünnen, um ihnen ihre schädliche Wirkung zu nehmen. Die Feststellung einer anhaltenden Arzneiverschlimmerung trieb ihn zu immer höheren Verdünnungen, d. h. zu einer zunehmend geringeren Dosierung.[4]
Hahnemann war in einem Dilemma. Er benötigte eine starke Wirkung und zugleich Schutz vor Nebenwirkungen. Der Begriff der „Stärke“ hatte für Hahnemann im Prinzip zwei Aspekte. Die Kunstkrankheit musste „stärker“ sein als die zu behandelnde Erstkrankheit, denn nur so konnte die Erstkrankheit zur „Auslöschung“, zum Rückzug, gebracht werden.[5][B 2] „Stärke“ bedeutete für Hahnemann aber nicht, dass die arzneiinduzierte Kunstkrankheit heftigere Symptome benötigte, um stärker zu sein. Die „Arzneikrankheit“ konnte und sollte geringere Krankheitsbeschwerden hervorrufen als die Erstkrankheit, und sie konnte dabei dennoch eine mächtigere „Heilwirkung“ besitzen – im Prinzip die Fähigkeit zur Auslöschung der Erstkrankheit. In § 36 seines Organons[6] schreibt Hahnemann über die ersten beiden von mehreren Möglichkeiten:
I. Entweder sind beide, sich unähnliche, im Menschen zusammenfindende Krankheiten von gleicher Stärke, oder ist etwa die ältere stärker, so wird die neue durch die alte vom Körper abgehalten.
Und in § 38[7] schreibt Hahnemann über eine weitere Möglichkeit:
II. Oder die neue unähnliche Krankheit ist stärker. Hier wird die, woran der Kranke bisher litt, als die schwächere, von der stärkeren hinzutretenden Krankheit so lange aufgeschoben und suspendirt, bis die neue wieder verflossen oder geheilt ist, dann kommt die alte ungeheilt wieder hervor.
Hahnemann hebt hier darauf ab, dass auch eine stärkere Kunstkrankheit die Erstkrankheit nicht vertreiben könne, wenn sie der Erstkrankheit zu unähnlich sei. Weiter hinten, im § 43[8] geht Hahnemann dann auf die seiner Meinung nach richtige Kombination von Stärke und Ähnlichkeit ein:
Aber ganz anders ist der Erfolg, wenn zwei ähnliche Krankheiten im Organism zusammetreffen, d. i. wenn zu der schon vorhandenen Krankheit, eine stärkere, ähnliche hinzutritt. Hier zeigt sich, wie im Laufe der Natur Heilung erfolgen kann, und wie von Menschen geheilt werden sollte.
Für die Homöopathie war – und ist – es also wichtig, dass die ähnliche Kunstkrankheit stärker sein kann, obwohl sie schwächere Krankheitsbeschwerden hervorruft. Hierin ist gewissermaßen die „Erlaubnis“ zur Verdünnung begründet. Arzneien dürfen verdünnt werden, um die arzneilichen Krankheitsbeschwerden abzuschwächen, weil mit einer Abschwächung der die Erstkrankheit vertreibenden Heilwirkung zunächst nicht gerechnet werden muss. Aber bei sehr starken Nebenwirkungen (der Art von „Stärke“, die Hahnemann nicht wollte) musste er hoch verdünnen, um die Nebenwirkungen abzuschwächen. Hierin ist gewissermaßen das Gebot zur Verdünnung begründet. Er musste dabei in Kauf nehmen, dass die heilende „Stärke“, die Art von „Stärke“, die Hahnemann sehr wohl wollte, unbeabsichtigt ebenfalls abnahm.
Hahnemann löste dieses Problem folgendermaßen: Er hatte den Eindruck gewonnen, dass auch niedrige Konzentrationen (hohe Verdünnungen) ohne oder mit nur geringen Nebenwirkungen stärker als die Krankheit sein und sie somit besiegen können, wenn die Substanzen im Wechsel mit den Verdünnungsschritten zusätzlich aufgelöst und homogenisiert – verschüttelt oder verrieben – werden.[4] Zum Bespiel empfahl Hahnemann bei der Scharlachepidemie von 1800, ein 24-millionstel Gran Belladonna – im Prinzip eine C3-Verdünnung – aufzulösen und von dieser Lösung nur alle drei Tage einige Tropfen einzunehmen.[9] Hahnemann wollte die von ihm gemachte Wirksamkeits-Beobachtung dieser niedrigen Dosis erklären und daraus folgend auch Handlungsanweisungen ableiten, wie man vorzugehen habe, wenn man noch stärkere oder noch schwächere Wirkungen – oder beides gleichzeitig – erzielen wollte.
Josef M. Schmidt, Herausgeber einer überarbeiteten Fassung der 6. Auflage von Hahnemanns Organon der Heilkunst, schreibt in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitschrift:[10]
Die Verschüttelung von Flüssigkeiten – bei Feststoffen entsprechend das Verreiben – war zunächst keine quasi-rituelle Handlung, sondern eine Maßnahme zur gleichmäßigen Durchmischung (Homogenisierung) der Verdünnung. Gleichzeitig werden bei einer Verreibung die Feststoffe zerkleinert und damit die Oberfläche vergrößert. Beides sind durchaus sinnvolle Maßnahmen, die zu den üblichen Tätigkeiten in Apotheken gehören.[4]
Um eine gleichmäßige Durchmischung zu erreichen – ohne die eine gleichmäßige Verdünnung nicht möglich ist – hat Hahnemann feste Arzneistoffe mit festen Verdünnungsmitteln (Milchzucker) verrieben und flüssige Arzneistoffe mit flüssigen Verdünnungsmitteln (Alkohol, Wasser) verschüttelt. Zu diesem Zweck wurden die Arzneilösungen mit starken Schüttel-Schlägen auf einer weichen Unterlage (zum Beispiel lederner Bucheinband) bearbeitet. Diese Verschüttelungen gehörten anfangs zum Verdünnungsvorgang und waren noch nicht die eigenständige Prozedur der „Dynamisierung“.[14]
Hahnemann bewegte sich zu dieser frühen Zeit also noch im Bereich einer materiellen Erklärung seiner von ihm als solche wahrgenommenen Heilerfolge.
Hahnemann wollte mittels zunehmender Verdünnung der Gefahr einer Verschlimmerung durch zu hohe Dosen begegnen und erlebte dennoch Verschlimmerungen, die er den nun zu hohen Potenzierungen zuschrieb. 1824 empfahl er unter diesem Eindruck, statt zehn nur noch zwei Schüttelschläge pro Potenzstufe auszuführen.[15][16]
Im Laufe seines Lebens veränderte Hahnemann mehrfach die Vorschriften zur Verschüttelung. Mit der Zeit und mit der Verwendung immer höherer Verdünnungen muss ihm dann auch irgendwann klar geworden sein, dass eine materielle Erklärung („Berührung von immer mehr Nervenästen“) nicht mehr plausibel war, und er entwickelte eine immaterielle Erklärung, nämlich die Annahme „geistartiger Arzneikräfte“. Seine Vorstellungen von der Wirkungsweise der homöopathischen Arzneien sind in der Philosophie des Vitalismus begründet.[17]
Im Jahre 1827 beobachtete Hahnemann eine nicht erwartete Verstärkung der Arzneiwirkung, die sich durch eine bloße Verdünnung nicht erklären ließ. Er nannte daraufhin den Vorgang der Verschüttelung „Arzneikraftentwicklung“ und „Potenzierung“.[18]
Hahnemann schreibt im Organon § 9 über den Zusammenhang zwischen „Lebenskraft“ und Gesundheit:
Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autocratie) unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten, so daß unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unseres Daseins bedienen kann.[19]
Und über Lebenskraft und Krankheit in § 11:
Wenn der Mensch erkrankt, so ist ursprünglich nur diese geistartige, in seinem Organism überall anwesende, selbstthätige Lebenskraft (Lebensprincip) durch den, dem Leben feindlichen, dynamischen Einfluß eines krankmachenden Agens verstimmt; nur das zu einer solchen Innormalität verstimmte Lebensprincip, kann dem Organism die widrigen Empfindungen verleihen und ihn so zu regelwidrigen Thätigkeiten bestimmen, die wir Krankheit nennen…[19]
In seiner Anmerkung 1 zu § 11 zum „dynamischen Einfluss“ vergleicht Hahnemann das nicht-materielle Lebensprinzip mit dem – seiner Meinung nach – „immateriellen“ Einfluss, der den Mond in 28 Tagen um die Erde herumführe. Dass dieses Beispiel falsch gewählt ist, ist uns heute klar: Die Gravitation ist nicht immateriell.[19]
In § 269 des Organon schreibt Hahnemann zur Arzneiwirkung:
Die Homöopathische Heilkunst entwickelt zu ihrem besonderen Behufe die innern, geistartigen Arzneikräfte der rohen Substanzen, mittels einer ihr eigenthümlichen, bis zu meiner Zeit unversuchten Behandlung, zu einem früher unerhörten Grade, wodurch sie sämmtlich erst recht sehr, ja unermeßlich – „durchdringend“ wirksam und hülfreich werden, selbst diejenigen unter ihnen, welche im rohen Zustande nicht die geringste Arzneikraft im menschlichen Körpern äußern. Diese merkwürdige Veränderung in den Eigenschaften auf ihre kleinsten Theile, durch Reiben und Schütteln (während sie mittels Zwischentritts einer indifferenten Substanz, trockener oder flüssiger Art, von einander getrennt sind) entwickelt die latenten, vorher unmerklich, wie schlafend in ihnen verborgen gewesenen, dynamischen (§ 11) Kräfte, welche vorzugsweise auf das Lebensprinzip, auf das Befinden des thierischen Lebens Einfluß haben. Man nennt daher diese Bearbeitung derselben Dynamisiren, Potenziren (Arzneikraft-Entwicklung) und die Produkte davon, Dynamisationen oder Potenzen in verschiedenen Graden.[20]
Hahnemanns Idee war also, dass es eine immaterielle „geistartige Arzneikraft“ gibt, die auf eine immaterielle „geistartige Lebenskraft“ im Körper heilenden Einfluss nimmt und die gegen Verdünnungen gewissermaßen „immun“ ist, sich aber durch „handfeste“, „physikalische“ Maßnahmen – eben das Verschütteln – steigern ließe, wenn beim Verschüttelungsprozess festgelegte Regeln beachtet werden. Damit war der Vorgang des Verschüttelns zum Ritus geworden. Dass dieser Ritus im Laufe von Hahnemanns Entwicklung sich änderte, je nach den gerade aktuellen Erlebnissen, die er seinen Handlungen zuschrieb, ändert nichts daran, dass der Verschüttelungsprozess ein ritueller Prozess ist.
In nachfolgender Tabelle ist die Entwicklung Hahnemanns kurz nachgezeichnet:
Jahr Quelle Vorschrift
1797 Dingler und Rissel[21] rohe Arzneisubstanz
1800 Dingler und Rissel[21] Auflösen des Pulvers in 240 Tropfen gewässerten Weingeistes eine viertel Stunde schütteln, daraus 1 Tropfen in 100 Tropfen minutenlang geschüttelt und nochmals wiederholen
1806 Dingler und Rissel[21] Hahnemann schreibt von der Möglichkeit, eine Verdünnung herzustellen, die ein Quintillionstel Gran enthält, was der C15 entspricht
1809 Dingler und Rissel[21] Hahnemann nennt ein Sextillionstel eines Grans in Auflösung zur Behandlung
1816 Dingler und Rissel[21] In der Vorerinnerung zu Band 2 der Reinen Arzneimittellehre beschreibt Hahnemann die Verdünnungsschritte von 1:100 und nennt in einem Fallbeispiel die C30 als alternative Möglichkeit der Arzneigabe
1824 Organon III 2 Schüttelschläge
1827 Adler, Ubiratan Cardinalli[18] Der Begriff „Potenzieren“ taucht auf
1829 Organon IV 2 Schüttelschläge
1833 Organon V 2 Schüttelschläge
1835 1. Bd. Chron. Krankheiten[22] 2 Schüttelschläge
1837 3. Bd. Chron. Krankheiten[23] 10 Schüttelschläge
1838 5. Bd. Chron. Krankheiten[16] „10, 20, 50 und mehr starke Stoss-Schläge, etwa gegen einen etwas harten, elastischen Körper geführt“
1842 Organon VI[16][24] „100 starke Schüttelschlägen mit der Hand gegen einen harten, aber elastischen Körper, etwa auf ein mit Leder eingebundenes Buch, geführt“ bei den Q-Potenzen
Tabelle 1: Unterschiedliche Anweisungen in den verschiedenen Werken Hahnemanns; die römischen Ziffern meinen die jeweilige Auflage des Organons der Heilkunst
Hahnemann hat im Laufe der Zeit seine Vorstellung von der Homöopathie als Reaktion auf erlebte oder nicht erlebte Heilung sowie als Reaktion auf erlebte oder nicht erlebte Nebenwirkungen immer weiter geändert, wobei er mit den Begriffen „Stärke“ (die erste Art der „Stärke“ vertreibt die Erstkrankheit und muss erhalten bleiben, die zweite Art der „Stärke“ ruft Nebenwirkungen hervor und muss abgeschwächt werden), Verdünnung, Homogenisierung (mit materieller Einflussnahme) und „Dynamisierung“ (mit immaterieller Einflussnahme auf immaterielle Prinzipien) operierte. Aus der Sicht Hahnemanns und den Kenntnissen seiner Zeit heraus ist sein Erklärungsmodell durchaus nachvollziehbar.
Verfahren nach Korsakow
Semjon Nikolajewitsch Korsakow[B 3] war wohl der erste Russe, der sich mit der Homöopathie beschäftigt hat. Seinen Biographen zufolge hat er bereits vor 1829 Interesse an der Homöopathie gehabt.[25]
Korsakow ist bekannt für seine Einglas-Methode. Bei hohen Potenzen ist die Einglas-Methode nach Korsakow eine in jeder Hinsicht viel wirtschaftlichere Methode, zu hohen Verdünnungsgraden zu gelangen. Sie ist jedoch eine Methode, die lediglich den Vorgang der Verdünnung, nicht aber den Vorgang der Verschüttelung modifiziert.
Weniger bekannt ist, dass Korsakow auch den Vorgang des Potenzierens modifizierte. In seiner Korsakow-Biographie[25] berichtet der prominente Schweizer Homöopath Jost Künzli von Fimelsberg (Fußnoten wie im Original):
Korsakow schrieb im Juni 1831 „für das Stapf’sche Archiv zwei Artikel[26][27] über eine neue Methode der Zubereitung von Arzneikügelchen. Seine Technik bestand darin, ein imprägniertes Kügelchen in ein Fläschchen mit einer gewissen Anzahl von neutralen Kügelchen zu geben und das Ganze während einer Minute zu schütteln. Was Hahnemann mit den flüssigen Arzneien gemacht hatte, erreichte er mit den trockenen Kügelchen. Es war eine trockene Zubereitungsmethode.[28]
Er schlägt in dem Artikel vor, ein trocknes arzneikräftiges Kügelchen mit einer großen Zahl unarzneilicher Kügelchen in einem Medizinfläschchen zusammenzubringen, dann würden die unarzneilichen Kügelchen alle die Arzneikraft von dem einen arzneihaltenden Kügelchen übernehmen.
Korsakow war mit seiner Einglas-Methode – auch, wenn diese lediglich den Vorgang der Verdünnung betraf – der Wegbereiter zu den späteren maschinellen Verfahren, die die Herstellung hoher Potenzgrade sowohl bezüglich der Verdünnung als auch bezüglich der Dynamisierung erheblich beschleunigten.
Verfahren nach Jenichen
Caspar Julius Jenichen (1787–1849) hat seine eigene Potenzierungsmethode durch Zufall gefunden. Als er eine 29. Potenz von Plumbum aceticum höher potenzieren wollte, stellte er fest, dass der Inhalt des Fläschchens verdunstet war: Das Fläschchen hatte seinen Korken verloren. Er füllte das leere Fläschchen mit Alkohol und potenzierte weiter bis zur 200. Potenz. Jenichen hatte auch mit dieserart hergestellten Potenz eine Wirkung gesehen, und zwar nicht durch Einnahme der Arznei, sondern durch Riechenlassen an ein paar mit dem Arzneimittel befeuchteten Kügelchen.[29]
Nach dem Tode Jenichens 1849 erbte Rentsch aus Potsdam alle Aufzeichnungen von Jenichen.
Aus seinem ersten Versuch mit Plumbum aceticum hatte Jenichen geschlossen, dass es am besten sei, mit einer Verdunstung der 29. Potenz zu beginnen und dann die anderen Potenzen herzustellen. Er verwendete dazu siebzig- oder achtzigprozentigen Alkohol und dazu das Wasser aus dem Schweriner See „klar wie Kristall“.
Die Potenzen stellte er offenbar an vier Arbeitstagen her: Am Tag 1 von der 29. bis zur 200. Potenz, am Tag 2 bis zur 300. Potenz, am Tag 3 bis zur 800. Potenz und am Tag 4 bis zu allen erforderlichen Potenzen oberhalb der 800. Potenz. Jenichen gab genaue Anweisungen bezüglich der Zahl der verwendeten Fläschchen und der Verdünnungsverhältnisse. Auch bezüglich der Verschüttelung gab er genaue Anweisungen:
Bis zur 300. Potenz wurden je 10 Schüttelschläge, von der 300. bis zur 800. Potenz je 12 und ab der 800. Potenz je 30 verabreicht.[29]
Der französische Homöopath Jacques Baur schreibt:[29]
Es scheint, daß Jenichen später nur noch ein einziges Fläschchen auf verschiedene Stufen potenzierte, was nur noch eine Verdünnung von der 30. oder 31. nach Hahnemann ergab, die mit einer mehr oder weniger großen Anzahl von Schüttelschlägen behandelt worden war. Gegen sein Ende verwendete er als Ausgangsstufe tiefere Potenzen, die 3. oder 6. nach Hahnemann.
Für Jenichens Präparationen wäre die Bezeichnung einer Verdünnung absurd. Es handelt sich in Wirklichkeit um Potenzierungen. Diese Präparationen gleichen denjenigen von Wahle, Rom, der einer C6 mehrere tausend Schläge gab. Man muß wissen, daß die höchsten Potenzen von Jenichen wahrscheinlich aus tiefsten Ausgangsverdünnungen gemacht worden waren, denen er aber eine sehr hohe Anzahl von Schüttelschlägen verabreichte. Dagegen sind die tieferen Potenzen von Jenichen jene, die er wahrscheinlich am stärksten verdünnt hat.
Jenichen hat offenbar Hahnemanns strikte Bindung einer definierten Verschüttelung an eine definierte Verdünnung verlassen und unterschiedliche Verdünnungsgrade mit unterschiedlich vielen Schüttelschlägen frei kombiniert.[29]
Seine Arzneien potenzierte Jenichen von Hand. Er hatte einen starken Arm und schrieb den Erfolg seiner Arzneien der Stärke seines Armes zu. Für seine Potenzen arbeitete er hart von 22 Uhr bis 3 Uhr und trank große Mengen kalten Kaffees. Er ruinierte dabei seine Gesundheit und litt unter so starken Schmerzen an Händen und Füßen, dass er 1849 Suizid beging.[29]
Jenichen hat sein Potenzierungsverfahren zu Lebzeiten geheim gehalten, was ihm Kritik vieler Homöopathen einbrachte. Es gab aber auch Homöopathen, die ihn in Schutz nahmen. Constantin Hering, Namensgeber der Heringschen Regel, verteidigte ihn, denn offenbar hatte Jenichen ihm bereits zu Lebzeiten seine Verfahrensweise anvertraut. Und Clemens von Bönninghausen hatte eine „gewisse Zahl von Fällen“ beobachtet, bei denen die üblicherweise verwendete 200. Potenz (C200) eine nur ungenügende Wirkung entfaltet habe, Hochpotenzen von Jenichen sich aber als wirksam erwiesen hätten.[29]
Potenzierungsmaschinen
Wegen höherer Nachfrage nach Homöopathie und wegen der höheren, zeitaufwändiger herzustellenden Potenzen wurden maschinelle Potenzierverfahren entwickelt. Für diese Verfahren war das Einglas-Verfahren nach Korsakow gut geeignet.[29]
Im Jahre 1839 beschrieb Benoit Mure aus Lyon in den Annales d’Homoéopathie de Palerme eine von ihm erfundene Verreibemaschine, die auch härteste Ausgangsstoffe wie Nux vomica, Ignazbohnen und Metallfeilspäne verreiben konnte. Er stellte auch eine Schüttelmaschine her, die gleichzeitig 60 Fläschchen potenzieren konnte.[30]
Und 1844 – ein Jahr nach Hahnemanns Tod – entwickelte er eine Vakuummaschine: Er wollte die Potenzierung der Luftunreinheiten vermeiden.[29]
Benoit Mure verwendete keine flüssigen Arzneitinkturen als Ausgangssubstanzen, sondern für alle Substanzen drei Centesimalverreibungen. Auch Hahnemann ging in seinen letzten Lebensjahren bei seinen Kügelchenpotenzen („médicaments au globule“ – heute „Q-Potenzen“ genannt) von drei Centesimalverreibungen aus.[29]
Mure scheibt:
Mit Hilfe dieser Maschine können wir jeder Verdünnungsstufe 35.000 Schüttelschläge erteilen und damit eine bisher ungekannte Energie in unseren Tinkturen akkumulieren (…) Sie wissen übrigens, daß unsere Arzneien die tausendfache Anzahl von Schlägen gegenüber den gebräuchlichen Präparationen erhalten und unsere Zentesimalen mindestens der zehntausendsten der europäischen Homöopathen entspricht.[31]
Weitere Potenzierungsmaschinen wurden entwickelt von Julius Aegidi (1795 bis 1884) – dem Arzt der Prinzessin Frederika von Preussen – , von Mends aus Wien, der auch eine Verdünnungsmaschine erfand, vom Pariser Apotheker Georges P. F. Weber, der einen Verreiber bauen ließ und ihn „Dynamiseur“ nannte. Webers „Dynamiseur“ konnte gleichzeitig 4 Mörser unter Luftabschluss arbeiten lassen.[29]
Elektrische Rührgeräte
Lock entwickelte ein Verfahren, bei dem die Ausgangssubstanz mit der „Dilutierflüssigkeit“ unter Verwendung eines elektrisch angetriebenen Rührstabes aus Glas zur „Dynamisierung“ potenziert wird. Durch den Rührstab wird die Flüssigkeit sehr intensiv gerührt – Hersteller geben Werte von 2.400 bis 15.000 U/min an. Der Potenzierungsgrad ist dabei abhängig von der Menge der Arzneiflüssigkeit einerseits und der Anzahl der Rührstabumdrehungen andererseits. Die Apparatur nach Lock erzielt 300 Potenzschritte pro Minute, entsprechend 432.000 Potenzschritten pro Tag.[32][33]
Auch der New Yorker Homöopath Bernhardt Fincke (1821–1906) hat im Jahre 1868 eine Maschine zur Herstellung von Korsakow-Potenzen erfunden.[B 4]
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte Fincke ein weiteres maschinelles Potenzierungsverfahren, das wie die Korsakow-Methode mit nur einem Gläschen auskam: Die Fluxionspotenzen.
Fincke ließ seine Erfindung am 24.08.1869 patentieren und gab sie nicht preis. Das Fluxionsverfahren verzichtete auf die konventionelle Verschüttelung, was ihm heftige Kritik einbrachte. Auch ohne genaue Kenntnis des Fincke’schen Fluxionspotenzierers kann man sich heute eine gewisse Vorstellung von der Funktionsweise machen: Thomas Skinner hatte in England ebenfalls einen Fluxionspotenzierer entwickelt und ihn als „Abänderung“ des Apparates von Fincke bezeichnet.[29] Dessen Beschreibung ist erhalten.[34]
Bei einem Fluxionspotenzierer werden die Ausgangssubstanzen mit fließendem Lösungsmittel verdünnt, wobei die dabei entstehenden Verwirbelungen wie eine Verschüttelung wirken sollen. Baur beschreibt dies wie folgt:
Auch die hohen Potenzstufen, die mit der Fluxionsmethode hergestellt werden, sollen eine gute Wirksamkeit zeigen. Nach Kent sei ein Patient mit Sulphur 55M (= C55.000) – als Fluxionspotenz mit dem Apparat von Fincke hergestellt – geheilt worden. Fincke war in seiner New Yorker Praxis sehr beschäftigt und hatte nicht immer Zeit, seine Fluxionsmaschine abzustellen. So lief sie häufig weiter und produzierte Potenzen, die Bezeichnungen trugen wie 33M (= C33.000), 55M (= C55.000), 96M (= C96.000) oder 103M (= C103.000).[29]
In den USA wurden von zahlreichen Homöopathen unterschiedliche Varianten der Fluxionspotenzierer gebaut. Erwähnt werden soll der Apparat von Samuel Swan, der das Verdünnungswasser mit hohem Druck durch enge Röhrchen presste, an deren Ende mehrere kleine Löcher waren. Das Wasser durchlief einen Wasserzähler und zischte dann brausend in das Arzneiröhrchen, wobei die dabei entstehenden Impulse heftiger als die konventionellen ‚Schüttelschläge’ sein sollten.[29]
Der von Baur erwähnte Samuel Swan selbst war von der Wirksamkeit seiner hohen Potenzen überzeugt und glaubte, dass bei den allerhöchsten Potenzen das unbequeme Ähnlichkeitsprinzip nicht mehr beachtet werden müsse.[35]
Thomas Skinner (1825–1906) erfand eine Maschine für das „intermittierende Fluxionsverfahren“. In dieser Maschine…
…erhält das Fläschchen mit der zu verdünnenden Arznei eine bestimmte Menge des Verdünners unter Druck, dann wird es geleert und wieder gefüllt. Ein Zähler gibt jederzeit die Anzahl der erfolgten Verdünnungen an.[29]
Skinner gibt an, dass seine Maschine 50 Potenzen pro Minute, 8.000 Potenzen pro Stunde, 72.000 Potenzen pro Tag, eine 100.000er Potenz (CM) in 33 Stunden und eine 1.000.000er Potenz (MM) in 330 Stunden entsprechend 14 Tagen herstellen konnte.[36][37]
Andere Homöopathen wie Adolf Lippe oder James Tyler Kent hielten Swan für einen Scharlatan. Lippe (1812–1888) kritisierte, dass Swan das Ähnlichkeitsprinzip außer Acht lasse und nannte ihn einen „Flaschenwäscher“ („bottle washer“).[38] Und Kent (1849–1916) schrieb:
Swans Potenzen sind ein Betrug der übelsten Sorte. Ich habe gesehen, wie er sie herstellte und habe daraufhin alle meine Swan-Potenzen weggeworfen.[39][40]
Georg von Keller ist der Meinung, dass sich die Swan’schen Potenzen in der Wirksamkeit nicht von gleichen Potenzen anderer Herstellungsverfahren unterschieden. Er sehe darin den Beweis, dass heilkräftige Potenzen auf vielerlei Art hergestellt werden könnten und dass sich die arzneiliche Kraft unabhängig vom Potenzierungsverfahren bis ins Unendliche fortsetze.[41]
Und Skinner schreibt:
Ich habe Swans Potenzen von der tausendsten bis zur fünfhunderttausendmillionsten angewendet und da, wo ich in der Mittelwahl sorgfältig war, haben sie mich nicht einmal im Stich gelassen.[42]
Potenzierung mit Ultraschall
Das französische Homöopathische Arzneibuch gestattet auch eine Verschüttelung mit Hilfe von Ultraschall.[14]
Ultraschallverschüttelungen nach Haumann und Lindenberg sind im deutschen Homöopathischen Arzneibuch (HAB)[43] jedoch nicht zugelassen.[44]
Die homöopathische Vorstellung des Wirkprinzips
Der Ritus des Schüttelns
Aus der Notwendigkeit, Verdünnungen zu homogenisieren – bei Feststoffen durch Verreibung und bei Flüssigkeiten durch Verschüttelung –, führte Hahnemann den Schüttelvorgang zu einer rituellen Überhöhung, zur „Dynamisierung“, wobei er eine Wirkungsverstärkung tatsächlich zu beobachten glaubte.
Ausgehend von Alltagsbeobachtungen beim Reiben eines „kalten Stahls“ entwickelte Hahnemann seine Vorstellungen zur Wirksamkeit des Reibens. In der 2. Auflage des 6. Bandes seiner „Reinen Arzneimittellehre“ bedient sich Hahnemann eines Analogieschlusses (Hervorhebungen im Original):
Glaubt aber der Alltags Mensch, dass der kalte Stahl, den er aus seiner Tasche zieht, um sich gedankenlos seinen Schwamm anzuglimmen, glaubt er wohl, dass dieser kalte Stahl einen unerschöpflichen Vorrath Hitz-Stoff (in latentem, gebundenem, unentwickeltem Zustande) in sich verborgen hege, welcher durch Reiben sich bloss daraus entwickelt und gleichsam erweckt wird? Nein! er glaubt es nicht und dennoch ist es so. Nur durch Reiben lässt sich dieser unerschöpfliche Vorrath gebundenen Hitz-Stoffes aus den Metallen hervorlocken (…) Das Reiben ist nämlich von so mächtiger Einwirkung, dass nicht bloss die innern physischen Kräfte, wie der Wärme-Stoff, der Geruch, u. s. w. dadurch aus den Natur Körpern erweckt und entwickelt werden, sondern, was man bisher nicht wusste, auch die dynamischen Arznei-Kräfte der natürlichen Stoffe bis zu einem unglaublichen Grade hervorgerufen werden. Ich scheine der erste zu seyn, welcher diese grosse, unerhörte Entdeckung machte, dass die Kraft der rohen Arznei-Stoffe, wenn sie flüssig sind, durch vielmaliges Schütteln mit unarzneilichen Flüssigkeiten, und, waren es trockene Dinge, durch mehrmaliges, anhaltenden Reiben mit unarzneilichen Pulvern, so sehr an intensiver Arzneikraft zunehmen, dass, wenn diese Vorrichtung weit getrieben wird, selbst Substanzen, in denen man im rohen Zustande Jahrhunderte lang keine Arznei-Kraft wahrnehmen konnte, unter dieser Bearbeitung eine Kraft, auf das Befinden des Menschen zu wirken, enthüllen, welche Erstaunen erregt.[45]
Aus physikalischer Sicht ist die Annahme eines „Hitz-Stoffes“, eines „Wärme-Stoffes“ nicht haltbar. Hahnemann baut seine Erklärung auf einem historischen Irrtum auf. Seine Schlussfolgerungen sind aus diesem Grunde logisch ebenfalls nicht haltbar.
Von systematischen Studien Hahnemanns zur Optimierung des Schüttelns oder Verreibens ist nichts bekannt. Hahnemann beobachtete einzelne Erfolge und Misserfolge. In der Hoffnung auf Reproduzierbarkeit der Erfolge schrieb er die vermeintlich erfolgreichen Handlungen als Ritus fest, erkennbar an der Genauigkeit der Vorschriften zur Ausführung und zur Anzahl der Schüttelschläge.
Bevor jedoch Hahnemann eine Wirkungsverstärkung zu beobachten glaubte, handelte er wie alle Chemiker und Apotheker: Er homogenisierte seine Verdünnungen. Seine Wortwahl zur Homogenisierung zeigen, dass es sich dabei ursprünglich nicht um einen Ritus gehandelt hat: Diese frühen Vorschriften zur Homogenisierung sind noch nicht so genau wie seine späteren zur „Dynamisierung“. So schreibt Hahnemann unter anderem von „starkem, anhaltenden Umrühren“,[46] von „innig gemischt“,[47] „durch starkes Umschütteln innig gemischt“,[48] „gleichförmiger und inniger Vermischung“,[49] „Mischungen“,[50] „durch fleißiges Schütteln wohl vereinigt“ und „durch minutenlanges Schütteln innig vereinigt“[51]
Hahnemann definierte die Verschüttelung erst 1821 im 6. Band der Reinen Arzneimittellehre, 1. Auflage mit „zehn Schlägen eines kräftigen Armes von oben herab geschüttelt“.[52]
Bemerkenswert ist, dass Hahnemann selbst seinen Ritus mehrfach geändert hat, was den Sinn eines Ritus konterkariert. Hahnemanns Entwicklung ist in der Tabelle 1 dargestellt. Von Hahnemanns Jüngern und Nachfolgern sind ebenfalls Änderungen am rituellen Verschütteln vorgenommen worden (siehe oben).
Aktuell wenden homöopathische Hersteller völlig unterschiedliche Verschüttelungsverfahren an mit unterschiedlichen Größen der Gefäße. Daneben werden auch Verfahren angewendet, die mit Motorkraft eine manuelle Verschüttelung bei sehr großen Gefäßen imitieren sollen: Diese Gefäße werden auf einem Schlitten gegen eine gepolsterte Wand beschleunigt und dort schlagartig abgebremst.
Einen Eindruck über die Vielfalt der aktuell gebräuchlichen Schüttelverfahren zeigen Videos aus der nachfolgenden beispielhaften und unvollständigen Liste (Alle Links zuletzt abgerufen am 03.10.2017):
https://www.youtube.com/watch?v=hYziBvx6uQU (Schütteln von Hand in großer Flasche)
https://www.youtube.com/watch?v=64GXizFn4lo (Schwenken von Hand in großem Glaskolben) (ab 3:20)
https://www.youtube.com/watch?v=oew8mkV1d6Q&t=4m02s (Schütteln von Hand, kleine Flasche auf Lederkissen) (ab 4:05)
https://www.youtube.com/watch?v=ITzmHyPb9TQ (Schütteln von Hand, Glasröhrchen auf Buch mit Ledereinband)
https://www.youtube.com/watch?v=2YC9d7yQArI (Schütteln von Hand, kleine Flasche in Handteller)
https://www.youtube.com/watch?v=g2WyhsnyPcI (Schüttelmaschine, Schwingarm)
https://www.youtube.com/watch?v=dWzX_rT9a-o&t=3m40s (Schüttelmaschine, Schwingarm) (ab 3:40)
https://www.youtube.com/watch?v=Zj2_MIPpZus (Potenziermschine, Schwingarm)
https://www.youtube.com/watch?v=iGua-wdVtuQ (Vibrationspotenziermaschine)
https://www.youtube.com/watch?v=P1Ioi3xIWHs (bei 4:47 Schlagen gegen ein Buch, bei 6:00 Rührmaschine, bei 7:02 Potenziermaschine)
https://www.youtube.com/watch?v=ReqsIM_fahg (Schütteln auf ein Lederkissen)
Bei der kommerziellen Herstellung der Homöopathika werden viele unterschiedliche Schüttel-Methoden angewandt, die weit entfernt sind von Hahnemanns Methoden. Es wird deutlich, dass Hahnemann sein Ziel, eine qualitätsbestimmende und qualitätssichernde Vorschrift zu installieren, nicht erreicht hat. Es gibt eine Vielzahl von „Riten“, die sich deutlich voneinander unterscheiden und dennoch für sich in Anspruch nehmen, erfolgreich zu sein. Wenn aber der Ritus der Verschüttelung qualitätsbestimmend wäre, dann könnten nicht unterschiedliche Riten zu gleichen Ergebnissen hinsichtlich der Qualität führen. Es herrscht Methodenwillkür in der Homöopathie, weit entfernt von Hahnemanns „Macht's nach, aber macht's genau nach“.[53]
Moderne Interpretation durch Homöopathen
Hahnemann war der Ansicht, mit der Methode „Schütteln“ eine „geistartige Arzneikraft“ vom Arzneimolekül lösen und getrennt weiter bearbeiten zu können. Weitere Eigenschaften des Schüttelprozesses glaubt beispielsweise Georg Wilhelm Maag erkennen zu können. Er schreibt:
Aus den meist in der „Zeitschrift für Klassische Homöopathie" von mir gegebenen Veröffentlichungen sind folgende Zusammenhänge bei den Weltgesetzen zu entnehmen:
Es erscheint das tatsächliche Vorhandensein der dritten Sonnenstrahlung als die Lebensstrahlung oder Lebenskraft, eine selbständige Quantenenergie.
Durch die menschlich-rhythmische Tätigkeit des Schütteins werden zwei Strahlungen eingearbeitet, eben die Lebenskraft sowie eine zweite polare Kraft, was von Hahnemann als verstärkte Belebung durch längeres Schütteln gegeben wurde.
Die fertigen Potenzen weisen bei Wiederholung der Versuche an verschiedenen Tagen Zusammenhänge mit den Vorgängen am Sternenhimmel auf.
Die individuellen Eigenschaften der einzelnen Verdünnungsstufen geben sich nach mehreren Methoden in gleicher Weise zu erkennen.
Die beste Schüttelzeit mit harmonischen Wirkungen der Potenzen läßt sich nach den Befunden vom Verfasser und anderer Forscher experimentell erfassen.
Der Rhythmus des Schüttelns durch einen harmonischen Menschen ist bei Verwendung einer dem Körper angemessenen Menge von 50 bis 100 g ein solcher des Pulsschlages.
Die Lebensbestrahlung der Sonne, erweitert durch die erwähnte zweite, polare Kraft, die sich, was noch weiter ausgeführt werden soll, in den B-Vitaminen vorfindet und die gemeinsam mit jener als der „Baum des Lebens" von mir erkannt werden, sind es, von denen die Menschheit seit Anfang lebt. …
Maag führt als Quellen eigene Aufsätze an, die er in diversen Zeitschriften veröffentlicht hat, darunter Klassische Homöopathie und Allgemeine Homöopathische Zeitung.[54] Wissenschaftliche Belege oder konkretere Bezüge zur Quantenphysik bleibt er schuldig.
Zurück zu Hahnemanns Vorstellung, es gäbe eine „geistartige Arzneikraft“, die auf diese Weise eine eigenständige Existenz unabhängig von Materie habe. Diese Vorstellung führt zu Widersprüchen und wirft eine Reihe von Fragen auf.
Es stellt sich die Frage, warum die „geistartige Arzneikraft“ bis zum Schüttelprozess an die Materie des Arzneimoleküls fest gebunden ist. Weiter muss gefragt werden, wie ein physikalischer Prozess wie das Einbringen einer sehr kleinen Energiemenge beim Schütteln in der Lage sein soll, „die geistartige Arzneikraft“ vom Arzneimolekül zu trennen. Es gibt auch keine Vorstellung darüber, ob und wie die „geistartige Arzneikraft“ nach der Trennung ohne das Arzneimolekül existieren oder ob es sich ohne „Zwischenschritt“ an Moleküle des Verdünnungsmittels binden kann. Und es bleibt die Frage, wie die „geistartige Arzneikraft“ stärker werden kann, wenn das Verdünnungsmittel – als Trägerlösung der „geistartigen Arzneikraft“ – beim Verdünnungsvorgang durch ein Verdünnungsmittel ersetzt wird, das bislang noch keinen Kontakt zur „geistartigen Arzneikraft“ hatte. Wenn die „geistartige Arzneikraft“ aber unabhängig vom Verdünnungsgrad bei jedem Schüttelvorgang stärker wird, erhebt sich die Frage, warum – zumindest jenseits der Avogadrogrenze – weitere Verdünnungsschritte durchgeführt werden, wenn sie weder auf die materiellen Arzneimoleküle Einfluss haben können noch auf die „geistartige Arzneikraft“. Sollten jedoch die Verdünnungsschritte die „geistartige Arzneikraft“ schwächen können, sodass diese durch den anschließenden Schüttelprozess wieder gestärkt werden muss, dann erhebt sich die Frage, warum so viele kombinierte Abschwächungs-/Stärkungsschritte (Verdünnungs-/Schüttelschritte) durchgeführt werden, wenn sie sich gegenseitig aufheben. Andererseits: Wenn die Verdünnungsschritte als notwendig erachtet werden, weil andernfalls die alleinigen Schüttelprozeduren die „geistartige Arzneikraft“ zu stark werden lassen, dann muss man fragen, warum man nicht auf viele Schüttelschläge verzichtet, anstatt sie nach dem Schütteln wieder abzuschwächen.
Unabhängig von diesen Fragen gibt es auch keine Vorstellung darüber, ob eine von Materie losgelöste „geistartige Arzneikraft“ sich erneut an Materie binden kann. Wenn dazu Schüttelschläge notwendig sein sollten, dann ist immer noch nicht geklärt, wie die „geistartigen Arzneikräfte“ in einem zweiten Vorgang ohne Schüttelschläge von der Verdünnungslösung auf die Globuli gelangen.
Energetische Erklärungen führen nicht weiter: Energie ist materiell.
Auch eine Erklärung über das Prinzip „Information“ ist nicht denkbar. Wenn auch „Information“ selbst immateriell ist, so ist sie doch untrennbar an Materie gebunden. Es sind „feste Adressen“ notwendig, die auch bekannt sein müssen, damit Informationen „geschrieben“ und „gelesen“ werden können. Mit Adressen, die sich ändern und dadurch unbekannt bleiben, kann man Informationen nicht nutzen.
Das vielfach genannte „Wassergedächtnis“ ist nicht stabil: Die Wasserstoffbrückenbindungen änderen ihre Struktur etwa eine Billion mal pro Sekunde.[55] Ganz unerklärlich bleibt auch, wie die Information dann ohne das zur Erklärung notwendige Wassergedächtnis von der homöopathischen Arzneilösung an die Globuli übertragen werden kann.
Im letzten Schritt müsste dann auch entweder die „geistartige Arzneikraft“ oder die materielle Information der immateriellen „geistartigen Arzneikraft“ in den Körper der Erkrankten gelangen und dort den Gesundungsprozess einleiten können. Wie beeinflusst der „Geist“ der Arznei die „Materie“ des Körpers? Im Falle einer informationstheoretischen Erklärung stellt sich die Frage, woher der Körper der Patienten „weiß“, an welchen „Adressen“ die für ihn notwendigen Informationen zu finden wären, sollten sie denn vorhanden sein können.
Eine Erklärung zur Wirkungsweise des Schüttelvorganges liegt nicht vor und stünde mit unserem bis heute gesichertem Wissen in einem absoluten Widerspruch.
Wissenschaftliche Schlussbetrachtung
Der Ursprungsgedanke der Homöopathie war das „Ähnlichkeitsprinzip“, dem die Homöopathie auch ihren Namen verdankt. Zur Erklärung griff Hahnemann auf die damals verbreitete Philosophie des „Vitalismus“ zurück und entwickelte ein Erklärungsmodell, das unterstellte, ein Körper könne nicht zwei ähnliche Krankheiten gleichzeitig haben. Ohne Belege für diesen Gedanken postulierte Hahnemann, der Körper würde sich von der natürlichen Krankheit trennen, sobald er mit einer ähnlichen, stärkeren, aber kürzer anhaltenden Kunstkrankheit konfrontiert werde.
Hahnemann begründet seine Ideen lediglich mit seiner Beobachtung:
Ich fordere gar keinen Glauben dafür und verlange nicht, dass dies jemandem begreiflich sei. Auch ich begreife es nicht; genug aber, die Tatsache ist so und nicht anders. Bloß die Erfahrung sagt’s, welcher ich mehr glaube als meiner Einsicht.[56]
Diese Beobachtungen führten nun zu einer Reihe von Modifikationen durch Hahnemann selbst und durch seine Kollegen und Nachfolger.
Aus der Beobachtung von Überdosierungsfolgen entwickelte sich das Prinzip zunehmender Verdünnungen. Der Forderung an die Arzneimittel, homogen (von gleichmäßiger Konzentration) zu sein, kam Hahnemann durch das bereits bekannte Prinzip der Verreibungen bei Feststoffen und Verschüttelungen bei Flüssigkeiten nach. Und aus dem Dilemma heraus, homöopathische Arzneimittel müssen zugleich stark in der (positiven) Heilungswirkung und schwach in der (negativen) Schädigungswirkung durch Überdosierung sein, entwickelte sich die Überhöhung des Homogenisierungsprozesses zum „Dynamisierungsprozess“.
Die sich anschließende Entwicklung der Anwendungsvorschriften ist eine beispielhafte Geschichte von Irrtümern und Fehlschlüssen. Selbstverständlich hat Hahnemann „Erfolge“ bei seinen Behandlungen gesehen. Er hat aber zweifellos auch Misserfolge und Fehlschläge gesehen – Baur berichtet darüber. Fehlschläge veranlassten Hahnemann, seine Vorschriften zu ändern.
Beim Auftreten unerwünschter Wirkungen wurde in der Folge die Verdünnung vorangetrieben und die Zahl der Schüttelschläge auf zwei reduziert. Bei ausbleibendem Erfolg wurde die Zahl der Schüttelschläge wieder erhöht, zunächst auf 10, dann auf 20, 50 und auf 100 in den Q-Potenzen.
Korsakow änderte den Verdünnungsprozess und führte das sparsame Einglasverfahren ein. Korsakow führte aber auch die Dynamisierung von Globuli – also festen Arzneistoffen – ein. Dabei schüttelte er „eine Minute“ – ohne Angabe einer festen Zahl. Jenichen behandelte seine Verdünnungen und Dynamisierungen unabhängig voneinander. Er verschüttelte seine Arzneien 10 mal, 12 mal, 30 mal oder „viele tausend“ Mal. Mechanische Potenziermaschinen verschüttelten mechanisch – 35.000 Schüttelschläge pro Verdünnungsstufe bei Mure – oder mit Hilfe eines mehr oder weniger schnell laufenden elektrischen Rührstabes. Fluxionsverfahren verdünnten und „verschüttelten“ gleichzeitig, indem die Turbulenzen in der strömenden Verdünnungslösung zu geeigneten Potenzierungsmaßnahmen erklärt wurden. Und selbst vollkommen zufällige Verschüttelungen, die frei sind von jedwedem Ritual – natürliche Verschüttelungen beim Transport – wurden zu wirksamen Dynamisierungen erklärt: Hahnemann bescheinigt in einer Anmerkung zum § 270 der 5. Auflage des „Organons“ „Homöopathikern“ (also homöopathisch tätigen Ärzten), die ihre homöopathischen Arzneien in flüssiger Form mit sich herumtragen und behaupten, sie hätten eine Höherpotenzierung nicht bemerkt, sie hätten keinen „genauen Beobachtungs-Geist“.[57]
Über allem aber schwebt Hahnemanns Ausspruch:
Macht’s nach, aber macht’s genau nach…[53]
Obwohl Hahnemanns Forderung weder von ihm selbst noch von seinen Zeitgenossen oder Nachfolgern erfüllt wurde, haben alle Homöopathen offenbar die gleiche Beobachtung gemacht: Sie haben Erfolge und Misserfolge gesehen. Sie haben Zufallsergebnisse gesehen, aber sie haben den Zufall nicht erkannt. Die Modifikationen in den Verdünnungen und Dynamisierungen sind die Antworten auf diese Zufallsergebnisse.[B 5][B 6]
Außerdem ist es nicht nachvollziehbar, warum Hahnemann auf Ritualen beim Potenzierungsprozess bestand, wenn Abänderungen des Rituals, ja sogar Weglassen des Rituals – ein zufälliges Schütteln bei jedem alltäglichen Transport ist kein Ritual – keine Auswirkungen auf Erfolg oder Misserfolg haben.
Und letztendlich unterscheiden sich homöopathische Arzneien, die auf dem Transportweg ritualfrei „potenziert“ werden, in keiner Weise mehr von allen anderen Substanzen, die auch heute noch tagtäglich ritualfreien Transporterschütterungen ausgesetzt sind. Eine Wirkungsverstärkung durch Transporterschütterungen ist bei unseren Transportgütern niemals beobachtet worden. Sie können deshalb auch nicht bei homöopathischen Arzneimitteln beobachtbar sein, die sich in dieser Hinsicht von den normalen und unvermeidbaren Erschütterungen anderer Transportgüter nicht unterscheiden.
Hahnemann, seine Zeitgenossen und Nachfolger haben Zufallsergebnisse beobachtet. Sie haben diese Ergebnisse jedoch nicht für zufällig, sondern für systematisch gehalten. Die Geschichte der Modifikationen ist eine Geschichte der Suche nach dieser Systematik. Jede Änderung der Vorschriften ist ein Beleg dafür, dass diese Systematik nicht gefunden wurde und nach derzeitigem Kenntnisstand der Physik auch nie gefunden werden kann.[58][B 7] Implizit geben die Homöopathen das auch zu: Die Lehrbarkeit der Homöopathie wird auch von Homöopathen als problematisch angesehen.
Nach erfolgter Auswahl der passenden homöopathischen Arznei sind die geeignete Form der Arzneiapplikation, die Potenzart und -höhe sowie die Dosierung festzulegen. Die in der Literatur niedergeschriebenen und in den Weiterbildungskursen gegebenen Anweisungen hierfür sind sehr unterschiedlich, je nach persönlicher Erfahrung des Arztes. Daraus resultiert eine gewisse Unübersichtlichkeit, die dem Anfänger die Orientierung erschwert.[21]
Die Suche der Homöopathen nach Systematik, nach Übersichtlichkeit und Orientierung muss erfolglos bleiben: Homöopathisch erzielte Behandlungsergebnisse sind letztendlich Zufallsprodukte. Aber solange Homöopathen diese Möglichkeit aus ideologischen Gründen ausschließen, werden sie sie nicht erkennen können.
↑ Gesamtregister der Zeitschrift für klassische Homöopathie 1957 bis 2014 (PDF, aufgerufen am 01. Februar 2018)
↑ Schilsky, Benno: „Gedanken eines homöopathischen Arztes bei seinem 75. Geburtstag“, in: Allgemeine Homöopathische Zeitung 217.01 (1972): 3-5.
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Zitiert nach Dellmour, F.: „Die Entwicklung der Potenzierung bei Samuel Hahnemann“. Homöopathie in Österreich 3.4 (1992): 132-144. S. 236
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Zitiert nach Dellmour, F.: „Die Entwicklung der Potenzierung bei Samuel Hahnemann“. Homöopathie in Österreich 3.4 (1992): 132-144.
↑ Hahnemann, Samuel: „Organon der rationellen Heilkunde.“ (1810) Faksimileausgabe der 1. Auflage mit den handschriftlichen Änderungen Hahnemanns zur 2. Auflage. Stuttgart 1976, § 251:203
↑ Hahnemann, Samuel: „Organon der rationellen Heilkunde.“ (1810) Faksimileausgabe der 1. Auflage mit den handschriftlichen Änderungen Hahnemanns zur 2. Auflage. Stuttgart 1976, § 250:203
↑ Hahnemann, Samuel: „Reine Arzneimittellehre.“ 1. Auflage. Bände 1 – 6 (1811 – 1821) Bd. 2: 67 - 68
Zitiert nach Dellmour, F.: „Die Entwicklung der Potenzierung bei Samuel Hahnemann“. Homöopathie in Österreich 3.4 (1992): 132-144. S. 234
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↑ 53,0 53,1 Hahnemann, Samuel: „Reine Arzneimittellehre. Teil 1-6“, Arnold, Dresden, (1830), 3. vermehrte. Aufl., Dritter Theil, 272, ISBN: 9781499515688
↑ Maag, G. W.: „Befunde bei der wissenschaftlich-homöopathischen Forschung“, in: Zeitschrift für klassische Homöopathie 15.04 (1971), Seite=177-178.
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↑ Hahnemann, S.: „Organon der Heilkunst“. 5. verbesserte und vermehrte Auflage. Dresden und Leipzig (1829): § 270
↑ Stellungnahme des European Academies Science Advisory Council (EASAC, die Dachorganisation der europäischen Wissenschaftsakademien) zur Homöopathie (PDF, aufgerufen am 28. September 2017)
↑ In der Quelle steht tatsächlich „Ausrufen“.
↑ Originalzitat: „Eine schwächere dynamische Affection wird im lebenden Organism von einer stärkern dauerhaft ausgelöscht, wenn diese (…) jener sehr ähnlich in ihrer Aeußerung ist.“
↑ Kyrillisch: Семён Николаевич Корсаков. In vielen älteren Quellen finden sich heute unübliche Transkriptionen wie „Korsakof“ oder „Korsakoff“. Die Homöopaedia schreibt „Korsakow“ und behält nur in wörtlichen Zitaten die Schreibweise der jeweiligen Textquelle bei.
↑ Die Fincke-Maschinen und die Korsakow-Potenzen werden in einem Kapitel des Artikels C-Potenzen im Kontext der „traditionellen“ Potenzierung beschrieben. Dorthin führt dieser Link.
↑ Dass Zufallsereignisse zur Ausprägung verschiedenster Verhaltensmuster führen, hat beispielsweise Burrhus Frederic Skinner mit seinen Taubenexperimenten eindrucksvoll vorgeführt. Burrhus Frederic Skinner ist trotz Namensähnlichkeit nicht identisch mit dem im Artikel erwähnten Entwickler der Fluxationsmaschine, Thomas Skinner. Bereits vor diesen Experimenten war bekannt, dass Tiere über positive Verstärkung bestimmte Verhaltensweisen erlernen können (z. B. Ausführen einer Handlung führt zum Zugang zu Futter). Bei Skinner bekamen Tauben unabhängig von ihrem Verhalten stets alle 15 Sekunden Futter. Die Tiere entwickelten feste und für jedes Tier andere Verhaltensweisen, die sie zwischen den Futtergaben wiederholt ausführten. Das Experiment ist in diesem Vortrag beschrieben (PDF, aufgerufen am 28. September 2017)
Für die ärztliche Praxis hat der Arzt und Philosoph Uwe Heyll hier den Begriff der „performativen Täuschung“ verwendet: Der Homöopath, der seine Handlungen als zweckrationale Maßnahme versteht, wird alle Besserungen seiner Patienten auf seine Handlungen zurückführen und diese Handlungen deshalb beim nächsten Patienten wiederholen. (U.Heyll: „Franz Anton Mesmer, Benjamin Franklin und die Geburt der alternativen Medizin“, in: N. Schmacke: "Der Glaube an die Globuli", Suhrkamp 2015, ISBN: 978-3-518-46639-1)
↑ Die Ritualhaftigkeit des homöopathischen Verschüttelns hat unmittelbare Auswirkungen auf die Bedeutung des Festlegens einzelner Vorschriften, wie sie beispielsweise im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) erfolgt: QM (Qualitätsmangement) hebt immer nur auf gleichbleibende Qualität ab und es gibt keinen Automatismus, dass damit gute Qualität gesichert ist. So ist es auch mit der Homöopathie: in Ermangelung jedweder Nachweise für die Zweckhaftigkeit eines bestimmten Rituals oder die Wirksamkeit der in dieser Weise gefertigten Präparate macht es wenig Sinn (von der geforderten Sauberkeit beim Produktionsvorgang abgesehen) auf gleichbleibende „Qualität“ abzuheben. Eine anschauliche Analogie sind Rettungsringe aus Beton: Wenn man Rettungsringe aus Beton gießt und den Prozess in einem QM-Handbuch minutiös beschreibt, dann werden die Beton-Rettungsringe mit gleichbleibender Qualität gebaut. Retten kann man damit niemanden: Die Ringe sind schwerer als Wasser und sinken mitsamt dem Schiffbrüchigen sofort.
↑ Originalzitat: „… we conclude that the claims for homeopathy are implausible and inconsistent with established scientific concepts.“
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References: § 36
 § 38
 § 43
 § 9
 § 11
 § 11
 § 269
 § 270
 § 34
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 §26
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 §38
 §43
 § 312
 § 9
 § 11
 § 269
 § 270
 § 252
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 § 250
 § 270