Source: http://www.philosophisches-lesen.de/kant/1783.1.html
Timestamp: 2019-03-23 10:25:35+00:00

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VZ100: Der Zustand der Metaphysik ist bedauernswert. Den denkenden Leser können diese Prolegomena davon überzeugen, dass die Metaphysik einer völligen Reform bedarf. Der Beitrag Humes hätte eine Neugründung der Metaphysik hervorgerufen, hätte man ihn nur verstanden. Er warf das Problem der Verknüpfung von Ursache und Wirkung auf und entdeckte, sie kann nicht in der Erfahrung gründen. Die Verallgemeinerung dieses Problems überwindet auch Humes Skeptizismus und gibt der künftigen Metaphysik eine feste Grundlage. Dies tut die Kritik der reinen Vernunft, die als neues, einzigartiges, abstraktes und schulgerechtes Werk schwerverständlich sein muss. Die Prolegomena stellen seinen Plan verständlicher dar und bieten eine Übersicht.
Vorerinnerung von dem Eigentümlichen aller metaphysischen Erkenntnis
VZ100: Die Quelle der Metaphysik (wie der Mathematik) ist nicht die Erfahrung. Nach der Erkenntnisart lassen sich die Urteile [=Aussagen] in analytisch (erläuternd, sich allein aus dem Satz des Widerspruchs ergebend), und synthetisch (erweiternd) einteilen. Während alle analytischen Urteile a priori sind, gibt es synthetische Urteile a priori (darunter die der Mathematik und der Metaphysik) und a posteriori (darunter alle Erfahrungsurteile). Die Frage nach der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori wurde bisher übersehen, bei Hume für unlösbar gehalten. Von ihrer Antwort hängt aber die Existenz jeder künftigen Metaphysik ab. Diese Frage wird ausgehend von Erkenntnissen a priori der reinen Mathematik und Naturwissenschaft aufgelöst.
Gliederung (Paragraphen)
Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik die als Wissenschaft wird auftreten können 152 S.
[Einleitung] 11 S.
Vorerinnerung von dem Eigentümlichen aller metaphysischen Erkenntnis 18 S.
§ 1. Von den Quellen der Metaphysik 1 S. Die Wissenschaften unterscheiden sich in dem Objekt, der Erkenntnisquelle oder der Erkenntnisart. Zweierlei Erkenntnis nach der Quelle: empirisch (aus Erfahrung); rein (jenseits der Erfahrung). Empirisch sind Physik (äußere Erfahrung) und Psychologie (innere Erfahrung), rein sind Metaphysik (reine philosophische Erkenntnis) und reine Mathematik.
§ 2. Von der Erkenntnisart, die allein metaphysisch heißen kann 6 S. Zweierlei Urteile [=Aussagen]: analytisch (erläuternd) und synthetisch (erweiternd). Analytische (auch empirische) Urteile beruhen auf dem Satz des Widerspruchs und sind a priori. Nur synthetische Urteile fügen Kenntnisse hinzu. Die mathematischen und die metaphysischen Urteile sind synthetisch a priori. Die Metaphysik erzeugt Erkenntnisse a priori sowohl der Anschauung als den Begriffen nach.
§ 3. Anmerkung zur allgemeinen Einteilung der Urteile in analytische und synthetische 2 S. Diese Einteilung haben die dogmatischen Philosophen (Wolff, Baumgarten) übersehen, weil sie die Quelle der Metaphysik in ihrer selbst angenommen haben. Locke ahnte es, aber Hume schritt zurück, indem er implizit der Mathematik analytische und der Metaphysik synthetische Sätze zuschrieb. Bisher blieb diese für jede Kritik des Verstands unentbehrliche Einteilung unerkannt.
§ 4. Der Prolegomenen Allgemeine Frage, ist überall Metaphysik möglich? 3 S. Eine Wissenschaft der Metaphysik gibt es bisher nicht. Aus dem Überdruss an der dogmatischen wie skeptischen Maßlosigkeit entsteht die Frage: Ist Metaphysik überhaupt möglich? Die Kritik der reinen Vernunft geht diese Frage streng wissenschaftlich ein. Die Prolegomena zeigen deren Antwort verständlicher an ausgehend von der Existenz der reinen Mathematik und Naturwissenschaft.
§ 5. Prolegomena. Allgemeine Frage, wie ist Erkenntnis aus reiner Vernunft möglich? 6 S. Es geht um die Frage nach der Möglichkeit synthetischer Sätze a priori, eine schwierige, wichtige Aufgabe, die Hume für unmöglich hielt, die die Transzendentalphilosophie hervorbringt und die Metaphysik begründet. Ausgehend von Erkenntnissen a priori der reinen Mathematik und Naturwissenschaft geht man die Frage nach der Metaphysik überhaupt und als Wissenschaft ein.
Textgrundlage: Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden. Hg. Weischedel. WBG, Darmstadt, 1983. Bd. III, S. 109-264. Inhaltsangabe VZ50 ist unsere.
Diese Prolegomena sind für diejenigen Gelehrten geschrieben, die sich darum bemühen, die eigene Philosophie weiterzuentwickeln, und nicht für diejenigen Gelehrten, die das von anderen Hervorgebrachte nur wiedergeben und nie etwas Neues schaffen, ja nicht einmal das Neue als solches erkennen können.
Sie [die bloß nachahmenden Gelehrte] müssen warten, bis diejenigen, die aus den Quellen der Vernunft selbst zu schöpfen bemühet sind, ihre Sache werden ausgemacht haben, und alsdenn wird an ihnen die Reihe sein, von dem Geschehenen der Welt Nachricht zu geben.
Die Absicht des Autors ist, die sich mit Metaphysik beschäftigen, davon zu überzeugen, dass man in ihr nicht weiter arbeiten kann, bis die Frage nach ihrer Möglichkeit aufgeklärt ist.
Die Metaphysik befindet sich in einem bedauernswerten Zustand. Sie tut so, als wäre sie eine Wissenschaft, und doch kommt sie nicht von der Stelle. Sie kennt keinen Maßstab, die besten Köpfe laufen davon. So kann es nicht weiter gehen.
[Rhetorisch interessanter Absatz] { }
Ist sie [die Metaphysik] Wissenschaft, wie kommt es, daß sie sich nicht, wie andre Wissenschaften, in allgemeinen und daurenden Beifall setzen kann? Ist sie keine, wie geht es zu, daß sie doch unter dem Scheine einer Wissenschaft unaufhörlich groß tut, und den menschlichen Verstand mit niemals erlöschenden, aber nie erfüllten Hoffnungen hinhält? Man mag also entweder sein Wissen oder Nichtwissen demonstrieren, so muß doch einmal über die Natur dieser angemaßten Wissenschaft etwas Sicheres ausgemacht werden; denn auf demselben Fuße kann es mit ihr unmöglich länger bleiben. Es scheint beinahe belachenswert, indessen daß jede andre Wissenschaft unaufhörlich fortrückt, sich in dieser, die doch die Weisheit selbst sein will, deren Orakel jeder Mensch befrägt, beständig auf derselben Stelle herumzudrehen, ohne einen Schritt weiter zu kommen. Auch haben sich ihre Anhänger gar sehr verloren, und man siehet nicht, daß diejenigen, die sich stark genug fühlen, in andern Wissenschaften zu glänzen, ihren Ruhm in dieser wagen wollen, wo jedermann, der sonst in allen übrigen Dingen unwissend ist, sich ein entscheidendes Urteil anmaßt, weil in diesem Lande in der Tat noch kein sicheres Maß und Gewicht vorhanden ist, um Gründlichkeit von seichtem Geschwätze zu unterscheiden.
Gegen das Fragen nach der Möglichkeit einer Wissenschaft (das Zweifel an derer Wirklichkeit voraussetzt) sind Widerstände seitens derjenigen, die sie gegenwärtig betreiben, abzusehen. [etwas verbittert?]
Den denkenden Leser können diese Prolegomena davon überzeugen, dass es die Metaphysik als Wissenschaft nicht gibt und dass sie einer völligen Reform bedarf.
Der Angriff David Humes hätte eine entscheidende Wende in der Metaphysik hervorrufen können, hätte nur jemand mit seinem Funken ein Feuer angezündet.
Hume behandelte hauptsächlich [vgl. Hintergrund!] die Verknüpfung von Ursache und Wirkung und lieferte einen unwiderlegbaren Beweis dafür, dass sie a priori mit Vernunftbegriffen nicht denkbar ist (weil es sich aus dem Dasein von etwas die Notwendigkeit des Daseins von etwas anderem nicht ergibt).
Daraus schloss er aber auch die übereilte, unrichtige Folgerung, dass der Begriff dieser Verknüpfung unzulässig und reine Erdichtung sei.
[Anmerkung] { }
Den Namen Metaphysik behält trotzdem Hume für seine Philosophie.
Hume sah von seinem Ansatz nur den negativen Nutzen, nicht den positiven Schaden. { }
Der negative Nutzen besteht in der Mäßigung der übertriebenen Ansprüche der spekulativen Vernunft.
Der positive Schaden besteht darin, der Vernunft die wichtigsten Aussichten wegzunehmen. Auf diesen Aussichten basiert die Vernunft, um dem Willen das höchste Ziel vorzuschreiben.
Aus der Arbeit Humes hätte eine Reform der Wissenschaft entspringen müssen, hätte man sich nur damit auseinandergesetzt. Er wurde aber nicht verstanden.
Man kann | es, ohne eine gewisse Pein zu empfinden, nicht ansehen, wie so ganz und gar seine [Humes] Gegner Reid, Oswald, Beattie, und zuletzt noch Priestley, den Punkt seiner Aufgabe verfehlten, und, indem sie immer das als zugestanden annahmen, was er eben bezweifelte, dagegen aber mit Heftigkeit und mehrenteils mit großer Unbescheidenheit dasjenige bewiesen, was ihm niemals zu bezweifeln in den Sinn gekommen war, seinen Wink zur Verbesserung so verkannten, daß alles in dem alten Zustande blieb, als ob nichts geschehen wäre.
Die Gegner Humes missverstanden ihn. Er hielt den Begriff der Ursache durchaus für nützlich, gar unentbehrlich. Er machte nur darauf aufmerksam, dieser Begriff stamme nicht aus der Vernunft a priori und sei nicht von aller Erfahrung unabhängig.
Die Berufung auf den gemeinen Menschenverstand war nur ein bequemes Mittel, um Hume zu trotzen, ohne tief in die Natur der Vernunft eindringen zu müssen.
In der Tat ist’s eine große Gabe des Himmels, einen geraden (oder, wie man es neuerlich benannt hat, schlichten) Menschenverstand zu besitzen. Aber man muß ihn durch Taten beweisen, durch das Überlegte und Vernünftige, was man denkt und sagt, nicht aber dadurch, daß, wenn man nichts Kluges zu seiner Rechtfertigung vorzubringen weiß, man sich auf ihn, als ein Orakel beruft. Wenn Einsicht und Wissenschaft auf die Neige | gehen, alsdenn und nicht eher, sich auf den gemeinen Menschenverstand zu berufen, das ist eine von den subtilen Erfindungen neuerer Zeiten, dabei es der schalste Schwätzer mit dem gründlichsten Kopfe getrost aufnehmen, und es mit ihm aushalten kann.
Hume hatte natürlich sehr wohl Menschenverstand, nur auch eine kritische Vernunft dazu!
Die Erinnerung [=Mahnung, s. u.] des David Hume gab der Forschung Kants eine neue Richtung.
Ich gestehe frei: die Erinnerung des David Hume war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach, und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andre Richtung gab.
Die von Hume gezogene Folgerung ist jedoch ein Irrtum, der sich daraus ergibt, sich die Aufgabe nicht im Ganzen vorzustellen.
Es geht darum, den Gedanken Humes weiterzuführen.
Kant beschreibt den gelaufenen Weg. { }
Das Humesche Problem: Möglichkeit der Verknüpfung von Ursache und Wirkung.
Das erweiterte Humesche Problem: Möglichkeit aller metaphysischen Verknüpfungen.
Der Verstand denkt a priori viele Verknüpfungen. Alle entstehen aus einem einzigen Prinzip.
Versucht wird die Deduktion dieser Begriffe. Sie ist „das Schwerste, das jemals zum Behuf der Metaphysik unternommen werden konnte” und muss ohne die Metaphysik (die sie selbst fundiert) auskommen.
Die Auflösung des erweiterten Humeschen Problems ermöglichte es, die reine Vernunft vollständig zu bestimmen. Darauf kann die Metaphysik fußen.
Ich besorge aber, daß es der Ausführung des Humischen Problems in seiner möglich größten Erweiterung | (nämlich der Kritik der reinen Vernunft) eben so gehen dürfte, als es dem Problem selbst erging, da es zuerst vorgestellt wurde. Man wird sie unrichtig beurteilen, weil man sie nicht versteht; man wird sie nicht verstehen, weil man das Buch zwar durchzublättern, aber nicht durchzudenken Lust hat; und man wird diese Bemühung darauf nicht verwenden wollen, weil das Werk trocken, weil es dunkel, weil es allen gewohnten Begriffen widerstreitend und überdem weitläuftig ist.
Die Kritik der reinen Vernunft ist die Lösung des erweiterten Humeschen Problems. Man wird sie (wie einmal das Problem selbst) nicht verstehen.
Von einer Kritik der reinen Vernunft soll man Allgemeinverständlichkeit nicht erwarten, da sie den strengen Regeln einer schulgerechten Genauigkeit folgen muss. Dass man wegen des großen Umfangs die Übersicht verlieren kann, versucht man mit den Prolegomena zu beheben.
Die Kritik der reinen Vernunft ähnelt nichts, was man bisher gesehen hätte.
Allein diese Prolegomena werden ihn dahin bringen, einzusehen, daß es eine ganz neue Wissenschaft sei, von | welcher niemand auch nur den Gedanken vorher gefaßt hatte, wovon selbst die bloße Idee unbekannt war, und wozu von allem bisher Gegebenen nichts genutzt werden konnte, als allein der Wink, den Humes Zweifel geben konnten, der gleichfalls nichts von einer dergleichen möglichen förmlichen Wissenschaft ahndete, […]
Das Bild der Metaphysik als eines Schiffes. [Es folgt unmittelbar dem vorigen Zitat.]
[…] sondern sein [Humes] Schiff, um es in Sicherheit zu bringen, auf den Strand (den Skeptizism) setzte, da es denn liegen und verfaulen mag, statt dessen es bei mir darauf ankommt, ihm einen Piloten zu geben, der nach sicheren Prinzipien der Steuermannskunst, die aus der Kenntnis des Globus gezogen sind, mit einer vollständigen Seekarte und einem Kompaß versehen, das Schiff sicher führen könne, wohin es ihm gut dünkt.
Da diese Wissenschaft völlig neu und einzigartig ist, soll man sie nicht mit alten Denkgewohnheiten beurteilen, wozu man allerdings neigt. Man sieht statt des Neuen nur alte bekannte Dinge.
[…] nur, daß einem alles äußerst verunstaltet, widersinnisch und kauderwelsch vorkommen muß, weil man nicht die Gedanken des Verfassers, sondern immer nur seine eigene, durch lange Gewohnheit zur Natur gewordene Denkungsart dabei zum Grunde legt.
Nicht jeder besitzt den Stil Humes oder Mendelssohns. Auf Popularität wurde zugunsten der Wissenschaftlichkeit verzichtet.
Bei der Kritik der reinen Vernunft ging es nicht um einen bloßen Plan, sondern um einen ausgereiften Inhalt.
Pläne machen ist mehrmalen eine üppige, prahlerische Geistesbeschäftigung, dadurch man sich ein Ansehen von schöpferischem Genie gibt, indem man fodert, was man selbst nicht leisten, tadelt, was man doch nicht besser machen kann, und vorschlägt, wovon man selbst nicht weiß, wo es zu finden ist, wiewohl auch nur zum tüchtigen Plane einer allgemeinen Kritik der Vernunft schon etwas mehr gehöret hätte, als man wohl vermuten mag, wenn er nicht bloß, wie gewöhnlich, eine Deklamation frommer Wünsche hätte werden sollen.
Den Plan im Nachhinein zu liefern, ist hingegen als Übersicht nützlich.
Während die Kritik der reinen Vernunft nach synthetischer [=zusammensetzender] Lehrart vorgeht, folgen die Prolegomena der analytischen [=auflösenden] Methode. [Hintergrund: Siehe im lexikalischen Wörterbuch synthetische, analytische Lehrart]
Metaphysik ist ja nicht jedermanns Sache!
Wer diesen Plan […] selbst wiederum dunkel findet, der mag bedenken, daß es eben nicht nötig sei, daß jedermann Metaphysik studiere […] und daß man seine Geistesgaben in solchem Fall auf einen andern Gegenstand verwenden müsse […]
Wer aber Metaphysik tun will, der kommt um eine (diese oder auch eine bessere) Kritik der reinen Vernunft nicht herum!
Die Dunkelheit hat schließlich auch sein Gutes: sie hält den Untauglichen der Wissenschaft fern.
[…] und daß endlich die so beschriene Dunkelheit (eine gewohnte Bemäntelung seiner eigenen Gemächlichkeit oder Blödsichtigkeit) auch ihren Nutzen habe: da alle, die in Ansehung aller andern Wissenschaften ein behutsames Stillschweigen beobachten, in Fragen der Metaphysik meisterhaft sprechen, und dreust entscheiden, weil ihre Unwissenhit hier freilich nicht gegen anderer Wissenschaft deutlich absticht, wohl aber gegen echte kritische Grundsätze, von denen man also rühmen kann: ignavum, fucos, pecus a praesepibus arcent. Virg. [Übersetzung des Herausgebers: »sie halten das faule Vieh, die Drohnen, von den Körben fern.«]
[Anmerkung zum Wort Vorerinnerung. ]
In Zeiten Kants bedeutete das Wort Erinnerung nicht, wie heute, das Ergebnis des Erinnerns, sondern die Handlung oder den Zustand. Es hatte aber auch eine zweite, heute selten gewordene Bedeutung: das Auffordern, gar das Mahnen.
„Das Mittel, uns an eine Sache, besonders an die Erfüllung einer Pflicht zu erinnern. Jemanden eine Erinnerung geben.” (Quelle: Adelung Bd. 1, S. 1905)
„/selten/ Mahnung, etw. nicht zu vergessen” (Quelle: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, WDG)
Eine Vorerinnerung ist demnach eine Aufforderung, die der eigentlichen Abhandlung vorgeht.
§ 1. Von den Quellen der Metaphysik
Jede Wissenschaft muss von den anderen klar abgegrenzt werden.
Die Wissenschaften unterscheiden sich in dem Objekt, der Erkenntnisquelle oder der Erkenntnisart.
Zweierlei Erkenntnis nach der Quelle: empirisch (aus Erfahrung); rein (jenseits der Erfahrung).
Die Quellen der metaphysischen Erkenntnis können nicht aus der Erfahrung stammen. Denn es geht nicht um Physisches, sondern um Meta(jenseits)-Physisches.
Auf der inneren Erfahrung fußt die Psychologie, auf der äußeren die Physik.
Metaphysik ist Erkenntnis aus reinem Verstande und reiner Vernunft.
Dass die Metaphysik rein ist, unterscheidet sie nicht von der reinen Mathematik. Wir nennen die Metaphysik die reine philosophische Erkenntnis. Dazu siehe die Kritik der reinen Vernunft A712 ff.
§ 2. Von der Erkenntnisart, die allein metaphysisch heißen kann
a. Von dem Unterschiede synthetischer und analytischer Urteile überhaupt
VZ50: Die Urteile [=Aussagen] lassen sich in analytische (erläuternde) und synthetische (erweiternde) einteilen. In einem analytischen Urteil ist das vom Prädikat Ausgesagte schon im Begriff des Subjekts einbegriffen. In einem synthetischen Urteil fügt hingegen das Prädikat dem Subjekt neue Erkenntnisse hinzu. Beispiele: Alle Körper sind ausgedehnt (analytisch). Manche Körper sind schwer (synthetisch).
[Anmerkung zum Wort Urteil. ]
Ein Urteil ist in Zeiten Kants keine abwägende Stellungnahme, sondern der Ausdruck einer Beziehung zwischen zwei Begriffen. Heute würden wir dies statt Urteil Aussage nennen.
„Im weitesten Verstande ist dieses Wort in der Philosophie üblich, wo schon jede Verknüpfung oder Trennung zweyer Begriffe, die Vorstellung des Verhältnisses zweyer Begriffe, ein Urtheil genannt wird; z.B. das Eisen ist schwer, das Feuer ist nicht groß.” (Adelung, Bd. 4, S. 969)
Die Urteile der Metaphysik sind (ihrer Quelle entsprechend) a priori.
Die Urteile überhaupt lassen sich dem Inhalt nach (unabhängig von logischer Form und Ursprung) in analytische und synthetische einteilen. { }
Die analytischen Urteile sind bloß erläuternd. Das Prädikat fügt dem Subjekt keine neuen Erkenntnisse hinzu. Beispiel: Alle Körper sind ausgedehnt. Das Ausgedehnt-Sein gehört im Voraus zum Begriff des Körpers, der Satz löst den Begriff auf, sagt aber nichts Neues.
Die synthetischen Urteile sind erweiternd. Sie vergrößern die Erkenntnis. Beispiel: Einige Körper sind schwer. Da das Schwer-Sein nicht zum Körper-Sein gehört, nimmt mit dem Urteil der Begriffsinhalt zu.
[Anmerkung. Kant führte diese Begriffe bereits 19 Jahren zuvor in § 1 der Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral ein, und zwar mit ähnlicher Bedeutung, allerdings mit anderen Folgen, da dort der Philosophie nur analytische Urteile zugesprochen werden.]
b. Das gemeinschaftliche Prinzip aller analytischen Urteile ist der Satz des Widerspruchs
VZ50: Da in einem analytischen Urteil alles, was das Prädikat aussagt, im Subjekt einbegriffen ist, braucht man (sogar bei empirischen Begriffen) keine Erfahrung, um seine Wahr- oder Falschheit festzustellen, sondern reicht der Satz des Widerspruchs aus. Sämtliche analytische Urteile beruhen deshalb auf dem Satz des Widerspruchs und sind Erkenntnisse a priori.
Die analytischen Urteile beruhen ausschließlich auf dem Satz des Widerspruchs.
[Anmerkung. Merkwürdigerweise ordnete Kant 1770 in De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis den Satz des Widerspruchs der Zeit unter (s. hier)]
Die analytischen Urteile sind Erkenntnisse a priori. Aus dem Subjekt allein mithilfe vom Satz des Widerspruchs kommt man zum Prädikat. Dies gilt auch für empirische Begriffe!
Nehmen wir ein bejahendes analytisches Urteil. Da das Prädikat im Subjekt mit einbegriffen ist, kann man das Prädikat nicht verneinen, ohne in einen Widerspruch zu geraten. Bei einem verneinenden analytischen Urteil lässt das Prädikat nicht ohne Widerspruch bejahen. Also reicht der Satz des Widerspruchs aus, um analytische Urteile zu bewerten. Beispiele: Jeder Körper ist ausgedehnt; kein Körper ist unausgedehnt (einfach).
Daraus ergibt es sich auch, dass die analytischen Urteile a priori sind, auch wenn sie empirisch sind. Denn Erfahrung ist für die Bewertung nicht nötig. Man braucht nur den Begriff zu zergliedern. Beispiel: Gold ist ein gelbes Metall. Der Begriff des Goldes enthält schon die Bestimmungen, gelb und Metall zu sein.
c. Synthetische Urteile bedürfen ein anderes Prinzip, als den Satz des Widerspruchs
VZ50: Alle Erfahrungsurteile sind synthetisch. Kein synthetisches Urteil (empirisch oder a priori erkennbar) ergibt sich allein aus dem Satz des Widerspruchs. Wichtig und bisher unbemerkt ist, dass die mathematischen Urteile synthetisch a priori sind. Die metaphysischen Urteile sind synthetisch. Die Metaphysik erzeugt Erkenntnisse a priori sowohl der Anschauung als den Begriffen nach.
Die synthetischen Urteile können empirisch, aber auch a priori erkennbar sein. Alle synthetischen Urteile folgen dem Satz des Widerspruchs, ergeben sich aber nicht allein aus ihm.
c 1. Erfahrungsurteile
VZ20: Alle Erfahrungsurteile sind synthetisch. Denn die analytischen brauchen keine Erfahrung. Beispiel: Dass ein Körper ausgedehnt ist, steht a priori fest.
Alle Erfahrungsurteile sind synthetisch. Denn die analytischen brauchen keine Erfahrung. Beispiel: Dass ein Körper ausgedehnt ist, steht a priori fest, da man die Notwendigkeit allein aus den Begriffen ableiten kann.
c 2. Mathematische Urteile
VZ50: Kein synthetisches Urteil (empirisch oder a priori erkennbar) ergibt sich allein aus dem Satz des Widerspruchs. Wichtig und bisher unbemerkt ist, dass die mathematischen Urteile synthetisch a priori sind. Sie scheinen zwar analytisch, weil sie notwendig sind; zum Prädikat kommt man jedoch jeweils ausgehend vom Subjekt nur mithilfe einer Anschauung.
Alle mathematischen Urteile sind synthetisch. Dies ist sehr wichtig und bisher unbemerkt geblieben.
Mathematische Urteile sind insgesamt synthetisch. Dieser Satz scheint den Bemerkungen der Zergliederer der menschlichen Vernunft bisher ganz entgangen, ja allen ihren Vermutungen gerade entgegengesetzt zu sein, ob er gleich unwidersprechlich gewiß, und in der Folge sehr wichtig ist.
Die Grundsätze der Mathematik lassen sich nicht aus dem Satz des Widerspruchs ableiten.
Die eigentlichen mathematischen Sätze sind immer Urteile a priori, nicht empirisch. Denn die Notwendigkeit entsteht nicht aus der Erfahrung.
Wenn man so will, beschränken wir uns auf die reine Mathematik.
Man hält vielleicht auf Anhieb „7+5=12” für einen analytischen Satz.
Doch der Begriff der Summe enthält nur die Vereinigung zweier Zahlen in eine, nicht die Zahl 12.
Auf das Ergebnis kommt man nur mithilfe der Anschauung (etwa mit den Fingern).
Dass ein solcher Satz synthetisch ist, sieht man am deutlichsten bei größeren Zahlen.
Die Grundsätze der Geometrie sind auch synthetisch. Beispiel: Die gerade Linie zwischen zwei Punkten ist die kürzeste. Der Begriff von Gerade enthält keine Größe, nur eine Qualität.
Es gibt auch analytische Grundsätze in der Geometrie, sie dienen nur zur „Kette der Methode”. Beispiele: a=a, das Ganze ist sich selber gleich. (a+b)>a, das Ganze ist größer als sein Teil.
Diese analytischen Sätze werden in der Mathematik nur darum zugelassen, weil sie in der Anschauung dargestellt werden können.
Diese apodiktischen Urteile kommen uns deshalb als analytisch vor, weil wir deren Notwendigkeit mit dem Umstand, das Prädikat sei im Subjekt schon einbegriffen, verwechseln.
[Verschiebung Beginn]
[5 Absätze wurden der Vaihinger-Sitzlerschen Hypothese folgend von unten hierher verschoben.]
Die reinen mathematischen Erkenntnisse zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht in bloßen Begriffen, sondern in den die Begriffe entsprechenden Anschauungen bestehen.
Deshalb können die mathematischen Beweise nicht analytisch vorgehen.
[1 Absatz wurde meiner Hypothese folgend nach unten verschoben. Grund: Inhaltlich passt nicht zum vorigen und nächsten Absatz, diese zueinander schon. Es handelt sich um eine Anmerkung zur Einteilung, passt also zum § 3.]
c 3. Metaphysische Urteile
VZ50: Die eigentlich metaphysischen Urteile sind synthetisch. Die analytischen Sätze der Metaphysik sind wertvoll (und sollten abgesondert vorgetragen werden) aber bloßer Mittel zum Zweck, den synthetischen Sätzen a priori, die die philosophischen Erkenntnisse ausmachen. Das Wesentliche der Metaphysik ist, Erkenntnisse a priori sowohl der Anschauung als den Begriffen nach zu erzeugen.
Alle eigentlich metaphysischen Urteile sind synthetisch.
In der Metaphysik gibt es auch analytische Urteile, sie sind aber nur Mittel zum Zweck. Das eigentlich Metaphysische ist da nur der Begriff, nicht das Urteil. Beispiel: Begriff der Substanz. Analytisches Urteil: Substanz ist dasjenige, was nur als Subjekt existiert.
Der analytische Teil der Metaphysik ist durchaus wertvoll und soll abgesondert vorgetragen werden.
Fazit des Paragraphen: { }
Der Zweck der Metaphysik besteht in synthetischen Sätzen a priori. Als Hilfsmittel setzt sie auch analytische Sätze ein.
Der wesentliche Inhalt der Metaphysik ist die Erzeugung der Erkenntnisse a priori sowohl der Anschauung als den Begriffen nach. Sie gewinnt synthetische Sätze a priori, die die philosophischen Erkenntnisse ausmachen.
[Verschiebung Ende]
§ 3. Anmerkung zur allgemeinen Einteilung der Urteile in analytische und synthetische
VZ100: Diese Einteilung haben die dogmatischen Philosophen (Wolff, Baumgarten) deshalb übersehen, weil sie die Quelle der Metaphysik in ihrer selbst angenommen haben. Nur Locke ahnte es, doch nicht deutlich genug, damit es die anderen auch sehen könnten. Hume schrieb implizit der Mathematik analytische und der Metaphysik synthetische Sätze zu. Ohne diesen Fehler hätte er nie die ganze Metaphysik verworfen (denn die Mathematik wäre in Mitleidenschaft gezogen) und hätte er zu unseren oder ähnlichen Ergebnissen kommen müssen. Bisher also blieb diese für jede künftige Kritik des menschlichen Verstands unentbehrliche Einteilung unerkannt. Deren Vernachlässigung hat der Philosophie einen großen Nachteil zugezogen.
Diese Einteilung ist für die Kritik des menschlichen Verstandes unentbehrlich.
Diese Einteilung ist in Ansehung der Kritik des menschlichen Verstandes unentbehrlich, und verdient daher in ihr klassisch zu sein; sonst wüßte ich nicht, daß sie irgend anderwärts einen beträchtlichen Nutzen hätten.
[Was heißt klassisch sein verdienen? Dass jeder, der eine Kritik des Verstands macht, diese Einteilung auch machen muss? Was soll der sonst-Teil?]
Die dogmatischen Philosophen haben die Quellen der Metaphysik in der Metaphysik selber gesucht. (Wo sie in den Gesetzen der Vernunft liegen!)
Deshalb haben sie diese Einteilung übersehen.
Das hat Wolff und Baumgarten dazu geführt, den Satz des zureichenden Grundes ausgehend vom Satz des Widerspruchs zu beweisen. (Wo er ein synthetischer Satz ist!)
Locke hat es hingegen in den Versuchen über den menschlichen Verstand geahnt.
Er unterscheidet zweierlei Vorstellungen. Die einen sollen auf der Identität oder Widerspruch basieren (sprich: analytische Urteile), die anderen sollen in einem Subjekt existieren (synthetische Urteile). Von den letzten soll kaum etwas bekannt sein.
Er hat es so wenig weiterentwickelt, dass es niemand (auch Hume nicht) wahrgenommen hat.
Die, so niemals selbst denken, besitzen dennoch die Scharfsichtigkeit, alles, nachdem es ihnen gezeigt worden, in demjenigen, was sonst schon gesagt worden, aufzuspähen, wo es doch vorher niemand sehen konnte.
[1 Absatz wurde meiner Hypothese folgend von oben hierher verschoben.]
Die Vernachlässigung dieser Einteilung hat der Philosophie den folgenden Nachteil zugezogen.
Als Hume das Feld der Erkenntnisse a priori untersuchte, schnitt er die Mathematik davon ab.
Er hielt implizit die mathematischen Erkenntnisse für analytisch und die metaphysischen für synthetisch a priori.
Als er nach dem Ursprung der synthetischen Urteile fragt, beschränkt er sich auf den Begriff der Kausalität. Er hätte aber auch nach der Mathematik fragen müssen! Das hätte ihn zur Möglichkeit einer sicheren Erkenntnis, die nicht aus der Erfahrung stammt, gebracht.
Hätte Hume die richtige Frage gestellt, hätte er nicht die Metaphysik als Ganzes verworfen, denn die Mathematik wäre in Mitleidenschaft gezogen. Er hätte unbedingt zu etwas unseren Ergebnissen ähnlichem kommen müssen.
§ 4. Der Prolegomenen Allgemeine Frage, ist überall Metaphysik möglich?
VZ100: Eine Wissenschaft der Metaphysik gibt es bisher nicht. Was die Dogmatiker für Metaphysik ausgeben, besteht aus lauten nichts sagenden analytischen Sätzen oder aus falschen Beweisen und hat sogar den seichten Skeptizismus selbst hervorgebracht. Aus dem Überdruss an beiden Extremen entsteht die Frage: Ist Metaphysik überhaupt möglich? Die wissenschaftlich gültige Antwort darauf ist die Kritik der reinen Vernunft, die ein System nach der synthetischen Methode voraussetzungslos von den Quellen auf aufbaut. Die Prolegomena zeigen diese Antwort nach der analytischen Methode an. Ihr Ansatzpunkt bildet die Gewissheit, dass einige synthetische Erkenntnisse a priori möglich sind, nämlich die der reinen Mathematik und Naturwissenschaft.
Wenn es eine wissenschaftliche Metaphysik bereits gäbe, wäre die Frage nach ihrer Möglichkeit überflüssig.
Sie gibt es aber nicht. [Vgl. das Vorlesungsprogramm von 1765, wo Kant über die Philosophie überhaupt Ähnliches sagt, nur etwas energischer.]
Ein Buch, von dem man sagen kann: das ist die Metaphysik, gibt es nun mal nicht. { }
Ein solches Buch sollte aus Prinzipien der reinen Vernunft beweisen: den letzten Zweck der Metaphysik, die Erkenntnis Gottes und des Jenseits.
Die apodiktischen Sätze, die man angibt, sind alle analytisch und erweitern unsere Erkenntnis nicht.
Man will auch zu Unrecht manche synthetische Sätze wie den Satz des Widerspruchs bewiesen haben. Dies bringt der Metaphysik mehr Schaden als Nutzen.
Diese schlechten Versuche haben sogar den Skeptizismus hervorgebracht. Nur eine zutiefst unbefriedigte Vernunft kann gegen sich selbst so gewalttätig sein.
Die Vernunft liegt uns grundsätzlich näher als die Natur. Deshalb hat man sich seit jeher in Metaphysik versucht. Es hat sich bisher nur um oberflächliche, unbeständige Ansätze gehandelt.
Bild des Schaums.
[…] und so schwamm Metaphysik oben auf, wie Schaum, doch so, daß, so wie der, den man geschöpft hatte, zerging, sich sogleich ein anderer auf der Oberfläche zeigte, den immer einige begierig aufsammleten, wobei andere, anstatt in der Tiefe die Ursache dieser Erscheinung zu suchen, sich damit weise dünkten, daß sie die vergebliche Mühe der erstern belachten.
[5 Absätze wurden der Vaihinger-Sitzlerschen Hypothese folgend nach oben verschoben.]
Aus dem Überdruss am Dogmatismus und am Skeptizismus entsteht die Frage: Ist Metaphysik überhaupt möglich?
Die Methode der Kritik der reinen Vernunft ist synthetisch. Sie baut ein System voraussetzungslos von den Quellen auf. Dies ist schwere Arbeit und erfordert einen entschlossenen Leser.
Die Prolegomena sind hingegen Vorübungen. Sie zeigen an, wie die Wissenschaft zu machen wäre, ohne sie selbst vorzutragen. Sie fangen mit Bekanntem an und dringen allmählich in die Quellen vor. Die Methode der Prolegomena ist analytisch.
[Analytische und synthetische Methode sind mit analytischen und synthetischen Sätzen nicht zu verwechseln! Siehe die Anmerkung Kants dazu unten.]
Der Ansatzpunkt: die Sätze der reinen Mathematik und der reinen Naturwissenschaft, die zweifelsfrei apodiktisch gewiss und a priori sind. Wir werden uns fragen, nicht ob (denn sie anders als die Metaphysik gibt es), sondern wie diese Wissenschaften möglich sind. Das wird darüber Aufschluss geben, wie die synthetischen Sätze a priori überhaupt möglich sind.
§ 5. Prolegomena. Allgemeine Frage, wie ist Erkenntnis aus reiner Vernunft möglich?
VZ100: Es geht um die nie zuvor gestellte Frage nach der Möglichkeit synthetischer Sätze a priori. Von deren schwierigen Auflösung (die Hume für unmöglich hielt, die für sich eine Wissenschaft, die Transzendentalphilosophie, darstellt) hängt die Existenz der Metaphysik als Wissenschaft ab. Wir gehen hier von den Erkenntnissen a priori, die es in den reinen Wissenschaften gibt, aus. Die Hauptfrage besteht aus vierer Teilfragen: Wie 1. reine Mathematik, 2. reine Naturwissenschaft, 3. Metaphysik überhaupt und 4. Metaphysik als Wissenschaft möglich sind. Hiermit wird die Kritik der reinen Vernunft im Wesentlichen in leichterer Form wiedergegeben und außerdem zu den untersuchten Wissenschaften methodologisch beigetragen.
Die Möglichkeit analytischer Sätze konnten wir leicht sehen, da sie allein auf dem Satz des Widerspruchs gründet.
Die Möglichkeit synthetischer Sätze a posteriori ist offenbar, da diese Sätze aus der Erfahrung stammen und die Erfahrung die stetige Zusammenfügung (Synthesis) der Wahrnehmungen ist.
Übrig bleibt die Möglichkeit synthetischer Sätze a priori. Dies wollen wir untersuchen.
Dass diese Möglichkeit besteht, ist unstreitig gewiss. Wir fragen hier nur nach dem Grund.
Unsere Frage ist also, mit „schulgerechter Präzision” ausgedrückt: Wie sind synthetische Sätze a priori möglich?
Wenn auf der Überschrift dieses Paragraphen „reine Vernunft” steht, so versteht sich von selbst, dass nur die synthetischen Erkenntnisse gemeint werden. Das wurde in der Vorerinnerung klargestellt und gilt für die ganzen Prolegomena.
In jeder Wissenschaft gibt es Konflikte zwischen Ausdrücken aus historischen Gründen. Neue, bessere Ausdrücke ersetzen die alten. Dadurch kommt es manchmal zur Gefahr von Verwechselung.
Die neu geprägten Ausdrücke synthetischer, analytischer Satz sind von den alten Ausdrücken synthetische, analytische Lehrmethode zu unterscheiden!
Analytische Lehrmethode: Man geht vom Gesuchten aus und steigt zu den Bedingungen für dessen Möglichkeit. Dies hat mit analytischen Sätzen nichts zu tun. Man könnte sie besser die regressive Lehrart nennen.
Die synthetische Lehrmethode könnte man besser die progressive Lehrart nennen.
Der Name Analytik kommt auch noch als Hauptteil der Logik. Dies hat auch nichts mit analytischen Sätzen zu tun.
Die künftige Existenz der Metaphysik hängt von der Auflösung dieser Aufgabe.
Auf die Auflösung dieser Aufgabe nun kommt das Stehen oder Fallen der Metaphysik, und also ihre Existenz gänzlich an.
Man hat die Frage deshalb bisher nicht beantwortet 1. weil sie nicht gestellt wurde und 2. weil die Antwort eine tiefe, mühsame Arbeit erfordert.
[…] so ist doch eine zweite Ursache [davon, dass man die Frage bisher nicht beantwortet hat] diese, daß eine gnugtuende Beantwortung dieser einen Frage ein weit anhaltenderes, tieferes, und mühsameres Nachdenken erfordert, als jemals das weitläuftigste Werk der Metaphysik, das bei der ersten Erscheinung seinem Verfasser Unsterblichkeit versprach.
So hielt Hume (der außerdem die Frage nicht in aller Allgemeinheit stellte) die Schwierigkeit, Verknüpfungen aus Begriffen allein zu begründen, für eine Unmöglichkeit.
Wenn dem Leser die Arbeit zu mühsam erscheint, denke er nur, welche Mühe Kant sich gegeben hat, um die Aufgabe in ihrer ganzen Allgemeinheit aufzulösen und sie endlich hier nach analytischer Methode darzustellen.
Bis die Aufgabe gelöst ist, kann man keine Metaphysik betreiben.
Alle Metaphysiker sind demnach von ihren Geschäften feierlich und gesetzmäßig so lange suspendiert, bis sie die Frage: Wie sind synthetische Erkenntnisse a priori möglich? gnugtuend werden beantwortet haben.
Es sei denn, man begnügt sich damit, die Metaphysik nicht als Wissenschaft, sondern als Kunst der heilsamen Überredungen aufzufassen. Die Grenze der Erfahrung darf man nicht überschreiten. Eine solche Tätigkeit kann durchaus nützlich sein.
Für diese Kunst sollte man lieber auf dem Namen Metaphysik verzichten. Mann sollte Metaphysik nur die spekulative Philosophie nennen, und diese ist entweder eine Wissenschaft oder gar nichts.
Die Transzendentalphilosophie (die notwendig vor aller Metaphysik geht) lässt sich als die vollständige Auflösung der hier gestellten Frage auffassen.
Eine Transzendentalphilosophie gibt es bisher nicht. Denn was man heute Transzendentalphilosophie nennt, ist ein Teil der Metaphysik.
Die Auflösung der Frage ist also eine Wissenschaft für sich.
Wir schreiten jetzt zur Auflösung.
Wir gehen von den Erkenntnissen a priori, die es in der reinen Mathematik und der reinen Naturwissenschaft gibt, aus.
Nur diese Wissenschaften können uns die Gegenstände in der Anschauung vorstellen. { }
Man sieht die Wahrheit einer Erkenntnis a priori in concreto.
Die Wahrheit einer Erkenntnis besteht darin, dass sie mit ihrem Objekt übereinstimmt.
Ausgehend von diesen Erkenntnissen werden wir nach analytischer Methode zum Grund ihrer Möglichkeit aufsteigen.
Die Fakten sind also nicht bloße Beispiele, sondern Grundlage der Betrachtungen.
Dies ist viel einfacher als nach synthetischem Verfahren die Erkenntnisse in abstracto aus Begriffen abzuleiten.
Aus den tatsächlichen Erkenntnissen a priori werden wir zur Möglichkeit einer Metaphysik als Wissenschaft aufsteigen. Dazu müssen wir nach der Naturanlage, die eine solche Wissenschaft ermöglicht, fragen. So wird die transzendentale Hauptfrage viergeteilt:
1) Wie ist reine Mathematik möglich?
2) Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?
3) Wie ist Metaphysik überhaupt möglich?
4) Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?
Die Auflösung dieser Fragen gibt einerseits den wesentlichen Inhalt der Kritik der reinen Vernunft wieder. Andererseits trägt sie etwas Neues bei. Denn den Ursprung und den richtigen Gebrauch dieser Wissenschaften zu klären, kommt diesen selbst zugute.

References: § 1

§ 2

§ 3

§ 4

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