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Timestamp: 2019-06-20 12:12:07+00:00

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Bauen in der Steiermark - PDF Free Download
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BAUEN IN DER STEIERMARK DAS WOHNHAUS IM SÜDSTEIRISCHEN WEINLAND ENTWICKLUNG UND PERSPEKTIVEN
Impressum: Autoren:
Dipl.-Ing. Andreas Krasser Dipl.-Ing. Christoph Urthaler
www.arge-architektur.at
Dipl.-Ing. Gerda Missoni Dipl.-Ing. Hans Christian Hofmann Ergänzende Beiträge zum Thema Freiraumgestaltung:
Dipl.-Ing. Peter Partl; freiland Umweltconsulting Herausgeber:
Naturpark Südsteirisches Weinland Erscheinungsjahr:2005 Layout:
PARK Communications, Werbeagentur 8020 Graz, www.parkcom.at
Kofinanziert aus Mitteln der Europäischen Gemeinschaft Europäischer Austrichtungs- und Garantiefonds für die Landwirtschaft
Gefördert aus Mitteln des Landes Steiermark Abteilung 16 Landes- und Gemeindeentwicklung
VORWORT EINLEITUNG Die Begriffe Architektur, Baukultur und Tradition
GRUNDLAGEN – DIE (SÜD)STEIERMARK Historische Meilensteine Besonderheiten der Südsteiermark
URSPRÜNGLICHE BAUTEN Situierung von Bauwerken Überlieferte Bauformen Qualität des Gestaltens Außenbereiche alter Höfe
23 26 32 36 42
BAUTEN DER GEGENWART Besiedelung und Gebäudesituierung Gebäudeform im Wandel Auswirkung neuer Baustoffe auf die Gebäudegestaltung Außenräume und „moderne“ Gärten
45 48 50 52 53
PLANEN VON WOHNHÄUSER Situierung von Gebäuden Form und Konstruktion Gestalten mit Maß Außenraumgestaltung
55 60 66 67 70
75 40 79 80 80
Wichtige Auszüge aus dem Raumordnungsgesetz (ROG) Wesentliche Punkte aus dem Naturschutzgesetz Auszug aus dem Baugesetz Zum Thema Zersiedelung
VORWORT Zur Zeit laufen im Rahmen des von Frau Landeshauptmann Waltraud KLASNIC veranlassten "Architektur-Kalenders Steiermark 2005" mehrere Projekte zur Architekturvermittlung, im erweiterten Sinn unter "Baukultureller Bewusstseinsbildung". Diese Bemühungen sind sowohl landesweit angelegt (Architektur_Stmk-Begleiter, Jahrbuch der Architektur 2005) als auch regional (Südsteiermark, Ennstal) und nach Sparten (kommunaler und industrieller Hochbau) ausgerichtet. Vordergründiges Ziel ist die vertiefte Bewusstmachung der Architektur als Profilierungshilfe für Betriebe, Gemeinden, Regionen und Sparten bei allen Entscheidungsträgern im Lande, beginnend beim Bauherrn für das einfache Wohnhaus. Wichtigste Voraussetzung dafür ist, die einmalige Gelegenheit der planungsorientierten Bauvorbereitung richtig zu nutzen. Der breite baukulturelle Ansatz führt heute zur Projektentwicklung unter Berücksichtigung aller Anforderungen an das erwünschte Gebäude: von der Erfüllung der Nutzerfunktionen, über die kommenden Energiespar-Kennzahlen bis hin zur landschaftsgerechten Gestaltung und Einbindung. Wer diese wichtige Phase missachtet oder versäumt, kann sich selbst und der umliegenden Gemeinschaft langfristigen Schaden zufügen – umgekehrt durch eine hohe baukulturelle Leistung einen schönen Beitrag für seine eigene Entwicklung sowie seiner sozialen und landschaftlichen Umgebung leisten. Deshalb wurde für eine der sensibelsten Landschaften der Steiermark, - für die Südsteiermark, - diese Grundlagenarbeit zum einfachen Problem des Wohnhauses in Auftrag gegeben. Das Südsteirische Weinland erlebt nach Jahrzehnten in benachteiligter Lage schlussendlich auf Grund der Leistungen ihrer Bewohner, insbesondere der Weinbauern, heute eine Welle von Ansiedlungs- und Bauwünschen. Um schon mittelfristig Schaden im Erscheinungsbild und auch der wirtschaftlichen Entwicklung der Südsteiermark abzuwenden, ist hier eine intensive Befassung mit baukulturellen Fragen auf aktuellstem Stand notwendig. Dafür wurde von Herrn LHSTV. Dipl.-Ing. Leopold SCHÖGGL im Rahmen des LEADER-PROJEKTES "Naturpark Südsteirisches Weinland" der gleichzeitig aufgelegte "BAUHERRN-BEGLEITER" in Auftrag gegeben. Es gibt schon einzelne kritische Fälle, aber Dank der Weinbauern mit ihren Verbindungen in andere Länder mehrere gute Ansätze! Gebot der Stunde ist mit guten Unterlagen und Beispielen in die Breite zu gehen, und neue Strategien dafür zu erproben – der vorliegende Bauherren-Begleiter ist eine davon! Eine weitere Strategie wird es sein, für überörtlich bedeutsame Bauwerke einen "Regionalen Gestaltungsbeirat" einzurichten. Der Erfolg dieser Bemühungen wird landesweit beobachtet, und allenfalls auf andere Regionen übertragen. Der Dank für die Vorarbeiten gilt daher den Bearbeitern dieser Grundlagen und den Gemeinden, die diese Ergebnisse ermöglicht haben, und sie weiterhin in Richtung einer herzeigbaren baukulturellen Entwicklung der Südsteiermark verwenden wollen! Gunther Hasewend | Landesbaudirektor
EINLEITUNG Zum Baugeschehen der letzten Jahrzehnte gibt es sehr unterschiedliche Meinungen bis hin zu offener Kritik. „Häuselbauer“ klagen darüber ihren Gestaltungswillen nicht durchsetzen zu können und von Seite der Behörden versucht man dem zunehmenden „Wildwuchs“ durch immer neue Gesetze und Verordnungen zu begegnen. Urlauber und Besucher der Region bemängeln die immer deutlicher werdende Veränderung des Landschaftsbildes. Die ursprüngliche Kulturlandschaft und damit eines der wesentlichen kulturellen und wirtschaftlichen Potenziale der Südsteiermark ist durch Zersiedelung, Mangel an Gestaltqualität und grobe Eingriffe in die Landschaft bedroht. Ziel dieser Publikation ist es mehr Verständnis für einen sensiblen Umgang mit den Ressourcen dieses, wegen seiner außergewöhnlichen Schönheit, zum Naturpark erhobenen Gebietes zu wecken.
Das bauliche Bild der Südsteiermark ist heute schon so komplex, dass es immer schwieriger wird, die noch intakt vorhandenen und für die Region typischen Situationen vor einer Zerstörung zu schützen oder sie in angemessener Weise weiter zu entwickeln. Eine Auseinandersetzung mit den Motivationen, Tendenzen und Einflüssen, die in ihrer Zeit zu den regionaltypischen Bau- und Besiedelungsformen des südsteirischen Weinlandes geführt haben soll zu einem effektiveren Verständnis für deren Besonderheiten führen. Diese Arbeit zeigt auch auf, welche Unbedachtheiten und Modeerscheinungen dafür verantwortlich zu machen sind, dass heute viele der ursprünglichen, allgemein als „schön“, „einfach“ und „wie selbstverständlich“ bezeichneten, Situationen und Bauten nahezu verschwunden oder nur noch vereinzelt anzufinden sind.
„...besonderen landschaftlichen Schönheit und Eigenart, seinen seltenen Charakteristika und seines Erholungswertes...“
Gesetze zum Schutz der Landschaft wurden bereits zur Genüge erlassen. Es ist an der Zeit sich der einstigen Qualitäten bewusst zu werden, um daraus eine zeitgemäße Art des Gestaltens zu entwickeln
Auszug: LGBl. Nr. 12/2001
die den heutigen Anforderungen entspricht und mit modernen Baustoffen realisiert werden kann. Dabei ist vor allem Zurückhaltung und größtmögliche Schonung aller Ressourcen , wie des charakteristischen baulichen Bestandes der Region, gefragt. Die Südsteiermark mit all ihrem Reichtum an baukulturellen und geschichtlichen Zeugnissen von den
Römern bis zur Neuzeit und ihren einzigartigen, landschaftlichen Besonderheiten und Vorzügen steht derzeit im Mittelpunkt einer gemeinsamen Initiative des „Naturparks Südsteirisches Weinland“ und des Landes Steiermark, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, vor allem in der Region selbst für eine größere Wertschätzung der Qualitäten und Besonderheiten des Gebietes zu sorgen. Man hat bereits erkannt, dass nur durch intensive Zusammenarbeit und Sensibilisierung der ansässigen Bevölkerung ein höherer Qualitätsanspruch im Baugeschehen erreicht werden kann. Die Themen „Architektur und Baukultur“ betreffen uns alle: Raum zum Wohnen, Arbeiten, Lernen und Leben sind Ergebnisse von Bautätigkeiten, die Landschaften und Menschen in gleicher Weise prägen. Nur hochwertige und ganzheitlich schlüssige Planungsleistungen sowie ein behutsamer Umgang mit Landschaft und Natur können dauerhafte Lebensqualität sichern und die Ressourcen erhalten. Energiebewusstsein, schonender Umgang mit Grund, Boden und Landschaft und eine kluge Nutzung regenerativer Energiequellen werden in Zukunft die wichtigsten Elemente von Bauen und Wohnen darstellen. Übersichtskarte Naturparkgebiet
DIE BEGRIFFE ARCHITEKTUR, BAUKULTUR UND TRADITION IN DER AUFFASSUNG DIESER BEGRIFFE GIBT ES IMMER NOCH GROSSE MISSVERSTÄNDNISSE. DESHALB WERDEN IM FOLGENDEN KAPITEL DIE BEGRIFFE „ARCHITEKTUR“ BZW. „BAUKUNST“, „BAUKULTUR“ UND „TRADITION“ KURZ ERLÄUTERT, UM ALL JENE DIE NICHT STÄNDIG DAMIT ZU TUN HABEN, IN DIE THEMATIK EINZUFÜHREN.
ARCHITEKTUR - BAUKUNST Um es kurz zu machen: Architektur bedeutet Baukunst. Ein Bauwerk ist dann als Architekturleistung einzustufen, wenn seine in vieler Hinsicht besonders hohe Qualität die Bezeichnung „Kunst des Bauens“ rechtfertigt. Die bestimmende, vorherrschende Formensprache einer Periode bzw. Epoche wird als „Stil“ (z.B.: Romanik, Gotik, Barock, Renaissance, etc.) bezeichnet, die Qualität der baulichen Umsetzung als Baukultur.
Baukultur geschichtlich
Baukunst und Baukultur sind signifikant für das gesamtkulturelle Niveau einer Stilepoche. Sigmund Freud bezeichnet Kultur als „[...] die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen, in denen sich unser Leben von dem unserer [...] Ahnen entfernt hat.“ Kultur dient laut Freud ausschließlich zwei Dingen: „Dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen untereinander“. Zu den ersten kulturellen Taten zählt Freud, neben dem Gebrauch von Werkzeugen und der Zähmung des Feuers, auch den Bau von Wohnstätten.
Mit der Errichtung erster notdürftiger Behausungen durch sesshaft gewordene Menschen begann die Geschichte der „Baukultur“. Bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts und dem Beginn der Industrie- und Marktwirtschaft, waren überwiegend klimatische, soziale und wirtschaftliche Faktoren für die Entwicklung von autochthonen (=ursprüngliche, an einen Ort gebunden) Bauweisen und Gebäudetypologien ausschlaggebend. Dadurch entstanden charakteristische, zum Teil sehr unterschiedliche Bauformen, Spiegelbilder der jeweiligen Verhältnisse und Anforderungen in Bezug auf Wohnen, Leben und Arbeiten während der vergangenen Jahrhunderte.
Kultur bedarf aber nicht primär der Bauten, um sich zu artikulieren, sie bedarf auch nicht unbedingt ausführlicher „Programme“, um sich zu manifestieren, sie bedarf vor allem der Menschen, die bereit sind zu lernen und die bereit sind, sich zu engagieren. Kultur und somit auch Baukultur sind letztendlich eine Frage des ständigen Bemühens sowie der ständigen Weiterentwicklung; sie will jeden Tag neu erworben und gelebt sein!
Baukultur heute Gegenwärtig wird das Baugeschehen und somit die „Baukultur“ vor allem durch die Medien, ein erheblich „schnelleres“ Lebenstempo und die hohen individuellen Platz- und Komfortansprüche bestimmt. Heute ist es ganz normal, dass jeder sein eigenes Zimmer hat, jedes Haus mit fließendem Wasser und Elektrizität versorgt ist und das wir die Heizung auf-
drehen können, wenn uns danach ist. Klimatische Voraussetzungen, die Verfügbarkeit von Baustoffen oder landschaftliche Gegebenheiten spielen nur mehr eine eher untergeordnete Rolle. Modernste Technologien im Bereich der Baustofferzeugung und leistungsfähige Baumaschinen ermöglichen ein kostengünstiges, rasches und den persönlichen Wünschen entsprechendes Bauen.
ZUM BEGRIFF „TRADITION“ Unter Tradition (von lat. tradere = übergeben, überliefern) versteht man die Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten und der Verhaltensweisen, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. "Unter Tradition versteht man nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers." Zitat: Gustav Mahler
Tradition wird dann problematisch, wenn Formen, deren Sinn verloren ging, sich verselbständigen. „Tradition und Fortschritt sind keine Gegensätze, sondern ergänzen einander. Tradition kann allerdings nie Selbstzweck sein, sonst wird sie zum fragwürdigen Traditionalismus. Die Form im alten Bauernhaus war nie Selbstweck, sondern stets die Verschmelzung von Absicht, Situation und Machbarkeit.“ Zitat: Gerda Missoni
Bereits mit der Aufklärungsbewegung im 17. und 18. Jahrhundert begann in Europa ein beispiellos kritischer Revisionsprozess aller Traditionen. Zusammen mit der Eigendynamik eines uneingeschränkten Kapitalismus und den Folgen kultureller und ökonomischer Globalisierung erlebt die Menschheit derzeit den Geltungsverlust fast aller Werte und Überlieferungen.
GRUNDLAGEN DIE (SÜD) STEIERMARK
Um in den „genius loci“ (Christian Norberg Schulz), d.h. in das „Wesen“ der Südsteiermark einzutauchen, werden im folgend Abschnitt neben den wesentlichen historischen Zusammenhängen und Meilensteinen auch landschaftliche Besonderheiten der Region sowie ihre klimatischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten kurz beschrieben.
HISTORISCHE MEILENSTEINE Der Beginn der „steirischen“ Geschichtsschreibung bzw. der Besiedlung kann anhand eines Schädelfundes auf ca. 10.000 v.Chr. datiert werden. Die ersten Indizien für Ackerbau, welche belegen, dass bereits zur damaligen Zeit die Umwandlung der „Urlandschaft“ zur „Kulturlandschaft“ begonnen hat stammen aus der Zeit der Ur- bzw. Frühgeschichte (ca. 4.000 v.Chr.).
Während der Völkerwanderungen (ab ca. 3.000 v.Chr.) zogen neben den Kelten und Indogermanen auch die Römer in die Steiermark ein, welche ca. 113 v.Chr. im damaligen Noricum, der heutigen Stei-
Langhaus der ersten mitteleuropäischen Bauern
Frühe Ackerbauern in Europa
Ab dem Beginn der bairischen Herrschaft (ab 559 n.Chr.) wurde die Bevölkerung in die so genannte „Freien“ und die „Unfreien“ (vor allem slawische Bauern) gegliedert. Der Grossteil der Bauern versuchte jedoch seine Unabhängigkeit zu wahren und verteidigte diese mit allen Mitteln („Kriegsbauern“). Charakteristisch für diese Zeit waren bereits mehrteilige Gehöfte und eine gut ausgeprägte Viehzucht. Mit dem Fortschreiten des Mittelalters, zur Zeit der Babenberger (welche ab dem frühen 12. Jahrhundert in Österreich herrschten), wurde das gesamte Land
Bairisches Dorf (Rekonstruktion)
Expansion Noricums 12
ermark, die ersten Siedlungen gründeten und unter anderem mit der Kultivierung von Wein begannen. Die römische Herrschaft wurde schließlich um 170 n.Chr. durch den Einmarsch der Markomannen (germanisches Volk) beendet.
in „Marken“ unterteilt. Während dieser Herrschaft bildeten sich die ersten geistlichen und weltlichen Grundherrschaften, wodurch aus den ursprünglich „freien“ Bauern eine feudal abhängige Bauernschaft wurde, die neben Geldrenten auch Arbeits- (Robot) und Produktrenten (wie z.B.: der Zehent) leisten mussten. Diese Abgabenlast führte zur Verlagerung des landwirtschaftlichen Schwerpunktes von der Viehzucht zum Getreideanbau. Nach einer darauf folgenden, kurzen Herrschaft Böhmens kam es zur Machtübernahme durch die Habsburger. Unter der Führung der Habsburger wurden viele für die Wirtschaft Österreichs wichtige Siege errungen und das römische Recht eingeführt. Unter Friedrich III. (Mitte 15. Jahrhundert, 1452-93) wurde die Steiermark sogar kurzfristig zum Zentrum des österreichischen Imperiums erhoben (Graz war Residenzstadt). Trotz der anfänglich florierenden Landwirtschaft kam es zu Beginn des 15. Jahrhunderts zu einer sehr krisenhaften Entwicklung, die man heute auch als spätmittelalterliche Agrarkrise bezeichnet. In dieser Krisenzeit entschloss man sich, die feuda-
len Lasten des Bauernstandes zu verringern, wodurch dieser wieder zu mehr „Stabilität“ fand. Durch den Rückgang der bäuerlichen Bevölkerung (große Verluste in den zahlreichen Schlachten), aber auch durch das neue „bäuerliche Selbstbewusstsein“ und die wieder zunehmenden Forderungen der Grundherren kam es zu einer Reihe von Auseinandersetzungen („Bauernkriege“) zwischen dem Adel und dem Bauernstand. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das Land durch religiöse „Spannungen“ zusätzlich in zwei Lager gespalten, was schließlich, angeheizt durch die Thesen Martin Luthers, zur „kirchlichen Revolution“ (1517) führte. Erst unter Maria Theresia (1717-1780) gelangte das österreichische Reich wieder zu mehr Stabilität. Neben der Begrenzung der Abgabenbelastung für die Bauern führte sie den Maria-Theresianischen Kataster ein, der erstmals alle Herren- („Dominical-“) und Bauerngüter („Rustikalland“) erfasste, wodurch die als „Bauernlegung“ bezeichnete Einziehung bäuerlicher Güter unmöglich wurde. Diese Neuerungen
Österreich - Einteilung in Marken
und die Einführung der allgemeinen Steuer unter staatlicher Kontrolle brachten ihr auch den Titel „Beschützerin der Bauern“.
patent“) und die Gerichtsbarkeit („Alle sind gleich“). Durch die von ihm angelegten Musterbetriebe, der somit losgetretenen „Agrarrevolution“ und der neuen „Steuer- und Urbarial-Regelung“ (Grundsteuer, Umwandlung von Arbeits- in Geldrente) stieg die soziale Position des Bauernstandes vorübergehend. Im Jahr 1797 zog die französische Armee unter der Führung Napoleons in Österreich ein, belagerte viele befestigte Orte und erpresste den Staat.
Landesaufnahme 1787 (unter Josef II)
Die von Maria Theresia begonnenen Reformen, wie die neue Gerichtsordnung (Halsgerichtsordnung) und die allgemeine Schulpflicht, wurden auch von Ihrem Sohn, Josef II., fortgeführt. Zusätzlich schuf er die Todesstrafe ab, hob die zu diesem Zeitpunkt in der Steiermark nur noch vereinzelt vorkommende Leibeigenschaft auf und reformierte die Kirche („Toleranz-
Als die Belagerungstruppen 1810 wieder aus Österreich abzogen, hinterließen sie einen hoch verschuldeten Staat, was schließlich zum Staatsbankrott
(1811) bzw. zu einer Geldentwertung auf 1/5 der ursprünglichen Zahlungskraft führte. Obwohl der Bauer in den darauf folgenden Jahren, aufgrund der industriellen Revolution, immer mehr zum agrarischen Produzenten wurde und traditionelle Nebenerwerbstätigkeiten verschwanden, stabilisierte sich die Lage der Landwirte. 1848 als das Land wirtschaftlich saniert war, wurde von Erzherzog Johann ein Patent erlassen, welches die Freiheit des Glaubens, der Wissenschaft und der Presse gewährte. Im selben Jahr wurde auch ein Gesetz verabschiedet, welches die Bauern endgültig von allen Untertanenlasten befreite („Bauernbefreiung“) und zu gleichberechtigten Staatsbürgern erhob.
Monarchie“ gelegt war. Unter dieser Regierung wurden folgende vier Grundgesetze erlassen: Gleichheit vor dem Gesetz, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Wissenschaft und deren Lehre, Gleichbehandlung aller Volksstämme. Außerdem wurde 1907 das allgemeine Wahlrecht eingeführt. Dieses Zeitalter des Liberalismus brachte für den Bauernstand unter anderem die „Freiheit der Verschulung“, was jedoch zu sprunghaft steigenden Überschuldungen führte, welche meist in Zwangsversteigerungen der Bauerngüter endete.
Durch diese Stärkung des Bauernstandes wurden viele Höfe um- und ausgebaut, wobei das Bauernhaus, das wir heute als „traditionell“ oder „historisch“ bezeichnen, zu dieser Zeit sein typisches Aussehen erlangte. Als Österreich aus dem Deutschen Bund ausschied, kam es zum Zusammenschluss mit Ungarn, womit der Grundstein für die „Österreichisch – Ungarische
1914, ausgelöst durch das Attentat an Franz Ferdinand, dem österreichisch-ungarischen Thronfolger, brach der 1. Weltkrieg aus. Nach Ende dieses Krieges wurden die Ländereien der ehemaligen Österreichisch – Ungarischen Monarchie von den Siegermächten in 7 Nachfolgestaaten aufgeteilt, wobei die Untersteiermark an das damalige Jugoslawien abgetreten wurde. Als Antwort auf die durch den Krieg entstandenen Staatsschulden, löste 1925 der Schilling die Kronen ab. Doch die Arbeitslosigkeit stieg weiterhin an und die österreichische Wirtschaft steckte in einer Krise.
Aufteilung "Österreichs" nach dem 1. Weltkrieg
Als 1938 die deutschen Truppen in Österreich einmarschierten, bzw. als 1939 der 2. Weltkrieg ausbrach, wurde das steirische Unterland wieder an Österreich angeschlossen. Mit dem Ende des Krieges 1945 zerbrach das Deutsche Reich, Österreich wurde wieder autonom und die demokratische Regierung wieder hergestellt. Was die Steiermark betraf, so dauerte der Kriegszustand mit dem benachbarten Ex-Jugoslawien (noch) bis 1951 an, da die damalige jugoslawische Regierung selbst nach Beendigung des Krieges Gebietsansprüche an Teile der Südsteiermark stellte. Als 1955 der Staatsvertrag unterzeichnet wurde und die Besatzungstruppen abmarschierten, war Österreich wieder frei.
Mitte des 20. Jahrhunderts litten viele Bauern unter der „weltlichen“ Agrarkrise und den gegenüber den „gewerblichen Produkten“ seit dem 2. Weltkrieg, tendenziell fallenden agrarischen Produktpreisen („Preisschere“). Seit den 60er Jahren kann eine rasche Strukturveränderung in der Landwirtschaft beobachten werden, die insgesamt zu einem weit reichenden Wandel in der Bauernschaft führte. Viele Betriebe wurden still gelegt und es kam zu einer deutlichen Zunahme der Nebenerwerbstätigkeiten. Die Umstellung auf rentablere Produktionszweige und die Nutzung von Marktnischen („biologische Landwirtschaft“) sind typisch für den Wandel der letzten Jahrzehnte. Speziell für den Raum Südsteiermark war der EUBeitritt des Nachbarlandes Sloweniens (1. Mai 2004) ein wichtiges Ereignis. Die Südsteiermark rückte aus ihrer einst eher ungünstigenRandlage im EU-Wirtschaftsraum ein großes Stück weiter in das Zentrum Europas. In der Steiermark leben heute zirka 1,21 Mio. Menschen in insgesamt 17 Bezirken, die eine Gesamtfläche von 16.388 km2 aufweisen.
Wiederanschluss des steirischen Unterlandes (1941)
„Das Land produziert eine Kultur nicht mehr aus dem Landleben, aus der Arbeitswelt (dem Bauern- und Handwerkerstand) oder aus einer herrschaftlichen Nutzung der Agrarwirtschaft. Das Landleben ist potentiell eine alternative Lebensform zur Stadt geworden. Und der ,Landmensch’ ist nicht nur potentiell, sondern auch ‚de facto’, in seiner kulturellen Rolle und Verantwortung Städter.“ Zitat: Friedrich Archleitner
BESONDERHEITEN DER SÜDSTEIERMARK TOPOGRAFIE Das Landschaftsbild der Südsteiermark präsentiert sich als Relief aus Kuppen, flachen Rücken und dazwischen liegenden Muldentälern. Die Region kann topografisch in drei landschaftlich sehr unterschiedliche Gebiete unterteilt werden. Das Sausal ist eine kompakte inselartige Erhebung begrenzt durch die Flüsse Laßnitz im Norden und Osten und Sulm im Süden. Es gibt zahlreiche enge Gräben und schmale Täler mit steilen Hängen. Auf den Anhöhen dominieren schmale Riedel, die sich treppenartig zur höchsten Erhebung des Gebietes, dem Demmerkogel, aufbauen. Die Windischen Bühel bilden die Grenze zu Slowenien und Kroatien und liegen zwischen den beiden Flüssen Mur und Drau. Ihre weichen Oberflächenformen, die flachen Rücken, die sanften Muldentäler und langen Schleppen prägen diese einzigartige Landschaft.
Die Mittelgebirgsschwelle, bestehend aus Poßruck und Remschnigg, wird von großflächigen Verebnungen und immer wieder unterbrochenen Anstiegen in Form von eher groben Rücken, die durch tiefe Kerbtäler getrennt sind, charakterisiert. Geprägt wird diese Region vor allem durch ihre natürliche Vegetation und die zahlreichen Kulturflächen für Obst- und Weinbau.
Topografie der Steiermark
KLIMA Das südöstliche Flach- und Hügelland der Steiermark (sowie das Grazer Becken) liegen im Übergangsbereich vom mitteleuropäischen zum osteuropäischen Klimaraum. Dieses sich nach Süden öffnende Gebiet ist stark durch Luftströmungen aus dem Mittelmeerraum beeinflusst. Deshalb findet man in der Südsteiermark auch eine besondere Art von Fauna und Flora, die in Österreich einzigartig ist. Das Südsteirische Hügelland ist durch die meist kurzen Winter begünstigt und zählt generell zu den wärmsten Gebieten Österreichs. Die mittlere Jahrestemperatur liegt bei 8-9°C, wobei einzelne exponierte Hangzonen (wie z.B.: in Kitzeck) sogar ein Jahresmittel von annähernd 10°C erreichen können. Diese günstigen Klimabedingungen sind von wesentlicher Bedeutung für den Weinbau. Mehr als die Hälfte des Jahresniederschlages von durchschnittlich 880980mm fällt in den Monaten Mai bis August. Die Sonnenscheindauer liegt bei rund 1950 Stunden im Jahr und die Vegetationszeit ist mit einer Dauer von 225-248 Tagen im Vergleich zum Rest Österreichs lang.
DIE KULTUR-LANDSCHAFT Die heute vor allem durch den Weinbau geprägte Landschaft der Südsteiermark ist ein „Produkt“ jener Menschen, die über Jahrhunderte hinweg die Gunst dieses Naturraumes für sich zu nutzen wussten und die Region über Generationen kultivierten. Im Rahmen der Sicherung ihrer Grundbedürfnisse wie Essen, Wohnen, etc. gestaltete die ausschließlich von der Landwirtschaft lebende Bevölkerung dieses Gebiet.
migen und feingliedrigen Landschaftsrelief entsprach entstand im heutigen südsteirischen Weinland eine einzigartige Kulturlandschaft, die sich durch kleinteilige Durchdringungen von steilen Weingärten, alten Einzelbäumen, Alleen aus Obstbäumen oder Pyramidenpappeln, Äckern und Laubmischwäldern auszeichnet.
Die „Ausstattung“ von Kulturlandschaften wurde immer durch den Menschen unter Einbeziehung und Nutzung ihrer jeweiligen Elemente geschaffen. Als Baustoffe dienten Holz, Lehm und Gestein. Boden/Erdbewegungen und Eingriffe erfolgten den technischen Möglichkeiten entsprechend behutsam und hatten dadurch nicht den Charakter des „Fremden“ (von außen hinzugefügt) sondern standen immer in engem Zusammenhang mit der Landschaft. Wege und Straßen folgten dem Geländeverlauf und wurden so zu neuen Teilen der bestehenden Gefüge. Aus diesem symbiotischen Miteinander von Mensch und Natur sowie eine Nutzung, die diesem kleinräuKulturlandschaft:
„Durch den Menschen stark umgestaltete Landschaft, in deren Gestaltung vielfach einzelne Faktoren dominieren (z.B.: Agrarlandschaft, Industrielandschaft).“ Definition lt. Brockhaus
LANDSCHAFTSTYPEN - Die breiten Talböden - Das Hügelland - Die Abhänge des Alpenrandes Die landwirtschaftliche Nutzung der einzelnen Zonen wird wesentlich von den jeweiligen klimatischen Gegebenheiten bestimmt. Bedingt durch die erhöhte nächtliche Frostgefahr in den Tallagen (kalte Luft fließt in der Nacht in die Täler ab) und die „Wärmegunst“ der höher gelegenen Hügellandschaft (Riedel), ergibt sich das typische Bild der südsteirischen Kultur-Landschaft. Während in den Tälern Getreide, Mais, Hopfen und Kürbis angebaut wird, findet man
in den Höhenlagen (über 320m) vorwiegend Weinhänge, die meistens nach Südost oder Südwest abfallen. In den Übergangszonen (am Fuße der Hügel) liegen Streuobstwiesen und an den klimatisch für den Weinbau ungeeigneten Nordhängen große Mischwälder, die durch ihre kräftige Herbstfärbung das Landschaftsbild in dieser Zeit dominieren. Es ist wohl vor allem dieses landschaftliche „Kontrastprogramm“, das den besonderen Reiz dieser Region ausmacht. Die Südsteiermark lebt von Gegensätzen wie Berg und Tal, Wald und Kulturfläche, sowie vom Wechsel langer Bergrücken und tiefer Geländeeinschnitte.
WIRTSCHAFT Obwohl die Zahl der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen und der Anteil der industriell-gewerblichen, bzw. im Dienstleistungssektor Beschäftigten stark gestiegen ist, kann die Südsteiermark durchaus als agrarische Region bezeichnet werden. Vor allem das mannigfaltige Angebot an guten Weinen hat die Südsteiermark über die Grenzen hinaus bekannt gemacht. Diese „Trinkkultur“ in Kombination mit der einzigartigen Landschaft stellt mittlerweile, in Bezug auf Tourismus und wirtschaftliche Nutzung (Wein), das größte Potenzial der Region dar.
URSPRÜNGLICHE BAUTEN
EINLEITUNG BIS ZUM BEGINN DES LETZTEN JAHRHUNDERTS, DEN ANFÄNGEN VON INDUSTRIE UND MARKTWIRTSCHAFT, HATTEN VORWIEGEND FAKTOREN WIE DIE GEOGRAPHISCHE BREITE, DAS DAMIT VERBUNDENE KLIMA EINER REGION, DIE AUSPRÄGUNG IHRER LANDSCHAFT UND DIE RECHTLICHEN, SOZIALEN UND WIRTSCHAFTLICHEN STRUKTUREN MAßGEBLICHEN EINFLUSS AUF DIE ART UND ENTWICKLUNG AUTOCHTHONER* BAUTEN. Diese charakteristischen Häuser und Hofsituationen können daher heute als Spiegelbild der Umstände und Anforderungen in Bezug auf Wohnen und Leben während der vergangenen Jahrhunderte angesehen werden. Viele dieser alten Höfe faszinieren ganz besonders durch ihre unaufdringliche und zurückhaltende Situierung und ihre einfache Bauweise.
„Form war im alten Bauernhaus nie Selbstzweck, sondern stets Folge einer zweckhaften Absicht.“ Zitat: V. H. Pöttler
* (=ursprünglich, an einem spezifischen Ort entstanden) 24
ANFORDERUNGEN AN EINSTIGE WOHNHÄUSER Die ersten menschlichen Behausungen waren Höhlen, erst später errichtete man einfache Dachkonstruktionen, um die Schlafplätze trocken zu halten. Im Laufe der Jahrhunderte, mit der Intensivierung der landwirtschaftlichen Bodennutzung, der Nutztierhaltung und der zunehmenden Sesshaftigkeit der Bevölkerung, stiegen die Anforderungen an die Bauwerke. Es galt von nun an den Verlust von Vieh, Saatgut und Wintervorräten so gering wie möglich zu halten, um die Existenz der Familie (Sippe) zu sichern. Während die vordringliche Aufgabe dieser heute als „traditionell“ bezeichneten Gebäude in der Erfüllung des Witterungsschutzes bestand, entwickelte sich auch das „Wohnhaus“ rein zweckorientiert. Es bestand meist nur aus einem Schlafraum, einer „Stube“, die als Küche, Essraum und Aufenthaltsraum genutzt wurde, und dem erforderlichen Eingangsbereich mit Schmutzschleuse („Labn“).
Südsteirisches Wohnhaus
SITUIERUNG VON BAUWERKEN BESONDERS „AUSGEZEICHNETE“ PLÄTZE WIE KUPPEN, GRATE, FREIE WIESEN ODER FELDER WURDEN FRÜHER NICHT VERBAUT. MAN NUTZTE AUS ERFAHRUNG UND ZUM SCHUTZ DER GEBÄUDE VOR WIND UND WETTER, VOR ALLEM NATÜRLICHE GELÄNDEFORMEN, WIE SENKEN ODER MULDEN.
Zweck und Funktion des Gebäudes waren für Maßnahmen dieser Art ausschlaggebend. Ein durch die Bauplatzwahl bestmöglicher natürlicher Witterungsschutz, eine durch die damals bevorzugte Südhanglage relativ lange Sonneneinstrahlung
in den Wintermonaten und eine auch sonst gut überlegte Orientierung und Ausrichtung der Bauwerke wirkte sich unter anderem positiv auf die Energiebilanz aus, wodurch diese Gebäude aus heutiger Sicht durchaus als Niedrigenergiehäuser einzustufen sind.
„In der Regel ist das Bauwerk dem Gelände anzupassen und nicht das Gelände dem Bauwerk.“ Zitat: Gerda Missoni
Neben der Bauplatzwahl spielte in der Volksarchitektur auch die Positionierung bzw. Ausrichtung der Baumassen im Gelände eine wichtige Rolle. Wohngebäude bzw. bäuerliche Bauten wurden aufgrund der einfacheren Errichtung (geringe Geländeveränderungen) stets horizontal (waagrecht, parallel) zum Hang ausgerichtet und fügen sich dadurch harmonisch in die Landschaft ein, während lotrecht (senkrecht, quer) zum Hang orientierte Baukörper einen Kontrast zur Landschaft erzeugen. Mit Hilfe dieser Kenntnis war es möglich, Bedeutung und Wertigkeit von Bauten bei Bedarf zu betonen oder sie der Landschaft gänzlich unterzuordnen.
„Eine Kirche sah wie eine Kirche aus, ein Bauernhaus wie ein Bauernhaus, ein Bürgerhaus war wieder anders als ein Bauernhaus gestaltet [...], Schulen waren groß – auch im kleinteiligen Ortsgefüge – und sie hatten eine andere Form als das Wohnhaus, Pfarrhaus oder der Gasthof.“ Zitat: Gerda Missoni
Proportions- und ausrichtungsbedingter Energiebedarf
Lagebedingter Energiebedarf (ausgehend von Bauten in der Ebene = 100%)
SIEDLUNGSSTRUKTUREN Nachdem die keltischen und slawischen Siedlungsstrukturen während der Völkerwanderung zerstört worden waren, entwickelten sich in der Steiermark im 8. und 9. Jahrhundert erste „deutsche“ Siedlungsformen. Diese Strukturen und auch jene die in der frühen Neuzeit entstanden waren, prägten noch bis vor wenigen Jahrzehnten das steirische Landschaftsbild. Neben der im südweststeirischen Hügelland aufgrund des Weinbaues vorherrschenden Besiedelung in Form von allein stehenden Höfen (Streusiedlung) wurden auch Sammelsiedlungen, meist als Haufendörfer oder Weiler errichtet. Erst im 17. bzw. 18. Jahrhundert fand die regelmäßige Form des Reihenoder Straßendorfes in den südsteirischen Bereich Einzug. Bedingt durch die landschaftliche Vielfältigkeit der Steiermark, die daraus resultierenden topografischen und klimatischen Unterschiede und die Nachbarschaft zu anderen Regionen sind in der Steiermark viele verschiedene Siedlungs- und Hofformen in Rein- und Mischformen anzufinden.
(Kirchen) Weiler
Überblick Siedlungsformen Es kann grundsätzlich zwischen Streu- und Sammelsiedlungen unterschieden werden, wobei jede der beiden Arten auf die gegebenen Anforderungen des Zusammenlebens, die Wirtschaftsform und die topografischen Verhältnisse zurückgeführt werden kann.
Streusiedlung Die Streusiedlung, in Form von allein stehenden Höfen,findet man vor allem im Hügelland und in Berglagen. Sie entstand aus der frühmittelalterlichen Art der Grundstücksteilung („Blockflur“) und der durch die Bewirtschaftung der Hänge erforderlichen Besiedlung dieser Gebiete. Sammelsiedlung Die Form der Sammelsiedlung entstand zum einen aus dem Schutzbedürfnis der Bewohner (Nähe zur Kirche) und zum anderen aus dem aufkommenden Handel, der das Zusammenrücken der Höfe erforderte. Folgende Untergruppen können unterschieden werden: Weiler – Kirchenweiler: Der Weiler ist meist ein um eine Kirche angelegter Siedlungsbereich, wobei in den meisten Fällen der Kirchplatz das Zentrum darstellt. Diese Siedlungsform ist vor allem im Hügelland, aber auch in Gebirgsregionen zu finden. Angerdorf: Das Angerdorf ist ein planmäßig angelegter Typus, der auf der hochmittelalterlichen Grundstücksteilung („Gewannflur“) basiert. Bei dieser Siedlungsform besitzen alle Höfe eine annähernd gleich breite Straßenfassade, was vor allem im Bezug auf den Handel von Bedeutung war. Zu finden ist dieser Siedlungstyp vor allem im Flachland. Reihen- oder Straßendorf: Die Form des Reihen- oder Straßendorfes ist vor allem auf die deutsche Siedlungsbewegung des 12. und 13. Jahrhunderts zurückzuführen. Entstanden sind diese Strukturen aus dem „Streifenflur“ (schmale aber lange Grundstücksparzellen).
HOFFORMEN Die historischen Hauslandschaften kennzeichnen auch heute noch weite Teile der ländlichen Gebiete Österreichs bzw. der Steiermark, wenngleich ihre Ausdehnung und Bedeutung ständig abnimmt. Ein typisches bäuerliches Gehöft umfasst in der Regel 4 Funktionsgruppen (Wohnen, Viehhaltung Vorratshaltung und Geräteaufbewahrung), die durch eigene Gebäude oder unterschiedlich große Gebäudeteile abgedeckt werden.
Der Haufen- oder Gruppenhof In der südlichen Steiermark (auch in großen Teilen Kärntens), ist der Haufen- oder Gruppenhof der vorherrschende „Typus“. Die in sich geschlossene Hofstruktur mit einem „imaginären“ Zentrum zwischen mehreren frei stehenden Gebäuden, wie Wohnhaus, Stall und einer Reihe anderer, kleinerer Wirtschaftsgebäude (Holzhütte, Brunnenhütte, Getreidekasten, Selch, etc.), die nicht miteinander verbunden sind, fügt sich im Gesamterscheinungsbild immer zu einer Gruppe. Eine Sonderform des Haufenhofes, auf die man in der Südsteiermark recht häufig trifft, ist der aus
Parallelhof (Sonderform des Haufenhofes)
zwei lang gestreckten, parallel zueinander stehenden Gebäuden bestehende Parallelhof.
Bauten „willkürlich“ in die Landschaft gestellt, wodurch eine gewisse Natürlichkeit entsteht und die Gebäude mit der Landschaft in Beziehung treten.
Durch die funktionelle Anforderung, die jeweils gegebene Topografie und bewusste Wegoptimierung zwischen den einzelnen Bauten, findet man selten Gebäude die im rechten Winkel zueinander angeordnet sind. Trotz der Berücksichtigung aller Funktionen und Wege sowie der optimalen Ausnutzung von Geländesituationen scheint es, als hätte man die
Historische Hauslandschaft der Steiermark Quelle: V.H. Pöttler
Das typische Wohnhaus dieser Gruppenhöfe war in weiten Gebieten, teilweise noch bis ins 20. Jahrhundert, das Rauchstubenhaus. Zentrum des Wohngebäudes war die Rauchstube als Koch- und Wohnraum mit offenem Herd, Backofen und Schweinefutterkessel.
Weitere Hofformen Einhof und Zwiehof Zu den wichtigsten Merkmalen des Einhofes zählen das äußerlich einheitliche Dach und die durchgehenden Verbindungswege im Inneren. Die Aufschließung erfolgt entweder über die Giebel- oder die Traufseite des Komplexes. In der Regel sind diese Bauten 2-geschossig, wobei das Erdgeschoss meist in Form eines massiven Mauerwerks, das Obergeschoss hingegen in Blockbauweise errichtet wurde. Dieser kompakte Haustyp ist vor allem aus den Erfordernissen des rauen Gebirgsklimas und der Viehzucht entstanden. Das Erdgeschoss wurde dabei als Stall genutzt, wodurch man die Abwärme der Tiere nutzen konnte, um das darüber liegende „Wohngeschoss“ zu heizen. Als zusätzliche Energieoptimierung wurde ein flach geneigtes Dach entwickelt, auf dem der Schnee, der als Wärmedämmung diente, lange liegen blieb. Mehrseithof Die Varianten des Mehrseithofs reichen von sehr offenen Formen bis hin zu regelmäßigen, schlossartigen Anlagen. Die oststeirischen Vierseithöfe sind vom Grundriss her völlig geschlossen, weisen jedoch an der Hofeingangsseite zwei Giebel auf. Während alle anderen Arten von Vierseithöfen zumindest teilweise in Massivbauweise errichtet sind, findet man in der nördlichen Oststeiermark eine in Blockbauweise errichtete Form, die unter anderem auch als Ringhof bezeichnet wird.
Murtaler Einhof
Hartberger Mehrseithof
Haken- und Streckhöfe Haken- und Streckhofformen treten besonders in den eng verbauten und „planmäßig“ errichteten Dorfanlagen der östlichen und südöstlichen Flachlandschaften auf. Ihre Form ist auf die schmalen und langen Bauparzellen im Ortsverband zurückzuführen. Charakteristisch für den Streckhof ist die lineare Anordnung von Wohn-, Stall- und Scheunentrakt, wobei beim Hakenhof die Scheune quergestellt ist, wodurch der Hof an der Rückseite abgeschlossen wird. Neben diesen Höfen in Reinform gibt es eine Reihe von Klein- und Sonderformen, die aufgrund so genannter Spezialkulturen, wie zum Beispiel dem Weinbau, entstanden sind. Diese Bauwerke und deren Ausstattung sind meist bescheidener ausgeführt und es können einzelne typische Gehöftteile komplett fehlen. In der Praxis entdeckt man auch zahlreiche Misch- und Übergangsformen, die durch die allgemeine historische Entwicklung, die Geschichte des „einzelnen Hauses“ (Um- und Zubauten, Adaptationen, etc.) oder einer Region bedingt sein können. So können neben den „idealtypischen Formen“ auch viele adaptierte bzw. individuell weiter entwickelte Bauten (oft kleinere Wirtschafts-, aber auch Wohngebäude wie z.B.: Ausgedingehäuser) vorgefunden werden.
ÜBERLIEFERTE BAUFORMEN SO WIE SICH REGIONAL UNTERSCHIEDLICHE SIEDLUNGS- UND HOFFORMEN DURCHSETZTEN, ENTWICKELTEN SICH IN DEN EINZELNEN GEBIETEN, TROTZ RELATIV ÄHNLICHER FUNKTIONEN UND ANFORDERUNGEN, AUCH SEHR DIFFERENZIERTE GEBÄUDEFORMEN UND TYPOLOGIEN. Während die Hof- und Siedlungstypologien stark von wirtschaftlichen Faktoren beeinflusst wurden, waren für die Form der unterschiedlichen Gebäude eines Hofes vor allem deren jeweilige Funktion, die Beschaffenheit des Geländes und die Machbarkeit im Sinne von verfügbaren Baumaterial und Arbeitskraft ausschlaggebend. Überwiegend verwendete man Baustoffe wie Holz, Stein und später auch Zie„[...] sie zeichneten sich durch eine faszinierende Einfachheit von hoher Qualität aus und ihre klaren Proportionen waren von einer Schönheit, die bis heute unbestritten ist [...].“ Zitat: Gerda Missoni
gel, die aus der direkten Umgebung gewonnen und vor Ort be- und verarbeitet wurden. Aus den eingeschränkten Verarbeitungsgrößen und unterschiedlichen Eigenschaften von Holz, Stein, etc. ergaben
sich diverse Grundmaße (im Prinzip gewisse Rastergrößen wie z.B. ein 2 Schuh-Mauerwerk), die sich auf Größe und Proportion der Gebäude maßgeblich auswirkten. Sämtliche Bauten wurden auf Basis von Erfahrungswerten errichtet, die regional verschieden waren und nur durch mündliche Überlieferung an die nächste Generation weitergegeben wurden.
DAS „TYPISCHE“ WOHNHAUS IM SÜDSTEIRISCHEN HÜGELLAND Zu den primären Merkmalen des ursprünglichen Wohnhauses im südsteirischen Hügelland zählen: ein relativ schmaler und lang gezogener Baukörper (Langhaus), das steile, meist symmetrische Satteldach und der traufenseitige Eingang. Das schlichte Dach und der einfache, lang gezogene Baukörper lassen die Ansichten als Zusammensetzung von klaren geometrischen Flächen (Rechtecke) erkennen, welche durch Materialunterschiede im Wandaufbau in drei bis vier verschieden strukturierte Abschnitte unterteilt wurden.
Grundrisscharakteristika Der Grundriss der alten regionaltypischen Wohnhäuser zeichnete sich vor allem durch einen zentral situierten, durchgängigen Vorhausbereich, die so genannten „Labn“, aus. Sie wurde sowohl als „Arbeitseingang“ von der Hofseite, als auch als „öffentlicher“ Zugang von der Straßenseite benutzt. Links und rechts schlossen die Wohn- Essküche („Stube“) und ein allgemeiner Schlafraum an. Durch den schmalen Baukörper wurde eine natürliche Beleuchtung der Räume von drei Seiten möglich (Sonneneinstrahlung, Energiehaushalt). Trotz der schlichten Gesamterscheinung ergab sich um das Wohnhaus, vor allem in Wechselwirkung mit den übrigen Gebäuden, eine Vielzahl von unterschiedlichen Außenraum-Situationen. Bei Bedarf vergrößerte man den Dachvorsprung, um einen witterungsgeschützten, trockenen Abstellbereich für Kleingeräte oder Holz zu gewinnen.
Das geneigte Dach Das Dach in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen war und ist in allen Kulturen eines der wesentlichen Gestaltungselemente der Architektur eines Landes oder einer Region. Seine Form wurde von klimatischen Gegebenheiten, regional verfügbaren Baustoffen und Konstruktionskenntnissen bestimmt. In vielen Kulturen ist die Dachform auch von religiösen Vorstellungen beeinflusst. Auch bei uns erhielten Bauten wie z.B.: Kirchen, Schulen oder Pfarrhäuser stets besondere Dächer. Bedingt durch die klimatischen Voraussetzungen, wie starke Regenfälle in den Übergangsmonaten oder Schneelasten in den kalten Jahreszeiten ist die typische Dachform des gesamten Alpenraumes das Satteldach. Bei Nebengebäuden findet man oft auch
andere Formen geneigter Dächer, wie z.B.: unregelmäßige Sattel- oder angeschobene Pultdächer („Anschubdächer“). Sparrendachstuhl
Für die Herstellung des Satteldaches gibt es prinzipiell zwei Konstruktionsvarianten: • das Sparrendach (als ältere der beiden Methoden) • das Pfettendach. Das Pfettendach hat aufgrund seiner Konstruktion den Vorteil, größere Decklasten (Ziegel) aufnehmen zu können und löste daher mit der Zeit die mit Stroh oder Holzschindeln gedeckten Sparrendächer ab. Im Gegensatz zu den Gebirgsregionen, bewährte sich in der Südsteiermark aufgrund der Regenhäufigkeit, die Form des steilen (ca. 47-52°), geschlossenen (ohne Gaupen oder Aufbauten) Satteldaches.
Der Hauptfirst der Gebäude verlief, mit Ausnahme von „kurzen“ Neben- oder Wirtschaftsgebäude (z.B.: Kellerstöckl, Brunnenhaus, etc.), parallel zu den Die Dächer mit ihrer kleinstrukturierten Eindeckung (zunächst mit Stroh, dann Holzschindeln und später Ziegeln) traten als klare Flächen in Erscheinung. Das „typische“ Wohnhaus kam (meist) ohne Wiederkehr und Zusatzgiebel aus. Wurde jedoch eine Wiederkehr ausgebildet, so Höhenschichtlinien des Geländes. lag der Nebenfirst deutlich unter dem Hauptfirst, wodurch die Gebäude ihre eindeutige Hauptausrichtung weiterhin behielten. Der Dachraum blieb zunächst nahezu ungenützt und diente nur gelegentlich als Schlafstelle für Mägde oder Gesinde (Dämmstoffe waren bis dahin unbekannt!). Man nutzte die Fläche vorwiegend um Gegenstände und Geräte zu verstauen oder zu lagern. Erst gegen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte man brauchbare Dämmstoffe und der Dachraum wurde als zusätzlicher Wohn- und Schlafraum erschlossen.
Abhängigkeit zwischen Dachneigung und Deckungsmaterial
Ziegeldeckung 35
QUALITÄT DES GESTALTENS AUSDRUCKSMITTEL WIE FLÄCHENGESTALTUNG, -GLIEDERUNG UND FARBAKZENTUIERUNG TRUGEN MASSGEBLICH ZUM GESAMTERSCHEINUNGSBILD DES „ALTEN“ ODER „TRADITIONELLEN“ WOHNHAUSES BEI. Damit sollte eine Art Spannung für den Betrachter aufgebaut werden, die das Gebäude leichter erfassbar bzw. lesbar macht. Heute werden diese Merk-
male der alten Häusern als „ausgewogen“, „schön“ und „wie selbstverständlich“ empfunden. Durch die unmittelbar aus dem Umland gewonnenen Baustoffe entstand eine sehr intensive und harmonische Beziehung zur Umgebung. Durch stets zurückhaltenden Farbeinsatz und die Verarbeitung von ausgesuchten oder speziell bearbeiteten Materialien für Verzierungen versuchte man die gestalterische Qualität und die Einzigartigkeit eines Gebäudes zu betonen.
MATERIALIENEINSATZ UND VERARBEITUNG Beim Bau von Gebäuden wurden vor allem die spezifischen Eigenschaften von Baustoffen berücksichtigt. Trotz des geringeren Speichervermögens bevorzugte man, für die Errichtung der Wohnhäuser, Holz wegen seines besseren Wärmeschutzes. Holz wurde vor allem in jenen Regionen verwendet, wo Temperaturdifferenzen zwischen Tag und Nacht sowie zwischen Sommer und Winter relativ hoch waren.
Holz Generell entwickelte sich der Block- oder „Schrotbau“ vorwiegend in jenen europäischen Gegenden, die mit hochwüchsigen Nadelhölzern (Kiefer, Fichte, Lärche, etc.) und reichhaltigem Laubholz (Buche, Eiche, etc.) gesegnet waren. Da sich viele Laubhölzer nur zu kurzem Bauholz schneiden ließen, fand dieses vor allem im Fachwerk- oder Ständerbau Verwendung, wärend im Blockbau vorwiegend Nadelhölzer verarbeitet wurden.
Blockwände wurden nicht selten an der Wetterseite mit einem zusätzlichen „Schindelschirm“ versehen, um noch besser gegen Wetter und Wind zu bestehen. Der Aufwand, morsche und ausgediente Schindeln auszutauschen war weitaus geringer, als ganze Holzwände zu sanieren oder gar zu ersetzen.
Eckverbindungen im Holzblockbau
ausgeführt wurden, miteinander zu verbinden. Unebenheiten in den Lagerschichten wurden gegebenenfalls mit Moos oder Lehm ausgeglichen.
Die Technik des Blockbaues bestand darin, die runden oder behauenen Hölzer flächenhaft übereinander zu lagern und durch entsprechende Hilfsmittel, wie Holzdübel oder Verzinkungen, die mitunter sehr kunstvoll und mit hohem handwerklichem Geschick
Wegen der sorgfältigen und gekonnten Schlägerung und Weiterverarbeitung trotzten diese Holzkonstruktionen Jahrhunderte lang allen Witterungseinflüssen. Während im Wohnbau vorwiegend die Blockwand Einsatz fand, baute man Wirtschaftsgebäude oft in altbewährter, verschalter Ständerbauweise. Dabei wurde die Verschalung immer senkrecht angebracht, damit „Schlagwässer“ leicht abrinnen und Holzschwämme oder Fäulnis erst gar nicht entstehen konnten.
Ausgefachte Ständerkonstruktion
Gebrochene Steine, Findlinge oder in manchen Sonderfällen auch behauenes Vulkangestein wurden vor allem bei älteren Häusern für das Fundament und den Gewölbebau eingesetzt. Bei der Verarbeitung von Stein galt es als besondere Herausforderung, die einzelnen Gesteinsbrocken ihrer ursprünglichen, natürlichen Lage entsprechend in das Mauergefüge oder das Fundament einzupassen. Für die Ausbildungen von Ecken verwendete man bevorzugt größere, längere, grob behauene Steine, da diese (aus Erfahrung) mehr Stabilität gewährleisteten.
Erst ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts fand auch der Ziegel im ländlichen Raum vermehrt Einsatz. Nicht weil es den gebrannten Ziegel zuvor nicht gab, sondern aus Kostengründen, da viele Bauern früher selbst einen kleinen Steinbruch betrieben und keine Notwendigkeit für den Zukauf von Baumaterial bestand. Der Ziegel zählt zwar zu den Naturprodukten, ist jedoch ein durch Menschenhand in eine feste Form gebrachter Baustoff. Der „traditionelle“ Mauerziegel wurde oft am Hof selbst erzeugt und gebrannt, ein Indiz dafür sind die vielen unterschiedlichen Ziegelformate die man heute im Zuge von Renovierungsarbeiten und Revitalisierungen immer wieder findet. Der Ziegel diente aber nicht nur als Baustoff, sondern fand auch als Ornament für die Gestaltung der Fassade Verwendung. Eine typische Form war der „Sichtziegel“ den man für den Sockelbereich von Wohnhäusern oder zur Herstellung von kunstvoll ausgeführten Belüftungsöffnungen in Giebelmauern verwendete. Aufgrund neuer Bestimmungen in der Feuerschutzverordnung Anfang des 19. Jahrhunderts wurden in viele bestehende Holzhäuser nachträglich
Eckausbildung einer Steinmauer
gemauerte Kamine eingebaut, um die Brandgefahr zu mindern. Auch ganze Holzwände wurden - vorwiegend im Küchenbereich - durch Ziegelmauerwerk ersetzt und neue Zubauten in Ziegelmassivbauweise angefügt. Vor allem im Kochbereich entstanden dadurch an der „Nahtstelle“ zwischen Holzblockwand und massivem Mauerwerk die typischen „Abtreppungen“ in der Fassade.
Leichtmauerwerk & Lehm In Österreich spielte der Lehmbau eine eher untergeordnete Rolle. Zum einen verwendete man Lehm um leichtes, aus einem Rutengeflecht hergestelltes Mauerwerk zu verputzen, zum anderen diente Lehm als Fugenfüller für die Außenhaut im Blockbau, da die langen Hölzer nie so genau bearbeitet werden konnten, dass ein fugendichtes Aufeinanderstapeln möglich war.
Lehm als Fugendichtung
Gemauerte Kochstelle (Abtreppung) 39
FENSTER UND ÖFFNUNGEN Neben der Fassadengliederung durch verschiedene Baustoffe war die Relation von Mauerwerksanteil und Fenster ausschlaggebend für das Erscheinungsbild des Gebäudes. Die Gliederung und Proportionierung von Öffnungen in historischen Bauformen sind sehr unterschiedlich und vielfältig. Manchmal scheint es, als wäre die Verbindung konstruktiver und gestalterischer Anforderungen den Bewohnern und Bauherren ein besonderes Anliegen gewesen. Bei der Betrachtung historischer Fassaden wird auch die gestalterische Absicht der bewusst gesetzten Fensteröffnungen deutlich. Als meist „stehende“ Rechtecke proportioniert wurden die Flügel der Fenster durch konstruktiv bedingte Sprossen (große Glasflächen waren nicht möglich) gegliedert.
Skizze eines traditionellen Fensters
Zum Schutz vor Kälte und Eindringlingen wurden den Fenstern Balken aus Holz vorgesetzt. Während sie im geschlossen Zustand eine Einheit mit der Fassade bildeten, entstand im geöffneten Zustand eine freundliche und offene Gebärde. Fassadengliederung
FARBEN Traditionell gab es nur wenige Farben, die in der Gestaltung von Gebäuden Anwendung fanden. Baustoffe wie Holz, Stein, Ziegel, Reibputz, etc. hatten markante Eigenfarben, die Ruhe und Erdnähe ausstrahlten. Sie bestimmten maßgeblich die Gestaltung von Gebäuden. Beobachtet man farbliche Durchbildungen von alten Wohnhäusern und Bauten etwas genauer, so kann man feststellen, dass meist mit zwei bis drei Farbtönen, die den jeweiligen
Baugliedern zugeordnet werden können, „gespielt“ wurde. Neben den natürlichen Farben der Materialien fand man wiederholt Grüntöne (Grün auch als Farbe der Vegetation), aber auch die Farbe Gelb (die Farbe der Sonne), welche am Land am häufigsten verwendet wurde. Selten waren die aufgetragenen Farben (mit ihren natürliche Pigmenten) gesättigt, unterschiedliche Helligkeitsstufen ergaben sich in Verbindung mit Weiß oder Schwarz.
Farbakzentuierung durch Material
AUSSENBEREICHE ALTER HÖFE DIE ZWISCHEN DEN EINZELNEN GEBÄUDEN DER HAUFENHÖFE LIEGENDEN AUßENBEREICHE STELLTEN IMMER DIE SOZIALE UND FUNKTIONALE ZONE DES HOFES DAR, WOBEI DIE FORM AUF DIE JEWEILIGEN WIRTSCHAFTLICHEN ERFORDERNISSE UND DIE OPTIMIERUNG DER VERBINDUNGSWEGE SCHLIEßEN LÄSST. Die wertvollen hofnahen landwirtschaftlichen Nutzflächen wurden bis ins 20.Jahrhundert nach ihren standörtlichen Eigenschaften in Bauerngärten, Hausweiden, Gemüsegärten und Viehauslaufbereiche untergliedert. Obstbäume wurden meist auf jenen Flächen gepflanzt, die durch Rutschungsgefährdung oder Beweidung für andere Nutzungen weniger geeignet waren. Hofnahe Laub- bzw. Obstbäume
wurden auch an jenen Stellen gesetzt, wo durch den Baumbewuchs ein zusätzlicher Schutz (Sonnenschutz, Windschutz) für den Bauerhof erfüllt werden konnte. Laubbäume spenden im Sommer Schatten und lassen die wärmende Sonnenstrahlung in den Wintermonaten nahezu ungehindert an das Haus heran, was sich positiv auf den Energiehaushalt bzw. Heizbedarf auswirkt. Auch heute sollte man das bedenken. Die Obstbaumbestände hatten somit immer sowohl eine Nutz- als auch eine Schutzfunktion. Charakteristisch für diese hofnahen Bestände war und ist der große Abstand der Bäume (8-12m), wodurch parkartige Innenbereiche entstanden. Meist handelte es sich um eher niedrigen Bewuchs (7-8m), wodurch das Gehöft in ein erfassbares, maßstäbliches Ver-
hältnis zur Umgebung gesetzt wurde. Ein weiterer für die Südsteiermark mittlerweile typischer Baum ist die Pappel, wenngleich sie ursprünglich nicht zu den heimischen Pflanzen der Region zählt. Unter anderem lies bereits Napoleon I. auf seinen Eroberungszügen durch Österreich eine große Anzahl an Pappeln als Wegmarkierung für seine Truppen pflanzen, Selbst heute findet man im südsteirischen Weinland noch eine Vielzahl dieser alten Bäume. Da unsere Vorfahren auch bald erkannt hatten, dass sich die Pappel aufgrund ihrer Höhe und der starken Wasserführung als idealer Blitzschutz für ihre Gehöfte eignete, prägen diese säulenartigen Pflanzen immer noch vielerorts das Landschaftsbild.
Typischer Haufenhof mit Hausbaum
BAUTEN DER GEGENWART
EINLEITUNG DIE STÄNDIGE VERÄNDERUNG, DER DIE ALTEN HOFFORMEN UND GEBÄUDE AUCH HEUTE NOCH UNTERLIEGEN, ERREICHTE IM 20. JAHRHUNDERT, VOR ALLEM IN DEN ERSTEN BEIDEN JAHRZEHNTEN NACH DEM 2. WELTKRIEG, EIN BEDEUTENDES AUSMASS. Aufgrund der zunehmenden Mechanisierung der Landwirtschaft, der Einführung neuer Arbeitsmethoden, des Aufkommens neuer Industriezweige im Baugewerbe, sowie der vielen neuen Anforderungen an Wohnen und Leben kam es oft zu schwerwiegenden Eingriffen an bestehenden Gebäuden und in alte Hofsituationen. Bedingt durch die schlechte finanzielle Situation in den Nachkriegsjahren wurden für viele Um- und Neubauten bevorzugt kostengünstige aber aus heutiger Sicht leider meistens qualitativ minderwertige und für die Gestaltung dieser Bauwerke ungeeignete Baustoffe verwendet.
Die über viele Generationen hinweg bestehenden Grenzen zwischen Land- und Stadtleben brachen zunehmend auf, wodurch sich neue soziale Strukturen zu entwickeln begannen. Die Landwirtschaft stagnierte, während die Industrie in den Städten einen enormen Aufschwung erlebte. Die vielen neuen Arbeitsplätze und die damit verbundenen Sozialleistungen (bezahlte Urlaube und Krankenstände, ein Novum für den Bauernstand der es sich bis dahin nicht einmal leisten konnte krank zu werden) zogen
immer mehr Landmenschen zum Arbeiten in die Stadt. Zudem waren die Industriegehälter weitaus höher als die mageren Einkünfte, die ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb abwerfen konnten. Die Folge daraus war, dass die meisten dieser landwirtschaftlichen Betriebe schließen mussten, viele Großfamilien zerfielen und ehemals bewirtschaftete Agrargebiete zu reinen Wohngebieten bzw. Schlafstätten wurden.
Durch diese verstärkte Einflussnahme des Stadtlebens, der Industrie und die daraus resultierende „neue“ Lebensform (Freizeit, Urlaub, Reisen, etc.) entwickelte sich eine Vielzahl neuer, kaum definierbarer und weniger ortsgebundener Bauformen. Regionaltypische Häuser bzw. Hauslandschaften die sich über einen langen Zeitraum hinweg entwickelt hatten, waren innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten gänzlich verschwunden.
„...oft waren es einfach nur schöne Urlaubserinnerungen an Strandbungalows oder toskanische Villen, welche die Menschen dazu veranlassten Häuser in diesem Stil nachzubauen.“ Zitat: Krasser/Urthaler, „Form-Funktion-Tradition“, 2003
BESIEDELUNG UND GEBÄUDESITUIERUNG baut worden, die über Jahrhunderte hinweg tabu waren. Ortsgrenzen wurden aufgelöst, unberührte Landschaften besiedelt. Die Zersiedelung nahm ihren Lauf.
DAS BEREITS ERWÄHNTE „VERSCHWINDEN DER GROSSFAMILIEN“ UND DIE DARAUS ENTSTEHENDEN NEUEN FAMILIENSTRUKTUREN (VIELE NEUE, KLEINERE FAMILIEN) HATTEN EINEN GROSSEN BEDARF AN WOHNRAUM ZUR FOLGE. Grund und Boden war in den meisten Fällen bereits vorhanden (u.a. durch das Auflösen der Landwirtschaft bzw. der agrarischen Produktion), sodass sich dort wo einst nur ein Gebäude stand, innerhalb kürzester Zeit siedlungsähnliche Strukturen entwickeln konnten. Unterstützt wurde dieser Trend zum „Häuschen mitten in der Landschaft“ durch das
„Agrarische Straßenbauprogramm“, wodurch beinahe zu jedem allein stehenden Hof eine Straße errichtet und somit annähernd jeder besiedelte Punkt in der Landschaft erschlossen wurde. Auf diese Weise sind in der Südsteiermark viele Stellen und Bereiche ver-
Erst durch die Einführung des Raumordnungsgesetztes, Mitte der 70iger Jahre, konnte der bis zu diesem Zeitpunkt förmlich „uneingeschränkten“ Bautätigkeit theoretisch Einhalt geboten werden. Doch die bis dahin gewohnte Baufreiheit hinterließ irreversible Schäden und war auch nicht so schnell zu unterbinden. Die Folgen sind aus heutiger Sicht schwerwiegend. Identität und Charakteristik vieler Regionen Österreichs gingen in dieser Zeit verloren und auch die Südsteiermark hat einiges an Ursprünglichkeit eingebüßt.
Heterogenität und gedankenloser Individualismus bestimmen heute vielerorts die Gestaltung der Bauten und auch in Bezug auf ihre Situierung im Gelände scheint das Wissen um landschaftsbezogenes Bauen in den letzten Jahrzehnten vollkommen verloren gegangen zu sein. Durch den Einsatz moderner Baumaschinen (Bagger oder Caterpillar) und Geräte ist es heute sehr einfach größere Erdmengen zu bewegen und ganze Gegenden vollkommen zu verändern. Bedingt durch die zusätzlichen Wünsche vieler Bauherren, wie z.B. sein Auto möglichst im oder unter dem Haus abstellen zu können, Kellerräume mit Tageslicht zu versorgen, um sie als Aufenthaltsräume nützen zu können, oder sein Haus aufgrund einer besseren Aussicht auf einen höheren Sockel zu
stellen leidet vor allem das Landschaftsbild unter diesem unsachgemäßen Zugang. Talseitig werden künstliche Plateaus errichtet und großflächige Terrassen aufgeschüttet, teilweise werden auch ganze Hänge „weg geschoben“ um sie mit überdimensionalen Steinen (Wasserbausteine) neu aufzubauen. Was bleibt sind unübersehbare „Wunden“ in diesen eigentlich ganz anders geprägten Landschaftsräumen. Das gegenwärtig erkennbare Verhalten im Umgang mit der Landschaft wirkt generell unüberlegt und die
einstige Sensibilität für die Gegebenheiten und den Umgang damit scheint völlig abhanden gekommen zu sein. Häuser werden auf Bergkuppen, freien Wiesen, Felder oder exponierten Hanglagen gestellt, Dachformen und Dachneigungen sprechen eine vollkommen andere und viel auffälligere Sprache als jene der umgebenden Häuser. Die Gebäude wirken dadurch als Fremdkörper in einer sonst ruhigen und einfachen Umgebungsstruktur. Besondere Landschaften werden damit zerstört und ihre regionaltypischen Erscheinungsformen unwiderruflich verändert.
Steinschlichtungen (Wassersteine)
GEBÄUDEFORM IM WANDEL DIE KLAREN STRUKTUREN UND FORMEN, WIE SIE AN DEN ALTEN BAUERNHÄUSERN ZU FINDEN WAREN GINGEN ZUNEHMEND VERLOREN, STATT DESSEN ENTSTANDEN ZERGLIEDERTE, PROPORTIONSLOSE BAUKÖRPER MIT „AUSGEBISSENEN“ ECKEN DIE IN KEINERLEI BEZIEHUNG ZUR IHRER UMGEBUNG STANDEN. Der zunehmende Verlust an Maßstäblichkeit, Proportion, Qualität der Farbgestaltung und Funktionsorientierung lässt erkennen, dass die einstige Tradition von intelligentem Materialeinsatz im Sinn von
„Die Beeinflussung des Geschmacks durch andere Kulturen und Bautraditionen ist unübersehbar.“ Zitat: Krasser/Urthaler, „Form-Funktion-Tradition“, 2003
Bedachtnahme auf Wirtschaftlichkeit, Zweck und Klima in Vergessenheit geraten war und mit ihr das Selbstverständnis der Architektur im ländlichen Bereich. Der althergebrachte Langhaustyp musste anderen Grundrissarten weichen, deren Großform in der Regel ein Quadrat zu Grunde lag. Man begann im Gegensatz zu früher 2-geschoßig zu bauen, um den gestiegenen Raumanforderungen nachzukommen. Die Kniestöcke wurden einfach bis auf Raumhöhe
aufgemauert und das Gebäude mit einem vergleichsweise sehr flachen Satteldach versehen. Beliebt waren großflächige Balkone, Terrassen und Erker, pompöse Stiegenaufgänge und dem damaligen Trend entsprechend große, nicht gegliederte Fenster, die riesige schwarze Löcher in die Fassaden rissen.
Anfang der 70iger Jahre eroberte schließlich die Fertigteilindustrie den Markt und so genannte „Typenhäuser“, wie das „Salzburger-“ oder „Tiroler - Haus“ kamen in Mode. Obwohl die Fertigteilindustrie für den Endverbraucher viele Vorteile mit sich brachte, wirkte ihr Einfluss negativ auf die Weiterentwicklung regionaler bzw. die Entwicklung angemessener neuer Bauweisen. Das Konzept der Fertigteilindustrie, schnell, kostengünstig und ohne große Komplikationen zu bauen, hatte die Menschen rasch überzeugt. Dafür sah man über die anfänglich qualitativ eher minderwertigen Bauten mit unflexiblen Grundrisskonzepten, die sich
in einer eher monotonen und unattraktiven Außengestaltung der Häuser widerspiegelten, hinweg. Mit der Zeit entwickelten die Hersteller eine schier unendliche Vielzahl an Hausformen, deren Form- und Farbgebung bald keine Grenzen gesetzt waren. Auch hier ging man mit dem Trend; vom Bungalow bis zum „Märchenschloss“ war alles und überall möglich geworden. Heute, im Gegensatz zu den Jahren vor 1950, ist es praktisch unmöglich, für die Region Südsteiermark einen einzigen Grundtypus aus der Vielfalt an gegenwärtigen Bauformen zu isolieren. Für die Fertighausindustrie sollte gerade diese Tatsa-
che eine Herausforderung darstellen, eine für diesen besondere Region angemessene, einfache, aber gute und zeitgemäße Gestaltqualität zu entwickeln.
AUSWIRKUNG NEUER BAUSTOFFE AUF DIE GEBÄUDEGESTALTUNG Wie bereits erwähnt waren in den Jahren nach dem Krieg und dem Wiederaufbau im Land andere Faktoren für die weitere Entwicklung, der ländlichen Gebäude maßgebend. Aufgrund der geringen finanziellen Möglichkeiten kamen neue technische Erkenntnisse und die daraus resultierende kostengünstigere Baumaterialien gerade recht. Die Industrie hatte schnell reagiert und leicht zu verarbeitende Baustoffe wie Faserzementplatten oder Gasbeton entwickelt, die auch für den „kleinen Mann“ erschwinglich waren. Durch die Vielfalt an neuen Baustoffen war man nicht mehr ausschließlich an spezielle Größen oder Farbtöne wie jene von Holz oder Normziegel gebunden. Der individuellen Form- und Farbgebung waren
nun keine Grenzen mehr gesetzt. Neue, bis dahin unbekannte und im ländlichen Raum bisher unübliche Stilelemente wie Balustraden, Zwiebeltürmchen, Säulen oder Wandfresken schmückten zunehmend die Fassaden neuer Bauten. Der Drang nach Individualität wuchs, und ist heute größer als je zuvor. Diese „Strömung“ hatte zur Folge, dass im Laufe der letzten Jahrzehnte in der Südsteiermark viele ehemalige Hof- und Gebäudeformen von der Bildfläche verschwanden. An ihrer Stelle stören heute großteils zu wuchtig proportionierte, unförmig gestaltete, in allen möglichen schillernden und viel zu grellen Farben, mit allen nur erdenklichen Dachformen und Dacheindeckungen versehe Baukörper, das Landschaftsbild der Südsteiermark.
AUSSENRÄUME UND „MODERNE“ GÄRTEN Mit der Veränderung der Höfe vom einstigen, funktionsorientierten Produktionsbetrieb zum reinen Wohnhaus, hat sich auch im Bereich der Garten- und Außenraumgestaltung viel verändert. Während die Außenräume früher funktionell und dem Nutzen entsprechend einfach blieben, prägen heute streng geometrische Formen, exotische Pflanzen, Hecken und Betonsteine das Erscheinungsbild vieler Gärten. Der Bezug zum speziellen Charakter des Geländes wird vernachlässigt, oftmals bewusst negiert. Anstatt das vorhandene Gelände sensibel zu nutzen und mit sanften Korrekturen zu bearbeiten, werden im großen Stil ganze Hänge mit Betonsteinen verbaut. Überdimensionierte Stützmauern und derbe Bruchsteinschlichtungen sorgen dafür, dass auf diese Weise künstlich angelegte Terrassen nicht abrutschen.
Dafür werden aus Kostengründen meist sehr großvolumige Steine verarbeitet und steil übereinander geschlichtet, was jedoch deren Einwachsen auf Dauer verhindert. Die Folge sind viel zu hohe, grob strukturierte Ansichtsflächen, die an Geröllhalden erinnern. Zum Schutz gegen den Nachbarn werden oft Hecken aus exotischen Pflanzen gesetzt und anstatt einen „Hausbaum“ zu pflanzen werden Sonnenschirme aufgestellt oder Gartenpavillons errichtet. Die Wege zwischen den einzelnen Gebäuden werden asphaltiert oder mit Betonsteinen (es gibt sie in mehreren Farben) gepflastert und der Rest des Gartens mit Fertigteil-Stilelementen und gegossenen Skulpturen geschmückt. Gartenzentren bieten dem Konsumenten heute alles was er haben will; und meistens noch viel mehr als das. Die Produktpalette ist mannigfaltig: Bäume, Sträucher, Kunstdünger, Skulpturen, Balustraden, Gitterwerke, Jägerzäune aber auch Wasser speiende Frösche oder mannshohe Gartenzwerge werden dem Kunden, gleichsam als Statussymbole aufgedrängt.
Quelle: Büro freiland
Was wird von der Ursprünglichkeit und Harmonie dieses qualitativ hochwertigen Landschaftsraumes für unsere Nachfahren erhalten bleiben, wenn wir weiterhin so unsensibel und gedankenlos vorgehen?“ Zitat: Krasser/Urthaler, „Form-Funktion-Tradition“, 2003
PLANEN VON WOHNHÄUSERN
EINLEITUNG DIE PLANUNG EINES WOHNHAUSES DARF NICHT ERST MIT DER AUSARBEITUNG ODER DEM „EINKAUF“ EINES EINREICHPLANS BEGONNEN WERDEN. THEMEN WIE STANDORTAUSWAHL, GEBÄUDESITUIERUNG, ENERGIEHAUSHALT, NOTWENDIGE RÄUME UND ERSCHLIESSUNGEN MÜSSEN BEREITS IM VORFELD ERÖRTERT UND GEKLÄRT SEIN. Tatsache ist, dass im gesamten ländlichen Raum alte Strukturen aufgebrochen sind, dass sich in den letzten Jahrzehnten im Baugeschehen viel verändert hat und dass sowohl das Selbstverständnis als auch der ursprüngliche Gebietscharakter vielerorts verloren gegangen ist. Es ist jedoch unsere „kulturelle“ Verpflichtung der Tradition gemäß einen verantwortungsvolleren Umgang mit der Ressource „Südsteirische Landschaft“ zu pflegen und unserer Baukultur wieder eine Identität zu verleihen. Folgende Denkansätze, in Richtung einer zeitgemäßen Interpretation alter Qualitäten unter Berücksichtigung aktueller Anforderungen, sollen dazu anregen, sich bewusster und feinfühliger mit dem Thema „Bauen in der (Kultur-)Landschaft“ auseinander zu setzen.
PLANEN STATT PLÄNE ZEICHNEN Die Planung eines Wohnhauses darf nicht erst mit der Ausarbeitung oder dem „Einkauf“ eines Einreichplans (weil dieser unter anderem für eine Baubewilligung erforderlich ist) begonnen werden. Themen wie Standortauswahl, Gebäudesituierung, Energiehaushalt, notwendige Räume und Erschließungen müssen bereits im Vorfeld erörtert und geklärt sein. In diese Überlegungen sollten nicht nur die aktuelle familiäre Situation und momentane Neigungen oder Tendenzen einfließen, sondern auch zukünftige Ereignisse berücksichtigt werden. Ebenso wird es künftig notwendig sein marktübliche Wohnkonzepte, wie das abgetrennte, überdimensionierte Wohnzimmer, die Garage im Keller oder die stereotype Anordnung von Schlafräumen im Dach- bzw. Obergeschoss, individuell und vor allem in Bezug auf die jeweilige Gebäudesituierung im Gelände, individuell zu bewertet. Da heutige Wohnhäuser deutlich mehr Funktionen (Hobbyraum, Büro, Gästezimmer, zusätzliche Sanitäreinheiten, etc.) beinhalten, als dies im regionaltypischen Bauernhaus der Fall war, bedarf eine intelligente Vernetzung dieser einzelnen Funktionen, unter Berücksichtigung der persönlichen
ÖFFENTLICH HALBÖFFENTLICH
(Wohnraum) Konzeption
Ansprüche künftiger Hausbewohner wesentlich umfangreicherer Vorüberlegungen in der Entwurfsphase. Erst eine durchdachte Anordnung der einzelnen Zonen, Räume und hausinternen Verbindungswege in der Art wie es uns schon die „traditionellen“ Hofkonzepte vorzeigten, führt zu einer Optimierung der späteren Wohnqualität.
ENERGIEBEWUSSTES PLANEN UND BAUEN Der Trend geht, wie es die letzten Jahre gezeigt haben, immer mehr in Richtung „Niedrigenergiebzw. Passivhaus“. Hinter diesen Schlagworten, seit geraumer Zeit in aller Munde, verstecken sich jedoch keine „technischen Wunder“, denn bereits mit ein wenig Hausverstand können schon in der Planungsphase die Weichen für eine günstige Energiebilanz gestellt werden. Neben der Materialauswahl ist es in der Entwurfsphase immer noch möglich, durch überlegte Orientierung des Gebäudes und der einzelnen Räume auf örtliche Gegebenheiten wie Klima, Gelände- und Sonnenstandverlauf zu reagieren und damit wichtige Entscheidungen für den späteren Energiehaushalt zu treffen. Generell gibt es im Hausbau keine Standardlösungen für winterlichen und sommerlichen Klimaschutz, doch in Anlehnung an die Vorgangsweisen unserer Vorfahren sollten zumindest folgende Überlegungen in die Planung einfließen:
Eingehendes Studium des Bauplatzes Neben der Orientierung (Himmelsrichtungen) und den topografischen Gegebenheiten wie Hangneigung, Exponiertheit, etc. sollten auch klimatische Besonderheiten wie Nebelhäufigkeit, Windverhältnisse oder Verschattung durch umliegende Vegetation und Berge bekannt sein und berücksichtigt werden.
Gebäudeorientierung Durch die Ausrichtung des Gebäudes, bzw. eines großen Anteils seiner Fensterflächen in Richtung Süden können vor allem in den Wintermonaten, durch den relativ niedrigen Sonnenstand, solare Gewinne (Energiegewinne aus der Sonneneinstrahlung) erzielt werden.
Form des Gebäudes Die Form des Gebäudes wirkt sich maßgeblich auf seinen Energiehaushalt aus. So bieten geometrisch einfache und geschlossene Formen eine gute Voraussetzung für eine positive Energiebilanz, während Eckausschnitte oder Gebäudeausstülpungen in Form von Loggien oder Erkern durch die Vergrößerung der Oberflächen den Energiebedarf vergrößern.
Optimieren der Grundrissorganisation Durch die Gruppierung der Räume mit gleichen oder ähnlichen klimatischen Anforderungen kann eine weitere Verbesserung des Energiehaushalts erreicht werden. Prinzipiell unterscheidet man zwischen Räumen mit hohem und geringem Temperaturniveau, wobei letztere auch als „Pufferräume“ bezeichnet werden. Die Erfahrung zeigt dass es Sinn macht, warme Räume nach Süden und kühle Räume (Pufferräume), wie Erschließungszonen, Treppenhäuser, Windfänge etc. nach Norden zu legen.
Sonnenverlauf 57
PLANUNGSBEISPIEL DI A. Krasser / DI Ch. Urthaler
Dieses Beispiel stellt eine Möglichkeit dar, wie durch einen zeitgemäßen und dennoch sensiblen Eingriff an einem bestehenden Parallelhof eine Vergrößerung der Wohnfläche erreichen werden kann, ohne den Charakter des Hofes zu zerstören. Durch den hinzugefügten, eigenständigen Baukörper, der in den Grundproportionen dem Bestand angepasst ist (Langhaus), jedoch eine moderne Form und Gestaltung aufweist, bleibt der alte Hof in seiner Grundstruktur erhalten. Die transparente Verbindung zwischen den beiden Gebäudeteilen, die sowohl als Erschließungszone, als auch als Wohnbereich dient, präsentiert sich im bestehenden Hofensemble als moderne Interpretation einer Wiederkehr bzw. als Darstellung der „Labn“.
SITUIERUNG VON GEBÄUDEN GERADE WENN ES UM DIE ERRICHTUNG BZW. ADAPTIERUNG VON WOHNHÄUSERN IN EINER LANDSCHAFT, WIE DEM „SÜDSTEIRISCHEN WEINLAND“ MIT SEINEN VORWIEGEND „SCHWIERIGEN“ GELÄNDESITUATIONEN (MEIST HANGLAGEN) GEHT, SOLLTE MIT BESONDERER BEHUTSAMKEIT VORGEGANGEN WERDEN, UM DEN CHARAKTER DIESER UNVERWECHSELBAREN KULTURLANDSCHAFT AUCH FÜR DIE NÄCHSTEN GENERATIONEN ZU ERHALTEN.
BAUEN MIT DEM GELÄNDE Vor allem in Hang- und Kuppenlagen kommt es durch Veränderungen des natürlichen Geländeverlaufes zu starken Beeinträchtigung des typischen Erscheinungsbildes südsteirischer Hügellandschaften. Was die Natur über Jahrmillionen hinweg geformt hat, kann mit Hilfe eines einzigen Baggers oder Caterpillars in nur wenigen Stunden vollkommen zerstört werden. Geländeanpassungen sind im Hausbau zwar immer notwendig, sollten aber in dem Bewusstsein erfolgen, dass die Errichtung jedes Bauwerks zugleich
auch einen Eingriff in die Landschaft bedeutet. Sensibilität und Verantwortungsgefühl sind dabei unerlässlich. Es empfiehlt sich Veränderungen des Geländes, so sie wirklich notwendig sind, nur bergseitig in sanft verlaufender Form auszuführen. Des weiteren sollten notwendige Geländeveränderungen im Nahebereich von Neubauten schon in der Planungsphase berücksichtigt und im Sinn der topografischen Charakteristik der Umgebung zu gestaltet werden. Vor allem bei Relief verändernden Maßnahmen entsteht immer dann der Eindruck von Künstlichkeit wenn andere Formen hergestellt werden als sie die Natur entstehen lassen würde (z.B. zu steile Böschungen, trapezförmige Halden, glatte Böschungen, Bruchsteinmauern etc.). Um einen gewachsenen, natürlichen Eindruck zu erzielen ist es unabdingbar glatte, geometrische Böschungen (wie im Straßenbau üblich) zu vermeiden und stattdessen
strukturierte, unregelmäßiger Oberflächen zu schaffen. Talseitige Aufschüttungen, künstliche Terrassierungen und hohe Stützmauern waren in der Südsteiermark nie üblich, sind also nie zu einem Bestandteil dieser Landschaft geworden und sollten daher gänzlich vermieden werden. Sie sind nicht nur kostenintensiv in der Herstellung, sondern schaden auch der Gesamterscheinung eines jeden Hauses und dem Landschaftsbild. Werden dennoch ebene Flächen für einen Gemüsegarten, einen Sitzplatz, etc. gebraucht, empfiehlt es sich die Vorzüge des natürlichen Geländes auszunutzen, indem man mehrere, kleinere Geländekorrekturen vornimmt. Die so entstehenden niederen Böschungen benötigen meist keine Sicherung, sind daher kostengünstiger und gliedern sich zudem besser in die Landschaft ein.
Böschungssicherungen sollten, wenn überhaupt, nach überlieferten Konzepten mit trocken geschlichteten, kleineren Natursteinen und nicht wie heute leider üblich mit Betonsteinen (Löffelsteinen) oder riesigen durch Bagger verlegte Wasserbausteine erfolgen.
Als weitere, landschaftsverträgliche Möglichkeit der Böschungsbefestigung ist die „Holzkrainerwand“ anzusehen, bei der Rundhölzer so miteinander verbunden werden, dass die quer liegenden „Zangen“ versetzt zueinander zu liegen kommen und die mit Erdmaterial gefüllten Zwischenräume bepflanzt werden können.
GEBÄUDE IN HANGLAGEN Die Ausrichtung der Baukörper parallel zu den Höhenschichtlinien des natürlichen Geländes und eine möglichst geringe Gebäudebreite können notwendige Geländeveränderungen in Hanglagen minimieren. Durch diese Parallelstellung bzw. horizontale Ausrichtung eines vergleichsweise schmal konzipierten Baukörpers können nicht nur teure Stützbauwerke entfallen, sondern auch ebenerdig zugängliche Eingangs- und Terrassenzonen geschaffen werden. Der Vorteil für die Landschaft besteht darin, dass sich ein solcher Baukörper besser als andere in das natürliche Gelände einfügen lässt.
ZUORDNUNG ZU BESTEHENDEN SIEDLUNGS- UND HOFSTRUKTUREN Durch die Eingliederung neuer Gebäude in bestehende Siedlungsstrukturen, immer unter Beachtung ihrer charakteristischen Gebäudeausrichtungen und Abstände voneinander, können die alten gebietstypischen Siedlungsformen wieder aufgenommen, weitergeführt oder ergänzt werden. Isoliert oder allein abseits stehende Baukörper werden auf diese Weise vermieden. „Das Bauwerk muss derart geplant und ausgeführt werden, dass es in seiner gestalterischen Bedeutung dem Straßen-, Orts- und Landschaftsbild gerecht wird. ...“ Auszug: Stmk. BG 95 §43(2)7
Unter dem Postulat „gerecht werden“ ist zu verstehen, dass sich Planung und Ausführung von Bauwerken an vorherrschenden Ordnungsmerkmalen einer Umgebung (wie u.a. Gebäudehöhe, Proportionen, Lage, etc.) zu orientieren haben. Dieser Gesetzespassus darf jedoch nicht als Aufforderung verstanden werden, neue Gebäude oder Umbauten in Form von Kopien alter regionaltypischer Bestandsbauten zu errichten! Viel mehr sollte man darauf achten, dass bei der Gestaltung von neuen Häusern alte Themen, wie z. B. der richtige Bezug zur Umgebung, zum Gelände und zur Landschaft wieder aufgegriffen werden und in die Planungsüberlegungen einfließen.
Bei diesem Erweiterungskonzept wird, trotz der differenzierten Formensprache der beiden Baukörper, durch die Aufnahme der Gebäudegrundform des bestehenden Gebäudes und das bewusste Tiefersetzen des Baukörpers ein Dialog zwischen „alt“ und „neu“ erreicht. Durch die bereits erwähnte Höhenversetzung um ein Geschoß und die horizontale Ausrichtung des Baukörpers wird eine harmonische Einbettung in das relativ Steile Gelände erreicht. Eine entsprechende, auf die Geländesituation abgestimmte Grundrissorganisation bzw. Raumanordnung ermöglicht auch einen ebenerdigen Ausgang vom Wohnzimmer in den Garten. Die Verbindung der beiden Baukörper erfolgt in diesem Konzept als Verlängerung der bestehenden „Labn“, die auch im neuen Gebäudeteil fortgesetzt wird und in Kombination mit einer Galerie zum attraktiven, großzügigen Aufschließungsbereich mit Ausblick in die Weinregion wird (Aufnahme alter Konzepte – neu Interpretiert).
DG Ansicht
Mit diesem Gebäudekonzept wird in erster Linie auf die Eingliederung in bestehende Hofsituationen eingegangen. Durch die Anpassung der Gebäudehöhe an die beiden bestehenden Wirtschaftsgebäude und die „logische“ Gebäudeausrichtung entlang der Höhenschichtenlinien gliedert sich das Haus nicht nur in die Landschaft, sondern auch in die Hofstruktur ein. Des weiteren wird hier gezeigt, dass auch das Langhaus mit einem Satteldach, vor allem durch seine sehr klare Formensprache einen modernen Baukörper darstellt.
FORM UND KONSTRUKTION ALLGEMEIN GILT: EINFACHHEIT UND KLARHEIT BESTIMMEN – FRÜHER GENAUSO WIE HEUTE – DIE GEBÄUDEQUALITÄT.
KLARE FORMEN Eine klar definierte Grundrissform wie sie z.B. ein „Langhaus“, also ein einfacher langgestreckter Baukörper, möglichst ohne Eckausschnitte und Ausstülpungen (Erker), verleiht einem Bauwerk eine verständliche geometrische Gestalt und eine eindeutige Ausrichtung. “Die primären Formen sind die schönen Formen, denn sie sind klar zu lesen“
MATERIALGERECHTE KONSTRUKTIONEN Die Kombination von einfachen, klaren Grundrissen und funktionell gut überlegten Konstruktionsweisen erhöht auch die Verständlichkeit solcher Bauten für den Betrachter: eine Eigenschaft, die auch die autochthonen Häuser unserer Vorfahren auszeichnete! Durch das Erkennen und Beachten von spezifischen Eigenschaften und Vorzügen der verschiedenen Baustoffe und einer diesen Erkenntnissen entsprechenden Verwendung können Tragsysteme außerdem einfacher und somit kostengünstiger hergestellt werden.
Zitat: Le Corbusier
Eine entsprechend einfache Gebäudeform, ohne „Auswüchse“ (Türmchen, Erker etc.) oder „Einschnitte“ (Abstützungen durch Säulen) verbessert außerdem deutlich die „Energieeffizienz“! Einfach bauen heißt dann auch günstig bauen. “Du sollst die Form und die Konstruktion aller Gegenstände nur im Sinne ihrer elementaren, strengen Logik und Daseinsberechtigung erfassen. Du sollst diese Formen und Konstruktionen dem wesentlichen Gebrauch des Materials, das du anwendest, anpassen und unterordnen.“ Zitat: Henry van de Velde
GESTALTEN MIT MASS Gerade in den letzten Dekaden sind die individuellen baulichen Ausdrucksformen ausgeufert. Beeinflusst durch die Entwicklung industriell vorgefertigter Bauteile, sowie neuer Bau- und Farbstoffe kommt es immer öfter zu befremdenden, manchmal gar exotisch anmutenden Gestaltungsversuchen. Hier kann man nur an die Bauherren appellieren, sich nicht gedankenlos den Angeboten der Bauwirtschaft auszuliefern und unreflektiert zu „verbauen“ was der Markt zu bieten hat. “Im wohlüberlegt, behutsamen Planen und in einer anspruchsvollen Schlichtheit - beides gilt es wiederzuentdecken liegen die wichtigsten Vorraussetzungen für gutes Gestalten.“ Zitat: Krasser/Urthaler, „Form-Funktion-Tradition“, 2003
Zurückhaltung bei der Farbwahl und eine gute zeitgemäße Architektursprache können das einstige Selbstverständnis der Architektur im ländlichen Raum wieder zum Leben erwecken. Auch hier gilt: die Qualität liegt in der wohlüberlegten Einfachheit.
Ansicht 68
Dieses Gebäudekonzept stellt neben der Eingliederung in Hofstrukturen auch einen möglichen Umgang mit der Form des Langhauses dar. Durch eine moderne Herangehensweise, bzw. neue Bewertung des Konzeptes „Zimmer – Küche – Kabinett“ können vor allem in schmalen, lang gestreckten Grundformen attraktive Wohnbereiche verwirklicht werden. Weiters ist an diesem Entwurf ablesbar, dass auch mit „bescheidenen“ gestalterischen Mitteln, bzw. einer klar ablesbaren, einfachen Konstruktion durchaus zeitgemäße Bauwerke und Raumangebote mit einer modernen Formensprache erzielt werden können, obwohl ausschließlich mit konventionellen Mitteln und Proportionen gearbeitet wird.
AUSSENRAUMGESTALTUNG IM LAUFE DER ZEIT HABEN SICH NICHT NUR DIE ANFORDERUNGEN AN WOHNHÄUSER GEÄNDERT, SONDERN AUCH JENE AN DIE ZONEN DIE DAS HAUS UMGEBEN. Im Gegensatz zur ursprünglichen Nutzung des Raumes zwischen den einzelnen Bauten des Hofes als „wirtschaftliches Zentrum“ (wie bereits erwähnt: Schlachten, Bearbeiten von Holz, Obstpressen, etc.), dienen heutige Außen- und Freiräume hauptsächlich der Erholung und Unterhaltung. Um diesem Zweck gerecht zu werden sollten Außen-„Räume“ auch als solche geplant werden.
Quelle: Büro freiland 70
FUNKTION UND FUNKTIONSZUORDNUNG Der Garten als Erholungsraum sollte den persönlichen Anforderungen seiner Nutzer entsprechend differenziert gestaltet sein (jung – alt, privat – öffentlich, usw.). Gleich wie im Gebäudeinneren, können im Außenbereich verschiedene Zonen bzw. Räume, wie zum Beispiel: öffentlich, halböffentlich oder private Bereiche, geschaffen bzw. unterschieden werden. Gebaute Strukturen wie Lauben oder Pergolen, die im Zusammenspiel mit Gebäuden Bereichs abgren-
zend wirken und somit „Räume“ auch im Freien schaffen, steigern die „Wohnqualität“ von solchen Außenbereichen. Die Beschaffenheit eines Grundstückes in Hanglage bietet beispielsweise beste Voraussetzungen zur Gestaltung solcher „Räume“. Ein solches Grundstück kann durch die Situierung von unterschiedlichen Nutzungen auf verschiedenen Geländeniveaus funktionell sehr gut gegliedert (z.B. Kinderspielbereich und Ruhebereich) werden. Wie im Kapitel „Bauen mit dem Gelände“ beschrieben, sollten derartige Bauten äußerst behutsam der umgebenden Landschaft eingegliedert werden.
HEIMISCHE PFLANZEN Der Hausbaum Unsere Vorfahren wussten bereits, dass Bäume nicht nur Früchte und Schatten spenden und nützten sie über viele Jahrhunderte hinweg auch als Windschutz, Wegmarkierung oder Blitzschutz (z.B.: Pappeln). Genau wie früher bietet auch heute das Pflanzen eines „Hausbaumes“ (Laub- bzw. Obstbaum) als „biologische Klimaanlage“ eine Reihe von Vorteilen. Gerade jetzt, wo die Sonneneinstrahlung immer stärker wird und sich das Klima zunehmend erwärmt, kann der Baum in Hausnähe als beste Ergänzung zum Klimaschutz angesehen werden. In den Sommermonaten spendet seine Laubkrone, die im Gegensatz zu technischen Einrichtungen von Jahr zu Jahr an Größe zunimmt, angenehmen Schat-
ten, während in den kalten Monaten die Sonnenstrahlen ungehindert die Hausmauern erwärmen und durch die Fenster in das Innere gelangen können. Der Baum fungiert auch als eine Art natürlicher „Maßstab“ für das Einschätzen bzw. Wahrnehmen von Gebäudegrößen und macht Proportionen für das menschliche Auge leichter erfassbar.
Funktionen von Pflanzen Auch geeignete Kletterpflanzen können ihren Beitrag zum Gebäudeklima leisten. Veredelter wilder Wein (Veitchii) kühlt im Sommer durch den Schatten seiner Blätter die darunter liegenden Fassaden. Im Herbst, bevor er die Blätter abwirft erhält er seine typische dunkelrote Färbung. Südseitige Fassaden können auch durch sommergrüne, windende Pflanzen an einem Rankgerüst begrünt werden, wobei durch den Abstand des Rankgerüstes/Pflanzen zur Mauer eine Kaminwirkung erzielt wird und so die heiße Luft abgeführt wird. Auch die Einfriedung von Grundstücken und der Sichtschutz sind immer wieder ein Thema. Hecken dienen zwar der Einfriedung und dem Sichtschutz an
Orts- oder Stadträndern, haben jedoch am Land eigentlich nichts verloren. Statt eintöniger immergrünen Thujenmonokulturen, einer Modeerscheinung der 70iger Jahre, sollten heimische Wildgehölze (Dirndlstrauch, Holunder, Haselnuss, Himbeere, Hainbuche), die durch ihre jahreszeitlich bedingt wechselnden Farben den Betrachter erfreuen, in Gruppen gepflanzt werden. Ein weiterer wesentlicher Vorteil der heimischen Pflanzen liegt in deren Anpassung an die örtlichen Standortbedingungen, wodurch sie wesentlich robuster gegen vorherrschende Klimaeinflüsse, Krankheiten und Schädlingsbefall sind. Neben den bereits erwähnten Schutz- und Nutzfunktionen können geeignete Pflanzen auch wesentlich zur Sicherung von Böschungen beitragen. Weniger steile Hänge können somit mit reinen Bepflanzungsmaßnahmen, steilere Böschungen durch ingenieurbiologische Maßnahmen (=Technik und Verwendung der Pflanze als Baustoff ) gesichert werden, wodurch größere technische Baumaßnahmen teilweise- oder ganz eingespart werden können.
„Schließlich geben standortsgerechte Vegetationsstrukturen der jeweiligen Landschaft ihr ganz besonderes Gepräge, sie sind typisch für bestimmte Ortschaften und signifikant für bestimmte Situationen. Die Erhaltung und Förderung solcher Elemente trägt also auch zum Erhalt eines regional typischen Landschaftsbildes bei.“ Zitat: Büro Freiland
Quelle: Büro freiland 71
PLANUNGSBEISPIEL Büro freiland Umweltconsulting
Ein Kellerstöckel im Sausal wurde als Wochenendhaus ausgebaut. Die Freiraumgestaltung des Hanggrundstückes sollte v.a. gebäudenah intensiver ausgeführt werden, wobei v.a. Rückzugsbereiche und Sitzplätze geschaffen werden sollten. Die Plätze wurden unter Nutzung des gegebenen Geländes und unter größtmöglicher Schonung des vorhandenen Bewuchses errichtet. Kleinere Geländekorrekturen wurden mit traditionellen Trockensteinmauern aus „Stainzer Platten“ ausgeführt. Dadurch fügen sich die geschaffenen Plätze, wie z.B. ein Sitzplatz mit Brunnen an einem Hangschluss mit Quellaustritt, harmonisch in die Landschaft ein.
Der natürliche, diffuse Wasseraustritt am Hangschluss wurde gefasst. Dieser Platz wird nach Errichtung von Trockensteinmauern als Sitzplatz genutzt. Das Wasser tritt nun zwischen den Steinen der hangseitigen Trockensteinmauer aus, wodurch diese sukzessive mit Moosen und Farnen bewachsen wird. Die Verebnung im Hang vor dem Haus wird mittels niedriger Trockensteinmauer angepasst und als Sitzplatz genutzt.
ANHANG WICHTIGE AUSZÜGE AUS DEM RAUMORDNUNGSGESETZ (ROG) Auch in Landschaftsschutz- und Naturparkgebieten wie dem Naturpark „Südsteirisches Weinland“ gilt das Raumordnungsgesetz (ROG) als übergeordnetes Ordnungsinstrument. Als wichtigste, gesetzliche Rahmenbedingungen sollten, vor allem in diesem sensiblen Gebiet, die im ROG unter § 3 zusammengefassten Raumordnungsrundsätze angesehen werden:
ROG 1974 §3 Raumordnungsgrundsätze (1) 1. 2. (2) 1. 4.
Raumordnungsgrundsätze Die Qualität der natürlichen Lebensgrundlagen ist durch sparsame und sorgsame Verwendung der natürlichen Ressourcen wie Boden, Wasser und Luft zu erhalten und soweit erforderlich nachhaltig zu verbessern. „Die Nutzung von Grundflächen hat unter Beachtung eines sparsamen Flächenverbrauches, einer wirtschaftlichen Aufschließung sowie weit gehender Vermeidung gegenseitiger nachteiliger Beeinträchtigungen zu erfolgen. Die Zersiedelung der Landschaft ist zu vermeiden. […] Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialstruktur der Regionen des Landes unter Bedachtnahme auf die jeweiligen räumlichen und strukturellen Gegebenheiten. Gestaltung und Erhaltung der Landschaft sowie Schutz vor Beeinträchtigungen, insbesondere von Gebieten mit charakteristischer Kulturlandschaft oder ökologisch bedeutsamen Strukturen.“
Innerhalb dieser allgemeinen Bestimmungen dürfen Bauwerke nur in Gebieten errichtet werden, die im rechtsgültigen Flächenwidmungsplan als Bauland ausgewiesen sind.
Für die Baulandausweisung gelten folgende Bestimmungen (ROG §23(1)) bzw. gelten die nachfolgend auszugsweise aufgelisteten Nutzungszuordnungen in den einzelnen Baulandkategorien (ROG §23(5)):
ROG 1974 §23 Bauland (1)
Als vollwertiges Bauland dürfen [...] nur Grundflächen festgelegt werden, die dem voraussichtlichen Baulandbedarf für die zu erwartende Siedlungsentwicklung in der Gemeinde entsprechen und 1. auf Grund der natürlichen Voraussetzungen nicht von einer Verbauung ausgeschlossen sind; 2. eine Aufschließung einschließlich Abwasserbeseitigung mit einer dem Stand der Technik entsprechenden Abwasserreinigung aufweisen oder diese sich im Bau befindet; 3. deren Aufschließung keine unwirtschaftlichen öffentlichen Aufwendungen [...] erforderlich machen würden; 4. sie aus Gründen der Wahrung des Orts- und Landschaftsbildes nicht von einer Bebauung freizuhalten sind und 5. sie keiner der beabsichtigten Nutzung widersprechenden Immissionsbelastung [...] unterliegen.
(5) a) b)
Im Bauland sind entsprechend den örtlichen Erfordernissen Baugebiete festzulegen. Als Baugebiete kommen hierbei in Betracht: reine Wohngebiete, das sind Flächen, die ausschließlich für Wohnbauten bestimmt sind [...]; allgemeine Wohngebiete, das sind Flächen, die vornehmlich für Wohnbauten bestimmt sind, wobei auch Gebäude, die den wirtschaftlichen, sozialen, religiösen und kulturellen Bedürfnissen der Bewohner von Wohngebieten dienen [...] errichtet werden können; Kerngebiete, das sind Flächen mit einer im Vergleich zu anderen Baugebieten höheren Nutzungsvielfalt und Bebauungsdichte in entsprechender Verkehrslage, [...] Dorfgebiete, das sind Flächen, die vornehmlich für Bauten land- und forstwirtschaftlicher Betriebe in verdichteter Anordnung bestimmt sind, wobei auch Wohngebäude und Gebäude, die den wirtschaftlichen, sozialen, religiösen und kulturellen Bedürfnissen der Bewohner dienen, errichtet werden können;
Es gibt jedoch einige Sonderfälle, in denen das Bauen im Freiland zulässig ist. Diese Ausnahmen sind im ROG unter §25 angeführt. Im folgenden Auszug wird auf die wichtigsten Bestimmungen verwiesen:
ROG 1974 §25 Freiland (3)
„Im Freiland dürfen 1. nur Neu- und Zubauten errichtet werden, [….] b) die für einen land- und forstwirtschaftlichen Betrieb erforderlich sind[…] Außer für Zwecke land- und forstwirtschaftlicher Nutzung dürfen im Freiland 1. bestehende bauliche Anlagen im unbedingt notwendigen Ausmaß ersetzt werden, wenn - sie infolge eines katastrophenartigen Ereignisses untergegangen sind […] 2. Zubauten bei rechtmäßig bestehenden baulichen Anlagen bewilligt werden. […] Die land- und forstwirtschaftliche Nutzung schließt das Recht ein, einmalig im unmittelbaren Anschluss an die bestehenden Gebäude (Hoflage) auf demselben Grundstück 1. Altbauten für Wohnzwecke durch Neubauten zu ersetzen und 2. ein betriebszugehöriges Einfamilienwohnhaus zu errichten. […]“
Der Zweck dieser Ausnahmeregelungen liegt darin, die Errichtung von Gebäuden, die zur Aufrechterhaltung von land- und forstwirtschaftlichen Betrieben notwendigen sind, zu ermöglichen. Für „nichtbetriebliche“ Strukturen ist im ROG nur die Erweiterung (max. Verdoppelung der Nutzfläche) von bestehenden Gebäuden vorgesehen. Eine weitere Ausnahmeregelung, die nur im Zuge der Flächenwidmungsplanrevision durchgeführt werden kann, ist das „Auffüllungsgebiet“. Diese „Sonderausweisung“ unterliegt sehr speziellen und strengen Kriterien, die im folgenden Abschnitt erläutert werden:
ROG 1974 §25 (2) Sondernutzungen im Freiland 2.
Auffüllungsgebiete, das sind kleinräumige, zusammenhängend bebaute Gebiete außerhalb des Baulandes mit einer unbebauten Fläche von höchstens 3000 m2. Die Festlegung von Auffüllungsgebieten ist nur zulässig, wenn - diese Fläche als Bauplatz geeignet und eine dem Stand der Technik entsprechende Abwasserreinigung gesichert ist, - diese Fläche ausschließlich für Wohnbauten bestimmt und von mindestens vier Wohnhäusern, die mit den künftigen Bauten eine optische Einheit bilden müssen, umgeben ist und - durch die weitere Bebauung eine Verbesserung des Orts- und Landschaftsbildes erzielt werden kann.
Auszug aus der „Empfehlung für die Vorgangsweise zur Festlegung von Auffüllungsgebieten“: Die Zielsetzung des ROG § 25(2)2 ist es, durch die Auffüllung lückenhaft bebauter Gebiete im Freiland punktuelle Verbesserungen des Orts- und Landschaftsbildes zu erreichen. Daher kommt der Frage nach den Möglichkeiten zur Verbesserung des Orts- und Landschaftsbildes schlüsselhafte Bedeutung zu. [...] Auffüllungen, die Störungen im Orts- und Landschaftsbild verursachen würden, müssen dabei von vornherein ausgeschlossen werden. Solche Störungen werden sicher dann auftreten, wenn 1. durch eine Bebauung landschaftsräumliche Elemente strukturell beeinträchtigt werden, 2. Grenzen zwischen verschiedenen landschaftsräumlichen Elementen durchbrochen oder verunklart werden, 3. die umgebenden Wohnhäuser verschiedenen Elementen der Kulturlandschaft zuzuordnen sind und durch eine Auffüllung Elemente verbunden, zusammengefasst oder vereinigt werden würden, die nicht zueinander gehören.
Die Bebauung von Auffüllungsflächen muss immer in Anpassung an die vorhandene Siedlungsstruktur erfolgen. Neue Gebäude müssen der vorgefundenen baulichen Struktur der umgebenden Wohnhäuser entsprechen. Wenn die Auffüllung in einer Form erfolgen kann, die eine visuelle Verbesserung des Orts- und Landschaftsbildes möglich macht, so wird man im nächsten Schritt überprüfen, ob die Nähe zur vorhandenen Bebauung gegeben ist.
Ergibt sich die Möglichkeit einer Bebauung, so wird man nun überprüfen, ob die anderen Voraussetzungen, erfüllt sind. Es sind dies die Größe (weniger als 3000 m_), das Umgebensein (dreiseitig, zu mehr als 50% an die Auffüllungsfläche angrenzend), die Bauplatzeignung und die Abwasserreinigung.
WESENTLICHE PUNKTE AUS DEM NATURSCHUTZGESETZ Mit einigen Ausnahmen, wie für Gebäude innerhalb eines geschlossen bebauten Gebietes und unerlässliche Bauwerke für landwirtschaftliche Zwecke (wie auch im ROG), kommt im gesamten Naturparkgebiet auch das Steiermärkische Naturschutzgesetz (NSG) zu tragen. Hierbei gilt, dass für alle Bauvorhaben zusätzlich zur Baubewilligung, eine naturschutzrechtliche Bewilligung einzuholen ist. Besonderes Augenmerk ist in diesem Zusammenhang auf den folgenden Auszug aus dem NSG, den Schutz der Natur und der Landschaft betreffend, zu legen:
NSG 1976 §2 Schutz der Natur und Landschaft (1)
Bei allen Vorhaben, durch die nachhaltige Auswirkungen auf Natur und Landschaft zu erwarten sind, ist zur Vermeidung von die Natur schädigen den, das Landschaftsbild verunstaltenden oder den Naturgenuss störenden Änderungen […] b) auf die Erhaltung und Gestaltung der Landschaft in ihrer Eigenart (Landschaftscharakter) sowie in ihrer Erholungswirkung (Wohlfahrtsfunktion) Bedacht zu nehmen ... 79
AUSZUG AUS DEM BAUGESETZ Neben den bisher, auszugsweise erläuterten Bestimmungen, gelten auch im Naturpark, wie für alle Bauwerke in der Steiermark, die Bestimmungen des Steiermärkischen Baugesetzes (BG). Als wohl wichtigste Norm für Bauwerke im Landschaftsschutz- und Naturparkgebiet ist jedoch §43 (2) 7 anzusehen:
BG 1995 §43 (2) 7. Straßen-, Orts- und Landschaftsbild Das Bauwerk muss derart geplant und ausgeführt werden, dass es in seiner gestalterischen Bedeutung dem Straßen-, Orts- und Landschaftsbild gerecht wird. ... Unter „gerecht werden“ ist zu verstehen, dass sich die Planung und Ausführung von Bauwerken an vorherrschenden Ordnungsmerkmalen einer Umgebung (wie u.a. Gebäudehöhe, Proportionen, Lage, etc.) zu orientieren hat. Dieser Gesetzespassus ist jedoch nicht als Aufforderung zu verstehen, neue Gebäude oder Umbauten in Form einer Kopie alter „traditioneller“ Bauten zu errichten! Viel mehr sollte man darauf achten, dass bei der Gestaltung von Bauten Themen wie der Bezug zur Umgebung und zur Landschaft wieder verstärkt aufgegriffen werden.
ZUM THEMA ZERSIEDELUNG Im Zuge unserer Diplomarbeit („Form-Funktion-Tradition“, Krasser/Urthaler, 2003) wurde ein exemplarischer Teilbereich des Naturparkgebietes in Bezug auf die Entwicklung der Bebauungsstruktur im Laufe der letzten 50 Jahre genauer untersucht. Die in diesem Gebietsausschnitt festgestellten Veränderung seit 1950 können als typisch für das ganze Naturparkareal angesehen werden und gelten somit stellvertretend für das gesamte Gebiet.
Anzahl der Gebäude von 1950 - 1990
Bei der Gegenüberstellung der aus den Luftbildern der Jahre 1950, 1975 und 1990 gewonnenen Daten konnte die Zersiedelung durch die Verdoppelung der Hausanzahl von 102 (1950) auf 209 (1990) belegt werden, wobei ein markanter Anstieg der Bautätigkeit ab 1975 festzustellen war.. Anhand der durchschnittlich bebauten Fläche pro Haus ist weiters erkennbar, dass die Gebäudegrundfläche als Folge der Tendenz zum zweiten Vollgeschoss bzw. zum ausgebauten Dachgeschoss abnimmt Bei genauer Betrachtung der einzelnen Bauwerke ist außerdem die Veränderung vom gebietstypischen, lang gezogenen zum quadratischen Grundriss auffallend.
Durchschnittliche bebaute Fläche pro Gebäude von 1950 - 1990
Luftbild 1950 82
Luftbild 1975 83
Luftbild 1990 84
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BAUEN IN DER STEIERMARK „Wenn weiter so ge- und verbaut wird, muss man sich vielleicht schon bald gar keine Gedanken mehr darüber machen, wie man den Tourismus im ´Südsteirischen Weinland´ […]ankurbelt, lenkt und befriedigt“„ […] das ´Kapital Landschaft´ ist akut gefährdet“ Zitat: Katrin Tschavgov
Diese Beobachtungen von Fr. Tschavgova zeigen sehr deutlich, dass es beim Thema „Bauen“ nicht nur um formale Ansprüche von „Außenstehenden“ geht, sondern dass unter anderem auch die wirtschaftliche Existenz der Region und direkt damit verbunden die Zukunft aller dort ansässigen Menschen abhängt. Da jedes Bauwerk direkte Auswirkungen auf diese einmalige Landschaft hat, die zugleich das „Kapital“ des Naturparkgebietes darstellt, ist es ein vordringliches Anliegen dieser Arbeit Verständnis für die Notwendigkeit einer sensiblen Herangehensweise an Bauaufgaben zu wecken. Unter dem Aspekt, dass in den letzten Jahrzehnten vieles was sich über Generationen hinweg bewährt hat zerstört wurde, werden im Zuge dieser Publikation einige alte Bauten analysiert und bewährte Handlungsweisen erörtert, um aus dem ehemals mündlich weitergegebenen Wissen zu lernen und zu profitieren. Durch die aus der Analyse gewonnen Erkenntnisse und im Bewusstsein über die gegenwärtige Problematik werden schließlich im Kapitel „Planen von Wohnhäusern“ mögliche Denk- bzw. Lösungsansätze zu den wesentlichsten Themen rund um das Bauen aufgezeigt. Dabei werden über Generationen hinweg bewährte Qualitäten wieder aufgenommen und in eine zeitgemäße Architektursprache übersetzt. „Die Qualität liegt in der Verschmelzung von Absicht, Situation und Machbarkeit.“ Zitat: DI Gerda Missoni
Zusätzlich zu den formalen Aspekten wurde bei den einzelnen Ansätzen auch auf aktuelle, heute für alle Bauherren sehr relevante Faktoren wie Energieoptimierung, Kostenminimierung, etc. eingegangen, um den Doppelnutzen bzw. die Synergien zu verdeutlichen. An dieser Stelle wird noch einmal betont, dass diese Arbeit auf keinen Fall als Regelwerk für künftige Bauaufgaben verstanden werden soll. Vielmehr ist diese Veröffentlichung als Anregung zu verstehen, sich mit der Herausforderung des Bauens und Gestaltens wieder intensiver auseinander zu setzten.
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