Source: http://oeffingerfreidenker.blogspot.com/2012/07/der-euro-und-sein-systemfehler.html
Timestamp: 2017-08-20 21:10:13+00:00

Document:
Oeffinger Freidenker: Der Euro und sein Systemfehler
Der Euro und sein Systemfehler
Die europäischen Währungsunion hat einen Systemfehler. Die Steuerung der Geldmenge der einzelnen Euro-Länder, die für eine Fiat-Währung existentiell ist, erfolgt nicht mehr über eine neutrale Notenbank, sondern wird von den Finanzmärkten bestimmt. Die Neutralität des Geldes wird zerstört und die demokratische Kontrolle der Staatsausgaben und -schulden wird hierdurch ausgehebelt.
Ein dumpfes, zermürbendes Gefühl breitet sich aus, es hat sich mehr und mehr zu einer Gewissheit verfestigt. Die Euro-Krise führt zu einem Demokratieabbau, zu Freiheits- und Wohlstandsverlusten, dessen ganzes Ausmaß noch nicht ersichtlich ist, aber uns wohl noch für mehrere Jahrzehnte belasten wird. Die Ursache liegt nicht allein in der Postmoderne, den Boulevardmedien oder volksfernen Politikern, es ist die Euro-Krise an sich und ihre unheilvolle Dynamik, die für diese Zerstörungen in Europa verantwortlich ist. Ohne ein Verständnis einer Währungsunion, ohne das Wissen der katastrophalen Konstruktionsfehler, ohne Bekämpfung der wahren Ursachen, kann diese Krise mit ihren verehrenden Auswirkungen nicht gestoppt werden.
Vielen ist unsere Fiat-Währung und unser Kreditsystem unheimlich. Es ist jedoch weder schwer zu verstehen, noch sollte die Steuerung eines solchen Finanzsystems Probleme bereiten. Ein zentraler, wenn nicht der wichtigste Aspekt ist die Kontrolle der Geldmenge. Sie sorgt nicht nur für die Preisstabilität, eine ausreichende Geldmenge ist zudem schlicht die Voraussetzung dafür, dass überhaupt Geld ausgegeben werden kann, somit wirtschaften möglich ist und Wohlstand entsteht. Dieser zentrale und gleichwohl diffizile Mechanismus ist nicht ohne Grund üblicherweise bei einer Zentralbank angesiedelt, die im Idealfall vollkommen unabhängig d.h. ohne politische Einflüsse agieren sollte. Eine Demokratie regelt daher die Geldmengen- bzw. Geldwertstabilität niemals direkt, es ist die Aufgabe der Zentralbank, diese zu gewährleisten. Diese Neutralität des Geldes muss sicher gestellt sein, damit darauf aufbauend die Wirtschaft und der Staat funktionieren können. Die demokratische Kontrolle über das Staatsbudget, das sogenannte Königsrecht, setzt daher ein funktionierendes Geldsystem voraus.
In einer Währungsunion muss diese zentrale Funktion des Geldsystem auf eine übergeordnete Zentralbank wechseln, in der Euro-Zone ist es die EZB. Die entscheidende Frage ist nun: wird aus Sicht der nationalen Parlamente trotz des Beitritts zu einer Währungsunion die stabile Geldmengensteuerung in ihrem Hoheitsgebiet gewährleistet? Die Antwort ist ein klares Nein!
Um verstehen zu können, weshalb in der europäischen Währungsunion die Geldmengensteuerung versagt, müssen wir uns die länderübergreifende Überweisungen etwas näher betrachten. Möchte ich z.B. einen Geldbetrag in die Schweiz senden, dann muss ich zuerst den Betrag zum aktuellen Wechselkurs in Schweizer Franken umtauschen, erst dann kann die Überweisung erfolgen. Entscheidend ist, dass sich weder hier noch in der Schweiz die Geldmenge ändert, nur auf den Devisenkonten der ausführenden Banken werden die entsprechenden Buchungen vorgenommen. Das Geld eines Staates mit einer eigenen Währung kann daher nur über die abgeschotteten Devisenmärkte das Land verlassen, die eigene Währung verbleibt daher größtenteils im eigenen Land.
In einer Währungsunion ist dieser automatisch vorhandene Liquiditätsschutz aufgebrochen, das Geld kann nahezu unkontrolliert in andere Mitgliedsländer fließen. Wird z.B. Geld in ein anderes Land innerhalb der Währungsunion transferiert, dann erfolgt die Überweisung nicht mehr über solche Devisenkonten, sie wurden ja mit der Währungsunion für diese Länder abgeschafft, sondern sie wird zu einer normalen Inlandsüberweisung. Das verändert den Charakter einer solchen länderübergreifenden Überweisung entscheidend. Sende ich also Geld in ein anderes Euro-Land wie z.B. Griechenland, verringert sich auf einmal die Geldmenge hier und vergrößert sich entsprechend in Griechenland. Die faktische Geldmenge, die einem Staat zur Verfügung steht, kann sich in einer Währungsunion ändern, ohne dass realwirtschaftliche oder andere gravierende Faktoren eine Rolle spielen.
In einer gut funktionierenden Währungsunion gleichen sich die verschiedenen länderübergreifenden Überweisungen innerhalb der Währungsunion gegenseitig aus. So kann auf einfache Weise die Geldmengenstabilität der einzelnen Mitgliedsländer gewährleistet werden. Zu beginn der Euro-Gemeinschaftswährung war genau dies der Fall. Mit dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise ist die Geldmengenstabilität für die Euro-Länder wie ein Kartenhaus in sich zusammen gebrochen und die bisherigen Rettungsmaßnahmen konnten sie nicht wieder herstellen. Diese enormen Liquiditätsungleichgewichte, die seitdem zwischen den einzelnen Mitgliedsländern bestehen, werden in den viel diskutierten Target2 Salden abgebildet. Negative Salden, wie sie die Krisenländer aufweisen, besagen daher, dass die Geldmenge des Landes dramatisch geschrumpft ist, während für Länder mit positiven Salden sich die Geldmenge erheblich ausgedehnt hat.
Normalerweise ist die Zentralbank für die Steuerung der Geldmenge zuständig. In einer Währungsunion kann sie aber nur die Geldmenge insgesamt, d.h. die für alle Mitgliedsländer, steuern, aber nicht gezielt für jedes einzelne Land. Aus Sicht der EZB ist in der Euro-Zone alles in Ordnung, die Target2-Salden sind insgesamt Null, die Euro-Zone scheint ausreichend mit Liquidität versorgt und der Euro scheint kerngesund zu sein. Der Systemfehler liegt vielmehr in der Binnenstruktur des Euros. Die Ungleichverteilung der Liquidität in der Euro-Zone bedeutet für die Krisenstaaten, dass ihr Liquiditätsabfluss existenzgefährdend ist.
Die Geldmenge, die den einzelnen Nationen faktisch zur Verfügung steht, wird nicht mehr durch eine unabhängige Notenbank festgelegt, sondern durch die enormen Liquiditätsverschiebungen auf dem Finanzmärkten bestimmt. Das Geldsystem verliert für die Euro-Länder seine wichtige Eigenschaft der Stabilität, die Neutralität des Geldes ist zerstört. Die Anreize, die der außer Kontrolle geratene Finanzmarkt mit seinen gigantischen Liquiditätsverlagerungen innerhalb der Währungsunion setzt, können von der Wirtschaft einfach nicht kompensiert werden und lassen die Staatshaushalte kollabieren. Zudem erlaubt diese widersinnige Konstruktion wilde Spekulationen und gezielte Attacken des Finanzmarktes auf ein Mitgliedsland.
Die EZB stehen keine ausreichenden Mittel zur Verfügung, die enormen Liquiditätsunterschiede ihrer Mitgliedsländer auszugleichen, wie es die Explosion der Target2-Salden bezeugt. Zudem zeigen die Salden an, dass sich die Krise für die Staaten zu einer Existenzbedrohung aufgeschaukelt hat. Das Schlimmste ist jedoch, dass diese deutlich sichtbare Gefahr nicht einmal als Bedrohung wahrgenommen wird, geschweige denn als Ursache der Krise, sondern es findet eine krankhafte Fixierung auf die Symptome, die Staatsschulden, statt.
Die nationalen Parlamente sind bereits während des Beitritts zur Währungsunion entmachtet worden. Sie haben die Verfügungsgewalt über die für einen Staat existenzielle Geldmengen- bzw. Geldwertsteuerung nicht etwa der unabhängigen EZB übertragen, wie es wohl die meisten angenommen haben, sondern sie wurde an die Finanzmärkte delegiert. Normalerweise ist die Geldmengenstabilität und somit die Neutralität des Geldes gewährleistet, in der Euro-Zone ist dies nicht der Fall. Die Grundlage, um Staatsausgaben und -schulden sinnvoll planen und kontrollieren zu können, ist zerstört und ihre demokratische Kontrolle ist ausgehebelt.
Weder die diversen Rettungsschirme noch die Fiskalunion beheben diesen Systemfehler. Die Rettungsschirme verlängern nur das Sterben der Staaten, die Fiskalunion mit ihren Schuldenbremsen ist hingegen eine durch und durch perverse Vorgehensweise. Das einzige verbleibende Mittel, sich gegen den Abfluss der Liquidität zu wehren, ist die Aufnahme von Schulden. Die enormen Banken- und Staatsschulden sind somit nichts anderes als ein Symptom der desaströsen Geldmengensteuerung in der Währungsunion. Selbst dieser letzte Rettungsanker, die Verschuldung, soll den Krisenstaaten nun genommen werden. Es ist so, als ob man zu einem Ertrinkendem eilt, ihm eine Bleiweste zu wirft und ihn mit den Worten aufmuntert: „So, wenn du sie überziehst, geht es dir bestimmt besser!“
Eingestellt von Stillewasser um 00:05
Christian Montag, 9. Juli 2012 um 09:22:00 MESZ
Hm.. auch wenn einiges sicher richtig ist, ist auch einiges falsch. Insbesondere steuert die Zentralbank die Geldmenge nicht.
Unter anderem wurde das hier gut erklärt:
http://www.forbes.com/sites/johntharvey/2011/05/14/money-growth-does-not-cause-inflation/
"M: A precise definition and identification of money is elusive in a modern, credit-money economy, and its volume can change either with or without direct central bank intervention. In addition, the monetary authority cannot raise the supply of money without the cooperation of the private sector. Because central banks almost always target interest rates (the price of holding cash) rather than the quantity of money, they tend to simply accommodate demands from banks. When private banks communicate that they need more reserves for loans and offer government debt to the Fed, the Fed buys it. It’s the private sector that is in the driver’s seat in this respect, not the central bank. The central bank’s impact is indirect and heavily dependent on what the rest of the economy is willing to do (which is, incidentally, why all the QE and QE II money is just sitting in bank vaults)."
Und ein wenig technischer auch hier erklärt:
http://www.nakedcapitalism.com/2012/04/scott-fullwiler-krugmans-flashing-neon-sign.html
Marc Montag, 9. Juli 2012 um 11:03:00 MESZ
Stimmt, ich hätte besser die Formulierung "indirekte Steuerung" verwenden sollen. Ich meine das in dem Sinne, dass das (alleinige) Ziel der EZB nach ihren Statuten die Preisstabilität ist und diese versucht sie durch die Beeinflussung der Kreditvergabe der Banken zu gewährleisten - das ist aber im Grunde eine indirekte Geldmengensteuerung. Die heftigen Probleme, die Notenbanken in der Krise mit der indirekten Steuerung haben, zeigen ja die Diskussionen um neue Instrumente wie das quantitative easing.
In Dubio Montag, 9. Juli 2012 um 13:34:00 MESZ
Es ist immer ein Fehler, wenn man sich einen Sündenbock rauspickt, möglichst anonym, möglichst weit weg. Marc Schanz sucht sich wie so häufig die Finanzmärkte. Er schaut dabei nicht rechts, nicht links. Benchmark ist nicht nur in der Betriebswirtschaft ein wichtiges Vergleichsinstrument.
Die EZB und die Währungsunion sind aus historischen und politischen Gründen in entscheidenden Punkten nach deutschem Vorbild gestaltet. Die Regeln wurden unter Federführung des Bundesfinanzministeriums, des Scherpa und Staatssekretärs Horst Köhler, geschrieben. Die geballte Fachkompetenz in Politik und Ökonomie bezweifelte nicht die theoretische Funktionsfähigkeit der Regeln. Von Kritikern wurde bezweifelt, dass sich die Politik an die Regeln halten würde.
Gerade die Weichwährungsländer Griechenland und Italien strebten mit hoher Energie eine Mitgliedschaft in der Währungsunion an. Sie wendeten viel - legale und illegale - Mühe darauf zu zeigen, dass sie bereit waren, sich an das Regelkorsett zu halten. Prinzipiell wäre zur Geldwertstabilität auch in Frage gekommen, die eigene Währung an den Euro zu binden. Doch das war den Südländern zu wenig.
Die ständige Abwertung einer Währung schafft keinen Wohlstand, das oberste Staatsziel. Es hilft kurzfristig Wettbewerbsnachteile auszugleichen. Wird es jedoch dauerhaft eingesetzt, versinkt die Volkswirtschaft in Agonie. Nicht die Zentralbanken legen das Verhältnis zueinander fest, es sind die Wirtschaftssubjekte. Versuchen Zentralbanken im Zuge beispielsweise gemeinsamer Wechselkurse ein bestimmtes Verhältnis wider jede ökonomische Vernunft aufrechtzuerhalten, werden große Spekulationsabitragen erzielt. So geschehen 1992, als Soros erfolgreich gegen das britische Pfund spekulierte.
Andere große Währungsräume haben ein Regelwerk, dass Leistungsunterschiede in harten Papieren ausgleicht. Hans-Werner Sinn hat dazu in der F.A.Z. gesagt:
Die Amerikaner, erklärt Sinn, erlauben das dauernde Anschreiben zwischen ihren Distriktnotenbanken nicht. Im Prinzip kann jede der zwölf Distrikt-Feds, die es gibt, ebenfalls mehr Geld schaffen, als für die Zirkulation innerhalb dieses Distrikts benötigt wird, also Geld, das die Bürger in andere Distrikte überweisen, um sich dort netto gerechnet Waren und Wertpapiere zu kaufen oder Schulden zu tilgen. Nur, wenn sie das tut, muss sie die anderen Distriktnotenbanken, die in ihrem Auftrag Guthaben einrichten, dafür einmal im Jahr mit echten, marktfähigen Wertpapieren bezahlen.
Geld, das vor allem den Konsum diente
Auch die amerikanischen Target-Salden sind in der Krise zunächst angewachsen, aber mittlerweile sind sie bis auf 21 Milliarden Dollar getilgt. In der Eurozone stehen stattdessen 947 Milliarden Euro auf der Kreidetafel, und die Summe wuchs in letzter Zeit progressiv. Das Eurosystem wird durch die Umfunktionierung der Ersparnisse der Deutschen, Holländer und Finnen gerettet, „leider“, fügt Sinn hinzu, „ohne dass die Sparer oder ihre Abgeordneten das überhaupt wissen oder verstehen“. Also halten wir diese Länder wirtschaftlich am Leben und über Wasser mit den Ersparnissen der Minderheit.
Man muss nicht zum Mysterium "Finanzmärkte" greifen um das zu verstehen.
Marc Montag, 9. Juli 2012 um 13:58:00 MESZ
@In Dubio
Sie werden es mir bestimmt nicht verübeln, aber meine Hochachtung vor Horst Köhler können sie ruhig in der Region griechischer Target2 Salden ansiedeln.
Die Euro-Konstruktion ist schlicht und einfach Murks. Nach über zehn Jahren zu schreien: "Oh, die Politik hält sich nicht gerne an Regeln, das wusste ich nicht! Jetzt brauchen wir halt Regeln von Leuten die es besser können!" Ist ein gangbarer Weg, sich aber vor der Entblödung zu drücken, ist es nicht. Die Schuld liegt eindeutig nicht bei den Krisenstaaten, sondern in der Euro-Konstruktion. Die Target2 Salden hätten sich nie derart auftürmen dürfen! Das es möglich war, lag doch nicht an den Staaten, sondern an der irrsinnigen Konstruktion der Währungsunion! Die Maastricht-Kriterien haben doch eben an diesem Punkt völlig versagt! Sie bekämpfen nur das Symptom, aber nicht die Ursache!
Nur zur Klarstellung: ich halte die Finanzmärkte nicht für schuldig im Sinne irgendeiner Anklage, ich halte sie nur für dysfunktional, d.h. sie können die ihnen zugewiesene Aufgabe gar nicht erfüllen. Die Schuld sehe ich bei der "geballten Fachkompetenz in Politik und Ökonomie", die diesen Murks fabriziert hat.
In Dubio Montag, 9. Juli 2012 um 14:26:00 MESZ
Inwiefern wir Hochachtung für bestimmte Persönlichkeiten empfinden, ist völlig irrelevant, auch Horst Köhler hat besagte Regeln nicht allein geschrieben. Von Kindesbeinen an sollten wir wissen, dass die meisten Spiele möglich sind, aber kein Spiel gespielt werden kann, wenn sich nicht alle zur strikten Einhaltung der Regeln verpflichten und bei Verstoß hart sanktioniert werden. Warum halten sich beim Mensch-ärgere-Dich-nicht alle an Regeln, die zeitweise harte Konsequenzen ("Verlieren") für einen selbst haben können? Weil jeder Regelverstoß stark sozial geächtet wird. Beim Euro dagegen spielt jeder mal drauf los und wenn einem die Regeln kurzzeitig zum Nachteil gereichen, werden die Regeln eben umgeschrieben.
In den USA verfügt der District of Columbia über ein GDP per capita von $175.000, die Bundesstaaten Delaware ($69,667), Alaska ($65,143), Conneticut ($64,833) liegen mehr als 50% über dem Durchschnittseinkommen der USA. Die Bundesstaaten New Mexico, Idaho, Monatana, Puerto Rico, Mississippi liegen über 25% darunter, dennoch funktioniert trotz großer Wohlstandsunterschiede eine Währungsunion. Das sind vergleichbare Größenordnungen, wie sie in der Eurozone existieren.
Wenn alle die Regeln akzeptieren, danach leben wollen und große Disparitäten kein Argument für eine gemeinsame Währung sind, dann muss es an dem Verhalten der Teilnehmer liegen. Einfaches Ausschlusskriterium.
Nehmen wir an, wir würden Mensch-ärgere-Dich-nicht spielen. Wenn einer das Brett vom Tisch feuert, sobald er am Verlieren ist, wird damit reagiert, dass wir einfach neu beginnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass kein Spiel zuende gespielt würde, wäre außerordentlich hoch, soweit Geld der Spieleinsatz wäre. Wenn jetzt ein paar Zuschauer beginnen würden zu wetten, wann das Brett vom Tisch fliegt, wäre das für Dich verwerflich?
Marc Montag, 9. Juli 2012 um 14:42:00 MESZ
Okay, die "geballten Fachkompetenz in Politik und Ökonomie" hat ein neues Spiel entworfen, es heißt "Euro-ärgert-Dich". Die wichtigste Regel des Spiels lautet: "Du darfst nur Zahlen größer als 3 würfeln!" Leider, leider gibt es so etwas wie die Realität, welche die Fachkompetenz gerne ignorieren möchte. Nur, so funktioniert es eben nicht!
Die Regeln der Währungsunion sind Murks! Weshalb sonst sind den die ganzen Brandmauern, Rettungsschirme, Fiskalpakte, etc. notwendig? Weil "die Griechen" moralische Probleme haben? Lachhaft!1!!!
In Dubio Montag, 9. Juli 2012 um 15:14:00 MESZ
Tja, warum sind die ganzen Rettungsmechanismen notwendig? Weil Athen sagt, ein Staatsbankrott ist kein Staatsbankrott, weil Italiener und Spanier einen, ein (vorübergehendes) Zinsniveau wie es vor der Währungsunion für sie üblich war, sei nun nicht mehr akzeptabel und weil ein Mitglied nicht dann aus einer Gemeinschaft fliegt, wenn es sagt, es will nicht mehr mitspielen.
Natürlich, 1992 hat man in Maastricht Murks geschrieben, es waren halt völlige Dilettanten. Heute setzen wir andere ein, die bessere Regeln schreiben können. Wieso sollte das funktionieren? Erst in den letzten beiden Jahren hat man den ESM und EFSF geschaffen, mit den Stimmen der Südländer. Heute sagen die gleichen Länder, die Regeln seien nicht akzeptabel, sie müssen erstmal aufgehoben werden, bis etwas besseres gefunden ist. 2jährige sind seriösere Spielkameraden.
Vielleicht setzt Du Dich in einem Deiner nächsten Beiträge mit dem Dollar-Währungsraum auseinander, warum dort funktioniert, was hier nicht gelingen will.
In Dubio Montag, 9. Juli 2012 um 18:02:00 MESZ
Wenn die Regeln so schlecht waren, dass sie ohne Zutun der Nationalstaaten zu einem Zusammenbruch des Euro führen mussten, wie hätten denn funktionierende Regeln aussehen müssen unter Berücksichtigung der in Maastricht vereinbarten Ziele? Diese waren:
(1) Preisstabilität des Euroraums
(2) Keine Haftungsgemeinschaft (No-Bail-Out-Klausel)
(3) Keine Transferunion, kein Ausgleich von Vermögenspositionen
(4) Verankerung des Subsidaritätsprinzips
Nun kann man der Ansicht sein, die gleichzeitige Verfolgung dieser Ziele in einem gemeinsamen Währungsraum sei Quatsch gewesen. Nur hätte es dann keine Währungsunion gegeben. Diese Prinzipien waren der politische Preis für Vorteile, die alle Mitglieder eingeräumt bekamen, also auch jene, die zuvor über keine stabile Währung verfügten.
Marc Montag, 9. Juli 2012 um 18:21:00 MESZ
Ist der Euro ein ökonomisches Projekt, dann ist er völliger Quatsch. Eine Währungsunion aus Einzelkämpfern, so wie der Euro konzipiert ist, funktioniert einfach nicht. Der künstliche Anpassungsdruck und die Spekulationsattacken, die möglich werden, sind für die schwachen Staaten mörderisch. Ohne Transfers können kleine, schwache Länder in einer Währungsunion mit uns nicht überleben.
Ist er hingegen ein politisches Projekt, dann muss man einen sehr, sehr teuren Preis dafür bezahlen. Zu sagen, er ist politisch gewollt, aber den Preis wollen wir nicht zahlen, wir lassen dafür lieber die Wirtschaft und Gesellschaft der Krisenländer vor die Wand fahren, ist widerlich.
In Dubio Montag, 9. Juli 2012 um 18:43:00 MESZ
Moment, die heutigen Krisenländer haben sich im Gegensatz zu Deutschland darum gerissen, beim Euro mitmachen zu dürfen. In jeder Gemeinschaft kann ich nur Mitglied sein, wenn ich die Regeln akzeptiere, bei der Bundeswehr, in der Kirche, im Fußballverein. Deutschland wurde Mitglied der Nato und der EWG, weil man die Grundsätze richtig fand.
Nochmal, warum wollten Italien und Griechenland beitreten, wenn, wie behauptet, der Anpassungsdruck so mörderisch war, dass es ihnen unmöglich war, die Regeln zu befolgen? Warum ist Griechenland klein und schwach, Slowenien oder Estland, die ein kleineres Pro-Kopf-Einkommen haben, aber nicht? Haben die Südländer insgeheim mit dem Vermögenstransfer gerechnet, obwohl die Regeln genau diesen verbieten? Dann wäre das widerlich. Wer sein Elend selbst herbeiführt, hat keinen Anspruch auf Solidarität.
Spekulationsattacken gab es die ersten 10 Jahre praktisch nicht. Erst als die internationalen Kreditgeber begriffen, dass hier keine Gemeinschaft, sondern 17 Nationalstaaten mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen Auffassungen von solider Finanzpolitik am Werke sind, begann die Spekulation.
Finnland hat am Wochenende erklärt, es wäre nicht bereit, als Preis für den Erhalt des Euro eine Haftungsgemeinschaft und Transferunion zu akzeptieren. Die Stimmung in den anderen Geber- weil Zahlerländern ist ähnlich. Wer Solidarität erfährt, muss seinen Unterstützern ein Angebot machen, wie er auf eigene Beine kommt. Andernfalls ist Solidarität sinnlos.
Marc Montag, 9. Juli 2012 um 19:08:00 MESZ
Nein, Griechenland ist laut Verheugen auf Wunsch des Genossen der Bosse zur Euro-Zone beigetreten. Die unverantwortliche Erweiterung der Euro-Zone ist auch unsere Hybris zu verdanken!
Aber was solls, die deutsche Ökonomenschaft hat ihr Elend auch selbst herbeigeführt. Nur "wir" Steuerzahler dürfen für die geballte Inkontinenz zahlen. Es gibt keine Umsonstlösungen mehr, es wird sehr, sehr teuer werden. Danke dafür!
In Dubio Montag, 9. Juli 2012 um 21:25:00 MESZ
Nun ja, ich weiß nicht, ob Günter Verheugen gerade ein guter Leumund in dieser Sache ist, schließlich geht es auch um Schwarze-Peter-Spiel und da möchte niemand alleine dastehen. Aber egal, das eine ist das starke Interesse Griechenlands, Mitglied der Eurozone zu werden. Dieses Ziel hat das Land bereits vor dem Regierungswechsel in Deutschland angestrebt. Die Frage bleibt: Warum? Deine Behauptung war, absehbarer Weise brachte das dem Land Nachteile, wenn es nicht gleichzeitig eine Transferunion gäbe (die es innerhalb der EU gibt und von der Hellas stark profitiert hat). Und warum können die unter deutlich schlechteren wirtschaftlichen Vorzeichen gestarteten Esten und Slowenen mithalten und sollen das, gemessen am GDP, wirtschaftlich stärkere Griechenland stützen? Es ist ja nicht so, dass Athen nicht gewusst hätte, was die politische Agenda der letzten 10 Jahre hätte sein müssen. Genauso wie die Italiener hat man sich politisch erschöpft zurückgelehnt.
Italien hat ein höheres Pro-Kopf-Vermögen als Deutschland. Ein größerer Teil der Staatsverschuldung liegt in den Händen der eigenen Bürger. Am Stiefel gibt es eine Reihe höchst wettbewerbsfähiger Unternehmen, nur leider relativ wenig Initiative zur Gründung von Start-ups, da Unternehmensgründungen außerordentlich erschwert sind. Junge Menschen finden schwer einen Job, ältere können oft zu honorigen Bedingungen frühzeitig in den Ruhestand wechseln. Die Steuersätze sind so hoch wie in Deutschland, die Einkommensteuern pro Kopf weit niedriger. Es gibt in Italien ähnlich viele wohlhabende Regionen wie in Deutschland. Dennoch soll es notwendig sein, dass deutsche Steuerzahler für italienische Kredite haften. Das verstehe wer will.
CitizenK Montag, 9. Juli 2012 um 23:50:00 MESZ
Dass der Euro einen Systemfehler (andere sagen: Geburtsfehler) hat, bestreitet heute fast niemand mehr. Er ist aber nunmal da.
GR aus dem Euro zu drängen (das wahrscheinlichste Szenario) wird, abgesehen von den technischen Problem bei der Wieder-Einführung der Drachme, massive Auswirkungen haben: sie wird vermutlich um 50 Prozent abwerten. Importe werden (Erdöl und -gas, technische Geräte) werden doppelt so teuer, die geringen Exporte können das nicht ausgleichen.
Egal wer damals schuld war: Ein EU-Mitgliedsland kann man nicht vor die Hunde gehen lassen. Die GR haben auch Druckmittel, Nicht- Kauf von Rüstungsgütern in D und den "Schutz" der Festung Europa vor Einwanderern zum Beispiel.
Wichtiger als die Klärung der Schuldfrage ist die Suche nach Lösungen. Der ESM kann es nicht sein.
In Dubio Dienstag, 10. Juli 2012 um 08:18:00 MESZ
Soweit d'accord. Allerdings sehe ich nicht das Erpressungspotential der Griechen. Wer pleite ist, kann schlecht drohen, dass er nicht mehr kauft. Die Politik scheint sich darauf verständigt zu haben, Athen mehr Zeit zu geben. Das kostet die Gemeinschaft 50-100 Milliarden EUR. Was bietet Hellas dafür? Glaubwürdig, nachvollziehbar, wirkungsvoll?
CitizenK Dienstag, 10. Juli 2012 um 10:13:00 MESZ
Es ist bekannt, dass die Rüstungsimporte vor allem aus D bei weitem nicht proportional zu den anderen "Konsolidierungsmaßnahmen" zurückgefahren werden. Warum? Um das NATO-Mitglied GR gegen das NATO-Mitgliedsland Türkei aufzurüsten? Welche Rolle spielen dabei die kleinen (oder großen) Umschläge, die ja auch jemand annehmen muss?
Was Hellas dafür bietet? Flugzeuge und Häfen haben sie schon verkauft. Der Aufbau von Kataster- und Finanzämtern dauert, ein Baum wächst nicht schneller, wenn man an den Ästen zieht. Gläubiger, die jahrelang weggschaut haben, müssen die Folgen tragen - genauso wie Bürger, die Politiker wählen, die....
In Dubio Dienstag, 10. Juli 2012 um 12:33:00 MESZ
Das ist aber ein sehr milder Blick. Derzeit werden neue EU-Fördergelder für Athen verhandelt. Ein Projekt, das einem ziemlich bekannt vorkommt, nämlich der Aufbau eines Katasterwesens, ist darin enthalten. Bis 2020 will man soweit sein, alle Liegenschaften erfasst zu haben. Seltsame Sache. Schon seit mehreren Jahren erhält Griechenland für ein gleichlautendes Projekt Fördergelder. Das hat zu dem tollen Ergebnis geführt, dass inzwischen 12-13% aller Liegenschaften erfasst sind. In dem Tempo dürfte es allerdings schwer fallen, bis 2020 100% Abdeckung zu erreichen. Insbesondere, da Griechenland schon in den 1930er Jahren ein Katasterwesen besaß. Aber man soll ja keine Schuldigen suchen.
Es ist überhaupt erstaunlich, das Land mit der höchsten Förderung in der EU hängt am Weitesten ab. Und was ist bitte verkauft? Es gibt keine Investoren, die sich für das griechische Staatsvermögen interessieren, schließlich ist die Verfügungsgewalt aufgrund der ausgeprägten Gewerkschaftsmacht stark eingeschränkt. Kapitalgeber haben die seltsame Ansicht, wenn sie viel Geld in eine Sache reinpumpen auch zu glauben, die Sache würde ihnen gehören. Übrigens werden derzeit auch griechische Privatinseln wie Sauerbier angeboten. Das gleiche Problem: wer eine Insel käuflich erwerben möchte, benötigt knapp 50 Genehmigungen von höchst verschiedenen Ämtern. Wer hat darauf Lust?
Also kippen wir mal die meisten dubiosen Zusagen Athens, von denen sich binnen 2 Jahren keine nennenswert materialisiert hat, obwohl anderes versprochen wurde. Vergessen wir auch die Rüstungsimporte, das wäre wahrscheinlich der geringste wirtschaftliche Schaden. Man könnte aber mit einem Federstrich 150 Berufe freigeben, das würde nichts kosten und war der Troika bereits mehrfach versprochen. Entsprechende Gesetzesvorlagen wurden jedoch nach Protesten zurückgezogen. Die Verbrennung von der Hälfte der Verwaltungsvorschriften würde wahrscheinlich auch keinen merklichen Schaden anrichten, ebenso die Aufhebung von Frühverrentungsprogrammen, insbesondere im Öffentlichen Dienst.
Bisher haben die Griechen weiter die wichtigste Resource in der Politik verspielt: Vertrauenskapital. Oder höflicher ausgedrückt, ihre gesamten Zusagen waren bisher mit einem Optimismusfaktor von 800%+ versehen. Anders formulierte es die Tage ein EU-Kommissar: Wir haben den Griechen schon einen Wagen hingestellt. Nur fahren müssen sie schon selber. Wir können ihnen noch einen Wagen hinstellen. Aber fahren müssen sie selber.
Ob die Botschaft angekommen ist? Nochmal gefragt: was bieten die Griechen für die gewaltigen internationalen Hilfszusagen?
CitizenK Dienstag, 10. Juli 2012 um 22:13:00 MESZ
Ist das wirklich die entscheidende Frage? Auch wenn alle Griechen wären wie Alexis Sorbas, ist Griechenland nicht entscheidend bei der Behebung des Euro-Systemfehlers.
Dirk Müller ist sich sicher, dass GR den Euro mehr oder weniger freiwillig aufgeben muss , sobald der ESM steht. Das sei in Berlin beschlossene Sache, in Helsinki sowieso.
CitizenK Dienstag, 10. Juli 2012 um 22:23:00 MESZ
Nachtrag: Die Anstrengungen der Griechen, werden zu wenig gewürdigt. Sagt der Sachverständigenrat und zustimmen der Kommentator des Handelsblatts.
http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/07/08/die-highlights-des-svr-sondergutachtens-teil-1-von-2/
Marc Dienstag, 10. Juli 2012 um 21:43:00 MESZ
Bundespankpräsident Weidmann hat vor dem Bundesverfassungsgericht sehr schön den Systemfehler mit folgenden Worten zusammengefasst: "Es gibt fundamentale Zweifel der Märkte an der Sicherheit der Währungsunion."
Die Märkte sollen eine Währung bewerten, aber sie dürfen niemals die Macht haben, über ihr Wohl und Wehe zu entscheiden! Die Folgen sind katastrophal und treffen natürlich die Schwachen zuerst, bevor sie sich dann die starken zur Brust nehmen können.
Christian Mittwoch, 11. Juli 2012 um 08:34:00 MESZ
Tja, und die Märkte haben nur die Macht darüber, weil man sie lässt. Sobald die EZB die Sicherheit der Staatsanleihen garantiert, können die Märkte machen was sie wollen ;)
Dann muss man nur noch das Problem der Außenhandelsungleichgewichte lösen..
In Dubio Mittwoch, 11. Juli 2012 um 09:39:00 MESZ
Zum seriösen Arbeiten gehört, nicht eine einzige Person als Prophet für alles heranzuziehen. Gerade in die Zukunft kann keiner blicken, am ehesten noch jene, die darüber zu entscheiden haben. Das sind die Spitzenpolitiker Angela Merkel, Francois Hollande oder Samaras. Wenn ich nach den Banken gehe, bricht die gesamte Währungsunion auseinander, denn die ziehen sich gerade auf ihre Heimatmärkte zurück, stellen ihre IT-Systeme auf Einzelwährungen um usw. Die EZB arbeitet gerade an einem Projekt den Zentralbankverkehr (Stichwort Target2-Bilanzen) zu beenden. Die Börse dagegen ist wieder optimistischer. Picken Sie sich raus was Ihnen gefällt, irgendjemand wird hinterher Recht behalten und anschließend ein paar Jahre als großer Prophet gelten.
Der SPIEGEL veröffentlicht fast wöchentlich Reportagen zur Entwicklung in Griechenland. Prominente und weniger prominente, aber engagierte Hellenen äußern sich dabei nicht gerade positiv über die Mentalität ihrer Bürger. Das politische und ökonomische Denken hat sich in den vergangenen 20 Jahren gewandelt. Man wird daran gemessen, was vereinbart wurde, denn niemand mag es, wenn Vereinbarungen gebrochen werden. Niemand. Ein Bereichsleiter, der für seinen Bereich eine Leistungsverbesserung von 20% zusagt, aber nur 10% erreicht, hat versagt. Es gibt mildernde Umstände, doch wem das regelmäßig passiert, verdient kein Vertrauen.
Die Finnen können höchstens entscheiden, ob sie aus dem Euro austreten. Der Schlüssel zu allem liegt in Berlin.
In Dubio Mittwoch, 11. Juli 2012 um 09:44:00 MESZ
Das DIW ist auf eine tolle Idee zur Bekämpfung der Staatsschuldenkrise gekommen: eine Zwangsanleihe bei wohlhabenden Bürgern. Wobei "reich" dabei bei dem Besitzer eines Einfamilienhauses in besserer Lage beginnt. Das Geld solle dann zurückgezahlt werden, wenn die Haushaltslage sich verbessere. Also im Zweifel nie.
So originell ist die Idee allerdings nicht. Adolf Hitler hatte schon selbige und zwang damit Reiche, den Irrsinn der Nazis zu finanzieren. Als die Anleihe auslief, wurde sie auf unbegrenzte Zeit verlängert. Helmut Kohl fühle sich in den 1980er Jahren hier in einer Tradition und probierte das Gleiche wie die Nazis. Das Bundesverfassungsgericht untersagte seine Zwangsanleihe.
Es kommt halt alles wieder...
In Dubio Mittwoch, 11. Juli 2012 um 12:35:00 MESZ
Das heißt, egal was die Staaten machen, welche Wirtschaftspolitik sie betreiben, wie sie sich verschulden, es darf keinen Einfluss auf die Stabilität der Währung haben? Das ist eine unmögliche Versuchsanordnung. Wäre die Staatsverschuldung in Euroland 0 oder vielleicht sogar nur 60%, gäbe es keine Debatte über Währungsspekulationen. Die Eurozone ist die wohlhabendste Region der Welt. Wir hätten null Problemo, wären sie auch die wettbewerbsfähigsten Länder der Welt. Oder nur die am wenigsten korruptesten. Oder einfach die vertragtreuesten. Irgendetwas von dem. Nur eins. Nur eins! Das muss doch möglich sein!
So ist es das halt nicht und wir müssen uns als Gemeinschaft manchmal mit Staaten messen, in deren Gesellschaft wir uns nicht so wohl fühlen.
Marc Mittwoch, 11. Juli 2012 um 14:02:00 MESZ
Wir sind keine Gemeinschaft, es ist eine Vereinigung von Einzelkämpfern und die Starken erdrücken die Schwachen. Die Verträge können sie nicht einhalten, weil sie für die Krisenländer unerfüllbar sind.
Und im weltweiten Konkurrenzkampf verlieren wir aufgrund der Krise an Boden. Dieser Verlust ist durch die Krise ist größer als wenn wir die Schwachen zumindest für einige Zeit finanziert hätten.
Aber hey, wir wollen doch nicht etwa über die Realität sprechen, oder?
In Dubio Mittwoch, 11. Juli 2012 um 12:44:00 MESZ
Du vergisst nur zweierlei: je größer die Maßnahme, desto höher der Preis. Was schätzt Du, wäre der Preis, wenn die EZB sämtliche Staatsanleihen garantieren würde? Die Bundesregierung hat 2008 hoch gepokert. Peer Steinbrück wurde oft gefragt, was die Regierung denn getan hätte, wäre ihre Garantie aller Spareinlagen eingefordert worden. Seine Antwort: natürlich zahlen. Wäre es zum Schwur gekommen, hätten das noch unsere Enkelkinder tragen müssen.
Doch heute ist keine Zeit zum Pokern. Die weltweiten Anleger wollen regelmäßig sehen. Und dann muss gezahlt werden.
Zweitens: Der Wohlstand kleiner Staaten besteht aufgrund ihrer Exportüberschüsse. Dänemark, Island, Schweiz und eben im Weltmaßstab kleine Länder wie Deutschland gründen ihren Wohlstand, darauf, die Welt mit begehrten Waren zu versorgen. Der Abstieg Italiens oder Frankreichs begann, als sie vor 12-15 Jahren dazu immer weniger in der Lage waren. Auch hier die Frage: bist Du tatsächlich bereit, den Preis zu bezahlen?
Alles hat ein Preisschild, manchmal ist es nur verdeckt.
Christian Donnerstag, 12. Juli 2012 um 09:43:00 MESZ
Unsere Enkelkinder? Ach die Armen ;) Das wurde uns schon vor fünfzig Jahren prophezeit. Trotzdem leben wir noch.
Richtig. Die Anleger würden ausfallsichere Staatsanleihen (und das sind sie wenn sie von der EZB garantiert werden) kaufen. Siehe Japan, USA, Australien, Kanada, etc. In Australien musste der Staat sogar mal Anleihen ausgeben, obwohl er einen Überschuss generiert hat, weil von einigen Firmen der Wunsch danach so groß war. Interessant, oder?
Außenhandelsgleichgewicht hast du noch nie gehört?
Wofür exportiert man mehr Waren als man importiert, gesamtwirtschaftlich? Damit man in Zukunft mehr Waren importieren kann, als exportieren. Nicht damit man Schuldscheine ansammelt die irgendwann wertlos werden, weil man den Schuldnern keine Gelegenheit gibt, diese zurückzuzahlen..
Zumindest wäre das keine rationale Verhaltenweise, möglich ist es natürlich.
In Dubio Donnerstag, 12. Juli 2012 um 11:36:00 MESZ
Dafür geht auch mehr als jeder 5. Steuer-Euro, den ich dieses Jahr ans Finanzamt überweise, nicht in Staatsleistungen, sondern Zinsen für Wohlhabende. Eigentlich bräuchte ich dieses Jahr nicht 50.000 Euro Steuern zu entrichten, sondern könnte 10.000 Euro sparen, wenn meine Eltern ihren Schmarrn komplett selber bezahlt hätten. So zahle ich mindestens Zinsen für sie und hafte noch. Klar lebe ich, ohne die Hinterlassenschaft sogar besser.
Bitte gehe auf das Argument ein, dass kleine, wohlhabende Staaten ihr Niveau auch durch Exportüberschüsse erhalten. Die Beispiele Italien und Frankreich stehen dazu in Opposition.
Exportstarke Länder erhalten im Ausland Vermögensanteile und partizipieren am dortigen Wachstum. Steht nicht auf den Nachdenkseiten, stimmt aber dennoch.
In Dubio Mittwoch, 11. Juli 2012 um 14:53:00 MESZ
Über die Realität zu reden heißt über die Realität zu schreiben. Einzelkämpfer haften nur für sich selber und sie zahlt nur für sich selber. Wären wir keine Gemeinschaft, gäbe es keinen Grund, dass Deutschland bei den Rettungsschirmen mit 200 Milliarden EUR (Minimumwert) in Haftung ist. Das Argument, damit wären vor allem die eigenen Banken gerettet worden, zieht nicht. Mit dem Geld hätte man die Kreditinstitute mehrmals stützen können.
Leider sagst Du nichts dazu, was mit einer Gemeinschaft zwingend einhergeht. Wer die wohlhabendste Region der Welt sein will, muss gleichzeitig die sein mit den besten Investitionsbedingungen. Das trifft auf Deutschland zu, aber nur auf Deutschland. Warum nicht auf Italien? Wer solide sein will, darf nicht korrupt sein. Warum gilt Griechenland als ein hochkorruptes Land und Italien als nicht weniger?
Als Parzifist lebt es sich schlecht bei der Bundeswehr, selbst wenn man auf Uniformen steht. Wer Mitglied der katholischen Kirche ist, kann nicht den Islam preisen. Und wer Mitglied der Eurozone ist, wusste, dass er sich nur geringfügig verschulden darf und übermäßige Verschuldung abbauen muss. Wenn ich als Bewerber Fähigkeiten für einen Job verspreche, die ich nicht halten kann, fliege ich noch während der Probezeit.
Das sind universelle Regeln, die gerne in Bezug auf Griechenland auf den Kopf gestellt werden sollen. Solidarität ist etwas Vorübergehendes, für den Notfall. Und es ist keine Einbahnstrasse, wer Solidarität empfängt, muss gewaltiger Anstrengungen nachweisen, seine Notlage zu beenden. Selbst Familien schmeißen Schmarotzer des Hotels Mama raus.
Marc Mittwoch, 11. Juli 2012 um 15:49:00 MESZ
Ja, klar. Eine Währungsunion von 17 äußerst unterschiedlicher Staaten kann nur mit den "universellen" Regeln einer Küchenökonomie nach Omas altbewährten Erziehungsrezepte gemeistert werden. Wie auch sonst.
In Dubio Mittwoch, 11. Juli 2012 um 16:01:00 MESZ
Entschuldigung, dann sollten wir NIE wieder den Begriff der Solidarität auf staatlicher Ebene benutzen. Schließlich stammt dieser Begriff aus dem engen Familienbereich mit vielleicht 3 bis 20 Mitgliedern. Der Begriff wurde auf den Staat übertragen, weil man bestimmte familiäre Verhaltensweisen auf die gesamte Gesellschaft verbreitern wollte.
Bitte nicht immer dieses Totschlagargument, Staaten werden etwas völlig anderes, ganz originell, mit nichts sonst zu vergleichen, einfach so einzigartig, dass jede Plünderung familiärer Werte, gesellschaftlicher Prinzipien und materieller Vermögenswerte gerechtfertigt ist. Was ich aufgezählt habe sind jahrhundertealte Prinzipien und Verhaltensweisen. Du bringst kein Argument, warum sie in der Eurokrise ausgehebelt sein sollten.
Marc Mittwoch, 11. Juli 2012 um 17:28:00 MESZ
Äh, weil es ums Geld und nicht um Erziehung geht? Bin ich hier in einem Umerziehungsdiskurs oder was? Bist du Ökonom oder die Super-Nanni für amoralische Staaten?
Meine Argumente findest du übrigens oben im Artikel. Das zentrale Argument steht extra in fett ganz am Anfang, es ist eigentlich nicht zu übersehen. Schau einfach mal direkt unter der Artikelüberschrift, knapp oberhalb des eigentlichen Textes. Bei Bedarf schicke ich gerne einen Screenshot mir farblicher Markierung.
In Dubio Mittwoch, 11. Juli 2012 um 18:11:00 MESZ
Ich lese Deine Texte sehr aufmerksam. Die Neutralität des Geldes ist durch eine überbordende öffentliche Verschuldung gefährdet und wird durch den Anleihenkauf der EZB verletzt.
Der Staat hat sich zahlreiche Begriffe aus dem Privaten und Familiären angeeignet. Dann ist es richtig, auf ihre ursprüngliche Bedeutung zu verweisen. Prinzipien wie Solidarität, Vertragstreue, finanzielle Solidität dürfen keine Umwidmung erfahren, weil sie auf einer anderen Ebene stattfinden.
Bitte behandle mich genauso respektvoll wie ich das umgekehrt tue. Nur weil ich eine andere Meinung vertrete und diese mit Argumenten untermauere, bin ich kein Idiot.
Marc Mittwoch, 11. Juli 2012 um 18:59:00 MESZ
Ich entschuldige mich, mein Kommentar war respektlos.
Es ist nur so, ich möchte über die ökonomische Aspekte der Krise sprechen. Doch das ist in unserem Land unmöglich! Bei den Linken geht es nicht ohne Fundamentalkritik a la hirnloser Zinskritik und bei den konservativen nicht ohne eine Überdosis Moral. Kann man das nicht einfach mal beiseite lassen? Du kennst bestimmt Ockhams Rasiermesser? Nach diesem Kriterium ist es für mich logisch, dass die Probleme nicht bei unterschiedlichen Ursachen der Krisenstaaten zu suchen ist, sondern in der Konstruktion der Währungsunion. Mir ist es einfach unbegreiflich, dass dieser Punkt im öffentlichen Diskurs negiert wird. Das dürfen wir nicht! Solange wir die falsche Diagnose haben, können wir die Krise nicht beenden!
In Dubio Mittwoch, 11. Juli 2012 um 19:22:00 MESZ
Absolut! Ich möchte auch über die ökonomischen Aspekte debattieren. Ich bin kein Moralist, falls das so angekommen ist, so ist das falsch. Es gibt allerdings kulturelle Einflüsse und es gilt die Frage, warum Nationen und Volkswirtschaften sich unterschiedlich verhalten und entwickeln.
Ich lese gerade das Buch "Why Nations Fail", das sich genau mit solchen Fragen beschäftigt. Man muss, solange wir verschiedene Ökonomien sind, fragen, was läuft in Ländern wie Italien oder Griechenland falsch, denn auch ohne Währungsunion hätten diese Staaten existenzgefährdende Probleme.
Cross Freitag, 13. Juli 2012 um 12:56:00 MESZ
Wenn aber alle mehr exportieren als importieren
um wie die Schweiz, Finnland, Deutschland Wohlstand zu erlangen. Wenn also auch Griechenland, Italien, Spanien und Frankreich Exportüberschüsse haben; wer importiert dann und hat die zu Export-Überschüssen gehörenden Defizite? Wer setzt dann die volkswirtschaftliche Saldenmechanik ausser Kraft?
In Dubio Freitag, 13. Juli 2012 um 17:20:00 MESZ
Niemand setzt die "Saldenmechanik" außer Kraft. Das ist die falsche Frage. Die richtige Frage, die sich aus dem Fakt ergibt, lautet: Warum ist das so, warum können kleine Volkswirtschaften nur mit sehr hohen Export- und damit Tauschquoten ihren Wohlstand sichern? Weil sie als kleine Fische sich sehr stark spezialisieren müssen, um sehr teure und gefragte Produkte auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Diese Länder haben alle Exportquoten von über 40% des BIP aber nur selten Weltmarktführer in großen Branchen.
Kleine Volkswirtschaften benötigen große Binnenmärkte. So ist übrigens die EWG entstanden. Große Volkswirtschaften bieten große Binnenmärkte. Ausländisches Kapital treibt die Entwicklung. Der Preis dafür ist, einen Teil des Volksvermögens mit Ausländern teilen zu müssen. So funktionierte das nach dem Krieg jahrzehntelang mit Japan und Deutschland. So wie heute gegenüber China fürchtete man damals einen Ausverkauf an Japan.
Nur in dr Eurozone erwerben wir Deutsche keine Vermögenswerte in Griechenland und Italien. Stattdessen bekommen wir wertlose Buchguthaben bei der Zentralbank.
Marc Samstag, 14. Juli 2012 um 12:45:00 MESZ
Exakt, und dass bei Transaktionen keine Vermögenswerte, sondern nur "Geld" ausgetauscht wird, liegt daran, dass sie innerhalb einer Währungsunion stattfinden.
In Dubio Samstag, 14. Juli 2012 um 13:23:00 MESZ
Nein, denn in den USA werden zwischen den regionalen Zentralbanken harte Wertpapiere getauscht. Montana kann nicht beliebig auf Kosten von Conneticut leben.
Würden wir das in der Eurozone machen, müsste Griechenland ziemlich unbürokratisch einige seiner Inseln verkaufen. :-) Die Bevölkerung wurde also direkt spüren, dass sie sich im Ausland verschuldet hat. Der einzige Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und der Eurozone ist, dass wir keine gemeinsame Zentralregierung haben.
Marc Samstag, 14. Juli 2012 um 13:41:00 MESZ
Wer hat denn diese Regeln der Euro-Währungsunion festgelegt? Die Griechen? Spanien? Nein, es war unsere geballte Fachkompetenz. Dass nur "Geld" fließt, das nicht besichert ist, ist also unsere eigene Schuld!
Das Problem ist, wären die Regeln wie in den USA gewesen, hätten sich die Ungleichgewichte erst gar nicht auftürmen können! Jetzt für diesen riesen Murks allein den Schuldnern/Opfern alles zuschieben und die Verursacher der Misere zu vergessen, ist ganz schön billig! Die Krisenländer hatten keine Chance, das ganze Kapital floss ja freiwillig(!1!!) in die Länder. Als es wegen der Finanzkrise wieder abfloss, mussten sie zwangsläufig kollabieren.
Leider gibt es immer wenige Unterschiede zwischen USA und Europa. Bald werden wir uns auch über ein Obamacare freuen. Tolle Zukunft.
In Dubio Samstag, 14. Juli 2012 um 14:04:00 MESZ
Wir haben umfangreiche Regeln festgelegt. Alle diese Regeln wurden inzwischen gebrochen. Das ist das, wogegen ich argumentiere. Eigentlich, eigentlich hätte die griechische Regierung vor 2 Jahren sagen, müssen, wir können die Regeln dauerhaft nicht einhalten und treten aus der Währungsunion aus. Das Problem ist die Aufhebung jeden Sankionsmechanismus.
Wenn ich meine Steuererklärung nicht pünktlich zum 31. Mai eines jeden Jahres abgebe, muss ich deftige Strafen und Verzugszinsen zahlen. Das ist ein sehr leichtes Vergehen, es ist aber notwendig, dass wir uns alle an die Regeln halten. Und es kann nicht sein, dass wir richtigerweise solche Maßnahmen hier wortreich verteidigen, bei anderen Ländern jedoch sagen: Schwamm drüber!
Ich schiebe die Schuld nicht allein den Schuldnern zu, wie kommst Du darauf? Es ist umgekehrt: erst muss der Schuldner (daher ja auch der Begriff) gefragt werden, welche Schuld er trägt, bevor ich mich an den Gläubiger wende. Dieses Prinzip wird auf den Kopf gestellt.
Seit 2 Jahren fliesst kein Kapital nach Griechenland. Die Griechen behelfen sich auf ihre Art, sie nutzen die Lizenz der EZB aus und bezahlen mit wertlosen Schuldscheinen. Das macht kein seriöser Schuldner.
Konsequent zu Ende gedacht: The Avengers
Das Geld-Paradoxon
Die Geschichte des "Supreme Court of the United St...
Idiotenstunde
Einschneidende Debatte
Währungsunion des Wahnsinns
Der Neue und das Alte
Mein 14. Juli
Meinungen und Stimmungen zur Euro-Krise. Was denkt...
Parlamentarische Ränkespiele in 57 Sekunden
Das Konzept von Ehre in der Welt von Westeros
Ein Fraktionsquorum: Vermeidung des Fraktionszwang...
"The Newsroom" - "The West Wing" auf Drogen
Der Weg zum "europäischen" Grundgesetz

References: In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio
In Dubio