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Timestamp: 2020-07-06 18:08:40+00:00

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Gerechter und gerechtfertigter Krieg. Die Kriegsphilosophie Kants ...
1. Gerechter und gerechtfertigter Krieg
1.1. Die Tradition des Kriegsrechtes
1.2. Kriterien zum gerechten Krieg in Kants ,Metaphysik der Sitten'
1.2.1. DasRecht zum Krieg
1.2.2. Das Recht im Krieg
1.2.3. Das Recht nach dem Krieg
1.2.4. Der Kategorische Imperativ im Volkerrecht
1.3. Die Vereinigung von Politik und Moral
2. Friedrichs II. Kriegsanschauung zwischen Idealismus und Realpolitik
2.1. Friedrich II. Kontra Machiavelli
2.1.1. Der gerechte Krieg im 26. Kapitel des ,AntimachiaveN'
2.1.2. Die Notwendigkeit des gerechten Angriffskrieges
2.2. Friedrichs II. Kriegstheorie im ,Politischen Testament' von 1752
3. Betrachtung des ersten Angriffskrieges Friedrichs II. auf Schlesien
3.1. Umriss der drei schlesischen Kriege
3.2. Gerechtfertigter Krieg? - Friedrichs II. Angriff auf Schlesien
Siglenverzeichnis fur Werke Kants
Die vorliegende Arbeit behandelt die Kriegstheorie und -praxis von Friedrich II. innerhalb der Anschauung von Kants Kriegs- und Friedensverstandnis.
Die Begriffe gerecht und gerechtfertigt geben wertende Urteile von zwei verschiedenen Ansatzen an. Das Begriffspaar gerecht / ungerecht wird in dieser Arbeit eine moralische Wertung implizieren, wahrend die Begriffe gerechtfertigt / ungerechtfertigt die Beurteilung des realpolitischen Ansatzes, das heiftt, eine Beurteilung anhand den Gegebenheiten und den Standpunkt der einzelnen Person oder des einzelnen Staates, ausmachen. Die Fragestellung entspringt wiederum aus der Frage, ob es nach Kants Auffassung eine vernunftige Rechtsprechung geben kann in zwischenstaatlichen Konflikten. Die Notwendigkeit der Kriegsbewertung erschlieftt sich nicht auf den ersten Blick, denn in unserer Gesellschaft sind wir zeitlich und geographisch vom klassischen Krieg weit entfernt. Die ausgepragte Idee vom Pazifismus erklart jeden Krieg fur unmoralisch, das heiftt Krieg wird in keinem Fall als Mittel der Politik akzeptiert. Die Geschichte und auch die Nachrichten unserer Zeit1 geben uns jedoch etliche Beispiele dafur, dass Krieg ein alltagliches Mittel des politischen Konfliktumganges ist. Seit der Unterzeichnung der Charts der Vereinten Nationen 1945 existiert eine einheitliche Verfassung und ein internationales Gerichtshof. Zur Zeit Friedrichs des Groften und spater zu Kants, war die Volkerrechtsfrage, also die uberstaatliche Ebene, realpolitisch durch das Recht des Starkeren geregelt2. Nach Kant ist der Staat „eine Gesellschaft von Menschen, uber die niemand anders, als er selbst, zu gebieten und zu disponieren hat.“3 Somit wird der Staat als eine Einheit verstanden. Bei einem Konflikt zwischen Burgern, gibt es eine geregelte und regelnde Ebene, die Recht spricht, das ist die rechtsprechende Institution des Staates. Wer ist aber Richter beim Krieg? Bevor wir zu Kants Kriegsrecht kommen, ist es Sinnvoll die Kriegsphilosophie in der Zeit und Kultur Friedrichs des Groften zu verstehen.
Die traditionelle westliche Kriegsphilosophie wurde nicht von einem Autor verfasst, sondern ist vielmehr ein zusammengesetztes Mosaikwerk der groften Denker der letzten 2.500 Jahre. Fur unsere Fragestellung ist der Fokus auf die Legitimationsart des Krieges wichtig. Wir erkennen bei den antiken Autoren einen moralisch-sittlichen Ansatz, so wie bei Cicero. Der romische Staatsmann und Stoiker schrieb bereits vom gerechten und ungerechten Krieg. Fur Cicero ist der Frieden ein Zustand des Rechts und das Ziel jedes Krieges sollte der (gerechte) Frieden sein. Die Kriegsethik Ciceros basiert auf seinen materiell-substanziellen Friedensbegriff4, den wir auch u. a. bei Spinoza und Kant antreffen. Es geht hierbei um das Verstandnis des Friedens als Wert an sich und nicht als blofte „Abwesenheit vom Krieg“5. Bei den Scholastikern wie beispielsweise Augustinus, kommt der theologische Ansatz hinzu und bindet den Glauben an die Kriegsfrage. Augustinus sieht in der ehrlichen Absicht (intentio recta) und somit die innere Einstellung der Kombattanten, ein wesentliches Kriterium fur den gerechten Krieg6. Auch Augustinus sieht wie Cicero den Frieden als Ziel eines jeden Krieges an, baut aber den Friedensbegriff aus in „die gerechte Friedensordnung Gottes“7. Der Krieg ist nicht erwunscht und er wird immer als die ultima ratio, das ist die allerletzte Losung, verstanden. Fur einen gerechten und somit einen dem Ansatz der Moral und der Theologie entsprechenden Krieg werden drei Kriterien zusammengefasst:
1. Gerechtigkeit des Kriegseintritts (ius ad bellum)
2. Gerechtigkeit der Kriegsfuhrung (ius in bello)
3. Gerechtigkeit der Nachkriegssituation (ius post bellum)8
Die wesentliche Eigenschaft des gerechten Kriegseintritts ist der gerechte Grund (causa iusta), im Sinne von Cicero und Augustinus, kann das nur die Notwehr und die Wiederherstellung des stabilen Friedens sein. Der gerechte Grund darf dabei keine vorgeschobene Rechtfertigung sein, sondern muss der inneren Einstellung der Kombattanten entsprechen, das fordert die bereits erwahnte Intentio recta. Die Kriegserklarung muss von einer legitimierten Autoritat erfolgen (auctoritas principis)9. Auch die gerechte Kriegsfuhrung ist an Regeln gebunden. Dazu gehort die Immunitat von Zivilisten; Angemessene Kriegshandlungen; Verbot von malum in se (Ubel an sich) - Methoden und/oder Waffen10. Frei von moralischer Wertung ist die politische Anschauung von Machiavelli, dessen Schrift ,Der Furst‘ eine rationalistische bzw. realpolitische Sicht auf den Krieg und seinen Kriterien zulasst. Machiavelli fragt nicht nach moralischer Gerechtigkeit sondern nach rationaler Rechtfertigung. Im zwischenstaatlichen Recht gilt auch bei Machiavelli das Recht des Starkeren, daher ist der Krieg zur Machterweiterung des Herrschers gerechtfertigt, um die Autonomie des Staates zu gewahrleisten11. Die Theorie vom Recht des Starkeren, birgt in sich ein negatives Menschenbild und bezeichnet den Krieg als Naturzustand (bellum omnium in omnes)12. Wir konnen festhalten, dass der Wertungsansatz des Krieges mit dem Wertungsansatz des Menschen einhergeht. Auch in der rationalistischen Anschauung gelten die oben zusammengefassten Kriterien des gerechten Krieges, jedoch mit einem Zusatz, der die Rationalitat charakterisiert: die Erfolgswahrscheinlichkeit13. An dieser Stelle konnen wir nun analysieren in welcher Fraktion sich die Kriegsphilosophie Kants eingliedern lasst.
Kants Theorie des Volkerrechts in der ,Metaphysik der Sitten‘ beinhaltet seine Kriegsphilosophie14 15. Kant vertritt die Ansicht, dass der Naturzustand zwischen den Volkern „ein Zustand der Ungerechtigkeit sei und baut sein Volkerrecht mit einem teleologischen Ansatz auf, namlich die „unausfuhrbare Idee“16 des ewigen Friedens. Dieser Pragmatismus erklart sich aus dem Mangel der uberstehenden Gewalt zwischen den Volkern: „Denn jeder [...] wird seine Freiheit missbrauchen, wenn er keinen uber sich hat, der nach den Gesetzen uber ihn Gewalt ausubt.“17 Dennoch gebietet die Vernunft den Ausgang aus dem Naturzustand aller Staaten und die Herstellung eines Zustandes der Rechtlichkeit. Frieden soll das Ziel eines jeden Krieges sein, selbst wenn es sich um potentieller Hostilitat handelt; in Kants Worten: „Krieg dient u. a. dazu, dem Recht auf die Etablierung rechtlicher Beziehungen zwischen Staaten zum Durchbruch zu verhelfen.“18 Um den Zustand der „naturlichen Freiheit“, den er als Synonym fur „bestandigen Krieg“ verwendet19 aufzuheben, ist es unvermeidlich ein normatives, aus der Vernunft entstammendes Regelwerk zu erarbeiten, das die Bedingung erfullt, die auftere Freiheit in einer Gemeinschaft von „moralischen Person[en]“20, das impliziert die Autonomie, zu gewahrleisten - Das ist ein republikanischer Ansatz. Als Ideal setzt Kant einen Volkerbund mit foderalem Charakter an, der den Frieden vertraglich garantiert, jedoch kein Staat ist21. Alle rechtlichen Grundsatze sind durch das Normative (Vernunft) und das Deskriptive (Erfahrung) zu legitimieren und lassen keinen Raum fur die Willkur eines absoluten Herrschers22. Kant ubernimmt fur seine Kriegstheorie das Gedankengerust des traditionellen Kriegsrechts, das heiftt, er unterscheidet zwischen Recht zum Kriege, Recht im Kriege und das Recht nach dem Kriege23.
1.2.1. DAS RECHT ZUM KRIEG
Der legitime Krieg, ist nur dann rechtens, wenn er die ultima ratio darstellt und im Allgemeinen zur Ausgleichung - sprich Suhne - eines erlittenen Unrechts angewendet wird24. Auch der Praventivkrieg reiht sich zu den gerechten Kriegen ein, denn die Vergrofterung der Macht eines Staates durch „Zurustung“ oder „Landererwerbung“25 ist im Naturzustand eine potentielle Hostilitat fur die mindermachtigen Staaten „durch den Zustand vor aller Tat des Ubermachtigen [...]“. Hierauf grundet sich also das Recht des Gleichgewichts aller einander tatig beruhrenden Staaten.“26 Die Wiederherstellung des Gleichgewichts ist demnach eine iusta causa.
Kants teleologischer Ansatz des Friedens erschlieftt eine Kriegsfuhrung, die nach dem Krieg die Herstellung des rechtlichen Gleichgewichts garantiert. Das kann nur dann gewahrleistet sein, wenn die Defensive, das heiftt ein gerechter Abwehrkrieg, nicht durch Machtzuwachs in einem ungerechten Offensivkrieg umschlagt. Demnach ist die Kriegsfuhrung nicht gerecht, wenn es sich um Verhaltnisse eines „Obern (imperantis) gegen den Unterworfenen (subditum)“27 handelt. Darunter fallen der Strafkrieg (bellum punitivum), der Ausrottungskrieg (bellum internecinum) - der einem Genozid gleichkommt - und der Unterjochungskrieg (bellum subiugatorium), der die moralische Unterdruckung eines Volkes entspricht. Kant sieht es aufterdem als Unrecht an, wenn einerseits ein Staat die eigenen Burger zur Heimtucke instrumentalisiert28 und somit den rechtlichen Status der Burgers aufhebt, andererseits ist es nicht erlaubt die Bevolkerung des gegnerischen Staates zu berauben und somit einen neuen Grund zum Kriege bieten.
Das Recht nach dem Krieg (ius post bellum) soil den sittlich gesollten Friedenszustand stabilisieren. Wie im Recht im Krieg, darf auch hier kein Verhaltnis von „Ober“ und „Unterworfener“ herrschen, denn der Krieg des uberwundenen Staates, darf nicht als ungerecht gedeutet werden, um nicht den Staat zu demutigen. Ein unterwerfender Friedensvertrag ist das eigentliche Resultat eines Strafkrieges und erzeugt nicht das gewunschte rechtliche Gleichgewicht, das den eigentlichen Frieden ausmacht. Auch hier gilt es den Burgern nicht ihren rechtlichen Status als Burger zu nehmen durch Leibeigenschaft29 30. Hierzu formuliert Kant zusatzlich ein „Recht des Friedens , das den eigenstandigen Wert des Friedens bestarkt und eine rechtliche Basis fur die Gewahrleistung und einen ersten Schritt zum Volkerbund hin ermoglicht.
Der Frieden wird als ein universeller Wert verstanden, der von jedem Volk und Staat gewollt werden soll31. Alle Staaten haben demnach das gleiche Bild von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Ein ,gerechter‘ Krieg kann nur gegen einen ,ungerechten‘ Feind gefuhrt werden, wer kann aber im Naturzustand Richter sein und objektiv urteilen? Fur Kant kann der Richter nur die Vernunft sein, durch Anwendung des Kategorischen Imperativs.
1 DerTagesspiegel meldet 18 Kriege weltweit (http://www.tagesspiegel.de/politik/konfliktbarometer-18- kriege-weltweit-gezaehlt/19439334.html): die Seite weltsicht.org zahlt sogar 32 anhaltende Kriege und Konflikte (http://www.dieweltsicht.org/28-kriege-und-konflikte-weltweit/). Stand: 02.09.2017
2 Dieser Ansatz von Gerechtigkeit ist bereits in Platons Politeia vom Sophisten Thrasymachos auRerst stark vertreten (vgl. 338 c ff.)
3 Kant, Immanuel: Werke in zehn Banden. Hrsg. Von Wilhelm Weischedel. Band 9. Berlin 1975, Zum ewigen Frieden (ZeF), BA 7
4 Vgl.: Stadler, Christian: Krieg, Wien 2009, S. 34
5 Bei Spinoza heiRt es im ,Tractatus politicus', V, § 4: „Pax enim non belli privatio, sed virtus est, quae ex animi fortitudine oritur"
6 Messelken, Daniel: Gerechte Gewalt? Zum Begriff interpersonaler Gewalt und ihrer moralischen Bewertung, Paderborn 2012, S. 21
7 Stadler: S. 42
8 Messelken: S. 19
9 Vgl.: fur alle Bedingungen zu ius ad bellum: Messelken: S. 20 ff.
10 Vgl.: Messelken: S. 29
11 Das XXVI. Kapitel von Machiavellis ,Der Furst' ruft zu einem starken Mann auf, um das Land zu vereinen und die nationale Autonomie herzustellen
12 Prove, Ralf: Der Delegitimierte Gegner. Kriegsfuhrung als Argument im Siebenjahrigen Krieg, in: Externbrink, Sven (Hg.): Der Siebenjahrige Krieg (1756-1763). Ein europaischer Weltkrieg im Zeitalter der Aufklarung, Berlin 2011, S. 276
13 Vgl.: Messelken: S. 23
14 Vgl.: Kant: Metaphysik der Sitten (MdS) §§53 - 61; Kant-Werke Bd. 8, Digitale Bibliothek Sonderband, Berlin 2004, S. 466 ff.
15 Kant: MdS §60, S. 473
16 Kant zitiert aus: Irrlitz, Gerd (Hg.), Kant-Handbuch. Leben und Werk, Stuttgart 2016, S. 467
17 Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltburgerlicher Absicht (laG), A 398
18 Kant: MdS§55,S.467
19 Kant: MdS § 53
20 Kant bezeichnet den Staat als eine „moralische Person"; siehe: MdS § 53, S. 466
21 Vgl.: Kant: MdS § 54; Kants Idee eines Volkerbundes erscheint bereits bei RGV, BA 31, jedoch schreibt Kant hier vom „Volkerbund als Weltrepublik". Die eigentliche Idee, wie sie in MdS beschrieben wird, erscheint in ZeF, zweiter Definitivartikel, BA 30.
22 Vgl.: Hoffe, Otfried, Immanuel Kant, Munchen 2014, S. 214
23 Kant: MdS §53, S. 466
24 Vgl.: Kant: MdS §56; S. 469; Kant schreibt „Wiedervergeltung (retorsio)"
25 Kant: Ebd.
26 Kant: Ebd.
27 Kant: MdS §57, S. 469
28 Dazu zahlt Kant Spione, Meuchelmorder, Giftmischer usw.; Kant: MdS § 57, S. 470
29 Kant: MdS § 58, S. 471
30 Kant: MdS § 59, S. 472
31 Siehe hierzu 1. Praliminarartikel in: Kant: Zef, BA 5 ff
9783668709973
9783668709980
v426482
Kant Friedrich II. Krieg Preußen

References: § 4
 §60
 § 53
 § 53
 § 54
 §53
 §56
 §57
 § 57
 § 58
 § 59