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Timestamp: 2016-06-28 18:41:51+00:00

Document:
Weltmission und Evangelisation
Die Kommission für Weltmission und Evangelisation (CWME) hat seit der Vollversammlung des ÖRK 2006 in Porto Alegre an einer neuen ökumenischen Missionserklärung gearbeitet. Die neue Erklärung wird der 10. ÖRK-Vollversammlung 2013 in Busan (Korea) vorgelegt werden. Seit dem Zusammenschluss des Internationalen Missionsrats (IMR) und des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 1961 in Neu-Delhi hat es nur eine offizielle Grundsatzerklärung des ÖRK zu Mission und Evangelisation gegeben, die vom Zentralausschuss 1982 unter der Überschrift „Mission und Evangelisation – eine ökumenische Erklärung“ angenommen wurde. Diese neue Missionserklärung wurde vom ÖRK-Zentralausschuss auf seiner Tagung in Kreta, Griechenland, am 5. September 2012 einstimmig angenommen. Ziel der vorliegenden ökumenischen Studie und Reflexion ist es, eine Vision, Konzepte und Wegweisungen für ein neues Verständnis und eine erneuerte Praxis der Mission und Evangelisation in sich verändernden Kontexten zu entfalten. Sie strebt eine Wirkung über den Kreis der ÖRK-Mitgliedskirchen und angegliederter Missionsorgansationen hinaus an, so dass wir uns, geleitet vom Gott des Lebens, gemeinsam dafür einsetzen können, dass alle Menschen an der Fülle des Lebens Anteil haben! 05. September 2012
Die Kommission für Weltmission und Evangelisation (CWME) hat seit der Vollversammlung des ÖRK 2006 in Porto Alegre an einer neuen ökumenischen Missionserklärung gearbeitet. Die neue Erklärung wird der 10. ÖRK-Vollversammlung 2013 in Busan (Korea) vorgelegt werden. Seit dem Zusammenschluss des Internationalen Missionsrats (IMR) und des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 1961 in Neu-Delhi hat es nur eine offizielle Grundsatzerklärung des ÖRK zu Mission und Evangelisation gegeben, die vom Zentralausschuss 1982 unter der Überschrift „Mission und Evangelisation – eine ökumenische Erklärung“ angenommen wurde. Diese neue Missionserklärung wurde vom ÖRK-Zentralausschuss auf seiner Tagung in Kreta, Griechenland, am 5. September 2012 einstimmig angenommen. Ziel der vorliegenden ökumenischen Studie und Reflexion ist es, eine Vision, Konzepte und Wegweisungen für ein neues Verständnis und eine erneuerte Praxis der Mission und Evangelisation in sich verändernden Kontexten zu entfalten. Sie strebt eine Wirkung über den Kreis der ÖRK-Mitgliedskirchen und angegliederter Missionsorgansationen hinaus an, so dass wir uns, geleitet vom Gott des Lebens, gemeinsam dafür einsetzen können, dass alle Menschen an der Fülle des Lebens Anteil haben! GEMEINSAM ZUM LEBEN: EINFÜHRUNG IN DAS THEMA
1. Wir glauben an den dreieinigen Gott, den Schöpfer, Erlöser und Bewahrer allen Lebens. Gott hat die ganze oikoumene nach seinem Bild geschaffen und ist in der Welt unablässig am Werk, um sich für das Leben einzusetzen und es zu schützen. Wir glauben an Jesus Christus, das Leben der Welt und die Inkarnation von Gottes Liebe für die Welt (Johannes 3,16)[1]. Für das Leben in seiner ganzen Fülle einzutreten, ist Jesu Christi höchste Aufgabe und Sendung (Johannes 10,10). Wir glauben an Gott, den Heiligen Geist, den Lebensspender, der das Leben erhält und stärkt und die ganze Schöpfung erneuert (1. Mose 2,7; Johannes 3,8). Die Negation des Lebens kommt einer Verleugnung des Gottes des Lebens gleich. Der dreieinige Gott lädt uns zur Teilnahme an seiner Leben spendenden Mission ein und schenkt uns die Kraft, Zeugnis von der Vision eines Lebens in Fülle für alle angesichts des neuen Himmels und der neuen Erde abzulegen. Wie und wo erkennen wir Gottes Leben spendendes Wirken, das es uns ermöglicht, an seiner Mission in der heutigen Welt teilzunehmen? 2. Mission beginnt im Herzen des dreieinigen Gottes. Die Liebe, die die Personen der heiligen Dreieinigkeit zusammenhält, durchströmt die gesamte Menschheit und Schöpfung. Der missionarische Gott, der den Sohn in die Welt sandte, beruft das ganze Volk Gottes (Johannes 20,21) und gibt ihm die Kraft, eine Gemeinschaft der Hoffnung zu sein. Die Kirche erhält den Auftrag, das Leben zu feiern und in der Kraft des Heiligen Geistes Widerstand gegen alle Leben zerstörenden Kräfte zu leisten und sie zu verwandeln. Wie wichtig ist es doch, den heiligen Geist zu empfangen (Johannes 20,22), um lebendige Zeugen und Zeuginnen des kommenden Gottesreiches zu werden! Wie gelangen wir ausgehend von einer neuen Wahrnehmung der Mission des Geistes zu einer neuen Vision von Gottes Mission in einer Welt, die heute von Wandel und Vielfalt geprägt ist?
3. Leben im Heiligen Geist ist das Wesen der Mission, der eigentliche Grund, warum wir tun, was wir tun, und wie wir unser Leben leben. Diese Spiritualität verleiht unserem Leben eine tiefe Bedeutung und treibt uns zum Handeln an. Sie ist eine heilige Gabe des Schöpfers, die Energie, die uns Kraft gibt, für das Leben einzutreten und es zu schützen. Missionarische Spiritualität hat eine dynamische Transformationskraft, die durch das geistliche Engagement von Menschen in der Lage ist, die Welt durch die Gnade Gottes zu verwandeln. Wie können wir zu einer Mission zurückfinden, die als transformative Spiritualität wirksam wird und für das Leben eintritt?
4. Gott sandte den Sohn, um nicht nur die Menschheit zu erlösen oder eine partielle Erlösung zu bringen. Das Evangelium ist vielmehr eine gute Nachricht für jeden Teil der Schöpfung und jeden Aspekt unseres Lebens und unserer Gesellschaft. Es ist daher entscheidend, Gottes Mission in einem kosmischen Sinne zu verstehen und zu bekräftigen, dass alles Leben, die ganze oikoumene, in Gottes Netzwerk des Lebens miteinander verbunden ist. Angesichts der offensichtlichen Bedrohungen für die Zukunft unseres Planeten müssen wir uns fragen, welche Bedeutung sie für unsere Teilnahme an Gottes Mission haben.
5. Die Geschichte der christlichen Mission war geprägt von Vorstellungen einer geographischen Expansion von einem christlichen Zentrum hin zu den „unerreichten Gebieten“ der Erde, bis ans Ende der Welt. Aber heute sind wir mit einer sich radikal verändernden kirchlichen Landschaft konfrontiert, die als „Weltchristentum“ beschrieben wird, in der die Mehrheit der Christen entweder im globalen Süden und Osten lebt oder dort ihren Ursprung hat.[2] Migration ist zu einem weltweiten, multidirektionalen Phänomen geworden, das die Landkarte des Christentums neu gestaltet. Die Entstehung starker, pfingstlich und charismatisch ausgerichteter Bewegungen, die von verschiedenen Regionen ausgehen, ist eines der bemerkenswertesten Merkmale des heutigen Weltchristentums. Welche Einsichten für Mission und Evangelisation – in Theologie, Programmen und Praxis - erwachsen aus dieser „Verlagerung des Zentrums der Christenheit“?
6. Mission ist als Bewegung verstanden worden, die vom Zentrum zur Peripherie und von den Privilegierten zu den Marginalisierten in der Gesellschaft verläuft. Heute beanspruchen Menschen an den Rändern der Gesellschaft, selbst Subjekte der Mission zu sein, und betonen den verwandelnden Charakter der Mission. Diese Umkehrung der Rollen im Verständnis von Mission hat ein starkes biblisches Fundament, weil Gott die Armen, die Törichten und die Machtlosen (1. Korinther 1,18-31) ausgewählt hat, um seine Mission der Gerechtigkeit und des Friedens voranzubringen, damit das Leben gedeihen kann. Wenn es im Missionskonzept eine Verlagerung von der „Mission hin zu den Rändern“ zur „Mission von den Rändern her“ gibt, wie sieht dann der besondere Beitrag der Menschen an den Rändern der Gesellschaft aus? Und warum sind ihre Erfahrungen und Perspektiven von entscheidender Bedeutung für die Entfaltung einer neuen Vision von Mission und Evangelisation heute?
7. Wir leben in einer Welt, in der der Glaube an den Mammon die Glaubwürdigkeit des Evangeliums bedroht. Die Ideologie des Marktes verkündet die Botschaft, dass der globale Markt die Welt durch unbegrenztes Wachstum retten wird. Dieser Mythos stellt nicht nur für das wirtschaftliche, sondern auch für das spirituelle Leben der Menschen, nicht nur für die Menschheit, sondern auch für die ganze Schöpfung eine Bedrohung dar. Wie können wir die gute Nachricht und die Werte des Reiches Gottes auf dem globalen Markt verkünden, wie können wir den Geist des Marktes besiegen? In welcher Weise kann die Kirche inmitten ökonomischer und ökologischer Ungerechtigkeit und Krisen missionarisch mit einem globalen Bezug wirken? 8. Jeder Christ und jede Christin, alle Kirchen und Gemeinden sind berufen, die Botschaft vom Evangelium Jesu Christi, die gute Nachricht von der Erlösung, mit Leidenschaft und Freude zu verkünden. Evangelisation bedeutet, unseren Glauben und unsere Überzeugungen mit anderen Menschen vertrauensvoll, aber in Demut zu teilen. Ein solches Miteinanderteilen ist eine Gabe an andere, die die Liebe, Gnade und Barmherzigkeit Gottes in Christus ankündigt. Es ist die unausbleibliche Frucht echten Glaubens. Daher muss die Kirche in jeder Generation ihr Bekenntnis zur Evangelisation als wesentlichen Bestandteil der Art und Weise, wie wir der Welt Gottes Liebe nahe bringen, erneuern. Wie können wir Gottes Liebe und Gerechtigkeit einer Generation verkünden, die in einer individualisierten, säkularisierten und materialistischen Welt lebt? 9. Die Kirche lebt in multireligiösen und multikulturellen Kontexten. Neue Kommunikationstechnologien führen dazu, dass Menschen in aller Welt ein stärkeres Bewusstsein für ihre jeweilige Identität und Lebensvorstellungen entwickeln. Auf lokaler und globaler Ebene arbeiten Christen mit Menschen anderer Religionen und Kulturen am Aufbau von Gesellschaften der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit zusammen. Pluralität stellt für die Kirchen eine Herausforderung dar und ein ernsthaftes Bekenntnis zu interreligiösem Dialog und interkultureller Kommunikation ist daher unerlässlich. Welches sind die ökumenischen Überzeugungen, wenn es darum geht, in einer Welt vieler Religionen und Kulturen gemeinsam Zeugnis von einer Mission abzulegen, die dem Leben verpflichtet ist, und eine solche Mission zu praktizieren? 10. Die Kirche ist eine Gabe Gottes an die Welt, um die Welt zu verwandeln und dem Reich Gottes näherzubringen. Ihre Mission ist es, neues Leben zu bringen und die Gegenwart des Gottes der Liebe in unserer Welt zu verkünden. Wir müssen in Einheit an Gottes Mission teilhaben und die Spaltungen und Spannungen überwinden, die unter uns bestehen, damit die Welt glaube und alle eins seien (Johannes 17,21). Die Kirche als Gemeinschaft der Jünger Christi muss eine inklusive Gemeinschaft werden; ihr Daseinszweck ist es, der Welt Heilung und Versöhnung zu bringen. Wie kann die Kirche sich erneuern, damit sie eine missionarische Kirche ist und gemeinsam auf ein Leben in Fülle zugeht? 11. Die vorliegende Erklärung hebt einige zentrale Entwicklungen im Verständnis der Mission des Heiligen Geistes innerhalb der Mission des dreieinigen Gottes (missio Dei) hervor, die durch die Arbeit der CWME deutlich geworden sind. Sie ist in vier Hauptkapitel unterteilt: · Geist der Mission: Atem des Lebens · Geist der Befreiung: Mission von den Rändern her · Geist der Gemeinschaft: Kirche unterwegs · Geist von Pfingsten: Gute Nachricht für alle
Die Reflexion über diese Themen hat uns dazu geführt, Dynamik, Gerechtigkeit, Vielfalt und Transformation als Schlüsselkonzepte der Mission in den sich wandelnden Kontexten der heutigen Zeit zu verstehen. Als Antwort auf die oben gestellten Fragen schließen wir mit zehn Affirmationen (Grundüberzeugungen) zu Mission und Evangelisation heute. GEIST DER MISSION: ATEM DES LEBENS
Die Mission des Geistes
12. Gottes Geist – ruach – schwebte zu Anfang auf dem Wasser (1. Mose 1,2), und er war die Quelle des Lebens und der Atem der Menschheit (1. Mose 2,7). In der hebräischen Bibel leitete der Geist das Volk Gottes – schenkte ihm Weisheit (Sprüche 8), verlieh ihm die Gabe der Prophezeiung (Jesaja 61,1), erweckte Leben aus verdorrten Gebeinen (Hesekiel 37), gab den Menschen Träume (Joel 2), brachte Erneuerung, indem er den Tempel mit der Herrlichkeit des Herrn erfüllte (2. Chronik 7,1).
13. Derselbe Geist Gottes, der bei der Schöpfung „auf dem Wasser schwebte“, kam über Maria (Lukas 1,35) und führte zur Geburt von Jesus. Es war derselbe Heilige Geist, der Jesus bei seiner Taufe bevollmächtigte (Markus 1,10) und ihm den Auftrag zu seiner Mission erteilte (Lukas 4,14; 18). Jesus Christus, vom Geist Gottes erfüllt, starb am Kreuz. Er gab seinen Geist auf (Johannes 19,30). Im Tod, in der Kälte des Grabes, wurde er durch die Kraft des Heiligen Geistes zum Leben erweckt, als der Erstgeborene unter den Toten (Römer 8,11).
14. Nach seiner Auferstehung erschien Jesus Christus seiner Gemeinde und sandte seine Jünger in die Mission: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Johannes 20,21-22). Durch die Gabe des Heiligen Geistes, „mit Kraft aus der Höhe“ (Lukas 24,49; Apostelgeschichte 1,8), wurden sie zu einer neuen Gemeinschaft verwandelt, eine Gemeinschaft des Zeugnisses von der Hoffnung in Christus (Lukas 24,49; Apostelgeschichte 1,8). Im Geist der Einheit lebte die Urgemeinde zusammen und teilte alles, was sie besaß, unter ihren Mitgliedern auf (Apostelgeschichte 2,44-45). 15. Die Universalität der Wirksamkeit (Ökonomie) des Geistes in der Schöpfung und die Partikularität des Wirksamkeit des Geistes in der Erlösung müssen zusammen als Mission des Geistes für den neuen Himmel und die neue Erde verstanden werden, wenn Gott am Ende „alles in allem“ ist (1. Korinther 15,24-28). Der Heilige Geist wirkt in der Welt oft unerkannt und auf geheimnisvolle Weise, die weit über unsere Vorstellungskraft hinausgeht (Lukas 1,34-35; Johannes 3,8; Apostelgeschichte 2,16-21). 16. Das biblische Zeugnis belegt ein vielfältiges Verständnis von der Rolle des Heiligen Geistes in der Mission. Ein Verständnis betont die völlige Abhängigkeit des Geistes von Christus, den Parakleten als denjenigen, der erst dann als Ratgeber und Vermittler eintritt, nachdem Christus zum Vater zurückgekehrt ist. Der Heilige Geist wird in dieser Sichtweise als fortwährende Gegenwart Christi verstanden, als derjenige, der für ihn die Aufgabe der Mission erfüllt. Dieses Verständnis führt zu einer Missiologie, die sich auf die Aussendung und das Hinausgehen in die Welt konzentriert. Eine pneumatologische Sichtweise der christlichen Mission erkennt also an, dass die Mission im Wesentlichen auf der Christologie basiert und das Wirken des Heiligen Geistes in Beziehung setzt zu der Erlösung durch Jesus Christus. 17. Eine andere Sichtweise betont, dass der Heilige Geist der „Geist der Wahrheit“ ist, der uns „in alle Wahrheit leitet“ (Johannes 16,13) und der bläst, wo er/sie will (Johannes 3,8), und so den ganzen Kosmos umfasst; hier wird der Heilige Geist als Ursprung Christi verkündet und die Kirche als eschatologische Sammlung (synaxis) des Volkes Gottes im Reich Gottes. Diese Sichtweise hält fest, dass die Gläubigen im Frieden in die Welt hinausgehen (in Mission), nachdem sie in ihrer eucharistischen Versammlung eine Vorahnung und einen Vorgeschmack vom eschatologischen Reich Gottes bekommen haben. Mission als Hinausgehen in die Welt ist somit nicht der Ursprung, sondern eher die Folge der Existenz der Kirche und wird als „Liturgie nach der Liturgie“ bezeichnet.[3]
18. Eindeutig ist, dass wir durch den Geist an der Mission der Liebe teilhaben, die der Herzschlag des trinitarischen Lebens ist. Dies führt zu einem christlichen Zeugnis, das unablässig Gottes rettende Kraft durch Jesus Christus verkündet und Gottes aktive Gegenwart, kraft des Heiligen Geistes, in der ganzen geschaffenen Welt betont. Alle, die auf die überströmende Liebe Gottes antworten, sind eingeladen, zusammen mit dem Geist an der Mission Gottes teilzunehmen. Mission und das Gedeihen der Schöpfung
19. Mission ist das Überfließen der unendlichen Liebe des dreieinigen Gottes. Gottes Mission beginnt mit dem Schöpfungsakt. Das Leben der Schöpfung und das göttliche Leben sind miteinander verflochten. Die Mission des Geistes Gottes schließt uns alle in einem unendlich großherzigen Akt der Gnade ein. Wir sind daher aufgerufen, eine enge anthropozentrische Sichtweise zu überwinden und uns auf Formen der Mission einzulassen, die unsere versöhnte Beziehung mit allem geschaffenen Leben zum Ausdruck bringen. In den Schreien der Armen hören wir auch den Aufschrei der Erde, und wir wissen, dass die Erde von allem Anfang an über die Ungerechtigkeit der Menschen zu Gott geschrien hat (1. Mose 4,10). 20. Ein Verständnis von Mission, das die Schöpfung umfasst, gewinnt in unseren Kirchen bereits Gestalt in Kampagnen für Ökogerechtigkeit und nachhaltigen Lebensweisen sowie in einer Spiritualität, die der Erde Achtung entgegen bringt. Allerdings vergessen wir manchmal, dass die ganze Schöpfung Teil der versöhnten Einheit ist, zu der wir alle berufen sind (2. Korinther 5,18-19). Wir glauben nicht, dass die Erde verworfen wird und nur die Seelen gerettet werden; sowohl die Erde als auch unsere Körper müssen durch die Gnade des Geistes verwandelt werden. Wie die Vision von Jesaja und die Offenbarung des Johannes bezeugen, werden Himmel und Erde neu (Jesaja 11,1-9; 25,6-10; 66,22; Offenbarung 21,1-4).
21. Unsere Teilnahme an Gottes Mission, unsere Existenz im Schoß der Schöpfung und unser Leben aus dem Geist müssen miteinander verwoben werden, denn sie verändern sich gegenseitig. Wir sollten nicht das eine ohne das andere anstreben. Sonst verfallen wir in eine individualistische Spiritualität, die uns zu dem falschen Glauben verführt, dass wir zu Gott gehören können, ohne zu unserem Nachbarn zu gehören, und zu einer Spiritualität, durch die wir uns einfach wohlfühlen, während andere Teile der Schöpfung leiden und sich in Sehnsucht nach Heil verzehren.
22. Wir brauchen in unserer Mission eine neue Umkehr (metanoia), die uns zu einer neuen Demut gegenüber der Mission des Geistes Gottes einlädt. Wir neigen dazu, Mission als etwas zu verstehen und zu praktizieren, das die Menschen für andere tun. Stattdessen können die Menschen in Gemeinschaft mit der ganzen Schöpfung daran teilhaben, das Werk des Schöpfers zu feiern. In vielerlei Hinsicht hat die Schöpfung selbst eine Mission im Blick auf die Menschheit; so hat die Natur zum Beispiel eine Kraft, die Herz und Leib des Menschen heilen kann. Die Weisheitsliteratur bekräftigt das Lob der Schöpfung für ihren Schöpfer (Psalm 19,1-4; 66,1; 96,11-13; 98,4; 100,1; 150,6). Die Freude und das Staunen des Schöpfers in seiner Schöpfung sind eine der Quellen unserer Spiritualität (Hiob 38–39).
23. Wir wollen unsere spirituelle Verbindung mit der Schöpfung bekräftigen, doch die Wirklichkeit sieht so aus, dass die Erde vergiftet und ausgebeutet wird. Exzessives Konsumverhalten führt nicht zu grenzenlosem Wachstum, sondern zu einer grenzenlosen und unbeschränkten Ausbeutung der Ressourcen der Erde. Menschliche Gier trägt zur globalen Erwärmung und anderen Formen des Klimawandels bei. Wie sollen wir uns Erlösung vorstellen, wenn dieser Trend anhält und die Erde für immer schwer geschädigt wird? Die Menschheit kann nicht allein gerettet werden, während die übrige geschaffene Welt untergeht. Ökogerechtigkeit kann nicht von der Erlösung getrennt werden und Erlösung kann nicht ohne neue Demut kommen, die die Bedürfnisse allen Lebens auf der Erde respektiert.
Geistliche Gaben und Unterscheidung der Geister
24. Der Heilige Geist schenkt seine Gaben freigiebig und ohne Einschränkung (1. Korinther 12,8-10; Römer 12,6-8; Epheser 4,11) und sie sollen dazu genutzt werden, andere aufzubauen (1. Korinther 12,7; 14,26) und die ganze Schöpfung zu versöhnen (Römer 8,19-23). Eine der Gaben des Geistes ist die Unterscheidung der Geister (1. Korinther 12,10). Wir erkennen den Geist Gottes dort, wo Menschen für das Leben in seiner ganzen Fülle und in all seinen Dimensionen eintreten, einschließlich der Befreiung der Unterdrückten, der Heilung und Versöhnung zerbrochener Gemeinschaften und der Wiederherstellung der Schöpfung. Wir erkennen dort böse Geister, wo die Mächte des Todes und der Zerstörung des Lebens vorherrschen.
25. Die ersten Christen erlebten eine Welt voller Geister wie viele Menschen heute. Das Neue Testament bezeugt unterschiedliche Geistern, so auch böse Geister, „dienstbare Geister“ (d.h. Engel, Hebräer 1,14), „Mächte“ und „Gewalten“ (Epheser 6,12), das Tier (Offenbarung 13,1-7) und weitere Mächte – gute wie böse. Der Apostel Paulus bezeugt ebenfalls geistliche Kämpfe (Epheser 6,10-18; 2. Korinther 10,4-6) und erteilt Weisung, dem Bösen zu widerstehen (Jakobus 4,7; 1. Petrus 5,8). Die Kirchen sind aufgerufen, das Werk des in die Welt gesandten und Leben spendenden Geistes zu erkennen und gemeinsam mit dem Heiligen Geist daran zu arbeiten, Gottes Reich der Gerechtigkeit herbeizuführen (Apostelgeschichte 1,6-8). Wenn wir die Gegenwart des Heiligen Geistes erkannt haben, sind wir aufgerufen, uns ihm zu öffnen, und werden dabei erfahren, dass Gottes Geist oft subversiv ist, uns über Grenzen hinauswachsen lässt und uns überrascht.
26. Unsere Begegnung mit dem dreieinigen Gott ist immer zugleich innerlich, persönlich und gemeinschaftlich und führt uns gleichzeitig hinaus in die Welt, in die Mission. Die überlieferten Symbole und Namen für den Geist (Feuer, Licht, Tau, Quelle, Salbung, Heilung, Schmelzen, Erwärmen, Trost, Tröstung, Kraft, Stille, Waschen, Leuchten) zeigen, dass der Geist mit unserem Leben vertraut und mit allen wichtigen Aspekten von Beziehung, Leben und Schöpfung, die in der Mission wichtig sind, verbunden ist. Wir werden vom Geist Gottes in unterschiedliche Situationen hineingeführt, zu Begegnungen mit anderen veranlasst und in Räume der Begegnung und an Orte entscheidender menschlicher Kämpfe geführt. 27. Der Heilige Geist ist der Geist der Weisheit (Jesaja 11,3; Epheser 1,17) und leitet uns in alle Wahrheit (Johannes 16,13). Der Geist inspiriert menschliche Kulturen und weckt Kreativität; daher ist es Teil unserer Mission, in jeder Kultur und in jedem Kontext Leben spendende Weisheit anzuerkennen, zu respektieren und in unsere Arbeit einzubeziehen. Wir bedauern, dass die mit der Kolonialherrschaft einhergehende Missionsarbeit Kulturen häufig verleumdet und die Weisheit lokaler Bevölkerungen nicht anerkannt hat. Lokal verwurzelte Weisheit und Kulturen, die für das Leben eintreten und lebensförderlich sind, sind eine Gabe des Geistes Gottes. Wir würdigen Zeugnisse von Völkern, deren Traditionen von Theologen und Wissenschaftlern verhöhnt und verspottet wurden, deren Weisheit uns jedoch eine wichtige und manchmal neue Orientierung gibt, die uns wieder mit dem Leben des Geistes in der Schöpfung verbinden kann und die uns hilft die Weisen zu bedenken, durch die Gott sich in der Schöpfung offenbart hat. 28. Es liegt nicht an uns, den Anspruch zu erheben, dass der Geist mit uns ist, sondern andere müssen ihn in der Art und Weise, wie wir unser Leben leben, erkennen. Der Apostel Paulus bringt dies darin zum Ausdruck, dass er die Kirche ermutigt, die Früchte des Geistes zu tragen - Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Selbstkontrolle (Galater 5,23). Wenn wir diese Früchte tragen, so können wir hoffen, dass andere darin die wirksame Liebe und Kraft des Geistes erkennen. Verwandelnde Spiritualität 29. Authentisches christliches Zeugnis findet nicht nur in dem statt, was wir in der Mission tun, sondern auch darin, wie wir unsere Mission leben. Die missionarische Kirche kann nur durch eine Spiritualität gestärkt werden, die in der trinitarischen Gemeinschaft der Liebe verwurzelt ist. Spiritualität verleiht unserem Leben seine tiefste Bedeutung. Auf unserem Weg des Lebens treibt sie uns an, motiviert und aktiviert uns. Sie ist Energie für ein Leben in Fülle und fordert Engagement im Widerstand gegen alle Kräfte, Mächte und Systeme, die Leben verweigern, zerstören und einschränken. 30. Missionarische Spiritualität ist immer verwandelnd. Sie leistet Widerstand gegen alle Leben zerstörenden Werte und Systeme, wo immer sie in unserer Wirtschaft, unserer Politik und selbst in unseren Kirchen am Werk sind, und versucht, diese zu verwandeln. „Unser treuer Glaube an Gott und an das Leben als Geschenk Gottes verlangt, dass wir uns gottlosen Behauptungen, ungerechten Systemen und der Politik der Herrschaft und der Ausbeutung, welche die heutige Weltwirtschaftsordnung prägen, entgegenstellen. Wirtschaft und wirtschaftliche Gerechtigkeit sind immer eine Frage des Glaubens, denn sie berühren den Kern des Willens Gottes zur Schöpfung.“[4] Die missionarische Spiritualität treibt uns an, Gottes Ökonomie des Lebens und nicht dem Mammon zu dienen, unser Leben mit anderen am Tisch Gottes zu teilen, statt unsere persönliche Gier zu befriedigen, uns für den Wandel zu einer besseren Welt einzusetzen und das Eigeninteresse der Mächtigen, die den Status quo aufrecht erhalten wollen, zu hinterfragen.
31. Jesus hat uns gesagt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matthäus 6,24). Die Politik des grenzenlosen Wachstums durch die Herrschaft des globalen freien Marktes ist eine Ideologie, die von sich behauptet, dass es zu ihr keine Alternative gibt, und die den Armen und der Natur eine unendliche Folge von Opfern abverlangt. Sie „verspricht fälschlicherweise, die Welt durch die Schaffung von Reichtum und Wohlstand retten zu können. Sie tritt mit dem Anspruch auf, alle Lebenssphären beherrschen zu wollen, und verlangt absolute Gefolgschaft, was einem Götzendienst gleichkommt“.[5] Es ist ein globales vom Mammon bestimmtes System, das durch endlose Ausbeutung allein das grenzenlose Wachstum des Reichtums der Reichen und Mächtigen schützt. Dieser Turmbau der Habgier bedroht mittlerweile den gesamten Öko-Haushalt Gottes. Das Reich Gottes steht der Herrschaft des Mammons diametral entgegen.
32. Verwandlung kann im Licht des Ostergeheimnisses verstanden werden: „Sterben wir mit, so werden wir mit leben; dulden wir, so werden wir mit herrschen“ (2. Timotheus 2,11-12). In Situationen der Unterdrückung, Diskriminierung und Verwundung ist das Kreuz Christi eine Gotteskraft, die Erlösung bringt (1. Korinther 1,18). Selbst in unserer Zeit gibt es Menschen, die das christliche Zeugnis mit ihrem Leben bezahlt haben. Dies ruft uns allen in Erinnerung, dass Nachfolge nicht umsonst zu haben ist. Der Geist gibt Christen und Christinnen Mut, nach ihren Überzeugungen zu leben, selbst im Angesicht von Verfolgung und Märtyrertum. 33. Das Kreuz ruft angesichts von Machtmissbrauch und der falschen Form von Machtausübung in Mission und Kirche zur Buße auf. „Beunruhigt über Unausgewogenheit und Ungleichgewicht von Macht, die uns in der Kirche wie in der Welt spalten und Sorge bereiten, sind wir zur Buße aufgerufen, zum kritischen Nachdenken über Machtsysteme und zu einem verantwortlichen Umgang mit Machtstrukturen.“ [6] Der Geist ermächtigt die Machtlosen und fordert die Mächtigen dazu heraus, sich ihrer Privilegien zugunsten der Entmachteten zu entäußern.
34. Aus dem Geist zu leben bedeutet, das Leben in seiner Fülle zu schmecken. Wir sind aufgerufen, eine Bewegung hin zum Leben zu bezeugen und all das zu feiern, was der Geist fortwährend ins Leben ruft, den Weg der Solidarität zu beschreiten, um die Ströme der Verzweiflung und Angst zu durchqueren (Psalm 23, Jesaja 43,1-5). Mission ruft in uns ein neues Bewusstsein dafür hervor, dass der Heilige Geist auf allen Ebenen des Lebens mit uns ist und uns herausfordert, und dass er dort, wo unsere eigenen und gemeinsamen Wege uns hinführen, jederzeit Neues schafft und Veränderung bringt. 35. Der Heilige Geist ist bei uns als Begleiter, der allerdings nie von uns gebändigt oder „domestiziert“ ist. So überrascht der Geist uns immer wieder damit, wie Gott von Orten aus wirkt, die an den Rändern der Gesellschaft zu liegen scheinen, und durch Menschen, die in unseren Augen ausgeschlossen sind.
GEIST DER BEFREIUNG: MISSION VON DEN RÄNDERN HER
36. Gottes Plan für die Welt ist es nicht, eine andere Welt zu erschaffen, sondern das, was er bereits in Liebe und Weisheit erschaffen hat, neu zu schaffen. Jesus hat seine Sendung mit der Ankündigung begonnen, dass Erfüllung mit dem Geist bedeutet, die Unterdrückten zu befreien, die Blinden sehend zu machen und das Kommen des Reiches Gottes zu verkünden (Lukas 4,16-18). Diese Mission erfüllte er, indem er sich dafür entschied, an der Seite der Ausgegrenzten seiner Zeit zu stehen, und zwar nicht im Geist paternalistischer Fürsorge, sondern in der Überzeugung, dass die Bedingungen, unter denen sie leben müssen, die Sündhaftigkeit der Welt anprangern und ihre Sehnsucht nach Leben ein Zeichen für Gottes Heilsplan darstellt.
37. Jesus Christus tritt in Beziehung zu den Menschen, die in der Gesellschaft am stärksten ausgegrenzt werden, und wendet sich ihnen zu, um allen lebensfeindlichen Kräften entgegenzutreten und sie zu verwandeln. Dazu gehören Kulturen und Systeme, die massive Armut, Diskriminierung und Dehumanisierung erzeugen und perpetuieren und die Mensch und Erde ausbeuten oder zerstören. Mission von den Rändern her macht es notwendig, dass die Kirche die Komplexität der Dynamik von Machtverhältnissen, von globalen Systemen und Strukturen und lokalen Kontexten versteht. Christliche Mission ist bisweilen in einer Weise verstanden und praktiziert worden, dass Gottes Solidarität mit denen, die immer wieder an den Rand gedrängt werden, nicht erkannt wurde. Daher lädt eine Mission aus der Perspektive der Peripherie die Kirche ein, eine neue Vorstellung von Mission als Berufung durch den Geist Gottes zu entwickeln, der sich für eine Welt einsetzt, in der alle Menschen Zugang zur Fülle des Lebens haben.
Warum gibt es Ausgrenzung und Zonen der Marginalisierung?
38. Mission von den Rändern her versucht, gegen die Ungerechtigkeiten in Leben, Kirche und Mission anzugehen. Sie versucht, eine alternative missionarische Bewegung zu sein und die Vorstellung zu widerlegen, dass Mission nur von den Mächtigen zu den Machtlosen hin verlaufen kann, von den Reichen zu den Armen, von den Privilegierten zu den Ausgegrenzten. Solche Herangehensweisen können zu Unterdrückung und Ausgrenzung beitragen. Mission aus der Perspektive der Peripherie erkennt, dass Menschen im Zentrum der Gesellschaft Zugang zu Systemen haben, die die Wahrung und Achtung ihrer Rechte, ihrer Freiheit und Individualität ermöglichen; Leben am Rand der Gesellschaft bedeutet dagegen häufig Ausschluss von Gerechtigkeit und Menschenwürde. Es aber kann zugleich auch Einsichten hervorbringen. Menschen am Rande haben eigene Handlungsoptionen und sehen oft, was außerhalb des Blickfeldes von Menschen im Zentrum liegt. Menschen am Rande, die keinen Schutz genießen, wissen oft, welche Kräfte der Ausgrenzung ihr Überleben bedrohen, und können am besten beurteilen, welche Prioritäten in ihrem sozialen Kampf die dringlichsten sind; Menschen in privilegierten Positionen können von den täglichen Überlebenskämpfen von Menschen an der Peripherie viel lernen.
39. Menschen in Situationen der Marginalisierung haben eigene, ihnen von Gott gegebene Gaben, die sie allerdings nicht immer ausreichend nutzen können, weil sie entmündigt oder entmächtigt worden sind und ihnen der Zugang zu Chancen und/oder Gerechtigkeit verweigert wird. Menschen in Situationen der Marginalisierung, die im täglichen Kampf um das Leben und für das Leben stehen, verkörpern häufig ein beeindruckendes Potenzial aktiver Hoffnung, des kollektiven Widerstands und einer großen Beharrlichkeit, die dazu nötig sind, um Standhaftigkeit im Blick auf die Verheißungen des Reiches Gottes zu zeigen.
40. Da der Kontext missionarischer Arbeit Einfluss auf ihren Anwendungsbereich und Charakter hat, muss der gesellschaftliche Standort aller in der Missionsarbeit Tätigen berücksichtigt werden. Missionstheologische Reflexion muss sich der unterschiedlichen Werteorientierungen, die das missionarische Engagement prägen, bewusst sein. Ziel der Mission ist es nicht einfach, Menschen vom Rand in die Zentren der Macht zu bringen, sondern eine Auseinandersetzung mit denjenigen zu riskieren, die sich dadurch im Zentrum behaupten, dass sie andere in der Situation der Peripherie halten. Stattdessen sind die Kirchen aufgerufen, Machtstrukturen zu verändern.
41. In der Vergangenheit ebenso wie in der Gegenwart haben sich vorherrschende Formen der Mission häufig ausgerichtet an einem Modell des Dienstes für die Menschen an den Rändern der Gesellschaft. Dabei wurden bzw. werden die Ausgegrenzten häufig als Empfänger und nicht als eigene Akteure der missionarischen Arbeit gesehen. Diese Art von Mission hat sich nur allzu oft zum Komplizen unterdrückerischer und lebensfeindlicher Systeme gemacht. Sie hat generell die Privilegien im Zentrum der Gesellschaft für sich in Anspruch genommen und größtenteils darin versagt, wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Systeme kritisch zu hinterfragen, die Völker marginalisiert haben. Mission vom Zentrum aus wird aus einer paternalistischen Haltung und durch einen Überlegenheitskomplex getrieben. Historisch gesehen hat dies dazu geführt, dass das Christentum mit der westlichen Kultur gleichgesetzt wurde. Dies hatte negative Auswirkungen, wie z.B., dass den Opfern dieser Ausgrenzung häufig ihre eigene Würde als Person abgesprochen wurde.
42. Ein gemeinsames kritisches Anliegen von Menschen in Situationen der Marginalisierung ist es, darauf hinzuweisen, dass Gesellschaften, Kulturen, Zivilisationen, Nationen und bisweilen auch Kirchen nicht die Würde und den Wert aller Menschen achten. Ungerechtigkeit ist die Ursache von Ungleichheit, die zu Marginalisierung und Unterdrückung führt. Gottes Gerechtigkeitswille ist untrennbar mit dem Wesen und der Souveränität Gottes verbunden: „Denn der Herr, euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr über alle Herren ... und schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt“ (5. Mose 10,17-18). Jedes missionarische Engagement muss daher den heiligen Wert jedes Menschen und der Erde schützen (vgl. Jesaja 58).
Mission als Kampf und Widerstand
43. Das Bekenntnis zu Gottes Mission (missio Dei) basiert auf dem Glauben an Gott als den Einen, der in Geschichte und Schöpfung, in konkreten zeitlichen und lokalen Kontexten wirkt, der die Fülle des Lebens in Form von Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung für die ganze Erde will. Die Teilnahme an Gottes fortwährendem Werk der Befreiung und Versöhnung durch den Heiligen Geist schließt daher ein, dass wir die bösen Geister, die ausbeuten und versklaven, erkennen, benennen und entmythologisieren. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir patriarchalische Ideologien hinterfragen, das Recht auf Selbstbestimmung für indigene Völker verteidigen und die gesellschaftliche Legitimierung von Rassismus und Kastenwesen hinterfragen. 44. Die Hoffnung der Kirche wurzelt in der Verheißung, dass das Reich Gottes kommen wird. Sein Reich beinhaltet die Wiederherstellung rechter Beziehungen zwischen Gott und der Menschheit und der ganzen Schöpfung. Obwohl es sich hierbei um eine eschatologische Vision handelt, treibt diese doch unsere gegenwärtige Teilnahme an Gottes Werk der Erlösung in dieser vorletzten Zeit an und prägt sie.
45. In unserer Teilnahme an Gottes Mission folgen wir dem Weg Jesu, der gekommen ist, um zu dienen, nicht um sich dienen zu lassen (Markus 10,45); der die Gewaltigen und Mächtigen vom Thron stößt und die Niedrigen erhöht (Lukas 1,46-55); und dessen Liebe durch Gemeinschaftlichkeit, Gegenseitigkeit und gegenseitige Verbundenheit gekennzeichnet ist. Daher erfordert diese Liebe ein Bekenntnis zum Kampf und zum Widerstand gegen die Mächte, die die von Gott für alle gewollte Fülle des Lebens behindern, und die Bereitschaft, mit allen Menschen zusammenzuarbeiten, die sich in Bewegungen und Initiativen für die Sache der Gerechtigkeit, der Würde und des Lebens engagieren.
Mission im Dienst der Gerechtigkeit und Inklusion
46. Die gute Nachricht vom Reich Gottes verheißt, dass eine gerechte und inklusive Welt Wirklichkeit werden wird. Inklusion stärkt gerechte Beziehungen in der Gemeinschaft von Menschheit und Schöpfung, in der Mensch und Schöpfung sich gegenseitig in ihrem Eigenrecht akzeptieren und gegenseitig ihren heiligen intrinsischen Wert respektieren und bewahren. Sie fördert auch die umfassende Teilnahme jedes/r einzelnen am Leben der Gemeinschaft. Die Taufe in Christus schließt eine lebenslange Selbstverpflichtung ein, Rechenschaft von dieser Hoffnung zu geben, indem Schranken überwunden werden, um zu einer gemeinsamen Identität unter der Herrschaft Gottes zu finden (Galater 3,27-28). Daher ist jede Form der Diskriminierung von Menschen in Gottes Augen inakzeptabel.
47. Jesus verspricht, dass die Letzten die Ersten sein werden (Matthäus 20,16). In dem Maße, wie die Kirche radikale Gastfreundschaft gegenüber den Entfremdeten in der Gesellschaft übt, bekennt sie sich dazu, die Werte des Reiches Gottes zu verkörpern (Jesaja 58,6). In dem Maße, wie sie Egozentrismus als Lebensweise verurteilt, schafft sie Raum dafür, dass Gottes Herrschaft das menschliche Leben durchdringen kann. In dem Maße, wie sie in ihren physischen, psychologischen und geistlichen Ausdrucksformen sowohl im persönlichen Miteinander als auch in wirtschaftlichen, politischen, sozialen Systemen auf Gewalt verzichtet, legt sie Zeugnis davon ab, dass Gottes Herrschaft in der Welt am Werk ist.
48. Die Realität ist jedoch, dass Mission, Geld und politische Macht in strategischer Allianz verbunden sind. Obwohl wir in unserem theologischen und missiologischen Diskurs viel über das solidarische Engagement für die Armen als Mission der Kirche sagen, geht es in der Praxis manchmal sehr viel mehr darum, in den Zentren der Macht präsent zu sein, mit den Reichen zu essen und Geld einzuwerben, um die kirchliche Administration aufrechtzuerhalten. Dies fordert uns in besonderer Weise heraus, genauer darüber nachzudenken, was die gute Nachricht für Menschen bedeutet, die Privilegien und Macht haben.
49. Die Kirche ist aufgerufen, Gottes Vision für die Welt, wie sie in Jesus Christus offenbart wurde, und seinem heiligen lebensbejahenden Willen Raum zu geben. Das bedeutet, Werte und Praktiken, die zur Zerstörung von Gemeinschaft führen, zurückzuweisen. Christen und Christinnen sind aufgerufen, die Sündhaftigkeit aller Formen von Diskriminierung zu bekennen und ungerechte Strukturen zu verwandeln. Dieser Aufruf stellt bestimmte Ansprüche an die Kirche. Sie darf keine unterdrückerischen Kräfte in ihrer Mitte dulden, sondern muss vielmehr als Gemeinschaft fungieren, die eine Gegenkultur praktiziert. Der biblische Auftrag an die Gemeinschaft des Bundes ist in beiden Testamenten durch das Gebot gekennzeichnet: „So soll es nicht sein unter euch“ (Matthäus 20,26). Mission als Heilung und Suche nach Ganzheit
50. Initiativen für Heilung und die Ganzheit des Lebens von einzelnen Menschen und von Gemeinschaften sind eine wichtige Ausdrucksform der Mission. Heilung war nicht nur ein zentrales Merkmal von Jesu Dienst, sondern ist Teil seines Aufrufs an die Jünger, seine Arbeit fortzusetzen (Matthäus 10,1). Heilung ist ferner eine der Gaben des Heiligen Geistes (1. Korinther 12,9; Apostelgeschichte 3). Der Geist ermächtigt die Kirche zu einer Mission für das Leben, die Gebet, Seelsorge und medizinische Gesundheitsversorgung auf der einen Seite und auf der anderen Seite eine prophetische Kritik an den Ursachen des Leids einschließt, damit Strukturen, die Ungerechtigkeit schaffen, verwandelt werden können, und kritische Forschung über deren Ursachen stattfinden kann.
51. Gesundheit ist mehr als körperliches oder seelisches Wohl, und Heilung ist nicht primär medizinischer Natur. Ein solches Verständnis von Gesundheit entspricht der biblisch-theologischen Tradition in der Kirche, die den Menschen als multidimensionale Einheit sieht und die wechselseitige Bezogenheit und Interdependenz von Körper, Seele und Geist hervorhebt. Es bekräftigt die gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Dimensionen des Personseins und der Ganzheit. Gesundheit im Sinne von Ganzheit ist ein Zustand, der in Beziehung zu Gottes Verheißung am Ende der Zeit steht, und gleichzeitig eine reale Möglichkeit in der Gegenwart darstellt.[7] Ganzheit ist nicht gleichbedeutend mit einem statischen harmonischen Gleichgewicht, sondern schließt vielmehr ein Leben in Gemeinschaft mit Gott, Mensch und Schöpfung ein. Individualismus und Ungerechtigkeit stellen Beeinträchtigungen für den Aufbau von Gemeinschaft und damit für die Ganzheit dar. Diskriminierung aufgrund von Krankheit oder Behinderung - einschließlich Diskriminierung von Menschen mit HIV und Aids - steht im Widerspruch zur Lehre Jesu Christi. Wenn alle Glieder unseres individuellen und gesellschaftlichen Lebens, die an den Rand gedrängt wurden, Inklusion in soziale Gemeinschaft erfahren und Menschen in Situationen der Marginalisierung in einer Gemeinschaft der Liebe zusammenfinden, so dass sie neue Ganzheit erfahren, können wir Zeichen des Reiches Gottes auf Erden erkennen.
52. Gesellschaften zeigten und zeigen die Tendenz, Behinderung oder Krankheit als Ausdruck von Sünde oder als medizinisches Problem zu sehen, das gelöst werden muss. Das medizinische Modell stellt die Beseitigung oder Behandlung dessen, was als persönliches „Defizit“ angesehen wird, in den Vordergrund. Viele, die marginalisiert sind, betrachten sich selbst jedoch nicht als „defizitär“ oder „krank“. Die Bibel schildert viele Fälle, in denen Jesus Menschen mit unterschiedlichen Gebrechen heilte, aber genauso wichtig ist, dass er Menschen ihren rechtmäßigen Platz innerhalb des Gefüges der Gemeinschaft wiedergab. Heilung meint mehr die Wiederherstellung von Ganzheit als um die Korrektur von etwas, das als „defizitär“ angesehen wird. Um ganz zu werden, müssen die entfremdeten Glieder wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Die Fixierung auf Heilung durch medizinische Behandlung ist somit eine Sichtweise, die überwunden werden muss, um den breiteren biblischen Ansatz zu stärken. Mission sollte die volle Beteiligung von Menschen mit Behinderungen und Krankheit im Leben der Kirche und der Gesellschaft fördern. 53. Die christliche Gesundheitsmission will Gesundheit für alle erreichen, in dem Sinne, dass alle Menschen auf der ganzen Erde Zugang zu hochwertiger Gesundheitsversorgung haben. Es gibt viele Wege, wie die Kirchen sich in ganzheitlichem Sinne für Gesundheit und Heilung einsetzen können und bereits einsetzen. Sie gründen oder unterstützen Kliniken und Missionskrankenhäuser; sie bieten Beratungsdienste, Pflegegruppen und Gesundheitsprogramme an; Ortskirchen können Teams für den Besuch kranker Gemeindeglieder einrichten. Heilungsprozesse können Gebete mit und für die Kranken, Beichte und Vergebung, Handauflegen, Salbung mit Öl und die Anwendung charismatischer geistlicher Gaben einschließen (1. Korinther 12). Aber es muss auch darauf hingewiesen werden, dass unangemessene Formen christlichen Gottesdienstes, einschließlich triumphalistischer Heilungsgottesdienste, in denen der Heiler auf Kosten Gottes verherrlicht wird und in denen falsche Erwartungen geweckt werden, Menschen tiefen Schaden zufügen können. Damit soll jedoch nicht geleugnet werden, dass Gott in einigen Fällen in wundersamer Weise Heilungen bewirkt. 54. Als Gemeinschaft unvollkommener Menschen und als Teil einer Schöpfung, die in Schmerzen liegt und seufzt und die sich nach Befreiung sehnt, kann die christliche Gemeinschaft ein Zeichen der Hoffnung und Ausdruck des Reiches Gottes hier auf Erden sein (Römer 8,22-24). Der Heilige Geist wirkt in vielerlei Weise für Gerechtigkeit und Heilung und er ist voller Freude in der besonderen Gemeinschaft gegenwärtig, die dazu berufen ist, Christi Mission zu verkörpern. GEIST DER GEMEINSCHAFT: KIRCHE UNTERWEGS
Gottes Mission und das Leben der Kirche
55. Das Leben der Kirche erwächst aus der Liebe des dreieinigen Gottes. „Gott ist Liebe“ (1. Johannes 4,8). Mission ist eine Antwort auf Gottes einladende Liebe (urging love), die in Schöpfung und Erlösung zum Ausdruck kommt. „Gottes Liebe lädt uns ein” (Caritas Christi urget nos). Diese Gemeinschaft (koinonia) öffnet unsere Herzen und Leben für unsere Schwestern und Brüder und folgt dabei demselben Impuls, Gottes Liebe mit anderen zu teilen (2. Korinther 5,18-21). Die Kirche, die in dieser Liebe Gottes lebt, ist aufgerufen, gute Nachricht für alle zu werden. Die überfließende Liebe des dreieinigen Gottes zu den Menschen ist die Quelle aller Mission und Evangelisation. 56. Gottes Liebe, die im Heiligen Geist offenbar wird, ist eine inspirierende Gabe an die ganze Menschheit „zu allen Zeiten und an allen Orten“[8] und für alle Kulturen und Kontexte. Die machtvolle Gegenwart des Heiligen Geistes, die in Jesus Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, offenbar geworden ist, eröffnet uns die Fülle des Lebens, die Gottes Gabe an jeden einzelnen von uns ist. Durch Christus im Heiligen Geist wohnt Gott der Kirche inne und offenbart seinen Heilsplan für die Welt und befähigt und stärkt ihre Mitglieder, bei der Verwirklichung dieses Plans mitzuwirken. 57. Die Kirche hat in der Geschichte nicht immer existiert, wurde aber, sowohl theologisch als auch in der Geschichte, um der Mission willen ins Leben gerufen. Im Hinblick auf ihren Ursprung oder Zweck ist es nicht möglich, Kirche und Mission voneinander zu trennen. Es ist Aufgabe der Kirche, Gottes missionarischen Plan zu erfüllen. Die Beziehung zwischen Kirche und Mission ist sehr eng, weil derselbe Geist Christi, der der Kirche Kraft in der Mission gibt, auch das Leben der Kirche ist. Als Jesus Christus die Kirche in die Welt gesandt hat, hat er ihr gleichzeitig auch den Heiligen Geist eingehaucht (Johannes 20,19-23). Daher lebt die Kirche durch die Mission, genau wie Feuer durch Brennen. Wenn sie keine Mission betreibt, hört sie auf, Kirche zu sein. 58. Bei Gottes Mission anzusetzen, führt zu einem ekklesiologischen Ansatz „von unten“. Aus dieser Sicht ist es nicht die Kirche, die eine Mission hat, sondern vielmehr die Mission, die eine Kirche hat. Mission ist nicht ein Projekt zur Ausbreitung von Kirchen, sondern es geht darum, dass die Kirche Gottes Erlösung in dieser Welt verkörpert. Daraus folgt ein dynamisches Verständnis von der Apostolizität der Kirche: Apostolizität bedeutet nicht nur Bewahrung des Glaubens der Kirche durch die Jahrhunderte, sondern auch Teilhabe am Apostolat. Die Kirchen müssen also vor allem missionarische Kirchen sein.
Gottes Mission und die Einheit der Kirche
59. Unseren Glauben in der Gemeinschaft zu leben, ist eine wichtige Form der Teilhabe an der Mission. Durch die Taufe werden wir Schwestern und Brüder, die in Christus zusammengehören (Hebräer 10,25). Die Kirche ist aufgerufen, eine inklusive Gemeinschaft zu sein, die alle willkommen heißt. Durch Wort und Tat und in ihrem Sein erfährt die Kirche einen Vorgeschmack vom kommenden Reich Gottes und legt Zeugnis von der Vision des Reiches ab. Die Kirche ist die Versammlung der Gläubigen und ihre Aussendung in die Welt, ihr Hinausgehen in Frieden. 60. Praktisch wie auch theologisch gehören Mission und Einheit zusammen. In dieser Hinsicht war der Zusammenschluss von IMR und ÖRK 1961 ein bedeutsamer Schritt. Diese historische Erfahrung ermutigt uns, daran zu glauben, dass Mission und Kirche zusammenkommen können. Dieses Ziel ist bisher jedoch noch nicht voll erreicht. Wir müssen diesen Weg in unserem Jahrhundert weitergehen und neue Versuche unternehmen, damit die Kirche wahrhaft missionarisch wird.
61. Die Kirchen erkennen heute, dass sie Gottes Mission in vielerlei Hinsicht noch nicht angemessen verkörpern. Manchmal herrscht noch die Einschätzung vor, dass Mission und Kirche voneinander getrennt sein sollten. Die Tatsache, dass in der Mission noch keine volle und wirkliche Einheit erreicht ist, schadet auch heute noch der Authentizität und Glaubwürdigkeit der Erfüllung von Gottes Mission in dieser Welt. Unser Herr betete, dass „sie alle eins seien, ... damit die Welt glaube“ (Johannes 17,21). Mission und Einheit sind also untrennbar miteinander verbunden. Daraus folgt, dass wir unsere Reflexion über Kirche und Einheit für ein noch weiteres Verständnis von Einheit öffnen müssen: der Einheit der Menschheit, ja der kosmischen Einheit der ganzen Schöpfung Gottes.
62. Der hochgradig konkurrenzorientierte Kontext der freien Marktwirtschaft hat einige Kirchen und kirchenunabhängige Missionsbewegungen leider dahingehend beeinflusst, dass sie auch in der Mission gegenüber anderen als „Gewinner“ dastehen wollen. Dies kann so weit gehen, dass sie aggressive Missionsstrategien anwenden, um Christen und Christinnen, die bereits einer bestimmten Kirche angehören, zu einem Wechsel ihrer Konfessionszugehörigkeit zu bewegen. Zahlenmäßiges Wachstum um jeden Preis anzustreben, ist unvereinbar mit dem Respekt für andere, der in der christlichen Nachfolge unabdingbar ist. Jesus wurde zum Christus für uns nicht durch Macht oder Geld, sondern durch seine Selbstentäußerung (kenosis) und seinen Tod am Kreuz. Dieses demutsvolle Verständnis von Mission prägt nicht nur unsere Methoden, sondern ist die eigentliche Natur und Essenz unseres Glaubens an Christus. Die Kirche ist eine Dienerin der Mission Gottes und nicht die Herrin. Die missionarische Kirche verherrlicht Gott in sich selbstentäußernder Liebe.
63. Die christlichen Gemeinschaften sind in ihrer Vielfalt aufgerufen, Wege des gemeinsamen Zeugnisses im Geist der Partnerschaft und Zusammenarbeit zu finden und zu praktizieren, auch durch verantwortliche und von gegenseitigem Respekt geprägte Formen der Evangelisation. Gemeinsames Zeugnis ist „das Zeugnis, das die Kirchen, auch wenn sie getrennt sind, zusammen und insbesondere durch gemeinsame Bemühungen ablegen, indem sie die göttlichen Gaben der Wahrheit und des Lebens sichtbar machen, die sie bereits miteinander teilen und gemeinsam erfahren“.[9] 64. Missionarisches Wesen der Kirche bedeutet auch, dass es einen Weg zum Aufbau engerer Beziehungen zwischen Kirchen und kirchenunabhängigen Diensten und Werken geben muss. Der Zusammenschluss von IMR und ÖRK schaffte einen neuen Rahmen für die Reflexion über Kircheneinheit und Mission. Während es in Diskussionen über die Einheit sehr stark um strukturelle Fragen geht, können Missionswerke der Flexibilität und Subsidiarität in der Mission einen Ausdruck geben. Während kirchenunabhängige Dienste und Werke in einem Bezug auf Kirchen Rechenschaft ablegen und übergreifende Orientierung finden können, können unabhängige kirchlich-missionarische Dienste und Werke den Kirchen helfen, nicht ihren dynamischen apostolischen Charakter zu vergessen. 65. Die CWME, die die direkte Erbin der 1910 in Edinburgh ergriffenen Initiativen für Zusammenarbeit und Einheit darstellt, bietet Kirchen und Missionswerken eine Struktur, die ihnen bei der Suche nach Wegen hilft, die Einheit in der Mission zum Ausdruck zu bringen und zu stärken. Als integraler Bestandteil des ÖRK hatte und hat die CWME die Möglichkeit, in der Zusammenarbeit mit katholischen, orthodoxen, anglikanischen, evangelischen, evangelikalen, pfingstlichen und indigenen Kirchen in der ganzen Welt neue Formen des Verständnisses von Mission und Einheit kennen zu lernen. Insbesondere war es im Rahmen des ÖRK möglich, enge Arbeitsbeziehungen mit der römisch-katholischen Kirche aufzubauen. Die zunehmend intensive Zusammenarbeit mit Evangelikalen, insbesondere mit der Lausanner Bewegung für Weltevangelisation und der Weltweiten Evangelischen Allianz, hat ebenfalls in großem Maße zur Befruchtung der ökumenischen theologischen Reflexion über Mission in Einheit beigetragen. Wir teilen mit ihnen ein gemeinsames Anliegen: dass die ganze Kirche vom ganzen Evangelium in der ganzen Welt Zeugnis ablegen soll.[10]
66. Der Heilige Geist, der Geist der Einheit, eint Menschen und auch Kirchen, damit sie die Einheit in Vielfalt pro-aktiv und konstruktiv feiern. Der Geist stellt sowohl den dynamischen Kontext als auch die notwendigen Mittel bereit, damit Unterschiede in einer positiven Atmosphäre, in der die Menschen sich sicher und gestärkt fühlen, untersucht werden können, damit sie in eine inklusive und gegenseitig verantwortliche Gemeinschaft hineinwachsen. Gott befähigt die Kirche in Mission
67. Durch Christus im Heiligen Geist wohnt Gott der Kirche inne und befähigt und belebt ihre Glieder. Mission wird so für Christen und Christinnen zu einer dringenden inneren Notwendigkeit(1. Korinther 9,16), ja zu einem Test und Kriterium für ein authentisches Leben in Christus, das verwurzelt ist in der umfassenden Forderung der Liebe Christi, andere zur Teilhabe an der Fülle des Lebens einzuladen, die zu bringen Jesus gekommen ist. Die Teilnahme an der Mission Gottes sollte deshalb für alle Christinnen und Christen und alle Kirchen und nicht nur für bestimmte Personen oder spezialisierte Gruppen etwas ganz Natürliches sein.[11]
68. Unsere Fähigkeit, wo immer dies möglich ist, mit einer Stimme zu sprechen, und gemeinsam Zeugnis und Rechenschaft von der Hoffnung, die in uns ist, zu geben (1. Petrus 3,15), macht die christliche Botschaft von Gottes überreicher Liebe zur Menschheit und zur ganzen Schöpfung glaubwürdig. Die Kirchen haben daher eine große Fülle an gemeinsamen Erklärungen ausgearbeitet, von denen einige zu sich vereinigenden oder vereinigten Kirchen geführt haben, und sie haben zahlreiche Dialoge mit dem Ziel geführt, die Einheit aller Christen in einem lebendigen Organismus der Heilung und Versöhnung wiederherzustellen. Die Wiederentdeckung des Wirkens des Heiligen Geistes in Heilungs- und Versöhnungsprozessen, die heute Kernstück der Missionstheologie ist, hat bedeutsame ökumenische Implikationen.[12]
69. Wenn wir auch die große Bedeutung „sichtbarer“ Einheit unter den Kirchen anerkennen, so darf Einheit doch nicht nur auf der Ebene von Organisationsstrukturen angestrebt werden. Aus der Sicht der Mission ist es wichtig zu erkennen, was der Sache der Mission Gottes dient. Mit anderen Worten: Einheit in der Mission ist die Grundlage für die sichtbare Einheit der Kirchen, die auch Implikationen für die sichtbare Gestalt und Ordnung der Kirche hat. Einheitsbemühungen müssen im Einklang mit der biblischen Forderung nach Gerechtigkeit stehen. Unser Aufruf zu Gerechtigkeit kann u. U. bedeuten, dass eine falsche Einheit, die zum Schweigen bringt und unterdrückt, aufgebrochen werden muss. Wahre Einheit hingegen führt immer zu Inklusivität und Respekt für andere.
70. Der heutige Kontext einer umfassenden weltweiten Migration stellt die Kirchen in ihrem Bekenntnis zur Einheit vor sehr praktische Herausforderungen. Uns wird gesagt: „Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ (Hebräerbrief 13,2). Kirchen können ein Zufluchtsort für Gemeinschaften mit Migrationshintergrund sein; sie können auch mit voller Absicht Orte für interkulturelles Engagement sein.[13] Die Kirchen sind aufgerufen, eins zu sein, um Gottes Mission über ethnische und kulturelle Grenzen hinweg zu dienen, und sie sollten multikulturelle geistliche Dienste und Missionsarbeit als konkreten Ausdruck gemeinsamen Zeugnisses in Vielfalt leisten. Dies kann ihnen abverlangen, Gerechtigkeit in der Migrationspolitik zu fordern und Widerstand gegen Fremdenhass und Rassismus zu leisten. Frauen, Kinder und Arbeitnehmer/innen ohne Papiere gehören in allen Kontexten häufig zu den am stärksten gefährdeten Migranten. Aber oft sind es gerade Frauen, die sich an vorderster Front für neue geistliche Dienste im Migrationsbereich engagieren. 71. Gottes Gastfreundschaft stellt einen Appell an uns dar, über polarisierte Rollenfestschreibungen - kulturell dominierende Gruppen als Gastgeber, Migranten und Minderheiten als Gäste - hinauszugehen. Stattdessen ist in Gottes Gastfreundschaft Gott selbst der Gastgeber und sein Geist lädt uns alle ein, in Demut und gegenseitiger Verantwortung an Gottes Mission teilzunehmen.
Ortsgemeinden: Neue Initiativen
72. Während die Einheit des Geistes in der einen Kirche ein Herzensanliegen für uns ist, ist es ebenfalls wichtig zu würdigen, dass der Geist jede einzelne Ortsgemeinde anleitet, mit ihren eigenen kontextuellen Realitäten umzugehen. Die heutige veränderte Welt stellt Ortsgemeinden vor die Herausforderung, neue Initiativen zu ergreifen. So haben z.B. in der säkularisierten nördlichen Hemisphäre neue Formen kontextueller Mission, wie „neues Klosterleben“, „neue missionarische Gestalten von Kirche“ (emerging churches) und „missionarische Pilotprojekte“ (fresh expressions), zu einer neuen Artikulation und Verlebendigung von Kirche beigetragen. Die Erforschung neuer kontextueller Formen von Kirchesein kann vor allem für junge Menschen relevant sein. Einige Kirchen in der nördlichen Hemisphäre versammeln sich mittlerweile in Kneipen, Cafés oder in umfunktionierten Kinos. Online am kirchlichen Leben teilzunehmen, ist für Jugendliche, die in nicht-linearen, visuellen und erfahrungsorientierten Mustern denken, eine attraktive Option.
73. Wie die Frühe Kirche in der Apostelgeschichte haben Ortsgemeinden das Privileg, eine Gemeinschaft zu bilden, die durch die Gegenwart des auferstandenen Christus geprägt ist. Für viele Menschen ist die Entscheidung für oder gegen eine Mitgliedschaft in der Kirche an ihre positive oder negative Erfahrung mit einer Ortsgemeinde gebunden, die entweder Stolperstein oder Anstoß für eine Verwandlung sein kann.[14] Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass Ortsgemeinden ständig vom Geist der Mission erneuert und inspiriert werden. Ortsgemeinden sind Pioniere und primäre Triebkräfte der Mission.
74. Gottesdienst und Sakramente spielen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung einer verwandelnden Spiritualität und Mission. Kontextuelle Bibellektüre ist ebenfalls eine der wichtigsten Ressourcen, um Ortsgemeinden zu befähigen, Boten und Zeugen der Gerechtigkeit und Liebe Gottes zu sein. Die gottesdienstliche Liturgie ist nur dann ganzheitlich und gewinnt nur dann ihre volle Ausstrahlung, wenn wir Gottes Mission auch im täglichen Leben unserer Gemeinschaften leben. Ortsgemeinden sind daher gehalten, um der Mission Gottes willen aus ihren gewohnten kulturellen Milieus herauszutreten und ihre sozialen Grenzen zu überschreiten.
75. Mehr denn je zuvor können Ortsgemeinden heute eine Schlüsselrolle dabei spielen, die Überwindung von kulturellen Barrieren und rassistischen Diskriminierungen in den Vordergrund zu stellen und kulturelle Unterschiede als Gabe des Geistes zu bekräftigen. Statt als Problem kann Migration auch als Chance gesehen werden, die den Kirchen neue Möglichkeiten bietet, sich selbst neu zu entdecken. Sie inspiriert zur Einrichtung interkultureller und multikultureller Gemeinden auf lokaler Ebene. Alle Kirchen können Raum für unterschiedliche kulturelle Gemeinschaften schaffen; und verheißungsvolle Gelegenheiten für kontextuelle Ausdrucksformen interkultureller Mission in unserer heutigen Zeit nutzen.
76. Ortsgemeinden haben heute Möglichkeiten wie nie zuvor, weltweit Beziehungen aufzubauen. Viele inspirierende und verwandelnde Partnerschaften entstehen zwischen Kirchen, die geographisch weit voneinander entfernt und in sehr unterschiedlichen Kontexten angesiedelt sind. Diese bieten ganz neue Möglichkeiten, sind aber nicht ohne Tücken. Die zunehmend beliebten zeitlich begrenzten Missionseinsätze können einen Beitrag dazu leisten, Partnerschaften zwischen Kirchen in verschiedenen Teilen der Welt aufzubauen. Aber in einigen Fällen legen sie armen Ortskirchen auch eine unzumutbare Last auf oder ignorieren völlig die bestehenden Kirchen. Während diese Einsätze also nicht ohne Gefahr sind und mit Vorsicht angegangen werden müssen, können diese Möglichkeiten der Begegnung und des Kennenlernens unterschiedlicher kultureller und sozioökonomischer Kontexte andererseits nach der Rückkehr der Reisenden auch positive langfristige Veränderungen bewirken. Die Herausforderung besteht darin, Wege zur Ausübung geistlicher Gaben zu finden, die die ganze Kirche in allen Gliedern erbauen (1. Korinther 12-14).
77. Lobby- und Advocacy-Arbeit für Gerechtigkeit ist nicht länger das alleinige Vorrecht nationaler Versammlungen und zentraler Dienststellen, sondern eine Form des Zeugnisses, zu dem die Ortskirchen aufgerufen sind. So schloss die ÖRK-Dekade zur Überwindung von Gewalt (2001-2011) auf der Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation mit einem Appell: „Die Kirchen müssen dabei helfen, die Entscheidungen, die täglich getroffen werden müssen, um Missbrauch zu beenden und Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit, Klimagerechtigkeit, wirtschaftliche Gerechtigkeit, Einheit und Frieden zu stärken, bewusst zu machen“.[15] Aus ihrer Verortung im alltäglichen Leben gewinnen die Ortskirchen sowohl Legitimität als auch Motivation im Kampf für Gerechtigkeit und Frieden.
78. Die Kirche ist in jedem geopolitischen und sozioökonomischen Kontext aufgerufen zum Dienst (diakonia) - den Glauben und die Hoffnung der Gemeinschaft des Volkes Gottes zu leben, Zeugnis davon abzulegen, was Gott in Jesus Christus getan hat. Durch ihren Dienst nimmt die Kirche an Gottes Mission teil und geht den Weg der Nachfolge ihres dienenden Herrn. Die Kirche ist aufgerufen, eine diakonische Gemeinschaft zu sein, die die Macht des Dienstes über die Macht der Herrschaft stellt, die Lebenschancen ermöglicht und stärkt und durch Akte des Dienstes, die die Verheißung des Reiches Gottes in sich tragen, Zeugnis von Gottes verwandelnder Gnade ablegt.[16]
79. Während die Kirche ihre Identität als missionarische Gemeinschaft entdeckt, drückt sich das Wesen ihrer Hinwendung zur Welt in der Evangelisation aus.
GEIST VON PFINGSTEN: GUTE NACHRICHT FÜR ALLE Aufruf zur Evangelisation
80. Das Zeugnis (martyria) nimmt konkrete Form in der Evangelisation an - der Kommunikation des ganzen Evangeliums an die ganze Menschheit in der ganzen Welt.[17] Ihr Ziel ist die Erlösung der Welt und die Ehre des dreieinigen Gottes. Evangelisation ist die missionarische Arbeit, die die zentrale Bedeutung der Inkarnation, des Leidens und der Auferstehung Jesu Christi explizit und eindeutig zum Ausdruck bringt, ohne der erlösenden Gnade Gottes Grenzen zu setzen. Sie will diese gute Nachricht mit allen teilen, die sie noch nicht gehört haben, und sie zu der Erfahrung eines Lebens in Christus einladen.
81. „Evangelisation fließt aus Herzen, die erfüllt sind mit der Liebe Gottes zu denen, die ihn noch nicht kennen.“[18] An Pfingsten konnten die Jünger nichts anderes tun, als die mächtigen Werke Gottes zu verkünden (Apostelgeschichte 2,4; 4,20). Evangelisation schließt die verschiedenen Dimensionen der Mission zwar nicht aus, doch ich r Schwerpunkt liegt auf der ausdrücklichen und absichtsvollen Bezeugung des Evangeliums, und dazu gehört „die Einladung zur persönlichen Umkehr zu einem neuen Leben in Christus und zur Nachfolge“.[19] Während der Heilige Geist einige beruft, Evangelisten zu sein (Epheser 4,11), sind wir alle dazu berufen, Rechenschaft von der Hoffnung zu geben, die in uns ist (1. Petrus 3,15). Nicht nur Einzelpersonen, sondern die ganze Kirche ist gemeinsam zur Evangelisation berufen (Markus 16,15; 1. Petrus 2,9).
82. Die heutige Welt ist geprägt von einer übersteigerten Betonung religiöser Identitäten und Überzeugungen, die im Namen Gottes eher auf soziale Spaltung und die Steigerung von Gewalt hinauslaufen als darauf, menschliche Gemeinschaften zu heilen und zu stärken. In einem solchen Kontext ist es wichtig festzuhalten, dass Proselytismus keine legitime Form der Evangelisation ist.[20] Der Heilige Geist zieht es vor in Partnerschaft mit Menschen die gute Nachricht predigen und leben (vgl. Römer 10,14-15; 2. Korinther 4,2-6), aber es ist nur der Geist Gottes selbst, der neues Leben schafft und Widergeburt bewirkt (Johannes 3,5-8; 1. Thessaloniker 1,4-6). Wir erkennen an, dass es in der Evangelisation manchmal zu Verzerrungen gekommen ist und sie ihre Glaubwürdigkeit verloren hat, weil Christen „Bekehrungen“ gewaltsam oder durch Machtmissbrauch erzwungen haben. In einigen Kontexten steckt hinter dem Vorwurf, Bekehrungen seien erzwungen, allerdings auch der Wille herrschender Gruppierungen, zu verhindern, dass sich Marginalisierte aus ihrer Identität als Unterdrückte heraus bewegen und etwas an ihren unmenschlichen Lebensbedingungen ändern.
83. Evangelisation bedeutet, seinen Glauben und seine Überzeugungen mit anderen Menschen zu teilen, sie zur Nachfolge einzuladen, unabhängig davon, ob sie anderen religiösen Traditionen angehören oder nicht. Ein solches Miteinanderteilen muss in einer Atmosphäre des Vertrauens und der Demut stattfinden und als Ausdruck der Liebe zu unserer Welt, zu der wir uns bekennen. Wenn wir erklären, dass wir Gott lieben und unsere Mitmenschen lieben, aber die gute Nachricht nicht unbedingt und konsequent mit ihnen teilen wollen, dann erliegen wir einer Selbsttäuschung über den Charakter unserer Liebe zu Gott und den Menschen. Wir können unseren Mitmenschen kein größeres Geschenk machen, als mit ihnen die Liebe, Gnade und Barmherzigkeit Gottes in Christus zu teilen und oder ihnen einen Zugang dazu zu eröffnen.
84. Evangelisation führt zu Buße, Glaube und Taufe. Die Wahrheit angesichts von Sünde und Bösem zu hören, fordert eine Antwort heraus - zustimmend oder ablehnend (Johannes 4,28-29 vgl. Markus 10,22). Sie ruft Umkehr hervor, die eine Änderung von inneren Einstellungen, Prioritäten und Zielen einschließt. Die Verlorenen werden gerettet, die Kranken geheilt, die Unterdrückten und die ganze Schöpfung erfahren Befreiung.
85. „Evangelisation“ schließt die verschiedenen Dimensionen der Mission nicht aus, doch der Schwerpunkt liegt bei ihr auf der ausdrücklichen und absichtsvollen Bezeugung des Evangeliums, was die „die Einladung zur persönlichen Umkehr zu einem neuen Leben in Christus und zur Nachfolge“ einschließt.[21] In unterschiedlichen Kirchen gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Gestalt die Evangelisation, zu der der Geist uns in unseren jeweiligen Kontexten beruft, annehmen soll. Für die einen dient die Evangelisation dem vorrangigen Ziel, Menschen zur persönlichen Bekehrung durch Jesus Christus zu führen; für andere geht es bei der Evangelisation um Solidarität und christliches Zeugnis, die in der Begleitung unterdrückter Völker zum Ausdruck kommen; wiederum andere sehen die Evangelisation als eine Komponente der Mission Gottes. Die unterschiedlichen christlichen Traditionen verstehen die verschiedenen Aspekte von Mission und Evangelisation in unterschiedlicher Weise; dennoch können wir bekräftigen, dass der Geist uns alle zu einem Verständnis von Evangelisation aufruft, das im Leben der Ortskirche gründet, in der Gottesdienst (leiturgia) untrennbar mit Zeugnis (martyria), Dienst (diakonia) und Gemeinschaft (koinonia) verbunden ist.
Evangelisation nach der Weise Christi
86. Evangelisation bedeutet, die gute Nachricht in Wort und Tat mit anderen zu teilen. Evangelisation durch Verkündigung oder Predigt des Evangeliums (kerygma) ist zutiefst biblisch. Wenn jedoch unsere Worte nicht mit unseren Taten übereinstimmen, ist unsere Evangelisation nicht authentisch. Die Verbindung von Erklärung und sichtbarem Tun legt Zeugnis von Gottes Offenbarung in Jesus Christus und seinem Heilsplan für die Welt ab. Evangelisation steht in enger Verbindung mit Einheit: unsere Liebe zueinander ist Ausdruck des Evangeliums, das wir verkünden (Johannes 13,34-35), während Uneinigkeit ein Ärgernis für das Evangelium ist (1. Korinther 1). 87. Es gibt Beispiele aus Geschichte und Gegenwart dafür, dass Christen und Christinnen sich in ihrem eigenen Umfeld in Treue zu ihrem Glauben und voller Demut engagieren und vom Geist gestärkt werden, damit Leben in Fülle entstehen kann. Viele, die als Missionare fern von ihren eigenen kulturellen Kontexten gelebt und gearbeitet haben, haben dies ebenfalls im Geist der Demut, der gegenseitigen Verantwortung und des Respekts getan; auch in diesen Gemeinschaften hat der Geist Gottes gewirkt und Verwandlung herbeigeführt.
88. Leider ist Evangelisation manchmal auch in einer Weise praktiziert worden, die das Evangelium weniger verkörpert als vielmehr verraten hat. Wann immer dies geschieht, ist Buße erforderlich. Mission nach der Weise Christi schließt die Bekräftigung der Würde und der Rechte der anderen ein. Wir sind aufgerufen, anderen zu dienen, wie Christus es getan hat (vgl. Markus 10,45; Matthäus 25,45), ohne sie auszunutzen oder ihnen irgendwelche materiellen Anreize zu bieten.[22] In durch einen hohen Grad der Individualisierung gekennzeichneten Situationen kann es geschehen, dass Vorstellungen von Evangelisation mit dem Kauf und Verkauf eines „Produkts“ gleichgesetzt werden, wobei wir auswählen, welche Aspekte des christlichen Lebens wir übernehmen wollen. Aus der Perspektive des Geistes Gottes kann aber Jesu gute Nachricht für alle nicht einfach wie auf einem kapitalistisch organisierten Markt konsumiert werden. Der Geist ruft uns vielmehr zur persönlichen Umkehr und Verwandlung auf, die uns zur Verkündigung eines Lebens in Fülle für alle führt.
89. Authentische Evangelisation gründet in Demut und Respekt vor allen Menschen und gedeiht im Kontext von Dialog. In Wort und Tat vermittelt sie die Botschaft des Evangeliums, der Heilung und der Versöhnung. „Es gibt keine Verkündigung des Evangeliums ohne Solidarität. Und es gibt keine christliche Solidarität, die nicht die Weitergabe der Kunde von dem Reich einschließt“.[23] Evangelisation inspiriert daher zum Aufbau von Beziehungen zwischen Menschen und Gemeinschaften. Solche authentischen Beziehungen werden häufig am besten in lokalen Glaubensgemeinschaften und lokalen kulturellen Kontexten genährt. Christliches Zeugnis findet genau so sehr durch die Art unserer Präsenz wie durch unsere Botschaft statt. In Situationen, in denen der Glaube nur unter Lebensgefahr öffentlich bezeugt werden kann, kann eine überzeugende Alternative darin bestehen, das Evangelium einfach vorzuleben.
90. Im Bewusstsein der Spannungen zwischen Menschen und Gemeinschaften verschiedener religiöser Überzeugungen und unterschiedlicher Auslegungen des christlichen Zeugnisses muss authentische Evangelisation immer von Werten geleitet sein, die sich dem Leben verpflichtet fühlen. In diesem Sinne fordert die gemeinsame Erklärung „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt: Empfehlungen für einen Verhaltenskodex“:
a. die Ablehnung aller Formen von Gewalt, Diskriminierung und Unterdrückung durch religiöse oder säkulare Autoritäten; dazu gehört auch psychologischer oder gesellschaftlicher Machtmissbrauch. b. die Bekräftigung der Religionsfreiheit, die das Recht beinhaltet, den Glauben ohne Angst vor Repressalien oder Einschüchterung auszuüben und zu bekennen; gegenseitige Achtung und Solidarität, die Gerechtigkeit, Frieden und Gemeinwohl fördern. c. den Respekt für alle Menschen und Kulturen, wobei es gleichzeitig gilt, diejenigen Elemente in unserer eigenen Kultur zu erkennen, die durch das Evangelium hinterfragt werden müssen, wie Patriarchat, Rassismus, Kastenwesen usw. d. kein falsches Zeugnis abzulegen und anderen zuzuhören, um sich im Geist gegenseitiger Achtung zu verstehen. e. Menschen und Gemeinschaften ausreichend Freiraum für intensive Urteilsbildung bei Entscheidungen in Glaubensfragen zu lassen.
f. den Aufbau von Beziehungen mit Angehörigen anderer Religionen oder mit Menschen ohne Religion, um ein tieferes gegenseitiges Verständnis, Versöhnung und Zusammenarbeit für das Allgemeinwohl zu fördern.[24]
91. Wir leben in einer Welt, die stark von Individualismus, Säkularismus und Materialismus sowie anderen Ideologien geprägt ist, die die Werte des Reiches Gottes in Frage stellen. Obwohl das Evangelium letztlich eine gute Nachricht für alle darstellt, impliziert es gleichzeitig schlechte Nachricht für diejenigen Kräfte, die Unwahrheit, Ungerechtigkeit und Unterdrückung fördern. In diesem Sinne beinhaltet das Evangelium auch eine prophetische Berufung, die von uns verlangt, die Mächtigen in Hoffnung und Liebe mit der Wahrheit zu konfrontieren (Apostelgeschichte 26,25; Kolosser 1,5; Epheser 4,15). Das Evangelium befreit und verwandelt. Seine Verkündigung muss auch die Verwandlung von Gesellschaften einbeziehen, mit dem Ziel, gerechte und inklusive Gemeinschaften zu schaffen. 92. Wenn wir uns dem Bösen oder der Ungerechtigkeit entgegenstellen und unsere prophetische Stimme dagegen erheben, so kann die Antwort darauf unter Umständen Unterdrückung und Gewalt sein, die zu Leid und Verfolgung bis hin zum Tod führen können. Authentische Evangelisation schließt ein, dass wir verletzlich sind, dass wir dem Beispiel Christi folgen und das Kreuz auf uns nehmen und uns selbst entäußern (Philipper 2,5-11). Genau wie das Blut der Märtyrer unter römischer Verfolgung die Saat der Kirche war, so legt das Streben nach Gerechtigkeit und Recht heute in machtvoller Weise Zeugnis von Christus ab. Jesus verband solche Selbstverleugnung mit dem Aufruf zur Nachfolge und mit ewiger Erlösung (Markus 8,34-38).
Evangelisation, interreligiöser Dialog und christliche Präsenz
93. In unserer komplexen und pluralistischen Welt begegnen wir Menschen unterschiedlicher Religionen, Ideologien und Überzeugungen. Wir glauben, dass der Geist des Lebens Freude und Leben in Fülle bringt. Aus diesem Grund ist der Geist Gottes in allen Kulturen, die für das Leben eintreten, erfahrbar. Der Heilige Geist wirkt auf geheimnisvolle Weise und wir verstehen sein Wirken in anderen Glaubenstraditionen nicht in vollem Maße. Wir erkennen an, dass verschiedene Formen der Spiritualität, die dem Leben verpflichtet sind, ihren eigenen Wert und ihre eigene Weisheit haben. Daher macht authentische Mission den „Anderen“ zum Partner und nicht zum „Objekt“ der Mission.
94. Im Dialog bekräftigen wir unser gemeinsames Leben und unsere gemeinsamen Ziele als Ausdruck der Bekräftigung des Lebens und der Bewahrung der Ganzheit der Schöpfung. Dialog ist auf religiöser Ebene nur dann möglich, wenn wir mit der Erwartung an ihn herangehen, dass wir Gott begegnen, der uns vorausgegangen ist und unter Menschen, in deren jeweiligen Kontexten, gegenwärtig ist.[25] Gott ist da, bevor wir kommen (Apostelgeschichte 17), und unsere Aufgabe ist es nicht, Gott mitzubringen, sondern Gott zu bezeugen, der bereits da ist. Dialog bietet die Möglichkeit einer aufrichtigen Begegnung, bei der jede Seite in einer Atmosphäre der Offenheit, der Geduld und des Respekts alles, was sie ausmacht, offen legt. 95. Evangelisation und Dialog sind verschieden, aber miteinander verbunden. Obwohl Christen und Christinnen hoffen und beten, dass alle Menschen den dreieinigen Gott in lebendiger Weise kennen lernen, besteht der Zweck des Dialogs nicht in der Evangelisation. Da der Dialog aber auch eine „Begegnung verschiedener Loyalitäten“ ist, hat das Miteinanderteilen der guten Nachricht von Jesus Christus dort seinen legitimen Platz. Des Weiteren findet authentische Evangelisation im Kontext eines Dialoges des Lebens und des Handelns und im „Geist des Dialogs“ statt: in einer „Haltung des Respekts und der Freundschaft“.[26] Evangelisation geht nicht nur mit der Verkündigung unserer tiefsten Überzeugungen einher, sondern auch damit, dass wir anderen zuhören, von ihnen hinterfragt und durch sie bereichert werden (Apostelgeschichte 10).
96. Besonders wichtig ist der Dialog zwischen Angehörigen verschiedener Religionen nicht nur in multireligiösen Kontexten, sondern auch dort, wo die Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit einer bestimmten Religion angehört. Es ist notwendig, die Rechte von Minderheitsgruppen und die Religionsfreiheit zu schützen und es allen zu ermöglichen, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Die Religionsfreiheit muss verteidigt werden, weil sie aus der Würde des Menschen entspringt, die wiederum darin gründet, dass alle Menschen zum Bilde Gottes geschaffen sind (1. Mose 1,26). Angehörige aller Religionen und Glaubensrichtungen haben die gleichen Rechte und Verantwortlichkeiten.[27]
Evangelisation und Kulturen
97. Das Evangelium schlägt in neuen Kontexten Wurzeln, indem es sich auf die jeweilige kulturelle, politische und religiöse Wirklichkeit einlässt. Respekt für die Menschen und ihre kulturellen und symbolischen Lebens-Welten ist notwendig, damit das Evangelium sich in diesen unterschiedlichen Situationen verwurzeln kann. Am Anfang muss ein Sich-Einlassen auf den umfassenderen Kontext, ein Dialog mit ihm, stehen, um zu erkennen, in welcher Weise Christus bereits gegenwärtig ist und wo der Geist Gottes bereits am Werk ist.
98. Die Verbindung von Evangelisation und Kolonialherrschaft in der Missionsgeschichte hat zu der Annahme geführt, westliche Formen des Christentums seien die Norm, anhand derer die Glaubenstreue anderer Christen und Christinnen beurteilt werden müsste. Evangelisation durch diejenigen in einer Position wirtschaftlicher Macht oder kultureller Hegemonie droht das Evangelium zu verzerren. Daher müssen sie die Partnerschaft mit Armen, Entrechteten und Minderheiten suchen und deren theologische Ressourcen und Visionen auf sich wirken lassen.
99. Die Durchsetzung von Uniformität diskreditiert die Einzigartigkeit jedes Menschen, der zum Bild Gottes geschaffen ist. Während Babel versuchte, Uniformität von oben durchzusetzen, bewirkte das Predigen der Jünger an Pfingsten eine Einheit, in der persönliche Besonderheiten und die gemeinschaftliche Identität nicht verloren gingen, sondern respektiert wurden - alle hörten die gute Nachricht in ihrer eigenen Sprache.
100. Jesus ruft uns aus den engen Interessen unseres eigenen Reiches, unserer eigenen Befreiung und unserer eigenen Unabhängigkeit (Apostelgeschichte 1,6) heraus, indem er uns einen größere Vision enthüllt und uns in der Kraft des Heiligen Geistes ermächtigt, „bis an die Enden der Erde“ zu gehen und in allen zeitlichen und räumlichen Kontexten Zeuginnen und Zeugen von Gottes Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden zu werden. Unsere Berufung ist es, in allem auf Jesus hinzuweisen und nicht auf uns selbst oder unsere Institutionen, und die Interessen anderer und nicht unsere eigenen im Blick zu haben (Philipper 2,3-4). Wir können die Schrift in all ihrer Komplexität nicht erfassen, indem wir uns auf die Erklärungsmuster einer dominanten Kultur beschränken. Eine Pluralität von Kulturen ist eine Gabe des Geistes zur Vertiefung unseres Glaubens- und gegenseitigen Verständnisses. Als solches stellen interkulturelle Glaubensgemeinschaften, in denen unterschiedliche kulturelle Gemeinschaften miteinander Gottesdienst feiern, eine Möglichkeit dar, dass Kulturen sich authentisch begegnen und in Beziehung zueinander treten können und dass die Kultur das Evangelium bereichern kann. Daher muss „das Evangelium, wenn es reiche Frucht tragen soll, sich selbst treu bleiben und zugleich in der Kultur eines Volkes inkarniert oder verwurzelt sein... Wir müssen uns [um des Lebens willen] beständig um die Erkenntnis durch den Heiligen Geist bemühen, der uns helfen kann, besser zu erkennen, wo das Evangelium eine bestimmte Kultur herausfordert, bestärkt oder verwandelt“[28].
FEST DES LEBENS: ZUSAMMENFASSENDE GRUNDÜBERZEUGUNGEN
101. Wir sind Diener des dreieinigen Gottes, der uns mit der Mission beauftragt hat, der ganzen Menschheit und Schöpfung, insbesondere den Unterdrückten und Leidenden, die sich nach einem Leben in Fülle sehnen, die gute Nachricht zu verkünden. Mission – als gemeinsames Zeugnis von Christus – ist eine Einladung zum Festmahl im Reich Gottes (Lukas 14,15). Die Mission der Kirche ist es, das Festmahl vorzubereiten und alle Menschen zum Fest des Lebens einzuladen. Das Fest ist eine Feier des Schöpfung und der Fruchtbarkeit, die aus der Liebe Gottes, Quelle des Lebens in Fülle, überströmend hervorgeht. Es ist Zeichen der Befreiung und Versöhnung der ganzen Schöpfung, die das Ziel der Mission ist. Ausgehend von einem erneuerten Verständnis der Mission des Geistes Gottes gelangen wir zu folgenden Grundüberzeugungen, die wir als Antwort auf die zu Beginn dieses Dokuments gestellte Frage unterbreiten.
102. Wir bekräftigen, dass der Zweck der Mission Gottes ein Leben in Fülle ist (Johannes 10,10) und dass dies das Kriterium für die „Unterscheidung der Geister“ in der Mission ist. Daher sind wir aufgerufen, den Geist Gottes überall dort zu erkennen, wo Leben in Fülle ist, insbesondere in der Befreiung unterdrückter Völker, der Heilung und Versöhnung zerbrochener Gemeinschaften und der Wiederherstellung der Schöpfung. Wir sind herausgefordert, die Leben stiftenden Formen des Geistes Gottes, die wir in verschiedenen Kulturen spüren, anzuerkennen und Solidarität mit all jenen zu üben, die sich für die Stärkung und Bewahrung des Lebens einsetzen. Wir erkennen auch Geister des Bösen, wo immer die Mächte des Todes und der Zerstörung des Lebens erfahren werden, und widersetzen uns ihnen.
103. Wir bekräftigen, dass die Mission mit Gottes Schöpfungsakt beginnt und in der Neu-Schöpfung durch die lebendig machende Kraft des Heiligen Geistes fortgesetzt wird. Der Heilige Geist, der an Pfingsten in Feuerzungen ausgegossen wurde, erfüllt unsere Herzen und zieht uns mit in die Kirche Christi hinein. Der Geist, der in Christus Jesus war, inspiriert uns zu einem Leben der Selbstentäußerung und der Kreuzesnachfolge und er begleitet Gottes Volk in seinem Streben, in Wort und Tat Zeugnis von der Liebe Gottes abzulegen. Der Geist der Wahrheit führt uns in alle Wahrheit und gibt uns die Kraft, die Mächte des Todes herauszufordern und die Wahrheit in Liebe zu verkünden. Als erlöste Gemeinschaft teilen wir mit anderen das Wasser des Lebens und setzen unsere Hoffnung in den Geist der Einheit, dass er die ganze Schöpfung heilt, versöhnt und erneuert.
104. Wir bekräftigen, dass Spiritualität die Kraftquelle der Mission ist und dass Mission im Geist verwandelt. Daher suchen wir neue Orientierung in unserem Verständnis von der Beziehung zwischen Mission, Spiritualität und Schöpfung. Die missionarische Spiritualität, die aus Liturgie und Gottesdienst erwächst, verbindet uns neu miteinander und mit der ganzen Schöpfung. Wir verstehen, dass unsere Teilnahme an der Mission, unsere Existenz im Schoß der Schöpfung und unser Leben aus dem Geist miteinander verwoben sind, denn sie verändern sich gegenseitig. Die Mission, die mit der Schöpfung beginnt, lädt uns ein, das Leben in all seinen Dimensionen als Gottes Gabe zu feiern. 105. Wir bekräftigen, dass die Mission des Geistes Gottes in der Erneuerung der ganzen Schöpfung besteht. „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist“ (Psalm 24,1). Der Gott des Lebens schützt, liebt und bewahrt die Natur. Die Menschheit ist nicht Herr über die Erde, sondern trägt Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung. Übermäßige Gier und grenzenloser Konsum, die zur fortschreitenden Zerstörung der Natur führen, müssen ein Ende haben. Gottes Liebe verkündet die Erlösung der Menschheit nicht getrennt von der Erneuerung der ganzen Schöpfung. Wir sind aufgerufen, an Gottes Mission teilzunehmen und dabei unsere anthropozentrisch verengten Sichtweisen zu überwinden. Gottes Mission schließt alles Leben ein und wir müssen dies sowohl anerkennen als auch neue Wege gehen, um uns in den Dienst dieser Mission zu stellen. Wir bitten Gott um Buße und Vergebung, aber wir rufen auch dazu auf, jetzt zu handeln. Die Schöpfung ist Herzstück der Mission.
106. Wir bekräftigen, dass die heutigen Missionsbewegungen aus dem globalen Süden und Osten hervorgehen, in viele Richtungen verlaufen und sehr vielfältig sind. Die Verlagerung des Schwerpunkts des Christentums in den globalen Süden und Osten stellt uns vor die Herausforderung, missiologische Ausdrucksformen zu erkunden, die in diesen Kontexten, Kulturen und Spiritualitäten verwurzelt sind. Wir müssen unsere Partnerschaft und gegenseitigen Beziehungen weiter entwickeln und unsere gegenseitige Verbundenheit in der Mission und der ökumenischen Bewegung bekräftigen. Unsere missionarische Praxis sollte Solidarität mit leidenden Völkern zeigen und in Harmonie mit der Natur sein. Evangelisation geschieht in sich selbst entäußernder Demut, in Achtung vor anderen und im Dialog mit Menschen anderer Kulturen und Religionen. Sie sollte sich in dieser Ausrichtung ebenso unterdrückerischen und dehumanisierenden Strukturen und Kulturen widersetzen, die im Widerspruch zu den Werten des Reiches Gottes stehen.
107. Wir bekräftigen, dass Menschen in Situationen der Marginalisierung eine aktive Rolle in der Mission übernehmen und ihnen die prophetische Rolle zukommt, ein Leben in Fülle für alle zu fordern. Die Menschen am Rande der Gesellschaft sind die Hauptpartner in Gottes Mission. Marginalisierte, unterdrückte und leidende Menschen haben die besondere Gabe zu unterscheiden, was für sie in ihrem bedrohten Leben eine gute Nachricht oder aber eine schlechte Nachricht ist. In unserer Verpflichtung auf Gottes Leben spendende Mission müssen wir auf die Stimmen der Menschen an den Rändern der Gesellschaft hören, um zu erfahren, was dem Leben dient und was es zerstört. Wir müssen unsere Mission neu auf die Wege ausrichten, die die Marginalisierten heute selbst gehen. Gerechtigkeit, Solidarität und Inklusion sind zentrale Ausdrucksformen der Mission, die von den Rändern der Gesellschaft ausgeht.
108. Wir bekräftigen, dass die Ökonomie Gottes auf den Werten der Liebe und der Gerechtigkeit für alle basiert und dass die verwandelnde Mission sich dem Götzendienst in der freien Marktwirtschaft widersetzt. Die wirtschaftliche Globalisierung hat den Gott des Lebens durch Mammon ersetzt, den Gott des freien Marktkapitalismus, der die Macht für sich beansprucht, die Welt durch die Anhäufung unmäßigen Reichtums und Wohlstands zu retten. Mission in diesem Kontext muss eine Gegenkultur vorleben und Alternativen zu solch götzendienerischen Visionen anbieten, denn die Mission gehört dem Gott des Lebens, der Gerechtigkeit und des Friedens und nicht diesem falschen Gott, der Mensch und Natur Leid und Elend bringt. Aufgabe der Mission ist es somit, die Ökonomie der Habgier anzuprangern und die göttliche Ökonomie der Liebe, des Miteinanderteilens und der Gerechtigkeit zu praktizieren.
109. Wir bekräftigen, dass das Evangelium Jesu Christi zu allen Zeiten und an allen Orten gute Nachricht ist und im Geist der Liebe und Demut verkündet werden sollte. Wir bekräftigen, dass Inkarnation, Kreuz und Auferstehung in unserer Botschaft und auch in der Art und Weise, wie wir Evangelisation betreiben, im Mittelpunkt stehen müssen. Daher weist die Evangelisation immer auf Jesus und das Reich Gottes hin und nicht auf Institutionen, und sie gehört zum eigentlichen Wesen der Kirche. Die prophetische Stimme der Kirche sollte in Zeiten, in denen sie sich zu Wort melden muss, nicht schweigen. Die Kirche ist zu einer Erneuerung der Methoden ihrer Evangelisation aufgerufen, um die gute Nachricht mit Überzeugung, Überzeugungskraft und Inspiration kommunizieren zu können.
110. Wir bekräftigen, dass Dialog und Zusammenarbeit für das Leben integraler Bestandteil von Mission und Evangelisation sind. Authentische Evangelisation geschieht im Respekt vor der Religions- und Glaubensfreiheit aller Menschen, die als Gottes Ebenbild geschaffen sind. Proselytismus mit gewalttätigen Methoden, wirtschaftlichen Anreizen oder durch Machtmissbrauch steht im Widerspruch zur Botschaft des Evangeliums. In der Evangelisation ist es wichtig, respektvolle und vertrauensvolle Beziehungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionen aufzubauen. Wir würdigen alle menschlichen Kulturen und erkennen an, dass das Evangelium nicht im Besitz irgendeiner Gruppe ist, sondern allen Völkern gehört. Wir verstehen unsere Aufgabe so, dass nicht wir selbst es sind, die Gott irgendwohin bringen, sondern dass wir Zeugnis von dem Gott ablegen, der bereits da ist (Apostelgeschichte 17,23-28). Durch die Gemeinschaft mit dem Geist werden wir befähigt, kulturelle und religiöse Schranken zu überwinden, um uns gemeinsam für das Leben einzusetzen.
111. Wir bekräftigen, dass es Gott ist, der die Kirche in der Mission lebendig hält und ihr die nötige Kraft schenkt. Die Kirche als Volk Gottes, als Leib Christi und als Tempel des Heiligen Geistes ist eine dynamische Realität und wandelt sich in der Fortführung der Mission Gottes. Dies führt zu einer Vielfalt von Formen des gemeinsamen Zeugnisses, die die Vielfalt des weltweiten Christentums widerspiegeln. So müssen die Kirchen sich aufmachen, in der Mission gemeinsame Wege beschreiten und die Mission der Apostel fortsetzen. Praktisch bedeutet das, dass Kirche und Mission eins sein sollten und dass unterschiedliche kirchliche und missionarische Einrichtungen um des Lebens in Fülle willen zusammenarbeiten müssen.
112. Der dreieinige Gott lädt die ganze Schöpfung zum Fest des Lebens ein, durch Jesus Christus, der gekommen ist, „damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen“ (Johannes 10,10), durch den Heiligen Geist, der die Vision vom Reich Gottes bekräftigt: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen!“ (Jesaja 65,17). In Demut und Hoffnung verpflichten wir uns zur Mission Gottes, der alles neu schafft und alles versöhnt. Und wir beten: „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden!“
[1] Die Bibelzitate stammen aus der Lutherbibel 1984.
[2] Vgl. Todd M. Johnson, Kenneth R. Ross (Hrsg.), Atlas of Global Christianity, Edinburgh University Press, Edinburgh 2009.
[3] Vgl. Ion Bria, The Liturgy after the Liturgy: Mission and Witness from an Orthodox Perspective, ÖRK, Genf 1996. Der Begriff geht zurück auf Erzbischof Anastasios Yannoulatos und wurde häufig von Ion Bria verwendet.
[4] Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde (AGAPE): Hintergrunddokument, ÖRK, Genf 2005, S.7.
[5] Das Bekenntnis von Accra, Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit, Reformierter Weltbund, 2004, §10.
[6] Edinburgh 2010, Gemeinsamer Aufruf, 2010, § 4.
[7] Healing and Wholeness: The Churches' Role in Health, ÖRK, Genf 1990, S.6. [8] Taufe, Eucharistie und Amt, Verlag Otto Lembeck /Verlag Bonifatius-Druckerei, Frankfurt am Main/Paderborn 1982, §19. [9] Günther Gaßmann und Dagmar Heller (Hrsg.) Santiago de Compostela 1993. Fünfte Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung, 3. bis 14. August 1993. Berichte, Referate, Dokumente, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 1994, S. 245.
[10] Vgl. „Die ganze Gemeinde bringt das ganze Evangelium in die ganze Welt: Reflektionen (sic) von der Lausanner Theologischen Arbeitsgruppe“, 2010. [11] Mission und Evangelisation in Einheit, CWME-Studiendokument, 2000, §13. [12] Vgl. Mission als Dienst der Versöhnung, in: Jacques Matthey (Hrsg.), Ihr seid das Licht der Welt“. Missionserklärungen des Ökumenischen Rates der Kirchen von 1980-2005. ÖRK, Genf 2005, S.99-140.
[13] „Report of WCC Consultation on Mission and Ecclesiology of the Migrant Churches, Utrecht, The Netherlands, 16-21 November 2010“, International Review of Mission, 100.1., 2011, S.104-107.
[14] Klaus Schäfer (Hrsg.), Zu einer Hoffnung berufen. Das Evangelium in verschiedenen Kulturen, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 1999, S. 155ff [15] Ehre sei Gott und Friede auf Erde: Botschaft der Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation, ÖRK, Kingston (Jamaika), 17.-25. Mai 2011, S. 2.
[16] „Diakonia in the Twenty First Century: Theological Perspectives“, ÖRK-Konferenz über die Theologie der Diakonie im 21. Jahrhundert, Colombo (Sri Lanka), 2.-6. Juni 2012, S.2. [17] Protokolle und Berichte der 4. Sitzung des Zentralausschusses, , ÖRK, Rolle (Schweiz), 1951, S.66. [18] Lausanner Bewegung, Die Kapstadt-Verpflichtung, 2010, Teil I, 7(b).
[19] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung, Nr.12, 2007, S. 489-504.
[20] Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Zeugnis: Ein Aufruf zu verantwortlichen Beziehungen in der Mission und einer Absage an Proselytismus, ÖRK-Zentralausschuss, 1997. [21] Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass nicht alle Kirchen Evangelisation so verstehen, wie sie hier beschrieben wird. Die römisch-katholische Kirche spricht von der „Evangelisierung“ als missio ad gentes [Sendung zu den Völkern], die sich an jene wendet, die Christus nicht kennen. In einem weiteren Sinne spricht sie von „Evangelisierung“, um die gewöhnliche Seelsorge zu bezeichnen, und von „Neuevangelisierung“, um die Sorge für jene zu beschreiben, die den christlichen Glauben nicht mehr praktizieren. Vgl. Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung.
[22] Ökumenischer Rat der Kirchen, Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog, Weltweite Evangelische Allianz, Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt: Empfehlungen für einen Verhaltenskodex, 2011. [23]Dein Wille geschehe, S. 135; Mission und Evangelisation - eine ökumenische Erklärung, §34; Zu einer Hoffnung berufen, S.135. [24] Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt: Empfehlungen für einen Verhaltenskodex, 2011. [25] Vgl. Religiöse Pluralität: Theologische Perspektiven und Bestätigungen, ÖRK 1990.
[26] PCID, Dialog und Verkündigung, 1991, §9.
[27] Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt: Empfehlungen für einen Verhaltenskodex, 2011.
[28] Zu einer Hoffnung berufen, S. 115.
Download : TogetherTowardsLife_de.pdf
Busan, Republic of Korea, 2013, 30 October - 8 November, WCC 10th Assembly,
Commission on World Mission and Evangelism (CWME),
Kolympari, Greece, 2012, August 28 - September 5, WCC Central Committee,

References: §10
 § 4
 §19
 §13
 §34
 §9