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Timestamp: 2019-07-21 08:42:35+00:00

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Zehntes Kapitel. Die Collaturen.
Die Patronatsrechte hatte das Concil von Trient neu geregelt und die Constanzer Synode (1567) dieselben zu beobachten den Angehörigen ihres Bisthums anbefohlen. Muri war desshalb fleissig bestrebt, seine Collaturen, von denen es während der Reformationszeit keine verlorert hatte, mit guten und eifrigen Priestern zu besetzen.
Die rechtlichen Beziehungen zwischen Kirche und Staat bezüglich der Collatur vermochte der Bischof von Constanz erst nach 30jähriger Unterhandlung 1605 durch den sogenannten, in 17 Artikeln abgefassten, „Jurisdiktions-Traktat“ mit der Regierung von Luzern zu ordnen. Derselbe hatte Geltung für den Kanton Luzern und die Freiämter und enthielt die Grundzüge der Stellung der Kirche zum Staat in jenen Gebieten bis zu den neuesten Zeiten. Solche Bestimmungen sind: Art. 1. Der bischöfliche Commissär in Luzern habe Aufsicht, dass alle Pfarrer von den Collatoren ordentlich präsentirt und vom Bischofe investirt und bestätigt werden; Art. 6. Die Ehesachen sollen sich nach der Anweisung des Concils von Trient richten; Art. 7. Die tauglich erfundenen Priester zahlen für ihre Admission und Investitur die bestimmten bischöflichen Taxen; Art. 9. Die Pfarrer sollen bei Erhaltung der Investitur 10 % vom Einkommen des ersten Jahres dem Bischofe für die Annaten oder ersten Früchte zahlen; Art. 10-15 betreffen die zu bestrafenden Vergehen der Geistlichen; Art. 16 verbietet die Veränderung der liegenden Kirchengüter (II-121) ohne Vorwissen der kirchlichen Behörde.1 Diese Artikel schärfte der Commissär in Luzern (1622) den Priestern des Luzerner-Gebietes und der Freiämter neuerdings ein; zugleich betonte er besonders den 8. Artikel, nach welchem der Patron den belehnten Priester erbt, und der Priester verpflichtet ist, sein Pfründehaus in Dach und Fach, ohne Beschwerde und Unkosten des Collators oder der Kirche, zu erhalten. Doch Muri besorgte die Pfründhäuser, wie ehemals, in Dach und Fach und beanspruchte aus dem Grunde das Erbrecht (jus spolii) des auf der Pfründe verstorbenen Priesters.2 Als die Erben des verstorbenen Leutpriesters in Sursee, Dr. Jakob Singeisen, dieses Recht dem Kloster Muri 1637 nicht zugestehen wollten, so wurden sie vom Magistrate in Luzern abgewiesen und Muri geschützt.3
Wie die Klöster im Innern in brüderlicher Liebe sich sammelten und das religiöse Leben pflegten, so ging dieser Einigungsgeist zu religiösen Zwecken auch auf das Volk über und fand seinen Ausdruck in den kirchlichen Bruderschaften, welche viel beitrugen, den verwilderten Herzen edlere Gefühle und reinere Vorstellungen beizubringen. Als besondere Schutzpatronin dieser Hingabe an Gott wählten die Gläubigen gerne die seligste Jungfrau Maria, welche sie durch den hl. Rosenkranz um ihre Fürbitte anflehten. Fast in allen Collaturpfarreien Muri’s wurde desshalb von 1640 bis 1660 die Rosenkranzbruderschaft eingeführt.4 Oft stellte sich an die Spitze der in den Muri-Pfarreien eingeführten Bruderschaften der ganze Konvent sammt den Studenten.5 In Muri errichtete man auch die St. Michaelsbruderschaft (1626), die anfangs (1616) im kirchlichen Sinne nur für die Handwerker gegründet worden.6 Die erhöhte Gottesliebe unter dem Volke hatte auch die Liebe zu den Heiligen, namentlich zu den Blutzeugen zur Folge. Wie die Klosterkirchen zu Muri und Hermetschwil die hl. Leiber von St. Leontius und Donatus erhielten, so wollten auch die Pfarreien solche erlangen. In Sursee fand desshalb die Uebertragungsfeierlichkeit des hl. Martyrers Irenäus statt (23. Okt. 1654), in Villmergen (10. Okt. 1675) die der hl. (II-122) Martyrer Viktoria, Antonius, Antonin etc.7 In Muri und Hermetschwil entstanden neue Wallfahrtsorte und die schon bestehenden in Bünzen zur hl. Anna, in Beinwil zum sei. Burkard und in Eggenwil zum hl. Martyrer Laurenz bekamen neues Leben.8
Gleich dem Gottesdienste erhielten in den Pfarreien auch die Armen bessere Pflege. Den Waisenkindern wurden Vögte gegeben, die jährlich vor dem Pfarrer Rechnung ablegen mussten. In Muri beginnt die älteste Waisenvogtsrechnung mit dem Jahre 1633. Sie wurde fleissig fortgesetzt.9
Die Pfarrkirchen unterwarf man entweder einem gänzlichen Umbaue oder erweiterte sie, wie die in Bünzen 1620, in Sursee und Muri 1640 und die in Beinwil 1664.10 Die Umbauten der Pfarrkirchen in Hermetschwil und Beinwil fanden 1606 und 1617 ihre Vollendung.11 Der Thurm in Wohlen erhielt 1613 einen neuen Helm, in dessen Knopf die Gemeinde durch P. Job. Kaspar Winterlin eine Urkunde hineinlegen liess.12 – Die Messkapelle in Buttwil, Pfarrei Muri, verdankt ihre Entstehung der milden Stiftung des Jakob Bartlime, der 1666 dafür 500 Gl. gab und festsetzte, dass jede andere Woche daselbst eine hl. Messe gelesen werde. Dieser Jakob, auch „Hasenfängerli“ genannt, war gebürtig aus Esch im Nassauischen, Herrschaft Wiesbaden. Er brachte seine Jugend zumeist in Kriegsdiensten zu; suchte sich später bei Tanzbelustigungen mit Geigen etwas zu verdienen; liess sich in Buttwil nieder, und erwarb sich so viel, dass er nebst den 500 Gl. für die Kirche noch einen Kelch und einen Jahrtag stiftete und Geld für Almosen der Armen hinterliess.13 – In die Kapellen von Aristau und (II-123) Walenschwil wurden Messen gestiftet.14 – Die St. Niklausenkapelle in Gauensee, Pfarrei Sursee, entstand 1597. Die Luzerner Regierung und der Abt von Muri bewilligten deren Bau. Der Kaplan der St. Niklausenkapelle in Sursee hatte daselbst den Gottesdienst zu besorgen.15 Die Messkapelle in Schenkon wurde 1681-1684 erbaut. Zur Wahrung seiner Rechte liess Muri sich von den Bewohnern in Schenkon einen Revers ausstellen: dass an Sonn- oder Festtagen dort keine hl. Messe oder Predigt sei; dass der Kapellenvogt alle zwei Jahre vor dem Abte in Muri Rechnung ablege; dass die Schenkoner nie versuchen, eine Kaplanei zu stiften, und dass die gestifteten hl. Messen nur von den Vierherren in Sursee gelesen werden.16 – Die Weber- und Schusterzunft in Sursee liess am unteren Thore daselbst 1635 die Heiligkreuz-Kapelle bauen.17 – Das Kapuzinerkloster in Sursee nahm seinen Anfang 1608. – Die Messkapellen in Berikon und Jonen, Pfarrei Lunkhofen, unterwarf man einer Renovation und die St. Martinskapelle in Boswil wurde umgebaut,18 bei welchen Gelegenheiten Muri immer Namhaftes beitrug.
Dieser Aufschwung des katholischen Lebens bewegte sich in den verschiedenen Collaturen innerhalb der Schranken des Gesetzes und erfreute somit die Muri-Aebte; nur die Nottwiler machten eine unliebsame Ausnahme, indem sie wegen Abhaltung des Gottesdienstes in Nottwil durch die Vierherren in Sursee sich beklagten und Muri so von 1674 bis 1694 mit ihrem Streite belästigten. Abgeordnete der Gemeinde Nottwil erschienen vor dem neugewählten Abte Hieronymus und beschwerten sich, dass einige der Ihrigen an Sonn- und Feiertagen bei „rauchem“ Wetter wegen Altersschwäche etc. nicht wohl in die Pfarrkirche nach Sursee kommen können; sie baten daher, dass kirchlich für sie eine Vorsorge geschehe, und deuteten zugleich an, der Abt könnte ja einen der Vierherren nach Nottwil schicken und ihn aus dem Einkommen ihrer Kapelle befriedigen. Dies meldete der Abt am 15. Dezember 1674 sachgetreu der Luzerner-Regierung, und fügte bei: „weil ihm bei Nachfragen in Sachen dieses empfohlen wurde, habe er nicht anders können, als das seiner Pfarrkinder geistliches Vorhaben der Regierung der Gestalt zu recommandiren, dass mittelst ihrer Verordnung (II-124) der Säckelmeister Schuhmacher, durch den das Einkommen der Kapelle merklich gewachsen ist, nicht bloss aus diesen Mitteln die hl. Messe bezahle, sondern auch das Mangelbare an der Kapelle gebührend ersetze.“ Später schrieb dann der Abt: „zu diesem Zwecke könnte für Schuhmacher ein Pfleger aus der Gemeinde, wie überall gebräuchlich ist, verordnet werden, und Schuhmacher wäre seiner Mühen entledigt.“19 Dieser harmlose Vorschlag war die Quelle der gereizten Stimmung der Luzerner Regierung gegen das Kloster Muri, Abt Hieronymus II. wollte in volksthümlicher Gesinnung der Gemeinde zu voller Pflegschaft verhelfen; allein die Regierung, welche erst vor 21 Jahren den Bauernkrieg beendigt hatte, meinte, der Abt wolle durch die Bauern einen Angriff auf ihre absoluten Hoheitsrechte machen, und kehrte die vermeintliche Waffe um, indem sie der Gemeinde mehr versprach, als selbe anfänglich verlangte.20
Als nämlich der Nottwiler-Ausschuss am 28. Jänner 1675 die Regierung bat, dass die Gemeinde an Sonn- und Feiertagen eine hl. Messe bekomme, so beauftragte sie sogleich Schuhmacher und den Landvogt, sich mit dem bischöflichen Commissär wegen Gründung einer Kaplanei auf Grundlage der Verordnung von 1497 förderlichst zu unterreden. Erst zwei Tage nachher (30. Jänner) beantwortete die Regierung das Sehreihen des Abtes vom 15. Dezember vorigen Jahres in gereiztem Tone: „Wir haben an demselben ungern gesehen, dass die Ausschussmänner uns, ihre Obrigkeit, übergangen und Euer Gnaden darüber beunruhigt haben und erst darnach zu uns gekommen sind, die wir, wie unsere Vorfahren die Verpflegung dieser Kapelle Nottwil beständig durch unsere Rathsmitglieder verwalten lassen. Mit Messelesenlassen durch die Vikarien an Sonn- und Feiertagen ist nicht viel geholfen; wir schlagen einen ständigen Priester an der Kapelle in Nottwil vor, was besser ist, als der Abt nachsucht. Wegen der „Pflegerei“ wollen wir nichts Neues vornehmen; Herr Schuhmacher hat sich desshalb nie beschwert.“ – Muri bedauerte (8. April), wenn die Nottwiler bei ihrer Regierung sollten in Ungnade verfallen sein, und bat diese zugleich, dass sie die Pfarr- und Patronatsrechte achte und schirme, insofern ein Kaplan Neuerungen (II-125) anregen wollte.21 Abt Hieronymus trat nun mit dem Rathsherrn Leopold Bircher von Luzern in einer Conferenz zusammen und drückte dabei seine Verwunderung aus, dass die Nottwiler einen eigenen Priester begehren, während ihre Bitte an ihn anders lautete. Dann besprachen sie die unter Abt Fridolin I. gemachten Verabredungen wegen Abhaltung der Katechesen in Nottwil durch die Vikare von Sursee. Inzwischen unterhandelte Luzern hinter dem Rücken des Patronus wegen der Gründung der Kaplanei mit dem Generalvikar von Constanz und liess dann an der Kapelle ein öffentliches Schreiben anheften, worin ausgesprochen war, dass die gute Absicht der Regierung (Gründung einer Kaplanei) bereits nach Constanz gelangt sei; wer dagegen Beschwerde zu erbeben gedenke, sei rechtlich citirt. Muri vernahm dessen Inhalt und schrieb am 19. August nach Luzern: Abt und Konvent können sich nicht erinnern, irgendwie der hohen Regierung den gebührenden Respekt nicht erwiesen zu haben. Schliesslich folgt die Bitte, die Regierung möchte Ort und Tag bestimmen für eine mündliche Besprechung, um das gottgefällige Vorhaben zu bewerkstelligen und ohne „Rechtsübung“ die zu besorgenden Präjudicien auszugleichen.22
Die Regierung bestellte nun auf kurze Zeit einen Kaplan in Nottwil, Kaspar Ritter, damit er wenigstens alle Sonn- und Feiertage die hl. Messe daselbst lese. Die Vierherren in Sursee erklärten sich dann gegen eine Entschädigung gerne bereit, in Nottwil Messe zu lesen und zu predigen.23 Sie lasen wirklich vom letzten Sonntage nach Pfingsten 1675 bis zum 25. Oktober 1679 251 Messen und hielten 119 Predigten.24 Die von einigen Nottwilern versprochene Entschädigung für den freiwilligen Gottesdienst wollte am Ende Niemand bezahlen. Eine Abordnung von Luzern entschied den Streit zwischen den betheiligten Nottwilern und dem Prior von Muri im Namen der Vierherren dahin, dass die letztem 200 Gl. erhalten sollten, woran Fridolin Salzmann, weil er ohne näheren Auftrag der Gemeinde den Vertrag eingegangen, 150 Gl., die übrigen Mitbetheiligten 50 Gl. nebst den Sitzgeldern zu entrichten hatten. (II-126) Später liessen die Vierherren die Kinder zu den Katechesen nach Sursee kommen. Aber ungeachtet diese in der Abhaltung des Gottesdienstes nicht ermüdeten und der Regierung somit gar keinen Grund zum Klagen boten, so brachte sie dennoch die Gründung der Kaplanei (1678) wieder in Anregung.25 Jedoch der Generalvikar von Constanz, Jos. Abach, verlangte, dass zufolge der Vereinbarung vom Jahre 1497, die nicht zulasse, dass „die neue zu Nottwil aufgerichtete Pfründe und Kaplanei den Pfarrherren zu Sursee einigen Nachtheil bringe,“ deren Gründung von der Kanzel in Sursee verkündet und das Patent an den Kirchthüren zu Sursee und Nottwil angeschlagen werde, damit die Betheiligten dagegen Einsprache erheben können. Letzteres geschah auch sofort vom Kloster Muri. Die Luzerner-Regierung und der Muri-Abt verständigten sich jetzt für eine Conferenz und wählten hierfür Abgeordnete.26 Vorher liess aber Muri durch P. Subprior und den Kanzleiverwalter dem Bannerherrn in Luzern ein freundliches Schreiben überbringen, worin es betheuerte, dass es gegen den Stand Luzern als seinen Schutz- und Schirmherrn nichts Unbeliebiges zu moviren gesinnt gewesen, und hoffe, auch er werde das Gotteshaus schirmen. Die Regierung antwortete sogleich in ähnlichem Tone der Freundschaft und gesteht, dass früher etwas „Apprehension“ gegen den Abt war; weil dieser sich aber zu einer mündlichen Besprechung anerbiete, so schlage sie das Ritterhaus Hohenrain zu deren Abhaltung vor. Nach zwei Zusammenkünften sprach man als Grundsatz der Vereinbarung aus: die Rechte beider Parteien sollen gewahrt sein, und Nottwil anerkenne die Pfarreirechte in Sursee. Die am 23. und 27. November 1678 darüber ausgestellte Urkunde sagt im Wesentlichen: 1. Der Kaplan, ein einfacher Pfründner (beneficiatus simplex), wird von der Regierung belehnt. In- und ausserhalb der Kapelle darf er nur mit Erlaubniss der Vierherren pfarrliche Handlungen vornehmen; 2. der Abt gestattet dem Kaplane aus Gnade, das Weihwasser und die Kerzen öffentlich zu segnen; auch darf er an Sonn- und Festtagen, wenn von Sursee kein Geistlicher kommt, der Jugend ohne Anspruch auf Entschädigung den Katechismus erklären, die Kranken hat er nur im Nothfalle zu besorgen; 3. das Gotteshaus Muri werde niemals angehalten, eine Entschädigung (II-127) an den Unterhalt des Chores und der Kirche zu leisten; die Geldopfer auf den Altären gehören nach Sursee, alle übrigen Opfer fallen der Kapelle zu; die neuen Jahrzeiten werden in Sursee gehalten; die Nottwiler bleiben Pfarrkinder des Seelsorgers in Sursee; 4. die Kapelle stehe in gutem Einvernehmen mit Sursee.27
Das Einkommen für den Kaplan wurde noch dasselbe Jahr geregelt, und die Regierung wählte dann Jost Roggenmoser als ersten Kaplan von Nottwil.28 Der Neubau der Kapelle fällt in die Jahre 1686-1689. Muri erscheint nicht unter den vielen Wohlthätern für denselben. Der Grund möchte darin liegen, weil die Luzerner-Regierung den Nottwiler-Streit 1688 wieder anhob. Sie begründete das Umstossen des vor 10 Jahren mit Muri eingegangenen Vertrages29 auf folgende Weise: a. die Kaplanei entspricht dem Seelenheile schlecht; b. man darf die Sache nicht wohl liegen lassen;30 c. man soll mit dem Abte von Muri conferiren, dass er vom 78ger Vergleiche abstehe, weil man jetzt demselben widrige Dokumente gefunden, welche damals nicht müssen bei Händen gewesen sein; der Abt solle sich von der Billigkeit leiten lassen, damit das Seelenheil befördert und der Regierung jeder Anlass benommen werde, andere Mittel ergreifen zu müssen.31
In Muri war damals Placidus Zurlauben Abt, ein Mann von festem Charakter und durchdringendem Verstande. Am 27. November waren Abgeordnete von Luzern und Muri wegen Nottwil wieder versammelt. Am folgenden Tage richtete der Abt an die Regierung ein Schreiben, worin er sagt: a. er halte dafür, der Vertrag von 1678 solle fest bleiben; jedoch aus Liebe zu Luzern wolle er dem Kaplane die Samstagsmesse nachlassen; die Vikare in Sursee wären dann der Last und des Vortheiles entledigt, was dem Reversschreiben beizufügen wäre; b. die Verhandlungen wegen Gründung einer Pfarrei nur für einige schläfrige Partikularen finde er für überflüssig; sollte es aber die gemeine und genugsame Noth erfordern, dann solle den kirchlichen Vorschriften gemäss gehandelt werden; c. er und das Kapitel wünschen die Ehre Gottes best möglichst zu fördern; sie bitten aber die Regierung, zu sorgen, dass die Nottwiler Pfarrkinder zu besserer Observanz ihres geistlichen Gehorsams und der (II-128) Schuldigkeit gegen die Vikare und die Mutterkirche in Sursee angehalten werden; Muri werde gleichmässig auch die Vikare an ihre schweren Pflichten erinnern.32
Diese neuen Bewegungen in Nottwil hatte meistens der unruhige Kaplan daselbst, Alphons Rung,33 veranlasst. Dieser versammelte am 2. Jänner 1689 die Nottwiler und liess sie durch ein „Handmehr“ abstimmen, ob sie zu Nottwil eine wahre Pfarrei eingerichtet wissen wollen! Die Mehrheit war dafür. Das Resultat der Abstimmung theilte eine Abordnung der Nottwiler am 8. Jänner der Regierung in Luzern mit. Allein diese wollte wissen, was die Bewohner von Nottwil für Ausbesserung der Pfarrei beizutragen bereit wären, damit sie mit dem Prälaten von Muri conferiren und, wenn das nicht anschlage, mit Gebühr vor den Bischof gelangen könnte. Muri gab über gesagte Abstimmung in Nottwil der Regierung am 13. Jänner Bericht und bat zur Beilegung des Handels in Güte um eine Conferenz. Am 14. Jänner meldete diese dem Abte: „sie habe wegen der Handlung des Nottwiler Kaplans keine weitere Wissenschaft (!?)34;sie werde nach Gebühr handeln, könne aber noch keine Conferenz halten, weil sie die Sache überlegen müsse. Dieser einer katholischen Regierung unwürdigen Antwort liess Abt Placidus am 16. Jänner eine ernste Entgegnung zukommen: den Anschlag des Kaplans werde er seiner Zeit am gehörigen Orte vortragen; weil die Regierung dem Kloster Muri die Conferenz abgeschlagen habe, sei es verpflichtet, die seit 300 Jahren ruhig inne gehabte Jurisdiktion mit Ernst zu manuteniren (handhaben) und auf Mittel zu denken, wie seine Pfarrangehörigen ebenfalls in den Schranken schuldigen christlichen Gehorsams seinen Vikaren gegenüber zu erhalten seien. Hätten die Vikare auch gefehlt, zu solcher Handlungsweise wäre der Kaplan nie berechtigt gewesen; der Prinzipal sollte desshalb durch einen Incompetenten nicht des Rechtes beraubt werden. Es gebe einen anderen Weg, als derselbe vorschlagen wollte; man könne ja die Filiale in Nottwil, die ein beneficium simplex ist, durch ein freundliches Uebereinkommen, in ein beneficium curatum (Curatpfründe) umwandeln.
(II-129) Die Regierung fühlte ihr unedles Benehmen und lenkte ein. Sie zeigte sich geneigt, auf einer Conferenz den Vorschlägen des Abtes entgegenzukommen. Sie winkte indessen dem Kaplane ab, und liess den Handel fast vier Jahre ruhen. Rung hörte aber nicht auf, die Regierung fortwährend mit Klageschriften gegen die Vierherren von Sursee zu belästigen, bis er endlich im überspannten Eifer (29. März 1693) flehte, „doch um Gottes und Maria willen die Sache zu fördern und sich des Völkleins zu erbarmen.“ Schultheiss und Rath schrieben daher (4. April) dem Prälaten nach Muri; es seien wieder wegen schlechter „Administration“ (? Pastoration) in Nottwil Klagen eingelaufen. In der Rückantwort (12. April) verwunderte sich der Abt darüber, zumal ja ein Kaplan dort sei; dann fährt er weiter: „Wollen aber die Nottwiler ohne Verletzung der pfarrlichen Rechte pfarrlich verwaltet sein, so habe ich dagegen kein besonderes Bedenken, wenn die Lostrennung Nottwils von Sursee mir auch schwer fällt.“ Es folgten weitere Klagen des Kaplans, und Dekan Lindacher in Ruswil befürwortete die Gründung einer Pfarrei in Nottwil. Muri schlug (12. März 1694) einen Curatkaplan vor, verlangte das Präsentationsrecht und versprach jährlich dafür 10 Malter zu geben. Die Regierung verlangt bei der Verhandlung vor dem bischöflichen Commissär Nik. Ulrich Uttenberg für Nottwil noch den Taufstein und das Beerdigungsrecht. Endlich kam (15. November 1694) ein neuer Vertrag zu Stande, der dahin lautete: 1. die Kanzel und die Christenlehre besorgt der Kaplan oder der Seelsorger (sacellanus curatus); nur für die Kirchweihe und das Patrocinium (Maria Himmelfahrt) verfügt der Leutpriester in Sursee über die Kanzel; 2. Nottwil erhält einen Taufstein; die drei ersten nach Ostern gebornen Knäblein werden jedoch in Sursee getauft; will ein Hausvater alle seine Kinder in Sursee taufen lassen, so steht es ihm frei; 3. Nottwil erhält auch einen Friedhof; will Jemand in Sursee begraben werden, so kann es ihm Niemand hindern; für das Begräbniss in Nottwil ist an die Vierherren in Sursee eine bestimmte Entschädigung zu entrichten; 4. die Ehesachen bleiben ungeschmälert den Vierherren;35 5. der Kaplan von Nottwil bezieht aus dem Pfründeeinkommen der Vierherren jährlich 10 Malter; dagegen erhält Muri das Recht, den von Schultheiss und Rath in Luzern ernannten Seelsorger dem Bischofe zu präsentiren; 6. Muri hat keine Verbindlichkeit für den Unterhalt der Kirche und des Pfründehauses, jedoch bleiben die Nottwiler verpflichtet, beim Kirchenbau und zum (II-130) Geläute von Sursee die üblichen Steuern zu entrichten. Im Uebrigen bleibt der Vertrag von 1678 in Kraft.36 Hiemit war der Streit beendigt.
Von den übrigen Collaturen haben wir aus dieser Periode nur Weniges noch mitzutheilen. Für Homburg, seit 1651 eine Muricollatur, musste 1660 die Frage gelöst werden, ob diese Pfarre eine Säkular- oder Regularpfründe sei. Am 22. November erfolgte ein friedlicher Ausgleich, indem der Bischof von Constanz für 30 Jahre gestattete, dass Muri frei einen Regularpfarrer entweder mit oder ohne Prüfung stellen könne, der die Ruralkapitel besuchen darf, im Disciplinären aber dem Abte unterworfen bleibt; Muri zahlt jedoch für die Primizien dem Bischofe jährlich 1 Gl. und für die Annaten bei jedem Wechsel eines Pfarrers 2 Gl.37
Hier müssen wir noch eine Verordnung des päpstlichen Nuntius Hieronymus, die er 1641 an Muri besonders ergehen liess, anziehen. Diese geht dahin, dass die einverleibten Pfründen nicht, wie bisher, mit zeitweiligen, sondern mit beständigen Vikaren nach kanonischen Vorschriften besetzt werden sollen; es wolle denn der Abt die Pfründe mit einem tauglichen Religiosen aus seinem Konvente besetzen.38 Nach dieser Norm handelte Muri in den folgenden Zeiten genau.
Segesser, Rechtsgesch. IV., 500 ff.↩
Arch. Muri in Gries A. IV. II. u. a. O.↩
Staatsarch. Luzern, Kloster Muri.↩
In Sursee schon 1609, in der Pfarrei Muri 1644, in Villmergen und Bünzen 1649, in Wohlen 1648, fast gleichzeitig in Lunkhofen, Eggenwil, Beinwil und 1660 in Hermetschwil und Boswil (Murus et Antem. III., 41-108; Pfarrarchive).↩
Vgl. die Pfarrarchive Boswil und Bünzen.↩
Pfarrarchiv Muri.↩
Murus et Antem. III., 41 ff.; betreffende Pfarrarchive.↩
Murus et Antem. III., 41 ff.; P. L. Burgener Wallfahrtsorte der Schweiz. Dr. Johann Heinrich Kydt, Pfarrer in Boswil, übersetzte 1680 „Marianisches Paradies“, und fügte Geschichtchen und Schlachten bei, die im Vertrauen auf die Hilfe Mariens einen glücklichen Ausgang hatten (Kappeler Schlacht 1531 etc.). Das Buch widmete er dem Abte von Muri, Hieronymus.↩
Arch. Muri in Aarau X., 1-15.↩
Vgl. die betreffenden Pfarrarchive.↩
Pfarrarchive daselbst.↩
Pfärrlade Wohlen.↩
1668 stiftete Wiederkehr mit 400 Gl. eine zweite Monatmesse in Aristau und Eva Rei 1664 für alle Frohnfasten mit 50 Gl. eine Messe in Walenschwil (P. Gr. M. Murichronik).↩
Ecclesiast., p. 453.↩
Den Revers besiegelte die Luzerner-Regierung; Annales, p. 793, 794.↩
Ecclesiast., p. 459.↩
Eccles., p. 503, 505.↩
Am 28. Jänner 1675, Rathsprotokoll-Auszug LXXVII., 127.↩
Staatsarch. Luzern, Nottwiler-Akten. Aus den angeführten Akten geht hervor, dass der Muri-Abt den Bestrebungen der Nottwiler nicht entgegen arbeitete, sondern sie befürwortete. Mithin hat der Verfasser dieses Nottwiler-Handels im Geschichtsfreunde (Bd. XX., S. 14, 15) die Sache unrichtig aufgefasst.↩
Annales, p. 776, 777.↩
Muri mag über das Vorgehen von Luzern bei dem Bischofe Klage erhoben haben; eine angedeutete Conferenz von drei Abgeordneten derselben mit dem dortigen bischöflichen Commissär (23. August 1675) lassen dies vermuthen. Hiebci wurden auch die Einkünfte des Kaplans (250 Gl.) und dessen Verpflichtungen festgesetzt, ferners nachgewiesen, dass Muri nicht Collator der Kapelle sei (Staatsarch. Luzern).↩
Annales, p. 776. Die Regierung bewirkte dies zufolge der Vereinbarung mit dem Abte Fridolin.↩
Geschichtsfrd. XX., 14 ff.↩
Annales, p. 776; Staatsarch. Luzern.↩
Luzern bezeichnete Beat Schuhmacher und Landvogt Anderallmend; von Muri sollten nebst dem Abte Hieronymus sich dabei betheiligen der gelehrte P. Bonifaz Weber, Subprior, und der gewandte P. Dominikus Suri.↩
Annales, p. 775-779.↩
Hans Kaspar wird in die Zahl der Kapläne nicht aufgenommen.↩
Rathsprotokoll LXXXI, fol. 317.↩
Das heisst, man soll das Eisen schmieden, so lange es warm ist; die Leute zeigten sich opferwillig.↩
Arch. Muri.↩
Staatsarch. Luzern, Nottwiler-Akten; Acta Capituli.↩
Schon früher hatte sich Rung gegen die Vierherren in Sursee beschwert, allein die Gegenbeschwerde der Vierherren (1683) lässt ihn in einem üblen Lichte erscheinen (Annales P. L. Maier I., 60-63).↩
Die Regierung ist hier nicht aufrichtig; sie wusste ja seit dem 8. Jänner Alles, was in Nottwil am 2. Jänner und früher sich ereignete; zu dem war Rung ihr Werkzeug (Staatsarch. Luzern; Annales, p. 806, 807).↩
Die Tauf- und Sterbebücher beginnen in Nottwil erst 1734 und das Ehebuch 1766.↩
Geschichtsfrd. XX.. 52-55. Weil dieser Zwist im genannten Werke (S. 14-20) unrichtig aufgefasst wurde, so mussten wir ihn zur Richtigstellung etwas weitläufiger behandeln.↩
Annales, p. 729- 733.↩
Arch. Muri in Aarau C. 2. K, 1. – Lang dauernd (1674-1703), aber ohne weitere Tragweite, waren die Anstände mit dem Pfarrer und der Stadtbehörde von Bremgarten wegen des dortigen Kreuzkirchleins. Muri trat in einem Vergleiche von 1703 seine Rechte auf dieses Kirchlein an die Stadt Bremgarten ab (Kurz und Weissenbach, Beiträge I., 503-505).↩

References: Art. 1
 Art. 6
 Art. 7
 Art. 9
 Art. 10
 Art. 16