Source: https://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/3508/4618
Timestamp: 2020-08-03 09:40:54+00:00

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Volume 21, No. 2, Art. 27 – Mai 2020
Herausfordernde Zeiten – Methodologien und methodische Ansätze zur qualitativen Erforschung von Zeit
Zusammenfassung: In dieser Einleitung stellen wir die FQS-Schwerpunktausgabe zur Erforschung von Zeit vor. Ausgangspunkt ist, dass Zeit ein Grundelement sozialen Geschehens ist, dem somit Relevanz in unterschiedlichen Forschungsfeldern zukommt. In dem Themenschwerpunkt bündeln wir verschiedene Studien und Ansätze unter der Frage, vor welchen Herausforderungen eine zeitsensible qualitative Sozialforschung steht. Mit Blick auf die hier versammelten Beiträge sprechen wir vier Ebenen an: Erstens wird deutlich, dass zeitanalytische Fragen nicht nur in einer eigenen Bindestrich-Wissenschaft, sondern in diversen Themenfeldern erkenntnisfördernd sind. Zweitens werden mit den jeweils gewählten Methoden Zugänge zu verschiedenen Zeitkonzeptionen möglich. Gleiches gilt drittens für die gewählten Theorien. Viertens lädt der Sonderband dazu ein, sich auch mit der zeitlichen Verfasstheit von Dingen auseinanderzusetzen. Mit den Aufsätzen wollen wir auf diesen Ebenen und darüber hinaus zu einer zeitanalytischen Forschungsarbeit anregen.
Keywords: Zeitforschung; qualitative Forschungsmethoden; Mixed Methods; narrative Interviews; Eigenzeit; Biografieforschung; Zeitkonstruktion; Trajektorien; temporale Arbeit; zeitgestaltende Technologien
2. Vier zeitrelevante Aspekte qualitativer Sozialforschung
3. Vorstellung der Beiträge
Zeit ist ein Querschnittsthema, dem sich verschiedene Disziplinen zuwenden. In sozialwissenschaftlichen Analysen interessiert Zeit vor allem als ein soziales Phänomen bzw. als Element sozialer Ordnung (BURZAN & SCHÖNECK 2014; ELIAS 1984; SCHILLING 2005). Damit geht auch ein "Verständnis von Zeit als einer Vielfalt koexistierender Temporalitäten" (HANNKEN-ILLJES 2007, §3) einher – in dieser Weise wurde in dem FQS-Schwerpunkt "Zeit und Diskurs" (HANNKEN-ILLJES, KOZIN & SCHEFFER 2007) die Vorstellung einer singulären und kontinuierlichen Zeit infrage gestellt. [1]
Die Perspektiven auf Zeit sind sehr heterogen. Diskutiert wurden etwa auf der Makroebene der Wandel gesellschaftlicher Zeitverhältnisse (ROSA 2005), Zeit als Kontroll- und Herrschaftsinstrument (DELEUZE 1993 [1988]; FOUCAULT 1977 [1975], 1978, 2003 [1966) oder auch "Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen" (BOURDIEU 2000 [1977]). In einer Reihe von Studien wurden Zeit und Zeitlichkeit in Organisationen untersucht (DAWSON 2014) – eine spezifische Frage verfolgten beispielsweise GLASER und STRAUSS (1965), als sie sich dem Umgang mit dem Ende der Lebenszeit in Krankenhäusern zuwendeten. Auf einer Mikroebene standen Zeitverwendungen, subjektives Zeiterleben oder "Time Projections" im Vordergrund (CARMO, CANTANTE & DE ALMEIDA ALVES 2014; siehe auch SCHILLING & KOZIN 2009). [2]
Die subjektive Zeitperspektive und der daraus resultierende Zeitumgang wurden dabei auch in ihrer Gebundenheit an bestimmte Ressourcen untersucht (DRESSEL & LANGREITER 2008; KÖLBL & STRAUB 2001; MÜNCH 2014; ZIMBARDO & BOYD 2011 [2008]). Zahlreiche Arbeiten im Bereich der Biografieforschung (LUTZ, SCHIEBEL & TUIDER 2018; ROBERTS 2011; ROSENTHAL & BOGNER 2017) liegen vor, in denen Biografien als "kommunikative Strukturierungen" verstanden wurden, "die soziale und individuelle Zeit nutzen und erzeugen" (FISCHER 2018, S.461). Analysiert wurden sinnhafte (etwa: schichtspezifische oder generationenübergreifende) Konstruktionen von Lebenszeitgestaltung (JUHASZ 2009; ROSENTHAL & BOGNER 2017). Veränderungen der Zeitgestaltung wurden etwa mit Blick auf das Familienleben diagnostiziert sowie geschlechtsspezifische Zeitungleichheiten identifiziert (HEITKÖTTER, JURCZYK, LANGE & MEIER-GRÄWE 2009; WINGARD 2007). [3]
Darüber hinaus wurde Zeit von und in Institutionen auf vielfältige Weise untersucht, so in Bezug auf die strukturelle Verlängerung der Zeit, die in Bildungseinrichtungen verbracht wird (KING 2017), auf die Öffnung, Schließung und als Folge die Notwendigkeit des Controllings von Zeitstrukturen im Unterricht (RABENSTEIN 2018) oder hinsichtlich der stärkeren Verschulung des Studiums durch vorgegebene Zeitschemata (LIAO et al. 2013) und beschleunigte Zeitstrukturen (O'NEILL 2014; ROSA 2005; VOSTAL 2016). Die Langeweile im Unterricht ist ebenso Thema (BREIDENSTEIN 2006) wie die Investition von Zeit für das Studium (PIPKIN 1982). Phänomene der Beschleunigung und der Entschleunigung wurden bereits im FQS-Schwerpunkt "The Slow University" (O'NEILL, MARTELL, MENDICK & MÜLLER 2014) diskutiert. [4]
So unterschiedlich wie die zeitbezogenen Themengebiete und Forschungsfragen sind auch die Methoden und Methodologien zu ihrer Erforschung. Die Idee, thematisch und disziplinär diverse Ansätze und Studien mit Blick auf methodisch-methodologische Fragen zu bündeln, erwuchs im Rahmen eines wissenschaftlichen Netzwerkes, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde und in dem wir Mitglied sind.1) Das Netzwerk mit dem Titel "Jung sein – älter werden: Zeitlichkeiten im Wandel" [Being Young – Growing Older: Temporalities in Transition] zielt auf die Weiterentwicklung eines Diskurses zu den sich wandelnden Verhältnissen individueller Zeitkonstruktionen und institutionalisierter Zeitordnungen im Älterwerden von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In dem Netzwerk, das Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen und mit verschiedenen Forschungsthemen zusammenbringt, wurde die grundlegende Frage nach Methoden und Methodologien einer zeitsensiblen qualitativen Sozialforschung aufgeworfen. [5]
Mit dem FQS-Themenschwerpunkt haben wir ein passendes Forum gefunden, mit dem wir die Diskussion bereichern wollen. Unser Ziel war es, Forscher*innen aus verschiedenen methodischen bzw. methodologischen Schulen und Traditionen zu Wort kommen zu lassen, ohne die Inhalte der jeweiligen Forschungsprojekte thematisch einzugrenzen. Unser Aufruf, der 2018 veröffentlicht wurde, hat eine große Resonanz gefunden. Nicht in allen Einreichungen stand das Thema Zeit im Fokus. Dies war für uns insofern spannend, als es anzeigt, in welch diversen Zusammenhängen zeittheoretische Fragen formuliert werden können (und müssen). Ein zentrales Auswahlkriterium war für uns dennoch, dass eine Auseinandersetzung mit Fragen zur Zeit im Zentrum des Beitragsvorschlags stand. Ferner sollte die Zusammenschau der Beiträge eine hohe Varianz an Problematisierungen und Annäherungen an die Zeit bieten. Wir hoffen, dass das vorliegende Ergebnis unser Bemühen erkennen lässt. [6]
Wir beginnen mit einer Systematisierung, in dem wir vier Aspekte benennen, die für eine zeitsensible Forschung relevant sind (Abschnitt 2). Im Anschluss daran werden die Beiträge des Themenhefts entlang dieser vier Aspekte vorgestellt (Abschnitt 3), und wir schließen mit einem Ausblick (Abschnitt 4). [7]
Die in diesem Schwerpunkt vorgestellte Auswahl gibt einen Einblick in die Vielfalt der methodischen, methodologischen wie auch theoretischen Zugänge, die in der Auseinandersetzung mit Zeit möglich sind. Mindestens vier Aspekte lassen sich aus den Beiträgen extrahieren, die man als grundlegende Einsichten bündeln kann:
1. Es wird deutlich, dass zeitanalytische Fragen nicht nur in einer eigenen Bindestrich-Wissenschaft Eingang finden, sondern in diversen Themenfeldern qualitativer Sozialforschung relevant gemacht werden.2) Das verwundert nicht, insofern eine zentrale methodologische Begründung qualitativer Forschung im interpretativen Paradigma liegt. Am Beispiel von Anselm STRAUSS, Mitbegründer der Grounded Theory als Forschungsstil und Methodologie, lässt sich die grundlegende Relevanz von Zeitlichkeit und Prozessualität aufzeigen. Dieser formulierte in "Continual Permutations of Action" (2010 ([1993]) folgende Grundannahme:
"Actions are characterized by temporality, for they constitute courses of action of varying duration. Various actors' interpretations of the temporal aspects of an action may differ, according to the actors' respective perspectives; these interpretations may also change as the action proceeds" (S.32).
Prozessualität und Zeitlichkeit sind auch zentral in anderen Bezugstheorien qualitativer Methodologien. Neben dem Interaktionismus ist beispielsweise an die Phänomenologie zu denken. Prominent zu nennen sind hier die Überlegungen zur zeitlichen Strukturierung der Lebenswelt (SCHÜTZ & LUCKMANN 2003 [1975]), mit der "die sich in jeder Sinnsetzung realisierende 'Zeitstruktur' zum Gegenstand der Analyse zu machen" ist (ENDREß 2006, S.61). Egal ob etwa Fragestellungen zu gruppenspezifischen Prozessen, zu individuellen Bewältigungsstrategien von Krisen oder herausfordernden Lebensphasen, sozialen Praktiken oder Institutionen nachgegangen wird: Zeit ist ein integraler (und zentraler) Bestandteil sozialen Geschehens bzw. subjektiver Sinnkonstruktionen (SCHILLING 2005).
2. Zeit steckt nicht nur in den verschiedenen Feldern, denen wir uns forschend zuwenden, sondern auch in den Methoden, mit denen wir uns diese zu erschließen suchen. Datenerhebung findet in der Zeit statt, und es wird je nach methodischem Zugang eine andere Zeit fassbar. Während in biografischen Interviews beispielsweise die interviewte Person ihre Biografie zeitlich ordnet, ist bei Beobachtungen von Praktiken in Organisationen etwa das Zeitmanagement protokollierbar. Die qualitätssichernden Vorteile einer zeitsensiblen Vorgehensweise werden in den vorliegenden Beiträgen ausführlich diskutiert.
3. Mit jedem Theoriebezug wird auch ein spezifischer Blick auf Zeit geworfen. Mehr noch: Theorien sind unterschiedlich zeitsensibel. Abhängig von der theoretischen Perspektive der Forschenden verändert sich das Verständnis von der Wirkungsweise zeitlicher Ordnungen bzw. es verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf subjektive Zeitorientierungen. Eine explizite Auseinandersetzung mit den Zeitimplikationen der verwendeten Theorien und eine vergleichende Gegenüberstellung verschiedener Perspektiven auf Zeit kann zur Schärfung der theoretischen Konstrukte und Präzisierung der Analysen beitragen.
4. Es ist zu berücksichtigen, dass nicht nur menschliches Handeln, sondern auch Dinge zeitgebunden sind. Die Betrachtung des Zusammenhangs zwischen der Zeit der Dinge und der Zeit der Akteur*innen (Wahrnehmung, Aneignung, Verarbeitung, Wiedergabe der Zeit der Dinge) erscheint uns äußerst fruchtbar für die Beschreibung der Interdependenzen zwischen dem Materiellen und dem Subjektiven. [8]
Die Beiträge in diesem Themenschwerpunkt bieten jeweils Anregungen auf mehreren dieser vier Ebenen. Dennoch wollen wir hier eine Zuordnung versuchen und damit offenlegen, was uns an jedem einzelnen Beitrag vor allem (aber nicht nur) für das Nachdenken über die qualitative Erforschung von Zeit anregend erscheint: [9]
Themenfelder: Die Zusammenstellung der Beiträge veranschaulicht, dass zeittheoretische Perspektivierungen in diversen Themenfeldern fruchtbar gemacht werden können. Einmal ist die Frage nach der Zeit zentral im Projekt, dann bietet sie einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn für die "eigentliche" Fragestellung. Ein Beispiel für ersteres ist der Beitrag von Jörg SCHWARZ, Hannah HASSINGER und Sabine SCHMIDT-LAUFF (2020). Das Erkenntnisinteresse der Autor*innen war auf Lern- und Bildungsprozesse in der Erwachsenenbildung gerichtet. Diese sind, so die Ausgangsannahme, stets mit verschiedenen Zeiten verbunden. So fragten die Autor*innen "wie sich die Relationen zwischen Zeitpraktiken in der Erwachsenenbildung, dem Zeiterleben von Teilnehmer*innen und der Zeitlichkeit von Bildungsprozessen Erwachsener empirisch rekonstruieren lässt" (§3). Mittels teilnehmender Beobachtungen in Kursen und narrativen Interviews mit Kursteilnehmer*innen arbeiteten sie das Verhältnis zwischen der durch die Einrichtung vorgegebenen Kurszeit und der kollektiv praktizierten und individuell erlebten Lernzeit heraus. Das Zusammentreffen unterschiedlicher Zeiten wurde in der Analyse als Herausforderung der Erwachsenenbildung sichtbar. [10]
Während in diesem Beitrag die Zeit im Zentrum des Erkenntnisinteresses stand, wird mit dem nachfolgenden Beitrag gezeigt, dass es fruchtbar sein kann, eine zeitsoziologische Perspektive auch in Untersuchungen einzunehmen, in denen die Zeit nicht im Vordergrund steht. Nicole BURZAN (2020) berichtet aus einer Untersuchung über die Statusreproduktion innerhalb einer Familie. Datengrundlage waren Familieninterviews, an denen drei Generationen beteiligt waren. Systematisch wurden auf dieser Basis Bezüge zwischen Zeit- und Statusreproduktionsaspekten herausgearbeitet, wenn etwa die Herstellung von Kontinuität der Unternehmensgeschichte mit den Strategien des Vaters, seine Kinder auf die spätere Nachfolge vorzubereiten, zusammengebracht wird. Familieninterviews bieten, so zeigt sich dabei auch, die Möglichkeit zu untersuchen, wie familiale Zeitbezüge durch die Beteiligten ausgehandelt bzw. hergestellt werden, wer also beispielsweise die "Deutungshoheit über die erzählte Zeit" (§8) einnimmt bzw. wem diese zugestanden wird. [11]
Methoden: In dem Beitrag von BURZAN wird angesprochen, was ein zweiter wesentlicher Aspekt ist, der für uns von besonderem Interesse ist, nämlich die Frage danach, wie welche Zeit mit welchen Methoden erfasst werden kann oder, wie Vibeke Kristine SCHELLER (2020) es formuliert: "… portraying time as social structure / temporal process" (§43). Ihr Forschungsansatz ist die Organisationsethnografie, genauer gesagt die Tempography, mit der implizite Zeittheorien innerhalb von Organisationen fokussiert werden. Basis der Argumentation der Autorin ist eine eigene Studie in einer Tagesklinik für Herzpatient*innen, in der sie organisationale Abläufe zeittheoretisch und multimethodisch untersuchte. Sie zeigt auf, dass qualitative Methoden unterschiedliche Zeitbezüge aufweisen: Während mittels biografischer Interviews mit Patient*innen stärker lineare Narrative produziert werden, geben ihre Beobachtungen von Entscheidungssituationen in organisationalen Abläufen Einblick in das professionsspezifische Zeitmanagement in der Klinik, bei dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verwoben werden. Währenddessen lieferten Objekte – wie beispielsweise Berichte – die Grundlage für den Zeitplan, der als "frozen in time" (§38) eine weitere Ebene der Tempography darstellt. Darüber hinaus diskutiert sie, welche Bedeutung die Auswahl (zeit-)theoretischer Konzepte für die ethnografische Forschung hat. [12]
Theorien: In Theorien ist stets eine Vorstellung von Zeit eingewoben – teilweise explizit, teilweise eher implizit. Inwiefern Theorien hilfreiche Denkwerkzeuge zur qualitativ-empirischen Forschung zu Zeit sein können, ist zentraler Gegenstand des Beitrags von Maja SUDERLAND (2020), die diese Frage an die Arbeiten von Pierre BOURDIEU stellt. Dafür schält sie systematisch die Aspekte der Zeitlichkeit des Sozialen in dessen Theorie heraus. Insbesondere das Habitus-Konzept ist zeittheoretisch höchst relevant als vergessene Geschichte wie auch gegenwärtige Zukunft. Akribisch werden weitere zentrale Begriffe wie Kapital, Kairos, Hysteresis und Anlage-Sinn auf ihre zeittheoretischen Implikationen hin durchleuchtet. Inwiefern die Offenlegung der Zeitbezüge für die qualitative Forschung nützlich sein kann, zeigt sie an einer eigenen interviewbasierten Studie zu Bildungsaufstiegen. [13]
Dinge: Ebenfalls in der zeitsensiblen Forschung relevant sind die Dinge. Materialität wird im Beitrag von Miklas SCHULZ (2020) in Form des Hörbuchs thematisiert, das, so die Ausgangsannahme, eine eigenqualitative Zeitstruktur hat. Es geht um die Wechselwirkung zwischen eben dieser Eigenzeit des Mediums und den Aneignungs- und Erlebnisweisen – im Sinne eines subjektiven Zeiterlebens – durch die Konsument*innen: Zeit wird hier konsequent gedacht als ein relationales Konstrukt, es geht stets um Zeit von etwas – hier dem Hörbuch. An diesem Gegenstand untersucht SCHULZ, "wie sich die Menschen über ihre Aneignungspraxen zur – gegebenen oder eigens erschaffenen – Zeitlichkeit des (Hör-)Textes ins Verhältnis setzen" (§13). Im nachfolgenden Beitrag wendet sich Isabelle BOSBACH (2020) einer spezifischen Technologie zu, die einen neuen Umgang mit Zeit, gar die "Pausierung von Zeit" verspricht: dem Social Freezing. Gegenstand ist der Expert*innendiskurs, in dem das Ablaufen der "biologischen Uhr" (§27) der Frau als Problem benannt und als Antwort darauf das Einfrieren von Eizellen als "Fertilitätsreserve für die Zukunft" (§30) in Aussicht gestellt wird. Organisches Material wird – so die Deutung der Expert*innen – aus der physikalischen Zeit herausgenommen und als Möglichkeit für die Zukunft konserviert. Der Beitrag schließt so mit Blick auf eine höchst aktuelle Technologie in die Reihe der Arbeiten an, in denen der Frage nachgegangen wird, wie durch neue Technologien der Umgang mit Zeit herausgefordert bzw. inwieweit in Expert*innen-Diskursen über diese Zeitversprechen artikuliert werden. [14]
Gemein ist den in dem Schwerpunkt versammelten Texten, dass Zeit als ein soziales Konstrukt und folgerichtig plural verstanden wird. Das bedeutet auch, dass in Forschungen nicht nur die theoretischen und methodischen Zeitimplikationen reflektiert werden sollten, sondern auch die selbstverständlichen Vorstellungen von Zeit der Forschenden selbst. Ein Beispiel aus der eigenen Praxis: In einer Längsschnittstudie zu Lebenswegen junger Menschen nach Verlassen der Schule (KÖNIG 2019) wurde ein Auszubildender nach seinen Zukunftsvorstellungen gefragt. Im ersten Interview erzählte er, dass er ursprünglich einen Realschulabschluss erlangen wollte, dann aber nach für ihn unüberbrückbaren Konflikten mit einem Lehrer die Schule frühzeitig verlassen und – mangels Alternativen – eine Ausbildung in einem Maler-Lackierer-Betrieb aufgenommen habe. In diesem fühlte er sich ausgenutzt; er wechselte den Betrieb. Zum Zeitpunkt des zweiten Interviews stand er kurz vor Abschluss der Ausbildung, die er eher durchgehalten als geschätzt hatte. Er war kein Maler-Lackierer geworden und wollte in diesem Feld auf keinen Fall arbeiten. Auf die (ungeschickte) Frage der Interviewerin, ob er plane, eine andere Ausbildung anzuschließen, reagierte er etwas barsch. Dies sei nicht denkbar, "weil wenn ich jetzt erst nach der Ausbildung mal Realschulabschluss machen würde ein Jahr oder nochmal drei Jahre Industriekaufmann. Bin ich ja fast in Rente" (S.309) Interviewerin und Interviewter folgten unterschiedlichen Zeiten und Fahrplänen. Für sie stand einem knapp 20-Jährigen die Zukunft offen, für ihn war die Zeit des Ausprobierens bereits abgelaufen. Deutlich wird, dass Zeithorizonte auch gebunden sind an soziale Positionen. Dies zu reflektieren ist auch Aufgabe der Interviewenden, um in Interviews sensibel zu sein für unterschiedliche zeitbezogene Normalitätsvorstellungen. Erst dies gewährleistet, den Interviewverlauf nicht durch die eigenen Zeitnormen zu steuern. [15]
Mit diesem Schwerpunkt wollen wir einen Einblick darin geben, wie wichtig eine zeitanalytische Perspektivierung auf verschiedenen Ebenen qualitativer Forschung sein kann. Wir hoffen, so einen Beitrag zur Entwicklung einer zeitsensiblen qualitativen Sozialforschung zu leisten und der Vielfalt erprobter Methoden und Ansätze zu mehr Sichtbarkeit verhelfen zu können. [16]
Diese Schwerpunktausgabe wäre nicht ohne die intensive Unterstützung durch Maggie O'NEILL (University of Cork) möglich gewesen, die im gesamten Prozess aktiv mitwirkte und das entstandene Werk auf eine ganz entscheidende Weise prägte. An dieser Stelle bedanken wir uns ganz herzlich bei ihr. Ferner danken wir allen Gutachterinnen und Gutachtern, die die Beiträge sorgfältig lasen und kommentierten. Jana OEHLKE war eine unschätzbare Hilfe bei der formalen Gestaltung und dem Lektorat der Beiträge. Katja MRUCK vom FQS war mit Rat und Tat immer für uns da. Natürlich danken wir allen Autorinnen und Autoren, die ihre Beiträge uns zur Publikation in diesem Rahmen anvertrauten.
1) Zum Kern der Projektgruppe (DFG-Nummer 327762390, Förderung seit 2016) zählen neben uns Fanny HÖSEL, Sina-Mareen KÖHLER, Sebastian SCHINKEL, Julia SCHREIBER, Regina SOREMSKI Maren ZSCHACH (siehe auch SCHINKEL et al. 2020). <zurück>
2) Im Folgenden verstehen wir den Begriff "qualitative Sozialforschung" als Oberbegriff. Einige der Autor*innen der Beiträge der Sonderausgabe verorten sich explizit in der interpretativen oder rekonstruktiven Sozialforschung (siehe für einen Vorschlag zur Differenzierung REICHERTZ 2016). <zurück>
Burzan, Nicole & Schöneck, Nadine M. (2014). Zeit. In Günter Endruweit, Gisela Trommsdorff & Nicole Burzan (Hrsg.), Wörterbuch der Soziologie (S.638-639). Konstanz: UVK.
Dressel, Gert & Langreiter, Nikola (2008). Wissenschaftlich Arbeiten – schneller, höher, weiter? Zum (Un-)Verhältnis von Arbeit und Freizeit in den (Kultur-)Wissenschaften. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(1), Art. 38, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-9.1.313 [Zugriff: 3. Mai 2020].
Endreß, Martin (2006). Alfred Schütz. Konstanz: UVK
Hannken-Illjes, Kati (2007). Temporalitäten und Materialitäten. Einleitung zum Themenband Zeit und Diskurs. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(1), Art. 29, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-8.1.199 [Zugriff: 3. Mai 2020].
Hannken-Illjes, Kati; Kozin, Alexander & Scheffer, Thomas (Hrsg.) (2007). Zeit und Diskurs. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(1), http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/issue/view/6 [Zugriff: 3. Mai 2020].
Heitkötter, Martina; Jurczyk, Karin; Lange, Andreas & Meier-Gräwe, Uta (Hrsg.) (2009). Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien. Opladen: Barbara Budrich.
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König, Alexandra (2019). Spielfelder des Selbst. Eine Längsschnittstudie zu jungen Erwachsenen in Handwerksbetrieben, Hochschulen und Kunstakademien. Weinheim: Beltz/Juventa
Lutz, Helma; Schiebel, Martina & Tuider, Elisabeth (2018). Einleitung: Ein Handbuch der Biographieforschung. In Helma Lutz, Martina Schiebel & Elisabeth Tuider (Hrsg.), Handbuch der Biographieforschung (S.1-8). Wiesbaden: Springer VS.
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Elisabeth SCHILLING ist Professorin für Sozialwissenschaften an der Fachhochschule für Polizei und Verwaltung NRW. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in Soziologie im Bereich der Migrations- und Diversitätsforschung insbesondere im Hinblick auf Interdependenzen zwischen Arbeit bzw. beruflicher Bildung, Biografie und Zeitpraktiken.
Alexandra KÖNIG ist Professorin für Sozialisationsforschung an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Soziologie der Kindheit, Jugend und Familie, soziale Ungleichheiten und Kultur.
Schilling, Elisabeth & König, Alexandra (2020). Herausfordernde Zeiten – Methodologien und methodische Ansätze zur qualitativen Erforschung von Zeit [16 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 21(2), Art. 27, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-21.2.3508.

References: Art. 27
 §3
 Art. 38
 Art. 29
 Art. 9
 Art. 19
 Art. 14
 Art. 25
 Art. 35
 Art. 1
 Art. 3
 Art. 13
 Art. 27