Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=BGHZ%20144,%20311
Timestamp: 2018-11-16 00:12:56+00:00

Document:
BGH, 16.05.2000 - VI ZR 90/99 - dejure.org
Arbeitnehmerbeiträge - Sozialversicherung - Vorenthaltung i.S.d. § 266a Abs. 1 StGB - Lohnauszahlung
Vorenthalten von Arbeitnehmerbeiträgen zur Sozialversicherung durch Arbeitgeber auch bei gleichzeitig unterlassener Auszahlung der Nettolöhne
Strafbarkeit der Vorenthaltung der Arbeitnehmerbeiträge zur Sozialversicherung auch dann, wenn für den betreffenden Zeitraum kein Lohn gezahlt worden ist
Haftung des Geschäftsführers einer Komplementär-GmbH bei Nichtabführung von Arbeitnehmerbeiträgen zur Sozialversicherung
BGB § 823 Be; StGB § 266a
Arbeitnehmeranteile, Beitragsvorenthaltung, Geschäftsführer, Gesellschaftsrecht, Haftung
Sozialversicherung; Vorenthaltung der Arbeitnehmerbeiträge zur Sozialversicherung
Beitragsvorenthaltung - Nichtabführen von Sozialversicherungsbeiträgen
StGB § 266a Abs. 1; BGB § 823 Abs. 2
StGB BT, "Vorenthalten " von Arbeitnehmerbeiträgen auch ohne Lohnzahlung
Strafbarkeit bei Vorenthaltung von Arbeitnehmerbeiträgen zur Sozialversicherung auch ohne Lohnzahlung
BGHZ 144, 311
NJW 2000, 2993
ZIP 2000, 1339
MDR 2000, 953
NStZ 2001, 91
NZI 2001, 301
VersR 2000, 981
WM 2000, 1509
BB 2000, 1800
DB 2000, 1703
Dagegen ist das Bestreben des Geschäftsführers, sich durch die genannte Leistung einer persönlichen deliktischen Haftung, etwa aus dem Gesichtspunkt des § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 266 a StGB (vgl. dazu BGH, Urt. v. 16. Mai 2000 - VI ZR 90/99, ZIP 2000, 1339), zu entziehen, kein im Rahmen des § 64 Abs. 2 Satz 2 GmbHG beachtlicher Umstand; vielmehr müßte in einem solchen - hier allerdings nicht gegebenen - Fall einer Pflichtenkollision das deliktische Verschulden verneint werden, wenn sich der Geschäftsführer - gemessen am Maßstab der dem Interesse der Gesamtheit der Gesellschaftsgläubiger dienenden Spezialvorschrift des § 64 Abs. 2 GmbHG - normgerecht verhält.
Maßgebend ist seither allein noch das "Vorenthalten" von Beiträgen des Arbeitnehmers (vgl. ausführlich zur Entstehungsgeschichte BGHZ 144, 311).
a) "Einbehalten" (§ 38 Abs. 3 Satz 1 EStG) bzw. "Abzug vom Arbeitsentgelt" (§ 28 g SGB IV) liegt nur dann vor, wenn der Arbeitgeber die vertragsgemäße Vergütung gekürzt um die Lohnsteuer bzw. den Sozialversicherungsbeitrag auszahlt (vgl. BGH 16. Mai 2000 - VI ZR 90/99 - ZIP 2000, 1339, 1341).
In einem auf § 823 Abs. 2 BGB iVm § 266a des Strafgesetzbuchs (StGB) gestützten Schadenersatzprozess einer Allgemeinen Ortskrankenkasse gegen einen Geschäftsführer hat der BGH mit Urteil vom 16. Mai 2000 (BGHZ 144, 311) entschieden, dass Arbeitnehmerbeiträge zur Sozialversicherung iS des § 266a Abs. 1 StGB vorenthalten sein können, wenn kein Lohn an den Arbeitnehmer ausgezahlt worden ist.
Der Arbeitgeber schuldet den gesamten Rentenversicherungsbeitrag (§ 28d SGB IV) allein als seine originär eigene Schuld (…stRspr: zB BSG SozR 3-2400 § 25 Nr. 6 S 27;… BSGE 64, 110, 113 = SozR 2100 § 14 Nr. 22 S 23;… BSGE 48, 195, 197 = SozR 2200 § 394 Nr. 1 S 3;… BSG SozR 2400 § 28i Nr. 1 S 6; BFHE 172, 467, 470; BGHZ 133, 370, 375; BGH NJW 2000, 2993, 2995;… ebenso einhellige Ansicht in der Literatur: zB Zweng/Scheerer/Buschmann/Dörr, Handbuch der Rentenversicherung, 3. Aufl, Stand: März 1998, § 28e SGB IV RdNr 4; Hauck in: Hauck, SGB IV, Stand: Dezember 1997, § 28e RdNr 5; Gleitze in: Gemeinschaftskommentar zum SGB IV, 1992, § 28e RdNr 1; Verbandskommentar, Stand: 2. Halbjahr 1996, § 28e SGB IV RdNr 6; Schmidt in: Schulin , HS-RV, 1999, § 49 RdNr 227; Minn in: Schulin , HS-KV, 1994, § 51 RdNr 181; Klose, NZS 1996, S 9, 13; Schmalor, Der Gesamtsozialversicherungsbeitrag, 7. Aufl 1999, S 410).
Demgegenüber ist das Nichtabführen von Beitragsanteilen, die vom Arbeitgeber allein zu tragen sind (dh vor allem die sog Arbeitgeberanteile), nicht strafbar (zuletzt BGH, NJW 2000, 2993, 2995) und auch vor dem Inkrafttreten des § 266a StGB nicht strafbar gewesen.
Das Berufungsgericht wird bei der Feststellung und Anwendung des englischen Rechts zu berücksichtigen haben, dass nach § 266a Abs. 1 StGB das Vorenthalten von Arbeitnehmeranteilen zur Sozialversicherung - anders als die Einbehaltung sonstiger Teile des Arbeitsentgelts unter den Voraussetzungen des § 266a Abs. 2 StGB - kein untreueähnliches Verhalten des Arbeitgebers voraussetzt, sondern die Strafbarkeit allein der finanziellen Sicherung der Sozialversicherung dient, und dass in diesem Zusammenhang die Vorenthaltung von Arbeitnehmeranteilen besonders verwerflich ist, weil der Arbeitgeber insoweit die Möglichkeit zum Lohnabzug gegenüber dem Arbeitnehmer hat, der Arbeitgeber also wirtschaftlich letztlich nicht belastet wird (BGH, Urteil vom 16. Mai 2000 - VI ZR 90/99, BGHZ 144, 311, 317 ff.).

References: § 266
 § 823
 § 266
 § 266
 § 823
 § 823
 § 266
 § 64
 § 64
 BGH 
 § 823
 § 266
 BGH 
 § 266
 § 25
 § 14
 § 394
 § 28
 BGH 
 § 28
 § 28
 § 28
 § 28
 § 49
 § 51
 § 266
 § 266
 § 266