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Timestamp: 2018-02-24 14:13:39+00:00

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Claus Just - Jost Künzli von Fimmelsberg
„Um zu handeln, muß man zuerst verstehen“ – eine Einführung in das publizierte wissenschaftliche Werk von Jost Künzli von Fimmelsberg
von Claus Just
Tradition in der Homöopathie
„Die Reihe der großen alten Männer ist leider in deutlichem Abnehmen begriffen“, schrieb Jost Künzli von Fimmelsberg 1974 mit Pathos, aber auch wehmütig zum 80. Geburtstag seines Lehrers Pierre Schmidt . Pierre Schmidt starb 1987 mit 93 Jahren. Künzli hatte 1990 seinen eigenen 75. Geburtstag. Er ist für viele Schüler und die nachrückende Generation selber zu einem der „großen Alten“ in der Homöopathie geworden. Was zeichnet die Vätergeneration der Homöopathen aus? Ist schon eine neue Generation der Väter da?Tradition hat in der 200-jährigen Geschichte der Homöopathie ein anderes Gewicht als beispielsweise in der Allgemeinmedizin, in der Pädagogik oder im Sport: kein Vertreter dieser Sparten käme auf die Idee, sich dem traditionellen Standard etwa der Chirurgie des 19. Jahrhunderts, der Pädagogik Pestalozzis oder der Rekordmarke von Rudolf Harbig aus dem Jahre 1939 als Ziel zu setzen. Aber: ,,Macht‘s nach“ ist das merkwürdige Erkennungswort der Homöopathen. Die genaueste Wiederholung dessen, was die Gründer geschaffen haben, gibt hohe Noten in der Pflicht, bekanntermaßen eine gute Voraussetzung für die Kür. Weniger sportlich gesagt: Die Generation der Homöopathen, die bis 1925 geboren wurde, hat nach 1945 die Homöopathie wiederentdeckt und neu begründet, die man die klassische nannte. Heute weiß man, was das ist und beginnt, den Begriff „klassisch“ als Leihbegriff aus der Kunstgeschichte zu vermeiden. Klassisch ist die Homöopathie Hahnemanns. Eine andere gibt es nicht mehr. Wirklich nicht?
Die „großen Alten“ klagen manchmal, daß „fast kein Mensch mehr reine Homöopathie betreibt“, Künzli z. B.. Nicht ohne Mißtrauen schauen sie auf Entwicklungen und Bewegungen der Nachfolger.
Wissenschaftliche Homöopathie im Zeitalter des Pluralismus
Alle Zeichen der Zeit in den 90er Jahren, alle Entwicklungen, ob technischer, politischer oder künstlerischer Art, deuten auf Pluralität hin. Wir haben uns dieser Pluralität, ob und wo auch immer wir sie negativ oder positiv sehen, auch in Fragen der Medizin, zu stellen, wenn wir nicht in Zeiten ideologischer und dogmatischer Zwänge und Einengungen zurückfallen wollen. Ich will sagen, unsere Antworten müssen differenzierter werden. Jeder soll Homöopathie betreiben, wenn er kann. Nicht jeder kann Homöopathie betreiben, denn Homöopathie ist eine Wissenschaft und eine Kunst, die zu erlernen sind. Eine Wissenschaft mit Regeln und Gesetzen und eine Kunst dazu – wenn man will, und Hahnemann, Kent, Pierre Schmidt und Künzli wollten es so.
Die Generation der Homöopathen, die nach 1945 zu therapieren und zu lehren begann, hat die Bedingungen für die Aufnahme der Homöopathie in den „Kreis der ernsten Wissenschaften“ (Künzli ) geschaffen. Sie hat eine „saubere, klare Therapie“ betrieben und „nur das ist wissenschaftlich“ oder auch künstlerisch. „The art has been studied, but the science of the art has been neglected“, zitiert Künzli aus Kents „Minor Writings“ . Ist die Wissenschaft doch vernachlässigt worden? Die Betonung des wissenschaftlichen Anspruchs, ob für die Theorie oder die Praxis, ist so lange notwendig, als der Anspruch nicht eingelöst ist. Er wird wieder notwendig, wenn er verloren geht. Die „wissenschaftlichen Homöopathen“, zu denen sich Künzli zählt , wissen, daß die Grundlagen der Homöopathie zwischen 1945 und 1990 neu gefestigt wurden. Das aber bedeutet für die Nachfolger, daß keiner hinter das Erreichte zurück fallen darf. Die Grundlagen sind (theoretisch) zu erlernen und (praktisch) anzuwenden.
Künzli ist einer der am häufigsten zitierten Homöopathen der Gegenwart. Er hat viel unterrichtet, in St. Gallen zunächst, dann in Frankfurt am Main, in den 70er und 80er Jahren in Spiekeroog. Orte nicht ohne mythischen Glanz für die Schüler. Der Beginn der Arbeit mit Kents Repertorium ist mit seinem Namen verbunden. „Kent´s Repertorium Generale“ hat er mit seinen therapeutischen Erfahrungen und Ergänzungen bereichert. Das „Synthetische Repertorium“ von Horst Barthel und Will Klunker sind ihm, dessen Nachträge auch hier eingearbeitet wurden, dem „Meister und Lehrer der Homöopathie“ gewidmet. Seit 1954 ist Künzli in der „Allgemeinen homöopathischen Zeitung“, seit 1957 in der „Zeitschrift für Klassische Homöopathie“ und seit 1982 im „Deutschen Jourmal für Homöopathie“ mit theoretischen Beiträgen und Kasuistiken präsent.
Aber es gibt kein Lehrbuch der Homöopathie von ihm. Die Zürcher Vorlesungen (seit 1987) sollten mal eines werden. Sie sollten Kents „Theorie der Homöopathie“, die Künzli 1973 übersetzt und herausgegeben hatte , also Kents grundlegende Vorlesungen über Hahnemanns „Organon“, fortsetzen. Kents Vorlesungen sind auf der Grundlage von Mitschriften der Hörer zustande gekommen sind – was ihre Originalität natürlich nicht immer garantiert. Künzli hat selber darüber Mitteilungen gemacht . Er hatte mit dem Kent-Schüler Pierre Schmidt an der Vorbereitung für die französische Ausgabe der „Theorie der Homöopathie“ gearbeitet und Schmidts Erläuterungen (Neuerungen der 6. Auflage des „Organons“ z.B., da Kent noch von der 5. Auflage ausgehen mußte) durch weitere Anmerkungen oder kleine Tabellen ergänzt.
Es gibt zwar kein neues (Zürcher) Lehrbuch, aber es gibt diese Vorlesungen Kents über Hahnemanns „Organon“, und dieses gibt es auch. Das „Organon“ gilt Künzli als Basis der homöopathischen Wissenschaft und Kunst. Es wird, zusammen mit Kent, am häufigsten von ihm zitiert und zur theoretischen Beweisführung und Interpretation herangezogen. Man muß das „Organon“ sehr gut kennen, um Künzlis Homöopathie zu verstehen. Alles was er – fast ausschließlich in Zeitschriften – veröffentlicht hat, ist Kommentar zu Hahnemanns „Organon“, angereichert durch die grundlegende Literatur der Zeit Hahnemanns und die Literatur der amerikanischen Homöopathie bis in die 20er Jahre, soweit sie Hahnemann verpflichtet war, besonders also Kent, dessen Schüler A. Eugene Austin ein halbes Jahr Lehrer von Pierre Schmidt war.
Auf der Suche nach einem Lehrer wurde Künzli über Informationen aus Amerika auf Pierre Schmidt in Genf aufmerksam gemacht. Für das ganze Jahr 1946 wurde er Schüler bei ihm, dessen Kentsche Homöopathie er erlernte und der er verpflichtet blieb. Hahnemann – Kent – Schmidt: Das Werk dieses Dreigestirns wurde von Künzli aufgenommen, weiterentwickelt und gelehrt. Im lehrenden und praktizierenden Umgang mit diesem Werk verhalf er der klassischen, also der wissenschaftlichen Homöopathie nach dem zweiten Weltkrieg zu einer Renaissance.
Wie können junge Studierende heute und in Zukunft bei Künzli, ohne dessen Kurse zu erleben, in die Schule gehen? Die Möglichkeit einer Schülerschaft über die Literatur hat Künzli durchaus zugestanden . Mag dieser Weg zwar der beste nicht sein, möge man ihn doch nicht unterschätzen. Am Anfang homöopathischen Lernens steht immer die Theorie: ein guter Aufsatz, gute Kasuistik, das Studium der Quellen. Ohne diese ist keine homöopathische Praxis möglich.
Im Folgenden wird der Versuch gemacht, die Anregungen und Quellen Künzlis zu ordnen und sie dem Studium zugänglich zu machen.
Kann ein so viel versprechender Titel wie „Die Säulen der Homöopathie“ als Richtschnur dienen? In dieser kleinen Arbeit werden zwanzig Säulen genannt. Und es wird gesagt, daß es noch viel mehr gibt. Sinngemäß zusammengefaßt sind es:
Arzneien sind krankmachende Potenzen.
Arzneiprüfung am gesunden Menschen
Die vollständige Anamnese
Die spezifische homöopathische Dosierung. Aus ihr folgt:
Nur eine Arznei darf gegeben werden und
nur eine Arzneigabe, deren Wirkung abgewartet werden muß.
Der Potenzierungsprozeß, die Hochpotenz. Daraus folgt, daß
sonst kraftlose Substanzen zu hochkräftigen Arzneien werden, und daß
Gifte zu „gefahrlos“ anzuwendenden Heilmitteln werden.
Riechen ist ebenso wirksam wie einnehmen.
Gewürze und dergleichen sind krankmachende Stoffe. Diätetik.
Es gibt keine Lokalleiden, nur lokalisierte Leiden.
Die dynamische Natur aller Krankheiten, die sich als seelische, als funktionelle und als organische Störungen zeigen.
Die dynamische Wirkung der Heilmittel
Die Arzneiempfindlichkeit kranker Teile
Die Erst- und Nachwirkung der Arzneisubstanzen
Die dynamischen Antidote
Die Bedeutung der Geistessymptome
Die Bedeutung der Ursachen bei akuten und bei chronischen Erkrankungen
Zu jeder der Säulen gibt es Erklärungen, passende Hinweise aus der Literatur, besonders eben aus dem „Organon“ und Kents „Theorie der Homöopathie“, aus denen ja auch alle Stichworte und Themen stammen.
Kommentare zum „Organon“
Künzlis „Säulenarbeit“ ist also ein Kommentar zum „Organon“. Diese Feststellung läßt sich auf sein Gesamtwerk ausweiten, ohne daß man etwas daraus vernachlässigen müßte. Er untermauert diesen Kommentar (z. B. im Säulenaufsatz ) mit Arbeiten von Hering, Rummel, Bönninghausen u. a.. Der Rückgriff auf historische Schriften kennzeichnet alle Arbeiten von Künzli. Auffällig ist auch die durchgehende Auseinandersetzung und der Vergleich mit der Schulmedizin – ein Vorgehen, das aber auch Hahnemann und Kent, ja die ganze Homöopathie charakterisiert, die 200 Jahre, also immer, zur Selbstdarstellung und Abgrenzung gezwungen war. Letztlich wird auch an publizierter Kasuistik die Stimmigkeit von Hahnemanns 291 „Organon“-Paragraphen erwiesen und diskutiert. Alles ist Wiederholung und Kommentar; bei Künzli noch deutlicher als bei anderen. Wir versuchten eingangs zu sagen, warum das genaue Nachmachen zum Wissenschaftsverständnis in der Homöopathie gehört.
Der Kommentarcharakter gibt Künzlis Schriften, werden sie einzeln herausgehoben, etwas Fragmentarisches, nur Spezielles. Man wünscht sich öfter einen zusammenhängenden Lehrstoff. Der ist nur in einer Gesamtübersicht zu haben. In eine kritisch-wissenschaftliche Ausgabe des „Organon“ wären wichtige Kommentare von Künzli einzuarbeiten. Wir haben noch keine anerkannte Wissenschaft der Homöopathie, wenn wir solche Werke nicht haben – wir haben aber die Vorarbeiten, die Spezialarbeiten.
Im Seminar-Bericht eines Teilnehmers in Spiekeroog war einmal von „Acht Geboten der echten Homöopathie gemäß dem Hahnemannschen „Organon“ die Rede:
Klinische Diagnose ist nicht ausreichend.
Die Gesamtheit der Symptome macht das Krankheitsbild.
Ausführliche Anamnese führt zur Simile-Beziehung.
Absetzen aller anderen Medikamente (ausgenommen nicht absetzbarer Substitutionsmittel)
Keine schematisch-programmierten Verordnungsfolgen.
Keine Mischung von zwei oder mehr Medikamenten
Die eine Gabe und die Wiederholung
Auch hier darf man keine vollständige Tabelle oder Übersicht erwarten. Ergänzungen zu den Säulen (4 und 5) stehen neben Wiederholungen und auch Grundsatzaussagen (8); Hahnemanns „Organon“ schaut überall durch, aber eben nur punktuell. Eine vollständige Gliederung der Homöopathie, auch der Künzlis, wäre nur über die Gliederung des „Organon“ zu erfahren, dazu über weitere Teilgliederungen in Kents Vorlesungen zu den einzelnen Paragraphen.
Prinzipien und Anwendung – Theorie
Ziemlich genau in der Mitte seiner „Theorie der Homöopathie“, am Anfang der XVII. Vorlesung („Wissenschaft und Kunst des Heilens“ ) sagt Kent, daß in den bisher behandelten Paragraphen 1-70 des „Organon“ die „Prinzipien“ der Homöopathie dargestellt wurden. Das sind in Kents Einteilungen:
Schloß und Schlüssel der Heilkunst – Individualisation
Erfahrung und Beobachtung in der Medizin
Ätiologie – Chirurgische Fälle – Mikroben
Vorübergehendes Übelbefinden und Symptomatologie
Die Elementarsubstanz
Materialismus in der Medizin
Krankheit und Heilung spielen sich nur auf dynamischer Ebene ab.
Die Behebung der Gesamtheit der Symptome bedeutet Behebung der Ursache.
Krankheitsempfänglichkeit
Immunität und unähnliche Krankheiten
Von § 71 an, so sagt Kent, behandle Hahnemann die therapeutische „Anwendung“ dieses im ersten Teil Dargestellten (Kents Vorlesungen XVIII-XXXVI):
Krankheits- und Arzneimittelstudium im Allgemeinen
Die Untersuchung des Kranken
Aufzeichnung des Krankheitsbildes und des Krankheitsverlaufes
Die homöopathische Verschlimmerung
Prognose aus der Reaktion auf die erste Gabe
Prinzipien und Anwendung der Homöopathie werden im „Organon“ theoretisch, wissenschaftlich abgehandelt, desgleichen bei Kent, Schmidt und Künzli in ihren Kommentaren. Insofern gehören nicht nur die Prinzipien, sondern auch die Anwendung, die Praxis zur „Theorie“ der Homöopathie – freilich eine ungewöhnliche Sicht für den deutschsprachigen Kulturraum, in dem „Theorie“ und „Praxis“ gern gegeneinander ausgespielt werden: Ein tödliches Vorgehen in der Homöopathie. Dennoch gibt es etwas jenseits der Theorie: „Die Wissenschaft ist in den Büchern und jeder genügend intelligente und begabte Mensch kann sie erlernen. Aber die Kunst nicht; die Kunst ist das Ergebnis der Sensibilität gepaart mit der Erfahrung des Künstlers; nur dieser allein hat sie. Um zu handeln, muß man zuerst verstehen“ . Die Prinzipien („Organon“ §1 – § 70) muß man verstehen und die Anwendung (§ 71 – § 291) auch. Ob einer dann zum „Heilkünstler“ taugt, entscheiden – nach dem Verstehen, nach der Theorie – die Sensibilität und die Erfahrung.
Was gemeinhin homöopathische Praxis (und Heilkunst) genannt wird, ist oft Handeln mit großer (und auch kleiner) Sensibilität und Erfahrung, aber ohne das Verstehen des „Organon“, ohne die Theorie der Prinzipien und der Anwendung. Intuition und Willkür, sogenannte „künstlerische Freiheit“ im Sprachgebrauch, seien der Homöopathie fremd, hieß es. Künzlis historisches Verdienst ist es, die Bedeutung von Theorie und Wissenschaft für das Erlernen und für die kunstgerechte Ausübung der Homöopathie wiederhergestellt zu haben. In unterschiedlichsten Spezialkapiteln und Arbeitsgängen bewegt er sich bis zum heutigen Tage auf dieses Ziel hin.
Schriften zur Historie der Homöopathie
Künzli hat, spätestens seit er 1946 in Pierre Schmidts großer Bibliothek arbeiten durfte, eine Vorliebe für homöopathische Literatur seit der Zeit Hahnemanns. Er selbst hat alles Erreichbare gesammelt und von den ersten Veröffentlichungen an zitiert, kommentiert und auch übersetzt. In der homöopathischen Literatur Hahnemanns, Kents, Schmidts und Künzlis erscheinen die Prinzipien und ihre Anwendung immer nahe beieinander und ineinander verschränkt, bis hinein in die Darstellung der Kasuistik. Gleichwohl sind einige rein historische Studien Künzlis bekannt.
Die „Kurze Biographie Korsakofs“ ist eine Übersetzung aus Bradfords „The Pioneers of Homoeopathy“ (1897). Unstimmigkeiten auf dem Liga-Kongreß 1960 zwangen Künzli zur Recherche. Adolf Voegeli hatte sich auf Richard Haehl berufen, der Korsakoff für einen russischen General hielt . Simeon von Korsakoff, der sich schon länger mit medizinischen Fragen befaßt hatte, war der erste Russe, der ab 1829 Interesse für die Homöopathie zeigte und schon bald zu therapieren begann. Er publizierte in „Stapfs Archiv“ und trat in briefliche Korrespondenz mit Hahnemann über die Arznei-Wirkung trockener, arzneikräftiger Kügelchen auf unarzneiliche. Hahnemann hat mit Korsakoff sowohl über das Riechenlassen an Arzneimitteln als auch über die Wirksamkeit der Potenzierungen über C 30 diskutiert. Korsakoffs Potenzierungsverfahren ist bis heute in Gebrauch.
Bei einem Besuch in den USA im März 1981 zeichnete Künzli ein düsteres Bild der amerikanischen Homöopathie: die Zeit der Blüte aus den Anfängen des Jahrhunderts sei vorbei. Er kommentierte den Anstoß, den Georgos Vithoulkas dort seit einigen Jahren mit seinen Kursen gegeben hatte. Es hätten sich, vergleichbar den früheren homöopathischen Colleges, Initiativen einer universitätsähnlichen Ausbildung zum homöopathischen Arzt ergeben. Künzli plädiert für ein Postgraduierten-Studium für fertige Ärzte. Er kritisiert weiter die neue Überbewertung der Geistes- und Gemütssymptome gegenüber anderen, wichtigeren Zeichen – er meint die Symptome nach § 153. Auch mit Vithoulkas‘ „Essenzen“ der Arzneimittel (z. B. Feigheit bei Lycopodium) würde man, sagt Künzli, an 90 % aller Fälle des betreffenden Mittels vorbeipraktizieren .
Geschichte der Homöopathie in den USA
Begründer der Homöopathie in Amerika wurde der Sachse Constantin Hering, der seit 1833 in Philadelphia arbeitete und 1835 mit Wiliam Wesselhoeft die erste homöopathische Akademie im Vorort Allentown gründete. 1848 war er Mitbegründer des Hahnemann Medical College and Hospital in Philadelphia zur Ausbildung homöopathischer Ärzte. Diese fünfjährige, traditionell medizinische und homöopathische Ausbildung wurde die beste in Amerika. Schüler wurden die drei Allen, Timothy Field Allen (der die Enzyklopädie verfaßte), John Henry Allen (der Miasmen-Forscher) und Henry C. Allen (der ein Nosodenbuch schrieb), deren Werke heute wieder in den Bücherschränken der Homöopathen stehen.
In einem etwas ausführlicheren biographischen Kapitel über James Tylor Kent (1849-1916) betont Künzli, daß Kent Theorie, Materia Medica und Repertorisation lehrte, und als Leiter der Poliklinik praktizierte. Hier fand Künzli das eigene Ideal homöopathischer Lehre, Forschung und Patientenbetreuung wieder. „Wenn er Theorie las, legte er das ,Organon‘ vor sich, schlug einen Paragraphen auf und trug dann im freien Vortrag vor.“ So hatte es schon Hahnemann an der Leipziger Universität ab 1812 gemacht. So machte es Künzli auch. Die Vorlesungen zur Materia Medica, wie wir sie aus den Mitschriften der Studenten kennen, trug Kent nach Herings „Guiding Symptoms“ vor, nach Künzli die beste Arzneimittellehre, die es überhaupt gibt.
Die Verwirrung unter den amerikanischen Homöopathen sei groß gewesen, referiert Künzli. Einige gaben Komplexmittel und die Routineverschreiber, die Kent in seiner „Theorie der Homöopathie“ so kritisierte, gaben nach Diagnose immer dasselbe. Auch der Streit zwischen Hoch- und Tiefpotenzlern war der Homöopathie in Amerika seit Hahnemanns Zeiten treu geblieben. Ebenso der Streit der Anhänger verschiedener Repertorisationsmethoden. Kent brachte Ordnung in das Wirrwarr, „das wir ja heute wieder sehen“, sagt Künzli 1988. „Er ist ganz strikt auf Hahnemann zurückgegangen, so strikt, wie eigentlich vor ihm keiner“.
Kents berühmteste Schüler, A. Eugene Austin und Frau Fredericka E. Gladwin, wurden Pierre Schmidts Lehrer. Die amerikanische Homöopathie fiel nach Kents Tod trotz dieser Schüler, die sein Werk weiter betreuten, langsam auseinander und ging 1929 im Finanzkrach, der auch die privaten Colleges traf, fast ganz zu Grunde. Künzli zieht seine Schlüsse für die Gegenwart: Intensivkurse, aus denen die Ärzte doch nur in den täglichen Streß zurückkehren, reichen nicht. Solide Finanzen fordert er, eine Spendenaktion wie im Amerika des 19. Jahrhunderts. Und ein Ende des Streits unter den Homöopathen wünscht er sich: Es gibt eben „verschiedene Leute“.
Amerikanische Literatur hat ihn immer interessiert. Zuletzt Harris L. Coulter und Barbara L. Fisher: „DPT – A Shot in the Dark“ (1986), das er rezensiert . Darin wird über lmpfschäden, besonders durch den Pertussis-Impfstoff, berichtet: plötzlicher Tod oder Kollaps; Hirnschäden; Rötung, Schwellung, Verhärtung an der Impfstelle; stunden- bis tagelange Cri-encephalique-Episoden; hohes Fieber; Somnolenz; Schielen; epileptische Anfälle, Lähmung und vieles mehr, alles therapieresistente Schäden. Die Diskussion war durch eine Fernseh-Sendung 1982 ins Rollen gekommen, worauf Eltern betroffener Kinder Aktionen starteten, die inzwischen rechtliche Schutzmaßnahmen zur Folge haben. Künzli hält im Sinne dieser Studie Impfbefürwortern, die steigende Keuchhustenfälle ohne Impfung befürchten, entgegen: Keuchhusten sei nicht mehr die gefürchtete Krankheit von einst und lmpfgeschädigte gäbe es viel mehr als Todesfälle und Dauerschäden bei Ungeimpften. Außerdem schütze Impfung nicht hundertprozentig. Auch die in Europa propagierte MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) habe Schädigungen auf dem Gewissen: hohes Fieber, Hautausschläge, Hirnschäden, Lähmungen, Entzündungen, Blutbildveränderungen. Jede Impfung sei ein „Schuß ins Dunkle“; vgl. auch Künzlis Übersetzung eines amerikanischen Artikels von Elisabeth Wright-Hubbard „Unterdrückung“ (1966) , in dem Impfung als eine der sieben Arten von Unterdrückung aufgezählt wird. Auch bei uns sollten, so Künzlis Anregung, die Eltern impfgeschädigter Kinder sich organisieren, damit die Fälle gesammelt und nicht verdrängt werden.
Den von Kent zwischen 1881 und 1914 verfaßten „Minor Writings“, Aufsätze und Kasuistiken (1987 neu ediert) – Kents Veröffentlichungen neben seiner Trias „Theorie der Homöopathie“, Materia Medica-Vorlesungen und Repertorium – widmet Künzli eine kleine Studie . Ihn interessiert:
Kents Entwicklung von den frühen zu den späten höchsten Potenzen;
die späte Heilwirkung der Hochpotenz, z. B. einmal nach 60 Tagen erst,
wie auch die mögliche späte Reaktion bei Arzneimittelprüfungen;
die in der „Theorie der Homöopathie“ nur angedeutete Problematik häufiger Mittelrepetition findet er hier klar dargestellt;
der Wert selten gebrauchter Mittel;
hohe Potenzen können auch palliativ wirken und unterdrücken;
die Vorrangigkeit der sonderlichen Zeichen entsprechend § 153 vor den Geistes- und Gemütssymptomen, wie bei Hahnemann: Die entsprechende Stelle in der „Theorie der Homöopathie“ („The mind is the key to the men“) sei fehlinterpretiert worden.
Künzli findet weiter eine Quelle guter, aktuell gebliebener Einsichten wie die über die Homöopathen, die von den Gesetzen abweichen und sich irgendwelchen „künstlerischen“ Glaubensrichtungen zuwenden: das könne nur aus Mangel an wissenschaftlicher Theorie in der Homöopathie geschehen.
Auch Clemens von Bönninghausens „Kleine medizinische Schriften“ (neu herausgegeben 1984) werden rezensiert. Künzli schätzt Bönninghausens theoretische Arbeit: Seine Auseinandersetzung mit der Richtung von Ludwig Grießelich wird erwähnt; Grießelich (1804 – 1848) und Schrön (1804 – 1854) hatten Einfluß auf die naturwissenschaftlich/kritische Richtung, in die übrigens auch Künzli hineingeboren und nach der er selbst in der Familie behandelt worden war, mit tiefen Potenzen und ohne das Wissen der Psora-Lehre (wir kommen auf diese Arbeit zurück). Bönninghausen sei einer der ersten gewesen, die gut dokumentierte Krankengeschichten veröffentlichten. Er stellte Arzneien genau nach den Vorschriften her. Zu veröffentlichen sei eine Patientenbehandlung erst nach vierjähriger Nachbeobachtung. Die Warnung war hier, nur mit dem Repertorium Homöopathie zu betreiben, außerdem seien gute Arzneimittelkenntnisse unverzichtbar und die Voraussetzung für den Gebrauch des Hilfsmittels Repertorium. Bönninghausen widersprach der (heute geäußerten) Ansicht, akute Krankheiten mit tiefen, chronische mit hohen Potenzen zu behandeln. Künzli erfährt von Bönninghausen, daß Hahnemann ein komplettes Bild auch der Syphilis und der Sykosis ausarbeiten wollte, ähnlich wie für die Psora, wozu er leider nie kam. Weiter wird registriert, daß Hahnemann vom Gebrauch unverdünnter Medikamente bis zur Anwendung der C 30 zwanzig Jahre brauchte.
Zur Theorie der chronischen Krankheiten: Psora – ein Forschungsbericht
1954 waren die Grundlagenwerke Hahnemannscher Homöopathie noch nicht wieder neu aufgelegt worden. Die „Reine Arzneimittellehre“ kam 1955, die „Chronischen Krankheiten“ 1956, 1958 die 6. Auflage des „Organon“ mit dem Standard der Haehl-Ausgabe (1921). Künzli begann eine seiner ersten Veröffentlichungen mit der Frage „Was ist unter Hahnemanns ,Psora‘ zu verstehen?“ . Er referierte zusammenfassend und tabellarisch Hahnemanns Unterscheidung von akuten und chronischen Krankheiten und deren Unterteilungen – Künzli hält sie nicht für veraltet. Die Psora als Ursache von allerverschiedensten chronischen Krankheiten, angefangen von Geistes- und Gemütskrankheiten, über Epilepsie, Migräne bis zu Krebs und einer Vielzahl von Schmerzzuständen, werden nach § 80 des „Organon“ zitiert. Künzli faßt verschiedene Auffassungen, die es im Laufe der Geschichte der Homöopathie über das Wesen der Psora gegeben hat, übersichtlich zusammen und kommentiert sie:
Psora sei Krätze (Scabies und scabiesähnliche Erkrankungen) und deren Unterdrückungsfolgen.
Künzli verwirft diese Auffassung, weil Hahnemann die Krätzemilbe schon gekannt habe und als pathologischen Faktor genannt haben würde. Außerdem gleiche das Psora-	Bild dem Krätze-Bild nur durch den Ausschlag.
Eher sympathisiert er mit C. W. Wolffs Deutung (1860), nach der die Krätze von einst durch jahrhundertelange Infektion zur Psora geworden sei und zu konstitutionellen Veränderungen, auch bei der Nachkommenschaft ohne Krätzeinfektion, geführt habe. Künzli vergleicht diesen Erklärungsmodus mit dem bekannteren bei Syphilis.
Die Ansicht einiger Autoren wird referiert, Hahnemann habe die Krätze vergleichsweise herangezogen, um seinen Kollegen die Psora zu erklären.
Psora wird in der Literatur auch als Folge unterdrückter Ausschläge gesehen. Künzli hält dagegen, daß der Ausschlag bereits ein Produkt weit fortgeschrittener Psora (wie bei Syphilis oder Sykosis) sei.
Krätze wurde als weitest verbreitete und ansteckendste Gestalt der Psora gesehen (Rummel). Auch andere Hautausschläge wurden unter Psora subsumiert. So wird Psora bei Rummel und Hufeland zu einer Dyskrasie. Künzli glaubt nicht, daß Hahnemann einen humoralpathologischen Standpunkt vertreten hätte, da er ausdrücklich von einer chronischen Infektionskrankheit sprach.
Nach der unbefangenen „Organon“-Lektüre könne man auch den Eindruck haben, Psora sei einfach Diathese, eine Neigung zur Ausbildung aller möglichen Krankheiten. Künzli ist diese Aussage zu unbestimmt.
Der Auffassung, Psora sei gleich Vererbung chonischer Erkrankung, sowie
der Auffassung von Psora als Allergie widerspreche die Hahnemannsche Definition als Infektionskrankheit.
Der gleiche Einwand trifft die Auffassung der Psora als Selbstvergiftung und
Psora als Erbsünde.
Die Erregertheorien für Psora werden zitiert (Tuberkelbazillus u.a. Erreger). Der Ausschlag spreche dagegen, auch die Tatsache vieler psorischer Leiden nach § 80.
Neueste Forschungen, ganz unabhängig von Hahnemann, bringt Künzli mit Hahnemanns Psora in Zusammenhang: Der Erreger der meisten Grippe-Fälle, das Virus Kruse-Dochez, sei nicht nur Auslöser von Katarrhen, sondern z. B. auch von Rheuma. Es leiste evtentuell Schrittmacherdienste für den Tuberkelbazillus.
Künzli geht auch den Forschungen über den polymorphen Krebserreger Siphonospora nach, der überall nachweisbar sei, bei Krebsverdächtigen allerdings nur in Stäbchenform. Diese unter Punkt 12 und 13 reflektierten Untersuchungen würden in der Forschung auch gekoppelt, indem das Virus Kruse-Dochez als Virusform des Krebserregers gesehen wurde. Könnte hier das lange ungeklärte Psora-Miasma seine Erklärung finden?
Künzli ist überzeugt, daß Hahnemanns Psoratheorie noch weitgehend unverstanden, gleichwohl richtig und zukunftsweisend ist; er erhofft weiteren Aufschluß von der modernen Bakteriologie. Ein Scheitern dieser und vergleichbarer Untersuchungen würde ihn aber nicht verlegen machen. Künzli versucht ganz eindeutig, Antworten zu finden, die dem wissenschaftlichen Anspruch der Schulmedizin entsprechen könnten. Spekulativen Theorien ist er nie gewogen. Aber er räumt ein, daß auch Erregertheorien sich als falsch herausstellen können.
Hahnemanns Psora
Künzli behandelt 1959 in einem längeren Beitrag die „Chronischen Krankheiten auf psorischer Basis“ . Auf die Beschreibung akuter Krankheiten folgt die ihrer Grenzen, wenn ein „Auflodern eines sowieso schon lange schwelenden Feuers“ zu beobachten ist: tiefere Stoffwechselstörungen z. B. oder Furunkel, Panaritium. „Kein Gesunder bekommt sie.“ Wiederholte Anfälligkeiten treten auf. Auf diese Fragen gäbe die moderne Medizin noch immer keine eindeutige Auskunft. „Hahnemann allein hat an dieser Stelle den Begriff ,Psora‘ eingeschoben“ und Antipsorika gefunden.
Im Folgenden wird Psora nach Hahnemanns „Chronischen Krankheiten“ definiert: „Eine durchgemachte Krätze, die nicht richtig geheilt wurde“, eine „unterdrückte Krätze“ der Vorfahren. Krätzeausschlag nach 6-14 Tagen Inkubationszeit und allergischen Reaktionen setzt Hahnemann parallel zum syphilitischen Primäreffekt. Alles, was nach der (hilflosen) Unterdrückung folgt, ist „sekundäre“ Psora, analog zur Lues. Auch die Unterdrückung der in späteren Zeiten meist schwächeren Krätzesymptome hat Folgen. Die Psora kann lange latent bleiben. Wer die Psora erbt, erbt sie im Sekundärstadium, in dem sie latent bleibt, bis ungünstige Lebensumstände sie aufwecken. Künzli stellt Hahnemanns Symptomenliste für die latente Psora wörtlich vor .
Die Symptome der Übergangsperiode, nach Ausbruch der Psora aus ihrer Latenz, werden bei Hahnemann wiedergegeben. Künzli zitiert auch sie. Ist dieses Übergangsstadium der Psora ungeheilt verstrichen, kommen die einzelnen Formen der manifesten Erkrankungen selbst.
Künzlis Schlußwort: Alles ist auch heute noch „durchaus plausibel, da es sich bei jedem Fall chronischer Krankheiten verfolgen läßt, wenn man genau nachforscht. Immer geht es durch die angegebenen Stadien mit diesen Symptomen“. Hahnemanns Erklärung der Krätze als Causa wäre heute schwerer zu schlucken, wo man kaum noch Krätze sieht. Daß sie aber nicht erloschen ist, zeigt Künzli an Beispielen auf, und sie kann wieder häufiger werden. Künzli liest Hahnemanns historische Ableitung der Psora durchaus mit Interesse, vor allem die Deutung, daß jahrhundertelange Unterdrückungen zu konstitutionellen Veränderungen bei der ganzen Menschheit geführt haben. Bedeutende Beweise für die Psoratheorie dürften noch erbracht werden.
1962 fragt Künzli, ob Hahnemanns „Doktrin von den chronischen Krankheiten“ praktische Bedeutung habe . In acht Beweisgängen geht er Hahnemanns Argumentation nach, die sich ihm in der Praxis bestätigt hat. Man komme bei chronischen Fällen mit den apsorischen (eigentlich „a-miasmatischen“) Mitteln trotz richtiger Anwendung nicht weiter. Man behandle zuerst das vorherrschende von mehreren Miasmen; aber es gibt auch Mittel für beide Miasmen. Die Behandlung der kombinierten Miasmen verlangt allerdings viel Geduld. Hahnemanns Doktrin helfe, den Zusammenhang von unterdrückten Hautausschlägen, durchgemachter Gonorrhoe und Syphilis mit inneren Leiden zu erkennen. Der immer wiederholten Meinung, Hahnemann verlasse mit der Psora-Lehre die Ähnlichkeitsregel, tritt Künzli mit dem Argument entgegen, daß die Ähnlichkeitsregel eben auf die Symptomatik des gesamten Lebenslaufes, einschließlich der Heredität angewandt werden müsse. Bei Fällen mit wenigen Symptomen hilft oft das Wissen um den chronisch-miasmatischen Hintergrund. Künzli appelliert an die Hausärzte, die ja familiäre Zusammenhänge kennen, die chronischen Krankheiten vorbeugend zu behandeln.
Der Tuberkulinismus war und ist für Künzli nur eine besondere Ausdrucksform der Psora, kein eigenes Miasma. Die tuberkuline Symptomatik sei in der Psora in allen Stadien aufgehoben. John Henry Allens These, Tuberkulose als mit Psora komplizierte Syphilis zu sehen, folgt Künzli damals und heute nicht. Er will hier nicht über Hahnemann hinausgehen (auch P. Ortegas zwei Tuberkulinismus-Formen, die leichtere psorisch-sykotische und die schwerere psorisch-syphilitische, würden dieser Einschätzung unterliegen ).
Psora-Fall aus der eigenen Praxis
1964 demonstriert Künzli Hahnemanns Psoratheorie im Zusammenhang mit der Entwicklung der chronischen Krankheit eines jungen Mannes aus seiner Praxis . Schritt für Schritt durch die Stadien der Latenz, des Ausbruchs und der definitiven chronischen Krankheit vergleicht er seinen Fall mit Hahnemanns Symptomenliste, die er durchnummeriert. Die Symptome der latenten Psora waren bei dem Jungen unbeachtet geblieben und man hatte ihn für gesund gehalten. Eine psychische Konfliktsituation in der Lebensgeschichte und schlechte Ernährung lassen dann die Psora ausbrechen. Wieder werden die Symptomreihen in eine umfassende Analogie gestellt. Dr.Künzlis Patient hatte schließliche eine offene Lungentuberkulose (Schwindsucht in Hahnemanns Psora-Liste). Similebehandlung, unterstützt durch Kollapsbehandlung der befallenen Lunge, heilte langsam, dem Heringschen Gesetz nach rückschreitend über die Latenzzeit-Symptomatik bis zur gänzlichen Ausheilung, die allerdings zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Falles noch ausstand.
„Was Hahnemann … in jahrelanger, geduldiger Beobachtung zusammengetragen hat, stimmt … Also stimmt dieser Teil der Hahnemannschen Theorie mit der Praxis überein.“ Was Künzli an Hahnemanns Theorie weniger leicht eingeht, ist der „Krätze-Ursprung der ganzen Psora“. Auch geringste Spuren einer Krätzeinfektion, auch in der Vorgeschichte der Eltern, waren in diesem Fall nicht zu finden – was möglich sein könne. Krätze erscheint oft fast unwahrnehmbar. „Der Ursprung bleibt also fraglich. Hier sowohl als auch bei noch vielen anderen chronischen Krankheitsfällen.“
Ein Jahr später wurde Künzli von der Schriftleitung der „Zeitschrift für klassische Homöopathie“ gebeten, auch die Therapie dieses Falles mit dem massiven Lungenbefund nachzutragen. Künzli hat in dieser Zeit ausführliche Kasuistiken in der der „Zeitschrift für klassische Homöopathie“ veröffentlicht. Zunächst trägt er die vollständige Symptomenliste nach, denn 1964 hatte er zur Illustration der Psora nur zu Hahnemanns Psora-Liste parallele Symptome wiedergegeben. Das erste kurzzeitig wirkende Mittel war Pulsatilla. Bei Wiederauftreten der Symptome hierarchisierte er die Gesamtsymptomatik: 10 Symptome, an der Spitze seltene, auffällige Symptome sowie nicht alltägliche Geistes- und Allgemeinsymptome. Die zum Teil kommentierte Repertorisationsliste nach dem Kentschen Repertorium, englische Ausgabe, wird abgedruckt. Sulphur stand weit an der Spitze und hat dann auch bei Schnupfen mit Folgeerscheinungen geholfen.
Sykosis nach John Henry Allen
Als Künzli die 1982 immer noch schwer zu beschaffenden Bände von John Henry Allen über die Miasmen (1906) in einer neuen indischen Ausgabe entdeckte, faßte er deren Inhalt in einem längeren Vortrag zusammen. Allen hat nur Psora, Pseudo-Psora (d.i. nach Allen die ererbte tuberkulöse Disposition) und Sykose einschließlich der Materia Medica veröffentlicht. John Henry Allens Bände galten als die wesentliche Weiterentwicklung der Theorie der chronischen Krankheiten im Sinne Hahnemanns.
Ich erinnere mich noch, wie begeistert viele Leser 1982 Künzlis Wiederentdeckung aufgenommen haben. Gilt er ohnehin als der, der die Renaissance Hahnemanns über Kent und Pierre Schmidt eingeleitet hat, ist er mit solchen und anderen Wiederentdeckungen derjenige unter den Homöopathen nach dem 2. Weltkrieg geworden, der auf die Grundlagenliteratur für das homöopathische Studium in immer neuen Kommentierungen hingewiesen hat.
In seinem Sykosis-Vortrag macht Künzli (mit Hahnemann und Allen) das, was er auch bei der Psora-Arbeit gemacht hat: er geht nach dem Modell der Syphilis-Stadien auch für die anderen beiden chronischen Krankheiten im Sinne Hahnemanns (Psora und Sykosis) vor. Über die Syphilis hat keiner bisher im Sinne Hahnemanns oder Allens geschrieben. Diese Arbeit steht für die Theorie der Homöopathie bis heute noch aus.
Hahnemann hat seinen Sykosis-Begriff an den epidemisch auftretenden Geschlechtskrankheiten (der Feigwarzen-Gonorrhoe mit oder ohne Ausfluß) der Napoleonischen Kriege bis 1814 entwickelt. Die Therapie war die der Unterdrückung: der Ausschlag wurde abgeätzt, abgebrannt; heute gibt man Antibiotika. Die Folge war für Hahnemann eben Sykosis. Aber erst John Henry Allen (und auch Kent) haben solche Sykosis-Fälle weiter beobachtet: Sie fanden viele ohne Feigwarzen, aber mit Ausfluß. Man fand heraus, daß es eine harmlose akute Gonorrhoe gibt, die nicht zur Sykosis führt, auch bei Unterdrückung nicht, die Gonorrhoea simplex. Sie bezeichneten die andere, die zur Sykosis führt, als primär chronische Gonorrhoe. Sykosis kann also als konstitutionelle Gonorrhoe bezeichnet werden. Dann unterschied man noch unspezifische Blenorrhagien und Mischformen mit Syphilis. Die lmpfsykose nach Burnett ist eine der Sykosis nur vergleichbare Krankheit. Die Gonorrhoea simplex wird nun in ihrer Symptomatik dargestellt und von der primär chronischen Gonorrhoe (= Sykosis I) unterschieden.
Dann bespricht Künzli die Sykosis II-Symptomatik, wie sie nach 90 Tagen bis zu 2 Jahren einsetzen kann, und zwar getrennt bei Frauen und Männern. Es entsteht ein vollständiges, zusammenfassendes Sykosis II-Bild, wie bei der Psora auch. Unbehandelte Sykosis II führt langsam zu Sykosis III, nach Unterdrückung ein bis zwei Jahre später, spätestens im Klimakterium, in einer Schwangerschaft, nach Unfällen oder schweren Krankheiten. Ihre Behandlung ist langwierig, oft tritt eine Psora hinzu. Das Symptomenbild wird geschildert.
Schließlich wird das sykotische Bild der Kinder sykotischer Eltern behandelt. Abschließend werden die Homöosykotika genannt. Künzli weist am Ende auf die Notwendigkeit neuer Forschungen hin. In der Tat entstand nach Allens und Kents Arbeiten um die Jahrhundertwende eine zu große Lücke in der Miasmenforschung, und ein Neueinstieg wurde nur über die eigenwilligen süd- und mittelamerikanischen Varianten unternommen. Eigene Forschungen, sagt Künzli – und er meint nicht nur Sykosis – seien nützlicher als jahrelange Wortgefechte an den Universitäten: „Machen wir unsere eigenen Ausbildungskurse, geben wir unsere eigenen Diplome, haben wir unsere eigenen Institute.“
Kommentare zur wissenschaftlichen Homöopathie
Die Zeit der Sichtung und Festigung der Hahnemannschen Homöopathie scheint mit den 80er Jahren soweit gediehen zu sein, daß Forschungen und Forderungen der Homöopathen an den Universitäten langsam mehr Gehör finden. Es wird immer noch genügend Einzelprobleme geben, die durch Klärung und Interpretation der klassischen Schriften, aber eben auch durch Forschung und Beobachtung in Fallstudien gelöst werden wollen. Zur fortschreitenden Verbesserung des homöopathischen Instrumentariums hat Künzli Beiträge geliefert, in denen er immer wieder auffordert, selbst neue Beobachtungen mitzuteilen. Er stellt wichtige Einzelkapitel dar, meist in Zusammenhang mit wieder- oder neuentdeckter Literatur. Dabei wird homöopathische Wissenschaft immer, auf der Grundlage verläßlicher Gesetze, als Prozeß beschrieben; vieles muß zum Zeitpunkt seiner Diskussion unvollständig, unabschließbar, offen bleiben. Vielleicht hat er darum kein Lehrbuch der Homöopathie geschrieben, obwohl man beim Studium des Gesamtwerkes den Eindruck hat, da stecke ein Lehrbuch darin. Das, was lehr- und lernbar ist, versuchen wir hier herauszuheben und zu erinnern. Es folgen, nach den historischen Arbeiten und denen zu den chronischen Krankheiten, Einzelkommentare zur Homöopathie als Wissenschaft.
Versagen des Simile
Es wird für den Praktiker eine ewig aktuelle Frage bleiben, wie es dazu kommt, daß ein anscheinend richtig gewähltes Simile versagt. Paraphrasierend referiert Künzli einen Aufsatz von Horace Reed (1960) . Er führt Gründe an, die (1.) auf Seiten des Patienten liegen können: mangelhafte Auskünfte, allopathische Vorbehandlung, vorausliegende Operationen, Unheilbarkeit (hier ein Hinweis auf Kents letzte Vorlesung), Störmomente nach der Einnahme des Simile wie chemische oder berufsbedingt schädliche Einflüsse, Exzesse in der Ernährung, Schocks, Röntgenstrahlen, Zahnarztinjektionen, Antidote. Machen Nosoden solche versperrten Wege wieder frei? Oder stören solche Einflüsse gar nicht? Im Zweifelsfalle schlägt Künzli vor, so zu tun „als ob“, d.h. anzunehmen, sie seien störend.
Fehler können (2.) auf Seiten des Arztes liegen: Inkompetenz, mangelnde Ausbildung, falsches Vorgehen, falsche Simile-Wahl. Künzli nennt mit Reed (3.) Fehler des Medikaments: Dosierungsfragen; vielleicht gibt es noch gar kein geprüftes Arzneimittel für einen bestimmten Fall; das Präparat ist mangelhaft im Ausgangsmaterial oder in der Aufbewahrung.
Über diese Fragen entwickelte sich 1962 eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Kölner Arzt W. Schwarzhaupt. Dieser wirft zusätzliche Fragen auf: „Was ist mit den chemischen Umwelteinflüssen; den akustischen Dauerschocks unserer Welt; wie beurteilt man die Raucher Hahnemann und Stauffer als Arzneimittelprüfer? Läßt sich unter diesen Umständen noch homöopathisch heilen?“ Künzli antwortet, daß der sensible (kranke) Organismus schwer unter diesen Einflüssen zu leiden hat, und er verweist auf diätetische Vorbeugungsmaßnahmen in Hahnemanns Schriften. Abgesehen davon, daß Arzneimittelprüfungen von Heilungen durch Arzneimittel unterschieden werden müßten, erwägt Künzli einen möglichen Einfluß von Hahnemanns Rauchgewohnheiten auf dessen letzte Krankheit. Manche Raucher erleiden Einschränkungen der Simile-Wirkung, andere nicht. Schwarzhaupt will bestätigt finden, daß die diskutierten Wirkungseinschränkungen prozentual niedrig sind und Künzli stimmt zu: Solche Fragen treten bei ca. 20 % aller Fälle auf.
Die Paragraphen 153 und 154 des „Organon“
Die Frage der guten Similewahl hängt, auch das wurde gerade angesprochen, vom richtigen Vorgehen des Arztes ab, z. B. von der Wahl der charakteristischen Symptome eines Falles. Drei kleine Arbeiten Künzlis sagen Klärendes dazu. In der Arbeit über die beiden Paragraphen 153 und 154 des „Organon“ weist Künzli darauf hin, daß wir sowohl pathognomonische Symptome des Patienten, als auch vor allem individuelle aufnehmen müssen. Letztere nun können ab und zu einem noch nicht voll ausgeprüften Mittel entsprechen, so daß der Zusammenhang mit den pathognomonischen Symptomen, den Künzli als „wissenschaftlicher“ Homöopath mit „einem gewissen Objektivitätsstreben“ verlangt, sich nur schwer herstellen läßt. Es fällt ihm schwer, sich ausschließlich auf außergewöhnliche, individuelle Symptome zu stützen, ohne den Zusammenhang mit den pathognomonischen. Auffallende, sonderliche Symptome nach § 153 können charakteristisch an sich, in ihrer Modalität, Lokalisation oder ihrer Erstreckung sein. Sie können eine auffallende Empfindung sein, auffallend in ihrem Verlauf, in ihrer Kombination mit anderen Symptomen, aber auch als Absenz des zu erwartenden Symptoms. Wieder bringt Künzli exklusive Literatur von Georg Heinrich Gottlieb Jahr und Constantin Hering in die Diskussion ein.
Geistes- und Gemütssymptome folgen erst an zweiter Stelle in der Hierarchisierung der Symptome. Darauf weist Künzli anläßlich der neuen „Minor Writings“-Ausgabe (1987) in einer kleinen Studie aus gegebenem Anlaß hin: in der südamerikanischen Schule und auch in Deutschland würden diese Symptome, sogar in großer Zahl oder ausschließlich, favorisiert. Ein Mensch lasse sich zwar, wenn auch nicht leicht, über das, was Kent „Mind“ nennt, erkennen. Das sage aber noch nichts über die Stellung eines Mind-Symptoms in der Hierarchisierungsreihe aus.
Kents Beobachtungen in seiner „philosphy“, daß allgemeine Modalitäten den Modalitäten der Teilsymptome oder auch allgemeine den lokalen Modalitäten oft widersprechen, exzerpiert Künzli tabellarisch . Diese Tabelle ist ihm Beweis für die Schwäche der Repertorisation nach Bönninghausen, dessen Methode es erlaube, eine lokale Modalität zu einer allgemeinen zu erheben.
Zur allopathischen Medikation gibt es einen Text von 1979 . Gleichzeitige Behandlung mit oder Weiterlaufenlassen von allopathischen Mitteln lehnt Künzli bis auf zwei, drei Ausnahmen ab. Die Betäubungsmittel blockieren das Homöopathikum. Absetzen erfordere zwar erhöhte Aufmerksamkeit des Arztes, erleuchte aber manchmal plötzlich die Szenerie der Symptomatik.
Über Verwandtschaften der Mittel, über Folgemittel und Antidote sagt Künzli , daß das Simile über allem stehe. Ein Folgemittel sei ein Kann, kein Muß. Manchmal sei man froh, es zu haben. Es sei aber eine schwache „Brücke“. Beim vorsichtigen Dosieren vermeide man ohnehin, auf Antidote angewiesen zu sein. Letztlich steht das Simileprinzip auch über dem Antidot. Wenn dieses angezeigt ist, ist es zu wählen.
Zur Diskussion der Dosierung läßt sich ein Text von 1958 heranziehen. „Aus einer Homöopathenfamilie stammend“, berichtet Künzli, „ist es klar, daß ich selbst immer homöopathisch behandelt worden bin.“ Gleichwohl wäre er so oft und so lange krank gewesen wie alle anderen allopathisch behandelten Kinder auch. Haben die homöopathischen Väter Fehler gemacht? Drei Fehler sind bei der Behandlung akuter (nicht rapid tödlich verlaufender) Krankheiten wahrscheinlich:
falsche Simile-Wahl
Unwissen in der Psora-Lehre
Art der Dosierung, Überdosierung
Dosiert wurde damals nach dem „Homöopathischen Hausarzt“ (Hering/Haehl): 3 Globuli C 30 in ein Glas Wasser, 2-3mal täglich einen Teelöffel, 1-3 Wochen lang. Dagegen stünden die Quellen des „Organon“ (§154, 193, 246): Keine Wiederholung der Gaben bei Verbesserung; jede Wirkung ist abzuwarten. Das häufige Repetieren war zwar auch von Hahnemann und anderen erprobt worden, Hahnemann war aber zu anderen Ergebnissen gekommen, als in den Werken um 1835 noch zu lesen war. Zu unterscheiden sei auch, was Hahnemann bei Arzneimittelprüfungen gefordert hat: vier Globuli C 30 jeden Morgen. Manche Problematik in Dosierungsfragen ergab sich für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die zurückgehaltene 6. „Organon“-Auflage. Künzlis Schlußfolgerung und Praxis in akuten Fällen: ein Globuli C 30 oder 200 oder M. Dann Placebo. Bericht nach 12 Stunden, falls keine Besserung. Bei Besserung weiter Placebo. Wiederholung der Gabe würde den Heilungsvorgang unterbrechen. Es folgen in tabellarischer Kurzform 16 akute Fälle mit Angabe der klinischen Diagnose, der leitenden Symptome, des Mittels, der Dosierung und der Heildauer.
Erwähnt wird abschließend auch noch die sog. „Plusmethode“, d. h. die Repetition eines Mittels, das jedesmal höher potenziert wird. Hahnemann praktizierte diese Methode schon seit den 30er Jahren. Diese Entdeckung, besonders im § 270 über die Q-Potenzen niedergelegt, galt besonders für die chronischen Krankheiten, aber auch, nach § 248, in akuten Fällen bis zur stundenweisen Wiederholung, besonders bei rapide gefährlich werdenden Zuständen wie Cholera. Bei chronischen Krankheiten wird nach der Kentschen Skala folgende Reihenfolge empfohlen: 30, 200, M, XM, LM, CM, DM, MM.
Die Hochpotenzen wurden 1958 noch ganz anders diskutiert als in den folgenden Jahrzehnten. Heute gibt es keinen Homöopathen mehr, der ihre Wirksamkeit bestreitet. Die Bestätigung aber allgemein anerkannter wissenschaftlicher Erklärungen steht noch aus. In den 50er Jahren war Grundlagenarbeit auf allen Gebieten zu leisten. Es gibt einen sehr ausführlichen Text von Künzli aus dieser Zeit, der kommentierte Kasuistik mit der Aufforderung verbindet, höhere Potenzen zu verwenden. „Kann man wirklich ernsthaft und mit Erfolg ,Reine Homöopathie‘ praktizieren? Zugleich ein Beitrag zur Hochpotenzfrage“ . Die von Hahnemann so bezeichneten Potenzen und Dynamisierungen seien bis heute nur klinisch am lebenden Objekt (Mensch und Tier) nachgewiesen. Künzli nennt einige nichtklinische Experimente zum Nachweis der Wirksamkeit höherer Potenzen, die aber noch keine Bestätigung finden konnten.
Künzli berichtet in einem ersten Fall von einem chronischen Winterhusten des Jahres 1947/48. Nach ersten, nur kurzzeitigen Erfolgen im November 1948 wird eine ausführliche Symptomenliste zusammengestellt. 29 Symptome werden ausführlich kommentiert und repertorisiert. Viele deutliche Phosphor-Symptome fallen gleich auf. Auch Äußeres, Konstitutionelles wird vorsichtig miteinbezogen. Die psychische Symptomatik wird mit dem Arzneimittelbild von Phosphor verglichen und im Kent-Repertorium, das englisch und deutsch zitiert wird (das erst 1960 deutsch erscheint), verifiziert oder falsifiziert. Dabei wird die Bedeutung großer und kleiner Rubriken eingeschätzt, der häufige Widerspruch von Allgemein- und Lokalsymptomen angesprochen und die Bewertung der Symptome nach § 153 vorgenommen. Oft passen die objektiven Symptome (der klinischen Diagnose) nicht unter die angezeigten Mittel. „Solche Symptome“, sagt Künzli, „seien Resultate einer langen Entwicklung; Endstadien. Arzneimittelprüfungen seien selten bis zum Auftreten solcher Endresultate getrieben worden. Das übrige Symptomenbild sei wichtiger.“ Abneigung wird im Allgemeinen höher gewertet als Verlangen. Da Phophor sehr gut paßt, empfiehlt Künzli, nach Hahnemann, sofort eine hohe Potenz zu geben. Er gibt C 30 („Hätte ich höher gehabt, hätte ich höher gegeben“), heimlich in den Tee, da die Patientin partout nichts einnehmen wollte – ein Vorgehen, daß auch Pierre Schmidt mit Erfolg durchgeführt hat. Die Verbesserungen werden abgewartet, bei Stillstand nach fünf Tagen C 200. Weitere acht Tage der Besserung, bei Stillstand nun C 1000. Auch als im Frühjahr 1949 der Husten bei einer Grippeepidemie wiederkam, wurde nichts gegeben, auf die weitere Wirkung der C 1000 hoffend, was sich bestätigte. Jene Geistessymptome, die seit der Kindheit bestanden, waren noch nicht geändert. Sie ändern sich nach dem Heringschen Gesetz als letzte. Eventuell wird eine noch höhere Potenz nach einem halben Jahr in Aussicht gestellt.
Künzlis weitere Besprechung ist grundlegend und lehrreich: er braucht ein Repertorium, manchmal zwei oder drei („The best repertory is the fullest“, John Henry Clarke). Repertorien müssen 1958 noch erklärt werden, er tut es in der Art der Einführung in die bevorstehende Ausgabe des Kent-Repertoriums (1960):
die Wertigkeit der Mittel;
auch kleine Rubriken können auf die Spur des Mittels führen;
die Bedeutung der Geistes- und Gemütssymptome („Organon“ § 212-213);
die Unterscheidung akuter und chronischer Krankheiten: die entsprechend unterschiedliche Aufnahme des Krankheitsbildes (Totalität der Symptome bei chronischen Krankheiten);
erste Hinweise auf Fragebogen bei Kent und Wassily.
Andere Repertorien müssen manchmal herangezogen werden (Calvin Knerr, Georg Heinrich Gottlieb Jahr). Künzli berichtet von Repertorisationskursen in den angelsächsischen Ländern. Wir wissen, daß er in diesen Jahren als erster im deutschsprachigen Raum damit begonnen hat. Weitere Lerngewinne: der Unterschied von Palliation (bei reiner Symptomenbehandlung) und Heilung. Die Möglichkeit, ein Antipsorikum auch am Anfang der Kur einzusetzen, nicht aber in Fällen z. B. einer fortgeschrittenen Tuberkulose: offene Fragen an die Forschung wieder. Laboratoriumsuntersuchungen nur dort, wo wirklich Ausschlaggebendes zur Diagnose und Prognose zu erwarten ist (Blutbild bei Leukämie, Senkung bei Tbc); gegen die Vielgeschäftigkeit des Labors. Zu wenig potenzierte Gaben erzeugen Nebenbeschwerden und Erstverschlimmerungen. Manchmal heilt das Mittel nur in höherer Potenz, nicht in niedriger. Je höher die Potenz der passenden Arznei, um so schneller die Heilung. C 1000 hätte im vorangehenden Fall evtl. schneller zum Ziel geführt. Bei Wiederholung der gleichen Gabe hätten beim Patienten unbekannte Phosphor-Symptome auftreten können. Ein Globuli in gesteigerter Potenz reicht bei erneuter Verschlimmerung oder bei Stillstand. Soweit diese Erfahrungen bei der Heilung.
Im zweiten Fall (eine schriftliche Behandlung, die Patientin ist allerdings von Angesicht bekannt) geht es wieder um das Einschätzen der Symptome, um das Repertorisieren und das Unterscheiden zweier Mittel in der engeren Wahl. Wegen der typischen Geistes- und Gemütssymptome und der typischen Phosphor-Konstitution wird gleich C 1000 gegeben. Aufhellung des Gemütes während der Kur gilt als bestes Indiz für die richtige Wahl.
Der dritte Fall ist eine Influenza. Einschlafen auf das richtig gewählte Mittel als gutes Zeichen. Im akuten Stadium im Allgemeinen C 30 oder 200; in Fällen, die in Chronizität übergehen, C 1000. Nur das Similimum kann schnelle Heilung bringen, nicht das Patentmittel.
In einer Stellungnahme zu einem Hochpotenzartikel von E. Sievers äußert sich Künzli warnend zu häufigen Einzelgaben in Hochpotenz . In einer weiteren Arbeit bringt er einige Argumente über die Wirksamkeit der Hochpotenzen: z.B. die Arzneimittelprüfungen mit Hochpotenzen bei Medorrhinum, das Wiederauftreten des gonorrhoischen Ausflusses bei Medorrhinum; Erfahrungen bei Fällen: ein Medikament bringt einen Ausschlag hervor, ein anderes löscht diesen in Sekundenschnelle. „Ich kann mir kein reineres wissenschaftliches Experiment vorstellen“.
Auf dem Liga-Kongreß 1955, zum 200. Geburtstag Hahnemanns, hielt Künzli in Stuttgart einen Vortrag über „Zwei Heilungen Hahnemanns mit Quinquagintamillesimalpotenzen“ . Hahnemann hatte am 24. April 1843, wenige Monate vor seinem Tod, Bönninghausen eine Abschrift dieser zwei Fälle aus seinem letzten Pariser Krankenjournal zukommen lassen. Bönninghausen veröffentlichte die Fälle in „Stapfs Archiv“ . Künzli gibt Erläuterungen zur nicht nur 1843, sondern auch noch 1955 fast unbekannten Q-Potenzierung. Seit 1949 hatte er sich, z.T. mit Pierre Schmidt zusammen, alle Antipsorica selbst in dieser Form hergestellt und erste Erfahrungen gesammelt. 1960 läßt er dann eine weitere Einführung über Q-Potenzen folgen, die Hahnemann zur Behandlung chronischer Krankheiten entwickelt hatte, um Erstverschlimmerungen zu umgehen . Die zu den C- und D-Potenzen unterschiedliche Herstellungsweise wird nach dem „Organon“ (§ 266-270) so genau wiedergegeben, weil bis dahin noch kaum jemand Q-Potenzen genau nach Vorschriften hergestellt hatte.
Künzli stellt die für seine Zeit „handlichste“ Anwendungsweise der Q-Potenzen vor, bei der der Patient zu Beginn der Behandlung meist mit einem Kügelchen der Potenz Q1 nach Hause geschickt wird, um seine Stammlösung selbst herzustellen, von der er dann, nach Schütteln und Verdünnungen in Wasser, löffelweise nimmt. Hyperthyreotiker und andere empfindliche Patienten bekommen auch bei dieser Methode noch Erstverschlimmerungen, so daß die Wasserglasmethode zu weiteren Verdünnungen benützt werden kann. Auch bei Besserung kann von diesen Potenzen fortlaufend eingenommen werden. Nach der Q I gab Künzli Q III, V, Vll, IX, Xl usw. bis zur Heilung. Seit der zwischenzeitlich erfolgten Veröffentlichung der ersten Krankenjournale aus Hahnemanns Pariser Zeit lautet Künzlis Empfehlung für die Potenzfolge bei Q-Potenzen – noch getreuer nach Hahnemann: Q I, II, III, IV, V usw. Hahnemann selbst war den Potenzsprüngen III, Vl, IX, XII, XVIII, XXIV, XXX offenbar nur bei seinen C-Verschreibungen gefolgt.
Zusammenfassend schildert Künzli , wie Hahnemann nach der Entdeckung des Ähnlichkeitsgesetzes mit den überkommenen Dosierungen zu experimentieren anfing, die zu starken Verschlimmerungen geführt hatten. Notwendigerweise kam er auf Verdünnungen und in diesem Prozeß zur experimentellen Entdeckung der Potenzen. Damit gingen die Probleme aber erst richtig los. Genügt ein Tropfen oder ein Kügelchen? Genügt es gar zu riechen? Nach 1837 entwickelt er die Methode der Höherpotenzierung bis hin zu den milden Q-Potenzen, die oft wiederholt werden müssen. Auch die anderen Homöopathen arbeiteten daran, darum sind aus verschiedenen Jahren so viele verschiedene Verdünnungs- und Potenzierungswege bekannt und jeweils historisch fortgezeugt worden. Constantin Hering experimentierte 1834 mit größeren Verdünnungsverhältnissen bei der Potenzierung und entdeckte die leichteren Wirkungen.
Haben diese Forschungen Constantin Herings Hahnemann zur Q-Potenzentwicklung angeregt? Zugleich weist Hering nach, daß Verunreinigungen (vom Glas, vom Wasser o.ä.) beim Potenzierungsverfahren wirkungslos sind und daß nur der Wirkstoff zählt, der proportional mit viel kleineren Vehikelmassen zusammengebracht wird: Er drückt dem Vehikel sogar seinen Stempel auf.
Materia Medica-Darstellungen bekommen wir von Künzli nicht. Er mußte Arzneimittel bei Pierre Schmidt aus vielen Autoren exzerpieren und vortragen. Er nutzt die vorhandenen Arzneimittellehren, am liebsten die großen, besonders die „Guiding Symptoms“ von Hering. Bei Kents Arzneimittelbildern lernt er, ohne es zu merken; aber sie seien unvollständig. Das Erlernen der Arzneimittel geht bei Künzli Hand in Hand mit der Repertorisation. Sein Ideal einer systematisch und wissenschaftlich fundierten Arzneimittellehre teilt er 1966 mit . Das Schema ist folgendes:
Mittelname mit allen Synonyma
Angabe der Substanzen
Nähere Angaben über die Prüfer, die Zahl der Prüfer, verwendete Potenzgrade, Dauer der Prüfung, Bibliographie
Kurze Wirkungsübersicht
Symptomatologie der Arzneimittelprüfung nach Hahnemanns Schema, welches das beste sei
Symptomatologie von Vergiftungsfällen
Bisher beobachtete klinische Symptome, einerseits bei Verwendung von Verdünnungen, andererseits bei Verwendung von grob dosiertem Wirkstoff
Verwendung in Industrie usw.
Verwandtschaften chemischer und homöopathischer Art
Bei welchen Krankheiten wurde das Mittel erfolgreich verwendet?
„Das gibt eine ungeheure Arbeit. Aber es gibt etwas, was die Jahrhunderte überdauern kann“. Eine in diesem Sinne ideale Arzneimittellehre wäre also noch zu erstellen. Oder ist die Summe der verschiedenen Arzneimittellehren, die wir haben, das Optimale? Auch hier treibt Künzli die Diskussion zur Entscheidung, die er selbst nicht fällt, voran.
Arzneimittellehren liegen in großer Zahl vor. Die Ordnung und Anwendung der Gesamtheit der Zeichen aller Mittel ist nur über Repertorien zu haben. „Ein Repertorium ist ein Platz oder ein Buch, wo Dinge so angeordnet sind, daß sie leicht gefunden werden können, wenn man sie braucht“ . Die Geschichte dieser unverzichtbaren Hilfsmittel von den ersten Repertorien Hahnemanns bis zu den heutigen Computerrepertorien ist eine Wissenschaft für sich. Innerhalb dieser Geschichte ist die der Ausgaben des Kent-Repertoriums eine, die von annähernd gleichem kriminalistischen Unterhaltungswert ist, wie die der 6. „Organon“-Ausgabe (1921), deren Durchsetzung erst nach 1945 gelang. Auch im Kampf um das Kentsche Repertorium ist Künzli beteiligt. Will Klunker widmet ihm zum 65. Geburtstag 1981 eine zusammenfassende Studie über die Editionslage . Die für mich nach wie vor strittige Frage bleibt, wie weit und wie vollständig und wie richtig der von Kent selbst noch druckreif gemachte Text (nämlich seine handschriftlichen Eintragungen in die 2. Auflage von 1908), der in zwei Kopien an die Kent-Schüler Gladwin und Austin und über Austin in einer Kopie an Pierre Schmidt überging, in die amerikanischen Kent-Ausgaben eingegangen ist. Künzli erzählte mir, Pierre Schmidt habe die 4. Auflage für die beste gehalten – schließlich hat Pierre Schmidt mit Fredericka E. Gladwin und W.W. Sherwood an ihr mitgearbeitet. Kents zweite Frau Clara Louisa Kent hatte eine 5. Auflage für 1939 vorbereitet, die dann kriegsbedingt erst nach ihrem Tod (1943) 1945 erschien. Wir kommen auf die Geschichte des Kent-Repertoriums nach den 60er Jahren noch einmal zurück. Die 6. amerikanische Auflage hat die weiteste Verbreitung gefunden. Auf ihr beruht die deutsche Übersetzung von Georg v. Keller (1. Auflage 1960), für die Künzli eine Einführung schrieb, in welcher der Gebrauch des Repertoriums erklärt wird.
Für Künzli ist die Kenntnis der „Organon“-Paragraphen 84-105 die Voraussetzung für jede Arbeit mit dem Repertorium: Hahnemann spricht dort von der Aufnahme der Gesamtheit der Symptome. Aus dieser Gesamtheit gelangen einige wenige, etwa 10-12 Symptome von maximalem Wert in die Repertorisation, und zwar in bestimmter, wertender Reihenfolge:
auffallende, sonderliche Zeichen und Symptome
eine eventuelle Ursache
(Damals erschienen die Lokalsymptome noch unter 6. und unter 5. die Begleitsymptome; die letzteren tauchen später in seinem Repertorisationsschema nicht mehr als eigene Kategorie auf.)
Künzli gibt Erläuterungen und Beispiele zu dieser Hierarchisierung. Anschließend erklärt er den Aufbau dieses (deutschen) Repertoriums, wie man die Symptome findet, wie manche Rubriken zu kombinieren sind, daß man als Anfänger jede Rubrik herausschreiben muß und daß der Erfahrene mit großer Arzneimittelkenntnis oft in Gegenwart des Patienten schon alles im Kopf machen kann. An einem Fallbeispiel wird das Vorgehen dann demonstriert und die Wertigkeiten werden erläutert. Hat man nach der Repertorisation das Mittel gefunden, prüft man in einer Arzneimittellehre, ob das Gefundene auch sonst noch zum Patienten paßt. „Erst mit dem Repertorium läßt sich solide, wissenschaftlich einwandfreie Homöopathie betreiben.“ Es unterstützt nicht nur das Gedächtnis, es gibt auch Ideen, es lehrt intelligente, zielgerechte, homöopathische Fragestellung und vermeidet unnütze Fragen. Es hilft beim Vergleichen der Mittel. „Und last but not least lehrt uns das Repertorium ganz nebenbei eine unheimliche Menge Materia Medica. Das Materia Medica-Studium an und für sich ist, wie oft beklagt wird, eine reichlich trockene Sache. Es ist jedem Anfänger anzuraten, Materia Medica- und Repertoriumsstudium gleich zusammen anzufangen“, sie gehören zusammen „wie Zwillinge“.
Das Kentsche Repertorium in der deutschen Fassung hat einen anderen Aufbau als die amerikanische 6. Auflage. In seiner Gestalt bzw. (Un-)Vollständigkeit ist es heiß umstritten. Sein deutscher Übersetzer Georg von Keller empfahl, „das Tabu der Unberührbarkeit“ des Kent-Repertoriums zu brechen . Künzli selbst hegte große Vorbehalte gegen diese neue Anordnung der Rubriken, wie sie v. Keller vorgenommen hatte und wie sie nicht dem logischen Aufbau von Kent entsprach. Er hat deswegen nur die Einleitung geschrieben und sich von dieser Übersetzung distanziert.
Er hatte von seinem Lehrer Pierre Schmidt 1946 all dessen Nachträge und Eintragungen übernommen: „Dann gab er mir auch sein Repertorium zum Kopieren der Nachträge, die er bis zu dieser Zeit hineingeschrieben hatte. In einer kurzen Ferienpause vollendete ich diese Arbeit“ . Künzli hatte also seit 1946 alle Nachträge kopiert, die auch Pierre Schmidt besaß. Die Affäre um den Schmidt-Schüler K.C. Mittal, der Kents handschriftliche Kopie der 2. Auflage, die auf Schmidt gekommen war, 1962 gestohlen und in Indien kapitelweise verkauft hat, ist darum einigermaßen zu verschmerzen, weil Mittal eine Kopie des Originals zurückließ. Man kann also sagen, daß nichts verloren war. Wie genau und wo am besten Kents Nachträge nun erschienen sind, darüber gibt es Unsicherheiten, die hier nicht geklärt werden können. Jedenfalls hatte Künzli Pierre Schmidts Eintragungen seit 1946. Und Horst Barthel konnte ab 1967 alle (auch die inzwischen erweiterten Nachträge Pierre Schmidts) durchsehen und in die einschlägigen Allgemeinrubriken des „Synthetischen Repertoriums“ (1973, 1974, 1978) ebenso übernehmen wie die Nachträge Künzlis aus der internationalen homöopathischen Literatur, einschließlich vieler Arzneimittelprüfungssymptome, die nicht in die ersten Kent-Ausgaben eingegangen waren. Repertorien sind immer Sammelwerke, Unvollständigkeit und Verbesserungsfähigkeit gehören zu ihrem Wesen. Natürlich war auch Kents Repertorium eine Sammlung ausgewählter internationaler Literatur, auf der Grundlage des Repertoriums von Lee (1888), dieses auf dem von Constantin Lippe (1880), welches wiederum auf den Repertorien zu Jahrs Manual von Constatin Hering (1838) beruhte.
Vollständig und mit Kennzeichnung jeden Autors zu jedem ergänzten Symptom (wie übrigens auch im „Synthetischen Repertorium“) erschienen Pierre Schmidts (also auch Kents) Nachträge über Künzli und Horst Barthel dann in „Kents Repertorium Generale“ (1986 und 1989). Zusätzlich enthält das „Repertorium Generale“ durch schwarze Punkte gekennzeichnete therapeutisch bewährte Hinweise Künzlis in Bezug auf einzelne Mittel ebenso wie auf (eben durch den Punkt gekennzeichnete) Rubriken, die seiner therapeutischen Erfahrung nach besonders wichtig sind, die oft direkt zur Mittelwahl bzw. in die Nähe der richtigen Entscheidung führen. Rückschlüsse auf die Genauigkeit von Künzlis Nachträgen mag man einer kritischen Besprechung zu einem Fall von „Nachträgen“ zum Kentschen Repertorium entnehmen . Künzli zeigte da, „daß man mit Nachtragungen im Kent wirklich vorsichtig sein soll und nicht unbesehen Dinge hereinnimmt, die nicht ganz niet- und nagelfest sind … Wir müssen hier wohl ganz streng wissenschaftlich bleiben. Wer publiziert, übernimmt eine ungeheure Verantwortung.“
Künzlis Anteil an der Erschließung und Aufarbeitung nicht allein der Nachträge über Pierre Schmidt, sondern auch der Hahnemanns und anderer Autoren, einschließlich seiner eigenen therapeutischen Erfahrungen, ist hoch einzuschätzen. Er hat die Repertoriumsarbeit, die ihm seit 1946 bei Pierre Schmidt zum Anliegen geworden war, fortlaufend differenziert und verbessert und zu seiner zentralen Tätigkeit gemacht, die alles andere umschließt: „Beim Repertorisieren kann man wunderbar alle Kapitel der Homöopathie streifen“.
Zwei Einzelstudien seien noch erwähnt, die Künzlis Interesse an Repertorien beleuchten. Über Hahnemanns und Clemens von Bönninghausens erste Versuche mit Registern für die Arzneimittelprüfungssymptome berichtet er 1969 . Aus dem Jahr 1817 datiert Hahnemanns erstes „Symptomenlexikon“. Künzli sieht das Original im Stuttgarter Archiv ein und vergleicht es mit Kents Repertorium. Er entdeckt die ersten Versuche, Synonyma zu bezeichnen; die alphabetische Reihenfolge der Symptome (noch nicht das Hahnemann´sche Kopf-zu-Fuß-Schema wie im Kentschen Repertorium), alle gebräuchlichen Mittel vor der Entdeckung der Psora-Lehre kommen vor, spärlich erst einige Antipsorika. Ein zweites Repertorium aus Hahnemanns Nachlaß ist das von Ernst Ferdinand Rückert 1929 gefertigte, wenngleich unabgeschlossene, mit den antipsorischen Mitteln aus der 1. Ausgabe der Chronischen Krankheiten. Es war einmal als Veröffentlichung von Hahnemann geplant. Rückert brachte später allein ganze Serien von Repertoriumsbänden heraus. Ein drittes Repertorium ließ Hahnemann sich ab 1833 von seinen Schülern anfertigen (u.a. von Georg Heinrich Gottlieb Jahr 1834). Es enthält die großen Polychreste, die im Band von 1817 noch fehlen. Einige Antipsorika sind vertreten, die meisten sind im Band von Rückert. Alle Symptome sind in ihrem vollständigen Wortlaut aufgeführt, man hat noch keine großen, übergeordneten Begriffe gewählt. Dieser Versuch, das Repertorium übersichtlich zu machen, war späteren Autoren vorbehalten, Jahr und besonders Kent.
Den Wert der kleingradigen Mittel hat Künzli immer hochgehalten . In seiner Zürcher Vorlesung hat er – gemäß einem Hinweis von Julius Mezger und in Kritik an der entsprechenden Passage in Kents „Theorie der Homöopathie“ – vertreten, daß sich die drei Grade im Repertorium auf die Häufigkeit der betreffenden Symptome nicht (wie gemeinhin oft angenommen) in der Arzneimittelprüfung, sondern in der klinischen Bestätigung beziehen: Im 3. Grad stehen Mittel, die sich am Krankenbett sehr häufig bestätigt haben, im 2. Grad Mittel, die weniger häufig, aber immerhin zahlreiche Male klinisch verifiziert wurden. Den 1., den kleinsten Grad erhält ein Mittel für ein Symptom, welches nur selten klinisch verifiziert worden ist, wobei Künzli mehrere Bestätigungen fordert. Bei diesen eingradigen Mitteln gilt es wachsam zu sein. Er wußte, daß in der Behandlung mit einem Simile manchmal Symptome verschwanden, die gar nicht zur Mittelfindung verwendet worden waren und die im Arzneimittelbild auch nicht bekannt waren. Läßt sich ein solches Symptom auf ähnliche Weise beobachten, ist es eingradig nachzutragen. Gehäufte Bestätigung kann es dann in höhere Grade vorrücken lassen. Wer mit Repertorium und Materia Medica zusammen praktiziert, werde häufiger auf sie stoßen, sie kennenlernen und mit ihnen praktizieren lernen. Gerade die kleinstrangigen Symptome, die aus Hahnemanns Prüfungen stammen, verdienen Künzlis Aufmerksamkeit – er hat schließlich wichtige für seine Nachträge zum Kent gesammelt.
Im zuletzt genannten Artikel, aber auch schon in anderen zuvor, hat Künzli seine Erläuterungen immer wieder durch Fallstudien aus der eigenen Praxis untermauert. Exakte Fallstudien sind wissenschaftliche Beweise für ihn. Auf Kasuistik läuft natürlich alles hinaus: Theorie, Repertorisation, Materia Medica – die richtige Anwendung des homöopathischen Instrumentariums führt zu erfolgreichen Heilungen, die in Fallstudien dokumentiert werden. Die Hörer und Schüler Künzlis schätzen seine Fallstudien aus den Seminaren; Aufzeichnungen über viele Fälle sind zerstreut und werden wohl vergessen werden, wenn wir sie nicht sammeln. Es gibt aber auch genügend von Künzli in schriftlicher Form dokumentierte Fälle, um Kasuistik bei ihm zu lernen. Kasuistik als Lehrdemonstration findet man am genauesten in drei Fallstudien:
„Kann man wirklich ernsthaft und mit Erfolg reine Homöopathie praktizieren? Zugleich Beitrag zur Hochpotenzfrage“ (1958).
„Hahnemanns Psoratheorie an Hand der Entwicklung einer chronischen Krankheit illustriert“ (1964).
„Angina“ (1984).
Auf die beiden ersten Beispiele sind wir im Zusammenhang mit der Hochpotenzfrage und im Kapitel über die chronischen Krankheiten schon eingegangen. Das dritte Beispiel ist der Fall einer hoch fieberhaften Angina aus dem Jahre 1979 , geschildert, um die Fehler zweier Anfänger in der Homöopathie zu demonstrieren: der eine Anfänger ist Patient, der den Fehler macht, Nichtssagendes ängstlich übertrieben darzustellen, der andere der Behandler, der darauf hereinfällt. In einer linken Spalte wird Symptom für Symptom aufgezeichnet. In der rechten Spalte daneben wird kommentiert, eingeschätzt, nachgefragt, nach der Bedeutung für die akute Behandlung gesichtet. Am Ende wird nach Aufnahme der Gesamtheit der Symptome zusammengefaßt:
An was leidet er?
Was aggraviert? Was aggraviert das Lokalleiden?
Wie ist der Patient allgemein?
Was ist pathognomonisch?
Einige auffallende Lokalsymptome werden gefunden, Selbstverständliches für ein Lokalleiden wird nicht verwendet, ebenso Pathognomonisches nicht für die akute Behandlung, dafür wichtige Allgemeinsymptome.
Weitere demonstrative Lehrfälle finden wir auch in vier Texten von Künzli, in denen mehrere Fallschilderungen unter einem gemeinsamen Krankheitsbild zusammengefaßt sind, um Grundsätzliches mitteilen zu können.
„Einige Betrachtungen zum Fall von Coxarthrose“ . Nach der homöopathischen Heilung des einen Falles wird vergleichend gefragt, welche Behandlungen dieses Krankheitsbild in allopathischer Behandlung wohl erhalten hätte. Bei schweren Coxarthrosen sei auch homöopathisch nicht viel auszurichten, außer Verbesserungen in anderen Bereichen (z. B. Bronchitis). Die Gewichtung der Symptome, die Angaben im Repertorium, der Verlauf werden vorgeführt.
„Kann nicht-indiziertes Calc. in der Schwangerschaft Anomalien beim Kind zur Folge haben?“. Es kann: Kalzium intravenös oder Überdosierungen von Calcarea bzw. falsche Wahl dieses Mittels wird an fünf Fällen als Ursache der Störungen nachgewiesen. „Ich veröffentliche diese Beobachtungen mit der dringenden Bitte …, in Ihrer Praxis auf solche Zusammenhänge zu achten und dann dazu Stellung zunehmen. Es wäre von größter Wichtigkeit, daß diese bange Frage möglichst bald durch einwandfreie Tatsachen abgeklärt würde. Es scheint mir wirklich etwas mehr als Zufall, was in obigen Beobachtungen zum Ausdruck kommt“.
Künzli macht sich auch in Übersetzungen Wichtiges zu eigen. Als Beispiele seien genannt:
James Stephenson: Homöopathische Krebsbehandlung (statistische Auswertung). Eine Zusammenfassung der bisher vernachlässigten Informationen über homöopathische Krebsbehandlungen seit 1900, hier 95 Fälle. Dazu Äußerungen homöopathischer Ärzte (Bönninghausen, Kent u. a.), Analyse der Fälle in Übersicht und die Diskussion der verwendeten Potenzgrade. Auch die wichtigsten Medikamente werden zusammengestellt.
Die Übersetzung von Elisabeth Wright-Hubbards Aufsatz über sieben Arten der „Unterdrückung“. Zufällige, durch natürliche äußere Umstände hervorgerufene Unterdrückung; Unterdrückung durch lokale Applikationen von Arzneimitteln; durch schulmedizinische Medikation unterdrückte Krankheiten; chirurgische Unterdrückungen; Unterdrückung durch Impfungen; Unterdrückung der Syphilis; Unterdrückung einzelner Symptome. „Von unserem Standpunkt aus ist eben alles, was in der offiziellen Medizin nicht unbewußte Homöopathie ist, nur Unterdrückung“, zitiert Künzli Elisabeth Wright-Hubbard.
Eigene Erfahrungen in der „Homöopathischen Behandlung der Gicht“ hat Künzli in einer kleinen, französisch geschriebenen Studie zusammengefaßt. Das Hauptmittel Lycopodium ist in 70 Fällen 47mal erfolgreich. Es folgen Phosphor mit 8, dann andere mit weniger Heilungen. Daneben wurde fleischarme, basenreiche Kost verordnet.
Die früheste Fallschilderung, die mir von Künzli bekannt geworden ist, ist die einer Hautkrankheit aus dem Jahre 1949 . Die Geheilte kam als Mutter 1984 mit ihrer kleinen Tochter wieder, die auch an dieser Hautkrankheit litt. In beiden Fällen war Medorrhinum nötig.
Die umfassendste Darstellung von Kasuistik brachte Künzli in einer fortlaufenden Reihe der „Zeitschrift für klassische Homöopathie“ in den Jahren 1960-1966: „Der Fall“. Nach dem 20. Fall brach er ab. Nach dieser Fallreihe hat er aber bis in die Gegenwart hinein Einzelfälle veröffentlicht, wie sich der Bibliographie entnehmen läßt. 1960 war die deutsche Ausgabe des Kentschen Repertoriums erschienen, und es begann eine neue Zeitrechnung in der Homöopathie. Der Schilderung des kleinen Falles Nr.1 fügt Künzli den Satz an: „Ohne Kents Repertorium ist es unmöglich, das Mittel zu finden. Deshalb appelliere ich mit der Frage ,Welches ist das passende Mittel?‘ nur an Kent-Besitzer.“ Die Besprechung des Falles und der neue Fall wurden jeweils im folgenden Heft gebracht. Die Repertorisation der anfangs noch kurzen Fälle wird ausführlich im Sinne seiner Einführung zum Kent-Repertorium erklärt und in langen Tabellen auch wiedergegeben, die passende Theorie aus dem „Organon“ und der „Theorie der Homöopathie“ – wie nicht anders zu erwarten – ergänzt.
Die ersten acht Fälle waren zur Schulung „alles mehr oder weniger präparierte Fälle, in welchen ziemlich alle nichtssagenden Symptome und uns nichts helfende (im Sinne der Arzneimittel-diagnose) Einzelheiten schon weggeschnitten waren“. Fall 9 und 10 sind nun unpräparierte Fälle, wie sie in Künzlis Aufzeichnungen stehen. Im Fall 9 werden annähernd 200 Daten gesammelt, inklusive „Resultate des Interrogatoriums nach Kent“, also des Fragebogens. In einer anderen Fallschilderung wird einmal ganz deutlich, wie Künzli den Fragebogen nach Kent einsetzt. Nach einer ersten Fallaufnahme stellt er fest: „Das ist alles, was herauskommt. Nicht gerade aufschlußreich. Darum muß ich nun mit einem Interrogatorium nach Kent etwas Deutlicheres herauszubekommen versuchen“. Das tut er dann und es ergibt eine sehr lange Tabelle, wenngleich der Fragebogen nur zwei Seiten umfaßt . Weiter im Fall 9: Die Mittelfindung war für den einfach zu sehen, der gute Arzneimittelkenntnisse hatte und ohne zu repertorisieren mit Nachschlagen weniger Rubriken zurechtkommen konnte. Diese werden besprochen und eingeschätzt. Es gibt unvollständige Rubriken im Kent (z.B. Träume, lokale Unterrubriken) und es gibt wichtige Rubriken – hier sieht man, wie das System der schwarzen Punkte langsam durch Erfahrung wächst.
Der Fall 10 ist noch umfassender. Künzli gibt ihn „völlig unfrisiert, gerade so, wie ich ihn abfaßte, vom Munde der Patientin weg“, einschließlich des Patientinnenbriefes. Zur Übung der Repertorisation setzt Künzli, auf Wunsch der Schriftleitung, seine Fallreihe mit kürzeren und längeren Fällen fort . Den Fall 20 übernimmt er von Constantin Hering: „Was ich mit diesem Fall eines Meisters zeigen will: auch mit dem Repertorium lösen wir absolut nicht jeden Fall, ab und zu muß man zu den Quellen gehen“. Das heißt: „Arzneimittellehre vornehmen und an deren Hand vergleichen, welches Mittel nun zu unserer Patientin am besten paßt.“
Der Brief zum Gesamtwerk
Man stelle sich meine Bedenken vor, die ich hatte, als ich Künzlis Brief vom 23. September 1990 auf meine ausführliche Anfrage und auf einen längeren Fragebogen zur Darstellung seiner Homöopathie erhielt. Ließ sich daraus ein Gesamtbild erstellen? Nach Durchsicht und Darstellung des Gesamtwerkes muß ich sagen, daß dieser kurze Brief alles konzentriert enthält. Ich drucke die wesentlichen Passagen als Zusammenfassung meiner Studie ab:
„… schreiben Sie, daß ich
… das Repertorisieren im deutschen Sprachraum eingeführt habe. Das kannte niemand. Das Repertorisieren hat dann andere Dinge nach sich gezogen: bessere Anamnesetechnik, Wertung der Symptome, genauere, bessere Dosierungsvorschriften.
… den Anamnese-Fragebogen nach Kent eingeführt habe. Auch so etwas war vorher unbekannt. Nachher kamen dann auch andere mit ihren persönlichen Fragebogen. Da wurde dann auch wieder übertrieben, die Fragebogentechnik sollte nie schematisch gehandhabt werden.
… als erster Kurse über die Theorie der Homöopathie gehalten habe. Die Kurse bisheriger Art bestanden immer nur fast ausschließlich aus Materia Medica und Kasuistik; da und dort mal ein philosophischer Vortrag oder ein Versuch der Angleichung der Homöopathie an eine gerade herrschende Modeströmung. Und
… glaube ich, habe ich doch eine gewisse Hahnemann-Renaissance eingeleitet.
So abschätzige Sprüche wie „Hahnemann hat das noch nicht gewußt“ oder „Hier irrte er sich“ oder „Er hat gar keine genauen Angaben dazu gegeben“ etc. hört man heute doch seltener. Als ich jung war, waren solche Sprüche gang und gäbe. Heute nimmt man Hahnemanns Beobachtungen und Forschungsergebnisse wieder voll und ernst, und das mit vollem Recht.
Das alles sind auch heute noch meine Haupttätigkeitsgebiete.“
Künzli macht nicht viele Worte. Geht es ihm ähnlich wie uns bei der Darstellung seiner Homöopathie: Ist heute nicht alles ziemlich fortgeschritten, klar und einfach zu sagen? Warum die Anfänge wieder hervorholen und hinschreiben? Antwort:
Künzli hat mit dem allem neu angefangen.
Gute Anfänge sind in der Geschichte der Homöopathie schon häufiger verloren gegangen.
Künzli hatte das Glück („Ich bin dem Schicksal dankbar, daß es mich auf diese Fährte geführt hat“), bei Pierre Schmidt lernen zu dürfen. Das, was er dort und damit indirekt bei Kent und bei Hahnemann gelernt hat, hat er festgehalten, ausgebaut und weitergegeben.
Künzlis „Schule“ – er schätzt diesen Ausdruck nicht; denn es gäbe nur die eine Homöopathie Hahnemanns – ist eine Schulung in wissenschaftlicher Homöopathie in der Nachfolge Hahnemanns.
„Wie viele suchen und pröbeln ihr ganzes Leben lang, um am Lebensende vielleicht endlich zu klaren Erkenntnissen zu kommen – oder auch nicht. Wie dankbar kann man sein, wenn man gleich von Anfang an festen Grund unter den Füßen hat. Denn nur so können wahre Fortschritte erfolgen, während andere ihr Leben lang im Nebel wandeln“.
Am Ende des oben wiedergegebenen Briefes erkennt man, welcher Kampf um Hahnemann für Künzli zurückliegt. Es waren Homöopathen, die Hahnemann kritisierten, was dazu führte, wie er 1971 schrieb,
„daß der Homöopathie erneut wieder für Jahre die Aufnahme in den Kreis der ernsten Wissenschaften verweigert wird“.
Er fährt fort – und wir brauchen diese Aufforderung zum Studium der klassischen Werke noch immer:
„… kein Mensch denkt mehr, wenn er etwas liest; er läßt sich durch Schlagzeilen manövrieren. Würde er denken – vor lauter Hetze hat er eben keine Zeit mehr dazu -, dann würde er meist bald erkennen, daß die Kritik grundlos ist und nur aus zu flüchtigem Lesen der Hahnemannschen Werke entstehen konnte.“
Künzlis Anfänge und Ergebnisse sind beispielhaft für jeden Lernenden. Kein zukünftiges Lehrbuch könnte auf seine wissenschaftliche Homöopathie, auf seine Beobachtungen und Resultate verzichten; auf viele Texte nicht, an die in dieser kleinen Übersicht in Zusammenfassungen erinnert wurde.
Aus Gesprächen ergab sich auch, daß Künzli wenig Zeit und Lust für „Eitelkeiten“ aufbringen wollte; es gäbe dringendere Sachen, als in der Biographie zu stöbern. Das wollen wir dann auch nicht tun. Bringen wir nur noch, zur besseren zeitlichen Einordnung des Ganzen, eine biographische Übersichtsskizze.
Am 10. Oktober 1915 geboren in eine Arztfamilie in St. Gallen. Der Vater ist Schüler von Wassily, seit 1912 niedergelassen; auch der Großvater arbeitete schon homöopathisch; in St. Gallen reicht die Homöopathie bis in die Hahnemann-Zeit zurück. Standardwerk der Behandlung war der „Homöopathische Hausarzt“ von Constantin Hering.
1934-1941 Medizinstudium in Zürich, Berlin, Kiel, Paris mit Promotionsabschluß.
1941-1945 Tätigkeit im Inselspital in Bern, zuletzt als Oberarzt.
Suche nach homöopathischer Ausbildungsmöglichkeit. Nachfragen beim Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart (Stiegele) und in Amerika; von dort Hinweis auf Pierre Schmidt in Genf, bei dem er sich im Dezember 1945 bewarb. Pierre Schmidt (1894-1987) war Schüler von A. Eugene Austin, New York, und damit indirekt von James Tyler Kent (seit 1912 homöopathischer Arzt in Genf, 1925 Mitbegründer der internationalen Liga homöopathischer Ärzte; eine Bibliographie zu Pierre Schmidt findet man in der „Zeitschrift für klassische Homöopathie“ ).
1946 ein volles Jahr bei Pierre Schmidt in Genf. Künzli lernt die durch Kent geprägte Homöopathie: Materia Medica, Repertorisation, Kasuistik. Er hilft als Interpret der deutschen Texte für Pierre Schmidts kommentierte Übersetzung der 6. Auflage von Hahnemanns „Organon“ ins Französische. Mitarbeit an Pierre Schmidts Übersetzung und Bearbeitung von Kents „Theorie der Homöopathie“. Eigene Herstellung von Q-Potenzen. Kopiert sich die Nachträge aus Pierre Schmidts Repertorium (darunter Kents handschriftliche Nachträge aus dessen letztem Repertorium).
1947 Niederlassung in St. Gallen. Fortsetzung einer homöopathischen Familientradition.
1949 Erste Veröffentlichung als Homöopath.
1955 Teilnahme am großen Liga -Kongreß (500 Ärzte aus 15 Nationen) in Stuttgart zum 200. Geburtstag von Hahnemann.
Verstärkte Veröffentlichungstätigkeit.
1957-1973 Mitherausgeber der Zeitschrift für Klassische Homöopathie.
1961 Einführung in Georg von Kellers Übersetzung von Kents Repertorium ins Deutsche.
Ab 1962 Beginn der Lehrtätigkeit in St. Gallen, besonders – was neu war – Repertorisation. Später auch Theorie.
Ab 1971 Lehrtätigkeit in Frankfurt am Main.
1973-1986 jährliche Kurse auf der Insel Spiekeroog.
1973 Übersetzung (mit Kommentar) von Kents „philosophy“ nach der französischen Fassung von Pierre Schmidt: „Zur Theorie der Homöopathie – James Tyler Kents Vorlesungen über Hahnemanns Organon“ (seit 1966 in Fortsetzungen in der „Zeitschrift für klassische Homöopathie“ vorveröffentlicht).
1973 Horst Barthel und Will Klunker widmen Künzli, dem „Meister und Lehrer der Homöopathie“, ihr „Synthetisches Repertorium“, das Künzlis Nachträge aus der internationalen Literatur neben Nachträgen von 15 anderen Autoren enthält.
Seit 1977 bis 1991: Wöchentliche Vorlesungen zur Grundausbildung homöopathischer Ärzte in Zwei-Jahres-Zyklen in den Räumen der Universität Zürich.
1982: Übersetzung der 6. Auflage des „Organon“ ins Englische zusammen mit Alain Naudé und Peter Pendleton.
1985: Übersetzung und Kommentierung des 1. Bandes der „Chronischen Krankheiten“ Hahnemanns ins Französische zusammen mit Pierre Schmidt.
1986-1989: zusammen mit Michael Barthel Herausgabe des „Kents Repertorium Generale“ in englischer und in deutscher Sprache mit Ergänzungen von 72 Autoren und Künzlis Kennzeichnungen bewährter Rubriken und Mittel (schwarze Punkte).
1986 bis 1991: Aus der Leitung eines homöopathischen Ambulatoriums mit 5 Ärzten entwickelt sich eine wöchentlich in Zürich durchgeführte Supervision für praktizierende homöopathische Ärzte (wegen der großen Zahl von zeitweise bis etwa 40 Teilnehmern aus der deutschsprachigen und italienischen Schweiz, aus Österreich und Deutschland in zwei alternierend tagenden Gruppen).
1990: Anleitung von 40 Ärzten aus der Schweiz, Österreich und Deutschland zur neuerlichen Erweiterung des Repertoriums durch Einfügung des gesamten Repertoriums von Boger-Bönninghausen in den Kent (bis zum heutigen Tag fortgeführt).
5. April 1992: Jost Künzli von Fimmelsberg stirbt nach längerer Erkrankung.
Die in dieser Übersichtsstudie erwähnten oder zitierten Texte von Künzli finden sich sämtlich in der im Anhang aufgeführten Bibliographie.
KH 11 (1974), 188
Dt. J.Hom. 2 (1983), 11-13
in Acta = KH 15 (1971), 271
Dr. Künzli in KH 23 (1979), 77
KH 32 (1988), 38
KH 21 (1977), 203
3 Bde. 1986 und 1989
3 Bde. 1973, 1974 und 1978
KH 33 (1989), 160-162
vgl. M. Barthel in: Dt. J. Hom. 4 (1985), 308-310
Dt. J.Hom. 1 (1982), 4-8
s. Anmerkung 12
KH 24 (1980), 87
James Tyler Kent, Zur Theorie der Homöopathie, S. 158
KH 5 (1961), 189-192
vgl. Richard Haehl, Samuel Hahnemann – sein Leben und Schaffen, Leipzig, 1922, Bd. 1, S. 352 ff.; vgl. auch Rudolf Tischner, Geschichte der Homöopathie, Leipzig 1939, III. Teil, S. 583 ff.
KH 25 (1981), 211-212
vgl. viele Einzelheiten und Zahlen in: Dt. J.Hom. 6 (1987), 390-392 und 7 (1988), 145-152
KH 31 (1987), 213-214. Deutsche Übersetzung: Harris Coulter und Barabara L. Fisher ,,Dreifach-Impfung – Ein Schuß ins Dunkle“, Berg, 1991
KH 11 (1967), 51-55
KH 32 (1988), 37-38
vgl. KH 33 (1989), 160-162
vgl. KH 2 (1958), 30-37
AHZ 199 (1954), 244-255
Samuel Hahnemann: Chronische Krankheiten, Bd. 1, S. 58-61
Samuel Hahnemann: Chronische Krankheiten, Bd. 1, S. 67 – 98
KH 7 (1962), 168-169
vgl. Proceso Sanchez Ortega, Über die Berücksichtigung der chronischen Miasmen bei der Behandlung der Geistes- und Gemütskrankheiten, Seminar, 10. Mai 1991 auf dem 46. Ligakongreß in Köln, unveröffentlicht
KH 8 (1964), 195-204
KH 9 (1965), 112-114
Dt. J.Hom. 1 (1982), 60-65, 146-153, 258-264
KH 6 (1962), 49-53
KH 21 (1977), 202-206
KH 27 (1983), 188-191
KH 23 (1979), 76-77
KH 3 (1959), 65-66
KH 2 (1958), 30-37
James Tyler Kent, Zur Theorie der Homöopathie, S. 324
KH 2 (1958), 97-115
KH 5 (1961) 233 ff.
KH 18 (1974), 15-18
Deutsche Homöopathische Monatsschrift 7 (1956), 451-461
Bd. 21, Heft 2, S. 79 ff.
KH 4 (1960), 47-56
KH 33 (1989), 229-231
AHZ 211 (1966), 313-314 nach Vorschlägen von Stephenson
so zitiert Georg v. Keller ein Wörterbuch von 1892 in KH 18 (1984), 75
KH 25 (1981), 14-22 und 73-76
3. Aufl. 1924; 3. Aufl. 1934; 5. Aufl. 1945; 6. Aufl. 1957
z.B. Hierarchy of symptoms. Summary. Proceedings, International Congress of the Liga Medicorum Homoeopathia Internationalis. Washington, 1987
KH 28 (1984), 198
KH 31 (1987), 254
vgl. Georg v. Keller, Zur Entstehung des Kentschen Repertoriums, KH 28 (1984), 68-76
KH 12 (1968), 175-176
KH 31 (1987), 256
KH 13 (1969), 10-21
z.B. Dt. J.Hom. 2 (1983), 106-111
Dt. J.Hom. 3 (1984), 39-41
KH 18 (1974), 142-149
AHZ 201 (1956), 165-166; teilweiser Wiederabdruck: Dt.J.Hom. 4 (1985), 246
KH 3 (1959), 273-282
KH 11 (1967), 52
Acta = KH 15 (1971), 120-123
Dt. J.Hom. 9 (1990), 23-25
KH 4 (1960), 141
KH 18 (1974), 105
vgl. Abdruck KH 18 (1974), 291-292 und Dt. J.Hom. 4 (1985), 118-119
KH 7 (1963), 184 ff.
KH 31 (1987), 255
Acta = KH 15 (1971), 271
KH 19 (1975), 71-74 und 114-121

References: § 71
 §1
 § 70
 § 291
 § 153
 § 153
 § 80
 § 80
 § 153
 § 270
 § 248
 § 153
 § 212