Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/stuttgart-21-und-das-versammlungsgesetz-360092
Timestamp: 2020-02-17 22:52:25+00:00

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Stutt­gart 21 und das Ver­samm­lungs­ge­setz | Rechtslupe
Stutt­gart 21 und das Ver­samm­lungs­ge­setz
Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hat ein frei­spre­chen­des Urteil des Land­ge­richts Stutt­gart 1 wegen Ver­sto­ßes gegen das Ver­samm­lungs­ge­setz im Zusam­men­hang mit Demons­tra­tio­nen gegen das Bahn­pro­jekt Stutt­gart 21 auf­ge­ho­ben und zu neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an eine ande­re Straf­kam­mer des Land­ge­richts Stutt­gart zurück­ver­wie­sen.
Dem Ange­klag­ten wird von der Staats­an­walt­schaft Stutt­gart vor­ge­wor­fen, er habe als Lei­ter von Ver­samm­lun­gen (es geht um vier Demons­tra­tio­nen gegen das Bahn­pro­jekt Stutt­gart 21 im Okto­ber 2010 und Früh­jahr 2011) Auf­la­gen der Ver­samm­lungs­be­hör­de miss­ach­tet, indem er in drei Fäl­len nicht die aus­rei­chen­de Anzahl an Ord­nern bereit­stell­te, in einem Fall nicht ver­hin­der­te, dass ein Tief­la­der mit Trak­to­ren der Bür­ger­initia­ti­ve Lüchow-Dan­nen­berg in den mitt­le­ren Schloss­gar­ten ein­fuhr und in einem Fall zuge­las­sen habe, dass ent­ge­gen der Auf­la­gen auf einem Fahr­zeug Musik abge­spielt wur­de.
Der Ange­klag­te wur­de vom Amts­ge­richt Stutt­gart 2 jeweils zu einer Gesamt­geld­stra­fe von 45 Tages­sät­zen zu je 60,00 € ver­ur­teilt. Das Land­ge­richt Stutt­gart hat den Ange­klag­ten dage­gen aus Rechts­grün­den frei­ge­spro­chen: Der Ange­klag­te habe zwar gegen die Auf­la­gen aus den jewei­li­gen Ver­samm­lungs­be­schei­den ver­sto­ßen, es hand­le sich aber nicht um Auf­la­gen im Sin­ne des § 15 Abs. 1 Ver­samm­lungs­ge­setz, wes­halb der Ver­stoß hier­ge­gen kei­ne Straf­tat nach § 25 Nr. 2 Ver­samm­lungs­ge­setz begrün­de. § 15 Abs. 1 Ver­samm­lungs­ge­setz sehe beschrän­ken­de Ver­fü­gun­gen nur für den Fall vor, dass eine unmit­tel­ba­re Gefähr­dung der öffent­li­chen Sicher­heit und Ord­nung nach den zur Zeit des Erlas­ses der Ver­fü­gun­gen erkenn­ba­ren Umstän­den vor­lie­ge, erfas­se aber kei­ne Maß­nah­men, die nicht die Abwehr kon­kret bevor­ste­hen­der unmit­tel­ba­rer Gefah­ren bezwe­cken. Die Staats­an­walt­schaft Stutt­gart macht mit der Revi­si­on gel­tend, es lie­ge ein straf­ba­rer Ver­stoß gegen Auf­la­gen im Sin­ne des § 15 Abs. 1 Ver­samm­lungs­ge­set­zes vor.
Nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart hält die Auf­fas­sung des Land­ge­richts, dass die Anord­nun­gen in den Beschei­den kei­ne Auf­la­gen gewe­sen sei­en, einer recht­li­chen Über­prü­fung nicht stand. Es sei jeweils durch Aus­le­gung zu ermit­teln, ob eine Auf­la­ge im Sin­ne des § 15 Abs. 1 Ver­samm­lungs­ge­setz vor­lie­ge. Die vom Land­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung sei inso­weit aber nur lücken­haft und des­halb rechts­feh­ler­haft erfolgt.
Ins­be­son­de­re habe sich das Land­ge­richt Stutt­gart nur unzu­rei­chend mit dem Inhalt und der Begrün­dung der jewei­li­gen Beschei­de aus­ein­an­der­ge­setzt und nicht hin­rei­chend bedacht, dass die öffent­li­che Sicher­heit auch die Sicher­heit des Stra­ßen­ver­kehrs und den Schutz unbe­tei­lig­ter Drit­ter vor unzu­mut­ba­ren Lärm­beein­träch­ti­gun­gen umfas­se.
Soweit das Land­ge­richt Stutt­gart in dem Umstand, dass die Ver­samm­lun­gen trotz der Ver­stö­ße nicht auf­ge­löst und auch wei­te­re Ver­samm­lun­gen geneh­migt wor­den sei­en, einen Beleg dafür gese­hen habe, dass es sich bei den Anord­nun­gen nicht um straf­be­wehr­te Auf­la­gen habe han­deln sol­len, grei­fe dies zu kurz. So habe das Land­ge­richt nicht erör­tert, dass eine Auf­lö­sung der Ver­samm­lun­gen auch zur Ver­mei­dung von Eska­la­tio­nen unter­blie­ben sein kön­ne und dass neue Ver­samm­lun­gen mög­li­cher­wei­se des­halb nicht ver­bo­ten wor­den sei­en, da die Auf­la­gen von der Ver­samm­lungs­be­hör­de der Begrün­dung der Beschei­de zufol­ge jeweils im Ein­ver­neh­men mit dem Ange­klag­ten erlas­sen wor­den sei­en.
Der Frei­spruch kön­ne auch nicht aus ande­ren Grün­den auf­recht erhal­ten wer­den, es sei auf­grund der bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen ins­be­son­de­re nicht davon aus­zu­ge­hen, dass die Anord­nun­gen der Behör­de rechts­wid­rig waren.
Das Land­ge­richt Stutt­gart muss nun­mehr erneut über­prü­fen, ob straf­ba­re Ver­stö­ße gegen das Ver­samm­lungs­ge­setz vor­ge­le­gen haben.
Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 4. April 2013 – 1 Ss 144/​13
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LG Stutt­gart, Urteil vom 07.12.2012 – 31 Ns 4 Js 104002/​10[↩]
AG Stutt­gart, Urtei­le vom 04.07.2011 und 19.09.2011 – 15 Cs 4 Js 104002/​10 und 15 Cs 1 Js 16443/​11[↩]
VersammlungsrechtVersammlungsverbot

References: § 15
 § 25
 § 15
 § 15
 § 15
 § 15