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Timestamp: 2019-11-12 15:47:29+00:00

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Warum sind die Ergebnisse einer Jahresabschlussanalyse kritisch zu hinterfragen? Qualitative und quantitative Kritik
L D Leonie Diestel (Autor)
2 Die Jahresabschlussanalyse
3 Kritik an der quantitativen Jahresabschlussanalyse
3.1 Die Qualität der Informationen
3.2 Die Bilanzpolitik
3.3 Die Aktualität der Informationen
3.4 Kritik an Kennzahlen
4 Kritik an der qualitativen Jahresabschlussanalyse
Gegenstand dieser Arbeit ist die Kritik an der Jahresabschlussanalyse. Die Jahresabschlussanalyse, auch Bilanzanalyse genannt, beschäftigt sich mit der Aufbereitung und Auswertung der Daten des Jahresabschlusses.1 Durch ihre vielfältigen Einsatzmöglichkeiten ist die Jahresabschlussanalyse unmittelbar praxisrelevant. Sie wird unter anderem von Kreditinstituten zur Bonitätsermittlung, aber auch von Aktionären, die auf der Suche nach dem nächsten Investment sind, eingesetzt.2
Ziel dieser Arbeit ist, die Jahresabschlussanalyse kritisch zu hinterfragen. Es soll überprüft werden, warum die Ergebnisse der Analyse anzuzweifeln sind. Zuerst wird die Jahresabschlussanalyse vorgestellt und ihre Teilbereiche kurz skizziert. Daraufhin werden die Kritikpunkte und Problematiken der Methoden erläutert. Es soll ein Überblick über die verschiedenen Mängel der Jahresabschlussanalyse gegeben werden. Eine genaue Betrachtung aller Punkte würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
Der Jahresabschluss eines Unternehmens setzt sich aus Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung zusammen.3 Gegebenenfalls kommen ein Anhang und ein Lagebericht dazu.4 Grundlage für den Jahresabschluss ist eine ordnungsgemäße Buchführung. Der Jahresabschluss soll die tatsächlichen Verhältnisse der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage darstellen.5 Grundsätzlich unterliegen alle Kaufleute der Buchführungspflicht.6 Einzelkaufleute, die an zwei aufeinander folgenden Stichtagen Umsatzerlöse von 600.000€ oder einen Jahresüberschuss von 60.000€ nicht überschreiten, sind von dieser Pflicht befreit.7
Der Jahresabschluss hat zwei grundlegende Funktionen. Zuerst dient er zur Information den Gläubigern und Anteilseignern gegenüber.8 Dazu zählen unter anderem Darlehensgeber, Lieferanten und Aktionäre. Auch für das Unternehmen selbst kann der Jahresabschluss eine aufschlussreiche Informationsquelle darstellen.
Eine weitere Funktion des Jahresabschlusses ist die sogenannte Zahlungsbemessungsfunktion. Der im Jahresabschluss ausgewiesene Jahresüberschuss ist Grundlage für die Ermittlung des zu versteuernden Einkommens, aus ihm ergibt sich also die Steuerbelastung des Unternehmens. Außerdem steht eine gegebenenfalls auszuschüttende Dividende in Zusammenhang mit dem Jahresabschluss. Die Höhe der Dividende orientiert sich in der Regel an dem ausgewiesenen Jahresüberschuss.9
Zusätzlich erfüllt der Jahresabschluss auch die Dokumentationsfunktion. Die Daten sollen archiviert werden, um später die Geschäftsvorfälle und die Entwicklung des Unternehmens nachvollziehen zu können.10 So sollen auch möglicherweise vollzogene strafbare Handlungen, wie beispielsweise Unterschlagung, im Nachhinein plausibilisiert werden können.11
Die Jahresabschlussanalyse beschäftigt sich sinngemäß mit dem Jahresabschluss. Es existieren viele Arten und Methoden der Jahresabschlussanalyse. Dabei gibt es keinerlei gesetzliche Grundlagen und auch keine Pflichten dem Unternehmen gegenüber, eine Jahresabschlussanalyse durchzuführen.12
Im Wesentlichen gibt es drei Teilbereiche des Jahresabschlussanalyse: die Rentabilitäts-, die Liquiditäts- und die Vermögensanalyse. Das vorrangige Ziel der externen Jahresabschlussanalyse ist die Verbesserung der gegebenen Informationen.13 Sie wird von verschiedenen Interessensgruppen durchgeführt. Die Gläubiger des Unternehmens, beispielsweise Kreditinstitute und Lieferanten, führen Jahresabschlussanalyse zur Bonitätsermittlung des Unternehmens durch. Hierbei ist für sie ist die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens entscheidend. Für die Fremdkapitalgeber hat also die Liquiditätsanalyse Vorrang.14 Eine andere Interessengruppe sind die Anteilseigner. Für sie als Eigenkapitalgeber ist die Rentabilitätsanalyse am interessantesten.15 Die zahlreichen Einsatzmöglichkeiten zeigen die Praxisrelevanz der Jahresabschlussanalyse. Sie spielt eine große Rolle bei der Aktienanalyse. Außerdem ist sie ein fester Bestandteil des Kreditratings der Kreditinstitute.16
Im Allgemeinen wird zwischen der qualitativen und der quantitativen Analyse unterschieden. Die quantitative Analyse beschäftigt sich mit vorwiegend mit Kennzahlen. Aus den gegebenen Informationen der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung werden Kennziffern berechnet. Hier gibt es unzählige Kennzahlen aus vielen Teilbereichen. Mit der Hilfe der Kennzahlen lassen sich verschiedenste Sachverhalte messen und somit auch unternehmensübergreifend Vergleiche anstellen.
Im Gegensatz zu der quantitativen, Kennzahlen gestützten Analyse steht die qualitative Jahresabschlussanalyse. Diese beschäftigt sich nicht mit den quantifizierbaren Merkmalen, sondern untersucht den Jahresabschluss verbal. Hierbei werden besonders der Lagebericht und der Anhang genutzt.17 Wie auch bei der quantitativen Analyse, gibt es hier verschiedene Methoden. Generell wird in die zwei Teilbereiche semiotische Analyse und die Analyse des bilanzpolitischen Instrumentariums unterteilt.18 Für den Teilbereich der semiotischen Analyse soll die semantische Analyse als ein Beispiel vorgestellt werden. Hier wird der Jahresabschluss in Hinblick auf die Anzahl von positiven und negativen Fachbegriffen untersucht. Die häufiger genutzten Begriffe geben Aufschluss über die reale Sachlage und den Zustand des Unternehmens.19 Der Text wird nach rhetorischen Mittel untersucht, die Wortwahl wird genauestens untersucht.20 Eine weitere Methode der semiotischen Analyse ist die syntaktische Analyse. Auch hier liegt das Augenmerk auf dem Wortlaut des Jahresabschlusses. Es wird überprüft, ob ein Sachverhalt eher schwammig umschrieben wird, oder präzise Daten genannt werden.21 Beispielsweise ist es entscheidend, ob in dem Jahresabschluss steht: „Der Umsatz lag bei 500 Millionen Euro.“, „Der Umsatz war gut.“, oder „Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.“. Hierbei ist die syntaktische Analyse alleine kaum aussagekräftig, sie muss mit anderen Analysemethoden kombiniert werden, um stichhaltige Ergebnisse zu erzielen.22
Das Ziel der qualitativen Jahresabschlussanalyse ist unter anderem, herauszufinden, in welcher Form das Unternehmen bilanzpolitische Mittel eingesetzt hat. Es soll geprüft werden, ob das Unternehmen eine progressive oder konservative Bilanzpolitik verfolgt hat. Also, ob es eher eine positive oder eine eher negative Darstellung wählt.23
Die quantitative Jahresabschlussanalyse bezieht sich auf die Daten aus der Bilanz und GuV des Jahresabschlusses. Die Daten werden aufbereitet, es werden Kennzahlen gebildet und diese werden analysiert.24 Welche Probleme bei dieser Art der Analyse auftreten können, wird in diesem Kapitel geprüft.
Die in der quantitativen Jahresabschlussanalyse gebildeten Kennzahlen basieren auf den Daten des Jahresabschlusses. Die Analyse hängt folglich maßgeblich von der Qualität der gegebenen Informationen ab.
Ein wesentlicher Kritikpunkt an der Kennzahlenanalyse ist die starke Vereinfachung von komplexen Sachverhalten. Diese Vereinfachung resultiert aus dem fehlenden Detailreichtum der Daten des Jahresabschlusses. In der Bilanz und in der GuV sind meist zahlreiche einzelne Vermögensgegenstände und Geschäftsvorfälle zu einer Position zusammengefasst.25 Dies dient der Übersichtlichkeit und Einfachheit des Jahresabschlusses, bringt aber auch Nachteile mit sich. Die Stichhaltigkeit der Informationen leidet unter der komprimierten Darstellung. Die Zusammenfassung zu Sammelpositionen schädigt so dem Detaillierungsgrad. Dies kann bei der Kennzahlen gestützten Jahresabschlussanalyse zu Problemen führen. Beispielsweise können Ergebnisse, die sich auf Einzelpositionen beziehen, verloren gehen.26
Nicht nur die begrenzte Genauigkeit der Bilanz und GuV sind ein großer Kritikpunkt, auch das fehlende Ausweisen einiger Vermögensgegenstände ist eine große Schwäche des Jahresabschlusses und somit auch dessen Analyse. Beispielsweise werden qualitative Komponenten wie Wissen, das Management und der Ruf des Unternehmens als Teil eines selbstgeschaffenen, originären Geschäftsfirmenwertes nicht aktiviert.27 Für die umfassende Beurteilung eines Unternehmens spielen aber auch diese, bei der Kennzahlenanalyse völlig außer Acht gelassenen, qualitativen Informationen eine wichtige Rolle. Des Weiteren werden nur Geschäftsvorfälle im Jahresabschluss dargestellt, die vermögens-, finanz- oder GuV-wirksame Auswirkungen haben. Schwebende Geschäfte, sofern kein Verlust aus ihnen droht, Lieferverträge oder verfügbare Kreditlinien werden nicht im Jahresabschluss erfasst.28 So bilden die Kennzahlen der Analyse lediglich ein unvollständiges, stark vereinfachtes Bild des Unternehmens ab. Dementsprechend kann es zu Fehlinterpretationen kommen.
Der Jahresabschluss ist stichtagsbezogen. Die Bilanz und GuV haben also zumeist nur einen Tag Gültigkeit.29 Dies stellt vor allem in Hinblick auf die Liquiditätsanalyse ein großes Problem da. Es ist schlichtweg nicht möglich, lediglich anhand des Jahresabschlusses Aussagen über die Liquidität des Unternehmens zu treffen. Hinzu kommt, dass frei nutzbare Liquidität, wie Kontokorrentkredite bei Kreditinstituten nicht ausgewiesen werden. Der Jahresabschluss bezieht sich auf das Reinvermögen, also auf Erträge und Aufwendungen. Ob diese zahlungswirksam sind, lässt sich nicht erkennen.30
Die externe Analyse wird zusätzlich dadurch erschwert, dass lediglich öffentliche Informationen zur Verfügung stehen. Diese Informationen sind stets stark reduziert und begrenzt.31 Die interne Jahresabschlussanalyse hat dahingegen den großen Vorteil, auch auf interne Daten zugreifen zu können. Hier ist es in der Regel wahrscheinlicher, dass die Ergebnisse der Analyse gemäß der tatsächlichen Situation ausfallen.32
Die Erstellung des Jahresabschlusses ist in Deutschland nach dem HGB geregelt. Lediglich kapitalmarktorientierte Unternehmen sind dazu verpflichtet, ihre Buchführung nach den internationalen Rechnungslegungsstandards durchzuführen. Bei der Jahresabschlussanalyse ist zu beachten, nach welcher gesetzlichen Grundlage bilanziert wurde. Die unterschiedlichen Rechnungslegungsnormen sind nicht harmonisiert und die HGB- und IFRS-Vorschriften unterscheiden sich teilweise stark voneinander.33 Diese Diskrepanzen zwischen den Gesetzen stellen so ein weiteres Problem der Jahresabschlussanalyse da. Der Analyst muss über ein umfangreiches Wissen verfügen, um Jahresabschlüsse beider Normen analysieren zu können. Aufgrund der wesentlichen Unterschiede in den Ansätzen und der Bewertung, kann es vor allem bei der vergleichenden Betrachtung zweier Unternehmen zu Schwierigkeiten kommen.34
1 Vgl. Küting, Karlheinz u. Weber, Claus-Peter (2015), S. 1.
2 Vgl. ebenda, S. 8.
3 Vgl. §242 Absatz 3 HGB.
4 Vgl. §264 Absatz 1, Satz 1 HGB.
5 Vgl. §246 Absatz 1, Satz 1 HGB.
6 Vgl. §238 Absatz 1, Satz 1 HGB.
7 Vgl. §241a Satz 1 HGB.
8 Vgl. Wöhe, Günter u. Döring, Ulrich (2010), S. 719.
9 Vgl. Wöhe, Günter u. Döring, Ulrich (2010), S. 718.
10 Vgl. Heesen, Bernd u. Gruber, Wolfgang (2018), S.5.
11 Vgl. Wöhe, Günter u. Döring, Ulrich (2010), S. 718.
12 Vgl. Nickenig, Karin (2018), S.14.
13 Vgl. Wöhe, Günter u. Döring, Ulrich (2010), S. 903.
14 Vgl. Küting, Karlheinz u. Weber, Claus-Peter (2015), S.8.
15 Vgl. ebenda, S.9.
16 Vgl. Grill, Wolfgang ; Percynski, Hans (2017), S.454.
17 Vgl. Küting, Karlheinz u. Weber, Claus-Peter (2015), S.414.
18 Vgl. ebenda, S.417.
19 Vgl. Nickenig, Karin (2018), S.17.
20 Vgl. Küting, Karlheinz u. Weber, Claus-Peter (2015), S.433.
21 Vgl. Nickenig, Karin (2018), S.17.
22 Vgl. Küting, Karlheinz u. Weber, Claus-Peter (2015), S.431.
23 Vgl. Spångberg Zepezauer, Anna Karin (2017), S.115.
24 Vgl. Wöhe, Günter u. Döring, Ulrich (2010), S.905.
25 Vgl. Küting, Karlheinz u. Weber, Claus-Peter (2015), S.76.
26 Vgl. ebenda, S.77.
27 Vgl. §248 Absatz 2, Satz 1 HGB.
28 Vgl. Küting, Karlheinz u. Weber, Claus-Peter (2015), S.74f.
29 Vgl. Heesen, Bernd u. Gruber, Wolfgang (2018), S.110.
30 Vgl. Brösel, Gerrit (2010), S.37.
31 Vgl. Lachnit, Laurenz u. Müller, Stefan (2017), S.17.
32 Vgl. ebenda, S.2.
33 Vgl. ebenda, S.18.
34 Vgl. Coenenberg, Adolf G. u.a. (2016), S.1031.
Leonie Diestel (Autor)
V503097
9783346052179
Leonie Diestel (Autor), 2019, Warum sind die Ergebnisse einer Jahresabschlussanalyse kritisch zu hinterfragen? Qualitative und quantitative Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503097
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