Source: https://www.rechtslupe.de/brennpunkt/asyl-fuer-konvertiten-und-die-glaubenspruefung-3203073?pk_campaign=feed&pk_kwd=asyl-fuer-konvertiten-und-die-glaubenspruefung
Timestamp: 2020-08-09 05:11:51+00:00

Document:
Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg wies die Kla­ge ab [1]; dem Asyl­be­wer­ber dro­he bei einer Rück­kehr in den Iran kei­ne Ver­fol­gung aus reli­giö­sen Grün­den. Die Anhö­rung habe das Gericht nicht von einer die reli­giö­se Iden­ti­tät prä­gen­den Hin­wen­dung des Asyl­be­wer­bers zur christ­li­chen Reli­gi­on über­zeu­gen kön­nen. Er habe nicht in sub­stan­ti­el­ler Wei­se sei­ne Beweg­grün­de auf­zei­gen kön­nen, die ihn aus­ge­rech­net zum christ­li­chen Glau­ben geführt hät­ten. Ein Tauf­kurs, der die christ­li­chen Glau­bens­grund­la­gen auch nur grob ver­mit­telt oder ver­tieft hät­te, habe nicht statt­ge­fun­den. Zwar habe der Asyl­be­wer­ber sich ein gewis­ses Grund­wis­sen über das Chris­ten­tum ange­eig­net. Es hät­ten sich aber auch hier nicht uner­heb­li­che Lücken gezeigt. Auch wenn er christ­li­che Glau­bens­in­hal­te rich­tig wie­der­ge­ge­ben habe, habe der Ver­wal­tungs­ge­richt­hof nicht den Ein­druck gewon­nen, der Asyl­be­wer­ber habe sich über das „Erler­nen“ christ­li­cher Glau­bens­in­hal­te hin­aus inten­siv mit dem Glau­ben beschäf­tigt und die­sen als für sein wei­te­res Leben iden­ti­täts­prä­gend ver­in­ner­licht. Es drän­ge sich ange­sichts der sozia­len Unter­stüt­zung durch die Pfar­re­rin und die ira­ni­sche Kir­chen­ge­mein­de der Ein­druck auf, dass der Asyl­be­wer­ber sich dem Chris­ten­tum vor­nehm­lich aus sozia­len und inte­gra­ti­ven Grün­den ange­schlos­sen habe.
Ver­wal­tungs­ge­rich­ten sei es – von Miss­brauchs­fäl­len abge­se­hen – ver­wehrt, die von einer Glau­bens­ge­mein­schaft bestä­tig­te Mit­glied­schaft als sol­che in Fra­ge zu stel­len. Im Rah­men der Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen der Flücht­lings­an­er­ken­nung nach §§ 3 ff. AsylG hät­ten die Ver­wal­tungs­ge­rich­te bei der Beur­tei­lung der Schwe­re einer gel­tend gemach­ten Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit aber im Wege einer eige­nen tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung zu prü­fen, ob die Befol­gung einer bestimm­ten gefah­ren­träch­ti­gen Glau­bens­pra­xis für den Schutz­su­chen­den per­sön­lich nach sei­nem Glau­bens­ver­ständ­nis ein zen­tra­les Ele­ment sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät bil­de und in die­sem Sin­ne für ihn unver­zicht­bar sei. Dass die­se Fra­ge in Teil­be­rei­chen auch als kir­chen­recht­li­che Vor­aus­set­zung für die Tau­fe bedeut­sam und von dem inner­kirch­lich zustän­di­gen Amts­trä­ger bejaht wor­den sei, mache sie mit Blick auf die den staat­li­chen Gerich­ten oblie­gen­de Prü­fung der Flücht­lings­an­er­ken­nung nicht zu einer „eige­nen Ange­le­gen­heit“ der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im Sin­ne von Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 Satz 1 WRV, zu denen auch die Rech­te und Pflich­ten ihrer Mit­glie­der, ins­be­son­de­re die Bestim­mun­gen über die Mit­glied­schaft zähl­ten.
Es sei auch geklärt, dass die Ver­wal­tungs­ge­rich­te sich bei der Prü­fung der inne­ren Tat­sa­che, ob der Betrof­fe­ne die unter­drück­te reli­giö­se Glau­bens­be­tä­ti­gung für sich selbst als ver­pflich­tend zur Wah­rung sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät emp­fin­de, nicht auf eine Plau­si­bi­li­täts­prü­fung beschrän­ken dürf­ten, son­dern das Regel­be­weis­maß der vol­len Über­zeu­gung des Gerichts (§ 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO) zugrun­de zu legen hät­ten. Ein wei­ter­ge­hen­der Klä­rungs­be­darf erge­be sich nicht dar­aus, dass die Anle­gung des Regel­be­weis­ma­ßes nach Ansicht der Beschwer­de die Reli­gi­ons­frei­heit des Ein­zel­nen und das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht ver­let­ze. Denn eine Zurück­nah­me des tatrich­ter­li­chen Beweis­ma­ßes sowie der gericht­li­chen Kon­troll­dich­te sei nur bei der Bestim­mung der Reich­wei­te des Schutz­be­reichs des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch eine exten­si­ve Aus­le­gung des Begriffs der „Reli­gi­ons­aus­übung“ unter Berück­sich­ti­gung sowohl des kirch­li­chen als auch des Selbst­ver­ständ­nis­ses des Grund­rechts­trä­gers ange­zeigt. Die gebo­te­ne Berück­sich­ti­gung des kirch­li­chen und indi­vi­du­el­len Selbst­ver­ständ­nis­ses bei der Bestim­mung, wie weit der Schutz­be­reich des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG im Ein­zel­fall rei­che, sei aber nicht auf die der Schutz­be­reichs­be­stim­mung vor­ge­la­ger­te tatrich­ter­li­che Wür­di­gung zu über­tra­gen, ob und inwie­weit eine Per­son eine bestimm­te reli­giö­se Bestä­ti­gung ihres Glau­bens für sich selbst als ver­pflich­tend zur Wah­rung der reli­giö­sen Iden­ti­tät emp­fin­de.
Durch die bei Prü­fung der Flücht­lings­ei­gen­schaft von den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten zu tref­fen­den Fest­stel­lung der Bedeu­tung bestimm­ter Glau­bens­be­tä­ti­gun­gen für die reli­giö­se Iden­ti­tät des Schutz­su­chen­den wird auch nicht die Glau­bens, Gewis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit des Ein­zel­nen (Art. 4 Abs. 1 und 2 GG, Art. 10 Abs. 1 GR-Char­ta, Art. 9 Abs. 1 EMRK) wegen Miss­ach­tung der sich aus Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG, Art. 4 Abs. 1 und 2 GG, Art. 33 Abs. 3 GG und Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 136 Abs. 1 und 4, Art. 137 Abs. 1 WRV erge­ben­den welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­täts­pflicht des Staa­tes ver­letzt. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de haben die Ver­wal­tungs­ge­rich­te nach den vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auf­ge­stell­ten recht­li­chen Maß­stä­ben kei­ne inhalt­li­che „Glau­bens­prü­fung“ vor­zu­neh­men. Mit der Prü­fung der Flücht­lings­an­er­ken­nung wegen gel­tend gemach­ter reli­giö­ser Ver­fol­gung ist ins­be­son­de­re kei­ne ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ge Bewer­tung des Glau­bens des Ein­zel­nen oder der Leh­re der Kir­che ver­bun­den [12]. Die Ver­wal­tungs­ge­rich­te set­zen sich bei der erfor­der­li­chen – sub­jek­ti­ven – Prü­fung der Schwe­re der dro­hen­den Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit weder mit Inhal­ten von Glau­bens­sät­zen aus­ein­an­der, noch set­zen sie ihre eige­ne Wer­tung zu Inhalt und Bedeu­tung eines Glau­bens­sat­zes an die Stel­le der­je­ni­gen des Ein­zel­nen oder der Kir­che oder Glau­bens­ge­mein­schaft oder for­mu­lie­ren eige­ne Stand­punk­te in Sachen des Glau­bens [13]. Sie ent­schei­den auch nicht über die Legi­ti­mi­tät reli­giö­ser Glau­bens­über­zeu­gun­gen und die Art und Wei­se ihrer Bekun­dung [14]. Die Ver­wal­tungs­ge­rich­te müs­sen und dür­fen ledig­lich der Stel­lung des Schutz­su­chen­den zu sei­nem Glau­ben nach­ge­hen, näm­lich der Inten­si­tät und Bedeu­tung der von ihm selbst emp­fun­de­nen Ver­bind­lich­keit von Glau­bens­ge­bo­ten für die eige­ne reli­giö­se Iden­ti­tät. Dar­in liegt kei­ne Ver­let­zung der Pflicht des Staa­tes zu welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Neu­tra­li­tät.
Bei alle­dem haben die Tat­sa­chen­ge­rich­te jedoch zu beach­ten, dass Gesichts­punk­ten der vor­er­wähn­ten Art stets nur die Bedeu­tung von Indi­zi­en zukommt, und dass sie sich im Rah­men der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung jeg­li­cher inhalt­li­cher Bewer­tung des Glau­bens des Ein­zel­nen und der Kir­chen zu ent­hal­ten haben. Eine inhalt­li­che „Glau­bens­prü­fung“ – etwa eine eige­ne Aus­le­gung oder Prio­ri­sie­rung ein­zel­ner Glau­bens­in­hal­te gegen­über ande­ren Aspek­ten der jeweils betrof­fe­nen Reli­gi­on – ist ihnen ver­schlos­sen, weil dies die ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­te Frei­heit, das eige­ne Ver­hal­ten an den Leh­ren des Glau­bens aus­zu­rich­ten und inne­rer Glau­bens­über­zeu­gung gemäß zu han­deln, ent­lee­ren wür­de.

References: Art. 140
 Art. 137
 Art. 4
 Art. 4
 Art. 10
 Art. 9
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 33
 Art. 140
 Art. 136
 Art. 137