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Timestamp: 2020-02-27 16:50:25+00:00

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DVBS e.V. - Heft 02: Selbstbestimmt leben - blinde und sehbehinderte Menschen in der Gesellschaft
horus spezial 3/2006
Heft 02: Selbstbestimmt leben - blinde und sehbehinderte Menschen in der Gesellschaft
Heft 02 der Schriftenreihe:
Selbstbestimmt leben - blinde und sehbehinderte Menschen in der Gesellschaft
2 Begriffsbestimmungen und medizinische Begutachtung
2.1 VersMedV und Überblick über den Aufbau der "Versorgungsmedizinischen Grundsätze"
2.3 Sehbehinderung und Blindheit
2.3.1 Sehbehinderung
2.3.1.1 Wesentliche Sehbehinderung
2.3.1.2 Hochgradige Sehbehinderung
2.3.2 Blindheit
2.4 Hilflosigkeit
2.5 Allgemeine Grundsätze für die Beurteilung des GdS und des GdB
3 Feststellung und Nachweis der Behinderung
3.1 Feststellung der Behinderung und ihre Wirkung
3.2 Der Grad der Schädigung oder Behinderung nach der GdS-Tabelle
3.3 Der Schwerbehindertenausweis
3.3.1 Ausstellung und Gestaltung des Schwerbehindertenausweises
3.3.2 Merkzeichen bei Blindheit und Sehbehinderung
4 Behindertengleichstellungsgesetze
4.1 Das Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes
4.1.1 Überblick über das Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes
4.1.2 Grundsätze und Rechte behinderter Menschen nach dem Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes
4.1.2.1 Zielsetzung
4.1.2.2 Behinderung
4.1.2.3 Besondere Berücksichtigung von Frauen
4.1.2.4 Zielvereinbarungen
4.1.2.5 Benachteiligungsverbot für Träger öffentlicher Gewalt
4.1.2.6 Grundsatz der Barrierefreiheit
4.1.2.7 Barrierefreiheit in den Bereichen Bau und Verkehr
4.1.2.8 Gebärdensprache und andere Kommunikationshilfen
4.1.2.9 Gestaltung von Bescheiden und Vordrucken der Bundesbehörden in angepasster Form
4.1.2.10 Gestaltung von Dokumenten in Gerichtsverfahren
4.1.2.11 Barrierefreie Informationstechnik
4.1.3 Die Rechtsbehelfe des Bundesgleichstellungsgesetzes
4.1.4 Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen
4.2 Behindertengleichstellungsgesetze der Länder
Die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe behinderter Menschen sowie das Diskriminierungsverbot sind verfassungsrechtlich verankerte Prinzipien der Rechtsordnung. Ihre Beachtung ist auch Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Sie ist seit 26. März 2009 in Deutschland geltendes Recht. Tragende Grundsätze der UN-BRK sind die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe behinderter Menschen am Leben in der Gemeinschaft und die Achtung ihrer Würde (Art. 3 UN-BRK). Die Regelungen der UN-BRK gelten grundsätzlich nicht unmittelbar. Sie bedürfen in der Regel der Umsetzung in innerstaatliches Recht. Zur Umsetzung der UN-BRK sind, da es sich um einen völkerrechtlichen Vertrag handelt, die Vertragsstaaten verpflichtet (Art. 4 UN-BRK). Vgl. dazu näher Heft 1 Abschnitt 5 dieser Schriftenreihe. In den einzelnen Heften wird im Zusammenhang mit den behandelten Themen auf die UN-BRK eingegangen.
Auf verfassungsrechtlicher Ebene wurde durch das Benachteiligungsverbot in Art. 3 Abs. 3 S. 2 GG ein Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik eingeleitet. Der Satz lautet: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."
Auch in den Landesverfassungen wurden Benachteiligungsverbote normiert. Z. T. wurde in Landesverfassungen sogar die Förderung behinderter Menschen als Programmsatz aufgenommen. So lautet z. B. Art. 118a der Verfassung des Freistaates Bayern:
"Artikel 118a Gleichheit vor dem Gesetz
Menschen mit Behinderungen dürfen nicht benachteiligt werden. Der Staat setzt sich für gleichwertige Lebensbedingungen von Menschen mit und ohne Behinderung ein."
Diese Verfassungsbestimmungen gewähren zwar Abwehrrechte, aber keine einklagbaren Rechtsansprüche.
Der Umsetzung in die einfach gesetzliche Ebene und damit der Förderung eines selbstbestimmten Lebens behinderter Menschen dienen das Bundesgleichstellungsgesetz und die Gleichstellungsgesetze der Länder, das SGB IX mit seinen Teilhaberechten und zahlreiche weitere Rechtsbestimmungen.
Um die Rechtsstellung behinderter und insbesondere blinder bzw. sehbehinderter Menschen behandeln zu können, müssen zunächst diese Begriffe geklärt werden. In diesem Heft werden deshalb die Begriffe Behinderung, Blindheit, wesentliche Sehbehinderung, hochgradige Sehbehinderung und Hilflosigkeit erläutert. Sodann wird auf die Grundsätze für die medizinische Begutachtung, die Feststellung der Behinderung, die Auswirkung dieser Statusfeststellung und den Nachweis der Behinderung durch den Schwerbehindertenausweis oder andere Urkunden eingegangen. Anschließend werden die Gleichstellungsgesetze des Bundes und der Länder behandelt. Auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vom 14.08.2006 wird in Heft 09 dieser Schriftenreihe eingegangen, weil dieses im Wesentlichen nur das Privatrecht betrifft.
Für die Begriffe "Behinderung", "Blindheit", "wesentliche Sehbehinderung", "hochgradige Sehbehinderung" und "Hilflosigkeit" bestehen gesetzliche Definitionen. Für das Sozialrecht ist eine einheitliche Bewertung unverzichtbar. Dieser dienen die "Versorgungsmedizinischen Grundsätze", die als Anlage zu § 2 der Versorgungsmedizin-Verordnung erlassen worden sind. Bevor auf die oben genannten Begriffe näher eingegangen wird, wird ein Überblick über den Aufbau der "Versorgungsmedizinischen Grundsätze" (künftig Grundsätze) gegeben, da auf diese immer wieder zurückgegriffen werden muss.
Rechtsgrundlagen für die medizinische Begutachtung zur Feststellung des Grades der Behinderung (GdB) sind die auf der Ermächtigung in § 30 Abs. 17 BVG beruhende "Versorgungsmedizin-Verordnung" (VersMedV) vom 10.12.2008, (BGBl. I. S. 2412), die zuletzt durch Artikel 1 der Verordnung vom 11. Oktober 2012 (BGBl. I S. 2122) geändert worden ist, und die Anlage zu § 2 dieser Verordnung mit der Überschrift "Versorgungsmedizinische Grundsätze" (künftig Grundsätze).
Die VersMedV hat nach § 30 Abs. 17 BVG und nach ihrem § 1 den Zweck, Grundsätze für die medizinische Bewertung von Schädigungsfolgen und die Bemessung des Grades der Schädigung (GdS) bzw. des Grades der Behinderung (GDB) sowie für die Anerkennung einer Gesundheitsstörung nach § 1 Abs. 3 BVG aufzustellen, die Kriterien für die Bewertung der Hilflosigkeit zu bestimmen und das Verfahren zur Entwicklung und Fortentwicklung dieser Grundsätze und Kriterien zu regeln.
Die Geltung der VersMedV und damit auch der Anlage zu § 2 VersMedV für das Schwerbehindertenrecht ergibt sich aus § 69 Abs. 1 S. 5 SGB IX; denn danach gelten bei der Feststellung des Grades der Behinderung (GdB) die Maßstäbe des § 30 Abs. 1 BVG und der auf Grund des § 30 Abs. 17 BVG erlassenen Verordnung entsprechend.
Der Fortentwicklung der Grundsätze entsprechend dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft und versorgungsmedizinischer Erfordernisse dient der gemäß § 3 der VersMedV beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales gebildete unabhängige "Ärztliche Sachverständigenbeirat Versorgungsmedizin". Aufgabenstellung, Zusammensetzung und Verfahren richten sich nach den §§ 3 und 4 VersMedV.
Die Grundsätze sind in vier Teile unterteilt. Die Einzelabschnitte der Teile sind jeweils mit Nr. 1 beginnend beziffert. Die Teile lauten:
Teil A: Allgemeine Grundsätze (darin Nr. 4 zum Begriff der Hilflosigkeit und Nr. 6 zur Blindheit und hochgradigen Sehbehinderung, bisher Nr. 21 und Nr. 23 AHP),
Teil B: GdS-Tabelle (darin Nr. 4 Sehorgan, bisher Nr. 26.4 AHP),
Teil C: Begutachtung im sozialen Entschädigungsrecht (behandelt die sozialrechtliche Beurteilung der Kausalität),
Teil D: Merkzeichen, und zwar die Nummern
Merkzeichen G, Erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr
Merkzeichen B, Berechtigung für eine ständige Begleitung
Merkzeichen aG Außergewöhnliche Gehbehinderung und
Merkzeichen Gl Gehörlosigkeit.
In Teil A "allgemeine Grundsätze" werden in sieben Ziffern behandelt:
Schädigungsfolgen,
Grad der Schädigungsfolgen (GdS), Grad der Behinderung (GdB),
Gesamt-GdS,
Besonderheiten der Beurteilung der Hilflosigkeit bei Kindern und Jugendlichen,
Blindheit und hochgradige Sehbehinderung und
Wesentliche Änderung der Verhältnisse.
In Teil B "GdS-Tabelle" werden in 18 Ziffern GdS-Werte, bezogen auf Schädigungen einzelner Körperbereiche, Körpersysteme und Funktionen, gegeben. Ziffer 1 enthält dabei Allgemeine Hinweise zur GdS-Tabelle. Anschließend werden z.B. behandelt: unter 3. Nervensystem und Psyche, unter 4. das Sehorgan, unter 5. das Hör- und Gleichgewichtsorgan.
In Teil C "Begutachtung im sozialen Entschädigungsrecht" werden in 13 Ziffern u.a behandelt: 1. der Ursachenbegriff, 2. Tatsachen zur Beurteilung des ursächlichen Zusammenhangs, 3. Wahrscheinlichkeit des ursächlichen Zusammenhangs, 5. Mittelbare Schädigungsfolgen, 11. Ursächlicher Zusammenhang zwischen Schädigung und Tod, 12. Vorschaden, Nachschaden, Folgeschaden und 13. Voraussetzungen für die Pflegezulage, Pflegezulagestufen.
In Teil D "Merkzeichen" werden in 4 Ziffern behandelt:
Erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr (Merkzeichen G),
außergewöhnliche Gehbehinderung (Merkzeichen aG) und
Gehörlosigkeit (Merkzeichen Gl).
Die Merkzeichen "Bl" für Blindheit und "H" für Hilflosigkeit werden in Teil D der Grundsätze nicht erwähnt. Sie sind jedoch nach § 3 Abs. 2 SchwbAwV im Schwerbehindertenausweis einzutragen, wenn die dafür erforderlichen Voraussetzungen vorliegen. Die Voraussetzungen für das Merkzeichen H (Hilflosigkeit) und Bl (Blindheit) werden nicht in Teil D der Grundsätze, sondern in Teil A unter den Nummern 4 (Hilflosigkeit) und 6 (Blindheit) behandelt.
Die Grundsätze sind im Internet bei www.google.de unter dem Stichwort: "Versorgungsmedizin-Verordnung Anlage zu § 2" zu finden.
Mit dem Inkrafttreten des SGB IX im Jahre 2001 hat der Gesetzgeber den Behinderungsbegriff neu geregelt. § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX lautet:
Dieser Behinderungsbegriff gilt grundsätzlich für alle Bücher des Sozialgesetzbuches. Darüber hinaus wurde er mit Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) wörtlich in § 3 BGG und auch in die meisten Behindertengleichstellungsgesetze der Länder übernommen und findet nach der Gesetzesbegründung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) auch im AGG Anwendung. Die Definition von Behinderung ist somit über das SGB IX hinaus für die Rechtsordnung von Bedeutung (u.a. auch für das Arbeitsrecht).
Das bedeutet nun aber nicht, dass der jeweils anspruchsberechtigte Personenkreis in allen Regelungsbereichen derselbe ist. Insoweit eingrenzende Regelungen finden sich insbesondere im Bereich der kausalen Sicherungssysteme (gesetzliche Unfallversicherung nach dem SGB VII und soziale Entschädigung).
Aber auch die Träger der gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung und die Bundesagentur für Arbeit orientieren sich bei ihren Rehabilitations-und Teilhabeleistungen an spezifischen Zugangsvoraussetzungen in den Bestimmungen über die Leistungsberechtigung.
Auch § 53 SGB XII, der ausdrücklich auf § 2 SGB IX verweist, schränkt für die Eingliederungshilfe den Personenkreis der Anspruchsberechtigten noch weiter ein. Danach sind Personen leistungsberechtigt, wenn sie infolge einer gesundheitlichen Störung im Sinne von § 2 SGB IX wesentlich in ihrer Fähigkeit, an der Gesellschaft teilzuhaben, eingeschränkt sind oder dies einzutreten droht. Das bedeutet: In der Eingliederungshilfe muss für einen Rechtsanspruch das Merkmal der Wesentlichkeit als Zugangsvoraussetzung vorliegen. Die Eingliederungshilfeverordnung konkretisiert dies für bestimmte Personenkreise. Danach gelten bestimmte Gruppen körperlich, geistig, seelisch behinderter Menschen kraft Gesetzes als wesentlich behindert z.B. auch wesentlich sehbehinderte Menschen); die wesentliche Behinderung bei anderen Personenkreisen ist durch Prüfung im Einzelfall festzustellen.
Da die UN-behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in Deutschland geltendes Recht ist, und es sich bei ihr um einen Völkerrechtlichen Vertrag handelt, muss der Behindertenbegriff völkerrechtskonform ausgelegt werden (Art. 25 GG).
Die UN-BRK verpflichtet den Staat dazu, die gleichberechtigte, barrierefreie Rechtsausübung jedes Menschen trotz individueller Beeinträchtigung zu ermöglichen. Deshalb heißt es in Artikel 1 UN-BRK:
"Zweck dieses Übereinkommens ist es, den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern. Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Partizipation an der Gesellschaft hindern können."
Damit umschreibt Artikel 1 Satz 2 die Personengruppe, die in den Schutz des Übereinkommens fällt.
Bereits in der Präambel Buchstabe e) der UN-BRK wird als "Erwägungsgrund" auf den Begriff "Behinderung" Bezug genommen. Dort wird beschrieben, dass sich das Verständnis von Behinderung ständig weiterentwickelt und dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern. Die in der Präambel der UN-BRK formulierten Erwägungsgründe dienen der Auslegung der UN-BRK. Diese in Buchstabe e) der Präambel enthaltene Erläuterung verdeutlicht, dass ein Verständnis von "Behinderung" nach der UN-BRK nicht als fest definiertes Konzept verstanden wird, sondern auch von gesellschaftlichen Entwicklungen abhängig ist. Nach diesem Verständnis ist in den Blick zu nehmen, dass einstellungs- und umweltbedingte Barrieren das Behindertsein noch wesentlich erschweren, ja: Dieser Aspekt wird bewusst in den Fokus gerückt. Man spricht von einem "Paradigmenwechsel" weg von einer vorwiegend medizinischen Betrachtungsweise einer Behinderung hin zu den die Teilhabe behindernden Barrieren und weg von der Fürsorge für behinderte Menschen hin zu ihrer Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft.
Damit werden die körperlichen, seelischen, geistigen oder Sinnesbeeinträchtigungen aber nicht ignoriert oder bagatellisiert. An sie wird vielmehr angeknüpft. "Behinderung" entsteht nicht erst durch die Barrieren (also durch das Wirken Dritter), sondern liegt bereits vor bei Beeinträchtigungen, die die genannten negativen "Wechselwirkungen" auslösen können. Um welche Barrieren es sich handeln kann und was zu ihrer Beseitigung oder Überwindung getan werden muss, um behinderten Menschen den Genuss der Menschenrechte und die Teilhabe in allen Lebensbereichen zu ermöglichen, erschließt sich aus den Artikeln 8 bis 30 UN-BRK.
Eine weitere Orientierung zum Verständnis des Begriffs "Behinderung" stellt die "Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit" (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dar. Sie dient als länder- und fachübergreifende einheitliche Sprache zur Beschreibung des funktionalen Gesundheitszustandes, der Behinderung, der sozialen Beeinträchtigung und der relevanten Umgebungsfaktoren einer Person. Die Anwendung der ICF in Deutschland ist geregelt in den Richtlinien über Leistungen zur medizinischen Rehabilitation des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) vom 16. März 2004. Bereits die Gestaltung des SGB IX wurde wesentlich durch die Vorläuferfassungen der ICF beeinflusst. Wichtiges Ziel der ICF war und ist es, das bio-psycho-soziale Modell zu erweitern und damit der Lebenswirklichkeit Betroffener besser anzupassen. Nach Ziffer 2.1 der Erläuterungen zur ICF ist Behinderung ein Oberbegriff für Schädigungen sowie Beeinträchtigungen der Aktivität und Teilhabe. Er bezeichnet die negativen Aspekte der Interaktion zwischen einer Person (mit einem bestimmten Gesundheitszustand) und deren individuellen Kontextfaktoren. Sie stellen den gesamten Lebenshintergrund einer Person dar und umfassen zwei Komponenten: Umweltfaktoren und personenbezogene Faktoren. Diese können einen positiven oder negativen Einfluss auf die Person mit einem bestimmten Gesundheitszustand haben.
Sowohl die Auffassung von Behinderung in der UN-BRK als auch der Behindertenbegriff im deutschen Sozialrecht knüpfen notwendigerweise und übereinstimmend an eine vorhandene dauerhafte körperliche, geistige oder seelische Funktionsbeeinträchtigung an, also an ein medizinisch feststellbares Kriterium. Um das Ausmaß einer Behinderung zu erfassen, darf jedoch der Blick nicht auf eine rein medizinische Beurteilung verengt werden. Vielmehr müssen die Wechselwirkungen einer Funktionsbeeinträchtigung sowohl mit den personenbezogenen als auch mit den umweltbezogenen Faktoren berücksichtigt werden. Die ICF hatte nicht nur Einfluss auf den Behindertenbegriff nach § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX, sondern lag auch den Beratungen der UN-BRK zugrunde.
Im Rahmen des für das Jahr 2016 zu erwartenden Erlasses eines Bundesteilhabegesetzes ist zu erwarten, dass der Behindertenbegriff in § 2 Abs. 2 Satz 1 SGB IX den Formulierungen der UN-BRK angepasst werden.
Zum Behindertenbegriff vgl. Marianne Hirschberg, Deutsches Institut für Menschenrechte POSITIONEN Nummer 4.
Bei Schädigungen des Sehvermögens, welche rechtlich beachtlich sind, wird zwischen wesentlicher Sehbehinderung, hochgradiger Sehbehinderung und Blindheit unterschieden.
Die Sehbehinderung umfasst alle Störungen des Sehvermögens (Grundsätze Teil B Nr. 4 S. 1). Innerhalb der Sehbehinderungen knüpfen rechtliche Regelungen insbesondere an die Begriffe "wesentliche Sehbehinderung" und "hochgradige Sehbehinderung" an. Wenn die Sehbehinderung so erheblich ist, dass sie in ihrer Auswirkung einer Lichtlosigkeit gleichzuachten ist, liegt rechtlich keine Sehbehinderung mehr, sondern Blindheit vor. Dazu vgl. u. 2.4.
Der Begriff der wesentlichen Sehbehinderung spielt insbesondere für die Eingliederungshilfe nach den §§ 53 ff SGB XII eine Rolle. Wesentlich sehbehindert sind nach § 1 Nr. 4 der Verordnung zu § 60 SGB XII, solche Sehbehinderte, "bei denen mit Gläserkorrektion ohne besondere optische Hilfsmittel
auf dem besseren Auge oder beidäugig im Nahbereich bei einem Abstand von mindestens 30 cm oder im Fernbereich eine Sehschärfe von nicht mehr als 3 besteht oder
durch Buchstabe a) nicht erfasste Störungen der Sehfunktion von entsprechendem Schweregrad vorliegen." Grob gesagt darf die Sehschärfe nicht besser als 1/3 sein.
Für die Feststellung des GdS ist die GdS-Tabelle der Versorgungsmedizinischen Grundsätze Teil B Nr. 4 "Sehorgan" heranzuziehen.
Der Begriff der hochgradigen Sehbehinderung ist für die Annahme von Hilflosigkeit (dazu vgl. unten 2.5) und für die Landesgesetze von Bedeutung, die neben dem Blindengeld eine Leistung für hochgradig Sehbehinderte gewähren. Es sind dies die Landesgesetze von Berlin, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt (vgl. Heft 06). Die in diesen Gesetzen enthaltenen Definitionen stimmen inhaltlich mit derjenigen in Teil A Nr. 6 Buchstabe d) der Grundsätze überein.
Teil A Nr. 6 Buchstabe d) der Grundsätze lautet:
"d) Für die Feststellung von Hilflosigkeit ist im Übrigen zu prüfen, ob eine hochgradige Sehbehinderung vorliegt. Hochgradig in seiner Sehfähigkeit behindert ist ein Mensch, dessen Sehschärfe auf keinem Auge und auch nicht beidäugig mehr als 0,05 (1/20) beträgt oder wenn andere hinsichtlich des Schweregrades gleichzusetzende Störungen der Sehfunktion vorliegen. Dies ist der Fall, wenn die Einschränkung des Sehvermögens einen GdS von 100 bedingt und noch keine Blindheit vorliegt."
Zur hochgradigen Sehbehinderung vgl. näher Heft 6 Abschnitt 6.2 dieser Schriftenreihe.
Unter Blindheit wird nicht nur Lichtlosigkeit (Amaurose) verstanden. Vielmehr müssen auch weitere Sehbeeinträchtigungen berücksichtigt werden, die in ihrer Auswirkung der Lichtlosigkeit gleichzuachten sind. In der Wissenschaft haben sich verschiedene Definitionen für die Blindheit herausgebildet, die jeweils vom Zweck her bestimmt worden sind. So wird für den sonderpädagogischen Förderbedarf von einem pädagogischen Blindheitsbegriff gesprochen. Auf die Beeinträchtigung im Bereich der Orientierung geht der Begriff der "Orientierungsblindheit" zurück (zu den verschiedenen Blindheitsbegriffen und ihre Entwicklung vgl. Demmel: Die Entwicklung und Bedeutung der öffentlichen Blindengeldleistung als Sozialleistung S. 212 ff.).
Vor allem im Zusammenhang mit dem Sozialrecht war es notwendig, einen "juristischen Blindheitsbegriff" zu entwickeln. Nach dem Bundesversorgungsgesetz (BVG), dem Teil 2 des Neunten Buches des Sozialgesetzbuches (SGB IX) und dem Einkommensteuergesetz (EStG) sowie dem Straßenverkehrsgesetz (StVG) muss die Frage beantwortet werden, ob Blindheit vorliegt. Der Begriff ist besonders für das Blindengeldrecht im SGB 12 und in den Landesblindengeldgesetzen von Bedeutung.
Eine gesetzliche Bestimmung enthält § 72 Abs. 5 SGB 12. § 72 SGB 12 regelt die Blindenhilfe nach dem Sozialhilferecht (vgl. H. 6 dieser Schriftenreihe).
§ 72 Abs. 5 lautet:
"(5) Blinden Menschen stehen Personen gleich, deren beidäugige Gesamtsehschärfe nicht mehr als ein Fünfzigstel beträgt oder bei denen dem Schweregrad dieser Sehschärfe gleichzuachtende, nicht nur vorübergehende Störungen des Sehvermögens vorliegen."
Zum Begriff der Blindheit vgl. näher Heft 6 Abschnitt 6.1 mit Unterpunkten.
Das Vorliegen von "Hilflosigkeit" ist u.a. die Voraussetzung für die Pflegezulage im Versorgungsrecht nach § 35 Abs. 1 BVG und für die Gewährung von Steuererleichterungen bei der Einkommensteuer nach § 33b EStG sowie der unentgeltlichen Beförderung im öffentlichen Personennahverkehr nach § 145 SGB IX.
Nach der übereinstimmenden Definition in § 35 Abs. 1 S. 2 BVG und § 33b Abs. 6 S. 3 EStG sind diejenigen hilflos, die infolge von Gesundheitsstörungen nicht nur vorübergehend für eine Reihe von häufig und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen zur Sicherung ihrer persönlichen Existenz im Ablauf eines jeden Tages fremder Hilfe dauernd bedürfen. Diese Voraussetzungen sind auch erfüllt, wenn die Hilfe in Form einer Überwachung oder einer Anleitung zu den genannten Verrichtungen erforderlich ist oder wenn die Hilfe zwar nicht dauernd geleistet werden muss, jedoch eine ständige Bereitschaft zur Hilfeleistung erforderlich ist. Eine mit diesen Definitionen übereinstimmende Begriffsbestimmung enthält Teil A Nr. 4 Buchstabe b) der Grundsätze.
Zur Bestimmung der Hilflosigkeit werden in Teil A Nr. 4 der Grundsätze folgende Kriterien aufgestellt:
In Nr. 4 Buchstaben e) bis g) der Grundsätze werden Voraussetzungen und Behinderungen genannt, bei welchen Hilflosigkeit stets anzunehmen ist.
Nach Nr. 4 e) aa) der Grundsätze ist Hilflosigkeit bei Blindheit und hochgradiger Sehbehinderung stets gegeben.
In Nr. 5 der Grundsätze werden Besonderheiten behandelt, die bei der Beurteilung von Hilflosigkeit bei Kindern und Jugendlichen zu beachten sind. Dazu heißt es:
"a) Bei der Beurteilung der Hilflosigkeit bei Kindern und Jugendlichen sind nicht nur die bei der Hilflosigkeit genannten "Verrichtungen" (vgl. Nr. 4 der Grundsätze) zu beachten. Auch die Anleitung zu diesen "Verrichtungen", die Förderung der körperlichen und geistigen Entwicklung (z. B. durch Anleitung im Gebrauch der Gliedmaßen oder durch Hilfen zum Erfassen der Umwelt und zum Erlernen der Sprache) sowie die notwendige Überwachung gehören zu den Hilfeleistungen, die für die Frage der Hilflosigkeit von Bedeutung sind.
b) Stets ist nur der Teil der Hilfsbedürftigkeit zu berücksichtigen, der wegen der Behinderung den Umfang der Hilfsbedürftigkeit eines gesunden gleichaltrigen Kindes überschreitet. Der Umfang der wegen der Behinderungen notwendigen zusätzlichen Hilfeleistungen muss erheblich sein. Bereits im ersten Lebensjahr können infolge der Behinderung Hilfeleistungen in solchem Umfang erforderlich sein, dass dadurch die Voraussetzungen für die Annahme von Hilflosigkeit erfüllt sind."
Nr. 5 Buchstabe d) weist für verschiedene Behinderungen bei Kindern und Jugendlichen Besonderheiten auf, bei welchen altersabhängig Hilflosigkeit anzunehmen ist. Nach Nr. 5 Buchstaben d) dd) ist bei sehbehinderten Kindern mit Einschränkungen des Sehvermögens, die für sich allein einen GdS von wenigstens 80 bedingen, bis zur Beendigung der speziellen Schulausbildung für Sehbehinderte Hilflosigkeit anzunehmen. In diesen Fällen liegt noch keine "hochgradige Sehbehinderung" vor, bei welcher sonst stets Hilflosigkeit gegeben ist (s. o.).
Die Grundsätze dienen einer einheitlichen medizinischen Beurteilung von Schädigung und Behinderung und den sich daraus ergebenden Folgen (vgl. 2.1). In Teil A werden allgemeine Grundsätze aufgestellt.
Unterschieden werden der Grad der Schädigungsfolgen (GdS) und der Grad der Behinderung (GdB). Wenn mit dem Grad der Behinderung und dem Grad der Schädigungsfolgen das Maß für die Beeinträchtigung der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft gemeint ist, wird nach den Grundsätzen einheitlich die Abkürzung GdS benutzt (Vorbemerkung in Teil A der Grundsätze).
Was unter Schädigungsfolgen zu verstehen ist, besagt Teil A Nr. 1 der Grundsätze:
"1. Schädigungsfolgen
a) Als Schädigungsfolge wird im sozialen Entschädigungsrecht jede Gesundheitsstörung bezeichnet, die in ursächlichem Zusammenhang mit einer Schädigung steht, die nach dem entsprechenden Gesetz zu berücksichtigen ist.
b) Die Auswirkungen der Schädigungsfolge werden mit dem Grad der Schädigungsfolgen (GdS) bemessen. (...)"
Zum Verhältnis Grad der Schädigung und Grad der Behinderung heißt es in Teil A Nr. 2 der Grundsätze:
"a) GdS und GdB werden nach gleichen Grundsätzen bemessen. Beide Begriffe unterscheiden sich lediglich dadurch, dass der GdS nur auf die Schädigungsfolgen (also kausal) und der GdB auf alle Gesundheitsstörungen unabhängig von ihrer Ursache (also final) bezogen ist. Beide Begriffe haben die Auswirkungen von Funktionsbeeinträchtigungen in allen Lebensbereichen und nicht nur die Einschränkungen im allgemeinen Erwerbsleben zum Inhalt. GdS und GdB sind ein Maß für die körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Auswirkungen einer Funktionsbeeinträchtigung aufgrund eines Gesundheitsschadens.
c) GdB und GdS setzen stets eine Regelwidrigkeit gegenüber dem für das Lebensalter typischen Zustand voraus. Dies ist insbesondere bei Kindern und alten Menschen zu beachten. Physiologische Veränderungen im Alter sind bei der Beurteilung des GdB und GdS nicht zu berücksichtigen. Als solche Veränderungen sind die körperlichen und psychischen Leistungseinschränkungen anzusehen, die sich im Alter regelhaft entwickeln, d. h. für das Alter nach ihrer Art und ihrem Umfang typisch sind. Demgegenüber sind pathologische Veränderungen, d. h. Gesundheitsstörungen, die nicht regelmäßig und nicht nur im Alter beobachtet werden können, bei der Beurteilung des GdB und GdS zu berücksichtigen, auch dann, wenn sie erstmalig im höheren Alter auftreten oder als "Alterskrankheiten" (z. B. "Altersdiabetes", "Altersstar") bezeichnet werden."
Zur GdS-Tabelle, welche in Teil B behandelt wird, heißt es in Teil A Nr. 2:
"d) Die in der GdS-Tabelle aufgeführten Werte sind aus langer Erfahrung gewonnen und stellen altersunabhängige (auch trainingsunabhängige) Mittelwerte dar. Je nach Einzelfall kann von den Tabellenwerten mit einer die besonderen Gegebenheiten darstellenden Begründung abgewichen werden.
e) Da der GdS seiner Natur nach nur annähernd bestimmt werden kann, sind beimGdS nur Zehnerwerte anzugeben. Dabei sollen im Allgemeinen die folgenden Funktionssysteme zusammenfassend beurteilt werden: Gehirn einschließlich Psyche; Augen; Ohren; Atmung; Herz- Kreislauf; Verdauung; Harnorgane; Geschlechtsapparat; Haut; Blut einschließlich blutbildendes Gewebe und Immunsystem; innere Sekretion und Stoffwechsel; Arme; Beine; Rumpf. Die sehr wenigen in der GdS-Tabelle noch enthaltenen Fünfergrade sind alle auf ganz eng umschriebene Gesundheitsstörungen bezogen, die selten allein und sehr selten genau in dieser Form und Ausprägung vorliegen."
In Teil A Nr. 3 wird die Bildung eines Gesamt-GdS behandelt, wenn mehrere Funktionsstörungen vorliegen. Ein solcher Fall liegt z.B. vor, wenn zu einer Sehbehinderung Schwerhörigkeit hinzukommt.
Für die Bildung des Gesamt-GdS sind zwar für die einzelnen Funktionsbeeinträchtigungen Einzelwerte festzustellen. Diese dürfen aber nicht einfach addiert werden. Maßgebend sind die Auswirkungen der einzelnen Funktionsbeeinträchtigungen in ihrer Gesamtheit unter Berücksichtigung ihrer wechselseitigen Beziehungen zueinander. (Teil A, Nr. 3 Buchstabe a) der Grundsätze).
Nach Teil A Nr. 3 Buchstabe c) der Grundsätze ist bei der Beurteilung des Gesamt-GdS in der Regel von der Funktionsbeeinträchtigung auszugehen, die den höchsten Einzel-GdS bedingt, und dann im Hinblick auf alle weiteren Funktionsbeeinträchtigungen zu prüfen, ob und inwieweit hierdurch das Ausmaß der Behinderung größer wird, ob also wegen der weiteren Funktionsbeeinträchtigungen dem ersten GdS 10 oder 20 oder mehr Punkte hinzuzufügen sind, um der Behinderung insgesamt gerecht zu werden.
Die hochgradige Schwerhörigkeit auch nur eines Ohres (die bei einem intakten zweiten Ohr mit einem GdS von 10 bewertet würde), wirkt sich gemäß Teil A Nr. 3 Buchstabe d) ee) der Grundsätze auf eine schwere beidseitige Einschränkung der Sehfähigkeit stets erheblich aus. Die Grundsätze stellen dabei leider nicht klar, was mit einer "schweren beidseitigen Einschränkung der Sehfähigkeit" gemeint ist; zu vermuten ist eine beidseitige Einschränkung, die mit einem GdS von mindestens 50 bewertet wird; das wäre z. B. eine Sehschärfe von nicht mehr als 0,2 auf dem besseren Auge.
Zu berücksichtigen sind wesentliche Änderungen der Verhältnisse. Dazu heißt es in Teil A Nr. 7 der Grundsätze:
"7. Wesentliche Änderung der Verhältnisse
a) Eine wesentliche Änderung im Ausmaß der Schädigungsfolgen oder der Behinderung liegt nur vor, wenn der veränderte Gesundheitszustand mehr als sechs Monate angehalten hat oder voraussichtlich anhalten wird und die Änderung des GdS wenigstens 10 beträgt. Eine wesentliche Änderung ist auch gegeben, wenn die entscheidenden Voraussetzungen für weitere Leistungen im sozialen Entschädigungsrecht (z. B. Pflegezulage) oder für Nachteilsausgleiche für behinderte Menschen erfüllt werden oder entfallen sind.
b) Nach Ablauf der Heilungsbewährung (diese spielt bei Krebserkrankungen infolge des Zeitablaufs eine Rolle) ist auch bei gleichbleibenden Symptomen eine Neubewertung des GdS zulässig, weil der Ablauf der Heilungsbewährung eine wesentliche Änderung der Verhältnisse darstellt. (Die zu beachtenden Zeiträume für die Heilungsbewährung sind bei den einzelnen Krankheitsbildern in der GdS-Tabelle in Teil B der Grundsätze angegeben.)
c) Bei Beurteilungen im sozialen Entschädigungsrecht ist bei einer Zunahme des Leidensumfangs zusätzlich zu prüfen, ob die Weiterentwicklung noch Folge einer Schädigung ist. Auch bei gleichbleibendem Erscheinungsbild kann eine wesentliche Änderung der gesundheitlichen Verhältnisse vorliegen, wenn sich die schädigungsbedingte Störung, die dem Erscheinungsbild zunächst zugrunde lag, gebessert oder ganz zurückgebildet hat, das Leidensbild jedoch aufgrund neuer Ursachen bestehen geblieben ist ("Verschiebung der Wesensgrundlage")."
Die Feststellung der Behinderung ist die Voraussetzung dafür, dass zahlreiche vom Gesetz eingeräumte Nachteilsausgleiche beansprucht werden können. Der Nachweis, dass eine Behinderung vorliegt, kann am einfachsten durch den Behindertenausweis geführt werden. Der Ausweis dient dem Nachweis für die Inanspruchnahme von Leistungen und sonstigen Hilfen, die schwerbehinderten Menschen nach Teil 2 des SGB IX (Schwerbehindertenrecht) oder nach anderen Vorschriften zustehen. Zum Schwerbehindertenrecht nach Teil 2 des SGB IX vgl. insbesondere Heft 05 "Teilhabe am Berufsleben" und zu den Nachteilsausgleichen Heft 07 "Weitere Nachteilsausgleiche" dieser Schriftenreihe.
Das Vorliegen einer Behinderung sowie der Grad der Behinderung wird nur auf Antrag des Betroffenen festgestellt (§ 69 Abs. 1 S. 1 SGB IX). Die Vorschrift regelt das Verfahren zur Feststellung der Behinderung. Zuständig sind die für die Durchführung des Bundesversorgungsgesetzes zuständigen Behörden (Versorgungsämter). Die Zuständigkeit kann durch Landesgesetz abweichend geregelt werden (§ 69 Abs. 1 S. 7 SGB IX).
Wenn Erwerbstätige die Anerkennung als Schwerbehinderte im Sinn von § 2 Abs. 2 SGB IX beantragen (MdS von 50), muss wegen der im Zusammenhang mit dem Arbeitsverhältnis stehenden Fragen, wie dem Zusatzurlaub oder dem besonderen Kündigungsschutz, über den Antrag innerhalb der Fristen von § 14 Abs. 2 S. 2 und 4 sowie Abs. 5 S. 2 und 5 SGB IX, also längstens innerhalb von sieben Wochen, entschieden werden (§ 69 Abs. 1 S. 2 SGB IX).
Von anderen Behörden, z.B. den Sozialhilfebehörden kann im Wege der Mitwirkungspflicht (§§ 60 ff. SGB I) die Stellung eines solchen Antrags verlangt werden, um durch die Inanspruchnahme von Nachteilsausgleichen Sozialhilfeleistungen zu ersparen.
Die Auswirkungen auf die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft werden als Grad der Behinderung (GdS) nach Zehnergraden abgestuft festgestellt. Eine Feststellung ist nur zu treffen, wenn ein GdB von insgesamt wenigstens 20 vorliegt (SGB 9 § 69 Abs. 1 S. 3 SGB IX).
Diese Feststellung setzt medizinische Beurteilungen voraus. Diese hängen von Ärzten, medizinischen Sachverständigen und Gutachtern ab. Für die anzuwendenden Maßstäbe verweist § 69 Abs. 1 S. 5 SGB IX auf § 30 Abs. 1 des Bundesversorgungsgesetzes und die auf Grund des § 30 Abs. 17 des Bundesversorgungsgesetzes erlassenen Rechtsverordnung, also auf die Versorgungsmedizinverordnung (VersMedV). Die Beurteilung richtet sich damit nach der Anlage zu § 2 Vers.MedV. Das sind die Versorgungsmedizinischen Grundsätze (dazu vgl. oben Nr. 2 mit Unterpunkten, insbesondere 2.1 und 2.6).
Ab einem Grad der Behinderung von 50 wird auf Antrag ein Behindertenausweis ausgestellt (§ 69 Abs. 5 SGB IX). Die Beantragung ist zu empfehlen; denn der Ausweis dient dem Nachweis für die Inanspruchnahme von Leistungen und sonstigen Hilfen, die schwerbehinderten Menschen nach Teil 2 des SGB IX oder nach anderen Vorschriften zustehen (§ 69 Abs. 5 S. 2 SGB IX).
Die Statusentscheidung des Versorgungsamtes oder der nach Landesrecht sonst zuständigen Behörde erspart wegen ihrer Bindungswirkung Feststellungen durch andere Behörden. Über die Eigenschaft als schwerbehinderter Mensch hat nämlich an erster Stelle und im Zweifel das Versorgungsamt oder die nach Landesrecht zuständige Behörde zu entscheiden. Deren Statusentscheidungen erstrecken sich nicht nur auf den Grad der Behinderung, sondern auch auf die gesundheitlichen Merkmale für Nachteilsausgleiche (§ 69 Abs. 1, 4 und 5 SGB IX). Sie sind für andere Verwaltungsbehörden bindend, sofern der nach einem anderen Gesetz zu beurteilende Tatbestand von inhaltsgleichen Voraussetzungen abhängt. Vgl. dazu die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts BVerwG, Urteil vom 27.02.1992 - 5 C 48/88 -, BVerwGE 90, 65-72 mit zahlreichen Hinweisen auf einschlägige Rechtsprechung, insbes. BVerwGE 66,315 [320]; BSGE 52,168 [174]; BSG SozR 3100 § 35 Nr. 16; u.a. BFHE 164,198 (200]). Das Versorgungsamt hatte durch Bescheid eine Blindheit mit einer GdB (seinerzeit noch MdE) von 100 und dem Merkzeichen "Bl" anerkannt. Nunmehr ging es um den Anspruch auf ein landesrechtliches Blindenpflegegeld. In diesem Verfahren konnte jedoch aus medizinischen Gründen eine Blindheit nicht festgestellt werden. Deshalb wurde der Antrag auf Blindengeld abgelehnt. Dagegen wandte sich die Klägerin mit dem Argument, dass die Feststellung des Versorgungsamtes für die Blindengeldstelle bindend sei. Das Bundesverwaltungsgericht gab ihr recht. Ausschlaggebend war, dass im Schwerbehindertengesetz und in dem für den Rechtsstreit maßgebenden Blindengeldgesetz der gleiche Blindheitsbegriff galt. Zur Begründung seiner Entscheidung hat das BVerwG im Anschluss an die Rechtsprechung des BSG und des BFH festgestellt, dass es nach dem Sinn und Zweck der Statusentscheidung den Schwerbehinderten erspart bleiben soll, stets wieder aufs Neue ihre Behinderung und die damit verbundenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen untersuchen und beurteilen lassen zu müssen. Dieses Ziel wird durch die Konzentration der Statusentscheidungen bei den Versorgungsbehörden und durch eine umfassende Nachweisfunktion des von diesen ausgestellten Ausweises erreicht.
Hat umgekehrt eine andere Stelle, z. B. eine Berufsgenossenschaft bereits in einem Verwaltungsbescheid oder ein Sozialgericht in einem Urteil eine Behinderung und den Grad einer auf ihr beruhenden Erwerbsminderung, also die MdE, festgestellt, bedarf es grundsätzlich keiner zusätzlichen Entscheidung des Versorgungsamtes (§ 69 Abs. 2 SGB IX). Sie wird nur dann notwendig, wenn die andere Stelle nicht die gesamte Behinderung berücksichtigen konnte und der Behinderte ein Interesse an einer Feststellung durch die Versorgungsverwaltung glaubhaft macht (§ 69 Abs. 2 SGB IX). Ein solcher Fall ist z.B. gegeben, wenn Behinderungen vorliegen, die in einem Bescheid des Unfallversicherungsträgers nicht berücksichtigt wurden und über die in dem Becheid festgestellte Minderung der Erwerbsfähigkeit hinausgehen, so dass sie bei der Bewertung des Grades der Behinderung zu einem höheren Wert führen können.
Für die Feststellung der medizinischen Voraussetzungen erkennt demgemäß das Versorgungsamt Rentenbescheide, Verwaltungs- oder Gerichtsentscheidungen ohne weiteres an, in anderen Fällen überprüft es die vorgelegten ärztlichen Befunde anhand der Versorgungsmedizinischen Grundsätze bzw. veranlasst eine ärztliche Begutachtung.
Die Versorgungsmedizinischen Grundsätze geben den Grad einer Behinderung (GdS) an. Der GdS wird von 0 bis 100 jeweils in Zehnerschritten benannt, also z. B. 10, 20, 30 usw. (dazu vgl. Teil A Nr. 2 Buchstabe e) der Versorgungsmedizinischen Grundsätze).
Teil B der Grundsätze enthält eine GdS-Tabelle, in welcher zahlreiche Behinderungen und der im Regelfall anzuerkennende GdS aufgeführt sind. Das Sehorgan wird unter Nr. 4 behandelt. Dort heißt es:
"Die Sehbehinderung umfasst alle Störungen des Sehvermögens. Für die Beurteilung ist in erster Linie die korrigierte Sehschärfe maßgebend; daneben sind u. a. Ausfälle des Gesichtsfeldes und des Blickfeldes zu berücksichtigen.
Die Sehschärfe ist grundsätzlich entsprechend den Empfehlungen der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) nach DIN 58220 zu prüfen; Abweichungen hiervon sind nur in Ausnahmefällen zulässig (z. B. bei Bettlägerigkeit oder Kleinkindern). Die übrigen Partialfunktionen des Sehvermögens sind nur mit Geräten und Methoden zu prüfen, die den Richtlinien der DOG entsprechend eine gutachtenrelevante einwandfreie Beurteilung erlauben. Bei Nystagmus richtet sich der GdS nach der Sehschärfe, die bei einer Lesezeit von maximal einer Sekunde pro Landolt-Ring festgestellt wird. Hinsichtlich der Gesichtsfeldbestimmung bedeutet dies, dass nur Ergebnisse der manuell-kinetischen Perimetrie entsprechend der Marke Goldmann III/4 verwertet werden dürfen. Bei der Beurteilung von Störungen des Sehvermögens ist darauf zu achten, dass der morphologische Befund die Sehstörungen erklärt. Die Grundlage für die GdS-Beurteilung bei Herabsetzung der Sehschärfe bildet die "MdE-Tabelle der DOG".
In Teil B Nrn. 4.1 ff. der Grundsätze werden folgende Werte angegeben:
4.1 Verlust eines Auges mit dauernder, einer Behandlung nicht zugänglichen Eiterung der Augenhöhle: 40
4.2 Linsenverlust eines Auges (korrigiert durch intraokulare Kunstlinse oder Kontaktlinse)
Sehschärfe 0,4 und mehr: 10
Sehschärfe 0,1 bis weniger als 0,4: 20
Sehschärfe weniger als 0,1: 25 - 30
beider Augen.
Der sich aus der Sehschärfe für beide Augen ergebende GdS ist um 10 zu erhöhen.
Die GdS-Werte setzen die Verträglichkeit der Linsen voraus. Maßgebend ist der objektive Befund. Bei Unkorrigierbarkeit richtet sich der GdS nach der Restsehschärfe. Bei Versorgung mit Starbrille ist der aus der Sehschärfe für beide Augen sich ergebende GdS um 10 zu erhöhen, bei Blindheit oder Verlust des anderen Auges um 20.
4.4 Augenmuskellähmungen, Strabismus, wenn ein Auge wegen der Doppelbilder vom Sehen ausgeschlossen werden muss: 30.
bei einseitiger Bildunterdrückung durch Gewöhnung (Exklusion) und entsprechendem Verschwinden der Doppelbilder: 10
Einschränkungen der Sehschärfe (z. B. Amblyopie) oder eine erheblich entstellende Wirkung sind ggf. zusätzlich zu berücksichtigen. Lähmung des Oberlides mit nicht korrigierbarem, vollständigem Verschluss des Auges: 30
Sonst: 10 - 20
Einseitig: 0 - 10
Beidseitig: 10 - 20
Homonyme Hemianopsie: 40
Bitemporale Hemianopsie: 30
bei beidäugigem Sehen: 10
bei Verlust des beidäugigen Sehens: 30
Homonymer Quadrant oben: 20
Homonymer Quadrant unten: 30
Vollständiger Ausfall beider unterer Gesichtsfeldhälften: 60
temporal: 70
auf 10° Abstand vom Zentrum: 10
auf 5° Abstand vom Zentrum: 25
auf 50° Abstand vom Zentrum: 10
auf 30° Abstand vom Zentrum: 30
auf 10° Abstand vom Zentrum: 70
auf 5° Abstand vom Zentrum: 100
auf 50° Abstand vom Zentrum: 40
auf 30° Abstand vom Zentrum: 60
auf 10° Abstand vom Zentrum: 90
mindestens 1/3 ausgefallene Fläche: 20
mindestens 2/3 ausgefallene Fläche: 50
4.6 Ausfall des Farbensinns: 0
Einschränkung der Dunkeladaptation (Nachtblindheit) oder des Dämmerungssehens: 0 - 10
bei Tumorbegrenzung auf den Augapfel (auch bei Augapfelentfernung): 50
Sonst wenigstens: 80
Wenn nach der GdS-Tabelle mehrere Behinderungen vorliegen, werden die für die einzelnen Behinderungen ermittelten GdS-Werte nicht einfach addiert. Vielmehr wird ein Gesamt-GdS aufgrund der Auswirkungen in ihrer Gesamtheit festgestellt (§ 69 Abs. 3 SGB IX). Detaillierte Hinweise für die Bildung des Gesamt-GdS enthält Teil A Nr. 3 der Grundsätze (vgl. oben 2.6).
Für die Bildung eines solchen "Gesamt-GdS" kann von folgender Faustregel ausgegangen werden: Die schwerste Behinderung wird - entsprechend dem Tabellenwert in Teil B der Grundsätze - mit dem vollen Grad bewertet (z.B. mit einem GdS von 50), die zweitschwerste Behinderung mit 1/2 des GdS (z.B. mit 1/2 von 40 GdS = 20 GdS), die drittschwerste Behinderung mit 1/3 des GdS (z.B. 1/3 von 30 GdS = 10 GdS). Das ergibt einen Gesamt-GdS von 50 + 20 + 10 = 80. Allerdings kommt es auf die Auswirkung zusätzlicher Behinderungen auf die anderen vorhandenen Behinderungen an. So wird eine Hörbeeinträchtigung, die mit einer Sehbehinderung zusammentrifft, stärker zu berücksichtigen sein, als dies nach dieser Faustregel der Fall sein würde.
Der Schwerbehindertenausweis dient dem Nachweis für die Inanspruchnahme von Leistungen und sonstigen Hilfen, die schwerbehinderten Menschen nach Teil 2 oder nach anderen Vorschriften zustehen.
Nach § 69 Abs. 5 SGB IX stellen die zuständigen Behörden auf Antrag des behinderten Menschen aufgrund einer Feststellung der Behinderung einen Ausweis über die Eigenschaft als schwerbehinderter Mensch, den Grad der Behinderung sowie im Falle des § 69 Abs. 4 SGB IX über weitere gesundheitliche Merkmale aus.
Das bedeutet, dass neben dem Bescheid über die Feststellung des Vorliegens einer Behinderung und den GdB ein Ausweis beansprucht werden kann und zwar selbstverständlich auch dann, wenn eine Feststellung durch die dafür zuständige Behörde gemäß § 69 Abs. 2 S. 1 deshalb nicht erfolgt, weil die Behinderung und der GdB bereits in einem Rentenbescheid, einer entsprechenden Verwaltungs- oder Gerichtsentscheidung oder einer vorläufigen Bescheinigung der für diese Entscheidungen zuständigen Dienststellen getroffen worden ist. Auf die Ausstellung des Ausweises muss ein gesonderter Antrag gestellt werden. Umstritten ist, ob die Ausstellung des Ausweises neben der Feststellung der Behinderung und ihres Grades ein eigener Verwaltungsakt ist oder nicht, weil die notwendigen Feststellungen zum Vorliegen einer Behinderung, zum GdB und zu dem Vorliegen weiterer gesundheitlicher Merkmale sämtlich in dem Verfahren nach § 69 Abs. 1 und 4 getroffen werden, in den Feststellungsbescheid Eingang finden und in den Ausweis lediglich eingetragen werden (Haufe Onlinekommentar Rz. 15 zu § 69 SGB IX). Für die Annahme eines selbständig mit Rechtsmitteln angreifbaren Verwaltungsaktes spricht, dass es Fälle gibt, in denen es zwar einen Anspruch auf die Feststellung der Behinderung nach § 69 Abs. 1 gibt, nicht aber auf Ausstellung des Ausweises nach § 69 Abs. 5, der Antrag auf Ausstellung des Ausweises also abgelehnt wird. Das ist der Fall bei Schwerbehinderten mit Wohnsitz im Ausland , die aufgrund sozial- oder steuerrechtlicher Ansprüche mit sog. Inlandsbezug Anspruch auf die Feststellung der Behinderung haben (die sie dann beim deutschen Finanzamt vorlegen können), nicht aber einen Anspruch auf Ausstellung des Ausweises (der sie dann z.B. auf Reisen in Deutschland zur Freifahrt berechtigen würde). Vgl. zum Ganzen Urteil des BSG vom 05.07.2007 Az. B 9/9a SB 2/07 R = SozR 4-3250 § 69 Nr. 6. Ein solcher Auslandsbezug, bei dem ausnahmsweise das Territorialitätsprinzip des § 30 SGB I durchbrochen wird, ist z.B. der Anspruch auf Rentenleistungen oder eine bestehende Steuerpflicht in der Bundesrepublik Deutschland.
Der schwerbehinderte Mensch ist nicht verpflichtet, sondern berechtigt, einen Ausweis zu beantragen, da die Eigenschaft als schwerbehinderter Mensch auch mit dem Feststellungsbescheid nachgewiesen werden könnte und ein Ausweis hierfür nicht notwendig wäre. In einer Vielzahl von Rechtsvorschriften wird jedoch für den Nachweis einer Behinderung ausdrücklich die Vorlage eines Ausweises verlangt, so in § 65 Abs. 1 Nr. 1 und Abs. 2 Einkommensteuerdurchführungsverordnung (EStDV) zur Geltendmachung von Freibeträgen nach § 33b EStG.
Die Einzelheiten zur Ausstellung und Gestaltung des Schwerbehindertenausweises sind in der Schwerbehindertenausweisverordnung (SchwbAwV) geregelt.
Der Ausweis soll zwar in seiner Gültigkeit grundsätzlich befristet ausgestellt werden (§ 69 Abs. 5 S. 3 SGB IX). In der Regel beträgt die Frist 5 Jahre (§ 6 Abs. 2 S. 1 SchwbAwV). Davon kann aber abgesehen werden, wenn mit Änderungen nicht zu rechnen ist (§ 6 Abs. 2 S. 2 SchwbAwV).
Den Schwerbehindertenausweis gibt es in zwei Ausgestaltungen:
Der "normale" grüne Ausweis (§ 1 Abs. 1 SchwbAwV) bescheinigt die Eigenschaft als schwerbehinderter Mensch, ferner den Grad der Behinderung und genauere gesundheitliche Merkmale. Mit diesem Ausweis kann der Schwerbehinderte belegen, welche Rechte und Nachteilsausgleiche ihm nach dem SGB IX oder nach anderen Vorschriften zustehen (z.B. Steuererleichterungen).
Den zur Freifahrt im öffentlichen Personenverkehr berechtigenden Schwerbehindertenausweis mit orangefarbenem Flächenaufdruck (linke Seite grün, rechte Seite orange, § 1 Abs. 2 SchwbAwV).
Ab 1. Januar 2015 wird der Schwerbehindertenausweis nur noch als Identifikationskarte nach dem in der Anlage zur SchwbAwV abgedruckten Muster ausgestellt (§ 1 Abs. 5 SchwbAwV). Alte Ausweise bleiben jedoch gültig. Alle Nachteilsausgleiche können auch mit den alten Ausweisen in Anspruch genommen werden.
Der Inanspruchnahme von Nachteilsausgleichen dienen die im Schwerbehindertenausweis eingetragenen Merkzeichen.
Auf der Vorderseite werden nach § 1 Abs. 3 und § 2 SchbAwV eingetragen, um die Zugehörigkeit zu einer Sondergruppe zu kennzeichnen:
Die Bezeichnung "Kriegsbeschädigt", wenn der schwerbehinderte Mensch wegen eines Grades der Schädigungsfolgen von mindestens 50 Anspruch auf Versorgung nach dem Bundesversorgungsgesetz hat (§ 2 Abs. 1 SchwbAwV).
"VB", wenn der schwerbehinderte Mensch wegen eines Grades der Schädigungsfolgen von mindestens 50 Anspruch auf Versorgung nach anderen Bundesgesetzen in entsprechender Anwendung der Vorschriften des Bundesversorgungsgesetzes hat oder wenn der Grad der Schädigungsfolgen wegen des Zusammentreffens mehrerer Ansprüche auf Versorgung nach dem Bundesversorgungsgesetz, nach Bundesgesetzen in entsprechender Anwendung der Vorschriften des Bundesversorgungsgesetzes oder nach dem Bundesentschädigungsgesetz in seiner Gesamtheit mindestens 50 beträgt und nicht bereits die Bezeichnung nach Absatz 1 ("Kriegsbeschädigt") oder ein Merkzeichen nach Nummer 2 einzutragen ist (§ 2 Abs. 2 Nr. 1 SchwbAwV). Das BVG findet u. a. auch Anwendung auf Wehrdienstbeschädigungen im Sinn von § 80 Soldatenversorgungsgesetz, Zivildienstbeschädigungen nach § 47 Zivildienstgesetz, Impfschäden im Sinn von § 60 Infektionsschutzgesetz und gesundheitliche Schäden infolge einer Straftat nach § 1 des Opferentschädigungsgesetzes.
"EB", wenn der schwerbehinderte Mensch wegen eines Grades der Schädigungsfolgen von mindestens 50 Entschädigung nach § 28 des Bundesentschädigungsgesetzes erhält (§ 2 Abs. 2 Nr. 2 SchwbAwV).
Im Ausweis sind nach § 3 Abs. 1 Schwerbehindertenausweisverordnung auf der Rückseite folgende Merkzeichen einzutragen:
"aG", wenn der schwerbehinderte Mensch außergewöhnlich gehbehindert im Sinne des § 6 Abs. 1 Nr. 14 des Straßenverkehrsgesetzes oder entsprechender straßenverkehrsrechtlicher Vorschriften ist (zu den gesundheitlichen Voraussetzungen vgl. Versorgungsmedizinische Grundsätze Teil D Nr. 3),
"H", wenn der schwerbehinderte Mensch hilflos im Sinne des § 33b Abs. 6 des Einkommensteuergesetzes oder entsprechender Vorschriften ist. (Vgl. dazu Grundsätze Teil A Nr. 4 und 5). Nach den Grundsätzen Teil A Nr. 4 ist bei bestimmten Behinderungen stets von Hilflosigkeit auszugehen, ohne dass es dafür einer besondere Nachprüfung bedarf. Das gilt u. a. für Blindheit und hochgradige Sehbehinderung.
"BL", wenn der schwerbehinderte Mensch blind im Sinne des § 72 Abs. 5 des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch oder entsprechender Vorschriften ist (vgl. Grundsätze Teil A Nr. 6 und oben 2.3),
"GL", wenn der schwerbehinderte Mensch gehörlos im Sinne des § 145 des Neunten Buches Sozialgesetzbuch ist (vgl. Grundsätze Teil D Nr. 4). Dort heißt es: "Gehörlos sind nicht nur Hörbehinderte, bei denen Taubheit beiderseits vorliegt, sondern auch Hörbehinderte mit einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit beiderseits, wenn daneben schwere Sprachstörungen (schwer verständliche Lautsprache, geringer Sprachschatz) vorliegen. Das sind in der Regel Hörbehinderte, bei denen die an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit angeboren oder in der Kindheit erworben worden ist."
"RF", wenn der schwerbehinderte Mensch die landesrechtlich festgelegten gesundheitlichen Voraussetzungen für die Befreiung von der Rundfunkgebührenpflicht erfüllt,
"1. Kl.", wenn der schwerbehinderte Mensch die im Verkehr mit Eisenbahnen tariflich festgelegten gesundheitlichen Voraussetzungen für die Benutzung der 1. Wagenklasse mit Fahrausweis der 2. Wagenklasse erfüllt. Dieser Nachteilsausgleich kommt für Schwerkriegsbeschädigte und Verfolgte im Sinne des Bundesentschädigungsgesetzes mit einer MdE von mindestens 70 v.H. in Betracht, wenn die Benutzung der 2. Wagenklasse unzumutbar ist.
Im Ausweis mit orangefarbenem Flächenaufdruck sind folgende Eintragungen vorgedruckt (§ 3. Abs. 2 SchwbAwV):
auf der Vorderseite das Merkzeichen B und der Satz: "Die Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson ist nachgewiesen." In § 146 Abs. 2 SGB IX heißt es dazu: "(2) Zur Mitnahme einer Begleitperson sind schwerbehinderte Menschen berechtigt, die bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln infolge ihrer Behinderung regelmäßig auf Hilfe angewiesen sind. Die Feststellung bedeutet nicht, dass die schwerbehinderte Person, wenn sie nicht in Begleitung ist, eine Gefahr für sich oder für andere darstellt." (Zu den gesundheitlichen Voraussetzungen vgl. Grundsätze Teil D Nr. 2.) Vor dem 12.12.2006 lautete der Eintrag noch "Die Notwendigkeit ständiger Begleitung ist nachgewiesen". Diese Formulierung führte häufig zu Missverständnissen. Die vor dem 12.12.2006 ausgestellten Schwerbehindertenausweise behalten zwar ihre Gültigkeit. Auf Antrag wird jedoch ein Ausweis mit dem durch Gesetzesänderung ab 12.12.2006 gültigen Vermerk versehener Ausweis ausgestellt.
auf der Rückseite im ersten Feld das Merkzeichen G bei erheblicher Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr. (Zu den gesundheitlichen Voraussetzungen vgl. Grundsätze Teil D Nr. 1.)
Wenn eines dieser beiden Merkzeichen nicht zutrifft, ist es zu löschen.
Schwerbehinderte Menschen, die das Recht auf unentgeltliche Beförderung im öffentlichen Personenverkehr in Anspruch nehmen können, erhalten auf Antrag gem. § 3a Abs. 1 der SchwbAwV ein Beiblatt nach dem in der Anlage zu dieser Verordnung abgedruckten Muster 2 in der Grundfarbe weiß. Das Beiblatt ist Bestandteil des Ausweises und nur zusammen mit dem Ausweis gültig. Zur Wahrnehmung des Rechts auf unentgeltliche Beförderung im öffentlichen Personenverkehr ist zum Beiblatt die Wertmarke nach § 3a Abs. 2 SchwbAwV erforderlich.
Wer allein aufgrund der Sehbehinderung einen Grad der Behinderung von 60 hat, erhält das Merkzeichen RF (Befreiung von Rundfunk- und Fernsehgebühren).*
Wer aufgrund der Sehbehinderung einen Grad der Behinderung von 70 hat, erhält die Merkzeichen G (erhebliche Gehbehinderung), B (Berechtigung zu Inanspruchnahme einer Begleitung) und RF.*
Wer aufgrund einer Sehbehinderung einen Grad der Behinderung von 100 hat (hochgradig Sehbehinderte) erhält die Merkzeichen G (erhebliche Gehbehinderung), H (Hilflos), B (Berechtigung zu Inanspruchnahme einer Begleitung) und RF.*
Wer aufgrund von Blindheit einen Grad der Behinderung von 100 hat, erhält die Merkzeichen Bl (blind), G (erhebliche Gehbehinderung), H (Hilflos), B (Berechtigung zu Inanspruchnahme einer Begleitung) und RF.*
Auf die einzelnen Nachteilsausgleiche wird in Heft 07 eingegangen.
* Das Merkzeichen RF (Befreiung von Rundfunk- und Fernsehgebühren) wird im Schwerbehindertenausweis eingetragen, wenn diese Vergünstigung landesrechtlich vorgesehen ist (§ 3 Abs. 1 Nr. 5 SchwbAwV).
Der Verwirklichung des in Art. 3 Abs. 3 S. 2 GG und in den Verfassungen der Länder enthaltenen Benachteiligungsverbotes sowie der Förderung der selbstbestimmten Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft dienen neben dem SGB IX - Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen vom 19.6.2001 - das Bundesgleichstellungsgesetz (BGG) vom 27. April 2002 und die in den Ländern inzwischen erlassenen Landesgleichstellungsgesetze.
Sie haben einen Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik weg von reiner Betreuung, hin zu selbstbestimmter Teilhabe auf allen Ebenen des Gemeinschaftslebens zum Ziel. Damit dienen sie der Rehabilitation. Als rehabilitationsrechtliche Gesetze haben sie nicht nur für das Sozialrecht Bedeutung, sondern greifen über dieses weit hinaus. Unmittelbar verpflichtend sind sie aber nur für den Staat und die öffentliche Verwaltung. Der Bereich des Zivilrechts wurde ausgespart. Er ist im allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vom 14. August 2006 geregelt. Das AGG wird in Heft 09 behandelt.
Das Benachteiligungsverbot in Art. 3. Abs. 3 S. 2 GG und in den Gleichstellungsgesetzen verbieten nicht uneingeschränkt eine Andersbehandlung behinderter Menschen. Einschränkende Regelungen bedürfen jedoch einer besonderen Begründung. Grenzen zeigt z. B. die unter 4.3 aufgeführte Rechtsprechung.
Das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen - Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) vom 27. April 2002 (BGBl. I S. 1467, 1468), zuletzt geändert durch Artikel 12 des Gesetzes vom 19. Dezember 2007 (BGBl. I S. 3024) - trat am 1. Mai 2002 in Kraft.
Das BGG ist in vier Abschnitte gegliedert:
Im ersten Abschnitt "Allgemeine Bestimmungen" wird das Ziel genannt (§ 1). Dabei sind die besonderen Belange behinderter Frauen zu berücksichtigen, vor allem durch Maßnahmen, die dem Ziel dienen, ihre Gleichstellung zu fördern (§ 2 BGG). In § 3 wird der Begriff der Behinderung definiert. In § 4 wird festgelegt, was unter Barrierefreiheit zu verstehen ist. § 5 führt mit der Möglichkeit, Zielvereinbarungen zu treffen, ein neues Instrument ein. § 6 enthält die Anerkennung der Gebärdensprache und anderer Kommunikationshilfen.
Abschnitt 2 "Verpflichtung zur Gleichstellung und Barrierefreiheit" enthält Verpflichtungen für die Träger öffentlicher Gewalt, soweit diese durch den Bundesgesetzgeber verpflichtet werden können. § 7 enthält demgemäß das Benachteiligungsverbot für Träger öffentlicher Gewalt. Die Verpflichtung zur Herstellung von Barrierefreiheit in den Bereichen Bau und Verkehr enthält § 8. §9 konkretisiert für die nach § 7 verpflichteten Stellen das Recht auf Verwendung von Gebärdensprache und anderen Kommunikationshilfen. § 10 befasst sich mit der Gestaltung von Bescheiden und Vordrucken, um auch dadurch z. B. für blinde Menschen, Barrieren abzubauen. Dem Abbau von Barrieren bei der Informationsgewinnung dient § 11, der die dort genannten Einrichtungen zur Verwendung von barrierefreier Informationstechnik verpflichtet.
Der 3. Abschnitt "Rechtsbehelfe" führt Instrumente ein, die der Durchsetzung der Rechte dienen. So räumt § 12 den Behindertenverbänden Vertretungsbefugnisse in verwaltungs- oder sozialrechtlichen Verfahren ein; § 13 enthält ein Verbandsklagerecht. Vielfach wird jedoch schon das bloße Vorhandensein solcher Rechtsbehelfe dazu führen, dass die durch das BGG gewährten Rechte beachtet werden.
Der 4. Abschnitt "Beauftragte oder Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen" schafft für dieses Amt die rechtliche Grundlage. § 14 regelt das Amt der oder des Beauftragten für die Belange behinderter Menschen. § 15 enthält die Aufgaben und Befugnisse.
Im Folgenden werden die Grundsätze des ersten Abschnittes und die Rechte behinderter Menschen nach dem zweiten Abschnitt des BGG behandelt.
In § 1 BGG "Gesetzesziel" sind die drei Zielvorgaben des neuen Gesetzes geregelt. Danach gilt es,
die Benachteiligung von behinderten Menschen zu beseitigen und zu verhindern sowie
die gleichberechtigte Teilhabe von behinderten Menschen am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten und ihnen eine bestimmte Lebensführung zu ermöglichen.
Dabei muss besonderen Bedürfnissen Rechnung getragen werden.
§ 1 BGG ist ein Programmsatz. D. h. konkrete Rechte oder Pflichten bzw. sonstige Rechtsfolgen lassen sich daraus nicht ableiten. Die Ziele sind aber bei der Auslegung von Rechtsnormen, die Ansprüche gewähren, zu beachten.
Der Begriff der Behinderung wird in § 3 BGG wortgleich wie in § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX definiert. Danach sind Menschen behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft beeinträchtigt ist. Vgl. dazu oben 2.2.
§ 2 Satz 1 BGG stellt klar, dass bei der Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern die besonderen Belange behinderter Frauen zu berücksichtigen und bestehende Benachteiligungen zu beseitigen sind. Das ist deshalb gerechtfertigt, weil die Situation von Frauen mit einer Behinderung besonders schwierig ist.
Eine Klarstellung im Zusammenhang mit dem Gleichheitssatz bringt § 2 Satz 2 BGG, wonach besondere Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung behinderter Frauen zulässig sind. Der Gesetzgeber begründet diese Bevorzugung behinderter Frauen mit Art. 3 Abs. 2 und Abs. 3 Satz 2 GG, also der staatlichen Verpflichtung, auf die Beseitigung bestehender Benachteiligungen von Frauen hinzuwirken. Zugleich wird auf Artikel 141 Abs. 4 EG-Vertrag Bezug genommen, der es zur Erleichterung der Berufstätigkeit des unterrepräsentierten Geschlechts oder zur Verhinderung bzw. zum Ausgleich von Benachteiligungen nicht verbietet, in der beruflichen Laufbahn spezifische Begünstigungen beizubehalten bzw. zu beschließen. In der Gesetzesbegründung wird aber betont, dass bei gleicher Qualifikation eine nur leicht behinderte Frau nicht automatisch einem schwerstbehinderten Mann vorzuziehen sein wird.
Eine Neuerung sind die sog. Zielvereinbarungen. Nach § 5 BGG sollen zur Herstellung der Barrierefreiheit (definiert in § 4 BGG) - soweit nicht besondere gesetzliche oder verordnungsrechtliche Vorschriften entgegenstehen - Zielvereinbarungen zwischen Verbänden behinderter Menschen und Unternehmen oder Unternehmensbranchen der verschiedenen Wirtschaftsbranchen getroffen werden. Berechtigt zum Abschluss von Zielvereinbarungen sind nur solche Verbände, die die Voraussetzungen nach § 13 Abs. 3 BGG (Verbandsklagerecht) erfüllen und vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung "anerkannt" sind. Der DBSV und der DVBS sind anerkannt.
Ziel dieses Instruments ist es, dass dort, wo der Bundesgesetzgeber keine Regelungskompetenz hat oder keine Regelung treffen will, auf vertraglicher Grundlage einvernehmliche Regelungen, die den Zielen des BGG dienen, geschaffen werden können. Eine Verpflichtung zum Abschluss einer Zielvereinbarung besteht allerdings nicht. Die Verbände behinderter Menschen können von den Unternehmen aber die Aufnahme von Verhandlungen über Zielvereinbarungen verlangen, § 5 Abs. 1 Satz 3 BGG.
Zielvereinbarungen zur Herstellung von Barrierefreiheit enthalten nach § 5 Abs. 2 BGG insbesondere:
die Angabe über die Beteiligten und sonstige Regelungen zum Geltungsbereich und zur Geltungsdauer,
die Festlegung von Mindestbedingungen darüber, wie gestaltete Lebensbereiche im Sinne von § 4 künftig zu verändern sind, um dem Anspruch behinderter Menschen auf Zugang und Nutzung zu genügen,
Um Unternehmen davor zu schützen, dass zeitgleich oder nacheinander verschiedene Verbände die Aufnahme von Verhandlungen verlangen, ist in § 5 Absatz 3 BGG vorgeschrieben, dass der Verband, der als erster an ein Unternehmen herantritt, dies gegenüber einem "Zielvereinbarungsregister" anzeigen muss. Das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung gibt diese Anzeige auf seiner Internetseite bekannt. Das Ministerium veröffentlicht die notwendigen Angaben im Internet. Innerhalb von vier Wochen können sich dann andere Verbände diesem Verfahren anschließen. Nachdem die Beteiligten feststehen und die beteiligten Verbände behinderter Menschen eine gemeinsame Verhandlungskommission gebildet oder vereinbart haben, dass nur ein Verband verhandelt, sind die Verhandlungen innerhalb weiterer vier Wochen aufzunehmen.
Weitere Einzelheiten zum Verhandlungsanspruch der anerkannten Verbände regelt § 5 Abs. 4 BGG.
Eine Übersicht über die anerkannten Verbände nach § 5 Abs. 1 Satz 1 in Verbindung mit § 13 Abs. 3 BGG sowie weitere Hinweise zum Abschluss von Zielvereinbarungen und eine Datenbank, in die alle Zielvereinbarungen aufgenommen werden sollen, sind der Internetseite des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung zu entnehmen.
§ 7 Abs. 1 BGG enthält für die Dienststellen und sonstigen Einrichtungen der Bundesverwaltung, einschließlich der bundesunmittelbaren Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts die Verpflichtung, im Rahmen ihres jeweiligen Aufgabenbereichs die in § 1 BGG genannten Ziele aktiv zu fördern und bei der Planung von Maßnahmen zu beachten. Das Gleiche gilt für Landesverwaltungen, einschließlich der landesunmittelbaren Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts, soweit sie Bundesrecht ausführen. In Bereichen bestehender Benachteiligungen behinderter Menschen gegenüber nicht behinderten Menschen sind besondere Maßnahmen zum Abbau und zur Beseitigung dieser Benachteiligung zulässig. Bei der Anwendung von Gesetzen zur tatsächlichen Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist dabei den besonderen Belangen behinderter Frauen Rechnung zu tragen.
Wichtige bundesunmittelbare Körperschaften öffentlichen Rechts sind z.B.:
und die Berufsgenossenschaften.
In § 7 Abs. 2 BGG wird hervorgehoben, dass ein Träger öffentlicher Gewalt im Sinne des Absatzes 1 behinderte Menschen nicht benachteiligen darf. Eine Benachteiligung liegt vor, wenn behinderte und nicht behinderte Menschen ohne zwingenden Grund unterschiedlich behandelt werden und dadurch behinderte Menschen in der gleichberechtigten Teilhabe am Leben in der Gesellschaft unmittelbar oder mittelbar beeinträchtigt werden.
Eines der zentralen Ziele des BGG ist die Herstellung von Barrierefreiheit für behinderte Menschen. Durch sie kann die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft häufig erst ermöglicht oder zumindest erleichtert werden. Barrierefreiheit besteht nach der Definition des § 4 BGG dann, wenn "Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche" (...) "für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind." Es geht also nicht nur um bauliche Barrieren wie Zugänge zu Gebäuden, sondern auch um technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen. Das ist für blinde und sehbehinderte Menschen von großer Bedeutung. Als Stichworte für Barrieren in diesen Bereichen seien hier nur genannt: Probleme bei der Bedienbarkeit elektronischer Geräte, z. B. Rundfunkgeräte, bei der Verwendung von Sensoren als Bedienungselemente, reine optische Benutzerführung bei solchen Geräten oder Automaten, Zugänglichkeit zu Informationen im Internet, Filme und Fernsehsendungen ohne Bildbeschreibung (Audiodescription). Hier wird die Barrierefreiheit möglicherweise durch Zielvereinbarungen im Sinn von § 5 BGG angestrebt werden können. Beispiele für "andere gestaltete Lebensbereiche" sind Schwimmbäder, Parkanlagen, Theater, Museen.
Spezialregeln zur Barrierefreiheit sind in Abschnitt 2 des BGG die §§ 8, 9, 10 und 11.
§ 8 BGG regelt die Herstellung der Barrierefreiheit in den Bereichen Bau und Verkehr, § 9 das Recht auf die Verwendung von Gebärdensprache und anderen Kommunikationshilfen, § 10 die Gestaltung von Bescheiden und Vordrucken und § 11 BGG die barrierefreie Informationstechnik.
BGG § 8 hat die Herstellung von Barrierefreiheit in den Bereichen Bau und Verkehr zum Gegenstand. Abs. 1 lautet:
"(1) Zivile Neubauten sowie große zivile Um- oder Erweiterungsbauten des Bundes einschließlich der bundesunmittelbaren Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts sollen entsprechend den allgemein anerkannten Regeln der Technik barrierefrei gestaltet werden. Von diesen Anforderungen kann abgewichen werden, wenn mit einer anderen Lösung in gleichem Maße die Anforderungen an die Barrierefreiheit erfüllt werden. Die landesrechtlichen Bestimmungen, insbesondere die Bauordnungen, bleiben unberührt."
§ 8 Abs. 1 BGG stellt eine Selbstverpflichtung des Bundes dar. Die Ausgestaltung als Soll-Vorschrift bezweckt, einen unverhältnismäßigen Mehraufwand im Einzelfall berücksichtigen zu können. Entsprechend der Gesetzesbegründung gilt ein Neu-, Um- oder Erweiterungsbau als "groß", wenn durch die baulichen Maßnahmen Kosten von mehr als 1 Mio. Euro ausgelöst werden. Die Vorschrift betrifft nicht Bauunterhaltungsmaßnahmen und lässt auch den bisherigen Bestandsschutz unberührt. Bei der barrierefreien Gestaltung sollen die allgemein anerkannten Regeln der Technik, insbesondere die aktuellen DIN-Vorschriften, berücksichtigt werden.
Sonstige bauliche oder andere Anlagen, öffentliche Wege, Plätze und Straßen sowie öffentlich zugängliche Verkehrsanlagen und Beförderungsmittel im öffentlichen Personenverkehr sind nach § 8 Abs. 2 BGG barrierefrei zu gestalten.
Nach § 6 Abs. 1 BGG wird die deutsche Gebärdensprache als eine eigenständige Sprache anerkannt. Lautsprachbegleitende Gebärden werden als Kommunikationsform der deutschen Sprache anerkannt.
Für die Praxis bedeutsam ist das in § 6 Abs. 3 BGG normierte Recht hörbehinderter Menschen (Gehörloser, Ertaubter, Schwerhöriger), nach Maßgabe der einschlägigen Gesetze die deutsche Gebärdensprache oder lautsprachbegleitende Gebärden zu verwenden. Mit dem Verweis auf die einschlägigen Gesetze wird klargestellt, dass der konkrete Anspruch des behinderten Menschen auf Verwendung einer dieser Kommunikationsformen im Einzelfall noch nicht im § 6 BGG eingeräumt wird. Die konkrete Ausprägung des Anspruchs richtet sich vielmehr nach dem für den betroffenen Lebensbereich jeweils einschlägigen Gesetz. Zu diesen Regelungen zählen u.a. § 9 BGG i.V.m. der Kommunikationshilfeverordnung als Regelung für den Bereich der öffentlichen Bundesverwaltung, § 17 SGB I (Beachtung der Barrierefreiheit bei der Ausführung von Sozialleistungen), § 57 SGB IX (Anspruch von hörbehinderten Menschen oder von behinderten Menschen mit besonders starker Beeinträchtigung der Sprachfähigkeit auf Verständigungshilfe bei Maßnahmen zur Teilhabe am Leben in der Gesellschaft), § 19 SGB X (Recht auf die Verwendung der Gebärdensprache für Hörbehinderte im sozialrechtlichen Verwaltungsverfahren), § 65 Berufsbildungsgesetz (BBiG), § 22 Beurkundungsgesetz sowie den Gesetzen über das gerichtliche Verfahren (Gerichtsverfassungsgesetz, Zivilprozessordnung, Strafprozessordnung, Arbeitsgerichtsgesetz, Ordnungswidrigkeitengesetz).
Für das Verwaltungsverfahren mit Bundesbehörden bestimmt § 9 BGG "Recht auf Verwendung von Gebärdensprache und anderen Kommunikationshilfen":
"(1) Hör- oder sprachbehinderte Menschen haben nach Maßgabe der Rechtsverordnung nach Absatz 2 das Recht, mit Trägern öffentlicher Gewalt im Sinne des § 7 Abs. 1 Satz 1 in deutscher Gebärdensprache, mit lautsprachbegleitenden Gebärden oder über andere geeignete Kommunikationshilfen zu kommunizieren, soweit dies zur Wahrnehmung eigener Rechte im Verwaltungsverfahren erforderlich ist. Die Träger öffentlicher Gewalt haben dafür auf Wunsch der Berechtigten im notwendigen Umfang die Übersetzung durch Gebärdensprachdolmetscher oder die Verständigung mit anderen geeigneten Kommunikationshilfen sicherzustellen und die notwendigen Aufwendungen zu tragen.
(2) Das Bundesministerium des Innern bestimmt im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung durch Rechtsverordnung, die nicht der Zustimmung des Bundesrates bedarf:
welche Kommunikationsformen als andere geeignete Kommunikationshilfen im Sinne des Absatzes 1 anzusehen sind."
Die Einzelheiten sind der Verordnung zur Verwendung von Gebärdensprache und anderen Kommunikationshilfen im Verwaltungsverfahren nach dem Behindertengleichstellungsgesetz Kommunikationshilfenverordnung (KHV) vom 27. Juli 2002 (BGBl I S. 2650) zu entnehmen.
Der Anspruch besteht in dem zur Wahrnehmung der Rechte erforderlichen Umfang. Dabei besteht ein Wahlrecht, welcher Kommunikationshilfe sich der Betroffene bedienen will (§ 2 KHV). Soweit von diesem Wahlrecht nicht Gebrauch gemacht wird, ist die Behörde zur Stellung des Gebärdendolmetschers oder der sonstigen Kommunikationshilfe verpflichtet (§ 4 KHV). Die Kosten sind von der Behörde nach Maßgabe von § 5 KHV zu tragen. Erhält die Behörde Kenntnis von der Hör- oder Sprachbehinderung von Berechtigten im Verwaltungsverfahren, hat sie diese auf ihr Recht auf barrierefreie Kommunikation und auf ihr Wahlrecht hinsichtlich der Kommunikationshilfe hinzuweisen (§ 2 Abs. 3 KHV).
Für Taubblinde oder hörbehinderte Blinde eröffnet § 6 Abs. 3 S. 2 BGG das Recht, andere Kommunikationshilfen, wie z. B. Lormen oder Blindenschrift nach Maßgabe der einschlägigen Gesetze zu verwenden. In § 3 Abs. 2 Nr. 2 a) KHV ist das Lormen ausdrücklich erwähnt.
Für das Verwaltungsverfahren mit Landesbehörden ist das Recht auf Verwendung von Gebärdensprache und anderen Kommunikationshilfen in den Behindertengleichstellungsgesetzen der Länder und den aufgrund dieser erlassenen Rechtsverordnungen geregelt.
Nach § 17 Abs. 2 SGB I haben hör- und sprachbehinderte Menschen das Recht, bei der Ausführung von Sozialleistungen, insbesondere auch bei ärztlichen Untersuchungen und Behandlungen, die deutsche Gebärdensprache oder die lautsprachbegleitenden Gebärden zu verwenden. Auch wenn dies nicht ausdrücklich genannt ist, muss dieser Anspruch auch die Verwendung anderer geeigneter Kommunikationshilfen wie Lormen umfassen. Der Anspruch richtet sich gegen alle Behörden des Bundes, der Länder und Kommunen, die Sozialleistungen erbringen oder ausführen. Die Regelung korrespondiert mit den Regelungen in § 57 SGB IX und § 19 SGB X.
Nach § 19 Abs. 1 S. 2 SGB X haben hörbehinderte Menschen das Recht, zur Verständigung in der Amtssprache im Rahmen eines Verwaltungsverfahrens im Sozialleistungsrecht die deutsche Gebärdensprache oder die lautsprachbegleitenden Gebärden zu verwenden. Der Anspruch richtet sich gegen alle Behörden des Bundes, der Länder und Kommunen, die Sozialleistungen erbringen. Auch hier dürfen selbstverständlich andere geeignete Kommunikationsformen, wie das Lormen verwendet werden.
Nach § 57 SGB IX werden hörbehinderten Menschen oder behinderten Menschen mit besonders starker Beeinträchtigung der Sprachfähigkeit, wenn sie auf Grund ihrer Behinderung zur Verständigung mit der Umwelt aus besonderem Anlass der Hilfe Anderer bedürfen, die erforderlichen Hilfen zur Verfügung gestellt oder angemessene Aufwendungen hierfür erstattet. Dass die Hilfe nur "aus besonderem Anlass" gewährt wird, bedeutet eine erhebliche Einschränkung. Ein solcher Anlass kann z.B. eine besondere (seltene) Familienfeier sein. Die Assistenz bei der Haushaltsführung oder bei Freizeitaktivitäten wird also nicht erfasst. Die Entscheidungen sollten nicht zu engherzig vorgenommen werden. Bei § 57 SGB IX handelt es sich um eine nachrangige Regelung, die erst dann greift, wenn die anderen Anspruchsgrundlagen (s.o.) nicht zutreffen. Der Anspruch kann hierbei nur gegen den Sozial- oder Jugendhilfeträger geltend gemacht werden. Für den Anspruch gelten die Einkommens- und Vermögensgrenzen nach dem SGB XII.
Für gerichtliche Verfahren gilt:
Nach § 184 Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) ist die Amtssprache in Gerichtsverhandlungen deutsch. Auf diese Bestimmung wird in den Verfahrensgesetzen der einzelnen Gerichtszweige verwiesen. Vgl. z.B. § 9 ArbGG, § 61 SGG, § 8 FGG, § 52 FGO, § 259 StPO, § 55 VwGO. Nach § 186 Abs. 1 des GVG, auf welchen in den genannten Bestimmungen der Verfahrensgesetze mit verwiesen wird, erfolgt die Verständigung mit einer hör- oder sprachbehinderten Person in der Verhandlung nach ihrer Wahl mündlich, schriftlich oder mit Hilfe einer die Verständigung ermöglichenden Person, die vom Gericht hinzuzuziehen ist. Für die mündliche und schriftliche Verständigung hat das Gericht die geeigneten technischen Hilfsmittel bereitzustellen. Die hör- oder sprachbehinderte Person ist auf ihr Wahlrecht hinzuweisen. Das Gericht kann nach § 186 Abs. 2 GVG eine schriftliche Verständigung verlangen oder die Hinzuziehung einer Person als Dolmetscher anordnen, wenn die hör- oder sprachbehinderte Person von ihrem Wahlrecht nach Absatz 1 keinen Gebrauch gemacht hat oder eine ausreichende Verständigung in der nach Absatz 1 gewählten Form nicht oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand möglich ist.
Für die Kostenerstattung gilt folgendes:
Nach den Regelungen des BGG, der Kommunikationshilfeverordnung, des SGB X, des Gerichtsverfassungsgesetzes, der Zivilprozessordnung, der Strafprozessordnung, des Arbeitsgerichtsgesetzes und des Ordnungswidrigkeitengesetzes richtet sich die Entschädigung bzw. Vergütung der Gebärdensprachdolmetscher und Kommunikationshelfer grundsätzlich nach dem Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (JVEG) vom 5. Mai 2004 (BGBl. I S. 718, 776). Das heißt, dass im Sozial- oder allgemeinen Verwaltungsverfahren und auch im späteren gerichtlichen Verfahren die Kosten für die Dolmetscher nach dem JVEG erstattet werden.
Nach § 10 Abs. 1 BGG haben Träger öffentlicher Gewalt im Sinne des § 7 Abs. 1 Satz 1 BGG (Dienststellen und sonstige Einrichtungen der Bundesverwaltung, einschließlich der bundesunmittelbaren Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts) bei der Gestaltung von schriftlichen Bescheiden, Allgemeinverfügungen, öffentlich-rechtlichen Verträgen und Vordrucken eine Behinderung von Menschen zu berücksichtigen. Blinde und sehbehinderte Menschen können nach Maßgabe der Rechtsverordnung nach Absatz 2 insbesondere verlangen, dass ihnen Bescheide, öffentlich-rechtliche Verträge und Vordrucke ohne zusätzliche Kosten auch in einer für sie wahrnehmbaren Form zugänglich gemacht werden, soweit dies zur Wahrnehmung eigener Rechte im Verwaltungsverfahren erforderlich ist. Das bedeutet, dass es um die Rechte des Betroffenen geht. Ein blinder Rechtsanwalt, der Rechte eines Mandanten wahrnimmt, könnte nicht verlangen, dass ihm die Bescheide usw. in angepasster Form zugehen. In dieser Rechtsverordnung wird bestimmt, bei welchen Anlässen und in welcher Art und Weise die in Absatz 1 genannten Dokumente blinden und sehbehinderten Menschen zugänglich zu machen sind. Vgl. dazu im einzelnen die Verordnung zur Zugänglichmachung von Dokumenten für blinde und sehbehinderte Menschen im Verwaltungsverfahren nach dem Behindertengleichstellungsgesetz - Verordnung über barrierefreie Dokumente in der Bundesverwaltung (VBD) vom 17. Juli 2002 (BGBl I S. 2652). Der Anspruch umfasst Bescheide, öffentlich-rechtliche Verträge und Vordrucke (Dokumente), einschließlich der Anlagen (§ 2 VBD). Die Dokumente können nach § 3 VBD den Berechtigten schriftlich, elektronisch, akustisch, mündlich oder in sonstiger Weise zugänglich gemacht werden.
Wenn Dokumente in schriftlicher Form übermittelt werden, erfolgt dies in Blindenschrift oder in Großdruck (VBD § 3 Abs. 2). Bei Großdruck sind ein Schriftbild, eine Kontrastierung und eine Papierqualität zu wählen, die die individuelle Wahrnehmungsfähigkeit der Berechtigten ausreichend berücksichtigen. Die mündliche Übermittlung wird zweckmäßigerweise durch Aufsprache auf einen Tonträger erfolgen, damit die Unterlagen wiederholt abgehört werden können. Wenn der Berechtigte über einen E-Mail-Anschluss verfügt, wird die Übermittlung per E-Mail am zweckmäßigsten sein. Wenn der Berechtigte in der Lage ist, die Unterlagen mit einem Lese-Sprechgerät zu lesen, müssen die Dokumente in einer Qualität erstellt werden, die von solchen Geräten sicher erfasst werden können. Notwendig ist ein klares Schriftbild, wie z. B. "Arial" und ein guter Kontrast.
Die Dokumente sollen den Berechtigten, soweit möglich, gleichzeitig mit der Bekanntgabe auch in der für sie wahrnehmbaren Form zugänglich gemacht werden (§ 4 VBD). Für den Beginn von Fristen ist der Zugang des Originaldokuments, nicht des Dokuments in angepasster Form, maßgebend. Der Umfang des Anspruchs ist in VBD § 5 geregelt. Diese Bestimmung lautet:
"(1) Der Anspruch der Berechtigten, dass ihnen Dokumente in einer für sie wahrnehmbaren Form zugänglich gemacht werden, besteht, soweit dies zur Wahrnehmung eigener Rechte im Verwaltungsverfahren erforderlich ist. Dabei ist insbesondere der individuelle Bedarf der Berechtigten zu berücksichtigen.
(2) Die Berechtigten haben nach Maßgabe des Absatzes 1 ein Wahlrecht zwischen den in § 3 genannten Formen, in denen Dokumente zugänglich gemacht werden können. Die Berechtigten haben dazu der Behörde rechtzeitig mitzuteilen, in welcher Form und mit welchen Maßgaben die Dokumente zugänglich gemacht werden sollen. Die Behörde kann die ausgewählte Form, in der Dokumente zugänglich gemacht werden sollen, zurückweisen, wenn sie ungeeignet ist oder in sonstiger Weise den Voraussetzungen des Absatzes 1 nicht entspricht. Die Blindheit oder die Sehbehinderung sowie die Wahlentscheidung nach Satz 1 sind aktenkundig zu machen und im weiteren Verwaltungsverfahren von Amts wegen zu berücksichtigen.
(3) Erhält die Behörde Kenntnis von der Blindheit oder einer anderen Sehbehinderung von Berechtigten im Verwaltungsverfahren, hat sie diese auf ihr Recht, dass ihnen Dokumente in einer für sie wahrnehmbaren Form zugänglich gemacht werden, und auf ihr Wahlrecht nach Absatz 2 Satz 1 hinzuweisen."
Zur Erstellung der Dokumente in der angepassten Form kann sich die verpflichtete Behörde auch der Hilfe einer anderen Behörde bedienen, oder einen Dritten, z. B. einen Textservice, beauftragen (§ 6 VBD). Dabei müssen selbstverständlich die Bestimmungen des Datenschutzes beachtet werden.
Nach § 191a Abs. 1 Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) kann eine blinde oder sehbehinderte Person nach Maßgabe der Rechtsverordnung nach Absatz 2 verlangen, dass ihr die für sie bestimmten gerichtlichen Dokumente auch in einer für sie wahrnehmbaren Form zugänglich gemacht werden, soweit dies zur Wahrnehmung ihrer Rechte im Verfahren erforderlich ist. Hierfür werden Auslagen nicht erhoben.
Für gerichtliche Verfahren ist aufgrund der Ermächtigung in § 191a Abs. 2 des GVG die "Verordnung zur barrierefreien Zugänglichmachung von Dokumenten für blinde und sehbehinderte Personen im gerichtlichen Verfahren" (ZMV) vom 26.02.2007 (BGBl I 2007 S. 215), in Kraft ab 01.06.2007, erlassen worden. Die Regelungen entsprechen praktisch den Bestimmungen in der Verordnung über barrierefreie Dokumente in der Bundesverwaltung (VBD).
§ 1 der ZMV bestimmt zum Anwendungsbereich:
"(1) Diese Verordnung regelt die Anforderungen und das Verfahren für die Zugänglichmachung von Dokumenten im gerichtlichen Verfahren an eine blinde oder sehbehinderte Person (berechtigte Person) in einer für sie wahrnehmbaren Form.
(3) Der Anspruch auf Zugänglichmachung besteht nach Maßgabe dieser Verordnung im gerichtlichen Verfahren gegenüber dem Gericht, im staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren gegenüber der Staatsanwaltschaft, im behördlichen Bußgeldverfahren gegenüber der Verfolgungsbehörde und in den mit diesen Verfahren in Zusammenhang stehenden Vollstreckungsverfahren gegenüber der jeweils zuständigen Vollstreckungsbehörde."
§ 2 Abs. 1 bestimmt zum Gegenstand der Zugänglichmachung:
"(1) Der Anspruch auf Zugänglichmachung nach § 191a Abs. 1 S. 1 und Abs. 2 des Gerichtsverfassungsgesetzes, auch in Verbindung mit § 46 Abs. 1 des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten, umfasst Dokumente, die einer berechtigten Person zuzustellen oder formlos bekannt zu geben sind. Diesen Dokumenten als Anlagen beigefügte Zeichnungen und andere Darstellungen, die nicht in Schriftzeichen wiedergegeben werden können, sowie von einer Behörde vorgelegte Akten werden von der Verordnung nicht erfasst."
Zu den Formen der Zugänglichmachung bestimmt § 3 ZMV:
"(1) Die Dokumente können der berechtigten Person schriftlich, elektronisch, akustisch, mündlich, fernmündlich oder in anderer geeigneter Weise zugänglich gemacht werden.
(2) Die schriftliche Zugänglichmachung erfolgt in Blindenschrift oder in Großdruck. Bei Großdruck sind ein Schriftbild, eine Kontrastierung und eine Papierqualität zu wählen, die die individuelle Wahrnehmungsfähigkeit der berechtigten Person ausreichend berücksichtigen.
(3) Die elektronische Zugänglichmachung erfolgt durch Übermittlung eines elektronischen Dokuments. Dabei sind die Standards von § 3 der Barrierefreien Informationstechnikverordnung maßgebend. Das Dokument ist gegen unbefugte Kenntnisnahme zu schützen."
Der Anspruch auf Zugänglichmachung besteht nach § 4 Abs. 1 ZMV, soweit der berechtigten Person dadurch der Zugang zu den ihr zugestellten oder formlos mitgeteilten Dokumenten erleichtert und sie in die Lage versetzt wird, eigene Rechte im Verfahren wahrzunehmen. Daraus ergibt sich, dass nur der Berechtigte im Sinn von § 1 ZMV diesen Anspruch hat. Wenn ein Anwalt oder anderer Vertreter blind ist, kann er die Zugänglichmachung in einer für ihn wahrnehmbaren Form nicht verlangen.
Die Zugänglichmachung in wahrnehmbarer Form erfolgt auf Verlangen der berechtigten Person. Die nach § 1 Abs. 3 verpflichtete Stelle hat die berechtigte Person auf ihren Anspruch hinzuweisen (§ 4 Abs. 2 ZMV).
Das Verlangen ist aktenkundig zu machen und danach von Amts wegen zu beachten (§ 4 Abs. 3 ZMV).
Die berechtigte Person hat nach § 6 ZMV ein Wahlrecht zwischen den in § 3 genannten Formen der Zugänglichmachung, also zwischen schriftlich in Blindenschrift oder Großdruck, elektronisch, akustisch durch Aufsprache auf einem Datenträger, mündlich, fernmündlich oder in anderer geeigneter Weise. Die nach § 1 Abs. 3 verpflichtete Stelle hat die Zugänglichmachung in der von der berechtigten Person gewählten Form auszuführen.
Für Fristen kommt es auf die Zustellung oder Bekanntmachung der Originaldokumente und nicht auf den Zeitpunkt der Zugänglichmachung in wahrnehmbarer Form an (§ 2 Abs. 2 ZMV). § 7 ZMV bestimmt aber, dass die Zugänglichmachung im zeitlichen Zusammenhang mit der Zustellung oder formlosen Mitteilung der für die berechtigte Person bestimmten Dokumente erfolgen soll.
Inwieweit bei einer Fristversäumung, die dadurch verursacht wurde, dass das Urteil nicht rechtzeitig in angepasster Form zugegangen ist und deshalb das Rechtsmittel nicht fristgerecht eingelegt wurde, Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gewährt wird, beurteilt sich nach dem für das Verfahren geltenden Gesetz, z.B. dem SGG. Vgl. dazu Urteil des Sächsischen Landessozialgerichts vom 30. April 2008, Az. L 1 KR 133/07.
BGG § 11 hat die barrierefreie Informationstechnik zum Ziel. Nach § 11 Abs. 1 BGG haben Träger öffentlicher Gewalt im Sinne von § 7 BGG (Dienststellen und sonstigen Einrichtungen der Bundesverwaltung, einschließlich der bundesunmittelbaren Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts) ihre Internet- und Intranetseiten technisch so zu gestalten, dass sie von behinderten Menschen grundsätzlich uneingeschränkt benutzt werden können. Um das für blinde und sehbehinderte Menschen zu erreichen, müssen sie mit Screenreadern lesbar sein. Symbole müssen dafür z. B. mit erklärendem Text hinterlegt werden. Die Blindenselbsthilfeorganisationen stehen zur Beratung zur Verfügung.
§ 11 Abs. 1 BGG bezieht sich auf das Rechtsverhältnis zwischen Verwaltung und Bürgern. Gegenüber den behinderten Mitarbeitern ist die öffentliche Verwaltung bereits aus § 81 Abs. 4 SGB IX als Arbeitgeber verpflichtet.
Nach § 11 Abs. 1 S. 2 BGG bestimmt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales durch Rechtsverordnung, die nicht der Zustimmung des Bundesrates bedarf, nach Maßgabe der technischen, finanziellen und verwaltungsorganisatorischen Möglichkeiten:
die anzuwendenden technischen Standards sowie den Zeitpunkt ihrer verbindlichen Anwendung und
Dazu erging die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz - Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) vom 17. Juli 2002 (BGBl I S. 2654). Nach § 1 BITV "Sachlicher Geltungsbereich" gilt die Verordnung für:
mittels Informationstechnik realisierte grafische Programmoberflächen, die öffentlich zugänglich sind der Behörden der Bundesverwaltung. Die Standards, die zu beachten sind, sind in einer Anlage nach § 3 BITV aufgeführt.
Nach § 11 Abs. 2 BGG hat die Bundesregierung darauf hinzuwirken, dass gewerbsmäßige Anbieter von Internetseiten ihre Produkte im Wege von Zielvereinbarungen nach § 5 BGG entsprechend den Vorgaben von Absatz 1 gestalten.
Der 3. Abschnitt "Rechtsbehelfe" führt Instrumente ein, die der Durchsetzung der Rechte dienen.
Rechtsvertretung nach § 12 BGG Vertretungsbefugnisse in verwaltungs- oder sozialrechtlichen Verfahren:
Werden behinderte Menschen in ihren Rechten aus § 7 Abs. 2 (Verstoß gegen das Benachteiligungsverbot durch Bundesbehörden), § 8 (Herstellung von Barrierefreiheit in den Bereichen Bau und Verkehr), § 9 Abs. 1 (Recht auf Verwendung von Gebärdensprache und anderen Kommunikationshilfen), § 10 Abs. 1 S. 2 (Gestaltung von Bescheiden und Vordrucken) oder § 11 Abs. 1 (Barrierefreie Informationstechnik) verletzt, können an ihrer Stelle und mit ihrem Einverständnis Verbände, die nach § 13 Abs. 3 BGG das Verbandsklagerecht haben, aber nicht selbst am Verfahren beteiligt sind, Rechtsschutz beantragen, d. h. an Stelle des behinderten Menschen das Verfahren betreiben. Gleiches gilt bei Verstößen gegen Vorschriften des Bundesrechts, die einen Anspruch auf Herstellung von Barrierefreiheit im Sinne des § 4 BGG oder auf Verwendung von Gebärden oder anderen Kommunikationshilfen im Sinne des § 6 Abs. 3 BGG vorsehen. Der Verband tritt hier selbst als Kläger auf. Es handelt sich um eine Prozessstandschaft. Das bedeutet, der Verband hat die Befugnis, ein fremdes Recht im eigenen Namen geltend zu machen, während ein Vertreter in fremdem Namen handelt. Die Verfahrensvoraussetzungen müssen aber bei dem in seinen Rechten verletzten behinderten Menschen vorliegen. Es muss also bei diesem die Klagebefugnis gegeben sein. Die Klage muss zulässig sein usw. Selbstverständlich bleibt es dem betroffenen behinderten Menschen überlassen, ob er selbst in eigenem Namen sein Recht verfolgen will, ob er sich dabei eines Vertreters, z. B. eines Rechtsanwaltes oder der Vertretung durch einen Verband bedienen will oder ob er der Wahrnehmung des Rechts im Wege der Prozessstandschaft durch einen Verband zustimmt.
Verbandsklagerecht:
Mit § 13 BGG wurde darüber hinaus ein echtes Verbandsklagerecht gesetzlich normiert.
Ein nach § 13 Abs. 3 anerkannter Verband kann gemäß § 13 Abs. 1 BGG, ohne in seinen Rechten verletzt zu sein, Klage nach Maßgabe der Verwaltungsgerichtsordnung oder des Sozialgerichtsgesetzes erheben.
Die Klage muss sich auf einen der in § 13 Abs. 1 genannten Gegenstände beziehen. Das sind:
nach dem Bundesgleichstellungsgesetz:
Verstöße gegen das Benachteiligungsverbot durch Bundesbehörden (§ 7 Abs. 2 BGG),
die Verpflichtung des Bundes zur Herstellung von Barrierefreiheit in den Bereichen Bau und Verkehr (§ 8 Abs. 1),
das Recht auf Verwendung von Gebärdensprache und anderen Kommunikationshilfen (§ 9 Abs. 1),
die Gestaltung von Bescheiden und Vordrucken für blinde Menschen in einer für sie wahrnehmbaren Form (§ 10 Abs. 1 Satz 2)
die Verwendung barrierefreier Informationstechnik bei Internetauftritten und -angeboten sowie bei grafischen Programmoberflächen (§ 11 Abs. 1),
folgende Vorschriften des Bundesrechts zur Herstellung der Barrierefreiheit in anderen Bundesgesetzen:
§ 46 Abs. 1 S. 3 und 4 der Bundeswahlordnung (Barrierefreiheit der Wahlräume),
§ 39 Abs. 1 S. 3 und 4 der Europawahlordnung (Barrierefreiheit von Wahlräumen),
§ 54 S. 2 der Wahlordnung für die Sozialversicherung (Stimmabgabe behinderter Wähler). Ein Wähler, der infolge einer Behinderung, oder weil er des Lesens unkundig ist, bei der Stimmabgabe beeinträchtigt ist, kann eine Person seines Vertrauens, der er sich bei der Stimmabgabe bedienen will bestimmen, und dies der Wahlleitung mitteilen. Blinden oder sehbehinderten Wählern wird für das Kennzeichnen des Stimmzettels auf Antrag vom Versicherungsträger kostenfrei eine Wahlschablone zur Verfügung gestellt. Das Nähere regelt der Bundeswahlbeauftragte.
§ 17 Abs. 1 Nr. 4 des Ersten Buches Sozialgesetzbuch. Danach besteht die Verpflichtung der Leistungsträger von Sozialleistungen, darauf hinzuwirken, dass ihre Verwaltungs- und Dienstgebäude frei von Zugangs- und Kommunikationsbarrieren sind und Sozialleistungen in barrierefreien Räumen und Anlagen ausgeführt werden.
§ 4 Abs. 1 Nr. 2a des Gaststättengesetzes. Die Vorschrift enthält die Voraussetzungen, unter welchen für eine barrierefreie Benutzbarkeit der für die Gäste bestimmten Räume durch behinderte Menschen gesorgt werden muss.
§ 3 Nr. 1 Buchstabe d des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes. Die Vorschrift verpflichtet zur Beachtung der Belange behinderter und anderer Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigung und zur möglichst weitreichenden Beachtung der Anforderungen der Barrierefreiheit und macht das zur Voraussetzung für eine Förderung.
§ 3 Abs. 1 S. 2 Bundesfernstraßengesetz. Gefordert wird die Beachtung der Barrierefreiheit beim Bau und bei der Unterhaltung von Bundesfernstraßen durch die Baulastträger.
§ 8 Abs. 1 des Bundesfernstraßengesetzes. Eine Erlaubnis zur Ausübung einer Sondernutzung an Bundesfernstraßen soll danach nicht erteilt werden, wenn behinderte Menschen durch die Sondernutzung in der Ausübung des Gemeingebrauchs erheblich beeinträchtigt würden.
§ 8 Abs. 3 S. 3 und 4 des Personenbeförderungsgesetzes. Er regelt die Berücksichtigung der Belange behinderter Menschen bei der Planung des öffentlichen Personennahverkehrs. Der Nahverkehrsplan hat die Belange behinderter und anderer Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigung mit dem Ziel zu berücksichtigen, für die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs eine möglichst weitreichende Barrierefreiheit zu erreichen; im Nahverkehrsplan werden Aussagen über zeitliche Vorgaben und erforderliche Maßnahmen getroffen. Bei seiner Aufstellung sind Behindertenbeauftragte oder Behindertenbeiräte der Aufgabenträger - soweit vorhanden - anzuhören.
§ 13 Abs. 2a des Personenbeförderungsgesetzes. Danach kann im öffentlichen Personennahverkehr die Genehmigung versagt werden, wenn der beantragte Verkehr mit einem Nahverkehrsplan im Sinne des § 8 Abs. 3 S. 2 und 3 nicht in Einklang steht.
§ 2 Abs. 3 der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung. Danach sind die Vorschriften dieser Verordnung so anzuwenden, dass die Benutzung der Bahnanlagen und Fahrzeuge durch behinderte Menschen und alte Menschen sowie Kinder und sonstige Personen mit Nutzungsschwierigkeiten ohne besondere Erschwernis ermöglicht wird. Die Eisenbahnen sind verpflichtet, zu diesem Zweck Programme zur Gestaltung von Bahnanlagen und Fahrzeugen zu erstellen, mit dem Ziel, eine möglichst weitreichende Barrierefreiheit für deren Nutzung zu erreichen. Dies schließt die Aufstellung eines Betriebsprogramms mit den entsprechenden Fahrzeugen ein, deren Einstellung in den jeweiligen Zug bekannt zu machen ist. Die Aufstellung der Programme erfolgt nach Anhörung der Spitzenorganisationen von Verbänden, die nach § 13 Abs. 3 des Behindertengleichstellungsgesetzes anerkannt sind. Die Eisenbahnen übersenden die Programme über ihre Aufsichtsbehörden an das für das Zielvereinbarungsregister zuständige Bundesministerium. Die zuständigen Aufsichtsbehörden können von den Sätzen 2 und 3 Ausnahmen zulassen.
§ 3 Abs. 5 S. 1 der Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung. Zu den baulichen Anforderungen beim Betrieb von Straßenbahnen gehören danach auch Maßnahmen, die Behinderten, älteren oder gebrechlichen Personen, werdenden Müttern, Kindern und Fahrgästen mit kleinen Kindern die Benutzung der Betriebsanlagen und Fahrzeuge ohne besondere Erschwernis ermöglichen. Einrichtungen für diese Personen sollen durch Hinweise gekennzeichnet sein.
§§ 19d und 20b des Luftverkehrsgesetzes. Nach § 19d haben die Unternehmer von Flughäfen für eine gefahrlose und leicht zugängliche Benutzung von allgemein zugänglichen Flughafenanlagen, Bauwerken, Räumen und Einrichtungen durch Fluggäste Sorge zu tragen. Dabei sind die Belange von behinderten und anderen Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigung besonders zu berücksichtigen, mit dem Ziel, Barrierefreiheit zu erreichen. Die Einzelheiten der Barrierefreiheit können durch Zielvereinbarungen im Sinne des § 5 des Behindertengleichstellungsgesetzes festgelegt werden. Nach § 20d haben die Luftfahrtunternehmen, die Luftfahrzeuge mit mehr als 5,7 Tonnen Höchstgewicht betreiben für eine gefahrlose und leicht zugängliche Benutzung der Luftfahrzeuge Sorge zu tragen. Dabei sind die Belange von behinderten und anderen Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigung besonders zu berücksichtigen, mit dem Ziel, Barrierefreiheit zu erreichen. Die Einzelheiten der Barrierefreiheit können auch hier durch Zielvereinbarungen im Sinne des § 5 des Behindertengleichstellungsgesetzes festgelegt werden.
die Vorschriften des Bundesrechts außerhalb des BGG zur Verwendung von Gebärdensprache oder anderer geeigneter Kommunikationshilfen. Das sind:
§ 17 Abs. 2 des Ersten Buches Sozialgesetzbuch. Danach haben hörbehinderte Menschen das Recht, bei der Ausführung von Sozialleistungen, insbesondere auch bei ärztlichen Untersuchungen und Behandlungen, die Gebärdensprache zu verwenden. Die für die Sozialleistung zuständigen Leistungsträger sind verpflichtet, die durch die Verwendung der Gebärdensprache und anderer Kommunikationshilfen entstehenden Kosten zu tragen. Das ist für taubblinde Menschen von großer Bedeutung.
§ 57 des Neunten Buches Sozialgesetzbuch. Diese Bestimmung dient der Förderung der Verständigung Hörbehinderter. Bedürfen hörbehinderte Menschen oder behinderte Menschen mit besonders starker Beeinträchtigung der Sprachfähigkeit auf Grund ihrer Behinderung zur Verständigung mit der Umwelt aus besonderem Anlass der Hilfe Anderer, werden ihnen die erforderlichen Hilfen zur Verfügung gestellt oder angemessene Aufwendungen hierfür erstattet. Maßgebend sind für diesen Anspruch jeweils die Regelungen in den Spezialgesetzen. Das ergibt sich aus § 7b SGB IX.
§ 19 Abs. 1 S. 2 des Zehnten Buches Sozialgesetzbuch Amtssprache. Die Amtssprache ist deutsch. Hörbehinderte Menschen haben das Recht, zur Verständigung in der Amtssprache Gebärdensprache zu verwenden; Aufwendungen für Dolmetscher sind von der Behörde oder dem für die Sozialleistung zuständigen Leistungsträger zu tragen. Diese Vorschrift muss auch für andere Verständigungsmittel wie das Lormen gelten. Sonst stünde sie im Widerspruch zu § 6 BGG.
Weitere Voraussetzungen für das Verbandsklagerecht:
Eine Klage ist nach § 13 Abs. 2 BGG nur zulässig, wenn der Verband durch die Maßnahme in seinem satzungsgemäßen Aufgabenbereich berührt wird. Soweit ein behinderter Mensch selbst seine Rechte durch eine Gestaltungs- oder Leistungsklage verfolgen kann oder hätte verfolgen können, kann die Klage nach Absatz 1 nur erhoben werden, wenn der Verband geltend macht, dass es sich bei der Maßnahme um einen Fall von allgemeiner Bedeutung handelt. Dies ist insbesondere der Fall, wenn eine Vielzahl gleich gelagerter Fälle vorliegt. Für Klagen nach Absatz 1 Satz 1 gelten die Vorschriften des 8. Abschnitts der Verwaltungsgerichtsordnung über Besondere Vorschriften für Anfechtungs- und Verpflichtungsklagen entsprechend mit der Maßgabe, dass es eines Vorverfahrens auch dann bedarf, wenn die angegriffene Maßnahme von einer obersten Bundes- oder einer obersten Landesbehörde erlassen worden ist.
Nach § 13 Abs. 3 BGG kann das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung auf Vorschlag der Mitglieder des Beirates für die Teilhabe behinderter Menschen, die nach § 64 Abs. 2 S. 2, 1., 3. oder 12. Aufzählungspunkt des Neunten Buches Sozialgesetzbuch berufen sind, die Anerkennung erteilen. Es soll die Anerkennung erteilen, wenn der vorgeschlagene Verband
Der DBSV und der DVBS sind anerkannt worden.
Nach § 14 Abs. 1 BGG bestellt die Bundesregierung eine Beauftragte oder einen Beauftragten für die Belange behinderter Menschen.
Das Amt endet, außer im Fall der Entlassung, mit dem Zusammentreten eines neuen Bundestages.
Aufgabe des Beauftragten ist nach § 15 BGG, darauf hinzuwirken, dass die Verantwortung des Bundes, für gleichwertige Lebensbedingungen für Menschen mit und ohne Behinderungen zu sorgen, in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens erfüllt wird. Sie setzt sich bei der Wahrnehmung dieser Aufgabe dafür ein, dass unterschiedliche Lebensbedingungen von behinderten Frauen und Männern berücksichtigt und geschlechtsspezifische Benachteiligungen beseitigt werden.
Zur Wahrnehmung der Aufgabe nach Absatz 1 beteiligen die Bundesministerien den Beauftragten bei allen Gesetzes-, Verordnungs- und sonstigen wichtigen Vorhaben, soweit sie Fragen der Integration von behinderten Menschen behandeln oder berühren. Alle Bundesbehörden und sonstigen öffentlichen Stellen im Bereich des Bundes sind verpflichtet, ihn bei der Erfüllung der Aufgabe zu unterstützen, insbesondere die erforderlichen Auskünfte zu erteilen und Akteneinsicht zu gewähren.
Jeder kann sich mit Anfragen oder der Bitte um Hilfe an den Beauftragten der Bundesregierung wenden. Dadurch wird aber die Einlegung eines Rechtsbehelfs in einem förmlichen Verfahren nicht ersetzt. Insbesondere werden dadurch Fristen nicht gewahrt.
Für die Verwaltungen der Länder, die Gemeinden, die Gemeindeverbände und sonstigen der Länderaufsicht unterstehenden Körperschaften des öffentlichen Rechts, wie z.B. die Universitäten, sind wegen der Gesetzgebungskompetenz landesrechtliche Behindertengleichstellungsgesetze erforderlich. Solche sind in allen Bundesländern erlassen worden. Die Texte der Gleichstellungsgesetze sind in Heft 11 "Gesetzestexte" dieser Schriftenreihe zu finden.
Auf Einzelheiten der Landesgleichstellungsgesetze kann hier nicht eingegangen werden. Eine vergleichende Darstellung ist von BIK - barrierefrei informieren und kommunizieren im Internet unter dem Stichwort "BIK - Gleichstellungsgesetze der Länder" zu finden. Die Landesgleichstellungsgesetze dienen sowohl der Umsetzung des Benachteiligungsverbotes in Art. 3. Abs. 3 S. 2 GG als auch der Umsetzung der in den Landesverfassungen enthaltenen Benachteiligungsverbote. Sie folgen im Wesentlichen dem Aufbau und Inhalt des Bundesgleichstellungsgesetzes. Insbesondere der Behindertenbegriff wird im Interesse der Einheitlichkeit von diesem übernommen. Die Inhalte sind im Wesentlichen:
Benachteiligungsverbote für den Bereich der öffentlichen Verwaltung,
die Gestaltung von Bescheiden und Vordrucken,
die barrierefreie Gestaltung von Internet- und Intranetauftritten der öffentlichen Hand
die Anerkennung der deutschen Gebärdensprache und anderer Kommunikationshilfen,
die barrierefreie Gestaltung des öffentlichen Nahverkehrs sowie öffentlich zugänglicher Neubauten,
die Einräumung spezieller Rechtsbehelfe, wie den Rechtsschutz durch Verbände (Prozessstandschaft) bei Rechtsverletzungen gegenüber behinderten Menschen und das Verbandsklagerecht und
die Einrichtung von Beauftragten für die Belange behinderter Menschen auf Landes- und Kommunalebene oder die Einrichtung von Behindertenbeiräten.
Durch die Landesgleichstellungsgesetze werden jeweils auch zahlreiche Landesgesetze geändert z. B. in den Bereichen:
Bestimmungen im Wahlrecht zur erleichterten Teilnahme an Landtags- und Kommunalwahlen, Benutzung von Wahlschablonen durch blinde Menschen,
Straßen- und Wegerecht und des
Öffentlichen Personennahverkehrs.
Auch die meisten Landesgleichstellungsgesetze werden durch Rechtsverordnungen ergänzt, in welchen Einzelheiten zum Gebrauch der deutschen Gebärdensprache oder anderer Kommunikationshilfen, zur Gestaltung von Vordrucken und Bescheiden und zur barrierefreien Gestaltung von Internet- und Intranetauftritten geregelt sind.
Demmel, Herbert: Die Entwicklung und Bedeutung der öffentlichen Blindengeldleistung als Sozialleistung, Berlin 2003.
Heft 02 "Selbstbestimmt leben - blinde und sehbehinderte Menschen in der Gesellschaft"

References: Art. 3
 Art. 118
 § 2
 § 30
 § 2
 § 30
 § 1
 § 1
 § 2
 § 69
 § 30
 § 30
 § 3
 § 3
 § 2
 § 2
 § 3
 § 53
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 1
 § 60
 § 72
 § 72

§ 72
 § 35
 § 33
 § 145
 § 35
 § 33
 § 2
 § 14
 § 69
 § 69
 § 30
 § 30
 § 2
 § 35
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 30
 § 65
 § 33
 § 1
 § 1
 § 2
 § 80
 § 47
 § 60
 § 1
 § 28
 § 3
 § 6
 § 33
 § 72
 § 145
 § 146
 § 3
 § 3
 Art. 3
 Art. 3
 § 3
 § 4
 § 5
 § 6
 § 7
 § 8
 §9
 § 7
 § 10
 § 11
 § 12
 § 13
 § 14
 § 15
 § 1

§ 1
 § 3
 § 2

§ 2
 § 2
 Art. 3
 § 5
 § 4
 § 13
 § 5
 § 5
 § 4
 § 5
 § 5
 § 5
 § 13

§ 7
 § 1
 § 7
 § 4
 § 5

§ 8
 § 9
 § 10
 § 11
 § 8

§ 8
 § 8
 § 6
 § 6
 § 6
 § 9
 § 17
 § 57
 § 19
 § 65
 § 22
 § 9
 § 7
 § 5
 § 6
 § 3
 § 17
 § 57
 § 19
 § 19
 § 57
 § 57
 § 184
 § 9
 § 61
 § 8
 § 52
 § 259
 § 55
 § 186
 § 186
 § 10
 § 7
 § 3
 § 3
 § 5
 § 3
 § 191
 § 191

§ 1

§ 2
 § 191
 § 46
 § 3
 § 3
 § 4
 § 1
 § 1
 § 6
 § 3
 § 1
 § 7
 § 11
 § 11
 § 7

§ 11
 § 81
 § 11
 § 1
 § 3
 § 11
 § 5
 § 12
 § 7
 § 8
 § 9
 § 10
 § 11
 § 13
 § 4
 § 6
 § 13
 § 13
 § 13
 § 13

§ 46

§ 39

§ 54

§ 17

§ 4

§ 3

§ 3

§ 8

§ 8

§ 13
 § 8

§ 2
 § 13

§ 3
 § 19
 § 5
 § 20
 § 5

§ 17

§ 57
 § 7

§ 19
 § 6
 § 13
 § 13
 § 64
 § 14
 § 15
 Art. 3