Source: https://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_ausserordentlichen_Kuendigung_aus_krankheitsbedingten_Gruenden_LAG_Hamburg_2Sa107_12.html
Timestamp: 2019-12-16 13:35:10+00:00

Document:
LAG Hamburg, Urteil vom 16.04.2013, 2 Sa 107/12 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Ham­burg, Ur­teil vom 16.04.2013, 2 Sa 107/12
Aktenzeichen: 2 Sa 107/12
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Hamburg - 14 Ca 214/12
(14 Ca 214/12 ArbG Ham­burg)
er­kennt das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg, Zwei­te Kam­mer,
auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 16. April 2013
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Beck als Vor­sit­zen­den
die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin St.
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Rö.
Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ham­burg vom 9. No­vem­ber 2012 – 14 Ca 214/12 – wird zurück­ge­wie­sen.
Die Re­vi­si­on kann nur ein Rechts­an­walt oder ei­ne Rechts­anwältin, der bzw. die bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­sen ist, oder ei­ne Ge­werk­schaft, ei­ne Ver­ei­ni­gung von Ar­beit­ge­bern oder ein Zu­sam­men­schluss sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Ver-
bände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ein­le­gen und be­gründen. Dies gilt ent­spre­chend für ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der vor­ge­nann­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­rer Mit­glie­der oder an­de­rer Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt, und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.
Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen krank­heits­be­ding­ten Kündi­gung un­ter Ein­hal­tung ei­ner so­zia­len Aus­lauf­frist und über Wei­ter­beschäfti­gung der Kläge­rin.
Die 1959 ge­bo­re­ne und ver­hei­ra­te­te Kläge­rin ist seit dem 17. März 1981 bei der Be­klag­ten zunächst als un­ge­lern­te Be­triebs­ar­bei­te­rin mit be­fris­te­ten Sai­son­verträgen und seit dem 1. März 1987 un­be­fris­tet beschäftigt. Seit 2000 war die Kläge­rin als Hilfsgärt­ne­rin tätig. Vom 1. Ja­nu­ar 2003 bis 30. Ju­ni 2009 war die Kläge­rin als Bu­den­frau ein­ge­setzt. Die Kläge­rin ar­bei­tet 31,59
Die Kläge­rin ist seit dem Jahr 2000 we­gen un­ter­schied­li­cher Er­kran­kun­gen ar­beits­unfähig ge­we­sen. We­gen der Krank­heits­zei­ten wird auf den Schrift­satz der Be­klag­ten vom 1. Au­gust 2012 mit der ta­bel­la­ri­schen Auf­stel­lung gemäß An­la­ge B 3, we­gen der dar­aus re­sul­tie­ren­den Lohn­fort­zah­lungs­kos­ten auf die ta­bel­la­ri­sche Auf­stel­lung der Be­klag­ten in der An­la­ge B 16 und we­gen der Krank­heits­ur­sa­chen auf den Schrift­satz der Kläge­rin vom 19. Sep­tem­ber 2012 und 6. No­vem­ber 2012 mit der An­la­ge (Bl. 89 ff. d. A.) ver­wie­sen, wo­bei zwi­schen den Par­tei­en die Krank­heits­ur­sa­chen und teil­wei­se auch die Ar­beits­unfähig­keits­zei­ten strei­tig sind.
In den Fol­ge­jah­ren fan­den zahl­rei­che Gespräche zwi­schen der Kläge­rin und der Be­klag­ten statt. Es er­folg­ten mehr­fa­che Vor­stel­lun­gen der Kläge­rin beim Per­so­nalärzt­li­chen Dienst. Das letz­te ärzt­li­che Gut­ach­ten von dort da­tiert vom 25. No­vem­ber 2011 (Anl. B 15). Die Be­klag­te führ­te am 6. Ok­to­ber 2011 un­ter Be­tei­li­gung des Vor­sit­zen­den des Per­so­nal­rats mit der Kläge­rin ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment durch.
Am 16. Ja­nu­ar 2012 lei­te­te die Be­klag­te beim Per­so­nal­rat das Zu­stim­mungs­ver­fah­ren zur be­ab­sich­tig­ten per­so­nen­be­ding­ten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses der Kläge­rin un­ter Ein­hal­tung ei­ner so­zia­len Aus­lauf­frist zum 30. Sep­tem­ber 2012 schrift­lich ein (An­la­ge B 18). Der Per­so­nal­rat teil­te mit Schrei­ben vom 19. Ja­nu­ar 2012 mit, dass er sei­ne Zu­stim­mung durch Be­schluss vom 18. Ja­nu­ar 2012 ver­wei­gert ha­be (An­la­ge B 19).
Mit Schrei­ben vom 2. Fe­bru­ar 2012 stell­te die Be­klag­te die Nicht­ei­ni­gung fest und rief die Ei­ni-gungs­stel­le an (An­la­ge B 20). Am 27. März 2012 trat die Ei­ni­gungs­stel­le un­ter Vor­sitz des Herrn Vor­sit­zen­den Rich­ters am Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg Schau­de zu­sam­men und er­setz­te die Zu­stim­mung zur Kündi­gung (An­la­ge B 21). Aus­fer­ti­gun­gen des Be­schlus­ses gin­gen dem Per­so­nal-rat und der Be­klag­ten am 28. März 2012 zu. Hin­sicht­lich der Ein­zel­hei­ten wird auf die An­la­gen B 18 bis 21 ver­wie­sen.
Die Be­klag­te hat die außer­or­dent­li­che Kündi­gung mit so­zia­ler Aus­lauf­frist für ge­recht­fer­tigt ge­hal­ten. Sie ha­be von ei­ner ne­ga­ti­ven Zu­kunfts­pro­gno­se aus­ge­hen dürfen, die auch in Zu­kunft außer­or­dent­lich ho­he wirt­schaft­li­che Be­las­tun­gen durch die Ent­gelt­fort­zah­lungs­kos­ten und mas­si­ve Be­triebs­ab­laufstörun­gen im Zu­sam­men­hang mit der Krank­heits­ver­tre­tung der Kläge­rin er­war­ten las­se. Im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung sei zu Guns­ten der Be­klag­ten zu berück­sich­ti­gen, dass sie stets ver­sucht ha­be, der Kläge­rin bei der Re­du­zie­rung ih­rer krank­heits­be­ding­ten Fehl­zei­ten
Die Kläge­rin ver­tei­digt das ar­beits­ge­richt­li­che Ur­teil und hält die Kündi­gung für un­wirk­sam. Sie ver­weist auf wi­dersprüchli­chen und wech­seln­den Vor­trag der Be­klag­ten. Die­se ha­be ins­ge­samt 4 ver­schie­de­ne Kündi­gungs­gründe vor­ge­tra­gen. Für ei­ne po­si­ti­ve Pro­gno­se spre­che das Gut­ach­ten
Die Be­ru­fung ist un­be­gründet, da das Ar­beits­ge­richt den Streit­fall zu­tref­fend ent­schie­den hat. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en ist nicht durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten mit so­zia­ler Aus­lauf­frist vom 28. März 2012 mit Ab­lauf des 30. Sep­tem­ber 2012 be­en­det wor­den. Die Be­klag­te hat die Kläge­rin als Hilfsgärt­ne­rin wei­ter zu beschäfti­gen.
1. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 28. März 2012 ist rechts­un­wirk­sam. Denn die Be­klag­te hat die Zwei­wo­chen­frist zum Aus­spruch der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung nicht ein­ge­hal­ten.
Die Kläge­rin ist auf­grund ih­res Le­bens­al­ters und ih­rer Be­triebs­zu­gehörig­keit or­dent­lich unkünd­bar im Sin­ne des § 34 Abs. 2 TV-L. Ihr kann nur noch aus wich­ti­gem Grund gekündigt wer­den. Maßgeb­lich ist in­so­weit § 626 BGB.
a) Gemäß § 626 Abs. 2 Satz 1 BGB kann ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund nur in­ner­halb von zwei Wo­chen er­fol­gen. Die Frist be­ginnt gemäß § 626 Abs. 2 Satz 2 BGB mit dem Zeit­punkt, in dem der Kündi­gungs­be­rech­tig­te von den für die Kündi­gung maßgeb­li­chen Tat­sa­chen Kennt­nis er­langt. Bei der krank­heits­be­ding­ten Kündi­gung ist da­bei nach den Kündi­gungs­gründen zu un­ter­schei­den: Han­delt es sich um ei­ne Kündi­gung we­gen dau­ern­der Leis­tungs­unfähig­keit (s. BAG vom 27.11.2003 – 2 AZR 601/02; BAG vom 13.05.2004 – 2 AZR 36/04) oder um ei­ne Kündi­gung we­gen ei­ner lang an­dau­ern­den Er­kran­kung (BAG vom 21.03.1996 – 2 AZR 455/95) oder um ei­ne Kündi­gung we­gen ei­ner auf dem­sel­ben Grund­lei­den be­ru­hen­den dau­ern­den Krank­heits­anfällig­keit (BAG vom 18.10.2000 – 2 AZR 627/99), liegt ein so ge­nann­ter Dau­er­tat­be­stand vor, der sich fort­lau­fend neu ver­wirk­licht und die Frist des § 626 Abs. 2 BGB nicht be­gin­nen lässt. Für die Ein­hal­tung der Aus­schluss­frist ist der Kündi­gen­de dar­le­gungs- und be­weis­be­las­tet (BAG vom 17.08.1972, AP Nr. 65 zu § 626 BGB; APS(-Dörner/Vos­sen), Kündi­gungs­recht, 4. Aufl., § 626 BGB Rn. 168; ErfK/Müller-Glöge, 13. Aufl., § 626 BGB, Rn. 236).
Im Streit­fall stützt die Be­klag­te die Kündi­gung vom 28. März 2012 auf die Ge­samt­heit der Krank­hei­ten der ver­gan­ge­nen mehr als zehn Jah­re und ei­ne sich dar­aus er­ge­ben­de ge­ne­rel­le Anfällig­keit für Kurz­er­kran­kun­gen.
Wie vor­ste­hend dar­ge­legt, geht das Bun­des­ar­beits­ge­richt in ständi­ger Recht­spre­chung da­von aus, dass bei ei­ner auf dem­sel­ben Grund­lei­den be­ru­hen­den, dau­ern­den Krank­heits­anfällig­keit eben­so ein Dau­er­tat­be­stand vor­liegt, wie im Fall ei­ner dau­ern­den krank­heits­be­ding­ten Ar­beits-unfähig­keit (BAG vom 18.10.2000, a.a.O.).
Das Ar­beits­ge­richt hat al­ler­dings zu Recht in Fra­ge ge­stellt, in­wie­weit die Be­klag­te da­von aus-ge­hen konn­te/durf­te, dass die be­haup­te­te dau­ern­de Krank­heits­anfällig­keit der Kläge­rin der ver­gan­ge­nen mehr als zehn Jah­re auf dem­sel­ben Grund­lei­den be­ruh­te, und hat zu­tref­fend fest­ge­stellt, dass die Be­klag­te dies nicht kon­kret dar­ge­legt hat. So­weit die Be­klag­te in der Be-ru­fungs­in­stanz vor­ge­tra­gen hat, es han­de­le sich um ein Grund­lei­den am Be­we­gungs­ap­pa­rat der Kläge­rin, kann dies des­halb nicht über­zeu­gen, weil der Per­so­nalärzt­li­che Dienst der Be-klag­ten(!) im letz­ten Gut­ach­ten vom 25. No­vem­ber 2011 (Anl. B 15) aus­geführt hat: "…bei Frau G. er­ge­ben sich wei­ter­hin kei­ne Hin­wei­se auf Körperschäden, die ei­ne we­sent­li­che Leis­tungs-ein­schränkung für die aus­geübte Tätig­keit be­gründen könn­ten und die über­wie­gend fehl­zei­ten-re­le­van­ten Er­kran­kun­gen seit 6/2010 sind eben­falls aus­ge­heilt und las­sen auch zukünf­tig nicht auf ver­mehr­te Fehl­zei­ten schließen. Ein über­ge­ord­ne­tes Krank­heits­bild, dass die bis­he­ri­gen, teil­wei­se ope­ra­tiv sa­nier­ten Er­kran­kun­gen um­fasst, und aus dem sich ei­ne ge­ne­rel­le Min­der­be-last­bar­keit der Beschäftig­ten her­lei­ten ließe, gibt es nicht." An­ge­sichts die­ser Dar­le­gun­gen hätte die Be­klag­te näher dar­tun müssen, wes­halb die Ausführun­gen ih­res ei­ge­nen PÄD feh­ler­haft sind und viel­mehr von ei­nem ein­heit­li­chen Grund­lei­den aus­zu­ge­hen ist. Dar­an fehlt es. So­weit die Be­klag­te ge­meint hat, es gäbe auch ei­ne all­ge­mei­ne Krank­heits­anfällig­keit der Kläge­rin un­abhängig von ei­nem Grund­lei­den, lässt sich dar­aus je­den­falls kein Dau­er­tat­be­stand ab­lei­ten - so­fern ei­ne sol­che all­ge­mei­ne un­spe­zi­fi­sche Krank­heits­anfällig­keit me­di­zi­nisch über­haupt nach­weis­bar wäre -, da die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts dies­bezüglich ge­ra­de auf ei­ner Krank­heits­anfällig­keit, die auf dem­sel­ben Grund­lei­den be­ruht, ab­ge­stellt hat (BAG vom 18.10.2000, a.a.O.).
c) Ob noch wei­te­re Un­wirk­sam­keits­gründe für die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung be­ste­hen, kann da­hin­ste­hen.
2. Die Kläge­rin hat ge­gen die Be­klag­te ei­nen An­spruch auf Wei­ter­beschäfti­gung als Hilfsgärt-ne­rin aus §§ 611 Abs. 1, 613 BGB i.V.m. § 242 BGB und Art. 1 und 2 GG
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References: § 34
 § 626
 § 626
 § 626
 § 626
 § 626
 § 626
 § 626
 § 242
 Art. 1