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Timestamp: 2020-08-07 01:20:06+00:00

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Streitwertfestsetzung auf den Auffangstreitwert als Verletzung der anwaltlichen Berufsfreiheit | Rechtslupe
Streitwertfestsetzung auf den Auffangstreitwert als Verletzung der anwaltlichen Berufsfreiheit
Streit­wert­fest­set­zung auf den Auf­fangst­reit­wert als Ver­let­zung der anwalt­li­chen Berufs­frei­heit
Die Fest­set­zung des gericht­li­chen Streit­werts auf den Auf­fang­wert kann auch im sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren die grund­recht­lich geschütz­te Berufs­frei­heit des pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten Rechts­an­walts aus Art. 12 Abs. 1 GG (bzw. dem ent­spre­chen­den Grund­recht der Lan­des­ver­fas­sung, hier: Art. 17 der Ver­fas­sung von Ber­lin [1]) ver­let­zen.
Die­ses aus­drück­lich die freie Berufs­wahl gewähr­leis­ten­de Grund­recht des Art. 17 VvB schützt in Über­ein­stim­mung mit Art. 12 Abs. 1 GG auch die Frei­heit der Berufs­aus­übung [2], die untrenn­bar mit der Frei­heit ver­bun­den ist, eine ange­mes­se­ne Ver­gü­tung zu for­dern. Gesetz­li­che Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen sind daher am Maß­stab des Art. 17 Abs. 1 VvB zu mes­sen; nichts ande­res gilt für gericht­li­che Ent­schei­dun­gen, die auf Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen beru­hen [3]. Danach müs­sen auch gericht­li­che Streit­wert- und Kos­ten­fest­set­zungs­ent­schei­dun­gen als Ent­schei­dun­gen mit objek­tiv berufs­re­geln­der Ten­denz dem Grund­recht der Berufs­frei­heit aus Art. 17 VvB ent­spre­chen [4]. Dies gilt auch für die Streit­wert­fest­set­zung nach dem Gerichts­kos­ten­ge­setz, weil sich aus ihr gemäß § 2 Abs. 1 und § 32 Abs. 1 RVG die Höhe des Ver­gü­tungs­an­spruchs des Rechts­an­walts ablei­tet [5].
Es ist aller­dings nicht Auf­ga­be des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs, fach­ge­richt­li­che Urtei­le als eine Art Super­re­vi­si­ons­in­stanz ganz all­ge­mein auf for­mel­le oder mate­ri­el­le Rechts­ver­stö­ße zu über­prü­fen. Die Gestal­tung des Ver­fah­rens, die Fest­stel­lung und Wür­di­gung des Sach­ver­halts, die Aus­le­gung des ein­fa­chen Rechts und sei­ne Anwen­dung auf den ein­zel­nen Fall sind viel­mehr grund­sätz­lich Sache der dafür all­ge­mein zustän­di­gen Gerich­te und inso­weit der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Prü­fung ent­zo­gen. Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof kann inso­weit nur ein­grei­fen, wenn spe­zi­fi­sches Ver­fas­sungs­recht ver­letzt ist, was etwa dann der Fall ist, wenn das Fach­ge­richt infol­ge einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung von Bedeu­tung und Trag­wei­te eines Grund­rechts ein­fach­recht­li­chen Begrif­fen einen ver­fas­sungs­wid­ri­gen Sinn bei­legt, wenn die Wür­di­gung im Ein­zel­fall schlecht­hin unver­ständ­lich und damit will­kür­lich im Sin­ne von Art. 10 Abs. 1 VvB ist oder wenn sie im Ergeb­nis zu einer unver­hält­nis­mä­ßi­gen Beschrän­kung der Grund­rechts­aus­übung führt [6].
Eine grund­sätz­lich unrich­ti­ge Anschau­ung von Bedeu­tung und Trag­wei­te eines Grund­rechts liegt nicht schon dann vor, wenn der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof bei der Beur­tei­lung wider­strei­ten­der Grund­rechts­po­si­tio­nen die Akzen­te anders set­zen und daher anders ent­schei­den wür­de [7] oder die recht­li­che Bewer­tung eines Sach­ver­hal­tes im Hin­blick auf die grund­recht­lich geschütz­ten Posi­tio­nen nicht zwin­gend erscheint [8]. Nur in Fäl­len, in denen die Inter­es­sen einer Sei­te voll­stän­dig ver­nach­läs­sigt, ver­nünf­ti­ge, nach­voll­zieh­ba­re und gewich­ti­ge Argu­men­te über­gan­gen wer­den oder ein Grund­recht bei der Anwen­dung ein­fa­chen Rechts bei­sei­te gescho­ben wird, ist von einer Ver­ken­nung des Inhalts des Grund­rechts durch das Fach­ge­richt aus­zu­ge­hen [9].
Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch für die ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Über­prü­fung der gericht­li­chen Streit­wert­fest­set­zung. Für sie sind zwar allein die ein­fach­ge­setz­li­chen Rege­lun­gen im Gerichts­kos­ten­ge­setz maß­geb­lich. Soweit die­se aber das durch die Berufs­frei­heit geschütz­te Inter­es­se des Anwal­tes an einer ange­mes­se­nen Ver­gü­tung kon­kre­ti­sie­ren, greift eine die Streit­wert­re­ge­lun­gen außer Acht las­sen­de und den Ver­gü­tungs­an­spruch des Rechts­an­walts min­dern­de Streit­wert­fest­set­zung auch in den Schutz­be­reich sei­nes Grund­rechts der Berufs­frei­heit ein.
Gemes­sen dar­an ver­letzt der ange­grif­fe­ne Beschluss den Beschwer­de­füh­rer in sei­nem Grund­recht aus Art. 17 VvB.
Nach § 2 Abs. 1 RVG wer­den die Rechts­an­walts­ge­büh­ren in der Regel nach dem Wert berech­net, den der Gegen­stand der anwalt­li­chen Tätig­keit hat (Gegen­stands­wert). Durch die damit bei hohen Gegen­stands­wer­ten ver­bun­de­ne höhe­re Ver­gü­tung soll der Rechts­an­walt im Rah­men einer „Misch­kal­ku­la­ti­on“ in die Lage ver­setzt wer­den, zeit­in­ten­si­ve Ange­le­gen­hei­ten mit gerin­ge­ren Gegen­stands­wer­ten zu bear­bei­ten, bei denen eine zeit­ab­hän­gi­ge Ver­gü­tung eine im Ver­hält­nis zum Wert des Gegen­stan­des unver­hält­nis­mä­ßig hohe Kos­ten­be­las­tung für den Man­dan­ten zur Fol­ge hät­te [10]. Das grund­sätz­li­che Anknüp­fen der Gebüh­ren­hö­he an den Gegen­stands­wert gibt den Rechts­su­chen­den und den Anwäl­ten zugleich Rechts­si­cher­heit bei der Kal­ku­la­ti­on der Kos­ten bzw. der Ver­gü­tung und ermög­licht es ihnen, eine von den gesetz­li­chen Gebüh­ren abwei­chen­de Gebüh­ren­ver­ein­ba­rung zu tref­fen [11].
Das Gegen­stands­wert­prin­zip liegt auch auch den Rege­lun­gen des § 52 GKG zugrun­de. Nach § 52 Abs. 1 GKG ist der Streit­wert grund­sätz­lich nach der sich aus dem Antrag des Klä­gers für ihn erge­ben­den Bedeu­tung der Sache nach Ermes­sen zu bestim­men. Bie­tet der Sach- und Streit­stand für die Bestim­mung des Streit­werts kei­ne genü­gen­den Anhalts­punk­te, ist ein Streit­wert von 5.000 € anzu­neh­men (§ 52 Abs. 2 GKG). Auf die­sen sog. Auf­fang­wert darf mit­hin nur abge­stellt wer­den, wenn die Bedeu­tung der Sache nicht bezif­fert wer­den kann [12]. Kommt eine betrags­mä­ßi­ge Berech­nung nicht in Betracht, ist eine Schät­zung vor­zu­neh­men; nur wenn es hier­für kei­ne Anhalts­punk­te gibt, ist auf den Auf­fang­wert des § 52 Abs. 2 GKG zurück­zu­grei­fen [13].
Das Gericht hat mit dem Regel-Aus­nah­me­ver­hält­nis des § 52 Abs. 1 und 2 GKG zugleich auch die Bedeu­tung und Trag­wei­te des Grund­rechts der Berufs­frei­heit des Beschwer­de­füh­rers ver­kannt. Bei einer an der (wirt­schaft­li­chen) Bedeu­tung der Sache ori­en­tier­ten Streit­wert­ermitt­lung hät­te sich ein deut­lich höhe­rer Streit­wert und damit auch eine ent­spre­chend höhe­re Ver­gü­tung des Beschwer­de­füh­rers erge­ben.
Ver­fas­sungs­ge­richts­hof des Lan­des Ber­lin, Beschluss vom 23. Janu­ar 2013 – VerfGH 37/​11
Art 17 VvB: „Das Recht der Frei­zü­gig­keit, ins­be­son­de­re die freie Wahl des Wohn­sit­zes, des Beru­fes und des Arbeits­plat­zes, ist gewähr­leis­tet, fin­det aber sei­ne Gren­ze in der Ver­pflich­tung, bei Über­win­dung öffent­li­cher Not­stän­de mit­zu­hel­fen.“[↩]
VerfGH Ber­lin, Beschluss vom 28.06.2001 – VerfGH 100/​00, Rn. 21 ff.[↩]
vgl. zum Bun­des­recht: BVerfG, Beschluss vom 19.08.2011 – 1 BvR 2473/​10, 1 BvR 2474/​10, Rn. 15 unter Hin­weis auf BVerfGE 88, 145, 159; 101, 331, 347; BVerfGK 6, 130, 132 f.[↩]
vgl. zum Bun­des­recht: BVerfG, a. a. O.; vgl. auch VerfGH Ber­lin, Beschluss vom 23.08.2012 – VerfGH 193/​10, 194/​10, Rn. 33[↩]
vgl. zum Bun­des­recht: BVerfGK 6, 130, 133[↩]
vgl. VerfGH Ber­lin, Beschluss vom 25.04.2008 – VerfGH 164/​07, 164 A/​07 – Rn. 45; vgl. zum Bun­des­recht: BVerfGE 18, 85, 93; 85, 248, 257 f.[↩]
VerfGH Ber­lin, Beschluss vom 20.04.2010, a. a. O.; vgl. zum Bun­des­recht: BVerfGE 42, 143, 148[↩]
VerfGH Ber­lin, a. a. O.; vgl. zum Bun­des­recht: BVerfGE 89, 1, 11[↩]
VerfGH Ber­lin, a. a. O., m. w. N.[↩]
Klees, in: Mayer/​Kroiß, RVG, 5. Aufl.2012, § 2 Rdnr. 3; Madert, in: Gerold/​Schmidt, RVG, 20. Aufl.2012, Einl. Rn. 12[↩]
vgl. BVerfGE 118, 1, 17[↩]
BSG, Beschluss vom 28.01.2009 – B 6 KA 38/​08 B; BVerwG, NJW 1989, 3233, 3235; Dörn­dor­fer, in Binz/​Dörndorfer/​Petzold/​Zimmermann, GKG, 2. Aufl.2009, § 52 Rn. 6; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 42. Aufl.2012, § 52 GKG Rn.20 f., m. w. N.[↩]
BSG, a. a. O.[↩]
Ver­gü­tung von Kran­ken­kas­sen­vor­stän­den Die Auf­sichts­be­hör­de darf Kri­te­ri­en für die Ver­gü­tung von Kran­ken­kas­sen­vor­stän­den fest­le­gen. Die Auf­sichts­be­hör­den ent­schei­den über die Ange­mes­sen­heit der Ver­gü­tung eines Kran­ken­kas­sen­vor­stan­des nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen unter Ach­tung…
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References: Art. 12
 Art. 17
 Art. 17
 Art. 12
 Art. 17
 Art. 17
 § 2
 § 32
 Art. 10
 Art. 17
 § 2
 § 52
 § 52
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 § 2
 § 52
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