Source: https://www.tresselt.de/bandbreite.htm
Timestamp: 2018-05-22 10:07:48+00:00

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Das Problem der Pflichtstunden - Bandbreite
Die Pflichtstunden - Bandbreite ist ein heißes Eisen; sie wurde zum Beginn des Schuljahres 2002/03 von der damaligen Schulministerin Behler aufgrund eines Arbeitszeitgutachtens der Firma Mummert und Partner als das so genannte "Bandbreitenmodell" in Kraft gesetzt. Diese Firma hatte im Auftrag des Ministeriums in den Jahren 1997/98 die zeitliche Belastung der Lehrerinnen und Lehrer gemessen und festgestellt, dass die Lehrkräfte im Vergleich zum öffentlichen Dienst deutlich länger arbeiteten.
Ergebnis dieser Untersuchung war, dass innerhalb der Lehrerschaft in jeder Schulform eine große Bandbreite zeitlicher Belastung auftrat (Standardabweichung zwischen 205 und 335 Stunden). Besonders große zeitliche Belastungen verzeichneten u.a. die die Lehrerinnen und Lehrer mit Korrekturfächern, die Klassenleitungen und - in Relation zu ihrem Beschäftigungsumfang - die Teilzeitbeschäftigten.
"§ 3 Pflichtstunden-Bandbreite
(2) Über Grundsätze für die Festlegung der individuellen Pflichtstundenzahl entscheidet die Lehrerkonferenz auf Vorschlag der Schulleiterin oder des Schulleiters. Die Entscheidung im Einzelnen trifft die Schulleiterin oder der Schulleiter."(VO zur Ausführung des § 93Abs.3 SchG v. 18.3. 2005) - BASS 11-11 Nr.1).
"...alle Schulen des Landes haben von diesem Schuljahr an in einem weiteren Punkt mehr Eigenverantwortung: Sie können - in bestimmten Grenzen - die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer selbst regeln. Dabei gilt selbstverständlich: Die Gesamtstundenzahl einer Schule muss unverändert bleiben - und die Stundentafeln müssen abgedeckt werden können. Ansonsten haben die Kollegien aber nunmehr die Möglichkeit, die in der Arbeitszeituntersuchung von 1999 festgestellte, teilweise extrem unterschiedliche Belastung zwischen den Lehrkräften besser zu verteilen. So können einzelne Lehrerinnen und Lehrer nach Kriterien, die das Kollegium selbst aufstellt, von der Schulleitung um bis zu drei Unterrichtsstunden pro Woche entlastet, andere können zu bis zu drei zusätzlichen Unterrichtsstunden verpflichtet werden. Damit haben die Kollegien es selbst in der Hand, beispielsweise die deutlich unterschiedliche Belastung zwischen Lehrern mit und ohne Korrekturen auszugleichen. Eine landeseinheitliche Vorgabe hätte hier wenig Sinn gemacht, denn der Korrekturaufwand lässt sich nicht allein am Fach festmachen - schließlich gibt es auch korrekturaufwändige Leistungskurse beispielsweise in Geographie. Mir war es wichtig, den Kollegien die Möglichkeit an die Hand zu geben, offensichtliche Ungerechtigkeiten selbstständig abzubauen. Wer dies nutzen will, soll die Chance dazu haben, wer es nicht will, ist nicht gezwungen. In zwei, drei Jahren werden wir das resümieren..." (Schulministerin Barbara Sommer im August 2002)
1. Die Belastung ist individuell. Der eine Kollege fühlt sich durch bestimmte Schüler in einer Klasse sehr belastet, der andere Kollege nicht. Die eine Kollegin fühlt sich durch die Mathestunde in der 6. Stunde sehr belastet, weil die Klasse sehr unruhig und wenig lernbereit ist. Der Kollege in der Parallelklasse hat auch Mathe in der 6. Stunde, fühlt sich aber weniger belastet, weil er heute seinen Unterricht erst um 12:00 Uhr begonnen hat, während die Kollegin schon ab 8:00 Uhr einiges hinter sich hat und anders reagiert. Manchmal ist der Rest des Tages dahin, wenn man die erste Stunde als Horrorstunde erlebt hat.
Dazu kommt eine Vielzahl von individuellen Bedingungsfaktoren: Das Maß an Geduld, das jemand mitbringt, seinen Humor, sein Lebensalter, seine Unterrichtserfahrung, seine Routine, die natürliche Autorität, Konfliktfähigkeit u.a. Alle Faktoren zusammen machen die Gesamtbelastung des Unterrichts aus, die bei jedem verschieden ist.
Die Lebenszufriedenheit, die Ausgeglichenheit und andere persönliche Voraussetzungen spielen eine große Rolle für die Belastung - nicht zu vergessen die private Situation oder Beziehungskrisen.
Natürlich ist die Belastung auch altersabhängig. Jeder hat im Laufe seines Lehrerdaseins gewisse Bewältigungsstrategien entwickelt. Die ändern sich aber auch. Was man früher noch klaglos ertragen hat, macht einem im Alter schwer zu schaffen.
Eine systematische Auflistung aller Faktoren, die das Verhaltens- und Erlebensmuster einer Lehrperson als Belastung bestimmen, hat Prof. Schaarschmidt in seiner Potsdamer Lehrerstudie definiert. Weitere Hinweise dazu finden Sie am Ende des Kapitels.
Summe aller Entlastungsindexe (= P, Punktzahl): 16,08 - auf ganze Stellen gerundet: 16
Klassenlehrer bzw. Jahrgangsstufenleiter 8 8 8 8 8 8 5 5 5
Nachmittagsunterricht (je Tag) 2 2 2 2 2 2
"Ich bin per Erlass verpflichtet, die unterschiedliche zeitliche Belastung durch besondere schulische Aufgaben und besondere unterrichtliche Belastungen innerhalb des Kollegiums auszugleichen, so weit dies im Einzelnen erforderlich ist. So lautet inhaltlich die Ausführungsverordnung zu § 93 Abs.2 SchG. Damit ich darüber informiert bin, wann und wie ein solches Erfordernis gegeben ist, bitte ich alle mir mitzuteilen, ob sie sich übermäßig belastet fühlen. Diesen Kolleginnen und Kollegen kann ich eine Entlastung bis zu 3 Pflichtstunden anbieten. Allerdings habe ich diese Stunden nicht, sondern sie müssen durch Mehrarbeit anderer Kolleginnen und Kollegen aufgebracht werden, da sich die Stunden in der Schule insgesamt ausgleichen müssen.
Deshalb schlage ich Folgendes vor: Alle Kolleginnen und Kollegen, die sich weniger belastet fühlen, erklären sich bereit, eine, zwei oder drei Unterrichtsstunden mehr zu erteilen. Diese Stunden kommen in einen "Entlastungstopf", die ich dann an die überlasteten Kolleginnen und Kollegen anteilig verteilen werde. Ich bitte alle, mir diese Bereitschaft bis zum Beginn der Ferien mitzuteilen."
Wenn sich das Kollegium einig ist und diesen Beschluss fasst, ist das durchaus legitim. Allerdings hat die Sache einen Haken. Solange sich keiner bereit erklärt, wegen seiner Minderbelastung eine Stunde in diesen Topf zu spenden, geht alles gut, denn es ist nichts zu verteilen. Der Schulleiter kann also guten Gewissens verkünden, dass alles beim Alten bleibt und der Schulfrieden gewahrt bleibt. Was aber, wenn einer oder mehrere eine Stunden "spenden"? Nur, um den Schulleiter zu ärgern oder um ein Exempel zu statuieren? Dann geht das Gerangel um die Stunden los und ein Bewertungssystem muss her. Und schon fängt alles wieder von vorn an...
Eine andere Lösung hat mir ein Gymnasium mitgeteilt. Dort hat sich auf Vorschlag des Schulleiters das gesamte Kollegium bereit erklärt, eine halbe Wochenstunde mehr zu arbeiten. Von den 74 Kolleginnen und Kollegen wurden so 37 Stunden in einen "Entlastungstopf" eingezahlt, aus dem nun die Lehrerinnen und Lehrer mit der höchsten Punktzahl entlastet werden.
Der vierte Lösungsvorschlag kommt aus einer teamorientierten Schule. Dort haben sich die einzelnen Lehrerteams mit dem Problem befasst und erkannt, dass einige von ihnen besonders schwer arbeiten müssen, weil sie derzeit ungünstige Arbeitsbedingungen haben. Um das auszugleichen, werden Ermäßigungen innerhalb des Teams individuell "verschenkt". Das funktioniert so: Ein Kollege, der sich mit Erdkunde und Sport weniger belastet fühlt, erteilt eine Stunde mehr und verschenkt diese an die (sympathische) Kollegin, die Englisch und Französisch unterrichtet. Die braucht dafür eine Stunde weniger zu geben. So hat jeder die Chance, individuell etwas Gutes zu tun.
Aus der Schule wird mir berichtet, dass manche Kolleginnen sogar mehrere Stunden von unterschiedlicher Seite geschenkt bekommen...
Aber auch diese Modelle haben Ihre Schwächen: In den meisten Fällen wird davon ausgegangen, dass alle Mitglieder des Kollegiums zunächst freiwillig einer Stundenerhöhung von 1 bis 3 Stunden zustimmen. Aus diesem "Solidaritätstopf" werden die errechneten Ermäßigungsstunden verteilt. So kommen hauptsächlich Korrekturfächer auf eine Entlastung. Die Wichtungsfaktoren für die Berechnung der Entlastung sind kritisch und orientieren sich an der Arbeitszeituntersuchung von Mummert und Partner.
Eine angestellte Lehrerin hat sich bereits erfolgreich gewehrt: Mit Hilfe des Rechtsschutzes der GEW hat sie beim Bundesarbeitsgericht gegen die Erhöhung der Regelarbeitszeit geklagt und Recht bekommen. Das BAG hat entschieden, dass sie ihre Arbeitszeitverpflichtung mit dem geltenden Stundenkontingent erfülle. (8.11.2006 - 5 AZR 5/06).
Damit hat der 5. Senat des BAG ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Köln, das die Regelung zur Pflichtstunden-Bandbreite des Landes NRW für zulässig erklärte, verworfen. Die GEW rät damit zunächst schon einmal allen angestellten Lehrerinnen und Lehrern, einen Antrag auf zuviel erteilten Unterricht zu stellen und sich die Stunden nachträglich bezahlen zu lassen. Einen solchen Antrag muss man innerhalb eines halben Jahres stellen, sonst verfallen die Ansprüche.
Die Umsetzung der in § 3 der VO zu § 5 SchFG enthaltenen Bandbreitenregelung führt zu einer Verletzung des arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatzes. In § 3 der VO zu § 5 SchFG ist nicht sichergestellt, dass vergleichbar belastete Lehrkräfte in gleicher Weise bei der Festlegung der Unterrichtsstunden entlastet werden.
(Orientierungssätze) BAG, Urteil v. 8.11.2006 – 5 AZR 5/06 – ( aus : Zeitschrift für Personalvertretungsrecht 3 /2007)
"§3 Pflichtstunden-Bandbreite
(2) Über Grundsätze für die Festlegung der individuellen Pflichtstundenzahl entscheidet die Lehrerkonferenz auf Vorschlag der Schulleiterin oder des Schulleiters. Die Entscheidung im Einzelnen trifft die Schulleiterin oder der Schulleiter." (VO zur Ausführung des § 93 Abs.3 SchG v. 18.3. 2005) - BASS 11-11 Nr.1).
„Die Umsetzung der in § 3 der VO zu § 5 SchFG enthaltenen Ermächtigung führt zu einer Verletzung des arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatzes. Die Anwendung dieser Vorschrift hat eine sachlich nicht gerechtfertigte unterschiedliche Regelung der Pflichtstundenzahl vergleichbarer Lehrkräfte im Geschäftsbereich des zuständigen Ministers zur Folge. In § 3 der VO zu § 5 SchFG ist nicht sichergestellt, dass vergleichbar belastete Lehrkräfte in gleicher Weise bei der Festlegung der Unterrichtsstunden entlastet werden. Der Lehrerkonferenz, die nach § 3 Abs. 2 der VO zu § 5 SchFG über die Grundsätze für die Festlegung der individuellen Pflichtstundenzahl entscheidet, sind in der Verordnung keinerlei Vorgaben zum Ausgleich unterschiedlicher Inanspruchnahme der Lehrkräfte durch besondere schulische Aufgaben und besondere unterrichtliche Belastungen gemacht. Unklar ist bereits, was nach dieser Regelung überhaupt als relevante Belastung anzusehen ist. Ob die Lehrerkonferenz - wie vorliegend - eher einen abstrakten Ausgleich nach Maßgabe des im Auftrag der Landesregierung erstellten Gutachtens vornimmt, Besonderheiten einzelner Schulklassen berücksichtigt oder gar aus grundsätzlichen Erwägungen von einem Ausgleich überhaupt absieht, unterliegt der nur eingeschränkt nachprüfbaren Ermessensentscheidung der Lehrerkonferenz der einzelnen Schule (dazu OVG Nordrhein-Westfalen 16. März 2004 - 6 A 4402/02 - NWVBI. 2005, 224, zu 2 c bb der Gründe) . Die Durchführung des Ausgleichs hängt damit nicht nur von sehr unterschiedlichen und nicht einheitlich vorgegebenen sachlichen Kriterien, sondern auch ganz erheblich von der persönlichen Einstellung sowie Überzeugungs- und Durchsetzungskraft der Lehrkräfte in der Lehrerkonferenz der jeweiligen Schule ab. Die Verordnung nimmt damit eine sachfremde Gruppenbildung von Schule zu Schule in Kauf. Das ist mit dem arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatz nicht vereinbar. Der im Grundsatz nicht zu beanstandende Belastungsausgleich könnte zwar im Geschäftsbereich des Kultusministeriums nach einheitlichen Kriterien eingeführt werden, die Delegation der Rechtssetzung auf die Schulen führt aber zwingend zu nicht mehr sachlich zu rechtfertigenden Ungleichbehandlungen der beim selben Arbeitgeber beschäftigten Lehrkräfte.“
Fragen und Antworten zur Pflichtstundenbandbreite, Klärung von rechtlichen und Verfahrensfragen, Vorstellung von 6 erfolgreichen Modellen der Umsetzung an einzelnen Schulen www.bildungsportal.nrw.de/l
Mindener Arbeitszeitmodell download\Mindener Modell.pdf

References: § 93
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