Source: https://www.gleichsatz.de/b-u-t/trad/Bolzano/bb-wlehre1.html
Timestamp: 2020-08-06 18:32:54+00:00

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Bernard Bolzano, Wissenschaftslehre I [2/2]
"Wilhelm Traugott Krug sagt, das formale Denken, welches den Gegenstand der Logik ausmacht, bestehe darin, daß die Vorstellungen nur aufeinander selbst bezogen werden, ohne weiter auf den Gegenstand, worauf sie sich außerdem noch beziehen mögen, Rücksicht zu nehmen."
§ 8. Verschiedene mit der Logik
1) In der Erklärung des § 1, wie auch in all den andern, die wir soeben § 7 betrachteten, wurde unter der Logik irgendein Inbegriff von Lehren oder Wahrheiten verstanden, ohne darauf zu achten, ob diese Wahrheiten von jemand auch wirklich erkannt und angenommen werden oder nicht, d. h. es wurde dieses Wort in einem Sinn genommen, den man (wie § 1, Nr. 2) den objektiven nennt. Auch wird man aus demjenigen, was bereits dort Nr. 1 beigebracht ist, leicht von selbst entnehmen, was man sich unter einem Lehrbuch oder Lehrbegriff der Logik vorzustellen habe. Hierbei ist nur zu bemerken, daß man auch das Wort Logik selbst zuweilen in der Bedeutung eines bloßen Lehrbuches dieser Wissenschaft nehme; wie wenn man sagt, daß die Logik noch mancher Vervollkommnung fähig wäre. Denn hier kann man wohl nicht die Wissenschaft ansich (in objektiver Bedeutung) verstehen; denn diese unterliegt keiner Veränderung, ja sie ist überhaupt als ein bloßer Inbegriff von Wahrheiten nichts Existierendes.
2) Oft aber nimmt man das Wort Logik auch in der subjektiven Bedeutung, d. h. man versteht darunter einen Inbegriff von Meinungen, die ein bestimmter Mensch (ein gewisses Subjekt) über die Gegenstände der Logik hegt. So, wenn wir von jemandem sagen, daß er eine schlechte Logik habe; denn damit wollen wir nur sagen, daß seine Ansichten über Dinge, die in das Gebiet der Logik gehören, unrichtig sind.
3) In Bezug auf die Mittel, durch deren Anwendung jemand zu seinen logischen Ansichten gelangt ist, pflegt man noch zweierlei Arten von subjektiver Logik, eine natürliche nämlich und eine künstliche zu unterscheiden. Natürliche Logik nennt man denenigen Inbegriff logischer Ansichten, zu dessen Besitz jemand ohne ein der Erlernung solcher Wahrheiten eigens gewidmetes Nachdenken gelangt ist. Den Inbegriff solcher logischen Kenntnisse dagegen, welche sich jemand durch eigens auf sie gerichtetes Nachdenken allmählich beigelegt hat, nennen wir eine künstliche Logik. Die natürliche Logik erwirbt man sich also bloß durch diejenigen Anlässe zur Entwicklung logischer Begriffe, die ein nicht eben in dieser, sondern irgendeiner anderer Absicht unternommenes Nachdenken darstellt; z. B. durch das Studium anderer Wissenschaften und dgl.
4) Mit jener Kenntnis, die jemand in logischen Wahrheiten hat, d. h. mit seiner subjektiven Logik, muß man nicht seine Fähigkeit und Geschicklichkeit in Befolgung der logischen Regeln verwechseln. Denn nur zu oft geschieht es, daß wir eine Regel der Logik wohl kennen, aber doch nicht zu befolgen wissen; und umgekehrt trifft es sich auch zuweilen, daß wir eine Regel befolgen, ohne sie eigentlich zu kennen, indem uns ein bloßes dunkles Gefühl, oder die Nachahmung anderer, oder irgendein anderer Umstand bestimmt, so vorzugehen, wie jene Regel vorschreibt.
5) Der Grad der Fähigkeit zur Verfolgung logischer Regeln, die wir ein jeder schon auf die Welt mitbringen, d. h. den wir vermöge der uns schon angeborenen Kräfte und Anlagen besitzen, nennt man das logische Talent. Jene Geschicklichkeit im logisch-richtigen Denken dagegen, die wir uns erst durch unseren eigenen Fleiß, z. B. durch häufiges Nachdenken, Studium verschiedener Wissenschaften, Nachahmung des Verfahrens anderer und dgl. erwerben, könnte man (wenn sonst niemand eine bessere Benennung weiß) unsere logische Kunst oder Fertigkeit nennen.
Anmerkung. Die natürliche Logik erklären einige als die Geschicklichkeit, die logischen Regeln auch ohne ein deutliches Bewußtsein zu befolgen. Das deucht mir aber weder dem Sprachgebrauch gemäß, noch überhaupt zweckmäßig zu sein. Für's Erste nämlich kann man doch die Geschicklichkeit, die jemand in Befolgung logischer Regeln hat, nicht füglich Logik heißen. Denn in der objektiven Bedeutung bezeichnet dieses Wort einen bloßen Inbegriff gewisser Wahrheiten, die man in gar keiner Beziehung mit den Kenntnissen oder der Fertigkeit eines Menschen denkt. In seiner subjektiven Bedeutung aber bezeichnet es zwar den Inbegriff der logischen Ansichten, die jemand hat; allein es wurde soeben (Nr. 4) bemerkt, daß die Kenntnis der logischen Regeln von der Geschicklichkeit in ihrer Befolgung so sehr verschieden sei, daß man von jener nicht einmal auf diese schließen kann. Ferner ist auch nicht abzusehen; warum man die erwähnte Geschicklichkeit eben eine natürliche Logik nennen sollte, da sie doch auch durch Kunst erworben sein kann. Denn wie man die Regeln der Sprache aus einer Sprachlehe (also durch Kunst) erlern, dann aber sich in ihrer Befolgung eine solche Geläufigkeit verschaffen kann, daß man nach ihnen vorgeht, auch ohne sich irer erst immer deutlich bewußt zu werden: so kann ein Gleiches auch mit den Regeln der Logik geschehen. Endlich verdient wohl der Begriff der Geschicklichkeit in der Befolgung logischer Regeln mit einem eigenen Wort bezeichnet zu werden, weshalb ich dafür (Nr. 5) den Ausdruck logische Kunst vorschlug; daß aber auch der so viel engere Begriff einer Fähigkeit, den Regeln der Logik ohne ein deutliches Bewußtsein zu folgen, eine eigne Benennung erhalte, scheint mir der Mühe nicht zu lohnen.
§ 9. Nutzen der Logik
Obgleich man auch, ohne über die Regeln der Logik je eigens nachgedacht, ,d. h. Logik studiert zu haben, doch viele dieser Regeln kennen, und manche, auch ohne sie zu kennen, aus einem bloß dunklen Gefühl, oder aus Nachahmung des Verfahrens anderer Menschen, welche bekannter mit ihnen sind, befolgen, und dadurch allmählich zu einer ziemlichen Fertigkeit im richtigen Denken, ja sogar in der Art, wie man bei der Bearbeitung einer Wissenschaft vorgehen muß, gelangen kann: so werden wir doch in der Vermeidung des Irrtums und in der Auffindung neuer verborgener Wahrheiten sowohl, als auch in ihrer zweckmäßigen Zusammenstellung und Beweisführung gewiß weit glücklicher sein, wenn wir die Regeln, nach denen das alles geschehen muß, vollständig kennen gelernt haben. Es verhält sich nämlich mit dem richtigen Denken fast ebenso, wie mit dem richtigen Sprechen und noch so manchen anderen Verrichtungen, welche der Mensch in einer ziemlichen Vollkommenheit ausüben kann, ohne je einen eigenen Unterricht darin empfangen zu haben, und ohne die Regeln, nach denen er dabei verfahren muß, zu kennen. Wie aber jeder zugibt, daß man die Regeln der Sprache auch dann, wenn man schon ziemlich richtig spricht, nicht ohne den Nutzen studiert, daß man sie jetzt umso sicherer, und selbst in den schwierigeren Fällen befolgen lernt: so dürfen wir auch von einem gehörigen Studio der Regeln des Denkens und der Bearbeitung der Wissenschaft einen ähnlichen Vorteil erwarten.
Besonders notwendig aber wird uns die Kenntnis dieser Regeln, wenn wir durch künstlich ersonnene Trugschlüsse, die man uns vorträg, nicht irre geleitet werden, vielmehr imstande sein sollen, dergleichen Scheingründe auf eine allgemein einleuchtende Weise zu widerlegen. Für einen solchen Zweck reicht jene Kenntnis der Regeln des richtigen Denkens, die wir auch ohne ein eigentliches Studium der Logik erlangen können, in der Tat nicht hin. Wir fühlen da höchsten, daß ein Trugschluß vorliegt; allein wir können es weder uns selbst, noch anderen deutlich machen, worin der Fehler liege. Vermögen wir aber dies nicht, dann können wir auch weder andere, noch uns selbst vor der Gefahr vielfacher Täuschungen bewahren, besonders in Fällen, wo ein Irrtum unserer Sinnlichkeit willkommen ist, unserer Leidenschaft frohlockt, Schlüsse gefunden zu haben, deren Unrichtigkeit die Vernunft nicht aufzudecken vermag. Da es nun leider eine nur allzu große Menge allenthalben verbreiteter Trugschlüsse gibt, die ganz geeignet sind, uns in unseren richtigsten, moralischen sowohl als religiösen Überzeugungen irre zu fühlen: so ist zu wünschen, es möchte jeder Mensch, wenn aus keinem anderen Grund, schon darum Logik studieren, um sich und andere vor der Verführung durch Trugschlüsse sichern zu können.
Gewisse, sehr schwierige Wissenschaften, wie namentlich die Metaphyshik, kann man unmöglich mit gutem Glück zu bearbeiten hoffen, wenn man nicht alle Regeln, welche bei einem streng wissenschaftlichen Vortrag zu beobachten sind, zu einem recht deutlichen Bewußtsein bei sich erhoben hat. Es ist sogar eine nicht unwahrscheinliche Vermutung, daß die fast grenzenlose Verwirrung, welche in dieser und einigen anderen, streng philosophische Wissenschaften herrscht, nur daher rühre, weil wir noch keine vollkommen ausgebildete Logik besitzen. Endlich ist doch jedes zweckmäßig ausgearbeitete Lehrbuch der Logik selbst in einer (mehr oder weniger strengen) wissenschaftlichen Form geschrieben; und enthält also Erklärungen, Beweise, Einwürfe, samt deren Widerlegungen usw. Durch das alles gewährt das Studium eines solchen Werkes eine Übung im richtigen Denken, die wenigstens derjenigen, die aus dem Studium so mancher anderer Wissenschaft geschöpft werden kann, nicht nachstehen wird.
Anmerkung 1: Manche, besonders junge Leute, machen sich vom Nutzen, den ihnen das Studium der Logik leisten werde, oft in der Tat eine zu hohe Erwartung. Sie glauben nämlich, es gebe, wenn auch so manches andere, doch kein ausgiebigeres Mittel, sich in der Kunst des richtigen Denkens zu vervollkommnen, als - das Studium der Logik. und das heißt meines Erachtens schon zuviel erwarten! Denn Logik, glaube ich, leistet für das richtige Denken nur ungefähr soviel, als Grammatik zum richtigen Sprechen beiträgt. Wie uns nun diese mit den Regeln des richtigen Sprechens nur erst bekannt macht, an und für sich aber noch eben keine Fertigkeit in ihrer Befolgung erzeugt (es sei denn etwa durch ihren eigenen, sprachrichtigen Vortrag und die in ihr gelegentlich vorkommenden Beispiele): so macht uns auch die Logik nur erst bekannt mit den Regeln des wissenschaftlichen Denkens; übt uns aber darin nur auf eine ähnliche Weise, wie die Grammatik im Sprechen. So wie nun niemand hofft, aus dem Studium einer Grammatik allein die nötige Fertigkeit im Sprechen zu erlangen; so sollte auch niemand hoffen, bloß aus dem Studium der Logik eine genügende Fertigkeit im richtigen Denken zu erwerben. Und wie das Lesen klassischer Werke ein immer unentbehrliches, oft aber auch ein ungleich ausgiebigeres Mittel für die Beförderung richtiger Sprachfertigkeit ist, als das Durchlesen einer trockenen Grammatik: so kann man auch durch manches, nach einer echt wissenschaftlichen Methode abgefaßte Buch, welchen Gegenstand es auch betreffe, in der Kunst des richtigen Denkens mehr Fortschritte machen, als durch das Studium eines nur mittelmäßig geschriebenen Lehrbuchs der Logik; hoffe aber nie, sich durch das Studium eines auch noch so meisterhaft abgefaßten Lehrbuchs dieser Wissenschaft allein schon eine hinlängliche Fertigkeit im richtigen Denken erwerben zu können.
Anmerkung 2: In HEGELs "Wissenschaft der Logik" heißt es (Vorrede Seite V): "Daß man durch Logik denken lerne, was sonst für ihren Nutzen und damit für den Zweck derselben galt, - gleichsam als ob man durch das Studium der Anatomie und Physiologie erst verdauen und sich bewegen lernen sollte, - dieses Vorurteil hat sich längst verloren." - Der Ausdruck: "Daß man durch Logik denken lerne," kann den Sinn haben, daß man ohne ihr Studium gar nicht zu denken vermöge; aber auch den, daß sie nur vollkommener denken lehre. Das Erstere hat man gewiß zu keiner zeit weder geglaubt, noch gelehrt; das Letztere aber ist eine Meinung, zu der sich wohl Tausende noch heute ebenso offen bekennen, als ich es oben getan habe; und darum dürfte sie wenigstens nicht "ein Vorurteil, das sich schon längst verloren hat," heißen. HEGEL vergleich zwar diese Meinung, um sie recht lächerlich zu machen, mit der Vorstellung, daß uns "Anatomie und Physiologie verdauen und sich bewegen" lehren. Wie aber, wenn selbst diese Vorstellung nichts so gar Ungereimtes wäre; sobald man sie nämlich nur so versteht, daß jene Wissenschaften uns zur Erkenntnis gewisser Mittel verhelfen, durch deren Anwendung wir genannte Verrichtungen zuweilen in der Tat vollkommener ausüben können, als wir es ohne sie vermöchten? Kenntnis der Anatomie und Physiologie kann uns ja wirklich sehr oft dazu dienen, die verlorene Beweglichkeit eines unserer Gliedmaßen oder die geschwächte Verdauungskraft des Magens wieder herzustellen. Indessen ist der Unterschied zwischen Verdauen und Denken so groß, daß man, auch wenn es keine Gesetze gäbe, durch deren Kenntnis sich das Erstere befördern läßt, daraus noch keineswegs schließen dürfte, daß auch keine Regeln zur Vervollkommnung des Letzteren möglich wären. Wer kann es leugnen, daß - um nur ein Beispiel zu geben - der einzige Kanon der Logik: quod nimium probat, nihil probat [Wer zuviel beweist, beweist nichts. - wp], auf die Entdeckung einer Menge falscher Beweise leite? - Übrigens sehen wir aus HEGELs Werken Bd. 14, Seite 411, daß er den Nutzen der Logik gar nicht verkannt habe. Unter diejenigen aber, die diesen Nutzen gänzlich geleugnet, gehört Graf DESTUTT de TRACY, wenn er (z. B. in seiner Idéologie, Seite 315) die Behauptung aufstellt, que toutes les régles, que l'on a prescrites aux formes de nos raisonnements sont d'une inutilite absulue [Alle Regeln, die unseren Gedankengängen verordnet werden, sind absolut nutzlos. - wp] Er sucht das zu erweiesn, indem er sich bemüht zu zeigen, que toutes nos erreurs viennent du fond de nos idées, et que pour les eviter, il ne s'agit jamais que de voir nettement et certainement ce que renferme l'idée, dont on juge. [Alle Fehler kommen vom Grund der Ideen und um diese zu vermeiden, muß das, was die Ideen enthalten deutlich und sicher beurteilt werden. - wp] Aber selbst wenn das Letztere wahr wäre, was es aber meines Erachtens nicht ist: so würde daraus noch nicht die Nutzlosigkeit der ganzen Logik folgen. Denn ihre Bestimmung ist, wie ich glaube, nicht bloß, uns Mittel zur Vermeidung des Irrtums zu anzugeben, sondern uns auch zu lehren, wie schon gefundene Wahrheiten in ein wissenschaftliches Ganzes vereinigt werden können. Den berühmten BACO von VERULAM dagegen zählt man mit Unrecht oft zu denjenigen, welche den Nutzen der Logik überhaupt verwarfen; denn er behauptete nur, daß sie in der Gestalt, die sie bis zu seiner Zeit hatte, sich zur Erfindung neuer Wahrheiten als untauglich erwiesen habe. Ob nun dieser Vorwurf gerecht war, und ob sich BACO von seinem eigenen Versuch nicht etwas zuviel versprochen habe, lasse ich dahingestellt: das aber wünschte ich, daß wir den Glauben, von dem er hier ausging, dem nämlich, an die Möglichkeit einer Vervollkommung der Logik, für immer beibehalten möchten. In diesem Glauben lebte bekanntlich auch LEIBNIZ, der sich von der Vervollkommung der Logik eine Erhöhung des Wohlstandes der ganzen Menschheit versprach. [...] Ein Gleiches erwartete auch CONDILLAC (Logique, Paris, 1792, Kap. I). [...] Darum deucht es mir eine von KANTs literarischen Gründen zu sein, daß er versuchte, uns diesen heilsamen Glauben durch die Aufstellung jener der menschlichen Trägheit so willkommenen Behauptung zu rauben, die Logik sei eine seit Aristoteles Zeiten bereits vollendet und geschlossene Wissenschaft. Statt dessen, dächte ich, sollte man vielmehr den Glauben an die Möglichkeit einer steten Vervollkommnung nicht nur der Logik, sondern aller Wissenschaften als eine Art praktisches Postulat für die Menschheit aufstellen. Und was ist es wohl im Grunde anderes als Stolz, der uns verleiten will, zu behaupten, daß eine Wissenschaft in alle Zukunft nicht besser und vollständiger werde dargestellt werden können, als es in unserer Zeit (etwa durch uns selbst) geschehen ist? [...]
Anmerkung 3: In neuerer Zeit hat man nach KANTs Vorgang häufig behauptet, daß die Logik weder den Namen einer Heuristik, d. h. Erfindungskunst, noch den einer Jatrik [Therapie - wp] oder Heilkunde des Verstandes, noch endlich den eines Organons verdiene. Obwohl nun, wenn es sich bloß um diese Namen handelte, die Logik leicht auf sie Verzicht leisten könnte, da der Name Wissenschaftslehre für sie wirklich viel passender ist: so lohnt es sich doch der Mühe, etwas hierüber zu sagen, weil es einige nicht deutlich genug erfaßte Begriffe zu sein scheinen, die solche Äußerungen erzeugten. Unter einer Erfindungskunst kann man doch billigerweise nichts anderes verlangen, als einen Inbegriff von Regeln, die bei Erfindung neuer Wahrheiten zu beobachten sind. Dergleichen Regeln gibt es nun in der Tat; und wenn wir auch die meisten, ohne sie erst aus Büchern kennen zu lernen, ja ohne uns ihrer nur deutlich bewußt zu sein, befolgen; so dürfte ihre Sammlung dennoch nicht überflüssig sein, und wird (wie ich schon § 7. bemerkte) recht füglich in die Logik aufgenommen. Und so dächte ich denn, daß man ihr den Namen einer Erfindungskunst immerhin beilegen dürfte. Unter einer Heilkunde des Verstandes wird ein Vernünftiger wohl nichts anderes als eine Sammlung von Regeln erwarten; deren Beobachtung vor Irrtümern sichern kann. Nun ist kein Zweifel möglich, daß es dergleichen Regeln gebe, und daß wir viele derselben, wenn uns kein eigener Unterricht aufmerksam auf sie macht, weder kennen, noch befolgen. Macht uns daher die Logik, wie es ihr ziemt, mit solchen Regeln bekannt: warum dürfte sie dann nicht auch eine Jatrik genannt werden? Unter einem Organon endlich kann man sehr wohl eine Wissenschaft verstehen, die anweist, wie man bei der Bearbeitung einer jeder anderen Wissenschaft vorgehen solle. Das leistet nun die Logik, und das ist eben ihr vornehmster Zweck; daher ihr gerade dieser Name, wie ich glaube, am wenigsten streitig gemacht werden sollte. Wahr ist es aber freilich, daß alle diese Benennungen sich auch in einem Sinn nehmen lassen, indem sie der Logik nicht beigelegt werden dürfen; eine nähere Betrachtung zeigt jedoch, daß es dann auch keine andere Wissenschaft gibt, der man sie, so verstanden, mit mehr Recht beilegen könnte. Denkt man sich nämlich unter Heuristik eine Kunst, durch deren Kenntnis man auch bei den unglücklichsten Naturanlagen und ohne alle Hilfe des Zufalls, durch eine bloß mechanische Befolgung ihrer Regeln, jede beliebige, bisher verborgene Wahrheit sicheren Schrittes suchen und auffinden könnte: dann denkt man sich etwas, das nicht nur in keiner Logik, sondern auch sonst nirgends auf Erden anzutreffen sein möchte. Verlangt man von einer Jatrik des Verstandes (wie einige es wirklich getan zu haben scheinen), daß sie uns nicht erst dann, wenn wir nach ihren Regeln vorgehen, sondern durch eine bloße Betrachtung der in ihr aufgestellten Wahrheiten selbst von jedem Irrtum heile: so wird dies freilich in keiner Logik geleistet. Aber auch keine Jatrik des Leibes leistet etwas dem Ähnliches; denn dieses hieße ja, daß wir nicht durch eine Befolgung der in der Heilkunst aufgestellten Regeln, sondern durch bloßes Nachdenken über sie gesund werden könnten. Soll endlich Organon - (und dieses scheint KANTs Wille nach § VII der Einleitung in die "Kritik der reinen Vernunft" wirklich gewesen zu sein) - eine Wissenschaft bedeuten, welche die Grundsätze von allen übrigen enthält: dann bekenne ich wieder, daß sich die Logik auch diesen Namen nicht anmaßen könne. (1) Aber ich glaube zugleich daß eine solche Wissenschaft überhaupt nicht bestehe, und nicht bestehen solle; weil ich nicht finde, was es für einen besonderen Nutzen gewähren könnte, die Grundsätze der verschiedenartigsten Wissenschaften alle nebeneinander zusammenzustellen, ohne die Folgerungen, auch selbst die nächsten, die sich aus ihnen ergeben, abzuleiten.
Anmerkung 4: Wenn ich soeben sagte, daß uns die Logik in den Stand setze, über die Wahrheit oder Falschheit vorgelegter Urteile zu entscheiden: so fordert dies noch einige Worte der Rechtfertigung, besonders gegen jene neuerlich oft wiederholte Behauptung, daß die Logik nichts mit der Wahrheit (der materialen nämlich) zu schaffen, sondern bloß die Bedingungen der formalen (oder, wie man sie auch nennt logischen) Wahrheit der Sätze zu entwickeln habe. Diese Behauptung dürfte, wie sie da liegt, etwas zu unbestimmt ausgedrückt sein. Denn über die Wahrheit gewisser, namentlich jener Sätze, welche die Logik als den ihr eigentümlichen Lehrinhalt aufstellt (über ihre Canones), hat sie gewiß zu entscheiden. Andere Sätze dagegen, Sätze, die einen der Logik fremden Gegenstand betreffen, und die sonach einer anderen Wissenschaft zugehören, z. B. mathematische, beurteilt sie freilich höchstens nur beispielsweise; wohl aber hat sie gewisse, allgemein geltende Regeln und Vorschriften zu erteilen, durch deren Beobachtung wir - nicht immer, aber so oft es bei dem uns eigenen Maß von Urteilskraft und bei unseren Vorkenntnissen nicht unmöglich ist - in den Stand gesetzt werden, ein Urteil über sie zu fällen. Die Logik hat ferner besonders die Eigenschaften und Verhältnisse, die allen Wahrheiten gemeinschaftlich zukommen müssen, auseinanderzusetzen; und die Darstellung dieser Beschaffenheiten macht wirklich einen sehr großen Teil ihres Inhalts aus. Sie sind von solcher Art, daß wir von ihrer Abwesenheit wohl auf die Falschheit, von ihrem Vorhandensein aber auch nicht auf die Wahrheit eines uns vorliegenden Satzes zu schließen berechtigt sind. So können wir z. B. aus dem Mangel eines sehr wohlbekannten Verhältnisses zwischen den folgenden drei Sätzen: alle A sind B, alle B sind C, kein A ist C, mit aller Sicherheit schließen, daß einer aus ihnen falsch sei; aus dem Vorhandensein dieses Verhältnisses aber bei den drei Sätzen: Alle A sind B, alle B sind C, alle A sind C, läßt sich noch keineswegs auf ihre Wahrheit schließen. Man pflegt nun die Beschaffenheit von Sätzen, welche sich, wie die zuletzt angeführten, gegen keine von der Logik auf gestellte Bedingung der Wahrheit verstoßen, sehr uneigentlicher Weise ihre formale oder logische Wahrheit zu nennen und daraus ferner zu schließen, daß es die Logik nur mit der formalen oder logischen, nicht aber mit der materialen (d. h. der eigentlich so genannten) Wahrheit der Sätze zu tun habe. Hierbei vergißt man aber, wie es mir deucht, daß die Angabe jener Verhältnisse zwischen den Wahrheiten gar nicht das einzige Mittel sei, das uns die Logik zur Beurteilung der Wahrheit oder Falschheit eines vorliegenden Satzes an die Hand gibt. Sie gibt ja, wie gesagt, auch noch so manche Regeln an, welche uns freilich nicht schon bloß dadurch, daß wir sie wissen, oder aus ihnen folgern, also nicht als Grundsätze, aber wohl dadurch, daß wir nach ihnen vorgehen, in den Stand setzen, Wahrheit und Irrtum gar oft zu unterscheiden. Sie tut das nicht nur, sondern sie muß es tun, so lange wir anders nicht eine eigene Wissenschaft für die Beurteilung des Wahren aufstellen, die wir von jener, welche uns die wissenschaftliche Zusammenstellung der bereits gefundenen Wahrheiten lehrt, trennen. Es freute mich, diese Ansicht auch beim Verfasser der in der Leipziger Allgemeinen Literatur Zeitung (April 1818) befindlichen Rezensionen von GERLACHs Logik zu treffen. "Die Logik", schreibt dieser mir unbekannte Gelehrte, "soll eine Anleitung sein, wie wir uns der Wahrheit aller Erkenntnisarten bemächtigen und versichern können. Denn bedarf der Mensch nicht einer solchen Anweisung? und wo anders wollten wir sie suchen, als in der Logik?
§ 10. Zeit dieses Studiums
und Vorbereitung dazu
Um die im vorigen Paragraph berührten Vorteile aus seinem Studium der Logik schöpfen zu können, muß man dasselbe erst anfangen, wenn man gehörig vorbereitet ist. Hierzu wird aber vor allem ein Alter und eine körperliche Beschaffenheit erfordert, welche die Geistesanstrengungen, die dieses ansich nicht leichte Studium verursacht, ohne Nachteil der Gesundheit auszuhalten vermag. Auch müssen wir uns bereits eine nicht unbeträchtliche Fertigkeit in der Beschäftigung mit abzogenen Begriffen erworben haben; unsere Aufmerksamkeit von jenen sinnlichen Gegenständen, die uns zunächst umgeben, abzuziehen; und Begriffe festzuhalten vermögen, denen gar nichts Sinnliches beigemischt ist. Wir müssen endlich auch einen gewissen Vorrat von (wenigstens fragmentarischen) Kenntnissen aus mehreren Fächern des menschlichen Wissens besitzen, damit wir die Lehren und Regeln der Logik beispielsweise auf diese anwenden können. Denn kann man nicht jeder Lehre und Regel ein uns begreifliches und interessantes Beispiel beifügen; so werden wir den Unterricht nicht nur sehr trocken, sondern nicht einmal recht verständlich finden.
Aus all dem ersieht man, daß das Studium der Logik (ein systematisches nämlich) nicht für die Kinderjahre, sondern erst für das reifere Alter des Jünglings gehöre; desgleichen, daß man diesem Studium - nebst vielen bruchstückhaften Lehren aus den verschiedensten Fächern, welche ihm notwendig vorhergehen - mit Nutzen selbst einen zusammenhängenden Unterricht in einigen leichteren Wissenschaften vorausschicke. Für solche leichtere Wissenschaften halte ich aber nicht nur diejenigen, die eines bloß empirischen Inhalts sind, wie die Naturbeschreibung und dgl., sondern selbst einige, die, ob sie gleich a priori sind, doch einen Gegenstand, der sinnlich darstellbar ist, behandeln, nämlich die mathematischen. Endlich ist es noch ratsam, den systematischen Unterricht in der Logik, wie den in einer jeden anderen Wissenschaft, nicht eher anzufangen, als bis man den Lehrling mit mehreren Begriffen und Lehren derselben rhapsodisch (d. h. wie es die eben sich darbietende Gelegenheit gab) bekannt gemacht hat.
§ 11. Ob die Logik Kunst
oder Wissenschaft sei?
In älterer Zeit hat man daher gestritten, ob die Logik den Namen einer Wissenschaft oder nur den einer Kunst verdiene? Nach den Begriffen, die ich mit diesen Worten verbinde, ist zwischen Kunst und Wissenschaft (wenn beide in objektiver Bedeutung genommen werden sollen) kein Gegensatz; sondern die Kunst ist nur eine besondere Art von Wissenschaft. Jede Wissenschaft nämlich, deren wesentlicher Inhalt in Regeln für unser Verhalten besteht, nenne ich eine praktische (oder noch lieber technische) Wissenschaft oder auch eine Kunst in der weiteren (und objektiven) Bedeutung. Sind die Verrichtungen, welche in einer solchen Kunst beschrieben werden, von der Art, daß man sie nicht sofort, wenn man bloß ihre Beschreibung erhalten hat, in der gehörigen Vollkommenheit zu leisten vermag; sondern wird hierzu erst eine eigene Übung erfordert, und macht wohl gar diese das Meiste bei der Sache aus; so nenne ich die wissenschaftliche Beschreibung dieses Verfahrens eine Kunst im engeren Sinne. Bleibt man bei diesen Begriffen, so ist kein Zweifel, daß man die Logik eine Kunst, wenigstens in der weiteren Bedeutung zu nennen habe. Denn ihr wesentlicher Inhalt besteht ja allerdings in der Beschreibung eines Verfahrens, nämlich desjenigen, durch das wir Wissenschaften zustande bringen. Man könnte sie selbst eine Kunst im engeren Sinne nennen; wie fern die Regeln, die sie aufstellt, wenigstens einige, so beschaffen sind, daß die bloße Kenntnis derselben zu ihrer vollkommenen Beobachtung allein nicht hinreicht, sondern noch viele Übung hinzukommen muß.
Anmerkung: Wenn die Scholastiker häufig den Satz aufstellten: Logica est scientia, et quidem speculativa [Logik ist Wissenschaft und zwar eine spekulative. - wp]; (2) so wollten sie damit wohl nicht in Abrede stellen, daß die Logik auch praktische Vorschriften enthalte, sondern bloß sagen, daß diese Wissenschaft nicht einzig aus Regeln bestehe, sondern auch mehrere theoretische Lehren enthalte, aus denen sich ihre Regeln erst als Korollarien [Zugaben - wp] ergeben. Nur auf das Dasein und die Wichtigkeit dieser theoretischen Lehren wollten sie durch die Benennung scientia speculativa aufmerksam machen. - Wenn dagegen in neuerer Zeit der Graf DESTUTT de TRACY (Ideologie, Teil III, Seite 1) behauptete, daß die Logik eine science purement speculative sei; so tat er das, weil er sich vorstellte, daß die Regeln, die man sonst als den eigentlichen Zweck der Logik ansah, von gar keinem Nutzen wären, und daher ausgeschieden zu werden verdienen. Einer solchen Meinung kann ich nun freilich nicht beitreten. - Der selige FICHTE (nachgelassene Werke, Bd. I) wollte der Logik (der gewöhnlichen) den Rang einer Wissenschaft schon darum nicht zugestehen, weil sie das Denken nur als ein Faktum, d. h. empirisch kenne. Und Herr ERNST REINHOLD (Metaphysik, Gotha 1835, Seite 90) will aus eben diesem Grund die Logik als einen bloßen Zweig der empirischen Psychologie betrachtet wissen. Ich glaube, es sei ein Mißbrauch des Wortes empirisch, wenn wir die Art, wie wir von unserem Denken wissen, eine empirische Erkenntnis nennen.
§ 12. Ob die Logik eine bloß
formale Wissenschaft sei?
1) In den neueren Lehrbüchern der Logik liest man fast durchgängig, "daß in der Logik nicht die Materie des Denkens, sondern die bloße Form desselben betrachtet werden müsse, daher sie eben den Namen einer bloß formalen Wissenschaft verdiene." Über den Sinn dieser etwas dunklen Ausdrücke erklärt man sich auf verschiedene Weise. So heißt es z. B. in JAKOBs "Grundrisse der allgemeinen Logik" (2. Auflage, Halle 1791, § 62): "Da sie (die Logik) von allem Unterschied der Gegenstände abstarhiert, und bloß die Art und Weise betrachtet, wie der Verstand Gegenstände denkt und denken muß; so ist sie eine bloß formale Wissenschaft." - In HOFBAUERs Logik aber heißt es (§ 11): "Die Materie eines Gedankens ist dasjenige, was ihm im Gedanken entspricht; seine Form dasjenige, was in demselben durch das Denken erzeugt ist. Materie des Denkens sind die Vorstellungen, aus welchen Gedanken erzeugt werden können, und die Form des Denkens die Art und Weise, wie dieses geschieht. (§ 17) Die reine Logik ist die Wissenschaft von der Form des Denkens." - Professor METZ (Handbuch der Logik, 2. Auflage, Seite 4) sagt, in der Logik müsse vom Unterschied der zu denkenden Objekte sowohl, als der denkenden Subjekte abstrahiert, und nur auf das Denken als solches, in abstracto, reflektiert werden. Darum könne hier bloß die Form des Denkens in Betrachtung kommen. Diese Form sei aber "das, wodurch das Vorstellen ein Denken wird, und dieses ist die Bestimmung gegebener Vorstellungen (Materie des Denkens) durch die Einheit des Bewußtsein." Herr Professor KRUG (Fundamentallehre, Seite 322, 1. Auflage) sagt, das formale Denken, welches den Gegenstand der Logik ausmacht, bestehe darin, "daß die Vorstellungen nur aufeinander selbst bezogen werden, ohne weiter auf den Gegenstand, worauf sie sich außerdem noch beziehen mögen, Rücksicht zu nehmen. REINHOLDs Erklärung wurde schon § 8 - Nr. 7 angeführt.
2) Da mir die Sache durch alle diese Erklärungen teils noch nicht deutlich, teils nicht richtig genug entschieden zu sein scheint: so mag Nachstehendes erst meine eigene Meinung entwickeln. Alle Gelehrten, die eine der obigen ähnlich lautende Behauptung aufgestellt haben, sind von der stillschweigenden Voraussetzung ausgegangen, daß sämtliche Gegenstände, die das Objekt der Logik ausmachen, unter den Begriff eines Gedankens gehören, d. h. daß sie, wenn sonst nichts anderes, wenigstens Gedanken sein müssen. Wie nun, wenn diese bisher freilich sehr allgemein gemachte Voraussetzung nicht ganz richtig und das Objekt der Logik ein allgemeineres wäre? Die Geschichte der Wissenschaften ist voll von Beispielen, daß man sich im Verlauf der Bearbeitung einer Wissenschaft veranlaßt gesehen, ihr Gebiet zu erweitern und somit anerkannt habe, daß es vorhin zu eng gefaßt worden sei. Hatte man unter der Geometrie Anfangs wohl mehr, als eine Lehre von der Ausmessung der Länder verstanden; und ist man nicht durch die allmähliche Erweiterung dieses Begriffs am Ende bis zu dem so viel umfassenderen einer Lehre vom Raum überhaupt gelangt? Wie also, wenn die Logik nicht bloß die Gesetze aufzustellen hätte, die für gedachte Wahrheiten (wahre Gedanken, wie man sie auch nennt), sondern für Wahrheiten überhaupt gelten? wenn nicht bloß gedachte Sätze (Gedanken), sondern auch Sätze ansich, gleichviel ob sie von irgendjemand gedacht oder nicht gedacht werden, ein Gegenstand wäre, auf den sich die Gültigkeit der logischen Regeln erstrecken muß? Dann würde man ihr Gebiet zu eng begrenzt haben, wenn man es nur auf Gedanken und nicht auf Sätze überhaupt ausgedehnt hätte. Ich hoffe das später wirklich erweisen zu können, und es wird sich zeigen, daß die Quelle der meisten bisherigen Irrungen in der Logik nur eben darin liege, daß man, dies nicht beachtend, gedachte Wahrheiten von Wahrheiten ansich, gedachte Sätze und Begriffe von Sätzen und Begriffen überhaupt nicht scharf genug unterschieden habe. Wär dies aber auch nicht; so ist man doch darüber einig, daß die Logik nur die Regeln anzugeben habe, die bei der Bearbeitung einer Wissenschaft überhaupt zu beobachten sind; daß es ihr keineswegs obliege, die Behandlung, die dieser oder jener einzelnen Wahrheit, z. B. der geometrischen von den drei Dimensionen des Raumes in der Raumwissenschaft zuteil werden soll, anders als höchstens beispielsweise zu bestimmen; daß sie vielmehr nur die Verfahrensarten zu beschreiben habe, welche auf mehrere Wahrheiten zugleich, oder (was ebensoviel heißt) auf eine ganze Gattung von Wahrheiten gemeinschaftlich angewandt werden können. Aus diesem Grunde betrachtet die Logik - (in ihren Lehrsätzen wenigstens, in ihren Beispielen kann es ein anderes sein) - nie einen einzelnen völlig bestimmten Satz, d. h. einen solchen, darin Subjekt, Prädikat und Kopula schon festgesetzt wären, sondern gleich eine ganze Gattung von Sätzen, d. h. alle Sätze auf einmal, die, wenn auch einige ihrer Bestandteile festgesetzt sind, in ihren übrigen noch so oder anders lauten können. So kommt z. B. der einzelne Satz: Einige Menschen haben eine weiße Hautfarbe, höchstens als Beispiel, gewiß aber nicht als der ausschließliche Gegenstand eines eigenen Lehrsatzes in der Logik vor; wohl aber erscheint als ein solcher Gegenstand die ganze Gattung von Sätzen, zu denen jener gehört, nämlich die Gattung von Sätzen, welche den Ausdruck: Einige A sind B, umfaßt. Will man nun solche Gattungen von Sätzen allgemeine Formen von Sätzen nennen (obwohl eigentlich nur die Bezeichnung, d. h. der mündliche oder schriftliche Ausdruck derselben, z. B. der Ausdruck: Einige A sind B, eine solche Form heißen sollte): so kann man sagen, die Logik betrachte nur Formen von Sätzen, nicht aber einzelne Sätze. Das mag es dann auch sein, was man sich bei der Behauptung von Nr. 1, daß in der Logik nicht die Materie, sondern die bloße Form des Denkens beleuchtet werde, gedacht hat. Wenigstens kann ich derselben nur unter dieser Auslegung beipflichten. Wenn man nun dieser Eigenheit wegen die Logik eine bloß formale Wissenschaft nennen will, so habe ich nichts dagegen. Denn der Mißverstand, als ob die Logik, weil sie bloß formal heißt, gar keine Materie, d. h. keine bestimmten Sätze, und folglich (da Wahrheiten nur bestimmte Sätze sein können) auch keine Wahrheiten enthielte, dieser Mißverstand, sage ich, ist zu ungereimt, als daß er wirklich zu besorgen wäre. (3) Auf jeden Fall könnte man ihn durch die Erinnerung befestigen, daß bestimmte Sätze in der Logik freilich nicht als das Objekt ihrer Lehren vorkämen, daß aber darum doch ihre Lehren selbst lauter bestimmte Sätze wären. Vom Objekt einer Wissenschaft, d. h. vom Gegenstand, worüber sie handelt, muß man nämlich den Inhalt derselben, d. h. ihre Lehren immer wohl unterscheiden. So ist das Objekt der Geometrie der Raum, ihr Inhalt aber sind Sätze über den Raum.
3) Inzwischen scheint es, daß doch nicht alle, welche die Logik für eine bloß formale Wissenschaft erklärten, die Sache sich nur so, wie ich jetzt eben erklärte, vorgestellt, oder, wenn sie das auch getan, daß sie nur lauter solche Folgerungen, die wirklich zulässig sind, hieraus gezogen haben. Schwerlich hätten sie sonst den Ausdruck gebraucht, daß die Logik "von allem Unterschied der Gegenstände abstrahieren müsse." Denn es ist doch außer Zweifel, daß die Logik wenigstens insofern auf jene Unterschiede, die zwischen den möglichen Objekten des Denkens obwalten, reflektieren müsse, als dieses nötig ist, um brauchbare Regeln für das Nachdenken über dergleichen Gegenstände anzustellen. So muß sie z. B. notwendig des Unterschiedes gedenken, der zwischen Wahrheiten stattfindet, welche nur auf dem Weg der Erfahrung, und zwischen anderen, die unabhängig von dieser gefunden werden können; denn sonst würde sie auch die verschiedene Art, die wir bei der Aufsuchung dieser und jener zu beachten haben, weder beschreiben, noch ihre Richtigkeit nachweisen können. Zuweilen erhält es sogar den Anschein, als ob sich manche Gelehrte des unbestimmten Ausdrucks, daß in der Logik von aller Materie des Denkens abstrahiert werden müsse, bedient hätten, nur um sich hinter ihn zu verstecken, wenn sie irgendeine beschwerliche Untersuchung von sich ablehnen wollten. So wird z. B. in der Lehre von den Begriffen und noch mehr in jener von den Urteilen manche, meines Erachtens sehr nützliche Einteilung und Bemerkung, die aber das Unglück hat, nicht in das beliebte Fachwerk der Kategorien zu passen, oder sonst unbequem war, gleich aus dem Grund abgewiesen, weil sie nicht auf der Form, sondern auf der Materie der betrachteten Gegenstände beruhe. Als Beispiel erinnere ich nur an die Einteilung der Sätze in synthetische und analytische. Gleichwohl, wenn die Behauptung, daß die Logik eine formale Wissenschaft sei, bloß so zu verstehen wäre, wie ich sie oben auslegte; hätte man diesen Entscheidungsgrund schwerlich anbringen dürfen. Denn auch bei den Einteilungen, die man verwarf, sind ja die Glieder noch nicht einzelne Sätze, sondern ganze Gattungen von Sätzen. Die Logik hätte also, auch wenn sie sich in eine Betrachtung dieser Einteilungen eingelassen hätte, noch immer nicht aufgehört, eine bloß formale Lehre im obigen Sinn zu sein.
4) es ist also wohl offenbar, daß man den Ausdruck Form in einer engeren Bedeutung nehme; allein in welcher, ist schwer zu bestimmen, da die Erklärungen, nicht nur diejenigen, welche ich unter Nr. 1 angeführt habe, sondern auch andere, soviel ich angetroffen, keine erwünschte Auskunft gewähren. Die meisten schon deshalb nicht, weil sie von einem bloßen Denken, also von Sätzen und Vorstellungen, wie fern sie in einem Gemüt erscheinen, und nicht von Sätzen und ihren Bestandteilen ansich (im objektiven Sinne) reden. Die deutlichsten dieser Erklärungen sagen nur so viel, daß wir gegebene Sätze und Vorstellungen der bloßen Form nach betrachten, wenn wir nur dasjenige an ihnen in's Auge fassen, was sie mit mehreren anderen gemein haben, d. h. wenn wir von ganzen Arten und Gattungen derselben sprechen. Daß aber dieses doch wirklich nicht gemeint sei, haben wir eben gesehen. Dürfte ich mir eine etwas gewagte Vermutung erlauben, so würde ich sagen, man habe Arten von Sätzen und Vorstellungen Format genannt, wenn man zu ihrer Bestimmung nichts anderes, als der Aufgabe gewisser in diesen Sätzen oder Vorstellungen vorkommender Bestandteile bedurfte, während die übrigen Teile, die man sodann den Stoff oder die Materie nannte, willkürlich bleiben sollten. So heißt es, daß die Einteilung der Sätze in bejahende und verneinende die bloße Form betreffe, weil zur Bestimmung dieser Arten von Sätzen nichts anderes nötig ist, als die Beschaffenheit eines Bestandteils (nach der gewöhnlichen Ansicht, der Kopula) anzugeben, während die übrigen Teile (Subjekt- und Prädikatvorstellung) beliebig sein können. Dagegen die Einteilung in Sätze a prior und a posteriori erklärt man für material, weil es sich nicht aus der bloßen Analogie einiger in einem Satz vorkommender Teile, sondern nur aus der Betrachtung seines gesamten Inhalts beurteilen läßt, ob er a priori oder a posteriori sei. Sollte dies wirklich die Meinung unserer Logiker sein (und ich möchte glauben, daß die gegebene Erklärung ihren Begriff wenigstens nicht verengt): dann müßte ich behaupten, daß die Beschränkung des Gebietes der Logik auf die bloße Form willkürlich und für die Wissenschaft nachteilig sei. Denn beweist dies nicht das nur soeben angeführte Beispiel des Unterschiedes zwischen Sätzen a priori und a posteriori, der danach gar nicht erwähnt werden dürfte, und doch so wichtig ist, daß ihn fast alle Logiker, auch selbst diejenigen ,die es nicht ohne Inkonsequenz vermögen, zur Sprache bringen?
5) Einige verstehen den Ausdruck, daß die Logik eine bloß formale Wissenschaft sei, vollends so, daß die Lehren derselben sämtlich nur analytische Wahrheiten wären. So scheint des Herrn Hofrat FRIES zu meinen, wenn er die (philosophische) Logik (System der Metaphysik, § 9) das System der analytischen Urteile nennt und HOFFBAUER und TWESTEN haben der Logik (der aristotelischen) den Namen der Analytik gegeben. Dieser Ansicht kann ich so wenig beitreten, daß ich vielmehr der Meinung bin, auch nicht ein einziger, ist der Logik oder in sonst einer anderen Wissenschaft aufzustellender Lehrsatz sei eine bloß analytische Wahrheit. Denn ich halte dafür, daß jeder bloß analytische Satz viel zu unwichtig sei, um in irgendeiner Wissenschaft als eine ihr eigentümliche Lehre aufgestellt zu werden. Wer nicht möchte z. B. die Geometrie mit Sätzen von der Art: Ein gleichseitiges Dreieck ist ein Dreieck, oder ist eine gleichseitige Figur und dgl. anfüllen zu wollen.
§ 13. Ob die Logik eine
unabhängige Wissenschaft sei?
Einige Logiker, wie Professor METZ (Logik § 37) erklären die Logik für "eine selbständige und durch ihr Objekt isolierte Wissenschaft, die sich auf jede andere Wissenschaft bezieht als Vorhof, durch den allein der Fortschritt zum gesetzlichen Studium dieser geschehen kann." - Diese Behauptung klingt für die Würde der Logik so ehrenvoll, daß man als Logiker im Voraus geneigt wird, ihr seinen Beifall zu geben. Inzwischen fehlt es doch nicht an Logikern, die auch das Gegenteil bald ausdrücklich, bald stillschweigend angenommen haben. So ist nach KRUG (Logik § 8, Anm. 2) die Logik keine ganz unabhängige Wissenschaft, sondern sie gründet sich, wie alle übrigen philosophischen Wissenschaften, auf die von ihm so genannte Fundamentallehre. Andere in großer Anzahl haben geglaubt, Lehrsätze aus der Psychologie, selbst aus der Metaphysik in die Logik aufnehmen zu müssen. Was ich hierüber denke, wird man aus Folgendem ersehen.
1) Wenn uns stets nur an denjenigen Begriff des Wortes Wissenschaft halten, den ich gleich § 1 - Nr. 1 aufgestellt habe, so daß wir unter einer Wissenschaft nichts anderes, als einen Inbegriff von Wahrheiten einer gewissen Gattung verstehen: so werden zwar nicht in der Wissenschaft ansich, wohl aber in einer jeden schriftlichen Darstellung derselben, in jedem Lehrbuch gar manche Wahrheiten, die nicht zu dieser Gattung gehören, vorkommen dürfen und müssen; z. B. Wahrheiten, welche als Hilfssätze zum Beweis der ersteren notwendig sind. Wenn nun im Lehrbuch einer Wissenschaft Hilfssätze notwendig sind, die zu den wesentlichen Wahrheiten einer anderen, bereits für sich bestehenden Wissenschaft gehören: so gebrauche ich von solchen Sätzen den Ausdruck, daß sie der letzteren Wissenschaft abgeborgt sind, und nenne die ersteren deshalb von dieser abhängig. So sage ich, daß die Raumwissenschaft (Geometrie) abhängig sei von der allgemeinen Größenlehre (Arithmetik, Analysis), weil ich gewahr werde, daß in den Lehrbüchern der ersteren mehrere zum Beweis der ihr wesentlichen Lehren ganz unentbehrliche Wahrheiten vorkommen, die nicht vom Raum, sondern von Größen überhaupt handeln und also der allgemeinen Größenlhre wesentlich angehören; z. B. der Satz, daß Gleiches zu Gleichem addiert gleiche Summen gibt, und dgl. Will man sich an diese Wortbestimmung halten; so begreift man bald, daß es nur äußerst wenige Wissenschaften gebe, die durchaus unabhängig sind; desgleichen, daß dieses nur solche sein können, deren wesentliche Lehren zu ihrem Beweis nur lauter solcher Vordersätze bedürfen, die zu derselben Gattung, wie sie selbst, gehören. Es läßt sich daher schon im Voraus vermuten, daß auch die Logik keine ganz unabhänigige Wissenschaft sein werde. Denn um die Richtigkeit der Regeln, die ihren wesentlichen Inhalt ausmachen, gehörig erweisen zu können, sind gewiß eine Menge von Vordersätzen nötig, die, weil sie selbst noch keine Regelns sind, nicht mehr zu ihrem wesentlichen Inhalt gezählt werden können. Vorausgesetzt also, daß es gewisse, schon für sich selbst behandelte Wissenschaften gibt, in welchen einige dieser Hilfssätze als daselbst wesentlich erscheinen, so werden wir sagen müssen, daß die Logik von diesen Wissenschaften abhängig sei. Um aber mit Bestimmtheit angeben zu können, wie viele dieser Hilfswissenschaften es für die unsrige gebe, müßte erst ganz außer Streit sein, wieviele andere Wissenschaften es neben der Logik gibt, und welche Grenzen eine jede hat. Ohne noch über das alles entscheiden zu wollen, kann ich bloß Folgendes sagen. Die Logik soll uns lehren, auf welche Art wir unsere Erkenntnisse in ein echt wissenschaftliches Ganzes vereinigen können; sie soll uns eben deshalb auch lehre, wie Wahrheit gefunden und Irrtum aufgedeckt werde usw. Das alles vermag sie nicht, ohne genaue Rücksicht zu nehmen auch auf die Art, wie gerade der menschliche Geist zu seinen Vorstellungen und Erkenntnissen gelange. Sie muß also notwendig Sätze, welche z. B. von unserer Vorstellungskraft, vom Gedächtnis, vom Vermögen der Assoziation der Ideen, von der Einbildungskraft usw. handeln, zum Beweis der Lehren und Regeln, welche sie gibt, aufnehmen. Nun haben wir aber bereits eine eigene für sich allein bestehende Wissenschaft, die empirische Psychologie, in welcher der Gegenstand, den diese Sätze betreffen, nämlich die menschliche Seele mit ihren Kräften, betrachtet wird. Daraus ergibt sich dann, daß die Logik, wenn sonst von keiner anderen Wissenschaft, wenigstens von der Psychologie abhängig sei; und somit auf den Ruhm einer ganz unabhängigen Wissenschaft ein für allemal Verzicht leisten müsse.
2) Von jener Wissenschaft dagegen, die Herr Professor KRUG Fundamentallehre genannt hat, möchte ich die Logik nicht abhängig machen. Denn diese Fundamentallehre soll (Fundamentalphilosophie Seite 33) "Untersuchungen über die philosophische Erkenntnis überhaupt anstellen, und dadurch die ersten Bedingungen und Bestandteile der Philosophie als Wissenschaft ausmitteln." Es soll also nach Herrn KRUG eigentlich zwei Gründe geben, weshalb die Logik von der Fundamentallehre abhängt: erstens, weil diese allen philosophischen Wissenschaften (damit auch der Logik) ihre Grenzen absteckt; und zweitens, weil sie auch die ersten Grundsätze aller dieser Wissenschaften vorträgt. Wegen des ersteren Grundes kann ich die Logik der Fundamentallehre begreiflicherweise nicht unterordnen, weil ich das Geschäft, den philosophischen, ja überhaupt allen Wissenschaften ihre Grenzen abzustecken, der Logik selbst anweise. Auch nenne ich nach der genaueren Wortbestimmung, die ich soeben aufgestellt habe, eine Wissenschaft von einer anderen dann noch nicht abhängig, wenn diese ihr bloß ihre Grenzen anweist, sondern nur dann erst, wenn sich die Lehren, die ihren Inhalt ausmachen, nicht ohne Beziehung auf gewisse Lehrsätze der andern dartun lassen. Der zweite Grund fällt für mich darum weg, weil ich (wie schon § 9, Anm. 5 erinnert wurde) glaube, daß eine Wissenschaft, welche die ersten Grundsätze aller andern umfassen soll, nicht eben sehr zweckmäßig wäre. Der Grund, denke ich, gehört zu dem Gebäude, das sich über ihn aufführen läßt; und eine Wissenschaft, welche nichts als die ersten Gründe aller andern umfassen wollte, käme mir ungefähr vor, wie ein Gebäude, das aus lauter Grundmauern, auf denen nichts aufgeführt ist, bestände.
Anmerkung: Noch einige andere Fragen, die in der Einleitung zur Logik hie und da abgehandelt werden, z. B. ob diese Wissenschaft als ein besonderer Zweig der Weltweisheit (Philosophie) angesehen werden dürfe, übergehe ich, teils weil sie nicht von so großer Wichtigkeit sind, teils auch weil ihre Behauptung mich zu weit abführen würde. So kann man die eben angedeutete Frage offenbar nur entscheiden, sofern man erst eine andere, überaus streitige Frage, nämlich was Philosophie selbst sei? als schon entschieden ansehen darf.
§ 14. Allgemeine und besondere Logik
Die Logik soll uns die Regeln angeben, nach denen wir bei der Bearbeitung der Wissenschaften vorzugehen haben. Nun läßt sich im Voraus erachten, daß es für eine jede einzelne Wissenschaft nach der besonderen Beschaffenheit derjenigen Gattung von Wahrheiten, die ihren Inhalt ausmachen sollen, auch einige, nur bei ihr stattfindende Regeln des Vorganges geben werde. Von der anderen Seite aber wird es, weil alle Wissenschaften, als solche, wieder gewisse gemeinschaftliche Beschaffenheiten haben, sicher auch mehrere Regeln geben, welche bei allen auf eine gleiche Art befolgt werden müssen. Trennt man nun diese von jenen; so gibt der Inbegriff der letzteren, d. h. der allgemein geltenden Regeln, die allgemeine; ein Inbegriff solcher Regeln dagegen, die nur für eine besondere Wissenschaft gehören, eine besondere Logik für diese Wissenschaft.
Das gegenwärtige Buch, ist nur der allgemeinen Logik gewidmet; aus der besonderen werde ich bloß zuweilen einige, vornehmlich solche Regeln herausheben, die nicht für eine einzige, sondern für eine ganze Gattung von Wissenschaften gelten.
Anmerkung. Der von KANT eingeführte Unterschied zwischen der gemeinen oder historischen und transzendentalen oder philosophischen Logik, wenn wir ihn so verstehen, wie er von E. REINHOLD, BACHMANN, KRAUSE u. a. erklärt worden ist, beträfe nicht sowohl die Wissenschaft ansich, als ihre bloße Darstellung. Die philosophische Logik wäre nichts anderes als eine Logik, die man recht wisenschaftlich vorträgt, darin man sich also bemüht, die Gesetze des Denkens nicht bloß aufzustellen, sondern auch ihre Gründe, so möglich, nachzuweisen.
§ 15. Plan des Vortrages der Logik
nach des Verfassers Ansicht
1) Die Logik soll meinem Begriff nach eine Wissenschaftslehre, d. h. eine Anweisung sein, wie man das ganze Gebiet der Wahrheit auf eine zweckmäßige Art in einzelne Teile oder Wissenschaften zerlegen, und eine jede derselben gehörig bearbeiten und schriftlich darstellen könne.
2) Diese ganze Anweisung würde uns offenbar überflüssig sein, wenn wir nicht die Geschicklichkeit hätten, und erst mit einer bedeutenden Menge von Wahrheiten, welche in diese oder jene Wissenschaften gehören, bekannt zu machen. Denn bevor wir uns nicht im Besitz eines beträchtlichen Vorrates von Wahrheiten befinden, kommt die Frage, in welche wissenschaftliche Fächer wir diese Wahrheiten einreihen, auf welche Weise, in welcher Ordnung und mit welchen Beweisen wir diejenigen derselben, welche in eine gewisse, voraus zu bearbeitende Wissenschaft gehören, in ihrem Lehrbuch vortragen sollen, zu früh. Da nun das Erstere, ich meine, die Auffindung gewisser Wahrheiten, kaum ein Geschäft von geringeren Schwierigkeiten sein dürfte, als das zuletzt Genannte, oder die Abteilung der schon gefundenen Wahrheiten in einzelne Wissenschaften und die Abfassung tauglicher für diese Wissenschaften bestimmter Lehrbücher: so wäre es gewiß ein Übelstand, wenn man uns nur zu diesem, und nicht auch zu jenem Geschäft eine eigene Anleitung gäbe. Solange man es also nicht für gut findet, uns diese Anleitung in einer eigenen für sich bestehenden Wissenschaft zu erteilen, wird es der Logik zukommen, uns diese Anleitung selbst zu erteilen. Bevor wir demnach die Regeln, die bei der Bildung und Bearbeitung der einzelnen Wissenschaften zu beobachten sind, d. h. die Regeln, welche den wesentlichen Inhalt der Logik ausmachen, zu lehren anfangen, wird es geziemend sein, erst in gedrängter Kürze die Regeln abzuhandeln, welche beim Geschäft des Nachdenkens befolgt sein wollen, so oft es die Auffindung gewisser Wahrheiten bezweckt. Wenn ich für denjenigen Teil meines Buches, in welchem die Regeln der ersten Art vorkommen, den Namen der eigentlichen Wissenschaftslehre aufspare; so wird dagegen der Teil, welcher die Regeln der zweiten Art liefert, nicht unschicklich den Namen einer Erfindungskunst oder Heuristik tragen können.
3) Allein leicht zu erachten ist es, daß nicht nur die Regeln der Erfindungskust, sondern auch jene der eigentlichen Wissenschaftslehre, nicht nur die Regeln, die bei der Aufsuchung einzelner Wahrheiten, sondern auch jene, die bei der Beurteilung derselben in bestimmte Wissenschaften und bei der schriftlichen Darstellung dieser letzteren beobachtet werden sollen, einem großen Teil nach von den Gesetzen abhängen, an welche die Erkenntnis der Wahrheit, wenn nicht bei allen Wesen, doch bei uns Menschen gebunden ist. Damit ich also mich in den Stand setze, jene Regeln auf eine Weise vorzutragen, dabei den Lesern auch ihre Richtigkeit und Notwendigkeit einleuchtend wird, werde ich erst gewisse Betrachtungen über die eigentümliche Natur des menschlichen Erkenntnisvermögens vorausschicken müssen. Weil nun in diesem Teil von den Bedingungen gehandelt wird, auf welchen die Erkennbarkeit der Wahrheit - insbesondere für uns Menschen - beruth; so sei es mir erlaubt, ihn mit dem kurzen Namen Erkenntnislehre oder dem noch bestimmteren: menschliche Erkenntnislehre zu bezeichnen.
4) Wenn aber die Regeln der Heuristik und Wissenschaftslehre von den Gesetzen abhängen, an welche die Erkennbarkeit der Wahrheit bei uns Menschen gebunden ist; so ist kein Zweifel, daß sie viel mehr noch von denjenigen Beschaffenheiten abhängen, welche den Sätzen und Wahrheiten ansich selbst zukommen. Ohne die mannigfaltigen Verhältnisse der Ableitbarkeit und der Abfolge, die zwischen Sätzen überhaupt stattfinden, kennengelernt zu haben; ohne je etwas gehört zu haben von jener ganz eigentümlichen Weise des Zusammenhangs, die zwischen Wahrheiten allein obwaltet, wenn sie sich wie Gründe und Folgen zueinander verhalten; ohne von den verschiedenen Arten der Vorstellungen, als jener nächsten Bestandteile, in welche die Sätze zerfallen, einige Kenntnis zu haben: ist man gewiß nicht imstande, die Regeln zu bestimmen, wie aus gegebenen Wahrheiten neue erkannt werden, wie die Wahrheit eines vorliegenden Satzes zu prüfen, wie zu beurteilen sei, ob er in diese oder jene Wissenschaft gehöre, in welcher Ordnung und in welcher Verbindung mit anderen Sätzen er in einem Lehrbuch aufgeführt werden müsse, wenn seine Wahrheit jedem recht einleuchtend werden soll usw. Es wird also nötig sein, daß ich auch von den Sätzen und Wahrheiten ansich gar manches vortrage, es wird erforderlich sein, erst von den Vorstellungen, als den Bestandteilen der Sätze, dann von den Sätzen selbst, dann von den wahren Sätzen, endlich auch von den Schlüssen oder den Sätzen, die ein Verhältnis der Ableitbarkeit aussagen, zu handeln. Ich werde diesen Teil meines Buches Elementarlehre nennen, weil ich hier ungefähr dieselben Gegenstände besprechen werde, die in den neueren Lehrbüchern der Logik unter dem Titel der Elementarlehre insgesamt verhandelt werden.
5) Da es jedoch nicht unmöglich wäre, daß einige meiner Leser sogar noch daran zweifelten, ob es auch überhaupt Wahrheiten an sich gebe, oder ob wenigstens uns Menschen ein Vermögen zustehe, dergleichen objektive Wahrheiten zu erkennen, so wird es nicht überflüssig sein, vor allem andern erst noch dieses darzutun, d. h. zu zeigen, daß es Wahrheiten ansich gibt und daß auch wir Menschen das Vermögen haben, wenigsten einige derselben zu erkennen. Um auch diesen Teil meines Buches mit einem eigenen Namen zu bezeichnen, wähle ich, - weil die hier vorkommenden Betrachtungen bei einem jeden Unterricht den Anfang machen können, ja sogar müssen, wo man nicht darauf rechnen darf, Leser zu finden, die mit denselben bereits bekannt, oder durch sonst einen anderen Umstand hinlänglich gesichert sind, nie in den Zustand eines alles umfassenden Zweifelns zu verfallen, - den Namen Fundamentallehre.
Demnach wird also der ganze folgende Vortrag in diese fünf, ihrem Umfang nach freilich nicht gleiche Teile zerfallen:
Erster Teil. Fundamentallehre, enthaltend den Beweis, daß es Wahrheiten ansich gebe, und daß wir Menschen auch die Fähigkeit, sie zu erkennen, haben.
Zweiter Teil. Elementarlehre, oder die Lehre von den Vorstellungen, Sätzen, wahren Sätzen und Schlüssen ansich.
Dritter Teil. Erkenntnislehre, oder von den Bedingungen, denen die Erkennbarkeit der Wahrheit, insbesondere bei uns Menschen, unterliegt.
Vierter Teil. Erfindungskunst, oder Regeln, die beim Geschäft des Nachdenkens zu beobachten sind, wenn die Erfindung der Wahrheit bezweckt wird.
Fünfter Teil. Eigentliche Wissenschaftslehre, oder Regeln, die bei der Zerlegung des gesamten Gebietes der Wahrheit in einzelne Wissenschaften und bei der Darstellung der letzteren in besonderen Lehrbüchern befolgt werden müssen.
Eine umständlichere Rechtfertigung dieses Planes, sowie die Angabe der Unterabteilungen, in welche jeder dieser Teile noch ferner zerlegt werden soll, wird im weiteren Verlauf vorkommen.
§ 16. Einiges über den Plan, der in den
wichtigsten neueren Lehrbüchern befolgt wird
1) Es würde mich zuweit abführen, und doch keinen beträchtlichen Nutzen gewähren, wenn ich alle die mannigfaltigen Pläne, die im Vortrag der Logik seit ARISTOTELES Zeiten versucht worden sind, auch nur nach ihrem gröberen Umriß darstellen und beurteilen wollte. Den Plan jedoch, den man zu jetziger Zeit beinahe allgemein befolgt, darf ich nicht billig mit Schweigen übergehen; ich muß ihn anführen, ihn mit dem meinigen vergleichen, und die Gründe angeben, die mich bestimmten, diese Verfahrensart teilweise zu verlassen. Seit der Erscheinung der kritischen Philosophie ist es nämlich, besonders in Deutschland, eine beinahe durchgängig herrschende Sitte geworden, eine beinahe durchgängig herrschende Sitte geworden, die sämtlichen Lehren der allgemeinen Logik unter zwei Hauptabteilungen zu bringen, die man gewöhnlich den reinen und angewandten oder auch wohl empirischen Teil dieser Wissenschaft nennt. (4) Im ersten verspricht man, bloß alle diejenigen Regeln der Logik vorzutragen, die sich nicht auf gewisse, nur aus der Erfahrung bekannte, oder nur bei uns Menschen vorhandene Bedingungen der Denk- und Erkennbarkeit gründen, sondern bei einem jeden denkenden Wesen, wie es auch übrigens immer beschaffen sein möchte, stattfinden müssen. Im zweiten Teil dagegen will man auf die nur bei uns Menschen obwaltenden Hindernisse sowohl, als auch Beförderungsmittel des richtigen Denkens achten. Den reinen Teil zerlegt man nun ferner in zwei Teile, welche gewöhnlich die Elementar- und die Methodenlehre, von Einigen auch Analytik und Synthetik genannt werden. In jenem werden die Akte des Denkens (Begriffe, Urteile und Schlüsse) im Einzelnen betrachtet, in diesem die Regeln angegeben, wie diese Akte verbunden werden müssen, um ein wissenschaftliches Ganzes der Erkenntnis zustande zu bringen.
2) Von diesem gegenwärtig so gewöhnlich gewordenen Plan weicht nun der meinige freilich nicht so beträchtlich ab, daß man die Lehren und Untersuchungen, die beiderseits denselben Gegenstand habe, gar nicht erkennen, oder an Orten, die ganz verkehrt liegen, antreffen sollte. Vielmehr, was in den neueren Lehrbücher unter der Überschrift: Elementarlehre, vorkommt, findet man größtenteils und in derselben Ordnung auch hier in dem Teil, dem ich denselben Namen gebe; und was die Methodenlehre beibringt, findet sich bei mir im letztenTil, oder der eigentliche Wissenschaftslehre; wie denn Einige, z. B. SCHULZE, jener Methodenlehre auch schon den Namen der Wissenschaftslehre erteilten. Gleichwohl darf ich es nicht verhehlen, daß ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen meinem und dem Plan anderer zuvörderst schon darin bestehe, daß ich von Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten ansich zu sprechen unternehme, während in allen bisherigen Lehrbüchern der Logik (soviele ich wenigstens kenne) von allen diesen Gegenständen nur als von (wirklichen oder doch möglichen) Erscheinungen im Gemüt eines denkenden Wesens, nur als von Denkweisen, gehandelt wird. Indem man nämlich sich anheischig macht, im ersten oder reinen Teil der Logik nur von denjenigen Bedingungen abzusehen, welche bloß bei uns Menschen stattfinden, gesteht man stillschweigend, daß man von jenen Gesetzen der Denkbarkeit, welcher für alle Wesen gelten, auch selbst in diesem Teil nicht abstrahieren wolle. Darum versteht man dann auch in Folge (wenigstens insofern, als man in Übereinstimmung mit seinen anfangs gegebenen Erklärungen bleibt) unter Vorstellungen und Begriffen nichts anderes, als Vorstellungen, die irgendein Wesen wirklich hat, oder doch haben könnte; unter Sätzen immer nur Urteile, die jemand fällt oder doch fällen könnte, und unter Wahrheiten endlich immer nur wirkliche oder doch mögliche Urteile, die wahr sind. Dieses Verfahren glaubte ich nun aus folgendem Grund nicht nachahmen zu dürfen. Vorausgesetzt, - was ich noch in der Folge darzutun hoffe, - daß es in der Tat objektive Wahrheiten gebe, daß diese in einer gewissen, von unserer Erkenntnis ganz unabhängigen Verbindung als Gründe und Folgen untereinander stehen, daß endlich auch wir Menschen imstande sind, wenigstens einige dieser Wahrheiten, wie auch jenen Zusammenhang, und noch so manche andere Beschaffenheiten derselben zu erkennen: so dürfte es sich doch wohl der Mühe verlohnen, daß man in irgendeiner von den verschiedenen Wissenschaften, die bereits eingeführt sind, von diesen Wahrheiten handle; daß man ihr Dasein erweise, ihre gemeinschaftlichen Beschaffenheiten, ihre merkwürdigsten Arten, vornehmlich aber die Natur jenes Zusammenhangs zwischen ihnen untersuche. Wo nun soll dieses schicklicher geschehen, als in der Logik, in derjenigen Wissenschaft, welche uns lehren muß, Wahrheiten aufzufinden, und die gefundenen in einer solchen Ordnung und Verbindung vorzutragen, wobei sie am leichtesten aufgefaßt und mit Überzeugung angenommen werden? Wer könnte zweifeln, daß es für die soeben genannten Zwecke der Logik in mehr als einer Hinsicht ersprießlich, ja notwendig sei, die allgemeinen Beschaffenheiten und die Natur des Zusammenhangs, der zwischen diesen Wahrheiten stattfindet, kennen zu lernen? Wenn aber die Logik uns diese Kenntnisse mitteilt, wenn sie das Dasein von Wahrheiten ansich erweist, ihre Beschaffenheiten und die Natur ihres Zusammenhangs beschreibt: so handelt sie in der Tat, solange sie diese Gegenstände behandelt, nur von Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten ansich. Wenn sie es gleichwohl nicht ausdrücklich sagt, daß sie das tue, d. h. daß sie hier nur von objektiven Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten spreche; wenn sie z. B. gleich anfangs erklärt, daß sie nur von den Gesetzen des Denkens allein sprechen, und somit keinen anderen Gegenstand als Gedanken, gedachte Sätze und erkannte Wahrheiten als ein Objekt ihrer Betrachtungen ansehen wolle: so veranlaßt sie ja den Wahn, daß alles, was sie von Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten lehrt, nur von subjektiven Vorstellungen, von Urteilen und Erkenntnissen gelte. Wenn sie gleich anfangs erklärt, daß sie Vorstellungen, Sätze und Wahrheiten immer nur als Erscheinungen (mögliche oder wirkliche) im Gemüt eines denkenden Wesens betrachten wolle, so kann sie uns unmöglich vom Zusammenhang, der zwischen Wahrheiten ansich stattfindet, einen gehörigen Begriff beibringen, sondern wir müssen diesen Zusammenhang notwendig mit dem Zusammenhang, der zwischen diesen Erkenntnissen herrscht, verwechseln. Findet es sich gleichwohl, daß man auch in den bisherigen Lehrbüchern der Logik zuweilen einen Unterschied zwischen dem objektiven Zusammenhang der Wahrheiten und dem subjektiven ihrer Erkenntnisse gemacht hat; so ist dieses eigentlich nur durch eine Art glücklicher Inkonsequenz geschehen, nur dadurch nämlich, daß man bei seiner einmal gegebenen Erklärung der Wahrheit, daß sie nur eine gewisse Beschaffenheit unserer Urteile wäre, nicht stehen blieb, sondern unvermerkt zu der Bedeutung überging, die der gewöhnliche Sprachgebrauch mit diesem Wort verbindet, in der es dasselbe bedeutet, was ich zur größeren Deutlichkeit die Wahrheit ansich nenne. Und wie, wenn man es bisher - wenn auch nie ausdrücklich gesagt - doch durch die Tat selbst, und durch so manche gelegentlich hingeworfenen Äußerungen vielfältig schon zu verstehen gegeben hätte, daß die Logik allerdings auch Begriffe, Sätze und Wahrheiten ansich zu betrachten habe? So ist es, wie mir deucht, wirklich geschehen. Oder, wie viele Lehren und Untersuchungen, welche in den organischen Schriften des ARISTOTELES, und seitdem in allen Lehrbüchern der Logik vorkommen, haben nicht offenbar bloß Sätze und Wahrheiten ansich zu ihrem Gegenstand! Die ganze Syllogistik, was ist sie anderes als eine Lehre von gewissen Verhältnissen, die zwischen Sätzen und Wahrheiten ansich herrschen? Oder wer sollte wohl die hier vorkommenden Sätze alle nur so auslegen, daß sie bloße Gesetze es Denkens, etwa nur für uns Menschen, oder zwar vielleicht auch für alle denkenden Wesen, aber doch immer nur für das Denken derselben, nicht für die Wahrheiten ansich wären? Wer sollte z. B. den Kanon, "daß sich aus zwei ganz verneinenden Prämissen keine Konklusion ergebe," nur so verstehen, daß aus zwei solchen Prämissen nun niemand etwas zu folgern vermöge; nicht aber so, daß aus solchen Prämissen an und für sich nichts folge? Hierher rechne ich auch, daß in solchen Lehrbüchern der Logik ein eigener, oft ziemlich langer Abschnitt: "Von der Wahrheit," vorkommt; ein Abschnitt, in welchem zwar oft nur von den subjektiven Bedingungen unserer Erkenntnis der Wahrheit die Rede ist, oft aber auch so manche, die Wahrheit an sich selbst betreffende Lehren entwickelt werden. Man sehe z. B. in LAMBERTs Organon den langen Abschnitt, die Aletheiologie überschrieben, besonders die §§ 171, 175, 223, 256 und andere mehr. Fast noch merkwürdiger ist die gelegentliche Erklärung, die wir in mehreren neueren Lehrbüchern der Logik antreffen, daß es nicht zwei einander völlig gleiche Begriffe gebe, und zwar aus dem Grund, weil dasjenige, was man so nennen möchte, ein und derselbe Begriff ansich, nur zweimal vorgestellt wäre. Aus dieser Äußerung geht ja deutlich hervor, daß jene Logiker (freilich im Widerspruch mit ihrer eigenen Erklärung) unter Begriffen nicht Gedanken, sondern den Stoff der Gedanken verstanden haben. Geziemt es aber der Logik, unter den Begriffen, von denen sie handelt, nicht bloß gedachte Begriffe, sondern Begriffe ansich zu verstehen, so geziemt es ihr noch mehr, bei Sätzen und Wahrheiten nicht immer nur an gedachte Sätze und erkannte Wahrheiten, sondern zuweilen auch an Sätze und Wahrheiten ansich zu denken, und auch von diesen zu handeln.
3) Doch es soll nicht geschehen sein, was hier sage; unsere Logiker sollen, ihrer zu Anfang gegebenen Erklärung getreu, in ihren Lehrbüchern unter den Worten Vorstellung, Begriff, Satz, Wahrheit usw. fortwährend nur Erscheinungen im Gemüt denkender Wesen verstanden haben; auch so noch wird sich, wie ich glaube, eine Zweckwidrigkeit in ihrem Verfahren nachweisen lassen. Indem man sich vornimmt, im ersten oder reinen Teil der Logik bloß von solchen Gesetzen des Denkens zu handeln, die für alle Wesen (auch für Gott selbst) gelten; stellt man sich (und nicht mit Unrecht) vor, daß diese Gesetze in einer gewissen Hinsicht keine anderen sind, als die Bedingungen der Wahrheit selbst; d. h. daß alles dasjenige, was nach einem für alle vernünftigen Wesen geltenden Denkgesetze als wahr angesehen werden muß, auch objektiv wahr sei, und umgekehrt. Eben darum aber ist es ganz überflüssig, daß man von diesen Gesetzen der Denkbarkeit spreche; da man statt ihrer nur von den Bedingungen der Wahrheit selbst handeln könnte. Frage ich ferner, woher wir es wissen, daß ein gewisses Gesetz ein für alle vernünftigen Wesen geltendes Denkgesetz sei, so zeigt sich, daß wie dies immer nur daher wissen (oder zu wissen glauben), weil wir einsehen (oder doch einzusehen glauben), daß dieses Gesetz eine für alle Wahrheiten selbst stattfindende Bedingung sei. So behaupten wir z. B., daß der Satz des Widerspruchs ein allgemeines und somit im reinen Teil der Logik zugehöriges Denkgesetz sei, bloß weil und inwiefern wir voraussetzen, daß dieser Satz eine Wahrheit ansich, und somit eine Bedingung, der alle anderen Wahrheiten gemäß sein müssen, enthalte. Erkennen wir nun, daß etwas ein allgemeingeltendes Denkgesetz sei, nur eben daraus, weil wir zuvor erkannt haben, daß es eine Wahrheit und ein Bedingungssagt für andere Wahrheiten sei; so ist es offenbar eine Verschiebung des rechten Gesichtspunktes, wenn man dort von den allgemeinen Gesetzen des Denkens zu handeln vorgibt, wo man im Grunde die allgemeinen Bedingungen der Wahrheit selbst aufstellt.
4) Allein von diesem Vorwurf scheinen diejenigen Logiker sich befreit zu haben, welche es ausdrücklich erklären, daß sie in ihrer ganzen Wissenschaft, auch selbst in demjenigen Teil derselben, den man den reinen nennt, von nichts anderem sprechen und sprechen wollen, als von den Gesetzen, an welche nur unser menschliches Denken allein gebunden ist. Durch eine solche Erklärung glauben sie einen besonderen Vorteil für ihre Wissenschaft gewonnen zu haben; weil sie zu ihrem Vortrag nun fortschreiten können, ohne erst nötig zu haben, die äußerst schwierige Frage zu untersuchen, ob die Gesetze, die unser Bewußtsein uns wenigstens als geltend für uns angibt, auch alle anderen Wesen betreffen, ja objektive Bedingungen der Wahrheiten ansich sind? Mir deucht dieses anders; ich glaube die Voraussetzung, daß wenigstens einige der Gesetze, an welche wir uns in unserem Denken gebunden finden, allgemeine in der Natur der Wahrheiten ansich gegründete Bedingungen sind, sei niemals ganz zu umgehen. Denn wie bloß subjektiv auch immer ein Logiker vorgehen mag, und wenn er z. B. auch selbst die beiden Grundsätze der Identität und des Widerspruch als bloß subjektive, nur für uns Menschen geltende Gesetze aufstellt: so erklärt er hiermit doch immer Etwas, jetzt nämlich den Umstand, "daß die genannten Gesetze uns Menschen wirklich binden," für eine Sache, die nicht bloß scheinen, sondern objektiv wahr sein soll. Er muß sich also doch immer die Fähigkeit zutrauen, wenigstens einige objektive Wahrheiten zu erkennen. Und ist es nun nicht sehr sonderbar, wenn man einerseits zugibt, daß die Behauptung, wir seien in unserem Denken an diese oder jene Gesetze gebunden, objektiv wahr wäre; und wenn man unter die Zahl dieser Gesetze (im angewandten Teil der Logik) selbst einige solche aufnimmt, deren Vorhandensein durch sehr verwickelte Erfahrungen dargetan werden muß (z. B. die Gesetze der Ideenverknüpfung): ist es nicht sonderbar, sage ich, von der anderen Seite dann gleichwohl doch ein Bedenken zu tragen, Sätze, wie folgende: Was ist, das ist - und was nicht ist, ist nicht, für etwas mehr, als für eine bloße Notwendigkeit unseres menschlichen Denkens, für objektiv wahr zu erklären?
5) Wenn ich es aber an der jetzt üblichen Weise des Vortrages tadle, daß man die Vorstellungen, Sätze und Wahrheiten nirgends in objektiver Hinsicht betrachte, so trifft dieser Tadel nur jene Abteilung der Logik, der man den Namen Elementarlehre zu geben pflegt. Der sogenannten Methodenlehre möchte ich gerade den entgegengesetzten Vorwurf machen, daß sie zuviel abstrahiere, wenn sie, nur stehen bleibend bei den für alle Wesen geltenden Denkgesetzen, ganz von demjenigen abgehen will, was bloß für uns Menschen gilt. In der Methodenlehre sollen bereits die Regeln angegeben werden, wie eine Wissenschaft oder vielmehr ein Lehrbuch derselben zustande komme. Ein Lehrbuch aber soll doch ein Buch sein, in welchem die zu einer bestimmten Wissenschaft gehörigen Wahrheiten gerade so durch Sprache dargestellt sind, wie es der Zweck der größten Faßlichkeit und Überzeugung nicht eben für jedes denkende Wesen (z. B. für Engel), wohl aber für uns Menschen erforderlich macht. Um also die Regeln, nach welchen man hier vorgehen soll, vollständig angeben zu können, muß man nicht bloß auf die bei allen Wesen obwaltenden Bedingungen des Denkens und Erkennens, sonder auch auf diejenigen achten, die nur bei uns Menschen stattfinden. Die Methodenlehre sollte daher, wie ich meine, nicht als ein Teil der reinen Logik betrachtet, sondern schon mit der angewandten oder empirischen Logik vereinigt, und den Lehren, die man in dieser bisher vortrug, nicht vorgesetzt werden, sondern (als ihre Anwendung) erst auf sie folgen. Dieser fehlerhaften Anwendung dürfte man es zum Teil zuzuschreiben haben, daß die Methodenlehre gewöhnlich eines so mageren Inhaltes ist, und daß verschiedene, nicht zu verachtende Regeln eines wissenschaftlichen Vortrags in unseren Lehrbüchern der Logik ganz übergangen werden. So urteilt auch schon Herr Professor BACHMANN in seinem "System der Logik" (Vorrede Seite IX). Gleichwohl ward auch schon in den bisherigen Vortrag der Methodenlehre einiges aufgenommen, was bei einer ganz folgenrechten Durchführung jenes Planes hier keinen Platz würde gefunden haben. Von dieser Art ist z. B. die ganze Lehre von den Erklärungen (Namen- und Sacherklärungen usw.); denn solche Erklärungen sind ja doch offenbar nicht für ein jedes denkende Wesen, sondern höchstens bei einem solchen Vortrag nötig, der sich für Wesen schicken soll, die, wie wir Menschen, manche dunkle Vorstellungen haben, und sich zu ihrem Denken der Zeichen bedienen.
Anmerkung: HEGEL teilte die Logik bekanntlich in zwei Teile, deren der erst das Sein, der zweite das Denken befassen sollte. Auch RITTER (Abriss der philosophische Logik, Seite 9) will, daß die Logik (die philosophische, d. h. echt wissenschaftliche) nebst den Gesetzen des Denkens auch jene des Seins bespreche. Dürfte man nicht sagen, dieses sei nur das Extrem, wohin die Einseitigkeit, die man in der Behandlung der Logik nach der bisherigen Weise beging, geführt habe? Man mochte fühlen, daß es doch wirklich zuwenig sei für eine Wissenschaftslehre, sich zu keiner höheren Ansicht als zur Betrachtung der Gesetze, an welche nur unser Denken gebunden ist, erheben zu wollen. Allein statt fortzuschreiten zu dem, was das Nächsthöhere ist, zu den Sätzen und Wahrheiten ansich, insofern als die Betrachtung ihrer allgemeinen Beschaffenheiten und Verhältnisse Vorschriften für die Bearbeitung an die Hand geben kann, verstieg man sich bis zu den Gesetzen der Dinge überhaupt, oder (weil man doch alle Dinge für etwas Seiendes hielt) des Seins. Diese Verwirrung ( denn dafür sehe ich dieses Verfahren an) trat umso leichter ein, da der Begriff der Wahrheiten ansich in unserer Zeit beinahe ganz in Vergessenheit geraten ist, und mit dem Begriff des Ansich-Seienden verwechselt wird.
LITERATUR - Bernard Bolzano, Wissenschaftslehre I, Versuch einer ausführlichen und größtenteils neuen Darstellung der Logik mit steter Rücksicht auf deren bisherige Vorarbeiter, Sulzbach 1857
1) Bei dem Wort Organon denkt man sich ja doch ein Werkzeug oder Mittel, wodurch, nicht aber einen Stoff oder eine Materie, aus der etwas gebildet werden soll. Wenn man die Logik die Materie oder den Stoff aller Wissenschaften genannt hätte; dann wäre KANTs Beschuldigung, wie ich glaube, am rechten Ort gewesen. So dachte auch schon PLATNER (Philosophische Aphorismen I, Seite 21, Anm.)
2) Dasselbe behauptet auch wieder BACHMANN, System der Logik, Seite 22
3) Was HEGEL (in seiner Wissenschaftslehre der Logik, Einleitung Seite III, IX und XIII) und auch BACHMANN (Logik, § 19) gegen diese Benennung vorbringen, scheint gleichwohl nur diesem Mißverständnis zu gelten.
4) Einige, wie Herr Professor LANGE, verstehen unter der angewandten Logik, was Andere die spezielle nennen.

References: § 8
 § 1
 § 7
 § 1

§ 9
 § 7

§ 10

§ 11

§ 12
 § 62
 § 8
 § 9

§ 13
 § 37
 § 8
 § 1
 § 9

§ 14

§ 15

§ 16
 § 19