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Plenarvorträge 1959 — Sächsische Akademie der Wissenschaften
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Plenarvorträge 1959
Vortrag am 7.12.1959
Gitteraufbau und Katalyse bei der Gasentschwefelung
Aus der Praxis der trockenen Gasentschwefelung ist bekannt, daß die verschiedenen Reinigungsmassen unterschiedliche Wirksamkeit gegenüber H2S-haltigem Leuchtgas zeigen. Insbesondere ist die „künstliche Lux- oder Lauta-Masse“ in ihrem Reinigungseffekt dem natürlichen Raseneisenerz eindeutig überlegen. Für dieses Verhalten findet man in der Literatur sehr verschiedene, z.T. widersprechende Erklärungen.
Auf Grund dieser Tatsachen haben wir bei unseren Untersuchungen den Vorgang der trockenen Gasentschwefelung sowohl vom chemischen als auch katalytischen Standpunkt aus betrachtet. Wir haben auf Grund dieser Anschauung die von Raney bisher nur für Metalle angewandte Herstellung von oberflächenaktiven Katalysatoren auf oxydische Systeme übertragen. Dabei erschien es für unsere Untersuchungen zweckmäßig, Skelettkontakte aus Natriumferrit-Natriumaluminat-Mischkristallen zu verwenden, da diese Verbindungen auch beim halbtrockenen Bauxitaufschluß eine Rolle spielen. Die durch Absorptionsmessungen an den Skeletten gewonnenen Ergebnisse zeigten dann auch, daß die Verhältnisse bei der Herstellung der Lux-Masse jenen Verfahrensweisen analog sind, die der Gewinnung von Raney-Kontakten entsprechen. Es besteht also die Möglichkeit, die hohe Aktivität der Lux-Masse als eine Folge der durch die Skelettstruktur bedingten Aktivierung aufzufassen. Daraus würde sich nun eine viel zwanglosere und einfachere Erklärung für die unterschiedliche Wirksamkeit künstlicher und natürlicher Massen ergeben.
Die röntgenographischen Untersuchungen der Lux-Masse und der aus den Mischkristallen gewonnenen Skelette zeigten, daß es sich um nahezu amorphe, stark gittergestörte Produkte handelt. Wir verwendeten deshalb zu unseren weiteren Arbeiten a- und y-Hydroxyde als Modellsubstanzen. Geht man außerdem von der Voraussetzung aus, daß der aktive Zustand zumindest vom strukturellen Aufbau mitbestimmt wird, so ist es naheliegend, die Verhältnisse in der kleinsten Struktureinheit, der Elementarzelle, röntgengenographisch näher zu charakterisieren. Vergleicht man dabei den Verlauf der gemessenen Gitterkonstanten mit den entsprechenden Absorptionskurven, so erkennt man eine auffallende Übereinstimmung dieser Meßgrößen. Liegen Gitterschrumpfungen vor, so zeigen die Präparate gute Entschwefelungseigenschaften, während bei Gitterdehnungen ein geringeres Reaktionsvermögen gegenüber H2S zu beobachten ist. Für die ebenfalls von uns gemessenen Gitterstörungen und Teilchengrößen trifft ein solcher Gleichlauf nur sehr bedingt zu. Außerdem wirkt Alkali einer Versäuerung der Massen infolge Schwefeloxydation zu Sulfat entgegen. Man hat also hierin eine Erklärung für die Tatsache, daß man in der Praxis in der Lage ist, Reinigungsmassen durch NH3-Wasser wiederzubeleben. Spielt außerdem, wie wir einwandfrei feststellen konnten, das Vorhandensein von HS´-Ionen bei der Beschwefelung eisenhaltiger Massen eine Rolle, so muß sich auch ein Einfluß des Wassergehaltes der Kontakte auf die Absorptionsfähigkeit ergeben. An Hand entsprechender Untersuchungen läßt sich dieser Zusammenhang auch messen. Die Ergebnisse zeigen deutlich, daß das Wasser in günstigen Fällen die Absorptionsfähigkeit beträchtlich erhöhen kann.
Bei der Wirkung, die die Oberfläche auf das Reaktionsvermögen der Präparate ausübt, liegen die Verhältnisse ähnlich wie bei den Gitterstörungen. Eine große Oberfläche wird sich zwar im allgemeinen günstig auf die Reaktionsfähigkeit auswirken, aber ein direkter Zusammenhang zwischen beiden Größen besteht nicht. Faßt man die Ergebnisse zusammen, so kommt man in bezug auf die Verwendbarkeit eisenhaltiger Gasentschwefelungsmassen zu folgender Anschauung: Um die vorhandenen günstigen strukturellen Eigenschaften von Gasreinigungsmassen voll auszunutzen, muß durch genügend Wasser und Alkali dafür gesorgt werden, daß sich die für die Reaktion nötigen HS´-Ionen bilden können. Eine große Oberfläche unterstützt diese Bestrebungen, da sie auftretende Transportphänomene positiv beeinflussen kann.
Beziehungen zwischen Platon, Isokrates, Xenophon
Den athenischen Philosophen Sokrates, der nichts geschrieben hat, kennen wir durch seine Jünger Platon und Xenophon. Xenophon bringt eine gewisse Ergänzung zu Platon, aber der Xenophontische Sokrates verhält sich zum Platonischen wie Xenophon zu Platon. Dafür läßt Platon seinen Sokrates in den zahlreichen von ihm verfaßten Dialogen manches sagen, was ausschließlich platonisch ist, z.B. die Ideenlehre. Über das gleiche Thema sprechend, bringen beide ihren großen Meister nur einmal, und zwar über die Liebe, in ihren Symposien.
Die beiden „Gelage“ stehen sich sehr nahe, gemeinsam sind ihnen folgende Motive: Eros als großer Dämon, zwei Aphroditen und zwei Erotes, d.h. die sinnliche Pandemos und die seelische himmlische, Pausanias als Liebhaber des Dichters Agathon und Lobredner der Knabenerotik, Päderastenheere der Thebaner und Elier, Stellung der Spartaner zur Knabenliebe, Achilleus und Patroklos als Liebespaar. Der eine Autor muß den andern vor sich gehabt haben. Aber wer wen? Diese Prioritätsfrage ist verschieden beurteilt worden. Xenophon hielten für den Früheren Boeckh, Hug, Rettig, Schöne, Hopffner, Wimmel; Platon für den Früheren K. F. Hermann, Schanz, v. Wilamowitz, v. Arnim, Körte, Pohlenz, Martin, Bruns, Gemoll, Geffcken. Es ist äußerst unwahrscheinlich, daß Platon „Xenophontische Anregungen ausgebaut, sublimiert und vertieft“ haben sollte (so Wimmel, Gymnasium 64, 1957).
Im einzelnen z.B. Xenophon VIII § 9 etwas unwirsch: „Ob es eine Aphrodite gibt oder zwei, Urania und Pandemos, weiß ich nicht. Denn auch Zeus, der derselbe zu sein scheint, hat viele Beinamen“ kritisiert sichtlich eine Zweiteilung, die ihm schon vorliegt und mit der er nicht viel anfangen kann. Soll nun Platon auf Grund dieser Xenophonstelle seinen Pausanias p. 180 die Entdeckung von zwei Aphroditen, die eine die Tochter des Uranos, die andere die Tochter des Zeus und der Dione, mühsam haben zustande bringen lassen? Oder Xenophon VIII § 32: Pausanias, der Liebhaber des Dichters Agathon, hat gesagt, ein aus παιδιϰά und ἐρασταί bestehendes Heer werde auch am stärksten sein, so dächten die Thebaner und Eleer (wogegen Xenophon § 35 einwendet, die Lakedaimonier trennten derartige Pärchen und machten sie gerade dadurch zu guten Soldaten). Da genau dies von Pausanias im Platonsymposion p. 182 b und unmittelbar vorher von Phaidros p. 178 e gesagt wird, so zitiert eben Xenophon mit dieser Stelle nicht etwa eine sonst verlorene Schrift irgendeines Pausanias „Über die Liebe“, sondern den Pausanias als Gesprächsperson im Symposion des Platon.
So ist Platon bei Xenophon außer Memorab. VII 6,1 noch ein zweites Mal (versteckt) erwähnt umgekehrt Xenophon bei Platon nie. Daß es schöner und höher ist, jemanden wegen seiner Seele als wegen des jugendlichen Körpers zu lieben, das erfährt Sokrates in Platons Symposion p. 209 von Diotima, und daß dabei die herrlichsten geistigen Zeugungen stattfinden. Beweise: Homers und Hesiods Dichtungen, Lykurgs und Solons Gesetze. Bei Xenophon hat Sokrates schon vergessen, woher er das hat, und bringt in seiner Mahnrede nichts von Homer, Hesiod, Lykurgos, sondern hält sich mehr an parainetische Motive, die dem Fassungsvermögen des schönen Knaben Autolykos näher liegen, wie politischen und Heldenruhm, Herakles, Dioskuren, Freundespaare.
In Diotimas Rede bei Platon wird Zuneigung eines älteren Freundes zu einem Knaben oder Jüngling unter der Voraussetzung, daß sie ohne sinnliche Note ist, rein idealistisch gefeiert. In Erinnerung an diese Stelle ist in der französischen Renaissance die seelische Liebe eines Schüchternen amour platonique getauft worden.
Bei Xenophon VIII sind aber auch die konkreten Vorteile solchen reinen, eventuell auch pädagogischen Interesses hervorgehoben. § 13 ff.: „Unter denen, die nach dem Leib verlangen, tadeln viele und hassen Art und Verhalten der Geliebten. Die Blüte der Jugendschönheit welkt und damit auch die φιλία. Beim Genuß der Körperschönheit stellt sich ϰόρος ein, wie wenn man sich etwas übergegessen hat.“ § 19: „Warum sollte der Knabe den, der an dem Leibe hängt, wiederlieben? Der hat ihn ja nur gekauft wie eine Ware auf dem Markt.“ § 21: „Der Knabe nimmt ja auch nicht teil gleich dem Weibe an den Freuden des Liebesgenusses, sondern nüchtern schaut er den von Aphrodite Berauschten.“ § 22: „Daraus entsteht Verachtung gegenüber dem Liebhaber.“ § 23: „Dieser naht sich dem Knaben mit der Zeit wie ein Bettler“. § 27. Davon steht in Platons Symposion nichts.
Um so realistischer aber in Platons Dialog „Phaidros“. Dort wird p. 231 e–242 e eine Rede des Lysias über die Liebe von Phaidros dem Sokrates vorgelesen und dann von beiden erörtert. Diese Rede will als sophistisches Paradoxon beweisen, daß ein Knabe, der einen Partner, Gönner, Patron sucht, nur einen Nichtliebenden suchen soll, aber ja keinen, der ihn der Schönheit wegen liebt. Denn das bringe nur Konfliktstoffe und Peinlichkeiten. Phaidros ist von dem Lysiasschen Opus ganz hingerissen, und Sokrates geht ihm zu Ehren auch zunächst darauf ein, dann aber schlägt ihm das Gewissen, und er bereut seine eben gesprochenen gegenüber dem Gott Eros schamlos lästerliehen Sätze. Dem darauf folgenden Widerruf dient dann ein Lob des schöpferischen Wahns. Verstand sei nicht alles. Der Wahn, die μανία steht hinter aller Weissagung und auch hinter der dichterischen Inspiration.
Die Seele, ihre Unsterblichkeit, die 3 Seelenteile werden erörtert. Irgendwann sieht die Seele den großen Cortège der Götter vorbeiziehen und schaut so die höchste, reinste Schönheit an sich. Die Erinnerung an dieses Metaerlebnis rekriminiert beim Erblicken eines schönen Knaben. Damit sind wir bei der Asthetik angelangt. p. 259 Frage: Hat die Fähigkeit des guten Schreibens etwas mit all dem zu tun, ferner die Dialektik p. 266?
Die Prominenten der Literatur werden durchgegangen, Literaturtheorie angestrebt, das Schreiben überhaupt angezweifelt (Theutgeschichte). Schließlich kommt noch eine Huldigung an den aufsteigenden Stern Isokrates p. 279. Daß Xenophon im Sympos. Kap. VIII die seelische Liebe mitsamt den Vorbehalten der Lysiasrede aus Platons Phaidros in das Ideal des gutbürgerlichen Liebeslebens, wie es ihm vorschwebt, einbauen will, ist klar. Dann eilt Kap. 9 zum Schluß. Die Gäste des reichen Kallias bekommen noch eine kleine Voyeurfreude serviert, einen erotischen Nacktpantomimos von Teenagers und reiten darob befeuert und beschleunigt heim zu ihren harrenden Gattinnen. So hat nach Xenophon Liebe auszusehen und nicht zu so abwegigen Verstiegenheiten zu führen wie bei Platon. Damit ist dem Platonischen Phaidros ein evidenter Terminus ante quem gesetzt: vor dem Symposion des Xenophon. Dieses kann nicht lange nach dem Gelage des Platon verfaßt worden sein, Xenophons Zurechtrückung der Platonischen Erotik hätte sonst keinen Spitz, keine Pointe und kein Interesse mehr gehabt. Platons Symposion liegt auf 385 oder bald darnach fest und Xenophons Symposion auch nicht nach 379, denn schon da hatte das boiotische Paiderastenheer, der ἱερὸς λόχος des Pelopidas, den Spartanern so mitgespielt, daß VIII § 35 nicht mehr geschrieben werden konnte.
Ein Buch, das vor 379 schon da war, kann nicht erst 350 verfaßt sein. Dahin ungefähr hat Regenbogen vor einiger Zeit1 den Phaidros datiert. Sein Heranziehen von Spätwerken wie Nomoi, Philebos, Timaios zur Interpretation des Phaidros ist nunmehr dahin umzustellen, daß dort immer an den 30 Jahre älteren Phaidros angeklungen werden sollte. Aber manches ist auch fragwürdig, z.B. Phaidros p. 245 sei der Start zum Beweis, daß die Seele unsterblich sei, unverständlich. Wieso? Erlaubt R. Platon nicht die einfachsten Gedankengänge wie: nur die Seele trägt das Leben, Leben ist Bewegung, Ruhe der Tod? R. meint, man versteht das erst wenn man die in den Nomoi Buch X p. 893ff. gegebene sehr breite Darlegung dieses Sachverhaltes gelesen hat, der Phaidros müsse daher aus der Zeit der Nomoi stammen. Nach dieser Logik müssen wir künftig auch die Erzählungen über Prometheus bei Hesiod in die Zeit des Aischylos um 460 setzen. Solche radikale Herunterdatierung des Phaidros ist nun widerlegt, aber es war dem greisen Platon um 350 jederzeit unbenommen, seinen Dialog Phaidros von etwa 380 zu zitieren oder anklingen zu lassen.
Was den Schluß des Phaidros betrifft, wo Sokrates von dem jungen Isokrates das Größte erhofft, weil er Sinn für Philosophie habe, so liegt hier eine Konstante in beider Leben vor. Isokrates wie Platon hatten um 390 beide ihre Schulen in Athen eröffnet. Was in der dazu gehörigen Programmschrift des Isokrates ϰατὰ τῶν σοφιστῶν wie Stiche gegen Platon aussieht, scheint nichts derartiges zu sein, jedenfalls hat Platon in den häufigen Ausfällen gegen die Rhetorik nie Isokrates angegriffen. Man kann sehen, daß die Hoffnung Platons am Schluß des Phaidros, Isokrates werde noch zur Philosophie hinfinden, bei diesem auf fruchtbaren Boden gefallen ist, er hat in der Rede über den Vermögenstausch sein Leben und Schicksal mit dem des Sokrates verglichen (30–32) und huldigt Platon durch Anwendung der Sokratischen Dialogform ebd. 140–166 und Panathenaikos 266–272. Besonders an der letztgenannten Stelle hat der Übergang vom Ich zum Wir in dem Testament des 98jährigen, der damit vom Leitmotiv seines Lebens Sparta-Erbfeind abläßt, etwas vom Übergang zum Chorsatz in der IX., wenigstens wenn man ihn wie Richard Wagner interpretiert.
1 Miscellanea academica Berolinensia II,1, Berlin 1950, 198–219
Vortrag zur gemeinsamen Sitzung am 14.11.1959
Schiller und Böhmen (Erweiterung des in der phil.-hist. Klasse am 26.1.1959 gehaltenen Vortrages)
Während von Goethes Reiseerlebnissen vieles bekannt ist und über jeden bedeutenderen Tag ausreichend Informationen vorliegen, ist von Schillers Tagen in Böhmen die Spur weithin wie weggefegt. Um so notwendiger ist es, daß die wenigen Angaben der Überlieferung, die einander noch zum Teil widersprechen, einmal kritisch geprüft und in Ordnung gebracht werden. Die von einigen Autoren bis in die Gegenwart kolportierte Mär, wonach der kranke Dichter von Karlsbad aus einen Abstecher nach Prag, Nachod und Dux unternommen hätte, ist eine Erfindung des Schriftstellers Alfred Meißner. Wenn Schiller in seinem oft mißdeuteten Distichon auf den Gesundbrunnen zu Karlsbad einen Mangel an Geschmack beklagt, meint er wohl den literarischen Geschmack in den Kreisen des damaligen Bürgertums. Die Schätze der Volkspoesie, die von dem künstlerischen Geschmack des Volkes zeugen, waren damals noch nicht gehoben. Weder in Karlsbad noch in Eger, das er wohl gelegentlich auf seiner Rückreise besuchte, hatte Schiller einen kundigen Führer zur Seite, der ihn so zu instruieren vermochte, wie später Goethe durch den Bohemisten Dobrovsky und durch Rat Grüner unterrichtet wurde. So folgt er dann in Einzelheiten den Verwechslungen anderer, wenn er die zwei letzten Akte seines Wallensteindramas zu Eger in „des Bürgermeisters Hause“ spielen läßt und wenn er dem Bürgermeister den Namen Pachhälbel verleiht. Das Haus, in welchem der Feldherr 1634 ermordet wurde, war damals noch nicht Rathaus, und es amtierte 1634 in Eger kein Bürgermeister Pachhälbel.
Die Anschauungen von böhmischer Geschichte, die Schiller in seinem Drama durch den Mund des Kellermeisters und Wallensteins selbst äußert, gewann er aus der ihm zugänglich gewordenen Literatur, insbesondere auch aus dem Buche, das er im September 1796 durch Vermittlung Goethes aus der Weimarer Bibliothek erhielt: aus der „Kurzgefaßten Geschichte der Böhmen“ von Franz Martin Pelzel, einem tschechischen Historiker und patriotischen Aufklärer. Im ganzen jedoch bleibt erstaunlich, wie Schiller ohne eigentliche Quellenstudien und ohne die Methoden der exakten Forschung der neueren Zeit mit genialer Eingebung die wesentlichen Triebkräfte des großen Geschehens erahnte und in packender Weise gestaltete. Dabei zeichnet der Dichter den kaiserlichen Generalissimus überzeugender, als es die Geschichtsschreiber konnten. Aus Schillers Drama ist nicht nur die Tragik des Feldherrn vernehmbar, sondern auch das Raunen des geknechteten Volkes und die Tradition des Hussitentums. Geschichte eines Landes, das für viele terra incognita war, wird in Schillers Dramatisierung zu einem nie verhallenden Ruf an alle.
Vortrag am 19.10.1959
Albert Fromme (Dresden), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse
Professor für Chirurgie und Rektor der medizinischen Akademie Dresden, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 13. Februar 1950.
Die Funktionen des Bindegewebsorgans (Mesenchyms) in physiologischer und pathologischer Hinsicht und die Beziehungen zur Geschwulstentstehung
Der Vortrag stellt eine Fortsetzung der Vorträge vom 7.5.1951 „Die Bedeutung der Entwicklungsgeschichte, insbesondere des Mesenchyms für die Klinik“, veröffentlicht in den Berichten der math.-nat. Kl. d. Sächs. Akad. d. Wiss. zu Leipzig, Bd. 99. H. 4. und eines am 12.10.1953 gehaltenen, bisher ungedruckten Vortrages „Ober die Gegensätzlichkeit zwischen Zellteilung und Funktion (Petersches Gesetz) und die Auswirkungen auf unser klinisches Denken“ dar. Dieser Vortrag erscheint in Kürze in derselben Schriftenreihe. Zunächst wird unter Hinweis auf die schweren Folgen einer Eiweißvergiftung, auch von eigenem Eiweiß, das ohne Infektion endogen im Körper gebildet werden kann, auf das Crush-Syndrom Bezug genommen und ein Fall angeführt, bei dem es nach einer kleinen orthopädischen Operation in Äthernarkose und unter Blutleere in einer Orthopädischen Klinik zum Schocktode kam. Die Abnahme der v. Esmarchschen Blutleerbinde war im Drange der Arbeit zunächst unterblieben, so daß sie an einem Bein fast 3 Stunden liegen blieb. Am 6. Tage erfolgte der Tod in einem plötzlichen Kollaps bei einer sonst gesunden 39jährigen Patientin. Die Sektion (Chefarzt Dr. Scheid, Pathologisches Institut Friedrichstadt) zeigte die Symptome des Crush: Nekrose von Teilen der Oberschenkelmuskulatur, die nekrotischen Teile waren blaß und sahen wie Fischfleisch aus und eine sogenannte CrushNiere, die zum Versiegen der Urinabsonderung geführt hatte. Nach heutiger Auffassung ist das schwere Krankheitsbild des Crush eine Folge von Veränderungen des Eiweißstoffwechsels, die zu einer Störung der Blutmorphologie, der Blutgerinnung, der Serumproteine, Veränderungen des Elektrolyt- und Wasserhaushaltes, der Nierenfunktion etc. als Folge einer Vergiftung durch artfremd gewordenen eigenen Eiweißes führen. Auch dem Nervensystem kommt eine gewisse Rolle zu. Die Auswirkungen sind deshalb so schwerwiegend, weil sich die Vorgänge im gesamten mesenchymalen Gewebe abspielen, diesem im Innern des Körpers vorhandenen, erhebliche Prozente des Gesamtkörpers ausmachenden Gewebe. Dieses findet sich auch in allen parenchymatösen Organen als „Keimzentren“ und ist der Träger der dauernden Regeneration des Körpers (Ausnahme: Zentralnervensystem). Das mesenchymale Organ wird in der sowjetischen Literatur auch als Gewebe des inneren Mediums bezeichnet. Da es stets im Verborgenen bleibt und durch eine epitheliale Schutzhülle gegen die Außenwelt abgeschlossen ist, ist dieses Abwehrorgan des Körpers nicht nur gegenüber jeder von außen oder innen kommenden Infektion, sondern auch gegen die Ausbildung von Geschwülsten außerordentlich empfindlich; denn es besteht aus embryonalen Zellen mit außerordentlicher Lebens- und Regenerationskraft. Das mesenchymale Organ ist als eine Einheit aufzufassen. Durch Infektion von außen kann es nur nach Schädigung der Epitheldecke oder von kleinen Wundflächen in Rachen-Nasenhöhle oder Nase erreicht werden, auch durch die übrigen Verbindungen des Körpers mit der Außenwelt. z.B. Urogenitalsystem, da hier an vielen Stellen die epitheliale Schutzhülle in eine endotheliale Schutzhülle (mesenchymale Bildung) übergeht. Jeder Infekt und jede Schädigung, z.B. durch Gifte, auch kanzerogene Stoffe, bedingen Reaktionen des gesamten Mesenchyms. Das Crush-Syndrom wird auch unter der Gesamtbezeichnung „Autolyse-Krankheiten“ geführt. – Erinnerungen an die Verhältnisse bei der Verbrennung. Das mesenchymale Organ ist normalerweise an der Eiweißverdauung beteiligt: parenterale Verdauung. Erinnerung an die alten Untersuchungen von Metschnikoff und seiner Schule, Aschoff und seiner Schule. Schittenhelm und seiner Schule usw.
Da zum mesenchymalen Organ die Kupfferschen Sternzellen der Leber, das subkutane Bindegewebe und vieles anderes, vor allem aber die rein mesenchymal entstandene Nebennierenrinde gehört, können alle Erscheinungen – entsprechend den Versuchen von Selve – häufig sehr akut auftreten (Adaptationssyndrom). Eine chronische Schädigung wird regelmäßig bedingt, wenn eine Speicherung von Fremdstoffen in den mesenchymalen Zellen stattfindet (Aufnahme mit dem zu verdauenden Eiweiß, vergl. Untersuchungen von Jancsö). Diese chronischen Schädigungen durch Stapelung resp. Speicherung geben die Grundlage für eine Schwächung der Abwehr ab. Daher stärkere Neigung zu Infektionen und zur Ausbildung von Tumoren. Da auch falsche Ernährung (denaturierte Nahrungsmittel) zu einer Schwächung der Abwehr führt, werden hierdurch die sogenannten Zivilisationskrankheiten erklärt. Die gleichen Schädigungen treten nach Röntgenbestrahlungen, durch Cortisonpräparate, durch Gifte und Farbstoffe auf, ebenso nach großen Operationen, bei denen durch Abbindungen unernährtes Gewebe zurückbleibt (Postoperative Krankheit Lériche). Auf die Gefahren für die gesamte zivilisierte Welt wird hingewiesen.
In dem Vortrag wird versucht, eine geistige Entwicklungsgeschichte der Goetheschen Lyrik zu geben. Diese gliedert sich in drei von einander sehr verschiedene Stufen: die ganz persönliche, voritalienische Lyrik, die überpersönliche Lyrik der klassischen Zeit, die Zeit von Goethes dritter Jugend, wie sie vor allem im West-östlichen Divan zum Ausdruck kommt.
Die erste dieser Stufen ist vorzugsweise und zunächst Liebeslyrik, die als Anakreontik beginnt, zu den Sesenheimer Liedern emporsteigt, um mit den tiefsinnigen Gedichten an eine verheiratete Frau der Hofgesellschaft, die das Ewig-Weibliche repräsentiert, ein vorläufiges Ende zu finden. Indessen ist das nur die eine Hälfte von Goethes Sturm-und-Drang-Lyrik, die sogleich von den so ganz anders gearteten, aus dem Geiste Pindars und Klopstocks geborenen sturmatmenden „Rhapsodien“ überflutet wird, in denen das „Geniegefühl“ sowie der Lebensglaube Goethes nach Ausdruck sucht. Sie sind das Sinnbild des Genius auf der vollen Götterhöhe seiner strahlenden Jugend. Doch bald schon folgen die Gedichte einer ernsten Einkehr: Ilmenau, Grenzen der Menschheit, das Göttliche, vor allem aber die erste Fassung des Mondliedes: „Selig, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt … “ Kurz darauf erfolgt die erste große Wendung, die Goethes Lyrik genommen hat und die mit den Römischen Elegien, also einer völlig anders gearteten Form von Gedichten beginnt, die nicht mehr lyrischen, sondern episch-epigrammarischen Charakter hat. Auch sie scheinbar noch Liebeslyrik, aber einer ganz anderen Art von Liebe, die auch eine ganz andere Art von Lebensgesinnung atmet. Der Zustand der Sehnsucht hat aufgehört, er ist in dem klassischen Zustand der Erfüllung untergegangen, und die Gedichte verlieren eine Zeitlang ganz den persönlichen Charakter, wofür als Beispiel besonders die klassischen Balladen gelten können. Man meint, daß Goethes Lyrik damit am natürlichen Ende ihrer Bahn angekommen sei. Erst jetzt aber bereitet sich das große Wunder von Goethes Geistesgeschichte vor: das Erwachen zu einer dritten Jugend – in Gestalt eines neuen Liederfrühlings, dessen großes Denkmal der in den Jahren 1814/15 entstandene Westöstliche Divan ist. In ihm zieht Goethe sich aus der verworrenen Welt der Gegenwart in das Phantasiereim des Morgenlandes, d.h. das Ewig-Menschliche, zurück. Infolgedessen ist der Höhepunkt des Divans ein neuer Liebesfrühling, mit dem dieser zum Höhepunkt von Goethes gesamter Liebeslyrik wird. Der Divan insgesamt aber ist der Durchbruch des alten Goethe zu einem neuen Dichtertum, mit dem dieses endlich zur vollen Höhe der ihm eingeborenen Idee gelangt: zu einem religiösen Dichterturn und einer religiösen Dichtung – aber einer von jeder dogmatischen Gebundenheit vollkommen freien und über alle Religionen erhabenen Religiosität. Und wie die Welt der kultische Gegenstand dieser Religion, ist dieser Kultus selbst nichts anderes als die Dichtung, die für den Divandichter den Charakter des Gottesdienstes gewinnt. Sie wird zu jenem „irdischen Vergnügen in Gott“, das in ganz anderem Sinne schon der alte Brockes gepriesen hatte.
Vortrag am 14.9.1959
Die Rolle des Schicksals in der ägyptischen Religion
Der Ursprung des ägyptischen Schicksalsglaubens liegt im Dunkeln, doch darf er versuchsweise mit der Welt der vorgöttlichen „Mächte“ in Verbindung gebracht werden. In historischer Zeit findet er sich der Sache nach bereits im AR, wenn auch die Begriffe erst in der 18. Dyn. aufzukommen scheinen. Seine älteste zur Zeit greifbare Form ist die Determinierung von Wesen und Charakter (Lehre des Ptahhotep). Ihr nahe verwandt ist die des Berufes (Lehre des Cheti, MR). Doch auch über das Schicksal im engeren Sinne von Geschehnissen werden Aussagen gemacht, lange bevor die entsprechenden Begriffe nachgewiesen werden können. So wird der katastrophale Zusammenbruch des AR auf eine Bestimmung der mythischen Frühzeit zurückgeführt (Mahnworte des Ipu-Wer). In anderen Fällen wird nicht von Vorausbestimmung, wohl aber von Vorauswissen und Voraussagen geredet. Das geschieht bei außerordentlichen oder negativen Ereignissen in den Mahnworten, der Lehre für Merikare, der Weissagung des Neferti, der Erzählung von Schiffbrüchigen. Es betrifft aber ebenso Fakten, die in der Ordnung und von positivem Werte sind (Bestimmung eines Königs zu seinem Amte, besondere Qualifikation eines einzelnen Herrschers). Das fragliche Material rückt stets das Moment der Zeit in den Blickpunkt, in deren Dimension sich Geschichte und Menschenleben abspielen. Destination stellt sich teilweise als Prädestination dar usw. Darum muß nach der Bindung der Zeit an einen höheren Willen gefragt werden; es zeigt sich, daß es die Gottheit ist, die die Zeit in Händen hat (Weisheitslehren und Hymnen).
In der 18. Dyn. tritt das von dem šj „festsetzen“, „bestimmen“ abgeleitete Begriffspaar š’ · w – š’. jt in Erscheinung. Die Belege häufen sich mit der Amarnazeit, und es ist anzunehmen, daß der Schicksalsglaube damals aus der Volksreligion aufstieg und literarisch wie theologisch verfestigt wurde. Die fraglichen Begriffe haben primär einen zeitlichen Aspekt und beziehen sich zunächst auf die Festsetzung der Lebenszeit, damit zugleich aber auf das Todesgeschick einschließlich der Todesart. Offenbar haben sowohl š’ · w wie š’ · jt passivischen Sinn („Bestimmung“ bzw. „Bestimmtes“), denn sie zeigen sich in aller Regel von einem logischen Subjekt abhängig. Dieses logische Subjekt sind die Götter, die demnach in Ägypten als Herren des Schicksals erscheinen. Das bleibt so bis zum Ausgang der ägyptischen Geschichte, und noch in griechischen und lateinischen Zeugnissen wird die Macht ägyptischer Gottheiten (Sarapis, Isis) über das Schicksal gepriesen. Damit steht Ägypten an der Seite Vorderasiens gegen die griechische Position, in der das Schicksal den Göttern auf einer eigenen Ebene gegenübertritt und an Macht ständig zunimmt. Anderseits gleicht die ägyptische Grundkonzeption des Schicksals als einer Bestimmung der Lebenszeit und Festsetzung des Todes der griechischen, der es um die gleichen Dinge geht.
Vortrag am 4.5.1959
Franz Hein (Jena), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse
Professor für anorganische Chemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 7. Mai 1951.
Über neuere Entwicklungen in der Chemie des Chroms
Nach der Wandlung der Auffassung über den Bau der Chromorganoverbindungen, derzufolge diese nicht Metallorganoverbindungen im üblichen Sinn, sondern Aromatenkomplexe darstellen, erhob sich die Frage nach dem Entstehungsweg bei der Einwirkung von Grignardreagenz auf Chromchlorid. Zur Aufklärung mit Lithiumohenyl unternommene Versuche führten zur Isolierung eines Komplexes des echten Triphenylchroms, nämlich des (C6H5)3 Cr · 3 LiC6H5 · 2,5 Ae, womit die primäre Bildung regelrechter Chromorganoverbindungen bei der Entstehung der Aromatenkomplexe sehr wahrscheinlich geworden war (Fr. Hein und Ri. Weiss). Inzwischen veröffentlichte Versuche von H. H. Zeiss und W. Herwig bestätigten diese Auffassung, denn sie erhielten durch Grignardierung in Tetrahydrofuran das (C6H5)3 Cr · 3 THF, das leicht auf noch unbekannte Weise in die Aromatenkomplexe übergeht. Überraschend ist die Reaktion des Li3Cr(C6H5)6 mit mol. H2, wobei ohne Erwärmen in rascher Reaktion (C6H5)3Cr · LiH(LiC6H5)2Lyc.Li3Cr2 H3(C6H5)6 gebildet wird. Einwirkung von Al(C6H5)3 auf CrCl3 führte zur Entstehung des C6H5CrCl2 · 3 THF (E. Kurras). Die am [Cr(Dipy)3]J2 erstmalig mit G. Bähr beoachtete und zur Entdeckung der Chrom(I)-Komplexe leitende Valenzdisproportionierung von Chrom(II)-Verbindungen (Fr. Hein und S. Herzog) regte zu weiteren diesbezüglichen Studien (mit G. Herzog) an. Dabei ergab sich eine merkwürdige Abhängigkeit vom Medium und Anion.
Die Verhältnisse beim Chrom(II)-Acetat wurden durch S. Herzog untersucht, dem es mit Cl. Renner gelang, daraus mit Dipyridyl das Cr°(Dipy)3 zu gewinnen, das ein Gegenstück zum Cr°(CNC6H5)6 darstellt, welches Malatesta ebenfalls aus Chrom(II)-Acetat mit C6H5NC erhielt. Chrom(II)-Halogenide reagieren mit aromatischen Isonitrilen ohne Disproportionierung. Es entstehen Komplexe X2Cr(CNAr)4 die z.T. sehr luftbeständig sind und beim Erhitzen in X2Cr (CNAr)2 übergehen. Anlagerung von Halogen liefert u.a. auch Chrom(IV)-Komplexe wie Br/Cr(CNAr)4 mit koordinativ 8-zähligem Chrom (Fr. Hein und W. Kleinwächter).
König Johann von Sachsen 1801–1873
Die 1958 im Druck erschienenen Lebenserinnerungen Johanns geben Anlaß zu Betrachtungen zu vier Problemen:
1. Die Frage nach dem Nationalgefühl Johanns. Ist das nationale Empfinden älteren Datums und ist es dynastisch begründet oder wird es unter den Zeiteinflüssen der Jahrhundertwende (Ausstrahlung der Französischen Revolution und der Wirksamkeit Napoleons in Mitteleuropa) erst eigentlich geweckt, bildet das Beispiel König Friedrich Augusts I. ein Vorbild für die sich bildenden Anschauungen des jungen Prinzen.
2. In welchem Sinne nimmt Johann an der Erörterung der nationalen Frage in Deutschland und speziell in Sachsen über die Verfassungskrise von 1831 teil.
3. Wie steht Johann zur parteipolitischen Entwicklung in Deutschland, besonders in Sachsen. Reformkatholizismus und Lichtfreunde als politische Zeiterscheinungen. Johanns Parteinahme in den Kammerverhandlungen und seine aktive Bundespolitik. Übernahme des Königtums und Verhältnis zu Beust auf dem Wege von 1849 über 1854 zu 1866.
4. Johanns Verhältnis zu den Lösungsversuchen der deutschen Frage, insbesondere zu Bismarck. Sachsens Weg durch den Konflikt von 1866 zur Entstehung des Norddeutschen Bundes und zur Gründung des Deutschen Reiches. Unterschied der Ideale Johanns für die Lösung der deutschen Frage von den Ergebnissen Bismarcks, Verhältnis der Dynastien Preußens und Sachsens zueinander. Bismarck und Johann. Ausklang des Lebens Johanns nach der Reichsgründung.
Festvortrag zur Öffentlichen Sitzung am 18. April 1959
Anpassung, Vererbung und Evolution
Die Frage der Anpassung der Organismen an die Umwelt hat in der „Philosophie zoologique“ von Lamarck (1809) und in der „Entstehung der Arten“ von Darwin (1859) eine wichtige Rolle bei der Erörterung der Evolutionsfragen gespielt. Auch heute wird noch lebhaft über die Ursamen der Anpassung debattiert, wenn auch auf einer gehobeneren Ebene die sich die Wissenschaft unserer Tage durch zähe Spezialforschung erobert hat.
Man kann Anpassungserscheinungen in drei Gruppen einordnen: Die erste Gruppe umfaßt die aktiven regulatorischen Erscheinungen, d.h. Umformungen, die das Einzelindividuum befähigen, mit den sich verändernden Umweltbedingungen besser fertig zu werden. Solche als Modifikationen bezeichneten Anpassungen zeigen, daß dem betreffenden Organismus eine breite Reaktionsfähigkeit zuzusprechen ist. Erblich ist nicht die jeweilige Anpassungsform, sondern die Fähigkeit zur plastischen Reaktion auf Umweltveränderungen. Als zweite Gruppe seien „pseudo-exogene“ Anpassungen besprochen und an Beispielen veranschaulicht. Hier reagiert der Organismus nur noch teilweise, z.T. sogar nur scheinbar auf äußere Einwirkungen. Die Zweckmäßigkeit der Form und der Funktionsbefähigung ist in Wirklichkeit ererbt. Dadurch wird das Individuum zum großen Teil oder ganz unabhängig von den Umwelteinflüssen. Pseudoexogene Anpassungen verführen, sie im Neo-Lamarckistisehen Sinn als Vererbung erworbener Eigenschaften zu deuten. Nähere Einsicht zeigt, daß noch kein Beweis dafür vorliegt, daß ein Merkmal auf dem Wege individueller Anpassung erblich geworden ist. Zu der dritten Gruppe gehören Anpassungen, die kurz als „geographische Anpassungen“, „Schutzfärbungen“ etc. zusammengefaßt werden. Sie sind sicher kein Produkt einer aktiven physiologischen Anpassung des Individuums an seine Umgebung. Man zweifelt wenig daran, daß sie durch die Wirkung der Auslese zustande gekommen sind.
Eine umfassende Erklärung der eben skizzierten Anpassungserscheinungen unter den Gesichtspunkten der heutigen Genetik kann im Rahmen dieses Vortrages nicht gegeben werden. Es soll dafür an einem Sonderfall, an den Anpassungserscheinungen der Mikroorganismen, erörtert werden, wie die Genetiker heute zu ihren Schlußfolgerungen gelangen. Dieses Thema dürfte auch deswegen von allgemeinerem Interesse sein weil wir dabei erfahren, wie sich z.B. Bakterien an Antibiotika anpassen. Nach einigen einführenden Worten über die Biogenetik der Mikroorganismen wird die sogenannte „enzymatische Adaptation“ besprochen. Als Beispiel wird die Gewöhnung von Hefe an eine ungewöhnliche Zuckerart (Galactose) im Nährsubstrat gewählt. Die Hefezelle „lernt“ unter bestimmten Bedingungen, das Ferment „Galactosidase“ zu produzieren, verliert freilich diese Fähigkeit rasch, wenn sie in normale Nährlösungen zurückgebracht wird.
Wichtiger ist die Fähigkeit der Mikroorganismen, sich mutativ-selektionistisch anzupassen. Besonders viel wurde begreiflicherweise über die für uns unerwünschte Anpassung von Bakterien an Antibiotika gearbeitet. Es stellte sich heraus, daß unter den zahllosen Bakterien, die sich auf einer Agar-Kultur-Platte entwickeln, immer einige wenige Mutanten existieren, die durch Penicillin, Streptomycin usw. nicht vernichtet werden, wie die Mehrzahl der „normalen“, nicht mutierten Bakterien. Durch die Antibiotika und andere Bakteriengifte werden also aus der Masse der Zellen erblich resistente Stämme herausselektioniert. Im Gegensatz zu der phänotypischen Anpassung ist die Anpassung durch eine selektionierte Mutation erbbeständig und daher von höherem Wert für den Evolutionsvorgang. Die Anpassung der Mikroorganismen an abweichende Lebensbedingungen läßt uns erkennen, wie groß die Bedeutung ist, die auch heute noch der von Darwin aufgestellten Selektionstheorie zukommt.
Vortrag am 9.3.1959
Max Bürger (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse
Professor für Pathologie und Therapie Hirnforschung an der Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 16. Januar 1950.
Sexualdifferente Biomorphose des Menschen
Unter Biomorphose versteht der Vortragende alle Wandlungen des menschlichen Körpers von der Konzeption bis zum physiologisdien Tode unter Hinweis auf die Heraklitische Vorstellung des Panta rhei. Nach einleitenden Vorbemerkungen über die längere Lebensdauer des weiblichen Geschlechts im Tierreich und die Tatsache, daß bei manchen Insekten, z.B. bei der Gottesanbeterheuschrecke und gewissen Spinnen, die männlichen Individuen von den Weibchen nach Erfüllung ihrer sexuellen Aufgabe verspeist werden, werden die Einrichtungen erörtert, welche die Lebensdauer der Tiere und des Menschen begrenzen. Sicher spielt dabei die Organisation der Vielzelligen eine Rolle, denn entnimmt man ihnen Gewebe, so lassen sich diese Explantate lange über die Lebensdauer des Spenders hinaus in Kulturen züchten. Am Menschen lassen sich die Alternsvorgänge am überzeugendsten an den kapillarfreien, bradytrophen Geweben studieren. Sie verdichten sich mit zunehmendem Alter und dienen als Schlackenfänger. Das gilt auch für die Gefäße. Die mittlere Lebensdauer der Frau beträgt gegenwärtig 75 Jahre und die des Mannes 71. Die besondere Struktur der weiblichen Zellen wird an ihren Drumsticks erkannt, welche als Kernanhangsgebilde außer beim Menschen auch bei bestimmten Tieren gefunden werden. Sie sind ein zuverlässiges zelluläres Determinativ des weiblichen Geschlechts. Der Vortragende berichtet über geschlechtsdifferente Funktionen der Hand, der Muskulatur, der Lungen und der Bestleistungen der Sportler, die bereits nach 22 Jahren beim 100-m-Lauf abnehmen. Auch der Sauerstoffverbrauch beim Treppensteigen ist geschlechtsunterschiedlich. Es folgen chemische Sexualdifferenzen in der Organzusammensetzung und der Funktion des Herzens, der Lunge und der Gefäße. Auch das menschliche Gehirn zeigt chemische Sexualdifferenzen. Schließlich wird eine Hypothese über die lebensbegrenzenden Vorgänge an den Kapillaren entwickelt, die mit zunehmendem Alter sich laufend verdichten, was mit der Landis- und der manuvolumetrischen Methode wahrscheinlich gemacht wird. Auch das Isotop Na24 passiert die Kapillarmembran mit zunehmendem Alter immer langsamer. Die Kapillarverdichtung wird mit einer Filterverstopfung ihres Grundhäutchens verglichen. Der physiologische Tod ist ein Hirntod: Der Rezeptorenapparat der Höchstbetagten, sein Gesicht, Gehör, Geschmack, Gefühl versagt allmählich seine Dienste. Dem Effektorenapparat kommen daher keine Befehle mehr zu. Der alte Mensch stirbt nicht, sondern hört auf zu leben.
Eine Apologie des sunnitischen Islam aus dem X. Jahrhundert
Der Asch’arit al-Bāqillānī gest. 1013 n. Chr., bisher vornehmlich durch sein Buch über die Unnachahmlichkeit des Koran bekannt, hat in seinem neuerdings zweimal veröffentlichten Kitāb at-tamhīd eine Apologie des sunnitischen Islam geschrieben, die den Lesern auf alle Einwände, die ihnen in Diskussionen mit Gegnern der sunnitischen Orthodoxie und des Bagdader Abbaaidenkalifats gemacht werden können, die im Sinne der asch’aritischen Theologie korrekte Antwort erteilt. Deswegen wählt der Verf. für seine Ausführungen gewöhnlich die Form von Frage und Antwort (z.B. gleich in § 5 „Wenn einer fragt, wie wir das Wissen definieren, so antworten wir“ usw.). Nach einer kurzen Einleitung über die Grundbegriffe der scholastischen Methode wendet sich Bāqillānī zunächst gegen die Gottesleugner, also die Naturphilosophen und Astrologen, dann gegen die Dualisten, die Gut und Böse als Urprinzipien anerkennen, sowie gegen die Christen und deren Trinitätslehre und rechtfertigt darauf die Prophetie Muhammeds gegen ihre Leugner. Im zweiten, den islamischen Sekten gewidmeten Teil widerlegt B. zunächst den Anthropomorphismus der Altgläubigen, sodann ausführlich den Rationalismus der Mu’taziliten und schließt mit der Lehre vom Imamat, wobei er vor allem die Schiiten befehdet.
Die Ausgabe von M. al-Khodeiry und Abū Rīda, Cairo 1947, beruht auf einer Pariser Handschrift, die eine große Lücke aufweist. Diese Textlücke wird in der von P. J. McCarthy besorgten Neuausgabe (Beyrouth 1957) auf Grund von zwei Stambuler Hss. geschlossen. Dafür ist in ihr der Schlußteil absichtlich ausgelassen, weil der Hrsg. nicht erkannt hat, daß bei der engen Verflechtung von Religion und Politik im Islam die Lehre vom Imamat ein wesentlicher Bestandteil des theologischen Systems ist.
Vortrag am 23.2.1959
Zur Biochemie der Spurenmetalle
Eine Reihe von Metallen sind in kleinster Menge für das Gedeihen von Tier und Pflanze unentbehrlich. Es handelt sich vor allem um Eisen, Kupfer, Magnesium, Mangan, Zink, Kobalt und Molybdän. Man bezeichnet diese Metalle als Spurenmetalle oder auch als „anorganische Vitamine“. Man weiß heute mit Sicherheit, daß die Spurenmetalle deshalb von den Organismen benötigt werden, weil sie zum Aufbau von Fermenten dienen. Otto Warburg hat vor etwa 30 Jahren zum ersten Mal gezeigt, daß Eisen einen wesentlichen Bestandteil seines Atmungsfermentes ausmacht. Später hat man auch in zahlreichen Apofermenten wirksame Metallionen gefunden, und zwar gerade diejenigen, die auch als Spurenmetalle bekannt sind. Je nach der Festigkeit, mit der die Metallionen gebunden sind, unterscheidet man Metallenzyme von Enzym-Metall-Komplexen. Der Vortragende beschrieb seine Versuche, die er gemeinsam mit K. A. Müller und K. Lange angestellt hat, um durch Dialyse gegen Metallsalz- und Phosphatpuffer-Lösungen den Metallgehalt der Schweineleber-Esterase festzustellen. Die Esterase wird durch die Austauschdialyse gegen Phosphatpuffer-Metallsalzlösungen inaktiviert, nur Kobalt, Nickel und Silber erhalten die Aktivität. Danach ist wahrscheinlich das Kobalt das enzymeigene Metall. Nach derselben Methode wurde der Zinkgehalt der Alkohol-Dehydrogenase bestätigt. Es wird darauf hingewiesen, daß es für die Medizin von Bedeutung sein könnte, den Metallbedarf normaler und pathogener Zellen und Gewebe quantitativ festzustellen. Auch werden Modellversuche mit Chelaten des Kobalts und Zinks beschrieben, die eine Koordinationslücke enthalten und dadurch katalytisch besonders aktiv sind.
Ausgehend von zwei Briefstellen Ciceros, in denen ,αὐϑεντιϰῶς narrare, nuntiare‘ genau in der heutigen Bedeutung von ,authentisch erzählen, berichten‘ begegnet, wird die Bedeutungsgeschichte des Substantivs αὐϑέντης entwickelt, von dem das Adjektiv αὐϑεντιϰός abgeleitet ist, um am Schluß wieder zum Adjektiv zurückzukehren. Die Bedeutungsgeschichte des Substantivs ist sachlich und zeitlich gespalten. Das Wort bedeutet ,Verwandtenmörder‘ im 5. Jh. v.Chr., weitaus überwiegend in der attischen Tragödie, in Verflachung zuletzt allgemein ,Mörder‘, und ist in dieser Bedeutung nur in diesem Jh. und etwas darüber hinaus in wirklich lebendigem Gebrauch, um erst in der attizistischen Literatur der Kaiserzeit repristiniert zu werden. Von der hellenistischen Zeit an, aus der das Belegmaterial spärlich ist, und in der Koine der Kaiserzeit erscheint das Wort in den zwei eine Grundbedeutung repräsentierenden Hauptbedeutungsrichtungen ,Urheber‘ und ,Herr(scher)‘, in welch letzterer Bedeutung es im neugr. ἀφέντης und im Türkischen in der Entlehnung ,Efendi‘ fortlebt. Die wahrscheinlichste Erklärung dieses merkwürdigen Tatbestandes ist die, daß in αὐϑέντης zwei Wörter ganz verschiedener Herkunft eine und dieselbe Form gewonnen haben: einerseits αὐτο-ϑέν-της, mit Silbendissimilation αὐϑέν-της, der (einen) der ihm Angehörigen erschlägt, ϑείνω (er)schlage). Zusammensetzungen mit αὐτός in reflexiver (und reziproker) Bedeutung werden in einem späteren Abschnitt des Vortrages nach der grammatischen Seite erörtert – und andrerseits αὐτο-hέν-της ,der selbst vollbringt‘ (Wz. *hεν-, attisch ἀνύω ai. sanómi, bestätigt durch συνέντης, antik erklärt mit συνεργός ,Mittäter‘). Aus dieser letzteren so gut wie allgemein angenommenen Etymologie leiten sich die Bedeutungen ,Urheber‘ und ,Herr(scher)“ ohne weiteres ab; die übliche Weise, auch die Bedeutung ,Mörder‘ als Spezialbedeutung ebendaher abzuleiten, mit Unterstützung der Analogie von αὐτόχειρ ,wo die eigene Hand dabei ist‘, öfter geradezu ,Mörder“, ist nicht unmöglich, aber nicht eigentlich überzeugend.
Die Entfaltung der Bedeutungen ,Urheber‘ und ,Herr(scher)‘ hat Wichtiges hervorgebracht. Besonders ist daraus zu betonen, daß am ,Urheber“ der Begriff der Verantwortlichkeit hervortritt. So bezeichnet in Urkunden der Kaiserzeit αὐϑέντης den dauernd in einer Stellung Verantwortlichen, den verantwortlichen Beamten, mit und ohne Titel, im ersten Fall also in adjektivischem Gebrauch. Aὐϑέντης ist aber auch und zuerst der verantwortliche Urheber einer geschehenen Tat.
An dieser Entfaltung haben auch die Ableitungen von αὐϑέντης teil, vor allem das Adjektiv αὐϑεντιϰός, womit die Rückkehr zum Ausgangspunkt erreicht ist. Aὐϑεντιϰός ist alles, was von αὐϑέντης als dem verantwortlichen Urheber ausgeht, und damit sind wir im Bereich des Authentischen im Sinn des uns geläufigen Fremdworts. Aὐϑεντιϰά sind Schriftstücke aller Art im Gegensatz zur Abschrift, sind Nachrichten, schriftlich oder mündlich übermittelt, die auf einen verantwortliehen Urheber zurückgehen. In allem dem klingt der Begriff des Echten und Wahren an, und so ist z.B. der authentische Name der echte, wahre, eigentliche: der αὐϑέντης ist dabei nicht der verantwortliche Urheber, sondern der Herr über die Sache.
Vortrag am 26.1.1959
Indienreise eines Kinderarztes
1957 wurden auf Einladung der indischen Regierung 3 Monate in Indien Vorlesungen abgehalten, Aussprachen mit indischen Kinderärzten herbeigeführt und dem Ministerium für Gesundheitswesen eine Kritik der Beobachtungen erstattet. Besucht wurden Trivandrum, Heiderabad, Madras, Bombay und New Delhi. Das 1947 selbständig gewordene Indien hat etwa 370 Millionen Einwohner mit etwa 150 Millionen Kindern. Die Säuglingssterblichkeit beträgt nach der amtlichen Statistik 12 %, nach Angabe der befragten Sachverständigen könnte sie bei 17 % liegen. Die rasche Bevölkerungszunahme, in 10 Jahren etwa 40 Millionen, stellt die Regierung vor schwierigste Aufgaben in der Ernährung der Bevölkerung. Nur etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung Indiens kann sich satt essen, ein Zustand, der noch nicht als Hungersnot bezeichnet wird. Das häufigste Leiden der Kinder ist die Unterernährung (Malnutrition). Viele indische Familien können täglich nur eine Mahlzeit zu sich nehmen. So ist die asketische Gestalt Mahatma Gandhis so recht ein Sinnbild des indischen Volkes. Es gibt in Indien etwa 50 Kinderärzte, z.T. im Auslande ausgebildet, die aber nicht alle in ihrer Tätigkeit auf Kinder beschränkt sind. Zum Vergleich sei bemerkt, daß es dort etwa 400 Augenärzte gibt. Seit 1947 ist die indische Regierung mit großem Eifer bestrebt, die gesundheitliche Lage des Volkes zu bessern. Sie hat eine Reihe neuer Medical Colleges und Kinderkrankenhäuser errichtet und bemüht sich, durch Aufklärung der Mütter die gesundheitliche Lage der Kinder zu bessern. Alles in allem hat sie eine große Aufgabe vor sich, die sie aber erkannt und angegriffen hat.
Schiller und Böhmen
Fand Goethe in seinem „lieben Böhmen“ durch viele Jahre „Genuß und Unterricht“, heitere Geselligkeit und aufmerksame Huldigung, so war Schillers einmaliges Kommen nach Karlsbad von einem qualvollen Leiden bestimmt. Die Reise des Sommers 1791 war keine Erholungsreise, sie war Transport eines Schwerkranken, ja eines Totgesagten. Und in diesem Jahre 1791, als nach ärztlichem Urteil die Pathologie begann, der Schillers Willensstärke noch durch vierzehn Jahre tapfersten Widerstand leistete, keimte im Dichter der Plan zu dem großen Trauerspiel, zum „Wallenstein“.
Im übrigen ist es beschämend, wie wenig Zuverlässiges uns über Schillers Kuraufenthalt überliefert wird. Wie über des Dichters verschollenen Manuskripten, so waltet auch über biographischen Einzelheiten ein rätselhaftes Fatum.
Wiewohl Schillers Beziehungen zu Böhmen bei weitem nicht in solchem Maße durch persönliches Erleben fundiert erscheinen wie die Goethes, möchte man doch nicht voreilig der Behauptung beipflichten, daß sie weniger tiefgehend gewesen wären. Gewiß entbehrte Schiller der vielfältigen Anschauungen, die Goethe von Land und Leuten auf seinen ausgedehnten Wanderungen und in Gesprächen mit Angehörigen aller gesellschaftlichen Klassen gewann. Gewiß war es Schiller nicht mehr vergönnt, sich an den Blüten der Poesie zu erfreuen, die im Frühling der nationalen Wiedergeburt Goethe noch begrüßen konnte.
Und dennoch: Beschäftigte sich Goethe in Eger mit der Nachdichtung eines anmutigen Liebesliedes aus der „Königinhofer Handschrift“, so stieß Schiller hier aufs tiefste in schicksalsschwere böhmische Geschichte, in ungelöste Geheimnisse um Wallensteins Untergang, in dunkle und ruhelose Fluten, die weiterbrandeten durch Jahrhunderte. Allerdings: Wie Schiller schon als Historiker auch Dichter und insbesondere Dramatiker blieb, wovon die Studie zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges zeugt, so leistete umgekehrt der Dichter und Dramatiker, der mit einem umfangreichen historischen Sujet rang, auch Historikerarbeit. Mag Schiller aus seiner protestantischen Sicht die „Glaubensverbesserung“ auch überschätzen in seiner Bewertung des Böhmischen Aufstandes, der 1618 zum Fanal des Dreißigjährigen Krieges wurde, trifft er das Wesentliche. Sympathien bekundet Schiller dem Hussitentum und zwar entsprechend der Mentalität tschechischer Patrioten der Aufklärungsepoche.
Geschichte Böhmens, von Schiller auf die Bühne gestellt, ist Geschichte der Menschheit. Schillers Anteilnahme für Böhmen verbündet sich mit seiner Anteilnahme für alle Menschen, die einer verpflichtenden Sache das letzte Opfer zu bringen bereit sind.

References: § 9
 § 32
 § 35
 § 13
 § 19
 § 21
 § 22
 § 23
 § 27
 § 35
 § 5