Source: http://m.hensche.de/Jahressonderzahlung_TV-L_bei_befristeten_Arbeitsvertraegen_mit_Unterbrechungen_im_Jahresverlauf_LAG_Duesseldorf_17Sa732-11_u.html
Timestamp: 2018-03-19 12:51:17+00:00

Document:
Schlag­worte: Jahressonderzahlung, Befristung: Jahressonderzahlung
Akten­zeichen: 17 Sa 732/11
Ent­scheid­ungs­datum: 25.10.2011
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Essen, Urteil vom 19.05.2011, 3 Ca 404/11
Nachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.12.2012, 10 AZR 923/11
3 Ca 404/11
Verkündet am 25. Ok­to­ber 2011
Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte An­sor­ge u.a.,
Hu­e­s­traße 5, 44787 Bo­chum,
das Land Nord­rhein-West­fa­len, ver­tre­ten durch das Lan­des­amt für Be­sol­dung und Ver­sor­gung NW, Jo­hann­s­traße 35, 40474 Düssel­dorf,
Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte Schenz & Part­ner,
Wie­sen­s­traße W21, 40549 Düssel­dorf,
hat die 17. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 25.10.2011
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Jan­sen als Vor­sit­zen­den so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Koch und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Frey
Auf die Be­ru­fung des be­klag­ten Lan­des wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Es­sen vom 19.05.2011 – 3 Ca 404/11 – ab­geändert:
Die Par­tei­en strei­ten über die Höhe der Jah­res­son­der­zah­lung für das Ka­len­der­jahr 2010.
Der Kläger war mit Un­ter­bre­chun­gen vom 17.08.2009 bis zum 31.01.2011 auf­grund drei­er be­fris­te­ter Verträge für das be­klag­te Land an ei­ner Es­se­ner Schu­le als Lehr­kraft zu ei­nem mo­nat­li­chen Brut­to­ge­halt von 2.730,22 € tätig. Der letz­te Ver­trag be­gann am 27.09.2010 und en­de­te am 31.01.2011. Der vor­her­ge­hen­de be­fris­te­te Ar­beits­ver­trag hat­te ei­ne Lauf­zeit von 01.02.2010 bis zum 15.08.2010.
Auf das Ar­beits­verhält­nis fand auf­grund ar­beits­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­me im Ar­beits­ver­trag gemäß § 2 u.a. der Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst der Länder (TV-L)) An­wen­dung. § 20 TV-L lau­tet aus­zugs­wei­se:
„Jah­res­son­der­zah­lung
(1) Beschäftig­te, die am 01.12. im Ar­beits­verhält­nis ste­hen, ha­ben An­spruch auf ei­ne Jah­res­son­der­zah­lung.
(2) Die Jah­res­son­der­zah­lung beträgt bei Beschäftig­ten in den Ent­gelt­grup­pen
E 9 bis E 11 80 v.H. (Ta­rif­ge­biet West)
(3) Be­mes­sungs­grund­la­ge im Sin­ne des Ab­sat­zes 2 Satz 1 ist das mo­nat­li­che Ent­gelt, das den Beschäftig­ten in den Ka­len­der­mo­na­ten Ju­li, Au­gust und Sep­tem­ber durch­schnitt­lich ge­zahlt wird; un­berück­sich­tigt blei­ben hier­bei das zusätz­lich für Über­stun­den und Mehr­ar­beit ge­leis­te­te Ent­gelt (mit Aus­nah­me der im Dienst­plan vor­ge­se­he­nen Mehr­ar­beits-oder Über­stun­den) Leis­tungs­zu­la­gen, Leis­tungs- und Er­folgs­prämi­en. Der Be­mes­sungs­grund­satz be­stimmt sich nach der Ent­gelt­grup­pe am 1. Sep­tem­ber. Bei Beschäftig­ten, de­ren Ar­beits­verhält­nis nach dem 31. Au­gust be­gon­nen hat, tritt an die Stel­le des Be­mes­sungs­zeit­raums der ers­te vol­le Ka­len­der­mo­nat des Ar­beits­verhält­nis­ses; an­stel­le des Be­mes­sungs­sat­zes der Ent­gelt­grup­pe am 1. Sep­tem­ber tritt die Ent­gelt­grup­pe des Ein­stel­lungs­ta­ges...
(4) Der An­spruch nach den Absätzen 1 bis 3 ver­min­dert sich um 1/12 für je­den Ka­len­der­mo­nat, in dem Beschäftig­te kei­nen An­spruch
auf Ent­gelt oder Fort­zah­lung des Ent­gelts nach § 21 ha­ben.“
Die be­klag­te Land zahl­te an den Kläger mit den Bezügen für No­vem­ber 2010 un­ter Berück­sich­ti­gung ei­ner Dienst­zu­gehörig­keit ab Sep­tem­ber 2010 ei­ne Jah­res­son­der­zah­lung in Höhe von 728,06 € brut­to.
Mit der am 14.02.2011 beim Ar­beits­ge­richt Es­sen ein­ge­reich­ten Kla­ge macht der Kläger ei­ne Jah­res­son­der­zah­lung von 2.184,18 € brut­to gel­tend und be­gehrt ei­nen rest­li­chen Be­trag von 456,12 € brut­to.
Der Kläger hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass ihm ein un­gekürz­ter An­spruch auf die Jah­res­son­der­zah­lung zu­ste­he. Nach dem ein­deu­ti­gen Ta­rif­wort­laut sei­en al­le Mo­na­te, in de­nen ein Ent­gelt bzw. ein Ent­gelt­fort­zah­lungs­an­spruch be­stan­den ha­be, zu berück­sich­ti­gen. Dies sei hier in al­len Mo­na­ten des Jah­res ge­ge­ben ge­we­sen.
das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 1.456,12 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit Kla­ge­zu­stel­lung zu zah­len.
Es hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass für die Er­mitt­lung der Höhe der Jah­res­son­der­zah­lung nur das letz­te Ar­beits­verhält­nis maßge­bend sei. Die in den §§ 16 Abs. 4 TVA-L BBEG und § 16 Abs. 4 TVA-L BBeG und § 16 TVA-L Pfle­ge zum Aus­druck kom­men­de Wer­tent­schei­dung der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, die Jah­res­son­der­zah­lung nur dann un­gekürzt zu zah­len, wenn sich das Ar­beits­verhält­nis un­mit­tel­bar an das Aus­bil­dungs­verhält­nis an­sch­ließe, müsse auch für meh­re­re auf­ein­an­der fol­gen­de Ar­beits­verhält­nis­se gel­ten. Un­ter­bre­chun­gen sei­en da­mit mit Aus­nah­me sol­cher, die auf die Fe­ri­en­frei­zeit be­ruh­ten, möglich.
Mit Ur­teil vom 19.05.2011 hat das Ar­beits­ge­richt Es­sen der Kla­ge statt­ge­ge­ben und im We­sent­li­chen aus­geführt, dass der Kläger ei­nen An­spruch auf die gel­tend ge­mach­te Jah­res­son­der­zah­lung ha­be. Nach § 20 Abs. 4 Satz 1 TV-L un­ter­lie­ge die Jah­res­son­der­zah­lung nur ei­ner Kürzung, als der Beschäftig­te für ein­zel­ne Ka­len­der­mo­na­te kei­nen An­spruch auf Ent­gelt oder Ent­gelt­fort­zah­lung nach § 21 TV-L ha­be. Dass es sich um ei­nen Ent­gelt­an­spruch aus dem Ar­beits­verhält­nis han­deln müsse, das zum Zeit­punkt des 01.12. des lau­fen­den Jah­res be­ste­he, er­ge­be sich nicht aus dem Wort­laut der Ver­ein­ba­rung. Dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en mögli­cher­wei­se ei­nen an­de­ren Wil­len ge­habt hätten, sei nicht von Be­deu­tung, da die­ser nur Berück­sich­ti­gung fin­de, wenn er in der Re­ge­lung sei­nen Nie­der­schlag ge­fun­den hätte. Dies sei nicht der Fall ge­we­sen. Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te und Ta­rif­sys­te­ma­tik sprächen auch nicht für die Sicht­wei­se des be­klag­ten Lan­des. Der Weg­fall der in § 2 des Zu­wen­dungs­ta­rif­ver­tra­ges auf­geführ­ten zusätz­li­chen An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen las­se nicht den Schluss zu, dass Vor­beschäfti­gungs­zei­ten nicht mehr von Be­deu­tung sein soll­ten. Der Ver­weis auf § 16 Abs. 4 TV-L BBeG bzw. § 16 Abs. 4 TVA-L Pfle­ge für Aus­bil­dungs­verhält­nis­se führe nicht wei­ter, da es sich in­so­weit um ei­ne Son­der­re­ge­lung han­de­le.
Ge­gen das dem be­klag­ten Land am 25.05.2011 zu­ge­stell­te Ur­teil hat das be­klag­te Land mit dem am 31.05.2011 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 25.08.2011 mit dem am 12.08.2011 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet.
Das be­klag­te Land ist der Auf­fas­sung, dass der Kläger nur ei­ne Jah­res­son­der­zah­lung un­ter Berück­sich­ti­gung der Beschäfti­gungs­zei­ten des letz­ten be­fris­te­ten Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses ver­lan­gen könne. Nach all­ge­mei­nen Grundsätzen wirk­ten sich in ei­nem frühe­ren Ar­beits­verhält­nis er­wor­be­ne Rech­te nicht au­to­ma­tisch in ei­nem späte­ren aus. Wenn dies aus­nahms­wei­se der Fall sein soll­te, würde dies re­gelmäßig ei­ne ent­spre­chen­de Re­ge­lung vor­aus­set­zen. Das gel­te im vor­lie­gen­den Fall für Beschäfti­gungs­zei­ten wie aber auch für die
Be­rech­nung ei­ner Jah­res­son­der­zah­lung. Ex­em­pla­risch wer­de auch auf die Pro­to­kollerklärung Nr. 1 zu § 1 Abs. 1 Satz 1 TVöD-L ver­wie­sen. So ge­he das Bun­des­ar­beits­ge­richt­ge­richt bei der Stu­fen­zu­ord­nung nach § 16 Abs. 2 TVöD-AT (VKA) da­von aus, dass die in ei­nem vor­he­ri­gen Ar­beits­verhält­nis er­reich­te Stu­fe oder die in die­sem er­wor­be­ne ein­schlägi­ge Be­rufs­er­fah­rung man­gels aus­drück­li­cher Re­ge­lung im neu­en Ar­beits­verhält­nis nicht berück­sich­ti­gungsfähig sei­en. Ob et­was An­de­res zu gel­ten ha­be, wenn bei­de bei dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ab­sol­vier­ten Beschäfti­gungs­verhält­nis­se naht­los in­ein­an­der über­ge­hen, könne da­hin­ste­hen, da die Beschäfti­gungs­verhält­nis­se hier un­abhängig von den Schul­fe­ri­en un­ter­bro­chen ge­we­sen sei­en.
auf die Be­ru­fung des be­klag­ten Lan­des wird das Ur­teil der 3. Kam­mer des Ar­beits­ge­richts Es­sen vom 19.05.2011 wie folgt ab­geändert:
Der Kläger folgt der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts, dass in § 20 Abs. 4 TV-L ge­ra­de nicht von dem (der­zeit be­ste­hen­den) „Ar­beits­verhält­nis“ ge­spro­chen wer­de. In­so­fern stel­le die Vor­schrift nicht auf das ak­tu­ell be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis ab. Hätten die Par­tei­en dies gewünscht, hätte es na­he­ge­le­gen, dies auf­zu­neh­men. Da die Ta­rif­norm in § 20 TV-L ein­deu­tig sei, bedürfe es nicht der ver­glei­chen­den Aus­le­gung mit an­de­ren ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen.
We­gen des wei­te­ren Sach- und Streit­stan­des wird auf den Ak­ten­in­halt so­wie auf die von den Par­tei­en ein­ge­reich­ten Schriftsätzen nebst An­la­gen, die ge­richt­li­chen Pro­to­kol­le so­wie dem Tat­be­stand des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils ergänzend Be­zug ge­nom­men.
Die Be­ru­fung ist zulässig. Sie ist an sich statt­haft (§ 64 Abs. 1 ArbGG), nach dem Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des zulässig (§ 64 Abs. 2 Zif­fer b ArbGG) so­wie form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den (§§ 66 Abs. 1 Satz 1 ArbGG, 519, 520 ZPO).
I. Die Be­ru­fung ist be­gründet. Der Kläger hat ge­gen das be­klag­te Land über die ge­zahl­te Jah­res­son­der­zah­lung kei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­nes wei­te­ren Be­tra­ges in Höhe von 1.456,12 € brut­to.
II. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers kann § 20 Abs. 4 TV-L nicht da­hin­ge­hend aus­ge­legt wer­den, dass ver­schie­de­ne Ar­beits­verhält­nis­se im Jah­re 2009 ein­heit­lich zu be­wer­ten sind. Es führen auch Zeiträume zu ei­ner Min­de­rung der Jah­res­son­der­zah­lung, in de­nen der Beschäftig­te zwar ei­nen Ent­gelt- bzw. En­gelt­fort­zah­lungs­an­spruch ge­gen das be­klag­te Land hat­te, der sich aber aus ei­nem vor­he­ri­gen Ar­beits­verhält­nis er­gab.
1. Die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teils ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges folgt nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts den für die Aus­le­gung von Ge­set­zen gel­ten­den Re­geln (BAG 18.05.2011 – 4 AZR 549/09 – EzA-SD 2011, Nr. 20, 15 m.w.N.). Da­bei ist zunächst vom Wort­laut des Ta­rif­ver­tra­ges aus­zu­ge­hen, wo­bei der maßge­ben­de Sinn der Erklärung zu er­for­schen ist, oh­ne am Buch­sta­ben zu haf­ten. Bei ei­nem nicht ein­deu­ti­gen Wort­laut ist der wirk­li­che Wil­le der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en und da­mit der von ihm be­ab­sich­tig­te Sinn und Zweck der Ta­rif­norm mit zu berück­sich­ti­gen, so­fern und so­weit sie in den ta­rif­li­chen Nor­men ih­ren Nie­der­schlag ge­fun­den hat. Ab­zu­stel­len ist eben­falls auf den ta­rif­li­chen Ge­samt­zu­sam­men­hang, der auch des­we­gen berück­sich­tigt wer­den muss, weil dar­aus und nicht aus der ein­zel­nen Ta­rif­norm auf den wirk­li­chen
Wil­len der Ver­trags­par­tei­en ge­schlos­sen und der Sinn und Zweck der Ta­rif­norm zu­tref­fend er­mit­telt wer­den kann. Ver­blei­ben da­nach noch Zwei­fel, können Kri­te­ri­en wie die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Ta­rif­ver­tra­ges, Ta­rifübung und die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des je­wei­li­gen Ta­rif­ver­tra­ges für die Aus­le­gung her­an­ge­zo­gen wer­den; im Zwei­fel gebührt der­je­ni­gen Ta­rif­aus­le­gung der Vor­zug, die zu ei­ner vernünf­ti­gen, sach­ge­rech­ten, zweck­ori­en­tier­ten und prak­tisch brauch­ba­ren Re­ge­lung führt (st. Rspr. d. BAG; vgl. BAG 18.05.2011-- 4 AZR 549/09 - a.a.O.; BAG 28.10.2008 - 3 AZR 189/07 – AP § 1 Ta­rif­verträge: Luft­han­sa Nr. 43 m.w.N.).
2. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers spricht der Ta­rif­wort­laut nicht ein­deu­tig dafür, dass nur sol­che Ka­len­der­mo­na­te nicht an­spruchs­min­dernd für die Jah­res­son­der­zah­lung sein sol­len, in de­nen der Beschäftig­te ei­nen An­spruch auf Ent­gelt- oder Ent­gelt­fort­zah­lung nach dem TV-L ge­gen den­sel­ben Ar­beit­ge­ber be­sitzt. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ha­ben in § 20 Abs. 1 TV-L die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen für die Jah­res­son­der­zah­lung fest­ge­legt. Da­nach hat nur der Beschäftig­te ei­nen An­spruch auf ei­ne Jah­res­son­der­zah­lung, der am 01.12. in ei­nem Ar­beits­verhält­nis steht. Der An­spruch knüpft folg­lich an das am 01.12. des Jah­res be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis an. Den Be­griff An­spruch ha­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auch im zwei­ten Ab­satz des § 20 Abs. 4 Satz 1 TV-L ver­wandt, der nach der Be­rech­nungs­re­ge­lung in Abs. 3 Ver­min­de­rungs­tat­bestände aufführt, oh­ne den Be­griff des An­spruchs ei­ner an­de­ren Rechts­be­zie­hung der Par­tei­en zu­zu­ord­nen. Dies lässt den Schluss zu, dass sich auch der Kürzungs­tat­be­stand auf das ak­tu­el­le Ar­beits­verhält­nis be­zieht (LAG Köln 15.04.2011 – 10 Sa 1197/10 - öAT 2011, S. 189, ju­ris .de; Re­vi­si­on ein­ge­legt un­ter dem Ak­ten­zei­chen - 10 AZR 488/11 -; an­de­re Auf­fas­sung LAG Rhein­land-Pfalz Ur­teil v. 10.02.2010 – 8 Sa 579/09 - ju­ris.de; Be­p­ler/Böhle/Meer­kamp/Stöhr Be­ckOK 2011 TV-L § 20 F II).
3. Die am Wort­laut ori­en­tier­te Auf­fas­sung des Klägers berück­sich­tigt zu­dem nicht aus­rei­chend, dass sich die in ei­nem frühe­ren Ar­beits­verhält­nis er­wor­be­nen Rech­te nicht au­to­ma­tisch in ei­nem späte­ren Ar­beits­verhält­nis mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber aus­wir­ken. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat zu der Fra­ge der Stu-
fen­zu­ord­nung nach § 16 Abs. 2 TVöD-AT (VKA) die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die in ei­nem vor­her­ge­hen­den Ar­beits­verhält­nis er­reich­te Stu­fe oder die in die­sem er­wor­be­ne ein­schlägi­ge Be­rufs­er­fah­rung man­gels aus­drück­li­cher Re­ge­lung im neu­en Ar­beits­verhält­nis auch dann nicht berück­sich­ti­gungsfähig ist, wenn zwei Ar­beits­verhält­nis­se di­rekt naht­los an­ein­an­der an­sch­ließen (BAG 17.02.2011 – 6 AZR 382/09 – EzTöD 100 § 16 TVöD-AT (VKA) Nr. 3).
a) Die Fra­ge, ob sich die in ei­nem frühe­ren Ar­beits­verhält­nis er­wor­be­nen Rech­te auch bei dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber in ei­nem späte­ren Ar­beits­verhält­nis aus­wir­ken sol­len, stellt sich in vie­len Be­rei­chen der von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ge­stal­te­ten Rech­te und Pflich­ten der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en. In­so­fern kann die Vor­schrift des § 20 TV-L nicht iso­liert be­trach­tet wer­den. Es ist auch die Sys­te­ma­tik des Ta­rif­ver­tra­ges und der ta­rif­li­che Ge­samt­zu­sam­men­hang zu berück¬sich­ti­gen, ins­be­son­de­re ob und wie die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en die­se Fra­ge im Ta­rif­ver­trag be­han­delt ha­ben. Hier­bei ist fest­zu­stel­len, dass die Berück­sich­ti­gung von Beschäfti­gungs­zei­ten aus ei­nem an­de­ren Ar­beits­verhält­nis im Ta­rif­ver­trag an vie­len Stel­len aus­drück­lich ge­re­gelt ist. Nach § 34 Abs. 3 Satz 3 TV-L ist Beschäfti­gungs­zeit die Zeit, die bei dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber im Ar­beits­verhält­nis zurück­ge­legt wur­de, auch wenn sie un­ter­bro­chen ist. Die Vor­schrif­ten für die Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist (§ 34 Abs. 1 TV-L), für den Kran­ken­geld­zu­schuss (§ 22 Abs. 3 TV-L) und für das Ju­biläums­geld (§ 23 Abs. 2 TV-L), be­zie­hen sich hier­auf. In § 16 Abs. 2 und 3 TV-L (Stu­fen der Ent­gelt­ta­bel­le) wird eben­falls aus­drück­lich auf­geführt, ob und wie die Be­rufs­er­fah­rung aus ei­nem vor­he­ri­gen Ar­beits­verhält­nis zu berück­sich­ti­gen ist. Außer Acht ge­las­sen wer­den darf auch nicht die Re­ge­lung in § 16 TVA-L BBIG. Es han­delt sich zwar um ei­ne Re­ge­lung für Aus­zu­bil­den­de. Sie bestätigt aber das be­reits aus den an­de­ren Re­ge­lun­gen ge­won­ne­ne Bild der Sys­te­ma­tik des Ta­rif­ver­tra­ges bei der Ein­be­zie­hung von Rech­ten aus ver­schie­de­nen Ver­trags­verhält­nis­sen in das ak­tu­el­le Ar­beits­verhält­nis.
Die aus­drück­li­chen Re­ge­lun­gen im Ta­rif­ver­trag zu un­ter­schied­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen las­sen man­gels Erwähnung ei­ner vor­he­ri­gen Beschäfti­gung in § 20 TV-L nur den Schluss zu, dass für die Be­rech­nung der Son­der­zah­lung ein frühe­res Ar­beits­verhält­nis nicht von Be­deu­tung sein soll­te (Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-
Bran­den­burg Ur­teil v. 15.06.2011 – 15 Sa 483/11 – ju­ris.de; Re­vi­si­on zu­ge­las­sen; Spo­ner/St­ein­herr Ge­samt­aus­ga­be TVöD § 20 TV-L Rd­nr. 28 ,1.4.4.; Rd­nr 73 ff, ju­ris.de).
b) Ein Ver­gleich mit den Re­ge­lun­gen in den in frühe­ren Zu­wen­dungs­ta­rif­verträgen führt auch nicht zu ei­ner an­de­ren Be­ur­tei­lung. § 20 Abs. 1 TV-L stellt zwar im Ge­gen­satz zu § 2 Abs. 2 Satz 1 Zu­wen­dungs-TV vom 12.10.1973 nicht mehr dar­auf ab, ob der Ar­beit­neh­mer bei dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber beschäftigt war. Al­lein aus dem Weg­las­sen der For­mu­lie­rung „ dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber....“ lässt sich nicht der Wil­le der Ta­rif­part­ner ent­neh­men, dass frühe­re Beschäfti­gungs­zei­ten im sel­ben Jahr nicht zur Kürzung der Jah­res­son­der­zah­lung führen sol­len. Es darf bei der Be­ur­tei­lung nicht der Um­fang der Verände­rung der Vor­schrift über­se­hen wer­den. Der frühe­re Ta­rif­ver­trag über die Son­der­zah­lung für An­ge­stell­te sah nicht nur das Be­ste­hen ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses zum 01.12. des be­tref­fen­den Ka­len­der­jah­res vor, son­dern ku­mu­la­tiv den un­un­ter­bro­che­nen Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses seit dem 01.10. des be­tref­fen­den Jah­res im öffent­li­chen Dienst oder al­ter­na­tiv ins­ge­samt sechs Mo­na­te im lau­fen­den Ka­len­der­jahr bei dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber (§ 1 Abs. 1 Satz 2 Zu­wen­dungs-TV). Außer­dem war un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ei­ne Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung vor­ge­se­hen. § 20 TV-L enthält da­mit ei­ne vollständi­ge Neu­re­ge­lung.
4. Die Aus­le­gung der Kam­mer verstößt auch nicht ge­gen das Ver­bot der Be­nach­tei­li­gung be­fris­tet beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer gemäß § 4 Abs. 2 Satz 1 Tz­b­fG (LAG Ber­lin-Bran­den­burg 15.06.2011 a.a.O.). Die Nicht­berück­sich­ti­gung des frühe­ren Ar­beits­verhält­nis­ses knüpft nicht not­wen­di­ger­wei­se an ei­ne Be­en­di­gung auf­grund ei­ner Be­fris­tung an. Zu Un­ter­bre­chun­gen kann es viel­mehr auch bei ei­nem vor­an­ge­gan­ge­nen un­be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis durch Kündi­gun­gen oder Auf­he­bungs­verträge kom­men (BAG 20.01.2011 - 6 AZR 382/09 - a.a.O.).
Die Kos­ten des Rechts­streits hat der Kläger als un­ter­le­ge­ne Par­tei nach § 91 Abs. 1 ZPO zu tra­gen.
Die Kam­mer hat den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­gen grundsätz­li­che Be­deu­tung bei­ge­mes­sen und da­her gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1, Abs. 1 ArbGG für den Kläger die Re­vi­si­on an das Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­sen.
zur Übersicht 17 Sa 732/11

References: § 2
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 § 20
 § 4
 § 91
 § 72