Source: https://www.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_betriebsbedingte_Kuendigung_Diskriminierung_BAG_2AZR701-07.html
Timestamp: 2019-05-25 17:09:51+00:00

Document:
16 Sa 293/07
Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nie­der­sach­sen vom 31. Au­gust 2007 - 16 Sa 293/07 - wird auf Kos­ten des Klägers zurück­ge­wie­sen.
1. Le­bens­al­ter
je Kind (nach­weis­bar) 7,0 Punk­te
35. Le­bens­jahr
Da sich im Nach­hin­ein Verände­run­gen der Auf­trags­la­ge her­aus­stell­ten, schloss die Be­klag­te mit dem Be­triebs­rat En­de 2006 zwei Ergänzungs­ver­ein­ba­run­gen, in de­nen Re­ge­lun­gen über die Ar­beits­zeit an­ge­passt wur­den.
Die drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se sei­en nach § 1 Abs. 5 Satz 1 KSchG zu ver­mu­ten. Ei­ne Verände­rung der Si­tua­ti­on sei nachträglich nicht ein­ge­tre­ten. Es hätten sich vorüber­ge­hen­de Schwan­kun­gen im Auf­trags­vo­lu­men er­ge­ben, wie sie bei der Be­klag­ten üblich sei­en. Ent­spre­chend § 1 Abs. 5 KSchG sei die So­zi­al­aus­wahl nur auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit zu über­prüfen. Ei­ne sol­che gro­be Feh­ler­haf­tig­keit lie­ge we­der bei der Bil­dung von Ver­gleichs- und Al­ters­grup­pen vor noch im Ein­zel­fall der aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung. Die Al­ters­grup­pen­bil­dung wi­der­spre­che we­der dem AGG noch der Richt­li­nie 2000/78/EG. Die Not­wen­dig­keit der Bil­dung von Al­ters­grup­pen ha­be sich er­ge­ben, da die Al­ters­struk­tur durch die vor­an­ge­gan­ge­nen So­zi­alpläne be­reits ver­schlech­tert wor­den sei. Der Al­ters­durch­schnitt sei von Ju­ni 2004 mit 37 Jah­ren über Fe­bru­ar 2005 mit 41 Jah­ren über Ju­li 2005 mit 42 Jah­ren bis Ja­nu­ar 2006 mit dem Durch­schnitt von 43 Jah­ren ins­ge­samt um sechs Jah­re ge­stie­gen. Oh­ne Bil­dung von Al­ters­grup­pen hätte sich der Al­ters­durch­schnitt um wei­te­re vier Jah­re erhöht. Die Er­hal­tung der Al­ters­struk­tur sei im Verhält­nis zu den Mit­be­wer­bern er­for­der­lich. Da der Kläger an 37. Stel­le von 48 Mit­ar­bei­tern sei­ner Al­ters­grup­pe ge­stan­den ha­be, sei ihm ent­spre­chend den Re­ge­lun­gen der BV je­den­falls zu kündi­gen ge­we­sen.
Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. Das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot er­fas­se trotz § 2 Abs. 4 AGG, der für Kündi­gun­gen die al­lei­ni­ge Gel­tung der Be­stim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz an­ord­ne, auch das Kündi­gungs­schutz­recht. Der Ge­setz­ge­ber ge­he nämlich im AGG da­von aus, dass die Nor­men des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes be­reits den Wer­tun­gen der Richt­li­nie 2000/78/EG entsprächen. Im vor­lie­gen­den Fall sei die Bil­dung von Al­ters­grup­pen ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels sei­en an­ge­mes­sen und er­for­der­lich. Ent­schei­dend sei, dass in ei­nem Pro­duk­ti­ons­be­trieb, wie dem der Be­klag­ten, al­le Fähig­kei­ten vor­han­den sein müss­ten. Wei­te­re ob­jek­ti­ve und an­ge­mes­se­ne Zie­le sei­en ei­ne lang­fris­ti­ge Nach­wuchs­pla­nung, die Wei­ter­ga­be von Er­fah­rungs­wis­sen an Jünge­re und die Nut­zung der meist ak­tu­el­le­ren Fach­kennt­nis­se jünge­rer Ar­beit­neh­mer für den Be­trieb. Außer­dem wirk­ten sich Auf­stiegs­chan­cen jünge­rer Ar­beit­neh­mer po­si­tiv auf de­ren Mo­ti­va­ti­on aus. Fer­ner neu­tra­li­sie­re die Al­ters­grup­pen­bil­dung den durch die un­mit­tel­ba­re Berück­sich­ti­gung des Le­bens­al­ters bei den So­zi­al­da­ten be­wirk­ten Vor­rang älte­rer Ar­beit­neh­mer. Die BV set­ze die­se Vor­ga­ben um, in­dem sie Kündi­gun­gen ent­spre­chend dem pro­zen­tua­len An­teil der Grup­pen an der Ge­samt­be­leg­schaft vor­se­he. Oh­ne die Al­ters­grup­pen­bil­dung wäre der Al­ters­auf­bau der Be­leg­schaft wei­ter be­ein­träch­tigt wor­den, und zwar über die Ver­schlech­te­run­gen hin­aus, die be­reits durch vor­aus­ge­gan­ge­ne Per­so­nal­re­du­zie­run­gen ent­stan­den sei­en. Ar­beit­neh­mer bis zum 35. Le­bens­jahr wären dann fast gar nicht mehr beschäftigt wor­den. Die Sach­la­ge ha­be sich nach Ab­schluss der BV nicht we­sent­lich geändert. Dau­er­haf­ter wei­te­rer Per­so­nal­be­darf ha­be sich durch die vorüber­ge­hen­de Not­wen­dig­keit zusätz­li­cher Ar­beits­stun­den nicht er­ge­ben. Die Be­klag­te ha­be den Kläger auch nicht in R wei­ter­beschäfti­gen müssen. Aus­rei­chen­de An­halts­punk­te für ei­nen Ge­mein­schafts­be­trieb sei­en nicht er­sicht­lich. Die So­zi­al­aus­wahl sei nicht grob feh­ler­haft. Der Be­triebs­rat sei ord­nungs­gemäß an­gehört und die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ord­nungs­gemäß er­stat­tet wor­den.
neh­mer - recht­fer­tigt nach der Vor­stel­lung des Ge­setz­ge­bers die ge­setz­li­che Ver­mu­tung in § 1 Abs. 5 Satz 1 KSchG.
Die Re­ge­lung des § 2 Abs. 4 AGG steht dem nicht ent­ge­gen. Das er­gibt die Aus­le­gung.
AuR 2007, 389), so dass es bei An­wen­dung der Vor­schrif­ten des Kündi­gungs-schutz­ge­set­zes re­gelmäßig ei­nes Rück­griffs auf die ent­spre­chen­den eu­ro­pa­recht­li­chen Nor­men bedürf­te (vgl. ErfK/Schlach­ter 8. Aufl. § 2 AGG Rn. 16 f.; HWK/An­nuß/Rupp 3. Aufl. § 2 AGG Rn. 13; St­ein in Wen­de­ling-Schröder/St­ein § 2 AGG Rn. 39 ff.; Zwan­zi­ger in Kitt­ner/Däubler/Zwan­zi­ger 7. Aufl. § 2 AGG Rn. 23 ff. mit zahl­rei­chen Nach­wei­sen).
es in § 2 Abs. 4 AGG heißt, dass „für Kündi­gun­gen aus­sch­ließlich die Be­stim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz gel­ten“ sol­len.
Rechts­be­griff 2. Aufl. S. 463 f.; Zip­pe­li­us Ju­ris­ti­sche Me­tho­den­leh­re 10. Aufl. S. 41 und 53).
Nr. 6 und 7 aF AGG ei­nen et­wai­gen Wi­der­spruch zu § 2 Abs. 4 AGG ver­mei­den. Das war im Sin­ne des vom Se­nat ge­fun­de­nen Er­geb­nis­ses auch kon­se­quent. Der auf­ge­ho­be­nen Re­ge­lun­gen be­durf­te es bei An­wen­dung der Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te im Rah­men der Prüfung der So­zi­al­wid­rig­keit nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz nicht.
kri­mi­nie­run­gen bei Kündi­gun­gen. Ziel ist viel­mehr die Be­schrei­bung des We­ges, auf dem die Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te des AGG in das bis­he­ri­ge Sys­tem des Kündi­gungs­schutz­rechts nach der Vor­stel­lung des Ge­setz­ge­bers ein­zu­pas­sen sind. Das Ge­setz zielt dar­auf ab, den Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­ten in Übe­rein­stim­mung mit dem in das na­tio­na­le An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­recht um­ge­setz­ten eu­ropäischen Recht - auch für das Kündi­gungs­recht - Gel­tung zu ver­schaf­fen oder zu er­hal­ten. Für den Weg, auf dem dies ge­schieht, sol­len al­ler­dings „aus­sch­ließlich die Be­stim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz“ maßgeb­lich sein: Dies be­deu­tet ua., dass der Grund­satz des Kündi­gungs­rechts, dem­zu­fol­ge rechts­wid­ri­ge Kündi­gun­gen als un­wirk­sam an­ge­se­hen wer­den und dass die Un­wirk­sam­keit ge­richt­lich nach Maßga­be des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes gel­tend zu ma­chen ist, un­an­ge­tas­tet bleibt und nicht et­wa ei­ne „Dis­kri­mi­nie­rungs­kla­ge“ ne­ben die Kündi­gungs­schutz­kla­ge tre­ten oder et­wa die be­son­de­ren Be­schwer­de­rech­te nach dem AGG ir­gend­et­was an der kündi­gungs­recht­li­chen Dog­ma­tik ändern sol­len. Viel­mehr sol­len Verstöße ge­gen die Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te des AGG nach den kündi­gungs­recht­li­chen Maßga­ben ge­wer­tet wer­den, al­so für den Be­reich des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes im Zu­sam­men­hang mit der Fra­ge erörtert wer­den, ob die Kündi­gung so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt ist oder nicht. Da­ge­gen sol­len die Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te nicht als ei­ge­ne Un­wirk­sam­keits­nor­men an­ge­wen­det wer­den. Ob und in­wie­weit mit der Ein­pas­sung der Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te in das Kündi­gungs­schutz­recht zu­gleich an­de­re Rech­te von durch Kündi­gung dis­kri­mi­nier­ten Beschäftig­ten - vgl. §§ 13, 14, 15, 16 AGG - aus­ge­schlos­sen sein sol­len (vgl. da­zu St­ein in Wen­de­ling-Schröder/St­ein AGG § 2 Rn. 49 ff.; Däubler/Bertz­bach/Däubler AGG 2. Aufl. § 2 Rn. 263; Bau­er/Göpfert/Krie­ger AGG 2. Aufl. § 2 Rn. 55 ff.), be­darf hier kei­ner Ent­schei­dung. Im Streit­fall kommt es al­lein dar­auf an, ob die Berück­sich­ti­gung ei­nes et­wai­gen Ver­s­toßes ge­gen das im AGG ent­hal­te­ne Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung (§ 2 Abs. 1 Nr. 2 AGG iVm. §§ 1, 7, 10 AGG) nach § 2 Abs. 4 AGG bei der Prüfung der Wirk­sam­keit von Kündi­gun­gen aus­ge­schlos­sen ist. Dies ist nicht der Fall.
des na­tio­na­len deut­schen Rechts, in­dem un­ter meh­re­ren mögli­chen Aus­le­gun­gen die­je­ni­ge den Vor­zug erhält, die dem in den Richt­li­ni­en des Ra­tes zum Aus­druck ge­kom­me­nen Ziel ei­nes wirk­sa­men und ab­schre­cken­den Schut­zes ge­gen dis­kri­mi­nie­ren­de Ent­las­sun­gen ge­recht wird. Die im Schrei­ben der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft vom 31. Ja­nu­ar 2008 (2007/23620 K(2008) 0103 - AuR 2008, 145) geäußer­te Befürch­tung, § 2 Abs. 4 AGG ste­he der vom eu­ropäischen Recht ge­for­der­ten An­wen­dung der Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te ent­ge­gen, ist al­so un­be­gründet. Die durch die An­wen­dung des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes für dis­kri­mi­nie­ren­de Kündi­gun­gen ermöglich­te Sank­ti­on der Un­wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung stellt im Übri­gen die schärfs­te kündi­gungs­recht­li­che Re­ak­ti­on dar, weil sie der dis­kri­mi­nie­ren­den Wil­lens­erklärung die Rechts­wir­kung ex tunc nimmt und sie da­mit - recht­lich - un­ge­sche­hen macht. In­so­fern be­durf­te es auch kei­ner Vor­la­ge an den Eu­ropäischen Ge­richts­hof nach Art. 234 EG.
schlech­te­re Chan­cen auf dem Ar­beits­markt ha­ben, et­was bes­ser zu schützen. Dar­in liegt ein le­gi­ti­mes Ziel. Das Ge­setz legt für die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung ob­jek­ti­ve und an­ge­mes­se­ne Kri­te­ri­en fest, in­dem es das Le­bens­al­ter als ei­nes von vier gleich­ge­wich­tig zu berück­sich­ti­gen­den Merk­ma­len der so­zia­len Aus­wahl vor­schreibt.
Beschäfti­gungs­zeit pro Jahr mit 1,5 Punk­ten ge­genüber dem Le­bens­al­ter mit 1 Punkt pro Jahr stärker ge­wich­tet. Zum an­dern berück­sich­tigt die Ta­bel­le mit der Zu­tei­lung von 7 Punk­ten je un­ter­halts­be­rech­tig­tem Kind und 5 Punk­ten für den un­ter­halts­be­rech­tig­ten Ehe­part­ner auch die ty­pi­schen In­ter­es­sen jun­ger Fa­mi­li­en.
Al­ters­grup­pen­bil­dung als nicht recht­fer­ti­gungs­pflich­tig an­se­hen, da durch sie älte­re Ar­beit­neh­mer nicht be­nach­tei­ligt würden, son­dern nur ih­re recht­li­che Be­vor­zu­gung durch die So­zi­al­aus­wahl ein­ge­schränkt wer­de; Gaul/Bo­nan­ni BB 2008, 218; Ber­tels­mann AuR 2007, 369; Tem­ming Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung im Ar­beits­le­ben S. 559 f.).
Ge­setz­ge­ber hat­te im Zu­sam­men­hang mit der Be­stim­mung le­gi­ti­mer Zie­le ge­ra­de auch die Si­tua­ti­on des ein­zel­nen Ar­beit­ge­bers und der Bran­che im Blick (vgl. BT-Drucks. 16/1780 S. 36; Wen­de­ling-Schröder in Wen­de­ling-Schröder/St­ein AGG § 10 Rn. 6 f.). Auch die Richt­li­nie 2000/78/EG berück­sich­tigt un­ter dem in Art. 6 Abs. 1c ge­nann­ten Bei­spiel (jetzt § 10 Satz 3 Nr. 3 AGG) ih­rer­seits ge­nui­ne Ar­beit­ge­ber­in­ter­es­sen (vgl. Thüsing Ar­beits­recht­li­cher Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz Rn. 422).
ba­ren sta­tis­ti­schen Kor­re­la­ti­on zum er­reich­ten Le­bens­al­ter steht, dürf­te nicht ernst­haft be­strit­ten wer­den können. Je­den­falls be­ru­hen al­le be­kann­ten pri­va­ten und öffent­li­chen Sys­te­me der Kran­ken-, Ren­ten- und Le­bens­ver­si­che­rung auf die­ser Er­war­tung, und ei­ne Um­stel­lung die­ser Sys­te­me auf die Ba­sis der ge­gen­tei­li­gen An­nah­me ist, so­weit er­sicht­lich, noch nicht ver­langt wor­den. Auch der Se­nat hat, zB bei Kündi­gun­gen we­gen Min­der­leis­tun­gen, den Ge­sichts­punkt der ty­pi­scher­wei­se al­ters­be­dingt nach­las­sen­den körper­li­chen Leis­tungs­fähig­keit (vgl. 11. De­zem­ber 2003 - 2 AZR 667/02 - BA­GE 109, 87) in Rech­nung ge­stellt.
Ren­tennähe er­reicht wer­den soll­te. Dies ist aber un­ter dem Ge­sichts­punkt der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung hier unschädlich, weil es die In­ter­es­sen der an­de­ren Al­ters­grup­pen und da­mit die kündi­gungs­recht­li­che La­ge des Klägers nicht berührt.
Röder Bar­tel
zur Übersicht 2 AZR 701/07

References: § 1
 § 1
 § 2
 § 1
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 § 2
 Art. 234
 § 10
 Art. 6
 § 10