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2. INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMERN - PDF
2. INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMERN
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Imke Frei
1 2. INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMERN IN DER REPUBLIK TÜRKEI 2.1. BIS ZUR GRÜNDUNG DER REPUBLIK TÜRKEI (1923) Wenngleich eine Industrialisierung noch nicht eingesetzt hatte und das Wirtschaftsregime der osmanischen Herrschaft als staatlich-monolitisch bezeichnet werden kann, läßt sich die Idee, daß die Interessen einzelner Wirtschaftssektoren durch spezielle Organisationen vertreten werden müßten, bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Konkrete Forderungen und Vorschläge zur Institutionalisierung von Interessenvertretungen wurden im Zuge der Reformbestrebungen des Osmanischen Herrschaftshauses artikuliert. 1 In dem Reformerlaß (Islahat ferman ) 2 von 1856 wurde darauf hingewiesen, daß Händler sich in Kammern organisieren sollten. 3 Im Jahr 1876 wurde die dem Ministerium für Handel (Ticaret Nezareti) angeschlossene Versammlung für Landwirtschaft und Handel (Meclis-i Ticaret ve Ziraat) gegründet. Sie sollte aus den angesehendsten Händlern die Mitglieder für die neu zu gründenden Kammern für Handel und Landwirtschaft (Ticaret ve Ziraat Cemiyetleri) 4 bestimmen. Die Versammlung für Landwirtschaft und Handel wurde 1879 aufgelöst, und ihre Aufgaben den neu gegründeten Direktorien für Industrie, Handel und Landwirtschaft (Sanayi, Ziraat ve Ticaret Müdüriyetleri) übertragen. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Begriff cemiyet durch den - dem Französischen entlehnten - Terminus oda ersetzt. In den darauf folgenden Jahren wurden zunächst in stanbul (1880) und später im 1 Ein umfassender Überblick zu den osmanischen Vorgängerinstitutionen der heutigen Industrieund Handelskammern ist bis dato nicht zugänglich. Die Darstellungen sind lückenhaft und weisen vor allem bzgl. der Datierung von Gesetzen und Institutionsgründungen und deren Benennung sowie in Bezug auf Begriffsdefinitionen erhebliche Divergenzen auf: M.Ö. ALKAN: Sivil Toplum Kurumlar n n Hukuksal erçevesi In: A.N. YÜCEKÖK,. TURAN, M.Ö. ALKAN: Tanzimattan Günümüze stanbul da STK lar. stanbul 1998, S ; A. ÖNCÜ: Cumhuriyet Döneminde Odalar. In: Cumhuriyet Dönemi Ansiklopedisi (CDTA) Cilt 6. stanbul: leti im Yay nlar 1983, S ; K. ÖKE: Odalar BirliÊi. In CDTA, Cilt 14. stanbul: Ileti im Yay nlar 1996, S In Anlehnung an die Sekundärliteratur wird im Folgenden bei Nennung von osmanischen Institutionen, Gesetzen etc. die neutürkische Transkription übernommen. 3 K. ÖKE: Odalar BirliÊi, S ALKAN weist auf fünf verschiedene, in diesem Kontext oft irreführende Konnotationen des Begriffs cemiyet hin. Die Idee der Funktionen und Aufgaben der oben genannten Organisationen entsprachen jedoch bereits den später ohnehin in oda umbenannten Kammern. Vgl. M.Ö. ALKAN: Sivil Toplum Kurumlar n n Hukuksal erçevesi, S2 heutigen zmir (1885), im heutigen Antalya und Mersin (1886) sowie in nebolu (1897) Kammern eingerichtet. Jede Gründung mußte durch das Ministerium für Handel und Landwirtschaft genehmigt werden. In bezug auf die Kontrolle und die Wahl der Geschäftsführung standen die Kammern vollständig unter der Vormundschaft des Ministeriums. 5 Die Mitgliedschaft von Unternehmen war - im Gegensatz zu den republikanischen Nachfolgeinstitutionen - nicht obligatorisch. Die Aufgaben der Kammern beschränkten sich auf die Vermittlung von Vorschlägen und Informationen der jeweiligen Wirtschaftssektoren an das Ministerium. Beratende Hilfe wurde in Fragen der Förderung der Landwirtschaft, des Handels und der Industrie erwartet, d.h. die Kammern solten lediglich als Informationsorgane des Staates fungieren. 6 Zwei Jahre nach der Jungtürkischen Revolution und dem Beginn der 2. Konstitutionellen Periode (1908) trat ein Gesetz für Handels- und Industriekammern (Ticaret ve Sanayi Kanunu) mit folgenden Bestimmungen in Kraft: Die Kammern der Sektoren Industrie und Handel sollten zu jeweils einer gemeinsamen Kammer fusionieren. Die Kammermitgliedschaft war nicht an die osmanische Staatsangehörigkeit gebunden und es bestand wiederum keine Mitgliedspflicht der einzelnen Unternehmen. 7 Die Verwaltung und Kontrolle der Kammern lag vollständig in den Händen des verantwortlichen Ministeriums. Die Industrie- und Handelskammern sollten auch hier lediglich als Bindeglied zwischen dem Staat und dem Händler sowie als Beratungs- oder Informationsorgan fungieren. 8 Die Mitglieder vertraten eher die Interessen der international agierenden Großhändler. Kleinere einheimische und mehrheitlich von einheimischen Besitzern geführte Betriebe waren, wenn überhaupt, in Handwerkskammern (Esnaf Odalar ) organisiert. Bezüglich der Anzahl der Kammern nennt Öncü für das Jahr 1920 insgesamt 20 Einrichtungen. 9 Gemäß den Angaben von Zafer Toprak bestanden im Jahr M.Ö. ALKAN: Sivil Toplum Kurumlar n n Hukuksal erçevesi, S. 64f. 6 A. ÖNCÜ: Cumhuriyet Döneminde Odalar, S. 1568: lk odalar n hükümetin dan ma organlar gibi dü ünülmü olduêu anla lmaktad r. 7 A. ÖNCÜ. Cumhuriyet Döneminde Odalar, S M.Ö. ALKAN: Sivil Toplum Kurumlar n n Hukuksal erçevesi, S. 66: [...] hem hükümet ile tüccar aras nda bir köprü hem de dan ma organ olarak tan mlanm t r. 9 A. ÖNCÜ: Chambers of Industry in Turkey: An Inquiry into State. Industry Relations as a Distributive Domain. In: E, ÖZBUDUN, A. ULUSAN (ed.): The Political Economy of Income Distribution in Turkey. New York: Holmes & Meier Publishers 1980, S3 auf dem - zu dieser Zeit noch weitaus größeren - Herrschaftsgebiet der Osmanen 156 Kammern SEIT GRÜNDUNG DER REPUBLIK TÜRKEI DIE KAMMERNGESETZE VON 1924 UND 1943 Kurz vor Gründung der Republik Türkei wurde Anfang des Jahres 1923 in zmir ein nationaler Wirtschaftskongress ( zmir ktisat Kongresi) veranstaltet. Zu den grundlegenden Beschlüssen dieses Kongresses gehörte die Forderung, daß als Prämisse für eine unabhängige Republik gleichfalls ein international unabhängiges nationales Wirtschaftssystem etabliert werden müsse. 12 Diese Forderung spiegelt sich in Artikel 4-5 des 1924 erlassenen Gesetzes für Handels- und Industriekammern (Ticaret ve Sanayi Odalar Kanunu) wieder. Die Nationalisierung (millile tirilmesi) der Kammern wurde dadurch erlangt, daß die Kammermitgliedschaft ab 1924 für jeden Wirtschaftsbetrieb obligatorisch wurde, und - im Gegensatz zu den Bestimmungen während der jungtürkischen Periode - die türkische Staatsangehörigkeit Voraussetzung für eine Mitgliedschaft bei den Kammern wurde. Das neue Gesetz und die kurz darauf erlassenen Beschlüsse zielten auf die weitgehende Kontrolle der Kammern durch den Staat, respektive durch das Handelsministerium, ab. 13 Kammern stellten eine juristische Person nach öffentlichem Recht (hükmi ahsiyeti haiz) dar und waren auf Anordnung des Ministeriums zu gründen. Der Geschäftsführer war Staatsbeamter und wurde durch das Ministerium ernannt. Sowohl im Wahlgremium für den Kammervorstand als auch im Vorstand selbst mußte die Mehrheit durch Staatsbeamte des Ministeriums sichergestellt werden. 10 Z. TOPRAK: Milli ktisat - Milli Burjuvazi. Türkiye de Ekonomi ve Toplum ( ). stanbul: Tarih Vakf 1995, S Neben den Industrie- und Handelskammern bestehen in der Türkei weitere - in diesem Kapitel nicht berücksichtigte - Kammerorganisationen. Dazu gehören u.a.: Landwirtschaftskammern (Ziraat Odalar ); Kammer der Buchhalter und Finanzberater (Muhasebeci ve Mali Mü avir Odalar ); Ärztekammern (Tabip Odalar ); Handwerkskammern (Esnaf Odalar ); Kammer der Ingenieure und Architekten (Mimar ve Mühendis Odalar ). 12 Vgl. die Eröffnungsrede von Mustafa Kemal (Atatürk). A. G. ÖK ÜN: Türkiye ktisat Kongresi zmir. Haberler, Belgeler, Yorumlar. Ankara: Sermaye Piyasas Kurulu , S M.Ö. ALKAN: Sivil Toplum Kurumlar n n Hukuksal erçevesi , S4 Im Lauf der ersten zwei Jahrzehnte nahm die Anzahl der Kammern um mehr als das Doppelte zu. Waren es 1924 noch 50 Organisationen, so existierten 1942 bereits 105 Handels -und Industriekammern. 14 Während des 2. Weltkrieges wurde ein neues Gesetz für Handels- und Industriekammern (Ticaret ve Sanayi Odalar, Esnaf Odalar ve Ticaret Borsalar Kanunu) erlassen; die Kontrollmöglichkeiten bzw. die Vormundschaft (vasilik) des Staates sind hier noch ausgebaut worden. Als Gründe hierfür führt Öncü den Versuch der staatlichen Steuerung eines Krisenmanagements aufgrund der wirtschaftlichen Folgen des Weltkrieges sowie den Kampf gegen einen florierenden Schwarzmarkt an. 15 Eine weitere Ursache liegt in dem seit Anfang der 30er Jahre wachsenden staatlichen Einfluß auf das Wirtschaftssystem. Denn nach Ausbleiben eines privatwirtschaftlichen Engagements hatte sich die im Einparteiensystem regierende Republikanische Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi, CHP) duch Förderung staatlich geführter Wirtschaftsbetriebe und die Erstellung von Fünfjahresplänen zunehmend dem Prinzip der etatistischen Wirtschaftsführung verschrieben DAS KAMMERNGESETZ VON 1950 Der Übergang von den 40er in die 50er Jahre bedeute für die Republik Türkei in vielerlei Hinsicht einen Umbruch. Nach Ende des Weltkrieges folgte die Türkei der Truman-Doktrin und nahm die Hilfen des Marshall - Plans in Anspruch. Die institutionelle Anbindung an den Westen erfolgte zügig: 1945 Gründungsmitglied der UNO, 1952 Beitritt zur NATO sowie Beitritt zum Internationalen Währungsfond, zur Weltbank und zur OECD. Mit den außenpolitischen Veränderungen ging gleichzeitig eine Umgestaltung der innenpolitischen Verhältnisse einher. Die seit Gründung der Republik Türkei in einem Einparteiensystem regierende Republikanische Volkspartei (Cumhuriyet Halk F rkas, CHF, ab 1935 C.H. Partisi. CHP) geriet in ihrer Alleinherrschaft innenpolitisch zunehmend unter Druck. Im Zuge der Forderung nach einem demokratischen System wurde die Gündung einer oppositionellen Partei 14 A. ÖNCÜ: Cumhuriyet Döneminde Odalar, S A. ÖNCÜ: Cumhuriyet Döneminde Odalar, S5 zugelassen. Bei den ersten demokratischen Wahlen der Türkei 1950 übernahm die neu formierte Demokratische Partei (Demokrat Partisi DP) unter der Führung von Adnan Menderes die Regierung und drängte die CHP in die Opposition. Die insbesondere aufgrund internationalen Drucks bereits Ende der 40er Jahre eingeleitete Wirtschaftspolitik der Forcierung außenwirtschaftlicher Liberalisierung und der Förderung der türkischen Privatwirtschaft wurde durch die neue Regierung stark intensiviert. Dies hatte weitreichende Folgen für die Position der Industrieund Handelskammern: 1950 trat ein neues Gesetz zur Regelung der Kammern in Kraft (Ticaret ve Sanayi Odalar, Ticaret Odalar, Sanayi Odalar, Ticaret Borsalar ve Bunlar n BirliÊi Hakk nda Kanunu). Die Modifikationen im Vergleich zu den vorigen Gesetzen betrafen im Wesentlichen folgende Bereiche: Die Geschäftsführer der Kammern wurden nicht mehr durch das zuständige Ministerium ernannt, sondern konnten intern gewählt werden. Außerdem wurde aufgrund zunehmender Divergenzen zwischen den Sektoren Handel und Industrie die Gründung eigener Industriekammern genehmigt. 16 Ein weiterer Beschluß betraf die Gründung einer Dachorganisation, in der alle türkischen Kammern obligatorisch zusammen geschlossen werden mußten. Daraufhin kamen die in der folgenden Liste aufgeführten Organisationen Anfang des Jahres 1952 in Ankara zusammen, um die Union der Türkischen Industrie- und Handelskammern und Warenbörsen (Türkiye Ticaret, Sanayi, Deniz Ticaret ve Odalar ve Ticaret Borsalar BirliÊi TOBB) zu gründen: 17» 32 Handels- und Industriekammern» 8 Handelskammern» 1 Industriekammmer ( stanbul)» 20 Handelsbörsen Bis 1977 hatte sich die Anzahl der in TOBB organisierten Kammern beträchtlich ausgeweitet: Seit 1909 waren die Sektoren Handel und Industrie in einer Kammer organisiert. Nach Erlaß des Gesetzes von 1950 wurden Industriekammern (Sanayi Odalar ) in stanbul (1952), zmir (1954), Ankara (1963), Kayseri (1967) und Eski ehir (1968) gegründet. 17 M.K. ÖKE: Odalar BirliÊi, S Die Gesamtzahl widerspricht den Angaben von ÖNCÜ, nach denen bereits 1942 über 100 Handels- und Industriekammern existierten. A. ÖNCÜ: Cumhuriyet Döneminde Odalar, S A. ÖNCÜ: Cumhuriyet Döneminde Odalar, S6 » 131 Handels- und Industriekammern» 50 Handelskammern» 8 Industriekammern» 52 Handelsbörsen Die Organisationsform türkischer Kammern war im Kammergesetz von 1950 als: Juristische Person und Öffentliche Körperschaft in Form einer Berufsorganisation (Tüzel ki iliêi haiz ve meslekî te ekkül mahiyetinde kamu kurumu) definiert. Die Bezeichnung zeigt, daß trotz der Liberalisierungstendenzen im Vergleich zu den Bestimmungen der Jahre 1924 und 1943 die türkischen Kammern keine unabhängigen Institutionen zur Vertretung wirtschaftlicher Interessen gegenüber dem Staat darstellten, sondern als staatliches Umsetzungsorgan wirtschaftspolitischer Direktiven zu verstehen war. Entsprechend der Verfassung der Republik Türkei von 1961 (Art. 122) ist den Kammern in der Verfassung von 1982 ein eigener Artikel (135) gewidmet: Berusftändische Vereinigung mit der Natur von Körperschaften des öffentlichen Rechts. 19 Das in diesem Artikel ausgesprochene absolute Politikverbot sowie das Verbot mit Vereinen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden zu kooperieren, ist 1995 aus der Verfassung gestrichen worden. Das Gesetz für Handels- und Industriekammern, Handelskammern, Industriekammern, Handelsbörsen und deren Union Nr ist - abgesehen von einzelnen Änderungsgesetzen (deêi iklik kanunlar ) - in seiner Form bis heute gültig FUNKTIONEN UND INTERESSENSKONFLIKTE DES TOBB Von Ende der 50er bis Anfang der 80er Jahre verfolgte der türkische Staat wirtschaftspolitisch den Kurs einer importsubstituierenden Industrialisierung. Durch Förderung der nationalen Wirtschaft sollte die inländische Güternachfrage durch heimische Produktion gedeckt, und somit der Importbedarf eingeschränkt bzw. vollständig kompensiert werden. Um die heimische Industrie aufzubauen, waren Devisen für den Import von Investitionsgütern, Zwischenprodukten oder Rohstoffen nötig. Für die Zuteilung der Devisen zur Tätigung von Importen sowie 19 Übersetzt nach: Ch. RUMPF: Das türkische Verfassungssystem. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 1996, S7 für die Erstellung von Importlisten war insbesondere in den 60er Jahren die Union der türkischen Kammern TOBB verantwortlich. In bezug auf die konkrete Durchführung des Importregimes bestanden zwischen den in TOBB organisierten Industrie- und Handelskammern jedoch empfindliche Interessenskonflikte. Während der Handelssektor sich für eine Liberalisierung des Importregimes für Fertigprodukte aussprach, forderte der Industriesektor - abgesehen von benötigten Rohstoffen und Zwischenprodukten - den Schutz der einheimischen Produktion durch generelle Importbarrieren. Im Laufe der 50er Jahre gewannen die Industriellen innerhalb der TOBB an Einfluß und erlangten eine höhere (Devisen-) Quotenzuteilung für den Import von Rohstoffen und Vorprodukten. Höhere Quotenzuteilung für die Industrie bedeutete niedrigere Quotenzuteilungen für Händler von Fertigprodukten (Importeure). Dies hatte eine zusätzliche Protektion heimischer Industrieprodukte zur Folge. 20 In den 60er und 70er Jahren wurde der Einfluß der Industriekammern innerhalb der Dachorganisation TOBB jedoch zugunsten der Handelskammern zurückgedrängt. Die Kräfteverteilung verhielt sich notabene zu Gunsten des Handels- und zu Lasten des Industriesektors, da pro Kammer mindestens ein, höchstens jedoch zehn, Delegierte in die Generalversammlung berufen wurden. Im Vergleich zu den Industriekammern existierten erheblich mehr Handels- sowie aneinandergekoppelte Industrie- und Handelskammern. Obgleich die Mitglieder der wenigen Kammern der Großindustrie bereits zu einem Großteil zur Erwirtschaftung des Volkseinkommens beitrugen, waren sie innerhalb der Entscheidungsgremien des TOBB unterrepräsentiert. Die Sitzverteilung der Delegierten in der Generalversammlung (Genel Kurul) des TOBB verhielt sich zum Beispiel im Jahre 1973 wie folgt:» 438 Delegierte der Handels- und Industriekammern» 166 Delegierte der Handelskammern» 282 Delegierte der Warenbörsen» 55 Delegierte der Industriekammern Rein industrielle Interessen wurden folglich von 6% der Delegierten vertreten. Die Tatsache, daß der Exekutivrat (Yönetim Kurulu) durch die Delegierten gewählt 138 wird, macht überdies die schwache Position des Industriesektors innerhalb der TOBB deutlich. 21 Neben den Interessenskonflikten zwischen den Sektoren Handel und Industrie bestand außerdem eine Bipolarität innerhalb des Industriesektors: Grundsätzlich sind die türkischen Kammern nicht nach Branchen oder Sektoren, sondern entsprechend regionaler Zuordnung (Provinzen und Bezirke) organisiert. Ein klarer Unterschied der Interssen bestand grundsätzlich zwischen den Kammern in den anatolischen Provinzen (Eski ehir etc.) und den Kammern in den beiden Ballungsräumen der Großindustrie. Die Mitglieder der ersten Kategorie setzten sich eher aus kleinen und mittleren Industriebetrieben zusammen, die für eine Importsubstitution aller Güter, also auch der Vorprodukte und Rohstoffe, eintraten. Die in den Kammern von Istanbul und Izmir organisierte Großindustrie hatte sich jedoch auf die Montageindustrie (Automobile, Maschinen etc.) spezialisiert und war somit auf den Import von Zwischenprodukten angewiesen. In bezug auf die Beziehung des TOBB zu den Entscheidungsträgern der Politik macht Kemali Say bas l deutlich, daß die Kammerunion stark an die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre regierende Gerechtigkeitspartei (Adalet Partisi AP) unter Ministerpräsident Süleyman Demirel gebunden war. Ganz im Sinne der in der Kammerunion organisierten Privatwirtschaft förderte die AP das freie Unternehmertum. Die Demokratische Volkspartei (CHP) unter Bülent Ecevit war hingegen der Förderung des Privatsektors gegenüber kritisch eingestellt und versuchte entsprechend den Vorgaben einer etatistischen Wirtschaftspolitik die Kompetenz und Eigenständigkeit der Kammern zu minimieren. 22 Die Abhängigkeit der TOBB von der Haltung der Regierung wurde Anfang der 70er Jahre deutlich. Nach anhaltender innenpolitischer Instabilität sah sich im März 1971 das Militär veranlaßt, mittels eines Memorandums in die Politik einzugreifen, worauf der seit 20 T. AMELUNG: Die politische Ökonomie der Importsubstitution und der Handelsliberalisierung. Das Beispiel Türkei. Tübingen J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1989, S K. SAYIBA ILI: Chambers of Commerce and Industry, Political Parties and Governments: A Comparative Ananlysis of the British and the Turkish Cases. In: Geli me Dergisi. Studies in Development. 11 (1976), S Deutlich wurde die gegensätzliche Haltung bei der Verabschiedung der beiden Fünfjahrespläne in den 60er Jahren. Während der von der CHP Regierung verabschiedete 1. Plan ( ) in keinerlei Hinsicht die TOBB-Vorschläge zur Förderung der Privatwirtschaft berücksichtigte, trugen die unter der DP-Regierung gesetzten Ziele des 2. Plans ( ) eindeutig die Handschrift des TOBB. Vgl. K. SAYIBA ILI: Türkiye de Özel Te ebbüs ve Ekonomik Politikas. In: Geli me Dergisi. Studies in Development. 13 (1976), S9 Mitte der 60er Jahre amtierende Ministerpräsident der AP-Regierung Süleyman Demirel zurücktrat. Die Regierungsgeschäfte wurden für ein Jahr von dem ehemaligen CHP-Abgeordneten Nihat Erim übernommen. Noch im gleichen Jahr wurde den Kammern die Entscheidungsbefugnis der Devisenallokation entzogen und dem Handelsmininisterium übertragen. Der Verlust dieser wichtigen Entscheidungskompetenz bedeutete für die Kammern einen empfindlichen wirtschaftspolitischen Machtverlust. Nachdem den Kammern kurz darauf noch weitere Kompetenzen in bezug auf die Erstellung von Importlisten entzogen wurden, hatte der Einfluß der Kammern Mitte der 70er Jahre einen historischen Tiefpunkt erreicht. 23 Die heutigen Aufgaben der Kammern lauten:» Ausführung der von der Regierung übertragene Aufgaben;» Organisierung von Kongressen, Beteiligung an Messen und Ausstellungen; Raports zur gesamtwirtschaftlichen Lage erstellen;» Übermittlung der von staatlichen Stellen verlangten Informationen und Meinungen;» Schlichtung bei Streitigkeiten zwischen Mitgliedsorganisationen;» Vertretung bei internationalen Organisationen,» Unterstützung türkischer Kammern im Ausland Vgl. A. ÖNCÜ: Chambers of Industry in Turkey: An Inquiry into State-Industry Relations as a Distributive Domain. In: E. ÖZBUDUN, A. ULUSAN (ed.): The Political Economy of Income Distribution in Turkey. New York: Holmes & Meier Publishers 1980, S TOBB. In: T.C. Devlet Te kilat Rehberi Ankara: Türkiye ve Orta DoÊu daresi Enstitüsü 1986, S ; 15 Ähnliche Dokumente
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