Source: https://www.juracademy.de/staatsorganisationsrecht/bundespraesident.html
Timestamp: 2019-06-21 00:36:14+00:00

Document:
I. Rechtliche Stellung und politische Bedeutung
II. Die Wahl des Bundespräsidenten
III. Aufgaben und Befugnisse des Bundespräsidenten
1. Die völkerrechtliche Vertretung des Bundes
2. Die Ernennung und Entlassung von Amtsträgern des Bundes
3. Die Auflösung des Bundestages
4. Das Prüfungsrecht des Bundespräsidenten bei der Ausfertigung von Gesetzen
5. Das Begnadigungsrecht
Staatsorganisationsrecht - Der Bundespräsident
Kursangebot | Grundkurs Staatsorganisationsrecht | Der Bundespräsident
Video: Der Bundespräsident
Der Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt und damit der ranghöchste Vertreter Deutschlands. Die politische Bedeutung des Bundespräsidenten ist hingegen – etwa im Vergleich zu ausländischen Staatsoberhäuptern wie dem französischen oder dem US-amerikanischen Präsidenten – gering.
Im Gegensatz zum Reichspräsidenten in der Weimarer Republik ist der Bundespräsident vom Grundgesetz bewusst nur mit beschränkten Kompetenzen ausgestattet worden.
Die politischen Funktionen des Bundespräsidenten liegen in erster Linie in der Repräsentation und der Integration. Dies beinhaltet beispielsweise Reden zu wichtigen Anlässen. Die Integrationsfunktion kommt durch die Überparteilichkeit der Amtsführung zum Ausdruck: Der Bundespräsident muss auch einen politischen Gegner zum Bundeskanzler ernennen, wenn dieser gewählt wird und darf nicht die Ausfertigung von Gesetzen verweigern, weil er sie für politisch schädlich hält. Ein Bundespräsident, der Mitglied einer Partei ist, lässt auch seine Parteimitgliedschaft während seiner Amtszeit traditionellerweise ruhen.
Darüber hinaus erfüllt der Bundespräsident auch die Aufgabe des „Staatsnotars“. Er fertigt die in einem ordnungsgemäßen Verfahren zustande gekommenen Gesetze aus und verkündet sie im Bundesgesetzblatt, Art. 82 GG.
In politischen Krisenzeiten kommt dem Bundespräsidenten auch eine politisch bedeutsame Position zu. So kann er die Einberufung des Bundestages gem. Art. 39 Abs. 3 GG verlangen und den Bundestag in bestimmten Fällen auflösen. Er kann weiterhin für einen Gesetzesvorschlag der Bundesregierung den Gesetzgebungsnotstand mit Zustimmung des Bundesrates erklären und den Gesetzesvorschlag dadurch gegen den Willen des Bundestages in Kraft setzen, Art. 81 Abs. 1 S. 1 GG.
Wählbar für das Amt des Bundespräsidenten ist jeder Deutsche, der die Wählbarkeit zum Bundestag besitzt und der das vierzigste Lebensjahr vollendet hat, Art. 54 Abs. 1 S. 2 GG. Die Wahl erfolgt durch die Bundesversammlung (Art. 54 Abs. 1 S. 1 GG), die ausschließlich zu diesem Zweck einberufen wird. Mitglieder der Bundesversammlung sind die Abgeordneten des Bundestages und eine gleiche Anzahl von Vertretern, die durch die Landesparlamente im Wege der Verhältniswahl bestimmt wurden, Art. 54 Abs. 3 GG. Diese müssen aber nicht Abgeordnete der Landesparlamente sein.
So waren in der Bundesversammlung im Jahr 2012 der Fußballtrainer Otto Rehhagel, der Komiker Ingo Appelt und die Journalistin Alice Schwarzer vertreten.
Die Bundesversammlung wird vom Präsidenten des Bundestages einberufen, Art. 54 Abs. 4 S. 2 GG. Bestimmungen über den Zeitpunkt des Zusammentritts der Bundesversammlung enthält Art. 54 Abs. 4 S. 1, Abs. 3 GG. Zur Wahl des Bundespräsidenten ist die absolute Mehrheit der Stimmen der Bundesversammlung erforderlich. Kommt diese auch im zweiten Wahlgang nicht zustande, so reicht im dritten Wahlgang die einfache Stimmenmehrheit, Art. 54 Abs. 6 GG. Die Amtsperiode beträgt fünf Jahre. Wiederwahl ist nur einmal zulässig, Art. 54 Abs. 2 GG.
Ein Rücktritt des Bundespräsidenten ist im Grundgesetz nicht vorgesehen, ist – wie im Falle von Horst Köhler oder Christian Wulff – aber gleichwohl zulässig. Ein Verfahren zur Abwahl eines Bundespräsidenten kennt das Grundgesetz nicht. Lediglich im Falle gravierender Verfassungs- oder Gesetzesverstöße können Bundestag oder Bundesrat vor dem BVerfG das Verfahren der Präsidentenanklage mit dem Ziel einleiten, ihn seines Amtes für verlustig erklären zu lassen, Art. 61 GG i.V.m. §§ 13 Nr. 4, 49 ff. BVerfGG.
Der Bundespräsident ist zwar der ranghöchste Vertreter der Bundesrepublik Deutschland, jedoch kein regierendes Staatsoberhaupt und nicht für die Politik verantwortlich. Als Ausfluss dieser Stellung regelt Art. 58 S. 1 GG, dass alle Anordnungen und Verfügungen des Bundespräsidenten zu ihrer Gültigkeit der Gegenzeichnung durch den Bundeskanzler oder den zuständigen Bundesminister bedürfen. Unter „Anordnungen und Verfügungen“ versteht man dabei sämtliche rechtserheblichen Akte des Bundespräsidenten.
Ausfertigung von Gesetzen, Ernennung von Amtsträgern, Gnadenentscheidungen.
Durch die Gegenzeichnung werden die Akte des Bundespräsidenten, der selbst parlamentarisch nicht verantwortlich ist, in die parlamentarische Verantwortlichkeit der Bundesregierung mit einbezogen.
Nach Art. 59 Abs. 1 S. 1 GG obliegt dem Bundespräsidenten die völkerrechtliche Vertretung des Bundes nach außen. Nach der Völkerrechtsordnung kommt dem Bundespräsidenten als Staatsoberhaupt damit eine umfassende Vertretungsmacht zu, die über das Unterzeichnen völkerrechtlicher Verträge (vgl. Art. 59 Abs. 1 S. 2 GG) und die Beglaubigung der Gesandten (vgl. Art. 59 Abs. 1 S. 3 GG) hinausgeht. Innerstaatlich ist der Bundespräsident bei der Ausübung seiner Vertretungsmacht jedoch an die Kompetenzordnung des Grundgesetzes gebunden. Dem gemäß bezieht sich die Kompetenz des Art. 59 Abs. 1 S. 2 GG nicht auf die materielle Gestaltung der Außenpolitik, wie z.B. die Ausgestaltung völkerrechtlicher Verträge, sondern ausschließlich auf die Ratifikation der Verträge. Der Bundespräsident hat also keine Befugnis zu selbstständiger außenpolitischer Gestaltung, sondern ist darauf beschränkt, den von den hierfür zuständigen Staatsorganen gebildeten Staatswillen kundzutun.
Die Außenpolitik gehört zur Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers.
Der Bundespräsident ernennt und entlässt den Bundeskanzler und die Bundesminister. Darüber hinaus ernennt er grundsätzlich alle Bundesbeamten, Bundesrichter, Offiziere und Unteroffiziere der Bundeswehr (Art. 60 Abs. 1 GG), soweit der diese Befugnis nicht auf andere Behörden übertragen hat (vgl. Art. 60 Abs. 3 GG).
Ein eigenes Auswahlrecht kommt dem Bundespräsidenten dabei nicht zu. Allenfalls könnte er die formellen Ernennungsvoraussetzungen, wie z.B. die deutsche Staatsangehörigkeit, nachprüfen.
Ein eigenes Auswahlrecht hat der Bundespräsident lediglich bei den Beamten des Bundespräsidialamtes selbst, insoweit steht ihm die Organisationsgewalt zu.
Auch bei der Ernennung der Bundesminister kommt dem Bundespräsidenten kein Ermessensspielraum zu. Zwar spricht Art. 64 Abs. 1 GG lediglich von einem „Vorschlag“ des Bundeskanzlers. Die Einrichtung der Bundesministerien und die Auswahl der Bundesminister ist aber Ausdruck der Organisations- und Personalgewalt des Bundeskanzlers. Sie kann nicht vom Bundespräsidenten dadurch umgangen werden, dass er die „Vorschläge“ des Bundeskanzlers ablehnt. Auch insofern ist der Bundespräsident auf eine formelle Prüfung beschränkt und darf die Ernennung nur dann ablehnen, wenn ihr rechtliche Gründe entgegenstehen.
Die Befugnis zur Auflösung des Bundestages steht dem Bundespräsidenten in zwei Fällen zu: Nach einer gescheiterten Kanzlerwahl gem. Art. 63 Abs. 4 S. 3 GG dann, wenn in einem dritten Wahlgang zwar ein Bundeskanzler gewählt wurde, aber nicht mit der absoluten Mehrheit der Stimmen. Hier liegt es im Ermessen des Bundespräsidenten, den Bundeskanzler zu ernennen oder aber den Bundestag zur Herbeiführung von Neuwahlen gem. Art. 39 Abs. 1 S. 4 GG aufzulösen. Weiterhin kann der Bundespräsident über die Auflösung des Bundestages nach einer gescheiterten Vertrauensabstimmung nach Art. 68 Abs. 1 S. 1 GG entscheiden. Hier ist die Entscheidungsmacht des Bundespräsidenten von vornherein dadurch begrenzt, dass eine Auflösungsentscheidung von einem dahingehenden Vorschlag des Bundeskanzlers abhängt.
Nach Art. 82 Abs. 1 S. 1 GG werden nur „nach den Vorschriften dieses Grundgesetzes zustande gekommene“ Gesetze ausgefertigt und verkündet. Ausfertigung meint dabei zum einen die Beurkundung, dass der Gesetzestext mit dem vom Bundestag beschlossenen Gesetzesinhalt übereinstimmt („Authentizität“) und zum anderen, dass das Gesetz nach den Vorschriften des Grundgesetzes zustande gekommen ist („Legalität“). Die Beurkundung erfolgt durch die Unterschrift des Bundespräsidenten und die Beifügung seines Siegels.
Verkündung ist die förmliche Veröffentlichung des Gesetzestexts im Bundesgesetzblatt: Das Gesetz gilt in dem Augenblick als verkündet, in dem die erste Ausgabe des Gesetzblatts, in dem das Gesetz abgedruckt ist, in die Verfügungsmacht der Öffentlichkeit gelangt.
Der Bundespräsident fertigt lediglich Parlamentsgesetze aus. Für die Ausfertigung und Verkündung von Rechtsverordnungen gilt Art. 82 Abs. 1 S. 2 GG.
Aus Art. 82 Abs. 1 S. 1 GG folgt zunächst ein formelles Prüfungsrecht des Bundespräsidenten. Er darf die formelle Verfassungsmäßigkeit eines Gesetzes überprüfen und, falls er diese für nicht gegeben erachtet, die Ausfertigung verweigern.
Umstritten ist hingegen das materielle Prüfungsrecht des Bundespräsidenten, nach dem er die Ausfertigung des Gesetzes auch verweigern dürfte, wenn ein Gesetz materiell nicht mit der Verfassung in Einklang steht. Die h.M. gesteht dem Bundespräsidenten ein solches Prüfungsrecht zu. Denn der Bundespräsident soll nicht gezwungen werden, sehenden Auges ein verfassungswidriges Gesetz zu unterschreiben. Seine Befugnis, die Ausfertigung zu verweigern, wird jedoch auf Fälle evidenter Verfassungswidrigkeit beschränkt. (vgl. zu den einzelnen Argumenten Übungsfall 9 Rn. 188). Ein politisches Prüfungsrecht steht dem Bundespräsidenten nicht zu.
Das Letztentscheidungsrecht verbleibt in jedem Fall beim BVerfG, denn die Weigerung des Bundespräsidenten, ein Gesetz auszufertigen, kann im Wege des Organstreits (Art. 93 Abs. 1 Nr. 1 GG i.V.m. §§ 13 Nr. 5, 63 ff. BVerfGG) angegriffen und überprüft werden.
Der Bundespräsident übt gem. Art. 60 Abs. 2 GG das Begnadigungsrecht aus. Begnadigt werden in erster Linie Straftäter, das Begnadigungsrecht kann jedoch auch in Disziplinar- und Bußgeldsachen ausgeübt werden. Das Begnadigungsrecht betrifft nur konkrete Einzelfälle. Der Erlass von Strafen für ganze Täter- oder Deliktsgruppen kann nur durch Gesetz ausgesprochen werden.
Begnadigung bedeutet, dass dem Betroffenen seine Strafe oder sonstige Sanktion zumindest zum Teil erlassen wird. Das zugrunde liegende Urteil, insbesondere der Schuld- und Rechtsfolgenausspruch bleiben hiervon unberührt.
Unzulässig wäre es, wenn der Bundespräsident durch Ausübung seines Begnadigungsrechts ein in seinen Augen falsches Urteil „korrigieren“ wollte.
Der Bundespräsident übt das Begnadigungsrecht in Bezug auf bundesgerichtliche Entscheidungen aus. Entscheidend ist somit, ob die zugrunde liegende Verurteilung in erster Instanz von einem Gericht des Landes oder des Bundes ausgesprochen wurde (vgl. § 452 StPO). In Strafsachen steht das Begnadigungsrecht dem Bundespräsidenten deshalb praktisch lediglich in Staatsschutzsachen zu, denn in diesen üben die erstinstanzlich zuständigen Oberlandesgerichte die Gerichtsbarkeit des Bundes aus, vgl. Art. 96 Abs. 5 GG, § 120 GVG.
Für Verurteilungen durch Landesgerichte steht das Begnadigungsrecht dem Ministerpräsidenten des jeweiligen Bundeslandes zu, auch dann, wenn das Urteil im Revisionsverfahren etwa durch den Bundesgerichtshof bestätigt wurde.
Wer vertritt den Bundespräsidenten im Verhinderungsfall?
Der Präsident des Deutschen Bundestages.
Wer war der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland?

References: Art. 82
 Art. 39
 Art. 81
 Art. 54
 Art. 54
 Art. 54
 Art. 54
 Art. 54
 Art. 54
 Art. 61
 Art. 58
 Art. 59
 Art. 59
 Art. 59
 Art. 59
 Art. 60
 Art. 64
 Art. 63
 Art. 39
 Art. 68
 Art. 82
 Art. 82
 Art. 82
 Art. 60
 § 452
 Art. 96
 § 120