Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Urlaubsabgeltung_ruhendes_Arbeitsverhaeltnis_Urlaubsabgeltung_BAG_9AZR678-12.html
Timestamp: 2017-11-18 15:47:15+00:00

Document:
BAG, Urteil vom 06.05.2014, 9 AZR 678/12 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 06.05.2014, 9 AZR 678/12
Schlagworte: Urlaubsabgeltung, Urlaub: Ruhendes Arbeitsverhältnis, Sonderurlaub, Freistellung: Urlaub, Sabbatical
Leitsätze: Vereinbaren die Arbeitsvertragsparteien unbezahlten Sonderurlaub, hindert die Suspendierung der wechselseitigen Hauptpflichten aus dem Arbeitsverhältnis grundsätzlich nicht das Entstehen gesetzlicher Urlaubsansprüche.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 9.1.2012 - 58 Ca 18678/11
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 15.5.2012 - 3 Sa 230/12
hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 6. Mai 2014 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer und Klo­se
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter An­t­ho­ni­sen und Neu­mann-Red­lin für Recht er­kannt:
In § 26 Abs. 2 Buchst. c TV-Cha­rité war ge­re­gelt:
„Ruht das Ar­beits­verhält­nis, so ver­min­dert sich die Dau­er des Er­ho­lungs­ur­laubs ein­sch­ließlich ei­nes et­wai­gen Zu­satz­ur­laubs für je­den vol­len Ka­len­der­mo­nat um ein Zwölf­tel.“
te die Kläge­rin die Be­klag­te er­folg­los auf, ihr 15 Ta­ge ge­setz­li­chen Ur­laub aus dem Jahr 2011 ab­zu­gel­ten.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie ei­nen Be­trag iHv. 1.846,00 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 1. De­zem­ber 2011 zu zah­len.
Die zulässi­ge Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist un­be­gründet. Der Kläge­rin steht gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG ein An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung iHv. 1.846,00 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen zu.
I. Auch wenn zu­guns­ten der Be­klag­ten da­von aus­ge­gan­gen wird, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en während des Son­der­ur­laubs gemäß § 28 TV-Cha­rité ruh­te (vgl. zum Be­griff des Ru­hens: BAG 10. Mai 1989 - 6 AZR 660/87 - zu B II 1 der Gründe, BA­GE 62, 35), ent­stand der ge­setz­li­che Ur­laubs­an­spruch der Kläge­rin am 1. Ja­nu­ar 2011. Oh­ne Rechts­feh­ler hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men, dass die mit der Ru­hens­ver­ein­ba­rung be­wirk­te Su­s­pen­die­rung der wech­sel­sei­ti­gen Haupt­pflich­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis das Ent­ste­hen des ge­setz­li­chen Ur­laubs­an­spruchs nicht hin­der­te.
gan­gen, dass im ru­hen­den Ar­beits­verhält­nis Ur­laubs­ansprüche ent­ste­hen. Dies zei­gen die in die­sen Vor­schrif­ten ge­re­gel­ten Kürzungs­be­fug­nis­se des Ar­beit­ge­bers (vgl. für die El­tern­zeit: BAG 17. Mai 2011 - 9 AZR 197/10 - Rn. 24, BA­GE 138, 58; aA Po­wietz­ka/Christ NZA 2013, 18, 21 f.). Nur ein ent­stan­de­ner Ur­laubs­an­spruch kann gekürzt wer­den (so schon BAG 30. Ju­li 1986 - 8 AZR 475/84 - zu I 3 der Gründe, BA­GE 52, 305).
c) Der Um­stand, dass das Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses auf­grund ei­nes An­trags der Kläge­rin ver­ein­bart wur­de, ge­bie­tet kei­ne an­de­re Be­ur­tei­lung (vgl.
Boecken/Ja­cob­sen ZTR 2011, 267, 270 f.; aA Pi­cker ZTR 2009, 230, 237; diff. Höpfner Anm. AP BUrlG § 7 Nr. 61, zu II). So­wohl der Um­fang des Min­des­t­ur­laubs­an­spruchs als auch die De­fi­ni­ti­on des Gel­tungs­be­reichs des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes sind gemäß § 13 Abs. 1 BUrlG der Dis­po­si­ti­on der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ent­zo­gen (vgl. BAG 7. Au­gust 2012 - 9 AZR 353/10 - Rn. 16, BA­GE 142, 371). An­ge­sichts der im Ar­beits­verhält­nis ty­pi­scher­wei­se be­ste­hen­den struk­tu­rel­len Un­gleich­ge­wichts­la­ge bestünde an­sons­ten die Ge­fahr, dass der Ar­beit­neh­mer letzt­lich „un­frei­wil­lig“ auf sei­ne Ur­laubs­ansprüche ver­zich­ten könn­te (vgl. zur Ein­wil­li­gung in die Da­ten­ver­ar­bei­tung: HK-ArbR/Hil­brans 3. Aufl. § 4a BDSG Rn. 3; WHW/Wäch­ter A VI Rn. 126, je­weils mwN).
zeit­richt­li­nie) legt er so aus, dass sie na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten, nach de­nen der An­spruch ei­nes Kurz­ar­bei­ters auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub pro ra­ta tem­po­ris be­rech­net wer­de, nicht ent­ge­gen­ste­hen. Dar­aus folgt je­doch nicht, dass es uni­ons­recht­lich ge­bo­ten ist, den Jah­res­ur­laub nach deut­schem Ur­laubs­recht bei ei­nem Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses zu kürzen (Bay­reu­ther DB 2012, 2748, 2749; Plüm NZA 2013, 11, 17; Po­wietz­ka/Christ NZA 2013, 18, 21). Viel­mehr enthält die Ar­beits­zeit­richt­li­nie nach ih­rem Art. 1 Abs. 1 nur Min­dest­vor­schrif­ten (EuGH 3. Mai 2012 - C-337/10 - [Nei­del] Rn. 35). Das Recht der Mit­glied­staa­ten, für die Si­cher­heit und den Ge­sund­heits­schutz der Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten an­zu­wen­den oder zu er­las­sen, bleibt nach Art. 15 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie aus­drück­lich un­berührt. Zwar darf die An­wen­dung ei­ner sol­chen Be­stim­mung in ei­ner Richt­li­nie nach der jünge­ren Recht­spre­chung des EuGH nicht da­zu führen, dass der We­sens­ge­halt des Rechts des Ar­beit­ge­bers auf un­ter­neh­me­ri­sche Frei­heit be­ein­träch­tigt wird (vgl. zu Art. 8 der Richt­li­nie 2001/23/EG des Ra­tes vom 12. März 2001 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Wah­rung von Ansprüchen der Ar­beit­neh­mer beim Über­gang von Un­ter­neh­men, Be­trie­ben oder Un­ter­neh­mens- oder Be­triebs­tei­len: EuGH 18. Ju­li 2013 - C-426/11 - [Alemo-Her­ron ua.] Rn. 36). Durch das Ent­ste­hen von Ur­laubs­ansprüchen oh­ne Er­brin­gung ei­ner Ar­beits­leis­tung im Be­zugs­zeit­raum wird der We­sens­ge­halt der un­ter­neh­me­ri­schen Frei­heit je­doch nicht be­ein­träch­tigt. Dies er­gibt sich aus der Recht­spre­chung des EuGH. Die Ar­beits­zeit­richt­li­nie ist da­nach so aus­zu­le­gen, dass sie es den Mit­glied­staa­ten ver­wehrt, den al­len Ar­beit­neh­mern ein­geräum­ten An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub da­durch ein­sei­tig ein­zu­schränken, dass sie ei­ne Vor­aus­set­zung für die­sen An­spruch auf­stel­len, die be­wirkt, dass be­stimm­te Ar­beit­neh­mer von die­sem An­spruch aus­ge­schlos­sen sind (EuGH 26. Ju­ni 2001 - C-173/99 - [BEC­TU] Rn. 52, Slg. 2001, I-4881). Nach die­ser Recht­spre­chung steht es den Mit­glied­staa­ten zwar frei, in ih­ren in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten die Vor­aus­set­zun­gen für die Ausübung und die Um­set­zung die­ses An­spruchs fest­zu­le­gen, sie dürfen da­bei aber die Ent­ste­hung die­ses An­spruchs selbst nicht von ir­gend­ei­ner Vor­aus­set­zung abhängig ma­chen (EuGH 24. Ja­nu­ar 2012 - C-282/10 -
[Do­m­in­guez] Rn. 18 mwN). Vor die­sem Hin­ter­grund ist es uni­ons­recht­lich un­be­denk­lich, wenn das na­tio­na­le deut­sche Recht auch im Fal­le des Ru­hens des Ar­beits­verhält­nis­ses auf­grund ei­nes ver­ein­bar­ten un­be­zahl­ten Ur­laubs das Ent­ste­hen von Ur­laubs­ansprüchen vor­sieht.
IV. Die Be­klag­te hat 15 Ta­ge ge­setz­li­chen Ur­laub mit 1.846,00 Eu­ro brut­to ab­zu­gel­ten. Zwar blei­ben bei der Be­rech­nung des Ur­laubs­ent­gelts nach § 11 Abs. 1 Satz 3 BUrlG Ver­dienstkürzun­gen auf­grund von Ar­beits­versäum­nis, die
im Be­rech­nungs­zeit­raum des § 11 Abs. 1 Satz 1 ein­ge­tre­ten sind, nur dann für die Be­rech­nung des Ur­laubs­ent­gelts außer Be­tracht, wenn sie un­ver­schul­det wa­ren. Nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts be­fand sich die Kläge­rin auch im Zeit­raum vom 1. Ju­li 2011 bis zum 30. Sep­tem­ber 2011 im Son­der­ur­laub. Un­be­zahl­ter Son­der­ur­laub stellt ei­ne un­ver­schul­de­te Ar­beits­versäum­nis iSd. § 11 Abs. 1 Satz 3 BUrlG dar (HWK/Schinz 6. Aufl. § 11 BUrlG Rn. 49). So­weit die Be­klag­te erst­mals in der Re­vi­si­ons­in­stanz gel­tend macht, die von der Kläge­rin be­an­trag­te Verlänge­rung des Son­der­ur­laubs über den 30. Ju­ni 2011 hin­aus sei von der Be­klag­ten ab­ge­lehnt wor­den, die Kläge­rin sei mit­hin ab dem 1. Ju­li 2011 un­ent­schul­digt von der Ar­beit fern­ge­blie­ben, ist die­ser neue Tat­sa­chen­vor­trag nach § 559 ZPO un­be­acht­lich.
V. Der Zins­an­spruch be­ruht auf § 286 Abs. 1 Satz 1, § 288 Abs. 1 BGB. Die Be­klag­te be­fand sich auf­grund der Zah­lungs­auf­for­de­rung der Kläge­rin vom 16. No­vem­ber 2011 ab dem 1. De­zem­ber 2011 mit der Leis­tung in Ver­zug.
VI. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Abs. 1, § 269 Abs. 3 Satz 2 iVm. § 92 Abs. 2 Nr. 1 ZPO.
An­t­ho­ni­sen
C. Neu­mann-Red­lin
zur Übersicht 9 AZR 678/12

References: § 26
 § 7
 § 28
 § 7
 § 13
 § 4
 Art. 1
 Art. 15
 EuGH 
 Art. 8
 EuGH 
 § 11
 § 11
 § 11
 § 11
 § 559
 § 286
 § 288
 § 97
 § 269
 § 92