Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/steuerstrafrecht/10455-310455
Timestamp: 2019-10-14 01:45:10+00:00

Document:
In Fäl­len fin­gier­ter Ket­ten- oder Karus­sell­ge­schäf­te, die auf Hin­ter­zie­hung von Steu­ern ange­legt sind, ist bei der Straf­zu­mes­sung der aus dem Gesamt­sys­tem erwach­se­ne delik­ti­sche Scha­den als ver­schul­de­te Aus­wir­kung der Tat zu Grun­de zu legen, soweit den ein­zel­nen Betei­lig­ten die Struk­tur und die Funk­ti­ons­wei­se des Gesamt­sys­tems bekannt sind 1.
Bei der Zumes­sung einer Stra­fe wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung hat das in § 46 Abs. 2 Satz 2 StGB genann­te Kri­te­ri­um der "ver­schul­de­ten Aus­wir­kun­gen der Tat" im Rah­men der erfor­der­li­chen Gesamt­wür­di­gung beson­de­res Gewicht. "Aus­wir­kun­gen der Tat" sind ins­be­son­de­re die Fol­gen für das durch die Straf­norm geschütz­te Rechts­gut. Das durch § 370 AO geschütz­te Rechts­gut ist die Siche­rung des staat­li­chen Steu­er­an­spruchs, d.h. des recht­zei­ti­gen und voll­stän­di­gen Steu­er­auf­kom­mens jeder ein­zel­nen Steu­er­art. Des­halb ist die Höhe der ver­kürz­ten Steu­ern ein bestim­men­der Straf­zu­mes­sungs­um­stand i.S.d. § 267 Abs. 3 Satz 1 StPO 2.
Die­ser Umstand berührt aber den Schuld­spruch nicht. Denn ein Vor­steu­er­ab­zug schei­det aus, da den Rech­nun­gen der Zwi­schen­händ­ler kei­ne tat­säch­lich durch­ge­führ­ten Lie­fe­run­gen zu Grun­de lagen. Nur wenn sol­che tat­säch­lich gege­ben gewe­sen wären, wäre der Rech­nungs­adres­sat zum Vor­steu­er­ab­zug berech­tigt gewe­sen 3.
Eine sol­che auf das ein­zel­ne Schein­rech­nungs­ver­hält­nis beschränk­te Betrach­tung wür­de dem Gesamt­un­rechts­ge­halt des Hin­ter­zie­hungs­sys­tems aber nicht gerecht. Die­ser wird näm­lich nicht durch das ein­zel­ne Rech­nungs­ver­hält­nis geprägt, son­dern durch das Sys­tem als Gan­zes. Es ist aner­kannt, dass jeden­falls, soweit – wie hier – den ein­zel­nen Betei­lig­ten die Struk­tur und die Funk­ti­ons­wei­se des Gesamt­sys­tems bekannt sind, dies auch bei der Fest­stel­lung der für die Straf­zu­mes­sung bestim­men­den ver­schul­de­ten Aus­wir­kun­gen der Tat Gewicht erlan­gen kann. Maß­geb­lich ist des­halb der vom Vor­satz umfass­te, aus dem Gesamt­sys­tem erwach­se­ne delik­ti­sche Scha­den, der in dem Über­schuss von gezo­ge­ner Vor­steu­er im Ver­gleich zu gezahl­ter Umsatz­steu­er besteht 4.
Die als Ers­tan­käu­fer ein­ge­setz­ten Schein­fir­men gaben kei­ne Umsatz­steu­er­vor­anmel­dun­gen oder ‑jah­res­er­klä­run­gen ab und führ­ten die in den Schein­rech­nun­gen an die Zwi­schen­händ­ler aus­ge­wie­se­ne Umsatz­steu­er ent­ge­gen § 14 Abs. 3 UStG aF (bzw. § 14c Abs. 2 UStG nF) auch nicht ab. Daher haben die Ers­tan­käu­fer den Tat­be­stand des § 370 Abs. 1 Nr. 2 AO ver­wirk­licht. Bei der Aus­stel­lung einer Schein­rech­nung mit geson­dert aus­ge­wie­se­ner Umsatz­steu­er ist eine Gefähr­dung des Steu­er­auf­kom­mens jeden­falls dann gege­ben, wenn die­se Rech­nung zum Vor­steu­er­ab­zug benutzt wer­den kann und der Rech­nungs­aus­stel­ler die geson­dert aus­ge­wie­se­ne Umsatz­steu­er nicht an das Finanz­amt abge­führt hat 5.
Die von den Schein­fir­men aus­ge­stell­ten Rech­nun­gen wur­den zudem von den Zwi­schen­händ­lern dafür genutzt, unbe­rech­tigt Vor­steu­ern gel­tend zu machen. Die Steu­er­ge­fähr­dung, der der Gesetz­ge­ber mit Schaf­fung des § 14 Abs. 3 UStG aF (§ 14c UStG nF) ent­ge­gen­wir­ken woll­te 6, ist in einen Scha­den umge­schla­gen. Die Umsatz­steu­er, die die
Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Auf­fas­sung des Land­ge­richts, dass nach § 14 Abs. 3 UStG aF (resp. § 14c Abs. 2 UStG nF) geschul­de­te Steu­ern für die Straf­zu­mes­sung irrele­vant sei­en, da sie bei steu­er­ehr­li­chem Ver­hal­ten nicht an den Fis­kus abzu­füh­ren gewe­sen wären, recht­lich nicht zutref­fend. Die­se Sicht­wei­se ver­nach­läs­sigt, dass durch die Rech­nun­gen, in denen Umsatz­steu­er aus­ge­wie­sen wird, dem Rech­nungs­emp­fän­ger eine wei­te­re Mög­lich­keit der Steu­er­hin­ter­zie­hung eröff­net wird. Wenn sich die mit der Schein­rech­nung ver­bun­de­ne Gefahr dann aber – wie hier – rea­li­siert, hat die­se ver­schul­de­te Aus­wir­kung der Tat für die Straf­zu­mes­sung Bedeu­tung. Es ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Ver­kür­zung, die aus den unrich­ti­gen Erklä­run­gen des Zwi­schen­händ­lers resul­tiert, den schon durch das Unter­las­sen der Umsatz­steu­er­vor­anmel­dun­gen bzw. ‑jah­res­er­klä­rung durch den Ers­tan­käu­fer ver­ur­sach­ten Steu­er­scha­den fort­setzt und allen­falls ver­grö­ßert. Damit ist das Steu­er­auf­kom­men zwar nicht in der Sum­me der bei­den Hin­ter­zie­hun­gen, aber im Umfang des jeweils höhe­ren Hin­ter­zie­hungs­be­tra­ges gefähr­det 7.
Die Geschäfts­un­ter­la­gen einer Taxi­zen­tra­le und das… Die Geschäfts­un­ter­la­gen einer „Taxi­zen­tra­le“, aus denen sich Umfang und Beschäf­ti­gungs­dau­er der Fah­rer der ange­schlos­se­nen Taxi­un­ter­neh­men ergibt, dür­fen von der Finanz­kon­trol­le Schwarz­ar­beit der Zoll­ver­wal­tung ein­ge­se­hen und…
Steu­er­hin­ter­zie­hung und Umsatz­steu­er­vor­anmel­dung Bei der Hin­ter­zie­hung von Umsatz­steu­ern bemisst sich, wie der Bun­des­ge­richts­hof jetzt fest­ge­stellt hat, der Umfang der ver­kürz­ten Steu­ern oder erlang­ten Steu­er­vor­tei­le auch dann nach deren…
im Anschluss an BGHSt 47, 343[↩]
vgl. BGH NJW 2009, 528, 531 m.w.N.[↩]
BGH NJW 2002, 1963, 1965[↩]
BGH NJW 2002, 3036, 3039[↩]
BGH NStZ 2001, 380, 381[↩]
vgl. BGH NJW 2002, 3036, 3037[↩]
BGH NStZ 2003, 268[↩]

References: § 46
 § 370
 § 267
 § 14
 § 14
 § 370
 § 14
 § 14
 § 14
 BGH 

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