Source: http://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=588
Timestamp: 2019-01-19 01:24:05+00:00

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Hermine Wertheimer und die Weissenburg Stuttgart Süd, Olgastr. 124
Stuttgart Süd, Olgastr. 124
Hermine Wertheimer wird am 7.12.1885 als Tochter des Hopfenhändlers Adalbert Weil in Speyer geboren. Sie heiratet den Kaufmann Salomon Wertheimer, Teilhaber der Firma Löb & Wertheimer, Großdestillation und Dampfbrennerei, Likörfabrik (vormals Hoflieferant) in der Weißenburgstraße 28. Seit der Firmengründung 1902 sind die Wertheimers in Stuttgart ansässig. Ab 1907 wohnen sie in der Olgastraße 124, in der Belle Etage im 1. Stock. Der Geschäftspartner Richard Löb wohnt auch in der Olgastraße (Nr. 93 B), beide haben den gleichen Zugang zu ihrer Fabrik in den
Hinterhöfen zwischen Olga- und Mozartstraße. Hier in der Olgastraße wird den Wertheimers 1907 Gertrud, das einzige Kind, geboren. Es wächst behütet und in bürgerlichem Wohlstand auf. Die Eltern sind integriert in die deutsch-schwäbische Gesellschaft. Salomon Wertheimer ist seit 1913 Mitglied in der Sektion Schwaben des Deutschen und Österreichischen Alpen-Vereins.
Am 9.7.1933 stirbt Salomon Wertheimer im Alter von nur 57 Jahren. Hermine ist nun den genau in diesem Jahr einsetzenden antijüdischen Maßnahmen, auch gegen die Firma - ohne ihren Ehemann - ausgesetzt.
1936 scheidet Richard Löb aus, er lässt sich ausbezahlen und geht ins Ausland. Josef Pressburger muss das Geschäft verkaufen. Es ist ein langsamer quälender Prozess von Oktober 1938 bis Mai 1940, als die Firma für erloschen gilt. Als Nachfolgefirma – in Wahrheit ist es eine Arisierung – wird jetzt Otto Meier & Co. eingetragen, sie übernimmt die Bücher und Schriften der früheren Firma. Das Entgelt für die erheblich unterbewertete Fabrik muss auf ein Sperrkonto eingezahlt werden.
Die Familie Pressburger zieht, wohl auch aus finanziellen Gründen, zu Hermine Wertheimer in die Olgastraße 124. Die letzte große Freude für die Großmutter wird der 1931 geborene Enkel Albert gewesen sein.
Im März 1941 wandert die Familie der Tochter, Gertrud und Josef Pressburger mit dem 10jährigen Albert, aus - nach New York. Sie nennen sich nun Preston, der Sohn heißt hier Kenneth Albert. Die Mutter wollen sie baldmöglichst nachholen.
Die Kinder erleben nicht mehr mit, wie ihre Mutter am 11.11.1941 nach Oberdorf/Ipf „zwangsevakuiert“ wird. Oberdorf, heute ein Ortsteil von Bopfingen, war eine der kleinstädtischen und ländlichen Gemeinden mit einem relativ großen jüdischen Bevölkerungsanteil. In die kleinen jüdischen Häuser, die zum Teil heute noch stehen, werden sie zu ihren Leidensgenossen einquartiert, müssen dort auf engstem Raum leben mit äußerst knapp bemessenen Lebensmittelrationen.
Ende November werden 24 Juden (13 Einheimische und 11 Einquartierte) von Oberdorf nach Stuttgart ins Sammellager auf dem Killesberg transportiert. Es sind die unter 60Jährigen, die Arbeitsgeräte mitbringen sollen, um an der angeblichen
Neuansiedlung im Osten mitzuarbeiten.
Der Transport geht am 1.12.1941 im Morgengrauen vom Güterbahnhof des Nordbahnhofs ab nach Riga. In den beschädigten Baracken und Scheunen des Lagers Jungfernhof sterben bald nach der Ankunft viele Menschen an Hunger, Kälte und Krankheiten. Ob dies das Schicksal von Hermine Wertheimer ist, weiß man nicht, auch nicht, ob sie zu den Toten der Massenexekution am 26.3.1942 im nahe gelegenen Wald von Bikernieki gehört.
Vielleicht ist Hermine Wertheimer noch am Leben, als sich der Staat schon an ihrem restlichen Vermögen bereichert: laut Mitteilung des Finanzamts Aalen an die Dresdner Bank vom 18.12.1941, keine drei Wochen nach der Deportation, sollen
durch Verfügung der Gestapo die Guthaben der Frau Wertheimer zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen werden, was wenige Tage später geschieht. Die im Depot befindlichen Wertpapiere liefert die Bank gleich an die Reichshauptkasse ab.
dies alles ist belegt mit Zahl und Datum. Es ist eindeutig: für die Täter sind es Deportationen ohne Wiederkehr - dafür in einen grausamen Tod.
Und auch auf dem israelitischen Teil des Stuttgarter Pragfriedhofs erinnert auf dem Grabstein des 1933 verstorbenen Salomon Wertheimer die Inschrift an „Minni (Hermine) Wertheimer, … umgekommen nach Deportation 1941 nach
Riga“.
Quwellen:
Rede von Joachim Stein am 25. Juli 2010 im Café Weissenburg
anlässlich der Eröffnung der Ausstellung über das NS-Unrecht an Homosexuellen und der Benennung des Saals im 1. Obergeschoss nach Minni Wertheimer:
Liebe Mitglieder des Weissenburg e.V.,
Liebe Mitglieder der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen,
Liebe Mitglieder der Initiative Gedenkort Hotel Silber,
Liebe Freundinnen und Freunde, an der Verfolgungsgeschichte Interessierte,
Liebe Gäste des Cafés, die Ihr zufällig in diese Ausstellungseröffnung gelangt seid,
vor 3 Monaten haben wir im Stuttgarter Rathaus die erste Ausstellung in Stuttgart zum Thema NS-Verfolgung von Homosexuellen gezeigt. Zum ersten mal wurde damit nicht nur in Sonntagsreden der Verfolgung insbesondere schwuler Männer gedacht und ein vergessenes Kapitel der Stadt- wie der Landesgeschichte aus dem Dunkel gezerrt. Nach wie vor fehlt diesem Land und dieser Stadt die dauerhafte Erinnerung, an das an unserer Minderheit begangene Unrecht. Gerade deshalb setzen wir große Hoffnung in einen Gedenkort im ehemaligen Hotel Silber, wo zum ersten mal dauerhaft sichtbar eine solche Gelegenheit geschaffen werden könnte. Die von der Stadt Stuttgart durchgeführte Anhörung dazu hat uns Mut gemacht. Nun zur Ausstellung selbst:
Erinnern wir uns an die sogenannten goldenen zwanziger Jahre, als zumindest in den großen Städten ein einigermaßen diskriminierungsfreies Leben für homosexuelle Menschen möglich war. Es gab ernsthafte Sexualforscher –erinnert sei hier an den Arzt Dr. Magnus Hirschfeld- der mit seinem wissenschaftlich-humanitären Komitee und mit Unterstützung namhafter Persönlichkeiten dem § 175 Reichsstrafgesetzbuch zu Leibe rückte und schon auf die Zielgerade eingebogen war, um auf parlamentarischem Weg die Anerkennung homosexueller Lebensweisen durchzusetzen. Gestoppt wurde er auf harte Art dann zunächst durch die Brüningschen Notverordnungen, die dann etwas gerafft dargestellt in die NS-Verfolgung gemündet sind. Die 1935 erfolgte Verschärfung des § 175 Reichsstrafgesetzbuch war dann der Schluss- aber noch nicht der Höhepunkt der Verfolgung.
Nachdem von der NS-Diktatur Homosexualität per se als Widernatürlichkeit gebrandmarkt wurde, hat sich aufgrund der damit einhergehenden Propaganda nicht nur in der allgemeinen Bevölkerung diese Sichtweise festgesetzt. Auch bei den homosexuellen Menschen selbst wurden Selbstzweifel genährt und Geheimhaltungsmechanismen befördert. Die ‚Widernatürlichkeit’ wurde damit internalisiert, obwohl für sie klar war, dass sie einfach nur gleichgeschlechtlich empfinden. Das hätte noch positiv beeinflusst werden können, wenn die junge Bundesrepublik die Verfolgung und das Leiden homosexueller Menschen anerkannt und abgestellt hätte. Stattdessen wurde der § 175 wortgleich in das neue Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland übernommen. Wer sich als verfolgter homosexueller Mensch bei den Behörden outete, wurde erneut kriminalisiert. Besonders perfide an der Stuttgarter Situation ist dabei, dass der Ort der Verfolgung genauso nahtlos weitertradiert wurde: Residierte die Geheime Staatspolizeistelle für Württemberg im ehemaligen Hotel Silber, so tat dies die nachherige Stadtpolizeibehörde im notdürftig wieder hergerichteten Bauwerk ebenso. Die Botschaft für homosexuelle Menschen lautete also: Die Verfolgung endet zwar nicht mehr im Konzentrationslager, aber die Bundesrepublik Deutschland kriminalisiert uns jetzt eben auf demokratisch legitimierte Weise weiter und steckt uns auch hinter Gitter. Wir sind also weiterhin wegen unserer sexuellen Identität ‚lebensunwert’.
Dieser Verfolgungstatbestand endete erst in der Zeit der Großen Koalition, als unter dem damaligen Justizminister Gustav Heinemann der § 175 Strafgesetzbuch so modifiziert wurde, dass gleichgeschlechtliche Sexualität unter erwachsenen Männern nicht mehr strafrechtlich verfolgt wurde. Homosexuelle Handlungen unter Frauen standen, dies sei in Klammern dazu gesagt, seit Beginn der preußischen Strafgesetzgebung 1875 nie unter Strafe, weshalb ich mich bei der strafrechtlichen Verfolgung auf die Männer ausrichte ohne damit das ebenso vorhandene Leiden der Frauen gering bewerten zu wollen.
Bis zur Gesetzesänderung 1969 wurden Treffpunkte überwacht, ertappte Menschen festgenommen und verhört, bei nachgewiesenem Vergehen wurden sie verurteilt und eingesperrt mit allen Konsequenzen für den weiteren Lebensweg. Unter denjenigen, die sich trotz dieser gesellschaftlichen Ächtung weiter trafen, um ihre Neigungen auszuleben, entstand eine verschworene Gemeinschaft, ja eine Art Geheimbund, der jedem Neuankömmling mit großem Vorbehalt begegnete und Aufnahmerituale entwickelte, damit die Fassade gewahrt werden konnte. Öffentliche Treffpunkte, die bis Anfang der dreißiger Jahre noch existierten, gab es nicht mehr. Ein öffentliches Coming out, wie es heute medienwirksam auch in der Politik möglich ist, war vollkommen ausgeschlossen. Wer unter diesen Rahmenbedingungen groß geworden ist, musste schon eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und Opferbereitschaft mitbringen, um seine sexuelle Identität zeigen und leben zu können. Darüber öffentlich zu reden, war unmöglich, ohne sich in konkrete Gefahr zu bringen. Menschen, die noch auf dem Weg zu ihrer sexuellen Identität waren, konnten also nicht erreicht werden. Ein öffentliches gleichwertiges Leben war ausgeschlossen. Wir wissen bis heute nicht genau, welche Auswirkungen das auf die Psyche der so geächteten Personen hatte und wie viele Leben deshalb ausgelöscht, mindestens aber stark beeinträchtigt wurden.
Die Änderung des § 175 brachte zwar den staatlichen Verfolgungstatbestand zu Fall, änderte aber an den gesellschaftlichen Verhältnissen zunächst wenig. Homosexuellen Menschen wurde weiterhin reserviert begegnet, als offen homosexuell lebender Mensch in öffentliche Verantwortung oder gar in eine Leitungsposition zu kommen weiterhin ausgeschlossen. Die Verfolgung wurde jetzt nicht mehr öffentlich sondern subtil erledigt. Auch dies ein Erbe von fast vierzigjähriger staatlicher Ächtung und Verfolgung. Erinnert sei hier nur an die unsägliche Kießling-Affäre in den achtziger Jahren, als homosexuelle Männer in Führungspositionen immer noch als erpressbar galten. Selbst untereinander herrschte Uneinigkeit im Auftreten. Die so genannten Polit-Trinen waren in der sich wieder entwickelnden Bar- und Cafészene höchst unwillkommen, weil unbequem und herausfordernd. Erst in den Zeiten von AIDS erfolgte die Annäherung.
1994 dann wurde endlich das von Magnus Hirschfeld begonnene Werk vollendet und der § 175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, mehr als 2 Generationen nach den Erfolg versprechenden Ansätzen der Weimarer Republik. Selbst um das zu erreichen, brauchte es noch –um im Bild der Ausstellung zu bleiben- den Anschluss der deutschen Ostgebiete.
Wie viel verlorene Zeit, verlorene Lebenschancen, unnötiges Leid, Selbstdiskriminierungen bis hin zum Selbsthass hat diese Gesellschaft während zweier Generationen homosexuellen Menschen abgefordert. Was ist nicht alles an wertvollem Wissen, gesellschaftlichem Nutzen und persönlichen Identitäten verloren gegangen, weil diese Gesellschaft trotz eines gültigen Gleichheitsartikels in der Verfassung, der laut heutiger Position der Bundesregierung die sexuelle Identität selbstverständlich einschließt und dies schon immer tat, nicht bereit war, homosexuellen Menschen ebendiesen Wert zuzugestehen.
Mit dem erneuten Sichtbarmachen der Ausstellung gerade während des diesjährigen CSD’s wollen wir nachdrücklich deutlich machen, dass auch in dieser Stadt endlich ein neues Kapitel der NS-Verfolgungsgeschichte aufgeschlagen werden muss. Dass die Ignoranz in diesem Bundesland Tradition hat, durften wir auch bei der Anhörung der Stadt Stuttgart am 17. Juli feststellen, als dem Lehrstuhl für Geschichte an der Universität Stuttgart vollkommen unbekannt war, dass die NS-Verfolgung der Homosexuellen in Baden-Württemberg noch von keiner Diplomarbeit gestreift und in keiner Seminararbeit erwähnt wurde. Auch das zeigt eindrücklich, wie viel diesem Land homosexuelle Menschen wert sind.
Gerade deshalb wollen wir aber auch ein Zeichen setzen, dass homosexuelle Menschen sehr wohl in der Lage sind, sensibel mit der NS-Geschichte umzugehen. Dieses Jahr wurden in Stuttgart die ersten 2 Stolpersteine für homosexuelle Opfer des NS-Regimes gesetzt. Wir hatten die Möglichkeit, das Begleitteam am 29. April in unseren Räumen rasten zu lassen und haben auf diesem Weg erfahren, dass auch unsere gemieteten Räume einst in jüdischem Besitz waren und dass die letzte Eigentümerin Minni Wertheimer geb. Weil Ende 1941 deportiert und spätestens am 26. März 1942 bei einer Massenexekution im Wald von Bikernieki erschossen wurde.
Wir möchten deshalb unseren Saal im 1. Obergeschoss nach ihr benennen und sie damit wieder nach Stuttgart und an den Ort ihres ehemaligen Wirkens zurück holen, auch wenn unser heutiger Saal während der Nutzung durch die Firma lediglich als Schuppen errichtet und gebraucht wurde.
Hermine genannt Minni Weil wurde im Dezember 1885 in Speyer als Tochter eines Hopfenhändlers geboren. Nach ihrer Heirat mit Salomon Wertheimer, einem Kaufmann, der damals Teilhaber der Firma Löb & Wertheimer, Großdestillation, Dampfbrennerei und Likörfabrik in Stuttgart (bis 1918 auch Hoflieferant des württembergischen Königs) war, lebte sie in der Olgastr. 124 zur Miete. 1907 wird der Familie die einzige Tochter Gertrud geboren. Die Familie Wertheimer fühlte sich als Teil der bürgerlichen Gesellschaft Stuttgarts wohl. Salomon Wertheimer ist seit 1913 auch Mitglied der Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins. Es ist davon auszugehen, dass die Familie an- und eingepasst war in das Stuttgarter Großbürgertum. Im Jahr 1911 baut die Firma ein neues Fabrikationsgelände in der Weißenburgstr. 28 und 28 A, ein Grundstück, das sie von der Eigentümerin ihres Wohnhauses gekauft haben.
In die Firma Löb & Wertheimer tritt 1930 auch der Schwiegersohn Josef Pressburger als weiterer Teilhaber ein. 1931 wird der einzige Enkel Albert geboren. Im Juli 1933 stirbt Salomon Wertheimer, der Ehemann von Minni Wertheimer, nach schwerer Krankheit. Er lässt sich verbrennen und ist auf dem Pragfriedhof beerdigt. Minni Wertheimer tritt in die Eigentumsrechte ihres Mannes an der Firma ein, ohne aber selbst Geschäftsentscheidungen treffen zu können entsprechend den damaligen gesetzlichen Bestimmungen. Seit der Machtergreifung der Nazis Anfang 1933 beginnen auch die ersten antijüdischen Maßnahmen gegen die Firma.
Richard Löb, der Teilhaber, erkennt die Zeichen der Zeit, lässt sich 1936 seinen Eigentumsanteil an der gemeinsamen Firma auszahlen und wandert aus. Er erhält für seinen Miteigentumsanteil damals rund 71.000 Reichsmark. Der Druck auf die verbleibenden Eigentümer/innen seitens der Behörden wird immer stärker. Unter Zwang wird die Firma am 03. Oktober 1938 an die Firma Otto Meier & Co. für 78.000 Reichsmark verkauft. 60.000 Reichsmark aus dem Verkauf müssen auf ein Sperrkonto eingezahlt werden, das staatlich überwacht wird. Legt man bei der Bewertung dieses Verkaufs die 2 Jahre zuvor erfolgte Auszahlung des Partners Löb zugrunde und geht von gleichberechtigter Teilhaberschaft aus, so wurde die Firma zu ca. einem Drittel ihres tatsächlichen damaligen Werts verkauft. Die Fa. Otto Meier & Co. produziert jetzt sozusagen endlich auf deutscher Basis, mit denselben Lizenzen, Marken- und Brennrechten der Fa. Löb & Wertheimer in der Weißenburgstraße weiter. Otto Meier & Co. gehören auch nach 1945 Gebäude und Produktionsanlagen, die im Krieg kaum beschädigt wurden, weiter.
Gleich nach dem erzwungenen Firmenverkauf zieht die Familie der Tochter wahrscheinlich aus Kostengründen bei Minni Wertheimer in die Olgastraße ein. Aufgrund der beginnenden Verfolgungsmaßnahmen des deutschen Staats müssen Minni und ihre Familie 1940 in die Gaußstr. 57 A, in ein sogenanntes „Judenhaus“ umziehen, in das auch viele andere Stuttgarter Juden hineingezwängt werden. Ihre Besitztümer, die in dem viel zu kleinen Gebäude keinen Platz haben, übergibt Minni Wertheimer einem Lagerhaus zur Aufbewahrung. Im Mai 1940 wird die Firma Löb und Wertheimer nach Abwicklung aller offenen Forderungen und Verbindlichkeiten im Handelsregister von Stuttgart aufgelassen, also gestrichen.
Der Schwiegersohn schafft es, dass er mit Frau und Kind im März 1941 nach New York auswandern kann. Äußerliches Zeichen des Bruchs mit dem deutschen Hintergrund ist die Umbenennung der Familie, die sich nach der Übersiedlung Preston nennt. Der 10jährige Sohn erhält einen zusätzlichen amerikanischen Vornamen und heißt jetzt Kenneth Albert. Die Prestons bemühen sich, Minni Wertheimer möglichst bald zu sich nach New York zu holen.
Im November 1941 entscheidet der deutsche Staat, dass er die Sicherheit der Juden in Stuttgart nicht mehr gewährleisten kann und siedelt sie u.a. nach Oberdorf, das heute zu Bopfingen auf der Ostalb gehört, um. Oberdorf war eine kleine Gemeinde mit einem relativ hohen jüdischen Bevölkerungsanteil. In den kleinen, teilweise heute noch stehenden, jüdischen Häuser werden alle zwangsevakuierten jüdischen Familien zusammengepfercht, darunter auch Minni Wertheimer. Die jüdischen Familien erhalten äußerst knappe Lebensmittelrationen, der Hunger wird neben der drangvollen Enge zum Dauergast.
Der deutsche Staat offeriert den Juden, dass er sie in den neu gewonnen Ostgebieten ansiedeln will. Alle Personen unter 60 Jahren sollen sich deshalb mit Arbeitsgeräten bereithalten, um ihren Lebensraum zu bebauen und zu bestellen. Bereits Ende November werden aus der Dorfgemeinschaft von Oberdorf 24 Juden, darunter wohl auch Minni Wertheimer, in das Sammellager auf dem Stuttgarter Killesberg gebracht. In den Morgenstunden des 1. Dezember 1941 ist sie dabei, als vom Stuttgarter Nordbahnhof aus der erste Transport in Güterwagen nach Riga geht. In den beschädigten Baracken und Scheunen des Lagers Jungfernhof, in das die Deportierten gebracht werden, herrschen Hunger, Kälte und Krankheiten. Ob Minni Wertheimer bereits an diesen Entbehrungen gestorben ist oder zu den Toten der am 26. März 1942 im nahe gelegenen Wald von Bikernieki durchgeführten Massenexekution gehört, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass sie nach dem 26. März 1942 nicht mehr lebt.
Bereits am 18. Dezember 1941 verfügt die Gestapo, dass das Vermögen der Familie Wertheimer von der Dresdner Bank zugunsten des Deutschen Reiches einzuziehen ist. Es ist anzunehmen, dass davon auch die noch eingelagerten Wertgegenstände aus der ehemaligen Wohnung, die in einem Lagerhaus aufbewahrt waren, betroffen sind. Der deutsche Staat setzt damit einen Schlussstrich unter die Geschichte der Minni Wertheimer.
Spannend ist auch, wie die Geschichte nach 1945 weitergeht. Die Tochter von Minni Wertheimer verfolgt das Schicksal ihrer Mutter weiter. In einem ersten Bescheid im Jahr 1949 erhält die Tochter für die Leidenszeit November 1941 bis März 1942 900 DM Entschädigung von den Behörden der Bundesrepublik Deutschland. Das lässt der Tochter aber keine Ruhe. Nach vielen Rechtsauseinandersetzungen, die sich bis in das Jahr 1958 hingezogen haben, zahlt die Bundesrepublik Deutschland insgesamt knapp 11.000 DM Entschädigung an die Nachkommen von Minni Wertheimer. Eine weitere Klage wird im Jahr 1960 endgültig abgelehnt. Betrachtet man diese Wiedergutmachung auf der Grundlage des heutigen Geldwerts, so war die Leidenszeit von Minni Wertheimer dem deutschen Staat rund 22.000 € wert. Ich bin mir im Zweifel, ob erlittenes Unrecht überhaupt finanziell ausgeglichen werden kann, aber der deutsche Staat hat zumindest versucht, etwas Gerechtigkeit walten zu lassen. Im Jahr 1963 stirbt die Tochter Gertrud Preston gerade mal 56 Jahre alt.
Dem Schwiegersohn als ehemaligem Teilhaber war auch nicht gleichgültig, was mit seinem früheren Eigentum passiert ist. 1949 hat er deshalb Ansprüche an die Otto Meier & Co. angemeldet. Die Nachfolgefirma nahm sich einen renommierten Stuttgarter Anwalt und hat sich gegen mögliche Wiedergutmachungsansprüche gewehrt. Leider konnten wir noch nicht herausfinden, ob die Klage Erfolg hatte. Klar ist nur, dass zumindest ein Teilhaber argumentiert hat, er sei nur kurzfristig in die Firma eingetreten und hätte aus dem damaligen Eigentum keine Vorteile ziehen können. Er könne deswegen auch nicht für vergangenes mögliches Unrecht haftbar gemacht werden.
Der Firma Otto Meier & Co. gehörten die Gebäude Weißenburgstraße 28 und 28 A bis in die 80er Jahre. Ab da war das Gelände eine Industriebrache, das zum Schluss von der Stadt Stuttgart weiterveräußert wurde. Unsere heutige Eigentümerin erhielt den Gebäudeteil, in dem sich die Weissenburg befindet, im Rahmen eines Grundstückstauschgeschäfts von der Stadt Stuttgart, die hinter dem Haus eine Grünfläche dringend für einen Spielplatz benötigte.
Für den geschichtlichen Input zu Minni Wertheimer bedanken wir uns aufs herzlichste bei Irma Glaub von der Stolpersteininitiative Stuttgart Süd. Ohne ihre Recherchearbeit wüssten wir über die Geschichte dieses Gebäudes immer noch viel zu wenig.
Zur Eröffnung der Ausstellung und zur Namensgebung für unseren Minni Wertheimer Saal möchten wir Euch/Sie jetzt zu einem Glas Sekt einladen, auch wenn der Anlass so gar nicht dazu passen will. Widersprüche können aber auch dadurch aufgelöst werden, dass ihnen ein klares ‚Trotzdem’ entgegengesetzt und die Menschen damit wieder in unsere Gemeinschaft zurückgeholt werden. Ich wünsche gute Gespräche und einen bewussteren Umgang mit unserer Geschichte. Vielen Dank.

References: § 175
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