Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Streik_Flashmob_BAG_1AZR972-08.html
Timestamp: 2016-12-09 00:02:57+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 1 AZR 972/08
Ei­ne streik­be­glei­ten­de Ak­ti­on, mit der ei­ne Ge­werk­schaft in ei­nem öffent­lich zugäng­li­chen Be­trieb kurz­fris­tig und über­ra­schend ei­ne Störung be­trieb­li­cher Abläufe her­vor­ru­fen will, um zur Durch­set­zung ta­rif­li­cher Zie­le Druck auf die Ar­beit­ge­ber­sei­te aus­zuüben, ist nicht ge­ne­rell un­zulässig. Der da­mit ver­bun­de­ne Ein­griff in den ein­ge­rich­te­ten und aus­geübten Ge­wer­be­be­trieb des be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­bers kann aus Gründen des Ar­beits­kampf­rechts ge­recht­fer­tigt sein, wenn dem Ar­beit­ge­ber wirk­sa­me Ver­tei­di­gungsmöglich­kei­ten zur Verfügung ste­hen.
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 29.09.2008, 5 Sa 967/08
1 AZR 972/08 5 Sa 967/08
- 2 - Dr. Koch so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Fe­der­lin und Dr. Kle­be für Recht er­kannt:
- 3 - Gib uns Dei­ne Han­dy-Num­mer und dann lass uns zu dem per SMS ge­sen­de­ten Zeit­punkt zu­sam­men in ei­ner be­streik­ten Fi­lia­le, in der Streik­bre­cher ar­bei­ten, ge­zielt ein­kau­fen ge­hen, z. B. so:
- 4 - sich ei­ne Frau mit ei­nem von ihr gefüll­ten Ein­kaufs­wa­gen an die Kas­se und be­jah­te dort die Fra­ge der Kas­sie­re­rin, ob sie be­zah­len könne. Die Ar­ti­kel wur­den so­dann von der Kas­sie­re­rin ein­ge­scannt und von der Frau wie­der in den Ein­kaufs­wa­gen ge­legt. Es er­gab sich ein Ge­samt­be­trag von 371,78 Eu­ro. Die Ak­ti­ons­teil­neh­me­rin erklärte dar­auf­hin, ihr Geld ver­ges­sen zu ha­ben und stell­te den Ein­kaufs­wa­gen an der Kas­se ab. Da­bei klatsch­ten die an­de­ren Ak­ti­ons­teil­neh­mer Bei­fall und brach­ten durch lau­te Zu­ru­fe ihr Ge­fal­len zum Aus­druck. Die Ak­ti­on dau­er­te nach den An­ga­ben des Klägers ca. ei­ne St­un­de, nach de­nen der Be­klag­ten 45 Mi­nu­ten.
- 5 - glei­chen Zeit ei­nen Pfen­nig-Ar­ti­kel zu kau­fen und so für länge­re Zeit den Kas­sen­be­reich zu blo­ckie­ren oder mit vie­len Men­schen zur glei­chen Zeit Ein­kaufs­wa­gen mit dem Ziel voll (bit­te kei­ne Frisch­wa­re!!!) zu pa­cken, die­se dann an der Kas­se oder an­ders­wo in den Fi­li­alräum­en ste­hen zu las­sen.
- 6 - aus Gründen des Ar­beits­kampfs ge­recht­fer­tigt sein. Ge­werk­schaft­li­che Maßnah­men, die in ei­nem lau­fen­den Ar­beits­kampf zur Durch­set­zung ta­rif­li­cher Zie­le auf ei­ne Störung be­trieb­li­cher Abläufe ge­rich­tet sind, un­ter­fal­len grundsätz­lich der durch Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­te­ten Betäti­gungs­frei­heit der Ge­werk­schaf­ten. Die­se ist nicht auf das Kampf­mit­tel der kol­lek­ti­ven Ar­beits­nie­der­le­gung be­schränkt, son­dern um­fasst auch an­de­re Kampf­for­men. Die Zulässig­keit der kon­kret gewähl­ten Ar­beits­kampf­mit­tel rich­tet sich, wie bei sons­ti­gen Kampf­mit­teln auch, nach dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit. Ar­beits-kampf­mit­tel sind rechts­wid­rig, wenn sie zur Durch­set­zung der - zwar rechtmäßig - er­ho­be­nen For­de­run­gen of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net oder nicht er­for­der­lich oder wenn sie un­an­ge­mes­sen sind. Re­gelmäßig un­an­ge­mes­sen sind Ver­let­zun­gen der in § 823 Abs. 1 BGB aus­drück­lich ge­nann­ten Rech­te wie Le­ben, Körper, Ge­sund­heit, Frei­heit und Ei­gen­tum. Dies gilt nicht in glei­cher Wei­se für den ar­beits­kampf­be­ding­ten Ein­griff in den ein­ge­rich­te­ten und aus­geübten Ge­wer­be­be­trieb. Ob ein sol­cher an­ge­mes­sen ist, hängt we­sent­lich da­von ab, ob das Kampf­mit­tel den durch Richter­recht ent­wi­ckel­ten Grundsätzen genügt. Da­zu zählt ins­be­son­de­re das Ge­bot der fai­ren Kampfführung. Da­bei ist von we­sent­li­cher Be­deu­tung, ob für den Ar­beit­ge­ber Ver­tei­di­gungsmöglich­kei­ten be­ste­hen. Sol­che können sich ua. aus sei­nem Haus­recht und der Möglich­keit zur sus­pen­die­ren­den Be­triebs­sch­ließung er­ge­ben. Da­nach sind „Flashmob-Ak­tio­nen“ der streit­be­fan­ge­nen Art nicht ge­ne­rell un­an­ge­mes­sen.
- 7 - 24. April 2007 - 1 AZR 252/06 - Rn. 26 mwN, BA­GE 122, 134). Al­ler­dings dürfen die An­for­de­run­gen in­so­weit auch nicht über­spannt wer­den, da an­dern­falls ef­fek­ti­ver Rechts­schutz ver­ei­telt würde. Zu­kunfts­ge­rich­te­te Ver­bo­te las­sen sich häufig nur ge­ne­ra­li­sie­rend for­mu­lie­ren. Die Not­wen­dig­keit ge­wis­ser Sub­sum­ti­ons­pro­zes­se im Rah­men ei­ner et­wa er­for­der­lich wer­den­den Zwangs­voll­stre­ckung steht da­her der Ver­wen­dung ausfüllungs­bedürf­ti­ger Be­grif­fe in ei­nem Un­ter­las­sungs­ti­tel und dem dar­auf ge­rich­te­ten An­trag nicht ge­ne­rell ent­ge­gen.
- 8 - un­ter­sagt wer­den. Vom An­trag nicht er­fasst ist al­ler­dings ein Auf­ruf da­zu, die Wa­gen mit ver­derb­li­cher Frisch­wa­re zu befüllen oder Wa­ren ein­scan­nen zu las­sen, sie aber so­dann nicht zu be­zah­len und den befüll­ten Wa­gen an der Kas­se ste­hen zu las­sen.
- 9 - 12. Sep­tem­ber 1984 - 1 AZR 342/83 - BA­GE 46, 322; 24. April 2007 - 1 AZR 252/06 - Rn. 54 mwN, BA­GE 122, 134). Das Dop­pel­grund­recht des Art. 9 Abs. 3 GG schützt die Frei­heit ei­ner Ko­ali­ti­on in ih­rem Be­stand, ih­rer or­ga­ni­sa­to­ri­schen Aus­ge­stal­tung und ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Betäti­gung. Durch rechts­wid­ri­ge Ar­beits­kampf­maßnah­men wird das Recht der geg­ne­ri­schen Ko­ali­ti­on auf ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung ver­letzt. Die­se kann da­her aus ei­ge­nem Recht auf Un­ter­las­sung kla­gen (BAG 26. April 1988 - 1 AZR 399/86 - zu B II 1 der Gründe, aaO; 24. April 2007 - 1 AZR 252/06 - aaO).
- 10 - „sons­ti­gen Rech­te“ des § 823 Abs. 1 BGB ist die­ses Recht den dort aus­drück­lich erwähn­ten Rechtsgütern hin­sicht­lich sei­nes Schut­zes gleich­ge­stellt (vgl. et­wa BGH 18. Ja­nu­ar 1983 - VI ZR 270/80 - mwN, NJW 1983, 812). Der „Auf­fang­tat­be­stand“ ist ge­schaf­fen wor­den, um ei­ne an­dern­falls be­ste­hen­de Lücke im Rechts­schutz zu schließen.
- 11 - b) Die streit­be­fan­ge­nen Ak­tio­nen, zu de­nen auf­zu­ru­fen der Be­klag­ten un­ter­sagt wer­den soll, sind je­den­falls ty­pi­scher­wei­se nicht un­beträcht­li­che Ein­grif­fe in die Ge­wer­be­be­trie­be der Mit­glieds­un­ter­neh­men des Klägers. Dies gilt so­wohl für Ak­tio­nen, bei de­nen vie­le Men­schen ko­or­di­niert zur glei­chen Zeit Ar­ti­kel von ge­rin­gem Wert ein­kau­fen, um so für länge­re Zeit den Kas­sen­be­reich zu blo­ckie­ren, als auch für Ak­tio­nen, bei de­nen vie­le Men­schen zur glei­chen Zeit ih­re Ein­kaufs­wa­gen befüllen, um die­se dann an der Kas­se oder an­ders­wo in den Fi­li­alräum­en ste­hen zu las­sen. Bei bei­den Ak­ti­ons­for­men wird der Be­triebs­ab­lauf gestört. Da­bei han­delt es sich nicht um zufälli­ge, son­dern um be­ab­sich­tig­te Störun­gen. Die­se ge­hen über rei­ne Belästi­gun­gen und so­zi­al übli­che Be­ein­träch­ti­gun­gen hin­aus und sind ge­eig­net, er­heb­li­che Be­triebsstörun­gen her­vor­zu­ru­fen.
- 12 - (2) Dies gilt auch, wenn Per­so­nen ko­or­di­niert ein­zel­ne Wa­ren von ge­rin­gem Wert kau­fen, um da­durch War­te­schlan­gen an den Kas­sen zu ver­ur­sa­chen. Zwar wi­der­spricht der Kauf der­ar­ti­ger Ar­ti­kel als sol­cher nicht dem Be­triebs­zweck. Gleich­wohl wird der be­trieb­li­che Ab­lauf gestört, wenn ein von ei­ner Viel­zahl von Ak­ti­ons­teil­neh­mern ab­ge­spro­che­ner Kauf der „Cent-Ar­ti­kel“ da­zu führt, dass sich an den Kas­sen lan­ge War­te­schlan­gen bil­den und da­durch po­ten­ti­el­le Kun­den von ei­nem Ein­kauf in die­sem La­den­geschäft ab­ge­hal­ten wer­den.
- 13 - sich ih­re Zulässig­keit nach der Aus­ge­stal­tung des Grund­rechts durch die Rechts­ord­nung. Die­se Aus­ge­stal­tung un­ter­liegt man­gels ei­nes Tätig­wer­dens des Ge­setz­ge­bers den im Ein­zel­fall an­ge­ru­fe­nen Ge­rich­ten. Nach der hier­zu ent­wi­ckel­ten Recht­spre­chung ist we­sent­li­cher Grund­satz für die Be­ur­tei­lung der Rechtmäßig­keit von Ar­beits­kampf­maßnah­men der Verhält­nismäßig­keits­grund­satz. Nach die­sem sind streik­be­glei­ten­de „Flashmob-Ak­tio­nen“ der be­schrie­be­nen Art je­den­falls nicht ge­ne­rell un­an­ge­mes­sen.
- 14 - sind, wer­den je­den­falls in­so­weit von der Ko­ali­ti­ons­frei­heit er­fasst, als sie er­for­der­lich sind, um ei­ne funk­tio­nie­ren­de Ta­rif­au­to­no­mie si­cher­zu­stel­len (BAG 19. Ju­ni 2007 - 1 AZR 396/06 - aaO). Der Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG ist nicht et­wa von vorn­her­ein auf den Be­reich des Un­erläss­li­chen be­schränkt. Der Grund­rechts­schutz er­streckt sich viel­mehr auf al­le Ver­hal­tens­wei­sen, die ko­ali­ti­ons­spe­zi­fisch sind. Ob ei­ne ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­sche Betäti­gung für die Wahr­neh­mung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit un­erläss­lich ist, kann erst bei Ein­schränkun­gen die­ser Frei­heit Be­deu­tung er­lan­gen (BVerfG 14. No­vem­ber 1995 - 1 BvR 601/92 - zu B I 3 der Gründe, BVerfGE 93, 352; 6. Fe­bru­ar 2007 - 1 BvR 978/05 - Rn. 21, NZA 2007, 394; BAG 19. Ju­ni 2007 - 1 AZR 396/06 - aaO).
- 15 - sach­ge­recht von de­ren sons­ti­ger, nicht von Art. 9 Abs. 3 GG er­fass­ter Betäti­gung ab­gren­zen. Da­her ist es ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­ten, ei­ne durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­sche Betäti­gung an­zu­neh­men, wenn das von ei­ner Ko­ali­ti­on ein­ge­setz­te - fried­li­che - Mit­tel der Durch­set­zung ei­nes ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Ziels, wie ins­be­son­de­re der Er­zwin­gung ei­nes Ta­rif­ver­trags dient.
- 16 - Möglich­keit des Ein­sat­zes von Kampf­mit­teln setzt recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen vor­aus, die si­chern, dass Sinn und Zweck des durch Art. 9 Abs. 3 GG ga­ran­tier­ten Frei­heits­rechts so­wie sei­ne Ein­bet­tung in die ver­fas­sungs­recht­li­che Ord­nung ge­wahrt blei­ben (BVerfG 4. Ju­li 1995 - 1 BvF 2/86 ua. - zu C I 1 b der Gründe, BVerfGE 92, 365; BAG 19. Ju­ni 2007 - 1 AZR 396/06 - Rn. 15 mwN, BA­GE 123, 134). Die Aus­ge­stal­tung ob­liegt in ers­ter Li­nie dem Ge­setz­ge­ber. Bei feh­len­den oder un­zu­rei­chen­den ge­setz­li­chen Vor­ga­ben müssen die Ge­rich­te das ma­te­ri­el­le Recht mit den an­er­kann­ten Me­tho­den der Rechts­fin­dung aus den all­ge­mei­nen Grundsätzen ab­lei­ten, die für das be­tref­fen­de Rechts­verhält­nis maßgeb­lich sind (BAG 19. Ju­ni 2007 - 1 AZR 396/06 - Rn. 16 mwN, aaO). Bei der Aus­ge­stal­tung des Ar­beits­kampf­rechts ha­ben die Ge­rich­te - ne­ben den von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en selbst für et­wai­ge Ar­beitskämp­fe ge­zo­ge­nen Gren­zen - vor al­lem dar­auf zu ach­ten, dass ein vor­han­de­nes Kräfte­gleich­ge­wicht zwi­schen den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nicht gestört oder ein Un­gleich­ge­wicht verstärkt wird. Zen­tra­ler Prüfungs­maßstab ist der Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit (BAG 19. Ju­ni 2007 - 1 AZR 396/06 - Rn. 17, aaO).
- 17 - (2) Für die Aus­ge­stal­tung des Ar­beits­kampf­rechts stellt die Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie so­wohl Recht­fer­ti­gung als auch Gren­ze dar. Das Ta­rif­ver­trags­sys­tem ist dar­auf an­ge­legt, die struk­tu­rel­le Un­ter­le­gen­heit der ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer beim Ab­schluss von Ar­beits­verträgen durch kol­lek­ti­ves Han­deln aus­zu­glei­chen und da­mit ein annähernd gleich­wer­ti­ges Aus­han­deln der Löhne und Ar­beits­be­din­gun­gen zu ermögli­chen. Funk­ti­onsfähig ist die Ta­rif­au­to­no­mie nur, so­lan­ge ein un­gefähres Gleich­ge­wicht (Pa­rität) be­steht. Un­ver­ein­bar mit Art. 9 Abs. 3 GG ist da­her ei­ne Aus­ge­stal­tung, wenn sie da­zu führt, dass die Ver­hand­lungsfähig­keit ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei bei Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zun­gen ein­sch­ließlich der Fähig­keit, ei­nen wirk­sa­men Ar­beits­kampf zu führen, nicht mehr ge­wahrt ist oder ih­re ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung wei­ter­ge­hend be­schränkt wird, als es zum Aus­gleich der bei­der­sei­ti­gen Grund­rechts­po­si­tio­nen er­for­der­lich ist (BVerfG 4. Ju­li 1995 - 1 BvF 2/86 ua. - zu C I 1 c der Gründe, BVerfGE 92, 365; BAG 19. Ju­ni 2007 - 1 AZR 396/06 - Rn. 20, BA­GE 123, 134).
- 18 - BA­GE 123, 134). Auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die­ses Prin­zip als taug­li­chen Maßstab für die fach­ge­richt­li­che Über­prüfung von Ar­beits­kampf­maß­nah­men an­er­kannt (4. Ju­li 1995 - 1 BvF 2/86 ua. - zu C I 1 c der Gründe, BVerfGE 92, 365; vgl. auch 10. Sep­tem­ber 2004 - 1 BvR 1191/03 - zu B II 2 b der Gründe, AP GG Art. 9 Ar­beits­kampf Nr. 167 = EzA GG Art. 9 Ar­beits­kampf Nr. 136). Das Abwägungs­pos­tu­lat der Verhält­nismäßig­keit er­for­dert stets ei­ne Würdi­gung, ob ein Kampf­mit­tel zur Er­rei­chung ei­nes rechtmäßigen Kampf­ziels ge­eig­net und er­for­der­lich ist und be­zo­gen auf das Kampf­ziel an­ge­mes­sen (pro­por­tio­nal) ein­ge­setzt wird (BAG 19. Ju­ni 2007 - 1 AZR 396/06 - Rn. 25 mwN, aaO).
- 19 - Ar­beits­kampf­par­tei kei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve zu, geht es doch hier­bei nicht um ei­ne tatsächli­che Einschätzung, son­dern um ei­ne recht­li­che Abwägung. Al­ler­dings ist bei die­ser stets zu be­ach­ten, dass es ge­ra­de We­sen ei­ner Ar­beits­kampf­maßnah­me ist, durch Zufügung wirt­schaft­li­cher Nach­tei­le Druck zur Er­rei­chung ei­nes le­gi­ti­men Ziels aus­zuüben. Un­verhält­nismäßig ist ein Ar­beits­kampf­mit­tel da­her erst, wenn es sich auch un­ter Berück­sich­ti­gung die­ses Zu­sam­men­hangs als un­an­ge­mes­se­ne Be­ein­träch­ti­gung ge­genläufi­ger, eben­falls ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ter Rechts­po­si­tio­nen dar­stellt (BAG 19. Ju­ni 2007 - 1 AZR 396/06 - Rn. 28, BA­GE 123, 134).
(bb) Ins­be­son­de­re bei an­de­ren als den „klas­si­schen“ Ar­beits­kampf­mit­teln des Streiks und der Aus­sper­rung kann für die Be­ur­tei­lung der An­ge­mes­sen­heit von Be­deu­tung sein, ob das Kampf­mit­tel mit ei­ge­nen Op­fern des An­grei­fers ver­bun­den ist und ob dem Geg­ner ef­fek­ti­ve Ver­tei­di­gungsmöglich­kei­ten zur Verfügung ste­hen. Ein Ar­beits­kampf­mit­tel, das frei von ei­ge­nen Ri­si­ken ein­ge­setzt wer­den kann und zu­gleich dem Geg­ner kei­ne Ver­tei­di­gungsmöglich­kei­ten lässt, gefähr­det ty­pi­scher­wei­se die Ver­hand­lungs­pa­rität. Zwar ist ein Ar­beits­kampf dar­auf an­ge­legt, für die Ge­gen­sei­te ho­he Kos­ten zu ver­ur­sa­chen, um möglichst schnell zu ei­nem Ta­rif­ab­schluss zu ge­lan­gen (vgl. BAG 11. Mai 1993 - 1 AZR 649/92 - zu II 2 der Gründe, BA­GE 73, 141; Ot­to Ar­beits­kampf und Sch­lich­tungs­recht § 8 Rn. 8; ErfK/Die­te­rich 9. Aufl. Art. 9 GG Rn. 131). Doch darf die Rechts­ord­nung kei­ner Sei­te so star­ke Kampf­mit­tel zur Verfügung stel­len, dass dem Ge­gen­spie­ler kei­ne wirk­sa­me Re­ak­ti­onsmöglich­keit bleibt, son­dern die Chan­cen auf die Her­beiführung ei­nes an­ge­mes­se­nen Ver- - 20 - hand­lungs­er­geb­nis­ses zerstört wer­den (vgl. BAG 12. No­vem­ber 1996 - 1 AZR 364/96 - zu II 2 a der Gründe, BA­GE 84, 302).
- 21 - (2) Eben­so we­nig ge­recht­fer­tigt ist die An­nah­me, streik­be­glei­ten­de „Flashmob-Ak­tio­nen“ der streit­be­fan­ge­nen Art sei­en in künf­ti­gen Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zun­gen der Par­tei­en of­fen­sicht­lich nicht er­for­der­lich, um zur Durch­set­zung der ta­rif­li­chen Zie­le Druck auf den Kläger und des­sen Mit­glieds­un­ter­neh­men aus­zuüben. Auch in­so­weit steht der Be­klag­ten ei­ne weit­ge­hen­de Einschätzungs­präro­ga­ti­ve zu, die sich dar­auf er­streckt, ob durch den bis­he­ri­gen Ver­lauf des Ar­beits­kampfs aus­rei­chen­der wirt­schaft­li­cher Druck auf die Ge­gen­sei­te auf­ge­baut wer­den konn­te.
- 22 - ant­wort­lich um­ge­hen (vgl. zur Steue­rungs­funk­ti­on der mit ei­nem Streik für die strei­ken­den Ar­beit­neh­mer und die Ge­werk­schaft ver­bun­de­nen Be­las­tun­gen und Op­fer BAG 18. Fe­bru­ar 2003 - 1 AZR 142/02 - zu B II 1 der Gründe, BA­GE 105, 5; 19. Ju­ni 2007 - 1 AZR 396/06 - Rn. 35, BA­GE 123, 134; vgl. auch schon 10. Ju­ni 1980 - 1 AZR 822/79 - zu A V 2 der Gründe, BA­GE 33, 140). Sch­ließlich sind ge­werk­schaft­lich ge­tra­ge­ne und or­ga­ni­sier­te Streiks re­gelmäßig zu­verlässig be­herrsch­bar und ste­hen ty­pi­scher­wei­se nicht in Ge­fahr, durch ein we­ni­ger be­ein­fluss­ba­res Ver­hal­ten Drit­ter außer Kon­trol­le zu ge­ra­ten.
- 23 - (bb) Die Ar­beit­ge­ber­sei­te ist der­ar­ti­gen, er­kenn­bar von der Ge­werk­schaft ge­tra­ge­nen und or­ga­ni­sier­ten „Flashmob-Ak­tio­nen“ nicht wehr­los aus­ge­lie­fert. Viel­mehr ste­hen ihr wirk­sa­me Ver­tei­di­gungsmöglich­kei­ten zur Verfügung.
- 24 - ent­ge­gen­ste­hen können BAG 28. Fe­bru­ar 2006 - 1 AZR 460/04 - Rn. 44, BA­GE 117, 137).
- 25 - (aaaa) Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist der Ar­beit­ge­ber nicht ver­pflich­tet, ei­nen be­streik­ten Be­trieb oder Be­triebs­teil für die Dau­er des Streiks so­weit als möglich auf­recht­zu­er­hal­ten. Dies gilt auch, wenn ihm die teil­wei­se Auf­recht­er­hal­tung tech­nisch möglich und wirt­schaft­lich zu­mut­bar wäre. Der Ar­beit­ge­ber kann viel­mehr den be­streik­ten Be­trieb im zeit­li­chen und räum­li­chen Rah­men des Streiks still­le­gen. Ei­ne sol­che sus­pen­die­ren­de Still­le­gung hat zur Fol­ge, dass auch ar­beits­wil­li­ge Ar­beit­neh­mer ih­ren Lohn­an­spruch ver­lie­ren (22. März 1994 - 1 AZR 622/93 - zu II 3 b und c der Gründe, BA­GE 76, 196; 31. Ja­nu­ar 1995 - 1 AZR 142/94 - zu I 2 der Gründe, BA­GE 79, 152; 27. Ju­ni 1995 - 1 AZR 1016/94 - zu III 1 der Gründe, BA­GE 80, 213). Sie ist al­ler­dings nur in­ner­halb des Rah­mens möglich, den der Streik­auf­ruf in ge­genständ­li­cher und zeit­li­cher Hin­sicht ge­setzt hat (27. Ju­ni 1995 - 1 AZR 1016/94 - aaO). Die prak­ti­sche Be­deu­tung der Möglich­keit ei­ner sus­pen­die­ren­den Still­le­gung liegt dar­in, dass nicht strei­ken­de, ar­beits­wil­li­ge Außen­sei­ter in die Ri­si­ko­ge­mein­schaft der Ar­beit­neh­mer im Streik­ge­sche­hen ein­be­zo­gen wer­den (Wißmann JbAr­bR Bd. 35 S. 115, 120). Das Recht zur Be­triebs­still­le­gung eröff­net dem be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­ber schnel­le und be­triebs­spe­zi­fi­sche Re­ak­tio­nen, die das In­stru­ment der Ab­wehr­aus­sper­rung nicht oder je­den­falls nicht mit der­sel­ben Ef­fi­zi­enz bie­tet (ErfK/Die­te­rich Art. 9 GG Rn. 220). Ins­be­son­de­re hängt die Rechtmäßig­keit ei­ner sus­pen­die­ren­den Still­le­gung an­ders als die­je­ni­ge ei­ner Ab­wehr­aus­sper­rung in Ar­beitskämp­fen um ei­nen Ver­bands­ta­rif­ver­trag nicht von ei­nem vor­he­ri­gen Ko­ali­ti­ons­be­schluss des Ar­beit­ge­ber­ver­bands ab (vgl. BAG 31. Ok­to­ber 1995 - 1 AZR 217/95 - zu I 1 der Gründe, BA­GE 81, 213).
- 26 - neh­men des Klägers. Ei­ne vorüber­ge­hen­de Be­triebs­sch­ließung durch den be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­ber be­wegt sich da­her im räum­li­chen und zeit­li­chen Rah­men des von der Ge­werk­schaft aus­ge­ru­fe­nen Streiks. An­ders als für ei­ne Ab­wehr­aus­sper­rung be­darf der be­trof­fe­ne Ar­beit­ge­ber auch bei ei­nem Ar­beits­kampf um ei­nen Ver­bands­ta­rif­ver­trag nicht ei­nes vor­he­ri­gen Be­schlus­ses des Ar­beit­ge­ber­ver­bands. Viel­mehr kann er un­mit­tel­bar und fle­xi­bel auf die ge­werk­schaft­li­che Ar­beits­kampf­maßnah­me re­agie­ren. Al­ler­dings ist nicht zu ver­ken­nen, dass ei­ne vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­nom­me­ne sus­pen­die­ren­de Be­triebs­still­le­gung ge­nau zu dem Er­geb­nis führt, das die Ge­werk­schaft mit dem tatsächlich nicht un­ein­ge­schränkt be­folg­ten Streik­auf­ruf zu er­rei­chen ver­sucht. Dies ändert je­doch nichts dar­an, dass der be­trof­fe­ne Ar­beit­ge­ber durch die Be­triebs­sch­ließung die „Flashmob-Ak­ti­on“ als sol­che wirk­sam be­en­den und die Fol­gen der Be­triebsstörung durch das Zurückräum­en der Wa­re aus den befüll­ten Ein­kaufs­wa­gen un­schwer be­sei­ti­gen kann.
- 27 - ge­bers noch ist da­mit ty­pi­scher­wei­se die Ver­wirk­li­chung ei­nes Straf­tat­be­stands ver­bun­den.
- 28 - nicht ver­letzt. Ins­be­son­de­re han­delt es sich bei der für das Lan­des­ar­beits­ge­richt maßgeb­li­chen Erwägung, der Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit sei bei „Flashmob-Ak­tio­nen“ der streit­be­fan­ge­nen Art je­den­falls nicht in al­len denk­ba­ren Fällen ver­letzt, er­sicht­lich nicht um ei­nen über­ra­schen­den Ge­sichts­punkt, son­dern um ei­nen sol­chen, der sich bei dem auf die Zu­kunft ge­rich­te­ten Un­ter­las­sungs­an­trag auf­drängt.
Kle­be Fe­der­lin	m.hensche.de
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References: Art. 9
 § 823
 Art. 9
 § 823
 BGH 
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 Art. 9
 § 8
 Art. 9
 Art. 9