Source: https://vfj-giessen.de/magazin/2018-04-pqmk/
Timestamp: 2018-12-19 02:12:09+00:00

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2017 Jahresbericht Ärztlich-Psychologische Beratungsstelle - Gießen
Vorbemerkung Beim Kerngeschäft der Beratung war im Berichtsjahr einiges los. In der Einzel- und Paarberatung für Stadt und Landkreis Gießen lagen die Neuanmeldungen im oberen Durchschnittsbereich der letzten Jahre. In der Wetterau ist das neue Projekt angelaufen, die Räumlichkeiten in der Evangelischen Familienbildung Wetterau in Friedberg bezogen und beide Teilzeitstellen seit Mitte des Jahres besetzt. In der Erziehungsberatung war die Nachfrage diesmal besonders groß, d.h. ca. 10% mehr Neuanmeldungen im Vergleich zum Mittel der letzten Jahre ist schon ein bemerkenswertes Ergebnis. Und schließlich wurden auch Fachberatungen und insbesondere Fachbera- tungen im Kontext von Kindeswohlgefährdungen rege nachgefragt. Das diesjährige Schwerpunktthema widmen wir un- serem langjährigen Mitarbeiter Walter Liebl-Wachsmuth, der im Sommer gebührend in den Ruhestand verab- schiedet wurde. Er hat die Beratungsstelle über Jahr- zehnte mitgestaltet, dafür dankten und danken ihm der Trägerverein und das gesamte Team der Beratungs- stelle. Nachdem es im letzten Jahr um den Blickwinkel der Ratsuchenden ging, erschien es uns naheliegend, diesmal die Perspektive eines „Urgesteins“ der Beratung näher zu beleuchten. Und schließlich soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass der personelle Umbruch in der ÄPB nun vollzogen ist und wir daher hoffen, dass Konstanz im Alltagsge- schäft einkehren wird. Allgemein versteht sich die Ärztlich-Psychologische Beratungsstelle als integrierte Beratungsstelle mit dem Schwerpunkt der Erziehungs- und Familienberatung sowie dem rein kirchlich getragenen Angebot der Einzel- und Paarberatung. Die Beratungsstelle finanziert sich über die Stadt und den Landkreis Gießen (leistungsorientierter Zu- wendungsvertrag) sowie die Ev. Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Träger der Beratungsstelle ist der Verein für Jugendfürsorge und Jugendpflege e.V. Gießen, Mit- glied im Diakonischen Werk (DWHN). Wichtige Prinzipien für unsere Tätigkeit sind die Frei- willigkeit der Ratsuchenden, die Schweigepflicht der Beraterinnen und Berater und der verantwortungsbe- wusste Umgang mit personenbezogenen Daten (Da- 2 tenschutz). Die Beratungsangebote können von den Bürgern und Bürgerinnen von Stadt und Kreis Gießen kostenfrei in Anspruch genommen werden. Die Termine werden mit den Ratsuchenden individuell vereinbart und liegen in der Regel montags bis freitags in der Zeit von 9.00 - 18.00 bzw. im Einzelfall bis 19.00 Uhr. Eine Außensprechstunde findet 1x wöchentlich in Grünberg in den Räumlichkeiten der Diakonie statt (Einzel- und Paarberatung). Der Schwerpunkt Erziehungs- und Familienberatung richtet sich an Kinder, Jugendliche und ihre Familien. Es werden Hilfen angeboten, wenn Fragen, Konflikte und Krisen bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen auftreten. Prinzipielles Ziel der Beratung ist der eigen- ständige Umgang der einzelnen Familienmitglieder mit den genannten Problemen und nach Möglichkeit die Bewältigung dieser. Auf der Grundlage eines diagnos- tischen Prozesses setzt die Beratung sowohl bei den Auffälligkeiten der jeweiligen Familienmitglieder als auch bei der Aktivierung von Stärken und Ressourcen der einzelnen Personen an. Die Interventionspalette reicht von diagnostischer Klärung, informatorischer Be- ratung, über das intensive Beratungsgespräch bis hin zu kurztherapeutischen Interventionen und dem Einbezug des sozialen Umfeldes. Der Beratungsprozess soll dazu beitragen, dass sich die Kinder und Jugendlichen besser ihren Fähigkeiten entsprechend entfalten und sich aktiv mit den Anfor- derungen der Umwelt auseinandersetzen können. Auf Elternseite wird eine Stärkung der Elternrolle sowie ein Aufbau von erzieherischen Kompetenzen angestrebt. Im Kern lassen sich die Aufgabenfelder der Bera- tungsstelle wie folgt aufteilen: • Beratung und Kurztherapie • Präventive Angebote • Vernetzung und Kooperation
Inhalt 4 13 17 18 19 1. Erziehungs- und Familienberatung in Beispiel und Zahlen, Aufgabenbereiche und Entwicklungen 2. Einzel- und Paarberatung 3. Fallübergreifende Aktivitäten - Prävention 4. Beratungsperspektiven – 40 Jahre Erziehungsberatung Gießen - ein „Urgestein“ der ÄPB blickt zurück 5. Ausblick 2018 Das Team Roswitha Hertelt, David Fischer, Carmen Detlefsen, Daniela Bonnert, André Erb, Stefanie von Gimborn (Sekretariat), Peter Siemon (Leitung) Sarah Hendel, Karin Büttner (Sekretariat) (v.l.) 3
1. Erziehungs- und Familienberatung: Beispiele und Zahlen, Aufgabenbereiche und Entwicklungen Im Jahr 2017 verzeichneten wir mit 460 Nachfragen einen deutlichen Anstieg bei den Neuanmeldungen (2016=428 und 2015=412). Am stärksten waren die Monate Februar und März mit jeweils über 50 Anmel- dungen, während es im Juli und Dezember weniger Nachfragen gab (Ferienzeit). Der Trend der letzten Jahre, dass mehr Jungen als Mädchen vorgestellt werden, hat sich auch in 2017 fortgesetzt (302 zu 198). Die Geschwisteranzahl variierte von 0 bis 8, durchschnittlich hatte jedes an- gemeldete Kind 1,89 Geschwister. Dies entspricht in etwa den Zahlen aus dem Vorjahr. 193 angemeldete Kinder (39%) werden ohne Geschwister erzogen. Von Die Wartezeit von der Anmeldung bis zum Erstbera- tungsgespräch variierte im Einzelfall. Nach wie vor sind wir jedoch bemüht, gerade Anfragen in Krisensitua- tionen oder auch Gesprächsanliegen von Jugendlichen sehr zeitnah zu bedienen, was uns in der Regel auch gelingt. 87% der Ratsuchenden erhielten einen Termin in- nerhalb von vier Wochen (2016=68%). Dies ist eine deutliche Verkürzung der Wartezeit im Vergleich zu den letzten Jahren. Lediglich 12% der Fälle warteten bis zu zwei Monate und ein sehr geringer Anteil (1%), der bis zu drei Monate auf ein Erstgespräch warten muss- te. Generell ist hierbei immer noch zu bemerken, dass die Wartezeit zwischen Anmeldung und Erstgespräch nicht immer identisch ist mit der Wartezeit zwischen Anmeldung und frühestmöglichem Beratungsbeginn. Öfters passen die nächstmöglich angebotenen Termine nicht in den Zeitplan der Klienten, so dass ein späterer, passender Termin bevorzugt wird. den insgesamt 443 Geschwisterkindern nahmen viele an den Familienberatungen teil. Fallzahlen 2017 Fälle gesamt Fallzahlen weiblich Fallzahlen männlich Neuaufnahmen Übernahme Vorjahr Neuanmeldungen Abgeschlossene Fälle 500 198 (40%) 302 (60%) 385 115 460 375 Bei der regionalen Verteilung des Klientels fiel die Differenz bei den Anmeldungen aus der Stadt Gießen und dem Landkreis wieder ähnlich wie im Vorjahr aus, d.h. 39% kamen aus der Stadt und 61% aus dem Landkreis Gießen. Dies entspricht dem Mittel der letzten Jahre (2016=40/60). Stadt 39% Landkreis 61% Wartezeiten (n=500) absolut 0 Tage bis 01 Woche bis 02 Wochen bis 03 Wochen bis 04 Wochen bis 08 Wochen bis 12 Wochen über 12 Wochen 23 78 103 117 111 62 06 Bei der Altersstruktur der angemeldeten Kinder und Jugendlichen finden sich mit Ausnahme der Jüngsten (0-3 Jahre) in allen Gruppen mehr Jungen als Mäd- chen, wobei der Unterschied bei den 3-9-Jährigen am deutlichsten ist. Am meisten Kinder werden in der Altersklasse 9-12 Jahre vorgestellt, dicht gefolgt von der Gruppe 12-15 und 6-9 Jahre. Eng beieinander liegt das Kita-Alter (3-6 Jahre) und die Heranwachsenden (15-18 Jahre). Aber auch die jungen Erwachsenen tauchen regelhaft in der Beratung auf im Alter von 18- 21 Jahren. Das Durchschnittsalter der angemeldeten Kinder und Jugendlichen lag bei 10,8 Jahren (w=11,2 Jahre; m=10,6 Jahre) und war damit jünger als in den Vorjahren. % 05 16 21 23 22 12 01 4
Altersstruktur in % (n=500) weiblich männlich 0-3 J. 3-6 J. 6-9 J. 9-12 J. 12-15 J. 15-18 J. 18-21 J. 21-24 J. 24-27 J. Alter 0-3 Jahre 3-6 Jahre 6-9 Jahre 9-12 Jahre 12-15 Jahre 15-18 Jahre 18-21 Jahre 21-24 Jahre 24-27 Jahre Gesamt 24 73 85 94 87 72 47 15 3 % 4,8 14,8 17 18,8 17,4 14,4 9,4 3 0,6 männlich % weiblich % 9 48 61 58 52 39 25 8 2 1,8 9,6 12,2 11,6 10,4 7,8 5 1,6 0,4 15 25 24 36 35 33 22 7 1 3 5 4,8 7,2 7 6,6 4,4 1,4 0,2 Wohnsituation der Kinder und Jugendlichen (n=375) Über alle Altersgruppen verteilt wuchsen die jungen Menschen am häufigsten bei ihren leiblichen Eltern auf (43%), sehr oft befanden sich die Kinder auch bei einem alleinerziehenden Elternteil (40%). Etwa 11% der Kinder leben bei einem Elternteil mit Partner (Patchwork), während 2% in einer eigenen Wohnung leben. Die restlichen 4% waren in einer Wohngemein- schaft oder Wohngruppe (Heimerziehung), bei Großel- tern, Verwandten oder Pflegeeltern zu Hause. bei den Eltern 43% bei allein- erziehendem Elternteil 40% 5 bei Elternteil mit Stiefelternteil/Partner 11%
Kind ist betroffen von … (Mehrfachnennungen möglich, n=500) Trennung/Scheidung/ Verlust der Eltern Misshandlung (körperl./seel.) Sexualisierte Gewalt 290 58% 10 1 2% <1% Arbeitslosigkeit Eltern Wohnungsprobleme Migration Binationale Familie Keine Belastung 35 23 49 43 150 7% 5% 10% 9% 30% 70% der Kinder (n=500) waren von einem oder mehreren belastenden Lebensereignissen betroffen, dies ist etwas mehr als im Jahr 2016. Fast 60% dieser Kinder erleben eine(n) „Trennung/Scheidung/Verlust der Eltern“ (2016=50%). „Migration“ und „Binationale Familie“ spielen in knapp 20% eine Rolle in der Beratung, wobei bezüglich des Merkmals „Migration“ anzumerken ist, dass dies nicht abhängig von Pass, Dauer oder Aufenthalt in Deutschland ist, sondern es um kulturelle Anpassungsschwierigkeiten geht, die Gegenstand der Beratung sind. „Arbeitslosigkeit“ der Eltern (7%) oder „Wohnungsprobleme“ (5%) können im Einzelfall Hinweise auf schwierige sozioökonomische Bedingungen sein, in denen die Kinder aufwachsen. Eine Anregung/Information, die Beratungsstelle aufzusuchen, bekamen die Familien auf unterschiedliche Art und Weise (n=500). Mit 37% meldeten sich die Klienten auf Eigeninitiative hin an (Öffentlichkeitsarbeit der Beratungs- stelle, Internet, frühere Beratung). Dies bedeutet auch, dass 63% des Klientels durch andere Institutionen/Personen auf uns aufmerksam gemacht wurden, was auf einen guten Bekanntheitsgrad und gute Vernetzungsstrukturen der Beratungsstelle schließen lässt (2016=58%). Das Jugendamt ist auch diesmal stärkster „Zuweiser“ (12%) zusammen mit anderen Beratungsstellen. (Kinder-)Ärzte, Kliniken sowie Schulen verweisen fast gleichermaßen an uns (11 bzw. 10%). Aber auch ehemalige Klienten oder Kitas vermitteln die Familien offensichtlich gern an unser Angebot (5-7%). Eigeninitiative 37 % Sonstige 6 % ehemalige Klienten 7 % Kita 5 % Schule/Ausbildung 10 % 12 % andere Beratungsstellen Arzt/Klinik 11 % 12 % Jugendamt Nach dem Erstgespräch werden von den Beratern die Themen/Anlässe anhand eines Anlasskataloges vermerkt, weshalb die Klienten die Beratungsstelle aufgesucht haben. Es werden in der Regel mehrere Anlässe genannt, d.h. die Klienten kommen zumeist mit mehr als einer Fragestellung in die Beratung – in 2017 waren es durchschnittlich 3,05 Themen/Anlässe pro Beratungsfall (2016=3,1). 6
Themen/Anlässe der Ratsuchenden (1528) in % zu Fallzahl (500) • Probleme im Familiensystem/im familienersetzenden Bezugssystem (z.B. Eltern-Kind-Ebene, Sorgerecht-Umgangsregelungen, Geschwisterebene) • Probleme in Ehe und Partnerschaft (z.B. Trennung-Scheidung-Ambivalenzphase, Beziehungskrisen, eskalierendes Streitverhalten, Kommunikationsprobleme, Spätfolgen nach Trennung-Scheidung) • Probleme durch besondere Lebensumstände/Erlebnisse (z.B. Bewältigung belastender Lebensumstände, Probleme mit Freunden/Bekannten, Verlust von Bezugspersonen, Wohnprobleme, soziale Zurückweisung) • Probleme in der Erziehung (z.B. Unsicherheit, Überforderung, Überbehütung, Vernachlässigung) • Probleme mit/in der Entwicklung (z.B. soziale-emotionale Entwicklung, Teilleistungsstörung, Entwicklungsverzögerung) • Probleme mit der eigenen Gesundheit/dem Erleben und Verhalten (z.B. Ängste, Selbstwert, depressive Symptome, Einnässen, psychische Störungen, Aggressivität, Hyperaktivität, Lügen, Stehlen, Sucht, Schlafstörungen, Psychosomatik) • Probleme mit/in Sozialisationsinstanzen (z.B. Leistungsmotivation, Schulverweigerung, Schulangst, Konzentration und Aufmerksam- keit, soziale Integration, Auffälligkeiten in Kita) • Sonstige 84 26 26 56 27 54 27 4 Am häufigsten wurden Schwierigkeiten im Famili- ensystem benannt (Eltern-Kind-Ebene, Sorgerechts- streitigkeiten, psychische Auffälligkeiten von Fami- lienmitgliedern etc.), wieder etwas mehr als in den Vorjahren (73% in 2015 und 77% in 2016). Ungünstige Erziehungsbedingungen (Unsicherheit, Überforderung, unterschiedliche Einstellungen) und Probleme mit der Gesundheit/Verhalten des Kindes oder Jugendlichen (unangemessenes Sozialverhalten, Aggressivität, Ängs- te, psychische Auffälligkeiten etc.) werden fast gleich häufig bei ca. jedem zweiten Fall genannt (ähnlich häufig wie im Vorjahr). Etwa bei jedem Vierten spielen Pro bleme in der Entwicklung oder in Sozialisations- instanzen (Kita, Schule) sowie Probleme in Ehe und Partnerschaft und Schwierigkeiten durch besondere Lebensumstände eine wesentliche Rolle. Erläuternd sei zu diesen Zahlen erwähnt, dass aufgrund von durch- schnittlich 3,05 Nennungen pro Fall die Summe der Zahlen nicht 100% sondern 305% ergibt (3,05 x 100%). Als (Haupt-)Beratungsschwerpunkt bezogen auf sämt- liche 500 Beratungsfälle wurden von den Beraterinnen und Beratern am häufigsten Verhaltensauffälligkeiten vermerkt (27%). Erziehungsprobleme tauchen in 18% der Fälle als Schwerpunkt auf, gefolgt von Trennungs- und Scheidungsfragen. Dies korrespondiert gut mit den Anlässen der Beratung (s.o.). Beziehungsprobleme werden vorrangig in 9% der Beratungen behandelt. Es folgen Psychische Probleme sowie Kita-, Schul- und Ausbildungsthemen als Fokus der Gespräche. Damit zeigt sich auch, dass die Beratungsschwerpunkte im Wesentlichen auch den Arbeitsschwerpunkten einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle entsprechen (aus: Beratungsstellenstatistik Stadt und Landkreis Gießen). 7
Beratungsschwerpunkt (n=500) Erziehungsprobleme Verhaltensauffälligkeiten Trennung- und Scheidung Lern- und Leistungsprobleme, Entwicklungsauffälligkeiten Beziehungsprobleme Kita-/Schul-/Ausbildungsprobleme Missbrauch, Gewalterfahrungen Psychische Problme Suchtprobleme/Abhängigkeiten Sonstiges in % 18 27 17 5 9 7 <1 7 <1 9 Der (Haupt-)Schwerpunkt des Beratungssettings lag bei über der Hälfte der Fälle in der Erziehungsberatung vorrangig mit den Eltern. Die intensive Arbeit mit den Familien fand bei einem Drittel der Fälle statt, während Kinder/Jugendliche in 11% der Beratungen im Fokus standen. Damit bestätigt sich der Trend aus den Vor- jahren, dass die Arbeit mit den Eltern häufiger als mit der Familie als Beratungssetting gewählt wurde. Die Arbeit mit den jungen Menschen als Schwerpunkt blieb konstant. Erläuternd sei gesagt, dass es hier um einen „vorrangigen“ Schwerpunkt geht, so dass Settingvaria- tionen immer möglich und wahrscheinlich sind. Junge Menschen Eltern Familie Beratungssetting (n=500) Erziehungsberatung vorrangig mit Familie Eltern jungen Menschen absolut % 177 266 57 35 53 11 Sitzungsanzahl (n=375) absolut % 01 Sitzung 02 - 05 Sitzungen 06 - 10 Sitzungen 11 - 15 Sitzungen >15 Sitzungen 174 141 47 10 2 46 38 13 3 <1 Bei der Dauer der Beratungen verlängerten sich diese im Vergleich zum Vorjahr, die durchschnittliche Dauer einer Beratung lag demnach bei 4,39 Kontakten (4,0 in 2016), so die Berechnung laut Statistisches Landesamt Hessen. Im Detail bildete sich dies so ab, dass 46% der abgeschlossenen Fälle Einmalberatungen waren (51% im Vorjahr). 2-5 Beratungsgespräche erfolgten in 38%, 6-10 Sitzungen in 13% der Verläufe (2016=7%). Mehr als 10 Beratungsgespräche gab es in 3% der Fälle. Entsprechend diesen Werten ist somit zu ergänzen, dass in 84% der Fälle eine Beratungssequenz zwischen 1-5 Sitzungen andauerte – dies entspricht dem Profil einer Erziehungsberatungsstelle, Familien in Problemlagen eine kurz- bis mittelfristige Unterstützung anzubieten. Die Dauer einer Sitzung selbst variiert dabei zwischen 60 Minuten pro Gespräch (z.B. Einzelgespräch), 90 Minuten (z.B. Familienerstgespräch) oder 180 Minuten (testpsychologische Diagnostik). 8
In der überwiegenden Mehrzahl der Beratungen konnten diese gemäß einer gemeinsam festgelegten Zielsetzung beendet werden (77%). Hierunter fallen in der Regel auch die Beratungen, welche sich über einen Zeitraum von 6 Monaten nach dem letzten Kontakt nicht mehr gemeldet hatten. Diese „Quote“ ist einer- seits ausgesprochen erfreulich, sie soll aber auch nicht verschleiern, dass der konzeptionelle Rahmen hierbei zu beachten ist. Dies bedeutet, dass realistische Ziel- und insbesondere Teilzielsetzungen in der Beratung eine wesentliche Rolle spielen, dass Prioritäten gesetzt und natürlich nicht immer sämtliche Problem stellungen einer Familie gleichermaßen angegangen werden. Ein „beraterischer Erfolg“ ist somit auch eine effektive Ori- entierung in die richtige Richtung, z.B. Regeln bezüglich TV-Konsum zum Thema zu machen und abzusprechen, Überlegungen und Hinweise aus dem Gespräch auf zu Hause zu übertragen, „Hausaufgaben“ im Alltag auszuprobieren, weitere Hilfen im sozialen Umfeld einzuholen etc.. In 23% der Fälle gelang dies offensichtlich nicht in gewünschtem Umfang, hier wurden z.B. durch die Sorgeberechtigten bzw. jungen Volljährigen die Bera- tungen abgebrochen (meistens nicht mehr zum ver- einbarten Folgetermin erschienen), im Einzelfall wurde die Beratung auch unsererseits beendet. Diese Zahlen entsprechen weitestgehend den Ergebnissen der letzten Jahre. Beratungsabschluss (n=375) Beendigung gemäß Beratungszielen Beendigung abweichend von Beratungszielen durch Sorgeberechtigten/jungen Volljährigen Beendigung abweichend von Beratungszielen durch Kind/Jugendlichen Beendigung abweichend von Beratungszielen durch die Berater/Beraterin Sonstige absolut 290 37 3 2 43 % 77 10 1 1 11 Weitere Aufgabenbereiche und Entwicklungen Bei den sog. Fachberatungen hat sich der Trend im Wesentlichen fortgesetzt, dass die Beratungsstelle gehäuft angefragt wird als „insoweit erfahrene Fach- kraft“ nach §§ 8a Abs. 4, 8b Abs. 1 SGB VIII und § 4 Abs. 2 KKG. Bei diesen Gefährdungseinschätzungen geht es immer um die Frage, ob ein Kind oder Jugend- licher aktuell einer Kindeswohlgefährdung ausgesetzt ist und welche Schritte ggf. notwendig sind, die- se Gefährdung abzuwenden. Dabei sind gesetzliche Vorgaben zu beachten und umzusetzen, in der Regel erhalten die Mitarbeiter der entsprechenden Instituti- onen abschließend ein Protokoll über die Ergebnisse der Einschätzung und die Absprachen für das weitere Vorgehen. In 2017 führte die ÄPB mehr Gefährdungs- einschätzungen dieser Art durch als in den letzten Jahren, d.h. es wurden insgesamt 66 Einschätzun- gen von den Beratern und Beraterinnen durchgeführt (2016=52). Die Nachfragen ergaben sich aus dem Schulbereich von Lehrkräften und auch Schulsozialar- beitern und den Kitas und Familienzentren. Aber auch Personen aus dem Gesundheits wesen und ambulante wie stationäre Jugendhilfeeinrichtungen führten mit uns Gefährdungseinschätzungen durch. Das Verhältnis von Anfragen aus der Stadt bzw. dem Landkreis ver- lagerte sich hin zu mehr Einschätzungen in der Stadt Gießen. Dies bedeutet, dass 74% der Einschätzungen mit Gießener Institutionen, die anderen 26% mit Ein- richtungen und Personen aus dem Landkreis statt- fanden (2016=60/40). Neben den „iseF-Beratungen“ fanden weitere 30 Fach- beratungen durch die ÄPB statt, d.h. spezielle Nach- fragen aus Kitas, Schulen etc. zu dort betreuten Kindern und deren Familien (identisch mit 2016). Über Aspekte der akuten Kindeswohlgefährdung hinaus geht es hier meistens um schwierige oder zugespitzte Fallkon- stellationen, die das Handeln eines Teams erschweren oder auch blockieren können. Fachberatung ist dabei angesiedelt zwischen Supervision und Coaching, be- 9
grenzt auf 1-3 Sitzungen pro Anliegen und kann von Einzelpersonen oder Teams aus der Jugendhilfe ange- fragt werden. Eine Ausnahme bei diesem fokussierten Angebot ist die Fachberatung der „Heilpädagogischen Tagesstätte“ (Tagesgruppe nach § 32 SGB VIII). Das Team der HPT wird seit vielen Jahren von der Beratungs- stelle kontinuierlich beraten, was eine trägerinterne Absprache und Besonderheit darstellt. In diesem Zusammenhang ist auch die Mitwirkung der Beratungsstelle bei der Arbeit des Heimrates zweier Ju- gendwohnheime des Trägers zu nennen (§ 8 Abs.1 SGB VIII – Beteiligung von Kindern und Jugendlichen). Die Jugendlichen (Heimrat) werden hierbei vertrauensvoll unterstützt und angeleitet, indem sie zu rechtlichen, organisatorischen und inhaltlichen Fragen im Kontext der Wohngruppe beraten und begleitet werden. Nicht unerwähnt sollen die sog. „Helferkonferenzen“ (fallbezogene Gespräche mit anderen Institutionen) bleiben. Diese fanden mit unserer Beteiligung 9x statt (2016=7). In der Regel sind dies Besprechungen mit der Familie und dem Jugendamt (ASD) zur Erörterung des weiteren Vorgehens (z.T. im Rahmen der Hilfeplanung). Die Trennungs- und Scheidungsberatung nach §§ 17, 18 SGB VIII bildet nach wie vor einen Schwerpunkt unserer Beratungstätigkeit. Eltern melden sich zur Beratung an, um kindgerechte Lösungen zu entwickeln und auszuprobieren, um Informationen zu bekom- men oder auch nur Entlastung in schwierigen Zeiten zu erfahren. Viele Eltern zeigen sich in dieser auch für sie schwierigen Phase sehr bemüht, bringen selbst Wissen und Kompetenzen mit, wie Kompromisse mit dem anderen Elternteil zu vereinbaren sind. Hier geht es oft darum, den Blickwinkel und die Bedürfnisse der Kinder nicht aus den Augen zu verlieren, gerade dann, wenn sich Krisen in Ehe und Partnerschaft der Eltern bereits deutlich angebahnt haben. Sind gar schon Fakten im Sinne einer Trennung geschaffen worden, dann spielen negative Emotionen und Affekte und damit verbun- dene „Altlasten“ auf der Paarebene nicht selten eine entscheidende Rolle bei der (Nicht-)Bewältigung an- stehender Probleme mit den Kindern. Je nach Grad der familiären Konflikteskalation bleibt bei manchen mitunter wenig Spielraum für gemeinsam getragene Absprachen oder notwendige Neudefinitionen von Elternrollen in dieser Situation. Ein Teil dieser Beratungen kann dann auch vor einem familiengerichtlichen Hintergrund erfolgen, welche für uns besonders zeit- und personalaufwendig durchge- führt werden (müssen). Konkret geht es um Fragen wie: wer soll das Sorgerecht bekommen, wo lebt das Kind nach einer Trennung der Eltern, wie/wann/wie oft/wo findet der Umgang zwischen Vater und Tochter statt, was ist eine für das Kindeswohl akzeptable Kommunikation zwischen den Eltern? Eine außergerichtliche Beratung soll in dieser Lage den Beteiligten helfen, Enttäuschungen zu überwinden, Konflikte zu regulieren und erste kleine Lösungsideen und Handlungsalternativen zu planen – im Idealfall gut vorbereitet („gerahmt“) und dann ohne weitere Anhörungen vor dem Familiengericht. Entwickelt und fortgesetzt wurde in diesem Zu- sammenhang die Kooperation mit der Gießener Beratungsstelle Lösungswege, bei der u.a. monatliche, feste Termine für familiengerichtliche Fälle vereinbart werden (Lösungswege handelt im Auftrag und für die Jugendämter von Stadt und Landkreis Gießen). Da- mit gibt es für alle Beteiligten Klarheit darüber, wann eine Beratung in der ÄPB mit zwei Beratern aufgenom- men werden kann (Klarheit für die beteiligten Eltern, Familienrichterinnen, Lösungswege und ÄPB bereits beim Gerichtstermin). Diese Termine wurden bis auf wenige Ausnahmen „rege gebucht“ (zumeist Beglei- teter Umgang, Sorgerechtsfragen). Insgesamt wurden im Berichtsjahr 25 familiengerichtliche Fälle bear- beitet, was die konstante Nachfrage in diesem Bereich sicher unterstreicht (nimmt man in diesen Fällen die angemeldeten Geschwister mit hinzu mit z.T. eigen- ständigen Themen/Vereinbarungen, zählen wir insge- samt sogar 29 Fälle dieser Art. 2016=26/33). Neben den Begleiteten Umgängen (11 bearbeitete Fälle) waren dies weitere 14 bearbeitete Fälle aus dem Bereich (Hoch-)Strittigkeit der Eltern. Dies sind Beratungen, die in der Mehrzahl über Lösungswege (11x), aber auch über Verfahrensbeteiligte (2x) oder das Jugendamt (1x) angemeldet wurden. Eine spezifische Facette dieser Trennungs- und Schei- dungsberatung ist der sog. Begleitete Umgang – in aller Regel eine familiengerichtliche Vereinbarung (hoch-) strittiger Eltern. In 2017 wurden genau wie im Vorjahr 11 Fälle nach den „Gießener Rahmenbedingungen“ be- arbeitet, davon 6 Fälle über Lösungs wege und 5 Fälle über das Jugendamt vermittelt. Durch den Begleiteten Umgang kann das Recht des Kindes, den abwesenden Elternteil zu sehen, umgesetzt werden. Es geht darum, Kontakte (erstmals) anzubahnen, Entfremdung zu verhindern und Konflikte der Eltern zu regulieren. Im Idealfall mündet der (künstliche) Begleitete Umgang in einen unbegleiteten Umgang oder in eine Entwicklung hin in diese Zielrichtung. Dieses (hohe) Ziel wird in eini- gen Fällen durchaus erreicht. Häufig können Teil- und Zwischenlösungen vereinbart werden und in manchen Fällen bleiben die Bemühungen auch erfolglos und die Parteien treffen sich wieder vor dem Familiengericht. 10
Gießen/Ev. Kita und Familienzentrum Stephanus und Ev. Kita und Familienzentrum Schlangenzahl sowie neu hinzugekommen das Familienzentrum & Städtische Kita Die Wilde 13 Lützellinden. Die Zeiten für Beratung vor Ort sind geblieben, d.h. es finden zwei Stunden Erzie- hungsberatung am jeweiligen Standort pro Monat statt. Diese können von Eltern selbst oder von Erzieherinnen der Kita gebucht werden. Die Auslastung der Sprech- stunde variiert sowohl von Monat zu Monat als auch von Einrichtung zu Einrichtung. Ebenso unterschiedlich fällt die Dauer einer Beratung aus (zwischen 30 und 60 Minuten für einen Termin). Insgesamt deutet jedoch vieles darauf hin, dass sich das Angebot mehr und mehr etabliert und als Bestandteil eines Familienzentrums wahrgenommen wird. Hierzu auch ein paar Zahlen und Ergebnisse: Gießener Familienzentren Anzahl Erziehungsberatung Anzahl Fachberatung Gesamt 2016 62 5 67 2017 52 18 70 Zu ergänzen ist, dass neben den familiengerichtlichen Fällen weitere 12 Beratungen aus der Jugendgerichts- hilfe bearbeitet wurden. Diese JGH-Fälle wurden auf- fällig häufiger nachgefragt und bearbeitet als die Jahre zuvor (2016=5). Dies bedeutet auch, dass insgesamt 37 (bzw. 41, s.o.) Beratungsfälle angenommen wurden, die im Kontext „gelenkter Beratungsmotivation“ bei den Klienten das Beraterteam der ÄPB vor besondere Herausforderungen gestellt hat und weiter stellen wird. Zählt man weitere (außergerichtliche) Fälle mit Bera- tungsauflagen hinzu (z.B. Jobcenter sowie Jugendamt im Rahmen der Hilfeplanung oder Erziehungsberatung als Bestandteil eines Schutzkonzeptes), so finden sich insgesamt ca. 10% unserer Beratungsfälle in diesem Kontext wieder. Die Erziehungsberatung und Fachberatung vor Ort in Familienzentren erfolgte bereits von 2012 bis April 2014 und ging dann kontinuierlich seit Ende 2015 weiter. Eine aktuelle Evaluation der Ergebnisse durch die Gießener Jugendhilfeplanung steht noch aus, die Jahre 2012 und 2013 wurden bereits umfänglich er- fasst mit sehr positiven Beurteilungen auf allen Seiten. Im Berichtsjahr betreuten wir weiterhin folgende Ein- richtungen: Familienzentrum Rödgen der Stadt Gießen, SkF Integratives Montessori Kinderhaus und Famili- enzentrum/Kita und Familienzentrum Hildegard von Bingen, Ev. Kita und Familienzentrum Westwind/Kin- dertageseinrichtung und Familienzentrum des Diako- nischen Werkes Gießen im Wilhelm-Liebknecht-Haus/ Kita und Familienzentrum Krofdorfer Straße der Stadt Ergebnisse der Beratung 2017 Klärung bei einmaliger Beratung erneuter Termin im FZ Verweis ans Stammhaus 77 % Verweis an andere Institution 11
Zur Beratung erschienene Personen 2017 Kindsmutter Kindsvater Kind Fachkräfte Einrichtungsleitung Stiefeltern/Partner der KE Verwandte/Bekannte Wettenberger Kitas Anzahl Erziehungsberatung Anzahl Fachberatung Gesamt 2016 50 14 64 2017 34 08 42 2017 konnte das Anliegen der Ratsuchenden in 77% der Fälle bei einmaliger Beratung so geklärt werden, dass offensichtlich zunächst ausreichende „Inputs“ für die Ratsuchenden vermittelt werden konnten. Ca. ein Viertel der Fälle wurde an andere Institutionen verwie- sen, es wurde ein erneuter Termin vereinbart oder das Stammhaus empfohlen (siehe Grafik S.11). Insgesamt 80 Kinder waren Anlass der Beratungen, 62% Jungen und 33% Mädchen (nicht bekannt=5%). Der Altersdurchschnitt lag bei 4,3 Jahren, wobei die Altersgruppe der 5-6-Jährigen am häufigsten bespro- chen wurde. Das Beratungssetting war vielfältig, am häufigsten erschien erwartungsgemäß die Kindesmutter zum Ge- spräch (48%). Aber auch der Kindesvater allein oder zusammen mit der Mutter sowie die Kinder und Fach- kräfte suchten regelhaft die Sprechstunde vor Ort auf. Parallel zu diesen Entwicklungen in der Stadt zeigte die Gemeinde Wettenberg aus dem Landkreis eben- falls Interesse an einer Kooperation, welche seit 2015 umgesetzt wurde. Somit wurden folgende fünf Kitas der Gemeinde kontinuierlich mit Sprechstunden vor Ort versorgt: Kita Finkenweg, Schatzkiste, Mäusenest/ Zauberwald, Am Weinberg und Pfiffikus. Die Inan- spruchnahme der Sprechstunde vor Ort war in Wet- tenberg sehr unterschiedlich, was künftig in den Auswertungsgesprächen beachtet werden sollte. Ins- gesamt verlief die Zusammenarbeit mit den Kitas, deren Leitungen sowie der Fachstelle Familie und Demografie der Gemeinde weiterhin so erfreulich, dass eine neue Kooperationsvereinbarung bis 31.12.2019 frühzeitig festgeschrieben wurde. 12
2. Einzel- und Paarberatung Fallzahlen (EP) 2017 Fallzahlen weiblich Fallzahlen männlich Neuaufnahmen Übernahme Vorjahr Neuanmeldungen Abgeschlossene Fälle 111 65 (59%) 46 (41%) 79 32 95 81 ledig verheiratet geschieden getrennt lebend n=111 Die Einzel- und Paarberatung ist der personell kleinere Bereich der Beratungsstelle und wird ausschließlich über die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau getragen. Mit diesem Angebot verstehen wir uns als „Integrierte Beratungsstelle“ gemäß der Rahmenkon- zeption Psychologische Beratungsarbeit in der Evan- gelischen Kirche und im Diakonischen Werk in Hessen und Nassau. „Psychologische Beratung in evangelischer Trägerschaft ist eine fachliche Unterstützung im Sinne einer qualifizierten Problem-, Konflikt- oder Krisen- bewältigungshilfe. Sie kann bei psychischen Fragestel- lungen und Konflikten in verschiedenen Phasen des Lebens in Anspruch genommen werden“ (aus: Konzept „Seelsorge in der EKHN“). In Ergänzung zur Erziehungsberatung können in der EP auch explizit Einzelpersonen und Paare ohne Kinder be- raten werden. Dieses Beratungsangebot existiert bei uns seit 2004 (früher Ehe-, Familien- und Lebens beratung von Diakonie und Caritas). Im Gießener Einzugsgebiet herrscht seit Jahren eine relativ konstante Nachfrage zwischen 80 und 100 Anmeldungen pro Jahr. Diesmal zählten wir 95 Neuanmeldungen (2016=84). 62% der Personen, die sich als Paar oder allein an- meldeten, waren verheiratet, während ein Viertel als Familienstand ledig angaben. 14% lebten geschieden bzw. getrennt voneinander. Bei der Altersverteilung liegt das durchschnittliche Alter der Frauen bei 41,6 Jahren, das der Männer bei 44,0 Jahren (43,8 und 45,9 in 2016). Wie im letzten Jahr kamen auch diesmal mehr Frauen in die Einzel- und Paarberatung insbesondere in der Gruppe der 41-50-Jährigen. In jeder Altersgruppe waren dies- mal aber auch Männer anwesend, in der Gruppe der „Ältesten“ überwiegt sogar der Männeranteil leicht. Am stärksten sind auch diesmal wieder die Jahrgänge im 13 erwerbsfähigen Alter vertreten (28-60 Jahre), was nach wie vor die Hypothese bekräftigt, dass die Vereinbarkeit von Familie, Partnerschaft und Beruf eine besondere Herausforderung darzustellen scheint. Der Jahrgang 0-18 ist erwartungsgemäß nicht vertreten, gehört in die Erziehungs- und Familienberatung.
Themen/Anlässe der Ratsuchenden (216) Personenbezogene Themen (z.B. Selbstwert, Psychosomatik, Ängste, depressives Erleben, krit. Lebensereignisse, Burn-Out-Symptome, Ein- samkeit, körperl. Beeinträchtigungen) Partnerbezogene Themen (z.B. Auseinanderleben, Beziehungskrisen, eskalierendes Streitverhalten, Eifersucht, Kommunikationsprobleme, Spätfolgen nach Trennung-Scheidung) Familien- und kinderbezogene Themen (z.B. familiäres Umfeld, unterschiedliche Erziehungsvorstellungen, Trennungs- und Scheidungsfragen, Bezie- hungsprobleme zwischen Eltern und Kindern) Themen im sozialen Umfeld (z.B. Ausbildung, Arbeitssituation, finanzielle Situation) in % zu Fallzahl (111) 52 147 31 5 Erläuternd sei zu diesen Zahlen erwähnt, dass aufgrund von durchschnittlich 2,35 Nennungen pro Fall die Summe der Zahlen nicht 100% sondern 235% ergibt (2,35 x 100%). Nach dem Erstgespräch werden vom Berater die Themen/ Anlässe anhand eines Anlasskataloges vermerkt, wes- halb die Klienten die Beratungsstelle aufgesucht haben (analog Erziehungsberatung). Auch hier werden in der Regel mehrere Anlässe genannt, d.h. in 2017 waren es durchschnittlich 2,35 Themen/Anlässe pro Beratungs- fall. Nachdem die Komplexität der Beratungsanlässe in den drei Jahren zuvor leicht rückläufig war (von 2,5 auf knapp 2 Themen pro Fall), gab es diesmal offensichtlich zu Beratungsbeginn wieder mehr Problembereiche aus der Sicht der Klienten zu besprechen. Die Ambivalenzen und Krisen in Ehe und Partner- schaft dominieren bei den Themen und Anlässen der Ratsuchenden erneut ganz eindeutig. Dies war in den vorherigen Jahren recht ähnlich und resultiert aus dem Schwerpunkt der „Paarberatung“. Darüber hinaus be- nennt fast jeder zweite Klient personenbezogene Prob- leme (depressive Symptome, Selbstwertkrisen, kritische Lebensereignisse), während bei fast jedem Dritten Schwierigkeiten innerhalb der Familie als relevantes Beratungsthema auftauchen. Schwerpunkt der Beratung absolut (n=81 abgeschlossene Fälle) Ehe- und Paarberatung Familienberatung Einzelberatung Entsprechend den Anlässen lag der Schwerpunkt der Beratung (Beratungssetting) bei der Ehe- und Paar- beratung. 65% der Klienten finden sich hier wieder, 32% holen sich allein Unterstützung (Einzel- bzw. Lebensberatung), während das Familiensetting eher untergeordnet in 3% der Beratungen als Schwerpunkt auftauchte. Bei der Dauer der Beratung kann man festhalten, dass ung kann man festhalten, dass etwa die Hälfte der Fälle Kurzberatungen mit 1-2 Kontakten waren, ähnlich wie im Vorjahr. 3-5 Beratungstermine pro Fall finden sich in 21% der Fälle, während bei jeder fünften Beratung bis zu zehn Sitzungen durchgeführt wurden. Die langen Beratungen (mehr als zehn Kontakte) kamen diesmal bei 7% der abgeschlossenen Fälle vor (2016=kein Fall). Gut die Hälfte der Beratungen konnten gemäß gemeinsam festgelegter Ziele und Teilziele beendet werden (54%). In 23% wurden Beratungen durch die Klienten selbst beendet (z.B. Folgetermin nicht wahrgenommen), 4% wurden an andere Institutio- nen verwiesen. Ein vergleichsweise hoher Anteil wurde „Sonstig beendet“, d.h. konnte nicht eindeutig der ei- nen oder anderen Kategorie zugeordnet werden. Prinzipiell gilt auch in der Einzel- und Paarberatung, dass sich Probleme in der Regel nicht einfach „in Luft aufgelöst“ haben, d.h. nicht alle Fragestellungen wer- den in einer Beratung gelöst. Die Klienten bekommen aber immer Anstöße und Impulse, wie es in ihrem Leben weitergehen kann und was hierfür künftig getan werden sollte. Dies prägt die Arbeitsweise der Beratungsstelle und ist ein wichtiges konzeptionelles Element sowohl für die Einzel- und Paarberatung als auch gleichermaßen für die Erziehungs- und Famili- enberatung. 14
Dauer der Beratung absolut (n=81 abgeschlossene Fälle) KJHG-Anteile der Beratung absolut (Mehrfachnennung möglich) aus der Einzel- und Paarberatung leben! Themen aus dem Bereich des SGB VIII, die dann in der Einzel- oder Paarberatung direkt mit bearbeitet wurden, betreffen im Schwerpunkt § 28 (Erziehungsberatung) und § 17 (Beratung in Fragen der Partnerschaft, Tren- nung und Scheidung). Auch wenn der prinzipielle Fokus der Einzel- und insbesondere der Paarberatung nicht identisch ist mit dem der Erziehungsberatung, so wird anhand der dar- gestellten Zahlen sichtbar, dass beide Bereiche nicht isoliert nebeneinander zu betrachten sind. Vielmehr stellt gerade die Paarberatung aus unserer Sicht auch eine sinnvolle Ergänzung des Angebots der Erziehungs- beratung und damit einer integrierten Beratungsstelle dar – nämlich in den Fällen, bei denen Kinder mit betroffen sind. Die Personen in der Einzel- und Paarberatung können, müssen aber nicht zwangsläufig auch Eltern sein. Der Fokus der Beratung liegt jedoch bei beiden eindeutig auf der Paar ebene („Bei uns kriselt es in der Beziehung“) und dies geben die Frauen und Männer in aller Regel auch sehr direkt bei der Anmeldung an. Generell gehen wir jedoch davon aus, dass eine gelungene Einzel- oder Paarberatung über greifend nicht ausschließlich den direkt zu Beratenden zugute kommt, sondern in der Mehrzahl eben auch den Kindern und Jugendlichen, die ggf. mit im Haushalt der (Eltern-)Paare leben. Es liegt auf der Hand, dass auch die Kinder davon profitieren, wenn ihre Eltern sinnvolle und prakti kable Lösungsansätze für die Partnerschaftskonflikte erarbeiten können. In den letzten Jahren lag der Anteil von Klienten, bei denen minderjährige Kinder im Haushalt wohnten, immer zwischen 50 und 70%. In 2017 waren es sogar 76% Ratsuchende mit Kindern (2016=62%). Spätes- tens an dieser Stelle wird auch der sehr enge Bezug zur Jugendhilfe deutlich. Im letzten Jahr profitierten insgesamt 132 Kinder von der Beratung ihrer Eltern - Kinder und Jugendliche, die im Haushalt der Klienten 76% Kinder 24% keine Kinder 15
Beratung in der Wetterau Nach Gesprächen mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bietet die ÄPB seit 2017 auch Einzel- und Paarberatung für Ratsuchende aus dem Wetteraukreis an. Es ist die Fortsetzung des kirchlichen Angebotes in diesem Bereich, welches bis Ende des Jahres 2016 durch das Diakonische Werk Wetterau durchgeführt wurde, dann aber nicht mehr fortgesetzt werden konn- te, so dass unsere Beratungsstelle auch unter regionalen Gesichtspunkten diesbezüglich als Nachfolgeinstitution angefragt wurde. Auch hierzu ein paar Zahlen und erste Ergebnisse: 41 Neuaufnahmen Fallzahlen weiblich 28 (68%) Fallzahlen männlich 13 (32%) Abgeschlossene Fälle 19 Seit Februar wurden 41 Fälle beraten, knapp die Hälfte im Vergleich zum Durchschnitt der Anmeldezahlen in Gießen. Da unsere Beratungsstelle mit diesem Angebot erstmalig in der Wetterau in Erscheinung getreten ist und unser Bekanntheitsgrad nicht mit der Gießener Region vergleichbar ist, kann man mit der Nachfrage im ersten Jahr durchaus zufrieden sein. Wir hoffen aller- dings, dass die Anmeldungen prinzipiell noch ansteigen werden. Der Schwerpunkt der Beratung lag eindeutig bei der Ehe- und Paarberatung (90%). Familienberatung oder Einzelberatung kam jeweils nur in 5% der Fälle als Beratungssetting vor. 66% der angemeldeten Personen waren verheiratet, ein ähnlicher Wert wie in Gießen. 17% waren ledig und weitere 17% lebten geschieden oder getrennt voneinander. Ca. 70% der Ratsuchenden aus der Wetterau finden sich in der Altersgruppe der 35-50-Jährigen wieder. Im Durchschnitt waren die Klienten 46 Jahre alt. Bei 76% der Klienten lebten Kinder mit im Haushalt, d.h. hier waren die Paare auch Eltern (identischer Anteil wie in Gießen). Bei der Dauer der Beratung überwogen ganz eindeu- tig die Kurzberatungen. Ein bis zwei Beratungskontakte pro Anmeldung erfolgten in über 70% der Fälle. Da ein Teil der länger andauernden Beratungsfälle noch nicht abgeschlossen sind, kann dies im nächsten Jahr natürlich anders aussehen. Insgesamt kann man festhalten, dass das neue Bera- tungsprojekt in den Räumlichkeiten der Evangelischen Familienbildung Wetterau in Friedberg zufrieden- stellend angelaufen ist. Unser Ziel ist es, und hier hoffen wir auf die Unterstützung der kirchlichen und weite- rer Kooperationspartner, das Angebot der Einzel- und Paarberatung in der Wetterau bekannt zu machen und damit vor Ort zu etablieren. Familienstand (n=41) ledig verheiratet geschieden getrennt lebend 16
Art (2016=108). Die Beratung der Klienten erfolgt durch das Fach- team der Ärztlich-Psychologischen Beratungs stelle. Es besteht aus sieben Personen und ist aktuell mit 4 Frauen und 3 Männern besetzt. Prinzipiell sind in der Beratungsstelle die Bereiche Pädagogik und Psychologie vertreten, konsiliarisch kann trägerintern problemlos auf ärztliches, insbeson- dere kinder- und jugendpsychiatrisches Know-how zurückgegriffen werden. An allgemeinen beraterisch- therapeutischen Zusatzqualifikationen im Team sind insbesondere die Fachrichtungen Verhaltenstherapie, Kinder-, Jugendlichen- und Familientherapie sowie Systemische – und Paarberatung zu nennen. Mehrere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind staatlich appro- bierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und/oder Psychologische Psychotherapeuten und ver- fügen über mehrjährige Berufserfahrung. Dreh- und Angelpunkt der Beratungsstelle ist das ganztägig besetzte und fachspezifisch geschulte Sekretariat. Die beiden Verwaltungsangestellten ver- mitteln und verbinden das Team miteinander, leiten die Ratsuchenden weiter, klären erste Fragen und sind damit wichtige „Erstinstanz“ für die späteren Klienten. Spezifische Qualifikationen werden regelmäßig im Team durch Fortbildungen, Vorträge, Tagungen etc. erweitert und ergänzt. So nahmen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in 2017 an folgenden Veranstaltungen teil: • ADHS im Jugendalter – KJP, Marburg • Kindesmisshandlung/Kinderschutz – KJP, Marburg • Kultursensible Psychologische Beratung – ZSB, Fried- berg • Wie krank sind unsere Kinder wirklich? – LAG Jah- restagung, Frankfurt • Systemische Beratung und Therapie – Studium, Nordhausen • Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen – Weiterbildung, Gießen 3. Fallübergreifende Aktivitäten - Prävention Über die Fallarbeit hinaus ist die Beratungsstelle in ver- schiedenen Gremien bzw. Arbeitskreisen der Jugend- hilfe und der Evangelischen Kirche tätig. Im Einzelnen waren dies: • AK Keine Gewalt gegen Kinder Stadt und Landkreis • AK Männerberatung Stadt und Landkreis • Fachausschuss Hilfen zur Erziehung Stadt Gießen • AG nach § 78 SGB VIII Hilfen zur Erziehung Stadt und Landkreis Gießen • AG Kooperation in Familienzentren Stadt Gießen • Gießener AK Trennung und Scheidung Stadt und Landkreis Gießen • Anbietertreffen der Jugendämter und Beratungs- stellen Reg. FrühPrävention in Stadt und Landkreis Gießen • Treffen der „insoweit erfahrenen Fachkräfte“ nach § 8a Abs. 2 SGB VIII Stadt und Landkreis • Regionale Stellenleiterkonferenz (Gießen, Lahn-Dill- Kreis, Wetzlar, Limburg/Weilburg) • Stellenleiterkonferenz für Psychologische Beratungs- stellen in der EKHN Neben regelmäßigen Vorstellungen der Beratungs- arbeit bei unterschiedlichen Personen und Institutio- nen (Jugend hilfe, Universität, Kirche, Beratungsstellen, Ärzte, Therapeuten etc.) gestalteten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle folgende Vorträge, Diskussions- und Elternabende mit: • Auffälliges Verhalten in der Pubertät (Kursangebot Ev. Familien-Bildungsstätte, Gießen) • Grenzen setzen (Familienzentrum St. Martin, Gießen) • Beratungszugänge (Hallo-Welt, Gießen) • Gestaltung der Eingewöhnungszeit in einer Kita (Kita am Weinberg, Wettenberg) • Erziehungsverhalten und Pubertät (Aktino-Mütter- cafe, Nordstadt). Des Weiteren sind wir bemüht, möglichst zeitnah Anliegen aller Art im Sinne einer „Info-Börse“ zu be- arbeiten. Hierunter verstehen wir Anfragen von Eltern, Kindern und Jugendlichen oder von Mitarbeitern aus Kitas, Schulen, Beratungsstellen, Kliniken, Jugendäm- tern, Heimen etc., die sowohl konkrete Anlässe („was kann ich tun?“) wie auch allgemeine Angelegen heiten („wer kann am ehesten weiter helfen?“) als Hinter- grund haben. Je nach Thematik werden die Infos häu- fig telefonisch oder auch persönlich im Gespräch ver- mittelt. Diesmal waren es wieder 122 Kontakte dieser 17
4. Beratungsperspektiven – 40 Jahre Erziehungsberatung Gießen - ein „Urgestein“ der ÄPB blickt zurück schreibt er sich an der Justus-Liebig-Universität zum Pädagogik-Studium ein und schließt 1978 mit dem Diplom ab. Erste praktische Erfahrungen in Beratung und Kindertherapie sammelt er in den letzten anderthalb Jahren seines Studiums in der Caritas- Beratungsstelle. In der ÄPB weitet LW den Einbezug der Eltern in die Be- handlung ihre Kinder im Einzel- oder Gruppensetting aus. „Das war allerdings noch immer von einer famili- entherapeutischen Idee entfernt, bei der beide Eltern- teile und Geschwister einbezogen werden“, meint LW. In den 70er und 80er Jahren seien viele Reformpro- zesse und neue Formen des sozialen Handelns ange- stoßen worden – hervorgehend aus einer umfassenden Sozialkritik. Zwar habe man die kindlichen Symptome stets ernst- genommen und bei Bedarf individuell behandelt, die Bedingungen ihrer Entstehung und ihrer Aufrechter- haltung im Familienverband aber stärker und damit erfolgreicher in den Blick genommen. „Dabei hat auch die Bedeutung der Väter, von Patchwork-, Regenbogen- und Trennungs familien deutlich zugenommen, so dass der Berater heute oft auch als eine Art Dolmetscher zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen so Liebl-Wachsmuth. fungiert“, Seit dem Jahr 1991 ist die Erziehungsberatung als „Hilfe zur Erziehung“ gesetzlich im Kinder- und Jugend- hilfegesetz verankert und somit ein Teil im System der Jugendhilfe. Die Erziehungsberatung wird auf diese Weise erstmals als öffentlicher Auftrag formuliert, der Familienmitgliedern und Personensorgeberechtigten einen Rechtsanspruch auf Erziehungsberatung zu- spricht. Jugendhilfe fungiert als Partner bei den Erziehungs- aufgaben, deren Ziel es ist, gemeinsam mit den Fami- lien Lösungen zu entwickeln. „Die Veränderungen, denen die Arbeit in der Erzie- hungsberatung unterworfen war, waren immer höchst vielfältiger und wechselseitiger Natur“, erinnert sich der Berater. Sie hingen sowohl von der fachlichen Aus- richtung der Kolleginnen und Kollegen, als auch von den Lebensbedingungen der Klienten ab. Dazu kämen noch die politischen Rahmenbedingungen, die teils gravierende Auswirkungen auf die Arbeit haben könn- ten. So verlor die Beratungsstelle durch die „Operation sichere Zukunft“ im Jahr rund ein Viertel ihres Etats. Im Rahmen einer allmählichen Konsolidierung konnte Die Ärztlich-Psychologische Beratungsstelle (ÄPB) in Gießen gibt es schon seit 65 Jahren und ist damit eine der ältesten Einrichtungen dieser Art in ganz Hessen. Von 1978 bis 2017 hat Walter Liebl-Wachsmuth als Mitglied des Beraterteams die Geschichte der Gießener Erziehungsberatung fast vier Jahrzehnte miterlebt und mitgeprägt. Im Juli 2017 ging LW, wie er von seinen Kolleginnen und Kollegen genannt wird, in den wohl- verdienten Ruhestand. Der junge Walter Liebl-Wachsmuth beginnt am 15. August 1978 in der Erziehungsberatung Gießen, die damals von Dr. Renate Gierhake geleitet wird. Zu jener Zeit ist die Einrichtung noch in der Bleichstraße zu finden. Der damals 26-Jährige soll den Bereich der Kindertherapie verstärken und weiterentwickeln. Kurz zuvor hatte der gebürtige Braunschweiger sein Pädagogik-Studium in Gießen abgeschlossen. In seiner Diplom-Arbeit mit dem Thema „Erziehungsberatung als Familienberatung“ hatte er sich schon frühzeitig mit einem „psychoanalytisch-systemischen Blick“ auf die gesamte Familie beschäftigt – einem Blick, der seit den 70er Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts vermehrt Einzug in die Erziehungsberatungsstellen hielt. „Ich hatte mich damals für Gießen entschieden, weil Horst-Eberhard Richter hier lehrte“, erzählt Liebl-Wachsmuth. Zum Wintersemester 1971/72 18
die Einrichtung im Folgejahr ein kirchlich finanziertes Beratungsangebot für Erwachsene machen. wie beispielsweise beim Kindesschutz und der Arbeit in Familienzentren“. Nach 26 Jahren in der Familienberatung wechselte Liebl-Wachsmuth im Jahr 2005 schwerpunktmäßig in die Einzel- und Paarberatung. Der Grund: „Ich erlebte in der Erziehungsberatung oft eine Erfolgsbegrenzung durch schwierige Elternpersönlichkeiten und Elternbe- ziehungen. An diesen Punkten wollte ich gern intensiver arbeiten in der Annahme, damit auch beteiligte Kinder zu entlasten und zu unterstützen. Der aktive Umgang mit der Paardynamik auf der Grundlage einer Vertrau- ensbeziehung bewirkte Veränderungen im Selbst- und Fremdbild der Partner, sodass eine befriedigendere Zu- sammenarbeit der Erwachsenen möglich wurde, von der auch beteiligte Kinder profitieren konnten“. Bei dieser Arbeit sei hilfreich, den Blick auf den eigenen inneren Kompass zu behalten um wahr zu nehmen, ob der Kurs im Miteinander noch passe und die gemeinsame Beziehungsgestaltung authentisch bleibe. Das eigene persönliche und fachliche Standing helfe, sich interessiert dem Anderssein der Gesprächs- beteiligten zuzuwenden und sie da abzuholen, wo sie jeweils stehen. Das Team der Beratungsstelle sieht LW gut aufgestellt - auch in seiner Zusammenarbeit auf Augenhöhe. In der Mitarbeitervertretung engagierte sich Liebl-Wachsmuth viele Jahre lang für die Belange der Kolleginnen und Kollegen. „Die Arbeit in der Beratungsstelle hat mir viel Freude gemacht! Jetzt bin ich aber neugierig auf meinen nächsten Lebensabschnitt und seine zu ent- deckenden Möglichkeiten“. Sonja Schwaeppe Mechthild Bäppler Was die Beratungsanlässe betrifft, habe es im Laufe der Jahre zahlreiche Veränderungen gegeben, obwohl die dahinterstehenden Themen ähnlich geblieben seien. „Auffällig ist, dass heute der zeitliche und ener- getische Alltagsrahmen bei nahezu allen Beratungsan- lässen für Austausch, Verhandlung und Neuerprobung recht eng geworden ist“, meint LW. Er habe immer wie- der das Gefühl, dass Alltagsleben, Schule und Beruf so eng getaktet seien, dass im Grunde genommen nicht nur die Zeit, sondern auch die innere Energie fehle, sich wirklich miteinander, mit dem Partner und den Kindern auseinanderzusetzen. Einerseits sei die Terminfindung und die Zuwendung zu angeregten Aufgaben für die Kundschaft schwieriger geworden, andererseits habe sich die technische Lösungserwartung an die Bera- tungskräfte erhöht. Doch erst ein erarbeitetes tieferes Selbstverständnis der Klienten und die unterstützte eigene Zuständigkeitswahrnehmung der Familienmit- glieder beförderten die Entwicklung neuer, tragfähiger Lösungen. Der sozioökonomische Status der Klientel sei breit gestreut: Nöte zeigten sich in allen gesellschaftlichen Schichten. Diese Vielfalt mache die Arbeit aber auch interessant und herausfordernd. Besonders Beratungen im Zwangskontext von Gerichtsauflagen (Begleiteter Umgang, Hochstrittigkeit und Jugendgerichtshilfe- Fälle) bewegten sich auf einem schmalen Grat zwischen Chance und Risiko und erforderten von daher nicht nur Empathie, sondern auch ein sehr klar strukturiertes Vorgehen sowie eine gute Kooperation mit den anderen beteiligten Institutionen. „Eine gute Kenntnis von und Zusammenarbeit mit ver- schiedensten Einrichtungen der Jugendhilfe, der psy- chosozialen Szene und der Medizin wird bei sich ausdif- ferenzierenden Bedarfsfeldern zunehmend wichtiger: um Anliegen der Nachfragenden zielgerichtet adres- sieren oder auch niederschwellig bedienen zu können 5. Ausblick 2018 Das Team der Beratungsstelle hat sich in den letzten zwei Jahren personell stark verändert, von aktuell neun Mitarbeitenden in Sekretariat und Fachteam sind fünf Personen neu hinzugekommen. Damit ist der perso- nelle Umbruch abgeschlossen und nun gilt es als Team zusammenzuwachsen, um die alten wie neuen Auf- gabenfelder der Beratungsstelle bewältigen zu können. Die Nachfrage an Beratung war in 2017 recht groß insbesondere in der Erziehungsberatung. Aber auch Fachberatungen und Fachberatungen im Kontext von potentieller Kindeswohlgefährdung wurden stark nachgefragt – dies wird vermutlich so bleiben. Eine besondere Herausforderung wird die Weiterent- wicklung der Einzel- und Paarberatung in der Wetterau bleiben. Hier ist der Start gelungen, allerdings stehen wir beim Aufbau von notwendigen Vernetzungsstruk- turen sicher noch in den „Kinderschuhen“. 19
Ärztlich-Psychologische Beratungsstelle Erziehungs- und Familienberatung Einzel- und Paarberatung Hein-Heckroth-Str. 28 a 35394 Gießen Tel: O641 40 007 40 Fax: 0641 40 007 49 mail@erziehungsberatung-giessen.de www.erziehungsberatung-giessen.de gefördert durch: Träger: Impressum Herausgeber: Ärztlich-Psychologische Beratungsstelle Texte: Peter Siemon (Leiter der Beratungsstelle) Statistische Auswertung: Karin Büttner (Sekretariat) Fotos, Gestaltung und Layout: Mechthild Bäppler (Öffentlichkeitsarbeit, Verein für Jugendfürsorge und Jugendpflege)

References: § 4
 § 32
 Art. 2016
 § 28
 § 17
 § 78
 § 8