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Seite 3-5, BERLINER DIALOG 17, -1999 Johannis - Martini
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Von der Nähe Christi
Apokalyptik und Endzeiterwartung im frühen Luthertum
"Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand (Mk 13,32) - eine knappere und richtigere Antwort auf das mancherorts künstlich angeheizte Endzeitfieber zur Jahrtausendwende wird man von seiten der Kirchen kaum finden können.
Dennoch machen es Endzeit- Erwartungen und Endzeit-Befürchtungen außerhalb der Kirchen wie auch säkularisierte Reste christlicher Hoffnungen aktuell wieder nötig, sich des eigenen, christlichen apokalyptischen Erbes zu vergewissern. Schließlich bitten die Christinnen und Christen bis heute allsonntäglich im Vaterunser um das Kommen des Reiches.
Es gab immer wieder Phasen in der Geschichte des Christentums, in denen die Hoffnung aufbrandete, nun stehe Christi Wiederkehr endlich und wirklich unmittelbar bevor.
Wenig bekannt und beachtet ist dabei, daß es auch in dem sich herausbildenden Luthertum nach dem Tod des Wittenberger Reformators im Jahre 1546 eine starke apokalyptische Strömung gab. An ihr kann man beispielhaft sehen, wie eng Endzeiterwartung einerseits unauflöslich mit der christlichen Existenz verbunden ist - und wie fern andererseits diese christlichen Endzeiterwartungen von der Fixierung auf bloße Kalenderdaten sind.
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Daß das Jahr 1600, die damalige Jahrhundertwende, für die Lutheraner eine besondere Rolle spielte, war eher die Ausnahme. Selbst in den komplizierten Berechnungen des Arnold Termopedius, eines Propheten, der damals - wie es bei einem Zeitgenossen heißt - "viel wesen erregt hat, war der 21. Februar 1600 nur ein Zwischenergebnis:
Letztlich erwartete er den Jüngsten Tag doch schon früher, nämlich für den 3. April 1599. Wenn sonst sichere Zahlen genannt wurden, so hatten diese mit der Jahrhundertwende nichts zu tun. Am häufigsten erscheint etwa das Jahr 1588 in den Schriften, weil man sich auf eine vermeintlich alte Weissagung hierfür berufen konnte:
"Wenn man zelt 1580 und acht, Das ist das jar, das ich bedacht.
Gehet in dem die Welt nicht unter, So geschieht doch sonst mercklich wunder."
Doch zeigt schon dieser Spruch selbst, daß man keineswegs auf die exakte Jahreszahl 1588 fixiert sein mußte, war es doch auch hiernach keineswegs sicher, daß dann der Weltuntergang erfolgen würde. So hatte dann auch der Stendaler Pfarrer Daniel Schaller keine Bedenken, gleich zu Beginn des Jahres 1589 vor der Meinung zu warnen, man sei "mit dem 88. Jahr über den Angstberg hinüber - die Nähe des Endes der Welt blieb gewiß, obwohl diese Weissagung speziell ihr Ziel nicht erreicht hatte. Die Jahreszahlen waren austauschbar, die Gewißheit des nahen Endes aber blieb.
Es gab nicht nur solche Spruchweisheiten, sondern auch zahlreiche andere Bemühungen, die Nähe des Endes rechnerisch plausibel zu machen. Wo dies aber - oft auf heute sehr befremdliche Weise - geschah, erfolgte es im Einvernehmen mit der Wissenschaft der Zeit, sowohl mit der kalkulatorischen Chronistik, d.h. der Berechnung des Weltzeitalters, als auch mit der Astrologie bzw. Astronomie - beides wurde im 16. Jahrhundert noch nicht durchweg streng unterschieden.
Für die Chronistik hatten die Lutheraner ein Standardwerk zur Verfügung: die von Philipp Melanchthon überarbeitete Weltchronik des Johannes Carion. Das Bemerkenswerte an diesem Buch war, daß es eine nach damaligen Maßstäben wissenschaftlich fundierte, durchgehende Zählung der Weltzeit seit der Schöpfung bot. Diese gelehrte Arbeit wurde zur Grundlage apokalyptischer Prophetie, weil Melanchthon selbst sie mit einer Stelle aus dem Talmud, einem angeblichen Spruch aus dem Hause des Elia, verbunden hatte, der lautete:
"Sechs tausent Jahr der welt bestimpt, darnach der untergang.
2000 Jahr wüst oder vor dem Gesatz, 2000 Jahr unter dem Gesatz, 2000 Jahr unter Christo.
Und so an diesen Jahren etwas zeit fehlen wirdt, wirdt sie umb unser grossen und unzehlichen Sünden willen fehlen
Dieses Schema schien durch die Weltchronik Carions bestens bestätigt, datierte diese doch das Jahr der Geburt Christi in das Jahr 3963 nach der Schöpfung der Welt - demnach wäre der Messias in der Tat etwa 4000 Jahre nach der Schöpfung der Welt erschienen. Wenn das Schema der Elia-Weissagung aber soweit wissenschaftlich abgesichert war, konnte man auch auf die weiteren Aussagen vertrauen: Demnach würde die Welt mit Sicherheit vor dem 6000. Jahr untergehen - und es war nur noch die Frage, wieviel Zeit "an diesen Jahren ... fehlen würde, das heißt: um wie viele Jahrhunderte früher das Ende eintreten würde. Auf den verschiedensten Wegen kamen die Lutheraner nun zu der Überzeugung, daß dies doch einige Jahrhunderte sein würden, das Ende also noch zu ihrer Zeit hereinbrechen würde.
Dies konnte neben der Geschichtswissenschaft auch die Astronomie belegen: Cyprian von Leowitz, Hofastronom in Pfalz-Neuburg, legte im Jahre 1564 eine Berechnung vor, in der er aufzeigte, daß im Zeitraum 1583/4 eine ganz besondere Himmelskonstellation auftreten würde: Ein Zusammentreffen der höchsten Planeten unter der Herrschaft der drei feurigen Himmelszeichen Widder, Löwe und Schütze. Die dabei vorausgesetzten astronomischen Theorien - die Einteilung des Himmels in vier Dreiecke aus jeweils drei Sternzeichen und die Lehre von den "Konjunktionen, den Zusammenkünften der Planeten - hatten eine Vorgeschichte, die bis in die Astronomie des Mittelalters zurückreichte. Entscheidend war für Leowitz, daß er hier aufgrund einer aus ganz anderen Interessen entstandenen wissenschaftlichen Lehre die Besonderheit seiner eigenen Zeit aufweisen konnte: Das von ihm beschriebene Himmelsphänomen trat, so konnte er zeigen, nur alle achthundert Jahre auf. Zuletzt also war es kurz vor dem Jahr 800 aufgetreten, in dem Karl der Große gekrönt wurde, davor vor Christi Geburt: Angesichts solcher hervorgehobener Ereignisse war nun nach Leowitz zu erwarten, daß wieder Großes geschehen würde - und da nach der Elia-Weissagung damit zu rechnen war, daß die Welt untergehen würde, ehe noch einmal - rechnerisch im Jahre 6400 - eine solche Himmelserscheinung auftreten würde, konnte die jetzt zu erwartende in den Augen des Astronomen nichts anderes bedeuten als eben das Ende der Welt.
Solche wissenschaftlichen Absicherungen der eigenen Erwartung waren nicht das Einzige, was die Endzeiterwartung im frühen Luthertum prägte. Noch bedeutsamer war die Aufmerksamkeit auf die Zeichen der Zeit. Die Frage nach ihnen hatte ja, so der biblische Bericht in Lk 21 und den entsprechenden Parallelen, Jesu Rede von der nahen Endzeit hervorgerufen, die sich schon allein deswegen dem Bewußtsein tief eingeprägt hatte, weil sie von der Perikopenordnung als Predigttext für den 2. Advent vorgesehen war. So machten sich die Lutheraner daran, allerorten die Zeichen der nahen Endzeit zu identifizieren: Himmelserscheinungen wie Finsternisse, Kometen oder gar konkrete Figuren am Firmament sollten ebenso die Gewißheit des Endes absichern wie die ständige Erfahrung von Pest, Krieg und Teuerung, den apokalyptischen Reitern aus Apk 6.
Das wichtigste Zeichen aber war die Offenbarung des Papstes als Antichrist. Hierin liegt geradezu die Wurzel der gesamten lutherischen Endzeiterwartung. Der Reformator selbst hatte in seiner Vorrede zum Danielbuch erklärt:
"Und hie sehen wir, das nach dieser zeit, so der Bapst offenbart, nichts zu hoffen noch zu gewarten ist,
denn der Welt ende und aufferstehung der Todten".
Mit der Gleichsetzung von Papsttum und Antichrist war die mittelalterliche Antichristlegende aus dem reformatorischen Bewußtsein gestrichen, wonach dreieinhalb Jahre vor dem Ende der Zeiten eine böse, widerchristliche Figur auftreten sollte. Nun, nach Luthers Verständnis, war der Antichrist schon längst in der Welt und heimlich am Werke - die eigentliche endzeitliche Aufgabe war es, ihn aufzudecken.
Die Reformation selbst wurde hierdurch zu einem Geschehen der Endzeit: Durch die Aufdeckung des Evangeliums war ja zugleich auch jener lang verborgene Antichrist aufgedeckt worden - und Luther war nach einem verbreiteten Verständnis der Engel der Apokalypse, der verkündete: "Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt" (Apk 14,8).
War aber die Reformation selbst ein Ereignis der Endzeit, so lag es nahe, daß das Selbstverständnis der Erben der Reformation durch und durch apokalyptisch geprägt war. Die Auffassung, daß der Papst der Antichrist sei, wurde geradezu zu einem lutherischen Bekenntnissatz, und das Reformationsjubiläum des Jahres 1617 war entsprechend an vielen Orten nicht nur historischer Rückblick, sondern vor allem auch Einordnung der Reformation in das apokalyptische Geschehen.
In Sachsen-Weimar etwa wurde für den 31. Oktober 1617 nicht nur die Predigt über IIThess 2 vorgeschrieben, die klassische Bibelstelle für die Antichristlehre; hinzu kam ausdrücklich auch die Forderung nach einer Predigt über Mt 24, 23-26, wo Christus im Rahmen seiner Verkündigung vom Weltende vor den falschen Christussen warnt: Gerade die Nähe des Endes macht die Notwendigkeit, sich an den wahren Christus zu halten, deutlich, der wahre Christus aber verweist auf eben dieses Ende. Und wer sich in den reformatorischen Kirchen an ihn halten wollte, konnte sich der Nähe dieses Endes gewiß sein.
Die Jubiläumsfeiern 1617 machen etwas deutlich, was dem heutigen lutherischen Bewußtsein zunächst fremd erscheinen mag: Für die Lutheraner dieser Zeit - oder wenigstens für bestimmende Gruppen unter ihnen - galt, daß aus ihrem Luthertum, aus ihrer Bindung an ein rechtes Verständnis der Reformation geradezu zwangsläufig die Erwartung des nahen Endes der Welt folgte. Luthertum war so gesehen ohne eine apokalyptische Gegenwartsdeutung gar nicht zu haben.
Diese Verkündigung der Nähe des Endes erschöpfte sich aber nicht in äußerlichen Prophetien: Wer von der nahen Endzeit redete, wollte auch etwas bewirken. Die Prediger und Flugschriftenautoren der Zeit drücken dies immer wieder mit einem Wort aus: Buße. Es ging ihnen mit ihrer Botschaft von der Nähe des Endes also um die rechte christliche Existenz im Angesicht Gottes. Buße als Haltung forderten sie, aber auch eine Buße, die sich in Werken des neuen Gehorsams äußern sollte. Sehr konkret konnte im einzelnen dargelegt werden, welche Verfehlungen sich die Menschen der Zeit zuschulden kommen ließen. Diese Aufzählungen hatten einen doppelten Sinn: Sie zeigten, wie richtiges Verhalten aussehen würde, aber sie begründeten auch, warum überhaupt der Jüngste Tag hereinbrechen würde: nämlich als Strafe über die Sünden der Menschen.
Wird das Weltende aber als Strafe gesehen, so muß man die Frage aufwerfen, wie beharrlich eigentlich der Gott in seinem Strafwillen ist, der in Ez 18, 23 von sich sagt: "Meinst du, daß ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, daß er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?
Wenn die Bußmahnung ihr Ziel im neuen Wandel erreicht, hat Gott keinen Grund mehr zu strafen, das heißt: Gottes Strafwille gilt nur so lange, wie der Mensch bei seinem strafwürdigen Verhalten bleibt. Läßt der Mensch hiervon ab, so kann auch Gott seine Strafe wieder aufheben. Das bestätigte den Apokalyptikern des 16. Jahrhunderts nicht nur der erwähnte Ez-Vers, sondern auch die Jona-Erzählung von Ninives Buße: Die Christen können, so wird durch dieses biblische Erfolgsmodell versichert, durch Buße Gottes Wirken zu ihren Gunsten beeinflussen, sie können Gott dazu bewegen, mit seinem Strafen einzuhalten:
"Gemeiniglich aus einem Comet Grosse teurung und krieg entsteht. Wo wir aber bitten von Hertzen,
Benimpt Gott alls unglück und schmertzen",
heißt es in einer Kometendeutung von 1577. Aufgrund dieser Aussagen kann es dann tatsächlich zu der Erwartung kommen, daß die Buße selbst das Weltende abwende.
Damit entsteht in der apokalyptischen Botschaft eine gelegentlich an offenen Selbstwiderspruch grenzende, mindestens aber latente Spannung zwischen der Endzeitverkündigung und ihrer Relativierung: Gerade wenn die apokalyptische Botschaft ihr Ziel erreicht, daß nämlich die Menschen Buße tun, wird sie selbst unnötig, weil dann das Ende nicht mehr droht. Dieser latente Widerspruch hebt sich erst dann auf, wenn man sieht, daß auch für die Menschen dieser Zeit das Entscheidende an ihrer apokalyptischen Botschaft gerade nicht die genauen Terminberechnungen oder die Ausmalungen eines äußerlich hereinbrechenden Endes sind, sondern daß es ihnen auf etwas anderes ankommt: Ganz gelassen vermerkt etwa der Erfurter Lehrer Basilius Faber in seiner Schrift "Von den letzten Hendeln der Welt" nach einer Aufzählung von fünf Berechnungsweisen für den Termin des Weltendes:
"Solchs alles aber ist ungewis, und wil Christus nicht, das wir die zeit und stunde seines herrlichen Tags
sorgfeltig ergrübeln und erforschen, sondern alle zeit wacker und bereit sein sollen".
Gerade weil der Zeitpunkt des Endes letztlich unergründbar ist, ist der Kerngehalt der apokalyptischen Botschaft jederzeit zu vernehmen: Das Himmelreich ist nahe, das heißt: Christus ist nahe.
Das Entscheidende der lutherischen Apokalyptik liegt also nicht in den Zahlen, die für das Jahr des Weltendes errechnet werden, sondern in der durch sie ausgedrückten Existenzaussage:
Wichtiger als das mögliche nahe Ende der äußeren Welt ist für den Christenmenschen die Nähe Christi.
Dr. Volker Leppin, 32,
ist Privatdozent für Kirchen- und Dogmengeschichte in Heidelberg.
Sein Beitrag für den BERLINER DIALOG basiert auf seiner Habilitationsschrift
"Antichrist und Jüngster Tag, Gütersloh 1999.
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