Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Streik_Schadensersatz_Friedenspflicht_1AZR160-14.html
Timestamp: 2016-12-10 08:45:30+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 1 AZR 160/14
Streik, Schadensersatz
1. Ein Streik, des­sen Kampf­ziel auch der Durch­set­zung ei­ner frie­dens­pflicht­ver­let­zen­den oder ta­rif­wid­ri­gen For­de­rung dient, ist rechts­wid­rig.
2. Der Ein­wand ei­ner streikführen­den Ge­werk­schaft, sie hätte den Streik auch oh­ne die in­kri­mi­nier­te For­de­rung mit den­sel­ben Streik­fol­gen geführt (rechtmäßiges Al­ter­na­tiv­ver­hal­ten), ist un­be­acht­lich.
Arbeitsgericht Frankfurt/Main, Urteil vom 25.03.2013, 9 Ca 5558/12Landesarbeitsgericht Hessen, Urteil vom 05.12.2013, 9 Sa 592/13
1 AZR 160/14 9 Sa 592/13 Hes­si­schesLan­des­ar­beits­ge­richt Verkündet am 26. Ju­li 2016Klei­nert, Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le
- 3 - Die Kläge­rin­nen zu 1. und 2. sind Luft­fahrt­un­ter­neh­men. Sie nut­zen ua. den Flug­ha­fen Frank­furt am Main, der von der als Ak­ti­en­ge­sell­schaft ver­fass­ten, mehr­heit­lich in öffent­li­cher Hand be­find­li­chen Kläge­rin zu 3. be­trie­ben wird. Die­se beschäftigt ca. 12.000 Mit­ar­bei­ter, da­von (vor­mals) 86 im Be­reich Vor­feld­kon­trol­le, 90 im Be­reich Vor­feld­auf­sicht und 29 im Be­reich Ver­kehrs­zen­tra­le. Die Vor­feld­kon­trol­le (apron con­trol) ist die für die Ver­kehrs­len­kung von Luft­fahr­zeu­gen auf den Vor­feldflächen ver­ant­wort­li­che Ein­rich­tung. Die Vor­feld­auf­sicht lei­tet die Luft­fahr­zeu­ge am Bo­den zu den Park­sta­tio­nen. Die Ver­kehrs­zen­tra­le be­ar­bei­tet ua. die ope­ra­ti­ven Flug­planda­ten.
(2) Über den in Ab­satz 1 ge­nann­ten Per­so­nen­kreis hin­aus be­an­sprucht die GdF kei­ne Zuständig­keit für an­de­re Beschäftig­te der Fra­port AG und strebt ei­ne sol­che auch im Fal­le ei­ner Sat­zungsände­rung nicht an....
(1) Mit Wir­kung ab dem 1. Ja­nu­ar 2008 wird für die Beschäftig­ten ein Zeit­wert­kon­to ein­geführt....
Pro­to­koll­no­tiz: Die Wert­er­hal­tungs­ga­ran­tie des Ar­beit­ge­bers beim ar­beit­ge­ber­fi­nan­zier­ten Wert­gut­ha­ben ist auf den Be­trag be­schränkt, der ...
(1) Mit Wir­kung ab dem 1. Ja­nu­ar 2010 er­hal­ten Beschäftig­te, die min­des­tens fünf­zehn Jah­re in der Funk­ti­on ‚Apron Con­trol‘ ein­ge­setzt wa­ren, zur Un­terstützung ei­nes vor­ge­zo­ge­nen Ein­tritts in Al­ters­ren­te ei­nen Aus­gleich für da­mit ver­bun­de­ne Ren­ten­ab­schläge ......
(1) Die Beschäftig­ten neh­men ab 1. Ja­nu­ar 2008 ein­mal jähr­lich auf Kos­ten des Ar­beit­ge­bers an ei­nem Ge­sund­heits-Check bei der ar­beits­me­di­zi­ni­schen Ab­tei­lung des Un­ter­neh­mens teil.(2) Beschäftig­te, die in der Funk­ti­on ‚Apron Con­trol‘ ein­ge­setzt wer­den, sind grundsätz­lich ver­pflich­tet, in ei­nem fünfjähri­gen Tur­nus an ei­ner Re­ge­ne­ra­ti­ons­kur von 30 Ka­len­der­ta­gen teil­zu­neh­men. ...
- 5 - (4) ...
(1) Die­se Ver­ein­ba­rung tritt mit Wir­kung vom 1. Au­gust 2007 in Kraft.Die Re­ge­lun­gen in § 5 bis § 8 sind mit ei­ner Frist von sechs Mo­na­ten zum Quar­tals­en­de, erst­ma­lig zum 31. De­zem­ber 2017, künd­bar. Im Übri­gen ist die­se Ver­ein­ba­rung mit ei­ner Frist von sechs Mo­na­ten zum Quar­tals­en­de, erst­ma­lig zum 31. De­zem­ber 2011, künd­bar.
- 6 - Die Be­klag­te erklärte mit ei­nem an die Kläge­rin zu 3. ge­rich­te­ten Schrei­ben vom 29. Ju­ni 2011 die Teilkündi­gung des TV Apron Con­trol. Wört­lich heißt es in dem über der Zei­le „S Vor­stand Ta­rif/Recht“ hand­schrift­lich un­ter­zeich­ne­ten Schrei­ben:
wir hier­mit den lan­des­be­zirk­li­chen Ta­rif­ver­trag Son­der­re­ge­lung Apron Con­trol für die Fra­port AG (Lan­des­be­zirks­ta­rif­ver­trag Nr. 32/2007) vom 20. Sep­tem­ber 2007 in der Fas­sung der Ände­rung ...Die Kündi­gung wird, mit Aus­nah­me der Re­ge­lun­gen in § 5 bis § 8, frist­gemäß zum 31. De­zem­ber 2011 aus­ge­spro­chen....“
(8) Sind Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter in Fol­ge ei­nes Ar­beits­un­falls, den sie in Fol­ge ih­rer Ar­beit oh­ne Vor­satz oder gro­be Fahrlässig­keit er­lit­ten ha­ben, nicht mehr voll­leis­tungsfähig und wer­den sie des­halb in ei­ner nied­ri­ge­ren Vergütungs­grup­pe wei­ter­beschäf¬tigt, so er­hal­ten sie ei­ne Aus­gleichs­zu­la­ge in Höhe der je­wei­li­gen Dif­fe­renz zwi­schen ih­rer bis­he­ri­gen und der nied­ri­ge­ren Vergütung. Zur Über­brückung be­son­de­rer wirt­schaft­li­cher Not­la­gen kann der Mitar¬bei­te­rin bzw. dem Mit­ar­bei­ter auf An­trag ein zins­be¬güns­tig­tes Dar­le­hen gewährt wer­den....
ge­ar­bei­tet ha­ben, ha­ben ei­nen An­spruch auf ei­nen Wech­sel aus dem Wech­sel­schicht­dienst in den Schicht­dienst.Un­abhängig da­von kann im Ein­zel­fall ein Wech­sel in den Schicht­dienst aus persönli­chen Gründen je­der­zeit ver­ein­bart wer­den.
Gel­tungs­be­reich ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges aus­sch­ließlich für die Fra­port AG; Verkürzung der Lauf­zeit auf 24 Mo­na­te;
- 9 - ...“
In ei­nem wei­te­ren Schrei­ben an die Kläge­rin zu 3. - gleich­falls vom 15. Fe­bru­ar 2012 - führ­te die Be­klag­te aus: „...wir neh­men Be­zug auf un­ser Schrei­ben vom heu­ti­gen Ta­ge be­tref­fend die Ankündi­gung von Ar­beits­kampf­maßnah­men. Dar­in ha­ben wir Ih­nen auch die mit dem Ar­beits­kampf ver­folg­ten Ta­rif­zie­le im Ein­zel­nen dar­ge­stellt.
- 10 - Der zu­letzt bis 24. Fe­bru­ar 2012, 23.00 Uhr ge­plan­te Streik wur­de am 23. Fe­bru­ar 2012, 21.00 Uhr we­gen ei­nes An­ge­bots der Kläge­rin zu 3. auf Wie­der­auf­nah­me der Ver­hand­lun­gen ab­ge­bro­chen. Nach­dem die­se oh­ne Er­geb­nis blie­ben, kündig­te die Be­klag­te ge­genüber der Kläge­rin zu 3. mit Schrei­ben vom 25. Fe­bru­ar 2012 un­ter Bei­be­hal­tung ih­rer Streik­zie­le an, „ih­re Mit­glie­der bei der Fra­port AG in den Ab­tei­lun­gen Vor­feld­kon­trol­le, Ver­kehrs­zen­tra­le und Vor­feld-auf­sicht am Sonn­tag, den 26.02.2012 von 21.00 Uhr für die Zeit bis zum Don­ners­tag, den 01.03.2012, 05.00 Uhr“ zu ei­nem Streik auf­zu­ru­fen. Der mit der Wahr­neh­mung ho­heit­li­cher Auf­ga­ben zur Flug­si­che­rung be­lie­he­nen Deut­sche Flug­si­che­rung GmbH (DFS) teil­te sie mit Schrei­ben vom 28. Fe­bru­ar 2012 mit, „ih­re Mit­glie­der bei der DFS im Geschäfts­be­reich Tower am Tower Frank­furt“ am 29. Fe­bru­ar 2012 für die Zeit von 05.00 Uhr bis 11.00 Uhr zu ei­nem be­fris­te¬ten Streik zur Un­terstützung des Ar­beits­kamp­fes in der Vor­feld­kon­trol­le, Ver­kehrs­zen­tra­le und Vor­feld­auf­sicht auf­zu­ru­fen.
- 11 - Auf­grund der ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen fand der Un­terstützungs­streik nicht statt; der am 26. Fe­bru­ar 2012 be­gon­ne­ne Streik wur­de am 29. Fe­bru­ar 2012 ab­ge­bro­chen.
- 14 - an­de­re Pri­vat­rechts­sub­jek­te auf­grund ih­rer nur mit­tel­ba­ren Bin­dung an die Grund­rech­te nicht aus­ge­setzt sind. Die­se gra­du­el­len Un­ter­schie­de der Grund­rechts­bin­dung hin­dern öffent­lich be­herrsch­te Un­ter­neh­men der Pri­vat­wirt­schaft aber nicht, in adäqua­ter und weit­hin gleich­be­rech­tig­ter Wei­se wie Pri­va­te die Hand­lungs­in­stru­men­te des Zi­vil­rechts für ih­re Auf­ga­ben­wahr­neh­mung zu nut­zen und am pri­va­ten Wirt­schafts­ver­kehr teil­zu­neh­men (BVerfG 22. Fe­bru­ar 2011 - 1 BvR 699/06 - [Fra­port-Ur­teil] Rn. 56, BVerfGE 128, 226). Voll­zieht sich die­se Teil­nah­me im We­ge ei­ner er­werbs­wirt­schaft­li­chen Betäti­gung, ist ein Un­ter­neh­men der öffent­li­chen Hand in Be­zug auf Ein­grif­fe, die sich ge­gen sei­ne wirt­schaft­li­che Betäti­gung rich­ten, nicht we­ni­ger schutzwürdig als Pri­va­te.
(1) Die Teilkündi­gung war an sich zulässig. (a) Ein Ta­rif­ver­trag ist re­gelmäßig nur als Gan­zes künd­bar. Zulässig ist sei­ne Teilkündi­gung nur bei ei­ner aus­drück­li­chen Ver­ein­ba­rung. Geht aus der ver­ein­bar­ten Zu­las­sung mit der ge­bo­te­nen Klar­heit her­vor, auf wel­che kon­kre­ten Be­stim­mun­gen oder Tei­le des je­wei­li­gen Ta­rif­ver­trags sich die Möglich­keit der Teilkündi­gung be­zie­hen soll, be­geg­nen ihr kei­ne recht­li­chen Be­den­ken (vgl. BAG 3. Mai 2006 - 4 AZR 795/05 - Rn. 20, BA­GE 118, 159).
- 16 - bis § 8“ be­schrie­be­ne Teil des Ta­rif­werks, zu de­nen - dies ge­bie­ten Ge­sichts­punk­te der Sys­te­ma­tik und Prak­ti­ka­bi­lität - je­ne ta­rif­li­chen Be­stim­mun­gen gehören, die auf die­sen Re­ge­lungs­kom­plex Be­zug neh­men oder mit ihm in un­trenn­ba­rem Zu­sam­men­hang ste­hen. Da­zu gehören je­den­falls die Gel­tungs­be­reichs­fest­le­gung in § 1 Abs. 1 TV Apron Con­trol, die für §§ 5 bis 8 TV Apron Con­trol fest­ge­leg­te (länge­re) Kündi­gungs­frist des § 12 Abs. 1 Satz 2 TV Apron Con­trol und die in § 12 Abs. 2 TV Apron Con­trol aus­ge­drück­te Ei­ni­gung auf „ab­sch­ließen­de Re­ge­lun­gen“ so­wie die Reich­wei­te der Frie­dens­pflicht. Mit der Verständi­gung darüber, der Re­ge­lungs­be­reich nach §§ 5 bis 8 TV Apron Con­trol sol­le ei­ner an­de­ren Kündi­gungs­mo­da­lität un­ter­lie­gen als der Ta­rif­ver­trag im Übri­gen, ha­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en dies klar vor­ge­ge­ben. Ent­ge­gen der An­sicht der Re­vi­si­on ent­beh­ren die Re­ge­lun­gen über die Teilkündi­gung nicht be­reits schon des­halb der not­wen­di­gen Klar­heit, weil sich die ar­beits- und die lan­des­ar­beits­ge­richt­li­chen Wer­tun­gen hin­sicht­lich gekündig­ter und un­gekündig­ter Ta­rif­be­stim­mun­gen nicht vollständig de­cken.
- 17 - (b) Für die Kündi­gung ei­nes Ta­rif­ver­trags gel­ten aber kraft Ge­set­zes kei­ne Form­vor­schrif­ten. Vor­be­halt­lich an­de­rer Ab­re­den im Ta­rif­ver­trag selbst - die im TV Apron Con­trol nicht ge­trof­fen sind - be­geg­net je­den­falls ei­ne der Text­form des § 126b BGB ent­spre­chen­de Kündi­gungs­erklärung kei­nen recht­li­chen Be­den­ken. Das Schrift­form­ge­bot des § 1 Abs. 2 TVG iVm. § 126 BGB ist für die Kündi­gung nicht ent­spre­chend her­an­zu­zie­hen (eben­so ErfK/Fran­zen 16. Aufl. § 1 TVG Rn. 32; Ga­mill­scheg Kol­lek­ti­ves Ar­beits­recht Band I § 13 II 1 a; Kem­pen/Za­chert/St­ein TVG 5. Aufl. § 4 Rn. 189; Oet­ker in Ja­cobs/Krau­se/ Oet­ker/Schu­bert Ta­rif­ver­trags­recht 2. Aufl. § 8 Rn. 10; Wie­de­mann/Thüsing 7. Aufl. § 1 TVG Rn. 319; für ei­nen den Ta­rif­ver­trag auf­he­ben­den Ver­trag vgl. BAG 8. Sep­tem­ber 1976 - 4 AZR 359/75 - zu III 2 der Gründe; aA Be­p­ler in Hens­s­ler/Moll/Be­p­ler Der Ta­rif­ver­trag 2. Aufl. Teil 3 Rn. 213; Däubler TVG/ Dei­nert 4. Aufl. § 4 Rn. 122; Däubler TVG/Ne­be 4. Aufl. § 1 Rn. 172 f.; Löwisch/Rieb­le TVG 3. Aufl. § 1 Rn. 1443). Hierfür fehlt es an der er­for­der­li­chen Re­ge­lungslücke. Das zeigt be­reits § 7 Abs. 1 Satz 1 TVG. Da­nach sind die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ver­pflich­tet, „die Ur­schrift oder ei­ne be­glau­big­te Ab­schrift“ ei­nes je­den Ta­rif­ver­trags und sei­ner Ände­run­gen dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les zu über­sen­den. Das Außer­kraft­tre­ten ist le­dig­lich „mit­zu­tei­len“, oh­ne dass es bei der Kündi­gung des Ta­rif­ver­trags ei­ner Über­sen­dung des Kündi­gungs­schrei­bens bedürf­te. Vor al­lem aber man­gelt es - aus­ge­hend vom Zweck des § 1 Abs. 2 TVG - an ei­ner ver­gleich­ba­ren In­ter­es­sen­la­ge. § 1 Abs. 2 TVG dient der Klar­stel­lung des Ver­trags­in­halts und dem Ge­bot der Nor­men-klar­heit (vgl. BAG 17. Fe­bru­ar 2016 - 2 AZR 613/14 - Rn. 22 mwN). Die­ser Zweck er­for­dert kei­ne Er­stre­ckung auf die Ta­rif­ver­tragskündi­gung. Die dem Ta­rif­ver­trag Nor­mun­ter­wor­fe­nen wären bei ei­ner dem Schrift­for­mer­for­der­nis un­ter-lie­gen­den, al­lein ge­genüber dem Ta­rif­ver­trags­part­ner zu erklären­den und nicht pu­bli­ka­ti­ons­bedürf­ti­gen Kündi­gung nicht an­ders ge­stellt.
- 25 - genüber dem so­zia­len Ge­gen­spie­ler, son­dern auch das Vor­hal­ten ei­ner leis­tungsfähi­gen Or­ga­ni­sa­ti­on, die sie befähigt, die ihr von Art. 9 Abs. 3 GG zu­ge-dach­ten Auf­ga­ben zu erfüllen (BVerfG 24. Fe­bru­ar 1999 - 1 BvR 123/93 - zu B II 2 b bb der Gründe, BVerfGE 100, 214; 20. Ok­to­ber 1981 - 1 BvR 404/78 - zu B I 2 der Gründe, BVerfGE 58, 233). Da­zu gehört un­ab­ding­bar ei­ne ent­spre­chen­de An­zahl an Mit­ar­bei­tern, die Ver­hand­lun­gen und den Ab­schluss von Ta­rif­verträgen vor­be­rei­ten (vgl. zur or­ga­ni­sa­to­ri­schen Leis­tungsfähig­keit BAG 28. März 2006 - 1 ABR 58/04 - Rn. 53, BA­GE 117, 308). Hier­zu zählt auch die Über­prüfung der Le­gi­ti­mität ei­ner Ta­rif­for­de­rung als Vor­aus­set­zung der Rechtmäßig­keit des um ih­re Durch­set­zung geführ­ten Ar­beits­kamp­fes (BAG 19. Ju­ni 2012 - 1 AZR 775/10 - Rn. 52, BA­GE 142, 98). Un­zu­mut­ba­re, mit Art. 9 Abs. 3 GG un­ver­ein­ba­re Haf­tungs­ri­si­ken sind da­mit nicht ver­bun­den. Die­se be­tref­fen nicht die Be­wer­tung der Rechts­wid­rig­keit des Ar­beits­kamp­fes, son­dern re­la­ti­vie­ren die ver­schul­dens­abhängi­ge Ein­stands­pflicht für ar­beits­kampf­be­ding­te Schäden (vgl. BAG 10. De­zem­ber 2002 - 1 AZR 96/02 - zu B II 1 der Gründe, BA­GE 104, 155).
- 27 - aa) An ei­nen un­ver­meid­ba­ren Rechts­irr­tum sind stren­ge An­for­de­run­gen zu stel­len. Der Gel­tungs­an­spruch des Rechts er­for­dert im Grund­satz, dass der Schuld­ner das Ri­si­ko ei­nes Rechts­irr­tums selbst trägt und es nicht dem Gläubi­ger überbürden kann. Be­ruht die Un­ge­wiss­heit über die Schuld auf recht­li­chen Zwei­feln des Schuld­ners (sog. Rechts­irr­tum), ist die­ser ent­schuld­bar, wenn die Rechts­la­ge ob­jek­tiv zwei­fel­haft ist und der Schuld­ner sie sorgfältig ge­prüft hat (BAG 19. Au­gust 2015 - 5 AZR 975/13 - Rn. 31 mwN, BA­GE 152, 213).
- 28 - gen ei­ner der Kläge­rin zu 3. zu­zu­rech­nen­den vorsätz­li­chen „Selbstschädi­gung“ aus­ge­schlos­sen. Ei­ne sol­che kann ins­be­son­de­re - un­abhängig vom Ver­schul­dens­grad und an­ders als vom Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men - nicht dar­in ge­se­hen wer­den, dass die Kläge­rin zu 3. die Ver­let­zungs­hand­lung nicht ab­ge­wehrt hat. Die­se be­ginnt bei ei­nem Streik schon mit sei­nem Auf­ruf. Der zu be­strei­ken­de Ar­beit­ge­ber ver­mag aber ei­nen ge­werk­schaft­li­chen Streik­auf­ruf nicht zu ver­hin­dern; er kann sich al­len­falls - vor al­lem mit Mit­teln des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes - ge­gen die Ar­beits­nie­der­le­gun­gen weh­ren, wel­che die Ver­let­zungs­hand­lung fort­set­zen.
- 29 - Selbst ei­nem als recht­wid­rig er­kann­ten Streik kann der Be­streik­te be­geg­nen, in­dem er ihn aushält. Auch dar­in liegt - schon we­gen des We­sens des Ar­beits­kamp­fes - je­den­falls ty­pi­scher­wei­se Druck­ausübung zur Ver­bes­se­rung der Ver­hand­lungs­po­si­ti­on.
- 32 - 6. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ver­bie­tet sich die An­nah­me ih­rer Er­satz­pflicht für die durch den Streik ent­stan­de­nen Schäden bei der Kläge­rin zu 3. nicht aus kon­ven­ti­ons­recht­li­chen Gründen.
a) Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EM­RK) bei der An­wen­dung und Aus­le­gung der Grund­rech­te und rechts­staat­li­chen Grundsätze des Grund­ge­set­zes als Aus­le­gungs­hil­fe her­an­zu­zie­hen (vgl. BVerfG 22. Ok­to­ber 2014 - 2 BvR 661/12 - Rn. 128, BVerfGE 137, 273). Auf der Ebe­ne des ein­fa­chen Rechts trifft die Fach­ge­rich­te die Ver­pflich­tung, die Gewähr­leis­tun­gen der EM­RK und ih­rer Zu­satz­pro­to­kol­le zu berück­sich­ti­gen und in den be­trof­fe­nen Teil­be­reich der na­tio­na­len Rechts­ord­nung mit­tels ei­ner kon­ven­ti­ons­freund­li­chen Aus­le­gung ein­zu­pas­sen (BVerfG 18. Au­gust 2013 - 2 BvR 1380/08 - Rn. 27). In die­sem Rah­men sind als Aus­le­gungs­hil­fe auch die Ent­schei­dun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR) zu berück­sich­ti­gen, und zwar auch dann, wenn sie nicht den­sel­ben Streit­ge­gen­stand be­tref­fen. Dies be­ruht auf der Ori­en­tie­rungs- und Leit­funk­ti­on, die der Recht­spre­chung des EGMR für die Aus­le­gung der EM­RK auch über den kon­kret ent­schie­de­nen Ein­zel­fall hin­aus zu­kommt (vgl. BVerfG 18. Au­gust 2013 - 2 BvR 1380/08 - Rn. 28; BAG20. Ok­to­ber 2015 - 9 AZR 743/14 - Rn. 13; 20. No­vem­ber 2012 - 1 AZR 611/11 - Rn. 69 mwN, BA­GE 144, 1).
- 33 - hält­nismäßig be­schränkt. Ge­gen­tei­li­ges lässt sich auch der Ent­schei­dung des EGMR in der Sa­che „Hr­vat­ski Li­ječnički Sin­di­kat (HLS) / Kroa­ti­en“ (EGMR [I. Sek­ti­on] 27. No­vem­ber 2014 - 36701/09 - AuR 2015, 146) nicht ent­neh­men. Die­se Ent­schei­dung be­trifft ein Streik­ver­bot auf­grund ei­nes in­ner­staat­li­chen Ge-richts­ur­teils. Im Rah­men der Verhält­nismäßig­keitsprüfung hat der Ge­richts­hof fest­ge­stellt, dass das in­ner­staat­li­che Ge­richt die Zulässig­keit des Streiks nicht um­fas­send ge­prüft ha­be und auf ei­nen „drit­ten Streik­grund“ - den die Ge­werk­schaft hilfs­wei­se zur Or­ga­ni­sa­ti­on des Streiks an­ge­ge­ben hat­te - nicht ein­ge¬gan­gen sei (Rn. 58 iVm. Rn. 14). Er­geb­nis die­ses An­sat­zes sei ge­we­sen, dass die be­schwer­deführen­de Ge­werk­schaft trotz ei­nes ta­rif­lo­sen Zu­stan­des für die Dau­er von drei Jah­ren und acht Mo­na­ten nicht be­rech­tigt ge­we­sen sei, ei­nen Streik durch­zuführen, was nicht als verhält­nismäßig an­ge­se­hen wer­den könne (Rn. 59). Dies ist mit dem vor­lie­gen­den Streit­fall nicht ver­gleich­bar. Die Be­klag¬te hat mit dem von ihr geführ­ten Ar­beits­kampf ge­gen ei­ne von ihr selbst ver­ein¬bar­te Frie­dens­pflicht ver­s­toßen, in­dem sie ihr - ein­heit­lich zu be­wer­ten­des - Streik­ziel auf die Durch­set­zung be­reits ge­re­gel­ter Ge­genstände be­zog. Ab­ge¬se­hen da­von, dass es mit­hin nicht wie in der Sa­che „Hr­vat­ski Li­ječnički Sin­di­kat (HLS) / Kroa­ti­en“ um ei­nen ver­laut­bar­ten - von den kroa­ti­schen Ge­rich­ten aber nicht ge­prüften - „hilfs­wei­sen Streik­grund“ geht, ge­ben die vom EGMR in Be­zug auf Art. 11 EM­RK auf­ge­stell­ten Verhält­nismäßig­keits­erwägun­gen nicht vor, die Il­le­gi­ti­mität kampf­wei­se durch­zu­set­zen­der For­de­run­gen bei der Be­wer­tung der Rechtmäßig­keit ei­nes Ar­beits­kamp­fes zu igno­rie­ren (aA wohl Lörcher AuR 2015, 126, 129; vgl. auch Ja­cobs/Schmidt Eu­ZA 2016, 82, 94 f.).
aa) Dies gilt zunächst für den durch­geführ­ten (Haupt-)Streik. (1) Nach den der Kläge­rin zu 3. mit Schrei­ben der Be­klag­ten vom 15. Fe­bru­ar 2012 und vom 25. Fe­bru­ar 2012 mit­ge­teil­ten Ankündi­gun­gen der Streik­maßnah­men be­ste­hen kei­ne An­halts­punk­te dafür, dass der Auf­ruf der Be­klag­ten hier­zu ei­nen an­de­ren Kampf­geg­ner als die Kläge­rin zu 3. an­be­lang­te. Die Ar­beits­nie­der­le­gun­gen be­tra­fen de­ren un­ter­neh­me­ri­schen Be­rei­che der Vor­feld­kon­trol­le, Vor­feld­auf­sicht und Ver­kehrs­zen­tra­le am Flug­ha­fen Frank­furt
- 38 - am Main. Die ob­jek­ti­ve Stoßrich­tung der Streik­ak­tio­nen ziel­te auf ei­ne Be­ein­träch­ti­gung des Ge­wer­be­be­triebs der Kläge­rin zu 3.
- 39 - fahrt­un­ter­neh­men bei streik­be­ding­ten Störun­gen oder Be­ein­träch­ti­gun­gen der Vor­feld­kon­trol­le, Vor­feld­auf­sicht und Ver­kehrs­zen­tra­le an ei­nem von ih­nen ge­nutz­ten Flug­ha­fen folgt nicht - ge­wis­ser­maßen zwangsläufig - ei­ne ge­gen die­se Un­ter­neh­men ge­rich­te­te Ziel­rich­tung des Streiks.
- 40 - wer­den soll­te, um den Druck auf die Kläge­rin zu 3. zu verstärken und den ge¬gen de­ren Un­ter­neh­men geführ­ten Haupt­ar­beits­kampf zu be­ein­flus­sen. In­wie¬weit sich ei­ne ob­jek­tiv ge­gen die Ge­wer­be­be­trie­be der Kläge­rin­nen zu 1. und 2. (bzw. der N GmbH) ge­rich­te­te Stoßrich­tung aus der be­reits be­han­del­ten Äußerung des Vor­stands Ta­rif/Recht im In­ter­view mit „Spie­gel-On­line“ er­ge­ben soll, er­sch­ließt sich mit Blick auf die an­gekündig­te (Un­terstützungs-)Streik­maßnah­me be­reits des­halb nicht, weil die Aus­sa­ge nach der nicht an­ge­grif­fe­nen und da­mit bin­den­den (§ 559 Abs. 2 ZPO) Fest­stel­lung des Lan­des­ar­beits¬ge­richts „während der Durchführung“ des Haupt­streiks ge­macht wor­den ist und es in­so­weit von vorn­her­ein an ei­nem zeit­li­chen, auf die Un­terstützungs­kampf­maßnah­me be­zo­ge­nen Kon­text fehlt.
- 41 - - und schon gar nicht die be­ab­sich­tig­te - Kampf­maßnah­men kei­ne über die (be­ab­sich­tig­te) kol­lek­ti­ve Ar­beits­nie­der­le­gung hin­aus­ge­hen­de und ei­ne Be­triebs-lo­cka­de ty­pi­scher­wei­se cha­rak­te­ri­sie­ren­de äußer­li­che phy­si­sche Ab­sper­rung ei­nes Be­triebs be­tra­fen, wa­ren sie nicht auf die Ver­hin­de­rung ei­nes von meh­re¬ren Un­ter­neh­men ar­beits­tei­lig ver­fass­ten Pro­dukts ge­rich­tet. Die Kläge­rin­nen zu 1. und 2. so­wie die Kläge­rin zu 3. und die DFS er­brin­gen kein „Pro­dukt“ der Pas­sa­gier­beförde­rung auf dem Luft­weg in be­wusst be­triebs­ge­mein­samar­beits­tei­lig ver­fass­ter Wei­se, auf de­ren Ver­hin­de­rung die Ak­tio­nen der Be­klag¬ten ziel­ten. Die in den zi­tier­ten Ent­schei­dun­gen zur Wer­tung her­an­ge­zo­ge­ne „ar­beits­tei­li­ge Pro­duk­ter­brin­gung“ liegt auch nicht - wie die Kläge­rin­nen zu 1. und 2. of­fen­sicht­lich mei­nen - in je­der „Pro­duk­ter­brin­gung in Abhängig­keit von der Leis­tung an­de­rer“. Aus den (Mit­tei­lun­gen zu) Strei­kankündi­gun­gen der Be¬klag­ten folgt nur ei­ne ob­jek­tiv­plan­vol­le Ver­hin­de­rung der al­lein von der Kläge­rin zu 3. er­brach­ten Dienst­leis­tung „Vor­feld­kon­trol­le, Vor­feld­auf­sicht und Ver­kehrs¬zen­tra­le“ und der al­lein von der DFS zu er­brin­gen­den Flug­si­che­rungs­dienst­leis­tung. Die hier­durch be­ding­ten Be­triebs­ab­laufstörun­gen bei den kla­gen­den Flug­ge­sell­schaf­ten wa­ren schlich­te Fol­ge des (ab­seh­ba­ren) Leis­tungs­aus­falls.
III. Die Kläge­rin­nen zu 1. und 2. ha­ben kei­nen (ab­ge­tre­te­nen) ver­trag­li­chen Scha­dens­er­satz­an­spruch nach den Grundsätzen des Ver­trags mit Schutz­wir­kung zu­guns­ten Drit­ter aus dem zwi­schen der Be­klag­ten und ua. der Kläge­rinzu 3. ge­schlos­se­nen TV Apron Con­trol. Sie wie auch die N GmbH sind nicht in den Schutz­be­reich die­ses Ta­rif­werks ein­be­zo­gen.
- 42 - An­spruch auf die ge­schul­de­te Haupt­leis­tung al­lein dem Ver­trags­part­ner zu­steht, der Drit­te je­doch in der Wei­se in die ver­trag­li­chen Sorg­falts- und Ob­huts­pflich­ten ein­be­zo­gen ist, dass er bei de­ren Ver­let­zung ver­trag­li­che Scha­dens­er­satz­ansprüche gel­tend ma­chen kann. Die Ein­be­zie­hung ei­nes Drit­ten in die Schutz­wir­kun­gen ei­nes Ver­trags setzt vor­aus, dass Sinn und Zweck des Ver­trags und die er­kenn­ba­ren Aus­wir­kun­gen der ver­trags­gemäßen Leis­tung auf den Drit­ten sei­ne Ein­be­zie­hung un­ter Berück­sich­ti­gung von Treu und Glau­ben er­for­dern und ei­ne Ver­trags­par­tei, für den Ver­trags­geg­ner er­kenn­bar, red­li­cher­wei­se da­mit rech­nen kann, dass die ihr ge­schul­de­te Ob­hut und Fürsor­ge in glei­chem Maß auch dem Drit­ten ent­ge­gen­ge­bracht wird. Das In­sti­tut des Ver­trags mit Schutz­wir­kung zu­guns­ten Drit­ter be­ruht auf ei­ner maßgeb­lich durch das Prin­zip von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) ge­prägten ergänzen­den Ver­trags­aus­le­gung (§ 157 BGB; BGH 9. April 2015 - VII ZR 36/14 - Rn. 25 mwN). Da­nach wird ein Drit­ter nur dann in die aus ei­nem Ver­trag fol­gen­den Sorg­falts-und Schutz­pflich­ten ein­be­zo­gen, wenn er mit der Haupt­leis­tung nach dem In­halt des Ver­trags be­stim­mungs­gemäß in Berührung kom­men soll, ein be­son­de­res In­ter­es­se des Gläubi­gers an der Ein­be­zie­hung des Drit­ten be­steht, den In­ter­es­sen des Schuld­ners durch Er­kenn­bar­keit und Zu­mut­bar­keit der Haf­tungs­er­wei­te­rung Rech­nung ge­tra­gen wird und der Drit­te schutz­bedürf­tig ist (BAG 25. Au­gust 2015 - 1 AZR 875/13 - Rn. 42 mwN, BA­GE 152, 260).
- 44 - Fall, wenn es um Ta­rif­verträge in ei­nem Be­reich geht, in dem der Ge­gen­stand un­ter­neh­me­ri­scher Betäti­gung „ab­neh­mer­be­zo­gen“ ist.
Schmidt Tre­ber K. Schmidt
Kle­be Ben­rath	m.hensche.de
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References: § 5
 § 8
 § 5
 § 8
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 § 1
 § 12
 § 12
 § 126
 § 1
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 § 13
 § 4
 § 8
 § 1
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 § 1
 § 1
 § 7
 § 1
 § 1
 Art. 9
 Art. 9
 EGMR 
 EGMR 
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 Art. 11
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