Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BFH&Datum=07.07.2005&Aktenzeichen=V%20R%2023%2F04
Timestamp: 2019-04-23 13:23:45+00:00

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BFH, 07.07.2005 - V R 23/04 - dejure.org
UStG 1993 § 4 Nr. 14; Richtlinie 77/388/EWG Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. c; SGB V § 20, § 92, § 124 Abs. 2
Steuerbefreiung für die Durchführung von Leistungen eines Ernährungsberaters im Rahmen einer medizinischen Behandlung; Leistungen zur Prävention und Selbsthilfe als steuerbefreite Handlung im Sinne von § 4 Nr. 14 Umsatzsteuergesetz (UStG); Steuerbefreiung für Leistungen mit einem unmittelbaren Krankheitsbezug; Abrechnungen von Beratungen auf dem Gebiet der Ernährungswissenschaften mit der Krankenkasse; Anerkennung von Medizinern mit der Zusatzqualifikation für Ernährungsberatung; Einkommensteuerbefreiung für die Umsätze aus einer heilberuflichen Tätigkeit; Erfüllung der Voraussetzungen einer Heilbehandlung durch eine Ernährungsberatung vom Typ einer Diättherapie
BFHE 211, 69
BStBl II 2005, 904
Denn dann folgt die therapeutische Zweckbestimmung daraus, dass die Tätigkeit im Rahmen eines hinreichend "konkreten, individuellen, der Diagnose, Behandlung, Vorbeugung und Heilung von Krankheiten oder Gesundheitsstörungen dienenden Leistungskonzeptes" erfolgt (BFH-Urteile vom 10. März 2005 V R 54/04, BFHE 210, 151, BStBl II 2005, 669, unter II.3., und vom 7. Juli 2005 V R 23/04, BFHE 211, 69, BStBl II 2005, 904, unter II.1.c).
Das FG beruft sich für seine Auffassung zu Unrecht auf die Entscheidungen des Senats zum Erfordernis, wonach die Tätigkeit im Rahmen eines hinreichend "konkreten, individuellen, der Diagnose, Behandlung, Vorbeugung und Heilung von Krankheiten oder Gesundheitsstörungen dienenden Leistungskonzeptes" erfolgen muss (BFH-Urteile vom 10. März 2005 V R 54/04, BFHE 210, 151, BStBl II 2005, 669, unter II.3., und vom 7. Juli 2005 V R 23/04, BFHE 211, 69, BStBl II 2005, 904, unter II.1.c).
Denn die Richtlinienregelungen sind im UStG bisher zum Teil lediglich dadurch umgesetzt worden, dass es die bereits bei Inkrafttreten der Richtlinie 77/388/EWG vorhandenen, teilweise bereits im UStG 1951 enthaltenen Steuerbefreiungstatbestände im Wesentlichen unverändert weitergeführt hat (…BFH-Urteil vom 1. Februar 2007 V R 34/05, BFH/NV 2007, 1201; bereits BFH-Urteil vom 7. Juli 2005 V R 23/04, BFHE 211, 69, BStBl II 2005, 904).
Denn diese Befreiung setzt eine "Heilbehandlung", d.h. eine Tätigkeit zur Diagnose, Behandlung und Heilung von Gesundheitsstörungen voraus (z.B. BFH-Urteile vom 15. Juli 2004 V R 27/03, BFHE 206, 471, BStBl II 2004, 862; in BFHE 211, 69, BStBl II 2005, 904;… BFH-Beschluss vom 22. Februar 2006 V B 30/05, BFH/NV 2006, 1168;… Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften --EuGH--, Urteil vom 8. Juni 2006 Rs. C-106/05, L. u. P. GmbH, BFH/NV Beilage 2006, 442).
Die Vorschrift ist auf andere Steuerpflichtige nicht anwendbar (vgl. z.B. BFH-Urteil in BFHE 211, 69, BStBl II 2005, 904, m.w.N.).
Zum Nachweis durch ärztliche Verordnung verweise das BMF-Schreiben auf die Urteile des Bundesfinanzhofs -BFH- vom 7. Juli 2005 V R 23/04 (BStBl II 2005, 904) und vom 20. Januar 2008 XI R 53/06 (BStBl II 2008, 647), die zur Ernährungsberatung und zum therapeutischen Reiten ergangen seien.
Die betreffenden Tätigkeiten müssen Teil eines konkreten, individuellen, der Vorbeugung dienenden Leistungskonzepts sein (BFH-Urteil vom 7. Juli 2005 V R 23/04, BStBl II 2005, 904).
Eine Heilbehandlung im Bereich der Humanmedizin liegt dagegen nicht vor, wenn die Leistung lediglich den allgemeinen Gesundheitszustand oder das Wohlbefinden verbessert oder auf vorwiegend kosmetischem Gebiet erfolgt (BFH-Urteile in BStBl II 2005, 904; vom 30. Januar 2008 XI R 53/06, BStBl II 2008, 647;… in BFH/NV 2013, 880 zu Podologen;… BFH-Beschlüsse vom 28. September 2007 V B 7/06, BFH/NV 2008, 122 zu Massageleistungen;… in BFH/NV 2013, 273 zu Yogakursen).
Im Grenzbereich zwischen Heilbehandlung und Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens kommt eine Steuerbefreiung grundsätzlich nur für Leistungen in Betracht, die aufgrund ärztlicher Anordnung oder im Rahmen einer Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme durchgeführt werden (BFH-Urteile vom 10. März 2005 V R 54/04, BStBl II 2005, 669 und in BStBl II 2005, 904 zur Ernährungsberatung; in BStBl II 2008, 647 zum therapeutischen Reiten).
Der BFH hat zwar entschieden, dass Leistungen zur Prävention i.S. des § 20 SGB V, die keinen unmittelbaren Krankheitsbezug haben, grundsätzlich keine nach § 4 Nr. 14 UStG befreiten Heilbehandlungen sind (vgl. BFH-Urteil vom 7. Juli 2005 V R 23/04, BFHE 211, 69, BStBl II 2005, 904, 2. Leitsatz zu Ernährungsberatungen;… BFH-Beschluss vom 4. Oktober 2012 XI B 46/12, BFH/NV 2013, 273 zu Yogakursen).
Etwas anderes gilt aber, wenn die entsprechenden Maßnahmen im Rahmen einer medizinischen Behandlung --aufgrund ärztlicher Anordnung oder mithilfe einer Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme-- durchgeführt werden (vgl. BFH-Urteile vom 10. März 2005 V R 54/04, BFHE 210, 151, BStBl II 2005, 669; in BFHE 211, 69, BStBl II 2005, 904, 1. Leitsatz zu Ernährungsberatungen).
Entgegen der Auffassung des FG haben Leistungen zur Prävention und Selbsthilfe i.S. des § 20 SGB V keinen unmittelbaren Krankheitsbezug, weil sie lediglich den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern und insbesondere einen Beitrag zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen erbringen sollen; sie sind daher keine Heilbehandlungsleistungen i.S. von § 4 Nr. 14 UStG (BFH-Urteil vom 7. Juli 2005 V R 23/04, BFHE 211, 69, BStBl II 2005, 904, Leitsatz 2.).
Anders als der Beklagte meine, erfolgten seine Leistungen auch nicht etwa zur primären Prävention und zur Selbsthilfe im Sinne des § 20 Sozialgesetzbuch - SGB - V. Der Beklagte wende insoweit in seiner Einspruchsentscheidung das Urteil des Bundesfinanzhofes - BFH - vom 07.07.2005 V R 23/04 unrichtig an.
Er gehe jedoch nach wie vor davon aus, dass der Kläger keine Heilbehandlung im Sinne des BFH-Urteils vom 07.07.2005 V R 23/04 erbringe.
§ 4 Nr. 14 S. 1 UStG setzt bei der gebotenen richtlinienkonformen Auslegung gemäß Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. c der Richtlinie 77/388/EWG voraus, dass der Unternehmer zum einen eine Heilbehandlung im Bereich der Humanmedizin durch ärztliche oder arztähnliche Leistungen erbringt und dass er zum anderen die dafür erforderliche Qualifikation besitzt, die durch den erforderlichen Befähigungsnachweis dokumentiert ist (vgl. BFH-Urteile vom 31.01.2008 XI R 53/06, BStBl II 2008, 647, vom 07.07.2005 V R 23/04, BStBl II 2005, 904, vom 25.11.2004 V R 44/02, BStBl II 2005, 190;… vgl. EuGH-Urteile vom 10.09.2002 Rs. C-141/00, Slg. 2002, I-6833, BFH/NV 2003, Beilage 1, 30;… vom 06.11.2003 Rs. C-45/01, Slg. 2003, I-12911, BFH/NV 2004, Beilage 1, 40;… vom 27.04.2006 Rs. C-443/04 und Rs. C-444/04, Slg. 2006, I-3617, BFH/NV 2006, Beilage 3, 299).
Nicht unter die Befreiung fallen danach Tätigkeiten, die nicht Teil eines konkreten, individuellen, der Diagnose, Behandlung, Vorbeugung und Heilung von Krankheiten oder Gesundheitsstörungen dienenden Leistungskonzeptes sind (BFH-Urteil vom 07.07.2005 V R 23/04, BStBl II 2005, 904,) oder etwa von einem Chirurgen durchgeführte Schönheitsoperationen oder Massagen, die von einem Physiotherapeuten ohne vorherige ärztliche Anordnung lediglich aus kosmetischen Gründen oder zur Verbesserung des Wohlbefindens ("Wellness") durchgeführt werden.
Nicht maßgeblich für die Steuerbefreiung ist nach Auffassung des BFH, wer die Leistung gegenüber dem Empfänger abrechnet (vgl. etwa BFH-Urteil vom 07.07.2005 V R 23/04, BStBl II 2005, 904) oder inwieweit die gesetzlichen Krankenkassen zur Übernahme der Kosten verpflichtet sind (…vgl. BSG-Urteil in SozR 3-2500 § 138 Nr. 2: Hippotherapie).
Ebenso wenig liegt eine gemäß § 4 Nr. 14 UStG steuerbefreite Heilbehandlung vor, wenn Leistungen zur Prävention und Selbsthilfe i. S. des § 20 SGB V erbracht werden, die keinen unmittelbaren Krankheitsbezug haben, weil sie lediglich "den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern und insbesondere einen Beitrag zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen erbringen" sollen (§ 20 Abs. 1 Satz 2 SGB V; vgl. BFH-Urteile vom 31.01.2008 XI R 53/06, BStBl II 2008, 647, vom 07.07.2005 V R 23/04, BStBl II 2005, 904, BFH/NV 2005, 2142, vom 10.03.2005 V R 54/04, BStBl II 2005, 669: Diplom-Oecotrophologe).
Leistungen, die keinen unmittelbaren Krankheitsbezug aufweisen, weil sie lediglich den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern sollen, sind dagegen grundsätzlich steuerpflichtig (vgl. z.B. BFH vom 7. Juli 2005 V R 23/04, BFHE 211, 69, BStBl II 2005, 904).
Das FG ist zutreffend davon ausgegangen, dass die somit im Streitfall einschlägige Vorschrift des § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG 1993 richtlinienkonform auszulegen ist und dass eine Heilbehandlung im Bereich der Humanmedizin i.S. des Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. c der Richtlinie 77/388/EWG Tätigkeiten umfasst, die zum Zweck der Diagnose, der Behandlung und, soweit möglich, der Heilung von Krankheiten oder Gesundheitsstörungen für bestimmte Patienten ausgeführt werden (vgl. z.B. BFH-Urteile vom 25. November 2004 V R 44/02, BFHE 208, 80, BStBl II 2005, 190, unter II.2.; vom 7. Juli 2005 V R 23/04, BFHE 211, 69, BStBl II 2005, 904).
FG Köln, 28.08.2007 - 8 K 3104/05
Umsatzsteuerfreiheit der Umsätze aus einer Ernährungsberatung; Durchführen einer …

References: § 4
 Art. 13
 § 20
 § 92
 § 124
 § 4
 § 20
 § 4
 § 20
 § 4
 § 20

§ 4
 Art. 13
 § 138
 § 4
 § 20
 § 4
 Art. 13