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Timestamp: 2019-08-17 16:49:23+00:00

Document:
Zur Frage der Vorschläge in Mozarts Zeit
Kurze Zusammenfassung für Sänger und Instrumentalisten, dargestellt an einigen Opern Mozarts. 1989.
Wenn man davon ausgeht, daß fast alle Autoren von musikalischen Schulwerken zwischen 1750 und bis nach1800 einige Grundregeln zur Ausführung von Vorschlägen übereinstimmend aufstellten und die Differenzen sich vor allem auf die Streitfrage der Ausführung von kurzen Vorschlägen und deren Subtraktion oder Antizipation beschränken, bleibt es erstaunlich, wie lange sich in der Mozartinterpretation unserer Zeit die Aufführungspraxis des späten 19. Jahrhunderts hält. Den Bruch in der Aufführungspraxis kann man auch heute noch zurückverfolgen: Noch bei Manuel Garcia in seinem Traité complet de l'art du chant, Paris 1841 findet man die richtige Ausführung nach den Regeln des 18. Jahrhunderts . Danach veränderte sich die Darstellung der Vorschläge in dem Maße, wie neuere Schulwerke aktuell wurden, die andere Ausführungen oder keine Ausführungen beschreiben. Das gipfelt in Behauptungen wie bei Adolf Beyschlag in Die Ornamentik in der Musik, Lichterfeld 1907 (und über 50 Jahre immer wieder aufgelegt) der genau das Gegenteil darstellt und sich teilweise auf Edward Dannreuthers Musical Ornamentation, London 1893-95, beruft aber eben nicht auf die originalen Quellen. Diese Praxis ist heute fest zementiert und wird weitgehend ohne kritische Hinterfragung von den Vertretern der sogenannten „authentischen“ Aufführungspraxis fortgesetzt. Schließlich hat Gustav Mahler bei seiner Tätigkeit in Wien konsequent alles Appoggiaturen, Improvisationen, Verzierungen aus der Aufführungspraxis verbannt und alle Vorschläge kürzer ausführen lassen, was aus seiner Zeit verständlich war, aber leider bis heute Vorbildcharakter hat.
Heute muß man sich auch bewußt machen, warum die Vorschläge nicht ausgeschrieben wurden: Für den Continuospieler war es wichtig sofort die richtige Harmonie zu erkennen. Deswegen wurden harmonisch nicht untermauerte Vorhalte als Vorschlag notiert. Einig sind sich alle Theoretiker darüber, das bei subtrahierten Vorschlägen die Betonung auf dem Vorschlag liegt und die Hauptnote leicht zu nehmen ist.
Da die von verschiedenen Theoretikern des 18. Jahrhunderts immer wieder geforderte Notation des Vorschlages im Werte der Ausführung sich nicht durchgesetzt hat, sind wir auf die Realisierung der Regeln angewiesen.
Versucht man die verschiedenen Schulwerke der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf die Werke W.A. Mozarts anzuwenden, muß man sich folgende Regeln und ihre Ausnahmen vergegenwärtigen :
1.)	Wenn die Hauptnote in zwei gleiche Teile geteilt werden kann, so erhält der Vorschlag die Hälfte davon. Siehe Beispiel 1 in der pdf
Dies bezeugen u.a.:
Heinichen: S. 527 f. (Hier erscheint erstmalig beschrieben der Übergang zur
langen Ausführung.)
Tartini:	(Original) S. 4
Quantz:	VIII, § 2
C.Ph.E. Bach:	I. 65, II. §11
L. Mozart:	S. 195, IX. §3
Tosi-Agricola:	S. 61, II
Altenburg:	S. 114
Spohr:	S. 170
Hiller:	VII, §12. XII, §3
Rellstab:	S. VIII, II
Rigler:	S. 31
Hummel:	S. 391
Türk:	S. 210
Koch: Sp. 1721
2.)	Vor einer punktierten Note bekommt der Vorschlag zwei Teile der Hauptnote, also bleibt für diese nur der dritte Teil. Siehe Beispiel 2 in der pdf
Heinichen:	S. 527 f §9 Anmerkung a
Tartini:	Original S. 5, Nachdruck S. 67
Quantz:	S. 79, VIII, §8
C.Ph.E. Bach:	S. I. 65, II, §11
Marpurg:	(„Die Kunst...“) S. 22
Hiller:	(..."musikalisch richtigen"...) VII, §12; XIII, §3
Altenburg:	S. 115
Rigler:	S. 31, V, 11
Türk:	S. 210. III, 2 §12
W.A.Mozart:	S. 17 (hier schreibt Mozart erstmals den exakten Wert der
Ausführung auf)
Koch:	Sp. 1722 und 1725/26
Hummel:	S. 392, III, 1, 6, Kap. §4
Garcia:	S. 62
3.)	Wenn an eine Note eine gleich hohe, kürzere gebunden ist, bekommt der Vorschlag den ganzen Wert der ersten Hauptnote. Siehe Beispiel 3 in der pdf
Hiller:	(„...musikalisch richtigen...“) VII, §12; XII, §3
Rigler:	S. 32, 12, e
Türk:	S. 212. III, 2 §14
Rellstab:	S. VIII
Koch: Sp. 1723/24
Spohr:	abzuleiten aus S. 170
Garcia:	S.63
4.)	Ausnahmen von diesen Regeln bilden Vorschläge, die vor mehreren gleich langen Noten stehen, vor Sprüngen, vor Triolen, vor kurzen Hauptnoten, vor kurz abzustoßenden (staccato) Tönen, zu Anfang eines Stückes und nach Pausen stehen.
(Bei diesen Vorschlägen weichen die Theoretiker wohl in der Frage der Antizipation und Substraktion ab, doch nicht in der Ausführung als kurzer Vorschlag).
4.a)	Zwischen gleichen Hauptnoten stehende Vorschläge werden kurz gespielt.
Siehe Beispiel 4 in der pdf
Walter:	S. 89 ff §7 (antizipiert)
Quantz:	S.79, Tab. VI, Fig. 9 und 10 (antizipiert)
C.Ph.E. Bach:	Tab. IV, Fig. IX, g (abgeleitet) (subtrahiert)
Marpurg:	(„Abhandlung von den Manieren") S. 17, 3 und S. 19, 4 (subtrahiert)
Marpurg:	(„Anleitung zum Clavierspielen") S. 48, I, IX, §4 aber auch S. 50 § 1
(also subtrahiert und antizipiert)
L. Mozart:	S. 200, IX, §9 (nennt das Beispiel nur für mehrere halbe Noten)
(subtrahiert)
Tosi-Agricola:	S. 67 (subtrahiert)
Hiller:	(„...musikalisch-zierlichen...") S. 43, §9
Altenburg:	S. 116, Bsp.b (subtrahiert)
Türk:	S. 220, III, 3 §21 (subtrahiert) läßt aber auch Ausführung nach Regel 1 zu.
Koch:	Sp. 1725/26
Rellstab:	S. VIII (er beschreibt die „antizipierte Praxis" und „subtrahierte Theorie"!)
Hummel:	S. 392, III, 1, 6, Kap. §6 (verlangt die Notation mit durchgestrichen Achtel)
Spohr:	Lange und kurze Ausführung je nach Notation
Es wird also deutlich, daß die kurze Ausführung mindestens bis über das Jahr 1800 als allein verbindlich galt. Erst mit dem Bedeutungswechsel des Vorschlages mit durchgestrichener Achtelnote als kurzer Vorschlag tauchen mehrere Varianten auf.
4.b)	Stellt der Vorschlag eine nach oben abspringende Terz dar, wird er in den häufigsten Fällen kurz ausgeführt. Siehe Beispiel 5 in der pdf
Walter:	S. 89 ff , §7 (antizipiert)
Quantz:	Tab.VI, Fig. 25 (siehe auch S. 80)
C.Ph.E. Bach:	S. I, 66, II, §13
Marpurg:	(„Abhandlung von den Manieren") S. 19, 4 (subtrahiert)
Tosi-Agricola:	S.66
Hiller:	(„...musikalisch-zierlichen...") S. 43, iV, §9
Altenburg:	S. 116
Türk:	S. 222 ff, III, 3, §23
Rellstab: je nach Notation
4.c)	Stehen Vorschläge vor mehreren auf oder absteigenden Terzen, so werden die Vorschläge kurz ausgeführt, jedoch kann der dritte lang ausgeführt werden. Siehe Beispiel 6 in der pdf
Walter:	(„Praecepta...") S. 88 ff §7 (antizipiert mit unbetonter Ausführung des
Vorschlags)
Tartini:	Original S. 7, Neudruck S. 69
Die Vorschläge sollen „leicht durchlaufen" und die Hauptnote soll betont
sein. Bei Achtelnotation der Hauptnoten ist die Länge der Vorschläge
„unbestimmt, scheinbar entspricht sie etwa der Hälfte". Stehen die
Hauptnoten als Viertel ist die Ausführung der Vorschläge „so kurz wie
Quantz:	S. 78, VIII, § 7 kurze unbetonte Ausführung, auf keinen Fall die
lombardische Ausführung. (also antizipiert)
C.Ph.E. Bach:	S. I, 70, II, §24 (subtrahierte Ausführung, im Adagio auch als Triole)
Marpurg:	(„Abhandlung von den Manieren") S. 19 (subtrahiert)
Marpurg:	(„Anleitung zum Clavierspielen") S. 48, I, IX, §4 (subtrahiert mit Akzent
auf Hauptnote), S. 50, I, IX, II, §3 (antizipiert mit verkehrt geschwänztem
Vorschlagsnötchen zum Unterschied)
L. Mozart: S. 200, IX, §9 (antizipiert)
Tosi-Agricola:	S. 67, II (antizipierte und subtrahierte (S. 64) Ausführung)
Im Adagio als Triole, dritter Vorschlag lang.
Marpurg:	(„Die Kunst...“), S. 22
Hiller:	(„...musikalisch-zierlichen...") S. 39, §5 (antizipiert und dritter (letzter)
Vorschlag lang)
Altenburg: S. 116 (subtrahiert)
Türk:	S. 22 ff, II 3, §23 (subtrahiert)
Rellstab:	S. VIII , II (subtrahiert) (Im Adagio als Triole)
Hummel:	S. 392, III, 1, 6, Kap. §6 (subtrahiert mit betonter Hauptnote)
Spohr:	S. 171 (subtrahiert bei entsprechender Notation mit durchgestrichenem
Achtel)
4.d)	Steht folgende klassische Figur Vorschlag vor Achtel mit nachfolgenden zwei Sechzehnteln, so ist der Vorschlag kurz auszuführen (und nicht wie heute stark verbreitet als vier gleiche Sechszehntel.) Siehe Beispiel 7 in der pdf
Walter:	S. 89 ff §7
Tartini:	(Original), S. 7, (Nachdruck), S. 69, (Frage von Subtraktion oder
Antizipation nicht eindeutig zu klären)
Quantz:	S. 197, XVII, 2, § 20 (antizipiert)
C.Ph.E. Bach:	S. I, 66, Tab. III, Fig. 8
Marpurg:	(„Abhandlung von den Manieren") S. 17
Tosi-Agricola:	S. 66, II (subtrahiert) (Hier wird - wie bei Quantz - ausdrücklich auf
diesen Fall hingewiesen)
Hiller:	(„...musikalisch-zierlichen...") S. 44, Kap. IV
Rigler:	S. 31, V. 9
Türk:	S. 226 und 225 (subtrahiert)
(Er läßt als erster auch die Ausführung mit vier gleichen Sechszehnteln
zu, wobei der Vorschlag eine scharfe Betonung bekommen muß.)
Hummel:	S. 392, III, 1, 6. Kap. §6
(Hier werden auch beide Arten zugelassen, jedoch gibt es wie oben
erwähnt hier schon den Bedeutungswechsel der durchgestrichenen
Achtelnote als kurzer Vorschlag.)
Sicher ist es wichtig zu wissen, daß Mozart und seine Zeitgenossen das durchgestrichene Achtel, wie es heute als kurzer Vorschlag bekannt ist, grundsätzlich als einzeln stehendes Sechszehntel verstanden. Dies war also kein Zeichen für einen kurzen Vorschlag, wie wir es heute kennen.
Aus den Quellen ist eindeutig zu entnehmen, daß hier eine Veränderung in der Aufführungspraxis erst Ende des 18. Jahrhunderts einsetzte, die auch bei Mozart nicht übliche Notationen verlangte. Die heute häufige Praxis der Ausführung von gleichen Sechszehntelnoten geht also auf eine erst zwei Jahre vor Mozarts Tod erstmals als alternative Möglichkeit dargestellte Praxis zurück. Kann also in keinem Falle als einzige Lösung für die Ausführung bei Mozart dargestellt werden. Lediglich bei verschiedenen sehr schnellen Tempi wird sich, wie bei Türk beschrieben, die zweite Möglichkeit mit deutlichem Akzent anbieten.
5.)	Folgt einer Hauptnote mit Vorschlag eine Note gleicher Tonhöhe, so kann der Vorschlag den vollen Wert der Hauptnote bekommen. Siehe Beispiel 8 in der pdf
Telemann: abgeleitete Appoggiatur-Regel
Scheibe: S. 218
C.Ph.E. Bach:	S. I, 67, II, §16 (abgeleitet)
Tosi-Agricola:	S. 63, II (abgeleitet)
J.Haydn:	Hier eindeutige Klärung des oben angeführten Sachverhaltes.
Türk:	S. 212, III, 2, § 15 (abgeleitet)
6.	Tritt die Harmonie (z.B. im Orchester oder Klavier) erst später ein, so kann von der Regel 2 abgewichen werden und der Vorschlag erhält nur ein Drittel des Wertes der Hauptnote. (Die Anwendbarkeit auf Mozart ist nicht eindeutig beweisbar). Siehe Beispiel 9 siehe pdf
Hiller:	(„...musikalisch-zierlichen...") S. 40, Kap. IV, §6
Türk:	S. 240
7.	Folgt einer Hauptnote mit Vorschlag eine Pause, so kann der Vorschlag den vollen Wert der Hauptnote bekommen und die Hauptnote in die Pause fallen. Siehe Beispiel 10 siehe pdf
Zu berücksichtigen sind dabei jedoch musikalische und textliche Interpunktion, sowie die Atemmöglichkeiten.
Quantz:	S. 80, VIII, §11
C.Ph.E. Bach:	S. I, 64, II, §12
L. Mozart:	S. 198, IX, §5
Tosi-Agricola	S. 61, II
Türk:	S. 212 (nur bei „zärtlichen" Stellen)
8.	Um den Charakter der Punktierung zu erhalten, kann bei vorhergegangener Anwendung der Regel 2 die dem Punkt folgende Note verkürzt werden. Siehe Beispiel 11 in der pdf
C.Ph.E. Bach:	S. I, 65, II, 2, §11 und Tab. III, Fig. VI
L. Mozart:	S. 197, IX, §4
Türk:	S. 211
9.	Vorschläge können in dem Rahmen ihrer Dauerregel weitere Verzierungen beinhalten. Siehe Beispiel 12 in der pdf
Dies bezeugt u.a.:
L. Mozart:	S. 202, IX, §10
10. Vorschläge mit mehreren Noten sind kurz und antizipiert auszuführen. Lediglich F.W. Marpurg und C.Ph.E. plädieren für die Substraktion.
Koch:	Sp. 1727/28 (er notiert es auf der Zeit schreibt aber, daß die Betonung auf
der Hauptnote liege.)
Marpurg:	(„Die Kunst...“S. 24
1. Wolffgang Caspar Printz: Compendium Musicae; Dresden 1689; Reprint: Hildesheim
2.	Johann Gottfried Walter: Praecepta der Musikalischen Composition, Weimar 1708.
3.	Georg Philipp Telemann: Vorrede zum Harmonischer Gottesdienst, Hamburg 1725.
4.	Johann David Heinichen: Der Generalbass in der Composition, Dresden 1728.
5.	Johann Gottfried Walter: Musikalisches Lexikon, Leipzig 1732.
6.	Giuseppe Tartini: Regole per arrivare a saper ben suonar il Violino entstand vor 1750
und wurde durch Abschriften seiner Schüler überliefert, Moek-
Ausgabe, 1961.
7.	Johann Joachim Quantz: Versuch einer Anweisung die flute traviersière zu spielen,
Berlin 1752.
8.	Carl Philipp Emanuel Bach: Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen,
Berlin 1753 und 1762.
9.	Friedrich Wilhelm Marpurg: Abhandlung von den Manieren, Berlin 1754. Bisher
unveröffentlichtes Manuskript der Deutschen Staatsbibliothek
Berlin. Sign.: Mus.ms.theor.553.
10.	Friedrich Wilhelm Marpurg: Anleitung zum Clavierspielen, Berlin 1755.
11. Leopold Mozart: Gründliche Violinschule, 1756.
12.	Pier Francesco Tosi/Johann Friedrich Agricola: Anleitung zur Singkunst, Berlin 1757.
13.	Friedrich Wilhelm Marpurg: Die Kunst das Clavier zu spielen, Berlin 1762
14.	Johann Adolf Scheibe: Abhandlung über das Rezitativ, Leipzig 1764/65.
15.	Johann Adam Hiller: Anweisung zum musikalisch-richtigen Gesang, Leipzig 1774.
16. Franz Rigler: Anleitung zum Klavier, Wien 1779.
17.	Johann Adam Hiller: Anweisung zum musikalisch-zierlichen Gesang, Leipzig 1780.
18.	Daniel Gottlob Türk: Klavierschule, Leipzig 1789.
19.	Johann Carl Friedrich Rellstab: Anleitung für Klavier-Spieler, Berlin 1790.
20.	Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem, Manuskript, 1791
21.	Johann Ernst Altenburg: Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen
Trompeter und Paukerkunst, Halle 1795.
22.	Heinrich Christoph Koch: Musikalisches Lexikon, Frankfurt/Main 1802.
23.	Johann Nepomuk Hummel: Ausführliche theoretisch-practische Anweisung zum
Piano-Forte-Spiel, Wien 1828.
24.	Louis Spohr: Violin-Schule, Wien 1832.
25.	Manuel Garcia: Traité complet de l‘art du chant, Paris 1841

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