Source: http://www.iza.ch/unfall-arbeitslos-und-dann/
Timestamp: 2018-01-18 23:35:39+00:00

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Unfall, arbeitslos und dann? | Iza
Unfall, arbeitslos und dann?
Absturz Arbeitssicherheit Berufskrankheiten Gesundheitsschutz
Durch die Maschen des Sozialversicherungsnetzes gefallen
Sie arbeiten hart, bekommen einen guten Lohn und zahlen monatlich Ihre Beiträge an die ALV. Sie denken, dass Sie im Unfall- oder Krankheitsfall gut abgesichert sind, schliesslich erhalten Sie im Ernstfall ein entsprechendes Taggeld über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren. Doch was passiert nach Ablauf dieser Zeit?
Sachverhalt1: Ein 55-jähriger Mann, nennen wir ihn Reto Brunner, hat eine gut bezahlte Arbeitsstelle in einer Führungsposition eines Produktionsunternehmens mit einem Jahreseinkommen von über CHF 130000. Er arbeitet dort seit gut 30 Jahren und entrichtet monatlich über Jahrzehnte Beiträge in die Arbeitslosenkasse (ALV).
Dann passiert es: Reto Brunner hat einen Unfall (Schulterverletzung) und wird zunächst zu 100% arbeitsunfähig geschrieben. Finanziell ist dies noch kein allzu grosses Problem, schliesslich bekommt er weiterhin 80% seines Lohnes als Krankentaggeld von der Krankentaggeldversicherung bezahlt.
Die Genesung verläuft jedoch nicht wie geplant und es tauchen immer wieder neue Probleme auf. So müssen zwei Operationen durchgeführt werden und die Rekonvaleszenz verzögert sich immer weiter. Der Arbeitgeber hat zwischenzeitlich – nach Ablauf der Sperrfrist – ordentlich gekündigt. Schliesslich ist Herr Brunner während annähernd zwei Jahren zu 100% arbeitsunfähig. Als es ihm endlich besser geht, attestiert der behandelnde Arzt nach zwei Jahren wieder die volle Arbeitsfähigkeit.
Herr Brunner (mittlerweile 57-jährig) ist somit wieder voll einsatzfähig und auch entsprechend «vermittelbar». Aufgrund der nach Ablauf der Sperrfrist erfolgten Kündigung, meldet sich Herr Brunner bei der zuständigen Arbeitslosenkasse als Erwerbsloser und erlebt eine bitter böse Überraschung.
Rechtliches: Gemäss Art. 14 Arbeitslosenversicherungsgesetz2 sind Personen, die innerhalb der zweijährigen Rahmenfrist3 während insgesamt mehr als zwölf Monaten nicht in einem Arbeitsverhältnis standen und die Beitragszeit nicht erfüllen konnten, beispielsweise wegen Unfall, von der Erfüllung der Beitragszeit befreit.4
Genau dieser Sachverhalt trifft auf Herrn Brunner zu. Innerhalb der zweijährigen Rahmenfrist, stand er während mehr als 12 Monaten nicht mehr in einem Arbeitsverhältnis und leistete aufgrund der Beitragsbefreiung auch keine Beiträge an die ALV-Versicherung.
Diese Ausgangslage hat nun im konkreten Fall massivste Auswirkungen auf die Höhe und Dauer der Arbeitslosenentschädigung.
Höhe der Arbeitslosenentschädigung
Die Arbeitslosenentschädigung wird in Form von Taggeldern ausbezahlt. Die Höhe der Taggelder richtet sich dabei nach dem versicherten Verdienst. Der Taggeldansatz beträgt üblicherweise 70% des versicherten Verdienstes.5
Nach unserem Beispiel verdiente Herr Brunner über CHF 130000 im Jahr, d.h. also rund CHF 10830 im Monat. Davon 70% sind CHF 7580, was wiederrum ein Taggeld von CHF 349.30 ergibt.6
Aufgrund der vorliegenden Konstellation erhält Herr Brunner jedoch lediglich ein Taggeld von CHF 63.50 (über 80% weniger). Gemäss Art.41 Abs.1 lit.b im Verbindung mit Abs.2 lit.a. Arbeitslosenversicherungsverordnung7 gelten für Personen, die von der Erfüllung der Beitragszeit befreit sind «Pauschalansätze», welche zusätzlich um 50% reduziert werden, wenn ein Befreiungsgrund gemäss Art.14 Abs.1 lit.b. AVIG vorliegt.
Statt ein Taggeld von CHF 349.30 (was einer monatlichen Entschädigung von rund CHF 7580 entspricht), berechnet nach dem versicherten Verdienst, erhält Herr Brunner lediglich ein pauschales und reduziertes Taggeld von CHF 63.50 (was einer monatlichen Entschädigung von rund CHF 1378 entspricht).
Doch dies ist vorliegend nicht die einzige Hiobsbotschaft für Herrn Brunner. Denn zusätzlich wird auch die Dauer der Arbeitslosenentschädigung massiv herabgestuft.
Dauer der Arbeitslosenentschädigung
Für den Leistungsbezug selber kennt Art.27 AVIG eine Höchstzahl der Taggelder. Gemäss Abs.2 hat beispielsweise eine versicherte Person einen Anspruch auf höchstens 520 Taggelder, wenn sie eine Beitragszeit von mindestens 22 Monaten nachweisen kann und das 55. Altersjahr zurückgelegt hat.
Grundsätzlich, also ohne Unfall und Befreiung der Beitragszeit, hätte Herr Brunner also 520 Taggelder zur Verfügung gehabt. Doch hier kommt vorliegend Abs.4 zum Tragen: «Anspruch auf höchstens 90 Taggelder haben Personen, die von der Erfüllung der Beitragszeit befreit sind.»
Somit erhält der 57-jährige Brunner lediglich ein stark reduziertes Taggeld und dies erst noch während – ebenfalls über 80% – reduzierten Zeitspanne von 90 Tagen.
Fazit: Der vorliegende Fall zeigt exemplarisch eine absolute Fehlkonstruktion unserer Gesetzgebung auf. Menschen, die ein Leben lang Beiträge an die Arbeitslosenversicherung bezahlt haben und das Pech hatten, eine längere Zeit wegen einer Krankheit oder eines Unfalles arbeitsunfähig zu sein, werden durch die aktuelle Gesetzeslage direkt zu Sozialfällen abgestempelt und rutschen damit sprichwörtlich «durch die Maschen» unseres Sozialversicherungsnetzes.
Nach unserem Gerechtigkeitsempfinden kann es nicht angehen, dass eine 30-jährige Beitragszeit in die Arbeitslosenkasse, aufgrund einer bloss zweijährigen krankheits- oder unfallbedingten Abwesenheit, zu einer 80% Reduktion in der Leistungshöhe und -dauer führt.
Diese Lücke im Netz der Arbeitslosenversicherung sollte dringend gestopft werden.
1 Der Fall stammt aus unserer Beratungspraxis und wird vorliegend etwas vereinfacht dargestellt.
1 Bundesgesetz über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (Arbeitslosenversicherungsgesetz, AVIG), SR 837.0.
1 Vgl. Art. 9 Abs. 3 AVIG.
1 Vgl. Art. 14 Abs. 1 lit. b. AVIG.
1 Quelle: Wikipedia.org, Arbeitslosenentschädigung (Schweiz).
1 Berechnung: CHF 7580.– : 21.7 (Durschnitt Werktage pro Monat) = Taggeld.
1 Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (Arbeitslosenversicherungsverordnung, AVIV), SR 837.02.

References: Art. 14
 Art.41
 Art.14
 Art.27
 Art. 9
 Art. 14