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Timestamp: 2017-10-17 20:13:45+00:00

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Der "Käfer in der Schachtel". Zur Unmöglichkeit einer privaten ... | Hausarbeiten publizieren
1. Einleitang
2. Der Käfer in der Schachtel
2.1 Nur vom eigenen Fall wissen, was , Schmerz’ bedeutet
2.2 Eine unverantwortliche Verallgemeinerung
2.3 Der Schachtelinhalt
2.4 Wittgensteins Konklusion
3. Ein verkappter Behaviourist?
3.1 „Sie ist kein Etwas, aber auch nicht ein Nichts!“
3.2 Das Paradox verschwindet
3.3 Eine grammatische Fiktion
In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit §293 der „Philosophischen Untersuchungen“ von Ludwig Wittgenstein. In diesem Paragraphen wird das Gedankenexperiment des Käfers in der Schachtel“ durchgeführt. Das Gleichnis nimmt Bezug auf die Diskussion darüber, wie wir über unsere Empfindungen sprechen. Der Käfer steht für die private Empfindung, welche in der Schachtel beziehungsweise im Geist verborgen- und den anderen Menschen unzugänglich ist. Wahrnehmbar ist für den Anderen letztlich nur die Äusserung der jeweiligen Empfindung. Da stellt sich schnell die Frage nach dem Wesen der Empfindung selbst. Es geht dabei vor allem um das Problem, wie die Empfindungen auf den Begriff gebracht werden und wie wir das Innenleben anderer ,konzipieren’. Es ist wichtig, ohne voreingenommene Denkmuster unserer psychischen Konzepte an das Gleichnis heranzutreten, denn nur durch eine Neukonzeption des diesbezüglichen Denkens kann das Sprachspiel mit unseren Empfindungswörtern ohne Paradoxe und Missverständnisse gespielt werden.
In meiner Untersuchung habe ich eine Zweiteilung des Hauptteils vorgenommen. Zuerst soll der ^äfer in der Schachtel“ hinterfragt und erläutert werden. Welchen Umstand veranschaulicht dieses Gedankenexperiment? Welche Position wird dadurch vertreten und wie steht diese zur traditionellen Ansicht des Gesprächspartners?
Der zweite Teil beschäftigt sich hauptsächlich mit den §§ 304, 305 und 307. Darin wird die Frage aufgeworfen, ob Wittgensteins Fokussierung auf den Gebrauch des Empfindungswortes (weg vom gängigen Sprachmuster von Name und benanntem Gegenstand) zu einer Leugnung des inneren Vorgangs führt.
Gewisse Interpretationsansätze und die Prägung der Fragestellung verdanke ich einigen Werken der Sekundärliteratur. Diese ist sehr reichhaltig und für diese Arbeit ohne Anspruch auf Vollständigkeit berücksichtigt worden. Sehr hilfreich ist P.M.S. Hacker Exegese der jeweiligen Paragraphen. Marie McGinns „GuideBook“, sowie die beiden ausgewählten Werke von Severin Schroeder bieten erhellende Einsichten in Wittgensteins Privatsprachenargumente.
Im Folgenden soll das in §293 aufgeführte Gedankenexperiment des „Käfers in der Schachtel“ untersucht werden. Das korrekte Verständnis des Gleichnisses ist eng mit dem Kontext verbunden, in welchen es eingebettet ist. Die Querverweise auf andere Paragraphen sind meines Erachtens notwendig, um die Tragweite des Gleichnisses vollends zu erfassen. Die Ausgangslage bildet das Anliegen Wittgensteins, die traditionelle Auffassung vom ,Inneren’ des Menschen (und das damit verbundene Sprechen von den Empfindungen) zu überdenken. Eine Sprache, welche den privaten Empfindungen einen Namen gibt — so wie wir Bäumen oder Tieren einen Namen geben — ist a) nicht möglich, da wir von einer erfassbaren Gegenständlichkeit der Empfindungen ausgehen müssten, und b) irreführend, weil ihr ein falsches Bild des Inneren zugrunde liegt.
2.1 Nur vom eigenen Fall wissen, was ,Schmerz’ bedeutet
Bevor ich jedoch in der Diskussion der möglichen Schlussfolgerungen aus dem Käfer­Gleichnis auf die obigen zwei Punkte zu sprechen komme, möchte ich den Beginn des Paragraphen untersuchen. Wittgensteins Gesprächspartner stellt eine aus der Diskussion berechtigterweise entspringende Frage: „Wenn ich von mir selbst sage, ich wisse nur vom eigenen Fall, was das Wort ,Schmerz’ bedeutet, — muss ich das nicht auch von den anderen sagen?“[1]
In §244 wurde die Frage nach dem Bezug von Wörtern auf Empfindungen gestellt. ,Schmerz’ wurde dabei als Beispiel für ein Empfindungswort eingeführt, dessen Bedeutung nicht durch eine benennende Korrelation zur Empfindung, sondern durch das zugehörige Sprachspiel erlernt wird. Das Wort,Schmerz’ ersetzt das Schreien des Kindes und ist nicht dessen verbale ,Beschreibung’.[2] Nur vom eigenen Fall zu wissen, dass man Schmerzen hat und demnach zu wissen, was ,Schmerz’ bedeutet, ist in gewissem Sinne bereits eine falsche Idee. Denn das Wissen um eine Empfindung impliziert die Möglichkeit des Nichtwissens um dieselbe: „Von mir kann man überhaupt nicht sagen (ausser etwa im spass) ich wisse, dass ich Schmerzen habe. Was soll es denn heissen - ausser etwa, dass ich Schmerzen habe?“[3] Der Zweifel darüber, ob ich Schmerzen habe, ist dabei gemäss Wittgenstein sinnlos. Eine Empfindung ist nicht ,vorhanden’, wenn sie nicht bemerkt wird. Das Wissen im Sinne eines Fühlens der Empfindung ist die Bedingung des Vorhandenseins der Empfindung.
Wenn wir §290 lesen, wird auch klar, auf was die Stelle in §244 mit der Entgegenstellung von Ersetzen und Beschreiben abzielt. - Man lernt die Bedeutung von Empfindungswörtern nämlich in erster Linie durch deren Gebrauch. Dadurch, dass dem Schreienden Kind gesagt wird, dass es ,Schmerzen’ hat, man es tröstet, die schmerzende Stelle am Körper streichelt oder Ähnliches, tritt der verbale Ausdruck allmählich an die Stelle des Schreiens als Schmerzäusserung. Die Bedeutung des Empfindungswortes kommt hier durch die Wiederholung desselben Ausdrucks ,im passenden Augenblick’ und nicht mit einer Identifikation der eigenen Empfindung durch Kriterien zustande.[4] [5] Das Initialmoment des Sprachspiels von ,Schmerz’ liegt daher nicht im Beschreiben der Empfindung selbst. Der Fehler zu denken, den Schmerz nur vom eigenen Fall her zu kennen, gründet weiter in der missverständlichen Bedeutung des ,Habens’ in ,Schmerzen haben’.s Die Empfindung ist keine Entität, deren ,Träger’ man sein kann. Wenn wir Schmerzen haben würden, so wie eine Auster eine Perle hat, dann könnte auch ein Stein Schmerzen haben.[6]
Die weiter oben unter a) und b) angesprochenen Probleme scheinen aus der falschen Auffassung der Sprache zu folgen, mit der wir unsere psychologischen Konzepte formulieren. Johnston sah das Zentrale von Wittgensteins Gedanken zur privaten Empfindungssprache in der Forderung einer radikalen Neukonzeption des ,Inneren’.[7] Gemäss McGinn führt die Trennung einer äusseren Sphäre der Körperlichkeit und einer inneren Sphäre der Empfindung zu einem Missverständnis. Der Körper als öffentliches Objekt (public object) steht dabei in einer rein empirischen Beziehung zum ,Schmerz’, der (wie die Perle in der Auster) im Körper sitzt. Der Schmerz wird so zu einem privaten Objekt (private object), das vom ,Träger’ durch Introspektion erkannt werden kann.[8] Die Problematik dieses Bildes vom Inneren ist mit den daraus resultierenden sprachlichen Missverständnissen verwoben.
Wie bisher gezeigt wurde, liegt der Feststellung, dass wir um die Bedeutung von ,Schmerz’ nur vom eigenen Fall wissen können, eine Kette von Denkfehlern zugrunde. Man könnte viel weiter ausholen um dieses Konzept zu diskutieren. Ich möchte mich vorerst jedoch auf die erwähnten Punkte beschränken und sie kurz zusammenfassend erläutern: Wittgensteins Gesprächspartner vertritt mit der Aussage, welche in §293 dem Käfer-Gleichnis vorangeht, die traditionelle Auffassung einer Gegenständlichkeit der Empfindungen, deren Erkenntnis privat - und ohne Rücksicht auf das Verhalten folgt. Diese Auffassung beruht auf einer Falschanwendung des Bildes des Inneren und des Äusseren. Die Empfindungen wären dabei private Objekte[9] im Inneren und könnten durch Introspektion wie die Möblierung eines Zimmers geschrieben’ werden. Damit sind die zentralen Aspekte der Position aufgezeigt, welche das Gedankenexperiment veranschaulicht und gleichzeitig zu widerlegen versucht.
Der Gesprächspartner fährt fort mit der Frage: „Und wie kann ich den einen Fall in so unverantwortlicher Weise verallgemeinern?“[10] Wie oben gezeigt wurde, meint der „eine Fall“, dass wir nur durch die direkte Erfahrung einer Empfindung darüber sicher sein können, was sie ist. Dadurch entsteht nach Hacker der von Wittgenstein angefochtener „Semi­Solipsismus“. Denn die Empfindungen im Inneren werden als private Objekte angeschaut, durch deren ,Anblick’ wir vom Einzelfall auf das Wesen der Empfindung im Allgemeinen schliessen können. Jeder hat dabei nur Einsicht in seine eigene Schachtel. Allerdings wird mit diesem Bild ja nicht die Existenz der Empfindungen Anderer angezweifelt, sondern eben bloss der eigene Fall verallgemeinert - daher auch ,Semi-Solipsismus’. Aufgrund des empirischen Mangels bei der Einsicht in andere Psychen schliesst der Gesprächspartner daraus, dass die Verallgemeinerung „unverantwortlich“ ist. Wenn die Bedeutung von ,Schmerz’ wirklich nur durch die Benennung der Empfindung als privates Objekt und ohne Rücksicht auf das Verhalten als äussere Kriterien erlernt wird, kann ich nicht mit Sicherheit wissen, was im Geist des Anderen vor sich geht, wenn er von ,Schmerz’ redet.[11] Schroeder kommt zu dem Schluss, dass die Verallgemeinerung insofern „unverantwortlich“ ist, als dass sie eine Einheitlichkeit der Empfindungen erfindet:
[...] die unverantwortliche Verallgemeinerung besteht nicht in der Annahme, dass auch andere dem Wort „Schmerz“ eine Bedeutung durch eigene Erfahrung geben, sondern in der zusätzlichen Annahme, dass sie ihm dabei dieselbe Bedeutung geben wie ich: dass sie also dieselbe Art von Empfindung haben wie ich.[12]
Hacker kommt durch den Rückbezug auf §272 auf einen ähnlichen Schluss.[13] In diesem Paragraphen der „Philosophischen Untersuchungen“ heisst es nämlich: „Das wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, dass jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern, dass Keiner weiss, ob der andere auch dies hat, oder etwas anderes.“[14] Wie ich weiter unten zeigen werde, spielt dieser Gedanke, dass die Empfindungen der Menschen bei gleichem Ausdruck doch ,in sich’ völlig anders beschaffen sein könnten, eine wichtige Rolle für das Verständnis des Käfers in der Schachtel“.
„Nun ein Jeder sagt es mir von sich, er wisse nur von sich selbst, was Schmerzen seien!“ — Damit leitet Wittgenstein das Gegenargument ein.[15] Das Gedankenexperiment des Käfers in der Schachtel“ veranschaulicht ทนท das Bild des Semi-Solipsisten, der meint, dass jeder durch Introspektion in sein Inneres seine Empfindungen benennt[16]: „Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir ,Käfer’ nennen.“[17] Der ,Käfer’ ist also die Empfindung und die ,Schachtel’ der Geist oder ,das Innere’. Jeder hat dabei nur Einsicht in die eigene Schachtel und weiss deshalb nur von sich selbst, wie der Käfer ,aussieht’. Wittgenstein macht durch die Wortwahl klar, dass die Käfer-Schachtel-Analogie an die Privatobjekttheorie anknüpft. So spricht er von „etwas, was wir ,Käfer’ nennen“. Weiter leiten wir unser Wissen vom Käfer vom Anblick desselben ab. Der durch das Wort ,etwas’ vertretene Empfindungsgegenstand kann also vom Besitzer betrachtet werden. Die Kursivsetzung des Possessivpronomens seines soll die Privatiteli des Besitzes betonen. Damit würde also impliziert werden, dass die Empfindung ein Etwas ist, das besessen werden kann. Daraus leitet Wittgenstein ab, dass es durch die gegebene Privatheit möglich wäre, dass der gleiche Ausdruck ,Käfer’ eigentlich etwas bezeichne, was bei verschiedenen Menschen auch unterschiedlich beschaffen sein könnte: „—Da könnte es sein, dass Jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte.“[18] In dieser Feststellung liegt eine entscheidende Wende im Paragraphen. Spricht denn die Verwendung des Wortes ,Ding’ gemäss seiner alltäglichen Bedeutung nicht für eine homogene Gegenständlichkeit? Auch trotz der Unspezifität dieses Ausdrucks ,Ding’, wird darunter doch kaum etwas subsumiert, was (wie der Käfer) immer Anders erscheinen würde oder im Extremfall gar nicht da sein könnte. Wir müssen den Käfer hier insofern als ,privates Objekt’ anschauen, als dass dieses nicht wie ein öffentliches Objekt’ wahrnehmbar ist, sondern, dass die Erscheinung auch gleichzeitig das Sein ausmacht. Wittgenstein hat durch das Beispiel des Festhaltens der Empfindung „E“ in §258 gezeigt, dass es kein äusseres Kriterium für die ,Richtigkeit’ einer Korrelation zwischen Empfindungswort und bezeichneter Empfindung geben kann: „[...] richtig ist, was immer mir als richtig erscheinen wird.“[19] Ein ,Ding im Inneren’ kann also nicht wie ein öffentliches Objekt wahrgenommen und hinweisend definiert werden. Man kann dieses Ding auch nicht vom ,Träger’ wie die Perle der Auster ,wegnehmen’. So kann mir keine Schmerzempfindung mehr zugesprochen werden, wenn ich zu Stein würde.[20] Der Schmerz könnte wie der Käfer auch trotz gleichem Ausdruck, bei Jedem anders beschaffen sein.
Das Wort ,Käfer’ ist dabei keine Beschreibung eines Gegenstandes, sondern erhält seine Bedeutung durch eine angemessene Verwendung. Es bezeichnet in erster Linie einfach das, was sich in der Schachtel befindet — den Schachtelinhalt.
Der Inhalt kann dabei nicht nur bei unterschiedlichen Menschen anders-, sondern auch ,in sich’ über die Dauer unstabil sein: „Ja, man könnte sich vorstellen, dass sich ein solches Ding fortwährend veränderte.“[21] Der Schachtelinhalt kann sogar leer sein, wie wir im Folgenden sehen werden.
[1] Wittgenstein 2003 (im Folgenden immer durch die Abkürzung PU ersetzt) §293.
[2] Vgl. PU §244.
[3] PU §246.
[4] Vgl. PU §290: ,Jch identifiziere meine Empfindungen freilich nicht durch Kriterien, sondern ich gebrauche den gleichen Ausdruck.“
[5] Vgl. Hacker 1990, S. 206.
[6] McGinn 1997, S. 151.
[7] Siehe Johnston 1993, S. 18: „[... ] the importance of Wittgenstein’s remarks on privacy is that they point to the need for a complete reassessment of our conception of the Inner.”
[8] Vgl. McGinn 1997, S. 150.
[9] In der Sekundärliteratur wird oft von sogenannten private objects gesprochen. Der Begriff bezeichnet die (fälschlicherweise) vergegenständlichten Empfindungen. Vgl. Hacker 1990, S. 207—208; McGinn 1997, S. 122, 157-166.
[10] PU §293.
[11] Vgl. Hacker 1990, S. 206 ff.
[12] Schroeder 2009, S. 154.
[13] Vgl. Hacker 1990, S. 206: „Note that the problem of generalizing one’s own case’ here does not address the question of how I know that others are in pain, but rather how I know how others assign meaning to ,pain’.“
[14] PU §272.
[15] Wichtig ist dabei, vermute ich, dass Wittgenstein die Privatheit der Schmerzempfindung nicht vollständig leugnet. Die Unmittelbarkeit der eigenen Empfindung ist mit einer Unanzweifelbarkeit der Existenz derselben verbunden — was wir von den Empfindungen Anderer eben nicht behaupten können. Darum sagt auch Jeder, er wisse es und weiss es eigentlich nicht.
[16] Vgl. Hacker 1990, S. 207.
[17] PU §293.
[18] Ebd·
[19] PU §258.
[20] Vgl. PU §284.
[21] PU §293.
Seminar: Wittgenstein: Eine Einführung
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Privatsprachenargument Wittgenstein Sprachphilosophie Semantik Pragmatik Philosophie
Conrad Mattli, 2012, Der "Käfer in der Schachtel". Zur Unmöglichkeit einer privaten Empfindungssprache, München, GRIN Verlag, http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/368450.html
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References: §293
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 §290
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