Source: http://sprachforschung.org/ickler/?show=news_inv&id=556
Timestamp: 2019-12-12 09:30:59+00:00

Document:
Stoppt Duden!
Eigenmächtigkeiten der Redaktion
Der neue Duden enthält zahllose Eigenmächtigkeiten und willkürliche, zum Teil fehlerhafte Festlegungen.
Gleichwohl schickt er sich an, über die Presse zur allgemeinen Rechtschreibung des Deutschen zu werden. Die Entscheidungen der Redaktion, die zu den 3000 Empfehlungen geführt haben, sind nie diskutiert worden. Zu fordern wäre daher eine öffentliche Anhörung, bei der die Redaktion ihre Entscheidungen erläutern und rechtfertigen müßte.
Kommentare zu »Stoppt Duden!«
Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.07.2006 um 10.53 Uhr
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Die Reform sollte eine angeblich drohende Veruneinheitlichung der Schreibung der deutschen Sprache verhindern. Zu diesem Zweck sollte das Duden-Privileg, auch Duden-Monopol genannt, abgeschafft werden. Nun haben wir eine Uneinheitlichkeit, die jene des 19. Jahrhunderts übertrifft, die jene des 20. Jahrhunderts jedenfalls gigantisch übertrifft; und wir bekommen soeben aufgrund der Reform ein aufgefrischtes Duden-Privileg, das man genausogut Duden-Monopol nennen kann wie zuvor. Sauber. Nur weiter so, ihr Kämpfer in der Presselandschaft!
Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 17.07.2006 um 11.33 Uhr
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Nun, da wir sie verloren haben, die Einheit der Rechtschreibung, erkennen wir, was wir an ihr gehabt haben.
Ein erklärtes Ziel der Reformer war, dem Duden sein Privileg wegzunehmen. Freilich, das hatte er seit vierzig Jahren, und es hat dafür gesorgt, daß neben dem Duden-Wörterbuch kein anderes hochgekommen ist, vielleicht zum großen Ärger von Bertelsmann. Und doch bissen die vielgenannten "Duden-Ungereimtheiten" keinen Schreiber, keinen Leser und auch keinen Lehrer auch nur im entferntesten so, wie heute jede einzelne Zeitungsausgabe beißt.
Die Reform hat den Dudenverlag möglicherweise an den Rand des Ruins geführt, und das zu einer Zeit, in der mit der Entwicklung des Internets ein weiterer Geschäftszweig des Dudenverlags wegbricht. Wer stellt sich denn heute noch für viel Geld eine gedruckte 20bändige Enzyklopädie ins Regal?
Nun also hat man dem Dudenverlag sein Monopol zurückgegeben, einem Verlag, der sein Lager noch voll hat mit Lexika, die nach überholten Rechtschreibrevisionen gedruckt sind. Ein ökonomisch denkender Vorstand eines solchen Verlags könnte in dieser Situation wohl schon daran denken, seine Rechtschreibempfehlungen genau so wählen, daß die resultierende Orthographie möglichst gut zum Lagerbestand paßt.
Hoppala! Mit mir ist offensichtich meine Phantasie durchgegangen. Obwohl -- glaubhaft wäre es ja.
Kommentar von Ballistol, verfaßt am 17.07.2006 um 11.55 Uhr
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Denken wir das zuende, dann werden die Ratsbeschlüsse und die Dudenempfehlungen immer weiter auseinanderdriften. Welches davon ist denn dann die "neue Rechtschreibung"? Im Mannheimer Elfenbeinturm vernageln sie schon wieder die Gucklöcher, und zwar von innen.
Auf diese Weise brauchen wir nur zuzuwarten, bis sich die Rechtschreibreform an ihren eigenen Enzymen zersetzt hat. Ein Regelwerk ohne Wirklichkeitsbezug ist nicht lebensfähig, das war auch das Schicksal der DDR.
Kommentar von Karl Martell, verfaßt am 17.07.2006 um 11.59 Uhr
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Ist es nicht die beste aller Aussichten:
Der Duden wird die Rechtschreibung irgendwann auch wieder pflegen - und nicht länger schänden. Das sage ich ohne Zynismus. Wer sonst sollte es machen? Und alles was wir brauchen aber nicht haben ist - Zeit und Geduld.
Kommentar von Ballistol, verfaßt am 17.07.2006 um 12.23 Uhr
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Nein, das wird der Mackensen machen. Solange der Duden unsere Schriftsprache schändet, müssen andere ran. Und später wird der Duden vor lauter Peinlichkeit auch nicht mehr zur richtigen Orthographie zurückgehen können.
Kommentar von Ballistol, verfaßt am 17.07.2006 um 12.25 Uhr
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In der StVO gab es lange die künstliche Regelung, daß zwei aus gegenüberliegenden Richtungen auf eine Kreuzung zufahrende Linksabbieger sich umeinanderherumwursteln mußten.
Diese Regelung wurde wegen des mangelnden Wirklichkeitssinns alsbald geändert. Heute biegt man tangential ab.
Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 17.07.2006 um 13.09 Uhr
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Man wird zunehmend dem Kollegen Computer die Dinge überlassen. Dem ist nichts peinlich und der nimmt nichts übel. Nach einer Weile kann jeder großzügig sagen, "Uns ist es im Grunde egal, wie geschrieben wird, aber der Softwarestandard ist halt so ... und wir müssen eben automatisieren, um uns im globalen Wettbewerb zu behaupten, blah blah blah".
Die Tragik ist, daß beim heutigen Stande der Technik und ihrer Verbreitung keiner mehr auf die Idee käme, sich an einer R-Reform auch nur zu versuchen. Und dann könnte die Konsistenz der Texte jetzt schon deutlich besser sein als sie es nun in absehbarer Zeit werden kann.
Ganz wichtig wird sein, die neue Generation der Software genau zu bewerten und ihre Resultate mit der bei Word noch vorhandenen klassischen Variante zu vergleichen. Damit jeder wenigstens wissen kann, auf was er sich einläßt. Der gedruckte Duden lockt bald keinen mehr hinterm Ofen vor.
Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.07.2006 um 13.23 Uhr
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Wo gibt es diesen Sticker zu kaufen?
Kommentar von borella ;-(, verfaßt am 17.07.2006 um 18.50 Uhr
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Angenommen - rein theoretisch natürlich -, irgend eine Gruppe beschließt, die deutsche Schreibweise unter systematischer Miteinbindung typisch deutscher Verhaltensmuster nachhaltig zu verändern.
Und zwar so, daß am Ende ein Zustand erreicht wird, bei dem jeder geschriebene Artikel ein klares Zeugnis für die Doofheit des Schreibers ablegt.
Nach welchem Plan müßte man sowas initiieren?
Ich weiß, ich weiß, das ist alles Phantasie, was sonst.
Aber scheinen tut es schon so, als erlebten wir soeben den vorletzten Akt so einer Entwicklung ...
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.07.2006 um 06.01 Uhr
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In den neuen Wörterbüchern steht immer noch das 1996 eingeführte obligatorisch zusammenzuschreibende nochmal. Es war im Regelwerk so versteckt, daß die Wörterbuchmacher erst darauf hingewiesen werden mußten. 2004 wurde es wieder gestrichen, aber nun steht es immer noch als Variante in Rot bzw. Blau in Duden und Wahrig. Wieso eigentlich? Wie soll der Lehrer damit umgehen, wo doch sonst die Reformschreibweisen gar nicht mehr angeführt und folglich auch nicht zu tolerieren sind - oder wie?
Viele Einzelheiten haben die Wörterbuchmacher inzwischen eigenmächtig geregelt, weil der Rat nicht darüber gesprochen hat. Zum Beispiel sind der Hohepriester und das Hohelied 2004 aus dem amtlichen Wörterverzeichnis verschwunden. Niemand weiß, ob die jetzigen Ausführungen in Wahrig und Duden überhaupt richtig sind.
Beide Wörterbücher führen immer noch Menschen verachtend an, obwohl die Herleitung aus Menschen verachten falsch ist und außerdem die Grundregel, wonach Partizipialverbindungen ebenso zu schreiben seien wie die verbalen (Rat suchend), längst aufgegeben ist. Dies und vieles andere hängt jetzt gleichsam in der Luft.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.07.2006 um 16.03 Uhr
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Der Duden verkündet zwar groß die eherne Wahrheit, daß Verbindungen mit dem Verb "sein" stets getrennt geschrieben werden, und versteckt die neu eingeführte Ausnahme "dagewesen" so gut, daß man sie kaum findet (kein Stichwort, keine Erwähnung unter den Kennziffern, nur eine unscheinbare Variante unter "da"), aber bei genauerem Hinsehen entdeckt man doch noch mehr: "beisammengewesen" und "bekanntgewesen" (dies sogar im Kasten S. 239). Was ist also mit § 35? Ich hatte mich für komplette Streichung ausgesprochen, aber das kam nicht durch. Dann wäre ja die Paragraphennumerierung zum Teufel gewesen ...
Kommentar von Fungizid, verfaßt am 18.07.2006 um 16.24 Uhr
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Wir müssen aufpassen, daß der Duden-Verlag nicht noch auf den Gedanken kommt, Prof. Ickler eine lukrative Stelle anzubieten. Bei einem Kritiker dieses Formats bleibt den Dudels kaum was anderes übrig...
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.07.2006 um 16.44 Uhr
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In vielen Fällen empfiehlt der Duden auch herkömmliche Getrenntschreibungen, wo die Neuregelung angeblich Zusammenschreibung möglich gemacht hat, z. B. "genau unterrichtet". Das nicht empfohlene, ganz unerhörte "genauunterrichtet" (rot) wird seinerseits aus K 58 herausgesponnen. Schuld ist die schlampige Arbeit des Rechtschreibrates, der gerade in diesem Bereich unter Anleitung von Peter Eisenberg ein ganz undurchdachtes Tohuwabohu hinterlassen hat, das sogleich durch die ominösen "Handreichungen" halbwegs in Ordnung gebracht werden mußte; die Folgen sind fürchterlich.
Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.07.2006 um 17.20 Uhr
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Substantive können keine getrennt geschriebenen Akkusativobjekte haben, sie müssen mit ihnen zusammengeschrieben werden. Dasselbe gilt für substantivierte Infinitive, weil sie Substantive geworden sind. Partizipien können als Adjektive attributiv und prädikativ gebraucht ebenfalls keine getrennt geschriebenen Akkusativobjekte haben, wohl aber adverbial gebraucht: der fleischfressende Bär Bruno, dieser Bär ist fleischfressend, Bruno Bär saß Fleisch fressend auf der Wiese. So werden die Grammatikregeln eingehalten und dem Sprachgefühl (meinem zumindest) entsprochen.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.07.2006 um 17.30 Uhr
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Vom Duden 2006 empfohlene Getrenntschreibungen (wo Zusammenschreibung möglich ist, z. T. auch erst durch die Reform eingeführte):
Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 18.07.2006 um 18.16 Uhr
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Die „Handreichung“ ist kein Teil des amtlichen Regelwerks (vgl. hier). Daher kann sie nicht verbieten, was das Regelwerk zuläßt (und umgekehrt). Verzeichnet ein Wörterbuch einen Eintrag, der im Einklang mit der Handreichung, aber im Widerspruch zum Regelwerk steht (bzw. verzeichnet es einen nicht, für den das Gegenteil gilt), weicht es an dieser Stelle vom amtlichen Regelwerk ab.
Kommentar von Ballistol, verfaßt am 18.07.2006 um 18.21 Uhr
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Warum weicht der Duden vom amtlichen Regelwerk ab bzw. was wird dadurch bezweckt? Bereitet der Duden damit den Befreiungsschlag vor?
Kommentar von borella ;-), verfaßt am 18.07.2006 um 18.52 Uhr
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Um willkürlich eins herauszugreifen: "Heil bringend"
Wie lautet in diesem Fall die substantivierte Steigerung?
Der "Heil Bringendere"?
Oder muß man in diesem Fall automatisch in die Zusammenschreibung wechseln? Wäre das so, in welcher Regel stünde das geschrieben?
Kommentar von Mika Sander, verfaßt am 19.07.2006 um 10.44 Uhr
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Was der Duden empfiehlt
Berücksichtigt sind alle bis März dieses Jahres vorgeschlagenen Regeländerungen
„Für alle, die schnell und zuverlässig eine einheitliche Schreibweise sicherstellen wollen“, brachte der Duden-Verlag 1998 das „Praxiswörterbuch zur neuen Rechtschreibung“ heraus, zwei Jahre, nachdem er die neue deutsche Rechtschreibung 1996 auf den Markt gebracht hatte.
Die neue deutsche Rechtschreibung hatte mehrere Varianten zugelassen, das Praxiswörterbuch hatte die verschiedenen Schreibweisen auf jene reduziert, die der Duden empfahl.
Jetzt wiederholt der Duden dieses Prinzip für sein Standardwerk „Die deutsche Rechtschreibung“: Der Duden in der 24., völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage, bringt die Rechtschreibung auf den letzten Stand.
Er berücksichtigt alle bis März dieses Jahres vom Rat für deutsche Rechtschreibung vorgeschlagenen und von der Kultusministerkonferenz bestätigten Regeländerungen.
Der Rechtschreib-Duden bringt, wie gewohnt, schwarz auf weiß alle zulässigen Schreibweisen, rot gekennzeichnet die neuen Schreibweisen, die vom herkömmlichen Schreibgebrauch abweichen, blau unterlegt die Partien, die sich mit Besonderheiten eines bestimmten Wortes beschäftigen, und gelb gekennzeichnet die Schreibweise, die der Duden unter den vielen Varianten empfiehlt. Gelb ist die Standardfarbe für die Duden-Bände.
Der Duden wird bunt, bringt die Variantenvielfalt, die inzwischen zugelassen ist, und versucht gleichzeitig, die Varianten für den Benutzer auf die eine Variante zu reduzieren, die der Duden empfiehlt: Der Duden versucht das Kunststück, die Suppe zu essen und sie zugleich zu behalten.
Die Reformer wollten bei der Diskussion im Rat für deutsche Rechtschreibung von ihren Reformen nicht ablassen, die Verfechter klassischer Rechtschreibung machten ihre Bedenken geltend: Das Resultat waren Kompromisse, die das eine zuließen – und das andere auch.
Der neue Duden trägt dem Rechnung und zugleich der Sehnsucht vieler Deutscher nach dem klärenden Machtwort, das bei Duden eine Empfehlung ist: So hätte es die Duden-Redaktion gerne, ginge es nach der Duden-Redaktion. Aber es gibt eben inzwischen nicht mehr alleine die Duden-Redaktion, obwohl der Duden, dem Umsatz nach, weiterhin mit großem Abstand führend unter den Rechtschreibbüchern ist.
In vielem folgt der Duden bei seinen Empfehlungen unter den zulässigen Varianten, wie Stichproben ergeben, der klassischen Konvention, der herkömmlichen Schreibweise, aber keineswegs in allem. Ein System ist dabei nicht erkennbar. Ob das deutsche Schreibvolk den neuen Getrennt- und Zusammenschreibregeln folgen wird und wie weit – das wird man ja erst noch sehen.
Die Akzeptanz für die Reformregelung, ß nach kurzem Vokal durch ss zu ersetzen, ist bemerkenswert groß, da hier eine klare Regelung erkennbar wird: Nach langem Vokal bleibt’s bei ß. Obwohl es auch Deutsche gibt, die das Wort Straße Strasse schreiben, als wenn sie Schweizer wären. Denn die Schweiz hat das ß schon lange abgeschafft und wird es auch mit der Rechtschreibreform nicht wieder einführen.
Bei der Befolgung aller anderen Regeln herrscht erkennbare Unsicherheit. Aber davon geht die Welt nicht unter – nur für Schriftsteller. Dass das korrekte Schreiben „heute mehr denn je als Bildungsnachweis gilt“, ist eine im Vorwort ausgedrückte Hoffnung der Duden-Redaktion, die von der Lebenswirklichkeit überholt ist.
Der Stellenwert der Rechtschreibung in der Allgemeinheit ist geringer denn je: Das Hickhack um die Rechtschreibreform, das Hin und Zurück bei der Überarbeitung der Reform, die erkennbare Willkür bei den verkündeten möglichen Schreibungen haben das möglich gemacht.
Die Rechtschreibkenntnisse haben gerade in den jüngeren Generationen erheblich nachgelassen, wie eine Studie belegt, über die die „Zeit“ berichtete, bei der Forscher die Entwicklung von zweihundert Kindern zwanzig Jahre lang beobachtet hatten. Die Ursache dafür laut den Forschern: In der Schule werde auf Rechtschreibung weniger Wert gelegt.
Die Reformer, die einst angetreten waren, den Griff zum Duden überflüssig zu machen, weil sich künftig jeder Sprachbenutzer die Schreibweise selbst herleiten könne, haben den Griff zum Duden oder einem anderen Rechtschreibbuch erst recht nötig gemacht.
Mit der Entscheidung, alles auseinander zu schreiben, was man auseinander schreiben konnte, hatte man den Hang zur Zusammenschreibung und damit die überlieferte Schreibtradition mit Gewalt umkehren wollen, als könne man die Rechtschreibung am Reißbrett komplett neu entwerfen. Das verunsicherte viele – und gerade jene, die sich recht rechtschreibsicher wähnten.
Es hatte fast den Anschein, als wenn die Rechtschreibreformer Mark Twains famose Satire über „The Awful German Language“ (Die schreckliche deutsche Sprache) gelesen hätten, in der sich der amerikanische Humorist unter anderem über die langen deutschen Wörter lustig macht, und versuchten, den Autor Lügen zu strafen, indem sie die langen Wörter kurzhackten.
Dass mit der Herausgabe der 24. Ausgabe des Duden der Rechtschreibfrieden sofort wiederhergestellt wird, wird niemand erwarten. Die Rechtschreibreformer sind nach wie vor der Ansicht, dass das unverständige Volk ihre Reformen goutieren würde, hätte es sie nur verstanden.
Und hartnäckige Rechtschreibreformgegner bleiben bei ihrer Ansicht, dass eine funktionierende Rechtschreibung verhunzt worden sei. Aber auch das Massenblatt „Bild“ schreibt ab 1. August, wie es der Duden empfiehlt.
Der Springer-Verlag, der sich bisher der Rechtschreibreform verweigert hatte, ist eingeknickt und wird die reformierte Rechtschreibung einführen, die längst von den meisten Zeitungen benutzt wird. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ dürfte wohl etwas länger brauchen.
Der Rat für deutsche Rechtschreibung und die Kultusministerkonferenz, das sollten sie wissen, stehen jedenfalls unter argwöhnischer Beobachtung derer, denen an der deutschen Schriftsprache etwas liegt.
Jene unheilvolle Allianz zwischen Rechtschreibreformgurus, die auf überlieferte Schreibtraditionen pfeifen, und einer dienstbeflissenen Ministerialbürokratie, der wir die Rechtschreibreform zu verdanken haben, ist noch zu manchen Sturzgeburten fähig.
Es könnte freilich sein, dass diese Allianz kreißt, und niemand beachtet mehr, was dabei herauskommt: Nichts schlimmer für Obertanen, als wenn ihnen die Untertanen nicht mehr folgen. Es hat nicht viel gefehlt, dass dies bei der verkorksten Rechtschreibreform der Fall war.
Die Allgemeinheit hatte sich verweigert, aber man hatte die Reform dennoch durchgesetzt, als gäbe es heute noch wilhelminische Zeiten. Man sah sich indes zähneknirschend zur Reform der Reform genötigt.
Über den Sinn und Unsinn einer Reform, die Schreibweisen wie Brenn-Nessel hervorbringt, kann sich ja jeder selbst ein Urteil bilden, da die Folgen augenfällig sind. Das ist bei Dingen wie Rentenreformen und Steuerreformen schon viel schwerer, da ihre Folgen nicht sofort klar sind. Das ist das Glück der Regierenden.
Darmstädter Echo, 18. 7. 2006
Kommentar von Ballistol, verfaßt am 19.07.2006 um 15.41 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=556#4893
Ob nicht die ganze Rechtschreibreform ohnehin nur als Ablenkungsschlacht geplant wurde, damit man unterdessen ganz leicht die Sozialsysteme knacken und die Mehrwertsteuer hochsetzen kann?
Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 19.07.2006 um 16.05 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=556#4894
Wie ich gerade feststellen mußte, verzeichnet die Neuauflage des Dudens nur noch auf Nummer sicher. Das bis 2006 durch die Neuregelung ebenfalls erlaubte und bewährte auf Nummer Sicher gehen soll nicht mehr zulässig sein.
In den durch den Rechtschreibrat geänderten Paragraphen läßt sich nichts finden, was diese Änderung rechtfertigen würde.
Einzig und allein der betreffende Eintrag im Wörterverzeichnis des amtlichen Regelwerks wurde gekürzt:
sicher [gehen, stellen … § 34 E3(3); sein § 35]; auf Nummer Sicher, sicher [gehen]; das Sicherste [sein], im Sichern [sein] § 57(1), aber sicher∪gehen, ...stellen
sicher [transportieren … § 34(2.3); machen, sichermachen… § 34(2.1)]; das Sicherste [sein], im Sichern [sein] § 57(1)
Aus dieser Kürzung läßt sich ein Verbot von auf Nummer Sicher allerdings nicht ableiten (und auch nicht aus den diversen Handreichungen und Berichten des Rates und seiner Geschäftsführerin).
Kommentar von Der Standard, 17. 7. 2006, verfaßt am 19.07.2006 um 20.25 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=556#4896
Große Brocken bleiben wie gehabt
Hamburg - Die am 1. August in Kraft tretenden Änderungen bei der Rechtschreibreform betreffen nur einige Teilbereiche des Regelwerks. Die "großen Brocken" der Reform bleiben dagegen wie gehabt: Das scharfe ß kommt grundsätzlich nur mehr nach einem langen Vokal (Maß, Fuß). Nach einem kurzen Selbstlaut heißt es nun Kuss, muss oder Fass, "daß" wird generell nur mehr "dass" geschrieben. Das Stammprinzip wird außerdem verstärkt betont (Stängel statt Stengel, schnäuzen statt schneuzen usw.).
Änderungen gibt es dagegen bei der Getrennt- und Zusammenschreibung bzw. der Groß- und Kleinschreibung. Generell gilt: Es soll wieder mehr zusammengeschrieben werden - vor allem dann, wenn ein einheitlicher Wortakzent vorliegt wie "abwärtsfahren", "aufeinanderstapeln" oder "querlesen". Und: Bei feststehenden Begriffen wie "der Blaue Brief", "der Runde Tisch", "das Schwarze Brett" soll wieder "dem allgemeinen Schreibgebrauch" gefolgt und groß geschrieben werden. Die ursprüngliche Rechtschreibreform hatte dagegen nur noch wenige Ausnahmen vorgesehen ("Heiliger Vater").
Im Anschluss eine Gegenüberstellung der verschiedenen Schreibweisen mit besonderer Berücksichtigung der auf Grund der Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung heuer vorgenommenen Neuregelungen. Vielfach gibt es mit "auch:" gekennzeichnete Wahlmöglichkeiten. In manchen Fällen gibt es eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung, in anderen dagegen sogar eine von der Reform eigentlich unberührt gelassene Änderung der alten Schreibregeln.
ALTE RECHTSCHREIBUNG    RECHTSCHREIBREFORM    NEUREGELUNG
eislaufen               Eis laufen            eislaufen
leid tun                Leid tun/leidtun      leidtun
recht haben             Recht haben           auch: recht haben
radfahren               Rad fahren            Rad fahren
näherkommen             näher kommen          näherkommen
richtigstellen          richtig stellen       richtigstellen
kennenlernen            kennen lernen         auch: kennenlernen
Essen warm machen       Essen warm machen     auch: Essen warmmachen
Wand rot streichen      Wand rot streichen    auch: Wand rotstreichen
schwerkrank             schwer krank          auch: schwerkrank
das Schwarze Brett      das schwarze Brett    das Schwarze Brett
gelbe Karte             gelbe Karte           Gelbe Karte
angst und bange         Angst und Bange       angst und bange
bis auf weiteres        bis auf Weiteres      auch: bis auf weiteres
für jung und alt        für Jung und Alt      für Jung und Alt
sich zu eigen machen    sich zu Eigen machen  sich zu eigen machen
Du (im Brief)           du                    auch: Du
daß                     dass                  dass
Schiffahrt              Schifffahrt           Schifffahrt
(Der Standard, 17. Juli 2006)
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2016 um 06.51 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=556#31123
Wie Herr Dörner vor zehn Jahren herausgefunden hat, läßt der Duden eigenmächtig nur noch Nummer sicher zu. (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=556#4894) Unter korrekturen.de ist noch die früher übliche Großschreibung als Variante verzeichnet.
Die Angleichung an andere Verbindungen mit Nummer täuscht über eine andere Unregelmäßigkeit hinweg, denn wenn ich recht sehe, soll in Verbindungen mit Zahl groß geschrieben werden, also: die Zahl Acht, Nummer acht.
Ich bin auf das Thema zurückgekommen, weil in einer dieser eleganten Anzeigen der nicht ganz so eleganten Bank Sal. Oppenheimer steht: Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen...
Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.02.2018 um 07.52 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=556#37857
Im Beitrag #4885 vom 18.07.2006 steht eine längere Liste von Dudenempfehlungen zur Zusammen- und Getrenntschreibung. Welcher Murks mit diesen Dudenempfehlungen verbunden ist, kann man beim Überfliegen kaum ahnen. Ich greife ein Beispiel heraus: die Empfehlung, halb automatisch getrennt zu schreiben.
So auch heute bei Duden online nachzulesen: Von Duden empfohlene Schreibung: halb automatisch. Beispiel: halb automatische Getriebe, Waffen. Anschließend erfährt man aber, daß sich die Aussprache unterscheidet: halbautomatisch mit Betonung auf der ersten Silbe, halb automatisch mit Betonung auf der dritten Silbe des zweiten Wortes.
Problem Nummer 1: Wenn die Betonung von der Schreibweise abhängt, dann hängt auch die Schreibweise von der Betonung ab. Jedenfalls wenn eine bestimmte Betonung üblich ist, was etwa bei halbautomatische Waffen zutrifft. Demnach ist die allgemeine Dudenempfehlung, halb automatisch getrennt zu schreiben, gar nicht möglich. Vielmehr müßte anstelle der Dudenempfehlung stehen: "Die Getrennt- und Zusammenschreibung ist von der Betonung abhängig." Das müßte dort stehen, um die Angaben in sich widerspruchsfrei zu halten.
Problem Nummer 2: In aller Regel ist halbautomatische Waffe ein Standardbegriff, mit festgelegter Bedeutung, mit entsprechender Betonung. Es ist deshalb grotesk, daß die Dudenempfehlung ausgerechnet an diesem Beispiel vorgeführt wird: halb automatische Waffen. Eine Neukonstruktion des Begriffs mit eigenständigen Wörtern halb + automatisch ist zwar grammatisch möglich, die Schreibweise ist aber unüblich. Empfohlen wird also eine Schreibweise, die dem Üblichen und der Intuition des Schreibers zuwiderläuft.
Problem Nummer 3: Bei vollautomatisch gibt es nur Zusammenschreibung. Das heißt, Duden weist an, vollautomatisch zu schreiben, empfiehlt aber zugleich, halb automatisch getrennt zu schreiben: vollautomatische Waffen – halb automatische Waffen. Dieses Nebeneinander verdeutlicht nochmals den Unsinn der Dudenempfehlung.
Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2018 um 08.03 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=556#37858
Um es noch schärfer auszudrücken: Duden empfiehlt, von zwei verschiedenen Ausdrücken (nicht Schreibweisen desselben Ausdrucks) nur den einen zu verwenden.
Das steht einem Rechtschreibwörterbuch sicher nicht zu und geht noch über den Fall der immerhin gleichbedeutenden, nur verschieden gebildeten Wörter selbständig/selbstständig hinaus.

References: § 35
 § 34
 § 35
 § 57
 § 34
 § 34
 § 57