Source: http://panorama.ch/dyn/1122.aspx?id_article=1842
Timestamp: 2020-01-29 09:27:11+00:00

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Studie zur Arbeitszeiterfassung
Wer auf eine Arbeitszeiterfassung verzichtet, ist autonomer, arbeitet aber mehr. Dies zeigt eine Studie der Universität Genf. Zugleich führt das höhere Mass an Autonomie zu einer besseren Bewältigung von Stresssituationen – insbesondere wenn die vom Gesetzgeber verlangten Begleitmassnahmen vorhanden sind.
Die grosse Kammer des Europäischen Gerichtshofs hat im Mai 2019 ein wegweisendes Urteil zur Arbeitszeiterfassung gesprochen. Es hat zur Folge, dass die Mitgliedsstaaten der EU dafür sorgen müssen, dass die Arbeitgeber die täglichen Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfassen. Während die EU sich also aufmacht, die Arbeitszeitregelungen zu verschärfen und zu vereinheitlichen, geht man in der Schweiz in die umgekehrte Richtung. Im Rahmen der Revision einer Verordnung zum Arbeitsgesetz hat das Bundesparlament per 2016 zwei neue Artikel beschlossen, die eine Ausnahmeregelung zur systematischen Erfassung der Arbeitszeit vorsehen:
• Artikel 73a bietet die Möglichkeit, dass Arbeitnehmende mit einem jährlichen Bruttoeinkommen von über 120'000 Franken und einer grossen Autonomie bei ihrer Arbeitsorganisation, inklusive der Festlegung ihrer Arbeitszeiten, ganz auf die Arbeitszeiterfassung verzichten können.
• Artikel 73b bietet für Arbeitnehmende, die einen namhaften Teil ihrer Arbeitszeiten selbst festlegen können, die Möglichkeit, nur die Gesamtdauer der pro Tag geleisteten Arbeit zu erfassen.
Während die Arbeitgeber in den Vorschriften einen Zuwachs an Selbstbestimmung für bestimmte Arbeitnehmergruppen sehen, befürchten die Arbeitnehmerorganisationen zunehmenden Stress und Selbstausbeutung. Eine vom SECO in Auftrag gegebene Studie der Universität Genf erlaubt nun, diese Kontroverse faktenbasierter zu führen. Die Untersuchung macht Aussagen über die Dauer der effektiv geleisteten Arbeit, den arbeitsbedingten Stress, die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie sowie die Gesundheit. Die Resultate stützen sich auf eine Stichprobe von 2013 gültigen Antworten. Durchgeführt wurde die Erhebung in acht Unternehmen aus verschiedenen Branchen (Versicherungen, Telekommunikation, Industrie und Detailhandel). Aus dem Bankensektor wollte kein Unternehmen an der Studie teilnehmen, obwohl gerade diese Branche sehr häufig von den im Arbeitsgesetz vorgesehenen Ausnahmeregelungen Gebrauch macht.
Nicht unbedingt mehr Stress
Die Studie zeigt, dass in den untersuchten Branchen die Ausnahmeregelungen nur eine begrenzte Anzahl von Arbeitnehmenden betreffen (zwischen 3 und 20%). Wer sie aber nutzt, arbeitet eher mehr als Personen mit einer Arbeitszeiterfassung. Es sei, so die Studie, «ein direkter Zusammenhang zwischen der Art der Arbeitszeiterfassung und der effektiv geleisteten Arbeitszeit festzustellen». Ob dieser Zusammenhang kausal ist oder nur korrelativ, bleibt offen. Konkret: Personen ohne Arbeitszeiterfassung (gemäss Art. 73a) arbeiten durchschnittlich 45,6 Stunden pro Woche, Personen, die die Gesamtarbeitszeit pro Tag erfassen (Art. 73b), arbeiten 41,8 Stunden, und Personen mit systematischer Arbeitszeiterfassung arbeiten 39,6 Stunden. Die Wahrscheinlichkeit einer sehr hohen wöchentlichen Arbeitszeit (mehr als 55 Stunden) ist höher bei den Ausnahmeregelungen: 11,7 Prozent im Fall von Art. 73a und 3,4 Prozent im Fall von Art. 73b (gegenüber 1,3% bei systematischer Arbeitszeiterfassung). Und Abendarbeit wird in erster Linie von Arbeitnehmenden ohne Arbeitszeiterfassung geleistet.
40 Prozent ohne Begleitmassnahmen
Zwischen der Art der Arbeitszeiterfassung und einem hohen Risiko, einer Stresssituation ausgesetzt zu sein, besteht laut Studie kein direkter Zusammenhang. Dies sei insbesondere dadurch erklärbar, dass die von den Ausnahmeregelungen betroffenen Arbeitnehmenden über eine grössere Autonomie verfügen, was zu einer besseren Bewältigung von Stresssituationen beitrage. Dieser Effekt setzt allerdings voraus, dass der Arbeitgeber Begleitmassnahmen ergriffen hat, um den Gesundheitsschutz der Betroffenen sowie die Einhaltung der maximalen Arbeitszeiten und der Ruhezeiten sicherzustellen. Tatsächlich aber fehlen für fast 40 Prozent der Betroffenen solche Massnahmen. Ebenso seien Personen, die mit der Art der Arbeitszeiterfassung unzufrieden sind, signifikant mehr gestresst. Dies gilt insbesondere, wenn die Personen Art. 73a und 73b unterstellt sind, sich jedoch eine systematische Arbeitszeiterfassung wünschen. Die Vereinbarkeit der Arbeit mit dem Familienleben wird insgesamt als gut eingestuft. Zahlreiche Arbeitnehmende bekunden jedoch Schwierigkeiten damit, sich von der Arbeit zu lösen, und fühlen sich so müde, dass sie deswegen auf Freizeitaktivitäten verzichten. Zwischen der Vereinbarkeit und dem Arbeitszeitmodell besteht ein direkter Zusammenhang: Ohne Arbeitszeiterfassung – und in geringerem Ausmass bei der Erfassung der Gesamtdauer pro Tag – ist es im Schnitt schwieriger, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Über allfällige Zusammenhänge zwischen der Art der Arbeitszeiterfassung und dem Gesundheitszustand erlaubt die Studie keine Schlussfolgerungen.
Vorschläge der Studie
Ob vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse weitere Liberalisierungen mehrheitsfähig sind, wird sich weisen. Eine parlamentarische Initiative von Ständerat Konrad Graber möchte bestimmte Wirtschaftszweige, Gruppen von Betrieben oder Angestellte von der Einhaltung einer wöchentlichen Arbeitszeit befreien, sofern die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einem Jahresarbeitszeitmodell unterstellt sind. Die Studie ihrerseits macht folgende Vorschläge:
– Systematische Erhebung aller Unternehmen und Arbeitnehmenden, die von den Artikeln 73a und 73b betroffen sind, sowie Einrichtung eines Inventars der angewandten Praktiken.
– Sicherstellen, dass die von Art. 73a und 73b betroffenen Arbeitnehmenden ihre ausdrückliche Zustimmung zur Art der Arbeitszeiterfassung geben und dass sie auch wirklich über die Möglichkeit informiert werden, ihre Arbeitszeiten systematisch erfassen zu können, ohne negative Konsequenzen zu riskieren.
– Möglichkeit für Kontrollen schaffen, damit in allen Fällen der Anwendung von Art. 73a und 73b Begleitmassnahmen vorhanden sind. Die Kontrollen könnten fallweise von den paritätischen Kommissionen oder von den Arbeitsinspektoraten durchgeführt werden.
– Sicherstellen, dass die von Art. 73a und 73b betroffenen Arbeitnehmenden die Kriterien bezüglich Autonomie bei der Organisation ihrer Tätigkeiten und Arbeitszeiten auch wirklich erfüllen, da diese Autonomie eine wichtige Rolle bei der Prävention des Stressrisikos spielt.
– Einführung von Mechanismen zur Kontrolle der gewöhnlichen Arbeitszeit, insbesondere um extreme Situationen zu vermeiden (55 und mehr Arbeitsstunden pro Woche).
Bonvin, J.-M., Cianferoni, N., Kempeneers, P. (2019): Evaluation der Auswirkungen der am 1.1.2016 in Kraft getretenen Änderungen der Vorschriften zur Arbeitszeiterfassung (Art. 73a und 73b ArGV 1). Universität Genf.
Autonomie schützt die Gesundheit
Daniella Lützelschwab, Ressortleiterin Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht beim Schweizerischen Arbeitgeberverband
(Bild: Schweizerischer Arbeitgeberverband)
«Die Nachricht ist erfreulich und wichtig: Die vorliegende Studie entkräftet die Befürchtungen, dass Arbeit ohne Arbeitszeit-erfassung die Gesundheit schädigt. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Art der Arbeitszeiterfassung und Stress konnte nicht festgestellt werden. Vielmehr zeigt die Evaluation, dass die 2016 angepassten Verordnungsbestimmungen den Kreis der betroffenen Arbeitnehmer erwartungsgemäss eingrenzen. So wird ausgewiesen, dass – ohne den Bankensektor – nur 3 bis 13 Prozent der Arbeitnehmer die Arbeitszeit nicht mehr erfassen. Die Gesetzesrevision führt also nicht zu einem Massenphänomen. Dass das Fehlen einer Erfassung der Arbeitszeit mit einer leicht höheren effektiven Arbeitszeit einhergeht, erstaunt nicht, weil die betroffenen Mitarbeiter über eine grosse Autonomie bei ihrer Arbeit verfügen müssen. Das trifft vor allem auf Personen in höheren Positionen zu, die unabhängig der Art der Arbeitszeiterfassung mehr arbeiten als weisungsgebundene Arbeitnehmer mit fixen Arbeitszeiten. Interessant ist zudem, dass das autonome und damit eigenverantwortliche und mitbestimmende Arbeiten die Gesundheit fördert sowie zur Arbeitszufriedenheit und zur besseren Work-Life-Balance beiträgt. So fühlen sich gemäss der Studie (nur) 9,7 Prozent der von der Arbeitszeiterfassung befreiten Arbeitnehmer gestresst. Dieser Wert liegt fast 3 Prozent unter jenem der Mitarbeiter, die ihre Arbeitszeit systematisch erfassen.»
Luca Cirigliano, Leiter Bereiche Arbeitsrechte beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund
«Die Schweiz hat laut OECD eines der arbeitgeberfreundlichsten Arbeitsgesetze überhaupt. Bei all dieser Flexibilität, die meist zugunsten des Arbeitgebers ausgelegt wird, der seine Arbeitnehmenden nach seinen Bedürfnissen springen lassen kann, ist die Arbeitszeiterfassung enorm wichtig. Arbeiten ohne Arbeitszeiterfassung ist schliesslich wie Auto fahren ohne Tachometer: Schnell fährt man zu schnell, schnell baut man einen Unfall! Am 1. Januar 2016 wurde ein Kompromiss geschmiedet, um die Arbeitszeiterfassung für sehr wenige Arbeitnehmerkategorien abzuschaffen. Der Wunsch kam von der Bankenbranche. Es wurden Studien gemacht, der Bankpersonalverband und der Arbeitgeberverband Banken waren involviert. Die arbeitsmedizinischen Befunde waren klar: Es bestehen vermehrte Risiken, und nur unter den folgenden, sehr restriktiven Bedingungen darf deshalb auf Arbeitszeiterfassung verzichtet werden: Mehr als 50 Prozent der wöchentlichen Arbeitszeit kann völlig autonom gestaltet werden, es existiert ein obligatorischer Gesamtarbeitsvertrag, und es bestehen obligatorische, unabhängig evaluierte Gesundheitsmassnahmen. Die vorliegende Studie zeigt nun, dass die Parameter zu Recht so streng und restriktiv ausgelegt wurden. Die betroffenen Arbeitnehmer kommen in den Genuss der GAV und der obligatorischen Gesundheitsmassnahmen und sind wirklich arbeitszeitautonom. Die Wirkung stimmt also. Trotzdem arbeiten die Personen ohne Erfassung in der Tendenz (zu) lange, was auf Dauer ungesund ist. Das muss zu denken geben.»

References: Art. 73
 Art. 73
 Art. 73
 Art. 73
 Art. 73
 Art. 73
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