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Timestamp: 2020-07-16 01:23:43+00:00

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Empirische Analyse des Cross-Border Voting-Zusammenhangs - GRIN
Empirische Analyse des Cross-Border Voting-Zusammenhangs zwischen Hauptversammlungspräsenzen und Anteil ausländischer Investoren
Denisa Lleshaj (Autor)
2 Theoretische und rechtliche Grundlage
2.1 Organe der Aktiengesellschaft
2.2 Rechtlicher Rahmen der Hauptversammlung
2.3 Teilnahmerecht des Aktionärs
2.4 Möglichkeiten der Stimmrechtsausübung
2.5 Hürden der grenzüberschreitenden Stimmrechtsausübung
3 Empirische Analyse des Cross-Border Voting- Zusammenhangs zwischen Hauptversammlungspräsenzen und dem Anteil ausländischer Investoren
3.1 Hauptversammlungspräsenzen im Zeitablauf
3.2 Streubesitz und Einfluss von Großaktionären
3.3 Anteil ausländischer Investoren im Zeitablauf
3.4 Durchführung der Hauptversammlung in der Praxis
3.5 Anteil ausländischer Investoren an der Hauptversammlungspräsenz am Beispiel der Munich Re
LiteraturverzeichnisVI
Abbildung 1: Hauptversammlungspräsenzen im Zeitablauf
Abbildung 2: Entwicklung der Hauptversammlungspräsenzen ausgewählter Unternehmen
Abbildung 3: Streubesitzanteil der DAX 30 zum 31.12.2012
Abbildung 4: Anteil ausländischer Investoren am Streubesitz im Zeitablauf.
Abbildung 5: Regionale Verteilung der Aktionäre im Jahr 2012
Abbildung 6: Gegenüberstellung des durchschnittlichen Anteils ausländischer Investoren mit durchschnittlichen HV-Präsenzen am Beispiel ausgewählter Unternehmen
Abbildung 7: Elektronische Einladung zur Hauptversammlung
Abbildung 8: Übertragung der Hauptversammlung im Internet
Abbildung 9: Angebot an Abstimmungswegen für Aktionäre
Abbildung 10: Inanspruchnahme der Briefwahl bei der HV 2012
Abbildung 11: Anteil ausländischer Investoren am Streubesitz der Munich Re im Zeitablauf
Abbildung 12: Anteil an der Präsenz der Munich Re in % (Präsenz = 100 %) aufgeteilt nach In-und Ausland
Abbildung 13: Aktionärsstruktur der Munich Re zum 31.12.2012 r
Anhang 1: Ausgegebene Aktienarten a
Anhang 2: Hauptversammlungspräsenzen (in % am GK) im Zeitablauf b
Anhang 3: Minimum, Mittelwert, Maximum und Standardabweichung der Hauptversammlungspräsenzen im Zeitablauf d
Anhang 4: Durchschnittliche Hauptversammlungspräsenz der Unternehmen über die Jahre 2002–2013 e
Anhang 5: Streubesitzanteil der Unternehmen zum 31.12.2012. f
Anhang 6: Minimum, Mittelwert, Maximum und Standardabweichung des Streubesitzes zum 31.12.2012 g
Anhang 7: Aktionäre mit >= 5,5 % Anteil am GK g
Anhang 8: Anteil ausländischer Investoren am Streubesitz im Zeitablauf i
Anhang 9: Minimum, Mittelwert, Maximum und Standardabweichung des Anteils ausländischer Investoren im Zeitablauf j
Anhang 10: Regionale Zuordnung der Aktionäre zum 31.12.12 k
Anhang 11: Regionale Zuordnung der ausländischen Investoren im Jahr 2012. l
Anhang 12: Elektronische Unterstützung der Hauptversammlung m
Anhan 13: Quantifizierung der Daten zur elektronischen Unterstützung der Hauptversammlung q
Anhang 14: Inanspruchnahme der Briefwahl von 2010–2013 q
Anhang 15: Anteil an der Präsenz (Präsenz = 100 %) aufgeteilt nach In-und Ausland (angemeldetes Kapital) q
Anhang 16: Art der Stimmrechtsausübung am Beispiel Munich Re des Jahres 2012 r
Die steigende Präsenz deutscher Kapitalgesellschaften auf internationalen Märkten und die weltweite Vernetzung von Unternehmen spiegelt sich in den Aktionärsstrukturen wider.[1] Das „Hamburger Abendblatt“ titelt im Mai 2013: „Ausländer halten Mehrheit an DAX-Konzernen“.[2] In der wissenschaftlichen Literatur wird zunehmend eine negative Beziehung zwischen der Internationalisierung deutscher Aktionärsstrukturen und den HV-Präsenzen der betroffenen Kapitalgesellschaften thematisiert.[3] Aus diesem Grund liegt der erste Fokus der vorliegenden Arbeit darin, die tatsächliche Entwicklung der Hauptversammlungspräsenzen von den DAX-30-Unternehmen zu analysieren. Außerdem soll belegt werden, ob tatsächlich eine negative Korrelation zwischen den HV-Präsenzen und dem Anteil ausländischer Investoren besteht. Bestätigt sich ein solcher Zusammenhang, könnte eine Problematik in der grenzüberschreitenden Stimmrechtsausübung für internationale Investoren vorhanden sein.[4] Unternehmen sind aufgefordert, ihren in-und ausländischen Aktionären eine gleichgestellte Ausübung ihrer Rechte in Bezug auf die Hauptversammlung unter den vorhandenen Rahmenbedingungen zu ermöglichen.[5]
Zentraler Gegenstand der Arbeit ist die Analyse des Cross-Border Voting-Zusammenhangs zwischen Hauptversammlungspräsenzen und dem Anteil ausländischer Investoren. Das zweite Kapitel behandelt daher die theoretischen und rechtlichen Grundlagen der Hauptversammlung bezogen auf börsennotierte Gesellschaften. Zunächst wird ein kurzer Überblick über die Organe der Aktiengesellschaft gegeben. Ferner werden rechtliche Rahmenbedingungen der Hauptversammlung und hauptversammlungsbezogene Aktionärsrechte dargestellt. Das Kapitel schließt mit der Erörterung möglicher Probleme der grenzüberschreitenden Stimmrechtsausübung. Die Grundlage des dritten Kapitels bildet eine empirische Untersuchung der DAX-30-Unternehmen und der Entwicklung ihrer Hauptversammlungspräsenzen im Zeitablauf. Anhand deskriptiver Statistik wird der Charakter der Aktionärsstrukturen mit Fokus auf Großaktionäre und ausländische Investoren im Zeitablauf erhoben. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird die regionale Verteilung von Investoren im Jahr 2012 dargestellt. Zudem erfolgt anhand ausgewählter Unternehmen eine Gegenüberstellung des durchschnittlichen Anteils ausländischer Aktionäre mit durchschnittlichen HV-Präsenzen im Zeitablauf. Darüber hinaus wird die Durchführung der Hauptversammlung in der Praxis veranschaulicht, indem Unterschiede in der Vorbereitung und in dem Angebot von Möglichkeiten der Stimmrechtsausübung herausgestellt werden. Schließlich wird in einem Exkurs des letzten Kapitels der Anteil ausländischer Investoren an den HV-Präsenzen der Munich Re diskutiert. Zentrale Aussagen und wichtige Ergebnisse der Arbeit sind in dem Fazit zusammengefasst.
Deutschen Aktiengesellschaften ist ein duales Führungssystem für die Aktivitäten der Unternehmensführung und überwachung gesetzlich vorgeschrieben.[6] Gem. § 76 Abs. 1 AktG leitet der Vorstand das Unternehmen in eigener Verantwortung. Damit ist der Vorstand das Leitungsorgan der Aktiengesellschaft und bestimmt weisungsfrei über Unternehmensaktivitäten.[7] Ein weiteres Organ ist der Aufsichtsrat. Dieser hat die Aufgabe, den Vorstand in seiner Geschäftsführung zu beraten und zu überwachen. Des Weiteren bestellt der Aufsichtsrat Mitglieder des Vorstands und ist in grundlegende Entschlüsse einzubinden.[8] Die Weisungsfreiheit des Vorstands kann also durch das Überwachungsorgan – den Aufsichtsrat – eingeschränkt werden. Die Beschränkung der Weisungsfreiheit erfolgt durch die Kontrolle der Aktivitäten des Vorstands. Neben Vorstand und Aufsichtsrat ist die Hauptversammlung das dritte Organ der Gesellschaft. Die Hauptversammlung selbst und nicht die Anzahl der Aktionäre hat unumstrittene Organstellung.[9] Gem. § 118 Abs. 1 AktG führen Aktionäre ihre Rechte in den Angelegenheiten der Gesellschaft durch die Teilnahme an Beschlussfassungen in der Hauptversammlung aus. Der Begriff der Hauptversammlung beschreibt also die Versammlung der Aktionäre zur Ausübung ihrer Mitgliedschaftsrechte. Sie wird aus diesem Grund als „Willensbildungsorgan“ der Gesellschaft bezeichnet, während die beiden anderen Organe als „Handlungsorgane“ zu benennen sind.[10] In Form von Beschlüssen wird der Wille der Gesellschaft durch die Ausübung von Rechten der einzelnen Aktionäre und ihrer Stimmabgabe in der Gesamtheit gebildet.[11] Aus diesem Grund wird die Hauptversammlung in der Literatur auch als „Sitz der Aktionärsdemokratie“[12] oder „oberstes Organ einer Aktiengesellschaft“[13] bezeichnet. In dem Zusammenwirken der Organe einer Aktiengesellschaft gibt es allerdings rechtlich gesehen keine hierarchische Ordnung. In diesem Sinne stellt die Hauptversammlung nicht das oberste Organ dar. Vielmehr soll ein Gleichgewicht in dem Zusammenwirken von Vorstand, Aufsichtsrat und Hauptversammlung herrschen.[14]
Beschlusskompetenzen der Hauptversammlung werden gem. § 119 Abs. 1 AktG auf die im Gesetz oder in der Satzung bestimmten Fälle beschränkt. Die Zuständigkeit der Hauptversammlung ist in einem beispielhaften nicht abschließenden Katalog sowie in anderen Stellen des Gesetzes definiert.[15] Der Zuständigkeitskatalog kann in „regelmäßig wiederkehrende Maßnahmen“[16] und „Strukturmaßnahmen“[17] unterteilt werden. Außerdem gelten auch weitere gesetzliche Sonderfälle, welche nicht unter den genannten Kategorien klassifiziert werden können (z. B. die Wahl des Sonderprüfers).[18] Die in dem Katalog enthaltene „positive Kompetenzzuweisung“, wie z. B. Beschlüsse über die Verwendung des Bilanzgewinns oder über Maßnahmen der Kapitalbeschaffung, wird zugleich von einer „negativen Kompetenzzuweisung“ ergänzt, da die Hauptversammlung insbesondere von der Geschäftsführung ausgeschlossen ist.[19] Die Einberufung der Hauptversammlung erfolgt gem. § 121 Abs. 1 AktG in den durch das Gesetz oder die Satzung bestimmten Fällen und hat außerdem dann zu erfolgen, wenn das Wohl der Gesellschaft es fordert. Dem „Wohl der Gesellschaft“ kommt dabei in der Praxis kein eigenständiger Einberufungsgrund zu.[20] Vielmehr bleibt es in der Regel bei der jährlichen Einberufung der ordentlichen Hauptversammlung durch den Vorstand gem. § 175 Abs. 1, 2 AktG[21], die jährlich in den ersten acht Monaten des Geschäftsjahrs zu erfolgen hat.[22] Durch das Inkrafttreten des ARUG im Jahr 2007 haben sich Berechnungsregelungen der Fristen, bezogen auf die Hauptversammlung, erheblich geändert.[23] Die Hauptversammlung ist gem. § 123 Abs. 1 S. 1 AktG mindestens 30 Tage vor dem Tag der Versammlung einzuberufen. Müssen Aktionäre sich vorab für die Versammlung anmelden, so verlängert sich die Frist um die Tage der Anmeldefrist (§ 123 Abs. 2 S. 1). Den an der Hauptversammlung teilnehmenden Aktionären soll damit Zeit zur Vorbereitung der Ausübung ihrer Rechte ermöglicht werden.[24] Alle Fristen und Termine werden in einer einheitlichen Richtung, ausgehend von dem Versammlungstag, zurückberechnet.[25] Der Tag der Einberufung und der Versammlungstag sind seit dem ARUG nicht einzubeziehen. Außerdem wurde der Feiertagsschutz mit dem ARUG abgeschafft, wodurch keine Verlegung auf einen Werktag stattfindet, sofern das Fristende auf einen Sonn- oder Feiertag fällt.[26] Die Einberufung hat gem. § 121 Abs. 3 S. 1 AktG die Firma, den Sitz der Gesellschaft sowie Zeit und Ort der Versammlung und die geplante Tagesordnung zu enthalten. Zudem müssen börsennotierte Gesellschaften seit dem Inkrafttreten des ARUG die Voraussetzungen für die Teilnahme und Ausübung des Stimmrechts veröffentlichen und können zusätzlich Informationen bezüglich des Nachweisstichtags bekannt geben.[27] Pflichtveröffentlichungen der Einberufung sind mindestens im elektronischen Bundesanzeiger bekannt zu geben. Für börsennotierte AGs müssen diese zusätzlich auf deren Internetseite zugänglich gemacht werden (§ 124a AktG), um eine Veröffentlichung in der gesamten EU zu gewährleisten und einen elektronischen Informationsaustausch mit Aktionären zu fördern.[28] Sind Aktionäre namentlich bekannt, kann die Hauptversammlung ausnahmsweise auch per eingeschriebenem Brief einberufen werden (§ 121 Abs.4 AktG). Gem. § 128 Abs. 1 AktG sind stellvertretende Banken dazu verpflichtet, Mitteilungen wie die Einberufung der Hauptversammlung an ihre Depotkunden weiterzugeben. Sowohl bei der Verwahrung von Inhaberaktien durch ein Kreditinstitut als auch bei der Eintragung des Kreditinstituts in das Aktienregister für Namensaktien muss die genannte Mitteilung erbracht werden. Allerdings bezieht sich diese Pflicht nur auf inländische Kreditinstitute, da diese dem deutschen Recht unterliegen.[29] Die Satzung oder der von der Satzung ermächtige Vorstand kann gem. § 118 Abs. 4 AktG vorsehen, die Hauptversammlung in Bild und Ton zu übertragen. Grundsätzlich ist die Hauptversammlung aber immer noch eine Präsenzveranstaltung und wird zurzeit in einigen wenigen Ausnahmen durch eine vollständige Liveübertragung ergänzt.[30]
Die Hauptversammlung ist eine interne Veranstaltung und damit nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.[31] Vielmehr bedarf es einer Teilnahmeberechtigung, die faktisch jedem Aktionär zusteht. Teilnahmeberechtigt sind daher auch Inhaber stimmrechtsloser Vorzugsaktien.[32] Des Weiteren sollen Aktionäre vor allem in der grenzüberschreitenden Stimmrechtsausübung gestärkt werden, weshalb die Teilnahme an der Hauptversammlung auch auf elektronischem Weg ermöglicht werden soll.[33] Der Gesellschaft ist es möglich, das Teilnahme- und Stimmrecht des Aktionärs durch eine Satzung bezogen auf die Anmeldung zu beschränken (§ 123 Abs. 2 AktG).[34] Auf diese Weise soll die Einhaltung des organisatorischen Rahmens seitens der Unternehmen erleichtert werden.[35] Seit dem Inkrafttreten des UMAG 2005 müssen Inhaberaktionäre für die Anmeldung zur Hauptversammlung einen Nachweis des Anteilsbesitzes durch das depotführende Institut erbringen, was mindestens in Textform erfolgen muss.[36] Der Nachweis hat sich auf den Beginn des 21. Tages vor der Hauptversammlung, den sogenannten „Record Date“, zu beziehen. Dabei handelt sich also nicht um eine Zeitspanne, sondern um einen Stichtag. Sofern die Anteile des Aktionärs nach der Nachweiserbringung veräußert werden, behält er damit dennoch sein Teilnahme- und Stimmrecht für die jeweilige Hauptversammlung.[37] Auch für Namensaktionäre ist eine Anmeldung maßgeblich. Hier reicht der Eintrag im Aktionärsregister aus.[38] Mit dem Teilnahmerecht geht das Rede- und Fragerecht des Aktionärs einher. Der Aktionär wird befugt, während der Hauptversammlung das Wort zu den Angelegenheiten des Unternehmens zu ergreifen und Fragen zu stellen.[39] Auch bei elektronischer Teilnahme muss die Ausübung dieser Rechte problemlos möglich sein. Allerdings enthält das Fragerecht auch das Recht auf eine mündliche Antwort. Auch die Beantwortung von Fragen kann ohne Probleme ermöglicht werden, wenn beispielsweise eine gleichzeitige Lesung erfolgt, und ließe sich am einfachsten durch die Übertragung der Hauptversammlung im Internet sicherstellen.[40] An der Stelle werden Handlungsspielräume seitens der Unternehmen deutlich.
Beschlüsse der Hauptversammlung bedürfen im Regelfall gem. § 133 Abs. 1 AktG einer einfachen Stimmrechtsmehrheit. In Ausnahmefällen kann durch eine Satzung eine größere Mehrheit vorgeschrieben sein. Das Stimmrecht beginnt bei vollständiger Einlagenleistung oder kann durch eine Satzung mit der Leistung einer Mindesteinlage einsetzen (§ 134 Abs. 2 S. 1, 3 AktG). Der Ausnahmefall soll eine Art Hilfsstimmrecht darstellen, falls kein Aktionär die vollständige Einlage geleistet hat und damit keine Beschlussfassung möglich wird.[41] Die Stimmrechtsausübung erfolgt gem. § 134 Abs. 1 AktG nach Aktiennennbeträgen, bei Stückaktien nach deren Zahl. In welcher Form das Stimmrecht ausgeübt wird, lässt das Gesetz offen. Dies ist abhängig von der Satzung (§ 134 Abs. 4 AktG). Die Ausübung des Stimmrechts durch den Aktionär kann seit der Verabschiedung des ARUG alternativ zur faktischen Präsenz bei der Hauptversammlung auch auf elektronischem Wege erfolgen (§ 118 Abs. 1 S. 2 AktG). Rechtlich gesehen besteht für Gesellschaften jegliche Freiheit, ihren Aktionären eine elektronische Stimmrechtsausübung auf Grundlage einer Satzung zu genehmigen.[42] Die faktische Ausübung des Stimmrechts bezeichnet zunächst die direkte Stimmabgabe durch Zustimmung oder Ablehnung, nicht aber die Enthaltung.[43] Da das Teilnahmerecht des Aktionärs kein höchstpersönliches Recht ist, kann es durch einen bevollmächtigten Vertreter ausgeübt werden.[44] Der Vertreter kann eine natürliche oder juristische Person sein und muss die Voraussetzung der Geschäftsfähigkeit erfüllen. Beispielhaft können hier Banken, Aktionärsvereinigungen oder auch von der Gesellschaft zur Verfügung gestellte Stimmrechtsvertreter infrage kommen.[45] Durch die Einführung des ARUG können Depotkunden, die Banken eine Vollmacht zur Stimmrechtsvertretung erteilen, Abstimmungsvorschläge der jeweiligen Bank nun auch auf elektronischem Wege übermittelt bekommen. Dies erleichtert den Informationsaustausch zwischen Aktionär und Vertreter.[46] Beschränkt werden darf nur die Zahl der gewählten Vertreter eines Aktionärs, sofern eine formal korrekte Bevollmächtigung stattgefunden hat.[47] Grundsätzlich gelten für den Vertreter die gleichen hauptversammlungsbezogenen Rechte wie für den einzelnen Aktionär – mit der Einschränkung, dass der geschäftsfähige Vertreter bei der Stimmabgabe an die Weisungen des vertretenen Aktionärs gebunden ist.[48] Die Vollmachts- und Weisungserteilung bedarf seit dem ARUG nicht mehr der Briefform. Die Textform ist ausreichend. Im Extremfall würde damit eine SMS zu Erteilung einer Vollmacht ausreichen.[49] Sofern die Gesellschaft die Briefwahl auf Grundlage einer Satzung ermöglicht, können Aktionäre auch in diesem Fall ihre Stimme per Brief oder auch elektronisch abgeben.[50] Allerdings gelten Aktionäre, die ihre Stimme im Wege der Briefwahl abgeben, nicht als präsent und sind damit nicht Bestandteil des Teilnehmerverzeichnisses. Folglich steht diesen Aktionären auch kein Recht auf Anfechtung der gefassten Beschlüsse in der Hauptversammlung zu.[51] Darüber hinaus ist es Gesellschaften möglich, ihre Aktionäre zur Online-Teilnahme zu berechtigen. Obwohl der Aktionär im Falle der Online-Teilnahme nicht physisch präsent ist, gilt er dennoch durch seine elektronische Präsenz als Teilnehmer und wird in das Teilnehmerverzeichnis der Hauptversammlung aufgenommen.[52] Hinsichtlich der Ausübung der Aktionärsrechte der Hauptversammlung besteht für die Gesellschaften Spielraum. Grundsätzlich können die Rechte des elektronisch teilnehmenden Aktionärs auf Grundlage der Satzung den Rechten des tatsächlich präsenten Aktionärs entsprechen. Allerdings könnte es auch Einschränkungen beispielsweise durch eine zeitliche Beschränkung des Rede- und Fragerechts geben.[53] Anders als bei der Briefwahl haben Online- Teilnehmer gem. § 245 Nr. 1 AktG ein Anrecht auf Anfechtung von Beschlüssen, da sie als präsente Teilnehmer gelten. Um eine wirksame Anfechtung zu gewährleisten, ist ein vorhandenes Rederecht Voraussetzung, da vorab ein Widerspruch zu erklären ist.[54] Schließlich gehen mit dem Stimmrecht des Aktionärs auch Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft einher. Zu nennen ist die Mitteilungspflicht des Aktionärs, wenn durch Erwerb oder Veräußerung bestimmte Meldeschwellen über- oder unterschritten werden.[55]
In Literatur und Presse wird ein Rückgang von HV-Präsenzen diskutiert.[56] Probleme niedriger Präsenzen werden darin gesehen, dass sogenannte Zufallsmehrheiten entstehen können und Kapitalminderheiten wichtige Entschlüsse treffen.[57] Ursachen für niedrige Präsenzen sind unterschiedlich und lassen sich nicht eindeutig zuordnen. Oftmals wird ein enger Zusammenhang zwischen Aktionärsstrukturen und HV-Präsenzen von Gesellschaften gesehen. Ein immer größer werdender Anteil ausländischer Investoren wird vermutet und damit auch eine immer stärker werdende Bedeutung des Cross-Border-Votings.[58] Grundsätzlich muss neben der rechtlichen auch die ökonomische Bedeutung der Stimmrechtsausübung betrachtet werden. Um eine effiziente Stimmrechtsausübung zu gewährleisten, müssen Aktionäre sich hinreichend in einzelne Geschäfte einarbeiten, wodurch bereits vor der Hauptversammlung ein Informationsbeschaffungsaufwand entsteht.[59] Aktionäre könnten mit „rationaler Apathie“ reagieren, da sie Kosten und Nutzen der Stimmabgabe abwägen und ihrem Stimmrecht möglicherweise eine geringere Bedeutung im Verhältnis zu den entstehenden Kosten zuweisen.[60] In der Theorie geht man davon aus, dass Investoren ein diversifiziertes Aktienportfolio besitzen und damit an vielen Firmen Anteile halten, um erwartete Risiken zu verringern. Insbesondere für ausländische Investoren sind die verbundenen Transaktionskosten damit zu groß, um bei international verbreiteten Gesellschaften, in die sie investiert haben, ihre Stimme auf physischem Wege abzugeben.[61] Bereits durch die An- und Abreise würden dem Aktionär hohe Kosten anfallen. Außerdem ist ein großer Zeitaufwand mit der physischen Präsenz bei der Hauptversammlung verbunden. Vor allem vor dem Hintergrund der Dauer einer solchen Veranstaltung entstehen Opportunitätskosten.[62] Einerseits kann der Aktionär in diesem Fall einen eigenen Vertreter versenden, für den er allerdings auch Reise- und/oder Aufenthaltskosten tragen müsste. Andererseits wäre eine Vertretung durch einen Finanzintermediär möglich. In diesem Fall entstehen dem Aktionär oftmals Gebühren durch depotführende Institute.[63] Kann der einzelne Aktionär durch seine Stimmabgabe einen Einfluss ausüben, so geht der Nutzen der Gesamtheit an Aktionären, also der gesamten Gesellschaft zu. Die individuellen Kosten des Aktionärs sind damit nicht gedeckt.[64] Insbesondere bei Gesellschaften mit einem oder mehreren Großaktionären ist die Werthaltigkeit des Stimmrechts kleinerer Aktionäre gegenüber den Großaktionären gering.[65] Des Weiteren kann angenommen werden, dass Kleinaktionäre vorrangig das Ziel einer hohen Rendite verfolgen und damit die Teilnahme an der Hauptversammlung eher zweitrangig ist. Der Großaktionär hingegen könnte mit dem Halten hoher Anteile zusätzlich unternehmerische Ziele verfolgen, was die Teilnahme interessanter macht.[66] Um dem genannten Kostenproblem entgegenzuwirken, geht die Tendenz in die Richtung, immer mehr elektronische Kommunikationsmittel einzusetzen. So kann auch Aktionären, die aus zeitlichen oder geografischen Gründen nicht bei der Hauptversammlung präsent sein können, die Stimmabgabe erleichtert werden.[67] Der Einsatz neuer Technologien kann die Informationsbeschaffung und die Stimmabgabe durch alternative Abstimmungswege erleichtern. Dies scheint aber nicht alle Probleme, die mit rückläufigen Präsenzen verbunden sind, zu lösen.[68] Eine Hürde stellt bereits die Kontaktaufnahme durch Unternehmen mit internationalen Aktionären dar. Unternehmen können ihre ausländischen Aktionäre nämlich größtenteils nicht identifizieren, da selbst Aktionäre mit Namensaktien oftmals nicht direkt im Aktienregister eingetragen sind.[69] Diese geringe Transparenz basiert darauf, dass internationale Anleger häufig hinter einer Kette ausländischer Banken nicht mehr erkennbar sind.[70] Im Aktienregister sind in solchen Fällen oftmals Verwahrbanken anstelle der tatsächlichen Inhaber der Namensaktien eingetragen.[71] Aus diesem Grund ist es möglich, dass der Aktionär häufig nicht rechtzeitig notwendige Informationen bezogen auf die Hauptversammlung erhält. Seit dem in der Praxis noch streitigen Urteil des OLG-Köln 2012 sollen nun auch zwischengeschaltete Kreditinstitute Stimmrechtsmitteilungen abgeben. Das hätte zur Folge, dass schnell Meldeschwellen überschritten werden, da Kreditinstitute häufig Aktien vieler Anleger verwahren.[72] Vor allem für ausländische Investoren entsteht in diesem Zusammenhang der irrtümliche Eindruck, Aktien seien um den Termin der Hauptversammlungen herum nicht mehr handelbar.[73] Dieser Eindruck entsteht dadurch, dass viele ausländische Aktionäre eine standardisierte Stimmabgabe durch bestimmte Dienstleister in Anspruch nehmen. Dabei nimmt die Identifizierung der Aktionäre über die gesamte Kette an Intermediären lange Zeit in Anspruch. Stimmrechtsmeldungen von ausländischen Kreditinstituten können somit erst kurz vor der Anmeldung zur Hauptversammlung erfolgen. Dadurch bedarf auch die Ummeldung von Aktien einer gewissen Zeit.[74] In diesem Sinne besteht die Sorge, dass sich ausländische Inhaber von Namensaktien zukünftig der Stimmabgabe entziehen. Durch die Einführung des „Record Date“ für gehaltene Inhaberaktien wurde eine zeitlich standardisierte Lösung im Gegensatz zu der Regelung der Erbringung des Nachweises bei Namensaktien gefunden. Dadurch könnte die Aktivität ausländischer Aktionäre gefördert werden.[75]
Im Folgenden soll eine empirische Analyse des Cross-Border-Voting-Zusammenhangs zwischen HV-Präsenzen und den Anteilen ausländischer Investoren erfolgen. Die Grundlage der Erhebung bilden die Geschäftsberichte der DAX-30-Unternehmen und die von den jeweiligen Investor-Relations-Abteilungen online bereitgestellten Informationen. Außerdem werden Ergebnisse mithilfe von deskriptiver Statistik ermittelt. Die Vergleichbarkeit der Unternehmen in Hinblick auf unterschiedliche Rechtsnormen ist gewährleistet.[76]
Bereits 2011 ist der Literatur ein Rückgang von HV-Präsenzen und eine Reihe von Lösungsvorschlägen zu entnehmen.[77] Sorge besteht darin, dass selbst Kleinanleger einen großen Einfluss auf die Geschäftspolitik von Unternehmen bekommen und sogenannte Zufallsmehrheiten entstehen.[78] Im Jahr 2012 hingegen scheinen bei einigen Unternehmen solche Zweifel nicht mehr zu bestehen. Selbst Kleinaktionäre schätzen die Bedeutung ihres Stimmrechts höher ein.[79] Im Folgenden soll dargestellt werden, wie sich die HV-Präsenzen der DAX-30-Unternehmen tatsächlich im Zeitablauf entwickelt haben. Die folgende Grafik beinhaltet auch Briefwahlstimmen, die grundsätzlich nicht in das Teilnahmeverzeichnis der Hauptversammlung einbezogen werden.[80]
Abb. 1 : Hauptversammlungspräsenzen im Zeitablauf. Quelle: SdK-Präsenzstatistik; Jahr 2013: Eigene Erhebung.
Im Jahr 2002 liegt der Mittelwert der HV-Präsenzen bei 49,19 % und damit knapp unter 50 %. Es wird aber eine hohe Streuung deutlich, da das Minimum bei unter 20 % und das Maximum bei über 80 % liegt. Bis zum Jahr 2005 ist ein Sinken des Mittelwerts erkennbar. Die Standardabweichungen der Jahre 2002 bis 2005 liegen zwischen 13,86 % im Jahre 2005 und 15,01 % im Jahre 2002. Dies zeigt, dass die Volatilität der Präsenzen innerhalb der verschiedenen Jahre hoch ist und die Aussagekraft des Mittelwerts damit als gering eingeschätzt werden kann. Es kann keine sichere Tendenz prognostiziert werden, ob die Präsenzen der Unternehmen in diesem Zeitraum alle zurückgehen. Vielmehr wird deutlich, dass die HV-Präsenz innerhalb der einzelnen Unternehmen sehr unterschiedlich ist. Nach dem Jahr 2005 kann den Daten einheitlich ein Anstieg der Präsenzen entnommen werden. Bis zum Jahr 2007 sinkt auch die Volatilität der Präsenzen auf eine Standardabweichung von 11,18 %. Gründe für diese Entwicklung können vielfältig sein, werden in der Literatur aber vor allem in der Verabschiedung des UMAG 2005 gesehen. Inhaberaktionären wurde so die Anmeldung zur Hauptversammlung erleichtert, da nun der Nachweis des depotführenden Instituts gegenüber der Hinterlegung ausreicht. Insbesondere ausländische Aktionäre könnten die klare Fristsetzung als Erleichterung der Anmeldung zur Hauptversammlung gesehen haben.[81] Aus diesem Grund reagieren ausländische Anleger wieder mit mehr Initiative bei der Abgabe ihrer Stimme.[82] Bei Unternehmen mit Höchstpräsenzen hält diese positive Entwicklung nur über eine Hauptversammlungssaison im Jahr 2006 an. Von 2007 bis 2012 hält sich der Mittelwert dann kontinuierlich über der 50 %-Marke und steigt sogar leicht an. Bei genauerer Betrachtung von Unternehmen mit der höchsten und niedrigsten Präsenz zeigt sich dagegen ein sehr schwankendes Bild. Im Jahre 2013 hingegen wird ein einheitlich starker Fall der Präsenzen deutlich. Der starke Fall ist möglicherweise auf das Urteil des OLG-Köln 2012 zurückzuführen. Von gefallenen Präsenzen im Jahre 2013 seien Unternehmen wie Siemens, die Namensaktien ausgegeben haben, stark betroffen. Ausländische Aktionäre könnten die neuen Regelungen zur Anmeldung bei der Hauptversammlung als Handelsbarriere sehen.[83] Die Hälfte der DAX-30-Unternehmen hat Namensaktien ausgegeben, die andere Hälfte Inhaberaktien. Die HV-Präsenzen sind allerdings nicht nur bei Unternehmen mit Namensaktien im Jahre 2013 zurückgegangen. Vielmehr hat sich die Präsenz, wie der Mittelwert zeigt, auch im Durchschnitt verringert. Allerdings verzeichnet das Jahr 2013 die höchste Standardabweichung von 17,92 %. Es zeigt sich also, dass der berechnete Durchschnitt aufgrund sogenannter „Ausreißer“ nicht ohne nähere Betrachtung interpretierbar ist. Abb. 2 stellt die Entwicklung der HV-Präsenzen vier ausgewählter Unternehmen in einem Zeitrahmen von fünf Jahren dar. Die Selektierung erfolgt aufgrund besonders auffallender Entwicklungen der HV-Präsenzen von dem Jahr 2012 auf das Jahr 2013. Das in der Literatur diskutierte Bild für Unternehmen, die Namensaktien ausgegeben haben, bestätigt sich.[84]
Abb. 2 : Entwicklung der Hauptversammlungspräsenzen ausgewählter Unternehmen. Quelle: SdK-Präsenzstatistik; Jahr 2013: Eigene Erhebung.
Am Beispiel der Deutschen Börse und von Bayer wird deutlich, dass die HV-Präsenzen im Jahr 2013 erheblich zurückgegangen sind. Merck und HeidelbergCement dagegen haben Inhaberaktien ausgegeben und verzeichnen sogar einen leichten Aufwärtstrend. Auch zeigt sich, dass Unternehmen mit Namensaktien nicht nur im Jahre 2013, sondern über gesamten Untersuchungszeitraum hinweg eine niedrigere Präsenz als Unternehmen mit Inhaberaktien aufweisen. Das Ergebnis stellt sich der Auffassung entgegen, dass Unternehmen, die Namensaktien ausgegeben haben, besser mit ihren Aktionären kommunizieren können und bei ihnen damit erhöhte Präsenzen zu erwarten sind.[85] Das Urteil des OLG Köln kann also nicht allein ein Grund für rückläufige Präsenzen sein. Vielmehr wird deutlich, dass Unternehmen mit hohen oder niedrigen Präsenzen über die Zeit hinweg trotz zwischenzeitlicher Schwankungen durchschnittlich ein bestimmtes Niveau halten (A. 1). Vor allem Unternehmen mit Namensaktien scheinen durchschnittlich eher eine geringere Präsenz als Unternehmen mit Inhaberaktien zu verzeichnen, da sie ihre ausländischen Investoren über eine Kette von Intermediären nicht identifizieren können.[86] Außerdem ist seit 2009 rechtlich festgelegt, dass Aktiengesellschaften einen Umschreibungsstopp um den Hauptversammlungstermin herum einführen dürfen, was vor allem von ausländischen Aktionären als Handelshemmnis empfunden wird.[87] Ein Zusammenhang zu der Aktionärsstruktur, insbesondere zu Anteilen ausländischer Investoren und zu dem Angebot von elektronischer Kommunikation durch Unternehmen, kann nicht ausgeschlossen werden.[88] Die Betrachtung der genannten Faktoren erfolgt in den folgenden Kapiteln.
Aktien der DAX-30-Unternehmen befinden sich größtenteils in Streubesitz. Abgesehen von Unternehmen wie Volkswagen und Beiersdorf, deren Streubesitzanteil bei 9,9 % und 39,54 % liegt, befinden sich die Aktien der anderen Unternehmen alle zu über 50 % bis zu 100 % in Streubesitz. In Abb. 3 ist zu sehen, dass der durchschnittliche Streubesitz bei 76,74 % liegt. Die hohe Standardabweichung von 20,59 % ist auf die genannten Ausreißer zurückzuführen und beträgt ohne diese 14,98 %.
Abb. 3 : Streubesitzanteil der DAX 30 zum 31.12.2012. Quelle: eigene Erhebung.
In der Literatur wird überwiegend die Meinung vertreten, ein hoher Streubesitz gehe mit einem vergleichsweise geringeren Anteil von Großaktionären einher. Durch einen geringen Einfluss von Großaktionären wird dem Unternehmen damit eine unabhängigere Entscheidungsfindung ermöglicht.[89] Aktien von Unternehmen wie Volkswagen, die einen überdurchschnittlich geringen Streubesitz aufweisen, haben allerdings oftmals einen oder mehrere Großaktionäre, welche hohe Anteile an Aktien halten. Bei Volkswagen ist vor allem die Porsche Automobil Holding SE und Porsche GmbH zu nennen, die gemeinsam zum Ende des Jahres 2012 einen Anteil von 52,74 % hielten.[90] Von 2002 bis 2013 weist Volkswagen eine durchschnittliche HV-Präsenz von 47,92 % auf (A. 4). Ein Grund könnte darin liegen, dass Großaktionäre einen hohen Anteil an Kapital in das Unternehmen investiert haben. Dadurch steigen ihre Kontrollbedürfnisse gegenüber dem Management und die Bereitschaft zur Teilnahme an der Hauptversammlung, da sie auch ein höheres Risiko als Kleinaktionäre tragen.[91] Großaktionäre haben also einen bedeutungsvollen Einfluss auf Beschlussfassungen, obwohl der Streubesitzanteil der DAX-Unternehmen hoch ausfällt. Denkbar ist, vor allem vor dem Hintergrund des Prinzips „One Share One Vote“, dass Großaktionäre einen größeren Einfluss bei der Beschlussfassung in der Hauptversammlung haben, was Kleinaktionäre von ihrer Stimmrechtsausübung abhalten könnte.[92] Vor allem ausländische Aktionäre tragen in der Regel nämlich hohe Kosten, wenn sie eine physische Teilnahme an der Hauptversammlung anstreben. Sowohl Großaktionäre als auch ein kleiner Anteil an gehaltenem Kapital können dazu führen, dass Aktionäre ihrer Stimme eine so geringe Bedeutung zuordnen, dass sie mit rationaler Apathie reagieren und nicht an der Hauptversammlung teilnehmen.[93] Unternehmen mit hohem Streubesitz weisen trotz eines geringen Anteils an gehaltenem Kapital durch Großaktionäre oftmals auch geringe HV-Präsenzen auf, was diese These unterstützt. Die Deutsche Bank weist beispielsweise mit nur einem Großaktionär (der einen Anteil von 5,12 % hält) und einem Streubesitz von 99 %[94] eine durchschnittliche HV-Präsenz über den Zeithorizont von 2002 bis 2013 von 35,23 % auf. Damit liegt die Präsenz im Durchschnitt weit unter der von Volkswagen. Außerdem gibt es Unternehmen, die trotz hohen Streubesitzanteils einen oder mehrere Großaktionäre aufweisen. Das Ergebnis zeigt, dass der Streubesitz und der Anteil der Großaktionäre einen Einfluss auf das Verhalten der Aktionäre haben können. Eine unabhängige Interpretation kann allerdings nicht gemacht werden. Ein weiterer Aspekt sind hohe Opportunitätskosten durch eine in der Regel lang andauernde Veranstaltung. Die durchschnittliche Dauer der Hauptversammlung liegt in den Jahren 2002 bis 2012 zwischen 6,84 Std. und 7,82 Std. Im Jahr 2012 dauerte die Hauptversammlung der Commerzbank sogar 10,15 Stunden.[95] In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob ein Aktionär, der wenige Anteile hält, bereit ist, einen so großen Zeitaufwand aufzubringen. Zum Zwecke der Erhöhung von HV-Präsenzen sollten Unternehmen sich auf Kerninhalte konzentrieren. Die Hauptversammlung sollte klare Informationen zu den gegebenen Tagesordnungspunkten bieten und damit den Nutzen der Präsenz für Aktionäre steigern.[96]
Bereits im Jahr 2005 werden in der Literatur hohe Anteile ausländischer Anleger und ein Zusammenhang zu HV-Präsenzen vermutet. Über die Hälfte der Aktien, so Schütz und Linde (2005), befinden sich schon 2005 in ausländischem Besitz.[97] In der folgenden Abbildung soll der in der Literatur diskutierte Anteil ausländischer Investoren am Streubesitz der DAX-30-Unternehmen im Zeitablauf dargestellt werden.
Abb. 4 : Anteil ausländischer Investoren am Streubesitz im Zeitablauf. Quelle: eigene Erhebung.
Nicht alle Unternehmen publizieren über den Anteil ausländischer Investoren gleichermaßen. 20 % der Unternehmen machen keine Angabe, und 13 % der Unternehmen können ausschließlich Auskunft über die vertretenen Länder im Hinblick auf institutionelle Investoren machen. Nur 23 % der Unternehmen stellen die Entwicklung in ihren Geschäftsberichten von 2003 bis 2012 dar. Die Grafik enthält dennoch Unternehmen, die z. B. über einen Fünfjahreshorizont berichten. Im Jahr 2003 liegt der durchschnittliche Anteil ausländischer Investoren bei 50,74 %. Bei dem Unternehmen mit dem geringsten Auslandsanteil liegt er bei 28,75 %. Das Maximum zeigt, dass 66 % der Anteile bei dem jeweiligen Unternehmen von ausländischen Investoren gehalten werden. Im Jahr 2004 ist im Durchschnitt zunächst ein sinkender Anteil ausländischer Anleger zu erkennen. Allerdings kann der Datenlage entnommen werden, dass dies nicht bei allen Unternehmen der Fall ist. Bei den meisten beobachteten Unternehmen nimmt auch hier der Auslandsanteil weiter zu (A.8). Im Jahr 2005 erhöht sich der Anteil ausländischer Investoren im Maximum. Auch der durchschnittliche Anteil steigt. Hier lässt sich ein Zusammenhang zu den HV-Präsenzen vermuten. In Abb. 1 ist im Jahr 2005 parallel zu dem Anstieg des Anteils ausländischer Anleger ein zeitgleicher Fall der HV-Präsenzen erkenntlich. Bis zum Jahr 2007 dehnt sich der durchschnittliche Anteil ausländischer Investoren dann weiter aus, wohingegen 2008 im Durchschnitt ein Fall von ca. 6 % zu sehen ist. Vor allem bei Unternehmen, die zuvor noch vergleichsweise geringe Anteile ausländischer Investoren verzeichnen, sinkt das Minimum im Jahr 2008 stark. Dies könnte mit dem sinkenden Vertrauen der Anleger während der Krise und nach einem bereits schwierigen Jahr 2007 zusammenhängen.[98] Eine eindeutige Erklärung kann aber nicht abgegeben werden, da auch weitere Faktoren eine Rolle gespielt haben können. Die Präsenz im Jahre 2008 liegt mit durchschnittlich 59,61 % vergleichsweise hoch (Abb. 1). Die herrschende Literaturmeinung, dass eine negative Korrelation zwischen Anteilen ausländischer Investoren und HV-Präsenzen besteht, könnte sich damit bestätigen.[99] Ab dem Jahr 2009 ist bei dem Großteil der Unternehmen eine steigende Tendenz des Anteils ausländischer Investoren am Streubesitz festzuhalten. Im Jahre 2009 liegt das Maximum sogar bei 91,7 %. Es lässt sich vermuten, dass dieses Niveau in Folgejahren mindestens stagniert. Dennoch ist die HV-Präsenz im Jahr 2012 mit einem Durchschnitt von 58,47 % im Jahresvergleich als hoch einzustufen. Ein Grund dafür könnte eine verbesserte Kommunikation mit Aktionären durch Nutzung elektronischer Medien sein, was in den folgenden Kapiteln untersucht wird. Neben der Nutzung elektronischer Medien könnte auch die regionale Verteilung von Aktionären einen Einfluss auf HV-Präsenzen haben. Aktionäre, die beispielsweise in Nordamerika leben, haben im Vergleich zu europäischen Aktionären höhere Kosten zu tragen. Hier sind zum einen oftmals höhere An- und Abreisekosten, aber auch zeitliche Opportunitätskosten zu nennen.
[1] Vgl. Karsch (2012), S. 8-12.
[2] Vgl. Hamburger Abendblatt (2013).
[3] Vgl. Der Aufsichtsrat (2010a), Nr. 7-8, S. 115.
[4] Vgl. Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen (2009), Nr. 2, S. 60.
[5] Vgl. Zypries (2008), S. 19.
[6] Vgl. DCGK (2012), 1. Präambel.
[7] Vgl. Werder, in: Ringleb et al. DCGK (2010), 1. Präambel, Rn 94.
[8] Vgl. Habersack, in: MünchKommAktG (2013), AktG § 111, Rn 7-9.
[9] Vgl. Hoffmann, in: Spindler/Stilz AktG (2010), AktG § 118, Rn 5.
[10] Vgl. Drinhausen, in: Hölters AktG (2011a), AktG § 118, Rn 5; vgl. auch Kubis, in: MünchKommAktG (2013a), AktG § 118 Rn 1.
[11] Vgl. Römermann, in: KommGmbHG (2010), GmbHG § 48, Rn 8.
[12] BVerG, NJW (2000), S. 351.
[13] Hölz (2005), S. 13.
[14] Vgl. Hüffer, in: Hüffer AktG (2012a), AktG § 118, Rn 4.
[15] Vgl. Drinhausen, in: Hölters AktG (2011b), AktG § 119, Rn 1.
[16] Vgl. § 119 Abs. 1 Nr. 1-4 AktG.
[17] Vgl. § 119 Abs. 1 Nr. 5-6, 8 AktG.
[18] Vgl. Liebscher, in: Henssler/Strohn Gesellschaftsrecht (2011a), AktG § 119, Rn 1-6.
[19] Kubis, in: MünchKommAktG (2013b), AktG § 119, Rn 1-2.
[20] Vgl. Hüffer, in: Hüffer AktG (2012b), AktG § 121, Rn 5; vgl. auch Kubis, in: MünchKommAktG (2013c), AktG § 121, Rn 9.
[21] Vgl. § 111 Abs. 3 AktG Aufsichtsrat und § 122 AktG Aktionäre, alternative Einberufungsberechtigung.
[22] Vgl. Linnerz (2006), S. 208.
[23] Vgl. Schaaf, in: Praxis der HV (2011a), Rn 124.
[24] Vgl. Repgen (2006), S. 129.
[25] Vgl. Florstedt (2010), S. 4.
[26] Vgl. Rieckers, in: Spindler/Stilz AktG (2010a), AktG § 123, Rn 7.
[27] Vgl. Liebscher, in: Henssler/Strohn Gesellschaftsrecht (2011b), AktG § 121, Rn 11.
[28] Vgl. Herrler (2009), S.816; vgl. auch Kalls, in: MünchKommAktG (2013), AktG § 124 a, Rn 1.
[29] Vgl. Rieckers, in: Spindler/Stilz AktG (2010b), AktG § 128, Rn 6.
[30] Vgl. Tüngler (2012), S. 657.
[31] Vgl. Bohnet, in: Schüppen/Schaub, MAH Aktienrecht (2010), AktG § 27, Rn 1.
[32] Vgl. Reichert, in: Beck'sches Handbuch der AG (2009), AktG § 5, Rn 142.
[33] Vgl. EU-Richtlinie 2007/36/EG (2007), Art. 2.
[34] Vgl. Drinhausen, in: Hölters AktG (2011c), AktG § 123, Rn 9.
[35] Vgl. Schaaf, in: Praxis der HV (2011b), Rn 269.
[36] Vgl. DnotI-Report (2005), S. 186.
[37] Vgl. Hüffer, in: Hüffer AktG (2012c), AktG § 123, Rn 12.
[38] Vgl. Grobecker (2010), S. 165.
[39] Vgl. Kremer, in: Ringleb et al. DCGK (2010), Rn 255-256; vgl. § 131 Abs. 2 AktG Ein- schränkung des Rederechts.
[40] Vgl. Kersting (2010a), S. 131.
[41] Vgl. Hirschmann, in: Hölters AktG (2011), AktG § 134, Rn 23.
[42] Vgl. Bosse (2009), S. 809.
[43] Vgl. Linden (2012), S. 931.
[44] Vgl. Hüffer, in: Hüffer AktG (2012d), AktG § 118, Rn 14.
[45] Vgl. Heckschen, in: Beck'sches Notarhandbuch (2009), DIII AG, Rn 3b.
[46] Vgl. Fues (2010), S. 28; vgl. auch DER BETRIEB (2009), H. 23, S. 17.
[47] Vgl. EU-Richtlinie 2007/36/EG (2007), Art. 10.
[48] Vgl. Zetschke (2007), S. 686.
[49] Vgl. Bönig (2010), S. 50.
[50] Vgl. Swiercz (2013), S. 34-35.
[51] Vgl. Drinhausen und Keinath (2009), S. 2327.
[52] Vgl. Wilm, (2010), S. 1689.
[53] Vgl. Noack (2008), S. 443.
[54] Vgl. Kersting (2010b), S. 134.
[55] Vgl. Petersen, in: Spindler/Stilz AktG (2010), WpHG § 21-30 Rn 22.
[56] Vgl. Der Aufsichtsrat (2010b), Nr. 07-08, S. 115.
[57] Vgl. Klühs (2005); vgl. auch Weber (2009), S. 406.
[58] Vgl. Shouten (2009), S. 3.
[59] Vgl. Crone und Steiniger (2010), S. 88.
[60] Vgl. Lenz (2006), S. 535.
[61] Vgl. Strätling (2012), S. 144.
[62] Vgl. Linge und Theissen (2008a).
[63] Vgl. Unanyants-Jackson (2007), S. 27.
[64] Vgl. Bornmüller (2002), S. 113.
[65] Vgl. Ernst et al. (2005), S. 29.
[66] Vgl. Hasselbach und Jakobs (2013), S. 648.
[67] Vgl. Zwissler (2001), S. 85.
[68] Vgl. Kentouris (2007).
[69] Vgl. Mörlein (2008), S. 101.
[70] Vgl. Ratschow (2007), S. 1402.
[71] Vgl. Leuering (2007), S. 608.
[72] Vgl. Cabras (2013); vgl. auch Paul (2012), S. 346.
[73] Vgl. Flämig (2013a), S. 4.
[74] Vgl. Börsen-Zeitung (2013), Nr. 87, S. 5; vgl. auch Gebauer (2013).
[75] Vgl. Schaefer (2007), S. 900.
[76] Vgl. DCGK (2012), 1. Präambel.
[77] Vgl. SdK (2011).
[78] Vgl. Freudenberg (2008), S. 18.
[79] Vgl. Sommer (2012).
[80] Vgl. Keiluweith (2010), S. 2251.
[81] Vgl. Noack (2005).
[82] Vgl. Registrar Services (2007).
[83] Vgl. Flämig (2013), S. 13.
[84] Vgl. Stephanblome (2013).
[85] Vgl. Worch (2010), S. 40.
[86] Vgl. Dickert (2011), S. 40.
[87] Vgl. Bayer und Lieder (2009), S. 1361.
[88] Vgl. Zerfass und Köhler (2012), S. 30.
[89] Vgl. Büschgen (1994), S. 26.
[90] Vgl. Volkswagen Geschäftsbericht (2012), S. 169.
[91] Vgl. Berger (2011), S. 48.
[92] Vgl. Heimrich (2011), S. 33.
[93] Vgl. Ek (2006), S. 75.
[94] Vgl. Geschäftsbericht Deutsche Bank (2012), S. 36.
[95] Vgl. SdK, HV-Dauer (2012).
[96] Vgl. GoingPublic (2004), H. 9, S. 8.
[97] Vgl. Schütz und Linde (2005), S. 25.
[98] Vgl. Steltzner (2008).
[99] Vgl. Linge und Theissen (2008b).
V311005
9783668100800
9783668100817
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Denisa Lleshaj (Autor), 2013, Empirische Analyse des Cross-Border Voting-Zusammenhangs zwischen Hauptversammlungspräsenzen und Anteil ausländischer Investoren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311005
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