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Timestamp: 2020-02-19 05:12:21+00:00

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Die Praxisgebühr 2004 - 2012 - wirkungsvolles ...
Abb. 6: Durchschnittl. jährliche Wachstumsrate der Arztkonsultationen je Einwohner 1990-2005 für aus gewählte Länder
Abb. 9: Vermeidung von Arztbesuchen auf Grund der Praxisgebühr Gesamt und deren Unterteilung nach Einkommensschichten 2004 und 2005
Abb. 15: Entwicklung der zuzahlungsbefreiten Versicherten 1 und 2 v. H. der Belastungsgrenze
Mit nur einem halben Jahr Abstand folgten dann das 1. GKV-Neuordnungsgesetz zum 01.07.1997 und das 2. GKV-Neuordnungsgesetz zum 01.01.1998. In beiden Reformen wurden zahlreiche, sich hauptsächlich zu Ungunsten der Versicherten auswirkende Maßnahmen beschlossen, diese aber mit der darauffolgenden Reform wieder abgeschafft. Bleibende Maßnahmen dieser Reformen waren u.a. die erneute Erhöhung der Zuzahlungen für Krankenhausaufenthalte, Arznei- und Hilfsmittel, Krankentransporte und Zahnersatz (für zu dieser Zeit anspruchsberechtigte Jahrgänge). Eine Erweiterung des Leistungskataloges stellte die Bezuschussung der Hospizversorgung dar. Die Kassen konnten individuelle Verträge mit ambulanten und stationären Leistungserbringern schließen und erhielten den Auftrag, die Fallpauschalen-Regelung in der stationären Versorgung weiterzuentwickeln. Insgesamt lag die Grundausrichtung der GKV-Neuordnungsgesetzte nicht mehr nur in der generellen Kostenreduktion, sondern auch in der Konkurrenzverschärfung durch erweiterte individuelle Vertragsmöglichkeiten für die Krankenkassen gegenüber den Leistungserbringern aber auch gegenüber den Versicherten. Die erneute Belastung der Versicherten durch erhöhte Zuzahlungen hatte nicht mehr nur den Hintergrund das Leistungsinanspruch­nahmeverhalten zu steuern, sondern auch vornehmlich den Zweck, Geld in das GKV-System fließen zu lassen[6].
Selbstbeteiligungen, die bei Leistungen anfallen die von der gesetzlichen Krankenversicherung getragen werden, unterscheiden sich in ihrer Art der Bemessung. Unterschieden werden proportionale Zuzahlungen, Selbstbehalte, pauschale Fixgebühren und Festbeträge[32].
Proportionale Zuzahlungen sind in ihrer Höhe von den tatsächlichen Leistungskosten abhängig und werden in der gesetzlichen Krankenversicherung oft mit Mindest- und Höchstbeträgen begrenzt. Proportionale Zuzahlungen werden weiter differenziert in s.g. Integral- und Abzugsfranchise. Franchise wird im Versicherungswesen definiert als vertraglich vereinbarter Anteil, der vom Versicherungsnehmer im Leistungsfall über die normale Versicherungsprämie hinaus, selbst zu tragen ist.
- Integralfranchise
Die Integralfranchise[33] stellt einen Selbstbehalt dar und ist in der gesetzlichen Krankenversicherung deutlich bekannter als s.g. Belastungsgrenze nach § 62 SGB V. Die Belastungsgrenze ist eine vom Bruttohaushaltseinkommen abhängige Grenze, bis zu der gesetzliche Zuzahlungen pro Kalenderjahr zu entrichten sind, ohne dass eine Erstattung seitens der gesetzlichen Krankenversicherung erfolgt. Festgelegt ist der zu leistende Zuzahlungsanteil auf maximal 2% des jährlichen Bruttoeinkommens, für chronisch erkrankte Versicherte wird der Anteil auf 1% gesenkt. Wird die Belastungsgrenze erreicht oder überschritten, wird der Haushalt auf Antrag von der weiteren Zuzahlungspflicht im laufenden Kalenderjahr befreit und erhält über die Belastungsgrenze hinaus entrichtete Zuzahlungen erstattet[34].
- Abzugsfranchise
Hat der Versicherte bei Inanspruchnahme einer Kassenleistung die Kosten bis zu einer bestimmten Höhe zunächst grundsätzlich selbst zu tragen, wird dieser Anteil als Abzugsfranchise[35] bezeichnet. Die Abzugsfranchise kommt in der gesetzlichen Krankenversicherung als fester Selbstbehalt als auch als proportionale Beteiligung vor. Ein Beispiel dafür ist die Verordnung von Heilmitteln. Hier trägt der Versicherte grundsätzlich 10 € als festen Selbstbehalt sowie 10% der Kosten, die für die verordnete Behandlung entstehen[36].
- Festzuschuss
Der Festzuschuss ist ein gesetzlich bestimmter Betrag, den die gesetzliche Krankenversicherung für definierte Leistungen aufbringt, unabhängig von den tatsächlichen Kosten einer Versorgung. In der Regel sind die Festzuschüsse bedarfsungerecht kalkuliert und der Versicherte muss die Kosten seiner Versorgung, die über den Festzuschuss hinaus entstehen, grundsätzlich selbst tragen[37]. Am bekanntesten ist diese Form der Selbstbeteiligung bei der Zahnersatzversorgung. Durch Befundorientierte Festzuschüsse wird der Anteil der Kosten bestimmt, die die gesetzliche Krankenversicherung abdeckt, darüber hinaus steht der Versicherte für die Kosten ein. Durch verschiedene Härtefallregelungen werden einkommensschwache Personenkreise bei der Zahnersatzversorgung zusätzlich unterstützt[38].
Darüber hinaus haben Festzuschüsse zunehmend im Bereich der Arzneimittelversorgung an Bedeutung gewonnen, sind aber auch in der teils kostenintensiven Hilfsmittelversorgung für z. Bsp. Hörgeräte, Perücken oder Pflegebetten anzutreffen[39].
- Pauschale Gebühr
Pauschale Gebühren stellen eine absolute Selbstbeteiligung dar und fallen in der Regel immer bei der Beanspruchung einer bestimmten Leistung an, unabhängig von den tatsächlichen Kosten der Versorgung[40]. Feste Gebühren sind in der stationären und rehabilitativen Versorgung seit langem integriert. Für jeden Aufenthaltstag im Krankenhaus sind für maximal 28 Tage pro Kalenderjahr 10 € zu entrichten. Gleiches gilt für Aufenthalte in Rehabilitationskliniken – Sonderregelungen gelten für unmittelbar aufeinanderfolgende Krankenhaus- und Rehabilitationsaufenthalte[41]. Seit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz 2004 wurde auch im ambulanten Bereich durch die Einführung der Praxisgebühr erstmalig eine grundsätzliche Pauschale für die Konsultation von Haus-, Fach- und Zahnärzten sowie Psychotherapeuten eingeführt.
Die Bundesregierung hat in ihrem Gesetzesentwurf zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung 2004 Selbstbeteiligungen nicht nur als Instrument zur Stärkung der Eigenverantwortung und Beteiligungsrechte der Versicherten bezeichnet, sondern auch als Teil der Neuordnung zur Finanzierung des Systems, dass der sozialen Gerechtigkeit und Kostenentlastung dienen sollte[42].
Die Funktionen von Selbstbeteiligungen werden in der einschlägigen Fachliteratur dann auch als Steuerungs- und Finanzierungsfunktionen beschrieben, wobei die Steuerungsfunktion nach wie vor kontrovers diskutiert wird[43].
Selbstbeteiligungen jeglicher Art bewirken, dass die Versicherten Leistungen nicht nur durch ihren monatlichen Beitrag finanzieren, sondern im Bedarfsfall zusätzliche Zahlungen leisten, die die Ausgabenseite der gesetzlichen Krankenversicherung entlasten. Die Kostenlast wird durch Selbstbeteiligungen zu Ungunsten der Versicherten verschoben. Dies steht dem Gedanken der paritätischen Finanzierung grundsätzlich entgegen, wird jedoch als notwendig erachtet, um die ausreichende Finanzierung des Systems unter Berücksichtigung der sozialpolitischen Zusammenhänge sicherstellen zu können[44].
Die markanten finanziellen Defizite der GKV in den Jahren vor dem GKV-Wettbewerbs­stärkungsgesetz 2004 bestätigten eine sich zuspitzende Finanzsituation seitens der Kassen u.a. bedingt durch stetig steigende Gesundheitsausgaben. Betrugen diese 2001 noch 2.680 € pro Kopf waren es im Jahr 2003 bereits 2.840 €[45].
Quelle: eigene Darstellung nach Statistisches Bundesamt 2013.
Die entlastende Funktion der Zuzahlungen zeigte sich in der Finanzentwicklung nach der Einführung der neuen Zuzahlungsregelungen aus dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz 2004. Die gesetzlichen Krankenkassen konnten sich auch Dank der neuen Zuzahlungsmehreinnahmen bzw. dadurch erreichte Minderausgaben trotz weiter steigender Gesundheitsausgaben aus den negativen Zahlen erholen und eine deutlich positive Bilanz erwirtschaften.
Quelle: eigene Darstellung nach Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (2012), S. 24 f.
Die Finanzierungsfunktion der gesetzlichen Zuzahlungen nimmt damit einen nicht unerheblichen Stellenwert in der Kostenkalkulation der GKV ein.
Valide Daten der Zuzahlungsvolumina liegen erst ab dem Jahr 2005 vor - diese beliefen sich in diesem Jahr auf insgesamt 5,45 Milliarden Euro. Allein für die ambulante ärztliche Behandlung wurden Zuzahlungen in Höhe von 1,62 Milliarden Euro entrichtet[46].
Das Niveau der gesamten Zuzahlungseinnahmen blieb trotz leicht abnehmender Tendenz seit der Einführung 2004 insgesamt stabil.
Quelle: verkürzte eigene Darstellung nach GKV-Spitzenverband (2011), S. 17.
Die gesetzlich Versicherten zahlen im deutschen Gesundheitssystem einen prozentualen Teil ihres Einkommens zur gesetzlichen Krankenversicherung ein und haben dann grundsätzlich Anspruch auf die verfügbaren Leistungen über die Krankenversicherungskarte. Dieses s.g. Sachleistungsprinzip bietet wenig Möglichkeit[47] eine Relation zwischen den beanspruchten Leistungen und den dafür entstandenen Kosten zu erhalten. Der dadurch entstehende Eindruck der „kostenlosen“ Versorgung schürt den Effekt des ex post Moral Hazard[48].
Grundsätzliches Ziel der GKV ist es jedoch, die Leistungen im notwendigen und ausreichenden Maße zu erbringen und dabei die Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen.
Die Erhebung von Zuzahlungen soll daher den Eindruck einer kostenlosen Versorgung verhindern und eine Steuerungsfunktion hinsichtlich der Vermeidung von Überversorgung ausüben[49] und zwar auf Seiten der Versicherten und der Leistungserbringer.
Die Zuzahlungen ergänzen das Sachleistungsprinzip daher als (theoretisch) begrenzendes Instrument auf Seiten der Versicherten und soll sich dadurch auch auf Seiten der Anbieter auswirken, da die Versicherten durch die Mitfinanzierung der Leistungen diese nicht mehr zum quasi Null-Tarif erhalten und deren Beanspruchung durch wirtschaftliche Überlegungen begleitet wird. Das gewinnmaximierende Anbieterverhalten soll dadurch indirekt mit beeinflusst werden[50].
Das deutsche Gesundheitswesen ist ein Konstrukt, in dem der Versicherte als Konsument in einer Quasi-Vollversicherung die von den Leistungsanbietern erbrachten Leistungen empfängt, diese jedoch nicht selbst bezahlen muss. Die Vergütung wird von der in diesem Moment „außen vorstehenden“ gesetzlichen Krankenkasse übernommen. In diesem s.g. 3-seitigen Marktmodell fehlt die der Kaufentscheidung zu Grunde liegende Abwägung des Preis-Leistungsverhältnisses durch den Konsumenten. Das fehlende Wissen um den Preis der empfangenen Leistung auf Seiten des Versicherten und die Bestrebung der Leistungserbringer möglichst viele Behandlungen durchzuführen und damit die eigenen Einnahmen zu erhöhen, machen eine eingreifende Steuerung notwendig. Selbstbeteiligungen greifen in das Versicherten-Leistungserbringer-Verhältnis ein und implementieren durch die Zuzahlungen auf Seiten der Versicherten ein Steuerungsinstrument zur Nachfrageregulierung[51].
Die steuernde Wirkung von Selbstbeteiligungen hängt neben der Art und Höhe der Selbstbeteiligung auch davon ab, für welche Gesundheitsleistung sie erhoben wird[52].
Die Preiselastizität einer Nachfrage beschreibt die prozentuale Veränderung der Nachfragmenge im Verhältnis zur prozentualen Preisänderung für eine Leistung. Leistungen der Basisversorgung und lebensnotwendige Leistungen haben eine preisunelastische Nachfrage, da der Versicherte die Leistung bei Bedarf unabhängig vom tatsächlichen Preis in der vorhandenen Form konsumieren muss und keine Möglichkeit der Substitution hat. Werden solche Gesundheitsleistungen mit Zuzahlungen belegt, haben diese für die gesetzlichen Krankenkassen lediglich eine pro Leistung finanziell entlastende aber keine steuernde Wirkung im Sinne einer verringerten Nachfrage[53].
Ist die Nachfrage jedoch preiselastisch, kann der veränderte Preis eine Nachfragesteuerung bewirken. Neben dem finanziell entlastenden Aspekt pro Leistung tritt auch eine insgesamt entlastende Wirkung auf Grund gesunkener Konsumnachfrage ein. Preiselastische Nachfragen bestehen für Gesundheitsleistungen, die nicht lebensnotwendig sind[54].
Bei der Überlegung welche Gesundheitsleistungen in welcher Höhe mit einer Zuzahlung belegt werden, ist die Einkommenselastizität der Nachfrager zur berücksichtigen. Diese bezeichnet den „ … Einfluss von Einkommensänderungen auf die Nachfrage nach bestimmten Gütern … „[55]. Demnach schmälert die Erhebung einer Zuzahlung auf notwendige Gesundheitsleistungen die Einkommen der Nachfrager bei hohem und niedrigem Einkommen entsprechend. Der Nachfrager mit hohem Einkommen wird von der zusätzlichen Ausgabe jedoch weniger stark in seiner finanziellen Belastbarkeit beansprucht als der Nachfrager mit geringem Einkommen. Dies kann dazu führen, dass der Nachfrager mit geringem Einkommen die Gesundheitsleistungen nicht oder nicht mehr im medizinisch notwendigen Maß konsumiert und dadurch ernsthafte gesundheitliche Beeinträchtigungen erfährt[56].
- Wirksamkeitsgrenze
Zuzahlungen entfalten nur dann einen Steuerungseffekt, wenn deren Höhe so bemessen ist, dass sie einerseits eine unnötige Leistungsabforderung unattraktiv machen, auf der anderen Seite aber notwendige Behandlungen nicht verhindern[57].
Die „optimale“ Höhe von Selbstbeteiligungen ist jedoch nicht standardisiert ermittelbar, da deren Wirkung auf jeden Einzelnen durch die individuelle Gesundheits- und Lebenssituation unterschiedlich ausfallen und sich im Lebenslauf verändern. So treten beispielsweise neben der sich im Erwerbs- und dann Rentnerleben ändernden Einkommenselastizität ab einem höheren Alter auch naturbedingt höhere Behandlungsintensitäten auf. Durch die sich steigernde Behandlungsbedürftigkeit tritt auch eine sich manifestierende Unelastizität der Nachfrage ein – älter werdende Menschen würden durch ihre Altersgebrechen tendenziell stärker belastet, was nicht im Interesse der dem System zu Grund liegende Solidarität wäre[58].
Es bleibt also genau abzuwägen, welche Leistungen mit einer Zuzahlung belegt werden und in welcher Höhe und Variabilität diese gestaltet werden dürfen, um eine Wirksamkeit in der unnötigen Nachfrage zu erreichen, gleichzeitig aber die notwendige Versorgung nicht unzugänglich zu machen.
In welcher Höhe die Selbstbeteiligung für eine Gesundheitsleistung eine optimale Steuerungswirkung entfaltet, kann demnach nicht abschließend ermittelt werden, da viele Faktoren beeinflussend wirken. Festgestellt werden konnte, dass zu gering bemessene Selbstbeteiligungen nur kurzfristige Verhaltensänderungen bewirken, die durch Vorzieh- und Nachholeffekte aufgehoben werden. Zu hohe Selbstbeteiligungen hingegen potenzieren die Gefahr, dass medizinisch notwendige Behandlungen aufgeschoben und dadurch zur Gesundheitsgefährdung werden[59].
Selbstbeteiligungen spielen auch in den Gesundheitssystemen anderer Länder eine große Rolle – und so unterschiedlich die Systeme der Gesundheitsversorgung im internationalen Ausland geregelt sind, so unterschiedlich gestalten sich auch deren Zuzahlungsregelungen.
In der folgenden Tabelle werden zunächst ausgewählte europäische Gesundheitssysteme in ihrer Art und Wirkungsweiser überblickend klassifiziert sowie deren Finanzierung betrachtet. Im Anschluss werden für diese Länder die dort geltenden Zuzahlungsregelungen im Hinblick auf den haus- und fachärztlichen Zugang, die Arzneimittel- und Krankenhausversorgung übersichtlich dargestellt.
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[60]
Quelle: eigene Darstellung nach AOK Bundesverband (2013b); Beske, Golbach (2009), S. 28 ff.
Die Gesundheitssysteme unterscheiden sich im Wesentlichen in der Finanzierungsform und dem Aufbau der Versorgungsstruktur. Für die Bürger nahezu beitragsfreie Systeme (Großbritannien, Italien) stehen mischfinanzierten Systemen gegenüber, die sich u.a. aus pauschalen und prozentualen Beiträgen der Bürger und Arbeitgeber, aus Steuermitteln und verschiedensten Abgaben der Wirtschaft zusammensetzen (Deutschland, Niederlande, Frankreich) und Systemen, die sich zu großen Teilen aus Beiträgen der Bürger finanzieren (Schweiz, Polen). Gemeinsames Ziel aller Systeme ist mindestens die Basisabsicherung aller Bürger im Krankheitsfall.
Die Zuzahlungsregelungen in den jeweiligen Ländern stehen in ursächlichem Zusammenhang mit der gesundheitspolitischen Ausrichtung und Versorgungssituation und richten sich in ihrer Funktion zum einen an die Versicherten, deren Verhalten und/oder Leistungsinanspruchnahme beeinflusst werden soll und zum anderen an die Leistungserbringer, deren Verhalten durch das der Versicherten ebenfalls gelenkt werden soll[61].
Damit werden auch in den internationalen Gesundheitssystemen vom Grundsatz her den Zuzahlungsregelungen die zuvor beschriebenen Steuerungs-und Finanzierungsfunktionen zugesprochen und entsprechend verfolgt.
Das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz 2004 brachte nicht nur die Praxisgebühr als Neuerung sondern auch veränderte Zuzahlungsregelungen für die Abgabe von Arzneimitteln und in der Krankenhausbehandlung, die deutlich höhere finanzielle Belastungen für die Versicherten mit sich brachten.
In der nachfolgenden Tab.2 werden daher neben den Zuzahlungsregelungen für die ambulante haus- und fachärztliche Versorgung auch die Zuzahlungsregelungen für die Arzneimittelversorgung und Krankenhausbehandlung in den Vergleichsländern prägnant zusammengefasst. Dadurch lassen sich die dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz 2004 geschuldeten Zuzahlungsveränderungen in Deutschland in einem umfassenderen Kontext betrachten und bewerten.
Quelle: eigene Darstellung nach Baur et al. (2003), S. 23-110; Beske, Golbach (2009), S. 55-81; AOK Bundesverband (2013b).
Die international sehr unterschiedlichen Zuzahlungsregelungen lassen sich nur aufzählend darstellen. Ein wissenschaftlich fundierter, erkenntnisfördernder Vergleich scheint nahezu ausgeschlossen. Art und Höhe der Zuzahlungsregelungen stehen jedoch mit dem jeweiligen Umfang des Leistungskataloges in Zusammenhang. Je mehr Leistungen durch die Gemeinschaft mitgetragen werden, umso weniger ist der Einzelne durch Zuzahlungsregelungen und Leistungsausschlüsse belastet[62].
Aus der Übersicht (Tab.2) lässt sich erkennen, dass der Erstzugang zur Gesundheitsversorgung in vielen Ländern (Ausnahmen: Belgien, Dänemark teilw., Frankreich, Schweiz, Schweden) über ein Hausarztsystem geregelt wird, innerhalb dessen eine freie Arztwahl besteht. In über der Hälfte der Vergleichsländer ist die Hausärztliche Versorgung zuzahlungspflichtig. Lediglich Großbritannien, Italien, Niederlande, Österreich und Schweiz bieten eine kostenfreie Primärversorgung[63]. Der Zugang zur Facharztversorgung ist im überwiegenden Teil der Vergleichsländer durch die Überweisung des Primärarztes geregelt und meist Zuzahlungspflichtig.
In allen Vergleichsländern gibt es für die Arzneimittelversorgung Positiv- und/oder Negativlisten. In den Positivlisten sind diejenigen Medikamente bzw. Wirkstoffe aufgeführt, deren grundsätzliche Kostenübernahme durch das Gesundheitssystem sichergestellt ist. Die Negativlisten enthalten die Medikamente bzw. Wirkstoffe, die nicht zu Lasten der Solidargemeinschaft abgegeben werden dürfen und privat gezahlt werden müssen. Die Zuzahlungsregelungen reichen von allgemein standardisierten Rezeptgebühren über die Staffelung der Zuzahlungshöhe nach Erkrankungsschwere oder jährlichen Franchisebeträgen. Zum Teil sind nach Erreichen der Franchisegrenze weitere prozentuale Zuzahlungen zu leisten und zusätzliche Kosten bei der Wahl von Originalpräparaten (bei verfügbaren Generika) zu tragen.
Die stationäre Versorgung ist mit Ausnahme von Italien, Polen, Großbritannien und Dänemark zuzahlungspflichtig. Die Zuzahlungsregelungen reichen auch hier von standardisierten Pauschalbeträgen pro Tag über rein prozentuale Regelungen bis zur Kombination von Franchisebeträgen mit prozentualer und pauschaler Zuzahlung (Schweiz).
In allen Ländern besteht im Rahmen der grundsätzlich zugelassenen Krankenhäuser freie Wahl für die Bürger.
[32] Vgl. Rothgang, Staber (2010), S. 116.
[33] Vgl. Götze (2006), S. 31 f.
[34] Vgl. § 62 SGB V.
[35] Vgl. Götze(2006), S. 31 f.
[36] Vgl. § 61 SGB V.
[37] Vgl. Götze (2006), S. 32.
[38] Vgl. § 55 SGB V.
[39] Vgl. hierzu: § 35 SGB V – Festbeträge für Arznei- und Verbandmittel; § 36 SGB V – Festbeträge für Hilfsmittel.
[40] Vgl. Rothgang, Staber (2010), S.116.
[41] Vgl. § 40 Abs. 6 SGB V.
[42] Vgl. BT-Drucks. 15/1525, S. 1f.
[43] Vgl. Götze, Salomon (2009), S. 73; Beske, Golbach (2009), S. 22 ff.; Braun et al. (2006), S. 8 f.
[44] Vgl. BT-Drucks. 15/1525, S. 1 f.
[45] Vgl. Statistisches Bundesamt 2013.
[46] Vgl. BT-Drucksache 17/8722, S. 17.
[47] Mit Einführung der Patientenquittung im Rahmen des GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetztes 2004 wurde ein entsprechendes Instrument geschaffen – das jedoch nur wenig nachgefragt wird. Vgl. hierzu: Braun et al. (2006), S. 54 f.
[48] Vgl. Rothgang, Staber (2010), S. 116.
[49] Vgl. ebd., S. 115.
[50] Vgl. Rothgang, Staber (2010), S. 117 ff.
[51] Vgl. Rothgang, Staber (2010), S. 117 f.
[52] Vgl. Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen (2002), S. 13.
[53] Vgl. Beske, Golbach (2009), S. 23 f.
[55] Pfaff et al. (2003), S. 18.
[56] Vgl. ebd., S. 18 ff.
[57] Vgl. Beske, Golbach (2009), S. 24 f.
[58] Vgl. Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen (2002), S. 14 f.
[60] Beziehen zuvor privat versicherte Personen Arbeitslosengeld II, tritt keine Versicherungspflicht mehr in der GKV ein – Vgl. hierzu: § 26 SGB II.
[61] Vgl. Braun et al. (2006), S. 14.
[62] Vgl. Beske, Golbach (2009), S. 111 f.
[63] Deutschland erhob von 2004-2012 ebenfalls eine Zuzahlung bei der ambulanten Erstversorgung, die jedoch zum 31.12.12 wieder abgeschafft wurde.
V297871
Gesetzliche Zuzahlung Soziale Auswirkung Steuerungsinstrument Finanzierungsfunktion Praxisgebühr
, 2013, Die Praxisgebühr 2004 - 2012 - wirkungsvolles Steuerungsinstrument oder Bürokratiegebilde mit sozialer Ausgrenzung? Ein analysierender Rückblick, Hamburg, Bedey Media GmbH, https://www.bachelor-master-publishing.de/document/297871
Risikofaktor Nachtarbeit: Soziale Ausgrenzung, „Burnout“ und Überge...

References: § 62
 § 62
 § 61
 § 55
 § 35
 § 36
 § 40
 § 26