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Timestamp: 2019-08-22 21:12:46+00:00

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Prise de position de «auditionsuisse» sur le rapport intermédiaire de…
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Berne (ots) - Le rapport intermédiaire de la COMCO sur le marché des appareils auditifs montre que la concurrence y fonctionne bien, tant entre fabricants qu'entre audioprothésistes. Le seul problème pointé par la COMCO a déjà été corrigé fin 2009 ... / http://ots.ch/5ff6bb8
1. Wettbewerbskommission WEKO Commission de la concurrence COMCO Commissione della concorrenza COMCO Competition Commission COMCOZwischenbericht vom 17. Februar 2011in Sachen Vorabklärung gemäss Art. 26 KG betreffend22-0387 Markt für Hörgerätewegen allenfalls unzulässiger Wettbewerbsabrede gemäss Art. 5 KG.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264
2. InhaltsverzeichnisA Sachverhalt ...................................................................................................................3A.1 Verfahren ........................................................................................................................3A.2 Hörmittelversorgung in der Schweiz ...............................................................................5A.2.1 Rolle der Sozialversicherungen und Ablauf der Hörversorgung im Einzelfall ............5A.2.2 Tarifordnung im Bereich der Hörmittelversorgung .....................................................8B Erwägungen ................................................................................................................12B.1 Geltungsbereich ...........................................................................................................13B.2 Vorbehaltene Vorschriften ............................................................................................14B.2.1 Gesetzliche Grundlagen der Tarifordnung ...............................................................15B.2.1.1 Gesetzliche Grundlagen im Bereich der IV ..............................................................15B.2.1.2 Gesetzliche Grundlagen im Bereich der AHV ..........................................................16B.2.1.3 Gesetzliche Grundlagen im Bereich UV und MV .....................................................17B.2.1.4 Zwischenergebnis ....................................................................................................19B.2.2 Preisregulierung aufgrund der Tarifordnung und Fazit ............................................19B.3 Horizontale Preisabrede zwischen den Hörgeräteherstellern ......................................20B.3.1 Wettbewerbsabrede .................................................................................................20B.3.1.1 Entwicklung der Marktanteile ...................................................................................21B.3.1.2 Preisentwicklung ......................................................................................................22B.3.1.3 Datenerhebung durch HSM .....................................................................................23B.3.1.4 Zwischenergebnis ....................................................................................................24B.3.2 Fazit .........................................................................................................................25B.4 Vertikale Preisabrede zwischen Herstellern und Akustikern ........................................25B.4.1 Wettbewerbsabrede .................................................................................................25B.4.1.1 Abgestimmte Verhaltensweisen...............................................................................26B.4.1.2 Konkrete Verkaufspreisempfehlungen .....................................................................27B.4.1.3 Zwischenergebnis ....................................................................................................36B.4.2 Beseitigung des wirksamen Wettbewerbs ...............................................................37B.4.2.1 Umstossung der gesetzlichen Vermutung ...............................................................37B.4.2.2 Relevanter Markt......................................................................................................37B.4.2.3 Beurteilung der Wettbewerbssituation .....................................................................39B.4.2.4 Zwischenergebnis ....................................................................................................39B.4.3 Erhebliche Beeinträchtigung des Wettbewerbs .......................................................40B.4.3.1 Qualitativ erhebliche Beeinträchtigung des Wettbewerbs........................................40B.4.3.2 Quantitativ erhebliche Beeinträchtigung des Wettbewerbs .....................................40B.4.3.3 Zwischenergebnis ....................................................................................................41B.4.4 Keine Rechtfertigung aus Gründen der wirtschaftlichen Effizienz ...........................41B.4.5 Fazit .........................................................................................................................43B.4.6 Situation seit Anfang 2010 und Weiterführung des Verfahrens ...............................43C Vorläufige Schlussfolgerungen ................................................................................4622/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 2
3. A SachverhaltA.1 Verfahren1. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (nachfolgend: BSV) wurde mit Schreibenvom 10. November und 4. Dezember 2009 darum ersucht, dem Sekretariat der Wettbe-werbskommission (nachfolgend: Sekretariat) diejenigen Informationen und Dokumente zuübermitteln, welche den von Exponenten des BSV in der Presse gemachten Äusserungen,man habe „deutliche Hinweise“ darauf, dass in der Schweiz im Hörgeräte-Bereich „einrechtswidriges Kartell oder ein Monopol besteht“1, zugrunde liegen. Das BSV äusserte sichin der Folge mit Schreiben vom 9. und 17. Dezember 2009, in welchem die Indizien darlegtwurden, welche beim BSV zur Vermutung führten, dass der Wettbewerb behindert wird. Am19. Januar 2010 fand zudem ein Treffen zwischen Vertretern des BSV und Mitarbeitern desSekretariats in dieser Angelegenheit statt.2. Zuvor hatte am 3. Dezember 2009 ein erstes Treffen zwischen Mitarbeitern des Sekre-tariat und Vertretern der Hörbehindertenorganisation pro audito Schweiz stattgefunden, wel-che dem Sekretariat vorgängig mit Schreiben vom 30. November 2009 erste Informationenhatte zukommen lassen.3. Zur Abklärung der Marktverhältnisse im Bereich Hörgeräte hat das Sekretariat am 22.Januar 2010 eine Vorabklärung gemäss Artikel 26 KG2 eröffnet.4. Mit Schreiben vom 25. Januar 2010 wurde an 22 im Kanton Bern (davon 11 in derStadt Bern) tätige Hörgeräteakustiker3 ein Fragebogen mit Frist zur Beantwortung bis zum25. Februar 2010 verschickt.4 Im Rahmen einer repräsentativen Auswahl wurden dabei so-wohl Akustikergeschäfte, die einer Kette angehören, als auch Einzelbetriebe5 befragt.5. Ebenfalls mit Schreiben vom 25. Januar 2010 wurden folgende Hersteller von Hörgerä-ten (nachfolgend: Hörgerätehersteller) befragt: • Die Bernafon AG (nachfolgend: Bernafon) ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Bern. Sie bezweckt die Entwicklung, Produktion und Vertrieb von audiologischen Produk- ten.6 In der Schweiz liefert sie ihre Hörgeräte der Marke „Bernafon“ direkt an ver-1 Vgl. Interview von Alard du Bois-Reymond, damals abtretender Chef der Invalidenversicherung, er-schienen in der Zeitung „Sonntag“ vom 8.11.2009.2 Bundesgesetz vom 6. Oktober 1995 über Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen (Kar-tellgesetz, KG; SR 251).3 Bei den sogenannten Hörgeräteakustikern handelt es sich um die eigentlichen Verkaufsstellen derHörgeräte. Siehe zum Ablauf der Hörversorgung, welche neben dem eigentlichen Verkauf eines Hör-gerätes immer auch eine von den Akustikern vorgenommene Anpassung der Geräte an die jeweiligenindividuellen Hörversorgungsbedürfnisse der Kunden beinhaltet, unten Rz 12 ff.4 Davon konnten die Antworten von 18 Akustikern in die weiteren Auswertungen mit einbezogen wer-den. Die übrigen vier Akustiker konnten entweder wegen Geschäftsaufgabe gar nicht erreicht werdenoder nachvollziehbar begründen, weshalb sie die gewünschten Informationen nicht liefern konnten(u.a. Aufnahme der Geschäftstätigkeit erst im Verlauf des Jahres 2009).5 Einzelbetriebe organisieren sich teilweise in Einkaufsgemeinschaften. Nach eigenen Angaben ist dieAkustik Schweiz AG mit Sitz in Lohn-Ammannsegg mit über 80 angeschlossenen Akustikern dergrösste Verbund unabhängiger Akustiker-Fachgeschäfte der Schweiz (vgl. <www.acoustic-center.ch>unter Unsere Leistungen [8.2.2011]).6 Auszug aus dem Handelsregister des Kantons Bern.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 3
4. schiedene Akustiker, welche die Geräte wiederum an hörbehinderte Endkunden ver- kaufen.7 Bernafon gehört wie Oticon SA zur dänischen Holding William Demant. • Die GN ReSound AG (nachfolgend: GN ReSound) ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Thalwil. Sie bezweckt den Vertrieb von akustischen und medizinischen Geräten in der Schweiz.8 GN ReSound ist Teil der international tätigen GN ReSound Gruppe mit Hauptsitz in Kopenhagen, Dänemark, und fungiert als Importeurin und Vertreiberin der firmeneigenen Hörgeräte in der Schweiz. • Die Oticon SA (nachfolgend: Oticon) ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Solothurn. Sie bezweckt den Handel mit Hörgeräten und Zubehör.9 Als 100%- Tochtergesellschaft der dänischen Firma Oticon AS mit Sitz in Smorum (DK) agiert Oticon als Importeurin und Vertreiberin der firmeneigenen Hörgeräte in der Schweiz.10 Oticon gehört wie Bernafon zur dänischen Holding William Demant. • Die Phonak AG (nachfolgend: Phonak) ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Stäfa. Sie bezweckt insbesondere Fabrikation, Verkauf, Import und Export von Geräten der Elektro-Akustik und verwandter Gebiete, insbesondere Hörgeräte.11 Sie ist Teil der Sonova Gruppe und liefert ihre Hörgeräte direkt an die jeweiligen Akustiker in der Schweiz. • Die Siemens Audiologie AG (nachfolgend: Siemens) ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Adliswil. Sie bezweckt insbesondere Handel mit und Fabrikation und Vertrieb von elektro-medizinischen, elektronischen, akustischen Apparaten und Geräten.12 Siemens ist die Schweizer Vertriebsgesellschaft der deutschen Firma Siemens Au- diologische Technik GmbH.13 • Die Widex Hörgeräte AG (nachfolgend: Widex) ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Wallisellen. Sie bezweckt Fabrikation und Wartung, Kauf und Verkauf von und sons- tiger Handel mit Hörbehelfen aller Art, deren Bestandteilen und Zubehör.14 Als Toch- tergesellschaft der weltweit tätigen dänischen Firma Widex SA mit Sitz in Lynge (DK) vertreibt Widex die firmeneigenen Hörgeräte in der Schweiz.6. Mit unaufgeforderter Stellungnahme vom 9. Februar 2010 liess sich «hörenschweiz»zu den versandten Fragebogen vernehmen. Im Kommunikationsdachverband «hö-renschweiz» sind nach eigenen Angaben die Verbände der Hersteller (die Hearing SystemsManufacturers [HSM] Genossenschaft [nachfolgend: HSM]) und der Akustiker (AKUSTIKASchweizerischer Fachverband der Hörgeräteakustik [nachfolgend: AKUSTIKA] und HZVHörzentralen-Verband der Schweiz [nachfolgend: HZV]) als einfache Gesellschaft zusam-mengeschlossen, um die Öffentlichkeit über die Hörversorgung in der Schweiz, neuesteEntwicklungen auf dem Hörgerätemarkt und die Prävention vor Beeinträchtigungen des Ge-hörs zu informieren.157 Schreiben von Bernafon vom 23.3.2010.8 Auszug aus dem Handelsregister des Kantons Zürich.9 Auszug aus dem Handelsregister des Kantons Solothurn.10 Schreiben von Oticon vom 25.3.2010, S. 3 f.11 Auszug aus dem Handelsregister des Kantons Zürich.12 Auszug aus dem Handelsregister des Kantons Zürich.13 Schreiben von Siemens vom 12.3.2010, S. 8.14 Auszug aus dem Handelsregister des Kantons Zürich.15 Schreiben von «hörenschweiz» vom 9.2.2010, S. 1 f.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 4
5. 7. Am 26. Mai 2010 trafen sich Mitarbeiter des Sekretariats zunächst mit Vertretern desHerstellers Phonak und anschliessend (und zum zweiten Mal) mit Vertretern von pro auditoSchweiz.8. Mit Schreiben des Sekretariats vom 3. September 2010 wurde HSM, der Branchenver-band der Hörgerätehersteller16, aufgefordert im vorliegenden Zusammenhang gewisse Fra-gen zu beantworten. Die Beantwortung der Fragen durch HSM erfolgte mit Schreiben vom18. Oktober 2010.A.2 Hörmittelversorgung in der Schweiz9. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (nachfolgend: EFK) geht in ihrem Bericht „Hilfsmit-telpolitik zu Gunsten der Behinderten – Evaluation der Abgabe von Hörmitteln in der IV undAHV“ vom Juni 2007 (nachfolgend: EFK-Bericht) davon aus, dass die totalen direkten Aus-gaben für Hörmittelversorgungen in der Schweiz jährlich über 200 Mio. Franken betragen,wobei ein Grossteil der Kosten von Versicherungen (und von diesen grossmehrheitlich vonder IV17 und der AHV18) getragen werden.1910. Zur Illustration insbesondere des Einflusses des (sozial-)versicherungsrechtlichen Um-felds auf den Verkauf von Hörgeräten gilt es, im Folgenden die Grundzüge der staatlichenHörgeräteversorgung in der Schweiz darzustellen. Dabei wird zunächst die Rolle der Sozial-versicherungen bei der Abgabe von Hörgeräten und der gewöhnliche Ablauf der Hörgeräte-abgabe aus Sicht eines IV-Versicherten dargestellt. In einem zweiten Schritt wird auf diewichtigsten Inhalte der Tarifverträge eingegangen, welche die Zusammenarbeit zwischenSozialversicherern und Hörgeräteakustikern im Bereich der Hörgeräteversorgung regeln.A.2.1 Rolle der Sozialversicherungen und Ablauf der Hörversorgung im Einzelfall11. AHV, IV, MV20 und UV21 geben ihren Versicherten als Sachleistung sogenannte Hilfs-mittel ab, also Gegenstände, deren Gebrauch den Ausfall gewisser Teile oder Funktionendes menschlichen Körpers zu ersetzen vermag.22 Darunter fallen insbesondere Hörgeräte,dienen diese doch dazu, einen Funktionsverlust des Hörorgans Ohr auszugleichen und diebeeinträchtige Hörfähigkeit wiederherzustellen. Der Beitrag der Sozialversicherer beschränktsich im Bereich Hörgeräteversorgung gegenwärtig auf die Übernahme der Kosten der vonden Versicherten ausgewählten Hörgeräte und deren Anpassung durch einen Akustiker; dieSozialversicherer geben ihren Versicherten gestützt auf die heutige Rechtslage somit nicht16 Siehe dazu unten Rz 88 f.17 Invalidenversicherung gemäss dem Bundesgesetz vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversiche-rung (IVG; SR 831.20).18 Alters- und Hinterlassenenversicherung gemäss dem Bundesgesetz vom 20. Dezember 1946 überdie Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10).19 Die EFK ging bezogen auf das Jahr 2005 von einem Total direkter Ausgaben von Fr. 214 Mio. aus,wobei schätzungsweise nur Fr. 60 Mio. als Zuzahlungen direkt von den Versicherten getragen wur-den. Vgl. im Detail EFK-Bericht, S. 52 f., abrufbar unter:<http://www.efk.admin.ch/pdf/5153BE-Endbericht.pdf> (8.2.2011).20 Militärversicherung gemäss dem Bundesgesetz vom 19. Juni 1992 über die Militärversicherung(MVG; SR 833.1).21 Unfallversicherung gemäss dem Bundesgesetz vom 20. März 1981 über die Unfallversicherung(UVG; SR 832.20).22 Vgl. zum Begriff „Hilfsmittel“ im sozialversicherungsrechtlichen Zusammenhang auch das Urteil desBGer 8C.832/2007 vom 10.3.2008, E. 1.2 m.w.H.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 5
6. direkt Hörgeräte ab.23 Die Kostenübernahme kann eine vollständige oder nur eine teilweisesein, übernehmen die Sozialversicherer bei bestehendem Versicherungsanspruch doch nurdie Kosten für Hörgeräte in „einfacher und zweckmässiger Ausführung“.24 Durch eine andereAusführung verursachte zusätzliche Kosten haben die Versicherten selber zu zahlen.2512. Die Zusammenarbeit zwischen den Sozialversicherungen als reinen Trägern von Kos-ten im Zusammenhang mit der Abgabe von Hörgeräten und den Akustikern als den eigentli-chen Abgabestellen der Hörgeräte ist im Detail durch Tarifvertrag26 geregelt und lässt sicham besten anhand des gewöhnlichen Ablaufs einer Hörgeräteabgabe, also dem Weg einesHörgeschädigten zum eigenen Hörgerät, darstellen27:13. Stellt eine IV-versicherte Person eine Beeinträchtigung der eigenen Hörleistung im All-tag fest, so meldet sie sich (allenfalls nach Durchführung eines kostenlosen Hörtests in ei-nem Akustikergeschäft) in einem ersten Schritt bei der Invalidenversicherung an.14. Die Invalidenversicherung erteilt in der Folge einem ORL-Expertenarzt28 den Auftragzur Erstellung der sogenannten Erstexpertise. Die Expertise dient der Feststellung des medi-zinisch-audiologisch ermittelten Hörversorgungsbedarfs der Person anhand eines eigens da-für entwickelten Punktescore-Modells. Massgebend sind dafür die Empfehlungen für IV-Expertenärzte zur Verordnung und Überprüfung der Anpassung von Hörgeräten29. Bei derErmittlung des Hörversorgungsbedarfs wird vom Expertenarzt nicht nur der messbare Hör-verlust, sondern insbesondere auch die Auswirkungen der Hörbehinderung sowie die Kom-munikationsanforderungen im Alltag eines Patienten berücksichtigt. Aufgrund der totalenPunktezahl, die sich aus der Summe der verschiedenen Kriterien ergibt, erfolgt am Ende derErstexpertise die Zuteilung einer Person zu einer der medizinischen Indikationsstufe 1, 2oder 3, die jeweils einer medizinischen Indikation (leichter, mittlerer oder schwerer Hörver-lust) und dem entsprechend ausgelösten Versorgungsbedarf (einfache, komplexe oder sehrkomplexe Versorgung) entspricht.30 Dies lässt sich grafisch wie folgt darstellen:23 De lege ferenda ist im ersten Massnahmenpaket zur 6. IV-Revision die Schaffung einer gesetzli-chen Grundlage für die Beschaffung von Hilfsmitteln (insbesondere von Hörgeräten) durch die IV undAHV mittels Vergabeverfahren vorgesehen. Siehe dazu auch unten Rz 180.24 Vgl. Art. 21 Abs. 3 IVG, Art. 21 Abs. 2 MVG und Art. 11 Abs. 2 UVG.25 Sog. Austauschbefugnis, welche für den Bereich der Hilfsmittel z.B. in Art. 2 Abs. 4 der Verordnungdes Eidgenössischen Departements des Inneren (nachfolgend: EDI) vom 29. November 1976 über dieAbgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI; SR 831.232.51) normiert ist, und diegenerell besagt, dass der Gewährung von Kostenbeiträgen an ein Hilfsmittel, auf das kein Anspruchbesteht, nichts entgegen steht, sofern das vom Versicherten selbst angeschaffte Hilfsmittel auch dieFunktion eines an sich zustehenden Hilfsmittels umfasst. Die Kostenbeiträge bestimmen sich dabeinach den Anschaffungskosten des Hilfsmittels, auf das ein Anspruch bestanden hätte (vgl. BGE 127 V121, 123 f. E. 2).26 Zu den Tarifverträgen zwischen den Sozialversicherungen sowie den Berufsverbänden der Akusti-ker siehe unten Rz 18 ff.27 Da insb. gestützt auf den EFK-Bericht (Fn 19) davon auszugehen ist, dass in den meisten Fällen dieIV die Kosten der Hörversorgung übernimmt, erfolgt die Darstellung am Beispiel einer bei der IV versi-cherten Person. Der einzuhaltende Ablauf ergibt sich detailliert aus Anhang 2 der Tarifverträge und istaus diesem Grund bei allen beteiligten Sozialversicherungen (neben der IV also auch bei derAHV/MV/UV) vergleichbar.28 Ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt; „ORL“ steht dabei für Oto-Rhino-Laryngologie.29 Empfehlungen für IV-Expertenärzte zur Verordnung und Überprüfung der Anpassung von Hörgerä-ten der Schweizerischen Gesellschaft für Oto-Rhino-Laryngologie, Hals- und Gesichtschirurgie, ge-nehmigt vom BSV am 15. Mai 2001.30 Die Stufenindikation und die darauf basierende Klassierung der Hörgeräte (vgl. zu den sog. Geräte-stufen unten Rz 114) wurden im Jahr 1999 eingeführt. Dadurch wurde eine Verbindung zwischen ei-22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 6
7. Tabelle 1: Medizinische Indikationsstufen Anzahl Punkte Medizinische Indikation Versorgungsbedarf Tarif und Vergütung 25–49 Punkte Leichter Hörverlust Einfache Versorgung Indikationsstufe 1 (AHV: 40–49 Punkte) 50–75 Punkte Mittlerer Hörverlust Komplexe Versorgung Indikationsstufe 2 >75 Punkte Schwerer Hörverlust Sehr komplexe Versorgung Indikationsstufe 3Quelle: EFK-Bericht (Fn 19), 14.15. Die medizinischen Expertisen werden gemäss TARMED-Taxwertpunkte-System abge-rechnet31 und es bestehen für die Expertenärzte wohl nur sehr geringe Möglichkeiten, ihrEinkommen über die Art der Einstufung zu erhöhen, da den Akustikern gemäss Tarifvertragverboten ist, in einem speziellen Abhängigkeitsverhältnis zu ORL-Ärzten beziehungsweiseArztpraxen zu stehen32.16. Ist gestützt auf die Erstexpertise ein Hörversorgungsbedarf erstellt, erteilt die IV einemvon der versicherten Person ausgewählten „zugelassenen“ Akustiker (Vertragslieferanten inder Formulierung des Tarifvertrags) den Auftrag zur Hörgeräteanpassung. Der Akustiker istgemäss Tarifvertag verpflichtet, bei der Erbringung von Leistungen die Aspekte der Wirt-schaftlichkeit und Zweckmässigkeit zu beachten; die Leistungen, deren Art und Umfangdurch die medizinische Indikation bestimmt werden, haben sich auf das erforderliche Masszu beschränken.33 Der Akustiker schlägt dem Hörbehinderten im Rahmen einer sogenanntenvergleichenden Anpassung in der Regel verschiedene Hörgeräte vor, wobei er gemäss Ta-rifvertrag verpflichtet ist, mindestens eine adäquate, zuzahlungsfreie Versorgungsvariante34anzupassen, sofern die versicherte Person nicht ausdrücklich darauf verzichtet.35 Die hörbe-hinderte Person testet die ausgewählten Hörgerätemodelle durch Probetragen im Alltag, wo-bei deren Programmierung während mehreren Sitzungen beim Akustiker anhand einer vomjeweiligen Hersteller gelieferten Software individuell angepasst wird.36 Sämtliche Anpas-sungsarbeiten und deren Ergebnisse werden vom Akustiker im sogenannten Anpassberichtfestgehalten. Nachdem sich die IV-versichterte Person für ein ihr angepasstes Hörgerät ent-schieden hat, stellt der Akustiker den Anpassbericht dem ORL-Expertenarzt zu und stellt derIV Rechnung für die Hörgeräteanpassung. Eventuelle Mehrkosten bei einer zuzahlungs-pflichtigen Versorgungsvariante werden dem Versicherten direkt in Rechnung gestellt. Indiesem Fall ist der IV die Übernahme der Mehrkosten durch den Versicherten mittels Formu-lar zu belegen.17. Nach Erhalt des Anpassberichts durch den Akustiker bietet der ORL-Expertenarzt denVersicherten zur Schlussexpertise auf. Dabei werden Hörtests mit Hörgerät durchgeführt undder Versicherte wird über die Zufriedenheit mit dem Hörgerät und den Informationen desAkustikers befragt. Der ORL-Expertenarzt hält die Ergebnisse der Schlussexpertise in einemnem medizinisch-audiologisch ermittelten „objektiven“ Hörversorgungsbedarf und der finanzierungsbe-rechtigten Preiskategorie des Hörgeräts herstellt. Vgl. EFK-Bericht (Fn 19), 14.31 Die Eidg. Finanzkontrolle geht in ihrem Bericht von Kosten von insgesamt ca. Fr. 750.- für Erst- undSchlussexpertise aus. Vgl. EFK-Bericht (Fn 19), 16.32 Ziff. 5.4 der Tarifverträge.33 Ziff. 5.1 resp. 6.2 der Tarifverträge.34 Vgl. dazu auch unten Rz 23 ff.35 Ziff. 1.4 des Anhangs 2 zu den Tarifverträgen.36 Phonak geht davon aus, dass eine hörbehinderte Person ca. 6 bis 8 Sitzungen mit dem Akustikerdurchführt (vgl. Schreiben vom 29.3.2010, S. 4 und 7).22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 7
8. Bericht fest und stellt diesen der IV zu. Nach bestandener Schlussexpertise erlässt die IV ei-ne Verfügung betreffend Kostengutsprache.A.2.2 Tarifordnung im Bereich der Hörmittelversorgung18. Die Zusammenarbeit zwischen Akustikern und den Sozialversicherungen sowie insbe-sondere die Höhe der Abgeltung der von den Akustikern an Sozialversicherte erbrachtenDienstleistungen wird seit 1992 durch Tarifverträge geregelt.37 Der gegenwärtig gültige Tarif-vertrag (nachfolgend: Tarifvertrag-2010) wurde zwischen den Sozialversicherern (AHV, IV,MV und UV) und den Berufsverbänden der Hörgeräteakustiker AKUSTIKA und HZV ge-schlossen und per 1. Januar 2010 in Kraft gesetzt. Er ist bis zum 31. Dezember 2011 befris-tet.3819. Die nachfolgende Darstellung der Tarifordnung basiert aufgrund des Zeitpunktes derMarkterhebungen des Sekretariats jedoch auf Basis des bis zum 31. Dezember 2009 gülti-gen Tarifvertrags (Geltungszeitraum: 1. Juli 2006 bis 31. Dezember 2009; nachfolgend: Ta-rifvertrag-2006). Dieser ist jedoch weitgehend identisch mit dem aktuellen Tarifvertrag-2010und regelt wie dieser neben der Leistungsvergütung auch weitere Aspekte der Hörgerätever-sorgung (insb. Art und Umfang der Leistung, Ablauf der Hörgeräteversorgung inkl. Rech-nungsstellung, Pflichten der Akustiker, Qualitätssicherungsmassnahmen). Auf die einzelnenBestimmungen des Tarifvertrags-2006 wird soweit als notwendig nachfolgend eingegan-gen.39 Zu massgeblichen Änderungen seit dem 1. Januar 2010 und zu weiteren möglicher-weise in Zukunft anstehenden Veränderungen im regulatorischen Umfeld der Hörgeräteab-gabe siehe unten B.4.6, Rz 175 ff.20. Im Zentrum der Vorabklärung stand die Frage, ob Anzeichen für unzulässige Be-schränkungen des Preiswettbewerbs auf Absatzstufe oder Endverkaufsstufe vorliegen.40 Daaufgrund der vorliegenden Informationen davon auszugehen ist, dass die allermeisten (wennnicht sogar sämtliche) in der Schweiz tätigen Akustiker als sogenannte Vertragslieferanten(Mitglieder der teilnehmenden Verbände oder als dem Tarifvertrag beigetretene Einzelkont-rahenten) den Bestimmungen des Tarifvertrags unterworfen sind41, werden nachfolgend die-jenigen Bestimmungen der Tarifordnung genauer dargestellt, die direkt oder indirekt Einflussauf die Preisgestaltungsfreiheit der Akustiker haben, allen voran die Bestimmungen über dieLeistungsvergütung der beteiligten Sozialversicherungen an die Akustiker42:37 Die Sozialversicherer stützen sich dabei insbesondere auf Art. 27 Abs. 1 IVG, Art. 56 Abs. 1 UVGresp. Art. 26 Abs. 1 MVG (vgl. z.B. Ziff. 1.1 der Tarifverträge). Siehe zu den gesetzlichen Grundlagender Hörgeräteabgabe und der Tarifordnung unten B.2.1, Rz 45 ff.38 Der Tarifvertrag-2010 ist jedoch unter Einhaltung einer Kündigungsfrist auf Ende des Kalenderjah-res oder per Ende Juni kündbar (Ziff. 11.3 Tarifvertrag-2010). Siehe zur Ankündigung des BSV denTarifvertrag zu künden unten Rz 179.39 Im Nachfolgenden meint die Wendung „Tarifverträge“ jeweils mangels unterschiedlicher Regelun-gen sowohl den Tarifvertrag-2006 wie auch den Tarifvertrag-2010.40 Vgl. auch die Ausführungen in Rz 31 ff.41 Eine sinnvolle Geschäftstätigkeit als Akustiker erscheint ohne die Möglichkeit, gegenüber den Sozi-alversicherungen Leistungen abrechnen zu können, nicht möglich. Gemäss Ziff. 4.2 der Tarifverträgeverpflichten sich die Versicherer jedoch insbesondere dazu, keine Nicht-Vertragslieferanten im Rah-men der durch diese Verträge erfassten Leistungen zu entgelten, „soweit es die gesetzlichen Bestim-mungen zulassen“. Eine Liste der zugelassenen Akustikergeschäfte wird auf der Webseite der Zent-ralstelle für Medizinaltarife UVG veröffentlicht:<http://www.zmt.ch/ambulante_tarife/ambulante_tarife_akustika.htm> (8.2.2011).42 Die Hörgerätehersteller sind nicht an den Tarifverträgen beteiligt. Eine Regelung der Nettoverkaufs-preise der Hersteller ist denn auch nicht Gegenstand der Verträge.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 8
9. 21. Gemäss Ziffer 8 Satz 1 des Tarifvertrags-2006 werden die Leistungen der Vertragslie-feranten gemäss dem in Anhang 1 festgehaltenen Tarif abgegolten. Der genannte Anhang 1enthält nun den sogenannten Hörgerätetarif. In der bis Ende 2009 geltenden Fassung(nachfolgend: Hörgerätetarif-2006) sahen die Tarife – was die Abgabe von Hörgeräten(Hardware) und die dabei zusammenhängenden (Anpassungs-)Dienstleistungen betrifft –wie folgt aus43:Tabelle 2: Hörgerätetarif für IV/UV/MV - Monaurale (einseitige) Versorgung Tarif- Med. Gerätepreis Tarif- Dienstleistung Preis Position Indikation Fr. Position (inkl. Ohrstück) Total Fr. Fr. 61.11 Indikationsstufe 1 600.00 61.12 970.00 1570.00 62.11 Indikationsstufe 2 825.00 62.12 1190.00 2015.00 63.11 Indikationsstufe 3 1050.00 63.12 1405.00 2455.00Quelle: Anhang 1 Hörgerätetarif-2006, Ziff. 4.1. Preise jeweils exkl. Mehrwertsteuer.Tabelle 3: Hörgerätetarif für IV/UV/MV - Binaurale (beidseitige) Versorgung Tarif- Med. Gerätepreis Tarif- Dienstleistung Preis Position Indikation Fr. Position (inkl. Ohrstück) Total Fr. Fr. 61.21 Indikationsstufe 1 1200.00 61.22 1425.00 2625.00 62.21 Indikationsstufe 2 1650.00 62.22 1700.00 3350.00 63.21 Indikationsstufe 3 2100.00 63.22 1965.00 4065.00Quelle: Anhang 1 Hörgerätetarif-2006, Ziff. 4.2. Preise jeweils exkl. Mehrwertsteuer. 44Tabelle 4: Hörgerätetarif für AHV Tarif- Med. Gerätepreis Tarif- Dienstleistung Preis Position Indikation Fr. Position (inkl. Ohrstück) Total Fr. Fr. 61.51 Indikationsstufe 1 450.00 61.52 727.50 1177.50 62.51 Indikationsstufe 2 618.75 62.52 892.50 1511.25 63.51 Indikationsstufe 3 787.50 63.52 1053.75 1841.25Quelle: Anhang 1 Hörgerätetarif-2006, Ziff. 5.1. Preise jeweils exkl. Mehrwertsteuer.22. Wie sich aus den vorangehenden Tabellen zeigt, setzt sich der auf eine versichertePerson anwendbare Tarif („Preis Total“) jeweils aus einer Komponente für das Gerät selber(„Gerätepreis“) und aus einer Preiskomponente für die mit der Abgabe in Zusammenhangstehenden Dienstleistungen des Akustikers („Dienstleistung [inkl. Ohrstück]“) zusammen.Der Hörgerätetarif kennt zudem abgestufte Ansätze: Je höher der vom ORL-Expertenarzt43 Vgl. Anhang 1 zum Tarifvertrag-2006. Der Hörgerätetarif-2006 beinhaltet daneben insbesondereBestimmungen zu Reparaturen und Garantie sowie abgestufte Tarife bei vorzeitiger Neuanpassungund bei Verlust von Hörgeräten (die vollen Leistungen können von den Versicherten im Grundsatzhöchstens alle sechs, bei der AHV höchstens alle fünf Jahre bezogen werden; vgl. u.a. Ziff. 1.8 Hörge-rätetarif-2006).44 Der separate Tarif für die AHV erklärt sich dadurch, dass im Vergleich zu den anderen Sozialversi-cherungen nicht nur die Anspruchsvoraussetzungen für die Hörgeräteversorgung erhöht sind (An-spruch erst bei hochgradiger Schwerhörigkeit, d.h. ab 40 Punkten; vgl. oben Tabelle 1 nach Rz 14),sondern auch tiefere Versicherungsleistungen erbracht werden (nur monaurale, d.h. einseitige Ver-sorgung und kein vollständiger Kostenersatz, sondern nur ein Ersatz von 75%; vgl. Art. 2 der Verord-nung des EDI vom 28. August 1978 über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Altersversicherung[HVA; SR 831.135.1] und Ziff. 5.57 des Anhangs zur HVA). Der reduzierte Hörgerätetarif gilt jedochnur bei Erstbezug eines Hörgeräts im AHV-Alter. Bestand bereits gegenüber der IV ein Anspruch aufAbgabe eine Hörgeräts, so gilt aufgrund einer Bestandesgarantie mindestens im gleichen Umfang ge-genüber der AHV weiter (vgl. Art. 4 HVA und Ziff. 5.57 des Anhangs zur HVA). In diesen Fällen richtetdie AHV denn auch Leistungen gemäss dem Hörgerätetarif für IV/MV/UV aus.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 9
10. festgestellte medizinische Hörversorgungsbedarf (im Extremfall binaurale Versorgung derIndikationsstufe 3), desto höher sind die von den Versicherungen übernommen Kosten fürGerät und Dienstleistung.45 Diese Gestaltung der Hörgerätetarife basiert wohl auf der An-nahme, dass bei komplexerem Hörversorgungsbedarf nicht nur das Hörgerät selbst höherenAnforderungen zu genügen hat, was sich in einem höheren Ansatz für den Gerätepreis nie-derschlägt, sondern dass auch die (Anpassungs-)Dienstleistungen der Akustiker mit Zunah-me der Indikationsstufe (und allenfalls zunehmender Komplexität oder Programmierbarkeitder Geräte) aufwändiger werden.23. Wie Ziffer 8 Satz 1 des Tarifvertrags-2006 festhält, regelt der Hörgerätetarif die Abgel-tung der Leistungen der Akustiker durch die Versicherer. Der Tarif legt mit anderen Worten inAbhängigkeit vom medizinisch festgelegten Hörversorgungsbedarf eines Versicherten denBetrag fest, den der Akustiker gegenüber der zuständigen Sozialversicherung für die Hörver-sorgung abrechnen darf. Dies allein führt noch nicht zu einer Regulierung der Verkaufspreise(insbesondere der Endverkaufspreise) von Hörgeräten durch den Tarifvertrag. Dass diePreisgestaltungsfreiheit der Akustiker zumindest in einem Bereich durch den Tarifvertrageingeschränkt wird, ergibt sich jedoch aus Ziffer 1.4 des Anhangs 2 zum Tarifvertrag-2006.Diese lautet wie folgt: „Der Vertragslieferant nimmt die Anpassung der Hörgeräte vor. DerVertragslieferant verpflichtet sich zu einer vergleichenden Hörgeräteanpassung. In die ver-gleichende Anpassung sind grundsätzlich mehrere differente Hörsysteme einzubeziehen,wobei der versicherten Person mindestens eine adäquate, zuzahlungsfreie Versorgungsvari-ante anzupassen ist, sofern die versicherte Person nicht ausdrücklich darauf verzichtet. […]“.24. Es ist diese Verpflichtung der Akustiker, grundsätzlich eine adäquate, zuzahlungsfreie,das heisst für den Hörbehinderten keine Mehrkosten auslösende, Hörversorgungsvarianteanzubieten, die nun in Verbindung mit den Hörgerätetarifen zu einer Einschränkung derPreisgestaltungsfreiheit der Akustiker führt. Entscheidet sich ein Hörbehinderter nach dervergleichenden Anpassung für das für ihn zuzahlungsfreie Hörgerät, darf der in Rechnunggestellte Endverkaufspreis (Gerätepreis sowie die Kosten der Anpassungsdienstleistungen)nicht höher sein, als der gestützt auf die Erstexpertise auf die jeweilige Person anwendbarenTarif.46 Der Hörgerätetarif gibt in diesen Fällen einen Höchstpreis vor, da ein Hörgerät nurdann „zuzahlungsfrei“ ist und als solches angepriesen werden kann, wenn die Kosten voll-ständig von der jeweiligen Sozialversicherung übernommen werden.4725. Die sich bereits aus der Bedeutung des Wortes „zuzahlungsfrei“ ergebende (logische)Beschränkung des Preises ist eine Beschränkung nach oben, nicht aber nach unten. Es istnach vorliegenden Erkenntnissen somit nicht ersichtlich, weshalb es den Akustikern nichtfreistehen würde, den Sozialversicherungen einen im Vergleich zum Tarifpreis tieferen End-verkaufspreis in Rechnung zu stellen. In der Praxis dürften sich die Tarifpreise jedoch in denFällen der zuzahlungsfreien Hörversorgung im Einzelfall wohl wie Fixpreise auswirken, istaufgrund der wirtschaftlichen respektive tarifvertraglichen Rahmenbedingungen (vergleichs-weise tiefe Marge des Akustikers auf den günstigsten Modellen sowie fehlender Preisdruck45 Die Unterscheidung zwischen monauraler und binauraler Versorgung ist nur bezüglich der Anpas-sungsdienstleistung relevant, erhöht sich die Pauschale bei binauraler Versorgung im Vergleich zurmonauralen doch nur um ca. 40–47%. Demgegenüber entspricht der Gerätetarif bei der binauralenVersorgung (Abgabe von zwei Hörgeräten) naturgemäss immer dem Doppelten des Gerätetarifs beimonauraler Versorgung (Abgabe von nur einem Hörgerät).46 Z.B. beträgt der max. Verkaufspreis für ein zuzahlungsfreies Hörgerät bei einer versicherten Personmit einem ermittelten Hörversorgungsbedarf „Indikationsstufe 2/monaural“ Fr. 2‘015.- inklusive Dienst-leistung (vgl. Hörgerätetarif-2006, Tarifpositionen „62.11“ und „62.12“).47 Die vorliegende Betrachtung richtet sich einzig auf die Hörgerätepreise und die im Rahmen der An-passung verursachten Dienstleistungskosten. Weitere durch die Hörgeräteversorgung verursachteund allenfalls vom Hörbehinderten zu tragende Kosten (wie z.B. Kosten für Batterien) werden nichtberücksichtigt.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 10
11. von Seiten der Hörbehinderten, die mangels Kostenbeteiligung von tieferen Preisen nicht di-rekt profitieren, resp. Verpflichtung der Versicherer bis zur maximalen Höhe des vereinbartenTarifs zu zahlen) doch nicht davon auszugehen, dass die Akustiker von diesem Freiraumgegen unten Gebrauch machen.26. Die durch die Tarifordnung so bewirkte Regulierung der Endverkaufspreise (verstan-den als total in Rechnung gestellte Geräte- und Dienstleistungskosten) im zuzahlungsfreienBereich, die wohl aus Sicht der Sozialversicherungen massgeblich dazu dient, eine adäquateHörgeräteversorgung der versicherten Personen zu garantieren und gleichzeitig die Kostenfür das Gemeinwesen zu begrenzen48, führt noch nicht zwingend dazu, dass die Akustiker(zumindest gegenüber versicherten Personen) bestimmte Hörgerätemodelle zu einem be-stimmten Endverkaufspreis verkaufen müssten.27. Eine solche Verpflichtung der Akustiker, (zumindest im Anwendungsbereich des Tarif-vertrags, also gegenüber versicherten Personen) bestimmte Hörgerätemodelle zu einem be-stimmten, durch Tarifvertrag festgelegten Endkundenpreis zu verkaufen, die zu einer weitge-henden Preisregulierung auf dem Markt für Hörgeräte führen würde, ergibt sich nicht ausdem Wortlaut des Tarifvertrags und erscheint zur Umsetzung des gesetzlichen Auftrags,Hilfsmittel in einfacher und zweckmässiger Ausführung abzugeben oder pauschal zu vergü-ten, zudem auch nicht notwendig zu sein. Was für den zuzahlungsfreien Bereich gilt, gilt um-so mehr bei der zuzahlungspflichtigen Hörversorgung, besteht doch im Rahmen des gesetz-lichen Auftrags kein Anlass zu einer betragsmässigen Beschränkung des von den Hörbehin-derten im Einzelfall zu bezahlenden Mehrbetrags, ist Letzerer doch gerade ein Ausfluss derWahlfreiheit des Hörbehinderten, da er bei bestehendem Versicherungsanspruch immerauch ein für ihn adäquates, kostenloses Hörgerät wählen kann.28. Vor diesem Hintergrund erscheint unklar, zu welchem Zweck auf den sogenanntenHörgerätelisten49, auf denen gemäss Ziffer 6.3 des Tarifvertrags diejenigen Hörgeräte aufge-führt sind, welche vom Bundesamt für Metrologie (METAS) homologiert wurden und für wel-che ein einwandfreier Kunden- und Reparaturservice durch eine Vertretung in der Schweizgewährleistet ist und die als Folge zu Lasten der Versicherer abgerechnet werden dürfen, fürjedes Hörgerätemodell ein Endverkaufspreis angegeben wird. Dies umso mehr als die aufge-führten Preise von den Herstellern festgesetzt werden, die nicht Tarifvertragsparteien sind.Unklar ist auch, weshalb gemäss Ziffer 6.3 zwei separate Hörgerätelisten erstellt werden,„eine Liste der zuzahlungsfreien und eine Liste der zuzahlungspflichtigen Hörgeräte“, führtdies logischerweise doch bereits zu einer Verknüpfung der auf der Liste der zuzahlungsfrei-en Hörsystemen aufgeführten Modellen mit bestimmten (und auch explizit aufgeführten)Endverkaufspreisen in der Höhe der Tarife.5048 Der aufgrund des festgestellten Hörversorgungsbedarfs anwendbare Tarif begrenzt nämlich (zu-mindest im Grundsatz) auch den Anspruch der versicherten Personen gegenüber den Versicherernselbst. Vgl. dazu BGE 130 V 163, 171 ff. E. 4, wonach eine den tarifvertraglichen Ansätzen entspre-chende Abgabe eines Hörgerätes zwar vermutungsweise eine hinreichende Hörgeräteversorgung zugewährleisten vermag, unter Umständen die Invalidenversicherung aber auch eine über die im Tarif-vertrag (im Verhältnis Leistungserbringer – Versicherung) festgesetzten Preislimiten hinausgehendeVersorgung gewährleisten muss, sofern dies zur Erreichung des Eingliederungsziels im Einzelfall (et-wa aufgrund einer speziellen gesundheitlichen Situation oder mit Blick auf den Tätigkeitsbereich derversicherten Person) notwendig ist.49 Vgl. zu den Listen der zuzahlungsfreien und zuzahlungspflichtigen Hörsysteme und ihrer Entste-hung unten Rz 110 ff.50 Die Hersteller, welche nach vorliegenden Erkenntnissen darüber entscheiden, ob ein von ihnenproduziertes Modell auf der einen oder anderen Listen aufzuführen ist, bezeichnen denn auch auf ih-ren Preislisten bestimmte Geräte explizit als zuzahlungsfrei. Diese Bezeichnungen tauchen soweit er-sichtlich erst mit dieser Bestimmung im Tarifvertrag-2006 auf, welche die Führung einer separaten Lis-te der zuzahlungsfreien Hörsysteme vorsieht. Sowohl Phonak als auch GN ReSound machen zudem22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 11
12. 29. Fazit: Ausserhalb der zuzahlungsfreien Hörversorgung im Einzelfall ist somit nach vor-liegenden Erkenntnissen keine Regulierung der Endverkaufspreise aufgrund der Tarifverträ-ge ersichtlich: Die Akustiker sind auch im Anwendungsbereich der Tarifverträge frei ihreEndverkaufspreise (und darin inbegriffene Preiskomponenten) selber festzulegen. Dabei ha-ben sie jedoch zu berücksichtigen, dass die Höhe der Kostenübernahme durch die Versiche-rungen mittels Hörgerätetarif in jedem Fall die Kaufentscheidung beeinflussen dürfte, hatdiese doch grossen Einfluss auf den Kostenanteil, den eine versicherte Person allenfalls sel-ber zu tragen hat.30. Zu guter Letzt gilt es festzustellen, dass die Ex-Factory- respektive Nettoverkaufspreiseder Hörgeräte nicht Regelungsinhalt der ausgehandelten Tarife sind. Der Tarifvertragschränkt die Preisgestaltungsfreiheit der Hersteller nicht ein. Dies bedeutet jedoch nicht,dass die Tarifverträge, die ja die Zusammenarbeit der Sozialversicherer mit den Akustikernals Abgabestellen für Hörgeräte und somit die Endverkaufsstufe regeln, keinerlei Einfluss aufdas Angebot oder die Preisbildung der Hersteller hätte. So ist aufgrund der branchenumfas-senden Anwendung der Tarifverträge durch die Akustiker und der Bedeutung der Kosten-übernahme durch Sozialversicherer davon auszugehen, dass zum Beispiel die Bestimmungvon Ziffer 6.3 des Tarifvertrags-2006, wonach zu Lasten der Versicherer nur Hörgeräte abge-rechnet werden dürfen, welche vom Bundesamt für Metrologie (METAS) homologiert wurdenund für welche ein einwandfreier Kunden- und Reparaturdienst durch eine Vertretung in derSchweiz gewährleistet ist, auch das Verhalten der Hersteller zu beeinflussen vermag. Auchführt die Regelung im Tarifvertrag, dass im Grundsatz immer auch eine zuzahlungsfreie Ver-sorgungsvariante angepasst werden muss51, dazu, dass die Hersteller, wollen sie gegenüberden Akustikern oder den Endkunden das gesamte Sortiment abdecken, auch Geräte derStufen 1 bis 3 anbieten müssen und zwar zu einem Nettoverkaufspreis, der im Vergleich zuden Tarifansätzen möglichst tief liegt.52B Erwägungen31. Nachfolgend steht die Prüfung der Frage im Zentrum, ob Anhaltspunkte dafür beste-hen, dass mittels unzulässiger Wettbewerbsabreden Einfluss auf die Preise für Hörgeräte aufAbsatz- oder Endkundenstufe genommen wurde. Dabei wird mittels der im Rahmen der Vor-abklärung erhobenen Informationen in einem ersten Schritt die Hypothese der Beeinflussungder Ex-Factory- beziehungsweise Nettoverkaufspreise durch eine horizontale Wettbewerbs-abrede zwischen den Herstellern geprüft (unten B.3, Rz 70 ff.). In einem zweiten Schritt wirdanschliessend überprüft, ob Anhaltspunkte dafür bestehen, dass unzulässige vertikale Abre-den zwischen den Herstellern und Akustikern über die Endverkaufspreise der Hörgeräte vor-liegen (unten B.4, Rz 96 ff.).32. Im Rahmen der Vorabklärung haben sich insbesondere keine Anzeichen dafür erge-ben, dass Hersteller im Bereich Hörgeräte versuchten, den Schweizerischen Markt abzu-schotten. Zwar gaben auf Seiten der Akustiker nur zwei der befragten Unternehmen an, Hör-geräte aus dem Ausland zu beziehen. In beiden Fällen handelte es sich um Bezüge ausDeutschland von Akustikern, deren Muttergesellschaften in Deutschland ansässig sind. Sodie Aussage, die Hersteller seien gemäss Vorgaben des BSV verpflichtet, in den Indikationsstufen 1–3mindestens ein zuzahlungsfreies Modell anzubieten (vgl. Schreiben von Phonak vom 29.3.2010,S. 11, und Schreiben vom GN ReSound vom 15.3.2010, S. 5). Auf welche Grundlage sich eine solcheVerpflichtung stützen könnte, erscheint unklar.51 Vgl. Ziff. 1.4 des Anhangs 2 zum Tarifvertrag-2006.52 Vgl. zur Frage, ob die Hersteller darüber hinaus verpflichtet sind, zuzahlungsfreie Geräte anzubie-ten, oben Fn 50.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 12
13. bezog […].53 Der zweite Akustiker, der gemäss eigenen Angaben Importe aus dem Auslandtätigt, Tobler Optik & Hörgeräte in Bern ist eine Zweigniederlassung der in Tauberbischofs-heim (D) ansässigen Optik Schäfer-Nohe GmbH. Es wird ausgeführt, Hörgeräte von Oticonwürden in der Schweiz, die Geräte von Phonak, Siemens und wohl weiteren Herstellern wür-den über Deutschland bezogen.5433. Die restlichen Akustiker verneinten den Bezug von Geräten aus dem Ausland. AlsGründe wurden dafür insbesondere genannt: Kein Bedarf, da sämtliche namhaften Herstellereine Vertriebsgesellschaft im Inland hätten, aufwändige Zollformalitäten, kleine eigene Ge-schäftsgrösse, Möglichkeit der Retournierung bei Nichtgebrauch nach Probeanpassung beiBezug in der Schweiz, Beanspruchung von Serviceleistungen in der Schweiz, schnelle Liefe-rung durch Fertigung der IdO-Geräte55 in der Schweiz durch namhafte Hersteller, der Bezugvon Hörgeräten über eine Einkaufsgemeinschaft sowie fehlende Geschäftsbeziehungen imAusland. Vier Akustiker nannten keine Gründe oder gaben an, einen Bezug aus dem Aus-land noch nie in Erwägung gezogen zu haben. Umgekehrt nannte die Fielmann AG als Vor-teile für einen Bezug im Inland die professionelle Unterstützung bei länderspezifischen Wer-bemassnahmen, schneller Service ohne Zollschranken, Betreuung und Schulung der Mitar-beiter (insbesondere bei Innovationen bei Hörgeräten).5634. Alle befragten Hersteller bejahten die Frage, ob Akustiker die Möglichkeit haben, dievon ihnen produzierten Hörgeräte aus dem Ausland zu importieren. GN ReSound führt dies-bezüglich sogar aus, dass ihres Wissens nach ein erheblicher Teil der Hörgeräte aus demAusland importiert würden.57 Eine Erschwerung von Parallelimporten durch die Hersteller er-scheint denn auch nicht in Bezug auf die Service- oder Reparaturdienstleistungen vorzulie-gen. Oticon gibt diesbezüglich an, auch für ihre Systeme aus dem Ausland sowohl den Sup-port wie auch die Reparaturen durchzuführen.58 Phonak sagt wiederum, sie biete in derSchweiz den Akustikern und Endkunden mit im Ausland bezogenen Phonak-Hörgeräten die-selben Serviceleistungen an, wie wenn die Geräte hierzulande gekauft worden wären.59Auch Siemens gibt an, die Reparaturen an nicht von ihr verkauften Hörgeräten würden zugleichen Konditionen ausgeführt.60B.1 Geltungsbereich35. Das Kartellgesetz gilt für Unternehmen des privaten und öffentlichen Rechts, die Kar-tell- oder andere Wettbewerbsabreden treffen, Marktmacht ausüben oder sich an Unterneh-menszusammenschlüssen beteiligen (Art. 2 Abs. 1 KG).53 Vgl. Schreiben von […] vom 11.3.2010, S. 6.54 Schreiben von Tobler Optik & Hörgeräte vom 21.4.2010, S. 5.55 Im Bereich Hörgeräte können verschiedene Bauformen unterschieden werden. Neben der wohlhäufigsten Bauform HdO („hinter-dem-Ohr“; französisch: CdO) mit den Unterformen mini-HdO undmicro-HdO gibt es u.a. folgende Arten von Hörgeräten: IdO („in-dem-Ohr“), CiC („completely-in-channel“) oder HB (Hörbrillen, also Brillen, in deren Bügeln die Hörgerätetechnik untergebracht ist,oder an deren Bügeln ein Hörgerät montiert ist).56 Schreiben der Fielmann AG vom 11.3.2010, S. 6.57 Schreiben von GN ReSound vom 15.3.2010, S. 8. Phonak hingegen gibt an, ihr seien konkret dreiAkustiker in der Schweiz bekannt, die ihre Phonak-Hörgeräte direkt bei Phonak im Ausland einkaufenwürden. Ebenfalls gäbe es mindestens eine internationale Kette mit Hauptsitz in Deutschland, die ihreHörgeräte zentral bei Phonak in der Schweiz einkaufe und diese dann via Deutschland an ihre Mit-glieder in die Schweiz zurück liefere, d.h. diese parallel re-importiere (vgl. Schreiben von Phonak vom29.3.2010, S. 39).58 Schreiben von Oticon vom 25.3.2010, S. 6.59 Schreiben von Phonak vom 29.3.2010, S. 39.60 Schreiben von Siemens vom 12.3.2010, S. 10.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 13
14. 36. Als Unternehmen gelten sämtliche Nachfrager oder Anbieter von Gütern und Dienst-leistungen im Wirtschaftsprozess, unabhängig von ihrer Rechts- oder Organisationsform(Art. 2 Abs. 1bis KG). Sowohl die Hersteller von Hörgeräten als auch die Akustiker als die tat-sächlichen Abgabestellen der Hörgeräte sind ohne weiteres als solche Unternehmen zu qua-lifizieren. Ob es sich bei den Herstellern Bernafon und Oticon, die beide zur dänischen Hol-ding William Demant gehören, um jeweils eigene Unternehmen im Sinne von Artikel 2 KGhandelt, oder ob aufgrund fehlender wirtschaftlicher Selbständigkeit von einem Konzernver-hältnis auszugehen wäre, kann im Rahmen der Vorabklärung offen gelassen werden. ImNachfolgenden wird von je eigenen Unternehmen ausgegangen.37. Auf die Frage, ob die betroffenen Unternehmen Wettbewerbsabreden treffen, wirdnachstehend unter Artikel 5 KG (B.3, Rz 70 ff. und B.4, Rz 96 ff.) eingegangen.38. Die Träger der an den Tarifverträgen beteiligten Sozialversicherungen treten im vorlie-genden Zusammenhang nicht direkt als Nachfrager von Hörgeräten (und der damit verbun-denen Anpassungsdienstleistungen) auf. Ob ihnen etwa in Zusammenhang mit der Aus-handlung der Tarifverträge im Bereich der Hörversorgung Unternehmenseigenschaft im Sin-ne von Artikel 2 KG zukommt, kann zumindest vorliegend offengelassen werden, bestehendoch Anhaltspunkte dafür, dass die Anwendung des KG auf die unter Mitwirkung der Sozial-versicherungen AHV, IV, MV und UV geschlossenen Tarifverträge im Hörgerätebereich auf-grund von Artikel 3 Absatz 1 KG ausgeschlossen wird (vgl. anschliessend B.2).B.2 Vorbehaltene Vorschriften39. Dem KG sind Vorschriften vorbehalten, die auf einem Markt für bestimmte Waren oderLeistungen Wettbewerb nicht zulassen, insbesondere Vorschriften, die eine staatliche Markt-oder Preisordnung begründen, und solche, die einzelne Unternehmen zur Erfüllung öffentli-cher Aufgaben mit besonderen Rechten ausstatten (Art. 3 Abs. 1 KG). Ebenfalls nicht unterdas Gesetz fallen Wettbewerbswirkungen, die sich ausschliesslich aus der Gesetzgebungüber das geistige Eigentum ergeben (Art. 3 Abs. 2 KG).40. Für die vorliegende Betrachtung sind keine Wettbewerbswirkungen, die sich aus derGesetzgebung über das geistige Eigentum ergeben (Art. 3 Abs. 2 KG), ersichtlich. Es stelltsich jedoch die Frage, ob beziehungsweise inwieweit durch die sozialversicherungsrechtlicheGesetzgebung (und die darauf basierende Tarifordnung) im Bereich der Hörgeräteversor-gung eine staatliche Markt- oder Preisordnung im Sinne von Artikel 3 Absatz 1 KG geschaf-fen wird.41. Anwendungsvorbehalte sind gemäss Literatur und Praxis der Wettbewerbsbehördenrestriktiv auszulegen: „Solange eine gesetzliche Regelung noch Raum für die Anwendungwettbewerbsrechtlicher Prinzipien lässt, muss dieser ausgefüllt werden [...]. VorbehalteneVorschriften nach Artikel 3 Absatz 1 KG sind folglich nicht leichthin anzunehmen“.61 Die Bot-schaft zum Kartellgesetz führt aus, es müsse tatsächlich die Absicht des Gesetzgebers sein,den Wettbewerb für den fraglichen Wirtschaftsbereich auszuschalten.62 Dem Wettbewerbs-prinzip ist soweit als möglich zum Durchbruch zu verhelfen und das Kartellgesetz bleibt auchdann anwendbar, wenn die Handlungsfreiheit der einzelnen Akteure im Wettbewerb durch61 Entscheid der REKO/WEF, RPW 2003/4, 861 E. 4.2, Krankenkassen vs. Privatkliniken und Konsor-ten im Kanton Aargau; RPW 2006/3, 514 Rz 20, Vorbehaltene Vorschriften in der Zusatzversicherung;vgl. auch BENOÎT CARRON, in: Commentaire Romand, Droit de la concurrence, Tercier/Bovet (Hrsg.),2002, Art. 3 KG N 35 f.62 Botschaft vom 23.11.1994 zu einem Bundesgesetz über Kartelle und andere Wettbewerbsbe-schränkungen, BBl 1995 468, 539.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 14
15. die fraglichen Vorschriften eingeschränkt ist.63 In der Literatur wird ebenfalls eine klare ge-setzliche Zulassung des wettbewerbswidrigen Verhaltens verlangt, um die Anwendbarkeitdes Kartellgesetzes auszuschliessen.6442. Die Tarifordnung führt, wie bereits dargelegt, nach den vorliegenden Erkenntnisseneinzig im Bereich der zuzahlungsfreien Hörversorgung zu einer Festlegung der Preise fürHörgeräte, setzen die vereinbarten Hörgerätetarife doch Höchstpreise betreffend den End-verkaufspreis von Hörgeräten fest (wenn auch nicht bezogen auf einzelne Hörgerätemodel-le).6543. Es stellt sich die Frage, ob sich diese aus den Tarifverträgen ergebende Einschrän-kung des Wettbewerbs aus Vorschriften ergibt, die im Sinne von Artikel 3 Absatz 1 Buchsta-be a KG eine staatliche Markt- oder Preisordnung begründen. Zur Beantwortung dieser Fra-ge gilt es zunächst die gesetzliche Grundlage der Tarifverträge in den jeweiligen an den Ta-rifverträgen beteiligten Sozialversicherungsbereichen darzustellen. Dabei liegt das Augen-merk jeweils auf den Grundlagen einerseits der Abgabe von Hörgeräten und andererseitsder Regelung dieser Abgabe durch Tarifverträge.44. Was die Preisfestlegung durch Akustiker ausserhalb des Anwendungsbereichs der Ta-rifverträge (also insbesondere gegenüber Nicht-Versicherten) und die Preisgestaltung derHersteller auf der Wholesale-Stufe anbelangt, sind von vornherein keine Vorschriften im Sin-ne von Artikel 3 Absatz 1 KG ersichtlich, welche Wettbewerb nicht zulassen würden.B.2.1 Gesetzliche Grundlagen der TarifordnungB.2.1.1 Gesetzliche Grundlagen im Bereich der IV45. Der Anspruch eines Versicherten auf Hilfsmittel ergibt sich für den Bereich der Invali-denversicherung aus Artikel 21 IVG. Nach Artikel 21 Absatz 1 Satz 1 IVG hat der Versicherteim Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste Anspruch auf jene Hilfsmittel, derener für die Ausübung der Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhal-tung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbildungoder zum Zwecke der funktionellen Angewöhnung bedarf. Gemäss Absatz 3 der Bestim-mung werden die Hilfsmittel zu Eigentum oder leihweise in einfacher und zweckmässigerAusführung abgegeben oder pauschal vergütet. Durch eine andere Ausführung verursachtezusätzliche Kosten hat der Versicherte selbst zu tragen. Ersetzt ein Hilfsmittel Gegenstände,die auch ohne Invalidität angeschafft werden müssen, so kann dem Versicherten eine Kos-tenbeteiligung auferlegt werden.46. Die Anspruchsberechtigung auf Abgabe beziehungsweise Kostenübernahme einesHörgerätes durch die IV ergibt sich in Verbindung mit der oben erwähnten Gesetzesbestim-mung aus den massgeblichen Ausführungsbestimmungen, insbesondere der HVI und darinZiffer 5.07 der Hilfsmittelliste im Anhang („Hörgeräte bei Schwerhörigkeit“).63 Entscheid der REKO/WEF, RPW 2003/4, 860 f. E. 4.2 m.w.H., Krankenkassen vs. Privatklinikenund Konsorten im Kanton Aargau; RPW 2006/3, 514 Rz 20, Vorbehaltene Vorschriften in der Zusatz-versicherung.64 Vgl. etwa CR concurrence-CARRON (Fn 61), Art. 3 KG N 35 f.; JÜRG BORER, Kartellgesetz, 2005,Art. 3 KG N 2 ff. So auch RPW 2006/3, 514 Rz 20, Vorbehaltene Vorschriften in der Zusatzversiche-rung.65 Ausserhalb der zuzahlungsfreien Hörversorgung im Einzelfall ist keine Festsetzung der Endver-kaufspreise aufgrund der Tarifverträge ersichtlich: Die Akustiker sind nach vorliegenden Erkenntnis-sen frei, ihre Endverkaufspreise (und darin inbegriffene Preiskomponenten) selber festzulegen. Vgl.oben Rz 29.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 15
16. 47. Nach Artikel 27 IVG ist der Bundesrat befugt, mit der Ärzteschaft, den Berufsverbän-den der Medizinalpersonen und der medizinischen Hilfspersonen, den Anstalten und Werk-stätten, die Eingliederungsmassnahmen durchführen, sowie den Abgabestellen für HilfsmittelVerträge zu schliessen, um die Zusammenarbeit mit den Organen der Versicherung zu re-geln und die Tarife festzulegen (Abs. 1). Soweit kein Vertrag besteht, kann der Bundesrat dieHöchstbeträge festsetzen, bis zu denen den Versicherten die Kosten der Eingliederungs-massnahmen vergütet werden (Abs. 3). Die Kompetenz zum Abschluss der Verträge ge-mäss Artikel 27 Absatz 1 IVG hat der Bundesrat in Artikel 24 Absatz 2 IVV66 an das BSV de-legiert. Auch ist das BSV gestützt auf die Subdelegation in Artikel 2 Absatz 4 HVI ermächtigt,beim Fehlen von vertraglichen Tarifen angemessene Höchstbeträge festzulegen.6748. Vor dem Hintergrund der oben dargestellten Gesetzesbestimmungen ist im Bereich derIV von einer genügenden gesetzlichen Grundlage für den Abschluss der Tarifverträge (undinsbesondere der Festlegung von Tarifen) durch das BSV mit den Branchenverbänden derAkustikern auszugehen.68B.2.1.2 Gesetzliche Grundlagen im Bereich der AHV49. Artikel 43ter AHVG überlässt die Regelung der Hilfsmittelabgabe (inkl. Anspruchsvor-aussetzungen) der Verordnungskompetenz des Bundesrates. Die Bestimmung lautet wiefolgt: Der Bundesrat bestimmt, unter welchen Voraussetzungen Bezügerinnen und Bezügervon Altersrenten oder Ergänzungsleistungen mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt(Art. 13 ATSG) in der Schweiz, die für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktesmit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, Anspruch auf Hilfs-mittel haben (Abs. 1). Er bestimmt, in welchen Fällen Bezügerinnen und Bezüger von Alters-renten oder Ergänzungsleistungen mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in derSchweiz Anspruch auf Hilfsmittel für die Ausübung einer Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeitin ihrem Aufgabenbereich haben (Abs. 2). Er bezeichnet die Hilfsmittel, welche die Versiche-rung abgibt oder an welche sie einen Kostenbeitrag gewährt; er regelt die Abgabe sowie dasVerfahren und bestimmt, welche Vorschriften des IVG anwendbar sind (Abs. 3).50. Gemäss Artikel 2 Absatz 1 HVA haben in der Schweiz wohnhafte Bezüger von Alters-renten der AHV, die für die Tätigkeit in ihrem Aufgabenbereich, für die Fortbewegung, für dieHerstellung des Kontakts mit der Umwelt oder für die Selbstsorge auf Hilfsmittel angewiesensind, Anspruch auf die in der Liste im Anhang aufgeführten Leistungen. Die Liste umschreibtArt und Umfang der Leistungen für jedes Hilfsmittel abschliessend. Nach Absatz 2 leistet dieVersicherung einen Kostenbeitrag von 75% des Nettopreises, soweit in der Liste nicht etwasanderes bestimmt wird.51. Die Anspruchsberechtigung auf Abgabe beziehungsweise Kostenübernahme einesHörgerätes durch die AHV ergibt sich dabei aus Ziffer 5.57 der Hilfsmittelliste im Anhang zurHVA („Hörgeräte für ein Ohr“) in Verbindung mit Artikel 2 Absatz 1 HVA.66 Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201).67 Vgl. auch BGE 130 V 163, 165 f. E. 3.1.2.68 In diesem Sinne auch das Bundesgericht, das bezogen auf den per 1.4.1999 in Kraft gesetzten Ta-rifvertrag (nachfolgend: Tarifvertrag-1999) festgestellt hat, dass der vom BSV mit den Leistungserb-ringern abgeschlossene Tarifvertrag insofern als bundesrechtskonform zu betrachten sei, als die Er-mächtigung des BSV zum Abschluss von Tarifverträgen auf zulässiger Gesetzesdelegation beruhe.Insbesondere sei das BSV gestützt auf Art. 27 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 24 Abs. 2 IVV er-mächtigt, im Rahmen eines mit den Leistungserbringern vereinbarten Tarifvertrages Höchstbeträge fürdie Vergütung der vom Leistungserbringer in Rechnung gestellten Kosten festzusetzen (siehe BGE130 V 163, 171 E. 4.2).22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 16
17. 52. Gemäss Artikel 5 HVA kann das Bundesamt für Sozialversicherungen mit Institutionender Altershilfe oder mit Abgabestellen für Hilfsmittel Verträge über die Abgabe von Hilfsmit-teln abschliessen.53. Auch für die AHV wird (wenn auch einzig auf Verordnungsstufe) das BSV ermächtigtmit Abgabestellen für Hilfsmittel „Verträge über die Abgabe von Hilfsmitteln“ abzuschliessen(vgl. Art. 5 HVA). Aufgrund der Nähe der AHV zur IV ist wohl davon auszugehen, dass diesdie Festsetzung von Tarifen in diesen Verträgen mit beinhaltet.B.2.1.3 Gesetzliche Grundlagen im Bereich UV und MV54. Nach Artikel 11 Absatz 1 UVG hat der Versicherte Anspruch auf die Hilfsmittel, die kör-perliche Schädigungen oder Funktionsausfälle ausgleichen. Der Bundesrat erstellt eine Listedieser Hilfsmittel. Nach Absatz 2 der Bestimmung müssen die Hilfsmittel einfach undzweckmässig sein. Sie werden zu Eigentum oder leihweise abgegeben.55. Die Anspruchsberechtigung auf Abgabe beziehungsweise Kostenübernahme einesHörgerätes durch die UV ergibt sich aus Artikel 1 Absatz 1 HVUV69 und Ziffer 6 der Hilfsmit-telliste in deren Anhang („Hörapparate“) in Verbindung mit Artikel 11 Absatz 1 UVG.56. Nach Artikel 56 Absatz 1 UVG können die Versicherer mit den Medizinalpersonen so-wie den Heil- und Kuranstalten vertraglich die Zusammenarbeit regeln und die Tarife festle-gen. Sie können die Behandlung der Versicherten ausschliesslich den am Vertrag Beteiligtenanvertrauen. Jedermann, der die Bedingungen erfüllt, kann dem Vertrag beitreten. GemässAbsatz 4 der Bestimmung sind für alle Versicherten der Unfallversicherung die gleichen Ta-xen zu berechnen.57. Artikel 70 Absatz 1 UVV legt fest, dass die Zusammenarbeits- und Tarifverträge zwi-schen den Versicherern und den Ärzten, Zahnärzten, Chiropraktoren und medizinischenHilfspersonen auf gesamtschweizerischer Ebene abgeschlossen werden müssen. Gestütztauf Artikel 3 Absatz 1 HVUV sind die Versicherer befugt, mit den Abgabestellen für Hilfsmittelvertraglich die Zusammenarbeit zu regeln und die Tarife festzulegen.58. Artikel 21 Absätze 1 bis 3 MVG lauten wie folgt: Der Versicherte hat Anspruch aufHilfsmittel für: a. die Verbesserung seines Gesundheitszustandes; b. die Ausübung einer Er-werbstätigkeit oder für die Tätigkeit in seinem Aufgabenbereich; c. die Schulung und Ausbil-dung; d. die funktionelle Angewöhnung; e. die Fortbewegung; f. die Selbstsorge; g. den Kon-takt mit der Umwelt (Abs. 1). Die Hilfsmittel werden zu Eigentum oder leihweise in einfacherund zweckmässiger Ausführung abgegeben oder mit Amortisationsbeiträgen finanziert. Kos-ten, die darüber hinausgehen, hat der Versicherte selbst zu tragen. Ersetzt ein HilfsmittelGegenstände, die auch ohne die Gesundheitsschädigung angeschafft werden müssten, sokann dem Versicherten eine Kostenbeteiligung auferlegt werden (Abs. 2). Schafft der Versi-cherte auf eigene Kosten ein Hilfsmittel an, auf das er Anspruch hat, so gewährt ihm die Mili-tärversicherung einen Beitrag (Abs. 3).59. Im Gegensatz zu den oben dargestellten Sozialversicherungszweigen kennt die Mili-tärversicherung keine Liste der zu Leistungen Anlass gebenden Hilfsmittel.70 Auf die Einfüh-rung einer Hilfsmittelliste, wie sie in den anderen Sozialversicherungszweigen üblich ist,wurde gemäss Botschaft ausdrücklich verzichtet, um sicherzustellen, dass „die Militärversi-69 Verordnung des EDI vom 18. Oktober 1984 über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Unfallversi-cherung (HVUV; SR 832.205.12). Die Verordnungskompetenzen des EDI für den Bereich der Hilfsmit-tel ergibt sich aus Art. 19 der Verordnung vom 20. Dezember 1982 über die Unfallversicherung (UVV;SR 832.202).70 Vgl. auch Urteil des BGer 8C.832/2007 vom 10.3.2008, E. 1.2.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 17
18. cherung die neu auf dem Markt erscheinenden Hilfsmittel rasch zu Nutze machen kann, da-mit die Bedürfnisse im Einzelfall optimal befriedigt werden können“.71 Die Kosten für die Ab-gabe von Hörgeräten werden jedoch im Rahmen der ausgehandelten Tarife von der Militär-versicherung übernommen.7260. Nach Artikel 26 Absatz 1 MVG kann die Militärversicherung mit den Medizinalperso-nen, Anstalten, Institutionen für teilstationären Aufenthalt, Abklärungsstellen und Laborato-rien vertraglich die Zusammenarbeit regeln und die Tarife festlegen. Sie kann die Behand-lung der Versicherten ausschliesslich den am Vertrag Beteiligten anvertrauen. Jedermann,der die Bedingungen erfüllt, kann dem Vertrag beitreten. Gemäss Absatz 4 der Bestimmungsind für alle Versicherten der Militärversicherung die gleichen Taxen zu berechnen.61. Artikel 13 Absatz 1 MVV73 regelt, dass die Zusammenarbeits- und Tarifverträge zwi-schen den Versicherern und den Ärzten, Zahnärzten, Chiropraktoren und medizinischenHilfspersonen auf gesamtschweizerischer Ebene abgeschlossen werden müssen. Nach Arti-kel 14 Absatz 1 Satz 1 MVV sind die Tarife nach Artikel 26 MVG nach Grundsätzen auszu-gestalten, die auch für andere Sozialversicherungszweige Anwendung finden können.62. Sowohl in Artikel 56 Absatz 1 UVG als auch in Artikel 26 Absatz 1 MVG wird die Mög-lichkeit geschaffen, dass die Versicherer mit gewissen Leistungserbringern vertraglich dieZusammenarbeit regeln und die Tarife festlegen können. Obwohl es dabei nicht offensicht-lich erscheint, dass Abgabestellen für Hilfsmittel (und somit Akustiker) unter den Begriff von„Medizinalpersonen“ zu subsumieren sind74, da doch zum Beispiel die für die Tarifverträgemassgebliche Bestimmung im IVG sowohl „Berufsverbände der Medizinalpersonen“ als auch„Abgabestellen für Hilfsmittel“ als mögliche Tarifpartner erwähnt (Art. 27 Abs. 1 IVG), ist vor-liegend sowohl für die UV als auch die MV von einer genügenden Gesetzesgrundlage fürden Abschluss von den Tarifverträgen im Hörgerätebereich durch die jeweiligen Versichererauszugehen.63. Für die UV gilt zunächst zu erwähnen, dass Artikel 70 Absatz 1 UVV auch von Zu-sammenarbeits- und Tarifverträge mit medizinischen Hilfspersonen spricht. Weiter ergibt sichdie Befugnis der Versicherer mit den Abgabestellen für Hilfsmittel vertraglich die Zusammen-arbeit zu regeln und die Tarife festzulegen explizit aus Artikel 3 Absatz 1 HVUV.64. Trotz Fehlen einer expliziten Bestimmung für Tarifverträge mit Abgabestellen für Hilfs-mittel kann es sich für die MV wohl nicht anders verhalten als bei der UV, wollte der Gesetz-geber doch das Modell des UVG betreffend Medizinalrecht und Tarifwesen für das MVGweitgehend übernehmen.75 Die Regelungsnähe zum UVG zeigt sich einerseits darin, dassmit Artikel 13 Absatz 1 MVV eine im Vergleich mit dem erwähnten Artikel 70 Absatz 1 UVVidentische Bestimmung besteht. Andererseits sind nach Artikel 14 Absatz 1 Satz 1 MVV dieTarife nach Artikel 26 MVG nach Grundsätzen auszugestalten, die auch für andere Sozial-versicherungszweige Anwendung finden können.71 Botschaft vom 27. Juni 1990 zum Bundesgesetz über die Militärversicherung, BBl 1990 III 201, 232.72 Vgl. oben Fn 48 zur Rechtsprechung des Bundesgerichts, wonach die Leistungspflicht der Militär-versicherung gegenüber der versicherten Person nicht in jedem Fall durch die Höhe der ausgehandel-ten Tarife beschränkt werden.73 Verordnung vom 10. November 1993 über die Militärversicherung (MVV; SR 833.11).74 Es handelt sich bei ihnen jedoch wohl weder um „Heil- und Kuranstalten“ (Art. 56 Abs. 1 UVG) nochum „Anstalten, Institutionen für teilstationären Aufenthalt, Abklärungsstellen und Laboratorien“ (Art. 26Abs. 1 MVG).75 BBl 1990 III 201, 232.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 18
19. B.2.1.4 Zwischenergebnis65. Sowohl was die Abgabe von Hörgeräten als auch die Regelung dieser Abgabe durchdie Akustiker mittels Tarifverträgen angeht, ist von einer genügenden gesetzlichen Grundla-ge auszugehen. Auch scheinen aufgrund der Vielzahl der Abgabestellen einzig branchen-übergreifende Tarifverhandlungen mit den Verbänden der Akustiker zielführend, zumal zu-mindest in den Bereichen UV und MV die Vorgabe besteht, für alle Versicherten die gleichenTaxen zu berechnen.76B.2.2 Preisregulierung aufgrund der Tarifordnung und Fazit66. Was nun die Preisregulierung im zuzahlungsfreien Bereich (d.h. die Tatsache, dass beiAbgabe eines zuzahlungsfreien Hörgerätes abhängig von der med. Indikation der versicher-ten Person maximal der anwendbare Tarifpreis in Rechnung gestellt werden darf) angeht,erscheint diese als Folge der gesetzlichen Vorgabe, Hilfsmittel in einfacher und zweckmässi-ger Ausführung anzugeben oder pauschal zu vergüten, und der zur Erfüllung dieser Aufgabevorgesehenen Möglichkeit, die Zusammenarbeit mit den Akustikern zu regeln und Tarife zuvereinbaren.67. Die Einschränkung der Preisgestaltungsfreiheit der Akustiker im zuzahlungsfreien Be-reich erscheint auch geeignet, eine adäquate Hörgeräteversorgung der versicherten Perso-nen zu garantieren und somit den gesetzlichen Auftrag, Hilfsmittel in einfacher und zweck-mässiger Ausführung anzugeben oder pauschal zu vergüten, zu erfüllen. Zu diesem Zweckdienen insbesondere auch die Bestimmungen des Qualitätssicherungsvertrags in Anhang 3des Tarifvertrags-2006, deren Erfüllung gemäss Ziffer 2.1 Tarifvertrag-2006 Voraussetzungzur Abrechnung gegenüber den Versicherern darstellt, und die Verpflichtung der Akustiker,im Rahmen der vergleichenden Anpassung (also dem Probetragen von verschiedenen Hör-geräte in der Auswahlphase) immer auch eine adäquate, zuzahlungsfreie Versorgungsvari-ante anzupassen.77 Weiter dient die Tarifordnung (und insbesondere die Hörgerätetarife) un-ter anderem der Begrenzung der von den Sozialversicherungen für diese Versorgung zu tra-genden Kosten und ermöglicht eine Gleichbehandlung aller Versicherten mit gleichem Hör-versorgungsbedarf.68. Es bestehen somit Anzeichen dafür, dass sich die aus der Tarifordnung ergebendeEinschränkung des Wettbewerbs im Bereich der zuzahlungsfreien Hörversorgung im Einzel-fall (die vereinbarten Hörgerätetarife als Höchstpreise) wohl auf Vorschriften im Sinne vonArtikel 3 Absatz 1 KG stützen kann. Eine Verpflichtung, bestimmte (insb. von den Herstellernexplizit als „zuzahlungsfrei“ bezeichnete oder auf der Liste der zuzahlungsfreien Hörsystemegeführte) Hörgerätemodelle zu einem bestimmten Endpreis verkaufen zu müssen, bestehtaufgrund der Tarifordnung nach vorliegenden Erkenntnissen nicht. Eine solche Ausschaltungdes Preiswettbewerbs wäre wohl auch nicht notwendig, um die gesetzlichen Vorgaben zu er-füllen, und könnte sich wohl kaum auf eine genügende Gesetzesgrundlage stützen.69. Das KG ist jedoch insoweit auf den Markt für Hörgeräte (vgl. unten B.4.2.2, Rz 142 ff.)anwendbar, als Raum für Wettbewerb verbleibt. Preiswettbewerb ist nach vorliegenden Er-kenntnissen insbesondere auf Absatzstufe zwischen den Herstellern generell und auf End-verkaufsstufe zwischen den Akustikern auch im Anwendungsbereich des Tarifvertrags (alsogegenüber Versicherten) zumindest im Bereich der zuzahlungspflichtigen Hörversorgunguneingeschränkt möglich.76 Vgl. oben Rz 56 und Rz 60.77 Ziff. 1.4 des Anhangs 2 der Tarifverträge.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 19
20. B.3 Horizontale Preisabrede zwischen den Hörgeräteherstellern70. Es stellt sich zunächst die Frage, ob Anzeichen für eine unzulässige horizontale Preis-abrede im Sinne von Artikel 4 Absatz 1 in Verbindung mit Artikel 5 Absatz 3 KG zwischenden Hörgeräteherstellern bestehen.B.3.1 Wettbewerbsabrede71. Als Wettbewerbsabreden gelten rechtlich erzwingbare oder nicht erzwingbare Verein-barungen sowie aufeinander abgestimmte Verhaltensweisen von Unternehmen gleicher oderverschiedener Marktstufen, die eine Wettbewerbsbeschränkung bezwecken oder bewirken(Art. 4 Abs. 1 KG).72. Eine Wettbewerbsabrede definiert sich daher durch zwei Tatbestandselemente: a) einbewusstes und gewolltes Zusammenwirken der an der Abrede beteiligten Unternehmen undb) die Abrede bezweckt oder bewirkt eine Wettbewerbsbeschränkung.73. Im gegenwärtigen Zeitpunkt liegen keine Hinweise dafür vor, dass zwischen den Her-stellern eine (rechtlich erzwingbare oder nicht erzwingbare) Vereinbarung gemäss Artikel 4Absatz 1 KG über Konkurrenzfaktoren (insb. Preise oder Preisbestandteile auf Wholesale-oder Endabnehmerstufe) vorliegt. Die Hersteller sind wie erwähnt nicht Vertragsparteien derzwischen den Sozialversicherern und den Akustikerverbänden geschlossenen Tarifverträgeund auch nicht in deren Ausarbeitung involviert.78 Weiter sind gegenwärtig keine Anzeichendafür ersichtlich, dass sich die Hersteller im Rahmen der Verbandstätigkeit der HSM, der allebefragten Hersteller angehören, über die Preisgestaltung absprechen oder in irgendeinerWeise gegenseitig Einfluss auf die Preise der Konkurrenten nehmen.7974. Nachfolgend gilt es zu prüfen, ob das Verhalten der befragten Hörgerätehersteller be-züglich Preissetzung auf eine Abrede im Sinne von Artikel 4 Absatz 1 KG, insbesondere inForm einer abgestimmten Verhaltensweise, zwischen ihnen hindeutet. Eine aufeinander ab-gestimmte Verhaltensweise liegt vor, wenn mehrere Unternehmen ihr Marktverhalten be-wusst und gewollt dem aufgrund bestimmter Kommunikationselemente antizipierbarenMarktverhalten der anderen Unternehmen anpassen, ohne dass Marktstrukturen gegebensind, die ein solches Parallelverhalten erzwingen.80 Vorausgesetzt ist ein bewusstes und ge-wolltes Zusammenwirken beziehungsweise ein Mindestmass an Verhaltenskoordination.75. Mit Fragebogen vom 25. Januar 2010 wurden ausgewählte Hörgerätehersteller (sieheoben Rz 5) unter anderem zu den Ex-Factory-Preisen und verkauften Mengen der von ihnenin der Schweiz in den Jahren 2006 bis 2010 angebotenen Modelle und den von ihnen in die-sem Zeitraum erwirtschafteten Umsätzen (nach Gerätestufen81) befragt. Weiter wurden dieHersteller gebeten, ihre an die Akustiker gerichteten Preislisten der Jahre 2006 bis 2010 bei-zulegen.76. Im Nachfolgenden werden diese Informationen vor dem Hintergrund der Hypothese ei-ner abgestimmten Verhaltensweise auf Herstellerstufe analysiert. Dabei gilt es zunächst die78 Gemäss Aussagen gewisser Hörgerätehersteller hätten sie überhaupt keinen Einfluss auf die Ges-taltung der Verträge.79 Vgl. zum im Rahmen der HSM praktizierten Meldesystem unten B.3.1.3, Rz 89 ff. HSM selber führtim Schreiben vom 18.10.2010 aus, der Verband solle auf keinen Fall ein Gefäss für die Vereinbarungvon Preisen oder sonstigen Konditionen zwischen den Herstellern oder mit nachgelagerten Handels-stufen bilden. Unzulässige Abreden würden durch den Verband weder toleriert noch begünstigt.80 ROLAND KÖCHLI/PHILIPPE REICH, in: Stämpflis Handkommentar zum Kartellgesetz, Baker & McKen-zie (Hrsg.), 2007, Art. 4 KG N 12.81 Vgl. zu den sogenannten Gerätestufen unten Rz 114.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 20
21. Entwicklung der Marktanteile der Hörgerätehersteller und die Entwicklung der Preise aufdem Absatzmarkt darzustellen.B.3.1.1 Entwicklung der Marktanteile77. Die Marktanteile in der Schweiz der im Rahmen der vorliegenden Vorabklärung befrag-ten sechs Hersteller haben sich in den Jahren 2006 bis 2009 wie folgt entwickelt:Tabelle 5: Entwicklung der umsatzbasierten Marktanteile von 2006 bis 2009 (in Prozentsätzen) 2006 2007 2008 2009 Bernafon [0-5]% [0-5]% [0-5]% [0-5]% GN ReSound [0-10]% [0-10]% [0-10]% [0-5]% Oticon [10-20]% [10-20]% [10-20]% [10-20]% Phonak [30-40]% [30-40]% [30-40]% [45-55]% Siemens [10-20]% [10-20]% [10-20]% [0-10]% Widex [10-20]% [10-20]% [20-30]% [10-20]% TOTAL 100,0% 100,0% 100,0% 100,0%Quelle: Angaben der Hersteller. Berechnung: Sekretariat.78. Die von den Herstellern insgesamt (d.h. für alle Gerätestufen) gemeldeten Umsatzzah-len zeigen zwischen 2006 und 2008 eine gewisse Stabilität der Marktanteile der Unterneh-men auf dem schweizerischen Markt für Hörgeräte. Im Jahr 2009 findet hingegen eine starkeVerschiebung der Marktanteile statt: Der Anteil von Phonak erhöht sich stark (von [30-40]%auf über [45-55]%) und alle anderen Mitbewerber (mit Ausnahme von Oticon) verlieren imVergleich zum Vorjahr an Marktanteil, teilweise sogar stark: So halbierten sich die Marktan-teile von GN ReSound und Siemens.79. Betrachtet man die Marktanteilsentwicklung betreffend die jeweiligen Gerätestufen,entlang derer möglicherweise allfällige Submärkte abgegrenzt werde könnten, so zeigt sichfolgendes Bild: Die Entwicklung der Marktanteile bezogen auf die Hörgeräte der Stufen 3 und4, mit welchen die Unternehmen am meisten Umsatz erwirtschaften, ist vergleichbar zuroben dargestellten Entwicklung der Gesamtumsätze. Die Daten betreffend die Gerätestufen1 und 2 zeigen eher grosse Schwankungen der Marktanteile in dieser Periode.82 Es handeltsich dabei um allfällige Submärkte, die während dieser Periode umsatzmässig uninteressantgeworden sind, wie die folgende Tabelle zeigt:Tabelle 6: Entwicklung der Umsätze aller Hersteller nach Gerätestufe (in Prozentsätzen) 2006 2007 2008 2009 Gerätestufe 1 0,8% 0,7% 0,7% 0,8% Gerätestufe 2 11,3% 9,3% 11,9% 8,4% Gerätestufe 3 25,2% 27,5% 32,0% 39,0% Gerätestufe 4 62,7% 62,4% 55,5% 51,8% TOTAL 100,0% 100,0% 100,0% 100,0%Quelle: Angaben der Hersteller. Berechnungen: Sekretariat.80. Die Entwicklungen der Marktanteile scheinen zu zeigen, dass erstens die Produkte derverschiedenen Hersteller tatsächlich dem gleichen Markt zuzuordnen sind (Substituierbar-keit) und zweitens ein Kampf um Marktanteile mindestens ab 2009 stattgefunden hat. Auf-grund dieser aufgezeigten Marktstruktur ist anzunehmen, dass mit keinem dauerhaft einheit-lichen Verhalten dieser Unternehmen in der Schweiz zu rechnen ist, sind Marktanteilver-82 Vgl. Grafiken in Anhang 1.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 21
22. schiebungen doch Anzeichen dafür, dass ein Anreiz (nämlich Marktanteilzuwachs) dafür be-steht, von einem allfälligen gemeinsamen Vorgehen abzuweichen.81. Zur Interpretation der Marktanteilsentwicklungen ist weiter eine Analyse der Preisent-wicklung und der Preispolitik der Hörgerätehersteller vorzunehmen.B.3.1.2 Preisentwicklung82. Gestützt auf die von den Herstellern mitgeteilten Ex-Factory-Preise (also Listenpreisevor Abzug allfälliger Rabatte) lässt sich für die Jahre 2006 bis 2009 folgende Entwicklung derDurchschnittspreise feststellen:Tabelle 7: Entwicklung der durchschnittlichen Listenpreise (nach verkauften Mengen gewich-tet) 2006 2007 2008 2009 Bernafon 1280.1 1160.5 997.4 1016.6 GN ReSound 1175.1 1285.5 1343.1 1163.9 Oticon 1272.7 1523.3 1324.2 1099.2 Phonak 1423.0 1377.7 1411.1 1441.3 Siemens 1190.9 1172.5 1197.6 1095.0 Widex 1298.1 1291.3 1385.9 1366.2 Durchschnitt 1273.3 1301.8 1276.6 1197.0Quelle: Angaben der Hersteller. Berechnung: Sekretariat83. Allgemein und ohne Rücksicht auf die Angaben betreffend die unterschiedlichen Stufensind die durchschnittlichen Listenpreise auf die Jahre hinweg eher stabil geblieben. Die glei-che Feststelllung lässt sich auch im Bezug auf die Entwicklung der Preise für die Hörgeräteder Stufe 4 (eher leichte Erhöhung) sowie der Indikationsstufe 3 treffen. Eine leichte Sen-kung der Listenpreise charakterisiert hingegen die Entwicklung der durchschnittlichen Lis-tenpreise für die Gerätestufen 1 und 2.8384. Aufgrund der Analyse der Listenpreise lassen sich die Schwankungen der Marktanteileder verschiedenen Unternehmen nicht erklären. Es sind deshalb im Folgenden die Nettover-kaufspreise der Hersteller in die Analyse mit einzubeziehen. In diesem Zusammenhang istzu erwähnen, dass sich der Umsatz aller befragten Hersteller zwischen 2006 und 2009 um5,3% erhöht hat, gleichzeitig das Wachstum bezogen auf die Anzahl der verkauften Hörgerä-te jedoch 27,5% betrug. Der durchschnittliche Nettoverkaufspreis der Hörgeräte84 (bezogenauf alle Stufen) ist daher in dieser Periode von 937 Franken auf 714 Franken gesunken.85. Betrachtet man die Entwicklung der von den Akustikern (also den Abnehmern) effektivan die einzelnen Hersteller bezahlten Preise, zeigt sich, dass diese massgeblich von der je-weiligen Rabattpolitik der jeweiligen Hersteller geprägt sind. Die Höhe der Rabatte in Pro-zentsätzen sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst85:83 Vgl. Grafiken in Anhang 2.84 Dies entspricht dem erwirtschafteten Umsatz dividiert durch die Anzahl verkaufter Hörgeräte allerHersteller.85 Vgl. auch Grafik in Anhang 3.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 22
23. Tabelle 8: Rabatte der Hörgerätehersteller gegenüber den Akustikern von 2006 bis 2009 (inProzensätzen) 2006 2007 2008 2009 Bernafon […]% […]% […]% […]% GN ReSound […]% […]% […]% […]% Oticon […]% […]% […]% […]% Phonak […]% […]% […]% […]% Siemens […]% […]% […]% […]% Widex […]% […]% […]% […]% Durchschnitt -[20-30]% -[30-40]% -[30-40]% -[40-50]%Quelle: Angaben der Hersteller. Berechnung: Sekretariat.86. Diese Zahlen zeigen, dass die Hörgerätehersteller in den Jahren 2006 bis 2009 durchpreisliche Massnahmen versucht haben, die Haltung der Abnehmer (Ketten, Einkaufsge-meinschaften und Einzelabnehmer) zu beeinflussen, um bessere Umsätze zu erreichen.Diese Strategie hat nicht allen Produzenten gleichermassen gedient: Die Senkung der Preisehat meist nicht zu einer genügend starken Erhöhung des Verkaufs von Hörgeräten geführtund der Umsatz hat sich verkleinert. Phonak hat die Situation am besten gemeistert. Trotz(oder zumindest teilweise dank) hohen und steigenden Rabatten an die Akustiker hat sie ihreUmsätze steigern und Marktanteile hinzugewinnen können.87. Die Analyse der Preisentwicklung hat gezeigt, dass die Rabattpolitik der verschiedenenUnternehmen (wohl zusammen mit der Entwicklung der jeweiligen Produktpalette sowie an-deren Marketing-Massnahmen) mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Einfluss auf die Entwick-lung der Marktanteile gehabt hat. Diese Haltung ist sicher als prokompetitiv zu beurteilen, hatsie doch zu einem Preiskampf zwischen den Hörgeräteherstellern geführt und letztendlichdie Wettbewerbsintensität zwischen Produzenten für Hörgeräte in der Schweiz erhöht.B.3.1.3 Datenerhebung durch HSM88. HSM ist eine Genossenschaft mit Sitz in Cham. Sie bezweckt die Vereinigung von Fab-rikanten und Grossisten der Hörgerätebranche zu einem Berufsverband. Weiter hat sie zumZweck die Förderung des Absatzes von Hörgeräten ihrer Genossenschafter in gemeinsamerSelbsthilfe mit gezielten Massnahmen, die Organisation von Weiterbildungsveranstaltungenfür ihre Genossenschafter und die Zurverfügungstellung einer kostengünstigen Verbandsinf-rastruktur bestehend unter anderem aus Auskunfts- und Rechtsdienst an die Genossen-schafter.8689. HSM, der unter anderem sämtliche im Rahmen der Vorabklärung befragten Herstellerangehören, erhebt durch und für seine Mitglieder seit dessen Gründung am 25. März 2003Daten betreffend die Stückzahlen der im schweizerischen Markt insgesamt pro Quartal ab-gesetzten Hörsysteme. Die Datenerhebung und der Rückfluss der Daten an die Mitgliedergestaltet sich gemäss HSM wie folgt:90. Jedes Mitglied der HSM liefert quartalsweise die Anzahl der von ihm verkauften Hörge-räte an das Verbandssekretariat von HSM, vertreten durch die 4S Treuhand AG mit Sitz inCham (nachfolgend: 4S Treuhand). Diese ist für die Aufbereitung und Konsolidierung derDaten verantwortlich und erstellt zu Handen der HSM (bzw. ihrer Mitglieder) eine Übersichtüber die Gesamtabsatzmengen des jeweils letzten Quartals, aufgegliedert nach den folgen-den Parametern: Gerätestufe (1, 2, 3, 4- [bis Fr. 3‘599], 4+ [ab Fr. 3‘600] oder 5 [Fernbedie-86 Auszug aus dem Handelsregister des Kantons Zug.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 23
24. nungen])87, Bauform (HdO/HB, miniHdO [mit Schlach], miniHdO [mit externem Hörer], IdOoder CIC) und Absatzkanal (AKUSTIKA DS, AKUSTIKA SR, HZV oder NOF88). So lässt sichzum Beispiel der Übersicht zum dritten Quartal 2009 entnehmen, dass in dieser Zeitperiodegesamthaft 16‘038 Hörgeräte abgesetzt wurden und davon nur 1‘381 (oder 8,61%) an Akus-tiker gingen, die weder Mitglied von AKUSTIKA noch HZV sind. Die Quartalsübersichten las-sen jedoch noch weit detailliertere Aussagen über den (Absatz-)Markt für Hörgeräte zu, etwadass im dritten Quartal 2009 64 Hörgeräte der Bauform IdO (also „In-dem-Ohr“), die der Stu-fe 3 zugeteilt sind, an Mitglieder von HZV verkauft wurden.8991. Auf den so erstellten Quartalsübersichten finden sich keine Preisangaben und nur Ge-samtabsatzmengen, also immer nur nach den erwähnten Parametern aufgegliederte Anga-ben zu den Stückzahlen der von allen Herstellern insgesamt abgesetzten Hörgeräte.90 Mitanderen Worten lässt sich aus den Übersichten nicht ablesen, wie viele Geräte die einzelnenHersteller in der Bemessungsperiode verkauft haben. HSM führt dazu aus, diese Informationwerde ihren Mitglieder auch nicht bekanntgegeben, es flössen nur Gesamtmarktdaten andiese zurück. Das Treuhandbüro (4S Treuhand) unterliege einer Geheimhaltungspflicht; dieeinzelnen Meldungen der Hersteller dürften weder den Mitgliedern noch Drittparteien be-kannt gegeben werden.9192. Sofern, wie von HSM ausgeführt, tatsächlich nur Gesamtzahlen zurückfliessen, welcheden einzelnen Herstellern keine Rückschlüsse auf die Absatzzahlen ihrer jeweiligen Konkur-renten erlauben92, ist davon auszugehen, dass das Meldesystem von HSM eventuell nichtgeeignet ist, ein kollusives Verhalten zwischen den Herstellern zu ermöglichen oder zu er-leichtern. Zu welchem Zweck dieses Meldesystem eingeführt und weiterhin unterhalten wird,erscheint jedoch gestützt auf die vorliegenden Informationen unklar.93B.3.1.4 Zwischenergebnis93. Sowohl die Entwicklung der Marktanteile der befragten Hörgerätehersteller als auch dieEntwicklung der Ex-Factory-Preise beziehungsweise der von den Akustikern effektiv bezahl-87 Die Einstufung in die Kategorien 4- (bis Fr. 3‘599.-) und 4+ (ab Fr. 3‘600.-) richtet sich bis Ende2009 nach dem empfohlenen Endverkaufspreis gemäss Hörgerätelisten.88 Unter der Bezeichnung „NOF“ werden diejenigen Akustiker aufgeführt, die weder Mitglied vonAKUSTIKA noch von HZV sind.89 Vgl. die Übersichten zum dritten und vierten Quartal 2009 in der Beilage 7 des Schreibens vonPhonak vom 29.3.2010.90 Das Meldesystem in der Schweiz unterscheidet sich von demjenigen, das von den Herstellern inDeutschland praktiziert wurde: Dort meldeten seit 2002 alle Hörgerätehersteller, die ihre Hörgeräte anden Hörgeräte-Akustikerhandel vertrieben, dem Zentralverband Elektrotechnik- und Elektrotechnikin-dustrie e.V., Frankfurt/Main (nachfolgend: ZVEI), bei dem alle Hersteller Mitglieder sind, bzw. demFachverband Elektromedizinische Technik innerhalb des ZVEI, monatlich detaillierte Angaben überdie eigenen Absatzmengen, Umsätze und ihre durchschnittlichen Herstellerabgabepreise im BereichHörgeräte (vgl. zum mittlerweile nicht mehr praktizierten ZVEI-Meldesystem etwa den Beschluss der3. Beschlussabteilung des Bundeskartellamtes vom 11.4.2007 zum Zusammenschlussvorhaben Pho-nak/GN ReSound, Rz 196 ff., erhältlich unter:<http://www.bundeskartellamt.de/wDeutsch/download/pdf/Fusion/Fusion07/B3-578-06.pdf>(8.2.2011). Phonak führt aus, das ZVEI-System betreffe alleine Deutschland, existiere in der Schweiznicht und habe auch keinen mittelbaren Einfluss auf die Schweiz (vgl. Schreiben vom 29.3.2010,S. 15).91 Schreiben von HSM vom 18.10.2010.92 So explizit Phonak, die weiter ausführt, andere Daten würden weder von HSM noch von den Her-stellern über einen anderen Weg ausgetauscht (vgl. Schreiben vom 29.3.2010, S. 15).93 Gemäss HSM dient die Datenerhebung dem Zweck, die Marktentwicklung in Bezug auf die Stück-zahlen zu kennen (Schreiben von HSM vom 18.10.2010).22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 24
25. ten Preise deuten auf vorhandenen Preiswettbewerb auf dem Absatzmarkt und somit gegendie Existenz einer Abrede zwischen den Hörgeräteherstellern etwa in Form einer aufeinan-der abgestimmten Verhaltensweise.94 Es bestehen zudem keine Anhaltspunkte dafür, dassdas im Rahmen der HSM von den Herstellern praktizierte Meldesystem dazu genutzt wird,ein allfälliges kollusives Verhalten zwischen den Herstellern zu ermöglichen oder zu erleich-tern.94. Da aufgrund der vorliegenden Informationen momentan keine Anhaltspunkte für einbewusstes und gewolltes Zusammenwirken bezüglich der Festsetzung der Ex-Factory- oderNettoverkaufspreise und somit einer Abrede zwischen den Hörgeräteherstellern etwa inForm einer abgestimmten Verhaltensweise in Sinne von Artikel 4 Absatz 1 KG vorliegen,brauchen die weiteren Elemente einer allfälligen unzulässigen Preisabrede im Sinne von Ar-tikel 5 Absatz 3 KG nicht mehr geprüft zu werden.B.3.2 Fazit95. Es bestehen keine Anzeichen dafür, dass die Preise für Hörgeräte auf der Absatzstufedurch eine horizontale Preisabrede zwischen den Hörgeräteherstellern im Sinne von Artikel 4Absatz 1 in Verbindung mit Artikel 5 Absatz 3 KG beeinflusst werden. Vielmehr ist aufgrundder vorliegenden Informationen davon auszugehen, dass tatsächlich insbesondere Preis-und Rabattwettbewerb zwischen den Hörgeräteherstellern besteht.B.4 Vertikale Preisabrede zwischen Herstellern und Akustikern96. Weiter gilt es zu prüfen, ob Anhaltspunkte dafür bestehen, dass unzulässige vertikaleAbreden zwischen den Hörgeräteherstellern und Akustikern über Preise im Sinne von Arti-kel 4 Absatz 1 in Verbindung mit Artikel 5 Absatz 4 KG vorliegen. Als Ansatzpunkt für diesePrüfung dienen dabei Verkaufspreisempfehlungen der Hersteller, die sich einerseits auf densogenannten Hörgerätelisten95, andererseits jedoch auch auf den jeweiligen Preislisten derHersteller finden.B.4.1 Wettbewerbsabrede97. Als Wettbewerbsabreden gelten rechtlich erzwingbare oder nicht erzwingbare Verein-barungen sowie aufeinander abgestimmte Verhaltensweisen von Unternehmen gleicher oderverschiedener Marktstufen, die eine Wettbewerbsbeschränkung bezwecken oder bewirken(Art. 4 Abs. 1 KG).98. Eine Wettbewerbsabrede definiert sich daher durch zwei Tatbestandselemente: a) einbewusstes und gewolltes Zusammenwirken der an der Abrede beteiligten Unternehmen undb) die Abrede bezweckt oder bewirkt eine Wettbewerbsbeschränkung. Diese Definition um-fasst sowohl Vereinbarungen als auch Empfehlungen und abgestimmte Verhaltensweisen.99. Nachfolgend ist zu prüfen, ob Anzeichen dafür bestehen, dass die von den Hörgeräte-herstellern abgegebenen Verkaufspreisempfehlungen für Hörgeräte als Wettbewerbsabre-den zwischen den Herstellern und den Akustikern im Sinne von Artikel 4 Absatz 1 KG zuqualifizieren sind. Im Vordergrund steht dabei die Frage, ob Anhaltspunkte für abgestimmteVerhaltensweisen vorliegen.94 So auch Phonak, welche ausführt, zwischen den Herstellern bestehe starker Innovationswettbewerbund erheblicher Preiswettbewerb, was sich in den dynamischen und teils signifikanten Marktanteils-verschiebungen zeige (Schreiben vom 29.3.2010, S. 2).95 Vgl. zu den Hörgerätelisten unten Rz 110 ff.22/2009/03279/COO.2101.111.5.127264 25

References: Art. 26
 Art. 5
De lege ferenda
 Art. 21
 Art. 21
 Art. 11
 Art. 2
 BGE 
 Art. 27
 Art. 56
 Art. 26
 Art. 2
 Art. 4
 BGE 
 Art. 3
 Art. 3
 BGE 
 Art. 27
 Art. 24
 Art. 5
 Art. 19
 BGer 
 Art. 4