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Timestamp: 2019-12-08 10:27:33+00:00

Document:
BVerwG, 1 B 6.15: Die Post, Fristbeginn, Zustellungsfiktion, Absender
Urteil des BVerwG vom 24.03.2015, 1 B 6.15
Aktenzeichen: 1 B 6.15
Die Post, Fristbeginn, Zustellungsfiktion, Absender
BVerwG 1 B 6.15 OVG 10 A 11170/13
hat der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 24. März 2015 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Berlit und die Richterinnen am Bundesverwaltungsgericht Fricke und Dr. Rudolph
Die Beschwerde der Klägerin gegen die Nichtzulassung der Revision in dem aufgrund der mündlichen Verhandlung vom 30. Oktober 2014 ergangenen Urteil des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz wird zurückgewiesen.
1Die Beschwerde, mit der die Klägerin eine grundsätzliche Bedeutung der
2Die Beschwerde hält für grundsätzlich klärungsbedürftig,
„ob bei Zustellung einer Verfügung - hier einem Asylbescheid - mit einem Übergabeeinschreiben die Zustellungsfiktion von drei Tagen gemäß § 4 VwZG eingreift oder bei einer nachweislichen früheren Zustellung dieser tatsächliche Zustellungstermin für den Fristbeginn maßgeblich ist
oder ob die Tatsache, dass der Bescheid mit einem Übergabeeinschreiben wie es das Asylverfahrensgesetz vorschreibt förmlich zugestellt wurde, zu einem konkreten Fristbeginn führt und wegen der tatsächlichen Zustellung die Zustellungsfiktion des § 4 VwZG keine Anwendung findet.“
5Zur Begründung verweist sie insbesondere darauf, dass das Verwaltungszustellungsgesetz inzwischen novelliert worden sei und nunmehr auch das Übergabeeinschreiben die Voraussetzungen für eine förmliche Zustellung erfülle. Von
daher könne auf die zur früheren Rechtslage ergangene Rechtsprechung nicht
mehr zurückgegriffen werden. Mit diesem und dem weiteren Vorbringen verfehlt
die Beschwerde bereits die Darlegungsanforderungen für eine Grundsatzfrage
gemäß § 133 Abs. 3 Satz 3 i.V.m. § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO). Es fehlt insbesondere eine vertiefte Auseinandersetzung mit der vom Gesetzgeber in § 4
VwZG getroffenen Regelung zur Zustellung durch die Post mittels Einschreiben.
6Im Übrigen rechtfertigt die aufgeworfene Frage mangels Klärungsbedürftigkeit
nicht die Zulassung der Revision wegen grundsätzlicher Bedeutung. Denn sie
lässt sich ohne Weiteres aus dem Gesetz in dem vom Berufungsgericht angenommenen Sinne beantworten. Nach § 31 Abs. 1 Satz 2 AsylVfG sind Entscheidungen des Bundesamts zuzustellen. Die Zustellung erfolgt, soweit sich
aus der Sondervorschrift des § 10 AsylVfG nichts anderes ergibt, nach den allgemeinen Zustellungsvorschriften des Verwaltungszustellungsgesetzes (§ 1
VwZG). Dabei hat die Behörde die Wahl zwischen den einzelnen im Verwaltungszustellungsgesetz geregelten Zustellungsarten (§ 3 Abs. 2 VwZG). Entscheidet sie sich - wie hier - für eine Zustellung durch die Post mittels Einschreiben, kann sie zudem wählen zwischen einem Einschreiben durch Übergabe oder einem Einschreiben mit Rückschein (§ 4 Abs. 1 VwZG). Beim Einschreiben mit Rückschein genügt zum Nachweis der Zustellung der Rückschein
(§ 4 Abs. 2 Satz 1 VwZG). Im Übrigen gilt das Dokument am dritten Tag nach
der Aufgabe zur Post als zugestellt, es sei denn, dass es nicht oder zu einem
späteren Zeitpunkt zugegangen ist (§ 4 Abs. 2 Satz 2 VwZG). Nach dieser gesetzlichen Fiktion gilt ein Dokument beim Übergabeeinschreiben auch dann mit
dem dritten Tag nach der Aufgabe zur Post als zugestellt, wenn feststeht, dass
es dem Empfänger vor diesem Zeitpunkt zugegangen ist (so schon BVerwG,
Urteil vom 23. Juli 1965 - 7 C 170.64 - BVerwGE 22, 11 zur wortgleichen Fiktionsregelung in § 4 Abs. 1 Halbs. 1 VwZG 1952 für eingeschriebene Briefe).
7Dass diese nach dem Wortlaut angeordnete Rechtsfolge vom Gesetzgeber
auch gewollt war, belegen die Gesetzesmaterialien. Mit der Neufassung des
Verwaltungszustellungsgesetzes im Jahr 2005 sollte die Zustellung mittels Einschreiben weiterhin erhalten bleiben, unter Berücksichtigung der von den Postdienstleistern inzwischen angebotenen Einschreibevarianten aber auf das
Übergabeeinschreiben und das Einschreiben mit Rückschein begrenzt werden,
ein Einwurfeinschreiben also nicht ausreichen. Zugleich wird in der Begründung
des Gesetzentwurfs ausdrücklich darauf hingewiesen, dass für das Übergabeeinschreiben die Fiktion des § 4 Abs. 2 Satz 2 VwZG gilt (BT-Drs. 16/5216
S. 12). Diese Regelung dient der Rechtssicherheit und -klarheit, da dem Absender nur beim Einschreiben mit Rückschein der Übergabezeitpunkt mitgeteilt
wird. Beim Übergabeeinschreiben erhält er hingegen lediglich eine Einlieferungsbescheinigung, aus der sich das Einlieferungsdatum ergibt. Den konkreten Übergabezeitpunkt kann er nur über eine online-Abfrage feststellen. Die
Anwendung des § 4 Abs. 2 Satz 2 VwZG auf Übergabeeinschreiben benachteiligt den Zustellungsempfänger nicht unangemessen, da durch die Widerlegbarkeit der Zugangsvermutung sichergestellt ist, dass eine durch ein Übergabeeinschreiben in Lauf gesetzte Frist nicht vor der tatsächlichen Übergabe beginnt.
Die Sonderregelung des § 10 Abs. 4 Satz 4 AsylVfG, wonach Zustellungen mit
der Aushändigung an den Ausländer bewirkt sind, steht der Anwendung des § 4
Abs. 2 Satz 2 VwZG im vorliegenden Fall nicht entgegen, da sie nur Zustellungen in einer Aufnahmeeinrichtung an den Ausländer persönlich betrifft. Hier war
der Bescheid jedoch dem damaligen Prozessbevollmächtigen der Klägerin zuzustellen (§ 7 Abs. 1 Satz 2 VwZG).
1 B 6.15
Die Post, Fristbeginn, Zustellungsfiktion, Absender, Rechtssicherheit, Gesetzesmaterialien, Verfügung

References: § 4
 § 4
 § 133
 § 132
 § 4
 § 31
 § 10
 § 4
 § 4
 § 4
 § 10
 § 4