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Timestamp: 2016-10-26 15:09:49+00:00

Document:
I 293/06 (02.11.2006)
I 293/06
Pr�sident Ferrari, Bundesrichter Meyer und Seiler; Gerichtsschreiber Hadorn
IV-Stelle des Kantons Z�rich, R�ntgenstrasse 17, 8005 Z�rich, Beschwerdef�hrerin,
D.________, 1986, Beschwerdegegnerin, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Daniel Gsponer-Zemp, Schwanenplatz 4, 6004 Luzern
(Entscheid vom 15. Februar 2006)
Mit Verf�gung vom 24. August 2004 lehnte die IV-Stelle des Kantons Z�rich ein Gesuch der D.________ (geb. 1986) um �bernahme einer Psychotherapie ab. Daran hielt sie mit Einspracheentscheid vom 10. Dezember 2004 fest.
Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das Sozialversicherungsgericht des Kantons Z�rich mit Entscheid vom 15. Februar 2006 gut. Es verpflichtete die IV-Stelle, die Kosten f�r die Psychotherapie zu �bernehmen.
Die IV-Stelle f�hrt Verwaltungsgerichtsbeschwerde mit dem Begehren, der kantonale Entscheid sei aufzuheben.
Das Bundesamt f�r Sozialversicherung schliesst auf Gutheissung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde, w�hrend D.________ deren Abweisung beantragen l�sst.
Der angefochtene Entscheid betrifft Leistungen der Invalidenversicherung. Nach Art. 132 Abs. 1 OG in der Fassung gem�ss Ziff. III des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 �ber die �nderung des IVG (in Kraft seit 1. Juli 2006) kann das Eidgen�ssische Versicherungsgericht in Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen in Abweichung von den Art. 104 und 105 OG auch die Unangemessenheit der angefochtenen Verf�gung beurteilen und ist an die vorinstanzliche Feststellung des Sachverhalts nicht gebunden. Gem�ss Art. 132 Abs. 2 OG gelten diese Abweichungen nicht, wenn der angefochtene Entscheid Leistungen der Invalidenversicherung betrifft. Nach Ziff. II lit. c des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 gilt indessen bisheriges Recht f�r die im Zeitpunkt des Inkrafttretens der �nderung beim Eidgen�ssischen Versicherungsgericht h�ngigen Beschwerden. Da die hier zu beurteilende Beschwerde am 1. Juli 2006 beim Eidgen�ssischen Versicherungsgericht h�ngig war, richtet sich dessen Kognition noch nach Art. 132 Abs. 1 OG.
Nach Art. 12 Abs. 1 IVG hat ein Versicherter Anspruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die berufliche Eingliederung gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsf�higkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor wesentlicher Beeintr�chtigung zu bewahren. Um Behandlung des Leidens an sich geht es in der Regel bei der Heilung oder Linderung labilen pathologischen Geschehens. Die Invalidenversicherung �bernimmt grunds�tzlich nur solche medizinische Vorkehren, die unmittelbar auf die Beseitigung oder Korrektur stabiler oder wenigstens relativ stabilisierter Defektzust�nde oder Funktionsausf�lle hinzielen und welche die Wesentlichkeit und Best�ndigkeit des angestrebten Erfolges gem�ss Art. 12 Abs. 1 IVG voraussehen lassen (BGE 120 V 279 Erw. 3a mit Hinweisen; AHI 2000 S. 64 Erw. 1). Bei nicht erwerbst�tigen Versicherten vor vollendetem 20. Altersjahr ist zu beachten, dass diese als invalid gelten, wenn ihr Gesundheitsschaden k�nftig wahrscheinlich eine Erwerbsunf�higkeit zur Folge haben wird (Art. 5 Abs. 2 IVG in Verbindung mit Art. 8 Abs. 2 ATSG). Nach der Rechtsprechung k�nnen daher medizinische Vorkehren bei Jugendlichen schon dann �berwiegend der beruflichen Eingliederung dienen und trotz des einstweilen noch labilen Leidenscharakters von der Invalidenversicherung �bernommen werden, wenn ohne diese Vorkehren eine Heilung mit Defekt oder ein sonst wie stabilisierter Zustand eintr�te, wodurch die Berufsbildung oder die Erwerbsf�higkeit oder beide beeintr�chtigt w�rden (BGE 131 V 21 Erw. 4.2, 105 V 20; AHI 2000 S. 64 Erw. 1).
Zu pr�fen ist, ob die streitige Psychotherapie diesen Anforderungen entspricht.
3.1 Im Bericht vom 24. M�rz 2003 f�hrt Dr. med. C.________, FMH Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie, aus, die Versicherte habe wegen ihrer aussergew�hnlich ausgepr�gten Hochbegabung eine �usserst schwierige Laufbahn zur�ckgelegt. Im Kindergarten habe sie zu vielen Themen Interessantes zu sagen gehabt, sei aber von der durchaus wohlwollenden Kinderg�rtnerin oft gestoppt worden, da andere Kinder irritiert und �berfordert gewesen seien. Die Versicherte habe "extrem viele B�cher verschlungen", so dass das Angebot einer Bibliothek nicht ausgereicht habe, ihren Lesehunger zu befriedigen. In der ersten Primarklasse habe sie einen schwer wiegenden Motivationseinbruch erlitten, sich gelangweilt und begonnen, ihre F�higkeiten bewusst zu dissimulieren. In der dritten und vierten Primarklasse h�tten die Eltern versucht, ihr mit zahlreichen ausserschulischen Aktivit�ten gerecht zu werden. In der vierten und f�nften Primarklasse habe sie eine schwierige Zeit durchgemacht, sich einer Schieloperation unterzogen und sei oft erkrankt. Ihr Bruder habe sich in einer schweren emotionalen Notsituation allein ihr anvertraut, was f�r sie eine schwere Last gewesen sei. Ihr Lehrer habe sie vor der Klasse immer brillieren lassen, was bei den Kameraden Neid und Hass geweckt habe. Die Versicherte sei geplagt, teils brutal zusammengeschlagen und innerhalb der Klasse v�llig isoliert worden. ln dieser Zeit seien die Eltern wegen des Bruders so stark in Anspruch genommen worden, dass sie nicht mehr gen�gend auf die Schwierigkeiten der Versicherten reagiert h�tten. Beim Wechsel an die Bezirksschule seien die H�lfte ihrer Primarschul-Kollegen mit ihr zusammen �bergetreten, weshalb sich das schlechte Verhalten ihr gegen�ber fortgesetzt habe. Eine entsprechende Abkl�rung habe eine ganz eindeutige Hochbegabung ergeben. Schliesslich sei die Situation derart eskaliert, dass die Eltern die Versicherte auf eigene Kosten in eine Privatschule geschickt h�tten. Dort sei sie wieder aufgebl�ht. Doch nach eineinhalb Jahren h�tten die Eltern die Schulkosten nicht mehr tragen k�nnen. Deshalb sei die Versicherte in die Sekundarschule eingeschult worden. Sie habe im Fach Deutsch ein Mentorat erhalten, um der Gefahr von Motivationseinbr�chen zu begegnen. Ihre Deutschlehrerin habe dagegen opponiert und sie wiederholt vor der Klasse blossgestellt. So sei es zu einer Episode mit tagelangem R�ckzug ins eigene Zimmer und Schulverweigerung gekommen. Im Fr�hjahr 2002 habe die Familie der Versicherten unvermittelt unter �usserst belastenden Umst�nden das Domizil wechseln m�ssen. Bei der Aufnahmepr�fung f�r das Gymnasium habe die Versicherte v�llig versagt, obwohl sie einige Tage zuvor bei einem Test eine "Superleistung" gezeigt habe. Die Pr�fer h�tten deutliche Anzeichen einer Depression best�tigt. Zwar habe die Versicherte probeweise das Gymnasium besuchen d�rfen, die Probezeit jedoch nicht bestanden, da sie sich nur langsam von der schwer ausgepr�gten Depression erholt habe. Eine leicht, seit dem Ausscheiden aus dem Gymnasium eher mittelschwer ausgepr�gte depressive Symptomatik sei weiterhin feststellbar. Die Pers�nlichkeitsstruktur entspreche einem reifen Funktionsniveau. Die �ber mehrere Jahre angebahnte und schon etwas chronifizierte, durch immer neue Belastungssituationen aufrecht erhaltene depressive Entwicklung sei auf auf verschiedene Faktoren zur�ckzuf�hren: die jahrelange �berlastung der Familie, soziale Anpassungsprobleme des hochbegabten Kindes, Motivationsprobleme wegen der schulischen Unterforderung und Einsamkeit, jahrelanges "Mobbing" und teilweise inad�quate Reaktionen der mit der Hochbegabten-Problematik nicht vertrauten Lehrpersonen. Neben der Depression bestehe eine Lernst�rung, die zum Teil auf der letzteren beruhe, aber auch auf weiteren Faktoren wie der jahrelangen schulischen Unterforderung und damit verbundenen mangelhaften Entwicklung einiger motivationaler Prozesse, der Ausbildung schulischer L�cken im Zusammenhang mit diversen Schulwechseln und depressiven Phasen. Die Pers�nlichkeit der Versicherten sei auf eine intellektuelle Bet�tigung als conditio sine qua non ausgerichtet. K�nne sie nicht eine ihren Begabungen entsprechende Berufsbildung absolvieren, w�re die Chronifizierung der Depression vorprogrammiert und das Invalidisierungsrisiko "nicht gering". Eine auf die Situation und den F�rderbedarf zugeschnittene schulische Massnahme sei daher absolut unabdingbar; die Prognose sei ausgesprochen gut. Als Diagnosen nennt Dr. C.________ eine l�nger dauernde, mittelschwer ausgepr�gte depressive Episode (Dysthyme St�rung F34.1 gem�ss ICD-10) bei einer hochbegabten Jugendlichen sowie eine Lernst�rung.
3.2 Im Bericht vom 30. Dezember 2004 schreibt Dr. med. C.________, die fach�rztliche jugendpsychiatrische Behandlung sei f�r das Gelingen der beruflichen Massnahme (Schulung im Z.________) unabdingbar. Zur Prognose sei zu sagen, dass mit Sicherheit kein kurzfristig behandelbares labiles Krankheitsgeschehen vorliege. Langfristig m�sse die Prognose unter Behandlung nach wie vor als gut bezeichnet werden. Die Pathogenese der Erkrankung bei der Versicherten sei reaktiver Natur und direkt in �usseren lebensgeschichtlichen Umst�nden, nicht aber in erblicher Veranlagung oder in der Charakterstruktur begr�ndet. Der bisherige positive Verlauf best�tige zudem die g�nstigen prognostischen Voraussagen.
3.3 Die IV-Stelle bem�ngelt, die Vorinstanz habe sich auf eine veraltete medizinische Lehrmeinung abgest�tzt. Bei Personen mit einer Dysthymie bestehe ein erh�htes Risiko von schweren, wiederkehrenden depressiven Episoden. Die Versicherte sei eine hochbegabte erwachsene Person, die am 21. Mai 2006 20 Jahre alt geworden sei. Ihre Hochbegabung, der Ausl�ser f�r die psychiatrischen St�rungen, werde bleiben. Die beantragte Psychotherapie finde seit 2002 statt und werde �ber das 20. Altersjahr hinaus notwendig bleiben, um einen station�ren Zustand herbeizuf�hren.
3.4 Gem�ss konstanter Rechtsprechung (BGE 127 V 169 Erw. 1) bildet das Datum des Einspracheentscheides, hier somit der 12. Dezember 2004, die zeitliche Grenze der richterlichen �berpr�fungsbefugnis. Was zu geschehen hat, nachdem die Versicherte am 21. Mai 2006 das 20. Altersjahr vollendet hat, ist daher nicht zu pr�fen. Bis zum 12. Dezember 2004 war die Beschwerdegegnerin Jugendliche im Sinne des IV-Rechts (Art. 5 Abs. 2 IVG in Verbindung mit Art. 8 Abs. 2 ATSG).
3.5 Angesichts der von Dr. med. C.________ beschriebenen Lebensgeschichte der Versicherten besteht ungeachtet der von der IV-Stelle und vom BSV bestrittenen Diagnose kein Zweifel, dass erhebliche psychische Leiden vorliegen. Diese sind, wie Dr. C.________ einleuchtend ausf�hrt, reaktiver Natur, insbesondere hervorgerufen durch eine Reihe von belastenden, �usseren Umst�nden, wie schlecht gelungener schulischer Integration, Unterforderung, Mobbing durch Klassenkameraden und famili�re Probleme. Daher ist nachvollziehbar, dass Dr. C.________ eine g�nstige Prognose ausstellt: wenn die �usseren Belastungsfaktoren wegfallen, besteht die Aussicht, dass auch die psychischen Leiden abnehmen. Der aus finanziellen Gr�nden abgebrochene Besuch der Privatschule, w�hrend welchem die Versicherte laut Dr. C.________ wieder aufgebl�ht sei, spricht f�r die gute Prognose. Die Hochbegabung an sich ist keine seelische Diagnose. Probleme entstanden vielmehr wegen der Umgebung, welche darauf w�hrend Jahren nicht ad�quat reagiert hat. Es ist davon auszugehen, dass die Beschwerdegegnerin mit der Therapie die Leiden �berwinden kann. Zwar wird dies einige Zeit in Anspruch nehmen, doch kann davon ausgegangen werden, dass keine Dauertherapie n�tig sein wird. Die Rechtsprechung hat die Invalidenversicherung bereits mehrmals verpflichtet, zeitlich ausgedehntere Behandlungen zu �bernehmen (Urteil G. vom 5. Dezember 2005, I 522/05: 6 Jahre; Urteil M. vom 6. Mai 2003, I 16/03: 9 Jahre). Zudem ist angesichts der Aussagen des Dr. C.________ erstellt, dass die Versicherte ohne die streitige Psychotherapie keinen angemessenen Schulabschluss erreichen kann und damit in Bezug auf ihre berufliche Zukunft Nachteile in Kauf nehmen m�sste. Ohne die streitige Therapie riskiert sie, in einen chronifizierten, also stabilisierten, die sp�tere Berufsausbildung und Erwerbsf�higkeit erheblich behindernden oder gar verunm�glichenden Zustand zu fallen (Urteile R. vom 23. M�rz 2005, I 561/04, A. vom 14. April 2005, I 577/04). Somit dient die Psychotherapie �berwiegend der beruflichen Eingliederung. Obwohl die psychischen Leiden einstweilen noch labilen Charakter haben, kann sie daher von der Invalidenversicherung �bernommen werden. Daran verm�gen die Einwendungen des BSV gegen die Berichte des Dr. C.________ nichts zu �ndern. Zeitlich steht sodann keine Dauerbehandlung an. Damit erf�llt die Psychotherapie die eingangs (Erw. 2 hievor) umschriebenen Voraussetzungen, weshalb der kantonale Entscheid zu best�tigen ist.
Die IV-Stelle Z�rich hat der Beschwerdegegnerin f�r das Verfahren vor dem Eidgen�ssischen Versicherungsgericht eine Entsch�digung von Fr. 2'000.- (einschliesslich Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons Z�rich, der Ausgleichskasse des Kantons Z�rich und dem Bundesamt f�r Sozialversicherung zugestellt.
Luzern, 2. November 2006

References: Art. 132
 Art. 104
 Art. 132
 Art. 132
 Art. 12
 Art. 12
 Art. 8
 Art. 8