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Timestamp: 2018-11-17 02:39:10+00:00

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OVG Nordrhein-Westfalen, 16 B 2140/02: OVG NRW: psychotherapie, psychische störung, ärztliche behandlung, psychotherapeutische behandlung, krankheit, aufenthalt, chronifizierung, duldung, verfügung, psychiatrie
Urteil des OVG Nordrhein-Westfalen vom 20.08.2003, 16 B 2140/02
16 B 2140/02
OVG NRW: psychotherapie, psychische störung, ärztliche behandlung, psychotherapeutische behandlung, krankheit, aufenthalt, chronifizierung, duldung, verfügung, psychiatrie
Psychotherapie, Psychische störung, ärztliche behandlung, Psychotherapeutische behandlung, Krankheit, Aufenthalt, Chronifizierung, Duldung, Verfügung, Psychiatrie
Oberverwaltungsgericht NRW, 16 B 2140/02
Aktenzeichen: 16 B 2140/02
Vorinstanz: Verwaltungsgericht Düsseldorf, 11 L 3762/02
Die Beschwerde, mit der die Antragstellerin beantragt, 2
den Beschluss des Verwaltungsgerichts Düsseldorf vom 2. Oktober 2002 abzuändern und den Antragsgegner im Wege der einstweiligen Anordnung zu verpflichten, die Kosten einer Psychotherapie einschließlich der Dolmetscherkosten für sie zu übernehmen,
4ist nicht begründet. Die geltend gemachten Gründe rechtfertigen keine Änderung des angefochtenen Beschlusses (vgl. § 146 Abs. 4 Satz 6 VwGO). Nach wie vor ist ein Anordnungsanspruch im Sinne des § 123 Abs. 1 Satz 2 VwGO nicht glaubhaft gemacht. Dies gilt unabhängig davon, ob das geltend gemachte Begehren nach § 4 Abs. 1 Satz 1 AsylbLG oder - wofür mit Rücksicht auf den langjährigen Bezug von Asylbewerberleistungen durch die Antragstellerin und die Erwägungen zum Vorliegen eines Abschiebungshindernisses im Beschluss des Verwaltungsgerichts Düsseldorf vom 7. März 2003 - 24 L 4353/02 - einiges spricht - gemäß § 2 Abs. 1 AsylbLG in entsprechender Anwendung der §§ 37 Abs. 1, 38 BSHG zu beurteilen ist.
Die Anspruchsvoraussetzungen des § 4 Abs. 1 Satz 1 AsylbLG sind nicht erfüllt. Es erscheint zwar zweifelhaft, ob das schon daraus folgt, dass für die begehrte Psychotherapie kein muttersprachlicher Therapeut zur Verfügung steht. Die Möglichkeit unmittelbarer Kommunikation mit dem Therapeuten in der Muttersprache fördert sicherlich den Therapieerfolg. Die Stellungnahme des Psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge in Düsseldorf vom 25. Oktober 2002 deutet jedoch darauf hin, dass eine Psychotherapie auch unter Einschaltung von Sprachmittlern erfolgreich praktiziert werden kann. Unabhängig von dieser Frage scheitert ein Anspruch aus § 4 Abs. 1 Satz 3
1 AsylbLG aber, weil das depressive Syndrom, dessentwegen die Antragstellerin sich einer Psychotherapie unterziehen will, keine akute Erkrankung im Sinne des § 4 Abs. 1 Satz 1 AsylbLG ist. Von einer akuten Erkrankung kann nur bei einem plötzlichen Auftreten bzw. bei einem heftigen und kurzfristigen Verlauf ausgegangen werden.
Senatsbeschluss vom 7. Februar 2000 - 16 A 3897/99 -, S. 3 des Beschlussabdrucks. 6
7Anderenfalls handelt es sich um eine chronische Erkrankung, für die abgesehen von der Schmerzbehandlung kein Leistungsanspruch besteht.
8Senatsbeschluss vom 7. Februar 2000 - 16 A 3897/99 -, a.a.O.; VGH Bad.-Württ., Urteil vom 4. Mai 1998 - 7 S 920/98 -, FEVS 49, 33 (34 f.) m.w.N.
9Eine Ausnahme von diesem Grundsatz wird dann zu machen sein, wenn chronische Erkrankungen zu akuten, konkret behandlungsbedürftigen Krankheitszuständen führen. Einen darüber hinausgehenden Behandlungsbedarf bei chronischen Leiden erfasst § 4 Abs. 1 Satz 1 AsylbLG demgegenüber nicht.
10Ebenso VG Frankfurt a.M., Beschluss vom 9. April 1997 - 8 G 638/97 (1) -, S. 3 ff. des Beschlussabdrucks.
11Dafür sprechen neben dem Wortlaut der Vorschrift auch die Gesetzesmaterialien, aus denen sich ergibt, dass langfristige Therapien, wie sie bei chronischen Erkrankungen typischerweise angezeigt sind, und selbst unaufschiebbare Maßnahmen zur Behandlung chronischer Erkrankungen keine Leistungspflicht auslösen sollen.
12Vgl. Begründung des Gesetzentwurfs der Fraktionen der CDU/CSU und FDP vom 2. März 1993, BT-Drucks. 12/4451, S. 9 (zu § 3); Beschlussentwurf und Bericht des Ausschusses für Familie und Senioren vom 24. Mai 1993, S. 14 (zu § 3 Abs. 1).
13Bei dem der Antragstellerin attestierten depressiven Syndrom handelt es sich um eine dauerhafte und damit chronische Krankheit. Die erstrebte Psychotherapie dient der Ermittlung und Aufarbeitung der Ursachen dieser Erkrankung, nicht bloß der Behandlung der sich im Zuge des chronischen Verlaufs akut einstellenden Symptome, die gesondert medikamentös behandelt werden. Eine Übernahme der Therapiekosten scheidet demgemäß aus.
14An diesem Ergebnis ändert sich auch dann nichts, wenn das Anordnungsbegehren nicht nach § 4 Abs. 1 Satz 1 AsylbLG, sondern gemäß § 2 Abs. 1 AsylbLG entsprechend §§ 37 Abs. 1, 38 BSHG iVm §§ 27 Abs. 1, 28 Abs. 1 SGB V zu beurteilen ist. § 27 Abs. 1 Satz 1 SGB V gewährt einen Anspruch auf Krankenbehandlung, falls diese notwendig ist, um eine Krankheit zu erkennen, zu heilen, ihre Verschlimmerung zu verhüten oder Krankheitsbeschwerden zu lindern. Die Krankenbehandlung in diesem Sinne umfasst insbesondere auch die ärztliche Behandlung einschließlich der Psychotherapie als ärztliche und psychotherapeutische Behandlung (§ 27 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB V). Das gilt aber nur, wenn die Maßnahme nach den Regeln der ärztlichen Kunst notwendig und zweckmäßig ist (§ 28 Abs. 1 Satz 1 SGB V). Kann hingegen keines der in § 27 Abs. 1 Satz 1 SGB V und gleichlautend in § 37 Abs. 1 BSHG aufgeführten Behandlungsziele erreicht werden, ist der Anspruch ausgeschlossen.
Vgl. Schellhorn, BSHG, 16. Auflage, 2002, § 37 Rn. 9. 15
16Dass im Fall der Antragstellerin die angestrebte Psychotherapie eine taugliche Behandlungsmaßnahme wäre, ist nicht mit dem gebotenen hohen Grad an Wahrscheinlichkeit glaubhaft gemacht. Ausweislich zweier amtsärztlicher Stellungnahmen des Arztes für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie Dr. I. ist die psychische Störung der Antragstellerin zwar dringend behandlungsbedürftig, wobei der Arzt in seiner ersten, in einem Schreiben der Amtsärztin Dr. C. vom 8. April 2002 wiedergegebenen Stellungnahme auf eine medikamentöse Therapie verweist. Eine Psychotherapie erachtet er seiner zweiten, vom 1. Juli 2002 stammenden Stellungnahme zufolge aber nur unter der Voraussetzung für sinnvoll, dass - abgesehen von der Verständigungsproblematik - der Aufenthalt der Antragstellerin in Deutschland langfristig gesichert ist, weil ein vorzeitiger Therapieabbruch zur Retraumatisierung und damit zu einer schweren psychischen Krise führen könnte. Mit dieser plausiblen Einschätzung deckt sich die von der Antragstellerin vorgelegte Stellungnahme des Psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge vom 25. Oktober 2002 insofern, als auch darin "eine langfristige aufenthaltsrechtliche Sicherheit" als "Voraussetzung für einen langfristigen Therapieerfolg" bezeichnet wird; anderenfalls könne es bei dem Patienten "zur Verstärkung der Abwehrmechanismen, zu einer Verschärfung der Symptomatik und im ungünstigsten Fall zu einer Chronifizierung" kommen. Andererseits wird in der genannten Stellungnahme allerdings betont, eine Psychotherapie sei auch bei einem aufenthaltsrechtlich unsicheren Status "sinnvoll und effektiv", da in der nach dem anfänglichen Prozess der Vertrauensbildung zwischen Patient und Therapeut folgenden Stabilisierungsphase Schritte unternommen werden könnten, "um die physische und psychische Gesundheit ... zu verbessern, eine Chronifizierung des Beschwerdebildes und eine mögliche Dekompensation zu vermeiden". Diese unterschiedlichen Feststellungen lassen sich ohne weitere Begründung, die in der Stellungnahme nicht enthalten ist und sich dem Senat auch nicht auf andere Weise erschließt, nicht miteinander in Einklang bringen. Dies gilt um so mehr, als die Risiken eines ungesicherten Aufenthalts nicht nur auf bestimmte Arten psychischer Leiden bezogen werden; traumatische Störungen sind insoweit nur beispielhaft benannt.
17Von einem langfristig gesicherten Aufenthalt der Antragstellerin, ohne den hiernach die Tauglichkeit und Zweckmäßigkeit der gewünschten Therapie nicht als glaubhaft gemacht anzusehen ist, kann nicht ausgegangen werden. Die Antragstellerin verfügt nur über eine aktuell bis zum 16. Oktober 2003 befristete Duldung. Das in Betracht zu ziehende Abschiebungshindernis wegen der medizinischen und medikamentösen Versorgungslage im Heimatland der Antragstellerin hängt ab vom Fortbestand der dortigen aktuellen Verhältnisse und kann deshalb keinen auf Dauer gesicherten Aufenthaltstatus vermitteln.
Die Kostenentscheidung folgt aus §§ 154 Abs. 2, 188 Satz 2 VwGO. 18
Der Beschluss ist gemäß § 152 Abs. 1 VwGO unanfechtbar. 19

References: § 146
 § 123
 § 4
 § 2
 § 4
 § 4
 § 4
 § 4
 § 3
 § 3
 § 4
 § 2
 § 27
 § 27
 § 37
 § 37
 § 152