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Timestamp: 2016-10-24 12:30:47+00:00

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100 V 329. Urteil vom 21. Januar 1974 i.S. Hofer gegen Ausgleichskasse des Kantons Bern und Versicherungsgericht des Kantons Bern
Mesures m�dicales (art. 12 al. 1 LAI). Quand l'assurance-invalidit� doit-elle assumer le traitement du d�collement �piphysaire du f�mur chez de jeunes assur�s? Faits � partir de page 32
A.- Die 1958 geborene Sekundarsch�lerin Susanne Hofer versp�rte nach einem Skiunfall seit M�rz 1971 linksseitige Knieschmerzen. Eine Untersuchung im Bezirksspital B. im August 1972 ergab eine deutlich eingeschr�nkte Beweglichkeit im linken H�ftgelenk; die Beckenaufnahme zeigte eine Epiphysiolysis capitis femoris links; die Reposition scheiterte (Bericht vom 20. Dezember 1972). Am 11. Oktober 1972 wurde in der orthop�dischen Klinik Balgrist wegen einer veralteten Epiphysenl�sung mit Abrutsch von ca. 45o links die Imh�user-Operation durchgef�hrt, und 3 Wochen sp�ter erfolgte in �blicher Weise die prophylaktische Nagelung der Gegenseite. Dr. med. K. verneinte im Bericht vom 13. April 1973 die Frage, ob die linksseitige Epiphysenl�sung durch den Sturz im Monat M�rz 1971 ausgel�st worden sei; auf die weitere Frage, ob es sich bei der Nagelung rechts um eine prophylaktische Massnahme gehandelt habe, f�hrte er aus, die Ursache der Epiphysenl�sung liege meistens in der Sch�digung der Epiphysenlinie; sie sei hormonell bedingt; weil mehr als 65% der Epiphysenl�sungen doppelseitig seien, werde in der Klinik Balgrist die Gegenseite automatisch operiert.
Mit Verf�gung vom 30. April 1973 lehnte die Ausgleichskasse ein vom Vater der Versicherten gestelltes Gesuch um Gew�hrung medizinischer Massnahmen mit der Begr�ndung ab, mit �berwiegender Wahrscheinlichkeit sei die linksseitige Epiphysenl�sung auf den Sturz im Monat M�rz 1971 zur�ckzuf�hren.
B.- Das Versicherungsgericht des Kantons Bern wies durch Entscheid vom 26. Juni 1973 eine gegen diese Verf�gung erhobene Beschwerde ab.
C.- Mit der vorliegenden Verwaltungsgerichtsbeschwerde beantragt der Vater der Versicherten, die Invalidenversicherung habe die Kosten der medizinischen Behandlung zu �bernehmen. Er verweist auf ein vom ersten Oberarzt der Orthop�dischen Universit�tsklinik Balgrist, Dr. med. L., erstattetes Gutachten vom 21. August 1973, auf das in den Erw�gungen zur�ckzukommen sein wird.
W�hrend die Ausgleichskasse auf eine Stellungnahme verzichtet, schliesst das Bundesamt f�r Sozialversicherung auf Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde.
Das Eidg.Versicherungsgericht zieht in Erw�gung:
1. a) Gem�ss Art. 12 Abs. 1 IVG hat der Versicherte Anspruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die berufliche Eingliederung gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsf�higkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor wesentlicher Beeintr�chtigung zu bewahren. Um Behandlung des Leidens an sich geht es in der Regel bei der Heilung oder Linderung labilen pathologischen Geschehens. Unter solchen Umst�nden ist die Vorkehr nicht unmittelbar auf die Eingliederung gerichtet. Die Invalidenversicherung �bernimmt im Prinzip nur unmittelbar auf die Beseitigung oder Korrektur stabiler Defektzust�nde oder Funktionsausf�lle gerichtete Vorkehren, sofern diese die Wesentlichkeit und Best�ndigkeit des angestrebten Erfolges im Sinne von Art. 12 Abs. 1 IVG voraussehen lassen. Bei nichterwerbst�tigen minderj�hrigen Versicherten ist insbesondere zu beachten, dass diese als invalid gelten, wenn ihr Gesundheitsschaden k�nftig wahrschemlich eine Erwerbsunf�higkeit zur Folge haben wird (Art. 5 Abs. 2 IVG). Nach BGE 100 V 32 S. 34der Rechtsprechung k�nnen daher medizinische Vorkehren bei Jugendlichen schon dann �berwiegend der beruflichen Eingliederung dienen und trotz des einstweilen noch labilen Leidenscharakters von der Invalidenversicherung �bernommen werden, wenn ohne diese Vorkehren in absehbarer Zeit eine Heilung mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter Zustand eintr�te, wodurch die Berufsbildung oder die Erwerbsf�higkeit oder beide beeintr�chtigt w�rden. Selbstverst�ndlich m�ssen auch die �brigen Voraussetzungen erf�llt sein (BGE 98 V 214 f. mit Hinweisen).
b) Nach der Rechtsprechung gehen medizinische Vorkehren f�r eine durch Sturz bewirkte Epiphysenl�sung Minderj�hriger nicht zu Lasten der Invalidenversicherung. Treten im unmittelbaren Anschluss an einen Sturz, der zu einem solchen Leiden f�hrt, erstmals und heftig Schmerzen auf, so spricht die �berwiegende Wahrscheinlichkeit f�r die unfallm�ssige Entstehung des Leidens. Die notwendigen Behandlungsvorkehren dienen daher der Heilung der Unfallfolgen und stellen keine medizinischen Eingliederungsmassnahmen dar (EVGE 1965 S. 253; nicht publizierte Urteile i.S. Jobin vom 6. Januar 1966 und Stuker vom 1, September 1972). Denn die Kriterien von Art. 12 Abs. 1 IVG k�nnen erst dann angewendet werden, wenn zuvor die grunds�tzliche Abgrenzungsfrage beantwortet ist, ob n�mlich medizinische Vorkehren nicht von vorneherein ins Gebiet der sozialen Kranken- oder Unfallversicherung fallen (vgl. EVGE 1967 S. 100 ff.). Nach der Abgrenzungsregel, die sich aus der Interpretation des Art. 12 IVG ergibt, geh�rt die Behandlung von Unfallfolgen und von infekti�sen Prozessen grunds�tzlich in das Gebiet der sozialen Kranken- und Unfallversicherung (vgl. Art. 2 Abs. 4 IVV). Das gilt ebenfalls f�r Vorkehren, die der Behandlung Minderj�hriger dienen (EVGE 1969 S. 227).
c) Hinsichtlich der nicht auf einen Unfall zur�ckzuf�hrenden Epiphysiolysis gilt folgendes: Alle operativen Eingriffe, die nach dem Gleiten des Schenkelkopfes medizinisch indiziert sind, stellen grunds�tzlich Eingliederungsmassnahmen dar. Zwar ist einzur�umen, dass �ber den Verlauf des Gleitprozesses nicht einmal eine Wahrscheinlichkeitsprognose gestellt werden kann, ob er bis zu den schweren Formen fortschreiten oder innerhalb der Grenze zum Stehen kommt, die die Funktion der H�fte noch nicht beeintr�chtigt. Die fr�here Praxis, nur Vorkehren BGE 100 V 32 S. 35in einem fortgeschrittenen Stadium als Eingliederungsmassnahmen anzuerkennen (EVGE 1963 S. 113, 257), hatte zwar insofern einen formalen Beweisvorteil f�r sich, als mit Sicherheit davon ausgegangen werden konnte, dass ohne Behandlung ein Defektzustand eintreten werde. Die Gefahr einer die Erwerbsf�higkeit schwer beeintr�chtigenden Dauersch�digung erweist sich jedoch bereits nach dem Beginn des Gleitprozesses als derart gross, dass ein operativer Eingriff, der nach �rztlicher Auffassung nicht mehr aufgeschoben werden kann, nach sozialversicherungsrechtlicher Abw�gung �berwiegend Eingliederungsmassnahme ist (EVGE 1965 S. 83, 92). Im �brigen w�re es nicht verst�ndlich, wenn die Invalidenversicherung f�r einen einfachen, wegen des noch wenig fortgeschrittenen Gleitprozesses besonders erfolgversprechenden Eingriff nicht aufkommen w�rde, um bald darauf schwere Eingriffe zu �bernehmen, welche die Entstehung eines Defektzustandes oft nicht mehr zu verhindern verm�gen.
2. Die Beschwerdef�hrerin versp�rte im Anschluss an einen Sturz beim Skifahren im M�rz 1971 Schmerzen im linken Knie, die im August 1972 zu einer Einweisung ins Spital und schliesslich im Oktober 1972 in der Klinik Balgrist zu der linksseitigen Operation nach Imh�user und zu der prophylaktischen Versorgung der rechten Seite f�hrten. Invalidenversicherungs-Kommission, Vormstanz und Bundesamt f�r Sozialversicherung schlossen daraus, dass das Leiden der Versicherten auf den Skiunfall zur�ckzuf�hren sei. Dem steht indessen die Feststellung von Dr. K. entgegen, der die Frage, ob die Imksseitige Epiphysenl�sung durch den Sturz ausgel�st worden sei, verneint. Wie Dr. L. ausserdem darlegt, beg�nstigten der K�rperbau sowie das Entwicklungsstadium der im M�rz 1971 knapp 13j�hrigen Beschwerdef�hrerin die Voraussetzungen zu einer Pr�disposition f�r eine Epiphysenl�sung, weshalb entgegen der Annahme der Vorinstanz im Zeitpunkt des Skiunfalles eine schmerzfreie, bereits vorhandene chronische, noch nicht massiv dislozierte Epiphysenl�sung nicht ausgeschlossen werden kann. Die Schmerzen im Knie - also nicht vornehmlich in der H�fte - sind nach Auffassung des Arztes ebenfalls bezeichnend f�r dieses Krankheitsstadium; eine traumatisch bedingte Epiphysenl�sung dagegen sei praktisch immer mit starken H�ftschmerzen verbunden.
Nach den �berzeugenden �rztlichen Ausf�hrungen ist ein BGE 100 V 32 S. 36Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und der Epiphysenl�sung nicht erwiesen, sondern nach den Darlegungen des Dr. L. wahrscheinlicher, dass in Anbetracht des Alters und der Konstitution der Versicherten sich ihr Leiden - wenn es nicht schon vor dem Unfall vorhanden war - auch ohne den Sturz entwickelt h�tte.
Diente die linksseitige Operation somit nicht der Heilung von Unfallfolgen, so kann sie nach dem in Erw. 1 Gesagten als medizinische Massnahme im Sinne des Art. 12 IVG von der Invalidenversicherung �bernommen werden.
3. Es fragt sich, ob auch die 3 Wochen sp�ter prophylaktisch vorgenommene Epiphysennagelung rechts als medizinische Eingliederungsmassnahme zu betrachten ist. Nach der Rechtsprechung kann ein solcher Eingriff nicht �bernommen werden, wenn er erfolgte, bevor es �berhaupt zu einem Gleitprozess gekommen war (EVGE 1965 S. 100). Den vorhandenen Unterlagen kann in dieser Beziehung nichts entnommen werden. Die Verwaltung, an welche die Akten zur�ckgewiesen werden, hat daher n�her abzukl�ren, wie es sich mit dem Zustand der rechten H�fte verhielt. In diesem Zusammenhang wird sie auch zu pr�fen haben, ob die beiden Operationen als Massnahmenkomplex im Sinne der Rechtsprechung zu bewerten w�ren (vgl. EVGE 1961 S. 308 ff., 1965 S. 41, 1967 S. 252; ZAK 1969 S. 375).
Demnach erkennt das Eidg. Versicherungsgericht I. In Gutheissung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde werden der Entscheid des Versicherungsgerichtes des Kantons Bern vom 26. Juni 1973 und die angefochtene Kassenverf�gung vom 30. April 1973 aufgehoben.
II. Die Invalidenversicherung wird verpflichtet, die linksseitige Operation der Epiphysenl�sung als medizinische Massnahme zu �bernehmen.
III. Die Sache wird an die Ausgleichskasse des Kantons Bern zur�ckgewiesen, damit diese nach Abkl�rung im Sinne der Erw�gungen �ber die Frage der �bernahme der Operation an der rechten H�fte neu verf�ge.
98 V 214
Art. 5 Abs. 2 IVG,

References: Art. 12
 Art. 12
 BGE 
 Art. 12
 Art. 12
 Art. 2
 BGE 
 BGE 
 Art. 12

Art. 5