Source: https://anwaltsblatt.anwaltverein.de/de/studium-und-referendariat/nachrichten/klausurtaktik?page_n40007=6&print=40007
Timestamp: 2019-08-17 23:43:39+00:00

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II. Erstellen einer Lösungs­skizze
Das Erstellen der Lösungs­skizze wirft auf den ersten Blick keine beson­deren Probleme im Vergleich zum Ersten Staats­examen auf. Bei genauerer Betrachtung bestehen hier jedoch zweite­x­amens­ty­pische Risiken.
1. Einsatz des Kommentars
Im Gegensatz zum Ersten Staatsexamen steht im Zweiten Staatsexamen in den meisten Bundesländern als Hilfsmittel der Kommentar zur Verfügung. Dieser bietet nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. So kann der ungeübte Umgang mit dem Kommentar in der Klausur zuviel wertvolle Zeit und damit im schlimmsten Fall5 die Klausur kosten.
Dies zu vermeiden sollen die folgenden Hinweise helfen: Bevor man den Kommentar aufschlägt, sollte man sich zunächst darüber klar werden, wonach man überhaupt sucht, also das recht­liche Problem, das man (vermeintlich) nur mit dem Kommentar lösen kann, heraus­ar­beiten. Auf die eigent­liche Suche im Kommentar nach einer entspre­chenden Lösung für das Problem sollten je Problem nie mehr als fünf bis zehn Minuten verwendet werden. Danach muss man sich zwingen, die Suche abzubrechen, will man nicht die Klausur insgesamt gefährden. Zu groß ist die Gefahr, dass man sich in eine vergeb­liche Suche im Kommentar hinein­steigert und die Zeit aus dem Blick verliert. Um innerhalb der vorge­schla­genen fünf bis zehn Minuten einen Lösungs­ansatz im Kommentar zu finden, hilft überra­schend häufig ein kurzer Blick nach einem entspre­chenden Stichwort im Register des Kommentars. Hat man eine Fundstelle im Kommentar gefunden, so sollte keine Zeit darauf verwendet werden, die jeweilige Passage auf dem Notiz­papier abzuschreiben. Dies kostet Zeit, ohne dass dem ein Mehrwert gegenübersteht. Statt­dessen genügt es, das Problem kurz zu vermerken, die Fundstelle zu notieren und diese im Kommentar mit einem Klebe­zettel für schnelles Wieder­auf­finden zu markieren.
Das Wieder­auf­finden lässt sich noch weiter erleichtern, wenn Sie die Klebe­zettel mit fortlau­fenden Nummern versehen und sich diese Nummern beim jewei­ligen Problem auf Ihren Notiz­zettel notieren. Insgesamt gilt der Rat, die Lösungs­skizze möglichst knapp zu halten, um nicht zu viel Zeit für die spätere ausfor­mu­lierte Lösung zu verlieren.
Findet man im Kommentar nichts zum jeweiligen Problem, gilt es nicht zu verzagen. Halten Sie sich vor Augen, dass Sie auch im Ersten Staatsexamen erfolgreich rechtliche Probleme ohne Kommentar gelöst haben. Die Angabe von Kommentarfundstellen in der Klausur verbietet sich ohnehin. Maßgeblich für die Bewertung sind die rechtlichen Argumente. Diese fallen zuweilen bei Einsatz des eigenen Kopfes6 überzeugender aus, als wenn man sich auf eine vielleicht missverständliche Kommentarfundstelle verlässt.
2. Tenor ausfor­mu­lieren
Am Ende der Lösungsskizze sollte der Tenor bzw. bei einer Anwaltsklausur der zu stellende Antrag ausformuliert werden. Auch wenn dies Zeit kostet, ist sie an dieser Stelle gut investiert. Der Tenor ist letztlich das Aushängeschild Ihrer Klausurleistung.7 Den Tenor erstmalig in der Reinschrift auszuformulieren birgt das vermeidbare Risiko von Flüchtigkeitsfehlern und Unvollständigkeiten.
Tipp: Insgesamt sollte sich kurz vor dem Examenstermin eine hinreichende Klausurpraxis eingestellt haben, um die bisher beschriebenen Arbeitsschritte je nach Klausur in 1½ bis 2 Stunden zu bewältigen. Nur so kann gewährleistet werden, dass noch ausreichend Zeit für eine ansprechende Klausurlösung in der Reinschrift bleibt.
Am Ende zählt nur eins: Die Juraklausur bestehen - Doch vielen Studenten macht oft das Zeitmanagement einen Strich durch die Rechnung. Große Probleme bereiten hier vor allem die Staatsanwaltsklausuren.
III. Primärziel: Vollständige Arbeit
Primärziel muss im Zweiten Staats­examen stets die Fertig­stellung einer formal vollständigen Arbeit sein. Es ist mehr als nur ein Gerücht unter Referen­daren, dass in manchen Bundesländern unvollständige Arbeiten von den Prüfern automa­tisch als praktisch nicht verwertbar unter vier Punkten bewertet werden.
Behält man dieses Risiko im Hinterkopf, gilt es auch für den besseren Kandi­daten, sich bei Zeitmangel bewusst zurückzunehmen und statt das letzte Detail­problem über Gebühr zu vertiefen, der formalen Vollständigkeit den Vorrang zu geben. Der mögliche Sprung von 12 auf 13 Punkte steht schließlich in keinem Verhältnis zu der Gefahr, auf drei Punkte zurückzufallen.
Tipp: Ein Gefühl dafür, wie man sich persönlich die Bearbeitungszeit richtig einteilt, wird sich dabei freilich erst nach einer erheblichen Anzahl geschriebener Klausuren einstellen. Schreiben Sie kurz vor Ihrem Examenstermin die Übungsklausuren in max. 4 ½ Stunden. Für die halbe Stunde mehr werden Sie im Examen dankbar sein.
Sonder­problem: Staats­an­walts­klausur
Ein Sonderproblem hinsichtlich des Ziels einer vollständigen Arbeit stellen – ähnlich dem Ersten Staatsexamen – die Strafrechtsklausuren dar.8
Dem Zeitdruck in den Staats­an­walts­klau­suren kann man jedoch mit einer bestimmten Technik Herr werden. Zunächst sollte man Tathandlung und zu prüfenden Tatbe­stand schon in die jeweilige Überschrift aufnehmen, ohne dies dann nochmals – ohne Mehrwert an Infor­mation – stets noch einmal in einem Obersatz zu wieder­holen. Die sich anschließende Prüfung kann sich dann ausschließlich auf die proble­ma­ti­schen Punkte beschränken, ohne gebetsmühlenartig unpro­ble­ma­tische Tatbe­stands­merkmale herun­ter­zu­beten.
1.Tatkomplex: Das Geschehen im Supermarkt
I. Hinreichender Tatverdacht gegen F
A) § 242 Abs. 1 StGB durch Einstecken der DVD in die Jackentasche
Proble­ma­tisch ist hier allein/ zunächst, ob in dem Einstecken bereits eine vollendete Wegnahme i.S.v. § 242 Abs. 1 StGB liegt.
Ein derart verknappter Stil erfordert sicherlich etwas Mut. Daher gilt hier die Empfehlung, die vorge­schlagene Vorge­hens­weise zumindest einmal in einer Probe­klausur vor dem Examen auszu­pro­bieren. Sie werden sehen, dass Sie so die Staats­an­walts­klau­suren besser zeitlich bewältigen und zudem die wirklichen Probleme des Falles sogar angemessen vertiefen können. Ein Erfolgs­er­lebnis mit diesem Stil wird Ihnen die notwendige Sicherheit geben, ihn auch im Examen anzuwenden.
Zum Zeitmanagement in der Staatsanwaltsklausur noch ein weiterer Tipp: Zu fertigen sind meist ein materielles Gutachten (sog. A-Gutachten), ein prozessuales Gutachten (sog. B-Gutachten)9 und letztlich die Entschließung der Staatsanwaltschaft (meist eine Anklageschrift). Selbst bei Klausuren, die formal vollständig sind, fällt die Anklageschrift in inhaltlicher Qualität und Schriftbild meist im Vergleich zur restlichen Klausur deutlich ab. Um diesen schlechten Eindruck am Ende der Klausur zu vermeiden, sollte man die Anklageschrift bereits unmittelbar nach dem A-Gutachten bearbeiten und erst danach das B-Gutachten. Dies hilft, Flüchtigkeitsfehler zu vermeiden und eine ansprechende Anklageschrift fertigen zu können. Unter Zeitdruck in den letzten Minuten der Klausur fällt es meist leichter die Standardfragen des B-Gutachtens abzuarbeiten, als einen komplexen abstrakten Anklagesatz zu schreiben und dann im konkreten Anklagesatz nicht die Ausfüllung einzelner Tatbestandsmerkmale zu vergessen. Die formale Reihenfolge muss dann freilich durch entsprechende Ordnung der Klausurblätter wiederhergestellt werden.
IV. Zuerst die Entschei­dungsgründe oder den Tatbe­stand?
Bei der Frage, ob in einer Urteils­klausur zuerst der Tatbe­stand oder die Entschei­dungsgründe gefertigt werden sollen, gehen die Meinungen ausein­ander. Fakt ist, dass die meisten Punkte für die Entschei­dungsgründe vergeben werden. Fakt ist auch, dass Konzen­tration und Leistungsfähigkeit am Ende der Klausur abnehmen, der Zeitdruck – der nicht selten Fehler provo­ziert – dafür zunimmt. Warum also nicht den Teil der Arbeit, bei dem mehr Punkte zu holen sind, unter besseren Ausgangs­be­din­gungen schreiben? Positiver Neben­effekt ist, dass man bei Fertigung des Tatbe­stands am Ende der Klausur bereits genau weiß, worauf es „später“ rechtlich ankommt. Der Tatbe­stand gerät dadurch zwangsläufig kompri­miert und durch den Zeitdruck am Ende der Klausur auch knapp, wie es das Gesetz in § 313 Abs. 2 Satz 1 ZPO verlangt. Der Rat muss daher lauten, den Tatbe­stand erst am Ende der Klausur zu fertigen. Freilich bleibt es letztlich eine Typfrage, welche Arbeits­me­thode einem besser liegt. Jedoch sollte kein Kandidat ins Examen gehen, ohne zumindest einmal in einer Probe­klausur die hier vorge­schlagene Vorge­hens­weise auspro­biert zu haben. Bei den meisten Referen­daren ist dieser Versuch mit einem echten „Aha-Erlebnis“ und einer merklichen Steigerung der Klausu­r­er­geb­nisse verbunden.
Tipp: Schreiben Sie die Entscheidungsgründe vor dem Tatbestand.
V. Guter Urteilsstil
Ebenso wie im Ersten Staatsexamen ein guter Gutachtenstil für den Klausurerfolg maßgeblich ist, gilt dies im Zweiten Staatsexamen für guten Urteilsstil.10 Es würde den Rahmen dieses Skripts sprengen, den Urteilsstil hier umfassend zu erläutern. Gleichwohl sind einige weiterführende Hinweise wegen der Bedeutung des Urteilsstils für den Klausurerfolg unerlässlich.
1. Obersätze
Zu einem gutem Urteilsstil gehört es vor allem, an den Schlüsselstellen der Klausur durch klare Obersätze das Ergebnis voran­zu­stellen. Gute Obersätze tragen dabei zur Verständlichkeit und Nachvoll­zieh­barkeit der Klausur wesentlich bei. Dies ist schon deshalb wichtig, weil nicht wie beim Gutach­tenstil zum Ergebnis hingeführt, sondern dieses voran­ge­stellt wird.
Beispiel aus einer verwaltungsrechtlichen Urteilsklausur:
Die Klage ist auch begründet. Denn der angegriffene Verwal­tungsakt ist rechts­widrig und verletzt den Kläger auch in seinen Rechten, § 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO.
Beispiel aus einer zivilrechtlichen Urteilsklausur:
Die Klage ist zulässig. Die sachliche Zuständigkeit des Gerichts folgt aus §§ 23 Nr. 1, 71 Abs. 1 GVG, da der maßgebliche Streitwert 5.000 Euro nicht übersteigt. Der Zulässigkeit der Klage steht ferner nicht entgegen, dass […]. Denn…
Obersatz und anschließende Begründung sollten sich stets mit einem zumindest gedank­lichen „denn“ verbinden lassen. Ob und wie häufig man das verknüpfende „denn“ dann tatsächlich verwendet, ist letztlich eine Stilfrage.
2. Zum Umgang mit der „Zwar-Aber-Methode“
Vorsicht ist im Umgang mit der sog. „Zwar-Aber-Methode“ geboten. Darunter versteht man die Einfügung eines rechtlichen Problems, auf das es letztlich nicht ankommt, indem man das Problem mit einem „Zwar-Satz“ einführt und dann in einem sich anschließenden „Aber-Satz“ kurz ausführt, warum es auf dieses Problem nicht ankommt. Formal handelt es sich dabei um einen Verstoß gegen § 313 Abs. 3 ZPO, da das Urteil auf dieser Erwägung letztlich nicht beruht. Von manchen Prüfern wird dies entsprechend als Fehler gesehen.11 Dieses Risiko sollte man möglichst gänzlich vermeiden bzw. die „Zwar-Aber-Methode“ nur ganz ausnahmsweise (nicht mehr als einmal pro Klausur) anwenden oder zumindest auf die Verwendung der Schlüsselwörter „zwar“ und „aber“ verzichten.
3. Schwer­punkt­setzung
Zu gutem Urteilsstil gehört letztlich auch die richtige Schwer­punkt­setzung. Die Ausbreitung von unpro­ble­ma­ti­schen Aspekten des Falles ist praxisfern. Sie kostet nicht nur wertvolle Zeit, ohne dass dem ein möglicher Gegenwert in Form von Punkten gegenübersteht. Die Ausbreitung von Unpro­ble­ma­ti­schem wird von nicht wenigen Korrek­toren sogar als echter Fehler gewertet.
Der Schwer­punkt der Klausur wird auch im Zweiten Staats­examen meist im Bereich des materi­ellen Rechts liegen. Das Prozess­recht tritt also im Vergleich zum Ersten Staats­examen lediglich zum materi­ellen Recht hinzu und nicht etwa an dessen Stelle. Vermeiden Sie daher gerade im Bereich der Zulässigkeit einer Klage das Abarbeiten eines Standard­schemas, wenn tatsächlich keinerlei Probleme bestehen.
Negativbeispiel: Die Zulässigkeit der Klage scheitert auch nicht an entgegenstehender Rechtskraft. Denn über den vorliegenden Streitgegenstand liegt keinerlei rechtskräftige Entscheidung vor. Auch das Rechtsschutzbedürfnis ist gegeben, da der Kläger nur im Klagewege seine Ansprüche durchsetzen kann.
Dies gilt vor allem für das Verwal­tungs­recht. Ausführungen zu § 40 Abs. 1 Satz 1 VwGO sind fast stets entbehrlich. Richtige Schwer­punkt­setzung kann bei einer völlig unpro­ble­ma­tisch zulässigen Klage auch bedeuten, zur Zulässigkeit keinerlei Ausführungen zu machen.
Schreiben Sie dann schlicht: Die zulässige Klage ist begründet. Der Kläger hat einen Anspruch auf Zahlung von 1.000,- Euro gegen den Beklagten aus § 433 Abs. 2 BGB.
4. Gutach­tenstil im Zweiten Staats­examen
Auch im Zweiten Staats­examen gibt es Klausur­typen, bei denen ein Gutachten verlangt wird. Dies ist insbe­sondere bei Anwalts- und Staats­an­walts­klau­suren der Fall.
Gefordert und zeitlich zu bewältigen ist hier nicht der reinrassige Gutach­tenstil aus dem Ersten Staats­examen. Es gilt vielmehr eine Mischform zu finden. Unpro­ble­ma­ti­sches ist im Urteilsstil darzu­stellen, während nur die proble­ma­ti­schen Punkte ausführlich im Gutach­tenstil zu prüfen sind.
Welche Klausurtechnik und Klausurtaktik wählt ihr bei eurem 2. Staatsexamen, um das Jurastudium zu bestehen?
VII. Fertigung des Tatbe­stands
Nach der hier empfohlenen Vorgehensweise ist schließlich am Ende der Klausur noch der Tatbestand zu fertigen.12 Um den Tatbestand sauber in der Reinschrift ohne große Korrekturen bewältigen zu können, empfiehlt es sich, den Grobaufbau mit den wesentlichen Fakten kurz auf Notizpapier zu skizzieren. Im Übrigen kann auf den am Anfang der Klausur gefertigten Zeitstrahl zurückgegriffen werden.
In zeitlicher Hinsicht sollte bei einem nicht übermäßig kompli­zierten Tatbe­stand eine halbe Stunde am Ende der Bearbei­tungszeit für die Anfer­tigung des Tatbe­stands genügen.
Auch wenn man den Tatbestand erst am Ende der Klausur bearbeitet, sollte seine Bedeutung nicht unterschätzt werden.13 Der Tatbestand zeigt dem Korrektor, ob der Kandidat in der Lage ist, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen, ob er die Relationstechnik beherrscht sowie ob der Kandidat die Fähigkeit besitzt, einen Lebenssachverhalt in eigenen Worten verständlich darzustellen und dabei die formalen Anforderungen der Gerichtspraxis einzuhalten. Bezüglich Letzterem ist neben dem formalen Aufbau des Tatbestands insbesondere auf die richtigen Zeitformen zu achten. Diese sind keineswegs bloßer Selbstzweck. Die Verwendung einer bestimmten Zeitform vermittelt dem informierten Leser (insbesondere zum Beispiel der Berufungsinstanz) wichtige Informationen zum zeitlichen Ablauf der Dinge, zum Beispiel, was bis zur Klageerhebung geschah (bis dahin Imperfekt) und was nach der Klageerhebung geschah (ab dann Perfekt).
In stilis­ti­scher Hinsicht ist das Passiv zu vermeiden. Das Wort „wurde“ hat also in einem guten Tatbe­stand nichts zu suchen. Dass eine klare und verständliche Sprache nicht nur im Tatbe­stand, sondern auch in den Entschei­dungsgründen von Vorteil ist, liegt auf der Hand.
Tipp: Schauen Sie die Tatbestände Ihrer bereits geschriebenen Klausuren nochmals kritisch durch. Streichen Sie – soweit nicht schon durch den Korrektor geschehen – jeden Zeitformfehler und jedes „wurde“ an. Dies wird Ihnen helfen, bei den nächsten Klausuren diese unnötigen Fehler zu vermeiden.
VII. Vergegenwärtigen Sie Sich immer wieder die typischen Fehler
Mehr als im Ersten Staats­examen gibt es im Zweiten Staats­examen gerade im formalen Bereich eine Reihe von Fehlern, die immer wieder gemacht werden, obwohl sie eigentlich leicht vermeidbar sind und zudem bereits die Vermeidung gängiger Fehler den Verlust wertvoller Punkte vermeiden kann. Die Liste dieser Fehler ist zu lang, als sie hier vollständig wieder­geben zu können.
Beispielhaft seien gleichwohl die folgenden typischen Fehler erwähnt: Bei Teilerfolg einer Klage wird die Abweisung im Übrigen vergessen. Der Tenor ist nicht vollstre­ckungsfähig. Zinsen werden „seit Rechtshängigkeit“ zugesprochen, statt ein konkretes Datum auszu­te­no­rieren. Der Tatbe­stand wird falsch aufgebaut und es werden falsche Zeitformen verwendet. Der Tatbe­stand enthält recht­liche Wertungen. Die Beweiswürdigung erfolgt bereits im Tatbe­stand statt in den Entschei­dungsgründen. In der Staats­an­walts­klausur erfolgt die Beweiswürdigung losgelöst am Anfang oder Ende des A-Gutachtens oder gar erst im B-Gutachten statt beim jewei­ligen Tatbe­stands­merkmal. Im konkreten Ankla­gesatz werden die subjek­tiven Tatbe­stands­merkmale nicht ausgefüllt. Gesetz­liche Tatbe­stands­merkmale werden wortwörtlich im konkreten Ankla­gesatz verwendet. In der straf­recht­lichen Revisi­ons­klausur erfolgt die Prüfung der Sachrüge nicht ausschließlich anhand des vom Gericht festge­stellten Sachver­halts. In der straf­recht­lichen Urteils­klausur werden bei der Straf­zu­messung Aspekte heran­ge­zogen, die bereits zum Tatbe­stand gehören (vgl. § 46 Abs. 3 StGB). Im öffent­lichen Recht wird nicht sauber zwischen mehreren Regelungen eines angegrif­fenen Bescheids diffe­ren­ziert. Die Neben­ent­schei­dungen werden nicht begründet.
Um diese typischen Fehler zu vermeiden, empfiehlt es sich, eine eigene Liste der typischen Fehler zusam­men­stellen und diese immer wieder, am besten vor jeder Probe­klausur, durch­zu­sehen. Sie werden überrascht sein, welcher Leistungs­sprung bereits durch die Vermeidung typischer Fehler erreicht werden kann.
Tipp: Erstellen Sie in der Examensvorbereitung eine „Schwarze Liste“ der typischen Fehler. Erweitern Sie diese Liste fortlaufend um Fehler, die Ihnen mehrfach unterlaufen.
VIII. Zum Umgang mit Anwalts­klau­suren
Die Bedeutung der Anwalts­klau­suren im Zweiten Staats­examen wird häufig unterschätzt. Gerade in den letzten Jahren hat deren Bedeutung noch einmal erheblich zugenommen, so dass man realis­ti­scher­weise damit rechnen muss, dass die Hälfte der aktuellen Examensklau­suren Anwalts­klau­suren sind. Ein entspre­chend angemes­sener Schwer­punkt wird auf diesem Klausurtyp jedoch in der vorwiegend durch Richter übernom­menen staat­lichen Ausbildung häufig nicht gelegt.
Vor diesem Hinter­grund wird deutlich, dass es mehr als nur ein guter Ratschlag ist, sich in der eigenen Examens­vor­be­reitung vertieft mit dem Klausur­typus Anwalts­klausur und den dafür geltenden, gegenüber den Urteils­klau­suren ganz eigenen Regeln zu befassen. Es würde den Rahmen dieses Skripts sprengen, wollte man hier umfas­sende Tipps zu den einzelnen Varianten der Anwalts­klausur geben. Gleichwohl sollen an dieser Stelle zumindest einige Hinweise nicht fehlen.
In Anwalts­klau­suren ist meist eine gutacht­liche Prüfung und auf dieser Grundlage ein prakti­sches Arbeits­er­gebnis (zum Beispiel ein Schriftsatz) verlangt. Hier besteht häufig Unklarheit, ob das Gutachten als echtes Relati­ons­gut­achten oder ähnlich dem Ersten Staats­examen als einschich­tiges Gutachten gefertigt werden soll. Als Faust­regel kann man sich dazu merken, dass ein echtes Relati­ons­gut­achten nur dann verlangt ist, wenn der Bearbei­ter­vermerk dies deutlich indiziert (z.B.: Stellen Sie in einem relationsmäßigen Gutachten …). Ist dies nicht der Fall, stellt die relationsmäßige Darstellung zwar sicherlich keinen Fehler im engeren Sinne dar, wäre aber gleichwohl fehleranfälliger, zeitaufwändiger und unüblicher als das „normale“ einschichtige Gutachten.
Meist werden in Anwaltsklausuren neben einer Prognose zur etwaigen Beweislage auch Zweckmäßigkeitserwägungen für das weitere Vorgehen verlangt.14 Daher sollte man sich vertieft mit den Aspekten der Prozesstaktik befassen, um im Rahmen der Zweckmäßigkeitserwägungen praxisnahe Überlegungen darstellen zu können, die über allgemeine Ausführungen, zum Beispiel zu § 93 ZPO, hinausgehen.15
Bei der Prognose zur Beweislage unterläuft häufig der Fehler, gleich mit Ausführungen zur Qualität bestimmter Beweis­mittel zu beginnen. Zunächst ist jedoch zu klären, wer überhaupt die Beweislast trägt. Nicht selten liegt bereits hier ein Problem oder zumindest eine Möglichkeit, die maßgeblichen Aspekte für die Beweis­last­ver­teilung kurz darzu­stellen. Überra­schend häufig finden sich im Rahmen der Beweis­pro­gnose in den Lösungs­hin­weisen von Examensklau­suren Ausführungen zur Möglichkeit einer Partei­ver­nehmung nach §§ 445 ff. ZPO. Diese erschöpfen sich zwar meist in der Feststellung, dass nicht mit dem Einverständnis des Gegners nach § 447 ZPO zu rechnen ist und die Voraus­set­zungen für eine Vernehmung von Amts wegen nach § 448 ZPO nicht vorliegen. Gleichwohl zeigt die Häufigkeit derar­tiger Ausführungen in den Lösungs­hin­weisen, dass man die §§ 445 ff. ZPO nicht ganz vergessen sollte.
Zu üben ist auch ein guter Stil für die zu ferti­genden Schriftsätze. Es ist in kurzer und verständlicher Sprache der Sachverhalt darzu­stellen, der die anspruchsbegründende Norm vollständig ausfüllt – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ebenso wie die Tenorierung die Visiten­karte der Urteils­klausur ist, sind dies die richtigen Anträge bei der Anwalts­klausur (Argument: § 308 Abs. 1 ZPO). Daher ist auch hier ein entspre­chender Schwer­punkt in Vorbe­reitung und Ernstfall zu setzen.
Die hier nur kurz angedeu­teten Beson­der­heiten der Anwalts­klausur münden daher in den Rat, diesen Klausurtyp bei der Examens­vor­be­reitung keines­falls zu vernachlässigen. Vielmehr sollten je nach Bundesland sogar mehr Anwalts­klau­suren als Gerichts­klau­suren zur Vorbe­reitung geschrieben werden. Die dabei erlangte Klausur­praxis im Umgang mit Anwalts­klau­suren wird sich im Examen auszahlen, da der derzeitige Trend in Richtung eines höheren Anteils von Anwalts­klau­suren im Examen geht.
IX. Zum Umgang mit kautelar-juris­ti­schen Klausuren
Eine in Süddeutschland bereits verbreitete und für Norddeutschland zumindest angekündigte Sonderform anwaltlicher Aufgabenstellungen im Zweiten Staatsexamen ist die kautelarjuristische Klausur.16 Bei dieser Klausurform bittet zum Beispiel ein Mandant um Entwurf eines Vertrages oder Überarbeitung eines bestehenden Vertrages bzw. allgemeiner Geschäftsbedingungen und gibt dem Rechtsanwalt bestimmte Regelungswünsche oder Zielsetzungen mit auf den Weg. Neben dem Vertragsentwurf bzw. der Vertragsüberarbeitung wird hier häufig ein Gutachten oder Begleitschreiben an den Mandanten verlangt, in dem maßgebliche Überlegungen Ihrer Vertragsgestaltung erläutert werden.
Wie allgemein für Anwaltsklausuren, ist es besonders für die kautelarjuristische Anwaltsklausur hilfreich, sich in der Examens­vorbereitung mit den Pflichten des Rechtsanwalts gegenüber dem Mandanten vertraut zu machen.17 Denn gerade um die Erfüllung dieser Pflichten geht es in der Anwaltsklausur. Wer die Beratungspflichten des Rechtsanwalts in der Anwaltsklausur nicht erfüllt, produziert einen potentiellen Haftungsfall, mit der Folge erheblicher Punktabzüge, für die es im Zweiten Staatsexamen auch keine Berufshaftpflichtversicherung gibt. Es liegt daher auf der Hand, dass es von Vorteil ist, zumindest in Grundzügen die Pflichten des Anwalts gegenüber dem Mandanten zu kennen.
Ziel anwalt­licher Tätigkeit ist die Verwirk­li­chung der Mandan­ten­in­ter­essen im Rahmen des rechtlich Zulässigen. Seine Beratung hat der Rechts­anwalt an der höchstrich­ter­lichen Recht­spre­chung auszu­richten. Unter mehreren denkbaren Gestal­tungs­al­ter­na­tiven hat er den sichersten Weg zu empfehlen. Bei der Vertrags­ge­staltung durch den Rechts­anwalt ist dabei besondere Zielsetzung, zukünftigen Streit zwischen den Vertrags­par­teien nach Möglichkeit zu vermeiden. Über etwaige Risiken hat der Rechts­anwalt den Mandanten aufzuklären und zu belehren. An diesem Pflich­ten­pro­gramm können Sie auch das syste­ma­tische Vorgehen in der Kautelar­klausur wie folgt ausrichten:
1. Identi­fi­zierung der Ziele des Mandanten
Identi­fi­zieren Sie zunächst die Inter­essen des Mandanten und fragen Sie sich, was will der Mandant erreichen bzw. was will er vertraglich geregelt haben. Häufig wird hier das Interesse des Mandanten in der Klausur lediglich angedeutet oder laien­artig vom Mandanten umschrieben sein, indem er zum Beispiel eine tatsächliche Problemlage beschreibt und allgemein nach Regelungsmöglich­keiten fragt.
Auch der richtige Umgang mit den verschiedenen Klausurtypen ist für das Bestehen der Juraklausur von Bedeutung. Wie das geht, lest ihr hier in den Klausurtaktiken.
2. Identi­fi­zierung von Regelungs­bedarf und Regelungsmöglichkeit
Prüfen Sie als nächstes anhand der für den konkreten Fall geltenden gesetz­lichen Regelungen, ob überhaupt ein Regelungs­bedarf besteht und falls dies der Fall ist, ob nicht zwingendes Recht oder ein gesetz­liches Verbot der gewünschten vertrag­lichen Regelung entge­gen­stehen.
Wenn sich ein vom Mandanten gewünschtes Ziel bereits aus dem Gesetz ergibt, bedürfte es eigentlich keiner vertrag­lichen Regelung. Gleichwohl kann es hier im Rahmen der Zweckmäßigkeit ausnahms­weise sinnvoll sein, eine dekla­ra­to­rische Regelung in den Vertrag­s­entwurf aufzu­nehmen, um zukünftigen Streit zwischen den Parteien von vornherein zu vermeiden. Wenn Sie dies ausnahms­weise tun, erläutern Sie im Mandan­ten­schreiben die dabei angestellten Überle­gungen.
Nicht selten wird in der Kautelar­klausur eine vom Mandanten gewünschte Regelung mit zwingendem Recht unver­einbar sein. Hier gilt es nicht nur, im gefor­derten Gutachten oder Mandan­ten­schreiben zu erläutern, warum eine bestimmte vertrag­liche Regelung nicht möglich ist und welche Rechts­folgen sich aus der jewei­ligen Unver­ein­barkeit mit zwingendem Recht ergeben (z.B. Unwirk­samkeit und daraus folgende Konse­quenzen). Vielmehr beginnt hier die eigent­liche gestal­te­rische Tätigkeit mit der Prüfung, ob sich das Ziel des Mandanten nicht durch eine andere vertrag­liche Gestaltung zumindest annähernd verwirk­lichen lässt.
3. Identi­fi­zierung der Gestal­tungsmöglich­keiten
Identi­fi­zieren Sie die verschie­denen denkbaren Gestal­tungsmöglich­keiten und deren jeweilige Risiken. Behalten Sie hierbei die oben angespro­chenen Pflichten des Rechts­an­walts gegenüber seinem Mandanten im Hinterkopf. Empfehlen müssen Sie letztlich den sichersten Weg, d.h. die Gestal­tungs­va­riante, welche für den Mandanten die geringsten Risiken birgt und möglichst zukünftigen Streit zwischen den Parteien vermeidet. Wenn es neben der empfoh­lenen sicheren Gestal­tungs­va­riante eine kreative Alter­na­tiv­ge­staltung gibt, welche die Mandan­ten­in­ter­essen unter Umständen noch weiter­gehend verwirk­licht, aber mit Risiken (z.B. hinsichtlich ihrer Wirksamkeit) verbunden ist, weisen Sie den Mandanten ergänzend auf diese Gestal­tungsmöglichkeit hin und belehren Sie ihn über die damit verbun­denen Risiken und möglichen Rechts­folgen, so dass er selbst in die Lage versetzt wird zu entscheiden, ob er das Risiko eingehen will oder nicht.
Denken Sie auch an poten­tielle Streit­falls­ze­narien zwischen den Parteien und prüfen Sie, ob die vorge­schlagene Gestal­tungs­va­riante auch zukünftige Entwick­lungen abdeckt oder hier weiterer Regelungs­bedarf besteht.
4. Taktische Hinweise zum Vertrag­s­entwurf
Abschließend noch einige taktische Hinweise zum eigent­lichen Vertrag­s­entwurf sowie zum gefor­derten Mandan­ten­schreiben oder Gutachten. Versuchen Sie die Scheu vor der Vertrags­ge­staltung bereits in der Examens­vor­be­reitung abzulegen. Üben Sie das kurze und prägnante Formu­lieren vertrag­licher Regelungen. Entwi­ckeln Sie hier ein Gespür für das kreative Gestalten von Verträgen, indem Sie zur Übung Verträge entwerfen (z.B. einen Gesell­schafts­vertrag für Ihre Lerngruppe) und anschließend durch Blick in ein Formu­larbuch mögliche weitere Regelungen identi­fi­zieren. Übrigens: Auch die Anwalts­station sollten Sie als Chance nutzen, an Verträgen mitzu­ar­beiten. Nichts schult das Judiz so sehr wie die Praxis!
Behalten Sie bei der Vertrags­ge­staltung auch die wesent­lichen Regelungs­ge­genstände im Auge, wie z.B. Vertrags­ge­gen­stand, Leistung, Gegen­leistung, Vertrags­dauer, Kündigung und Haftung.
Trennen Sie sich von dem Gedanken, dass nur eine Formu­lierung des Vertrag­s­ent­wurfs richtig ist und der Korrektor Ihre Lösung nur honorieren wird, wenn Sie die Formu­lierung in der Musterlösung treffen. Richtig ist Ihr Formu­lie­rungs­vor­schlag vielmehr bereits dann, wenn er die Mandan­ten­in­ter­essen in rechtlich zulässiger Weise umsetzt und eine klare Regelung zwischen den Parteien schafft, die zukünftigen Streit vermeidet.
Behalten Sie auch bei der Kautelar­klausur im Kopf, dass es im Zweiten Staats­examen in erster Linie darum geht, Ihre juris­ti­schen Fähigkeiten abzuprüfen, also in erster Linie Ihr metho­disch und syste­ma­tisch richtiges Vorgehen. Nutzen Sie daher das gefor­derte Mandan­ten­schreiben bzw. Gutachten, um dem Korrektor Ihr metho­di­sches Vorgehen und die angestellten Überle­gungen zu demons­trieren. Die Nachvoll­zieh­barkeit Ihres Vorgehens hilft dabei dem Korrektor auch bei der Würdigung Ihres Vertrag­s­ent­wurfs. Führen Sie daher in der Kautelar­klausur – wie auch sonst – den Korrektor durch Ihre angestellten Überle­gungen.
Tipp: Nutzen Sie das Mandantenschreiben, um Ihr methodisches Vorgehen zu zeigen und Ihren Vertragsentwurf zu erläutern.
Zum Ablauf der einzelnen Arbeits­schritte empfiehlt sich, frühzeitig die vertraglich zu regelnden Punkte in Stich­worten festzu­halten und dann direkt im Anschluss an die recht­liche Prüfung des jewei­ligen Regelungs­ge­gen­standes einen ersten ausfor­mu­lierten Entwurf der jewei­ligen Klausel zu erstellen und dann am Ende bei Erstellung des kompletten Entwurfs ggf. noch einmal im Gesamt­kontext zu verfeinern.
X. Zum Umgang mit „Münzwurf-klausuren“
Es gibt im Zweiten Staats­examen, insbe­sondere in den öffentlich-recht­lichen Klausuren, immer wieder Fallge­stal­tungen, bei denen eine Entscheidung in mehrere Richtungen möglich und rechtlich – auch auf der Grundlage höchstrich­ter­licher Recht­spre­chung – gut vertretbar ist. Das Ergebnis ist bei diesen Klausuren nicht entscheidend.
Nicht selten suchen Kandi­daten gleichwohl lange verzweifelt nach der rechtlich einzig richtigen Lösung und verlieren dabei zu viel Zeit – Zeit, die gerade bei diesen Klausuren für die erfor­der­liche umfas­sende und überzeu­gende Begründung des gewählten Ergeb­nisses dringend benötigt wird. Um dies zu vermeiden, ist es daher ratsam, so man es mit einer derar­tigen Klausur zu tun hat, lieber frühzeitig einen inner­lichen „Münzwurf“ zu vollziehen, sich also für eines der möglichen Ergeb­nisse – freilich nicht zufällig, sondern nach persönlichem Judiz – zu entscheiden und sich dann ganz auf eine anspre­chende und belastbare Begründung dieses Ergeb­nisses zu konzen­trieren.
XI. Begründen Sie stets mit recht­lichen Argumenten
Ebenso wie im Ersten Staats­examen ist die recht­liche Begründung und Argumen­tation für die Bewertung der Klausur entscheidend. Auch hier birgt der Kommentar als Hilfs­mittel Risiken.
Die Kommen­tar­fund­stelle ersetzt keines­falls die recht­liche Begründung. Vermeiden Sie am besten generell die Angabe von Kommen­tar­fund­stellen. Bemühen Sie sich statt­dessen stets, anhand der juris­ti­schen Ausle­gungs­me­thoden Ihr Ergebnis nachvoll­ziehbar zu begründen. Viel zu selten wird in Klausuren die Gelegenheit genutzt, dem Korrektor rechts­me­tho­dische Kennt­nisse und rechts­me­tho­di­sches Vorgehen zu zeigen. Die absoluten „Basics“ juris­ti­scher Methodik, gewis­sermaßen das juris­tische Handwerkszeug, nämlich die Ausle­gungs­me­thoden (Auslegung nach Wortlaut, Sinn und Zweck, Syste­matik und Gesetz­ge­bungs­ge­schichte), der Umkehrschluss und der Erst-Recht-Schluss, werden nicht häufig genug zur Begründung der Lösung von Rechts­pro­blemen verwendet.
Tipp: Begründen Sie Ihr Ergebnis juristisch – zum Beispiel mit dem Wortlaut der Norm oder deren Sinn und Zweck.
Für die bloße Anein­an­der­reihung von Rechts­be­haup­tungen – mögen diese auch im Ergebnis zutreffend sein und im Einklang mit der höchstrich­ter­lichen Recht­spre­chung stehen – gibt es auch im Zweiten Staats­examen keine Punkte.
XII. Setzen Sie das „Echo-Prinzip“ um
Deutlich mehr als im Ersten Staats­examen finden sich im Zweiten Staats­examen in der Klausur­vorlage selbst gewichtige Hinweise auf die recht­liche Lösung des Falles. In Gerichts­klau­suren tragen die Parteien meist recht­liche Argumente vor, die den Weg zu den zu lösenden recht­lichen Problemen weisen. Selbst in Anwalts­klau­suren lassen die Klausur­steller den Mandanten nicht selten recht­liche Argumente – freilich in Laien­sprache – vortragen. Diese in der Vorlage enthal­tenen Hinweise sollten bei der Lösung unbedingt abgear­beitet werden. Denn die Recht­s­ar­gu­mente der Parteien stellen letztlich die verklau­su­lierten Rechts­fragen der Klausur – die der Aufga­ben­steller beant­wortet haben will – dar. Hier hilft es vielleicht, wenn man sich die Recht­s­ar­gu­mente der Betei­ligten wie tatsächliche Fragen an den Klausur­be­ar­beiter vorstellt.
Beispiel: Vertritt zum Beispiel der Kläger in seiner auf § 816 Abs. 1 Satz 1 BGB gestützten Klage die Rechtsansicht, es könne nicht angehen, dass der unberechtigte Veräußerer seines PKW einen Verkaufserlös, der über den Wert des PKW hinausgeht, behalten darf und überdies sei er ohnehin mit der Veräußerung nicht einverstanden, so sind damit die folgenden Fragen an den Klausurbearbeiter verbunden:
1) Ist nach § 816 Abs. 1 Satz 1 BGB der objektive Wert der Sache oder das tatsächlich Erlangte heraus­zu­geben?
2) Bedarf es für § 816 Abs. 1 Satz 1 BGB einer ausdrücklichen Geneh­migung oder liegt bereits eine konklu­dente Geneh­migung in Form der Klage­er­hebung vor?
Hält man sich so die recht­lichen Frage­stel­lungen der Klausur klar vor Augen, läuft man nicht Gefahr, die Fragen, die die Klausur stellt, unbeant­wortet zu lassen. Man würde schließlich auch in einem reinen Frage-Antwort-Test nicht einen Teil der Fragen unbeant­wortet lassen.
Es liegt auf der Hand, dass nicht alle von den Parteien vorge­brachten recht­lichen Erwägungen zutreffend sind. Die Aufgabe besteht insofern darin, auch die rechtlich unzutref­fenden Argumente abzuar­beiten und kurz zu begründen, warum diese nicht durch­greifen. Dies bedeutet jedoch nicht, die Parteien des „Klausur­rechtss­treits“ zu belehren.
Schreiben Sie also in einer Urteilsklausur nicht:
Der Kläger geht fehl in der Annahme, dass oder:
Rechtlich abwegig ist das Argument des Beklagten, dass…
Dies ist nicht nur anmaßend und schlechter Stil, sondern auch in der Praxis nicht üblich. Vergessen Sie nicht, dass Sie letztlich ein praktisch verwert­bares Arbeits­er­gebnis vorlegen sollen. Wahren Sie also auch bei der Bearbeitung der rechtlich unzutref­fenden Argumente eine Objek­tivität und Sachlichkeit, welche die Parteien auch in der Praxis erwarten dürften. Dies gelingt schon dadurch, dass Sie den Bezug des abgelehnten Recht­s­ar­gu­ments zu der Prozess­partei vermeiden.
Schreiben Sie zum Beispiel schlicht: Der Fälligkeit des Anspruchs steht letztlich auch nicht entgegen, dass…
Beim Schreiben der Juraklausur im 2. Staatsexamen ist es ebenfalls von Bedeutung, die Formalien sicher zu beherrschen.
XIII. Sichere Beherr­schung der Formalien
In den Klausuren des Zweiten Staats­ex­amens wird fast durchweg auch ein prakti­sches Arbeits­er­gebnis verlangt. Zu den gängigen Varianten gehören: Zivil­urteil, Beschluss, Schriftsatz (zum Beispiel Klage bzw. Klage­er­wi­derung, Einspruch, Antrag auf einst­wei­ligen Rechts­schutz), Ankla­ge­schrift, Straf­befehl, Haftbefehl, Straf­urteil, straf­recht­liche Revisi­onsbegründung, verwal­tungs­ge­richt­liches Urteil, Beschluss und Wider­spruchs­be­scheid.
Hierbei gilt es unbedingt die formalen Anfor­de­rungen an diese prakti­schen Arbeits­auf­gaben einzu­halten. Die Klausuren werden von Praktikern korri­giert, denen Fehler im formalen Bereich sofort ins Auge fallen. Es gibt hier leider mehr Punkte zu verlieren als zu gewinnen. Für ein rein formal perfektes Arbeits­er­gebnis wird es kaum einen Zusatz­punkt geben. Umgekehrt werden jedoch bei Fehlern im formalen Bereich schnell Punkte abgezogen.
Zumindest die gängigen Klausur­va­ri­anten müssen daher soweit verin­ner­licht sein, dass sie auch in der Prüfungs­si­tuation ohne lange Überle­gungen abrufbar sind. Hier hilft neben der bereits angespro­chenen umfas­senden Klausur­praxis durch die Fertigung möglichst vieler Übungs­klau­suren, das Anlegen einer eigenen Muster­sammlung, die man sich vor jeder Übungs­klausur und im Ernstfall zwischen den einzelnen Examens­ter­minen noch einmal überblick­artig anschauen kann. Bereits durch das eigenständige Anfer­tigen einer solchen Muster­sammlung wird ein nicht zu unterschätzender Lernerfolg erzielt.
Tipp: Erstellen Sie eine eigene Mustersammlung.
XIV. Zum Umgang mit „ungewöhnlichen“ Klausuren
Gerade im Zweiten Staats­examen bewegen sich Klausuren nicht selten in Rechts­ge­bieten bzw. formalen Einklei­dungen der recht­lichen Probleme, die den meisten Prüflingen unbekannt sind. Dies ist vom Klausur­steller gewollt. Hier wird geprüft, ob auf der Grundlage der Kenntnis der „Basics“ der Prüfling auch mit zunächst unbekannter Materie umgehen und sich diese unter Zeitdruck erschließen kann.
Um hier zu punkten ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und sich die relevanten Normen besonders genau durch­zu­lesen. Schauen Sie sich dabei auch Vorschriften in dem entspre­chenden Titel bzw. Kapitel an, die nicht unmit­telbar einschlägig zu sein scheinen. Auch in diesen Paragraphen könnten für die Klausur wesent­liche Infor­ma­tionen enthalten sein. Wie bereits erwähnt, kann auch ein kurzer Blick in das Stich­wort­re­gister des Kommentars den entschei­denden Ansatz­punkt liefern.
Sehen Sie diese „ungewöhnlichen“ Klausuren als Chance. Bei „Standard­klau­suren“ liegen die Maßstäbe der Prüfer gerade im Zweiten Staats­examen besonders hoch. Selbst mit einer nahezu fehler­freien Klausur ist es schwer, eine höhere Punktzahl zu erreichen, da im Rahmen von Standard­klau­suren die meisten Kandi­daten die wesent­lichen Punkte erkennen. Die Vergleichs­kor­rektur – nichts anderes findet auch im Zweiten Staats­examen statt – bietet dann wenig Spielraum für die Noten­dif­fe­ren­zierung und höhere Punkt­zahlen werden kaum vergeben. Bei „ungewöhnlichen“ Klausuren ist die Lage anders. Hier geben viele Kandi­daten verfrüht auf und finden keinen Zugang zur Klausur, so dass bereits brauchbare Ansätze und richtige Überle­gungen honoriert werden. Behält man dann die Nerven, kämpft sich mutig durch die unbekannte Materie und liefert eine rechtlich überzeu­gende Klausur ab, so kann bei derar­tigen Klausuren die Punkteskala eher nach oben ausgeschöpft werden als bei den vermeintlich gewünschten Standard­klau­suren.
Vorsicht ist hier mit sog. Notfalllösungen geboten, wie diese teilweise für den Fall, dass man keinerlei Zugang zur Klausur findet, vorgeschlagen werden.18 Im Rahmen einer solchen Notfalllösung die Klausur stets auf einen bereicherungsrechtlichen Anspruch zu stützen, wie zuweilen als Notfalllösung vorgeschlagen, wird der Vielfalt der möglichen Klausurinhalte nicht gerecht und darf kaum auf die Honorierung durch den Korrektor hoffen, es sei denn, es ist ausnahmsweise wirklich ein bereicherungsrechtlicher Anspruch einschlägig. Sich auf derartige Glückstreffer zu verlassen, kann guten Gewissens kaum empfohlen werden. Eine Notfalllösung – gleich wie sie geartet ist – muss daher der absolute Ausnahmefall sein. Anhand des konkreten Falles den Versuch einer rechtlich vertretbaren Lösung zu wagen, ist jedenfalls ratsamer als ein vorher zurecht gelegtes „Notfallschema“ abzuarbeiten, welches schon wegen seiner Vorfertigung dem konkreten Fall allenfalls bedingt gerecht werden kann.

References: § 242
 § 242
 § 313
 § 113
 § 313
 § 40
 § 433
 § 46
 § 93
 § 447
 § 448
 § 308
 § 816
 § 816
 § 816