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Timestamp: 2020-06-01 02:52:11+00:00

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LAG Niedersachsen, Urteil vom 17.04.2009, 12 Sa 1553/08 - HENSCHE Arbeitsrecht
Schlagworte: Sozialauswahl, Sozialplan, Namensliste
Aktenzeichen: 12 Sa 1553/08
1. Eine Beendigungskündigung ist nicht durch dringende betriebliche Erfordernisse i. S. von § 1 KSchG bedingt, wenn die Möglichkeit der Weiterbeschäftigung auf demselben Arbeitsplatz zu einer geringeren Vergütung besteht.
2. Bietet der Arbeitgeber allen Arbeitnehmern die Weiterbeschäftigung zu einer (vorliegend 1/3) geringeren Vergütung an und beschäftigt er nur die Arbeitnehmer weiter, die das Angebot angenommen haben, so umgeht er die ihm obliegende Verpflichtung zum Ausspruch einer Änderungskündigung nach § 2 KSchG, wenn er im Wege einer nachfolgenden unternehmerischen Entscheidung beschließt, einen Teil seiner Arbeiten fremdzuvergeben und den Arbeitnehmern eine Beendigungskündigung ausspricht, die das Angebot abgelehnt haben.
3. Eine Betriebsvereinbarung verstößt gegen § 75 Abs. 11 BetrVG, wenn sie Sonderkündigungsschutz nur zu Gunsten der Arbeitnehmer begründet, die das Angebot des Arbeitgebers zu einer Weiterbeschäftigung zu einer geringeren Vergütung angenommen haben. Eine auf dieser Grundlage getroffene Sozialauswahl ist grobfehlerhaft i. S. von § 1 Abs. 5 KSchG.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Osnabrück, Urteil vom 25.08.2008, 6 CA 85/08
den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Mest­werdt,
die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Frau Sacht­le­ben-Rei­mann
Die Kläge­rin hat, so­weit in der Be­ru­fungs­in­stanz noch von In­ter­es­se, be­an­tragt,
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 29.01.2008 – der Kläge­rin zu­ge­gan­gen am 29.01.2008 – nicht auf­gelöst wor­den ist.
und be­haup­tet, nach Fremd­ver­ga­be der Ein­le­getätig­kei­ten sei der Ar­beits­platz der Kläge­rin ent­fal­len. Die ge­setz­li­che Ver­mu­tung des § 1 Abs. 5 KSchG strei­te dafür, dass die Kündi­gung durch drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se be­dingt sei. Ei­ne So­zi­al­aus­wahl ha­be nicht vor­ge­nom­men wer­den müssen. Sämt­li­che Ein­le­ge­rin­nen bzw. Hilfs­kräfte im Ver­sand sei­en zwar grundsätz­lich ver­gleich­bar. We­gen des Son­derkündi­gungs­schut­zes
Das Ar­beits­ge­richt hat mit Ur­teil vom 25. Au­gust 2008 –6 Ca 85/08 -, auf wel­ches im Übri­gen Be­zug ge­nom­men wird, die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Für das Vor­lie­gen drin­gen­der be­trieb­li­cher Er­for­der­nis­se nach § 1 Abs. 1, Abs. 2 KSchG strei­te nach § 1 Abs. 5 S. 1 KSchG ei­ne ge­setz­li­che Ver­mu­tung, weil die Kläge­rin auf der Na­mens­lis­te zum In­ter­es­sen­aus­gleich auf­geführt sei. Ei­ne Be­triebsände­rung nach § 111 Be­trVG lie­ge vor, weil der Per­so­nal­ab­bau die Zah­len­wer­te des § 17 Abs. 1 Nr. 2 KSchG über­schrei­te. Die ge­setz­li­che Ver­mu­tung sei nicht wi­der­legt. Un­er­heb­lich sei, dass Fir­ma S.H. GmbH Stel­len aus­ge­schrie­ben ha­be. Die Auf­ga­ben des Ein­le­gens sei­en an die­se Fir­ma fremd­ver­ge­ben wor­den. Die Bil­dung der Ver­gleichs­grup­pen im Rah­men der So­zi­al­aus­wahl sei nicht grob­feh­ler­haft. Die Un­ter­schei­dung zwi­schen künd­ba­ren und nichtkünd­ba­ren Ar­beit­neh­mern sei – un­ge­ach­tet so­gar des be­son­de­ren Prüfungs­maßsta­bes des § 1 Abs. 5 S. 2 KSchG – nicht zu be­an­stan­den. Der ver­ein­bar­te Son­derkündi­gungs­schutz ha­be sich nicht ge­gen an­de­re Ar­beit­neh­mer mit dem Ziel ge­rich­tet, de­ren Kündi­gungs­schutz zu be­schränken; es ha­be des­halb kein un­zulässi­ger Ver­trag zu Las­ten Drit­ter vor­ge­le­gen. Für die Un­gleich­be­hand­lung der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ha­be es ei­nen sach­li­chen Grund ge­ge­ben, weil die Ar­beit­neh­mer, de­nen der Son­derkündi­gungs­schutz zu­ge­dacht wor­den sei, zu­vor auf et­wa ein Drit­tel ih­res Ent­gel­tes ver­zich­tet hätten. Ei­ne Ände­rungskündi­gung ha­be nicht aus­ge­spro­chen wer­den müssen nach der Ent­schei­dung der Be­klag­ten zur Fremd­ver­ga­be der Ein­le­ge­ar­bei­ten an die S. H. GmbH. Ein Ver­s­toß ge­gen das Maßre­gel­ver­bot des § 612 a BGB lie­ge nicht vor. Die Kläge­rin ha­be be­reits vor­ab durch Erläute­run­gen ge­wusst, dass es bei An­nah­me des Ver­trags­an­ge­bo­tes zu ei­nem Son­derkündi­gungs­schutz kom­men würde.
lang­fris­tig vor­be­rei­tet wor­den. Die Kündi­gung sei so­zi­al ge­recht­fer­tigt. Da ei­ne nicht­aus­rei­chen­de An­zahl der Ein­le­ge­rin­nen das Ände­rungs­an­ge­bot vom 05.07.2007 an­ge­nom­men ha­be, sei die Fremd­ver­ga­be die­ses Auf­ga­ben­be­reichs erst am 16.07.2007 und da­mit erst nach dem Er­geb­nis des Rück­laufs der Ände­rungs­an­ge­bo­te ge­trof­fen wor­den. Nach der Fremd­ver­ga­be ha­be es kei­ne Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten mehr ge­ge­ben. Die Mit­ar­bei­ter der S. H. GmbH un­terstünden nicht dem Di­rek­ti­ons- und Wei­sungs­recht der Be­klag­ten bzw. der Rechts­nach­fol­ge­rin V-Stadt. Die So­zi­al­aus­wahl sei nicht zu be­an­stan­den. Die Ver­ein­ba­rung des Son­derkündi­gungs­schut­zes sei als Ge­gen­leis­tung zu den veränder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen sach­lich ge­recht­fer­tigt, zu­min­dest sei die Dif­fe­ren­zie­rung nicht grob­feh­ler­haft i. S. von § 1 Abs. 5 KSchG. Ergänzend sei die So­zi­al­aus­wahl im Er­geb­nis zu­min­dest nicht grob­feh­ler­haft, selbst wenn die Mit­ar­bei­te­rin­nen mit Son­derkündi­gungs­schutz in die So­zi­al­aus­wahl ein­be­zo­gen wor­den wären. Nach Auf­fas­sung der Be­klag­ten müss­ten Un­ter­halts­ver­pflich­tun­gen ge­genüber Kin­dern ge­ra­de auch bei Al­lein­er­zie­he­rin­nen be­son­ders berück­sich­tigt wer­den.
Bezüglich des wei­te­ren Vor­brin­gens der Par­tei­en wird Be­zug ge­nom­men auf die Be­ru­fungs­be­gründung der Kläge­rin vom 27.10.2008 so­wie die Be­ru­fungs­er­wi­de­rung der Be­klag­ten vom 27. No­vem­ber 2008 und den wei­te­ren Schrift­satz vom 27. Ja­nu­ar 2009 so­wie auf die Erörte­rung in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 06. März 2009.
a). Zum Zeit­punkt der Kündi­gung am 29.01.2008 be­stand zwi­schen den Par­tei­en ein Ar­beits­verhält­nis. Ein Er­folg im Kündi­gungs­schutz­pro­zess setzt nach ständi­ger Recht­spre­chung des BAG vor­aus, dass zum Zeit­punkt der Kündi­gung noch oder über­haupt ein Ar­beits­verhält­nis be­steht (BAG 18.04.2002 – 8 AZR 347/01 -). Die Kläge­rin hat zwar ne­ben et­li­chen Un­wirk­sam­keits­gründen u. a. auch gel­tend ge­macht, die Kündi­gung könne
b). Zu Guns­ten der Be­klag­ten strei­tet im Hin­blick auf das Vor­lie­gen drin­gen­der be­trieb­li­cher Gründe zwar die Ver­mu­tungs­wir­kung des § 1 Abs. 5 S. 1 KSchG.
(1). Nach § 1 Abs. 5 S. 1 KSchG wird ver­mu­tet, dass die Kündi­gung durch drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se im Sin­ne des Ab­sat­zes 2 be­dingt ist, wenn bei ei­ner Kündi­gung auf Grund ei­ner Be­triebsände­rung nach § 111 Be­trVG die Ar­beit­neh­mer, de­nen gekündigt wer­den soll, in ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat na­ment­lich be­zeich­net sind. Die Ver­mu­tungs­ba­sis, dass ei­ne Be­triebsände­rung nach § 111 Be­trVG vor­lag und für die Kündi­gung des Ar­beit­neh­mers kau­sal war und dass der Ar­beit­neh­mer ord­nungs­gemäß in ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich be­nannt ist, hat da­bei der Ar­beit­ge­ber sub­stan­zi­iert dar­zu­le­gen und ggf. zu be­wei­sen (ständi­ge Recht­spre­chung, zu­letzt BAG, 03.04.2008 – 2 AZR 879/06 -).
d). Die ge­setz­li­che Ver­mu­tung ist vor­lie­gend auf der Grund­la­ge des zwi­schen den Par­tei­en un­strei­ti­gen Sach­ver­halts wie­der­legt, weil die Be­klag­te der Kläge­rin an­statt ei­ner Be­en­di­gungskündi­gung nicht ei­ne Ände­rungskündi­gung zu den Be­din­gun­gen des An­ge­bots vom 05.07.2007 aus­ge­spro­chen hat.
(1). Ein drin­gen­des be­trieb­li­ches Er­for­der­nis zur Kündi­gung liegt nur dann vor, wenn es dem Ar­beit­ge­ber nicht möglich ist, der bei Aus­spruch der Kündi­gung be­ste­hen­den be­trieb­li­chen La­ge durch an­de­re Maßnah­men tech­ni­scher, or­ga­ni­sa­to­ri­scher oder wirt­schaft­li­cher Art als durch ei­ne Be­en­di­gungskündi­gung zu ent­spre­chen. Das Merk­mal der Dring­lich­keit der be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se kon­kre­ti­siert den Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit (ul­ti­ma-ra­tio-Prin­zip), aus dem sich er­gibt, dass der Ar­beit­ge­ber vor je­der or­dent­li­chen Be­en­di­gungskündi­gung von sich aus dem Ar­beit­neh­mer ei­ne bei­den Par­tei­en ob­jek­tiv mögli­che und zu­mut­ba­re Beschäfti­gung auf ei­nem frei­en Ar­beits­platz, auch zu geänder­ten Be­din­gun­gen, an­bie­ten muss (ständi­ge Recht­spre­chung BAG 03.04.2008 – 2 AZR 500/06 -; 21.04.2005 – 2 AZR 132/04 -). Ei­ne be­ste­hen­de Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­keit hat der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer an­zu­bie­ten. Dies gilt auch für ei­ne Beschäfti­gung zu schlech­te­ren Ar­beits­be­din­gun­gen wie der Kürzung des Ar­beits­ent­gelts (APS/Kiel § 1 KSchG Rn. 623). Das An­ge­bot kann le­dig­lich in Ex­tremfällen un­ter­blei­ben. Macht der Ar­beit­ge­ber vor Aus­spruch ei­ner Kündi­gung dem Ar­beit­neh­mer das An­ge­bot, den Ver­trag der noch be­ste­hen­den Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­keit an­zu­pas­sen und lehnt der Ar­beit­neh­mer die­ses An­ge­bot ab, so ist der Ar­beit­ge­ber re­gelmäßig nach dem Verhält­nismäßig­keits­grund­satz ver­pflich­tet, trotz­dem ei­ne Ände­rungskündi­gung aus­zu­spre­chen. Ei­ne Be­en­di­gungskündi­gung ist nur dann zulässig, wenn der Ar­beit­neh­mer un­miss­verständ­lich zum Aus­druck ge­bracht hat, er wer­de die geänder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen im Fal­le des Aus­spruchs ei­ner Ände­rungskündi­gung nicht und auch nicht un­ter dem Vor­be­halt ih­rer so­zia­len Recht­fer­ti­gung an­neh­men (BAG 21.04.2005 – 2 AZR 132/04 -).
klag­ten in zwei ver­meint­lich von­ein­an­der un­abhängi­ge Stu­fen liegt nach Auf­fas­sung der Kam­mer ei­ne Um­ge­hung des Ände­rungs­schut­zes nach § 2 KSchG.
Be­stand ei­ne Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­keit zu geänder­ten Be­din­gun­gen, so muss­te sie der Kläge­rin nicht nur im We­ge ei­ner frei­wil­li­gen Ab­fra­ge son­dern im We­ge ei­ner Ände­rungskündi­gung an­ge­tra­gen wer­den, da­mit sie über­prüfen las­sen konn­te, ob die be­ab­sich­tig­ten Ände­run­gen so­zi­al ge­recht­fer­tigt sind.
(4). Es ist na­he­lie­gend, dass ei­ne von vorn­her­ein ge­plan­te „ech­te“ Fremd­ver­ga­be der Tätig­kei­ten des Ein­le­gens da­zu geführt hätte, dass die Ar­beitsplätze auf der Grund­la­ge ei­ner sol­chen un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung ent­fal­len wären. Ei­ne sol­che un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung hat die Be­klag­te je­doch nicht ge­trof­fen. Sie woll­te prin­zi­pi­ell mit den bei ihr beschäftig­ten Ar­beit­neh­me­rin­nen wei­ter pro­du­zie­ren (mögli­cher­wei­se auch um vor­han­de­nes Know How der Ar­beit­neh­me­rin­nen zu nut­zen), je­doch nicht zu den ursprüng­li­chen Ar­beits­be­din­gun­gen.
(5). Die Be­klag­te war des­halb ge­hal­ten, die geänder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen der Kläge­rin auch zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung am 29. Ja­nu­ar 2008 noch an­zu­bie­ten. Zwar kommt es grundsätz­lich auf an­der­wei­ti­ge Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung an. Nach vor­ste­hen­den Erwägun­gen führt die Auf­tei­lung der un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung in ei­ne frei­wil­li­ge Ab­fra­ge und ei­ne nach­fol­gen­de be­haup­te­te Fremd­ver­ga­be der Tätig­kei­ten nicht da­zu, dass der Kläge­rin ge­genüber kei­ne Ände­rungskündi­gung mehr aus­ge­spro­chen wer­den muss­te.
(3). Die Hilfs­erwägung der Be­klag­ten, das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin hätte auch dann hätte gekündigt wer­den müssen, wenn die im Be­trieb ver­blie­be­nen Mit­ar­bei­te­rin­nen
Sacht­le­ben-Rei­mann
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15.07.2009. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen hat ent­schie­den, dass ei­ne So­zi­al­aus­wahl im Rah­men von be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen grob feh­ler­haft ist, wenn al­len Ar­beit­neh­mern, die ...

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