Source: http://m.hensche.de/Haben_Erben_Anspruch_auf_Auszahlung_des_Urlaubs_BAG_9AZR196-16-A_18_10_2016.html
Timestamp: 2018-01-24 03:50:45+00:00

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Nun muss sich der EuGH er­neut mit der Fra­ge be­fas­sen, ob das Eu­ro­pa­recht die Ver­erb­bar­keit von Ab­gel­tungs­an­sprü­chen for­dert, dies­mal aber un­ter der vom BAG for­mu­lier­ten Prä­mis­se, dass "das na­tio­na­le Erbrecht dies aus­schließt": BAG, Be­schluss vom 18.10.2016, 9 AZR 196/16 (A) (Pres­se­mit­tei­lung).
Wandeln sich Urlaubsansprüche mit dem Tod des Arbeitnehmers in Urlaubsabgeltungsansprüche um und gehen diese auf den Erben über - und was sagt das Europarecht dazu?
Ur­laubs­ab­gel­tung be­deu­tet, dass es statt Ur­laub durch be­zahl­te Frei­stel­lung ("Ur­laub in Na­tur") ei­ne Geld­zah­lung gibt. Die­ser An­spruch be­steht gemäß § 7 Abs.4 Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG), wenn der Ur­laub in Na­tur "we­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ganz oder teil­wei­se nicht mehr gewährt wer­den" kann.
Vor die­sem Hin­ter­grund wur­de lan­ge darüber dis­ku­tiert, ob Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche gemäß § 1922 Abs.1 BGB auf die Er­ben über­ge­hen oder nicht.
Ge­gen ei­ne Ver­erb­bar­keit wur­de ins Feld geführt, dass die Ur­laubs­ab­gel­tung auch nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses dem Er­ho­lungs­zweck die­nen soll und die­ser Zweck nun nicht mehr er­reicht wer­den kann. Dafür spricht aber, dass der Ab­gel­tungs­an­spruch eben­so ein Geld­an­spruch ist wie Rest­lohn- und Ab­fin­dungs­ansprüche, die aber un­strei­tig ver­erbt wer­den.
Mit­te 2014 setz­te der EuGH die­ser De­bat­te - vorläufig - ein En­de und ent­schied, dass Ansprüche auf Ur­laubs­ab­gel­tung ver­erb­lich sein müssen (EuGH, Ur­teil vom 12.06.2014, C-118/13 - Bol­la­cke) - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/212 Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung ist ver­erb­lich). Der Fall be­traf ei­nen Ar­beit­neh­mer, der während des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­starb und zu die­sem Zeit­punkt noch über 140 of­fe­ne Ur­laubs­ta­ge hat­te, de­ren Ab­gel­tung sei­ne Wit­we ver­lang­te. Den Fall hat­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm dem EuGH vor­ge­legt (LAG Hamm, Be­schluss vom 14.02.2013, 16 Sa 1511/12).
Der Ausgangsfall: Erbin verlangt Abgeltung des Urlaubs ihres verstorbenen Mannes
In dem vom BAG zu ent­schei­den­den Fall war ein Ar­beit­neh­mer bis zu sei­nem Tod An­fang 2013 als kaufmänni­scher An­ge­stell­ter beschäftigt. Zum Zeit­punkt sei­nes To­des stan­den ihm noch 32 Ta­ge Er­ho­lungs­ur­laub zu.
Sei­ne Wit­we ver­lang­te als tes­ta­men­ta­ri­sche Al­lein­er­bin Ur­laubs­ab­gel­tung un­ter Be­ru­fung auf § 1922 Abs.1 BGB und auf das Bo­la­cke-Ur­teil des EuGH. Da­mit hat­te sie vor dem Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal (Ur­teil vom 25.03.2015, 3 Ca 2643/14) Er­folg und auch in der Be­ru­fung vor dem LAG Düssel­dorf (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 29.10.2015, 11 Sa 537/15). Bei­de Ge­rich­te mein­ten, der zum Zeit­punkt des To­des be­ste­hen­de Rest­ur­laubs­an­spruch wand­le sich un­ter Berück­sich­ti­gung des Bo­la­cke-Ur­teils in ei­nen ver­erb­li­chen Ab­gel­tungs­an­spruch um.
BAG bittet den EuGH um Klärung der europarechtlichen Vorschriften, die die Vererbbarkeit von Urlaubs- bzw. Urlaubsabgeltungsansprüchen betreffen
Das BAG setz­te das Ver­fah­ren aus und leg­te dem EuGH ei­ni­ge Aus­le­gungs­fra­gen vor. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung heißt es zur Be­gründung:
Die Fra­gen des BAG set­zen of­fen­bar vor­aus, dass das BAG der An­sicht ist, ei­ne sog. eu­ro­pa­rechts­kon­for­me Aus­le­gung von § 7 Abs. 4 BUrlG iVm. § 1922 Abs.1 BGB im Sin­ne der Vor­ga­ben des Bo­la­cke-Ur­teil des EuGH sei nicht möglich. Das wie­der­um würde be­deu­ten, dass ei­ne Ver­erb­bar­keit von Rest­ur­laubs­ansprüchen in den Fällen, in de­nen der Tod des Ar­beit­neh­mers zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses führt, von die­sen Vor­schrif­ten ein­deu­tig aus­ge­schlos­sen ist, so dass ei­ne Be­fol­gung des Bo­la­cke-Ur­teils die deut­schen Ge­rich­te zu ei­ner Ent­schei­dung ge­gen das ge­schrie­be­ne Ge­set­zes­recht ("con­tra le­gem") zwin­gen würde.
Sol­che recht­li­chen An­nah­men sind nicht gut nach­voll­zieh­bar, denn in bei­den Pa­ra­gra­phen ist die Ver­erb­bar­keit von Rest­ur­laubs­ansprüchen bzw. von Ab­gel­tungs­ansprüchen über­haupt nicht ge­re­gelt, ge­schwei­ge denn so ein­deu­tig, dass die deut­schen Ge­rich­te con­tra le­gem ent­schei­den müss­ten, würden sie das Bo­la­cke-Ur­teil um­set­zen.
Den­noch scheint sich das BAG sich von sol­chen Über­le­gun­gen lei­ten zu las­sen, denn auch die zwei­te Fra­ge geht of­fen­bar da­von aus, dass § 7 Abs. 4 BUrlG und § 1922 Abs.1 BGB nicht eu­ro­pa­rechts­kon­form im Sin­ne des Bo­la­cke-Ur­teils aus­ge­legt wer­den können. Denn in die­sem Fall müss­ten man zwi­schen dem Staat als Ar­beit­ge­ber und ei­nem pri­va­ten Ar­beit­ge­ber un­ter­schei­den: Der Staat muss als Ar­beit­ge­ber für die man­gel­haf­te Um­set­zung der eu­ro­pa­recht­lich ge­bo­te­nen Ver­erb­bar­keit von Ur­lausb(ab­gel­tungs-)ansprüchen haf­ten, d.h. zah­len, während pri­va­te Ar­beit­ge­ber sich dar­auf be­ru­fen könn­ten, dass sie nicht un­mit­tel­bar an die Vor­ga­ben eu­ropäischer Richt­li­ni­en ge­bun­den sind, son­dern nur deut­sches Recht be­fol­gen müssen.
Bewertung: Ha­ben Er­ben An­spruch auf Aus­zah­lung des Ur­laubs? 3.5 von 5 Sternen (2 Bewertungen)

References: EuGH 
 § 7
 § 1922
 EuGH 
 EuGH 
 § 1922
 EuGH 
 EuGH 
 § 7
 § 1922
 EuGH 
 § 7
 § 1922