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Timestamp: 2020-04-06 18:17:30+00:00

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Krankenkassen Archive | Informations­netzwerk Homöopathie
Veröffentlicht am 4. Februar 2018 17. August 2019
Die Stellungnahme erschien namens der „Arzneimittelkommission der deutschen Heilpraktiker“ (AMK) und ist gezeichnet von Arne Krüger als stellvertretendem Sprecher der AMK [1]. Herr Krüger ist zudem -als einer von zwei Heilpraktikervertretern- in der Kommission D beim BfArM tätig, die im Rahmen des „Binnenkonsens“ über die Zulassung homöopathischer Mittel nach Maßgabe „homöopathischen Erkenntnismaterials“ entscheidet. Zudem ist Herr Krüger stellvertretender Vorstand des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker e.V. (FDH).
Das Thema des INH ist im Kern nicht die Heilpraktikerproblematik, sondern die Pseudomethode Homöopathie. Jedoch ist hier die Verschränkung dieser beiden Sphären so deutlich sichtbar, dass wir hierzu Position beziehen.
Gleich zu Anfang unterliegt er einer gravierenden Fehleinschätzung, wenn er postuliert, die Homöopathika seien vorrangig gar nicht zur Selbstmedikation bestimmt, sondern für die Verwendung und Verschreibung durch homöopathische Behandler. Das ist nach der Hahnemannschen Lehre zweifellos richtig, jedoch widerspricht dem die Realität gravierend. Von rund 622 Mio € Apothekenumsatz an Homöopathika (2016, Quelle: Bundesverband der Arzneimittelhersteller) wurden etwa 500 Mio €, also der ganz überwiegende Anteil, als Direktverkäufe (OTC, „Over the Counter“) umgesetzt. Dies allein mag vielleicht nicht die wirkliche Relation der von Behandlern verordneten oder auch empfohlenen Mittel im Verhältnis zu denen einer reinen Selbstmedikation widerspiegeln. Die Grundaussage, nämlich das Überwiegen der Selbstmedikation, wird aber durch die Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2014 klar bestätigt. Nach den dortigen Angaben benennen 67 Prozent der Befragten als „Weg zu homöopathischen Arzneimitteln“ den „Rat von Freunden, Familie und Bekannten“. [2]
Den Thesen, die Herr Krüger aus dem von ihm postulierten Vorrang fachlicher Verordnung von Homöopathika ableitet, vermögen wir nicht zu folgen. Interessanterweise will er die Apothekenpflicht der Homöopathika gerade mit der fehlenden Indikation der registrierten Mittel begründen. Dies sei der Grund für die Kennzeichnung der Mittel mit den „fachlich korrekten Namen aus dem Homöopathischen Arzneibuch“. Also wird die eine Irreführung des Verbrauchers mit der nächsten begründet? Eine Indikationsangabe wird dem Verbraucher nicht geliefert, weil es keine Wirkungsnachweise für das Mittel gibt, und das führt dann wiederum dazu, dass man ihn im Unklaren darüber lässt, was man da überhaupt einnimmt? Und das soll dann die unumgängliche Beratung durch Apotheken erfordern? Ob Herrn Krüger bewusst ist, dass im Jahre 2017 rund 53 Mio € des OTC-Umsatzes (also mehr als 10 Prozent, steigende Tendenz) an Homöopathika über den Versandhandel erzielt wurden, was sich nun überhaupt nicht mehr mit dem von ihm gezeichneten Bild vereinbaren lässt? [3]
Nein, die Kennzeichnungspflicht muss – im Sinne der amerikanischen Verbraucherschutzbehörde FTC – nach unserer Ansicht noch deutlich über die umgangssprachliche Bezeichnung der Inhaltsstoffe hinausgehen – dazu hat das INH bereits hier Stellung genommen.
In der Folge gefällt es Herrn Krüger, sich selbst in den Rücken zu fallen. Er meint nun – in spürbarem Gegensatz zu seiner These des Anfangs – allen Ernstes, gerade Mittel ohne „beantragte Wirksamkeit“ und „ohne Benennung eines Anwendungsgebietes“ würden „wohl kaum (beim Verbraucher) den Eindruck einer wissenschaftlich anerkannten Alternative machen“ (was eine der Argumentationslinien des auf Verbraucherschutz gerichteten Vorstoßes der CDU-Fraktion war). Er zieht sich darauf zurück, dass die Apothekenpflicht sich bei allen Arzneimitteln lediglich aus dem Risikopotenzial des jeweiligen Mittels ergebe, und das sei bei den Homöopathika gleich Null. Und genau das, so Krüger, sei dem Konsumenten doch völlig klar!
Was das rein toxische Nebenwirkungsrisiko betrifft, pflichten wir ihm gern bei. Aber wir sind keineswegs überzeugt, dass diese Sichtweise zu Sinn und Zweck der Apothekenpflicht derjenigen der Mehrzahl der Verbraucher entspricht. Die Assoziation „Apotheke – muss doch in Ordnung sein“, flankiert davon, dass Krankenkassen Homöopathika erstatten und der Gesetzgeber ihnen einen Schutzraum zubilligt, ist massiv prägend für die Verbraucherentscheidung, die davon ausgeht, ein spezifisch wirksames Arzneimittel zu erwerben.. Die Aufforderung zur Selbstmedikation mit Homöopathika ist allgegenwärtig, womit das Indikationsverbot geradezu überkompensiert wird. Wenn Herr Krüger all das wegreden will, ist er mit der Praxis schlicht nicht vertraut.
Der Traditionsbegriff hat im Zusammenhang mit Erkenntnisgewinnung nichts verloren. Er ist ein soziologischer, kulturbildender und -tradierender Begriff, der mit Erkenntnis, Rationalität und Wissenschaftlichkeit keine Schnittmengen hat. Tradition ist auch überall etwas anderes, von Ort, Bevölkerung und Vergangenheit abhängig. Wer zum Traditionsargument greift, versucht einen Appell an das Publikum mit dem Bild des „Schönen, Guten, Wahren“, will für sein Anliegen sozusagen als „Kulturgut“ Schutz einfordern. Was das mit einer Argumentation über Falsch und Richtig, Gut und Schlecht, Sinnlos und Sinnhaft zu tun hat – das kann man sich leicht selbst beantworten: Wenig bis nichts.
Ein Fallen der Apothekenbindung und eine erweiterte Kennzeichnungspflicht der Homöopathika (duchaus im Sinne der amerikanischen FTC) wären deshalb auch gar nicht mehr als ein Schritt in die richtige Richtung: Nämlich dahin, Homöopathika aus der gesetzlichen Anerkennung als Arzneimittel zu entlassen und der Homöopathie generell keinen Platz mehr im öffentlichen Gesundheitswesen einzuräumen.
[3] Quelle: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2018/az-5-2018/versand-boomt-im-otc-markt / Teaser unter https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/suche?search=Homöopathie+Umsatz
Veröffentlicht am 10. März 2017 20. Oktober 2019
Zahnersatz, Brillen, Homöopathie – Es ist kompliziert… (Symbolbild)
Solange die Debatte um die Erstattung von Homöopathie durch gesetzliche Krankenkassen andauert, solange hören wir immer wieder, dass es wahrlich andere Dinge gebe, die sich die Versicherten statt der als Arzneimittel wirkungslosen Zuckerkugeln wünschen. So stellte beispielsweise die ZEIT schon 2017 konkret die Frage, was sich der Versicherte denn stattdessen eher als erstattungsfähig von der GKV wünschen würde. Ganz vorn dabei, häufig als alleinige Wünsche: Erweiterung der Erstattungsmöglichkeiten für Sehhilfen und Zahnersatz. Eine Umfrage der BKK Siemens hat dieses Ergebnis sehr eindeutig schon vor einiger Zeit erbracht.
Höhere Zahnersatzzuschüsse und Sehhilfen statt Homöopathie?
Auch wir vom INH haben uns Gedanken gemacht, wie denn so ein Umbau des Leistungskatalogs der Krankenkassen etwa aussehen könnte. Wir sind dabei auf überraschende Tatsachen gestoßen:
Neben den für alle Kassen gleichermaßen geltenden Regelleistungen haben die Kassen die Möglichkeit, bestimmte Leistungen (§ 11 Abs. 6 SGB V) zusätzlich zur Regelleistung anzubieten – das Paket heißt dann „Satzungsleistung“ und ist insgesamt und ohne Wahlmöglichkeit Grundlage des Tarifs bzw. des Beitrages der jeweiligen Kasse. Genau auf diesem Wege ist die Homöopathie in den Leistungskatalog der meisten Kassen geraten – per Satzungsleistung, nachdem 2012 durch das 3. GKV-Versorgungsstrukturgesetz die Möglichkeit der Erstattung nicht verschreibungspflichtiger Mittel in den Katalog der Satzungsleistungen aufgenommen wurde.
Die Regelversorgung mit Zahnersatz richtet sich unmittelbar nach den gesetzlichen Bestimmungen und den Festlegungen des Gemeinsamen Bundesausschusses. Die Versorgung mit Zahnersatz darüber hinaus darf also überhaupt nicht im Rahmen von Satzungsleistungen der gesetzlichen Krankenkassen angeboten werden. Nicht als Regelleistung, nicht als Satzungsleistung. Das ist gesetzlich ausgeschlossen. Nicht aber beispielsweise eine medizinische Zahnreinigung, die ist ja kein „Zahnersatz“.
Der § 11 (6) SGB V bestimmt auch, dass keine Leistungen als Satzungsleistungen angeboten werden dürfen, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss ausgeschlossen wurden. Nun ist es aber so, dass alles, was als Versicherungsleistung für Sehhilfen heute nicht unter die Regelleistung fällt, vom GBA ausgeschlossen wurde. Das ergibt sich direkt aus dem „Heilmittelparagrafen“ 33 des SGB V, der regelt nämlich:
Ein „Tausch“ innerhalb von Satzungsleistungen „Homöopathie gegen Zahnersatz und / oder Brillen“ ist also gesetzlich ausgeschlossen und liegt daher außerhalb der Entscheidungssphäre der gesetzlichen Krankenkassen.
Erstens sehen wir hieran, dass die Gesetzgebung zum öffentlichen Gesundheitswesen inzwischen ein Drahtverhau voller Fallstricke ist, den nur noch Spezialisten (einigermaßen) durchschauen.
Zweitens aber heißt all dies natürlich nicht, dass die Homöopathie per Satzungsleistung der gesetzlichen Krankenkassen von diesen weiterhin als erstattungsfähig angeboten werden müsste. Dies nämlich liegt durchaus im Entscheidungsbereich der einzelnen Kasse.
Besser wäre natürlich die grundsätzliche Lösung, indem der Gesetzgeber die besonderen Therapieeinrichtungen und deren Privilegierung durch den Binnenkonsens aufhebt. Damit wären alle Misshelligkeiten beseitigt – und der Homöopathie bliebe wie jedem anderen Therapeutikum die Möglichkeit, unter den üblichen Voraussetzungen Arzneimittelzulassungen zu beantragen. Gleiches Recht für alle – nicht mehr als recht und billig, finden wir.
Gäbe es noch andere Möglichkeiten, die Homöopathie aus den Satzungsleistungen auszuschließen? Ja, der Gesetzgeber könnte den Katalog der zulässigen Satzungsleistungen in § 11 Abs. 6 SGB V ändern – aber dort steht gar nichts von Homöopathie, die ist nur in der Möglichkeit zur Erstattung nicht verschreibungspflichtiger Mittel (die ja seit 2004 keine Regelleistung mehr sind) „untergeschlüpft“. Nun, auch das könnte man mit ensprechendem Willen seitens des Gesetzgebers ändern. Warum sollte dort nicht, ähnlich wie beim Zahnersatz, stehen „ohne Mittel der besonderen Therapierichtungen“?
Es ginge aber grundsätzlich auch ganz ohne den Gesetzgeber. Der Gemeinsame Bundesausschuss könnte, wenn er den Hebel richtig ansetzt, hier einwirken. Wir haben ja gerade gehört, dass den Kassen all das als Satzungsleistung verwehrt ist, was der G-BA per Beschluss nach § 11 SGB V ausschließt. Schlösse demnach der G-BA die Homöopathie aus (wie er erweiterte Leistungen für Sehhilfen ausgeschlossen hat), so wäre die Erstattungsfähigkeit beendet. Genau wie bei den Brillen und beim höheren Zuschuss für Zahnersatz. Welche Chancen im G-BA dafür bestehen, das können wir freilich nicht beurteilen.
Wir haben ja schon kurz erwähnt, dass es auch derzeit in der Entscheidungsfreiheit der einzelnen Kasse liegt, die Homöopathie nicht zu erstatten. Vielfach wird aber so getan, als schreibe der Gesetzgeber dies praktisch vor. So schrieb die TK in Ihrem Statement nach dem legendären „missglückten Tweet“ zur Unwirksamkeit der Homöopathie 2017:
Das Gesetz ist zwar richtig abgeschrieben, aber falsch interpretiert. Was hier präsentiert wird wie eine ultimative Ermächtigung, eine Rechtfertigung mit einer Absicht des Gesetzgebers, ist beides ersichtlich nicht – sondern eher eine Öffnungsklausel unter Vorbehalt. Und da kommt die Rechtsprechung ins Spiel.
In einem Bundessozialgerichts-Urteil aus dem Jahr 2016 heißt es dazu
„Dass an den Nachweis der Wirksamkeit und Zweckmäßigkeit homöopathischer Arzneimittel keine geringeren Anforderungen zu stellen sind als bei allopathischen Arzneimitteln, hat der Senat bereits ausdrücklich entschieden (BSGE 117, 129 = SozR 4-2500 § 34 Nr 16, RdNr 56 ff; BSGE 110, 20 = SozR 4-2500 § 92 Nr 13, RdNr 34 ff). Der therapeutische Nutzen von NN® und seine Zweckmäßigkeit müssen sich an denselben Kriterien messen lassen wie Allopathika.“
„… eine Begünstigung von Arzneimitteln der besonderen Therapierichtungen mit der Folge, dass Qualität und Wirksamkeit der Leistungen nicht dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse entsprechen, kommt nicht in Betracht.“
In einem früheren Urteil, auf das sich das BSG ausdrücklich bezog, heißt es ähnlich:
Die Formulierung „… sind nicht ausgeschlossen“ bedeutet nach einhelliger Rechtsprechung des BSG daher nur, dass sie nicht *von vornherein* ausgeschlossen sind, also nur „nicht grundsätzlich verboten“, ganz deutlich ausgedrückt. Das sollten sich die Krankenkassen noch einmal vor Augen halten, denn diese Regelung weist ihnen Verantwortung im Rahmen eigenen Handelns zu.
Und wie bitte sollen die Anforderungen „wirtschaftlich, notwendig und zweckmäßig“ (das sind nämlich die vom Gericht angesprochenen zu erfüllenden Kriterien) von Mitteln erfüllt werden, die in über 200 Jahren keinen belastbaren Wirkungsnachweis erbringen konnten und die sich auch noch als unwirtschaftlich erwiesen haben (abgesehen davon, dass Nichts immer zu teuer ist)?
Also kann man durchaus der Ansicht sein, dass bei einer unvoreingenommenen Gesamtschau auf die Sach- und Rechtslage die jetzt geübte Praxis der Homöopathieerstattung durch die GKV-Kassen auf sehr, sehr schwachen Beinen steht.
Bildnachweis:Bild von Franck Barske auf Pixabay
Veröffentlicht am 16. September 2016 4. Oktober 2019
Etwas unübersichtlich, wie es aussieht…
Über den Katalog der zulässigen Satzungsleistungen..
Man muss zunächst wissen, was Regelleistungen einer gesetzlichen Krankenkasse sind. Regelleistungen sind die Erstattungen für die vom Gemeinsamen Bundesausschuss freigegebenen Therapien, Methoden und Mittel, für die ein Nachweis der Wirksamkeit erbracht worden ist. Diese muss jede Krankenkasse zahlen nach § 12 des Sozialgesetzbuches V unter Beachtung der Prinzipien „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“.
Dazu muss man zusätzlich wissen, was „Satzungsleistungen“ sind. Dazu sagt des Gesundheitsministerium selbst auf seiner Webseite:
„Satzungsleistungen sind Leistungen, die eine Krankenkasse zusätzlich zu den gesetzlich festgeschriebenen Leistungen gewähren kann. Satzungsleistungen stehen in der Regel im freien Ermessen der Krankenkassen und können im Wettbewerb der Krankenkassen eingesetzt werden. Soweit sie bestehen, ist die Krankenkasse gegenüber allen Versicherten an ihre Satzungsregelung gebunden.“
Das Instrument der Satzungsleistungen gibt es schon länger. Spannend wurde es aber erst mit einer Rechtsänderung aus dem Jahre 2012, dem 3. GKV-Versorgungsstrukturgesetz, mit dem der Katalog der möglichen Satzungsleistungen und damit die Möglichkeit der Kassen, sich einen „Bauchladen“ an Dingen neben den für alle verbindlichen Regelleistungen zuzulegen, gewaltig erweitert wurde.
Die Satzungsleistung ist so etwas wie das trojanische Pferd der Mittel und Methoden, die eigentlich nach der klaren Aussage des Sozialgesetzbuches von den Kassenleistungen ausgeschlossen sein müssten.
Zwei der Dinge, die 2012 als Satzungsleistungen zugelassen wurden, waren nämlich die Erstattung rezeptfreier Mittel und die Erstattung von Leistungen „sonstiger Leistungserbringer“.
Bekanntlich sind homöopathische Mittel ja Arzneimittel kraft Gesetzes – aufgrund des unsäglichen „Binnenkonsens“, nicht aufgrund wissenschaftlicher Wirkugnsnachweise. Dieses Privileg teilen sie mit anthroposophischen und phytotherapeutischen Mitteln. Und hier ist wichtig zu verstehen:
Die homöopathischen Mittel als solche waren nie von der Kassenerstattung ausgeschlossen. Denn sie sind ja Arzneimittel kraft Gesetzes. Der Haken ist eben nur, dass sie praktisch alle rezeptfrei erhältlich sind – und die rezeptfreien Mittel wurden 2004 in einer der Kostendämpfungsrunden von der Erstattung durch die GKV komplett ausgeschlossen. Nicht wegen der dubiosen Methode Homöopathie waren die Kassen also bis 2012 gehindert, diese zu erstatten, sondern nur deshalb, weil alle rezeptfreien Mittel seit 2004 von der Erstattung ausgenommen waren. Mit einigen Ausnahmen, vor allem für Kinder und Heranwachsende bis zu einer bestimmten Altersgrenze. Und in der Tat: DIese erhalten seit Jahr und Tag und bis heute verordnete Homöopathika als Regelleistungen erstattet!
Und mit der Erstattungsfähigkeit von Leistungen „sonstiger Leistungserbringer“ öffnete sich auch das Tor für die Erstattung ärztlicher homöopathischer Leistungen, für die es bislang schlicht keine Abrechnungsziffern gab. Das holte man nun schnell nach, indem der Zentralverein homöopathischer Ärzte über seine Marketinggesellschaft mit den Kassen sogenannte Selektivverträge abschloss, mit denen geregelt wurde, dass ärztliche homöopathische Leistungen außerhalb der normalen Budgetierung mit besonderen Sätzen abgerechnet werden konnten. (Die Idee der Selektivverträge sollte einmal eigentlich eine bessere Versorgung chronisch Kranker sichern, ist aber – wie so vieles – inzwischen längst auf ganz andere Gebiete ausgeufert.)
Und so waren die REgelungen des 3. GKV-Versorgungsstrukturgesetzes, ohne dass das Wort „Homöopathie“ überhaupt darin irgendwo auftauchten, zum „trojanischen Pferd“ geworden, mit dem sich die Homöopathie (was die Mittel betrifft: wieder) in der gesetzlichen Krankenversicherung etablieren konnte.
Und daraus sollte uns eines deutlich werden: Ein Ende der Kassenerstattung als Satzungsleistung wäre nur ein „Etappensieg“ für die Homöopathiekritik, ein sozusagen versicherungstechnischer Vorgang. Das Scheunentor der Arzneimitteleigenschaft, mit der sich die Homöopathie innerhalb der Medizin platziert, bleibt offen. Und damit auch die Möglichkeit, wiederum durch einen gesetzes- bzw. versicherungstechnischen Vorgang das Ganze irgendwann wieder umzudrehen. Solange die Homöopathie nicht allen anderen Arzneimitteln im Zulassungsverfahren gleichgestellt ist – mehr verlangt niemand – bleibt das Grundproblem ungelöst.
Das ist ja nun schon eine ziemlich verdrehte Angelegenheit. Warum tut der Gesetzgeber so etwas? Was hat ihn bewogen, den Katalog der zulässigen Satzungsleistungen derart zu erweitern?
Beabsichtigt war damit eine „Stärkung des Wettbewerbs“ der Kassen untereinander. Das war auch 2012 beileibe nicht neu. Es gab Wettbewerbsanreize schon lange vorher, aber hauptsächlich auf dem Feld der Beitragshöhe und der Ausschöpfung von Rationalisierungspotenzialen (beides hängt zusammen). Wettbewerb über die für alle gleichen Regelleistungen war ja nicht möglich, aber Wettbewerb über den Beitragssatz und über Rationalisierungserfekte war 2012 praktisch ausgeschöpft. Wobei unbestritten der Effektivitätsgedanke auch Wirkung gezeigt hat, wie man an der deutlich zurückgegangenen Zahl der gesetzlichen Kassen sehen kann. Und so kam es um einen Angebotswettbewerb, reinem Marketing mit einem bunten Bauchladen an „Leistungen“ für den potenziellen Kunden, vor allem der wellnessorientierten, durchweg gesunden „Midage-Generation“
So blieb nur noch der Wettbewerb über die Satzungsleistungen, die über die Regelleistungen hinausgehen. Und da stand die Homöopathie ganz oben im Wunschkatalog – der homöopatischen Lobby und auch der Kassen, die sich davon Lukratives versprachen.
Marketing steht über Wirksamkeit
Aufgrund der ohnehin vorhandenen „Beliebtheit“ der Homöopathie und emsiger Lobbyarbeit der üblichen Verdächtigen, fingen die Kassen an, sich gegenseitig mit der Kostenübernahme für diese unwirksame Methode zu überbieten – mit Segen des Gesetzgebers, unter Aufsicht der zuständigen Dienststellen und Institutionen und – ganz wichtig – auf Kosten sämtlicher Beitragszahler der jeweiligen Kasse. Denn es wird ja kein Wahl- oder Zusatztarif angeboten (den gab es mal in der GKV; war aber fast ganz abgestorben und wurde daher 2018 abgeschafft), sondern den satzungsmäßigen Tarif für Regelleistung plus Satzungsleistungen hat jedes Mitglied zu bezahlen.
Von dieser Leistung des Gesetzgebers war offenbar selbst die Homöopathie-Lobby einigermaßen überrascht. Selbst die damalige Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte konstatierte verblüfft: „Für die Krankenkassen ist das wahrscheinlich ein Marketinginstrument, um sich von der Konkurrenz abzusetzen“. Dem ist wenig bis nichts hinzuzufügen.
Auf breiter Front – das heißt, bei rund drei Viertel der gesetzlichen Krankenkassen – wird mit dem Segen des Gesetzgebers überwiegend aus Marketinggründen das Geld aller Beitragszahler für die unwirksame Methode „Homöopathie“ ausgegeben. Aus Sicht eines rational denkenden Versicherten kann sich das eigentlich nur als Veruntreuung seiner Beitragsgelder darstellen. Aus Sicht der Homöopathie-Lobbyisten und vielfach auch der Kassenvertreter selbst hört man hierzu in der Regel, dass „die Leute das ja wollen“ oder „die Nachfrage groß“ sei. Was für ein Irrweg im wahrsten Sinne des Wortes. Nett ausgedrückt, hat hier der Gesetzgeber ganz offensichtlich falsche Anreize gesetzt, wie man in der Volks- und Betriebswirtschaft zu sagen pflegt. Die Sozialversicherung bietet – zuräckhaltend ausgedrückt – wenig Raum für Wettbewerb und Marketing, zumal nicht mit medizinisch wertlosen Mitteln und Methoden. Sie ist eine Solidargemeinschaft, bei denen andere Prinzipien im Vordergrund zu stehen haben.
Es geht noch weiter: Lesen Sie bei uns, warum die Kassen Brillen und höhere Zuschüsse für Zahnersatz gar nicht zahlen dürfen und diese deshalb nach geltendem Recht nicht „gegen Homöopathie getauscht“ werden dürfen – und warum erhebliche Zweifel daran bestehen, ob die Homöopathie-Erstattung trotz Arzneimitteleigenschaft und Satzungsleistungs-Gesetzgebung wirklich in Ordnung geht.
Mehr zum Thema Krankenkassen und Homöopathie gibts auch auf unserer Homöopedia und auf VICE mit Dr. Natalie Grams: Warum Krankenkassen endlich aufhören sollten, die Homöopathie zu bezahlen

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