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Timestamp: 2020-07-07 13:05:00+00:00

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Theologisch-sozialer Lehrgang als Berufsausbildung | Rechtslupe
Theologisch-sozialer Lehrgang als Berufsausbildung
Theo­lo­gisch-sozia­ler Lehr­gang als Berufs­aus­bil­dung
Das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg hat­te in einem bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren zu beur­tei­len, ob ein theo­lo­gisch-sozia­ler Lehr­gang von elf Mona­ten als Berufs­aus­bil­dung gemäß § 32 Abs. 4 S 1 Nr. 2a EStG anzu­er­ken­nen ist.
Geklagt hat­te ein Vater, des­sen voll­jäh­ri­ge Toch­ter nach Absol­vie­rung einer Haus­wirt­schafts­schu­le an einem elf­mo­na­ti­gen soge­nann­ten "Esra-Trai­ning" des "Wort des Lebens e.V." teil­ge­nom­men hat­te, und der für die­sen Zeit­raum für sei­ne Toch­ter wegen die­ser "Berufs­aus­bil­dung" die Zah­lung von Kin­der­geld bean­tragt hat­te. Das Esra-Trai­ning, so sei­ne Ansicht, sei als Vor­be­rei­tung für die von sei­ner Toch­ter vor­ge­se­he­ne Berufs­aus­bil­dung zur Erzie­he­rin an der evan­ge­li­schen Fach­schu­le für Sozi­al­päd­ago­gik anzu­se­hen. Bei dem Esra-Trai­ning hand­le es sich zwar nicht um eine Aus­bil­dung, es habe jedoch nach der Ziel­set­zung des Wort des Lebens e.V. den Erwerb von sozia­len Fähig­kei­ten, wie z.B. kon­flikt­lö­sungs­ori­en­tier­tem Zusam­men­le­ben bzw. sozi­al­dia­ko­ni­sche Ein­sät­ze, zum Ziel.
Das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg gab dem Klä­ger Recht:
Nach § 62 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit § 63 Abs. 1 Satz 2 EStG und § 32 Abs. 4 Satz 1 EStG wird ein voll­jäh­ri­ges, noch nicht 25 Jah­re altes Kind beim Kin­der­geld berück­sich­tigt, wenn es für einen Beruf aus­ge­bil­det wird. Wäh­rend der Teil­nah­me am Esra-Trai­ning befand sich die Toch­ter des Klä­gers in Berufs­aus­bil­dung im Sin­ne des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 Satz 2 EStG, so das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg.
Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs befin­det sich in Berufs­aus­bil­dung, wer sei­ne Berufs­zie­le noch nicht erreicht hat, sich aber ernst­haft dar­auf vor­be­rei­tet [1]. Da das Berufs­ziel und die Gestal­tung der Aus­bil­dung nach stän­di­ger Recht­spre­chung weit­ge­hend von den Vor­stel­lun­gen der Eltern und des Kin­des bestimmt wer­den [2], ist das Berufs­ziel nicht ohne Wei­te­res dann als erreicht anzu­se­hen, wenn das Kind die Min­dest­vor­aus­set­zun­gen für die Aus­übung des von ihm gewähl­ten Berufs erfüllt [3]. Kin­dern muss des­halb zuge­bil­ligt wer­den, zur Ver­voll­komm­nung und Abrun­dung von Wis­sen und Fähig­kei­ten auch Maß­nah­men außer­halb eines fest umschrie­be­nen Bil­dungs­gangs zu ergrei­fen [4].
Unter den Begriff der Berufs­aus­bil­dung im Sin­ne des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 Satz 2 EStG zu sub­su­mie­ren sind daher alle Maß­nah­men, bei denen es sich um den Erwerb von Kennt­nis­sen, Fähig­kei­ten und Erfah­run­gen han­delt, die als Grund­la­ge für die Aus­übung des ange­streb­ten Beru­fes geeig­net sind, unab­hän­gig davon, ob sie in einer Stu­di­en- oder Aus­bil­dungs­ord­nung vor­ge­schrie­ben sind oder – man­gels sol­cher Rege­lun­gen – jeden­falls dem Erwerb von Kennt­nis­sen und Fähig­kei­ten die­nen, die für den ange­streb­ten Beruf zwin­gend not­wen­dig sind. Die Aus­le­gung des Begriffs der Berufs­aus­bil­dung im Sin­ne des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 Satz 2 EStG hat den Sinn und Zweck des seit 1. Janu­ar 1996 gel­ten­den steu­er­recht­li­chen Kin­der­gelds zu berück­sich­ti­gen, der dar­in liegt, die durch den kind­be­ding­ten Mehr­auf­wand gemin­der­te Leis­tungs­fä­hig­keit der Eltern abzu­mil­dern. Die Leis­tungs­fä­hig­keit der Eltern ist aber auch dann gemin­dert, wenn sich Kin­der unab­hän­gig von vor­ge­schrie­be­nen Aus­bil­dungs- oder Stu­di­en­gän­gen in Aus­bil­dung befin­den und von ihren Eltern unter­hal­ten wer­den bzw. wenn sich das Kind im Rah­men einer bestimm­ten Bil­dungs­maß­nah­me Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten aneig­net, die über die Min­dest­vor­aus­set­zun­gen für die Aus­übung des gewähl­ten Berufs hin­aus­ge­hen [5].
Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen, denen der Senat folgt, ist das von der Toch­ter des Klä­gers absol­vier­te Esra-Trai­ning als Berufs­aus­bil­dung im Sin­ne des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 in Ver­bin­dung mit § 63 Abs. 1 Satz 2 EStG anzu­se­hen. Wie sich aus der Beschei­ni­gung des Wort des Lebens e.V. sowie dem vor­ge­leg­ten Eltern­hand­buch des Wort des Lebens e.V. ergibt, erfolgt im Rah­men des Esra-Trai­nings eine struk­tu­rier­te Wis­sens­ver­mitt­lung mit einem Zeit­auf­wand für die Teil­neh­mer, der die Arbeits­kraft und ‑zeit weit­ge­hend in Anspruch nimmt. Außer­dem fin­den regel­mä­ßi­ge Lern­kon­trol­len unter Ver­ga­be von Noten für die ein­zel­nen Fächer statt. Zwar ist das Esra-Trai­ning nicht unmit­tel­bar berufs­qua­li­fi­zie­rend, doch weist es auf­grund sei­ner Lehr­in­hal­te – ins­be­son­de­re sei­ner theo­lo­gisch-sozia­len Aus­rich­tung und sei­ner Schwer­punkt­set­zung in Rich­tung Jugend­ar­beit – einen aus­rei­chen­den inhalt­li­chen Zusam­men­hang zu dem von der Toch­ter des Kl bereits zu Beginn des Esra-Trai­nings beab­sich­tig­ten und nach des­sen Abschluss auch tat­säch­lich auf­ge­nom­me­nen Besuch der Evan­ge­li­schen Fach­schu­le für Sozi­al­päd­ago­gik Z mit dem Ziel des Aus­bil­dungs­ab­schlus­ses als Erzie­he­rin auf. Denn sowohl im Esra-Trai­ning als auch im Rah­men des Besuchs der Evan­ge­li­schen Fach­schu­le für Sozi­al­päd­ago­gik erfolgt eine Aus­bil­dung auf christ­li­cher Grund­la­ge mit Schwer­punkt­set­zung in Rich­tung Jugend­ar­beit. Zwar haben im Esra-Trai­ning aus­weis­lich der oben dar­ge­stell­ten Über­sicht über die ein­zel­nen Fächer und den Lehr­um­fang theo­lo­gi­sche Inhal­te ein deut­lich stär­ke­res Gewicht als im Rah­men des Kol­legs an der Evan­ge­li­schen Fach­schu­le für Sozi­al­päd­ago­gik. Dies ist jedoch – wie sich aus der zitier­ten stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ergibt – unschäd­lich, da den Eltern bzw. dem Kind bei der Aus­ge­stal­tung der Aus­bil­dung ein wei­ter Ent­schei­dungs­spiel­raum zuzu­ge­ste­hen ist und des­halb auch abrun­den­de oder ergän­zen­de Maß­nah­men vom Begriff der Berufs­aus­bil­dung umfasst wer­den.
Die­se – etwas wei­te­re – Aus­le­gung des Begriffs der Berufs­aus­bil­dung fügt sich auch ohne Wei­te­res in die stän­di­ge Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs zu Au-pair-Auf­ent­hal­ten im Aus­land ein, wonach die Abgren­zung zwi­schen kin­der­geld­recht­lich nicht för­de­rungs­fä­hi­gen Tätig­kei­ten zur Erlan­gung all­ge­mei­ner Erfah­rungs­wer­te und sol­chen, die unter den Begriff der Berufs­bil­dung i.S.d. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 Satz 2 EStG zu sub­su­mie­ren sind, der­ge­stalt vor­zu­neh­men ist, dass eine Berufs­aus­bil­dung in der Regel dann anzu­neh­men ist, wenn der Aus­lands­auf­ent­halt von einem theo­re­tisch-sys­te­ma­ti­schen Sprach­un­ter­richt mit einem Umfang von wöchent­lich min­des­tens 10 Stun­den beglei­tet wird [6]. Denn eben­so wie bei Au-pair-Auf­ent­hal­ten im Aus­land wird bei einer Betä­ti­gung, die auch dem Erwerb nicht unmit­tel­bar beruf­lich zu nut­zen­der Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten die­nen kann (bei Au-pair-Auf­ent­hal­ten: das Erlan­gen bzw. Ver­bes­sern von Fremd­spra­chen­kennt­nis­sen; im Streit­fall: die Beschäf­ti­gung mit theo­lo­gisch-sozia­len Inhal­ten), die Schwel­le zur Berufs­aus­bil­dung im Sin­ne des § 63 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2a EStG dann über­schrit­ten, wenn die­se Betä­ti­gung einen gewis­sen zeit­li­chen Min­dest­auf­wand und eine aus­rei­chen­de theo­re­ti­sche Sys­te­ma­ti­sie­rung erfährt. Dies ist beim Esra-Trai­ning ange­sichts des dar­ge­stell­ten sach­li­chen und zeit­li­chen Umfangs sogar deut­lich stär­ker gege­ben als bei einem Au-pair-Auf­ent­halt, der nur die zeit­li­chen Min­dest­vor­aus­set­zun­gen von 10 Stun­den wöchent­lich erfüllt.
Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 15. Febru­ar 2010 – 4 K 361/​09
BFH, Urtei­le vom 09.06.1999 – VI R 33/​98, BFHE 189, 88, BStBl II 1999, 701; vom 16.04.2002 – VIII R 58/​01, BFHE 199, 111, BStBl II 2002, 523 m.w.N.; vom 15.07.2003 – VIII R 78/​99, BFHE 203, 90, BStBl II 2003, 841; und vom 15.07.2003 – VIII R 75/​00, BFH/​NV 2004, 171[↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 08.11.1972 – VI R 54/​70, BFHE 107, 447, BStBl II 1973, 138; vom 11.10.1984 – VI R 69/​83, BFHE 142, 140, BStBl II 1985, 91; und vom 02.07.1993 – III R 81/​91, BFHE 172, 59, BStBl II 1993, 870[↩]
BFH, Urteil in BFHE 107, 447, BStBl II 1973, 138[↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 08.11.1972 – VI R 309/​70, BFHE 107, 450, BStBl II 1973, 139; vom 09.06.1999 – VI R 33/​98, BFHE 189, 88, BStBl II 1999, 701; vom 09.06.1999 – VI R 24/​99, BFH/​NV 2000, 27; vom 19.02.2002 – VIII R 83/​00, BFHE 198, 192, BStBl II 2002, 469 m.w.N.; und vom 24.06.2004 – III R 3/​03, BFHE 206, 413, BStBl II 2006, 294[↩]
BFH, Urtei­le vom 09.06.1999 – VI R 143/​98, BFHE 189, 107, BStBl II 1999, 710; vom 09.06.1999 – VI R 33/​98, BFHE 189, 88, BStBl II 1999, 701; vom 09.06.1999 – VI R 24/​99, BFH/​NV 2000, 27; und vom 19.02.2002 – VIII R 83/​00, BFHE 198, 192, BStBl II 2002, 469; BFH, Beschluss vom 31.08.2006 – III B 39/​06, BFH/​NV 2006, 2256[↩]

References: § 32
 § 62
 § 63
 § 32
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 § 63
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