Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/unterbringung-zwangsbehandlung-mecklenburg-3125206
Timestamp: 2020-02-23 07:21:32+00:00

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Unter­brin­gung und Zwangs­be­hand­lung in Meck­len­burg-Vor­pom­mern | Rechtslupe ")}}return a.proceed()});scriptParent=document.getElementsByTagName("script")[0].parentNode;if(scriptParent.tagName.toLowerCase!=="head"){head=document.getElementsByTagName("head")[0];aop_around(head,"insertBefore");aop_around(head,"appendChild")}aop_around(scriptParent,"insertBefore");aop_around(scriptParent,"appendChild");var a2a_config=a2a_config||{};a2a_config.no_3p=1;var addthis_config={data_use_cookies:false};var _gaq=_gaq||[];_gaq.push(["_gat._anonymizeIp"])}
Die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Zwangs­be­hand­lung im Maß­re­gel­voll­zug ent­wi­ckel­ten Maß­ga­ben kön­nen auch auf die Zwangs­be­hand­lung im Rah­men der öffent­lich-recht­li­chen Unter­brin­gung über­tra­gen wer­den. Dies hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt bekräf­tigt und die Rechts­grund­la­ge für die medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung im Gesetz über Hil­fen und Schutz­maß­nah­men für psy­chisch Kran­ke des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern (Psy­chisch­kran­ken­ge­setz) – in der bis zum 30.07.2016 gül­ti­gen Fas­sung – für mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar und nich­tig erklärt.
§ 23 Absatz 2 Satz 2 Alter­na­ti­ve 1 des Geset­zes über Hil­fen und Schutz­maß­nah­men für psy­chisch Kran­ke des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern (Psy­chisch­kran­ken­ge­setz – PsychKG M‑V) in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 13.04.2000 1 ist mit Arti­kel 2 Absatz 2 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Arti­kel 19 Absatz 4 Satz 1 des Grund­ge­set­zes unver­ein­bar und nich­tig.
Die gesetz­li­chen Rege­lun­gen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern
Zwangs­me­di­ka­ti­on als Ein­griff in die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit
Recht­fer­ti­gung einer Zwangs­be­hand­lung durch das Frei­heits­in­ter­es­se
Ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Grund­la­ge für die Zwangs­be­hand­lung in Meck­len­burg-Vor­pom­mern
Wei­te­re Män­gel der amts­ge­richt­li­chen Geneh­mi­gung der Zwangs­me­di­ka­men­ta­ti­on
Die gesetz­li­chen Rege­lun­gen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern[↑]
Die Vor­schrift hat fol­gen­den Wort­laut:
§ 23 – Behand­lung
(1) Die Betrof­fe­nen haben Anspruch auf die not­wen­di­ge Behand­lung und psy­cho­so­zia­le Bera­tung. Die Behand­lung schließt die dazu erfor­der­li­chen Unter­su­chun­gen sowie beschäf­ti­gungs- und arbeits­the­ra­peu­ti­sche, heil­päd­ago­gi­sche und psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men mit ein. Die Behand­lung soll außer­halb der Ein­rich­tung durch­ge­führt wer­den, wenn dadurch ihre Erfolgs­aus­sich­ten ver­bes­sert wer­den. Die Behand­lung wegen der Erkran­kung, die zu der Unter­brin­gung geführt hat, erfolgt nach einem Behand­lungs­plan. Der Behand­lungs­plan soll mit dem Betrof­fe­nen und auf sei­nen Wunsch mit den gesetz­li­chen Ver­tre­tern oder Betreu­ern erör­tert wer­den.
(2) Behand­lungs­maß­nah­men bedür­fen der Ein­wil­li­gung des Betrof­fe­nen oder der gesetz­li­chen Ver­tre­ter. Ohne Ein­wil­li­gung darf eine Behand­lung nur durch­ge­führt wer­den, wenn der Betrof­fe­ne auf­grund der Krank­heit ein­sichts- oder steue­rungs­un­fä­hig ist und die Behand­lung nicht mit erheb­li­chen Gefah­ren für Leben oder Gesund­heit ver­bun­den ist oder er sich in einem Zustand befin­det, in dem ohne sofor­ti­ge Behand­lung eine erheb­li­che und unmit­tel­ba­re Gefahr für Leben oder Gesund­heit der kran­ken Per­son oder Drit­ter besteht. Der Rechts­an­walt des Betrof­fe­nen ist unver­züg­lich zu infor­mie­ren.
(3) Eine Behand­lung, die die Per­sön­lich­keit des Betrof­fe­nen dau­er­haft in ihrem Kern­be­reich ändern wür­de, ins­be­son­de­re ein psy­choch­ir­ur­gi­scher Ein­griff, ist unzu­läs­sig.
Die mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de mit­tel­bar ange­grif­fe­ne Norm wur­de in der Zwi­schen­zeit außer Kraft gesetzt und neu gefasst. Mit der Druck­sa­che 6/​5185 vom 24.02.2016 brach­te die Regie­rung des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern den Ent­wurf eines Geset­zes über Hil­fen und Schutz­maß­nah­men für Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten in den Land­tag ein. Zur Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs heißt es unter ande­rem:
"Das Psy­chisch­kran­ken­ge­setz, wel­ches nahe­zu unver­än­dert seit dem Jah­re 2000 gilt (nach­fol­gend PsychKG M‑V 2000), regelt die Hil­fen und Schutz­maß­nah­men für Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten […].
In den ver­gan­ge­nen Jah­ren haben sich […] jedoch die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für die Unter­brin­gung in zen­tra­len Punk­ten durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes und des Bun­des­ge­richts­ho­fes geän­dert. […] Danach ist die Zwangs­be­hand­lung nur auf der Grund­la­ge eines Geset­zes zuläs­sig, das die mate­ri­ell- und ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Zuläs­sig­keit des Ein­griffs klar bestimmt […].
Das der­zei­ti­ge Lan­des­recht genügt den von der Recht­spre­chung defi­nier­ten Vor­aus­set­zun­gen nicht in ver­fas­sungs­recht­lich hin­rei­chen­dem Maße. […] Daher ist eine umfas­sen­de Neu­fas­sung die­ser Nor­men erfor­der­lich […]" 2.
Am 6.07.2016 beschloss der Land­tag die Neu­fas­sung des Psy­chisch­kran­ken­ge­set­zes. Die Rechts­grund­la­ge für die Durch­füh­rung einer Zwangs­be­hand­lung wur­de voll­stän­dig novel­liert. Nun­mehr bestimmt § 26 des Geset­zes über Hil­fen und Schutz­maß­nah­men für Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten (Psy­chisch­kran­ken­ge­setz – PsychKG M‑V n.F.) vom 14.07.2016 3 die Vor­aus­set­zun­gen der ärzt­li­chen Zwangs­maß­nah­me. Das PsychKG M‑V n.F. trat am 30.07.2016 in Kraft. Gleich­zei­tig wur­de das PsychKG M‑V in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 13.04.2000 4, zuletzt geän­dert durch Arti­kel 4 des Geset­zes vom 09.11.2010 5, außer Kraft gesetzt (vgl. § 51 PsychKG M‑V n.F.).
§ 26 PsychKG M‑V n.F. lau­tet:
§ 26 – Ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­me
Eine medi­zi­ni­sche Behand­lung gegen den natür­li­chen Wil­len der Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten (ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­me) darf nur durch­ge­führt wer­den
mit dem Ziel, die fort­dau­ern­de Not­wen­dig­keit einer Unter­brin­gung nach den Abschnit­ten 4 und 6 zu besei­ti­gen oder
soweit die Maß­nah­me erfor­der­lich ist, um eine gegen­wär­ti­ge Lebens­ge­fahr oder schwer­wie­gen­de Gefahr für die Gesund­heit der Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten oder eine von ihnen infol­ge ihrer Krank­heit aus­ge­hen­de gegen­wär­ti­ge Lebens­ge­fahr oder erheb­li­che Gefahr für die Gesund­heit ande­rer Men­schen, die sich in der Ein­rich­tung auf­hal­ten, abzu­wen­den oder
soweit die Maß­nah­me dazu dient, eine sonst erfor­der­li­che beson­de­re Siche­rungs­maß­nah­me nach § 21 Absatz 2 Num­mer 3 bis 5 zu ver­mei­den oder zu been­den und
wenn die Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten auf­grund die­ser Krank­hei­ten die Not­wen­dig­keit der ärzt­li­chen Maß­nah­me nicht erken­nen oder nicht nach die­ser Ein­sicht han­deln kön­nen und wenn
die Maß­nah­me im Hin­blick auf das Behand­lungs­ziel Erfolg ver­spricht,
es aus­sichts­los erscheint, mit einem mil­de­ren Mit­tel, ins­be­son­de­re einer weni­ger eingreifende[n] Behand­lung, das mit der Maß­nah­me ver­folg­te Ziel zu errei­chen und
der zu erwar­ten­de Nut­zen der Behand­lung die zu erwar­ten­den Beein­träch­ti­gun­gen deut­lich über­wiegt.
(2) Eine ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­me setzt vor­aus, dass durch die behan­deln­de Ärz­tin oder den Arzt
vor Beginn der Behand­lung ernst­haft ver­sucht wur­de, eine auf Ver­trau­en gegrün­de­te, frei­wil­li­ge Ein­wil­li­gung der Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten zu errei­chen,
eine den Ver­ständ­nis­mög­lich­kei­ten der Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten ent­spre­chen­de Infor­ma­ti­on über die beab­sich­tig­te Behand­lung, ihre Wir­kun­gen und Zie­le vor­aus­ge­gan­gen ist, und
den Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten nach Schei­tern des Gesprä­ches nach Num­mer 1 die Bean­tra­gung der gericht­li­chen Anord­nung nebst der Mög­lich­keit der Durch­füh­rung einer ärzt­li­chen Zwangs­maß­nah­me ange­kün­digt wor­den ist. Die behan­deln­de Ärz­tin oder der Arzt muss die Durch­füh­rung der Gesprä­che und deren Ergeb­nis doku­men­tie­ren.
(3) Die Behand­lung muss von einer Ärz­tin oder einem Arzt ange­ord­net, über­wacht und doku­men­tiert wer­den.
(4) Eine ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­me ist nur mit vor­he­ri­ger Zustim­mung des Betreu­ungs­ge­richts auf Antrag der Ein­rich­tung, bei im Maß­re­gel­voll­zug unter­ge­brach­ten Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer oder der Jugend­kam­mer oder bei vor­läu­fig unter­ge­brach­ten Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten des Haft­ge­rich­tes oder des Gerich­tes der Haupt­sa­che auf Antrag der Ein­rich­tung des Maß­re­gel­voll­zu­ges zuläs­sig. Dies gilt nicht in den Fäl­len, in denen eine ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­me dazu dient, eine gegen­wär­ti­ge Lebens­ge­fahr oder eine gegen­wär­ti­ge schwer­wie­gen­de Gefahr für die Gesund­heit der Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten abzu­wen­den, wenn hier­durch die Behand­lung ver­zö­gert wür­de und sich hier­aus Nach­tei­le für das Leben oder die Gesund­heit der Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten erge­ben wür­den. Die Zustim­mung ist unver­züg­lich nach­träg­lich ein­zu­ho­len. Für die Straf­voll­stre­ckungs- und die Jugend­kam­mern oder die Haft­ge­rich­te oder die Gerich­te der Haupt­sa­che gel­ten ihre jewei­li­gen Pro­zess­ord­nun­gen und Ver­fah­rens­rech­te. Sie haben dar­über hin­aus ent­spre­chend der §§ 319 und 321 des Geset­zes über das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit die Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten per­sön­lich anzu­hö­ren und ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ein­zu­ho­len. Zugleich ist den Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten eine Ver­tei­di­ge­rin oder ein Ver­tei­di­ger als not­wen­di­ge Ver­tei­di­gung bei­zu­ord­nen.
Am 29.07.2014 wies das Gesund­heits­amt des Land­krei­ses Meck­len­bur­gi­sche Seen­plat­te die Beschwer­de­füh­re­rin in die geschlos­se­ne Abtei­lung des Medi­Clin Müritz-Kli­ni­kums ein und stell­te bei dem Amts­ge­richt Waren (Müritz) den Antrag, ihre vor­läu­fi­ge Unter­brin­gung anzu­ord­nen. Den Antrag begrün­de­te das Gesund­heits­amt unter ande­rem damit, dass die Beschwer­de­füh­re­rin Medi­ka­men­te ver­wei­ge­re und sich seit drei Wochen extrem auf­fäl­lig ver­hal­te. Seit dem frü­hen Mor­gen des 29.07.2014 fühl­ten sich der Bru­der und die Mut­ter der Beschwer­de­füh­re­rin von die­ser bedroht. Zudem lau­fe sie seit sechs Uhr mor­gens unun­ter­bro­chen mit einem schwe­ren Blu­men­kü­bel im Arm im Kreis, sei völ­lig erschöpft und dehy­driert. Auf­grund der Hit­ze und der Ent­kräf­tung bestehe eine aku­te Selbst­ge­fähr­dung, so dass eine geschlos­se­ne Unter­brin­gung erfor­der­lich sei.
In dem ärzt­li­chen Zeug­nis vom 29.07.2014 wird aus­ge­führt, dass die Ein­wei­sung not­fall­mä­ßig zur erneu­ten Kri­sen­in­ter­ven­ti­on erfolgt sei. Die Beschwer­de­füh­re­rin lei­de bekann­ter­ma­ßen an einer para­noi­den hal­lu­zi­na­to­ri­schen Schi­zo­phre­nie. Die Sym­pto­ma­tik sei unter ande­rem gekenn­zeich­net durch eine hohe inne­re Anspan­nung und den Ver­lust von Rea­li­täts­be­wusst­sein; die Beschwer­de­füh­re­rin ver­hal­te sich selbst­ge­fähr­dend, und es feh­le ihr an Krank­heits­ein­sicht. Sie ver­wei­ge­re zudem die medi­ka­men­tö­se Behand­lung und wol­le die Kli­nik ver­las­sen. Aus dem rich­ter­li­chen Anhö­rungs­pro­to­koll vom 30.07.2014 geht her­vor, dass die behan­deln­de Ärz­tin einen Ver­bleib der Beschwer­de­füh­re­rin in der Unter­brin­gung für einen Zeit­raum von sechs Wochen für erfor­der­lich hielt.
Mit Beschluss vom 30.07.2014 ord­ne­te das Amts­ge­richt Waren (Müritz) nach Anhö­rung der Beschwer­de­füh­re­rin die vor­läu­fi­ge Unter­brin­gung durch einst­wei­li­ge Anord­nung gemäß § 331, § 332, § 312 Nr. 3 FamFG in Ver­bin­dung mit § 11 PsychKG M‑V längs­tens bis zum 9.09.2014 an. Zudem wur­de eine Ver­fah­rens­pfle­ge­rin bestellt. Es bestün­den drin­gen­de Grün­de für die Annah­me, dass die Vor­aus­set­zun­gen für eine Unter­brin­gungs­maß­nah­me gege­ben sei­en und mit einem Auf­schub eine so erheb­li­che Gefahr für die Beschwer­de­füh­re­rin ver­bun­den wäre, dass sie sofort unter­ge­bracht wer­den müs­se. Das Gericht schlie­ße sich auf­grund der Anhö­rung der Beschwer­de­füh­re­rin dem ärzt­li­chen Zeug­nis vom 29.07.2014 an. Auch im Hin­blick auf die Dau­er der Unter­brin­gung fol­ge das Gericht dem ärzt­li­chen Zeug­nis. Durch das krank­haf­te Ver­hal­ten der Beschwer­de­füh­re­rin bestehe eine gegen­wär­ti­ge erheb­li­che Gefahr für eine Selbst­schä­di­gung, die nicht anders abge­wen­det wer­den kön­ne. Zu ihrem Wohl sei es not­wen­dig, dass sie sta­tio­när behan­delt und ins­be­son­de­re unter sta­tio­nä­ren Bedin­gun­gen beob­ach­tet wer­de.
Gegen den Beschluss des Amts­ge­richts leg­te die Beschwer­de­füh­re­rin mit Schrei­ben vom 01.08.2014 "Wider­spruch" ein. Der Beschluss sei ein Miss­ver­ständ­nis, sie habe nie einem ande­ren Men­schen oder sich selbst Leid ange­tan und wer­de dies auch zukünf­tig nicht tun. Mit Beschluss vom 08.08.2014 half das Amts­ge­richt dem als Beschwer­de aus­ge­leg­ten Rechts­be­helf nach erneu­ter Anhö­rung der Beschwer­de­füh­re­rin und der behan­deln­den Ärz­te nicht ab und leg­te die Sache dem Land­ge­richt Neu­bran­den­burg zur Ent­schei­dung vor. Das Land­ge­richt wies die Beschwer­de nach einer wei­te­ren Anhö­rung der Beschwer­de­füh­re­rin und Ein­ho­lung ergän­zen­der Stel­lung­nah­men der behan­deln­den Ärz­tin und der Ver­fah­rens­pfle­ge­rin mit Beschluss vom 13.08.2014 zurück. Es bestehe eine gegen­wär­ti­ge erheb­li­che Gefahr zumin­dest einer Selbst­schä­di­gung, zudem sei die Beschwer­de­füh­re­rin im Hin­blick auf ihre Krank­heit unein­sich­tig und leh­ne eine Behand­lung ab. Im Fal­le einer Ent­las­sung und ohne medi­ka­men­tö­se Behand­lung sei der Ein­tritt einer selbst­schä­di­gen­den Hand­lung zwar nicht kon­kret vor­her­seh­bar, aber gleich­wohl jeder­zeit zu erwar­ten. Eine sol­che kön­ne zu einer gesund­heit­li­chen Schä­di­gung oder einem völ­li­gen Zusam­men­bruch füh­ren.
Mit Schrei­ben vom 26.08.2014 wand­te sich die Beschwer­de­füh­re­rin erneut an das Land­ge­richt. Der Beschluss vom 13.08.2014 ver­hal­te sich nicht zu einer Zwangs­me­di­ka­ti­on. Sie habe jedoch bereits ein­mal gewalt­sam eine Sprit­ze erhal­ten. Im Abstand von vier­zehn Tagen soll­ten wei­te­re Behand­lun­gen fol­gen. Sie pro­tes­tie­re dage­gen und hal­te die­se Maß­nah­me für Kör­per­ver­let­zung.
Der Rich­ter des Amts­ge­richts, dem das Schrei­ben vom 26.08.2014 zustän­dig­keits­hal­ber zuge­lei­tet wor­den war, wand­te sich sei­ner­seits mit einem Schrei­ben an die Beschwer­de­füh­re­rin. Dar­in führ­te er aus, dass die Zwangs­me­di­ka­ti­on not­wen­dig sei, weil ihr jeg­li­che Krank­heits- und Behand­lungs­ein­sicht feh­le. Die 14-tägi­ge Behand­lung mit einer Depotsprit­ze sei zudem nicht mit erheb­li­chen Gefah­ren für ihre Gesund­heit ver­bun­den. Soll­te das ver­ab­reich­te Medi­ka­ment uner­wünsch­te, nicht uner­heb­li­che Neben­wir­kun­gen ent­fal­ten, kön­ne dies mit den behan­deln­den Ärz­ten bespro­chen wer­den und gege­be­nen­falls eine Medi­ka­men­ten­um­stel­lung erfol­gen. Der Rich­ter zitier­te über­dies die hier mit­tel­bar ange­grif­fe­ne Vor­schrift und teil­te der Beschwer­de­füh­re­rin mit, dass eine Prä­zi­sie­rung der Vor­aus­set­zun­gen einer ärzt­li­chen Behand­lung gegen den Wil­len des Pati­en­ten im Rah­men der Unter­brin­gung nach dem PsychKG M‑V vom Land­tag noch nicht ver­ab­schie­det wor­den sei. Die­ses Schrei­ben wur­de am 1.09.2014 an die Beschwer­de­füh­re­rin ver­sandt.
Die Beschwer­de­füh­re­rin hat am 28.08.2014 – ergänzt durch am 29.09.2014 ein­ge­gan­ge­nes Schrei­ben – Ver­fas­sungs­be­schwer­de ein­ge­legt, mit der sie sich gegen ihre Zwangs­be­hand­lung wen­det. Sie sei in der Kli­nik bereits zwei Mal mit dem Medi­ka­ment Zypad­he­ra behan­delt wor­den, die Dosis der ers­ten Sprit­ze habe 200 Mil­li­gramm betra­gen. Zwei Wochen spä­ter sei ihr unter Anwen­dung von Gewalt durch Pfle­ger, Arzt und Schwes­ter das Medi­ka­ment erneut in einer höhe­ren Dosie­rung (300 Mil­li­gramm) ver­ab­reicht wor­den. Nun­mehr ste­he eine wei­te­re Behand­lung bevor, wenn dies nicht ver­hin­dert wer­de. Sie hal­te die­ses Vor­ge­hen für Kör­per­ver­let­zung. Man habe zur Begrün­dung der Behand­lung auf eine bei ihr dia­gnos­ti­zier­te Psy­cho­se ver­wie­sen. Sie füh­le sich aller­dings kern­ge­sund, sei nicht para­no­id und habe auch kei­ne Hal­lu­zi­na­tio­nen.
Auf das Schrei­ben der Beschwer­de­füh­re­rin vom 26.08.2014 for­der­te das Amts­ge­richt am 3.09.2014 schließ­lich doch eine Stel­lung­nah­me der behan­deln­den Ärz­tin an, um über die Recht­mä­ßig­keit der Zwangs­be­hand­lung förm­lich zu ent­schei­den.
In ihrer Stel­lung­nah­me vom sel­ben Tag führ­te die behan­deln­de Ärz­tin aus, dass die neu­ro­lep­ti­sche Medi­ka­ti­on der Beschwer­de­füh­re­rin mit Olan­za­pin Depot (Zypad­he­ra) wei­ter­hin erfor­der­lich sei. Einer­seits die­ne die Medi­ka­ti­on der Behand­lung der zum Auf­nah­me­zeit­punkt vor­lie­gen­den Posi­tiv­sym­pto­ma­tik der para­noi­den Schi­zo­phre­nie. Die­se sei unter der Medi­ka­ti­on gut rück­läu­fig gewe­sen. Ande­rer­seits erfol­ge die Behand­lung zur Ver­hin­de­rung eines erneu­ten Aus­bruchs der Krank­heit im Sin­ne einer Pro­phy­la­xe. Das Abset­zen der Medi­ka­men­te wür­de eine Exazer­ba­ti­on im Sin­ne der Posi­tiv­sym­pto­ma­tik zur Fol­ge haben. Die Posi­tiv­sym­pto­ma­tik der para­noi­den Schi­zo­phre­nie sei typi­scher­wei­se gekenn­zeich­net durch Wahn­vor­stel­lun­gen, Hal­lu­zi­na­tio­nen, ins­be­son­de­re akus­ti­sche Hal­lu­zi­na­tio­nen mit kom­men­tie­ren­den und impe­ra­ti­ven Stim­men, Denk­zer­fah­ren­heit mit des­or­ga­ni­sier­ter Spra­che und des­or­ga­ni­sier­tem Ver­hal­ten, kata­to­ne Sym­pto­me, fla­che sowie inad­äqua­te Affek­te und Ich-Stö­run­gen. Es könn­ten zudem viel­fäl­ti­ge Wahn­ide­en auf­tre­ten. Aus dem Ver­fol­gungs­wahn kön­ne ein ängst­lich-zurück­hal­ten­des oder ein sui­zi­da­les Ver­hal­ten resul­tie­ren. Ohne die Behand­lung dro­he die Chro­ni­fi­zie­rung der Krank­heit. Als mög­li­che Neben­wir­kung der Behand­lung kön­ne zwar das mali­gne neu­ro­lep­ti­sche Syn­drom auf­tre­ten, dies sei jedoch sehr sel­ten (0,2%). Das Syn­drom sei unter ande­rem durch Rigor, Fie­ber oder eine Bewusst­seinstrü­bung, fer­ner durch eine auto­no­me Dys­re­gu­la­ti­on sowie einen Anstieg der Krea­tin­ki­na­se gekenn­zeich­net; in zir­ka einem Fünf­tel die­ser Fäl­le sei es lebens­ge­fähr­lich. Nach Abset­zen des Medi­ka­ments bil­de sich das Syn­drom inner­halb von etwa zehn Tagen zurück. Wei­te­re Neben­fol­gen der Medi­ka­ti­on wie moto­ri­sche Effek­te im Sin­ne von Bewe­gungs­stö­run­gen, Herz­rhyth­mus­stö­run­gen und Gewichts­zu­nah­me sei­en eben­falls mög­lich. Zu der durch­ge­führ­ten Behand­lung gebe es aber kei­ne Alter­na­ti­ve.
Mit ange­grif­fe­nem Beschluss vom 04.09.2014 geneh­mig­te das Amts­ge­richt Waren (Müritz) "die Ver­ab­rei­chung einer Depotsprit­ze mit dem Medi­ka­ment Olan­za­pin Depot (Zypad­he­ra) betreu­ungs­ge­richt­lich" 6. Mit Schrei­ben vom 26.08.2014 habe sich die Beschwer­de­füh­re­rin "gegen die ärzt­li­cher­seits durch­ge­führ­te Medi­ka­ti­on in Form einer 14-tägi­gen Depotsprit­ze" gewandt. Das Gericht wer­te die­se Ein­ga­be der Beschwer­de­füh­re­rin vom 26.08.2014 an das Land­ge­richt als "Wider­spruch gegen eine Maß­nah­me zur Rege­lung ein­zel­ner Ange­le­gen­hei­ten im Voll­zug der Unter­brin­gung gemäß § 327 Abs. 1, § 312 Abs. 1 Nr. 3 FamFG in Ver­bin­dung mit § 11 PsychKG M‑V". Der Antrag sei unbe­grün­det. Zwar bestün­den im Hin­blick auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken gegen § 23 PsychKG M‑V, und der Gesetz­ge­ber habe eine Ergän­zung des PsychKG M‑V durch Ein­fü­gung eines § 23a erwo­gen. Dies kön­ne nach Auf­fas­sung des Gerichts jedoch nicht dazu füh­ren, krank­heits­un­ein­sich­ti­gen geschlos­sen unter­ge­brach­ten Pati­en­ten die not­wen­di­ge ärzt­li­che Heil­be­hand­lung zu ver­sa­gen, selbst wenn die­se gegen den von ihnen geäu­ßer­ten Wil­len vor­ge­nom­men wer­den müs­se. Der Beschwer­de­füh­re­rin feh­le jeg­li­che Behand­lungs- und Krank­heits­ein­sicht. Die Ver­ab­rei­chung der Depotsprit­ze gegen ihren Wil­len sei der ärzt­li­chen Stel­lung­nah­me zufol­ge zur Ver­hin­de­rung eines erheb­li­chen gesund­heit­li­chen Scha­dens erfor­der­lich. Die Behand­lung der para­noi­den Schi­zo­phre­nie habe dazu geführt, dass deren Posi­tiv­sym­pto­ma­tik gut rück­läu­fig gewe­sen und ein erneu­ter Aus­bruch der Krank­heit ver­hin­dert wor­den sei. Das Abset­zen der Medi­ka­men­te hät­te dage­gen eine Ver­schlim­me­rung des bestehen­den Zustands zur Fol­ge gehabt. Soweit Neben­wir­kun­gen wie Fie­ber, Bewusst­seins­stö­run­gen, auto­no­me Dys­re­gu­la­ti­on sowie ein Anstieg der Krea­tin­ki­na­se mög­lich sei­en, wür­den die­se nur bei 0, 2 Pro­zent aller Pati­en­ten auf­tre­ten und sich nach Abset­zen des Medi­ka­ments bin­nen zehn Tagen zurück­bil­den. Mil­de­re Mit­tel bestün­den aus­weis­lich der ärzt­li­chen Aus­kunft nicht.
Die Beschwer­de­füh­re­rin wur­de in der Rechts­mit­tel­be­leh­rung dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Beschluss gemäß § 327 Abs. 4 FamFG unan­fecht­bar sei.
Nach Über­sen­dung des Beschlus­ses an das Kli­ni­kum wur­de die Beschwer­de­füh­re­rin ein drit­tes Mal – erkenn­bar gegen ihren Wil­len, aber dies­mal ohne Gegen­wehr – mit dem Medi­ka­ment Zypad­he­ra behan­delt und am 9.09.2014 aus der geschlos­se­nen Unter­brin­gung ent­las­sen.
Der Rechts­weg ist erschöpft. Die Beschwer­de­füh­re­rin durf­te sich ins­be­son­de­re auf die Rechts­mit­tel­be­leh­rung des Beschlus­ses ver­las­sen, wonach die­ser gemäß § 327 Abs. 4 FamFG unan­fecht­bar sei. Selbst wenn es sich dabei um eine feh­ler­haf­te Rechts­be­helfs­be­leh­rung gehan­delt haben soll­te und eine Beschwer­de gemäß § 312 Satz 2, § 58 Abs. 1 FamFG statt­haft gewe­sen wäre, darf ein Rechts­irr­tum des Amts­ge­richts nicht dazu füh­ren, dass die Ver­fas­sungs­be­schwer­de in Erman­ge­lung der Erschöp­fung des Rechts­wegs unzu­läs­sig ist 7.
Der Zuläs­sig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de steht auch nicht der Grund­satz der mate­ri­el­len Sub­si­dia­ri­tät 8 im Hin­blick dar­auf ent­ge­gen, dass die Beschwer­de­füh­re­rin im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren nicht aus­drück­lich die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der gesetz­li­chen Grund­la­ge der Zwangs­be­hand­lung in Fra­ge gestellt hat 9. Es kann letzt­lich offen blei­ben, ob das Vor­brin­gen der Beschwer­de­füh­re­rin im Rah­men des fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens in die­sem Sin­ne aus­zu­le­gen war. Denn es han­delt sich bei den Fra­gen, die der vor­lie­gen­de Fall hin­sicht­lich der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der ange­wen­de­ten gesetz­li­chen Vor­schrift auf­wirft, nicht um sol­che, zu deren Prü­fung die Gerich­te nur auf der Grund­la­ge hin­rei­chend sub­stan­ti­ier­ten Vor­brin­gens ange­hal­ten sind 10. Hin­zu kommt, dass das Amts­ge­richt die ver­fas­sungs­recht­li­che Dimen­si­on des Fal­les durch­aus erkannt und in sei­nem Beschluss auf die Bedenk­lich­keit der Vor­schrift vor dem Hin­ter­grund der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und des Bun­des­ge­richts­hofs hin­ge­wie­sen hat. Es hat die Vor­schrift – ent­ge­gen die­sen Beden­ken und der ein­schlä­gi­gen Recht­spre­chung – gleich­wohl unter Ver­zicht auf eine Vor­la­ge gemäß Art. 100 Abs. 1 GG ange­wen­det und dies mit der medi­zi­ni­schen Not­wen­dig­keit der Zwangs­be­hand­lung begrün­det.
Auch nach Been­di­gung der Zwangs­be­hand­lung der Beschwer­de­füh­re­rin und der Neu­fas­sung des Lan­des­ge­set­zes ist das Rechts­schutz­be­dürf­nis nicht ent­fal­len. Die Zuläs­sig­keit einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de setzt vor­aus, dass ein Rechts­schutz­be­dürf­nis für die Auf­he­bung des ange­grif­fe­nen Hoheits­ak­tes oder jeden­falls für die Fest­stel­lung sei­ner Ver­fas­sungs­wid­rig­keit vor­liegt 11. Die­ses Rechts­schutz­be­dürf­nis muss noch im Zeit­punkt der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts fort­be­stehen 12. Bei Erle­di­gung des mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ver­folg­ten Begeh­rens besteht das Rechts­schutz­be­dürf­nis fort, wenn ent­we­der die Klä­rung einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­ge von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung andern­falls unter­blie­be und der gerüg­te Grund­rechts­ein­griff beson­ders belas­tend erscheint oder eine Wie­der­ho­lung der ange­grif­fe­nen Maß­nah­me zu besor­gen ist oder die auf­ge­ho­be­ne oder gegen­stands­los gewor­de­ne Maß­nah­me den Beschwer­de­füh­rer noch wei­ter­hin beein­träch­tigt 13. Zudem wird in Fäl­len beson­ders tief­grei­fen­der und fol­gen­schwe­rer Grund­rechts­ver­stö­ße das Fort­be­stehen des Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses ange­nom­men, wenn die direk­te Belas­tung durch den ange­grif­fe­nen Hoheits­akt sich auf eine Zeit­span­ne beschränkt, in wel­cher der Betrof­fe­ne nach dem regel­mä­ßi­gen Geschäfts­gang eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kaum erlan­gen konn­te 14. Der Grund­rechts­schutz des Beschwer­de­füh­rers wür­de andern­falls in unzu­mut­ba­rer Wei­se ver­kürzt 15. Der Umstand, dass die Fach­ge­rich­te und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt häu­fig außer­stan­de sind, schwie­ri­ge Fra­gen in kur­zer Zeit zu ent­schei­den, darf nicht dazu füh­ren, dass eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de allein wegen des vom Beschwer­de­füh­rer nicht zu ver­tre­ten­den Zeit­ab­laufs als unzu­läs­sig ver­wor­fen wird 16. Mit der Zwangs­be­hand­lung der Beschwer­de­füh­re­rin ohne aus­rei­chen­de gesetz­li­che Grund­la­ge steht jeden­falls ein tief­grei­fen­der und fol­gen­schwe­rer Grund­rechts­ver­stoß in Rede 17, gegen den die Beschwer­de­füh­re­rin eine ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Ent­schei­dung nicht recht­zei­tig hät­te erlan­gen kön­nen 18.
Zwangs­me­di­ka­ti­on als Ein­griff in die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit[↑]
Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist begrün­det. Der ange­grif­fe­ne Beschluss ver­letzt die Beschwer­de­füh­re­rin in ihrem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG.
Die medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung eines Unter­ge­brach­ten greift in des­sen Grund­recht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ein, das die kör­per­li­che Inte­gri­tät des Grund­rechts­trä­gers und damit auch das dies­be­züg­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht schützt 19. Ent­spre­chen­des gilt für Ent­schei­dun­gen, die die Zwangs­be­hand­lung des Unter­ge­brach­ten als recht­mä­ßig bestä­ti­gen 20.
Dem Ein­griffs­cha­rak­ter einer Zwangs­be­hand­lung steht nicht ent­ge­gen, dass sie zum Zweck der Hei­lung vor­ge­nom­men wird 21. Eine schä­di­gen­de Ziel­rich­tung ist nicht Vor­aus­set­zung für das Vor­lie­gen eines Ein­griffs in das Grund­recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit 22.
Die Ein­griffs­qua­li­tät ent­fällt auch nicht bereits dann, wenn der Betrof­fe­ne der abge­lehn­ten Behand­lung kei­nen phy­si­schen Wider­stand ent­ge­gen­setzt 23. Eine Zwangs­be­hand­lung im Sin­ne einer medi­zi­ni­schen Behand­lung, die gegen den natür­li­chen Wil­len des Betrof­fe­nen erfolgt, liegt unab­hän­gig davon vor, ob eine gewalt­sa­me Durch­set­zung der Maß­nah­me erfor­der­lich wird oder der Betrof­fe­ne sich, etwa weil er die Aus­sichts­lo­sig­keit eines kör­per­li­chen Wider­stan­des erkennt, unge­ach­tet fort­be­stehen­der Ableh­nung in die Maß­nah­me fügt und damit die Anwen­dung kör­per­li­cher Gewalt ent­behr­lich macht 24. Die bean­stan­de­te Behand­lung der Beschwer­de­füh­re­rin mit dem Neu­ro­lep­ti­kum Zypad­he­ra und die ange­grif­fe­ne gericht­li­che Ent­schei­dung ver­lie­ren ihren grund­rechts­ein­grei­fen­den Cha­rak­ter folg­lich nicht dadurch, dass sich die Beschwer­de­füh­re­rin – jeden­falls in einem der drei Fäl­le, ohne ihre Ableh­nung auf­zu­ge­ben, aus Angst vor Zwangs­maß­nah­men auf die Ver­ab­rei­chung des Medi­ka­ments ein­ge­las­sen hat.
Recht­fer­ti­gung einer Zwangs­be­hand­lung durch das Frei­heits­in­ter­es­se[↑]
Die Zwangs­be­hand­lung eines Unter­ge­brach­ten kann aller­dings unge­ach­tet der beson­de­ren Schwe­re des dar­in lie­gen­den Ein­griffs durch sein grund­recht­lich geschütz­tes Frei­heits­in­ter­es­se gerecht­fer­tigt sein 25.
Es ist dem Gesetz­ge­ber nicht prin­zi­pi­ell ver­wehrt, medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lun­gen zuzu­las­sen 26. Zur Recht­fer­ti­gung des damit ver­bun­de­nen Grund­rechts­ein­griffs kann das grund­recht­lich geschütz­te Frei­heits­in­ter­es­se des Unter­ge­brach­ten selbst (Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG) als legi­ti­mer Zweck geeig­net sein, sofern der Unter­ge­brach­te zur Wahr­neh­mung die­ses Inter­es­ses infol­ge krank­heits­be­ding­ter Ein­sichts­un­fä­hig­keit nicht in der Lage ist 27.
Die Zwangs­be­hand­lung eines Unter­ge­brach­ten ist, wie jeder ande­re Grund­rechts­ein­griff, nur auf der Grund­la­ge eines Geset­zes zuläs­sig, das die Vor­aus­set­zun­gen für die Zuläs­sig­keit des Ein­griffs bestimmt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat aus den grund­recht­li­chen Garan­ti­en 28 und aus dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit 29 kon­kre­te Anfor­de­run­gen an die Rechts­grund­la­ge für eine Zwangs­be­hand­lung der im Maß­re­gel­voll­zug Unter­ge­brach­ten auf­ge­stellt. Die gesetz­li­che Grund­la­ge muss sowohl die for­mel­len als auch die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen für eine Zwangs­be­hand­lung vor­ge­ben 30. Die Vor­aus­set­zun­gen für die Zuläs­sig­keit des beson­ders schwer­wie­gen­den Ein­griffs müs­sen hin­rei­chend klar und bestimmt gere­gelt sein 31.
Eine aus­rei­chen­de gesetz­li­che Grund­la­ge für die Durch­füh­rung einer Zwangs­be­hand­lung mit dem Ziel, den Betrof­fe­nen so bald wie mög­lich in die Frei­heit zu ent­las­sen, muss strikt des­sen krank­heits­be­ding­te Ein­sichts­un­fä­hig­keit oder des­sen Unfä­hig­keit zu ein­sichts­ge­mä­ßem Ver­hal­ten zur Vor­aus­set­zung haben 32.
Aus den Grund­rech­ten erge­ben sich zudem Anfor­de­run­gen an das Ver­fah­ren, die den Grund­rechts­schutz gewähr­leis­ten sol­len. Jeden­falls bei plan­mä­ßi­gen Behand­lun­gen ist – abge­lei­tet aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Art.19 Abs. 4 GG – eine Ankün­di­gung erfor­der­lich, die dem Betrof­fe­nen die Mög­lich­keit eröff­net, recht­zei­tig um Rechts­schutz zu ersu­chen 33. Zur Wah­rung der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit des Grund­rechts­ein­griffs unab­ding­bar ist über­dies die Anord­nung und Über­wa­chung einer medi­ka­men­tö­sen Zwangs­be­hand­lung durch einen Arzt 34. Als Vor­wir­kung der grund­recht­li­chen Garan­tie gericht­li­chen Rechts­schut­zes ergibt sich fer­ner die Not­wen­dig­keit, gegen den Wil­len des Unter­ge­brach­ten ergrif­fe­ne Behand­lungs­maß­nah­men, ein­schließ­lich ihres Zwangs­cha­rak­ters, der Durch­set­zungs­wei­se, der maß­geb­li­chen Grün­de und der Wir­kungs­über­wa­chung, zu doku­men­tie­ren 35. Schließ­lich for­dert Art. 2 Abs. 2 GG spe­zi­el­le ver­fah­rens­mä­ßi­ge Siche­run­gen gegen die beson­de­ren situa­ti­ons­be­ding­ten Grund­rechts­ge­fähr­dun­gen, die sich erge­ben, wenn über die Anord­nung einer Zwangs­be­hand­lung außer­halb aku­ter Not­fäl­le allein die jewei­li­ge Unter­brin­gungs­ein­rich­tung ent­schei­det. Hier­zu bedarf es einer vor­aus­ge­hen­den Prü­fung der Maß­nah­me durch Drit­te in gesi­cher­ter Unab­hän­gig­keit von der Unter­brin­gungs­ein­rich­tung 36.
Aus dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit fol­gen dar­über hin­aus mate­ri­el­le Anfor­de­run­gen an die Rechts­grund­la­ge. Die Vor­schrift muss den Zweck oder die Zwe­cke, die einen Ein­griff recht­fer­ti­gen sol­len, abschlie­ßend bestim­men 37. Eine gesetz­li­che Grund­la­ge zur Durch­füh­rung der Zwangs­be­hand­lung muss fer­ner fest­le­gen, dass eine sol­che nur durch­ge­führt wer­den darf, wenn sie im Hin­blick auf das Behand­lungs­ziel, das ihren Ein­satz recht­fer­tigt, Erfolg ver­spricht 38. Über­dies darf eine medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung nur als letz­tes Mit­tel vor­ge­se­hen sein, wenn mil­de­re Mit­tel nicht in Betracht kom­men 39. Für eine medi­ka­men­tö­se Zwangs­be­hand­lung zur Errei­chung des Ziels, die Unter­brin­gung mög­lichst bald zu been­den und so die per­sön­li­che Frei­heit wie­der­zu­er­lan­gen, bedeu­tet dies ers­tens, dass eine weni­ger ein­grei­fen­de Behand­lung aus­sichts­los sein muss 38. Zwei­tens muss der Zwangs­be­hand­lung, soweit der Betrof­fe­ne gesprächs­fä­hig ist, der ernst­haf­te, mit dem nöti­gen Zeit­auf­wand und ohne Aus­übung unzu­läs­si­gen Drucks unter­nom­me­ne Ver­such vor­aus­ge­gan­gen sein, sei­ne auf Ver­trau­en gegrün­de­te Zustim­mung zu erlan­gen 40. Über die Erfor­der­nis­se der Geeig­net­heit und Erfor­der­lich­keit hin­aus ist Vor­aus­set­zung für die Recht­fer­ti­gung einer Zwangs­be­hand­lung, dass sie für den Betrof­fe­nen nicht mit Belas­tun­gen ver­bun­den ist, die außer Ver­hält­nis zu dem erwart­ba­ren Nut­zen ste­hen. Die Ange­mes­sen­heit ist nur gewahrt, wenn, unter Berück­sich­ti­gung der jewei­li­gen Wahr­schein­lich­kei­ten, der zu erwar­ten­de Nut­zen der Behand­lung den mög­li­chen Scha­den der Nicht­be­hand­lung über­wiegt 41. Im Hin­blick auf die bestehen­den Pro­gno­se­un­si­cher­hei­ten und sons­ti­gen metho­di­schen Schwie­rig­kei­ten des hier­für erfor­der­li­chen Ver­gleichs trifft es die grund­recht­li­chen Anfor­de­run­gen, wenn in medi­zi­ni­schen Fach­krei­sen ein deut­lich fest­stell­ba­res Über­wie­gen des Nut­zens gefor­dert wird 42.
Die­se – zur Zwangs­be­hand­lung im Maß­re­gel­voll­zug ent­wi­ckel­ten – Maß­ga­ben sind auf die Zwangs­be­hand­lung im Rah­men der öffent­lich-recht­li­chen Unter­brin­gung zu über­tra­gen 43. Ihre Über­trag­bar­keit auf die öffent­lich-recht­li­che Unter­brin­gung ist bereits in frü­he­ren Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur medi­zi­ni­schen Zwangs­be­hand­lung ange­legt. Die Beschlüs­se zur Zwangs­be­hand­lung in Baden-Würt­tem­berg 44 und in Sach­sen 45 sind zwar im Hin­blick auf im Maß­re­gel­voll­zug Unter­ge­brach­te ergan­gen, der Anwen­dungs­be­reich der für ver­fas­sungs­wid­rig erklär­ten Geset­ze betraf jedoch sowohl Per­so­nen in der öffent­lich-recht­li­chen Unter­brin­gung als auch sol­che im Maß­re­gel­voll­zug (vgl. den mitt­ler­wei­le außer Kraft getre­te­nen § 15 Abs. 1 des baden-würt­tem­ber­gi­schen Geset­zes über die Unter­brin­gung psy­chisch Kran­ker (UBG BW) 46; vgl. fer­ner § 1 Abs. 1 Nr. 4, § 38 Abs. 1 Satz 2 des säch­si­schen Geset­zes über die Hil­fen und die Unter­brin­gung bei psy­chi­schen Krank­hei­ten (Sächs­PsychKG) 47). Für die Über­trag­bar­keit die­ser Maß­ga­ben auf die medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung in der öffent­lich-recht­li­chen Unter­brin­gung fällt ent­schei­dend ins Gewicht, dass es im Hin­blick auf den Umfang des Grund­rechts­schut­zes kei­nen Unter­schied macht, auf wel­cher Rechts­grund­la­ge sich der Betrof­fe­ne in der Unter­brin­gung befin­det. Der Schutz­stan­dard für die Zwangs­be­hand­lung muss in allen Fäl­len gleich hoch sein 48. Die Auf­fas­sung, dass die Maß­stä­be, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für die Zwangs­be­hand­lung im Maß­re­gel­voll­zug ent­wi­ckelt hat, auf die Zwangs­be­hand­lung im Rah­men der öffent­lich-recht­li­chen Unter­brin­gung zu über­tra­gen sind, fin­det sich im Übri­gen auch in den Gesetz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en zu der Über­ar­bei­tung der Lan­des­ge­set­ze über die öffent­lich-recht­li­che Unter­brin­gung. Die Gesetz­ent­wür­fe ver­wei­sen stets auf die Not­wen­dig­keit einer Neu­re­ge­lung, weil Anpas­sungs­be­darf im Hin­blick auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Zwangs­be­hand­lung bestehe. Dies gilt auch dann, wenn der Maß­re­gel­voll­zug und die öffent­lich-recht­li­che Unter­brin­gung in ver­schie­de­nen Geset­zen gere­gelt wer­den 49.
Ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Grund­la­ge für die Zwangs­be­hand­lung in Meck­len­burg-Vor­pom­mern[↑]
Nach den vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf­ge­stell­ten Maß­stä­ben ver­letzt die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung des Amts­ge­richts die Beschwer­de­füh­re­rin bereits des­halb in ihrem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG, weil es für die Zwangs­be­hand­lung der Beschwer­de­füh­re­rin, die durch das Gericht als recht­mä­ßig bestä­tigt wur­de, an einer ver­fas­sungs­mä­ßi­gen gesetz­li­chen Grund­la­ge fehlt. § 23 Abs. 2 Satz 2 Alter­na­ti­ve 1 PsychKG M‑V ist mit Art. 2 Abs. 2 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG unver­ein­bar und nich­tig.
§ 23 Abs. 2 Satz 2 Alter­na­ti­ve 1 PsychKG M‑V wird den sich aus den Grund­rech­ten erge­ben­den Anfor­de­run­gen in Bezug auf das Ver­fah­ren der Behör­den und Gerich­te nicht gerecht, auf deren Ein­hal­tung der in einer geschlos­se­nen Ein­rich­tung Unter­ge­brach­te, der einer Zwangs­be­hand­lung unter­zo­gen wer­den soll, jedoch in beson­ders hohem Maße ange­wie­sen ist 50.
Anders als es etwa § 22 Abs. 3 Satz 1 PsychKG M‑V für die Anord­nung und Über­wa­chung beson­de­rer Siche­rungs­maß­nah­men vor­sieht, ent­hält die ange­grif­fe­ne Norm ent­ge­gen der ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­be 34 kei­ne Rege­lung dazu, dass die Anord­nung und Über­wa­chung der medi­zi­ni­schen Zwangs­be­hand­lung durch einen Arzt erfol­gen muss.
Die Vor­schrift erfüllt zudem die sich aus dem Grund­recht des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG erge­ben­de ver­fah­rens­mä­ßi­ge Vor­ga­be nicht, dass dem Ein­griff eine von der Unter­brin­gungs­ein­rich­tung unab­hän­gi­ge Prü­fung vor­aus­ge­hen muss 51. Nicht aus­rei­chend ist der Schutz, den die Besuchs­kom­mis­si­on bie­ten kann, die nach § 31 Abs. 1 Satz 1 PsychKG M‑V jeden­falls ein­mal jähr­lich die Ein­rich­tun­gen besucht und kon­trol­liert. Zwar hat sie den gesetz­li­chen Auf­trag, die Ein­hal­tung der Pati­en­ten­rech­te zu über­prü­fen, sie unter­sucht aber nicht im Vor­feld jeder Zwangs­be­hand­lung deren Recht­mä­ßig­keit, son­dern kann in der Regel ledig­lich im Nach­hin­ein über durch­ge­führ­te Zwangs­be­hand­lun­gen an den Land­tag berich­ten. Fer­ner ver­fügt die Kom­mis­si­on nicht über die Kom­pe­tenz, eine anste­hen­de Zwangs­be­hand­lung zu ver­hin­dern.
§ 23 Abs. 2 Satz 2 Alter­na­ti­ve 1 PsychKG M‑V erfüllt auch die aus dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit resul­tie­ren­den mate­ri­el­len Anfor­de­run­gen an eine medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung nicht.
Zum einen fehlt es an der abschlie­ßen­den Bestim­mung des Zwecks oder der Zwe­cke, die den Ein­griff recht­fer­ti­gen sol­len, und damit an der Aus­schei­dung von Zwe­cken, die einen Ein­griff prin­zi­pi­ell nicht zu recht­fer­ti­gen geeig­net sind 37. Aus § 12 PsychKG M‑V erge­ben sich ledig­lich die Zie­le, wel­che zur Recht­fer­ti­gung der Unter­brin­gung selbst geeig­net sind. Ob die­se Ziel­vor­ga­ben auf die Zwangs­be­hand­lung zu über­tra­gen bezie­hungs­wei­se ob sie abschlie­ßend sind, lässt sich dem Gesetz jedoch nicht ent­neh­men.
Zum ande­ren ist dem Erfor­der­nis, die wei­te­ren aus dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz abzu­lei­ten­den Anfor­de­run­gen einer Zwangs­be­hand­lung gesetz­lich zu kon­kre­ti­sie­ren, nicht genügt wor­den. Vor­aus­set­zung der Zuläs­sig­keit für nicht unter § 23 Abs. 3 PsychKG M‑V fal­len­de Maß­nah­men der Zwangs­be­hand­lung (Behand­lun­gen, die die Per­sön­lich­keit des Betrof­fe­nen dau­er­haft in ihrem Kern­be­reich ändern wür­den) ist nach § 23 Abs. 2 Satz 2 Alter­na­ti­ve 1 PsychKG M‑V allein, dass sie nicht mit erheb­li­chen Gefah­ren für Leben oder Gesund­heit des Betrof­fe­nen ver­bun­den sind. Auch § 21 Satz 2 PsychKG M‑V, der bestimmt, dass dem Betrof­fe­nen nur sol­che Beschrän­kun­gen auf­er­legt wer­den dür­fen, die im Hin­blick auf den Zweck der Unter­brin­gung oder zur Auf­recht­erhal­tung der Sicher­heit der Ein­rich­tung oder zum Schutz ande­rer Betrof­fe­ner uner­läss­lich sind, stellt kei­ne hin­rei­chen­de gesetz­li­che Grund­la­ge dar. Die­se Vor­ga­be benennt zwar Aspek­te der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, legt aber kei­ne aus­rei­chend spe­zi­fi­schen Vor­aus­set­zun­gen für die Zwangs­be­hand­lung fest und ist damit zu all­ge­mein gehal­ten, um eine den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen­de Schran­ke bil­den zu kön­nen. Es fehlt ins­be­son­de­re an einer ange­mes­se­nen Rege­lung des – unab­hän­gig von der Ein­sichts- und Ein­wil­li­gungs­fä­hig­keit des Betrof­fe­nen bestehen­den – Erfor­der­nis­ses des vor­he­ri­gen Bemü­hens um eine auf Ver­trau­en gegrün­de­te, im Rechts­sin­ne frei­wil­li­ge Zustim­mung 40. Das Psy­chisch­kran­ken­ge­setz des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern in der hier ein­schlä­gi­gen Fas­sung ent­hält ledig­lich Vor­ga­ben zur Infor­ma­ti­on des Pati­en­ten über die beab­sich­tig­te Vor­ge­hens­wei­se bei der Behand­lung. § 23 Abs. 1 Satz 5 PsychKG M‑V bestimmt, dass der Behand­lungs­plan mit dem Betrof­fe­nen erör­tert wer­den soll. Auch § 44 Abs. 1 Satz 1, 2 PsychKG M‑V ver­langt ledig­lich in all­ge­mei­ner Form eine Erläu­te­rung von Ent­schei­dun­gen und Anord­nun­gen im Rah­men der Unter­brin­gung.
Die Fra­ge, ob § 23 Abs. 2 Satz 2 Alter­na­ti­ve 2 PsychKG M‑V, der eine sofor­ti­ge Zwangs­be­hand­lung zur Ver­hin­de­rung einer erheb­li­chen und unmit­tel­ba­ren Gefahr für Leben oder Gesund­heit der kran­ken Per­son oder Drit­ter betrifft, ver­fas­sungs­ge­mäß ist, braucht für die hier vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on nicht ent­schie­den zu wer­den, weil der ange­grif­fe­ne Beschluss nicht auf die­se Alter­na­ti­ve gestützt ist.
Wei­te­re Män­gel der amts­ge­richt­li­chen Geneh­mi­gung der Zwangs­me­di­ka­men­ta­ti­on[↑]
Ange­sichts der Män­gel der gesetz­li­chen Ein­griffs­grund­la­ge kann fer­ner offen blei­ben, ob die amts­ge­richt­li­che Ent­schei­dung den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen noch in wei­te­rer Hin­sicht nicht genügt. Fest­zu­hal­ten ist jedoch, dass es zunächst Sache der Fach­ge­rich­te ist, auf Anträ­ge von Unter­ge­brach­ten hin, die sich gegen eine Zwangs­be­hand­lung rich­ten, auch die Ver­ein­bar­keit der jeweils her­an­ge­zo­ge­nen lan­des­recht­li­chen Rechts­grund­la­gen mit dem Grund­ge­setz zu prü­fen, gege­be­nen­falls vor­läu­fi­gen Rechts­schutz zu gewäh­ren und bei nega­ti­vem Aus­gang der Prü­fung die Sache im Ver­fah­ren der kon­kre­ten Nor­men­kon­trol­le dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­zu­le­gen 52. Die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer gesetz­li­chen Ein­griffs­grund­la­ge kann von den Fach­ge­rich­ten über­dies von Amts wegen – unab­hän­gig von einer ent­spre­chen­den Rüge des jewei­li­gen Klä­gers – zu prü­fen sein 53. Zwar kann von den Fach­ge­rich­ten nicht ver­langt wer­den, rüge­un­ab­hän­gig oder unab­hän­gig von nähe­rer Sub­stan­ti­ie­rung ein Gesetz ins Blaue hin­ein auf nicht offen zuta­ge tre­ten­de ver­fas­sungs­recht­li­che Feh­ler zu prü­fen 54. Nach­dem durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts die wesent­li­chen Anfor­de­run­gen an die gesetz­li­chen Grund­la­gen einer Zwangs­be­hand­lung jedoch geklärt sind 55, muss von den Fach­ge­rich­ten aber erwar­tet wer­den, dass sie die­se bei Ent­schei­dun­gen, die die Zwangs­be­hand­lung von Unter­ge­brach­ten betref­fen, von Amts wegen im Auge behal­ten und ent­spre­chend ver­fah­ren 56. Dies gilt ins­be­son­de­re des­halb, weil auch sechs Jah­re nach der ers­ten Ent­schei­dung zur Zwangs­be­hand­lung im Maß­re­gel­voll­zug 57 noch nicht alle Län­der die Ein­griffs­grund­la­ge für die medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung in der öffent­lich-recht­li­chen Unter­brin­gung an die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ange­passt haben.
Die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Rege­lung in § 23 Abs. 2 Satz 2 Alter­na­ti­ve 1 PsychKG M‑V führt zur nach­träg­li­chen Fest­stel­lung der Nich­tig­keit die­ses Teils der Vor­schrift. § 23 Abs. 2 Satz 2 Alter­na­ti­ve 1 PsychKG M‑V stellt mit Blick auf § 23 Abs. 2 Satz 2 Alter­na­ti­ve 2 einen abtrenn­ba­ren Teil der Vor­schrift dar, dem eine unab­hän­gi­ge, selbst­stän­di­ge Bedeu­tung zukommt 58. Über die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der novel­lier­ten Vor­schrift (§ 26 PsychKG M‑V n.F.) war hier nicht zu befin­den.
Die ange­grif­fe­ne Gerichts­ent­schei­dung, die die Beschwer­de­füh­re­rin man­gels aus­rei­chen­der gesetz­li­cher Grund­la­ge in ihrem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ver­letzt, ist auf­zu­he­ben (§ 95 Abs. 2 BVerfGG). Wegen der Beson­der­heit des Fal­les wird von einer Zurück­ver­wei­sung abge­se­hen, weil für eine Ent­schei­dung des Fach­ge­richts kein Spiel­raum mehr ver­bleibt. Das Amts­ge­richt könn­te somit die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nur wie­der­ho­len 59.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. Juli 2017 – 2 BvR 2003 – /​14
GVBl. M‑V Sei­te 182, zuletzt geän­dert durch Arti­kel 4 des Ände­rungs­ge­set­zes vom 09.11.2010, GVBL. M‑V Sei­te 642, 649[↩]
LTDrucks 6/​5185, S. 1 f.[↩]
GVOBl M‑V S. 593[↩]
GVOBl M‑V S. 182[↩]
GVOBl M‑V S. 642, 649[↩]
AG Waren (Müritz), Beschluss vom 04.09.2014 – 411 XIV 48/​14 L[↩]
vgl. BVerfGE 19, 253, 256 f. unter Ver­weis auf BVerfGE 4, 193, 198[↩]
vgl. etwa BVerfGE 107, 395, 414; 112, 50, 60[↩]
vgl. BVerfGE 129, 269, 279[↩]
vgl. BVerfGE 129, 269, 279; BVerfGK 19, 286, 287 f.[↩]
vgl. BVerfGE 33, 247, 257 f.; 69, 161, 168; 81, 138, 140; 139, 245, 263 f. Rn. 53[↩]
vgl. BVerfGE 81, 138, 140 f.; 110, 77, 85 f.; 117, 244, 268; stRspr[↩]
vgl. BVerfGE 74, 163, 172 f.; 76, 1, 38 f.; 81, 138, 141[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 303; BVerfG, Beschluss vom 12.08.2014 – 2 BvR 1698/​12 21[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 12.08.2014 – 2 BvR 1698/​12 21[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 300; 129, 269, 280; 133, 112, 131 Rn. 49[↩]
vgl. BVerfGE 129, 269, 280[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 300[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 300 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 300; 129, 269, 280; 133, 112, 131 Rn. 50[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 321; 129, 269, 280; 133, 112, 131 Rn. 50[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 303 ff.; 129, 269, 280 ff.; 133, 112, 131 ff. Rn. 52 ff.[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 303; 129, 269, 280; 133, 112, 131 f. Rn. 52[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 311, 313, 315[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 308 ff., 313[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 317 f. m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 307 f.; 129, 269, 281 f.; 133, 112, 134 Rn. 59[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 311; 129, 269, 283; 133, 112, 140 Rn. 70[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 313; 129, 269, 283; 133, 112, 138 Rn. 67[↩][↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 313 f.; 129, 269, 283; 133, 112, 138 f. Rn. 68[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 315 ff.; 129, 269, 283; 133, 112, 141 f. Rn. 71[↩]
vgl. BVerfGE 133, 112, 137 Rn. 64[↩][↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 309[↩][↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 309 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 309 f.; 129, 269, 283; 133, 112, 139 Rn. 69[↩][↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 310 f.[↩]
BVerfGE 128, 282, 311 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGK 19, 286, 288 unter Bezug­nah­me auf BVerfGE 128, 282; zur Über­trag­bar­keit vgl. LG Darm­stadt, Beschluss vom 19.12 2011 – 5 T 646/​11 39 ff.; LG Ver­den, Beschluss vom 03.12 2012 – 1 T 163/​12 10; LG Ber­lin, Urteil vom 28.01.2015 – 86 O 88/​14 53 ff.; Olzen/​Metzmacher, BtPrax 2011, S. 233, 235 f.; Dodeg­ge, NJW 2012, S. 3694, 3697; Die­ner, Pati­en­ten­ver­fü­gun­gen psy­chisch kran­ker Per­so­nen und für­sorg­li­cher Zwang, 2013, S.193 ff.; Henking/​Mittag, JR 2013, S. 341, 342; Henking/​Mittag, BtPrax 2014, S. 115 f.; Bud­de, in: Kei­del, FamFG, 19. Auf­la­ge 2017, § 312 Rn. 9[↩]
BVerfGE 129, 269[↩]
BVerfGE 133, 112[↩]
vom 02.12 1991, GBl S. 794, zuletzt geän­dert durch Art. 9 des Vier­ten Geset­zes zur Berei­ni­gung des baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­rechts vom 04.05.2009, GBl S.195, 199; BVerfGE 129, 269, 271[↩]
vom 10.10.2007, Sächs­GVBl S. 422, BVerfGE 133, 112, 114[↩]
vgl. bereits zur Über­tra­gung der zum Maß­re­gel­voll­zug ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be auf eine Zwangs­be­hand­lung im Rah­men der betreu­ungs­recht­li­chen Unter­brin­gung BGH, Beschlüs­se vom 20.06.2012 – XII ZB 99/​12, BGHZ 193, 337, 346 Rn. 25 ff.; sowie – XII ZB 130/​12 28 ff.; vgl. fer­ner BVerfGE 142, 313, 343 f.[↩]
vgl. etwa die Gesetz­ent­wür­fe für Nord­rhein-West­fa­len LTDrucks 16/​12068, S. 27, 30 ff. oder für Hes­sen LTDrucks 19/​3744, S. 1, 26[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282, 315 ff.; 129, 269, 283; 133, 112, 141 Rn. 71[↩]
vgl. BVerfGK 19, 286, 287 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 129, 269, 279; BVerfGK 19, 286, 287 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGK 19, 286, 287 f. m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 128, 282; 129, 269; 133, 112[↩]
vgl. BVerfGE 112, 255; 128, 282, 321 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 35, 202, 244; 79, 69, 79[↩]
Einstweilige UnterbringungZwangsbehandlungZwangsmedikation

References: § 23

§ 23
 § 26
 § 51

§ 26

§ 26
 § 21
 § 331
 § 332
 § 312
 § 11
 § 327
 § 312
 § 11
 § 23
 § 23
 § 327
 § 327
 § 312
 § 58
 Art. 100
 Art. 2
 Art. 2
 Art. 2
 Art.19
 Art. 2
 § 15
 § 1
 § 38
 Art. 2
 § 23
 Art. 2
 Art.19

§ 23
 § 22
 Art. 2
 § 31

§ 23
 § 12
 § 23
 § 23
 § 21
 § 23
 § 44
 § 23
 § 23
 § 23
 § 23
 Art. 2
 § 312
 Art. 9