Source: https://www.homopoliticus.at/politisches-lobbying/hosi-wien/strafrechtsreform/selbstbezichtigungsaktion/
Timestamp: 2020-04-08 05:57:25+00:00

Document:
Selbstbezichtigungsaktion > Homopoliticus
„Auch ich habe gegen § 209 verstoßen!“
In den 1970er Jahren haben in Deutschland rund 400 mutige und zum Teil sehr prominente Frauen die teilweise Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs dadurch beschleunigt, dass sie in einer vielbeachteten Selbstbezichtigungsaktion in der Illustrierten stern bekannten: „Ich habe abgetrieben!“
Die HOSI Wien wollte mit einer ähnlichen Aktion helfen, den § 209 zu Fall zu bringen. Im Frühjahr 2001 lancierte sie in den LAMBDA-Nachrichten (2/2001) die Selbstbezichtigungskampagne „Auch ich habe gegen § 209 verstoßen!“
Wer konnte mitmachen? Gegen § 209 konnte im Prinzip jede/r verstoßen – nämlich als Mit- bzw. Beihilfetäter/in. Als KomplizInnen kamen z. B. jene in Frage, die nach § 209 verbotene Sexualkontakte wissentlich ermöglichten bzw. unterstützten – etwa, indem sie dem Paar ein Bett oder die Wohnung zur Verfügung stellten. Sie konnten sogar selbst Jugendliche unter 18 sein!
Wer mitmachen wollte, musste natürlich bereit sein, seinen/ihren Namen und ein Foto öffentlich zu machen. Was unbedingt zu beachten war: Um eventuelle Schwierigkeiten zu vermeiden, sollte es natürlich keine anderen MitwisserInnen als die Beteiligten geben – und natürlich keine Beweise, falls es zu Ermittlungen gekommen wäre (womit wir aber ohnehin nicht rechneten). Dann konnte einem/einer nichts passieren – denn selbst wenn man sich selber bezichtigte, konnte man ohne ein bekanntes Opfer schwerlich verurteilt werden. Am allerbesten war es natürlich, wenn die Sache mehr als fünf Jahre zurücklag und damit verjährt war.
Um die Aktion zu lancieren, hatten sich ursprünglich drei Leute zu einem Verstoß gegen § 209 bekannt: HERMES PHETTBERG, FRIEDL NUSSBAUMER und ich. Die Aktion fand jedoch weniger UnterstützerInnen als erhofft. Nur drei weitere Personen folgten dem Aufruf.
Hermes Phettberg veröffentlichte auch einen „Predigtdienst“ dazu, der im Falter Nr. 26/2001 erschien (voller Text am Ende dieser Seite).
Annelies Handl
Phettbergs Predigtdienst, erschienen im Falter Nr. 26/2001 vom 28. Juni 2001
Auch ich erging mich am 209er!
… In jenen Tagen sprach der Herr zu Elija: Salbe Elischa, den Sohn Schafats aus Abdel-Mehola zum Propheten an deiner Stelle! … (Der war gerade am Pflügen, und:) Im Vorbeigehen warf Elija seinen Mantel über ihn. Sogleich verließ Elischa die Rinder… – 1 Kön 19, 16b.19–21. (1. Lesung am 13. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres C)
Also: Ich bekenne: Auch ich habe gegen den Paragraphen 209 verstoßen, wie die HOSI, die zur EuroPride eine Kampagne in ihren LAMBDA-Nachrichten gerade laufen hat. Bei mir war es im Prater, vorm Westportal des Messegeländes. Dort war ein „Dschungel“ genanntes Stück vollendetster Wildnis. Ich war damals noch Angestellter der Erzdiözese und oft in dem Dschungel. Und viele waren dort, es wimmelte vor schreiendem Fleisch. Einer war sehr oft dort, ein überquellendes Jüngelchen. Marke Fußballfleisch. Er stand in Vollblüte wie Elischa am Acker. Er konnte noch nicht 18 sein, das halte ich für ausgeschlossen, aber er war seelisch deutlich muskulöser als ich. „Für dreihundert schnalz ich dich, dass du eine Woche nicht sitzen wirst können“, begann er die Geschäftsanbahnung.
Also, wir, die wir aus Fleisch sind, wissen voneinander, stellen wir uns nicht blöder, als wir sind, Leute, wir sind blöd genug. Und darum wende ich mich auch kritisch an die HOSI, wiewohl ich sie sehr verehre, ihre Arbeit, die Obfrauen Waltraud Riegler und Gudrun Hauer, euren lieben, blühend jungen Obmann Christian Högl. Es wären so viele, viele Namen zu nennen: Kurt Krickler, das unendliche Ross der Arbeit, Schmutzer, der Filigrane, und diese Hunderten, die ein ganzes Monat arbeiten an der europäischen Versammlung des gesamten Queer-Personals des Kontinents, jetzt in Wien. Und wo die Regierung keinen Schilling hergibt dafür. Ich möchte hier noch besonders, pars pro toto, an die Oberschenkel meines unendlich süßen, lieben Hannes Sulzenbacher gemahnen. Oh, einmal eingeweiht werden in die Unverschämtheit, wenn die Säfte rinnen aus den Quellen dieser Lenden. Aber trete ich in Verhandlungen, sagt Sulzenbacher immer, er sei seit Jahrzehnten „auf das Stupideste liiert, du weißt ja, wie elend konservativ ich bin“. Ich wette, er sagte was anderes, hätte ich was zum Gegenquillen anzubieten und kniete vor ihm, wie ein Zelt vor der Votivkirche.

References: § 209
 § 209
 § 209
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