Source: https://www.textlog.de/5492.html
Timestamp: 2020-04-04 11:32:09+00:00

Document:
Eisler - Wörterbuch: Vernunft. Schopenhauer, Lotze, Wundt
Rudolf Eisler V Vernunft
Vernunft - Schopenhauer, Lotze, Wundt
Nach V. COUSIN ist die »raison impersonnelle« die Quelle der Kategorien Substanz und Kausalität. Die Vernunft ist nicht bloß Individuelles, könnte sonst nur Individuelles erkennen (Du vrai, p. 100 f.). Die Vernunft »réside en nous et est intimement liée... à la personne dans les profondeurs de la vie intellectuelle« (ib.). Nach ROSMINI ist die Vernunft (ragione) das Vermögen der Anwendung der vom Verstande angeschauten Seinsidee auf die Wahrnehmung (Log. § 64 ff.), »la facoltà di ragionare, e però primieramente di applicar l'ente alle sensazioni..., di formare le idee, aggiungendo la forma alla materia delle medesime« (Nuovo saggio II, 73). Nach FROHSCHAMMER ist Vernunft »die Fähigkeit, ein Bewußtsein des Idealen zu erlangen«, d.h. die »Fähigkeit, die Realisierung des Idealen an dein Objektiven wahrzunehmen und selbst auch ideegemäß zu denken« (Mon. u. Weltphantas. S. 69 f.).
SCHOPENHAUER erklärt: »Vernunft kommt von Vernehmen, welches nicht synonym ist mit Hören, sondern das Innewerden der durch Worte mitgeteilten Gedanken bedeutet.« Die Vernunft hat die Funktion, Begriffe zu bilden, ist das »Vermögen der Begriffe« (W. a. W. u. V. I. Bd., § 8). Nach HERBART ist die Vernunft »das Vernehmen von Gründen und Gegengründen« (Lehrb. zur Einl.5, § 159, S. 305), das »Vermögen der Überlegung« (Psychol. als Wissensch. II, § 117). Nach ALLIHN ist Vernunft »das Vermögen, zu überlegen und nach dem Ergebnis der Überlegung sich zu bestimmen« (Antibarb. Logic. 1853, 1. H., S. 67). So auch G. SCHILLING (Lehrb. d. Psychol. S. 21, 186 f.). Ähnlich LINDNER, der die Vernunft auch als »Vermögen der Ideen« bestimmt (Empir. Psychol. S. 228). Nach DROBISCH ist die Vernunft »die Fähigkeit der menschlichen Seele, Gründe und Gegengründe gleichmäßig zu vernehmen und sich nach den überzeugenden unter ihnen, je nachdem es auf Denken oder Handeln ankommt, zu entscheiden oder zu entschließen« (Empir. Psychol. S. 277). Nach VOLKMANN ist die Vernunft der »Inbegriff der ethischen Grundsätze«, die »praktische Einsicht«, sofern sie fordernd auftritt (Lehrl b. d. Psychol. II4, 491. vgl. STRÜMPELL, Vorsch. d. Eth. S. 135). - Nach BENEKE ist die Vernunft kein angeborenes Grundvermögen, sondern sie begreift »die Gesamtheit der höchsten und zugleich tadellos gebildeten Produkte des menschlichen Geistes in allen Formen« (Lehrb. d. Psychol. § 299. vgl. Neue Psychol. S. 248. Psychol. Skizz. II, 390 ff.. Grundleg. zur Phys. d. Sitt. S. 298 ff.. Pragmat. Psychol. II, 270 ff.). Nach TRAHNDORFF ist die Vernunft das Vernehmen des Übernatürlichen. Nach WIRTH ist sie das ewige Grundgefühl vom eigenen und dem Wesen alles Seins, das der Geist in sich trägt (Zeitschr. f. Philos. Bd. 36, S. 186, 190. Bd. 44, S. 70). Nach J. H. FICHTE ist die Vernunft das apriorische Denkprinzip, daß schon vorbewußt wirkt (Psychol. II, 116 ff.), als »vorbewußter Antrieb« auf das Unbedingte geht (l. c. S. 119, 201 f.). Das Denken ist »das Bewußtwerden und Wirken der allgemeinen Vernunft im Menschengeiste« (l. c. II, 87). Die allgemeine Vernunft in uns ist das, was denkt (ib.). Nach E. v. HARTMANN ist die menschliche Vernunft »ein Strahl der allgemeinen ewigen Weltvernunft« (Phänomenol. d. sittl. Bewußts. S. 332). Nach A. E. BIEDERMANN ist die subjektive Vernunft das Vermögen des Ich, sich zum ideellen Sein in Beziehung zu setzen. objektive Vernunft ist alles ideelle Sein selbst (Christl. Dogmat.2, § 40). Nach LOTZE ist die Vernunft auf die Einheit unserer Weltauffassung gerichtet, sie sucht die Erfahrung zum Abschlusse zu bringen (Mikrok. I2, 266). Sie ist die »Fähigkeit, ewige Wahrheiten unmittelbar in sich zu vernehmen, sobald äußere Erfahrungen den Tatbestand zum Bewußtsein gebracht haben, über welchen dieselben ein Urteil, hauptsächlich eines der sittlichen Billigung oder Mißbilligung, auszusprechen haben« (Grdz. d. Psychol. §101). Nach ULRICI ist die Vernunft die Kraft der Seele, die ethischen Ideen zum Bewußtsein zu bringen (Glaub. u. Wiss. S. 203), die Fähigkeit, von dem, was sein soll, affiziert zu werden. sie ist Gefühl, Verstand und Wille (Gott u. d. Nat. S. 612 f.). Nach M. CARRIERE ist sie das »Vermögen der Ideen«. Sie geht über das Gegebene hinaus, sucht im Begriff zugleich den Zweck, das Seinsollende, setzt dem Werdenden ein Ziel, das Ideal (Sittl. Weltordn. S. 157). Nach HARMS ist die Vernunft »das Vermögen, über Schein und Wirklichkeit, über Wahrheit und Irrtum nach ihren eigenen Grundsätzen zu entscheiden« (Log. S. 2), »die Kraft des richtigen Denkens, die Wahrheit aus den Erscheinungen zu erkennen, und die Kraft der richtigen Entschlüsse, das Richtige zu wollen und zu tun« (Log. S. 155 f.). Nach CZOLBE ist die Vernunft »zweckmäßiges, d.h. dem Allgemeinwohl angemessenes Denken oder Verstand in der Form der Zweckmäßigkeit« (Gr. u. Urspr. d. menschl. Erk. S. 233).
Nach C. BRAIG ist die Vernunft »die Fähigkeit, auf Grund der Sinneswahrnehmung und der Verstandesleistung die Wesensformen im Wirklichen anzuschauen« (Vom Erk. S. 188, vgl. S. 151). Nach DEUSSEN ist die Vernunft das »Vermögen der abstrakten Vorstellungen« (Elem. d. Met. § 33). So auch nach A. MAYER (Monist. Erk. S. 45). G. GLOGAU bestimmt sie als »die auf die Innerlickeit und Einheit der verschiedenen Dinge gerichtete Betrachtungsweise« (Abr. I, 191). Nach A. DÖRING ist die Vernunft »das Vermögen der Prinzipien, d.h. der zur systematischen Einheit zusammengefaßten theoretischen Erkenntnisurteile« (Philos. Güterlehre, S. 192). Nach G. SIMMEL ist die Vernunft, »das Vermögen, die rein sachliche Bedeutung der Dinge sozusagen zeitlos vorzustellen, ungestört durch das Übergewicht, das die Lebhaftigkeit momentaner Reizungen diesen verschaffen will« (Einl. in d. Moralwiss. II, 218). Nach W. JERUSALEM ist die Vernunft die »Fähigkeit ruhiger und leidenschaftsloser Überlegung«. Sie ist »eine Willensdisposition, die uns befähigt, bei unseren Entscheidungen vom Verstande Gebrauch zu machen und die Leidenschaften zu beherrschen« (Lehrb. d. Psychol.3, S. 195 f.). Nach R. GOLDSCHEID ist Vernunft der wertende Intellekt. sie ist zugleich Gefühl, das bewußte Gefühl ist Vernunft (Eth. d. Gesamtwill. I, 101). BALDWIN definiert die Vernunft (reason) als »the constitutive, regulative principle of mind, so far as it is apprehended in consciousness through the presentative and diskursive operations« (Handb. of Psychol. I2, ch. 15, p. 312). Nach R. STAMMLER ist die Vernunft »das Vermögen regulativer Prinzipien« zur Bearbeitung empirisch bedingten Stoffes (Lehre vom richtig. Recht S. 102 f.). Nach AD. STEUDEL ist die Vernunft kein besonderes Erkenntnisvermögen, sondern ein Gemenge von verschiedenen Elementen (Philos. I 1, 183). Nach O. SCHNEIDER ist Verstand oder Vernunft die Gesamtheit der apriorischen Eigenschaften des Geistes (Transzendentalpsychol. S. 167). H. WOLFF bestimmt: »Vernunft ist der Gesamtausdruck für die höchste umfassendste, gesteigertste Betätigung des gesamten Seelenlebens des Menschen« (Handb. d. Log. S. 162). Nach M. BENEDICT ist Vernunft »die durch die Summe gesicherter Erkenntnis erlangte Denkungs-Art« (Seelenlehre d. Mensch. S. 74). Nach FR. MAUTHNER ist die Vernunft nichts als das Produkt von Orientierungen, organisiertes, generell vererbtes Gedächtnis (Sprachkrit. I). - Nach H. SPENCER entwickelt sich die Vernunft aus instinctiver Tätigkeit heraus, kann durch Wiederholung automatisch werden (Psychol. I, § 204, S. 477). Jede vernünftige Tätigkeit hat drei Seiten, »erstens eine bestimmte Kombination von Eindrücken, welche irgend eine Kombination von Erscheinungen anzeigen, denen sich der Organismus anpassen muß. zweitens eine Idee von den Tätigkeiten, welche früher unter ähnlichen Bedingungen ausgeführt wurden.... und drittens die Tätigkeiten selbst, welche einfach das Ergebnis davon sind, daß die auftauchende Erregung zu einer wirklichen Erregung sich erhoben hat« (l. c. S. 475 f.). Nach RENOUVIER ist die Vernunft (im allgemeinen, als Geist) »le don des concepts, uni au pouvoir de modifier lui-même la matière de ses représentation et d'en diriger le cours« (Nouv. Monadol. p. 86). »L'ensemble des jugements généraux est la raison théorique. La méthode par laquelle s'établissent ces liaisons est le raisonnement. Le principe de relativité est le fondement de cette raison« (l. c. p. 125). FOULLÉE erklärt: »La raison n'est que la conscience se projetant en toutes choses, imposant à toutes choses ses propres manières d'être et trouvant dans l'expérience extérieure la confirmation de cette induction instinctive« (Psychol. d. id.-forc. II, 210. vgl. RIBOT, L'évolut. des id. génér., u. a.). - Vgl. COLERIDGE (Göttlicher Ursprung der Vernunft). MANSEL, Met, p. 248. S. LAURIE, Met. nova et vetusta V. MORELL, Outlin. of Psychol. V. H. R. MARSHALL, Instinkt and Reason, 1898.
WUNDT erklärt Vernunft als »das Vermögen des menschlichen Geistes, durch sein alle empirischen Schranken überschreitendes Streben Ideen (s. d.) hervorzubringen« (Eth.2, S. 510). Vernunft ist »diejenige Wirksamkeit des Denkens, welche die Bearbeitung der Wirklichkeit durch Ideen ergänzt, die alle Erfahrung umspannen und doch keiner Erfahrung angehören«. Die Vernunft will die Welt ergründen, ist das begründende Denken. Ihr ist die Bewegung ins Transzendente (s. d.) eigen, ein Trieb nach Einheit und Unendlichkeit (Syst. d. Philos.2, S. 180 ff.). - Vgl. Geist, Denken, Verstand, Panlogismus, Idee, Intellekt, Rationalismus.
© textlog.de 2004 • 04.04.2020 13:32:08 •

References: § 64
 § 8
 § 159
 § 117
 § 299
 § 40
 §101
 § 33
 § 204