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Timestamp: 2019-07-19 08:45:32+00:00

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von Stefan Schaberg (Autor)
Diplomarbeit 2009 58 Seiten
1 Einleituung
2 Definition von Korperbehinderung
3 Rechtsbegriff
4 Problemdarstellung
4.1 Schulische Integration
4.2 Ausbildung und Beruf
4.3 Das Leitbild zur Behindertenpolitik
5 Vergleich mit anderen Landern
5.1VereinigteStaaten
6 Instrumente zur Integration
6.1 Ziele der Integrationspolitik
6.2 Personliche Budget
6.3 Berufliche Rehabilitation und Ausbildung
6.3.1 Berufsbildungswerke
6.3.2 Berufsforderungswerke
6.3.3 Werkstatte fur behinderte Menschen
6.3.4 Hilfen beim Ubergang ins Erwerbsleben
6.3.4.1 Unterstutzte Beschaftigung
6.3.4.2 Arbeitsassistenz
6.4 Arbeitsschutzmaftnahmen
6.4.1 Beschaftigungspflicht der Arbeitgeber
6.4.2 Kundigungsschutz
6.4.3 Schwerbehindertenvertretung
6.5 Schulische Integration
6.5.1 Integration in Regelschulen
6.5.2 Forderschulen fur Korperbehinderte
6.6 Reformbedarf
6.6.1 Schulbildung
6.6.2 Ausbildungund Beruf
,,Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Personlichkeit..."1 Dieser Gesetzeswortlaut trifft auf alle Menschen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland zu. Auch bedeutet es, dass jeder Mensch das Recht habe, selbstbestimmt und eigenstandig zu leben.2 Schule und Beruf stellen dabei einen zentralen Stellenwert in der individuellen Lebensplanung dar. Diese beiden Lebensabschnitte beeinflussen auf vielfaltige Weise die Lebensqualitat und schaffen forderliche oder hinderliche Bedingungen zur Lebensintegration. Nach Egle musse eine Gesellschaft, die sich dem Solidarprinzip verpflichtet fuhle, besondere Konzepte und Strategien entwickeln, um ihren schwachsten Mitgliedern zu helfen. Ziel sei es, Einzelne dazu zu befahigen, ein volles „Lebenspotenzial“ zu entwickeln.3
Die Verantwortung des sozialen Rechtsstaats ergibt sich nach Welti daraus, dass die als Behinderung definierte Situation von Menschen in der Gesellschaft schon vorgefunden werde und groften Einfluss darauf habe, wie die betroffenen Menschen an der Gesellschaft und ihren Rechten und Pflichten teilhaben konnen. Die Geschichte zeige, dass die zugrunde liegenden Phanomene, nicht jedoch die Kategorie Behinderung im heutigen Sinne gesellschaftlich vorgegeben sei, sondern die Bildung eines solchen Begriffs und seine Ausformung historisch wandelbarsei. Dass Menschen durch die unterschiedliche Funktionsfahigkeit von Korper, Geist und Seele verschiedene Moglichkeiten zur Teilhabe haben, musse aber von jedem Sozialstaat beachtet werden, weil er gegenuber diesen Unterschieden nicht gleichgultig sein durfe. Der Kern unter der besonderen Berucksichtigung von behinderten Menschen des sozialen Staatszieles sei es, dass Menschen verschieden aber gleichwertig seien4
Das Wort ..Integration" (ferner vom Lateinischen „integer“ „unberuhrt, unversehrt, ganz“) bedeutet im Deutschen „Herstellung eines Ganzen".5 Die schulische Integration bezeichne nun in der Padagogik das Einbinden von Menschen mit Behinderungen in den Unterricht von Nichtbehinderten.6 Die Aufgabe der Integration in Schule und Gesellschaft musse gar nicht formuliert werden, wenn es vorher keine Aussonderung in separaten Forderschulen gabe und damit nicht die Gefahr bestunde, dass Behinderte zu einer desintegrierten Randgruppe werden.7
In dieser Diplomarbeit soll nun erortert werden, wie der Behinderungsbegriff genau ausgelegt wird, welche Instrumente der Gesetzgeber zur Integration von Korperbehinderten anbietet und es wird ein Vergleich zwischen Realitat und Leitbild angestrebt. Ferner wird die deutsche Situation mit Frankreich und Groftbritannien verglichen. Am Ende wird dargestellt, welchen Reformbedarf es in Deutschland gibt.
Um die Integration von korperbehinderten Menschen im Rechtsstaat zu betrachten ist es zunachst notwendig, den Begriff der Behinderung insbesondere der Korperbehinderung naher zu definieren.
Eine internationale Definition wurde erstmals 1975 in der UNO-Resolution Nr. 3447 verfasst:
„Behinderte im Sinne dieser Erklarung sind alle Personen, die aufgrund einer angeborenen oder erworbenen Schadigung korperlicher oder geistiger Art nicht in der Lage sind, sich voll oder teilweiser Kraft wie ein Nichtbehinderter die entsprechende Stellung in Arbeit, Berufund Gesellschaft zu sichern.“8
Ein globaler Diskussionsprozess uber den Begriff der Behinderung habe in der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stattgefunden. Die WHO habe 1980 mit der Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (ICIDH) ein erstes Klassifikationssystem fur Behinderungen erarbeitet.9 Es werde zwischen Impairments, Disabilities and Handicaps unterschieden:10
- Impairments (Gesundheitsschaden): Schaden einer psychischen, physischen oder anatomischen Struktur
- Disability (Fahigkeitsstorung): Funktionale Beeintrachtigungen, die aufgrund der Schadigung entstanden ist.
- Handicap (sozialer Nachteil): Soziale Benachteiligung aufgrund der Schaden und/oder der Fahigkeitsstorung
Die Begriffe Impairment (Schadigung), Disability (Fahigkeitsstorung) und Handicap (Beeintrachtigung) seien jedoch allesamt negativ belegt. Deshalb ersetze die ICIDH-2 im Jahr 1999 die bisherige Klassifikation. Sie erfasse nunmehr alle funktionalen Aspekte der Gesundheit und Behinderung aufgrund der korperlichen, geistigen oder seelischen Verfassung eines Menschen. Behinderung sei demnach jede Beeintrachtigung der Funktionsfahigkeit, die auf alien Ebenen der menschlichen Existenz wirksam wird, so dass das ganze soziale und gesellschaftliche Leben beeinflusst werde.11 Die ICIDH-2 umfasst folgende Schlusselbegriffe:12
- Impairments (Gesundheitsschaden): Beeintrachtigung einer Korperfunktion oder -struktur im Sinn einer wesentlichen Abweichung oder eines Verlustes
- Activity (Aktivitat): Moglichkeiten der Aktivitat eines Menschen um eine personliche Verwirklichung zu erreichen
- Participation: (Teilhabe): Beeintrachtigung der Teilhabe an offentlichen, gesellschaftlichen, kulturellen Aufgaben, Angelegenheiten und Errungenschaften
- Kontextfaktoren: physikalische, soziale und einstellungsbezogene Umwelt, in der ein Mensch sein eigenes Leben gestaltet.
Mit dem Begriff ..Beeintrachtigung der Teilhabe" verknupfe die deutsche Rechtssprache mit der internationalen fachpolitischen Definition, die im Rahmen der WHO zur Weiterentwicklung der .Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps" zum .International Classification of Functioning, Disability and Health" (ICF) gefuhrt habe. Die ICF klassifiziere die Beeintrachtigungen von Funktionen und Strukturen des menschlichen Organismus, von Aktivitat aller Art und der Teilhabe an Lebensbereichen. Behinderung sei danach die negative Wechselwirkung zwischen einer Person mit einem Gesundheitsproblem und den Kontextfaktoren auf ihre Funktionsfahigkeit, worunter vor allem die Teilhabe an allen Lebensbereichen verstanden werde.13 Jedoch werde der Begriff .Behinderung" in der ICF nicht explizit erwahnt. Im Umkehrschluss sei eine Person funktional gesund, wenn ihre korperlichen Funktionen allgemein anerkannten Normen entspreche, wenn sie alle Handlungen durchfuhren konne, die von einem Menschen ohne Gesundheitsproblem erwartet werden und wenn sie ihre Existenz in allen Lebensbereichen in einer Art und Weise entfalten konne, wie es von einem Menschen ohne Beeintrachtigung erwartet werde.14
Fallbeispiele:[15]
„Ein 10-jahrigerJunge wird mit der Diagnose „Stottern“ an einen Sprachtherapeut uberwiesen. Wahrend der Untersuchung werden folgende Probleme erkannt: zeitliche Bruche beim Sprechen, inter- und intraverbale Beschleunigungen, Probleme in der zeitlichen Abstimmung der Sprechbewegungen und inadaquater Sprechrhythmus (Schadigungen). Es gibt Probleme in der Schule beim lauten Lesen und mundlichen Meinungsaustausch (Einschrankungen der Leistungsfahigkeit). In Gruppendiskussionen ergreift er keinerlei Initiative, sich zu beteiligen, obwohl er es gern mochte (Leistungsproblem in der Domane des Meinungsaustauschs mit vielen Menschen). In der Gruppe ist die Partizipation [Teilhabe] dieses Jungen am mundlichen Meinungsaustausch wegen der gesellschaftlichen Normen und Praktiken, welche die ordnungsgemafte Entwicklung eines Meinungsaustausches betreffen, eingeschrankt."
„Ein Kind mit Diabetes mellitus hat eine Schadigung der Funktion: Der Pankreas erfullt nicht angemessen seine Aufgabe, Insulin zu produzieren. Der Diabetes kann mit Medikamenten, d.h. mit Insulin, kontrolliert werden. Wenn diese Korperfunktion (Insulinspiegel) kontrolliert wird, treten keine Einschrankungen der Leistungsfahigkeit auf, die mit der Schadigung in Verbindung stehen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass das Kind mit Diabetes Leistungsprobleme beim geselligen Zusammensein mit Freunden oder Gleichaltrigen erlebt, wenn es ums Essen geht, weil das Kind die Zuckeraufnahme einschranken muss. Das Fehlen geeigneter Speisen wurde eine Barriere bilden. Aus diesem Grund wurde das Kind - trotz vollstandiger Leistungsfahigkeit - in seinen Einbezogensein in das gesellige Zusammensein in der gegenwartigen, tatsachlichen Umwelt eingeschrankt sein, solange nicht Schritte zur Gewahrleistung unternommen werden, geeignete Speisen zur Verfugung zu stellen."
Daraus ergibt sich, dass sich die ICF nicht an den wirklichen bzw. vermeintlichen Defiziten orientiert, sondern vielmehr auf den Bereich der Teilhabe in den verschiedenen Lebensbereichen.
Der Begriff der Korperbehinderung erscheine heute nur im Schulrecht und entspreche nicht dem sozialrechtlichen Begriff der korperlichen Behinderung. Die Korperbehinderung bezeichne im Schulrecht und in der Padagogik eine Beeintrachtigung der Bewegungsfahigkeit. Damit seien Personen gemeint, deren Bewegungsfahigkeiten durch eine Beeintrachtigung des Stutz- und Bewegungsapparates im erheblichen Mafte eingeschrankt seien. Nach dem Schulrecht bestehe fur mobilitatsbehinderte Menschen Schulen fur Korperbehinderte oder Forderschwerpunkte korperliche und motorische Entwicklung, denen 2002 insgesamt 26.483 Schuler zugeordnet waren.16
Der Begriff von behinderten Menschen sei weitestgehend in internationalen Abkommen und Vereinbarungen vorerst 1955 in der ,,Empfehlung fur die berufliche Rehabilitation behinderter Personen der Internationalen Arbeitsorganisation definiert.17 Dort heiftt es: „Im Sinne dieser Empfehlung gilt als behinderte Person jede Person, deren Aussichten, eine angemessene Beschaftigung zu finden und beizubehalten, durch eine Beeintrachtigung ihrer korperlichen oder psychischen Fahigkeiten" wesentlich herabgesetzt sind.18 Die europaische Sozialcharta von 1961 ist fur die Bundesrepublik Deutschland 1965 in Kraft getreten. Darin verpflichtete sich u. a. die Bundesrepublik Deutschland, die wirksame Ausubung des Rechts der korperlich Behinderten auf Berufsausbildung, Eingliederung und Wiedereingliederung zu gewahrleisten und hierzu geeignete Maftnahmen fur die Bereitstellung von Ausbildungsmoglichkeiten zu ergreifen und geeignete Vorkehrungen fur die Einstellung von Behinderten auf Arbeitsplatzen zu treffen.19
Fur den Begriff der Behinderung gab es im deutschen Recht lange keine eindeutige gesetzliche Definition. Im Fursorge- und Sozialrecht sei Behinderung mit dem Korperbehindertengesetz von 1957, im ubrigen Sozialrecht erst seit den Reformen von 1974 - 1975 ein zentraler Begriff.20 1986 wurde eine Definition im Schwerbehindertengesetz verabschiedet, die 2001 durch eine Definition im SGB IX ersetzt wurde.2122 Dieser Behinderungsbegriff ist 2002 im Behinderten- Gleichstellungsgesetz mit gleichem Wortlaut neu gefasst worden: „Menschen sind behindert, wenn ihre korperliche Funktion, geistige Fahigkeit oder seelische Gesundheit langer als sechs Monate von dem fur das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe in der Gesellschaft beeintrachtigt ist“23
Nach der Definition des § 2 Abs. 1 S. 2 SGB IX liege korperliche Behinderung somit vor, wenn infolge korperlicher Regelwidrigkeit die Funktionsfahigkeit nicht nur vorubergehend gemindert sei. Das gelte fur Personen, deren Bewegungsfahigkeit durch eine Beeintrachtigung des Stutz- und Bewegungsapparates entsprechend eingeschrankt sei., sowie fur Personen mit erheblichen Spaltbildungen des Gesichts und Hor- und Sehbeschadigte. Auch gehore zu diesem Personenkreis Menschen, deren korperliches Leistungsvermogen infolge von Erkrankungen, Schadigungen oder Fehlfunktionen der inneren Organe oder der Haut eingeschrankt sei.24
Weiterhin liege nach dem Wortlaut des Gesetzes eine Regelwidrigkeit nur vor, wenn sie vom Lebensalter typischen Zustand abweiche.25 Dies bedeute, dass Alterserscheinungen bei der Feststellung der Behinderung nicht zu berucksichtigen sind, sofern sie dem Alter entsprechend nach ihrer Art typisch seien. Dasselbe gelte auch fur typische Entwicklungserscheinungen bei Kindern und Jugendlichen. Solche durch Alter bedingte Leistungseinschrankungen solle nach Willen des Gesetzgebers keine Behinderungen darstellen, da sie nicht Folge einer Regelwidrigkeit seien. Dementsprechend seien auch alterspezifische Beschrankungen der Hor- und Sehfahigkeit keine Folge eines regelwidrigen Zustands, also auch keine Behinderung. Folglich solle es sich bei Gesundheitsstorungen, die nicht ausschlieftlich im Alter auftreten, etwa bei arteriosklerotisch bedingten Organerkrankungen Oder starkeren, nicht altersbedingten Bewegungsbeschrankungen, auch dann nicht um reine Altersbeschrankungen handeln, wenn sie erstmalig im Alter auftreten.26 Weiter musse der regelwidrige Zustand nicht von vorubergehender Natur sein, sondern musse langer als 6 Monate vorliegen. Aus dem Tatbestand der Dauerhaftigkeit, das zu einem Kriterium der Behinderung zahle, konne noch nicht geschlossen werden, dass es durch die Dauer eines Leidens zu einer Behinderung fuhre. Das sei aus der Abgrenzung zur chronischen Krankheit zu erkennen. Denn die Schwere oder die Dauer der Funktionsstorung habe nicht in jedem Fall eine soziale Beeintrachtigung zur Folge. Im Umkehrschluss bedeute dies, dass eine chronische Krankheit, die aus einer Funktionsstorung resultiere und zu einer sozialen Benachteiligung kame, zu einer Behinderung fuhren konne.27
Um festzustellen, wie sich eine Behinderung auf konkrete Tatigkeiten oder in anderen Bereichen des Lebens auswirke, musse eine Wertigkeit von Behinderungen aufgestellt werden. Die Schwere einer Behinderung, also das Ausmaft der Auswirkungen von Funktionsstorungen, werde in ,,Grad der Behinderung" ausgedruckt. Dieser Begriff drucke die Beeintrachtigung korperlicher, geistiger oder seelischer Funktionen mit Auswirkungen in allen Lebensbereichen aus und nicht die Einschrankungen im allgemeinen Erwerbsleben.28 Der Grad der Behinderung und der Status als schwerbehinderter Mensch, der einen Grad der Behinderung von mindestens 50 Prozent voraussetzt, werde in einem Verwaltungsverfahren von den Versorgungsamtern durchgefuhrt. Die behinderten Menschen haben Dispositionsrecht. Das heiftt, das Verwaltungsverfahren werde nur auf ihren Antrag hin durchgefuhrt. Eine Feststellung durch Dritte, beispielsweise dem Arbeitgeber, sei nicht zulassig.
Nach § 2 Abs. 3 SGB IX werde auf Antrag der ,,Agentur fur Arbeit" einem Mensch mit einem Grad der Behinderung zwischen 30 und 50 Prozent einem schwerbehinderten Menschen gleichgestellt, wenn er ohne diese Gleichstellung keinen geeigneten Arbeitsplatz erlangen oder behalten konne. Dabei sei ein konkretes Arbeitsplatzangebot nicht erforderlich.29
Um den Grad der Behinderung zu bestimmen, sei die Beeintrachtigung der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft der Maftstab. Es werde nur ein Gesamtzustand der Behinderung mit den Auswirkungen aller individuellen Funktionsstorungen auf die Teilhabe festgestellt.
Im Feststellungsverfahren der Versorgungsamter werde auch das Vorliegen weiterer gesundheitlicher Merkmale festgestellt, soweit diese fur bestimmte Leistungen relevant seien. Diese sind „gehbehindert“ (G), „auftergewohnlich gehbehindert“ (aG), „hilflos“ (H), „blind“ (Bl) und „gehorlos“ (Gl).
Das Feststellungsverfahren der Schwerbehinderung werde in der Praxis maftgeblich von Anhaltspunkten fur die arztliche Gutachtertatigkeit im sozialen Entschadigungsrecht und dem Schwerbehindertengesetz bestimmt (AHP). Diese werden vom zustandigen Bundesministerium veroffentlicht und wurden zuletzt 2004 erneuert. In den Anhaltspunkten seien einzelne Korperschaden Grade der Behinderung zugeordnet.
Die Feststellung der Schwerbehinderung fuhre dazu, dass Menschen Anspruche auf Leistungen nach dem 2. Teil des SGB IX haben und sie dauerhafte Statusrechte erhalten. Dort seien Regelungen zur Beschaftigungspflicht schwerbehinderter Menschen und besondere Normen fur Arbeitsverhaltnisse schwerbehinderter Menschen enthalten, insbesondere ein Benachteiligungsverbot bei der Einstellung und wahrend der Beschaftigung.
Werde Behinderung als Status benutzt, so entstunden daraus rechtliche und materielle Vorteile fur einen langeren Zeitraum. Eine standige Prufung der Voraussetzungen sei nicht notwendig. Gleichbehandlung von gesundheitlich gleich beeintrachtigten Personen konne in einem hohen Mafte verwirklicht werden. Problematisch sei es, dass die Status-Zuerkennung erst zur begrifflichen Konstruktion der behinderten Menschen fuhre.30
In der Einleitung wurde bereits darauf hingewiesen, dass es ohne eine Aussonderung von behinderten Menschen kein Bedarf zur Integration gabe. Diese Problematikwird im Folgenden nahererlautert.
Im Bereich „Bildung“ unterliege die Gesetzgebungskompetenz den Landern. (Kulturhoheit). Die fuhre dazu, dass sich die Schulsysteme der einzelnen Bundeslander unterscheide. Durch regelmaftige Kultusministerkonferenzen werde jedoch versucht, einige Punkte wie zum Beispiel die Terminierung und Dauer der Schulferien aufeinander abgestimmt zu regeln. Unterschiede gebe es allerdings bezuglich Lehrplanen, Abschlussprufungen, derAnzahl der Schuljahre, des Facherangebots und der Schultypen. Der UN-Bildungsbeauftragte Vernor Munoz habe im Februar 2006 unter anderem Kritik am Foderalismus in der Bildungspolitik ausgeubt.31
Im Jahr 2006 gab es im Bereich „Korperliche und motorische Entwicklung“ in Deutschland 29.719 Schulerinnen und Schuler mit sonderpadagogischem Forderbedarf.32 Diesem Forderschwerpunkt waren 2002 insgesamt 26.483 Schulerinnen und Schuler zugeordnet.33 Die nachfolgende Tabelle zeigt die Verteilung zwischen Forderschule und allgemeinen Schulen im Jahr2006:34
Somit liegt die Quote der integrierten Schuler mit Forderschwerpunkt „Korperliche und motorische Entwicklung“ in allgemeinen Schulen bei 17,4 % . Daruber hinaus ist zu beachten, dass im Jahr 2006 nur ca. 23 % der Abganger aus Forderschulen einen Hauptschulabschluss oder einen hoheren Schulabschluss erreichten. Nach Meinung der Bundesregierung sei der Grund fur diese Quote, dass das Erreichen eines solchen Schulabschlusses in Forderschulen nicht vorgesehen sei. Das Forderschulsystem in Deutschland stehe bei den Verbanden fur behinderte Menschen in Kritik. Die Kritik befasse sich hauptsachlich mit der getrennten Beschulung von behinderten und nichtbehinderten Schulern. Ihrer Auffassung nach erhohe eine gemeinsame Bildung die Chancen auf einen erfolgreichen Schulabschluss.35
Der Sozialverband VdK kritisiere den geringen Anteil von Kindern mit Behinderung an Regelschulen. In den meisten Bundeslandern bestehe in den Forderschulen nicht die Moglichkeit, einen adaquaten Schulabschluss zu erreichen. Dies schranke deren Selbstbestimmung und Teilhabe erheblich ein. Es wird auch kritisiert, dass Deutschland beim gemeinsamen Unterricht Schlusslicht in Europa sei. Dies stehe im Widerspruch zum Obereinkommen der Vereinten Nationen uber die Rechte von Menschen mit Behinderungen, das am 26. Marz 2009 in Kraft getreten ist, wonach eine integrative Bildung als Idealziel gesehen werde. Die Bundesrepublik Deutschland habe sich nach Artikel 24 dieses Obereinkommens dazu verpflichtet, ein „inklusives“ Bildungssystem zu gewahrleisten. Dabei musse man sicherstellen, dass Schuler nicht aufgrund ihres Handicaps vom allgemeinen Bildungssystem und insbesondere vom obligatorischen Grundschulbesuch oder vom Besuch weiterfuhrender Schulen ausgeschlossen werden. Der VdK fordere nicht die kurzfristige Abschaffung aller Forderschulen, jedoch habe der gemeinsame Unterricht Vorrang gegenuber dem „typischen Trennen und Aussortieren im deutschen Schulsystem“.36
Nach dem Behindertenbericht 2009 sei der nachste Schritt nach der Schulausbildung die Berufsausbildung. Eine berufsvorbereitende Maftnahme werde vorgeschaltet, wenn dies notwendig sei. Je nach Behinderung und Unterstutzungsbedarf gebe es verschiedene Moglichkeiten der beruflichen Ausbildung:37
- regulare Ausbildung in einem Betrieb
- eine Ausbildung mit verringertem Theoriegehalt fur Menschen, fur die wegen der Art und Schwere der Behinderung eine Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf nicht in Betracht kommt
- Ausbildung in einem Berufsbildungswerk oder einer beruflichen Rehabilitationseinrichtung
Ziel sei es dabei, nach der Berufsausbildung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuft zu fassen. Vorrangig sei jedoch die Eingliederung in einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Die Bundesagentur fur Arbeit fordere die Berufsausbildung von schwerbehinderten Jugendlichen mit einem Zuschuss zur Ausbildungsvergutung nach § 235a SGB III von 80 Prozent, in Ausnahmefallen auch 100 Prozent. Nach dem Behindertenbericht wurden 2008 1.347 Ausbildungsplatzegefordert.38 Die Berufsbildungswerke werden denjenigen Jugendlichen eine qualifizierte Ausbildung anbieten, die wegen Art oder Schwere ihrer Behinderung wahrend der Ausbildung auf besondere medizinische, psychologische, padagogische oder soziale Hilfen angewiesen seien. Die Zahl der Berufseinsteiger in Berufsbildungswerken lage zwischen 2005 und 2007 konstant bei 12.000 jahrlich.39
Fur Jugendliche mit Behinderung, fur die behinderungsbedingt keine betriebliche Ausbildung in Frage komme, aber nicht das umfangreiche Hilfsangebot von Berufsbildungswerke benotigen, bietet eine wohnortnahe berufliche Rehabilitationseinrichtung betriebs- und praxisorientierte Ausbildungsmoglichkeiten und berufsvorbereitende Maftnahmen. Diese Moglichkeit werde von etwa 10.000 Jugendlichen mit Behinderung in Anspruch genommen. Es handele sich hierbei doch uberwiegend (uber 80 %) um Jugendliche mit Lernbehinderungen. In den wohnortnahen beruflichen Rehabilitationseinrichtungen werde in etwa 150 Ausbildungsberufen ausgebildet.40
Zwischen 2005 und 2008 sank laut dem Behindertenbericht die Arbeitslosigkeit von schwerbehinderten Menschen um 14 %. Im Jahr 2008 waren bei der Bundesagentur fur Arbeit durchschnittlich 154.486 schwerbehinderte Menschen arbeitslos gemeldet. Dies seien uber 15.500 weniger als 2005. Jedoch bleibe auch festzuhalten, dass im gleichen Zeitraum die allgemeine Arbeitslosigkeit um 33 % sank. Allerdings steige die Arbeitslosigkeit wieder seit Beginn des Jahres 2009.41
Die Zahl der schwerbehinderten Beschaftigten lag 2006 bei 930.612. (neuere Zahlen liegen nicht vor)42 Im gleichen Zeitraum waren durchschnittlich 179.833 schwerbehinderte Menschen arbeitslos.43 Fur diesen Personenkreis lag somit eine Arbeitslosenquote von 16,2 % vor. Die Arbeitslosenquote im gesamten deutschen Bundesgebiet liegt fur 2006 durchschnittlich bei 8,4 %.44
Der Grundbegriff „Menschenwurde“ finde sich in vielen Verfassungen und Erklarungen.45
„Die Menschenwurde ist unantastbar. Sie zu achten und zu schutzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
Mit dieser Aussage beginnen das Grundgesetz (Art. 1) und die Charta der Grundrechte der Europaischen Union (Art. 1). Die Allgemeine Erklarung der Menschenrechte der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom Dezember 1948 beginnt mit dem Satz „Alle Menschen sind frei und gleich an Wurde und Rechten geboren.“
Die Stellung der Menschenwurde am Beginn von Grund- und Menschenrechten weise darauf hin, dass die Menschenwurde die Basis der Gleichheits- und Freiheitsrechten sei. Die Formulierungen der „Menschenwurde“ zeige, dass es sich um vorgefundenes Recht handele.
1 Art.2Abs.1GG
2 Vgl. Fehndrich S. 21
3 Vgl. Egle S. 351
4 Vgl. Welti S. 378
5 http://de.wikipedia.org/wiki/Integration
6 http://de.wikipedia.org/wiki/Schulische_Integration
7 Vgl. Werning S. 390
8 UNO-Resolution vom 9. Dezember 1975, Deklaration uberdie Rechte von Behinderten
9 Vgl. Welti S. 8
10 Vgl. Euler S. 8
11 Vgl. EulerS. 8
12 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Behinderung#ICIDH.281980.29_und_ICIDH-2
13 Vgl. EulerS. 8
14 Vgl. Welti S. 8
15 Vgl. ICF Deutsche Fassung S. 169-170
16 Vgl. Welti S. 20
17 Vgl. Welti S. 63
18 Empfehlung fur die berufliche Rehabilitation behinderter Personen der 38. Allgemeinen Konferenzder Internationalen Arbeitsorganisation vom 21.06.1955, S. 669 ff.
19 Art. 15 Europaische Sozialcharta vom 18.10.1961
20 Vgl. Welti S. 7
21 § 3 Abs. 1 SchwbG
22 §2 Abs. 1 S. 1 SGB IX
23 § 3 BGG
24 Vgl. Euler S. 9
25 §2 Abs. 1 S.1 SGB IX
26 Vgl. EulerS. 9
27 Vgl. EulerS. 10
28 Vgl. EulerS. 10
29 Vgl. Welti S. 68
30 Vgl. Welti S. 69
31 http://de.wikipedia.org/wiki/Bildungspolitik
32 Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung S. 35
33 Vgl. Welti S. 21
34 Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung S. 35 - 36
35 Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung S. 35
36 http://bildungsklick.de/a/69128/nur-jedes-sechste-behinderte-kind-besucht-eine- regelschule/
37 Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung S. 45
38 Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung S. 46
39 Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung S. 46
40 Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung S. 47
41 Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung S. 57 - 58
42 Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung S. 58
43 Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung S. 57
44 http://www.sozialpolitik-aktuell.de/datensammlung/2/ab/abbII28.pdf S. 1
45 Vgl. Welti S. 383
9783656446583
9783656446712
v212228
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integration menschen schule beruf
Stefan Schaberg (Autor)
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Mobilitätstraining als Beitrag zum Empowerment bei geistig behinderten Menschen in Werkstätten für behinderte Menschen

References: § 2
 § 2
 § 235
 Art.2
 Art. 15
 § 3
 §2
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 §2