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Timestamp: 2019-08-21 07:21:11+00:00

Document:
Johannes Zeller (1830-1902)
Missionar in Nazareth und Jerusalem (ZB § 56)
von Liesel Reichle-Zeller, in: Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes e.V., Heft 7, Stuttgart 1987
Wenn israelische Historiker heute die Geschichte ihres Landes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erforschen, interessieren sie sich auch für die Zeitschriften und Berichte der englischen Missionsgesellschaft (CMS), in deren Dienst in diesem Zeitraum besonders viele süddeutsche Missionare arbeiteten, die ihre Ausbildung in Basel empfangen hatten. Sie brachten ganz neue Impulse ins Land, indem sie Schulen gründeten, auch für Mädchen, und für die Ausbildung eingeborener Lehrkräfte sorgten; sie nahmen sich in Waisenhäusern der Opfer der zahlreichen Unruhen an und betreuten Kranke und sozial Schwache in Hospitälern und Heimen. Im Kreise dieser Männer gehörte Johannes Zeller zu den bekanntesten und erfolgreichsten. Als er starb, wurde er als „vielleicht bisher der bedeutendste evangelische Missionar im Heiligen Land“ bezeichnet (Palestine Exploration Fund 1902, Theologischer Jahresbericht Berlin 1903). Gerühmt wurde vor allem seine einzigartige Vertrautheit mit Sprache, Gefühlswelt und Lebensweise der Araber, besonders der Beduinen. - Wir wollen in diesen Blättern aus Familienbriefen, Arbeitsberichten und vielfältigen anderen Zeugnissen ein Bild von der Persönlichkeit und dem Leben dieses Mannes erstehen lassen.
Die folgende Biografie enthält folgende Abschnitte:
1. Heranwachsen und Berufswahl
2. Missionar im Heiligen Land
3. Erlebnisse in Nazareth und in Nordpalästina
4. Wechsel nach Jerusalem
5. Weitere Schicksale der Familie
6. Johannes Zellers letzte Jerusalemer Jahre
7. Lebensausklang in Wernigerode
Johannes Zeller (1830-1902) Hanna Maria Sophie Gobat (1838-1922)
Johannes Zeller wurde am 15. Oktober 1830 in Besigheim geboren. Er war das zweite Kind und der älteste Sohn des damaligen Helfers (Diaconus) Magnus Friedrich Zeller (ZB § 53) und seiner Frau Friederike Dorothee, geb. Herwig. Im Jahre 1834 erhielt der Vater die Pfarrei Nellingen auf den Fildern bei Esslingen am Neckar, wo zu den inzwischen vier Besigheimer Kindern im Lauf der sechs dortigen Jahre noch weitere vier Brüder und Schwestern zur Welt kamen.
Der spätere Philosoph Eduard Zeller schildert uns in seinen „Erinnerungen eines Neunzigjährigen“ seinen Vetter, Pfarrer Friedrich Zeller, dem er mehrere Jahre als Vikar für das Filial Berkheim zur Seite stand, als einen großen, kräftig gebauten Mann, der sich zwar zu der „Partei der Pietisten“ zählte, aber, wie Eduard Zeller schreibt, von Übertreibungen und namentlich von Unduldsamkeit frei war. In seiner Lebensführung unterschied er sich nicht von anderen sittlich ernsten und verständigen Leuten, nahm die Aufgaben, die ihm gestellt wurden, frisch in Angriff und erfreute sich ... durchweg einerglücklich zufriedenen Stimmung... Ihm zur Seite stand eine ganz vortreffliche Frau, die Tochter des Dekans Herwig... (Auch) als Pfarrfrau war sie in unseren Gemeinden so beliebt, dass es der öffentlichen Meinung durchaus entsprach, wenn der Löwenwirt über sie den von meinem Bruder Gustav mit angehörten Ausspruch tat: Das ist eine Frau, die sollte man nur grad zu Pulver verbrennen und jedem Weib im Land einen Löffel davon eingeben.<?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />
In solch derber ländlicher Umgebung und bei der kräftigen Luft und den köstlichen Garten- und Ackerfrüchten der Filderebene kann man sich denken, wie gesund und fröhlich die Pfarrerskinder hier heranwuchsen. Die beiden ältesten Kinder, Johannes und die ein Jahr ältere Julie, erhielten vom Onkel Vikar den ersten Unterricht im Lesen und Schreiben. Der Vater selbst brachte dem Sohn die Anfangsgründe in Latein, Geographie und Geschichte bei, bevor Johannes in seinem 8. Jahre auf das Pädagogium in Esslingen geschickt wurde. Als der Vater 1840 als Dekan nach Besigheim berufen wurde, wechselte Johannes auf die dortige Lateinschule über. Den ersten Vorbereitungsunterricht auf seine Konfirmation durfte er noch bei seinem Vater genießen.
Doch gegen Ende seines 13. Lebensjahres traf Johannes und seine Geschwister die doppelte Katastrophe des Todes beider Eltern an Typhus. Innerhalb kurzer Zeit war den neun Kindern das warme Nest zerbrochen. Die Geschwister zusammen aufwachsen zu lassen, lag außerhalb aller Möglichkeit, eine Hilfe von Seiten des Staates gab es damals noch nicht, und so war das einzige soziale Netz, das für die Waisen bereitstand, die Verwandtschaft von väterlicher und mütterlicher Seite. Dabei achtete man bei den Mädchen und den jüngeren Kindern in erster Linie auf familiäre Geborgenheit, bei den beiden ältesten Brüdern, Johannes und Albert, stand bereits die Schulausbildung an vorderster Stelle. Diese beiden kamen also nach Esslingen „in Kost und Schule“ zu Rektor Schmid, einem Jugendfreund des Vaters und Alberts Paten. Als Vormund oder Pfleger, wie man damals sagte, hatte noch der Vater selbst den Vetter Dr. Gustav Zeller, späteren Finanzrat, Präsidenten und Landtagsabgeordneten (ZB § 123) bestimmt.
Offenbar war bei Johannes nie die Rede von einem Versuch, durch das Landexamen in eine kostenlose Ausbildung für den geistlichen Stand hineinzukommen. Er selbst schreibt das später seinem geringen schulischen Fleiß zu; ohnehin wäre eine solche Entscheidung allzu früh nach dem erschütternden Verlust der Eltern fällig geworden. Nach dem Rat der Verwandten sollte er sich dem Beruf eines Schreibers zuwenden. Schon im Herbst 1844 wurde der Vierzehnjährige zur Ausbildung einem Beamten der damaligen Oberamtsstadt Gaildorf übergeben. Dort, so schrieb er später, stand er „in religiöser Beziehung ganz auf eigenen Füßen“ und scheint sich auch bei seiner Arbeit nicht glücklich gefühlt zu haben. Die Lehre in dem von allem vertrauten Umgang abgelegenen Gaildorf wurde schon im Frühjahr abgebrochen. Er beendete sie, ohne Freude an seiner Tätigkeit und offenbar auch nicht zur Zufriedenheit seiner Prinzipale, in Freudenthal im Raum Heilbronn / Lauffen, wo er wenigstens etwas näher bei den Wohnorten der Verwandten war. Im Herbst 1847 erhielt er eine Gehilfenstelle im Oberamt in dem damals fast ganz katholischen Neckarsulm. Inzwischen hatte sich aber sein Widerwillen gegen seinen Beruf so gesteigert, dass er diese Arbeitsstelle verließ, um sich einem Handwerk zuzuwenden, zumal er sich von einem solchen eine gesichertere Zukunft versprach als von der Schreiberei. Er fand eine Lehrstelle bei einem Büchsenmacher in Leonberg. Diese Arbeit sagte ihm bedeutend mehr zu, auch arbeitete auf dem Oberamt in Leonberg ein Freund von ihm, Nestel, der ihm die neue Lehrstelle verschafft hatte.
Die hier geschilderten wechselnden Stationen von Johannes’ Berufsausbildung und seine Motive für eine Änderung seines Lebensplanes können wir aus dem Lebenslauf entnehmen, den er im Rahmen seines Gesuches um Aufnahme in die Basler Missionsanstalt zu schreiben hatte. Es trägt das Datum Leonberg, den 21. Mai 1848. Auch der Freund Nestel bewarb sich um die gleiche Zeit um die Aufnahme in Basel. Beide Gesuche wurden abschlägig beschieden. Während aber Johannes seine Lehre in Leonberg zunächst weiterführte, entschloss sich Nestel zur Auswanderung nach Nordamerika, wo er seit 1849 sich in der gleichen Anstalt zum Pastor ausbilden ließ, die der Bruder Albert Zeller Jahre später nach seinem Austritt aus dem Basler Institut besuchte: in St. Louis / Marthasville, Missouri. Albert hat den „Bruder Nestel“ später in seiner Pfarrei Hermann/Missouri oft besucht und auch mehrmals in seinem Amt vertreten.
Doch zurück zu Johannes. Sein erstes Gesuch enthält, neben den sachlichen Angaben zu seiner bisherigen Lebensgeschichte, vor allem die Schilderung seines inneren, religiösen Werdegangs. Im Zusammenhang damit sollte gezeigt werden, wie der Wunsch, Missionar zu werden, in ihm geweckt worden und gewachsen war. Eine Rolle spielte dabei besonders der unvergessene Unterricht, den er noch bei seinem Vater erlebt hatte, und der Besuch von Missionsfesten, wie sie in jener Zeit im mittleren Neckarraum sehr häufig waren, da die Verbindung mit Basel hier besonders gepflegt wurde. Das Gesuch, das der Bruder Albert 1853 an das Basler Komitee richtete, ist nach dem gleichen Muster angelegt. Was bei beiden Briefen für uns Heutige befremdend wirkt, sind die reichlich eingefügten Selbstbezichtigungen, die den Eindruck einer allzu tiefen Zerknirschtheit bei so jungen Menschen erwecken. Wir wissen nicht, ob etwa solche Stellen wie die folgende für die Basler besonders überzeugend waren:
„Mein Interesse für das Wort Gottes wurde aber immer schwächer, und in jugendlichem Leichtsinn betrachtete ich das Heil meiner Seele als Nebensache.... Wie schlecht war mein Kampf gegen die Welt, und wie bald ließ ich mich vom Satan überwinden. Fast dasganzeJahr18461ebte ich mit wenig Unterbrechung im Leichtsinn gottlos dahin, den schlechte Gesellschaft und unpassende Lektüre nährten...“
Man musste den Eindruck haben, dass es sich um einen religiös und menschlich ganz ungefestigten jungen Mann handelte, den hauptsächlich große Unzufriedenheit und Missmut über seine Lage trieb. Erstaunlicherweise kommt auch das Begleitschreiben, das Dekan Wilhelm Heinrich Zeller in Besigheim, der Vetter und Nachfolger von Johannes’ Vater, beifügte, zu wenig günstigen Urteilen über den jungen Mann, dessen Anlagen er im ganzen als „ziemlich gut“ bezeichnet und dem er Trägheit, hochstrebenden Sinn, Lust am Kritisieren und Mangel an Demut und Ausdauer nachsagt. Obwohl er ihm in neuerer Zeit einen ernsteren Geist und Fortschritte in Selbsterkenntnis zubilligt, scheint dem Onkel - ganz richtig - der Wunsch nach einer Missionarsausbildung „zu rasch aufgestiegen“; er mutmaßt, dass die Unlust zur Schreiberei einen zu großen Anteil daran haben könnte. Nach dem vorläufigen Scheitern des Basler Planes lernte Johannes nun weiter das Büchsenmacherhandwerk, das er „gern betrieb“, obwohl er täglich 15 Stunden arbeiten musste. Der Umgang mit Freund Nestel bis zu dessen Auswanderung und die jetzt möglichen Besuche bei seinem pfarrherrlichen Onkel in Lauffen förderten auch seine innere Entwicklung. Doch schon in Freudenthal und mehr noch bei seinem Neckarsulmer Meister trat ein neues Element in das Leben des nun Achtzehnjährigen. Freimütig berichtet er darüber: „Plötzlich wurde mein stilles Leben gestört durch den Ausbruch der französischen Revolution (gemeint ist die Februarrevolution 1848), welcher bei uns sogleich eine ungeheure Spannung und Aufregung folgte ... Als dieselbe ... immer mehr stieg, wurde ich in den Strudel der Begeisterung für vermeintliche Freiheit mithineingerissen...“
Nachdem das erste Basler Gesuch abgelehnt war, „wurde ich, statt mit desto größerem Eifer nach mehr Festigkeit im Christentum zu trachten, in der Wachsamkeit und lm Gebet träg und suchte, je mehr ich mit andern jungen Leuten bekannt wurde, nach der harten Arbeit des Tages Zerstreuung. Auch fanden meine falschen politischen Ansichten im Hause meines Meisters und sonst Beifall und Nahrung und vermehrten sich mit meiner Gleichgültigkeit gegen Gott...“
Dieses Bekenntnis steht in Johannes’ zweitem Gesuch um Aufnahme in Basel, das er im April 1850 abfasste. Wie kam es zu einem solchen Wandel seiner Anschauungen? Er erwähnt, dass ihn einige Predigten, die er im nahen Korntal gehört hatte, sehr ergriffen und sein Gewissen in große Unruhe gestürzt hätten. Er litt immer mehr unter dem, was er seinen Leichtsinn nannte. „Endlich, als ich meinen traurigen Zustand besonders fühlte, bat ich Gott, er möge mich durch starke Mittel, etwa durch Krankheit, von der Welt losreißen. Acht Tage später, im Frühjahr1849, bekam ich einen steifen Arm, so dass ich zu meiner Erholung einige Zeit bei Verwandten zubringen musste.“ Eine leichtere und bald darauf eine schwerere Fußverletzung folgten. Während der Zeiten erzwungener Ruhe bekam er ernstere Lektüre, besonders Baxters „Ruhe der Heiligen“, in die Hände und suchte den Umgang mit Gläubigen in Korntal und in seiner Umgebung.
„Schüchtern“ und im Gefühl seiner „Unwürdigkeit“ wagt er es schließlich, sich noch einmal nach Basel zu wenden. Diesmal liegen seinem Gesuch mehrere, zwar immer noch ziemlich zurückhaltende, aber doch etwas freundlichere Begleitschreiben bei. Der Lauffener Onkel meint, Johannes’ Anlagen würden ihn am ehesten etwa zu einem „Missionshandwerker“ oder einem Posten in Nordamerika befähigen. Den Ausschlag für die Annahme des Gesuchs hat aber wohl der Brief des Leonberger Helfers Nathanael Josenhans gegeben, aus dem endlich auch etwas Wärme und Vertrauen zu dem jungen Mann spricht. Trotz seiner auch ihm bekannten zeitweiligen Hinneigung zur demokratischen Partei bescheinigt er Johannes einen offenen und ehrlichen Charakter und glaubt ihm seinen aus persönlichen Gesprächen erfahrenen Sinneswandel. Seine früheren politischen Ansichten hält auch Josenhans für falsch. Aber auch der Pfleger der Zellerskinder, Gustav Zeller, war demokratischer Abgeordneter in der Nationalversammlung und gehörte als solcher zu der „Linken“. In kirchlichen und pietistischen Kreisen des Landes, denen die meisten der Verwandten angehörten, war jedoch das Misstrauen gegen alles Liberale groß.
Johannes ist offenbar noch 1850 als Zögling in die Basler Missionsanstalt eingetreten. Ein Tagebuch über seine Erlebnisse hat er dort anscheinend nicht geführt. Nach Alberts Aufzeichnungen bedeuteten diesem die Besuche des Bruders Johannes während seiner Tätigkeit bei Orgelbauer Walker in Ludwigsburg 1851, also schon von Basel aus, eine Erquickung, für die Albert in ein Dankgebet ausbricht. Später erfahren wir über Johannes’ Schicksale in seinen Basler Jahren nur aus Alberts gelegentlichen Erwähnungen von vertrauten Gesprächen, die die Brüder während Alberts erstem Basler Aufenthalt als Schlossergeselle im Winter 1851/52 an den Abenden im Missionshaus genießen konnten.
Als Albert im Herbst 1853 ins Missionshaus eintrat, machten die beiden die Reise per Eisenbahn, Schiff und Floß auf dem Rhein bis Basel gemeinsam. Lange dauerte aber das dortige Zusammensein nicht; denn Johannes wurde im Sommer 1854 mit Jonathan Hoch und Gottlob Bühler „nach England bestimmt“. Am 5. Juli fand das Examen und tags darauf die Einsegnung der jungen Männer statt. Danach benützte Johannes die Sommervakanz zu Abschiedsbesuchen bei den Verwandten im Land. Als erstes fuhr er zu einem Missionsfest nach Besigheim, worüber Albert berichtet: „Johannes erhält einen Seden und spricht am Altar; seine Worte machten einen sichtbaren Eindruck auf die Gemeinde’
Während Albert in den knapp drei Jahren seiner Ausbildung mit großen Anpassungsschwierigkeiten und Zweifeln an sich selbst zu kämpfen hatte, scheint die Basler Zeit für Johannes ohne besondere Anfechtungen verlaufen zu sein. Freilich hatte Johannes, ganz anders als sein Bruder, in seiner vorhergegangenen Berufsarbeit keine Befriedigung und keine Erfolge erlebt.
Johannes ist von der Leitung zum Missionar in Palästina bestimmt worden, das damals, als Teil des osmanischen Reiches, unter türkischer Verwaltung stand. Die Basler Mission war mit der Englischkirchlichen Gesellschaft befreundet und stellte Zöglinge für die reichere, aber an jungen Missionaren ärmere anglikanische Mission, die Church Missionary Society, zur Verfügung. Die Basler mussten aber vor ihrer Aussendung eine zusätzliche Ausbildung in England absolvieren und von einem englischen Bischof die Ordination empfangen.
Am 8. September 1854 reiste Johannes nach London; vom 31. Mai bis 3. Juni 1855 fanden im College of Divinity im Londoner Bezirk Islington Examen und Ordination der Basler Brüder Johannes Zeller und Gottlob Bühler statt. In einem Brief an Inspektor Josenhans aus London vom 17. November 1854 erzählt Johannes von der Reise von Basel nach London und von seinen Eindrücken in England. Er schreibt dort: „Auf unsrer ganzen Reise hierher hatten wir nicht die geringste Unannehmlichkeit; auch waren wir stets vom schönsten Wetter begünstigt. Leider trafen wir in Straßburg weder Missionare, Hausmeister noch Herrn Pfarrer Krais an. Samstagvormittag den 9. September langten wir in Paris an. Der aufopfernden Güte des Herrn R. Sarasin, der uns nicht nur aufs freundlichste Auskunft und Rat erteilte, sondern uns auch nach Versailles begleitete, haben wir manchen Genuß zu verdanken. In Paris trafen wir mit Herrn und Frau Young und Bruder Stern zusammen. Nachdem wir die Herrlichkeiten dieser Weltstadt gesehen hatten, fuhren wir am Dienstag, den 12. September, mit Stern nach Dieppe. Dort sahen wir zum erstenmal das Meer im Glanz der herrlich untergehenden Sonne, und nachdem wir unsere müden Glieder in der salzigen Flut erfrischt hatten, nahmen wir Abschied vom Kontinent und bestiegen das englische Dampfboot. Nun, durch die weite Tiefe getrennt von der Heimat und den alten gewohnten Lebensverhältnissen, erkannten wir lebendig, dass ein Hauptabschnitt unseres Lebens sich geschlossen habe und ein neuer beginne in einerneuen Welt. - Am 13. Septembermorgens 6 Uhr langten wir nach siebenstündiger Fahrt in Newhaven an, ohne die Seekrankheit aus eigener Erfahrung kennengelernt zu haben. In zwei weiteren Stunden brachte uns der Dampfwagen durch die ebenen, hauptsächlich als Weiden benützten Gegenden von Sussex und Surrey nach London. Nicht nach und nach, sondern plötzlich wie mit einem Mal waren wir in eine ganz neue Welt versetzt, deren Kontrast mit der alten deutschen uns mehr als wir dachten auffiel. Das Meer, das dieses Land und Volk isoliert, macht den allmählichen Übergang den man auf dem Kontinent an den Berührungspunkten zweier verschiedener Völker findet, unmöglich, so dass nicht allein das Land, sondern auch der Charakter des englischen Volkes in allen Schattierungen und Lebensgebieten fremder und bestimmter markiert erscheint.
Der freundliche Willkomm von Seiten unserer Lehrer und der englischen Brüder, die an demselben Tag aus der Vakanz zurückkehrten, machte uns die Angewöhnung leicht. Acht Tage nach unserer Ankunft wurden wir dem Komitee vorgestellt, wobei uns Herr Venn, nachdem er den Brief des Herrn Ratsherrn Christ vorgelesen hatte, mit einigen herzlichen Worten begrüßte und uns ermutigte, unsere neue Aufgabe hier, die neue Sprache, Nationalität und Kirche kennen zu lernen, mit festem Mut anzufassen. Dies haben wir denn auch mit Gottes Hilfe bisher getan. Doch können wir unsere Fortschritte im Englischen nicht rühmen. In den Lektionen können wir unserer Klasse folgen, da wir uns nur auf zwei Fächer, auf die Kirchengeschichte und griechische Exegese vorzubereiten haben. Um mit den englischen Brüdern angenehm und brüderlich zusammenzuleben, ist es nötig trotz den Schwierigkeiten der Sprache die deutsche Schüchternheit niederzukämpfen; denn wenn wir darauf warten wollten, bis sie uns entgegenkommen und sich an uns anschließen, so könnten wir jahrelang wie Einsiedler im College wohnen. Bei zunehmender Bekanntschaft mit der Sprache und den englischen Sitten wächst auch die Innigkeit unseres Verhältnisses zu den Brüdern. - Doch ist es uns seither stets vergönnt gewesen, auch mit deutschen Brüdern zu verkehren... Die Quellen geistlicher Nahrung fließen für uns hier im Vergleich zum Basler Missionshaus sparsam. Die englische Sprache, Förmlichkeit und Theologie ist uns noch ein zu fremdes und kaltes Medium. Wir müssen uns an die Hauptquelle allen Lebens, an Jesum selber, an sein Wort und an deutsche Bücher halten...“
Nach der Vakanz, am 17. September 1855, reist Johannes nach Jerusalem ab, während Bühler und Hoch nach Westafrika kommen. In Jerusalem waltete seit 1846 Samuel Gobat seines Amtes als evangelischer Bischof. Seine eindrucksvolle Persönlichkeit fand mehrere Biographen; auch in unseren „Nachrichten des Martinszeller Verbandes“, Nr.9, erschien ein kurzer Lebenslauf von ihm; denn Gobat war verheiratet mit Maria Christine Regine Zeller, einer Tochter von Christian Heinrich Zeller in Beuggen. Um die damalige kirchliche Lage in Palästina zu umreißen, sei hier ein Abschnitt aus dem Büchlein von Alfred Kober, „Samuel Gobat, vom Juradorf nach Jerusalem“ zitiert: „Der evangelische Bischofssitz in Jerusalem .... hatte einen besonderen Charakter. Er war gemeinsam von der englischen und der preußischen Krone gestiftet worden, um den zahlreichen, aber verstreuten Angehörigen der verschiedenen evangelischen Bekenntnisse in Palästina, die größtenteils Engländer oder D e u tsch e waren, eine religiöse Zusammenfassung und eine kirchliche Vertretung zu geben. Der Gedanke war dabei gewesen, einen kirchlichen Mittelpunkt zu schaffen, der alle protestantischen Missionswerke und religiösen Wohltätigkeitsinstitute im vorderen Orient beraten und betreuen konnte. Das Amt war nach Vereinbarung der beiden Königshäuser der anglikanischen Kirche eingegliedert, aber die Ernennung sollte abwechslungsweise dem englischen und dem preußischen Monarchen zustehen. Durch den Tod des ersten Bischofs war das Ernennungsrecht an den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. übergegangen.“
Als Missionar unterstand also auch Johannes Zeller Gobats Leitung. Da für Johannes erst mit dem Jahr 1856 ein Missionsauftrag bezeugt ist, geht man wohl nicht fehl, wenn man für die ersten Monate nach seiner Ankunft eine Zeit der Einführung durch Bischof Gobat annimmt. Sicher öffnete sich dem jungen Mann auch die Tür zum Hause des Bischofs.
Das Jahr 1856 brachte ihm seine erste Missionsstation, in Nablus, dem alttestamentlichen Sichern, ungefähr 50 Kilometer nördlich von Jerusalem. Ein Brief des Johannes an den Bruder Albert in Amerika, seinen „sehr lieben Bert“, am 24. März 1857 schon in Nazareth geschrieben, ist das einzige Zeugnis aus dieser Zeit der ersten Missionstätigkeit unter den Arabern dieses Gebietes. Albert stand damals in der Ausbildung im Seminar in St. Louis, Missouri. Johannes schreibt ihm:
„ ... wäre ich vor einem Jahr gewesen, wo ich jetzt bin, so hätte ich Dir den Vorschlag gemacht, zu mir zu kommen. Allein, ich war damals und seitherf7üchtig und unstet in diesem Land. Will Dir ,ganz kurz einen Überblick über meine Erlebnisse geben. (1856):
3. April: Reiste mit Bischof Gobat von Nablus nach Nazareth.
6. Apri: Aufruhr in Nablus, Verfolgung der Christen, Zerstörung meines Hauses.
Mai: Rheumatismus im Rücken, war drei Wochen lang ins Bett gesprochen...
24. Juni: Förmliche Rückkehr nach Nablus.
25. Juni. Abberufung von Nablus nach Jerusalem...
Im Juli krank an Dysenterie
August: Reise nach Nablus. Kindstaufe. Rückkehr nach Jerusalem. Dreiwöchiger Aufenthalt in Nablus, verursacht teilweise durch den Umstand, dass mein Pferd in eine tiefe Zisterne fiel und beim Heraufziehen etwas beschädigt wurde.
September: Nochmalige Reise nach Nablus mit dem preußischen Konsul in Angelegenheiten meines Prozesses wegen Schadensersatz...“
Diesen Aufruhr in Nablus schildert Frederike Herwig, die Pflegemutter des jüngsten Zellerbruders Hermann, für diesen folgendermaßen:
„Noch war er (Johannes) kein Jahr in Nablus angestellt, als dort in Folge des Todes eines taubstummen Eingeborenen, welcher einen englischen Missionar angebettelt hatte, mit dem empfangenen Almosen aber unzufrieden, am Zaum des Pferdes und endlich am Revolver riß, worauf dieser sich selbst entlud, - ein Aufruhr ausbrach, in welchem die fanatischen Mohammedaner alle Christen ermorden wollten. Dein Bruder hatte zwei Tage vorher eine Reise angetreten, und die in seine Wohnung stürmenden Feinde mussten sich mit der Zerstörung seiner Bücher, Wäsche und übrigen Habseligkeiten begnügen; und was ihn weit mehr schmerzen musste: die kleine Zahl von Christen war abgefallen und entweder ganz zum Mohammedanismus zurückgekehrt oder doch so in Furcht gejagt, daß sie keine Bekenner Christi mehr waren. Die Station musste für jetzt aufgegeben werden. So kam es, daß Johannes jetzt in Nazareth sein Arbeitsfeld hat, wo er aber erst eine schwere Krankheit durchmachte, dann nach Württemberg zur Erholung und nach London zur zweiten Ordination reiste.“
Die zweite Ordination fand erst am 19. Dezember 1858 durch den Bischof von London statt, und zwar auf Ansuchen von Bischof Gobat. Vor seiner Überstellung nach Nazareth arbeitete Johannes im Januar und Februar 1857 in Ramleh, einem Ort ca. 20 km südöstlich von Jaffa. In seinem Brief an Albert erwähnt er „furchtbaren Schnee“ in Palästina in jenen Wintermonaten. Er schließt seinen Brief:
Dieses dürre Register gibt Dir schon einige Idee von meinem Missionsleben. Fülle es aus mit brennender Hitze, schneidender Kälte, mit Studium des Arabischen und Predigt des Evangeliums deutsch und arabisch, mit Kampf und Not gegen Verleumdung und Haß, und Du siehst, daß ich manches durchgemacht habe mit Gottes gnädigem Beistand. Eine kräftige Bruderhand bei mir zu haben in dem schweren, verwickelten und vielfach verzweigten, aber gesegneten Werk in Nazareth wäre mir ein ,großer Trost... Nun lebe wohl, noch einen guten Rat zum Schluß: Mach’s nicht wie die übrigen Basler Brüder in Amerika, daßDu, sobald Du ordiniert bist, das nächste beste Ding heiratest, das Dir unter die Hände lauft...“
In Nazareth blieb Johannes bis 1876; dort hat er auch eine Tochter des Bischofs Gobat, Hannah Marie Sophie, geheiratet. Die Trauung fand am 23. Juni 1859 in Jerusalem statt.
Aus seiner Tätigkeit in Nazareth in Galiläa gibt es einige Berichte und Briefe von ihm, aus denen wir die Aufgaben und Probleme, mit denen er es zu tun hatte, seine Arbeitsweise und etwas von seiner menschlichen Art kennen lernen.
Die Empfänger seiner Briefe sind nicht immer zu ermitteln, es muss sich aber - abgesehen von den Verwandten - meist um einflussreiche Persönlichkeiten in Württemberg gehandelt haben, z.B. Dr. von Barth, der den „Calwer Boten“ herausgab und öfters Beiträge von Johannes in sein Blatt aufnahm. Dem jungen Missionar war daran gelegen, das Heilige Land, und besonders Nazareth, die Heimat Jesu, den evangelischen Christen in Deutschland nahe zu bringen. Er konnte nicht verstehen, dass gerade diese uns auch geographisch so nahe gelegene Mission hierzulande so wenig Interesse fand. Johannes freilich, das spürt man, ist mit Leib und Seele diesem Land, seinen Menschen und seinem Dienst an ihnen verpflichtet. Mit Wärme schildert er Nazareth:
„In der Mitte Galiläas, sieben Stunden vom Mittelmeer und von Acca entfernt, liegt Nazareth hoch über der Ebene Jesreel in einem Bergkessel in stiller Verborgenheit. Von der Spitze des westlichen Berges, an den das Städtchen sich anlehnt, und auf dem ein Well (ein mit einer Kuppel überbautes mohammedanisches Grab) steht, genießt man eine der schönsten Aussichten Palästinas. Im Norden grüßt der hochragende, schneebedeckte Hermon das erstaunte Auge, auch Safed, die Stadt auf dem Berge, leuchtet herüber. Im Osten erhebt sich der einzeln stehende Tabor, während die blauen Berge Gileads, schroff gegen das Jordantal abfallend, den Hintergrund bilden. Gegen Süden ergötzt sich das Auge an der ausgedehnten fruchtbaren Ebene Jesreel, in der sich der Kleine Hermon erhebt, an dessen Fuß Nain und Endor liegen. Hinter ihm ist Gilboa sichtbar..., und die Berge von Samarien bis zum Ebal schließen den weiten Kreis ein. Im Westen aber streckt sich der dunkle, schroffe Karmel hin ins Meer, und die schöne Bai von Acca dehnt sich vor den Blicken aus... Dazwischen aber liegen die schön bewaldeten Hügel Galiläas, die dieser Gegend einen besonderen Reiz und Reichtum verleihen... Tief unten am östlichen Abhang des Berges, von dem die eben geschilderte Aussicht genossen wird, liegt Nazareth verborgen - wie auch Jesu heben es hier 30 Jahre lang war.
Jetzt zählt das Städtchen 5 000 bis 6 000 Einwohner. Die Mehrzahl derselben sind Christen der griechischen, lateinischen, griechisch-katholischen, maronitischen und protestantischen Kirche angehörig, deren freies Wesen und deren größerer Wohlstand in auffallender Weise zeigen, dass hier sie und nicht die Mohammedaner das Übergewicht haben. Im Süden der Stadt liegt, von hohen Mauern umgeben, das vor etwa 150Jahren gegründete Franziskanerkloster mit der Kirche, die über Mariens und Josephs Hause, oder vielmehr Grotte, gebaut sein soll. Am äußersten nördlichen Ende und über ihr erhebt sich in der Form des Kreuzes die kleine griechische Kirche. In der Mitte der Stadt aber steht die Moschee mit schlankem Minarett, von dunkeln Zypressen umgeben... Wie sollten wir in Nazareth einzelne Stätten zu besonderer Verehrung wählen, ist doch das stille Tal noch dasselbe und stehen ja die Berge noch unverändert da, die Jesu Auge 30 Jahre lang geschaut und die sein Fuß als Knabe, Jüngling und Mann tausendmal betreten hat“
Die protestantische Gemeinde war klein, in der Stadt selbst gab es nur 60 Mitglieder, und die waren meist arme arabische Händler und Handwerker. Aber sie waren die lebendigsten unter den dortigen Christen. Während sich die beiden katholischen Kirchen „mit totem Bilder- und Zeremoniendienst begnügten“, wie Johannes schreibt, und ihre Gläubigen ohne geistliche Nahrung ließen, lag für die protestantische Mission seit dem Anstoß, den Bischof Gobat hier 1848 gegeben hatte, der Schwerpunkt in der Verkündigung des Evangeliums in arabischer Sprache. Bibeln in der Landessprache hatten natürlich nur einen Sinn, wenn Schulen für die heranwachsende Jugend zur Verfügung standen.
Johannes Zeller dehnte schon bald die Gründung von Schulen auch auf die dörfliche Umgebung aus und sorgte dafür, dass begabte junge Eingeborene in Jerusalem eine weitere Ausbildung erhielten, so dass manche von ihnen in den örtlichen Schulen später als Lehrer weiterverwendet werden konnten. Vier Knabenschulen und sogar eine Mädchenschule wurden bis 1864 in den umliegenden Dörfern gegründet. Diese letztere Gründung war Johannes besonders wichtig, da ihm die Erziehung des „tief erniedrigten, gänzlich vernachlässigten weiblichen Geschlechts“ sehr am Herzen lag. Lehrerinnen für Mädchenschulen ließ er bei den Kaiserswerther Diakonissen in Jerusalem heranbilden.
Auch dem Mangel an ärztlicher Hilfe wurde 1862 abgeholfen, indem sich ein Arzt, Dr. Vartan, in Nazareth niederließ und die Kranken meist unentgeltlich behandelte. Nach einigen Jahren konnte mit Hilfe der ärztlichen Missionsgesellschaft Edinburgh ein kleines Hospital errichtet werden, was weitum im Land eine segensreiche Wirkung hatte. Eine reichliche Beisteuer an Medikamenten kam aus Württemberg, so dass eine kleine Apotheke eingerichtet werden konnte (genannt ist Apotheker Mauz, Esslingen am Neckar).
Solche erfreulichen Neuerungen waren natürlich bis zu ihrer Verwirklichung von zahllosen Schwierigkeiten behindert, nicht nur durch den Fanatismus der Mohammedaner, der jeden gefährdete, der sich dem Christentum zuneigte, sondern auch durch die türkische Verwaltung, von deren Schwerfälligkeit, Korruption und Ungerechtigkeit, besonders bei der Eintreibung der drückenden Militärsteuer, die Protestanten weit mehr zu leiden hatten als die anderen, älteren christlichen Bekenntnisse.
Die Arbeit der evangelischen Mission wurde auch erschwert durch die Eifersucht der „Griechen und Lateiner“, die ihren Einfluß gefährdet sahen und ihre Sonderstellung bei den türkischen Behörden zu wahren entschlossen waren. Johannes stellt andererseits aber auch fest, dass mit der Zeit „die Predigt des Evangeliums unter der früher für alle religiösen Fragen und neuen Ideen völlig toten christlichen Bevölkerung wie ein Sauerteig gewirkt und die Häupter der griechischen und lateinischen Kirchen genötigt hat, sich viel mehr als früher um ihre Kirchenangehörigen zu kümmern und manches zu ihrem Besten zu tun“.
Wie stark die seit langem im Orient etablierten alten christlichen Kirchen wegen der protestantischen Aktivitäten zum Wohle der arabischen Bevölkerung um ihre Ruhe, aber auch um ihren Bestand fürchten mussten, können wir ermessen, wenn wir in einem Brief von Johannes Zeller aus dem Jahre 1861 lesen: „Vor vier Jahren hatte Nazareth noch keine Außenstation, jetzt sind es deren viele. In den Dörfern Jaffa und Kefer Kana sind protestantische Schulen errichtet, da sich eine Anzahl Griechen von ihrer Kirche getrennt und den Protestanten angeschlossen haben, ebenso in Reneh, wo 20 Familien zum Protestantismus übergetreten sind. Nach Shef Amer wurde kürzlich ein Katechist geschickt, weil die 15 protestantischen Familien dort nicht länger ohne Unterricht gelassen werden konnten. Von fünf weiteren Dörfern erhalte ich häufig Petitionen um Eröffnung von Schulen, denn in allen diesen Orten befinden sich Leute, die ihren Übertritt zur evangelischen Kirche erklärt haben.“
Es ist tragisch, dass das Bild der segensreichen Arbeit der damaligen Missionare vielfach verdunkelt wurde durch das unerfreuliche Schauspiel erbitterter Kämpfe um Besitzstände in einer zutiefst uneinigen Christenheit.
Der Schweizer Arzt und Publizist Titus Tobler, der 1835 bis 1865 mehrere Reisen in den Orient machte, schrieb ein Buch „Nazareth in Palästina“ (Berlin 1868), traf auch Johannes Zeller und schreibt über ihn: „Von 1858 an findet man (in Nazareth) bis heute den Deutschen Zeller, einen für seine Sache lebhaft begeisterten, tatkräftigen, mit Sitte und Sprache der Araber vertrauten und einflußreichen, darum auch von den Lateinern nicht wenig angefeindeten Mann, der möglicherweise im Schwunge des Eifers die Folgen seiner Handlungen nicht stets klar berechnete, was übrigens in der von ihm einmal eingenommenen Stellung inmitten so vieler Versuchungen und Anfechtungen begreiflich erscheinen mag... Die Bekehrungen, die, mit wenig Ausnahmen, nur von der griechisch-orthodoxen Seite her bleibend glückten, betrachtete man als einen invasiven Akt... Mag nun die Sache wie immer sich verhalten, jedenfalls hatte die protestantische Mission in Palästina nirgends so viel Erfolg als in Nazareth.“ (Seite 250 bis 253)
Im Jahre 1860 (9. - 16. Juli) brach über den Libanon und Damaskus eine furchtbare Christenverfolgung herein. Mehr als 30 000 Glieder der syrischen Kirche wurden niedergemacht. Damals schickte die Pforte Mehemed Fuad Pascha, einen hochgebildeten Staatsmann, Dichter, Wissenschaftler und Freund von Reformen nach europäischem Muster, als Kommissar nach Damaskus. Er bestrafte die an der Metzelei Beteiligten mit großer Strenge. In einem von Johannes angelegten Fotoalbum mit Bildern zeitgenössischer Politiker und Monarchen findet sich ein Foto von ihm.
Kurz vor diesen Vorfällen, im April 1860, war Johannes auf seiner ersten größeren Reise zu Pferd seit seiner Verheiratung nach Damaskus gekommen.
Die syrische Christenverfolgung erschütterte auch in Nazareth die Mission. Vier Jahre später gab es in Konstantinopel eine Verfolgung der Protestanten. Seither schränkte die türkische Regierung die Rechte der Protestanten so weit ein, dass sie - angeblich wegen ihrer geringen Zahl - nicht mehr im Stadtrat vertreten sein durften. So waren sie ganz der Willkür ihrer Gegner preisgegeben, was sich besonders bei der Erhebung der Militärsteuer bemerkbar machte.
Johannes sieht es fast als ein Wunder an, dass „ungeachtet der schweren Heimsuchung durch die Cholera im Jahre 1865 ... und der dreijährigen Verheerung von ganz Palästina durch Heuschrecken ... Nazareth doch stets im Wachsen begriffen ist und immer mehr ein Zentrum für die christliche Bevölkerung von Nordpalästina und ein Bollwerk gegen den Mohammedanismus wird.“
Eine große Enttäuschung muss es für Johannes gewesen sein, als er ab 1861 zu spüren bekam, dass die Church Missionary Society ihre Unterstützung der Palästinamission einzuschränken begann. Sie erklärte auf Anfrage, dass die Mission an Christen, also römischen Katholiken und griechisch und russisch Orthodoxen, nicht unter ihre Verantwortung falle. Ihr Hauptzweck, nämlich die Bekehrung der Mohammedaner, war damals unerreichbar, da jeder Getaufte mit fanatischem Haß verfolgt wurde und sich der Gefahr für Leib und Leben nur dadurch entziehen konnte, dass er seinen Heimatort verließ und weit entfernt irgendwo anders eine neue Existenz aufzubauen suchte. Zudem gab es gerade damals in der englischen Politik eine lange Periode von fast einem Vierteljahrhundert, während welcher den Türken gegenüber Vorsicht und Wohlwollen erwünscht war, da die Engländer dem russischen Einfluß im Orient ein Gegengewicht bieten wollten. Dies wirkte sich auf die anglikanische Mission sehr ungünstig aus.
Dabei hatte gerade nach den ersten schweren Jahren in Nazareth das Evangelium begonnen, freiere Bahn zu gewinnen. Es gab dort und in den wichtigsten Orten der Umgebung schon 500 Gemeindemitglieder. So dachte Johannes, seinen seit Jahren gehegten Plan zu verwirklichen, im Zentrum der Stadt eine protestantische Kirche zu bauen, da gerade ein geeigneter Platz frei geworden war. Aber weder für den Bauplatz noch für die Kirche selbst wurde eine Unterstützung zugesagt. Zwar brachte die teilweise in drückender Armut lebende Gemeinde immerhin eine Summe von etwa 100 Gulden auf; diese Opferbereitschaft sollte ein Ansporn für die Kirchen in der Heimat sein, an die sich wieder zahlreiche Bittbriefe des eifrigen Missionars richteten. Schließlich konnte - im Jahre 1868 - endlich doch mit dem Bau begonnen werden, nachdem Architekt Stadler aus Zürich, der auf einer Palästinareise auch nach Nazareth gekommen war, den Bauplan kostenlos ausgearbeitet hatte. Es war die erste arabisch-protestantische Kirche, die in Palästina gebaut wurde. Der Bauplatz selbst wurde als erstes mit einer Mauer umgeben, damit etwaigen späteren Grenzstreitigkeiten von vornherein ein Riegel vorgeschoben war.
Über die Bauarbeiten schreibt Johannes 1870: „Zur Beschämung meines Kleinglaubens hat der Herr diesen Bau, ungeachtet aller möglichen Schwierigkeiten, ... über Erwarten gut gelingen lassen. Es fehlte ... dieses Jahr an Wasser, es fehlte an geübten Arbeitern und an einem sachkundigen Aufseher; die Unzuverlässigkeit und die Intrigen der arabischen Arbeiter machten mir viel Not, und die unzähligen Feiertage der Griechen und Lateiner unterbrachen die Arbeit beständig. Den ganzen Sommer über war ich jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf dem Platz, und trotz der Hitze des Sommers und den vielen Verdrießlichkeiten hat der Herr doch meine Gesundheit wunderbar erhalten und nicht allein meine Familie, sondern auch alle die vielen Arbeiter vor allem Unfall gnädig bewahrt.“
Der Bau wurde im Jahre 1871 bis auf den Turmhelm und die Inneneinrichtung vollendet; es fehlten noch Kirchenstühle, die Kanzel, der Altar, ein Harmonium und die Abendmahlsgefäße. Aber als am 1. Oktober im Beisein von Bischof Gobat die Einweihung der Kirche stattfinden konnte, hatte man doch ein Harmonium beschafft. Johannes predigte über Lukas 4,18-19, nach der fast gleichlautenden Stelle bei Jesaja 61,1-2: „Der Geist des Herrn ist über mir, er hat mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass ihnen geöffnet werde, zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn.“ Nach dem Gottesdienst konnte noch die Ordination von zwei eingeborenen Katechisten durch Bischof Gobat stattfinden. Der Tag muss ein Fest für den ganzen Ort gewesen sein, denn „Lateiner, Griechen und Mohammedaner drängten natürlich auch herein ; wie Hannah Zeller in einem Bericht an die Schwestern ihres Mannes schreibt.
Wir haben bisher die wichtigsten Ereignisse und die Rahmenbedingungen, mit denen Johannes und seine Gemeinde zu leben hatten, kurz dargestellt. So schwer sie gewesen sein müssen, so sind doch gerade sie der Anlass dafür, dass wir mit Johannes’ eigenen Worten unterrichtet wurden und dass wir uns auf diese Weise direkt erfassen lassen konnten von der Wärme seines persönlichen Einsatzes für seinen Dienst. Wir wollen nun ihn selbst, seine Erlebnisse und seine Ansichten unter einem etwas persönlicheren Winkel kennen lernen.
Johannes hat, wie schon angedeutet, in den ersten Jahren seiner Nazarether Zeit mehrere Reisen zu Pferd in Begleitung einiger Araber unternommen. Die erste, im April 1860, führte ihn nach Damaskus. Es scheint sich dabei auch um etwas Geschäftliches gehandelt zu haben: durch Vermittlung des englischen und des amerikanischen Konsuls verhandelte er mit dem Mulla Ali über den Kauf eines Hauses (wohl in Nazareth), das er für 40 000 Piaster zu erhalten hoffte. Sein Dolmetscher dabei war sein Begleiter Seraphim (Butagi), der unter seiner Anleitung als Bibelvorleser und Katechist in Galiläa tätig war.
Von der Reise gibt Johannes seiner jungen Frau einen ausführlichen Bericht. Der Ritt dauerte bis Damaskus fast fünf Tage. Er führte anfangs meist über Höhen mit schönen Wäldern, deren viele Vogelstimmen Johannes entzückten. Die Reiter genossen herrliche Ausblicke über den See Tiberias (Genezareth) und später den Holeeh-See. Die von Olivenbäumen erfüllten Täler wurden von klaren Bächen durchflossen. Im Gebiet des Hermon wurde die Gegend wilder und die Wege schlechter, so dass besonders Ibrahim, dessen Pferd das Gepäck zu tragen hatte, nur langsam vorankam. Johannes legte deshalb den ermüdenden letzten Teil der Reise durch die Ebene in drückender Hitze allein zurück. Seine Begleiter kamen erst am nächsten Tag in Damaskus an. Wegen der Unterbringung über Nacht brauchten die Reisenden sich in diesem Lande keine Sorgen zu machen: sie genossen „die echte arabische Gastfreundschaft“. Johannes spricht am Ende des Briefes davon, dass er nach Erledigung seines Anliegens noch über Baalbek nach Beirut reiten wolle, was etwa vier Tage in Anspruch nehmen werde.
Seit seiner Heirat stand Johannes seine junge Frau Hannah zur Seite. Fünf der im ganzen acht Kinder des Paares sind in Nazareth geboren; allerdings wurden ihnen zwei davon schon nach wenigen Jahren durch den Tod entrissen. Schon um die Zeit der Geburt des ältesten Kindes Samuel Friedrich (* 18. 7. 1860) vergrößerte sich der Haushalt um sieben syrische Waisenkinder, die Johannes aufgenommen hatte, obwohl seine Gesellschaft auch dafür keinen Zuschuss gewährte.
Hannah Zeller fand bald Vertrauen und Zuspruch von Seiten der Frauen in der Gemeinde. Begonnen hatte es mit einem bewährten Augenwasser, das sie mitgebracht und in einigen Fällen erfolgreich angewandt hatte. Bald hatte sie eine regelrechte kleine ärztliche Praxis. Immer häufiger kamen auch in anderen Nöten vor allem die Mütter des Städtchens zu ihr, und sie war froh, diesen oft viel zu jungen und durch keine Erziehung auf ihre Rolle vorbereiteten Frauen mancherlei Rat und Hilfe geben zu können, denn es war traurig mit anzusehen, wie viele Kinder einfach wegen der Unkenntnis der Araberinnen in Sachen Haushaltsführung, Ernährung und Krankenpflege früh sterben mussten. Hannah hielt auch Bibelstunden für Frauen, gewöhnlich kamen dazu 12 bis 15 von ihnen.
Über seine Arbeitsverpflichtungen und seinen Tagesablauf schreibt Johannes in einem Brief an Dr. Barth in Calw am 16. September 1861: „Alle Gottesdienste in Nazareth (zweimal am Sonntag samt einer Gebetsstunde nach Sonnenuntergang) wie die wöchentlichen Bibelstunden, Krankenbesuche, Schulaufsicht, müssen von mir allein versehen werden. Jede Unregelmäßigkeit in Versehung dieser Pflichten zieht einen fühlbaren Schaden für die Gemeinde in Nazareth nach sich, und doch sind solche Unregelmäßigkeiten unvermeidlich, weil die Sorge für die vielen Außenstationen auf mir allein liegt und dies natürlicherweise öftere Abwesenheit von Nazareth nötig macht. Der Gottesdienst in Nazareth am Sonntag ist von 60 bis 80 Leuten besucht. Etwa ein Dutzend meiner Gemeindeglieder haben es nun so weit gebracht, dass sie von mehreren Teilen des Neuen Testaments eine genaue Übersicht des Inhalts anzugeben im Stande sind. Wie viele Leute einer Dorfgemeinde der Heimat - trotz aller Schulbildung - können dies? Vielen meiner Gemeindeglieder ist es nun Bedürfnis, die Wahrheit auch andern ans Herz zu legen.
Von welcher Bedeutung für die Förderung des Reiches Gottes die Gründung von Schulen ist, brauche ich nicht auseinander zu setzen. Der ganze landesübliche Unterricht besteht darin, daß die Kinder von Mohammedanern einen Abschnitt aus dem Koran, die der Christen eine Anzahl Psalmen herplappern lernen. Mehr verstehen nämlich auch die Lehrer nicht. Auf diese Weise lern en die Kinder natürlich nicht einmal ihre Muttersprache. Allein gerade ein guter Unterricht im Arabischen, dieser schönen, ungemein reichen und grammatikalisch und syntaktisch so außerordentlich reich ausgebildeten Sprache wäre ein Hauptbildungsmittel für die Araber und müßte besonders ihr Denkvermögen wieder wecken, das durch die landesübliche Art zu lernen so zur Ruhe gekommen ist, dass man tausendmal am Tag von groß und klein die Antwort hört: „Weiß ich das?“ oder „AIlah allam“ (Gott ist weise). Zu gutem Unterricht braucht man aber gute, gebildete Lehrer, und die sind in Palästina rar... Zu meinem großen Bedauern hält nun ... die Church Missionary Society die Eröffnung von Schulen für Nebensache, will daher hierfür nichts ausgeben, so wenig als für Heranbildung von Schullehrern.“
Johannes benützte jede Gelegenheit, um auch mit Mohammedanern in ein Gespräch über Glaubensdinge zu kommen. Deren Einwände gegen die christliche Religion und Kirche bezogen sich damals wie heute hauptsächlich auf die Bilderverehrung, die Unfehlbarkeit des Papstes und auf die göttliche Natur Christi. Die Trinitätslehre ist für einen Muslim ganz unannehmbar, da es doch nur einen Gott gibt, Allah. Johannes hat in diesen Punkten durch gemeinsames Lesen von Schriftstellen und das Bereitstellen geeigneter Literatur (z.B. Pfanders „Schlüssel der Geheimnisse“) manchen gebildeteren Araber oder Türken zu besserem Verstehen und mehr Bereitschaft zur Toleranz gebracht. Gelegenheit dazu fand er bei Besuchen von Würdenträgern in Nazareth, aber auch aus Anlaß einer Einquartierung von türkischen Offizieren. Er war beeindruckt und erfreut durch die Offenheit und das Interesse für religiöse Fragen, die er bei vielen dieser Leute fand. Einer der Offiziere kam sogar häufig in die Bibelstunden. „Einmal, als er in unserem Schulzimmer das zweite Kapitel Matth. las, wurde er von der Geschichte der Geburt unseres Heilandes so entzückt, daß er sich trotz seines mangelhaften Arabisch nicht enthalten konnte, dieselbe den Anwesenden zu erzählen und zu erklären.“ Freilich genoss Johannes auch den Ruf eines besonders hartnäckigen Gesprächsführers, hörte er doch selbst einmal einen der Anwesenden bei einer solchen Debatte zu dem Unterlegenen, einem Katholiken aus Beirut, sagen: „Habe ich dich nicht gewarnt, mit dem Missionar nicht über Religion zu reden?“ - Am Ende eines Gespräches mit Mustafa Pascha aus Acca fügt Johannes hinzu, dass Zweck und Erfolg seiner Arbeit „nicht nur in einer gewissen Aufklärung, sondern in der Erreichung eines Herzenszustandes liegen“, den er dem Pascha so erklärt: „Die christliche Religion ist nicht bloß eine Form oder ein äußeres Bekenntnis, sondern hat in dem Herzenszustand, in dem Stand der Buße, des Gehorsams, der Heiligung und Gemeinschaft mit Gott ihr Wesen. Sobald die Menschen dies vergessen, wird auch ihre Religion dem gemäß den Stempel des Abfalls in ihrer Form und ihrer Lehre an sich tragen.“
Solche zum Teil recht anspruchsvollen Gespräche und die Arbeit mit den jungen Männern in seinen Bibelstunden sind „die hellere Seite unserer schweren Arbeit“, wie er an Dr. Barth schreibt: „Es ist eine wahre Freude zu sehen, wie etwa ein Dutzend junge Männer, die regelmäßig die zwei wöchentlichen Bibelstunden besuchen, an den schwülsten Abenden ihre Aufmerksamkeit darauf richten, das Wort Gottes nicht nur zu hören, sondern auch zu begreifen und zu verarbeiten. Oft prägt sich auf ihren Gesichtern ein lebhaftes Erstaunen und Vergnügen aus, wenn durch direkte und schlagende Anwendung des Wortes Gottes ihnen ein neues Licht aufgeht oder gewisse Verhältnisse des Lebens ihnen zu klarerem Verständnis kommen.“
Wenn Johannes sonst in „diesem finsteren, unter einem besonderen Fluche seufzenden Lande“ um sich blickt, sieht er überall den „Prozeß der Zersetzung in der tief zerrütteten mohammedanischen Welt“. In einem Brief an Albert Zeller vom 19. August 1863 kommt dies auch auf politischem Gebiet zum Ausdruck. Er erzählt von einem Besuch von Benoni Gobat, einem Bruder von Hannah Zeller, der Pfarrer in England war. Die Reise hatte er zusammen mit seiner Frau auf einem österreichischen Dampfschiff gemacht. Über Jaffa kamen sie nach Caiffa, wo sie Johannes nachmittags mit den nötigen Pferden abholte. Der Maultiertreiber mit dem Gepäck und ein ihn begleitender Franziskanermönch gingen eine halbe Stunde vor ihnen von Caiffa weg. Als die Reiter, schon bei Dunkelheit, an einer Quelle zwei Meilen vor Nazareth ankamen, fanden sie den Treiber in seinem Blute liegend, aber noch lebend, und den Mönch gefesselt neben den fast geleerten Koffern. An die Schilderung des Raubüberfalls, durchaus nicht des einzigen in dieser Zeit und dieser Gegend, knüpft Johannes die folgende Betrachtung:
„Das Schlimmste aber ist, daß man diesen Zustand der Polizei der türkischen Regierung zuschreiben muss. Die Sorge nämlich für die Sicherheit des Landes gegen die Beduinen war bisher dem Akyle Aga, einem mächtigen Beduinenhäuptling, anvertraut. Dieser war ganz der Mann für einen solchen Posten und tat auch seine Pflicht getreulich. Aber der türkische Pascha von Akka arbeitete bei der Regierung gegen ihn aus Neid auf den Einfluß, den Akyle Aga durch sein Amt gewann, und es gelang ihm auch endlich, denselben abzusetzen. Er fragte freilich nicht danach, wie schwer das ganze Land unter den Folgen davon zu leiden hat, und wußte doch wohl, dass er mit all seiner Macht nicht den geringsten Dieb einzufangen im Stand ist; um so weniger kann er jetzt dem Land wieder Sicherheit verschaffen, da er den Akyle Aga und mit ihm alle Beduinen zu Feinden seiner Regierung gemacht hat. Abgesehen davon habe ich besondere Ursache mich zu hüten. Der Pascha hat bereits Beschwerden über mich beim englischen und preußischen Konsul vorgebracht, und weil er weiß, daß Akyle Aga auf freundschaftlichem Fuß mit mir stand, so braucht er jetzt alle möglichen Lügen und Ränke, um mich als den Urheber der gegenwärtigen schlimmen Lage hinzustellen...“
Bevor Akyle Aga in Ungnade fiel, machte Johannes im Mai 1863 eine längere Reise in das von vielen Beduinen bewohnte Gebiet östlich des Jordans zwischen dem See Tiberias und dem Haurangebirge. Auch von diesem Ritt ist ein Brief an Hannah Zeller, vom 19. Mai 1863 aus Bosrah, erhalten. Johannes berichtet, dass er und seine Begleiter - seine Karawane enthielt 40 Maultiere und Pferde und 20 Männer! - vier Tage zuvor das Lager des Akyle Aga verlassen hätten und, anfangs meist durch die fruchtbaren Täler der Flüsse Jarmuk und Jaboc, über Hamma, Um Kais (wohin sie ihr Gepäck vorausgeschickt hatten) und Mazerib, Meron und Deraa nach Bosrah gekommen seien. Ihre Gastgeber unterwegs sind diesmal Beduinenscheichs; auch er und seine Begleiter reisen mit Zelten. Aus einem später in Jerusalem gehaltenen Vortrag von Johannes (Palestine Exploration Fund, Quarterly Statement for 1901) erfahren wir, wie die Gastfreundschaft dieser Beduinen aussah: Trotz der Größe der Karawane bestanden sie darauf, sie alle als Gäste zu verköstigen. Als sie einmal schon nach dem Frühstück aufbrechen wollten, bestand der Scheich darauf, dass sie innerhalb von zwei Stunden alle drei Mahlzeiten des Tages bei ihm einnahmen!
Das Land enthält viele Überbleibsel aus römischer Zeit, auch eine antike Wasserleitung. In Bosrah, vor dem Westhang des Hauran, fand er türkische Truppen, für deren Kommandanten er einen Brief von Hassan Pascha in Mazerib hatte. Ungefähr 1200 Soldaten - Artillerie, Kavallerie und Infanterie - waren dort in einem Lager zusammengezogen. Gerade eine Woche vorher hatten hier Kämpfe zwischen Türken und Beduinen stattgefunden. Johannes aber wurde von beiden Seiten, türkischen Offizieren und einem drusischen Beduinenscheich, freundlich eingeladen und bewirtet.
Wieder ist Johannes ein begeisterter und interessierter Schilderer der Landschaft. Hier seien zwei Abschnitte aus seinem Brief zitiert (übersetzt aus dem Englischen): ,,Wir überquerten den Jarmuk und den Jaboc in zwei breiten Strömen, die beinahe so breit waren wie der Jordan. Die ganze Ebene war voll von herrlichen Oleanderbüschen, so hoch wie mittlere Olivenbäume und in voller Blüte stehend. Wir folgten dem Strom aufwärts, dessen Ufer von ungeheuren, senkrechten Klippen gesäumt sind, auf einer Seite aus schwarzem Basalt, auf der andern aus Kalkstein. Wir erreichten Hamma nach einer weiteren Stunde; die Hitze in dieser Schlucht war etwas Furchtbares. Die beißen Quellen sind in der Nähe des Flusses. Das Tal ist ein Garten von Oleander, Kiefern und anderen Bäumen, an einer Stelle sogar Palmen. Im größten Bad neben einer alten Ruine fanden wir eine Menge Beduinenfrauen im Wasser, und als sie weggegangen waren, nahmen wir ein Bad. Ich wählte einen schattigen Platz unter Oleanderbäumen. Es war köstlich... Ein Trunk aus dem Fluß war bei der Hitze ein Labsal. Nach einem sehr langen und ermüdenden Aufstieg erreichten wir Um Kais um ein Uhr und fanden unser Gepäck unter einem riesigen Ahorn im Zentrum der Ruinenstadt. Hier rasteten wir und nahmen ein Mittagsmahl; wir untersuchten die Ruinen, die aus zwei Amphitheatern und etwa 200 Höhlen mit steinernen Türen bestanden, die als Gräbergedient hatten. Die herrlichen Sarkophage bedeckten den Boden darüber. Ich nahm mir einen Beduinen, der uns nach zweieinhalbstündigem Ritt zum Lager von Abdallah und Ahmedy, dem großen Scheich der Beni Sacher, brachte. Dieser Weg führte uns durch herrlichsten Eichwald, und das von Tausenden von Kamelen umgebene Lager der Beduinen war sehr malerisch. Aber das Beste war die große Güte und Gastfreundschaft dieses Scheichs. Er bereitete uns ein ausgezeichnetes Dinner, und wir speisten auf arabische Weise und genossen die frische warme Kamelmilch mehr als alles andere...
Kurz vor Bosrah hatte sich die Landschaft verändert: ,,Die Beduinen hatten sich von uns verabschiedet, und ich engagierte einen Mann von Rench (Remte?), einen Protestanten namens Ibrahim Aba Hanna, um mit uns nach Bosrah zu gehen. Am Morgen regnete es ein wenig, nachher wurde es sehr heiß. Unsere Straße war ausgezeichnet, man hätte darauf mit einer Kutsche fahren können. Das Land war überall bedeckt mit den schönsten Erntefeldern, und die Leute waren mit der Gerstenernte beschäftigt. Wir sahen jedoch auf dem ganzen Weg nur einmal einen einzeln stehenden Baum. Viele verfallene Dörfer sind über die Ebene verstreut, und die wenigen bewohnten Orte sind nicht viel besser als Ruinen und sehen traurig genug aus, da sie aus unregelmäßig verbauten schwarzen Steinen bestehen und die Dächer aus langen Steinplatten gebildet sind, die über Bögen gelegt werden.“
Warum hat Johannes solche Reisen unternommen? Ihr offizieller Zweck war es, von Zeit zu Zeit die im Lande verstreut wohnenden Protestanten aufzusuchen. Gewiss entsprachen sie auch seinem Wunsch, das Land der Araber, die er liebte, gründlich kennen zu lernen. Bei längeren Fahrten trug er Briefe bei sich, die er bei den unterschiedlichsten Empfängern ablieferte. Sie enthielten nicht nur Empfehlungen, sondern auch Grüße und Nachrichten. Er führte Gespräche mit Scheichs, türkischen Paschas und englischen Offizieren und genoss deren Gastfreundschaft, pflegte dabei auch Kontakte zwischen Entfernten abseits der Städte und vertrat Anliegen der ihm anvertrauten Menschen. Dies war kein müßiges - und auch kein ungefährliches - Unterfangen in einem Land mit solch lückenhafter und fremder, nur auf Bedrückung ausgerichteter Verwaltung. Für eine solche Rolle war Johannes besonders geeignet, einmal weil er ein ausgezeichneter Reiter war, woran man sich in Jerusalem noch erinnerte, als sein Neffe Willy Zeller (ZB § 76) als Pfarrer in Jaffa wirkte (1906-1912). Außerdem hatte er die Achtung der Beduinen gewonnen, so dass das Quarterly Statement nach seinem Tod feststellte, dass er in dem Jahrzehnt zwischen 1860 und 1870 einer der wenigen Männer war, die sich überall allein und in vollkommener Sicherheit bewegen konnten.
Aus den ersten Jahren des Johannes Zeller in Nazareth wollen wir noch ein Zusammentreffen erwähnen, das außerhalb seines eigentlichen Aufgabenfeldes lag, dem er aber doch viel Aufmerksamkeit widmete. Es stand im Zusammenhang mit der seit 1854 von Christoph Hoffmann, dem Sohn des Gründers der Gemeinde Korntal, geleiteten „Deutschen Tempelgesellschaft“. In Anlehnung an die alttestamentlichen Weissagungen strebte diese Gemeinschaft eine „Sammlung des Volkes Gottes“ in Jerusalem an. Zwar konnten sie dieses Ziel nicht im ursprünglichen Sinn verwirklichen, aber sie waren gute Kolonisten, weshalb ihre seit 1869 in Palästina gegründeten Kolonien Haifa, Jaffa, Sarona und Jerusalem vom deutschen Reich unterstützt wurden. Schon 1861 tauchte eine kleine Gruppe dieser Menschen, die vom Kirschenhardthof bei Backnang ausgezogen waren, bei Johannes Zeller auf, von dem sie Hilfe bei der Suche nach einer günstigen Örtlichkeit für eine Niederlassung erbaten. Sie hatten mit der Leitung gewisse Auseinandersetzungen wegen Eigenmächtigkeit gehabt. Johannes setzt sich in Briefen an Christoph Hoffmann warm für diese Leute ein, da er besonders den jungen Hochstetter als einen tüchtigen Mann mit landwirtschaftlichen Fähigkeiten erkannt hat. Er rät ihnen zur Ansiedlung an einem Ort namens Sinschar, wo bestes Wasser, bester Boden für Weizen und ein günstiges Angebot für den Kauf des Geländes vorhanden seien. Bei der Beschreibung dieser Vorteile erweist sich Johannes als fachmännischer Berater, der alle Anbauchancen für Weizen, Gerste, Sesam, Kursenne (eine Art Futterwicken) und Linsen geprüft hat. Er schlägt außerdem noch den Anbau von Baumwolle, Tabak und Kartoffeln als möglich vor. Auch über die finanzielle Seite des Unternehmens kann er genaue Angaben machen, ja, er bietet sogar an, selbst ein gewisses Kapital vorzustrecken, das für die Anschaffung von sechs Ochsen, Saatfrüchten und Hausbedarf für den Anfang nötig wäre. Johannes leistet all diese Unterstützung, obwohl er schon vorher dem Anerbieten Hoffmanns, die Leitung dieser Ansiedlung mit dem Kirschenhardthof zu übernehmen, eine Absage erteilt hat. Freimütig gibt er seinen Grund dafür an (Brief vom 14. September 1861): „... weil ich mich Ihrer durch die Süddeutsche Warte charakterisierten Art, das Reich Gottes aufzurichten, durchaus nicht anschließen kann. Das Ziel alt- und neutestamentlicher Weissagung ist das neue himmlische Jerusalem; der Weg zu diesem Ziel ... für die Einzelnen wie die Völker ist Christus.“
Für dieses Projekt hat Johannes zusammen mit den Tempelbrüdern mehrere Touren zur Feststellung und Prüfung der günstigsten Lage unternommen. Gewiss hat er sich gefreut, einmal wieder mit Menschen aus seiner engsten Heimat sich unterhalten und ihnen helfen zu können, zumal er die landwirtschaftliche Ansiedlung tüchtiger junger Schwaben als einen Gewinn sowohl für die ländliche Region Nazareth wie auch als Beispiel für christliche Gesittung in seiner Gemeinde ansah. - Eine größere Ansiedlung der Tempelgesellschaft in Sinschar fand erst in den Jahren 1867/68 statt. Den ungefähr 30 Siedlern hat damals Missionar Zeller Hilfe geleistet, als sie an heimtückischem Fieber erkrankten und mit wenigen Ausnahmen innerhalb kurzer Zeit dort starben.
Nach fast 20 Jahren Missionstätigkeit in Nazareth erhielt Johannes 1876 die Stelle eines Missionars für die christliche Arabergemeinde in Jerusalem im Dienst seiner anglikanischen Missionsgesellschaft, deren Sekretär für Palästina er wurde. Man darf annehmen, dass er nun die inzwischen auf sicherem Boden stehende, unter ihm zur Blüte gelangte Gemeinde in Nazareth ruhigen Herzens verlassen konnte.
In Briefen an die Geschwister hatte Johannes gelegentlich geklagt, dass ihm heftige Kopfwehanfälle, Schlaflosigkeit und Entzündungen der Augenlider häufig zu schaffen machten; längere Aufenthalte in der Schweiz (1869/70) und anderen Gegenden Europas (1873 und 1875) haben auch der Erholung von seiner Beanspruchung durch die Arbeit im anstrengenden Klima Nazareths gedient. Das Jerusalemer Klima wird als frischer und angenehmer geschildert. In Nazareth hatte Johannes anregenden Umgang mit wissenschaftlich gebildeten christlichen Männern oft schmerzlich vermisst. In Jerusalem wird er in dieser Hinsicht keinen Mangel mehr verspürt haben, besonders solange sein Schwiegervater, Bischof Gobat, noch lebte. Nach dessen Tod, am 11. Mai 1879, wurde Johannes mit der Leitung der Zionsschule, Gobats „Diocesan School and Praeparandi Institute“, betraut. Diese Anstalt war Schule, Internat und Waisenhaus zugleich; Johannes hatte schon von Nazareth aus häufig begabte junge Araber und syrische Waisen zur Ausbildung dorthin geschickt. Auch mit dem Mädcheninternat der Kaiserswerther Schwestern, Talitha Kumi, hatte er ähnliche Beziehungen unterhalten. Für die heranwachsenden Zellerkinder schließlich war die deutsche Schule in Jerusalem jetzt eine Notwendigkeit geworden.
Für die Zeit in Jerusalem gibt es eine sehr persönliche Quelle, die wir getrost benützen dürfen, um ein zutreffendes und anschauliches Bild vom Leben der Familie erstehen zu lassen.
Johanna Zeller (geb. 1876, ZB § 56,7 und § 65), die nach dem Tode ihrer älteren Schwester Luise (Lucy) deren Mann, Dr. med. Ernest Masterman, heiratete, hat als junges Mädchen unter dem Pseudonym „Johanna Siegfried“ (für Siegfried siehe ZB § 427) einige Jugendbücher geschrieben. Sie erschienen zwischen 1900 und 1902 im Basler Verlag Kober, D.F. Spittlers Nachfolger, und sind leider nicht mehr zu bekommen. Übrigens brachte der gleiche Verlag auch zwei Erzählungen ihrer Mutter Hannah Zeller heraus. Im Besitz der Verfasserin befindet sich das Buch „Jerusalemer Kinder“ von Johanna Siegfried, das nach Johannas eigener Aussage sehr wirklichkeitsgetreu aus dem Leben des Johannes Zeller und seiner Familie erzählt. Zwar tritt das Elternpaar als „Herr und Frau Missionar Werner“ auf, und die Vornamen der Kinder sind geändert, Johanna selbst ist die Lisa der Geschichte. Nur die vierjüngeren der Kinder sind in die Geschichte einbezogen. Die Geburtstage der „Eltern Werner“ sind, wie bei Zellers, kurz nacheinander im Spätherbst, und „Herr Werner“ erzählt seinen Kindern, dass er keine Eltern mehr hatte, als er so alt war wie der älteste Sohn. Auch des Vaters Kopfweh ist erwähnt. Natürlich mögen die einzelnen Episoden und Abenteuer teilweise frei ausgestaltet sein, aber es entsteht doch vor uns, sicher ganz echt, ein in wahrhaft wunderbarer Freiheit, aber auch in warmer Geborgenheit sich abspielendes Kinderleben voller Abwechslung und sinnvollen Erfahrungen. Da erwächst das damalige Jerusalem mit seinen vielen, in eigenen Vierteln wohnenden Völkerschaften und deren religiösen und familiären Bräuchen vor unserem Blick.
Die Kinder lernen die historischen Gebäude und die heiligen Stätten der Mohammedaner kennen und dabei die Achtung auch vor Traditionen und Überzeugungen der anderen. Man zeigt uns bei den überraschend weiträumigen Unternehmungen der Kinder - meist auf Eselsrücken - die Umgebung der Stadt mit ihren zu frommem Gedenken an die heiligen Geschichten, aber sonst auch zu allerlei Abenteuern einladenden Hügeln, Ölbaumgärten, Teichen und Felsenhöhlen.
Die Geschichte beginnt mit der Rückkehr „Frau Werners“ aus Ägypten, wo sie die Schwefelbäder von Heluan gebraucht hatte. Für Hannah Zeller ist dies für 1887 bezeugt. Der jüngste Sohn hatte sie begleiten dürfen. Es wird die Einfahrt des Dampfers in den Hafen von Jaffa geschildert. Die großen Schiffe konnten wegen der Klippen nicht an Land anlegen, sondern die Passagiere mussten in Boote umsteigen, die von je acht arabischen Ruderern und einem Steuermann gelenkt wurden. Die Fahrt war bei stürmischem Wetter unmöglich, aber auch sonst eine aufregende und recht nasse Angelegenheit. Die Reise zu Land bis Jerusalem musste zu Pferde zurückgelegt werden. In der Geschichte fährt „Missionar Werner“ den Reisenden in einem solchen Boot bis zum Dampfer entgegen, und später werden die Zurückkehrenden von der ganzen deutschen Schule - 25 Kinder auf Eseln! - oberhalb des Dorfes Colonia abgeholt.
Die deutsche Schule lag im Nordwesten der Stadt, die Kinder hatten nur acht Minuten dorthin zu gehen. Die Familie wohnte im Missionshaus, dessen Besitzer und auch Bedienstete Araber waren. In unmittelbarer Nachbarschaft lag ein Mönchskloster mit großem Obstgarten. Johanna beschreibt das Haus folgendermaßen: „Auf der einen Seite des Tores befand sich das Dienerzimmer und der Stall; auf der andern die Wohnung des Hausbesitzers Skandar, der mit seiner Frau und fünf Söhnen von der Miete des Missionshauses lebte und im übrigen faulenzte und seine fünf Söhne zum gleichen Beruf erzog, denn sie stammten aus einer guten, vornehmen Familie.
Von diesen beiden Torhäuschen führte ein weißer Kiesweg durch den langen, etwas schmalen Garten nach dem Wohnhaus der Familie. Die untere Hälfte des Gartens war mit Reben angepflanzt, dann kamen die Blumenbeete, die jetzt, Ende März, in bunter Pracht prangten. Dicht am Haus breiteten zartblättrige Pfefferbäume die Aste aus und streckten die Zweige bis zu den obersten Fenstern herein; eine schlanke, dunkle Zypresse überragte diese und wiegte den Wipfel bis über den Rand des flachen Daches. Zahlreiche Mandel- und Feigenbäume, dichtes Rosmarin- und Goldregengebüsch und strahlendrot blühende Granatapfelbäume verliehen dem Garten einen wunderbaren Reiz.“
Ohne Zweifel handelt es sich hier um eine Beschreibung der Wohnung der Familie Zeller. Der Tag begann im Hause mit einer Morgenandacht, die der Vater für die Diener in arabischer Sprache hielt, und endete für die Familie mit einem gemeinsamen Abend: „Oben im großen Wohnzimmer setzte sich der Papa in seinen Lehnsessel, Mansur brachte die Wasserpfeife, stellte sie auf den Boden und reichte „Herrn Werner“ den langen, roten Schlauch. Der Papa tat einige Züge - ja, es brannte gut, die glühenden Kohlen, oben auf dem sogenannten Kopf des Nargileh, leuchteten auf, das Wasser in dem Glasbehälter gurgelte; nun war es recht. - Rings um den Sessel, auf weichen orientalischen Teppichen, lagerten sich die Kinder... Am Tisch saß die Mama mit einer Handarbeit... Dann fing der Papa an. Er erzählte langsam, und oft gab es lange Pausen, während er mehrere Züge aus dem roten Schlauch tat; abergerade das machte die Geschichte noch spannender: „Es lebte einmal zur Zeit des Kalifen Harun er Raschid ein Mann namens Ali. Dieser Ali hatte eine Frau, die hieß Afife. Beide waren sehrarm, und als sie eines Tages nichts mehr zu essen hatten, setzten sie sich vor die leere Schüssel und überlegten, was sie tun wollten...“
Auch von den Sonn- und Festtagen erzählt Johanna: „Die Kinder gingen sonntags abwechselnd in die deutsche Kapelle und in die arabische Kirche, in welcher ‚Missionar Werner’ predigte. Sie konnten nicht arabisch lesen und auch der Predigt nicht immer folgen, deshalb durften sie öfter zu den deutschen Gottesdiensten gehen. - Die im Jahre 1898 vom deutschen Kaiser eingeweihte Erlöserkirche, war damals noch nicht erbaut, und der ganze Platz Muristan, auf dem sie heute steht, bestand aus den Ruinen einer alten Kreuzfahrerkirche und eines Klosters, dessen Kreuzgänge, Hof und Kapelle noch einigermaßen erhalten waren. In dieser Kapelle fanden die deutschen Gottesdienste schon seit dem Jahre 1871 statt.’
Nach dem Gottesdienst besuchten die „Eltern Werner“ noch Familien der arabischen Gemeinde. Besondere Feste waren der Ostersonntag und das Neujahrsfest. Auch darüber lesen wir: „Mit den Eltern zusammengingen die Kinder dann in die arabische Kirche; denn zur deutschen Kapelle hätten sie vor Gedränge am Ostersonntag kaum gelangen können... In der Kirche saßen die Frauen, alle in auffallend bunten Kleidern, mit ihren kleinen Kindern auf der einen, die Männer mit den Knaben auf der andern Seite. Doch alle miteinander sangen die Psalmen und Lieder so herzhaft kräftig dass es eine Freude war. Nach dem Gottesdienst war draußen vor der Kirchtüre eine allgemeine Begrüßung, und nur schwer entkamen „Werners“ den Freundschaftsbezeugungen der Araber. Zu Hause angekommen, übersah „Frau Werner“ noch einmal die untere Empfangshalle und bereitete sich dann oben vor, die Frauen der Gemeinde zu begrüßen. Nach wenigen Minuten schritt ein langer Zug Männer, angeführt vom arabischen Geistlichen und einem Lehrer, den Garten entlang. „Herr Werner“ empfing sie in der unteren Halle und vernahm und erwiderte die Ostergrüße, worauf sich die Männer auf die Diwane, die sich rings den Wänden entlang zogen, niederließen. Mansur reichte alsbald Zigaretten umher, und die Unterhaltung begann. Kaum waren die letzten der Männer in der Halle verschwunden, da kam der Zug der Frauen, die oben von „Frau Werner“ empfangen wurden. Die Kinder wurden nun der Reihe nach geräuschvoll abgeküßt, und zwar stets auf beide Backen. „Frau Werner“ unterhielt sich gleich auf das liebenswürdigste mit den Araberinnen. Sie ging zuerst auf die häuslichen Sorgen der Mütter ein und lenkte dann geschickt das Gespräch auf höhere Dinge. Sie erzählte in ihrer frischen Art von anderen Missionen in fernen Ländern und versuchte die Frauen für noch andere Dinge als ihr Haus und ihre Nachbarn zu interessieren, was ihr auch gelang... Nach einer Weile präsentierte Mansur Wein und Gebäck, und zum Schluß kam der schwarze Kaffee... Nach dem Kaffee erhob sich der arabische Geistliche, und ihm folgten alle Männer, um Abschied zu nehmen... Alljährlich zu Ostern und zu Neujahr kam die ganze Gemeinde, wohl 40 bis 50 an der Zahl, um dem Missionar und seiner Frau auf diese Weise ihre Segenswünsche auszusprechen.“
Von einem besonders schönen Weihnachtsabend wird berichtet, zu dem die jungen „Werners“ allerlei Kinder sammelten, die kein Weihnachten hatten, und ihnen mit eigenen Spielsachen aus ihrem Überfluss eine Bescherung bereiteten. Es wurden neun Juden- und Mohammedanerkinder aus armen Familien abgeholt. Ihnen wurde die Weihnachtsgeschichte erzählt und erklärt, und sie hörten die deutschen Weihnachtslieder, von den Missionarskindern gesungen. - Das Buch schließt mit einem Abschied der ganzen Familie „Werner“ von Jerusalem und den arabischen Freunden, da sie im Frühjahr nach Deutschland reisen wollen, wo sie Alfred, den Altesten, in einem Gymnasium unterbringen werden, um nach einigen Monaten wieder nach Jerusalem zurückzukehren. Man freut sich auf die Vettern und Basen, die man in des Vaters Heimat kennen lernen wird.
Aus dem Jahre 1878, ein Jahr vor Bischof Gobats Tod, existiert ein englischer Bericht über die Schule auf dem Zion, unterschrieben von „John Zeller, Missionary of the Church Missionary Society, in charge of the Diocesan School at Jerusalem“. Wie früher von Nazareth aus, hat der Bericht die Funktion eines Appells an Freunde der Mission, die aufgefordert werden, sich an den Kosten für Unterhalt und Erziehung eines Zöglings -10 £ jährlich - zu beteiligen. Ein Jahresbericht dieser Schule von 1889/90, in deutscher Sprache von Johannes Zeller abgefasst, gibt uns noch einmal einen Überblick über Anliegen und Zustand der Mission im Orient, wie sie Johannes sieht. Hier sei einiges daraus wiedergegeben: „Es ist (aber) nicht genug, dass Jerusalem europäisch werde, sondern der Wunsch jedes wahren Christen ist der, dass es wieder das Eigentum des Herrn werde und dass das Gesetz und das helle Licht des Evangeliums ausgehen möge aus Zion bis in die dunkelsten Winkel des Orients. Manche, die mit dem wirklichen Zustand der morgenländischen Kirchen wenig bekannt sind, meinen, es sei unrecht, diesen das Evangelium zu verkündigen, weil sie ja schon das Wort Gottes und die Gnadenmittel haben. Aber wer nähere Einsicht hat, dem ist es nicht schwer zu sehen, daß ihr Leuchter hinweggenommen ist, dass die morgenländische Christenheit in einem Zustand des Stillstands... versunken ist. Die heilende Kraft des Evangeliums belebt ihre Glieder nicht; abergläubische Sitten und Zeremonien sind an die Stelle eines neuen, Früchte des Geistes tragenden Lebens getreten.“
Auch hier beklagt er wieder die Feindschaft zwischen den verschiedenen christlichen „Parteien“ in Jerusalem: „Bei dem Fest des hl. Feuers in der Grabeskirche am Samstag vor Ostern mussten auch dieses Jahr wieder türkische Soldaten die streitenden Griechen, welche einander das hl. Feuer auslöschen wollten, mit den Gewehren auseinanderhalten. Diese Zeremonie am Samstag vor Ostern hat nicht einmal eine symbolische Bedeutung In der schönen, altertümlichen Geburtskirche in Bethlehem stehen Tag und Nacht an verschiedenen Stellen türkische Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten.“
Inzwischen hat Johannes’ älteste Tochter Margarete (ZB § 62) sich mit Dr. Johannes Lepsius verheiratet, der 1884 als Hilfsprediger und Lehrer nach Jerusalem gekommen war, später nach Berlin ging und dort das armenische Hilfswerk und 1897 die Deutsche Orientmission begründete. In einem Brief an Sophie Zeller schildert Hannah Zeller den Schwiegersohn als „stattlich, gewandt und kräftig, ein trefflicher Musiker und prächtiger Sänger“.
Die Hochzeit fand am 29. Juni 1886 in Jerusalem statt; schon 1887 verließ das Paar Palästina, um nach Friesdorf im Harz, Kreis Mansfeld, zu ziehen, wo Lepsius Pastor wurde. Da der älteste Sohn Friedrich Zeller (ZB § 61) kurz darauf als Pastor nach dem nahen Biesenrode zog, bildete sich dort am Harz eine Art neues Familienzentrum, das bald auch für die Eltern Zeller sehr wichtig wurde. Ein Vetter von Johannes Lepsius war damals Oberpfarrer in Wernigerode am Harz; wohl deshalb wurde der jüngste Sohn Albert Zeller (Berti) ab 1890 auf das dortige Gymnasium geschickt, wo er es, wie seine Mutter schreibt, wahrscheinlich leichter hatte als auf einem württembergischen Gymnasium. Offenbar war dies eine Erfahrung, die die beiden älteren Söhne Friedrich und Theodor hatten machen müssen!
Zwischen Johannes Zeller und Lepsius findet nun in Briefen ein reger Austausch statt. Lepsius sendet dem Schwiegervater die Korrekturbögen für sein Drama „Ahasver“; dieser bekommt auch Einblick in Lepsius’ im Entstehen begriffenes Werk über den Tempel des Ezechiel. Johannes rät dem Jüngeren, mit der Fertigstellung des Buches und mit vielleicht voreiligen Schlüssen abzuwarten, bis die von Johannes mit Interesse verfolgten Ausgrabungen des Engländers Dr. Bliss beim Berg Zion ein Resultat brächten. - Umgekehrt vertraut Johannes dem fernen Schwiegersohn auch Sorgen und Kümmernisse mit seinen in Deutschland weilenden Söhnen an, über deren Schritte und Pläne sich der Vater nicht genug informiert fühlt. Es handelt sich um die richtigen Schulen für sie, den Militärdienst, die Wahl des Studiums - bald auch um Verlobung und Hochzeit des ältesten Sohnes. All dies findet in weiter Ferne statt. Dass sie in den so entscheidenden Jugendjahren sich von ihren Kindern der Ausbildung wegen trennen müssen, das ist das schwerste Opfer, das von Missionsleuten verlangt wird, so hatte sich Hannah Zeller in einem Brief ausgedrückt. Auch die Töchter erhielten nach der Jerusalemer Schule noch eine europäische Weiterbildung. Sie wurden jede für etwa zwei Jahre nach Montmirail bei Neuchâtel / Schweiz geschickt. Dort war ein Institut der Brüdergemeine, in dem sich seinerzeit schon die Mutter wohlgefühlt hatte.
Zur Erholung nach schweren Fieberanfällen hatte sich Johannes 1887 eine mehrwöchige „Luftkur“ in Brumana im Libanon zugestehen müssen, die ihm in einem von Quäkern geführten, nur von Deutschen besuchten Haus auf 1000 Meter Meereshöhe leiblich und seelisch sehr wohl tat.
Schon vor Margaretes Hochzeit hatte das quälende Leiden seinen Anfang genommen, das Hannah Zeller von nun an begleitete und wegen dessen sie in den letzten Jerusalemer Jahren ihren Mann dort allein zurücklassen musste. Eine Heilung, die sie in verschiedenen deutschen Bädern suchte, war ihr allerdings nicht vergönnt; weder in Wildbad noch in Köstritz bei Gera konnte ihr chronischer Gelenkrheumatismus (Arthritis) auf die Dauer gebessert werden. Aus Köstritz berichtet Hannah über das merkwürdige Kurverfahren dort: In Kisten mit heißem Sand wurde man ins Freie unter ein Dach gefahren, wo man eine Stunde unbeweglich liegen bleiben musste. Dann bekam man ein Abwaschbad von einigen Minuten, wurde in ein Tuch gewickelt und anschließend in ein Bett zwischen wollene Decken gebracht, wo man wieder schwitzen musste. - In Briefen Hannahs aus dieser Zeit finden sich die einzigen Hinweise darauf, dass Johannes’ jüngster Bruder Hermann Zeller, der in Amerika katholischer Priester (Father Ignatius) geworden war, auf einer Europareise die Verwandten in Deutschland doch besucht hat. Er war in Friesdorf, sowie in Korntal bei Sophie Zeller und hatte vor, seinen Bruder Johannes in Jerusalem zu besuchen, wozu es aber anscheinend nicht mehr gekommen ist.
Im Jahre 1896 zog Hannah Zeller, mit der jüngsten Tochter Johanna als Pflegerin, ganz nach Wernigerode in eine große Sechszimmerwohnung im Erdgeschoss eines Hauses auf dem Kreuzberg, mit Blick auf das fürstliche Schloss und über waldbedeckte Berge. Johannes hatte diese Wohnung gefunden und gleich gemietet. Sie lag in einem großen, parkähnlichen Garten, eine Allee führte zum Haus, hinter welchem ein Obstgarten steil anstieg bis zu einem Pavillon, den der Vater für den Gebrauch der Zellerfamilie mitgemietet hatte. Berti, der noch zwei Jahre auf dem Gymnasium vor sich hatte, war Mittelpunkt eines lebhaften, literarisch und künstlerisch interessierten Kameradenkreises, in den bald auch seine Schwester Johanna einbezogen wurde. Diese jungen Leute machten besonders an den Sommerabenden regen Gebrauch von diesem Pavillon. Auch im Haus unten entwickelte sich bald gesellschaftliches Leben in den Zellerschen „englischen Teestunden“, die sich sehr von den ortsüblichen Kaffeevisiten unterschieden, und den musikalischen Abenden, bei welchen Berti und Johanna manchmal Duette zu ihrer Gitarre sangen. Auch Quartette und Trios fanden sich hier zusammen; dabei spielte Berti Cello und Johanna Violine. Lieder von Schubert, Brahms, Schumann und Hugo Wolff wurden von Johanna gesungen, wenn ein Lehrer des Ortes die Klavierbegleitung übernehmen konnte. Für die durch ihr Leiden so behinderte Mutter war dieses reiche junge Leben ein großer Genuß. Mit ihrer Erzählgabe und ihren ausgezeichneten Sprachkenntnissen (in Deutsch, Französisch, Englisch und Arabisch war sie gleich perfekt) war sie auch bei anderen Familien und Gelegenheiten ein gern gesehener Gast. Berti war Leiter der Blaskapelle des Gymnasiums, er spielte darin selbst Kornett (Piston). Er gehörte auch zur freiwilligen Feuerwehrbrigade des Gymnasiums.
Auch die anderen Zellersöhne waren hochmusikalisch; Friedrich spielte sehr gut Klavier, seine Frau Emma, geb. Breuning, war als Opernsängerin ausgebildet. Theodor schließlich war ein ausgezeichneter Geiger. Die Mutter war einst eine sehr gute Klavierspielerin gewesen, konnte diese Kunst aber nun nicht mehr ausüben. Der Vater Johannes selbst übte zwar die Musik nicht praktisch aus. Er war aber Wagner-Verehrer und hatte einmal in seinem Urlaub die Festspiele in Bayreuth besucht. - Sein großer Sinn für Schönheit und insbesondere für Farben verlockte ihn in seinen Jerusalemer Jahren oft dazu, von einem der vielen jüdischen Hausierer, einem gewissen Steinhardt, orientalische und chinesische Schätze, wie Stickereien, Elfenbeinfiguren und Einlegearbeiten zu kaufen, die er in der untersten Schublade seiner Wäschekommode aufbewahrte. So hatte er bei jeder Gelegenheit, auch bei Spielen als Preise, die herrlichsten Geschenke zu verteilen. Seine Frau hatte dafür weniger Sinn, sie war mehr praktisch veranlagt, aber den Töchtern war diese Seite ihres Vaters so wichtig wie ihm; sie verließen sich auch bei der Wahl ihrer Garderobe mehr auf seinen als auf Mutters Rat. All diese persönlichen und familiären Züge finden sich geschildert in den Erinnerungen, die Johanna später in England aufgeschrieben hat.
Mutter Hannah Zellers Briefe, die sie in großer Zahl bis zu ihrem Tod (in Cannstatt 1922) an verschiedene Verwandte geschrieben hat, sind in ihrer Lebendigkeit und Ausführlichkeit ein Zeichen dafür, wie sehr sie sich mit der Familie ihres Mannes, in Deutschland und in Amerika, verbunden fühlte. Auch über Zellertage berichtet sie.
Johannes selbst zeigt sich in einem Brief vom 5. September 1900 an den Bruder Albert an der Zellerschen Familiengeschichte interessiert. Er schreibt: „Vor acht Tagen schickte ich Dir vier Kopien des Epitaphs unseres Urahnen J. Zeller von Bebenhausen. Emma Zeller-Ludwig machte kürzlich ein schönes Bild in Wasserfarben, das ich hier (also in Jerusalem) kopieren ließ. Es wird Dich und Hermann freuen, ein Bild von diesem interessanten Denkmal zu haben, das in der herrlich restaurierten Kirche von Bebenhausen für künftige Generationen aufbewahrt bleibt. Die Rettung dieses Denkmals haben wir dem verstorbenen Pfarrer Pressel von Lustnau (bei Tübingen) zu verdanken, bei dem ich mich persönlich dafür seinerzeit verwendet habe.“
Johannes Zeller lebte während seiner einsamen letzten Jahre im „Men’s College“ der Mission und erlebte dort 1899 noch die Hundertjahrfeier der „Church Missionary Society for Africa and the East“ mit. Auf dem großen Gruppenfoto der Konferenz sitzt er als Senior mit schlohweißem Haar und Bart in der Mitte direkt unter den britischen Fahnen. - Einen Blick in sein eigenes Studierzimmer im College können auch wir werfen; denn dort machte jemand eine Aufnahme von der arabischen Sprachprüfung, die Johannes zusammen mit seinem Schwager Wolters im Jahre 1900 abnahm. (s. S. 52).
Manche äußeren Dinge waren gegen Ende von Johannes’ Tätigkeit leichter geworden, so gab es seit den neunziger Jahren eine Eisenbahn zwischen Jaffa und Jerusalem, die aber anfangs manchmal bis zu sechs Stunden Verspätung hatte, z.B. wenn ein Kameltreiber seine 12 bis 15 mit Stricken aneinandergebundenen Tiere auf dem schönen glatten Schienenweg hintereinander laufen ließ.
An seine Schwester Sophie schreibt Johannes lange, liebevolle Erzählbriefe. Einem davon entnehmen wir die anschauliche Schilderung der Hochzeit der Tochter Louise (Lucy) mit Ernest Masterman am 23. Mai 1894. Dieser war Arzt der Londoner „Jews’ Society“, seit 1893 in Jerusalem und in Safed, ab 1896 in Damaskus tätig. Die Trauung fand in der arabischen Kirche in Jerusalem statt, durch Johannes, zwei Kollegen und den Bischof.
Danach ging man „in den Garten von Faberganz in der Nähe, wo unter Olivenbäumen viele große Zelte aufgeschlagen waren und alle Gäste, die ganze englische, deutsche und arabische Gemeinde, mit Scherbet, Tee und Schokolade, dann mit Wein und Kuchen bewirtet wurden... Um fünf Uhr wurde ein arabisches Drama, „David und Goliath“, von den Knaben und Jünglingen unserer Schule aufgeführt.’
Es war ein großer Trost für Johannes, dass ab 1898/99 Dr. Masterman wieder in Jerusalem arbeitete und Lucy und die Kinder mit der englischen Nurse Mabel etwas später ebenfalls dorthin zurückkehrten.
In den neunziger Jahren hatte Johannes aber auch manchen Grund zur Niedergeschlagenheit, weil Frutiger’s Bank in der Schweiz, wo Johannes fast sein ganzes Vermögen hatte „und dem alten Freund zuliebe auch dort ließ“, Bankrott gemacht hatte. „Glücklicherweise aber ist meine gute Hannah darüber nicht sehr bekümmert“, schreibt er. Schlimmer war, dass der Ruf der deutschen Evangelischen durch diese Sache schwer geschädigt wurde, da fast alle deutschen und arabischen Familien der Jerusalemer Gemeinde unter dem Bankrott zu leiden hatten. Ursache seien Schwindeleien der französischen Eisenbahngesellschaft gewesen, schreibt Johannes, und dazu das Verbot der türkischen Regierung, den Juden Land zu verkaufen, wodurch es der Bank unmöglich war, ihren großen Grundbesitz zu Geld zu machen.
Aus Johannes’ Briefen in den neunziger Jahren spricht häufig etwas wie Pessimismus, der gewiß auch mit seiner gerade im Alter übergroßen Arbeitsbelastung zusammenhing. Immer wieder ist die Rede davon, dass viel jüngere Mitarbeiter in der Schule oder im Sekretariat seiner Gesellschaft, das ihm unterstand, ihm auf längere Zeit ihre Mitarbeit entziehen, recht häufig aus gesundheitlichen Gründen, aber auch wegen weiterer Ausbildung oder familiärer Beanspruchung.
Vergleiche mit der für ihn eindeutigeren Aufgabe in Nazareth bei seinen Arabern, deren eigenständige Werte er erkannt hatte und fördern wollte, mag Johannes in Jerusalem oft gezogen haben. Sein oberstes Ziel war gewesen, daran mitzuarbeiten, dass gerade die Menschen Palästinas, des Heiligen Landes, für das kommende Reich Christi bereitgemacht wurden. In Jerusalem aber bekam man die zunehmende politische und kulturelle Einflussnahme und Rivalität der europäischen Großmächte im sterbenden osmanischen Reich zu spüren. Auch die wachsende „moderne Weltlichkeit“, die er sogar in seiner nächsten Umgebung wahrzunehmen glaubte, beobachtete er mit Sorge und Argwohn.
Allerdings war er auch nicht einverstanden mit der Methode, die seine englische Missionsgesellschaft neuerdings in der Absicht, die Bekehrung der Araber zu beschleunigen, für zweckmäßig hielt: Sie hatte einen Mr. Hopkins zu der Jerusalemer Arabergemeinde geschickt, der täglich drei „meetings“ für sie abhalten sollte. Ein so anstrengendes Tempo hält Johannes gerade für die Araber für falsch. Er findet ein gleichmäßig geduldiges Vorgehen richtiger als solche „Treibhausarbeit“. Auch tadelt er die vielen Klagen der Missionare über die mangelnde religiöse Lebendigkeit der christlichen Araber. Sie sollten lieber bedenken, unter welcher ständigen Bedrückung und Bedrohung von Seiten der Türken diese Menschen leben müssen. Er klammert sich an „das Gute, das wir suchen und festhalten sollten, wo wir auch nur eine Spur davon voraussetzen können.“ Die Christen im Heiligen Land aber „müssen mehr beten und arbeiten, um die Anhänger des Islam für Jesum zu gewinnen“, schreibt er in einem Brief an eine Tochter. Und: „Die Juden leben unter uns und sehen ja vom Christentum sehr wenig, was sie wirklich bekehren könnte.“
Am 3. November 1886 war der Bistumsvertrag zwischen Preußen und England gelöst worden. Schon unter Gobats erstem Nachfolger, Bischof Barcley, war die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Engländern auseinandergefallen. Von da an wurde das Bistum allein von den Anglikanern weitergeführt. Dies brachte für die Missionare der Church Missionary Society, die wie Johannes den „Ritualismus“ der Hochkirche für sich selbst und für die Arabermission nicht für das Richtige hielten, neue Schwierigkeiten. Hannah Zeller erzählt von einem eingeborenen Pfarrer, den die Church Missionary Society entlassen musste, da er sich ganz dem Ritualismus zugewandt und „katholische Lehren“ gepredigt habe. Sie findet es sehr schade, dass der so freundliche und liebenswürdige Bischof Blyth „so hochkirchlich ist, dass er kaum mit der Missionsgesellschaft im Einklang fortarbeiten kann.“ Johannes schreibt an den Bruder Albert von „Eifersucht zwischen Engländern und Deutschen.“ Das mangelnde Verständnis zwischen beiden erklärt er teilweise aus dem Umstand, dass „die Deutschen in Palästina Kolonisten, die Engländer nur Missionare“ seien.
Im August 1898 hat Johannes sich in Brumana noch einmal kurz erholt, bevor für ihn eine besonders schwere Zeit anbrach. Nicht nur stand auf Ende Oktober der Besuch des deutschen Kaisers in Jerusalem bevor, sondern es wurde immer klarer, dass Margarete Lepsius sich von einem nach der Geburt ihres sechsten Kindes (im Juni 1898) akut gewordenen Lungenleiden nicht mehr erholen würde. Der einsame Mann in Jerusalem versucht in Briefen, seiner Tochter den Gedanken an den nahen Tod leichter zu machen. In kindlichem Glauben schreibt er ihr von der „viel besseren Wohnung, die der Herr auch unserer Familie drüben aufs herrlichste bereitet hat“. Erinnerungen werden wach an den Tod seines eigenen Vaters in Besigheim und an die beiden Kinder Alfred und Cornelia, die ihr schon in Nazareth vorangegangen waren. Margarete ist am 17. Oktober 1898 in Berlin gestorben.
Mit welchen Gefühlen mag er nur zwei Wochen nach diesem schweren Schlag seine unvermeidliche Rolle gespielt haben, als Kaiser Wilhelm II., als „Freund und Gast des Sultans“, unter unbeschreiblichem Jubel der Menschenmassen in Jerusalem einzog, in der Uniform der Gardes du Corps, darüber den weißseidenen Burnus der Beduinen. Der buntseidene Damaszenerschleier wehte vom goldfunkelnden Adlerhelm. Der erste der Triumphbogen, durch den der Kaiser einritt, trug die Aufschrift „Gelobet sei, der da kommt im Namen des Ewigen“ (nach Ludwig Schneller, „Im Lande Jesu“, und „Kaiserfahrt“).
Im Sommer 1901 trat Johannes Zeller seinen Ruhestand an. Er hatte nun 46 Jahre in Palästina in der aktiven Missionsarbeit gestanden. Eine solche Lebensleistung war nicht alltäglich. Auch er zog nun nach Wernigerode zu seiner Frau und den beiden jüngsten Kindern.
Schon 1896, vor Hannah Zellers endgültigem Umzug nach Deutschland, hatte Johannes eigentlich seinen Abschied von Jerusalem nehmen wollen. Seine Gesellschaft überredete ihn aber, ein paar weitere Jahre auf seinem Posten zu bleiben. Es waren fast fünf Jahre daraus geworden. Eigentlich hatte man dort erwartet, er würde sich nach so langer Zeit des Dienstes für die Church Missionary Society wie sein Schwiegervater Gobat in England naturalisieren lassen und den Ruhestand dort verbringen. Er selbst gab auf Fragen seiner englischen Kinder Masterman die Gründe für die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, an, die er ja eigentlich schon damals getroffen hatte, als er alle seine Söhne auf deutsche Schulen und Universitäten geschickt hatte. Tatsächlich lag hier der Hauptgrund: Die „standards“ der englischen Schulen für Kinder von Missionaren der CMS fanden nicht seinen Beifall, andrerseits wären englische public schools sehr teuer gewesen. Rückblickend stellte man unter den Geschwistern auch fest, dass die deutsche Erziehung der Jungen ausgezeichnet und viel billiger als die englische gewesen war.
Überraschenderweise gibt Johanna Masterman in ihren Erinnerungen einen weiteren Grund an: Die deutschen Verwandten (wahrscheinlich damals vertreten durch Präsident Hermann Zeller, ZB § 138) hätten verlangt, dass Johannes deutscher Bürger bleibe, besonders wo bereits zwei Brüder aus der Familie des Besigheimer Dekans, Albert und Hermann, in Amerika geblieben waren und der einzige in Deutschland gebliebene Bruder Wilhelm (ZB § 58) schon 1887 gestorben war.
Johannes hat am 11. Februar 1902 an Albert Zeller in einem langen, aufschlussreichen Brief noch von seinem Ergehen in Wernigerode berichtet und darin auch ausgesprochen, was für Gedanken ihn in diesen letzten Monaten seines Lebens bewegten. Mit seiner „Akklimatisation in Norddeutschland“ gehe es sehr langsam voran, trotz freundschaftlichem Entgegenkommen der dortigen Geistlichen. Was er vermisst, ist „die formlose Gemütlichkeit des Schwaben und sein Humor“. Er findet aber die Wälder des Harzes bei Frost und Schneegestöber herrlich, ist allerdings froh, dass dieser Winter bisher mild und nicht sehr schneereich war, denn „gefroren hat mich’s aber“, als sich am Tag vorher das Winterwetter doch noch eingestellt hat.
Nach so langer Missionspraxis will er sich nun mit der modernen Kritik des Alten und Neuen Testaments bekannt machen. Das dem menschlichen Verstande sehr bequeme Christentum Harnacks fordert seinen Widerspruch heraus: „In Wahrheit scheidet sich jetzt in Deutschland die Christenheit in zwei Teile: In das Verstandeschristentum (mit schönster Moral und Christo als Beispiel) und in das Glaubenschristentum der alten Tradition und das Evangelium von Christo. Die Pfarrer haben einen schweren Stand; denn sie möchten doch gerne für „wissenschaftlich“ gelten wie die Professoren der Hochschulen.“
Nietzsche hält er für den „wirklichen Vorläufer des Antichrists mit seinen unerhörten Gotteslästerungen“.
Johannes hat während seines Aufenthaltes im Orient in den letzten Jahren miterlebt, wie sich gerade dort Konflikte zwischen den Weltmächten zusammenzogen. Er vertraut dem Bruder seine Sorgen an: „Auch ein merkwürdiger Zug unseres Jahrhunderts ist leider die Spaltung unter den großen protestantischen Mächten Deutschland, England und Amerika, die, wenn sie einig wären, die Welt regieren würden... Wie lange wird es Gott noch zulassen, daß der Stärkere den Schwächeren mordet wie in Armenien, China und Transvaal?“
Auch das Projekt der Bagdadbahn und Deutschlands Freundschaft mit der Türkei beschäftigt ihn: „Ob aber Rußland so lange warten wird, bis diese Bahn gebaut und die Türkei dann dreimal stärker ist als jetzt und dazu einen starken Bundesgenossen bekommt, das kann wohl eine Frage sein.“
Für Johannes, der nach Herkunft und Ausbildung von der Erweckungsbewegung geprägt war, stellten sich hier auch Fragen nach dem Heilsplan Gottes; es lag auch ihm, wie vielen seiner Mitstreiter in Palästina, nahe, die Ereignisse der Gegenwart mit den alttestamentlichen Verheißungen für das Heilige Land und mit der vorher drohenden Katastrophe in Verbindung zu bringen. Schon in den letzten Jahren vor Antritt seines Ruhestandes hatte er an Johannes Lepsius von seinem „Lieblingsstudium der Prophetie und der Offenbarung“ berichtet. Er bestellt aus Lepsius’ Bibliothek Hamanns Schriften, Schleiermachers „Monologen“ und seinen „Plato“. Nun schreibt er: „Möglich ist’s ja, dass die jetzige Art von Frieden mit immer schlimmeren Zerstörungswerkzeugen noch Jahre fortdauert, damit dann die Katastrophe um so zerstörender wirkt über die ganze Welt hin. Der Verzug aber geschieht, wie ich glaube, mit Rücksicht auf Palästina, sicher nicht mit Rücksicht auf die Türkei.“
Schon acht Tage nach diesem Brief, am 19. Februar 1902, starb Johannes rasch und unerwartet eines sanften Todes. Seine Tochter Johanna, die ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Vater hatte, war gerade mit Berti auf einer Reise. Renee Brodribb geb. Masterman (ZB § 65,2) erinnert sich, dass ihre Mutter erzählte, wie sie an diesem Tag morgens um sieben Uhr mit dem starken Gefühl aufwachte, dass ihr Vater bei ihr sei und ihre Hilfe brauche. Sie stand auf und sagte Berti, sie müßten sofort nach Hause fahren. Als sie in Wernigerode ankamen, erfuhren sie, dass er genau zu der Zeit gestorben war, als Johanna seinen Notruf gespürt hatte.
Hannah Zeller hat ihren Mann um 20 Jahre überlebt. Sie zog zuerst zu ihrem Sohn Friedrich nach Magdeburg, dann nach Berlin-Zehlendorf. Danach lebte sie bei ihrem Sohn Albert (Berti) in Weilderstadt in Württemberg, bis er die Leitung des deutschen Krankenhauses in Kairo übernahm. Ab 1914 wohnte sie in der Villa Seckendorf in Cannstatt, wo sie am 20. April 1922 starb. Sie hatte die letzten Jahre ihres Lebens im Rollstuhl zubringen müssen, da ihre Gelenke steif geworden waren. Nur Briefe schreiben und lesen konnte sie noch, und das tat sie getreulich!
Von ihren Kindern hat nur Johanna sie überlebt, die nach dem Tod ihrer Schwester Lucy Masterman deren fünf Kindern eine zweite Mutter wurde. Margarete Lepsius war ja schon 1898 von sechs Kindern weg gestorben. Friedrich starb 1909, ein Jahr nach Lucy; die Söhne Theodor und Albert starben beide als Stabsärzte im Jahre 1918. Die heutigen Nachkommen leben in beiden Teilen Deutschlands, in England und in Neuseeland.
Zum Schluss wollen wir noch einen Blick auf die weiteren Schicksale der evangelischen Kirche, der Gobatschule und der Mission in Palästina werfen. Wie schon erwähnt, war und blieb das Bistum Jerusalem seit 1887 eine rein anglikanische Angelegenheit. Die Schule, deren Leiter Johannes nach Gobats Tod geworden war, bestand mehr als 100 Jahre seit ihrer Gründung 1847. Von 1939 bis 1945 war sie von Campbell McInnes im Dienst der Church Missionary Society geleitet worden. Er war verheiratet mit Joy geb. Masterman, einer Tochter von Lucy. Sie war während dieser Zeit dort Schulärztin. Diese Stellung hatte vorher ihr Vater, Dr. Ernest Masterman, innegehabt. Als der israelisch-arabische Krieg ausbrach, lag die Schule praktisch im Niemandsland zwischen den Fronten und musste geschlossen werden. Das heutige St. George’s College geht auf die Bischof-Gobat-Schule auf dem Zion zurück.
Als 1957 Jerusalem ein Erzbistum wurde, übte Campbell McInnes dieses Amt bis 1968 aus. Er starb 1976. Im gleichen Jahr wurde die Kirchenprovinz der „Bischöflichen Kirche in Jerusalem und dem Mittleren Osten“ gebildet. Seit 1984 amtiert ein Araber, Samir Hanna Kafity, als 12. anglikanischer Bischof in Jerusalem. Als „Assistant Bishop“ steht ihm der Bischof in Amman / Jordanien zur Seite.
In der interreligiösen Situation des früheren Landes Palästina erlebt man heute zunehmend eine Annäherung der christlichen Konfessionen, bei der es nicht mehr, wie zu Johannes’ Zeiten, um eine Ausweitung der Besitzstände der Kirchen geht, sondern darum, „den christlichen Glauben zu leben und Mitsorge für alle Menschen zu tragen, die den kirchlichen Dienst nötig haben“ (zitiert nach dem Prospekt der Bischöfl. Kirche 1986). So könnte mit der Zeit im Lande Jesu ein ökumenisches Modell für die so dringend benötigte Einheit und Brüderlichkeit der christlichen Kirchen in der Welt entstehen.
Johannes, wie viele seiner damaligen Mitstreiter in Palästina, hatte in der Naherwartung des Reiches Christi gelebt. Sein Wirken unter den Arabern seiner Gemeinden aber war bestimmt durch die Sorge um die Bedürfnisse der ihm anvertrauten Menschen, ihrer seelischen, geistigen und geistlichen Entwicklung, ebenso wie um ihre leiblichen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen. In den Rückschlägen und Behinderungen, die seine Arbeit am Bau des Reiches Gottes so oft erfuhr, hat er einmal einer seiner Töchter in einem Brief bekannt, dass ihn dabei manchmal ein Vers des Dichters Platen getröstet habe:
Wer heute auf einer Israelreise in die Stadt Nazareth kommt, die jetzt 40 000 Einwohner zählt, der findet im Ortszentrum neben der großartigen, kuppelgekrönten katholischen Verkündigungsbasilika die alten Gotteshäuser und Klöster der römisch-katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirchen. Am Westrand dieses ehrwürdigen Stadtviertels grüßt ihn die viel bescheidenere Fassade der neugotischen anglikanischen Kirche. Zwar hat sie den Turmhelm, den Architekt Stadler geplant hatte, nicht mehr bekommen, aber es ist die selbe Kirche, der Johannes Zeller soviel Liebe und Arbeit gewidmet hat, wenn auch dort nirgends sein Name zu finden ist. Sie steht noch und wird wie in seinen Tagen von den arabischen Protestanten der Stadt besucht. Das Bild vom Innern dieser Kirche, in der wir uns gewiß auch heimisch fühlen könnten, soll am Ende dieses Berichts vom Leben eines der Unsrigen stehen.

References: § 56
 § 53
 § 123
 § 76
 § 56
 § 65
 § 427
 § 62
 § 61
 § 138
 § 58
 § 65