Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/ust/umsatzsteuer-fuer-radioaktiven-abfall-327545
Timestamp: 2020-01-24 01:43:38+00:00

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Umsatz­steu­er für radio­ak­ti­ven Abfall | Rechtslupe
Die von der Klä­ge­rin gegen­über ihren Auf­trag­ge­bern erbrach­ten Leis­tun­gen sind vom FG zu Recht als ein­heit­li­che Leis­tung beur­teilt wor­den. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, der sich der Bun­des­fi­nanz­hof ange­schlos­sen hat, ist jeder Umsatz in der Regel als eige­ne, selb­stän­di­ge Leis­tung zu betrach­ten; aller­dings darf eine wirt­schaft­lich ein­heit­li­che Dienst­leis­tung im Inter­es­se eines funk­tio­nie­ren­den Mehr­wert­steu­er­sys­tems nicht künst­lich auf­ge­spal­ten wer­den. Eine ein­heit­li­che Leis­tung liegt ins­be­son­de­re dann vor, wenn ein oder meh­re­re Tei­le die Haupt­leis­tung, ein oder meh­re­re ande­re Tei­le dage­gen Neben­leis­tun­gen sind, die das steu­er­li­che Schick­sal der Haupt­leis­tung tei­len. Eine Leis­tung ist als Neben­leis­tung zu einer Haupt­leis­tung anzu­se­hen, wenn sie für den Leis­tungs­emp­fän­ger kei­nen eige­nen Zweck erfüllt, son­dern das Mit­tel dar­stellt, um die Haupt­leis­tung des Leis­ten­den unter opti­ma­len Bedin­gun­gen in Anspruch zu neh­men 1.
Die nach die­ser Recht­spre­chung erfor­der­li­che Gesamt­be­trach­tung, ob aus Sicht des Durch­schnitts­ver­brau­chers eine ein­heit­li­che Leis­tung vor­liegt 2, ist im Wesent­li­chen das Ergeb­nis einer tat­säch­li­chen Wür­di­gung durch das FG, die den BFH grund­sätz­lich gemäß § 118 Abs. 2 FGO bin­det 3.
Die­se Wür­di­gung des Finanz­ge­richts lässt Rechts­feh­ler nicht erken­nen, sie ver­stößt ins­be­son­de­re nicht gegen Denk­ge­set­ze oder all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze (vgl. § 118 Abs. 2 FGO 4).
Auch wenn –ent­ge­gen der Wür­di­gung des Finanz­ge­richts– kei­nes der von der Klä­ge­rin erbrach­ten Leis­tungs­ele­men­te domi­nier­te und damit der ein­heit­li­chen Leis­tung als Haupt­leis­tung das Geprä­ge gäbe, wür­de sich der Ort der sons­ti­gen Leis­tung nach § 3a Abs. 1 UStG bestim­men. Denn in die­sem Fall wäre von einer kom­ple­xen sons­ti­gen Leis­tung im Sin­ne des EuGH-Urteils Kommission/​Frank­reich 5 aus­zu­ge­hen. Danach bestimmt sich der Ort der Leis­tung für ver­schie­de­ne Dienst­leis­tun­gen auf dem Gebiet der Abfall­be­hand­lung –wie das Ein­sam­meln, das Sor­tie­ren, die Beför­de­rung, die Lage­rung, die Bear­bei­tung, die Wie­der­ver­wer­tung und die eigent­li­che Besei­ti­gung– gemäß Art. 9 Abs. 1 der Sechs­ten Umsatz­steu­er­richt­li­nie 77/​388/​EWG 6 nach dem Ort, an dem das Haupt­un­ter­neh­men den Sitz sei­ner wirt­schaft­li­chen Tätig­keit hat 7.
Die in § 3a Abs. 2 UStG ver­wen­de­ten Begrif­fe "Arbei­ten an beweg­li­chen kör­per­li­chen Gegen­stän­den" sind uni­ons­recht­lich aus­zu­le­gen. Nach der EuGH-Ent­schei­dung Lin­thorst 8 wird mit "Arbei­ten an beweg­li­chen kör­per­li­chen Gegen­stän­den" im All­ge­mei­nen ein Ein­griff in beweg­li­che kör­per­li­che Gegen­stän­de bezeich­net, der grund­sätz­lich nicht wis­sen­schaft­li­cher oder intel­lek­tu­el­ler Natur ist. Dazu gehö­ren ins­be­son­de­re Repa­ra­tur- und War­tungs­ar­bei­ten an Maschi­nen und sons­ti­gen beweg­li­chen Sachen 9.
Art. 9 Abs. 2 Buchst. e drit­ter Gedan­ken­strich der Richt­li­nie 77/​388/​EWG bezieht sich nach der Recht­spre­chung des EuGH nicht auf Beru­fe wie Anwalt, Bera­ter, Buch­prü­fer oder Inge­nieur, son­dern auf Leis­tun­gen. Der Uni­ons­ge­setz­ge­ber habe nicht alle frei­be­ruf­li­chen Tätig­kei­ten, son­dern nur die haupt­säch­lich und gewöhn­lich zu die­sem Beruf gehö­ren­den Leis­tun­gen erfas­sen wol­len. Ent­schei­dend sei des­halb, ob die betref­fen­den Leis­tun­gen zu den Leis­tun­gen gehö­ren, die haupt­säch­lich und gewöhn­lich im Rah­men der in Art. 9 Abs. 2 Buchst. e drit­ter Gedan­ken­strich der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ange­führ­ten Beru­fe erbracht wer­den 10. Die­se Grund­sät­ze sind auch bei der Aus­le­gung des § 3a Abs. 3 und Abs. 4 Nr. 3 UStG zu berück­sich­ti­gen 11.
Die Aus­übung des Inge­nieur­be­rufs ist nach der EuGH-Recht­spre­chung dadurch gekenn­zeich­net, Kennt­nis­se und bestehen­de Pro­zes­se auf kon­kre­te Pro­ble­me anzu­wen­den sowie neue Kennt­nis­se zu erwer­ben und neue Pro­zes­se zur Lösung die­ser und neu­er Pro­ble­me zu ent­wi­ckeln 12. Dies ist ins­be­son­de­re der Fall, wenn auf der Grund­la­ge natur- und tech­nik­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se und unter Berück­sich­ti­gung wirt­schaft­li­cher Belan­ge tech­ni­sche Wer­ke geplant, kon­stru­iert, oder ihre Fer­ti­gung über­wacht wird oder auf­grund die­ser Kennt­nis­se kon­kre­te Pro­ble­me gelöst oder ent­wi­ckelt wer­den 13.
vgl. EuGH, Urtei­le vom 25.02.1999 – C‑349/​96, Card Pro­tec­tion Plan (CPP), Slg. 1999, I‑973 Rdnrn. 29, 30; vom 27.10.2005 – C‑41/​04, Levob, Slg. 2005, I‑9433, BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 38 Rdnrn. 19 bis 22; BFH, Urtei­le vom 15.10.2009 – XI R 52/​06, BFHE 227, 231, BSt­Bl II 2010, 869; und vom 13.07.2006 – V R 24/​02, BFHE 213, 430, BSt­Bl II 2006, 935[↩]
z.B. BFH, Urtei­le vom 17.04.2008 – V R 39/​05, BFH/​NV 2008, 1712; vom 24.01.2008 – V R 12/​05, BFHE 221, 310, BSt­Bl II 2009, 60; vom 06.09.2007 – V R 14/​06, BFH/​NV 2008, 624; und vom 06.12.2007 – V R 66/​05, BFHE 221, 60, BSt­Bl II 2008, 638[↩]
EuGH, Urteil "Kommission/​Frankreich" in Slg. 2001, I‑00637[↩]
EuGH Urteil "Kommission/​Frankreich" in Slg. 2001, I‑00637 Rdnr. 49[↩]
EuGH, Urteil "Lin­thorst" in Slg. 1997, I‑1195[↩]
EuGH, Urtei­le vom 07.10.2010 – C‑222/​09, Kro­no­s­pan, BFH/​NV 2010, 2377 Rdnr. 19; vom 16.09.1997 – C‑145/​96, Hoff­mann, Slg. 1997, I‑4857 Rdnrn. 16 und 17; EuGH, Urteil "Levob" in Slg. 2005, I‑9433, BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 38 Rdnr. 37[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 05.06.2003 – V R 25/​02, BFHE 202, 191, BSt­Bl II 2003, 734[↩]
vgl. z.B. auch BFH, Urtei­le vom 17.01.2007 – XI R 5/​06, BFHE 216, 334, BSt­Bl II 2007, 519; vom 04.05.2004 – XI R 9/​03, BFHE 206, 233, BSt­Bl II 2004, 989; vom 09.02.2006 – IV R 27/​05, BFH/​NV 2006, 1270 zu den cha­rak­te­ris­ti­schen Merk­ma­len des Inge­nier­be­rufs[↩]

References: § 118
 § 118
 § 3
 Art. 9
 § 3

Art. 9
 EuGH 
 Art. 9
 § 3

EuGH