Source: https://www.haufe.de/recht/deutsches-anwalt-office-premium/bgh-urteil-vom-08122011-ix-zr-20409_idesk_PI17574_HI2885650.html
Timestamp: 2019-12-06 00:56:38+00:00

Document:
BGH Urteil vom 08.12.2011 - IX ZR 204/09 | Deutsches Anwalt Office Premium | Recht | Haufe
BGH Urteil vom 08.12.2011 - IX ZR 204/09
BGB a.F. § 209 Abs. 2 Nr. 4; BGB § 204 Abs. 1 Nr. 6; ZPO § 73
OLG Koblenz (Urteil vom 30.10.2009; Aktenzeichen 10 U 1446/08)
LG Mainz (Entscheidung vom 31.10.2008; Aktenzeichen 1 O 132/06)
Auf die Revision des Beklagten wird das Urteil des 10. Zivilsenats des OLG Koblenz vom 30.10.2009 im Kostenpunkt und insoweit aufgehoben, als es zum Nachteil des Beklagten entschieden hat.
In dem Schadensersatzprozess verkündete der jetzige Beklagte namens des Klägers mit Streitverkündungsschrift vom 6.5.1997 dem am Bauvorhaben beteiligten Generalunternehmen sowie dem planenden Architekten den Streit. Dieses Verfahren endete mit einer Verurteilung des Klägers zum Schadensersatz. In dem anschließenden Regressverfahren, das der Kläger, wiederum vertreten durch den Beklagten, gegen das Bauunternehmen und den Architekten mit Klageschrift vom 12.2.2003 anstrengte, erwirkte er einen Zahlungstitel über 100.437,47 EUR gegen beide Beklagte sowie eine weitergehende Verurteilung des Architekten über 17.158,96 EUR. In Höhe eines Betrages von 18.589,72 EUR wurde die Klage abgewiesen. Hierbei handelte es sich ganz überwiegend um Kosten der übrigen Vorprozesse sowie Beträge in Höhe der auf die Vollstreckungsgegenklagen nicht mehr vollstreckbaren Forderungen gegen die Wohnungseigentümer. Die Klageabweisung wurde damit begründet, dass mangels Streitverkündung in jenen Verfahren Verjährung hinsichtlich der aus diesen Vorprozessen abgeleiteten Schadensersatzforderungen eingetreten sei. Der Kläger legte hiergegen keine Berufung ein, wobei streitig ist, aus welchen Gründen dies unterblieb.
Nunmehr verlangt der Kläger von dem Beklagten als seinem damaligen anwaltlichen Vertreter Schadensersatz hinsichtlich des abgewiesenen Klagebetrages sowie weiterer 2.032,25 EUR, die nicht Gegenstand des Revisionsverfahrens sind. Er macht geltend, der Beklagte habe entweder pflichtwidrig die Forderungen verjähren lassen oder es versäumt, die damals noch unverjährten Forderungen mit der Berufung weiterzuverfolgen. Das LG hat die Klage abgewiesen. Auf die Berufung des Klägers hat das Berufungsgericht ihr i.H.v. 18.589,72 EUR entsprochen. Mit der vom Senat zugelassenen Revision will der Beklagte die vollständige Abweisung der Klage erreichen.
1. Im Ausgangspunkt zutreffend nimmt das Berufungsgericht an, dass es zu den Pflichten eines Rechtsanwalts gehört, zur wirksamen Verfolgung der Interessen seines Mandanten eine wirksame Streitverkündung auszusprechen. Der Rechtsanwalt, der mit einem Prozessmandat betraut ist, hat die mit dem Rechtsstreit unmittelbar zusammenhängenden rechtlichen und wirtschaftlichen Belange seiner Partei mit zu berücksichtigen und darauf zu achten, dass ihr insoweit nicht durch ein Versäumnis während des Prozesses Nachteile entstehen. Das gilt besonders für die Wahrung von Regressansprüchen gegen Dritte. Im Hinblick auf die verjährungshemmende Wirkung der Streitverkündung kann daher der Rechtsanwalt im Zivilprozess verpflichtet sein, einem Dritten den Streit zu verkünden (BGH, Urt. v. 29.4.1993 - IX ZR 101/92, NJW 1993, 2045; v. 16.9.2010 - IX ZR 203/08, NJW 2010, 3576 Rz. 20; Vill, in Zugehör/G. Fischer/Vill/D. Fischer/Rinkler/Chab, Handbuch der Anwaltshaftung, 3. Aufl., Rz. 732; Bamberger/Roth/D. Fischer, BGB, 3. Aufl., § 675 Rz. 20).
a) Die Wirkung der durch den Schriftsatz vom 6.5.1997 erklärten Streitverkündung richtet sich nach § 209 Abs. 2 Nr. 4 BGB a.F. (Art. 229 § 12 Abs. 1, § 6 Abs. 1 Satz 2 EGBGB). Danach unterbricht die Streitverkündung die Verjährung, wenn der Anspruch vom Ausgang des Prozesses, in dem der Streit verkündet wird, abhängt. Nach § 215 Abs. 2 Satz 1 BGB a.F. gilt die Unterbrechung als nicht erfolgt, wenn nicht binnen sechs Monaten nach Beendigung dieses Prozesses Klage auf Befriedigung oder Feststellung des Anspruchs erhoben wird. Der Umfang der verjährungsunterbrechenden Wirkung der Streitverkündung beschränkt sich hierbei nicht auf die mit der Urteilsformel ausgesprochene Entscheidung über den erhobenen Anspruch; sie ergreift vielmehr die gesamten tatsächlichen und rechtlichen Grundlagen des Urteils. Dies ist im Hinblick darauf gerechtfertigt, dass der Streitverkündungsempfänger durch die Streitverkündungsschrift und den mit ihr angekündigten Anspruch im Hinblick auf eine notwendige Rechtsverteidigung hinreichend gewarnt ist. Diese Wirkung tritt hingegen nicht ein, wenn der im Folgeprozess verfolgte Anspruch sowohl in tatsächlicher als auch in rechtlicher Hinsicht in keiner Weise von dem Ausgang des Vorprozesses abhängig ist (BGH, Urt. v. 18.12.1961 - III ZR 181/60, BGHZ 36, 212, 215; v. 21.2.2002 - IX ZR 127/00, WM 2002, 1078, 1080; v. 11.2.2009 - XII ZR 114/06, BGHZ 179, 361 Rz. 38; Zöller/Vollkommer, ZPO, 29. Aufl., § 74 Rz. 8). Daher spielt es für die Reichweite der Wirkung der Streitverkündung grundsätzlich keine Rolle, ob in dem Verfahren, in dem die Streitverkündung erfolgt, nur ein Teil des Schadens, welcher der Streitverkündungsschrift zugrunde liegt, eingeklagt worden ist (vgl. BGH, Urt. v. 21.2.2002, a.a.O., S. 1080 f). Die vom Berufungsgericht für maßgeblich angesehene Eingrenzung auf den im Verfahren verfolgten Streitgegenstand, welcher sich durch die mit dem Klagantrag begehrte Rechtsfolge sowie den zugrunde liegenden Lebenssachverhalt bestimmt (vgl. hierzu BGH, Urt. v. 5.11.2009 - IX ZR 239/07, BGHZ 183, 77 Rz. 10 m.w.N.), erweist sich mithin als zu eng.
Die gebotene personelle Identität des Rechtssubjekts hinsichtlich der im Ausgangsprozess angesprochenen Schadensersatzansprüche ist vorliegend gewahrt. Es handelte sich jeweils um Ansprüche, die entweder der Gesamtheit der Wohnungseigentümer oder einzelnen von ihnen zustanden. Maßgeblich ist der Rechtszustand zum Zeitpunkt der Streitverkündung im Mai 1997. Damals war die Teilrechtsfähigkeit der Wohnungseigentümergemeinschaft nicht anerkannt; sie galt weder als rechts- noch als parteifähig (BGH, Urt. v. 23.6.1989 - V ZR 40/88, NJW 1989, 2534, 2535; v. 2.7.1998 - IX ZR 51/97, NJW 1998, 3279; Beschl. v. 23.9.1999 - V ZB 17/99, BGHZ 142, 290, 294; BVerwG NJW-RR 1995, 73, 74).
b) Die Unterbrechungswirkung wird gegenständlich durch das Erfordernis der Zulässigkeit der Streitverkündung und den Inhalt der Streitverkündungsschrift begrenzt (BGH, Urt. v. 18.12.1961, a.a.O., S. 214; vom 21.2.2002, a.a.O., S. 1081; ferner zu § 204 Abs. 1 Nr. 6 BGB: BGH, Urt. v. 6.12.2007 - IX ZR 143/06, BGHZ 175, 1 Rz. 22 ff; vom 11.2.2009, a.a.O., Rz. 31).
aa) Nach der Vorschrift des § 72 Abs. 1 ZPO ist eine Streitverkündung dann zulässig, wenn die Partei für den Fall des ihr ungünstigen Ausganges des Rechtsstreits einen Anspruch auf Gewährleistung oder Schadloshaltung gegen einen Dritten erheben zu können glaubt oder den Anspruch eines Dritten besorgt. Die Streitverkündung soll den Streitverkünder davor bewahren, die wegen der materiell-rechtlichen Verknüpfung der gegen verschiedene Schuldner gerichteten Ansprüche notwendigen Prozesse alle zu verlieren, obgleich er zumindest einen dieser Prozesse hätte gewinnen müssen (BGH, Urt. v. 28.10.1988 - V ZR 14/87, NJW 1989, 521, 522; vom 6.12.2007, a.a.O., Rz. 16; v. 16.9.2010 - IX ZR 203/08, NJW 2010, 3576 Rz. 20).
bb) Gemäß § 73 Satz 1 ZPO hat die Partei zum Zwecke der Streitverkündung einen Schriftsatz einzureichen, in dem der Grund der Streitverkündung und die Lage des Rechtsstreits anzugeben ist. Damit ist das Rechtsverhältnis gemeint, aus dem sich der Rückgriffsanspruch gegen den Dritten oder dessen Anspruch gegen den Streitverkündenden ergeben soll. Dieses Rechtsverhältnis ist unter Angabe der tatsächlichen Grundlagen so genau zu bezeichnen, dass der Streitverkündungsempfänger - ggf. nach Einsicht in die Prozessakten (§ 299 ZPO) - prüfen kann, ob es für ihn angebracht ist, dem Rechtsstreit beizutreten (BGH, Urt. v. 14.10.1975 - VI ZR 226/74, NJW 1976, 292, 293; vom 21.2.2002, a.a.O.; vom 6.12.2007, a.a.O., Rz. 28; Prütting/Gehrlein, ZPO, 3. Aufl., § 73 Rz. 2). Dies soll sicherstellen, dass der Streitverkündungsempfänger mit Zustellung der Streitverkündungsschrift Kenntnis davon erlangt, welchen Anspruchs sich der Streitverkündende gegen ihn berühmt. Fehlen die erforderlichen Mindestangaben, wird die Verjährung nicht unterbrochen oder gehemmt (vgl. BGH, Urt. v. 16.6.2000 - LwZR 13/99, WM 2000, 1764, 1765; vom 6.12.2007, a.a.O., Rz. 28). Die Streitverkündungsschrift genügt den Konkretisierungserfordernissen, wenn in ihr der Anspruchsgrund in ausreichendem Maße bezeichnet wird. Sie braucht den ihr zugrunde liegenden Anspruch nicht bereits auch der Höhe nach zu konkretisieren (BGH, Urt. v. 21.2.2002, a.a.O., S. 1081; Beschl. v. 4.12.2008 - IX ZR 166/07, Rz. 4, nv).
cc) Mit dem Inhalt der Streitverkündungsschrift vom 6.5.1997 hat sich das Berufungsgericht bislang nicht befasst. Hierin hat der Beklagte namens des Klägers ausgeführt, dass er, falls entgegen seiner Ansicht Gewährleistungsansprüche beständen, den Architekten in Anspruch nehmen werde, weil dieser als Planer für etwaige Fehler aufzukommen habe. Aus dem Rubrum der Streitverkündungsschrift, die mit der Verteidigungsanzeige verbunden war, konnte der Streitverkündete das maßgebliche Bauvorhaben ersehen. Aus der beigefügten Klageschrift ergab sich unmittelbar die Bezugnahme auf das vorausgegangene Beweissicherungsverfahren der Wohnungseigentümergemeinschaft sowie jedenfalls auf die von den Eheleuten D. gegen den jetzigen Kläger geführte Vollstreckungsgegenklage. Diese Schadenspositionen, die das Berufungsgericht selbst als Mangelfolgeschäden qualifiziert hat, waren mithin von der Streitverkündungsschrift unmittelbar erfasst. Es liegt nicht fern, dass dies auch für die übrigen Schadenspositionen, für die das Berufungsgericht eine Unterbrechungswirkung gleichfalls verneinte, zu gelten hat. Die Beurteilung des Inhalts der Streitverkündungsschrift und des Prozessstoffs des Vorprozesses, aus dem sich das Ausmaß der Unterbrechungswirkung ergibt, ist im Einzelnen Sache des Tatrichters (vgl. BGH, Beschl. v. 4.12.2008 - IX ZR 166/07, Rz. 4, nv). Diese Würdigung ist - vom Standpunkt des Berufungsgerichts folgerichtig - bisher unterblieben.
Das Berufungsgericht hat im wiedereröffneten Verfahren die bislang fehlende Würdigung hinsichtlich der übrigen Schadenspositionen nachzuholen. Soweit erneut eine teilweise Verjährung der in Rede stehenden Schadensersatzpositionen in Betracht zu ziehen sein sollte, muss das Berufungsgericht als Regressgericht selbst entscheiden, welchen Ausgang der Vorprozess bei ordnungsgemäßem Vorgehen des Anwalts hätte nehmen müssen (vgl. BGH, Urt. v. 28.9.2000 - IX ZR 6/99, BGHZ 145, 256, 261; v. 24.5.2007 - IX ZR 142/05, WM 2007, 1425 Rz. 16; v. 17.9.2009 - IX ZR 74/08, WM 2009, 2138 Rz. 20; Zugehör/G. Fischer, a.a.O., Rz. 1190). Es kommt mithin nicht darauf an, welchen Zinssatz das Gericht des Vorprozesses, wie das Berufungsgericht angenommen hat, zugesprochen hätte.
IBR 2012, 238

References: BGH 
 § 209
 § 204
 § 73
 § 675
 § 209
 § 12
 § 6
 § 215
 § 74
 § 204
 § 72
 § 73
 § 73