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Timestamp: 2020-04-08 22:23:23+00:00

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Kin­der­geld­an­spruch bei grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­hal­ten | Rechtslupe
Kin­der­geld­an­spruch bei grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­hal­ten
Ein in Deutsch­land leben­der Vater kann die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für Kin­der­geld nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Satz 2, § 32 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a, Satz 2 EStG auch für sei­ne bei der Mut­ter in Ita­li­en leben­de Toch­ter erfül­len.
Aller­dings ist die Kinds­mut­ter nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG vor­ran­gig anspruchs­be­rech­tigt. Denn gemäß Art. 67 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit 1 in der für den Streit­zeit­raum maß­geb­li­chen Fas­sung ‑VO Nr. 883/​2004 (Grund­ver­ord­nung)- i.V.m. Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 987/​2009 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 16.09.2009 zur Fest­le­gung der Moda­li­tä­ten für die Durch­füh­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 über die Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit 2 ‑VO Nr. 987/​2009 (Durch­füh­rungs­ver­ord­nung)- ist von der Fik­ti­on aus­zu­ge­hen, dass sie mit der Toch­ter in Deutsch­land wohnt.
Gemäß Art. 11 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 unter­lie­gen die von der Ver­ord­nung erfass­ten Per­so­nen den Rechts­vor­schrif­ten nur eines Mit­glied­staats. Da der Vater im Streit­zeit­raum eine Beschäf­ti­gung in Deutsch­land aus­ge­übt hat, unter­lag er den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten (Art. 11 Abs. 3 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004).
Aus Art. 67 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 folgt, dass die Wohn­si­tua­ti­on der Kinds­mut­ter (fik­tiv) in das Inland über­tra­gen wird. Zur wei­te­ren Begrün­dung wird zwecks Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen auf die Ent­schei­dungs­grün­de des BFH, Urteils vom 28.04.2016 – III R 68/​13 3 Bezug genom­men.
Die Kinds­mut­ter erfüllt vor­lie­gend neben dem Wohn­sit­zer­for­der­nis auch die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen für einen vor­ran­gi­gen Kin­der­geld­an­spruch; es bestehen kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass die Kinds­mut­ter eine nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­te Aus­län­de­rin i.S. des § 62 Abs. 2 EStG ist.
Ein vor­ran­gi­ger Anspruch des Vaters ergibt sich auch nicht aus § 64 Abs. 2 Satz 2 EStG; denn die­se Bestim­mung setz­te einen gemein­sa­men Haus­halt zwi­schen dem Vater und der Kinds­mut­ter vor­aus. Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt unter­hiel­ten der Vater und die Kinds­mut­ter jedoch kei­nen gemein­sa­men Haus­halt. Ein gemein­sa­mer Haus­halt kann sich auch nicht aus der Fik­ti­ons­wir­kung des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 erge­ben. Dem­nach ist im Streit­fall der Anspruch der Kinds­mut­ter nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG vor­ran­gig, da nur bei die­ser, nicht dage­gen beim Vater eine Haus­halts­auf­nah­me des F vor­liegt. Der Haus­halts­auf­nah­me steht auch nicht der kurz­zei­ti­ge Aus­lands­auf­ent­halt des F in Schwe­den ent­ge­gen 4.
Schließ­lich kommt es nicht dar­auf an, ob die Kinds­mut­ter selbst einen Antrag auf Kin­der­geld in Deutsch­land gestellt hat. Inso­weit ver­weist der Bun­des­fi­nanz­hof zur Begrün­dung auf die Ent­schei­dungs­grün­de in sei­nem Urteil in BFHE 254, 20, BSt­Bl II 2016, 776, BFH/​NV 2016, 1514, Rz 27 f., m.w.N.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 7. Juli 2016 – III R 45/​14
BFHE 254, 20, BSt­Bl II 2016, 776, BFH/​NV 2016, 1514, Rz 19 ff., m.w.N.[↩]
vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 09.12 2011 – III B 25/​11, BFH/​NV 2012, 571, Rz 13[↩]

References: § 62
 § 63
 § 32
 § 64
 Art. 67
 Art. 60
 Art. 11
 Art. 67
 Art. 60
 § 62
 § 64
 Art. 60
 § 64