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Timestamp: 2018-07-20 14:29:37+00:00

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Alois Höfler - Die unabhängigen Realitäten
Alexius Meinong Robert Saxinger Ernst Mally Franz Brentano
Die unabhängigen Realitäten
"Von einer objektiven Kausalität ist ebensowenig zu sprechen wie von einer objektiven Zeit oder von einem objektiven Rot. Natürlich muß es, ebensogut wie beim Rot, Tatsachen in der zweiten Realität geben, die, wenn sie mit dem Ich in Beziehung treten, den Kausalgedanken bedeuten. Damit ist aber nicht gesagt, daß es eine andere Kausalität als für uns gibt, wie es kein anderes Rot gibt, obgleich, wie dem Rot und der Zeit, so auch der Kausalität ein unabhängiges Sein - für sich entsprechen muß. Aber auch, wer dieses wahrnehmen könnte, darf nicht das Bestehen einer Kausalität aussagen. Es sind Tatsachen, die nicht wieder Ursachen genannt werden können. Der Kausalrelation als solcher kommt also, wie der Zeit, in der zweiten Realität weder ein Existieren noch ein Bestehen, überhaupt kein anderwärtiges Sein als in meiner Psyche zu."
Das Problem des "Dinges ansich" samt den mit ihm zusammenhängenden des "Noumenon" der "Transzendenz", der Existenz und Erkennbarkeit einer Außenwelt und dgl. mehr, ist und bleibt zwar nicht "das", aber doch ein Hauptproblem der Erkenntnistheorie, wie oft wir es auch seitens des modernen Phänomenalismus schon haben tot sagen hören.
Dieser Problemkreis, der mit dem Namen KANTs schon durch mehrere der angeführten Kunstausdrücke enger als mit dem jedes anderen Forschers verknüpft ist, wenn auch die mit den Namen zu verbindenden Begriffe noch mancher Umbildung fähig und bedürftig sein werden, hat jüngst zwei tiefgehende Bearbeitungen erfahren durch MEINONG (1) und OELZELT (2). Inwieweit diese beiden Arbeiten voneiander teilweise Anregung empfangen haben, deutet OELZELT (Seite 114) an. Die ebenfalls aus ihnen ersichtliche Bezugnahme auf mündliche und literarische Äußerungen meinerseits zu diesen Problemen möchte ich an dieser Stelle erwidern und weiterbilden und speziell auch für die Anregungen aus einer Besprechung zwischen uns (vom September 1906) die wissenschaftliche Öffentlichkeit als Teilnehmer und Richter in der unvermeidlichen Fortsetzung dieser Diskussionen gewinnen. Namentlich was meine "Psychologie" im Abschnitt "Unsere Vorstellung von einer physischen Außenwelt und unser Glaube an ihre Existenz" (§ 54 "Beschreibung des naiven Realismus", § 55 "Die physische Außenwelt vorgestellt als Ursache unserer physischen Phänomene") gebracht hatte, möchte ich konfrontiert sehen mit MEINONGs und Oe.s neuesten Ausschaltungen des Kausalgedankens aus dem Kommerzium zwischen Ich und Außenwelt.
I. Erscheinung und Ding
In Meinongs Abhandlung dürfte die im Titel des § 18 liegende These:
Äußere Wahrnehmungen als evidente Untersuchungen"
der neueste und grundlegendste Beitrag zur Lösung des alten Problems sein. Diese These, welche schon durch ihre Neuheit zum Widerspruch reizt, führt MEINONG (89) mit folgender Begründung ein: "Wir finden uns ... vor die nachfolgende Alternative gestellt: entweder wir geben mit dem Vertrauen auf unsere Sinne auch die uns so natürliche Überzeugung von der Existenz einer äußeren Wirklichkeit auf oder wir versuchen, zusammen mit dieser auch jenes aufrechtzuerhalten. Wie sich dieses Dilemman praktisch entscheidet, darüber besteht nicht der geringste Zweifel: auch weitestgehende Idealisten haben immer wieder erkannt, daß sie durch ihre Theoreme ihren Glauben an die Außenwelt in concreto nicht zu überwinden imstande gewesen sind. Aber auch theoretisch hätte diese Tatsache eine größere und prinzipiellere Beachtung verdient, als sie bisher gefunden hat. Es wäre eigentlich der einzige bekannte Fall innerhalb unserer Erkenntniserfahrungen, wo das bessere Wissen dem anerkannt schlechteren nicht standzuhalten vermöchte. Oft schon hat der Irrtum über die Wahrheit gesiegt; aber ... es war nie der bereits erkannte Irrtum." - Nun hatte MEINONG schon in § 8 "Primäre und sekundäre Qualitäten" nicht nur die Subjektivität der "sekundären" Farbe, Ton, Wärme (letztere namentlich aufgrund einer genauen und bestätigenden Analyse von LOCKEs Versuch, daß dasselbe laue Wasser der abgekühlten Hand war, der erhitzten kalt erscheint, aber nicht zugleich warm und Kalt sein kann), sondern auch die Subjektivität der "primären", der räumlichen und zeitlichen Eigenschaften zugestanden. Was MEINONG aber als nicht bloß subjektiv auch erkenntnistheoretisch retten zu können glaubt, ist das den Eigenschaften zugrunde liegende Ding, das hinter den Erscheinungen existierende Noumenon. Die Begründung hierfür besteht vor allem ebenfalls wieder im Appell an das allergewöhnlichste Verhalten des Naiven: "Sieht jemand ... auf dem Tisch vor sich etwa ein Stück Kreide liegen, so hat er fürs erste sicher das beste Zutrauen auf das, was er "mit eigenen Augen" sieht. Es ist ... im Grunde sehr auffallend, wie zugänglich er trotz dieser Zuversicht für die Subjektivität und daher Geltungslosigkeit der sensiblen Qualitäten bleibt. Er nimmt gar keinen erheblichen Anstoß daran, daß nicht nur Farbe, Temperatur, Gewicht, Härte, sondern auch Gestalt und Größe sozusagen durch Subjekt und Umstände in die Bestimmung des gesehenen Gegenstandes hineingetragn sein mögen. Nur wenn ihm jemand einreden wollte, daß überhaupt gar keine Kreide auf dem Tisch liegt, dann wird er ... nachdrücklichen Widerstand leisten und sich auf die Dauer gewiß nicht überzeugt geben (92)." - Man wir MEINONG sofort zugeben dürfen, daß er den verhältnismäßig festen Glauben des Naiven an Dinge als an Eigenschaften hiermit treffend beschrieben habe, wie auch früher das des "weitestgehenden Idealisten", der trotz wirklich oder vermeintlich besseren Wissens immer wieder in den Glauben des Naiven rückfällig wird (- freilich nicht erst bezüglich des "Dings", sondern auch schon seiner "Eigenschaften"; auch der unnaiv Gewordene wird die Bejahung der Farben, Temperaturen und dgl. nicht so leicht für immer los, als es MEINONG beschreibt). - Daß aber das praktische Verhalten des Naiven vom Erkenntnistheoretiker irgendwie als berechtigt erklärt werden dürfe, leugnet OELZELT (115): "Macht man (einem weniger Geschulten) klar, ob er ... eine Vermutungsevidenz dafür habe, daß von dem Tisch auch dann noch etwas existiere, wenn das Braun wegfällt, das Hart, das Eckig, ja wenn selbst der Ort, wo er sich befindet, unabhängig von unserer Anschauung, ganz anders bedeutet, wird er hierauf noch sagen: Etwas mußu doch noch bleiben? Ich gestehe, daß ich nicht weiß, was er dann sagen wird und eigentlich meine ich, ist es auch ziemlich gleichgültig, was der Laie hierzu sagt, dem doch, sobald er ernst mitzureden anfängt oder gar widerspricht, immer noch die Tür gewiesen wurde. Er wird, wenn er etwas gründlicher veranlagt ist, vielleicht sogar sagen: Wenn ich darüber urteilen soll, ob ich hier noch Evidenzen habe, so muß ich doch vorerst wissen, wovon gesprochen wird. Was soll ein Tisch, etwas, das weder braun, noch eckig und hart ist?" - Wir wollen diesen Einspruch kurz formulieren als folgende
These II Oelzelt: Wir haben ebensowenig Vermutungsevidenz
für die Existenz eines den Erscheinungen zugrunde liegenden Dinges,
wie für die Erscheinung selbst.
Besehen wir uns, um zwischen OELZELT und MEINONG zu entscheiden oder soweit als möglich zu vermitteln, was für Gründe und sonstigen logischen Apparat (denn noch vor den Begründungen und Urteilen mußten ja Definitionen, Distinktionen usw. gegeben worden sein) beide für sich ins Treffen führen. - Der Apparat ist bei MEINONG kein unbedeutender. Vor allem überrascht seine Rehabilitierung des Substanzbegriffes. Auch sie knüpft an das Denken und Sprechen des Naiven an (MEINONG 26f): "Sage ich: "Das Blatt ist grün", so bezeichnet "Blatt" das Ding, "grün" die Eigenschaft des Blattes, jenes das "Was", dieses das "Wie" desselben ... Die darin zutage tretende Unselbständigkeit einzelner Qualitäten legt es, wie ich an mir selbst erfahren habe, sehr nahe, die natürliche Selbständigkeit und damit das Wesen der Substanz oder des Dings darin zu suchen, daß es eben den Komplex der gegenseitig sozusagen aufeinander angewiesenen Eigenschaften darstelle. Erst gegenstandstheoretische Erwägungen haben mich und zwar recht spät, darauf aufmerksam gemacht, daß durch eine solche Auffassung der eigentliche charakteristische Dinggedanke in Wahrheit verloren geht. Denn dieser Gedanke kommt bereits ohne Rücksicht auf anderweitige Unselbständigkeiten im Gegensatz der Bedeutungen von "Grün" und "Grünes" zur Geltung. Wichtig ist nun, daß für diesen Gegensatz das Moment der Einfachheit oder Zusammengesetztheit gar nicht in Frage kommt ... Prinzipiell kann man für jede, auch für eine streng einfache Eigenschaft, den Gegensatz der reinen und der substantialisierten Eigenschaft oder der Eigenschaft am Ding bilden. "Grünes" als solches muß darum auch gar nicht mehr Attribute in sich schließen als "Grün". Wer aber daraufhin geneigt wäre, zu meinen, zwischen "Grünes" und "Grün" bestehe im Grunde gar kein wirklicher Unterschied, der wird des letzteren leicht gewahr, wenn er die so triviale Tatsache beachtet, daß ein Grünes zwar natürlich grün ist, Grün dagegen ebenso natürlich nicht wieder grün." (MEINONG 27)
Mehreres hierin entfernt sich so sehr von den philosophischen Gewohnheiten der Gegenwart, schon weil es sich denen älterer und ältester Zeiten wieder nähert, daß MEINONG Begriff und Behauptung von Substanzen "hinter" den (oder als "Träger" der) Eigenschaften das Bürgerrecht in einer neuesten Philosophie (Gegenstandstheorie und Metaphysik) gewiß nicht früher sich zu erwerben hoffen darf, als bis er die herkömmlichen historischen Konfrontationen mit den berühmtesten Freunden (ARISTOTELES, DESCARTES, KANT) wie Gegnern (LOCKE, HUME) dieses problematischen Begriffs bestanden haben wird. Hier, wo wir auf solche geschichtliche Exkurse durchaus verzichten müssen und wollen, sei als ein erstes Bedenken das gegen die durchgängige und wie selbstverständliche Gleichsetzung von Substanz, Ding und weiterhin auch von Noumenon (MEINONG 93f) angemeldet, seine Erörterung aber ebenfalls für eine andere Gelegenheit (3) verspart. Daß aber solche Bedenken nicht erst von außen in MEINONG Abhandlung hineingetragen zu werden brauchen, dürfte der Satz belegen: "Wir mußten ablehnen, die Dinge streng blau oder grün zu nennen, weil wir wissen, wie diese Qualitäten ... von der Beschaffenheit unseres Sehorgans abhängen" (MEINONG 99; wir kommen auf die hier von mir im Druck hervorgehobenen Worte unten, Seite 373, zurück). - Wie verträgt sich das mit der von MEINONG oben (27) selbst hervorgehobenen "trivialen Tatsache, daß ein Grünes natürlich grün ist"? Wohl schwerlich anders, als wenn das Wort "Grünes" in zweierlei Sinn angewendet wird, einem phänomenalen und einem metaphänomenalen (wie ich der Kürze wegen mit dem von JOSEF BREUER (4) geprägten Terminus sagen will). OELZELT (124) nennt es eine "Umwortung", wenn man auch das dem phänomenalen Grün und Grünen zugrunde Liegende noch einmal noumenales Grün, bzw. noumenales Grünes nennt. - Den von aller Wortwahl unabhängigen Kern in MEINONG erkenntnistheoretischer Rechtfertigung des naiven Glaubens, daß "hinter" dem Weiß der Kreide noch Etwas, und zwar etwas anderes stecke als hinter dem Grün des Blattes oder dem Braun des Tisches, formuliert (MEINONG 94) folgende
These III Meinong "Den phänomenalen Bestimmungen O1, O2 etc.
stehen ... noumenale Bestimmungen O'1, O'2 etc. gegenüber,
von denen ... evident ist, daß zwischen ihnen die nämlichen Vergleichungsrelationen gelten wie zwischen den O."
Gegen diese These richtet sich der Einwand OELZELT (126): "Schon das Reich des Erfahrbaren zeigt z. B., daß verschiedene Ursachen gleiche Wirkungen haben können und es ist durchaus möglich, zu einer Reihe eines Empfindungskontinuums mit abgestuften Ähnlichkeiten eine parallele diskontinuierliche Reihe beliebiger Dinge zu konstruieren, die nur zugeordnete, aber durchaus unähnliche Qualitäten darstellen. Da dieses aber auch für alle Arten transzendenter Abhängigkeit gelten kann, so heißt dies, es können die zweiten Realitäten zweier Dinge, von denen ich Ähnlichkeit aussage, falls ich jene wahrnehmen könnte, unähnlich sein; die zweiten Realitäten zweier Farben könnten nach ihren Relationen ebenso verschieden sein, wie ihre Eigenschaften von denen der Empfindungen. Allerdings blieben die Relationen damit um nichts weniger übertragbar im vorher besprochenen Sinne, nur nicht in der einfachen Weise, daß ich das Recht hätte, ohne weiteres aus der Ähnlichkeit zweier Dinge auf die Ähnlichkeit ihrer zweiten Realitäten zu schließen."
"Zweite Realität" ist in der ganzen Arbeit Oe.s (wie schon früher in der Kosmodizee 1897 und den Nachträgen zu ihr 1900) der technische Ausdruck für die vom Ich, als der "ersten Realität", unabhängige Welt der Dinge ansich. Bezeichnen wir nun, um im weiteren kurz von der Art, wie OELZELT sich die "Zuordnung" der zweiten zur ersten Realität denkt, sprechen zu können, die einzelnen Glieder
der ersten Realität mit a, b, c ... x, y, z,
die der zweiten Realität mit γ, φ, λ ... ρ, α, δ
so soll vor allem die Regellosigkeit der zweiten Reihe das Bedenken zum Ausdruck bringen, was vom Gedanken einer "Zuordnung", eines "Zugeordnetseins" eigentlich noch übrig bleibt, wenn wir schlechthin alles, was die zwischen den Gliedern der ersten Reihe bestehenden Ähnlichkeits- und Verschiedenheitsrelationen Gliedern auf die der zweiten Reihe genau oder annähernd übertrüge, von dieser zweiten Reihe fernhalten wollten und könnten. Fordert doch der Begriff des "Zuordnens" allein schon zum allermindesten, daß je einem "Glied" der ersten Reihe ein (5) "Glied" der zweiten Reihe "entspreche" und somit wenigstens zwischen den Zäsuren der ersten und der zweiten Reihe eine Art Ähnlichkeit bestehe - wieviel Willkürlichkeit übrigens schon im "Zergliedern" der ersten Reihe etwa liegen mag (wie z. B. im "Einteilen" der Weltgeschichte). - OELZELT mag diesem Bedenken erwidern, er bedürfe zum "Zuordnen" nicht der Ähnlichkeitsrelationen, da er es ja auf Abhängigkeitsrelationen gründe; wobei für eine erschöpfende Abwägung der Anteile dieser beiden Hauptklassen von Relationen daran zu erinnern wäre, daß MEINONG schon 1882 (6) die "Verträglichkeitsrelationen" als doch erst wieder über Vergleichungsrelationen gleichsam sich aufbauend beschrieben hatte. - Daß nun MEINONG viel weitergehende Ähnlichkeiten zwischen den O1, O2 etc. und den O'2, O'2 etc. behauptet, wollen wir durch ein entsprechendes Ordnen der zweiten von beiden Reihen
a, b, c ... x, y, z,
γ, φ, λ ... ρ, α, δ
symbolisieren; ja, wir können die von MEINONG als unmittelbare Vermutungsevidenz behauptete Abstufung der Ähnlichkeitsmasse zwischen den Noumenen symbolisieren durch eine Proportion
a : b : c ... = α : β : γ
Vielleicht wird sich die zwischen MEINONG und OELZELT schwebende Streitfrage sogar am einfachsten durch eine an diese symbolische Proportion anknüpfende mathematische Analogie formulieren und bis zu einem gewissen Grad schlichten lassen:
Daß nach These III Meinong zwischen noumenalen Bestimmungen die nämlichen Vergleichungsrelationen gelten, wie zwischen den zugeordneten phänomenalen Bestimmungen, wäre analog dem denkbar einfachsten Fall mathematischer funktionaler Abhängigkeit, die ja eben die direkte Proportionalität ist; und unter dem Bild einer solchen Analogie gesehen erscheint dann Oe.s Ablehnung einer solchen allzu einfachen funktionalen Beziehung sogleich gerechtfertigt durch einen flüchtigen Überblick über die zahllosen Gattungen und Arten von Funktionen außer der bloßen Proportionalität, wie sie nicht bloß die mathematische Phantasie ausdenkt, sondern wie sie sich auch in der physischen und psychischen Welt realisiert zeigen. Dennoch kann man diesem so naheliegenden Einwand entgegenhalten, daß wenigstens in sehr vielen Fällen, wo man eine von der einfachen Proportionalität mehr oder weniger weit sich entfernende Gesetzmäßigkeit (etwa schon GALILEIs Beziehung s = at2 zwischen Fallstrecke s und Fallzeit t) in ihre Realgründe verfolgt, man früher oder später doch wieder auf die einfache Proportionalität trifft. (So ist in unserem Beispiel das Quadratgesetz auf die Beziehung v = gt für die Fallgeschwindigkeit v gegründet und diese phoronomische [bewegungstechnische - wp] Beschreibung wieder auf das erste und zweite der NEWTONschen dynamischen Gesetze, die auch direkte Proportionalitäten aussprechen.) Entscheidend würde diese Bevorzugung der direkten Proportionalität natürlich erst durch eine Art Statistik, wieviel der anderweitigen Funktionsbeziehungen auf solche einfache Proportionalitäten zurückführen und wieviele etwa überhaupt nicht. Auch wenn es eine (nur nicht allzu unbeträchtliche) Überzahl ist, darf sie als ein, wenn schon nicht Rechtfertigungs-, so doch Entschuldigungsgrund für den naiven Anfänger gelten, der, weil er eben noch keine andere Art von funktionaler Abhängigkeit kennt als die direkte Proportionalität (z. B. zwischen Preis und Warenmenge, Arbeiterzahl und Leistungsmenge - und selbst hier ist ja die Proportionalität schon manchmal durchbrochen, wenn es sich um Diamanten von 1, 2, 3 Gran handelt oder um Arbeiter, die sich gegenseitig stören oder fördern und dgl. mehr) immer und überall auf diese direkte Proportionalität treffen zu müssen, ja sie wohl gar für evident halten zu dürfen meint. Und muß man das, was der Anfänger, dieser "naive" Mathematiker, hier für evident hält, zwar zuerst nur Vorurteil nennen, so könnte er sich im Besitz jener Statistik nachmals immerhin darauf steifen, daß er wenigstens jetzt eine Evidenz der (sogar zahlenmäßig auszuwertenen) Wahrscheinlichkeit dafür habe, es werde eine neu entgegentretende Abhängigkeit "im Grunde" doch auch wieder als einfache Proportionalität wenigstens so lange präsumiert werden dürfen, bis die Erfahrung und ihre möglichst weit (zu den Prinzipien) geführte Analyse etwa doch das Gegenteil gelehrt habe.
Auch das an der Spitze des angeführten Einwandes von OELZELT. (135) ebenfalls nur als Analogie herangezogene Beispiel, "daß verschiedene Ursachen gleiche Wirkungen haben können", steht ja nicht im unversöhnlichen Widerspruch mit dem von MEINONG (95) geltend gemachten Satz, "aus Verschiedenheit der Wirkungen darf man ja in der Regel auf Verschiedenheit der Ursachen, aus der Gleichheit der Wirkungen auf Gleichheit der Ursachen schließen". Jeder wird es von vornherein praktisch und mit gutem theoretischem Recht so lange mit der "Regel" (der sozusagen "Proportionalität" zwischen Ursache und Wirkung) halten, bis man aus ganz bestimmten Gründen im einzelnen bestimmten Falle die "Ausnahme" zuzugeben genötigt ist. Und so ist es allerdigs auch (OELZELT 126) "durchaus möglich, zu einer Reihe eines Empfindungskontinuums mit abgestuften Ähnlichkeiten eine parallele diskontinuierliche Reihe beliebiger Dinge zu konstruieren"; aber was "möglich" ist, muß doch noch keineswegs das Wahrscheinlichste sein.
Trachten wir aber jetzt aus solchen Allgemeinheiten und bloßen Möglichkeiten heraus zu denjenigen Wahrscheinlichkeiten vorzudringen, mit denen der praktische Naive, wie der praktische Naturforscher sich durch die Welt hilft, so sehen wir MEINONGs und OELZELTs Erkenntnistheorie die Bedeutung dieses praktischen Verhaltens grundsätzlich so verschieden einschätzen, daß es auf den ersten Blick als direkter Gegensatz erscheint. Und doch dürfte sich zeigen lassen, daß auch OELZELT dem für MEINONG charakteristischen Bestreben, mit seiner Erkenntnistheorie der Erkenntnispraxis möglichst nahe zu bleiben, viel näher steht, als er (OELZELT) selber meint. Denn es räumt ja auch OELZELT dem naiven Kind mit dem naiven Naturforscher sogleich eine sehr weitgehende metaphysische Kompetenz ein, wenn er ihr Urteil über die Existenz einer zweiten Realität in folgenden Worten beschreibt:
"Schon das Kind, das Feuer verkohlen sah, wird, wenn es zum erstenmal eine Kohle ohne Feuer sieht, glauben, daß Feuer vorausgegangen sei, einfach aufgrund der Erinnerung an die schon gesehene Kohle, die durch Feuer entstanden ist. Hier wird vom Kind zum erstenmal eine unabhängige Realität angenommen, die über den Solipsismus hinausgeht" (OELZELT 121).
Zur Orientierung des Lesers sei hier eingeschaltet, daß das Beispiel von Feuer-Kohle (Realgrund) und Kohle-Feuer (Erkenntnisgrund) in OELZELTs Hand die Pistole ist, die er seinem Hauptgegner, dem Phänomenalisten, auf die Brust setzt: Was ist "Antezedens" [Vorausgegangenes - wp], wenn einmal Kohle ohne Feuer erblickt wird; die (diesmal durch die Assoziation Feuer-Kohle geweckte) Erinnerungsvorstellung vom Feuer? - diese wäre ja deren Konsequens [Nachfolgendes - wp], nicht Antezedens! - Ich teile völlig OELZELTs Eindruck, daß dieser Waffe bisher keine gleich treffsichere entgegengestellt worden sei, sondern nur die verlegene Ausrede auf "Wahrnehmungsmöglichkeiten" und dgl. - Aber nicht diese Gemeinsamkeit unserer Überzeugung von der Unentbehrlichkeit "unabhängiger Realitäten" hat uns hier zu beschäftigen, sondern nur eine eben erst aufgrund dieser Gemeinsamkeit mögliche Differenz: Auch OELZELT, wiewohl hier namens "grauester Metaphysik" urteilend, läßt schon das Kind als unverächtlichen Zeugen für ein Ding ansich des Feuers gelten; natürlich nur so, wie einem Untersuchungsrichter die Aussage eines ungebildeten Zeugen, die er keineswegs wörtlich nimmt, nach allen nötigen Abstrichen dennoch entscheidend wertvoll sein kann. Das Kind nimmt die (durch den Anblick der Kohle reproduzierte Erinnerungs-) Vorstellung vom Feuer (genauer: deren "immanenten" Gegenstand) samt allen seinen anschaulichen Merkmalen ohne jeden Abstrich für ein Ding ansich. Die Frage ist nun: Wie viele Abstriche muß der Metaphysiker vornehmen, damit er sich nicht einer müßigen "Verdoppelung" (OELZELT 123) schuldig mache; wieviele solche Abstriche darf er aber höchstens machen, damit ihm nicht etwa gar nichts mehr, sondern damit ihm doch immer noch gerade das Ding ansich eben jenes Feuers in Händen bleibt? Oder in Form der obigen Frage: Welches Ausmaß positiver Bestimmungen wird schon durch den bloßen Begriff des "Zuordnens" einer zweiten Realität ρ zu einer gegebenen ersten r erfordert, damit uns nicht dieser Begriff des "Zuordnens" selber unter den Händen zerrinne? Auf die so zugespitzte Frage nach dem richtigen Ausmaß der unvermeidlichen Abstriche haben wir nun aber nach OELZELT die authentische Antwort auch nicht etwa vom Naturforscher zu erwarten, der zwischen dem Kind und dem Metaphysiker steht. Vielmehr ist auch er nur ein Zeuge für das "Daß", nicht für das "Wie" der zweiten Realität; denn (OELZELT 122, 123):
"Auch die grundlegende Naturwissenschaft, die Physik braucht die Annahme einer zweiten Realität und kann sich nicht begnügen mit der Erforschung bloß von Empfindungsbeziehungen in mathematischen Formeln. Sie bruacht die ihnen zugrunde liegenden metaphysischen Vorgänge der zweiten Realität, worauf sich auch alle ihre Abstraktionen, Hilfs- und Rechenkonstruktionen beziehen: Atome, Äther, Fluida, kontinuierliche Materie, samt ihren Relationen, falls jene nicht widerspruchsvolle Annahmen eines "Zwischenreiches" sind. Für den Physiker heißt, der Magnet zieht an, gleicherweise wie Feuer verkohlt: sie haben die Kraft so zu wirken - der kürzere Ausdruck dafür, daß sie bleibende Teilursachen sind, d. h. Antezedentien eines Geschehens werden können, dem auch ein Vorgang in der zweiten Realität entspricht. Daß die Physik zu solchen oder gar zur Erkenntnis bestimmt gearteter Luftschwingungen, die einen Ton bedingen, jemals gelangen könne unter der Annahme, daß diese nur soweit existieren als sie wahrgenommen werden, ja nur zur Übereinstimmung ihrer Phasen in mehreren Beobachtern, müßte zumindest gegen den auch von der Physik bisher mit Erfolg anerkannten naiven Realismus als möglich erwiesen werden. Könnte sie das, dann wäre allerdings damit auch für die Metaphysik die Entbehrlichkeit der zweiten Realität bewiesen."
Wieder sei zur Orientierung des Lesers hier eingeschaltet, daß der Terminus "Zwischenreich physikalischer Realitäten", deren Annahme OELZELT hier "eine widerspruchsvolle" nennt, von mir (7) eingeführt wurde, um die so oft geschildete Verlegenheit des Physikers zu charakterisieren, der z. B. seine Atome als räumlich ausgedehnt, aber als farblos denkt, wiewohl doch (Gesichts-) Raumdaten ohne Farbenqualitäten undenkbar, genauer: mit innerem Widerstreit belastet sind. Wollten wir um dieser Schwierigkeit willen aber auf ein solches Zwischenreich völlig verzichten, was bleibt dann von "Atomen, Äther" und dgl. übrig? Und inwiefern können diese auch nur noch Hilfs- und Rechenkonstruktionen genannt werden, die sich überdies geradezu auf die metaphysischen Vorgänge der zweiten Realität beziehen sollen, also "Wirklichkeiten treffen", die nicht "bloße Bilder" sein wollen? (8)
Alle diese alten und neuen Verlegenheiten spitzen sich zu auf die zwischen OELZELT und MEINONG schwebende Streitfrage nach dem Mehr oder Weniger der Abstriche, die sich unsere Anschauungsbilder von der Außenwelt gefallen lassen müssen, damit diese als ein Ding ansich allerunnaivsten, "kritischen" Ansprüchen standhalte. Auf OELZELTs allgemeine Lösung dieser Aufgabe kommen wir weiter unten zurück und halten uns für jetzt an das letzte der vier zur Sprache gekommenen, wesentlich gleichartigen Beispiele vom Feuer, dem Tisch, der Kreide und dem grünen Blatt; wobei wir hier wieder nur jenen ganz speziellen Punkt herausgreifen, den OELZELT eine "Umwortung" nannte. Er glaubt sie darin zu finden, daß MEINONG angesichts eines gesehenen "grün" (g) nicht nur das gesehene Blatt ein Grünes (G) nennt, sondern auch das hinter dem Blatt zu denkende Ding ansich ebenfalls ein Grünes (T) , wie wenn dieses selber noch einmal "grün", diesmal aber "noumenal-grün" (γ) wäre. Wenn hiermit MEINONG dem (T) die Eigenschaft g noch einmal, und zwar in ganz demselben Sinn wie dem G beilegte, wäre das freilich eine jener Verdoppelungen, um derentwillen man so häufig das Ding ansich überhaupt eine müßige Erfindung nennen hört. Halten wir uns aber an die schon oben angeführten Worte (MEINONG 99), die wir hervorheben wollen als
These IV. Meinong: Wir mußten ablehnen, die Dinge streng blau oder grün zu nennen, weil wir wissen, wie diese Qualitäten ... von der Beschaffenheit unserer Sinnesorgane abhängen",
So ist es durch sie ausgeschlossen, daß MEINONG dem T noch einmal ein eigentliches "grün" (γ, wo γ = g' wäre) zuschreiben wolle. Eben darum will aber OELZELT auch das Wort "Grünes" für das Ding ansich des gesehenen Blattes schlechterdings vermieden wissen. Es sind also MEINONG und OELZELT in der Sache einig, daß es im Reich der Dinge ansich kein Grünes und überhaupt kein Farbiges (also auch kein Graugrünes oder dgl.) gebe, dem die Eigenschaft "grün" im phänomenalen Sinne noch einmal zukäme. Dennoch verzichtet MEINONG nicht darauf, auch das Ding ansich des Blattes ein "Grünes" zu nennen; und ist dieses nach OELZELT eine Umwortung, so ist sie wenigstens insoweit bequem, als sie in der kunstlosen Sprache des Alltags denselben Gedanken der Zuordnung eines Dings ansich zum phänomenalen Grün, bzw. Grünen andeutet, den wir künstlich durch die Zuordnung griechischer Buchstaben zu den lateinischen oder durch eine fortwährende Wiederholung des Beisatzes "Ding ansich des - " jedenfalls nur sehr schwerfällig erreichen. - Freilich ist eine solche Schwerfälligkeit ebensowenig eine sachliche Widerlegung der "Dinge ansich", wie die Zinsgroschenfrage: "Kannst Du Dich auf das Ding ansich eines Sessels setzen?" Man darf eine solche Frage nur nicht inkonsequent bejahen oder verneinen, sondern muß natürlich, wenn der sichtbare Sessel (S) durch das metaphysische Ding (∑) ersetzt werden soll, auch zum physischen "setzen" (s) den zugehörigen "metaphysischen Vorgang" (σ) schon in die Frage legen. Nur wer dann selber durchwegs ∑ = S, σ = s gesetzt hätte, dürfte sich über eine Verdoppelung lustig machen, die aber nun nur ihm selbst zur Last fiele.
Es wäre aber das entgegengesetzte Extrem und womöglich noch unfruchtbarer als so eine unbewiesene Gleichheit, wollte man jede "Beziehung" zwischen ∑ und S, zwischen σ und s, zwischen T und G usw. als angeblich mit der Natur des "Dings ansich" oder eines "Vorgangs ansich" unverträglich, überhaupt abweisen. Zwischen solchen Extremen sind hier zahlreiche Mittelstellungen denkbar und vor und seit KANT eingenommen worden. Die Phänomenalisten pflegen KANT neuerdings einen Realisten (und zwar gelegentlich sogar einen "naiven" Realisten) zu nennen, weil er von der These ausgegangen ist: Wir erkennen die Dinge nicht, wie sie ansich sind, sondern nur wie sie uns erscheinen. Zugegeben ist, daß hier das "Daß" einer Existenz von Dingen ansich als ein unmittelbar evident gewisser Satz hingestellt wird, worauf dann erst die Erkennbarkeit jedes "Wie" mit ebensolcher Gewißheit geleugnet wird. Zuzugeben ist ferner, daß diese Unterscheidung des "Daß" und "Wie", die man für ebenso dringend wie selbstverständlich halten sollte, in dem ganzen schier unendlichen Strit für und wider die Dinge ansich nur zu häufig übersehen worden ist. Nach dem Grundsatz "Kein Quid [Was - wp] ohne ein Quale [Beschaffenheit - wp], kein Quale ohne ein Quid", (9) darf sich aber niemand, der ("naiv" oder "kritisch", evidenzlos oder evident) daran glaubt, daß es Dinge ansich gibt, der Verpflichtung entziehen, auch irgendetwas Positives über ihr Wie auszusagen (ebenso wie niemand sagen darf, er glaube an Gott, ohne daß er diesem seinen Gott wenigstens ein positives, äußerstenfalls auch nur irgendein negatives Merkmal beilegt).
Dieser Aufgabe unterzieht sich OELZELT im zweiten Teil seiner Abhandlung 123 - 131, indem er ein solches "Minimum der Transzendenz" (123) sucht, wie es durch das im ersten Teil der Abhandlung bewiesene "Daß" einer zweiten Realität gefordert sei. Wir deuten hier Inhalt und Ergebnis dieses Teils der Untersuchung dadurch an, daß wir die zur Sprache gebracht Gegenstände einfach aufzählen und hinter jeden ein + oder - setzen, je nachdem seine Übertragbarkeit aus der ersten in die zweite Realität behauptet oder geleugnet wird. Es sind: Die sinnlichen Qualitäten (-), Raume (-), Zeit (-), Gleichheits- und Verschiedenheitsrelationen (-), Zahl (+), Notwendigkeitsrelationen (+), Kausalität (-) - Gründe für diese Negation einer "Kausalität ansich"). - Es drängen sich hier die Fragen auf: Warum sind gerade diese absoluten und relativen Begriffe für die Erörterung gewählt worden? Sind es wirklich alle überhaupt denkbaren oder geschah vielmehr die Wahl gerade so, um zu einer bestimmten Wahrnehmungstheorie Stellung zu nehmen? Ich glaube letztere Frage weiter unten bejahen zu sollen. Unabhängig von solchen Zusammenhängen stellt sich aber nach dem Überblick jenes Minimums von Transzendenz wohl bei jedem Leser das Bedürfnis ein, nun das aus den wenigen verbliebenen Bausteinen zu errichtende metaphysische Gebäude zu vergleichen mit dem reich geschmückten Weltbild, das dem Nichtmetaphysiker, sei es ein Kind oder ein Naturforscher oder sonst ein "Naiver", gegenüberzustehen - scheint. Ohne daß wir hier näher auf alle feineren Differenzen eingehen, zu denen z. B. sogleich die Eingangsworte der ganzen Abhandlung (10) Anlaß gäben, darf der Gesamteindruck wohl dahin ausgesprochen werden, daß die von OELZELT geschaffene Kluft zwischen der ersten und zweiten Realität sehr breit und sehr tief ausgefallen ist. Haben wir hier nur das unvermeidliche "ignoramus" einzugestehen, oder aber eine Unterschätzung dessen, was die Naturforschung einerseits, eine mit neuen Werkzeugen arbeitende Erkenntnistheorie andererseits, zu einer wenigstens teilweisen und schrittweisen Ausfüllung der Kluft zu tun vermöchte? Was OELZELT hierfür von der Naturwissenschaft (134, Anm.) erwartet, ist nicht wenig, aber er erwartet es eben erst von einer unbestimmten Zukunft. Und ausdrücklich verwirft er alle oder fast alle erkenntnistheoretischen Werkzeuge, die MEINONG neu schmiedet und anwendet, um der äußeren Wahrnehmung ein besseres Recht auf die Erkenntnis der physischen Außenwelt zu verschaffen, als ihr seitens einer allzurigorosen Erkenntnistheorie und Metaphysik bisher zugestanden worden war. Besehen wir uns also in Kürze die neu empfohlenen und angewendeten Erkenntnismittel:
Vor allem ist es MEINONGs Begriff der Evidenz der Wahrscheinlichkeit, kürze Vermutungsevidenz, der der Zeit seiner Konzeption (11) nach freilich keineswegs mehr neu, dennoch aber der Mehrzahl gegenwärtig produktiver Erkenntnistheoretiker noch fremd geblieben ist; vielleicht weil sie nicht hinweg gekommen sind über den scheinbaren Widerspruch, der in der Verbindung der Wörter "Vermutung" und "Evidenz" liegt, der aber als ein nur scheinbarer schon längst entkräftet ist. Genug, daß OELZELT sich grundsätzlich keineswegs dem Begriff der unmittelbaren Wahrscheinlichkeitsevidenzen verschließt (114, wo er euphemistisch sogar von "ihrer Entdeckung eine Art Epoche für die Erkenntnistheorie" datiert, dieser ganzen Evidenzklasse aber dann doch nur ein einziges Anwendungsgebiet, eben das der Gedächtnisphänomene, zugesteht). MEINONG dagegen hat während der zwei Jahrzehnte seit dieser Konzeption ihr immer neue Anwendungsgebiete zugeteilt und geht gegenwärtig so weit, "nur noch die allerbesten Gedächtnisleistungen" der Vermutungsevidenz des äußeren Wahrnehmens eines Dings hinter den Eigenschaften (z. B. des auf dem Tisch liegenden Stückes Kreide) an die Seite zu stellen (92).
Ebenso wie gegenüber der Gewißheit die Vermutung bisher zu wenig erkenntnistheoretisch verwertet worden ist, so auch neben dem Genauen das Ungenaue. Wie jene Unterscheidung das Urteilen, betrifft diese das Vorstellen. Auf dieses, hier zum erstenmal der erkenntnistheoretischen Würdigung (und zwar einer positiven, nicht bloß einer alles Ungenaue a limine ablehnenden, negativen) empfohlene Moment der Ungenauigkeit gründet MEINONG den Begriff der Halbwahrnehmung (98): Der Fehler des ... "naiven Realismus" wird hierbei dahin präzisiert, "daß für Vollwahrnehmung genommen wird, was nur Halbwahrnehmung ist" (98). Nach Feststellungen über die Übertragbarkeit von Vergleichungsrelationen ("Die Dinge ansich sind also gleich, ungleich etc.", 100) und über die "Prärogative der Verschiedenheit". ("Es gilt im allgemeinen das Prinzip: Wenn von zwei Beschauern der eine Verschiedenheit findet, der andere Gleichheit, so hat der erstere Recht", 102) wird unterschieden zwischen "schlechteren und besseren Phänomenen" (104), unter letzteren z. B. die durch Lupe und Mikroskop oder durch die Färbemethoden in der Physiologie gewonnenen differenzierteren verstanden. "Im allgemeinen kann man sagen: es ist die wesentliche Aufgabe jeder empirischen Wissenschaft, sich mit den besten Phänomenen zu versehen. Und weiter ist es auch ganz selbstverständlich, wie sich eine empirische Wissenschaft dazu gedrängt sehen kann, Phänomene zu erfinden, die ... geeignet erscheinen, das, was die Forschung ... in betreff der einschlägigen Noumena festgestellt hat, so zu repräsentieren, ... daß ... die wertvollsten Halbwahrnehmungen diese Erscheinungen zu phänomenalen Objekten haben könnten. Das ist der eigentliche, d. h. der einwurfsfreie Sinn der Versuche neuerer Naturwissenschaft, physische Vorgänge, die nicht als Bewegungen erscheinen, auf Bewegungen zurückzuführen". Nur ein erkenntnistheoretisches Mißverständnis konnte zu der Meinung führen, daß es sich dabei um einen Übergang von Phänomenen zu Noumenon handeln müsse oder auch nur könne."
Eine Prüfung der neuen Begriffe "Halbwahrnehmung" usw., kann natürlich hier nicht geliefert werden. Aber auch ohne eine solche dürften die herausgehobenen Sätze genügen, um die viel entsagungsvollere Erkenntnistheorie OELZELTs zur Selbstprüfung zu veranlassen, ob sie der Bedeutung gerecht werde, die nicht erst den halbmetaphysischen Theorien der Physik (z. B. "Zurückführung" der Wärme auf Bewegung), sondern schon den möglichst metaphysikfreien Leistungen z. B. von Lupe und Mikroskop für das Erschließen des Wie der wirklichen, nicht nur der uns erscheinenden Welt zukommt. Und da nun auch das unbewaffnete Auge schließlich ja doch das weitaus entscheidenste Stück jedes optischen Gesamtapparates ist, so hat MEINONG vielleicht doch nicht zuviel gewagt, wenn er der traditionellen Auffassung, nur die innere Wahrnehmung sei eine wirkliche, die äußere aber sei nur eine "sogenannte", einmal kühn entgegentrat und aussprach: Es gibt äußeren Wahrnehmungen (91) - sie erfassen unmittelbar eine äußere Existenz.
Verhehlen wir uns aber nicht, daß die neue Lehre und ihre Begründung noch manchem Bedenken ausgesetzt bleibt; sogleich die erste Begründung der obigen These I Meinong, aus dem festen Glauben des Naiven und der Rückfälligkeit des Idealisten in ihn: Denn nicht nur das hinter den Farben steckende Ding, sondern auch die Farbe selbst hält man ja, wie gesagt, immer wieder für ansich seiend, trotz der besseren Belehrung seitens der Physiologie. - Nicht minder groß ist aber freilich auch mein Bedenken, ob ich OELZELT überhaupt recht verstehe, wenn er den Naturforscher auch nur in demselben Maße wie das Kind als Zeugen für seine zweite Realität gelten läßt, alle seine Analysen und Synthesen der Elemente naiver Weltbilder aber nur als Umgestaltungen der ersten Realität, nicht als Annäherungen an und Eindringen in die zweite Realität gelten lassen will. Wie z. B., wenn der Physiker Luftschwingungen oder Beugungsstreifen zählt: die Zahl ist ja auch nach OELZELT der ersten und der zweiten Realität gemeinsam - und doch sollen jene für die Physik des Schalls und Lichtes so fruchtbaren Zahlen für deren Metaphysik ganz unfruchtbar sein? Gewiß - der einer grünen Spektrallinie entsprechende Lichtstrahl ist nicht selber wieder grün, ist nicht "Grünes", sondern nur "Schwingendes". MEINONG behauptet (wenn ich seinen Begriff der "Halbwahrnehmung" hier richtig exemplifiziere), das "Schwingende" stehe in der halben Breite der Kluft zwischen erster und zweiter Realität. - OELZELT setzt es an den Rand der ersten. - Wer von beiden hat Recht oder kommt, wenn nicht der Wirklichkeit, so doch der Wahrheit näher? - Genug dieser Fragen; mögen die Antworten, die ich vor allem von MEINONG und OELZELT, dann aber von allen an den Grenzfragen der Physik und Philosophie Interessierten erhoffe und erbitte, meinem "Zwischenreich physikalischer Realitäten) zugute kommen, sei es durch Bestätigung, sei ees durch Ersparung dieses Begriffs.
Wahrnehmung und Kausalität
An zahlreichen Stellen (MEINONG 31, 87, 88, 89, 93, 102, 107 u. a.; OELZELT 124, 128, 129f) kommen beide Abhandlungen auf Kausalität zu sprechen, wobei sie als letzte Absicht die negative gemeinsam haben, den "Kausalschluß" als Ersatz für "Wahrnehmung" abzulehnen. Es sei gestattet, hiervon nur soviel wiederzugeben und zu erörtern, als erforderlich ist zur Überprüfung der im Titel des § 55 meiner Psychologie gelegenen
These VH: "Die physische Außenwelt, vorgestellt als Ursache unserer (12) Phänomene."
Es sei hier vorausgeschickt, daß der vorhergehende § 54 "Beschreibung des naiven Realismus" die Kausalurteile (a. a. O., Seite 367 unter a) erörtert) von der "Beschreibung der naiven Gedanken über die Außenwelt" (a. a. O. Seite 366) nicht minder entschieden ausgeschlossen hatte, als dies jetzt MEINONG und OELZELT tun. Aber allerdings wurde dort (im Gegensatz z. B. zu SCHOPENHAUER), was an Kausalität aus dem physischen Weltbild des Naiven ausgeschieden war, umsomehr für das des Nichtnaiven, des Erkenntnistheoretikers, in Anspruch genommen, ja dieses geradezu beschränkt auf folgende "sehr abstrakte und unanschauliche Definition" vom "Begriff eines physischen Außendinges A, von dem wir die Empfindung (in der Regel allerdings die Empfindungskomplexion) a haben: Ursache, genauer Teilursache, jener Empfindung a". - Ich hatte mich bei diesem Ergebnis gestützt und berufen auf MEINONGs Relationstheorie. (13) Es ist also doppelt beachtenswert, worin MEINONG jetzt jene abstrakte und allzuabstrakte Beschreibung des erkenntnistheoretischen Begriffes "physische Außenwelt" einer Ergänzung fähig und bedürftig findet. Am Schluß seiner Abhandlung (107) fügt MEINONG mehreren vorher (87, 89, 93) angedeuteten "Gründen" gegen eine derartige "Überschätzung des Kausalschlusses" noch einen Grund hinzu, der ihm "in besonderem Maße entscheidend" erscheint:
"Gesetzt etwa, ich habe den Aspekt einer Kirchturmspitze oder des Stundenschlages einer Uhr; wie komme ich da eigentlich dazu, gerade die Kirchturmspitze oder den Uhrschlag als die Ursache zu bezeichnen? Meine Wahrnehmungsvorstellung hat doch jedesmal noch viel näherliegende Ursachen. ... Betrachten wir ... das psychische und das, gleichviel wie, ihm nächst zugeordnete physische Geschehnis zusammen als eine komplexe Tatsache, so ist diese ihrer physischen Seite nach durch eine Reihe immer peripherischerer Vorgänge bis zum Sinnesorgan, jeder Vorgang im Organ aber durch physikalische Vorgänge in den leitenden Medien hervorgerufen und erst recht spät führt dieser Regressus auf denjenigen Tatbestand, den wir als den gesehenen oder gehörten betrachten. - Daraufhin meint man nun wohl, es werde sich bei einem Kausalschluß eben nicht um die nächste, sondern etwa um die irgendwie entfernteste Ursache handeln. Aber abgesehen von der begrifflichen Schwierigkeit, die in dieser Auffassung sofort zutage tritt, braucht man es ja wieder nur am konkreten Beispiel zu versuchen. Ein nicht selbstleuchtender Körper, den ich gleichwohl leuchten sehe, hat ja sein Licht von auswärts, etwa von der Sonne: wer aber meint, wenn die in der Sonne glänzende Turmspitze Licht in seine Augen sendet, die Sonne zu sehen? Ein Spezialfall ist hier vielleicht noch deutlicher. Welchem noch so sehr an physikalische Gedanken Gewöhnten fiele es ein, das Spiegelbild einer Flamme nach dem Ort zu verlegen, wo sich die Flamme sicher befindet? - Darf man von einem Kausalschluß verlangen, daß er wenigstens einigermaßen schrittweise zurückgeht, so wird nun erst recht anschaulich, wie wenig das, was wir beim Wahrnehmen denken, eine solche Kausalreihe ist. Vor allem aber muß die Frage aufgeworfen werden, wie es aus der Natur des Kausalschlusses allein heraus verstanden werden könnte, daß derselbe zwischen dem sehr Nahen und dem sehr Entfernten gerade irgendwo in der Mitte stillhält."
Gewiß, auf diese Frage muß der Kausalschluß für sich allein die Antwort versagen und die ganze Überlegung zeigt in der Tat unwiderleglich, daß die äußere Wahrnehmung etwas anderes ist als ein Auswahltreffen zwischen den unbegrenzt zahlreichen Gliedern der Kausalkette oder -ketten, die nicht nur dem Wahrnehmen, sondern auch dem Wahrgenommenen vorgangegangen sind. Sonst könnte man ja sogar fragen, warum man jetzt nur den Kirchturm wahrnimmt und nicht auch den Baumeister, der ihn erbaut hat. Und daß auch ohne solche Übertreibungen nur zu leicht die Grenzen fließend werden, wo der Raumort, an den das Wahrnehmen den jeweiligen Wahrnehmungsgegenstand "setzt", nicht mehr "stillhält", zeigt eine naheliegende Weiterführungen des Beispiels von der glänzenden Turmspitze. Wäre diese z. B. eine völlig blank polierte Kugel, dann sähen wir tatsächlich doch nicht mehr die Kugel, sondern das Konvexspiegel-Sonnenbild (14) (wie man nachts, an einem regungslosen Wasserspiegel stehend, nicht diesen selbst, sondern "in ihm" die Spiegelbilder der Sterne erblickt); und aus diesem Sonnenbild wird, wenn die Blankheit stetig abnimmt, in stetigem Übergang der Anblick einer unregelmäßig reflektierenden Oberfläche, also wiederum die Kirchturmspitze. - Jeder Lehrer der Physik (15) erinnert sich, wie nahe ihn gerade die Lehre von den Spiegel- und Brechungsbildern (wenn er nicht seine Schüler mit dem längst als sachwidrig erwiesenen Wort vom "Nach-außen projizieren" abspeisen will) an die von MEINONG in ihrer erkenntnistheoretischen Tragweite anschaulich gemachte Frage heraufgeführt hat, wie es denn zugehe, daß wir auf diese und diese Netzhautreizung die Wahrnehmung gerade dieses und dieses "Gegenstandes außer uns" haben.
Aber indem wir uns so unversehens von den Höhen erkenntnistheoretisch-metaphysischer Betrachtung in die Niederungen der physikalischen und psychologischen Anfangsgründe heruntergezogen sehen, die zur Ausfüllung der Lücke des "Kausalschlusses" notwendig, wenn auch nicht ausreichend sind, werden wir inne, daß die in den einzelnen Naturwissenschaften heimische Kausalität, die wir im folgenden die "gewöhnliche Kausalität" nennen wollen, schwerlich ganz dieselbe ist, die in jener abstrakten Definition der Außenwelt als der "Ursache unserer Empfindung" gemeint war. Und wenn (oder insoweit) doch jene "gewöhnliche Kausalität" von MEINONG (1882) (16) und mir (1897) gemeint war, so wird sie sich nun wohl einiges von jenen Abstrichen gefallen lassen müssen, auf die OELZELT gegenwärtig so entschieden dringt. Nur glaube ich sagen zu dürfen, daß auch schon vor OELZELTs Einspruch, der von der "Kausalität = notwendige Sukzession" die Notwendigkeit gelten läßt und nur die Sukzession für das Reich der Dinge ansich streicht, auch MEINONG und ich uns einer solchen Ausschaltung des Zeitlichen keineswegs verschlossen hatten - wenn auch beide in wesentlich abweichender Form.
Meinerseits hatte ich nämlich an einer anderen Stelle meiner Psychologie (17) die Möglichkeit ins Auge gefaßt, daß zur Anwendbarkeit des Kausalbegriffs auf metaphysische (oder allgemeiner: metaphänomenale) Dinge "noch eine tiefer gehende Umgestaltung dieses Begriffs (18) oder Ersetzung durch einen weiter gefaßten Abhängigkeitsbegriff sich als unausweichlich herausstellen mag"; namentlich weil man "den Empfindungsvorgang nicht wohl als einem den Reizvorgang zeitlich nachfolgenden zu denken geneigt sein wird ... Das Merkmal der Sukzession (19) wäre also aus dem Kausalbegriff hiermit ausgefallen und nur das der notwendigen Bedingtheit zurückgeblieben."
Insoweit also glaube ich mich im Einklang zu finden mit OELZELT. Er zieht aber aus dem Wegfallen des Zeitmomentes allerdings viel weitergehende Konsequenzen; die ganze Stelle möge hier im Wortlaut folgen (OELZELT 129 - 131):
"Zu den nicht in die zweite Realität übertragbaren Relationen gehört die Kausalrelation. Das kann ja bei ihrer Komplexität (20) nicht wundernehmen; eine Relation, wie Neffe und Onkel, kann von der zweiten Realität ja nicht ausgesagt werden. - Definiert man nämlich Ursache als notwendiges Antecedens, so wäre nur der eine dieser beiden Faktoren, die Notwendigkeit, im vorausgehenden Sinn zu übertragen möglich; eine Notwendigkeit, die natürlich mit Gleichzeitigkeit so wenig zu tun haben braucht als mit einem Nacheinander; jene ist ja nicht zulässiger als diese. Höchstens also die Hypothese eines zeitlosen Vorkommnisses, wie des Urteils, käme in Frage. Jedenfalls aber ist die Anwendung des Antecedens, des Zeitmoments auch als Relation, wenn man sonst die Zeit als subjektiv annimmt, aus den vorher angegebenen Gründen unzulässig. Von einer objektiven Kausalität ist daher sowenig zu sprechen wie von einer objektiven Zeit oder von einem objektiven Rot. Natürlich muß es, ebensogut wie beim Rot, Tatsachen in der zweiten Realität geben, die, wenn sie mit dem Ich in Beziehung treten, den Kausalgedanken bedeuten. Damit ist aber nicht gesagt, daß es eine andere Kausalität als "für uns" gibt, wie es kein anderes Rot gibt, obgleich, wie dem Rot und der Zeit, so auch der Kausalität ein unabhängiges Sein - "für sich" entsprechen muß. Aber auch, wer dieses wahrnehmen könnte, darf nicht das Bestehen einer Kausalität aussagen. Es sind Tatsachen, die nicht wieder Ursachen genannt werden können. Der Kausalrelation als solcher kommt also, wie der Zeit, in der zweiten Realität weder ein Existieren noch ein Bestehen, überhaupt kein anderwärtiges Sein als in meiner Psyche zu. Das heißt, daß das Kausalverhältnis, wie Zeit- oder Raumrelationen, nur vom Psychischen, bzw. Physischen ausgesagt werden, daß es auf Vorkommnisse in der zweiten und eine solche zwischen zweiter und erster Realität gar keine Anwendung finden kann. - Demnach müssen, wie die bisher angenommenen metaphysischen Realitäten, so auch die der Kausalrelation völlig unbestimmt (21) gelassen werden, wofür ja auch alle Gründe sprechen, die überhaupt die zweite Realität selbst unbestimmt erhalten wollen. Wir können in ihr nicht in unserem Sinne differenzieren, uns in ihr nicht nochmals orientieren wollen; jedes Konstruieren in diesem Reich ist nur ein Wiederaufbauen der ersten Realität. Wir sagten, wenn deshalb im Reich der Erscheinungen andere Ursachen gleiche Wirkungen haben könen, warum sollen nicht andere Grundlagen, z. B. Ungleichheit in der zweiten Realität selbst die Gleichheitsrelation bedingen; und wieviel mehr gilt dies noch von der Kausalrelation in Anwendung auf die zweite und ihr Verhältnis zur ersten Realität."
Zu einem den letzten Sätzen genau entgegengesetzten Endergebnis kommt MEINONG trotz der, wenn ich recht verstehe, in Sachen des Zeitmomentes wesentlich gleichen Voraussetzung. Die Stelle lautet MEINONG (104):
"Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß in den obigen Übertragungen der Gedanke der Notwendigkeit ganz unvermeidlich mit übertragen worden ist. Wer von zwei Dingen der Wirklichkeit glaubt, daß sie verschieden sind, der glaubt ja natürlich implizit, daß die Verschiedenheit den betreffenden Dingen ebenso notwendig zukommt, wie den Phänomenen. Eine Konsequenz hieraus ist wichtig genug, sie hier ausdrücklich zu ziehen. ... Bedeutet, wie schon so oft dargelegt worden ist, Kausalität im wesentlichen soviel als notwendige Sukzession, ist aber zeitliche Folge als ein spezieller Fall von Verschiedenheit zu betrachten, so ist gegen eine Anwendung des Kausalgedankens auf Noumena, falls sie sich sonst rechtfertigen läßt, unter dem Gesichtspunkt ihrer vorgängigen Möglichkeit durchaus nichts einzuwenden, da demjenigen daran, was ich hier mehr kurz als genau das Zeitphänomen nennen möchte, dabei ansich keine andere Bedeutung für die Wirklichkeit beizumessen wäre als sonst einem Phänomen.' Die in der Erkenntnistheorie der letzten hundert Jahre so häufig begegnende Meinung, die Kausalität verbietet durch ihre Natur ihre Anwendung auf eine Wirklichkeit von "Dingen ansich", ist daher unbegründet."
Wenn in den letzten Worten eine Kausalität zwischen Dingen ansich auch keineswegs behauptet, sondern nur ihre vermeintliche Unmöglichkeit abgelehnt ist, so besteht doch hier ein wirklicher Gegensatz zu OELZELT, weil dieser eben die Unmöglichkeit behauptet. Kein Widerspruch besteht aber, wie gesagt, in Sachen des Zeitphänomens, das ja auch MEINONG opfert (in den Worten, die ich mir oben im Druck hervorzuheben erlaubte). Bedienen wir uns wieder wie oben der lateinischen Buchstaben zur Bezeichnung phänomenaler, der griechischen zur Bezeichnung der zugeordneten metaphänomenalen Glieder (oder wie OELZELT sagt, der der ersten, bzw. zweiten Realität), so tritt für die Kausalität der Dinge ansich anstelle der phänomenalen Zeit z ein ζ. Bezeichnen wir ferner die Notwendigkeit mit dem von mir aus bestimmten Gründen (22) vorgeschlagenen und schon öfter dafür verwendeten Buchstaben α (also α- Rel. = Notwendigkeitsrelation), so ist das adäquate Symbol für die
- "gewöhnliche" (oder sehr ungenau: phänomenale) Kausalität k = z + α
- für die metaphänomenale Kausalität x = ζ + α
Es ist nicht etwa nötig, in k die Notwendigkeitskomponente mit einem anderen Buchstaben zu bezeichnen als mit dem α wie in x, da ja eben nach MEINONG, OELZELT und mir die Notwendigkeit eine von den ohne weiteres aus dem phänomenalen in das metaphänomenale Reich übertragbaren Relationen ist.
Warum nun bei so vieler Übereinstimmung noch Meinungsverschiedenheiten über die Übertragbarkeit eines derart "kritisch" geläuterten Begriffs? Die Frage wird umso interessanter, als sogar auch noch in dem, was MEINONG und OELZELT anstelle einer solchen Kausalrelation setzten, nämlich "direkte Wahrnehmung", wie es MEINONG (Seite 89), "metaphysische Wahrnehmung", wie es OELZELT (Seite 20) nennt, eine viel größere Übereinstimmung besteht, als OELZELT zu glauben scheint. Zwar verwahrt sich OELZELT dagegen, daß mit diesem seinem Terminus etwas anderes als ein Inbegriff rein negativer Bestimmungen, ein völliges ignoramus, bezeichnet ist. Seine Worte (OELZELT 131 - 132):
"Wenn es uns, trotz aller Bemühungen, unmöglich ist, das Commercium zwischen zweiter und erster Realität unter dem Bild des Wirkens vorzustellen, so muß ein solches Commercium, da wir doch auch den Solipsismus für einen Irrtum halten, als letzter Sachverhalt hingenommen werden. Das heißt also, obwohl beide Realitäten nicht gegeneinander isoliert sein können, wie rot und grün vor dem Vergleichen, so ist diese Nichtisoliertheit doch durch positive Bestimmungen, außer, wie wir sahen, mittels des Notwendigkeitsfaktors, aus dem Reich des Erfahrbaren weder zu beschreiben noch zu erklären. ... Am verständlichsten wäre es, diese Art Erfassen der zweiten Realität durch das Ich metaphysische Wahrnehmung zu nennen, womit angedeutet würde, daß diese einen Sachverhalt darstellt, der nach meinem Dafürhalten ... von allen uns vorstellbaren Erlebnissen toto genere [in jedem Punkt - wp] verschieden ist."
Aber ist nicht der hier vom ignoramus doch ausgenommene "Notwendigkeitsfaktor" schon viel, sehr viel - vielleicht mehr, als sogar MEINONG für seine "direkte Wahrnehmung" in Anspruch nimmt? Denn auch MEINONG antwortet auf die letzte Zuspitzung der Frage (Seite 108), "wie es zu verstehen ist, daß gerade diese Vorstellung, genauer dieser Inhalt, gerade auf diesem Gegenstand gerichtet ist" mit einem ignoramus:
"Inhalt und zugeordneter Gegenstand sind uns nicht unabhängig voneinander gegeben, sondern der Gegenstand eben durch den Inhalt. Aber daß jener uns durch diesen gegeben ist, das ist eben das, was wir als letzte, als Fundamentaltatsache des Erkennens hinnehmen müssen, falls wir nicht versuchen wollen, alles Erkennen in Abrede zu stellen."
Niemand wird gerade in Erkenntnissachen dem ignoramus [wir erkennen es nicht - wp] seinen Platz streitig machen wollen, und nur mit dem ignorabimus [wir werden es niemals erkennen - wp] wollen wir auch hier nicht allzu freigiebig bei der Hand sein. Als "letzte" Tatsachen gelten schon alle die, daß z. B. den 435 Schallschwingngen pro Sekunde der Ton a1, den 500 Billionen Lichtschwingungen pro Sekunde das Grün, und ebenso wieder der Reizung dieses oder jenes Paares korrespondierender Netzhautpunkte dieseo der jene Tiefenempfindung im Sehraum, z. B. das Erblicken einer Kirchturmspitze, entspricht. Nur ab und zu hat man sich auch gegen die Unreduzierbarkeit solcher Zuordnungen zu wehren gesucht; so wenn JOHN STUART MILL und wieder EHRENFELS (am Schluß seiner Abhandlung über "Gestaltqualitäten", 1890) die einzelnen Empfindungsqualitäten als ein möglicherweise noch nicht Letztes, sondern als on uns selbst über hypothetische Urempfindungen (23) ähnlich "aufgebaut" vermutet, wie sich über den einzelnen Tönen erst die Melodie aufbaut. Bisher ist der Gedanke, wie man sieht, ein noch vielzuwenig erprobter, als daß wir schon darauf verzichten dürften, jene Zuordnung von physikalischen Reizen und jeweiligem Empfindungsgegenstand (Ton a1, Grün) als einen Typus "letzter Tatsachen" festzuhalten. - Dürfen wir dann aber ohne weiteres und im ganz gleichen Sinn auch die Beziehung zwischen Erkennen und Erkanntem, zwischen Inhalt und Gegenstand als eine "letzte Tatsache" ansprechen? Dort, im Beispiel von Empfindung und Reiz, sind uns beide "gegeben", die Empfindung unmittelbar durch die innere Wahrnehmung, der Reiz durch physikalische, meist sehr mittelbare Konstatierungen. hier aber, bei der "Doppeltatsache" der Erkenntnis, ist uns eben nur der psychische Akt des Wahrnehmens unmittelbar gegeben, und ob das jeweilig Erkannte, der dem Inhalt zugeordnete Gegenstand, vom Erkennen auch nur dort wirklich erreicht wird, wo er selber per definitionem (als "unabhängige Realität") den Anspruch erhebt, "äußere" Wahrnehmung zu sein, ist nicht ebenso selbständig zu konstatieren, wie eine physikalische Schwingungszahl neben der psychologischen Schall- oder Lichtempfindung. Gerade hier setzt darum das Problem ein, das OELZELT sogleich in der ersten Anmerkung (24) seiner Abhandlung schon an das Wort "Transzendenz", einerseits im Kantischen, andererseits im MEINONG'schen Sinn geknüpft findet. Ich habe schon bei anderer Gelegenheit (25) OELZELTs Bedenken auf die absichtlich widerspruchsvoll, bzw. tautologisch klingenden Termini "immanente Transzendenz" und "transzendente Transzendenz" zugespitzt. Auch die einschlägigen Ausführungen in MEINONGs gegenwärtiger Abhandlung (Seite 83f), die an den abgebrauchten Ausdrücken "Immanenz" und "Transzendenz" allerlei Schiefes aufdecken, gehen an OELZELTs eigentlichem Bedenken vorüber. - Dennoch kann eine Verständigung nicht allzufern liegen: denn MEINONG wie OELZELT glauben ja gemeinsam an eine Fähigkeit des Erkennens, angesichts bestimmter Gegenstände diese in Wirklichkeit und also in einem Maß zu "erfassen", wie es der Solipsist nicht mehr wahr haben will, wenn er auch noch so viel immanente Transzendenz für sich und seine Theorie vom Denken und Sein in Anspruch nimmt.
Herrscht also in der Sache selbst letzten Endes Übereinstimmung, so ist über die Wörter, deren sich MEINONG und OELZELT zur Bezeichnung des Kommerziums zwischen dem Ich und den von ihm unabhängigen Realitäten bedienen, das folgende zu sagen: MEINONG entfernt sich nicht von der Grunbedeutung des Wortes "Wahrnehmung", wenn er jedes direkte Erfassen einer äußeren Wirklichkeit, wie es nach ihm auch ohne Kausalschluß möglich ist, mit dem Wort "Wahrnehmung", und zwar "Vollwahrnehmung", aber auch noch das durch mittelbare Bestimmungen (wie Wellenlängen zu den Farben) ermöglichte vermittelte Erfassen folgerichtig als "Halbwahrnehmung" bezeichnet. Bei OELZELT aber versteht man keineswegs, warum er für sein aller positiven Bestimmungen bares "Erfassen der zweiten Realität durch das Ich" gerade "metaphysische Wahrnehmung" wählt. Alles, was einer Wahrnehmung an konkretem, anschaulichem Inhalt von relativ größter "Lebhaftigkeit" eignet, wie man sie sonst charakteristisch findet für die "Wahrnehmungsvorstellungen" im Gegensatz zu den "Phantasievorstellungen" im Gegensatz zu den "Phantasievorstellungen" (26), spricht OELZELT ja eben dieser metaphysischen Wahrnehmung ab. OELZELT will ja nur "graueste Metaphysik". Warum dann aber gerade das Substantiv "Wahrnehmung" wählen, dem das Adjektiv "metaphysisch" jenen charakteristischen Inhalt sogleich wieder abspricht? Es hätte ja einen mit dem Überzeugungskreis OELZELT, viel besser harmonierenden Ausdruck gegeben - einfach: "Transzendieren" (wobei dann auch das Adjektiv "metaphysisch" erspart wäre).
Man könnte daran denken, einfach beim Wort "Kommerzium" (nämlich zwischen erster und zweiter Realität) zu bleiben; und ich empfehle dies geradezu, wenn man das Verhältnis von Erkennen und Erkanntem in einem bezeichnen will (wie z. B. das Wort "Ehepaar" den Gatten und die Gattin und ihr Ehebündnis bezeichnet). Das Wort Wahrnehmung aber, gleichviel ob metaphysisch oder nicht, läßt doch nur an das Hinübergreifen des Erkennens auf das zu Erkennende denken; und gerade dadurch erweckt es das Bedürfnis, auch für das Herübergreifen des zu Erkennenden in das Erkennen eine Bezeichnung zu haben - und natürlich noch vor der Bezeichnung einen klaren Begriff davon, wie denn dieses gleichsam Eindringen des zu Erkennenden in das seiner harrende Erkennen überhaupt für uns vorstellig zu machen sei? - Führt man sich zu diesem Zweck ein möglichst einfaches Beispiel vor, so bietet sich immer wieder das von Reiz und Empfindung dar: Die Schallschwingung "erregt" die Tonempfindung - oder in Kantischer Allgemeinheit: "der Gegenstand affiziert das Gemüt". Nun aber soll (nicht etwa nur nach dem von JACOBI eröffneten, von SCHULZEs "Aenesidemus" fortgeführten und bis auf den heutigen Tag nicht beendigten Kampf gegen KANTs unvorsichtiges "Affizieren", sondern auch) nach OELZELTs neuesten Protesten gegen eine metaphysische Kausalität dieser der Psychophysik entnommene Typus von Reiz und Empfindung auf die Metaphysik des Verhältnisses zwischen Ding und Ich schlechterdings nicht übertragbar sein. Aber wie - warum bietet sich uns dann der Gedanke der Abhängigkeit so ganz ungezwungen dar? Wir sprechen von "unabhängigen Realitäten" und meinen die vom Ich unabhängigen. Wer spricht ebenso von einem unabhängigen Ich? Niemand als der Solipsist, von dem sich OELZELT eben dadurch scheidet, daß er die erste Realität durchaus abhängig annimmt von einer zweiten. Warum sollte nun diese Abhängigkeit eine andere sein als die eben nur des phänomenalen Zeitmomentes entkleidete Kausalität, die wir oben durch x = α + ζ bezeichneten? Oder sollen wir auch dieses ζ weglassen und geradezu setzen x = α? Das wäre doch überflüssig allgemein (so wie man ja auch nicht sagt: Ich reite auf einem Säugetier, wenn man sagen will: Ich reite auf einem Pferd).
Und so schließe ich diese Betrachtungen, die überall nur die Ansatzpunkte für neue Lösungsmethoden des uralten Problems geben konnten, mit einer These, durch die in die obige These Vh statt des Begriffs "Ursache" ausdrücklich in § 17 meiner Psychologie in Aussicht genommene "verallgemeinerte Abhängigkeitsbegriff" aufgenommen ist:
These V1h: Das Kommerzium zwischen dem Ich und den von ihm unabhängigen metaphysischen Realitäten, von denen aber die physischen Phänomene des Ich abhängig sind, wird hergestellt durch eine Art Kausalrelation, in der wir uns nur die Zeitkomponente durch ein metaphysisch überzeitliches Verhältnis ersetzt zu denken haben.
Die vorliegende, ihren Gegenstand zum Teil nur in Andeutungen behandelnde Arbeit mußte es sich versagen, auch OELZELTs Beweis für das "Daß" der zweiten Realitäten in die Erörterung einzubeziehen. Hier nur soviel, daß die Existenz von Dingen ansich, für die KANT unmittelbare Evidenz der Gewißheit, MEINONG unmittelbare Evidenz der Wahrscheinlichkeit beansprucht, nach OELZELT mittelbar evident gewiß werden soll. "Die Gründe, warum die zweite Realität keine "problematische" ist und durchaus gefordert wird, sind durch das Bedürfnis nach Orientierung gegeben" (OELZELT 118). Dabei ist für OELZELT "die Konstruierbarkeit der Regelmäßigkeiten des Naturgeschehens unbegründbar ... nur ein Postulat!" (OELZELT 123). Ich habe zu den letzteren Worten zu bemerken, daß MEINONG und ich, entgegen KANT und OELZELT, den "Postulaten" als solchen keinerlei Rolle in der theoretischen Philosophie einzuräumen vermögen. Daß die Menschen zugrundegegangen wären, wenn sie nicht glaubten, daß sie sich am Feuer verbrennen werden, hält auch OELZELT für eine Tatsache; aber er lehnt es ab, dieses sein Dafürhalten als eine hinter jene Tatsache zurückgehende Erkenntnis zu einer theoretischen Grundlage seiner weiteren Theorie zu machen. Das Beispiel ist viel handgreiflicher und lehrreicher als die allgemeine Methode, durch die KANT und nach ihm die weit überwiegende Zahl von Erkenntnistheoretikern den "Postulaten" eine Rolle neben den zwei Erkenntnisklassen: Gewißheiten (samt der Unterklasse "Tatsachen") und Wahrscheinlichkeiten (samt der Unterklasse "Hypothesen") eingeräumt hat. MEINONG und ich suchen (um nur von den Unterklassen zu reden) mit Tatsachen und Hypothesen auszukommen. Meinerseits halte ich es nur für eine Hypothese, daß mein Ich samt all seinen noch so mannigfaltigen ersten Realitäten nur ein sehr kleines Stück der ganzen Welt ist, und daß daher von vornherein gar nicht zu hoffen ist, es würde sich schon innerhalb jener ersten Mannigfaltigkeit für sich eine lückenlose Gesetzmäßigkeit (27) finden lassen. Also ich halte das Dasein einer Welt außer mir nur für eine Hypothese, ich halte sie nur für wahrscheinlich, nicht für gewiß; aber was zugunsten dieser Hypothese zu sagen ist, (z. B. daß die Logarithmentafeln jemand anderer als ich selbst berechnet haben muß, vgl. meine "Psychologie", § 58), kann es getrost mit allen, auch den allerbesten Hypothesen was immer für einer Natur- oder Geisteswissenschaft aufnehmen. Auch hier haben wir zwar nicht "mathematische Gewißheit", wohl aber "fast unendliche" Wahrscheinlichkeit = "physische Sicherheit", mit der sich jede nicht rein apriorische (gegenstandstheoretische) Wissenschaft zufrieden gibt, obwohl es nur eine "fast", also ehrlich gesprochen: eine nicht "unendliche Wahrscheinlichkeit, nicht volle Gewißheit ist. OELZELT aber beansprucht für seinen Beweis Gewißheit. Sollte ihm wirklich sein Postulat mehr als Wahrscheinlichkeit liefern? Und da diese Wahrscheinlichkeit eine nicht weiter zu beweisende ist, so wäre es doch auch nur eine unmittelbare Evidenz - eine unmittelbar evidente Vermutung. Freilich schiebt sich dann zwischen diese und die Erkenntnis der Dinge ansich noch ein Beweis ein (von dem hier dahingestellt sei, ob selbst wieder Gewißheits- oder Wahrscheinlichkeitsbeweis), wogegen nach MEINONGs These I unsere Vermutungsevidenz unmittelbar auf die Dinge geht. -
Möchten KANTs Getreue, wenn sie hier in einer ihnen fremden Sprache letztlich doch das Bekenntnis zu KANTs oberstem Dogma: "Es gibt Dinge ansich", aussprechen hören, sich eben hiermit von uns eingeladen und gebeten finden zu weiterer gemeinsamer Arbeit. LITERATUR - Alois Höfler, Die unabhängigen Realitäten, Kant-Studien, Bd. 12, Berlin 1907
1) ALEXIUS MEINONG, "Über die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens" (Abhandlungen zur Didaktik und Philosophie der Naturwissenschaften, herausgegeben von POSKE, HÖFLER, GRIMSEHL, Bd. 1, Heft 6, Berlin 1906.
2) ANTON OELZELT-NEWIN, "Die unabhängigen Realitäten" (Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 129, Heft 2, Leipzig 1907, Seite 113 - 135. - Im folgenden werden die beiden Abhandlungen so zitiert werden, daß z. B. M (89) heißt: MEINONG, Erfahrungsgrundlagen etc., Seite 89
3) Hoffentlich in der Neubearbeitung meiner (seit fünf Jahren vergriffenen) Logik, die in § 23 sich zum Substanzgedanken im ganzen Recht skeptisch verhalten hatte; wie ich auch noch 1903 ("Zur gegenwärtigen Naturphilosophie", Seite 44) die These aufgestellt habe: "Wir brauchen eine Physik ohne Substanz, aber mit Kausalität". - Immerhin mag der künftigen systematischen Revision dieser Dinge vorgearbeitet werden, wenn ich einstweilen als einen Anlaß zu Bedenken folgendes vermerke: Es galten bisher (und gelten auch bei MEINONG) zu den obrigen drei Begriffen die folgenden als Gegenglieder:
Substanz - Inhärenz,
Ding - Eigenschaft,
Noumenon - Phänomen.
Da nun die drei rechts stehenden Begriffe sich keineswegs ohne weiteres decken, so werden es wohl auch die links stehenden nicht tun. - Ferner: Ohne daß wir Bevorzugung, die MEINONG dem Ding vor den Eigenschaften gibt, entgegentreten wollen oder müssen, gelten uns als "gegeben" doch nur die direkt "empfundenen" Eigenschaften, das Ding dagegen ist ein Hinzugedachtes; nicht mehr und nicht weniger als dieses besagt ja auch eben der Name "Noumenon". Da erhebt sich nun die Frage: Mit welchem Recht denken wir zum Gegebenen unsererseits etwas hinzu? Je mehr MEINONG die gegenstandstheoretische Notwendigkeit betont, umso näher rückt für den an Kantische Gedankenbahnen Gewöhnten der Gedanke an eine "kategoriale" Zutat. Sogleich aber mit dem Wort "Kategorie" rückt auch der ganze Komplex von Fragen nach dem Wesen der Kategorien heran. Diesen aber muß ich noch heute für einen keineswegs in dem Maße geklärten halten, wie es die gegenwärtige Relationstheorie (vgl. meine Frage "Sind die Kategorien Relationen?" in meinem Nachwort zu KANTs "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft" (1900), allgemeiner die Gegenstandstheorie, verlangen oder - leisten muß.
4) Vgl. meine Abhandlung "Zur gegenwärtigen Naturphilosophie", Beilage 1, Seite 131. - Der von MEINONG (Über Gegenstandstheorie, 1904, Seite 37f) erhobene Einspruch, es lasse sich auch das "Phänomenale" nicht aus dem Bereich der Metaphysik ausschließen, trifft nicht den Begriff und Terminus "Metaphänomenales" selbst, sondern erst die Definition der Metaphysik als "Wissenschaft vom Metaphänomenalen". - Auch alle diese am Begriff des "Phänomens" mit interessierten Streitfragen wären erst auszutragen durch eine Untersuchung: "Was für eine Phänomenologie wir brauchen" (vgl. "Zur gegenwärtigen Naturphilosophie", Seite 89, Anm. 38).
5) Nach Analogie zu den nicht ein, sondern mehrdeutigen Funktionen wäre allerdings auch die Möglichkeit zweier oder mehrerer Glieder der zweiten Reihe offen; aber nur nicht unendlich oder unbestimmt vieler.
6) HUME-Studien II, Sitzungsberichte der Wiener Akademie, 1882, Seite 89f.
7) Zur gegenwärtigen Naturphilosophie. MEINONG erwähnt diesen Terminus "Zwischenreich" in "Erfahrungsgrundlagen" (Seite 40, Anm.) und zwar in zustimmender Weise.
8) Vgl. Zur gegenwärtigen Naturphilosophie, Seite 114
9) Vgl. ERNST MALLY in MEINONGs "Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, Leipzig 1904, Seite 136.
10) Sie lauten: "Für die Anhänger des Glaubens an eine vom Ich unabhängige zweite Realität, für die dualistische Annahme, ist das Physische, die Körperwelt, auch nur eine besondere Art des Psychischen. Da sie nur zwei Arten von Realitäten anerkennen und das Räumliche, Wärme und Töne mitbedingt, gegeben sind durch das Ich, durch die erste Realität, so wird das Physische eigentlich erst durch das ihr zugrunde liegende Sein, das ja selbst nicht wieder physische genannt werden kann, charakterisiert. Es ist dies eine Art genetischen Kriteriums, mit Hilfe der zweiten Realität." - Gegenüber der hier vorgeschlagenen Terminologie möchte ich doch die meiner Psychologie § 1 zweckmäßiger finden: Bleiben wir dabei, die Adjektiva "physisch" und "psychisch" vor allem auf zwei Klassen von Phänomenen anzuwenden, was dann den unmißverständlichen "phänomenalen Dualismus" gibt. Für das dem Physischen eigentlich erst zugrunde liegende Sein bietet sich ja dann ganz von selbst das Metaphysische (im weiteren Sinne; im engeren steht ihm ja noch ein Metapsychisches gegenüber) dar. Und erst auf diesem metaphysischen Feld mag über "Dualismus" und "Monismus" weitergestritten werden. Für die Unterscheidung der physischen und psychischen Phänomene aber bedarf es erst nicht genetischer Kriterien; ja diese wären gar nicht möglich ohne vorausgegangene deskriptive (vgl. meine Psychologie § 2, an dem ich bei der bevorstehenden Neuauflage freilich auch mancherlei zu verbessern haben werde).
11) 1885 oder früher. - "Zur erkenntnistheoretischen Würdigung des Gedächt-nisses", Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 1886
12) Ich wurde einigemale gefragt, ob es hier nicht heißen soll "psychisch"? Nein. Keineswegs ließe sich für alle meine psychischen Phänomene als "Ursache" - wenigstens nicht als ausschlaggebende Teilursache - gerade zur die physische Außenwelt als deren Teilursache zurückschließen kann.
13) HUME-Studien II, Zur Relationstheorie, Sitzungsberichte der Wiener Akademie, 1882, namentlich Abschnitt VI, Seite 130ff und Abschnitt VIII.
14) Ist doch, was man kurzweg "die Sonne selbst" nennt und was der keineswegs mehr erkenntnistheoretisch, sondern höchstens nur physikalisch "Naive" für die wirkliche Sonne, im Gegensatz zu jedem bloßen optischen Bild von der Sonne nimmt, nach bestimmten physikalischen Theorien doch wieder nur ein optisches Bild; sei es infolge Brechung der Strahlen an der kugelig begrenzten Oberfläche der Erdatmosphäre selbst. - Es mag hier auch erinnert sein an das einstige skeptische Argument gegen eine "absolute Größe der Körper": daß ja, was wir gewöhnlich klein nennen, durch eine Linse gesehen sofort groß sei. Darauf ist nun freilich leicht zu antworten: das Ding selbst bleibt klein und nur sein Linsen bild ist groß. Was soll man aber dagegen erwidern, daß an unserem Sehen des "wirklichen Dinges" das Kristalllinsenbild unvermeidlich beteiligt ist, auch wenn man sich nicht einbildet, diese oder das Netzhautbild selbst wahrzunehmen?
15) Vgl. z. B. die Darstellung in meinen Schulbüchern der Naturlehre (der Oberstufe für 18jährige, der Unterstufe für 14jährige).
16) MEINONG, Hume-Studien II (a. a. O. Seite 129).
17) In § 17 "Die metaphysischen Theorien von der Abhängigkeitsbeziehung zwischen Physischem und Psychischem", Seite 61
18) Allerdings könnte nun gegen eine solche Umgestaltung des Kausalbegriffs schon von vornherein alles das geltend gemacht werden, was schon die allerformalste Logik gegen jedes "Umgestalten eines Begriffs" mit einigem Schein von Recht einwenden könnte; nämlich: Wird irgendwas am Inhalt eines Begriffs geändert, so ist es eben nicht mehr derselben Begriff, vielmehr sind dann höchstens mit demselben Wort zweierlei Begriffe verknüpft. - So rihtig der simple Einwand ist, so spricht doch auch für das Umbilden eines Begriffs eine breite Wissenschaftspraxis (es genügt, auf das in meiner "Logik" 1890, Seite 233 durchgeführte Beispiel von der allmählichen Umbildung des Begriffs "Säure" hinzuweisen). - - - In unserem Fall also könnte man sagen: Lasse ich aus dem Begriff Kausalität das zweite seiner beiden konstitutiven Merkmale "Notwendiges" und "Antecedens" [Vorhergehendes - wp] weg, so ist es überhaupt nicht mehr der Begriff "Kausalität". Aber dem dann verbleibenden weitergefaßten Abhängigkeitsbegriff braucht man nur hinreichend deutlich Reminiszenzen an sein Hervorgegangensein aus dem "gewöhnlichen" Kausalbegriff zu belassen und es wird z. B. auch eine Metaphysik, die der Zeit eine geringere Realität zuschreibt, als sogar den (z. B. von MACH geleugneten) Notwendigkeitsbeziehungen zwischen Realem, immer noch unmißverständlich und mit gutem Recht von einer zeitlosen Kausalität sprechen können.
19) Wenn OELZELT in der Anmerkung Seite 132 daran erinnert, daß ich einst von "simultaner Kausalität" gesprochen habe, einen Terminus, welchen EHRENFELS 1886 anregte (Sitzungsberichte der Wiener Akademie, Seite 29); dagegen Seite 50, so bemerke ich hinzu, daß ich zwar auch diesen Begriff nicht für gegenstandslos halte (wohin z. B. die in meiner Psychologie Seite 62 angeführten Beispiele des streng gleichzeitigen Auftretens der chemischen und elektrischen Wirkungen einer Batterie gehören). Natürlich aber wäre mit der Ersetzung der zeitlichen Aufeinanderfolge durch Gleichzeitigkeit das Zeitmoment nicht in der viel weiter gehenden Weise ausgeschaltet, wie wir es für eine Kausalität zwischen den Dingen ansich brauchen.
20) Aber die Komplexität ansich ist doch bei halbwegs großen Zahlen noch größer - sind aber Zahlen übertragbar?
21) Das ist zu weit gegangen, da ja auch nach OELZELT die Notwendigkeitskomponente (siehe oben im weiteren Text) übertragbar ist.
22) Nämlich der weitgehenden Analogie der Notwendigkeit zu der in der traditionellen Logik der S a P mit a bezeichneten Allgemeinheit (vgl. meine Logik, große Ausgabe 1890, § 47, Urteile über Müssen, Können, Nicht müssen, Nicht können" - also das, was man leider immer noch als "Modalität der Urteile" zu bezeichnen pflegt).
23) Als solche Urempfindungen pflegen immer Qualitäten, die ähnlich sind denen des Tast- (Muskel-)Sinnes gegenüber bevorzugt zu werden. Für diese Qualitäten habe ich in meiner "Psychologie" (1897) wie in meiner Physik (1904) den Namen "Spannungsempfindungen" vorgeschlagen, um nicht nur das Sinnesorgan, sondern die Qualität selbst namhaft zu machen. Und daß die "Spannung" nicht nur ein von uns in die Körpersysteme hineingedachter Zustand, sondern wirklich ein Phänomen ("das dritte Grundphänomen der Mechanik" neben Raum und Zeit") sei, habe ich nun schon wiederholt gezeigt und es ringt sich diese Anerkennung der Spannungs- neben der bloßen früheren Beschleunigungsmechanik mehr und mehr durch. - Im vorliegenden Zusammenhang nun möchte ich eine Stelle aus meiner Monographie "Psychische Arbeit" (Zeitschrift für Psychologie, Bd. 8, 1895, Seite 200) in Erinnerung und zur Diskussion bringen: "Wäre z. B. einmal eine psychische Spannung als ein Element des Notwendigkeits- und damit auch des Kausalbegriffs auf psychologischem Boden streng erwiesen, so wären auch weitergehende Aus- und Einblicke metaphysischer Art nicht mehr von vornherein abzuweisen. Metaphysisch ist die Annahme von Dingen ansich, die unter sich und auf unser Bewußtsein "wirken". Also Kausation auch zwischen Dingen ansich: aber Kausalität enthält Notwendigkeit, also auch Notwendigkeit zwischen den Dingen ansich. Dieselbe oder doch die gleiche Notwendigkeit wie jene, die den Inhalt unserer Vorstellung von Notwendigkeit ausmacht? Wenn ja, so wäre hier eine wahrhaftige "primäre Qualität" gefunden, welche zäher ist als die DESCARTES'schen und LOCKE'schen". (Es folgt ein Hinweis auf LANGRANGEs Prinzip der virtuellen Verschiebungen, durch das räumlicher Weg und Spannung in eine so enge und umfassende Beziehung gesetzt sind, daß man hoffen könnte, bei hinreichend tief gehender psychologischer und metaphysischer Analyse wirklich einmal das Räumliche auf Spannung "zurückzuführen", wie Ähnliches die Muskelempfindungstheorien der Raumpsychologie ja auch immer versuchten und noch versuchen; nur daß sie sich von der Treue einer rein psychologischen Beschreibung der Gesichtsraumtatsachen allzufrüh entfernt haben.) "Um aus solchen Spekulationen wieder den Weg zurückzufinden zu bewährten Tatsachen, sei nur erinnert, wie es ja gerade die Notwendigkeits- und freilich hier noch mehr die Unmöglichkeitsrelation ist, deren wir uns fortwährend als der tragfähigsten Brücke aus dem Reich der Gedanken hinaus in das der Weltdinge bedienen. Weil ein gleichseitiges und zugleich ungleichwinkliges Dreieck unmöglich ist (Relationsurteil), so gibt es auch keine ungleichwinkligen gleichseitigen Dreiecke (Existentialurteil). So bei apriorischen Urteilen; und wieder ist ja bei empirischen, sofern sie uns Dasein und Gesetze einer transzendenten Welt erschließen sollen, Kausalität, also wieder Notwendigkeit, die Brücke. - Sollen wir den Grund jener besonderen erkenntnistheoretischen Tragfähigkeit der Notwendigkeitsrelation je ganz verstehen, so darf vor allem die Psychologie an keinem in jener Relation aufzudeckenden Element, wie die "psychische Spannung" eines wäre, achtlos vorübergehen".
24) Sie lautet: "Das Wort transzendent im obigen, also gerade im gegenteiligen Sinn des seit KANTs Transzendentalphilosophie so eingelebten zu verwenden, ist für die philosophische Entwicklung nicht ungefährlich. Alle Übergangsmöglichkeiten beider Arten Transzendenzen anerkannt, so zeigt doch der Übergang zu einer von uns unabhängigen Welt, die man ebensowenig z. B. als immanente bezeichnen könnte, eine genügend große Kluft, um das Bedürfnis nach verschiedenen Bezeichnungen zu rechtfertigen."
25) Göttinger Gelehrte Anzeigen, 1906, Seite 223 Anm.
26) Vgl. zu den beiden noch immer nicht allgemein gefestigten Terminis meine Psychologie, § 30f
27) Sollte es nicht eine Inkonsequenz OELZELTs sein, wenn er (115) sagt, es falle vor allem die Gesetzmäßigkeit auf, um derentwillen "jenes Etwas" (hinter dem Braun, der Härte des Tisches) nicht fallen gelassen werden kann? Sein ganzer Beweis für die zweite Realität gründet sich ja darauf, daß die erste Realität für sich noch keine Gesetzmäßigkeit liefert; so daß man vielleicht OELZELTs "zweite Realität" definieren knne als "Das, wodurch die Gesetzeslücken der ersten Realität zu einer lückenlosen Gesetzmäßigkeit ergänzt werden." - Von solchen "Gesetzen, die das Bedürfnis (nach Orientierung) fordert", wäre nicht mehr weit zu KANTs "Gesetzen, die der Verstand der Natur vorschreibt".

References: § 55
 § 18
 § 8
 § 55
 § 54
 § 17
 § 58
 § 23
 § 1
 § 2
 § 17
 § 47
 § 30