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Timestamp: 2020-02-21 03:47:58+00:00

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Paul Linke - Humes Lehre vom Wissen
Einheiten und Relationen Hume - Berkeley - Locke Der Relationsbegriff
Humes Lehre vom Wissen
"In welchem Sinne Locke das Wort Identität verstanden wissen will, ist demnach völlig klar. Offenbar meint er nichts anderes, als was wir etwa mit Konstanz der Begriffe bezeichnen würden; denn bei Locke sowohl wie bei Hume müssen wir eingedenk sein, daß das Wort Idee (das ja keinesfalls schlechthin mit Vorstellung identisch gesetzt werden darf) auch unserem Begriff entsprechen kann. Lockes Identitätsbegriff ist kein tautologischer, er bezeichnet also nicht etwa die Identität ein und desselben Gegenstandes zur selben Zeit; er will vielmehr ausschließlich die Tatsache ausdrücken, daß wir in unseren Urteilen nicht die Ideen miteinander verwechseln, daß wir sie festhalten können, kurz, daß sie für unser Denken nur insoweit Wert haben, als sie eindeutig bestimmt sind, sie bezeichnet die Identität in gewissen, durch den betreffenden Begriff zureichend gekennzeichneten Hinsichten. Irgendwelche Dinge, z. B. einzelne Bäume, Häuser, Farben usw., sind einzeln betrachtet gewiß verschieden und offenbar in einer Reihe von Hinsichten deutlich genug zu unterscheiden, dennoch sind sie in anderen Hinsichten wiederum ohne Unterschied: es sind das eben jene Hinsichten, die wir durch die Idee - also durch den Begriff - Baum, Haus, Farbe zusammenfassen."
Hume und die Philosopie
Die folgende Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, einige prinzipielle Gedankengänge in DAVID HUMEs erkenntniskritischen Abhandlungen der psychologischen Erörterung zu unterwerfen. Dadurch ist sie bereits nach zwei Seiten hin charakterisiert. Zunächst ist die Aufgabe, die sie sich gestellt hat, historischer Art: sie will bestimmte Probleme, besser gesagt die Lösungsversuche bestimmter Probleme, die sich in einem der Geschichte angehörigen Gedankensysteme vorfinden, ihrer Entstehung und historischen Entwicklung nach verfolgen, dann aber will sie - und das ist ihre zweite und vornehmste Aufgabe - an diese Versuche vom Standpunkt wissenschaftlicher Kritik aus herantreten. Damit ist freilich noch eine weitere Voraussetzung gemacht: die nämlich, daß das zu Behandelnde wirklich mhr als ein bloß historisches Interesse verdient, daß es, mit anderen Worten, mit der gegenwärtigen Wissenschaft noch unmittelbar Fühlung zu nehmen vermag, daß also zum mindesten die allgemeinen methodologischen Voraussetzungen dieselben sind. Es war schon oben von einer psychologischen Erörterung die Rede. Damit ist für jeden, dem HUME bekannt ist, schon gesagt, daß ihm in methodologischer Hinsicht nicht widersprechen soll. In HUMEs meisterlicher psychologischer Tatsachenanalyse liegt seine eigentliche Größe und damit eben auch seine Bedeutung für die Gegenwart. Und je mehr sich jetzt die Ansicht durchzuringen beginnt, daß die philosophischen Einzeldisziplinen und insbesondere die Erkenntnistheorie einer psychologischen Fundierung nicht entraten können, umso mannigfaltiger werden zweifelsohne die Beziehungen werden, welche die neueste Forschung mit HUME verbinden. Jedenfalls ist die wissenschaftliche Stellung zu ihm eine wesentlich andere als die, die wir etwa einem DESCARTES oder SPINOZA gegenüber einnehmen; eher könnten wir - um das Gesagte noch etwas konkreter zu fassen - jene Stellung mit derjenigen vergleichen, die von einem Teil der philosophischen Forschung unserer Tage KANT gegenüber eingenommen wird. Und ganz gewiß hat die allzu individuelle Auffassung KANTs, die Loslösung seiner Philosophie von ihren historischen Bedingungen, schroff gesprochen: ihre ein wenig übertriebene Wertschätzung, viel dazu beigetragen, die originale Bedeutung desjenigen, der nach KANTs eigenem Geständnis in seiner wissenschaftlichen Entwicklung den entscheidenden Wendepunkt herbeigeführt hat, um ein gutes Stück zu unterschätzen. Man braucht deshalb noch nicht so weit zu gehen wie THEODOR LIPPS, der - in der Einleitung zu seiner Übersetzung von HUMEs Treatise - deutlich genug durchblicken läßt, daß er HUME KANT gegenüber für den größeren Denker hält, und man braucht noch viel weniger etwas wie eine Unanfechtbarkeit von HUMEs Ausführungen anzunehmen; das eine nur wird man anerkennen müssen: mit dem bloßen Hinweis auf den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft oder gar mit dem auf eine nachfolgede philosophische Doktrin (und sei es auch die KANTs) wird man nicht über sie hinweggehen dürfen. Wie käme es auch sonst, daß es gar so schwer ist, HUME unter eine der bestehenden typischen Philosophenklassen, der Realisten und Rationalisten, der Skeptiker und Kritizisten, unmittelbar und ohne Vorbehalt einzuordnen? - Skeptiker im eigentlichen Sinne - das hat man ja eingesehen - war er nicht, so sehr er sich auch selbst dafür ausgab; und Empiriker? Einen Empiriker wird man ihn immer nennen können, aber der Begriff des Empirismus ist gar so weit, und gewiß war HUME in einem Sinn nicht Empiriker: sofern man nämlich dabei an jene radikale Richtung denkt, in der das vieldeutige Wort gleichbedeutend ist mit der Leugnung jeder Möglichkeit einer Erweiterung unserer Erkenntnis durch a priori in uns liegende Funktionen, jene Richtung also, die in JOHN STUART MILLs ihren typischen Vertreter hat. In diesem Sinn war HUME nicht Empiriker - wenigstens ist das die Meinung des Verfassers, und er gedenkt in dieser Arbeit auch dafür einen Beleg zu bringen.
Man hat HUME ferner einen Assoziationspsychologen genannt. Gewiß mit Recht: er hat zum ersten Mal in einer für die ganze nachfolgende Psychologie entscheidenden Weise auf die Wichtigkeit des Assoziationsprinzipes hingewiesen, die Alleingültigkeit des Assoziationsprinzips hingegen hat er niemals behauptet, er hat also die bedenkliche Einseitigkeit der späteren Assoziationspsychologie vermieden. Es ist ja freilich naheliegend genug, die Einseitigkeiten und Fehler, zu denen eine bestimmte wissenschaftliche Richtung geführt hat, ihren Begründer zuzurechnen, und in der Geschichte der Wissenschaften begegnen wir diesem Verfahren nicht eben selten. Man braucht ja nur an jene Disziplin zu denken, die um eben jene Zeit und in demselben Land aufzublühen begann, an die Nationalökonomie. ADAM SMITH war im Grunde ebensowenig ein einseitiger Theoretiker des Freihandels, wie HUME ein einseitiger Assoziationspsychologe war, so sehr sich auch der Tadel der späteren Forschung gerade mit dem Namen dieser beiden Männer verknüpft hat. -
Man nennt die Nationalökonomie jener Zeit die klassische, in dem Sinne offenbar, als durch sie jener Wissenschaft eine Grundlage geschaffen wurde, die auch heute noch als Grundlage anerkannt wird: ob man in einem solchen Sinne auch von einer klassischen Erkenntnistheorie reden könnte? Ich denke: ja; als ihr Begründer hätte dann allerdings nicht HUME, sondern selbstverständlich LOCKE zu gelten. Und LOCKE interessiert uns hier noch in besonderem Maße. Denn man kann wohl ohne Übertreibung sagen: HUMEs Arbeiten sind im Grunde alle unmittelbar durch diejenigen LOCKEs eingeleitet, so daß ALEXIUS MEINONG mit Recht bemerkt, manche Kapitel in HUMEs Treatise nähmen sich wie ein Exkurs zu LOCKEs Abhandlung aus. Und das gilt in erster Linie von dem Problem, das uns hier zunächst beschäftigen soll und um das sich dann alles übrige gruppieren wird. Es mag kurz so formuliert sein: welche psychologischen Voraussetzungen müssen gedacht werden, um das "Wissen" relativ von den Tatsachen der Einzelerfahrung und deren Mängel zu eliminieren? Käme es mir darauf an, ein oft gebrauchtes und deshalb abgeblaßtes Schlagwort anzuwenden, so könnte ich wohl auch von den a priori vorhandenen Bewußtseinsinhalten reden, durch die die Allgemeingültigkeit und Sicherheit des Wissens verbürgt wird.
Wie angedeutet, soll dieses Problem historisch verfolgt werden, es soll dies aber - und darin liegt eine wesentliche Einschränkung - nur insoweit geschehen, als es mit der englischen Erfahrungsphilosophie in einem direkten Zusammenhang steht. Dieser Zusammenhang scheint freilich nicht allzuweit zu reichen; wenigstens ist es auffallend, daß die Lehre HUMEs nach der angegebenen, also der aprioristischen Seite hin - es handelt sich dabei um bestimmte Fragen seiner Relationstheorie - trotz mancher Unzulänglichkeiten in England selbst keine eigentliche Weiterbildung erfahren hat. Der Entwicklungsgang der englischen Philosopie macht das verständlich. Denn die Strömung, die dort als die eigentliche Fortführung von HUMEs Gedankengängen gelten muß, war zu radikal, als daß ihr jener Rest von "Apriorismus" anders denn als eine Schwäche erscheinen konnte, die nach Möglichkeit beseitigt werden mußte; auf Seiten der Gegner aber verdrängte der Einfluß KANTs, in dessen Lehre der genannte Punkt ja zweifellos mit größerer Entschiedenheit hervortrat, sehr bald den seiner Vorgänger. So erscheint es begreiflich, daß, so wesentlich die Relationslehre in anderer Hinsicht für die englische Philosophie geworden ist, dennoch jener Teil von ihr, der bei HUME zur Begründung des allgemeingültigen Wissens (knowledge) geführt hat, ohne Weiterbildung geblieben ist. Nebenbei mag bemerkt werden, daß die Beiträge der neueren englischen Philosophie zur Relationslehre im weiteren Sinne von ALEXIUS MEINONG im zweiten Teil seiner Hume-Studien eingehend behandelt sind; der wichtigste von ihnen - der SPENCERs - hat außerdem in einer Abhandlung von PACE (Philosophische Studien, Bd. 7) eine ausführliche Kritiker erfahren.
Sehr bemerkenswert sind nun aber für unser Problem die Weiterbildungen, die HUMEs Relationslehre in der deutschen Philosophie erfahren hat. Genannt sei zunächst THEODOR LIPPS, der seiner eigenen ausdrücklichen Bemerkung zufolge mit dem prinzipiellsten Punkt seiner Logik den wichtigstens Gegensatz der HUMEschen Relationslehre von neuem geltend gemacht (1), eben jenen Gegensatz, der bei HUME zur Aussonderung des Wissens im strengen Sinn vom bloßen Erfahrungswissen geführt hat.
Noch enger berühren sich MEINONGs Forschungen mit denen HUMEs: bekanntlich sind das jene Arbeiten, die ihren Verfasser später zur Lehre von den "fundierten Inhalten" (von von EHRENFELS als Gestaltqualitäten formuliert) geführt haben und die er mit seiner Abhandlung über "Gegenstände höherer Ordnung" zu einem vorläufigen Abschluß gebracht. Für uns kommt in erster Linie der schon einmal erwähnte zweite Teil der Hume-Studien in Frage, der es unternimmt, in direktemm Anschluß an HUME die gesamte Relationslehre neu zu begründen und mit den Ergebnissen der neueren psychologischen Forschung in Einklang zu bringen. Wir werden auf diese Arbeit noch wiederholt zurückkommen - selbst wenn sie uns hier und da über HUME hinausführen sollte: nach dem Obigen wird es ja verzeihlich sein, wenn in einer Arbeit über HUME dieser selbst nicht immer in Vordergrund des Interesses steht.
II. Lockes Lehre vom Wissen
Am zweckmäßigsten beginnen wir mit einem Referat dessen, worin JOHN LOCKE - BERKELEY kommt für das Relationsproblem nicht in Betracht - seinem großen Nachfolger vorgearbeitet hat.
Wenn wir nun von der oben angegebenen Frage ausgehen, so kann man wohl behaupten, es finden sich bei LOCKE eher Ansätze zu ihrer Beantwortung als eine bewußte Einsicht in das Problem selbst und vielleicht wird man eine solche überhaupt erst der KANTschen Philosophie zuschreiben wollen. Dem gegenüber mag doch auf einen Punkt hingewiesen werden, in dem sich der durch die klassische Erkenntnistheorie erreichte Fortschritt recht wohl mit den Leistungen der kritischen Philosophie messen kann: gemeint ist die Klarstellung des Verhältnisses von allgemeinem Wissen zu dem in der Einzelerfahrung Gegebenen, schließlich überhaupt erst der KANTschen Philosophie zuschreiben wollen. Dem gegenüber mag doch auf einen Punkt hingewiesen werden, in dem sich der durch die klassische Erkenntnistheorie erreichte Fortschritt recht wohl mit den Leistungen der kritischen Philosophie messen kann: gemeint ist die Klarstellung des Verhältnisses von allgemeinem Wissen zu dem in der Einzelerfahrung Gegebenen, schließlich überhaupt die gründliche Erfassung und Formulierung dessen, was unter Wissen, unter Wahrheit verstanden werden muß. Denn in diesem Punkt sind die Unklarheiten der vorhergehenden philosophischen Epoche sichtbar genug. So liegt ja in DESCARTES' bekanntem Wahrheitskriterium (verum est, quod clare et distincte intelligetur [Es ist wahr, wenn es klar und deutlich verstanden wird. - wp]) solange ein Zirkel, bis eine solche Erklärung des "intellegere" gegeben ist, die nicht wieder - offen oder versteckt - das "verum" in schließt. Demgegenüber enthält SPINOZAs Wahrheitsdefinition keine Tautologie, wohl aber ein metaphysisches Vorurteil: ein solches liegt offenbar in dem Axiom (2), daß eine wahre Vorstellung mit dem, was sie vorstellt, übereinstimen muß; denn hier wird vorausgesetzt, daß eine solche Übereinstimmung unter allen Umständen möglich ist, was natürlich nicht ohne weiteres beweisbar ist.
Erst LOCKEs Prinzip ist - mag es auch nicht ganz konsequent durchgeführt sein (3) - durchaus klar und voraussetzungslos: Wissen ist Übereinstimmung (bzw. Nichtübereinstimmung) des in der Einzelerfahrung Gegebenen, oder, wie LOCKE selbst sagt, unserer Ideen; denn was LOCKE Ideen nennt, fällt im wesentlichen mit dem in der Einzelerfahrung gegebenen zusammen. Dieses Prinzip, das sich so leicht mit dem Prinzip der widerspruchslosen Verknüpfung in der modernen Erkenntnistheorie in eine Parallele bringen läßt, kennzeichnet zugleich auch die Berührungspunkte LOCKEs mit der modernen Forschung, und es liegt daher nahe, an dieser Stelle eine Zwischenfrage einzuschieben: Wodurch hat LOCKE diesen seinen Fortschritt erreicht? Durch seine psychologische Forschungsmethode? Gewiß, und doch ist der damit bezeichnete Gegensatz zu seinen Vorgängern kein so prinzipieller, als es auf den ersten Anblick scheinen möchte. In letzter Instanz muß ja jede Begriffsbestimmung ein in gewissem Sinne psychologisches Verfahren involvieren, denn imer wird sie darauf hinauslaufen, einen Begriff von anderen abzugrenzen, ihn auf andere Begriffe oder sonstige psychische Gebilde zurückzuführen, seine Abhängigkeit von ihnen darzulegen - und dabei handelt es sich stets um Bewußtseinstatsachen; denn als solche werden wohl die Begriffe unter allen Umständen gelten müssen. Besonders augenfällig ist dies vollends, wenn - wie in unserem Fall - diese Begriffe sich außerdem noch auf Gegenstände der psychischen Welt beziehen. Nun erhebt sich allerdings die Frage: wann ist eine derartige Begriffsanalyse als beendet anzusehen? Die Antwort ist beinahe selbstverständlich: offenbar dann, wenn die vorliegenden komplexen Tatsachen auf die relativ einfachstenn zurückgeführt sind. Nur über den genaueren Sinn dessen, was als einfach zu gelten hat, läßt sich streiten: und hier muß eine naheliegende Verwechslung vermieden werden. Einfach bedeutet in jedem Fal das nicht weiter Zerlegbare, es besagt als den Mangel an Komplikation, an Kompliziertheit. Ebenso selbstverständlich scheint es zu sein, daß - sofern von einem Gegenstand in dieser Weise die Kompliziertheit verneint wird - damit dieser Gegenstand selbst und nicht die Art und Weise, wie man zu ihm gelangt, gemeint sein kann. Wollten wir den Begriff in diesem Sinne fassen, so hieße einfach ja soviel wie leicht zugänglich, also der alltäglichen Erfahrung bekannt, gewohnt, gewissermaßen selbstverständlich erscheinend. Beides wird nun aber doch nicht selten verwechselt: sogar in der äußeren Natur erscheinen dem primitiven Verstand die Dinge der täglichen Umgebung eben deshalb als einfach, und die bekannten vier Elemente werden aus keinem anderen Grund zu Elementen geworden sein. In psychologischen Dingen tritt - bei der größeren Schwierigkeit, die deren Beobachtung überhaupt bietet - diese Verwechslung noch leichter ein: sie wird z. B. von all denen gemact, die nicht begreifen können, daß etwas so "Einfaches" wie die optische Raumanschauung aus so schwer beobachtbaren Gebilden wie Muskelempfindungen usw. zusammengesetzt sein kann.
Es ist aber ein ebenso einleuchtender wie wichtiger Satz, daß eine Wissenschaft dann erst als endgültig fundiert betrachtet werden kann, wenn festgestellt ist, was in ihr als einfach zu gelten hat, und für die Philosophie insbesondere läßt sich sagen: je mehr wir in ihren grundlegenden Bestimmungen Verwechslungen der vorhin angedeuteten Art begegnen, je mehr "Selbstverständlichkeiten" also in den Definitionen vorausgesetzt sind, umso mehr nähern wir uns einer rationalistischen oder auch dogmatischen Betrachtungsweise.
III. Zusammenhang der Lehre vom Wissen
mit der Relationstheorie
Betrachtungen solcher Art nötigen uns nun aber auch, LOCKEs grundlegenden Begriff, die Übereinstimmung, genauer zu untersuchen. Wir werden dadurch auf ein scheinbar ganz anderes Gebiet der LOCKEschen Philosophie geführt, auf seine Lehre von den Relationen. Erst bei HUME ist der Zusammenhang zwischen Relationstheorie und Lehre vom Wissen deutlich ausgeprägt, bei LOCKE ist er mehr innerlich vorausgesetzt als äußerlich ausgesprochen.
Zunächst müssen wir die vorhin angedeutete Wissensdefinition noch präzisieren. Unter Wissen versteht LOCKE als die Wahrnehmung der Verknüpfung und der Übereinstimmung oder der Nichtübereinstimmung und des Widerspruchs zwischen irgendwelchen unserer Ideen. (4) Wie aber soll Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung festgestellt werden ohne Vergleichung der betreffenden Ideen? Wird das aber zugegeben - und LOCKE betont es sogar (5) - so besteht das Wissen, soweit Übereinstimmung in Frage kommt, in Relationen: denn die Vergleichung zweier Ideen wird ausdrücklich als das für die Relationen Wesentliche hingestellt (6). Es fragt sich also: darf Relationsbewußtsein und Wissen (im Sinne LOCKEs) gleichgesetzt werden? Eins scheint dem entgegenzustehen: In der gegebenen Definition handelt es sich außer der Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung noch um Verknüpfung und Widerspruch. Doch das ist nicht von Belang: im Folgenden wird nirgends auf diese Sonderbestimmungen Rücksicht genommen; hervorgehoben wird einzig und allein die Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung, wie ja auch bereits in der Randnote zum betreffenden Paragraphen die Erkenntnis auf die Perzeption von Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung beschränkt ist. Dieser Doppelbegriff tritt dann auch immer deutlichre als der leitende Gesichtspunkt in der ganzen Lehre vom Wissen hervor. Das geht so weit, daß sogar die "Verknüpfung" der Übereinstimmung subordiniert wird - und zwar bereits im nächstfolgenden Paragraphen. Dort wird nämlich die Übereinstimmung, aus der alles Wissen besteht, in folgende vier Gruppen zerlegt:
I. Identität oder Verschiedenheit (Identity or diversity)
II. Relation (Relation)
III. Koexistenz oder notwendige Verknüpfung (Coexistence or necessary connexion).
IV. Reales Dasein (Real existence)
Damit erscheint nun freilich in einer anderen Hinsicht die Konfusion noch vermehrt zu sein. Wir hatten uns ja zu allen diesen Ausführungen genötigt gesehen, weil wir die Gleichwertigkeit von Relationslehre und Lehre vom Wissen dartun wollten - und nun zeigt sich die Relation als dem Wissen subordiniert. Unsere Bedenken werden jedoch durch eine sehr deutliche Bemerkung LOCKEs selber zum Schweigen gebracht. "Identität und Koexistenz" - sagt er - "sind allerdings in Wahrheit nur Relationen, aber sie sind doch so eigenartige Weisen der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung unserer Ideen, daß sie es wohl verdienen, in besonderen Kapiteln behandelt zu werden." Der Grund zu jener Subordination ist mithin der denkbar äußerlichste, und das Wissen wird ausdrücklic als Relationsbewußtsein anerkannt; nur das "reale Dasein" macht noch eine Ausnahme. Dieses wir ja auch als Untergruppe, als Art (sort) der Übereinstimmung aufgezählt, setzt also ebenfalls das Vergleichen und damit die Relation voraus, ein Widerspruch, der tatsächlich nicht ganz beseitigt wird. Höchstens könnte bemerkt werden, daß LOCKE das reale Dasein nur in einem sehr beschränkten Sinn dem eigentlichen knowledge zurechnet: denn außer dem Dasein Gottes und der eigenen Existenz liegt unser Wissen über Existenzen außerhalb des Wissens im strengen Sinne. Wissen im strengen Sinn ist bei LOCKE bekanntlich nur Intuition - das Gebiet der Identitäts- und Verschiedenheitserkenntnis - und Demonstration, die ihrerseits wiederum die Intuition zur notwendigen Voraussetzung hat. Dem Gebiet der Demonstration finden wir die "anderen Relationen" (also eben jene Beziehungen, die LOCKE vorher als "Relation" schlechthin zusammengefaßt hatte) zugerechnet (7), sie machen daher vorzugsweise die mathematische Erkenntnis aus, der sich LOCKE bekanntlich noch die moralische angliedert. Dagegen finden wir im Bereich des sensitiven Wissens nichts von Relationen: dieses ist ja aber eben eine Wissen untergeordneter Art, ein Wissen, das ganz unseren obigen Voraussetzungen enstprechend mit der Relationsgrundlage zugleich den Anspruch auf Allgemeingültigkeit entbehrt: es ist das unmittelbarste, dem Sinnentrug der Einzelerfahrung daher am meisten unterworfene Wissen, das unsere Kenntnis vom Dasein "anderer" Gegenstände - nämlich aller anderen, außer dem vom Dasein Gottes und uns selbst ausmacht.
Jedenfalls erscheint nach all dem die Gleichsetzung von Wissenslehre und Relationslehre wenigstens angebahnt: im Einzelnen durchführen läßt sie sich freilich nur unter einer Modifikation der LOCKEschen Voraussetzungen. Wir brauchen nur bei dem eben besprochenen Punkt zu verweilen, bei der Koexistenz oder notwendigen Verknüpfung. Sie wird ausdrücklich (8) unter die Relationen gerechnet; es ist aber leicht einzusehen, daß hier die Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung eine wesentlich andere Bedeutung haben muß als bei den anderen Relationen oder doch zumindest bei der Identität. Sage ich - um LOCKEs eigenes Beispiel zu gebrauchen - Gold ist feuerbeständig, so meine ich, "daß die Feuerbeständigkeit oder das Vermögen, im Feuer unversehrt zu bleiben, eine Idee ist, die immer das eigenartige Gelb, die Schwere, Schmelzbarkeit, Dehnbarkeit und Löslichkeit in Aqua-Regia [Königswasser - wp], die unsere mit dem Wort Gold bezeichnete komplexe Idee ausmachen, begleitet und mit ihnen verbunden ist". Worin besteht die Übereinstimmung? Offenbar in der Koexistenz von Feuerbeständigkeit und den übrigen Eigenschaften des Goldes. Damit ist freilich sehr wenig gewonnen. Die Koexistenz soll ja selbst eine Art der Übereinstimmung sein, das heißt offenbar: sie soll Übereinstimmung in einer bestimmten Hinsicht ausdrücken, und es ist lediglich ein Zirkel, wenn wir sagen: Koexistenz ist eine Übereinstimmung hinsichtlich der Koexistenz - man könnte beinahe mit demselben Recht sagen: Verschiedenheit ist eine Übereinstimmung hinsichtlich der Verschiedenheit. Worin aber kann sonst die Übereinstimmung von Gold und Feuerbeständigkeit bestehen, mit anderen Worten: was ist beiden gemeinsam? Im Grunde (wenn man sich nämlich entschließt, den Begriff der Übereinstimmung nicht gar so einseitig zu fassen) ist die Antwort leicht zu geben. Gemeinsam sind offenbar die Zeit- und Ortsbestimmungen, die wir der Feuerbeständigkeit einerseits und den sonstigenn Eigenschaften des Goldes andererseits geben müssen. - Wir können aber noch einen Schritt weiter gehen. Wir dürfen hier sogar von einer Identität der Zeit- und Ortsbestimmungen reden, ohne mit LOCKEs Identitätsbegriff, von dem sogleich die Rede sein wird, in Konflikt zu kommen. Koexistenz wäre dann ein Spezialfall der Identität, sie wäre nämlich eine Identität der Zeit- und Ortsbestimmungen, durch die zwei oder mehrere "Ideen" unter anderen gekennzeichnet sind. Wird das aber zugegeben, so ist die Gleichstellung beider Relationen natürlich unmotiviert.
So scheint es fast, als hätte LOCKE jene ganze Gruppeneinteilung gar nicht aus logischen Gründen vorgenommen, sondern einfach die am häufigsten vorkommenden "Arten der Übereinstimmung", ohne auf ihre begriffliche Stellung Rücksicht zu nehmen, nur weil sie ihm eben gleich wichtig erschienen, nebeneinander gestellt. Dem entspricht es, daß er die Identität (und als ihr Korrelat die Verschiedenheit) an die erste Stelle gesetzt hat. Denn beide sind ihm die Grundvoraussetzung allen Wissens: "Es ist die erste Tätigkeit des Geistes, wenn er überhaupt irgendwelche Wahrnehmungen oder Ideen hat, sich dieser Ideen bewußt zu werden, (perceive) und, so weit dieses Bewußtsein reicht, von jeder zu wissen, was sie ist, und sich dadurch auch ihres Unterschiedes, d. h. also der Tatsache bewußt zu werden, daß eine nicht die andere ist. Dies ist so unbedingt nötig, daß es ohne dasselbe kein Wissen, kein Folgern (reasoning), kein Vorstellen (imagination), überhaupt keinen bestimmten Gedanken geben könnte. Hierdurch nimmt der Geist klar und unfehlbar wahr, daß die eine nicht die andere ist; und das tut er ohne Mühe, Anstrengung oder Beweisführun, vielmehr auf den ersten Blick vermöge seiner natürlichen Kraft des Auffassungs- und Unterscheidungsvermögens". (9) In welchem Sinne LOCKE das Wort Identität verstanden wissen will, ist demnach völlig klar. Offenbar meint er nichts anderes, als was wir etwa mit Konstanz der Begriffe bezeichnen würden; denn bei LOCKE sowohl wie bei HUME müssen wir eingedenk sein, daß das Wort Idee (das ja keinesfalls schlechthin mit "Vorstellung" identisch gesetzt werden darf) auch unserem "Begriff" entsprechen kann. - Auch das geht aus dem obigen hervor: LOCKEs Identitätsbegriff ist kein tautologischer, er bezeichnet also nicht etwa die Identität ein und desselben Gegenstandes zur selben Zeit; er will vielmehr ausschließlich die Tatsache ausdrücken, daß wir in unseren Urteilen nicht die "Ideen" miteinander verwechseln, daß wir sie festhalten können, kurz, daß sie für unser Denken nur insoweit Wert haben, als sie eindeutig bestimmt sind, sie bezeichnet die Identität in gewissen, durch den betreffenden Begriff zureichend gekennzeichneten Hinsichten. Irgendwelche Dinge, z. B. einzelne Bäume, Häuser, Farben usw., sind einzeln betrachtet gewiß verschieden und offenbar in einer Reihe von Hinsichten deutlich genug zu unterscheiden, dennoch sind sie in anderen Hinsichten wiederum ohne Unterschied: es sind das eben jene Hinsichten, die wir durch die "Idee" - also durch den Begriff - Baum, Haus, Farbe zusammenfassen. Soviel Selbstverständliches diese Tatsache im Grunde auch enthält, in einzelnen Fällen kann sie doch auffallend werden, und sie wird umso auffallender, je geläufiger uns einerseits die Verschiedenheit der auf diese Weise zusammengefaßten Gegenstände und je umfassender andererseits die Anzahl der Hinsichten ist, die ihnen dennoch gemeinsam sind. Hierher gehört z. B. die Verwunderung, die den zu ergreifen pflegt, der zum ersten Mal erfährt, daß so verschiedene Dinge wie Kohle, Graphit und Diamant in einer Reihe von Hinsichten, die durch den Begriff Kohlenstoff ausgedrückt werden, identisch sind.
Nun können wir aber in jedem Fall die betreffenden gemeinsamen Hinsichten und Eigenschaften wiederum mehr oder minder determinieren. Wir können z. B. aus all den Vorstellungen oder Vorstellungskomplexen, die hinsichtlich der Farbe übereinstimmen, solche aussondern, die eine bestimmte einzelne Farbe gemein haben usw., bis wir zuletzt beim Konkret-Anschaulichen angelangt sind. Das führt uns auf die Besprechung einer Tatsache, die geeignet ist, das vorhin über Koexistenz Gesagte noch ein wenig zu präzisieren.
Genetisch betrachtet ist natürlich das Konkret-Anschauliche immer das Primäre. Es hat aber doch in einem Fall großen Wert, das Konkret-Anschauliche (richtiger gesagt: den Einzelfall) mit Hilfe des allgemeineren Begriffs auszudrücken: dann nämlich, wenn es mir weniger auf die betreffende konkrete Tatsache selbst als auf die Relation ankommt, in der sie zu anderen Tatsachen steht. Ist diese Relation die Identität, so handelt es sich in einem solchen Fall um Identität in doppelter Hinsicht - sofern wir nämlich den Identitätsbegriff festhalten, den wir im Anschluß an LOCKE entwickelt hatten. Sage ich z. B., Quecksilberjod und Zinnober zunächst in einer Hinsicht zusammengefaßt, oder anders ausgedrückt: Unter den Bestimmungsstücken, die den Begriff "Quecksilberjod" einerseits und Zinnober andererseits ausmachen, ist eines gemeinsam, es drückt die Eigenschaft aus, die auffallenden Lichtstrahlen in irgendeiner Weise zu modifizieren, sie also nicht hindurchzulassen oder unverändert zu reflektieren. Dabei ist die spezielle Art dieser Farbe zunächst noch völlig in suspenso gelassen; in dem, was wir hier in Betracht ziehen, verhalten sich die beiden Körper vielmehr auch mit blauen und grünen Stoffen übereinstimmend, gleichwertig, identisch. In unserem Fall freilich bin ich berechtigt, noch einen Schritt weiter zu gehen. Ich habe diesen Schritt getan, wenn ich die Farbe der beiden Stoffe mit "rot" bezeichnet habe. Der Schritt kann aber auch gewissermaßen nur zur Hälfte getan werden. Das ist dann geschehen, wenn ich auf jenen begrifflichen Ausdruck der Zusammenfassung verzichte: was dann noch übrig bleibt, ist die bloße Behauptung der Identität beider Stoffe hinsichtlich der Farbe. Damit ist für den, dem die betreffende Farbe unbekannt ist, sehr wenig gesagt; kennt dagen jemand die Farbe des einen Stoffs, so kennt er auch die des anderen mit der denkbar größten Genauigkeit. Gerade dieser Fall liegt aber auch bei der Koexistenz vor. Bei ihr wird der Ort selbst in den meisten Fällen nicht angegeben, sondern eben nur die Identität mehrerer Bestimmungen hinsichtlich des Ortes behauptet. - Man sieht: der Unterschied von Koexistenz und anderen Identitätsverhältnissen ist gar nicht prinzipieller Natur: auch das Koexistenzverhältnis muß sich in jedem Fall auf die Stufe der begrifflichen Identität bringen lassen - ich brauche dazu eben nur den gemeinsamen Ort (und die gemeinsame Zeit) durch den entsprechenden Begriff zu fixieren, so daß dann also die betreffende Ortsbestimmung der Farbenbestimmung "rot" in unserem Beispiel völlig analog wird. Allerdings ist für die Mehrzahl der Fälle (aus einem nicht hierher gehörigen Grund) eine solche Angabe belanglos und oft sogar zweckwidrig. Auf jeden Fall aber wird es begreiflich, wie LOCKE, der sich bei seinem Identitätsbegriff, wie wir gesehen haben, wesentlich an die sprachliche Bestimmung hielt, hier irren konnte.
Ich habe bei dieser Angelegenheit fast über Gebühr lange verweilt: es galt mir aber Betrachtungen ähnlicher Art vorzubereiten, zu denen uns die spätere Entwicklung der hier in Frage kommenden Theorien noch nötigen wird.
Ehe wir nun zur Betrachtung dessen übergehen, was LOCKE unter Relationen im engeren Sinn versteht, mag noch auf eine zweite wichtige Beziehung hingewiesen werden, die LOCKE an einer anderen Stelle (10) im Anschluß an die Koexistenz abhandelt.
Mit unserer Zurückführung der Koexistenz auf die Identität würden wir uns nämlich in einer Hinsicht in einen direkten Widerspruch zu LOCKE setzen. Nach unserer Auffassung müßten sich ja notwendigerweise für beide Klassen dieselben Evidenzgrade ergeben; für LOCKE dagegen ist Erkenntnis der Identität durchaus intuitiv, dagegen erscheint ihm Koexistenz (trotz der Nebenbezeichnung necessary connexion) nicht einmal demonstrativ gewiß). (11) Nur einige wenige primäre Qualitäten stehen in notwendiger Abhängigkeitsbeziehung: z. B. Gestalt und Ausdehnung. Im allgemeinen aber - und namentlich hinsichtlich der sekundären Qualitäten - sind wir ganz auf den Beistand unserer Sinne verwiesen, wenn wir Koexistenz festellenn wollen. Etwas günstiger ist es mit der negativen Seite der Sache bestellt: Die Unverträglichkeit oder Unmöglichkeit der Koexistenz gilt zunächst von jeder Art primärer Eigenschaften. Jedes Ding kann deren immer nur eine einzelne auf einmal haben, z. B. schließt jede einzelne Ausdehnung, Gestalt, Anzahl von Teilen alle anderen derselben Art aus. Ebenso schließen sich alle einem jeden Sinn eigentümlichen sinnlichen Ideen gegenseitig aus: niemals können zwei Gerüche oder zwei Farben koexistieren, d. h. kein einzelnes Ding kann zwei Gerüche oder zwei Farben zu gleicher Zeit haben. (12)
Auffallend an dieser ganzen Darlegun ist vor allem der gänzliche Mangel eines Versuchs, irgendeine nähere Erklärung zu geben für die beiden Begriffe Notwendigkeit und Unmöglichkeit. Wichtig ist ferner, daß hier, wie übrigens auch bei den eigentlichen Relationen eine Notwendigkeit behauptet wird, die - in LOCKEs Terminologie gesprochen - realer und nicht bloß verbaler Natur ist (13): "Soweit nur immer irgendeine komplexe Idee von irgendeiner Art von Substanzen eine einfache Idee in sich schließt, deren notwendige Koexistenz mit irgendeiner anderen sich entdecken läßt, ebensoweit werden sich über sie allgemeine Sätze mit Gewißheit aufstellen lassen." (14) Hier wird also deutlich die Sicherheit allgemeiner Sätze auf die Notwendigkeit zurückgeführt; offenbar kam es LOCKE dabei gar nicht zu Bewußtsein, daß er hier ein Problem durch ein anderes ebenso bedeutsames zu lösen suchte: es hätte sogar umgekehrt der Versuch gemacht werden können (was freilich den Tendenzen LOCKEs gerade zuwiderlieft), die Notwendigkeit auf die Gewißheit allgemeiner Sätze zurückzuführen. Vielleicht wäre das sogar natürlicher gewesen: war doch gerade für die unbedingte Wissenssicherheit bereits ein festes Prinzip aufgestellt: nämlich die Übereinstimmung der zugrunde liegenden Ideen. Es hätte nahe gelegen, Abhängigkeitsbeziehungen irgendwelcher Art zwischen den beiden Prinzipien der Notwendigkeit einerseits und der Übereinstimmung andererseits ausfindig zu machen - mindestens mußte die Notwendigkeit ausdrücklich als besonderes Prinzip aufgestellt werden. Tatsächlich aber wird sie nur nebenbei erwähnt: "Einige unserer Ideen - heißt es (15) - enthalten gewisse Beziehungen, Verhältnisse und Verbindungen, die so augenscheinlich in die Natur der Ideen selbst eingeschlossen sind, daß wir sie uns nicht als trennbar von ihnen durch irgendeine Kraft vorstellen können, und nur mit Bezug auf diese sind wir zu einem sicheren und allgemeinen Wissen befähigt. So bringt die Idee eines geradlinigen Dreiecks notwendig die Gleichheit seiner Winkel und zweier rechten mit sich. Auch können wir uns nicht vorstellen, daß dieses Verhältnis, diese Verbindung der beiden Ideen sich ändern läßt, oder von einer willkürlichen Macht abhängt, die es so gemacht hat nach ihrem Belieben, es aber auch anders hätte machen können."
Man könnte versucht sein Näheres über die Notwendigkeitsbeziehung in den allgemeinen Bemerkungen über Relationen (16) zu suchen. Was aber dort gebracht wird, dient nicht zur Aufklärung; im Gegenteil, es läßt sich eine Stelle anführen, die geradezu im Widerspruch zu dem hier Dargelegten steht. Es sei in näheres Eingehen darauf gestattet. Das Wesen der Relationen ganz im allgemeinen wird charakterisiert: Nötig sind für jede Relation - abgesehen vom Grund oder der Gelegenheit zum Vergleichen - zwei Ideen oder Dinge, die Relata genannt werden. - Verändert man die Relation, so involviert das keine Veränderung der Relata, insbesondere beeinflußt das Verschwinden eines Relatums nur die Relation, nicht aber das andere Relatum: "Cajus, den ich heute als Vater betrachte, hört morgen auf ein solcher zu sein, nur weil sein Sohn stirbt, ohne daß an ihm selbst eine Veränderung geschähe". (17) Auf dieses Beispielt paßt natürlich die gegebene Charakteristik - sie soll aber selbstverständlich auf alle Relationen anwendbar sein: Denken wir nun wieder an jene Art von Beziehungen, welche die Notwendigkeit in sich schließen. HIer ist der Sachverhalt ein ganz anderer: ich stelle gleich die entsprechenden Beispiele nebeneinander. CAJUS bleibt selber unveränderlich, mag er nun als Vater betrachtet werden oder nicht. Das Dreieck dagegen verändert sich, wird zu etwas ganz anderem, wenn ich auch nur den Versuch mache es mit einer anderen Winkelsumme vorzustellen. Man sieht, wie wenig LOCKE seine Bemerkungen durchdacht hat - so treffend sie auch im Einzelnen sein mögen, wie wenig er diese Bemerkungen untereinander in Einklang gebracht und zu einem einheitlichen System verschmolzen hat. Das zeigt sich auch in der merkwürdigen Tatsache, daß LOCKE an keiner Stelle ein Wort verliert über das gegenseitige Verhältnis der im Relationskapitel erwähnten Identität und Verschiedenheit und der Identität, wie wir sie bereits kennen gelernt hatten. Allerdings hat die hier behandelte Identität eine prinzipiell andere Bedeutung. Dort handelte es sich (wie wir sahen) um die Identität begrifflicher Bestimmungen; hier dagegen um die der in der Außenwelt gegebenen konkreten Einzeldinge. Denn wenn wir einmal einen bestimmten Gegenstand wahrnehmen und dann wieder einen solchen, der mit jenem vollkommen gleichartig ist, so ist damit bei weitem noch nicht gesagt, daß es sich hier um ein und denselben Gegenstand handelt. Erst wenn wir festgestellt haben, daß es einen Moment gegeben hat, in dem die beiden unserem Bewußtsein gegebenen Gegenstände dieselbe Stelle im Raum eingenommen haben, müssen wir die Identität beider anerkennen, mit anderen Worten: wir müssen zugestehen, daß wir ein bestimmtes Individuum vor uns haben. Mit den Raum- und Zeitbestimmungen ist daher das Individuatioinsprinzip gegeben.
Man sieht nun aber doch den Berührungspunkt beider Identitätsgruppen. Eigentlich ist er schon genannt: es war ja von vollkommen gleichartigen Dingen die Rede, von Dingen derselben Art, wie LOCKE es nennt. Wir bringen kaum mehr als eine Veränderung des Ausdrucks, wen wir statt von Dingen derselben Art von Dingen reden, die durch denselben Begriff zusammengefaßt sind. Wir geben damit natürlich über LOCKE hinaus, können dann aber das fragliche Prinzip präziser formulieren und sagen:
Haben zwei (oder mehr) Bewußtseinsinhalte genau dieselben begrifflichen Bestimmungen oder Merkmale, so dürfen wir doch erst dann behaupten, daß ihnen nur ein Individuum entspricht, wenn sich unter diesen identischen Bestimmungen auch die Zeit- und Ortbesimmungen befinden.
Damit ist zugleich auch die Beziehung der Identität zur Koexistenz ins rechte Licht setzt. Auch bei der Koexistenz handelte es sich um identische Orts- und Zeitbestimmungen; diese bestrafen aber nicht dentische, sondern gerade verschiedenartige Begriffe, sodaß wir kurz sagen können: Koexistenz liegt da vor, wo verschiedenartige Begriffe identische Orts- und Zeitbestimmungen haben, Identität in jenem zweiten Sinn aber liegt da vor, wo identische Begriffe identische Orts- und Zeitbestimmungen haben.
Damit bin ich ans Ende dessen gelangt, was ich über LOCKE zu sagen gedachte. Auf die weiteren hier anschließenden Gedankengänge des Autors einzugehen, verbietet zunächst die eingangs angegebene Problemstellung, vor allem aber kann es sich hier nicht darum handeln - und das gilt besonders soweit das Relationskapitel in Frage kommt - das zu wiederholen, was bereits bei MEINONG eine ausführliche Darstellung gefunden hat. Soviel ist ja klar geworden: Die Relationen nebst der mit ihnen gegebenen Funktion des Vergleichens müssen bei LOCKE als die Grundlage angesehen werden, auf der jedes, also auch das sichere, notwendige, allgemeingültige Wissen sich aufbaut und überhaupt zustande kommt. Seine Andeutungen freilich über das Wie dieses Zustandekommens sind dürftig - oder doch nicht einwandfrei genug, um als Ausgangspunkt weiterer Überlegungen dienen zu können. LITERATUR: Paul Linke, Humes Lehre vom Wissen, Philosophische Studien 17, Leipzig 1901
1) THEODOR LIPPS, Grundzüge der Logik, Leipzig 1893, Seite 8
2) SPINOZA. Ethik, § 1, Axiom VI.
3) Über die Bedeutung von agreement und disagreement vergleiche die Fußnote auf Seite 174 des 2. Bandes von SCHULZEs Übersetzung von LOCKEs Essay.
4) JOHN LOCKE, An essay concerning human understanding, IV. Buch, Kap. 1, § 2. "Wissen erscheint mir nichts als die Wahrnehmung einer Verbindung und die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung und Unvereinbarkeit irgendeiner unserer Ideen.
5) LOCKE, a. a. O. IV. Buch, Kap. 7, § 2 und Kap. 3, § 3
6) LOCKE, a. a. O., II. Buch, Kap. 12, § 7
7) LOCKE, a. a. O., IV. Buch, Kap. 3, § 18
8) LOCKE, a. a. O., IV. Buch, Kap. 1, § 7
9) LOCKE, a. a. O., IV. Buch, Kap. 1, § 4
10) LOCKE, a. a. O., IV. Buch, Kap. 6, §§ 7 - 10 und Kap. 7, § 5
11) LOCKE, a. a. O., IV. Buch, Kap. 3, §§ 7f
12) LOCKE, a. a. O., IV. Buch, Kap. 3, § 14
13) Bekanntlich bezeichnet dieser Gegensatz kaum etwas anderes als KANTs Unterschied der synthetischen und analytischen Sätze.
14) LOCKE, a. a. O., IV. Buch, Kap. 6, § 10
15) LOCKE, a. a. O., IV. Buch, Kap. 3, § 29
16) LOCKE, a. a. O., II. Buch, Kap. 25
17) LOCKE, a. a. O., II. Buch, Kap. 25, § 5

References: § 1
 § 2
 § 2
 § 3
 § 7
 § 18
 § 7
 § 4
 § 5
 § 14
 § 10
 § 29
 § 5