Source: http://www.gleichsatz.de/b-u-t/can/wt/haering-wertpsy1.html
Timestamp: 2019-01-18 02:58:31+00:00

Document:
Theodor Häring - Untersuchungen zur Psychologie der Wertung
Meinong Messer J. C. Kreibig J. Cohn F. Ackenheil
"Man darf nie ohne weiteres erwarten, daß psychische Phänomene, die wir unter bestimmten Gesichtspunkten irgendwelcher Art allgemein unter demselben Begriff zu befassen gewohnt sind, nun auch für die psychologische Betrachtung und Untersuchung eine einheitlich charakterisierte Gruppe bilden müßten. Dieser Fehler ist z. B. für die Denkpsychologie vielfach verhängnisvoll geworden, indem man a priori annahm, daß den logischen Einheiten wie z. B. Begriff, Urteil, Schluß usw. auch ein einheitlicher psychologischer Tatbestand entsprechen müßte. Das ist durchaus nicht der Fall. Die Wichtigkeit dieses Gesichtspunktes wird wohl erst dann ganz gewürdigt werden, wenn nicht mehr, wie vielfach jetzt noch, durch die Neuheit der psychologischen Methoden und Probleme der Blick getrübt, sondern wenn er ruhig und leidenschaftslos geworden ist in der Frage: Psychologismus oder Psychologie?"
Die bisherige psychologische Behandlung
der Werttheorie und ihre Mängel, als Grund zur Forderung einer experimentellen Untersuchung
§ 1. Die Lage der psychologischen Werttheorie
Die Notwendigkeit einer experimentell-psychologischen Vorarbeit ergab sich mir von selbst aus dem gegenwärtigen Stand der Werttheorie.
Die Tatsache, daß die Mehrzahl moderner Werttheoretiker - von ALEXANDER MEINONG (1), CHRISTIAN von EHRENFELS (2), und JONAS COHN (3) an, bis auf J. C. KREIBIG (4), ORESTANO (5) und W. MARSHALL URBAN (6) - dem Problem der Werte durch eine psychologische Analyse bzw. einer Definition des Wertbegriffs gerecht zu werden versuchten, mußte schon an sich, namentlich bei der Verschiedenheit der dabei zutage geförderten Resultate, den Gedanken oder vielmehr den Wunsch einer experimentellen Untersuchung der einschlägigen Phänomene nahelegen; beriefen sich doch alle dieser Forscher auf "psychologische Tatsachen", so daß bei der Verschiedenheit ihrer Angaben und Ergebnisse eine möglichst objektive Nachprüfung und Neuuntersuchung dieser Tatsachen das nächste Bedürfnis zu sein schien.
Es ist jedoch vielleicht gleich hier am Platz, im Anschluß an die Angabe dieses zunächst rein kritischen Zwecks der folgenden Untersuchungen, auf das Nachdrücklichste zu betonen, daß mit einer derartigen psychologischen Voruntersuchung ansich noch in keiner Weise einer psychologistischen Behandlung und Begründung des Wertproblems das Wort geredet ist. Gewiß wird das Resultat auch solcher, zunächst rein kritischer Untersuchungen nicht ein Einfluß auf unsere Stellung zu der Frage nach der Möglichkeit einer psychologistischen Werttheorie überhaupt sein können; aber ansich ist eine solche kritische Prüfung des angeblichen psychologischen Tatsachenmaterials für jeden beliebigen Standpunkt der Werttheorie in gleicher Weise ein notwendiges Erfordernis (Vgl. auch MEINONGs neueste Kundgebung im "Logos", 1912, Heft 1: "Für die Psychologie und gegen den Psychologismus in der allgemeinen Werttheorie", die ich erst nach Abschluß dieser Arbeit in die Hand bekam und mit deren prinzipiellen Standpunkt ich durchaus einverstanden bin.)
Es handelt sich zunächst für uns um eine möglichst objektive Auffindung und Darstellung des bei den Wertphänomenen im Spiel stehenden psychologischen Tatsachenmaterials.
Eine zweite Frage aber muß es dann freilich sein, ob das gefundene psychologische Material, auch wenn es kritisch gesichtet ist, überhaupt imstande ist, eine Wert theorie als solche zu tragen. Und zwar in zweierlei Beziehung:
a) ob das Material genügend einheitlich ist, um zum Ausgangspunkt einheitlich-systematischer Aufstellungen zu dienen (was die Vorfrage einschließt, in welchen Graden hierzu überhaupt eine solche Einheitlichkeit erforderlich ist), vgl. § 3; und weiter:
b) ob überhaupt psychologische Tatsachen als solche das Fundament einer Wert theorie begründen können. Diese Fragen sind mehr methodologischen und prinzipiellen Charakters, gehören aber notwendig auch hierher; denn diese Möglichkeit wird oft ohne weiteres einfach vorausgesetz.
Die gegenwärtige Untersuchung versucht, sowohl die psychologische Tatsachenfrage, wie auch die Frage nach der prinzipiellen Bedeutung psychologischer Tatsachen für eine Werttheorie zu klären. Sie wird zugleich auch zeigen, daß letztere nur aufgrund der Beantwortung der ersteren gelöst werden kann (siehe § 3 und 5).
§ 2. Die Fehler der Unvollständigkeit und Unrichtigkeit
des psychologischen Materials und ihre Vermeidung
durch die experimentelle Methode
Bei den bisherigen Versuchen einer psychologisch fundierten Werttheorie scheinen es mir nun vor allem zwei Fehlerquellen gewesen zu sein, welche einem objektiven und einstimmigen Resultat im Weg standen (was das zugrunde gelegte Material betrifft):
1) Die Basierung der psychologischen Analyse auf ein unvollständiges, nicht das ganze in Rede stehende Gebiet umfassendes Tatsachenmaterial.
2) Die Basierung auf ein unrichtiges Tatsachenmaterial, d. h. auf ein solches, das entweder
a) Tatsachen aufführt, die in Wahrheit gar keine oder zumindest keine hierhergehörigen Tatsachen sind, (die also auf falscher Beobachtung beruhen); oder das
b) die ansich vielleicht richtig beobachteten Tatsachen gar nicht rein als solche, sondern unbewußt schon in einer bestimmten subjektiven Deutung verwendet und irrtümlicherweise doch für reine objektive Tatsachen hält (Substitution von gedeuteten für reine Tatsachen).
Bei diesen beiden wie mir scheint gewöhnlichsten Fehlern der Unvollständigkeit und Unrichtigkeit des zugrunde liegenden psychologischen "Tatsachenmaterials" möchte ich einen Augenblick verweilen, um daraus die Gesichtspunkte für meine eigene Untersuchungsmethode zu gewinnen.
Bei den Beispielen aus dem täglichen Leben, die von den Werttheoretikern gewöhnlich in ziemlich reichem Maße in ihre mehr theoretischen Ausführungen eingeflochten werden, hat man nicht eben selten den etwas peinlichen Eindruck, daß dieselben doch gar zu sehr einer momentanen zufälligen Erinnerung ihren Ursprung verdanken; nach bekannten psychologischen Gesetzen aber werden natürlich diejenigen Beispiele die größte Tendenz zur Reproduktion zeigen, die am meisten in der Richtung des jeweils gerade zu behandelnden Gesichtspunkts liegen; dagegen werden Beispiel, die Gegeninstanzen zu der von mir ausgeführten Ansicht bilden, sich jedenfalls in weit geringerer Stärke herandrängen. So mögen dann unter Umständen viele, vielleicht alle Beispiele vollkommen richtige und unanfechtbare Beobachtungen darstellen; aber es wird dabei übersehen, daß alle diese Beispiele im besten Fall nur eine ganz bestimmte Seite des Problems illustrieren, daß es also daneben auch noch andere ebenso "tatsächliche" psychologische Möglichkeiten geben kann: man denke nur an die früher so vielfach übersehene Verschiedenheit und Gleichberechtigung verschiedener Typen (des optischen, motorischen usw.) in ihrem Einfluß z. B. auf die Art des ästhetischen Genießens.
Aber nicht bloß innerhalb eines einzelnen Wertgebietes (z. B. des ästhetischen) kann es so geschehen, daß ein Spezialfall aus Mangel an genügend verschiedenartigem Material fälschlicherweise als allgemein typisch für das ganze Gebiet angesehen wird. Derselbe Fehler zeigt sich auch in der Anwendung auf die umfassenderen Unterschiede der Wertgebiete untereinander. Es läßt sich fast durchweg bei einer kritischen Musterung der verschiedenen Werttheorien zeigen, wie das spezielle Gebiet der Wertung, von dem der betreffende Verfasser ausgegangen ist, den Typus für alle anderen, bewußt oder unbewußt abgegeben hat. So ist die eine Theorie auf dem Gebiet der ökonomischen Werte, die andere Theorie auf demjenigen der Annehmlichkeits- und Unannehmlichkeitswerte (der "hedonistischen" Werte oder wie man sie sonst nennen mag) ursprünglich erwachen und von da auch auf die anderen Wertgebiete übertragen oder zu übertragen versucht worden. Damit soll natürlich hier noch in keiner Weise ein Werturteil über diese Theorien selbst gefällt sein; aber die Wahrscheinlichkeit, daß eine so erwachsene Theorie zur Einseitigkeit neigt, ist doch sehr groß; und tatsächlich merkt man auch bei der Durchführung einer so gewonnenen Theorie auf den anderen Gebieten sehr oft die Schwierigkeit der Übertragung; die Verfasser haben teilweise dies selbst indirekt zugegeben, indem sie herkömmliche Wertgebiete (wie z. B. EHRENFELS die ästhetischen Werte) aus ihrer Theorie ausgeschieden haben.
Alle diese partiellen Werttheorien könnten meiner Ansicht nach dem Vorwurf der Unvollständigkeit und Einseitigkeit jedenfalls nur dann entgehen, wenn sie ausdrücklich den Nachweis erbrächten, daß die verschiedenen anderen herkömmlichen Wertgebiete entweder sich auch, ohne Zwang, jenem Schema einfügen lassen, oder aber: daß dieselben tatsächliche so disparate Gegenstände umfassen, daß eine einheitliche psychologische Zusammenfassung gar nicht möglich ist. Aber beide Möglichkeiten haben offenbar wieder auch ihrerseits die psychologische Prüfung des gesamten Tatsachenmaterials, die wir hier in objektiver Weise fordern, zur unumgänglichen Voraussetzung. Andernfalls liegt mindestens die stete Gefahr vor, daß sich entweder ein unwesentliches Moment, das nur zufällig bei einem speziellen fälschlich als typisch aufgefaßten Beispiel der Wertung findet, als integrierendes Moment der Wertung überhaupt aufgefaßt wird (wie es vielleicht mit dem von verschiedenen Werttheoretikern angegebenen Gefühlsmoment der Fall sein könnte); oder - was ansich noch schlimmer ist -, daß ein wesentliches Moment übersehen wird. Dieses letztere kann bei der geschilderen, oft ziemlich planlosen Aufraffung der Beispiele leicht dadurch geschehen, daß man bei solchen ad hoc reproduzierten Erlebnissen gar zu leicht nur auf den speziellen Umstand und Gesichtspunkt achtet, um dessen willen das Beispiel angeführt wurde und anderen ebenso tatsächlich vorhandenen Momenten desselben Vorgangs deshalb seine Aufmerksamkeit verschließt.
Ehe das Mittel gezeigt wird, womit allen diesen Übelständen in tunlichster Weise abgeholfen werden kann, soll aber noch die obengenannte zweite Fehlerquelle einer näheren Betrachtung unterzogen werden.
Noch schlimmer für die Objektivität des Resultats ist es natürlich, wenn das sogenannte "Tatsachenmaterial" nicht nur unvollständig, sondern unrichtig ist; und doch liegt dieser Fall bei der gewöhnlichen Art der Beschaffung des Materials so besonders nahe! Wie vieles bildet man sich bei der Reproduktion eigener Erlebnisse ein und glaubt es wirklich erlebt zu haben, was einer objektiven Prüfung nicht standhält! Die Suggestion eines vorgefaßten leitenden Gesichtspunktes und einer bestimmten Fragestellung vermag hier die merkwürdigsten Selbsttäuschungen hervorzurufen, die wohl nur, und zwar in einem sehr weitgehenden Maße, durch eine strenge Trennung der erlebende und der die Erlebnisse wissenschaftlich verwertenden Person zu vermeiden sind. Wie leicht z. B. wird, um konkreter zu sein, der Fall eintreten, daß der Werttheoretiker, der alle Wertphänomene irgendwie mit einem Gefühl in Zusammenhang bringen zu können glaubt, nun im speziellen Fall seines Beispiels tatsächlich ein Gefühl erlebt zu haben meint, das er nicht erleben würde, wenn er rein objektiv dem Vorgang gegenüberträte! Derartige willkürliche oder unwillkürliche Erzeugungen von Gefühlen, aber auch anderen psychischen Vorgängen unter dem Einfluß einer determinierenden Tendenz sind ja Vorgänge, die jedem Psychologen als sehr wohl möglich und ziemlich häufig bekannt sind.
Doch das führt uns schon zu dem obenerwähnten zweiten Fall hinüber, in dem ein in anderer Weise "unrichtiges" Material vorliegt: zu dem Fall, wo ein schon in bestimmter subjektiver Weise gedeutetes Material für ein rein objektives gehalten und verwertet wird. Es ist hier nicht die Frage zu erörtern, ob es denn überhaupt ein ungedeutetes Material geben kann; ob nicht vielmehr alle sogenannten Tatsachen eigentlich schon gedeutete Tatsachen sind. Es könnte sich für uns in jedem Fall ja doch nur um den höchsten erreichbaren Grad von Objektivität handeln. Aber so viel steht jedenfalls fest, daß auch hier durch eine Trennung der Person des Erlebenden und des Deutenden das Resultat ganz bedeutend, ja man wird sagen dürfen: so sehr als überhaupt möglich der Objektivität angenähert wird. Denn auch wenn das so getrennt gewonnene Material selbst dann noch ein teilweise schon gedeutetes sein sollte, so ist doch (da der Gesichtspunkt dessen, der das erlebte Material nachher bearbeitet, ein anderer zu sein pflegt, als der etwa beim Erlebenden zufällig vorhandene) die Wahrscheinlichkeit eine unendlich viel größere, daß das Material über den Punkt, auf den es dem Untersuchenden gerade ankommt, eine objektive Auskunft geben wird. Außerdem aber bildet der Umstand, daß das Material natürlich von mehreren Personen eingeholt wird, die Garantie, daß die etwa noch vorhandenen Deutungsfehler sich gegenseitig annähernd eliminieren werden. Auch bietet die allgemeine Nachprüfbarkeit und Vollständigkeit eines auf diese Weise gewonnenen Materials (Protokolls) einen großen Vorteil vor der Unkontrollierbarkeit und fast notwendig fragmentarischen Verfassung der zu einem ganz bestimmten speziellen Zweck mitgeteilten eigenen Erlebnisse (Näheres § 5 - 8).
Hat uns somit diese zweite der angegebenen beiden Hauptfehlerquellen (die Unrichtigkeit des Materials" auf die Forderung der Trennung von Erlebendem und Verarbeitendem mit Notwendigkeit hingeführt, also zu einem der Hauptbestandteile und Merkmale der experimentellen Behandlung, so ist nun leicht zu sehen, daß auch der andere (erste) Fehler der Unvollständigkeit des Materials uns von einer anderen Seite her in diese Richtung weist. Denn diese Unvollständigkeit kann auf keine andere Weise überwunden werden, als durch eine systematische Variation des Objekts der Untersuchung d. h. des Wertphänomens. Nur dann, wenn möglichst viele Modifikationen des Wertphänomens der Untersuchung planmäßig unterworfen werden, ist an eine annähernde Vollständigkeit des Materials und damit auch an eine umfassende Geltung des Resultats zu denken. Diese Forderung der systematischen Variation des Objekts ist aber nichts anderes, als ein weiteres Hauptmerkmal der experimentellen Methode. Gerade in diesem Punkt versagt die Berufung auf die gelegentliche Selbstbeobachtung und die Beschränkung auf das Anführen von selbst erlebten und erinnerten Beispielen so gut wie ganz. Denn auch dann, wenn der Forscher, der zugleich ein Erlebender ist, sich systematisch über die Verschiedenheit der zu untersuchenden Fälle vollkommen klar ist, wird es ihm doch so gut wie unmöglich sein, bei den oft feinen Differenzen der verschiedenen psychologischen Tatsachenbestände, die diesen verschiedenen Fällen entsprechen, wirklich zu einem ganz zweifellos objektiven und durch seine eigene Fragestellung unbeeinflußten Tatsachenbeleg für all diese zu gelangen.
§ 3. Die Voraussetzungen für die Möglichkeit einer
psychologischen Definition überhaupt
Ehe ich zu den Schwierigkeiten übergehe, die sich dieser Forderung einer experimentellen Behandlung gerade bei meinem Objekt entgegenstellen, möcht ich noch auf den zweiten Punkt (§ 1, 2a) zu sprechen kommen, der mir vielfach neben den schon besprochenen Fehlerquellen an den Unklarheiten mitschuldig zu sein scheint, welche der psychologischen Behandlung des Wertproblems teilweise anhaften.
Man hat bei den neueren Versuchen einer psychologistischen Begründung oft den Eindruck, als ob keine rechte Klarheit darüber herrscht, was man denn eigentlich mit Grund unter einer psychologischen Begründung bzw. Definition eines solchen psychischen Phänomens, wie etwa des Wertphänomens, verstehen kann und muß, bzw. über die Frage, welche psychologischen Tatsachen denn etwa vorliegen müssen, um uns zu berechtigen, eine ganze Anzahl verschiedener Phänomene mit demselben Gattungsnamen zu belegen, unter derselben Definition zusammenzufassen?
Auf den ersten Blick scheint ja das eine sehr einfache Sache zu sein. Aber ich wage zu behaupten, daß in Wahrheit in dieser Beziehung weit öfter ein ziemlich vager, ungeprüfter Instinkt, als wirklich klare Einsicht und Reflexioni die Hauptrolle spielen. Bei der großen Wichtigkeit der Frage für unser Problem muß ich etwas näher darauf eingehen.
Vorausschicken möchte ich zwei allgemeinere Gesichtspunkte, die allzuoft außer Acht gelassen werden.
Man darf nie ohne weiteres erwarten, daß psychische Phänomene, die wir unter bestimmten Gesichtspunkten irgendwelcher Art allgemein unter demselben Begriff zu befassen gewohnt sind, nun auch für die psychologische Betrachtung und Untersuchung eine einheitlich charakterisierte Gruppe bilden müßten.
Dieser Fehler ist z. B. für die Denkpsychologie vielfach verhängnisvoll geworden, indem man a priori annahm, daß den logischen Einheiten wie z. B. Begriff, Urteil, Schluß usw. auch ein einheitlicher psychologischer Tatbestand entsprechen müßte.
Das ist durchaus nicht der Fall. Die Wichtigkeit dieses Gesichtspunktes wird wohl erst dann ganz gewürdigt werden, wenn nicht mehr, wie vielfach jetzt noch, durch die Neuheit der psychologischen Methoden und Probleme der Blick getrübt, sondern wenn er ruhig und leidenschaftslos geworden ist in der Frage: Psychologismus oder Psychologie?
Man wird sich dann mit MEINONG (a. a. O.) gegen den Psychologismus und für die Psychologie auf allen Gebieten entscheiden.
So darf dann auch bei der psychologischen Definition und Untersuchung des Wertproblems keineswegs von Anfang an eine psychologische Einheitlichkeit der Wertphänomene vorausgesetzt werden. Die Tatsachen allein können darüber entscheiden.
Ebenso wichtig und deswegen vorauszuschicken ist die Betonung eines anderen Unterschieds, der die Auffassung der Aufgabe der Psychologie überhaupt betrifft. Man kann die Aufgabe der Psychologie entweder darin sehen, für jeden psychischen Vorgang im Individuum die tatsächlich (aktuell) vorhandenen psychologischen Phänomene festzustellen, zu analysieren und zu klassifizieren. Es soll dies die phänomenologische Auffassung der Psychologie genannt werden.
Man kann aber auch nicht dabei stehen bleiben wollen, sondern von der Psychologie weiter verlangen, daß sie über die tatsächlich vorhandenen psychologischen Vorgänge hinausgehend deren Genesis und genetische Zusammenhänge aufhellt, sie also auf ihre primitiven Wurzeln und entwicklungsgeschichtlichen (sei es onto- oder phylogenetischen) Voraussetzungen zurückführt. Diese Auffassung der Psychologie, die notwendig auch auf unbewußte (potentielle) psychische Vorgänge und auf Hypothesen angewiesen ist, nenne ich nach ihrem Hauptmerkmal die genetische Psychologie (7).
Beide haben ihre Vertreter und es geht nicht an, der einen von ihnen a priori das Recht auf den Namen Psychologie abzusprechen. Das ist Sache der Definition. Nur Klarheit über den eingeschlagenen der beiden Wege sollte man überall verlangen. Wie gleich gezeigt werden soll, scheint mir aber eine scharfe Scheidung dieser beiden grundverschiedenen psychologischen Betrachtungsweisen vielfach in der gegenwärtigen Psychologie nicht gemacht zu werden. Da dies für unsere ganze Untersuchung von fundamentaler Wichtigkeit ist, sehe ich mich genötigt, hier etwas länger zu verweilen.
Die phänomenologische Psychologie hält sich, wie gesagt, nur an die bewußten psychischen Vorgänge; sie sucht festzustellen, was in jedem psychischen Erlebnis irgendwelcher Art tatsächlich bewußt vorhanden ist, und weiter in das auf diese weise sammelbare unendliche Material dadurch Einheit zu bringen, daß sie in der Mannigfaltigkeit des psychischen Geschehens immer wiederkehrende Typen feststellt und so allmählich zu einer Klassifikationsmöglichkeit der realen Mannigfaltigkeit gelangt. Sie ist also ihrem ganzen Wesen nach darauf gerichtet, aus dem kontinuierlichen Fluß psychischen Geschehens Elemente herauszulösen, welche sich nicht weiter in andere der von ihr in gleicher Weise herausisolierten Typen (Elemente) auflösen und zerlegen lassen. So werden in der WUNDTschen Psychologie z. B. die Elemente der Empfindung, der einfachen Gefühle usw. gewonnen.
Soweit ist ihre Aufgabe ganz klar. Eine Verwirrung und namentlich eine Vermengung mit der ganz andersartigen zweiten ("genetischen") Methode kommt erst dadurch hinein, daß diese erstere Methode ganz von selbst bei bestimmten psychischen Geschehnissen die wissenschaftliche Wißbegier nicht befriedigt. Manche Erlebnisse deuten darauf hin, daß im Ablauf des gegenwärtigen psychischen Geschehens auch frühere Vorgänge nachwirkend eine Rolle spielen, die zwar früher auch einmal in der angegebenen Weise phänomenologisch faßbar waren, aber es nunr nicht mehr in derselben Weise sind, da sie im gegenwärtigen Vorgang nicht mehr in derselben Qualität zu konstatieren sind. Jedes psychische Erlebnis, z. B. eine Vorstellung, hat neben diesem ihrem faßbaren, d. h. klassifizierbaren Charakter ("Vorstellung") noch einen unfaßbaren aber deutlichen Hintergrund, der eben auf frühere Erlebnisse und Residuen von solchen usw. "zurückweist". Dieser ist der rein phänomenologischen Methode in der herkömmlichen Beschränkung unzugänglich. In diesen Fällen nun half man sich auf verschiedene Weise: z. B. mit dem Namen "psychische Gebilde", was eben ausdrücken sollte, daß hier nicht alles durch eine bloße Zusammensetzung aus bzw. Analyse in die üblichen "Elemente" (als aktuell phänomenologische) faßbar sei, sondern daß hier frühere psychische Entwicklungen irgendwie hereinspielten. Das Gefährliche dabei war aber ein Doppeltes:
I. Daß man auf diese Weise dem Schein nach jene frühere phänomenologische Elementarpsychologie beizubehalten glaubte, weil es so aussah, als ob die "Gebilde" doch Gebilde aus jenen "Elementen" seien, also in scheinbarer Analogie mit der Naturwissenschaft; während hier doch tatsächlich ganz andere Voraussetzungen vorlagen. Denn in der Naturwissenschaft ist die Ewigkeit der Elemente postulierbar und jede zeitliche Entwicklung ist immer nur eine quantitative Veränderung der Verbindungen dieser Elemente; in der psychischen Entwicklung dagegen gibt es keine analogen Elemente. Psychische Gebilde tragen den Entwicklungsgang der Psyche nicht in der Weise in sich, daß die früheren Elemente (die in der angegebenen Weise nach einer phänomenologischen Methode gewonnen wurden) in ihnen unverändert vorhanden wären, wie die ewigen Elemente der Naturwissenschaft in ihren entwickelten Gebilden.
Mit anderen Worten: Die phänomenologische Methode konnte nur sagen: bei dem jetzt eben vorliegenden psychischen Vorgang sind Elemente dieser oder jener mir empirisch bekannten und begrifflich festgelegten typischen Art vorhanden; und es war nur ein Notbehelf, wenn man hinzufügte: es spielen in diesen Vorgang frühere psychische Erlebnisse dieser oder jener (wiederum bekannten) Art herein. Denn die Art, wie sie aktuell hereinspielten, war für diese ganze Art der Begriffsbildung der phänomenologischen Methode die Hauptsache; nicht das, was ihnen früher (genetisch) entsprach.
Eine vollständig andere Methode also war es, zu fragen: wie ist der jetzige Bestand der Psyche zustande gekommen? Diese Frage wurde freilich selbst aufgestellt durch die (unzulänglichen) Ergebnisse der ersteren Methode. Das erweckte vielfach den Schein, als ob es noch dieselbe Methode ist. Dieser wurde dadurch noch bestärkt, daß man die Frage: wie kommt das zustande, was man (nach der Begriffsbildung der ersten Methode) Vorstellung nennt? vielfach wirklich für identisch hielt mit der Frage: was ist diese Vorstellung? Während aber die Vorstellung für die phänomenologische Methode ein Element war, war sie tatsächlich für die zweite ein der Erklärung bedürftiges Objekt, also kein Element mehr. Und doch konnte man glauben, noch dieselbe Methode anzuwenden! So brachte man es fertig, das Element "Vorstellung" andererseits (genetisch) als Entwicklungsprodukt aus Elementen derselben Gattung entstehen zu lassen und erklären zu wollen, und glaube, diese zwei ganz verschiedenen Betrachtungen einander unter der Bezeichnung Element und Gebilde auf gleicher Ebene koordinieren zu können (was wie gesagt notwendig eine Analogie zu naturwissenschaftlichem Element und Verbindung von {!denselben!} Elementen vortäuschen mußte). Doch ich werde dies gleich näher und an konkreten Beispielen auszuführen haben (Ziffer 3 dieses §)
II. Auch eine zweite Folge dieser Betrachtungsweise aber wird gleich noch näher zu besprechen sein: daß nämlich der Begriff des Elements in der ersten, phänomenologischen, Bedeutung durch diese Vermengung an seiner notwendigen wie möglichen Weiterausbildung verhindert wurde, indem man der ansich notwendigen Bildung weiterer typischer Elemente enthoben zu sein glaubte durch die Einmengung des ganz anders orientierten oben besprochenen Begriffs des "psychischen Gebildes" im genetischen Sinn: wo man phänomenologisch ein Erlebniselement absolut elementaren, nicht weiter zurückführbaren Charakters hätte konstatieren müssen, setzte man dafür eine genetische Erklärung; und glaubte trotzdem damit in der Ebene derselben wissenschaftlichen Methode im oben angegebenen Sinne zu bleiben. Und doch wäre ansich der erstere Weg der Festlegung neuer Elementarerscheinungen (neben den herkömmlichen) sehr wohl möglich gewesen, wie ich sogleich (siehe unten Punkt 3) zeigen werde. Doch möchte ich vorher kurz meine eigene Ansicht über das Verhältnis beider Methoden darlegen.
Ich bin auch der Ansicht, daß beide Methoden einander zu ergänzen haben, aber so, daß zuerst das Material durch die erste Methode bis zu einem gewissen Grad bereitgestellt sein muß, ehe der zweite Weg ohne Gefahr eingeschlagen werden kann.
Konkret gesprochen: will ich den Vorgang der Wertung psychologisch untersuchen, so muß ich zuerst fesstellen, was bei den verschiedensten Personen in den verschiedensten Fällen der Wertung phänomenologisch an psychologischen Tatsachen vorliegt und dies kann nur geschehen, indem ich, so viel als nötig, nicht weiter rückführbare Elemente im phänomenologischen Sinn festlege, auch abgesehen von Empfindungen, Vorstellungen usw. Erst dann kann ich versuchen, in diese Tatbestände durch entwicklungsgeschichtliche Interpretationen und hypothetische Ergänzungen den erwünschten Zusammenhang zu bringen.
Zur Verdeutlichung führe ich ein Beispiel an, das der psychologischen Behandlung der Werttheorie entnommen ist. Wenn z. B. EHRENFELS behauptet, gewertet werden sei begehrt werden (auf die feineren Näherbestimmungen braucht hier nicht eingegangen zu werden), so kann dies (im oben festgelegten Sprachgebrauch) entweder als phänomenologische Definition verstanden werden; dann bedeutet sie: überall wo eine Wertung vorliegt, liegt auch (psychologisch) ein Akt des Begehrens vor. Oder kann es psychologisch-genetisch gemeint sein. Dann bedeutet es: wenn auch tatsächlich nicht immer bei jeder Wertung ein aktuelles Begehren vorliegt, so kann doch jede Wertung schließlich psychologisch auf ein ursprüngliches Begehren zurückgeführt werden.
Sobald Klarheit darüber besteht, welche Art der Definition bzw. der "Psychologie" gemeint ist, besteht keine Gefahr. Dies ist aber vielfach nicht der Fall. Und der Unklarheit in der Scheidung dieser Gesichtspunkte verdanken viele der spitzfindigen Probleme der psychologischen Werttheorie überhaupt ihre Entstehung z. b. die Frage: wie es bei obiger Definition zu erklären ist, daß ich einer Sache Wert zuschreiben kann, auch ohne sie zu begehren usw. (rein formal verstanden, ganz abgesehen davon, ob diese angeführte Definition material überhaupt haltbar ist). Ähnliche Beispiele finden sich bei den psychologischen Werttheorien, die auf das Gefühlsmoment ihre Definition begründen.
Diese reinliche Scheidung aber vorausgesetzt, ist es meiner Meinung nach die Aufgabe der Psychologie, zunächst festzustellen, welche psychologischen Vorgänge da zu konstatieren sind, wo Wertungen vorliegen. Es wäre möglich, daß sich schon bei diesem Teil der Untersuchung eine immer wiederkehrende, allen Wertungsvorgängen gemeinsame (phänomenologisch) psychologische Beschaffenheit irgendwelcher Art finden und feststellen lassen würde, in welcher wir dann eine zutreffende psychologische Bestimmung des allgemeinen Wertungsganges besäßen. In diesem Fall wäre dann also erwiesen, daß der Begriff der Wertung, woher auch immer er kommen möge, auch psychologisch eine Einheit bildet ("psychologisch" hier im Sinn von "phänomenologischer Psychologie). Unter welchen näheren Umständen dies möglich wäre, wird gleich in Nr. 2 dieses Paragraphen untersucht werden.
Ergäbe jedoch die psychologisch - phänomenologische Untersuchung noch nicht eine solche einheitliche psychologische Struktur der Wertungsvorgänge, so wäre eine solche immer noch auf psychologisch-genetischem Weg zu erreichen: nämlich dann, wenn gefunden würde, daß es möglich wäre, all diese ansich nicht übereinstimmenden phänomenologischen Befunde als Entwicklungen aus derselben psychologischen Wurzel nachzuweisen, sie auf ein gemeinsames psychisches Grundphänomen einheitlicher psychologischer Struktur zurückzuführen. Diese letztere Frage ist jedoch natürlich auch dann von Wert, wenn schon der erste Weg der phänomenologischen Betrachtung zum Resultat: zur Aufzeigung der Möglichkeit einer psychologischen Definition geführt haben sollte. Diese letztere Untersuchung aber kann jedenfalls erst aufgrund der ersteren (phänomenologischen) erfolgen, wenn sie nicht dem Vorwurf der Voreiligkeit und reiner Theorie verfallen soll, was gleich nachher noch näher auszuführen sein wird.
Ich wende mich nach diesen Vorbemerkungen nun wieder zur Grundfrage dieses Paragraphen: nach den Voraussetzungen der Möglichkeit einer psychologischen Definition überhaupt und zwar zunächst einer "phänomenologischen".
Fangen wir mit einem ganz einfachen Fall an! - Wie kommen wir zum psychologischen Begriff (Definition) der Empfindung? Wir haben hier natürlich ganz von der historischen Tatsache abzusehen, daß hier, wie vielleicht auch bei den meisten anderen psychologischen Begriffen, der Begriff viel älter ist, als die wissenschaftliche Rechtfertigung der tatsächlichen Zusammengehörigkeit der unter ihm zunächst oft recht äußerlich und willkürlich zusammengefaßten Phänomene. Für uns handelt es sich hier nur um die letztere, wissenschaftlich begründete und gerechtfertigte Art der Begriffsbildung. Wir fragen gerade, unter welchen Voraussetzungen eine solche Begriffsbildung Anspruch auf wissenschaftliche Geltung erheben darf? also hier speziell: was berechtit uns, von der Empfindung als einer psychologischen Einheit zu reden?
In diesem relativ einfachen Fall (- wir haben es ja hier mit einem der herkömmlichen psychischen "Elemente" zu tun! (8) -), ist dies noch verhältnismäßig leicht anzugeben. Man wird die Definition der Empfindung jedenfalls mit ihrem Gebundensein an bestimmte Organe in Zusammenhang bringen; man wird die bekannten Qualitäten der Empfindung anführen usw.; aber schon hier zeigen sich bei genauer Betrachtung Schwierigkeiten der Abgrenzung, die hier jedoch nicht weiter ausgeführt werden sollen (namentlich, was den von den Empfindungen fast unabtrennbaren Sinnes begriff betrifft {vgl. z. B. das Referat von FRIEDRICH KIESOW "Über den Sinnesbegriff und die Einteilung der Empfindungen" auf dem 5. Kongreß für experimentelle Psychologie, 1912}). Es läßt sich ferner überhaupt fragen: ob denn das nicht teilweise recht äußerliche, ja außerpsychologische Merkmale sind? Doch möge das hier dahingestellt bleiben.
Weit schwieriger noch jedenfalls gestaltet sich eine feste Abgrenzung und psychologische Definition (wie schon des Gefühls, so vor allem) der sogenannten "komplexen" psychischen Phänomene, z. B. eines Denk- oder Willensvorgangs. Es scheint oft sogar fast, als sei hier der zusammenfassende Name eigentlich überhaupt nur unter Gesichtspunkten möglich, die einem anderen Gebiet als dem der psychologischen Tatsächlichkeit entnommen sind. Denn worin besteht eigentlich das psychologisch Gemeinsame, z. B. der Willensphänomene, wodurch sie als solche (etwa wie eine Empfindung mit der anderen) miteinander verglichen werden könnten? Daß sie nicht als quantitativ bestimmte Summen oder Produkte der herkömmlichen psychischen Elemente (Empfindungen, Vorstellungen und Gefühle), definiert werden können, wie etwa Gruppen höherer chemischer Verbindungen ihre Verwandtschaft durch eine gleiche oder ähnliche Verbindung und Gruppierung ihrer Elemente erweisen, darf als feststehend gelten. Eine Analogie besteht eben deshalb nicht, weil bei den chemischen Verbindungen die spezifische Beschaffenheit doch an eine ganz bestimmte (quantitative) Kombination der Elemente geknüpft ist, während dies bei den psychischen Gebilden eben nicht der Fall ist. Die "spezifische Beschaffenheit" ist dort abhängig von den Elementen (wenn auch nicht von ihren isolierten Eigenschaften); hier aber nicht (vgl. dagegen WUNDT, Grundriß der Psychologie, 7. Auflage, Seite 35, wo jedoch wohl nur scheinbar das Gegenteil behauptet wird). Für einen Willensvorgang z. B. ist es unaussprechlich gleichgültig, wieviele Empfindungen, Vorstellungen und Gefühle zu seinem Verlauf gehören. Was ist dann aber das psychologisch Gleichartige aller Willensvorgänge? - Wenn es nicht in der Anzahl der vorhandenen psychischen Elemente liegen kann, liegt es dann vielleicht in ihrer Qualität? Aber ist es denn überhaupt auch nur irgendwie als notwendig für einen Willensvorgang zu bezeichnen, daß eine Vorstellung oder daß ein Gefühl oder daß eine Empfindung (- damit sind die herkömmlichen Elemente erschöpft -) bestimmter Art vorhanden ist? Ich glaube, auch dies muß verneint werden: gibt es nicht ein "unbestimmtes" Wollen oder Streben, ohne Vorstellung irgendeines Ziels? ein rein intellektuell zustandekommendes Wollen, ohne jede bestimmte Art von Gefühl und ohne notwendige begleitende Empfindung (9)? Gewiß: irgendetwas (auch "Elementares" im alten Sinne) muß ja wohl in jedem einzelnen Fall da sein; aber läßt sich überhaupt irgendein bestimmtes der herkömmlichen psychischen Elemente (nicht bloß eine bestimmte Summe von solchen) als notwendig und unabkömmlich für einen Willensvorgang nachweisen? Ist das aber nicht der Fall, so kann auch nicht von einem "psychischen Gebilde mit spezifischer Eigenschaft" gesprochen werden, wie gleich ausgeführt werden wird. - Es bleiben dann, wie mir scheint nur zwei Möglichkeiten einer Definition im angegebenen Sinn: entweder man nimmt eine spezifische psychologische Potenz von bestimmtem Charakter an, die nicht näher zu definieren ist; also auch eine Art von nicht weiter analysierbarem "Elementarphänomen", einen bestimmten Zustand der Psyche (ein Erlebnis) von ganz spezifischer Qualität, den wir nun eben das Erlebnis des "Ich will" nennen; dann aber hat es keinen Sinn mehr, hier von einem Komplexphänomen im Gegensatz zu den "Elementen" zu reden (siehe gleich unten). Oder man muß behaupten, daß der Begriff des Willensvorgangs kein rein psychologisch zu begründender, sondern ein unter anderweitigen, außerpsychologischen Gesichtspunkten geschaffener ist. Es wäre freilich schwer zu sagen, woher in aller Welt wir zu einer solchen außerpsychologischen Zusammenfassung, z. B. der Willensvorgänge, kommen sollten, wenn dieselbe nicht irgendwie wenigstens in einem bestimmten einheitlichen Erlebnischarakter, also doch schließlich eben in einem bestimmten psychologischen Elementarphänomen, begründet wäre?
Dasselbe Dilemma wiederholt sich bei den meisten sogenannten "komplexen" psychischen Phänomenen eines bestimmten Charakters.
Was uns hier vor allem an dieser Sachlage interessiert, ist die völlige Unmöglichkeit, diese Komplexphänomene irgendwie durch Summation oder eine bestimmte Anordnung, Reihenfolge usw. der psychologischen "Elemente", wenigstens der herkömmlichen zu erklären. Es wird deshalb nicht nur jetzt nicht, sondern immerdar unmöglich sein, von den herkömmlichen Elementen und Elementarversuchen in gerader Linie aufwärtssteigend (wie etwa in der physischen Natur) das Gebäude unseres Geisteslebens aufzubauen, bzw. nachzuschaffen. Denn die sogenannten höheren psychischen Funktionen erscheinen und sind als solche unabhängig (oder mindestens nicht nur abhängig) von jenen herkömmlichen "Elementen", unabhängig wenigstens, was ihre Konstitution ansich, ihr "Wesen", ihr Charakteristikum betrifft (wenn auch nicht in ihrer "Betätigung", zu der sie jene Elemente als Substrat ihrer Betätigung oder Intention benötigen mögen.) Jedenfalls stehen sie in vollkommen anderer Weise zu jenen herkömmlichen "Elementen" in Beziehung, wie naturwissenschaftliche Elemente zu Gebilden als solchen. Eben in der Unklarheit dieses Begriffs des psychischen Elements liegt nun aber meiner Ansicht nach der Hauptgrund für die obigen Schwierigkeiten einer psychologischen Definition, weshalb ich näher auf ihn eingehen muß.
Der Begrif des psychischen Elements in seiner gewöhnlichen Form legt, wie wir sahen, besonders dann gefährliche Mißverständnisse nahe, wenn er, wie es sprachlich ansich das allein richtige ist, im Gegensatz zu dem des komplexen psychischen Phänomens gebraucht wird. Denn dann scheint doch notwendig darin die Meinung zu liegen, daß die letzteren nur aus jenen Elementen bestehen und zusammengesetzt sind, oder wenigstens restlos irgendwie in sie zerlegt werden könnten (sei es nun realiter oder abstrakt). Diese Meinung ist aber nur berechtigt, solange man unter den Komplexphänomenen wirklich das versteht, was z. B. WUNDT, wenigstens prinzipiell, mit dem Ausdruck "psychische Gebilde" bezeichnet: Komplexe aus diesen Elementen; dies ist jedoch tatsächlich nicht immer der Fall. Anlässe zu Anweichungen von diesem allein zu rechtfertigenden Sprachgebrauch liegen vielmehr sofort vor, wenn man den Namen des Elements von vornherein und dogmatisch auf ganz bestimmte Phänomene beschränkt: wie z. B. WUNDT, wie es fast scheinen könnte, auf solche, die auch noch in einem ganz anderen Sinn "elementar" sind, nämlich sofern sie besonders einfach zu isolieren sind und sich deshalb besonders leicht untersuchen lassen. WUNDT zählt nämlich als Elemente nur die "einfachen" Empfindungen und Gefühle auf, wobei mit "einfach" zweifellos ansich dasjenige gemeint ist, was wir oben als "elementar" im wahrsten Sinne, im Gegensatz zu komplexen Phänomenen bezeichnet haben. (Komplex in diesem Sinne ist demzufolge eine Verbindung von einfachen Empfindungen oder Gefühlen oder beiden.) Nun ist aber nach WUNDT eine einfache Empfindung nicht deshalb Element, weil sie einfach ist; qualitativ einfach sind vielmehr nach WUNDTs ausdrücklicher Bemerkung auch solche Komplex phänomene, die von "spezifischer Beschaffenheit" sind. Er kennt also neben den Elementen noch andere einfache psychische Phänomene.
Nun ist aber klar, daß WUNDT, nach seinem ursprünglichen Prinzip der Unterscheidung von Elementen und Gebilden, diesen letzteren oder wenigstens einem Etwas an ihnen, eben dieser "spezifischen Qualität", nur dann berechtigterweise den Charakter des psychischen Elements absprechen kann, wenn sich diese Komplexphänomene mit spezifischem Charakter inhaltlich in die von ihm anerkannten Elemente restlos auflösen ließen. In der Tat glaubt WUNDT an diese Möglichkeit. Es gibt also nach WUNDT psychische Phänomene, die aus keinen anderen Elementen, als den von ihm anerkannten, bestehen und doch eine spezifische, "neue" Qualität zeigen.
Wir sehen zunächst davon ab, daß wir eine solche Möglichkeit der Analyse psychischer Komplexphänomene in die wenigen herkömmlichen Elemente in den meisten Fällen oben abgelehnt haben, und wollen diese Voraussetzung WUNDTs zunächst gelten lassen.
Aber ist WUNDTs Begriff des "Gebildes mit spezifischer Eigenschaft" rein formal mit unseren Ausführungen über die phänomenologische Methode vereinbar? Mir scheint, daß WUNDT hier den oben gerügten Fehler begeht und aus der phänomenologischen plötzlich in die genetische Methode übergeht. Der Begriff eines Komplexes der gegebenen Elemente widerspricht durchaus der Bestimmung als einfacher spezifischer Beschaffenheit. Denn rein phänomenologisch liegt in einem solchen Fall eben tatsächlich nichts vor, als die spezifische und einheitliche Qualität des Erlebnisses, die als spezifische eben darum auch eine elementare ist; ob diese Qualität auf das Zusammenwirken verschiedener anderer Elemente zurückgeführt werden kann, ist dagegen eine rein genetische Frage und gehört nicht hierher. Man kann sich das an WUNDTs Beispiel der Tonverschmelzung am besten deutlich machen: ist dieselbe eine vollkommene (und nur dann ist die Qualität wirklich eine einfache), so liegt nur eine Tonempfindung durchaus einheitlicher Art vor, aber nicht eine aus den einzelnen Tonempfindungen selbst bestehende; wiewohl man genetisch erstere in die letzteren vielleicht auseinanderlegen, erstere aus den letzteren entstanden denken kann. Phänomenologisch liegt ein Komplex nur da vor, wo die Elemente im aktuellen Erlebnis selbst als solche zu scheiden sind, nicht da, wo sie erst genetisch daraus analysiert werden können.
Das, was WUNDT als Gebilde mit spezifischer Eigenschaft einführt, ist also in jeder Form phänomenologisch unberechtigt: in dem eben besprochenen Fall ist es eine methodische Metabasis, also ein formeller Verstoß; in anderen Fällen aber, wie z. B. bei den Willensphänomenen, ist es, wie wir früher zeigten, auf die nicht stichhaltige Meinung gegründet, ein solches Gebilde auf die herkömmlichen wenigen Elemente restlos zurückführen zu können, statt weitere Elemente zu bilden -: also materiell unberechtigt.
In letzterer Hinsicht ist EBBINGHAUS' schwankende und unklare Stellung in der Elementenfrage besonders charakteristisch. Dieser zählt unter den "Elementarerscheinungen des Seelenlebens" neben den einfachen Empfindungen, Vorstellungen und Gefühlen auch "Trieb und Wille" auf, die bei WUNDT zu den psychischen Gebilden gehören. Aber auf der anderen Seite wird nun doch bei den Empfindungen, Vorstellungen und einfachen Gefühlen jener eigentliche oben bei WUNDT ausgeführte Begriff des Elementes weiter festgehalten.
Es ist nun interessant, wie EBBINGHAUS diese Unstimmigkeit scheinbar zu heben sucht, indem er zwischen zwei verschiedenen Arten von Elementen scheidet, wobei freilich nicht recht einzusehen ist, warum er überhaupt, wenn diese Arten wirklich so ganz verschieden sind, noch Wert darauf legt, sie in einer Gruppe zusammenzufassen. (Worin dieser Grund letzten Endes zu suchen ist, wird gleich gezeigt werden, wenn wir uns mit der Unterscheidung selbst beschäftigt haben.)
EBBINGHAUS sagt: "Empfindungen und Vorstellungen sind begriffliche, Triebe und einfache Willensakte genetische Elemente des Seelenlebens"; damit kommt er uns wie gesagt einerseits entgegen, indem er den Begriff des Elementes weiter faßt, als dies z. B. WUNDT tut; aber er macht andererseits dieses Entgegenkommen dadurch wieder zunichte, daß er nun meint, diesen weiteren Begriff des Elements nur dadurch aufrechterhalten zu können, daß er innerhalb desselben zwei ganz verschiedene Arten unterscheidet. Nach unserer Ansicht liegt hier entweder eine Vereinigung ganz disparater Begriffe psychischer Elemente vor (wenn man EBBINGHAUS' weiterer Interpretation folgt, siehe unten!); oder aber - wenn man von EBBINGHAUS' Deutung absieht und doch Trieb und Wille als Elemente bestehen lassen will - sind beide Arten von Elementen in gleicher Weise begrifflich, d. h. lediglich Abstraktionen und keine von beiden genetisch ursprünglicher als die andere; besser gesagt: im zweiten Fall ist diese Frage hier ganz nebensächlich. Wenn EBBINGHAUS sagt: "Von Anfang an betätigt sich die Seele in einem reichen Trieblieben und einfachen Wollungen, und in diesen vermögen wir dann durch eine abstrahierende Betrachtung jene anderen Elemente als enthalten zu unterscheiden, wie sie sich unter Umständen in der entwickelten Seele auch als selbständige Bildungen herausdifferenzieren", so könnten wir das im Einzelnen zugeben, würden dann aber darauf verzichten, derart heterogene Begriffe von "Elementen" nebeneinander zu stellen; oder aber, wenn man dies tun will, so müßte es nach unserer Ansicht heißen: "die Seele betätigt sich von Anfang an in einer lebendigen Komplexität, die wir durch Abstraktion in elementare, d. h. nicht weiter auseinander ableitbare und aufeinander rückführbare Bestandteil zu zerlegen vermögen (wie sie sich in der entwickelten Seele unter Umständen auch als selbständige Bildungen herausdifferenzieren), zu denen aber die Triebe und einfachen Willensakte, als typische, qualitativ einheitliche psychische Phänomene, in derselben Weise gehören, wie die Empfindungen usw.
Die Frage, ob abstrakt oder nicht, berührt uns hier also eigentlich ansich gar nicht; vielmehr haben die beiden von EBBINGHAUS hier unterschiedenen Arten von Elementen jedenfalls in Bezug auf diese Frage nicht einander voraus, wenn sie wirklich nebeneinander gestellt werden können sollen.
Aber wie kommt nun EBBINGHAUS überhaupt dazu, Dinge, die nach seiner eigenen Ansicht so heterogen sind, unter dem gemeinsamen Begriff der Elementarerscheinung zusammenzufassen? Wenn man beachtet, wie er dabei betont, daß bei Trieb und Wollung "etwas anderes als Empfindungen, Lust- und Unlustgefühle, Vorstellungen nicht vorhanden" ist, wird dies vollends rätselhaft, da er nach seiner Erklärung des "genetischen Elements" ja nicht, wie WUNDT, auf psychische Gebilde mit einer spezifischen Eigenschaft rekurriert, sondern dasselbe auf eine ganz andere Ebene stellt, als das abstrakte; und die Bemerkung, daß "man aber dieselben doch auch als elementare Erscheinungen bezeichnen kann, sofern sie usw." (nun wird das "genetische Element" eingeführt), scheint doch mehr ein Notbehelf, als eine wirkliche Erklärung zu sein. "Ein Element und doch kein Element im eigentlichen Sinne", ist der kurze Inhalt dieser Ausführungen.
Wir können die Sachlage wie ich glaube kurz so zusammenfassen und dadurch auch ein wenig erklären:
a) EBBINGHAUS stellt terminologisch den Willen (als genetisch ursprünglichstes Phänomen) mit den übrigen (andersartigen) Elementen auf eine Stufe, weil er dunkel fühlt, daß letzten Endes eben doch der einfache Willensvorgang nicht nur - wie es bei einem "psychischen Gebilde" der Fall sein müßte - als Verbindung der (anderen) Elemente erklärt werden kann, so sehr gerade EBBINHAUS immer betont, daß er selbst "nichts anderes dabei entdecken kann", als die hergebrachten Elemente.
b) Er ist sich jedoch bei diesem Vorgehen (trotz seiner dabei verwendeten terminologischen Scheidung in "genetische" und "abstrakte" Elemente), über den wahren sachlichen Unterschied dieser verschiedenen Arten von Elementen nicht klar. Sonst hätte er sehen müssen, daß diese Unterscheidung die Koordination sprengen oder ihn hätte weiter treiben müssen: er hätte aus dem richtigen Gefühl von "a" heraus neben dem Willen als genetischem Element auch ein abstraktes Willenselement anerkennen müssen, das zumindest wegen seiner Abstraktheit mit den anderen gleichgestellt war, wenn es auch (nur in anderer Weise als EBBINGHAUS angab) sich von den anderen Elementen unterschied. Dann erst hätte er einerseits sehr wohl an seiner voluntaristischen (genetisch - psychologischen) Theorie festhalten können, daß der Wille und Trieb genetisch psychologisch das ursprünglich ist, und hätte trotzdem (und erst dann mit Recht) auch Trieb und Wille (oder vielmehr ihr abstraktes Charakteristikum) unter die Elemente einstellen können.
Man kann sagen, es rächte sich hier im Grunde die Nichtbeachtung unserer in § 3, 1a und b gemachten Scheidungen. Phänomenologisch können freilich an einem Willensvorgang, d. h. an dem, was wir so zu nennen pflegen, per abstractionem vielfach Empfindungs-, Vorstellungs-, und Gefühlselemente festgestellt werden, aber eben außerdem und in erster Linie das Charakteristikum: das Moment des "Ich will", das sich niemals in jene anderen Elemente auflösen läßt (siehe oben) und deshalb von diesem Gesichtspunkt aus sehr wohl als "Element" bezeichnet werden könnte -: obwohl freilich nicht doch in einem anderen Sinn wie die übrigen Elemente (wenn auch mit einem anderen Unterscheidungsgesichtspunkt, als EBBINGHAUS meinte), wird sich später zeigen (Punkt 3, Schluß). Ebenso bleibt die Frage offen, ob der Elementbegriff dann noch einen greifbaren Wert hat.
Wie dem auch sein mag, jedenfalls ist dieser bisherige unklare Begriff des Elements nicht haltbar und muß notwendig zu weiteren Unklarheiten führen. Ich selbst gestehe, daß ich dem Begriff des psychischen Elements einen Sinn nur dann zu geben vermag, wenn man darunter alle nicht weiter auf andere einfachere bekannte Bestandteile zurückführbaren psychischen Phänomene versteht. Wenn man also der Ansicht ist, daß z. B. die einfachsten Arten von Willensphänomenen sich nicht weiter auf die anerkannten Elemente (Empfindungen, Vorstellungen und Gefühle) zurückführen lassen (also auch keine psychischen Gebilde aus jenen Elementen, nur mit "spezifischen Eigenschaften" sind, wiewohl die Willensvorgänge meist psychische Gebilde sind und als solche auch mit jenen Elementen irgendwie durchsetzt sind), so bleibt nichts übrig, als diese einfachsten Arten und die Elemente aufzunehmen, wenn man überhaupt dann noch von Elementen reden will, was immer gar zu leicht unerlaubte Parallelen zur Naturwissenschaft und speziell zur Chemie nahelegt.
Nur der Abwendung von Mißverständnissen zuliebe betone ich noch ausdrücklich, daß ich selbst auf den Ausdruck "Element" für das Element in dem, wie mir scheint, einzig seinem Namen entsprechenden Sinn, der oben ausgeführt wurde, gar keinen Wert lege, ihn vielmehr überhaupt für unpassend halte. Wird er jedoch beibehalten, so müßte natürlich ebenso wie von Empfindungselementen usw. (die man als inhaltliche Elemente etwa charakterisieren könnte) auch z. B. von bestimmten Formelementen, Aktelementen usw., die Rede sein können. Element in diesem Sinne bedeutet ja dann nichts anderes, als ein bei der Analyse der (ansich immer unzerlegbaren d. h. nur in abstracto zunächst trennbaren) Bewußtseinsvorgänge durch Abstraktion herausgehobenes, sich immer wieder herausheben und nachweisen lassendes Teilphänomen irgendeiner Beschaffenheit, das als "typisch" und weiterhin nicht mehr in andere der außer ihm in derselben Weise herausanalysierten typischen Bestandteile zerlegbar ist. "Abstrakt" sind diese Elemente alle nur in dem Sinn, daß sie ansich kein selbständig-isoliertes Dasein haben, sondern immer nur innerhalb der lebendigen Gesamtpsyche vorkommen; dagegen nicht in dem Sinne, daß sie nicht als solche wirklich erlebt und nachgewiesen werden könnten. Ja, wie EBBINGHAUS für die hergebrachten Elemente mit Recht betont hat, wie aber überhaupt für alle Elemente in diesem Sinn zutrifft: die Entwicklung unserer Psyche bringt es vermöge ihrer Eigenart mit sich, daß auch diese im obigen Sinn "abstrakten" Elemente "sich unter Umständen in der entwickelten Seele als selbständige Bildungen herausdifferenzieren." Wie dieser Vorgang näher zu beschreiben ist, gehört jedoch nicht hierher (vgl. § 25).
Diese Begriffsbestimmung ist nun äußerst wichtig für die Frage nach den Voraussetzungen der Möglichkeit einer psychologischen (phänomenologischen) Definition überhaupt. Es folgt nämlich daraus, daß ein Phänomen nur in zweierlei Weise psychologisch (phänomenologisch) eindeutig bestimmt (definiert) werden kann. Es kann entweder als psychisches "Element" im obigen Sinn definiert werden; in diesem Fall kann es nicht mehr weiter zerlegt, sondern nur noch beschrieben werden, (etwa wie wir das Empfindungselement oder das Erleben des "Ich will" beschreiben). Oder es kann als konstante Zusammensetzung, als konstantes "Gebilde" aus psychischen "Elementen" erklärt werden. In diesem Fall geht die Definition in einer Analyse in die Elemente völlig auf. Man könnte fragen, ob denn nicht noch "Gebilde mit einer spezifischen Eigenschaft" zu erwähnen sind. Das ist aber nicht der Fall. Denn wo ein solches vorliegt, ist die psychologische Analyse (bei unserem Begriff des psychischen Elements) vollendet, wenn sie die in Betracht kommenden Elemente aufgewiesen hat.
Hier in dieser Arbeit nun handelt es sich für uns um die psychologische Definition des Wertungsvorgangs, wenn eine solche möglich ist.
Ist das Wertungserlebnis als ein psychisches Elementarphänomen zu bezeichnen, oder ist es die Resultante einer bestimmten Konstellation α) der herkömmlichen Elemente oder β) der psychischen Elemente im obigen weitesten Sinn? Das sind die Möglichkeiten einer psychologisch - phänomenologischen einheitlichen Definition des Wertungsvorgangs.
Träfe keine dieser Fälle zu, so müßte die Unmöglichkeit zugestanden werden, die unter dem Namen der Wertungen zusammengefaßten Phänomene als phänomenologisch - psychologisch zusammengehörig aufzufassen. Ihre Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit müßte dann (wenn sie überhaupt bestände) entweer in einer genetisch-psychologischen Definition (siehe § 10, 1) oder überhaupt unter einem außerpsychologischen Gesichtspunkt gesucht werden.
So führt uns auch diese Überlegung in Bezug auf eine phänomenologische Definition wieder zur Forderung der experimentellen Methode zurück mit ihrer unvoreingenommenen und erschöpfenden Prüfung und Feststellung des Materials. Beides ist ein unbedingtes Erfordernis. Eine psychologische Definition des Wertungsvorganges jeder Art kann nur geleistet werden aufgrund der Beantwortung der Tatsachenfrage (1): (a) was liegt psychologisch vor und (b) liegt jederzeit dasselbe Phänomen vor, wenn ein solches Erlebnis vorliegt, das wir als Werterlebnis bezeichnen? Und diese Frage muß (2) unvoreingenommen gestellt werden, d. h. ohne die trügerische Erwartung, den gesuchten psychologischen Tatbestand in eine Summe der althergebrachten Elementarphänomene restlos aufgehen zu sehen; vielmehr mit dem Blick, der das wirkliche Erlebnis zu seinem Recht kommen lassen will; und ebenso ohne die Erwartung einer notwendigen Einheitlichkeit aller psychologischen Wertungsvorgänge. Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, läßt sich auch entscheiden, ob psychologisch eine Zusammenfassung dieser Phänomene unter einer einheitlichen Definition (phänomenologisch oder zumindest genetisch) wissenschaftlich zu rechtfertigen ist. Diese Beantwortung ist aber, wie nie genug betont werden kann, nur möglich, wenn das Tatsachenmaterial, also die abgegebenen Protokolle, nicht bloß die vorhandenen Elementarbestandteile des Erlebnisses im hergebrachten Sinn (also Empfindungen, Vorstellungen usw.) enthalten und verzeichnen, sondern wenn das Protokoll, ganz unabhängig von den schon festgelegten psychologischen Begriffen, gerade auch jene begrifflich noch nicht immer fixierten Momente des Erlebnisses angibt, die vielleicht dessen einzige konstante und wesentliche psychologische Merkmale und Bestandteile bilden, neben jenen jedesmal wechselnden variablen Faktoren der früher fast ausschließlich beachteten "Elemente". Welcher Art das psychologische Charakteristikum der Wertvorgänge sein wird, wenn es ein solches überhaupt gibt, das darf auch nicht einmal seiner allgemeinsten Konstitution nach vor der Untersuchung schon feststehen. Das eben ist, wie ich glaube, das Hemmnis, das so vielen psychologischen Untersuchungen im Weg steht, daß man immer nur die anerkannten "Elemente" wiederfinden zu können glaubt und darüber das eigentlich Charakteristische der Vorgänge übersieht. Die späteren Ausführungen über die nähere Art der experimentellen Methode, wie sie unser Gegenstand fordert, werden darüber nähere Auskunft geben, auf welche Weise diese Forderung zu erfüllen ist. Es sei hier nur darauf hingewiesen, wie gerade die neuere Denk- und Willenspsychologie auf dem Weg der Bildung neuer "Elemente" schon vorgegangen ist. LITERATUR - Theodor Häring, Untersuchungen zur Psychologie der Wertung (auf experimenteller Grundlage), Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 26, Leipzig 1913
1) MEINONG, Psychologisch-ethische Untersuchungen zur Werttheorie, 1894
2) EHRENFELS, System der Werttheorie, 1897/98
3) JONAS COHN, Beiträge zur Lehre von den Wertungen, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 110, 1897
4) J. C. KREIBIG, Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie, 1902
5) ORESTANO, I valori umani, 1907
6) URBAN, Valuation, its nature and laws, 1909
7) Andere Arten der Psychologie, die ihre Begriffsbildung bewußt nach außerpsychologischen Gesichtspunkten vollziehen, kann ich (siehe a) nicht als gleichberechtigt anerkennen.
8) Über die prinzipiellen Schwierigkeiten des Gegensatzes von psychischem Element und Komplex und über den Sinn des Begriffs "Element" siehe gleich unten Punkt 3.
9) ! für die phänomenologische Betrachtung !

References: § 1
 § 3
 § 3

§ 2
 § 5

§ 3
 § 3
 § 25
 § 10