Source: https://www.hausarbeiten.de/document/503674
Timestamp: 2020-01-29 05:21:04+00:00

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Offene Kinder- und Jugendarbeit. Konzepte, Ziele und Kritik | Hausarbeiten publizieren
Rechtliche Bestimmungen und Ziele
Charakteristika und Prinzipien
Situation heute und Kritik
„Das alte Konzept der offenen Arbeit d.h. das Prinzip der Offenheit für alle und jeden, stilisiert im offenen Bereich eines jeden Jugendhauses, in dem sich alle Jugendlichen treffen sollen, geht schon lange an der Wirklichkeit vorbei.“ (Deinet 2005, S. 21)
Ziel dieser Arbeit ist die Auseinandersetzung mit dem o. g. Zitat von Deinet. Hierfür wird zunächst der Begriff „Offene Kinder- und Jugenarbeit“ näher beleuchtet. Hierzu werden auch die Charakteristika, Prinzipien und Konzepte die diesem Bereich zu Grunde liegen näher betrachtet. Dabei wird auch die Rechtsgrundlage sowie die Ziele, die sich daraus für die Offene Kinder- und Jugendarbeit ergeben, in den Blick genommen. Anschließend an diese Analyse soll die aktuelle Situation in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit betrachtet sowie diesbezügliche Kritiken beschrieben werden. Diese Auseinandersetzung mit der Offenen Kinder- und Jugendarbeit soll letztlich dazu führen, das Zitat von Deinet verstehen und einordnen zu können. In diesem Zusammenhang wird auf die Fragen: „Inwieweit ist offene Jugendarbeit noch zeitgemäß? Oder wird sie nicht schon längst funktionalisiert?“ eingegangen. Abschließend werden ausblickend weitere Entwicklungsmöglichkeiten und Trends in diesem Arbeitsbereich aufgezeigt. Dabei wird auch nochmals Bezug auf das o. g. Zitat von Deinet genommen und dieses eingeordnet.
Die Anfänge der Jugendarbeit waren weniger von Pädagogik und Bildungszielen geprägt. Sie hatten vor allem politischen Charakter (vgl. Müller 2013, S. 200). Bis heute gibt es keine einheitliche Definition bzw. Theorie zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit als einen Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. (vgl. Schwerthelm/Sturzenhecker 2015, S. 2) Dies zeigt sich auch in dem sehr bunt aufgestellten Einrichtungsspektrum der offenen Jugendarbeit mit unterschiedlichen theoretischen und konzeptionellen Ausrichtungen, Konzepten und Angeboten.
So finden sich allein bei meinem Träger offene Kinder- und Jugendclubs, Angebote der Mobilen Arbeit, Spielmobile, Jugendhäuser, ein Kinder- und Jugendzirkus sowie ein Bauspieltreff. Anhand meiner Erfahrungen habe festgestellt, dass die Nutzer*innen zum Großteil Jugendliche sind, wobei auch einige Kinder und vereinzelt auch Erwachsene über 27 Jahren die Angebote nutzen. Auffällig ist jedoch, dass es sich überwiegend um benachteiligte (junge) Menschen handelt, was jedoch auch durch den benachteiligten Stadtteil begründet sein kann, in welchem die zwei Einrichtungen liegen, in welchen ich bisher tätig war bzw. einen Einblick gewinnen konnte. Die Nutzung von Angeboten der offenen Jugendarbeit durch vor allem benachteiligte junge Menschen bestätigt auch Kreft in seinem Beitrag zur aktuellen Entwicklung der Jugendarbeit (vgl. Kreft 2011, S. 292).
Die bedeutendsten Theorien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit sind die Subjekttheorie nach Scherr sowie der sozialräumliche Ansatz nach Deinet. Wobei sich insbesondere die neueren Theorien an der Rechtsgrundlage nach § 11 SGB VIII als Grundausrichtung orientieren. Besonders die Ausrichtung anhand der Interessen der jungen Menschen bildet die Grundlage für das Konzept der Subjektorientierung. (vgl. Schwerthelm/Sturzenhecker 2015, S. 2ff.) Gleichzeitig existiert aber auch neueres Verständnis von Offener Kinder- und Jugendarbeit mit ursprünglichen, allgemeinen Angeboten und kompensatorischen Angeboten. So fällt bei diversen Einrichtungskonzepten heute auf, dass die Offene Kinder- und Jugendarbeit mit zahlreichen Aufgaben und Angeboten aufwartet. So finden sich adressatenspezifische Angebote wie u. a. Angebote für junge Migrant*innen und junge geflüchtete Menschen, Hausaufgabenhilfe, Bewerbungstraining, Angebote für junge arbeits- bzw. ausbildungslose Menschen sowie mädchenspezifische Angebote. Es handelt sich hierbei um Angebote, die das allgemeine Angebot der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ergänzen. Man könnte auch sagen kompensieren, da sich die Angebote oftmals an benachteiligte junge Menschen richten bzw. ergänzende Angebote der Kinder- und Jugendhilfe beinhalten, welche ursprünglich eher anderen Bereichen (wie bspw. den Hilfen zur Erziehung oder auch der Schule) zugeordnet werden. Dies führt zur Kritik an heutigen Konzepten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, auf welche im späteren Verlauf noch näher eingegangen werden soll. (vgl. Kreft / Mielenz 2008, S. 460f.)
Wenn es demnach keine einheitliche Theorie für die Offene Kinder- und Jugendarbeit gibt, so gibt es doch eine fundamentale rechtliche Grundlage und damit einen klaren Rahmen, welcher Ziele und Prinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit festlegt.
Die Offene Kinder- und Jugendarbeit hat ihre rechtliche Grundlage in § 11 SGB VIII. Dieser soll im Weiteren näher betrachtet werden.
So heißt es gem. § 11 (1) SGB VIII: „Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen.“. Gem. § 11 (1) S. 1 SGB VIII wird deutlich, dass Angebote der Kinder- und Jugendarbeit den jungen Menschen bereitgestellt werden müssen. Es handelt sich dabei also um eine Verpflichtung für die Jugendhilfeträger diese Angebote vorzuhalten und für die jungen Menschen bedeutet dies eine „Kann“-Leitung, die sie nutzen können. Damit wird bereits das erste Prinzip, das Prinzip der Freiwilligkeit, deutlich. Ausführlicher wird auf dieses Prinzip im Unterkapitel „Charakteristika und Prinzipien“ eingegangen.
Zusätzlich enthält der § 11 (1) S. 2 SGB VIII bereits die Ziele, auf welche Kinder- und Jugendarbeit hinwirken soll. Diese Ziele unterteilen Schwerthel und Sturzenhecker in Wirkungs- und Handlungsziele. Dabei meinen die Wirkungsziele, die Wirkungen die bei den jungen Menschen erzielt werden soll. Wobei die Handlungsziele verdeutlichen sollen, wie bzw. wodurch die Wirkungsziele erreicht werden sollen. Die als Wirkungsziele bezeichneten Ziele sind die Selbstbestimmung der jungen Menschen, die gesellschaftliche Mitverantwortung sowie das soziale Engagement der jungen Menschen. Selbstbestimmung soll dabei durch das Handlungsziel „an den Interessen junger Menschen anknüpfen“ erreicht werden. Das Wirkungsziel der gesellschaftlichen Mitverantwortung sowie des sozialen Engagements sollen durch die Handlungsziele Mitbestimmung und Mitgestaltung gefördert werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Offene Kinder- und Jugendarbeit, im Sinne der Gesetzgebung, an den Bedürfnissen und Interessen junger Menschen ausrichten soll und Freiwilligkeit der Teilnahme bzw. Nutzung der Angebote zur Grundlage hat. Dies sollen in erster Linie Bildungsangebote sein, die die Förderung der Entwicklung junger Menschen zum Ziel hat.
Bei diesen Angeboten sollen den jungen Menschen ein Höchstmaß an Partizipation eingeräumt werden, so dass sie ihre eigenen Bildungsziele selbstbestimmt verfolgen können. (vgl. Schwerthelm/Sturzenhecker 2015, S. 3f.)
In § 11 (2) S. 2 SGB VIII wird dann explizit mit „die offene Jugendarbeit“ der Bereich der Offenen Kinder- und Jugendarbeit als solche benannt.
Grundlegend ist zudem das oberste Ziel der Kinder- und Jugendhilfe gem. § 1 (1) SGB VIII, die Förderung junger Menschen und „Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“. Dieses Ziel ist allen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe vorangestellt und damit auch oberstes Ziel der Offenen Kinder- und Jugendarbeit.
Weitere Ziele der Offenen Kinder- und Jugendarbeit sind unter anderem die Identitätsbildung, Verantwortungsbewusstsein, Demokratiebildung, individuelle Entwicklung, Erholung, Selbstbewusstsein, Empowerment, Erwerb interkultureller Fähigkeiten, Erlangen verschiedener Kompetenzen sowie Umweltbewusstsein (vgl. Sturzenhecker 2007, S. 19ff.).
Schon durch die Auseinandersetzung mit der rechtlichen Grundlage der Offenen Kinder- und Jugendarbeit sind einige Grundhaltungen und Prinzipen deutlich geworden. Diese sollen im Folgenden genauer betrachtet werden.
Zunächst soll auf das Prinzip der Freiwilligkeit eingegangen werden. Wie bereits beschrieben beruht das Prinzip der Freiwilligkeit auf der Ausgestaltung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit als „Kann“-Leistung. Dies ermöglicht es den jungen Menschen Angebote in Anspruch zu nehmen oder nicht und über die Art und den Umfang ihrer Mitwirkung selbst zu entscheiden.
Dadurch ist die Offene Kinder- und Jugendarbeit auch von Machtarmut geprägt, da sie über keine oder zumindest nur sehr eingeschränkte formelle Mittel verfügt. Sind die Räume, Angebote oder das Personal für die jungen Menschen nicht „attraktiv“, so ist es wahrscheinlich, dass sie diese auch nicht nutzen. Grundlegend hierfür ist eine niedrigschwellige „Komm“-Struktur (vgl. Münchmeier 1998, S. 15f.).
Ein weiteres Prinzip ist damit die Offenheit. So müssen die Angebote an die Themen der jungen Menschen anknüpfen und für alle frei zugänglich sein (unabhängig von Mitgliedschaften, Weltanschauungen etc.). So müssen die jungen Menschen ihre Interessen und Themen einbringen, diese miteinander diskutieren, Kompromisse und Lösungen aushandeln und letztlich darüber entscheiden was wann, wo und wie gemacht wird.
Dafür ist es notwendig mit den jungen Menschen in Aushandlungsprozesse zu treten, was wiederum Beziehungsarbeit auf Seiten der Fachkräfte erfordert. Schwerthelm und Sturzenhecker bezeichnen dies als „strukturelle Diskursivität“, welche gefordert ist (Schwerthelm/Sturzenhecker 2015, S. 6). Diese Offenheit ermöglicht zudem, den geforderten Zielen der Partizipation und Demokratiebildung nachzukommen.
Sie müssen sich also die Räume, welche durch die Institutionen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit bereitgestellt werden, selbst gestalten. Die Fachkräfte sollen dabei eher unterstützend tätig sein und den jungen Menschen dabei helfen, dies umsetzen zu können sowie die genannten Prozesse anzuregen und die vorhandenen Ressourcen der jungen Menschen attraktiv vorzuhalten (bspw. Räume, Personal, Materialien). (vgl. Sturzenhecker 2007, S. 20f.) Dazu gehört es auch, dass es kein von vornherein festgelegtes Programm geben kann (vgl. Münchmeier 1998, S. 15). Im Gegenteil die Offene Kinder- und Jugendarbeit muss sich immer wieder neu auf die Bedürfnisse und Interessen der jungen Menschen einstellen. (vgl. Sturzenhecker 2007, S. 20)
Durch die bereits erwähnte Übernahme von kompensatorischen Aufgaben innerhalb der Offenen Kinder- und Jugendarbeit kommt es immer wieder zu Kritik, da die Einhaltung der Grundprinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit dadurch als gefährdet angesehen werden.
Durch den Legitimationsdruck der Offenen Kinder- und Jugendarbeit aufgrund rückläufiger Zahlen und immer knapperen Haushaltsbudgets, ist die Offene Kinder- und Jugendarbeit immer wieder zu Anpassungen gezwungen. Diese führen jedoch teilweise in bedenkliche Richtungen, weg von den eigentlichen Grundprinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit.
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OKJA offene Kinder- und Jugendarbeit Jugendhilfe
Maria Liebing (Autor), 2017, Offene Kinder- und Jugendarbeit. Konzepte, Ziele und Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/503674

References: § 11
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