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Timestamp: 2019-11-21 16:36:25+00:00

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Län­ger­fris­ti­ge Mas­sen­ent­las­sun­gen | Rechtslupe
Längerfristige Massenentlassungen
Län­ger­fris­ti­ge Mas­sen­ent­las­sun­gen
"Mas­sen­ent­las­sun­gen" müs­sen vor ihrer Aus­spra­che vom Arbeit­ge­ber der Agen­tur für Arbeit ange­zeigt wer­den, § 17 KSchG. Bis zum Ablauf von einem Monat nach Ein­gang die­ser Anzei­ge bei der Agen­tur für Arbeit kann eine Kün­di­gung nur dann wirk­sam erklärt wer­den, wenn die Agen­tur für Arbeit dem zuge­stimmt hat, § 18 Abs. 1 KSchG. Soweit die Ent­las­sun­gen nicht inner­halb von 90 Tagen nach Ablauf die­ser Monats­frist durch­ge­führt wer­den, bedarf es unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 17 Abs. 1 einer erneu­ten Anzei­ge, § 18 Abs. 4 KSchG.
Eine sol­che "erneu­te Anzei­ge" im Sin­ne von § 18 Abs. 4 KSchG ist nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts aber nicht erfor­der­lich, wenn Kün­di­gun­gen nach einer ers­ten Anzei­ge vor Ablauf der Frei­frist aus­ge­spro­chen wer­den, die Arbeits­ver­hält­nis­se wegen lan­ger Kün­di­gungs­fris­ten aber erst nach Ablauf der Frei­frist enden.
Nach § 18 Abs. 4 KSchG bedarf es „unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 17 Abs. 1“ einer erneu­ten Anzei­ge, soweit die Ent­las­sun­gen nicht inner­halb von 90 Tagen nach dem Zeit­punkt, zu dem sie nach den Absät­zen 1 und 2 zuläs­sig sind, durch­ge­führt wer­den. Gemäß der in Bezug genom­me­nen Vor­schrift des § 17 Abs. 1 KSchG ist der Arbeit­ge­ber ver­pflich­tet, der Agen­tur für Arbeit Anzei­ge zu erstat­ten, bevor er in Betrie­ben mit in der Regel mehr als 20 und weni­ger als 60 Arbeit­neh­mern mehr als 5 Arbeit­neh­mer, in Betrie­ben mit in der Regel min­des­tens 60 und weni­ger als 500 Arbeit­neh­mern 10 vom Hun­dert der im Betrieb regel­mä­ßig beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer oder aber mehr als 25 Arbeit­neh­mer und in Betrie­ben mit in der Regel min­des­tens 500 Arbeit­neh­mern min­des­tens 30 Arbeit­neh­mer inner­halb von 30 Kalen­der­ta­gen ent­lässt.
Der Begriff „Ent­las­sung“ in § 17 Abs. 1 KSchG bedeu­tet „Kün­di­gung“ oder „Aus­spruch der Kün­di­gung“ 1. Die zur Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses füh­ren­de ein­sei­ti­ge Wil­lens­er­klä­rung – näm­lich die Kün­di­gung – darf dem­nach erst aus­ge­spro­chen wer­den, nach­dem der Arbeit­ge­ber die Anzei­ge nach § 17 Abs. 1 KSchG bei der Agen­tur für Arbeit erstat­tet hat. Wel­chen recht­li­chen Gehalt § 18 Abs. 4 KSchG vor die­sem Hin­ter­grund hat, ist umstrit­ten:
Teil­wei­se wird ange­nom­men, § 18 Abs. 4 KSchG sei obso­let gewor­den. Die Vor­schrift sei mit ihrem Ver­weis auf § 17 Abs. 1 KSchG nur ver­ständ­lich, wenn man, wie vor der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs vom 27. Janu­ar 2005 2, unter „Ent­las­sung“ im Sin­ne des § 17 Abs. 1 KSchG nicht die Kün­di­gung, son­dern die tat­säch­li­che Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses ver­ste­he. Ansons­ten schrei­be sie – ohne erkenn­ba­ren Sinn – die erneu­te Anzei­ge einer bereits ange­zeig­ten Kün­di­gung vor. Die frü­he­re Les­art wie­der­um sei aus­ge­schlos­sen 3.
Eini­ge Stim­men mei­nen, die Vor­schrift müs­se wie bis­her ange­wandt wer­den; „Ent­las­sung“ im Sin­ne des § 18 Abs. 4 KSchG bedeu­te nach wie vor die tat­säch­li­che Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses 4. Das Gesetz wol­le im Inter­es­se der bes­se­ren Unter­rich­tung der Bun­des­agen­tur den Arbeit­ge­ber bei Kün­di­gun­gen, die erst zu einem außer­halb der Frei­frist lie­gen­den Zeit­punkt wirk­sam wer­den, zu einer erneu­ten Anzei­ge ver­pflich­ten 5. Das sei durch­aus sinn­voll, weil es bei lang­fris­tig geplan­ten und früh­zei­tig ange­zeig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen neue Ent­wick­lun­gen geben kön­ne, die für die Arbeits­agen­tur von Inter­es­se sein könn­ten 6.
Das zuvor mit dem Rechts­streit befass­te Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der sich nach dem Wort­laut des § 18 Abs. 4 KSchG erge­ben­de Anwen­dungs­be­reich müs­se teleo­lo­gisch redu­ziert wer­den. Eine erneu­te Anzei­ge sei des­halb immer dann über­flüs­sig, wenn der Bun­des­agen­tur ledig­lich die ihr schon bekann­ten Tat­sa­chen mit­ge­teilt wer­den könn­ten. Im Streit­fall hät­ten sich zwar nach Erstat­tung der ers­ten Anzei­ge zwei Teil­be­triebs­über­gän­ge erge­ben. Dadurch habe sich aber die Zahl der Ent­las­sun­gen nicht erhöht.
Indes führt bereits der Wort­laut von § 18 Abs. 4 KSchG zu dem Ergeb­nis, dass im Streit­fall kei­ne erneu­te Anzei­ge zu erfol­gen hat­te. Dabei kann offen­blei­ben, ob die dort gebrauch­ten Aus­drü­cke „Ent­las­sung“ und „Durch­füh­rung der Ent­las­sung“ die Kün­di­gungs­er­klä­run­gen meint oder – wie frü­her selbst­ver­ständ­lich – die tat­säch­li­che Been­di­gung. Frei­lich weist die Wen­dung „Durch­füh­rung der Ent­las­sung“ eher dar­auf hin, es müs­se die Kün­di­gungs­er­klä­rung gemeint sein 7. Einer erneu­ten Anzei­ge bedarf es nach § 18 Abs. 4 KSchG schon des­halb nicht, weil die Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen der Norm nicht gege­ben sind. Die erneu­te Anzei­ge ist nach dem Gesetz nur "unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 17 Abs. 1 KSchG" not­wen­dig. Die "Vor­aus­set­zun­gen des § 17 Abs. 1 KSchG" wie­der­um lie­gen hier offen­sicht­lich nicht vor. Zu die­sen gehört, dass der Arbeit­ge­ber den Aus­spruch einer Mas­sen­kün­di­gung beab­sich­tigt. Nur wenn er ent­spre­chen­de Wil­lens­er­klä­run­gen abge­ben will, bedarf es der Anzei­ge nach § 17 Abs. 1 KSchG. Dar­an fehlt es hier. Die Beklag­te beab­sich­tig­te nach Ablauf der Frei­frist nicht mehr den Aus­spruch von Kün­di­gun­gen. Dafür bestand kein Anlass, da sie bereits gekün­digt hat­te. Ein ande­res Ver­ständ­nis der gesetz­li­chen Anord­nung in § 18 Abs. 4 KSchG wür­de den Arbeit­ge­ber zum erneu­ten Aus­spruch einer Kün­di­gung zwin­gen, was die Bestim­mung erkenn­bar nicht beab­sich­tigt. Es käme ansons­ten bei Kün­di­gungs­fris­ten, die län­ger als die Frei­frist sind, zu einer unend­li­chen Fort­set­zung des Arbeits­ver­hält­nis­ses.
Bei die­sem Norm­ver­ständ­nis bleibt für § 18 Abs. 4 KSchG ein zum Sys­tem der §§ 17 ff. KSchG gut pas­sen­der Anwen­dungs­be­reich. Der Arbeit­ge­ber muss näm­lich – nach Ablauf der Frei­frist – dann eine erneu­te Anzei­ge erstat­ten, wenn er von der Mög­lich­keit des Aus­spruchs der Kün­di­gung – bis dahin – kei­nen Gebrauch gemacht hat 8. Auf die­se Wei­se wer­den "Vor­rats­an­zei­gen" ver­hin­dert, die dem Zweck des Geset­zes zuwi­der­lie­fen, die Agen­tur für Arbeit über das tat­säch­li­che Aus­maß der Been­di­gun­gen von Arbeits­ver­hält­nis­sen ins Bild zu set­zen.
Nicht bei­zu­tre­ten ver­mag das Bun­des­ar­beits­ge­richt der Auf­fas­sung, das Wort "Ent­las­sung" in § 17 Abs. 1 KSchG müs­se, soweit die Vor­schrift unmit­tel­bar Anwen­dung fin­de, als "Kün­di­gungs­er­klä­rung" ver­stan­den wer­den, soweit § 17 Abs. 1 KSchG jedoch auf­grund der Ver­wei­sung in § 18 Abs. 4 KSchG anwend­bar sei, bedeu­te es die "tat­säch­li­che Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses". Dies hie­ße das­sel­be Wort in der­sel­ben Vor­schrift mit zwei ein­an­der wider­spre­chen­den Inhal­ten aus­zu­stat­ten, was mit einer will­kürfrei­en Geset­zes­aus­le­gung umso weni­ger in Ein­klang zu brin­gen wäre, als es zu kaum noch als sinn­be­haf­tet bewertba­ren Ergeb­nis­sen füh­ren müss­te.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 23. Febru­ar 2010 – 2 AZR 268/​08
BAG 23.03.2006 – 2 AZR 343/​05, BAGE 117, 281[↩]
EuGH, Urteil vom 27.01.2005 – C‑188/​03 – [Junk], EuGHE I 2005, 885[↩]
vgl. ErfK/​Kiel 10. Aufl. § 18 KSchG Rn. 12; KR/​Weigand 9. Aufl. § 18 KSchG Rn. 34; Kitt­ner/Däub­ler/Zwan­zi­ger-Kitt­ner/­D­ei­nert KSchR 7. Aufl. § 18 KSchG Rn. 17; MünchKommBGB/​Hergenröder 5. Aufl. § 18 KSchG Rn. 17; Bauer/​Krieger/​Powietzka DB 2005, 445; Dornbusch/​Wolff BB 2005, 887; eben­so: Bun­des­agen­tur für Arbeit Merk­blatt 5 Anzei­ge­pflich­ti­ge Ent­las­sun­gen für Arbeit­ge­ber Stand Juli 2005 unter 6.4[↩]
HWK/​Molkenbur § 18 KSchG Rn. 13[↩]
Boed­ding­haus ArbuR 2007, 374[↩]
ähn­lich v. Hoy­nin­gen-Hue­n­e/­Linck KSchG 14. Aufl. § 18 KSchG Rn. 23, 24[↩]
vgl. BAG 06.11.2008 – 2 AZR 935/​07, AP KSchG 1969 § 18 Nr. 4 = EzA KSchG § 18 Nr. 1[↩]
im Ergeb­nis eben­so: APS/​Moll 3. Aufl. § 18 KSchG Rn. 38; HaKo/​Pfeiffer 3. Aufl. § 18 KSchG Rn. 19; wohl auch BeckOK/​Volkening Stand Sep­tem­ber 2009 KSchG § 18 Rn. 16; ähn­lich schon BAG 06.11.2008 – 2 AZR 935/​07, AP KSchG 1969 § 18 Nr. 4 = EzA KSchG § 18 Nr. 1[↩]
18 kschgBetriebsbedingte KündigungMassenentlassungen

References: § 17
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