Source: https://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/jbkmg/1998/40.htm
Timestamp: 2019-04-20 15:07:10+00:00

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Mit dieser Karte trat der Journalist Rudolf Lebius2 an den Schriftsteller Karl May heran; eine Begegnung, die für die Zukunft Mays bis zu seinem Lebensende eine Weichenstellung bedeutete. Lebius suchte die Bekanntschaft des prominenten und zu Ruhm und Ansehen gelangten Autors Karl May, um ihn zur Mitarbeit an seiner in Finanznöte geratenen Zeitschrift Sachsenstimme zu bewegen und - was nicht weniger wichtig erscheint - um den vermögenden Schriftsteller um ein Darlehn zu bitten. Zunächst war die Rede von drei- bis sechstausend Mark, später ließ Lebius alle Bescheidenheit fallen und verlangte gleich die runde Summe von zehntausend Mark. May allerdings verweigerte sowohl Mitarbeit als auch Geld, reagierte auch dann nicht, als Rudolf Lebius ihm mittels einer anonymen Postkarte mit zunächst noch unbestimmten Enthüllungen in der Presse drohte.3 Die auf Sensation getrimmten Artikel, die in der Folgezeit von Lebius in seiner Sachsenstimme erschienen,4 trafen zwar Karl Mays Ehre, doch am Nimbus des Schriftstellers in der Öffentlichkeit vermochten sie nicht nachhaltig zu rütteln: Es gelang May zu diesem Zeitpunkt, sich mit Hilfe von geschickt lancierten Pressemitteilungen zur Wehr zu setzen,5 so daß Lebius nunmehr einen
Nachdem Karl May im Februar 1906 seinen gegen die Verlegerwitwe Pauline Münchmeyer gerichteten Prozeß um die Kolportageromane in zweiter Instanz und im Januar 1907 schließlich auch in der dritten Instanz gewonnen hatte, schien eine recht hoffnungsfrohe Zeit anzubrechen. Auch Lebius war in der Zwischenzeit verstummt. Er wechselte den Wohnsitz und siedelte nach Berlin über; die Sachsenstimme war eingegangen. Doch nicht lange sollte die Ruhe währen.
Der ehemalige Sozialdemokrat Lebius stieg an neuer Wirkungsstätte in Berlin schnell zu einem maßgeblichen Funktionär und Redakteur der sogenannten Gelben Arbeitervereine auf. Diese unternehmerfreundlichen Vereine empfahl Lebius selbst immer wieder als »Kampforganisation gegen Sozialdemokraten« sowie »gegen die christlichen Gewerkschaften«.6 Auseinandersetzungen zwischen den Sozialdemokraten einerseits und den Gelben Arbeitervereinen andererseits waren somit vorprogrammiert. Unausweichlich uferte der Konflikt zu einer publizistischen Dauerfehde aus. Schnell entwickelte sich ein bunter Reigen von Beleidigungsprozessen, und ständig erschien der Name Rudolf Lebius fortan in Verbindung mit prominenten Gegnern in den Gazetten des Deutschen Reichs.
So stand im Sommer 1907 der Redakteur des sozialdemokratischen Vorwärts Carl Wermuth, von Lebius wegen Beleidigung verklagt, vor Gericht. Für Wermuth ging es unter anderem darum, herauszustellen, daß Lebius kein Ehrenmann sei, und so fand sich Karl May unversehens auf der Zeugenbank und auf der Seite der Sozialdemokraten wieder. Denn May hatte mit den schlechten Erfahrungen im Umgang mit Rudolf Lebius aus Dresden, mit der anonymen Erpresserkarte, Belege in Händen, die durchaus in der Lage waren, Lebius nicht als Ehrenmann zu kennzeichnen.7
noch ein paar Legenden um seinen Bruder Louis Napoleon Krügel dazu, der, selbst straffällig gewesen, hin und wieder behauptet hatte, mit Karl May gemeinsame Sache gemacht zu haben. In immer neuen Variationen hatte er die unglaublichsten Dinge über sich und May erzählt, bis ihm selbst niemand mehr geglaubt hatte. Mancherlei Versprechungen des Lebius entlockten Richard Krügel die haarsträubendsten Behauptungen. Was Legende und was Wahrheit war, das wollte oder konnte er nicht trennen, auch erfand er einfach etwas hinzu, und Lebius war an solcherart Spitzfindigkeit nun wirklich nicht interessiert. Letzterer hatte auch von Mays erster Ehefrau Emma Pollmer einiges an für ihn verwertbarem Material erhalten, gegen Geld versteht sich. Und so erschienen in der Folgezeit in dem von Lebius redigierten Organ der Gelben Gewerkschaften, Der Bund, diffamierende Artikel über Karl May mit den Krügelschen Falschbehauptungen. Der ehrenrührigste Artikel erschien dann am 19. Dezember 1909, und geschickt verstand es Lebius, das Machwerk von dem Korrespondenzbüro Schweder & Hertsch unter dem 20. Dezember an viele Tageszeitungen zu versenden und somit im ganzen Land weiter zu verbreiten. Am 24. Dezember versandte das bekannte Korrespondenzbüro in dieser Sache einen weiteren Artikel. Einmal mehr begann ein Kampf mit Flugblättern: Erklärungen und Erwiderungen folgten Schlag auf Schlag. Am 10. Januar 1910 klagte May dann gegen Lebius und seine Informanten, um die Unwahrheit des mit soviel Trommelwirbel in die Welt Posaunten gerichtlich feststellen zu lassen.9
Vor Gericht allerdings beschränkte sich May dann auf eine reine Formalbeleidigung nach § 185 StGB. Die Möglichkeit, z. B. wegen übler Nachrede nach § 186 StGB zu klagen, enthielt für den Schriftsteller eine Schwierigkeit, die er zu umgehen versuchte. Gemäß § 186 StGB wird nämlich bestraft, »wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist, (...) wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist.«12 Wenn auch Lebius diesen Wahrheitsbeweis niemals hätte antreten können, so hätte er ihn auf jeden Fall zu führen versucht. Und genau das wollte May verhindern, denn dieser Wahrheitsbeweis hätte unweigerlich zu einer schonungslosen Offenlegung seines Lebens geführt. Einmal mehr versuchte Karl May, so glimpflich wie nur möglich davonzukommen; so ließ er diese Art des Vorgehens wohlweislich außer acht und rechnete darauf, daß der Ausdruck geborener Verbrecher als bloße Verbalinjurie ohne Beweisaufnahme vom Gericht geahndet werden würde.
Die Hohenzollerische Volkszeitung (Donaubote) schreibt in Nr. 77 vom 8. April 1910:
Als der Benediktinerpater Ansgar Pöllmann in der Radolfzeller Freien
Stimme (29. Januar und 6. Februar) Enthüllungen bestimmter Art über den vielberufenen Reiseschriftsteller Karl May ankündigte, da meinte ein Dr. Sättler im Prager Tagblatt (10. Februar): »Was ... den Doktortitel betrifft, so ist May rechtmäßiger Besitzer eines ausländischen Diploms«, und »der Benediktinerpater kündigt auch Enthüllungen über angebliche Plagiate Mays an; darauf darf man nun wirklich gespannt sein. Ein Schriftsteller mit so produktiver Phantasie wie May ist doch gewiß nicht auf dergleichen erbärmliche Mittel angewiesen«. Diesen kleinen Aufsatz des bis dato unbekannten Herrn Sättler hat May einer Unzahl von Redaktionen zugesandt. Heute (2. April) muß das Prager Tagblatt bekennen, daß der Benediktinerpater seine Aufgabe wirklich gelöst hat. Nachdem er nämlich in der weitverbreiteten Zeitschrift des bekannten Franziskaners Dr. Expeditus Schmidt (Ueber den Wassern) mit den den [!] ersten zwei Aufsätzen (Ein Abenteurer und sein Werk: 1. Das Problem Karl May; 2. Karl Mays literarische Bewertung im Laufe von 30 Jahren.) die Leser in die brennende Frage eingeführt hatte, zeigte er (Heft 4) im dritten Aufsatze (Ein literarischer Dieb), daß Karl May so ziemlich alle wissenschaftlichen Notizen, und zwar gerade jene, worauf sich die von ihm behauptete Wirklichkeit seiner Reisen stützte, wörtlich aus den verschiedenartigsten Fachwerken abgeschrieben hat. Dazu bemerkt ein Bamberger Blatt: »Satis est. May ist erledigt«. Das haben alle ernst zu nehmenden Zeitungen bereits eingesehen und anerkannt. Aber mit diesen tabellarischen Beweisen ist es noch nicht zu Ende: das eben erscheinende fünfte Stück der Aufsatzserie (Auf fremden Pfaden) bringt wieder neue Plagiate und zwar nicht nur wissenschaftlicher Natur, sondern auch rein erzählender Art. In weiteren Aufsätzen sollen noch viele andere vorgeführt werden.
Nicht minder verblüffend gibt sich das Material, das Pöllmann im 4. Aufsatze: Old Shatterhand im Doktorhute und andere Geschichten vorlegt. An der Hand unanfechtbarer Dokumente des sächsischen Kultusministeriums und des Rektors der technischen Hochschule Dresden wird bewiesen, daß die »auswärtige Universität«, von der May sein Doktordiplom erhalten zu haben behauptete, nirgends und niemals existiert hat. Im Verlaufe des Artikels werden dann noch sehr seltsame Manöver des Abenteurer-Romanziers aufgedeckt.
Des Benediktinerpaters Untersuchungen und Feststellungen sind rein literarkritischer Natur, und Karl May hat es selbst verschuldet, wenn eine solche Kritik nicht immer an seiner Person vorbeikommen kann. Mit den von Rudolf Lebius und seinem Bund ausgehenden Enthüllungen haben aber alle diese Aufsätze nichts zu tun, denn der Führer der gelben Gewerkschaften arbeitet auf rein politischem und persönlichem Gebiete. Er hat May bekanntlich höchst unappetitliche Dinge vorgeworfen, und es war immerhin seltsam, daß May erst kurz vor Ablauf der Verjährungsfrist (19. März) gegen Lebius Klage stellte, nachdem er schon fast drei Monate vorher bestimmt versichert hatte, er habe geklagt. Am 12. April findet vor dem Charlottenburger Schöffengericht eine Verhandlung in Sachen einer frühe-
Auf Seiten des Angeklagten hatte man sich für die anstehende Verhandlung dagegen sehr gut vorbereitet; Lebius war gleich von einem ganzen Stab von Anwälten umgeben; ihr Sprecher war Paul Bredereck.20 Dieser stellte gleich zu Beginn der Verhandlung klar, daß der Beklagte Rudolf Lebius zwar zugibt, den Ausdruck geborener Verbrecher auf Karl May in jenem Brief an Selma vom Scheidt angewandt zu haben, doch würde sein Mandant ganz entschieden bestreiten, daß er sich damit strafbar gemacht haben solle. Demzufolge stellte Bredereck zunächst einen Beweisantrag: Wenn auch die Privatklage nur auf Grund des § 185 StGB erhoben worden sei, so komme doch für das Strafmaß in Betracht, aus welchen Motiven die Beleidigung erfolgt sei, und ferner, ob die Behauptung, Karl May sei ein geborener Verbrecher, gerechtfertigt sei oder nicht. Seinem Mandanten müsse unbedingt der Schutz des § 193 StGB (Wahrung berechtigter Interessen) zugestanden werden. Beschuldigung auf Beschuldigung schwirrten dem Kläger um den Kopf; alles wurde gegen Karl May vorgebracht, was ihn herabsetzen konnte und den Vorwurf, May sei ein geborener Verbrecher, stützte. Alles was Lebius schon zuvor in seinen Artikeln im Bund ausgebreitet hatte und gegen dessen Verbreitung May andernorts schon eine Klage anhängig gemacht hatte, fand hier noch einmal ein dankbares Forum. Erfundene und erlogene, teils verdrehte oder auch anekdotenhafte Einzelheiten aus Mays Jugend und seiner Straftäterzeit gelangten auf diesem Weg abermals in die Öffentlichkeit und wurden sensationslüstern ausgebreitet.
Rechtsanwalt Bredereck wies weiter darauf hin, daß die vorgebrachten Anschuldigungen zwar den Tatsachen entsprechen, doch zunächst nur als Behauptungen zu werten sind, aus diesem Grund beantrage er nochmals, die zu den vorgebrachten Fällen genannten Zeugen zu laden und zu vernehmen. Auf die literarischen Verbrechen wolle er an dieser Stelle dann nicht mehr eingehen, vielmehr übergebe er dem Vorsitzenden zum Beweis, daß May auch ein literarischer Hochstapler und Dieb sei, die Nummer 4 der Zeitschrift Ueber den Wassern (1910), in der Benediktinerpater Dr. Ansgar Pöllmann den Schriftsteller Karl May als literarischen Dieb brandmarkt. Hinzu fügte er die Nummer der Augsburger Postzeitung vom 10. Dezember 1909, in der seiner Meinung nach nachgewiesen wird, wie Karl May seine blindgläubigen Anhänger beschwindelt und zum besten gehalten habe.23 Zudem sei May nachweislich nie aus Deutschland herausgekommen; trotzdem schreibe er über aller Herren Länder - auch hier erweise sich May, so Bredereck, als Schwindler. Auch die Umstände der Scheidung des Schriftstellers von seiner langjährigen Ehefrau sowie die anschließende Heirat mit Klara Plöhn, der Witwe seines Freundes Richard Plöhn, wurden von Bredereck in ein für May ungünstiges Licht gerückt.
Zunächst erhielt nun Rechtsanwalt Bredereck das Wort. Sein Schlußplädoyer faßt noch einmal die ganze gegen May vorgebrachte Litanei zusammen: den Weg vom Dieb und Zuchthäusler zum literarischen Hochstapler. Auch ohne Eingehen auf die vorgebrachten Beweisanträge beantrage er, Bredereck, die Freisprechung seines Mandanten Rudolf Lebius. Zu guter Letzt merkte er noch an, daß mit Rücksicht auf die jetzt entstandene Situation und um nicht noch alles zu verkomplizieren, er, Bredereck, wegen des von May gebrauchten Ausdrucks Lebius sei ein Schuft, der über Leichen geht, von der Widerklage absehe. Daraufhin erhob sich der Beklagte. Rudolf Lebius wandte sich mehr zum Publikum denn zum Richtertisch und bat nochmals eindringlich, doch endlich einmal Klarheit über Karl May zu schaffen. Und bezüglich der angeblichen Beleidigung habe er noch anzumerken, daß seinerzeit selbst der Polizeipräsident von Dresden May einen li-
May durch das Urteil zum geborenen Verbrecher gestempelt worden. Für die Presse und damit auch für die Allgemeinheit erschien er als endgültig »entlarvt und damit für alle Zeiten unschädlich«.58 Der bis dato in der Öffentlichkeit vorherrschende Eindruck von der moralisch unanfechtbaren Persönlichkeit Karl Mays - trotz der schon seit einigen Jahren ins Gerede gekommenen Kolportageromane, die er einst für den Münchmeyerverlag geschrieben hatte - sei durch das Urteil endgültig und gründlich zerstört worden. Der ganze Karl-May-Rummel sei nur eine Episode, und zudem keine rühmliche, im Kulturleben Deutschlands gewesen, so lautete der verbreitete Tenor großer Teile der deutschen Presse, doch das sei jetzt überwunden.
Der Tag nach dem Richterspruch bringt eine aufsehenerregende Presselawine ins Rollen. Daß Karl May bis dato einen nicht zu unterschätzenden Faktor im öffentlichen Leben als Bildner der Jugend darstellte, veranlaßt auch jedes noch so unbedeutende Provinzblatt, auf den Charlottenburger Prozeß einzugehen. Neben Berichten aus dem
Reichstag und noch vor dem Vermischten prangen die effektvoll herausgemachten und fett gedruckten Schlagworte in den Gazetten; von Nord nach Süd, von Ost nach West quer durch das Reichsgebiet wandert die Nachricht, keiner kann daran vorbeisehen:
Der große Prozeß / Der Prozeß gegen Karl May / Der hineingefallene Karl May / Der wahre Karl May / Karl May am Pranger / Die Entlarvung Karl Mays / Karl May's Räuberleben / Karl May - ein geborener Verbrecher / Die Wahrheit über Karl May / Karl May überwiesen / Eine gefallene Größe / Schriftsteller Karl May als Privatkläger / Karl-May-Prozeß / Zerstörter Nymbus / usw. usw.
In seinem Ende 1910 erschienenen Pamphlet Die Zeugen Karl May und Klara May bietet Lebius dem Leser einen Blick durch die in- und ausländische Presse. Wie nicht anders zu erwarten, ist der Tenor all der - zudem noch von Lebius stellenweise leicht überarbeiteten - Artikel gegen den Schriftsteller Karl May gerichtet.
»(...) Der Bad. Beobachter bringt einen kurzen Bericht über den Prozeß und schreibt dazu: Damit ist die K a r l M a y - F r a g e, soweit sie die Person des Reiseschriftstellers angeht, e n d g ü l t i g g e l ö s t. Darüber kann niemand mehr im Zweifel sein. Hoffentlich ist jetzt auch endgültig die Zeit vorüber, in der Karl May in katholischen Zeitschriften bezw. Blättern eine aktive Rolle spielte. Karl May ist ein Zwei-Seelenmensch wie nur je einer. Daher kommt es, daß es ihm lange Zeit gelang, über die Schattenseiten seiner Muse hinwegzutäuschen; daher kommt es auch, daß er so viele begeisterte Anhänger finden konnte, hauptsächlich freilich unter der Jugend, aber nicht allein unter ihr. Wer seine besten Sachen las, konnte, wenn auch nur einigermaßen kritisch angelegt, allerdings im Zweifel sein, wo die Wirklichkeit anfange und die Phantasie aufhöre, er konnte auch schließlich angewidert werden, durch die Art, wie der Schriftsteller immer sich selbst als den unerreichten Helden seiner Erzählungen schilderte, aber die ganze Hohlheit der Mache konnte er unmöglich durchschauen. Umso größer ist das Verdienst jener, welche immer mehr Material zusammenbrachten zur Beurteilung dieser Literaturgattung. Der Enderfolg hat wieder einmal den von vornherein Mißtrauischen recht gegeben.
Die Köln. Ztg. schließt eine Betrachtung über den Karl May-Prozeß mit folgenden Worten: Den liberalen Kreisen und den dort herrschenden Geschmacksrichtungen mag man auch allerlei Vorwürfe machen können, aber ihnen ist es noch nie eingefallen, Erzeugnisse von der Art der Mayschen Romane unter dem Gesichtspunkt ernster Literatur zu beurteilen.« (Konstanzer Zeitung vom 15. 4. 1910)
»(...) Der Fall Karl May kann nach diesen Enthüllungen nur noch psychologisch interessieren und es ist nur zu wünschen, daß die Kräfte, die so lange und, wie sich jetzt herausgestellt hat, mit gutem Recht, gegen ihn angingen, nunmehr für bessere Arbeit frei werden. Es bleibt noch viel positive Arbeit
Der May-Artikel in Nr. 85 kann vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus nicht unwidersprochen bleiben. Schon die illoyale Ueberschrift: »Karl May endgültig entlarvt« fordert heraus. Wer hat ihn denn endgültig entlarvt? Etwa der Verteidiger des Lebius in Berlin? Ich bin nichts weniger als ein May-Schwärmer und die sogenannte May-Frage kümmert mich gar nicht. Umso besser aber glaube ich May's Werke zu kennen und muß es entweder als einen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl oder aber als erheiternde Selbstüberhebung bezeichnen, wenn man den zum größten Teil unbestreitbar gediegenen Inhalt namentlich d. letzt. Werke des trotz aller Anfeindungen immer noch beliebtesten Schriftstellers mit einem Federzug vernichten zu können glaubt. Karl May mit seinem Problem der alles ausgleichenden Nächstenliebe steht hoch über den gelinde gesagt subjektiven Ausführungen des Artikelschreibers und es muß hauptsächlich der letzte Absatz des Artikels energisch abgelehnt werden.
Dazu bemerken wir: Der Kampf gegen Karl May richtet sich nicht gegen seine Schriften; alle seine Romane dürfen gerade deshalb hoch bewertet werden, weil sie viele unsittliche Schundliteratur verdrängt haben, wenn auch die Selbstverherrlichung May's in seinen Schriften viele Leser abstößt und die Abenteurergeschichten imstande sind, die Abenteurerlust in den Herzen der Jugend zu wecken. - Der Kampf gilt also der Person. Freilich müssen auch wir sagen: Wenn Karl May, der heute ein alter Mann ist, in seinen jungen Jahren die oben angegebenen Verbrechen begangen hat, sich dann aber 40 Jahre lang derartige schlimme Handlungen nicht mehr zuschulden hat kommen lassen, so liegt unseres Erachtens doch kein Grund vor, ihm seine Schandtaten im Alter vorzuhalten und ihn noch einmal auf die Folter zu spannen. Man spricht heute oft davon, daß weit zurückliegende Strafen im Gerichtssaal nicht mehr verlesen werden sollen. Uns ist nicht ganz klar, warum in diesem Falle das Gericht diese Aufrollung der Jugendsünden eines alten Mannes zugelassen hat. Die Bezeichnung geborener Verbrecher ist auf keinen Fall gerechtfertigt; das wäre nur dann der Fall, wenn May sein Leben lang ein Verbrecher geblieben wäre.« (Fränkisches Volksblatt vom 20. 4.1910)
Der eigentliche Kommentar zu dem aufsehenerregenden Geschehen in Berlin-Charlottenburg, wo sich der Schriftsteller Karl May als Privatkläger unversehens selbst auf der Anklagebank wiederfand und der Karl-May-Prozeß sich nur allzu schnell als Prozeß gegen Karl May entpuppte, erfolgt meist einige Tage nach dem Prozeß.
Stellungnahme. Viele Zeitungsschreiber hatten von der Sache selbst nicht die geringste Ahnung und gaben nur kritiklos das wieder, was ihnen Lebius und sein Korrespondenzbüro zugehen ließen. So wie Mays Bücher von vielen tausend Lesern oberflächlich konsumiert wurden, so wurde in gleicher Weise oberflächlich der Stab über den Autor gebrochen, vor allem von den großen, überregional wirkenden und auflagenstarken Blättern.
Die wahren Freunde zeigten sich erst jetzt. Trotz des auf den ersten Blick krassen negativen Urteils in der Presse traten einige Personen und Publikationsorgane für Karl May ein; auch und gerade dann, wenn sie von Karl Mays Räuberleben als Tatsachen ausgehen. Einige Kommentatoren heben sich aus der unkritischen Masse heraus, und darunter finden sich nicht nur die schon länger mit May befreundeten Redakteure und Enthusiasten. Das beste Beispiel dafür sind der Schriftsteller Rudolf Kurtz und sein vom April datierter und im darauffolgenden Monat erschienener Offener Brief an Karl May.65 Doch auch weniger Bekannte nahmen die Pressekampagne gegen Karl May zum Anlaß, eine Lanze für den Schriftsteller zu brechen. Sogar im Ausland, in Ungarn, in der Budapester Zeitschrift Elet erschien von Zoltán László ein für May gestimmter Artikel.66 Im entfernten Sarajewo setzte sich ein pseudonymer Veridicus in der dreisprachigen Zeitschrift Der Tourist ebenfalls für Karl May ein. Die beiden wohl gediegensten und ausführlichsten Abhandlungen finden sich in der Dogmenfreien Halbmonatsschrift für Zeitfragen Die Raketen, wo der Unterzeichner namens Till unter dem Titel Moralsimpelei gegen das Urteil mit Spott und Ironie zu Felde zieht (s. u.), und im Würzburger Glöckli unter dem schlichten Titel Karl May: eine durch drei Nummern laufende niveauvolle und couragierte Auseinandersetzung Hermann Links mit Karl May: »(...) was kümmert es uns, wer ihr Verfasser ist, wir wollen doch die Bücher, wie wir sie kennen kritisieren. Darauf kommt es an. Und da wiederholen wir: Karl May's Reiseromane sind unbestreitbar rein und gut.«67
Auch die Heimatpresse ergriff für ihren berühmten Sohn die Feder. Die Dresdner Rundschau ließ Abgeklärtheit walten und konstatierte: »Am allerwenigsten aber hat Herr Lebius, der hier in Dresden in mancher Gerichtsverhandlung eine sehr unschöne Rolle gespielt hat irgendwelche Berechtigung, sich als Sittenrichter anderer aufzuwerfen. Da ist Karl May jedenfalls ein weit sympathischerer Mensch, und er ist sicher ein interessanter Mensch. (...) Dem Vielverehrten und Vielverfolgten ist jedenfalls zu wünschen, daß man ihm an der Schwelle der Siebzig endlich Ruhe gönnt, und die Stimme eines Lebius hat hier in Dresden kaum so viel Gewicht, als daß er als May-Töter Erfolg haben könnte.«68
Besonders herausragende Pro-May-Artikel sind vor allem die Ausführungen des Wiener Blattes Die Freistatt sowie der Beitrag des May-Freundes Heinrich Wagner in der Passauer Donauzeitung:
(... [Prozeßbericht]) Auf Grund dieses Verhandlungsergebnisses wird nun heute über den katholischen Jugendschriftsteller Karl May in einer Weise abgeurteilt, die uns Anlaß zu einigen Bemerkungen gibt.
Vor allem möchten wir feststellen, daß die ganze Anklagerede des Rechtsanwaltes Bredereck sich wörtlich auf die Klagebeantwortung stützt, welche der Angeklagte Lebius bei Gericht eingebracht hatte, und welche Lebius schon zwei Tage vor der Verhandlung im Druck an die Zeitungen des In- und Auslandes zur Versendung brachte. Diese Beeinflussung der gesamten Presse gegen Karl May scheint prompt ihren Dienst getan zu haben, denn alle großen Zeitungen drucken heute die Beschuldigungen Lebius als erwiesene Tatsachen ab.
Kein Blatt weist darauf hin, daß den bis jetzt vorliegenden Prozeßberichten zufolge d a s G e r i c h t j a g a r n i c h t i n e i n B e w e i s v e r f a h r e n e i n g e t r e t e n i s t . Es steht der d u r c h k e i n e r l e i Z e u g e n a u s s a g e g e s t ü t z t e n Beschuldigung Mays durch Lebius also die Erklärung Mays gegenüber, a l l e d i e s e S c h a u e r e r z ä h l u n g e n s e i e n n i c h t w a h r . Das Gericht hat, immer vorausgesetzt, die bis jetzt vorliegenden Berichte sind erschöpfend und genau, die Beweisanträge des Lebius g a r n i c h t a u f i h r e R i c h t i g k e i t g e p r ü f t , sondern nur a n g e n o m m e n , »daß verschiedene Gründe für die Richtigkeit des von der Verteidigung angebotenen Wahrheitsbeweises sprechen«. Wir müssen gestehen: Daß bloß auf eine solche Annahme hin einem Menschen ohne gerichtsordnungsmäßige Prüfung das Stigma eines Verbrechers aufgedrückt werden könne - das haben wir bis dato nicht für möglich gehalten!
»Ausgesetzt«. Etwa zur Einleitung des Beweisverfahrens? Nein - zu einer Rede des Rechtsanwaltes Bredereck, der die Freisprechung seines Mandanten beantragt. Und richtig: jetzt spricht das Gericht Herrn Lebius frei, immer noch ohne nähere Beweislast für die ungeheuerlichen Beschuldigungen, die man über dem Haupte Karl Mays zusammengetragen hatte. Ohne eine Prüfung der Leichtfertigkeit, mit der diese Beschuldigungen erhoben wurden. Nur ein Beispiel: An einer Stelle erklärt der Angeklagte durch seinen Rechtsanwalt, ein Beweis für die abgefeimte Schlechtigkeit Mays sei, daß er als verfolgter Räuberhauptmann habe nach Mailand flüchten müssen. An anderer Stelle erklärt derselbe Rechtsanwalt, May sei ein literarischer Dieb, denn er sei nachweislich nie aus Deutschland herausgekommen, trotzdem er über alle Länder geschrieben habe.
Wir verweisen nur auf diesen Widerspruch in einer Einzelheit, aus der man auf das Ganze Schlüsse ziehen darf. Oder weiß Herr Lebius samt seinem Verteidiger nicht, daß Mailand außerhalb der Grenzen Deutschlands liegt? Und dann: Sind noch nie Romane und Erzählungen geschrieben worden, die in Ländern und Gegenden spielten, welche der Verfasser nie gesehen? J u l e s V e r n e mag sich glücklich preisen, daß er gestorben ist, sonst würde ihn [!] vielleicht heute ein über viel Zeit verfügender Kritiker nachweisen, er sei ein literarischer Dieb, weil er eine Reise um die Welt in achtzig Tagen beschrieb, ohne sie gemacht zu haben. General W a l l a c e würde, falls er noch lebte, vor das Forum eines deutschen Gerichtes gezerrt und als literarischer Dieb gebrandmarkt werden, weil er seinen epochalen Ben Hur zu einer Zeit schrieb, da er Palästina noch mit keinem Fuße betreten hatte. Henryk S i e n k i e w i c z wird sich zu verantworten haben, weil er ein römisches Gelage beschrieb, da er doch nachweislich am Gastmahl des Trimalchio nicht teilgenommen hat u.s.w. Wir könnten diese Beispiele ins Unendliche vermehren, aber es genügen schon diese wenigen, um die Absurdität der Schlußfolgerungen jener darzutun, die heute über Karl May in dieser Beziehung den Stab brechen und so herz- und lieblos aburteilen.
Es stand nicht anders zu erwarten, als daß die gesamte Presse auf das eingehendste von der Durchführung der Beleidigungsklage Notiz nehmen werde, welche eben vor dem Gerichte in Charlottenburg zum Austrag kam. Karl May hatte den Redakteur des Bund, Rudolf Lebius, einen der wütendsten Vorkämpfer der gelben Gewerkschaften, wegen Beleidigung verklagt, weil Lebius den Schriftsteller May einen geborenen Verbrecher in einem Brief an eine Dame genannt hatte. Lebius ließ durch seinen Rechtsanwalt den Beweis für seine Behauptung erbringen. Rechtsanwalt Bredereck stellte fest, daß May Freiheitsstrafen in der Höhe von 6 Wochen Gefängnis, 4 Jahren Zuchthaus und 4 Jahren schweren Kerkers erhalten habe, sämtliche Strafen wegen gemeinen Diebstahls und Raubes, denn - Karl May ist in seinen jungen Jahren Räuberhauptmann im Erzgebirge gewesen. Als solcher war er so fürchterlich, daß ihn nicht einmal das aufgebotene Militär, geschweige denn die tüchtige sächsische Polizei dingfest machen konnte; erst in Mailand, wo er im Fiebertraum seine eigenen Schandtaten erzählte, erwischte man den Verbrecher und führte ihn der gebührenden Strafe zu. N a c h r e i c h l i c h 4 0 J a h r e n , als May schon längst ein berühmter und an Neidern der reichste Schriftsteller geworden war, erfährt jetzt auch die breite Öffentlichkeit, welch schlechter Mensch May ist, welche Strafen er hinter sich hat und wie wenig er berechtigt ist, der Jugend anständige Bücher in die Hand zu geben, er, der selbst unter dem V e r d a c h t steht, einmal sittlich nicht einwandfreie Bücher geschrieben zu haben und der noch dazu ein literarischer Dieb
und Fälscher ist, wie P. Ansgar Pöllmann sagt, der hartnäckigste Mayfeind [!]. Die Verhandlung in Charlottenburg endigte mit der Freisprechung des Lebius, weil ihm der Schutz des § 193 zugebilligt wurde. Damit ist gleichzeitig - wenigstens beweisen das die mit anerkennenswerter Präzision in gleichem Wortlaut in den verschiedensten Zeitungen erscheinenden Verhandlungsberichte - Karl May gerichtet, er ist tatsächlich der geborene Verbrecher, seine Strafliste ist richtig in die Welt posaunt, kurz, alles, was Mays liebevolle Gegner bisher gesagt und verbreitet haben, ist zutreffend und es war noch eine Unverschämtheit von May, daß er das nicht ruhig einsteckte, sondern Klage stellte.
Bei der Verfolgung der Mayaffäre und namentlich jetzt wieder tritt uns unwillkürlich das Bild vom gehetzten Eber vor Augen, der unter den Bissen der Hunde zusammenbricht. Und weidwund ist der Eber jetzt. Es gibt allem Anschein nach in der Vergangenheit Mays einen wunden Punkt, den er am liebsten der Oeffentlichkeit entziehen möchte. Es scheint dies auch dadurch bestätigt zu werden, daß May selbst zugibt, vorbestraft zu sein. Entschieden aber stellt May in Abrede, daß die ihm gemachten Vorwürfe stimmen, sein einstmaliges Vergehen sei ein anderes. Gut, warum aber sagt Karl May nicht, w e l c h e r A r t seine Vorstrafe ist, warum läßt er die Meinung offen, daß er wirklich fast 10 Jahre hinter schwedischen Gardinen verbracht hat? Das macht Mays Freunden die Verteidigung so schwer, daß er niemals den Stier bei den Hörnern packt, sondern in langatmigen Ausführungen stets auf Umwegen seinen Gegnern sich stellt. Warum kein entschiedenes Dementi? Warum keine positive, durch Aktenmaterial belegte Behauptung? Ist es in seinem letzten Prozeß in Charlottenburg nicht wieder gerade so gewesen? Bei aller Vorliebe für May muß da der objektive Beobachter stutzig werden, wenn es sich wirklich auch n u r u m d i e P e r s ö n l i c h k e i t M a y s , nicht um den z u w e r t e n d e n S c h r i f t s t e l l e r handelt. In dieser Beziehung hat die Augsburg. Postzeitg. recht, wenn sie sagt, daß May gänzlich einwandfreie Bücher geschrieben habe und für Vergangenes nicht mehr verantwortlich gemacht werden dürfe. Den Gegnern Mays - und meist sind es die verbissensten Katholikenfresser und jene, welche durch den von May auf die Jugend geübten veredelnden Einfluß ihre Felle davonschwimmen sehen - ist die P e r s o n M a y völlig gleichgültig, soweit sie zu ihren edlen Motiven nicht auch noch den Neid als Waffe führen, sondern die gesunde Moral des Schriftstellers, seine sittlich reinen Werke sind es, welch ihnen in das Handwerk pfuschen. Die Katholiken sollten deshalb gegen May nicht so schroff Front machen. Selbst wenn in seinen jüngeren Jahren sein Leben kein makelloses war, so darf das später nicht mehr behauptet werden,
denn jeder Mensch kann umkehren. Es ist nicht richtig, daß er sich als Moralprediger gibt und sich selbst als Mustermenschen hinstellt. Es gibt keinen so tadellosen und mit allen Vorzügen des Geistes und Körpers zugleich ausgerüsteten Menschen, wie ihn die Ich-Person in den Mayschen Reiseerzählungen darstellt, sondern May wollte den Edelmenschen zeichnen, der der Fehler entkleidet und mit Vorzügen überreich ausgestattet ist.
Ein anderer Gegner, den wir nicht zu den vorgenannten Widersachern rechnen, ist P. Ansgar Pöllmann O.S.B., der als literarischer Kritiker May gegenübertritt. Es gefällt uns auch von ihm nicht, daß er die P e r s o n M a y s zum Hauptgegenstand seiner Kritik in den Kritischen Spaziergängen macht und nur kurz die Plagiate Mays zeigt. Diese Plagiate sind sämtliche g e o g r a p h i s c h e r oder e t h n o g r a p h i s c h e r N a t u r , die an der Schilderung der Reiseerzählungen gar nichts ändern. Freilich wäre es anständig von May gewesen, offen die Quellen zu zitieren, dann wäre er der Beschuldigung, ein Plagiator zu sein, entgangen. Ob die Reisen von May alle s e l b s t gemacht worden sind, ist eine Frage von untergeordneter Bedeutung; nur kurz wollen wir sagen, daß ein solcher Unsinn nicht geglaubt werden soll, May sei über Deutschlands Grenzen nicht hinausgekommen. Im gleichen Prozeß wurde beispielsweise konstatiert, daß May in M a i l a n d erkrankt ist. Hat also May wirklich n i e m a l s Deutschland verlassen? Von den anderen zahllosen Beweisen (Karten, Briefe usw.) dafür, daß May gereist ist, wollen wir heute schweigen.
Ich glaube gerne, dass es für Schriftsteller, deren Name nicht über die Grenzen einer Tischgesellschaft hinausreicht, nicht angenehm ist, wenn sie es hören, dass der verachtete Gegner Millionen Exemplare seiner Werke anbringen kann. Aber, dass sich dann ein Gericht findet, mit dessen Assistenz eine in Ehren ergraute Feder ruiniert werden kann, das sollte man im zwanzigsten Jahrhundert kaum für möglich halten.
Sind denn die Silberbüchse, der Henrystutzen, der Bärentöter nur in einem Krämerladen in Dresden angekauft worden, um in der radebeuler [!] Villa Old Shatterhand, zum Betrug der Mayschen Leser hingestellt zu werden.
Warum melden sich denn die Autoren nicht von denen May angeblich: Winnetou, Old Surehant [!], Satan u. Iskariot [!], Durch die Wüste, Von Bagdad nach Stambul, Durchs wilde Kurdistan, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren, Der Schut, Am stillen Ozean, In den Cordilleren, Am Rio de la Plata, Im Lande des Mahdi, Orangen und Datteln u.s.w. wie seine herrlichen Werke alle heissen, dieselben gestohlen hat? Und wer ist denn der originelle Verfasser der Himmelsgedanken, des Dramas »Babel und Bibel?«
Moralfatzke! Das treffende Wort stammt, sofern ich mich recht erinnere, von keinem geringeren als von Wildenbruch. Er hat es zum mindesten in seiner Haubenlerche litteraturfähig gemacht.
Karl May hat, wie sich in einem kürzlich vor dem Charlottenburger Schöffengericht verhandelten Prozesse herausstellte, keine einwandfreie Vergangenheit. Er ist vorbestraft. Öfters sogar, und sehr schwer. Erst mit Gefängnis, dann zweimal mit Zuchthaus. Für Delikte, die sich als Diebstahl und Einbruch charakterisieren. Mehr noch: er hat, wie sein Namensvetter Karl in den Schillerschen Räubern, zwar nicht in den böhmischen Wäldern, aber im sächsischen Erzgebirge eine veritable Räuberbande gebildet, nach berühmten Mustern eine komfortabel ausgestattete Höhle bewohnt, Marktfrauen und andere harmlose Individuen überfallen und mit seinem Räuberkollegen Krüpel [!] allerhand sonstigen Unfug getrieben. Was im Prozesse zur Sprache kam, hört sich für Zeitgenossen mit humoristischer Weltanschauung bisweilen recht lustig an. So der Streich, den die beiden, als eine militärische Razzia stattfand, der sächsischen Soldateska spielten. May zog sich, so wird erzählt, die Uniform eines Gefangenenaufsehers an, fesselte seinem Freunde Krüpel [!] die Hände und passierte so unbehelligt mit ihm die Militärkette. Ein andermal schrieb er renommistisch mit Kreide auf einen Wirtshaustisch: Hier haben May und Krüpel [!] gesessen und Brot und Wurst gegessen. - Neckisch, nicht war?
Beim Niederschreiben des Wortes Geistesgaben höre ich förmlich das Hohngelächter, das von allen Seiten heranbraust. Was? Dieser Schmierpeter, dieser Kolportageromanschreiber, dieser litterarische Hochstapler und - Geist? Jeder ehrliche Moralfatzke fährt aus der Haut und gebärdet sich wie toll. Das fehlte gerade noch, diesem Verderber der deutschen Jugend, dessen gesammelte Schriften am zweckmäßigsten lieber heute als morgen öffentlich verbrannt würden, ein Fünkchen Geist unterzuschieben!
teressiert, ohne mich tiefer zu bewegen oder bleibende Eindrücke bei mir zu hinterlassen; ich habe mich aber durchaus nicht veranlaßt gesehen, ihre Lektüre meinen Jungen zu verbieten, die mit offenbarer Lust die Mayschen Indianergeschichten verschlangen. Ich glaube freilich, ich hätte sie ihnen selbst dann nicht verboten, wenn ich diese abenteuerlichen Geschichten, um mich des landläufigen Ausdrucks zu bedienen, für schädlich gehalten hätte. Du lieber Gott: was verträgt ein gesunder deutscher Knabenmagen nicht alles! Man soll da nicht gar zu tantenhaft zimperlich Zensur üben. Denn schließlich können die Räuber oder der Götz, trotzdem sie für klassisch gelten, nicht minder schädlich auf die jugendliche Einbildungskraft wirken, als ein Mayscher Räuberroman! Meine Jungen haben sogar den Nick Carter vortrefflich verdaut. Wäre er ihnen verboten worden, sie hätten ihn hinterm Rücken des Zensors vermutlich erst recht gelesen!
Nach dem Urteil vom 12. April 1910 verlor der Fall Karl May für die Presse - bis auf wenige Ausnahmen - zunächst einmal an Interesse. Meist handelte es sich um die großen überregionalen Blätter, für die der Fall Karl May erledigt war. Viele Redaktionen nahmen die Meldung, daß der Schriftsteller Berufung gegen das Charlottenburger Urteil eingelegt hatte, gar nicht mehr zur Kenntnis, obwohl May über das ihm gewogene Büro der Sächsischen Korrespondenz den Redaktionen die Meldung zugehen ließ:
V. Zwischenspiel: Der Krügel-Prozeß
terial gegen May zu sammeln, zu den anfechtbarsten Mitteln seine Zuflucht genommen hat. Ein Hauptgewährsmann des Lebius ist der Arbeiter Krügel in Hohenstein-Ernstthal, der jüngst vor Gericht seine Erzählungen über die Heldentaten Mays zurücknehmen mußte. Jetzt glaubt nun Herr May weiter festgestellt zu haben, daß Lebius den Krügel durch das Anerbieten von 2000 Mk. zu einer unwahren Aussage zu verleiten bemüht gewesen sei. Krügel hat darüber, wie der Hohenstein-Ernstthaler mitteilt, vor einem Notar Bekundungen gemacht, über die ein ausführliches Protokoll aufgenommen worden ist: Nach dieser Aussage, die Krügel auf seinen Eid genommen hat, wird man alle weiteren Feststellungen des Herrn Lebius mit der größten Vorsicht aufnehmen müssen. Wir werden kaum in dem Verdacht stehen, mit Karl May zu sympathisieren; aber gegen die Art, wie Herr Lebius Material sammelt, muß jeder, wer er auch sei, in Schutz genommen werden.
Dafür war das zweite Urteil freilich der Sache nach unrichtig. Das Gericht hat den Ausdruck geborener Verbrecher anscheinend sowohl als eine dem Beweise zugängliche Tatsachenbehauptung nach § 186 wie als Formalbeleidigung nach § 185 StGB angesehen. Richtigerweise kam von vornherein nur eine Formalbeleidigung in Betracht, denn Lombrosos schon damals sehr umstrittene und inzwischen längst widerlegte Theorie von der Existenz geborener Verbrecher konnte als diskriminierender Ausdruck im privaten Briefverkehr eines kriminologisch völlig ungebildeten Menschen nicht als Behauptung beweisbarer Fakten gelten. Wenn das Gericht aber einmal annahm, hier sei ein Faktum angesprochen, das durch Sachverständige hätte geklärt werden können, dann hätte der Wahrheitsbeweis erhoben werden müssen, bevor auf § 193 StGB zurückgegriffen wurde;74 auch eine Beschränkung des Verfahrens auf § 185 StGB, wie sie das Gericht anscheinend vornehmen wollte, wäre dann nicht möglich gewesen. Bei einer Beweisaufnahme hätte sich dann ohne weiteres ergeben, daß ein Mensch, dessen letzte Straftat mehr als 40 Jahre zurücklag, der sich inzwischen zu Ansehen und Wohlstand emporgearbeitet hatte und außerdem nicht ein einziges der von Lombroso angenommenen Merkmale aufwies, keineswegs ein geborener Verbrecher sein konnte. Um das zu erkennen, hätte es nicht einmal eines Sachverständigen bedurft. Einer so leichtfertig falschen Tatsachenbehauptung hätte dann aber auch nicht der Schutz des § 193 StGB gewährt werden können.
Ging man andererseits, wie es richtig gewesen wäre und worauf sich auch das Gericht bei der Entscheidungsfindung anscheinend beschränken wollte, von einer reinen Formalbeleidigung aus, so war darauf entgegen der Meinung des Gerichts § 193 StGB von vornherein nicht anwendbar. Denn diese Bestimmung kommt nach ihrem Wortlaut nicht in Betracht, wenn »das Vorhandensein einer Beleidigung aus der Form der �ußerung oder aus den Umständen, unter welchen sie geschah, hervorgeht«. Eine schlimmere Diskriminierung als die Bezeichnung geborener Verbrecher ist aber kaum denkbar. Es verschlägt demgegenüber nichts, wenn das Gericht unter Hinweis auf die »Anwendung des fachmännischen Ausdrucks« an der Beleidigungsabsicht des Angeklagten Lebius zweifelt. Denn erstens kann natürlich eine Beleidigung nicht dadurch gerechtfertigt werden, daß man sie in fachmännische Ausdrücke kleidet; wer einen anderen als verrückt oder idiotisch bezeichnet, begeht auch dann eine Beleidigung, wenn er sich dazu einer psychiatri-
Entscheidend war aber der Hinweis, Karl May habe Kolportageromane unsittlichen Inhalts geschrieben. Schaut man in die Zeitungen anfangs des Jahrhunderts, so wird deutlich, in welche Situation May mit der Diskussion um seine Romane hineingeriet. Weite Kreise beteiligten sich an der vehement geführten Auseinandersetzung um Schmutz und Schund. Werke von Hackländer, Hauff und Dominik kursierten auf Entwurfslisten zum Schmutz- und Schundgesetz. Es wurden regelrechte Feldzüge gegen die Kunst unternommen. Diese trafen wenige Jahre später selbst so bekannte Künstler wie Paul Verlaine, Gottfried August Bürger und Friedrich Schiller, dessen Venuswagen mit Lithographien von Lovis Corinth unter die Zensur fiel und beschlagnahmt wurde.76 Doch zunächst beließ man es bei einem Zusatz zum Strafgesetzbuch. Das Paragraphenpaket, die sogenannte Lex Heinze, wurde am 25. Juni 1900 im Reichstag beschlossen und beschäftigte sich neben verstärkten Strafvorschriften bei Kuppelei auch mit allgemeinen Fragen der Sittlichkeit.77
Vom Autor angeblich unsittlicher Kolportageromane stammend, konnten, nein durften, nach dem Verständnis der Tugendwächter auch die Reiseerzählungen nichts anderes als Schmutz sein. Der Schluß vom Werk auf den Autor lag nahe, also stürzte man sich mit Freuden auf Lebius' Enthüllungen von Mays vermeintlicher Verbrecherlaufbahn: Beides, Werk und Schöpfer, mußten demnach entschieden bekämpft werden; da wurde jede sich bietende Möglichkeit, jede Chance des An-
Da ging es auch im Gefolge des Charlottenburger Urteils längst nicht mehr nur um den Alten aus Radebeul, vielmehr hatte sich das sogenannte Karl-May-Problem zu einem Problem der Deutschen entwickelt. Denn: War dieser rauschhaft daherschwadronierende Fabulierer, dem Jung und Alt nachliefen, der für Friede und gegen Unterdrückung in einer Zeit eintrat, wo doch allenthalben schon vom Krieg als heilsamem Gewitter geredet wurde, war er nicht ein Stachel im Fleisch vieler und eine Art Fremdkörper? Paßte Karl May gerade dadurch nicht in die herkömmlichen Schablonen?
Konstanzer Zeitung 14. 4. 1910 Karl May - ein geborener Verbrecher
Neue Konstanzer Abendzeitung 14. 4. 1910 Karl May's Räuberleben (Teil 1)
Neue Konstanzer Abendzeitung 15. 4. 1910 Karl May's Räuberleben (Schluß)
4 Die Nr. 1 des ersten Jahrgangs der Dresdener Sonntagszeitung Sachsenstimme erschien am 1. 2. 1904, Redakteur war Rudolf Lebius. Lebius erwarb die Zeitung am 4. 8. 1904. Ab dem 2. Jahrgang mußte Lebius laut Kaufvertrag den Namen der Zeitung ändern. Die Zeitung erschien in der Folge unter den unterschiedlichsten Titeln: Sachsenstimme, Sachsenstimme. Pilatus. Sächsische Sonntagszeitung, Pilatus. Sachsenstimme. Sächsische Sonntagszeitung u. a. (Angaben nach: May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 2, S. 457f.*, Anm. 295 von Hainer Plaul).
5 Solche Artikel erschienen beispielsweise in der Dresdner Rundschau, »die das Material - nämlich die Lebius-Briefe vom 7. 4., 3. 5., 12. 7. und 8. 8. 1904 (siehe Selbstbiographie, S. 259, 263-266) sowie die anonyme Karte von Anfang September 1904 (siehe Selbstbiographie, S. 267/68) und das Lebius-Schreiben an Max Dittrich vom 15. 8. 1904 (siehe Selbstbiographie, S. 266) - in ihrer Ausgabe vom 18. 3. 1905 unter der Überschrift Ein ganzer Kerl auszugsweise veröffentlichten.« (May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 2, S. 467*, Anm. 310 von Hainer Plaul).
6 Egon Grübel in einer Sendung Lebendige Geschichte von Radio DDR; ein Abdruck erfolgte in der Sächsischen Zeitung vom 24. 12. 1987.
7 Vgl. die Dokumentation von Jürgen Seul: Karl May, Lebius und der Vorwärts. Die Geschichte einer wechselvollen Auseinandersetzung in der Zeit zwischen 1904 und 1914 im Spiegel des Vorwärts. Ahrweiler 1996.
10 Der Brief wird weiter unten (in Kapitel III: Das Urteil) im Urteilstext mit unwesentlichen Auslassungen wiedergegeben. Der vollständige Text erschien in Die Freistatt. Wien. 2. Jg., Nr. 17 vom 30. 4. 1910; wiedergebeben in May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 2, S. 479f.*, Anm. 339 von Hainer Plaul.
11 zitiert nach: Lebius: Die Zeugen Karl May und Klara May, wie Anm. 2, S. 289; zum Begriff geborener Verbrecher siehe: Hartmut Wörner: Vom geborenen Verbrecher. Karl May und die Verbrechenstheorien seiner Zeit. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft (M-KMG) 78/1988, S. 3-9.
15 Vgl. dazu den Artikel der Wiener Zeitung Freistatt vom 16. 4. 1910; der Text wird unten in Kapitel IV wiedergegeben.
16 Der von Fritz Barthel in Letzte Abenteuer um Karl May (Bamberg 1955) gebrachte Augenzeugenbericht ist mit Vorsicht zu genießen, wenn man um die Entstehung dieses Buches weiß. Ursprünglich sollte dort die Revisionsverhandlung in Moabit am 18. 12. 1911 geschildert werden. Nachdem die Chronologie dann auf den Druckfahnen geändert wurde, blieb die immer noch falsche Uhrzeit des Prozeßherganges stehen. Fritz Barthel verließ nach eigenen Angaben den Gerichtssaal kurz vor 11.00 Uhr, nachdem er dem größten Teil des Geschehens beigewohnt hatte. Der Prozeß begann aber erst um 11.20 Uhr, schenkt man den Zeitungen Glauben. Dagegen trat man im
69 Das Pseudonym Veridicus wurde von Ernö Vajda verwandt. Vgl. dazu Hans-Dieter Steinmetz: »Eine in Ehren ergraute Feder«. Eine Stimme aus Bosnien - nach dem Charlottenburger Urteil. In: M-KMG 79/1989, S. 43ff.; dort finden sich neben dem Artikel Vajdas auch biographische Daten zu Vajda.
72 Claus Roxin: Ein geborener Verbrecher. Karl May vor dem Königlichen Landgericht in Moabit. In: Jb-KMG 1989. Husum 1989, S. 9-36 (26f.)

References: § 185
 § 186
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 § 185
 § 193
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 § 185
 § 193
 § 185
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