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Timestamp: 2018-06-19 04:17:52+00:00

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Lotze Rudolf Hermann, 1884
﻿Erster Haupttheil.
Von der Schönheit und der Phantasie.
§ 1. Etwas „angenehm“ oder „schön“ zu nennen werden wir nur durch den Eindruck der Lust veranlasst, den es in uns erzeugt. Aber wir unterscheiden das „angenehme“ als einen nur individuell, für uns, gültigen Eindruck von dem „Schöne“, welches wir von Allen als solches anerkannt. Hieraus ging die Ansicht hervor: angenehm sei dass, was mit den individuellen und nicht nothwendig allgemein-gültigen Zuständen unseres Wesens harmonirt, dagegen schön das, dessen Eindruck mit der unveränderlichen und allen Individuen gemeinsamen Organisation unserer Natur übereinstimmt. Man glaubte namentlich, dass dasjenige schön sei, was unsere Erkenntnissthätigkeit zu einer ihr angemessenen Mannigfaltigkeit von Aeusserungen anregt, und von diesen Gesichtspunkt aus suchte die Aesthetik Kunstregen, nach denen man durch Spannung der Erwartung, durch Steigerung des Eindruckes, durch Ueberraschung, durch die Verbindung des mannigfaltigen zu einem leicht anschaulichen Ganzen, durch Unterwerfung einer Vielheit unter ein leicht zu entdeckendes Gesetze x. diesem natürlichen Spiel unseres Vorstellens angemessenen Reize zuführte. § 2.
Allein jene Allgemeingültigkeit, die wir für unser ästhetisches Urtheil verlangen, wird uns nicht zugestanden, sondern thatsächlich sind die Ansichten über das Schöne weniger in Uebereinstimmung als die Urtheile über vieles Angenehme. Der „schöne“ Eindruck kann daher nicht auf einen in uns stets wirklich vorhandenen Massstab, nicht auf eine in allen Individuen wirklich vorhandene geistige Organisation bezogen werden, sondern nur auf eine solche, die in jedem Einzelnen erst durch die Entwicklung realisirt werden soll und in jedem nur unvollkommen und einseitig realisirt ist. „Schön“ mithin ein Eindruck erschienen, der mit dem in uns verwirklichten Theile dieses idealen Zustandes zusammenstimmt, und eben weil wir das gute Gewissen haben, dass er uns nicht blos als einzelner Perso wohlgefällt, sondern dem allgemeinen Geiste in uns, können wir verlangen, dass unser Urtheil allgemein gelte. Anderseits aber, weil kaum in einem andern Individuen genau derselbe Theil des Ideals verwirklicht ist, wird diese verlangte Uebereinstimmung sehr selten vollständig vorkommen, sondern der ästhetische Geschmack wird verschiedener sei können, als das Urtheil über manches blos sinnlich Angenehme, für dessen Eindruck alle Individuen dieselbe Empfänglichkeit besitzen.
§ 3. Bisher also würde das Schöne das sein, was dem verwirklichten Ideal in uns entspricht. Aber es sich, wie Schönheit, die so oft in äusserlichen Formen gefunden wird, einem Idealzustande des Geistes entsprechen könne, den man sich gewöhnlich nur in dem engeren Gebiete der sittlichen Gesinnung vorzustellen pflegt. Nun ist aber klar, dass jede einzelne sittliche Idee, z. B. die der Gerechtigkeit, des Wohlhabens x., sobald sie den Geist beherrscht, nicht blos der gesammten Handlungsweise bestimmte formelle Charactere mittheilen muss, sondern dass unter ihrer Herrschaft auch der Wechsel der Gemüthstimmungen und die Gewohnheiten des Vorstellungsverlaufs, kurz der ganze innere Zustand sich an bestimmte Formen der Veränderung gewöhnen kann, die ganz abgesehen von aller Beziehung auf sittliche Aufgaben auch als Verknüpfungsformen der Ereignisse in der Natur und in Kunstproducten wiederkehren können. So wird die „Gerechtigkeit“ etwa das formelle Prädicat der Consequenz, der stetigen Entwicklung, der Vermeidung alles Ueberflüssigen, der Strenge und Herbigkeit des starren geradlinigen Fortschritts, dagegen die Idee des „Wohlwollens“ die Gewohnheit, alle Gegensätze durch Vermittlungen auszugleichen, jeden scharfen Unterschied zu vermeiden, und ähnliche Formen des Benehmens hervorrufen. Beide Arten von Formen aber finden wir auch in der Natur wieder, und was die eine von ihnen trägt, wird auch der einen geistigen Richtung gefallen, die in denselben Formen lebt.
§ 4. Diese Auffassungsweise würde theils, wie sich später zeigen wird, manches Einzelne gut erklären, theils würde sie nicht ganz übel die höhere Würde des Schönen im Gegensatz zum Angenehmen in uns schützen. Allein im Ganzen würde doch hier der schöne Gegenstand immer nur als ein Mittel erscheinen, das nur dazu gut ist, um durch seine Einwirkung auf uns, und erst eben in uns jenes Gefühl der Lust zu erzeugen, um deswillen wir ihn schön nennen. Er würde daher an sich ebsensowenig „schon“ sein, als ein Gegenstand an sich „nützlich“ ist. Sowie „Nützlichkeit“ nur ein eventuelles Prädicat ist, das einem Dinge dann zukommt, wenn es auf uns wirkt, das dagegen seine eigene Natur gar nicht mit ausmachen oder characterisiren hilft wie andere Eigenschaften, ebenso würde die „Schönheit“ nur ein eventuelles Prädicat sein, das nicht eigentlich zu dem Bestande des Gegenstandes selber mitgehört, sondern das ihm nur zukommt, weil wir, auf die es wirkt, so organisirt sind, dass uns viele Wirkung wohl thut. Wären wir anders eingerichtet, so würde derselbe Gegenstand „hässlich“ heissen können, und würde das dann ebensowenig an sich selber sein, als er im ersten Falle an sich „schön“ war. Auf diese Weise würde also die Schönheit“ eigentlich nur in unserm subjectiven Eindruck existiren, in den Gegenständen dagegen nur eine Summe gleichgültiger Eigenschaften vorhanden sein, die nur als ihre Nachwirkung in uns das Schöne erzeugen.
§ 5. Mit dieser Ansicht wird man nicht befriedigt sein. Wenn man gern zugibt, dass es mit andern Eigenschaften, z. B. der Nützlichkeit, so gehalten werden dürfte, dass diese also gar nichts den Gegenstand mit Ausmachendes, sondern blos eine zufällige Beziehung des fertigen Gegenstandes zu uns seien, so sei dies unmöglich in diesem Falle weil die eigenthümliche Würde der „Schönheit“ verloren gehe, sobald sie nicht als das eigene Leben de Objects, sondern nur als ein von ihm veranlasster Gemüthszustand gelten solle. Man wird daher auf alle Weise suchen, der Schönheit eine objective Wirklichkeit zu sichern, und zugleich verlangen dass die Schönheit alles Schönen überall ein und dieselbe sei. Denn auch das würde ihren Werth widersprechen, wenn, wie dies beim Nützlichen der Fall ist, jeder einzelne schöne Gegenstand aus einem ganz besondern, blos für ihn gültigen und in keinem andern Falle sich wiederholenden Grunde schön wäre. Aus diesem Bedürfnis entspringt die schon im Alterthum angeregte frage nach dem „Schöne an sich“ oder in moderner Form nach der „Idee der Schönheit“.
§ 6. Bei diesem Streben nach Objectivirung der Schönheit wird man für die Luft des subjectiven Eindrucks, den sie uns gewährt, kein Aequivalent finden können, es sei dass die Dinge ihre eigne Schönheit genössen. Wohl aber wird man versuchen können, das, was objectiv, in den Dingen dem schönen Eindruck zu Grunde liegt, als ein an sich bedeutsames, in den ganzen Bau der Welt sich werthvoll einfügendes und zu seiner Vollständigkeit gehörendes Prädicat zu fassen, so dass dann er schöne Eindruck hervorgebracht wird durch Etwas, was auch von ihm abgesehn, auch an sich, von absolutem Werth ist.
§ 7. Anderseits überzeugen wir uns bald, dass dasjenige, was wir als das „Schöne an sich“ in den verschiedenen schöne Gegenständen als gemeinsamen Charakter aufsuchen, weder eine bestimmte Eigenschaft nicht eine Summe von solchen, weder ein allgemeiner Exponent solcher Verhältnisse sein kann. Denn sowohl in Bezug auf die Natur ihrer einzelnen Merkmale als rücksichtlich der Verbindungsweise derselben sind die schönen Gegenstände unendlich verschieden. Wir können daher das „Schöne“ nicht in der Form einer Anschauung fassen, die uns immer nur ein bestimmtes Bild geben würde, nicht in der Form des Begriffes, die uns zu einem bestimmten Merkmalkreise noch ein beständiges Gesetz der innern Verbindung derselben hinzugeben würde, sondern nur in der Form der Idee, die das Wesentliche eines Gegenstandes nur durch den Sinn des Zweckes angibt, zu dem er berufen ist, eine bestimmte Form oder Verbindung von Merkmalen dagegen nicht einschliesst, vielmehr eine unendlich mannigfaltige Bestimmbarkeit derselben zugibt, mit der einzigen Bedingung, dass in allen diesen vielen Formen der Sinn des Zwecks festgehalten bleibe.
§ 8. Es wird sich nun darum handeln, den Inhalt anzugeben, der in diese Form, der Idee, befasst die Schönheit ausmacht. Nun haben wir früher (§ 6) gesehen, dass ein absoluter Werth dem Schönen nur zukommen kann, wenn die Verhältnisse, durch die es schön ist, zu den allgemeinen ewigen und bedeutungsvollen Zusammenhängen der Wirklichkeit gehören. Es zeigt uns aber die Wirklichkeit drei in einander verschlungene Reiche oder Gewalten, nämlich
1. das Reich der allgemeinen Gesetze, die sich uns mit absoluter Nothwendigkeit als gültig aufdrängen, alles Wirkliche beherrschen, aber eben um dieser Allgemeinheit willen aus sich selbst gar nichts Bestimmtes erzeugen;
2. das Reich der wirklichen Stoffe und Kräfte, die sich nicht als nothwendig, sondern nur als thatsächlich vorhanden darstellen und dadurch, dass sie nach jenen Gesetzen unter bestimmten Umständen thätig sind, die mannigfaltigen Formen der Erscheinungen hervorbringen;
3. den bestimmten und specifichen Plan, nach welchem viele Elemente der Wirklichkeit unter einander zusammengeführt werden, um durch ihre Wirkungen nach den allgemeinen Gesetzen ein bestimmtes Ziel zu verwirklichen.
§ 9. Diese drei Principien scheinen nun für unsere gewöhnliche Weltauffassung von einander ganz unabhängig, aus verschiedenen Quellen zu stammen und sich unter einander zur Erzeugung dieser bestimmten Wirklichkeit nur zu durchkreuzen und zu vereinigen. Aber keines fliegt aus dem andern. Aus dem Reich der Gesetze ist nicht ableitbar, dass es gerade diese Wirklichkeit geben müsste, und selbst aus dem Zwecke können wir nicht nachweisen, dass er nur durch diese Gesetze und Kräfte zu erreichen war. Aber mit dieser Dreiheit unabhängiger Anfänge sind wir weder im gewöhnlichen Leben noch in der Wissenschaft befriedigt, und immer ist es eine der ernsthaftesten Aufgaben der Speculation gewesen, sie als nothwendige Consequenzen eines einzigen, höchsten Princips zu begreifen. Im Allgemeinen kann man nur sagen, dass diese Aufgabe niemals vollständig gelöst worden ist, noch jemals gelöst werden wird. Zwischen die Erkenntsniss aber, welche fruchtlos eine vollständige Einsicht in diesen Zusammenhang sucht, und das Handeln, welches ebenso unvollkommen eine Einheit alles Wirklichen mit seinen Zwecken hervorzubringen strebt, also zwischen das Gebiet des Wahren und des Guten tritt eben af eine eigenthümliche Weise im Eindruck der Schönheit das Gefühl in die Mitte, indem es zwar keine theoretische Einsicht, noch ein praktisches Herbeiführen einer Lösung dieser Widersprüche darbietet, wohl aber in der Anschauung des Schönen eine ummittelbare Gewisstheit und Versicherung des Vorhandenseins eines solchen Lösung empfängt. Wir können deshalb vorläufig die Schönheit bezeichnen als das unmittelbar anschauliche Hervortreten einer Einheit zwischen jenen drei Gewalten, welche unsere Erkenntnis völlig vereinigen nicht vermag.
§ 10. Bei jeder Realisirung eines Zweckes der zu seiner Verwirklichung von aussen gegebene Mittel benutzen muss, werden diese Mittel allemal ausser den Eigenschaften, durch die sie die Forderungen des Zweckes erfüllen, noch andere theils hinderliche besitzen. Nur in dem Ganzen der Welt, das aus sich selbst sich bildet, werden wir eine vollkommene Congruenz zwischen dem zu erfüllenden Zweck, der freien Wirklickeit der Mittel und den allgemeinen Gesetzen des Wirkens voraussetzen dürften. Wo nun in einer einzelnen Erscheinung dieselbe Congruenz die wir hier nicht voraussetzen durften, dennoch eintritt wo also die die benutzen Mittel nicht nur äusserlich und nicht nur theilweise dem Zweck unterworfen scheinen, sondern aus eigener Neigung und auch in den Beziehungen, in welchen der Zweck keine Forderung an sie stellt, dennoch in dem Sinne desselben wirksam sind und die von ihm anderwärts verlangten Formen des Daseins und Geschehens ohne Zwang wiederholen: da scheint uns der Gegenstand mehr zu leisten als seine Pflicht war, und indem er durch diesen Ueberschuss der innern Vortrefflichkeit ein Gefühl der Lust in uns anregt, nennen wir ihn schön, weil er bis allgemeine Idee der Schönheit, nämlich jenes vollkommene In-einander-aufgehen jener drei Gewalten des Weltbaues in einem anschaulichen Bilde und im kleinen concentrirt wiederholt.
§ 11. Das Vorige reicht hin, das Schöne sowohl in unserer unmittelbaren Auffassung im Leben als auch in der Kunstkritik abzutrennen
1. von dem blos-Correcten, Wahren oder Richtigen, d.h. von dem, was nur den allgemeinem Gesetzen vollkommen entspricht und so nur seine Schuldigkeit thut;
von dem blos mannigfaltigen Leben des Wirklichen, das durch seine Buntheit, seine Neuheit, seine überraschenden Formen psychologisch stark auf uns wirkt, oder an sich ohne Werth ist, so dass alles blos Naturtreue und Charakteristische in der Kunst nur als ein stoffartiges Reizmittel, nicht als berechtigter Grund unsers ästhetischen Wohlgefallens gelten kann;
endlich von dem Guten, welches, höher als das Schöne, doch nicht an sich schön auch schön ist, sondern erst im Lauf seiner Verwirklichung dann „schön“ wird, wenn ihm die freien Mittel sich zuvorkommend unterwerfen oder es im Stande ist ihre ursprüngliche Sprödigkeit völlig in sich aufzulösen.
§ 12. Ist nun die Schönheit eine Coincidenz jener drei Momente, die in der Verwirklichung jedes Zweckes vorkommen, so wird sie eigentlich nur dem Bewegten oder demjenigen zukommen dessen ruhender Thatbestand von uns auf solche Bewegungen gedeutet werden kann, in denen sich das vollkommene In-einander-aufgehen des Zwecks, der Mittel und der allgemeinen Gesetze zeigen würde. Und zwar würde eigentlich die Schönheit im vollsten Sinne nur der bewegten schöpferischen Weltseele zukommen und als die Form ihrer Entwicklung bezeichnet werden können; denn nur im Ganzen der Welt findet jene Coincidenz vollkommen statt. Die einzelnen Gegenstände dagegen würden schön sein, dass sie entweder selbst ein in ähnlicher Weise thätiges beseelendes Princip in sich trügen, wie es die Weltseele dem Ganzen ist, oder sie sind dadurch schön, dass sie an sich zwar nur mechanische äusserliche Zusammenstellungen von Theilen sind, aber durch die Form ihrer Verknüpfung und an Wirklichkeiten erinnern, die in denselben Formen Erzeugnisse der Weltseele sind. Aus dem ersten Grunde erscheint uns der lebendige Organismus als die unmittelbarste Darstellung der Schönheit, aus dem zweiten suchen wir jedes mögliche Kunstwerk als Organismus zu fassen, um die Schönheit desselben in gleicher Weise deuten zu können.
§ 13. So wenig wir den höchsten Zweck der Welt überhaupt adäquat ausdrücken können, so kann doch er, den wir als das absolut Werthvolle betrachten dürften, nicht in der Herstellung irgend eines Ereignisses oder eines Thatbestandes oder in der Durchführung irgend einer Form der Bewegung oder des Daseins bestehen. Denn das alles, die unablässige Erscheinung des Unendlichen in unzähligen Endlichkeiten, die beständige Realisirung des Idealen und die Wiederidealisirung des Realen, oder endlich die Sich-selbst-Objectivirung eines Geistes, der immerfort eine Welt aus sich heraus setzte und sie wieder in sich hineinzöge – alles dies, wodurch man den höchsten Gehalt der Welt ausdrücken zu können gemeint hat, ist an sich völlig gleichgültig, langweilig und werthlos, und man wüsste nicht, warum gerade Das, und nicht lieber etwas Anderes Zweck der Welt sein müsste. Nicht bejaht sich so unbedingt und so unmittelbar in seinem Werthe, als die Lust. Nur sie kann als das letzte zu realisirende gelten, nur bei ihr wird die Frage absurd, warum sie, und nicht lieber die Unlust, Zweck der Welt sein müsste? Was ihren Begriff zu verdächtigen pflegt ist nur der Nebengedanke an die Einzelne, empirischen bedingte und zurücknehmbare Lust, die von dem Einzelnen in egoistischer Gesinnung ohne Rücksicht darauf gesucht wird, ob sie mit der Lust des Ganzen verträglich sei, und die eben deshalb sich straft, indem der Zusammenhang dieses ausser Augen gesetzten Ganzen der Welt sich durch die Folgen rächt. Von dieser bedingten Lust verschieden ist die, die eben auf das Ganze der Welt bezogen dessen mit dem Namen der Seligkeit bezeichnet wird und den Erfolg einer Weltordnung ausdrückt, in welcher es kein Dasein, kein Verhältniss und kein Ereignis gibt, das blos factisch dawäre; in welcher vielmehr Alles, was ist, in solchen Beziehungen steht, dass aus diesen der mannigfaltigste, ausgedehnteste, tiefste Genuss für alle einzelnen Elemente entsteht.
§ 14. Nun müssen wir zugeben, dass wir, sowie wir überhaupt aus einem Zwecke nicht die Nothwendigkeit ableiten können, dass gerade diese und keine andern Mittel zu seiner Verwirklichung gewählt werden mussten, so auch nicht nachweisen können, wie die Realisirung der höchsten Seligkeit gerade diese bestimmte Welteinrichtung verlangte, von der wenigstens ein Bruchstück in unsere Erfahrung fällt. Ja wir sind sogar zweitens nicht einmal im Stande zu beweisen, dass die gegebene Welt diesem Zweck entspricht. Wir werden vielmehr durch den Anblick der Uebel in der Welt häufig zu dem Glauben gebracht, dass, wenn jene Seligkeit Zweck der Welt ist, sie wenigstens an der vorhandenen Wirklichkeit ein unvollkommenes und ungeschicktes Mittel ihrer Verwirklichung findet, so dass auch hier uns ein Zwiespalt zwischen dem Reiche der Ideen oder der Zwecke und dem Reiche der realen Mittel vorhanden zu sein und die letzteren aus einer andern Quelle zu stammen scheinen als die ersteren. In theoretischer Erkenntnis wird man es nie weiter bringen, als bis zu einem motivirten Glauben daran, dass im Ganzen der Welt dennoch diese völlige Uebereinstimmung stattfinde und dass nur das Einzelne als solches die Schuld seiner Endlichkeit dadurch abbüsse, dass es vorübergehende Disharmonien erfährt, die in der Harmonie des Ganzen wieder aufgelöst werden. Wo dagegen in einer einzelnen Erscheinung eine solche Anordnung stattfindet, dass alle Theile sich nicht nur einem Zweck überhaupt zuvorkommend unterwerfen, sondern specieller durch ihre Wechselwirkungen eine vielfache in jedem einzelnen Theil widerklingende und durch das Ganze harmonisch ausgebreitete Lust erzeugen, das finden wir wieder in dieser Schönheit der Erscheinung die anschauliche Versicherung davon, dass wie hier im Einzelnen, so auch im Ganzen der Weltordnung Gegensatz aufgehoben sei.
§ 15. Genuss nun oder Lust ist nur im Beseelten möglich. Die höchste objective Schönheit werden wir daher immer in der beseelten Gestalt finden, deren einzelne Theile wir ebenfalls als fähig betrachten an der Lust des sie beherrschenden individuellen Geistes Theil zu nehmen, das Glück zu fühlen, das in jeder ihrer Beziehungen zu jedem andern liegt, und so von ihrem Standpunkt aus die durch das Ganze als Ganzes verbreitete Harmonie als auch für sie selbst vorhanden wiederzuspiegeln. Deshalb wird alle ästhetische Naturtrachtung immer dagegen sein, in einer roh mechanischer A sicht den Leib als todtes Material für die Zwecke der einen lebendigen Seele anzusehn. Sie wird nicht nur ihn als durchaus in jedem Thiele beseelt betrachten; sondern auch jedes Kunstwerk, von dessen wirklich mechanischer Structur wir völlig überzeugt sind, werden wir ästhetisch nur dadurch würdigen, dass wir es als beseelten Organismus betrachten, damit wir so im Sande sind jedem einzelnen Theile nicht blos ein Enthaltensein in gewissen Formen, sondern zugleich einen Genuss des Werthes dieser Formen zuzuschreiben.
§ 16. Den Namen der Schönheit werden wir schliesslich nicht sowohl den Formen des Daseins und der gegenseitigen Beziehung zuschreiben, die an sich nur die Vorbereitungen für den künftigen Selbstgenuss der Dinge sind, sondern wir werden den letztern in jenen Namen mit einschliessen und werden „Schönheit“ jenen seligen Selbstgenuss nenne, der dem Ganzen der Welt vorauschliesslich wegen der vollkommenen Coincidenz aller realen Verwirklichungsmittel mit dem Inhalt ihrer Zwecke zukommt, und der in dem Einzelnen (dem Endlichen) zwar durch jene Dissonanzen gestört werden kann, welche da in der Realisirung jedes Zweckes vorkommen können und gewöhnlich in der That vorkommen, dagegen in etwelchen dieser endlichen, einzelnen Erscheinungen (den schönen Gegenstände) in einem concentrirten, der Vollkommenheit angenäherten Ausdruck sich zeigt. In diesem Resultat fliesst die frühere, subjective, und diese späteren obejctive, Betrachtung des Schönen zusammen. Denn zuerst war uns die Schönheit nur in dem subjectiven Gefühl der ästhetischen Lust gegeben, die uns die Eindrücke erregten; Wir wollten ihr dann ein objectives Dasein geben, so dass sie als das eigene innere, indem wir die Schönheit nicht als ein blosses Verhältniss, als eine blosse Form betrachten, von der die Dinge, denen sie zukäme, selbst nichts müssten, indem wie sie vielmehr für die Lust erklären, welche die Gegenstände selber von der glücklichen Bildung ihrer Formen empfangen. Sie scheinen daher nicht blos schön, sofern sie auf uns einen wohlthuenden Eindruck machen, sondern wir fühlen in dem Eindruck nur ihre eigene schöne Lust mit.
§ 17. Mit dem Namen der Phantasie bezeichnen wir im Gegensatz zu der gemeinen Einbildungskraft, die nur einen mannigfachen Thatbestand von Merkmalen, Formen, Verhältnissen x. zur Anschauung bringt, die höhere Fähigkeit, welche in diesen Thabeständen zugleich der Werth, den sie für die geniessende Seele besitzen. Aeusserungen dieser Phantasie kommen im gewöhnlichsten geistigen Leben vor, und wir können selbst die abstractesten Begriffe, wie Einheit, Gegensatz, Gleichgewicht u. dergl., nicht vorstellen, ohne uns zugleich mit unserm Gemüth in ihren Inhalt zu versetzen und die eigenthümlich gefärbte Lust oder Unlust mit zu geniessen, die ihm entspricht. Aber die Phantasie wird nicht blos als eine auffassende Thätigkeit erscheinen, welche in der Welt der Formen die Welt der Werthe entdeckt und überall hindurchscheinen sieht, sondern zugleich als eine schaffendne Thätigkeit, welche die innere Welt der Werthe in die Welt der Formen überzuführen vermag. So würde die Phantasie der schaffenden Weltseele der Quell aller Schönheit sein; denn sie ist diese lebendige Thätigkeit, aus der die idealen Zwecke und die realisirende Erscheinung in unmittelbarer Einheit hervorgehen. In der Phantasie der menschlichen Geistes finden wir sie wieder in der doppelten Bemühung thätig, theils das vorhandene Schöne geniessend zu verstehn, theils selbsterzeugend künstlerisch andere Schönheit hervorzubringen.

References: § 1
 § 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6

§ 7

§ 8

§ 9

§ 10

§ 11

§ 12

§ 13

§ 14

§ 15

§ 16

§ 17