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Timestamp: 2017-12-13 11:03:37+00:00

Document:
Aesthetik bei Schopenhauer und Nietzsche
PS 16048 "Ästhetik bei Schopenhauer und Nietzsche"
Protokollant: Kurt Dutz.
Protokoll der Sitzung vom 07.05.2004
Lektüre: Schopenhauer IV:
1. Menschliche Schönheit: Historienmalerei und Skulptur ;
2. Die Allegorie (§ 47-48; § 50)
Zunächst die wichtigsten Fragen der Sitzung (soweit mir erinnerlich) auf einen Blick:
- Ist die Idee gleichbedeutend mit Anschauung?
- Was ist ein Motiv und was ist ein Quietiv?
- Welcher Zusammenhang besteht zwischen Kunst und Erkenntnis bzw. Kunst und Erlösung?
- Was bewirkt die Kunst?
- Wo ist das Quietiv einzuordnen: Subjekt oder Objekt?
- Wer oder Was ist das ewige Subjekt?
Zu Beginn der Sitzung wurde nochmals die Frage aufgeworfen ob die Idee bei Schopenhauer gleichbedeutend mit der Anschauung sei. Dieses ist zu verneinen, wenngleich Schopenhauer selbst sie in § 49 als anschaulich bezeichnet. Diese Anschaulichkeit ist aber wohl als eine hinter der eigentlichen Anschauung liegende (ein Durchscheinen?) zu verstehen.
"Die Idee dagegen, allenfalls als adäquater Repräsentant des Begriffes zu definieren, ist durchaus anschaulich und, obwohl eine unendliche Menge einzelner Dinge vertretend, dennoch durchgängig bestimmt". (§ 49 S. 253)
Die Idee unterscheidet sich von sinnlichen Anschauungen, zu denen in abstrakter Form auch die Begriffe zählen, dadurch, dass sie - als außerhalb von Raum und Zeit liegend, nicht durch Verstand oder Vernunft, sondern bloß intuitiv geschaut werden kann.
Der Unterschied könnte eventuell so erklärt werden: Intuition "erkennt" (synthetisch?) komplexe Sachverhalte, ohne diese in ihre einzelnen Aspekte aufzulösen und führt zu unwillkürlichen Handlungen. Verstand und Vernunft erkennen am Leitfaden der Kausalität, sequentiell bzw. diskursiv (analytisch?) und führen zu willentlichen Handlungen.
Zur Frage "Was bewirkt die Kunst?":
Hingabe an das Motiv.
Der Künstler rezipiert die Idee und bringt sie zur Anschauung.
Schopenhauer fasst auf was Kunst bewirken kann, aber beurteilt subjektiv.
Die Grundidee hat er jedoch gut aufgefasst.
Als Interpretation ist Schopenhauers Ansicht nachvollziehbar, nicht aber als Ästhetik.
Kunst nimmt bei Schopenhauer ähnlich wie bei Kant eine Mittelstellung zwischen Vernunft und Ethik ein.
Bei Schopenhauer hat die Kunst jedoch eine andere Aufgabe.
Hinsichtlich der Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Erlösung wurde der Schluss des § 48 (S.251) beginnend mit "Jedoch hat man von den Bildern, deren Gegenstand das Geschichtliche oder Mythologische des Judentums und des Christentums ist ... " gelesen und eingehend diskutiert. Die zentralen Punkte der Diskussion waren zunächst die Begriffe Motiv und Quietiv. Das Motiv, eine Anschauung als Ursache von Handlungen bewegt den Willen, hält ihn in Atem. Ein Quietiv, als etwas ebenso Anschauliches wie ein Motiv, beruhigt den Willen, lässt ihn in der Anschauung verweilen, provoziert kein unmittelbares Handelnwollen, wobei der Betrachtende im Grunde das Interesse am unmittelbar Anschaulichen verliert und durch es vielmehr auf Weiteres (bei Schopenhauer eben: die Idee (und damit in letzter Konsequenz: auf sich selbst) verwiesen wird.
Hier sei darauf verwiesen, dass es nach Schopenhauer durchaus nicht unbedingt "großer Kunst" bedarf um ein Motiv zum Quietiv werden zu lassen. Motiv und Quietiv sind ihm m.E. lediglich zwei Seiten einer Medaille.
So schreibt er in § 41:
"Da nun einerseits jedes vorhandene Ding rein objektiv und außer aller Relation betrachtet werden kann; da ferner auch andererseits in jedem Dinge der Wille, auf irgendeiner Stufe der Objektität erscheint und dasselbe sonach Ausdruck einer Idee ist, so ist auch jedes Ding schön."(S.227)
"Schöner aber ist Eines als das Andere dadurch, daß es jene rein objektive Betrachtung erleichtert, ihr entgegenkommt, ja gleichsam dazu zwingt, wo wir es dann sehr schön nennen." (ebenda)
Das besondere "Verdienst" der Kunst (aber auch besonderer Zustände oder Gegebenheiten der Natur) liegt demnach vor allem darin, dass sie den Zugang zu den Ideen erleichtert. Die Kunst, bzw. die erwähnten besonderen Naturzustände sind in dieser Hinsichthilfreich, keineswegs aber notwendig.
Das Kunstwerk zeichnet sich gegenüber anderen Gegenständen möglicher ästhetischer Betrachtung dadurch aus, dass es für und durch sich selbst spricht, ohne dass die bestimmten Umstände der Darstellung bekannt sein müssten, und es dadurch dem Betrachter (oder besser: der ästhetischen Betrachtung?) in gewisser Weise engegenkommt.
Hieraus folgt freilich ebenso, dass auch das Kunstwerk ganz und gar "unästhetisch" betrachtet werden kann (z.B. nach technischen bzw. formalen Gesichtspunkten. Das eigentliche ästhetische Moment der Betrachtung liegt also beim Betrachter.
Das erlösende Moment der Kunst liegt in der Erkenntnis des Wesens der Welt. Dieses Wesen "erscheint" nicht im Objekt der Kunst sondern durch es.
Diese besondere Erkenntnis erfolgt nicht nach dem Satz vom Grunde, also durch Verstand und Vernunft sondern durch intuitives Erfassen, Es handelt sich hierbei nicht um ein reflexives Gegenübertreten von Betrachter und Werk, sondern eher um so etwas wie ein Zusammentreten zweier Weltpole.
Das Problem: Wo immer man Intuition zu beschreiben versucht, muss man sie in Abstraktion übersetzen und verliert dabei ihren eigentlichen Gehalt.
Da das Wesen der Welt im Betrachter ebenso vorhanden ist, wie in allen Vorstellungen, könnte man auch sagen, es wird (hervor?)"gehoben". Die (durchaus vorhandenen) Bestimmungen einzelner Elemente der Darstellung treten hinter die im Gesamtbild liegende Einheit (der Aussage) zurück. Ganz platt gesagt: Das Allgemeinste wird durch das Besondere zum Ausdruck gebracht. Ebenso wie das Objekt der ästhetischen Betrachtung - von seinen spezifischen Bestimmungen gelöst - geschaut wird, ist auch der Betrachter im Moment der ästhetischen Anschauung von seinen "normalen" Bestimmungen weitgehend entrückt und nur auf das geschaute Allgemeinste (die Idee) bezogen. Das geschaute Allgemeine wird ihm selbst "wesentlich", er re-signiert.
Ob der Begriff "Resignation" bei Schopenhauer ausschließlich im Sinne von Aufgabe, wie er im Seminar zunächst gedeutet wurde, zu fassen ist, darüber liesse sich sicher noch diskutieren.
re-signo entsiegeln, öffnen übertragen:
a) offenbaren, enthüllen; b) aufheben, vernichten, ungültig machen; c) zurückzahlen, -geben
Nach: Menge Güthling "Lateinisch-deutsches und deutsch-lateinisches Hand- und Schulwörterbuch" Teil I Lateinisch-deutsch. Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung. Berlin-Schöneberg 1932.
Intensität des Willens - auf höherer Entwicklungsstufe ausgeprägter
Rückblick: § 42:
"Die Erkenntnis des Schönen setzt zwar immer rein erkennendes Subjekt und erkannte Idee zugleich und unzertrennlich. Dennoch aber wird die Quelle des ästhetischen Genusses bald mehr in der Auffassung der erkannten Idee liegen, bald mehr in der Seligkeit und Geistesruhe des von allem Wollen und dadurch von aller Individualität und der aus ihr hervorbrechenden Pein befreiten reinen Erkennens,"
Anmerkung: es gibt keine denkbare Größe, die in irgendeinem bestimmten Verhältnis zum Unendlichen stehen koennte, Jenseits jeder Größe liegt immer die "ganze"(?) Unendlichkeit, kein ebenso bestimmbarer "unendlicher Rest". (Mir fehlen die Worte.)
Wo ist das Quietiv einzuordnen - Subjekt/Objekt?
Widersprüchlich, Unterscheidung müsste hier aufgegeben werden.
Je höher der Grad der Vereinzelung (Differenzierung), desto größer das abstrakte Erkenntnisvermögen, aber desto dichter auch der "Schleier der Maya".
Um überhaupt zu erkennen bedarf es zunächst eines extrem hohen Grades der Differenzierung. Je mehr nun von dieser Vereinzelung "abgesehen" wird, desto mehr nähert das sich-selbst-erkennen-wollende sich selbst wieder an. Fällt intuitiv erkennend auf sich selbst zurück..????
Jedenfalls sollte man im Auge behalten, dass ebensowenig wie die Welt als Vorstellung die Welt in toto ist, auch der Mensch, nicht der ganze Mensch ist. Wenn Verstand das Korrelat von Kausalität und damit der Welt als Vorstellung ist, liesse sich dann nicht folgern, dass auch die Welt sofern sie Wille ist, ein erkennendes Korrelat habe (dessen "Medium" dann die Idee wäre)?
Jenseits: Nichts, Lösung aus ewigem Kreislauf. Du bist Ich.
Es wurde darauf hingewiesen, dass nicht vergessen werden dürfe, dass Schopenhauers Betrachtungen offensichtlich von der Prämisse ausgehen, dass Ruhe, Stillstand besser sei, als ständiges Getriebensein sei.
Traditionelles Konzept des "göttlichen Geistes?
Zu der Annahme der Wille sei der "Grund allen Seins.":
Diese Annahme ist in sofern problematisch als dass es nach Schopenhauer zwischen Wille und Vorstellung keine Kausalverknuepfung gibt. Der Wille ist ebensowenig "Grund", wie die Vorstellung als solche "Grund" wäre. "Gründe" sind nur in der Vorstellung
§ 39 Seite 222 f.
"Das Gefühl des Erhabenen entsteht hier durch das Innewerden des verschwindenden Nichts unseres eigenen Leibes vor einer Größe, die andererseits selbst wieder nur in unserer Vorstellung liegt und deren Träger wir als anerkennendes Subjekt sind, also hier wie überall durch den Kontrast der Unbedeutsamkeit und Abhängigkeit unseres Selbst als Individuums, als Willenserscheinung, gegen das Bewußtsein unserer als reinen Subjekts des Erkennens." (S.223)
Wer oder Was ist das ewige Subjekt?
Die Frage konnte im Seminar nicht mehr erschöpfend erörtert werden, deshalb füge ich einige Ueberlegeungen, die ich hierzu in einem anderen Seminar entwickelte hier an.
1 Buch § 2: "Träger der Welt" (sofern sie Vorstellung ist.)
"[...]liegt auch nicht in [...] Raum und Zeit, denn diese [...] setzen schon das Subjekt voraus" (PhV I. S.129)
"Vielheit aber ist nur [...] mittelst Zeit und Raum: also kommt dem Subjekt der Erkenntnis weder Vielheit noch [...] Einheit zu." (PhV I. [Spierling 1986] S.130)
Das "Auseinanderfallen" von Subjekt und Objekt ist bei Schopenhauer ein Auseinandertreten in der Einheit, wobei DAS "Subjekt" sich ungeteilt(!) in der mannigfaltiger Objektivierung aufhebt.
Verkürzt gesagt: es gibt (im Plural) Objekte, aber nicht Subjekte . Alles was erkannt (vorgestellt) werden kann, muss notwendig Objekt (unterscheidbar) sein. D.h.: DAS Subjekt ist, wenngleich es Teil hat an Individualität, nicht Individuum.
"es giebt daher nicht eine Vielheit von Subjekten, obgleich es viele Individuuen gibt" (PhV I. S. 130)
Das Subjekt ist also so etwas, wie die objektiv geteilt(erscheinend)e Einheit des Erkennen(können)s. DAS Subjekt bleibt mit (und in) ALLEN Objekten vereint und ist zugleich mit sich un-eins weil es ihm nicht möglich ist die "objektiv" geschiedene Erkenntnis "subjektiv" zu vereinigen.
"Das Subjekt erkennt sich nur als ein Wollendes, nicht als ein Erkennendes. Denn das vorstellende Ich, das Subjekt des Erkennens kann nie selbst wieder erkannt, selbst wieder sein Objekt werden; weil es das nothwendige Korrelat und daher die Bedingung alles Erkennens ist. Daher ist das Erkennen des Erkennens unmöglich." (PhV I. S.464)
Es besteht kein Kausalverhältnis zwischen Subjekt und Objekt!
Man hüte sich aber vor dem großen Mißverständniß, daß, weil die Anschauung durch die Erkenntniß der Kausalität vermittelt ist, deswegen zwischen Objekt und Subjekt das Verhältniß von Ursache und Wirkung bestehe; da vielmehr dasselbe immer nur zwischen unmittelbarem und vermitteltem Objekt, also immer nur zwischen Objekten Statt findet.( 1.Buch(§ 5)
Die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde
Allgemeine Form des Satzes vom Grunde ist: ""Nihil est sine ratione cur potius sit, quam non sit."
zu deutsch: "Nichts ist ohne Grund, dass es sey."
Dieser Satz zerfällt nach Schopenhauer in vier Klassen von Vorstellungen a priori. Desweiteren unterscheidet Schopenhauer intuitive und abstrakte Vorstellungen. Zu letzteren gehören nur die Vorstellungen der zweiten Klasse, die Begriffe.
1. Klasse: - Grund des Werdens die anschaulichen, vollständigen empirischen Vorstellungen: das Erkennen von Kausalität durch den Verstand.
2. Klasse: - Grund des Erkennens: die abstrakten Vorstellungen: Begriffe gebildet durch die Vernunft - "alleiniges Eigentum" des Menschen".
3. Klasse: - Grund des Seins: "der formale Theil der vollständigen anschaulichen Vorstellungen, Raum und Zeit" als Formen der äußeren und inneren Sinne. ("reine Sinnlichkeit",) Verhältnisse: Zeit : Sukzession, Arithmetik, Raum : Nebeneinander, Geometrie)
4. Klasse: - Grund des Handelns: ein individuell bestimmtes(einziges, nur in der Zeit - also durch den "inneren Sinn" - erkanntes!) Objekt: das "Subjekt des Wollens" (Selbstbewußtsein), Motive.
"So sehn wir, dass Thiere und Menschen durch Vorstellungen bewegt werden, nicht durch jene Art von eigentlichen Ursachen welche die bewußtlosen Dinge in Bewegung setzen."(PhV I. S.469)
© 2004 by K.D.
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References: § 50
 § 49
 § 48
 § 41
 § 42

§ 39
 § 2