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Timestamp: 2020-01-18 14:52:04+00:00

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Hin­zu­rech­nung von Zin­sen und Mie­ten bei der Gewer­be­steu­er | Rechtslupe
Hin­zu­rech­nung von Zin­sen und Mie­ten bei der Gewer­be­steu­er
Das beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt anhän­gi­ge Ver­fah­ren zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Über­prü­fung der ab dem Jahr 2008 teil­wei­se erheb­lich geän­der­ten gewer­be­steu­er­li­chen Hin­zu­rech­nung von Zin­sen und Mie­ten 1 recht­fer­tigt nur dann eine Aus­set­zung der Voll­zie­hung eines Gewer­be­steu­er­mess­be­schei­des, wenn dem Steu­er­pflich­ti­gen irrepa­ra­ble Nach­tei­le dro­hen.
Mit die­ser Begrün­dung ver­sag­te jetzt das Finanz­ge­richt Köln in zwei bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren die Aus­set­zung der Voll­zie­hung ent­spre­chen­der Gewer­be­steu­er­mess­be­schei­de.
Die bei­den Antrag­stel­le­rin­nen begehr­ten unter Beru­fung auf den Vor­la­ge­be­schluss des Finanz­ge­richts Ham­burg 2 die Aus­set­zung der Voll­zie­hung von Gewer­be­steu­er­mess­be­schei­den für die Jah­re 2009 bzw. 2010. Sie mach­ten gel­tend, dass die Neu­re­ge­lung der Hin­zu­rech­nungs­vor­schrif­ten durch das Unter­neh­men­steu­er­re­form­ge­setz 2008 in § 8 Nr. 1 GewStG das Prin­zip der Besteue­rung nach der wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit ver­let­ze. Das gel­te ins­be­son­de­re bei den von ihnen betrie­be­nen Unter­neh­mens­mo­del­len, wonach die benö­tig­ten Wirt­schafts­gü­ter und Immo­bi­li­en zum Betrieb von Hotels bzw. Alten­hei­men aus­schließ­lich von Drit­ten ange­pach­tet wür­den. Trotz tat­säch­lich erziel­ter Ver­lus­te habe die gewer­be­steu­er­li­che Hin­zu­rech­nung eine erheb­li­che Steu­er­be­las­tung zur Fol­ge und gefähr­de damit ihre wirt­schaft­li­che Exis­tenz.
Das Finanz­ge­richt Köln lehn­te jedoch wie zuvor das Finanz­amt eine Aus­set­zung der Voll­zie­hung ab: Zwar bestün­den Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Neu­re­ge­lun­gen, so das Finanz­ge­richt. Da die Gewäh­rung der bean­trag­ten Aus­set­zung der Voll­zie­hung aber einem einst­wei­li­gen Außer­kraft­set­zen der Neu­fas­sung des Gewer­be­steu­er­ge­set­zes gleich käme, kom­me eine Aus­set­zung nur dann in Betracht, wenn das Inter­es­se der Antrag­stel­le­rin­nen an der begehr­ten Aus­set­zung dem öffent­li­chen Inter­es­se an der Voll­zie­hung der ange­foch­te­nen Gewer­be­steu­er­be­schei­de über­wie­ge. Die Antrag­stel­le­rin­nen hät­ten hier­für glaub­haft machen müs­sen, dass ihnen durch die Voll­zie­hung der Gewer­be­steu­er­be­schei­de irrepa­ra­ble Nach­tei­le droh­ten, die ein Abwar­ten bis zur Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che unzu­mut­bar mach­ten. Der­ar­ti­ge Nach­tei­le konn­te der Senat nicht fest­stel­len, so dass die Inter­es­sen­ab­wä­gung zu Las­ten der Steu­er­pflich­ti­gen aus­fiel.
Ernst­li­che Zwei­fel im Sin­ne von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO lie­gen u.a. dann vor, wenn bei sum­ma­ri­scher Prü­fung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts neben für sei­ne Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Umstän­den gewich­ti­ge Grün­de zuta­ge tre­ten, die Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung von Rechts­fra­gen bewir­ken 3. Die Aus­set­zung der Voll­zie­hung setzt nicht vor­aus, dass die gegen die Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Grün­de über­wie­gen. Ist die Rechts­la­ge nicht ein­deu­tig, so ist im sum­ma­ri­schen Ver­fah­ren nicht abschlie­ßend zu ent­schei­den, son­dern im Regel­fall die Voll­zie­hung aus­zu­set­zen 4.
Dies gilt auch dann, wenn die Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des Ver­wal­tungs­ak­tes mit ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken gegen eine dem Bescheid zugrun­de lie­gen­de Norm begrün­det wer­den. An die Zwei­fel hin­sicht­lich der Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts sind, wenn die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von Nor­men gel­tend gemacht wird, kei­ne stren­ge­ren Anfor­de­run­gen zu stel­len als im Fall der Gel­tend­ma­chung feh­ler­haf­ter Rechts­an­wen­dung 5. Es genü­gen auch in die­sem Fall gewich­ti­ge, gegen die Recht­mä­ßig­keit des Ver­wal­tungs­akts spre­chen­de Grün­de; die Beur­tei­lung des Aus­set­zungs­an­trags erfolgt nicht anhand der – stren­ge­ren – Maß­stä­be, wie sie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für die einst­wei­li­ge Anord­nung gemäß § 32 BVerfGG ent­wi­ckelt hat 6.
Nach die­sen Maß­stä­ben hat das Finanz­ge­richt Köln hin­rei­chend ernst­li­che Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Neu­re­ge­lun­gen der Hinzurechnungs­vorschriften in § 8 Nr. 1 Buchst. a), d) und e) GewStG durch das Unter­neh­men­steu­er­re­form­ge­setz 2008.
Die­se Zwei­fel haben ihren Grund in dem Vor­la­ge­be­schluss des Finanz­ge­richt Ham­burg vom 29. Febru­ar 2012 7, mit wel­chem das Finanz­ge­richt Ham­burg die Neu­re­ge­lun­gen des § 8 Nr. 1 Buchst. a), d) und e) GewStG gemäß Art. 100 Abs. 1 GG dem BVerfG zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fung vor­ge­legt hat.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs sind ernst­li­che Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer Rechts­norm bereits aus dem Grund zu beja­hen, dass der BFH die Rechts­norm im Rah­men eines kon­kre­ten Nor­men­kon­troll­ver­fah­rens dem BVerfG vor­ge­legt hat 8. Dies gilt nach Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts Köln im Regel­fall auch dann, wenn der Vor­la­ge­be­schluss nicht durch den Bun­des­fi­nanz­hof, son­dern durch ein Finanz­ge­richt erfolgt 9. Sofern kei­ne Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass ein Vor­la­ge­be­schluss durch das Finanz­ge­richt unzu­läs­sig oder offen­kun­dig unbe­grün­det ist, führt die­ser zu ernst­li­chen Zwei­feln an der Recht­mä­ßig­keit eines Steu­er­be­scheids, der auf den betref­fen­den Rechts­nor­men beruht. Aus­weis­lich des o.g. Vor­la­ge­be­schlus­ses hat das Finanz­ge­richt Ham­burg die Über­zeu­gung von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der betref­fen­den gewer­be­steu­er­recht­li­chen Neu­re­ge­lun­gen gewon­nen und sei­ne dahin­ge­hen­de Rechts­auf­fas­sung aus­führ­lich begrün­det. Auf den ver­öf­fent­lich­ten und den Betei­lig­ten bekann­ten Vor­la­ge­be­schluss 10 wird wegen der Ein­zel­hei­ten ver­wie­sen.
Das Finanz­ge­richt Köln kann und muss im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht ent­schei­den, ob er die ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken des Finanz­ge­richts Ham­burg in vol­lem Umfang teilt; ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund, dass die gewer­be­steu­er­li­chen Hin­zu­rech­nungs­vor­schrif­ten zumin­dest teil­wei­se bereits Gegen­stand ver­fas­sungs­recht­li­cher Ver­fah­ren gewe­sen und vom BVerfG als ver­fas­sungs­ge­mäß ange­se­hen wor­den sind 11 und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Vor­la­gen nach Art. 100 Abs. 1 GG im Hin­blick auf einen mög­li­chen Ver­stoß gewer­be­steu­er­recht­li­cher Vor­schrif­ten gegen das Leis­tungs­fä­hig­keits­prin­zip als unzu­läs­sig ver­wor­fen hat 12, lässt das Finanz­ge­richt Köln viel­mehr aus­drück­lich offen, ob auch aus sei­ner Sicht der­zeit die Vor­aus­set­zun­gen für eine kon­kre­te Nor­men­kon­trol­le gemäß Art. 100 Abs. 1 GG im Kla­ge­ver­fah­ren vor­lie­gen. Ernst­li­che Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Neu­re­ge­lung des § 8 Nr. 1 Buchst. a), d) und e) GewStG, wel­che die Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Gewer­be­steu­er­mess­be­scheids 2009 als ernst­lich zwei­fel­haft erschei­nen las­sen und eine Aus­set­zung der Voll­zie­hung grund­sätz­lich recht­fer­ti­gen kön­nen, sind zur Über­zeu­gung des Finanz­ge­richts aber allein bereits auf­grund des o.g. Vor­la­ge­be­schlus­ses des Finanz­ge­richts Ham­burg zu beja­hen.
Dies ent­spricht im Ergeb­nis auch der Sicht­wei­se des Antrags­geg­ners. Auch die­ser ist bei sei­ner ableh­nen­den Ent­schei­dung von Zwei­feln an der Recht­mä­ßig­keit des Gewer­be­steu­er­mess­be­scheids 2009 aus­ge­gan­gen und hat den Antrag auf Aus­set­zung der Voll­zie­hung ledig­lich im Hin­blick auf das öffent­li­che Inter­es­se an der geord­ne­ten Haus­halts­füh­rung abge­lehnt.
Die Finanz­ver­wal­tung weist im Übri­gen hin­sicht­lich der hier streit­be­fan­ge­nen Pro­ble­ma­tik selbst auf das gesetz­li­che Ruhen gemäß § 363 Abs. 2 Satz 2 AO oder die Mög­lich­kei­ten des ein­ver­nehm­li­chen Ruhens wegen eines wich­ti­gen Grun­des hin 13.
Ob auch ver­fas­sungs­recht­li­che Zwei­fel an der Rege­lung über die Hin­zu­rech­nung von 1/​16 der Ent­gel­te für die zeit­lich befris­te­te Über­las­sung von Rech­ten gemäß § 8 Nr. 1 Buchst. f)) GewStG bestehen, die nicht Gegen­stand des o.g. Vor­la­ge­be­schlus­ses des Finanz­ge­richts Ham­burgs ist, lässt das Finanz­ge­richt offen. Zum einen hat die Antrag­stel­le­rin gegen die­se kon­kre­te Hin­zu­rech­nungs­vor­schrift kei­ne sub­stan­ti­ier­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Ein­wen­dun­gen erho­ben. Zum ande­ren ist hin­sicht­lich die­ser Hin­zu­rech­nun­gen bereits auf­grund ihrer betrags­mä­ßi­gen Höhe das erfor­der­li­che beson­de­re berech­tig­te Inter­es­se an der Aus­set­zung nicht erkenn­bar.
Bestehen ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit eines Ver­wal­tungs­ak­tes, dann ist der Ver­wal­tungs­akt, von Aus­nah­men in Son­der­fäl­len abge­se­hen, trotz der gesetz­li­chen For­mu­lie­run­gen "kann … aus­set­zen" in § 69 Abs. 3 Satz 1 FGO und „soll die Aus­set­zung erfol­gen“ in § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO von der Voll­zie­hung aus­zu­set­zen 14. Das in § 69 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. Abs. 2 Satz 2 FGO ange­leg­te Ermes­sen des Finanz­ge­richts bei der Ent­schei­dung über die Aus­set­zung der Voll­zie­hung ist dem Sin­ne vor­ge­prägt bzw. gebun­den, dass das Gericht bei Vor­lie­gen der genann­ten Vor­aus­set­zun­gen im Regel­fall zur Aus­set­zung ver­pflich­tet und nur aus­nahms­wei­se ein Abwei­chen von die­ser Regel zuge­las­sen ist 15.
Ein sol­cher Aus­nah­me­fall wird von der Recht­spre­chung seit jeher ins­be­son­de­re in den Fäl­len ange­nom­men, in denen die ernst­li­chen Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akt auf ernst­li­chen Zwei­feln an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der ange­wand­ten Rechts­nor­men beru­hen 16. Ist dies der Fall, setzt die Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes wegen des Gel­tungs­an­spruchs jedes for­mell ver­fas­sungs­ge­mäß zustan­de gekom­me­nen Geset­zes zusätz­lich ein (beson­de­res) berech­tig­tes Inter­es­se des Antrag­stel­lers vor­aus 17.
Bei der Prü­fung, ob ein sol­ches berech­tig­tes Inter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen besteht, ist die­ses mit den gegen die Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes spre­chen­den öffent­li­chen Belan­gen abzu­wä­gen. Dabei kommt es maß­geb­lich einer­seits auf die Bedeu­tung und die Schwe­re des durch die Voll­zie­hung des ange­foch­te­nen Steu­er­be­scheids ein­tre­ten­den Ein­griffs beim Steu­er­pflich­ti­gen und ande­rer­seits auf die Aus­wir­kun­gen einer Aus­set­zung bzw. Auf­he­bung der Voll­zie­hung hin­sicht­lich des Geset­zes­voll­zugs und des öffent­li­chen Inter­es­ses an einer geord­ne­ten Haus­halts­füh­rung an 18. Dem bis zu einer gegen­tei­li­gen Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bestehen­den Gel­tungs­an­spruch jedes for­mell ver­fas­sungs­mä­ßig zustan­de gekom­me­nen Geset­zes ist dann der Vor­rang ein­zu­räu­men, wenn die Aus­set­zung bzw. Auf­he­bung der Voll­zie­hung eines Steu­er­be­scheids im Ergeb­nis zur vor­läu­fi­gen Nicht­an­wen­dung eines gan­zen Geset­zes füh­ren wür­de, die Bedeu­tung und die Schwe­re des durch die Voll­zie­hung des ange­foch­te­nen Bescheids im Ein­zel­fall ein­tre­ten­den Ein­griffs beim Steu­er­pflich­ti­gen als eher gering ein­zu­stu­fen sind und der Ein­griff kei­ne dau­er­haf­ten nach­tei­li­gen Wir­kun­gen hat 19.
Der Bun­des­fi­nanz­hof hat in Fäl­len, in denen die ernst­li­chen Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des Ver­wal­tungs­akts auf Beden­ken gegen die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer dem Ver­wal­tungs­akt zugrun­de lie­gen­den Geset­zes­vor­schrift beru­hen, in ver­schie­de­nen Fall­grup­pen dem Aus­set­zungs­in­ter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen den Vor­rang vor den öffent­li­chen Inter­es­sen ein­ge­räumt, und zwar wenn dem Steu­er­pflich­ti­gen durch den sofor­ti­gen Voll­zug irrepa­ra­ble Nach­tei­le ent­ste­hen, wenn das zu ver­steu­ern­de Ein­kom­men abzüg­lich der dar­auf zu ent­rich­ten­den Ein­kom­men­steu­er unter dem sozi­al­hil­fe­recht­lich garan­tier­ten Exis­tenz­mi­ni­mum liegt, wenn das BVerfG eine ähn­li­che Vor­schrift für nich­tig erklärt hat­te, wenn der BFH die vom Klä­ger als ver­fas­sungs­wid­rig ange­se­he­ne Vor­schrift bereits dem BVerfG gemäß Art. 100 Abs. 1 GG zur Prü­fung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit vor­ge­legt hat­te, wenn ernst­li­che Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Beschrän­kung des bis­her zuläs­si­gen Abzugs von lau­fen­den erwerbs­be­ding­ten Auf­wen­dun­gen als Wer­bungs­kos­ten bestehen oder wenn es um das aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den schutz­wür­di­ge Ver­trau­en auf die Bei­be­hal­tung der bis­he­ri­gen Rechts­la­ge oder um aus­ge­lau­fe­nes Recht geht 20.
Die­se ein­schrän­ken­de Recht­spre­chung des BFH hat das BVerfG im Grund­satz gebil­ligt 21. Das Erfor­der­nis eines beson­de­ren Aus­set­zungs­in­ter­es­ses, wel­ches gegen das öffent­li­che Inter­es­se an der Voll­zie­hung des Ver­wal­tungs­akts abzu­wä­gen ist, ist kein zusätz­li­ches, unbe­stimm­tes Tat­be­stands­merk­mal, son­dern eine zuläs­si­ge Inter­pre­ta­ti­on des § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO als Soll-Vor­schrift 22 und ver­stößt nicht grund­sätz­lich gegen den aus Art.19 Abs. 4 GG fol­gen­den Anspruch auf einen umfas­sen­den und effek­ti­ven gericht­li­chen Schutz, zumin­dest solan­ge der sofor­ti­ge Voll­zug des Ver­wal­tungs­akts die Aus­nah­me bleibt; in Aus­nah­me­fäl­len kön­nen über­wie­gen­de öffent­li­che Belan­ge es recht­fer­ti­gen, den Rechts­schutz­an­spruch des Grund­rechts­trä­gers einst­wei­len zurück­zu­stel­len 23.
An der ein­schrän­ken­den Aus­le­gung des § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO, einen Ver­wal­tungs­akt wegen ernst­li­cher Zwei­fel an der dem Ver­wal­tungs­akt zugrun­de lie­gen­den Rechts­nor­men nur nach Abwä­gung des indi­vi­du­el­len Aus­set­zungs­in­ter­es­ses gegen das öffent­li­che Inter­es­se an der Voll­zie­hung des Ver­wal­tungs­ak­tes von der Voll­zie­hung aus­zu­set­zen, ist nach Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts Köln trotz der Ein­wen­dun­gen der Antrag­stel­le­rin und der in der Lite­ra­tur geäu­ßer­ten Kri­tik 24 fest­zu­hal­ten. Die Aus­set­zung der Voll­zie­hung kann aus Grün­den über­wie­gen­der öffent­li­chen Inter­es­sen an der Voll­zie­hung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes abge­lehnt wer­den.
Zwar ist die Recht­spre­chung des BFH zu die­ser Fra­ge unein­heit­lich. Ver­schie­de­ne Sena­te las­sen die Fra­ge, ob sie der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung fol­gen wol­len, dahin­ge­stellt, sofern bei der gleich­wohl vor­ge­nom­me­nen Abwä­gung das indi­vi­du­el­le Aus­set­zungs­in­ter­es­se über­wiegt 25. Dabei wird – zutref­fend – dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit das öffent­li­che Haus­halts­in­ter­es­se weni­ger stark als in der Ver­gan­gen­heit gewich­tet wur­de und dass der schlich­te Hin­weis auf die finan­zi­el­le Belas­tung der öffent­li­chen Haus­hal­te nicht aus­rei­che, um das Aus­set­zungs­in­ter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen zu über­wie­gen 26. Nicht erheb­li­che, rein fis­ka­lisch begrün­de­te Inter­es­sen, sei­en kei­ne schwer­wie­gen­den öffent­li­chen Inter­es­sen an einer Voll­zie­hung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts 27. Der VI. Senat sieht bereits in der bis­he­ri­gen Spruch­pra­xis des BVerfG, nicht die Nich­tig­keit steu­er­li­cher Vor­schrif­ten fest­zu­stel­len, son­dern die Vor­schrif­ten ledig­lich als grund­ge­setz­wid­rig anzu­se­hen und dem Gesetz­ge­ber mit geräu­mi­ger Frist eine Ände­rung für die Zukunft auf­zu­ge­ben, eine Ver­stär­kung des indi­vi­du­el­len Aus­set­zungs­in­ter­es­ses 28, die bei der Abwä­gung zum öffent­li­chen Inter­es­se an der Voll­zie­hung des Ver­wal­tungs­akts zu berück­sich­ti­gen sei.
Aller­dings ist nicht fest­zu­stel­len, dass der Bun­des­fi­nanz­hof ins­ge­samt von dem Erfor­der­nis einer Inter­ess­ab­wä­gung abge­rückt wäre. Sowohl der II. Senat 29 als auch der VII. Senat 30 hal­ten auch in ihrer aktu­el­len Recht­spre­chung an die­ser Abwä­gung fest und haben die Aus­set­zung der Voll­zie­hung aus Grün­den eines über­wie­gen­den öffent­li­chen Inter­es­ses abge­lehnt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in sei­nem Beschluss vom 24.10.2011 31 die Spruch­pra­xis des II. Senats des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht ver­wor­fen, son­dern unter Bestä­ti­gung der Ent­schei­dung ledig­lich im Ergeb­nis offen gelas­sen, ob die­se Recht­spre­chung in jeder Hin­sicht mit Art.19 Abs. 4 GG ver­ein­bar ist. Das Finanz­ge­richt Köln schließt sich die­ser Sicht­wei­se an. Es ist nicht erkenn­bar, dass die in der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung ent­wi­ckel­te Begrün­dung für das Erfor­der­nis einer Inter­es­sen­ab­wä­gung in Fall­ge­stal­tun­gen wie der vor­lie­gen­den, die ihren Kern im Grund­satz der Gewal­ten­tei­lung und der hier­aus fol­gen­den Ver­wer­fungs­kom­pe­tenz des BVerfG gemäß § 32 Abs. 1 BVerfGG hat 32, heu­te kei­ne Gel­tung mehr bean­spru­chen könn­te. Der Vor­wurf, dies führ­te zu „rechts­staat­lich uner­träg­li­chen Ergeb­nis­sen“ 33, ist nicht belegt.
Die Abwä­gung zwi­schen dem Inter­es­se der Antrag­stel­le­rin an der Aus­set­zung der Voll­zie­hung des Gewer­be­steu­er­mess­be­scheids 2009 und dem öffent­li­chen Inter­es­se an der Voll­zie­hung fällt im Streit­fall zu Las­ten der Antrag­stel­le­rin aus.
In der prak­ti­schen Aus­wir­kung käme die Gewäh­rung der bean­trag­ten Aus­set­zung der Voll­zie­hung – mit Rück­sicht auf die erfor­der­li­che Gleich­be­hand­lung aller Steu­er­pflich­ti­gen 34 – einem einst­wei­li­gen Außer­kraft­set­zen eines wesent­li­chen Teils der Neu­fas­sung des Gewer­be­steu­er­ge­set­zes gleich. Auf­grund der damit ver­bun­de­nen erheb­li­chen Aus­wir­kun­gen der Aus­set­zung der Voll­zie­hung im Streit­fall auf die öffent­li­chen, ins­be­son­de­re kom­mu­na­len Haus­hal­te, wäre es an der Antrag­stel­le­rin gewe­sen, ihr dem­ge­gen­über beson­de­res Inter­es­se an der Aus­set­zung der Voll­zie­hung dar­zu­le­gen und glaub­haft zu machen.
Die von der Antrag­stel­le­rin umfas­send für ver­fas­sungs­wid­rig gehal­te­ne Neu­re­ge­lung der Hin­zu­rech­nungs­vor­schrif­ten in § 8 GewStG hat betrags­mä­ßig eine erheb­li­che Bedeu­tung für die öffent­li­chen, ins­be­son­de­re kom­mu­na­len Haus­hal­te. Nach der Schät­zung des Gesetz­ge­bers hin­sicht­lich der finan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen des Unter­neh­men­steu­er­re­form­ge­set­zes 2008 beträgt die vol­le Jah­res­wir­kung des Weg­falls der hälf­ti­gen Hin­zu­rech­nung von Dau­er­schuld­zin­sen ein­schließ­lich der hin­zu­zu­rech­nen­den Mie­ten und Pach­ten nach § 8 GewStG a.F. ins­ge­samt 995 Mio. €, bei den Gemein­den 1.062 Mio. €. Für das Streit­jahr 2009 pro­gnos­ti­zier­te der Gesetz­ge­ber Min­der­ein­nah­men von ins­ge­samt 740 Mio. €, bei den Gemein­den von 794 Mio. €. Die Ein­nah­men aus der Neu­re­ge­lung des § 8 GewStG haben unter Berück­sich­ti­gung eines Frei­be­trags von 100.000 € nach die­ser Schät­zung eine vol­le Jah­res­wir­kung von ins­ge­samt 965 Mio. €, bei den Gemein­den von 969 Mio. €. Für das Streit­jahr 2009 soll­ten sich die Ein­nah­men aus der Neu­re­ge­lung ins­ge­samt auf 725 Mio. € belau­fen, bei den Gemein­den auf 727 Mio. € 35. Unter Berück­sich­ti­gung der Tat­sa­che, dass im Jahr 2009 das Gewer­be­steu­er­auf­kom­men der Gemein­den von 41,03 Mrd. € in 2008 auf 32,42 Mrd. € (vor Abzug der Gewer­be­steu­er­um­la­ge) 36 gesun­ken ist, kann die vom Gesetz­ge­ber pro­gnos­ti­zier­te finan­zi­el­le Aus­wir­kung der Neu­re­ge­lung des § 8 GewStG nicht als unbe­deu­tend ange­se­hen wer­den. Die öffent­li­che Haus­halts­füh­rung ist durch die streit­ge­gen­ständ­li­chen Vor­schrif­ten danach nicht nur in unter­ge­ord­ne­tem Umfang betrof­fen. Wür­den die Gewer­be­steu­er­mess­be­schei­de 2009 gegen­über allen Steu­er­pflich­ti­gen, die auch auf den streit­ge­gen­ständ­li­chen Neu­re­ge­lun­gen durch das Unter­neh­men­steu­er­re­form­ge­setz 2008 beru­hen, von der Voll­zie­hung aus­ge­setzt, so wäre nach Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts Köln die ordent­li­che Haus­halts­füh­rung der Kom­mu­nen zumin­dest ernst­haft gefähr­det.
Unter die­sen Umstän­den hät­te die Antrag­stel­le­rin dar­le­gen und glaub­haft machen müs­sen, dass ihr auf­grund der Voll­zie­hung des Gewer­be­steu­er­mess­be­scheids 2009 irrepa­ra­ble Nach­tei­le dro­hen, was ein Abwar­ten bis zur Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che unzu­mut­bar machen wür­de. Der­ar­ti­ge irrepa­ra­ble Nach­tei­le lie­gen aus Sicht des Finanz­ge­richts Köln nicht vor.
Die Antrag­stel­le­rin hat ihr beson­de­res Inter­es­se an der Aus­set­zung der Voll­zie­hung aus­schließ­lich damit begrün­det, dass sie in den Jah­ren 2008 und 2009 han­dels­recht­lich und kör­per­schaft­steu­er­recht­lich Ver­lus­te erwirt­schaf­tet hat, es auf­grund der streit­ge­gen­ständ­li­chen Hin­zu­rech­nungs­vor­schrif­ten den­noch zu einer tat­säch­li­che Gewer­be­steu­er­be­las­tung kommt, die nur aus der Sub­stanz auf­zu­brin­gen sei und dass es sich um einen Dau­er­sach­ver­halt han­de­le, ihre Belas­tung daher jedes Jahr stei­ge. Dies reicht nicht aus, um ein gegen­über dem öffent­li­chen Inter­es­se gestei­ger­tes Aus­set­zungs­in­ter­es­se der Antrag­stel­le­rin anzu­neh­men.
Zwar stellt die Gewer­be­steu­er auch des Streit­jah­res 2009 eine erheb­li­che Belas­tung für die Antrag­stel­le­rin dar. Aus den von der Antrag­stel­le­rin vor­ge­leg­ten Unter­la­gen lässt sich aber die Gefahr irrepa­ra­bler Nach­tei­le und einer Gefähr­dung ihrer wirt­schaft­li­chen Exis­tenz nicht hin­rei­chend erken­nen. Die Antrag­stel­le­rin hat selbst dar­ge­legt, dass sie die Gewer­be­steu­er­be­las­tung des Jah­res 2009 zumin­dest bis zum Abschluss des Haupt­sa­che­ver­fah­rens wirt­schaft­lich ver­kraf­tet; schließ­lich hat sie trotz die­ser Belas­tung einen Antrag auf Aus­set­zung der Voll­zie­hung beim Antrags­geg­ner unter Hin­weis auf die hohe Zins­ge­fahr (§ 238 Abs. 1 AO) erst am 19.03.2012, mit­hin mehr als ein Jahr nach Erlass des ange­foch­te­nen Gewer­be­steu­er­mess­be­scheids, gestellt. Zudem wei­sen die Jah­res­ab­schlüs­se der Antrag­stel­le­rin auf den 31.12.2008 und 2009 einen Kas­sen­be­stand bzw. Gut­ha­ben bei Kre­dit­in­sti­tu­ten in Höhe von ca. 11,5 Mio. € (2008) bzw. in Höhe von 5,25 Mio. € (2009) aus. Die – durch den beschränk­ten Ver­lust­vor­trag gemil­der­te – Gewer­be­steu­er­be­las­tung für das Jahr 2009 in Höhe von 274.000 € (so die Gewer­be­steu­er­rück­stel­lung) kann hier­nach auch aus den liqui­den Mit­teln der Antrag­stel­le­rin getra­gen wer­den.
Zudem hät­te die Antrag­stel­le­rin die Gefähr­dung ihrer wirt­schaft­li­chen Exis­tenz durch die Vor­la­ge von aktu­el­len Geschäfts­zah­len dar­le­gen und glaub­haft machen müs­sen. Dies hat sie unter­las­sen und ledig­lich auf die Gewer­be­steu­er­be­las­tung des Jah­res 2009 ver­wie­sen. Aus dem ver­öf­fent­li­chen Jah­res­ab­schluss auf den 31.12.2010 ergibt sich aber, dass die Antrag­stel­le­rin einen – gerin­gen – han­dels­recht­li­chen Gewinn erzielt hat, obwohl sie für die­ses Jahr (man­gels wei­te­rer vor­trags­fä­hi­ger Gewer­be­ver­lus­te) eine Gewer­be­steu­er­rück­stel­lung in Höhe von nun­mehr 2,19 Mio. € gebil­det hat und For­de­run­gen gegen­über ver­bun­de­nen Unter­neh­men in Höhe von ins­ge­samt 4,24 Mio. € wert­be­rich­tigt hat. Hier­an zeigt sich, dass die Antrag­stel­le­rin in der Lage ist, auch unter der Neu­re­ge­lung des § 8 GewStG Gewin­ne zu erwirt­schaf­ten.
Schließ­lich ist die Antrag­stel­le­rin aus­weis­lich des ver­öf­fent­lich­ten Jah­res­ab­schlus­ses zum 31.12.2010 im Jahr 2011 in erheb­li­chem Umfang mit neu­em Eigen­ka­pi­tal aus­ge­stat­tet wor­den. Im Dezem­ber 2010 wur­de eine Kapi­tal­erhö­hung bis zum 30.06.2012 in Höhe von zwi­schen 100.000 € und 4,9 Mio. € beschlos­sen; die Kapi­tal­erhö­hung wur­de im Mai 2011 durch Bar­ein­la­ge in Höhe von 3 Mio. € erbracht, die aus­ste­hen­de Erhö­hung um 1,9 Mio. € soll­te im vier­ten Quar­tal 2011 rea­li­siert wer­den.
Nach die­sen zeit­na­hen Geschäfts­zah­len über die aktu­el­le wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung der Antrag­stel­le­rin sieht das Finanz­ge­richt Köln trotz der erheb­li­chen Belas­tung kei­ne dro­hen­den irrepa­ra­blen Nach­tei­le für die Antrag­stel­le­rin, die ein Abwar­ten über die Been­di­gung des Haupt­sa­che­ver­fah­rens gegen den Gewer­be­steu­er­mess­be­scheid 2009 als unzu­mut­bar erschei­nen lie­ße.
Da die bean­trag­te Aus­set­zung der Voll­zie­hung bereits aus die­sem Grund abzu­leh­nen war, braucht das Finanz­ge­richt Köln an die­ser Stel­le nicht mehr dar­über zu ent­schei­den, ob es auch der vom II. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs in stän­di­ger Recht­spre­chung ver­tre­te­nen Spruch­pra­xis folgt, wonach im Ver­fah­ren über die Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes zu beach­ten sei, dass regel­mä­ßig kei­ne wei­ter gehen­de Ent­schei­dung getrof­fen wer­den kön­ne, als vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu erwar­ten sei. Der II. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs zieht hier­aus den Schluss, dass bei der Ent­schei­dung über die Aus­set­zung der Voll­zie­hung eine Pro­gno­se dar­über anzu­stel­len sei, ob das BVerfG die betrof­fe­ne Vor­schrift für nich­tig erklärt oder aber ob eine befris­te­te Fort­gel­tungs­an­ord­nung einer als ver­fas­sungs­wid­rig erkann­ten Bestim­mung bspw. aus Gesichts­punk­ten einer geord­ne­ten Finanz- und Haus­halts­pla­nung in Betracht kommt 37. Im zwei­ten Fall wäre eine Aus­set­zung der Voll­zie­hung abzu­leh­nen.
Die­se Recht­spre­chung hat in der Lite­ra­tur erheb­li­che Kri­tik erfah­ren 38. Ande­re Sena­te des BFH las­sen offen, ob sie die­ser Argu­men­ta­ti­on fol­gen wol­len 39 oder zie­hen aus einer pro­gnos­ti­zier­ten befris­te­ten Fort­gel­tungs­an­ord­nung durch das BVerfG sogar den ent­ge­gen­ge­setz­ten Schluss: So hat der VI. Senat in die­ser Mög­lich­keit einen Grund dafür gese­hen, die Aus­set­zung der Voll­zie­hung zu gewäh­ren, um dem Anspruch auf effek­ti­ven Rechts­schutz zu genü­gen 40.
Ohne dass sich das Finanz­ge­richt Köln an die­ser Stel­le dem II. Senats des Bun­des­fi­nanz­hofs anschließt, weist es dar­auf hin, dass nach die­ser Spruch­pra­xis die bean­trag­te Aus­set­zung der Voll­zie­hung zumin­dest in Tei­len eben­falls abzu­leh­nen wäre. Das Finanz­ge­richt Ham­burg hat sich bei sei­nem Vor­la­ge­be­schluss im Wesent­li­chen auf den Grund­satz der Besteue­rung nach der Leis­tungs­fä­hig­keit unter weit­ge­hen­der Distan­zie­rung gegen­über dem Objekt­steu­er­ge­dan­ken gestützt. Es hat dabei die bereits dem GewStG 1936 zu Grun­de lie­gen­den Über­le­gun­gen zur Gleich­be­hand­lung von Unter­neh­mun­gen, die mit Eigen­ka­pi­tal arbei­ten und mit Fremd­ka­pi­tal finan­zier­ten Unter­neh­mun­gen ver­wor­fen.
Mit die­ser Argu­men­ta­ti­on wäre man auch zu der Fest­stel­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Hin­zu­rech­nungs­vor­schrif­ten des Gewer­be­steu­er­ge­set­zes i.d.F. bis zum Erhe­bungs­zeit­raum 2007 gekom­men. Die­se Hin­zu­rech­nungs­vor­schrif­ten sind aber – zumin­dest teil­wei­se – bereits Gegen­stand ver­fas­sungs­recht­li­cher Ver­fah­ren gewe­sen und vom BVerfG als ver­fas­sungs­ge­mäß ange­se­hen wor­den 41.
Mit sei­ner auf den Leis­tungs­fä­hig­keits­grund­satz gestütz­ten Begrün­dung, die auf die gene­rel­le Unzu­läs­sig­keit von Hin­zu­rech­nun­gen hin­aus­läuft, befin­det sich das Finanz­ge­richt Ham­burg im Wider­spruch zur ganz über­wie­gen­den Recht­spre­chung der Finanz­ge­rich­te, bei denen nur ver­ein­zelt von einer Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Hin­zu­rech­nungs­vor­schrif­ten aus­ge­gan­gen wor­den ist. Vor­la­gen an das BVerfG im Hin­blick auf einen Ver­stoß gegen das Leis­tungs­fä­hig­keits­prin­zip sind als unzu­läs­sig ver­wor­fen wor­den 42
Bei die­ser Aus­gangs­la­ge hält es das Finanz­ge­richt Köln für nahe­zu aus­ge­schlos­sen, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts die Hin­zu­rech­nung in Höhe eines Vier­tels der Ent­gel­te für Schul­den (bis 2007: die Hälf­te der Ent­gel­te für Dau­er­schul­den) oder die Hin­zu­rech­nung in Höhe eines Zwan­zigs­tels der Miet- und Pacht­zin­sen für die Benut­zung beweg­li­cher Wirt­schafts­gü­ter des Anla­ge­ver­mö­gens (bis 2007: die Hälf­te der ent­spre­chen­den Miet- und Pacht­zin­sen mit diver­sen Modi­fi­ka­tio­nen) für nich­tig erklä­ren könn­te.
Hin­sicht­lich der Hin­zu­rech­nung von 16,25 % der Miet- und Pacht­zin­sen für die Benut­zung unbe­weg­li­cher Wirt­schafts­gü­ter des Anla­ge­ver­mö­gens, die im Eigen­tum eines ande­ren ste­hen, kann in Anbe­tracht der regel­mä­ßig hohen Beträ­ge und der dar­aus resul­tie­ren­den weit rei­chen­den Aus­wir­kun­gen auf die ein­zel­nen Steu­er­pflich­ti­gen bis hin zu der auch im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren vor­ge­tra­ge­nen Exis­tenz­ge­fähr­dung sowie der Pro­ble­ma­tik einer feh­len­den Über­gangs­re­ge­lung eine Nich­tig­keits­er­klä­rung durch das BVerfG nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Da aber nach der oben dar­ge­stell­ten Inter­es­sen­ab­wä­gung die Aus­set­zung der Voll­zie­hung abzu­leh­nen ist, sieht das Finanz­ge­richt Köln an die­ser Stel­le von einer Pro­gno­se der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ab.
Die Aus­set­zung der Voll­zie­hung soll gemäß § 69 Abs. 3 i.V.m. Abs. 2 Satz 2 FGO auch dann erfol­gen, wenn die Voll­zie­hung für den Betrof­fe­nen eine unbil­li­ge, nicht durch über­wie­gen­de öffent­li­che Inter­es­sen gebo­te­ne Här­te dar­stellt. Anhalts­punk­te hier­für sind von der Antrag­stel­le­rin nicht vor­ge­tra­gen wor­den und für das Finanz­ge­richt aus den Akten auch nicht erkenn­bar.
Finanz­ge­richt Köln, Beschlüs­se vom 4. Juli 2012 – 13 V 1292/​12 und 13 V 1408/​12
BVerfG – 1 BvL 8/​12[↩]
FG Ham­burg, Beschluss vom 29.02.2012 – 1 K 138/​10[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 10.02.1967 – III B 9/​66, BFHE 87, 447, BSt­Bl III 1967, 182, seit­dem stän­di­ge Recht­spre­chung[↩]
BFH, Beschlüs­se vom 19.05.2010 – I B 191/​09, BFHE 229, 322, BSt­Bl II 2011, 156; vom 26.08.2010 – I B 85/​10, BFH/​NV 2011, 220[↩]
grund­le­gend BFH, Beschluss vom 10.02.1984 – III B 40/​83, BFHE 140, 396, BSt­Bl II 1984, 454; vgl. aktu­ell die BFH, Beschlüs­se vom 26.08.2010 – I B 49/​10, BFHE 230, 445, BSt­Bl II 2011, 826; vom 30.03.2011 – I B 136/​10, BFHE 232, 395, BFH/​NV 2011, 1042; vom 13.03.2012 – I B 111/​11, DStR 2012, 955; Seer in Tipke/​Kruse, Abgabenordnung/​Finanzgerichtsordnung, Stand: Mai 2010, § 69 FGO Rz 96 m.w.N.[↩]
vgl. BFH in BSt­Bl II 1984, 454[↩]
FG Ham­burg, Beschluss vom 29.02.2012 – 1 K 138/​10, EFG 2012, 960; Az. beim BVerfG: 1 BvL 8/​12[↩]
BFH, Beschlüs­se vom 11.06.2003 – IX B 16/​03, BFHE 202, 53, BSt­Bl II 2003, 663 und vom 31.01.2007 – VIII B 219/​06, BFH/​NV 2007, 914[↩]
so auch Gosch in Beermann/​Gosch, AO/​FGO, Stand: Okto­ber 2010, § 69 Rz 130; Koch in Grä­ber, FGO, 7. Aufl., § 69 Rz 90[↩]
EFG 2012, 960[↩]
vgl. bspw. BVerfg, Ent­schei­dung vom 13.05.1969 – 1 BvR 25/​65, BVerfGE 26, 1, BSt­Bl II 1989, 424[↩]
vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 17.11.1998 – 1 BvL 10/​98, BSt­Bl II 1999, 509 m.w.N.[↩]
Ver­fü­gung der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on – OFD – Mag­de­burg vom 07.05.2012 G 142259St 216, juris[↩]
so grund­le­gend BFH, Beschluss vom 04.12.1967 – - GrS 4/​67, BFHE 90, 461, BSt­Bl II 1968, 199[↩]
Gosch a.a.O., § 69 Rdnr. 179 m.w.N.; vgl. auch BFH, Beschluss vom 10.11.1994 – IV R 44/​94, BFHE 176, 303, BSt­Bl II 1995, 814[↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se vom 09.03.2012 – VII B 171/​11, BFH/​NV 2012, 874 m.w.N. sowie in BSt­Bl II 1984, 454[↩]
bspw. BFH, Beschlüs­se vom 01.04.2010 – II B 168/​09, BFHE 228, 149, BSt­Bl II 2010, 558; vom 27.08.2002 – XI B 94/​02, BFHE 199, 566, BSt­Bl II 2003, 18; vom 06.11.2001 – II B 85/​01, BFH/​NV 2002, 508; vom 30.01.2001 – VII B 291/​00, BFH/​NV 2001, 1031, und vom 17.03.1994 – VI B 154/​93, BFHE 173, 554, BSt­Bl II 1994, 567[↩]
BFH, Beschlüs­se in BSt­Bl II 2003, 18; vom 20.07.1990 – III B 144/​89, BFHE 162, 542, BSt­Bl II 1991, 104, und vom 20.05.1992 – III B 100/​91, BFHE 168, 174, BSt­Bl II 1992, 729[↩]
BFH, Beschluss in BSt­Bl II 2010, 558[↩]
vgl. zu die­sen Fall­grup­pen die Nach­wei­se im BFH, Beschluss in BSt­Bl II 2010, 558[↩]
BVerfG, Beschlüs­se vom 06.04.1988 – 1 BvR 146/​88, DStZ/​E 1988, 237; und vom 03.04.1992 – 2 BvR 283/​92, HFR 1992, 726; im Ergeb­nis offen­ge­las­sen zuletzt BVerfG, Beschluss vom 24.10.2011 – 1 BvR 1848/​11, 1 BvR 2162/​11, HFR 2012, 89[↩]
BVerfG, Beschluss in DStZ/​E 1988, 237[↩]
BVerfg, Beschlüs­se in DSt­ZE 1988, 237 und in HFR 1992, 726[↩]
vgl. ins­be­son­de­re Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 69 FGO Rz 96 ff.; ders., Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz bei ernst­li­chen Zwei­feln an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit eines Steu­er­ge­set­zes, DStR 2012, 325; vgl. auch Koch in Grä­ber, a.a.O., § 69 Rz 113; Schall­mo­ser, Aus­set­zung der Voll­zie­hung von Steu­er­be­schei­den bei ernst­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Zwei­feln an der Gül­tig­keit einer ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­norm, DStR 2010, 297, alle m.w.N.[↩]
vgl. Beschluss des I. Senats in DStR 2012, 955; Beschluss des VI. Senats vom 25.08.2009 – VI B 69/​09, BFHE 226, 89, BSt­Bl II 2009, 826[↩]
Beschluss des VI. Senats vom 23.08.2007 – VI B 42/​07, BFHE 218, 558, BSt­Bl II 2007, 799[↩]
so die Beschlüs­se des IX. Senats vom 05.03.2001 – IX B 90/​09, BFHE 195, 205, BSt­Bl II 2001, 405 und vom 22.12.2003 – IX B 177/​02, BFHE 204, 39, BSt­Bl II 2004, 367[↩]
Beschlüs­se des VI. Senats in BSt­Bl II 2009, 826 und in BSt­Bl II 2007, 799[↩]
Beschluss in BSt­Bl II 2010, 558[↩]
Beschluss in BFH/​NV 2012, 874[↩]
BVerfG HFR 2012, 89[↩]
vgl. zu die­ser Begrün­dung zuletzt BFH, Beschluss in DStR 2012, 605[↩]
Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 69 FGO Rz 97[↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se vom 06.02.1967 – VII B 46/​66, BFHE 87, 414, BSt­Bl III 1967, 123 und in BSt­Bl II 2010, 558[↩]
vgl. den Gesetz­ent­wurf für ein Unter­neh­men­steu­er­re­form­ge­setz 2008 vom 27.03.2007, BT-Drucks. 16/​4841, 39, 42[↩]
vgl. Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt, Fach­se­rie 14, Rei­he 4, Jahr 2009 „Kas­sen­mä­ßi­ge Steu­er­ein­nah­men der Gemeinden/​Gv.“[↩]
vgl. bspw. BFH, Beschlüs­se vom 05.04.2011 – II B 153/​10, BFHE 232, 380, BSt­Bl II 2011, 942 m.w.N. sowie erst­ma­lig vom 11.06.1986 – II B – II B 49/​83, BFHE 146, 474, BSt­Bl II 1986, 782[↩]
vgl. bspw. Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 69 FGO Rz 96 m.w.N.; Gosch, a.a.O., § 69 FGO Rz 180.1 m.w.N.[↩]
bspw. BFH, Beschluss des I. Senats in DStR 2012, 955[↩]
BFH, Beschlüs­se in BSt­Bl II 2009, 826 und in BSt­Bl II 2007, 799[↩]
vgl. bspw. Ent­schei­dung des BVerfG vom 13.05.1969 1 BvR 25/​65, Ent­schei­dun­gen des BVerfG – BVerfGE – 26, 1, BSt­Bl II 1969, 424[↩]
vgl. z. B. BVerfg, Kam­mer­be­schluss vom 17.11.1998 – 1 BvL 10/​98, BSt­Bl II 1999, 509 m.w.N.[↩]

References: § 8
 § 69
 § 32
 § 8
 § 8
 Art. 100
 Art. 100
 Art. 100
 § 8
 § 363
 § 8
 § 69
 § 69
 § 69
 Art. 100
 § 69
 Art.19
 § 69
 Art.19
 § 32
 § 8
 § 8
 § 8
 § 8
 § 8
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69
 § 69