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Timestamp: 2017-02-20 06:12:21+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: Urlaubsabgeltung nach langer Krankheit auch für Beamte
04.05.2012. An­fang 2009 ent­schied der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) in ei­nem Grund­satz­ur­teil, dass der Min­des­t­ur­laub von vier Wo­chen pro Jahr ge­mäß der Richt­li­nie 2003/88/EG nicht ver­fal­len darf, wenn er we­gen ei­ner lang­fris­ten Krank­heit nicht ge­nom­men wer­den konn­te (EuGH, Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06 - Schultz-Hoff - zu den Aus­wir­kun­gen die­ses Ur­teils sie­he Hand­buch Ar­beits­recht: Ur­laub und Krank­heit). Die Haupt­fol­ge des Schultz-Ur­teils be­steht dar­in, dass lang­fris­tig er­krank­te Ar­beit­neh­mer bei Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­ver­hält­nis­ses ho­he An­sprü­che auf Ur­laubs­ab­gel­tung ha­ben, da sie ja in­fol­ge ih­rer Krank­heit jah­re­lang kei­nen Ur­laub neh­men konn­ten. Das ist im deut­schen Ar­beits­recht im Prin­zip an­er­kannt, nicht aber im Be­am­ten­recht - ob­wohl Be­am­te un­strei­tig als "Ar­beit­neh­mer" im Sin­ne der Richt­li­nie 2003/88/EG an­zu­se­hen sind. Da­her hat­te das Ver­wal­tungs­ge­richt (VG) Frank­furt am Main Mit­te 2010 den EuGH ge­fragt, ob das Schultz-Hoff-Ur­teil auch für Be­am­te gilt (Be­schluss vom 25.06.2010, 9 K 836/10.F - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/200 Ur­laubs­ab­gel­tung für lang­zei­tig er­krank­te Be­am­te?)
Urlaubsabgeltung für Beamte, die nach langer Krankheit in den Ruhestand treten - eurparechtlich geboten, beamtenrechtlich ausgeschlossen?
Ar­ti­kel 7 Abs.1 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 04.11.2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (Richt­li­nie 2003/88/EG) schreibt vor, dass je­der Ar­beit­neh­mer ei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub von min­des­tens vier Wo­chen ha­ben muss. Wie erwähnt stell­te der EuGH 2009 klar, dass der Ver­fall von Rest­ur­laubs­ansprüchen in­fol­ge länge­rer Krank­heit mit dem Eu­ro­pa­recht un­ver­ein­bar ist, da sonst der von der Richt­li­nie 2003/88/EG be­zweck­te Er­ho­lungs­zweck nicht er­reicht würde. Krank­heits­be­dingt nicht ge­nom­me­ner Ur­laub darf da­her nicht ver­fal­len, son­dern muss oh­ne zeit­li­che Be­gren­zung auf die Fol­ge­jah­re über­tra­gen wer­den (EuGH, Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06 - Schultz-Hoff - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/023: Bei dau­er­haf­ter Krank­heit kein Ver­fall von Rest­ur­laubs­ansprüchen). En­det das Ar­beits­verhält­nis nach jah­re­lan­ger Krank­heit, ist da­her ein im Lau­fe der Zeit im­mer größer ge­wor­de­ner Rest­ur­laubs­an­spruch ab­zu­gel­ten. Die deut­schen Ar­beits­ge­rich­te set­zen das Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH rasch um, al­len vor­an das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) An­fang 2009 (BAG, Ur­teil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/057: Aus­le­gung des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes ent­spre­chend dem Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH und in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/126: Kein Ver­fall von Rest­ur­laubs­ansprüchen in­fol­ge von Krank­heit seit dem 02.08.2006).
An­ders als die Ar­beits­ge­rich­te hiel­ten die meis­ten deut­schen Ver­wal­tungs­ge­rich­te aber trotz des Schultz-Hoff-Ur­teils dar­an fest, dass es für langjährig er­krank­te Be­am­te kei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung bei Ein­tritt in den Ru­he­stand ge­ben könne. Da­bei be­rie­fen sie sich auf die deut­schen Be­am­ten­ge­set­ze, de­nen zu­fol­ge das Be­am­ten­verhält­nis mit dem Ein­tritt in den Ru­he­stand nicht en­det, so­wie auf die gu­te so­zia­le Ge­samt-Ab­si­che­rung von Be­am­ten. Die­se Auf­fas­sung steht aber auf wack­li­gen Füßen, da die Richt­li­nie 2003/88/EG un­zwei­fel­haft auch Be­am­te er­fasst. Das VG Frank­furt am Main war hier vor zwei Jah­ren an­de­rer Mei­nung. Es frag­te da­her den EuGH, ob ein pen­sio­nier­ter Be­am­ter Ur­laubs­ab­gel­tung auf der Grund­la­ge von Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88/EG ver­lan­gen kann, wenn er we­gen lan­ger Krank­heit nicht in der La­ge war, sei­nen Ur­laub zu neh­men (Be­schluss vom 25.06.2010, 9 K 836/10.F).
Der Streitfall: Der Hauptbrandmeister Georg Neidel verlangt von der Stadt Frankfurt am Main Urlaubsabgeltung
Im Streit­fall ar­bei­te­te der Feu­er­wehr­be­am­ter Ge­org Nei­del seit 1970 im Dienst der Stadt Frank­furt am Main. Seit Mit­te Ju­ni 2007 war er oh­ne Un­ter­bre­chung ar­beits­unfähig krank. En­de Au­gust 2009 trat er in den Ru­he­stand. Von 2007 bis 2009 konn­te er krank­heits­be­dingt kei­nen Ur­laub neh­men, so dass sich 86 Ur­laubs­ta­ge an­ge­sam­melt hat­ten. Das er­gab in Geld fast 17.000,00 EUR brut­to, de­ren Aus­zah­lung Herr Nei­del ver­lang­te. Da die Stadt die­sen An­spruch zurück­wies, zog er vor das Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt und klag­te den Be­trag ein, wo­bei er sich auf das Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH be­rief.
EuGH: Beamte haben können bei Pensionierung Urlaubsabgeltung verlangen, wenn sie zuvor aus Krankheitsgründen ihren vierwöchigen Mindesturlaub nicht nehmen konnten
Fa­zit: Das jet­zi­ge EuGH-Ur­teil über­rascht nicht. Der EuGH hat nämlich schon vor gut ei­nem Jahr klar­ge­stellt, dass Dienst­ord­nungs­an­ge­stell­te nach lan­ger Er­kran­kung Ur­laubs­ab­gel­tung ver­lan­gen können; Dienst­ord­nungs­an­ge­stell­te sind Ar­beit­neh­mer, die auf ar­beits­ver­trag­li­cher Grund­la­ge wie Be­am­te beschäftigt wer­den: EuGH, Be­schluss vom 07.04.2011, C-519/09 - May - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/143 Ur­laubs­ab­gel­tung für Be­am­te. Tre­ten Be­am­te nach lan­ger Krank­heit in den Ru­he­stand, kann ih­nen ei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung al­so künf­tig nicht mehr mit dem Ar­gu­ment ver­wei­gert wer­den, die Richt­li­nie 2003/88/EG gel­te gar nicht für sie. Be­trof­fe­ne Be­am­te soll­ten da­her un­ter Be­ru­fung auf die May-Ent­schei­dung und das jetzt er­gan­ge­ne Nei­del-Ur­teil des EuGH Ur­laubs­ab­gel­tung ver­lan­gen - und not­falls vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt ein­kla­gen.
Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier: Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 03.05.2012, C-337/10 - Nei­del gg. Frank­furt
Bewertung: Ur­laubs­ab­gel­tung nach lan­ger Krank­heit auch für Be­am­te

References: EuGH 
 EuGH 
 EuGH 
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 Art. 7
 EuGH 
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