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Timestamp: 2017-04-27 18:34:31+00:00

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Kann in Bayern eine Habilitationsprüfung entgleisen?
Um Universitätsprofessor werden zu können, müssen in der Regel zwei Zeugnisse erhalten werden: Die Promotion, womit der Doktortitel verliehen wird, und die Habilitation, die üblicherweise zum tragen des Doktortitels „Dr. habil“ berechtigt. In einigen seltenen Fällen wird auf die Habilitation verzichtet, wenn „vergleichbare Leistungen“ in der Forschung vorhanden sind. In der Informatik werden vor allem promovierte Wissenschaftler ohne Habilitation zum Professor berufen, die aus der Industrie kommen und dort in der Forschung tätig waren. Sie sind jedoch Ausnahmen.
Die Promotionsprüfung besteht in zwei bis drei Gutachten, wobei gut angesehen wird, wenn mindestens ein Gutachten von einem auswärtigen Gutachter stammt, also von jemandem, der nicht zur Fakultät vom Doktorand (dem Kandidaten zur Promotion) und seinem Betreuer (der noch mit der altmodischen Bezeichnung „Doktorvater“ oder „-mutter“ genannt wird). Anschließend berät der „erweiterte Fakultätsrat“ (die Versammlung der Professoren der Fakultät) über die Dissertation (die Schrift des Doktoranden über seine wissenschaftliche Arbeit) und lässt die Fortsetzung der Promotionsprüfung zu – oder nicht, wenn er die wissenschaftliche Arbeit als unzureichend einschätzt. Anschließend findet einen öffentlichen Vortrag und eine kurze Prüfung statt.
Bisher verlief die Habilitationsprüfung ähnlich wie eine Promotionsprüfung. Gestern hat der Dekan meiner Fakultät im erweiterten Fakultätsrat mitgeteilt, dass nach Auffassung des Ministeriums und der Rechtsabteilung der Universität im Gegenteil zur Promotionsprüfung der erweiterte Fakultätsrat nicht über eine Habilitationsprüfung zu bestimmen hat. Es heißt also nach Ministerium und Universitätsrechtsabteilung, dass ausschließlich drei Gutachter und ein weiteres Mitglied des Fachmentorats, der kein Gutachten liefern muss, über eine Habilitationsprüfung entscheiden.
Es ist sicherlich fragwürdig, dass niemand in meiner Fakultät (und ich wage zu vermuten, in den meisten Fakultäten an bayerischen Universitäten!) die Habilitationsordnungen ganz anders verstanden hatten. In der Habilitationsordnung meiner Fakultät liest man (§ 15 Absatz 3 Satz 1): „Der erweiterte Fachbereichsrat [eine alte Bezeichnung für den Fakultätsrat] beschließt über die förmliche Feststellung der wissenschaftlichen und pädagogischen Eignung des Habilitanden zum Professor […]“ Darin soll das Wort „förmlich“ bedeuten, dass der Fakultätsrat lediglich die Entscheidung der Gutachter festhält. „So wie ein Notar“ war die Erklärung vom Ministerium und von der Rechtsabteilung, die der Dekan gestern weitergegeben hat.
Da ich nicht wußte, dass das Wort „förmlich“ juristisch eine solche herausragende Bedeutung haben kann, habe ich danach gegoogelt und … nichts gefunden, was diese Auslegung bestätigen würde. Ich habe also Zweifel an der Auslegung vom Ministerium und Rechtsabteilung. Könnten sie eher eine Wunschvorstellung als eine juristische Realität propagieren?
Was auch die Rechtslage sein mag, stellt sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll, dass lediglich drei oder vier Gutachter ohne Kontrolle des erweiterten Fakultätsrats über Habilitationsprüfungen entscheiden?
Ich halte das für sehr gefährlich, weil vier eine kleine Zahl ist. Auch (oder vielleicht insbesondere) Professoren und Wissenschaftler können seltene und sehr eigene Vorstellungen pflegen. In der Wissenschaft gilt der breite Konsens als Massstab. Entscheidungen von nur wenigen werden aus guten Gründen in der Wissenschaft immer gemieden. Ein verantwortungsvolle Wissenschaftler würde nie in einem sehr kleinen Gremium Entscheidungen treffen, die den „Wissenschaftsbetrieb“ beeinflussen könnten. Es wäre äußerst gefährlich, wenn in Bayern die „Befähigung zum Professor“ sich nicht an den weltweiten wissenschaftliche Bräuche halten würde. Die Glaubwürdigkeit der bayerischen Universitäten könnte schnell darunter leiden. Es wäre zum Beispiel der Fall, wenn wenige Professoren aus welchem Grund immer jemanden für eine Arbeit habilitieren würden, die nach breitem Konsens als unzureichend, nicht wissenschaftlich oder sogar fachfremd angesehen werden würde.
Wenn also die Auslegung der Habilitationsordnung durch Ministerium und Rechtsabteilung stimmig ist, dann ist nur eine Handlung möglich: Die Habilitationsordnung sehr schnell ändern. Und vor dieser Änderung wären alle, Ministerium, Rechtsabteilungen, Fakultäten, Universitäten und nicht zuletzt Habilitanden und ihre Betreuer, gut beraten, sich den Konsens der Mehrheit des erweiterten Fakultätsrat auch dann zu sichern, wenn es formal nicht erforderlich wäre. Sonst könnte später eine Habilitation durch die Öffentlichkeit genauso hinterfragt werden, wie in den letzten Jahren manche Promotionen, die nicht hätten stattfinden sollen. Die Folgen für das Ministerium, die betroffenen Universitäten, Fakultäten und Habilitanden wären verheerend.
This entry was posted on Dienstag, April 15th, 2014 at 07:49 and is filed under Forschung, Lehre, Verwaltung.	You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.
10 Responses to “Kann in Bayern eine Habilitationsprüfung entgleisen?”
me sagt:	15. April 2014 um 08:37	Das Ministerium will in der Lage sein, an altgediente Politiker mit nur 3 Spezln einen habil titel verleihen zu können. Dr titel sind out…
FB sagt:	15. April 2014 um 09:13	@me: Ich glaube nicht, dass Sie damit eine glaubwürdige Erklärung liefern. Es ist nicht so einfach. Das Bildungssysteme ist wie so vieles im Umbruch und einige – viele? – reflektieren darüber nicht genug, welche folgen manche Änderungen haben können. Erschwerend ist, dass keine ausreichende Auseinandersetzung über die Veränderungen im Bildungssystem stattfindet.
Michael sagt:	15. April 2014 um 17:32	Sicherlich ist es zweckdienlich sich mal Paragraph 1 der Ordnung anzuschauen und dann informatikergerecht Variablen einzuführen:
§1 Die Habilitation dient der förmlichen Feststellung der wissenschaftlichen und
pädagogischen Eignung zum Professor (Lehrbefähigung) für ein bestimmtes der
Fakultät für Mathematik, Informatik und Statistik zugeordnetes oder zuzuordnendes Fachgebiet
mit Variable also
var $WorumEsGeht = „förmliche Feststellung der wissenschaftlichen…“
§1 Die Habilitation dient $WorumEsGeht
$15 Der erweiterte Fachbereichsrat beschließt über $WorumEsGeht.
Vielleicht sollte man Einführung in die Programmierung zum Pflichtfach für Juristen machen…? 🙂
P.S.: Ein Notar beschließt gar nichts, er beurkundet (und berät) lediglich, von daher ist der Vergleich der Rechtsabteilung auch ziemlich wirr…
FB sagt:	15. April 2014 um 17:49	@Michael: So habe es auch gesehen! 🙂
Stephan Packard sagt:	15. April 2014 um 22:25	Danke für den Post!
Habilitationsverfahren sind inzwischen von Universität zu Universität, teilweise auch von Fakultät zu Fakultät, so unterschiedlich, daß kaum mehr von berechtigten Erwartungen die Rede sein kann, daß diese Verfahren bestimmten Mustern entsprechen oder auch nur vergleichbare Ziele verfolgen. Das gleiche gilt für die Zwischenevaluation bei Juniorprofessuren, die eine ähnliche förmliche Feststellung ergeben soll.
Als „Nachwuchswissenschaftler“, der vor beiden Qualifikationsverfahren steht, kann ich nur bestätigen, daß die Aufweichung dieser Verfahren ein erhebliches Problem ist. Es ist gar nicht so einfach, sich auf eigenen Wunsch ein stabileres Verfahren zu sichern, wie der Blogpost es sinnvollerweise empfiehlt, wenn niemand an der Fakultät zu diesem erhöhten Aufwand verpflichtet ist. Der Effekt ist, daß Mitglieder von Berufungskommissionen, die dann über die weitere akademische Laufbahn entscheiden, entweder a) überrascht sind, daß das bei einem Kandidaten vorliegende Verfahren ganz anders ablief, als sie es kennen und für richtig halten, und dies gegen die Kandidatur auslegen; oder b) schon wissen, daß diese Qualifikationen weniger wert sind als früher, und sie in geringerem Maße berücksichtigen.
Heinrich Hussmann sagt:	16. April 2014 um 11:57	Leider enthält der Post sachliche Fehler.
1. Der Titel „Dr. habil.“ wird an unserer Fakultät nicht vergeben, es wird nur auf einer Urkunde die Lehrbefähigung ausgesprochen.
2. Im Text ist fälschlicherweise die Rede von der Promotionsordnung, es geht aber natürlich um die Habilitationsordnung.
3. Das Fachmentorat umfasst in der Regel drei Personen und es gibt drei Gutachten. Allerdings muss eines der Gutachten von einer Person außerhalb des Fachmentorats (und sogar außerhalb der eigenen Universität) kommen, es sind also mindestens vier Personen beteiligt.
Wie die Juristen den Text interpretieren, ist aber in der Tat verblüffend und widerspricht dem Alltagsverständnis von Sprachlogik. Da aber de facto jeder Fall auf die Tagesordnung des erweiterten Fakultätsrats kommt, ist die Praxis an der LMU so wie man es sich vorstellt.
Man muss auch sehen, dass die Habilitation gerade wegen der recht unterschiedlichen Maßstäbe, die verschiedene Unis anlegen, deutlich an Bedeutung verloren hat. Bei Berufungen (also bevor jemand sich „Prof.“ nennen darf) werden immer zusätzliche Gutachten eingeholt, egal ob der Bewerber habilitiert ist oder nicht. Für Titelsammler ist das Verfahren also nichts.
FB sagt:	16. April 2014 um 12:53	@Heintich Hussmann: 1. Die Bezeichnung „Lehrbefähigung“ umfasst zumindest an unserer Fakultät nicht nur die (Hochschul)Lehre sondern auch die Forschung, wie die folgenden Ausschnitte aus der Habilitationsordnung unserer Fakultät (https://www.uni-muenchen.de/einrichtungen/zuv/uebersicht/dez_i/hochschulr/lmu/satzungen/habilo/16ma-2004-h00.pdf) klarstellen: § 1 Zweck der Habilitation: Die Habilitation dient der förmlichen Festellung der wissenschaftlichen uns pädagogischen Eignung zum Professor (Lehrbefähigung) für ein bestimmtes der Fakultät für Mathematik, Informatik und Statistik zugeordnetes oder zuzuordnendes Fachgebiet. § 7 Abschnitt 2 Im Habilitationsverfahren wird
1. die Befähigung zur selbständigen Forschung aufgrund einer Habilitationsschrift oder einer Mehrzahl wissenschaftlicher Veröffentllichungen mit dem einer Habilitationsschrift entsprechenden wissenschaftlichen Gewicht sowie aufgrund einer wissenschaftlichen Sprache geprüft und
2. die pädagogische Eignung auf Grund wissenschaftsgeleiteter Qualifizierung und selbständig erbrachter Leistungen in der akademischen Lehre festgestellt. Was den Titel „Dr. habil.“ angeht, es ist aus meiner Sicht belanglos, ob diese Bezeichnung „Dr. habil“ in der Habilitationsordnung geregelt ist oder nur ein Brauch ist. 2. Der Fehler ist korrigiert. Statt „Promotionsordnung“ steht nun „Habilitationsordnung. 3. Es stimmt aber hat mit dem Thema des Artikels wenig zu tun. Noch eine Bemerkung: „Wie die Juristen den Text interpretieren, ist aber in der Tat verblüffend und widerspricht dem Alltagsverständnis von Sprachlogik. Da aber de facto jeder Fall auf die Tagesordnung des erweiterten Fakultätsrats kommt, ist die Praxis an der LMU so wie man es sich vorstellt.“ Ja die Praxis an der LMU scheint so zu sein, dass das alleoin das Fachmentorat über eine Habilitationentscheidet. Das habe ih von Kollegen aus anderen Fakultäten der LMU erfahren. Ich bezweifle aber dass diese LMU-Praxis rechtmäßig ist. Vielleicht lass ich mal das überprüfen. Dies ist aber auch nicht das Thema des Blog-Artikels. Das Thema des Bog-Artikels ist, dass diese LMU- oder vielleicht sogar Bayern-weite Praxis dazu führen könnte, dass manche Habilitationen stattfinden, die auf Grund mangelnder Leistungen nicht hätten stattfinden sollten. So lange die LMU-Praxis und die Auslegung von Ministerium und Rechtsabteilung zu keiner Habilitation führen, die nicht hätte stattfinden sollen, ist das Problem hypothetisch und aus meiner Sicht nicht allzu gravierend. Wird aber jemand durch die alleinige Entscheidung eines Fachmentorats und ohne Beachtung von nachvollziehbaren Einwänden habilitiert, dann ist der Ärger vorprogrammiert. Das Risiko eines solchen Ärger war das Thema des Blog-Artikels. Ich nehme an, dass gegen diese These wenig einzuwenden ist, oder?
ano sagt:	23. April 2014 um 10:57	Es wäre doch im Gegenteil er seltsam, wenn Personen die auf einem völlig anderen Gebiet der Informatik spezialisiert sind über die Habil entscheiden? Der FBRat als Ansatz bei der LMU erscheint mehr … mehr als seltsam.
Richtig wäre doch, wenn der FBRat wirklich nur kontrolliert ob alles formal stimmt und den Rest den Experten auf dem Gebiet überlässt. Es wäre im Gegenteil gut ihr möglichst wenig Personen aus der entsprechenden Fakultät einzubeziehen. Das hat eher den Geruch einer „Clubaufnahme“ als die neutrale Verstellung bzgl. der wissen. Leistungen.
Gut wäre ein „Fürsprecher“ in der Fakultät und 2-3 weitere externe Gutachter. In vielen Fächern – dich denke jetzt z.B. an Mathematik – hat man übrigens mit max. 10 Personen schon fast alle in einem Raum die an einem Spezialgebiet wirklich tief arbeiten. Da ist 4 eine recht große Zahl, wenn man wirklich die entsprechenden Experten haben möchte. Wenn es hingegen „irgendein Informatiker/Mathematiker/Statistiker“ tut ist 4 nicht gut… aber eben eigentlich auch keine andere Zahl.
Das alte Problem mit der Länge der Nase des Kaisers von China.
FB sagt:	23. April 2014 um 12:34	@ano: Nein, es geht nicht um eine Aufnahme in einen Club oder um eine Kontrolle durch fachfremden Personen. Es geht darum zu vermeiden, dass drei bis vier Personen aus welchen Gründen auch ein fragliches Habilitationsverfahren zum guten Abschluss bringen. Das Bayerische Hochschulgesetz sowie die Habilitationsordnung meiner Fakultät sieht vor, dass jedes Mitglied des erweiterten Fakultätsrat Einwände gegen eine Habilitation anmelden kann, worüber dann der erweiterte Fakultätsrat entscheidet. In einem solchen Fall muss der erweiterte Fakultätsrat überprüfen, ob die Einwände berechtigt sind. Dafür kann er weitere Gutachten einholen. Sind die Einwände nicht berechtigt, dann ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ein Gremium mit über 30 Personen die Habilitation verweigert. Es gibt Einwände, die auch jemand erheben kann, der fachfremd ist: Wenn die Habilitationsschrift keine wissenschaftliche Arbeit ist, wenn eine Gefälligkeit des Fachmentorats dem Habilitanden gegenüber denkbar erscheint oder in Plagiatfälle. Die Dissertationsplagiate der letzten Jahren sind eben nicht durch Personen aufgedeckt worden, die auf den Gebieten der fraglichen Dissertationen sich fachlich auskannten.
FB sagt:	13. Mai 2014 um 06:49	@Heinrich Hussmann: „1. Der Titel “Dr. habil.” wird an unserer Fakultät nicht vergeben, es wird nur auf einer Urkunde die Lehrbefähigung ausgesprochen.“
Das stimmt wohl nicht. Das Bayerisches Hochschulgesetz bestimmt im Art. 65 § 1 Satz 2: „Mit der Feststellung der Lehrbefähigung erlangt die habilitierte Person den akademischen Grad eines habilitierten Doktors („Dr. habil.“).„

References: §1

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 § 7
 Art. 65
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