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Timestamp: 2019-03-23 10:39:24+00:00

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LAG Baden-Württemberg, Urteil vom 02.02.2013, 4 Sa 93/12 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 02.02.2013, 4 Sa 93/12
Aktenzeichen: 4 Sa 93/12
Entscheidungsdatum: 02.02.2013
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 04.07.2012, 14 Ca 6396/11
4 Sa 93/12
14 Ca 6396/11 ArbG Stutt­gart
Verkündet am 20.02.2013
Kee­ber
- Be­klag­ter/Be­ru­fungs­be­klag­ter -
hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg - 4. Kam­mer - durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Stöbe, die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Gei­sel­hart und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter von der Bey auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 20.02.2013
1. Auf die Be­ru­fung des Klägers wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 04.07.2012 (14 Ca 6396/11) auf­ge­ho­ben. Der Rechts­streit wird zum Zwe­cke ei­ner ord­nungs­gemäßen Kla­ge­zu­stel­lung und zur er­neu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen.
3. Die Re­vi­si­on wird für die Be­klag­te zu­ge­las­sen. Für den Kläger wird die Re­vi­si­on nicht zu­ge­las­sen.
Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner or­dent­li­chen ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Kündi­gung.
Der am 00.00.1964 ge­bo­re­ne, ver­hei­ra­te­te und nach ei­ge­nem Be­kun­den ge­genüber drei Kin­dern (nach Lohn­steu­er­kar­te je­doch nur ge­genüber ei­nem Kind) un­ter­halts­ver­pflich­te­te Kläger war bei der In­sol­venz­schuld­ne­rin beschäftigt seit 02.07.1990 als Dru­cke­rei­hel­fer.
Über das Vermögen der In­sol­venz­schuld­ne­rin wur­de mit Be­schluss des Amts­ge­richts Ess­lin­gen vom 28.04.2011 (2 IN 56/11) das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net und der Be­klag­te als In­sol­venz­ver­wal­ter be­stellt. Im Be­trieb der In­sol­venz­schuld­ne­rin wa­ren zu­letzt 174 Mit­ar­bei­ter beschäftigt. Ein Be­triebs­rat ist in de­ren Be­trieb in O. ge­bil­det.
Der Be­klag­te kündig­te das Ar­beits­verhält­nis mit dem Kläger mit Schrei­ben vom 22.07.2011, dem Kläger zu­ge­gan­gen am 23.07.2011, or­dent­lich zum 31.10.2011 aus be­triebs­be­ding­ten Gründen. Die Kündi­gung wur­de da­mit be­gründet, dass die Beschäfti­gungsmöglich­keit für den Kläger nach dem Er­wer­ber­kon­zept des Be­triebs­er­wer­bers ent­fal­len sei. Der Be­klag­te schloss mit dem Be­triebs­rat ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich nebst anhängen­der Na­mens­lis­te, auf wel­cher ins­ge­samt 94 Na­men zu kündi­gen­der Ar­beit­neh­mer ge­lis­tet wa­ren, ua. der Kläger.
Ge­gen die­se Kündi­gung leg­te der Kläger über sei­ne Pro­zess­be­vollmäch­tig­te beim Ar­beits­ge­richt Stutt­gart am 05.08.2011 ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ein, die je­doch von der Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten le­dig­lich mit den An­fangs­buch­sta­ben ih­res Vor- und Nach­na­mens „R. T.“ pa­ra­phiert un­ter­zeich­net wur­de, wo­bei der An­fangs­buch­sta­be „R“ des Vor­na­mens eher wie ein „B“ aus­sieht. Die­ser Kla­ge­schrift bei­gefügt war auch ei­ne be­glau­big­te Ab­schrift. Die­se Ab­schrift trägt le­dig­lich ei­nen auf­ge­stem­pel­ten Ver­merk „Be­glau­big­te Ab­schrift“ und ist un­ter die­sem Stem­pel­auf­druck wie­der­um le­dig­lich pa­ra­phiert un­ter­zeich­net mit „R. T.“. In der ei­gent­li­chen Un­ter­schrifts­zei­le der Ab­schrift der Kla­ge­schrift be­fin­det sich kei­ne Un­ter­schrift. Die­se „be­glau­big­te Ab­schrift“ wur­de dem Be­klag­ten am 15.08.2011 vom Ar­beits­ge­richt zu­ge­stellt.
An­de­re Schriftsätze der Kläger­ver­tre­te­rin im Lau­fe des Ver­fah­rens sind größten­teils mit aus­ge­schrie­be­nem Nach­na­men vollständig un­ter­zeich­net, teil­wei­se aber eben­falls nur pa­ra­phiert un­ter­zeich­net.
Der Kläger mach­te im We­sent­li­chen Feh­ler in der So­zi­al­aus­wahl gel­tend.
Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en durch die Kündi­gung vom 22.07.2011, zu­ge­gan­gen am 23.07.2011, nicht auf­gelöst wur­de und über den 31.10.2011 hin­aus fort­be­steht.
Der Be­klag­te be­an­trag­te,
Er hielt sei­ne Kündi­gung für so­zi­al ge­recht­fer­tigt.
Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge mit Ur­teil vom 04.07.2012 ab­ge­wie­sen. Es führ­te zur Be­gründung aus, der Weg­fall der bis­he­ri­gen ver­trag­li­chen Beschäfti­gung sei un­strei­tig. Die So­zi­al­aus­wahl könne nur auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit über­prüft wer­den. Der dar­le­gungs- und be­weis­be­las­te­te Kläger ha­be im Rah­men der So­zi­al­aus­wahl aber zur Ver­gleich­bar­keit mit nicht gekündig­ten Ar-beit­neh­mern nur un­sub­stan­ti­iert und al­len­falls ru­di­mentär vor­ge­tra­gen.
Die­ses Ur­teil wur­de der Kläger­sei­te am 22.08.2012 zu­ge­stellt. Hier­ge­gen rich­tet sich die vor­lie­gen­de Be­ru­fung, die am Mon­tag, dem 24.09.2012, beim Lan­des­ar­beits­ge­richt (vollständig un­ter-schrie­ben) ein­ging und in­ner­halb der bis 05.11.2012 verlänger­ten Be­gründungs­frist am 05.11.2012 (un­ter vollständi­ger Na­mens­un­ter­zeich­nung) be­gründet wur­de.
Der Kläger meint, das Ar­beits­ge­richt ha­be ver­kannt, dass er zur Nen­nung der Na­men ver­gleich­ba­rer Kol­le­gen nicht in der La­ge sei, wes­halb es Auf­ga­be des Be­klag­ten ge­we­sen wäre, dar­zu­stel­len, wie er die So­zi­al­aus­wahl durch­geführt ha­be. Außer­dem meint er, er hätte der Ver­gleichs­grup­pe der „qua­li­fi­zier­ten Hel­fer“ zu­ge­ord­net wer­den müssen, weil er be­haup­te­ter­maßen in der Ver­gan­gen­heit eben­falls schon al­le Ag­gre­ga­te der Ma­schi­nen RO 812 und RO 813 be­dient ha­be.
Der Kläger wur­de mit Verfügung des Vor­sit­zen­den vom 05.02.2013 auf die Man­gel­haf­tig­keit der Un­ter­schrift un­ter der Kla­ge­schrift und mit Verfügung vom 13.02.2013 auf die Man­gel­haf­tig­keit der Un­ter­schrift auch un­ter der be­glau­big­ten Ab­schrift hin­ge­wie­sen.
Der Kläger meint, die Feh­ler­haf­tig­keit der Un­ter­schrift un­ter der Kla­ge­schrift sei durch rüge­lo­se Ein­las­sung des Be­klag­ten ge­heilt.
Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 04.07.2012, Ak­ten­zei­chen 14 Ca 6396/11, wird ab­geändert.
Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en durch die Kündi­gung vom 22.07.2011, zu­ge­gan­gen am 22.07.2011, nicht auf­gelöst wur­de und über den 31.10.2011 hin­aus fort­be­steht.
1. Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 04.07.2012 (14 Ca 6396/11) wird ab­geändert und die Kla­ge als un­zulässig ab­ge­wie­sen.
Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 04.07.2012 (14 Ca 6396/11) wird auf­ge­ho­ben und der Rechts­streit zum Zwe­cke ei­ner ord­nungs­gemäßen Zu­stel­lung an das Ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen.
3. Hilfs­wei­se:
Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 04.07.2012 (14 Ca 6396/11) wird zurück­ge­wie­sen.
Der Be­klag­te hält die Kla­ge man­gels ord­nungs­gemäßer Un­ter­schrift für un­zulässig. Im Übri­gen sei auch die Zu­stel­lung der Kla­ge nicht ord­nungs­gemäß er­folgt. Ei­ne Hei­lung gemäß § 295 ZPO läge nicht vor, da der Man­gel der Un­ter­schrift auf der Kla­ge für ihn nicht er­kenn­bar ge­we­sen sei. Er rügt nun­mehr aus­drück­lich die Zulässig­keit der Kla­ge.
Hilfs­wei­se hält er die So­zi­al­aus­wahl wei­ter­hin für feh­ler­frei. Er be­haup­tet, der Kläger ha­be an den Ma­schi­nen RO 812 und RO 813 al­len­falls ein­fa­che Hilfs­ar­bei­ten er­bracht. Zur Be­die­nung (in­klu­si­ve Pro­gram­mie­rung) der Ag­gre­ga­te sei der Kläger nicht in der La­ge.
We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird gemäß § 64 Abs. 6 ArbGG iVm. § 313 Abs. 2 ZPO auf den In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze samt den da­zu­gehören­den An­la­gen ver­wie­sen.
Die Be­ru­fung des Klägers ist zulässig. Sie ist je­doch nicht be­gründet. Es be­steht der­zeit noch nicht ein­mal ei­ne Rechtshängig­keit der Kla­ge, wes­halb das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts auf­zu­he­ben und der Rechts­streit an das Ar­beits­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen ist.
Die Be­ru­fung des Klägers ist zulässig.
1. Sie ist ins­be­son­de­re statt­haft gemäß § 64 Abs. 1, 2 Buchst. c ArbGG. Sie wur­de auch form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet (§§ 66 Abs. 1 Satz 1, 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG, §§ 519, 520 ZPO). Sie ist auch im Übri­gen zulässig.
2. Die Be­ru­fung ist selbst dann zulässig, wenn man wie vor­lie­gend (sie­he nach­fol­gend) an­neh­men woll­te, man­gels ord­nungs­gemäßer Zu­stel­lung läge noch gar kei­ne Rechtshängig­keit vor. Denn ein trotz feh­len­der Rechtshängig­keit er­las­se­nes Ur­teil ist zwar wir­kungs­los und kann nicht in ma­te­ri­el­le Rechts­kraft er­wach­sen. Es kann aber, wenn es nicht an­ge­foch­ten wird, for­mel­le Rechts­kraft er­lan­gen. Um de­ren Ein­tritt zu ver­hin­dern, kann ein wir­kungs­lo­ses Ur­teil mit dem Rechts­mit­tel an­ge­foch­ten wer­den, das ge­gen ein feh­ler­haf­tes Ur­teil glei­chen In­halts ge­ge­ben wäre (BGH 5. De­zem­ber 2005 - II ZB 2/05 - NJW-RR 2006, 565).
Hin­zu kommt, dass der Kläger die Wir­kungs­lo­sig­keit des Ur­teils ge­ra­de in Ab­re­de stellt. Ge­ra­de wenn die Rechtshängig­keit der Kla­ge zwi­schen den Par­tei­en auch im Streit steht, muss die Be­ru­fung ge­gen ein mögli­cher­wei­se wir­kungs­lo­ses Ur­teil zulässig sein.
Die Be­ru­fung des Klägers hat aber nicht den vom Kläger er­streb­ten Er­folg. Das ar­beits­ge­richt­li­che Ur­teil ist viel­mehr als wir­kungs­lo­ses Ur­teil auf­zu­he­ben und der Rechts­streit an das Ar­beits­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen.
1. Die Kla­ge­schrift ist nicht ord­nungs­gemäß un­ter­schrie­ben.
a) Gemäß § 253 Abs. 4 ZPO iVm. § 130 Nr. 6 ZPO gehört die Un­ter­schrift zu den we­sent­li­chen Er­for­der­nis­sen ei­ner Kla­ge­schrift. Fehlt die Un­ter­schrift un­ter ei­ner Kla­ge­schrift oder ist die­se un­genügend, so ist die Kla­ge be­reits un­zulässig (LAG Hamm 17. No­vem­ber 2011 - 8 Sa 881/11 - ju­ris). Die Un­ter­zeich­nung muss hand­schrift­lich mit vollständi­gem Na­mens­zug er­fol­gen. Die be­wusst und ge­wollt nur ab­gekürz­te Un­ter­zeich­nung mit­tels bloßer Pa­ra­phe ist un­genügend (BAG 27. März 1996 - 5 AZR 576/94 - AP ZPO § 518 Nr. 67; BGH 10. Ju­li 1997 - IX ZR 24/97 - NJW 1997, 3380).
b) Vor­lie­gend war die Kla­ge­schrift je­doch le­dig­lich mit­tels Pa­ra­phe un­ter­zeich­net, so­mit un­genügend.
2. Die un­zu­rei­chen­de Form der Kla­ge wur­de nicht gemäß § 295 Abs. 1 ZPO ge­heilt.
a) Das Un­ter­schrifts­er­for­der­nis un­ter ei­ner Kla­ge gehört nicht zu den gemäß § 295 Abs. 2 ZPO un­ver­zicht­ba­ren Form­vor­schrif­ten. Der Man­gel kann so­mit gemäß § 295 Abs. 1 ZPO durch rüge­lo­se Ein­las­sung ge­heilt wer­den, wenn der Man­gel dem Geg­ner be­kannt war oder hätte be­kannt sein müssen, der Geg­ner je­doch in der nächs­ten münd­li­chen Ver­hand­lung, die auf-grund des be­tref­fen­den Ver­fah­rens statt­ge­fun­den hat, er­schie­nen ist und den Man­gel nicht gerügt hat (BAG 06. Au­gust 1987 - 2 AZR 553/86 - ju­ris; BAG 26. Ju­ni 1986 - 2 AZR 358/85 - BA­GE 52, 263; BGH 27. April 1999 - VI ZR 174/97 - NJW-RR 1999, 1251; BGH 25. Ju­ni 1975 - VIII ZR 254/74 - BGHZ 65, 46). Im Hin­blick auf ei­ne ver­stri­che­ne dreiwöchi­ge Kla­ge-
er­he­bungs­frist des § 4 KSchG würde ei­ne sol­che Hei­lung nicht nur ex nunc wir­ken, son­dern viel­mehr rück­wir­ken (ex tunc) (BAG 26. Ju­ni 1986 aaO).
Zur Er­hal­tung des Rüge­rechts muss der Be­klag­te so­mit dar­tun, dass er den an­geb­li­chen Man­gel der Kla­ge­schrift nicht ge­kannt hat und des­sen Un­kennt­nis nicht ver­schul­det hat, den Man­gel al­so nicht früher hätte er­ken­nen können, § 276 BGB (BGH 27. April 1999 aaO).
b) Vor­lie­gend hat der Be­klag­te von der Feh­ler­haf­tig­keit der Un­ter­schrift un­ter der Kla­ge­schrift erst­ma­lig Kennt­nis er­hal­ten durch Verfügung des Vor­sit­zen­den vom 05.02.2013. Zu­vor hat­te er man­gels Ein­sicht in die Ge­richts­ak­te kei­ne po­si­ti­ve Kennt­nis. Ab Kennt­nis des Form­man-gels be­rief er sich auch auf die­sen und rügte die­sen Man­gel auch aus­drück­lich mit Schrift-satz vom 12.02.2013 und in der münd­li­chen Ver­hand­lung am 20.02.2013.
Der Be­klag­te hätte den Form­m­an­gel auch nicht ken­nen müssen. Denn die ihm zu­ge­lei­te­te „be­glau­big­te Ab­schrift“ trug im Un­ter­schrifts­feld gar kei­ne Un­ter­schrift. Dies ist auch nicht wei­ter un­gewöhn­lich, da auf der Ab­schrift statt des­sen ein Be­glau­bi­gungs­ver­merk an­ge­bracht war. Die Be­glau­bi­gung er­folg­te zwar auch un­zu­rei­chend nur mit­tels Pa­ra­phe (hier­zu sie­he nach­fol­gend). Je­doch kann aus Un­zuläng­lich­kei­ten der Be­glau­bi­gung, mit der le­dig­lich die in­halt­li­che Übe­rein­stim­mung des In­halts der Ab­schrift mit dem In­halt der Ur­schrift der Kla­ge­schrift be­kun­det wer­den soll (BGH 04. Fe­bru­ar 1971 - VII ZR 111/70 - BGHZ 55, 251), nicht zwangsläufig auch auf ei­ne Un­zuläng­lich­keit der Kla­ge­schrift selbst rück­ge­schlos­sen wer­den, in wel­cher die Un­ter­schrift da­zu dient, die Ver­ant­wor­tung für den Kla­ge­in­halt zu über­neh­men. Aus der man­gel­haf­ten Be­glau­bi­gung der zu­ge­stell­ten Ab­schrift muss­te der Be­klag­te so­mit nicht schließen, dass die bei den Ge­richts­ak­ten ver­blie­be­ne Ur­schrift der Kla­ge eben­falls nicht oder man­gel­be­haf­tet un­ter­schrie­ben war. Viel­mehr durf­te er dar­auf ver­trau­en, dass das Ge­richt die von Amts we­gen zu prüfen­den all­ge­mei­nen Pro­zess­vor­aus­set­zun­gen und da­mit auch die Ord­nungs­gemäßheit der Kla­ge­er­he­bung zu­tref­fend be­jaht hat. Die Sorg­falt des Be­klag­ten braucht nicht über die des Ge­richts hin­aus­ge­hen (OLG Köln 18. No­vem­ber 1996 - 16 U 17/96 - NJW-RR 1997, 1291).
c) Auf die Be­ru­fung hätte des­halb ei­gent­lich das Ur­teil ab­geändert und die Kla­ge als un­zulässig ab­ge­wie­sen wer­den müssen (LAG Hamm 17. No­vem­ber 2011 aaO).
3. Je­doch man­gel­te es nicht nur der Ur­schrift der Kla­ge­schrift an ei­ner ord­nungs­gemäßen Un­ter­schrift. Es wur­de dem Be­klag­ten zu­gleich ei­ne un­zu­rei­chen­de Ab­schrift der Kla­ge­schrift zu­ge­stellt, so dass noch gar kei­ne ord­nungs­gemäße Zu­stel­lung vor­liegt und so­mit auch noch kei­ne Rechtshängig­keit der Kla­ge be­gründet wur­de.
a) Die Rechtshängig­keit ei­ner Kla­ge wird gemäß § 261 Abs. 1 ZPO durch ih­re Er­he­bung be-gründet. Die Er­he­bung ei­ner Kla­ge er­folgt wie­der­um gemäß § 253 Abs. 1 ZPO durch Zu­s­tel-lung der Kla­ge­schrift. We­sent­li­ches Er­for­der­nis der Zu­stel­lung ist die Be­glau­bi­gung der Ab-schrift der Kla­ge­schrift (BGH 04. Fe­bru­ar 1971 aaO; BGH 15. April 1957 - II ZR 23/56 - NJW 1957, 951; RG 04. Ju­ni 1920 - VII 523/19 - RGZ 99,140), die gemäß § 169 Abs. 2 ZPO von der Geschäfts­stel­le des an­ge­ru­fe­nen Ge­richts vor­zu­neh­men ist, wenn sie nicht be­reits vom kläge­ri­schen Rechts­an­walt er­folgt ist. Oh­ne Be­glau­bi­gung oder bei feh­ler­haf­ter Be­glau­bi­gung ist die Zu­stel­lung un­wirk­sam, oh­ne dass die­ser Man­gel gemäß § 189 ZPO ge­heilt wer­den könn­te (Zöller/Stöber ZPO 29. Aufl. § 169 Rn. 12; ders. § 189 Rn. 8). Denn über § 189 ZPO ist nur ei­ne Ver­let­zung zwin­gen­der Zu­stell­vor­schrif­ten heil­bar, nicht aber ein Man­gel des bei der Zu­stel­lung über­ge­be­nen Schriftstücks (Zöller/Stöber ZPO 29. Aufl. § 189 Rn. 8).
Der durch die un­zu­rei­chen­de Be­glau­bi­gung der Ab­schrift be­gründe­te Zu­stel­lungs­man­gel ist auch nicht über ei­ne rüge­lo­se Ein­las­sung gem. § 295 Abs. 1 ZPO heil­bar. Dies wur­de aus­drück­lich be­reits ent­schie­den für Fälle, in de­nen sich aus­ge­hend vom Zu­stell­da­tum Not­fris­ten be­rech­nen (BGH 18. April 1952 - I ZB 5/52 - NJW 1952, 934; RG 04. Ju­ni 1920 aaO). Dies gilt aber auch für Fälle wie vor­lie­gen­dem, in de­nen ab Kla­ge­zu­stel­lung kei­ne Not­fris­ten zu lau­fen be­gin­nen. Mängel in der Be­glau­bi­gung wer­den nämlich nicht da­durch ge­heilt, dass der Empfänger Ge­le­gen­heit hat­te, sich durch Ver­gleich mit der Ur­schrift vom Gleich­laut zu über­zeu­gen (Zöller/Stöber ZPO 29. Aufl. § 169 Rn. 12). Durch die Zu­stel­lung soll nämlich der Empfänger in den Be­sitz des zu über­ge­ben­den Schriftstücks kom­men, oh­ne dass es auf ei­ne Kennt­nis­nah­me sei­nes In­halts an­kommt. Es muss ihm über­las­sen blei­ben, sich über den nähe­ren In­halt zu ei­nem ihm ge­neh­men Zeit­punkt zu un­ter­rich­ten. Da­her erschöpft sich die Zu­stel­lung in ei­ner Rei­he von tatsächli­chen Vorgängen, bei de­nen ein Iden­titäts­ver­gleich kei­ne Rol­le spie­len kann. Wenn der Empfänger die Übe­rein­stim­mung der ihm über­ge­be­nen Ab­schrift mit dem zu­zu­stel­len­den Ori­gi­nal bei der Ausführung der Zu­stel­lung prüfen müss­te, so würde ihm da­mit ei­ne Ver­pflich­tung auf­er­legt, die nach dem Ge­setz das Ge­richt oder den die be­glau­big­te Ab­schrift her­stel­len­den An­walt trifft. Eben­so we­nig kann die Gültig­keit der
Zu­stel­lung da­von abhängig ge­macht wer­den, ob der Zu­stel­lungs­empfänger auf­grund ei­ner sol­chen Prüfung die Un­rich­tig­keit der be­glau­big­ten Ab­schrift er­kannt hat. Da­mit würde in den for­ma­len Zu­stel­lungs­akt ei­ne un­erträgli­che Quel­le der Rechts­un­si­cher­heit hin­ein­ge­tra­gen. Dies würde im Er­geb­nis da­zu führen, dass ent­ge­gen den ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen auch die Überg­a­be ei­ner gewöhn­li­chen, un­be­glau­big­ten Ab­schrift genügen würde, wenn dem Empfänger bei der Zu­stel­lung Ge­le­gen­heit ge­ge­ben würde, ih­re Übe­rein­stim­mung mit der Ur­schrift zu ver­glei­chen (BGH 15. April 1957 aaO). Der Empfänger ist da­her schlicht nicht zur Über­prüfung der in­halt­li­chen Übe­rein­stim­mung der Ab­schrift mit der Ur­schrift ver­pflich­tet.
Der Be­glau­bi­gungs­ver­merk muss ei­genhändig und iden­ti­fi­zier­bar un­ter­schrie­ben sein, und zwar un­ter Hin­zufügung der Funk­ti­ons­be­zeich­nung. Ei­ne Un­ter­schrift mit­tels bloßer Pa­ra­phe ist un­zu­rei­chend (Müko ZPO/Häub­lein 3. Aufl. § 169 Rn 7).
b) Wen­det man die­se Grundsätze an, so ist fest­zu­stel­len, dass vor­lie­gend der Be­glau­bi­gungs­ver­merk nicht un­ter­schrie­ben, son­dern nur pa­ra­phiert war. Mit die­ser Un­zuläng­lich­keit wur­de die Ab­schrift dem Be­klag­ten zu­ge­stellt. Es liegt so­mit ein nicht heil­ba­rer Zu­stel­lungs­man­gel vor, wes­halb ei­ne Rechtshängig­keit der Kla­ge bis­lang noch nicht be­gründet wur­de.
Selbst wenn man aber den Be­glau­bi­gungs­man­gel als gem. § 295 Abs. 1 ZPO heil­bar an­se-hen woll­te, wäre ei­ne sol­che Hei­lung vor­lie­gend nicht ein­ge­tre­ten. Denn der Be­klag­te hat nicht in die Ge­richts­ak­te Ein­sicht ge­nom­men und sich von der Übe­rein­stim­mung der Ab­schrift mit der Ur­schrift über­zeugt. Hier­zu war er, wie oben dar­ge­legt, auch nicht ver­pflich­tet.
4. Ist aber ei­ne Rechtshängig­keit der Kla­ge noch gar nicht be­gründet wor­den, so kann das ar­beits­ge­richt­li­che Ur­teil nicht nur ab­geändert und die Kla­ge nicht nur als un­zulässig ab­ge­wie­sen wer­den. Viel­mehr ist das Ur­teil auf ei­ne noch nicht er­ho­be­ne Kla­ge er­folgt, wes­halb die­ses gänz­lich auf­zu­he­ben ist. Da je­doch der Rechts­streit durch die Kla­ge­ein­le­gung aber wei­ter­hin beim Ar­beits­ge­richt anhängig (je­doch noch nicht rechtshängig) ist, muss das Ver­fah­ren an das Ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen wer­den. Hier­bei han­delt es sich nicht um ei­ne gemäß § 68 ArbGG un­zulässi­ge Zurück­ver­wei­sung we­gen ei­nes Ver­fah­rens­man­gels, son­dern nur um ei­ne Zurück­ver­wei­sungs­ent­schei­dung mit rein de­kla­ra­to­ri­schem Cha­rak­ter (Säch­si­sches LAG 21. Au­gust 2002 - 2 Sa 936/00 - ju­ris; Pfeif­fer in Nat­ter/Groß ArbGG § 68 Rn. 3).
Das Ar­beits­ge­richt wird die (un­zulässi­ge) Kla­ge nach An­brin­gung ei­nes ord­nungs­gemäßen Be­glau­bi­gungs­ver­merks zu­stel­len las­sen müssen und sie dann ei­ner Ent­schei­dung zuführen müssen. Soll­te die Kla­ge un­zulässig blei­ben, kommt es dar­auf an, ob sich der Be­klag­te rüge­los ein­las­sen möch­te. Soll­te die Un­ter­schrift auf der Kla­ge­schrift nach­ge­holt wer­den, wird die Ein­hal­tung der Kla­ge­er­he­bungs­frist des § 4 KSchG zu prüfen sein.
5. Das Rechts­mit­tel des Klägers war trotz Zurück­ver­wei­sung er­folg­los, wes­halb dem Kläger gem. § 97 ZPO die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens auf­zu­er­le­gen sind.
6. Die Re­vi­si­on war für den Be­klag­ten gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG zu­zu­las­sen. In den zi­tier­ten Ent­schei­dun­gen des BAG und des BGH zur Hei­lung des Man­gels der Kla­ge­schrift gemäß § 295 ZPO ist bis­lang nicht dis­ku­tiert wor­den, ob ein zu­gleich vor­lie­gen­der Man­gel der Be­glau­bi­gung und so­mit der Zu­stel­lung die Hei­lung „über­ho­len“ könn­te, weil es be­reits an der Rechtshängig­keit fehlt. In die­ser Rechts­fra­ge ist aber le­dig­lich der Be­klag­te be­schwert, der statt ei­ner kla­ge­ab­wei­sen­den Ent­schei­dung sich nun­mehr wie­der dem Ver­fah­ren vor dem Ar­beits­ge­richt stel­len muss.
Gründe für ei­ne Re­vi­si­ons­zu­las­sung zu­guns­ten für den Kläger gemäß § 72 Abs. 2 ArbGG lie­gen nicht vor.
Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spä-tes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.
Gei­sel­hart
von der Bey
zur Übersicht 4 Sa 93/12

References: § 295
 § 64
 § 313
 § 64
 § 253
 § 130
 § 518
 BGH 
 § 295
 § 295
 § 295
 BGH 
 BGH 
 § 4
 § 276
 § 261
 § 253
 BGH 
 § 169
 § 189
 § 169
 § 189
 § 189
 § 189
 § 295
 § 169
 § 169
 § 295
 § 68
 § 68
 § 4
 § 97
 § 72
 BGH 
 § 295
 § 72