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Timestamp: 2019-10-19 12:16:25+00:00

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Diplomarbeit " Ingenieur-Ethik"
Hallo, Vielleicht gibt es Ingenieure, die Informationen/Literatur/ über mein Diplom-Thema, "Ingenieur-Ethik" haben/kennen,etc. Zum voraus besten Dank.
21:01:27 H.Pfeil
21:02:45 W.Robinson
-------------------------------------------------------------------------------- 'Geistige Macht haben wir nur, wenn die Menschen uns anmerken, daß wir nicht kalt nach ein für allemal festgelegten Prinzipien entscheiden, sondern in jedem einzelnen Falle um unsere Humanität kämpfen. Zu wenig ist von diesem Ringen unter uns vorhanden. Zu sehr handeln wir, von dem Kleinsten an, der im kleinsten Betrieb etwas ist, bis zum politischen Machthaber hinauf, der Krieg und Frieden in der Hand hält, als Menschen, die es ohne Anstrengung fertigbringen, gegebenenfalls nicht mehr Menschen, sondern nur noch Vollstrecker allgemeiner Interessen zu sein, Darum ist unter uns kein Vertrauen mehr zu einer durch Menschlichkeit erleuchteten Gerechtigkeit. Wir haben auch keine wirkliche Achtung mehr voreinander. Alle fühlen wir uns einer kalten, sich in Prinzipien versteifenden, unpersönlichen und gewöhnlich noch unintelligenten Opportunitätsmentalität ausgeliefert, die, um kleinste Interessen zu verwirklichen, größter Inhumanität und größter Torheit fähig ist. Darum steht bei uns unpersönliche Opportunitätsgesinnung gegen unpersönliche Opportunitätsgesinnung. Alle Probleme werden in unzweckmäßigem Machtkampfe ausgetragen, weil keine Gesinnung vorhanden ist, die sie lösbar macht. Nur durch unser Ringen um Humanität werden Kräfte, die in der Richtung des wahrhaft Vernunftgemäßen und Zweckmäßigen wirken, in der unter uns geltenden Gesinnung mächtig. Darum hat der in überpersönlicher Verantwortung wirkende Mensch sich nicht nur dem durch ihn zu verwirklichenden Erfolge, sondern auch der zu schaffenden Gesinnung verantwortlich zu fühlen (Schweitzer: Kultur und Ethik, 1960, 350f.). 'In der Menschheitsgeschichte von heute handelt es sich darum, ob die Gesinnung der Humanität oder die Inhumanität zur Herrschaft gelangt. Wenn es die Inhumanität ist, die nicht darauf verzichten will, unter Umständen von den grausigen Atomwaffen, die heute zur Verfügung stehen, Gebrauch zu machen, ist die Menschheit verloren. Nur wenn die Humanitätsgesinnung, für die solche Waffen nicht in Betracht kommend, die Gesinnung der Inhumanität verdrängen kann, dürfen wir hoffend in die Zukunft blicken. Die Gesinnung der Humanität hat heute weltgeschichtliche Bedeutung' (1994, 156). Beide Zitate stammen von Albert Schweitzer aus dem Jahre 1923, das zweite desselben Autors von 1961. Beide sind heute so aktuell wie damals. Wenn auch vielleicht die Terminologie in mancherlei Hinsicht etwas altmodisch klingt, so sind die Worte dem Inhalt nach auch heute völlig richtig. Schweitzer definiert 'Humanität' dadurch, daß er sagt, 'Humanität besteht darin, daß nie ein Mensch einem Zweck geopfert wird' (1960, 313). Dieser Gedanke, der sich natürlich aus dem Konzept Kants vom Vernunftwesen Mensch als einem 'Selbstzweck' herleitet, ist zeitlebens ein überragendes Motiv von Schweitzers Denken gewesen: Er meint aber, über Kant hinausgehend, daß er gegen einen rechtsanalogen Rigorismus in der Moral und auch in der öffentlichen Kultur Stellung nehmen muß. Wir fassen unsere Ethik nämlich oft zu sehr als rechtsähnlich auf- im Sinne von 'Rechthabenwollen' (darum sind wir Deutschen ja ohnehin besonders engagiert, ich komme darauf zurück): Die Ethik wird gleichsam mit einem Belohnungs- oder Bestrafungsprinzip identifiziert; oder wir meinen, daß Ethik in gewissem Sinne Schuldzuweisung umfaßt und allzu häufig auch darauf beschränkt wird. Die Suche nach Sündenböcken und Verantwortlichen herrscht vor, möglichst immer nur jeweils nach einem einzigen Schuldigen. Schweitzer behauptet (ebd.) darüber hinaus - und zielt das gegen die Orientierung unserer übrigen öffentlichen Ethik an der Gesellschaft und ihren Erwartungen und Interessen -; 'Der große Irrtum des bisherigen ethischen Denkens ist, daß es die Wesensverschiedenheit der Ethik der ethischen Persönlichkeit und der vom Standpunkt der Gesellschaft aufgestellten Ethik nicht zugeben will, sondern immer meint, beide in einem Stück gießen zu müssen und zu können'. Schweitzers Idee ist es aber, die eigentliche, persönliche Ethik, die Ethik der Persönlichkeit und des individuellen Eigenengagements, wieder stärker zu betonen und als die einzig echte, 'wirkliche' Ethik, die Humanitätsethik, in den Vordergrund zu stellen. Echte Ethik ist Humanitätseth ik. Man kennt ja seine Aussagen: 'Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels'(ebd. 340), in der Hauptsache gelte es, das Abgestumpfiwerden zu vermeiden: 'In der Wahrheit sind wir, wenn wir die Konflikte immer tiefer erleben' (ebd.). Es müsse eine Gesinnung gepflegt werden, derzufolge 'nie ein Mensch als Menschending den Verhältnissen geopfert werden soll' (ebd. 359). Daß prinzipiell nie ein Mensch einem Zweck geopfert wird, darin eben besteht - wie erwähnt -Humanität für Schweitzer. Dieses Prinzip gilt für ihn jedoch nicht nur allgemein, sondern strikt und konkret. Humanität ist und muß sich bewähren als - konkrete Humanität. Doch Schweitzer bezieht ein solches Humanitätsprinzip auch ausdrücklich und das ist eine Neuentwicklung, die sich in der Hauptströmung der abendländischen Ethik eigentlich nur sehr versteckt andeutet, vielleicht bei Franziscus, bei Schopenhauer und wenigen anderen - auf den menschlichen Umgang mit anderen 'Kreaturen', 'Mitkreaturen', wie er sagt, also in erster Linie auf Tiere und auf die Hingabe an das Leben allgemein. Er verweist auf ein chinesisches Ethikbuch aus dem 11. Jahrhundert, das Buch (von) Kan Yin-Pien, in dem es heißt: 'Seid menschlich mit den Tieren und tut auch den Insekten, den Pflanzen und den Bäumen(1) nicht weh' (ebd. 318). Also: auch ein menschlicher Umgang mit Tieren muß zur vollständigen Humanitätsgesinnung hinzukommen. Wir sollen von der unvollständigen zur vollständigen Humanitätsgesinnung fortschreiten, fordert Schweitzer. Humanitätsgesinnung erstreckt sich mit auf Tiere - und sogar auf Pflanzen auf Mitgeschöpfe, Mitkreaturen, Partner des Lebens im Orchester der Natur. Humanität wird, wie Gotthart Teutsch sagt (1987, 94), zu einer 'artübergreifenden Humanität'. Das ist also eine neue Komponente, die Schweitzer eingeführt hat, oder wiederbelebt hat. (Z.B. hatte ja auch schon Charles Darwin den menschlichen Umgang mit Tieren als Teil der Ethik aufgefaßt (Darwin: Die Abstammung des Menschen 1, Kap. 4).) Schweitzer hat also im Grunde seine Ausgangsdefinition des Begriffs der 'Humanität', daß 'nie ein Mensch einem Zweck geopfert wird', erweitert, ja, eigentlich sinngemäß, wenn auch implizit, schon in seinem Buch 'Kultur und Ethik' von 1923 so verstanden. Er will generell der Versuchung wehren, 'die Schuld der Inhumanität', die u.U. 'aus dem Wirken in überpersönlicher Verantwortung kommt', durch Rückzug auf sich selbst oder durch Abschieben der Verantwortung für die unangenehmen Aufgaben herabzusetzen oder zu umgehen - etwa, in dem man Pflichten abschiebt, delegiert. Die Humanität und die Humanitätsethik verbieten es uns, 'der Hausfrau zu gleichen, die das Töten des Aals der Köchin überläßt' (1960, 349). Das Prinzip der konkreten Humanität bei Schweitzer geht somit über den humanen Umgang mit Menschen hinaus, erweitert es auf Mitkreaturen, beachtet Schweitzers allgemeines Grundprinzip der Ehrfürcht vor dem Leben, der Ehrfürcht vor dem Willen zum Leben in mir und in anderen Wesen, gleichermaßen. Schweitzer möchte diese praktische Konkretisierung aus der traditionellen rationalistischen Ethik und seinem obersten Axiom heraus entwickeln, ja, (logisch) ableiten und scheitert dabei immer wieder systematisch (vgl. Verf. 1989, 2. Teil). Doch im Grunde ist er mit diesen Forderungen der konkreten Humanität viel weiter gelangt, als die philosophisch reine und absolute Forderung nach Ableitung der ethischen Regeln, Normen und Gebote aus einem obersten Grundsatz es deduktiv zu gewährleisten vermag. Seine konkrete Humanität ist von vornherein pragmatisch und praxisnah. Und das ist von viel allgemeinerer Bedeutung. Das Prinzip der konkreten Humanität, das nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Mitgeschöpfe bezogen wird, ist insofern sinnvoll und wichtig, auch im Zusammenhang mit diesem Schweitzerschen Ansatz, als er sagt: 'Ethik ist lebendige Beziehung zu lebendigem Leben'. 'Die Abstraktion ist der Tod der Ethik' (1960, 325). Je mehr man auf allgemeine Regeln, universelle Prinzipien abhebt oder auch Zuweisungen genereller Art zu Rollen, zu Institutionen vornimmt, desto weniger ist die Humanitätsgesinnung in konkreter persönlicher Weise noch gewährleistet: 'Die Abstraktion ist der Tod der Ethik', d.h. der konkreten Humanitätsethik. Das kann man sinngemäß erweitern: Die Abstraktion ist der Tod der konkreten Humanität. Und eine derartige Abstraktion, ein solches Absehen von der konkreten persönlichen und situativ geforderten pragmatischen Humanität muß man natürlich vielen traditionellen Auflistungen und Entwicklungen m der Philosophie, zumal der abendländischen Philosophie, auch gerade in der Ethik im engeren Sinne, vorhalten. Ethik, meint Schweitzer, 'geht nur so weit, als die Humanität, das heißt die Rücksicht auf die Existenz und das Glück des einzelnen Menschenwesens geht' (ebd. 352) - und wir müssen ergänzen: des in meinen Handlungsbereich kommenden Mitgeschöpfs, für das wir mitverantwortlich sind. 'Wo die Humanität authört, beginnt die Pseudoethik' (ebd. 349). 'Gelten lassen wir nur, was sich mit der Humanität verträgt' (ebd. 352). Das gilt also in der Auseinandersetzung mit der Abstraktion, der gedanklichen Blässe in der Ethik der universellen Prinzipien und Allgemeinwertungen sowie der generalisierenden Folgeüberlegungen wie auch mit der Gesellschaftsethik, mit den Forderungen der Gesellschaft usw. Die Gesinnung der konkreten Humanität müsse gefördert werden, insbesondere durch Beispiel, Vorbild, Lehre, insbesondere gegenüber jeder 'kalten', sich auf und in 'Prinzipien versteifenden, unpersönlich und gewöhnlich noch unintelligenten Opportunitätsmentalität (ebd. 350, s.o. E). 'Nur durch unser Ringen um Humanität werden Kräfte, die in der Richtung des wahrhaft Vernunftgemäßen und Zweckmäßigen wirken, in der unter uns geltenden Gesinnung mächtig' (ebd. 351). Nur so können wir die Opportunitätsmentalitäten in wahrhaft humaner Orientierung und Weise überwinden. Schweitzers Prinzip der konkreten Humanität richtet sich also klar gegen die Überbetonung der Gesellschaftsethik, gegen die legalistischen, abstrakten und universellen Auffassungen der Gerechtigkeitsethik, der Pflichtenethik, der deontologischen Ethik, der universellen Gesinnungs-und Prinzipienethik im Kantischen Sinne, somit also z.T. kritisch gegen die kantische Tradition, und natürlich gegen die unterschiedlichen Nutzenethiken, gegen den Utilitarismus und die anderen naturalistischen Theorien, die versuchen, das ethisch Gute auf irgendeine natürliche Eigenschaft oder auf ein Interesse zurückzuführen. Es darf für die Einstellung konkreter Humanisierung kein 'Fiat iustitia, pereat mundus' geben - kein 'Es soll aufjeden Fall und jedenfalls, oder gar nur, die Gerechtigkeit überleben - und wenn die Welt zugrunde geht'. Dies wäre ein Rigorismus, der tatsächlich in der Kantischen Ethik in gewisser Weise enthalten ist, wenigstens im Extremfall. Ebenso darf es natürlich kein 'Fiat moralitas, pereat mundus' geben, wie es in manchen der alten gesetzesförmig verfaßten traditionellen Verbots-, Gebots-, Gesetzesethiken, einschließlich wiederum der Kantischen, dominierte. Mehr Mut zur Humanität, zur konkreten Humanität, mehr Mut zur Humanisierung, heißt: eine couragierte Haltung und stete Entscheidung je im Einzelfalle, d.h. stets auch mehr Mut zur konkreten Humanisierung gegen eine abstrakte formalistische und prinzipienreiterische Ethik jeglicher Provenienz. In dubio pro humanitate: 'im Zweifel für die Menschlichkeit', die ja de Vauvenargues(2) schon als die höchste ethische oder menschliche Tugend überhaupt bezeichnet hatte. 'ln dubio pro humanitate' bedeutet bei Schweitzer ausdrücklich und stets: In dubio pro humanitate concreta, im Zweifel für die konkrete Humanität. Die Moral der konkreten Humanitätsgesinnung - und wir können das natürlich erweitern, einer Philosophie der konkreten Humanität, ersetzt oder zumindest ergänzt das Begriffeanalysieren, das professionelle Systembauen der klassischen rationalistischen, aber auch der naturalistischen Ethiken durch eine Forderung nach einem 'humaneren', 'menschlicheren' Vorgehen in der Lebenspraxis. Ein 'menschlicheres', humaneres, menschengerechtes, am einzelnen Menschen und Mitgeschöpf orientiertes Handeln in der Lebenspraxis, nicht das Durchboxen ethischer Absolutprinzipien ist das Ziel. Das starre Beharren auf allgemeinen Prinzipien und Regeln, die rechtliche und moralische 'Prinzipienreiterei' kann zu Inhumanitäten führen, wie uns wohlbekannte oder leicht vorstellbare Fälle zumal auch aus der Medizin- und Rechtsprechungspraxis, zeigen. Schweitzer hat mehrerlei Hinsicht dieses Prinzip der konkreten Humanität in der Ethik so benutzt, daß er die Merkmale und den Begriff der Humanität erweitert hat, indem er zu einer überlegalistischen, lebenskonkreten, praktischen pragmatischen Humanität anleiten will: zuerst die Menschlichkeit. Primo human itas! In dubio pro humanitate concreta! 'Gelten lassen wir nur, was sich mit der (so erweiterten und strikt verstandenen konkreten, H.L.) Humanität verträgt.' (ebd. 352). Schweitzer hatte natürlich manche Vorläufer. Es soll hier in der Tat nicht nochmals detaillierter auf die Humanitätsdiskussion in der Antike eingegangen werden; Poseidonios und insbesondere natürlich die mittlere Stoa generell wären hier zu nennen: Panaitios, der den Begriff der Humanität in die philosophische Diskussion eingeführt hat. Als eigentliches ethisches Zentralthema und unter voller Würdigung der ethischen Relevanz wurde das Konzept der Humanität in der Neuzeit systematisch eigentlich erst von Herder aufgegriffen und wirklich ernstgenommen. Herder ist auch hierin - wie auch in der Erkenntnistheorie - ein scharfsichtiger und nicht genügend gewürdigter Kritiker von Kant. Er wendet sich in diesem Zusammenhang geradezu mit einer Art Forderung nach konkreter Humanität gegen den Rigorismus des Prinzipiellen bei Kant (s.o. und der ethischen Gesetzesanalogien. Allgemein läßt sich resümieren: Konkrete Mitmenschlichkeit muß in der jeweiligen Situation geübt werden. Man kann vielleicht sogar eine abstraktere Formulierung wagen: Verlasse dich nicht oder gar niemals nur auf abstrakte moralische Regeln und Gebote, sondern wende sie situationspragmatisch adäquat an! Das hat Herder in gewissem Sinne zu differenzieren versucht, indem er einen Kriterienkatalog der Humanitätsmerkmale eingeführt hat, der hier nochmals zusammenfassend erwähnt werden soll: Herder definiert den Humanitätsbegriff gleichsam funktionell: Er gibt eine Zweckbestimmung der Humanität durch zehn Merkmale, die so einsichtig sind, daß sie hier nicht ausführlicher kommentiert werden müssen. Herder meint dann, 'dieser Humanität nachzuforschen, sei die echte menschliche Philosophie', die eigentlich aber 'die Humanität' sei, d.h. konkrete Humanitätsphilosophie, und zwar als Vorübung zu einer künftigen Verbesserung des Menschen, um diesen Gott ähnlicher werden zu lassen. Zweck unseres jetzigen Daseins, unserer Gattung überhaupt, sei die Bildung und Ausbildung zur Humanität, der alle niedrigen Bedürfüisse der Erde nur zu dienen hätten und selbst zu ihr führen sollen: 'Unsere Vernünftigkeit soll zur Vernunft, unsere feinen Sinne sollen zur Kunst, unsere Triebe zur echten Freiheit und Schönheit, unsere Bewegungskräfte zur Menschenliebe gebildet weiden'. Die zehn Merkmale der Humanität nach Herder sind: die Friedlichkeit, Friedfertigkeit, die Geselligkeit oder Gemeinschaftsorientiertheit, das Teilnehmen, das Mitleid(en), die Menschlichkeit oder Mitmenschlichkeit im spezifischen Sinne, die man auch das Sicheinfühlenkönnen, die 'Empathie', nennen könnte, der Zusammenhang von Menschenwürde und Menschenliebe, die Verknüpfüng der Menschenrechte mit den Menschenpflichten - etwas, das heutzutage in der Diskussion allzu oft vergessen wird. Zur Humanität gehören auch Menschenpflichten; Gerechtigkeit als Fairneß - geradezu i. S. von John Rawls: Gerechtigkeit muß nicht bloß in der traditionellen Auffassung verstanden werden, sondern als zwar grundsätzliche Gleichbehandlung aller, aber mit einer sozialen und besonders humanen Berücksichtigung der besonders Benachteiligen; Toleranz, die Achtung und Beachtung anderer Meinungen, anderer Haltungen, anderer Wertungen, die Fähigkeit und Bereitschaft - und das ist für Herder und für die konkrete Humanität besonders wichtig -, über die eigenen Rechte und Gerechtigkeit gütig hinauszugehen, das Supererogatorische(3), das 'Überschießende', welches das konkret Humane in diesem Sinne erst groß macht und das natürlich in Situationen, wo konkrete Humanität gefordert ist, besonders deutlich wird; Zudem müßte man bei Herder noch die praktische Menschenliebe anführen und 'die Einheit eines wahren wirksamen reinen moralischen Charakters'. Mit anderen Worten, es gibt also schon bei Herder eine oberste Leitorientierung, die auf konkrete Handlungsentscheidungen und -beurteilungen ausgerichtet ist und sich nicht auf abstrakte Regeln allein beschränkt, obwohl die Definitionsmerkmale noch recht allgemein formuliert sind. Jedenlalls ist klar, daß Herder nicht nur die Idee der Humanität unaufgebbar ins Ethische transponiert und Humanität zu einem ethischen Grundbegriff gemacht hat, sondern daß sein Ansatz in dieser seiner Variante der konkreten, praktischen, lebenszugewandten Humanität natürlich in einen viel stärkeren Maß auf das praktische Leben bezogen ist als etwa die Pflichtethik i.S. Kants oder auch als Kants Humanitätsbegriff~ der sehr viel stärker nur theoretisch und eben moralphilosophisch-prinzipiell zu verstehen ist. Herder sieht in der Humanität durchaus das Über-das-Recht-Hinausgehende, diese Hinwendung zur konkreten Humanität, zur Berücksichtigung der jeweils entsprechenden Situation und der je individuellen Handlungspartner mit ihren jeweiligen Besonderheiten - unter Absehung von der ausdrücklichen und ausschließlichen Beziehung und Rückführung auf bloß formale und universell-moralische Regeln. Herder kann also als Vorläufer einer Ethik der konkreten Humanität gewürdigt werden (wird jedoch eigenartigerweise von Albert Schweitzer in dieser Hinsicht nicht erwähnt!). Wenn wir nun resümierend versuchen, die Herderschen Merkmale konkreter Humanität ein wenig moderner zu fassen und über Schweitzer hinaus zu erweitern, so können wir sagen: (Konkrete) Humanität bedeutet heute zumindest: daß wir immer das menschliche Maß beachten, ein gewisses Modell des Nichts-im-Übermaß befolgen, eine Art von Selbstbescheidung und weiser Beschränkung, Weisheit ausüben und üben. daß wir die Bedingtheiten und Beschränktheiten - im konkreten, situativen, aber auch im biologischen Sinne - hinsichtlich der Behandlung von anderen, der Achtung vor anderen und auch vor uns selbst berücksichtigen, daß wir nicht den Menschen zersplittern, in Segmente aufspalten, lediglich in Rollen, nur in Teil fünktionen sehen, sondern daß wir versuchen, die jeweilige andere Person ganzheitlich zu erfassen, insbesondere, daß wir nicht um jeden Preis Ziele und oberste Werte verabsolutieren oder obsessive Prinzipienreiterei betreiben, daß wir möglichst individuengerecht und persönlich, personal argumentieren und auch unsere Einstellungen und Wertungen, Einschätzungen so gestalten und moderieren, daß wir den anderen Personen jeweils auch einen Freiraum offenlassen, Toleranz gewähren und üben - ein Grundmotiv auch bei Herder -, also daß wir eine Art formaler Freiheitsregel beachten, diesen Freiraum jedoch auch für uns selber kultivieren; daß wir Gerechtigkeit als Fairneß i.S. von John Rawls und das Sich-fair-Verhalten im täglichen Leben anerkennen und praktizieren - nicht nur im Sport, wo dieses Ideal ja mittlerweile auch fast vergessen worden ist, daß wir Mitmenschlichkeit in Gruppen, im Fühlen, Werten, Streben und Leben nicht nur berücksichtigen, sondern daß wir, wo immer und überhaupt möglich und sinnvoll, die Mitmenschlichkeit stets in den Mittelpunkt rücken, daß wir uns nicht uns nicht nur als Erkennende, sondern auch als mitfühlende, mitteilende Wesen auffassen (dies ist besonders an die Adresse der Philosophen gerichtet, die das jahrtausendelang vergessen haben); daß wir dies nicht nur in bezug auf andere Menschen beachten, sondern auch in bezug auf eine lebenswerte Umwelt. Eine lebenswerte Umwelt oder die Qualität des Lebens für den Menschen zu erhalten, ist ein Teilimparativ konkreter Humanität - schon aus Gründen eines langfristig klugen Selbstinteresses (und das widerspricht keineswegs der Konkretheitsforderung!), daß ein humaner Umgang nicht nur mit der Umwelt, sondern auch mit der anderen Kreatur gefordert ist - i.S. der Erweiterung von Schweitzer; also ein humaner Umgang mit anderen Naturwesen ist auch ein Gebot der so verstandenen Humanität. Die persönliche Verantwortlichkeit im eigenen Handlungsbereich unter Beachtung der anderen aufgeführten Kriterien und Regeln wahrzunehmen (in doppeltem Sinne!) - das ist etwas, was tätige Moral und konkrete Humanität bedeutet und verlangt. gilt, daß die Achtung gegenüber dem existierenden Leben besonders auch die Selbstachtung und Verantwortlichkeit für die eigene Person umfaßt; daß man zur humanen Selbstkultivierung im Gefolge der Selbstachtung auch die ästhetische Verfeinerung des eigenen Geschmacks, des persönlichen Erlebens und des Gestaltens, des Wertens, die Verfeinerung des eigenen Empfindens in weitestem Sinne einer praktisch angewandten und lebenskonkreten Ästhetik zu zählen hat - bis hin zur verantwortlichen Selbstentwicklung - all das unter steter Beachtung der mitmenschlichen Belange. Man könnte und sollte diese Merkmalliste natürlich weiterführen. Ich denke aber, daß ein großer Teil von wichtigen Merkmalen genannt ist. Vielleicht sollte man noch die praktische Regel von Gottfried Seume von vor Jahrhunderten hinzufügen: 'Nicht das Predigen der Humanität, sondern das Tun hat Wert!'. Kurz(es) und Gut(es): 'Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!' heißt es im Volksmund nach Erich Kästner. Das Gesagte ist natürlich alles sehr wichtig für unser soziales Leben. Es ist insbesondere zu berücksichtigen angesichts des derzeitigen Klimas in unserer Gesellschaft; denn das soziale und das öffentliche Klima, ist härter geworden. Ich spreche pointiert mit einem Unwort von der 'Ellenhogenisierung' der Gesellschaft. Das Klima verhärtet sich zunehmend. Man könnte auf eine Reihe von Beispielen verweisen. Solche können hier nicht im einzelnen aufgeführt werden. Doch ist wohl zur Pomtierung - Überpomtierung? Hoffentlich! - noch das Wort des Jahrzehnts zur Ellenbogenisierung nennen. Ein neuernannter Industriedirektor sagte: 'Es ist mir in letzter Zeit vorgeworfen worden, ich hätte an die Ellenbogen Sporen geschnallt. Die ich dabei verletzt habe, bitte ich, nach Erreichen meiner Ziele, nachträglich um Entschuldigung.' Immerhin kann man sagen, daß in gewisser Weise wenigstens ein menschliches Rühren dem Herm nicht ganz fremd geblieben ist, verspürt er doch untergründig ein bißchen an schlechtem Gewissen: Er zeigt gewisse Anflüge von einem resthumanitären Empfinden, das ihn zwar noch im nachhinein rührt, aber natürlich zuvor nicht gehindert hat, seine Sporen an den Ellenbogen kräftig einzusetzen. - (Wenn es um das ökonomische Überleben einer Firma in der immer schärfer werdenden Konkurrenz geht, wenn es individuell um den hochdotierten Posten geht: ('Ich oder er - aber schon gar nicht sie!'), dann heißt es Ellenbogen zeigen, Sporen ansetzen und einsetzen. Ist doch die Ellenbogenisierung dem Wirtschaftsleben wirklich nicht so fremd...). Das Beispiel ist weder repräsentativ für Industriebetriebe noch andere Bereiche, zeigt doch -aber als Einzelfall (?) eine gewisse Tendenz zu einer rüden Durchsetzungsmentalität - eben zu einer 'Ellenbogenisierung', die sich heute vermehrt auch auf dem Ursprungsfeld der Fairneßtugend findet: im Sport, zumal im Hochleistungssport der Professionals! Trainer, auch bekannte Nationalspieler forder(ten)n sogar, das geschickte Foulspielen müßte man den jungen Leuten geradezu beibringen: diese müßten lernen, ein 'anständiges', 'faires' (!)Foul zu inszenieren (sog. 'Notbremse' o.a.) ein Foul, das also nicht den anderen total verletzt, aber insoweit eben behindert, daß der zielführende Erfolg des Gegners verhindert wird. Ähnliches gilt für das vorgetäuschte Gefoultwerden, die berühmten 'Schwalben' im Strafraum, die einen Strafstoß einbringen sollen. Partner sollten die Sportler eigentlich sein. Wenn's ums Geld und ums Ausmanövrieren des anderen geht, wenn es (zu) ernst wird, werden Spielgegner zu leicht zu Ernstgegnern, zu Feinden. Selbst die Auffassung der einzelnen erfolgssüchtigen und erfolgsabhängigen Sportler geht tendenziell in diese Richtung: Je mehr das 'Spiel' Ernst wird, um je mehr Gelder oder Aufstiegschancen es geht, desto drastischer werden die Fairneßregeln der Tradition als idealistisch, utopisch und unrealistisch angesehen. Ich habe zusammen mit Gunter Pilz ein Buch darüber geschrieben (vgl. Lenk/Pilz; Das Prinzip Fairneß, Osnabrück 1989). Hier möchte ich nur das Zitat eines früheren Handballnationalspielers anführen: 'Jeder Akt einer ehrlichen Entschuldigung oder des Bedauerns nach einem Foul bedeutet Fairplay.' Und auch eine Handballnationalspielerin hat sich ähnlich geäußert: 'Wenn sie dich foulen und sie kommen dann zu dir und sagen: ,Tut mir leid, Entschuldigung!', das finde ich dann, das ist sehr fair! 'Offensichtlich ist also das 'Fair-Halten' in ein bloß beschwichtigendes Verhalten umgelenkt, 'umfunktioniert' worden - natürlich auch zur Besänftigung des Schiedsrichters. Dabei werden solche Versuche meistens noch als bewußt demonstrativ entdramatisierende Strategie eingesetzt, als wirkungsvolle Show geboten. Soweit, so schlecht für den Sport: All das Gesagte scheint aber viel allgemeiner auf einem Systemeffekt unserer Ellenbogen- und Durchsetzungsgesellschaft zu beruhen, den ich früher schon mal so versucht habe zu umschreiben, daß wir eher in einer Art von 'Erfolgsgesellschaft', nicht einmal in einer wirklichen 'Leistungsgesellschaft' (obwohl sie sich so nennt) leben, sondern in einer Gesellschaft, die den Schein der Leistung oder den äußerlichen Erfolg privilegiert oder prämiert(4) . Statt dessen sollten wir in einem echt humanisierten Sinne 'leisten' und Leistungen bewerten: Man kann geradezu eine Humanisierung des Leistungsprinizips fordern, das habe ich auch in früheren Büchern (z.B. in Verf: Sozialphilosophie der Leistung, 1976 und Eigenleistung, 1983) getan. Selbst im akademischen Bereich merken wir, daß es nicht mehr ist wie bei Marx, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt, sondern der Schein bestimmt das Bewußtsein: in den oberen Rängen der Reputationsschein, bei den Studenten der Seminarschein. Das erlebt man immer wieder, oft schon am Anfang des Semesters. Man fragt sich also, ob es manchmal richtig ist, zu sagen, 'Ehrlich währt am dümmsten'; der Moralische und Faire ist im Ende im Wettkampf oder in der Ellenbogengesellschaft oft in der Tat der Dumme. Und Ulrich Wickerts Buch Der Ehrliche ist der Dumme (1995!) gibt ja auch Beispiele dafür an, wenn auch in einer nicht sehr systematischen Zusammenstellung oder gar theoretischen Durchdringung. 'Nice guys finish last!' heißt es im Sport in den USA. Die fairen Leute sind eben dann die letzten. 'Wise guys' werden in der sich ellenbogenisierenden Gegenwartsgesellschaft erst recht untergebuttert: Weder 'nice' noch 'wise' -scheint die Erfolgsdevise. An der Ruine Dürmstein in der Wachau hatte vor einigen Jahren der Tourismusreferent das vielsagende Schild angebracht, das der außer Atem geratene Besucher nach dem Aufstieg zu lesen hatte: 'Wer immer strebend sich bemüht, der kennt die Tricks noch nicht, wie man nach oben kommt!' Quasi-goethische Weisheit, die den Ellenbogensporenträgern in unserer Gesellschaft in den Ohren klingen sollte. Bissig, zynisch, fürwahr! Aber zu pointiert...? Wir finden in unserer Gesellschaft tatsächlich auf vielen Gebieten Phänomene der 'Ellenbogenisierung', haben generell so etwas wie eine Ellenbogenmentalität entwickelt. Und Fairneß, gar ein menschlicher, konkret humaner Umgang miteinander geraten ins Abseits. In der Tat: in einer kalten, einer erkaltenden Gesellschaft leben wir, die man vielleicht sogar als Abschiebungsgesellschafi bezeichnen könnte - natürlich sowohl in einem aktiven wie auch in passivem Sinne. Aktiv, im Abschieben von Menschen, darin sind wir 'groß' in unserer Gesellschaft- und unsere Kleinen werden schon damit 'groß'. Die Alten, die Kranken, die Sterbenden werden abgeschoben in Ghettos. Schon längst ist die Erziehung, wenn auch nicht ganze die Verantwortlichkeit dafür, an die Experten der Bildungsinstitutionen abgeschoben worden. Kinder werden abgeschoben vor die Mattscheibe, und lassen sich auch leicht, allzu leicht fasziniert, bildsüchtig, live verführt vom Bilderspiel fesseln. Oder man verweist die Eltern neuerdings auf die ihnen rechtlich zustehenden, aber nicht vorhandenen und natürlich nicht einklagbaren Kindergartenplätze. Staat und Gesellschaft erhalten die Verantwortung, die sie - so anonym - leicht in der Schwebe lassen können. So mancher Politiker - wirklich nur im Ausland? - übernahm schon 'die volle Verantwortung' - und es passierte nichts. Man sieht, die Strategie hat Tradition. Oder die passive Variante - und diese ist wohl ebenso schlimm. Sie fünktioniert nach dem St. Florians-Prinzip der 'Ohne-Michel'-Gesellschaft. Freiheit wird groß geschrieben, aber nur die Freiheit von und zu allen, wozu ich Lust habe, worauf ich Anspruch erhebe und stets Anspruch zu haben glaube - nach dem sprichwörtlich gewordenen Motto der 68er Revolution: 'Wir wollen alles - und zwar sofort! 'Diese Haltung durchsäuert nunmehr fast die ganze Anspruchs- und Genußmaxierungsgesellschaft: Genuß ein Muß. Leistung und Hilfe für andere: ohne mich. Was sich für den 'Ohne-Michel' übrigens durchaus noch mit einer penetranten Rechthaberei kombinieren läßt. Wir Deutschen sind ja nicht nur die Weltmeister im Alkohol- und Bierkonsum, sondern vor allem im Rechthabenwollen. Die Tendenz zur 'Ohne-Michel'-Gesellschaft kann man durch drastische Beispiele illustrieren: Wir nahmen dereinst entsetzt das amerikanische Beispiel zur Kenntnis, bei dem 1964 auf einem Bahnhofsvorplatz der Bronx in New York nachts um drei Uhr 30 Minuten lang das Mädchen Kitty Genovese erstochen wurde, wobei 38 Nachbarn Zeugen waren und keiner die Hand rührte oder auch nur die Polizei (an)rief. Das ist natürlich eine ganz schlimme Demonstration von Gleichgültigkeit, Unbarmherzigkeit und Inhumanität - und natürlich auch von Feigheit der 'bystanders'. Wir sind in der Tat eine Gesellschaft des Augenverschließens, des Vorbeigehens, des Nicht-eingreifen-Wollens, des Nicht-behelligt-werden-Wollens, des fehlenden persönlichen Engagements oder geradezu des betonten persönlichen Nicht-Engagements, der Nicht-Bereitschaft, ein Risiko einzugehen und uns zu exponieren. Natürlich wäre es vielleicht zu riskant gewesen, bei dem erwähnten Verbrechen persönlich einzugreifen, aber warum hat niemand sofort die Polizei angerufen? Doch alles das geschah ja im fernen Amerika; wir Deutschen sind da bekanntlich viel besser. Wirklich? 1989, es war im Münchner Olympia-Park, bei Tag, es herrschte Winter. Viele Leute spazierten umher, trotzdem half niemand als drei kleine Jungen in das Eis eines nur rund 130 cm tiefen Teichs einbrachen. Als endlich der Notarzt kam und seine Mannschaft von Rettungssanitätern die Kinder aus dem flachen Tümpel zog, waren die Kinder nicht mehr zu retten. Zwei Dutzend Menschen hatten, ohne sich zu exponieren, ohne sich einzusetzen, dem Todeskampf von drei kleinen Kindern zugeschaut. Zahlreiche 'Schaulustige' sahen tatenlos zu, zwei angesprochene Männer verweigerten die Hilfe. Die Passiven und die Verweigerer ließen sich hinterher natürlich nicht ermitteln. Es gibt ja bei uns eine Gesetzesregelung, derzufolge die Unterlassung voll Hilfeleistung strafbar ist, aber dennoch passierte so etwas Grausiges im Herzen Deutschlands. Also auch wir Deutschen brauchen uns wahrlich nicht an die Brust zu schlagen. Auch wir sind eine Gesellschaft des Nicht-Engagements, des Nicht-Behelligt-werden-Wollens, der Trägheit, wenn es um dringenden persönlichen Einsatz für das Leben oder die Unversehrtheit anderer geht. Doch zugleich sind wir auch eine Gesellschaft der 'Schaulustigen', die erregt werden wollen - und dabei oft die Unfallrettung behindern. Der 'Ohne-Michel' ist eine nicht unrepräsentative Variante des deutschen Michel. Hier, in Deutschland, wurde die 'Ohne-Michelei' sprichwörtlich! Wohl nicht ohne Grund. Wir scheinen uns in dieser kalten, inhumanisierten 'Ohne-Michel'-Mentalität dahinter zu verstecken, daß wir fragen: Warum soll gerade ich aktiv werden? Wieso soll gerade ich mich engagieren? Warum soll gerade ich denn etwas riskieren, mich einsetzen, etwas tun? Mögen das doch andere tun! Die 'Wieso-Icherei' grassiert, hat wenigstens heimliche Konjunktur. Oder - und das ist viel realistischer, vielleicht weniger zynisch: 'Dafür haben wir doch die Notärzte, die Rettungsmannschaften', allgemein: den Staat, die Interessenverbände, Kirchen, Stiftungen: 'Die sind doch dafür da!' Bei ihnen kamt man sogar seinen mitmenschlichen Obulus in Gestalt eines modernen Ablasses zahlen, die Spende zur Weihnachtszeit, gegen die natürlich nichts eingewendet werden soll, im Gegenteil - und sich dann guten Gewissens vom persönlichen Eigenengagement bei wirklichen Notsituationen geradezu symbolisch freikaufen, gleichsam 'entpflichtet' fühlen zu können fast nach dein Motto 'Entpflichtung durch Entrichtung'. (Und nun klingt's doch schon wieder (zu?) zynisch...). Wir leben also offensichtlich in einer Gesellschaft, die sich teilweise entmenschlicht oder sich entmitmenschlicht, in einer sich zunehmend entsolidarisierenden Gesellschaft. Es scheint eine schleichende Enthumanisierung um sich zu greifen, die durchaus mit hohen persönlichen Ansprüchen, Seibstansprüchlichkeit oder gar Arroganz ('Anspruchs-', nein. 'Ansprüchegesellschaft'!) einhergehen kann - fallweise und nicht untypisch durchaus auch in Form einer Erregung und 'Lust' vermittelnden Teilnahme in Gestalt von 'Schaulust', von Informiertseinwollen oder sogar mit einer Tendenz zur Entwicklung eines Betroffenheitskults der verbalen Verantwortlichkeit. Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat (in einer repräsentativen Erhebung) ermittelt, daß 59% der Bevölkerung bei uns es heute für eine 'zutreffende' Beschreibung halten, daß der einzelne immer mehr staatliche Unterstützung erwartet, ohne sich viel um die eigene Verantwortung für andere zu kümmern. Das sind fast zwei Drittel unserer Gesellschaft. (Von einer Zwei-Drittel-Gesellschaft ist ja auch in anderen Zusammenhängen die Rede...) Das Sichzurückziehen auf Rollenpflichten, auf formal geregelte Beziehungen und Distanzen, die Tendenzen zur 'Bürokratisierung' selbst der humanitären Maßnahmen - mit den zwei Seiten der größeren Effektivität und des Sich-nicht-direkt-Betroffenfühlens - finden sich allenthalben. Das Entsprechende gilt dann natürlich geradezu notwendig auch in vielen Einzelbereichen: Man denke an Fälle in der Medizin, wo es notgedrungen durch den Systemzusammenhang, durch die Hochtechnisierung und den Großbetrieb der Klinik zu einer Art auch notwendiger Rollendistanzierung kommt, so daß der Arzt klarerweise eine distanzierte Rollenmentalität in bezug auf den 'Leberkrebs in 208' entwickeln muß. Er kann sich nicht stets in einer permanent emotional-personalen Weise engagieren, wie es eigentlich der Idee der konkreten Humanität gemäß wäre. Man kann sich schon aus methodischen und auch aus überlastungsbedingten Gründen nicht den einzelnen Patienten total widmen, obwohl man es nach der Tradition des Hippokratischen Eides als Arzt eigentlich tun sollte. Aber häufig kommt es gerade heute vor, daß bei schweren Erkrankungen tatsächlich der Arzt immer mehr in eine Art von Seelsorgerrolle hineingerät und an der Schwelle von Leben und Tod stets mit einer geradezu für eine technische Rollenverpflichtung untragbaren konkret-humanen Verantwortung umgehen muß. Man sollte ihm durch Hilfen - auch gesetzlichen -ermöglichen und nahelegen, daß er vielleicht auch mehr Mut zur persönlichen Verantwortung übernehmen kann. Auch von sich aus sollte er in seinem Bereich (wieder) mehr Mut zur Humanisierung, zur konkreten Humanisierung in der Klinik, zur Humanitätsgesinnung und einer dieser folgenden Handlungsweise aufbringen. Das ist natürlich im Massenbetrieb, in der Bürokratisierung, in der Hochtechnisierung der klinischen Umwelt sehr schwierig, und auch innerlich viel aufwendiger als ein Routineverhalten genau nach Vorschrift usw. Es ist ja häufig so, daß durch die erwähnten Systembedingungen geradezu inhumane Tendenzen gefördert werden. Es ist ja in der Tat viel leichter, sich an allgemeinen Regeln, an formelle Vorschriften zu halten - und man ist dann auch natürlich gesetzlich nie belangbar. Es ist immer einfacher, im Zweifelsfall zu einer (u. U. gar inhumanen) Allgemeinentscheidung Zuflucht zu nehmen, als sich der konkreten Entscheidung im Sinne der konkret-humanen Abwägung zugunsten des Patienten, eventuell sogar leicht außerhalb der Legalität, aber eben im Interesse des anderen Menschen, des Einzelschicksals und im Sinne der konkreten Humanität zu widmen. Ich halte gelegentlich Seminare zusammen mit meinem Sohn ab, der in der Intensivmedizin als Anästhesist tatig ist. Wir haben eine Reihe von Fällen studiert. Es gibt in der Tat zahlreiche Varianten der Verantwortungs'erleichterung' oder gar der Verantwortungsabschiebung. Manche werden ja sogar auch von oben oder außen gefordert, z.T. sogar von der katholischen Kirche. Es gibt z.B. die Unterscheidung zwischen dem vermeintlich passiven Sterbenlassen durch das Vorenthalten von Medikamenten im Letalzustand und etwa dem aktiven Abschalten einer Herz-Lungen-Maschine. Als seien das Absetzen oder Vorenthalten eines Medikaments oder z.B. der intravenösen Nahrung kein aktives Handeln! Auch die Entscheidung, nichts mehr zu tun, ist aber eine zu verantwortende Handlung. Man beruft sich also manchmal zu Unrecht auf solche Fallunterscheidungen - um sich 'abzusichern', ein 'besseres' Gewissen zu verschaffen? Empfehlungen, Regelungen und Entscheidungen derart, daß und wie man Menschen dahinsterben oder -siechen lassen kann - und nur das tun darf - sind im nicht mehr erträglichen und absolut infausten Endstadion u. U. viel inhumaner als eine entsprechende Sterbehilfe, von der oft betonten 'Würde' des Sterbens und dem Anrecht darauf ganz zu schweigen. Aber im Grunde sind alle solchen Beispiele natürlich Fälle, über die man nicht allgemein, vom Grünen Tisch aus urteilen kann. Und darauf kommt es an: darauf hinzuweisen, daß es gerade hier auch Inhumanitäten durch forcierte oder überstrapazierte Regelungen geben kann, daß es mit den - durchaus notwendigen -Allgemeinregelungen und formalen Vorschriften manchmal allzu menschlich und gelegentlich unmenschlich oder gar konkret inhuman zugeht. (Es konnte sogar auch das Gegenteil eintreten, daß selbst eine 'Gesellschaft für humanes Sterben, die sich eigentlich anfänglich mit Zivilcourage der konkreten Humanität verschrieben hatte, zu einem einträglichen Zyankali-Handel verkommen war.) Der konkret humanitär gesonnene Arzt steckt oft rechtlich und moralisch in der Zwickmühle - und zwar gelegentlich nicht nur rechtlich und moralisch, sondern gerade auch in seinen zutiefst humanen Empfindungen, Mitgefühlen, abwägenden Beurteilungen der immer je besonderen Einzelsituation des einzelnen Sterbe- oder Krankheitsfalles, der natürlich immer ein ganzes Menschenschicksal ist. Im Sinne der schlichten mitmenschlichen Humanität ist manchmal eine nicht nur das Recht provozierende, sondern eine moralisch außergewöhnliche Zivilcourage erforderlich. Und diese ist in Deutschland selten; denn bei uns ist 'Zivilcourage' nach wie vor ein Fremdwort. 'In dubio pro humanitate' heißt hier natürlich 'in dub io pro patiente' oder 'im Zweifel für die humane und humanitäre, wirklich konkret-humane Behandlung des Patienten, insbesondere auch des Sterbenden'. 'Fiat moralitas, pereat mundus', 'Fiat justitia, pereat mundus' - beides darf natürlich gerade auch hier nicht im Vordergrund stehen. Sondern die 'humanitas 'muß im Mittelpunkt bleiben. Wir neigen übrigens ganz allgemein dazu, auch in unserem Alltag, die Moral zu sehr im Sinne der Gesetzesorientierung zu sehen. Der Mut der konkreten Humanität, zur konkreten Humanisierung muß eigentlich immer wieder besonders gesondert betont werden, und selbst dazu gehört in bestimmten Zusammenhängen wie dem eben dargestellten u. U. ein besonderer persönlicher Mut. Es ist wirklich notwendig - und das ist ein Hauptappell der Philosophie und Ethik konkreter Humanität -, daß heutzutage wieder (mehr) Mut zur Humanität, couragierte Humanität, in den Vordergrund gestellt und gewürdigt wird, daß mutige, konkret-humane Entscheidungen und Handlungen, sowie ein couragiertes und engagiertes Denken des Humanen im Sinne der personenorientierten Mitmenschlichkeit in der jeweiligen Situation, in der sie nötig sind, gefordert werden - und zwar ausdrücklich im Sinne der konkreten Humanität, nicht bloß im Sinne allgemeiner Regeln oder abstrakter Reden am Grünen Tisch. Es ist notwendig, die qualitative praktische Humanisierung und die konkrete Humanität zu fördern, ja, moralisch zu fordern. - Neben der Mitmenschlichkeit im Zusammenleben wäre im Sinne der konkreten Humanität besonders auch auf das achte Merkmal, das ich oben genannt habe, auf die Idee der Mitemotionalität, der Koemotionalität, zu verweisen. Die Konzeption der moralischen konkreten Humanität wäre also mehrfach zu erweitern. Humanverträglichkeit und eine Beachtung der Mitkreatürlichkeit ist ebenso wichtig, wie Schweitzer das betont hat, wie insbesondere das persönliche Engagement und die Eigenverantwortung, sowie die Bereitschaft, diese Eigenverantwortung zu üben und bewußt zu übernehmen. Hier muß auf die Ausführungen des Verfassers zu den Typen, Arten und Stufen der Verantwortlichkeit (z.B. in Verf., 1992, 26 ff) verwiesen werden. Interessant ist, wie diese unterschiedlichen Verantwortungsformen ineinandergreifen, einander überlappen und daß es auch zu Konflikten zwischen verschiedenen Verantwortlichkeiten kommt. Häufig und typischerweise kommt es zu Konflikten und Spannungen zwischen der universalmoralischen Verantwortlichkeit und der Job-Verantwortlichkeit, das kann man leicht einsehen. Es ist klar, daß gerade auch hier eine Art von konkret-humaner Möglichkeit des Abwägens, des Proportionierens zwischen den verschiedenen Verantwortlichkeiten nötig und möglich ist. Man darf sich nicht einfach formal auf eine Aufgabenbeschreibung zurückziehen, wenn es beispielsweise um die Anweisung geht, ein allgemeinschädliches Abfallprodukt zu Lasten der Allgemeinheit zu 'entsorgen'. Beispiele von derartigen Konflikten sind Legion. Der einzelne muß sich im Konflikt persönlich dieser übergreifenden Verantwortlichkeit stellen, persönlich entscheiden zwischen den konfligierenden Teilverantwortlichkeiten. Er muß sozusagen in übergreifender konkreter persönlicher Verantwortung den Konflikt zwischen den unterschiedlichen Verantwortungen zu lösen versuchen, also gleichsam 'superverantwortlich' persönlich entscheiden, die Einzelverantwortlichkeiten pragmatisch, situationsangemessen und konkret proportionieren, abwägen. Es geht aber auch darum, mit der Verantwortung, der persönlichen und moralischen Verantwortung und der sozialen Verantwortung, in Institutionen umzugehen, was oft besondere Probleme aufwirft. Wie kann man Verantwortung teilen? Kann man Verantwortung so weit aufteilen, daß keiner mehr eigenverantwortlich ist? Ist jeder für alles verantwortlich? Joseph Weizenbaum (1977, 349) meinte, jeder Mensch sei 'für den Gesamtzustand der Welt verantwortlich'. Das ist natürlich sinnlos, einen Begriff muß man auch irgendwie fassen, greifen können. Er muß etwas ausgrenzen; sonst funktioniert er nicht. Ein Verantwortungsgerede wird auch oft als Alibi-Etikett benutzt, Verantwortungsklischees werden gern hin und hergeschoben. Man kann also auch keine sinnvolle operational greifende Allgemeinlösung erzwingen zwischen extrem einer utopischen Totalverantwortlichkeit jedes einzelnen für alles in der Welt einerseits und der leeren fatalistischen Nichtverantwortlichkeit andererseits. Der Naturphilosoph Meyer-Abich (1984, 23) forderte: 'Jeder nimmt auf alles Rücksicht.' Nutzt das was? Ist das in irgendeiner Weise greifbar? Offensichtlich nicht. Ein fatilistisches Hände-in-den-Schoß-Legen ist natürlich genauso unverantwortlich und kann inhumane Folgen haben wie die Überforderung durch die Totalverantwortlichkeit. Konkretisierung tut not. Die Idee der konkreten Humanität erfordert eine Art von konkreter oder wenigstens konkretisierbarer Operationalisierung der Verantwortlichkeit(en). Das gilt sowohl für die Verteilungsfragen als auch die Übernahme der persönlichen Verantwortung. Das sind in der Praxis freilich sehr schwierige Probleme. Radikale Extremdiagnosen und -stragieen sind unvernünftig, weil sie oft zu Inhumanitäten führen, und der Umgang mit den technologischen Großsystemen heutzutage ist besonders prekär. Man kennt auch Beispiele dafür, daß es zu Systeminhumanitäten führt (E), wenn nicht ein besonderes persönliches verantwortliches Engagement im Sinne dieser situationsangemessen, konkreten Humanität wirksam wird. Die Humanität fordert hier also Proportioniertheit, eine Abgewogenheit der Verantwortlichkeiten im Sinne einer solchen konkreten Personalisierung. Als moralisch verpflichtete und uns verpflichtende Personen müssen wir dann auch zukunftsorientiert, aufgeschlossen eine moralische Verantwortlichkeit 'nach vorne' entwickeln - also ein anderes Konzept als die traditionelle Schuld-Zuschreibung ex post. Das Schuldzuschreiben ist nur ein Fall -nicht der eigentlich wichtige und keineswegs der interessante für unsere Zukunft. Die moralische Verantwortlichkeit muß vorausschauend, offen, zukunftsorientiert sein, darf nicht ausschließlich, ('exklusiv') nur auf Auszeichnung und Stigmatisierung eines Sündenbocks oder Schuldigen ausgerichtet sein, sondern sie ist eine Konzeption, die beteiligungsoffen zu sein hat, mitverantwortungsoffen.(5) Diese 'Beteiligung' ist manchmal schwer greifbar zu machen, aber es muß Kriterien dafür geben. Es gibt hierfür auch Beurteilungs- und Empfehlungskriterien sowie Prioritätsregeln, die mein Mitarbeiter Dr. Maring und ich aus der Wirtschaftsethik zu entnehmen und dann zu erweitern versucht haben, welche in der Anwendung zwischen unterschiedlichen Verantwortlichkeiten zu entscheiden gestatten oder z.B. wenigstens eine diesbezügliche Orientierung vermitteln können: Schadensabwendung geht vor Nutzenmehrung; (prädistributive) Grundrechte und Sicherheit haben Vorrang, faire Lastenverteilung bei Kompromissen zwischen unausweichlichen Konflikten (also keine einseitigen Benachteiligungen) u. ä. Das sind ja auch bekannte und plausible Überlegungen. Die Erweiterung der Verantwortung auf alle potentiell Betroffenen (auch z.B. auf nachkommende Generationen) und die Handhabbarkeit der Modelle von Mitverantwortung sind natürlich zu beachten: Bloße Appelle nützen nicht viel, man braucht auch noch Anreize, systematische oder gar institutionelle 'incentives'. Nur so viele Gesetze, Gebote und Verbote wie nötig, so viele Anreize, Eigeniniativen und Eigenverantwortlichkeit wie möglich. Humane Verantwortung auch für die Folgen von Entwicklungen in verwickelten Systemen kann weder ethisch noch rechtlich von einem einzelnen allein getragen werden. Das gilt natürlich auch für die Techniker und Wissenschaftlerethik. Sie kann aber auch nicht pauschal der Gattung Mensch an sich oder etwa der Berufskategorie Ingenieur oder dem Manager abstrakt zugewiesen werden. Mittlere Lösungen entsprechend der jeweiligen entsprechenden Situation oder Rolle: Je nach Zentralität oder Wirkungsmöglichkeit sind in einer abgestuften Folge Gruppenverantwortlichkeiten zu entwickeln bzw. bei Konflikten unter dem Gesichtspunkt und dem Gebot der konkreten Humanität zu dimensionieren. Niemand kann für alles verantwortlich sein. Verantwortung ist nicht allumfassend, insbesondere nicht im Zeitalter vernetzter Systemzusammenhänge, wo es mit dem Problemen der Verantwortungsverteilung und Mehrfachzuweisung ganz besonders schwierig wird. Wer ist beispielsweise bei 'Internet' verantwortlich für die Informationen, die im Netz stecken? Ist hier überhaupt jemand greifbar und kontrollierbar verantwortlich zu machen? Eine diesbezügliche Informationsethik zu entwickeln, ist eine ganz dringliche Aufgabe der nächsten Zukunft; man sieht eigentlich überhaupt noch keinerlei Möglichkeit zur konkreten Gestaltung einer operationalisierbaren Ethik bezüglich der weltweiten Informationssysteme - außer der Notwendigkeit, die traditionellen Begriffe zu erweitern. Die moralische institutionelle Verantwortung von technisch-wissenschaftlichen Verbänden, Vereinigungen und anderen Berufsvereinigungen ist dabei natürlich wichtig. Doch nicht der Sofiwareentwickler oder der einzelne Programmierer noch der Benutzer kann hier ja alleinverantwortlich gemacht werden - und schon gar kein 'Eigentümer'. Doch ebensowenig darf die Humanität, die Humanisierung, das menschliche Maß außer acht gelassen werden, das allzu leicht in diesen Zusammenhängen vergessen wird. Und Humanität wird wirksam jeweils nur konkret. Human itas concreta praestet! Zusammenfassend möchte ich zu der humanen moralischen Verantwortlichkeit sagen, daß weiterhin auch die Kategorie der persönlichen humanen Verantwortung eine Zukunft hat. Die persönliche moralische Verantwortung bleibt nach wie vor das prototypische Beispiel, das Vorbild der Verantwortlichkeit. Sie ist aber nicht mehr das einzige. Individuelle moralische Verantwortlichkeit ist zwar der Prototyp, aber es gibt auch Verantwortlichkeiten von kollektiven Akteuren und von formal organisierten sekundären Handelnden, Institutionen, also sozusagen eine sekundäre Verantwortung für organisationelles, korporatives Handeln, die jedoch stets in Zusammenhang mit den persönlichen Verantwortlichkeiten gesehen werden muß, auf die sie aber nicht gänzlich reduziert werden kann. Es ist und bleibt ein schwieriges, prekäres Problem, die Verbindung zwischen den abstrakteren Organisationsebenen mit ihren implizierten und möglichen Systeminhumanitäten einerseits und der konkreten, persönlichen Verantwortlichkeit in Anwendungssituationen und im Falle voll Überlappungen und Konflikten andererseits nun jeweils insbesondere im Sinne der konkreten Humanität herzustellen. Wir müssen also immer, gerade im Umgang mit institutionellen und korporativen Verantwortlichkeiten, einen schwierigen Balance-Akt durchführen: Es ist wichtig, daß kollektive und korporative Verantwortung nicht als Schutzschild vor oder Manöver der Ablenkung von individueller Verantwortlichkeit dient, wodurch gleichsam das Tor zu persönlicher unverantwortlicher Handlung aufgeschlossen würde - etwa in dem Sinne, daß wir also z.B. behaupten würden: Individuen seien nicht mehr persönlich verantwortlich, sondern allein der Staat. Wir kennen ja die 'Rädchen'-Ausreden, Befehlsnotstandsausflüchte der KZ-Schergen und -ähnliches. ist zu beachten und zu betonen, daß die überindividuelle Verantwortung nicht dann schon obsolet ist, wenn bestimmte Individuen (mit)verantwortlich sind. Es gibt kollektive und korporative Verantwortlichkeiten, die nicht auf die individuelle reduzierbar sind, obwohl sie mit der persönlichen stets in einem Zusammenhang stellen: Auch angesichts der Nichtreduzierbarkeit ist im konkreten Falle stets irgendwelche persönliche Mitverantwortlichkeit aktiviert. Verantwortlichkeit ist - wo immer möglich - stets auch als beteiligungsoffene und zukunftsoffene (d.h. für die Steuerung künftiger Handlungen, Entscheidungen, Pläne, Risikozumutungen) zu verstehen und etwa nicht bloß auf die Zuweisung von Schuld an einzelne Sündenböcke zu reduzieren: Verantwortlichkeit in Systemzusammenhängen und Handlungs- sowie Entscheidungsgefügen ist wesentlich stets Mitverantwortlichkeit und Zukunftsverantwortlichkeit. Einzelne können nicht alleinverantwortlich gemacht werden für das, was sie nicht allein verursacht haben bzw. eigentlich gar nicht verantworten können. Besonders ist auch zu beachten, daß die Zuschreibung individueller, persönlicher Verantwortung immer auch unter dem Blickwinkel konkreter Humanität und in deren Dimensionen zu sehen bzw. einzubetten ist. Erst konkrete Humanität kann die allgemeine Idee der Humanität in den Sinne greifbar machen, operational gestalten, tragbar werden lassen, indem die sie konstituierende konkrete Verantwortlichkeit gleichzeitig situationsangemessen, beteiligungsoffen und prospektiv ist. In dubio pro humanitate concreta! Etiam in institutionibus in dubio pro humanitate concreta! (Auch in den Institutionen im Zweifelsfall für die konkrete Humanität!) Fußnoten (1) Es ist dies übrigens eine Tradition, die durchaus im abendländischen und christlichen Bereich auch vorhanden ist, aber leider vielfach ignoriert, ja, unterdrtickt worden ist: Das vor einiger Zeit erst aus den Geheimarchiven des Vatikans wiederentdeckte Evangelium der Essener ist z.B. ein ausgesprochen ökologtsches Evangelium. Ich kann das im einzbnen hier nicht belegen: Aber es werden die Bäume als 'unsere Bruder' bczeichnet: Wer alle Bäume absägt, sägt im übertragenen Sinne auch letztlich den Ast ab, auf dcm er selber sitzt. (Natürlich kann man sich das in Wüstengegenden deutlicher vorstellen als bei uns) (Vgl. etwa Verf: Prometheisches Philosophieren... 1991, 128ff) (2) De Vauvenargues nennt die Menschlichkeit, die Humanität, die größte Tugend und meint, der Verstand täusche uns öfter, als die Natur es tue, man müsse zu einer gemütshaften Humanitätsgesinnung zurückkehren; er fordert das natürlich im Anschluß an Pascal und dessen 'Logik des Herzens' (3) Im Sinne des von ihm oft zitierten, aber nach Altphilologenmeinung (z.B. Klingner 1947, 38) dabei leicht mißverstandenen Cicero, der den homo humanus, den besonders humanen Menschen, darin sieht, daß z.B. der absolute Herrscher in der römischen Familie, der paterfamilias, nicht darauf beharrt habe(n soll), seine Rechte total auszuüben, sondern eben in humaner Weise verzeihend über die Verfehlungen und Rückschläge der ihm Anvertrauten hinausgehen sollte. Das ist etwas, was man das 'Über-das-Pflichtrnäßige-Hinausgehen' nennen könnte, was heute in der Ethik nach biblischer Vorausformulierung ('the works of supererogation'), das Supererogatorische, genannt wird, das, was man sozusagen über das Erwartbare hinaus an Mitgefühl, als Miteinsatz, als besonders persönliches mitmenschliches, zwischenmenschliches Engagement einbringt, das ist sozusagen das über das übliche Erwartungsgemäße oder gar Rechtmäßige Hinausgehende. (4) Dazu gehört auc	 05 Dec 2004
21:05:09 L. Herder
L.Herder schrieb: "... Auch die Frage nach dem „ Was ist sicher genug ?“ ist nicht eindeutig zu beantworten. Sie fällt immer subjektiv aus. Die Frage birgt eine Reihe von Zielkonflikten in sich. Es soll zum Einen möglichst schnell entwickelt werden, zum Anderen soll das System möglichst sicher sein, was wiederum mehr Zeit erfordert. Hier stehen sich ökonomische Ziele und Sicherheitsinteressen gegenüber. Solche Konflikte sind Nullsummen Spiele, sie sind prinzipiell nicht lösbar. ..."
Der Begriff "Nullsummenspiel" ist hierbei nicht zutreffend. Ein Nullsummenspiel ist ein Spiel, in dem der Gewinn des Einen der Verlust des Anderen ist. Dh. es gibt nur Gewinnen oder Verlieren. Zwar ist das in ihrem Beispiel auch so, aber dort spielt niemand gegeneinander um den Sieg. Im Nullsummenspiel spielen die Mitspieler auch immer nur gegeneinander und kooperieren keineswegs miteinander. Ausserdem sind Nullsummenspiele prinzipiell immer lösbar, gerade weil sie ein genaues "Sieg" und "Niederlage" kennen. Das Gegenteil wären die Nicht-Nullsummenspiele wie das Gefangenendilemma. Der Begriff "Nullsummenspiel" scheint mir also vollkommen fehl am Platze. Natürlich ist dieser Begriff in ihrem Artikel keineswegs elementar, aber um dem um sich greifenden Falschwissens entgegenzuwirken, denke ich sie darüber aufklären zu müssen. Mit freundlich Grüßen Martin Rupp
21:06:29 Martin Rupp
... ist die Diplomarbeit vollendet? Kann man darauf zugreifen?	 05 Dec 2004
21:07:32 Volker S.

References: In dubio
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In dubio
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