Source: http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&zoom=&type=show_document&highlight_docid=aza%3A%2F%2F15-11-2011-8C_719-2011
Timestamp: 2016-10-26 09:45:20+00:00

Document:
8C_719/2011 (15.11.2011)
8C_719/2011 {T 0/2}
vertreten durch Professor Prof. Dr. iur. Hardy Landolt,
A.a Die 1953 geborene C.________ war als Spulereiarbeiterin bei der Firma X.________ angestellt und bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) gegen die Folgen von Unf�llen versichert, als sie am 4. Dezember 1984 bei einem Unfall eine Verletzung des rechten Knies erlitt. Am 3. April 1985 fand ein operativer Eingriff des Knies statt. Mit kreis�rztlicher Untersuchung vom 13. August 1986 schloss die SUVA die unfallbedingte Behandlung ab.
A.b Am 12. Januar 2007 registrierte die SUVA einen R�ckfall und erbrachte wieder Leistungen. Nach Abschluss der Behandlung sprach sie C.________ mit Verf�gung vom 2. Dezember 2009 eine Rente gest�tzt auf einen Invalidit�tsgrad von 11 % und eine Integrit�tsentsch�digung bei einem Integrit�tsschaden von 30 % zu. Daran hielt sie im Einspracheentscheid vom 11. August 2010 fest.
Die hiegegen eingereichte Beschwerde wies das Verwaltungsgericht des Kantons Glarus mit Entscheid vom 24. August 2011 ab.
Mit Beschwerde l�sst C.________ die Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheides und die R�ckweisung der Sache an die Vorinstanz beantragen. Eventualiter wird die Gew�hrung einer Invalidenrente gest�tzt auf einen Invalidit�tsgrad von 50 % geltend gemacht.
Gem�ss Art. 99 Abs. 1 BGG sind Noven im letztinstanzlichen Verfahren grunds�tzlich unzul�ssig (vgl. zur Geltung dieses Grundsatzes im Beschwerdeverfahren um die Zusprechung oder Verweigerung von Geldleistungen der Milit�r- oder Unfallversicherung: BGE 135 V 194 E. 3.4 S. 199 f.). Neue Tatsachen und Beweismittel d�rfen nur soweit vorgebracht werden, als erst der Entscheid der Vorinstanz dazu Anlass gibt (Art. 99 Abs. 1 BGG; BGE 135 V 194). Solche Umst�nde k�nnen namentlich in formellrechtlichen M�ngeln des angefochtenen Entscheids liegen, mit denen die Partei nicht rechnete und nach Treu und Glauben nicht zu rechnen brauchte, oder darin, dass die Vorinstanz materiell in einer Weise urteilt, dass bestimmte Sachumst�nde neu und erstmals rechtserheblich werden. Der vorinstanzliche Verfahrensausgang allein bildet noch keinen hinreichenden Anlass im Sinne von Art. 99 Abs. 1 BGG f�r die Zul�ssigkeit von (unechten) Noven, die bereits im kantonalen Verfahren ohne Weiteres h�tten vorgebracht werden k�nnen (SVR 2009 BVG Nr. 30 S. 109, 9C_920/2008 E. 2.3; vgl. auch Urteil 8C_51/2010 vom 21. Mai 2010 E. 3.1).
Der Bericht �ber die Evaluation der funktionellen Leistungsf�higkeit (EFL) des Zentrums f�r Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene, datiert vom 10. Januar 2011, wird erstmals im Verfahren vor Bundesgericht eingereicht. Er ist somit als unechtes Novum im vorliegenden Verfahren nicht zu ber�cksichtigen.
Streitig ist die H�he der durch die Unfallversicherung auszurichtenden Invalidenrente. Zu pr�fen ist zun�chst, welche der gesundheitlichen Einschr�nkungen unfallkausal sind und welche Einschr�nkung der Arbeitsf�higkeit daraus resultiert. Unbestritten ist hingegen die H�he des Anspruchs auf Integrit�tsentsch�digung.
3.1 Die Beschwerdef�hrerin macht im Wesentlichen geltend, neben den gesundheitlichen Einschr�nkungen am rechten Knie sei die Beschwerdegegnerin auch f�r die R�ckenbeschwerden leistungspflichtig. Es bestehe lediglich noch eine Arbeitsf�higkeit von 50 % in einer leidensangepassten T�tigkeit.
3.2 Aus den Akten ergibt sich, dass die Beschwerdef�hrerin im Jahr 2007 einen R�ckfall bzw. eine Sp�tfolge des 1985 operierten Knies mit Beschwerdezunahme geltend machte. Dr. med. S.________, Facharzt f�r Orthop�dische Chirurgie, diagnostizierte eine lateral betonte Gonarthrose am rechten Knie. Nach Vornahme einer Kniearthroskopie und der Implantation eines k�nstlichen Kniegelenks (Knie-TP-Implantation) am 12. September 2007 lag weiterhin eine Leistungseinschr�nkung wegen der Befunde am Knie vor. Kreisarzt Dr. med. G.________ kam am 30. Oktober 2009 zum Schluss, aufgrund der Prothesenimplantation sei der Beschwerdef�hrerin nur noch eine leichte Arbeit ganztags zumutbar. Repetitives Treppen steigen und das Einnehmen von Zwangshaltungen wie knien und kauern seien ungeeignet. Auch h�ufiges Leitern steigen sei ung�nstig. Das Begehen von unebenem Gel�nde sei zu meiden. Die Arbeit solle wechselbelastend sein, wobei die Arbeitsposition durch die Beschwerdef�hrerin frei w�hlbar sein solle. Ebenfalls sei es optimal, wenn sie regelm�ssig einige Schritte gehen k�nne. Zus�tzliche Pausen im Rahmen von 30 Minuten pro Tag k�nnten gerechtfertigt werden.
Der behandelnde Arzt Dr. med. S.________ gab am 8. September 2009 hingegen an, die Beschwerdef�hrerin weise unter Belastung noch immer ausgepr�gte Beschwerden vonseiten des rechten Kniegelenks auf. Deswegen sei lediglich eine Arbeitsf�higkeit von 50 % gegeben. Am 4. Januar 2010 korrigierte Dr. med. S.________ seine Beurteilung und gab an, die Beschwerdef�hrerin sei derzeitig wie auch wahrscheinlich dauerhaft zu 50 % in ihrer Erwerbst�tigkeit eingeschr�nkt. Als relevante Nebendiagnose (neben der Knieprothesenimplantation mit andauernden Schmerzen) weise die Beschwerdef�hrerin Fibromyalgie, eine chronische Lumbalgie sowie �bergewicht auf. Vor allem die Fibromyalgie und die chronische Lumbalgie f�hrten ebenfalls zu einer Einschr�nkung der Arbeits- und Erwerbsf�higkeit, sodass gesamthaft von einer Invalidit�t von 50 % auszugehen sei. Am 31. M�rz 2010 pr�zisierte Dr. med S.________, aufgrund der rechtsseitigen Knieproblematik und der nachgewiesenen Spondylarthrose mit Wurzelaffektion links, sei seiner Meinung nach derzeitig lediglich eine Arbeitsf�higkeit von 50 % gegeben.
Zwischen den Beurteilungen von Dr. med. G.________ und Dr. med. S.________ liegt kein eigentlicher Widerspruch vor. W�hrend ersterer lediglich die Kniebeschwerden in seiner Beurteilung ber�cksichtigte schloss letzterer weitere Befunde bei seinen Einsch�tzungen mit ein.
3.3 Die Beschwerdef�hrerin macht geltend, auch die R�ckenbeschwerden seien unfallkausal. Unbestritten nicht unfallkausal sind die von Dr. med. S.________ erw�hnte Fibromyalgie und das �bergewicht der Beschwerdef�hrerin. Zu pr�fen bleibt, ob die R�ckenbeschwerden aufgrund der Akten �berwiegend wahrscheinlich als unfallbedingt beurteilt werden k�nnen.
3.4 Beim urspr�nglichen Unfallereignis im Jahr 1984 war der R�cken nicht betroffen. Am 20. Juli 2007 hielt die stellvertretende Kreis�rztin Dr. med. L.________ fest, ein Zusammenhang zwischen den chronischen zervikothorakalen Lumbalgien und den die Beschwerdegegnerin betreffenden Fall im Zusammenhang mit dem rechten Knie sei nicht gegeben. Es handle sich dabei nicht um Folgen des Unfalls vom 4. Dezember 1984. Dem Austrittsbericht der Klinik B.________ vom 20. November 2007 ist unter anderem zu entnehmen, die Beschwerdef�hrerin berichte �ber jahrelang vorbestehende R�ckenbeschwerden in Form von Schmerzen im Kreuzbereich ohne Ausstrahlung.
Gest�tzt auf diese medizinischen Akten, insbesondere die Beurteilung von Dr. med. L.________, hat die Vorinstanz zu Recht die Unfallkausalit�t der R�ckenbeschwerden verneint. Eine gegenteilige �rztliche Beurteilung der Unfallkausalit�t liegt nicht vor, weshalb auch kein Anlass besteht diese mittels medizinischen Gutachtens erneut abkl�ren zu lassen. In antizipierter Beweisw�rdigung kann darauf verzichtet werden. Die Beurteilung der zumutbaren Verweist�tigkeiten durch Kreisarzt Dr. med. G.________ beruht auf seiner kreis�rztlichen Abschlussuntersuchung vom 27. April 2009 sowie zus�tzlicher bildgebender Abkl�rungen. Dem entsprechenden Bericht, inklusive dem Nachtrag vom 30. Oktober 2009, kommt Beweiswert zu (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). Ihm kann daher gefolgt werden.
Die Beschwerdef�hrerin r�gt weiter, die Invalidit�tsbemessung der Vorinstanz sei nicht bundesrechtskonform.
4.1 Die von der Beschwerdegegnerin und der Vorinstanz vorgenommene Parallelisierung des Valideneinkommens ist grunds�tzlich nicht zu beanstanden, weil das tats�chlich erzielte Valideneinkommen der Beschwerdef�hrerin erheblich unter dem branchen�blichen Durchschnittswert liegt. Allerdings ist die Parallelisierung insofern bundesrechtswidrig als der statistische Tabellenlohn ohne Weiteres als Valideneinkommen angenommen wurde.
Weicht der tats�chlich erzielte Verdienst um mindestens 5 % vom branchen�blichen Lohn ab, erweist er sich als deutlich unterdurchschnittlich und kann grunds�tzlich eine Parallelisierung der Vergleichseinkommen rechtfertigen (BGE 135 V 297 E. 6.1.2 S. 302 f.). Dabei ist das Einkommen jedoch nur in dem Umfang zu parallelisieren, in welchem die prozentuale Abweichung den Erheblichkeitsgrenzwert von 5 % �bersteigt (BGE 135 V 297 E. 6.1.3 S. 303 f.). Bei einer bundesrechtskonformen Parallelisierung der Einkommen muss somit vom branchen�blichen Tabellenlohn von Fr. 48'283.- pro Jahr im Textilgewerbe ausgegangen (LSE 2008, Tabelle TA1, Position 17, Anforderungsniveau 4 f�r Frauen, der betriebs�blichen Wochenarbeitszeit und Nominallohnentwicklung in der Textilbranche im 2009 angepasst) und hiervon 5 % abgezogen werden, was ein massgebliches Valideneinkommen von Fr. 45'869.- ergibt.
4.2 Beim Invalideneinkommen von Fr. 53'070.- nahm die Beschwerdegegnerin einen Abzug vom Tabellenlohn gem�ss BGE 126 V 75 von 20 % vor und gelangte zu einem massgeblichen Invalideneinkommen von Fr. 42'456.-. Die Vorinstanz best�tigte diese Beurteilung und bezeichnete den Abzug von 20 % als sehr grossz�gig, da die lohnreduzierenden Merkmale Alter, Ausbildung und Sprachkenntnisse und Berufserfahrung wegfallen w�rden. Mit diesem Abzug seien die Leistungseinschr�nkungen f�r leichte angepasste T�tigkeiten mehr als genug ber�cksichtigt, wobei der Abzug von 20 % zweifellos auch die Lohnreduktion f�r das zus�tzliche t�gliche Pausenbed�rfnis von einer halben Stunde mit umfasse.
4.3 Die Beschwerdef�hrerin bem�ngelt, die vermehrte Pausenbed�rftigkeit von einer halben Stunde pro Tag d�rfe nicht beim Abzug gem�ss BGE 126 V 75 ber�cksichtigt werden, sondern sei separat in Abzug zu bringen. In diesem Fall m�sste der behinderungsbedingte Abzug jedoch entsprechend reduziert werden, womit sich der Invalidit�tsgrad insgesamt nicht erh�hen w�rde. Bei der aus dem fr�heren "Schwerarbeiterabzug" heraus entwickelten Rechtsprechung von BGE 126 V 75 (vgl. E. 5a/aa-cc S. 78 f. des genannten Urteils) kann auch eine "leidensbedingte Einschr�nkung" ber�cksichtigt werden. Das Ausmass einer maximal 25 % betragenden (BGE 126 V 75 E. 5b/aa-cc S. 79 ff.) Reduktion des Invalideneinkommens beschl�gt eine typische Ermessensfrage. Angesichts der dem Bundesgericht zukommenden Kognition ist diese letztinstanzlicher Korrektur nur dort zug�nglich, wo das kantonale Gericht sein Rechtsermessen rechtsfehlerhaft ausge�bt hat, also Ermessens�berschreitung, -missbrauch oder -unterschreitung vorliegt (BGE 132 V 393 E. 2.2 S. 396 und E. 3.3 S. 399). Mit einem Abzug von 20 % ist dem Umstand der vermehrten Pausenbed�rftigkeit und der Arbeitsf�higkeit in einer nur noch leichten, angepassten T�tigkeit im Sinne einer "leidensbedingten Einschr�nkung" insgesamt �usserst grossz�gig Rechnung getragen worden. Die Vorgehensweise des kantonalen Gerichts ist daher nicht zu beanstanden.
Aus der Gegen�berstellung des massgeblichen Valideneinkommens von Fr. 45'869.- und des Invalideneinkommens von Fr. 42'456.- resultiert ein Invalidit�tsgrad von 7% (abgerundet von 7.44 % gem�ss BGE 130 V 121 E. 3.2 S. 122 f.). Damit wird der rentenbegr�ndende Mindestinvalidit�tsgrad von 10 % gem�ss Art. 18 Abs. 1 UVG nicht erreicht. Es best�nde daher grunds�tzlich kein Anspruch auf eine Rente der Unfallversicherung. Da das Bundesgericht gem�ss Art. 107 Abs. 1 BGG an die Antr�ge der Parteien gebunden ist, bleibt eine reformatio in peius im bundesgerichtlichen Verfahren allerdings ausgeschlossen (ULRICH MEYER, in: Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, 2008, N. 4 zu Art. 107 BGG; SVR 2009 UV Nr. 17 S. 65, 8C_330/2008 E. 4.5). Der vorinstanzliche Entscheid ist daher im Ergebnis zu best�tigen und die Beschwerde abzuweisen.
Luzern, 15. November 2011

References: Art. 99
 BGE 
 BGE 
 Art. 99
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 BGE 
 Art. 18
 Art. 107
 Art. 107