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Timestamp: 2017-04-25 04:34:56+00:00

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Ansgar Hense: Glockenläuten und Uhrenschlag
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9.2.2. Ansgar Hense: Glockenläuten und Uhrenschlag. Der Gebrauch von Kirchenglocken in der kirchlichen und staatlichen Rechtsordnung. Staatskirchenrechtliche Abhandlungen Band 32. Berlin: Duncker und Humblot, 1998
Die Themenstellung dieser Dissertation der Juristischen Fakultät der Universität Freiburg i. Brsg. wurde von dem Kirchenrechtler Prof. Joseph Listl angeregt, Autor von ,,Kirche und Staat in der neueren katholischen Kirchenrechtswissenschaft'' (1978), Bd. 7 der gleichen Reihe. Da ist es nicht mehr so verwunderlich, wenn sich der Autor am Ende seines kurzen Vorwortes als gläubiger katholischer Christ outet. In der letzten Zeile schreibt er: ,,Dresden, am Hochfest Peter und Paul 1998 Ansgar Hense''. Für Nichtkatholiken übersetze ich diese originelle Datumsangabe: dieser Tag ist nach meinem Heiligenkalender der 29.6 ! Und vielleicht noch die ergänzende Information: der heilige Ansgar (801 - 865), ein Benediktiner, förderte als päpstlicher Legat die Ausbreitung des Christentums in Schweden, Jütland und Schleswig und galt als ,,Apostel des Nordens''. Gilt hier ,,nomen est omen''? Damit niemand auf solche Weise rätseln muss, was meine (des Rezensenten) Position ist, will ich sie schon vorweg kurz andeuten. Und zwar zunächst mit einer Negation: ich bin kein Christ, und dann ganz positiv: ich bin ein Humanist mit einer aufgeklärt polytheistischen Orientierung. Einer meiner Götter - und Göttinnen! - ist der Gott der Wahrheit und intellektuellen Redlichkeit. Nennen wir ihn Sokrates. Doch zurück zum Autor. Auch wenn schon von Anfang an der Verdacht aufkommt, dass von ihm ein Parteien-Gutachten vorgelegt wurde - dieser Verdacht wird in den letzten Kapiteln zur Gewissheit -, so muss man seiner Dissertation wohl dennoch einen hohen Informationsgehalt zuerkennen. Auf 418 Seiten mit ausführlichem Anhang wird im Text und zusätzlich in 2276 Anmerkungen (knapp 7 Anmerkungen pro Seite des laufenden Textes) ein überaus umfangreiches Material (758 Literaturangaben) sachkundig verarbeitet. Das Buch kostet 124 DM, ein stolzer Preis. Aber insgesamt ist es sicher ,,viel Buch fürs Geld''! Vielleicht ist es daher verzeihlich, wenn ich mit meiner Rezension die übliche Seitenzahl überschreite.
Der Autor ist in seiner Arbeit erkennbar um Sachlichkeit und vor allem um juristische Korrektheit bemüht. Neben dem Pro und Contra von Argumenten der Streitgegner werden auch moderate Positionen erwähnt. Mutmaßliche Zielgruppe der Publikation sind aber wohl die Justitiare kirchlicher Einrichtungen. Denn mit dem, was Hense als ,,herrschende Meinung'' oder ,,hier vertretene Auffassung'' in den Vordergrund rückt, ist das Buch bestens geeignet, jedem Kirchenamt, das sich etwaiger Klagen gegen Glockenlärm zu erwehren hat, mit einer Vielzahl von Argumenten gegen die Rechtsauffassungen der Glockenkritiker zu dienen. Henses Werk sollte in jeder kirchenrechtlichen Kanzlei als Nachschlagewerk griffbereit sein, und der Dank der Kirchen und Gottes Segen ist ihm wohl gewiss.
Das Buch ist dennoch auch für Glockenkritiker sehr lesenswert, denn diese können davon profitieren, über die verschiedenen Rechtsauffassungen der Kirchen und ihrer Rechtsberater informiert zu werden. Wer dieses Buch durchgearbeitet hat, der weiß bei einem Prozess, in dem es um übermäßigen Glockenlärm geht, auf welche Gegenargumente der kirchlichen Glockenbefürworter er sich gefasst machen muss. Hense referiert aber auch genügend ausführlich und auch im Großen und Ganzen korrekt die rechtlichen Einwände gegen das Glockenläuten, insbesondere gegen dessen Lautstärke, Dauer, Häufigkeit, Unzeitigkeit (etwa nachts!), Wohnbereichsnähe usw., also insgesamt gegen dessen störende Intensität. Schon um die Klagen und Forderungen der Glockenopfer, Glockengegner und Glockenkritiker (H. Sch.:in Leserbriefen unserer örtlichen Presse auch als ,,Glockenhasser'' bezeichnet) argumentativ zurückweisen oder widerlegen zu können, war der Autor ja genötigt, in einem Mindestmaß auf deren Einwände einzugehen. Es ist daher ein großes Verdienst des Autors, dass er auf diese Weise möglicherweise erstmals in einem juristischen Fachbuch die verschiedensten Argumente der Glockenkritiker detailliert dargestellt hat, wenn auch manches davon nur ,,passim'' und unsystematisch oder in Anmerkungen versteckt. Der aufmerksame Leser wird sie dennoch finden können, auch ein Nichtjurist wie der Rezensent. Auf einen solchen glücklichen Fund werde ich später zurückkommen.
Die Arbeit ist auch für den juristischen Laien klar verständlich formuliert, nur die Endredaktion war nicht ganz ausreichend: in späteren Abschnitten häufen sich Verschreibungen und kommen sogar sinnaufhebende Setzfehler (so auf S. 303) vor. Der Text ist klar gegliedert, aber durch vermeidbare Wiederholungen etwas redundant. In den vielen Quellen, die Hense gesichtet und referiert hat, wiederholen sich gleiche und ähnliche Formulierungen. Diese Datenmenge möchte ich auf wenige durchgängige und grundsätzliche Aussagen reduzieren, und dabei das Erkenntnis-Interesse der Glockenkritiker besonders beachten. Denn die Glockenschützer und -befürworter haben ja schon in Hense selber einen verlässlichen Anwalt! Ich will daher versuchen, die in meiner Sicht wesentlichen Aspekte in einer selbstgewählten, aber an die Gliederung des Autors angelehnten Abfolge darzustellen.
Ich beginne mit dem noch vor-rechtlichen Selbstverständnis der Kirchen über den Glockengebrauch, vom Autor etwas missverständlich auch als ,,Glockenrecht'' bezeichnet. In ähnlicher Weise verwendet Hense auch gern den Begriff ,,Kirchenrecht'', besonders in Kapitelüberschriften, und zwar auch dann, wenn im Text nur von innerkirchlichen Richtlinien, ,,Handreichungen'', Ordnungen oder Regelungen die Rede ist, und schließlich selbst in den Fällen, wo sogar von kirchlicher Seite das Glockenläuten nicht mehr unter Kirchenrecht, sondern unter ,,Liturgie'' abgehandelt wurde. Hier, wie auch anderswo, schafft es Hense, ,,päpstlicher als der Papst'' zu argumentieren. Für sein Referat über die Geschichte des Glockengebrauchs hat der offenbar lateinkundige Autor viele alte Schriften und Dokumente ausgegraben und ausführlich diskutiert. Aus diesem umfangreichen Material greife ich heraus: Dass der Glockengebrauch zwar christlich, aber nicht ursprünglich jesuanisch ist, wird nur nebenher erkennbar, etwa in der Anmerkung 31 ( S. 33), wo Hense auf kritische Bemerkungen von Paulus (1 Kor. 13) verweist, ohne sie zu zitieren. Das sei deshalb nachgeholt: ,,Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nur ein tönendes Erz [H. S.: = eine größere Glocke] oder eine klingende Schelle [H. S.: = ein Glöckchen]...'' Glocken galten sogar lange Zeit als heidnisch, als Zeichen des Irrglaubens (S. 34). Erst im 6. Jh. nach Christus - Hense meint: ,,...bereits...''! ( S. 33 u. 39) - haben sich die Glocken, ursprünglich aus Asien herkommend, über das Mittelmeer und auf dem Umweg über Gallien und Irland auch nach Mitteleuropa verbreitet, und zwar läuteten sie zuerst in der Abgeschiedenheit der Klöster, um dort die Mönche zum kanonischen Gebet zu rufen. Von Bettel- und Reformorden wurden sie als überflüssig abgelehnt. Und erst (keineswegs: ,,bereits''!) seit dem 12. Jahrhundert waren die Glocken auch von den Gemeindekirchen, dort auch schon in heutiger Größe, allgemein verwendet worden. Die ursprünglich ,,heidnischen'' Glocken wurden, wie so manches andere, offenbar erst viele Jahrhunderte nach dem Auftreten des Jesus nachträglich christianisiert. Warum wohl?
Auch darüber gibt Hense Auskunft. Fast etwas naiv und mehr nebenher breitet der Autor die christlich-triumphalistischen Deutungen des Glockenschalls vor dem Leser aus. Da ist in den Zitaten die Rede davon, dass die Glocke ,,ihren Siegeszug durch die Heidenwelt'' hält (S. 35), als ,,Stimme Gottes aus den Höhen'' ... ,,eine Prachtstimme und eine Machtstimme'' (S. 36). Der liturgische Sinn der Glocke liege darin, ,,letztlich die Königsherrschaft Jesu Christi in dieser Welt und über diese Welt zu verkünden'' (S. 56). Noch im Jahre 1956 wird in der VELKD - Läuteordnung formuliert: ,,sie [die Glocken] verkünden unüberhörbar den Herrschaftsanspruch Jesu Christi über alle Welt'' (S. 125). Da fragt sich der kritische Leser: kommt mir das nicht irgendwie bekannt vor? ,,...über alles, über alles in der Welt''? Nein, das bezog sich ja auf ,,Deutschland, Deutschland'', und nicht wie oben, auf Jesus Christus und die Glocken!
Mit den oben angeführten Zitaten will ich nicht unterstellen, dass Hense selber so triumphalistisch fühlt und denkt wie seine Autoren. Aber es fällt doch auf, dass er auf jede Distanzierung von solchen martialischen Sprüchen verzichtet und sich im übrigen eindeutig auf die Seite derer stellt, die dröhnende Glocken zur Demonstration von Macht (natürlich nur der Kirche!) einzusetzen pflegten. Dazu passt, dass dem Autor auch in einleitenden, kommentierenden oder zusammenfassenden Abschnitten, die daher seine eigene Handschrift erkennen lassen sollten, einzelne Formulierungen unterlaufen, in denen er die offensichtlich parteiliche Diktion vor allem der katholischen Kirche übernimmt, etwa wenn an einer Stelle, wo es um die Aufklärung geht, statt dessen von einem ,,mechanischen Materialismus'' (S. 45) die Rede ist, oder wenn die Reformation mit dem Begriff ,,Glaubensspaltung'' (S. 140) integralistisch diffamiert und das ,,Zerstören'' der Gesamtheit und ,,Zerbrechen'' der Einheit beklagt wird.
Die von den christlichen Kirchen demonstrierte Möglichkeit einer akustischen Pracht- und Machtentfaltung ist, wen wundert's, den weltlichen Potentaten nicht entgangen, und sie haben daher die Kirchenglocken weidlich mitgenutzt, was Hense sehr ausführlich referiert. Wie schon zur Huldigung für höhere Kirchenfürsten, die eine Gemeinde besuchten, so wurde auch beim Einzug der Landesherren in die Stadt geläutet. Allerdings ausdrücklich nicht bei ihrem Weggang: 1896 musste für Westfalen betont werden, dass das Läuten nur beim Einzug des Landesherren zu erfolgen habe: ,,Dasselbe würde, als eine Bekundung der Freude, bei der Abreise nicht angebracht sein'' (S. 168). Dieses Zitat ist übrigens die einzige einigermaßen witzige Stelle in dem ansonsten eher papieren-trocken formulierten Text. Huldigungen mittels Glocken galten nicht nur dem Kaiser, sondern auch weniger bedeutsamen Landesfürsten bis hinab zum örtlichen Patronatsinhaber oder Gerichtsherrn (S. 110), und zwar war die Dauer des Läutens offenbar ,,zwanglos an der Rangordnung'' orientiert: je höher der Rang, desto länger und lauter das Läuten. Nach dem Duden-Herkunftswörterbuch sind die Wörter ,,läuten'' und ,,Geläut'' übrigens von ,,laut'' abgeleitet, und dieses Wort hatte ursprünglich den Sinn von ,,gehört, bekannt, berühmt''. Wahrscheinlich waren große Herren schon immer besonders laut, um dadurch berühmter zu werden. Jedenfalls partizipierten die Herrscher gern an der Möglichkeit, sich mit Glockenschall rühmen und feiern zu lassen. Nicht bloß ihr persönliches Erscheinen, sondern auch ihre Geburts- und Todestage wurden mit Glockenläuten begleitet, so auch der 50. Geburtstag des ,,Führers'' Adolf Hitler im Jahre 1939 (!). Hense zitiert (S. 97): ,,Zur Feier dieses Tages wird am Vorabend des 20. April nach Beschluss unserer Hochwürdigsten Bischöfe ... ein Festgeläute stattfinden''. Auch militärische Siege wurden üblicherweise mit Glockenläuten gefeiert, so schon vor den Nazis im Gedenken an die ,,Völkerschlacht'' bei Leipzig, am Sedanstag, und ,,nur auf Anordnung des Kriegsministers ... das übliche Siegesgeläut'' im ersten Weltkrieg (S.183).
Die Nazis selber, die ja mit Erlösungshoffnungen, Rettermythen, mit dem Glauben an die Auserwähltheit (allerdings diesmal der Arier), mit Grußformeln und -gesten, Festtagen und Weihehandlungen viele Anleihen aus christlicher Glaubenspraxis gemacht hatten und - nicht zu vergessen - deren fanatischer Judenhass ohne die christlichen Wurzeln nicht entstanden wäre, sie haben gerne und in großem Umfang auch auf die Glockennutzung zurückgegriffen, was Hense in vielen Beispielen dokumentiert. Und zwar geschah dies sogar unter Verzicht der Kirchen auf ihre Zustimmungs- oder Einspruchsrechte (S. 123), so dass von der ,,Glockenhoheit'' des nationalsozialistischen Staats gesprochen werden konnte.
Warum gebe ich diese von Hense gesammelten Informationen so ausführlich weiter? Weil solcher ,,Missbrauch'' der Glocken im Namen und zu Nutzen der Herrscher ein bezeichnendes Licht wirft auf den ,,Gebrauch'' der Glocken im Namen und zu Nutzen der Kirchen selber und diesen jenseits aller kirchlichen Sprachregelungen sogar als ,,Missbrauch'' verständlich macht: Es ging nämlich den weltlichen und den geistlichen Autoritäten gleichermaßen um ,,Pracht und Macht''! Das Glockenläuten ist somit m. E. ein kirchliches Äquivalent für die später, nach Erfindung des Schießpulvers, eingeführten Salutschüsse, oder auch umgekehrt. In beiden Fällen gilt: je herrscherlicher der Gast, um so größer und um so länger andauernd der Krach, um ihm zu huldigen. Dem ,,Herrn der Heerscharen'' gebührt natürlich die maximale Lautstärke und Läutedauer. Am Rande möchte ich erwähnen, dass im Marburger Hinterland in diesem Jahr (1999) auf das bisher übliche Abfeuern von Böllerschüssen (!) während der Fronleichnams-Prozession verzichtet wurde, anscheinend in Rücksicht auf die Menschen, die zu dieser Zeit im Kosovo unter Gewehrfeuer und Granaten und in Serbien unter Bomben und Raketen zu leiden hatten. Vielleicht darf der Rezensent sich noch die Schlussfolgerung erlauben: Böllerschüsse und Glocken erweisen sich somit als austauschbar. Es krachen Böllerschüsse auch zu Ehren Gottes, es läuten Glocken auch für den Führergeburtstag; in beiden Fällen nutzt man Mittel zur Lärmerzeugung, um auf sich selbst oder auf die eigene ,,gute Sache'' aufmerksam zu machen.
Von Macht- und Prachtentfaltung der Stimme Gottes wird heute allerdings kaum noch gesprochen, außer vielleicht, dass Bußprediger im Hinterland noch diese alten Formeln verwenden. Als heute noch gültiger und zweifelsfrei akzeptabler Zweck des Glockenläutens wird vielmehr übereinstimmend angeführt, dass Glocken dazu dienen,
3. die Gläubigen zur Andacht zu wecken und sie 4. zum persönlichen Gebet anzuhalten.
Diese Ziele werden von Hense (S. 60-83) so oft zitiert, in jeweils weiteren Beispielsfällen, als würde der Autor sie für selbstverständlich halten. Ich selber halte diese Zweckbestimmungen des Glockengebrauchs für fragwürdig, weil ich mir vorstellen kann, welch ohrenbetäubender Lärm entstünde, wenn alle Religionen, Konfessionen, Sekten, weltanschaulichen Gemeinschaften, alle Körperschaften, Verbände, Vereine und Parteien, und dazu noch die Werbeabteilungen von Firmen und Kaufhäusern etc., sich solcher akustischer Methoden (Glocken, Böllerschüsse, Lautsprecher, Sirenen, etc.) bedienen würden, um ihre Mitglieder oder möglichen Interessenten ,,herbeizurufen''. Aber diese Möglichkeit kommt Hense nicht in den Sinn. Er verliert in seinem Buch auch kein Wort über die Rufe des Muezzin, die nach diesen Argumentationen (und nach dem Grundgesetz!) das gleiche Recht hätten, über unsere Städte zu dröhnen, ggf. ab fünf Uhr morgens. Droht uns bald eine Konkurrenz der religiösen und anderen Lärmproduzenten?
Eines wird aus dem kirchlichen ,,Gebrauch'' und dem damit konkurrierenden politischen ,,Missbrauch'' der Glocken klar: offenbar sollen die Glocken sehr laut sein, sie sollen Lärm machen, um eben die genannten Funktionen erfüllen zu können, und sie müssen dazu lauter sein als alles andere im näheren Umkreis der Kirche, denn sie können ihre Gemeinde (in den Städten oft sehr verstreut lebend!) nur dann zum Gebet und zum Kirchgang ,,rufen'', wenn sie weit über das Land erschallen. Hense formuliert dies in einer wirklich gelungenen Verharmlosung und Verschleierung so: Glocken müssen ,,öffentlich bemerkbar'' sein (S. 219, 239). Wenn Hense weiterhin zitiert, ,,das Läuten der Glocken wie auch der Kirchturm seien sichtbares Zeichen für das liturgische Geschehen in einer Kirchengemeinde...'' (S.246), so möchte ich doch eine kleine Korrektur vorschlagen: Glocken sind nur selten sichtbar, aber anders als der bloße Kirchturm in der Regel unüberhörbar. Man kann sich nämlich den Kirchturm ansehen wie ein Plakat auf einer Litfass-Säule, und ebenso wie diesem gegenüber kann man auch von ihm wegsehen; aber in der Nähe des akuten Glockenschlages ist auch der Ungläubige unausweichlich gezwungen, dessen Dröhnen zu hören und wie eine 1000-Watt-Beschallungsanlage bis in die Eingeweide wirken zu lassen. Weghören und wegfühlen kann man dann nicht. Das weiß auch Hense sehr wohl, wenn er selber formuliert oder zitiert: ,,Da die Glocken über Gläubige wie Ungläubige gleichermaßen läuten'' (S. 266) ... ,,diese Einwirkung auf alle Anwohner'' ... ,,da die meisten Bürger schließlich dem Glockenläuten in einem bestimmten Maße nicht entgehen können'' (S. 278) ... ,,wegsehen ist leichter als weghören'' (Anmerkung 203, S. 279) ... ,,der Glockenruf stelle sich diesen Personen [benachbarten Dritten] gegenüber als nur neutraler oder gar lästiger Schallimpuls dar'' (S. 303) etc. An solchen Stellen lässt Hense fast so etwas wie Mitleid mit den Glockenopfern anklingen, aber er kann dieses Mitleid offenbar beherrschen. Er geht nämlich davon aus (S. 266), dass die über den engeren Kreis der Kirchenangehörigen hinausgehende Einwirkung der Glocken auf alle Anwohner notwendig und beabsichtigt ist, und nach Art. 4 Abs. 2 GG sogar verfassungsrechtlich erlaubt. Die Einwirkung auf die Anwohner sei auch deshalb notwendig, weil die Glocken auf die Nähe zu den Wohnungen angewiesen seien, ansonsten könnten sie ihre Funktion nicht erfüllen. Solche ,,Ingerenzen'' (= solche gefahrbegründenden Einwirkungen) des sozialen Zusammenlebens seien gegebenenfalls hinzunehmen und zu erdulden (S. 271). Und schließlich ein besonders fadenscheiniges Argument: eine lautlose Alternative zu den Glocken, die ,,ihrem spezifischen Charakter gleich käme'' (sic!), sei nicht ersichtlich (S. 266). Im Klartext: der Glockenlärm muss ertragen werden, weil es offenbar keine lautlosen Glocken gibt. Aber Glocken müssen es wohl sein!
1. Völlig lautlos, wenn auch nicht den Glocken gleichkommend, wären Informationen in den Tageszeitungen und Werbeblättern, an die Gläubigen verteilte oder verschickte Pfarrblättchen, Informationskästen am Kirchenportal, Bildinformationen an Litfass-Säulen und Plakatwänden etc.
2. Recht leise, nämlich möglichst in Zimmerlautstärke, und sogar dem spezifischen Charakter der Glocken gleichkommend, wäre ein vom Gemeindemitglied abrufbarer kirchlicher Weckdienst mit Glockenklang über kircheneigene Fernseh- oder Rundfunksender.
3. Die Verkündigung der religiösen Botschaft, um die es ja dem Klerus und auch dem Autor eigentlich geht, könnte am besten weiterhin in der Kirche geschehen, wo sich ohnehin nur die Gläubigen dieser bestimmten Konfession einfinden, und sie könnte eindrucksvoll unterstützt werden durch Glocken, die - innerhalb des Kirchenschiffs aufgehängt - die Stimme Gottes machtvoll und prächtig erschallen lassen, und zwar ohne dabei Menschen anderen Glaubens zu belästigen oder zu stören. Über die Lautstärke könnten sich Pfarrer und Gemeinde wohl leicht einigen. Und das wäre dann wirklich eine rein innerkirchliche Angelegenheit, in die sich die Anwohner nicht einmischen sollten.
Nachdem ich mir mit diesen Bemerkungen herausgenommen habe, zwischendurch meine eigene Meinung mit Entschiedenheit einzubringen, will ich mich jetzt wieder bremsen und - ganz ruhig! - der im engeren Sinne juristischen Argumentation des Autors folgen. Verfassungsrechtlich geht es Hense bei der Verteidigung des Glockenläutens zentral um die ungestörte ,,Öffentlichkeit der Religionsausübung'', die ,,ungeschriebenes [!] Merkmal des Verfassungstatbestandes Art. 4 Abs. 2 GG'' sei (S. 219). In unserem Grundgesetz heißt es dort: ,,Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet''. Da fragt sich der juristische Laie: wie kann Religion ,,ausgeübt'' werden? Auch mit Glocken? Ist die Gewährleistung unbegrenzt? Gilt sie für jeden historisch tradierten und in Zukunft denkbaren Fall von Religionsausübung? Und schließlich: darf die von Verfassung wegen ungestörte Religionsausübung der einen Personengruppe damit gleichzeitig andere Personen, die gerade eine andere Religion oder etwas anderes als Religion ausüben wollen, über ein noch tolerierbares Maß hinausgehend stören? Hier geht es offenbar um Wertekonflikte und Güterabwägungen, möglicherweise um den relativen Vorrang des einen Rechts gegenüber einem anderen, und speziell um den m. E. fraglichen Vorrang der Rechte der beiden christlichen Konfessionen gegenüber anderen (andersgläubigen oder ,,ungläubigen'') Trägern gesellschaftlicher Werte. Es geht, verfassungsrechtlich gesehen, um Art. 3 Abs. 3 GG, den ich hier, weil Hense es an keiner Stelle seines umfangreichen Buches getan hat, vollständig zitieren möchte (die problembezogenen Betonungen erfolgten durch mich, H.S.): ,,Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt [!] werden.'' Diese Forderung ist zu ergänzen durch Art. 19 Abs. 3 GG: ,,Die Grundrechte [H.S.: zu ihnen gehört der eben zitierte Artikel 3] gelten auch für inländische juristische Personen, soweit sie ihrem Wesen nach auf diese anwendbar sind''. Ich interpretiere: sie gelten auch für die in den beiden christlichen Kirchen organisierten katholischen und protestantischen Konfessionen. Ist es wirklich so schwer, diese beiden Artikel unserer Verfassung zu verstehen, sie in Erinnerung zu behalten und sie sinngemäß anzuwenden? Das müsste doch eigentlich zu schaffen sein!
Unser Autor geht mit diesen Dingen aber ganz anders um. Über weite Strecken seines Buches bringt er ein Argument nach dem anderen, um den christlichen Kirchen alle möglichen Bevorzugungen zu sichern: so ,,eine herausgehobene Rechtsstellung'' (S. 189), die Festschreibung eines konfessionellen Besitzstandes (S. 144), die Begünstigung amtskirchlich verfasster bzw. organisatorisch verfestigter Strukturen (S. 205) usw. Ab Seite 206 kommen dem Autor bzw. den von ihm zitierten Gewährsleuten doch Bedenken auf: da ist etwa von einer problematischen Bevorzugung die Rede, und es frage sich, ob Kirchen den Lebensbereich Religionsausübung ausschließlich bzw. größtenteils für sich beanspruchen bzw. diesen rechtserheblich definieren könnten. Die Gewährleistung der Glaubens-, Bekenntnis- und Kultusfreiheit sei auf Pluralität und nicht auf Privilegierung einer bestimmten Religion gerichtet (S. 223), und der Art. 4 Abs. 2 GG gewährleiste keinen exklusiven Bestandsschutz christlicher Symbole (Anm. 250, S. 228).
Aber ab Seite 229 vertritt der Autor um so entschiedener wieder die apologetischen Positionen, spricht etwa von der Möglichkeit, sogar dem Zeitschlagen der Kirchturmuhr eine religiöse Symbolik zuzuerkennen, so dass auch der nächtliche Uhrenschlag keineswegs unzulässig sei. Den Religionsgemeinschaften gewähre nämlich der Art. 140 GG in Verbindung mit Art. 137 Abs. 3 WRV (Weimarer Reichsverfassung) das Recht, ihre Angelegenheiten selbständig zu verwalten (S. 240). Der Autor versäumt hier aber, die Fortführung des herangezogenen Satzes zu zitieren: ,,...innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes''! Hense versteigt sich sogar zu der Behauptung, wirklich maßgeblich könne in dieser Hinsicht nur das Selbstverständnis der Kirchen und Religionsgemeinschaften sein. Man fragt sich: soll dann demnächst auch die Rechtsprechung nach der Scharia als ,,eigene Angelegenheit'' der in Deutschland lebenden Muslime akzeptiert werden? Wenn Hense später (S. 282f) dennoch auf die Schrankenklausel eingeht, dann mit einer die Sachlage geradezu umkehrenden Vorwärtsstrategie: da wird glatt behauptet, die Klausel besage, das Gesetz dürfe die Religionsgemeinschaft nicht härter treffen als andere Adressaten, es seien Sondergesetze zu Lasten der Kirche zu verhindern und es dürfe kein Ausnahmerecht gegen die Religionsgemeinschaften vorliegen. Hense ,,vergisst'' hier wieder, dass die Schrankenklausel (,,...selbständig ... innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes...'') Sonderrechte zu Gunsten der christlichen Kirchen verbietet. Dabei kennt Hense sehr wohl den Paritätsgrundsatz und seine Forderung nach Kultusgleichheit, zunächst nur zwischen den christlichen Kirchen, dann auch zwischen allen Religionsgemeinschaften. Aber solche Einsichten, ob von Hense selbst vertreten oder nur von ihm zitiert, werden in der weiteren Diskussion hintangestellt, statt als Zwischenergebnisse in die Gesamtwürdigung miteinbezogen zu werden.
Man kann verallgemeinernd feststellen: Indem Hense Thesen und dazu kontroverse Gegenthesen in je spezifischem Kontext nacheinander und jeweils sehr ausführlich behandelt, erspart er sich selbst und dem unaufmerksamen Leser, ihre Widersprüchlichkeit zu bemerken, zu diskutieren und wenigstens theoretisch zu bereinigen, etwa in einer Empfehlung, durch eine gut begründbare Grundgesetzänderung die Verfassung von verfassungswidrigen Einschüben zu befreien. Dem Leser sei also ein gutes Gedächtnis anempfohlen: er sollte sich an die Textstellen, in denen der Autor noch verfassungskonform argumentiert, auch dann noch erinnern, wenn derselbe Autor Empfehlungen formuliert, die mit eben den zitierten (oder mit den von Hense übersehenen) Grundsätzen der Verfassung keineswegs übereinstimmen. Zu dieser widerspruchstoleranten Vorgehensweise des Autors passt, dass er unbekümmert um Rechtsgleichheit und Rechtskonsistenz gern die Beschlüsse erster oder unterer Instanzen referiert, auch wenn sie dem Rechtsverständnis der höheren und höchsten Instanzen (speziell der Verfassungsgerichte) widersprechen. Anscheinend werden vor allem in Bayern die Bundesgesetze gelegentlich als preußische Bevormundungen verstanden, die man unter Berufung auf Gewohnheitsrecht, mit Verweis auf die Volksfrömmigkeit und mit dem Bestehen auf Bestandswahrung oder Herkömmlichkeit aushebeln kann. Das hat eine alte Tradition, auf die Hense (S. 155ff) selber hinweist: So wurde ,, ... das Wetterläuten trotz dieser Verbote beibehalten'' ... ,,die Strafandrohungen blieben aber letzten Endes wirkungslos'' ... ,,das Verbot ... war nicht umsetzbar ... ließ sich ... nicht aufrechterhalten''. Wer erinnert sich da nicht an den bayrisch-bundesdeutschen Streit über Abtreibungsgesetze, an den Kruzifixstreit, die bayrischen Schulgesetze etc.? Wenn es um die Verteidigung landschaftlicher Sonderansprüche geht, verliert die Argumentation Henses bzw. der von ihm zustimmend zitierten Autoren ihre juristische Klarheit und verbreitet sich in schwafelig-unklaren Gemeinplätzen und Gefühlsanmutungen, etwa wenn für das Verwaltungsgericht Augsburg (die Stadt liegt in Bayern) der Glockenschlag der Kirchturmuhren zur ,,Stadtlandschaft'' gehört und damit zum ,,Tongefüge eines Gemeinwesens''; es repräsentiere ,,ein Stück [!] geschichtlich gewachsener sozialer Ordnung''. Speziell den Verweis auf Volksfrömmigkeit finde ich verfassungsrechtlich bedenklich. Gehörte das ,,Volk'' nicht auch zum gruselig-neugierigen Publikum der Hexenverbrennungen? Gab es nicht auch mal einen ,,Volkszorn'' gegen die Juden? Und nicht ,,das Volk'' läutet nachts die Glocken, sondern der Küster oder der elektronische Zeitschalter und Elektromotor tun dies im Auftrag des Pfarrers. Schließlich bemüht Hense sogar die ,,kulturelle Pluralität'', um das Glockenläuten zu legitimieren. Aber sollten wir uns wirklich auf eine kulturelle Pluralität religiöser (und weltanschaulicher, dann würde es etwas pluralistischer!) Lärmerzeugungen einlassen? Die Verschiedenheit religiöser und weltanschaulicher Orientierungen und Glaubensäußerungen, die es sehr wohl zu schützen gilt, lässt sich auch ohne monopolistische Lärmerzeugung und damit viel toleranter und pluralistischer ausdrücken.
In der weiteren Argumentation wird dann von Hense immer selbstverständlicher die herausgehobene oder gar ,,herausragende'' (S. 248) Stellung der Kirchen betont, wird von einem ,,prima-facie geltenden Vorrang der Religionsausübung'' (S.258) gesprochen; nur die Religionsgruppierung selbst könne über die Form der Religionsausübung disponieren und insofern sei ihr Selbstverständnis in diesem Zusammenhang maßgeblich. Bei Hense führt diese Sicht schließlich zu einer fast naiv zu nennenden Bestätigung des Anspruchs der Kirchen auf Bevorzugung, krass entgegen dem Art. 3 Abs. 3 i. V. m. Art. 19 Abs. 3 GG! Er beruft sich dabei auf die Zuerkennung eines besonderen Körperschaftsstatus an die christlichen Kirchen nach Art. 140 GG i. V. m. Art. 137 Abs. 5 WRV (S. 268ff) und verweist auf den öffentlich-rechtlichen Sonderstatus der Kirchtürme und Glocken als ,,res sacrae''. Er greift hier zurück auf die in einem früheren Abschnitt (S. 73-82) diskutierten feinen Unterscheidungen zwischen ,,benedictio'' (dem einfachen Weihesegen) und der feierlichen ,,consecratio'' (mit heiligender Salbung) und schließlich, in einem späteren Wortgebrauch, der ,,dedicatio'' (Einweihung von Sachen), wodurch die Glocke zur res sacra wird und nunmehr dem Gottesdienst, dem ,,sakralen Kult'' gewidmet wird (S.82). Über diese Argumentationsbrücke wird, unter der Voraussetzung, dass es sich bei der Kirche um eine korporierte Religionsgemeinschaft handelt, die kirchliche Glockenweihe einer verwaltungsrechtlichen Widmung gleichgestellt, d.h. einer bloßen Änderung der Zweckbestimmung einer öffentlichen Sache. Offenbar soll auf diese Weise das Glockenläuten als einem öffentlichen Zweck unterstellt gekennzeichnet und damit gegen zivile Kritik und darauf folgende Einschränkungen geschützt werden. Dieser juristisch-logische Schritt, der dazu dienen soll, einen öffentlich-rechtlichen und damit schwerer angreifbaren Status der Glocken und des Glockenläutens zu begründen, erscheint mir denn doch mehr als gewagt.
Für die Gesamtargumentation des Autors ist kennzeichnend, dass er in den ersten Kapiteln seines Buches sehr ausführlich das Recht der Kirchen auf Glockengebrauch begründet und im Zusammenhang damit wie selbstverständlich die Einschränkungen betont, die der Anwohner in Kauf zu nehmen hat. Erst ab Seite 309 stellt er auf 57 Seiten das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) vor, nach dem eben solche Einschränkungen der Anwohner und Sonderregelungen für die Kirchen nicht zugelassen werden dürften. Über lange Strecken des Buches, in dem es von Anfang an um das Glockenläuten geht, wird von Hense das Immissionsschutzgesetz also nicht erwähnt und werden dementsprechend auch keine Dezibel-Grenzwerte genannt. Das geschieht erstmals auf Seite 320 (!) in einem Verweis auf die Tabelle im Anhang I. Hense bestätigt selbstverständlich dieses Gesetz, ebenso wie er sich an anderer Stelle dem Grundgesetz verpflichtet fühlt: ja, natürlich sind die Verfassung, die Gesetze, und so auch das Immissionsschutzgesetz zu beachten, ihre grundsätzliche Geltung wird nicht angezweifelt. Aber Hense sucht und findet dann allerorten von anderen Gesetzen ableitbare oder auch außergesetzlich begründete Ausnahmen, und dies auch mit Hinweis auf Einzelgesetze, bei denen m. E. fraglich ist, ob sie unserer Verfassung entsprechen. Des weiteren behandelt Hense die vom Glockenläuten herrührenden Lärmbelästigungen und -schäden einzelner Anwohner ähnlich wie die NATO im Kosovo-Krieg die ,,Kollateralschäden'' ziviler Gebäude und Personen, die bei der ansonsten zielgenauen Vernichtung militärischer Ziele in Kauf genommen werden müssten. Dementsprechend ,,zielt'' die Verkündigung des Glaubens durch die Glocken natürlich auf die Gemeinde der Gläubigen; die nicht- oder andersgläubigen Anwohner sind davon ,,nur'' mitbetroffen und haben diese zumutbare Einwirkung hinzunehmen und ihre Schädlichkeit zu dulden (S. 271). An vielen Stellen des Texts werden dem vom Glockenlärm erschreckten Anwohner die Vorhaltungen zugemutet, ob er nicht doch etwas ,,zu'' empfindlich sei (S. 326), ob er nicht ,,über''sensibel auf Geräusche reagiere (S. 269), ob eine Glockenimmission eventuell ,,bloß'' schlicht belästigend sei (S. 360) usw. Hier fällt der abqualifizierende Beiklang solcher Wörter auf, das auf Null relativierende ,,zu'' oder ,,bloß'' oder ,,nur'', das den Kläger in seinem Anliegen nicht mehr ernst nimmt. Schließlich fordert Hense mit seinen Gewährsleuten, dass das Glockenopfer seine tatsächlichen Lärmschäden mit medizinischen Gutachten nachzuweisen habe, und dies, obwohl nach dem BImSchG schon ,,erhebliche Nachteile und Belästigungen der Allgemeinheit oder der Nachbarschaft vermieden werden sollen'' (S. 313).
Hense legt Gutachtern und behördlichen oder gerichtlichen Instanzen die Frage nahe, ob man denn auf jede ,,bloße'' Empfindlichkeit Rücksicht nehmen und das Gesetz, insbesondere die TA Lärm, so ,,rigide'' (S. 317), ,,kritiklos'' (S. 323), ,,allzu starr'' (S. 359), ,,absolut'' (S. 372) oder ,,schematisch'' (S. 372) übernehmen und anwenden müsse. Nach ,,hier vertretener Meinung'' des Autors offenbar nicht! Da sollte man doch, so empfiehlt er, die ,,Ermessensspielräume'' der örtlichen Behörden und der unteren Gerichtsinstanzen ausschöpfen (S. 359ff), natürlich in der Regel zu Gunsten eines uneingeschränkten Glockengebrauchs durch die Kirchen. Die Gesamtargumentation läuft somit in mehreren Ansätzen immer wieder auf die Betonung der Sicht der Kirchen und der sich mit ihnen solidarisierenden unteren, insbesondere bayrischen Instanzen hinaus.
Dem möchte ich entgegenhalten, dass es sich doch empfiehlt, bei der Abklärung juristischer Grenzen des Glockengebrauchs systematischer und am Grundsätzlichen orientiert vorzugehen: wer einmal den Art. 3 Abs. 3 GG i. V. m. Art. 19 Abs. 3 verstanden und akzeptiert hat, nämlich dass niemand (kein Einzelner und keine Gruppe und auch keine Institution) wegen seines Glaubens und seiner religiösen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf, der sollte sich daran auch dann noch erinnern, wenn er im Gesetzestext zwei Seiten später den Artikel 7 (Schulwesen) und vor allem 78 Seiten später den Art. 140 GG i. V. m. Art. 136 - 141 WRV liest, der solche Bevorzugungen wieder einführt, und er sollte in der Lage sein festzustellen, dass viele Einzelheiten dieser nachträglich und unverändert eingeschobenen Artikel der Weimarer Reichsverfassung mit dem erstgenannten Artikel unvereinbar sind.
Für eine Klärung solcher Fragen außerordentlich hilfreich ist ein Hinweis, den Ansgar Hense selber in seinem Buch gegeben hat. Bei aller Kritik an vielen seiner Argumente bin ich ihm doch ganz besonders dankbar dafür, dass er als 319. Literaturangabe die Dissertation von Markus Kleine angeführt hat (siehe unter „Buchbesprechungen/Kleine“).
Alain Cabantous: Geschichte der Blasphemie. Zum Anfang
Markus Kleine: Institutionalisierte Verfassungswidrigkeiten im Verhältnis von Staat und Kirchen unter dem Grundgesetz

References: Art. 4
 Art. 4
 Art. 3
 Art. 19
 Art. 4
 Art. 140
 Art. 137
 Art. 3
 Art. 19
 Art. 140
 Art. 137
 Art. 3
 Art. 19
 Art. 140
 Art. 136