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Timestamp: 2019-05-20 03:27:20+00:00

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BVerwG, 2 C 23.13: Dienstliche Tätigkeit, Berufliche Tätigkeit, Nebentätigkeit, Amtsführung
Urteil des BVerwG vom 26.06.2014, 2 C 23.13
Dienstliche Tätigkeit, Berufliche Tätigkeit, Nebentätigkeit, Amtsführung
Dienstliche Tätigkeit, Berufliche Tätigkeit, Nebentätigkeit, Amtsführung, Altersgrenze, Aufgabenbereich, Amtsverschwiegenheit, Vorrang, Universität, Beendigung
BVerwG 2 C 23.13 VG 7 K 376.10
hat der 2. Senat des Bundesverwaltungsgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 26. Juni 2014 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Domgörgen und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Heitz, Dr. von der Weiden, Dr. Hartung und Dollinger
Die Revision der Beklagten gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom 8. Februar 2013 wird zurückgewiesen.
1Der Kläger, ein emeritierter Hochschullehrer und Ruhestandsbeamter, wendet
sich dagegen, dass ihm die Beklagte eine im Ruhestand aufgenommene berufliche Tätigkeit untersagt hat.
2Der Kläger wurde 1984 vom Land … unter Berufung in das Beamtenverhältnis
auf Lebenszeit zum Universitätsprofessor an der … Universität für das Fach
„…“ ernannt. Er leitete das Universitätsinstitut für … und war als Chefarzt an
einem Universitätsklinikum tätig.
3Um zu verhindern, dass der Kläger den Ruf einer anderen Universität annahm,
erteilte ihm die Universität im Jahr 1991 in einer Bleibevereinbarung die Zusage, er könne … Diagnostikleistungen für externe Auftraggeber, insbesondere
für Krankenhäuser, mit dienstlichen Mitteln als Nebentätigkeit erbringen und privat liquidieren. In der Folgezeit übte der Kläger diese Tätigkeit in einer von ihm
aufgebauten Einrichtung des Universitätsinstituts („…“) aus. Im Jahr 1996
widerrief die Universität die Nebentätigkeitsgenehmigung, weil sie die Nebentätigkeit dem dienstlichen Aufgabenbereich des Klägers zuordnen wollte. Dessen
Anfechtungsklage gegen den Widerruf hatte wegen der vorbehaltlos erteilten
Zusage in der Bleibevereinbarung Erfolg.
4Der Kläger trat drei Jahre nach Erreichen der allgemeinen Altersgrenze am
1. Oktober 2010 in den Ruhestand. Seitdem setzt er seine berufliche Tätigkeit
in einer eigenen ärztlichen Praxis („…“) fort. Dort erbringt er weiterhin … Diagnostikleistungen für externe Auftraggeber, aber auch als vertragsärztliche
Leistung für eigene Patienten.
5Bei Eintritt in den Ruhestand untersagte die Beklagte dem Kläger den Betrieb
und die Unterhaltung seiner Praxis mit sofortiger Wirkung bis zum Ablauf des
Jahres 2014. Die Beklagte berief sich vor allem darauf, der Kläger unterliege
einem Konkurrenzverbot. Auch warf sie dem Kläger verschiedene Pflichtenverstöße vor, etwa die Mitnahme von Arbeitsmaterial (Gewebeproben) aus dem …
Institut und die Verwendung einer Patientenliste des Instituts.
6Der Antrag des Klägers, ihm die Weiterführung seiner Praxis im Wege vorläufigen Rechtsschutzes bis zum Abschluss des Klageverfahrens zu ermöglichen,
hat in beiden verwaltungsgerichtlichen Instanzen Erfolg gehabt. Auf die Anfechtungsklage hat das Verwaltungsgericht die Untersagungsverfügung aufgehoben. Die Urteilsgründe decken sich weitgehend mit den Gründen des Beschlusses des Oberverwaltungsgerichts im Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes. Das Verwaltungsgericht hat im Wesentlichen ausgeführt:
7Die ärztliche Tätigkeit, die der Kläger im Ruhestand ausübe, stehe in einem Zusammenhang mit der früheren dienstlichen Tätigkeit, weil sie sich qualitativ
weitgehend mit den dienstlichen Aufgaben des Klägers vor Eintritt in den Ruhestand decke. Sie dürfe jedoch nicht untersagt werden, weil sie nicht geeignet
sei, dienstliche Interessen zu beeinträchtigen. Dies sei bei einer Tätigkeit von
Ruhestandsbeamten nur der Fall, wenn sich daraus berechtigte Zweifel an der
Integrität der früheren Amtsführung ergäben. Daher seien Ruhestandsbeamte
zur Amtsverschwiegenheit verpflichtet und dürften nicht für Dritte tätig werden,
mit deren Angelegenheiten sie dienstlich befasst gewesen seien. Dagegen dürften sie ihre beruflichen Kenntnisse und Erfahrungen nutzen und in Konkurrenz
zum Dienstherrn treten.
8Die ärztliche Tätigkeit des Klägers im Ruhestand lasse keine nachteiligen
Schlüsse auf die Wahrnehmung seiner früheren dienstlichen Aufgaben zu: Mit
der Diagnostik für Patienten der Beklagten sei der Kläger nicht mehr befasst.
Die Diagnostikleistungen für externe Auftraggeber habe er bereits während seiner Dienstzeit jedenfalls in wesentlichen Teilen als Nebentätigkeit privat erbracht und liquidiert. Die Vorwürfe der Beklagten gegen den Kläger seien allesamt nicht erwiesen.
9Gegen dieses Urteil richtet sich die vom Verwaltungsgericht zugelassene
Sprungrevision der Beklagten. Sie macht geltend, Erwerbstätigkeiten von Ruhestandsbeamten seien nach den gleichen Rechtsgrundsätzen zu beurteilen
wie Nebentätigkeiten aktiver Beamter. Daher beeinträchtige eine Erwerbstätigkeit im Ruhestand dienstliche Interessen, wenn der Ruhestandsbeamte dem
Dienstherrn Konkurrenz mache. Auch die Pflichtenverstöße des Klägers rechtfertigten die Untersagung seiner Erwerbstätigkeit.
das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom 8. Februar 2013 aufzuheben und die Klage abzuweisen.
12Die Sprungrevision der Beklagten ist zulässig. Die Beklagte hat das vom Verwaltungsgericht zugelassene Rechtsmittel form- und fristgerecht eingelegt, insbesondere die schriftliche Zustimmungserklärung des Klägers zur Einlegung
der Sprungrevision fristgerecht vorgelegt (§ 134 Abs. 1 Satz 1 und 3 VwGO).
13Die Sprungrevision der Beklagten ist nicht begründet. Das angefochtene Urteil
ist mit Bundesrecht und revisiblem Landesbeamtenrecht vereinbar (§ 137
Abs. 1 Nr. 1 VwGO, § 63 Abs. 3 Satz 2 BeamtStG i.V.m. § 127 BRRG). Das
Verwaltungsgericht hat zu Recht angenommen, dass die berufliche Tätigkeit
des Klägers im Ruhestand nicht untersagt werden darf, weil durch diese keine
Beeinträchtigung dienstlicher Interessen zu besorgen ist.
14Für die Anzeige und Untersagung einer Erwerbstätigkeit von Ruhestandsbeamten der Länder und der ihrer Aufsicht unterstehenden dienstherrnfähigen juristischen Personen gilt nunmehr unmittelbar § 41 des Beamtenstatusgesetzes
- BeamtStG - vom 17. Juni 2008 (BGBl I S. 1010). Nach Satz 1 dieser Vorschrift
haben Ruhestandsbeamte die Ausübung einer Erwerbstätigkeit außerhalb des
öffentlichen Dienstes anzuzeigen, die mit der früheren dienstlichen Tätigkeit im
Zusammenhang steht und durch die dienstliche Interessen beeinträchtigt werden können. Der Zusammenhang muss innerhalb eines Zeitraums vor Eintritt in
den Ruhestand bestehen, den das Landesrecht zu bestimmen hat. Nach § 41
Satz 2 BeamtStG ist die Erwerbstätigkeit zu untersagen, wenn zu besorgen ist,
dass durch sie dienstliche Interessen beeinträchtigt werden. Nach Satz 3 endet
das Verbot spätestens mit Ablauf von fünf Jahren seit Beendigung des Beamtenverhältnisses. Das Landesrecht kann einen kürzeren Zeitraum festlegen.
151. Nach der gesetzlichen Systematik knüpft der Untersagungstatbestand des
§ 41 Satz 2 BeamtStG an die Anzeigepflicht nach Satz 1 der Vorschrift an. Die
Untersagung einer Erwerbstätigkeit setzt voraus, dass die Erwerbstätigkeit der
Anzeigepflicht unterliegt. Hierfür muss ein Zusammenhang zwischen der Erwerbstätigkeit und der früheren dienstlichen Tätigkeit des Ruhestandsbeamten
bestehen. Das Berliner Landesrecht legt den Zeitraum, in dem der Ruhestands-
beamte die den Zusammenhang begründende dienstliche Tätigkeit ausgeübt
haben muss, auf die letzten fünf Jahre vor Beendigung des Beamtenverhältnisses, d.h. vor Beginn des Ruhestandes, fest (§ 68 Abs. 1 des Landesbeamtengesetzes Berlin - LBG Berlin - vom 19. März 2009, GVBl S. 70).
16Eine dienstliche Tätigkeit im Sinne von § 41 Satz 1 BeamtStG liegt vor, wenn
die Tätigkeit zu dem Aufgabenbereich des früheren Hauptamtes des Ruhestandsbeamten gehört hat; sie muss von der beamtenrechtlichen Dienstleistungspflicht umfasst gewesen sein. Demzufolge sind Nebentätigkeiten keine
dienstlichen Tätigkeiten, weil sie nicht zu den Aufgaben des Hauptamtes gehören (vgl. § 60 Abs. 2 LBG Berlin). Sie sind dem Bereich der privaten Lebensführung zuzurechnen.
17Dies gilt auch für Nebentätigkeiten leitender Krankenhausärzte (Chefärzte) im
Beamtenverhältnis, die sich in tatsächlicher Hinsicht nicht von deren dienstlichen Aufgaben im Bereich der Krankenversorgung unterscheiden. Sie umfassen ärztliche Tätigkeiten, in der Regel die Behandlung von Privatpatienten, die
der Dienstherr aufgrund einer Vereinbarung oder Zusicherung aus dem Aufgabenbereich des Hauptamtes des Arztes herausgenommen und diesem zur
Wahrnehmung in eigenem Namen und auf eigene Rechnung zugewiesen hat.
Der Arzt übt die Nebentätigkeit während der Arbeitszeit aus und nimmt hierfür
gegen Zahlung eines angemessenen Entgelts an den Dienstherrn das Personal
und die Sachausstattung des Krankenhauses in Anspruch (vgl. § 64 Abs. 1 und
2 LBG Berlin). Auf diese Weise erhalten leitende Krankenhausärzte im Beamtenverhältnis die Gelegenheit, während des Dienstes ein zusätzliches Erwerbseinkommen zu erzielen (BVerfG, Beschluss vom 7. November 1979 - 2 BvR
513/13, 558/74 - BVerfGE 52, 303 <343 f.>; Kammerbeschluss vom 8. Dezember 2006 - 2 BvR 385/05 - NVwZ-RR 2007, 185; BVerwG, Urteil vom 27. Februar 2008 - BVerwG 2 C 27.06 - BVerwGE 130, 252 = Buchholz 237.7 § 72
NWLBG Nr. 6 Rn. 10 f.>).
18Ein Zusammenhang im Sinne von § 41 Satz 1 BeamtStG zwischen der Erwerbstätigkeit im Ruhestand und der früheren dienstlichen Tätigkeit besteht,
wenn die Erwerbstätigkeit einen Anknüpfungspunkt in der dienstlichen Tätigkeit
hat und die dienstliche Tätigkeit für das frühere Hauptamt des Ruhestandsbeamten nicht nur untergeordnete Bedeutung hat. Dieser Bedeutungsgehalt des
gesetzlichen Begriffs des Zusammenhangs folgt aus dem Zweck der dadurch
begründeten Anzeigepflicht. Die Anzeige einer Erwerbstätigkeit im Ruhestand
soll die Prüfung ermöglichen, ob sie nach § 41 Satz 2 BeamtStG untersagt werden muss. Daher erweist sich eine Anzeige nur als sinnvoll, wenn eine Untersagung ernsthaft in Betracht kommt.
19Nach den bindenden, nach § 134 Abs. 4 VwGO nicht mit Verfahrensrügen angreifbaren tatsächlichen Feststellungen des Verwaltungsgerichts kann nicht
abschließend beurteilt werden, ob zwischen der im Ruhestand aufgenommenen
Erwerbstätigkeit und den Aufgaben des früheren Hauptamtes des Klägers ein
Zusammenhang im Sinne des § 41 Satz 1 BeamtStG besteht. Das Verwaltungsgericht hat festgestellt, dass der Kläger im Ruhestand … Diagnostikleistungen für externe Auftraggeber und für eigene Patienten als vertragsärztliche
Leistung erbringt. Die Leistungen für externe Auftraggeber können einen Zusammenhang nicht begründen, weil der Kläger diese Tätigkeit vor Eintritt in den
Ruhestand nicht aufgrund seines Hauptamtes, sondern als Nebentätigkeit ausgeübt hat. Insoweit führt er im Ruhestand eine private, aus dem früheren dienstlichen Aufgabenbereich herausgenommene Tätigkeit in anderem Rahmen fort.
Der Zusammenhang kann aber durch die früheren Diagnostikleistungen für Patienten der Beklagten hergestellt werden, die dem Kläger als dienstliche Aufgabe im Rahmen der Krankenversorgung oblegen haben. Diese dienstliche Tätigkeit begründet den Zusammenhang mit der Erwerbstätigkeit im Ruhestand,
wenn sie im Vergleich zu den anderen Aufgaben des früheren Hauptamtes des
Klägers in Forschung, Lehre und Krankenversorgung qualitativ oder quantitativ
nicht nur von untergeordneter Bedeutung waren. Hierzu fehlen aussagekräftige
Feststellungen des Verwaltungsgerichts.
202. Auch bei Bestehen eines Zusammenhangs im Sinne von § 41 Satz 1
BeamtStG durfte die Beklagte die Tätigkeit des Klägers im Ruhestand nicht
nach Satz 2 dieser Vorschrift untersagen, weil durch die Tätigkeit eine Beeinträchtigung dienstlicher Interessen nicht zu besorgen ist. Dem Verwaltungsgericht ist darin zuzustimmen, dass der Bedeutungsgehalt des gesetzlichen Be-
griffs der dienstlichen Interessen im Sinne des § 41 Satz 2 BeamtStG inhaltlich
nicht mit dem wortgleichen Begriff des Nebentätigkeitsrechts übereinstimmt.
Insbesondere stellt es kein dienstliches Interesse dar, dass der Dienstherr vor
der Konkurrenz durch einen Ruhestandsbeamten geschützt wird.
21Nach den Beamtengesetzen des Bundes und der Länder steht die Ausübung
von Nebentätigkeiten regelmäßig unter Genehmigungsvorbehalt. Die Genehmigung ist zu versagen, wenn zu besorgen ist, dass durch die Ausübung dienstliche Interessen beeinträchtigt werden (vgl. § 99 Abs. 2 Satz 1 BBG und § 62
Abs. 2 Satz 1 LBG Berlin). Ergibt sich eine derartige Beeinträchtigung nach der
Erteilung, muss die Genehmigung widerrufen werden (§ 99 Abs. 4 Satz 3 BBG
und § 62 Abs. 4 Satz 2 LBG Berlin). Die Auslegung dieses allgemeinen gesetzlichen Versagungs- und Widerrufsgrundes muss sich an dessen Zweck orientieren, der darin besteht, den Vorrang des Hauptamtes sicherzustellen. Dieser
Vorrang folgt aus dem durch Art. 33 Abs. 5 GG gewährleisteten Grundsatz der
Hauptberuflichkeit des Beamtendienstes sowie aus den ebenfalls in Art. 33
Abs. 5 GG verankerten Dienstpflichten zum vollen beruflichen Einsatz und zur
unparteiischen und uneigennützigen Amtsführung.
22Daher erfasst das dienstliche Interesse jeden Belang, der die Erledigung der
dienstlichen Aufgaben und die integere Amtsführung der Beamten, insbesondere deren Unparteilichkeit und Uneigennützigkeit, betrifft oder sich darauf auswirken kann. Dementsprechend muss das Verbot, eine Nebentätigkeit auszuüben, stets einen dienstlichen Bezug aufweisen. Öffentliche Interessen ohne
Bezug zu dem Hauptamt und den für die Amtsführung geltenden Dienstpflichten, etwa das arbeitsmarktpolitische Interesse an der Einstellung von Berufsanfängern, können ein Nebentätigkeitsverbot nicht rechtfertigen (Urteile vom
26. Juni 1980 - BVerwG 2 C 37.78 - BVerwGE 60, 254 <257> = Buchholz 237.2
§ 29 LBG Berlin Nr. 1 S. 4, vom 30. Juni 1983 - BVerwG 2 C 57.82 - BVerwGE
67, 287 <293 ff.> = Buchholz 238.5 § 40 DRiG Nr. 1 S. 3 ff., vom 25. Januar
1990 - BVerwG 2 C 10.89 - BVerwGE 84, 299 <301 f.> = Buchholz 237.2 § 29
BlnLBG Nr. 2 S. 2 f. und vom 24. November 2005 - BVerwG 2 C 32.04 -
BVerwGE 124, 347 <350 f.> = Buchholz 230 § 42 BRRG Nr. 3 S. 5 f.).
23Aufgrund des Vorrangs des Hauptamtes ist eine Versagung oder ein Widerruf
der Nebentätigkeitsgenehmigung nicht erst dann angezeigt, wenn feststeht,
dass die Ausübung der Nebentätigkeit der Erledigung der dienstlichen Aufgaben abträglich ist und dem Vertrauen in die integere Amtsführung schadet.
Vielmehr reicht es aus, dass eine derartige Beeinträchtigung zu besorgen ist.
Dies ist bereits anzunehmen, wenn bei verständiger Würdigung der Umstände
des Einzelfalles nachteilige Auswirkungen der Nebentätigkeit für die bestmögliche Erfüllung der Dienstpflichten ernsthaft möglich sind. Es muss bereits der
Eindruck vermieden werden, der Beamte könne seine Dienstpflichten nicht umfassend und ordnungsgemäß erfüllen, weil er möglicherweise nicht mehr unparteiisch sei (stRspr; vgl. Urteile vom 26. Juni 1980 a.a.O. S. 257 f. bzw. S. 4 f.,
vom 30. Juni 1983 a.a.O. S. 293 f. bzw. S. 5 f. und vom 24. November 2005
a.a.O. S. 350 f. bzw. S. 3 f.). Sind nachteilige Auswirkungen auf die Erfüllung
der Dienstpflicht nicht zu besorgen, hat der Dienstherr keine Handhabe, um die
Nebentätigkeit zu unterbinden. Der Beamte hat einen Anspruch auf Erteilung
der Nebentätigkeitsgenehmigung (stRspr; vgl. Urteil vom 25. Januar 1990
a.a.O. S. 300 f. bzw. S. 1 f.).
24Diese zweckgebundene Auslegung der gesetzlichen Begriffe der dienstlichen
Interessen und der Besorgnis ihrer Beeinträchtigung im Nebentätigkeitsrecht
kann schon deshalb nicht auf die Auslegung des wortgleichen Begriffes des
§ 41 Satz 2 BeamtStG übertragen werden, weil Ruhestandsbeamte kein
Hauptamt und keine Dienstleistungspflicht haben. Ruhestandsbeamten steht es
frei, ihre Arbeitskraft zu verwerten; auf Erfordernisse der Dienstausübung müssen sie keine Rücksicht mehr nehmen. Folgerichtig kann die Untersagung von
Erwerbstätigkeiten im Ruhestand nicht darauf gestützt werden, dass der Vorrang des Hauptamtes sichergestellt werden müsse. Stellt die Erwerbstätigkeit
im Ruhestand Berufsausübung dar, ist sie durch Art. 12 Abs. 1 GG, ansonsten
ist sie durch Art. 2 Abs. 1 GG geschützt.
25Daher können Erwerbstätigkeiten von Ruhestandsbeamten nur untersagt werden, wenn dies notwendig ist, um das Vertrauen in die Integrität des Berufsbeamtentums zu erhalten. Dies ist anzunehmen, wenn die Tätigkeit nachteilige
Rückschlüsse auf die frühere Amtsführung des Ruhestandsbeamten zulässt.
Nur dieser Gesichtspunkt stellt ein dienstliches Interesse dar, das die Untersagung rechtfertigen kann. Da auch hier die Besorgnis der Interessensbeeinträchtigung ausreicht, genügt der durch die Tätigkeit im Ruhestand begründete Anschein, der Ruhestandsbeamte habe sich in seinem früheren Hauptamt womöglich nicht in jeder Hinsicht pflichtgemäß verhalten. Diese Besorgnis erscheint in
zwei Fallgestaltungen regelmäßig als begründet:
26Zum einen darf die Erwerbstätigkeit nicht den Eindruck erwecken, der Ruhestandsbeamte beachte eine im Ruhestand nachwirkende Dienstpflicht - wie etwa die Pflicht zur Amtsverschwiegenheit - nicht. Dies ist anzunehmen, wenn er
durch die Tätigkeit dienstlich erworbene, der Amtsverschwiegenheit unterliegende Kenntnisse verwertet. Davon abgesehen kann der Ruhestandsbeamte
berufliche Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen verwerten, die er aufgrund
einer langjährigen beruflichen Tätigkeit als Beamter im öffentlichen Dienst erworben und vertieft hat.
27Zum anderen darf die Erwerbstätigkeit im Ruhestand nicht den Anschein begründen, der Beamte habe bereits während des Dienstes die Integrität der
Amtsführung, d.h. die Pflichten zur unparteilichen und uneigennützigen Amtsführung, zurückgestellt, um sich die Möglichkeit einer Erwerbstätigkeit im Ruhestand zu eröffnen oder nicht zu verbauen. Dieser Eindruck drängt sich auf,
wenn der Beamte im Ruhestand für Personen oder Unternehmen tätig wird, auf
deren Angelegenheiten er in dem gesetzlich festgelegten Zeitraum dienstlich
Einfluss nehmen konnte. Die Untersagung einer Tätigkeit für derartige Personen oder Unternehmen, sei es aufgrund eines Arbeits-, Dienst- oder Werkvertrags, ist geboten, weil sie den Anschein erweckt, der Beamte habe bei seiner
Amtsführung übermäßige Rücksicht auf deren Belange genommen. Zugleich
soll durch das Tätigkeitsverbot präventiv auf die Beamten eingewirkt werden:
Ihnen soll deutlich gemacht werden, dass sich übermäßiges Wohlwollen
gegenüber Dritten im Dienst nach Eintritt in den Ruhestand nicht auszahlt
(stRspr; vgl. Urteile vom 6. Dezember 1989 - BVerwG 6 C 52.87- BVerwGE 84,
194 <195 f.> = Buchholz 236.1 § 20a SG Nr. 1 S. 2 f., vom 24. September 1992
- BVerwG 2 A 6.91 - BVerwGE 91, 57 <60 f.> = Buchholz 236.1 § 20a SG Nr. 4
S. 24 f. und vom 12. Dezember 1996 - BVerwG 2 C 37.95 - BVerwGE 102, 326
<328 f.> = Buchholz 236.1 § 20a SG Nr. 5 S. 2 f.).
28Daraus folgt zum einen, dass sich eine Beeinträchtigung dienstlicher Interessen
im Sinne von § 41 Satz 2 BeamtStG nur aus der Amtsführung, d.h. aus der früheren dienstlichen Tätigkeit, nicht aber aus einer Nebentätigkeit ergeben kann.
Zum anderen stellt der Schutz vor der Konkurrenz durch einen Ruhestandsbeamten für sich genommen kein dienstliches Interesse dar, das die Untersagung
seiner Erwerbstätigkeit rechtfertigen kann.
29Danach liegt auf der Hand, dass die Erwerbstätigkeit des Klägers im Ruhestand
nicht geeignet ist, dienstliche Interessen zu beeinträchtigen:
30Der Kläger nutzt seine beruflichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen,
die er auch als beamteter Universitätsprofessor, Leiter eines Universitätsinstituts und Chefarzt gewonnen hat. Tatsächliche Anhaltspunkte für die Möglichkeit
eines Konflikts mit der Amtsverschwiegenheit hat das Verwaltungsgericht nicht
festgestellt. Auch lässt sich ausschließen, dass sich der Kläger bei seiner früheren dienstlichen Tätigkeit im Rahmen der Krankenversorgung, d.h. bei seiner
ärztlichen Tätigkeit für Patienten der Beklagten, von der Aussicht hat beeinflussen lassen, daraus nach Eintritt in den Ruhestand Nutzen zu ziehen. Das Verwaltungsgericht hat festgestellt, dass der Kläger im Ruhestand nicht mehr für
Patienten der Beklagten tätig wird. Die Behandlung ehemaliger Patienten der
Beklagten im Ruhestand ist nicht geeignet, Zweifel an der unparteiischen und
uneigennützigen Ausübung der früheren dienstlichen Tätigkeit zu begründen.
Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich der Kläger auch insoweit ausschließlich von medizinischen Erfordernissen hat leiten lassen.
31Die Beeinträchtigung dienstlicher Interessen aufgrund der von der Beklagten
erhobenen Vorwürfe, z.B. der Kläger habe unbefugt Gewebeproben aus dem
Universitätsinstitut und dessen Patientenliste für seine Erwerbstätigkeit im Ruhestand verwendet, scheidet schon deshalb aus, weil das Verwaltungsgericht
diesen Vortrag der Beklagten nicht für erwiesen gehalten hat. In Bezug auf die-
se Sachverhalts- und Beweiswürdigung kann die Beklagte im Verfahren der
Sprungrevision keine Verfahrensrügen erheben (§ 134 Abs. 4 VwGO).
323. In Einklang mit der Vorgabe des § 41 Satz 3 BeamtStG legt das Berliner
Landesrecht zwei Fristen für die Pflicht zur Anzeige einer Erwerbstätigkeit
außerhalb des öffentlichen Dienstes und damit zugleich für die zulässige Dauer
ihrer Untersagung fest: Nach § 68 Abs. 1 LBG Berlin beträgt der Zeitraum entweder fünf Jahre ab Beendigung des Beamtenverhältnisses, d.h. ab Eintritt in
den Ruhestand, oder drei Jahre, wenn der Beamte mit Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand tritt.
33Der Gesetzeswortlaut legt nahe, dass der kürzere Zeitraum von drei Jahren nur
für Ruhestandsbeamte gilt, die wegen des Erreichens der Altersgrenze in den
Ruhestand getreten sind. Das Verwaltungsgericht hat jedoch zu Recht angenommen, dass es sich mit dem Normzweck nicht vereinbaren lässt, Beamte wie
den Kläger, die über die gesetzliche Altersgrenze hinaus Dienst geleistet haben, in Bezug auf den zulässigen Untersagungszeitraum für eine Erwerbstätigkeit Beamten gleichzustellen, die vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden.
Daher kann davon ausgegangen werden, dass der Landesgesetzgeber den
Untersagungszeitraum bei einem Hinausschieben des Eintritts in den Ruhestand über die gesetzliche Altersgrenze hinaus nicht geregelt hat. Insoweit liegt
eine planwidrige, weil mit dem Regelungszweck unvereinbare Regelungslücke
vor. Mangels anderer Anhaltspunkte ist anzunehmen, dass der Landesgesetzgeber die Lücke, wenn er sie erkannt hätte, durch die Anwendung des bei Ruhestandseintritt wegen Erreichens der Altersgrenze geltenden Untersagungszeitraums von höchstens drei Jahren, beginnend mit dem Eintritt in den Ruhestand, geschlossen hätte (vgl. zur Analogie: Urteil vom 28. Juni 2012 - BVerwG
Rn. 24>).
34Dieser Zeitraum ist im Fall des Klägers seit dem 1. Oktober 2013 verstrichen,
sodass die Beklagte die Untersagung ungeachtet der fehlenden materiellrechtlichen Voraussetzungen nicht bis Ende 2014 aussprechen durfte.
Der Streitwert wird für das Revisionsverfahren auf 256 000 € festgesetzt (§ 47
Abs. 1 Satz 1, § 52 Abs. 1 GKG).
BeamtStG § 41 Satz 1 bis 3 LBG Berlin §§ 62, 68 VwGO § 134
Urteil des 2. Senats vom 26. Juni 2014 - BVerwG 2 C 23.13
I. VG Berlin vom 08.02.2013 - Az.: VG 7 K 376.10 -

References: § 63
 § 127
 § 41
 § 41

§ 41
 § 41
 § 60
 § 64
 § 72
 § 41
 § 41
 § 134
 § 41
 § 41
 § 41
 § 99
 § 62
 § 62
 Art. 33
 Art. 33

§ 29
 § 40
 § 29
 § 42

§ 41
 Art. 12
 Art. 2
 § 20
 § 20
 § 20
 § 41
 § 41
 § 68
 § 52
 § 41
 § 134