Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=VersR%201989,%20145
Timestamp: 2020-07-15 12:11:27+00:00

Document:
Rechtsprechung: VersR 1989, 145 - dejure.org
Weitere Entscheidung unten: BGH, 28.06.1988
https://dejure.org/1988,657
BGH, 28.06.1988 - VI ZR 288/87 (https://dejure.org/1988,657)
BGH, Entscheidung vom 28.06.1988 - VI ZR 288/87 (https://dejure.org/1988,657)
BGH, Entscheidung vom 28. Juni 1988 - VI ZR 288/87 (https://dejure.org/1988,657)
Tipp: Um den Kurzlink (hier: https://dejure.org/1988,657) schnell in die Zwischenablage zu kopieren, können Sie die Tastenkombination Alt + R verwenden - auch ohne diesen Bereich zu öffnen.
Ermächtigung - Eltern - Vertretung - Kindes - Heileingriff
Zur gemeinsamen Zustimmung der Eltern bei ärztlicher Behandlung von Minderjährigen
BGB § 1629 Abs. 1 S. 2
BGHZ 105, 45
NJW 1988, 2946
MDR 1988, 949
FamRZ 1988, 1142
Die Einwilligung in die mit einem ärztlichen Eingriff notwendig einhergehende Verletzung der körperlichen Integrität ist kein Rechtsgeschäft, sondern eine Gestattung oder Ermächtigung zur Vornahme tatsächlicher Handlungen, die in den Rechtskreis des Gestattenden eingreifen (vgl. Senatsurteile vom 28. Juni 1988 - VI ZR 288/87, BGHZ 105, 45, 47 f.; vom 5. Dezember 1958 - VI ZR 266/57, BGHZ 29, 33, 36; BGH, Urteil vom 2. Dezember 1963 - III ZR 222/62, NJW 1964, 1177).
Dies gilt, wie der Senat bereits in seinem Urteil vom 28. Juni 1988 (BGHZ 105, 45) ausgeführt hat und woran er festhält, jedenfalls in Routinefällen, zu denen auch die Routineimpfung gehört.
BGH, 29.04.2020 - XII ZB 112/19
Übertragung der elterlichen Sorge auf ein Elternteil bei Vorliegen umfänglicher …
Der Bundesgerichtshof hat zur wirksamen Einwilligung in eine Operation des minderjährigen Kindes die Ermächtigung des allein einwilligenden Elternteils durch den anderen für möglich und erforderlich gehalten (BGHZ 105, 45 = FamRZ 1988, 1142, 1143 f.).
Deshalb muss sich der Arzt in einem solchen Fall die Gewissheit verschaffen, dass der nicht erschienene Elternteil mit der vorgesehenen Behandlung des Kindes einverstanden ist (vgl. Senatsurteil BGHZ 105, 45, 47 ff.).
Wenn die Einwilligung der Eltern in einen ärztlichen Eingriff bei ihrem Kind auch kein Rechtsgeschäft ist, sondern "Gestattung oder Ermächtigung zur Vornahme tatsächlicher Handlungen, die in den Rechtskreis des Gestattenden eingreifen", so ist auch diese Einwilligung Ausübung der elterlichen Personensorge mit der Folge, dass sie grundsätzlich wirksam nur im Einvernehmen beider Eltern erteilt werden kann (vgl. BGH-Urteil v. 28.06.1988 - VI ZR 288/87 -, Juris-Veröffentlichung unter Rz.12).
Denn einerseits sind die Eltern auch hier nur gesamthandlungsbefugt, § 1627 BGB; andererseits ist auch hier schon Handeln eines Elternteils mit Ermächtigung des anderen Elternteils anerkannt (BGH NJW 1988, 2946, 2947 [BGH 28.06.1988 - VI ZR 288/87] zur Einwilligung in einem am Kind vorgenommenen ärztlichen Heileingriff).
Wenn die Einwilligung der Eltern in einen ärztlichen Eingriff bei ihrem Kind auch kein Rechtsgeschäft ist, sondern Gestattung oder Ermächtigung zur Vornahme tatsächlicher Handlungen, die in den Rechtskreis des Gestattenden eingreifen, so ist auch diese Einwilligung Ausübung der elterlichen Personensorge mit der Folge, dass sie wirksam nur im Einvernehmen beider Eltern erteilt werden kann (vgl. etwa BGH, Urteil vom 28.06.1988 - VI ZR 288/87 -, NJW 1988, 2946, 2946 f.;… Giesen, Arzthaftungsrecht, 4. Aufl. 1995, Rdnr. 252).
Eine derartige bürokratische Handhabung wäre nicht nur ganz unpraktikabel, sie würde in der Regel auch nicht der Interessenlage der Eltern gerecht (vgl. wiederum BGH, Urteil vom 28.06.1988 - VI ZR 288/87 -, NJW 1988, 2946, 2947).
Dementsprechend wird man in Routinefällen ( 1. Fallgruppe ) davon ausgehen können, dass der mit dem Kind beim Arzt erscheinende Elternteil ermächtigt ist, die Einwilligung in die ärztliche Behandlung für den abwesenden Elternteil mitzuerteilen, worauf der Arzt in Grenzen vertrauen darf, solange ihm keine entgegenstehenden Umstände bekannt sind (vgl. BGH, Urteil vom 28.06.1988 - VI ZR 288/87 -, NJW 1988, 2946, 2947; Urteil vom 15.02.2000 - VI ZR 48/99 -, NJW 2000, 1784, 1785; Urteil vom 15.06.2010 - VI ZR 204/09 -, NJW 2010, 2430, 2431).
In anderen Fällen, in denen es um ärztliche Eingriffe schwererer Art mit nicht unbedeutenden Risiken geht ( 2. Fallgruppe ), wird sich der Arzt jedoch darüber hinaus vergewissern müssen, ob der erschienene Elternteil die beschriebene Ermächtigung des anderen hat und wie weit diese reicht; er wird aber, solange dem nichts entgegensteht, auf eine wahrheitsgemäße Auskunft des erschienenen Elternteils vertrauen dürfen (vgl. BGH, Urteil vom 28.06.1988 - VI ZR 288/87 -, NJW 1988, 2946, 2947; Urteil vom 15.06.2010 - VI ZR 204/09 -, NJW 2010, 2430, 2431).
Deshalb muss sich der Arzt in einem solchen Fall die Gewissheit verschaffen, dass der nicht erschienene Elternteil mit der vorgesehenen Behandlung des Kindes einverstanden ist (vgl. BGH, Urteil vom 28.06.1988 - VI ZR 288/87 -, NJW 1988, 2946, 2947; Urteil vom 15.06.2010 - VI ZR 204/09 -, NJW 2010, 2430, 2431).
BGH, 22.12.1992 - VI ZR 341/91
Schadensersatz und Schmerzensgeld: Arzthaftung, Fehlerhafte Behandlung, Chirurgie …
Für die vertragliche Haftung gilt die Prof. Dr. G. als Beamten ebenfalls zustehende Verweisungsmöglichkeit nach § 839 Abs. 1 Satz 2 BGB nicht (Senatsurteil vom 28. Juni 1988 - VI ZR 288/87 - VersR 1989, 145, 146, insoweit nicht abgedruckt in BGHZ 105, 45 ff.).
Beweislastumkehr für Sekundärschäden bei grobem Behandlungsfehler
Etwas anderes gilt dann, wenn der sekundäre Gesundheitsschaden eine typische Folge der Primärverletzung ist und die als grob zu bewertende Missachtung der ärztlichen Verhaltensregel gerade auch solcherart Schädigungen vorbeugen soll (vgl. BGH, Urteil vom 28. Juni 1988 - VI ZR 210/87 -, NJW 1988, S. 2948; BGH…, Urteil vom 26. Oktober 1993 - VI ZR 155/92 -, NJW 1994, S. 801, 803;… Geiß/Greiner, Arzthaftpflichtrecht, 7. Aufl. 2014, Rn. B. 257, 262 f.).
Erweist sich ein schwerer ("grober") Behandlungsfehler als generell geeignet, den eingetretenen Schaden zumindest mitursächlich herbeizuführen, so ist es Sache des Anspruchsgegners des Geschädigten (Arzt oder Krankenhausträger) zu beweisen, daß es an der Kausalität zwischen der Pflichtverletzung und dem (Körper- oder Gesundheits-)Schaden fehlt; es kommt in diesem Sinne auf der Kausalitätsebene zu einer Beweislastumkehr (…s. etwa BGHZ 85, S. 212, 215 ff.;… BGH NJW 1987, S. 705;… NJW 1988, S. 2303, 2304; NJW 1988, S. 2948;… NJW 1988, S. 2949, 2950 f.;… NJW 1993, S. 2375, 2376 f.;… NJW 1995, S. 1611, 1612 f.;… NJW 1996, S. 1589, 1590 f.;… NJW 1996, S. 2428;… NJW 1997, S. 796, 797;… NJW 1998, S. 814, 815;… NJW 1998, S. 1782, 1783;… NJW 1999, S. 861, 862;… NJW 1999, S. 862;… Senat, NJW-RR 2000, S. 24, 26 = MedR 2000, S. 85, 88 = OLG-NL 1999, S. 125, 129 f.;… Palandt/Thomas, aaO., § 823 Rdn. 170;… Münch.Komm.-Mertens, aaO., § 823 Rdn. 409;… Zöller/Greger, aaO., vor § 284 Rdn. 20 a).
Handelt es sich aber um einen schweren Behandlungsfehler - also um einen eindeutigen, fundamentalen Verstoß gegen bewährte ärztliche Behandlungsregeln oder gesicherte medizinische Erkenntnisse, der aus objektiver Sicht nicht mehr verständlich erscheint und einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen darf- und rührt er zu Beweiserschwerungen für den Patienten, so ist es unter der weiteren Voraussetzung, daß der Fehler als solcher geeignet ist, den eingetretenen Schaden zumindest mitursächlich herbeizuführen, Sache des Anspruchsgegners [Arztes] zu beweisen, daß es an der Kausalität zwischen der Pflichtverletzung und dem Schaden fehlt (…s. etwa BGHZ 85, S. 212, 215 ff.;… BGH NJW 1987, S. 705;… NJW 1988, S. 2303, 2304 [BGH 29.03.1988 - VI ZR 185/87]; NJW 1988, S. 2948;… NJW 1988, S. 2949, 2950 f. [BGH 28.06.1988 - VI ZR 217/87];… NJW 1993, S. 2375, 2376 f. [BGH 23.03.1993 - VI ZR 26/92];… NJW 1995, S. 1611, 1612 f. [BGH 14.02.1995 - VI ZR 272/93];… NJW 1996, S. 1589, 1590 f. [BGH 13.02.1996 - VI ZR 402/94];… NJW 1996, S. 2428;… NJW 1997, S. 796, 797;… NJW 1998, S. 814, 815 [BGH 02.12.1997 - VI ZR 386/96];… NJW 1998, S. 1782, 1783 [BGH 27.01.1998 - VI ZR 339/96];… NJW 1999, S. 861, 862 [BGH 06.10.1998 - VI ZR 239/97];… NJW 1999, S. 862;… Münch.Komm.-Mertens, a.a.O., § 823 Rdn. 409;… Palandt/Thomas, a.a.O., § 823 Rdn. 170).
OLG Köln, 28.04.1997 - 5 U 210/96

References: § 1629
 § 1627
 § 839
 BGH 
 § 823
 § 823
 § 284
 BGH 
 § 823
 § 823