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Timestamp: 2020-07-08 04:48:59+00:00

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Die Aner­ken­nung oder Voll­stre­ckung eines Schieds­spruchs ver­stößt nur dann gegen die öffent­li­che Ord­nung (ord­re public), wenn sie zu einem Ergeb­nis führt, das mit wesent­li­chen Grund­sät­zen des deut­schen Rechts „offen­sicht­lich“ unver­ein­bar ist. Der ord­re public erfasst ele­men­ta­re Grund­la­gen der Rechts­ord­nung bezie­hungs­wei­se ekla­tan­te Ver­stö­ße gegen die mate­ri­el­le Gerech­tig­keit, wobei nicht jeder Wider­spruch selbst zu zwin­gen­den Vor­schrif­ten des deut­schen Rechts genügt.
Es ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass ein Wider­spruch gegen den ord­re public nur bei „offen­sicht­li­cher“ Unver­ein­bar­keit mit wesent­li­chen Grund­sät­zen des deut­schen Rechts vor­liegt und daher der Ein­wand einer Ver­let­zung des ord­re public nur in „extre­men Aus­nah­me­fäl­len“ greift.
Durch das Gesetz zur Neu­re­ge­lung des Inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts vom 25.07.19864 wur­den dann aller­dings unter ande­rem § 1041 Abs. 1 Nr. 2 und § 1044 Abs. 2 Nr. 2 ZPO dahin geän­dert, dass die Auf­he­bung eines (inlän­di­schen) Schieds­spruchs bezie­hungs­wei­se die Ver­sa­gung der Voll­streck­bar­er­klä­rung eines (aus­län­di­schen) Schieds­spruchs nur aus­zu­spre­chen ist, „wenn die Aner­ken­nung des Schieds­spruchs zu einem Ergeb­nis führt, das mit wesent­li­chen Grund­sät­zen des deut­schen Rechts offen­sicht­lich unver­ein­bar ist, ins­be­son­de­re wenn die Aner­ken­nung mit den Grund­rech­ten unver­ein­bar ist“. Par­al­lel zur Ände­rung im Schieds­recht wur­de der ord­re­pu­blic-Vor­be­halt in Art. 6 EGBGB zur Anwen­dung von Rechts­nor­men eines ande­ren Staa­tes und in § 328 Abs. 1 Nr. 4 ZPO zur Aner­ken­nung aus­län­di­scher Urtei­le ent­spre­chend umfor­mu­liert. Nach der Geset­zes­be­grün­dung soll­te durch die Vor­be­halts­klau­sel der „Kern­be­stand“ der inlän­di­schen Rechts­ord­nung geschützt wer­den, wobei in Anleh­nung an die neue­re völ­ker­ver­trag­li­che Pra­xis, ins­be­son­de­re an Art. 16 des EG-Schuld­ver­trags­über­ein­kom­mens vom 19.06.1980, der Vor­be­halt des ord­re public durch den Zusatz „offen­sicht­lich unver­ein­bar“ bewusst eng und damit ein­schrän­kend for­mu­liert wur­de5.
Im Zuge des Schieds­ver­fah­rens-Neu­re­ge­lungs­ge­set­zes vom 22.12 19978 ist dann aller­dings unter ande­rem der inlän­di­sche ord­re public in § 1059 Abs. 2 Nr. 2 Buchst. b ZPO neu gefasst wor­den. Die Bestim­mung lau­tet nun­mehr, dass ein Schieds­spruch auf­ge­ho­ben wer­den kann, wenn das Gericht fest­stellt, dass „die Aner­ken­nung oder Voll­stre­ckung des Schieds­spruchs zu einem Ergeb­nis führt, das der öffent­li­chen Ord­nung (ord­re public) wider­spricht“. Das Kri­te­ri­um der Offen­sicht­lich­keit ist im Text nicht mehr aus­drück­lich ange­spro­chen. Aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te9 ergibt sich aller­dings nichts dafür, dass der Gesetz­ge­ber — zudem nur für das Schieds­ver­fah­ren und nicht im Anwen­dungs­be­reich der unver­än­dert geblie­be­nen Art. 6 EGBGB, § 328 Abs. 1 Nr. 4 ZPO — inso­weit etwas an der bis­he­ri­gen Rechts­la­ge ändern woll­te. Viel­mehr hat­te die Ände­rung sprach­li­che Grün­de; eine Inhalts­kon­trol­le des Schieds­spruchs soll­te jedoch eben­so wie nach bis­he­ri­gem Recht wei­ter aus­ge­schlos­sen blei­ben10. Ein ande­res Ver­ständ­nis der Norm wür­de auch dem erklär­ten Wil­len des Gesetz­ge­bers zuwi­der­lau­fen, durch das Schieds­ver­fah­rens-Neu­re­ge­lungs­ge­setz die Schieds­ge­richts­bar­keit als „Alter­na­ti­ve zur staat­li­chen Jus­tiz“ bezie­hungs­wei­se „als eine der staat­li­chen Gerichts­bar­keit im Prin­zip gleich­wer­ti­ge Rechts­schutz­mög­lich­keit“ zu stär­ken11.
Vor die­sem Hin­ter­grund hat der Bun­des­ge­richts­hof12 aus­drück­lich fest­ge­stellt, dass auch nach Inkraft­tre­ten des Schieds­ver­fah­rens-Neu­re­ge­lungs­ge­set­zes die Auf­he­bung eines Schieds­spruchs vor­aus­setzt, dass die Ent­schei­dung zu einem Ergeb­nis führt, das mit wesent­li­chen Grund­sät­zen des deut­schen Rechts offen­sicht­lich unver­ein­bar ist, der Schieds­spruch in die­sem Sinn die ele­men­ta­ren Grund­la­gen der Rechts­ord­nung ver­letzt, wobei nicht jeder Wider­spruch der Ent­schei­dung selbst zu zwin­gen­den Vor­schrif­ten des deut­schen Rechts einen Ver­stoß gegen den ord­re public dar­stellt.
Hier­an hält der Bun­des­ge­richts­hof wei­ter fest. Inso­weit ist ergän­zend auch anzu­mer­ken, dass das Offen­sicht­lich­keits­kri­te­ri­um inzwi­schen durch­gän­gig in den neue­ren euro­päi­schen Rege­lun­gen zum ord­re­pu­blic-Vor­be­halt ver­wandt wird (vgl. neben Art. 34 Nr. 1 EuGV­VO nur Art. 22 Buchst. a, Art. 23 Buchst. a EuE­he­VO, Art. 24 Buchst. a EuUn­terhVO, Art. 40 Buchst. a EuEr­bR­VO zur Aner­ken­nung von Ent­schei­dun­gen sowie Art. 21 Rom I‑VO, Art. 26 Rom II-VO, Art. 12 Rom III-VO, Art. 13 HUnt­Prot, Art. 35 EuErbVO zur Anwen­dung aus­län­di­schen Rechts; sie­he auch § 109 Abs. 1 Nr. 4 FamFG).
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Janu­ar 2014 — III ZB 40⁄13
vgl. EuGH, Urtei­le vom 28.03.2000, NJW 2000, 1853 Rn. 37; und vom 11.05.2000, NJW 2000, 2185 Rn. 30; jeweils zum ent­spre­chen­den ord­re­pu­blic-Vor­be­halt nach Art. 27 Nr. 1 EuGVÜ, der — anders als jetzt Art. 34 Nr. 1 EuGV­VO — das Wort „offen­sicht­lich“ nicht ent­hielt [↩]
BT-Drs. 13⁄5274 S. 58 f [↩]
BT-Drs. 13⁄5274 S. 1, 34 [↩]

References: § 1041
 § 1044
 Art. 6
 § 328
 Art. 16
 § 1059
 Art. 6
 § 328
 Art. 34
 Art. 22
 Art. 23
 Art. 24
 Art. 40
 Art. 21
 Art. 26
 Art. 12
 Art. 13
 Art. 35
 § 109
 Art. 27
 Art. 34