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Timestamp: 2019-08-21 21:27:30+00:00

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EU Recht – Blog Consumer_Law
Ausfallhaftungen und AGB-Verbandsklagen – ein Erfolgsmodell
RA Dr. Stefan Langer (Kosesnik-Wehrle & Langer Rechtsanwälte KG)[1]
In den 25 Jahren, auf die der VKI beim Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ zurückgeblickt hat, hat sich viel getan. Auch das rechtliche Umfeld des Jahres 1992 ist von jenem des Jahres 2017 grundverschieden: Österreich war 1992 noch nicht Mitglied der Europäischen Union. Damals gab es noch keine EU-Richtlinie über missbräuchliche Klauseln, es gab noch kein ausdrücklich gesetzlich festgelegtes Transparenzgebot für Verbraucherverträge, kein gesetzlich geregeltes Abmahnverfahren, die Verbraucherrechterichtlinie war noch weit entfernt. Wohl hatte der österreichische Gesetzgeber schon im Jahr 1979 einige grundsätzliche Gedanken im ABGB und KSchG verankert, die für die Kontrolle der Zulässigkeit von Klauseln in Allgemeinen Geschäftsbedingungen nach wie vor Geltung haben. Seitdem ist gerade durch die europäische Rechtsentwicklung eine starke Regulierung durch diverse Materiengesetze zu beobachten (nicht nur Novellen zum KSchG, sondern zB durch das ZaDiG, VKrG, FAGG).
Ein Bereich, in dem der VKI seit langer Zeit erfolgreich aktiv ist, sind die Musterprozesse oder sogenannten Ausfallhaftungen: Viele Rechtsprobleme sind zwar hochinteressant und betreffen eine Vielzahl von Personen, allerdings führt die Relation zwischen dem Geldbetrag, um den es für den einzelnen Verbraucher geht, zu den Prozesskosten und ebenso der Zeitaufwand, der in die Führung eines Gerichtsverfahrens zu stecken ist, dazu, dass diese Fragen nicht ausjudiziert werden, weil Verbraucher den Weg zu Gericht scheuen. Dazu kommt, dass normalerweise, also ohne Abtretung von Ansprüchen an einen Verbraucherverband nach § 29 KSchG, der Rechtszug an den OGH für Streitwerte unter Euro 5.000 von einigen Ausnahmen abgesehen jedenfalls ausgeschlossen ist. Aufgrund des Entfalls dieser Rechtsmittelbeschränkungen in Verfahren mit Abtretung von Ansprüchen an den VKI wurden viele Fragen in Einzelprozessen geklärt, die sonst aufgrund dieses Unterschreitens von Streitwertgrenzen nicht zum OGH gekommen wären. Ein Extrembeispiel aus der Tätigkeit des VKI war ein Verfahren gegen eine Bank wegen einer missbräuchlichen Bankomatabhebung, in dem es um ATS 10.000, nunmehr Euro 726 ging, das bis zum Urteil des OGH 10 Jahre anhängig war und allein auf Seiten des VKI Verfahrenskosten von rund Euro 20.000 (davon rund Euro 14.000 für diverse Sachverständigengebühren) verschlang, also rund das Dreißigfache des Streitwertes! Kein Verbraucher hätte sich dieses Verfahren geleistet, keine Rechtsschutzversicherung hätte das Verfahren gedeckt.
In 25 Jahren haben die Verbandsklagen des VKI gegen unzulässige Geschäftsbedingungen sehr viel zur Entwicklung des AGB-Rechtes durch die Überprüfung von Geschäftsbedingungen in den verschiedensten Branchen beigetragen, bei großen Unternehmen wie Banken und Versicherungen ebenso wie bei diversen kleineren Unternehmen. Es waren vor 25 Jahren bisweilen noch brancheneinheitlich verwendete Allgemeine Geschäftsbedingungen in Gebrauch, die Klauseln enthalten haben, deren Verwendung große Unternehmen heute nicht einmal mehr andenken würden, weil ihre Unzulässigkeit augenscheinlich ist. Der Standpunkt bestimmt bisweilen die Perspektive, aber ich denke, die Tätigkeit des VKI hat auch in diesem Bereich schlicht zu einer Anhebung der Rechtskultur geführt.
Die Bedeutung der AGB-Kontrolle für den Rechtsverkehr ist nicht zu unterschätzen: Wer AGB in seinen Verträgen verwendet, erlangt dadurch erhebliche Macht, was die inhaltliche Gestaltung des Vertrages betrifft. Oft haben solche Geschäftsbedingungen viele Seiten und versuchen jedes noch so unwesentliche Detail des Vertrages zu regeln. Allgemeine Geschäftsbedingungen sind umfangreich, kompliziert und für normal denkende Menschen sehr langweilig! Es wäre auch unrealistisch anzunehmen, dass Verbraucher vom Zeitaufwand und in rechtlicher Hinsicht in der Lage wären, die ihnen vorgelegten AGB zu überprüfen. Jeder kennt diese Situation aus seinem eigenen Leben: Wer online Produkte oder Dienstleistungen bestellt und das Kästchen anhaken soll, die AGB gelesen zu haben und diesen zuzustimmen, wird kaum einmal Lust haben, seitenlange Vertragswerke für ein Alltagsgeschäft durchzusehen. Diese Macht des AGB-Verwenders bedarf genauer juristischer Kontrolle durch die Gerichte. Der Rechtsverkehr kann insgesamt nur funktionieren, wenn sich alle Teile darauf verlassen können, dass AGB oder Vertragsformblätter nicht dazu missbraucht werden, unfaire Inhalte in die Verträge einfließen zu lassen oder jedenfalls im Streitfall solche Klauseln eliminiert werden und unangewendet bleiben. Zeit ist Geld und soll nicht dazu verwendet werden müssen, bei jedem der vielen Vertragsschlüsse, die wir alle in unserer Eigenschaft als Verbraucher – und Verbraucher sind wir alle – tätigen, laufend die AGB unserer Vertragspartner durchsehen und prüfen oder in den meisten Fällen prüfen lassen zu müssen. Daran, dass rechtswidrige Klauseln auf dem Markt keine Chance haben sollen, haben nicht nur Verbraucher Interesse, sondern auch jene Unternehmer, die eben keine rechtswidrigen Klauseln verwenden. Die Eliminierung unzulässiger Vertragsklauseln in AGB infolge von Verbandsklagen des VKI hat hier hohe Bedeutung.
Nicht nur in Österreich, sondern durch zahlreiche Vorabentscheidungsverfahren, die österreichische Gerichte aufgrund von Verbandsklagen des VKI eingeleitet und den EuGH um die Auslegung europäischen Rechtes ersucht haben, hat der VKI in den letzten 25 Jahren bereits viel zur Rechtsentwicklung für den gesamten europäischen Binnenmarkt beigetragen. Beginnend mit dem ersten Vorabentscheidungsverfahren in den Jahren 1997/1998 zur Frage, ob Pauschalreisende, die in einem Hotel an der Abreise gehindert werden, weil der insolvent gewordene Reiseveranstalter an den Hotelbetreiber nicht bezahlt hatte, Anspruch auf Ersatz ihrer nochmaligen Zahlung aus der Reise Insolvenzversicherung haben, über das Urteil Henkel im Jahr 2001 über die Voraussetzungen der internationalen Zuständigkeit österreichischer Gerichte für Verbandsklagen gegen ausländische Unternehmer, die Klärung der Unzulässigkeit sogenannter Zahlscheinentgelte in Verfahren gegen Mobiltelefoniebetreiber durch den EuGH im Jahre 2014, das Urteil des Jahres 2016 über die Anwendbarkeit der Informationspflichten für Verbraucherkredite für Ratenvereinbarungen, die von Inkassobüros geschlossen werden, das Urteil aus dem Jahr 2017 über die Voraussetzungen der Kommunikation im Electronic Banking bis zur Amazon-Entscheidung des EuGH im Jahr 2016, die große Bedeutung für Verbrauchergeschäfte im internationalen Rechtsverkehr erlangt und letztlich Anfang dieses Jahres zu einem für den VKI sehr erfreulichen Urteil des OGH geführt hat. Die Entscheidungssammlung des EuGH weist mittlerweile eine Vielzahl von Urteilen aus, die Verein für Konsumenteninformation im Titel tragen. Ich habe es statistisch nicht nachgeprüft, aber ich denke, dass kaum eine andere europäische Verbraucherorganisation in diesem Bereich dermaßen oft vor dem EuGH Verfahren geführt hat.
Aus Luxemburg kam vor einigen Jahren auch ein anderer wesentlicher Impuls für die Beurteilung von Geschäftsbedingungen: Urteile des EuGH in Verfahren über Verbraucherverträge und rechtswidrige Klauseln, die sich in solchen Verträgen befinden, haben zu einem radikalen Umdenken bei der Gestaltung von AGB geführt: Gerade durch die Judikatur, die auf die sogenannte Banesto-Entscheidung des EuGH aus dem Jahr 2012 zurückgeht, ist klargestellt, dass eine rechtswidrige Klausel in Verbraucherverträgen zur Gänze zu entfallen hat und nicht auf ein gerade noch zulässiges Maß reduziert wird, wie dies nach früherer österreichischer Rechtsprechung zu Einzelverträgen der Fall war. Es gilt also nicht mehr das Prinzip „nutzt es nicht, schadet es auch nicht“, wie die Herangehensweise vieler AGB-Verwender nach der früheren Rechtsprechung war, die in Einzelverträgen unzulässige Vertragsbestimmungen geltungserhaltend reduziert, also stattdessen jene Regelung angewandt haben, die gerade noch zulässig hätte vereinbart werden dürfen. Wer als Unternehmer bei der Gestaltung seiner AGB jetzt über das Ziel hinausschießt, muss nunmehr damit rechnen, dass seine Klausel im Streitfall gänzlich unangewendet bleibt.
Das Thema der AGB-Kontrolle hört nie auf: AGB sind sehr vielfältig und decken die gesamte Palette des Lebens in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht ab. Der Kreativität, was die Neugestaltung von problematischen AGB-Klauseln betrifft, sind keine Grenzen gesetzt. Und dazu ist einerseits ist der Gesetzgeber, und zwar sowohl der europäische als auch der nationale Gesetzgeber, rege und beeinflusst die zulässige Gestaltung von Geschäftsbedingungen durch immer neue Verordnungen, Richtlinien oder Bundesgesetze. Es ist davon auszugehen, dass dieses Thema auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vielfältig und spannend bleibt und die Bedeutung der Kontrolle von allgemeinen Geschäftsbedingungen durch die Gerichte in von wirksam arbeitenden Verbraucherschutzorganisationen eingeleiteten Verfahren eher zunehmen als abnehmen wird.
Veröffentlicht in AGB-Recht, Allgemein, EU Recht, ZivilverfahrenVerschlagwortet mit AGB-Kontrolle, Musterprozesse, VerbandsklagenHinterlasse einen Kommentar
Eröffnung: 25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung
Sektionschefin Dr. Maria Reiffenstein (BMASGK)[1]
Übersicht und Entwicklung
Das 1979 in Kraft getretene KSchG sah neben materiell-rechtlichen Schutzbestimmungen auch Maßnahmen zur Rechtsdurchsetzung in Form einer Verbandsklagsbefugnis für ausgewählte Verbände Diese Klagsbefugnis war auf Unterlassung unzulässiger AGB gerichtet und orientierte sich am UWG, aber erkennbar auch am deutschen Recht.
Diese Verbandsklagsbefugnis des KSchG wurde vorerst kaum genutzt. Dies hatte beim VKI va Ressourcengründe. So gab es vor 1992 kaum Judikatur zu verbraucherrechtlichen Fragestellungen. Der VKI führte nur gelegentlich Musterprozesse, die vom Konsumentenschutzressort finanziert wurden.
Im Jahr 1992 wurde auf Initiative des damaligen Gruppenleiters Gottfried Mayer und des damaligen Abteilungsleiters Hans-Peter Lehofer gemeinsam mit Peter Kolba, Leiter der damals erst im Aufbau befindlichen Rechtsabteilung das Klagsprojekt begründet. Das Konsumentenschutzressort stellte die dafür erforderlichen finanziellen Mittel (für die Auswahl und Betreuung der Verfahren und das damit einhergehende Prozesskostenrisiko) zur Verfügung.
Ziel war die Förderung der individuellen und kollektiven Rechtsdurchsetzung, aber auch der Rechtsentwicklung.
Das Klagsprojekt erwies sich bereits in den ersten Jahren als äußerst erfolgreich: Dies war ua darin begründet, dass vorerst massive und evidente Rechtsverstöße Gegenstand der Verfahren waren. Im Bereich der Musterprozesse etwa Verstöße gegen die Rücktrittsbelehrung beim Haustürgeschäft oder stillschweigende Verlängerungen von Abo-Verträgen bzw bei Verbandsklagen Verstöße gegen Gewährleistungsrecht bzw Schadenersatzrecht. Verbandsklagen endeten idR sofort nach Klagseinbringung durch Submissionsvergleich.
Früh gab es daher im Bereich der Verbandsklagen Überlegungen, der Klage ein außergerichtliches Abmahnverfahren Vorbild war Deutschland, wo seit 1977 Abmahnverfahren erfolgreich durchgeführt wurden. Die mit einem erfolglosen Abmahnverfahren verbundene Unsicherheit, ob die Wiederholungsgefahr bei nachfolgender Verbandsklage aufrecht ist, wurde mit der KSchG-Novelle 1997 legistisch gelöst. Seitdem wird den AGB-Verbandsklagen in aller Regel ein Abmahnverfahren vorangestellt. Das Abmahnverfahren wurde binnen kurzer Zeit sehr gut angenommen (im ersten Jahr der Anwendung wurden bereits 70 % auf diese Weise beendet, in den letzten Jahren sank diese Zahl auf ca 50%).
Im Bereich der Musterprozesse erwies sich die im Jahr 1983 in § 55 JN eingeführte Privilegierung der nach § 29 KSchG klagsbefugten Verbände als äußerst hilfreich. Bei Abtretung des Geld-Anspruches an den Verband war der Rechtszug zum OGH – streitwertunabhängig – bei relevanten Rechtsfragen möglich. Damit konnte auch bei geringen Streitwerten Judikatur des Oberstgerichtes erzielt werden und eine einheitliche Rechtsprechung sichergestellt werden. Die Erstreckung der Privilegierung durch die Zivilverfahrens-Novelle 2004 auf alle abtretbaren Ansprüche ermöglichte etwa auch Feststellungsklagen.
Die RL Unterlassungsklagen 98/27/EG war ein weiterer Meilenstein zur kollektiven Rechtsdurchsetzung: Sie etablierte europaweit das Instrument der Unterlassungklagen und sicherte zudem grenzüberschreitende Verbandsklagen. Zudem wurden auch Verstöße gegen EU-Recht außerhalb von AGB und rechtswidrige Praktiken Die RL wurde mit dem Fernabsatzgesetz umgesetzt; die Regelungen sind mit 1.1.2001 in Kraft getreten.
Das Klagsprojekt wurde idF um diese neuen Klagsbefugnisse erweitert und das Ressort stellte in den kommenden Jahren dafür vermehrt finanzielle Mittel zur Verfügung. Im Rahmen des Klagsprojektes werden jährlich ca 240 Verfahren – je zur Hälfte Musterverfahren und zur Hälfte Verbandsklagen bzw Abmahnungen geführt.
Erfolgsquote der Verfahren liegt in den letzten Jahren bei ca 90%. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nach anfänglicher Fokussierung auf evidente Verstöße zunehmend auch ungeklärte Rechtsfragen an die Gerichte herangetragen wurden. Auf diese Weise konnte umfangreiche Rechtsfortbildung durch Judikatur erzielt werden. Dass die Erfolgsquote der geführten Verfahren in den letzten Jahren dennoch bei ca 90 % liegt, ist der sorgfältigen Auswahl und Verfahrensführung durch das gesamte Team der Rechtsabteilung des VKI zu verdanken.
An dieser Stelle möchte ich aber auch auf die jahre- bzw jahrzehntelange gedeihliche Zusammenarbeit mit den ausgewählten Vertragsanwälten des VKI verweisen, deren verbraucherpolitisches Engagement und umsichtige Verfahrensführung sehr zum Erfolg dieses Projektes beigetragen haben und beitragen. Ich möchte hier namentlich Herrn Dr. Heinz Kosesnik-Wehrle erwähnen, der als Rechtsanwalt der ersten Stunde dieses Klagsprojekt „mit aus der Taufe gehoben hat“. Drei für das Klagsprojekt bis heute ganz wesentliche Anwälte referieren heute, einige weitere sitzen im Publikum. Ihnen allen herzlichen Dank.
Judikatur zur Klagsbefugnis
Die Höchstgerichte waren mehrmals mit grundsätzlichen Fragen der Klagsbefugnis des VKI befasst:
Der VfGH hatte sich mit Fragen der Zulässigkeit der Verbands-Musterklage bzw der Verbandsklage zu beschäftigen:
1994 stand die im Jahr 1983 etablierte Muster-Verbandsklage auf dem Prüfstand. Diese räumte den in § 29 KSchG genannten Verbänden eine streitwertunabhängige Anrufung des OGH ein. Die sachliche Rechtfertigung dieser Privilegierung begründete der VfGH mit den überindividuellen Interessen an einer oberstgerichtlichen Rechtsprechung zu Rechtsfragen von allgemeiner Bedeutung (VfGH G126/93)
Im Jahr 2016 wurde die Befugnis zur Veröffentlichung eines Urteils aufgrund einer Verbandsklage nach § 30 KSchG vom VfGH einer Prüfung unterzogen. Der VfGH sah in der Befugnis zur Veröffentlichung des Urteils eine Effektuierung des Zwecks der Verbandsklage. Die angefochtenen Bestimmungen dienen demnach dem Konsumentenschutz und liegen somit im öffentlichen Interesse. Sie sind zur Zielerreichung geeignet, adäquat und auch sonst sachlich gerechtfertigt. (VfGH G346/2016)
Der OGH setzte sich mit der Zulässigkeit der „Sammelklage nach österreichischem Recht“ sowie deren Rahmenbedingungen iZm Sammelklagen des VKI auseinander und entschied im Sinne des Konsumentenschutzes:
Die als Weiterentwicklung der Verband-Musterklage anzusehende Klagshäufung ist lt OGH gesetzeskonform, wenn im Wesentlichen gleiche Fragen tatsächlicher oder rechtlicher Natur zu lösen sind, die die Hauptfrage oder eine ganz maßgebliche Vorfrage aller Ansprüche betreffen (3 Ob 275/04v).
In einem Anleger-Sammelklagsverfahren wurde die Klagslegitimation des VKI vom Beklagten in Abrede gestellt mit der Begründung, die Prozesskostenfinanzierung durch einen externen Dritten verstoße gegen das quota litis-Prinzip, was die Nichtigkeit der Abtretung der Ansprüche an den VKI zur Folge habe. Dem hielt der OGH entgegen, dass die quota-litis-Regelung dem Mandantenschutz und dem Schutz der Standesehre, nicht jedoch dem Schutz des Prozessgegners Selbst ein allfälliger Verstoß dagegen könne nur von den Verbrauchern, nicht jedoch vom Prozessgegner geltend gemacht werden (6 Ob 224/12b).
Auswirkungen der Klagstätigkeit auf die Legistik
Verfahren, die der VKI im Rahmen des Klagsprojektes geführt hat haben unabhängig vom Verfahrensausgang Auswirkungen auf die Legistik der letzten Jahre gehabt. Aber es wurden auch verbraucherrechtliche Lücken in der Rechtsordnung evident, die eine Klagsführung verhinderten.
Der Verbraucherbegriff in § 1 KSchG war strittig und konnte in einem Verfahren zugunsten der Verbraucher geklärt werden: Anlass war eine „Keilergruppe“, die auf Einkaufsstraßen Verträge über den Beitritt zu einer Tierschutzorganisation abschloss. Die Mitgliedschaft zu ideellen Vereinen wurde unter bestimmten Umständen von der Judikatur dem Verbrauchervertrag unterstellt. Diese Klarstellung wurde gesetzlich in § 1 KSchG verankert.
Irreführende Gewinnzusagen „überschwemmten“ eine Zeit lang den Markt. Verbraucher erlitten Schäden durch Investitionen in die Abholung des vermeintlichen Gewinnes. Verbandsklagen gem § 14 UWG waren erfolgreich, führten aber nicht zu einem Ende der Irreführung – die Methoden wurden laufend geändert. 1999 stellte § 5j KSchG (heute § 5c) sicher, dass derartige Zusagen idF erstmals einklagbar waren. § 5j wurde zur vielleicht am häufigsten geprüften Norm, nicht nur vom OGH, sondern auch vom VfGH und hinlässlich der Frage des Gerichtsstands nicht nur einmal vor dem EuGH.
Inkassobüros verhielten Schuldner zu Anerkenntnissen über ungeklärte Beträge. Nach Berufung auf die Intransparenz derartiger Verträge wurde 1997 ein spezielles Aufschlüsselungsgebot in § 6 Abs 1 Z 15 KSchG eingeführt.
Eine Verbandsklage zu einer Zinsanpassungsklausel präzisierte die Voraussetzungen der in § 6 Abs 1 Z 5 KSchG normierten Voraussetzungen. Das von der Judikatur vorgegebenen Prinzip der Zweiseitigkeit wurde idF mit der Novelle 1997 festgeschrieben.
Nicht nur Klagsführungen durch Verbraucherverbände, sondern auch andere Individualverfahren im Interesse des Konsumentenschutzes führten zur Weiterentwicklung des KSchG:
Die Ersatzfähigkeit entgangener Urlaubsfreuden war nach einer Entscheidung des EuGH in einem österreichischen Rechtsstreit zugesprochen worden und führte 2003 zu einer Adaptierungen des § 31e KSchG.
Die Haftung einkommensloser Familienangehörigen für hohe Verbraucherkredite wurde von der Judikatur als sittenwidrig und nichtig erkannt. Dies führte 1997 zum Minderungsrecht des Gerichtes bis auf Null nach 25d KSchG.
Anmerkung: Mittlerweile gibt es – nicht zuletzt wegen der Klagstätigkeit von Verbraucherverbänden in mehreren Mitgliedstaaten – umfängliche Judikatur des EuGH zu verbraucherrechtlichen Fragestellungen in vielen Bereichen.
Rechtspolitische Diskussion zu Fragen der Rechtsdurchsetzung
Seit vielen Jahren werden national, aber auch auf europäischer Ebene Regelungen zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung bei potentieller Schädigung einer Vielzahl von VerbraucherInnen diskutiert. Die wesentlichen Hindernisse der individuellen Rechtsdurchsetzung sind evident: das Prozesskostenrisiko der Verfahrensführung übersteigt gerade bei Verbraucherstreitigkeiten oft den Streitwert.
Es würde daher naheliegen, dass VerbraucherInnen erst nach Musterentscheidungen der Gerichte klagen oder versuchen außergerichtlich einen Vergleich zu erwirken. Das Abwarten des Verfahrensergebnisses ist jedoch vielfach durch den zwischenzeitlichen Eintritt der Verjährung nicht möglich.
Gleiches gilt auch für den Fall, dass eine Verbraucherschutzorganisation eine erfolgreiche Verbandsklage führt: Das Ergebnis hat keine Auswirkung auf die laufende Verjährung individueller Ansprüche und darüber hinaus auch keine unmittelbare Wirkung auf KonsumentInnen.
Es bleibt daher die Frage, wie Massenverfahren sowohl kostengünstig als auch für die Gerichte ressourcenschonend geführt werden können.
2 aktuelle Initiativanträge befassen sich mit diesen Fragen und Maßnahmen zur effektiven, leistbaren und prozessökonomischen Rechtsdurchsetzung bei Massenschäden.
Musterverfahren – ein klagsbefugter Verband führt ein als Musterverfahren bezeichnetes Verfahren, das Fragen betrifft, die potentiell eine Vielzahl von VerbraucherInnen betreffen: alle Verjährungsansprüche potentiell Betroffener werden gehemmt.
Musterfeststellungsverfahren: ein Verband führt ein Verfahren auf eigenes Risiko – potentiell Betroffene können sich – ohne Anmeldung im Verfahren – auf das Verfahrensergebnis berufen (opt-out-Prinzip).
Alternative: Gruppenverfahren: Eine Gruppe bringt Klage ein – alle Geschädigten mit vergleichbaren Ansprüchen können sich der Klage binnen Frist anschließen (opt-in-Prinzip).
Abschließend möchte ich erwähnen, dass die Europäische Kommission am 11.4.2018 iZm dem sog „New Deal for Consumers“ Richtlinienvorschläge vorlegen wird, die auch zum sehr kontroversiell diskutierten Thema kollektiver Rechtsschutz Vorschläge enthalten werden, möglicherweise einen Beseitigungsanspruch und eine Rechtsfolgenerstreckung von Verbandsklagsurteilen.
Selbstverständlich steht der VKI den Anliegen des kollektiven Rechtsschutzes sehr positiv gegenüber.
Die BReg hat die Probleme zu erkennen und ausgewogene Lösungen auszuarbeiten, die die Interessen der gesamten Bevölkerung und des Wirtschaftsstandortes miteinbeziehen.
Ich wünsche der heutigen Veranstaltung gutes Gelingen und freue mich auf spannende Beiträge und Diskussionen.
[1] Schriftliche Fassung der beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Eröffnungsworte.
Veröffentlicht in AGB-Recht, Allgemein, EU Recht, Verbraucherrecht, Zivilrecht, ZivilverfahrenVerschlagwortet mit Kollektivrechtsschutz, Musterverfahren, Private Enforcement, VerbandsklagsbefugnisHinterlasse einen Kommentar

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