Source: https://www.klimaschutz-niedersachsen.de/aktuelles-1/nachgefragt-bei.html
Timestamp: 2017-11-19 05:04:32+00:00

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Nachgefragt bei... | Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen
... Menschen aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Institutionen, die viel Erfahrung, Know-How und interessante Geschichten rund um die Themen energetische Gebäudesanierung, Energieeffizienz, Energiesparen, Energiesysteme und -speicher sowie den Einsatz erneuerbarer Energien anbieten können.
In loser Folge führen wir mit diesen Experten Interviews, veröffentlichen kurze Gastbeiträge und Meinungen zu kontrovers diskutierten Themen. Wir lassen die unterschiedlichen Positionen zu Wort kommen und machen die Bandbreite der aktuellen Diskussion transparent.
Der Turnverein von 1887 Stadtoldendorf e.V. aus dem Landkreis Holzminden wirbt für sich unter dem Motto „der moderne Verein mit dem großen Sportangebot für die ganze Familie“. Dieser Maxime folgend, entschied sich der Verein dazu, auch die Sportstätten – insbesondere in Hinsicht auf die Energieeffizienz – auf einen modernen Stand zu bringen. Daher hat sich der Verein entschlossen, an einer im Rahmen der Kampagne „Klima(s)check für Sportvereine“ kostenlosen Energieberatung teilzunehmen. Im Verein ist Dipl. Ing. Klaus Grewe als Vorstand des Bereiches Sportstätten für die Gestaltung und Modernisierung von Plätzen und Gebäuden zuständig. Wir haben mit ihm über seine Beweggründe und Erfahrungen zum „Klima(s)check für Sportvereine“ und der Energieberatung gesprochen.
Wie ist Ihr Verein auf den „Klima(s)check für Sportvereine“, dem aktuellen Beratungs- und Förderprogramm vom LandesSportBund Niedersachsen e. V. (LSB), dem Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz und der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen, aufmerksam geworden?
Auf die geförderte Energieberatung als einem Baustein vom „Klima(s)check für Sportvereine“ sind wir durch einen Flyer des LSB und durch eine Mitteilung des Kreissportbundes Holzminden aufmerksam geworden. Außerdem hat die Wirtschaftsförderung des Landkreises auf das Angebot aufmerksam gemacht. Dass an unserer Anlage was gemacht werden muss, war uns schon länger klar. Als dann die Info zur kostenlosen Beratung kam, hat uns das sofort angesprochen und wir haben losgelegt. Wie sich gezeigt hat, war das gar nicht schwer: Über die qualifizierte dena-Expertenliste haben wir Angebote von drei Beratern aus unserer Region eingeholt und dann den Auftrag erteilt. Beim Termin mit dem Energieberater wurde deutlich, wie wichtig eine professionelle, auf unsere individuellen Anforderungen und Gebäude zugeschnittene Beratung vor Beginn einer Sanierung ist. Denn mit diesem Wissen konnten wir die nächsten Schritte planen und energetischen Sanierungsmaßnahmen festlegen, die gleichermaßen aus ökologischen wie ökonomischen Aspekten für uns sinnvoll sind. Nach dem Termin mit unserem Berater im Mai haben wir dessen Rechnung zusammen mit dem Beratungsbericht beim LSB eingereicht Die Beratungskosten werden mit bis zu 2.500 Euro bezuschusst. Alle Infos stehen auf der Homepage vom LSB, auch Vorlagen zum Anschreiben der Berater etc. – das hat die Sache für uns sehr vereinfacht.
Die Beratung war sehr umfangreich und hat insbesondere auf die großen Energieverluste der Sporthalle hingewiesen. Dies ist sicher auch in vielen anderen Vereinen mit einem ähnlichen Gebäudezustand wie bei uns zutreffend. Ob in den Fensterbereichen, bei ungedämmten Außentüren, der Deckenbeleuchtung oder bei den alten Dachflächen: Die Möglichkeiten, die Energieeffizienz des Gebäudes zu verbessern, sind zahlreich.
Besonders im Fall von Sporthallen, die älter als 50 Jahre sind, ist das Energiesparpotenzial immens. Eine Sanierung lohnt nicht nur aus ökologischer Sicht, sondern auch aus ökonomischer: Fehlende Sanierungs- und Unterhaltungsmaßnahmen führen dazu, dass die jährlichen Stromkosten enorm hoch sind und die Immobilie auf Dauer ihren Wert verliert. Mit den Tipps des Energieberaters wissen wir nun, welches die wichtigsten Schritte sind und welche Fördertöpfe es für die Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen gibt. Daher kann ich jedem Verein nur empfehlen, sich auch einmal `klima(s)checken´ zu lassen!
Effizienz von PV-Speichersystemen – Worauf ist zu achten?
Hauke Loges, TU Braunschweig
Februar 2017: Der Bundesverband Energiespeicher (BVES) und BSW Solar haben vor kurzem einen Effizienzleitfaden veröffentlicht, der erstmalig eine einheitliche Vorgehensweise zur Bestimmung von Energieeffizienz von PV-Speichersystemen definiert.
Hauke Loges forscht am Institut für Hochspannungstechnik und Elektrische Energieanlagen (elenia) der TU Braunschweig im Bereich Energiesysteme. Als Mitglied in der Arbeitsgruppe Speicherperformance hat er maßgeblich an der Erstellung des Effizienzleitfadens mitgewirkt.
Herr Loges, der Bundesverband Energiespeicher (BVES) und BSW Solar haben einen Prüfleitfaden veröffentlicht, der eine einheitliche Vorgehensweise zur Bestimmung der Energieeffizienz von PV-Speichersystemen definiert. Warum war das notwendig?
Bei Batteriespeichern fehlen bis dato Kennzeichnungen, die dem Verbraucher transparente Hinweise über die Qualität des PV-Speichers geben können. Bei anderen elektrischen Verbrauchen hat sich das Energieeffizienzlabel etabliert, bei dem der Verbraucher anhand einer Farbskala Rückschlüsse über die Effizienz des Gerätes ziehen kann. Hinzu sind die bisherigen Wirkungsgradangaben der Hersteller oft intransparent und unterliegen keiner einheitlichen Definition. Oftmals ist zum Beispiel nicht klar, ob es sich bei der Angabe um einen Gesamtwirkungsgrad handelt oder ob nur Lade- oder Entlade- bzw. Lade- und Entladeverluste ausgewiesen sind. Das macht es selbst für Fachleute sehr schwer, unterschiedliche Systeme zu vergleichen
Welche Komponenten werden für die Bestimmung der Effizienz von PV-Speichersystemen betrachtet?
Neben der Effizienz des Leistungsumwandlungssystems (PV-Wechselrichter und Batteriewechselrichter) sowie der Batterie fließen ebenso die Regelung der Einzelkomponenten, deren Ansteuerung durch das Energiemanagementsystem und die Leistungsmessung ein. Ebenfalls wird die Leistungsaufnahme der Systemkomponenten (z.B. des Batteriemanagementsystems) im Betrieb und Standby betrachtet.
Wer darf prüfen? Führt die Prüfung der Hersteller oder eine anerkannte Prüfstelle durch?
Hier gibt es keine Vorgaben. Theoretisch dürfen die Hersteller selbst prüfen. „Schwarze Schafe“ würden über kurz oder lang auffliegen. Der Test ist jedoch nicht ganz einfach und recht ressourcenaufwändig, so dass viele Hersteller nicht selber messen können oder wollen.
Was sind derzeit übliche Wirkungsgrade?
Hier fehlt es noch an Erfahrungswerten. Die ersten Hersteller werden die „neuen“ Wirkungsgrade auf der Intersolar im Juni vorstellen. Danach wird es sicher sehr schnell eine Marktübersicht geben.
Welche Verluste entstehen bei PV-Speichersystemen?
Gemäß Leitfaden werden, abhängig von der Systemtopologie, verschiedene Energiewandlungspfade vermessen, die jeweils verlustbehaftet sind. Hierbei handelt es sich um die PV-Netzeinspeisung bzw. um die Direktnutzung, um die Batteriespeicherung sowie der Batterieladung und -entladung. Weiterhin werden relevante Standby- und Leerlauf-Verbräuche durch das Batteriemanagementsystem oder durch das Umwandlungssystem erfasst.
Woran erkennt der Anwender, ob ein Stromspeicher gemäß dem Testverfahren geprüft wurde? Auf welche Angaben sollte er besonders achten?
Der Anwender kann dies am neuen Datenblatt erkennen, auf dem auf die Messung gemäß Leitfaden hingewiesen wird. Generell sollte auf gute Wirkungsgrade beim Batteriewechselrichter und bei der Batterie an sich geachtet werden sowie auf geringe Stand-by Verbräuche.
Welche Hersteller haben zugesagt, das Prüfverfahren anzuwenden? Ist absehbar, dass der Prüfleitfaden zu einem normativen Verfahren weiterentwickelt wird (z. B. DIN, VDE)?
Ein Großteil der führenden Hersteller hat bereits eine freiwillige Selbstverpflichtung abgebeben. Damit sind über 50 Prozent des Marktes bereits abgedeckt. Weitere werden meiner Einschätzung nach aber folgen, da der Kunde dies zukünftig genauer hinterfragen wird. Die Arbeitsgruppe Speicherperformance wird sich spätestens nach der Sommerpause erneut treffen und den Leitfaden 2.0 diskutieren. Der Leitfaden soll dann genutzt werden, um eine Normung einzuführen.
Wir gehen davon aus, dass der Leitfaden für Transparenz auf dem Markt für Energiespeicher sorgen und gleichzeitig die technische Entwicklung weiter vorantreiben wird.
Kommunale Quartierskonzepte - Beispiel Harsefeld
Rainer Schlichtmann, Bürgermeister von Harsefeld
Februar 2017: Mit dem KfW-Programm 432 wird die Erstellung energetischer Quartierskonzepte mit 65 Prozent der Kosten und 10.000 Euro vom Land Niedersachsen gefördert. Ein Quartierskonzept kann auch als Grundlage zur Festsetzung eines Sanierungsgebiets (§§136ff BauGB) herangezogen werden.
Rainer Schlichtmann ist Bürgermeister der Samtgemeinde Harsefeld. Im Jahr 2012 hat die Samtgemeinde Harsefeld ihr erstes Quartierskonzept für ein Wohngebiet und einen Teil des Ortskerns erstellen lassen. Dieses Gebiet hat sie anschließend als Sanierungsgebiet ausgewiesen. Aufgrund der positiven Erfahrungen hat die Samtgemeinde 2015 ein zweites Quartierskonzept in Angriff genommen.
Wir wollten vom Bürgermeister Rainer Schlichtmann wissen, wie seine Bürger/innen auf die Erstellung der Quartierskonzepte und die Festsetzung eines Sanierungsgebietes reagiert haben und welche Erfahrungen die Verwaltung mit diesem Vorgehen gemacht hat.
Herr Schlichtmann, Sie haben in Ihrer Gemeinde gleich zwei Sanierungsgebiete ausgewiesen. Wie hoch ist denn der Aufwand für Ihre Verwaltung, diese zwei Sanierungsgebiete festzusetzen und zu verwalten?
Mit den Arbeiten zu unserem ersten Sanierungsgebiet Steinfeld haben wir im Jahr 2012 begonnen. Auch wenn wir uns über den Aufwand im Vorfeld natürlich unsere Gedanken gemacht hatten, stand das Ziel im Vordergrund, mehr Klimaschutz in der Gemeinde umzusetzen.
Zunächst haben wir ein Konzept mit Klimaschutzmaßnahmen erarbeitet. Die Schwerpunkte waren hierbei dann Energie einzusparen, die Energieeffizienz und den Anteil der erneuerbaren Energien zu erhöhen. Dabei haben wir auch die Wechselwirkung und die jeweiligen Synergieeffekte zwischen Einzelgebäude-Quartier-Gesamtgemeinde im Blick gehabt. Wir wollten damit die energetische Effizienz sowie die soziale und ökonomisch nachhaltige Gemeindeentwicklung fördern.
Den Aufwand mussten wir wegen der vorgegebenen Personalressourcen so gering wie möglich halten. Es ist uns aber gelungen, diesen in der Verwaltung in erster Linie im Bereich der Koordination (Öffentlichkeitsarbeit, Beteiligung der Gremien etc.) zu konzentrieren.
Das Sanierungsmanagement haben wir nach Erstellung des Quartierkonzeptes an ein Fachbüro vergeben.
Wie haben die Bürger/innen auf die Ausweisung der Sanierungsgebiete reagiert?
Das Interesse der Grundstückseigentümer, aber auch der Bevölkerung allgemein, übertraf unsere Erwartungen. Das hat sicherlich auch daran gelegen, dass wir bereits in der Frühphase der Planungen für das erste Sanierungsgebiet die Bevölkerung frühzeitig beteiligt haben. Und so war es möglich, dass aufgrund der guten Ergebnisse in Steinfeld und auch der hohen Akzeptanz der Bevölkerung im Jahr 2015 ein zweites Energiequartier ausgewiesen werden konnte.
Insgesamt waren – von einzelnen Ausnahmen abgesehen – alle Grundstückseigentümer vertreten. Dies galt dann nicht nur für die zwei Auftaktveranstaltungen, sondern darüber hinaus auch für den Besuch von Workshops etc. Da hat unsere Informationsarbeit gut funktioniert, denn die Arbeiten wurden oft durch die örtliche Presse begleitet, wir haben regelmäßig die wichtigsten Nachrichten über das Sanierungsprogramm auf unserer Internetseite veröffentlicht, und die Hauseigentümer wurden mehrfach von uns angeschrieben.
Bemerkenswert ist auch, dass das Interesse, das Programm in Anspruch zu nehmen, auch für das erste Energiequartier immer noch da ist, obwohl es jetzt bereits seit rund vier Jahren läuft.
Für das erste Sanierungsgebiet haben Sie schon Erfahrungen und Ergebnisse ausgewertet. Wie viele private Investitionen wurden durch die Ausweisung dieses Sanierungsgebietes in Harsefeld ausgelöst?
Wir sind sehr zufrieden! Das beauftragte Fachbüro hat für dieses erste Energiequartier knapp 90 Eigentümergespräche geführt. Bislang kam es zu 38 Vertragsabschlüssen mit einem Volumen von ca. 1,6 Mio. €, davon wurden mittlerweile ca. 810.000 € abgerechnet.
Glauben Sie, dass die Sanierungsrate durch die steuerlichen Vorteile, die ein Sanierungsgebiet für die Hauseigentümer darstellt, gestiegen ist?
Davon sind wir überzeugt. Letztlich hat doch jeder Grundstückseigentümer das Interesse, Steuern zu sparen. Und wer die Erfahrung bei dem eigenen Sanierungsprojekt schon gemacht hat, spricht dann vielleicht mit dem Nachbarn darüber. Energetische Sanierungsmaßnahmen rechnen sich ja nicht nur steuerlich – aber eben auch. Wir sind sicher, dass nicht zuletzt durch diese steuerlichen Vorteile auch weiterhin Grundstückseigentümer kommen, um sich beraten zu lassen.
Welche Kosten entstehen für die Samtgemeinde Harsefeld durch die beiden Sanierungsgebiete?
Der Anteil der Samtgemeinde für das erste Quartierskonzept betrug ca. 12.300 Euro. Der Aufwand für das Sanierungsmanagement betrug unter Berücksichtigung des KfW-Zuschusses ca. 65.000 Euro. Die Laufzeit des Vertrages betrug zwei Jahre.
Für die Erstellung des zweiten Quartierskonzeptes lag der Gemeinde-Anteil bei ca. 14.000 Euro.
Wenn Sie den Arbeitsaufwand und das Ergebnis kritisch betrachten: Würden Sie Ihren Kollegen empfehlen, das Förderprogramm und das Instrument der Ausweisung eines Sanierungsgebietes zu nutzen?
Um die Klimaschutzziele der Bundesregierung bis 2020 bzw. 2050 zu erreichen, sind weitere Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz dringend erforderlich. Das wird ohne die Kommunen nicht funktionieren.
Energiequartiere sind meines Erachtens ein geeignetes Instrument, um den Klimaschutzzielen näher zu kommen. Sie bilden natürlich nur einen Baustein von mehreren. Aber die Akzeptanz im Gemeinderat und in der Bevölkerung sind ausgesprochen gut.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass man mit der Erarbeitung des Quartierskonzeptes auch einen kostengünstigen städtebaulichen Rahmenplan erhält.
Wenn ein solcher Plan separat vergeben würde, wäre der Aufwand für jede Gemeinde deutlich höher. Das bei uns erzielte Ergebnis rechtfertigt den Personal- und Finanzaufwand allemal. Ich kann die Feststellung eines Energiequartierskonzeptes empfehlen, soweit ein entsprechender „Altbestand“ an Gebäuden vorhanden ist.
Venner Energie eG - Abwärme aus der Waffelfabrik Meyer
Rainer Ellermann und Christian Meyer zu Venne
Januar 2017: Die Bürgerinnen und Bürger in Venne im Landkreis Osnabrück hatten sich gemeinsam mit den Eigentümern der ortsansässigen Waffelfabrik Meyer zu Venne entschlossen, ihren eigenen Beitrag zur lokalen Umsetzung der Energiewende und damit für den Klimaschutz zu leisten: Die in Europas größter Waffelfabrik entstehende Abwärme wird genutzt, um rund 150 Haushalte und öffentliche Gebäude im Ort - wie das Dorfgemeinschaftshaus, die Grundschule und den Kindergarten - umweltfreundlich mit Wärme zu versorgen.
In der Vergangenheit wurden aus der Waffelfabrik jährlich ca. 10 Millionen kWh Abwärme ungenutzt in die Umwelt abgegeben. Vorbildliche Netzwerkarbeit und das große Engagement aller Beteiligten machten es möglich, dass von den ersten Gesprächen im Jahr 2012 bis zur Fertigstellung des Nahwärmenetzes und der Inbetriebnahme in der Heizperiode 2015/2016 nur etwa drei Jahre vergingen.
Am 15. Januar 2016 fand die feierliche Inbetriebnahme der Anlage statt. Nach einem Jahr befragen wir zwei der Hauptakteure der Initiative, Herrn Rainer Ellermann, Bürgermeister der Gemeinde Ostercappeln und Christian Meyer zu Venne, einen der Geschäftsführer der Waffelfabrik Meyer in Venne zu ihren Erfahrungen und einem ersten Zwischenfazit.
Herr Ellermann, Herr Meyer zu Venne, drei Jahre von der Planung bis zur Fertigstellung und nun schließt sich das erste Jahr der Venner Energiegenossenschaft: Wie lautet kurz gefasst Ihr Zwischenfazit? Sind Sie zufrieden?
Vorweg, ja, insgesamt sind wir zufrieden mit der Einrichtung des Nahwärmenetzes. Es gibt hier und da noch ein paar technische Schwierigkeiten, verschiedene Komponenten greifen noch nicht ganz problemlos ineinander, aber die Wärmeversorgung der angeschlossenen Haushalte ist davon nicht betroffen.
Vorstand und Aufsichtsrat der Venner Energie eG arbeiten aktiv an einer Lösung, die auf jeden Fall bis März 2017 eingerichtet sein soll.
Wir müssen schließlich auch berücksichtigen, dass es so ein Modell der Abwärmenutzung bundesweit noch nicht gibt und wir daher auf keine Erfahrungswerte zurückgreifen konnten.
Und wie sehen die Bürgerinnen und Bürger aus Venne das? Hat sich die Stimmung im Dorf verändert? Sind die Venner vielleicht insgesamt umweltbewusster geworden?
Die Stimmung in der Ortschaft Venne ist überaus positiv. Bei Gesprächen in der Bevölkerung wird das Venner Nahwärmenetz immer positiv wahrgenommen. Dabei wird auch deutlich, dass die Venner schon etwas stolz sind, so viel für Klima und Umwelt zu tun.
Immerhin werden jährlich über 1.200 t CO2sowie über 400.000 l Heizöl eingespart. Rund 75 alte bis uralte Ölheizungsanlagen und ebenso viele Gasheizungen konnten abgebaut und durch modernste Technik ersetzt werden.
Was war rückblickend die schwierigste Phase des Projekts?
Es gab durchaus eine Reihe von schwierigen Situationen oder Phasen des Projekts. Schlicht schon deshalb, weil wir wie gesagt nicht auf Erfahrungswerte anderer Projekte zurückgreifen konnten. Also haben wir das Beste daraus gemacht: Noch bevor wir mit dem Projekt an die Öffentlichkeit gegangen sind, haben Meyer zu Venne und die Gemeinde Ostercappeln umfangreiche fachliche Untersuchungen auf eigenes Kostenrisiko durchführen lassen. Wir wollten sicherstellen, dass das Projekt technisch realisierbar ist.
Die ausdrückliche, schriftliche Zusicherung der möglichen Wärmeauskopplung durch eine Fachfirma war dann Grundlage der weitergehenden Planung und öffentlichen Darstellung. Die Wichtigkeit dieser Untersuchungen zeigt sich heute im „Alltagsbetrieb“ deutlich.
Und abgesehen von der technischen Seite, wie lief die finanzielle und juristische Vorbereitung?
Die Finanzierung war besonders schwierig. Schon die Vorfinanzierung der notwendigen Untersuchungen war nur durch das gegenseitige große Vertrauen der Beteiligten möglich.
Die Hauptfinanzierung konnte dann auch nur erfolgen, weil die Gemeinde Ostercappeln mit einer Kommunalbürgschaft in Höhe von 2,7 Mio. € eingetreten ist. Die Risikobereitschaft der Geldinstitute bei so einer innovativen und sinnvollen Zukunftsinvestition war extrem niedrig.
Schwierig waren auch die vertraglichen Konstellationen. Wenn wir, Firma Meyer zu Venne, Aufsichtsrat und Vorstand der Venner Energie sowie die Gemeinde Ostercappeln uns nicht so gut verstanden und uns gegenseitig vertraut hätten, sondern alles vorher in juristisch fein abgestimmten Verträgen hätten abbilden wollen, wäre das Projekt nicht durchgeführt worden.
Im Umkehrschluss: Waren Sie überrascht, wie gut manches lief? Schließlich klingt es nicht einfach, rund 150 Haushalte davon zu überzeugen, dass sie ihre Wärmeversorgung umstellen.
Überrascht waren wir, dass tatsächlich nach der ersten Informationsveranstaltung spontan schon 60 Grundstückseigentümer/-innen bereit waren, dem Projekt eine Chance zu geben. Innerhalb von drei Monaten konnten wir so die Genossenschaft „Venner Energie eG“ gründen.
Die Bildung der Nachbarschaften völlig ohne Zutun der „Planungsgruppe“, die positive Berichterstattung in der örtlichen Tageszeitung, die durchgeführten Informationsveranstaltungen von Seiten der „Planungsgruppe“ und zusätzlich der Firma Meyer zu Venne gaben den notwendigen Rückhalt und Schub für das Projekt.
Herr Ellermann, Sie tauschen sich viel mit anderen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern von Gemeinden und Städten aus. Wie schätzen Sie die politische Bereitschaft oder das Interesse ein, partnerschaftliche Projekte dieser Art auch woanders umzusetzen?
Zahlreiche Gespräche, Informationsveranstaltungen, persönliche Kontakte sprechen dafür, dass das Interesse bei den Kolleginnen und Kollegen groß ist. Dennoch scheuen sich offensichtlich noch viele vor so einem Projekt.
Möglich ist die Umsetzung tatsächlich nur, wenn das Projekt zum einen Chefsache ist und zum anderen von den örtlichen politischen Gremien unvoreingenommen unterstützt wird. Doch das ist es nicht alleine.
Unserem Projekt kam zu Gute, dass die örtlich ansässigen Grundstückseigentümerinnen und -eigentümer sich selbst organisiert und engagiert haben. Vorstand und Aufsichtsrat der Venner Energie eG kommen – mit Ausnahme des Bürgermeisters – aus der Ortschaft Venne. Sie arbeiten völlig ehrenamtlich und genießen das Vertrauen in den eigenen Nachbarschaften.
Sicher, Nahwärmeversorgungskonzepte gibt es bereits sehr viele, aber in Verbindung mit der Auskopplung und Nutzung vorhandener industrieller Abwärme leider noch so gut wie keine. Dies bedeutet, dass gerade in der Planungs- und Bewerbungsphase unendlich viel Zeit und Kraft investiert werden muss.
Mein Eindruck ist, dass hier und da noch abgewartet wird, ob unser Projekt die ersten ein / zwei Winter gut übersteht und wir dann positive Bilanzen vorlegen können.
Stichwort Bilanzen: Herr Meyer zu Venne, als Unternehmer müssen Sie verständlicherweise auch in Zahlen denken. Wie beurteilen Sie das Projekt aus wirtschaftlicher Sicht?
Ohne einen gewissen Idealismus geht es nicht. Als Familienunternehmer fühlen wir uns der Ortschaft, aus der wir stammen und in der unsere Fabrik groß geworden ist, verpflichtet. Dazu kommt der Blick auf die Umwelt.
Wenn die zu erzielenden Erlöse aus dem Verkauf der abgegebenen Wärme für die Waffelfabrik eine Größe wären, die den Aufwand und das Risiko alleine rechtfertigen müssten, würde es nicht funktionieren. Dann wäre der Bezugspreis zu hoch und für die einzelnen Nutzer nicht wettbewerbsfähig.
Zudem waren wir bereit, Verträge über 20 Jahre Lieferbereitschaft zu schließen. Das heißt, es gehört auch eine Portion Idealismus dazu. Das Projekt ist somit nur möglich gewesen, weil wir als Familie daran geglaubt haben und den mitwirkenden Beteiligten vertraut haben.
Aber auch für die Waffelfabrik ist die Rückführung von ausgekoppelter Wärme ein wichtiger Energie-Baustein. So können wir eine Wärmeleistung für unsere Gebäudetechnik beziehen, für die wir vorher Gas verheizen mussten. Dadurch wird natürlich auch CO2 in unserem Unternehmen direkt eingespart.
Die Chancen und Potenziale für die energieeffiziente Nutzung von industrieller Abwärme sind enorm, werden aber noch zu selten genutzt. Wo sehen Sie aktuell etwaige Hemmnisse für Kommunen und Unternehmen?
Wie schon erwähnt, waren die zunächst erforderlichen Untersuchungen und die Begleitung durch ein Fachingenieurbüro überaus wichtig, um das Projekt in eine Planungsphase zu überführen und auch an die Umsetzbarkeit zu glauben. Davor schrecken vielleicht manche Gemeinden zunächst zurück, da diese Vorarbeiten ja auch mit Kosten verbunden sind.
Und wir sind fest davon überzeugt, dass es richtig war, zunächst die Planungen im kleinen Kreis, ohne Beteiligung der Öffentlichkeit durchzuführen. Mit den gesicherten Erkenntnissen aus den Voruntersuchungen und Gesprächen konnten wir von Anfang an auf die meisten Fragen konkrete Antworten geben.
Die Gesellschaft insgesamt neigt heute dazu, neue Ansätze sehr schnell „kaputt zu reden“ – ein nicht zu unterschätzendes Hemmnis für solche Projekte.
Mit dem Wissen von heute: An welcher Stelle hätten Sie sich für das Projekt mehr Unterstützung gewünscht oder benötigt?
Wir konnten uns auf die sehr gute Unterstützung durch den Genossenschaftsverband Weser-Ems verlassen, der gerade alle genossenschaftlichen Fragen begleitet und unterstützt hat.
Ansonsten mussten wir mangels vorhandener Beispiele einige Grundlagen handverlesen erarbeiten, uns intensiven juristischen Rat einholen.
Insgesamt sind und waren wir Laien auf dem Gebiet der Nahwärmeversorgung und benötigten gute Ratgeber/-innen. Für die bautechnische Abwicklung insgesamt konnten wir auf ein mit der Materie vertrautes Ingenieurbüro zurückgreifen.
Aber gerade bei der Vorbereitung der Wärmelieferungsverträge, der Verträge zwischen Meyer zu Venne und der Genossenschaft wäre uns eine objektive juristische Unterstützung sehr hilfreich gewesen.
Wenn man sich vor Augen führt, wie wichtig aus unserer Sicht die umfangreichen und kostenaufwändigen Voruntersuchungen und Planungsgespräche mit externen Dienstleistern und Beratern waren, hätte uns sicher ein Förderprogramm geholfen, welches diese Vorfinanzierung übernommen oder aber das Risiko vermindert hätte.
Bei der Finanzierung des Gesamtprojektes haben wir die Finanzinstitute von Anfang an mit einbezogen. Dennoch hatten wir bei der Umsetzung erhebliche Probleme bei der Finanzierung zu bewältigen. Vielfach hatten wir das Gefühl, nicht auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden.
An dieser Stelle wäre es sinnvoll und hilfreich gewesen, wenn objektive Finanzberater zum Beispiel durch die N-Bank begleitend zur Verfügung gestanden hätten.
Herr Ellermann, Herr Meyer zu Venne, was sind Ihre Ziele für das zweite Jahr der Venner Energie e.G.?
Bis März 2017 wollen wir alle noch vorhanden technischen Probleme gelöst haben. Das ist das vorrangigste Ziel, dem ordnen wir alles Weitere unter.
Dennoch und gleichzeitig planen wir den Anschluss eines neuen, bereits geplanten Wohnbaugebietes in Venne mit rund 35 Hausgrundstücke.
Ein weiteres, sicher ebenfalls bedeutendes Projekt könnte die Wärmeversorgung der Kläranlagen des Wasserverbandes Wittlage mit dem Ziel sein, die vorhandenen Klärschlämme umweltgerecht zu trocknen, um sie thermisch verwerten zu können.
Die Beschlüsse dazu sind allerdings heute noch nicht endgültig gefasst. Hier gilt es, die Interessen der Genossenschaft insgesamt abzuwägen. Nur wenn es wirtschaftlich möglich und für die derzeitigen Mitglieder sinnvoll ist, werden Aufsichtsrat und Vorstand die Planungen vorantreiben.
Quartierskonzepte und Sanierungsgebiete in Kommunen
Brigitte Vorwerk, DSK
Die KfW fördert mit dem Programm 432 die Erstellung energetischer Quartierskonzepte und die Einstellung von Quartiersmanagern zur Umsetzung dieser Konzepte über einen Zeitraum von fünf Jahren, jeweils mit 65 Prozent der entstehenden Kosten. Ein Quartierskonzept kann außerdem die Grundlage für die Festlegung eines Sanierungsgebiets (§§136ff BauGB) sein. Mehr zum Förderprogramm und seinen Möglichkeiten.
Brigitte Vorwerk ist Ingenieurin bei der Deutschen Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH & Co. KG (DSK), die zahlreiche Kommunen bei Maßnahmen zur Stadtentwicklung unterstützt. Sie hat sich auf die Energetische Quartierssanierung mit der Erstellung energetischer Quartiers-konzepte und die damit verbundene Ausweisung von Sanierungsgebieten spezialisiert. Wir haben sie zu ihren Erfahrungen bei der Anwendung des Programms gefragt und von ihr praktische Tipps und Hinweise zur Planung, Antragstellung und Durchführung, gerade in Hinblick auf das Ziel der Ausweisung eines Sanierungsgebiets, erhalten.
Frau Vorwerk, viele niedersächsische Kommunen nutzen das Förderprogramm 432 der KfW zur Erstellung Energetischer Quartierskonzepte. Ist das Förderprogramm auch für kleinere Kommunen geeignet?
Ein Quartier beginnt bereits ab zwei zusammenhängenden bebauten Grundstücken, folglich gibt es in Kommunen jeder Größe Quartiere. Das Programm richtet sich gleichermaßen an kleine und große Kommunen. Das KfW-Förderprogramm 432 „Energetische Stadtsanierung“ bietet die Chance, Quartiere in Hinblick auf die Steigerung der Energieeffizienz der Gebäude und der Infrastruktur umfassend zu betrachten. Mit der Förderung der Quartierskonzepte werden die Kommunen außerdem dabei unterstützt, zusätzlich zu den energetischen Zielen städtebauliche Problembereiche zu erfassen und Lösungen erarbeitet zu bekommen.
Wie groß sollte ein Quartier sein?
Mit der Auswahl des Quartiers werden entscheidende Weichen für das Konzept und für die Umsetzung gestellt. Das Konzeptgebiet sollte ausreichende Anknüpfungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume bieten. In die Gebietsflächen sollten Grundstücke einbezogen werden, für die z.B. öffentliches oder privates Entwicklungsinteresse bekannt oder absehbar ist. Sinnvoll ist es nach unserer Erfahrung daher, Quartiersgrenzen vor dem Hintergrund einer gesamtstädtischen, strategischen Betrachtung zu überlegen.
Viele unserer Erfahrungen sprechen für die Auswahl überschaubarer Quartiersgrößen. Wenn es um den Aufbau quartiersbezogener Wärmenetze geht, sollte der das Gebiet aber genügend Wärmeabnehmer umfassen, um einen wirtschaftlichen Betrieb zu ermöglichen. Die Gebietsgröße richtet sich daher nach den individuellen Anforderungen der Kommune und dem Ziel ein überschaubares Quartier zu erreichen.
Das Quartierskonzept kann als Grundlage für die Ausweisung eines Sanierungsgebietes genutzt werden. Welche Vorteile bringt ein Sanierungsgebiet?
In dem in der Sanierungssatzung festgelegten Zeitraum von z.B. 10 Jahren sollen in einem Sanierungsgebiet eine Vielzahl von Sanierungsmaßnahmen durchgeführt werden. Außer möglichen Maßnahmen der Gemeinde im öffentlichen Raum, von denen das gesamte Sanierungsgebiet profitieren soll, investieren Eigentümer im privaten Bereich in die Instandsetzung und Modernisierung und somit in die energetische Ertüchtigung von Gebäuden. Das wird besonders durch die steuerlichen Anreize, die die Festlegung eines Sanierungsgebiets ermöglicht, erreicht: Die Kosten einer Modernisierungs- und Instandsetzungsmaßnahme die mit der Gemeinde abgestimmt ist, können nämlich nach dem Einkommenssteuergesetzt erhöht steuerlich abgesetzt werden.
Wie hoch ist der Steuervorteil für die Grundstückseigentümer?
Über die steuerlichen Vorteile kann eine Mitfinanzierung von Modernisierungskosten ermöglicht werden. Gemäß der Paragrafen 7 h ff des Einkommenssteuergesetzes können die Eigentümer im Sanierungsgebiet bis zu 100 Prozent der Modernisierungskosten einer Gebäudemodernisierung steuermindernd geltend machen. Die hohe Sonderabschreibung ist für Eigentümer ein starker Anschub, zusammen mit Eigenmitteln, günstiger Finanzierung und Förderung über z.B. Wohnraumförderung und KfW eine Gebäudemodernisierung umzusetzen.
Wenn eine Kommune das Quartierskonzept als Grundlage für die Ausweisung eines Sanierungsgebietes nutzen möchte, was sollte sie bereits im Vorfeld berücksichtigen?
Das Quartierskonzept sollte in seinen Inhalten die Bausteine einer Vorbereitenden Untersuchung nach Baugesetzbuch aufnehmen. Hierbei sind die städtebaulichen Missstände nach Paragraf 136 ff BauGB darzustellen und Sanierungsziele mit Umsetzungsvorschlägen zu erarbeiten. Das Quartierskonzept sollte Erläuterungen zu folgenden Aspekten enthalten:
- TÖB Mitwirkungsbereitschaft
- Abstimmung mit öffentlichen Planungen
- Mitwirkungsbereitschaft der Betroffenen
- Verwaltungskraft der Verwaltung
- Festlegung eines Zeit- und Maßnahmen-Plans
- Anwendung der Paragrafen 152-156 BauGB
Eine förmliche Gebietsfestlegung kann auf Basis dieser Konzeptinhalte durch einen Ratsbeschluss erreicht werden.
Die Festsetzung eines Sanierungsgebietes wird jeweils im Grundbuch vermerkt. Wie schaffen Sie bei den betroffenen Grundstückeigentümern Akzeptanz für diese Maßnahme?
Im Anschluss an eine förmliche Festlegung als Sanierungsgebiet werden vom Grundbuchamt alle Grundstücke, die im Sanierungsgebiet liegen, mit einem Sanierungsvermerk im Grundbuch versehen. Die Eigentümer werden hierüber schriftlich vom Grundbuchamt informiert.
Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Eigentümer bereits in den Beteiligungsverfahren während der Konzepterarbeitung über die Chancen eines Sanierungsgebietes zu informieren .Der Sanierungsvermerk hat lediglich informativen Charakter. Er stellt keine Grundstücksbelastung im Sinne des Grundbuchrechts dar und hat somit keine Rangstelle im Grundbuch. Nach Abschluss der Sanierung (dies geschieht durch Aufhebung der Sanierungssatzung) wird der Sanierungsvermerk wieder gelöscht. Durch die Eintragung und Löschung entstehen den Grundstückseigentümer keine Kosten.
Wie hoch ist der bürokratische Aufwand für die Verwaltung eines Sanierungsgebietes?
Die Verwaltung eines Sanierungsgebietes kann zum Beispiel durch einen Quartiersmanager erfolgen, der ja auch aus dem Förderprogramm über einen Zeitraum von fünf Jahren gefördert wird. Der bürokratische Aufwand für die Kommune ist damit überschaubar.
Können Sie ein gelungenes Beispiel für ein Sanierungsgebiet nennen?
Quartierskonzepte mit der Anwendung eines förmlich festgelegten Sanierungsgebietes werden zum Beispiel erfolgreich in der Stadt Damme und dem Flecken Harsefeld umgesetzt. Für die Grundstückseigentümer ist die Chance auf den steuerlichen Vorteil ein hoher Anreiz. Eine Vielzahl von privaten Gebäudemodernisierungen sind in beiden Gemeinde bereits passiert bzw. in der Vorbereitung.
Energieeffizienz im Handwerkernetzwerk
Dr. Frank-Peter Ahlers, Handwerkskammer Hannover
Die Handwerkskammer Hannover und die Klimaschutz-und Energieagentur Niedersachsen haben 2015 das "Pilotnetzwerk Schaumburg – Energieeffizienz in Unternehmen“ initiiert. In diesem Netzwerk wurden Handwerksbetriebe bei der Optimierung ihrer Gebäude und Prozesse unterstützt, Ideen ausgetauscht und Informationen transparent aufbereitet.
Das Zentrum für Umweltschutz der Handwerkskammer Hannover hilft seit mehr als 20 Jahren dem niedersächsischen Handwerk in den Bereichen betrieblicher Umweltschutz und nachhaltige Unternehmensentwicklung.
Dr. Frank-Peter Ahlers leitet das Zentrums für Umweltschutz und mit ihm haben wir darüber gesprochen, wie die ca. 83.000 niedersächsischen Handwerksbetriebe bereits zum Gelingen der Energiewende beitragen und welche speziellen Herausforderungen zukünftig zu meistern sind.
Herr Dr. Ahlers, mit dem „Pilotnetzwerk Schaumburg“ haben Sie viele praktische Erfahrungen für die Gründung von Netzwerken mit Handwerksbetrieben gesammelt. Welche wesentlichen Erkenntnisse hat dieses Pilotprojekt gebracht?
Für ein erfolgreich funktionierendes Netzwerk ist es wichtig, dass ein Vertrauen zwischen den teilnehmenden Entscheidern aus den Unternehmen entsteht. Die Netzwerkteilnehmer kennen einander meist persönlich, sind über gemeinsame Kontakte bereits lokal vernetzt und treffen sich regelmäßig auch in anderen Zusammenhängen. Zumeist sind es Unternehmerinnen und Unternehmer, die bereits in der einen oder anderen Weise Vorreiter sind, die sich in Innungen, in der Ausbildung, in der Politik, im sozialen Bereich oder bei Innovationsvorhaben überdurchschnittlich engagieren und durch diese Engagement andere von neuen Ideen überzeugen können.
Genauso wichtig ist es aber, dass keine formalen Anforderungen aufgebaut werden, die mit der z.T. sehr hohen zeitlichen Belastung der Handwerker in Konflikt geraten können. Man darf bei der Gründung eines Netzwerks nicht außer Acht lassen, dass die Unternehmer im Zweifel eher an der konkreten Umsetzung und Einsparung in ihrem Betrieb interessiert sind und hierfür Zeit investieren – als Zeit für Veranstaltungen aufzuwenden.
Aufbauend auf diesen Erkenntnissen: Wie sollte ein Energieeffizienz-Netzwerk für Handwerksbetriebe ausgestaltet werden?
Wenn man ein Kochrezept aus den Erfahrungen ableiten möchte, würde ich folgende Zutaten nehmen: Man benötigt einen Betriebsinhaber, der vor Ort gut vernetzt ist und als Unternehmer respektiert ist. In Schaumburg war das Horst Frensel, der Obermeister der Kreishandwerkerschaft, der von Beginn an vom Ansatz überzeugt war und die Erstansprache bei einem ausgewählten Kreis von Unternehmen übernommen hat.
Als zweites benötigt man eine aktive Mitarbeit der Klimaschutzbeauftragten sowie der Handwerksorganisationen vor Ort, um dem Thema eine stetige Präsenz zu verschaffen. In Schaumburg waren das Horst Roch, der Klimaschutzmanager des Landkreises und Fritz Pape der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.
Der dritte Bestandteil ist eine Organisation, die die Vorbereitung und Durchführung von Treffen ebenso wie die Datensammlung übernimmt und auch zu fachlichen Fragen Informationen liefern kann. Bei dem Pilotprojekt wurde diese Aufgabe vom Zentrum für Umweltschutz der Handwerkskammer Hannover übernommen.
Die vierte und wichtigste Zutat sind allerdings die Unternehmen vor Ort. Dabei kommt es darauf an, eine gute Mischung zu finden: zum einen Unternehmern, die bereits Maßnahmen umgesetzt haben und die bereit sind, darüber zu berichten. Darüber hinaus Unternehmen, die vor Investitionsentscheidungen stehen und vertrauenswürdige Informationen suchen sowie letztlich Unternehmen, die ihren Ruf darauf bauen, Effizienzmaßnahmen so umzusetzen, dass die möglichen Einsparungen auch wirklich erreicht werden.
Welche weiteren konkreten Handlungsempfehlungen lassen sich für neue Handwerkernetzwerke ableiten?
Einer der Kerngedanken der Energieeffizienznetzwerke besteht darin, Einsparziele zu definieren und nach einer definierten Zeit den Einsparerfolg zu dokumentieren. Auch wenn die entsprechenden Informationen selbstverständlich auch bei Handwerksbetrieben vorhanden sind, lassen sich Verbrauchsdaten, CO2-Äquivalente und die Bezugsgrößen für die Bildung von Kennzahlen oft erst nach Start der Netzwerkarbeit und dem Informationsaustausch zwischen den Unternehmen zusammenstellen und wirklich sinnvoll bewerten.
Dem entsprechend hat es sich als nicht empfehlenswert erwiesen, bei einem Handwerker-Netzwerk schon vor Beginn der Netzwerkarbeit verbindliche Aussagen über die Steigerung der Energieeffizienz zu machen. Auf Grund auch dieser niedersächsischen Erfahrungen im Pilotprojekt hat der Zentralverband des Deutschen Handwerks der bundesweiten Initiative Energieeffizienznetzwerke inzwischen vorgeschlagen, bei Handwerker-Netzwerken das Führen von Energiebüchern durch die teilnehmen Betriebe als ausreichende Dokumentation anzuerkennen.
Eine Stärke aber gleichzeitig auch eine besondere Problematik ergibt sich bei Handwerker-Netzwerken aus der Tatsache, dass bei diesen Unternehmen die Teilnahme am Netzwerk, die Planung und die Verantwortung für Umsetzung und Controlling der Effizienzmaßnahmen – neben vielen anderen Aufgaben - in der Regel bei ein und derselben Person zusammenkommt. Dadurch werden, wenn die Entscheidung getroffen ist, einerseits Maßnahmen sehr schnell auch umgesetzt und die entsprechenden Einsparerfolge erzielt. Andererseits schränkt die zeitliche Belastung dieser Personen aber auch die Kapazitäten für die Netzwerkarbeit und die entscheidungsvorbereitenden Arbeiten zum Teil stark ein.
Bei der Planung von Veranstaltungen und Formaten muss man sich bei Handwerker-Netzwerken auf diese besondere Belastung einrichten und eine entsprechende Flexibilität bei Terminen und Formaten von vorn herein einplanen.
In welchen Anwendungsbereichen und Technologien können sich Investitionen in Energieeffizienztechnik lohnen?
Die Beispiele für die angewandten Technologien sind naturgemäß so vielfältig, wie die Betriebe, ihre Produkte und Dienstleistungen. Viele Betriebsinhaber haben beispielsweise die Beleuchtung im Unternehmen effizienter gestaltet. Dabei wurde aber nicht einfach die alte Beleuchtung gegen sparsamere LEDs gewechselt. Vielfach wurden in dem Zuge auch Anzahl und Art der Leuchten überdacht und die Schaltmöglichkeiten an den Bedarf angepasst.
Andere Bereiche waren z.B. Druckluft, Heizung und Nutzung von Solarenergie für die Stromversorgung im Betrieb. Wenn man sich als Handwerker in kurzer Zeit einen Überblick über Technologien und Anwendungsbereiche verschaffen möchte, bietet es sich z.B. ein Blick auf die Internetplattformen www.energieeffizienz-handwerk.de an.
Welche Fördermöglichkeiten können Betriebe für diese Investitionen nutzen?
Für viele Effizienzmaßnahmen bieten der Bund und das Land Niedersachsen ein breit gefächertes Angebot für die Förderung mit zinsgünstigen Darlehn und Zuschüssen an. Wer ein passendes Förderprogramm sucht findet beispielsweise unter: https://www.klimaschutz-niedersachsen.de/unternehmen/foerderprogramme.html eine aktuelle Übersicht.
Vielfach ist es aber für den einzelnen Betrieb – gerade vor dem Hintergrund der derzeit niedrigen Zinsen - auch eine sinnvolle oder auch nur einfacher handhabbare Alternative, Maßnahmen Zug um Zug selber zu finanzieren und als Betriebsausgaben steuerlich geltend zu machen.
Herr Dr. Ahlers, das Handwerk ist die Wirtschaftsmacht von nebenan, was bedeutet die Energiewende für die Betriebe?
Handwerksbetriebe sind Anbieter und Nutzer von Effizienztechnik. Viele Unternehmen im Netzwerk haben Produktionsstandorte, Werkstätten oder Verkaufsfilialen. Für sie als Nutzer gilt, was Udo Fenske, der Geschäftsführer der MFL Leinetal Gmbh in einem Interview im Rahmen der Mittelstandsinitiative Energiewende auf den Punkt gebracht hat: „Es geht kein Weg drum rum, energieeffizient zu arbeiten, Betrieb und Produktion darauf einzustellen. Die Energiekosten steigen kontinuierlich und wir müssen uns dem Wettbewerb stellen.“ Sinnvolle Investitionen in die Steigerung der Energieeffizienz im Betrieb bedeuten für diese Unternehmen einfach einen (weiteren) Wettbewerbsvorteil.
Im Netzwerk sind aber inzwischen auch Handwerksbetriebe vertreten, die Solar- und Beleuchtungstechnik, Heizungs- und Druckluftoptimierung anbieten. Für sie bildet die Energiewende einen Eckpunkt für die mittelfristige Unternehmensentwicklung. Sie gehen davon aus, dass die Nachfrage nach effizienter Technik steigen wird – und dass es gleichzeitig auch immer wichtiger wird, diese vor Ort so zu installieren und anzupassen, dass sie den tatsächlichen Erfordernissen beim Kunden auch wirklich entspricht. Daraus ergeben sich eine sichere Perspektive für die Unternehmen, ihre Mitarbeiter und Auszubildende – und gleichzeitig auch der Bedarf an weiteren Fachkräften, die aktiv einen Beitrag für die Energiewende leisten möchten.
Oberflächennahe Geothermie im Gebäudebestand
Dipl.-Ing. (FH) Markus Sommer
Die Nutzung von oberflächennaher Geothermie, also Erdwärme aus einer Tiefe von bis zu 400 Metern, ist in vielen Fällen eine interessante Option, um Gebäude umweltfreundlich und kostengünstig zu beheizen oder auch zu kühlen. Erdwärme steht in Niedersachsen nahezu uneingeschränkt zur Verfügung. Abgesehen von ihrem Einsatz bei Neubauten, gibt es auch verschiedene Möglichkeiten bei der energetischen Sanierung von Bestandsgebäuden.
Wir haben nachgefragt bei Dipl. Ing. Markus Sommer von SOMMERconsult. Er ist als Ingenieur und öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Anlagen zur Nutzung der oberflächennahen Geothermie tätig. Einer seiner Schwerpunkte ist die Anlagen- und Systemplanung für die Beheizung und Kühlung von kommunalen und privaten Gebäuden, insbesondere mit Nutzung von oberflächennahen Geothermie.
© SOMMERconsult
Herr Sommer, welche Einsatzmöglichkeiten gibt es für oberflächennahe Geothermie bei der energetischen Sanierung von Bestandsgebäuden?
Die Einsatzmöglichkeit der oberflächennahen Geothermie bei der energetischen Sanierung von Bestandsgebäuden ist, wie in Ein- und Mehrfamilienhäusern, Büro- und Verwaltungsgebäuden, Krankenhäusern, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Industrie- und Gewerbehallen vielfältig möglich. Wichtig ist zu wissen, dass über die oberflächennahe Geothermie geheizt und gekühlt werden kann. Ob der Einsatz möglich und sinnvoll ist, muss jedoch zunächst geprüft werden. Dies gilt sowohl für Bestandgebäude als auch für Neubauten.
Dabei gibt es eine Reihe von Kriterien, die bereits früh ein Ausschlusskriterium darstellen können. Dazu zählen:
- Die für die geothermische Nutzung zur Verfügung stehende Fläche,
- die Genehmigungsfähigkeit (Wasserschutzgebiete, geologische Risiken, hydrogeologische Risiken, Altlasten) der Anlage,
- die geothermischen Potentiale bzw. die Ergiebigkeit des Standortes,
- bauliche Einschränkungen durch das Bestandsgebäude.
- gebäude- bzw. anlagentechnische Parameter,
- die Betriebsweise der Anlage.
Aufgrund der Vielzahl von möglichen Rahmenparametern muss die Einsatzmöglichkeit grundsätzlich objektspezifisch bewertet werden.
Zur Nutzung der oberflächennahen Geothermie gibt es eine Vielzahl von Systemen, die zum Einsatz kommen können:
- Erdwärmekollektoren (geschlossenes System; Wärmeüberträger, der horizontal oder schräg in den Untergrund eingebaut wird),
- Erdwärmesonden (geschlossenes System; Wärmeüberträger, der vertikal oder schräg in den Untergrund eingebaut wird),
- Brunnenanlagen (offenes System; direkte Nutzung des Grundwassers als Wärmeträger),
- sonstige Systeme (CO2-Sonden, Energiepfähle, Spiralsonden, Erdwärmekörbe, etc.).
Jedes dieser Systeme hat Vor- und Nachteile, wie z.B. beim Platzbedarf, der Überbaubarkeit, der Ergiebigkeit, der Ausfallsicherheit, der Wartungsintensität. Die Auswahl des besten Systems muss wieder für den Einzelfall vorgenommen werden.
Welche technischen Voraussetzungen müssen hinsichtlich Gebäude und Haustechnik generell für einen wirtschaftlichen Betrieb erfüllt sein?
Die wichtigste technische Voraussetzung bzw. der wichtigste Parameter für einen wirtschaftlichen Betrieb aller oberflächennahen geothermischen Systeme ist, die Vorlauftemperaturen der Wärmepumpe zum Heizen des Gebäudes möglichst niedrig zu halten. Je niedriger die Vorlauftemperatur im Gesamtsystem ist, desto niedriger ist auch der Anteil der benötigten Hilfsenergie.
Dazu möchte ich ein Rechenbeispiel geben: Eine Wärmepumpe hat bei einer Heizungsvorlauftemperatur von 35°C und einer minimalen Wärmequellentemperatur von 0°C ungefähr eine Leistungszahl von 4,5. Dies bedeutet, dass ca. 77 Prozent der Energie dem Erdreich entzogen und ca. 23 Prozent elektrische Hilfsenergie benötigt wird. Viele Wärmepumpen ermöglichen Vorlauftemperaturen von bis zu 60°C. Bei gleichbleibender Wärmequellentemperatur aber einer Vorlauftemperatur von 60°C sinkt die Leistungszahl auf weniger als 2,5 ab. Daraus ergibt sich, dass nur noch 60 Prozent der Energie dem Erdreich entzogen und 40 Prozent elektrische Hilfsenergie benötigt wird.
Bei der Sanierung von Bestandsgebäuden stellt sich die Frage, wie groß der Sanierungsbedarf ist. Sollen bei Bestandsgebäuden, z.B. einem Einfamilienhaus, die vorhandenen Heizflächen weiter genutzt werden, ist zu prüfen, wie die bisherigen Heizsysteme ausgelegt wurden und mit welchen minimalen Vorlauftemperaturen das System gefahren werden kann. Sind Vorlauftemperaturen über 55°C erforderlich, wie beispielsweise bei alten ungedämmten Gebäuden, sollten andere Wärmequellen in Betracht gezogen werden. Bei einer Sanierung des gesamten Heizsystems empfiehlt sich der Einsatz von großen Flächenheizungen. Ein optimales Flächenheizungssystem (wie z.B. eine Fußbodenheizung) ermöglicht niedrige Vorlauftemperaturen von ca. 35°C, die für einen wirtschaftlichen Betrieb optimal sind.
Einen wesentlichen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit eines Heizsystems kann die Warmwasserversorgung haben. Insbesondere bei Mehrfamilienhäusern kann dies zum Problem werden. Gemäß Richtlinie vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches e.V. (DVGW) ist dort eine Warmwasser-Austrittstemperatur von 60°C an der Zapfstelle zu gewährleisten. Zudem fordert die DVGW-Richtlinie eine Zirkulationstemperatur von 55°C. Werden Wärmepumpen mit einer Vorlauftemperatur von 60°C betrieben (sofern überhaupt möglich - was Typ- und Herstellerabhängig ist), bewegt man sich in der Regel an der obersten Leistungsgrenze der Wärmepumpen. Wie zuvor beschrieben fällt dabei der Wirkungsgrad der Wärmepumpen deutlich ab. Entfällt also vom Gesamtwärmebedarf ein hoher Anteil auf die Warmwasserbereitung sollte dafür ein anderes System installiert werden.
Wie bereits zur ersten Frage aufgeführt, kann mit Geothermie auch gekühlt werden. Die effizienteste Kühlung über die Geothermie ist die sogenannte „freie Kühlung“. Das bedeutet, dass die Kühlung alleine durch das Umwälzen des Wärmeträgers über die Solepumpe erfolgt. Bei der Sanierung von Bestandsgebäuden erfolgt die freie Kühlung überwiegend über die Fußbodenheizung. Die Einsatzgrenze für die freie Kühlung liegt bei ca. 18°C Wärmeträgertemperatur.
Hierbei werden Leistungszahlen von über 20 erreicht. Daraus ergibt sich, dass 95 Prozent der Kühlenergie aus dem Erdreich entzogen werden und 5 Prozent an elektrischer Hilfsenergie benötigt wird.
Werden deutlich niedrigere Temperaturen für die Kühlung benötigt, besteht die Möglichkeit, die Wärmepumpe als Kältemaschine zu nutzen und über das Erdreich aktiv zu kühlen. Die Leistungszahl für die aktive Kühlung ist dann zwar deutlich niedriger als bei der freien Kühlung, aber meist immer noch besser als bei einer Kühlung über die Außenluft.
Die höchste Effizienz und höchste Wirtschaftlichkeit bei der Nutzung der oberflächennahen Geothermie wird dann erreicht, wenn der Wärmeentzug aus dem Erdreich und der Wärmeeintrag in das Erdreich in einem ausgeglichenen Verhältnis liegen.
Was müssen private und kommunale Bauherren aus Ihrer Sicht in erster Linie beachten? Welche Unterschiede gibt es bei privaten Sanierungsvorhaben und kommunalen Großanlagen?
Möchte man hier eine Differenzierung vornehmen bezieht man sich in der Regel auf die Anlagengröße. Aus der Sicht der Genehmigungsbehörde wird zwischen Anlagen mit einer Heizleistung unter bzw. über 30 kW unterschieden.
Für kleine und große Anlagen ist in Niedersachsen der „Leitfaden Erdwärmenutzung in Niedersachsen“ vom Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie zu beachten.
Auch den kleinen privaten Bauherren kann dieser Leitfaden über die Technik, die Verfahrensabläufe und allgemeinen Anforderungen an die Errichtung und den Betrieb der Anlagen aufklären.
Bei den größeren Anlagen zur Nutzung der oberflächennahen Geothermie werden gegenüber den kleinen Anlagen zusätzliche Untersuchungen, Nachweise und Anforderungen an die Planung und den Anlagenbetrieb gestellt, wodurch das hinzuziehen von qualifizierten Planungs- oder Sachverständigenbüros notwendig wird. Den Bauherren von Großanlagen empfehlen wir eine frühe Einschaltung eines qualifizierten Ingenieur- oder Sachverständigenbüros. Nur durch die frühe Einschaltung eines solchen Büros kann die für Großprojekte erforderliche Planungssicherheit gewährleistet werden.
Welche konkrete Nutzungsmöglichkeit der oberflächennahen Geothermie im Bestand ist für Sie besonders zukunftsträchtig?
Aus meiner Sicht ist die Nutzung der oberflächennahen Geothermie besonders zukunftsträchtig bei Gebäuden, bei denen geheizt und gekühlt werden muss. Hierdurch besteht die Möglichkeit die relativ hohen Investitionskosten zu minimieren und die Effizienz der Anlage zu maximieren. Dabei sind jedoch die anlagentechnischen Voraussetzungen in Bezug zum Temperaturniveau der Verbraucher zu prüfen und den Erfordernissen anzupassen.
Mit welchen Kosten muss ein durchschnittlicher Eigenheimbesitzer (Einfamilienhaus, 4 Personen) mit ca. 25.000 kWh Wärmebedarf hierfür rechnen und welche Fördermöglichkeiten gibt es?
Dies ist eine der gängigsten Fragen eines „Häuslebauers“. Leider kann man sie nicht pauschal beantworten, denn die Kosten werden von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst:
- Standort des Hauses: Die Ergiebigkeit der Geothermie schwankt innerhalb von Niedersachsen und in Abhängigkeit des gewählten geothermischen Systems (Erdwärmesonden, Erdkollektor, Brunnenanlage) erheblich. Daher ist eine pauschale Angabe zur möglichen Kostenspanne hier nicht möglich.
– Einbeziehung oder Ausschluss der Warmwasserbereitung in den Wärmebedarf von 25.000 kWh/Jahr:
Die Frage bezieht sich auf einen Wärmebedarf von 25.000 kWh/Jahr. Hier stellt sich die Frage, ob die Warmwasserbereitung darin enthalten sein soll, oder nicht. Nach Richtlinienreihe VDI 4640 "Thermische Nutzung des Untergrunds" vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) können für eine Anlage ohne Warmwassererzeugung 1800 Vollbenutzungsstunden angesetzt werden. Rechnerisch ergäbe dies eine bei einem angegebenen Wärmebedarf von 25.000 kWh erforderliche Heizleistung von
Für eine Anlage mit Warmwassererzeugung können 2400 Vollbenutzungsstunden angesetzt werden. Rechnerisch ergäbe dies eine Heizleistung von
Hier ergeben sich also große Abweichungen. Zusätzlich sollte noch zwischen den Investitionskosten und den Verbrauchskosten unterschieden werden, da insbesondere die verbrauchsgebundenen Kosten bei geothermischen Anlagen sehr günstig sind. Eine durchschnittliche Pauschalaussage ist auch hier jedoch nicht einfach. Folgende Faktoren beeinflussen die Kosten:
- Die Investitionskosten einer Wärmepumpe hängen von der Heizleistung ab,
- die Heizleistung und die Betriebskosten einer Wärmepumpe hängen von der erforderlichen Vorlauftemperatur ab,
- die Betriebskosten hängen von dem Jahreswärmebedarf ab,
- die Investitionskosten einer Erdsondenanlage hängen von der Betriebsweise der Wärmepumpe und den örtlichen geothermischen Bedingungen ab,
- die Kosten hängen grundsätzlich vom Hersteller und den Ausstattungsvarianten ab,
- wird über eine Erdsondenanlage das Gebäude gekühlt, kann ggf. die Wärmequelle kleiner dimensioniert werden. Dies beeinflusst die Investitionskosten.
Um Interessierten dennoch einen voraussichtlichen Kostenrahmen für eine geothermische Anlage an die Hand zu geben, möchte ich hier auf ein gutes Angebot des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) hinweisen. Unter der Frage „Geothermie - geht das bei mir?“ (Link hinterlegen: http://nibis.lbeg.de/geothermie/) kann eine standortspezifische Abfrage über den Browser gestartet werden. In der Ergebniszusammenfassung der Abfrage erhalten Interessierte auch Angaben zu voraussichtlichen Kosten. Das Thema Förderung ist schwierig unter den Gesichtspunkten Aktualität und Rahmenbedingungen. Am besten wenden sich Interessierte an die Wirtschaftsförderung des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) und die Fördermöglichkeit über die KFW hinweisen. Dort können alle Informationen zu aktuellen Fördermöglichkeiten abgerufen werden.
Wie kann die Nutzung von oberflächennaher Geothermie im Rahmen eines bestehenden Quartiers sinnvoll eingebunden werden?
Wie bei den vorangegangenen Antworten bereits erwähnt gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten die oberflächennahe Geothermie in Bestandgebäude einzubinden. Die Rahmenparametervielfalt ist auch bei bestehenden Quartieren sehr groß. Grundsätzlich gilt: Insbesondere Großanlagen, zu denen auch Wohnquartiere gehören, sind maßgeschneiderte individuelle Anlagen, die einem komplexen Planungsprozess durchlaufen müssen
Welche besonderen Tipps haben Sie für Interessierte?
Interessierten empfehle ich den „Leitfaden Erdwärmenutzung in Niedersachsen“ mit weiterführenden Informationen. In dem Leitfaden sind alle wesentlichen Informationen zu den technischen und rechtlichen Grundlagen leicht verständlich näher erläutert.
Wenn sich ein Bauherr für eine erdgekoppelte Wärmepumpenanlage entschieden hat, empfehle ich die Planung und die Ausführung der Anlage umfassend schriftlich dokumentieren zu lassen. Bei der Errichtung der Anlage sollten nach Möglichkeit Kontrollen zur Qualitätssicherung durchgeführt werden. Bei einer fehlenden Dokumentation ist ein Nachweis eines Mangels erheblich aufwendiger und kann schnell kostspielig werden. Welche Qualitäten, Nachweise und Prüfungen zu erbringen sind, können u.a. dem Leitfaden entnommen werden. Aus der Sicht als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Anlagen zur Nutzung der oberflächennahen Geothermie möchte ich folgenden Tipp für den „Häuslebauer“ geben: Auch die (private) Fotodokumentation des Bauablaufs und ein Bautagebuch können gute Dokumente bei Streitigkeiten sein.
Welche Veränderungen würden Sie sich wünschen, damit sich die oberflächennahe Geothermie in Niedersachsen stärker durchsetzt?
Der Einsatz der oberflächennahen Geothermie bedingt ein wasserrechtliches und bei Teufen über 100 Metern auch ein bergrechtliches Genehmigungsverfahren. Mit diesen Genehmigungsverfahren sind Bauherrn und ausführende Unternehmen teilweise überfordert, zumal auch Kenntnisse über das Gesamtsystem notwendig sind. Hier wäre es sinnvoll eine Beratungsstelle mit qualifizierten Personal einzurichten, welches sich sowohl mit der Erschließung der Wärmequelle als auch den nachgeschalteten Nutzungssystemen auskennt und entsprechend beraten kann.
Probleme beim Betrieb und Bau von Anlagen zur Nutzung oberflächennaher Geothermie treten sehr häufig im Zusammenspiel zwischen Wärmequelle und Wärmesenke auf. Die Schnittstellen beider Systeme werden meist nicht deutlich definiert. Da in der Regel zwei Gewerke nebeneinander tätig sind, zum einen das Bohrunternehmen zur Erschließung der Wärmequelle und zum anderen das haustechnische Installationsunternehmen zum Einbau der Wärmepumpe und der Heizflächen (Wärmesenke), fehlt es sehr häufig an einer notwendigen Abstimmung.
Aus der Erfahrung der Planung solcher Systeme, als auch der Sachverständigentätigkeit bei Streitfällen nicht ordentlich funktionierender Systeme sollte zukünftig über ein Berufsbild nachgedacht werden, welches in der Lage ist das Komplettsystem „Geothermische Heizung und Kühlung“ zu beurteilen und zu erstellen. Dieses sollte mit den Handwerkskammern, Innungen und Berufsverbänden diskutiert werden. Dieses trifft jedoch nicht nur für Niedersachsen zu, sondern für die gesamte EU. Die Normen und Richtlinien sollten hierzu entsprechend angepasst werden.
EEG 2017 – Was ändert sich für Stromspeicher?
Franziska Lietz, efzn und RITTER GENT COLLEGEN
Franziska Lietz ist Juristin mit dem Schwerpunkt Energierecht. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Energie-Forschungszentrum Niedersachsen (efzn) und in der Energierechtskanzlei RITTER GENT COLLEGEN. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, ob und wie sich die rechtlichen Rahmenbedingungen für Stromspeicher durch die EEG Novelle ändern werden.
© Foto Haas Hannover
Frau Lietz, Anfang Juli 2016 verabschiedete der Bundestag die EEG-Novelle, deren Regelungen ab Januar 2017 in Kraft treten werden. Wie schätzen Sie die Änderungen für Stromspeicher grundsätzlich ein?
Die wichtigste Änderung, die sich für Stromspeicher nach dem EEG 2017 ergeben wird, bezieht sich auf zusätzliche Befreiungsmöglichkeiten von der EEG-Umlage nach dem neuen § 61a Abs. 1 EEG. Diese sind allerdings nicht so weitreichend wie vielfach gefordert.
Was bedeutet die Letztverbrauchereigenschaft? Werden Speicher im neuen EEG 2017 noch grundsätzlich als Letztverbraucher behandelt?
Die Einspeicherung von Strom in einen Stromspeicher wird im Rahmen des EEG grundsätzlich als EEG-umlagepflichtiger Letztverbrauch behandelt. Zwar wurde im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens vom Bundesrat vorgeschlagen, die Letztverbrauchereigenschaft von Stromspeichern per Definition auszuschließen. Dem wurde im Ergebnis allerdings nicht gefolgt, vielmehr hat man sich dazu entschieden, die Einspeicherung in Stromspeicher weiterhin nicht generell, sondern nur in bestimmten Fällen von der EEG-Umlage zu befreien.
Für welche Stromspeichermodelle werden sich die energierechtlichen Rahmenbedingungen mit dem neuen EEG verbessern?
Bisher waren nach § 60 Abs. 3 S. 1 EEG 2014 nur solche Stromspeicher von der EEG-Umlage befreit, die den gesamten eingespeicherten Strom nach der Speicherung in das Netz der allgemeinen Versorgung abgegeben haben. Zudem konnte in bestimmten Fällen eine Umlagebefreiung aufgrund der Regelungen für die Eigenversorgung in § 61 EEG eintreten.
Die EEG-Umlagebefreiung für Speicher, die den gesamten gespeicherten Strom in das Netz der allgemeinen Versorgung abgeben, wird im EEG 2017 weiterhin Bestand haben. Mit § 61a Abs. 1 Nr. 2 EEG ist allerdings ein weiterer Befreiungstatbestand geschaffen worden, der dann eine Befreiung von der EEG-Umlage für den Einspeichervorgang vorsieht, wenn der gesamte gespeicherte Strom im Ausspeichervorgang mit EEG-Umlage belastet ist. Hiermit hat der Gesetzgeber beabsichtigt, die Fälle der doppelten Belastung mit EEG-Umlage zu reduzieren.
Eine Verbesserung ergibt sich damit für solche Stromspeicher, die zwar nicht die gesamten gespeicherten Strommengen in ein Netz der allgemeinen Versorgung abgeben, aber (unabhängig von deren Verwendungszweck) für alle Strommengen im Ausspeicherungsverhältnis EEG-Umlage zahlen.
Für welche Stromspeichermodelle ergeben sich weiterhin keine Verbesserungen?
Die neugeschaffene Regelung in § 61a Abs. 1 Nr. 2 EEG sieht ausdrücklich vor, dass alle gespeicherten Strommengen im Ausspeicherungsverhältnis mit EEG-Umlage belastet sein müssen. Keine Verbesserungen ergeben sich also z.B. für Speicher, die teilweise EEG-umlagebelastet in das Netz ausspeichern und teilweise zur Eigenversorgung mit EEG-Umlagebefreiung oder -reduzierung eingesetzt werden.
Welche Auswirkung hat die Gesetzesänderung für Solarstromspeicher in Eigenheimen, die Eigenverbrauch und Einspeisung kombinieren?
Für alle Solarstromspeicher in Eigenheimen, die als sog. Bestandsanlagen über die Eigenverbrauchsregelungen des EEG 2009 oder 2012 im Ein- und/oder Ausspeicherungsverhältnis von der EEG-Umlage befreit waren, ergeben sich in der Regel keine Änderungen. Neuanlagen in Einfamilienhäusern werden im Regelfall unter die Regelung für die Eigenversorgung mit sog. Kleinanlagen nach § 61 Abs. 2 Nr. 4 EEG fallen, der im EEG 2017 weiterhin Bestand haben wird, sodass sich auch hier keine Änderungen ergeben werden. Größere neue Speicher mit einer installierten Leistung von mehr als 10 KW, die im Ausspeicherungsverhältnis EEG-Umlage zahlen müssen, werden allerdings nunmehr in der Regel im Einspeicherungsverhältnis nach § 61a Abs. 2 S. 2 von der EEG-Umlage befreit.
… Ihr Fazit?
Im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens wurde zwar ersichtlich, dass der Gesetzgeber bemüht war, die Problematik des doppelten Anfalls bei der EEG-Umlage durch die Novellierung abzumildern. Trotz Kritik wurde im Ergebnis jedoch eine Lösung gewählt, nach der viele Formen der gemischt genutzten Speicher dennoch keine Befreiung erhalten. Begründet wurde dies mit dem Risiko einer Umgehung der gesetzlichen EEG-Umlagepflicht. Damit ist in vielen Konstellationen weiterhin vielfach die doppelte Belastung der gespeicherten Strommengen mit EEG-Umlage nicht behoben.
Stromspeicher – Einsatz, Technik, Dimensionierung
Prof. Richard Hanke-Rauschenbach, LUH
Professor Richard Hanke-Rauschenbach lehrt und forscht an der Leibniz Universität Hannover (LUH) zu „Elektrischen Energiespeichersystemen“. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was Energiespeicher für die Energiewende bedeuten, aber auch was der Einzelne bei der Anschaffung eines Speichers beachten sollte.
Herr Professor Hanke-Rauschenbach, welche Rolle spielen Speicher für die Energiewende?
Energiespeicher sind ein wichtiger Baustein bei der Realisierung der Energiewende. Dies betrifft zum einen die Mobilität und zum anderen die stationäre Energieversorgung. Beginnen wir mit der Mobilität: Neben dem Strom- und Wärmesektor muss auch der Mobilitätssektor dekarbonisiert, also auf erneuerbare Energiequellen umgestellt werden. Dies kann mithilfe von Elektro- oder Wasserstoffmobilität erreicht werden. Das geht ohne Energiespeicher nicht. Dieser Umstand ist in der Mobilität nichts Neues: Der Benzintank in einem gewöhnlichen PKW stellt auch einen Speicher dar. Gleiches gilt für den Kohletender an einer Dampflock. Hierbei vermittelt der Speicher ganz klassisch zwischen Energiebedarf (Fahren) und Energiedargebot (Tankstelle/Ladesäule).
Und wie verhält sich dies für die stationäre Energieversorgung?
Da ist das letztlich genauso. Bei einem Energiesystem mit hohem Anteil an erneuerbaren Energien benötigen wir dann auch diesen Ausgleich zwischen Bedarf und Dargebot. Eine gute Analogie ergibt sich am Beispiel von Lagergemüse wie z.B. Kartoffeln. Wenn ich im Winter oder Frühjahr Kartoffeln essen möchte, müssen diese eingelagert werden und außerdem müssen im Sommer mehr Kartoffeln angebaut werden, als ich im Sommer essen kann. Im Hinblick auf die Energiewende ist das langfristige Ziel, dass unsere Energieversorgung möglichst vollständig durch erneuerbare Energien gedeckt werden sollte. Also muss in Überangebotszeiten Energie gespeichert werden für Zeiten, in denen ein Mangel vorliegt.
Heutzutage ist der Anteil erneuerbarer Energien aber noch nicht so hoch. Brauchen wir trotzdem schon Speicher?
Ja, auch schon heute können Energiespeicher helfen, die Schwierigkeiten abzumildern, die mit der zunehmenden Integration erneuerbarer Energien und damit letztlich mit dem Umbau unseres Energiesystems in Zusammenhang stehen. Hier geht es einerseits darum, sinnvoll mit lokal auftretenden Überschüssen von Erneuerbaren umzugehen. Dieses Problem ergibt sich aufgrund von begrenzten Transportkapazitäten. Zum anderen treten in zunehmenden Maße Herausforderungen bei der Bewirtschaftung und technischen Führung unserer Energiesystems auf. Grundsätzlich ist es erforderlich, Energiebedarf und –erzeugung mit einem gewissen Vorlauf in Einklang zu bringen. Kurzfristige Abweichungen, die durch Prognosefehler entstehen, müssen durch sogenannte Regelleistung ausgeglichen werden. Auch hier können Speicher helfen.
Wichtig ist zu berücksichtigen, dass Speicher dabei nicht die einzige Flexibilitätsoption darstellen und in Konkurrenz zu einer Reihe von anderen technischen Möglichkeiten stehen. Das ist auch volkswirtschaftlich vernünftig. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass Speicher in Zukunft die wirtschaftlichste Lösung darstellen.
Elektrische Energiespeichersysteme sind Ihr Fachgebiet. Was genau versteht man unter elektrischen Energiespeichern?
Elektrische Energiespeicher sind Speicher, die elektrische Energie, also Strom, aufnehmen und später wieder als elektrische Energie abgeben. Der Begriff elektrische Energiespeicher sagt nichts darüber aus, in welcher Form die Energie gespeichert wird. So wird zum Beispiel in Akkumulatoren, wie wir sie in Elektroautos oder Handys vorfinden, elektrische Energie in Form von chemischer Energie zwischengespeichert. Elektrische Energie kann auch in kinetische Energie beispielsweise mit Schwungradspeichern umgewandelt werden. Zur Rückumwandlung in Strom wird der Schwungradspeicher dann mit einem Generator gebremst und so wieder Strom erzeugt. Ein anderes Beispiel ist ein Pumpspeicherkraftwerk, das elektrische Energie in Form von potenzieller Energie (Lageenergie) zwischenspeichert, indem Wasser an einen höhergelegenen Ort gepumpt wird.
… Speicher klingt nach Zukunftsmusik. Wie marktreif sind denn die Technologien?
Sämtliche Speichertechnologien sind im Grunde marktreif. Es gibt jeweils Produkte in verschiedenen Leistungsklassen und Kapazitäten, die gekauft werden können. Es muss also kein komplett neues Speichersystem entwickelt werden. Ingenieure befassen sich derzeit damit, die Systeme preiswerter und technisch besser zu gestalten. Für viele Speichertechnologien, insbesondere Lithium-Ionen-Speicher, erwarten Wirtschaft und Wissenschaft kontinuierliche technische Weiterentwicklungen und damit einhergehende Kostensenkungen.
Für wen und für welchen Zweck ist der Einsatz von Stromspeichern besonders interessant? Und welche Art von Speichern eignet sich für welchen Zweck?
Jede Speichertechnologie hat ihre konkreten Stärken, die in der dafür passenden Anwendung ausgenutzt werden sollten. Es gibt verschiedene Gründe, Speicher einzusetzen: Für ein Unternehmen kann ein Grund beispielsweise ein hoher Leistungspreis sein. Dann ist es sinnvoll zu Zeiten von besonders hohem Stromverbrauch auf zuvor gespeicherten Strom zurückzugreifen. Dafür kommen bestimmte Speicher in Frage. Für Häuslebauer hingegen, die Photovoltaik für den Eigenbedarf nutzen, ist die immer größer werdende Differenz zwischen sinkender Einspeisevergütung und steigendem Strompreis ein Grund, den selbst produzierten Strom zu speichern. Der Eigenheimbesitzer würde also eine andere Speicherlösung wählen. Ein weiteres Einsatzgebiet kann ein Notstromsystem sein. Welcher Speicher für die verschiedenen Anwendungen sinnvoll ist, hängt vom konkreten Lastgang, also dem zeitlichen Verlauf des Stromverbrauchs und ggf. der Stromerzeugung aus der erneuerbaren Quelle, ab.
Eine wichtige Kenngröße zur Charakterisierung eines Speicherproblems ist das Verhältnis zwischen der durch den Speicher bereitzustellenden Energie und der maximalen Leistung mit der diese Energie aufgenommen bzw. abgegeben werden muss. Wenn zum Beispiel eine Firma wenige Lastspitzen am Tag ausgleichen möchte, heißt das, dass der Speicher in der Lage sein muss, viel Energie in einer relativ kurzen Zeit abzugeben. Das ist oft am wirtschaftlichsten mit Superkondensatoren oder Schwungrädern zu bewerkstelligen. Eine Bleibatterie könnte das zwar auch leisten – aber diese würde so groß sein, dass es sich schlichtweg aus ökonomischer Sicht nicht lohnt. Wenn jetzt aber ein Solarstromspeicher für Wohngebäude gebraucht wird, dann ist es so, dass klassischerweise eine bestimmte, meist relativ kleinere, Leistung über einen längeren Zeitraum benötigt wird – nämlich über circa 8 bis12 Stunden, wenn es dunkel ist. Dann ist das Verhältnis von Speicherkapazität und Entladeleistung so, dass sich hierfür eher eine Blei- oder Lithium-Ionen-Batterie eignet.
Was sollte bei der Planung eines Stromspeichers berücksichtigt werden?
Das ist ganz wichtig: Speicher ist nicht gleich Speicher. Speicher haben unterschiedlichste Eigenschaften, die es zu berücksichtigen gilt. Hierzu gehören neben dem oben erwähnten Verhältnis von Speicherkapazität und Leistung auch der Ein- und Ausspeicherwirkungsgrad sowie die Selbstentlade- und Standby-Verluste. Ebenso müssen die Zyklenlebensdauer und die kalendarische Lebensdauer des Speichersystems berücksichtigt werden. Auch müssen die örtlichen Gegebenheiten berücksich­tigt werden: Ist genügend Platz für einen Speicher vorhanden? Muss der Speicher in die 16. Etage und ist er dafür zu schwer? Wenn ich jetzt z. B. an ein Fahrzeug denke, liegt es auf der Hand, dass nur begrenzt Platz zur Verfügung steht und auch nur ein begrenztes Gewicht möglich ist.
An unserem Lehrstuhl für Elektrische Energiespeichersysteme wird derzeit ein Werkzeug entwickelt, mit dem der potenzielle Anwender mit Hilfe seiner Lastprofile abschätzen kann, welcher Speicher für die konkrete Anwendung geeignet ist, was dieser grob kosten wird und ob die Investition wirtschaftlich wäre. Daraufhin kann sich der Anwender dann gezielt entsprechende Angebote von Herstelllern einholen.
Wie kann der Anwender einschätzen, ob die Anschaffung eines Speichers wirtschaftlich ist?
Neben den Investitionskosten ist die Lebensdauer des Speichers in der konkreten Anwendung entscheidend für dessen Wirtschaftlichkeit. Eine gute Messgröße, um diesen Aspekt zu berücksichtigen, sind die so genannten Durchspeicherkosten. Diese Kosten geben an, was es kostet, eine Kilowattstunde in den Speichern einzugeben und anschließend wieder rauszuholen.
Hierzu ein Beispiel: Eine PV-Anlage, die eine Kilowattstunde ins öffentliche Netz einspeist, bekommt derzeit dafür eine Einspeisevergütung von rund 12 Cent. Wenn eine Kilowattstunde aus dem öffentlichen Netz bezogen wird, kostet dies für einen Haushalt rund 28 Cent, für Unternehmen oft unter 20 Cent. Es entsteht also eine Differenz von 16 bzw. 8 Cent. Was bedeutet das? Wenn ich tagsüber eine Kilowattstunde über habe, frage ich mich, soll ich diese einspeisen und mir später zurückkaufen, wenn ich sie brauche? Defacto müsste ich dafür 16 bzw. 8 Cent ausgeben. Oder lohnt es sich, diesen Strom, den ich tagsüber übrig habe, zu speichern? Dabei muss ich berücksichtigen, was es mich kostet, diesen Strom zu speichern. Wenn ich mit einem Speichersystem nun Durchspeicherkosten in Höhe von 5 Cent je Kilowattstunde realisieren könnte – dann würde es sich lohnen zu speichern. Wenn meine Durchspeicherkosten jedoch bei 20 Cent je Kilowattstunde lägen – dann weiß ich, dass es vernünftiger ist, den Strom später aus dem Netz zu kaufen.
Die Durchspeicherkosten hängen von den Investitionskosten und der Lebensdauer des konkreten Speichersystems ab. Ein System, das beispielsweise in seinen Investitionskosten höher liegt, aber dafür eine viel größere Lebensdauer besitzt, kann niedrigere Durchspeicherkosten aufweisen als ein entsprechend billigeres System mit geringer Lebensdauer. Man muss aber vorsichtig sein: Die Durchspeicherkosten hängen immer vom konkreten Lastzyklus, also von der konkreten Anwendung, ab.
Die reine Kostensicht ist aber oft nicht allein entscheidend. Viele Hausbesitzer oder Unternehmen wollen mit dem Speicher eine Vorreiterrolle übernehmen. Die schauen nicht nur auf die Kosten. Da haben Speicher auch noch einen anderen Wert.
Speicher sind ein wichtiges Element der Energiewende. Denn letztlich geht es um die Frage: Was müssen wir machen, um mit der Energiewende voran zu kommen? Es geht darum, uns alle für die Energiewende zu begeistern, uns allen zu zeigen, was das eigentlich bedeutet und wie wichtig sie ist – für uns und vor allem die kommenden Generationen. Dabei kommt es darauf an, fundiert und sachlich zu informieren – Fakten auf den Tisch zulegen und Neutralität zu bewahren. Alle Akteure, die an die Energiewende glauben, haben die Aufgabe, dies in die Gesellschaft zu tragen und mit dem Mandat der Gesellschaft Maßnahmen zu ergreifen.
Oberflächennahe Geothermie bei Neubauten
Dr. Robert Schöner, ZTG/LBEG
Die Nutzung von Erdwärme aus Tiefen von bis zu 400 Metern, also oberflächennahe Geothermie, ist in vielen Fällen eine sehr interessante Option, Gebäude umweltfreundlich und kostengünstig zu beheizen oder auch zu kühlen. Erdwärme steht in Niedersachsen nahezu uneingeschränkt zur Verfügung. Oberflächennahe Geothermie ist heute eine bewährte Technologie, deren Ausbau ein wichtiger Baustein der Energiewende ist.
Wir haben nachgefragt bei Dr. Robert Schöner vom ZTG, dem Zentrum für TiefenGeothermie. Dr. Schöner erläutert die Technologie und ihre Einsatzmöglichkeiten und worauf private oder kommunale Bauherren bei ihrem Einsatz achten sollten.
Herr Dr. Schöner, Sie sind Leiter des Zentrums für TiefenGeothermie (ZTG). Was genau macht das ZTG?
Das Zentrum für TiefenGeothermie in Celle ist eine organisatorische Sondereinheit des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie. Derzeit sind dort sieben Mitarbeiter beschäftigt. Zum einen stellen wir Grundlagen für die Nutzung der Geothermie in Niedersachsen bereit. Dazu gehört beispielweise die Kartenserie Geothermie, die im Internet frei verfügbar ist. Zum anderen beraten wir fachlich neutral und unabhängig bei der Realisierung von Geothermievorhaben. Unsere Beratungsleistung wird häufig von Behörden, Kommunen und Unternehmen, aber auch von Privatpersonen genutzt. Außerdem sind wir regelmäßig auf Informationsveranstaltungen, Messen und Fachtagungen präsent, um den Bekanntheitsgrad der Geothermie zu erhöhen und über Chancen und Risiken dieser Technologie zu informieren. Das Zentrum für TiefenGeothermie ist im Übrigen nicht nur im Bereich der tiefen, sondern auch in der oberflächennahen Geothermie tätig.
Nutzungskonzepte der oberflächennahen Geothermie © LBEG
Was ist eigentlich oberflächennahe Geothermie?
Oberflächennahe Geothermieanlagen nutzen den Untergrund bis maximal 400 Meter Tiefe als Energiequelle und dienen der Beheizung oder Kühlung von Gebäuden. Die Untergrundtemperatur beträgt in diesen Tiefen etwa 10 bis 20 Grad Celsius. Da für die Beheizung eines Gebäudes höhere Temperaturen erforderlich sind, wird in der oberflächennahen Geothermie in der Regel eine Wärmepumpe eingesetzt, um das für die Gebäudebeheizung benötigte Temperaturniveau zu erreichen. Darüber hinaus wird der Untergrund auch als „Kältequelle“ zur Kühlung von Gebäuden verwendet. Die Oberflächennahe Geothermie ist längst eine bewährte Standardtechnologie. Schon jetzt setzen mehr als 10.000 Haushalte in Niedersachsen auf dieses Energiesystem.
Kann oberflächennahe Geothermie überall in Niedersachsen genutzt werden?
Ja, nahezu überall in Niedersachsen kann die oberflächennahe Geothermie genutzt werden. Die Wärme ist in beinahe unerschöpflicher Menge im Untergrund gespeichert und flächendeckend verfügbar. Es gibt allerdings Regionen, in denen der Einsatz von Geothermie nur mit Einschränkungen möglich oder in Einzelfällen nicht zulässig ist. Gründe hierfür können beispielsweise der vorbeugende Trinkwasserschutz in der Nähe von Wasserwerken oder geologisch bedingte Gefährdungsgebiete sein.
Für welche Anwender ist oberflächennahe Geothermie interessant?
Die oberflächennahe Geothermie ist immer dann interessant, wenn das zu beheizende Gebäude mit einer geringen Heizungsvorlauftemperatur auskommt, wie dies zum Beispiel bei Fußbodenheizungen üblich ist. Solche niedrigen Vorlauftemperaturen sind bei den meisten Neubauten gegeben und können im Bestandsbau im Zusammenhang mit einer energetischen Modernisierung erreicht werden. Eine geothermische Heizungsanlage erfüllt alle gesetzlichen Anforderungen an den Einsatz erneuerbarer Energien im Neubau.
Oberflächennahe Geothermieanlagen sind auch für größere Gebäudekomplexe interessant, insbesondere wenn neben der Beheizung auch die Option einer kostengünstigen Gebäudekühlung genutzt werden soll und wenn die langfristige Nutzungsdauer berücksichtigt wird. So wurden in Niedersachsen in den letzten Jahren zahlreiche große oberflächennahe Geothermieanlagen für Bürogebäude, Mehrfamilienhäuser, Schulen, Krankenhäuser, Industriehallen und Einkaufsmärkte errichtet.
Welche Technologien werden typischerweise eingesetzt?
Typischerweise werden in ca. 80 Prozent aller Fälle in Niedersachsen so genannte Erdwärmesonden eingesetzt. Dafür wird zunächst mit einem mobilen Bohrgerät ein Bohrloch erstellt, in das die aus Kunststoffrohren bestehende Erdwärmesonde einzementiert wird. In dem Rohrsystem zirkuliert eine Wärmeträgerflüssigkeit, die kälter als der Untergrund ist und diesem Wärme entzieht. Die aufgenommene Wärme wird an die Wärmepumpe übertragen und durch diese auf eine nutzbare Heiztemperatur angehoben.
Als weitere Technologien kommen so genannte Erdwärmekollektoren zum Einsatz, die ihre Energie meist aus ein bis zwei Metern Tiefe gewinnen, sowie thermisch genutzte Grundwasserbrunnen und thermisch aktivierte Gründungspfähle. Bei geeigneten Grundstücks- und Untergrundverhältnissen können diese Technologien echte Alternativen zur Erdwärmesonde darstellen.
Leitfaden für Erdwärmenutzung in Niedersachsen © LBEG
Worauf sollten Bauherren bei Angeboten für Bohrleistungen achten?
Die Bohr- und Erdarbeiten sind einer der großen Kostenfaktoren bei der Errichtung einer Erdwärmeanlage. Bohrunternehmen müssen bestimmte Qualitätsanforderungen nachweisen, bevor sie in Niedersachsen Erdwärmeanlagen errichten dürfen. Diese Anforderungen sind im „Leitfaden Erdwärmenutzung in Niedersachsen“ näher beschrieben. Außerdem bietet dieser Leitfaden ein Musterleistungsverzeichnis an, das von Bauherren zur Angebotsabfrage bei Bohrunternehmen genutzt werden kann. Bauherren sollten nach Möglichkeit ein Bohrunternehmen beauftragen, das Erfahrungen in den lokalen geologischen Verhältnissen und im Bau von Erdwärmeanlagen vorweisen kann. Wer ganz sicher gehen will, kann sich auch fachmännische Hilfe von auf Erdwärme spezialisierten Ingenieurbüros holen, die sich um die Planung der erdseitigen Anlage und die Abwicklung behördlicher Anträge kümmern.
Geothermie-geht das bei mir © LBEG
Im Bereich der erneuerbaren Energien ist die oberflächennahe Geothermie vielfach eine hervorragende Option, um das eigene Haus, den Firmensitz, das Krankenhaus – um nur einige Beispiele zu nennen – umweltfreundlich und kostengünstig zu beheizen oder auch zu kühlen. Es lohnt immer, diese Option im Rahmen der Planung einer neuen Heizungsanlage in Betracht zu ziehen. Als Einstieg in dieses Thema empfehle ich unsere Anwendung „Geothermie – geht das bei mir?“, die eine erste Abschätzung von Nutzungsoptionen und zu erwartenden Kosten für jeden Standort in Niedersachsen erlaubt. Diese Anwendung ist im Internet und als App frei verfügbar. Wer tiefer einsteigen möchte, findet auf unserer Internetseite umfangreiches Informationsmaterial. Sollte es darüber hinaus noch weiterführende Fragen geben, stehen wir Ihnen gern auch telefonisch oder auf ausgewählten Energiesparmessen in Niedersachsen persönlich zur Verfügung.
Den „Leitfaden Erdwärmenutzung in Niedersachsen“ und sowie die Online-Anwendung „Geothermie – geht das bei mir?“ finden Sie im Download-Bereich vom ZTG auf der Internetseite des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie.
Energie- und Materialeffizienz in Unternehmen
Dipl.-Ing. Ernst Grund, RKW Nord
Das Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft, kurz RKW Nord, ist in der Beratung, Weiterbildung und Information von mittelständischen Unternehmen in Niedersachsen aktiv. Unter anderem hat das RKW Nord in Niedersachsen zwischen 2012 und 2014 über 800 Energieeffizienz-Impulsgespräche in kleinen und mittleren Unternehmen durchgeführt.
Wir befragen Ernst Grund, Projektleiter beim RKW Nord, zur Bedeutung der Energie- und Materialeffizienz in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und zu den Reaktionen auf die vom RKW Nord im Auftrag der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen angebotenen Impulsgespräche zur Identifikation von Effizienzpotenzialen.
Herr Grund, warum sollten sich Unternehmen zusätzlich zum Tagesgeschäft mit Energie-und Materialeffizienz beschäftigen?
Die Unternehmen erhöhen durch eine Senkung der Energie- und Materialkosten die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Unternehmens, sichern die Arbeitsplätze ihrer Mitarbeiter/innen und erhalten damit ihre Innovationsfähigkeit. Daneben können so zukünftige Kostensteigerungen im Energie-und Materialeinkauf kompensiert werden. Die Einsparpotenziale lassen sich meist schon während einer gemeinsamen Begehung mit dem Unternehmen vor Ort in einem sogenannten Impulsgespräch abschätzen. Nicht zuletzt leisten Unternehmen mit der Einsparung von Energie und Material einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz - ein Aspekt der auch einen Imagegewinn mit sich bringt.
Das RKW Nord hat in Niedersachsen zwischen 2012 und 2014 über 800 dieser Energieeffizienz-Impulsgespräche in kleinen und mittleren Unternehmen durchgeführt. Worum ging es dabei und wie läuft ein Impulsgespräch genau ab?
In den Impulsgesprächen ging es darum, in Unternehmen im Rahmen eines Betriebsrundgangs praxisnah und ohne großen zeitlichen Aufwand die Einsparpotenziale für Energie- (insbesondere im Bereich der Querschnittstechnologien) und Materialeinsatz zu identifizieren und den Unternehmen zielgerichtete Handlungsoptionen aufzuzeigen. In einem Abschlussgespräch werden die Einsparpotenziale und die dafür relevanten Förderprogramme erläutert.
Unternehmenserfolg durch mehr Ressourceneffizienz (nach Daten des RKW Nord)
Welche Beweggründe hatten die Unternehmen ein Impulsgespräch mit Ihnen durchzuführen?
Insbesondere Unternehmen mit einem hohen Energie-und Materialeinsatz (wie zum Beispiel kunststoffverarbeitende Betriebe, Maschinen- und Anlagenbau, Automotive) sehen zunehmend die Notwendigkeit in diesen Bereichen Einsparpotenziale zu nutzen.
Grafik Kostenstruktur im verarbeitenden Gewerbe
Aber auch neue rechtliche Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel die Energieauditplicht für Nicht-KMU, haben die Unternehmen aller Branchen insgesamt sensibel gemacht.
Neben den Impulsgesprächen gibt es für Unternehmen auch die Möglichkeit einer detaillierten Beratung zur Energie-und Materialeffizienz. Warum machten Sie das Angebot eines solchen Impulsgesprächs und warum sollten Unternehmen dieses Ihrer Meinung nach als ersten Schritt in Anspruch nehmen?
Die Unternehmen bekommen im Rahmen des Impulsgespräches mit relativ wenig Zeit- und Kostenaufwand eine Grobanalyse in der sich die größten Einsparpotenziale im Bereich Energie und Material herauskristallisieren. Außerdem können so für das Unternehmen relevante Förderprogramme im Vorfeld einer ausführlichen Beratung identifiziert werden. Diese Informationen bilden eine gute Grundlage für die Entscheidung über eine tiefergehende Beratung oder andere mögliche Maßnahmen.
In welchen Handlungsfeldern befinden sich erfahrungsgemäß die größten Effizienzpotenziale in den Unternehmen? Werden eher die absoluten Einsparungen (z.B. Beleuchtung) oder die relativen Einsparungen (z.B. Prozessoptimierung) umgesetzt?
Dies ist im Bereich Energie sehr stark abhängig von den Unternehmen. Bei produzierenden Unternehmen liegt sehr oft ungenutztes Potenzial im Bereich der Prozesse selbst (z. B. innerbetrieblich nicht optimale Kombination von Prozesswärme/-kälte) und der Organisation. Bei Dienstleistern, Handel und Hotel/Gastronomie sind es eher Maßnahmen zu Heizung, Klima, Kälte und Beleuchtung. Wichtig ist aber bei allen Branchen die Einbindung der Mitarbeiter/innen in die Einsparbemühungen.
Im Bereich Material ist die Frage nach den größten Potenzialen wesentlich komplexer: Zunächst ist Materialeffizienz ein sehr erklärungsbedürftiger Begriff. Um Unternehmen zu erreichen, muss der Nutzen von Materialeffizienz sichtbar werden (z.B. Ausschusskosten von nicht genutztem Material im Abfall). Da sich Ansatzpunkte für einen effizienteren Materialeinsatz durch den gesamten betrieblichen Wertschöpfungsprozess ziehen, ist für das Thema eine Zuständigkeit im Unternehmen erforderlich.
Gibt es Bestandteile der Impulsgespräche, die mit besonderem Interesse aufgenommen werden?
Fördermöglichkeiten stellten im Rahmen der Impulsgespräche einen wichtigen Faktor dar. Viele Unternehmen kennen die zahlreichen Möglichkeiten zur Förderung nicht oder scheuen den vermeintlichen administrativen Aufwand. Aber auch das Aufzeigen von Einsparpotenzialen im Rahmen des Rundgangs, als neutraler Impuls von außen in das Unternehmen, wird sehr positiv aufgenommen.
Gibt es besondere Hemmnisse bei der Umsetzung identifizierter Maßnahmen?
Da es meist keinen eindeutigen Verantwortlichen für das Thema im Unternehmen gibt, werden Maßnahmen nicht zeitnah oder teilweise gar nicht umgesetzt. Daher ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, dass Unternehmen nach dem Impulsgespräch mit der Umsetzung nicht alleine gelassen werden. Leider gibt es gerade in Niedersachsen nur wenige qualifizierte Materialeffizienzberater, die eine anschließende detaillierte Beratung durchführen könnten. Unternehmen müssen daher teilweise mehrere Berater zu unterschiedlichen Effizienzthemen ins Unternehmen holen. Dieser zeitliche und personelle Aufwand stellt ein erhebliches Hindernis dar. Hier wäre den Unternehmen mit einem Beratungsangebot, das alle für sie relevanten Bereiche abdeckt und auch die Umsetzung begleitet, sehr geholfen.
Welche Unternehmensbereiche sollten unbedingt eingebunden werden?
Im Prinzip ist es wichtig, alle relevanten Ansprechpartner des Unternehmens einzubinden. Dazu gehören neben dem Geschäftsführer oder Inhaber, der für die Technik Verantwortliche (Betriebsleiter/Fertigungsleiter) und das Controlling (Einkauf, Kfm. Leiter).
Welche ersten Schritte würden Sie jetzt in der Rolle eines Unternehmers gehen, um den Nutzen, den Energie- und Materialeffizienz dem Betrieb bieten, zu identifizieren.
Ich würde das RKW Nord ansprechen und einen kostenlosen und unverbindlichen Termin im Unternehmen vereinbaren. Unsere Projektreferenten können dann vor Ort erste Potenziale feststellen und dem Unternehmer sagen, ob eine Energie- oder Materialeffizienzberatung Sinn macht. Für KMU werden diese Beratungen auch vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert. Das RKW unterstützt den Unternehmer gerne bei der Beantragung der Mittel aus den Förderprogrammen „Energieberatung Mittelstand“ und „go-effizient“ für Materialeffizienzberatungen. Zwei aktuelle Praxisbeispiele aus Niedersachsen zeigen, dass sich die Beschäftigung mit Energie- und Materialeffizienz für das Unternehmen auszahlt.
Helga Nord, Verbraucherzentrale Niedersachsen
Die Verbraucherzentrale Niedersachsen bietet an über 50 Standorten in Niedersachsen qualifizierte unabhängige Energieberatungen an. Architekten, Ingenieure und Physiker zeigen, wie durch die intelligente Kombination verschiedener Maßnahmen Kosten gespart und Nutzen optimiert werden können. Bei der Wärmedämmung herrscht viel Verunsicherung in der Bevölkerung darüber, was gut und nicht gut ist.
Wir fragen Helga Nord, Energieberaterin bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen, was in der öffentlichen Diskussion möglicherweise falsch dargestellt wird und wie Wärmedämmung gelingt.
“Wärmedämmung steigert den Wohnkomfort und spart Kosten."
Ob Schimmel, Algen, Atemnot, brandgefährlich und obendrein ineffizient – die Energieberatung der Verbraucherzentrale geht einigen Fehlaussagen zum baulichen Wärmeschutz auf den Grund.
Frau Nord, es gibt eine Reihe von Vorwürfen in Bezug auf die Wärmedämmung an Gebäuden. Wir wollen diese gern entkräften und hoffen auf Ihre Einschätzung. Der erste Vorwurf lautet: Gedämmte Häuser schimmeln.
Helga Nord: "Das Gegenteil ist der Fall. Auf Grund einer Außendämmung steigt die Oberflächentemperatur auf der Innenseite der Wand. Ungedämmte Wände sind dagegen im Winter auch innen ziemlich kalt. Feuchtwarme Raumluft kühlt dort ab, und die relative Luftfeuchtigkeit steigt. Bereits ab einer Oberflächenfeuchte von 80 Prozent wächst dort der Schimmel. Denn dieser braucht neben der Feuchtigkeit nur wenig „Nahrung“, die er bequem auf der Tapete findet. Eine gute Dämmung reduziert daher das Schimmelpilzrisiko, weil es weniger kalte und damit feuchte Ecken im Haus gibt."
Die Wände können nicht mehr atmen...:
"Eine intakte, rissfreie Wand atmet grundsätzlich nicht. Der Luftaustausch erfolgt ausschließlich über das Lüften (Fenster, Lüftungsanlage) oder eben unkontrolliert durch Fugen und Ritzen. Die obige Aussage bezieht sich auf den Feuchtetransport per Wasserdampfdiffusion durch Bauteile. Dieser ist allerdings sehr gering und spielt bei der Feuchteabfuhr keine Rolle. Wichtig ist hingegen, dass der Innenputz hohe Werte an Luftfeuchte puffern und - nach dem Lüften - wieder an den Innenraum abgeben kann. Eine moderne, außen liegende Dämmung hält die Wand hingegen warm und damit trocken."
Häuser dürfen nicht zu dicht sein...:
"Das Gegenteil ist richtig. Jeder weiß, dass durch Fugen unnötig viel Energie verloren geht. Was aber noch schwerer wiegt ist das damit verbundene Risiko eines Bauschadens: Durch undichte Stellen wie Fugen und Ritzen strömt im Winter feuchtwarme Luft nach draußen. Auf diesem Weg kühlt sie sich ab und die Feuchtigkeit kondensiert in Hohlräumen aus. So kann es in den Fugen zu Schimmelbildung kommen. Dies sieht man meist gar nicht und kann dann auch nicht reagieren. Der Luftwechsel über Fugen reicht hingegen selbst bei großen Undichtigkeiten nicht aus. Daher gilt: Luftdicht ist Pflicht und gelüftet wird über die Fenster oder eine Lüftungsanlage."
Dämmung erhöht die Brandgefahr...:
"Das hängt vom Dämmstoff und der korrekten Verarbeitung beim Einbau ab. Mineral- und Steinwolle, Mineralschaumplatten sowie Perlite sind z.B. überhaupt nicht brennbar. Bei Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) und deren Ausführung mit Polystyrolplatten muss aber zwingend ein sogenannter Brandriegel mit Mineralwolle eingefügt werden, um das Risiko einer schnellen Brandausbreitung über die Fassade zu reduzieren. Werden Dämmmaßnahmen korrekt unter Beachtung aller Brandschutzbestimmungen durchgeführt, besteht keine erhöhte Feuergefahr. Im Vergleich mit der Gesamtzahl aller Hausbrände spielen Wärmedämmverbundsysteme praktisch keine Rolle."
Die Außenwände veralgen...:
"Hier sind vorrangig die WDVS als Verursacher an den Pranger gestellt worden. Richtig ist, dass die äußere Putzschicht bei gedämmten Wänden eine niedrigere Temperatur hat und damit das Abtrocknen von Regen- und Kondenswasser verzögert. Grundsätzlich sind für den mikrobakteriellen Befall jedoch noch mehr Komponenten ausschlaggebend: Die Bewitterung, die Himmelsrichtung, die Nähe zu Bäumen und Sträuchern und der fehlende Schutz durch vorspringende Bauteile (Dachüberstand, Fensterbank, Erker, Vordach). Idealerweise sollte daher bei Neubauten ein konstruktiver Witterungsschutz mit geplant werden. Auch die Wahl eines dickeren Deckputzes kann durch die höhere Speicherung der Strahlungswärme zu etwas höheren Temperaturen der Putzoberfläche führen."
Dämmung amortisiert sich nicht...:
"Richtig ist: Dämmung lohnt sich, insbesondere bei einem schlechten Ausgangszustand, aber je nach Maßnahme dauert das seine Zeit. Entscheidend sind dafür die Kosten der Dämmung, die Energieeinsparung und vor allem die künftigen Steigerungen der Energiepreise. Nötig ist immer eine Einzelfallbetrachtung im Rahmen einer Energieberatung und anschließend die richtige Ausführung der Dämmmaßnahmen durch die Handwerker. Wichtig ist, den richtigen Zeitpunkt für eine Maßnahme nicht zu verpassen. Wenn z.B. ein Gerüst bereits steht und der Putz erneuert oder die Fassade neu gestrichen werden muss, so fallen die zusätzlichen Kosten der Dämmung deutlich weniger ins Gewicht. Der kontinuierliche Anstieg der Energiepreise sorgt dafür, dass die Einsparungen mit der Zeit lukrativer werden. Außerdem ist die Investition heute kalkulierbar, während hinsichtlich der Energiepreise wenig Planungssicherheit herrscht. Eine Wirtschaftlichkeitsberechnung sollte berücksichtigen, dass viele Sanierungsmaßnahmen z.B. auf Grund neuer Standards oder der Instandhaltung irgendwann ohnehin angegangen werden müssen. Unter Umständen können dafür auch Fördermittel in Anspruch genommen werden.
Bei Fragen zu Fakten und Wahrheiten beim baulichen Wärmeschutz hilft die Energieberatung der Verbraucherzentrale: online, telefonisch oder mit einem persönlichen Beratungsgespräch.
Mehr Informationen gibt es auf www.verbraucherzentrale-energieberatung.de oder unter 0800 – 809 802 400 (kostenfrei aus dem deutschen Festnetz und für Mobilfunkteilnehmer). Die Energieberatung der Verbraucherzentrale wird gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie."
Das im Rahmen des Projekts „Gebäude-Energiewende“ vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) veröffentlichte Arbeitspapier „Ökologische Bewertung energetischer Sanierungsoptionen, Gebäude-Energiewende“ untersucht die ökologischen Wirkungen energetischer Sanierungsmaßnahmen. Die Kernbotschaften: Wärmedämmung ist praktisch immer ein Beitrag zum Klimaschutz. Der Energieaufwand zur Herstellung von Dämmstoffen wird in der Regel durch die Energieeinsparungen weniger Monate ausgeglichen. Wie aber die Dämmung des gesamten Hauses, einzelner Gebäudeteile oder aber die Modernisierung der Heizungsanlage zu beurteilen sind, ist nicht so einfach zu beurteilen. Wichtige Kenngrößen sind der energetische Ausgangszustand, die geplante Nutzungsdauer, die Kombination der Maßnahmen und insbesondere auch der Einsatz erneuerbarer Energien.
... zu Abwärmenutzung
Praxisbeispiel "Abwärmenutzung der Waffelfabrik in Venne"
... zu Energie- und Material-effizienz in Unternehmen:
Praxisbeispiel Wärmerückgewinnung in einer Fleischerei
Praxisbeispiel Effizienzsteigerung in der Gebrauchtreifenerneuerung
...zur Wärmedämmung für Hauseigentümer:
IÖW-Arbeitspapier „Ökologische Bewertung energetischer Sanierungsoptionen, Gebäude-Energiewende“

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