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Timestamp: 2019-03-23 10:19:42+00:00

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Der transzendentalen Hauptfrage Zweiter Teil.
VZ200: Hume hatte Recht damit, dass es sich aus der bloßen Wahrnehmung keine Notwendigkeit ableiten lässt. Er übersah aber, dass es Begriffe gibt, die Erfahrung ermöglichen, die notwendig und a priori erkennbar sind. Dies sieht man, indem man die Natur als Gesamtheit der Gegenstände der Erfahrung definiert. Wie erkennen wir die Natur? Materiell durch die Beschaffenheit der Sinnlichkeit, formell durch die Beschaffenheit des Verstandes. Die Dinge an sich selbst können wir nicht erkennen, sie sind ja von uns unabhängig. Die Bedingungen für die Möglichkeit einer Erfahrung können aber durchaus a priori erkannt werden, weil sie in unserem Verstand liegen, und zwar in dessen Vermögen zu Urteilen, ohne das es zwar Wahrnehmungs- aber keine Erfahrungsurteile gäbe. Denn ein Erfahrungsurteil unterscheidet sich von einem Wahrnehmungsurteil (bloßer Vereinigung von Wahrnehmungen, die sich auf das Subjekt beziehen) darin, dass in ihm die Vorstellungen unter einem allgemeingültigen Begriff subsumiert werden. Aus der logischen Tafel der Urteile lässt sich deshalb die Tafel der Verstandesbegriffe ableiten, und daraus die allgemeine Grundsätze der reinen Naturwissenschaft, und zwar auf systematischer, vollkommener Weise. Das Prinzip des Urteilens als Verstandeshandlung strukturiert nicht nur diese Tafel, sondern stellt auch die kritische Instanz dar, die die Metaphysik fern von Schwärmerei und Dogmatismus halten soll.
Zusammenfassung (VZ500)
Die Fragestellung — Obwohl wir die Dinge nicht an sich selbst erkennen können, weil sie unabhängig von unserem Verstand sind, und obwohl man a posteriori keine notwendigen Bestimmungen erhaschen kann, liefert uns die allgemeine Naturwissenschaft tatsächlich einige apodiktische Naturgesetze a priori, etwa: Die Substanz bleibt und beharrt. Wie ist dies möglich? Natur ist materiell die Gesamtheit der Gegenstände einer möglichen Erfahrung, formell die notwendige Gesetzmäßigkeit der Erfahrung. Wir erkennen sie materiell durch die Beschaffenheit der Sinnlichkeit, formell durch die Beschaffenheit des Verstandes. Indem wir die allgemeinen Bedingungen der Möglichkeit einer Erfahrung a priori ausmachen (und zwar inhaltlich, vor jeder empirischen Psychologie), finden wir allgemeine Naturgesetze und bestimmen somit die Natur.
Das Prinzip — Schlüssel für die Entdeckung dieser Möglichkeit sind die empirischen Urteile. Ein Urteil wie die Luft ist elastisch kann eine augenblickliche, bloß subjektive oder aber eine notwendige, allgemeingültige Feststellung sein: ein Wahrnehmungs- bzw. Erfahrungsurteil. Zunächst entsteht ein Wahrnehmungsurteil, das nur in der logischen Verknüpfung von Wahrnehmungen besteht. Es wird mit der Zeit dadurch zu einem allgemeingültigen Erfahrungsurteil, dass die Wahrnehmungen unter einem Verstandesbegriff subsumiert werden. Der Verstandesbegriff gibt dem Erfahrungsurteil die Form und die Notwendigkeit. Aus den verschiedenen Urteilsformen, die die tradierte Logik bereits fixiert hat, ergeben sich deshalb alle Verstandesbegriffe und daraus die Naturgrundsätze (deren System die reine Naturwissenschaft ist):
Tafel der Urteile, Verstandesbegriffe und Naturgrundsätze —
Logische Tafel
Transzendentale Tafel
Zugrunde liegender Begriff
der Verstandesbegriffe
1. Der Quantität nach
Einzelne Allheit (das Ganze)
Vielheit (die Größe)
Einheit (das Maß) Axiomen der Anschauung „Prinzip der Anwendung der Mathematik auf Erfahrung” Größe
2. Der Qualität nach
Unendliche Realität
Einschränkung Antizipationen der Wahrnehmung „Zweite Anwendung der Mathematik auf Naturwissenschaft” Grad
3. Der Relation nach
Disjunktive Substanz
Gemeinschaft Analogien der Erfahrung „Dynamische Naturgesetze” Dasein
Zugleichsein
4. Der Modalität nach
Apodiktische Möglichkeit
Notwendigkeit Postulate des empirischen Denkens überhaupt „Physiologische Methodenlehre” Übereinstimmung
Diese Grundsätze begründen von der Anwendung der Mathematik auf Natur bis zur Bestimmung des Daseins der Erscheinungen. Diese Tafel gelten für alle Gegenstände der Erfahrung, sie sind vollständig und fehlerfrei. Das die Tafel begründende Prinzip des Urteilens als Verstandeshandlung gibt den Tafeln systematische Konsistenz und enthält darüber hinaus das kritische Moment, mithilfe dessen wir den Verstand in Schranken halten und Schwärmerei und Dogmatismus vermeiden können. Es stellt eine Stütze für die metaphysischen Unternehmungen dar: Der Verstand darf nicht über die Erfahrung hinaus (etwa auf Verstandeswesen) angewendet werden, weil die Begriffe ohne eine Anschauung bedeutungslos sind, wie die Untersuchung des Schematismus der reinen Verstandesbegriffe klarlegt.
Das Humesche Problem — Der Humesche Zweifel war insofern angemessen, als wir keine Beziehung Ursache-Folge unter den Substanzen (Dingen an sich selbst) erstellen können, jedoch insofern falsch, als der Begriff der Ursache keine Einbildung aus Gewohnheit, sondern eine notwendige Verknüpfung von Erscheinungen in einem hypothetischen Urteil ist, die die Erfahrung erst ermöglicht. Die vollständige Auflösung des Humeschen Problems lautet: Naturgesetze sind a priori erkennbar, obwohl sie nicht aus der Erfahrung stammen, weil sie die Erfahrung ermöglichen.
Der transzendentalen Hauptfrage Zweiter Teil. Wie ist reine Naturwissenschaft möglich? 38 S.
§ 14. [Die Natur an sich selbst erkennen wir nicht] ‹1 S. Natur ist das Dasein der Dinge nicht an sich selbst, sondern als etwas durch allgemeine Gesetze Bestimmtes. Die Dinge an sich können wir weder a priori (es geht nicht um unsere Begriffe, sondern um die von unserem Verstand unabhängigen Dinge) noch a posteriori (so gewinnt man keine notwendigen Bestimmungen) erkennen.
§ 15. [Die reine Naturwissenschaft existiert] 1 S. Dennoch gibt es reine Naturwissenschaft. Sie trägt Naturgesetze a priori und apodiktisch vor. Die so genannte allgemeine Naturwissenschaft (die nicht identisch mit der reinen Naturwissenschaft ist, da sie erstens empirische Begriffe enthält und zweitens nur Physisches, aber nicht Psychisches untersucht) enthält tatsächlich reine Naturgesetze, wie: Die Substanz bleibt und beharrt.
§ 16. [Natur ist die Gesamtheit aller Gegenstände der Erfahrung] 1 S. Natur kann man dem Objekt nach definieren als die Gesamtheit aller Gegenstände der Erfahrung. Klar ist, wir berücksichtigen nicht Dinge, die nie Gegenstand einer Erfahrung sein können. Solche hyperphysische Erkenntnis verlangt Begriffe, die nicht in concreto vorgestellt werden können, von denen man nicht weiß, ob sie echt oder erfunden sind.
§ 17. [Die Bestimmung der Natur] 2 S. Natur ist eigentlich die Gesamtheit der Gegenstände einer möglichen Erfahrung. Formal fragen wir nach der notwendigen Gesetzmäßigkeit der Erfahrung (nicht: der Dinge an sich selbst). Wir werden die allgemeinen Bedingungen der Möglichkeit einer Erfahrung a priori finden. Daraus werden sich die allgemeinen Naturgesetze, also die Bestimmung der Natur selbst, ergeben.
§ 18. [Empirische, Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteile] 1 S. Die empirischen Urteile lassen sich in Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteile einteilen. Zuerst entsteht immer ein nur in der logischen Verknüpfung der Wahrnehmungen bestehendes Wahrnehmungsurteil, das subjektive Gültigkeit aufweist. Mit der Zeit wird es zu einem objektiv, jederzeit für jeden gültigen Erfahrungsurteil, indem die Wahrnehmung einigen reinen Verstandesbegriffen subsumiert wird.
§ 19. [Entstehung eines objektiv gültigen Urteils] 1 S. Nicht unmittelbar aus den Objekten an sich selbst ergeben sich die objektiv gültigen Urteile, sondern aus der notwendigen Allgemeingültigkeit der empirischen Urteile, die auf reinen Verstandesbegriffen beruht. Indem man die Gültigkeit des Wahrnehmungsurteils die Luft ist elastisch für jeden und jederzeit beweist, gewinnt man das Erfahrungsurteil die Luft ist elastisch.
§ 20. [Reiner Verstandesbegriff eines Erfahrungsurteils] 3 S. Ein Erfahrungsurteil enthält unbedingt einen reinen Verstandesbegriff, der ihm Notwendigkeit und die Form verleiht. Beispiele werden erörtert, darunter das Urteil die Luft ist elastisch, dem der Begriff der Ursache die Form eines hypothetischen Urteils gibt. Die Anschauung (Luft) wird unter dem Aspekt des Urteils (Elastizität) unter dem Begriff (Ursache) subsumiert.
§ 21. [Tafel der Urteile, Verstandesbegriffe, Naturgrundsätze] 2 S. In den reinen Verstandesbegriffen zeigt der Verstand verschiedene Momente auf. Diese stimmen mit den Voraussetzungen des Urteilens [=des Formulierens von Aussagen] überhaupt zusammen. Indem wir deren vollständige Liste aufstellen, erringen wir die Grundsätze a priori der Möglichkeit aller Erfahrung, nach denen jede Wahrnehmung unter den Verstandesbegriffen subsumiert wird.
§ 21. [b] [Zusammenfassung: Erfahrungsurteile] 1 S. Die hiesige Kritik des Verstandes, die den Inhalt der Erfahrung untersucht, ist Voraussetzung für eine angemessene empirische Psychologie, die deren Entstehung untersucht. Ein Erfahrungsurteil besteht neben den Anschauungen (Sinnlichkeit) und deren verallgemeinerten logischen Verknüpfung aus einem Verstandesbegriff. Diesem Begriff der synthetischen Einheit der Anschauungen entspricht eine logische Funktion des Urteils.
§ 22. [Zusammenfassung: Denken, Begriffe, Urteilsarten] 1 S. Die Sinne anschauen. Der Verstand denkt, d. h. urteilt: vereinigt Vorstellungen im Bewusstsein. Jeder Art Vereinigung entspricht ein logisches Moment der Urteile. Die Vereinigung ist entweder relativ zum Subjekt (subjektive Urteile) oder schlechthin (objektive Urteile). Vorstellungen können als Begriffe notwendig vereinen, und zwar analytisch oder synthetisch. Letzteres bringt Erfahrungsurteile hervor.
§ 23. [Auflösung: Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?] 1 S. Durch die Erforschung der Bedingungen für die objektiv-gültigen empirischen Urteile sind wir zu den Grundsätzen a priori einer möglichen Erfahrung gekommen und haben somit die Aufgabe aufgelöst: Die allgemeine reine Naturwissenschaft ist das System dieser Grundsätze. Die Regeln der Subsumtion der Erscheinungen unter den Begriffen bilden das endgültige logische System.
§ 24. [Prinzipien der Anwendung der Mathematik] 1 S. Das Prinzip der Anwendung der Mathematik auf Erfahrung ist der erste physiologische Grundsatz, der Erscheinungen dem Begriff der Größe unterordnet. Die zweite Anwendung der Mathematik auf Naturwissenschaft besteht darin, zu antizipieren [=vorwegzunehmen], dass alle Empfindung (das eigentlich Empirische) einen Grad der Realität hat. (Es gibt keine Wahrnehmung eines absoluten Mangels.)
§ 25. [Dynamische Naturgesetze. Physiologische Methodenlehre] 1 S. Die physiologischen Grundsätze (dynamischen Naturgesetze) ermöglichen die Bestimmung der Verhältnisse zwischen Erscheinungen unter dem Aspekt ihres Daseins. Die zugrunde liegenden Begriffe (nach Bestimmung) sind: Substanz (Dasein), Ursache (Zeitfolge), Gemeinschaft (Zugleichsein). Der physiologischen Methodenlehre liegen (nach dem Verhältnis zwischen Erscheinung und Erfahrung) diese Begriffe zugrunde: Möglichkeit (Übereinstimmung), Wirklichkeit (Zusammenhang), Notwendigkeit (Vereinigung).
§ 26. [Beweisart der Grundsätze der Natur] 3 S. Die Tafel der Naturgrundsätze ist vollkommen und offenbar gültig für alle Gegenstände der Erfahrung. Dies ergibt sich aus der Beweisart, die auf die Möglichkeit einer Erfahrung (über die Zusammensetzung von Wahrnehmungen hinaus) zielt. Die Grundsätze begründen von der Anwendung der Mathematik auf Natur bis zur Bestimmung des Daseins der Erscheinungen.
§§ 27 bis 39
§ 14. [Die Natur an sich selbst erkennen wir nicht]
Natur ist das Dasein der Dinge als etwas, dass durch allgemeine Gesetze bestimmt ist.
Natur ist das Dasein der Dinge, so fern [*] es nach allgemeinen Gesetzen bestimmt ist.
[* Anmerkung. ]
Die Konjunktion so fern nimmt hier die Bedeutung, die heute nicht die Konjunktionen sofern und insofern, aber das Adverb insofern nimmt: in dieser Hinsicht, was dies betrifft.
Begründung: Unten (§ 16, 1. Satz) steht, dass hier Natur bedeutet: „die Gesetzmäßigkeit der Bestimmungen des Daseins der Dinge überhaupt.”
Die Natur als Dasein der Dinge an sich selbst können wir nicht erkennen. { }
1. a priori nicht
Durch Zergliederung der Begriffe (analytische Sätze) erkennt man nur, was im Begriff enthalten ist, nicht das, was das Ding wirklich (außer unserem Begriff) bestimmt.
Die Dinge richten sich nicht nach unserem Verstand, dieser kann den Dingen keine Regel vorschreiben. Die Dinge richten sich auch nicht nach den Bedingungen dafür, dass der Verstand den Dingen Bestimmungen zuschreiben kann. Daher müssen die Dinge erst im Verstand gegeben sein, damit wir sie erkennen können. [Mutmaßung: Somit sind synthetische Sätze a priori ausgeschlossen.]
Schlussfolgerung: Erkenntnis a priori gibt es nicht.
2. a posteriori nicht
Die Bestimmungen der Dinge an sich selbst müssen den Dingen notwendig zukommen, auch außerhalb unserer Erfahrung mit ihnen. [Mutmaßung: Deshalb notwendig, weil wir nur so sicher sein können, dass die Bestimmung weiterhin bleibt, wenn keine Erfahrung mehr da ist.]
Die Erfahrung lehrt aber Tatsachen, nie Notwendigkeit. Schlussfolgerung: Erkenntnis a posteriori gibt es auch nicht.
§ 15. [Die reine Naturwissenschaft existiert]
Dennoch haben wir in der Tat eine reine Naturwissenschaft. Sie trägt Naturgesetze vor, deren Gewissheit a priori und apodiktisch ist.
Fall: die so genannte allgemeine Naturwissenschaft. { }
Sie ist eine Propädeutik der Naturlehre.
Sie besteht aus Mathematik, die auf Erscheinungen oder auf diskursive Grundsätze (Begriffe), die den philosophischen Teil der reinen Naturerkenntnis ausmachen, angewandt ist.
Sie ist zwar nicht identisch mit der reinen Naturwissenschaft. { }
Denn sie enthält 1. empirische Begriffe. Beispiele: Bewegung, Undurchdringlichkeit, Trägheit.
2. geht sie nur auf Gegenstände der äußeren Sinne (Physik). Die reine Naturwissenschaft sollte auch die der inneren Sinne (Psychologie) untersuchen.
Sie enthält jedoch wirklich reine Gesetze. { }
Beispiel: Die Substanz bleibt und beharrt.
Beispiel: Alles, was geschieht, ist jederzeit durch eine Ursache nach beständigen Gesetzen vorher bestimmt.
Diese sind tatsächlich allgemeine Naturgesetze. Sie bestehen a priori.
§ 16. [Natur ist die Gesamtheit aller Gegenstände der Erfahrung]
Das Wort Natur hat 2 Bedeutungen. { }
1. (in § 14 eingeführte): Gesetzmäßigkeit der Bestimmungen des Daseins der Dinge überhaupt.
2. Materialiter, nach dem Objekt: Der Inbegriff [=Gesamtheit] aller Gegenstände der Erfahrung.
Wir berücksichtigen nicht die Dinge, die nie Gegenstände der Erfahrung sein können. { }
Sollten wir sie nach ihrer Natur erkennen, würden wir es mit Begriffen zu tun haben, die nicht in concreto vorgestellt werden können.
Bei solchen Begriffen lässt es sich nicht aufklären, ob sie sich auf Gegenstände beziehen oder bloße Gedankendinge sind.
Die Erkenntnis solcher Dinge wäre hyperphysisch.
Hier haben wir es nur mit Naturerkenntnis zu tun, einer Erkenntnis a priori, deren Realität die Erfahrung bestätigen kann.
§ 17. [Die Bestimmung der Natur]
VZ100: Natur ist eigentlich die Gesamtheit der Gegenstände einer möglichen Erfahrung. Formal fragen wir nach der notwendigen Gesetzmäßigkeit der Erfahrung (die wir auch Gesetzmäßigkeit der Dinge als Gegenstände der Erfahrung nennen könnten, was wir aber vermeiden, um Dinge hier nicht mit Dingen an sich selbst zu verwechseln.) Wir werden nicht eine vorgegebene Natur hinnehmen und die Regeln ihrer Beobachtung bestimmen, was die Erfahrung voraussetzt. Wir werden auch nicht Gesetze der Natur durch Zusehen ausmachen, was a posteriori wäre. Wir finden die allgemeinen Bedingungen der Möglichkeit einer Erfahrung a priori. Daraus ergeben sich die allgemeinen Naturgesetze, also die Bestimmung der Natur selbst.
Das Formale der Natur (oben 1. Bedeutung) ist die notwendige Gesetzmäßigkeit aller Gegenstände der Erfahrung. (Notwendig, weil a priori.)
Wir haben es hier nicht mit Dingen an sich selbst (die wie gesehen nicht a priori erkannt werden können), sondern mit Dingen als Gegenstände einer möglichen Erfahrung zu tun.
Wir nennen Natur eigentlich der Inbegriff [=die Gesamtheit] der Gegenstände einer möglichen Erfahrung.
Die Suche nach der Möglichkeit der Naturerkenntnis a priori wirft eine Frage auf: { }
Wir suchen nach der Möglichkeit, die notwendige Gesetzmäßigkeit a priori zu erkennen. Wessen Gesetzmäßigkeit?
Der Dinge als Gegenstände der Erfahrung
Der Erfahrung selbst in Anbetracht aller ihrer Gegenstände
Die subjektiven Gesetze der Erfahrung gelten auch von den Dingen als Gegenständen der Erfahrung (nicht an sich selbst).
Beide münden in dasselbe.
Die Rede der Erfahrung ist trotzdem vor der der Dinge vorzuziehen, da damit die Erfahrung unmissverständlich mitgemeint wird. Redeten wir von den Dingen, könnte man einmal übersehen, dass nicht von den Dingen an sich selbst, sondern von ihnen als Gegenstände einer Erfahrung gesprochen wird.
Wir haben es also hier allein mit der Erfahrung zu tun. Wir werden die allgemeinen Bedingungen ihrer Möglichkeit a priori ausmachen. Daraus werden wir die Natur (als den ganzen Gegenstand aller möglichen Erfahrung) bestimmen. { }
[Klarlegung Beginn]
Es geht nicht um die Regeln der Beobachtung einer im Voraus gegebenen Natur. Da ist die Erfahrung schon vorausgesetzt.
Es geht auch nicht darum, die Gesetze der Natur durch Zusehen auszumachen. Dies ergibt keine Gesetze a priori, also auch keine reine Naturwissenschaft.
Die allgemeinen Naturgesetze lassen sich aus jenen Bedingungen ableiten.
[Klarlegung Ende]
§ 18. [Empirische, Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteile]
VZ100: Die empirischen Urteile lassen sich in Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteile einteilen. Ein Wahrnehmungsurteil ist subjektiv gültig und besteht in der logischen Verknüpfung der Wahrnehmungen in einem denkenden Subjekt. Ein Erfahrungsurteil ist objektiv gültig und entsteht aus einer Wahrnehmung, die einigen Verstandesbegriffen a priori subsumiert wird. Alle unsere Urteile sind zuerst Wahrnehmungsurteile und gelten nur für uns. Mit der Zeit beziehen sie sich auf ein Objekt und werden Erfahrungsurteile. Die subjektive Gültigkeit ist die Beziehung der Wahrnehmung auf das Subjekt, die objektive eine Beschaffenheit des Gegenstands, identisch mit der Gültigkeit zu jeder Zeit für jedes Subjekt.
Die empirischen Urteile haben den Grund [die Quelle] in der sinnlichen Wahrnehmung.
Alle Erfahrungsurteile sind empirisch. Ein bloß empirisches Urteil ist noch kein Erfahrungsurteil. { }
Ein Erfahrungsurteil besteht aus zweierlei:
dem Empirischen
Das ist der sinnlichen Anschauung gegeben.
den reinen Begriffen a priori
Jede Wahrnehmung ist zuerst diesen Begriffen subsumiert, dann erst wird sie zu Erfahrung.
Unterschied zwischen Erfahrungs- und Wahrnehmungsurteil. { }
Erfahrungsurteil = empirisches Urteil mit objektiver Gültigkeit { }
Es basiert auf Vorstellungen der sinnlichen Anschauung.
Es bedarf Begriffe, die im Verstand erzeugt wurden. Diese geben dem Urteil objektive Gültigkeit.
Wahrnehmungsurteil = empirisches Urteil mit subjektiver Gültigkeit { }
Es bedarf keines reinen Verstandesbegriffs.
Es besteht in der logischen Verknüpfung der Wahrnehmungen in einem denkenden Subjekt.
Alle unsere Urteile sind zuerst Wahrnehmungsurteile und gelten nur für uns. Erst später beziehen wir sie auf ein Objekt und beanspruchen ihre Gültigkeit zu jeder Zeit für jedes Subjekt.
Wenn ein Erfahrungsurteil objektiv gültig ist, ist es notwendig allgemeingültig.
Anders herum ist ein Erfahrungsurteil objektiv gültig, wenn es notwendig allgemeingültig ist. Die notwendige Allgemeingültigkeit ergibt sich nie aus der Wahrnehmung, sondern aus dem reinen Verstandesbegriff, unter dem sie subsumiert ist.
Subjektive Gültigkeit ist eine Beziehung der Wahrnehmung auf ein Subjekt.
Objektive Gültigkeit ist eine Beschaffenheit des Gegenstands. { }
Grund: Die objektiv gültigen Urteile über denselben Gegenstand stimmen überein, weil sie sich auf denselben Gegenstand, mit dem sie übereinstimmen, beziehen.
§ 19. [Entstehung eines objektiv gültigen Urteils]
Also: objektive Gültigkeit ⇔ notwendige Allgemeingültigkeit (vor jedermann)
Das Objekt an sich kennen wir nicht. Trotzdem können wir die objektive Gültigkeit feststellen: Wir werden die objektive Gültigkeit in der notwendigen Allgemeingültigkeit erkennen.
Erfahrungsurteile entnehmen ihre objektive Gültigkeit nicht der unmittelbaren Erkenntnis des Gegenstandes (die unmöglich ist), sondern der Allgemeingültigkeit der empirischen Urteilen.
Die Allgemeingültigkeit der empirischen Urteile beruht auf reinen Verstandesbegriffen.
[Wie entsteht ein objektives Urteil?] { }
Wenn es ein Objekt (an sich selbst unbekannt) gibt.
Und Vorstellungen vom Objekt unserer Sinnlichkeit gegeben sind.
Und ein Verstandesbegriff diese Vorstellungen verknüpft.
Und diese Verknüpfung allgemeingültig ist.
So wird der Gegenstand durch dieses Verhältnis bestimmt und ist das Urteil objektiv.
Erläuterung { }
Beispiele von subjektiv gültigen Urteilen: das Zimmer ist warm; der Zucker ist süß; der Wermut ist widrig. [Anmerkung] { }
Diese sind als Beispiele von Wahrnehmungsurteilen da.
Darüber hinaus aber sind sie solche, die nie Erfahrungsurteile werden können. Grund: Sie beziehen sich auf das Gefühl (nur subjektiv erkannt, dem kein Objekt entspricht, die Urteile können also nie objektiv werden).
Es gibt auch Wahrnehmungsurteile, die zu Erfahrungsurteile werden.
Diese Urteile drücken nur eine Beziehung von zwei Empfindungen auf dasselbe Subjekt (mich).
Sie sollen nicht für mich immer, auch nicht vom Objekt gelten. Dies sind Wahrnehmungsurteile.
Erfahrungsurteile gelten hingegen jederzeit für jeden.
Beispiel von objektiv gültigem Urteil: die Luft ist elastisch. Wenn ich es zunächst behaupte, ist dies ein Wahrnehmungsurteil. Wenn aber jedermann jederzeit notwendig dieselbe Wahrnehmung macht, so ist es ein Erfahrungsurteil.
§ 20. [Reiner Verstandesbegriff eines Erfahrungsurteils]
VZ100: Die Form erhält ein Erfahrungsurteil durch einen reinen Verstandesbegriff. Beispiel: Das Erfahrungsurteil die Luft ist elastisch enthält einen Verstandesbegriff (Ursache), unter dem die Anschauung (Luft) unter dem Aspekt des Urteils (Elastizität) subsumiert wird. Erst durch diesen Verstandesbegriff, der dem Urteil die Form eines hypothetischen Urteils gibt, wird das Wahrnehmungsurteil notwendig allgemeingültig und somit ein Erfahrungsurteil. Beispiel: Bloßes Wahrnehmungsurteil: Wenn die Sonne den Stein bescheint, so wird er warm; hypothetisches Erfahrungsurteil: Die Sonne erwärmt den Stein. Beispiel der reinen Mathematik: Der Grundsatz die gerade Linie ist die kürzeste ist ein Urteil nach der Quantität, das auf dem Verstandesbegriff der Größe beruht.
Wir werden die Erfahrung analysieren und uns nach der Möglichkeit von Erfahrungsurteilen fragen.
Der Erfahrung liegt die Anschauung, d. h. die Wahrnehmung (Sinnen) zugrunde. Zur Erfahrung gehört auch das Urteilen (Verstand).
Wahrnehmungsurteil: Verknüpfung von Wahrnehmungen in meinem Gemütszustande, ohne Beziehung auf den Gegenstand.
Wir nehmen uns die Erfahrungsurteile vor.
Wahrnehmung wird unter einem Begriff subsumiert.
Der Begriff bestimmt die Form des Urteilens im Hinblick auf die Anschauung.
Der Begriff verknüpft das empirische Bewusstsein der Anschauung in einem Bewusstsein überhaupt.
Diese Verknüpfung verschafft dem empirischen Urteil die Allgemeingültigkeit.
Der Begriff ist ein reiner Verstandesbegriff a priori.
Der Begriff bestimmt die Art, wie die Anschauung einem Urteil zugrunde liegen kann.
Beispiel: { }
VZ50: Beispiel. Das Erfahrungsurteil die Luft ist elastisch enthält einen reinen, nicht wahrnehmbaren Verstandesbegriff (Ursache), unter dem die wahrgenommene Anschauung (Luft) unter dem Aspekt des Urteils (Elastizität) subsumiert wird. Erst durch diesen Verstandesbegriff, der dem Urteil die Form eines hypothetischen Urteils gibt, wird das Wahrnehmungsurteil notwendig allgemeingültig und somit ein Erfahrungsurteil.
Erfahrungsurteil: Die Luft ist elastisch [=die Luft weist Elastizität auf].
Begriff: Ursache. Anschauung: Luft.
Die Anschauung (Luft) ist unter dem Begriff (Ursache) subsumiert.
Der Begriff (Ursache) bestimmt die Art: Antezedens-Konsequent [=Grund-Folge], wie die Anschauung (Luft) zur Ausspannung [=Elastizität] steht.
Das Erfahrungsurteil [Die Luft ist elastisch] ist ein hypothetisches Urteil in der Form: Die Luft hat Elastizität [der Luft] zur Folge.
Der Begriff (Ursache) ist ein reiner Verstandesbegriff. Er kann nicht wahrgenommen werden. Er bestimmt die subsumierte Vorstellung (Luft) unter dem Aspekt des Urteils (Elastizität), womit er ein allgemeingültiges Urteil ermöglicht.
Die Wahrnehmung muss unter einem Verstandesbegriff subsumiert werden, bevor sie zu Urteil der Erfahrung wird: Die Luft zählt zu den Ursachen. { }
Dies bestimmt das Urteil über die Luft in Bezug auf die Elastizität als hypothetisch.
Dadurch wird die wahrgenommene Ausdehnung zu einer Vorstellung, die zu der Luft notwendig gehört.
Dadurch wird das Urteil (die Luft ist elastisch) allgemeingültig und somit Erfahrungsurteil.
[Textfehler? Ist der Satzwurm, der unmittelbar nach * anfängt, korrupt? Worauf bezieht sich das „daß” in „daß gewisse Urteile vorhergehen”?]
Leichteres Beispiel [Anmerkung] { }
VZ20: Beispiel. Bloßes Wahrnehmungsurteil: Wenn die Sonne den Stein bescheint, so wird er warm. Hypothetisches Erfahrungsurteil: Die Sonne erwärmt den Stein.
Wahrnehmungsurteil: Wenn die Sonne den Stein bescheint, so wird er warm. Keine Notwendigkeit unabhängig davon, wie oft ich und andere dies wahrgenommen haben.
Erfahrungsurteil: Die Sonne erwärmt den Stein. Der Verstandesbegriff der Ursache verknüpft notwendig den Begriff des Sonnenscheins mit dem der Wärme. Somit wird das Urteil notwendig allgemeingültig und ist aus der Wahrnehmung Erfahrung geworden.
Jedes synthetische objektiv gültige Urteil enthält neben den der Anschauung entnommenen Begriffen AB einen reinen Verstandesbegriff VB: AB sind unter VB subsumiert, womit das Urteil erst zu einem objektiv gültigen Urteil wird.
Dies gilt auch für die einfachsten Axiomen der reinen Mathematik. { }
VZ20: Der Grundsatz: die gerade Linie ist die kürzeste ist ein Urteil nach der Quantität, das auf dem Verstandesbegriff der Größe beruht.
Grundsatz: die gerade Linie ist die kürzeste zwischen zwei Punkten. (S. 167-168)
Verstandesbegriff: Größe (sie ist keine Anschauung).
Die Anschauung (Linie) unter dem Begriff (der Größe) subsumiert. So werden die Urteile nach der Quantität (Vielheit des Gleichartigen) bestimmt.
In der Logik sollte man bei Urteilen nach der Quantität nicht von iudicia particularia [Einzelurteilen], sondern von iudicia plurativa [Vielheiturteilen] reden.
Grund: Urteile nach der Quantität haben logisch zwei Momente: Einheit (behauptet), Allheit (verneint). Der Terminus particularia deutet nur auf Einheit hin und ignoriert somit das Moment der Allheit.
§ 21. [Tafel der Urteile, Verstandesbegriffe, Naturgrundsätze]
Wir fragen nach der Möglichkeit der Erfahrung. Erfahrung basiert auf reinen Verstandesbegriffen a priori. In den Verstandesbegriffen zeigt der Verstand verschiedene Momente auf. Diese Momente gilt es nun vollständig aufzuzählen.
Die reinen Verstandesbegriffe sind Begriffe von Anschauungen überhaupt.
Diese Momente des Verstandes stimmen mit den Voraussetzungen des Urteilens [=des Formulierens von Aussagen, Prädikaten] überhaupt zusammen. Indem wir deren Liste aufstellen, erringen wir die Grundsätze a priori der Möglichkeit aller Erfahrung, nach denen jede Wahrnehmung unter den reinen Verstandesbegriffen subsumiert wird.
Einheit (das Maß) Axiomen der Anschauung
Einschränkung Antizipationen der Wahrnehmung
Gemeinschaft Analogien der Erfahrung
Notwendigkeit Postulate des empirischen Denkens überhaupt
§ 21. [b] [Zusammenfassung: Erfahrungsurteile]
Es geht hier nicht um die Entstehung der Erfahrung (empirische Psychologie), sondern um das, was in ihr zu finden ist (Kritik der Erkenntnis, besonders des Verstandes).
Die Kritik des Verstandes ist Voraussetzung für eine angemessene empirische Psychologie.
Erfahrung = Anschauungen (Sinnlichkeit) + Urteilen (Verstand)
Wahrnehmungsurteil: nur aus Anschauungen. Verknüpft die Wahrnehmungen. Subjektive Gültigkeit.
Erfahrungsurteil: Anschauungen + verallgemeinerte logische Verknüpfung der Anschauungen + Verstandesbegriff. { }
Die logische Verknüpfung der Anschauungen wurde durch Vergleichung verallgemeinert.
Der Verstandesbegriff lässt das synthetische Urteil notwendig und daher allgemeingültig werden.
Der Verstandesbegriff ist derjenige Begriff, der zur Anschauung unter der Form des Urteils am besten passt.
Der Begrifft passt insofern zur Anschauung, als er sie als etwas vorstellt, das an sich bestimmt ist.
Er ist ein Begriff der synthetischen Einheit der Anschauungen. Dem entspricht eine bestimmte logische Funktion der Urteile: derjenige Funktion, durch die die synthetische Einheit der Anschauungen vorgestellt werden kann.
§ 22. [Zusammenfassung: Denken, Begriffe, Urteilsarten]
Die Sinne anschauen, der Verstand denkt.
Denken = Vorstellungen in einem Bewusstsein vereinigen.
Entweder ist diese Vereinigung relativ zum Subjekt. Sie ist zufällig, subjektiv.
Oder ist diese eine pure Vereinigung als solche. Sie ist notwendig, objektiv.
[Urteile] { }
Die Vereinigung der Vorstellungen in einem Bewusstsein ist das Urteil.
Also: denken = urteilen [=Aussagen machen] = Vorstellungen auf Urteile beziehen.
Daher: Entweder sind die Urteile subjektiv. Die Vorstellungen beziehen sich auf ein Bewusstsein allein in einem Subjekt, in dem sie vereinigt werden.
Oder sind die Urteile objektiv. Die Vorstellungen werden in einem Bewusstsein überhaupt vereinigt. Die Vereinigung ist notwendig.
Es gibt so viele logische Momente der Urteile wie es Arten gibt, Vorstellungen in einem Bewusstsein zu vereinigen.
[Begriffe] { }
Wenn die Vorstellungen als Begriffe dienen, sind sie Begriffe der notwendigen Vereinigung der Vorstellungen in einem Bewusstsein.
Entweder ist diese Vereinigung analytisch (durch Identität) oder synthetisch (durch zusammensetzen und hinzutun von Vorstellungen zueinander).
Erfahrung besteht in der synthetischen notwendigen Verknüpfung der Erscheinungen (Wahrnehmungen) in einem Bewusstsein.
Daher entstehen die Erfahrungsurteile aus reinen Verstandesbegriffen. Sie allein können synthetische Einheit der Wahrnehmungen als notwendig und allgemeingültig vorstellen.
Scheinbarer Widerspruch:
Die Erfahrungsurteile erhalten Notwendigkeit in der Synthese der Wahrnehmungen.
Die Erfahrung kann nur zufällige Urteile a posteriori geben.
Auflösung: Die Rede von dem, was man aus der Erfahrung lernt, meint nur die Wahrnehmung. Was die Wahrnehmung zu Erfahrung macht, ist der Verstandesbegriff. Er stammt nicht aus Erfahrung, er lässt sie erst entstehen.
Für die Frage: Wie die Wahrnehmung zu diesem Zusatz kommt, sei auf die KrV verwiesen.
Erfahrungssatz: Auf die Beleuchtung des Steins durch die Sonne folgt jederzeit Wärme. Zufälliger Satz.
Erfahrungsurteil: [Die Beleuchtung durch die Sonne erwärmt den Stein.] Notwendiges Urteil. Die Notwendigkeit verdankt das Urteil dem Verstandesbegriff der Ursache (nicht dem Erfahrungssatz).
§ 23. [Auflösung: Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?]
VZ100: Eine Regel ist ein als Bedingung der Vereinigung von Vorstellungen betrachtetes Urteil, ein Grundsatz eine nicht abgeleitete Regel. Indem wir die Bedingungen für die objektiv-gültigen empirischen Urteile gefunden haben, haben wir die Grundsätze a priori einer möglichen Erfahrung aufgespürt. Somit haben wir die Aufgabe gelöst: Diese Grundsätze sind allgemeine Gesetze der Natur a priori und bilden eine Wissenschaft (System). Die Grundsätze entsprechen Begriffen, die wiederum Regeln entsprechen. Die Regeln als formale Bedingungen hat aber die Logik ein für allemal als System ausgemacht. Also bilden die Begriffe ein System. Und die Grundsätze auch, und zwar das Natursystem: die allgemeine reine Naturwissenschaft.
Die Bedingungen der Erfahrungsurteile sind Grundsätze a priori einer möglichen Erfahrung. { }
Regel = Urteil, als Bedingung der Vereinigung von Vorstellungen betrachtet
Regel a priori = Regel, die eine notwendige Vereinigung vorstellt
Grundsatz = Regel, die nicht von anderen Regeln abgeleitet ist
Bei objektiv-gültigen empirischen Urteilen: Die Bedingungen der Erfahrungsurteile bringen die Erscheinungen unter reine Verstandesbegriffe. Über diese gibt es keine anderen Bedingungen. Also sind sie Grundsätze a priori einer möglichen Erfahrung.
Die Grundsätze möglicher Erfahrung sind ebenfalls allgemeine Gesetze der Natur, die a priori erkannt werden.
Damit ist die Aufgabe Wie ist reine Naturwissenschaft möglich? aufgelöst.
Begründung: { }
[ § 21. Tafel der Urteile, Verstandesbegriffe, Naturgrundsätze. ]
Erforderlich für eine Wissenschaft ist eine systematische Form.
Die Logik hat die genannten formalen Bedingungen aller Urteile ein für allemal ausgemacht.
Also ist über diese Regeln keine mehr möglich.
Die Regeln bilden ein logisches System.
Die Begriffe, die auf den Regeln gegründet sind, bilden ein transzendentales System. Deshalb transzendental, weil die Begriffe die Bedingungen a priori zu allen synthetischen und notwendigen Urteilen enthalten.
Die Grundsätze, nach denen die Erscheinungen diesen Begriffen untergeordnet werden, bilden ein physiologisches System, d. h. ein Natursystem.
Dieses Natursystem geht vor aller empirischen Naturerkenntnis vorher. Es ermöglicht sie. Es ist deshalb die allgemeine und reine Naturwissenschaft.
§ 24. [Prinzipien der Anwendung der Mathematik]
erster physiologischer Grundsatz
Prinzip der Anwendung der Mathematik auf Erfahrung. Er ordnet Erscheinungen (Anschauungen im Raum und Zeit) dem Begriff der Größe unter.
zweiter physiologischer Grundsatz { }
Die Empfindung ist das eigentlich Empirische, das Reale der Anschauung.
[Mutmaßung: Dieser Grundsatz ordnet Empfindungen dem Begriff der Qualität [=Beschaffenheit] unter.]
Es gibt immer zwischen der Realität (der Empfindung) und der Null (der leeren Anschauung in der Zeit) einen Grad, der eine Größe hat. Es gibt keine Wahrnehmung eines absoluten Mangels.
Beispiel: Sei ein Grad Licht gegeben, es gibt immer einen kleineren Grad Licht, der noch keine Finsternis ist. Beispiele: Dasselbe mit der Wärme (keiner gänzlichen Kälte), der Schwere (keiner absoluten Leichtigkeit), der Erfüllung des Raums (keinem völlig leeren Raum), dem Bewusstsein (keiner psychologischen Dunkelheit).
Dies ermöglicht dem Verstand, Empfindungen zu antizipieren [=vorwegzunehmen].
Die Antizipation folgt dem Grundsatz: alle Empfindung (das Reale aller Erscheinung) hat einen Grad der Realität.
Das ist die zweite Anwendung der Mathematik (mathesis intensorum) auf Naturwissenschaft.
§ 25. [Dynamische Naturgesetze. Physiologische Methodenlehre]
Bestimmung der Verhältnisse zwischen den Erscheinungen unter dem Aspekt ihres Daseins { }
Diese Bestimmung ist nicht mathematisch, sondern dynamisch.
Diese Bestimmung setzt einige Begriffe voraus:
den Begriff der Substanz (er liegt aller Bestimmung des Daseins zugrunde)
den Begriff der Ursache (eine Zeitfolge wird unter den Erscheinungen angetroffen)
den Begriff der Gemeinschaft (das Zugleichsein wird durch ein objektives Erfahrungsurteil erkannt)
Also: Den objektiv gültigen empirischen Urteilen, die Gegenstände dem Dasein nach in der Natur verknüpfen sollen, liegen Grundsätze zugrunde: die dynamische Naturgesetze. Diese sind die eigentlichen Naturgesetze.
Bestimmung des Verhältnisses zwischen einer Erscheinung und der Erfahrung überhaupt { }
Übereinstimmung der Erscheinung mit den formalen Bedingungen der Erfahrung: Möglichkeit
Zusammenhang der Erscheinung mit dem Materialen der Wahrnehmung: Wirklichkeit
Vereinigung von Erscheinung und Erfahrung in einen Begriff: Notwendigkeit
Dies macht die physiologische Methodenlehre aus. (Unterscheidung zwischen Wahrheit und Hypothesen. Zuverlässigkeit der Hypothesen.)
§ 26. [Beweisart der Grundsätze der Natur]
VZ100: Die Tafel der Grundsätze der Natur ist vollkommen. Ferner offenbart sie: Die Grundsätze der Natur gelten für alle Dinge nur als Gegenstände der Erfahrung. Dies ergibt sich daraus, dass die Erfahrung keine bloße Zusammensetzung von Wahrnehmungen ist. Dementsprechend verläuft der Beweis dieser Grundsätze. Die Möglichkeit der Anwendung der Mathematik auf die Natur wird aus der Möglichkeit der Erzeugung der Erscheinungen ersichtlich. Denn alle Anschauungen nehmen einen Raum und eine Zeit ein, und alle Empfindungen weisen einen Grad auf. Die Möglichkeit der Analogien der Erfahrung erschließt sich aus der Möglichkeit der Bestimmungen des Daseins, die nur in der Zeit stattfinden kann.
VZ200: Das Verdienst der Tafel der Grundsätze der Natur liegt nicht nur in deren Vollkommenheit, sondern vielmehr im Aufschluss, den sie durch ihren Beweisgrund, der auf die Möglichkeit der Erfahrung zielt, gibt: Die Grundsätze der Natur gelten für alle Dinge nur als Gegenstände der Erfahrung. Zu beachten ist, dass eine Erfahrung keine bloß empirische Zusammensetzung von Wahrnehmungen ist. Darauf gründet die Beweisart der Grundsätze der Natur. Die Möglichkeit der Anwendung der Mathematik auf die Natur wird dadurch ersichtlich, dass die Erscheinungen als Anschauungen unter dem Begriff der Größe stehen müssen (Axiomen der Anschauung), weil eine Anschauung einen Raum und eine Zeit einnimmt, und dass das Reale der Erscheinungen einen Grad haben muss (Antizipationen der Wahrnehmung), der auch eine Größe ist, weil die Empfindung eine nur in der Zeit zu durchlaufende Abstufung erkennen lässt, ohne dass die Empfindung selbst im Raum und der Zeit wäre. Es gibt aber auch Gesetze, die nicht die Erzeugung der Anschauungen betreffen und daher mit der Anwendung der Mathematik auf die Naturwissenschaft nichts zu tun haben. Die Analogien der Erfahrung ergeben sich nämlich dadurch, dass die Verknüpfung des Daseins der Erscheinungen in einer Erfahrung nur die Bestimmung der Existenz in der Zeit nach notwendigen Gesetzen sein kann.
#1 Die Tafel der Grundsätze der Natur ist vollkommen. Es gibt keine Grundsätze mehr. { }
Insofern ragt diese Tafel über jede andere Tafel, die aus den Sachen ausgeht und dogmatisch vorgeht, heraus. Denn hier werden alle synthetischen Grundsätze a priori vollständig (was die dogmatische Methode nicht vermag) und nach einem Prinzip aufgezählt.
Das Prinzip ist das Vermögen zu Urteilen überhaupt. Dieses Vermögen stellt das Wesen der Erfahrung den Verstand betreffend dar.
Die Vollkommenheit ist aber nicht ihr größtes Verdienst.
[Das größte Verdienst der Tafel ist der Aufschluss über die Gültigkeit der Grundsätze.]
#2 Die Grundsätze der Natur gelten für alle Dinge nur als Gegenstände der Erfahrung (S. 176). { }
Dies lehrt der Beweisgrund für die Möglichkeit dieser Erkenntnis a priori.
Die Grundsätze der Natur gründen in den Bedingungen für die Möglichkeit einer Erfahrung.
Nicht: Größe, Grad und Verknüpfung der Akzidenzen in einer Substanz kommen dem Ding an sich, dessen Realität und dessen Existenz zu. Dies lässt sich nicht beweisen.
Hier mangelt es zum Beweis einerseits an Beziehung auf sinnliche Anschauung und andererseits an Verknüpfung der Anschauung in einer möglichen Erfahrung.
Aus dem obigen Beweisgrund ergibt sich die Beweisart, die den Naturgrundsätzen eigentümlich ist.
Die Grundsätze beziehen sich auf die Möglichkeit der Erfahrung, nicht auf die Erscheinungen (diese machen die Materie der Erfahrung aus).
Die Grundsätze beziehen sich auf objektiv- und allgemeingültige synthetische Sätze. Diese Sätze machen Erfahrungsurteile gegenüber Wahrnehmungsurteilen aus.
Wodurch beziehen sich die Grundsätze der Natur auf die Möglichkeit der Erfahrung?
[1. Axiomen der Anschauung]
Dadurch, dass die Erscheinungen als Anschauungen unter dem Begriff der Größe stehen [müssen]. { }
Die Anschauungen nehmen einen Teil von Raum und Zeit ein. Der Begriff vereinigt das Mannigfaltige von Raum und Zeit a priori nach Regeln.
[2. Antizipationen der Wahrnehmung]
Dadurch, dass das Reale der Erscheinungen einen Grad haben muss. { }
Die Wahrnehmung enthält Anschauung und Empfindung. Von der gegebenen Empfindung bis zur Null (dem Ausbleiben der Empfindung) gibt es eine fortwährende Abstufung. Die Empfindung selbst nimmt keinen Teil von Raum oder Zeit ein. [Anmerkung] { }
Beispiele: Wärme und Licht sind dem Grad nach im kleinen Raum so groß wie im großen. Schmerz und Bewusstsein sind dem Grad nach genau so groß, ob sie kurz oder lang dauern.
Der Grad ist eine Größe der Empfindung (oder: des Grundes einer Anschauung, aber nicht: der Anschauung). Die Größe ist hier in einem Punkt oder einem Augenblick so groß wie in einem noch so großen Raum oder einer noch so großen Zeit.
Der Grad kann nur durch das Verhältnis von 1 zu 0 angegeben werden. Es gibt unendliche Zwischengrade zwischen einer bestimmten Empfindung und der Null. Um sie zu durchlaufen, braucht man eine gewisse Zeit. Deshalb kann ein Grad als eine Größe ausgedrückt werden.
Der Übergang von der Null bis zur Empfindung braucht eine gewisse Zeit. In einer möglichen Erfahrung kann die Empfindung von den gleichartigen Empfindungen unterschieden werden, und zwar intensiv als eine Größe der Wahrnehmung.
(Eine Empfindung kann hingegen als Qualität der empirischen Anschauung nicht a priori von den anderen unterschieden werden.)
Aus [1.] und [2.] wird die Möglichkeit der Anwendung der Mathematik auf Natur ersichtlich. Die Möglichkeit gründet in der sinnlichen Anschauung, die uns die Natur gibt.
[3.] Analogien der Erfahrung
Dadurch, dass die Verknüpfung des Daseins der Erscheinungen in einer Erfahrung nur die Bestimmung der Existenz in der Zeit nach notwendigen Gesetzen sein kann. { }
Nur unter diesen notwendigen Gesetzen ist diese Verknüpfung objektiv-gültig und daher Erfahrung.
Diese Beweisart betrifft im Gegensatz zu den Grundsätzen der Anwendung der Mathematik auf Naturwissenschaft [oben 1. und 2.] nicht die Erzeugung der Anschauungen.
Der Beweis geht auf die synthetische Einheit in der Verknüpfung der Wahrnehmungen (nicht der Dinge an sich selbst) nach allgemeinen Gesetzen.
Hier geht es nicht um den Inhalt der Wahrnehmungen, sondern um das Dasein in ihnen und dessen Zeitbestimmung und Verhältnisse.
Also: Diese allgemeinen Gesetze enthalten die Notwendigkeit der Bestimmung des Daseins in der Zeit überhaupt. Nur so kann die empirische Bestimmung in der relativen Zeit objektiv-gültig (und damit Erfahrung) sein.
Zu beachten: Erfahrung ist keine bloß empirische Zusammensetzung von Wahrnehmungen. Darauf gründet die Beweisart der Grundsätze der Natur.

References: § 14

§ 15

§ 16

§ 17

§ 18

§ 19

§ 20

§ 21

§ 21

§ 22

§ 23

§ 24

§ 25

§ 26

§ 14

§ 15

§ 16
 § 14

§ 17

§ 18

§ 19

§ 20

§ 21

§ 21

§ 22

§ 23
 § 21

§ 24

§ 25

§ 26