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Timestamp: 2020-06-05 05:26:51+00:00

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PVS Einblick 0220
0 2 I 2 0 „Ein gewonnenes Spiel ist ein Spiel, in dem sich niemand verletzt“ Im Interview: Dr. Ralf Doyscher, Mannschaftsarzt bei Borussia Mönchengladbach Seite 10 Recht Medizinrechtliche FAQ rund um die Coronavirus-Pandemie Seite 22 Landärztemangel – das Problem in den Köpfen Ursachen, Chancen und Lösungen Seite 28 Aus dem Bundesverband Ulla Schmidt und Frank Rudolph im Interview Seite 39 TITELTHEMA SPORT NACH DER KRISE IST VOR DEM SPIEL Aufgeschoben ist nicht aufgehoben – wir verkürzen die Zeit bis zum Wiederanlaufen der sportlichen Großveranstaltungen mit einer bunt gefüllten Ausgabe rund um das Thema Sport. PVS einblick 1
KEINE AUSGABE MEHR VERPASSEN! TITELTHEMA TITELTHEMA TITELTHEMA SPORT SPORT SPORT NACH DER KRISE NACH DER KRISE NACH DER KRISE IST VOR IST VOR IST VOR DEM SPIEL DEM SPIEL DEM SPIEL SCHNELLER, PAPIERLOS, MOBIL MIT DEM PVS EINBLICK E-PAPER pvs-einblick.de 2 PVS einblick
Jürgen Möller Geschäftsführer Frank Rudolph Geschäftsführer Mike Wolfs Geschäftsführer editorial Liebe Leserinnen und Leser, in diesen Tagen der Corona-Pandemie ist uns allen wieder sehr bewusst geworden, dass die Gesundheit das wichtigste Gut des Menschen ist. Es liegt in unserer Mitver- antwortung, dieses Gut ohne Kompromisse zu schützen. Mit Solidarität und Verständ- nis werden wir auch diese Zeiten meistern und gestärkt daraus hervorgehen. Bis dahin liegt der Fokus beim Schutz unserer Mitarbeitenden und der Solidarität gegenüber der gesamten Bevölkerung und insbesondere unseren mehr als 9.000 Kunden. Überstunden, Nachtschichten, noch mehr Stress als sowieso schon: Menschen, die im medizinischen Bereich tätig sind, arbeiten seit Wochen unermüdlich, um Betroff enen in der Corona-Krise – so gut es geht – zu helfen. An dieser Stelle gilt unser Dank den Ärzt- innen und Ärzten sowie dem medizinischen Personal - all jenen, die in Krankenhäu- sern, Kliniken oder Praxen, in den Apotheken und Pfl egeheimen da sind, wenn wir am verwundbarsten sind. Besonders dankbar sind wir darüber hinaus unseren Mitarbei- terinnen und Mitarbeitern, die mit hoher Flexibilität und großem Engagement dafür sorgen, dass wir all unsere Services auch in schwierigen Situationen für unsere Kunden erbringen können. Ursprünglich wollten wir diese Ausgabe unseres Magazins ganz ins Zeichen der Fuß- ball EM stellen, doch die UEFA hat dieses Ereignis aufgrund der Coronavirus-Pan- demie ins Jahr 2021 verlegt. Da gerade sämtliche Sportveranstaltungen, wie auch die Olympischen Spiele oder das Tennisturnier in Wimbledon und die Spiele der Bun- desligen, abgesagt wurden, spiegelt unser „einblick“ also nicht mehr die aktuelle Lage wider. Diese Ausgabe soll nun – bunt gefüllt mit Beiträgen, unter anderem aus dem Bereich des Sportes – die Zeit bis zum Wiederanlaufen der sportlichen Großveranstal- tungen verkürzen. Wir denken ganz besonders an die Menschen, die gesundheitlich vom Coronavirus betroff en sind, aber auch an diejenigen, die berufl ich Coronavirus betroff en sind, aber auch an diejenigen, die berufl ich und fi nanziell unter dieser Krise leiden. Ihnen wünschen wir vor allem, gesund und auch ansonsten Ihnen wünschen wir vor allem, gesund und auch ansonsten Ihnen wünschen wir vor allem, gesund und auch ansonsten möglichst unbeschadet durch diese verrückte Zeit zu kom- möglichst unbeschadet durch diese verrückte Zeit zu kom- möglichst unbeschadet durch diese verrückte Zeit zu kom- men. Trotz – oder gerade wegen der widrigen Umstände wol- men. Trotz – oder gerade wegen der widrigen Umstände wol- men. Trotz – oder gerade wegen der widrigen Umstände wol- len wir mit Ihnen zuversichtlich in die Zukunft blicken len wir mit Ihnen zuversichtlich in die Zukunft blicken len wir mit Ihnen zuversichtlich in die Zukunft blicken und alles daran setzen, auch weiterhin eine aus- und alles daran setzen, auch weiterhin eine aus- und alles daran setzen, auch weiterhin eine aus- gezeichnete Zusammenarbeit mit Ihnen zu gezeichnete Zusammenarbeit mit Ihnen zu gezeichnete Zusammenarbeit mit Ihnen zu pfl egen. pfl egen. Dieter Ludwig Sprecher der Geschäftsführung PVS holding Gerd Oelsner Geschäftsführer PVS holding
TITELTHEMA SPORT NACH DER KRISE IST VOR DEM SPIEL AB SEITE 6 GOÄ-Tipp GOÄ 2 – Abrechnung verschiedener Leistungen SEITE21 N E U GOÄ LESERFRAGE m o c . e b o d a . k c o t s - s h t a R r e d n a x e l A © : o t o F Recht: Medizinrechtliche FAQ rund um die Coronavirus- Pandemie PVS einblick SEITE22 4 m o c . e b o d a . k c o t s - R E D N O W E V I T A E R C © : o t o F m o c . e b o d a . k c o t s - x i m i t a m © : o t o F H b m G s e c i v r e S n e m ä r P O P i I © : o t o F i e d . t d m h c s - a l l u , n e h c a A r ü f t d m h c S a l l i U © : o t o F GEWINNSPIEL Gewinnen Sie einen von drei GARMIN FITNESS- TRACKERN „VIVOSMART 4“ S/M ALLE INFOS AUF SEITE 42 Der Gesundheits-Check: Ulla Schmidt und Frank Rudolph im Interview SEITE 39 I I R E G N L E N N A I T S R H C © I : o t o F
inhalt 3 6 10 Editorial UNSER TITELTHEMA SPORT Erhalt der Vielfalt des Sports Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie steht in Sportvereinen das Leben still „Ein gewonnenes Spiel ist ein Spiel, in dem sich niemand verletzt“ Dr. Ralf Doyscher, Mannschaftsarzt bei Borussia Mönchengladbach im Interview 14 Zwischen Hörsaal, Job und Goldmedaille Max Hoff, Olympiasieger im deutschen Vierer-Kajak, über den Spagat zwischen Leistungssport und Karriere 17 Buch-Tipps: Drucksituationen Vier Biografien aus dem Profifußball 20 Steuer-Tipp: Lieber heute bereits an morgen denken Steuerberater Torsten Feiertag zum Thema Altersvorsorge 21 GOÄ-Tipp: GOÄ 2 – Abrechnung verschiedener Leistungen 22 Recht: Medizinrechtliche FAQ rund um die Coronavirus-Pandemie 24 PVS as a service: Digitale Fallaktenübertragung PVS dialog in Kooperation mit DMI 27 Jetzt Weiterempfehlen und Wunschprämie sichern 28 Landärztemangel – das Problem in den Köpfen Laura Löffler (Ärztegenossenschaft Nord eG) über Ursachen, Chancen und Lösungen 31 Buch-Tipp und Verlosung: Von Anfang an gesund Gesundheitskräfte natürlich stärken für Kinder von null bis drei 34 Es darf gerempelt werden Die Sportart „Roller Derby“ wird in Deutschland immer beliebter 36 Gemeinsam Hürden überwinden Thomas Moll sitzt im Rollstuhl – er möchte anderen Betroffenen mit Handicap Mut machen 39 Aus dem Bundesverband Verrechnungsstellen Gesundheit e. V. Der Gesundheits-Check: Ulla Schmidt und Frank Rudolph im Interview 42 PVS kurz + knapp Meldungen aus den Regionen, Gewinnspiel, Jubiläen, Impressum PVS einblick 5
ERHALT DER VIELFALT DES SPORTS Der Deutsche liebt seinen Sportverein, sei es auf Landes-, Bezirks- oder Kreisebene. Eine Mitgliedschaft erleichtert den Zugang zu Sportstätten und -geräten und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Doch seit Ausbruch der Corona-Pandemie steht auch in diesem Bereich das Leben still – bei vielen Sportver- einen gehen Existenzängste um. Spendenaufrufe und Do-it-yourself- Angebote prägen das aktuelle Bild. Exakt 88.348 Sportvereine wurden im Jahr 2019 in Deutschland gezählt, in denen sich wiederum rund 24 Mil- lionen Mitglieder tummelten – mit einem Anteil von etwa 20 Prozent stammten die meisten Sportvereine aus dem bevölke- rungsstärksten Bundesland Nordrhein- Westfalen. Dank seiner circa 7,1 Millionen Mitglieder gilt der Deutsche Fußball- Bund (DFB) als größter Sportverband in der Bundesrepublik. Da überrascht es nicht, dass sich – mit Blick auf die sportli- chen Präferenzen zwischen Männern und Frauen – rund sechs Millionen Männer für eine Mitgliedschaft in einem Fußball- verein entschieden haben. Dem gegenüber stehen rund 3,4 Millionen Frauen, die sich in einem Turnverein fi t hielten. Zahlen, die unterstreichen, welchen Stellenwert Sport und Bewegung hierzulande genie- ßen. So sind es auch in erster Linie die Förderung der Gesundheit und der Aus- gleich zum Alltag, die laut einer Statista- Umfrage zu den Hauptgründen zählen, in einem Verein Sport zu treiben. Auch zeigte 6 PVS einblick In der Gemeinschaft sind Erfolge besonders wertvoll: Fast 90.000 Sportvereine existieren hierzulande.
i P V S e n b l i c k 7 Foto: © matimix - stock.adobe.com
Eine Vereinsmitgliedschaft erleichtert den Zugang zu Sportstätten und -geräten. die Erhebung, dass fast 70 Prozent der Deutschen allgemein am Thema „Sport“ interessiert sind, während lediglich 7,7 Prozent der Leibesertüchtigung nichts abgewinnen können. Solidarfonds für Sportdeutschland Welch wichtige Rolle Sport und Bewe- gung in der Gruppe für viele Menschen spielen, zeigt sich aktuell im Zuge der COVID-19-Pandemie, in deren Ver- lauf es landesweit zu Ausgangsbeschrän- kungen und Kontaktverboten kam und kommt. Die hochdynamische Ausbrei- tung der Virus-Infektion hat große Aus- wirkungen auf den organisierten Sport – und zwar weltweit. Doch wurden nicht nur Großveranstaltungen wie die Fuß- balleuropameisterschaft und die Olympi- schen Sommerspiele (siehe Interview auf Seite 14) um ein Jahr verschoben. Auch der Trainings- und Wettkampfbetrieb auf nationaler und lokaler Ebene ist vom Shutdown komplett betroffen. Neben dem für die Motivation so bedeutsamen Gemeinschaftsgefühl gehen da auch etli- che Einnahmen verloren. Wirtschaftliche Auswirkungen für Verbände und Verei- ne, die so nicht abzusehen waren. Ende März 2020 beschloss der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), einen eigenen Solidarfonds für Sportdeutsch- land aufzulegen. Titel: „Erhalt der Viel- Gemeinsam zu Höchstleistungen – im Zuge der Corona- Krise nicht möglich. 8 PVS einblick m o c . e b o d a . k c o t s - m o c . l e x i p w a R © : o t o F m o c . e b o d a . k c o t s - s d r a m a s © : o t o F falt des Sports“. Die Stiftung Deutscher Sport stellte dazu einen Grundstock von einer Million Euro bereit, der durch einen Spendenaufruf an die Öffentlich- keit ergänzt wurde. In einer Pressemit- teilung ließ DOSB-Präsident Alfons Hör- mann verlauten: „Wir wollen über unsere Forderungen an die Politik hinaus einen eigenen wertvollen Beitrag leisten, damit unsere einzigartige und vielfältige Ver- bands- und Vereinslandschaft auch in dieser Krisensituation erhalten werden kann. Nur dann ist es möglich, dass der Sport auch in Zukunft seine umfangrei- chen und nicht verzichtbaren Leistun- gen für die Gesellschaft zur Verfügung stellen kann.“ Die ohne Frage erforderli- chen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus treffen den Sport in existenzbedro- hendem Maße. Die Folgen? Aktuell nicht einzuschätzen. Schwitzen im eigenen Garten Trotz all der abgesagten Turniere, fehlen- den Trainingsmöglichkeiten und vor al- lem Einnahmeverluste: Es gibt auch posi- tive Zeichen in der Krise. So haben viele Städte, Kommunen und Institutionen „Notfallangebote“ entwickelt und bieten online kostenlose Live-Streams zu ver- schiedenen Sportkursen an. Auch Cross- Fit- und Personal-Trainer melden sich per Smartphone, Tablet oder PC – statt im Park wird nun im heimischen Garten
Wann geht es wieder auf den Trainingsplatz? Besonders Kinder drängen auf Bewegung. m o c . e b o d a . k c o t s - a g r a V a c i v o J © : o t o F ROBERT TARGAN Freier Texter, Autor & Redakteur roberttargan.de PVS einblick 9 oder im Wohnzimmer geschwitzt. An vielen Volkshochschulen sind ebenfalls neue Angebote entstanden – Webina- re oder Online-Kurse zum Thema „Ge- sundheitsgymnastik für zu Hause“ etwa. „Wenn Menschen derzeit dazu angehal- ten sind, zu Hause zu bleiben, dann muss die Weiterbildung darunter nicht leiden“, betont Ulrich Aengenvoort, Direktor des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV). „Online-Kurse und Webinare sind eine gute Möglichkeit, die derzeiti- gen Einschränkungen zu überbrücken.“ Für einen Masterplan im Umgang mit der Krise fehlt es an Erfahrungswerten und an vergleichbaren Situationen, wes- halb sich auch die Jüngsten dieser un- gewohnten Situation anpassen müssen. Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sowie Sozialpädagogen raten Eltern zur Formulierung positiver Zukunftserwar- tungen, damit ein Ende der Maßnahmen in Sicht ist. Kinder leiden ganz besonders unter den Einschränkungen, sind soziale Isolation nicht gewohnt und drängen auf Bewegung. Schwer trifft es da zurzeit all jene, die ohnehin einen Anstoß zur kör- perlichen Betätigung benötigen. Einen Anstoß wie den gemeinsamen Vereins- sport zum Beispiel. Grund genug, sich weiterhin für einen Erhalt der Vielfalt des • Sports einzusetzen. dosb.de
„EIN GEWONNENES SPIEL IST EIN SPIEL, IN DEM SICH NIEMAND VERLETZT“ Fußballbundesliga, DFB-Pokal und Europacup: Der Traditionsverein Borussia Mönchengladbach tanzt regelmäßig auf mehreren Hochzeiten. Straffe Spielpläne, nicht nur für die Profi s auf dem Platz: Auch Mannschaftsarzt Dr. Ralf Doyscher weiß um die hohen Ansprüche im heutigen Leistungssport. Dabei profi tieren er und sein Team von besten medizinischen Voraussetzungen am Borussia- Park. Ein Gespräch über moderne Diagnostik, medizinische Versorgung vor 60.000 Zuschauen und die Auswirkun- gen der Infektionskrankheit COVID-19 auf den Spielbetrieb. Ärztliche Versorgung unter Flutlicht: Dr. Ralf Doyscher und Physiothe- rapeut Hendrik Schreiber versorgen Breel Embolo. 10 PVS einblick
Im Zuge der Corona-Krise befanden sich die Bundesligaprofi s über Wochen zu Hause und hielten ihre Fitness dank in- dividueller Trainingspläne aufrecht. Ist das ohne wettkampfnahe Belastung überhaupt möglich? Dr. Ralf Doyscher: Das ist natürlich schwie- rig und eine echte Ausnahmesituation. Einen komplexen Sport wie den Fußball kann man im Heimtraining nicht zufrie- denstellend simulieren. Generell muss man aber mit Blick auf den Liga-Start einplanen, dass eine Art von Vorbereitungstraining notwendig ist, um die Profi s für den Spiel- betrieb wieder gänzlich fi t zu machen. Hier sind die gesamte Flexibilität, Kreativität und das Know-How unserer Trainer gefragt, die hier gerade alle Register ziehen und trotz der schweren Lage einen tollen Job machen. In welchem Maße darf da die Belastung gesteigert werden? Droht bei einer übereil- ten Aufb auphase ein höheres Verletzungs- risiko? Da muss in der Tat mit Vorsicht und einer sorgfältigen Planung agiert werden. Bun- desligaspieler sind Top-Sportler auf sehr hohem Leistungsniveau. Zu große Sprün- ge in der Belastungsintensität – das wissen wir auch aus der Forschung – gehen mit einem erhöhten Verletzungsrisiko einher. Hier bei Borussia Mönchengladbach ver- fügen wir über ein Team aus Sportwis- senschaft lern, das auf langjährige Erfah- rungen im Profi sport zurückblickt. Unser Trainerteam stimmt sich hier regelmäßig mit dem gesamten medizinischen Staff ab. Jeder bringt sein Wissen mit ein. Wir kom- munizieren noch enger. Hinzu kommt: Fußball ist ein Mann- schaft ssport. Die Spieler haben ein Bedürf- nis nach dem gemeinsamen Sporttreiben … Eine Mannschaft besteht aus vielen Indivi- duen und jeder geht mit solch einer unge- wohnten Situation anders um. Aber ohne Frage ist ein Mannschaft sgefüge, ist diese Gruppendynamik notwendig für den Er- folg. Das kann in der häuslichen Abge- schiedenheit leider nicht stattfi nden. Seit 2018 sind Sie als festangestellter Mann- schaft sarzt bei Borussia Mönchengladbach tätig. Damals fand eine Neuausrichtung im Funktionsteam statt. Wie bei einigen Vereinen herrscht auch bei Borussia Mönchengladbach eine große Wettbewerbsbelastung mit vielen Spielen, . V . e 0 0 9 1 L f V a i s s u r o B © PVS einblick 11 : o t o F
. e 0 0 9 1 L f V a i s s u r o B © . V : o t o F Abstimmung mit dem medizinischen Staff: „Jeder bringt sein Wissen ein." die auch mit Reisetätigkeit verbunden sind. Ein Europapokalspiel unter der Woche be- schränkt sich nicht nur auf den Spieltag an sich, sondern nimmt schon mal zwei bis drei Tage in Anspruch. Diese gesteigerten Anfor- derungen führen dazu, dass sich im Profi fuß- ball ein ganzes Team aus Ärzten die verschie- denen Aufgaben der Betreuung teilt. Die Borussia hat sich entschlossen hier einen re- lativen neuen Ansatz mit der Ergänzung um einen festangestellten Mannschaft sarzt zu gehen. Diese Innovationsfreudigkeit und der unbedingte Wille, auch Strukturen um die Mannschaft langfristig weiter zu entwickeln, der auch in anderen Bereichen herrscht, war für mich ein wichtiger Grund, mich für den Job bei der Borussia zu entscheiden. Wie bewerten Sie als Mediziner die Gegeben- heiten vor Ort? Da hat sich gerade in den letzten zwei Jahren viel getan: Wir verfügen hier am Borussia- Park über eine große und erstklassige Reha- Abteilung, gemeinsam mit unserem Partner Medical Park. Die Kollegen, die hier ihre Praxen führen, besitzen moderne Behand- lungsräume, direkt gegenüber vom Stadion. Und in Kooperation mit Medneo können wir vor Ort auf eine ambulante MRT-Ein- heit zurückgreifen. Da geht es natürlich um schnelle Wege: In unter 16 Stunden von der Verletzung auf dem Platz, über Untersu- chung und Diagnostik bis zur erfolgreichen operativen Versorgung bei einem renom- mierten Spezialisten – das ist absolutes Spit- zenniveau. Generell hat sich in Sachen Diagnostik und Th erapiemethoden in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel getan – etwa bei Kreuz- bandrissen. Dank der arthroskopischen Medizin stehen uns heute sehr viele Verfahren zur Verfü- gung, die mit wenig Kollateralschäden ein- hergehen. In diesem Bereich hat sich die Medizin in den letzten rund zwanzig Jah- ren im Endeff ekt revolutioniert. Natürlich gibt es immer noch Ausnahmen bei einem Kreuzbandriss – etwa bei schweren oder wiederholten Verletzungen. In der Regel aber gilt: Wer heute bei einem guten Ope- rateur landet und eine erfolgreiche Reha ab- solviert, muss nicht mehr wie früher gege- benenfalls um seine Karriere bangen. Welche Rolle spielt die mentale Stärke bei längeren Ausfällen? Man denke an Spie- ler wie Lars Stindl (Schienbeinbruch) oder Christoph Kramer (wiederholte Kopfverlet- zungen) ... Auch im psychologischen Bereich sind wir als Ärzte wichtiger Gesprächspartner, um den Jungs Mut zu machen und jederzeit Perspektiven aufzeigen zu können. Letztlich ist es aber immer der Spieler, der an seinem Comeback arbeiten muss, wir können ihn 12 PVS einblick
nur begleiten. Die angesprochenen Spieler sind im Übrigen – neben ihrem sportlichen Talent – natürlich starke Charaktere. Das hilft ungemein. Der Druck, Leistungsträger möglichst schnell wieder auf den Platz zu bringen, ist in der Bundesliga nicht gering. Wie geht man die behutsame Heranführung ans Team an? Wie bei allen Bundesligisten ist die Reha- Leistung auch bei Borussia Mönchenglad- bach eine Team-Leistung. Das sind Trainer und Physiotherapeuten, die auf einem ho- hen Niveau arbeiten. Somit ist eine umfang- reiche Betreuung der Spieler gegeben und es können sämtliche therapeutische Möglich- keiten ausgeschöpft werden. Jeder im Team bringt zudem seine Sichtweisen und Erfah- rungen mit ein – Kommunikationsfähigkeit ist da immens wichtig. Auch das Team hin- ter dem Team muss als Mannschaft funktio- nieren. Wie nehmen Sie und das Ärzteteam die 90 Minuten auf der Bank am Spielfeldrand wahr? Natürlich freuen wir uns über die Tore unserer Mannschaft und darüber, wenn drei Punkte eingefahren werden. Unsere Prä- misse aber lautet: Ein gewonnenes Spiel ist ein Spiel, in dem sich niemand verletzt hat. Auch gilt es, den medizinischen Betreuern des gegnerischen Teams kollegial und oh- ne Animositäten gegenüberzutreten. Da be- stehen keine Rivalitäten – vielmehr pflegen wir gute Kontakte zu den Therapeuten und Reha-Trainern anderer Vereine. Ohne Frage aber stellen diese 90 Minuten eine Situation der Anspannung dar ... … zumal Ihnen im Borussia-Park rund 60.000 Augenpaare „über die Schulter schau- en“, wenn Sie bei einer Verletzungsunterbre- chung aufs Feld müssen! Als Ärzte-Team konzentrieren wir uns na- türlich weniger auf das sportliche Gesche- hen als darauf, wie sich die Spieler bewe- gen oder wie sie in die Zweikämpfe gehen. Wir beobachten zum Beispiel, ob jemand ausgewechselt werden möchte. Klar: Wenn man tatsächlich aufs Spielfeld muss, wird jede Handlung, jede Geste mitunter von den Zuschauern kommentiert – mit Pfif- fen von den gegnerischen Fans etwa. Das sind Situationen, die man zuvor mit einpla- nen muss. Wer damit nicht umgehen kann oder will, darf sich nicht in den Profisport wagen. Seit zwei Jahren ist Dr. Ralf Doyscher als Mannschaftsarzt bei Borussia Mönchen- gladbach tätig. Vor dieser aktuellen Anstellung waren Sie in der Charité Berlin tätig, haben zudem Erfah- rungen im Ausland gesammelt und unter an- derem auch Football- und Handball-Teams betreut. Was konnten Sie aus dieser Zeit mit- nehmen? Ich denke, man bringt dadurch eine grö- ßere Bandbreite mit, da man auch mal Verletzungen gesehen hat, die im Fuß- ball eher selten vorkommen – Knochen- brüche zum Beispiel. An der Charité habe ich eine fundierte, unfallchirurgische Aus- bildung absolviert, die eben nicht nur das relativ schmale Spektrum der reinen, kon- servativen Sportorthopädie abdeckt. Eine anspruchsvolle und lange Ausbildung, von der ich heute ungemein profitiere. Die Tä- tigkeit in den anderen Sportarten hat zu- dem meinen Horizont enorm erweitert, denn man findet andere Bedingungen, an- dere Herangehensweisen vor. Es freut mich, dass ich in noch jungen Jahren so viel Er- fahrung sammeln konnte. Man darf davon ausgehen, dass Borussia Mön- chengladbach in der kommenden Saison er- neut in einem internationalen Wettbewerb spielen wird. Eine Mehrbelastung, auch für Sie? Mit Blick auf die Englischen Wochen gilt es, frühzeitig zu planen, denn als Arzt fallen neben der Vereinsbetreuung ja noch weite- re Tätigkeiten an. Jüngere Kollegen möchten sich zudem stets weiterentwickeln, Kongres- se besuchen und Fortbildungen durchlaufen. Da spielt die Koordinierung und Abstimmung mit dem Verein eine wichtige Rolle. Auch die Kaderplanung muss frühzeitig anlaufen – das ist aber glücklicherweise nicht meine Bau- • stelle (lacht). borussia.de ROBERT TARGAN Freier Texter, Autor & Redakteur roberttargan.de PVS einblick 13 . V . e 0 0 9 1 L f V a i s s u r o B © : o t o F
ZWISCHEN HÖRSAAL, JOB UND GOLD- MEDAILLE Die Liste der Erfolge des deutschen Kanuten Max Hoff (37) ist lang: Neben zahlreichen Siegen bei Welt- und Europameisterschaften im Kanurennsport sticht vor allem olympi- sches Gold im deutschen Vierer-Kajak heraus – ergattert auf 1000-Meter- Distanz in Rio de Janeiro 2016. Dass Olympioniken auch jenseits des Sports Kämpfer sind, zeigt sich im Gespräch mit dem ge- bürtigen Troisdorfer – der Spa- gat zwischen Sportlerkarriere und beruflicher Laufbahn gestal- tet sich äußerst anspruchsvoll. Im Frühjahr 2020 sorgte oben- drein die Coronavirus-Pandemie lange Zeit für Ungewissheit beim Leistungsträger. Dreimaliger Olympia- teilnehmer Max Hoff beim EM-Titelgewinn 2014 in der für ihn typischen Jubelpose. Foto: © Ute Freise 14 PVS einblick
Viel Zeit ging ins Land, bis das IOC sich Ende März dazu durchrang, die Olym- pischen Spiele in Tokio auf das Jahr 2021 zu verschieben. Wie haben Sie in dieser Zeit der Ungewissheit trainiert? nes Programms abzuspulen. Menschen, die Kraftausdauersport betreiben, können keine allzu langen Pausen einlegen. Die Krux ist es dann, eben dennoch improvisiert voll weiter trainieren zu müssen. Max Hoff: Das war eine schwierige Situation, da man nicht genau wusste, wohin die Reise geht. Eine ziemliche Hängepartie, bis dann klar war, dass die Spiele in diesem Jahr nicht stattfinden können. Bis zu dieser Entschei- dung stand man aber immer noch unter dem Druck, weiter trainieren zu müssen. Als es dann Gewissheit gab, war es schon ein ziem- licher Schock. Für mich als älteren Athleten kam da auch die Frage auf, ob ich noch ein Jahr dranhängen soll. Letztlich war die Ver- schiebung aber natürlich die richtige Ent- scheidung. Wie haben Sie bis zur Entschei- dung Ihre Motivation aufrecht gehalten? Leicht war das nicht, zu Hause bleiben zu müssen und das Training runterzufahren. Kein Leistungssportler kann es sich erlauben, nur die Hälfte sei- Individualsportler können ihre Motivation nicht im gleichen Maße aus dem gemeinsa- men Training ziehen, wie ein Mannschafts- sportler. Wie wichtig ist dann das soziale Um- feld? Im Wettkampf stehen wir – anders als et- wa Fußballer – nicht mit elf Mann auf dem Platz. Was das Training betrifft, sind wir aber durchaus Teamsportler, sitzen im wahrsten Sinne des Wortes im gleichen Boot. Klar, eine gewisse Zeit kann man sich auch alleine durchs Programm quälen, doch auch wir In- dividualsportler benötigen unsere Trainings- partner zur Motivation. Durch die Verschiebung der Sommerspiele befinden wir uns nun plötzlich wieder im „vorolympischen Jahr“ und müssen Wettkämpfe simulieren. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio holten Sie im deutschen Vie- rer-Kajak auf der 1000-Meter-Distanz Gold – was hat das für einen Stellenwert? Einen riesigen, insgesamt durfte ich jetzt dreimal an Olympia teilnehmen! Es war immer eine große Ehre, das erleben zu dür- fen. Zudem stellt sich auch eine Art Genug- tuung ein, wenn man sieht, dass sich das harte Training eben auch lohnt. Es ist alle vier Jahre das Event, auf das es alle absehen. Nicht viele Athleten schaffen es zu den Spie- len, daher empfinde ich es auch als eine per- sönliche Auszeichnung – erst recht, wenn man eine Medaille mitnehmen darf. Wenn keine olympischen Spiele anstehen, be- finden sich die Sportler weniger im Rampen- licht, gehen einem Job oder einem Studium nach. In meinem Fall waren es zwei absolvierte Studiengänge: Biologie an der Uni Köln mit Schwerpunkt Molekularbiologie und anschließend noch ein Aufbaustudium in BWL an einer privaten Hochschule. Hin- zu kommen dann Welt- und Europameis- terschaften und das regelmäßige Training „zwischendurch“ – das muss man alles re- geln. Ich wollte die jeweiligen Studiengänge zudem schnell durchziehen. Da benötigt es viel Selbstdisziplin. Uni, Training, Uni, Trai- ning … es kam regelmäßig vor, dass ich um fünf Uhr morgens mein Programm gestar- tet habe und erst abends gegen 23 Uhr fer- tig war. Ein langer, komplett durchgetakte- ter Tag, um die Karriere neben dem Sport ebenfalls zielstrebig nach vorne zu bringen. Das geht nicht ohne Unterstützung und Ver- ständnis von der Uni. PVS einblick 15
hatten sie Verständnis für den Sport, oder eben nicht. Im ersteren Fall haben sie mich dann unterstützt, im zweiteren hieß es ganz klar: „Sport oder Uni!“ Da musste ich dann in den sauren Apfel beißen und bei den Prü- fungen noch eine Schippe drauflegen, damit ich gleichzeitig auch das Trainingspensum bewältigen konnte. War das zusätzliche BWL-Studium eine frühzeitige Entscheidung, sich vorsorglich breiter aufzustellen? Den Plan hatte ich schon während des Bio- logiestudiums gefasst. Die Option wäre ge- wesen, als Naturwissenschaftler zu pro- movieren, aber das ist mit Blick auf den Leistungssport nicht zu realisieren. Keine Chance! Daher war diese Entscheidung der vernünftigste Weg. Wie gestaltet sich dann die anschließende Jobsuche? Engagement, Ausdauer und Ziel- strebigkeit eines Leistungssportlers kommen doch sicher gut beim Arbeitgeber an. Im Prinzip muss jede Sportlerin, muss jeder Sportler für sich herausfinden, was neben der Karriere Spaß bereitet. Doch das Entwi- ckeln von Interessen stellt eine große Her- ausforderung dar, weil schlichtweg die Zeit dazu fehlt. Man befindet sich in einer ge- wissen Tretmühle, die es kaum ermöglicht, sich auszuprobieren, Praktika zu absolvie- ren und in verschiedene Bereiche reinzu- schnuppern. Daher bietet sich eben wäh- rend der aktiven Laufbahn ein Studium an – eine Tätigkeit in der freien Wirtschaft ist da parallel kaum zu stemmen. Was raten Sie mit Ihrer Erfahrung jungen Kolleginnen und Kollegen, die einen ähnli- chen Weg einschlagen möchten? Was das Berufliche betrifft: Sich rechtzei- tig und trotz aller Hürden zu fragen, wo die Fertigkeiten und Interessen liegen. Und diese auch jenseits des Sports weiterzuent- wickeln. Ist die Entscheidung gefallen, bei- des unter einen Hut zu bringen, gilt es, mit vielen Leuten darüber zu sprechen, um sich auf diesen aufwändigen Weg einzustellen. Der Leistungssport ist ja auch ein großes Netzwerk, das zum Austausch einlädt. Ohne Frage kommen auch mal Phasen, die einem nicht so gut schmecken. Wer aber in allen Bereichen eine große Leidenschaft an den • Tag legt, wird letztlich auch belohnt. maxhoff.de Bei den olympischen Spielen in Rio sicherte sich Max Hoff vor vier Jahren Gold im Vierer-Kajak! Foto: © Ute Freise Ein wichtiger Punkt: Wie verhält es sich denn mit der Nachsicht seitens der Universitäten hierzulande? Sicher gibt es mittlerweile Universitäten, die in gewisser Weise den Leistungssport- lern entgegenkommen. Speziell Fernuni- versitäten richten sich vermehrt auf solche Situationen ein, etwa mit E-Learning-Ange- boten. Meine Erfahrung aber ist leider eher, dass Abläufe individuell mit den Professo- ren abgeklärt werden mussten. Entweder ROBERT TARGAN Freier Texter, Autor & Redakteur roberttargan.de „Auch Individualsportler benötigen Trainingspartner zur Motivation“, weiß Max Hoff (links) – hier mit dem Teamkollegen Jacob Schopf. Foto: © Ute Freise 16 PVS einblick
Auf dem Abstellgleis: Im schnelllebigen Fußballgeschäft wird ein Karriereknick schnell bestraft. DRUCK- SITUATIONEN Der Profifußball hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer medialen Hochglanzwelt entwickelt, in der Schwächen und Karriereknicks gnadenlos bestraft werden: Wer dem extremen Leistungsdruck nicht standhält, bleibt schnell auf der Strecke. Manch ein Betroffener kämpft sich zurück ins Leben, andere wiederum verschwinden nahezu kom- plett von der Bildfläche. Vier verschiedene Biografien, vier verschiedene Geschichten: ULI BOROWKA: VOLLE PULLE „Jeder Tag, an dem ich keinen Alkohol getrunken habe, ist für mich mehr wert, als jeder Titel, den ich gewonnen habe!“ Diese nachdrückliche Aussage stammt von Uli Borowka, 388-facher Fußball- bundesliga- und sechsfacher National- spieler. Und wie es sich anfühlt, Titel zu gewinnen, weiß der 1962 geborener Borowka nur zu gut: Mit Werder Bre- men holte er 1988 und 1993 die Deut- sche Meisterschaft, 1991 und 1994 den DFB-Pokal und 1992 gar den Europa- pokal. Doch da war eben auch die ande- re Seite im Leben des Sauerländers, der einst bei der SG Hemer 08 das Kicken lernte: Uli Borowka war lange Zeit dem Alkohol verfallen, richtete sich irgend- wie zwischen Trinken und Training ein, bewältigte in seiner „Hochphase“ pro Tag eine Kiste Bier, eine Flasche Wodka und eine Flasche Whiskey. Zur „Magen- beruhigung“ gab es obendrauf Kräuter- schnäpse. Parallel dazu zog er sein Pro- gramm als Leistungssportler durch. Über dieses Doppelleben als Fußball- profi und Alkoholiker hat Borowka ge- Uli Borowka: Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker. Edel Books, 320 Seiten, 12,95 € PVS einblick 17 m o c . e b o d a . k c o t s - н и н а т с А д а л В © : o t o F
meinsam mit dem Autor und Journa- list Alex Raack ein Buch veröffentlicht: „Volle Pulle“. Der Titel dieser Biogra- phie besitzt durchaus eine doppelte Les- art, galt der Sportler auf dem Platz doch als harter Hund, als „Eisenfuß“, als „die Axt“. Da bekamen Gegenspieler schon mal zu hören: „Heute brech' ich Dir bei- de Beine.“ Im Buch lernt der Leser jedoch auch einen anderen, ehrfürchtigen Uli Bo- rowka kennen. Wenn er etwa von sei- nen ersten Schritten im Profizirkus bei Borussia Mönchengladbach berichtet, beeindruckt von Größen wie Lothar Matthäus oder seinem damaligen Trai- ner, der „Vaterfigur“ Jupp Heynckes. Später folgen die Titel mit Werder Bre- men und die Einladung zur Fußball- nationalmannschaft. Doch irgendwann kippt diese märchenhafte Erzählung eines Aufsteigers um in einen düsteren Höllenritt: Borowka lässt sich in den 1990ern vom Suff vollends vereinnah- men, schlägt seine Frau, randaliert vor seinem Haus, wacht ohne jegliche Erin- nerungen auf einer Matratze auf. Es er- eignen sich schwere Autounfälle mit 1,8 Promille, der Boulevard schreibt mit. Uli Borowka, der auf dem Fußballplatz immer den Starken mimte, war ganz unten angekommen. Im Jahr 2000 wagt der Alkoholkranke endlich den richti- gen Schritt, begibt sich in eine Sucht- klinik und peilt einen dreiwöchigen Aufenthalt an. Uli Borowka bleibt vier Monate, begreift endlich seine lebensge- fährliche Situation und kämpft sich ehr- geizig zurück ins Leben. Seit nunmehr 20 Jahren ist der ehema- lige Bundesligaprofi Uli Borowka tro- cken, spricht in Talkshows über seine Sucht und wirbt als Keynote-Speaker in Kliniken und Unternehmen für einen schonungslosen Umgang mit Sucht- und psychischen Erkrankungen. Was im Zuge dieser Auftritte und im Buch im- mer wieder durchscheint: Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient. Und Uli Borowka hat diese genutzt. DANIEL KEITA-RUEL: ZWEITE CHANCE Die Geschichte von Daniel Keita-Ruel zeigt, was passieren kann, wenn man als hoffnungsvolles Talent über ein paar Abzweigungen doch noch den fal- schen Weg einschlägt. Eigentlich deutet in den 2000er-Jahren alles auf eine er- folgreiche Karriere in der Fußballbun- desliga hin, denn bereits in der Jugend macht der Deutsch-Franzose auf sich aufmerksam und schießt für den Nach- wuchs von Borussia Mönchengladbach Tore wie am Fließband. Als der sport- liche Aufstieg ins Stocken gerät, kommt Keita-Ruel auf dumme Gedanken, be- geht mit ein paar alten Freunden meh- rere bewaffnete Raubüberfälle und landet sogar im Gefängnis. Der Karrie- reknick soll gleichzeitig Wendepunkt sein: Der Fußballer trainiert in seiner Zelle, erhält aufmunternde Briefe und richtet den Blick wieder nach vorn. Als Freigänger setzt Keita-Ruel seine Karriere in der Oberliga fort, entdeckt seinen Torriecher wieder und wech- selt nach seiner Haftstrafe in die Zweite Bundesliga. Im Buch zeichnet er diesen Weg eindrucksvoll nach. Daniel Keita-Ruel: Zweite Chance. Mein Weg aus dem Gefängnis in den Profifußball. KiWi, 232 Seiten, 16,00 € 18 PVS einblick
Sebastian Deisler: Zurück ins Leben. Die Geschichte eines Fußballspielers. Edel Books, 256 Seiten, 12,95 € Fans und Journalisten vereinnahmt. Ver- letzungen – körperliche und seelische – werfen Deisler jedoch zusehends zurück, sodass sich der Sportler mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Die Reißleine zieht Sebastian Deisler im Alter von nur 27 Jahren: Entnervt und entkräf- tet verkündet er das Ende seiner Fußball- karriere und verschwindet fast von einem Tag auf den anderen von der medialen Bildfläche. Dass Deisler den Sport geliebt hat, wird in seiner Biografie „Zurück ins Leben“, die er gemeinsam mit dem Jour- nalisten Michael Rosentritt veröffentlicht hat, durchaus deutlich. Das Buch erzählt aber auch viel über die Ängste des jungen Talents, über die qualvollen Verletzungs- pausen und letztendlich auch die Depres- sionen, die Sebastian Deisler davontrug. Bis heute lebt er zurückgezogen von der Öffentlichkeit. SEBASTIAN DEISLER: ZURÜCK INS LEBEN Weit über 100 Bundesliga-Spiele für Bo- russia Mönchengladbach, Hertha BSC und den FC Bayern München sowie 36 Länderspiele: Rund um die Jahrtausend- wende gilt Sebastian Deisler als das hoff- nungsvollste Talent im deutschen Fußball. Schnell jubeln die Medien den jungen Lör- racher zum Heilsbringer der Nation hoch; er wird ins Rampenlicht gezerrt und von BABAK RAFATI: ICH PFEIFE AUF DEN TOD! Es ist der 19. November 2011, als das für diesen Tag angesetzte Bundesliga- spiel zwischen dem 1. FC Köln und dem 1. FSV Mainz 05 kurzfristig abge- sagt wird: Schiedsrichter Babak Rafati ist nicht wie vorgesehen im Stadion erschie- nen. Schon kurze Zeit später dringt der Grund für seine Abwesenheit an die Öf- fentlichkeit: Babak Rafati hatte in einem Kölner Hotel einen Suizidversuch unter- nommen; nur das beherzte Eingreifen seiner Assistenten und des Notarztes rette ihm das Leben. In seinem Buch „Ich pfeife auf den Tod!“ berichtet der ehemalige FIFA- und DFB-Schiedsrich- ter von seinen Depressionen, die sich über Jahre hinweg im harten Geschäft des Profisports und dank Mediendruck eingeschlichen hatten – der „kicker“ et- wa wählte Rafati damals mehrfach zum „schlechtesten Bundesligaschiedsrich- ter“. Das Werk soll aber nicht nur der Abrechnung mit jener brutalen Maschi- nerie dienen. Vielmehr spricht Rafati Betroffenen Mut zu, Warnsignale recht- zeitig zu erkennen und krankmachende Faktoren zu bekämpfen. Babak Rafati: Ich pfeife auf den Tod! Wie mich der Fußball fast das Leben kostete. Goldmann, 304 Seiten, 9,99 € m o c . e b o d a . k c o t s - н и н а т с А д а л В © PVS einblick 19 : o t o F
Steuer-Tipp THEMA ALTERSVORSORGE LIEBER HEUTE BEREITS AN MORGEN DENKEN Was kann man selbst tun, um bereits heute an morgen zu denken? Wenn entsprechendes Vermögen, wie Bar-, Immobilien- und/oder Betriebs- vermögen vorhanden und zu verteilen ist, macht es Sinn, sich bereits zu „Leb- zeiten“ Gedanken zu machen, wer, was und wie im Falle eines Ablebens be- kommen soll. Hierfür ist ein erster Ge- dankenaustausch mit Ihrem Steuer- berater zu empfehlen, da steuerliche Komponenten eine nicht untergeordne- te Rolle spielen. Ein geeignetes Instru- ment ist das Erstellen eines Testaments. Das deutsche Recht kennt zwei ordent- liche Testamentsformen, in Gestalt des eigenhändigen oder öff entlichen (nota- riellen) Testaments. Außerordentliche Testamentsformen in Notlagen stellen das Bürgermeister-, Dreizeugen oder Seetestament dar. Ein weiteres Instrument, an das man heute schon denken kann, ist die Vor- sorgevollmacht verbunden mit einer Generalvollmacht. Gegenstand einer Vorsorgevollmacht können alle per- sönlichen und/oder vermögensrechtli- chen Angelegenheiten sein. Dies setzt eine Vertrauensperson voraus, welche selbst mit der erteilten Vollmacht ein- verstanden sein sollte. Denn im Fall der tatsächlichen Umsetzung einer (kata- logisierten) Vollmacht, sind nicht sel- ten verantwortungsvolle Entscheidun- gen zu treff en. Eine bestimmte Form ist nicht vorgeschrieben. Es empfi ehlt sich aber die notarielle Beurkundung. Ge- koppelt bzw. ergänzt werden kann die Vorsorgevollmacht durch eine Betreu- ungsverfügung. Immer wieder kommt das Th ema der Organspende im politischen Kontext zum Tragen. Hier steht dann das Inst- rument der Patientenverfügung, oder auch des Patiententestamentes im Fo- kus. Das ist eine schrift liche Erklärung, mit der der Aussteller – für den Fall, dass er die Einwilligungsfähigkeit ver- liert – festlegt, ob er zum Zeitpunkt der Festlegung in noch nicht unmittelbar bevorstehende Untersuchungen seines Gesundheitszustands, Heilbehandlun- gen oder ärztliche Eingriff e einwilligt oder sie untersagt. Die Patientenver- fügung kann, sollte aber nicht mit der Vorsorgevollmacht verbunden sein, da Dritte über den Inhalt der Vorsorgevoll- macht keine Kenntnis erlangen sollen. Zu guter Letzt ist eine Besprechung mit den künft igen Erben, Betreuern oder Bevollmächtigten sinnvoll, statt die- ses Th ema aufzuschieben. Nicht jeder wird mit einer vertrauens- und verant- wortungsvollen Aufgabe einverstanden sein. Nicht selten jedoch staunen die Angehörigen über die Vorstellungen der künft igen Generationen X, Y und Z. Sie sind viel mündiger und weitsich- tiger als wir glauben. Scheuen Sie also nicht das Gespräch über die eigene Zu- • kunft ! TORSTEN FEIERTAG STEUERBERATER stb-feiertag.de i o d u t S s s a P © : o t o F Die Alterung der Bevölkerung zeigt sich in zwei Entwicklungen: an der zunehmenden Zahl an Menschen im Rentenalter und an ihrem steigenden Anteil an der Gesamtbevöl- kerung. Der Alterungsprozess begann in Deutschland – lange Zeit unbemerkt – bereits gegen Ende des 19. Jahrhun- derts mit dem ersten Geburtenrück- gang. Seit den 1970er Jahren verstärkt die rückläufi ge Sterblichkeit im höheren Alter die Dynamik. Die Verschiebungen zwischen den Anteilen der Hauptalters- gruppen der Bevölkerung sind gravie- rend. So ist beispielsweise der Anteil der unter 20-Jährigen zwischen 1950 und 2018 von 30 auf 18 Prozent zurück- gegangen. Das Altern der Bevölkerung bedeutet auch, dass Hochaltrigkeit zum Massenphänomen wird. 1950 war jeder hundertste Einwohner 80 Jahre und äl- ter. Heute ist bereits jeder Fünfzehnte hochaltrig und ab etwa 2040 könnte es mehr als jeder Zehnte sein. (Quelle: Demografi e-Portal des Bundes und der Länder) 20 PVS einblick
GOÄ-Tipp GOÄ 2: Abrechnung verschiedener Leistungen Weitere GOÄ-Tipps unter: ihre-pvs.de/goae m o c . e b o d a . k c o t s - s h t a R r e d n a x e l A © : o t o F GOÄ LESERFRAGE N E U Sie haben Fragen zur GOÄ? Welche GOÄ-Tipps interessieren Sie besonders? Schicken Sie uns eine E-Mail mit Ihrer Frage und dem Betreff „GOÄ-Frage“ an: pvs-einblick@ihre-pvs.de Von Blutdruckmessen bis Wiederholungsrezept Mit der Nummer 2 GOÄ werden nicht nur die Ausstellung eines Wie- derholungsrezeptes oder Überweisun- gen vergütet. Die Übermittlung von Befunden oder ärztlichen Anordnun- gen durch medizinische Fachangestellte und ggf. telefonisch können mit der Nummer 2 GOÄ berechnet werden. Die Messung von Körperzuständen wie Blutdruck oder Temperatur ist ebenfalls über diese Position zu berechnen. Nicht zusammen mit anderen Gebühren Eine gravierende Einschränkung er- gibt sich aus den allgemeinen Bestim- mungen zur Nummer 2 GOÄ. Sie darf anlässlich einer Inanspruchnahme des Arztes nicht zusammen mit anderen Gebühren abgerechnet werden. Die In- anspruchnahme des Arztes ist mit der Inanspruchnahme der Praxis gleich- zusetzen. Sofern z. B. die medizinische Fachangestellte vor der Untersuchung durch den Arzt Fieber misst, kann diese Leistung nicht gesondert in Ansatz ge- bracht werden. Gebührenrahmen beachten Die Durchführung mehrerer Verrich- tungen, die der Nummer 2 GOÄ zuzu- rechnen sind, führt im zeitlichen Zu- sammenhang zu einem einmaligen Ansatz. Der höhere Aufwand kann über den Gebührenrahmen geltend gemacht werden. Hierbei ist zu beachten, dass die Nummer 2 außer in Abschnitt B auch noch in Abschnitt A der GOÄ auf- geführt wird, sodass der Multiplikator nach § 5 Abs. 3 GOÄ bis zum 2,5-fachen des Gebührensatzes ausgeschöpft wer- den kann. Das Gleiche gilt, wenn der Aufwand durch die Vielzahl von zu ver- ordnenden Medikamenten erhöht ist. Bei zeitlicher Trennung Abrechnung möglich Übermittelt die medizinische Fachan- gestellte dem Patienten vormittags tele- fonisch einen Befund, der den Patienten zum Besuch beim Arzt am Nachmittag veranlasst, kann das Telefonat vom Vor- mittag mit der Nummer 2 berechnet wer- den. Durch die Angabe der jeweiligen Uhrzeiten machen Sie die zeitliche Tren- nung in der Liquidation deutlich. Wird der Patient jedoch direkt nach der Mit- teilung der Befundergebnisse zum Arzt durchgestellt, geht die Übermittlung im • Beratungsgespräch des Arztes auf. MARTIN KNAUF Leitung Gebührenreferat PVS holding mknauf@ihre-pvs.de PVS einblick 21 PVS einblick 21
MEDIZINRECHTLICHE FAQ RUND Die durch das neuartige Coronavirus ausgelöste Krise stellt uns alle vor neue Heraus- forderungen. Insbesondere Ihnen als Ärztin/Arzt oder Fachkraft im Gesundheitswesen kommt im Kampf gegen die Pandemie eine entscheidende Rolle zu. Wenn Sie Patienten behandeln, die an COVID-19 erkrankt sind oder einen Verdachtsfall untersuchen, stellen sich Ihnen spezielle medizinrechtliche und abrechnungstechnische Fragen. Damit Sie sich nicht auch noch mit diesen rechtlichen Aspekten auseinandersetzen müssen, haben wir für Sie die häufigsten Fragen rund um „Corona“ zusammengestellt. 1Wie ist der Abstrich zum Nachweis einer Infektion mit dem Coronavirus privatärztlich abzurechnen? Für den Abstrich kann unseres Erach- tens GOÄ-Ziffer 298 abgerechnet werden. Die Entnahme ist für die Gebührenziffer zwingend, die Aufbereitung ist fakultativ („ggf.“). Im Regelfall wird nur ein Rachen- abstrich genommen. Sollte daneben auch noch ein Nasenabstrich vorgenommen werden, kann GOÄ-Ziffer 298 unter Anga- be der Entnahmestellen zweimal berechnet werden. Die Entnahmestellen sollten ent- sprechend dokumentiert werden. Sofern der Patient keine auf eine Coro- nainfektion hindeutenden Symptome zeigt, es sich also um keinen Verdachtsfall han- delt, der Patient aber gleichwohl ausdrück- lich einen Test wünscht, vergessen Sie bitte nicht, Ihren Patienten vorher wirtschaftlich aufzuklären. Schließlich kann der Versiche- rer in diesem Fall die Kostenerstattung we- gen fehlender medizinischer Notwendig- keit ablehnen. Wegen der erforderlichen Schutzmaßnah- men sollte immer auch ins Auge gefasst werden, ob die betreffenden Leistungen wegen dieses Aufwandes mit erhöhten Stei- gerungsfaktoren abgerechnet werden kön- nen. Eine zeitlich befristete „Pauschalen- sonderregelung“ wie bei Zahnärzten (siehe Frage 2) gibt es in anderen Fachbereichen derzeit nicht. Des Weiteren kommen bei Besprechung und Untersuchung selbstver- ständlich noch die GOÄ-Ziffern 1 und 5 in Betracht. 2Was kann ein Zahnarzt aufgrund coronabedingter Mehraufwände nach GOZ abrechnen? 22 PVS einblick 22 PVS einblick Hierzu gibt der Beschluss Nr. 34 des Bera- tungsforums für Gebührenordnungsfragen Auskunft: Demnach ist es dem Zahnarzt ge- stattet, GOZ-Ziffer 3010 analog zum 2,3-fa- chen Satz, je Sitzung, zum Ansatz zu bringen. Damit sollen die coronabedingten Mehrauf- wände der Zahnärzte ausgeglichen werden. Auf der Rechnung ist die GOZ-Ziffer mit der Erläuterung „3010 GOZ analog – erhöhter Hygieneaufwand“ zu versehen. Dies bedeutet eine „Corona-Hygiene-Pau- schale“ von 14,23 Euro pro Sitzung. Einen Verdachtsfall oder gar eine Erkrankung des Patienten an COVID-19 setzt die Abrech- nung nicht voraus. Dieser Beschluss ist seit dem am 8. April 2020 in Kraft und gilt zu- nächst befristet bis zum 31. Juli 2020. Alle in diesem Zeitraum durchgeführten Behand- lungen werden erfasst. 3Wie schließt man mit einem Corona-Patienten eine Wahlarzt- vereinbarung? Darauf könnte man lakonisch antworten: Genauso wie mit jedem anderen Wahlarzt- patienten! Das ist nicht falsch, aber doch zu kurz gegriffen. Wegen der notwendigen Schutzmaßnahmen und der Isolierung der an dem neuartigen Coronavirus erkrankten Patienten scheint es oft nicht möglich zu sein, eine vom Patienten unterschriebene Wahl- arztvereinbarung zu erhalten. Das Kranken- zimmer der Betroffenen sei quasi eine „Ein- bahnstraße“: Man könne dem Patienten ggf. noch etwas aushändigen, ein Rückerhalt sei dagegen schwierig, hören wir aus einigen Krankenhäusern. Leider führt auch eine absolute Ausnahme- situation wie die Corona-Pandemie nicht dazu, dass die formellen Anforderungen an den Abschluss einer Wahlarztvereinba- rung suspendiert sind. Aus unserer Sicht stellt nach wie vor eine vom Patienten selbst unterschriebene Wahlarztvereinbarung die rechtssicherste Lösung dar. Daher sollte stets versucht werden, die Unterschrift vom Patienten noch vor dessen Isolierung einzu- holen. Wenn Blutproben vom Patienten das Krankenzimmer verlassen dürfen, sollte es grundsätzlich auch möglich sein, dass ein dort unterzeichnetes Schriftstück archiviert werden kann – selbstverständlich unter Be- achtung entsprechender Vorsichtsmaßnah- men, wie z. B. Einschließen in einem Be- hältnis. Scheidet dies aus, sollte dem Corona-Patien- ten in einem ersten Schritt die Wahlarzt- vereinbarung zugänglich gemacht werden, damit dieser sie lesen kann. Anschließend könnte ein Mitarbeiter des Krankenhauses den Patienten fragen, ob dieser damit einver- standen sei, wenn er in seinem Namen die Wahlarztvereinbarung mit „in Vertretung“ („i.V.“) unterschreibe. Äußert der Patient daraufhin einen entsprechenden Wunsch, erteilt er damit seine Einwilligung in den Abschluss des mit „i.V.“ unterschriebenen Wahlarztvertrages. Zwar ist die Wahlarztvereinbarung damit grundsätzlich wirksam abgeschlossen, aller- dings ist das gesprochene Wort bekanntlich flüchtig. Wenn der Patient z. B. im Nachhi- nein bestreitet, in den Vertragsabschluss ein- gewilligt zu haben, müsste man nachweisen, dass die Einwilligung des Patienten tatsäch- lich vorlag. Daher bietet es sich an, zum Ver- tragsabschluss einen weiteren Mitarbeiter als Zeugen hinzuzuziehen. In jedem Fall soll- te der Patient zu einem späteren Zeitpunkt gebeten werden, den Vertragsschluss durch einen kurzen handschriftlichen Vermerk
RUND UM DIE CORONAVIRUS-PANDEMIE m o c . e b o d a . k c o t s - t e r o c e d s © : o t o F m o c . e b o d a . k c o t s - R E D N O W E V I T A E R C © : o t o F tragsschluss genehmigen, damit dieser für ihn wirksam wird. Verstirbt der Patient, oh- ne den Vertrag genehmigt zu haben, so wäre zu prüfen, ob es aussichtsreich ist, gegenüber den Erben zu liquidieren. 4Durchbrechung der ärztlichen Schweigepflicht bei Verdachts-, Krankheits- und Todesfällen mit Bezug auf eine Coronainfektion? Die ärztliche Schweigepflicht soll das beson- dere Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient schützen. Ärzte müssen daher über alles schweigen, was ihnen in ihrer Eigen- schaft als Arzt anvertraut oder bekannt ge- geben wurde. Die ärztliche Schweigepflicht ist von so fundamentaler Bedeutung, dass sie nicht nur in § 9 MBO-Ärzte, sondern auch in § 203 des Strafgesetzbuches ihren Nieder- schlag gefunden hat. Ausnahmen von der Schweigepflicht ergeben sich nur in eng um- grenzten Ausnahmefällen, z. B. » bei einer Einwilligung des Patienten, » wenn ein Gesetz eine Offenbarungspflicht oder eine Offenbarungsbefugnis des Arz- tes konstatiert Für das neuartige Coronavirus ergibt sich eine Offenbarungspflicht aus dem Infek- tionsschutzgesetz in Verbindung mit dem seit 1. Februar 2020 geltenden Regelwerk mit dem barock anmutenden Titel „Verordnung über die Ausdehnung der Meldepflicht nach unter dem Vertrag zu bestätigen (z. B.: „ein- gewilligt/genehmigt am […] [Unterschrift Patient]“). Von „eingewilligt“ spricht man, wenn der Patient den Mitarbeiter vorab ge- beten hat, für ihn zu unterzeichnen, „geneh- migt“ meint dagegen die erst nachträgliche Zustimmung. Beides führt zu einer form- wirksamen Wahlarztvereinbarung. Neuerdings ist der Abschluss einer Wahlarzt- vereinbarung auch in Textform zulässig. Das bedeutet, dass der Patient z. B. grundsätzlich auch in elektronischer Form eine Wahlarzt- vereinbarung abschließen kann. Sollte der Patient demnach per E-Mail erklären, dass er die ihm zuvor vorgelegte Wahlarztverein- barung abschließen wolle, so würde er auch dadurch einen verbindlichen Vertrag schlie- ßen. Dies wäre grundsätzlich auch mittels eines Smartphones aus dem Krankenzimmer denkbar. Es bietet sich zudem an, die Wahl- arztliste auf der Homepage des Krankenhau- ses zu hinterlegen und den Patienten hierauf hinzuweisen. Sofern ein Patient in einem Zustand eintrifft, der kein Lesen der Wahlarztvereinbarung und/oder keine entsprechende Willensäuße- rung mehr zulässt, könnten die Angehörigen gefragt werden, ob sie die Vereinbarung mit „i.V.“ unterzeichnen. Sofern kein Angehö- riger da ist, könnte auch ein Mitarbeiter der Klinik mit „i.V.“ unterschreiben. In beiden Fällen müsste der Patient später den Ver- § 6 Abs. 1 Satz 1 Nummer 1 und § 7 Abs. 1 Satz 1 des Infektionsschutzgesetzes auf Infektionen mit dem erstmals im De- zember 2019 in Wuhan/Volksrepublik China aufgetretenen neuartigen Corona- virus ("2019-nCoV")“. § 1 Abs. 1 der Verordnung statuiert die Pflicht für Ärzte, begründete Verdachts-, Krankheits- und Todesfälle mit Bezug auf eine Coronainfektion beim örtlich zuständi- gen Gesundheitsamt zu melden. Der Krank- heitsverdacht muss nach dem Stand der Wissenschaft sowohl durch das klinische Bild als auch durch einen wahrscheinlichen epidemiologischen Zusammenhang begrün- det sein. Nach § 1 Abs. 2 der Verordnung ist hierfür die vom Robert Koch-Institut auf der Grundlage des Infektionsschutzgesetzes ver- öffentlichte Empfehlung zu COVID-19 zu berücksichtigen. Da diese Empfehlung stän- dig überprüft und unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse angepasst wird, sollte man sich diesbezüglich unbedingt auf dem Laufenden halten. Die Meldung, die binnen 24 Stunden nach Kenntniserlangung erfolgen muss, umfasst nach § 9 Infektionsschutzgesetz u. a. folgende Angaben (nicht abschließende Aufzählung): » Name und Kontaktdaten der betroffenen Person » die wahrscheinliche Infektionsquelle inkl. der zugrunde liegenden Tatsachen Dies soll sicherstellen, dass das Gesund- heitsamt die betreffenden Personen kontak- tieren und die erforderlichen Maßnahmen (z. B. Isolierung der Patienten, Ermittlung von Kontaktpersonen) einleiten kann. Sofern Sie Rückfragen oder weitergehende Fragen haben, stehen wir Ihnen als Rechts- abteilung Ihrer PVS gern hierfür zur • Verfügung. TOBIAS KRAFT Rechtsanwalt Rechtsabteilung PVS holding Tel. 0208 4847-194 tkraft@ihre-pvs.de PVS einblick 23 PVS einblick 23
PVS DIALOG – SICHER, DIGITAL UND KONTAKTLOS #PVS AS A SERVICE Ob einzelne Praxen oder große Kliniken – das Online-Portal PVS dialog erlaubt jeder- zeit einen schnellen Zugriff auf Kontostände und Informationen zur Rechnungserfas- sung. Für die Nutzung der Kommunika- tionsplattform garantiert die PVS absolute Datensicherheit. So punktet der digitale eKontoauszug etwa mit einer direkten Ver- fügbarkeit der Daten zum ersten Werktag eines Monats und einer Entlastung der Buchhaltung dank direktem CSV-Import in das jeweilige individuelle System. Auch in Sachen elektronischer Fallaktenüber- tragung bietet PVS dialog eine moderne Lösung an: Die externe Privatliquidation erfolgt durch Anschluss an eine Cloud digi- tal, sodass administrative Prozesse effizient gesenkt werden können. Das Tool der Fallgesamtheitsprüfung hingegen stellt die Vollständigkeit einer jeden Abrechnung sicher. Die Anzeige des Bearbeitungsstatus sowie von überfälligen oder unvollständigen Falldaten sorgt für eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit und hilft dabei, Potentiale aufzudecken. Und auch Patienten profitieren von der modernen Lösung: Das bereitgestellte PVS Patientenportal bietet die Möglichkeit, bei Fragen zur Rechnungsstellung rund um die Uhr Kontakt aufzunehmen. Praxen und Kli- niken haben zudem die Möglichkeit, diesen Service auf ihrer jeweiligen Internetseite zu verlinken. Die Bedeutung eines komplett kontaktlosen Ablaufs der Abrechnungsprozesse hat spä- testens seit der Corona-Krise zugenommen. In unserer Serie „Säulen der digitalen Trans- formation in der Privatabrechnung – PVS as a service“ stellen wir in jeder Ausgabe neue Features des Online-Portals PVS dialog vor. PRIVATABRECHNUNG SCHNELLER, EINFACHER UND SICHER Digitalservice im virtuellen, privaten Partnernetzwerk macht’s möglich Die optimierte Gestaltung der tägli- chen Geschäftsprozesse bietet Unter- nehmen große Einsparpotenziale. Im „Unternehmen Krankenhaus“ mit seinen vielen verschiedenen Prozessen lohnt sich ein prüfender Blick ganz besonders. Dabei kommt neben der kaufmännischen Betrach- tung insbesondere der technischen Umset- zung eine Schlüsselrolle zu. Als starkes Team präsentieren sich DMI und die PVS holding. Beide sind in ihren Segmenten Branchenfüh- rer und prägen das Gesundheitswesen immer wieder mit neuen Impulsen und Entwick- lungen. In Kooperation mit DMI, dem füh- renden Dienstleister für Digitalisierung und Archivierung von Patientenakten, bietet die PVS holding jetzt die Möglichkeit einer ef- fizienten digitalen Fallaktenübertragung an. Dieser gemeinsame Service reduziert massiv den Aufwand der administrativen Prozesse bei der stationären Privatabrechnung und ga- rantiert eine leistungsgerechte Erlössicherung der Krankenhäuser. Im gemeinsamen PVS einblick-Interview: Stephan Buttgereit, IT-Koordinator der PVS 24 PVS einblick holding, Thomas Heßling, Geschäftsführer bei DMI und Anke Rehnelt, Leitung Erlös- management der Katholisches Klinikum Lü- nen/Werne GmbH über PVS as a Service mit System- und Dienstleistungen von DMI. Wie stellt sich aktuell die Akten- und Datenbe- reitstellung als Grundlage zur Durchführung der Privatliquidation aus Sicht der PVS dar? Stephan Buttgereit (PVS): Tatsächlich füh- ren viele Kliniken noch großteils konventio- nelle Papierakten, die uns dann auch für die Durchführung der Privatliquidation bereit- gestellt werden. Hinzu kommt, dass manche Kliniken einen Teil ihrer Dokumentation nicht archivieren und liebgewonnene Prozes- se der dezentralen Datenhaltung beibehalten möchten. Papierakten sind insofern nicht sel- ten mehrere Wochen „unterwegs“ und stehen dem Klinikum dann nicht oder nur unvoll- ständig für den kurzfristigen Bedarf zur Ver- fügung. Welche Folgen hat das Festhalten an der Papierakte? EINFACHER GEHT ES NICHT – zeitnahe, vollständig digitale Verfügbarkeit der lückenlosen Fallakten ARCHIVIERUNG/ DIGITALISIERUNG
i r e g n i l e N n a i t s i r h C © : o t o F Stephan Buttgereit (PVS): Es entstehen mit- unter aufwändige Prozesse. Damit dem Ab- rechnungsdienstleister vollständige Akten bereitgestellt werden können, müssen digita- le Dokumente oder Digitalisate im Rahmen der Papieraktenabrechnung in Massen rea- nalogisiert werden. Dann wiederum gibt es Kliniken, die zwar über vollständige, digita- lisierte Fallakten in den Archivsystemen ver- fügen, in denen der Export und Übergabe- prozess aber manuell per Upload erfolgt. Nun ist der Umstieg auf die digitale Fallak- tenbearbeitung in der Umsetzung. Was sind die Leistungsbestandteile und welche Vorteile sind zu erwarten? Thomas Heßling (DMI): Der Prozess läuft von Beginn der Patientenaufnahme bis zur Abrechnung über lückenlose HL7-Kommu- nikation digital. Noch vorhandenes Papier wird direkt nach der Patientenentlassung digitalisiert hinzugefügt. System und Ser- vice kommen aus einer Hand und sind im Informationssicherheits-, Datenschutz- und Qualitätsmanagementsystem (IDQMS) von DMI nach ISO 9001/27001 zertifiziert. Ba- sis des Systems ist die Sicherstellung einer vollständigen und inhaltlich qualifizierten digitalen Fallakte. Hier versorgen wir als DMI mehr als 800 Kliniken mit Systemleis- tungen der Akten- und Dokumentenver- waltung sowie Dienstleitungen zur Digitali- sierung, Konsolidierung und Qualifizierung der Fallakten und deren beweiswerterhal- tende Langzeitarchivierung. Darüber hin- aus sind die Kliniken über die DMI Private Cloud mit Leistungspartnern wie den Privat- abrechnungsdienstleistern verbunden. Die Verwaltung der Privat-Fallakten in den Se- kretariaten und/oder im Patientenmanage- ment der Kliniken erfolgt mittels HL7-Kom- munikation zum KIS im DMI AVP (Dieses System wird in Lünen und in über 400 Kli- niken eingesetzt) oder in einem anderen Anwendungssystem. Nach Digitalisierung der Papierakte/-dokumente und qualifizier- ter Konsolidierung mit den digitalen Doku- WIR LEGEN DEN GRUNDSTEIN FÜR IHR MODERNES, EFFIZIENTES MANAGEMENT. Stephan Buttgereit, IT-Koordinator PVS dialog menten sowie entsprechender Statusanzeige im DMI AVP wird der Fall vom Chefarztse- kretariat oder Patientenmanagement zur Pri- vatliquidation freigegeben. Damit stehen die Vorgänge in der DMI Private Cloud den Ab- rechnungsdienstleistern zur direkten Beaus- kunftung in der DMI SaaS-Lösung oder zum Download in ein eigenes System zur Verfü- gung. Stephan Buttgereit (PVS): Im Vordergrund steht vor allem die Reduzierung des admi- nistrativen Aufwands in den Chefarztsekre- tariaten oder im Patientenmanagement. Bei AVP8-Häusern wird PVS-seitig durch die Eingabe der vierstelligen DMI-Kundennum- mer im Kommunikationsportal PVS dialog bereits alles Notwendige automatisch vorbe- reitet: Der Informationsaustausch mit DMI wird in Form einer Datei bereitgestellt, die der Kunde entsprechend an DMI weitergibt. Einfacher geht es nicht – und die IT wird nicht belastet. Darüber hinaus profitieren unsere Kunden von der zeitnahen, vollstän- dig digitalen Verfügbarkeit der lückenlosen Fallakten und der gutstrukturierten Identi- fikation abrechnungsrelevanter Dokumente und Daten. In Bezug auf die Abrechnungs- sicherheit profitieren wir zusätzlich auch von der zertifizierten Gesamtleistung des Spezia- listen für Patientendatenverarbeitung DMI. Auf dieser Grundlage sind sowohl Einspa- rungen im Prozess als auch eine verbesser- te Compliancebasis für die Abrechnung ge- währleistet. Welche Vorteile sprechen für den gemeinsa- men Service von DMI und der PVS holding? Thomas Heßling (DMI): Wir als DMI ken- nen die Komplexität von Prozessen rund um die Patientenakte und unterstützen als Archi- var 4.0 die digitale Transformation informa- tionsbasierter Prozesse in den Kliniken. Für den Erfolg des Prozesses der Privatliquida- tion ist die zeitnahe effiziente Bearbeitung zur vollständigen und beweissicheren Ab- rechnung gegenüber den privaten Kosten- ARCHIVSYSTEM FREIGABE DER DOKU DMI PRIVATE CLOUD MIT PVS DIALOG PVS einblick 25
Thomas Heßling, Geschäftsführer DMI I M D © : o t o F trägern entscheidend. Diese Zielsetzung verfolgt die PVS mit dem Bewusstsein, dass dies letztendlich nur gewährleistet werden kann, wenn das unterstützende Akten- und Datenmanagement entsprechend zuarbei- tet. DMI sorgt für diese Zuarbeit und ist ein nachhaltig verlässlicher Prozesspartner für die PVS. Stephan Buttgereit (PVS): Die PVS ist ein über Jahrzehnte erfahrener Dienstleister für einen sehr wichtigen und hochspezia- lisierten Abrechnungsdienst für Kliniken. Wir streben danach, unseren Kunden ein Höchstmaß an Prozesseffizienz und Er- gebnisqualität im Abrechnungsprozess zu liefern. Dabei sind wir aber auch vom Ak- ten- und Datenmanagement des Klinikums abhängig. Bei diesem Thema ist DMI seit über fünf Jahrzehnten ein absoluter Kompe- tenzträger und Qualitätsanbieter im deut- schen Gesundheitswesen. Es ist für uns im Sinne unserer Kunden ein großer Vorteil, in DMI einen Partner zu haben, der System und Services für ein effizientes und siche- res Akten- und Datenmanagement liefert. Unsere Projekte mit DMI funktionieren. Wir sind vom Nutzen der Zusammenarbeit vollends überzeugt. Anke Rehnelt (Klinikum Lünen/Werne): Gerne bestätige ich die partnerschaftlichen Aussagen unserer beiden Dienstleistungs- partner. Man merkt, dass mit DMI und PVS zwei erfahrene Prozessspezialisten zusam- menkommen, die in ihren Kompetenzen komplementär sind und “Hand in Hand“ zusammenarbeiten. Das ist für ein erfolg- reiches IT-Projekt sehr wichtig und spiegelt sich in unserem Projekterfolg auch entspre- chend wider. Verschwendung wertvoller Zeitressourcen bei den betroffenen Fachkräften durch die Privatabrechnung gehören bei uns der Ver- gangenheit an. Heute profitieren wir von einem digitalisierten, effizienten und siche- ren Prozess in einem wichtigen Bereich des Erlösmanagements. Davon profitiert das ge- • samte Unternehmen Krankenhaus. PVS DIALOG DAS ONLINE-PORTAL FÜR IHRE ABRECHNUNG Möchten Sie jederzeit schnell auf Ihre Kontostände zugreifen und komfortabel und sicher mit Ihrer PVS kommunizieren? Profitieren Sie von den Möglichkeiten, die Ihnen unser Online-Portal PVS dialog bietet. Mit nur einem Klick erhalten Sie alle wichtigen Informationen zu Ihrer Rechnungsabwicklung und sind immer auf dem neuesten Stand. PVS dialog ist die digitale Kommunikationsplattform Ihrer PVS, in der alle Informationen zur Abrechnung jederzeit abrufbar sind – und das mit voller Datensicherheit! WIR SCHAFFEN MEHRWERTE. Ob in der Praxis oder in großen Einheiten, wie Kliniken und Medizinischen Versorgungszentren – PVS dialog bietet die smarte Lösung für Ihre individuellen Anforderungen bei der Abrechnung. 24-STUNDEN-SERVICE: RUND UM DIE UHR DATEN-ZUGRIFF AUCH ALS APP EIN KOSTENLOSER SERVICE FÜR PVS-KUNDEN pvs-dialog.de
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LANDÄRZTEMANGEL – DAS PROBLEM IN DEN KÖPFEN In ländlichen Gegenden müssen Patienten immer häufi ger weite Wege zurücklegen, um einen Arzt aufzusuchen. Auch werden Hausärzte hierzulande zusehends älter, fi nden aber keine Nachfolger, die sich eine Niederlassung jenseits der Stadt vorstellen können. Eine alarmierende Entwicklung, die mit ganz unterschiedlichen Maßnahmen abgefedert wer- den soll. Laura Löffl er von der Ärztegenossenschaft Nord eG über Ursachen, Chancen und Lösungen in Sachen Landärztemangel. Möchte man das Problem der man- gelnden medizinischen Versor- gung genauer untersuchen, gilt es, gleich mehrere Faktoren in Betracht zu ziehen. So haben sich die Strukturen in ländlichen Regionen über die Jahre gewandelt: Supermärkte schlossen ihre Pforten, Postfi lialen zogen weg und auf- grund der Konkurrenz durch den Ver- sandhandel haben mittlerweile auch viele Apotheken zu kämpfen. Gleichzeitig zieht es junge Menschen vermehrt in die Städ- te. Während indes bei Allgemeinmedizi- nern der Altersdurchschnitt steigt, strebt die kommende Ärztegeneration vermehrt Teilzeitstellen an – die Nachfolgeregelung für eine Praxis gestaltet sich somit zuse- hends schwieriger. Zu all diesen Ursa- chen gesellt sich noch ein Problem in den Köpfen: Dort hat sich mitunter ein recht schiefes Bild des betroff enen Berufsfeld verfestigt, das sich aus Vorurteilen, Kli- schees und Vorabendserien zusammen- setzt. Der Landarzt, irgendwo zwischen Traktor, Fachwerkhaus und 24-Stunden- Bereitschaft sdienst? Laura Löffl er ist stellvertretende Geschäft s- führerin der Ärztegenossenschaft Nord eG mit Sitz in Bad Segeberg, leitet dort das Ressort „Regionale Versorgung“ und ver- deutlicht: „Je nach Region sind natür- lich Unterschiede festzustellen. Hier in 28 PVS einblick m o c . e b o d a . k c o t s - 1 1 8 2 o c r a M © : o t o F
Ein Besuch beim Hausarzt gestaltet sich in ländlichen Regionen nicht immer leicht. Schleswig-Holstein etwa haben wir die besondere Situation mit den Inseln. Wer dort eine Einzelpraxis führt, wird natür- lich auch außerhalb der Behandlungszei- ten von den Patienten angesprochen. Der typische Fall ist heute aber eher eine Pra- xisgemeinschaft mit festen Arbeitszeiten, Hausbesuchen und einem guten Maß an Flexibilität.“ Tatsächlich ist es das bereits erwähnte Problem in den Köpfen, das Laura Löffler für den negativ-behafteten Ruf des Landarztes heranzieht: „Zur Ein- dämmung der Ärzteschwemme in den 1980er-Jahren wurde über viele Jahre hin- weg falsche Presse betrieben und Angst vor Regressen geschürt. Hohes Arbeits- pensum, wenig Ertrag – so die damalige Berufsdarstellung des Hausarztes.“ Diese Denkweise ist heute ins Negative umge- kippt, denn längst ist aus der Schwemme in vielen Regionen ein Mangel geworden. Hilft eine Landarztquote? Als erstes Bundesland führte Nordrhein- Westfalen die in der Politik viel diskutierte Landarztquote im Medizinstudium ein. Das bedeutet seit dem Wintersemester 2019/2020 in einem ersten Schritt kon- kret: Außerhalb des eigentlichen Ver- gabeverfahrens gehen 7,6 % der Medi- zinstudienplätze an Bewerber, die sich vertraglich dazu verpflichten, nach ihrem Abschluss für zehn Jahre in einer Region als Hausarzt zu arbeiten, wo Unterversor- gung herrscht. Der Freistaat Bayern folgt dieser Regelung ab dem kommenden Wintersemester und reserviert 5,8 % aller Studienplätze für angehende Landärzte; Rheinland-Pfalz reagiert mit dem „Lan- desgesetz zur Sicherstellung der haus- ärztlichen Versorgung in ländlichen Re- gionen“ ebenfalls (6,3 %). Weitere Länder planen, prüfen und entwerfen Gesetze. m u s ü B m u r t n e z e t z r Ä © j e d . a k u e n n a © : o t o F : o t o F Pocht auf weniger Bürokratie: Laura Löffler, stellvertretende Geschäfts- führerin der Ärzte- genossenschaft Nord. Doch bilden zugesicherte Studienplätze und finanzielle Anreize tatsächlich die notwendige schnelle Hilfe ab? „Erster An- satz sollte vielmehr sein, zentral vor Ort eine attraktive Infrastruktur aus ambulan- ten Dienstleistern aufzubauen“, so Laura Löffler. „Zudem müssen mehr Koopera- tionen mit anderen Berufen bei gleichzei- tig weniger Bürokratie stattfinden. Auch gemeinsame Projekte mit der Pflege wä- ren denkbar.“ Damit Patient und Arzt wieder mehr zusammenwachsen, arbeitet die Ärztegenossenschaft Nord eG eng mit den Kommunen vor Ort zusammen. Ge- meinden und auch größere Städte etwa, in denen Probleme bei der Nachbeset- zung von Praxen bestehen. Laura Löff- ler erkennt hier eine erfolgversprechende Zusammenarbeit: „Die Kommunen ver- folgen in erster Linie gemeinnützige Inte- ressen, investieren in Steine und erleich- tern so beispielsweise die Etablierung von Versorgungszentren.“ Onlinesprechstunde als moderne Ergänzung Wirtschaftlichkeit steht für die Ärztege- nossenschaft nie an erster Stelle – vor- rangiges Ziel ist stets, die ärztliche Ver- sorgung vor Ort langfristig zu sichern. Dies kann auch dank moderner Lösun- gen der Telemedizin geschehen. Fehlt es in ländlichen Regionen an Ärzten oder ist ein Patient mobil eingeschränkt, kann die Onlinesprechstunde eine passable Alternative zum Praxisbesuch sein und vorhandene Lücken schließen. „Es ist ab- zusehen, dass vielerorts die fachärztliche Versorgung flächendeckend nicht zu hal- ten ist“, blickt Laura Löffler in die nicht allzu ferne Zukunft. „Hier kann ich ein Projekt nennen, das wir gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse auf den Weg gebracht haben. Patienten des Gesund- heitszeitrums Büsum ist es möglich, mit Haus- und Facharzt ein gemeinsames Moderner Vorreiter: Das Gesundheitszentrum Büsum setzt auch auf Telekonsile. PVS einblick 29 m u s ü B m u r t n e z e t z r Ä © : o t o F
auch die Attraktivität einer eigenen Praxis herausstellen und Brücken bauen. Heißt, es angehenden Ärzten, die sich noch nicht selbstständig machen möchten, jedoch eine spätere Niederlassung anstreben, er- möglichen, als Angestellter in den Beruf hineinschnuppern.“ Letztlich müssen für den Erhalt der regionalen Versorgung je- doch alle Beteiligten auf Bundes- und Landesebene an einem Strang ziehen, da- mit es nicht nur bei Leuchtturmprojekten bleibt, sondern zukunftsfähige Ideen Rea- • lität werden können. aegnord.de t d e t s r e b l i S s u u h r e t k o D © : o t o F t d e t s r e b l i S s u u h r e t k o D © : o t o F ... fördert die Ärztegenossenschaft Nord die medizinische Versorgung. Auch im „Dokter- huus Silberstedt“ ... Telekonsil durchzuführen. Ein zusätzli- cher Praxisbesuch – etwa beim Augen- arzt – entfällt somit.“ Da der Hausarzt wie erwähnt an dieser „Videosprechstun- de“ teilnimmt, können sämtliche Fragen koordiniert beantwortet werden. Klar ist: Diese Technik stellt keinen Ersatz des Haus- oder Facharztes dar. Vielmehr bil- det die Fernbehandlung eine moderne Ergänzung ab. Laura Löffler zeigt Verständnis dafür, dass eine Anstellung für die nachrückende Ärztegeneration wichtig ist: „Gleichzeitig möchten wir als Ärztegenossenschaft aber ENTSCHEIDUNGEN NICHT ALLEINE TREFFEN Die Problematik des (Land)Ärzteman- gels aktiv angehen: Die Initiative „Unter- nehmensWertArzt“ unterstützt seit über einem Jahr Ärztinnen und Ärzte, die sich vor allem in ländlichen Regionen nieder- lassen möchten. Ziel ist es, Hemmschwel- len bestmöglich niedrig zu halten. Es können ganz unterschiedliche Hür- den sein, die es im Rahmen einer ange- dachten Niederlassung zu überwinden gilt: Neben der Regelung finanzieller und bürokratischer Fragen planen junge Ärz- tinnen und Ärzte vielleicht einen Haus- bau oder begeben sich auf die Suche nach ROBERT TARGAN Freier Texter, Autor & Redakteur roberttargan.de einem Kita-Platz. Damit Praxisgründer mit diesen Herausforderungen nicht al- lein gelassen werden und Zweifel im bes- ten Falle erst gar nicht entstehen, wurde im Frühjahr 2019 die Initiative „Unter- nehmensWertArzt“ (UWA) ins Leben ge- rufen. Die beiden Projektgründer Lara Bäumer (Geschäftsführerin des Bera- tungsbüros für Heilberufe „praxisstark“) und Stefan Spieren (niedergelassener Arzt im sauerländischen Hünsborn) haben es sich zur Aufgabe gemacht, unterneh- merische Kompetenzen zu stärken und beteiligte Parteien zu vernetzen. Mit Erfolg: Das Projekt wird von der EU gefördert und konnte Karl-Josef Lauman, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Lan- des NRW, als Schirmherrn gewinnen. Ihr Fachwissen stellen die Initiatoren digital sowie im Rahmen vieler örtlicher Veranstaltungen zur Verfügung. Fragen zu Tarifverträgen, staatlichen Förderun- gen, Gründungszuschüssen oder auch Förderkrediten können so geklärt werden – spezielle Coachings runden das Ange- bot zur Hilfe bei der Praxisgründung ab. Auch treibt das Projekt die Digitalisie- rung im ländlichen Raum voran, bringt Praxisgründer und -abgeber zusammen und steht bei Fragen zum Wohnortwech- sel mit Rat und Tat zur Seite. Aufgrund der EU-Förderung sind die Leistungen von UWA kostenfrei. Hinzu kommen zu- sätzliche Drittmittel und mehrere ehren- amtliche Projektunterstützer, zu denen auch die PVS als Kooperationspartner zählt. So profitieren alle Beteiligten von einem starken Netzwerk und einer hohen • Expertise. unternehmenswertarzt.de 30 PVS einblick
Buchtipp und Verlosung: VON ANFANG AN GESUND Gesundheitskräfte natürlich stärken für Kinder von null bis drei Die Gesundheit der eigenen Kinder ist für Eltern das wertvollste Gut. Doch bei kaum einem ande- ren Th ema kursiert so viel Halbwissen und Un- sicherheit. Zwei Ärzte aus Berlin sind nun unter die Autoren gegangen, um einen neuen Blickwinkel auf die Entstehung von Krankheit und Gesundheit zu öff - nen. Sie fordern ein umfassenderes Verständnis von Gesundheit, Primärprävention und Krankheit und halten eine ausschließlich medikamentöse Behandlung bereits entstandener Erkrankungen im Lichte neuester wissenschaft licher Erkenntnisse nicht für sinnvoll: „Wir als Ärzte, Väter und Menschen wünschen uns einen Paradigmenwechsel, hin zu einem selbstverantwortli- chen und -bestimmten Verständnis von Gesundheit, Krankheit und Heilung. Nur so kann auch die Quali- tät von Gesundheit zunehmen“. Dr. med. Klaus-Dieter Früchtenicht ist als nie- dergelassener Kinderarzt und Kinderneuro- loge in Berlin tätig. Prof. Dr. Georg Sei- fert ist Oberarzt in der Kinderonkologie und Professor für Naturheilkunde und Integrative Medizin in der Kinderheil- kunde an der Charité in Berlin sowie an der Universität von Sao Paulo, wo er brasilianische Naturheilkunde und Die frühe Kindheit beeinfl usst die gesundheitliche Verfassung bis ins Erwachsenenleben. Das Gesundheitsverhalten der Mutter während der Schwangerschaft sowie frühkindliche Prä- gungen sind entscheidend für den späteren Lebensweg. m o c . e b o d a . k c o t s - o t o h P M G D © : o t o F PVS einblick 31
Dr. med. Klaus-Dieter Früchtenicht (rechts) ist als niedergelassener Kinderarzt und Kinderneurologe in Berlin tätig. Prof. Dr. Georg Seifert ist Oberarzt in der Kinderonkologie und Professor für Naturheilkunde und Integrative Medizin in der Kinderheil- kunde an der Charité in Berlin sowie an der Universität von Sao Paulo. 32 PVS einblick i r e l k n W a l u a P © : o t o F
traditionelle Medizin erforscht. Als Väter wissen sie aus eigener Erfahrung, worü- ber sie schreiben. Ohnehin steigt in der Fachwelt das Bewusstsein, wie wichtig es ist, Familien mit kleinen Kindern durch eine adäquate Grundversorgung im Bil- dungs-, Sozial- und Gesundheitswesen zu unterstützen. Das Buch ist spannend, ver- ständlich und gut lesbar geschrieben. Die beiden Mediziner betonen die Körper- Geist-Seele-Einheit und die selbstheilen- den Kräfte in uns als Teil von Gesundheit und Krankheit. Es sind eben nicht nur die Gene, die unsere Gesundheit bestimmen. Wir selbst kön- nen unser Erbgut und unsere Anlagen nachhaltig mit unserem Verhalten beein- flussen – und damit auch die Gesundheit unserer Kinder und Enkel. Gesundheit ist also ein aktiver Prozess und kein einmal erreichter und fixierter Zustand. Mit der Herausgabe ihres Buches „Von Anfang an gesund“ wollen die Autoren ihre Erfahrungen weitergeben – nicht nur an ein Fachpublikum, sondern an die, die es angeht: Familien und angehende Eltern. Die Entstehung und der Verlauf von Krankheiten werden ganz wesent- lich durch Einflüsse auf unser Erbgut bestimmt, die bereits in der Zeit vor der Geburt, vor allem aber in den ersten drei Lebensjahren erfolgen. Die frühe Kind- heit beeinflusst die gesundheitliche Ver- fassung bis ins Erwachsenenleben. Das Gesundheitsverhalten der Mutter wäh- rend der Schwangerschaft sowie früh- kindliche Prägungen sind entscheidend für den späteren Lebensweg. Wer zudem in frühen Jahren Gesundheitskompeten- zen erlernt und Schutzfaktoren aufbaut, ist später gut gewappnet für gesundheit- liche Herausforderungen und kann das eigene Erkrankungsrisiko verringern. Da die Familie für ein Kind in den ersten Lebensjahren das entscheidende soziale Bezugssystem darstellt, können Fami- lien wesentlich zum Aufbau der inneren Heilungskräfte beitragen. Es werden Wei- chen gestellt, die bis ins Erwachsenenalter einen Einfluss auf Psyche, soziale Ent- wicklung und das gesundheitliche Wohl- befinden haben. Gesundheitsförderung und Prävention als Aspekt der frühen För- derung unterstützt Kinder von der Geburt bis zum Schuleintritt in ihrem Lern- und Entwicklungsprozess. Diese Förderung VERLOSUNG Wir verlosen drei Exemplare des Buches „Von Anfang an gesund. Gesundheitskräfte natürlich stärken für Kinder von null bis drei" Schicken Sie uns eine E-Mail oder eine Postkarte unter Angabe Ihrer Kundennummer bzw. Ihres Namens und Adresse mit dem Betreff „Buch“ bis zum 15. Juli 2020 an: PVS holding GmbH Redaktion PVS einblick Remscheider Str. 16 45481 Mülheim an der Ruhr oder: gewinnspiel@ihre-pvs.de Die Daten werden ausschließlich für die Zwecke der Verlosung verwendet. Die Gewinner werden in der nächsten Ausgabe veröffentlicht und schriftlich benachrichtigt. Barauszahlung ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitarbeiter der PVS sind vom Gewinnspiel ausgeschlossen. geschieht zum großen Teil in der Familie. Sie wird aber auch mit Unterstützungsan- geboten außerhalb der Familie realisiert. Kinderneurologe Klaus-Dieter Früchte- nicht und Kinderonkologe Georg Seifert verknüpfen traditionelle Naturheilkunde und neueste wissenschaftliche Erkennt- nisse mit Fallbeispielen aus ihrer langjäh- rigen Praxis. Sie geben praktische Tipps zur täglichen Anwendung bei Kinder- krankheiten, Infekten und Entwicklungs- störungen – für lebenslange Gesundheit. Krankheiten entstehen, neueste medizi- nische Forschungen der Epigenetik, Im- munbiologie und Neuropsychologie be- legen jedoch: Gesundheit ist erlernbar und die Grundlagen dafür werden bereits vor der Geburt angelegt. Wie aber kön- nen unsere Kinder von Anfang an kör- perliche und seelische Widerstandsfähig- keit ausbilden? Psyche, Umwelt, Biologie und Genetik spielen dabei eine entschei- dende Rolle. Anhand von Beispielen bie- ten Neuropädiater Klaus-Dieter Früchte- nicht und Kinderonkologe Georg Seifert konkrete Handlungsanweisungen für El- tern im Alltag – ob bei Fieber, bakteriel- len Infektionen oder zu Ernährung und Schlaf. Im Vordergrund stehen dabei die körpereigenen Selbstheilungskräfte des Menschen. Denn Gesundheit ist mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit. Sie ist im weitesten Sinne die Fähigkeit, sich körperlich und seelisch einer sich ständig verändernden Umwelt anzupassen. Bisher bekämpfen wir Krankheit erst dann, wenn sie entstanden ist – doch die alleinige, vor allem medikamentöse Behandlung ist im Lichte der neuesten wissenschaft- lichen Erkenntnisse nicht sinnvoll. Beide Ärzte plädieren daher für einen Perspek- tivenwechsel. Ein kluges und praxisnahes Buch mit gesicherten Erkenntnisse der Immunbio- logie, Neuropsychologie und Epigenetik, aber auch alltagspraktischen Hinweisen, das Eltern als Ratgeber benutzen kön- nen. Da wo es hilft, Beschwerden lindert ohne zu schaden, werden auch Tipps und Hausmittel beschrieben, die heute noch zum Wissensschatz eines langjährig prak- tizierenden Kinderarztes gehören. „Jedes einzelne Forschungsergebnis bleibt für sich genommen richtig, ist aber nur ein kleiner Baustein des Wunders, das den ganzen Menschen ausmacht“ – davon • sind die Autoren überzeugt. DR. CHRISTINE WINKLER Pressereferentin der PVS cwinkler@ihre-pvs.de PVS einblick 33
ES DARF GEREMPELT WERDEN Sie heißen Berlin Wallbreakers, Munich Dynamite oder RuhrPott Roller Girls – Teams der Deutschen Roller Derby Bundesliga. Bei dieser Sportart auf Rollschuhen treffen Kondition, körperliche Belastung und teils harte Rempeleien aufeinander. Erstmals 1935 in den USA als wildes Ausdauerrennen inszeniert, hat sich die Disziplin über die Dekaden professionalisiert und ist im Jahr 2006 auch in Deutschland angekommen. Der in der Hauptsache von Frauen ausgeübte Vollkontaktsport besticht neben takti- schem Anspruch auch durch seine Showelemente. 34 34 PVS einblick PVS einblick
Eine Mischung aus Taktik und Vollkontakt: Beim Roller Derby geht es ordentlich zur Sache. Derby-Events – Sportpromoter Leo A. Setzer – überarbeitete das Konzept und rückte in den 1940er-Jahren den Showcharakter in den Fokus. Fortan entwickelte sich der Sport dank Rempeleien und Schubsereien zum publikumswirksamen Spektakel. Erst rund um die Jahrtausendwende besann man sich in Roller Derby-Kreisen wieder mehr aufs Sportliche – heute steht vor allem der Wett- kampfaspekt im Mittelpunkt. h c i r s a L n e t s r o h T © : o t o F Mitbestimmung und Gemeinschaftsgefühl Stefanie Knippertz (37) hat vor über zehn Jahren mit anderen Interessierten das in Essen angesiedelte Team der RuhrPott Rol- ler Girls ins Leben gerufen. Sie zeichnet die Entwicklung nach: „Der Sport ist defi nitiv – im Gegensatz zur Form wie er 2006 nach Deutschland und Europa kam – ernsthaft er geworden. Ernsthaft er in dem Sinne, dass er wie eigentlich jede andere Sportart von einem Verband organisiert wird und es einen regel- mäßigen Spielbetrieb sowie Anforderungen an die Vereine gibt. Einer der wichtigsten und besonderen Werte des Roller Derby ist aber nach wie vor die Mitbestimmung und Gestaltung des Sports durch die Aktiven auf allen Ebenen. Das Gemeinschaft sgefühl eben.“ Und dieses äußert sich vor allem in der Do-it-yourself-Mentalität der Sportle- rinnen: „by the skaters, for the skaters“, lau- tet die Devise. So tragen die Mitglieder vieler Teams vor den Rennen Gesichtsbemalungen auf; auch besitzen die Spielerinnen allesamt Kampfnamen. Bei den RuhrPott Roller Girls schnallen sich etwa Bella Knockarella, Hulkie Frankenstein und Kamikaze Queen die Roll- schuhe an. Stefanie Knippertz (Kampfname: D.I. Die) erinnert sich an die ersten Berüh- rungspunkte mit ihrer Leidenschaft : „Ich fand Rollschuhlaufen schon immer toll, be- saß auch Rollschuhe vom Flohmarkt, wusste aber nie so richtig, was ich damit anfangen soll. In einer amerikanischen Zeitschrift ha- be ich dann zum ersten Mal etwas über diese verrückte Sportart, bei der starke Frauen sich auf Rollschuhen bekämpfen, gelesen.“ Heu- te schätzt Knippertz besonders die Kombi- nation aus Vollkontakt und anspruchsvoller Taktik, geht es doch darum, mit vollem Kör- pereinsatz Gegnerin um Gegnerin zu über- holen. „Blaue Flecken haben wir alle, immer“ Die Professionalisierung von Roller Derby hat dafür gesorgt, dass mittlerweile Welt- meisterschaft en und mehrere größere euro- Eine ovale, fl ache Bahn („Track“), auf der zwei Teams mit je vier „Blockerinnen“ und einer „Jam- merin“ gegeneinander antreten. Dies tun sie in mehreren Runden („Jams“), die jeweils maximal zwei Minuten dau- ern – auf Rollschuhen geht es gegen den Uhrzeigersinn um Punkte. Rol- ler Derby lebt neben seiner Schnellig- keit und der benötigten Agilität vor al- lem vom Zusammenhalt innerhalb der Teams, schließlich ist es nur mit einer gemeinschaft lichen Taktik möglich, als off ensive „Jammerin“ die defensiven „Blockerinnen“ zu überholen und so- mit Zählbares einzufahren. Eine Begeg- nung („Bout“) wird in zwei Hälfen à 30 Minuten ausgetragen; zur Ausstattung der Spielerinnen gehören Knie-, Ellbo- gen- und Handschützer sowie Helm und Mundschutz. Als der Sport noch in sei- nen Kinder(roll)schuhen steckte, gaben viele Spielerinnen und Spieler schnell auf, da häufi ge Verletzungen und tota- le Erschöpfung an der Tagesordnung waren. Der geistige Vater der Roller päische Turniere ausgetragen werden. In Deutschland spielen jeweils bis zu sieben Teams in der ersten, zweiten und dritten Bun- desliga; die offi ziellen Regeln gibt der Welt- verband „Woman's Flat Track Derby Associa- tion“ heraus. Zum Spielbetrieb gehören auch zahlreiche Offi zielle, die etwa Punkte zäh- len oder Strafzeiten („Penalties“) vergeben. Letztere werden notwendig, wenn die Defi - nition von „Vollkontakt“ etwas zu weit aus- gelegt wird. Soll heißen: Erlaubt ist das aktive Blocken mit Schultern, Hüft en, Rücken, Ge- säß oder der Vorderseite. Untersagt sind hin- gegen Festhalten, Schubsen, gezieltes Weg- schieben sowie das Blocken in den Rücken oder im Kopf- und Halsbereich. Die Unter- arme ab der Ellbogen dürfen ebenfalls nicht zum Einsatz kommen. Neben den erwähn- ten Strafzeiten drohen auch sofortige Aus- schlüsse vom Spiel. Da drängt sich die Fra- ge nach größeren Verletzungen auf: „Typisch sind natürlich Prellungen, die alltäglich, aber harmlos sind“, so Stefanie Knippertz. „Blaue Flecken haben wir alle, immer. Auch kommt es oft zu Verletzungen von Sehnen, Bändern und Muskeln. Die Häufi gkeit lässt sich aber durch konsequentes, zusätzliches Kraft - und Mobilitätstraining, das wir auch anbieten, etwas einschränken.“ Und Knochenbrüche? „Die kommen natürlich vor, aber auch nicht öft er als in anderen Sportarten“, macht D. I. Die ihrem martialischen Namen gelassen alle Ehre. Wer sich von dieser charmanten Ruppigkeit nicht abschrecken lässt, ist in der Szene herz- lich willkommen: Denn trotz der stetigen Weiterentwicklung ist Roller Derby längst kein Sport der Massen. Nachwuchs ist daher gerngesehen. Stefanie Knippertz weiß zudem um die ein oder andere Hürde: „Man benö- tigt nun mal Rollschuhe, Schoner und einen Helm. Auch eignen sich nicht alle Sportstät- ten beziehungsweise sind manche nicht für Rollsport freigegeben. Als Verein bauen wir aber Barrieren ab, indem wir beispielswei- se Rollschuhe zur Probe verleihen oder die Kosten für Auswärtsfahrten übernehmen. Zweimal im Jahr veranstalten wir außerdem Kennlerntage, zu denen alle Interessierten eingeladen sind.“ Bella Knockarella, Hulkie Frankenstein und Kamikaze Queen freuen sich jederzeit über neue Mitstreiterinnen. • ruhrpottrollerderby.de ROBERT TARGAN Freier Texter, Autor & Redakteur roberttargan.de PVS einblick 35
GEMEINSAM HÜRDEN ÜBERWINDEN Seit einem schweren Motorradunfall vor sieben Jahren sitzt der Dürener Thomas Moll im Rollstuhl. Dass ihn seitdem zu keinem Zeitpunkt der Lebensmut verließ, hat er vor allem Frau und Familie sowie seinen beiden Kindern (6 und 8) zu verdanken. Gleichzeitig möchte der 38-Jährige auch anderen Betroffenen mit Handicap Mut machen: Niemand muss sich seinem Schicksal ergeben. Wer den Lebensmut nicht verliert, kann aus Krisen gestärkt hervorgehen. 36 PVS einblick m o c . e b o d a . k c o t s - t e s a m o r © : o t o F
t a v i r p © : o t o F Thomas Moll auf seinem umgebauten und kippsicheren Motorrad. An das einschneidende Erlebnis, das sich im April 2013 in der Eifel ereignete, hat Th omas Moll heute keine Erinnerungen. Aus Berichten weiß er, dass er aufgrund eines technischen Defekts an seinem Motorrad in einer Kurve stürzte und unmittelbar in ein ent- gegenkommendes Auto geriet. Es folgten dreieinhalb Wochen künstliches Koma im Aachener Klinikum und die anschlie- ßende Diagnose: Querschnittslähmung von der Hüft e abwärts. Wer heute, sieben Jahre später, mit Th omas Moll spricht, begegnet einem absolut gefestigten Men- schen, der in keiner Weise mit dem Schicksal hadert. Viel mehr noch: Der Sturz, so sagt er, hatte sogar positive Kon- sequenzen. Um dies zu verdeutlichen, gewährt der einstige Fahrlehrer einen Blick in die Zeit unmittelbar davor: „Ich war damals per- manent getrieben und unter Strom, was berufl iche und private Ziele betraf. Ohne es eff ektiv zu merken, habe ich mich ge- danklich stets unter Druck gesetzt. Es grenzt an ein Wunder, dass sich nicht schon früher ein Unglück ereignete – im Fahrschulauto beispielsweise.“ Der Unfall habe ihn geerdet: „Die Ruhe, die dadurch gezwungenermaßen in mein Leben trat, die hätte ich mir selber so nie zugestan- den.“ Dabei versprachen die Wochen und Monate nach dem Unfall alles andere als Ruhe, erwarteten Th omas Moll und seine Frau damals doch ihr zweites gemeinsames Kind. Eine ohnehin aufregende Zeit, die sich nun unter völlig neuen Vorzeichen ereig- nete. Auch hier richtete der Familienvater den Blick nach vorn: „Die anstehende Ge- burt war für mich eine riesige Motivation, klare Gedanken zu fassen und mich best- möglich wieder »herzustellen«.“ Aufgrund eines fünfeinhalb Monate andauernden Reha-Aufenthalts in Bonn verpasste Th o- mas Moll zwar viele Ultraschall- und Vor- sorgeuntersuchungen; so ganz wollte er sich diese kostbaren Momente dann aber doch nicht nehmen lassen. „Als eine 3D-Ultra- schall-Untersuchung angesetzt war, habe ich mich tatsächlich aus der Klinik heraus- geschmuggelt“, lacht er heute. „Mein Vater fuhr mich von Bonn nach Kreuzau und auch die Schwestern auf meiner Station drückten ein Auge zu.“ Einen Monat vor der Entbin- dung konnte Th omas Moll die Klinik offi ziell verlassen und ganz normal an der Geburt seines Sohnes teilnehmen. Rückblickend ein große Erfüllung für den heute 38-Jährigen. Die Kinder intensiv aufwachsen sehen Dass ihr Vater im Rollstuhl sitzt, ist für Th omas Molls Kinder absolute Normali- tät. Sie kennen es nicht anders: „Meine Tochter war eineinhalb Jahre alt, als sich der Unfall ereignete. Sie sagt heute, sie könne sich nicht daran erinnern, dass ich mal gelaufen bin.“ Schon als Dreijähri- ge stand sie ihrem Vater dann zur Seite, wenn es galt, kleinere Hürden des Alltags zu überwinden – etwa in Form höherge- legener Regale oder Schränke. „Sie ist mit dieser Hilfsbereitschaft aufgewachsen und total verwurzelt“, berichtet der stolze Papa. Und hier wird nochmals deutlich, weshalb dieser eine Sonntag im April 2013 den Dürener nie in ein emotionales Loch fallen ließ: Er kann seine beiden Kinder intensi- ver als manch anderer Vater aufwachsen sehen. „Das wäre im Beruf des Fahrleh- rers niemals möglich gewesen, denn die- ser brachte schon allein wegen der Nacht- fahrten absolut familienunfreundliche Arbeitszeiten mit sich. Jetzt kann ich mich viel mehr einbringen, auch in den Schul- alltag meiner Kinder. Das empfi nde ich als absolut gewinnbringend.“ Th omas Molls Frau arbeitet im Schichtdienst – er selbst bezeichnet sich schmunzelnd als „Hausfrau und Mutter“. Was in den eigenen vier Wänden dank familiärem Zusammenhalt bestens funk- tioniert, bereitet andernorts auch im Jahre 2020 leider immer noch Probleme: So ver- fügen etwa viele Amtsgebäude zwar über einen barrierefreien Eingang; Büros in PVS einblick 37
Kein Hadern: „Ich war damals zur falschen Zeit am falschen Ort.“ t a v i r p © : ) 2 ( s o t o F Dass sich der vor sieben Jahren Verunfallte sogar wieder auf ein (umgebautes und kipp- sicheres) Motorrad gesetzt hat, mag objek- tiv betrachtet nicht nachzuvollziehen sein, jedoch: „Ich war damals zur falschen Zeit am falschen Ort und hatte auf das Unglück keinen Einfl uss. Es lag nicht in mei- ner Macht.“ Eine Art Bewältigungsstrategie. Ob Glück im Unglück, neuer Lebensmut oder der Rückhalt durch die Familie: Die- se Geschichte hat viele Facetten. Vor al- lem kann und soll sie Menschen in ähnli- chen Situationen Mut machen. Aus diesem Grunde hat Th omas Moll das Projekt „Dein Rollicoach“ gestartet, um im gegenseitigen Austausch Erfahrungen an Betroff ene wei- tergeben zu können: „Das sind vielleicht Ratschläge in puncto Hilfsmittel, Rollstuhl- versorgung oder auch Sport. Gemeinsam schauen, was möglich ist. Denn manchmal genügt schon ein Funken Motivation, um mehr zu schaff en, als man sich eigentlich zu- • traut.“ Da weiß einer, wovon er spricht. facebook.com/Rollicoach Mobil trotz Querschnittslähmung - eine Art Bewältigungs- therapie. den oberen Etagen aber sind mit Rollstuhl nicht zu erreichen. Auch an vielen Bahn- höfen sieht Th omas Moll Verbesserungs- bedarf: „Selbst kleine S-Bahn-Haltestellen sind mittlerweile mit Aufzügen ausgestattet. Diese sind aber leider oft nicht funktions- tüchtig. Aufgrund meines Schwerbehin- dertenstatus kann ich die Bahn frei nutzen, muss aber gestehen, dass ich dieses Ange- bot so selten wie möglich wahrnehme – das Risiko eines defekten Aufzugs am Zielbahn- hof ist mir einfach zu hoch.“ Doch auf den Nahverkehr ist der Familienvater glück- licherweise nicht mehr angewiesen, denn auch in Sachen Mobilität hat er sich heran- gekämpft : Durch die wiedererlangte Rest- funktion in Beinen und Hüft e ist es ihm seit rund drei Jahren wieder möglich, ein Auto mit Automatikschaltung zu fahren – inklu- sive verkehrsmedizinischem Gutachten und TÜV-Bescheinigung. Auch im Familien- urlaub sitzt Th omas Moll samt angehäng- tem Wohnwagen hinterm Steuer und ver- sichert: „Das würde ich niemals tun, wenn ich nur geringste Zweifel hätte oder das Vertrauen meiner Familie fehlen würde.“ ROBERT TARGAN Freier Texter, Autor & Redakteur roberttargan.de 38 PVS einblick
DER GESUNDHEITS-CHECK: „DIE KONKURRENZ ZWISCHEN DEN KASSEN IST GRÖSSER GEWORDEN“ Viele Themen rund ums deutsche Gesundheitssystem beschäftigen derzeit nicht nur Politiker. Sie bewegen und beunruhigen auch die Menschen in ihrem Alltag. Im Interview gibt Ulla Schmidt, ehemalige SPD-Gesundheitsministerin, ihre Einschätzungen von Pfl egereform bis Telemedizin wieder. Zu den gleichen Fragen äußert sich auch Frank Rudolph, Geschäftsführer vom Bundesverband Verrechnungsstellen Gesundheit e.V. (BVVG). 2019 gab es einen Anstieg bei den Übertritten von der GKV in die führen Sie das PKV. Worauf zurück? Ulla Schmidt: Man muss hier dazu sagen, dass die privaten Krankenver- sicherungen vor allem verlockende Angebote für junge Menschen ma- chen. Junge, gesunde Arbeitnehmer mit einem Einkommen über der Bei- tragsbemessungsgrenze können sich zunächst für günstige Beiträge privat versichern und nutzen das dann na- türlich auch. Später bereuen es dann nicht wenige, wenn die Beiträge in der privaten Krankenversicherung mit dem Alter massiv nach oben ge- hen. Dann ist der Wechsel zurück ins System der gesetzlichen Kran- kenkassen aber meist versperrt. Von daher wäre ich vorsichtig, ob so ein Trend wirklich etwas Positives darstellt. Frank Rudolph: Das ist eine interessan- te Entwicklung und kann viele Gründe haben. Viele Versicherte wollen auch in der Krankenversicherung eine Eigen- verantwortung übernehmen. Ein indivi- dueller Versicherungsumfang, Kosten- bewusstsein und Unabhängigkeit von staatlichen Zuschüssen können Gründe Ulla Schmidt, ehemalige SPD-Gesundheits- ministerin. PVS einblick 39 i e d . t d m h c s - a l l u , n e h c a A r ü f t d m h c S a l l i U © : o t o F
I R E G N L E N N A I T S R H C © I I : o t o F Frank Rudolph, Geschäftsführer Bundesverband Verrechnungsstellen Gesundheit e.V. (BVVG). für einen Wechsel von der GKV in die PKV sein. Viele Versicherte wollen sich auch eine freie Arzt- und Krankenhaus- wahl erhalten. Auch das können Wech- selgründe sein. Heiß begehrt sind neuerdings die Be- triebskrankenkassen. 10.200 Unterneh- men in Deutschland bieten ihren Mit- arbeitern eine betriebliche Kranken- versicherung. Worin sehen Sie große Attraktivität für Arbeitnehmer? Ulla Schmidt: Das hängt vor allem da- mit zusammen, dass die Betriebskran- kenkassen sich für alle Bürger geöffnet haben, das heißt, sie müssen gar nicht mehr bei dem entsprechenden Betrieb arbeiten. Viele BKKs machen oft gute Angebote bei der betrieblichen Prä- vention. Die Konkurrenz zwischen den Kassen ist größer geworden. Und damit auch die Wechselwilligkeit der Versi- cherten. Das ist eigentlich eine gute Ent- wicklung für die Versicherten. Als ich noch Gesundheitsministerin war, gab es 420 gesetzliche Kassen, heute noch 109. Frank Rudolph: Früher galt: Geh doch in die Kasse XY, die ist groß und hat die besten Angebote. Aber wir müssen ja ehrlich sein: 95 Prozent aller Kassen- leistungen sind gesetzlich vorgeschrie- ben. Die Konkurrenz unter den Kas- sen ist trotzdem härter geworden. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Leute, die eben bei einem Konzern anfangen, vom Personaler gesagt bekommen: Wir haben eine großartige eigene Kranken- kasse, wollen Sie da nicht Mitglied wer- den? Und wer sagt in so einer Situation schon nein. Was ist mit den Arbeitgebern – ist die Entwicklung für sie nicht eine zusätzliche Belastung? 40 PVS einblick Ulla Schmidt: Ich glaube das nicht. Ich habe da nie Klagen gehört. Diese Pro- zesse laufen ja heute alle elektronisch ab. Das ist nicht mehr so ein hoher Verwal- tungsaufwand wie früher. Frank Rudolph: Das kann ich mir nicht vorstellen. Große Konzerne müssen be- triebswirtschaftlich geführt werden. Auch wenn ein Unternehmen für die eigene Krankenkasse die Verwaltungs- kosten trägt, wird ein Mehrwert da sein. Keiner leistet sich eine Betriebskranken- kasse als reines Hobby. Stichwort Pflegeversicherung. Die Leis- tung sind gerade ausgeweitet worden – mehr Leistungen bedeutet aber auch mehr Kosten. Braucht es einen neuen Ge- nerationenvertrag? Ulla Schmidt: Zwei Drittel aller Pflege- bedürftigen werden heute zu Hause gepflegt. Manche Familien betreuen ihre Kinder und ihre Eltern gleichzeitig. Die Leistungen für diese Menschen müssen verbessert werden. Zugleich gibt es aber auch eine Zunahme an stationär ver- sorgten schwer Pflegebedürftigen. Die Anforderungen an den Pflegeberuf stei- gen. Die Gehälter müssen genauso stei- gen. Und die hohen Eigenanteile der An- gehörigen müssen begrenzt werden. Es muss also auch mehr Geld über Beiträge eingenommen werden, da kommen wir nicht dran vorbei. Das muss es uns auch wert sein. Wir brauchen keinen neuen Generationenvertrag, sondern tragbare Verhältnisse in der Pflege für alle. Frank Rudolph: Jens Spahn hat sich von Anfang an ehrlich gemacht in dieser Frage. Er hat gesagt, dass die künftigen Herausforderungen in der Pflege mehr Geld kosten werden, das über das Soli- darsystem eingenommen werden muss. Zum Generationenvertrag: Wir dürfen nicht alt und jung gegeneinander aus- spielen. Immer weniger Junge müssen aber für immer mehr Alte aufkommen – in der Rente wie in der Pflege. Aber wie wollen wir das denn ändern? Eine kapi- talgedeckte Pflegeversicherung wäre in Deutschland nicht durchsetzbar. Es geht derzeit nur über das Solidarsystem. Gestritten wird über die Existenz der PKV. Einige Bundesländer haben inzwi- schen eine Pauschale Beihilfe für Beam- te eingeführt, die in die GKV wechseln möchten. Ist das nicht ein Angriff auf die
PKV, zumal ja die allermeisten Beamten privat versichert sind? Ulla Schmidt: Beamte können traditio- nell wählen, ob sie sich neben der Bei- hilfe gesetzlich oder privat versichern. Je nach Bundesland und der Lebenssi- tuation deckt die Beihilfe zwischen 50 und 80 Prozent der Kosten ab. In der gesetzlichen Krankenversicherung müs- sen Beamte allerdings ohne Berücksich- tigung der Beihilfe den vollen Beitrag allein zahlen. Als Ministerin wollte ich einführen, dass Beamte den Anteil, der nicht durch die Beihilfe gedeckt ist, auch in der GKV absichern können. Das wä- re für viele Beamte attraktiv gewesen, ist aber stets an der Union gescheitert. All- gemein wäre die Bürgerversicherung hier eine faire Lösung: Alle zahlen gleich viel nach ihrem Einkommen und die Leistungen sind bei allen Kassen gleich. Und das hat nichts mit Sozialismus zu tun, das ist einfach nur gerecht. Frank Rudolph: Ich verstehe Beamte, die darüber erbost sind. Der deutsche Beamtenbund hat da eine strikte Hal- tung. Hier wird durch die Hintertür eine Bürgerversicherung eingeführt. Als hät- ten wir in Deutschland nicht andere Pro- bleme, als ein funktionierendes System umzukippen. Bezahlbarer Wohnraum oder Altersarmut – darum sollte sich die Politik kümmern. Politiker dürfen sich nicht wundern, wenn bei den Bürgern Verdrossenheit aufk ommt. Jetzt kommt wieder einmal eine Studie der Bertels- mann-Stift ung heraus, so pünktlich wie Weihnachten und Neujahr. Das ist purer Populismus und das wissen die Verfasser auch. Wahlfreiheit gilt jetzt in die eine Rich- tung, nämlich von der PKV in die GKV. Müsste es sie nicht auch andersherum geben? Ulla Schmidt: Eine allgemeine Wahlfrei- heit von der PKV in die GKV gibt es so ja nicht. Dafür gibt es gesetzliche Voraus- setzungen, die erfüllt sein müssen. Ab 55 ist der Wechsel nahezu unmöglich. Das hat mit den grundsätzlich unterschiedli- chen Systemen zu tun. Es ist doch klar, dass man nicht im Alter so einfach in die GKV wechseln kann, wenn man zuvor in jungen Jahren von den güns- tigen Beiträgen der PKV profi tiert hat. Der Vorteil der GKV ist ja, dass jeder ohne Ansehung des individuellen Risi- kos krankenversichert ist, innerhalb der Solidargemeinschaft der GKV. Die Bei- träge richten sich nach dem Einkommen. Es wäre nicht fair und auch nicht fi nan- zierbar, wenn man im Alter aus dem in- dividuellen System ohne Ausgleich ein- fach in die Solidargemeinschaft der GKV wechseln dürft e. Wir wollten eine solche Möglichkeit eröff nen, aber nur dann, wenn die PKV in so einem Fall einen Ausgleich aus der Altersrücklage zahlt. Auch das ist an der Union gescheitert. Anders geht es aber nicht. Man muss als junger Versicherten auch an die Kosten in der Zukunft denken, wenn man sich privat versichert. Vor allem Selbständi- ge müssen da ein Auge draufh aben. Der Beitrag steigt ja dann mitunter um meh- rere hundert Euro. Frank Rudolph: Der Einstieg bei der PKV ist oft sehr schwierig. Die Beitrags- bemessungsgrenze steigt jedes Jahr an. Wir müssten den Zugang erleichtern, was immer an SPD und Grünen geschei- tert ist. Es war politisch nicht durchsetz- bar. Echte Wahlfreiheit wäre, wenn jeder entscheiden kann, wo er sich versichern lässt. Aber wäre der Wettbewerb dann auch fair? Dann wären wohl nur noch Gesunde und Junge in der PKV und die GKV müsste horrende Mehrkosten tra- gen. Deshalb bleibe ich dabei: So wie das System jetzt ist, funktioniert es. Warum daran etwas ändern? Und um einmal mit einem Märchen aufzuräumen: Die PKV- Versicherten beteiligen sich sehr wohl in erheblichem Maße an der Finanzierung der GKV. Woher kommt denn dieser Steuerzuschuss des Staates an die GKV? Der fällt nicht vom Himmel. Ein großes Th ema ist die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Da gibt es Vor- behalte auf Patientenseite und das Ge- sundheitswesen ist auch nicht gerade führend auf dem Gebiet. Was muss jetzt getan werden und wer soll die Projekte umsetzen? Ulla Schmidt: Schon als ich Ministerin war, wollten wir die Digitalisierung vo- rantreiben. Es macht Sinn, dass Ärzte sofort wissen, welche Behandlungen schon stattgefunden haben. Dass Apo- theker wissen, welche verschiedenen Medikamente vom Patienten eingenom- men werden, um etwa auch etwas über die Wechselwirkungen sagen zu kön- nen. Die Patienten selbst wissen oft viel zu wenig über ihre Erkrankung und deren Behandlung. Da ist eine elek- tronische Patientenakte von Vorteil. Auf Veranstaltungen zu dem Th ema zeigt sich, dass 80 bis 90 Prozent dafür sind. Und auch andere Neuerungen der Digitalisierung wird es geben müssen. Die digitale Sprechstunde im Netz und die Telemedizin, gerade in den dünn be- siedelten Gebieten, wo schon jetzt zu we- nige Fachärzte sind. Für die Entwicklung und auch was Fördergelder angeht, soll- ten sowohl die großen Unternehmen wie auch die kleinen innovativen Start-Ups einbezogen werden. Der richtige Mix macht es hier. Frank Rudolph: Die Vorbehalte bei der elektronischen Patientenakte sind ja vor allem wegen des Datenschutzes und die müssen ernst genommen werden. Es ist doch so, dass niemand will, dass er beim Vorstellungsgespräch sitzt und alle über seine chronische Krankheit Bescheid wissen. Es gibt eine eigene Abteilung im Gesundheitsministerium für die Digita- lisierung und das ist gut so. Ebenso ist gut, dass die elektronische Patientenakte jetzt 2021 eingeführt wird, auch wenn noch nicht alles ausgereift ist. Es funk- tioniert noch nicht alles und wenn der Chaos Computer Club Lecks aufzeigt, kann das nur gut sein, das weiß auch Herr Spahn. Aber man muss das jetzt durchziehen. In diesem Land wäre nicht so viel aufgebaut worden, wenn immer die Zauderer und Zögerer die Oberhand • gehabt hätten. Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von Interviews mit deutschen Gesundheits- politikern für die Rheinische Post, die mit der Hamburger Agentur Nawrocki PR & Communication GmbH & Co. KG, der DAK und dem BVVG kooperiert: rp-online.de/advertorial/nawrocki-pr/ die-konkurrenz-zwischen-den-kassen- ist-groesser-geworden_aid-49070341 DR. MATHIAS HÖSCHEL 1. Vorsitzender Bundesverband Verrechnungs- stellen Gesundheit e. V. PVS einblick 41
kurz + knapp PVS einblick – AUCH ALS E-PAPER SCHNELL, PAPIERLOS, MOBIL Melden Sie sich zu unserem kostenlosen Newsletter an und verpassen Sie keine Ausgabe: pvs-einblick.de TITELTHEMA TITELTHEMA TITELTHEMA SPORT SPORT SPORT NACH DER KRISE NACH DER KRISE NACH DER KRISE IST VOR IST VOR IST VOR DEM SPIEL DEM SPIEL DEM SPIEL WIR GRATULIEREN ZUM PVS-FIRMENJUBILÄUM GEWINNSPIEL 10 JAHRE Alexandra Cyrys Carmen Muckel Nina-Elena Peelen Nicola Reimer Cordula Storms 20 JAHRE Stefanie Seefeldt Dorett Tilgner Barbara Titze 25 JAHRE Jürgen Möller Isabell Röttges 30 JAHRE Claudia Breuer-Donau Britta Schmischke 40 JAHRE Monika Ratcliff 42 42 PVS einblick PVS einblick Gewinnen Sie EINEN VON DREI GARMIN FITNESS-TRACKERN „VIVOSMART 4“ S/M Beantworten Sie folgende Frage: Wie heißt der Sportverband mit den meisten Mitgliedern in Deutschland? (Die Antwort fi nden Sie in dieser Ausgabe.) Schicken Sie uns die Lösung unter Angabe Ihrer Kundennummer bzw. Ihres Namens und Adresse bis zum 15. Juli 2020 an: Redaktion PVS Einblick Remscheider Str. 16 45481 Mülheim an der Ruhr oder: gewinnspiel@ihre-pvs.de Die Gewinner des „FLOW“ Jahresabos (PVS einblick 1/20) sind: Sabine Benkowitsch, Karlsruhe Eva-Maria Borgmann, Ratingen Dr. Sven-Torsten Klinke, Berlin Die Daten werden ausschließlich für die Zwecke des Gewinnspieles verwendet. Die Gewinner werden in der nächsten Ausgabe veröffentlicht und schriftlich benachrichtigt. Barauszahlung ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitarbeiter der PVS sind vom Gewinnspiel ausgeschlossen. H b m G s e c i v r e S n e m ä r P O P i I © : o t o F
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