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Timestamp: 2020-05-27 13:15:35+00:00

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EU-Reform im Bereich Abschlussprüfung. Kritische Würdigung eines ...
von David Cledon (Autor)
Problemstellung und Relevanz der Untersuchung
Zielsetzung Gang der Untersuchung
Das Quasirentenmodell
Rechtliche Zulässigkeit von gleichzeitigen Prüfungs- und Beratungsleistungen
Relevante handels- und Berufsrechtliche normen
EU-Reform im Bereich der Abschlussprüfung
Vor- und Nachteile gleichzeitiger Prüfungs- und Beratungstätigkeit Vorteile
Forschungsstand zur Vereinbarkeit von Abschlussprüfung und Beratung
Studien zur tatsächlichen Unabhängigkeit
Studien zur wahrgenommenen Unabhängigkeit
Tabelle 1: Deutsche Studien zum Einfluss von Nichtprüfungsleistungen auf die tatsächliche Unabhängigkeit von Abschlussprüfern.
Tabelle 2 : Deutsche Studien zum Einfluss von Nichtprüfungsleistungen auf die von Dritten wahrgenommene Unabhängigkeit von Abschlussprüfern
Tabelle 3: Datengrundlagen der betrachteten empirischen Studien
Am 13. Oktober 2010 veröffentlichte die EU-Kommission das Grünbuch „Weiteres Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung: Lehren aus der Krise“. Die EU-Kommission verfolgte mit diesem Diskussionspapier das Ziel, eine Debatte über den damaligen Rechtsrahmen der Wirtschaftsprüfung vor dem Hintergrund der Finanzkrise anzustoßen. Nach Auffassungen der Kommission warf die Tatsache, dass zahlreiche europäische Banken zwischen 2007 und 2009 bei Bilanzposten und außerbilanziellen Positionen substantielle Verluste erleiden mussten, die Frage auf, „wie die Abschlussprüfer ihren Mandanten für diese Zeiträume einen sauberen Vermerk liefern konnten“ und „inwieweit der derzeitige Rechtsrahmen als passend und angemessen zu betrachten ist“.[1] Schwerpunkt dieser Arbeit ist die kritische Würdigung eines der kontroversesten Vorschläge des Grünbuchs vorzunehmen: Einem Ausbau des Verbots von Nichtprüfungsleistungen durch Prüfungsgesellschaften, bis hin zur Schaffung von reinen Prüfungsgesellschaften. Die wissenschaftliche und politische Debatte um die Vereinbarkeit von Prüfungs- und Beratungstätigkeiten ist allerdings keine neue Erscheinung. Wie zum Beispiel die Arbeit von Richter (1977) zeigt, wird ebendiese bereits seit mehreren Jahrzehnten geführt. Insbesondere nach dem Zusammenbruch des amerikanischen Energiekonzerns Enron - dem im Jahr 2001 noch siebtgrößten Unternehmen der USA - geriet die Verbindung von Prüfung und Beratung in die Kritik. Die Prüfungsgesellschaft Arthur Anderson erhielt erhebliche Beratungshonorare und hatte parallel nicht nur äußerst dubiose Praktiken bei der Erstellung der Konzernabschlüsse ignoriert, sondern im Nachhinein sogar aktiv die Justizermittlungen zu den Geschäftspraktiken behindert.[2]
Nichtsdestotrotz sind die vier verbleibenden großen Prüfungsgesellschaften (PWC, KPMG, Deloitte, Ernst & Young) bereits seit Jahren etablierte Größen im Beratungsmarkt. Durch Wachstum und strategische Akquisitionen schließen sie aktuell auch in der „Königsdisziplin“, der Strategieberatung, weiter zu den Branchenführern McKinsey und The Boston Consulting Group auf.[3] So hat beispielsweise Price PWC im April 2010 die Übernahme der Strategieberatung Booz & Company vollzogen.[4] Auch einige spezialisierte Beratungen wie Brainnet, PRTM Management Consultants und J&M Consulting wurden in der jüngeren Vergangenheit von einzelnen Unternehmen der Big Four aufgekauft.[5]
Ziel dieser Arbeit ist es, mögliche Argumente für oder gegen eine weitere Einschränkung von gleichzeitigen Prüfungs- und Beratungsleistungen aufzuzeigen und zu bewerten. Dies geschieht vor dem Hintergrund der durch die Wirtschafts- und Finanzkrise erneut aufgeworfenen Verbotsdebatte. Auf Grundlage dieser Betrachtungen soll anschließend eine kritische Würdigung der im April 2014 beschlossenen EU-Reform der Abschlussprüfung erfolgen. Hierzu wird in Kapitel 2 zunächst auf die notwendigen Untersuchungsgrundlagen des Themenbereichs Wirtschaftsprüfung und Beratung eingegangen. Mit der Pricipal-Agent-Theorie und dem Quasirentenmodell werden zunächst die beiden bedeutendsten Ansätze zur modelltheoretischen Darstellung der Zusammenhänge in der Abschlussprüfung besprochen. Relevant für die weiteren Betrachtungen ist primär das im Folgenden vorgestellte Prinzip der Unabhängigkeit des Abschlussprüfers. In Kapitel 3 werden Hintergründe, Inhalte und bisheriger Ablauf des Reformprozesses aufgearbeitet und bezogen auf das Verbot gleichzeitiger Prüfungs- und Beratungsleistungen auf die bestehende gesetzliche Ist-Situation eingegangen.
Befürworter eines Verbots gleichzeitiger Prüfungs- und Beratungsleistungen sehen den Unabhängigkeitsgrundsatz der Wirtschaftsprüfer gefährdet. Kritiker hingegen halten dieser potentiellen Gefahr den praktischen Nutzen in Form von Synergien und geringeren Kosten entgegen. In Kapitel 4 werden diese theoretischen Überlegungen im Detail dargestellt. Ziel des Kapitels 5 ist es, die zuvor dargestellten Argumente dem aktuellen Stand der Forschung gegenüberzustellen. Es soll folglich überprüft werden, ob empirische Belege dafür existieren, dass die tatsächliche Unabhängigkeit oder die von Dritten wahrgenommene Unabhängigkeit des Abschlussprüfers durch Beratungsleistungen vermindert wird.
In Kapitel 6 werden abschließend die bisherigen Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und aufbauend darauf ein kritisches Fazit zu der EU-Reform gezogen.
Das Ziel der Veröffentlichung von Jahresabschlüssen und Lageberichten ist es, einen transparenten und effizienten Kapitalmarkt zu fördern, der eine möglichst optimale Allokation von finanziellen Ressourcen sicherstellt.[6] Um dieses Ziel erreichen zu können, müssen die Adressaten dieser Informationen auf deren Richtigkeit vertrauen können. Damit dies sichergestellt wird, sind Abschlussprüfer rechtlich mit der Durchführung der Jahresabschlussprüfung beauftragt. Die EU-Kommission bezeichnete diesen Auftrag in ihrem 2010 veröffentlichten Grünbuch als den Übertrag einer gesellschaftlichen Funktion „[...] nämlich ein Urteil darüber abzugeben, ob die Abschlüsse der geprüften Unternehmen ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild vermitteln.“[7] Konkret ist es nach §321 Abs. 2 HGB Aufgabe des Prüfers die Einhaltung der Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung, gesetzlicher Normen und ergänzenden Bestimmungen von Satzungen oder Gesellschaftsverträgen zu überprüfen. Das Ergebnis der Prüfung wird in Form eines Prüfungsberichts (§ 321 Abs. 1 und 2 HGB) und eines Bestätigungsvermerks (§ 322 Abs. 1 HGB) offengelegt.
Entscheidend dafür, ob Abschlussprüfer ihre gesellschaftliche Funktion erfüllen können, ist ihre Unparteilichkeit und Unabhängigkeit. Können die Adressanten dem Ergebnis der Prüfung nicht trauen, so bringt sie keinen Mehrwert.[8] Die Unabhängigkeit ist daher nach § 43 WPO einer der zentralen Berufsgrundsätze der Wirtschaftsprüfer. Es kann zwischen zwei Arten der Unabhängigkeit unterschieden werden. Erstens der tatsächlichen Unabhängigkeit (independence in mind) des Prüfers, also die Freiheit von eigenen Interessen und dem Einfluss Dritter. Zweitens der von Dritten (zum Beispiel von Eigen- und Fremdkapitalgebern) wahrgenommenen Unabhängigkeit (independance in appearance).[9] Es ist eine der Hauptaufgaben der Abschlussprüfung, das Vertrauen in die im Jahresabschluss veröffentlichten Informationen zu sichern. Die tatsächliche Unabhängigkeit ist folglich nicht ausreichend um dieses Ziel zu erreichen, sondern der Prüfer muss ebenfalls als unbefangen wahrgenommen werden.[10] Die Argumente für ein Verbot von bestimmten Nichtprüfungsleistungen gehen grundsätzlich auf eine mögliche Gefährdung der Unabhängigkeit des Prüfers zurück. Die Unabhängigkeit wird daher von zentraler Bedeutung für den weiteren Verlauf dieser Arbeit sowie die Bewertung der EU-Reform sein.
Einer der in der Literatur am meisten beachteten Ansätze zur Erklärung der Zusammenhänge in der Beziehung zwischen Abschlussprüfer, Management und Aktionären ist eine auf Antle (1984) zurückgehende Adaptation der Principal-Agent-Theorie. Allgemein untersucht der Principal-Agent-Ansatz die Beziehung zwischen einem Auftraggeber (Principal) und Auftragnehmer (Agent).[11] In der Abschlussprüfung ist der Prüfer in der Agent-Rolle und die Hauptversammlung (Eigentümer) des Unternehmens in der des Principals.[12] Zwischen beiden Akteuren besteht eine Informationsasymmetrie: Der Prüfer hat durch seine Tätigkeit immer einen gewissen Informationsvorsprung. Aus diesem Vorsprung ergibt sich ein sogenannter Moral Hazard: Der Prüfer hat Anreize dazu sich von opportunistischen Zielen leiten lassen. Er hat die Möglichkeit sich durch Handelungen, welche die Anteilseigner nicht beobachten können (hidden action), einen wirtschaftlichen Vorteil sichern.[13] Weiterhin kann der Principal das Verhalten des Agenten zwar beobachten aber nicht einschätzen (hidden information). Dies heißt konkret, dass die Anteilseigner die Ergebnisse der Abschlussprüfung zwar einsehen können, aber nicht erkennen können ob diese ordnungsgemäß und unabhängig durchgeführt wurde. Parallele Beratungsleitungen führen in diesem Kontext dazu, dass auch zwischen Management und Prüfern eine Principal-Agent-Beziehung besteht.[14] Es ergibt sich also eine Dreiecksbeziehung zwischen den Akteuren. Der Prüfer wird zum Doppel-Agent von Anteilseignern und Management.[15] Der Prüfer könnte so eine gemeinsame Strategie mit dem Management verfolgen indem er einen vorteilhaft erstellten Jahresabschluss akzeptiert und im Gegenzug lukrative Beratungsaufträge erhält.[16] Die Beratungsaufträge wären folglich ein „vehicle for sidepayments“ des Managements.[17]
Neben der Principal-Agent-Theorie ist das Prüfungsmarktmodell nach DeAngelo (1981a) ebenfalls von hoher Bedeutung in der Literatur. Während die Principal-Agent-Theorie ein einperiodisches Modell ist, beschreibt dieses Zusammenhänge über mehrere Perioden.[18] Eine der Annahmen des Modells ist das Auftreten von Low Balling: Durch den Wettbewerb setzten Prüfungsgesellschaften die Honorare der Erstprüfung unter ihre Kosten und spekulieren auf rentable Folgeprüfungen.[19] Die Überschüsse der Folgeperioden kompensieren also lediglich die Anfangsverluste. Die erzielten Überschüsse sind also keine echten Renten, sondern lediglich Quasirenten.[20] Die Prüfungsgesellschaft befindet sich durch das Low Balling in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Mandanten denn um Anfangsverluste ausgleichen zu können muss der Prüfungsauftrag aufrechterhalten werden.
Beratungsleistungen erhöhen die zukünftigen Überschüsse die ein Prüfer durch einen Auftrag erzielen kann.[21] Es steigen also die Quasirenten und folglich kann die Prüfungsgesellschaft die Erstprüfung noch weiter unter ihren Kosten anbieten. Der Effekt des Low Ballings wird demnach von Beratungsleistungen verstärkt.
DeAngelo (1981b) leitet aus diesem Modell aber nicht ab, dass Abschlussprüfer per se ihre Unabhängigkeit aufgeben.[22] Dadurch dass in der Regel mehrere Prüfaufträge bestehen, verteilen sich die gesamten Quasirenten auf mehrere Mandanten. Wird die eigene Unabhängigkeit also aufgegeben um die Quasirenten eines Mandanten zu sichern, droht durch einen Reputationsverlust das Einbüßen der insgesamt höheren Quasirenten der anderen Aufträge.
Die allgemeinen berufsrechtlichen Grundsätze sind in der Wirtschaftsprüferordnung (WPO) festgelegt. Ausgangspunkt sind dabei die allgemeinen Berufspflichten nach § 43 WPO: „Der Wirtschaftsprüfer hat seinen Beruf unabhängig, gewissenhaft, verschwiegen und eigenverantwortlich auszuüben [...]“ und keine Tätigkeiten auszuführen, die mit seinem Beruf unvereinbar sind.[23] Dies schließt ausdrücklich auch Tätigkeiten außerhalb des beruflichen Umfelds ein, welche mit dem Vertrauen und der Achtung des Berufstands in Widerspruch stehen. Wirtschaftsprüfer sollen zudem ihre Tätigkeiten eigenverantwortlich ausüben und dürfen nicht weisungsgebunden sein (§ 44 Abs. 1 WPO) oder eine erfolgsabhängige Vergütung bekommen (§ 55 Abs. 1 WPO). Prüfungsleistungen müssen vom Prüfer abgelehnt werden, wenn die Besorgnis der Befangenheit besteht (§49 WPO). Also bereits dann, wenn für Dritte der Anschein einer Befangenheit bestehen sollte.
Von Interesse für den Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit sind insbesondere die handelsrechtlichen Normen nach § 318 ff. HGB. So regelt § 319 HGB die Ausschlussgründe für einen Abschlussprüfer. Konkret ausgeschlossen sind Prüfer wenn „Gründe, insbesondere Beziehungen geschäftlicher, finanzieller oder persönlicher Art, vorliegen, nach denen die Besorgnis der Befangenheit besteht.“[24] § 319 Abs. 3 Nr. 3 a bis d HGB spezifiziert zudem eine Reihe von Nichtprüfungsleistungen, welche zu einem Ausschluss der Prüfung führen:
Mitarbeit bei der Buchführung oder der Erstellung des Jahresabschlusses
Mitarbeit bei der internen Revision
Unternehmens- und Finanzdienstleistungen
Versicherungsmathematische oder Bewertungsleistungen die sich auf den Jahresabschluss wesentlich auswirken
Zudem darf ein Prüfer in den letzten fünf Jahren nicht mehr als 30% seiner Gesamteinnahmen vom zu prüfenden Unternehmen beziehen. Beratungs- und andere Nichtprüfungsleistungen sind also nicht generell unzulässig, sondern nur dann, wenn sie den Verdacht einer Befangenheit erwecken oder wie die in § 319 Abs. 2 HGB definierten Tätigkeiten zu einer Selbstprüfung führen könnten. Für Unternehmen von öffentlichem Interesse (Kapitalmarktorientierte Unternehmen im Sinne des § 264d HGB) sind durch § 319a HGB verschärfte Bestimmungen gegeben. Neben den allgemeinen Ausschlusstatbeständen werden für diese Unternehmen Rechts- und Steuerberatungsleistungen, die sich auf den Jahresabschluss wesentlich auswirken, ausgeschlossen (§ 319a Abs. 1 Nr. 1 HGB). Auch die Entwicklung, Einrichtung und Einführung von Rechnungslegungsinformationssystemen ist nicht zulässig (§ 319a Abs. 1 Nr. 3 HGB). Weiterhin ist für Unternehmen von öffentlichem Interesse eine interne Rotation des Prüfers nach spätestens sieben Jahren vorgeschrieben (§ 319 a Abs. 1 Nr. 4 HGB) und die Begrenzung des Anteils am Gesamtumsatz eines Mandanten ist auf 15 % gesenkt (§ 319a Abs. 4 HGB).
Die Unabhängigkeitsanforderungen der §§ 319 und 319a HGB müssen nach § 319b HGB vom gesamten Netzwerk des Wirtschaftsprüfers eingehalten werden. Das bedeutet konkret, dass die nach §§ 319 und 319a HGB festgelegten Ausschlusstatbestände auch dann zum Ausschluss führen, wenn sie von Netzwerkmitgliedern für ausländische Tochtergesellschaften des zu prüfenden Unternehmens erbracht werden.[25]
Basierend auf Empfehlungen der EU-Kommission von 2002 wurde im Jahr 2006 die EU-Richtlinie 2006/43/EG (Abschlussprüferrichtlinie) erlassen. Im April 2014 wurde diese im Rahmen der EU-Reformen in der Abschlussprüfung durch die „Richtlinie zur Änderung der Richtlinie 2006/43/EG“ überarbeitet. Die Inhalte und der Verlauf des Reformprozesses werden in Kapitel 3.2.2 im Detail behandelt. Relevant für die Zulässigkeit von gleichzeitigen Prüfungs- und Beratungsleistungen war bis zur Überarbeitung hierbei Art. 22. Konkret muss nach Art. 22 Abs. 2 von den Mitgliedsstaaten sichergestellt werden „dass Abschlussprüfer oder Prüfungsgesellschaften von der Durchführung einer Abschlussprüfung absehen, wenn zwischen ihnen oder ihrem Netzwerk und dem geprüften Unternehmen unmittelbar oder mittelbar eine finanzielle oder geschäftliche Beziehung [...] besteht, aus der ein objektiver, verständiger und informierter Dritter den Schluss ziehen würde, dass ihre Unabhängigkeit gefährdet ist.“[26] Nichtprüfungsleitungen wurden durch die Richtlinie in diesem Kontext zwar ausdrücklich als potentielle Gefahr für die Unabhängigkeit genannt, waren aber weder generell unzulässig, noch wurden durch die Richtlinie spezifische Beratungsleistungen ausgeschlossen.[27]
Der deutsche Gesetzgeber hat die 2006 erlassenen Regelungen der EU-Richtlinie schon zwei Jahre zuvor mit den Bilanzrechtsformgesetz (BilReG) vorweggenommen und weitere Forderungen wurden im (BARerfG) und dem Abschlussprüferaufsichtsgesetz (APAG) umgesetzt.[28]
„Die Tatsache, dass zahlreiche Banken von 2007 bis 2009 sowohl bei Bilanzposten als auch bei außerbilanziellen Positionen gewaltige Verluste verzeichnet haben, wirft nicht nur die Frage auf, wie die Abschlussprüfer ihren Mandanten für diese Zeiträume einen ,sauberen’ Vermerk liefern können, sondern auch, inwieweit der derzeitige Rechtsrahmen als passend und angemessen zu betrachten ist.“[29]
Mit dieser These eröffnete die EU-Kommission das 2010 veröffentlichte Grünbuch „Weiteres Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung: Lehren aus der Krise“. Ziel der Kommission war es, vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise eine Debatte über die Rolle der Abschlussprüfer und den aktuellen Rechtsrahmen anzustoßen. Die EU-Kommission sieht dabei in der Unabhängigkeit der Prüfer und einer soliden Abschlussprüfung zentrale Bestandteile, um nach der Krise verlorenes Vertrauen in den Markt wiederherzustellen.[30]
Das Grünbuch griff eine große Bandbreite von Themen rund um die Abschlussprüfung auf. Relevant für den Themenschwerpunkt dieser Arbeit ist primär der Abschnitt zur „Governanace und Unabhängigkeit von Prüfungsgesellschaften“.[31] Unter der Prämisse, dass die Unabhängigkeit im Prüfungsumfeld gestärkt werden soll, wurde unter anderem vorgeschlagen Verbote von Nichtprüfungsleistungen auszubauen. Die EU-Kommission ging an dieser Stelle so weit, die Idee einer Schaffung reiner Prüfungsgesellschaften in die Diskussion einzubringen.[32] Der Veröffentlichung des Grünbuchs folgte eine intensive öffentliche Debatte. Die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) kritisierte beispielsweise den Vorschlag eines vollständigen Verbots von Nichtprüfungsleistungen, da diese wesentlich zur Schaffung von Spezialkenntnissen beitragen, die für die Abschlussprüfung unverzichtbar sind.[33] Befürwortet wurde von der WPK hingegen eine stärkere Einflussnahme des Aufsichtsrats bei der Vergabe von Beratungsleistungen.[34] Das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland (IDW), die größte nationale Interessenvertretung der Wirtschaftsprüfer, merkt an, dass die Debatte um Nichtprüfungsleistungen bereits 2006 im Zusammenhang mit der Abschlussprüferrichtlinie geführt worden ist.[35] Nichtprüfungsleistungen seien nicht per se eine Gefahr für die Unabhängigkeit des Prüfers, sondern lediglich wenn sie zu einer (ohnehin verbotenen) Selbstprüfung führen.[36] An dieser Stelle wird auf eine detaillierte Darstellung der Diskussion verzichtet. Die Argumente für und gegen eine Einschränkung oder ein Verbot von Nichtprüfungsleistungen werden in Kapitel 5 ausführlich diskutiert. Am 30. November 2011 wurden von der EU-Kommission konkrete Vorschläge für eine Änderung der Regelungen von Abschlussprüfungen vorgestellt. Die Vorschläge wurden in zwei Dokumenten umgesetzt. Zum einen eine EU-Verordnung,[37] die in den Mitgliedsstaaten nach Art. 288 AEUV unmittelbar zu geltendem Recht wurde, zum anderen eine Richtlinie[38]. Diese ist nach Art. 288 AEUV nicht unmittelbar gültig, sondern lediglich hinsichtlich ihrer Zielsetzung verbindlich. Sie muss also zunächst von den Mitgliedsstaaten in nationales Recht umgesetzt werden. In dieser ersten Fassung sahen die Dokumente noch sehr weitreichende Maßnahmen vor. Die umstrittensten Regelungen, welche für Unternehmen von öffentlichem Interesse vorgeschlagen wurden, waren: Obligatorische Rotation der Prüfungsgesellschaft nach maximal sechs Jahren[39]
[1] EU-Kommission (2010), S. 3.
[2] Vgl. Peemöller/Hofmann (2005), S. 29-36
[3] Vgl. Manager Magazin (2014), S. 30-34.
[4] PWC (2014).
[5] Vgl. Manager Magazin (2014), S. 30-34.
[6] Vgl. Sattler (2011), S. 27.
[7] EU-Kommission (2010), S. 3.
[8] Vgl. Quick/Warming-Rasmussen (2007), S. 1008.
[9] Vgl. IFAC (2010), S. 42.
[10] Vgl. Quick/Warming-Rasmussen (2007), S. 1024.
[11] Vgl. Sattler (2011), S. 13; Molls (2013), S. 54.
[12] Vgl. Antle (1984), S. 2.
[13] Vgl. Sattler (2011), S. 13.
[14] Vgl. Antle (1984), S. 2-3.
[15] Vgl. Sattler (2011), S.24.
[16] Vgl. Molls (2013), S. 61-62.
[17] Antle (1984), S. 16.
[18] Vgl. DeAngelo (1981), S. 113-126.
[19] Vgl. DeAngelo (1981a), S. 118.
[20] Vgl. DeAngelo (1981a), S. 115.
[21] Vgl. Bauer (2004), S. 144.
[22] Vgl. DeAngelo (1981b), S. 189-190.
[23] § 43 Abs. 1 WPO; Vgl. § 43 Abs. 2 WPO.
[24] §319 Abs. 2 HGB.
[25] Vgl. Sattler (2011), S. 87.
[26] EU-Kommission (2006), S. 97.
[27] EU-Kommission (2006), S. 97.
[28] Vgl. Sattler (2011), S. 92.
[29] EU-Kommission (2010), S. 3.
[30] Vgl. EU-Kommission (2010), S. 3.
[31] EU-Kommission (2010), S. 12.
[32] Vgl. EU-Kommission (2010), S. 14.
[33] Vgl. WPK (2010), S. 6.
[34] Vgl. WPK (2010), S. 6.
[35] Vgl. IDW (2010), S. 26.
[36] Vgl. IDW(2010), S. 26.
[37] Vgl. EU-Kommission (2011a).
[38] Vgl. EU-Kommission (2011b).
[39] Vgl. EU-Kommission (2011a), S. 63.
9783656961680
9783656961697
v299362
eu-reform bereich abschlussprüfung kritische würdigung verbots prüfung beratung
David Cledon (Autor)

References: §321
 § 43
 § 43
 § 318
 § 319
 § 319
 § 319
 § 264
 § 319
 § 319
 Art. 22
 Art. 22
 Art. 288
 Art. 288
 § 43
 § 43
 §319