Source: http://blog.romanischestudien.de/antonio-gramsci-80-todestag/
Timestamp: 2019-05-24 17:41:52+00:00

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Antonio Gramsci 80. Todestag – Romanische Studien
Ingo Pohn-Lauggas (Wien), „‚Un tutto inscindibile‘: Entprovinzialisierung, Vergangenheit und Gegenwart (und die Gefühle). Biographische Reflexionen zu Antonio Gramscis 80. Todestag“, Vorabdruck des Artikels, zur Publikation vorgesehen in Romanische Studien 7 (2017).
„Un tutto inscindibile“
Entprovinzialisierung, Vergangenheit und Gegenwart (und die Gefühle). Biographische Reflexionen zu Antonio Gramscis 80. Todestag
Ingo Pohn-Lauggas (Wien)
80 Jahre nach seinem Tod am 27. April 1937 gehört Antonio Gramsci nach wie vor zu den am meisten zitierten italienischen Autoren, und das Interesse am Werk dieses Philosophen und politischen Theoretikers, Schriftstellers und Journalisten ist weltweit ungebrochen.1 In auffälliger Weise gesellt sich in den letzten Jahren zu diesem Interesse eine wachsende Aufmerksamkeit für den Menschen Gramsci und seine so bemerkenswerte wie tragisch kurze Biographie. Diese war nicht nur von seinem politischen Kampf geprägt, der in den Kerkern Mussolinis endete, die er nicht lebend verlassen sollte und in denen zwischen 1926 und 1937 die berühmten Quaderni del carcere entstanden sind, sondern auch von seinem komplizierten Liebesleben, in welches nicht weniger als drei Schwestern aus derselben Familie auf prekäre Weise involviert waren. Ehe ich im vorliegenden Beitrag zwei aktuelle Publikationen vorstelle, die sich dieses Themas auf denkbar unterschiedliche Weise annehmen, werfe ich selbst entlang von Gramscis Lebensweg einen kritischen Blick auf das Thema der „Biographie“ und versuche aufzuzeigen, wie biographische Prozesse bei diesem Denker auch ihren philosophisch-inhaltlichen Ausdruck fanden. Im Mittelpunkt dabei steht einerseits der Topos der ‚Entprovinzialisierung‘ und andererseits die Frage nach der ‚universellen‘ Bedeutung des Biographischen als Kritik des Überkommenen.
Das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse
Antonio Gramsci wurde 1891 als viertes von sieben Kindern in Ales auf Sardinien geboren. Schon als Kind litt er an der Pott’schen Krankheit, eine Form von Knochentuberkulose, deretwegen sein Äußeres von einer zarten Statur und einer deformierten Wirbelsäule gekennzeichnet war. Sein Vater Francesco war Postbeamter, doch die ökonomischen Verhältnisse der Familie verschlechterten sich rapide, als dieser wegen Veruntreuung von Geldern in Haft genommen wurde: Die Mutter kehrte mit den Kindern in ihren Heimatort Ghilarza zurück, wo noch heute die Casa Gramsci mit ihrem kleinen, dem berühmtesten Sohn der Insel gewidmeten Museum steht.2 Der kleine Nino musste den Schulbesuch schon nach der Grundschule abbrechen, um seinen Beitrag zum Auskommen der Familie zu leisten, indem er im örtlichen Katasteramt arbeitete. Diese überaus entbehrungsreichen Jahre sollten ihn nachhaltig prägen; im vorliegenden Zusammenhang von Interesse ist, dass Gramsci schon in jungen Jahren dem Schmerz und Ärger über erlittenes Unrecht einen politischen Ausdruck verlieh. Dieser bestand zunächst in einem diffusen Zuspruch zu sardischen Autonomiebestrebungen. Seine kindliche Rebellion, berichtet er später seiner Frau in einem Brief, habe sich zunächst gegen ‚die Reichen‘ gerichtet,
perché non potevo andare a studiare, io che avevo preso 10 in tutte le materie nelle scuole elementari, mentre andavano il figlio del macellaio, del farmacista, del negoziante in tessuti. Esso si allargò per tutti i ricchi che opprimevano i contadini della Sardegna ed io pensavo allora che bisognava lottare per l’indipendenza nazionale della regione: ‘Al mare i continentali!’ Quante volte ho ripetuto queste parole.3
Seinem eisernen Willen und seiner schon früh aufblitzenden Begabung ist es zu verdanken, dass es Gramsci schlussendlich doch ans Gymnasium im benachbarten Santu Lussurgiu schaffte und schließlich sogar ans Lyzeum in Cagliari, wo sein Bruder lebte und ihn mit sozialistischem Denken und Schriftgut in Berührung brachte. Als damit der Weg geebnet war, 1911 dank eines Stipendiums an der Universität Turin ein Studium in Filologia moderna zu belegen, war die Loslösung von Sardinien mit der Hinwendung zum Sozialismus eng verknüpft: „Trovava“, schreibt Giuseppe Fiori in seiner bis heute unübertroffenen Vita di Antonio Gramsci, „da socialista, risposte nuove alle domande che l’esperienza sarda gli suggeriva; ma, da sardo, anche tendeva a considerare il discorso sulle campagne non scindibile dal discorso sulla rivoluzione socialista“.4 Dies war verbunden mit der Forderung nach einer Überwindung des Provinzialismus, die er nicht nur an die italienische Arbeiterklasse, sondern auch an sich selbst richtete, denn der Sozialismus war für ihn „ein offenes geschichtliches Projekt, worin sich Entprovinzialisierung, Empörung und Disziplin in kreative Ressourcen verwandelten“5.
An dieser Stelle lohnt ein Vorausblick auf Gramscis späteres philosophisches Schaffen: In den Quaderni del carcere nimmt er wiederholt Bezug auf die Marx’schen Thesen über Feuerbach, in deren sechsten es bekanntlich heißt, das menschliche Wesen sei kein „dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum“, es sei vielmehr „das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“6. Somit sei – anders eben als bei Feuerbach – vom „geschichtlichen Verlauf“7 nicht zu abstrahieren, und dies gilt nun bei Gramsci herunter bis zum biographischen Verlauf des Individuums selbst. Im Zusammenhang mit der angesprochenen ‚Entprovinzialisierung‘ ist von Interesse, was an einer Stelle des 15. Gefängnishefts über Francesco Guicciardini zu lesen ist, Zeitgenosse und Freund Niccolò Machiavellis. Auf ihn nimmt Gramsci im Zusammenhang mit der Frage nach einem ‚moderno Principe‘ immer wieder Bezug, ein Schlagwort, unter dem Gramscis Parteikonzeption berühmt geworden ist. Von besonderem Interesse im Zusammenhang des Biographischen ist eine Stelle, in der es um Guicciardinis Werk Ricordi politici e civili aus dem frühen 16. Jahrhundert geht – autobiographisch-literarischer Gründungstext des Genres der moralisch-politischen Aphorismen:
I ‘Ricordi’ sono tali in quanto riassumono non tanto avvenimenti autobiografici in senso stretto […], quanto ‘esperienze’ civili e morali […] strettamente connesse alla propria vita e ai suoi avvenimenti, considerate nel loro valore universale o nazionale. Per molti rispetti, una tal forma di scrittura può essere più utile che le autobiografie in senso stretto, specialmente se essa si riferisce a processi vitali che sono caratterizzati dal continuo tentativo di superare un modo di vivere e di pensare arretrato come quello che era proprio di un sardo del principio del secolo […].8
Die autobiographische Perspektive vermittelt allgemeine Einsichten; umso mehr, wenn es stimmt,
che una delle necessità più forti della cultura italiana era quella di sprovincializzarsi anche nei centri urbani più avanzati e moderni, tanto più evidente dovrebbe apparire il processo in quanto sperimentato da un ‘triplice o quadruplice provinciale’ come certo era un giovane sardo del principio del secolo.9
Der Stellenwert einer solchen scheinbar beiläufigen Feststellung in Gramscis Denken erschließt sich, wenn man sie zu der viel berühmteren Stelle in Bezug setzt, an der er die Frage nach dem menschlichen Wesen stellt; er ruft die schon zitierte sechste Feuerbach-These in Erinnerung und konstatiert:
L’uomo è da concepire come un blocco storico di elementi puramente individuali e soggettivi e di elementi di massa e oggettivi o materiali coi quali l’individuo è in rapporto attivo. Trasformare il mondo esterno, i rapporti generali, significa potenziare se stesso, sviluppare se stesso. Che il ‘miglioramento’ etico sia puramente individuale è illusione ed errore […].10
Verbindet man dieses Prinzip mit der Bemerkung über Guicciardini und sieht beides aus der Perspektive des Anspruchs, die individuelle Lebenserfahrung im Lichte ihrer universellen Bedeutung zu betrachten, wird – wie ich an anderer Stelle herausgearbeitet habe –11 deutlich, dass dies eine philosophische Schlüsselstelle für das Verständnis dessen ist, was Gramsci unter Passato e presente subsummiert, eine der Rubriken, unter denen er sein Material in den bekanntlich fragmentarisch zusammengesetzten Gefängnisheften sortierte.12 Die Rubrik Passato e presente hat – grob gesprochen – zwei komplementäre Seiten:13 Die eine Deutung ist der soeben illustrierte Anspruch, individueller Lebenserfahrung erzieherischen Sinn zu geben, „pedagogica universalità“, wie Gramsci schreibt;14 in einer weitergehenden Konzeption bezeichnet er die Gegenwart hingegen als „Überwindung“ der Vergangenheit: „È da gettar via ciò che il presente ha criticato ‘intrinsecamente’ e quella parte di noi stessi che a ciò corrisponde.”15 Dieser Kritik gilt es nicht nur einen theoretischen, sondern auch politischen Ausdruck zu geben. Geschichte wird hier also als einheitlicher und dynamischer Prozess verstanden, wobei der dialektische Kampf zwischen Vergangenheit und Zukunft Teil der Erfahrung des Einzelnen wird.
Und es sollten in der Tat ‚historische‘ Jahre werden, die Gramsci in Turin erlebte.
Das Leben des jungen Gramsci in der kontinentalen Großstadt bleibt entbehrungsreich und schwierig: „Die Minderwertigkeitskomplexe des mittellosen Provinzlers, die sich in grimmigem Regionalstolz niederschlagen, von Kränkungen herrührende Ressentiments gegen die Reichen und ein unerbittliches Pflichtgefühl treiben den Studenten in eine gefährliche Isolation.“16 Die ersten Studentenjahre waren trotz der bemühten Unterstützung von Zuhause von Entbehrung, Hunger und Mangelernährung geprägt. 1927 erinnert sich Gramsci in einem Brief an seinen Bruder:
Non so come ho fatto a dar gli esami, perché sono svenuto due o tre volte. […] E passai l’inverno senza soprabito, con un abitino da mezza stagione buono per Cagliari. Verso il marzo 1912 ero ridotto tanto male che non parlai più per qualche mese: nel parlare sbagliavo le parole. Per di più abitavo proprio sulle rive della Dora, e la nebbia gelata mi distruggeva.17
Nichtsdestotrotz wird Gramsci alsbald als begabter Student auffällig, und die Begegnungen mit den Geistesgrößen an der Turiner Universität sollten ihn nachhaltig prägen – Spuren davon finden sich in unterschiedlichsten Zusammenhängen in den Quaderni del carcere. In unserem, philologischen, Zusammenhang hervorgehoben sei hier einerseits der Linguist Matteo Bartoli, der für Gramsci eigentlich eine akademische Karriere vorsah:18 denn Fragen der Sprache im Allgemeinen, der italienischen Questione della lingua im Besonderen19 und nicht zuletzt Theorien zur Übersetzung und vor allem zur Übersetzbarkeit20 nehmen im späteren philosophischen Werk Gramscis breiten Raum ein. Hervorgehoben sei aber auch der Literaturwissenschaftler und Dantist Umberto Cosmo, der Gramsci trotz eines politischen Scharmützels in den frühen 20er Jahren21 auch freundschaftlich verbunden war. In einem an die Schwägerin gerichteten Brief aus dem Gefängnis betont Gramsci noch 1931, mit Cosmo „un ricordo pieno di affetto e direi di venerazione” zu verbinden: „era e credo sia tuttora di una grande sincerità e dirittura morale con molte striature di quella ingenuità nativa che è propria dei grandi eruditi e studiosi“22. Cosmo ist nicht zuletzt Gramscis großes Interesse für Dante (und für Machiavelli) zu verdanken, und er war es, der wenige Monate nach dem eben zitierten Brief die bahnbrechende Beschäftigung Gramscis mit dem Zehnten Gesang der Divina Commedia in den Gefängnisheften mit angestoßen und Gramsci dazu ermutigt hat.23 Erwähnt werden sollte aber auch die Bekanntschaft mit dem Ökonomen Achille Loria, dessen Figur die unrühmliche Rolle zukommt, für Gramscis Neologismus Lorianismo Pate gestanden zu haben, eine Rubrik, unter der er wissenschaftlichen Schund als „fenomeno generale di deterioramento culturale“ versammelte.24
Tatsache ist freilich, dass Gramsci sein Studium ohne nähere Begründung 1915 abbrach, was neben den ökonomischen und gesundheitlichen Schwierigkeiten gewiss auch auf „Klärungsprozesse“ einer politischen Biographie zurückzuführen war, die sich in jenen Jahren vollzogen: „In seiner frühen Turiner Zeit sehen wir […] einen suchenden Gramsci, der nicht nur seine philosophische und politische Weltsicht differenziert, sondern auch darum bemüht ist, aus der Theorie in die Praxis zu kommen.“25 Dies vollzog sich mit seinem Eintritt in die Sozialistische Partei, der er sich 1913 anschloss, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Schlagkraft der Turiner Arbeiterklasse, die zu den größten und best organisierten Europas gehörte. Gramsci wird Redakteur des Avanti! und vor allem der sozialistischen Wochenzeitig Il Grido del Popolo.26 Er legte dabei ein „theoretisches und kulturelles Rüstzeug“ an den Tag, „das ungewöhnlich war für den Sozialismus seiner Zeit“, wie Guido Liguori betont,27 der sich jüngst in mehreren Publikationen mit Gramscis Wahrnehmung der Russischen Revolution befasste, die 1917 die ‚Welt erschütterte‘ und sich somit bekanntlich auch heuer jährt. Dieser historische Moment war einschneidend für Gramsci, „anche per i suoi destini di essere umano e di militante schierato dalla parte di quelle ‘classi subalterne’ in cerca di riscatto, classi che dal 1917 e per lungo tempo avrebbero cercato proprio di ‘fare come in Russia’“28.
In diese Zeit fallen aber auch die berühmten Cronache teatrali, Gramscis in den Jahren 1916 bis 1920 im Avanti! veröffentlichte Theaterkritiken, „ancor oggi modelli di scrittura critica“29. Von besonderem Interesse sind die Texte zu Stücken Luigi Pirandellos: „Sai che io“, schreibt Gramsci später an seine Schwägerin, „ho scoperto e ho contribuito a popolarizzare il teatro di Pirandello? Ho scritto sul Pirandello […] tanto da mettere insieme un volumetto da 200 pagine e allora le mie affermazioni erano originali e senza esempio“30. Im vorliegenden Zusammenhang kommt diesen Feststellungen besondere Bedeutung zu, denn auch hier spielt die Loslösung vom Provinzialismus eine große Rolle. Zu einiger Berühmtheit hat es Gramscis Bild von den „Bomben“ gebracht, die Pirandello in den Köpfen der Zuseher zu zünden vermag, um damit das Banale, überkommene Gefühlswelten, traditionelle Formen des Alltagsbewusstseins zum Einsturz zu bringen: „ Le sue commedie sono tante bombe a mano che scoppiano nei cervelli degli spettatori”, schreibt er 1917 über Il piacere dell’onestà, „e producono crolli di banalità, rovine di sentimenti, di pensiero. Luigi Pirandello ha il merito grande di far, per lo meno, balenare delle immagini di vita che escono fuori dagli schemi soliti della tradizione“.31 Solche Äußerungen müssen mit Gramscis ‚theoretischeren‘ Ausführungen zu Pirandello in den Gefängnisheften in Bezug gesetzt werden, denn Pirandello ist „eine thematische Konstante, die das Werk des jungen mit dem des späten Gramsci verbindet“32. Viel mehr als das der Futuristen sei es Pirandellos Verdienst, den Provinzialismus in der italienischen Kultur zurückgedrängt zu haben. Pirandello verkörpere das Bewusstsein, gleichermaßen Sizilianer, Italiener wie Europäer zu sein,33 und gilt Gramsci als wichtiger kultureller Erneuerer, denn er hat den provinziellen Italienern einen „Hauch von Dialektik in die von Kirche und Tradition vernagelten Köpfe geblasen“34. Sein geschichtlich-kritischer Sinn, heißt es 1932 in den Quaderni del carcere, „lo ha portato nel campo culturale a superare e dissolvere il vecchio teatro tradizionale, convenzionale, di mentalità cattolica o positivistica, imputridito nella muffa della vita regionale o di ambienti borghesi piatti e abbiettamente banali“35.
Der Beginn der Auseinandersetzung mit dem Werk Pirandellos erfolgt also buchstäblich parallel zu Gramscis politischem Aktivismus. Er ist maßgeblich an der von den Turiner Fabrikarbeitern gegründeten Fabrikräten nach sowjetischem Vorbild beteiligt: Gemeinsam mit seinen engsten Freunden gründet er L‘Ordine Nuovo, eine Zeitung, die zum Leitmedium dieser neuen Arbeiterbewegung wurde, die Turin zwischen 1919 und 1920 ein biennio rosso bescherte, mit dem Gramsci zunächst große, berechtigt scheinende politische Hoffnungen verband, dessen Scheitern wiederum ein schmerzlicher Ausgangspunkt dessen war, was später als ‚Hegemonietheorie‘ in sein politiktheoretisches und philosophisches Schaffen einfließen sollte. L’Ordine Nuovo wird dann zur Zeitung der neu gegründeten Kommunistischen Partei Italiens, die sich 1921 von den Sozialisten abspaltet. Gramsci ist daran nicht aktiv beteiligt, steigt aber alsbald zum wichtigen Funktionär des Partito Comunista d’Italia auf, als dessen Vertreter im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale er 1922 nach Moskau entsandt wird. Dort erleidet er allerdings einen physischen Zusammenbruch und wird in einem Sanatorium nahe Moskau aufgenommen, im „Serebrianyi Bor“ (Silberwald) – eine entscheidende biographische Weichenstellung, wie wir gleich sehen werden.
Tra politica e amori
Denn in diesem Sanatorium macht Gramsci die Bekanntschaft der Patientin Eugenia Schucht, dritte von fünf Töchtern des Apollon Schucht, Aristokrat deutscher Herkunft, Weggefährte Lenins und überzeugter Bolschewik mit einem für uns bedeutsamen ‚Italien-Bezug‘:36 Um die Jahrhundertwende hatte er das Schweizer Exil mit Lenin geteilt und sich dann in Rom niedergelassen, um seinen Töchtern ein Studium zu ermöglichen. Eugenia absolviert die Accademia delle Belle Arti und spricht also – wie ihre Schwestern – fließend Italienisch, was wohl einer der Gründe gewesen sein dürfte, weswegen sie mit Gramsci im „Silberwald“ rasch in Kontakt kam. Heute steht außer Frage, dass diese Begegnung von Beginn an eine Liebesgeschichte war, die jedoch vom Erscheinen Giulias, der jüngsten und angeblich schönsten der Schucht-Schwestern, empfindlich und nachhaltig gestört wurde. Julca, wie sie auch genannt wird, hatte als Violinistin das Conservatorio di Santa Cecilia in Rom absolviert und sich dann aktiv an der Russischen Oktoberrevolution beteiligt. Zu dem Zeitpunkt, als sie Gramsci begegnet, lebt sie mit ihrer Familie in Iwanowo-Wosnessensk, einem Textilzentrum außerhalb von Moskau, und unterrichtet an der dortigen Musikschule. Als sie bei einem Besuch bei ihrer Schwester im Sanatorium Gramsci vorgestellt wird, macht sie großen Eindruck auf den Sarden: „Gramsci è profondamente turbato e anche intimidito dall’incontro con Giulia, dalla bellezza enigmatica del suo volto e dalla sua indole introversa, che lascia intravedere una personalità non comune.“37 Es ist also vom ersten Moment an ein Dreieck, in dem Gramscis Liebe zu seiner späteren Frau und Mutter seiner zwei Söhne entsteht. Den folgenden Jahreswechsel verbringen sie in der Tat zu dritt in Serebrianyi Bor. Gramsci rechnet damit, bald nach Italien zurückzukehren, wo aber die Faschisten mit dem sogenannten Marsch auf Rom und mit der Verhaftung führender Linkspolitiker ihr wahres Gesicht zeigen, was eine Rückkehr des kommunistischen Parteifunktionärs wenig ratsam erscheinen lässt. Erst im Mai 1924 kehrt Gramsci, nach einem fünfmonatigen Zwischenstopp in Wien,38 nach Italien zurück. Am 8. November 1926 wird er selbst verhaftet.
Im Oktober 1922 entstand ein äußerst bemerkenswertes Dokument, das einen intimen Einblick in die heikle Dreiecksbeziehung zwischen Gramsci und den beiden Schucht-Schwestern gewährt: La cartolina di Gramsci, eine ‚vierhändig‘ verfasste Postkarte, die titelgebend im Mittelpunkt eines überaus lesenswerten Essays von Noemi Ghetti steht. Sie ist an Eugenia Schucht im Sanatorium Silberwald adressiert und entstand – wie die beiden Urheber, Antonio Gramsci und Giulia Schucht, mehr oder weniger offen bekennen – in einer Liebesnacht im Zimmer eines Hotels für Sowjet-Funktionäre in Iwanowo-Wosnessensk, wo sich Gramsci nach seiner leidlichen Genesung mit Giulia als Übersetzerin an seiner Seite aufhielt: „Carissima compagna nonché sorella, ci troviamo riuniti nella stanza n. 5 […], è l’una del mattino…“.39 Ironisch berichten sie von ihrem zähen politischen Tagwerk: „siamo costretti a fare dei discorsi nei congressi dei cinovniky [sowjetische Staatsfunktionäre, Bürokraten], a tradurli e a farne la recensione per i giornali“.40 Noch bemerkenswerter als die anspielungsreichen Zeilen an Eugenia ist die Rückseite dieser Karte, auf der sich mehrere kleine Zeichnungen, Sprechblasen und handschriftliche Kommentare befinden:41 Man sieht unter anderem eine dürre und verzweifelte Frau, die mit ihren überlangen Armen ein anthropomorphes Bett daran zu hindern versucht, auf seinen nicht weniger als 19 menschlichen Beinen zu entfliehen. „Prendetelo, prendetelo, è un controrivoluzionario“, ruft sie. „Tutti portan la croce quaggiù”, sagt das Bett, eine Anspielung, auf die ich noch zurückkomme.
Die Existenz dieser Karte ist seit den 1980er Jahren bekannt, doch erst das Bekanntwerden der prekären Dreicksbeziehung zwischen Gramsci, Eugenia und Giulia Schucht in den letzten Jahren lässt ihre ganze Brisanz erkennen. Erst seit relativ kurzem nämlich steht fest, dass Gramscis erste Liebesbriefe, die an eine „Cara“ oder auch „Carissima compagna“ gerichtet sind, gar nicht an Giulia gingen, wie bis dahin geglaubt, sondern an Eugenia Schucht.42 Dass diese den italienischen Professor, wie sie ihn nannten, an ihre jüngere Schwester verlor, ist eine schmerzhafte Geschichte. Und obendrauf nun die ‚heitere‘ Zeichnung auf der Postkarte aus dem Hotelzimmer: Der da als Krankenbett flieht, ist nämlich Gramsci, und die Frau, die ihn nicht halten kann, Eugenia Schucht. Das Ganze ist überschrieben mit „La Croce di Iulca“.
In ihrem close reading dieser Karte stellt Noemi Ghetti einen Bezug des ‚Kreuzes‘ zu einem anderen ironischen Text Gramscis her, der in denselben Tagen entstanden ist: Er hatte sich nämlich in einer blasphemischen Parodie einer canzonetta mit dem Titel La Croce des frommen Dichters Pietro Paolo Parzanese (1809–1852) versucht, dem die Zeile in der Sprechblase des fliehenden Bettes entlehnt ist: „Quando nacqui mi disse una voce | ‚Tu sei nato a portar la tua croce!‘ | Io piangendo la croce abbracciai | Che dal Cielo mandata mi fu | Poi guardai, guardai, guardai | Tutti portan la croce quaggiù!“43 Gramsci verlegt in seiner parodistischen und formal durchaus gekonnt verfertigten – und Giulia Schucht zugedachten! – Neudichtung das Geschehen nach Serebrianyi Bor und lässt Eugenia und sich selbst darin auftreten, wie sie jeweils ihr „Kreuz“ zu tragen haben…44 In ihrer Zusammenführung erkennt Ghetti in diesen beiden Dokumenten – der lästerlichen Parodie von La Croce und der liebestrunknen nächtlichen Postkarte aus dem Hotelzimmer – einen einzigartigen biographischen Ausdruck der schwierigen Lage, in der sich Gramsci in Moskau befand: „Non sappiamo se ‚la croce di Iulca‘ sia Gramsci o se al contrario Iulca sia la croce di Gramsci. Ma forse, e più verosimilmente, la vera croce di Iulca è la sorella Eugenia, che […] morbosamente la domina“.45
Dieser Topos freilich ist nicht neu: Eugenia Schucht als unnachgiebige, harte und herrschsüchtige große Schwester, die auch von Gramscis Söhnen Delio und Giuliano Besitz ergreift, die in der Sowjetunion 1924 bzw. 1926 geboren werden und dort aufwachsen, während ihr Vater bereits im Gefängnis sitzt. Giuliano wird er nie zu Gesicht bekommen; die Begegnung mit Delio in Rom, wo Gramsci von Giulia und Eugenia besucht wird, ist eine der eindrücklichsten Szenen in dem 2015 erschienenen Roman 36,9° der deutschen Autorin Nora Bossong, in dem auf zwei Zeitebenen einerseits Gramscis ‚Schicksalsjahre‘, wenn man so will, verarbeitet werden und andererseits die Geschichte eines zeitgenössischen Gramsci-Forschers deutscher Zunge erzählt wird, der vor den Trümmern seiner Ehe und seiner (ausgebliebenen) wissenschaftlichen Karriere steht. Während dieser zweite Strang nur wenig überzeugt, wird Gramscis persönlicher Weg von Turin nach Moskau und über Wien nach Rom, wo er zum Parlamentsabgeordneten der Kommunistischen Partei wird, an vielen Stellen eindrücklich greifbar gemacht. So eben auch die erst zweite Begegnung mit seinem kleinen Sohn vor dem Hintergrund der emotionalen Dynamik zwischen Giulia und Eugenia, die sich von Delio ebenso „Mutter“ nennen lässt, am Bahnhof Termini:
Auf dem Arm hält sie [Eugenia, Anm. I.P.-L.] ein Kind. Weiches Flaumhaar, hellbraun, fast blond. Schon hat sie ihn erkannt, schon schreitet sie auf ihn zu. […] Gramsci fühlt ihren mageren Hals an seinem Kinn, den zerbrechlichen Torso an seiner Brust, das Kinderhaar an seiner Wange. Delios verschrecktes Gesicht wird ruckzuck an die Tantenschulter gedrückt, den Vater hat er wohl nicht einmal erkannt.46
In den Tagen in Rom führen die vier ein „fast normales Familienleben“47, unter ständiger Polizeibeobachtung, aber das ist nur „das eine. Das zweite ist Eugenia.“48 Auch Bossong greift die Geschichte auf, dass Gramsci im Silberwald zunächst Eugenias Liebe gewesen war, „ihre Eroberung, sie hat ihn damals am Gartenzaun aufgelesen, sie teilt alles mit ihrer Schwester, aber jetzt erwartet sie, dass auch ihre Schwester alles mit ihr teilt.“49 Eben auch das Kind, das seinen Vater Onkel zu nennen sie ihm beigebracht hat: „‚So war es leichter für ihn. Sein Vater war ja nicht da‘, erklärt Eugenia.“50 Die diese Ungeheuerlichkeit im Roman problematisiert, ist Tatjana: die dritte Schucht-Schwester in Gramscis Leben – und in vielerlei Hinsicht die bedeutsamste.
Tatjana (Tanja) Schucht hatte 1913 in Rom ein naturwissenschaftliches Studium abgeschlossen und betätigte sich bis 1924 als Lehrerin, dazwischen auch als Krankenschwester. Sie lebte allein in Rom; 1925 begegnet sie Antonio Gramsci und gleich darauf beginnt sie – vermutlich auf sein Drängen und dank seiner Vermittlung –51 in der sowjetischen Botschaft als Übersetzerin zu arbeiten.52 Tanja sollte die mit Abstand wichtigste Bezugsperson und Briefpartnerin für den inhaftierten Gramsci sein, doch schon in der kurzen gemeinsamen Zeit in Rom stehen sich die beiden sehr nahe. Diese innige Beziehung lässt abermals auch an eine Liebesbeziehung denken, womit aus dem Dreieck mit Giulia und Eugenia durch Tatjana ein Viereck würde. Auch Nora Bossong deutet es im Roman an:
Er streicht ihr den Arm hinauf, über die Schulter, sie duckt sich unter der Berührung weg.
„Du musst dich jetzt um deine Familie kümmern. Damit habe ich nichts zu tun.“
„Wir könnten ein paar Schritte zusammen zum Bahnhof gehen.“
„Ja, wir könnten“, sagt sie und dreht sich von ihm weg. „Wenn die drei wieder in Moskau sind.“53
In der Haft sind Gramsci nur Briefe an Familienmitglieder erlaubt, weswegen Tanja die bemerkenswerte Rolle zukommt, seine oft nur vordergründig an sie gerichteten Schreiben an die eigentlichen Empfänger, etwa in der Kommunistischen Partei, weiterzuleiten bzw. Antwortschreiben in die ihren zu integrieren. Die kommen oft von dem bekannten Ökonomen Piero Sraffa, „l’amico devoto di tutti questi anni di pena“54, der Gramsci mit Büchern versorgte und durch die Aufrechterhaltung der indirekten Korrespondenz mit der Parteiführung gemeinsam mit Tanja einen ‚Circulus Virtuosus‘ aufbaute.55 Gleichzeitig ist Tatjana Gramscis wichtigstes Gegenüber in allen kleinen und großen, persönlichen wie politischen Belangen seines Gefängnisalltags; sie stößt wichtige inhaltliche Reflexionen mit an, an sie ist auch ein berühmter Brief aus dem März 192756 gerichtet, der als ‚Exposé‘ dessen betrachtet werden kann, was später in den tausenden Seiten der Quaderni del carcere ausgearbeitet wird.
Die Beziehung zu Tanja ist somit nicht zuletzt auch eine intellektuelle, schwer bei einem Kopf wie Gramsci das eine dem anderen nachzuordnen. Der Dialektik von Verstand und Gefühlen im Briefwechsel der beiden hat Johanna Borek nachgespürt und dabei gezeigt, wie Gramsci sich, ohne dies zum Thema zu machen, „aufklärerischer materialistischer Theorie“ bedient,57 indem er der Schwägerin nicht etwa zum Vorwurf macht, sich in ihrem Handeln von Gefühlen leiten zu lassen, sondern ein „ungenaues Fühlen, […] dass sie sentimental, dass sie gefühlvoll fühlt“,58 womit ein in Opposition zum Verstand stehendes Fühlen gemeint ist. Einem von Gramsci anerkannten Fühlen haben nicht instinktive Leidenschaften vorauszugehen, sondern „ein langes, gelassenes, nüchternes Nachdenken“, wie ihn Borek übersetzt:59 und es war dem Eingekerkerten eine Überlebensfrage, „mit dem Verstand zusammen ein Gefühl sich [zu] erhalten“.60 Diese Beobachtungen lassen sich mit einer Passage eines Briefs an Tanja in Verbindung bringen, in der Gramsci schreibt:
anche le quistioni sentimentali mi si presentano, le vivo, in combinazione con altri elementi (ideologici, filosofici, politici, ecc.) cosí che non saprei dire fin dove arriva il sentimento e dove incomincia invece uno degli altri elementi, non saprei dire forse neppure di quale di tutti questi elementi precisamente si tratti, tanto essi sono unificati in un tutto inscindibile e di una vita unica.61
Tatjana Schucht kommt nicht zuletzt das Verdienst zu, Gramscis Unterlagen und Schriften nach dessen Tod in Sicherheit gebracht zu haben, „assolvendo così un compito fondamentale per salvare l’inestimabile patrimonio intellettuale in esse contenuto“62. Über Wege der sowjetischen Botschaft gelangten die Gefängnishefte nach Moskau. In den letzten Jahren sind bislang unveröffentlichte Briefe aufgetaucht, die zeigen, dass die Familie Schucht die Absicht hatte, sich – gemeinsam mit Sraffa – an ihrer Edition und Publikation zu beteiligen, was offenkundig Gramscis eigenem, explizit geäußerten Wunsch entsprochen hätte.63 Tanja selbst wollte sich mit ihren Schwestern dieser Aufgabe annehmen, wie sie in einem Brief bekennt: „Giulia, tu, Eugenia e io siamo perfettamente adatte. Per farlo.“64 Doch dazu sollte es nicht kommen: Die Kommunistische Partei nahm gegen den Willen der Familie dieses Vorhaben an sich und nutzte die Gelegenheit, Gramscis Schriften ganz in ihrem Sinne in der kulturellen und politischen Landschaft des Nachkriegs-Italien zu positionieren, nachdem die übrigens vor genau 70 Jahren erstmals veröffentlichten Lettere dal carcere auf so überwältigende Resonanz gestoßen waren. Aber das ist eine andere Geschichte.
Vgl. die von Francesco Giasi und Maria Luisa Righi betreute Bibliografia gramsciana, die mittlerweile weit über 20.000 Einträge umfasst und online zugänglich ist unter http://www.fondazionegramsci.org/bibliografia-gramsciana.↩
Vgl. Alessandra Marchi und Antonella Sanna, Hrsg., Casa Gramsci (Ghilarza: ISKRA edizioni, 2012).↩
Antonio Gramsci, Lettere: 1908–1926, hrsg. v. Antonio A. Santucci (Torino: Einaudi, 1992), Brief vom 6.3.1924.↩
Giuseppe Fiori, Vita di Antonio Gramsci (Bari: Laterza, 1966/1995), 110.↩
Thomas Barfuss und Peter Jehle, Antonio Gramsci zur Einführung (Hamburg: Junius, 2014), 47.↩
Karl Marx, „Thesen über Feuerbach“, in Karl Marx und Friedrich Engels, Werke (MEW), Bd.3 (Berlin: Dietz-Verlag, 1958), 5–7, hier 6.↩
Marx, „Thesen über Feuerbach“, 6.↩
Antonio Gramsci, Quaderni del carcere, edizione critica dell’Istituto Gramsci a cura di Valentino Gerratana (Torino: Einaudi, 1975), Q.15 §19, 1776.↩
Gramsci, Quaderni del carcere, Q.15 §19, 1776.↩
Gramsci, Quaderni del carcere, Q.10.II §48, 1338.↩
Ingo Pohn-Lauggas, „Past and Present: Popular Literature“, in Past and Present: Philosophy, Politics and History in the Thought of Antonio Gramsci, hrsg. von Francesca Antonini, Robert Jackson u.a. (Leiden: Brill, im Druck 2017)↩
Antonio Gramsci hat sich verschiedenster Rubriken bedient, denen er seine Abhandlungen zuordnete. Häufig wiederkehrend sind etwa Criteri metodologici, die Storia degli intellettuali italiani, Introduzione allo studio della filosofia aber auch selbst kreierte Ressorts wie I nipotini di padre Bresciani für propagandistische Schundliteratur, vgl. Marina Paladini Musitelli, „Brescianesimo“, in Le parole di Gramsci: per un lessico dei Quaderni del carcere, hrsg. von Fabio Frosini und Guido Liguori (Roma: Carocci editore, 2004), 35–54. Häufig ist allein der Umstand, dass Gramsci bestimmte Themen, Phänomene oder Persönlichkeiten einer dieser Rubriken zuordnet, signifikant und aussagekräftig – hinsichtlich der Sache, aber auch der Rubrik selbst.↩
Vgl. Fabio Frosini, „Passato e presente“, in Dizionario Gramsciano, hrsg. von Guido Liguori und Pasquale Voza (Roma: Carocci editore, 2009), 626–8.↩
Gramsci, Quaderni del carcere, Q.14 §78, 1745.↩
Gramsci, Quaderni del carcere, Q.1 §156, 137.↩
Barfuss und Jehle, Antonio Gramsci, 46.↩
Antonio Gramsci, Lettere 1926–1935, hrsg. v. Aldo Natoli (Torino: Einaudi, 1997), Brief vom 12.9.1927.↩
Von großem Interesse ist hier das jüngst zugänglich gemachte Skriptum, welches Gramsci für Bartoli erarbeitet hat: Appunti di glottologia 1912–1913: un corso universitario di Matteo Bartoli redatto da Antonio Gramsci, hrsg. von Giancarlo Schirru (Roma: Istituto della Enciclopedia Italiana, 2016).↩
Vgl. die Einträge von Derek Boothman im Dizionario Gramsciano, 480–5.↩
Derek Boothman, „Traduzione e traducibilità“, in Le parole di Gramsci, 247–66.↩
Vgl. Antonio Gramsci, „Franche parole ad un borghese“, in Masse e Partito: antologia 1910–1926, hrsg. v. Guido Liguori (Roma: Editori riuniti, 2016), 238–41.↩
Gramsci, Lettere 1926–1935, Brief vom 23.2.1931.↩
Vgl. hierzu Ingo [Pohn-]Lauggas, Hegemonie, Kunst und Literatur: Ästhetik und Politik bei Gramsci und Williams (Wien: Löcker, 2013), 88–102; zur Auseinandersetzung mit Dante letztens auch Noemi Ghetti, Gramsci nel cieco carcere degli eretici (Roma: L’asino d’oro, 2014).↩
Gramsci, Quaderni del carcere, Q.28 §6, 2328; zur Vorgeschichte und Gramscis Konzeptionalisierung des Begriffs ‚Lorianismus‘ vgl. Ingo Pohn-Lauggas, „Lorianismus“, in Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus (HKWM), Bd.8/II, hrsg. v. Wolfgang Fritz Haug, Frigga Haug, Peter Jehle und Wolfgang Küttler (Hamburg: Argument, 2015), 1327–33.↩
Christian Gaedt, „Antonio Gramsci (1891–1937): biographische Notizen“, in Mit Gramsci arbeiten: Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, hrsg. v. Andreas Merkens und Victor Rego Diaz (Hamburg: Argument, 2007), 204–18, hier 205.↩
Empfohlen sei an dieser Stelle die bereits zitierte, jüngst erschienene Anthologie Masse e Partito mit Schriften Gramscis aus den Jahren 1910 bis 1926, in der sich seine politische Entwicklung gut nachvollziehen lässt, nicht zuletzt dank der begleitenden Kommentare des Herausgebers.↩
Guido Liguori, „Die Revolution als Lernprozess: Gramsci und die russischen Revolutionen von 1917“, Das Argument 321, Nr. 1 (2017).↩
Guido Liguori, „Introduzione“, in Antonio Gramsci: Come alla volontà piace: scritti sulla Rivoluzione russa (Roma: Castelvecchi, 2017), 5–23, hier 6.↩
Bartolo Anglani, Solitudine di Gramsci: politica e poetica del carcere (Roma: Donzelli editore, 2007), 127.↩
Gramsci, Lettere 1926–1935, Brief vom 19.3.1927.↩
Antonio Gramsci, „‚Il piacere dell’onestà‘ di Pirandello al Carignano“ (29.11.1917), in Letteratura e vita nazionale (Torino: Einaudi, 1954), 307–8, hier 307.↩
Birgit Wagner, „Ist das Leben selbst theatralisch? Bemerkungen zu Antonio Gramsci als Kritiker Pirandellos“, in Theatralisierung der Wirklichkeit und Wirklichkeit des Theaters: Akten des 3. Pirandello-Kolloquiums in Wien vom Mai 1986, hrsg. von Michael Rössner und Frank-Rutger Hausmann (Bonn: Romanistischer Verlag Hillen, 1988), 139–48, hier 140. Zur Bedeutung Pirandellos in Gramscis kunst- und kulturtheoretischem Gesamtwerk vgl. [Pohn-]Lauggas, Hegemonie, Kunst und Literatur, 83–7.↩
Gramsci, Quaderni del carcere, Q.14 §15, 1640.↩
Wagner, „Ist das Leben selbst theatralisch?“, 140.↩
Gramsci, Quaderni del carcere, Q.14 §15, 1672.↩
Vgl. zum Folgenden Antonio Gramsci jr., La Russia di mio nonno: l’album familiare degli Schucht (Roma: Nuova Iniziativa editoriale, 2008) und vor allem Antonio Gramsci jr., La storia di una famiglia rivoluzionaria: Antonio Gramsci e gli Schucht tra la Russia e l’Italia (Roma: Editori riuniti, 2014).↩
Noemi Ghetti, La cartolina di Gramsci: a Mosca, tra politica e amori 1922–1924 (Roma: Donzelli editore, 2016), 11.↩
Vgl. Sonja Puntscher-Riekmann und Birgit Wagner, „Gramsci in Österreich: Peripetien einer Rezeption“, in Gramsci, Pasolini: ein imaginärer Dialog (Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1987), 101–27, hier 103–8; Giovanni Somai, Gramsci a Vienna. Ricerche e documenti 1922–1924 (Urbino: Argalìa, 1979).↩
Ghetti, La cartolina di Gramsci, 20.↩
Ein Abdruck dieser Karte ist neben anderen Materialen und Fotos in Noemi Ghettis Band enthalten.↩
Diese Gewissheit verdankt sich detaillierten Analysen der Briefe von Maria Luisa Righi, vgl. „Gramsci a Mosca tra amori e politica (1922–1923)“, Studi Storici, Nr.4 (2011): 1005–8.↩
Zit. n. Ghetti, La cartolina di Gramsci, 40.↩
„Vidi Eugenia a Sierebriani Boro | Che accigliata guardava il moloco [das Milchglas] | A una suora che stava in quel loco | Ragion chiesi di tanto disdoro. | Mi rispose l’indian beduina | La sua croce è l’odor di cucina | Che un Chitaio [ein chinesischer Koch] le manda toujours. […] Sulle rive dell’ampia Moscova | Vidi Gramsci soletto e pensoso. | A un’anguilla che a secco si trova | Domandai: A che pensa il meschin? | Mi rispose quel rettile ambiguo: | Egli porta un crocion molto antiguo; | Una donna con avido dente | Libbra a libbra si mangia il dolente.“ Zit. n. Ghetti, La cartolina di Gramsci, 41.↩
Ghetti, La cartolina di Gramsci, 51.↩
Nora Bossong, 36,9° (München: Hanser, 2015), 194.↩
Bossong, 36,9°, 196.↩
Bossong, 36,9°, 197.↩
Bossong, 36,9°, 201.↩
Vgl. Gramsci jr., La Russia di mio nonno, 88.↩
Zur Biographie Tatjana Schuchts vgl. Aldo Natolis Einleitung in Gramsci, Lettere 1926–1935.↩
Bossong, 36,9°, 202–3.↩
Fiori, Vita di Antonio Gramsci, 331.↩
Vgl. zu dessen Exegese Guido Liguori, Gramsci conteso. Interpretazioni, dibattiti e polemiche 1922–2012 (Roma: Editori Riuniti, 2012), 333–6. Vgl. zuletzt auch Ursula Apitzsch und Peter Kammerer, „Die Kommunikation zwischen Antonio Gramsci, Tanja Schucht und Piero Sraffa 1931–1935: Ein Circulus Virtuosus“, in Antonio Gramsci, Gefängnisbriefe III. Briefwechsel mit Tatjana Schucht 1931–1935 (Hamburg: Argument, 2014), 7–37.↩
Johanna Borek, „Der Verstand und die Gefühle: eine Träumerei“, in Kulturen des Widerstands: Texte zu Antonio Gramsci, hrsg. von Johanna Borek, Birge Krondorfer und Julius Mende (Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1993), 167–72, hier 169.↩
Borek, „Der Verstand und die Gefühle“, 168.↩
Borek, „Der Verstand und die Gefühle“, 171.↩
Borek, „Der Verstand und die Gefühle“, 162.↩
Gramsci, Lettere 1926–1935, Brief vom 19.5.1930.↩
Gramsci jr., La Russia di mio nonno, 89.↩
Vgl. Giuseppe Vacca, „Prefazione“, in Gramsci jr., La Russia di mio nonno, 9–28, hier 19–20.↩
Zit. n. Vacca, „Prefazione“, 27.↩
Ill.: angrodZ, Rimini 2011 Feb 27 – 2, piazzale Gramsci.
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