Source: https://journals.openedition.org/ceg/1614
Timestamp: 2018-09-23 14:13:42+00:00

Document:
Das „Lebenerhaltendere der Lüge“ bei Lou Andreas‑Salomé. Weibliche Widersprüche gegen männliche Wahrheitsansprüche um 1900
Accueil > Numéros > 68 > Mensonge et genre > Das „Lebenerhaltendere der Lüge“ ...
Contradictions féminines contre revendications masculines de la vérité aux alentours de 1900 : Lou Andreas‑Salomé
Female contrariness versus male claims to truth around 1900: Lou Andreas‑Salomé
Die Frage nach der Lüge führt in den Kern von Lou Andreas-Salomés Erzählen, ihrem Dichtungskonzept und zugleich in die komplexe Diskurssituation um 1900. Gegen den männlich dominierten Wahrheitsdiskurs der Zeit macht Andreas-Salomé mittels der Lüge die Ambivalenz des Lebens stark. Die Autorin baut dabei auf Nietzsches Wissenschaftskritik auf, die sie allerdings – gegen Nietzsche – als Plädoyer für ein spezifisch weibliches Denken und Wissen ausdeutet. Dies wird an theoretischen Schriften und der Erzählung Fenitschka untersucht.
La question du mensonge mène non seulement au cœur de l’écriture narrative et de la conception poétique de Lou Andreas-Salomé, mais se révèle en outre être emblématique de la situation discursive aux alentours de 1900. À l’encontre du discours sur la vérité produit par l’époque, dominé par le masculin, Lou Andreas-Salomé met en avant, par le biais du mensonge, l’ambivalence de la vie. Ce faisant, elle se réfère certes à la critique de la science menée par Nietzsche, mais la retourne contre lui en l’interprétant comme un plaidoyer pour une pensée et un savoir spécifiquement féminins. Ce retournement est analysé dans ses écrits théoriques et dans le récit Fenitschka.
The question of lying leads not only into the heart of Lou Andreas-Salomé’s narrative work and her concept of poetry, but also into the discursive situation around 1900. Andreas-Salomé uses lying to underline the ambivalence of life thus counteracting the male dominated discourse about truth existing at her time. In doing so the author builds on Nietzsche’s critique of science. However, in contrast to Nietzsche, she interprets this critique as a plea for a specifically female way of thinking as well as for female knowledge. This reversal will be examined using the example of Andreas-Salomé’s theoretical writings and her story Fenitschka.
Andreas-Salomé (Lou), Fenitschka, critique de la science, discours de genre, tournant du siècle
Andreas-Salomé (Lou), Fenitschka, Wissenschaftskritik, Geschlechterdiskurs, Jahrhundertwende
Andreas-Salomé (Lou), Fenitschka, critique of science, gender discourse, fin de siècle
,Wahrheit‘ im späten 19. Jahrhundert
Lüge im Wissen und Wahrheit in der Lüge: Fenitschka
Fazit: Dichtung als Weg zur Erkenntnis
1„[W]as liegt dem Weibe an Wahrheit!“, verkündet Nietzsche in seiner Schrift Jenseits von Gut und Böse (1886):
1 Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft, in ders., S (...)
Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder, widriger, feindlicher als Wahrheit, – seine grosse Kunst ist die Lüge, seine höchste Angelegenheit ist der Schein und die Schönheit.1
2 Arthur Schopenhauer, Über die Weiber (Paralipomena, Kap. 27), in ders., Sämtliche Werke, textkritis (...)
2Im Diskurs des 19. Jahrhunderts sind Weiblichkeit und Lüge Begriffe, die zusammengedacht werden. Auch der Literaturtypus der Femme fatale, der auf der Vorstellung einer für den Mann verhängnisvollen Verstellungskunst der Frau basiert und in dieser Zeit Konjunktur hat, ist ein Beispiel dafür. Der Hang zur Lüge, der der Frau nachgesagt wird, wird mit einer vorgeblichen geschlechtsbedingten Eigenart, der weiblichen ,Natur‘ begründet. Die Frauen seien, so schreibt Schopenhauer in seinem Essay Über die Weiber (1851) „als die Schwächeren, von der Natur nicht auf die Kraft, sondern auf die List angewiesen […]: daher ihre instinktartige Verschlagenheit und ihr unvertilgbarer Hang zum Lügen.“ Ein „ganz wahrhaftes, unverstelltes Weib“ sei daher „vielleicht unmöglich“, so dass „sich überhaupt in Frage stellen [ließe], ob sie zum Eide zuzulassen sind“2. Selbst in dem naturalistischen Drama Nora oder Ein Puppenheim (1879), das als Plädoyer für die Frauenemanzipation berühmt geworden ist, lässt Ibsen seine Protagonistin eine Urkundenfälschung begehen, die ihr ganz natürlich vorkommt und dessen juristische Tragweite sie gar nicht begreift. Der Kindfrau, der Femme fragile, die mit besten Absichten aus dem Gefühl heraus handelt und es dabei mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, ist der Literaturtypus der Femme fatale, die den Mann mit ihrer Verstellungskunst verführt und ins Verderben stürzt, als negative Variante an die Seite zu stellen: In beiden Repräsentationen von Weiblichkeit, die in der Jahrhundertwende Konjunktur haben, drückt sich die Vorstellung aus, es sei der Frau ein ,Hang zur Lüge‘ eigen. So unterschiedlich die Haltungen sind, die den philosophisch-weltanschaulichen und literarischen Entwürfen zugrunde liegen, so auffällig ist der Konsens darüber, beim weiblichen ,Geschlechtscharakter‘ einen prinzipiellen Mangel anzunehmen, wenn es um das Streben nach Wahrheit geht.
3 Zur frauenpolitisch orientierten Diskussion vgl. Caroline Kreide, Lou Andreas-Salomé: Feministin od (...)
4 Eine im Gesamtwerk durchgängige Ambivalenz betonen auch Biddy Martin, Woman and Modernity. The (Lif (...)
3Lou Andreas-Salomés Erzählungen liefern dazu einen Kontrapunkt, indem die Lüge zwar auch mit weiblichen Protagonisten verbunden, dabei aber positiv gewendet und mit einer lebensphilosophischen Bedeutung aufgeladen wird. Aufschlussreich – und zwar über eine engere Beschäftigung mit ihrem Werk hinaus – ist ihr Ansatz, weil sich in ihm die Umbrüche der Jahrhundertwende kristallisieren: So finden sich gleichzeitig Verbindungen mit dem zeitgenössischen Geschlechterdiskurs und geschlechterpolitisch radikale Umwertungen. Die widersprüchliche Rezeption, die die Schriften der Autorin erfahren haben, gibt von dieser Ambivalenz ein beredtes Beispiel. War ihr Werk schon zu Lebzeiten umstritten, ist sich auch die heutige Forschung in der Bewertung uneinig: Das Spektrum der Einschätzungen reicht von fortschrittlich bis reaktionär.3 Aber letztlich gehen solche Klassifizierungen an dem, was das Schaffen der Dichterin, Essayistin und Psychoanalytikerin in kultur- und literarhistorischer Perspektive besonders macht, vorbei. Anlässlich des Begriffs der Lüge lässt sich paradigmatisch zeigen, dass es gerade die Ambivalenz ist4, auf die Andreas-Salomé in ihren Texten zielt.
4Um dies auszuführen, werde ich folgendermaßen verfahren: Für eine Kontextualisierung gehe ich (1.) auf den Wahrheits-Diskurs der Zeit ein, der nicht unabhängig vom Triumph der positivistischen Wissenschaften gedacht werden kann. Nach einem Blick auf Andreas-Salomés produktive Rezeption von Positionen Nietzsches im Rahmen seiner Wissenschaftskritik werde ich (2.) einen für das Thema der Lüge exemplarischen Erzähltext der Autorin untersuchen. Den Schluss bilden (3.) einige zusammenführende Überlegungen mit Blick auf ihr Dichtungskonzept.
5Wer an die Lüge denkt, denkt an die Wahrheit. Hiermit zu starten, wäre vernünftig. Ich möchte stattdessen mit einem Schritt davor beginnen: mit dem Wahnsinn. Als Grenzziehung, die für die modernen westeuropäischen Gesellschaften konstitutiv gewesen sei, beschreibt Foucault in seiner Dissertation zur Histoire de la folie den Ausschluss des Wahnsinns von der Teilhabe am Diskurs.
5 Michel Foucault, Préface, in ders., Folie et déraison. Histoire de la folie à l’âge classique, Pari (...)
Au milieu du monde serein de la maladie mentale, l’homme moderne ne communique plus avec le fou : il y a d’une part l’homme de raison qui délègue vers la folie le médecin, n’autorisant ainsi de rapport qu’à travers l’universalité abstraite de la maladie; il y a d’autre part l’homme de folie […]. Le langage de la psychiatrie, qui est monologue de la raison sur la folie, n’a pu s’établir que sur un tel silence.5
6Mit dem Übergang zum modernen Weltverständnis im 18. Jahrhundert werde allein dem Sprechen ein Gültigkeitsanspruch eingeräumt, das den Regeln vernünftiger Logik folgt. Das, was vom Diskurs ausgeschlossen wird, steht jenseits der rationalen Ordnung; es ist ein Sprechen, das sich mit den Kategorien von „richtig“ und „falsch“ nicht messen lässt.
7Für die Thematik der Lüge ist Foucaults Befund folgenreich, denn er macht darauf aufmerksam, dass der entscheidende Gegensatz nicht zwischen Wahrheit und Lüge besteht, die sich im Bereich der Vernunft ergänzen, sondern zwischen Vernunft und Wahnsinn, zwischen denen eine radikale Trennung vollzogen wird. Die Lüge im engeren Sinne, nämlich als bewusste Unwahrheit, ist Teil des rationalen Systems und erfüllt darin sogar eine systemstabilisierende Funktion: Sie bildet den Gegenpart zur Wahrheit, der dieser ihre moralische Dignität recht eigentlich erst verleiht.
6 Petra Mayer, Zwischen unsicherem Wissen und sicherem Unwissen. Erzählte Wissensformationen im reali (...)
7 Vgl. ibid. S. 27; sowie: Herbert Schnädelbach, Philosophie in Deutschland 1831-1933, Frankfurt a. M (...)
8 Walter Müller-Seidel, „Zeitbewußtsein um 1900. Literarische Moderne im wissenschaftlichen Kontext“, (...)
8Das Primat einer dualen Logik von „richtig“ und „falsch“ wird im Kontext des wissenschaftlichen Paradigmenwandels im 19. Jahrhundert noch geschärft. Es ist das viel beschworene ,szientistische‘ Zeitalter: geprägt vom Aufschwung der Naturwissenschaften zur Leitdisziplin. Mit den 1830er Jahren, so Petra Mayer mit Bezug auf Schnädelbach, vollzieht sich in Deutschland ein Übergang von deduktiv ausgerichteten „Denkmodellen […], deren Hintergrund die idealistische Philosophie bildet“, hin zu „[w]issenschaftlichen Erfahrungsmodellen“ auf der Grundlage empirischer Forschung.6 Man beruft sich fortan auf eine ,positive‘ Wissenschaft: nicht auf metaphysischen Voraussetzungen fußend, sondern auf ,Fakten‘. Der einschneidende Umbruch liegt dabei weniger in den Wissensinhalten als in den Methoden.7 Messbar und überprüfbar soll sein, was Wahrheit beansprucht. Dies sind die Leitlinien, die, den Naturwissenschaften entlehnt, das allgemeine Wissenschaftsverständnis der Zeit beherrschen. Müller-Seidel hebt die „Dominanz des linearen Denkens im zeitlichen Sinne“ hervor. „Die Schlüsselbegriffe in diesem mentalitätsgeschichtlichen Prozeß heißen Entwicklung, Aufstieg und Fortschritt.“8 Die Wahrheit scheint so erreichbar wie kaum jemals zuvor.
9 Untersuchungen zu Nietzsche beziehen sich entsprechend meist auf einen spezifischen Ausschnitt sein (...)
10 Vgl. auch die nicht zu Nietzsches Lebzeiten veröffentlichte Schrift, die Andreas-Salomé nicht berüc (...)
11 Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Erstes Hauptstück: von den Vorurtheilen der Philosophen, § 10 (...)
9Lou Andreas-Salomé entfaltet demgegenüber ein anderes Verständnis von Wahrheit, wobei sie in vielem an Nietzsche anknüpft. 1894 erscheint ihre Monographie Friedrich Nietzsche in seinen Werken, in der sie auch auf dessen Überlegungen zu Wahrheit und Lüge eingeht. Dabei spielen wohlgemerkt seine Äußerungen zur Lügenhaftigkeit der Frau keine Rolle: In Andreas-Salomés Nietzsche-Schrift finden sie keine einzige Erwähnung. Zum Thema wird dagegen seine allgemeine Wissenschaftskritik, wobei vor allem eine von Nietzsches sehr verschiedenen Begriffsverwendungen von ,Lüge‘9 wichtig wird, und zwar die folgende, die sich vom üblichen Wortverständnis unterscheidet: Sie betrifft das Verfälschende, Unwahre, welches der Mensch unwissentlich hervorbringt, während er die Welt seiner (sprachlich verfassten) Deutung unterwirft.10 Die Autorin stellt dar, wie Nietzsche damit zunächst die Metaphysiker ins Visier nimmt, sich jedoch später mit einer polemischen Parteinahme für das Lebensechtere der ,Lüge‘ gegen die positivistische Schule der, wie Nietzsche sie nennt, „Wirklichkeits‑Philosophaster“11 wendet.
10Ihre weiteren Ausführungen zur Lüge bei Nietzsche lassen bereits erste Rückschlüsse auf ihre eigenen Interessen zu. In dem, was sie zitiert und wie sie die Zitate kombiniert, sind deutliche Schwerpunktsetzungen erkennbar, die das ,Leben‘ zum argumentativen Zentrum machen. Aus einer langen Passage etwa, in der Nietzsche die mögliche Notwendigkeit falscher Urteile erörtert, wählt Andreas-Salomé gerade die Textauszüge, die sich auf das Leben richten:
12 Lou Andreas-Salomé, Friedrich Nietzsche in seinen Werken, mit Anmerkungen von Thomas Pfeiffer, hrsg (...)
Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urtheil; – – Die Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend – – ist; – – – Verzichtleisten auf falsche Urtheile (wäre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des Lebens.12
11Leben, Lügen und Kunst werden dabei in einen Zusammenhang gebracht, der eine Akzentverschiebung im Vergleich zu Nietzsches Schriften bedeutet.
12Andreas-Salomé zitiert zunächst aus Jenseits von Gut und Böse:
13 Andreas-Salomé, Nietzsche in seinen Werken, S. 192. Zitat aus: Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse(...)
– – – wir sind von Grund aus von Alters her – ans Lügen gewöhnt. Oder, um es tugendhafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr Künstler als man weiss.13
14 Andreas-Salomé, Nietzsche in seinen Werken, S. 192.
13An dieses Zitat schließt sie in eigenen Worten erläuternd an: „Und das Lebenerhaltendere der Lüge ist es, das den Künstler hoch über den wissenschaftlichen Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt.“14
15 Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift, in KSA (wie Anm. 1), Bd. 5, S. 245-412, hi (...)
14Die Zusammenstellung ist auffällig, weil sie einen klaren Gegensatz zwischen der Kunst mit der ,lebenerhaltenden‘ Lüge und der Wissenschaft mit der „Wahrheitsforschung“ aufbaut, den es so in dem Zitat aus Jenseits von Gut und Böse nicht gibt. Denn mit „Künstler“ metaphorisiert Nietzsche dort den Menschen allgemein, der sich der Fiktionen, die er beim Darstellen seiner Erfahrungen und Erkenntnisse produziert, gar nicht bewusst ist. In Zur Genealogie der Moral (auf die Andreas-Salomé auch verweist) dagegen spricht er von der „Kunst […], in der gerade die Lüge sich heiligt, [in der] der Wille zur Täuschung das gute Gewissen zur Seite hat“15, womit der unwillentlichen ,Lüge‘ der Wissenschaft im Namen einer vorgeblichen Wahrheit eine andere, willentliche und lebensbejahende ,Lüge‘ der Dichtung an die Seite gestellt wird.
15In der verkürzenden Zusammenführung deutet sich bereits an, dass Lou Andreas-Salomés ein besonderes Augenmerk auf die Lüge als Lebensbedürfnis legt und dass die Kunst dabei nicht elitär erscheint, sondern wie die Steigerung einer dem Menschen natürlichen Haltung. Im Folgenden möchte ich am Beispiel der Erzählung Fenitschka der Frage nachgehen, welche Ausprägung die Thematik der Lüge in Andreas-Salomés eigenen literarischen Texten findet.
16 Hier zitierte Ausgabe: Lou Andreas-Salomé, Fenitschka, in dies., Fenitschka. Eine Ausschweifung. 2 (...)
16In der 1898 veröffentlichten Erzählung16 erscheint die Frage nach dem Geschlechtergegensatz bezüglich des Themas Wahrheit und Lüge besonders pointiert, denn die Titelheldin hat wie ihr männlicher Gegenspieler studiert und steht im Zugang zum Wissen also nicht von vornherein auf ganz anderem Boden wie die Protagonistinnen weiterer Erzähltexte der Autorin.
17Die Erzählung startet mit der gesellschaftlich dominierenden Position: Die Perspektive, die beim Erzählen eingenommen wird, ist die des promovierten Psychologen Max Werner, der das Gelernte nun in der Lebenswirklichkeit zu testen gedenkt: Dies ist der Grund, warum er sich für die eigentlich wenig attraktive Studentin Fenia, die er in einer Gesellschaft kennenlernt, zu interessieren beginnt. Dem Geschlechterdiskurs entsprechend klassifiziert er Frauen nach ihrer sexuellen Verfügbarkeit in zwei Gruppen: einerseits die leichten Mädchen und Femmes fatales, andererseits die Tugendhaft-Reinen und Mütter. Eine Studentin aber – zu dieser Zeit eine außergewöhnliche Erscheinung – kann er nicht einordnen. Er vermutet zunächst eine Täuschungsabsicht Fenias, eine groß angelegte Lüge sozusagen, und „argwöhnt[]“,
sie halte sich eine höchst kluge und gelungene Maske vor. Steckte nicht hinter diesem Nonnenkleidchen, das unter den andern Toiletten fast auffiel, etwas recht Leichtgeschürztes, – hinter diesem offenen, durchgeistigten Gesicht nicht etwas Sinnenheißes, worüber sich nur ein Tölpel täuschen ließ? (F 13)
18Im weiteren Verlauf des Abends versucht er, seine Hypothese zu überprüfen. Er lockt sie in sein Hotel, wo er sie verführen will. Doch das Experiment scheitert und lässt ihn beschämt zurück. Die falsifizierte Annahme führt ihn zum logischen Kurzschluss, sie nun dem anderen Frauentyp zuzuordnen. Einige Monate später, als er Zeuge ist, wie Fenia mit dem Gerücht konfrontiert wird, man habe sie nachts mit einem Mann gesehen, „umstrahlt[]“ sie „in seinen Augen […] eine eisige, unanzweifelbare Reinheit.“ (F 32) Doch auch hier irrt er.
19Auf der Suche nach der Wahrheit unterlaufen ihm immer wieder verfälschende Reduktionen. Angesichts des fortgesetzten Scheiterns seiner Einordnungsversuche fragt er sich schließlich selbst:
Warum hatte er in beiden Fällen ihr Wesen so typisch genommen, so grob fixiert? […] Es war ganz merkwürdig, wie schwer es fiel, die Frauen in ihrer rein menschlichen Mannigfaltigkeit aufzufassen […], nicht immer nur halb schematisch. (F 36)
20Der Blick des Wissenschaftlers offenbart sich als ungenügend. Seine wohlgeordneten ,Wahrheiten‘ über ,die‘ Frau erweisen sich als unabsichtliche ,Lügen‘ im Sinne von Nietzsches Wissenschaftskritik: als verfälschende Zurichtungen der Wirklichkeit.
21Fenia dagegen denkt vom Leben aus. Ihre Auffassung vom Studium ist der Max Werners diametral entgegengesetzt. Auffallend ist, wie sehr dabei von einer grundsätzlichen Geschlechterdifferenz ausgegangen wird. Max betont die männliche Fähigkeit zur notwendigen „Selbstkasteiung“ für die Wissenschaft:
Je reiner, je strenger und sicherer ihre Erkenntnismethoden sind, desto bewußter und größer dann auch ihr Verzicht auf das volle, das wirkliche Erfassen selbst des kleinsten Lebensstückchens. (F 14)
22„Für uns Frauen,“ setzt Fenia dagegen, „bedeutet es keine Askese“, sondern einen Schritt
mitten hinein in das Leben! Wer von uns sich dem Studium hingibt, tut es nicht nur mit dem Kopf, mit der Intelligenz, sondern mit dem ganzen Willen, dem ganzen Menschen! Er erobert nicht nur Wissen, sondern ein Stück Leben voll von Gemütsbewegungen. (F 15)
17 Andreas-Salomé, Nietzsche in seinen Werken, S. 104.
18 Vgl. dazu Weiershausen, Wissenschaft und Weiblichkeit, S. 189-202.
23Die emphatische Formel vom „ganzen Menschen“ offenbart die Nähe zu Nietzsches Lebensphilosophie. Bei ihm, so resümiert Andreas-Salomé in ihrer Nietzsche-Monographie, sei das Denken „ein Erleben, die Erkenntnis ein Mitarbeiten und Mitschaffen an einer neuen Cultur: in Gedanken durften alle Seelenkräfte zusammenwirken: er forderte den ganzen Menschen“ 17. Da wo Nietzsche sich aber bekanntlich nur auf den Mann bezieht, nutzt Andreas-Salomé Nietzsche im Grunde gegen dessen Intention für ein Ganzheitlichkeitsverständnis, das auf Weiblichkeit beruht.18
19 Lou Andreas-Salomé, „Der Mensch als Weib. Ein Bild im Umriß“, in Neue Deutsche Rundschau, 10, 1899, (...)
20 Ibid., S. 225.
21 Ibid., S. 233.
22 Ibid., S. 234.
23 Andreas-Salomé, Nietzsche in seinen Werken, S. 192.
24Weiter ausgeführt findet sich dies in ihrem geschlechtertheoretischen Essay Der Mensch als Weib von 1899.19 Oberflächlich gelesen, wähnt man die Klischees des zeitgenössischen Diskurses bedient, wenn die Autorin dem männlichen Denken die Fortschrittslinie zuweist und das weibliche als das „Undifferenzirtere“ beschreibt.20 Tatsächlich vollzieht sie aber eine selbstbewusste Umwertung zugunsten des weiblichen Elements, das das reichere Wissen verbürge, während die männliche Spezialisierung eine zunehmende Entfremdung vom Leben bedinge.21 Wenn sie betont, dass sich „dem Manne […] Wahrheit am zwingendsten als das dar[stelle], womit man auch logisch zurechtkommen muß“, wohingegen „dem Weibe […] eine zwingende Wahrheit immer nur das Lebenerweckende“ sei22, so bestätigt sie damit zwar die herrschende Annahme einer Geschlechterdichotomie, kehrt unter der Hand aber die Vorzeichen um. Lou Andreas-Salomé knüpft bei Nietzsches Wahrheitsbegriff an, demzufolge es nicht um „wahr“ oder „falsch“ gehe, sondern darum, wie weit etwas „lebenfördernd, lebenerhaltend“23 sei, und denkt dies im Kontext ihrer Geschlechtertheorie weiter. Nur die Frau vermöge – so ist mit Andreas-Salomé zu schlussfolgern –, die Verbindung zum Urgrund des Lebens zu erhalten, in dem allein das Maß der ,Wahrheit‘ zu finden sei. Mit den Wertsetzungen der vitalistischen Geistesströmungen der Jahrhundertwende stellt dies die im herrschenden Geschlechterdiskurs üblichen Hierarchien zwischen Mann und Frau auf den Kopf.
25Ich komme zurück zur Ausgangsfrage nach dem Geschlechterbezug der Lüge in der Erzählung. Denn trotz einer prinzipiellen weiblichen Disposition zu einer ,Wahrheit des Lebens‘, wie ich es nennen möchte, macht sich auch Fenia der Lüge schuldig: und zwar der direkten, bewussten Falschaussage. Max Werner wird zum Ohrenzeugen, wie Fenia den Mann, den sie liebt, belügt. Die Situation ist paradox: Hatte Fenia darunter gelitten, ihre Liebe vor der Öffentlichkeit geheim halten zu müssen, scheint jetzt die Lösung auf. Denn der Geliebte hat eine Anstellung gefunden, die ihn finanziell in die Lage versetzt, Fenia zu heiraten. Aber für Fenia würde mit der Ehe die eigene freie Entfaltung, zu der auch ein geistiger Beruf gehört, unmöglich. So muss sie sich vom Geliebten trennen. Die Lüge soll helfen, von ihm loszukommen: Sie werde nachkommen, versichert sie ihm, sobald er die Stelle in der fernen Stadt angetreten habe.
26Die ganze Ambivalenz dieser Lüge manifestiert sich in der Abschiedsszene: Denn die Trennung, die Fenia vollzieht, gleicht einer Trauung, von der Fenia früher einmal erklärt hatte, es bedeute, sich „auf die Knie [zu werfen]“, „sozusagen im Dienst eines Höheren, Dritten“ (F 22). Max hört im Nebenzimmer, was sich zwischen den Liebenden abspielt:
Es war, als stürze sie in die Knie, oder an seine Brust […]. –
„Niemals! niemals!“ sagte sie weinend, außer sich, „niemals kann ich es vergessen, daß ich dein bin.“ […] Ein Stuhl wurde fortgeschoben. Man vernahm nichts mehr. Nichts als das Geläute der Glocken, das lauter und lauter anschwoll und mit seinen feierlichen Klängen wie ein Lobgesang das ganze kleine Zimmer erfüllte, – – (F 66)
24 In der Forschung wurde der Schluss gelegentlich als emanzipatorische Entscheidung für die Berufstät (...)
27Fenias Handlungsweise scheint widersprüchlich – aber sie ist einem Bedürfnis nach Ganzheitlichkeit geschuldet, dem Bedürfnis, sich nicht im Sinne gesellschaftlicher Beschränkungen entscheiden zu müssen.24 Nur in der rationalen Logik schließt sich aus, was die ,Mannigfaltigkeit‘ des Lebens erfordert.
28Für das Verhältnis von Wahrheit und Lüge zeichnet sich in der Erzählung eine geschlechter- und wissenspolitisch bemerkenswerte Umkehrung ab. Festzuhalten ist zunächst einmal, dass Max Werner als einer auftritt, der der Wahrheitssuche verpflichtet ist, und dass Fenia eine bewusste Lüge begeht. Aber Max’ ,Wahrheit‘ entpuppt sich als verfälschende Reduktion und Fenias Lüge entsteht auf dem Boden einer tieferen Wahrheit des Lebens. Angesichts der drohenden Einschränkungen der Gesellschaft wird sie zur Lüge gezwungen, um keine größere Lüge – an sich und am Leben – zu begehen.
29Die Lüge, so lässt sich insgesamt festhalten, eröffnet in Lou Andreas‑Salomés Erzählung eine bemerkenswert weitgehende Perspektive: Mit einem lebensemphatischen Ansatz wird die Lüge im Raum eines widersprüchlichen Lebensganzen gegen ein einseitiges Verständnis von „wahr“ und „falsch“ akzentuiert. Dahinter scheint die Sehnsucht nach einem Erfahrungswissen jenseits der rationalen Ordnung auf.
25 Verfügbare Ausgabe: Lou Andreas-Salomé, Eine Ausschweifung, in dies., Fenitschka. Eine Ausschweifun (...)
26 Es liegt eine französische Übersetzung vor: Jutta. Récit, texte établi, préfacé et traduit de l’all (...)
30Vergleichbar motivierte Zusammenhänge durchziehen das gesamte Werk Lou Andreas-Salomés. Hierzu gehört in der Erzählung Eine Ausschweifung (1898)25 der Widerstand der Malerin Adine gegen das Vernunftsystem ihres Verlobten, eines Irrenarztes, und ihre Sympathie für den Wahnsinn der Patienten, den sie nicht als Krankheit verwerfen mag. Hierzu gehört ebenfalls die Bedeutung des dichterischen Erzählens für die Protagonistin aus der späten, bisher im vollständigen Original noch unveröffentlichten Jutta-Trilogie (entstanden 1921/1933).26 Am Ende des dritten Teils entscheidet Jutta sich angesichts ihres Zweifels, ob die Universitätsgelehrten bei den wichtigen Fragen des Lebens helfen könnten, gegen ein wissenschaftliches Studium und wird zur Dichterin.
27 Vgl. Romana Weiershausen, „Entwürfe eines geschlechtsspezifischen Wissens bei Lou Andreas-Salomé: L (...)
31In dieser Spätphase ihres Schaffens bekennt sich Lou Andreas-Salomé besonders eindrücklich zu den Erkenntnismöglichkeiten des Literarischen – eines Ausdrucks, der auch Widersprüche und Ambivalenzen aufnehmen kann und damit einen tieferen Blick in Wahrheiten des Lebens vermittle, als eine wissenschaftliche Analyse dies könne.27
28 Lou Andreas-Salomé, In der Schule bei Freud. Tagebuch eines Jahres (1912/1913). Aus dem Nachlaß, hr (...)
32In ihrem Gedankentagebuch des Jahres 1912/1328, in dem sie bei Freud in Wien studiert hatte, plädiert sie statt eines analytisch-rationalen Vorgehens für eine „literarische Technik“, um Einsichten in die menschliche Psyche zu gewinnen: Nicht zergliedernd solle man verfahren, sondern dichtend, weil man nur so der „Einheit der Gestaltung gerecht“ werden könne.29 „Einheit der Gestaltung“ meint dabei zugleich eine Einheit, die der „psychologische[n] Zerfaserung ins Allerindividuellste“, der „Vereinzelung“ der Person entgegenwirkt. Diese höhere „Einheit“ entstehen zu lassen, sei mit analytischer Logik allein nicht zu leisten: Dafür brauche es „Dichterkraft“30. Damit aber zielt die literarische Wahrheit gerade auf das Jenseits der rationalen Wissensordnung.
33Platons bekanntem Diktum, die Dichtung sei Lüge und damit zu verwerfen, entgegnet sie mit einer anderen – in der Tendenz grundlegend ,weiblichen‘ – dichterischen Weltsicht, in der die Lüge den falschen Wahrheiten entgegensteht und den Weg zu einer gültigen Wahrheit des Lebens weist. Dieser Weg ist noch mit der Vernunft zugänglich, aber nicht mehr ausschließlich der dualen Logik verpflichtet: Wenn man so will, zeichnet sich hier ein Brückenschlag ab zu den Wissensbereichen – des Traums, des Wahns –, die mit der Entwicklung der modernen Gesellschaften ins Abseits verdrängt worden waren.
1 Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft, in ders., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Neuausgabe, München, dtv, 1999 [im Folgenden: KSA], Bd. 5, S. 9-243, hier: Siebentes Hauptstück: unsere Tugenden, § 232, S. 171.
2 Arthur Schopenhauer, Über die Weiber (Paralipomena, Kap. 27), in ders., Sämtliche Werke, textkritisch bearbeitet u. hrsg. von Wolfgang Frhr. von Löhneysen, Band V/2, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1986, S. 719-735, hier § 366, S. 723.
3 Zur frauenpolitisch orientierten Diskussion vgl. Caroline Kreide, Lou Andreas-Salomé: Feministin oder Antifeministin? Eine Standortbestimmung zur wilhelminischen Frauenbewegung, New York [u.a.], Peter Lang, 1996. In der Forschung wird oft zwischen dem literarischen und dem essayistischen Werk eine Diskrepanz konstatiert. Exemplarisch für diese Position, wobei zumeist das Erzählwerk als progressiv, die Essayistik dagegen als traditionell/rückständig eingestuft wird: Franz Norbert Mennemeier, „Widersprüche weiblicher Emanzipation: Lou Andreas-Salomé“, in Literatur für Leser, 3, 1987, S. 268-275; Marlies Janz, „,Die Frau‘ und ,das Leben‘. Weiblichkeitskonzepte in der Literatur und Theorie um 1900“, in Hartmut Eggert, Erhard Schütz u. Peter Sprengel (Hrsg.), Faszination des Organischen. Konjunkturen einer Kategorie der Moderne, München, Iudicium, 1995, S. 37-52. Für einen Forschungsüberblick in Bezug auf die Erzählung Fenitschka, die bei der vorliegenden Untersuchung im Zentrum steht, vgl. Romana Weiershausen, Wissenschaft und Weiblichkeit. Die Studentin in der Literatur der Jahrhundertwende, Göttingen, Wallstein, 2004, S. 127f.
4 Eine im Gesamtwerk durchgängige Ambivalenz betonen auch Biddy Martin, Woman and Modernity. The (Life)Styles of Lou Andreas-Salomé, Ithaca/ New York [u.a.], Cornell Univ. Press, 1991; Irina Mareske, „…als wolle sie aus sich selbst heraus“: Die Darstellung weiblicher Körperlichkeit in Pose, Bewegung und Raum im fiktionalen (Früh)Werk Ricarda Huchs und Lou Andreas-Salomés, Ann Arbor, Michigan, UMI, 2000.
5 Michel Foucault, Préface, in ders., Folie et déraison. Histoire de la folie à l’âge classique, Paris, Plon, 1961, S. II.
6 Petra Mayer, Zwischen unsicherem Wissen und sicherem Unwissen. Erzählte Wissensformationen im realistischen Roman: Stifters „Der Nachsommer“ und Vischers „Auch Einer“, Bielefeld, Aisthesis, 2014, S. 26.
7 Vgl. ibid. S. 27; sowie: Herbert Schnädelbach, Philosophie in Deutschland 1831-1933, Frankfurt a. M., 1983, S. 118.
8 Walter Müller-Seidel, „Zeitbewußtsein um 1900. Literarische Moderne im wissenschaftlichen Kontext“, in Ulrich Mölk (Hrsg.), Europäische Jahrhundertwende. Wissenschaften, Literatur und Kunst um 1900, Göttingen, Wallstein, 1999, S. 13-34, hier S. 15.
9 Untersuchungen zu Nietzsche beziehen sich entsprechend meist auf einen spezifischen Ausschnitt seines Werks. Vgl. zur Lüge bei Nietzsche z.B.: Lars Gustafsson, Sprache und Lüge. Drei sprachphilosophische Extremisten: Friedrich Nietzsche, Alexander Bryan Johnson, Fritz Mauthner, aus dem Swedischen von Susanne Seul, München/ Wien, Carl Hanser, 1980, S. 39-69; Gerhard Kaiser, „Wie die Dichter lügen. Dichten und Leben in Nietzsches ersten beiden Dionysos-Dithyramben“, in Nietzsche-Studien, 15, 1996, S. 184-224; Claus Zittel, „Ästhetik des Nihilismus. Über Wahrheit und Lüge in Nietzsches Also sprach Zarathustra“, in Orbis Litterarum, 54, 1999, S. 239-261; Mathias Mayer, „Die Rhetorik der Lüge. Beobachtungen zu Nietzsche und Hofmannsthal“, in Christine Lubkoll (Hrsg.), Das Imaginäre des Fin de siècle. Ein Symposion für Gerhard Neumann, Freiburg i. Br., Rombach, 2002, S. 43-63.
10 Vgl. auch die nicht zu Nietzsches Lebzeiten veröffentlichte Schrift, die Andreas-Salomé nicht berücksichtigt hat: Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne. Eine Streitschrift, in Friedrich Nietzsche, in KSA (wie Anm. 1), Bd. 1, S. 873-890, hier: z.B. S. 881. Dazu speziell: Hans Gerald Hödl, Nietzsches frühe Sprachkritik. Lektüren zu „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ (1873), Wien, WUV-Universitätsverlag, 1997.
11 Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Erstes Hauptstück: von den Vorurtheilen der Philosophen, § 10, S. 23.
12 Lou Andreas-Salomé, Friedrich Nietzsche in seinen Werken, mit Anmerkungen von Thomas Pfeiffer, hrsg. von Ernst Pfeiffer, Frankfurt a. M./ Leipzig, Insel, 2000, S. 192. Die im Originalzitat weggelassenen Passagen sind hier in eckigen Klammern ergänzt: „Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urtheil; [darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten.] Die Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend [, Art-erhaltend, vielleicht gar Art-züchtend] ist; [und wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, dass die falschesten Urtheile (zu denen die synthetischen Urtheile a priori gehören) uns die unentbehrlichsten sind, dass ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne ein Messen der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt des Unbedingten, Sich-selbst-Gleichen, ohne eine beständige Fälschung der Welt durch die Zahl der Mensch nicht leben könnte, – dass] Verzichtleisten auf falsche Urtheile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des Lebens [wäre].“ (Vgl. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Erstes Hauptstück, § 4, S. 18.)
13 Andreas-Salomé, Nietzsche in seinen Werken, S. 192. Zitat aus: Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Fünftes Hauptstück: zur Naturgeschichte der Moral, § 192, S. 114.
15 Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift, in KSA (wie Anm. 1), Bd. 5, S. 245-412, hier: 3. Abhandlung, § 25, S. 402.
16 Hier zitierte Ausgabe: Lou Andreas-Salomé, Fenitschka, in dies., Fenitschka. Eine Ausschweifung. 2 Erzählungen, hrsg. u. mit einem Nachwort versehen v. Ernst Pfeiffer. Neu durchges. Aufl., Frankfurt a. M./ Berlin, Ullstein, 1993, S. 5-67. Die im Folgenden mit der Sigle F markierten Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.
19 Lou Andreas-Salomé, „Der Mensch als Weib. Ein Bild im Umriß“, in Neue Deutsche Rundschau, 10, 1899, S. 225-243, hier S. 233.
24 In der Forschung wurde der Schluss gelegentlich als emanzipatorische Entscheidung für die Berufstätigkeit vereindeutigt, z.B. bei Brigid Haines, „Lou Andreas-Salomé’s Fenitschka. A Feminist Reading“, in German Life and Letters, 44, 1991, H. 5, S. 416-425, hier S. 418; Gisela Brinker-Gabler, „Selbständigkeit oder Liebe? Frauen sehen ihre Zeit“, in Arno Bammé (Hrsg.), Thusnelda Kühl: die Dichterin der Marschen, München/Wien, Profil, 1992, S. 89-107, hier S. 99. Dagegen argumentiert Biddy Martin: „She [Fenia] merely negotiates, she does not resolve the contradictions or completely escape the constraints.“ (Martin, Woman and Modernity, S. 188.) Vgl. dazu Weiershausen, Wissenschaft und Weiblichkeit, S. 148.
25 Verfügbare Ausgabe: Lou Andreas-Salomé, Eine Ausschweifung, in dies., Fenitschka. Eine Ausschweifung. 2 Erzählungen, hrsg. u. mit einem Nachwort versehen v. Ernst Pfeiffer. Neu durchges. Aufl., Frankfurt a. M./ Berlin, Ullstein, 1993, S. 69-121.
26 Es liegt eine französische Übersetzung vor: Jutta. Récit, texte établi, préfacé et traduit de l’allemand par Stéphane Michaud, Paris, Éditions du Seuil, 2000. Abgesehen von der Zeitschriften-Veröffentlichung der Eröffnungserzählung (Geschwister) in einer Erstfassung wurde auf Deutsch bisher nur der mittlere Teil (Ein Pfingsttagebuch) herausgegeben, dies aber mit Texteingriffen des Herausgebers Ernst Pfeiffer. Erstmalig wird der vollständige Originaltext 2015 erscheinen (im Verlag Welsch Medien, hrsg. v. Romana Weiershausen mit der Mitarbeit von Dorothee Pfeiffer und Ursula Welsch).
27 Vgl. Romana Weiershausen, „Entwürfe eines geschlechtsspezifischen Wissens bei Lou Andreas-Salomé: Lebensphilosophie, Dichtung, Psychoanalyse und die Jutta-Trilogie (1921, 1933)“, in Zeitschrift für Germanistik, N.F. 18, 2008, H. 2, S. 318-330, hier S. 329f.
28 Lou Andreas-Salomé, In der Schule bei Freud. Tagebuch eines Jahres (1912/1913). Aus dem Nachlaß, hrsg. v. Ernst Pfeiffer. Frankfurt a. M./ Berlin/ Wien, Ullstein, 1983.
Romana Weiershausen, « Das „Lebenerhaltendere der Lüge“ bei Lou Andreas‑Salomé. Weibliche Widersprüche gegen männliche Wahrheitsansprüche um 1900 », Cahiers d’Études Germaniques, 68 | 2015, 241-250.
Romana Weiershausen, « Das „Lebenerhaltendere der Lüge“ bei Lou Andreas‑Salomé. Weibliche Widersprüche gegen männliche Wahrheitsansprüche um 1900 », Cahiers d’Études Germaniques [En ligne], 68 | 2015, mis en ligne le 17 décembre 2017, consulté le 23 septembre 2018. URL : http://journals.openedition.org/ceg/1614 ; DOI : 10.4000/ceg.1614
10.4000/ceg.1614

References: § 10
 § 232
 § 366
 § 10
 § 4
 § 192
 § 25