Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Arbeitsvertrag_Abloesungsentschaedigung_Vertragsstrafe_AGB_BAG_3AZR777-08.html
Timestamp: 2017-08-17 19:11:46+00:00

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ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/223
Das "Klein­ge­druck­te" führt im­mer wie­der zu Streit
15.11.2010. All­ge­mei­ne Ge­schäfts­be­din­gun­gen (AGB) sind vor­for­mu­lier­te, prak­tisch nicht ver­han­del­ba­re Ver­trags­klau­seln, die für ei­ne Viel­zahl von Fäl­len ge­schaf­fen wur­den.
Nicht nur im all­ge­mei­nen Ver­trags­recht, son­dern auch im Ar­beits­recht sind sie weit ver­brei­tet, wo­bei der Ar­beit­ge­ber der "Ver­wen­der" der AGB ist.
Um den Ar­beit­neh­mer vor zu Nach­tei­len zu schüt­zen, sieht das Bür­ger­li­che Ge­setz­buch (BGB) ei­ne Wirk­sam­keits­kon­trol­le die­ser Be­din­gun­gen vor. Spe­zi­ell bei Pau­scha­len zur Auf­wands­ent­schä­di­gung oder bei Ver­trags­stra­fen kann sich da­her ein ge­nau­er Blick auf den Ar­beits­ver­trag loh­nen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 27.07.2010, 3 AZR 777/08.
Wel­che Wir­kung und Be­deu­tung ha­ben All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen in Ar­beits­verträgen?
Der Fall: Ar­beit­ge­ber klagt ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te Ablösungs­entschädi­gung ein
Bun­des­ar­beits­ge­richt: Die Ver­ein­ba­rung er­laubt kei­nen Be­weis des Ge­gen­teils und ist da­her un­wirk­sam.
Sind AGB im Prin­zip in den Ar­beits­ver­trag ein­be­zo­gen wor­den, d.h. nicht be­reits aus for­ma­len Gründen un­wirk­sam, ha­ben sie trotz­dem kei­ne Gel­tung, wenn sie von Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen oder Rechts­vor­schrif­ten ergänzen und da­bei den Ar­beit­neh­mer „ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen“ (§ 307 Abs. 1 Satz 1 BGB).
Die­se all­ge­mein ge­fass­te Vor­schrift kommt aber nur dann zur An­wen­dung, wenn AGB nicht be­reits auf­grund der spe­zi­el­le­ren Vor­schrif­ten der In­halts­kon­trol­le un­wirk­sam sind. Spe­zi­el­le Klau­sel­ver­bo­te sind z.B. das Ver­bot ei­ner Ver­trags­re­ge­lung, die dem AGB-Ver­wen­der für den Fall der Ver­tragskündi­gung durch die an­de­ren Ver­trags­par­tei ei­nen un­an­ge­mes­sen ho­hen Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch ver­schafft (§ 308 Nr. 7 Buchst. b) BGB).
Während in al­ler Re­gel Ar­beit­neh­mer vor dem Ar­beits­ge­richt kla­gen und Ar­beit­ge­ber da­her die Be­klag­ten­rol­le be­klei­den, war es hier ein­mal um­ge­kehrt. Ge­klagt hat­te ein Ar­beit­ge­ber, nämlich ein in der Fa­mi­li­en­hil­fe täti­ger Ver­ein, der un­ter der Be­zeich­nung „Fa­mi­li­en­hil­fe­zen­trum W“ ei­ne vom Lan­des­ju­gend­amt ge­neh­mig­te Ein­rich­tung zur Be­treu­ung von Kin­dern in Wohn­grup­pen be­treibt.
Da­zu beschäftigt er Mit­ar­bei­te­rin­nen, die in ih­ren ei­ge­nen Woh­nun­gen Räume zur Verfügung stel­len, in de­nen die be­trof­fe­nen Kin­der rund um die Uhr un­ter­ge­bracht sind und von ih­nen ver­sorgt wer­den.
Die ver­ein­bar­te Ablösungs­entschädi­gung ist nicht als Kauf­preis für den „Be­treu­ungs­platz“ an­zu­se­hen, da die­ser kei­nen greif­ba­ren Vermögens­wert hat. An­dern­falls müss­te der Ver­ein ja den Pflicht über­nom­men ha­ben, der be­klag­ten Ar­beit­neh­me­rin Rech­te an die­sem Platz zu ver­schaf­fen, was al­ler­dings mit den recht­li­chen Be­zie­hun­gen zu den be­treu­ten Kin­dern nicht recht zu­sam­men­passt, da nämlich die­se (und nicht der Ver­ein) Ei­gentümer der an­ge­schaff­ten Möbel und Klei­dung sind.
Auch als Ver­trags­stra­fe konn­te die Ablösungs­entschädi­gung nicht ge­wer­tet wer­den, da die Lösung vom Ar­beits­ver­trag kein rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten der Ar­beit­neh­me­rin war. Mit ei­nem plötz­li­chen Ab­tau­chens des Ar­beit­neh­mers oh­ne Ab­war­ten der Kündi­gungs­frist, d.h. ei­nem Ver­trags­bruch, hat die hier strei­ti­ge Klau­sel da­her auch nichts zu tun.
Auf sol­che Ab­wick­lungs­ver­ein­ba­run­gen ist die auf Scha­den­er­satz­klau­seln zu­ge­schnit­te­ne Vor­schrift des § 309 Nr. 5 Buchst. b BGB sinn­gemäß bzw. ent­spre­chend an­zu­wen­den. Nach die­ser Vor­schrift ist die Ver­ein­ba­rung ei­ner pau­scha­lier­ten Scha­dens­er­satz­pflicht un­wirk­sam, wenn dem Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders nicht der Nach­weis ge­stat­tet wird, dass ein ein­ge­tre­te­ner Scha­den oder ei­ne Wert­min­de­rung sei tatsächli­che nicht ent­stan­den oder we­sent­lich nied­ri­ger ist als die Pau­scha­le.
Auf die hier strei­ti­ge Auf­wen­dungs­er­satz­klau­sel über­tra­gen heißt das: Der Ver­ein hätte in sei­ner Klau­sel der Ar­beit­neh­me­rin aus­drück­lich den Nach­weis er­lau­ben müssen, dass Auf­wen­dun­gen für die Ein­rich­tung ei­nes Be­treu­ungs­plat­zes in Höhe von 3.000,00 EUR gar nicht ent­stan­den wa­ren, und für die­sen Fall hätte die „Ablösungs­entschädi­gung“ ent­spre­chend ge­rin­ger aus­fal­len müssen.
Ob die­ses Er­geb­nis aus § 308 Nr. 7 Buchst. b BGB (in Ver­bin­dung mit § 309 Nr. 5 Buchst. b BGB) oder aus der in § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB ent­hal­te­nen Ge­ne­ral­klau­sel (in Ver­bin­dung mit § 309 Nr. 5 Buchst. b BGB) folgt, ließ das BAG of­fen. Zwei­fel an der An­wend­bar­keit von § 308 Nr. 7 Buchst. b) BGB er­ga­ben sich hier dar­aus, dass die­se Vor­schrift auf den Fall ei­ner Ver­tragskündi­gung oder ei­nes Rück­tritts vom Ver­trag zu­ge­schnit­ten ist, wo­hin­ge­gen die hier strei­ti­ge Klau­sel die „Ablösung“ vom Ver­ein ein­ge­rich­te­ten Wohn­grup­pe re­gelt, die ja theo­re­tisch mit ei­ner Fort­set­zung des Ar­beits­ver­trags ein­her­ge­hen könn­te.
Fa­zit: Ein for­mu­lar­ver­trag­li­cher An­spruch des Ar­beit­ge­bers auf Auf­wen­dungs­er­satz für den Fall der Ver­trags­be­en­di­gung ist gemäß § 308 Nr. 7 Buchst. b BGB oder gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­wirk­sam, wenn dem Ar­beit­neh­mer nicht aus­drück­lich die in § 309 Nr. 5 Buchst. b BGB vor­ge­se­he­ne Möglich­keit ein­geräumt wird, den Nach­weis zu führen, dass dem Ar­beit­ge­ber gar kei­ne oder ge­rin­ge­re Auf­wen­dun­gen ent­stan­den sind.
Mit die­sem Ur­teil setzt das BAG „ge­schick­ten“ Ver­trags­klau­seln des Ar­beit­ge­bers zu­recht Gren­zen, wenn dem Ar­beit­neh­mer da­mit fi­nan­zi­el­le Be­las­tun­gen in­fol­ge ei­ner Ver­trags­be­en­di­gung auf­er­legt wer­den.

References: § 309
 § 308
 § 309
 § 307
 § 309
 § 308
 § 308
 § 307
 § 309