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Timestamp: 2018-06-25 00:30:19+00:00

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Otto Schmitz-Dumont - Theorie der Begriffebildung [2/2]
"Wir verbinden nur Begriffe, denkend gesetzte Bestimmungen, und es würde unseren genauen Definitionen durchaus zuwider sein, derart heterogene Sachen wie Wahrnehmungen und Begriffe zu einer logischen Einheit verbinden zu wollen."
"Wenn die betreffenden Umstände gegeben sind, so muß die Seele jene Synthesen bilden, seien es Gesamtvorstellungen oder zusammengesetzte Begriffe, oder auch ganze Gedankenreihen. Das ist nicht allein in Einzelfällen physiologisch experimentell bewiesen worden, sondern die Logik gibt hierzu sogar den allgemeinen Beweis, welchen kein empirisches Experiment jemals liefern kann. Nur unter jener Bedingung ist ein Kausalzusammenhang der Tatsachen und damit die Bildung vernünftiger Begriffe und verständlicher Wahrnehmungen möglich. Aber die eigene Tat der Seele besteht darin, daß sie überhaupt eine Synthese bildet, wozu alle Außenwelt, alle Einzelreize für sich unfähig wären, wenn jenes synthetisierende Seelen-Ich nicht existierte."
"Der Identitätssatz ist ebensogut eine Synthese, wie der vom Grunde, den A = A heißt zu deutsch: eine Bestimmung A ist beständig in dieser Bedeutung aufzufassen und demnach verschieden von jeder anderen Bestimmung."
Die logische Synthese
§ 1. Das Leitprinzip
Der Grundgedanke des Folgenden, wodurch es sich wesentlich von allen bisherigen Auffassungen des reinen Denkens unterscheidet, ist:
Die Denktätigkeit besteht nicht in der Anwendung einer gewissen Anzahl von Seelenvermögen oder der menschlichen Seele eigentümlichen Grundbegriffen (Kategorien), Prinzipien des Intellekts etc, ebensowenig in der Ausübung gewisser, voneinander unabhängiger Denkgesetze, oder in wesentlich voneinander verschiedenen Operationen, die als Begriff, Satz, Urteil, Schluß etc. zu unterscheiden wären - sondern:
in der einen Fähigkeit des Ichwesens mehrere Einzelsetzungen zu einer Einheit zu vereinigen; oder was dasselbe mit anderen Worten sagt: in der Fähigkeit, Einzelbestimmungen in Beziehung zueinander zu setzen.
Zur Bezeichnung dieser Tätigkeit könnten wir außer "in Beziehung setzen" noch die Wörter verwenden: "in Zusammenhang bringen, zusammensetzen, in ein Verältnis setzen, in ein Abhängigkeitsverhältnis bringen, verbinden" etc. Alles diese Wörter haben aber außer jenem in Frage stehenden Begriff noch leise Nebenbedeutungen, so daß sich deren Gebrauch bei anderen Gelegenheiten nicht vermeiden läßt. Wir wählen deshalb zum obigen Zweck ein Fremdwort und sagen: logische Synthese bilden. Dieser Wortgebrauch ist also durchaus verschieden von KANTs logischer Synthese, die er aus Anschauung und Begriff zusammensetzt. Wir verbinden nur Begriffe, denkend gesetzte Bestimmungen, und es würde unseren genauen Definitionen durchaus zuwider sein, derart heterogene Sachen wie Wahrnehmungen und Begriffe zu einer logischen Einheit verbinden zu wollen. Was mit jenem kantischen Ausdruck gemeint ist, beschränkt sich auf die Tatsache des Bewußtseins, daß es eben ein und dasselbe Ich ist, welches sowohl empfindet, wie denkt. Dies ist aber eine Einheit der Wirklichkeit, und nicht eine solche, die vom vorhin als Denken definierten Prozeß zustande gebracht wird. Ein logischer Prozeß kann nie aus Abstraktionen jene wirkliche Einheit erzeugen, sondern umgekehrt zerlegt er jene Wirklichkeit in Abstraktionen, welche jene Wirklichkeit logisch zu beschreiben geeignet sind, d. h. welche geeignet sind, die Verhältnisse der Wirklichkeit unserem Verständnis zugänglich zu machen, im Geist nachzubilden.
Weil KANT die Wahrnehmung nicht auflöste in Empfindungen als Inhalt und die Ordnung derselben in Form der Wahrnehmung, deshalb kam er zur Hypothese von unseren tellurische konstruierten Seelen, denen gegenüber es auch solche Sachen, wie: reine Anschauung, purer Intellekt, göttlicher - menschlicher - animalischer Verstand etc. geben kann, und woraus sich dann weiter die falschen Begriffe von Ding für uns, Ding ansich und andere sogenannte Grenzbegriffe und Beschränktheiten der reinen Vernunft entwickelten. Wir führen nicht einen neuen Sprachgebrauch aus Willkür ein, sondern weil wir jene übliche Definition von Vorstellung - Begriff; als: einzelne - allgemeine Anschauung, für durchaus verkehrt halten, weil wir einen Verstand, der in anderer Weise, als der unsrige operiert, nicht für einen höheren Intellekt, sondern für Unverstand ansehen müssen, und demnach die ganze, an das Ding-ansich anknüpfende Metaphysik, gerlinde ausgedrückt, für eine vollständig überflüssige Hypothese. Das Folgende wird Gelegenheit geben, zu zeigen, daß solche Hypothesen aus der schwankenden, ungenügenden Auffassung des Begriffs in Begleitung der andern, in Kapitel I definierten Grundlagen aller Logik hervorging, und zugleich die glatte Lösung der hierdurch erzeugten falschen Frage (KANTs Antinomien) bringen.
Wir negieren also verschiedene Arten von Intellekt, und reduzieren alle Denkfähigkeiten auf die eine der logischen Synthese. Die Seele gebietet nicht über eine Anzahl von Stammbegriffen, wie der Feldherr über ein Arsenal von Waffenarten und Truppen, sondern die bei jeder einfachsten Wahrnehmung unbewußt vollzogene Synthese ist das einzige zum Denken und Begriffebilden Notwendige. Indem wir uns dieser Urtat unseres Denkens an seinen Produkten, den Gedanken, bewußt werden, bestimmen wir die hierbei auftretenden Verhältnisse, die Beziehungen der vielen in der gebildeten Einheit, als allgemeinste Formbegriffe der Denktätigkeit; dieselben stimmen in Einzelfällen mit Begriffen überein, die gemeinhin Kategorien des Verstandes genannt werden.
Das Resultat der Denktätigkeit ist uns vornehmlich in zwei Formen bekannt: als Begriff und als Satz. Der Inhalt dieser beiden Formen ist derselbe, denn der Begriff gelbes Gold bedeutet genau dasselbe, wie der Satz: Gold ist gelb. Wir haben aber beide Formen gesondert zu betrachten, weil beim Denken, als einer Tätigkeit, die Form seiner Produkte eine charakteristische Bedeutung für die Theorie dieser Tätigkeit hat; außerdem, weil bei der Satzform gewisse Elemente genannt werden, welche wir bei der Begriffsform nur stillschweigende mitdenken und dadurch der Analyse meist entgehen lassen. Wir beginnen mit der Begriffsform, weil diese im Allgemeinen die einfachere und auch historisch bei der Sprachbildung zuerst auftretende ist.
§ 2. Die Synthese der Begriffe
Sollen mehrere Einzelbestimmungen zu einer Einheit, einem Gesamtbegriff verbunden werden, so stellt sich zuerst einmal die Frage: ist diese Verbindung nur in einer oder mehreren Arten möglich, oder - entsprechend unserer zweiten Definition der Synthese - können zwischen solchen Einzelbestimmungen nur eine oder mehrere Arten der Beziehung gedacht werden? Lassen sich z. B. aus den Elementen rot, blau nur ein oder mehrere Begriffe bilden? Hierbei ist es dem Begriff Element entsprechend, daß jedes derselben etwas ganz Bestimmtes bezeichnet, daß also nicht von verschiedenen Arten des Rot oder Blau, sondern von einer nach Intensität, Farbschattierung etc. ganz einzigen Empfindung, bzw. physikalisch angebbarer Eigenschaft die Rede ist.
Wir geben hierauf sofort die Antwort:
Es sind zwei Arten dieser Vereinigung möglich, nämlich:
a) entweder lautet die Synthese rot und blau, und die Bedeutung derselben ist, daß diese zwei Empfindungen stets zusammen gedacht werden sollen, dabei aber unverändert selbständig bleiben, gleichsam wie ein Baustein, der auf der einen Seite rot, auf der anderen blau ist - und diesen Fall nennen wir die formale Synthese;
b) oder aber, die Synthese lautet rotblau, und bedeutet, daß ein wesentlich neuer Begriff entstanden ist, in welchem es weder ein Rot, noch ein Blau als selbständige Teile gibt, zu dessen Bildung aber das eine Element ebenso gut wie das andere beiträgt und jede andere Entwicklung hieraus ausgeschlossen ist; also ein Produkt, vollständig bestimmt durch die beiden Faktoren. Das sinnliche Äquivalent dieses neuen Begriffs wäre ein Baustein von violetter Farbe. Diesen Fall nennen wir die (inhaltliche) materiale Synthese.
Was für die Synthese von zwei Elementen bestimmt ist, gilt selbstverständlich für jede andere Anzahl, denn es ist nicht die Anzahl, sondern die Verschiedenheit der Elemente, welche die Synthesebildung ermöglicht.
Andere Synthesen gibt es nicht, und mag vorderhand diese Behauptung als ein empirisch gewonnenes Resultat angesehen werden, weil wir keine Begriffe angeben können, die, wenn überhaupt zusammengesetzt (durch Synthese gebildet), nicht auf den Fall a) oder b) zurückgeführt werden können. Der logische Grund dieses Resultats wurde in den Betrachtungen über den Gegensatz (Vierteljahrsschrift, Bd. 9) angedeutet; er liegt darin, daß logische Verschiedenheiten, denknotwendige Arten von Fällen, nur nach ausschließenden Gegensätzen bestimmt werden können, und ein jeder solcher unter einem Oberbegriff nur zwei und nicht mehr koordinierte Unterbegriffe enthalten kann; der hier in Anwendung kommende ausschließende Gegensatz ist aber der von Form - Inhalt, wie sich dies im Folgenden noch klarer herausstellen wird.
Die angegebene synthetische Tätigkeit haben wir uns nicht vorzustellen: als wenn das Denken etwa mit den Begriffen rot, blau eine Veränderung vornähme, etwas dem Denken Eigentümliches hinzufügte, womit erst die neuen Begriffe, rot und blau bzw. rotblau, zustande kämen; sondern das Denken, oder vielmehr der Denkende, stellt nur eine verständliche Forderung auf; die nämlich, daß rot und blau eine Einheit bilden sollen. Wir brauchen uns deshalb gar nicht um etwaige übernatürliche Fähigkeiten des Ich oder Qualitäten der Seele, welche diese Forderung aufstellt, zu kümmern, und ebensowenig darum, ob in der Wirklichkeit etwas dem (Rot, Blau) Entsprechendes existiert, sondern wir fordern nur, daß jener neue Begriff etwas ebenso Bestimmtes (Einzigartiges) bedeuten soll, wie jene Elemente, über deren Bestimmtheit wir uns verständigt hatten. Deshalb existiert nur eine einzige Bedingung, welcher jene Forderung einer Synthese zu entsprechen hat; und die ist: daß die betreffenden Elemente keine solche Bedeutung haben, daß ihre Vereinigung unmöglich einen deutbaren Sinn haben kann. Als Beispiele solcher sinnloser Wortzusammenstellungen mögen dienen: Unbewußte Empfindung, Messer ohne Klinge und Heft, daseiendes Nichts, das von SCHELLING erfundene Subjekt-Objekt, der von neueren Mathematikern tiefsinnig behandelte krumme Raum, in der Unendlichkeit sich schneidende Parallelen und ähnliche Sachen, denen sich grüne Ehre, roter Ton, körperliche Gedanken etc. an die Seite setzen ließen. Denn Raum bedeutet allseitige Ausdehnung; krumm eine spezifische Art von Ausdehnung; der krumme Raum wäre demnach die Behauptung, daß Etwas zugleich allgemein und spezifisch geartet sein kann. Ähnlich bedeutet Ton eine Gehörs-, grün eine Gesichtsempfindung; grüner Ton wäre demnach die Behauptung, daß Gehör und Gesicht die gleiche Empfindungsart sind. Das nächste Kapitel wird überhaupt zeigen, daß alle die hier angeführten Hindernisse einer Synthese auf ein und demselben logischen Grund beruhen.
a) Die formale Synthese
Nach der vorhin gegebenen Definition sind in der formalen Synthese die Teilbegriffe nur nominell verbunden; man könnte sagen: nur eine scheinbare Verbindung, eine solche der äußeren Form, dem Namen nach, nicht eine wahrhafte unteilbare Einheit wird dabei hergestellt. Trotzdem ist diese nominelle Synthese nicht nur in der Gemeinsprache, sondern auch in der Logik von großer Bedeutung, insofern sie vorschreibt, daß jene Teilbegriffe stets zusammen gedacht, daß sie also im Bewußtsein des Denkenden einen einheitlichen Akt bilden sollen.
Suchen wir z. B. einen Gegenstand zu definieren, wie dies in der Gemeinsprache üblich und wie es sogar von den Logikern geschieht, welche in der Sprachgrammatik vornehmlich die Regeln ihrer Wissenschaft zu finden glauben, so hieße es: Eisen ist ein schweres, grauschwarzes, schmiedbares etc. Metall; oder: der Begriff Eisen hat die Merkmale: schwer, grauschwarz, schmiedbar etc. in einer übersichtlichen Formel
Eisen = [s + g + schm + ...],
wobei die Klammer eben das bedeutet, was wir Synthese nannten, und die Pluszeichen, daß jene durch Buchstaben angedeuteten Teilbegriffe ebenso selbständig nebeneinander bestehen sollen, wie die einzelnen Posten in einer Kaufmannsrechnung, deren Gesamtbetrag in einer Summe angegeben wird. Eine solche Art der Definition ist also genau das, was wir formale Synthese nannten. Wir werden nun zwar sehen, daß eine solche Definition von Eisen nach den Anforderungen einer exakten Logik ungenügend und sogar falsch genannt werden muß; trotzdem sich gegen Sätze, wie: "Eisen ist schwer etc." nichts einwenden läßt. Wir werden aber andere Begriffe kennen lernen, die durch die obige formale Synthese genau definiert werden; so als einfachstes Beispiel die Zahlbegriffe: Zwei = eins und eins.
b) Die materiale Synthese
Der formalen Synthese gegenüber wird in der materialen ein wahrhaft neuer Inhalt erzeugt, oder vielmehr gefordert, in welchem die Teilbegriffe nicht mehr als selbständige Teile existieren. Rotblau als synonym mit violett ist ein neuer Begriff, weder rot, noch blau, noch rot und blau; aber rot und blau tragen gleicherweise zu seiner Bildung bei. Ob dieser Begriff zur Bestimmung (zu einer exakten Beschreibung) von irgendetwas dienen kann, das läßt sich nicht a priori behaupten, das kann nur die Erfahrung entscheiden; aber wir wissen genau, was wir mit unserer Forderung einer materialen (inhaltlichen) Synthese beabsichtigen und unter welchen Umständen einem Ding der Erfahrung diese Begriffsbezeichnung beigelegt werden kann. Weil wir durch die Erfahrung wissen, daß durch die Mischung gleicher Teile rot und blau die neue Empfindung violett erregt wird, deshalb sagen wir: "violett ist dem Begriff nach die materiale Synthese von rot und blau".
§ 3. Sprachliche und Formelbezeichnung
der Synthese in Begriffsform
Im Folgenden bezeichnen wir
die noch unbestimmte Synthese mit φ (a, b ...),
die formale Synthese mit (a + b + ...),
die materiale Synthese mit (a, b, c ...),
in Übereinstimmung mit den bekannten Symbolen der Arithmetik, weil wir nachweisen werden, daß die mathematischen Begriffe Summe, Produkt, genau unseren beiden Arten von Synthese bei ihrer Anwendung auf Zahl und Größe entsprechen. Desgleichen bedeutet bei der Formel für die unbestimmte Synthese der Buchstabe φ vor der Klammer (in Worten: Funktion von), daß jene Elemente a, b, c in einer noch näher zu bestimmenden Beziehung stehen, wobei diese Beziehung eben in den zwei folgenden Formeln durch die arithmetischen Vorzeichen genau angegeben ist, weshalb hierbei der Buchstabe vor der Klammer wegfällt.
Die sprachliche Bezeichnung der formalen Synthese geschieht meist durch die Partikel und, z. B. die Tat ist recht und billig; häufig aber auch durch ein Nebeneinanderstellen der Worte, z. B. schwarz-weiß-rote Flagge.
Die sprachliche Bezeichnung der materialen Synthese geschieht sehr verschiedenartig:
- durch Nebeneinanderstellen der Worte: die Sache ist (recht billig), im Sinne von sehr billig; also sehr verschieden vom vorigen (recht und billig);
- durch Zusammenziehen in ein Wort: Rotlicht, blutarm, Kreuzzug;
- durch eine Flexion der Wörter: Bruderssohn, Tal des Todes;
- durch eine Neubildung von Wörtern: violett statt rotblau, verbinden statt in Beziehung setzen.
Die Verschiedenheit des sprachlichen Ausdrucks für ein und dieselbe logische Operation zeigt, daß die Sprache noch andere Zwecke als logische verfolgt, und daß sie jedenfalls schon in einer Zeit gebildet wurde, wo bewußte Logik nicht zu den regelmäßigen Gewohnheiten der Sprechenden gehörte; daß also die Philosphen in einem Irrtum befangen sind, welche ihre logischen Sätze aus Einzelheiten der Sprache bzw. der Sprachgrammatik beweisen wollen; nur die allgemeinsten Sprachoperationen, d. h. jene, ohne welche ein sprachliches Verständnis unmöglich wird, sind neben grammatischen auch logische Formen.
Zur weiteren Jllustrierung des Unterschiedes von Grammatik und Logik soll noch Folgendes dienen: Die Synthese, als ein Gebilde, in welchem ein jedes Element als Begriff gleichberechtigt (gleich wirksam zur Erzeugung des Ganzen) Anteil hat, verleiht der Stellung dieser Elemente in einem ganz neuen Wort keinen besonderen Wert. Blaurot wäre rein logisch dasselbe wie rotblau, (2 mal 3) dasselbe wie (3 mal 2). Die Sprache benutzt dagegen zuweilen diese Stellung technischerweise um anzudeuten, daß im bezeichneten Gegenstand das Blau oder aber das Rot vorherrscht, benutzt also die Silbenstellung, um den neuen Begriff des Verhältnisses der Farbintensitäten anzugeben, welchen neuen Begriff sie totschweigt; so versteht man unter rotblau meist ein rötliches Blau, im Gegensatz zu blaurot als bläulichem Rot. Noch auffallender wird dieses Verschweigen neuer Begriffe bei Wortbildungen wie Staatsrecht - Rechtsstaat, Kreisbewegung - Bewegungskreis, deren Bedeutung je nach der Wortstellung eine total verschiedene ist. Staatsrecht bedeutet: das Recht, welches im Staat gilt. Rechtsstaat dagegen ein Staat, in dem das Recht herrscht. Wäre nun auch nichts dagegen einzuwenden, daß die Sprache zwecks Kürzung ihrer Ausdrucksweise die Wortstellung als ein Mittel der Begriffsbezeichnung verwendete, so müßte sie hierin doch wenigstens konsequent sein, wenn sie als logischer Führer gültig sein soll. Aber eine solche Konsequenz zeigt die Sprache nicht. Während bei Rechtsstaat das erste, ist es bei Kreisbewegung das zweite Wort, welches als Tätigkeit in einem gewissen Bereich aufzufassen ist. Während Rechtsstaat bedeutet: Staat des Rechts, bedeutet Kreisbewegung nicht analogerweise Bewegung des Kreises, sondern gerade umgekehrt Kreis der Bewegung oder auch Bewegung im Kreis. Die Wortzusammenstellung gibt nur an, daß die beiden verbunden Wörter in einem Zusammenhang stehen, bezeichnet aber nicht die Art dieses Zusammenhangs, d. h. sie läßt einen Teil der hierbei gedachten, in anderen Fällen durch Präpositionen angedeuteten Begriffe, ungenannt. Ebenso inkonsequent ist der Stellungswert der Wörter in Staatsrecht gegenüber Bewegungskreis. Für den Sprachforscher wäre es interessant, weiter zu verfolgen, inwiefern die Silbenbetonung von der Sprache zum logischen Ausdruck benutzt wird; z. B. blutarm - arm an Blut; blutarm = durchaus arm.
Der sprachliche Ausdruck gibt also für den logischen Inhalt eines Wortes keine Gewähr, ist ebensowenig eine über die logische Kritik erhabene Offenbarung, wie der amtlich beglaubigte Ausspruch eines offiziell akkreditierten Propheten.
Als eine weiteres Erfordernis zur Bildung einer Synthese aus mehreren Elementen ist noch zu erwähnen, daß nur wirklich verschiedene Begriffe Anlaß zu einer Synthese geben können, daß also Forderungen wie: (Ehre + Ehre) oder (Ehre · Ehre) nichts besagen. Dies ist zwar selbstverständlich, muß aber im Hinblick auf die demnächst zu besprechenden arithmetischen Formeln (1 + 1) = 2; 1 · 1 = 1, in welcher dem äußeren Schein nach eine solche Synthese gefordert wird, erwähnt werden.
§ 4. Beziehungen (Verhältnisse) zwischen
den Teilen der Synthese
Dadurch, daß bei der Synthese Begriffe verbunden, in eine Einheit zusammengefaßt werden, kommt jeder einzelne zu jedem anderen und zum Ganzen in eine gewisse Beziehung. Zusammensein heißt ganz dasselbe, wie in Beziehung zueinander stehen; wenn Letzteres nicht ist, dann bildet jedes Einzelne eine Welt für sich, und von Zusammensein kann nicht die Rede sein. So verschieden also auch die Worte lauten, so sind doch bei der hier betrachteten allgemeinen Synthese - wo von keinem speziellen Verhältnis, sondern nur von einem allgemeinen im Verhältnis stehen die Rede ist - verbinden, zusammensetzen, in Beziehung setzen etc. ein und derselbe Begriff.
Die Urtat des Denkens, den ewig einen Denkprozeß, Synthese genannt, bezeichneten wir durch
A = φ (a, b).
Dies heißt im Allgemeinen nicht, wie von Mathematikern zuweilen bei Gleichungen geglaubt wird, daß zwei Dinge A und φ (a, b) einander gleich sind - auch in der arithmetischen Formel ist das nur in gewissen Fällen richtig -, sondern, daß beide Symbole ein und dieselbe Bestimmung, bzw. logische Forderung sind, nämlich ausführlich gesprochen φ (a, b) abgekürzt in einem Wort gesprochen A. Man kann also auch sagen: der Inhalt beider Symbole ist derselbe, die Form, in welcher dieser Inhalt ausgedrückt wird, eine verschiedene.
Die hier angewendete Symbolik hat, wie auch bei anderen Wissenschaften, wo eine solche angewendet wird, im Gegensatz zu der ausführlicheren Wortsprache den großen Vorteil, daß sie nur den inhaltlich bedeutsamen Teil der Operationen zur Anschauung bringt, das grammatische, meist bedeutungslose und stets verwirrende Beiwerk aber wegläßt. Die Darstellung wird dadurch trockener, gibt keinen Anlaß zu geistreichen Abschweifungen, ermöglicht aber durch die Kürze und Beständigkeit der Symbole eine leichte Übersicht und Kontrolle der Operationen. Andere verborgene Kräfte hat dieselbe aber ebensowenig, wie die Rechnungsarten, Rechnungskniffe und Algorithmen der niederen und höheren Mathematik.
Wir besitzen an diesem Symbol der allgemeinsten Synthese nicht allein die Einzelbestimmungen a, b, A, sondern können an ihm auch alle Beziehungen zwischen diesen Bestimmungen ablesen, welche durch die Tat der Synthese entstehen. Es sind dies Verhältnisbegriffe, welche jene Beziehungen kennzeichnen und nur insofern voneinander verschieden sind, als sie die Stellung der Einzelteile im und zum Ganzen von verschiedenen Ausgangspunkten beleuchten und uns dadurch volle Klarheit verschaffen über das in der Synthese Ausgeführte.
a und b sind Teile im Verhältnis zu A als Ganzem;
a oder b ist Einzelnes im Verhältnis zu a, b als einem Vielen;
a, b ist der Inhalt von A im Verhältnis zu φ(,) als Form des A;
a, b, A als gesonderte Setzungen betrachtet, sind eben dadurch, daß sie in A eine bestimmte Einheit bilden, ein Jedes vom anderen abhängig, ein Jedes durch das Andere bestimmt; denn soll a mit einem anderen Element die bestimmte Synthese A bilden, so kann dies kein anderes als b sein. b ist also abhängig von der Bedeutung des a und A, desgleichen a von b und A, desgleichen A von a und b.
Diese gegenseitige Abhängigkeit wird ausgedrückt durch das Begriffspaar abhängig - unabhängig oder bedingt - unbedingt, wenn dem einen Teil der Synthese aus besonderen Gründen ein Vorrecht über den anderen zugesprochen wird. Bei den meisten Synthesen der rein theoretischen Mathematik wird dieses Vorrecht des primären (unbedingten) willkürlich einem der Faktoren gegeben; das Resultat würde dasselbe bleiben, wenn der andere Teil als der unbedingte angesetzt würde. Bei Anwendungen dieses logisch stets geforderten Abhängigkeitsverhältnisses wird demjenigen Teil der Synthese der primäre Charakter des unbedingten beigelegt, den wir dafür zu gewissen Zwecken dienlich oder aber als hierzu sachlich berechtigt halten, wie dies in den Erklärungen der Naturwissenschaften oder überhaupt im Zusammenhang der Dinge geschieht.
Die in der Synthese möglichen Verhältnisbegriffe erhalten wir durch ein Gegenüberstellen der Einzelposten. Bezeichnen wir durch den Doppelpunkt, daß zwei Setzungen in ein Verhältnis (Beziehung) zueinander gesetzt werden, so lassen sich aus A = φ (a, b) folgende Gruppierungen bilden:
a, b : a
a : φ (a, b)
φ (a, b) : a
a,b:φ (a, b)
φ (a, b) : a, b
Verhältnis einer Setzung zu derselben Setzung,
Verhältnis einer Setzung zu einer anderen Setzung,
Verhältnis einer einzelnen zu mehreren Setzungen,
Verhältnis mehrerer zu einer einzelnen Setzung,
Verhältnis eines Teils zum Ganzen,
Verhältnis eines Ganzen zum Teil
Verhältnis des Inhalts zum Ganzen (der Synthese),
Verhältnis des Ganzen zum Inhalt.
Bei den beiden letzten Begriffen hüte man sich vor einer Verwechslung des Inhalts mit dem Ganzen, wie solches in der Gemeinsprache häufig geschieht. Den (ganzen, vollständigen) Inhalt bildet die Gesamtheit der konstituierenden Teile a, b, wie unsere Symbolik anzeigt. Um aus diesem Inhalt aber das Ganze φ (a, b) zu bilden, ist es notwendig, jene konstituierenden Teile in eine bestimmte Ordnung (Form) zu bringen; denn aus denselben inhaltlichen Teilen lassen sich durch eine verschiedene Anordnung verschiedene Ganze erzeugen. Um den irreleitenden Gebrauch des Wortes ganz zu markieren, haben wir dasselbe vorhin, als dort synonym mit vollständig, vor Inhalt in Klammer gesetzt.
Das übliche a = a als Symbol der Identität erklären wir hiermit für unrichtig; es muß heißen a : a. Nur wenn a ein Ding bedeutet, ist das a = a zu rechtfertigen, wie dies später geschehen wird. Diese Formel bedeutet dann aber nicht: jene Dinge sind dasselbe (identisch) - denn zwei verschiedene Dinge können ebensowenig identisch sein, wie es zwei gleiche Begriffe geben kann, die trotzdem zwei Begriffe wären - sondern sie heißt: zwei verschiedene Dinge sind nach ein und demselben Begriff bestimmt. Gleicherweise ist nicht a, b, sondern a, b : a das Symbol des Begriffs Mehrheit, nicht a, sondern a : a, b das der Einzelheit usw.; denn es handelt sich hier um Verhältnisse - nicht um selbständige, absolute Begriffe.
Um den Sinn, in welchem Inhalt - Form verstanden werden soll, besser zu kennzeichnen und nicht zu verwechseln mit der spezifischen Bedeutung, welche diesen Wörtern häufig in Mathematik und anderen Einzelwissenschaften untergelegt wird, ist zu beachten, daß es äquivalent sein soll dem schon besprochenen Paar Besonderes - Allgemeines. a, b sind Einzelsetzungen und bedeuten jede etwas Besonderes. Gleicherweise bedeutet ihre Gesamtheit a, b eine besondere Gesamtheit anderen wie x, y gegenüber; daß aber beide Setzungen sind und als solche eine jede in Synthese eintreten können, das ist ihre gemeinsame (allgemeine) Eigenschaft. Bei jeder Synthese φ (a, b); φ (x, y) ist also φ (,) die Form, d. h. das allen Synthesen Gemeinsame, gegenüber dem Inhalt a, b oder x, y etc., was ihr Besonderes ist. Wenn wir demnach von Eigenschaften des Denkens sprechen, bedienen wir und des besonders - allgemein; sprechen wir dagegen von einem Produkt des Denkens, dann reflektieren wir über einen Gedanken (eine Synthese), und an diesem unterscheiden wir Inhalt und Form, entsprechend jenen Verhältnisbegriffen des Denkprozesses. Kürzer wird dies ausgedrückt, indem man sagt: besonders - allgemein ist der adjektivische, Inhalt - Form der substantivische Ausdruck jener Kategorie des Denkens.
Handelt es sich nicht mehr um die ganz allgemeine Synthese, wie vorhin, sondern um eine spezielle Anwendung derselben, so wird mit dem speziellen Inhalt derselben auch ihre Form ein spezielleres Prädikat. Im nächsten Paragraphen wird dies bei der Satzsynthese näher ausgeführt.
Unsere symbolische Analyse der Formel A = φ (a, b) scheint hierbei nicht die Notwendigkeit der vorhin geforderten Begriffe unbedingt - bedingt zu erweisen, denn es bleiben hierfür keine Symbolgruppierungen übrig. Diese Folgerung ist aber nur Schein, welcher sich aufklärt, wenn wir die Bedingungen der Buchstabensymbolik ebenso genau besehen, wie vorhin die Bedingungen der Wortsymbolik in der Gemeinsprache. Unser Begriff der Abhängigkeit ist derselbe, wie derjenige der Verhältnissetzbarkeit; mit anderen Worten: die Bedingung zur Möglichkeit der obigen Symbolik war die Anerkennung des Begriffs der Abhängigkeit, welcher als solcher zwei Unterbegriffe, die unbedingt - bedingt enthält. Der Doppelpunkt ist also Symbol des Abhängigkeitsbegriffs, und da jeder obiger Doppelpunkt nur einen Sinn hat, insofern er ein Glied zur Linken mit einem zur Rechten verbindet, so ist dieses Begriffspaar abhängig - unabhängig in jedem einzelnen der vorhin gegebenen Paare mit enthalten; nur dadurch, daß bei der Setzung eines Begriffes wie Teil mitgedacht wird, daß demselben ein anderer Begriff, Ganzes, notwendig entspricht, in seiner Existenz und Bedeutung durch jenen Gegenbegriff bedingt ist, hat jene begriffliche Setzung überhaupt einen Sinn.
Bei einer Verhältnissetzung auf ganz abstraktem Gebiet kommt jedesmal dem Glied des Begriffspaares der Charakter des unbedingt zu, von dem wir ausgehen, der zuerst genannt als selbständig existierend in der Rede vorausgesetzt wird. Man muß sich vor Verwirrung in diesen Betrachtungen hüten, die dadurch entstehen, daß man diese ganz abstrakten und einfachen Begriffspaare bedingt - unbedingt verwechselt mit den Kombinationsbegriffen Ursache - Wirkung und ähnlichem, deren Analyse uns im Folgenden beschäftigen wird.
Die in allen logischen Synthesen (der logischen Synthese kat exochen [schlechthin - wp] enthaltenen Begriffe bilden also 5 Paare.
Oberbegriff Unterbegriffe
Maßheit
Zahlheit Dieselbigkeit - Verschiedenheit
Unbedingtheit - Bedingtheit
Besonderheit - Allgemeinheit
Teilheit - Ganzheit
Einzelheit - Mehrheit
In auf mehrere dieser Begriffe wiederholen wir eine frühere Bemerkung, dahingehend, daß die Gemeinsprache wenig Veranlassung hat sich derselben zu bedienen, und deshalb auch keine geläufigen Wörter hierfür besitzt. Die scharf definierende Logik darf sich dieser Aufgabe aber nicht für enthoben wähnen, und muß jenem Mangel abhelfen, selbst auf die Gefahr hin, von der Oberflächlichkeit des sprachlichen Galimatias [Kauderwelsch - wp] bezichtigt zu werden.
Werden obige Verhältnisse auf eine konkrete Setzung bezogen, sie dies nun Ding oder Gedanke, so verwandeln dieselben sich, wie schon bei besonders - allgemein bemerkt wurde, in die geläufigeren Begriffe oder vielmehr Wörter:
Bestimmung (als Gegenstand)
Zahl Gleichheit - Ungleichheit
Grund - Folge
Inhalt - Form
Einzelnes - Mehreres
Jedes Paar sowie die ganze Tafel ist eine Spezialillustrierung der Operation:
für sich allein setzen - in Bezug auf ein Anderes setzen
(absolut setzen - relativ setzen)
und deren Oberbegriff: Synthese bilden = Denken.
Bedingt und abhängig werden gewöhnlich synonym gebraucht; wir benutzen die Verschiedenheit dieser Worte und verwenden Abhängigkeit als Oberbegriff von bedingt - unbedingt. Daß bei dem korrespondierenden: Zusammenhang, Grund - Folge, Folge ebensowenig etwas mit Zeitfolge, wie Grund mit Bodengrund, wie Zusammenhang mit Hängen zu tun hat, braucht wohl nicht näher erörtert, muß aber erwähnt werden im Hinblick auf den Sensualismus (HUME), welcher die tiefsinnige Entdeckung machte, daß die Menschen eher von der Zeitfolge sprachen, als vom obigen abstrakten Folgebegriff.
Das eine oder das andere Wort in den obigen Aufstellungen wäre vielleicht durch ein bezeichnenderes zu ersetzen; die durch je drei zusammengehörige Worte illustrierten Begriffe sind aber wohl nicht mißzuverstehen.
§ 5. Die Synthese in Satzform
Die Betrachtung des allen Aussagen Gemeinschaftlichen zeigte uns, daß die Satzteile Subjekt - Prädikat stets im Verhältnis besonders - allgemein stehen. Unserer Definition der logischen Synthese zufolge könnte demnach der Satz eine materiale Synthese zu sein scheinen, welche nur dieses eine Begriffsverhältnis enthält. Untersuchen wir aber die Sache genauer und fügen zu dem in den Synthesen mit Worten ausgesprochenen auch das stillschweigend mitgedachte hinzu, so wird sich ergeben, daß in dieser Weise vervollständigte Synthesen, seien es Begriffe oder Sätze, alle im § 3 angeführten logischen Bestandteile enthalten.
Zum Beispiel im Staatsrecht bedeutet dasselbe, als wenn wir ausführlich sagen: der Staat besitzt gewisse Rechte. Rechtsstaat bedeutet: ein Staat beruth auf Gerechtigkeit, oder auch je nach der Auffassung: der Staat verbürgt gewisse Rechte. In Staatsrecht ist Staat der besondere, Recht der allgemeinere Begriff, der gleicherweise in Völkerrecht, Personenrecht etc. auftritt. In Rechtsstaat ist Recht der besondere Begriff, gegenüber Staat als dem allgemeineren, der gleicherweise in Gewaltstaat, anarchischem Staat etc. zur Synthesebildung dient.
Aber außerdem sind Staat und Recht Teile des Wortes Staatsrecht; und bei Teilen wie bei jedem Plural treten Mehrheit - Einzelheit auf. Sodann ist weder Staat noch Recht ein absoluter Begriff oder selbständig existierendes Ding, sondern Recht ist nur dadurch ein bestimmter Begriff, weil es in Beziehung zu Personen, Sachen etc. hier zum Begriff Staat steht; er ist also abhängig von ihm, in seiner Bedeutung bedingt durch ihn, und ebenso umgekehrt. Es ist allerdings etwas Eigenartiges vorhanden, was die Sprache veranlaßt, jenen Charakter des besonders - allgemein in der Satzbildung hervortreten zu lassen, und dies wird im nächsten Paragraphen besprochen.
Betrachten wir jetzt Bildungen aus mehr als zwei Elementen.
Altersversorgungsanstalt enthält Anstalt als den allgemeineren, Altersversorgung als den besonderen Begriff; und Letzteres enthält einerseits wiederum Versorgung als den allgemeineren, Alter als den besonderen Teil. Die symbolische Darstellung dieser Synthese wäre: [(Alter · Versorgung) Anstalt]. Diese Synthese von drei Teilen ist also zwei Sätzen äquivalent und das wesentlich Logische, der Charakter der Synthese, ist schon in einem Satz, der Verbindung von nur zwei Elementen, gegeben. Wir können also sagen: alle zusammengesetzten Begriffe sind sprachlich abgekürzte Sätze (Satzsynthesen). Dem scheint unser in § 2 gegebenes Beispiel rotblau zu widersprechen, denn es wurde dort festgestellt, daß dies nicht ein rotes Blau oder ein blaues Rot bedeuten sollte - in welchen Fällen es eben offenbar Zusammensetzungen aus einem besonderen und einem allgemeinen Teil wären -, sondern daß im Rotblau keine Farbe vorherrschen soll, also rot so gut wie blau nur den Charakter eines Einzelnen in der Synthese besitzt. Aber rotblau an und für sich hat keinen Sinn; einen Sinn erhält es erst, wenn hinzugedacht wird: ich empfinde rotblau, oder rotblau ist eine Farbe. Auch diese Ergänzung ist noch nicht hinreichend, denn als Farbe, wenn auch sogenannte Mischfarbe, ist rotblau eine einzige ungeteilte Empfindung, wenngleich sie durch zwei getrennte Wörter bezeichnet wird. Genau ergänzt bedeutet dieser Begriff: die Empfindung violett nennen wir rotblau, weil wir sie durch eine Mischung der beiden als rot und blau bekannten Farben hervorrufen können. All das denken wir bei der Nennung Rotblau und wenn wir es nicht denken, so wissen wir eben nicht, was wir mit jenem Begriff bezeicnen wollen. Begriffssynthese, deren Teile jenes Subjekt-Prädikat-Verhältnis nicht enthalten, sind also nur sprachliche Abkürzungen der Satzsynthesen; nur im Satz kann wirklich gedacht und die Bedeutung eines Begriffs erfaßt werden. Weil aber das Denken als Subjekt - Prädikat unwillkürlich stattfindet, meist gar nicht als logischer Prozeß ins Bewußtsein tritt, deshalb braucht auch Sprache und Schrift nicht darauf hinzuweisen, sondern einzig jene objektiv hervortretenden Bestandteile des Gedankens hervorzuheben. Dadurch entsteht dann die objektive Betrachtung von Synthesen, deren Einzelteile ein anderes Verhältnis als des Besonders - Allgemein, oder auch gar kein spezifisches Verhältnis zu enthalten scheinen. Nicht anders ist es mit Synthesen wie 2 + 2 = 4. Spricht man es: Zwei und zwei ist vier, und hält dabei zwei und zwei für das Subjekt, vier für das Prädikat des Satzes, weil es der Kopula folgt, so ist allerdings kein Verhältnis von besonders - allgemein dabei zu finden. Aber der oben gesprochene Satz ist rein unverständlich für alle, welche nicht die kabbalistischen Ausdrucksweisen unserer Ein-mal-eins-Bücher studiert haben. Logisch, d. h. allgemeinverständlich gesprochen müßte es heißen: zwei Dinge, mit zwei der Art nach gleichen Dingen verbunden, bilden eine formale Synthese; der Zahlwert dieser Synthese ist angegeben durch die Zahl 4. Hier liegt also eine doppelte Synthese vor, ähnlich wie in einem Kombinationsbegriff von 3 Elementarbegriffen.
Dieselbe Analyse gilt nicht allein für zusammengesetzte Begriffe, sondern ebenso für jeden einfachen, wie schon angedeutet worden ist. Rot, sauer, setzen etc. sind an und für sich sinnlose Laute; eine Bedeutung haben sie erst im Satz; als: rot, sauer etc. sind Empfindungen, setzen - unterscheiden sind ordnende Tätigkeiten. Diese Wörter erwähnen bloß das Subjekt, während das zum Denken notwendige Prädikat aus Absicht unbestimmt, oder als selbstverständlich unerwähnt gelassen wird. Die übliche Sonderung von Begriff, Satz, Urteil ist deshalb von keiner logischen Bedeutung, sondern eine rein äußerlich formelle. Dieselbe wurde in die Logik eingeführt, weil man von der Sprache ausging, und zwar speziell von der Ausdrucksweise der griechischen oder zumindest der indogermanischen Sprachen. Bei manchen anderen Sprachstämmen ist der lautliche Ausdruck dieser drei Sachen ein und derselbe; ist doch Ähnliches schon im Lateinischen zu finden.
Es drängt sich uns jetzt die Frage auf: Warum besteht Denken wesentlich in der Beziehung eines Besonderen auf ein Allgemeines, einer Unterordnung? oder warum kommt dies wenigstens in der Sprache vornehmlich zur Erscheinung?
Die Synthese soll zwei Teile zu einer Einheit zusammenfügen; enthält nur der eine Teil einen ausschließenden Gegensatz, so muß der andere Teil seinen Gegenbegriff enthalten, sonst könnte kein fertig geschlossenes Ganzes, keine Einheit entstehen. Es wird nun gezeigt, daß das Satzsubjekt stets die Begriffe besonders unbedingt enthält, deshalb müssen im Prädikat allgemein bedingt stecken.
§ 6. Subjekt - Prädikat, Kopula
Fragt man weiter: warum enthält das Satzsubjekt die Begriffe besonders, bedingt, so ist die kurze Antwort hierauf: weil ein Ich denkt, und dieses Ich eben nur durch jene beiden Begriffe als das bestimmt werden kann, was es ist.
Der dritte Satzteil, die Kopula, ist Ausdruck unseres Begriffes in-Beziehung-setzen. Satz heißt in allgemeinsten (kategorialen) Begriffen: In Beziehung setzen eines Besonderen zu einem Allgemeinen, oder Bildung einer Einheit aus Besonderem und Allgemeinem. Da dieses in Beziehung setzen in allen Synthesen derselbe Begriff ist, so wird er auch sprachlich stets durch dasselbe Wort sein gegeben - welches wohl zu unterscheiden ist vom verbum substantivum: sein = dasein - oder auch ganz weggelassen, weil es selbstverständlich ist, daß, wenn zwei inhaltliche Elemente in einem Satz oder Begriff sprachlich zusammengestellt werden, diese unmittelbare Nachbarschaft stillschweigend die Bedeutung der Zusammengehörigkeit hat, daß sie aufeinander bezogen werden und eine Einheit bilden sollen. Gleicherweise braucht das Begriffsverhältnis besonders - allgemein beim Subjekt und Prädikat nicht wörtlich angegeben zu werden, sondern es versteht sich dies von selbst aus der Tatsache einer Satzbildung und der speziellen Bedeutung seiner Teile. Die Logik hat klar zu machen, daß auch nicht der geringste eine Bedeutung besitzende Laut gesprochen werden kann, wenn nicht jene drei Begriffe in Tätigkeit treten, oder besser gesagt: wenn nicht eine Tätigkeit auftritt, welche in einfachster (allgemeinster) Gestalt durch jene drei Begriffe gekennzeichnet wird. Betrachten wir vorerst die Aussagen wiederum empirisch, suchen, in welchen verschiedenen Gestalten das grammatische Subjekt auftreten kann, so werden wir vornehmlich 3 Fälle unterscheiden können:
a) Ich empfinde rot.
b) Das Tuch ist rot.
c) Rotempfinden ist ein bewußter Zustand.
Als Besonderes ist in a) ein Ichwesen, in b) ein Ding, in c) eine Tätigkeit aufgestellt. Diese drei Sachen haben aber neben dem Charakter des Besonderen ihrem Prädikat gegenüber auch den der unabhängigen Existenz. Ob sie am Anfang oder Ende des Satzes aufgeführt werden, sie werden als daseiend (vorhanden) eingestellt; dieses ihr Dasein wird vorausgesetzt, ganz einerlei, was das Prädikat dazu tut, denn viele verschiedene Prädikate könnten ja demselben Subjekt zugesprochen werden. Das Subjekt wird also in seiner Existenz nicht durch das Prädikat bedingt, sondern nur eine seiner Eigenschaften wird durch das Prädikat ausgesagt. Der Existenz nach ist also das Subjekt der unabhängige, das Prädikat der abhängige Teil der Satzsynthese. Vollständig ist also das grammatische Subjekt erst durch die zwei Beziehungsbegriffe besonderes und unbedingtes, das Prädikat durch allgemein und bedingt angegeben.
Was aber dieses Besonders und Unbedingt (wirklich daseiend) bedeutet, das könnten wir aus allen logischen Abhandlungen nicht erfahren, wenn wir es nicht unmittelbar in unserem Ich inne würden. Die unmittelbar von uns gewußte Bedeutung des Ichbegriffs ist es, welche wir in jedes grammatische Subjekt hineinlegen, ob dieses nun ausgesprochen, wie im Ich von a), oder stillschweigend empfunden wird, wie in c) - denn Empfinden steht hier anstelle des mein Empfinden, welches gleichfalls bei einem Anderen als analog dem meinigen vorausgesetzt werden kann - oder im Dingbegriff Tuch verdeckt liegt, wie bei b). Dieser Begriff eines selbständig existierenden Dings konnte erst entstehen, nachdem wir in unserem Ich von der Bedeutung einer einzelnen unabhängigen Existenz ein unmittelbar gewußtes Beispiel vorliegen hatten.
Von allen anderen Begriffen hat also der des Ich den durchgreifenden Unterschied, daß die Existenz eines demselben Entsprechenden, sagen wir des Ichwesens, nicht angefochten werden kann. Bei jedem Denk- oder Empfindungsakt, bei jeder abstraktesten Aussage gibt es sich als ein wirkendes und demnach wirkliches kund. Rot braucht nicht an einem wirklichen Ding zu existieren, aber wenn es auch nur gedacht wird, so existiert es doch als Denkakt des Ich, und deshalb ist die Existenz des Ichwesens, ebenso wie unser Ausgangssatz von Kapitel I, durch jede Anzweiflung oder Verneinung ebenso gut bezeugt, wie durch eine zustimmende Behauptung.
Von diesem Ichwesen wissen wir bis hierhin allerdings noch wenig; nicht einmal, ob es beständig dasselbe bleibt oder aber in jedem Augenblick ein anderes ist. Hierüber verschafft uns die weitere Betrachtung der logischen Synthese sofort eine nähere Aufklärung.
Zuerst finden wir, daß ein und dasselbe Subjekt empfindet und denkt; denn wären die beiden Ich verschieden, so würde die Welt ewig stumm bleiben, das Denk-Ich könnte nie von einem Bewußtsein des Empfindungs-Ich sprechen, Aussagen würden nie gemacht. Da aber nicht allein Einzelaussagen wie rot, blau etc., sondern auch Synthesen derselben gemacht werden, so muß das Ichwesen auch zu verschiedenen Zeiten dasselbe sein können, weil zuerst eine jede Einzelsetzung in seiner Besonderheit gemacht werden muß, bevor aus mehreren derselben eine Zusammensetzung möglich war, und das Ich gar nichts von der Bedeutung des von ihm gesetzten Rotblau wissen könnte, wenn es nicht ein identischer Erzeuger der Aussagen rot und blau gewesen wäre.
Weil nun nur ein Ich denken (Synthese bilden) kann, deshalb muß in jeder ursprünglichen und vollständigen Synthese (in jedem Satz) das Ich als ein einzelner und als unbedingt gedachter Teil auftreten, d. h. als grammatisches Subjekt mit dem Charakter des Besonderen. Mit dieser Kategorie des Besonderen, Unbedingten können sich aber nur ihre ausschließenden Gegensätze, diejenigen des Allgemeinen und Bedingten, zu einer Einheit zusammenschließen, und deshalb muß der zweite Teil der Synthese, das grammatische Prädikat, diese letzteren Begriffe enthalten.
Das dem Ichbegriff entsprechende Wirkliche (Wesen) werden wir hinfort häufig mit dem Wort Seele benennen, weil damit auch in der Gemeinsprache vornehmlich das in einem Einzelorganismus wirkende einheitliche Prinzip benannt wird. Diese Seele ist uns vorderhand allerdings ein leeres Blatt. Sie hat keine sinnlichen Eigenschaften und deshalb kann auch keine (sinnliche) Vorstellung von ihr gebildet werden; sie ist nur da, und ist der Grund, daß wir Vorstellungen von anderen Sachen bilden können. Ob die Logik noch weiteres über sie auszusagen vermag, müssen andere Untersuchungen zeigen.
§ 7. Spontaneität des Denkens
Die Tätigkeit des Ich, vermöge derer es zwei Einzelsetzungen zu einer neuen einheitlich zusammenfaßt, ist eine ihm ureigene, von nichts anderem ableitbare oder bedingte. Der Grund dieser Tätigkeit liegt nicht in einem Anderen, etwa dem empirischen Inhalt der Einzelsetzungen (den Empfindungen), sondern nur im Ich selbst; von demselben wird erst jenes Andere wie jede Einzelsetzung durch einen logischen Prozeß als Begriff abstrahiert. Es ist dies aber auch der einzige Punkt, in welchem dem Ich, oder sagen wir der Seele, eine wahrhafte Spontaneität zukommt, und es dürfen daraus nicht jene falschen Begriffe einer Willensfreiheit im Sinne einer willkürlichen unmotivierten Handlungsweise abgeleitet werden.
Man mißverstehe also nicht:
Die Seele kann sich durchaus nicht nach ihrem Belieben empfangend oder ablehnend gegen äußere Reize verhalten, wie dies manchmal behauptet wird. Wenn Reize auf einen Organismus hinreichend eingewirkt haben, dann muß die Seele empfinden, und nie kann sie diese Empfindung für ihr künftiges Leben aus spontaner Kraft unwirksam machen. Nur neue Empfindungen, bzw. Denkakte vermögen eine Gegenwirkung auszuüben. Ebensowenig steht es im Belieben der Seele, aus gehabten Empfindungen Synthesen zu bilden oder auch nicht; sondern, wenn die betreffenden Umstände gegeben sind, so muß sie jene Synthesen bilden, seien es Gesamtvorstellungen oder zusammengesetzte Begriffe, oder auch ganze Gedankenreihen. Das ist nicht allein in Einzelfällen physiologisch experimentell bewiesen worden, sondern die Logik gibt hierzu sogar den allgemeinen Beweis, welchen kein empirisches Experiment jemals liefern kann. Nur unter jener Bedingung ist ein Kausalzusammenhang der Tatsachen und damit die Bildung vernünftiger Begriffe und verständlicher Wahrnehmungen möglich. Aber die eigene Tat der Seele besteht darin, daß sie überhaupt eine Synthese bildet, wozu alle Außenwelt, alle Einzelreize für sich unfähig wären, wenn jenes synthetisierende Seelen-Ich nicht existierte. Setzen wir zwei Seelen voraus, von denen die eine beständig die Empfindung rot, die andere diejenige blau hätte; dann würde ebensowenig jemals weder die Empfindung violett, noch der Begriff rotblau zustande kommen, auch wenn die beiden Seelen im chemischen Mörser zusammengestampft atomistisch nahe zusammenrücken würden. In ein und derselben Seele muß dieser Prozeß des Einzel- und Verbunden-Lebendigwerdens vor sich gehen, obgleich wir weder einen Ort, noch auch eine Zeit in gewissem Sinne bestimmen können, in der solches vor sich geht.
§ 8. Die Synthese in den Sätzen vom Grunde,
von der Identität und dem Widerspruch
Die frühere, vorwiegend, wenn nicht ausschließlich, grammatische Behandlung der Logik, welche Bestimmungen wie "Satz, Urteil, wahr, gültig, Vorstellung" als etwas Gegebenes auffaßte und hieraus "Begriff, Denken, Schließen etc." abzuleiten suchte, konstruierte zwei Sätze, welche als Denkgesetze anzusehen sind und von denen behauptet wurde, daß der eine nicht auf den andern zurückgeführt werden kann. Das wäre das Wunder einer aus zwei heterogenen Satzungen hervorgehenden einheitlichen Tätigkeit; zudem wäre nicht abzusehen, warum nicht noch mehr heterogene Prinzipien bei einer anderen (höheren) Art von Logik bzw. Intellekt funktionieren sollten. Beide Sätze, derjenige der Identität in seiner üblichen Form A = A und der vom Grunde, sind nach unserer Auffassung Synthesen, und enthalten als solche schon ein jeder für sich die Erfordernisse allen Denkens.
Daß in jeder Synthese Verschiedenes verbunden zueinander ins Verhältnis gesetzt wird, und daß in jedem Verhältnis der eine Teil als abhängig, der andere als unabhängig zu betrachten ist, daß später der materiale Inhalt des Verhältnisses darüber Aufschluß gibt (bestimmt), welcher Teil als unabhängig (Grund) bei jenem materialen Inhalt zu gelten hat, wurde hinlänglich auseinandergesetzt. Insofern ist die Synthese in Form des allgemeinen Satzes vom Grunde die vollständigere Ausdrucksweise der logischen Synthese, und wurde nur von der bisherigen Logik mit allerhand zu der allgemeinen Verhältnissetzung nicht gehörigem Zuwerk von weiteren Begriffen, wie zeitliche Folge, räumliche Wirkung, hinreichender Grund, warum Etwas wahr ist etc., unnötigerweise kompliziert und verdunkelt.
Man muß sich klarmachen, daß das rein Logische in allen diesen Betrachtungen über den Satz vom Grunde weiter nichts ist, als die Statuierung einer Abhängigkeit mehrerer Teile zueinander in einem Ganzen; alles Andere, womit die hierüber geschriebenen dicken Bücher angefüllt werden, sind metaphysische Betrachtungen über das Sein der Dinge, Begriff der Wahrheit, Veränderung und Werden der Wesen etc.
In derselben Weise ist der logische Sinn des Satzes der Identität konfundiert worden mit Spekulationen darüber, ob ein Ding sich selbst gleich ist oder ewig gleich bleibt, und da man hierbei vergaß, Ding zu definieren, wurde man nicht einig über den Sinn allereinfachster Sätze.
Der Identitätssatz ist ebensogut eine Synthese, wie der vom Grunde, den A = A heißt zu deutsch: eine Bestimmung A ist beständig in dieser Bedeutung aufzufassen und demnach verschieden von jeder anderen Bestimmung.
Der Identitätssatz sagt dasselbe, wie der des Grundes, insofern in beiden von Verhältnissen überhaupt die Rede ist, und Verhältnisse setzen ist eben Denken; sobald ein Vieles in ein Verhältnis gesetzt wurde, ist auch Denken in seinem vollen Umfang da. Einen sachlichen Sinn haben dergleichen Formeln außerdem erst, wenn dabei gedacht wird: ich habe die Empfindung A, A ist ein Wort, die Eigenschaft eines Dinges etc., und in diesem Sinne werden die Wörter bei der Formulierung des Satzes vom Grunde aufgefaßt; soll aber A = A heißen: weiß ist sich selbst gleich, oder weiß ist gleich weiß und weiter ist nichts dabei zu denken - so ist das ein sinnloses Wortzusammenstellen.
Man sollte aufhören, so etwas Sinnloses ein Denkprinzip zu nennen. Das instinktive Gefühl, beim Satz vom Grunde die Hauptbegriffe des Denkens angewendet zu haben, ist es wohl, was manche Logiker zu dem mystischen Ausspruch verleitete: "Die Kausalität ist die einzige Kategorie." Daß die beiden anderen noch üblichen Sätze vom Widerspruch und vom ausgeschlossenen Dritten als Synthesen gar nichts anderes sagen, außerdem aber eine gewisse, dabei mitgedachte, aber nicht ausgesprochene Nebenbedeutung haben, ist aus dem Gesagten nicht schwierig zu erkennen, auch schon in meiner Studie über den Gegensatz (Vierteljahrsschrift, Bd. 9) dargelegt.
Auf der Grundlage dieser Theorie der Begriffebildung ist es nun möglich, die Kategorienfrage genau zu fixieren, die elementaren Begriffe des Denkens vollständig aufzustellen, und aus ihren Kombinationen alle bei philosophischen Untersuchungen vorkommenden Begriffe synthetisch zu konstruieren, so daß diese letzteren nicht nur genau definiert, sondern auch, wie die Gebilde eines mathematischen Systems, in allen Verhältnissen zueinander festgelegt werden. LITERATUR - Otto Schmitz-Dumont, Theorie der Begriffebildung, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 10, Leipzig 1886

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§ 8