Source: https://epub.uni-regensburg.de/27198/
Timestamp: 2020-01-18 00:16:25+00:00

Document:
Wie erfolgreich ist die Behandlung im Maßregelvollzug nach §§ 63 und 64 StGB? Eine Untersuchung anhand verschiedener Erfolgsmaße - University of Regensburg Publication Server
Wie erfolgreich ist die Behandlung im Maßregelvollzug nach §§ 63 und 64 StGB? Eine Untersuchung anhand verschiedener Erfolgsmaße
URN to cite this document: urn:nbn:de:bvb:355-epub-271982
Hartl, Christian (2013) Wie erfolgreich ist die Behandlung im Maßregelvollzug nach §§ 63 und 64 StGB? Eine Untersuchung anhand verschiedener Erfolgsmaße. PhD, Universität Regensburg.
Date of publication of this fulltext: 11 Jan 2013 10:14
Die vorliegende Arbeit basiert auf der kontinuierlichen Erhebung von Daten entlassener Patienten, die zuvor im Maßregelvollzug nach den §§ 63 und 64 StGB in Regensburg und Parsberg behandelt worden waren. Den Zeitraum von 2001 bis 2009 umfassend, wurden die Patienten jeweils bei ihrer Entlassung ausführlich befragt. Erneute Befragungen fanden statt, nachdem die Probanden mindestens ein Jahr in ...
Die vorliegende Arbeit basiert auf der kontinuierlichen Erhebung von Daten entlassener Patienten, die zuvor im Maßregelvollzug nach den §§ 63 und 64 StGB in Regensburg und Parsberg behandelt worden waren. Den Zeitraum von 2001 bis 2009 umfassend, wurden die Patienten jeweils bei ihrer Entlassung ausführlich befragt. Erneute Befragungen fanden statt, nachdem die Probanden mindestens ein Jahr in Freiheit verbracht hatten, um den poststationären Verlauf und somit verschiedene Erfolgsmaße darzustellen.
Insgesamt wurden 1122 Patienten im untersuchten Zeitraum entlassen, 435 von diesen bedingt, das heißt auf Bewährung in Freiheit. Von den bedingt entlassenen Probanden sollte anhand verschiedener Parameter die Bewährung in Freiheit untersucht werden. Der Rücklauf ist mit 80.2 - 83.3 % gut.
Ein sehr wichtiges Erfolgsmaß – die Legalbewährungsquote – beträgt nach einem Jahr bei § 63-Patienten 93.7 %, bei § 64-Patienten 84.5 %, wenn die Aussagen der Probanden dazu herangezogen werden. In der § 64-Gruppe mit den suchtkranken Tätern ist das Ergebnis vor allem wegen der krankheitsbedingten Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz ungünstiger. Ein wichtiges Anliegen war die Auswertung weiterer Kriterien, um ein differenzierteres Bild des poststationären Verlaufes zu zeichnen, als dies nur bei Betrachtung erneuter Straftaten der Fall wäre. Dabei ergeben sich weitere positive Beobachtungen. 70 % der gemäß § 64 behandelten suchtkranken Straftäter sind abstinent oder haben nach einem Jahr in Freiheit zumindest nach einem Rückfall wieder Abstinenz erreicht. Aber auch für Probanden, die nach diesen Kriterien nicht erfolgreich waren, können häufig positive Entwicklungen wie beispielsweise eine quantitative oder qualitative Einschränkung des Suchtkonsums, eine längere Zeit ohne berauschende Substanzen oder Verbesserungen bei Parametern festgestellt werden, die auf eine bessere soziale Situation hinweisen.
Bei der Analyse korrelativer Zusammenhänge zu Patientenmerkmalen in Hinblick auf die biografische, psychiatrische oder forensische Anamnese sowie auf Therapieverlaufsvariablen erweisen sich die teilweise niedrigen Fallzahlen bzw. Besetzungen einzelner Zellen als problematisch. Gerade in der kleineren Gruppe der § 63-Patienten führt dies dazu, dass zwar tendenzielle Zusammenhänge deutlich werden, jedoch nur in zwei Fällen signifikante Zusammenhänge. Die Einrichtung einer gesetzlichen Betreuung für Patienten und die Weisung, an ambulanten Nachsorgemaßnahmen teilzunehmen liegen signifikant häufiger bei Probanden vor, die keine weiteren Straftaten im poststationären Verlauf begangen haben (Chi-Quadrat-Test). In der § 64-Gruppe sind es nur Patienten mit Eigentumsdelikten als Vorstrafe und solche mit mehreren Suchtmittelrückfällen während der Therapie, die nach eigenen Angaben signifikant häufiger wieder Straftaten begehen. Für die methodisch unterschiedliche Auswertung der Einträge im Bundeszentralregister nach längeren Zeiträumen (Durchschnitt: 63.4 bzw. 65.4 Monate; Standardabweichung: 34.8 bzw. 37.5 Monate) zeigen sich mehrere signifikante Zusammenhänge für positive Legalbewährungsverläufe: ambulante Nachsorge als Weisung, keine Selbsthilfegruppe als Weisung, keine früheren Therapieabbrüche, erste Straftat nicht vor einem Alter von 20 Jahren, Eltern mit Suchtproblemen, Konsum von Alkohol, Drogen und Medikamenten bereits in Kindheit und Jugend, nicht in fester Partnerschaft (Ehe dagegen positiv), keine besonderen Behandlungsprobleme während der Therapie, nicht mehrere Suchtmittelrückfälle während der Therapie, positive Beurteilung der Therapie durch die Probanden selbst, positive Einschätzung des Behandlungsergebnisses für die Sucht durch die Behandler. Für die Suchtrückfälle nach einem Jahr ergeben sich signifikant schlechtere Ergebnisse für Probanden, die entweder wegen Eigentumsdelikten untergebracht waren oder wegen Eigentumsdelikten Vorstrafen aufwiesen.
Weil sich in der Forensik aus rechtlichen und ethischen Gründen randomisierte Kontrollgruppendesigns verbieten, wurden die Ergebnisse mit den Erfolgsparametern verglichen, wie sie von Therapieabbrechern nach einem Jahr in Freiheit gewonnen werden konnten. Obwohl dies aus mehreren Gründen nicht mit einem Kontrollgrup-pendesign gleichzusetzen ist, ist der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen bemerkenswert. Therapieabbrecher haben eine deutlich schlechtere Katamnese-Rücklaufquote von 62.7 %, die Abstinenzquote ist mit 49.2 % signifikant schlechter, ebenso die Legalbewährung mit 70.7 %.
Eine weitere Fragestellung bezog sich auf die Validität der Daten, die von den Probanden selbst gewonnen werden können, weil vollständige Offenheit nicht vorausgesetzt werden kann und Phänomene der sozialen Erwünschtheit auftreten können. Hier zeigen sich mit Fremdbeurteilern, wie Bewährungshelfern, gute Übereinstimmungen von 96 - 98 % bei den Angaben zu Straftaten und über 95 % bei den Suchtrückfällen. Beim Vergleich mit den Angaben im Bundeszentralregister für den Vergleichszeitraum ergeben sich ebenfalls Übereinstimmungen von über 90 %. Interessant ist dabei, dass die Abweichungen zu einem großen Teil durch „ehrlichere“ Probandenangaben zustande kamen, d. h. dass von Probanden nicht aktenkundige Delikte zugegeben wurden.
This study is based on the continuous data collection of patients who had been treated before in a clinic for forensic psychiatry in Regensburg (§§ 63, 64 StGB) and who left the programme between the years 2001 and 2009. They were examined at the end of the treatment and again one year later. 1122 patients were included, 435 in freedom so they could be examined after the one-year-period. The ...
This study is based on the continuous data collection of patients who had been treated before in a clinic for forensic psychiatry in Regensburg (§§ 63, 64 StGB) and who left the programme between the years 2001 and 2009. They were examined at the end of the treatment and again one year later.
1122 patients were included, 435 in freedom so they could be examined after the one-year-period. The rate interviews returned is 80.2 - 83.3%.
The part of patients without new delicts after one year is 93.7 % concerning the psychiatric patients and 84.5 % of the alcohol and drug patients. Another result is that about 70 % of the addicts reached abstinence one year after their treatment. Some correlative connections between the outcome and predictors were investigated also.
Compared to patients who could not succeed (drop-out) to those who finished the therapy, results of well treated people were better in different aspects. For example only 62.7 % of the ones who failed (drop-out) answered the survey questions. 49.2 % of them reached abstinence and 70.7 % didn't break rules again. These results are significantly different to the patient group which succeeded in therapy.
Surprisingly most answers (more than 90 %) of the patients were confirmed by data collected from official sources (Bundeszentralregister). Some patients reported about delicts not known before.
Prof. Dr. Helmut Lukesch
Effektivität, Katamnese, Legalbewährung, Maßregelvollzug, Prädiktoren, Suchtrückfälligkeit, Therapieabbrecher, Therapieevaluation, Validität
Metadata last modified: 02 Jun 2018 19:00

References: § 63
 § 64
 § 64
 § 64
 § 63
 § 64