Source: http://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-bag-10azr-47-17-18.10.2017-weisungsrecht-bem-u.html
Timestamp: 2019-08-24 20:12:35+00:00

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18. Ok­to­ber 2017
hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 18. Ok­to­ber 2017 durch den Vi­ze­präsi­den­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts Dr. Linck, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Rein­fel­der und Dr. Schlünder so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Pe­tri und Dr. Klein für Recht er­kannt:
1. Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ba­den-Würt­tem­berg vom 22. No­vem­ber 2016 - 15 Sa 76/15 - auf­ge­ho­ben.
2. Die Sa­che wird zur an­der­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung, auch über die Kos­ten der Re­vi­si­on, an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten über ei­nen An­spruch des Klägers auf Beschäfti­gung in der Nacht­schicht.
Der 1967 ge­bo­re­ne, ver­hei­ra­te­te und vier Kin­dern zum Un­ter­halt ver­pflich­te­te Kläger ist bei der Be­klag­ten, ei­nem Un­ter­neh­men mit et­wa 500 Ar­beit­neh­mern, seit dem 15. Ju­li 1991 beschäftigt, zu­letzt als Ma­schi­nen­be­die­ner. Sein durch­schnitt­li­ches Mo­nats­ge­halt be­trug vor der zwi­schen den Par­tei­en strei­ti­gen Um­set­zung in die Wech­sel­schicht ca. 4.100,00 Eu­ro brut­to. Der Ar­beits­ver­trag vom 12. Ju­li 1991 enthält ua. fol­gen­de Be­stim­mung:
Der/Die Mit­ar­bei­ter/in ist grundsätz­lich be­reit, auch Schicht­ar­beit zu leis­ten.“
Die Tätig­keit, die der Kläger ausübt, wird bei der Be­klag­ten zum ei­nen im wöchent­li­chen Wech­sel zwi­schen Frühschicht (05:00 Uhr bis 13:00 Uhr) und Spätschicht (13:00 Uhr bis 21:00 Uhr) ge­leis­tet, zum an­de­ren in (Dau­er-)Nacht­schicht (21:00 Uhr bis 05:00 Uhr). In der Wech­sel­schicht sind 17 Ar­beit­neh­mer beschäftigt, in der Nacht­schicht sechs Ar­beit­neh­mer. Der Kläger leis­te­te seit dem Jahr 1994 zunächst Wech­sel­schicht, seit dem Jahr 2005 war er in Nacht­schicht tätig. Im Zeit­raum vom 22. Sep­tem­ber 2014 bis zum 31. Ok­to­ber 2014 war er nach ei­nem Streit mit ei­nem an­de­ren in der Nacht­schicht ein­ge­setz­ten Kol­le­gen zeit­wei­se in Wech­sel­schicht ein­ge­setzt.
In den Jah­ren 2013 und 2014 war der Kläger je­weils an 35 Ar­beits­ta­gen ar­beits­unfähig er­krankt, im Jahr 2015 bis zum 17. April 2015 an 39 Ar­beits­ta­gen. In der Zeit vom 2. De­zem­ber 2014 bis zum 26. Fe­bru­ar 2015 war er auf­grund ei­ner The­ra­pie­maßnah­me, mit der ei­ner Such­ter­kran­kung be­geg­net wer­den soll­te, ar­beits­unfähig. Ab dem 10. März 2015 wur­de er zunächst wie­der in der Nacht­schicht ein­ge­setzt. Am 25. März 2015 fand un­ter Be­tei­li­gung des Geschäftsführers der Be­klag­ten, ih­res Per­so­nal­lei­ters, zwei­er wei­te­rer Mit­ar­bei­ter und ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds ein sog. Kran­kenrück­kehr­gespräch mit dem Kläger statt. Die­ses erfüll­te nicht die Vor­aus­set­zun­gen ei­nes be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments iSv. § 84 Abs. 2 SGB IX (BEM).
Noch am sel­ben Tag ord­ne­te die Be­klag­te an, dass der Kläger sei­ne Ar­beit ab dem 7. April 2015 in Wech­sel­schicht er­brin­gen sol­le. Dem bei ihr be­ste­hen­den Be­triebs­rat teil­te sie dies auf ei­nem For­mu­lar „Um­set­zungs­be­nach­rich­ti­gung von Mit­ar­bei­tern an den Be­triebs­rat“ mit Da­tum vom 7. April 2015 mit. Als Be­gründung gab sie an, auf­grund ho­her Krank­heits­zei­ten sei der Kläger in der Wech­sel­schicht leich­ter er­setz­bar als in der Nacht­schicht.
Der Kläger hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Ver­set­zung von der Nacht­schicht in die Wech­sel­schicht sei un­wirk­sam, er ha­be ei­nen An­spruch dar­auf, in der Nacht­schicht beschäftigt zu wer­den. Die Ent­schei­dung sei un­bil­lig, da die Be­klag­te nicht berück­sich­tigt ha­be, dass er sich körper­lich auf die Nacht­schicht ein­ge­stellt ha­be. Die Wech­sel­schicht sei ge­sund­heit­lich viel be­las­ten­der für ihn. Sei­ne Er­kran­kun­gen stünden nicht im Zu­sam­men­hang mit der Nacht­schicht, die
En­de 2014 auf­ge­tre­te­nen Fehl­zei­ten sei­en durch ei­ne ärzt­li­cher­seits an­ge­ord­ne­te Sucht­the­ra­pie­maßnah­me ver­ur­sacht wor­den. Die Be­klag­te könne sich zur Be­gründung ih­rer Maßnah­me oh­ne­hin nicht auf ge­sund­heit­li­che As­pek­te be­ru­fen, da sie es un­ter­las­sen ha­be, ein BEM durch­zuführen. Auf­grund der The­ra­pie­maßnah­men ha­be sich sein Ge­sund­heits­zu­stand außer­dem so ver­bes­sert, dass im Jahr 2016 nur zwölf Krank­heits­ta­ge an­ge­fal­len sei­en. Im Übri­gen ha­be die Um­set­zung zur Fol­ge, dass er nicht mehr wöchent­lich an ei­ner nach­sta­ti­onären, am­bu­lan­ten Entwöhnungs­maßnah­me teil­neh­men könne. Die Ar­beit in der Wech­sel­schicht führe zu­dem auf­grund des Weg­falls von Zu­schlägen für die Nacht­ar­beit zu fi­nan­zi­el­len Nach­tei­len iHv. et­wa 1.000,00 Eu­ro brut­to mo­nat­lich. Da es sich um ei­ne Ver­set­zung ge­han­delt ha­be, ha­be der Be­triebs­rat gem. § 99 Abs. 1 Be­trVG zu­stim­men müssen. Ei­ne ord­nungs­gemäße Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats ha­be je­doch nicht statt­ge­fun­den.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihn als Ma­schi­nen­be­die­ner in der Nacht­schicht, ar­beitstäglich von 21:00 Uhr bis 05:00 Uhr, zu beschäfti­gen,
fest­zu­stel­len, dass die durch die Be­klag­te vor­ge­nom­me­ne Um­set­zung des Klägers von der Nacht­schicht in die Wech­sel­schicht Früh-/Spätschicht bzw. Tag­schicht durch An­ord­nung vom 25. März 2015 und mit Wir­kung zum 7. April 2015 rechts­wid­rig und so­mit rechts­un­wirk­sam ist.
Die Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Um­set­zung des Klägers sei von ih­rem Di­rek­ti­ons­recht ge­deckt. Grund der Wei­sung sei die An­nah­me ge­we­sen, dass die dau­er­haf­te Nacht­ar­beit mögli­cher­wei­se der Ge­sund­heit des Klägers nicht zu­träglich ge­we­sen sein könn­te. Es ha­be fest­ge­stellt wer­den sol­len, ob die Wech­sel­schicht­ar­beit für den Kläger bes­ser sei. Dies ent­spre­che den An­ga­ben des Be­triebs­arz­tes, wo­nach bei Fehl­zei­ten, wie den­je­ni­gen des Klägers, zu prüfen sei, ob die­se mit der Nacht­ar­beit in Zu­sam­men­hang stünden. Ei­ne Dau­er­nacht­schicht sei ge­ne­rell ge­sund­heit­lich be­las­ten­der als je­de an­de­re Ar­beits­zeit. Ein BEM ha­be sie nicht durch­geführt, da sie kei­ne Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in Erwägung
ge­zo­gen ha­be. Für sie sei es darüber hin­aus schwe­rer, ei­nen häufig feh­len­den Mit­ar­bei­ter in der Nacht­schicht zu er­set­zen, da der Pool der her­an­zu­zie­hen­den Mit­ar­bei­ter ge­rin­ger sei als in der Wech­sel­schicht. Mit­ar­bei­ter aus der Wech­sel­schicht könn­ten we­gen der ein­zu­hal­ten­den Ru­he­zei­ten nicht ein­ge­setzt wer­den. Bei ab­tei­lungs­frem­den Mit­ar­bei­tern bestünden Ein­ar­bei­tungs­schwie­rig­kei­ten. Des­halb sprin­ge der Schichtführer selbst ein, könne dann aber sei­ne ei­gent­li­chen Auf­ga­ben, bei­spiels­wei­se als Ein­stel­ler, nicht wahr­neh­men, was zu er­heb­li­chen Be­triebs­ab­laufstörun­gen führe. Die fi­nan­zi­el­len In­ter­es­sen des Klägers sei­en berück­sich­tigt wor­den, er er­hal­te auch in der Wech­sel­schicht Zeit­zu­schläge. In der Frühschicht fal­le in der St­un­de zwi­schen 05:00 Uhr und 06:00 Uhr ein Nacht­ar­beits­zu­schlag von 30 vH an, in der Spätschicht ein Spätar­beits­zu­schlag von 20 vH, weil die Ar­beit nach 12:00 Uhr be­gin­ne und nach 19:00 Uhr en­de.
Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen, das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat ihr mit dem Haupt­an­trag statt­ge­ge­ben. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on be­gehrt die Be­klag­te die Ab­wei­sung der Kla­ge.
Die zulässi­ge Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist be­gründet. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­ge­be­nen Be­gründung kann der Kla­ge nicht statt­ge­ge­ben wer­den. Man­gels ent­spre­chen­der Fest­stel­lun­gen durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt kann der Se­nat in der Sa­che nicht ab­sch­ließend ent­schei­den. Das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil ist des­halb auf­zu­he­ben und die Sa­che an das Be­ru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 563 Abs. 1 ZPO). Ob der Kläger über den 6. April 2015 hin­aus ei­nen An­spruch auf Beschäfti­gung in der Nacht­schicht hat­te oder ob er auf­grund der An­ord­nung der Be­klag­ten vom 25. März 2015 rechts­wirk­sam mit Wir­kung ab dem 7. April 2015 in die Wech­sel­schicht um­ge­setzt wur­de, steht noch nicht fest.
1. Bei ei­nem Streit über die Be­rech­ti­gung ei­ner Ver­set­zung oder ei­ner an de­ren Ausübung des Wei­sungs­rechts be­ste­hen für den Ar­beit­neh­mer zwei Möglich­kei­ten: Er kann zum ei­nen de­ren Be­rech­ti­gung im Rah­men ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge klären las­sen. Zum an­de­ren hat er die Möglich­keit, den An­spruch auf ver­trags­gemäße Beschäfti­gung im Rah­men ei­ner Kla­ge auf künf­ti­ge Leis­tung gem. § 259 ZPO durch­zu­set­zen. Bei der Prüfung des Beschäfti­gungs­an­spruchs ist die Wirk­sam­keit der Ausübung des Wei­sungs­rechts als Vor­fra­ge zu be­ur­tei­len (BAG 25. Au­gust 2010 - 10 AZR 275/09 - Rn. 12 mwN, BA­GE 135, 239 [zur Ver­set­zung]).
2. Der An­trag des Klägers ist hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. In Ver­bin­dung mit der Kla­ge­be­gründung ist er­kenn­bar, wel­che kon­kre­te Beschäfti­gung er an­strebt. Die Vor­aus­set­zun­gen nach § 259 ZPO lie­gen vor.
II. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­ge­be­nen Be­gründung durf­te der Kla­ge nicht statt­ge­ge­ben wer­den.
1. Im Ar­beits­verhält­nis be­steht grundsätz­lich ein An­spruch auf ver­trags­gemäße Beschäfti­gung. Im Fal­le ei­ner un­wirk­sa­men Wei­sung des Ar­beit­ge­bers rich­tet sich der Beschäfti­gungs­an­spruch auf die zu­letzt zu­ge­wie­se­ne Tätig­keit (vgl. BAG 25. Au­gust 2010 - 10 AZR 275/09 - Rn. 15, BA­GE 135, 239). Dies gilt auch im Fall ei­ner (nur) un­bil­li­gen Wei­sung. Der Ar­beit­neh­mer ist nach § 106 Satz 1 Ge­wO, § 315 BGB nicht - auch nicht vorläufig - an ei­ne Wei­sung des Ar­beit­ge­bers ge­bun­den, die die Gren­zen bil­li­gen Er­mes­sens nicht wahrt (grund­le­gend BAG 18. Ok­to­ber 2017 - 10 AZR 330/16 - Rn. 58 ff. mwN).
2. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt geht zu­tref­fend da­von aus, dass sich ein An­spruch des Klägers auf Ein­satz in der Nacht­schicht nicht be­reits aus sei­nem Ar­beits­ver­trag er­gibt und auch kei­ne ent­spre­chen­de Kon­kre­ti­sie­rung er­folgt ist (vgl. da­zu zB BAG 13. Ju­ni 2012 - 10 AZR 296/11 - Rn. 24 mwN). Ge­genrügen hat der Kläger nicht er­ho­ben, Rechts­feh­ler sind nicht er­kenn­bar.
3. Der Kläger wen­det sich auch nicht mit Ge­genrügen ge­gen die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, ei­ner Be­tei­li­gung des bei der Be­klag­ten be­ste­hen­den Be­triebs­rats nach §§ 99 ff., § 95 Abs. 3 Be­trVG ha­be es nicht be­durft, da es sich bei der streit­ge­genständ­li­chen Maßnah­me nicht um ei­ne Ver­set­zung im be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Sinn han­de­le (vgl. da­zu BAG 23. No­vem­ber 1993 - 1 ABR 38/93 - BA­GE 75, 97). Die dies­bezügli­chen Ausführun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts las­sen kei­ne Rechts­feh­ler er­ken­nen. Glei­ches gilt im Hin­blick auf die vor­in­stanz­lich er­ho­be­ne Rüge ei­nes Ver­s­toßes ge­gen das Maßre­ge­lungs­ver­bot gem. § 612a BGB (vgl. da­zu BAG 16. Ok­to­ber 2013 - 10 AZR 9/13 - Rn. 38 mwN).
4. Die wei­te­re An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, die Be­klag­te ha­be bei der Ausübung ih­res Wei­sungs­rechts die Gren­zen des bil­li­gen Er­mes­sens gem. § 106 Ge­wO, § 315 Abs. 1 BGB über­schrit­ten, weil sie kein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment iSv. § 84 Abs. 2 SGB IX und auch kei­ne gleich­wer­ti­ge Maßnah­me durch­geführt ha­be, ist da­ge­gen rechts­feh­ler­haft.
a) Die Leis­tungs­be­stim­mung nach bil­li­gem Er­mes­sen (§ 106 Satz 1 Ge­wO, § 315 BGB) ver­langt ei­ne Abwägung der wech­sel­sei­ti­gen In­ter­es­sen nach ver­fas­sungs­recht­li­chen und ge­setz­li­chen Wer­tent­schei­dun­gen, den all­ge­mei­nen Wer­tungs­grundsätzen der Verhält­nismäßig­keit und An­ge­mes­sen­heit so­wie der Ver­kehrs­sit­te und Zu­mut­bar­keit. In die Abwägung sind al­le Umstände des Ein­zel­falls ein­zu­be­zie­hen. Dem In­ha­ber des Be­stim­mungs­rechts nach § 106 Ge­wO, § 315 Abs. 1 BGB ver­bleibt auch im Fal­le der Ver­set­zung für die rechts­ge­stal­ten­de Leis­tungs­be­stim­mung ein nach bil­li­gem Er­mes­sen aus­zufüllen­der Spiel­raum. In­ner­halb die­ses Spiel­raums können dem Be­stim­mungs­be­rech­tig­ten meh­re­re Ent­schei­dungsmöglich­kei­ten zur Verfügung ste­hen. Dem Ge­richt ob­liegt nach § 106 Ge­wO, § 315 Abs. 3 Satz 1 BGB die Prüfung, ob der Ar­beit­ge­ber als Gläubi­ger die Gren­zen sei­nes Be­stim­mungs­rechts be­ach­tet hat. Bei die­ser Prüfung kommt es nicht auf die vom Be­stim­mungs­be­rech­tig­ten an­ge­stell­ten Erwägun­gen an, son­dern dar­auf, ob das Er­geb­nis der ge­trof­fe­nen Ent­schei­dung den ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen genügt. Die Dar­le­gungs- und Be­weis­last für die Ein­hal­tung die­ser Gren­zen hat der Be­stim­mungs­be­rech­tig­te.
Maßgeb­li­cher Zeit­punkt für die Ausübungs­kon­trol­le ist der Zeit­punkt, zu dem der Ar­beit­ge­ber die Er­mes­sens­ent­schei­dung zu tref­fen hat­te (st. Rspr., zu­letzt zB BAG 18. Ok­to­ber 2017 - 10 AZR 330/16 - Rn. 45).
b) Der Be­griff des bil­li­gen Er­mes­sens bei der Ausübung des Wei­sungs­rechts iSv. § 106 Satz 1 Ge­wO, § 315 BGB ist ein un­be­stimm­ter Rechts­be­griff. Bei des­sen An­wen­dung steht dem Tat­sa­chen­ge­richt ein Be­ur­tei­lungs­spiel­raum zu. Dies gilt auch im Fall der Kon­trol­le der Ausübung des Wei­sungs­rechts nach § 106 Satz 1 Ge­wO, § 315 BGB. Der Be­ur­tei­lungs­spiel­raum des Tat­sa­chen­ge­richts ist vom Re­vi­si­ons­ge­richt nur dar­auf zu über­prüfen, ob das Be­ru­fungs­ge­richt den Rechts­be­griff selbst ver­kannt hat, ob es bei der Un­ter­ord­nung des Sach­ver­halts un­ter die Rechts­norm Denk­ge­set­ze oder all­ge­mei­ne Er­fah­rungssätze ver­letzt hat, ob es al­le we­sent­li­chen Umstände berück­sich­tigt hat und ob das Ur­teil in sich wi­der­spruchs­frei ist (grund­le­gend BAG 18. Ok­to­ber 2017 - 10 AZR 330/16 - Rn. 46 ff. mwN).
c) Die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts hält ei­ner sol­chen ein­ge­schränk­ten Über­prüfung nicht stand. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist von ei­nem Fehl­verständ­nis der Rechts­wir­kun­gen des § 84 Abs. 2 SGB IX aus­ge­gan­gen. In­fol­ge­des­sen hat es we­sent­li­chen Vor­trag der Be­klag­ten außer Acht ge­las­sen, da es die Be­ru­fung der Be­klag­ten auf ge­sund­heit­li­che As­pek­te der Um­set­zung an die Durchführung ei­nes BEM oder ei­ner gleich­wer­ti­gen Maßnah­me ge­knüpft hat.
aa) Die Be­klag­te war ver­pflich­tet, ein BEM gem. § 84 Abs. 2 SGB IX durch zuführen. Dies gilt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on un­abhängig da­von, ob die Be­klag­te die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in Erwägung ge­zo­gen hat.
(1) Nach § 84 Abs. 2 SGB IX hat der Ar­beit­ge­ber bei ei­nem Beschäftig­ten, der in­ner­halb ei­nes Jah­res länger als sechs Wo­chen un­un­ter­bro­chen oder wie­der­holt ar­beits­unfähig ge­we­sen ist, mit der zuständi­gen In­ter­es­sen­ver­tre­tung mit Zu­stim­mung und Be­tei­li­gung der be­trof­fe­nen Per­son die Möglich­kei­ten zu klären, wie die Ar­beits­unfähig­keit möglichst über­wun­den wer­den und mit wel-
chen Leis­tun­gen oder Hil­fen er­neu­ter Ar­beits­unfähig­keit vor­ge­beugt und der Ar­beits­platz er­hal­ten wer­den kann. Die­ses Er­for­der­nis ei­nes BEM be­steht für al­le Ar­beit­neh­mer und nicht nur für be­hin­der­te Men­schen (st. Rspr., zu­letzt zB BAG 13. Mai 2015 - 2 AZR 565/14 - Rn. 25; grund­le­gend BAG 12. Ju­li 2007 - 2 AZR 716/06 - Rn. 35, BA­GE 123, 234). Es ist Sa­che des Ar­beit­ge­bers, die Initia­ti­ve zur Durchführung des BEM zu er­grei­fen (BAG 20. No­vem­ber 2014 - 2 AZR 755/13 - Rn. 31 mwN, BA­GE 150, 117).
(2) Be­reits nach dem Wort­laut des § 84 Abs. 2 Satz 1 SGB IX kommt es für die Pflicht zur Durchführung ei­nes BEM al­lein dar­auf an, dass ein Ar­beit­neh­mer in­ner­halb ei­nes Jah­res ent­spre­chen­de Krank­heits­zei­ten auf­weist, un­abhängig da­von, ob die­se Krank­heits­zei­ten in ei­ner oder meh­re­ren Pe­ri­oden der Ar­beits­unfähig­keit er­reicht wur­den (BAG 24. März 2011 - 2 AZR 170/10 - Rn. 19 mwN) und ob es sich um ei­ne lang an­dau­ern­de Er­kran­kung oder um häufi­ge Kurz­er­kran­kun­gen mit ver­schie­de­nen Ur­sa­chen han­delt (BAG 20. No­vem­ber 2014 - 2 AZR 755/13 - Rn. 42, BA­GE 150, 117). Sub­jek­ti­ve Erwägun­gen des Ar­beit­ge­bers, die auf ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zie­len oder der Ent­schluss zur Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses sind hin­ge­gen nach der Norm nicht Vor­aus­set­zung für die­se Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers. Ein sol­ches Verständ­nis würde auch dem Sinn und Zweck des BEM wi­der­spre­chen. Durch die dem Ar­beit­ge­ber auf­er­leg­ten be­son­de­ren Ver­hal­tens­pflich­ten soll möglichst frühzei­tig ei­ner Gefähr­dung des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­nes kran­ken Men­schen be­geg­net und die dau­er­haf­te Fort­set­zung der Beschäfti­gung er­reicht wer­den (Düwell in LPK-SGB IX 4. Aufl. § 84 Rn. 32: „Ermögli­chen ak­ti­ver Beschäfti­gung“). Ziel des BEM ist - wie das der ge­setz­li­chen Präven­ti­on nach § 84 Abs. 1 SGB IX - die frühzei­ti­ge Klärung, ob und ggf. wel­che Maßnah­men zu er­grei­fen sind, um ei­ne möglichst dau­er­haf­te Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu fördern. Die in § 84 Abs. 2 SGB IX ge­nann­ten Maßnah­men die­nen da­mit letzt­lich der Ver­mei­dung ei­ner Kündi­gung und der Ver­hin­de­rung von Ar­beits­lo­sig­keit er­krank­ter und kran­ker Men­schen (vgl. BAG 30. Sep­tem­ber 2010 - 2 AZR 88/09 - Rn. 32 mwN, BA­GE 135, 361; vgl. auch die Be­gründung zum Re­gie­rungs­ent­wurf BT-Drs. 15/1783 S. 16). Um den Zie­len des BEM zu genügen, ist ein un­ver­stell­ter, ver­laufs- und er­geb­nis­of­fe­ner Such­pro­zess er­for­der­lich (vgl.
BAG 22. März 2016 - 1 ABR 14/14 - Rn. 11 mwN, BA­GE 154, 329; 20. No­vem­ber 2014 - 2 AZR 755/13 - Rn. 30 mwN, BA­GE 150, 117). Auf ei­ne kon­kre­te Gefähr­dung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses kommt es nicht an (Cra­mer/Ritz/Schi­an SGB IX 6. Aufl. § 84 Rn. 20). Dem stünde ent­ge­gen, das BEM im­mer erst dann durch­zuführen, wenn ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vom Ar­beit­ge­ber be­reits in Erwägung ge­zo­gen wird.
(3) Nach den nicht an­ge­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts war der Kläger in der Zeit vom 2. De­zem­ber 2014 bis zum 26. Fe­bru­ar 2015 ar­beits­unfähig er­krankt, mit­hin länger als sechs Wo­chen. Als die Be­klag­te im Zu­sam­men­hang mit dem sog. Kran­kenrück­kehr­gespräch am 25. März 2015 die Um­set­zung des Klägers in die Wech­sel­schicht an­ord­ne­te, la­gen die Vor­aus­set­zun­gen nach § 84 Abs. 2 SGB IX vor, so dass die Be­klag­te ei­ne ent­spre­chen­de Initia­ti­ve hätte er­grei­fen müssen. Dies ist je­doch nicht ge­sche­hen. Das Kran­kenrück­kehr­gespräch erfüll­te un­strei­tig die ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen an ein BEM nicht (vgl. da­zu BAG 20. No­vem­ber 2014 - 2 AZR 755/13 - Rn. 32 mwN, BA­GE 150, 117).
bb) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts führt die Un­ter­las­sung ei­nes BEM oder ei­ner gleich­wer­ti­gen Maßnah­me aber nicht da­zu, dass ei­ne Ausübung des Wei­sungs­rechts durch den Ar­beit­ge­ber, die (auch) auf Gründe gestützt wird, die im Zu­sam­men­hang mit dem Ge­sund­heits­zu­stand des Ar­beit­neh­mers ste­hen, be­reits des­we­gen for­mell oder ma­te­ri­ell un­mit­tel­bar un­wirk­sam wäre. Eben­so we­nig ist der Ar­beit­ge­ber in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on durch § 84 Abs. 2 SGB IX ge­hin­dert, sich im Rah­men der ge­richt­li­chen Über­prüfung der Wah­rung der Gren­zen des bil­li­gen Er­mes­sens nach § 106 Satz 1 Ge­wO, § 315 BGB auf Gründe für die Maßnah­me zu be­ru­fen, die im Zu­sam­men­hang mit dem Ge­sund­heits­zu­stand oder der Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers ste­hen.
(1) § 84 Abs. 2 SGB IX selbst gibt kei­nen An­halts­punkt für die An­nah­me, die un­ter­las­se­ne Durchführung des BEM führe un­mit­tel­bar zur Un­wirk­sam­keit ei­ner Ver­set­zung oder ei­ner an­de­ren Ausübung des Wei­sungs­rechts durch den Ar­beit­ge­ber.
(2) Wie dar­ge­legt, dient das BEM dem Ziel, krank­heits­be­ding­ten Gefähr­dun­gen des Ar­beits­verhält­nis­ses möglichst frühzei­tig ent­ge­gen­zu­tre­ten und im Rah­men ei­nes er­geb­nis­of­fe­nen Such­pro­zes­ses We­ge zu fin­den, um er­neu­ter Ar­beits­unfähig­keit vor­zu­beu­gen und da­mit das Ar­beits­verhält­nis zu er­hal­ten. Durch das BEM können ggf. mil­de­re Mit­tel ge­genüber dem Aus­spruch ei­ner Kündi­gung ge­fun­den wer­den; das BEM selbst ist aber kein sol­ches mil­de­res Mit­tel ge­genüber an­de­ren Maßnah­men (vgl. BAG 12. Ju­li 2007 - 2 AZR 716/06 - Rn. 41 mwN, BA­GE 123, 234; aA wohl oh­ne Be­gründung LAG Köln 12. De­zem­ber 2013 - 7 Sa 537/13 - zu II 1 b der Gründe).
(3) Nach ständi­ger Recht­spre­chung ist die Durchführung des BEM kei­ne for­mel­le Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung für ei­ne krank­heits­be­ding­te Kündi­gung. § 84 Abs. 2 SGB IX ist aber auch kein bloßer Pro­gramm­satz. Die Norm kon­kre­ti­siert viel­mehr den Verhält­nismäßig­keits­grund­satz. Mit Hil­fe ei­nes BEM können mil­de­re Mit­tel als die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, wie zB die Um­ge­stal­tung des Ar­beits­plat­zes oder die Wei­ter­beschäfti­gung zu geänder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen auf ei­nem an­de­ren, ggf. durch Um­set­zun­gen „frei­zu­ma­chen­den“ Ar­beits­platz er­kannt und ent­wi­ckelt wer­den. Nur wenn auch die Durchführung des BEM kei­ne po­si­ti­ven Er­geb­nis­se hätte zei­ti­gen können, ist sein Feh­len unschädlich. Um dar­zu­tun, dass die Kündi­gung dem Verhält­nismäßig­keits­grund­satz genügt und ihm kei­ne mil­de­ren Mit­tel zur Über­win­dung der krank­heits­be­ding­ten Störung des Ar­beits­verhält­nis­ses als die Kündi­gung of­fen­stan­den, muss der Ar­beit­ge­ber die ob­jek­ti­ve Nutz­lo­sig­keit des BEM dar­le­gen (zu­letzt zB BAG 13. Mai 2015 - 2 AZR 565/14 - Rn. 28 mwN).
(4) Das BEM ist auch im Fall ei­ner Ver­set­zung oder ei­ner an­de­ren Ausübung des Di­rek­ti­ons­rechts, die (auch) auf ge­sund­heit­li­che Gründe gestützt wird, kei­ne for­mel­le oder un­mit­tel­ba­re ma­te­ri­el­le Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung für die Maßnah­me. Das Ge­setz be­stimmt dies nicht aus­drück­lich, viel­mehr sieht es im Fall der Un­ter­las­sung des BEM gar kei­ne Rechts­fol­ge vor. Um ein Ver­bots­ge­setz iSd. § 134 BGB han­delt es sich nicht (BAG 12. Ju­li 2007 - 2 AZR 716/06 - Rn. 36, BA­GE 123, 234). Von ei­ner for­mel­len Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung geht wohl auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht aus­drück­lich aus. Als sol-
che würde die Un­ter­las­sung des BEM aber fak­tisch wir­ken, wenn dem Ar­beit­ge­ber - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt of­fen­bar an­nimmt - ver­wehrt wäre, sich auf die Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers oder an­de­re mit sei­nem Ge­sund­heits­zu­stand in Zu­sam­men­hang ste­hen­de Gründe zur Be­gründung ei­ner Ausübung des Wei­sungs­rechts zu be­ru­fen. Ei­ne sol­che Vor­rang­stel­lung des § 84 Abs. 2 SGB IX ge­genüber dem Wei­sungs­recht nach § 106 Satz 1 Ge­wO lässt sich der Norm eben­so we­nig wie im Verhält­nis zu § 1 KSchG ent­neh­men.
(5) Da­bei ist auch zu be­ach­ten, dass sich der auf die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zie­len­de Aus­spruch ei­ner Kündi­gung und die der Aus­ge­stal­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses die­nen­de Ausübung des Wei­sungs­rechts durch den Ar­beit­ge­ber nach Vor­aus­set­zun­gen und Wir­kun­gen deut­lich un­ter­schei­den. Mit sei­nem Wei­sungs­recht kon­kre­ti­siert der Ar­beit­ge­ber die ar­beits­ver­trag­lich häufig nur rah­menmäßig be­stimm­te Ar­beits­pflicht und schafft da­mit re­gelmäßig erst die Vor­aus­set­zung, dass der Ar­beit­neh­mer die­se erfüllen und das Ar­beits­verhält­nis prak­tisch durch­geführt wer­den kann (BAG 18. Ok­to­ber 2017 - 10 AZR 330/16 - Rn. 60). Des­halb sind für die Über­prüfung der Wirk­sam­keit ei­ner Wei­sung auch kei­ne kündi­gungs­recht­li­chen Maßstäbe an­zu­le­gen, die­se be­stim­men sich viel­mehr ent­spre­chend der ge­setz­li­chen Vor­ga­be nach § 106 Ge­wO, § 315 BGB (vgl. BAG 28. Au­gust 2013 - 10 AZR 569/12 - Rn. 41 [zur Be­deu­tung ei­ner un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung für ei­ne Ver­set­zung]).
(6) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt un­ter­schei­det mit sei­nen An­nah­men auch nicht aus­rei­chend zwi­schen dem BEM und den Maßnah­men, die auf­grund des BEM in Be­tracht kom­men (vgl. BAG 12. Ju­li 2007 - 2 AZR 716/06 - Rn. 41, BA­GE 123, 234). Wird als Maßnah­me aus ei­nem BEM ei­ne Ver­set­zung oder an­de­re Ausübung des Wei­sungs­rechts in Erwägung ge­zo­gen, rich­tet sich die Ver­bind­lich­keit der ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Wei­sung nach § 106 Ge­wO, § 315 BGB. Der Ar­beit­neh­mer kann sich - un­abhängig von mögli­chen Fol­gen in ei­nem Streit über ei­ne späte­re krank­heits­be­ding­te Kündi­gung - ge­gen ei­ne sol­che Maßnah­me wen­den, ei­ne Bin­dung an die Er­geb­nis­se des BEM be­steht nicht. Um­ge­kehrt würde es dem in § 84 Abs. 2 SGB IX zum Aus­druck kom­men­den Präven­ti­ons­ge­dan­ken wi­der­spre­chen, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­ne aus ge­sund­heit­li­chen
Gründen ge­bo­te­ne Um­set­zung, die auch an­sons­ten bil­li­gem Er­mes­sen ent­spricht, nicht vor­neh­men dürf­te, nur weil er kein BEM durch­geführt hat. So­weit § 84 Abs. 2 SGB IX in­so­weit vom Er­halt des „Ar­beits­plat­zes“ spricht, han­delt es sich um ei­nen of­fen­sicht­li­chen Re­dak­ti­ons­feh­ler (BAG 20. No­vem­ber 2014 - 2 AZR 755/13 - Rn. 32, BA­GE 150, 117; Düwell in LPK-SGB IX § 84 Rn. 32; aA wohl Cra­mer/Ritz/Schi­an SGB IX § 84 Rn. 20).
(7) Darüber hin­aus über­sieht das Lan­des­ar­beits­ge­richt, dass es im Rah­men der ge­richt­li­chen Über­prüfung ei­ner Ver­set­zung oder ei­ner an­de­ren Ausübung des Wei­sungs­rechts nach § 106 Ge­wO, § 315 BGB nicht auf die vom Be­stim­mungs­be­rech­tig­ten an­ge­stell­ten Erwägun­gen an­kommt, son­dern dar­auf, ob das Er­geb­nis der ge­trof­fe­nen Ent­schei­dung die Gren­zen bil­li­gen Er­mes­sens wahrt (BAG 18. Ok­to­ber 2017 - 10 AZR 330/16 - Rn. 35 mwN). Dies hat der Ar­beit­ge­ber dar­zu­le­gen und zu be­wei­sen. Auch wenn es dem Ar­beit­ge­ber - wie mögli­cher­wei­se hier - um die Su­che nach der un­ter ge­sund­heit­li­chen As­pek­ten bes­ten Ein­satzmöglich­keit für ei­nen Ar­beit­neh­mer geht, ver­langt der Zweck des BEM nicht, die Maßnah­me nur des­halb als un­wirk­sam an­zu­se­hen, weil der Ar­beit­neh­mer sei­ne In­ter­es­sen nicht zu­vor selbst ein­ge­bracht hat. Ent­schei­dend ist viel­mehr, ob die Ausübung des Wei­sungs­rechts auch die­se In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers im Rah­men der not­wen­di­gen Abwägung wahrt. Wenn der Ar­beit­ge­ber we­gen des feh­len­den BEM er­heb­li­che Be­lan­ge des Ar­beit­neh­mers hin­ge­gen nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt hat, weil er sie des­we­gen bei­spiel­wei­se gar nicht kann­te, wird sich die Maßnah­me im Rah­men der ge­richt­li­chen Über­prüfung re­gelmäßig als un­wirk­sam er­wei­sen, so­fern nicht gleich­wohl die von ihm an­geführ­ten Abwägungs­ge­sichts­punk­te die Wah­rung bil­li­gen Er­mes­sens be­gründen können (vgl. im Hin­blick auf ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Ver­pflich­tung zur Anhörung des Ar­beit­neh­mers vor ei­ner Ver­set­zung BAG 18. Ok­to­ber 2017 - 10 AZR 330/16 - Rn. 35). In­so­fern kann das un­ter­las­se­ne BEM auch im Rah­men der Ausübung des Wei­sungs­rechts zu Rechts­nach­tei­len für den Ar­beit­ge­ber führen (vgl. da­zu Koh­te/Liebsch ju­ris-PR-ArbR 36/17 Anm. 5 [al­ler­dings un­ter Hin­weis auf den Verhält­nismäßig­keits­grund­satz]).
d) Die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts er­weist sich darüber hin aus als rechts­feh­ler­haft, weil es we­sent­li­chen Vor­trag der Be­klag­ten zur Be­gründung der Um­set­zung des Klägers über­g­an­gen hat. Die von der Be­kla­gen zulässig nach § 551 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b ZPO er­ho­be­ne Ver­fah­rensrüge hat Er­folg. Auch dies führt zur Auf­he­bung der an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dung (§ 562 Abs. 1 ZPO).
aa) Die Be­klag­te hat­te in den Vor­in­stan­zen mehr­fach vor­ge­tra­gen, dass es für sie in der Nacht­schicht schwie­ri­ger als in der Wech­sel­schicht sei, ei­nen häufig feh­len­den Mit­ar­bei­ter zu er­set­zen, da der Pool der her­an­zu­zie­hen­den Mit­ar­bei­ter ge­genüber der Wech­sel­schicht ge­rin­ger sei. Mit­ar­bei­ter aus der Wech­sel­schicht könn­ten nicht in der Nacht­schicht ein­ge­setzt wer­den, weil dann die Ru­he­zei­ten nicht ein­ge­hal­ten wer­den könn­ten. Sprin­ge der Schichtführer ein, könne er sei­nen ei­gent­li­chen Auf­ga­ben nicht mehr nach­kom­men. Die­se be­trieb­li­chen Umstände hat sie aus­drück­lich als wei­te­ren Grund für die streit­ge­genständ­li­che Maßnah­me an­geführt.
bb) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die­sen Vor­trag der Be­klag­ten im strei­ti­gen Tat­be­stand aus­drück­lich wie­der­ge­ge­ben. In sei­nen Ent­schei­dungs­gründen führt es hin­ge­gen aus, die Be­klag­te ha­be „sons­ti­ge be­trieb­li­che In­ter­es­sen“ nicht dar­ge­legt und sol­che hätten im Zeit­punkt der Maßnah­me ob­jek­tiv auch nicht be­stan­den. An an­de­rer Stel­le be­nennt das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Fra­ge der ge­sund­heit­li­chen Fol­gen der Um­set­zung in die Wech­sel­schicht als „das ein­zi­ge [von der Be­klag­ten] ins Feld geführ­te be­trieb­li­che In­ter­es­se“. Mit dem ge­nann­ten Vor­trag der Be­klag­ten setzt sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht aus­ein­an­der. Den Ur­teils­gründen ist auch nicht zu ent­neh­men, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt den dies­bezügli­chen Vor­trag - un­abhängig von der Fra­ge et­wai­ger Hin­weis­pflich­ten nach § 139 ZPO - als un­sub­stan­zi­iert oder aus an­de­ren pro­zes­sua­len Gründen als nicht ver­wert­bar an­ge­se­hen hat.
III. Der Se­nat kann in der Sa­che nicht selbst ent­schei­den, da das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht al­le er­for­der­li­chen Fest­stel­lun­gen ge­trof­fen hat. Im Übri­gen ist es re­gelmäßig Sa­che der Tat­sa­chen­in­stan­zen fest­zu­stel­len, ob ei­ne kon­kre­te Maßnah­me bil­li­gem Er­mes­sen ent­spricht oder nicht (vgl. BAG 30. No­vem­ber
2016 - 10 AZR 805/15 - Rn. 34). Die Sa­che ist des­halb zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Be­ru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 563 Abs. 1 ZPO).
1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird un­ter Zu­grun­de­le­gung der obi­gen Grundsätze zu prüfen ha­ben, ob die Wei­sung vom 25. März 2015 bil­li­gem Er­mes­sen ent­sprach. Den Par­tei­en wird Ge­le­gen­heit zu ge­ben sein, ih­ren Vor­trag hin­sicht­lich der für und ge­gen die Wirk­sam­keit der Wei­sung spre­chen­den tatsächli­chen Umstände zu ergänzen, so­weit das Lan­des­ar­beits­ge­richt die­sen als nicht aus­rei­chend sub­stan­zi­iert an­sieht. Maßgeb­lich kann es da­bei aber aus­sch­ließlich auf Umstände an­kom­men, die zum Zeit­punkt der streit­ge­genständ­li­chen Maßnah­me be­reits vor­la­gen; späte­re Ent­wick­lun­gen (zB der Ar­beits­unfähig­keits­zei­ten) können kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den. Eben­so we­nig kommt es im Rah­men der ge­richt­li­chen Über­prüfung der Ausübung ei­nes Wei­sungs­rechts auf die vom Be­stim­mungs­be­rech­tig­ten an­ge­stell­ten Erwägun­gen an, son­dern al­lein dar­auf, ob das Er­geb­nis der ge­trof­fe­nen Ent­schei­dung den ver­trag­li­chen, ta­rif­ver­trag­li­chen oder ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen genügt (vgl. BAG 30. No­vem­ber 2016 - 10 AZR 11/16 - Rn. 28).
2. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird bei sei­ner Ent­schei­dung zu berück­sich­ti­gen ha­ben, dass es ge­si­cher­ten ar­beits­wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen ent­spricht, dass Nacht­ar­beit grundsätz­lich für je­den Men­schen schädlich ist und ne­ga­ti­ve ge­sund­heit­li­che Aus­wir­kun­gen hat (BAG 9. De­zem­ber 2015 - 10 AZR 423/14 - Rn. 17 mwN, BA­GE 153, 378). Es ist da­her nicht aus­ge­schlos­sen, dass die­se Er­kennt­nis ei­ne Um­set­zung in die Wech­sel­schicht recht­fer­ti­gen kann. Der all­ge­mei­ne Vor­trag des Klägers, ge­ra­de für ihn sei ei­ne dau­er­haf­te Nacht­schicht ge­sund­heit­lich bes­ser als die Wech­sel­schicht mit den wech­seln­den Ar­beits­zei­ten, dürf­te nicht genügen, um die­se Er­kennt­nis in­fra­ge zu stel­len. Al­ler­dings wird zu berück­sich­ti­gen sein, dass im Be­trieb der Be­klag­ten wei­ter­hin ei­ne (Dau­er-)Nacht­schicht ein­ge­rich­tet ist. Es be­darf da­her be­son­de­rer Umstände in der Per­son des Klägers - wie bei­spiels­wei­se deut­lich über­durch­schnitt­li­che Ar­beits­unfähig­keits­zei­ten - um die­se all­ge­mei­ne Er­kennt­nis ge­ra­de als (ei­nen) hin­rei­chen­den Grund für des­sen Um­set­zung an­zu­se­hen. Kon­kret auf
die in­di­vi­du­el­le ge­sund­heit­li­che Si­tua­ti­on des Klägers be­zo­ge­ne Gründe für die Maßnah­me - die ggf. im Rah­men der Durchführung ei­nes be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments hätten fest­ge­stellt wer­den können - hat die Be­klag­te bis­her je­den­falls nicht vor­ge­tra­gen.
3. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird wei­ter dem Vor­trag der Be­klag­ten zur ein­fa­che­ren Er­setz­bar­keit des Klägers in der Wech­sel­schicht bei krank­heits­be­ding­ten Ausfällen nach­zu­ge­hen und die­sen zu be­wer­ten ha­ben. Glei­ches gilt für die bis­her sehr all­ge­mei­ne Be­haup­tung des Klägers zu Nach­tei­len bei sei­ner Sucht­the­ra­pie (vgl. zu sol­chen Erwägun­gen auch BAG 2. No­vem­ber 2016 - 10 AZR 596/15 - Rn. 32, BA­GE 157, 153) und sei­nen im Hin­blick auf den ge­genläufi­gen Vor­trag der Be­klag­ten bis­her we­nig sub­stan­zi­ier­ten Vor­trag zu fi­nan­zi­el­len Ein­bußen durch den Weg­fall von Zu­schlägen und Zu­la­gen. Bei der Be­wer­tung des letzt­ge­nann­ten As­pekts ist zu berück­sich­ti­gen, dass sol­che Zu­schläge und Zu­la­gen die be­son­de­ren Er­schwer­nis­se durch die Nacht­ar­beit aus­glei­chen sol­len und die­se Er­schwer­nis­se mit dem feh­len­den Ein­satz in der Nacht­schicht eben­falls ent­fal­len (vgl. BAG 10. De­zem­ber 2014 - 10 AZR 63/14 - Rn. 32). Von wei­te­ren Hin­wei­sen sieht der Se­nat ab.
zur Übersicht 10 AZR 47/17

References: § 84
 § 99
 § 259
 § 253
 § 259
 § 106
 § 315
 § 95
 § 612
 § 106
 § 315
 § 84
 § 315
 § 106
 § 315
 § 106
 § 315
 § 106
 § 315
 § 106
 § 315
 § 84
 § 84
 § 84
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 § 84
 § 84
 § 84
 § 84
 § 106
 § 315
 § 84
 § 84
 § 134
 § 84
 § 106
 § 1
 § 106
 § 315
 § 106
 § 315
 § 84
 § 84
 § 84
 § 84
 § 106
 § 315
 § 551
 § 139