Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/abstehen-vom-urkundenprozess-in-der-berufungsinstanz-344266
Timestamp: 2019-10-22 11:10:09+00:00

Document:
Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess in der Beru­fungs­in­stanz | Rechtslupe
Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess in der Beru­fungs­in­stanz
Das Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess ist in der Beru­fungs­in­stanz wie eine Kla­ge­än­de­rung zu behan­deln und daher zuläs­sig, wenn der Beklag­te ein­wil­ligt oder das Gericht es für sach­dien­lich erach­tet 1. Der Sach­dien­lich­keit steht grund­sätz­lich nicht ent­ge­gen, dass auf­grund der Kla­ge­än­de­rung neue Par­tei­er­klä­run­gen und gege­be­nen­falls Beweis­erhe­bun­gen not­wen­dig wer­den und die Erle­di­gung des Pro­zes­ses ver­zö­gert wird 2.
Abste­hen vom Urkund­s­pro­zess in der Beru­fungs­in­stanz
Ein Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess ist grund­sätz­lich auch noch in der Beru­fungs­in­stanz mög­lich.
Nach § 596 ZPO kann ein Klä­ger, ohne dass es der Ein­wil­li­gung des Beklag­ten bedarf, bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung von dem Urkun­den­pro­zess in der Wei­se abste­hen, dass der Rechts­streit im ordent­li­chen Ver­fah­ren anhän­gig bleibt. Die Erklä­rung der Abstand­nah­me bewirkt bei Fort­dau­er der Rechts­hän­gig­keit des gel­tend gemach­ten Anspruchs einen Wech­sel in der Form des gefor­der­ten Rechts­schut­zes. Der Rechts­streit wird im ordent­li­chen Ver­fah­ren ohne die Beschrän­kun­gen der §§ 592, 595 ZPO fort­ge­führt 3.
Es ent­sprach bereits der vor der Umge­stal­tung des Beru­fungs­ver­fah­rens durch das Gesetz zur Reform des Zivil­pro­zes­ses vom 27.07.2001 4 ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und der herr­schen­den Auf­fas­sung in der Lite­ra­tur, dass die in § 596 ZPO für das Beru­fungs­ver­fah­ren zwar nicht aus­drück­lich vor­ge­se­he­ne Abstand­nah­me vom Urkun­den­pro­zess in ent­spre­chen­der Anwen­dung der Vor­schrif­ten über die Kla­ge­än­de­rung zuläs­sig ist, wenn der Beklag­te ein­wil­ligt oder das Gericht sie für sach­dien­lich hält, und zwar mit der Wir­kung, dass der Rechts­streit im zwei­ten Rechts­zug nun­mehr im ordent­li­chen Ver­fah­ren anhän­gig ist 5.
Nach dem am 1. Janu­ar 2002 erfolg­ten Inkraft­tre­ten des Zivil­pro­zess­re­form­ge­set­zes sind in der Recht­spre­chung der Instanz­ge­rich­te und in der Lite­ra­tur unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen dazu ver­tre­ten wor­den, ob die vor­ste­hend genann­ten Grund­sät­ze mit dem Funk­ti­ons­wan­del der Beru­fung zu einem Instru­ment der Feh­ler­kon­trol­le und besei­ti­gung und ins­be­son­de­re mit der in § 533 ZPO ent­hal­te­nen Rege­lung ver­ein­bar sind. Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Fra­ge zunächst offen­ge­las­sen 6, sie jedoch spä­ter dahin­ge­hend ent­schie­den, dass auch nach neu­em Recht das Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren wie eine Kla­ge­än­de­rung zu behan­deln und daher zuläs­sig ist, wenn der Beklag­te ein­wil­ligt oder das Gericht dies für sach­dien­lich hält 7.
Vor­aus­set­zun­gen für das Abstand­neh­men im Beru­fungs­ver­fah­ren
Ob für ein Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren zusätz­lich die Vor­aus­set­zun­gen des § 533 Nr. 2 ZPO erfüllt sein müs­sen, hat der Bun­des­ge­richts­hof im vor­ge­nann­ten Urteil dahin­ste­hen las­sen kön­nen, da die­se Vor­aus­set­zun­gen dort gege­ben waren 8. So liegt der Fall auch hier.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs gelangt mit dem zuläs­si­gen Rechts­mit­tel außer den vom erst­in­stanz­li­chen Gericht fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen auch der gesam­te aus den Akten ersicht­li­che Pro­zess­stoff des ers­ten Rechts­zugs in die Beru­fungs­in­stanz. Das Beru­fungs­ge­richt darf daher auch schrift­sätz­lich ange­kün­dig­tes, ent­schei­dungs­er­heb­li­ches Par­tei­vor­brin­gen berück­sich­ti­gen, das von dem erst­in­stanz­li­chen Gericht für uner­heb­lich erach­tet wor­den ist, auch wenn es im Urteils­tat­be­stand kei­ne Erwäh­nung gefun­den hat 9. Kommt es aus der allein maß­geb­li­chen Sicht des Beru­fungs­ge­richts auf Grund einer Kla­ge­än­de­rung für die Ent­schei­dung auf Tat­sa­chen an, die – wie hier – in dem Urteil des erst­in­stanz­li­chen Gerichts – aus des­sen Sicht fol­ge­rich­tig – trotz ent­spre­chen­den Par­tei­vor­trags nicht fest­ge­stellt sind, bestehen erheb­li­che Zwei­fel an der Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen, die das Beru­fungs­ge­richt nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 Halb­satz 2 ZPO zu eige­nen Fest­stel­lun­gen berech­ti­gen und ver­pflich­ten 10.
Sach­dien­lich­keit des Abste­hens
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs erfor­dert die Beur­tei­lung der Sach­dien­lich­keit eine Berück­sich­ti­gung, Bewer­tung und Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen. Dabei ist ent­schei­dend, ob und inwie­weit die Zulas­sung der geän­der­ten Kla­ge den Streit im Rah­men des anhän­gi­gen Rechts­streits aus­räumt, so dass sich ein wei­te­rer Pro­zess ver­mei­den lässt. Eine Kla­ge­än­de­rung ist danach nicht sach­dien­lich, wenn ein völ­lig neu­er Streit­stoff zur Beur­tei­lung und Ent­schei­dung gestellt wird, ohne dass dafür das Ergeb­nis der bis­he­ri­gen Pro­zess­füh­rung ver­wer­tet wer­den kann. Der Sach­dien­lich­keit steht grund­sätz­lich nicht ent­ge­gen, dass auf­grund der Kla­ge­än­de­rung neue Par­tei­er­klä­run­gen und gege­be­nen­falls Beweis­erhe­bun­gen not­wen­dig wer­den und die Erle­di­gung des Pro­zes­ses ver­zö­gert wird 2.
Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat das Beru­fungs­ge­richt die Sach­dien­lich­keit mit der Begrün­dung ver­neint, mit der im ordent­li­chen Ver­fah­ren maß­geb­li­chen Fra­ge nach den Ursa­chen des Schim­mel­be­falls, ins­be­son­de­re ob ein Man­gel in der Bau­sub­stanz oder ein feh­ler­haf­tes Nut­zungs­ver­hal­ten der Beklag­ten vor­lie­ge, habe sich das Amts­ge­richt nicht befasst, so dass neu­er Tat­sa­chen­stoff und neue Beweis­mit­tel erfor­der­lich sei­en.
Damit hat das Beru­fungs­ge­richt maß­geb­lich einen Gesichts­punkt in die Inter­es­sen­ab­wä­gung ein­ge­stellt, der nach der oben dar­ge­stell­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht geeig­net ist, die Sach­dien­lich­keit des Abste­hens vom Urkun­den­pro­zess zu ver­nei­nen. Wie bereits aus­ge­führt, ist der Vor­trag der Beklag­ten zu den behaup­te­ten Män­geln des Miet­ob­jekts gemäß § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO in der Beru­fungs­in­stanz ange­fal­len 11. Es han­delt sich folg­lich nicht um einen völ­lig neu­en Pro­zess­stoff, der im Beru­fungs­ver­fah­ren erst­mals zur Beur­tei­lung und Ent­schei­dung gestellt wird. Durch das Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess wird die­ses Vor­brin­gen der Beklag­ten ledig­lich ohne die Beschrän­kun­gen der §§ 592, 595 ZPO ent­schei­dungs­er­heb­lich. Die sich hier­aus erge­ben­de Not­wen­dig­keit einer Beweis­auf­nah­me ist kein trag­fä­hi­ger Grund, um die Sach­dien­lich­keit zu ver­nei­nen 12. Dies gilt erst recht, wenn sich – wie hier – in einem selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren der Par­tei­en sogar bereits ein Sach­ver­stän­di­ger mit dem Man­gel und des­sen strei­ti­gen Ursa­chen befasst hat.
Damit war im Streit­fall das von der Klä­ge­rin erklär­te Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess zuläs­sig. Durch die Erklä­rung ist der Rechts­streit vom Urkun­den­pro­zess in das ordent­li­che Ver­fah­ren über­führt wor­den, so dass es auf die vom Beru­fungs­ge­richt des Wei­te­ren behan­del­te Fra­ge der Statt­haf­tig­keit der Kla­ge im Urkun­den­pro­zess nicht ankommt. Das Beru­fungs­ge­richt hät­te die Kla­ge daher nicht als im Urkun­den­pro­zess unzu­läs­sig abwei­sen dür­fen 13.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 04.07.2012 – VIII ZR 109/​11
Anschluss an BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, BGHZ 189, 182 Rn. 24 ff.[↩]
BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, aaO Rn. 41 mwN[↩][↩]
BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, BGHZ 189, 182 Rn. 17 mwN[↩]
st. Rspr.; BGH, Urtei­le vom 25.02.1959 – V ZR 139/​57, BGHZ 29, 337, 339 f. mwN; vom 31.05.1965 – VII ZR 114/​63, NJW 1965, 1599; vom 06.06.1977 – III ZR 116/​75, BGHZ 69, 66, 69; vom 19.10.1999 – XI ZR 308/​98, NJW 2000, 143 unter II 2 b cc[↩]
BGH, Urteil vom 16.12.2003 – XI ZR 474/​02, BGHZ 157, 224, 232[↩]
BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, BGHZ 189, 182 Rn. 24[↩]
BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, aaO Rn. 34[↩]
BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, aaO Rn. 35; Musielak/​Ball, ZPO, 9. Aufl., § 529 Rn. 3; jeweils mwN[↩]
BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, aaO Rn. 37 mwN[↩]
vgl. oben II 1 d aa und bb sowie BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, aaO Rn. 43 mwN[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, aaO[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, aaO Rn. 46 mwN[↩]
BerufungsverfahrenKlageänderungUrkundsprozessZivilprozess

References: § 596
 § 596
 § 533
 § 533
 § 529
 § 529
 § 529