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Timestamp: 2017-01-23 11:19:46+00:00

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⭐Eine Expertise im Auftrag des Projektes Kindeswohlgefährdung und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD) Prof. Dr. Peter Bringewat
Eine Expertise im Auftrag des Projektes Kindeswohlgefährdung und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD) Prof. Dr. Peter Bringewat
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1 Strafrechtliche Risiken beruflichen Handelns von ASD-MitarbeiterInnen, Haftungsverteilung zwischen öffentlicher und freier Kinder- und Jugendhilfe sowie Formen und Inhalte der Dokumentation unter strafrechtlichen Aspekten. Eine Expertise im Auftrag des Projektes Kindeswohlgefährdung und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD) Prof. Dr. Peter Bringewat 12/20022 3 Prof. Dr. Peter Bringewat Strafrechtliche Risiken beruflichen Handelns von ASD-MitarbeiterInnen, Haftungsverteilung zwischen öffentlicher und freier Kinder- und Jugendhilfe sowie Formen und Inhalte der Dokumentation unter strafrechtlichen Aspekten. Eine Expertise im Auftrag des Projektes Kindeswohlgefährdung und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD)4 2002 Deutsches Jugendinstitut e. V. Abteilung Familie und Familienpolitik Projekt Kindeswohlgefährdung und ASD Nockherstr. 2, München Telefon: +49 (0) Fax: +49 (0)5 Inhaltsverzeichnis 1 Zur Problemstellung 6 2 Gegenwärtiger Stand der Rechtsprechung 7 3 Strafrechtliche Garantenhaftung in der Kinder- und Jugendhilfe Strafrechtliche Garantenhaftung in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe Strafrechtliche Garantenhaftung in der freien Kinder- und Jugendhilfe 20 4 Strafrechtliche Haftungs- und Risikoverteilung im Kooperationsverhältnis zwischen öffentlicher und freier Jugendhilfe: Zur Delegation von Garantenpflichten 24 5 Strafrechtliche Fahrlässigkeitshaftung in der Kinder- und Jugendhilfe 26 6 Minimierung strafrechtlicher Risiken beruflichen Handelns in der Kinder- und Jugendhilfe durch qualifizierte Dokumentation der Fallbearbeitung 31 7 Literaturverzeichnis 366 1 Zur Problemstellung Soziale Arbeit in der kommunalen Kinder- und Jugendhilfe ist mit Strafbarkeitsrisiken verbunden. Die seit einiger Zeit lebhaft geführte fachöffentliche Diskussion über die strafrechtliche Haftung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe kommt trotz aller Meinungsverschiedenheiten und bisweilen ideologisch anmutenden Positionierungen zumindest um diesen Befund nicht (mehr) herum. Dazu beigetragen haben mehrere Strafverfahren gegen fallzuständige Fachkräfte von Jugendämtern/ASD, die teilweise mit rechtskräftigen Verurteilungen wegen fahrlässiger Tötung oder fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen oder mit Verfahrenseinstellungen endeten. Der Sache nach ging es dabei stets um die strafrechtliche Verantwortlichkeit von fallzuständigen Fachkräften der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe für den durch deliktisches Verhalten von Eltern (Väter/Mütter) verursachten Tod (Körperverletzung) eines Kleinkindes. Strafverfahren gegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Trägern der freien Kinderund Jugendhilfe sind soweit ersichtlich bislang nicht eröffnet und durchgeführt worden. Gleichwohl trifft auch sie eine strafrechtliche Risikolage bei der Ausübung ihrer sozialen Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe 1. Berufliches Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe gerät im wesentlichen unter zwei Aspekten zum strafrechtlichen Haftungsrisiko: Zum einen steht in Frage, ob und in welchem Umfang den fallzuständigen Fachkräften des Jugendamtes/ASD im Arbeits- und Betreuungszusammenhang mit Problemfamilien und deren Kindern eine strafrechtliche Garantenstellung mit daraus resultierenden Garantenpflichten zukommt. Zum zweiten müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes/ASD darauf vorbereitet sein, dass sie im Vollzug ihrer kinder- und jugendhilferechtlichen Aufgabenerledigung einem Fahrlässigkeitsrisiko ausgesetzt sind. Zur Beherrschung dieser strafrechtlichen Risiken ist es zuallererst erforderlich, in Grundzügen die strafrechtliche Haftungsproblematik des eigenen beruflichen Handelns zu kennen, weshalb kompetenzerweiternde Fachtagungen und Fortbildungsveranstaltungen auf diesem Gebiet unerlässlich sind. Sodann 1 Vgl. dazu Bringewat, Sozialpädagogische Familienhilfe, S. 63 ff., 87 ff., 95 ff., m.w.nachw. 67 kommt es aber darauf an, aus der Praxis der Kinder- und Jugendhilfearbeit heraus, etwa im Wege der Einhaltung von bestimmten, auch an strafrechtlichen Haftungskriterien orientierten Verfahrensstandards mit entsprechender Dokumentation der Fallbehandlung, das strafrechtliche Verfolgungsrisiko professionsverträglich zu minimieren. Angezeigt ist es dementsprechend, sich der strafrechtlichen Haftungsproblematik in der Kinder- und Jugendhilfe auf ähnliche Weise nachfolgend anzunehmen. Zum besseren Verständnis der strafrechtlichen Risikolage empfiehlt sich vorab eine Durchmusterung der einschlägigen Rechtsprechung. 2 Gegenwärtiger Stand der Rechtsprechung Eine höchstrichterliche Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) zur strafrechtlichen Haftungsproblematik der sozialen Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe ist bislang nicht ergangen. Zwar ist derzeit beim V. Strafsenat des BGH ein Verfahren anhängig, in dem es ebenfalls um Fragen des strafrechtlichen Haftungsrisikos im Vollzug sozialer Arbeit geht. Allerdings betrifft dieses Verfahren im weitesten Sinne betreutes Wohnen von Erwachsenen. Die für Ende Dezember 2002 erwartete Entscheidung des BGH lässt sich deshalb für die strafrechtlichen Haftungsfragen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe nur bedingt verwenden. Die Auffassung der Rechtsprechung zur strafrechtlichen Haftung von fallzuständigen Fachkräften in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe kommt danach vor allem in erst- und zweitinstanzlichen Urteilen und urteilsvertretenden Entscheidungen von Amts- und Landgerichten, aber auch in obergerichtlichen Revisions- bzw. Beschwerdeentscheidungen zum Ausdruck. Nachhaltig bestimmt worden ist die fachöffentliche Auseinandersetzung um die strafrechtlichen Risiken der sozialen Arbeit in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe von zwei Strafverfahren: von einem Osnabrücker Verfahren (1) und einem Stuttgarter Verfahren (2). Weiter zu erwähnen ist indessen auch eine Revisionsentscheidung des Oberlandesgerichts Düsseldorf (3) und ein erstinstanzliches Verfahren vor dem Amtsgericht Leipzig (4). 78 1) Das sog. Osnabrücker Verfahren (Fall Laura-Jane ) betraf ein Strafverfahren gegen eine fallzuständige Fachkraft des Jugendamtes/ASD der Stadt Osnabrück wegen fahrlässiger Tötung eines siebenmonatigen Säuglings durch Unterlassen. Erstinstanzlich sprach das Amtsgericht-Schöffengericht Osnabrück die angeklagte Sozialarbeiterin schuldig und verwarnte sie unter Strafvorbehalt gem. 59 Abs. 1 StGB. In den Urteilsgründen ging das Gericht ohne ausdrückliche Erörterung der Voraussetzungen einer strafrechtlichen Garantenhaftung unausgesprochen von einer Schutz- und Einstandspflicht der Sozialarbeiterin zu Gunsten des zu Tode gekommenen Kindes aus. Gegen dieses Urteil legte die angeklagte Sozialarbeiterin das Rechtsmittel der Berufung ein. Die nunmehr zuständige kleine Strafkammer des Landgerichts Osnabrück befasste sich zwar mit der Garantenproblematik, verneinte aber eine Garantenstellung der Sozialarbeiterin und sprach sie vom Vorwurf der Anklage frei. Zur Überprüfung des Freispruchs legte die Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Osnabrück daraufhin Revision ein. Das als Revisionsgericht angerufene Oberlandesgericht Oldenburg hob das frei-sprechende Urteil des Landgerichts Osnabrück auf und verwies die Sache zu erneuter Verhandlung und Entscheidung an eine andere kleine Strafkammer des Landgerichts Osnabrück zurück. Diese kleine Strafkammer stellte sodann das Verfahren gem. 153 Abs. 2 StPO endgültig ein und beendete damit das Strafverfahren. Das Oberlandesgericht Oldenburg ließ in seiner Revisionsentscheidung keinen Zweifel daran, dass die fallzuständige Sozialarbeiterin im Rahmen ihrer amtlichen Kinder- und Jugendhilfearbeit eine Garantenstellung mit Schutzpflichten zu Gunsten des zu Tode gekommenen Kleinkindes innehatte. Es begründete seine Auffassung damit, dass für die angeklagte Sozialarbeiterin (d.i. verallgemeinert die fallzuständige Fachkraft des Jugendamtes/ASD) Garantenpflichten zum Schutze der in der Problemfamilie mitbetreuten Kinder vor Gefahren für deren körperliches, geistiges oder/und seelisches Wohl ( 1666 BGB) aus 1 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII und damit aus dem staatlichen Wächteramt (Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG) resultieren. Und weiter stellte das Oberlandesgericht Oldenburg klar, dass die fallzuständige Fachkraft des Jugendamtes/ASD ihre einmal eingenommene Garantenposition nicht verliert, wenn in die sozialarbeiterische Betreuung der Problemfamilie eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter eines Trägers der freien 89 Kinder- und Jugendhilfe als Familienhilfe gem. 31 SGB VIII ein-gebunden ist 2. 2) Im sog. Stuttgarter Verfahren musste sich ein zum Zeitpunkt des durch Gewalttätigkeit eines Dritten herbeigeführten Kindstodes nicht mehr fallzuständiger Sozialarbeiter ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung eines Kleinkindes durch Unterlassen (Fall Jenny ) verantworten. Dem war zunächst ein Beschwerdeverfahren vorausgegangen. Die zuständige große Strafkammer des Landgerichts Stuttgart hatte die von der Staatsanwaltschaft mit Anklageerhebung beantragte Eröffnung des gerichtlichen Hauptverfahrens abgelehnt. Auf die sofortige Beschwerde der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Stuttgart ließ das Oberlandesgericht Stuttgart als Beschwerdeinstanz unter Aufhebung des landgerichtlichen Nichteröffnungsbeschlusses die Anklage zu und eröffnete das Hauptverfahren vor dem Landgericht Stuttgart. In seiner Beschwerdeentscheidung leitete das Oberlandesgericht Stuttgart anders als das Oberlandesgericht Oldenburg eine Garantenposition des angeklagten Sozialarbeiters und damit dessen Garantenpflicht zum Schutze von Leib und Leben des dann zu Tode gekommenen Kleinkindes nicht aus dem SGB VIII her, sondern aus dem Umstand, dass die fallzuständige Fachkraft des Jugendamtes/ASD im Rahmen eines längerfristigen Arbeits- und Betreuungszusammenhangs mit einer Problemfamilie tatsächlich den Schutz zu Gunsten der in der Problemfamilie betreuten Kinder übernimmt. Aus dieser als amtliche Aufgabenerfüllung zu wertenden tatsächlichen Schutzübernahme resultieren auch über einen Zuständigkeitswechsel hinaus wirkende Garantenpflichten zu Gunsten der in ihrem Wohl gefährdeten oder gar schon verletzten Kinder und Jugendlichen. Die fallzuständige Fachkraft ist in Bezug auf das Wohl der mitbetreuten Kinder in der Position eines Beschützergaranten (im Gegensatz zu einem Sicherungsgaranten), was sich aus 1 Abs. 3 Ziff. 3 SGB VIII, wonach ein Grundund Leitziel der Kinder- und Jugendhilfe im Schutz von Kindern vor Gefahren für ihr Wohl besteht, ohne weiteres ergibt. 2 Vgl. zum gesamten Verfahrenskomplex Urteil des AG Osnabrück 5 Ls 11 Js 17617/94 (II27/95) vom ; Urteil des LG Osnabrück 22 Ns (VII 124/95) 11 Js 17617/94 vom = ZfJ 1996, 324 = NSTZ 1996, 437 ff. m. Anm. Bringewat, NSTZ 1996, 440 ff.; Urteil des OLG. Oldenburg Ss 249/96 vom = ZfJ 1997, 56 = StrVert. 1997, 133 ff. m. Anm. Bringewat StrVert. 1997, 135 ff.; ferner Bringewat, Tod eines Kindes, mit vollständiger Entscheidungsdokumentation ab S. 116 ff. 910 Im Anschluss an diese Beschwerdeentscheidung des Oberlandesgerichts Stuttgart machte sich das Landgericht Stuttgart zur Begründung der Garantenhaftung des angeklagten Sozialarbeiters die Auffassung des Oberlandesgerichts Stuttgart zu eigen, sah darüber hinaus eine Garantenstellung des Sozialarbeiters aber auch durch das SGB VIII, nämlich durch 1 Abs. 2 Satz 2 in Verbindung mit 1 Abs. 3 Ziff. 3 SGB VIII begründet. Ein weiterer Schwerpunkt in den Entscheidungsbegründungen des Oberlandesgerichts Stuttgart und Landgerichts Stuttgart stellt die Erörterung der Fahrlässigkeitshaftung des angeklagten Sozialarbeiters dar. Hierauf ist später zurückzukommen 3. 3) Im Ergebnis mit Freispruch endete ein Revisionsverfahren vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf, in dem in Frage stand, ob sich eine fallzuständige Fachkraft des Jugendamtes/ASD wegen Verletzung der Fürsorgepflicht im Sinne des 170 d StGB a.lf., 171 StGB n.f. durch Unterlassen strafbar gemacht hat. Das Oberlandesgericht Düsseldorf stellte in den Entscheidungsgründen klar, dass es an der Garantenposition der aufgrund nicht verhinderten sexuellen Missbrauchs angeklagten Sozialarbeiterin aus 1 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII keinen Zweifel hat. Bereits durch einen Telefonanruf der Vertrauenslehrerin bei der fallzuständigen Fachkraft hatte sich danach deren allgemeine Fürsorgepflicht hinreichend zu einer Garantenpflicht verdichtet, weil damit der angeklagten Sozialarbeiterin ein Sachverhalt bekannt geworden war, der für die betreffende Jugendliche die Gefahr begründete, (durch sexuellen Missbrauch) in ihrer körperlichen oder psychischen Entwicklung erheblich geschädigt zu werden. Seinen Freispruch stützte das Oberlandesgericht Düsseldorf letztlich darauf, dass das garantenpflichtwidrige Unterlassen der Sozialarbeiterin des Jugendamtes/ASD für die eingetretene Gefahr des Kindeswohls nicht kausal war und der Angeklagten der für eine Strafbarkeit gem. 170 d StGB a.f., 171 StGB n.f. erforderliche Vorsatz fehlte 4. 3 Zum gesamten Verfahrenskomplex vgl. Urteil des LG Stuttgart 1) 15 KLs 113 Js 26273/96 vom ; Beschluss des OLG Stuttgart 1 Ws 78/98 vom = NJW 1998, 3133 ff. = ZfJ 1998, Vgl. dazu OLG Düsseldorf ZfJ 2000, 309 ff. 1011 4) Wegen fahrlässiger Tötung eines Kleinkindes durch Unterlassen verurteilte das Amtsgericht Leipzig eine fallzuständige Bezirkssozialarbeiterin des Jugendamtes Leipzig zu Geldstrafe. Auch dieses Gericht hatte an der Garantenposition der angeklagten Sozialarbeiterin keine Zweifel. Es führte sie auf 1 Abs. 3 Ziff. 3 SGB VIII und 1 und 2 SGB VIII sowie auf den Gedanken der tatsächlichen Schutzübernahme zurück. Zugleich bejahte es nach den besonderen Umständen des konkret zu entscheidenden Falles eine die Fahrlässigkeitshaftung der Sozialarbeiterin begründende objektive Sorgfaltspflichtverletzung, die in fehlenden eigenen Ermittlungen der fallzuständigen Sozialarbeiterin zur möglichen Gefährdung des Kindeswohl bestand. Auch hierauf ist noch zurückzukommen 5. 3 Strafrechtliche Garantenhaftung in der Kinder- und Jugendhilfe Wie sich aus dem kursorischen Überblick über den derzeitigen Stand der einschlägigen Rechtsprechung ersehen lässt, wird die strafrechtliche Risikolage in der Kinder- und Jugendhilfearbeit maßgeblich von der Frage bestimmt, ob der fallzuständigen Fachkraft des Jugendamtes/ASD eine Garantenstellung zu Gunsten der in einer Problemfamilie mitbetreuten Kinder und Jugendlichen zukommt. Ohne eine solche Garantenstellung wäre eine Strafbarkeit der jugendamtlichen Fachkräfte allenfalls wegen eines vorsätzlichen oder fahrlässigen Begehungsdelikts oder wegen eines echten Unterlassungsdelikts 6, z.b. wegen unterlassener Hilfeleistung gem. 323 c StGB denkbar. In der Praxisrealität der (öffentlichen) Kinder- und Jugendhilfe kommen die genannten drei Deliktsarten aber so gut wie kaum vor, so dass sie hier vernachlässigt werden können. Typischerweise besteht die strafrechtliche Risikolage in der Kinderund Jugendhilfe in einem möglicherweise vorwerfbaren Unterlassen in Gestalt eines Begehens durch Unterlassen wie es in 13 StGB beschrieben ist: Wer es unterlässt, einen Erfolg (d.i. die Rechtsgutsverletzung, die Rechtsgutsgefährdung etc.) abzuwenden, der zum Tatbestand eines Strafgesetzes gehört, ist nach diesem Gesetz nur strafbar, wenn er rechtlich dafür einzustehen hat, dass 5 Vgl. dazu Urteil des AG Leipzig vom Cs 301 Js 70846/00. 6 Zur Unterscheidung von echten und unechten Unterlassungsdelikten vgl. Brin-gewat, Sozialpädagogische Familienhilfe, S m. zahlr. Nachw. 1112 der Erfolg nicht eintritt, und wenn das Unterlassen der Verwirklichung des gesetzlichen Tatbestandes durch ein Tun entspricht. Die Deliktsart, auf die 13 StGB abhebt, ist das sog. unechte Unterlassungsdelikt. Es ist u.a. dadurch gekennzeichnet, dass aus dem Kreis aller vorstellbaren Unterlassenden nur ein ganz Bestimmter als Täter in Betracht kommt. Dieser ganz Bestimmte ist der sog. Garant, nämlich der Garant dafür, dass ein tatbestandsmäßiger Erfolg (z.b. der Tod eines Menschen in 212 StGB, die Körperverletzung eines Menschen in 223 ff. StGB etc.) nicht eintritt. Umgekehrt kann sich wegen eines unechten Unterlassungsdelikts deshalb auch nur derjenige strafbar machen, der ein solcher Garant für den Nichteintritt des tatbestandsmäßigen Erfolges ist, der also im Sinne von 13 StGB rechtlich dafür einzustehen hat, dass der tatbestandsmäßige Erfolg nicht eintritt. Ob sich jemand beispielsweise wegen (fahrlässigen) Totschlags durch Unterlassen oder wegen (fahrlässiger) Körperverlassung durch Unterlassen strafbar gemacht hat, hängt somit in erster Linie davon ab, ob er Garant zum Schutze des Rechtsguts Leben oder des Rechtsguts körperliche Unversehrtheit etc. war, ob ihm also eine Garantenstellung mit daraus resultierender Garantenpflicht zur Verhinderung tatbestandsmäßiger Erfolge zukam. Im Blick auf eine etwaige Strafbarkeit wegen unechten Unterlassens spitzt sich danach alles auf die Frage zu, wie Garantenstellungen entstehen und welche Garantenpflichten aus der einmal entstandenen Garantenstellung folgen. Hierbei handelt es sich um das A und O der strafrechtlichen Garantenhaftung ganz allgemein und ebenso um das Kernproblem der strafrechtlichen Garantenhaftung in der (öffentlichen) Kinder- und Jugendhilfe. Die gegenwärtig vorherrschende Auffassung in Strafrechtslehre und Rechtsprechung 7 erklärt und begründet das Entstehen und Bestehen von Garantenpositionen auf der Basis zweier miteinander verbundener Theorieansätze. Im Wege einer mehr materiellen Betrachtungsweise orientiert sich die sog. Funktionenlehre zur Kennzeichnung von Garantenpositionen an den sozialen Funktionen von Garantenpflichten, an ihrem sozialen Sinngehalt. Sie differenziert alle Garantenstellungen in zwei Grundsituationen bzw. zwei Grundtypen aus und unterscheidet zwischen dem Grundtyp des Beschützergaranten auf der 7 Vgl. nur Jescheck/Weigend 59 IV 2; Rudolphi in SK-StGB 13 Rn. 24 ff.; Schönke/Schröder (Stree) 13 Rn. 7 ff. alle m. w. Nachw. 1213 einen und dem Grundtyp des Sicherungsgaranten auf der anderen Seite. Im Falle des Beschützergaranten geht es darum, den Schutz bestimmter Rechtsgüter gegen Gefahren aus allen Richtungen zu gewährleisten, der Beschützergarant hat daher stets Obhutverpflichtungen für die von Verletzungen oder Gefährdungen betroffenen Rechtsgüter. Den Sicherungs- oder Überwachungsgaranten charakterisiert hingegen eine Verantwortlichkeit für Gefahrenquellen mit Sicherungspflichten gegen Gefährdungen aller Rechtsgüter. Der Sicherungsgarant muss dementsprechend dafür sorgen, dass aus einer in seinem eigenen Verantwortlichkeitsbereich liegenden Gefahrenquelle keine Rechtsgüter (anderer) beeinträchtigt werden. Mit einer solchen funktionenorientierten Zurückführung aller Garantenpositionen auf zwei Grundsituationen (Grundtypen) gelingt es durchaus, Garantenstellungen und pflichten nach Art und Umfang und damit in ihrer inhaltlichen Zielsetzung und Reichweite zu bestimmen und zu begrenzen. Das eigentliche Entstehen und Bestehen von Garantenstellungen ist auf diese Weise jedoch noch nicht bündig erklärt und begründet. Ein ergänzender Rückgriff auf die überkommene sog. formelle Rechtspflicht- oder Rechtsquellenlehre und damit auf formelle Entstehungsgründe für Garantenpflichten ist jedenfalls nach dem derzeitigen Erkenntnisstand notwendig. Im Wege einer mehr formellen Betrachtungsweise sollen danach die Kategorien des Gesetzes, des Vertrages (einschließlich der sog. freiwilligen Übernahme), des gefährlichen und rechtswidrigen Vorverhaltens (der sog. Ingerenz) und der konkreten engen Lebensbeziehung zwischen Menschen sowie der Risiko- und Gefahrengemeinschaft Garantenstellungen erzeugen können 8. Weitgehend Einigkeit besteht darüber, dass sich Funktionenlehre und formelle Rechtspflicht- oder Rechtsquellenlehre nicht ausschließen und sich auch nicht wiedersprechen, sondern im Gegenteil die bestehenden Theoriemängel von der jeweils anderen Lehre aufgefangen werden können. Daher empfiehlt sich ihre substantielle Verflechtung und wechselbezügliche inhaltliche Durchdringung und Verknüpfung zu einem mehrdimensionalen Erklärungs- und Begründungsansatz für das Entstehen und Bestehen von Garantenstellungen/Garantenpflichten. Und genau das ist auch der Standpunkt der in Strafrechtslehre und Rechtsprechung vorherrschenden Auffassung. 8 Vgl. zur formellen Rechtspflicht- oder Rechtsquellenlehre Jescheck/Weigend 59 IV 2; Schönke/Schröder (Stree) 13 Rn. 8; auch Wessels/Beulke Rn. 715 ff., 717 jew. m.w.nach. 1314 Überträgt man diesen mehrdimensionalen Erklärungs- und Begründungsansatz für das Entstehen und Bestehen von Garantenstellungen mit daraus resultierenden Garantenpflichten auf das Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe, und zwar vorerst noch ohne Differenzierung zwischen der öffentlichen und der freien Kinder- und Jugendhilfe, dann ist bereits auf Anhieb zu erkennen, dass sich die in der Kinder- und Jugendhilfe beruflich tätigen Fachkräfte in der Grundsituation eines Beschützergaranten befinden. Das ergibt sich zum einen aus dem Erscheinungsbild der kommunalen Kinder- und Jugendhilfe, mithin aus ihrer sozialen Rolle in der gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit, zum anderen aber aus dem normativen Kontext der in 1 SGB VIII enthaltenen, die gesamte Kinder- und Jugendhilfe gestaltenden Rechtsgrundsätze. Von besonderer Bedeutung ist dabei die in 1 Abs. 3 Ziff. 3 SGB VIII normierte generelle Soll-Verpflichtung der Kinder- und Jugendhilfe zur Schutzgewährung für alle in ihrem Wohl gefährdeten Kinder und Jugendlichen. Im Verhältnis zu 1 Abs. 1 SGB VIII versteht sich 1 Abs. 3 Ziff. 3 SGB VIII als gesetzliche Konkretisierung der generellen Zielsetzung, die Entwicklung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu fördern. Das gilt auch für die anderen in 1 Abs. 3 SGB VIII genannten Grund- und Leitziele. Mit der nicht abschließenden Aufzählung dieser besonders wichtigen Grund- und Leitziele verdeutlicht 1 Abs. 3 SGB VIII des weiteren, auf welche Weise die Kinderund Jugendhilfe der Verwirklichung des in 1 Abs. 1 SGB VIII statuierten Rechts dienen soll. Zwischen den in 1 Abs. 3 SGB VIII beschriebenen Grund- und Leitzielen der Kinder- und Jugendhilfe besteht im übrigen keine Rang- oder Reihenfolge. Es handelt sich vielmehr um typische Zielvorgaben, die sich im Sinne einer integrativen Verschränkung gegenseitig ergänzen und je nach Sachlage gemeinsam und einheitlich oder mit unterschiedlicher Gewichtung auf die praktische Kinder- und Jugendhilfearbeit einwirken. Die in 1 Abs. 3 SGB VIII aufgeführten Grund- und Leitziele erweisen sich im wechselbezüglichen Konkretisierungszusammenhang mit 1 Abs. 1 SGB VIII zudem als die maßgeblichen Bezugspunkte, auf die jedwede Kinderund Jugendhilfe ihrem Sinngehalt nach ausgerichtet ist. Dementsprechend ist eine den kinder- und jugendhilferechtlichen Anforderungen genügende, kon- 1415 sequent zielgebundene und bestimmte Kinder- und Jugendhilfe, eine Kinderund Jugendhilfe also, die funktional auch auf das Grundziel der Schutzgewährung im Sinne des 1 Abs. 3 Ziff. 3 SGB VIII bezogen ist, geradezu darauf angelegt, Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr körperliches, geistiges und/oder seelisches Wohl (vgl. 1666, 1666 a BGB) zu bewahren. Diese Schutzfunktion zu Gunsten der in ihrem Wohl gefährdeten Kinder und Jugendlichen ist jedenfalls nach der Jugendhilfeidee des SGB VIII der Kinder- und Jugendhilfe immanent 9. So gesehen besteht kein Zweifel daran, dass die in der Kinder- und Jugendhilfe beruflich tätigen Fachkräfte als Beschützergaranten (und nicht als Sicherungsgaranten) zu qualifizieren sind, wenn und soweit ihnen im Vollzug ihrer beruflichen Aufgabenerledigung eine Garantenstellung zu Gunsten der in ihrem Wohl gefährdeten Kinder und Jugendlichen zukommt. Abzuklären ist daher nunmehr, ob den Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe im Zusammenhang mit ihrer professionellen Kinder- und Jugendhilfearbeit eine Garantenposition zu Gunsten der betreuten Kinder und Jugendlichen zuwächst. Dieser Fragestellung ist aus Gründen der besseren Übersichtlichkeit differenziert, und zwar zuerst für den Bereich der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe (3.1) und anschließend für den der freien Kinder- und Jugendhilfe (3.2) nachzugehen. 3.1 Strafrechtliche Garantenhaftung in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe Bei Durchsicht der allgemein anerkannten Entstehungsgründe für Garantenpositionen liegt es besonders nahe, die Kategorie des Gesetzes als Quellgrund für Garantenpflichten einer fallzuständigen Fachkraft des Jugendamtes/ASD zu prüfen. Das schon deshalb, weil sich Kinder- und Jugendhilfearbeit auf der rechtlichen Grundlage und im rechtlichen Rahmen des SGB VIII vollzieht. Im Blick auf die typische Aufgabenstellung der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe kommen als Garantenpflichten aus Gesetz vor allem solche aus 1 SGB VIII in Betracht. Allerdings ist insoweit zu betonen, dass sich aus 1 9 Vgl. statt aller Wiesner 1 Rn. 38: immanente Negativschranke. 1516 Abs. 1 oder 1 Abs. 3 SGB VIII allein entgegen mancher, zu Missverständnissen Anlass gebenden Entscheidungsbegründung der Strafgerichte keine Garantenpflichten ergeben können, weil weder 1 Abs. 1 noch 1 Abs. 3 Ziff. 3 SGB VIII eine unmittelbare Verpflichtung der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe zur Schutzgewährung für in ihrem Wohl gefährdete Kinder und Jugendliche enthält. Eine solche unmittelbare Verpflichtung, die auf Seiten des in seinem Wohl gefährdeten Kindes oder Jugendlichen mit einem (auch klageweisen) durchsetzbaren Rechtsanspruch korrespondiert, setzt das Entstehen bzw. Bestehen einer Garantenposition mit dazugehöriger Garantenpflicht (Schutzpflicht) aber voraus. Als Entstehungsgrund für eine Garantenposition/Garantenpflicht der fallzuständigen Fachkraft des Jugendamtes/ASD aus Gesetz bleibt somit im normativen Gesamtzusammenhang des 1 SGB VIII lediglich 1 Abs. 2 SGB VIII übrig. Und in der Tat hat das Kind bzw. der Jugendliche einen Rechtsanspruch auf Schutz seines Wohls, wenn der Interventionsbereich des staatlichen Wächteramtes erreicht ist. Ist nämlich das Kindeswohl durch elterliches Fehlverhalten oder durch Fehlverhalten anderer Sorgeberechtigter und verpflichteter in einem Maße gefährdet, dass die Eingriffsschwelle des Staates erreicht ist, wächst dem Kind (Jugendlichen) ein (staatsgerichteter) Anspruch auf Ausübung des staatlichen Wächteramtes durch die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe repräsentiert in der Person der fallzuständigen Fachkraft des Jugendamtes/ASD unmittelbar zu 10. Dieser Anspruch resultiert nicht allein aus der verfassungsrechtlichen Verankerung des staatlichen Wächteramtes ( 1 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII = Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG). Vielmehr gründet er sich auf das rechtliche Zusammenwirken verschiedener Vorschriften des 1 SGB VIII. Im Kontext mit 1 Abs. 1 und 1 Abs. 3 Ziff. 3 SGB VIII bewirkt das aus Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG ü- bernommene staatliche Wächteramt gem. 1 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII eine Verdichtung des jedem jungen Menschen eingeräumten Rechts auf Persönlichkeitsentwicklung und Erziehung zu einem Individualrecht auf staatliche Jugendhilfemaßnahmen. Qualitativ wandelt sich das Recht im Sinne des 1 Abs. 1 SGB VIII im Interventionsbereich des staatlichen Wächteramtes um in ein 10 Vgl. statt aller Wiesner 1 Rn17 subjektiv-öffentliches Recht auf Schutz des Kindeswohls. Mit diesem Rechtsanspruch des Kindes/Jugendlichen geht eine Garantenposition/Garantenpflicht der fallzuständigen Fachkraft des Jugendamtes/ASD einher. Besteht zwischen der fallzuständigen Fachkraft des Jugendamtes/ASD und einer Problemfamilie mit ihren Kindern ein längerfristiger Arbeits- und Betreuungszusammenhang, setzt die aus Gesetz, nämlich aus 1 Abs. 2 Satz 2 in Verbindung mit 1 Abs. 3 Ziff. 3 SGB VIII resultierende Verpflichtung zur Verhinderung von Rechtsgutsverletzungen zu Lasten der mitbetreuten Kinder und Jugendlichen spätestens dann ein, wenn die Kindeswohlgefährdung durch Fehlverhalten von Eltern etc. eine Krisenintervention im Sinne des 1 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII erfordert. Eine Garantenpflicht zum Schutze der durch elterliches Fehlverhalten etc. gefährdeten oder gar schon verletzten Kinder und Jugendlichen ergibt sich für die fallzuständige Fachkraft des Jugendamtes/ASD aus 1 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII aber auch ohne einen solchen bereits bestehenden Arbeits- und Betreuungszusammenhang mit der Familie, wenn sie auf Grund zureichender Anhaltspunkte zur Erfüllung der Interventionsverpflichtung des staatlichen Wächteramtes erstmals Kontakt mit der Familie aufnimmt, gleichviel wie dieser Kontakt beschaffen ist (auch ein Telefonat kann u.u. schon genügen) 11. Bei alledem ist deutlich hervorzuheben, dass eine solche Garantenposition/Garantenpflicht der fallzuständigen Fachkraft des Jugendamtes/ASD aus Gesetz erst und nur dort entsteht und besteht, wo die Eingriffsschwelle des Staates in der Kinder- und Jugendhilfe erreicht oder überschritten ist. Über die begrenzte Krisensituation des 1 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII hinaus kommt der fallzuständigen Fachkraft des Jugendamtes/ASD indessen noch eine weitere Garantenposition zu Gunsten der in einer Problemfamilie mitbetreuten Kinder und Jugendlichen zu. Sie folgt aus einer sog. tatsächlichen oder faktischen Schutzübernahme zu Gunsten der mitbetreuten Kinder und Jugendlichen 12. Es handelt sich bei dieser als faktische, tatsächliche Schutzübernahme gekennzeichneten Garantenposition um einen allgemein anerkannten Entstehungsgrund für Obhutspflichten (Garantenpflichten) in Bezug auf bestimmte 11 Vgl. dazu Bringewat, Sozialpädagogische Familienhilfe, S. 50/51; Bringewat LPK-SGB VIII 1 Rn. 13b; vgl. auch OLG Düsseldorf ZfJ 2000, 309 ff. 1718 Rechtsgüter 13. Zwar besteht über die Entstehungsvoraussetzungen einer Garantenposition aus tatsächlicher Schutzübernahme im einzelnen in Strafrechtslehre und Rechtsprechung noch keine völlige Einigkeit. Vorherrschender Auffassung nach sind aber gesetzliche oder sonstige rechtliche Vorschriften für das Entstehen einer solchen Garantenposition nicht konstitutiv. Das gilt auch für zivilrechtliche oder öffentlich-rechtliche Verträge. Deren Wirksamkeit oder Unwirksamkeit haben auf das Entstehen einer Garantenposition aus tatsächlicher Schutzübernahme keinen Einfluss. Allerdings können gesetzliche oder sonst rechtliche ebenso wie vertragliche Bestimmungen und Vereinbarungen die aus tatsächlicher Schutzübernahme resultierenden Garantenpflichten in ihrer Schutzrichtung zumindest mitgestalten und deren Reichweite begrenzen. So kann eine Garantenverpflichtung aus tatsächlicher Schutzübernahme über die zeitliche Geltung eines Vertrages hinaus andauern, weiter als die inhaltlichen Grenzen dieses Vertrages geht sie jedoch nicht 14. Erforderlich für das Entstehen und Bestehen einer Garantenposition tatsächliche Schutzübernahme ist ein mit normativer Qualität ausgestatteter Realakt. Er setzt zunächst ein faktisches Einrücken in die Garantenposition in der Weise voraus, dass der den Schutz Übernehmende die ihm zufallende Schutzfunktion effektiv wahrnimmt, d.h. dem Träger des gefährdeten Rechtsguts (z.b. dem Kind) oder einem zu dessen Gunsten seinerseits schutzbereiten Dritten (z.b. den Eltern) gegenüber zu erkennen gibt, für den Schutz des gefährdeten Rechtsguts sorgen zu wollen. Dafür ist nicht zwingend notwendig, dass der Übernehmer nach außen tretende, sichtbare Maßnahmen zum Rechtsgüterschutz ergreift. Auch eine Zusage, helfen zu wollen, kann im Einzelfall bereits ausreichen, ebenso konkludentes Handeln. Zu diesen Realakt hinzukommen muss aber ein ihn normativ überformendes Schutzvertrauen des auf Schutz bzw. Hilfe Angewiesenen. Hierbei braucht es sich freilich nur um eine auch assoziative Erwartungshaltung im Sinne eines unreflektierten Vertrauens in die tätige Schutzverwirklichung durch den Übernehmer zu handeln. Liegt eine solche Vertrauensbeziehung zum Übernehmenden vor, ist auf Seiten des Ü- bernehmers ein Obhutverhältnis zum Rechtsgutsträger (oder dem Dritten) 12 Vgl. dazu Bringewat, Tod eines Kindes, S. 48 ff., 62 ff.; Bringewat, Sozialpädago-gische Familienhilfe, S. 52 ff.; OLG Stuttgart ZfJ 1998, Vgl. statt aller Jescheck in LK 13 Rn. 26 m.w.nachw. in Anm. 37 und Schön-ke/Schröder (Stree) 13 Rn. 26 ff. 14 Vgl. Jescheck/Weigend 59 IV 3 c) m.nachw. aus d. Rspr. 1819 begründet, wonach der Schutz des Rechtsguts in Folge der tatsächlichen Schutzübernahme in die Hände des Übernehmers gelegt ist 15. Konfrontiert man diese Grundvoraussetzungen für das Entstehen bzw. Bestehen einer Garantenposition aus tatsächlicher Schutzübernahme mit der beruflichen Tätigkeit einer fallzuständigen Fachkraft des Jugendamtes/ASD und damit mit der im Aufgabenbereich der kommunalen Jugendhilfe zu erbringenden sozialen Arbeit, dann erweist sich rasch, dass der für eine Problemfamilie mit Kindern zuständigen Sozialarbeiterin des Jugendamtes/ASD aus dem kinder- und jugendhilferechtlich strukturierten Arbeits- und Betreuungszusammenhang mit ihr eine Garantenstellung aus tatsächlicher Schutzübernahme zu Gunsten der mitbetreuten Kinder zufällt: In der Regel aller Fälle führt bereits der Erstkontakt mit der Problemfamilie im Rahmen der jugendamtlichen Aufgabenerledigung zu einer tätigen Schutzverwirklichung, weil dieser Erstkontakt gar nicht anders als hilfeintendiert zustande kommt und zumeist ein Angebot auf tätige Hilfe oder sonstigen Schutz umfasst. Und auch das erforderliche Schutzvertrauen des schutzbedürftigen Rechtsgutsträgers bzw. des zu seinen Gunsten stehenden Dritten ist ohne weiteres gegeben, sei es, dass Hilfe geradezu abgefordert wird, sei es, dass ersichtlich die in ihrem Wohl gefährdeten Kinder und Jugendlichen durch ihre Befindlichkeit etc. Hilfe- oder sonstige Schutzbedürftigkeit dokumentieren und signalisieren. Insbesondere bei Kleinkindern und Säuglingen, die rechtsgutsgefährdendem und gar verletzendem Fehlverhalten von Eltern, Müttern, Vätern oder sonst Sorgeberechtigten unterworfen sind, ist untrügliches äußeres Anzeichen ihres unreflektierten Schutzvertrauens die eigene Hilflosigkeit in der Gefährdungssituation, die fehlende eigene Fähigkeit zur wirksamen Schutzwehr und das auch geistig/seelische Ausgeliefertsein an die Gefahren für das eigene Wohl 16. Und gerade deshalb unterstellt die Rechtsordnung hier das SGB VIII sie zum Ausgleich ihres Schutzmankos der beschützenden Obhut einer Fachkraft der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe. Eine Garantenposition aus tatsächlicher Schutzübernahme nimmt die fallzuständige Fachkraft somit in Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit auch 15 Vgl. Rudolphi in SK-StGB 13 Rn. 62, Vgl. Bringewat, Tod eines Kindes, S20 unterhalb der Eingriffsschwelle des Staates im Präventionsbereich des staatlichen Wächteramtes ein; denn die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe unterliegt auch außerhalb einer interventionsauslösenden Krisensituation im Sinne des 1 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII der wächteramtlichen Verpflichtung, in allen Fällen, in denen Eltern ihrer Erziehungsverantwortung nicht gerecht werden (wollen und/oder können), die Pflege und Erziehung der davon betroffenen Kinder und Jugendlichen durch präventive Maßnahmen sicherzustellen 17. Ist die Eingriffsschwelle des Staates erreicht oder überschritten, überlagern sich in der Person der fallzuständigen Fachkraft des Jugendamtes/ASD deren Garantenpositionen aus tatsächlicher Schutzübernahme und aus Gesetz mit entsprechend erhöhtem Pflichtenumfang. Sie ist dann Garantin zu Gunsten der in ihrem Wohl gefährdeten Kinder in doppelter Hinsicht. 3.2 Strafrechtliche Garantenhaftung in der freien Kinder- und Jugendhilfe Berufliches Handeln in der freien Kinder- und Jugendhilfe ist wenn auch aus teilweise anderen Erwägungen als in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe ebenfalls strafrechtlichen Risiken ausgesetzt. Wie in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe sind es auch in der freien Kinder- und Jugendhilfe zwei Aspekte, die die strafrechtliche Risikolage der sozialen Arbeit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern freier Träger kennzeichnen: die strafrechtliche Garanten- und die Fahrlässigkeitshaftung. Pars pro toto lässt sich die strafrechtliche Garantenproblematik anschaulich am Beispiel der sozialpädagogischen Familienhilfe gem. 31 SGB VIII verdeutlichen. Zu beachten bleibt aber, dass je nach Art der kinder- und jugendhilferechtlichen Maßnahmen und Leistungen, in die Mitarbeiterinnen von Trägern der freien Jugendhilfe einbezogen sind, die Frage nach deren etwaiger Garantenstellung/Garantenpflicht zu Gunsten eines bestimmten Personenkreises unterschiedlich zu beantworten sein kann. Für den Bereich der gem. 27 ff. SGB VIII zu leistenden Hilfe zur Erziehung in Form von sozialpädagogischer Familienhilfe ( 31 SGB VIII) ist zu- 17 Vgl. auch Heilmann ZfJ 2000, 41 ff. m. zahlr. Nachw. 20 Mehr anzeigen
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 BGH 
 Art. 6
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 Art. 1
 EUGH 
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 Art. 12
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