Source: https://www.briefedition.alfred-escher.ch/briefe/B7950/
Timestamp: 2019-04-22 08:20:43+00:00

Document:
Brief Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Samstag, 8. Mai 1869
AES B7950 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_011
Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Samstag, 8. Mai 1869
Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Kommissionen (kantonale), Rechtliches, Regierungsrat TI, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)
Anknüpfend an meinen Brief mit Beilagen v. 5 dieß und an meine Telegr. v. 6 & 7 gebe ich Dir über den Inhalt meines heutigen Telegr. v. 7 U. früh über den seitherigen Verlauf & jezigen Stand der Sache näheren Bericht. Nachdem wir am 5ten Mittag unsere Vorschläge auf diejenigen (einmüthigen) der Kommission an Varenna, Präsident derselben, zu beförderl. Prüfung abgegeben hatten, vernahmen wir gleichen Tags Abends spät durch Varenna, daß die Komm. noch nichts Weiteres gethan & übrigens zu Aufrechthaltung ihrer Vorschläge nicht mehr einmüthig sei, sondern daß ein Theil derselben (die Transceneriner) vielmehr zur Verschiebung der ganzen Angelegenheit geneigt und die übrigen für irgend welches Eintreten ohne Abhängigmachung der Thalbahnkonzess. v. der neuen Konzession bereit wären. Er selbst, durch die Locarneser Comitémitglieder gepreßt | & wegen seiner Handbietung zu den einmüth. Vorschlägen ohne Zweifel, gerüffelt, war offenbar haltungslos & wäre er, so schien es, gerne mit seinen Gleichgesinnten wegen des Zwiespalts in der Kommission & der daherigen Schwierigkeit im Gr. Rath durchzudringen, zur Ansicht der Verschiebung der Sache übergegangen. Sofort ordnete ich (Nachts 9½ Uhr) Du Coster an Jauch ab, um ihn um eine Audienz morgen früh vor der Sizung des Gr. Raths zu ersuchen. Er beschied uns auf 8¼ Uhr & auf 7½ Uhr ersuchte ich Varenna mich zu empfangen. Diesen Beiden, Herrn Jauch unter vorheriger Darstellung des Verlaufs der Verhandlungen mit der Kommission & des momentanen Standes der Dinge, ersuchte ich denn am 6 (Donnerstag) früh auf's Dringendste, | auf Eintreten & Erledigen der Sache hinzuwirken, beifügend daß ich bei solchem Stand der Dinge mit Bedauern zu eröffnen mir erlauben müsse, daß ich gegen Verschiebung Verwahrung einlegen & eidgenöss. Intervention anregen müßte. Unsere Bereitwilligkeit zu Erledigung der Sache sei dermassen nach allen Richtungen eine vollständig dargelegte & bewiesene, daß nicht der mindeste Grund zu Verschleppung der Sache vorliege, sondern bei dieser vollständigen Vorbereitung & Abklärung der Sache & in Betracht der raschen Entwiklung, welche die Sache unerläßlich auch bezüglich der hierseit. Konzession erfordere, wie in allen anderen Richtungen statt finde, es Pflicht der Tessin'schen | Behörden sei, ungesäumt ihre Hand zum Gelingen zu bieten. Umgekehrt müsse sogar ein Abschlag oder eine unannehm bare Konzession vorgezogen werden, damit noch rechtzeitig das eidgenöss. Recht angerufen werden könne.
Jauch schien durch diesen Stand der Sache unangenehm berührt zu sein & versprach das Seinige zu thun, daß das Eintreten & Behandeln vor dem Großen Rath statt finde. Varenna war offenbar verlegen & durch mein entschiedenes Auftreten betroffen. Der gute Mann hat sich gegenüber den Locarnesern verrannt & ist nicht der Mann, um das große Ganze entgegen einem kleinen Separatvorzug festzuhalten & zu verfechten. Er versprach übrigens auch, das Mögliche zu thun, daß die Kommission in einer größeren oder kleineren | Fraktion dem Gr. Rath Eintreten in den Konzess.Entwurf beantrage. Ich insistirte um so nachdrüklicher auf sofortiges Behandeln der Konzess. durch die Kommiss. weil der Gr. Rath nur noch für wenige Tage der kommenden Woche beschäftigt sein & daher auseinander gehen werde, wenn nicht längstens auf Ende dieser oder Anfangs der nächsten Woche der Bericht & die Anträge der Kommission zu Ertheilung der Konzession angekündigt sein werden. Am Donstag (6) Abends vernahmen wir durch Varenna blos, daß wir wahrscheinlich am 7 (Freitag) Abends zur Konferenz mit der Kommission & Abgeordneten des Staatsraths eingeladen werden. So geschah es & wir wohnten denn gestern Abend von 6 U. bis fast 10 Uhr einer sehr angestrengten Berathung bei, welche | fast ausschließlich durch Airoldi & Lurati einerseits & mich anderseits geführt wurde. Varenna leitete mehr nur die Verhandlungen, freilich blöd genug. Item es gelang diese Opponenten & Urzweifler so zu allseitiger einläßlicher Erörterung aller ihrer Bedenken & Begehren zu bringen & dieselben fast durchweg wenigstens in allem Wesentlichen so aufzuklären, zu beruhigen & zu überzeugen, daß mit Ausn. v. litt. d. des Art. 31 uns. Vorschläge sie sich überall befriedigt zeigten. Ich bestritt nachdrücklich die Berechtigung dieser litt., nachdem ich bei näherer Ueberlegung mich von der abweichenden Ansicht Du Coster's emanzipirt hatte | & welcher gegenüber ich zuerst blos auf Streichung drang, jedem Theil sein dießfälliges vermeintl. Recht überlassend. Ob sie nun doch diese litt. d. festhalten wollen & ob sie dazu gelangen, die Mehrheit der Komm. dafür zu gewinnen, bleibt dahingestellt. Diese Beiden sind durch Ueberlegenheit gleichsam Meister in der Kommission, trozdem dieselbe entschieden freundliche Elemente für uns & für offenes Entgegenkommen für die grosse, für Tessin so glükliche Sache zählt. Aber diese scheinen sich nicht zu helfen zu wissen & Varenna, der gewandt genug wäre, ist schwach & lau. Ich hütete mich, anders als mit Gründen, mit Ueberzeugung & mit freundlichem Zureden & Ersuchen | zu wirken & ließ nicht merken, daß ich den lezten Trumpf konfidentiell angekündigt habe & auszuspielen bereit sei. Indessen werden sie sonst davon Kenntniß erhalten haben & in etwas ihre Haltung dadurch wohl influenzirt sein. Bezüglich der schwierigsten Frage, wie die Thalbahnen zu der neuen Konzess. zu stellen seien, gelang es mir der Meinung Eingang zu verschaffen, daß z. Beruhigung der Transceneriner Lugano Chiasso ohne Bedingung v. Chiasso Camerlata als integrirender Theil v. Gothard Biasca & Belinzona Lugano erklärt & umgekehrt z. Beschwichtigung v. Locarno–Bellinzona–Biasca dieses Stük & bezügl. Konzession selbstständig erhalten werde. Jedem Theil sei so nach dessen besonderer Auffassung gedient & werde eben doch Alles z. gutem Ziel gelangen, wenn die Gesellsch. konstituirt werden könne. | Dir & dem Goth. Comité wird es überdieß nur lieb sein, nöthigenfalls diese Spezialkonzession allein zur Anwendung bringen zu können, wenn die Gesellsch. z. Ausührung des Ganzen nicht konstituirt werden könnte. Für beide Thalbahnen wurde mir in dieser guten Entwiklung der Sache & vorwaltenden geneigteren Stimmung, die gleiche Frist wie für die Hauptlinien (Art. 12) eingeräumt d. h. 6 Monate u. Konstituirung der Gesellsch. Der Baubeginn, das Uebrige nach Art. 3 der Spezialkonzess. Die bei der Konferenz mit den Dreierherren am Sontag (2 Mai) auf meine daherige eventuelle Anfrage anerbotenen 2 Jahre f. Anfang der Bauten auf den Thalbahnen fand ich klug, nicht geltend zu | machen, damit die Bauten – Cenere ausgenommen – überall gleichzeitig beginnen & diesfalls nicht neues Mißtrauen & Gefühl der Hintanstehung entstehe. – Bezüglich der in den Kommiss.vorschlägen enthaltenen veränderten Fassung im 3ten Lemma des Art. 12 wurde v. Airoldi & Lurati beharrlich der Gedanke festgehalten, daß durch allfällige Verzögerungen im Tunnel & daraus etwa hervorgehende anderweitige Transportvorkehren über den Gothard die Cenere Linie auf unbestimmte Zeit vertagt werde, Sie verlangten endlich, um doch einmal, wenn auch spät die Eröffnung dieser Linie bei allfälliger allzugrosser Verzögerung der Tunnelöffnung zu sichern, daß dafür 15 Jahre | von Konstituirung der Gesellsch. hinweg festgesezt werden. Ich wehrte mich bestmöglich, konnte aber nicht behaupten, daß eventuell dieser Termin ein knapper sei. Sage mir über diesen neuen Punkt Deine Meinung & Weisung, wenn Du denselben gar bedenklich ansehen solltest.
In Bezug auf Art. 32 uns. Gegenvorschläge hielt ich Locarno gegenüber uns. Neutralität aufrecht & unser Worthalten, wenn jenes Comité nicht selbst mitändern wolle, dem Gr. Rath die Verantwortlichkeit für einseitiges Einschreiten überlassend.
Daß Art. 33 nach uns. Vorschlag zugegeben würde, freute mich, weil damit doch nun Unpartheilichkeit für das ganze tessin'sche Nez & gleiches Recht geschaffen ist.|
Schließlich wurde noch die Frage neuer Subsidien behandelt. Ich betonte, daß mindestens 2 Mill. v. Goth.komite erwartet werden & fügte bei, daß Tessin wohl gar nicht anders thun könne, als noch eine anständige Summe jedenfalls auf Schluß des Nezes zu verheissen. Weitläufige Begründung fand ich bei uns. Eingabe & der so vielfach bisher besprochenen Frage nicht mehr nöthig & auf eine große Summe, selbst nur 2 Mill. absolut abzustellen nicht klug, sowohl um die in Bezug auf die Konzess. eingetretene günstigere Stimmung nicht zu alteriren, als auch der wiederholt ventilirten Meinung nicht Nahrung zu bieten, lieber die Konzess. so zu behandeln, daß der Bund sie endlich regeln müsse & damit, aller | neuen Subvention sich zu entziehen, vielleicht sogar die 2 Millionen der Spezialkonzess. zu ersparen, wenn durch Verzögerung der Hauptkonzess. die Fristen der Spezialkonzess. unbenuzt verstreichen möchten.
Aufrichtig gestanden wenn man den Finanzstand Tessin's betrachtet in Verbindung mit dem vorjahrigen Unglük, so möchten 3 Mill. noch eine zu den 2 schon votirten, sich leidlich ausnehmen & das Supplement von noch einer gleichsam zum anständigen Aufmarsch in die Reihe der übrigen Kantone dienen. Diesen Morgen heißt es schon wieder daß die Strasse im Livinenthal auf 3 Stellen durch die grossen Regengüsse welche seit vorgestern Abend andauern, unterbrochen sind daß die Gegend v. Lugano durch | Hagel gestern Abend unsäglich gelitten habe. Nicht günstig für Subventionsbegehren! Was bezüglich des Art. 3 der Cession Lugano–Chiasso in Verbindung mit der Subvent.frage v. der Komm. gethan werden wird, weiß ich nicht; ich betonte nur fest, daß bei Erlaß fragl. 500,000 die Subvention entsprechend erhöht werden müsse.
So weit, lieber Freund, eine Uebersicht über den neuesten Stand der Dinge. Wird er von Bestand sein?! So muß ich leider zweifelnd fragen gegenüber auch meinen Erfahrungen über die hiesigen bodenlosen, erbärmlichen Verhältnisse! Anderwärts wäre | nach dem gestrigen Verlauf der Konferenz an einem sicheren, allseitig befriedigenden & ehrenhaften Abschluß nicht mehr zu zweifeln. Ich habe Varenna ersucht, mir die Redaktionen der Kommission mitzutheilen, um wenn nöthig noch direkt beim Gr. Rath mich verwenden zu können. Hoffentlich schließt heute die Kommission ab & wird Varenna dann morgen in Locarno seinen Bericht verfassen zur Vorlage an den Gr. Rath am Montag, so daß wohl am Mitwoch die Berathung beginnen könnte. Wenn die Sache endlich gelingt, so werde ich mich mit Vergnügen stets der gestrigen Konferenz erinnern, wo wir so | eifrig, angestrengt, aber friedlich unter unaufhörlichem Donner, Bliz, Sturm & strömendem Regen erfolgreich arbeiteten.
Nun Gott befohlen, lieber Freund, & gieb bald wieder ein Zeichen Deinem ergebenen
Bellinzona 8 Mai
Noch muß ich bemerken, daß der Passus zu Begründung v. Fristverlängerungen in Art. 31 vielleicht v. der Komm. nur so gefaßt wird, daß solche einfach auf höhere Gewalt sich bestimmen lassen müssen, ohne die Fälle einer solchen irgendwie zu spezifiziren.
8. Mai 1869
Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, 5. Mai 1869
Zitiervorschlag: Jung Joseph (Hrsg.), Digitale Briefedition Alfred Escher, Launch Juli 2015 (laufend aktualisiert), Zürich: Alfred Escher-Stiftung. https://briefedition.alfred-escher.ch/briefe/B7950/

References: Art. 31
 Art. 3
 Art. 12
 Art. 32
 Art. 33
 Art. 3
 Art. 31