Source: https://www.frag-einen-anwalt.de/Altersdiskriminierung-bei-Bewerbung-um-ein-duales-Studium--f284287.html
Timestamp: 2020-01-19 04:48:45+00:00

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www.frag-einen-anwalt.deArbeitsrechtAnspruchAltersdiskriminierung bei Bewerbung ...
| 25.02.2016 15:21 |
Ich habe mich am 24.02.2016 bei einem großen Unternehmen um ein duales Studium im Bereich Wirtschaftsinformatik beworben. Zum Zeitpunkt der Bewerbung bin ich 31 Jahre alt.
Heute am 25.02., also einen Tag später, erhielt ich folgende Absage des Unternehmens:
"Zunächst möchten wir uns noch einmal für Ihr Interesse an unserem Unternehmen bedanken, das Sie uns mit Ihrer Bewerbung entgegen gebracht haben.
Unser Unternehmen möchte jedoch als Erstausbilder jungen Menschen eine berufliche Perspektive anbieten.
Wir bedauern es sehr, Ihnen keine positive Rückmeldung geben zu können und wünschen Ihnen für Ihren weiteren Berufsweg viel Erfolg sowie persönlich alles Gute."
1. Ich fühle mich diskriminiert da mir auf Grund meines Alters abgesagt wurde. Sehe ich es hier eindeutig geschrieben, dass es wegen meines Alters geschehen ist?
2. Habe ich Möglichkeiten mich dagegen zu wehren und einen Entschädigungsanspruch?
3. Falls ja, wie geht es dann jetzt weiter? Muss ich den Anspruch schriftlich bei dem Unternehmen geltend machen oder direkt zu einem Arbeitsgericht?
4. Muss ich eine Höhe der von mir verlangten Entschädigung angeben? Falls ja, wie hoch sollte diese angesetzt werden? (duales Studium Wirtschaftsinformatik bei einem großen Unternehmen!)
Einsatz editiert am 26.02.2016 05:35:52
Anspruch Anspruch Arbeitsgericht Höhe Diskriminierung
Diese Antwort ist vom 26.02.2016 und möglicherweise veraltet. Stellen Sie jetzt Ihre aktuelle Frage und bekommen Sie eine rechtsverbindliche Antwort von einem Rechtsanwalt.
1. Die Absage erfolgte wegen Ihres Alters, so sehe ich das auch. Daher ist hier eine Verletzung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) zu prüfen. Gemäß § 2 I 1 AGG sind Benachteiligungen unzulässig in Bezug auf die Bedingungen, einschließlich Auswahlkriterien und Einstellungsbedingungen, für den Zugang zu einer Erwerbstätigkeit unabhängig vom Tätigkeitsfeld und beruflicher Position.
Das bedeutet, dass hier grundsätzlich das AGG anwendbar ist.
§§ 1, 7 AGG normieren das Benachteiligungsverbot wegen des Alters. Das ist hier ausdrücklich genannt und bei Ihnen ja auch der angegebene Grund.
In § 10 AGG werden Ausnahmetatbestände aufgeführt, wegen derer ausnahmsweise eine unterschiedliche Behandlung wegen des Alters zulässig ist. Zur besseren Verständlichkeit zitiere ich diese Norm:
" Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG)
Differenzierungen von Leistungen in Sozialplänen im Sinne des Betriebsverfassungsgesetzes, wenn die Parteien eine nach Alter oder Betriebszugehörigkeit gestaffelte Abfindungsregelung geschaffen haben, in der die wesentlich vom Alter abhängenden Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch eine verhältnismäßig starke Betonung des Lebensalters erkennbar berücksichtigt worden sind, oder Beschäftigte von den Leistungen des Sozialplans ausgeschlossen haben, die wirtschaftlich abgesichert sind, weil sie, gegebenenfalls nach Bezug von Arbeitslosengeld, rentenberechtigt sind."
Bei Ihnen muss nun geprüft werden, ob hier gemäß Nr. 1 besondere Bedingungen für den Zugang zur Beschäftigung von Seiten des potentiellen Arbeitgebers genannt wurden, um die berufliche Eingliederung von Jugendlichen zu fördern.
Sollte also in der Stellenausschreibung eine besondere Förderung von Jugendlichen genannt sein, so wären Sie nicht diskrimiert. Ihrer Sachverhaltsschilderung entnehme ich das aber nicht. Daher gehe ich davon aus, dass das nicht der Fall ist mit der Folge, dass der Ausnahmetatbestand nicht greift und daher eine Diskriminierung bei Ihnen vorliegt.
Weiterhin muss geprüft werden, ob hier gemäß Nr. 2, 3 eine Mindestanforderung an das Alter oder ein Höchstalter für die Einstellung in der Stellenausschreibung genannt war. Auch dann läge keine Diskriminierung vor, sofern Sie dieses Alter nicht hätten. Auch hier ist Ihrer Sachverhaltsschilderung eine Altersbeschränkung oder ein Höhchstalter in der Stellenausschreibung nicht zu entnehmen. Daher gehe ich auch hier davon aus, dass es nicht der Fall ist, der Ausnahmetatbestand nicht greift und daher eine Diskriminierung bei Ihnen vorliegt.
Bitte überprüfen Sie die Stellenausschreibung daher auf dieses Punkte.
Im Ergebnis ist - von obigem Sachverhalt ausgehend- daher von einer Diskriminierung wegen Alters auszugehen.
Gemäß § 15 AGG ist Entschädigung und Schadensersatz bei einer derartigen Gesetzesverletzung normiert.
Der Arbeitgebern ist gemäß § 15 I AGG bei einem Verstoß gegen das Benachteiligungsverbot verpflichtet, den hierdurch entstandenen Schaden zu ersetzen. Ein Anspruch auf Einstellung etwa ist aber nicht normiert.
Die Entschädigung darf gemäß § 15 II bei Nichteinstellung drei Monatsgehälter nicht übersteigen, wenn der Bewerber auch bei benachteilungsfreier Auswahl nicht eingestellt worden wäre. Das ist ein Vermögensschaden, eine Art "Schmerzensgeld" für die Nichteinstellung.
Weiterhin kann auch materieller Schadensersatz geltend gemacht werden. Dann muss der Arbeitgeber die Diskriminierung zusätzlich zu den o.g. Kritieren auch zu vertreten haben, als untechnisch gesagt " Schuld sein". Das ist hier der Fall, denn Sie wurden ja explizit angeschrieben.
Als materieller Schadensersatz kommt in Frage, alles, was Sie für die Bewerbung ausgegeben haben. Hier kommen bei Ihnen Bewerbungskosten in Frage. Möglicherweise auch die Differenz zwischen einem niedrigeren Gehalt, welches Sie auf einer anderen Stelle hätten.
Den Anspruch an sich müssen Sie gemäß § 15 IV AGG binnen zwei Monaten schriftlich geltend machen. Die Frist beginnt im Falle einer Bewerbung mit dem Zugang der Ablehnung. Sollte die Firma nicht oder ablehnend reagieren, kann Klage zum Arbeitsgericht erhoben werden.
Hier noch der Wortlaut des § 15 AGG zum besseren Verständnis:
"Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG)
(6) Ein Verstoß des Arbeitgebers gegen das Benachteiligungsverbot des § 7 Abs. 1 begründet keinen Anspruch auf Begründung eines Beschäftigungsverhältnisses, Berufsausbildungsverhältnisses oder einen beruflichen Aufstieg, es sei denn, ein solcher ergibt sich aus einem anderen Rechtsgrund."
Insgesamt sehe ich hier Chancen. Sie sollten sich überlegen, sofern Sie sich entschließen tätig zu werden, anwaltlichen Beistand zu suchen.
Bewertung des Fragestellers 01.03.2016 | 23:44
FRAGESTELLER 01.03.2016 5/5,0

References: § 2
 § 10
 § 15
 § 15
 § 15
 § 15
 § 15
 § 7