Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Schwangerschaft_Mutterschutz_Kuendigung_EuGH_C506-06.html
Timestamp: 2018-04-24 02:49:14+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: C-506/06
Schlag­worte: Schwangerschaft, Mutterschutz, Unkündbarkeit
Akten­zeichen: C-506/06
Ent­scheid­ungs­datum: 26.02.2008
Die Richt­li­nie 92/85/EWG des Ra­tes vom 19. Ok­to­ber 1992 über die Durchführung von Maßnah­men zur Ver­bes­se­rung der Si­cher­heit und des Ge­sund­heits­schut­zes von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen, Wöch­ne­rin­nen und stil­len­den Ar­beit­neh­me­rin­nen am Ar­beits­platz (zehn­te Ein­zel­richt­li­nie im Sin­ne des Ar­ti­kels 16 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 89/391/EWG) und ins­be­son­de­re das in Art. 10 Nr. 1 die­ser Richt­li­nie ent­hal­te­ne Ver­bot der Kündi­gung schwan­ge­rer Ar­beit­neh­me­rin­nen sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie nicht ei­ne Ar­beit­neh­me­rin er­fas­sen, die sich ei­ner Be­fruch­tung in vi­tro un­ter­zieht, wenn zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung die Be­fruch­tung ih­rer Ei­zel­len mit den Sa­men­zel­len ih­res Part­ners be­reits statt­ge­fun­den hat, so dass in vi­tro be­fruch­te­te Ei­zel­len exis­tie­ren, die­se aber noch nicht in ih­re Gebärmut­ter ein­ge­setzt wor­den sind.
Je­doch ste­hen Art. 2 Abs. 1 und Art. 5 Abs. 1 der Richt­li­nie 76/207/EWG des Ra­tes vom 9. Fe­bru­ar 1976 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en hin­sicht­lich des Zu­gangs zur Beschäfti­gung, zur Be­rufs­bil­dung und zum be­ruf­li­chen Auf­stieg so­wie in Be­zug auf die Ar­beits­be­din­gun­gen der Kündi­gung ei­ner Ar­beit­neh­me­rin ent­ge­gen, die sich un­ter Umständen wie de­nen des Aus­gangs­ver­fah­rens in ei­nem vor­gerück­ten Be­hand­lungs­sta­di­um ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on be­fin­det, nämlich zwi­schen der Fol­li­kel­punk­ti­on und der so­for­ti­gen Ein­set­zung der in vi­tro be­fruch­te­ten Ei­zel­len in ih­re Gebärmut­ter, so­fern nach­ge­wie­sen ist, dass die Tat­sa­che, dass sich die Be­tref­fen­de ei­ner sol­chen Be­hand­lung un­ter­zo­gen hat, der hauptsächli­che Grund für die Kündi­gung ist.
26. Fe­bru­ar 2008(*)
„So­zi­al­po­li­tik − Richt­li­nie 92/85/EWG − Maßnah­men zur Ver­bes­se­rung der Si­cher­heit und des Ge­sund­heits­schut­zes von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen, Wöch­ne­rin­nen und stil­len­den Ar­beit­neh­me­rin­nen am Ar­beits­platz – Be­griff der schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin − Ver­bot der Kündi­gung schwan­ge­rer Ar­beit­neh­me­rin­nen während der Zeit vom Be­ginn der Schwan­ger­schaft bis zum En­de des Mut­ter­schafts­ur­laubs − Gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin, de­ren Ei­zel­len zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung in vi­tro be­fruch­tet, aber noch nicht in ih­re Gebärmut­ter ein­ge­pflanzt wor­den wa­ren − Richt­li­nie 76/207/EWG − Gleich­be­hand­lung männ­li­cher und weib­li­cher Ar­beit­neh­mer − Ar­beit­neh­me­rin, die sich ei­ner Be­hand­lung zur In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on un­ter­zieht − Ver­bot der Kündi­gung − Um­fang“
In der Rechts­sa­che C-506/06
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Obers­ten Ge­richts­hof (Öster­reich) mit Ent­schei­dung vom 23. No­vem­ber 2006, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 14. De­zem­ber 2006, in dem Ver­fah­ren
Sa­bi­ne Mayr
Bäcke­rei und Kon­di­to­rei Ger­hard Flöck­ner OHG
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten V. Skou­ris, der Kam­mer­präsi­den­ten P. Jann, C. W. A. Tim­mer­m­ans, A. Ro­sas, L. Bay Lar­sen, der Rich­te­rin R. Sil­va de La­pu­er­ta, der Rich­ter K. Schie­mann, J. Ma­k­arc­zyk, P. Kūris, E. Juhász, A. Ó Cao­imh (Be­richt­er­stat­ter), der Rich­te­rin P. Lindh und des Rich­ters J.‑C. Bo­ni­chot,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 16. Ok­to­ber 2007,
– der Bäcke­rei und Kon­di­to­rei Ger­hard Flöck­ner OHG, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt H. Hübel,
– der öster­rei­chi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch C. Pe­sen­dor­fer und M. Wink­ler als Be­vollmäch­tig­te,
– der grie­chi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch E.‑M. Ma­mou­na, K. Geor­gia­dis und M. Apes­sos als Be­vollmäch­tig­te,
– der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten, ver­tre­ten durch M. van Beek, V. Kreu­schitz und I. Kauf­mann-Bühler als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 27. No­vem­ber 2007
Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 92/85/EWG des Ra­tes vom 19. Ok­to­ber 1992 über die Durchführung von Maßnah­men zur Ver­bes­se­rung der Si­cher­heit und des Ge­sund­heits­schut­zes von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen, Wöch­ne­rin­nen und stil­len­den Ar­beit­neh­me­rin­nen am Ar­beits­platz (zehn­te Ein­zel­richt­li­nie im Sin­ne des Ar­ti­kels 16 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 89/391/EWG) (ABl. L 348, S. 1).
Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Mayr, der Kläge­rin des Aus­gangs­ver­fah­rens, und ih­rer ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­be­rin, der Bäcke­rei und Kon­di­to­rei Ger­hard Flöck­ner OHG (im Fol­gen­den: Flöck­ner), der Be­klag­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens, in­fol­ge der Kündi­gung, die Flöck­ner ge­genüber Frau Mayr aus­ge­spro­chen hat.
Die Richt­li­nie 76/207/EWG
Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 76/207/EWG des Ra­tes vom 9. Fe­bru­ar 1976 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en hin­sicht­lich des Zu­gangs zur Beschäfti­gung, zur Be­rufs­bil­dung und zum be­ruf­li­chen Auf­stieg so­wie in Be­zug auf die Ar­beits­be­din­gun­gen (ABl. L 39, S. 40) be­stimmt, dass „[d]er Grund­satz der Gleich­be­hand­lung … be­inhal­tet, dass kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund des Ge­schlechts – ins­be­son­de­re un­ter Be­zug­nah­me auf den Ehe- oder Fa­mi­li­en­stand – er­fol­gen darf“.
Laut ih­rem Art. 2 Abs. 3 steht die Richt­li­nie 76/207 „nicht den Vor­schrif­ten zum Schutz der Frau, ins­be­son­de­re bei Schwan­ger­schaft und Mut­ter­schaft, ent­ge­gen“.
Art. 5 Abs. 1 der Richt­li­nie 76/207 lau­tet:
„Die An­wen­dung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung hin­sicht­lich der Ar­beits­be­din­gun­gen ein­sch­ließlich der Ent­las­sungs­be­din­gun­gen be­inhal­tet, dass Männern und Frau­en die­sel­ben Be­din­gun­gen oh­ne Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund des Ge­schlechts gewährt wer­den.“
Mit Art. 34 Abs. 1 der Richt­li­nie 2006/54/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 5. Ju­li 2006 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Chan­cen­gleich­heit und Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en in Ar­beits- und Beschäfti­gungs­fra­gen (Neu­fas­sung) (ABl. L 204, S. 23) wur­de die Richt­li­nie 76/207 in der durch die Richt­li­nie 2002/73/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 23. Sep­tem­ber 2002 (ABl. L 269, S. 15) geänder­ten Fas­sung auf­ge­ho­ben.
Die Richt­li­ni­en 2002/73 und 2006/54 fin­den je­doch in zeit­li­cher Hin­sicht kei­ne An­wen­dung auf den Sach­ver­halt des Aus­gangs­ver­fah­rens.
Die Richt­li­nie 92/85
Aus dem neun­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 92/85 geht her­vor, dass der Schutz der Si­cher­heit und der Ge­sund­heit von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen, Wöch­ne­rin­nen oder stil­len­den Ar­beit­neh­me­rin­nen we­der Frau­en auf dem Ar­beits­markt be­nach­tei­li­gen noch die Richt­li­ni­en zur Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en be­ein­träch­ti­gen darf.
9 Dem 15. Erwägungs­grund die­ser Richt­li­nie zu­fol­ge kann sich die Ge­fahr, aus Gründen ent­las­sen zu wer­den, die mit ih­rem Zu­stand in Ver­bin­dung ste­hen, schädlich auf die phy­si­sche und psy­chi­sche Ver­fas­sung von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen, Wöch­ne­rin­nen oder stil­len­den Ar­beit­neh­me­rin­nen aus­wir­ken, so dass es er­for­der­lich ist, ih­re Kündi­gung zu ver­bie­ten.
10 Als schwan­ge­re Ar­beit­neh­me­rin gilt laut der De­fi­ni­ti­on in Art. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 92/85 „je­de schwan­ge­re Ar­beit­neh­me­rin, die den Ar­beit­ge­ber gemäß den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder Ge­pflo­gen­hei­ten von ih­rer Schwan­ger­schaft un­ter­rich­tet“.
Art. 10 der Richt­li­nie 92/85 hat fol­gen­den Wort­laut:
2. Wird ei­ner Ar­beit­neh­me­rin im Sin­ne des Ar­ti­kels 2 während der in Num­mer 1 ge­nann­ten Zeit gekündigt, so muss der Ar­beit­ge­ber schrift­lich be­rech­tig­te Kündi­gungs­gründe anführen.
3. Die Mit­glied­staa­ten tref­fen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, um Ar­beit­neh­me­rin­nen im Sin­ne des Ar­ti­kels 2 vor den Fol­gen ei­ner nach Num­mer 1 wi­der­recht­li­chen Kündi­gung zu schützen.“
Art. 12 der Richt­li­nie 92/85 lau­tet:
„Die Mit­glied­staa­ten er­las­sen die in­ner­staat­li­chen Vor­schrif­ten, die not­wen­dig sind, da­mit je­de Ar­beit­neh­me­rin, die sich durch die Nich­terfüllung der Ver­pflich­tun­gen aus die­ser Richt­li­nie für be­schwert hält, ih­re Rech­te ge­richt­lich und/oder ent­spre­chend den in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder Gebräuchen durch Be­fas­sung an­de­rer zuständi­ger Stel­len gel­tend ma­chen kann.“
§ 10 des Mut­ter­schutz­ge­set­zes (MSchG) hat fol­gen­den Wort­laut:
„(1) Dienst­neh­me­rin­nen kann während der Schwan­ger­schaft und bis zum Ab­lauf von vier Mo­na­ten nach der Ent­bin­dung rechts­wirk­sam nicht gekündigt wer­den, es sei denn, dass dem Dienst­ge­ber die Schwan­ger­schaft be­zie­hungs­wei­se Ent­bin­dung nicht be­kannt ist.
(2) Ei­ne Kündi­gung ist auch rechts­un­wirk­sam, wenn die Schwan­ger­schaft be­zie­hungs­wei­se Ent­bin­dung dem Dienst­ge­ber bin­nen fünf Ar­beits­ta­gen nach Aus­spruch der Kündi­gung, bei schrift­li­cher Kündi­gung bin­nen fünf Ar­beits­ta­gen nach de­ren Zu­stel­lung, be­kannt ge­ge­ben wird. Die schrift­li­che Be­kannt­ga­be der Schwan­ger­schaft be­zie­hungs­wei­se Ent­bin­dung ist recht­zei­tig, wenn sie in­ner­halb der Fünf­ta­ge­frist zur Post ge­ge­ben wird. Wen­det die Dienst­neh­me­rin die Schwan­ger­schaft be­zie­hungs­wei­se Ent­bin­dung in­ner­halb der Fünf­ta­ge­frist ein, so hat sie gleich­zei­tig durch ei­ne Bestäti­gung des Arz­tes die Schwan­ger­schaft oder die Ver­mu­tung der Schwan­ger­schaft nach­zu­wei­sen oder die Ge­burts­ur­kun­de des Kin­des vor­zu­wei­sen. Kann die Dienst­neh­me­rin aus Gründen, die nicht von ihr zu ver­tre­ten sind, dem Dienst­ge­ber die Schwan­ger­schaft be­zie­hungs­wei­se Ent­bin­dung nicht in­ner­halb der Fünf­ta­ge­frist be­kannt ge­ben, so ist die Be­kannt­ga­be recht­zei­tig, wenn sie un­mit­tel­bar nach Weg­fall des Hin­de­rungs­grun­des nach­ge­holt wird.“
Nach § 17 Abs. 1 Fort­pflan­zungs­me­di­zin­ge­setz (FMedG) können ent­wick­lungsfähi­ge Zel­len, das sind gemäß § 1 Abs. 3 FMedG be­fruch­te­te Ei­zel­len und dar­aus ent­wi­ckel­te Zel­len, bis zu zehn Jah­re auf­be­wahrt wer­den.
Gemäß § 8 FMedG darf ei­ne me­di­zi­nisch un­terstütz­te Fort­pflan­zung nur mit Zu­stim­mung der Part­ner durch­geführt wer­den, wo­bei die Zu­stim­mung der Frau bis zur Ein­brin­gung der ent­wick­lungsfähi­gen Zel­len in ih­ren Körper wi­der­ru­fen wer­den kann.
Frau Mayr war seit dem 3. Ja­nu­ar 2005 bei Flöck­ner als Kell­ne­rin beschäftigt.
Im Rah­men ei­nes Ver­suchs zur künst­li­chen Be­fruch­tung und nach ei­ner rund ein­ein­halb Mo­na­te dau­ern­den Hor­mon­be­hand­lung wur­de bei Frau Mayr am 8. März 2005 ei­ne Fol­li­kel­punk­ti­on vor­ge­nom­men. Vom 8. bis 13. März 2005 wur­de sie von ih­rem Haus­arzt krank­ge­schrie­ben.
Am 10. März 2005 teil­te Flöck­ner Frau Mayr während ei­nes Te­le­fo­nats mit, dass ihr zum 26. März 2005 gekündigt wer­de.
Mit Schrei­ben vom sel­ben Tag in­for­mier­te Frau Mayr Flöck­ner darüber, dass für den 13. März 2005 ge­plant sei, im Rah­men ei­ner künst­li­chen Be­fruch­tung be­fruch­te­te Ei­zel­len in ih­re Gebärmut­ter ein­zu­set­zen.
Laut Vor­la­ge­ent­schei­dung steht fest, dass die Ei­zel­len, die Frau Mayr ent­nom­men wor­den wa­ren, an dem Tag, an dem ihr gekündigt wur­de, am 10. März 2005, be­reits von den Sa­men­zel­len ih­res Part­ners be­fruch­tet und dem­nach schon zu die­sem Zeit­punkt in vi­tro be­fruch­te­te Ei­zel­len vor­han­den wa­ren.
Am 13. März 2005, al­so drei Ta­ge, nach­dem Frau Mayr von ih­rer Kündi­gung er­fah­ren hat­te, wur­den zwei Em­bryo­nen in ih­re Gebärmut­ter ein­ge­setzt.
Frau Mayr ver­lang­te von Flöck­ner die Zah­lung ih­res Lohns und ih­rer ali­quo­ten Jah­resre­mu­n­e­ra­ti­on und mach­te in­so­weit gel­tend, dass die am 10. März 2005 aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung rechts­un­wirk­sam sei, weil ihr ab dem 8. März 2005, dem Tag, an dem ih­re Ei­zel­len in vi­tro be­fruch­tet wor­den sei­en, der Schutz des § 10 Abs. 1 MSchG zu­kom­me.
Flöck­ner wies die­ses Be­geh­ren mit der Be­gründung zurück, dass die Schwan­ger­schaft zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung noch nicht vor­ge­le­gen ha­be.
Das erst­in­stanz­lich an­ge­ru­fe­ne Lan­des­ge­richt Salz­burg gab der Kla­ge von Frau Mayr aus­ge­hend von der Erwägung statt, dass der in § 10 MSchG ver­an­ker­te Kündi­gungs­schutz nach der Recht­spre­chung des Obers­ten Ge­richts­hofs mit der Be­fruch­tung der Ei­zel­le be­gin­ne. Dar­in se­he die­se Recht­spre­chung den Be­ginn ei­ner Schwan­ger­schaft. Nach An­sicht des Lan­des­ge­richts Salz­burg muss dies auch im Fall der In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on gel­ten. Ver­lau­fe der Em­bryo­trans­fer nicht er­folg­reich, ge­he der Kündi­gungs­schutz oh­ne­dies ver­lo­ren.
Das als Be­ru­fungs­ge­richt in Ar­beits- und So­zi­al­rechts­sa­chen ent­schei­den­de Ober­lan­des­ge­richt Linz hob je­doch das Ur­teil des Lan­des­ge­richts Salz­burg auf und wies die Kla­ge von Frau Mayr mit der Be­gründung ab, dass ei­ne Schwan­ger­schaft – un­abhängig von der Fra­ge, ab wel­chem Zeit­punkt der Schwan­ger­schaft tatsächlich hor­mo­nel­le Verände­run­gen ein­träten – los­gelöst vom weib­li­chen Körper den­kunmöglich sei und dem­zu­fol­ge die Schwan­ger­schaft im Fall ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on mit dem Ein­set­zen des be­fruch­te­ten Eis be­gin­ne. Der Schutz vor Kündi­gung des Dienst­verhält­nis­ses set­ze da­her erst mit die­sem Zeit­punkt ein.
Die­ses Be­ru­fungs­ur­teil ist Ge­gen­stand ei­ner beim Obers­ten Ge­richts­hof er­ho­be­nen Re­vi­si­on. Nach des­sen Recht­spre­chung kommt der be­son­de­re Kündi­gungs­schutz des § 10 MSchG nur zum Tra­gen, wenn im Zeit­punkt der Kündi­gung ei­ne Schwan­ger­schaft tatsächlich ein­ge­tre­ten ist. Zweck des Mut­ter­schut­zes sei, die Ge­sund­heit von Mut­ter und Kind in de­ren In­ter­es­se zu wah­ren und, im Fall des Kündi­gungs- und Ent­las­sungs­schut­zes, die wirt­schaft­li­che Exis­tenz der Mut­ter si­cher­zu­stel­len. Die Schutz­bedürf­tig­keit für die Dau­er des veränder­ten körper­li­chen Zu­stands der Frau be­ste­he un­abhängig da­von, ob auch schon ei­ne Ein­nis­tung des be­fruch­te­ten Eis in der Gebärmut­ter­schleim­haut (mit an­de­ren Wor­ten: die Ni­da­ti­on) statt­ge­fun­den ha­be; ob der Nach­weis der Schwan­ger­schaft leicht zu er­brin­gen sei, sei in­so­weit un­er­heb­lich. Die Ein­nis­tung des be­fruch­te­ten Eis in der Gebärmut­ter­schleim­haut sei nach herr­schen­der wis­sen­schaft­li­cher Er­kennt­nis nur ein Ket­ten­glied in dem ab Empfäng­nis be­gründe­ten Sta­di­um der Schwan­ger­schaft und könne nicht für den Be­reich des Kündi­gungs­schut­zes willkürlich als Zeit­punkt des Be­ginns der Schwan­ger­schaft her­aus­ge­grif­fen wer­den.
Die­se Recht­spre­chung des Obers­ten Ge­richts­hofs zu § 10 MSchG stütze sich je­doch aus­sch­ließlich auf Fälle der In-ute­ro-Kon­zep­ti­on, d. h. der natürli­chen Empfäng­nis. Die­ses Ge­richt sei je­doch zum ers­ten Mal mit der Fra­ge be­fasst, ab wel­chem Zeit­punkt ei­ne schwan­ge­re Frau im Fall ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on Kündi­gungs­schutz nach § 10 MSchG ge­nieße.
Da nach Auf­fas­sung des Obers­ten Ge­richts­hofs der bei ihm anhängi­ge Rechts­streit ei­ne Fra­ge nach der Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts auf­wirft, hat er be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
Han­delt es sich bei ei­ner Ar­beit­neh­me­rin, die sich ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on un­ter­zieht, wenn zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung ih­re Ei­zel­len be­reits mit den Sa­men­zel­len des Part­ners be­fruch­tet wur­den, al­so Em­bryo­nen „in vi­tro“ vor­han­den sind, die­se aber noch nicht der Frau ein­ge­pflanzt wur­den, um ei­ne „schwan­ge­re Ar­beit­neh­me­rin“ im Sin­ne des Art. 2 Buchst. a ers­ter Halb­satz der Richt­li­nie 92/85?
Mit sei­ner Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob die Richt­li­nie 92/85 und ins­be­son­de­re das in Art. 10 Nr. 1 die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne Ver­bot der Kündi­gung schwan­ge­rer Ar­beit­neh­me­rin­nen da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ne Ar­beit­neh­me­rin er­fas­sen, die sich ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on un­ter­zieht, wenn zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung die Be­fruch­tung ih­rer Ei­zel­len mit den Sa­men­zel­len ih­res Part­ners be­reits statt­ge­fun­den hat, so dass in vi­tro be­fruch­te­te Ei­zel­len exis­tie­ren, die­se aber noch nicht in ih­re Gebärmut­ter ein­ge­setzt wor­den sind.
Ein­lei­tend ist fest­zu­stel­len, dass als In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on die Be­fruch­tung ei­ner Ei­zel­le außer­halb des Körpers der Frau be­zeich­net wird. Der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten zu­fol­ge läuft die­ser Vor­gang in meh­re­ren Schrit­ten ab, dar­un­ter u. a. die hor­mo­nel­le Sti­mu­la­ti­on der Ei­erstöcke mit dem Ziel, meh­re­re Ei­zel­len gleich­zei­tig zur Rei­fung zu brin­gen, die Fol­li­kel­punk­ti­on, die Ent­nah­me der Ei­zel­len, die Be­fruch­tung ei­ner oder meh­re­rer Ei­zel­len mit auf­be­rei­te­ten Sper­mi­en, die Ein­set­zung der be­fruch­te­ten Ei­zel­le oder Ei­zel­len in die Gebärmut­ter – was ent­we­der am drit­ten oder am fünf­ten Tag nach Ent­nah­me der Ei­zel­len er­folgt, es sei denn, dass die be­fruch­te­ten Ei­zel­len in ein­ge­fro­re­nem Zu­stand auf­be­wahrt wer­den – und die Ein­nis­tung.
Die Richt­li­nie 92/85 be­zweckt die Ver­bes­se­rung der Si­cher­heit und des Ge­sund­heits­schut­zes von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen, Wöch­ne­rin­nen und stil­len­den Ar­beit­neh­me­rin­nen.
In die­sem Zu­sam­men­hang hat der Ge­richts­hof auch fest­ge­stellt, dass mit den ge­mein­schafts­recht­li­chen Vor­schrif­ten über die Gleich­heit von Männern und Frau­en im Be­reich der Rech­te von schwan­ge­ren Frau­en oder Wöch­ne­rin­nen das Ziel ver­folgt wird, Ar­beit­neh­me­rin­nen vor und nach der Nie­der­kunft zu schützen (vgl. Ur­tei­le vom 8. Sep­tem­ber 2005, McKen­na, C-191/03, Slg. 2005, I-7631, Rand­nr. 42, und vom 11. Ok­to­ber 2007, Paquay, C-460/06, Slg. 2007, I-0000, Rand­nr. 28).
Vor dem In­kraft­tre­ten der Richt­li­nie 92/85 hat­te der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den, dass ei­ner Frau auf der Grund­la­ge des Grund­sat­zes der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung und ins­be­son­de­re von Art. 2 Abs. 1 und Art. 5 Abs. 1 der Richt­li­nie 76/207 Kündi­gungs­schutz nicht nur während des Mut­ter­schafts­ur­laubs gewährt wer­den muss, son­dern während der ge­sam­ten Schwan­ger­schaft. Der Ge­richts­hof hat aus­geführt, dass ei­ne Ent­las­sung während der ent­spre­chen­den Zei­ten nur Frau­en tref­fen kann und da­her als un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts an­zu­se­hen ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 8. No­vem­ber 1990, Han­dels- og Kon­tor­funk­ti­onærer­nes For­bund, C-179/88, Slg. 1990, I-3979, Rand­nr. 13, vom 30. Ju­ni 1998, Brown, C-394/96, Slg. 1998, I-4185, Rand­nrn. 24 und 25, McKen­na, Rand­nr. 47, und Paquay, Rand­nr. 29).
Ge­ra­de in An­be­tracht der Ge­fahr, die ei­ne mögli­che Ent­las­sung für die phy­si­sche und psy­chi­sche Ver­fas­sung von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen, Wöch­ne­rin­nen oder stil­len­den Ar­beit­neh­me­rin­nen dar­stellt, ein­sch­ließlich des be­son­ders schwer­wie­gen­den Ri­si­kos, dass ei­ne schwan­ge­re Ar­beit­neh­me­rin zum frei­wil­li­gen Ab­bruch ih­rer Schwan­ger­schaft ver­an­lasst wird, hat der Ge­mein­schafts­ge­setz­ge­ber in Art. 10 der Richt­li­nie 92/85 ei­nen be­son­de­ren Schutz für die Frau vor­ge­se­hen, in­dem er das Ver­bot der Kündi­gung während der Zeit vom Be­ginn der Schwan­ger­schaft bis zum En­de des Mut­ter­schafts­ur­laubs verfügt hat (vgl. Ur­tei­le vom 14. Ju­li 1994, Webb, C-32/93, Slg. 1994, I-3567, Rand­nr. 21, Brown, Rand­nr. 18, vom 4. Ok­to­ber 2001, Te­le Dan­mark, C-109/00, Slg. 2001, I-6993, Rand­nr. 26, McKen­na, Rand­nr. 48, und Paquay, Rand­nr. 30).
Außer­dem ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass Art. 10 der Richt­li­nie 92/85 für die­sen Zeit­raum kei­ne Aus­nah­me oder Ab­wei­chung vom Ver­bot der Kündi­gung schwan­ge­rer Ar­beit­neh­me­rin­nen vor­sieht, außer in nicht mit ih­rem Zu­stand in Zu­sam­men­hang ste­hen­den Aus­nah­mefällen und un­ter der Vor­aus­set­zung, dass der Ar­beit­ge­ber die Gründe für die Kündi­gung schrift­lich an­gibt (Ur­tei­le Webb, Rand­nr. 22, Brown, Rand­nr. 18, Te­le Dan­mark, Rand­nr. 27, und Paquay, Rand­nr. 31).
Ob ei­ne Ar­beit­neh­me­rin auch un­ter Umständen wie de­nen des Aus­gangs­ver­fah­rens den von Art. 10 der Richt­li­nie 92/85 vor­ge­schrie­be­nen Kündi­gungs­schutz ge­nießt, muss mit Blick auf die Zie­le, die die Richt­li­nie und ins­be­son­de­re de­ren Art. 10 ver­folgt, be­stimmt wer­den.
So­wohl aus dem Wort­laut von Art. 10 der Richt­li­nie 92/85 als auch dem von die­ser vor­ran­gig ver­folg­ten Ziel, das in Rand­nr. 31 des vor­lie­gen­den Ur­teils wie­der­ge­ge­ben wird, er­gibt sich, dass der von die­sem Ar­ti­kel gewähr­te Kündi­gungs­schutz vor­aus­setzt, dass die in Re­de ste­hen­de Schwan­ger­schaft be­gon­nen hat.
In­so­weit ist fest­zu­stel­len, dass zwar - wie die öster­rei­chi­sche Re­gie­rung aus­geführt hat - das The­ma des Um­gangs mit künst­li­chen Be­fruch­tun­gen und mit ent­wick­lungsfähi­gen Zel­len in vie­len Mit­glied­staa­ten ge­sell­schafts­po­li­tisch sehr sen­si­bel und von de­ren un­ter­schied­li­chen Tra­di­tio­nen und Wert­hal­tun­gen ge­prägt ist, der Ge­richts­hof durch das vor­lie­gen­de Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen aber nicht da­zu auf­ge­ru­fen ist, auf Fra­gen me­di­zi­ni­scher oder ethi­scher Na­tur ein­zu­ge­hen, son­dern sich dar­auf zu be­schränken hat, die ein­schlägi­gen Vor­schrif­ten der Richt­li­nie 92/85 un­ter Berück­sich­ti­gung ih­res Wort­lauts, ih­rer Sys­te­ma­tik und ih­rer Zie­le ju­ris­tisch aus­zu­le­gen.
Aus dem 15. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 92/85 geht her­vor, dass das in ih­rem Art. 10 vor­ge­se­he­ne Kündi­gungs­ver­bot ver­hin­dern soll, dass sich die Ge­fahr, aus Gründen ent­las­sen zu wer­den, die mit ih­rem Zu­stand in Ver­bin­dung ste­hen, schädlich auf die phy­si­sche und psy­chi­sche Ver­fas­sung von schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen aus­wir­ken kann.
Un­ter die­sen Umständen ist es of­fen­sicht­lich, dass – wie im Übri­gen auch die öster­rei­chi­sche Re­gie­rung vorträgt – vom frühestmögli­chen Zeit­punkt des Vor­lie­gens ei­ner Schwan­ger­schaft aus­zu­ge­hen ist, um die Si­cher­heit und den Schutz der schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen zu gewähr­leis­ten.
Selbst wenn man annähme, dass der ge­nann­te Zeit­punkt bei ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on der Zeit­punkt der Ein­set­zung der be­fruch­te­ten Ei­zel­len in die Gebärmut­ter der Frau ist, kann je­doch aus Gründen der Rechts­si­cher­heit nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass ei­ne Ar­beit­neh­me­rin auch dann den durch Art. 10 der Richt­li­nie 92/85 ge­schaf­fe­nen Schutz ge­nießt, wenn die in vi­tro be­fruch­te­ten Ei­zel­len zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung noch nicht in ih­re Gebärmut­ter ein­ge­setzt wor­den sind.
Die­se Ei­zel­len dürfen nämlich - wie aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen und den Nrn. 43 bis 45 der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts her­vor­geht - vor ih­rer Ein­set­zung in die Gebärmut­ter der be­tref­fen­den Frau in ver­schie­de­nen Mit­glied­staa­ten für ei­nen mehr oder we­ni­ger lan­gen Zeit­raum auf­be­wahrt wer­den; die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de na­tio­na­le Re­ge­lung sieht in­so­weit die Möglich­keit vor, die be­fruch­te­ten Ei­zel­len für ma­xi­mal zehn Jah­re auf­zu­be­wah­ren. Käme der von Art. 10 der Richt­li­nie 92/85 vor­ge­schrie­be­ne Kündi­gungs­schutz bei ei­ner Frau vor der Ein­set­zung der be­fruch­te­ten Ei­zel­len zur An­wen­dung, so könn­te sich dies in­fol­ge­des­sen da­hin ge­hend aus­wir­ken, dass die­ser Schutz auch dann gewährt würde, wenn die Ein­set­zung aus ir­gend­wel­chen Gründen für meh­re­re Jah­re zurück­ge­stellt wird, oder so­gar dann, wenn auf ei­ne sol­che Ein­set­zung de­fi­ni­tiv ver­zich­tet, die In‑vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on nur vor­sorg­lich vor­ge­nom­men wor­den sein soll­te.
Aber auch wenn die Richt­li­nie 92/85 auf ei­ne Si­tua­ti­on wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de nicht an­wend­bar ist, kann sich der Ge­richts­hof ent­spre­chend sei­ner Recht­spre­chung ver­an­lasst se­hen, Vor­schrif­ten des Ge­mein­schafts­rechts zu berück­sich­ti­gen, auf die das vor­le­gen­de Ge­richt bei der Dar­le­gung sei­ner Fra­ge nicht Be­zug ge­nom­men hat (Ur­tei­le vom 12. De­zem­ber 1990, SARPP, C-241/89, Slg. 1990, I-4695, Rand­nr. 8, und vom 26. April 2007, Ale­vi­zos, C-392/05, Slg. 2007, I-3505, Rand­nr. 64).
Im Ver­lauf des Ver­fah­rens vor dem Ge­richts­hof ha­ben die grie­chi­sche und die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung so­wie die Kom­mis­si­on vor­ge­schla­gen, dass sich ei­ne Ar­beit­neh­me­rin, wenn sich für sie in ei­ner Si­tua­ti­on wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den kein Kündi­gungs­schutz aus der Richt­li­nie 92/85 ab­lei­ten lässt, mögli­cher­wei­se auf den mit der Richt­li­nie 76/207 gewähr­ten Schutz vor ge­schlechts­be­ding­ter Dis­kri­mi­nie­rung be­ru­fen kann.
In­so­weit ist dar­an zu er­in­nern, dass nach Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 76/207 „[d]er Grund­satz der Gleich­be­hand­lung … be­inhal­tet, dass kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund des Ge­schlechts – ins­be­son­de­re un­ter Be­zug­nah­me auf den Ehe- oder Fa­mi­li­en­stand – er­fol­gen darf“. Gemäß Art. 5 Abs. 1 die­ser Richt­li­nie be­inhal­tet „[d]ie An­wen­dung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung hin­sicht­lich der Ar­beits­be­din­gun­gen ein­sch­ließlich der Ent­las­sungs­be­din­gun­gen …, dass Männern und Frau­en die­sel­ben Be­din­gun­gen oh­ne Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund des Ge­schlechts gewährt wer­den“.
Wie aus Rand­nr. 33 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, hat der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den, dass ei­ner Frau auf der Grund­la­ge des Grund­sat­zes der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung und ins­be­son­de­re von Art. 2 Abs. 1 und Art. 5 Abs. 1 der Richt­li­nie 76/207 Kündi­gungs­schutz nicht nur während des Mut­ter­schafts­ur­laubs gewährt wer­den muss, son­dern während der ge­sam­ten Schwan­ger­schaft. Da die Kündi­gung we­gen Schwan­ger­schaft oder aus ei­nem im We­sent­li­chen auf der Schwan­ger­schaft be­ru­hen­den Grund nur bei Frau­en in Be­tracht kommt, stellt sie nach Auf­fas­sung des Ge­richts­hofs ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts dar (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Han­dels‑ og Kon­tor­funk­ti­onærer­nes For­bund, Rand­nr. 13, Brown, Rand­nrn. 16, 24 und 25, McKen­na, Rand­nr. 47, und Paquay, Rand­nr. 29).
Da in der Vor­la­ge­ent­schei­dung die Gründe, aus de­nen Flöck­ner Frau Mayr gekündigt hat, nicht ge­nannt wer­den, ist es Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, die maßgeb­li­chen Umstände des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits fest­zu­stel­len und im Hin­blick dar­auf, dass die Kündi­gung der Kläge­rin er­folg­te, während die­se krank­ge­schrie­ben war, um sich ei­ner Be­hand­lung zur In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on zu un­ter­zie­hen, zu prüfen, ob die Tat­sa­che, dass sich die Kläge­rin ei­ner sol­chen Be­hand­lung un­ter­zo­gen hat, der hauptsächli­che Grund für ih­re Kündi­gung ist.
Falls dies der Be­weg­grund für die Kündi­gung der Kläge­rin sein soll­te, muss fest­ge­stellt wer­den, ob die­ser Grund oh­ne Un­ter­schied auf Ar­beit­neh­mer bei­der Ge­schlech­ter An­wen­dung fin­det oder ob er im Ge­gen­teil nur für ei­nes der bei­den Ge­schlech­ter gilt.
Der Ge­richts­hof hat be­reits fest­ge­stellt, dass männ­li­che und weib­li­che Ar­beit­neh­mer in glei­chem Maß dem Krank­heits­ri­si­ko aus­ge­setzt sind und da­her kei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts vor­liegt, wenn ei­ne Ar­beit­neh­me­rin un­ter den glei­chen Be­din­gun­gen wie ein Ar­beit­neh­mer auf­grund von Fehl­zei­ten we­gen Krank­heit ent­las­sen wird (vgl. Ur­teil Han­dels- og Kon­tor­funk­ti­onærer­nes For­bund, Rand­nr. 17).
Zwar können Ar­beit­neh­mer bei­der Ge­schlech­ter auf­grund von me­di­zi­ni­schen Be­hand­lun­gen, de­nen sie sich un­ter­zie­hen müssen, zeit­wei­lig dar­an ge­hin­dert sein, ih­re Ar­beit aus­zuüben. Je­doch be­tref­fen die Maßnah­men, die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen, nämlich ei­ne Fol­li­kel­punk­ti­on und die Ein­set­zung der dar­aus her­vor­ge­gan­ge­nen Ei­zel­len so­fort nach ih­rer Be­fruch­tung in die Gebärmut­ter der Frau, un­mit­tel­bar nur Frau­en. Folg­lich stellt die Kündi­gung ei­ner Ar­beit­neh­me­rin, die hauptsächlich aus dem Grund er­folgt, dass sie sich die­sem wich­ti­gen Be­hand­lungs­sta­di­um ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on un­ter­zieht, ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts dar.
Ei­nem Ar­beit­ge­ber zu er­lau­ben, ei­ner Ar­beit­neh­me­rin un­ter Umständen wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den zu kündi­gen, wi­derspräche im Übri­gen dem Schutz­zweck, den Art. 2 Abs. 3 der Richt­li­nie 76/207 ver­folgt – so­weit je­den­falls die Be­hand­lung zur In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on und ins­be­son­de­re die in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer erwähn­ten spe­zi­fi­schen Maßnah­men, die ei­ne sol­che Be­hand­lung be­inhal­tet, der hauptsächli­che Grund für die Kündi­gung sind.
Dem­zu­fol­ge ste­hen Art. 2 Abs. 1 und Art. 5 Abs. 1 der Richt­li­nie 76/207 der Kündi­gung ei­ner Ar­beit­neh­me­rin ent­ge­gen, die sich un­ter Umständen wie de­nen des Aus­gangs­ver­fah­rens in ei­nem vor­gerück­ten Be­hand­lungs­sta­di­um ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on be­fin­det, nämlich zwi­schen der Fol­li­kel­punk­ti­on und der so­for­ti­gen Ein­set­zung der in vi­tro be­fruch­te­ten Ei­zel­len in ih­re Gebärmut­ter, so­fern nach­ge­wie­sen ist, dass die Tat­sa­che, dass sich die Be­tref­fen­de ei­ner sol­chen Be­hand­lung un­ter­zo­gen hat, der hauptsächli­che Grund für die Kündi­gung ist.
In An­be­tracht des Vor­ste­hen­den ist auf die Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Richt­li­nie 92/85 und ins­be­son­de­re das in Art. 10 Nr. 1 die­ser Richt­li­nie ent­hal­te­ne Ver­bot der Kündi­gung schwan­ge­rer Ar­beit­neh­me­rin­nen da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie nicht ei­ne Ar­beit­neh­me­rin er­fas­sen, die sich ei­ner Be­fruch­tung in vi­tro un­ter­zieht, wenn zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung die Be­fruch­tung ih­rer Ei­zel­len mit den Sa­men­zel­len ih­res Part­ners be­reits statt­ge­fun­den hat, so dass in vi­tro be­fruch­te­te Ei­zel­len exis­tie­ren, die­se aber noch nicht in ih­re Gebärmut­ter ein­ge­setzt wor­den sind.
54 Je­doch ste­hen Art. 2 Abs. 1 und Art. 5 Abs. 1 der Richt­li­nie 76/207 der Kündi­gung ei­ner Ar­beit­neh­me­rin ent­ge­gen, die sich un­ter Umständen wie de­nen des Aus­gangs­ver­fah­rens in ei­nem vor­gerück­ten Be­hand­lungs­sta­di­um ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on be­fin­det, nämlich zwi­schen der Fol­li­kel­punk­ti­on und der so­for­ti­gen Ein­set­zung der in vi­tro be­fruch­te­ten Ei­zel­len in ih­re Gebärmut­ter, so­fern nach­ge­wie­sen ist, dass die Tat­sa­che, dass sich die Be­tref­fen­de ei­ner sol­chen Be­hand­lung un­ter­zo­gen hat, der hauptsächli­che Grund für die Kündi­gung ist.
*Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.
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References: Art. 10
 Art. 2
 Art. 5
 Art. 234
 Art. 2

Art. 2
 Art. 2

Art. 5
 Art. 34
 Art. 2

Art. 10

Art. 12

§ 10
 § 17
 § 1
 § 8
 § 10
 § 10
 § 10
 § 10
 § 10
 Art. 2
 Art. 10
 Art. 2
 Art. 5
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 10
 Art. 2
 Art. 5
 Art. 2
 Art. 5
 Art. 2
 Art. 2
 Art. 5
 Art. 10
 Art. 2
 Art. 5