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Timestamp: 2019-03-19 10:00:26+00:00

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[2004] Psychotraumatologie und Soziale Arbeit
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28 Apr [2004] Psychotraumatologie und Soziale Arbeit
Posted at 20:18h in Kinder- und Jugendhilfe by quenna
© Werner Schmidtke, 2004
(Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors!)
(Foto: © 2006 Marcus Hammerschmitt)
Auszug des Kapitels 6 aus der Diplomarbeit von Werner Schmidtke, vorgelegt an der FH Darmstadt
Wie bereits mehrfach beschrieben, ist die Psychotraumatologie eine wissenschaftliche Disziplin, die sich aus einer Vielzahl von Forschungen aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen zusammensetzt. Grundsätzlich fließen Sichtweisen aus der Medizin, Psychologie und der Rechtswissenschaft zusammen. Aus praktischer Sicht werden psychotherapeutische Methoden in der Behandlung bei traumatisierten Menschen angewandt, die sich aus den theoretischen, mehrdimensionalen Konstrukten der Psychotraumatologie ergeben.
Die Erforschung und Behandlung von Traumafolgestörungen bei erwachsenen Menschen ist ein lange Zeit vernachlässigtes Aufgabengebiet, das erst in den letzten Jahrzehnten verstärkt in den Fokus der angesprochenen Fachdisziplinen gerückt ist. Traumatisierungen und daraus resultierende Entwicklungsstörungen bei Kindern im frühsten Alter durch Vernachlässigung, Misshandlungen und sexuellen Missbrauch als extreme Formen einer Traumatisierung, aber auch durch Bindungs- und Beziehungsmangel (Deprivation) aufgrund nicht ausreichend verfügbarer oder laufend wechselnder Bezugspersonen, scheint erst in jüngster Zeit in das Bewusstsein der entsprechenden Fachgebiete zu fließen. Deutlich wird dieser Umstand, wenn man bedenkt, dass nennenswerte Empfehlungen bzw. Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung traumatisierter Kinder erst in den letzten Jahren erstellt wurden. Bis dahin, und sicherlich noch aktuell, orientierten sich Behandlungen von posttraumatischen Störungen bei Kindern überwiegend an Kriterien, die bei erwachsenen Menschen angewandt wurden und werden. Diese Tatsache ließe sich in dem Sinne interpretieren, dass Traumafolgestörungen bei Kindern weitaus schwieriger zu ermitteln sind, da sie ja meist verhüllt zutage treten und selten die gesamten Kriterien einer PTBS erfüllen (…). Kinder, die ein oder mehrere Traumata erlebten, finden aus verschiedenen Gründen meist keine Worte, um ihre Not zu artikulieren. Vielmehr offenbart dies sich in Verhaltensweisen, die gerade für nicht spezifisch ausgebildete pädagogische Fachkräfte im Bereich der institutionellen Erziehung oftmals nicht mit einem Trauma in Verbindung gebracht werden können, oder wenn doch, das Trauma nicht handlungsleitend ist. Dass diese Fachkräfte mit traumatisierten Kindern und deren Umfeld zu tun haben, steht allerdings außer Zweifel.
Jedoch nicht nur soziale Institutionen, sondern auch andere pädagogische Einrichtungen, wie Schulen und Kindergärten, sehen sich mit dem gesamten Spektrum möglicher Traumata und den daraus resultierenden Folgen konfrontiert. Betroffene Kinder verhalten sich meist auffällig. Sie benehmen sich unangemessen, aggressiv, erstarrt oder zurückgezogen und weisen zudem oftmals erhebliche emotionale- und Intelligenzmängel auf. Sie bringen pädagogische Fachkräfte, wie Lehrer, Erzieher und Sozialpädagogen oftmals an den Rand der Verzweiflung, da spezifische Interventionskenntnisse und -möglichkeiten, wie auch eine individuelle Begegnung, von vornherein nicht oder nur begrenzt vorhanden sind.
Zum Beispiel hat ein Lehrer das primäre Ziel, seinen Schülern den Lehrstoff nahe zu bringen und steht zudem unter dem Druck, den vorgegebenen Lehrplan durchzubringen. Eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen, die unter den unerkannten Folgen eines Traumas leiden, weisen, wie weiter oben aufgeführt, erhebliche Mängel im Lernverhalten und Lernmotivation auf. Zudem fehlt ihnen eine angemessene Selbstkontrolle, und es kommt dadurch immer wieder zu Affektdurchbrüchen, die den Unterricht massiv stören und den Lehrer davon abhalten, seine Ziele zu verfolgen. Was bleibt dem Lehrer anderes übrig, als seiner ohnehin schon durch überfüllte Schulklassen starken Überforderung durch pädagogische Sanktionen Luft zu verschaffen (vgl. hierzu z.B. Göppel, 1997, S.45f.).
Ein ähnliches Bild lässt sich im Bereich der Kindertagesstätten, Vorschulklassen usw. konstruieren. Auch hier herrscht eine quantitative Überforderungssituation. In einem nicht seltenen Betreuungsverhältnis von einem Erzieher, der sich um 10-20 Kinder kümmern muss, kann keine individuelle Arbeit geleistet und somit auf die Not des einzelnen Kindes nicht eingegangen werden.
In beiden Beispielen wird vermutlich eine Stressreduktion der Fachkräfte handlungsweisend sein, d.h., dass, wenn pädagogische Sanktionen zu keinem Erfolg führen – und davon ist auszugehen, das Kind aus der Schulklasse bzw. der Kindergartengruppe genommen werden muss. In der Gegenwart bieten sich hierzu Hilfskonstrukte, wie z.B. die Zuschreibung des ADS-Phänomens, Legasthenie u.a. an, an die sich eine psychotherapeutische, oder nicht selten auch eine psychiatrische Behandlung anschließt, und die Herausnahme aus dem pädagogischen Kollektiv rechtfertigt, da das Kind „krank“ oder „gestört“ ist. „Psychotraumatische Belastungen werden zu “reinen“ Krankheitsphänomenen gemacht, wie schon des Öfteren Phänomene aus dem gesellschaftspolitischen und allgemeinpädagogischen Bereich herausgegliedert wurden (?)“ (Weiß, 2004, S.67). Kinder, die traumatisiert sind, haben in ihren Verhaltensweisen gewissermaßen keine andere Wahl, als eben diese an den Tag zu legen. Eine Stigmatisierung durch eine Behandlung oder die Torturen einer langwierigen psychiatrischen Begutachtung hilft dem Kind nicht, sondern traumatisiert es erneut, verstärkt und stabilisiert seine destruktiven Verhaltensmuster.
Natürlich basiert nicht jede Verhaltensauffälligkeit auf einem traumatischen Hintergrund, sondern hat mitunter ganz banale Ursachen, die sich aus verschiedenen Entwicklungsstufen heraus ergeben. Allerdings scheint eine Handlungsaufforderung an pädagogisch Tätige gerechtfertigt, dass bei bestimmten Faktoren von Verhaltensauffälligkeiten ein darunter liegendes, erschütterndes Erlebnis anzunehmen ist, zumindest in den Bereich des Möglichen eingestuft werden sollte, um ggf. weiterleitende Schritte zu unternehmen. Hierzu sind allerdings bestimmte Kenntnisse und eine gewisse Sensibilität für das Individuum unausweichlich nötig, aber vermutlich aus nachvollziehbaren Gründen oft nicht vorhanden. Besteht eine Motivation auf Seiten des Pädagogen, dem Kind zu helfen, dann scheinen die Handlungsweisen sich so zu gestalten, wie sie beispielsweise bei der Ersthilfe eines Verkehrsunfalls zu beobachten sind: Entweder fahren alle vorbei und verschränken den Blick, als hätten sie den Unfall nicht gesehen, oder aber sie halten an (wie es ihre gesetzliche Pflicht vorsieht) und leisten eine Hilfe, die dem Verletzten noch mehr schadet, weil die Inhalte eines Erste-Hilfe-Kurses lange vergessen sind. Also fahre ich doch lieber weiter und hoffe, dass schnell eine passende Hilfe kommt, die dann auch gleichzeitig das Bewegende, sich mir gedanklich Aufdrängende, aus dem Weg räumt, und ich wieder meine Ruhe finde. Traumatisierte Kinder sind oftmals gezwungen, einen ähnlichen Weg gehen zu müssen, und werden dabei oft sowohl von ihren Bezugspersonen, als auch von anderen nahen Personen in ihrer Not übersehen, entweder, da sie sich nicht adäquat mitteilen können, oder aber ihnen keinerlei Gehör geschenkt wird. Und wenn doch, dann wird oftmals eine Hilfe geleistet, die dem Kind, wie gesagt, noch mehr schadet.
Vielleicht haben die meisten Menschen, die von Berufswegen mit Kindern arbeiten, schon mal von traumatischen Störungen gehört. Aber, um diese Sachlage auf das Beispiel des Verkehrsunfalls zu übertragen, es reicht nicht aus, einen einzigen Erste-Hilfe-Kurs zu besuchen, damit ich grundsätzlich effektive Hilfe leisten kann. Ich muss mich also weiterbilden. Schaut man sich das komplexe Gebilde der Psychotraumatologie, bzw. die Dynamik eines Traumas an, so unterstreicht dies die Notwendigkeit der regelmäßigen Weiterbildung in diesem bestimmten Themenbereich, sofern Institutionen hiervon berührt werden.
Die Soziale Arbeit, deren Aufgaben sich aus den Arbeitsfeldern der Fürsorge von Kindern-, Jugendlichen-, Familien-, sowie Wirtschafts-, Wohnungs- und Gesundheitsfürsorge generieren, muss sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass traumatische Erlebnisse ihrer Klienten und deren Folgen Bestandteil ihres Handelns beinhalten muss. „Vor allem sind es MitarbeiterInnen der freien und öffentlichen Jugendhilfe, beispielsweise in Beratungsstellen, Sozialen Diensten, Einrichtungen der Tagesbetreuung, sowie der Heimerziehung, die als erste mit Fällen von sexuellem Missbrauch konfrontiert werden“ (Hartwig/Hensen, 2003, S.10). Und somit ist sie angehalten, sich, sofern nicht schon vorhanden, Wissen über dieses Fachgebiet anzueignen, da sonst die Gefahr droht, dass ihre pädagogischen Hilfeleistungen bei diesem Klientel erfolglos bleiben, und somit u.U. sogar das berufliche Selbstbild Schaden nimmt.
In den folgenden Ausführungen werden diejenigen Institutionen der Sozialen Arbeit vorgestellt, bei denen davon auszugehen ist, dass sie mit traumatisierten Kindern konfrontiert werden. Da die meisten dieser Einrichtungen, mit Ausnahme vielleicht von Kindertagesstätten, im Sinne der gesetzlichen Jugendhilfe agieren, werden gerade jene in den Fokus dieser Arbeit gestellt. Hierbei soll nach dem gesetzlich vorgegebenen Handlungsrahmen und der praktischen Umsetzung der daraus resultierenden Aufgaben im Alltag gefragt werden. Dies beinhaltet v.a. den Aspekt der notwendigen Kompetenz, traumatisierten Kindern, aber auch deren Bezugspersonen, eine adäquate Hilfe zukommen zu lassen. Im Mittelpunkt steht in diesem Kontext die Vorstellung und Auswertung einer regionalen Befragung im Rahmen der o.a. Einrichtungen bzgl. des Bekanntheitsgrades und dem Kenntnisstand über die Psychotraumatologie. Sie soll Aufschluss darüber geben, inwieweit eine Diskussion im Umgang mit traumatisierten Kindern in die Soziale Arbeit im Bereich Darmstadt und Umgebung evtl. besteht und vorangeschritten ist.
An dieser Stelle sei schon angemerkt, dass davon auszugehen ist, dass Einrichtungen der Jugendhilfe vermutlich über wenig Kenntnisse im Bereich der Traumaverarbeitung verfügen. Wie sonst ist der Umstand zu erklären, dass es zwar innerhalb der Sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eine nicht überschaubare Menge von Publikationen zu allen erdenklichen Themenbereichen gibt, fachbezogene Veröffentlichungen zum Thema „Trauma“ oder gar Verknüpfungen der Sozialen Arbeit mit den Aufgaben der Psychotraumatologie allerdings eher selten und wenn, dann schon gar nicht explizit, sind. Dieser Tatbestand lässt sich sowohl aus der erst jungen Geschichte dieses Forschungsbereiches an sich, als auch mit der daraus resultierenden anzunehmenden geringen Auseinandersetzung mit diesem Thema in den betroffenen Gebieten der Sozialen Arbeit herleiten. Andersherum ist es aber aus diesem Grund wenig verwunderlich, das sich die Fachwelt der medizinisch- psychologischen Gebiete – wenn auch mit Ausnahmen und steigender Tendenz – nur zögernd darauf einlässt, die Soziale Arbeit in die Konzepte der Psychotraumatologie als einen expliziten Bestandteil, der sich aus der hohen Frequenz von traumatisierten Kindern ergibt, mit einzubeziehen. M.E. ergibt sich aus beiden Gesichtspunkten ein weites Feld für wildeste Spekulationen, die sich zwischen Kompetenzgerangel und beruflicher Standesdünkel bewegen dürften. Für diese Arbeit bedeutet dies vor allem, dass sie nur auf einen sehr mageren Pool von Literatur zurückgreifen kann. Hervorzuheben sind allerdings die Werke von Weiß, Hartwig und Hensen, sowie Harnach-Beck, die m. E. erfolgreich versuchen, traumatherapeutische Ansätze in den pädagogischen Kontext zu übertragen. Hieran orientiert sich auch das Folgende.
6.1 Sozialpädagogische Institutionen und deren Gegenstandsbereich im Themenkontext
Grundsätzlich lässt sich ein Handlungsauftrag sozialpädagogischer Institutionen, die im Rahmen der Jugendhilfe tätig sind, folgendermaßen definieren: Jugendhilfe richtet sich an Kinder, Jugendliche und ihre Familien. Ihr Auftrag ist gesetzlich im Achten Buch des Sozialgesetzbuches festgeschrieben. Hiernach gilt es, jungen Menschen eine individuelle und soziale Entwicklung zu ermöglichen und zu fördern. Weiterhin sind Benachteiligungen zu vermeiden und abzubauen, sowie für entwicklungsfördernde Lebensumstände im Rahmen der Familie und der Umwelt Sorge zu tragen. Jugendhilfe ist somit im Allgemeinen, aber auch in direktem Sinne, und zum Wohle des zu Erziehenden tätig.
Weiterhin gilt für die Jugendhilfe auch, benachteiligende Missstände im politischen Sinne aufzudecken (vgl. Hartwig/Hensen, 2003, S.46). Aus dieser Definition heraus ergibt sich für verschiedene sozialpädagogische Einrichtungen ein praktisches Handlungsfeld, das u.a. aus Beratung von Familien und anderen Personen, aus Einzelbetreuung, Sozialpädagogischer Familienhilfe, sowie aus Fremdunterbringung eines Kindes oder Jugendlichen in ein Heim oder eine Pflegefamilie, besteht. Darüber hinaus haben bestimmte Einrichtungen der Jugendhilfe die Aufgabe, in Familiengerichtsverfahren, z.B. Sorgerechtsverfahren, mitzuwirken (vgl. §§ 16-21 SGB VIII). Aus diesen Aufgaben heraus lassen sich einige Unterscheidungen zwischen Aufgabenfeldern, Angeboten und gesetzlichen Vorgaben treffen. „Bei den Leistungen (des Jugendhilfeleistenden, d. Verf.) sind Angebote zur allgemeinen Förderung, oder auch Jugendpflege, klar abzugrenzen zu Angeboten und Einrichtungen erzieherischer Hilfen, die bei Problem- und Konfliktkonstellationen in Anspruch genommen werden können“ (Jordan/Sengling, 2000 in Hartwig / Hensen, 2003, S.54). Erzieherische Hilfen gemäß § 27 SGB VIII kommen in der Regel dann zur Anwendung, wenn eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung nicht gewährleistet werden kann, bzw. das Wohl des Kindes, also nicht nur seine Entwicklung, sondern auch seine Gesundheit, i.S. des § 1666 BGB gefährdet ist.
Wie den Ausführungen zur Psychotraumatologie zu entnehmen ist, stellt nach dieser Gesetzeslage z.B. ein innerfamiliäres Trauma, sei es durch Gewalt, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung, oder aber auch durch die Unfähigkeit zur Erziehung, die durch eigene psychische Erkrankungen der Bezugsperson zustande kommt, also traumatische Ereignisse und Umstände v.a. des nach Terr definierten Trauma Typ II, eine Kindeswohlgefährdung dar. Allerdings kann auch eine Traumatisierung des Traumas Typ I zu einer Verschlechterung oder zur Stagnation der Entwicklung führen, wenn die Erziehungsberechtigten nicht in der Lage sind, einem Kind die notwendige Unterstützung zur Verarbeitung, beispielsweise eines schweren Unfalles, vielleicht deshalb bereitzustellen, da, wie schon weiter oben erwähnt, sie davon ausgehen, dass das Kind „schon nicht soviel mitbekommen hat“ oder „dass es ja noch zu klein ist“, um das Schreckliche zu begreifen. Die Folgen dieser Einstellung und der daraus sich ergebende Mangel an Unterstützung sind ausführlich betrachtet worden (…).
Zur Umsetzung dieser gesetzlich verankerten Hilfeleistungen sind bedarfsorientierte Institutionen geschaffen worden. Für den Bereich der Hilfe zu Erziehung gemäß §§ 27 ff. SGB VIII stehen öffentliche und freie Jugendhilfeeinrichtungen zur Verfügung. Öffentliche Jugendhilfe stellt v.a. das Jugendamt als örtlicher, bzw. überörtlicher Träger dar. Im Sinne des § 27 SGB VIII ist er federführend in der Planung und Organisation einer zu erbringenden Hilfeleistung, die gemäß § 36 SGB VIII in dem vielschichtigen Aufbau eines Hilfeplans fixiert wird. Das heißt, dass Eltern, Jugendliche und Kinder, die Hilfe zur Erziehung benötigen, sich an das örtliche Jugendamt wenden können. Innerhalb der öffentlichen Fürsorge ist der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) ansässig. Die Stellung des ASD in der Organisation der Sozialhilfe der Städte und Kommunen ist aufgrund der Vielschichtigkeit seiner Aufgaben, die sich schon aus dem Namen ableiten lassen, nicht generell erfassbar. Allerdings wird der ASD neuerdings vielfach zu einer speziellen Anlaufstelle des Kinderschutzes, z.B. für sexuell traumatisierte Kinder und Jugendliche, umorganisiert, und ist somit eine Spezialabteilung des Jugendamtes (vgl. ebd. S.56). Die Institution der Erziehungsberatungsstellen (EB) ist eine weitere spezialisierte Facheinrichtung der Jugendhilfe. Das heißt, dass auch sie sich an den gesetzlichen Vorgaben der Hilfen zur Erziehung orientieren. Grundlegend für ihre Existenz ist der § 28 SGB VIII i.V. m. § 27 SGB VIII. Die personelle Ausstattung einer EB verfügt zumeist über psychotherapeutisch ausgebildete Fachkräfte. Hilfesuchende können zu einer Erziehungsberatung vermittelt werden oder selbstständig Kontakt aufnehmen. Die Leistungen sind hierbei kostenfrei. Das SGB VIII sieht auch die Erbringung stationärer und teilstationärer Hilfen vor. Im Einzelnen sind dies z.B. Einrichtungen der Heimerziehung, betreute Wohnformen oder Tagesgruppen. Gesetzliche Grundlage für die Heimerziehung und betreutes Wohnen stellt der § 34 SGB VIII dar. Als weitere stationäre Hilfemöglichkeit sieht der Gesetzgeber die Unterbringung bei der Gefährdung des Kindeswohles, gemäß § 1666 BGB iV.m. §§ 1666a BGB, 27 SGB VIII, in eine Pflegefamilie vor (§ 33 SGB VIII). Die staatliche Fürsorgepflicht, die sich gemäß des § 1 Abs.2 SGB VIII ergibt, sieht aber nicht nur Hilfen i.S. einer Freiwilligkeit der Hilfesuchenden vor. Gemäß § 1666 BGB hat sie auch über das Wohl des Kindes, bzw. über die erzieherischen Betätigungen der Eltern, zu wachen und bei einer Kindeswohlgefährdung eine Herausnahme des betroffenen Kindes – z.B. auf Grundlage des § 42 SGB VIII – aus der Familie zu veranlassen. Dieser Spagat zwischen Hilfestellung auf der einen Seite und Kontrolle der Erziehung auf der anderen, stellt einen schwierigen Konflikt für die verantwortlichen sozialpädagogischen Fachkräfte dar.
In diesem Zusammenhang lässt sich in der Fachöffentlichkeit der Sozialen Arbeit eine kontrovers geführte Diskussion feststellen, die immer dann stattfindet, wenn es um Kinder- und Jugendhilfe geht. Eine zufrieden stellende Antwort, die dieses Dilemma aufhebt, ist bislang nicht in Sicht. Es liegt auf der Hand, dass die Hilfesuchenden die Folgen dieser Diffusität auszubaden haben. Diese Diskussion in den Kontext dieser Arbeit zu stellen, würde wohl zu weit führen, jedoch wird im Zusammenhang mit traumatisierten Kindern von den meisten Autoren die Ansicht vertreten, dass bei einer vorliegenden extremen Traumatisierung die zumindest zeitweilige Herausnahme des Kindes aus dem traumatisierenden Umfeld unabdingbar ist, v.a. dann, wenn sich die Bezugsperson im Hilfeprozess unkooperativ verhält. Diese Maßnahme sollte in solchen Extremsituationen, wie sie anderen Ortes beschrieben wurden, auch dann durchgeführt werden, wenn damit die Gefahr eingegangen wird, dass gerade Kleinkinder durch ein hinzukommendes Beziehungstrauma sekundär gefährdet werden.
Gerade innerfamiliäre Traumata unterliegen oftmals einer Verschleierungsdynamik. Treten die Folgen offen zutage und werden ebenso gedeutet, so sind die „Täter“ oftmals nicht bereit, ihre Verantwortung zu erkennen, geschweige denn zu übernehmen. Eine rechtliche Handhabe, die bei einer solchen Konstellation eine Herausnahme des Kindes rechtfertigt, macht manchmal allein schon deswegen Sinn, da Leib und Leben des Kindes bedroht ist. Die Androhung eines Sorgerechtsentzugs motiviert Bezugspersonen oftmals auch zu einer Teilnahme an einem Hilfeprozess. Somit ist das Jugendamt als übergeordneter Hilfeleister durchaus mit einer Vielzahl von anwendbaren Instrumenten ausgestattet. Es liegt also im Ermessen der jeweiligen Fachkraft, diese Mittel im Sinne und zum Schutz des Kindes einzusetzen. Um eine angemessene Hilfe zu finden, bedarf es allerdings auch immer einer multifaktoriellen Prüfung der Sachlage. Das bedeutet für die Fachkraft, dass sie einen hohen Grad an Kompetenz, der sich an einer Vielzahl von Faktoren misst, aufweisen muss. Im folgenden Abschnitt soll ein Überblick über die Aufgaben der Jugendhilfe im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen, also den Einrichtungen, in denen überwiegend Sozialpädagogen tätig sind, gegeben werden.
Aus diesem Überblick heraus lässt sich ablesen, wie hoch die Kompetenz der pädagogischen Fachkräfte im Jugendamt und seinen angrenzenden sozialen Diensten sein muss, um traumatisierten Kindern eine angemessene Hilfe zukommen zu lassen.
6.2 Aufgaben sozialpädagogischer Einrichtungen im Kontext von Traumatisierungen
Um es vorweg zu nehmen: einem traumatisierten Kind adäquate Hilfe in der Bewältigung des oder der schrecklichen Erlebnisse zu verschaffen, bedarf es dementsprechender Handlungskonzepte. Diese scheinen allerdings nach Durchsicht der Literatur nur im geringen Ausmaße vorhanden. Somit verwundert es nicht, wie noch zu zeigen sein wird, dass pädagogische Interventionen oftmals nicht enden wollenden Hilfeketten gleichkommen, die letztendlich fehlschlagen. Ein anderer Weg ist die Verweisung in psychotherapeutische Behandlung. Als Grund für die Ausgrenzung von Traumainterventionen im pädagogischen Bereich sieht Weiß v.a. das Fehlen therapeutischen Know-hows in der Sozialarbeit, das sich auf eine frühere, ablehnende Haltung gegenüber dem Trend einer Therapeutisierung begründete und noch heute begründet (vgl. ebd. 122). Die Autorin sieht jedoch gerade in einer pädagogischen Hilfestellung eine große Chance in der Unterstützung, traumatische Erfahrungen zu korrigieren, denn die Bewältigung traumatischer Ereignisse findet nicht nur im Kontext einer psychotherapeutischen Behandlung, sondern auch, oder gerade im Alltag des betroffenen Kindes statt. Es darf hierbei nicht übersehen werden, dass auch Psychotherapeuten nicht immer über ein spezifisches Wissen im Bereich der Traumatherapie verfügen. Zudem sind, wie schon an anderer Stelle beschrieben, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sehr rar gesät. Ist ein Therapeut gefunden, wird einen Behandlung oftmals nicht umgehend anzugehen sein, da meist von einer Wartezeit von bis zu einem halben Jahr und mehr auszugehen ist. Es käme aber einem Widerspruch gleich, wenn die Jugendhilfe aufgrund fehlender Handlungskonzepte den Bereich der Traumatisierungen ausklammerte und als ausschließliches psychotherapeutisches Gebiet auffassen würde, allein schon deswegen, da sie aufgrund der klaren Gesetzesvorlagen des SGB VIII dazu verpflichtet ist, diesen Kindern eine angemessene Hilfe zu gewährleisten. Diese Hilfe beinhaltet sowohl grundsätzlich präventive, also gesellschaftspolitisch aufdeckende Maßnahmen, wie auch die Arbeit mit der Klientel selbst.
Aus den schon erwähnten Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie bzgl. Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch, die im Rahmen der AWMF erarbeitet wurden, gehen klare Handlungsaufgaben für die Jugendhilfe hervor. Hier stehen psychotherapeutische, medizinische und sozialpädagogische Handlungskompetenzen ergänzend nebeneinander und kooperieren miteinander. Im Sinne der Jugendhilfe gehen hieraus folgende Interventionspunkte hervor (aus: www.uni-duesseldorf.de/AWMF/11/kjpp-034.htm ):
Schutz und Sicherheit vor weiterem schädigendem Verhalten der Sorgeberechtigten, durch die Möglichkeit der Inobhutnahme gemäß § 42 SGB VIII
Kindernotdienste, Jugendnotdienste, Mädchenhäuser, Kurzzeitpflege etc.
Stationäre Kriseninterventionsangebote der Jugendhilfe und deren Einleitung
Vorläufige Einschränkung des elterlichen Aufenthaltsbestimmungsrecht, gemäß §§ 1666, 1666a BGB unter Anrufung des Familiengerichtes
Darüber hinaus ist das Jugendamt zuständig für die Koordination und die Durchführung, sowie Überwachung und Überprüfung von Hilfeleistungen. M.E. lässt sich schon an dieser Position erahnen, über welche Kompetenzen ein sozialpädagogisch Tätiger im Jugendamt verfügen muss. Sozialpädagogen müssen z.B. in der Lage sein, Verdachtsmomente klären zu können, die keinen eindeutigen Hinweis auf eine Traumatisierung geben. Dazu sind vielfältige umfangreiche Kenntnisse erforderlich. Der Sozialpädagoge muss eine Hilfe derart gestalten können, dass das wichtigste an erster Stelle steht. Das kann eine Unterbringung in ein Heim, eine ärztliche Untersuchung, oder eben auch die Einleitung psychotherapeutischer Hilfe bedeuten. Des Weiteren hat er alle Beteiligten, also Eltern, Lehrer etc., an der Erstellung des Hilfeplanes mit einzubeziehen. Dies kann sich aus verschiedenen Gründen als ausgesprochen schwierig erweisen. Er muss über Gesprächstechniken verfügen, die zu Mitarbeit motivieren Wichtig hierbei ist z.B. die Vermeidung von Vorwürfen, aggressiven Konfrontationen oder moralischen Einwänden. In der Erstellung der notwendigen Hilfe muss er zudem Kenntnisse im Bereich der Anamnese und, wie erwähnt, über diagnostische Kenntnisse verfügen. In diesem Kontext sei auf das mittlerweile in der vierten Auflage erschienene Werk von Viola Harnach-Beck hingewiesen, das Grundlagen und Methoden für die Erstellung und Durchführung von Hilfen im Bereich der Jugendhilfe vermittelt (s. Literatur).
Im Kontext von Traumatisierungen z.B. sollte der Jugendamtstätige über das Wissen verfügen, dass ein auffälliges Verhalten des Kindes einen hinweisenden Charakter besitzen kann und diese Reaktionen ernst nehmen. Aufgabe des Jugendamtes ist es also, auf der Basis von spezifischem Handlungswissen Hilfepläne zu erstellen, entsprechende Hilfe einzuleiten und zu koordinieren. Im Bereich der ausführenden Hilfe gemäß der §§ 28-35 SGB VIII, also z.B. Institutionen wie Tagesgruppen, Einzelbetreuung oder Heimerziehung usw., wird der Sozialpädagoge nun mit dem gesamten Verhaltensspektrum des traumatisierten Kindes konfrontiert. „Eine Aufgabe der Pädagogik ist es, die Mädchen und Jungen bei einer kognitiven Neuordnung ihrer Lebensgeschichte zu unterstützen“ (Weiß, 2004, S. 75). Pädagogische Kompetenz beinhaltet somit auch die Integration therapeutischer Methoden. Denn ein traumatisiertes Kind ist auch im Alltag ein traumatisiertes Kind, und somit behandlungsbedürftig. Gerade im Bereich der Heimerziehung benötigen pädagogische Fachkräfte Wissen über Ursachen und Folgen einer Traumatisierung (vgl. ebd., S.127). Die Zusammenfügung von Pädagogik und Therapie wird in der therapeutischen Aufarbeitung des Kerntraumas und der täglichen Betreuung deutlich. Verfügt der Sozialpädagoge nicht über ein entsprechendes Wissen, wie er in der Betreuung z.B. die Aggressionen eines Jungen einzuordnen und damit umzugehen hat, wird die beste adaptiv – therapeutische Intervention wenig nützen. Aufgabenfelder wie Herkunft, Sexualität, Geschlechterrollen, das Trauma an sich, Selbstbild und Bindungen überschneiden sowohl pädagogische, als auch therapeutische Handlungsgebiete, und dies nicht nur im stationären Bereich. Weiß gibt hierzu folgende Inhalte der Zusammenarbeit beider Disziplinen an (aus: Weiß, 2004, S.126):
Ein gemeinsames Verständnis dessen, was das Kind initiiert (innerseelische Prozesse)
Ein bewusster Umgang mit Übertragungen, auch um Spaltungen zu minimieren
Ein gemeinsames Erarbeiten von Handlungsalternativen, (z.B. Unterstützung, Aufbau von Ich-Struktur)
Eine Richtlinie zum kooperativen Handeln könnte der von Fischer und Riedesser entwickelte Referenzrahmen sein, anhand dessen sich sowohl Therapeuten, als auch Pädagogen orientieren könnten (s. Anhang Abb. 4). Hierfür wären allerdings wiederum Kenntnisse, gerade über entwicklungspsychopathologische Aspekte, vonnöten. Anhand der genauen Darstellungsmöglichkeiten dieser Matrix, über Entwicklungsstand, altersspezifischen Entwicklungsaufgaben, Copingstrategien, Ressourcen usw., kann dann ein tragfähiges Handlungskonzept entwickelt werden. Während sich somit die Psychotherapie mit der expliziten emotionalen Innerwelt des Kindes auseinandersetzt, hat die Pädagogik die Aufgabe, eine Unterstützung im Alltags(er-)leben auf allen sozialen Ebenen des Kindes zu ermöglichen. Hierzu gehört z.B. die Aufklärung alters- und geschlechtsspezifischer Rollen. Kinder, die z.B. sexuell missbraucht wurden, haben u. U. keinen Bezug zu ihrem Körper und zur ihrer eigenen Sexualität. Hier könnte eine Sexualpädagogik für Aufklärung sorgen. Zudem geben sie sich die Schuld für die gewalttätigen Übergriffe von Seiten der Bezugspersonen. Dort gilt es für den Sozialpädagogen, das Kind über generationale Verantwortungen und Unterschiede aufzuklären, und es somit zu entlasten. Einem parentifizierten Kind muss z.B. deutlich gemacht werden, dass es nicht für die Erziehung der Geschwister zuständig ist, sondern seine Eltern (vgl. Weiß, 2004, S.70).
Das Aufgeführte stellt sicherlich nur einen Bruchteil von Aufgaben der Pädagogik dar, wie sie sich gerade auch in der stationären Jugendhilfe gestalten. Mitarbeiter, die sich den bisweilen extremen Verhaltensweisen traumatisierter Kinder ausgesetzt sehen, können schnell an ihre eigenen seelischen und körperlichen Grenzen gelangen, wenn sie diese Verhaltensauffälligkeiten missverstehen und persönlich attribuieren, und im Umgang mit diesem Klientel nicht geschult sind. Dieser Sachverhalt soll nun im nächsten Abschnitt aufgenommen werden, denn von der Belastbarkeit und dem spezifischen Wissen hängt eine gelungene Hilfe ab.
6.3 Zur Unsicherheit im Umgang mit traumatisierten Kinder
Die Autoren Hartwig und Hensen stellen in ihrer Arbeit bzgl. des Umgangs der Jugendhilfe mit sexuellem Missbrauch fest, dass diese und andere traumatischen Erfahrungen eher selten handlungsleitend für die Auswahl der Maßnahmen von Erziehungshilfen sind. Darüber hinaus erwähnen sie, dass Fachkräfte, die am Beginn ihres beruflichen Handelns stehen, mit der Veranlassung notwendiger Hilfen überfordert seien (vgl. Hartwig/Hensen, 2003, S. 10). Hierzu geben sie folgendes Fallbeispiel aus dem Bereich eines Kreisjugendamtes an (ebd. S.10 f.):
Elena (Name geändert) ist 17 Jahre alt. Sie wächst ihre ersten 8 Lebensjahre mit ihrer Mutter im Haushalt des Großvaters im ehemaligen Jugoslawien auf. Die Mutter kommt 1994 mit ihrer Tochter nach Deutschland und heiratet einen Deutschen, um eine Aufenthaltsgenehmigung für sich und ihre Tochter zu erwirken. In der Akte wird beschrieben, dass Elenas Verhältnis zu ihrem Stiefvater gespannt sei. Die Situation eskaliert, als die Mutter von ihm schwanger wird und Elena die Mutter für ihre schwierige Situation verantwortlich macht. Elena flieht in eine Schutzstelle und bittet beim Jugendamt um Aufnahme in einer Wohngruppe. Sie gibt an, dass der Stiefvater sie misshandelt und das Verhältnis zur Mutter wegen der Geburt des Halbbruders zerstört sei. Elena wird fremdplatziert: Schutzstelle, Aufnahmeheim, Wohngruppe, Psychiatrie und schließlich Jugendherberge. Elena wird bereits in den ersten beiden Stationen als schwieriges Mädchen beschrieben, sie sei gewalttätig gegenüber Mädchen und MitarbeiterInnen. In der Jugendherberge wird sie von türkischen Jugendlichen missbraucht und kann laut Bericht des Herbergsvaters wegen ihrer „sexuellen Aktivität“ nicht bleiben. In einem Hilfeplangespräch im Jugendamt offenbart Elena den sexuellen Missbrauch durch den Großvater und den Stiefvater. Als einzige Reaktion darauf wird die Einschätzung der Mutter dokumentiert, die besagt, Elena solle sich nicht so aufregen, sie selbst sei auch missbraucht worden, darüber käme man hinweg. Elena möchte zur Mutter zurück, sofern die Mutter sich vom Stiefvater trennt. Das lehnt die Mutter ab und wünscht keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter. Daraufhin bringt das Jugendamt Elena in einer Pflegefamilie mit flankierenden Hilfen (Beraterin, Familientherapeutin) unter. Die Termine bei der Familientherapeutin zur Klärung des Mutter-Tochter-Konflikts nimmt sie nur sporadisch wahr. Elena malträtiert die Kinder der Pflegemutter. Es folgt erneut eine Einweisung in die Psychiatrie (Diagnose: Borderline-Störung). Elena möchte bei ihrer Pflegemutter bleiben, wird aber wegen der Konflikte mit den Kindern vorübergehend in einer Wohngruppe untergebracht. Von dort wird für sie eine eigene Wohnung gesucht, da sie nicht gruppenfähig und gewalttätig sei. Sie erhält zwei Einzelbetreuerinnen. Schließlich endet Elenas Jugendhilfekarriere auf der Intensivstation eines Krankenhauses auf Grund autoaggressiver Verhaltensweisen (Selbstverstümmelung), die als suizidal interpretiert werden müssen. Das Jugendamt plant im Folgenden, Elena wegen fehlender Mitwirkungsbereitschaft aus der Jugendhilfe („zu“, d. Verf.) entlassen.
Die Odyssee dieses jungen Menschen zeigt erhebliche Qualifikationsmängel der Jugendhilfe auf. Es wird deutlich, dass eine Vielzahl von sozialpädagogischen Fachkräften nicht in der Lage war, diesem Mädchen angemessene Hilfe zukommen zu lassen. Stattdessen scheint es fast so, um es einmal bewertend auszudrücken, als wenn sich ein jeder der Behandelnden in seiner ihm eigenen Qualifikation einmal ausprobieren wollte, wenn auch die grundsätzliche Motivation, helfen zu wollen, nicht angezweifelt wird. Zum Ende dieser aussichtslosen Jugendhilfeintervention schreibt man dem Mädchen die alleinige Verantwortung für das Scheitern der Hilfe zu, und sie wird schließlich sich selbst überlassen, indem man sie kurzerhand mit der Begründung fehlender Eigenmotivation aus dem sicherlich kostspieligen Jugendhilfeprozess entlässt. Die in einem psychiatrischen Gutachten erstellte Diagnose einer Borderline- Persönlichkeitsstörung wirft zudem die Frage auf, warum die Mitarbeiter der Jugendhilfeeinrichtungen, bzw. des zuständigen Jugendamtes als federführende Institution des Hilfeplanes, nicht eine psychotherapeutische Maßnahme, z.B. gemäß § 35 a SGB VIII, veranlasst hat. Die Tatsache, dass die Fachkräfte dem von Elena sicherlich mit Scham angesprochenen sexuellen Missbrauch von mehreren Personen fatalerweise kaum Gewicht beimaßen, muss sich für den Betrachter als erschreckender Umstand darstellen. Weiterhin stimmt es nachdenklich, dass zweieinhalb Jahre lang ca. dreißig Fachkräfte versucht haben, verschiedene Hilfen zu gestalten, aber offensichtlich niemand erkannte, dass die Art der Hilfe ohne Erfolg blieb. Ein Blick zurück auf die Dynamik von traumakompensatorischem Verhalten aus der Sicht der Psychotraumatologie macht m.E. deutlich, welche eklatanten Interventionsmängel sich in diesem Fallbeispiel manifestieren. Diese Fallkonstellation ist stellvertretend für eine Vielzahl ähnlich gelagerter Hilfeversuche im Rahmen der Jugendhilfe. Diese beziehen sich nicht nur auf den Bereich der sexuellen Traumatisierungen, sondern beinhalten Fehlinterventionen, die altersunabhängig im gesamten Spektrum der Traumatisierungen zu beobachten sind. Hier, wie auch in anderen Fällen ist eine Fokussierung auf die Beseitigung der Verhaltensauffälligkeiten zu erkennen. Deutlich scheint dies lt. der Autoren Hartwig und Hensen in der Erstellung eines Hilfeplanes und dem darauf folgenden Verfahren zu werden. „Von Fachkräften des ASD wird sexueller Missbrauch neben körperlicher und seelischer Misshandlung in ihrem Handlungsfeld in der Problemkonstellation “Kindeswohlgefährdung“ nur in Ausnahmefällen genannt. Es ist aber davon auszugehen, dass Missbrauchsfälle häufig verkannt (….) werden. Auch hier kann gezeigt werden, dass die Kompetenz der federführenden Fachkraft im gesamten Hilfeprozess entscheidend sein kann* (ebd. S.93). Ist dieses Fachwissen nicht vorhanden, führt dies zu einem Ergebnis, wie es im o.a. Fallbeispiel gezeigt wurde.
Weiterer Unsicherheitsfaktor könnte neben fehlendem Handlungswissen die eigene Überforderung der pädagogischen Fachkräfte mit den oftmals massiven Verhaltensweisen traumatisierter Mädchen und Jungen sein. Wie schon in Abschnitt 4.4 beschrieben, sind Psychotherapeuten heftigen Übertragungs- und Gegenübertragungsgefühlen in der Arbeit mit traumatisierten Kindern ausgesetzt. Es versteht sich von selbst, dass natürlich auch pädagogische Fachkräfte in der öffentlichen und freien Jugendhilfe, die mit den unterschiedlichsten Traumata konfrontiert werden, von solchen Gefühlen nicht verschont bleiben. J.L. Herman bestätigt dies mit der Aussage „Trauma ist ansteckend“ (Herman 1994, in Weiß, 2004, S 144). Die Externalisierung der Bilderwelt traumatisierter Kinder überschwemmt Fachkräfte – Therapeuten wie Pädagogen – gleichermaßen. Während sich allerdings v.a. psychoanalytisch orientierte Psychotherapeuten dessen bewusst sind und hierin ja den eigentlichen Zugang zum Trauma sehen und somit diesbezüglich geschult sein sollten, stehen pädagogische Fachkräfte den Affekten dieser Kinder und damit ihren eigenen Emotionen häufig schutzlos ausgeliefert gegenüber. Dies v. a. dann, wenn die Fachkraft gerade erst am Anfang des Berufslebens steht. Verhaltensweisen wie Heimlichkeiten, abgestrittene oder widersprüchliche Berichte über die traumatisierende Erfahrung, Reinszinierungen auf der Opfer- und Täterseite, wiederholende Prostitutionen, Selbstverstümmelung trotz eines liebevollen Umgangs, die eingeschränkte Fähigkeit zu Vertrauensbildung, sowie massive aggressive oder depressive Verhaltensweisen werden bisweilen persönlich attribuiert, da diese nicht als eine individuelle Kompensationserscheinung erkannt werden. Dieses massive Agieren löst, bei Sozialpädagogen, wie auch bei Psychotherapeuten, den Wunsch aus, nicht länger mit diesem Kind konfrontiert zu werden. „Oft genug habe ich in den Einrichtungen der Heimerziehung erlebt, wie fachliche Unkenntnis über posttraumatische Belastungsreaktionen zur Ausgrenzung der schon genug belasteten Mädchen und Jungen führte“ (Weiß, 2004, S.137). Oftmals ist eine Delegierung an andere Einrichtungen nicht möglich, so dass der Pädagoge, ob er will oder nicht, sich zwangsläufig mit dem betroffenen Kind auseinandersetzen muss. In der Übertragung sehen sich sozialpädagogische Fachkräfte zum einen Gefühlen der eigenen unverarbeiteten Biografie, und zum anderen großer Hilflosigkeit gegenübergestellt, die sie an ihrer eigenen beruflichen Kompetenz zweifeln lassen (vgl. ebd.). Da sie im Allgemeinen nicht mit dem Umgang von Übertragungsgefühlen geschult sind, verwundert es nicht, dass in manchen Bereichen der Jugendhilfe traumarelevante Störungen in das Feld der Psychotherapie delegiert werden. Die Hilflosigkeit pädagogischer Fachkräfte gerade im Bereich der stationären Jugendhilfe birgt mitunter die Gefahr, dass durch die Überforderung im Umgang mit traumatisierten Kindern, die eigene seelische und auch körperliche Gesundheit beeinträchtigt werden kann. „So ist es nicht verwunderlich, wenn PädagogInnen im Umgang mit chronisch traumatisierten Mädchen und Jungen häufig über Überforderung und psychische Erschöpfung klagen“ (Weiß, 2004, S. 138). Natürlich besteht auch für therapeutische Fachkräfte eine hohe Gefahr, psychisch, wie physisch zu erkranken, aber während in diesem Gebiet die Notwendigkeit einer supervisorischen Reflektion geklärt ist, „(…) sind die PädagogInnen auch hier eher auf sich selbst zurückgeworfen (…)“ (ebd.). Beispielhaft könnte der Umgang mit Aggressionen sein. Wenn die eigenen Grenzen im Umgang mit den Aggressionen eines traumatisierten Kindes aus verschiedenen Gründen beschränkt sind, wird dem Kind die Möglichkeit genommen, seine Gefühle zu offenbaren und in einer neuen, konstruktiven Weise abzureagieren. Davor steht aber für den Pädagogen das Aushalten dieser Reaktionen. Eine unwissende Fachkraft wird u. U. darauf bestehen, dass das Kind diese aggressiven Verhaltensweisen kontrolliert. Dies führt dazu, dass sich das Kind missverstanden fühlt, was wiederum sein traumakompensatorisches Schema auf die Tagesordnung ruft. Somit entsteht ein Teufelskreis, der letztlich darin enden kann, wie aus dem Fallbeispiel ersichtlich, dass die Betreuung des Kindes aufgegeben wird, da die pädagogische Fachkraft das persönliche Heil in der Flucht vor dem traumatisierten Kind sucht. M.E. lässt sich durch das Dargestellte deutlich ableiten, welche Mängel in der sozialen Arbeit mit traumatisierten Kindern vorhanden sein können. Diese begründen sich durch eine Vielzahl von persönlichen, aber auch gesellschaftlichen Faktoren. Die Soziale Arbeit muss sich dahingehend Gehör verschaffen, da Ihre Arbeit, gerade auf diesem Sektor, ausgesprochen wichtig ist. Sie muss sich dementsprechend profilieren. Stellte sie sich mit der Notwendigkeit des expliziten Einbezugs ihrer Kompetenz in diesem Bereich mehr ins öffentliche Licht, so würde sie sicherlich nicht nur an Profil gewinnen, sondern auch einem weitern Problem, nämlich dem der massiven Sparzwänge, entgegentreten können.
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften: www.Uni-duesseldorf.de/AWMF/11/kjpp-034.htm
Fischer/Riedesser, „Lehrbuch der Psychotraumatologie“; 2003; Reinhardt- UTB; 3. Aufl.
Göppel, „Ursprünge der seelischen Gesundheit“; 1997; Edition Bentheim
Harnach-Beck, „Psychosoziale Diagnostik in der Jugendhilfe“; 2003; Juventa; 4. Aufl
Hartwig/Hensen, „Sexueller Missbrauch und Jugendhilfe“; 2003; Juventa
Jordan/Sengling 2000; in: Hartwig/ Hensen; „Sexueller Missbrauch und Jugendhilfe“; 2003; Juventa
Weiß, „Philipp sucht sein Ich“; 2004; Juventa; 2. Aufl.

References: § 27
 § 1666
 § 27
 § 36
 § 28
 § 27
 § 34
 § 1666
 § 1
 § 1666
 § 42
 § 42
 § 35