Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=15.05.2012&Aktenzeichen=3%20StR%20118%2F11
Timestamp: 2019-02-18 13:33:08+00:00

Document:
BGH, 15.05.2012 - 3 StR 118/11 - dejure.org
Aufgabe der Interessentheorie (Merkmalsüberwälzung; Ziel des § 14 StGB; Ein-Mann-GmbH; Gläubigerschutz); Untreue; Bankrott
§ 14 StGB, § 283 StGB
Strafbarkeit eines GmbH-Geschäftsführes wegen Bankrotts
Voraussetzungen für eine Strafbarkeit des Geschäftsführers einer GmbH wegen Bankrotts bei fehlender Handlungsabsicht im Interesse der Gesellschaft
Bankrottstrafbarkeit des GmbH-Geschäftsführers auch bei eigennützigem Handeln (Aufgabe der Interessentheorie)
Die Strafbarkeit des Geschäftsführers einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung wegen Bankrotts setzt nicht voraus, dass die Tathandlung im Interesse der Gesellschaft liegt (Aufgabe der "Interessentheorie")
StGB § 14; StGB § 283
BGH verschärft Strafbarkeit wegen Bankrotts
Änderung bei der Bankrottstrafbarkeit
Aufgabe der Interessentheorie; Zurechnungszusammenhang gemäß § 14 Abs. 1 Nr. 1 StGB; gleichzeitige Strafbarkeit wegen Untreue und Bankrotts
Strafbarkeit eines GmbH-Geschäftsführers wegen Bankrotts erfordert nicht, dass die Tathandlung im Interesse der Gesellschaft liegt (Aufgabe der "Interessentheorie")
Kurznachricht zu "Anmerkung zum Beschluss des BGH vom 15.05.2012, Az.: 3 StR 118/11 (Strafbarkeit wegen Beihilfe zum Bankrott - Aufgabe der Interessentheorie durch den BGH)" von RIOLG Prof. Dr. Henning Radtke, original erschienen in: GmbHR 2012, 958 - 964.
Kurznachricht zu "Bankrott und Untreue in der Unternehmenskrise" von RA Jörg Habetha, original erschienen in: NZG 2012, 1134 - 1140.
Kurznachricht zu "Anmerkung zum Beschluss des BGH vom 15.05.2012, Az.: 3 StR 118/11 (Bankrottstrafbarkeit eines GmbH-Geschäftsführers - Aufgabe der "Interessentheorie"" von AkR a.Z. Dr. Christian Brand, original erschienen in: NJW 2012, 2366 - 2370.
LG Oldenburg, 27.09.2010 - 3 KLs 50/09
LG Stade, 27.09.2010 - 3 KLs 50/09
BGH, 29.11.2011 - 1 ARs 19/11
BGHSt 57, 229
NJW 2012, 2366
ZIP 2012, 1451
StV 2012, 729
WM 2012, 1405
JR 2012, 440
NZG 2012, 836
Bei ihr ist oberstes Willensorgan für die Regelung der inneren Angelegenheiten die Gesamtheit ihrer Gesellschafter (BGH…, Urteil vom 26. September 2012 - 2 StR 553/11, wistra 2013, 63, 64, juris Rn. 15; Beschluss vom 15. Mai 2012 - 3 StR 118/11, NStZ 2012, 630, 632 f., juris Rn. 30), die in die Manipulationen indes - wie das Landgericht ausdrücklich festgestellt hat - nicht eingeweiht waren (vgl. auch BGH…, Beschluss vom 10. November 1994 - 1 StR 157/94, BGHSt 40, 331, 335, juris Rn. 22).
Sie stellt sich, weil es sich bei dem Tatbestand des Bankrotts nach § 283 StGB um ein Sonderdelikt des Schuldners handelt; ist der Schuldner - wie hier - eine juristische Person, die nur durch ihre Organe/Vertreter handeln kann, so ist die Zurechnung der Schuldnereigenschaft über § 14 StGB vorzunehmen (BGH, Beschluss vom 10. Februar 2009 - 3 StR 372/08, NJW 2009, 2225, 2226 mwN; zu den Zurechnungskriterien nach Aufgabe der Interessentheorie durch die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs vgl. BGH, Beschluss vom 15. Mai 2012 - 3 StR 118/11, NJW 2012, 2366, 2368 f., zur Veröffentlichung in BGHSt bestimmt).
Im Übrigen - etwa bei den Barabhebungen von den Geschäftskonten - handelten die Angeklagten mit Zustimmung der (neuen) Gesellschafter/Geschäftsführer, denn wesentlicher Bestandteil der Abrede zur Firmenbestattung war gerade, dass diese die Gesellschaften nicht fortführen wollten und den Angeklagten bei deren Abwicklung freie Hand ließen (vgl. BGH, Beschluss vom 15. Mai 2012 - 3 StR 118/11, NJW 2012, 2366, 2368 f.).
c) Dabei hat der Angeklagte auch "als" i.S.v. § 14 Abs. 1 Nr. 1 StGB gesetzlicher Vertreter der I. GmbH gehandelt (zu den Anforderungen an den Vertretungsbezug bei § 14 StGB: BGH, Beschluss vom 15. Mai 2012 - 3 StR 118/11, BGHSt 57, 229, 237 f. Rn. 22 bis 25).
Bei juristischen Personen tritt an die Stelle des Vermögensinhabers dessen oberstes Willensorgan für die Regelung der inneren Angelegenheiten (vgl. BGH…, Urteil vom 27. August 2010 - 2 StR 111/09, aaO; Beschluss vom 15. Mai 2012 - 3 StR 118/11, NStZ 2012, 630, 632 f.).
Oberstes Willensorgan der GmbH ist die Gesamtheit ihrer Gesellschafter (…BGH, Urteile vom 27. August 2010 - 2 StR 111/09, aaO; vom 12. Januar 1956 - 3 StR 626/54, BGHSt 9, 203, 216; Beschluss vom 15. Mai 2012 - 3 StR 118/11, aaO).
Nach der Aufgabe der Interessentheorie (vgl. BGH, Beschluss vom 15. Mai 2012 - 3 StR 118/11, BGHSt 57, 229) stünde einer Strafbarkeit wegen Bankrotts insoweit nicht mehr entgegen, dass die etwaige Rückgewähr der Darlehen gegebenenfalls nicht im Interesse der H. Musik lag.
Damit lag ein wirksames Einverständnis der Inhaberin des zu betreuenden Vermögens vor, welches bereits die Tatbestandsmäßigkeit ausschließt, weil die Pflichtwidrigkeit des Handelns Merkmal des Untreuetatbestands ist (BGH NJW 2012, 2366, 2368;… BGHR StGB § 266 Abs. 1 Missbrauch 7 m.w.N.).
Er hat bei der Veranlassung des Angeklagten, Überweisungen auszuführen und Barabhebungen vorzunehmen, jeweils als vertretungsberechtigtes Organ einer juristischen Person (der T. GmbH) gehandelt (zu den Anforderungen an den Vertretungsbezug bei § 14 StGB: BGH, Beschluss vom 15. Mai 2012 - 3 StR 118/11, BGHSt 57, 229, 237 f. Rn. 22 bis 25; siehe auch BGH…, Beschluss vom 13. Februar 2014 - 1 StR 336/13, wistra 2014, 354, 357 Rn. 68).
Eine Zurechnung der Schuldnereigenschaft gemäß § 14 StGB ist nach Aufgabe der Interessentheorie unproblematisch (vgl. dazu BGHSt 57, 229).

References: § 14

§ 14
 § 283
 § 14
 § 283

BGH 
 § 14
 BGH 
 BGH 
 § 283
 § 14
 § 14
 § 14
 § 266
 § 14
 § 14