Source: https://www.berliner-mieterverein.de/recht/mieturteile/asbest-2.htm
Timestamp: 2019-06-26 22:39:02+00:00

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Asbest - LG Berlin vom 17.1.2018 - 18 S 140/16 - | Berliner Mieterverein e.V.
Wenn ein Vermieter seine Mieter nicht über eine vorhandene Asbestbelastung in der Wohnung informiert, macht er sich einer Verletzung der Verkehrssicherungs-, Schutz- und Obhutspflichten schuldig. Der Mieter kann gegebenenfalls Schadenersatz fordern, wenn er aufgrund der Asbestbelastung erkrankt.
1. Feststellung einer gesamtschuldnerischen Schadenersatzpflicht bei der Beklagten für alle materiellen und immateriellen Schäden, die ihr aus Asbestfaserkontakt in der Wohnung bereits entstanden sind bzw. als Spätfolgen noch entstehen werden, soweit die Ansprüche nicht auf Sozialversicherungsträger oder andere Dritte übergegangen sind;
Für den Zeitraum seit 1. September 2005 bis 30. September 2015 Rückzahlung minderungsbedingt überzahlter Miete in Höhe von 25 % von der jeweiligen Vermieterin für die Zeit ihrer Vermieterstellung, und zwar ausdrücklich auch als Schadenersatzforderung wegen Schlechterfüllung des Mietvertrages;
Von beiden Beklagten gesamtschuldnerisch Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 30.000,00 €.
Die Beklagte wirft den Beklagten in erster Linie vor, von der Wohnung seien schon bei Abschluss des Mietvertrages und ihrem Erstbezug im Jahre 1980 konkrete Gesundheitsgefahren ausgegangen. Der Fußboden sei, wie die Beklagte zu 2. als Bauherrin gewusst habe, mit asbesthaltigen „Floor-Flex“ Platten belegt gewesen. Die Platten seien in der Bauphase teils zerschnitten worden, um Abschlüsse herzustellen. Beschädigte Platten setzten Asbestfasern frei. Außerdem habe sich überall in der Wohnung schon bei deren Übergabe asbesthaltiger Staub befunden, der in der Bauphase entstanden und nicht vollständig beseitigt worden sei.
Die Klägerin habe im Zuge der bestimmungsgemäßen Nutzung der Wohnung Asbestfasern in ihre Lunge aufgenommen, mithin einen Gesundheitsschaden erlitten. Dass die Fasern (noch) nicht nachgewiesen werden könnten und eine akute Erkrankung noch nicht eingetreten sei, stehe dem Feststellungsinteresse nicht entgegen. Außerdem sei die Klägerin seit 2010 an …. erkrankt, und der Ausbruch dieser Krankheit sei auf die Asbestbelastung der Wohnung zurückzuführen. Dies sei jedenfalls tatsächlich zu vermuten, da andere konkrete Ursachen für den Ausbruch der Krankheit nicht ersichtlich seien.
ln zweiter Linie hafteten die Beklagten deshalb, weil sie die Klägerin nicht rechtzeitig auf die von den asbesthaltigen Bauteilen ausgehenden Gefahren hingewiesen hätten. Die Beklagte zu 2. habe die Mieter erst mit Schreiben vom 26. April 2013 in allgemeiner Form darüber informiert, dass die Wohnungen unter Verwendung asbesthaltiger Bauteile errichtet worden sein könnten. Nachdem asbesthaltige Bauteile 1993 verboten wurden und 1996 „die Asbestrichtlinie“ Handlungspflichten für den Eigentümer begründet habe, hätten die Beklagten aber jedenfalls schon im Jahr 1996 auf die von den asbesthaltigen Bauteilen ausgehenden Gefahren hinweisen müssen.
Die Berufung ist zulässig, insbesondere statthaft sowie form- und fristgerecht eingelegt sowie begründet worden, §§ 511, 517, 519, 520 ZPO.
Die Berufung hat mit dem Hilfsantrag Erfolg, soweit das Amtsgericht die auf zukünftige Schäden bezogene Feststellungsklage gegen beide Beklagte und die auf Zahlung von Schmerzensgeld gerichtete Schadenersatzklage gegen die Beklagte zu 2. als unbegründet zurückgewiesen hat. ln diesem Umfang wird das Urteil samt des ihm zu Grunde liegenden Verfahrens gemäß § 538 Abs. 2 Nr. 1 ZPO aufgehoben und die Sache an das Amtsgericht Charlottenburg zurückverwiesen, denn das Amtsgericht hat sich unter Verletzung des Anspruchs der Klägerin auf Gewährung rechtlichen Gehörs mit nicht haltbarer Begründung auf den Standpunkt gestellt, die Klägerin sei für die behauptete Asbestbelastung der Wohnung beweisfällig geblieben, statt die erforderliche aufwändige Beweisaufnahme durchzuführen. Die anteilige Aufhebung des Urteils und des zu Grunde liegenden Verfahrens ist zulässig, da sie klar abgegrenzte und selbstständig beurteilbare Klagegegenstände betrifft, über die gemäß § 301 ZPO auch durch Teilurteil entschieden werden kann (vgl. dazu Zöller/Heßler, ZPO, 32. Aufl. 2018, § 538 Rn. 49 m. w. N.; OLGR Karlsruhe 2004, 511 f.; beide zitiert nach juris).
Die Feststellungsklage ist aus den zutreffenden Gründen des angefochtenen Urteils mangels Rechtsschutzbedürfnisses der Klägerin unzulässig, soweit sie sich auf bereits entstandene Schäden bezieht; die Kammer nimmt nach nochmaliger Überprüfung insoweit Abstand von dem mit der Ladungsverfügung vom 19. Oktober 2017 erteilten Hinweis zu a). Gegenstand des Feststellungsbegehrens sind materielle und immaterielle Schäden, die aus einer – bereits eingetretenen oder erst zukünftigen – Verletzung der Gesundheit der Klägerin erwachsen. Das Amtsgericht steht zu Recht auf dem Standpunkt, dass die Klägerin etwaige ihr bereits entstandene, also als Ausgleich für eine bereits eingetretene Gesundheitsverletzung einforderbare Schadenersatzforderungen beziffern und im Wege der Leistungsklage geltend machen müsste.
Die Ansicht der Klägerin, ihr sei bereits ein allerdings noch nicht bezifferbarer Gesundheitsschaden entstanden, da bereits Asbestfasern in ihre Lunge eingedrungen seien, trifft nicht zu. Eine Verletzung der Gesundheit ist eine medizinisch erhebliche Störung der körperlichen, geistigen oder seelischen Lebensvorgänge. Eine in die Lunge eingedrungene Asbestfaser erhöht zwar das Risiko, asbestbedingt zu erkranken, führt jedoch für sich genommen nicht zu einer medizinisch erheblichen Störung der Lebensvorgänge und hat noch keinen Krankheitswert; ob eine in die Lunge eingedrungene Asbestfaser zu einem Schaden führt, bleibt bis zum Ausbruch einer durch sie verursachten Erkrankung offen (vgl. LG Dresden – 4 S 73/10 -, Urt. v. 25.02.2011, ZMR 2011, 465 ff., Rn. 54 f. m. w. N., zitiert nach juris). Die Befürchtung der Klägerin, die Beklagten könnten ihr bei zukünftigen Ausbruch einer asbestbedingten Erkrankung die Verjährung eines darauf fußenden Schadenersatzanspruchs entgegen halten, geht fehl; denn ein Gesundheitsschaden entstünde erst mit dem Ausbruch der Krankheit. Nichts anderes gilt für den Fall, dass eine aktuelle Befürchtung der Klägerin, an aufgenommenen Asbestfasern tödlich zu erkranken, sich zukünftig zu einer psychischen Belastung mit Krankheitswert entwickeln sollte; auch hier entstünde ein Gesundheitsschaden erst mit dem Eintritt einer medizinisch erheblichen Störung der Lebensvorgänge, nicht aber schon durch das bloße Nachdenken über mögliche Folgen der Asbestfaserexposition.
Im Übrigen ist die Feststellungsklage nach § 256 Abs. 1 ZPO zulässig, denn der Klägerin ist ein rechtliches Interesse an der Feststellung der Eintrittspflicht der Beklagten für zukünftige Schäden nicht abzusprechen. Anders als in dem von den Beklagten zitierten Fall des BGH (VIII ZR 19/13, Urt. v. 02.04.2014, GE 2014, 868 f., zitiert nach juris) liegt hier kein Gutachten vor, wonach die Möglichkeit eines Schadenseintritts als „sehr, sehr gering“ anzusehen sei. Die Wertung des Sachverständigen im Fall des BGH kann auf den vorliegenden Fall auch nicht mit dem Argument übertragen werden, die Klägerin habe eine gegenüber dem BGH-Fall höhere Wahrscheinlichkeit für den Eintritt eines Schadens nicht dargetan. Der im Fall des BGH betraute Sachverständige hat weder die hiesigen Fußbodenplatten untersucht noch das hier vorgetragene Ausmaß des Kontakts der Klägerin mit zerbrochenen Platten und losgeschabten Fußbodenkleber zu Grunde gelegt; im Fall des BGH hatte der Mieter die Fußbodenplatten nicht selbst zerkleinert und auch nicht selbst ohne Schutzmaßnahmen Kleber abgeschabt. Für die Zulässigkeitsprüfung ist außerdem der Vortrag der Klägerin zu Grunde zu legen, wonach sie seit 1980 einer ungesunden Asbestfaserbelastung ausgesetzt gewesen sei, deswegen Asbestfasern in ihre Lunge aufgenommen habe und damit rechnen müsse, dass diese zu potentiell tödlichen Erkrankungen führen werden. Ob diese Befürchtung ins Blaue hinein vorgetragen wird oder im Ausmaß der Asbestfaserexposition eine nachvollziehbare Basis findet, bedarf weiterer Sachaufklärung, sodass eine vollständige Abweisung der Feststellungsklage jedenfalls derzeit nicht in Frage kommt.
Schadenersatzansprüche gegen die Beklagten wegen eines anfänglichen Mangels der Wohnung und einer Garantiehaftung der Beklagten nach § 536 a Abs. 1 1. Alt. BGB bestehen entgegen der Ansicht der Klägerin allerdings nicht. Die Garantiehaftung führt nämlich nicht ohne weiteres dazu, dass Vermieter ohne Rücksicht auf Verschulden für Risiken haften müssen, die nach dem Stand von Technik und Wissenschaft zu Beginn des Mietverhältnisses noch nicht erkennbar waren (vgl. Schmidt-Futterer, Mietrecht, 13. Aufl. 2017, § 536 a Rn. 32 f.). Ein anfänglicher Mangel der Wohnung in Form einer abstrakten Gesundheitsgefährdung ihrer Bewohner liegt deswegen nicht vor, wenn die in den Mieträumen nachweisbare Konzentration von Schadstoffen sich im Rahmen der bei Abschluss des Mietvertrages geltenden Vorgaben und Richtlinien bewegt; das gilt auch dann, wenn sich die Grenzwerte auf Grund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse später verschärfen (vgl. BayObLG – RE-Miet 6/98 -, Rechtsentscheid v. 04.08.1999, WuM 1999, 568 ff., Rn. 23 ff., zitiert nach juris). Die Wohnung wird in einem solchen Fall erst dann nachträglich mangelhaft, wenn der Vermieter nach Bekanntwerden der verschärften Standards die Ursachen der Gefährdung nicht beseitigt (vgl. BayObLG, a.a.0., Rn. 25). Eine Haftung des Vermieters wegen eines anfänglichen Mangels der Mietsache kommt nur dann in Betracht, wenn der Mieter beweisen kann, dass ihm durch die in einem damals zulässigen Maß mit Schadstoffen belasteten Bauteile konkrete Gesundheitsschäden entstanden sind (vgl. BayObLG, a. a. 0., Rn. 26).
Eine Schadenersatzhaftung der Beklagten nach § 536 a Abs. 1 BGB wegen Verzugs mit der Beseitigung eines Mangels scheidet – jedenfalls für den Zeitraum bis zur Rechtshängigkeit der Klage – ebenfalls aus. Die Wohnung wurde nicht allein dadurch mangelhaft, dass asbesthaltige Baustoffe im Jahre 1993 verboten wurden und im Jahre 1996 die „Richtlinie für die Bewertung und Sanierung schwach gebundener Asbestprodukte in Gebäuden“ (im Folgenden nur: „Asbest-Richtlinie“) in Kraft trat. Asbestfasern in Fußbodenplatten sowie in entsprechendem Kleber sind nicht im Sinne der Richtlinie schwach gebunden. So lange Bodenplatten und Kleber unbeschädigt waren, bestand daher kein Mangel und mussten die Räume nicht saniert werden.
Die Beklagten hatten mangels Anzeige entsprechender Mängel keine Kenntnis davon, dass Fußbodenplatten gebrochen waren, und sie wussten bis zur Erhebung der Klage auch nichts von einem eigenmächtigen Eingriff der Klägerin in die Bausubstanz in den Jahren 1992 und 1999. Schadenersatzansprüche der Klägerin nach § 536 a Abs. 1 BGB wegen in den Jahren 1992 und 1999 nachträglich freigesetzter Asbestfasern sind deshalb nach § 536 c Abs. 2 BGB ausgeschlossen. Eine Pflicht der Beklagten, die Wohnung auch ohne Anzeige entsprechender Mängel anlasslos daraufhin zu untersuchen, ob sich Fußbodenplatten gelöst hatten oder gebrochen waren, bestand entgegen der Ansicht der Klägerin jedenfalls bis zur Klageerhebung nicht.
Da deliktische Ansprüche nach § 823 BGB wegen einer unterlassenen Sanierung der Wohnung aus den gleichen Gründen ausscheiden, ist das Amtsgericht im Ansatz zu Recht davon ausgegangen, dass eine Schadenersatzhaftung der Beklagten nur nach §§ 280, 241 BGB – und deckungsgleich nach § 823 BGB wegen Verletzung der Verkehrssicherungspflicht – deswegen in Betracht kommt, weil sie die Klägerin nicht rechtzeitig auf die von den asbesthaltigen Materialien ausgehenden Gesundheitsgefahren hinwiesen. Zu Unrecht hat sich das Amtsgericht aber auf den Standpunkt gestellt, die Verletzung einer solchen Hinweispflicht lasse sich durch das von der Klägerin angebotene Sachverständigengutachten nicht feststellen, weil in der Wohnung aktuell keine Fußbodenplatten und Kleberreste mehr vorhanden seien, die ein Sachverständiger auf eine Asbestbelastung untersuchen könne. Die Klägerin hat bereits in der Klageschrift ausgeführt, dass sich in der Kammer der Wohnung immer noch Plattenbruch befinde; das Amtsgericht hat diesen Sachvortrag der Klägerin übergangen und die Klägerin auch nicht nach § 139 ZPO darauf hingewiesen, dass der ihr obliegende Beweis mit den angebotenen Beweismitteln nicht zu führen sei. Die darin liegende Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör stellt sich als grober Verfahrensmangel im Sinne des § 538 Abs. 2 Nr. 1 ZPO dar, auf dem die Entscheidung auch beruht. Denn eine Haftung der Beklagten für die von der Klägerin befürchteten zukünftigen materiellen und immateriellen Schäden ist entgegen der Ansicht der Beklagten nicht schon aus anderen Gründen ausgeschlossen.
Waren in der Wohnung tatsächlich asbesthaltige Materialien verbaut worden, so musste die Beklagte zu 2. als Bauherrin der Immobilie dies wissen. Als professionelle Vermieterin musste die Beklagte zu 2. nach dem Verbot asbesthaltiger Baustoffe im Jahre 1993 spätestens bei Erlass der Asbest-Richtlinie im Jahre 1996 erkennen, das von den asbesthaltigen Baustoffen im Falle ihrer Beschädigung konkrete Gesundheitsgefahren für die Mieter ausgehen konnten. Sie hatte zudem schon auf Grund des Baualters des Gebäudes hinreichenden Anlass, ihren Wohnungsbestand daraufhin zu untersuchen, ob bei der Errichtung asbesthaltige Baustoffe verwendet wurden.
Ein auf die Verletzung dieser im Jahre 1996 entstandenen Pflicht gegründeter Schadenersatzanspruch wäre nicht verjährt, da die Klägerin die Pflichtverletzung erst nach der Erteilung des Warnhinweises im Jahre 2013 erkennen konnte, die Verjährungshöchstfrist gemäß § 199 Abs. 2 BGB 30 Jahre beträgt und die nach Art. 229 § 6 EGBGB beachtlichen Verjährungsregelungen nach der bis zum 31. Dezember 2001 geltenden Rechtslage gemäß §§ 195, 852 BGB a. F. ebenfalls noch nicht zur Verjährung des Anspruchs geführt hätten.
Die Pflichtverletzung wäre für den behaupteten zukünftig drohenden Schaden auch kausal. Die nach dem neuen Sachvortrag der Klägerin bereits im Jahre 1992 vorgenommenen Sanierungsarbeiten und ein dadurch erhöhtes Risiko einer Gesundheitsschädigung wären den Beklagten zwar nicht zuzurechnen, da nicht ersichtlich ist, dass die Beklagte zu 2. die Klägerin bereits zu diesem Zeitpunkt auf die drohenden Gefahren hätte hinweisen müssen. Die nach neuem Vortrag der Klägerin im Jahre 1999 durchgeführten Sanierungsarbeiten hätte sie bei vertragsgemäßen Verhalten der Beklagten hingegen unterlassen, sodass diese und ein der Klägerin dadurch drohender Gesundheitsschaden den Beklagten zuzurechnen wären. Ein drohender Gesundheitsschaden wäre den Beklagten auch dann zuzurechnen, wenn die Sanierungsarbeiten, wie im ersten Rechtszug vorgetragen, insgesamt erst 2010 stattgefunden hätten.
Entgegen der Ansicht der Beklagten wäre ihre Haftung nicht wegen gänzlich überwiegenden Mitverschuldens der Klägerin ausgeschlossen. Zwar verletzte auch die Klägerin ihre Pflichten aus dem Mietverhältnis, indem sie die behaupteten Schäden am Fußboden nicht anzeigte, sondern stattdessen die losen und beschädigten Fußbodenplatten eigenmächtig entfernte und unsachgemäß entsorgte. Hätte die Klägerin sich vertragsgemäß verhalten, wäre sie einer deutlich geringeren Asbestfaserkonzentration ausgesetzt worden. Denn sie hätte in diesem Fall zwar ebenfalls den Teppich entfernt und dadurch in Folge Bruchs und Ablösung freigesetzte Fasern aufgewirbelt, hätte die Platten aber nicht selber unsachgemäß entsorgt. Vielmehr hätte die Beklagte zu 2. den defekten Fußbodenbelag nach einer Anzeige der Schäden ordnungsgemäß saniert, sodass das Risiko eines Gesundheitsschadens deutlich gemindert gewesen wäre.
Schließlich kann die gegen die Beklagte zu 1. gerichtete Feststellungsklage auch nicht schon deswegen abgewiesen werden, weil die Beklagte zu 1. selbst keine ihr der Klägerin gegenüber obliegenden Schutzpflichten verletzt hätte. Zwar wurde die Klägerin bereits im Jahre 2013, also vor dem Eintritt der Beklagten zu 1. in das Mietverhältnis, auf eine mögliche Asbestbelastung und die davon ausgehenden Gefahren hingewiesen. Die Beklagte zu 1. könnte inzwischen aber wegen eigenen Verschuldens nach § 536 a Abs. 1 BGB wegen Verzugs mit der Mangelbeseitigung für die von der Klägerin befürchteten Folgen einer Asbestexposition einzustehen haben; denn sie hat jedenfalls durch die Klageerhebung Kenntnis von den gebrochenen Fußbodenplatten sowie den eigenmächtigen Abrissarbeiten der Klägerin erhalten, bisher aber nicht dargelegt, überhaupt Bemühungen zur Untersuchung und fachgerechten Sanierung der Wohnung entfaltet zu haben. Der zu diesem Aspekt am Schluss der mündlichen Verhandlung gemäß § 139 Abs. 5 ZPO beantragten Erklärungsfrist hat die Beklagte zu 1. nicht bedurft. Die Parteien streiten seit Beginn des Rechtsstreits darum, ob die Wohnung mit asbesthaltigen Fußbodenplatten ausgestattet war und sich Asbestfasern in der Raumluft befanden oder noch befinden. Die Beklagten haben hinreichend Gelegenheit und Anlass gehabt, zu etwaigen Bemühungen um eine Untersuchung der Wohnung auf eine Belastung mit Asbestfasern vorzutragen.
Ebenso wenig kommt eine Teilabweisung der gegen die Beklagte zu 2. gerichteten Feststellungsklage in Betracht. Zwar gilt bei einem Vermieterwechsel nach § 566 BGB das Fälligkeitsprinzip. Dieses führt im Falle gestreckter Schadensersatzlagen, bei denen die Schadensverursachung vor dem Eigentumsübergang liegt, der Schadenseintritt und damit die Fälligkeit aber danach, dazu, dass der Erwerber für Pflichtverletzungen einzustehen hat, die er nicht verursachte und verschuldete; umgekehrt wird der für den Schaden verantwortliche Veräußerer aus der Haftung „entlassen“ (vgl. Schmidt-Futterer/Streyl, Mietrecht, 13. Aufl. 2017, § 566 Rn. 132 ff. m.w.N.; BGH – VIII ZR 22/04, Urt. v. 09.02.2005, NJW 2005, 1187; beide zitiert nach beck-online).
Das gilt aber nicht für eine gar nicht auf dem Mietvertrag beruhende Haftung der Beklagten zu 2. wegen Verletzung ihrer Verkehrssicherungspflichten nach § 823 BGB. Hinsichtlich etwaiger auf einer Verletzung der Hinweispflichten im Jahre 1996 beruhenden immateriellen Schäden kommt, da die Schadensursache vor dem 1. August 2002 gesetzt wurde, gemäß Art. 229 § 8 EGBGB ohnehin nur §§ 823, 847 BGB a. F. als Anspruchsgrundlage in Frage (vgl. Schmidt­ Futterer/Eisenschmidt, Mietrecht, 13. Aufl. 2017, § 536 a Rn. 82 m.w.N.); ein Eintritt der Beklagten zu 1. nach § 566 BGB in eine durch die Beklagte zu 2. verursachte Schadenersatzpflicht kommt insoweit auch deswegen nicht in Betracht, weil die Norm des § 253 BGB im Zeitpunkt der Schadensverursachung noch nicht existierte und das Gesetz eine auf einem Mietverhältnis beruhende Haftung für immaterielle Schäden überhaupt nicht vorsah.
Über den streitigen Sachvortrag der Klägerin ist folglich Beweis zu erheben. Die Beweisaufnahme ist aus den oben zur Zulässigkeit dargelegten Gründen nicht entbehrlich. Der Rechtsstreit wird, soweit das Amtsgericht die Feststellungsklage als unbegründet abgewiesen hat, auf den Hilfsantrag der Klägerin unter Aufhebung des Urteils und des zu Grunde liegenden Verfahrens an das Amtsgericht zurückverwiesen, denn auf Grund der Mängel des Urteils ist eine aufwändige Beweisaufnahme im Sinne des § 538 Abs. 2 Nr. 1 ZPO erforderlich.
Ein solcher Anspruch ergibt sich nicht aus §§ 812, 536 BGB, denn die Wohnung war nicht mangelhaft. Ein anfänglicher Mangel der Wohnung wegen asbesthaltigen Baustaubs lag, wie unter (1) a) ausgeführt, nicht vor. Nachdem die Klägerin die beschädigten asbesthaltigen Bodenplatten nebst Kleber bereits in den Jahren 1992 und 1999 im Wesentlichen entfernt hatte und der Boden seitdem mit Linoleum abgedeckt war, ging von dem Bodenbelag der Wohnung im Zeitraum ab 2005 keine Gesundheitsgefahr durch nicht oder nur schwach gebundene Asbestfasern mehr aus. Soweit in Folge der unsachgemäßen Abrissarbeiten der Klägerin in den Jahren 1992 und 1999 im Zeitraum ab September 2005 noch eine erhöhte Asbestfaserbelastung in der Raumluft der Wohnung vorhanden gewesen sein sollte, kann die Klägerin darauf eine Mietminderung gemäß § 536 c Abs. 2 BGB nicht stützen. Für die Beklagten war ein solcher Mangel der Wohnung nicht erkennbar, da die Klägerin ihnen im Zeitraum bis September 2015 weder die von ihr in den Jahren 1992 und 1999 festgestellten Beschädigungen der Bodenplatten noch ihre daraufhin vorgenommenen Abrissarbeiten angezeigt hatte. Die Klägerin kann die Miete schließlich auch nicht im Zeitraum nach Zugang des Hinweisschreibens vom 26. April 2013 wegen ihrer Befürchtung mindern, dass sie auf Grund ihrer Abrissarbeiten in den Jahren 1992 und 1999 einen Gesundheitsschaden erlitten habe oder werde; denn eine solche Befürchtung hat mit dem Zustand der Wohnung im Jahr 2013 nichts zu tun, stellt sich mithin nicht als damaliger Mangel der Wohnung dar.
Der verfolgte Mietrückzahlungsanspruch ergibt sich auch nicht als Schadenersatzanspruch wegen einer Verletzung des Äquivalenzinteresses der Klägerin. Ein Schadenersatzanspruch der Klägerin besteht dem Grunde nach, wie unter (1) ausgeführt, allenfalls nach §§ 280, 241 BGB wegen der Verletzung einer vertraglichen Nebenpflicht – also nach der Rechtslage bis 31. Dezember 2001 wegen „positiver Vertragsverletzung“ – sowie nach § 823 BGB wegen Verletzung der Verkehrssicherungspflicht, weil die Beklagte zu 2. pflichtwidrig nicht auf die von beschädigten Bodenplatten ausgehenden Gesundheitsgefahren hinwies. Das nach diesen Normen geschützte Interesse der Klägerin, im Zuge der Mietvertragsabwicklung vor Gesundheitsschäden bewahrt zu werden, ist aber von ihrem Interesse an der vertraglichen Hauptleistung zu unterscheiden, für die vereinbarte Miete den vollen ihr zustehenden Nutzen der Mietsache zu erhalten. Eine in Folge des unterbliebenen Hinweises und der deshalb unsachgemäß durchgeführten Abrissarbeiten beeinträchtigte Eignung der Wohnung zu Wohnzwecken stellt als solche keinen Gesundheitsschaden dar; die eingeschränkte Nutzbarkeit der Wohnung ist nicht nach §§ 280, 241 BGB, § 823 BGB auszugleichen, weil diese der Klägerin nachteilige Folge vom Schutzzweck der eine Haftung der Beklagten anordnenden Norm nicht erfasst ist.
Die Kammer macht von der Möglichkeit des § 21 GKG Gebrauch und ordnet im Rahmen des ihr eröffneten Ermessens an, dass die Gerichtskosten des Berufungsverfahrens nur zur Hälfte zu erheben sind; soweit die Berufung erfolglos bleibt, hat sich der grobe Verfahrensfehler des Amtsgerichts nicht ausgewirkt und lässt sich nicht feststellen, dass die Kosten bei richtiger Sachbehandlung nicht entstanden wären. Die Kostenentscheidung ist im Übrigen dem amtsgerichtliehen Schlussurteil vorzubehalten, das nach der Zurückverweisung dort ergehen wird.
Das vorliegende Urteil ist zur Beendung einer etwaigen Vollstreckung aus dem angefochtenen Urteil gemäß §§ 775 Nr. 1, 776 ZPO für vorläufig vollstreckbar zu erklären (vgl. Zöller/Heßler, a. a. 0., § 538 Rn. 59).

References: § 538
 § 301
 § 538
 § 256
 BGH 
 BGH 
 BGH 
 BGH 
 § 536
 § 536
 § 536
 § 536
 § 536
 § 823
 § 823
 § 139
 § 538
 § 199
 Art. 229
 § 6
 § 536
 § 139
 § 566
 § 566
 BGH 
 § 823
 Art. 229
 § 8
 § 536
 § 566
 § 253
 § 538
 § 536
 § 823
 § 823
 § 21
 § 538