Source: https://www.hensche.de/Keine_Nichtzulassungsbeschwerde_gegen_Verwerfung_der_Berufung_als_unzulaessig_BAG_6AZB105-14.html_03.03.2015_10.12.html
Timestamp: 2020-01-19 19:37:21+00:00

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BAG begrenzt Nichtzulassungsbeschwerde - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/060
BAG be­grenzt Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de
Kei­ne Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de, wenn das LAG ei­ne Be­ru­fung als un­zu­läs­sig ver­wor­fen hat: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 06.01.2015, 6 AZB 105/14
03.03.2015. Wer vor dem Ar­beits­ge­richt ver­lo­ren hat und Be­ru­fung zum Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) ein­legt, soll­te sei­ne Be­ru­fung sorg­fäl­tig be­grün­den, denn sonst droht die Ver­wer­fung der Be­ru­fung als un­zu­läs­sig.
Lässt das LAG in ei­nem sol­chen Fall nicht aus­nahms­wei­se den Gang zum Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu, ist ge­gen die Ver­wer­fung der Be­ru­fung als un­zu­läs­sig kein Kraut ge­wach­sen: Ei­ne Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ist dann von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen.
Das hat das BAG vor kur­zem be­kräf­tigt: BAG, Be­schluss vom 06.01.2015, 6 AZB 105/14.
Wel­che Kon­se­quen­zen dro­hen bei schlam­pi­ger Be­ru­fungs­be­gründung und wie geht es nach der Ver­wer­fung ei­ner Be­ru­fung als un­zulässig wei­ter?
Der Streit­fall: In­sol­venz­ver­wal­ter ver­liert ei­nen Kündi­gungs­schutz­pro­zess vor dem Ar­beits­ge­richt und be­gründet sei­ne Be­ru­fung nicht kor­rekt
BAG: Lässt das LAG in dem Be­schluss, der die Be­ru­fung als un­zulässig ver­wirft, die Re­vi­si­ons­be­schwer­de nicht zu, ist da­ge­gen die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de nicht statt­haft
Hat man vor dem Ar­beits­ge­richt, d.h. der ers­ten In­stanz, den Kürze­ren ge­zo­gen, kann man im All­ge­mei­nen gemäß § 64 Abs.1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) das Ur­teil mit der Be­ru­fung an­grei­fen. Zuständig ist das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG), und für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren vor den LAGs gel­ten die Vor­schrif­ten der Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) über die Be­ru­fung ent­spre­chend (§ 64 Abs.6 Satz 1 ArbGG).
Auf­grund die­ser Ver­wei­sung sind die LAGs als Be­ru­fungs­ge­rich­te im Prin­zip an die­sel­ben Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ge­bun­den wie die Land­ge­rich­te bzw. Ober­lan­des­ge­rich­te (OLGs), wenn sie zi­vil­recht­li­che Be­ru­fungs­ver­fah­ren zu ent­schei­den ha­ben.
Das wie­der­um heißt, dass man sich als Be­ru­fungsführer mit der ge­setz­lich zwin­gend vor­ge­schrie­be­nen Be­gründung sei­ner Be­ru­fung Mühe ge­ben muss: Man muss dem Be­ru­fungs­ge­richt ge­nau erklären, war­um das Ar­beits­ge­richt in sei­nem Ur­teil ei­nen oder meh­re­re Feh­ler ge­macht hat und war­um die­se Feh­ler ur­teilstra­gend sind, d.h. war­um das Ur­teil auf die­sen Feh­lern be­ruht (§ 64 Abs.6 Satz 1 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 520 Abs.3 Nr.2 und Nr.3 ZPO).
Die­se ge­dank­li­che bzw. ar­gu­men­ta­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit dem an­ge­grif­fe­nen Ur­teil soll es dem Be­ru­fungs­ge­richt er­leich­tern, die Knack­punk­te auf­zu­fin­den, über die in der zwei­ten In­stanz ge­strit­ten wer­den soll. Über­sieht der Be­ru­fungsführer hier ein ur­teilstra­gen­des Ar­gu­ment, ist sei­ne Be­ru­fung un­vollständig be­gründet. Dann muss das LAG die Be­ru­fung als un­zulässig ver­wer­fen (§ 522 Abs.1 Satz 2 ZPO). Das hat zur Fol­ge, dass ein Be­ru­fungs­ver­fah­ren erst gar nicht durch­geführt wird, d.h. das LAG be­fasst sich nicht wei­ter mit der An­ge­le­gen­heit.
Frag­lich ist, was der Be­ru­fungsführer ge­gen ei­nen sol­chen Ver­wer­fungs­be­schluss un­ter­neh­men kann, d.h. ob es hier ei­nen Weg zum BAG gibt. Zu die­ser Fra­ge enthält § 77 Satz 1 und 2 ArbGG fol­gen­de Re­ge­lung:
"Ge­gen den Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts, der die Be­ru­fung als un­zulässig ver­wirft, fin­det die Rechts­be­schwer­de nur statt, wenn das Lan­des­ar­beits­ge­richt sie in dem Be­schluss zu­ge­las­sen hat. Für die Zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de gilt § 72 Abs.2 ent­spre­chend."
Wie man die­ser Re­ge­lung ent­neh­men kann, hat das LAG darüber zu ent­schei­den, ob es den Gang zum BAG (aus­drück­lich) eröff­net, d.h. ob es die Rechts­be­schwer­de zulässt oder nicht. Das ent­spricht der Rechts­la­ge bei ei­nem Be­ru­fungs­ur­teil, das in der Sa­che selbst er­geht: Auch hier kann das LAG die Re­vi­si­on zu­las­sen. Lässt das LAG ge­gen ein Be­ru­fungs­ur­teil die Re­vi­si­on nicht zu, kann die un­ter­le­ge­ne Par­tei ei­ne sog. Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de beim BAG ein­le­gen (§ 72a ArbGG), die al­ler­dings nur sel­ten Er­folg hat.
Frag­lich ist, ob der Be­ru­fungsführer, des­sen Be­ru­fung we­gen (an­geb­lich) un­zu­rei­chen­der Be­gründung per LAG-Be­schluss als un­zulässig ver­wor­fen wur­de, ge­gen die­sen Be­schluss beim BAG Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de er­he­ben kann.
Im Streit­fall hat­te ein In­sol­venz­ver­wal­ter meh­re­ren Ar­beit­neh­mern gekündigt und war dar­auf­hin in meh­re­ren Par­al­lel­ver­fah­ren von den gekündig­ten Ar­beit­neh­mern ver­klagt wor­den. Ei­ne die­ser Kündi­gungs­schutz­kla­gen hat­te vor dem Ar­beits­ge­richt Er­folg, und der ver­klag­te In­sol­venz­ver­wal­ter leg­te Be­ru­fung zum LAG Ba­den-Würt­tem­berg ein.
Dort al­ler­dings un­ter­lief sei­nem An­walt ein fol­gen­schwe­rer Feh­ler: Er "be­gründe­te" die Be­ru­fung, in­dem er sich auf die Ar­gu­men­ta­ti­on ei­nes Ur­teils be­zog, das in ei­nem Par­al­lel­ver­fah­ren er­gan­gen war. Die "Be­ru­fungs­be­gründung" war da­her nicht kon­kret auf das an­ge­grif­fe­nen Ur­teil in die­sem Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren be­zo­gen, son­dern viel­mehr auf ein Ur­teil, das ein Kol­le­ge des kla­gen­den Ar­beit­neh­mers in ei­nem Par­al­lel­pro­zess erstrit­ten hat­te.
Ob­wohl die Ur­teils­be­gründun­gen bei sol­chen Kla­ge­wel­len oft ähn­lich sind und ob­wohl auch die Ar­gu­men­ta­ti­on des be­triebs­be­dingt kündi­gen­den Ar­beit­ge­bers (hier des In­sol­venz­ver­wal­ters) ge­genüber vie­len gekündig­ten Ar­beit­neh­mern oft ver­gleich­bar ist, soll­te man doch zu­min­dest in je­dem Ein­zel­fall auf das hier er­gan­ge­ne Ur­teil schau­en und sich des­sen Gründe ge­nau an­se­hen, wenn man in Be­ru­fung ge­hen möch­te.
Das hat­te der In­sol­venz­ver­wal­ter bzw. sein An­walt hier nicht ge­tan, und das hat­te die Zurück­wei­sung der Be­ru­fung als un­zulässig zur Fol­ge (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Be­schluss vom 15.09.2014, 4 Sa 23/14). In die­sem Be­schluss ließ das LAG die Re­vi­si­ons­be­schwer­de zum BAG nicht zu. Der In­sol­venz­ver­wal­ter leg­te dar­auf­hin Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de zum BAG ein.
Das BAG ent­schied eben­falls ge­gen den In­sol­venz­ver­wal­ter, d.h. es ver­warf sei­ne Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de als un­zulässig. Zur Be­gründung be­zieht es sich auf die ein­ge­schränk­te Ver­wei­sung in § 77 Satz 2 ArbGG.
Hier, d.h. in § 77 Satz 2 ArbGG, wird aus­drück­lich nur auf § 72 Abs.2 ArbGG Be­zug ge­nom­men. In § 72 Abs.2 ArbGG wie­der­um sind die Vor­aus­set­zun­gen ge­re­gelt, un­ter de­nen das LAG die Re­vi­si­on zu­zu­las­sen hat. Da­ge­gen enthält § 77 ArbGG kei­nen Ver­weis auf § 72a ArbGG, d.h. auf die Re­ge­lung zur Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de. Dar­aus hat­te das BAG be­reits in der Ver­gan­gen­heit den Schluss ge­zo­gen, dass der Be­ru­fungsführer, des­sen Be­ru­fung we­gen un­zu­rei­chen­der Be­gründung vom LAG per Be­schluss als un­zulässig ver­wor­fen wur­de, kei­ne Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ein­le­gen kann.
Auch un­ter Berück­sich­ti­gung der ak­tu­el­len Dis­kus­si­on und ver­fas­sungs­recht­li­cher Ar­gu­men­te bleibt das BAG bei sei­ner bis­he­ri­gen Li­nie. Es ist zwar ge­setz­lich nicht ge­re­gelt, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der am LAG täti­ge Be­rufs­rich­ter (er bil­det zu­sam­men mit zwei eh­ren­amt­li­chen Rich­tern die Kam­mer des LAG) über die Ver­wer­fung ei­ner Be­ru­fung als un­zulässig
al­lei­ne am Schreib­tisch per Be­schluss ent­schei­den soll­te (Grund­la­ge ist hier § 66 Abs.2 Satz 2, 2. Halb­satz ArbGG) oder aber bes­ser
zu­sam­men mit sei­nen eh­ren­amt­li­chen Rich­ter­kol­le­gen per Ur­teil,
aber al­lein in die­ser Ver­fah­rens­al­ter­na­ti­ve liegt noch kein Ver­fas­sungs­ver­s­toß, so das BAG, ob­wohl der vom LAG-Vor­sit­zen­den ein­ge­schla­ge­ne Weg er­heb­li­che ver­fah­rensmäßige Aus­wir­kun­gen hat:
Ver­wirft der Vor­sit­zen­de die Be­ru­fung al­lei­ne im We­ge des Be­schlus­ses und lässt die Re­vi­si­ons­be­schwer­de nicht zu, hat die be­trof­fe­ne Par­tei kei­ne Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de, ver­wirft er die Be­ru­fung da­ge­gen zu­sam­men mit den eh­ren­amt­li­chen Rich­tern per Ur­teil und lässt das Ur­teil die Re­vi­si­on nicht zu, ist ei­ne Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de möglich, denn es ist ja ein LAG-Ur­teil in der Welt (und nicht nur ein Be­schluss). Ein Ver­s­toß ge­gen das Ver­fas­sungs­prin­zip des "ge­setz­li­chen Rich­ters" (Art.101 Abs.1 Satz 2 Grund­ge­setz - GG) liegt hier­in aber nicht, so das BAG.
Fa­zit: LAGs rin­gen sich äußerst un­gern und dem­ent­spre­chend sel­ten zu der Be­wer­tung durch, dass ei­ne Be­ru­fungs­be­gründung un­zu­rei­chend be­gründet ist und die Be­ru­fung da­her be­reits aus die­sem for­ma­len Grund als un­zulässig zu ver­wer­fen ist. Die we­ni­gen Fälle, in de­nen sol­che Ent­schei­dun­gen er­ge­hen, sind da­her von ei­nem ziem­lich deut­li­chen Des­in­ter­es­se des Be­ru­fungsführers an ei­ner sach­li­chen Ar­gu­men­ta­ti­on ge­prägt. Oft soll die Be­ru­fung hier nur den Ein­tritt der Rechts­kraft hin­aus­schie­ben.
Ver­wirft das LAG bzw. ein Kam­mer­vor­sit­zen­der in der­ar­ti­gen Fällen ei­ne man­gel­haft be­gründe­te Be­ru­fung per Be­schluss als un­zulässig und lässt die Re­vi­si­on nicht zu (war­um auch?), ist es sach­ge­recht, dass die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ge­ne­rell aus­ge­schlos­sen ist.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 06.01.2015, 6 AZB 105/14
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Be­schluss vom 15.09.2014, 4 Sa 23/14

References: § 64
 § 520
 § 77
 § 72
 § 77
 § 77
 § 72
 § 72
 § 77
 § 72
 § 66