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Timestamp: 2019-04-20 20:55:51+00:00

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Kündigungsschutzklage ohne Kündigungsschutzprozess - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/109
Bei Kün­di­gungs­schutz­kla­gen muss man auf ei­ni­ge For­ma­li­tä­ten ach­ten
Wie pin­ge­lig müssen Kündi­gungs­schutz­kla­gen und Be­glau­bi­gungs­ver­mer­ke auf den Kla­ge­ab­schrif­ten un­ter­schrie­ben wer­den?
Der Streit­fall: Nicht nur die Kündi­gungs­schutz­kla­ge ist mit ei­nem Na­menskürzel "un­ter­schrie­ben", son­dern auch die be­glau­big­te Ab­schrift
LAG Ba­den-Würt­tem­berg: Oh­ne kor­rekt un­ter­schrie­be­nen Be­glau­bi­gungs­ver­merk kei­ne wirk­sa­me Kla­ge­zu­stel­lung
Anwälte ha­ben oft we­nig Zeit. Aber wenn es dar­um geht, ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ein­zu­rei­chen, soll­te man ein "slob­bie" sein, d.h. zu den slow but bet­ter working peop­le gehören. Denn so­viel Zeit muss im­mer sein, dass man als An­walt ei­ne or­dent­lich und vollständig ge­schrie­be­ne Un­ter­schrift un­ter die Kla­ge­schrift setzt.
Und mit Un­ter­schrift ist der vol­le Na­mens­zug ge­meint, d.h. der vollständig aus­ge­schrie­be­ne Nach­na­me und nicht et­wa nur ein Hand­zei­chen ("Pa­ra­phe"). Rechts­an­walt Max Mus­ter­mann muss da­her sei­nen gan­zen "Mus­ter­mann" un­ter die Kla­ge­schrift schrei­ben und nicht nur ein Hand­zei­chen wie "M. M." oder "Mu." oder "Musm".
Denn ei­ne sol­che Un­ter­schrift gehört gemäß § 253 Abs. 4 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) in Verb. mit § 130 Nr.6 ZPO zu den we­sent­li­chen Er­for­der­nis­sen ei­ner Kla­ge­schrift. Und oh­ne Un­ter­schrift ist ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge un­zulässig und da­her ab­zu­wei­sen (LAG Hamm, Ur­teil vom 17.11.2011, 8 Sa 781/11).
Da­bei kann man sich als Kläger bzw. kla­gen­der An­walt zwar theo­re­tisch dar­auf be­ru­fen, dass ein sol­cher Man­gel gemäß § 295 Abs.1 ZPO "ge­heilt" wird, weil sich nämlich die Ge­gen­par­tei oh­ne Be­an­stan­dung die­ses - ihr be­kann­ten - Form­feh­lers zur Sa­che geäußert hat. Doch ei­ne sol­che "rüge­lo­se Ein­las­sung" kommt sel­ten vor. Denn dass das Ori­gi­nal der Kla­ge­schrift kei­ne kor­rek­te Un­ter­schrift enthält, kann der Be­klag­te nicht wis­sen, weil sich die Ori­gi­nal­kla­ge­schrift in der Ge­richts­ak­te be­fin­det.
Und wenn das Ge­richt die Par­tei­en auf die feh­len­de Un­ter­schrift hin­weist, wird sich der be­klag­te Ar­beit­ge­ber auf die­sen Form­m­an­gel natürlich auch be­ru­fen. Denn wenn die Kla­ge ein­mal man­gels Un­ter­schrift als un­zulässig ab­ge­wie­sen wird, hat der be­klag­te Ar­beit­ge­ber den Streit um die Wirk­sam­keit der Kündi­gung endgültig ge­won­nen, weil ei­ne er­neu­te Kündi­gungs­schutz­kla­ge we­gen der mitt­ler­wei­le lan­ge ab­ge­lau­fe­nen Drei­wo­chen­frist (§ 4 in Verb. mit § 7 Kündi­gungs­schutz­ge­setz - KSchG) ab­zu­wei­sen wäre.
Frag­lich ist, wel­che Fol­gen es hat, wenn nicht (oder nicht nur) das in der Ge­richt be­find­li­che Ori­gi­nal der Kla­ge­schrift kei­ne kor­rek­te Un­ter­schrift trägt, son­dern (auch) die Ab­schrift der Kla­ge, die dem Ar­beit­ge­ber vom Ge­richt zu­zu­stel­len ist. Die­se Ab­schrift muss be­glau­bigt sein, d.h. ei­nen ge­richt­li­chen oder vom kla­gen­den An­walt stam­men­den Ver­merk tra­gen, dem zu­fol­ge die Ab­schrift mit dem Ori­gi­nal der Kla­ge übe­rein­stimmt.
Lei­der war die Kündi­gungs­schutz­kla­ge aber von der Anwältin nur mit den An­fangs­buch­sta­ben ih­res Vor- und Nach­na­mens „R. T.“ un­ter­zeich­net. Und auch die von der Anwältin bei­gefügte "be­glau­big­te Ab­schrift" der Kla­ge­schrift trug nur ei­nen auf­ge­stem­pel­ten Ver­merk „Be­glau­big­te Ab­schrift“, un­ter dem sich wie­der­um das Na­menskürzel „R. T.“ be­fand. In der ei­gent­li­chen Un­ter­schrifts­zei­le der Ab­schrift der Kla­ge­schrift be­fand sich kei­ne Un­ter­schrift.
Die­se „be­glau­big­te Ab­schrift“ wur­de dem be­klag­ten In­sol­venz­ver­wal­ter vom Ar­beits­ge­richt Stutt­gart zu­ge­stellt. Später wies das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge als un­be­gründet ab, weil es der Mei­nung war, der Ver­wal­ter hätte zu­recht gekündigt.
In dem da­ge­gen vom Ar­beit­neh­mer an­ge­streng­ten Be­ru­fungs­ver­fah­ren vor dem LAG Ba­den-Würt­tem­berg wies das LAG dar­auf hin, dass die Kla­ge­schrift nicht ord­nungs­gemäß un­ter­schrie­ben war. Außer­dem kam her­aus, dass auch die "be­glau­big­te Ab­schrift" der Kla­ge in Wahr­heit kei­ne kor­rek­te be­glau­big­te Ab­schrift war.
Fa­zit: Übli­cher­wei­se rei­chen Anwälte ne­ben der Kla­ge­schrift (Ori­gi­nal) ei­ne von ih­nen be­glau­big­te Ab­schrift (= Fo­to­ko­pie) der Kla­ge­schrift bei Ge­richt ein, da­mit das Ge­richt die be­glau­big­te Ab­schrift an den Be­klag­ten zu­stel­len kann. Dann muss die be­glau­big­te Ab­schrift bzw. der auf ihr an­ge­brach­te Be­glau­bi­gungs­ver­merk vom An­walt un­ter­schrie­ben sein. Auch hier genügt kei­ne Pa­ra­phe, wie das LAG Ba­den-Würt­tem­berg klar­ge­stellt hat.
Wie wich­tig ein pin­ge­li­ger Be­glau­bi­gungs­ver­merk ist, wird klar, wenn man sich den Fall so vor­stellt, dass die Ori­gi­nal­kla­ge­schrift kor­rekt un­ter­schrie­ben wor­den wäre. Dann wäre nämlich die hier ver­stri­che­ne Zeit zwi­schen Ein­rei­chung und Zu­stel­lung der Kla­ge viel zu lang, um die Drei­wo­chen­frist noch als ge­wahrt an­se­hen zu können.
Denn wenn durch die Zu­stel­lung ei­nes Schrift­sat­zes (z.B. ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge) ei­ne Frist ge­wahrt wer­den soll (z.B. die Drei­wo­chen­frist der § 4 und § 7 KSchG), wird die Frist gemäß § 167 ZPO nur dann mit Ein­rei­chung des Schrift­sat­zes bei Ge­richt ge­wahrt, wenn des­sen Zu­stel­lung "demnächst er­folgt". Da­von kann je­den­falls dann nicht mehr die Re­de sein, wenn zwi­schen Ein­rei­chung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge und Zu­stel­lung ei­ner kor­rekt be­glau­big­ten Ab­schrift mehr als fünf oder sechs Mo­na­te lie­gen.
Das trau­ri­ge Er­geb­nis sol­cher an­walt­li­chen Fehl­leis­tun­gen sind Kündi­gungs­schutz­kla­gen oh­ne Kündi­gungs­schutz­pro­zes­se, d.h. der An­walt reicht letzt­lich nutz­lo­se Pa­pie­re bei Ge­richt ein.

References: § 253
 § 130
 § 295
 § 7
 § 4
 § 7
 § 167