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Timestamp: 2018-05-27 23:13:11+00:00

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Die Geschichte des Gymnasiums Hechingen | Gymnasium Hechingen
Das Gymnasium im Dritten Reich
Das Reformrealgymnasium im Kaiserreich von 1909 bis 1918
Das Reformrealgymnasium in der Weimarer Republik von 1918 bis 1933
Die Geschichte des Gymnasiums Hechingen
Die Oberschule / das Gymnasium Hechingen von 1945 bis 2012
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1. Höhere Schulen („Gymnasium“, Bürgerschule, Realschule)
in Hechingen von 1775 bis 1909
Autor: Dr. Gunter Tietz
Das Hauptgebäude des Gymnasiums seit 1909
Die Darstellung der Geschichte des Gymnasiums Hechingen und seiner Vorläufer stützt sich vor allem auf das reiche Quellenmaterial im Schularchiv des Gymnasiums. Die Archivbestände des Gymnasiums sind recht umfangreich und ab dem Schuljahr 1856/57 weitgehend erhalten. Besonders ergiebig sind die meist gedruckten Jahresberichte des Schulleiters über das jeweils zurückliegende Schuljahr und die vollständig erhaltenen Protokollbücher der Lehrerkonferenzen ab 1856. Die Darstellung schreitet weitgehend chronologisch voran. Berücksichtigung finden auch der Alltag der Schüler in und außerhalb der Schule, die Festkultur, die Integration der Kinder aus heimatvertriebenen und geflüchteten Familien nach dem Zweiten Weltkrieg sowie das gesellschaftliche, kirchliche und wirtschaftliche Umfeld der Schule.
Eine vertiefte Darstellung erfahren die circa 15 Jahre der Weimarer Republik vom November 1918 bis Anfang 1933, die ersten Jahre im Dritten Reich und die Nachkriegsjahre 1945-1948.
1.1 Zur Vorgeschichte der Realschule / höheren Bürgerschule 1775- 1845
Die erste höhere Schule in Hechingen war eine für das 18. Jahrhundert fortschrittliche Lateinschule mit fünf Klassen. Sie befand sich in der "alten Kanzlei". Gegründet und finanziell ausgestattet hatte sie im Oktober 1775 Fürst Joseph Wilhelm von Hohenzollern-Hechingen. Anregungen dürften ausgegangen sein von der Gründung der Karlschule auf der Solitude (1770) im Herzogtum Württemberg und der öffentlichen Lateinschule des Franziskanerkloster Hedingen 1770 im benachbarten Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen. Die beiden ersten "Professores" in Hechingen waren 1775 die beiden Franziskanerpatres des Klosters St. Luzen Donatus Kramer und Ocatavianus Windelstein, der letzte Professor emeritus 1796 Philippinus Melber (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 3-5; Analecta Franciscana, Band VIII, 1946, S. 293 und 295). Der Unterricht war für einheimische und fremde Schüler kostenlos. Primäre Bildungsziele waren "Zucht, Ehrbarkeit, gute Sitten und wahre Gottesfurcht". Die höhere Schule diente der Heranbildung von Priestern und Staatsbeamten. Besonderer Wert wurde auf Latein, Griechisch und die deutsche Sprache gelegt; hinzu kamen Französisch, fakultativ Italienisch, ferner Naturgeschichte, Naturlehre, Rechnen, Geschichte und Erdkunde (Hohen-zollernsches Wochenblatt, Hechingen, 1. 10. und 5.10.1856; L. Egler 1906, S. 200-201).
Fürst Hermann Friedrich Otto von Hohenzollern-Hechingen (1798-1810) hob das „Gymnasium“ wieder auf.
Fürst Joseph Wilhelm hatte zwar 1781 die allgemeine Schulpflicht für Sechs- bis Zwölfjährige eingeführt; dennoch gab es unter den Hechinger Bürgern und den weitaus zahlreicheren Hintersassen (Einwohnern ohne Bürgerrecht) immer noch etliche, die nicht ausreichend lesen und schreiben konnten (L. Egler 1906, S. 205 und S. 240). Auch dieser Mangel dürfte die beiden städtischen Elementarschullehrer Valentin Kohler und Konrad Sauter veranlasst haben, Ende 1841 eine private Winterabendschule für Gewerbetreibende und Handwerker zu gründen. Sie hatten Erfolg und ihre Abendschule wurde 1844 mit Unterstützung der Stadt in eine private Realschule umgewandelt (SchA, Acta des königlichen Stadtschultheißenamtes. Betreff: Gründung einer höheren Bürger- resp. Realschule 1843 - 1858).
1.2 Mühevoller Aufbau der Realschule/höheren Bürgerschule, finanzielle Sorgen, zeitweise bescheidene Anziehungskraft, harmonische Einbindung in das weltliche und kirchliche Leben der Stadt 1845-1878
Die Privatschule ging 1845 in der staatlichen „Real- und Vorbereitungsschule für das Gymnasium" auf, die bis 1856 für jede Schulart zwei Kurse führte, den ersten Kurs mit zwei Abteilungen. Die Schüler der beiden Schularten hatten dieselben Stundentafeln, abgesehen vom Latein- und Griechischunterricht. Die Gesamtschülerzahl lag in den Jahren 1849 bis 1856 bei bescheidenen 30 bis 54. Die Stadt stellte zwei Klassenzimmer im 2. und 3. Stock des Obertorhauses am Kirchplatz zur Verfügung. Unterricht erteilten ab 1845 vor allem die beiden Elementarschullehrer Valentin Kohler (1845-1881) und Konrad Sauter (1845-1863). Sauter war eine bekannte Persönlichkeit der Stadt, manche Jahre im Vorstand des Gewerbevereins, im Stadtrat, im Musikverein, Redakteur des Hohenzollernschen Wochenblatts, 1848 städtischer Abgeordneter im außerordentlichen Landtag des Fürstentums und bis 1857 gleichzeitig Lehrer an der Elementarschule (JB 1863, S. 25). Zum Lehrerkollegium gehörten jahrelang auch der Hofkammerrat und Schulinspektor Franz Xaver Ribler (Latein), der Leutnant Ribler (Französisch), der kath. Pfarrverweser Heitz (Religion und Griechisch), der israelitische Lehrer Bernheim (Französisch) und der Lithograph J. C. Daiker (Kalligraphie und Kunstzeichnen). Den kath. Religionsunterricht erteilten der Kooperator Heitz, danach u. a. die Stadtpfarrer Dannegger und Schön. Den evangelischen Religionsunterricht erteilte 1856/57 der Pfarrvikar Schreiber. Den "hebräischen Religionsunterricht" erteilte anfangs der Rabbiner Dr. Samuel Mayer außerhalb des offiziellen Unterrichts, ab 1878 mit regulärem Auftrag Lehrer der israelitischen Volkschule, ab 1908 der Rabbinatsverweser Leon Schmalzbach (Festschrift des Gymnasiums 1910; S. 6-7, 29 und 31; JB 1856/57 S. 3-7; JB 1863, S. 24; O. Werner 1980, S. 120 ff.).
Die Schule unterstand von 1845 bis 1851 der vom regierenden Fürsten Friedrich Wilhelm Konstantin von Hohenzollern-Hechingen ernannten „Spezial-Schulkommission“, an deren Spitze Stadtpfarrer Dekan Bulach stand. Bei Neuanmeldungen waren ihm "Schul-, Sitten- und Taufzeugnisse" vorzulegen (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 6).
Finanziert wurde die höhere Schule durch die Staats- bzw. Landeskasse sowie durch die Stadtgemeinde (jährlich 100 Gulden ab 1845, 330 Gulden ab 1854, 540 Gulden ab 1873 und 4000 Mark von 1876-1887), das Schulgeld (1857 12 Gulden jährlich), von 1845 bis 1853 auch durch einen hohen „Gnadenbeitrag" von 600 Gulden des Fürsten Friedrich Wilhelm Konstantin (1854 von der Landeskasse in Sigmaringen übernommen)und von 1864 bis 1888 durch eine jährliche Zuwendung von 300 Gulden des Fürsten Karl Anton bzw.Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen. Mit einem wachsenden Anteil war auch die israelitische Gemeinde beteiligt; ab 1864 betrug er 100 Gulden (SchA, Acta des kgl. Schultheißenamtes 1843-1858 R. Nr. 18; Festschrift 1910, S. 39-40).
Die höhere Schule in Hechingen trug bis 1912 folgende Namen: ab 1857 Königlich Preußische Realschule, ab 1861 Höhere Bürgerschule, ab 1863 Kgl. höhere Bürgerschule (mit Latein), ab 1883 Realprogymnasium, ab 1885 Höhere Bürgerschule (ohne Latein), ab 1892 Königliche Realschule und ab 1909 Königliches Reformrealgymnasium (Frankfurter System), bis 1912 mit dem Zusatz „in Entwicklung".
Von 1845 bis 1881 wurde fast durchgehend Französisch als erste und Latein als zweite Sprache unterrichtet (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 28-31). Bis 1856 waren sog. „Hospitanten“ vom Besuch einzelner Fächer befreit. Mit der 1881 einsetzenden Umwandlung der Realschule in eine lateinlose höhere Bürgerschule blieb Französisch die erste Fremdsprache und an die Stelle des Latein- trat der Englischunterricht. Französisch blieb auch nach der Umwandlung in ein Reformrealgymnasium von 1909 bis 1937 erste Fremdsprache.
Fürst Friedrich Wilhelm Konstantin von Hohenzollern-Hechingen hatte am 27. Februar 1850 abgedankt und die Souveränitätsrechte an König Friedrich-Wilhelm IV. von Preußen abgetreten. Die höhere Schule in Hechingen unterstand damit nicht mehr der 1845 vom Hechinger Fürsten ernannten „Schul-Spezialkommission“. Im Zuge der Neuordnung der Verwaltung wurde die höhere Schule ab 1852 dem Geschäftsbereich der preußischen Regierung in Sigmaringen und ab August 1873 dem Königlichen Provinzial-schulkollegium der Rheinprovinz in Koblenz zugeordnet (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 37). Oberste Behörde war das Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten in Berlin. Konsequenterweise kamen rund hundert Jahre lang die meisten Lehrer der höheren Schulen in Hechingen aus - meist katholischen -preußischen Provinzen, von der Rheinprovinz im Westen bis zur Provinz Ostpreußen im Nordosten (Jahresberichte; vgl. M. Hoffmann 2009, Kapitel „Preußisches Gymnasium im schwäbischen Land 1848-1871“).
1852 wurde der erste evangelische Schüler aufgenommen.
Ab Oktober 1855 drohte der Hechinger höheren Schule wegen Unterfinanzierung die Schließung. 1856 einigten sich die Stadt und der preußische Staat auf folgenden vorläufigen Kompromiss: Die Stadt akzeptiert, dass der preußische Staat den hauptamtlichen Rektor ernennt, die Rechte des katholischen Dekans als „Vorsteher“ der Schule auslaufen und die kleine Schule mit vorerst zwei Klassen in eine „Königlich Preußische Realschule“ umgewandelt wird.
Die Stadt Hechingen, die preußische Regierung in Sigmaringen, das Provinzial-schulkollegium in Koblenz und das Kultusministerium in Berlin konnten sich auch in den folgenden Jahren oft erst nach schwierigen Verhandlungen über die Schulform, den Ausbau der Schule sowie die Anstellung und eine angemessene Bezahlung der wissenschaftlichen Lehrer einigen. Mit der Verstaatlichung der Schule endete erst im Jahr 1888 das gemeinsame Patronat von Stadt und Staat (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 8-23).
Die Finanznot der Stadt war auch eine Folge der bis 1901 gültigen Gemeinde-Ordnung, nach der die Kommunalsteuern ausschließlich von den „Altbürgern“ der Stadt, das heißt von den allmendberechtigten Gewerbetreibenden, Handwerkern und kleinen Landwirten aufzubringen waren, aber nicht von den zugezogenen Fabrikanten und Beamten, die kein Bürgerrecht und keinen Anteil an den Allmenderechten besaßen (L. Egler 1906, S. 332; Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 20). Zwischen diesen beiden „Parteien“ blieb lange umstritten, ob der Lateinunterricht für alle verpflichtend sein sollte.
Im Oktober 1856 berief die königliche preußische Regierung für die Hohen-zollerischen Lande in Sigmaringen den Lehrer Dr. C. Jumpertz (1856-59) vom Kgl. Gymnasium Bonn zum kommissarischen Rektor an die Realschule in Hechingen. Das Kompatronat von Stadt und Schule zeigt sich darin, dass der Rektor „von dem geistlichen Regierungs- und Schulrat Lampenscherf in sein Amt und von dem Geistl. Rat Dekan Bulach in die Schule eingeführt wurde.“ (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 9 und JB 1857, S. 7) Die beiden ersten von der Königlichen Regierung berufenen Rektoren Dr. Carl Jumpertz und Adalbert Schunken blieben nur wenige Jahre an der kleinen Königlichen Realschule in Hechingen. Der häufige Wechsel der Lehrer war nicht nur eine Folge der weiten Entfernung zu anderen höheren Schulen in der preußischen Rheinprovinz, sondern auch durch eine geringere finanzielle Ausstattung der Lehrerstellen in Hechingen, wo die Lehrer keinen Wohnungsgeldzuschuss und die Hinterbliebenen nicht die übliche gesetzliche Versorgung erhielten (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 21).
Die "Instruktion für den Rektor der Realschule in Hechingen" vom 31.10.1856 beschrieb dessen Aufgaben und Pflichten. Nach § IV.9 war am Schuljahrsende eine jährliche öffentliche Schulprüfung vorgeschrieben und nach § V.4 sollten die Klassenlehrer ihre Schülern „auf ihren Stuben fleißig besuchen“. Den sehr jungen Schülern war der Wirtshausbesuch streng untersagt. Als wesentliche Bildungsziele nennt die Instruktion in § V eine wissenschaftliche Ausbildung, "christliche Gesinnung" und "entsprechenden frommen Wandel" (SchA, Mappe A 2, Instruktion der Königlichen Regierung in Sigmaringen).
Die Lehrerkonferenz beschloss, "morgens 8 Uhr die Schule mit einem Gebet zu eröffnen und nachmittags um 4 Uhr in gleicher Weise zu schließen." (SchA, Protokoll der LK 23. 2.1857)
Leitbilder einer vorbildlichen Amtsführung des Schulleiters finden sich wiederholt in Ansprachen anlässlich der Verabschiedung und Amtseinführung von Rektoren bzw. Direktoren. So lobte 1897 der neue Direktor Dr. J. Baar an seinem Vorgänger Prof. F. W. Röhr (1886-1897) dessen „Reichtum des Wissens, Eifer in Erfüllung seiner Berufspflichten, Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit im Verkehr mit den Mitgliedern des Lehrerkollegiums und liebevolle Fürsorge für das Wohl der ihm anvertrauten Jugend“ (JB 1897, S. 11) und der Geheime Regierungsrat und Provinzialschulrat Dr. Deiters vom Provinzialschulkollegium in Koblenz umschrieb die Erwartungen an den neuen Schulleiter Dr. Baar wie folgt: Zu den Aufgaben der Lehrer und des Direktors gehöre „vor allem die Pflege einer gläubigen, wahrhaft religiösen Gesinnung. . . Ferner die Erweckung wahrer Liebe zum Vaterlande, treuer Anhänglichkeit an das Herrscherhaus und entschiedener Verabscheuung aller unlauteren gegen das Staatswohl gerichteten Bestrebungen. . . Achten in ihm (dem Direktor) die Schüler den Mann wahrer Religiosität, unerbittlicher Wahrheitsliebe und Pflichttreue, echter Vaterlandsliebe und Königstreue, dann wird es seinem Worte leicht sein, auch sie auf die Notwendigkeit dieser Gesinnung hinzuführen.“ Abschließend verwiesen beide Redner auf die Liebe zu den Schülern als einer zentralen pädagogischen Grundhaltung (JB 1897, S. 13-15).
Die beiden Realschul-Klassen besuchten 1856/57 29 katholische und 2 evangelische Schüler sowie zehn "Israeliten", d. h. jüdische Kinder.
Für den 1857 eingeführten freiwilligen Lateinunterricht entschieden sich verhältnismäßig viele Schüler, deshalb wurde dieser 1859 wieder als Pflichtfach eingeführt (JB 1857; Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 29).
Die von der Königlichen Regierung 1857 genehmigten „Schulgesetze für die Realschule in Hechingen“ beschrieben in 24 Paragraphen vor allem die Pflichten der in der Regel zehn bis dreizehn Jahre alten Schüler. Einige Paragraphen dieser Schulordnung, die bedeutsame Erziehungs- und Bildungsziele und gesellschaftliche Erwartungen an die Schule aufzeigen, werden zitiert. Paragraph 5 bestimmte: "Vor allem in der Kirche soll sich der Schüler sittsam, eingezogen und andächtig betragen; er muss jedes Plaudern, Lachen, Umhergaffen und dergleichen vermeiden. . . Jeder muss in die Kirche ein Gebetbuch mitbringen." In Bezug auf soziales und sittliches Verhalten der Schüler erwartete die Schule: " § 14. Gegen seine Mitschüler betrage sich jeder zuvorkommend und liebevoll; er vermeide alles Schimpfen, Zanken und Klagen. . . § 15. Hörte oder sah einer seinen Mitschüler unsittlich reden oder handeln, so ist er verpflichtet, dem Rektor in seiner Wohnung davon Anzeige zu machen. . . § 23. Jedes Lärmen, jeder Unfug auf der Straße ist untersagt . . . § 24. Das Tabak-Rauchen, sowie der Besuch von Wirtshäusern oder öffentlichen Lokalen sowohl innerhalb als außerhalb der Stadt, ist strenge untersagt. Wünschen die Eltern ihre Kinder dorthin mitzunehmen, so haben sie vorher die Erlaubnis des Rektors einzu-holen." (JB 1856/57, S. 9-11; im Schularchiv liegt auch eine handschriftliche Fassung der Schulordnung vom 13.1.1857; vgl. die noch ausführlichere Disziplinarordnung der höheren Stadtschule zu Eupen im „Programm“ / Jahresbericht 1858 und die „Schulgesetze“ im Jahresbericht der Handelsschule Berlin 1861 (SchA), die sich auf Erlasse des preußischen Unterrichtsministeriums von 1824, 1828, 1832, 1841 und 1843 beziehen, sowie die Schulordnung für das Kgl. Gymnasium zu Insterburg in Ostpreußen im „Programm“ von 1889, S. 39-42).
Die öffentliche Schlussprüfung und Schlussfeier mit Gesang und Rezitation deutscher Balladen und Gedichte, oft auch eines französischen Gedichtes, z. B. von Lamartine oder Beranger sowie einer Ansprache des Rektors beendeten das jeweilige Schuljahr (JB 1857, S. 15-16 und JB 1863, S. 29-30, JB 1871, S.21-22). Erst als gegen Ende des Jahrhunderts die öffentlichen Prüfungen kein Interesse mehr fanden, schaffte das Kultusministerium diese Pflichtveranstaltung mit dem Erlass vom 7. Oktober 1893 ab (Zentralblatt für das gesamte Unterrichtswesen 1893, S. 779-780; D. Haubfleisch und Ch. Ritzi 2011, S. 184).
Das jährliche Schulgeld betrug 1857 jährlich zwölf Gulden, für Lateinschüler 16 Gulden. Im Haushaltsplan der Schule war es ein wichtiger Posten. 1858 belief es sich z. B. bei einer Etat-Gesamteinnahme von 2000 Gulden auf 450 Gulden. In manchen Jahren – abhängig von der Schülerzahl - lag der Anteil des Schulgeldes am Gesamtetat deutlich über 20 % (SchA, Acta des königl. Stadtschulheißenamtes 1843-1858; Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 40 und S. 49-51). Rektor Dr. Jumpertz schrieb im Jahresbericht 1856/57 (S. 9): „Unverdrossen wanderten mehrere Schüler durch Sturm und Regen täglich der Schule zu, ohne . . . durch ein warmes Mittagessen sich erquicken zukönnen" und er bat "Freitische" anzubieten. )
Die Lehrerkonferenz verhängte bis zur Jahrhundertwende hin und wieder Schulstrafen wie mehrstündiges Nachsitzen oder die Androhung des Schulausschlusses auch für Verstöße außerhalb des eigentlichen Schulunterrichts; z. B. wegen Tierquälerei, Flurfrevel, Steinewerfens, wegen unerlaubten Wirtshausbesuches, unentschuldigten Fehlens beim Schülergottesdienst, wegen groben Unfugs in der Kirche oder des Nichteinhaltens des "Silentiums", der zweistündigen stillen Arbeitszeit zu Hause (Protokolle der LK 25.6., 30.11. und 1.12.1857; 12.2. 1878; 25.10.1879). Zwei Lehrer überprüften die Einhaltung des "Silentiums" pro Woche bei drei bis vier Schülern.
Die Realschule im Obertorhaus 1845- 1873
Von 1860 bis 1888 führte ein sechsköpfiges „Kuratorium“ die örtliche Schulaufsicht. Vorsitzender war der jeweilige Stadtschulheiß. Weitere Mitglieder waren der kath. Stadtpfarrer, der Rektor der Realschule und jeweils ein Vertreter des Stadtrates, des Bürgerausschusses und der gebildeten Bürgerschaft (SchA, Mappe A 2, Dienstinstruktion für das Kuratorium der städtischen höheren Bürgerschule in Hechingen vom 30.5.1860; Stadtarchiv Hechingen, Akten, A 100, Nr. 244; Festschrift 1910, S. 9). Diesem Kuratorium unterstanden vor allem das Rechnungswesen, Schulgeldfragen, Disziplinarangelegenheiten und die Gebäudeaufsicht. Ihre Mitglieder hatten zudem den öffentlichen Prüfungen der Schule und deren "feierlichen Akten" beizuwohnen.
Ein durchgehend gutes Verhältnis zwischen der Schule, der städtischen Verwaltung und den beiden christlichen Konfessionen belegen die Jahresberichte der Schule bis 1933, dem Beginn der NS-Diktatur. Die Berichte informierten auch über die jährliche Vorbereitung der Schüler auf die erste heilige Kommunion, anfangs auch über den regelmäßigen Empfang der heiligen Sakramente durch die katholischen Schüler und über die Schülergottesdienste, die anfangs dreimal und ab den 70er Jahren zweimal pro Woche zu besuchen und von einem Lehrer zu beaufsichtigen waren (siehe JB 1857, S. 8 und 1863, S. 27; Protokoll der LK 23.4.1863). Als später auch einige evangelische Schüler die Bürgerschule/Realschule besuchten, wurde auch die Zahl der Konfirmanden vermerkt. Bis zum Ende des Jahrhunderts besuchten meist mehr jüdische Schüler als evangelische die Realschule. Ab der Jahrhundertwende stellten die Evangelischen jedoch dauerhaft die zweitgrößte Gruppe, war doch der Anteil der jüdischen Bevölkerung seit etwa 1850 kontinuierlich zurückgegangen, sodass 1905 in Hechingen nur noch 185 jüdische Bürger lebten. Um das Schuljahr 1908/09 herauszugreifen, in diesem letzen Jahr im Realschulgebäude in der Neustraße betrug die Zahl der jüdischen Schüler nur noch drei, gegenüber 106 katholischen und 13 evangelischen. Nicht-preußische Schüler wurden in der Statistik als „Ausländer“ geführt (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 49-51; Juden in Hechingen 1991, S. 47).
Der Stellenwert der religiösen Bildung lässt sich an der Chor-AG „kirchliche Gesänge“ ablesen. So lernten die Schüler der Höheren Bürgerschule „ein-, zwei- und drei-stimmige Turn-, Volks- und Vaterlandslieder, Lieder von alten Meistern und neueren Komponisten für vorkommende Festlichkeiten und Schulfeiern“, die katholischen Kinder aber auch Kirchenlieder und Motetten (JB 1888, S. 31). Für eine enge Verbindung zwischen der Schul- und den Kirchengemeinden sorgte auch, dass zeitweise Pfarrer beider Konfessionen als Religionslehrer dem Kollegium der Schule angehörten. Das unterschiedliche Profil des evangelischen und katholischen Religionsunterrichts zeigt exemplarisch das Verzeichnis der verwendeten Schulbücher im Schuljahr 1895/96 auf. Der katholische Religionslehrer verwendete u. a. den mittleren Diözesankatechismus, die biblische Geschichte von Schuster und einen Abriss der Kirchengeschichte, der evangelische Religions-lehrer u. a. Luthers Katechismus mit Spruchbuch, das Preußische Militärgesangbuch und Luthers Übersetzung des Alten und Neuen Testaments (JB 1896, S. 8).
Auf ein gutes Verhältnis der Hechinger Bürgerschule zur israelitischen Gemeinde deutet, dass die israelitische Gemeinde 1864 ihren jährlichen Beitrag von 65 auf 100 Gulden erhöhte und 1877 300 Mark für Lehrmittel und 300 Mark für Sammlungen spendete (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 35 und 39). Rektor Dr. Plifke (1863-67) legte Wert darauf, dass die jüdischen Schüler ihren Gottesdienst am Samstag von 8 Uhr bis 8.25 besuchen konnten (Jahresberichte).
Von 1863 bis 1867 leitete Rektor Dr. Adolf Plifke die Königliche höhere Bürgerschule in Hechingen. Er stammte aus Glatz in Schlesien, hatte in Bonn, Breslau und Berlin studiert, war Lehrer in Düsseldorf, Wipperfürt, Emmerich, Münster und Kehl gewesen, dazwischen Erzieher im Haus des Herzogs Beaufort-Spontin in Brüssel und Lehrer an einer privaten Military Academy bei Greenich, bevor er schließlich nach Hechingen berufen wurde, wo er sich erfolgreich um den Ausbau der kleinen höheren Schule bemühte und um eine Erhöhung der Schülerfrequenz erzielte. 1867 kam er auf tragische Weise ums Leben, als er auf dem nächtlichen Nachhauseweg in die ungeschützte Löschwassergrube auf dem Obertorplatz fiel (HHB, JB 1867, S. 26).
Die häusliche Studienzeit der Schüler am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag wurde auf 17 bis 19 Uhr festgesetzt. Nach dem Läuten der Abendglocke sollte sich kein Schüler mehr außerhalb des Hauses aufhalten (Protokoll der LK vom 23.4.1863; vgl. 21.5.1865).
Die „Schulfeier des Geburtstages Sr. Majestät des Königs“ Wilhelm I. am 20. März 1864 zeigt die typische Abfolge, vorgegeben durch die Gestaltungsanweisungen der königl. Abteilung des Ministeriums des Innern vom 22.8. 1856 (F. Schellack 1988, S. 287). Hauptelemente waren Liedvorträge, Deklamation von einigen vaterländischen Gedichten, eine patriotische Festansprache und abschließend die Hymne "Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands, Heil, König, dir!". In dieser Schulfeier hielt Schulleiter Dr. Plifke eine Rede, an der er wegen Bedenken der vorgesetzten Behörde in Berlin „einige leichte Abänderungen“ hatte vornehmen müssen, denn „der Ton in den Österreich betreffenden Stellen (war) hier und da etwas zu schroff gehalten“ war. Bedenklich erschien Berlin z. B. „die Anspielung auf die Stammburg Hohenzollern als Stammburg des zukünftigen deutschen Kaiserhauses“ (SchA, Brief des Geheimen Regierungsrates Duncker an den Rektor der Höheren Bürgerschule vom 22.2.1864, Mappe Feiern, o. S.). Offenbar sollten die Spannungen zwischen Berlin und Wien wegen des Ringens um die Vorherrschaft im Deutschen Bund nicht angeheizt werden.
Wegen des Fastnachtspiels „Das Ehrsame Narrengericht zu Grosselfingen“ erhielten die Schüler am Faschingsdonnerstag schulfrei (Protokoll der LK 22.2.1865).
Die höhere Bürgerschule verpflichtete die Schüler auf folgende detaillierte "Bade-Ordnung" (Ebenda, 21.5.1865): "§ 1. Es darf kein Schüler allein baden, wegen der möglichen Gefahr. § 2. Es ist bei strenger Strafe verboten, ohne Badehose zu baden . . . § 4. An Sonn- und Feiertagen darf niemals öffentlich gebadet werden." Der Schulschwimmunterricht wurde erst 1924 durch eine Verfügung des Kultusministers für verbindlich erklärt (JB 1925, S. 16).
Als württembergische Truppen im Auftrag des Deutschen Bundes vom 28. Juni bis 6. August das preußische Hohenzollern besetzten, wurde die höhere Bürgerschule vorübergehend geschlossen.
Die neu eingerichtete Tertia, die heutige 8. Klasse, hatte nur fünf Schüler. Die Sprachenfolge war: Latein ab der Sexta (der heutigen 5. Klasse), Französisch ab der Quinta und Englisch ab der Untertertia (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 30).
Zum Nachfolger von Dr. Plifke wurde 1868 der aus Sigmaringen stammende Dr. Ernst von Sallwürk von Wenzelstein ernannt. 1873wechselte er ins Großherzogtum Baden, wo er nach einem steilen Aufstieg im Schulwesen und an der TH in Karlsruhe 1907 zum Ministerialdirektor im Ministerium für Kultus und Unterricht ernannt wurde.Meyers Große Konversationslexikon von 1909 (S. 473) enthält eine lange Liste seiner Schriften zu Erziehungsfragen und zu großen Pädagogen.
August Evelt, Kreisgerichtsdirektor, Mitglied des Schul-Kuratoriums (1863-1884) und Abgeordneter von Hohenzollern im Reichstag des Norddeutschen Bundes (kath. Zentrum) von 1867 bis 1871 und Abgeordneter im Deutschen Reichstag für die liberale Reichspartei von 1871 bis 1874, setzte sich im Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten in Berlin wiederholt für den Bestand und den Ausbau der Höheren Bürgerschule ein (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 13 f.)
Der deutsch-französische Krieg beeinträchtigte die Unterrichtsversorgung der vier Klassen erheblich. Nach und nach wurden drei wissenschaftliche Lehrer zu den Fahnen gerufen. Nach Kriegsende (franz. Kriegserklärung am 19. Juli 1870 und Friedensvertrag am 10. Mai 1871) beteiligte sich die Schule an dem vom Kaiser angeordneten „allgemeinen Friedens- und Dankfest“ am 18. und am Trauergottesdienst für die Gefallenen am 19. Jul 1871 sowie „an dem von der Stadt den heimkehrenden Kriegern gegebenen Begrüßungsfeste“ am 3. August 1871 (JB 1870/71, S. 19; Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1871, S. 337-338, Erlass zur Friedensfeier vom 31.5.1871).
Die Sammlung für das Hermanns-Denkmal in Detmold, das an die Schlacht im Teuteburgerwald gegen die Römer 9 n. Chr. erinnern und ursprünglich ein Symbol der Einheit der deutschen Nation sein sollte, erbrachte ca. sieben Gulden (JB 1871, S. 19).
Die Schüler, die ihre Schullaufbahn mit dem Reifezeugnis abschließen wollten, wechselten bis1909 oft an das königlich katholische Gymnasium in Hedingen bei Sigmaringen. Im Schuljahr 1870/71 kam sogar ein knappes Drittel der Sigmaringer Gymnasiasten der Obertertia bis Oberprima aus dem Einzugsgebiet der Hechinger Realschule, d. h. der Region zwischen Jungingen und Haigerloch (SchA, Programm des Gymnasiums Sigmaringen 1871, S. 39-41).
Nach der Errichtung des Deutschen Kaiserreiches 1871 erhielt die Feier des Geburtstags von Kaiser Wilhelm I. am 22. März auch in Hechingen eine neue Perspektive, aber erst unter seinem Enkel Wilhelm II. weiteten sich im Königreich Preußen die angeordneten Geburtstags-Feierlichkeiten am 27. Januar erheblich aus. Getragen waren sie von einem unkritischen Reichspatriotismus und der Glorifizierung seiner Vorfahren, besonders von Wilhelm I. (F. Schellack 1988, S. 288-292; Jahresberichte).
An der Kgl. Höheren Bürgerschule im katholischen Hechingen fand die patriotische Sedanfeier (am 2. September) vergleichsweise wenig Beachtung. Im Jahresbericht 1873/74 findet sich der erste Vermerk. Er berichtet von der Teilnahme der in den Ferien anwesenden Schüler und Lehrer an der städtischen Sedanfeier und von einer Nachfeier mit einem Ausflug (JB 1873/74, JB 1877/78, 1878/79; JB 1879/80, S. 5 und JB 1881/82; Protokoll der LK vom 14.8.1877). Anfang der 80er Jahre erlosch das Interesse für die Sedanfeier endgültig. Das mangelnde Interesse an dieser patriotischen Feier dürfte auch darin zu suchen sein, dass Teile des politischen Katholizismus sich von den protestantischen, nationalliberalen Organisatoren dieses Festes nicht angesprochen fühlten. In vielen anderen Städten feierten jedoch höhere Schulen seit etwa 1874 den Sedantag bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs hinein mit musikalischen Beiträgen, Deklamationen und einer Festrede, begleitet von Turnspielen. Das trifft auch für das Königliche Gymnasium im damaligen Oels (seit 1945 Olesnica) zu, einer früher mit Hechingen durch eine Patenschaft verbunden, damals in Niederschlesien gelegenen Stadt (Jahresberichte des Königl. Gymnasiums zu Oels, z. B. SchA, JB 1890/91, S. 12; 1893/94, S. 12; 1901/02, S. 15; 1905/06, S. 18; 1909/10, S. 10 und 1914/15, S. 12; F. Schellack 1988, S. 278-286).
Den Schülern wurde vom Kollegium erlaubt, „sich während der Faschingstage zu maskieren, wobei jedoch weder Gesichtsmasken getragen noch das Gesicht bemalt oder unkenntlich gemacht werden" durfte. Der Besuch von Wirtshäusern war streng verboten und „das Ausbleiben über die Betglocke (das abendliche Läuten) hinaus“ war streng verboten (Protokoll der LK 8.2.1872; vgl. 6.2.1877).
Anfangs der 70er-Jahre konnte die Schule ein Harmonium für den Musikunterricht und zahlreiche Apparate für den Physik- und Chemieunterricht anschaffen sowie die Schulbibliothek von rund 1000 Bänden weiter aufstocken.
Die vier Klassen der Höheren Bürgerschule bezogen im April 1873 das neue Schulgebäude in der Neustraße. Fürst Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen hatte den Bauplatz kostenlos zur Verfügung gestellt und die Stadt die Baukosten von 22 000 Gulden übernommen. Eine eigene Turnhalle hatte die Schule nicht erhalten, deshalb fiel der Turnunterricht bei schlechtem Wetter und nahezu den ganzen Winter über aus (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 17; Th. Thele 1876, S. 83). Erst ab dem Schuljahr 1885/86 stand ein Turnsaal zur Verfügung; dennoch fiel im Winter der Turnunterricht öfters aus, weil der Saal unzureichend geheizt und geputzt wurde (JB 1903, S. 14; JB 1904, S. 17). Viele Jahre kämpfte die Schulleitung um die Überlassung eines geeigneten Spielplatzes (JB 1888, 1894 und 1905).
Die vom Rektor Dr. Ernst von Sallwürk angestrebte Reorganisation der Schule lehnte der preußische Kultusminister Falk ebenso ab wie das Ersuchen der Stadt um eine Verstaatlichung der Höheren Bürgerschule.
Die von Tübingen nach Hechingen 1869 errichtete Bahnstrecke wurde nach Balingen weitergebaut und verkürzte für einige Schüler den langen Schulweg.
Seit dem Reichsimpfgesetz vom 8. April 1874 musste jedes Kind im zweiten und zwölften Lebensjahr gegen Pocken geimpft werden. Deshalb war bei Neuaufnahme immer der Nachweis der Impfung bzw. der erfolgten Wiederimpfung vorzulegen.
Der „Kulturkampf“, den die preußische und die Reichsregierung mit Härte gegen den Einfluss der katholischen Kirche auf Staat, Gesellschaft und Schulwesen führten, hinterließ in den Akten der kleine höheren Schule in Hechingen nur wenige Spuren. So löste die Anweisung des preußischen Unterrichtsministers, ab November 1874 unter der Woche höchstens zwei Schülergottesdienste anzusetzen, keine Verstimmung aus. Die Befreiung jüdischer Schüler vom Schulbesuch am Sabbat und an jüdischen Feiertagen amtlich zu regeln oder ins Bemessen der israeltischen Schulkommission zu stellen, lehnte der Minister für geistliche usw. Angelegenheiten ab. Es sollten vielmehr die Betroffenen selbst nach ihrem Gewissen entscheiden (SchA, Mappe A, Schreiben des Rheinischen Provinzial- Schulkollegiums an Rektor Dr. Thele vom 30.10. und 14.11.1874).
Die heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche beeinträchtigten in den Jahren des "Kulturkampfes" in Hechingen die Akzeptanz der höheren Schule nicht in dem Maße wie in Sigmaringen, wo die Schülerzahl des Gymnasiums ab 1873 stark zurückging, weil es zu erheblichen Unstimmigkeiten und Konflikten zwischen den staatlichen Behörden einerseits und der katholischen Elternschaft und dem "Königlichen Katholischen Gymnasium zu Hedingen bei Sigmaringen" andererseits kam. So durfte ab 1873 das kath. Fideliskonvikt keine Schüler mehr aufnehmen und der Lehrer / Priester Dr. Johann Maier wurde 1875 wegen einer politischen Predigt zu einer einmonatigen Festungshaft verurteilt, von Dienst suspendiert und aus dem Schuldienst entlassen. Auch Direktor Dr. Stelzer, ein hervorragender Schulleiter mit entschieden katholischer Gesinnung wurde ein Opfer des von der vorgesetzten Schulbehörde in Koblenz geführten Kampfes gegen den Einfluss der katholischen Kirche in Staat und Gesellschaft. Um einer Strafversetzung an eine protestantische Schule in Ostpreußen zu entgehen, ließ er sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen (M. Hoffmann 2009, Kleine Schulchronik, Kapitel „Katholische Schule im protestantischen Reich“). Die kleine höhere Schule in Hechingen erlebte keine vergleichbaren Auseinandersetzungen und Turbulenzen. An der Hechinger Höheren Bürgerschule führten vielmehr das für Hechinger Verhältnisse „allzu hohe Schulgeld“ (Protokoll der LK 6.5.1878;JB 1879/80,S. 6), der obligatorische Lateinunterricht und die Errichtung einer Präparanden-Anstalt und einer Handwerker-Fortbildungsschule dazu, dass in den 70er-Jahren der Bestand bzw. der Ausbau der Bürgerschule vorübergehend gefährdet schien (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 14-18).
1874 wurde das Schulgeld auf durchschnittlich 72 Mark (Th. Thele 1884, S. 22) und 1903 auf 80 Mark angehoben. Ein Schüler erinnerte sich, wie der Reallehrer Rebholz die "Goldstücke" in einem Holznapf eingesammelt hat (SchA, Die Lichte Au 10, 1963, S. 23-26). Dabei fand ab 1881 eine Staffelung von 40 bis 100 Mark Anwendung, die die Vermögens- und Einkommensverhältnisse der Eltern berücksichtigte. Ab 1881 mussten die Lateinschüler einen Zuschlag von 40 Mark entrichten. Der Schulgelderlass betrug zehn Prozent (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 40). Für bedürftige und begabte Schüler gab es eine abgestufte Ermäßigung.
Für Arbeiterkinder war der Besuch der höheren Schule noch lange unerschwinglich. Ein Textilarbeiter in Hechingen hätte z. B. 1884 bei einem sehr bescheidenen Jahreseinkommen von 400 bis 500 Mark 14-18 % seines Einkommens für das Schulgeld ausgeben müssen. Auch nach deutlichen Lohnsteigerungen wären es nach 1900 immer noch etwa 8 % gewesen (R. Vogt 2009, S. 154).
Mit dem Hinweis auf die beachtlichen Spenden der jüdischen Gemeinde und auf den hohen Anteil jüdischer Schüler (in den Jahren 1876 - 1879 rund ein Drittel) erreichte Rektor Dr. Theodor Thele (1874-1886) beim Provinzialschulkollegium in Koblenz die Einrichtung eines zweistündigen „israelitischen“ Religionsunterrichts, dessen jährliche Vergütung im Jahr 1905 120 Mark betrug (SchA, O III, Rückseite des Protokolls vom 12.3.1920; die Zahlung ging an den israelitischen Religionslehrer Felix Wolff). Für die Jahre 1878 bis 1909 sind folgende israelitischen Religionslehrer vermerkt: Levy, Felix Wolff, Leopold Adler und Leopold/Leon Schmalzbach (Festschrift des Gymnasiums 1910, S.47). Der Anteil der jüdischen Bevölkerung und damit der jüdischen Schüler ging im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts deutlich zurück. Den jüdischen Unternehmern kam aber als erfolgreichen Arbeitgebern und Gewerbesteuerzahlern noch lange eine große Bedeutung zu. Im Jahr 1922 zahlten die sechs jüdischen Textilbetriebe sogar ca. 36 % des Gewerbesteuer-Aufkommens in Hechingen (J. Toury 1984, S. 162). Der Rektor wies die Klassenlehrer/Ordinarien darauf hin, ihre Schüler weiterhin monatlich einmal zu Hause zu besuchen (Protokoll der LK 16.4.1877).
Die Teilnahme an öffentlichen Schulfeiern wie an der Kaisergeburtstagsfeier war für die Lehrer verpflichtend (Protokoll der LK 28.3.1878).Zur typischen Festabfolge im Kaiserreich gehörten weiterhin patriotische Lieder und Gedichten, eine Festrede, das Hoch auf den Kaiser und die Nationalhymne (JB 1902, S. 12 -13).
Die höhere Bürgerschule/ Realschule in der Neustr. 1873-1909 1909 (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 15)
1.3 Erstes Zeugnis der mittleren Reife, das auch für den einjährig-freiwilligen Militärdienst berechtigte 1878, Verstaatlichung der seit 1885 lateinlosen höheren Bürgerschule 1888, gestiegene Bildungswünsche des Bürgertums und wirtschaftliche Prosperität, schrittweise Übernahme des Lehrplans der ersten sechs Klassen des Reformrealgymnasiums 1906 bis 1909, die Fertigstellung des neuen Schulgebäudes 1909
1878 wurde „die höhere Bürgerschule zu Hechingen“ zum ersten Mal im offiziellen Verzeichnis der höheren Unterrichtsanstalten Preußens geführt und erhielt damit die Erlaubnis zur „Ausstellung gültiger Zeugnisse für den einjährigen Militärdienst“, anstelle der dreijährigen Wehrpflicht (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1878, S. 564-565). Der Obersekundaner Xaver Rieber aus Trillfingen legte 1878 als erster und einziger Schüler an der nun voll ausgebauten höheren Bürgerschule das „Abiturienten-Examen“ ab. Auch in den folgenden zehn Jahren verließen durchschnittlich nur ein bis drei Schüler die höhere Bürgerschule mit dem Abschluss der mittleren Reife. Die öffentliche Abschlussprüfung nahm in der Regel ein Prüfungskommissar des Provinzialschulkollegiums aus Koblenz ab (Protokoll der LK 12.2. 1878, JB 1886, S. 13-14). Wiederholt wiesen die Rektoren die Eltern in den Jahresberichten darauf hin, dass die Aufnahme in die höhere Schule nicht vor dem neunten Lebensjahr erfolge.
Fürst Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen überließ 1878 der Schule ein Gelände im angrenzenden Frauengarten zum Anlegen eines ordentlichen Turnplatzes. Der seit 1868 erteilte Turnunterricht hatte anfangs auf dem Schulhof stattgefunden, wo für die „Geräte- und Gerüstübungen“ Holzbarren, Reck, Schwebebaum und Klettergerüst standen (Festschrift 1910, S. 17).
Nach zwei gescheiterten Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. verpflichtete Rektor Dr. Thele die Lehrer, durch ihr Beispiel und ihre Lehre die Schüler „zu strammen Gehorsam, Achtung vor Gesetz und Obrigkeit, wahrer Frömmigkeit und aufrichtiger Liebe zum Vaterland, zu Kaiser und König“ zu erziehen. Zudem forderte er die Lehrer auf, die Privatlektüre und den persönlichen Umgang der Schüler im Auge zu behalten und notfalls Verbote auszusprechen. Grundsätzlich lobte er das sittliche Verhalten der Schüler (Protokoll der LK 22.7.1878).
Der Rektor machte darauf aufmerksam, "dass das Schlagen mit Stock, Lineal, Buch, Schlüssel usw. . . . als Strafe für Unkenntnis von Schulaufgaben strengstens verboten sei." Die Strafe der körperlichen Züchtigung habe auf Beschluss der Lehrerkonferenz der "Schuldiener" (Hausmeister) zu vollstrecken (Protokoll der LK 20.2.1879; vgl. 21.11.1876) und das Protokoll der LK vom 4. November 1885 hielt fest:Körperliche Strafen seien nur von der Sexta bis Quarta erlaubt, da aber nur für Lüge, Trotz, Rohheit und Ungezogenheit. Schimpfwörter und verletzende Redensarten seien den Lehrern untersagt. Rektor Wilhelm Röhr (1886-1897) ermahnte 1888 die Kollegen sogar, das Schlagen der Schüler „gänzlich“ zu unterlassen (Protokoll der LK vom 2.6.1888; vgl. vom 12.11.1889).
Die Schule feierte am 18. Oktober 1879 den Jahrestag der siegreichen Völkerschlacht bei Leipzig (1813) mit einer Festrede, Gesang und einem Ausflug auf den Zoller und gedachte am 19. Januar 1880 der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser im Schloss von Versailles vor zehn Jahren am 18. Januar 1870 (JB 1879/80, S. 5).
Nachdem sich der erste Hechinger Turnverein schon nach wenigen Jahren 1868 aufgelöst hatte, gelang 1884 ein erfolgreicher Neubeginn. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte der Turn- und Musiklehrer Karl Anton Rebholz, der den TVH die ersten drei Jahre führte (L. Egler 1906, S. 280; Die Lichte Au 20, 1969, S. 280; Turnverein Hechingen 2009, S. 24). Rebholz steht exemplarisch für zahlreiche Lehrer, die sich auf vielen außerschulischen Feldern ehrenamtlich betätigten. So veröffentlichte Philipp Lörch (Lehrer von 1881-1905) in den wissenschaftlichen Beilagen der Jahresberichte von 1890, 1891 und 1892 Beiträge zum Thema „Die Flora des Hohenzollers und seiner nächsten Umgebung“ und Prof. Wilhelm Ehlen (an der Schule 1882-1906) war Ortsgruppen-Vorsitzender und Gauobmann im Schwäbischen Albverein (W. Sauter 1959, in: 50 Jahre staatliches Gymnasium Hechingen 1959, S. 53)
Rektor Dr. Thele publizierte 1884 die "Schulgesetze" zusammen mit einer „Klassenordnung“. Die wichtigsten Erziehungsziele und Bildungsziele blieben: Gottesfurcht, Liebe zum Vaterlande und zum Kaiser, Achtung vor Gesetz und Obrigkeit; Wahrheitsliebe, Ehrgefühl und Gehorsam, Sittlichkeit und Anstand; Gewissenhaftigkeit, Fleiß und Ordnungsliebe“ (Ebenda, S. 18) (Th. Thele 1884, S. 18).
Die gewerbetreibenden Bürger und die vor allem jüdischen Kaufleute und Unternehmer hatte immer wieder die Umwandlung der Realschule mit obligatorischem Lateinunterricht in eine lateinlose Höhere Bürgerschule gefordert. Schließlich hatten sie Erfolg, die Umwandlung konnte 1881 beginnen und kam 1885 zum Abschluss. Wie Direktor Dr. Baar 1898 schrieb (JB 1898, S. 14), sollte der Unterricht „eine gute Ausbildung für Gewerbetreibende, Kaufleute und subalterne Beamte vermitteln“.Den zahlreichen Kindern von Beamten z. B. des Gerichts, der höheren Verwaltung, der höheren Bürgerschule kam die Schule mit der Einrichtung eines fakultativen Lateinunterrichts entgegen, jedoch nur für die drei unteren Klassen, d. h. von der Sexta bis zur Quarta. Für den gefundenen Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Interessen spricht die Verdoppelung der Schülerzahl von 1881 bis 1885 (50 Jahre Staatliches Gymnasium Hechingen 1959, S. 19, 23 und 31; JB 1885).
Im Schuljahr 1884/85 feierte die Schule die Goldene Hochzeit des Fürsten Carl Anton von Hohenzollern, eines langjährigen Mäzens der Schule, und den 100. Geburtstag von Jacob Grimm, des Mitherausgebers der ""Kinder- und Hausmärchen" und des Mitverfassers des "Deutschen Wörterbuches" (JB 1885).
In die Zeit des neuen Rektors Friedrich Wilhelm Röhr (1886-1897) fiel die Verstaatlichung der Höheren Bürgerschule. Wie seine beiden Vorgänger war er auch Vorstand der 1872 gegründeten privaten Höheren Töchterschule.
In das Dreikaiserjahr 1888 fielen zahlreiche Gedenkfeiern. So veranstaltete die Schule anlässlich des Ablebens von Kaiser Wilhelm I. in der Aula am 16. und 22. März Trauerfeierlichkeiten jeweils mit Ansprachen über die Taten und das Privatleben des „Heldenkaisers“ und mit Trauerliedern und Gedichten. In den beiden Kirchen und der Synagoge wohnten die Schüler Trauergottesdiensten bei (JB 1887/88, S. 32).
Durch den Übernahmevertrag zwischen der Kgl. Preußischen Staatsregierung, der Stadt Hechingen und der Höheren Bürgerschule gingen am1. April 1888 alle Rechte der Stadt gegenüber der Schule an den Staat, das Königreich Preußen, über. Die Zeit des gemeinsamen Patronats war damit beendet und das Schulkuratorium löste sich auf. Alle Lehrer wurden unmittelbare Staatsbeamte und ihre Anstellungsbedingungen verbesserten sich, so dass Versetzungsgesuche seltener eingereicht wurden. Die Stadt räumte der Schule das Recht ein, „die im Rathaus gelegene Turnhalle“ mitzubenutzen (Festschrift 1910, S. 22-23).
Unterschrieben wurde der Übernahmevertrag vom Stadtschultheiß, von den Mitgliedern des Stadtrates und des Bürgerausschusses und von den sechs Mitgliedern des Kuratoriums der höheren Bürgerschule und vom königlichen Konpatronatskommissar Evelt am 8. November 1887 in Hechingen und am 7. Januar 1888 für die königliche Staatsregierung vom Beauftragten des Provinzialschulkollegiums in Koblenz. Es folgte am 13. Januar 1888 die Genehmigung durch den Regierungspräsidenten in Sigmaringen und am 30. März 1888 durch den Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten in Berlin (SchA, Mappe A 2, handschriftlich, 7 Seiten).
Rektor Röhr bat das Kollegium, "aus Anlass des Todes Seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm vom Tage der Beisetzung an sechs Wochen dunkle Kleidung und Trauerflor am Arm und Hut zu tragen" (Protokoll der LK 15.3. 1888). Am 16. März war der offizielle Trauertag, an dem sich die Schüler aller Hechinger Schulen zur jeweiligen Gedächtnisfeier einfanden; die katholischen und evangelischen Schüler gingen zur Trauerfeier in ihre jeweilige Kirche, die jüdischen Schüler in die Synagoge (JB 1888, S. 32). Nach dem Ableben des deutschen Kaisers Friedrich am 15. Juni 1888 desselben Jahres fanden vergleichbare öffentliche und kirchliche Gedächtnisfeiern und kirchliche Trauerfeiern statt (JB 1888, S. 33).
Der Jahresbericht 1887/88 (S. 15-16) veröffentlichte den für die Sexta bis zur Prima verbindlichen „Canon der auswendig zu lernenden Gedichte“. Die Auswahl orientierte sich dabei am Lesebuch.
Die Jahresberichte enthalten hin und wieder auch Mitteilungen, die den Turnunterricht betreffen. Folgende Spiele und Wettkampfarten sind Jahresberichten zu entnehmen: Eckball, Den Dritten abschlagen, Diebschlagen, Drittenabschlagen, Faustball, Fußball, Fuchs aus dem Loch, „Gerwurf“, Hinkkampf, Jakob, wo bist du?, Jakobiner, Katze und Maus, Kettenreißen, Komm mit!, Letztes Paar herbei!, Reigen mit Gesang, Reiterball, Plumpsack, Scheibenwerfen, Schlaglaufen, und Schwarzer Mann, Schlagball, Seilhüpfen, Seilziehen und Tag und Nacht, Scheibenwerfen, Stabspringen, Tamburinball, Wanderball, (JB 1888, S. 30 und JB 1889, S. 20; vgl. den Bericht über den Turnunterricht in: JB 1903, S. 13-14). Die Turnhalle im Rathaus erhielt endlich eine „Heizeinrichtung“ (JB 1888, S. 30 und JB 1894, S. 14). Für das Geräteturnen und zahlreiche andere Aktivitäten reichte im Sommer der Schulhof. Für die beliebten Ballspiele, z. B. Fußball-, Torball- und Schleuderballspiele, klagen die Schulleiter in ihren Berichten, sei der Schulhof aber ungeeignet. Nur im Herbst nach der Grummet-, der letzten Heuernte, und im Frühjahr könnte die Schule einige Wiesen als Spielfeld nutzen (JB 1894, S. 14).
Im Dezember und Januar des Schuljahrs 1889/90 suchte eine schwere Grippewelle das Land heim und zwang die höhere Bürgerschule wie alle Volksschulen bis Ende Januar die Pforten zu schließen. Zwei Schüler erlagen sogar der Krankheit (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 23).
Am Ende des Schuljahrs 1891/92 lud die Schule zum letzten Mal zu der bis dahin üblichen öffentlichen Prüfung am Ende des Schuljahrs ein. Von 8 Uhr bis 12 Uhr wurden Schüler der Sexta bis Sekunda in acht Fächern geprüft. Am letzten Schultag fanden nach dem Schlussgottesdienst in der Spittelkirche die Schlussfeier und Entlassung der „Abiturienten“ in der Aula statt. Geladen waren die königlichen und städtischen Behörden der Stadt, die Eltern der Schüler, sowie Freunde und Gönner der Anstalt (JB 1892, S. 19). Jahrzehntelang hatten im Königreich Preußen die Jahresberichte der circa 500 höheren Schulen als Einladung zu den öffentlichen Schlussprüfungen und zur offiziellen Schlussfeier gedient. Als aber Ende des 19. Jahrhunderts das Interesse des „Publikums“ an den öffentlichen Schlussprüfungen landesweit verloren ging, hob das Kultusministerium 1893 die diesbezügliche Verpflichtung auf (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1893, Erlass vom 7.10. 1893).
Anfang 1891 erhielt die Hechinger Realschule die neue aus den Beratungen der Rheinischen Direktorenversammlung hervorgegangene und vom Unterrichtsminister genehmigte neue Schulordnung. Als Verfügung des Königl. Provinzial-Schulkollegiums war sie für alle höheren Schulen der Rheinprovinz verbindlich (SchA, Allgemeine Schulordnung für die höheren Lehranstalten der Rheinprovinz vom 1. Februar 1891, 4 Seite, blaue Mappe E 4; vgl. HHB, Na 1001, II). Ein Vergleich mit den früheren Schulordnungen von 1857 (JB 1856/57) und 1884 (SchA, Th. Thele 1884, S. 18-19) zeigt große Kontinuität. Neu waren die Bestimmungen zur Impfpflicht bzw. zur Pflicht der Wiederimpfung bis zum 12. Lebensjahr und detaillierte Bestimmungen zum Verhalten bei 25 ansteckenden Krankheiten. Im Jahresbericht der Schule von 1890/91 (S. 13; siehe auch die Liste im JB 1908; S. 17) ist auch eine Verfügung des Koblenzer Provinzialschulkollegiums abgedruckt, die eindringlich auf die Tublerkulose-Ansteckungsgefahr hinweist: „Insbesondere müssen auf Treppen und Fluren, in Klassen- und Arbeitszimmern mit Wasser genügend angefüllte Spucknäpfe aufgestellt werden, denen sich sämtliche Bedienstete, Schüler und Lehrer bedienen sollen. . . Brustkranken Schülern soll das Wegbleiben aus der Schule zum Zweck längerer Kuren bereitwillig erleichtert und gestattet werden.“
Zu Beginn der 90er-Jahre feierte die Realschule die Gedenktage von drei bedeutenden Persönlichkeiten: am 25. Oktober 1890 den 90. Geburtstag des Generalfeldmarschalls Hellmuth von Moltke, der als Chef des Generalstabs am Sieg Preußens gegen Österreich (1866) und gegen Frankreich (1870/71) beteiligt war, und am 23. September 1891 den 100. Geburtstag von Theodor Körner, des patriotischen Dichters und Angehörigen des Lützowschen Freikorps, der 1813 mit 22 Jahren sein Leben im Kampf gegen die Vorherrschaft Napoleons verloren hatte. Der Schulleiter beschrieb ihn in seiner Rede als „ein Vorbild der Jugend“ (JB 1892, S. 13). Schließlich gedachte die Schule am 28. März 1892 des 300. Geburtstags von Johann Amos Comenius, eines großen tschechischen Pädagogen, Reformers und Didaktikers des 17. Jahrhunderts mit europäischem Zuschnitt.
Die Höhere Bürgerschule erhielt durch den Erlass vom 28. Juli 1892 die Bezeichnung "Königliche Realschule". Ab dem Schuljahr 1892/93 führte der Schulleiter die Amtsbezeichnung „Direktor" und die wissenschaftlichen Lehrer die Bezeichnung „Oberlehrer" mit der Aussicht, den Titel „Professor“ zu erhalten.
Den Vorsitz bei der mündlichen Entlassungsprüfung führte seit der ersten Prüfung 1878 ein Provinzialschulrat des Provinzialschulkollegiums von Koblenz oder der Schulleiter als königlicher Kommissar.
Das vom Direktor Röhr zur Beratung auf der Direktorenkonferenz 1892 vorgeschlagene Thema "Was kann die Schule zur Bekämpfung sozialdemokratischer Lehren tun?" wurde vom Lehrerkollegium einstimmig angenommen (Protokoll der LK 30.1.1892). Für die sehr gut besuchte Festrede anlässlich der Feier des Geburtstags des Kaisers Wilhelm II. am 27. Januar 1892 wählte der Religionslehrer W. Ott folgende Frage: „Was kann die Schule tun, um den Lehren der Umsturzpartei (der SPD) entgegenzuwirken?“ (JB 1894, S. 16; siehe zum Thema: „die Ablehnung der SPD durch die christlichen Kirchen, die Oberschicht, den Mittelstand und die öffentliche Meinung“ R. Vogt 2009, S. 171-174).
Die Lehrerkonferenz einigte sich auf folgende Richtlinien für den Geschichtsunterricht: Zwar sollten bei der Behandlung der preußischen Geschichte die Verdienste des Großen Kurfürsten sowie die der Könige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. gewürdigt werden, ansonsten seien im Altertum und Mittelalter wie im 18. und 19. Jahrhundert aber "die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse" stärker zu berücksichtigen. "Die guten Errungenschaften" der Französischen Revolution seien nicht zu verschweigen." (Protokoll der LK 17.7.1892)
Ein Schreiben des Kultusministers Bosse vom 9. Mai 1892 wies die Schulen und die Eltern auf die Gültigkeit des Cirkular-Erlasses vom 29. Mai 1880 hin, der „das Unwesen“ bzw. „das zuchtlose Treiben“ von Schülerverbindungen strengstens untersagt hatte (JB 1893, S. 35; Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1892, S. 810-811).
Den Schülern wurde wiederholt das Tragen von Waffen und das Mitbringen von Pistolen und Revolvern in den Schulunterricht und zu Schulausflügen streng verboten. Im Wiederholungfall drohte der Schulausschluss (Protokoll der LK 26.4.1893; JB 1896: Ministerial-Erlass vom 11.7.1895; JB 1898, S. 14).
Die enge Kooperation der Schule mit der katholischen Kirche bewährte sich weiter. So übernahm der Schülerchor unter Leitung des Musiklehrers regelmäßig die musikalische Gestaltung der Feier der ersten hl. Kommunion (z. B. JB 1893). Am 2. November, an Allerseelen, besuchten die kath. Schüler das Seelenamt für die verstorbenen Lehrer, Schüler und Wohltäter der Anstalt (JB 1904, S. 19).
Die Lehrerkonferenz einigte sich einstimmig darauf, im Deutschunterricht "patriotische Gedichte zu bevorzugen" und „tendenziös politische und soziale Gedichte“ zu meiden (Protokoll der LK 10.6.1895). Dieser Beschluss entsprach damit der Intention des 1884 von Rektor Dr. Thele veröffentlichen „Canon der auswendig zu lernenden Gedichte“ (Th. Thele 1884, S. 7-8; vgl. Gedichtkanon von 1912).
Besonders gute Schüler erhielten als Preis ein Buch, 1897 zum Beispiel "Unser Heldenkaiser" von Wilhelm Onken, 1898 "Unser Kaiser" von Bürenstein und in den beiden folgenden Jahren das patriotische Buch "Deutschlands Seemacht" von Wislicenus (Protokolle der LK vom 16.3.1899 und 2.8.1900).
Bei der Amtseinführung des neuen Direktors Dr. Josef Baar (1897-1901), wies der Geheime Regierungsrat und Provinzialschulrat Dr. Deiters in seiner Ansprache auf zentrale Bildungsziele, personale Kompetenzen und Haltungen hin. An den neuen Schulleiters richtete er folgende Wort: „Nicht nur treuen Fleiß, den Eifer täglicher Pflichterfüllung in ihnen (den Schülern) hervorzurufen und zu stärken, ist Ihnen auferlegt. . . Achten die Schüler in ihm (dem Direktor) den Mann wahrer Religiosität, unerbittlicher Wahrheitsliebe und Pflichttreue, echter Vaterlandsliebe und Königstreue, dann wird es seinem Wort leicht sein, auch sie (die Schüler) auf die Notwendigkeit dieser Gesinnung hinzuführen.“ (JB 1897, S. 13-14)
Während in vielen Romanen und Theaterstücken der Jahrhundertwende der typische Lehrer als autoritärer, unnahbarer Pauker karikiert wurde, entwarfen ehemalige Realschüler und ab 1909 Gymnasiasten ein differenziertes Bild von ihren Lehrern. So erinnert sich Josef Sinz aus Thanheim, der 1897 in die Sexta eingetreten war, wie folgt: „Ein persönliches Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern gab es, abgesehen vom Religionslehrer, nicht“. Den Direktor Dr. Baar (1897-1901) beschrieb er als eine von allen respektierte Autorität, der alle Schüler mit Vornamen kannte und sich engagiert der Sorgen vor allem der auswärtigen Schüler annahm (LA 19, 1968, S. 56). Walter Sauter, der das Gymnasium von 1910 bis 1918 besucht hatte, schrieb in Bezug auf seinen Lehrer Dr. Peter Remark von kameradschaftlicher Behandlung (Die Lichte Au 21, 1970, S. 57; vgl. Die Lichte Au 20, 1969, S. 77 und R. Pörtner (Hrsg.) 1987, S. 35 ff.).
Der Schulweg war für viele auswärtige Schüler wegen der schlechten Zugverbindungen sehr beschwerlich. Die wichtige Bahnverbindung zwischen Tübingen und Balingen war schon 1874 fertiggestellt worden, von den Gemeinden im Killertal war Hechingen mit der Hohenzollerischen Landesbahn aber erst ab 1901 und von Haigerloch erst ab 1912 zu erreichen. Ein auswärtiger Schüler erinnert sich: "Wenn wir morgens vom Regen nass ankamen, musste der Schuldiener . . . den großen Ofen in der Aula heizen, damit wir Schuhe und Strümpfe etwas trocknen konnten. Wenn wir ganz durchnässt waren, schickte der Direktor uns auch schon einmal nach Hause." (Die Lichte Au 16,1966, S. 56; Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 42) Im Winter wohnten und aßen auswärtige Schüler mit langen Fußwegen von Montag bis Samstag in einem privaten „Kosthaus“ in der Stadt. Der neue Direktor Dr. Josef Baar sorgte ab dem Winter 1898 für einen „Freitisch“, ein warmes Mittagessen, für auswärtige Schüler im Hinterzimmer des Gasthofs „Krone“. Zwei auswärtige Schüler lud er täglich im Wechsel bei sich zum Mittagessen ein (Die Lichte Au 19, 1968, S. 53 ff.). Im Schuljahr 1898/99 kamen immerhin acht Auswärtige in den Genuss des Freitisches (JB 1898, S. 14 und 1899, S. 15). Auch die von Schwester Zita, der Oberin der Graf Eitel-Friedrich Stiftung, geleitete Volksküche bot "zahlreichen auswärtigen Schülern der Anstalt ein (preiswertes) kräftiges Mittagessen" an (JB 104, S. 20; O. Werner 2002, S. 49 und S. 54). Falls ein auswärtiger Schüler in Hechingen eine Wohnung oder Pension unter der Woche beziehen wollte, so mussten die Eltern zuvor die Genehmigung des Direktors einholen bezog, denn dieser musste nach § 13 der Schulordnung von 1891 darauf achten, dass die gewählte Unterkunft „die Gesundheit, das sittliche Verhalten oder den Fleiß eines Schülers“ nicht beeinträchtigten (SchA, Schulordnung vom 1.2.1891. In: blaue Mappe E 4; JB 1907, S. 26).
Hohe Amtspersonen verlangten im preußischen Obrigkeitsstaat uneingeschränkten Respekt. Dies illustriert folgende Begebenheit. Der von Koblenz angereiste Geheime Regierungs- und Provinzialschulrat Prof. Dr. Herrmann Deiters, ein Herr von kleiner Statur, mit langem Rock und mit hohem Hut, war im Juli von den Hechinger Realschülern auf der Straße nicht gegrüßt worden. Das hatte, erinnert sich ein beteiligter Schüler, zur Folge, dass auf dem Schulhof alle Schüler in Dreierreihen antreten mussten. „Nach kurzer Instruktion . . . begann der Vorbeimarsch: Vier Schritte vor dem Geheimrat 'Augen rechts, Mütze ab mit der linken Hand, drei Schritte hinter dem Herrn Augen gerade aus, Mütze auf!' Es folgte noch ein Vorbeimarsch von der anderen Seite.“ (Die Lichte Au 19, 1968, S. 57). Dieser Vorfall erinnert an zwei andere Begebenheiten mit ungeahnten Folgen. Ein heftiger Wortwechsel wegen ein paar Wassertropfen auf dem Kleid der Frau eines Landgerichtsrats bzw. ein Gedicht über die lange Nase eines Hechinger Gerichtsreferendars im Narrenblättle führten zu Prozessen am Landgericht Frankfurt a. M. bzw. am Reichsgericht in Leipzig (1200 Jahre Hechingen 1987, S. 107).
Die Stadt erwarb vorausschauend für die künftige Stadterweiterung ein über sieben Hektar großes Gelände im Süden vor der Stadt zwischen der Heiligkreuz- und der Zollerstraße. Die Südostecke erwies sich schon einige Jahre später als ideales Gelände für den Neubau des Reformrealgymnasiums und die Anlage des Schulsportplatzes (1200 Jahre Hechingen 1987, S. 142).
Eine Statistik der ehemaligen Hechinger Schüler der Real-und höheren Bürgerschule von 1845 bis 1899 bezüglich der später ausgeübten Berufe ergab folgendes Bild: 413 Kaufleute und Gewerbetreibende, 103 Subalternbeamte, 42 Volksschullehrer, 31 Geistliche, 20 Fabrikanten, 13 Ärzte, 10 Offiziere, 6 Oberlehrer und einige weitere Berufe, die weniger als viermal vertreten sind. Erstaunlich viele, nämlich 112 ehemalige Schüler waren nach Amerika ausgewandert (L. Egler 1906, S. 328; vgl. die Statistik betr. die Berufswahl der 200 Schüler von 1845 bis 1855, in: Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 8).
Betriebsbesichtigungen gehörten bereits um die Jahrhundertwende zum Unterrichtsprogramm der beiden oberen Klassen. Sie besuchten jedes Jahr drei bis vier Gewerbebetriebe in Hechingen, u. a. die Buntweberei von Baruch & Söhne, die mechanische Trikotweberei von Liebmann und Levi, die Schäftefabrik von Moos und Rosenthal, die Schuhfabrik S. Wolf in Stetten, die Trikotweberei von Wanner & Cie., die Spinnerei von Julius Levi & Cie., die Bierbrauerei St. Luzen und die Riblersche Hofbuchdruckerei (JB 1898, S. 14; JB 1899, S. 15; vgl. JB 1904, S. 21).
Die Zahl der Schüler, die von 1899/1900 bis 1908/09 die mittlere Reifeprüfung/die Einjährigenprüfung machten, schwankte zwischen 6 und 15. Die Zahl war relativ klein, weil manche Klasse nach sechs Jahren um ein Drittel oder mehr geschrumpft war. Die Gesamtschülerzahl schwankte zwischen 107 und 122. (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 54-55).
Der Lehrplan der Realschule sah 13 obligatorische Fächer vor, darunter die technischen Fächer Schreiben, Singen, Turnen und Zeichnen. Hinzukamen die beiden „wahlfreien“ Fächer Latein und Linearzeichnen. Ab 1902 konnten Schüler für ein Honorar von fünf Mark an einem Stenographie-Kurs teilnehmen (Festschrift des Gymnasiums 1910, S.33-34; Jahresberichte). Auf den Zeugnissen stand hinter den Fachnoten die „Lokation“, die Rangnummer des Schülers nach seiner Leistung. Dieser Zeugnisvermerk war im Kollegium umstritten; durch Konferenzbeschluss wurde er 1901 in Hechingen abgeschafft (Protokoll der LK 11.10.1901), landesweit aber erst durch den Erlass des Kultusministers Becker vom 1. März 1927 (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1927, S. 101).
Ein ehemaliger Realschüler erinnerte sich: "Schulfeste wie heute gab es noch nicht. Wir freuten uns über den Schulausflug, Kaisers Geburtstag und die Jahresschlussfeier mit Preisverteilung" (J. Bisinger in: Die Lichte Au 19, 1968, S. 56). Der 27. Januar, Kaisers Geburtstag, war für die ganze Stadt ein unübersehbarer und unüberhörbarer Festtag. Böllerschüsse von der Burg Hohenzollern kündigten ihn an. Die Stadt war reich mit Flaggen geschmückt. In den Kirchen und der Synagoge fanden feierliche Gottesdienste/Feiern statt. Im Jahr 1900 hatte die Kgl. Realschule um 11 Uhr zum Festakt in den Bürgersaal des Rathauses geladen und Oberlehrer Wendelin Ott sprach in der Festrede über "Die Bedeutung des Gemeinsinnes für das allgemeine Staatswohl" (Hohenzollerische Blätter 28.1.1900; vgl. ebenda 27.1. 1909). Bei den Jahresschlussfeiern wurden gern Fabeln, Balladen und ein französisches Gedicht ausgewählt. So trugen 1898 Schüler aus den sechs Klassen folgende Gedichte vor: die Ballade „The luck of Edenhall“ von Henry W. Longfellow, die Romanze „Les hirondelles“ von Joseph Beranger, „Des Sängers Fluch“ von Uhland, „Von des Kaisers Bart“ von Emanuel Geibel, „Hofers Tod“ von Julius Mosen, und „Der Vater und die drei Söhne“ von Magnus G. Lichtwer und eine Fabel, die mit der Moral endete: „Der Ring ist dein. Welche edler Muth,/Wenn man dem Feinde Gutes thut!“ (JB 1898, S. 15)
Jüdische Mitschüler und Einwohner/Bürger waren in Hechingen weitgehend gut aufgenommen und integriert. An der Realschule war es selbstverständlich, dass bei patriotischen Feiern auch jüdische Schüler mitwirkten. Am 27. Januar 1902 trugen z. B. Alfred und Rudolf Löwenthal, Sigmund Bernheim und Ernst Hirschauer patriotische Gedichte vor. Nach der Einführung der neuen Gemeindeordnung von 1901 wurden die beiden jüdischen Textilunternehmer Julius Levi und der freisinnige, sozial engagierte Jacob Levi ("der rote Postjakob") in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Adolf Weil, ein anderer jüdischer Fabrikant, ließ sich sogar zum Vorsitzenden im Deutschen Flottenverein wählen (Jahresberichte; J. Toury 1984, S. 157-159; A. Vees 1997, S. 108).
Der Wunsch nach Umwandlung der Schule in ein Reformrealgymnasium führte zu einem jahrelangen, intensiven Meinungsaustausch und zu Verhandlungen zwischen der Stadt, der Schulleitung, dem Provinzialschulkollegium in Koblenz und dem preußischen Kultusministerium in Berlin. Eine Umfrage des Direktors Seemann bei höheren Schulen im benachbarten Königreich Württemberg und im Großherzogtum Baden erbrachte 1903 folgendes Ergebnis: Etwa achtzig Schüler aus den Hohenzollerischen Landen, darunter 33 Schüler aus dem Oberamtsbezirk Hechingen, besuchten auswärtige höhere Schulen in Württemberg und Baden, davon 28 die drei oberen Klassen. 1903 waren die mit Abstand am häufigsten genannten höheren Nachbarschulen das Gymnasium in Rottweil mit 20 und das Gymnasium Konstanz mit 11 Schülern aus dem Hohenzollerischen (Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 25; SchA, Sammlung der zahlreichen Antwortschreiben auswärtiger Schulen von 1903 betr. Schüler aus dem Hohenzollerischen). Für die ins Auge gefasste Aufstockung der Realschule zu einer Vollanstalt hatte die königliche Erklärung Wilhelms II. vom 26. November 1900 die gute Nachricht enthalten, dass alle höheren neunjährigen Schulen, also auch das Realgymnasium und die Oberrealschule, in Zukunft mit dem Gymnasium grundsätzlich gleichberechtigt seien (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1900, S. 854-857)
Hin und wieder beschäftigten sich Lehrerkonferenzen mit Verstößen gegen die Vorschriften der Schulordnung. Zur Beratung standen hin und wieder unerlaubter Wirtshausbesuch und Biertrinken, sehr selten Rauchen in der Öffentlichkeit, selten unentschuldigtes Fernbleiben vom Gottesdienst, Verstöße gegen die Sittlichkeit, wie Schreiben von unanständigen Kartengrüßen, das Zeigen unanständiger Bilder und das Teilen einer privat gemieteten Schlafkammer mit zwei Fabrikmädchen und einem Fabrikarbeiter (Protokoll der LK vom 10.11. 1886, 1.12.1887, 29.7.1890, 25.2.1892, 28.2.1895, 22.9.1898, 17.10.1898, 11.5.1900, 30.1.1907, 20.10. 1917, 29.10. und 5.11.1917). Abhängig von der Schwere des Verstoßes konnten folgende Strafen ausgesprochen werden: Arrest (Karzer), Streichung der Freistelle, Herabsetzung der Betragensnote, das "consilium abeundi" (Androhung des Schulausschlusses) oder der Schulverweis. Harte Strafen waren aber selten. So erinnert sich ein ehemalige Schüler der Realschule, ein Sextaner von 1897: “Disziplinlosigkeit der Schüler war damals unvorstellbar oder doch sehr selten und harmloser Art. Daher gab es kaum einmal schwere Strafen. Ein gefürchtetes Zuchtmittel war jedoch der Strafzettel, der bei den Eltern zur Unterschrift vorgelegt werden musste (Die Lichte Au 19 1968, S. 54, Erinnerungen von Dr. Josef Bisinger). Ein "Rescript" aus Berlin hatte bereits 1890 verfügt, dass Schüler, die zum Zweikampf schreiten, und die bei dem Duell beteiligten Sekundanten von der Schule zu weisen seien (Protokoll der LK 2.12.1890).
Der neue Direktor Hugo Seemann (1901-1905) führte die Tradition der „Freitische“ für auswärtige Schüler fort. Mit überzogenen Vorschlägen in Bezug auf eine penible Überwachung der Schülerdisziplin und in Bezug auf die Verwendung des Hochdeutschen im Unterricht machte er sich nicht nur Freunde.
Unter Direktor Seemann fasste die Lehrerkonferenz den Beschluss: Die Schüler dürfen im Klassenzimmer nicht die Mützen auf dem Kopf haben und wenn der Lehrer in die Klasse kommt, sollen sie stramm stehen (Protokoll der LK 11.10.1901). Seemann empfahl den Schülern, aus gesundheitlichen Gründen Schultornister zu verwenden und nur die wirklich notwendigen Schulbücher mitzubringen.
Direktor Seemann machte sich mit Beschwerden und Forderungen auf dem Rathaus unbeliebt. Er klagte über den zu kleinen und kaum heizbaren Turnsaal im Rathaus. Die Größe mit knapp 13 m auf 13 m entsprach keineswegs der ministeriellen Vorgabe von 10 auf 20 m (JB 1902, S. 14). Streitpunkte waren auch, dass die Stadt nach altem Herkommen den Turnsaal, der im Untergeschoss des Rathauses lag, den Jahrmarktleuten viermal im Jahr jeweils zwei Tage zur Verfügung stellte, dass sich die Stadt an den Heiz- und Beleuchtungskosten des Turnsaales nicht beteiligen wollte und dass der Turnsaal mangelhaft gereinigt wurde (Stadtarchiv Hechingen, Akten, A 100, Nr. 29, Schreiben vom 6.10.1902, 9.12.1902; 4.3. 1903 und 15.12.1903; JB 1903, S. 14). Im Jahresbericht 1904 (S. 17) hielt Seemann fest: „Im Winter kann überhaupt von einem geordneten Turnbetrieb . . . nicht die Rede sein. Auch auf dem Spielplatz auf der Lichtenau sind keine besseren Verhältnisse geschaffen worden.“ (JB 1904, S. 17).
Wiederholt beschäftigten sich die Lehrer mit der "Bekämpfung der Mundart". Die Niederschrift der Konferenz vom 21. Dezember 1903 hielt fest: "Die Abweichungen der Mundart vom Hochdeutschen . . . müssen durch Sammlungen der Lehrer festgestellt werden. . . Das beste Mittel zur Bekämpfung der Mundart ist die rechte Pflege und die Weckung des Verständnisses für das Verhältnis von Mundart und Schriftsprache. . . Wichtig ist vor allem das Beispiel der Lehrer; namentlich muss der norddeutsche Lehrer seine eigenen, mundartlichen Eigentümlichkeiten ablegen und sich Mühe geben, die (schwäbische) Mundart kennen und würdigen zu lernen." Allerdings erleichterten die „vier Schwaben“, die schwäbisch sprechenden drei Reallehrer und Unterstufenlehrer Eisele, Lorch, Rebholz und der kath. Religionslehrer Wendelin Ott, den Schülern der Sexta bis Quarta „das Zurechtfinden“ an der Realschule erheblich (J. Bisinger, in: Die Lichte Au 19, 1968, S. 54).
Großen Dank sprach Seemann hingegen dem Verschönerungsverein dafür aus, dass dieser der Schule das Schwimmbad während der Turnstunden kostenlos überlasse. ).
Der Antrag von Direktor Seemann, auf körperliche Züchtigung zu verzichten, unterlag knapp mit drei zu vier Stimmen. „In jedem Falle einer körperlichen Züchtigung“ forderte Seemann jedoch eine schriftliche Mitteilung mit genauer Angabe der Umstände (Protokoll der LK 18.2.1904). Dabei konnte er sich auf den Erlass „Handhabung des Züchtigungsrechtes“ des Kultusministeriums vom 19. Januar 1900 berufen, der vor einer „ungerechtfertigten oder übertriebenen Anwendung körperlicher Strafen“ gewarnt, eine Dokumentation der Bestrafung in einem „Strafverzeichnis“ vorgeschrieben und damit die Schulleiter in die Lage versetzt hatte, jedem Missbrauch des nur für Ausnahmefälle vorgesehenen Züchtigungsrechtes „unnachsichtig“ entgegenzutreten (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung 1900, Erlass vom 19.1.1900, Handhabung des Züchtigungsrechtes seitens der Lehrer und Lehrerinnen, S. 231-232).
In der Konferenz vom 4. November 1904 machte Direktor Seemann auf den in Hechingen neu gegründeten Kolonialverein aufmerksam und bat die Kollegen, diesem Verein beizutreten. Seine patriotische Gesinnung verrät auch das Programm zur Feier von Kaisers Geburtsgag am 27. Januar 1902, in das er das Flaggenlied„Stolz weht die Flagge Schwarz-Weiß-Rot“ des jüdischen patriotischen Schriftstellers Robert Linderer aufgenommen hatte (Die ersten Zeilen des Liedes lauten: „Stolz weht die Flagge Schwarz-Weiß-Rot / von uns´rer Schiffe Mast / Dem Feinde Tod, der sie bedroht / Der diese Farben hasst.“). Im Schuljahr 1904/05 schenkte die Hechinger Ortsgruppe des Deutschen Flottenvereins der Schule mehrere Bücher und Zeitschriften zu Themen wie deutsche Schutzgebiete, Flotte und Meere (JB 1905, S. 20). Im folgenden Schuljahr besuchten 42 Schüler die vom Flottenverein angeregte Kriegsmarine-Ausstellung in Tübingen (JB 1906, S. 22).
Am 5. Mai schlossen die Stadt und das Königliche Provinzialschulkollegium in Koblenz einen Vertrag über die Kostenverteilung für die Errichtung eines neuen Schulgebäudes mit neun Klassenräumen und einer Turnhalle auf der Lichtnau.
Der unterschiedliche Gang der öffentlichen Uhren, der Rathaus-, Bahnhofs-, Kirchturms- und Fabrikuhr der Brauerei St. Luzen, beschäftigte nach der Jahrhundertwende jahrelang die Hechinger Öffentlichkeit. Obwohl der Rektor schon im Jahresbericht 1902 die Bahnhofs- und Post-Uhr als allein maßgebend bezeichnet hatte, diskutierten Lehrer der Realschule diese Frage weiterhin kontrovers (Jahresberichte; Protokoll der LK 18.2.1904; R. Vogt 2009, S. 144).
Heftige Presseschlachten lieferten sich nach der Jahrhundertwende das politische Lager der Liberalen und das des kath. Zentrums in den beiden Hechinger Lokalzeitungen, was an die Zeit des Kulturkampfes erinnert. Daran beteiligt waren u. a. zwei Realschullehrer, der nationalliberale Anton Zander (1900-1905) und Dr. August Vezin (1905-1927), ein entschiedener Vertreter der katholischen Zentrums-Partei (SchA, Personalakten).
Am 8. Mai 1905 veranstaltete die Schule eine Schillerfeier (JB).
Zum neuen Schulleiter wurde der aus der Hechinger Lindenwirt-Familie stammende Friedrich Seitz ernannt. 1887 hatte er das 1. Staatsexamen in Mathematik und Physik abgelegt, anschließend Ergänzungsprüfungen in Zoologie, Botanik, Turnen, Schwimmen und Fechten (JB 1926, S. 15; Festschrift des Gymnasiums 1910, S. 42). Nach den schwierigen Jahren unter Direktor Seemann (1901-1905) und der Versetzung zahlreicher Lehrer führte Friedrich Seitz ab 1906 die Schule wieder in ruhigere Bahnen und wirkte in schwierigen Zeiten sehr erfolgreich bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1926. Vom Oberlehrer Prof. Wilhelm Ehlen übernahm er das Amt des Gauobmanns des Schwäbischen Albvereins. Obwohl Ehlen seit 1882 an der Schule unterrichtet und 1903 den Professorentitel erhalten hatte, versetzte ihn das Ministerium 1906 an das Kaiser Wilhelm-Gymnasium in Köln, nicht auf Wunsch, sondern weil er sich mit Kollegen nicht ganz unberechtigt über Direktor Seemann beschwert hatte. Die Verleihung des Roten-Adler-Ordens sollte ihm den Abschied erleichtern, denn er verließ nur ungern die geschätzte Schule und die schöne Landschaft.
Unter den neuen Lehrern war auch der in Münster geborene Dr. August Vezin. Er hatte in Münster, Graz, Wien, Heidelberg und LeipzigPhilosophie, Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Er wurde in der Kleinstadt schnell heimisch und gründete eine Familie. Im Rückblick bezeichnete er seine Jahre in Hechingen als die schönsten seines Lebens, trotz der erlebten Spannungen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen, zwischen Akademikern und Nichtakademikern, zwischen fürstlichen und königlichen Beamten, zwischen Liberalen und "Klerikalen" (A. Vezin 1959, S. 77-79). Er war einige Jahre Sekretär der Zentrumspartei in Hohenzollern, wandte sich nach Kriegsende aber gegen deren Neuorientierung, den „republikanischen Kurs", trat 1920 zur Deutsch-nationalen Volkspartei über und übernahm deren Vorsitz in Hohenzollern (Die Lichte Au 20, 1969, S. 71; W. Sauter 1959, in: 50 Jahre Staatliches Gymnasium Hechingen 1959, S. 54-55; zu den Ergebnissen der Wahlen zum Reichstag, zum Preußischen Abgeordnetenhaus und zur Gemeindevertretung in Hechingen siehe R. Vogt 2008, S. 105 f.)
Das Kultusministerium ordnete 1906 an, ab dem Herbsttertial in den unteren vier Klassen den Lehrplan des Reformrealgymnasiums (Frankfurter System) umzusetzen und so mit der Umwandlung in eine Vollanstalt zu beginnen. Der nun obligatorische Lateinunterricht setzte anstelle des Englischunterrichts mit erhöhter Stundenzahl in der Untertertia ein, der Englisch-unterricht in der Untersekunda. Ein Vergleich der Stundentafeln der Sexta bis Untersekunda zeigt, dass vor allem Französisch, Mathematik und Englisch Stunden an Latein abgeben mussten (siehe den Lehrplan beider Schularten im JB 1907, S. 27; Protokoll der LK 25.4. und 9.7.1906). Die Entscheidung für das Reformrealgymnasium nach dem Frankfurter System und nicht für die lateinlose Oberrealschule kam „einem langgehegten Wunsche . . . insbesondere der hiesigen Beamten und Industriellen“ der Stadt Hechingen entgegen (JB 1906, S. 29).
Die Lehrer sollten im Rahmen der Verkehrserziehung die Schüler auf die Gefahren des Automobilverkehrs aufmerksam machen (SchA E 2, Erlass vom 12.2.1906 und 8.8.1913).
Der 1907 von Cleve nach Hechingen versetzte Zeichen- und Turnlehrer Fritz Oppermann war der erste evangelische Lehrer. Von ihm stammt der Reliefschmuck an den Kapitellen in der Vorhalle des neuen Schulgebäudes.
Im Frühjahr 1907 konnte auf der Lichtenau mit dem Bau des Schulgebäudes begonnen werden.
Das Protokoll der LK vom 20. Juni 1907 hielt fest: "Damit der biologische und der Religionsunterricht nicht in Fehde geraten, soll als sicher auch nur wissenschaftlich Feststehendes vorgetragen werden. . . Für metaphysische Spekulationen hat die Biologie als solche keine Verwendung."
Eine Verfügung des Unterrichtsministers (SchA, blaue Mappe E 2, Verfügung des Unterrichtsministers vom 9.7.1907; vgl. die vom 22.9.1927) ergänzte die allgemeine Schulordnung vom 1. Februar 1891 in Bezug auf die Verhütung der Verbreitung übertragbarer Krankheiten wie folgt: „ Schüler, welche an übertragbaren Krankheiten leiden, dürfen die Schulräume nicht betreten." Zu diesen Krankheiten zählen: Aussatz, Cholera, Diphtherie, Fleckfieber, Gelbfieber, Genickstarre, Pest, Pocken, Rückfallfieber, Ruhr, Scharlach, Typhus sowie Favus, Keuchhusten, Körnerkrankheit, Krätze, Lungen- und Kehlkopftuberkulose, Masern, Milzbrand, Mumps, Röteln, Rotz, Tollwut und Windpocken (JB 1908, S. 17). Die Schüler sollten über die Bedeutung, die Verhütung und Bekämpfung der übertragbaren Krankheiten aufgeklärt werden. Vor allem die Tuberkulose wurde sehr ernst genommen. Zu ihrer Verhütung mussten schon vor 1900 "auf Treppen und Fluren, in Klassen- und Arbeitszimmern mit Wasser genügend angefüllte Spucknäpfe aufgestellt werden" (JB 1891, S. 13), denn die Tuberkulosesterblichkeit in Hohenzollern lag ganz erheblich über dem Landesdurchschnitt in Preußen, wobei in hohem Maße junge Leute bis 30 Jahre betroffen waren, vor allem Arbeiter in der Textil- und Lederindustrie (R. Vogt 2009, S. 159).
Direktor Seitz wies in einer Konferenz auf das Verbot des „Schlagens" von Schülern hin und empfahl, „wegen der augenblicklich sich (im Deutschen Reich) häufenden Schülerselbstmorde . . . in der Behandlung einzelner Schüler recht vorsichtig zu sein, ... lieber Ermahnungen als Strafen zu gebrauchen" (Protokoll der LK 3.7.1908; erster Hinweis 24.1.1893; siehe auch SchA Ordner E, das ministerielle Schreiben vom 24.12.1889; vgl. das Thema in der Literatur um 1900, z. B. bei Wedekinds Drama "Frühlings Erwachen").
Am 23. Dezember nahmen die katholischen Schüler unter Führung ihrer Lehrer an der Feier zum hundertjährigen Geburtstag der Fürstin Eugenie von Hohenzollern- Hechingen am feierlichen Hochamt in der Stiftskirche teil. Danach beteiligte sich die Realschule an der allgemeinen Feier am Denkmal der Fürstin Eugenie an der Kinderbewahranstalt in der Heiligkreuzstraße (JB 1909, S. 11).
Die Schule pflegte weiterhin gute Kontakte zu den beiden christlichen Konfessionen. Die Jahresberichte hielten weiterhin fest, wie viele Schüler von ihren Religionslehrern auf die erste heilige Kommunion bzw. die Konfirmation vorbereitet wurden. Die Schule erwartete weiterhin die Teilnahme an den sonn- und festtäglichen kath. Schülergottesdiensten, außer der Vater würde die Befreiung beim Schulleiter beantragen(Minister-Erlass vom 15.2.1908; JB 1908, S. 17-18).
Mädchen durfte das Reformrealgymnasium in Entwicklung wie bisher die Realsschule grundsätzlich nicht aufnehmen. Erst Anfang 1919 hatten einige Mädchen mit ihren Aufnahmegesuchen beim Kultusministerium in Berlin Erfolg. Zum Vergleich: In Balingen hatten die ersten sechs Mädchen 1896 ausnahmsweise die Erlaubnis zum Besuch der Realschule erhalten (W. Foth 2005, S. 70). Das Uhland-Gymnasium Tübingen hatte die ersten drei Mädchen 1906 aufgenommen (G. Schwemer 2001, S. 40) und an der Tübinger Oberrealschule erhielten bei der ersten Reifeprüfung 1910 neben 15 Schülern drei Schülerinnen das Reifezeugnis (Kepler-Gymnasium Tübingen 2010, S. 33). Am Fürstenberg-Gymnasium in Donaueschingen war das erste Mädchen 1904 in eine Sexta eingetreten und 1918 erhielten die beiden ersten Primanerinnen ihr Reifezeugnis (Festschrift 225 Jahre Fürstenberg-Gymnasium 2003, S. 51).
Im Februar befasste sich eine Konferenz mit dem Faschingstreiben der Schüler. Der Antrag des Religionslehrers Ott, das Larventragen grundsätzlich zu verbieten, fand keine Mehrheit. Angenommen wurde hingegen der Antrag, die Schüler sollten "anständig verkleidet ohne Rücksicht auf Maske" gehen (Protokoll der LK 26.2.1909)
Die Schule verwendete die Zinsen ihrer drei Stiftungen mit einem Gesamtkapital von 1729 Mark im Schuljahr 1908/09 zur Begleichung von Ausflugskosten bedürftiger Schüler (JB 1909, S. 14).
Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten genehmigte durch Erlass vom 19. Mai 1909 dem Hechinger Reformrealgymnasium i. E. (in Entwicklung), am Ende des Sommerhalbjahres die erste Schlussprüfung abzunehmen. Dabei waren in Deutsch, Latein, Französisch, Englisch und Mathematik schriftliche Arbeiten anzufertigen. Die mündliche Prüfung fand unter dem Vorsitz des Provinzialschulrats Dr. Buschmann als Königlichem Kommissar Mitte Juli statt (JB 1909, S. 12). Elf Schüler erhielten das Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Militärdienst und zum Eintritt in die Obersekunda.
Seit 1899 wurde in den Jahresberichten in den „Mitteilungen an die Eltern und Schüler“ darauf hingewiesen, dass Freistellen für begabte, fleißige und zugleich bedürftige Schüler gewährt werden können, sofern die Ortsbehörde die Bedürftigkeit bestätigt und der Schüler wenigstens ein Jahr die Schule besucht habe. Im Schuljahr 1908/09 konnte die Schule zum Beispiel vier ganze und zwölf halbe Freistellen vergeben (Jahresberichte).
Dass die Hechinger Realschule keine andernorts anzutreffende Standesschule war, belegen die Angaben zu den Berufen der Väter. Fünf waren Handwerker, einer Handwerksmeister, je einer Gastwirt, Kaufmann, Landwirt, Förster, Festungsbauhauptmann und Salineninspektor (JB1909, S. 13).
Direktor Seitz informierte im Jahresbericht, „im Laufe dieses Jahres wurde das neue (ab 1907 in der Heiligkreuzstraße errichtete) Schulgebäude, eine Zierde der Stadt, fertig gestellt“ und werde zu Beginn des neuen Schuljahres bezogen.
Schuulleiter von 1857 bis 1909:
Die Rektoren bzw. ab 1892 die Direktoren Dr. Carl Jumpertz 1857-1859, Albert Schunken 1859-1863, Dr. Adolf Plifke 1863-1867, Dr. Ernst Sallwürk von Wenzelstein 1868-1873, Dr. Theodor Thele 1874-1886, Wilhelm Röhr 1886-1897, Dr. Josef Baar 1897-1901, Hugo Seemann 1901-1905, Friedrich Seitz 1906-1909
Hinweis zu den Quellen- und Literaturangaben:
Quellen- und Literaturangaben stehen in Klammern. Angegeben werden im laufenden Text in der Regel der Autor bzw. Herausgeber, das Erscheinungsjahr und die Seitenangabe. Folgender Pfad führt zum ausführlichen Quellen- und Literaturverzeichnis: http://www.gymnasium-hechingen.de/
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 § 15
 § 23
 § 24
 § 2
 § 4
 § 13