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Timestamp: 2016-12-04 01:54:37+00:00

Document:
HENSCHE Arbeitsrecht: 8 Sa 112/08
Entschädi­gung we­gen der An­nah­me ei­ner Be­hin­de­rung und dar­auf be­ru­hen­der Nicht­ein­stel­lung - Fra­gen nach Krank­hei­ten bei Vor­stel­lungs­gesprächen.
8 Sa 112/08 3 Ca 1161/07 S (Re­gens­burg)
Verkündet am: 8. Ju­li 2008
He­ger, ROSals Ur­kunds­be­am­ter der Geschäfts­stel­le
Dr. Z.- Kläger und Be­ru­fungs­be­klag­ter - Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: g e g e n
Dr. B.- Be­klag­ter und Be­ru­fungskläger - Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: hat die Ach­te Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts München auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 8. Ju­li 2008 durch den Rich­ter am Ar­beits­ge­richt Neu­mei­er so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Jo­hann und Am­micht für Recht er­kannt:
T a t b e s t a n d : Die Par­tei­en strei­ten über ei­ne Entschädi­gung we­gen Dis­kri­mi­nie­rung.
Der Kläger be­an­trag­te erst­in­stanz­lich: Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger € 13.618,71 nebst fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz hier­aus seit 22.01.2007 zu zah­len.
Der Be­klag­te be­an­trag­te: Kla­ge­ab­wei­sung.
Er war erst­in­stanz­lich der Auf­fas­sung, dass ein Entschädi­gungs­an­spruch nicht in Be­tracht kom­me, da die Be­wer­bung des Klägers nicht aus den von ihm an­ge­ge­be­nen Gründen, son­dern le­dig­lich we­gen sei­ner Ge­halts­vor­stel­lun­gen und der Er­geb­nis­se des Eig­nungs­tests nicht er­folg­reich ge­we­sen sei. Er ha­be Tei­le des Eig­nungs­tests nicht be­stan­den. Auf­grund sei­ner Ge­halts­vor­stel­lun­gen ha­be man be­reits nach dem ers­ten Gespräch le­dig­lich noch ei­ne freie Mit­ar­beit sei­ner­seits in Be­tracht ge­zo­gen. Da der dann ein­ge­stell­te Be­wer­ber bes­ser ab­ge­schnit­ten ha­be, sei die­ser zum Zu­ge ge­kom­men. Le­dig­lich auf­grund der Schil­de­run­gen des Klägers im ers­ten Vor­stel­lungs­gespräch ha­be man ihn nach psych­ia­tri­schen Er­kran­kun­gen ge­fragt. Die­se Fra­ge sei aber für die Ein­stel­lung un­maßgeb­lich ge­we­sen. 5
Der Be­klag­te be­an­tragt: 1. Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Re­gens­burg - Az.: 3 Ca 1161/07 S - wird auf­ge­ho­ben.
2. Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen. 7
Der Kläger be­an­tragt: Zurück­wei­sung der Be­ru­fung.
E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e : Die zulässi­ge Be­ru­fung ist auch be­gründet. 8
I. Die gem. § 64 Abs. 2 b ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung des Be­klag­ten ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den und da­her zulässig (§§ 66 Abs. 1 Satz 1, 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG, 519, 520 ZPO).
Auf­grund der Nach­hal­tig­keit der Nach­fra­gen ist da­her die Kam­mer durch­aus der Auf­fas­sung, dass die­se In­di­zi­en für die Mit­ursächlich­keit bei der ge­fun­de­nen Ent­schei­dung des Be­klag­ten spre­chen und die­ser tatsächlich im Rah­men sei­ner Ent­schei­dung an­ge­nom­men hat, dass be­stimm­te ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me beim Kläger vor­han­den sein könn­ten, was für die letz­ten En­des ge­trof­fe­ne Aus­wah­l­ent­schei­dung auch zu­min­dest mit ursächlich war. Dies ist aber auch aus­rei­chend, um vom Grund- 11
bb) Vor­aus­set­zung für ei­nen Entschädi­gungs­an­spruch gem. § 15 Abs. 2AGG ist je­doch, dass gem. § 7 Abs. 1, 2. Halb­satz AGG die Be­nach­tei­li­gung dar­in be­steht, dass die Nicht­ein­stel­lung we­gen der An­nah­me des Vor­lie­gens ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des er­folgt. Dass dies der Fall war, kann die Kam­mer je­doch nicht er­ken­nen.
Das Ge­richt konn­te es letzt­lich da­hin­ge­stellt sein las­sen, ob die De­fi­ni­ti­on des § 2 Abs. 1 SGB IX auch dem Be­griff der Be­hin­de­rung i. S. d. AGG zu­grun­de zu le­gen ist. Der Eu­ropäische Ge­richts­hof hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 11.07.2006 (NZA 2006, 839) dar­ge­legt, was un­ter der Be­hin­de­rung i. S. d. Richt­li­nie 2000/78/EG, zu de­ren Um­set­zung das AGG auch er­las­sen wur­de, zu ver­ste­hen ist. Da­nach muss es sich 12
Selbst wenn man aber die ge­ne­rel­le Eig­nung des Klägers für die Tätig­keit nicht in Zwei­fel zie­hen und in­so­weit als An­lass für die Fra­gen nur das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers se­hen würde, die An­zahl der Ar­beits­unfähig­keits­ta­ge möglichst ge­ring zu hal­ten (vgl. BAG Ur­teil vom 03.04.2007 - 9 AZR 823/06 a. E.), so läge den­noch nur ei­ne Fra­ge nach ei­ner Krank­heit und nicht nach ei­ner Be­hin­de­rung bzw. nach ei­nem 13
Die Kam­mer ist in­so­weit der Auf­fas­sung, dass den Fra­gen des Zeu­gen N. und des Be­klag­ten in­so­weit nicht zu ent­neh­men ist, dass die­se Per­so­nen be­reits vom Grad ei­ner Be­hin­de­rung aus­ge­gan­gen sind. Zunächst zie­len die Fra­gen auf das Vor­lie­gen ei­ner Er­kran­kung ab. Dies um­fasst so­wohl ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung als auch ggf. „Mor­bus Bech­te­rev“, wo­bei die Dar­stel­lung der Aus­sa­gen des Be­klag­ten durch den Kläger im drit­ten Vor­stel­lungs­gespräch vor al­lem auf ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung ab­zie­len, da der Be­klag­te aus der Er­kran­kung „Mor­bus Bech­te­rev“ die häufi­ge Fol­ge ei­ner De­pres­si­on ab­lei­tet. Aus den Fra­gen nach dem Vor­lie­gen der­ar­ti­ger Er­kran­kun­gen kann aber nicht ge­schlos­sen wer­den, dass die Ent­schei­dungs­träger bei der Be­set­zung der Stel­le da­von aus­ge­gan­gen sind, dass der Kläger be­reits der­art schwer­wie­gen­de Be­ein­träch­ti­gun­gen auf­zu­wei­sen hat, dass von ei­ner lang an­dau­ern­den Be­hin­de­rung der Teil­ha­be am Be­rufs­le­ben aus­zu­ge­hen ist. Dies schließt die Kam­mer ins­be­son­de­re dar­aus, dass der Be­klag­te mit dem Kläger durch­aus wei­te­re Gespräche zu­min­dest im Rah­men auch ei­ner Tätig­keit als frei­er Mit­ar­bei­ter geführt hat. Aber auch ge­ra­de für ei­ne Tätig­keit als frei­er Mit­ar­bei­ter wäre es von maßgeb­li­chem In­ter­es­se, ob die­ser ggf. an der­ar­ti­gen lang an­dau­ern­den Be­ein­träch­ti­gun­gen lei­det. Ob­wohl der Kläger es al­so ab­ge­lehnt hat, ei­ne schrift­li­che Erklärung über feh­len­de psych­ia­tri­sche Be­hand­lung vor­zu­le­gen bzw. sich auf „Mor­bus Bech­te­rev“ un­ter­su­chen zu las­sen, hat der Be­klag­te ei­ne freie Mit­ar­beit durch­aus in Be­tracht ge­zo­gen. Dies zeigt die Tat­sa­che, dass mit dem Kläger bezüglich der Mit­ar­beit beim Buch­pro­jekt zwei Vor­stel­lungs­gespräche geführt und ihm dies­bezüglich auch be­reits Bücher zur Vor­be­rei­tung aus­gehändigt wur­den. Wäre dem Be­klag­ten die Un­ter­su­chung auf „Mor­bus Bech­te­rev“ so maßgeb­lich ge­we­sen, dass er hier be­reits das Vor­lie­gen ei­ner Be­hin­de­rung, al­so ei­ner phy­si­schen, geis­ti­gen oder psy­chi­schen Be­ein­träch­ti­gung von lan­ger Dau­er, an­ge­nom­men hätte, hätte die­ser kaum die Beschäfti­gung des Klägers im Rah­men ei­ner frei­en Mit­ar­beit in Be­tracht ge­zo­gen. Je­den­falls spricht dies da­ge­gen, dass der Be­klag­te, selbst wenn er vom Vor­lie­gen bzw. der Ge­fahr ei­ner Er­kran­kung des Klägers aus­ge­gan­gen ist, je­den­falls ei­ne Schwe­re der Er­kran­kung i. S. ei­ner Be­hin­de­rung in Be­tracht ge­zo­gen hat. Selbst wenn der Be­klag­te al­so durch sei­ne und die­je­ni­gen Fra­gen des Zeu­gen N., die er sich zu­rech­nen las­sen 14
Gem. § 72 Abs. 2 ArbGG wur­de die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­sen, da dem Rechts­streit ei­ne grundsätz­li­che Be­deu­tung im Hin­blick auf den Schutz des AGG bei ver­mu­te­ter Be­hin­de­rung bzw. künf­tig mögli­chem Ein­tre­ten der Be­hin­de­rung zu­kommt. Im Ein­zel­nen gilt: 15
Rechts­mit­tel­be­leh­rung: Ge­gen die­ses Ur­teil kann der Kläger Re­vi­si­on ein­le­gen.
Am­micht 16
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References: § 64
 § 15
 § 7
 § 1
 § 2
 § 72