Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=DVBl.%202014,%20790
Timestamp: 2019-10-20 20:22:17+00:00

Document:
Statthaftigkeit der Anfechtungsklage bei Ablehnung der Durchführung eines Asyl(folge)verfahrens wegen der Zuständigkeit eines anderen Mitgliedstaats der EU i.R.e. unzulässigen Asylantrags; Überstellung von Asylsuchenden nach Italien als dem für die Durchführung des ...
Wird zitiert von ... (953)
Anzuwenden ist im vorliegenden Fall nach Art. 49 UAbs. 2 VO (EU) Nr. 604/2013 (Dublin-III-VO) noch die Dublin-II-VO, da sowohl der Antrag auf internationalen Schutz als auch das Übernahmeersuchen an Belgien vor dem 1. Januar 2014 gestellt worden sind (OVG Münster v. 07.03.2014, Az. 1 A 21/12.A, Rn. 41 bei juris; OVG Koblenz v. 21.02.2014, Az. 10 A 10656/13; VG Oldenburg v. 20.02.2014, Az. 3 B 145/14; VG Düsseldorf v. 12.02.2014, Az. 13 L 2428/13.A; VG Düsseldorf v. 02.04.2014, Az. 13 L 155/14.A; VG München v. 03.02.2014, Az. M 21 S 14.30150; VG München v. 04.02.2014, Az. M 4 S 14.30131; VG München v. 05.02.2014, Az. M 4 S 14.30146; VG Regensburg v. 14.02.2014, Az. RN 5 S 14.30112).
Die Zuständigkeit Belgiens hat nicht nach Art. 10 Abs. 1 Satz 2 Dublin II-VO geendet, da der Kläger dort nach seinen eigenen Angaben nach seiner Einreise zeitnah einen Asylantrag gestellt hat (vgl. OVG Münster v. 07.03.2014, Az. 1 A 21/12.A, Rn. 47 bei juris).
Insofern kann es dahingestellt bleiben, ob sich der Antragsteller auf einen Fristablauf und die sich daraus ergebenden Zuständigkeitskonsequenzen überhaupt als subjektives Recht berufen kann (ablehnend z.B.: VG Os-nabrück v. 19.02.2014, Az. 5 B 12/14; VG Trier v. 11.02.2014, Az. 5 L 95/14.TR, m.w.N.; a.A.: VG Oldenburg v. 21.01.2014, Az. 3 B 7136/13; VG Augsburg v. 31.01.2014, Az. Au 7 S 14.30025; zur begrenzten Angreifbarkeit der europarechtlichen Zuständigkeitsvorschriften der Dublin-II-Verordnung durch den Betroffenen mit Blick auf EuGH v. 10.12.2013, Rs. C- 394/12: OVG Münster v. 07.03.2014, Az. 1 A 21/12.A, Rn. 43 ff. bei juris; VG Oldenburg v. 20.02.2014, Az. 3 B 145/14; VG München v. 06.02.2014, Az. M 23 S 14.30153; VG Regensburg v. 29.01.2014, Az. RN 5 S 14.30057; VG Regensburg v. 14.02.2014, Az. RN 5 S 14.30112; VG Regensburg v. 07.03.2014, Az. RN 5 S 14.30199; VG Ansbach v. 10.02.2014, Az. AN 1 S 14.30086 - jeweils m.w.N.).
Erst wenn das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylbewerber im nach der Dublin-II-VO / Dublin-III-VO für die Prüfung des Asylantrags zuständigen Mitgliedstaat grundlegende, systembedingte Mängel aufweisen, die gleichsam zwangsläufig eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung der in diesen Mitgliedstaat überstellten Asylbewerber befürchten lassen, ist ein Abweichen von den Bestimmungen der Dublin-II-VO mit der Folge geboten, dass die Bundesrepublik Deutschland von ihren Selbsteintrittsrechten nach Art. 3 Abs. 2 Dublin-II-VO Gebrauch machen oder jedenfalls von einer Abschiebung in den die Mindeststandards nicht einhaltenden Mitgliedstaat absehen muss (vgl. auch: BVerwG v. 19.03.2014, Az. 10 B 6.14; OVG Münster v. 07.03.2014 a.a.O.;… OVG Koblenz v. 21.02.2014 a.a.O.;… VGH Baden-Württemberg v. 06.8.2013, a.a.O.).
An einen Ausnahmefall des Konzepts normativer Vergewisserung (s.o.) sind strenge Anforderungen zu stellen (…vgl. BVerfG v. 14.05.1996, Az. 2 BvR 1938/93 u.a., Rn. 190 bei juris; OVG Münster v. 07.03.2014, Az. 1 A 21/12.A, Rn. 70 bei juris: "kann allerdings in Sonderfällen widerlegt sein").
Für die Annahme eines systemischen Mangels im vorgenannten Sinne reicht daher die Verletzung einzelner Grundrechte außerhalb von Art. 4 GR-Charta ebenso wenig wie die vereinzelte Verletzungen von Bestimmungen des zum Asylrecht ergangenen Sekundärrechts (exemplarisch: OVG Münster v. 07.03.2014 a.a.O., Rn. 83 bei juris).
Wenn keine außergewöhnlich zwingenden humanitären Gründe vorliegen, die gegen eine Überstellung sprechen, ist allein die Tatsache, dass die wirtschaftlichen und sozialen Lebensverhältnisse bedeutend geschmälert würden, falls ein Antragsteller überstellt werden würde, nicht ausreichend, einen Verstoß gegen Art. 3 EMRK zu begründen (EGMR v. 02.04.2013, Az. 27725/10, ZAR 2013, 336; OVG Münster v. 07.03.2014 a.a.O., Rn. 118 bei juris).
Zusammenfassend liegt eine systemisch begründete, ernsthafte Gefahr einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 GR-Charta bzw. Art. 3 EMRK - die speziell auch gerade für den jeweiligen Rechtsschutzsuchenden in seiner konkreten Situation bejaht werden müsste (BVerwG v. 19.03.2014, Az. 10 B 6.14) - maßgeblich dann vor, wenn mit Blick auf das Gewicht und Ausmaß einer drohenden Beeinträchtigung dieses Grundrechts mit einem beachtlichen Grad von Wahrscheinlichkeit die reale, nämlich durch eine hinreichend gesicherte Tatsachengrundlage belegte Gefahr besteht, dass dem Betroffenen in dem Mitgliedstaat, in den er als den nach der Dublin II-VO "zuständigen" Staat überstellt werden soll, entweder schon der Zugang zu einem Asylverfahren, welches nicht mit grundlegenden Mängeln behaftet ist, verwehrt oder massiv erschwert wird, das Asylverfahren an grundlegenden Mängeln leidet oder dass er während der Dauer des Asylverfahrens wegen einer grundlegend defizitären Ausstattung mit den notwendigen Mitteln elementare Grundbedürfnisse des Menschen (wie z.B. Unterkunft, Nahrungsaufnahme und Hygienebedürfnisse, medizinische Versorgung) nicht in einer noch zumutbarer Weise befriedigen kann (OVG Münster v. 07.03.2014, Az. 1 A 21/12.A, Rn. 126 bei juris).
Die Verantwortlichkeit eines Staates nach Art. 4 GR-Charta bzw. Art. 3 EMRK wegen der Behandlung eines Ausländers kann etwa ausnahmsweise begründet sein, wenn dieser vollständig von staatlicher Unterstützung abhängig ist und behördlicher Gleichgültigkeit gegenübersteht, obwohl er sich in so ernsthafter Armut und Bedürftigkeit befindet, dass dies mit der Menschenwürde unvereinbar ist (vgl. zur Situation in Griechenland: EGMR v. 21.11.2011, Az. 30696/09, NVwZ 2011, 413; vgl. dazu auch BVerwG v. 25.10.2012, Az. 10 B 16.12; OVG Münster v. 07.03.2014 a.a.O., Rn. 124 bei juris).
Zur Bestimmung der wesentlichen Kriterien für das Vorliegen einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung ist auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu dem mit Art. 4 EUGrCh übereinstimmenden Art. 3 EMRK zurückzugreifen (vgl. Niedersächsisches OVG…, Urteil vom 25.06.2015 - 11 LB 248/14 -, juris Rn. 43; OVG Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 07.03.2014 - 1 A 21/12.A -, juris Rn. 112).
VG Gelsenkirchen, 21.05.2019 - 5a L 790/19
Dublin III - Griechenland, Abschiebungsverbot, Lebensbedingungen für Familien mit …
VG Würzburg, 08.02.2019 - W 4 K 18.30720
Überstellung von international Schutzberechtigten nach Malta
VG Frankfurt/Oder, 01.07.2014 - 6 L 364/14
Begründung der Zuständigkeit für die Durchführung des Asylverfahrens durch die …

References: Art. 49
 Art. 10
 EuGH 
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 3
 Art. 4
 Art. 3
 EGMR 
 Art. 4
 Art. 3