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Timestamp: 2018-10-17 05:51:20+00:00

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Arthur Schopenhauer - Kritik der Kantischen Philosophie [2/2]
Hamann - Metakritik Reinhold - Briefe
Kantischen Philosophie
"Nachdem er die ganze Sinnenwelt abgefertigt hat mit dem nichtssagenden sie ist gegeben, macht er nun die logische Tafel der Urteile zum Grundstein seines Gebäudes. Aber hier besinnt er sich auch nicht einen Augenblick über das, was jetzt eigentlich vor ihm liegt."
"Ich habe es als das Hauptverdienst Kants aufgestellt, daß er die Erscheinung vom Ding-ansich unterschied, dies ganze sichtbare Welt für Erscheinung erklärte und daher den Gesetzen derselben alle Gültigkeit über die Erscheinung hinaus absprach. Es ist allerdings auffallend, daß er jene bloß relative Existenz der Erscheinung nicht aus der einfachen, so nahe liegenden, unleugbaren Wahrheit Kein Objekt ohne Subjekt ableitete, um so, schon an der Wurzel, das Objekt, weil es durchaus immer nur in Beziehung auf ein Subjekt da ist, als von diesem abhängig, durch dieses bedingt und daher als bloße Erscheinung, die nicht ansich, nicht unbedingt existiert, darzustellen."
"Überhaupt gibt es, nach Kant, von den Objekten bloß Begriffe, keine Anschauungen. Ich hingegen sage: Objekte sind zunächst nur für die Anschauung da, und Begriffe sind allemal Abstraktionen aus dieser Anschauung. Daher muß das abstrakte Denken sich genau nach der in der Anschauung vorhandenen Welt richten, da bloß die Beziehung auf diese den Begriffen Inhalt gibt, und wir dürfen für die Begriffe keine andere a priori bestimmte Form annehmen, als die Fähigkeit zur Reflexion überhaupt, deren Wesen die Bildung der Begriffe, d. h. abstrakter, nichtanschaulicher Vorstellungen ist, welche die einzige Funktion der Vernunft ausmacht."
Es ist zum Erstaunen, wie KANT ohne sich weiter zu besinnen, seinen Weg verfolgt, seiner Symmetrie nachgehend, nach ihr alles ordnend, ohne jemals einen der so behandelten Gegenstände für sich in Betracht zu nehmen. Ich will mich näher erklären. Nachdem er die intuitive Erkenntnis bloß in der Mathematik in die Betrachtung nimmt, vernachlässigt er die übrige anschauliche Erkenntnis, in der die Welt vor uns liegt, gänzlich, und hält sich allein an das abstrakte Denken, welches doch alle Bedeutung und Wert erst von der anschaulichen Welt empfängt, die unendlich bedeutsamer, allgemeiner, gehaltreicher ist, als der abstrakte Teil unserer Erkenntnis. Ja, er hat, und dies ist ein Hauptpunkt, nirgends die anschauliche und die abstrakte Erkenntnis deutlich unterschieden, und eben dadurch, wie wir hernach sehen werden, sich in unauflösliche Widersprüche mit sich selbst verwickelt.
Nachdem er die ganze Sinnenwelt abgefertigt hat mit dem nichtssagenden "sie ist gegeben", macht er nun, wie gesagt, die logische Tafel der Urteile zum Grundstein seines Gebäudes. Aber hier besinnt er sich auch nicht einen Augenblick über das, was jetzt eigentlich vor ihm liegt. Diese Formen der Urteile sind ja Worte und Wortverbindungen. Es sollte doch zuerst gefragt werden, was diese unmittelbar bezeichnen; es hätte sich gefunden, daß die Begriffe sind. Die nächste Frage wäre dann gewesen nach dem Wesen der Begriffe. Aus ihrer Beantwortung hätte sich ergeben, welches Verhältnis diese zu den anschaulichen Vorstellungen, in denen die Welt dasteht, haben: da wäre Anschauung und Reflexion auseinandergetreten. Nicht bloß wie die reine und nur formale Anschauung a priori, sondern auch wie ihr Gehalt, die empirische Anschauung, ins Bewußtsein kommt, hätte nun untersucht werden müssen. Dann aber hätte sich gezeigt, welchen Anteil hieran der Verstand hat, also auch überhaupt was der Verstand und was dagegen eigentlich die Vernunft sei, deren Kritik hier geschrieben wird. Es ist höchst auffallend, daß er das letztere auch nicht ein einziges Mal ordentlich und genügend bestimmt; sondern er gibt nur gelegentlich und wie der jedesmalige Zusammenhang es fordert, unvollständige und unrichtige Erklärungen von ihr; ganz im Widerspruch mit der oben beigebrachten Regel des CARTESIUS (2)). Zum Beispiel Seite 11; V, 24, der "Kritik der reinen Vernunft" ist sie das Vermögen der Prinzipien a priori; Seite 299; V, 356, heißt es abermals, die Vernunft sei das Vermögen der Prinzipien und sie wird dem Verstand entgegengesetzt, welcher das Vermögen der Regeln sei! Nun sollte man denken, zwischen Prinzipien und Regeln müsse ein himmelweiter Unterschied sein, da er berechtigt, für jede derselben ein besonderes Erkenntnisvermögen anzunehmen. Allein dieser große Unterschied soll bloß darin liegen, daß was aus der reinen Anschauung, oder durch die Formen des Verstandes, a priori erkannt wird, eine Regel sei, und nur was aus bloßen Begriffen a priori hervorgeht, ein Prinzip. Auf diese willkürliche und unstatthafte Unterscheidung werden wir nachher bei der Dialektik zurückkommen. Seite 330; V, 386, ist die Vernunft das Vermögen zu schließen: das bloße Urteilen erlärt er öfter (Seite 69; V, 94) für das Gescäft des Verstandes. Damit sagt er nun aber eigentlich: Urteilen ist das Geschäft des Verstandes, solange der Grund des Urteils empirisch, transzendental oder metalogisch ist (Abhandlung über den Satz vom Grund, § 31, 32, 33); ist er aber logisch, in dem worin der Schluß besteht, so agiert hier ein ganz besonderes, viel vorzüglicheres Erkenntnisvermögen, die Vernunft. Ja, was noch mehr ist, Seite 303; V, 360, wird auseinandergesetzt, daß die unmittelbaren Folgerungen aus einem Satz noch Sache des Verstandes wären, und nur die, wo ein vermittelnder Begriff gebraucht wird, von der Vernunft verrichtet würden; und als Beispiel wird angeführt, aus dem Satz: "Alle Menschen sind sterblich", sei die Folgerung: "Einige Sterbliche sind Menschen" noch durch den bloßen Verstand gezogen: hingegen diese: "Alle Gelehrte sind sterblich" erfordere ein ganz anderes und viel vorzüglicheres Vermögen, die Vernunft. Wie war es möglich, daß ein großer Denker so etwas vorbringen konnte! Seite 553; V, 642, besteht sie darin, daß wir von unseren Behauptungen Rechenschaft geben können. Seite 643, 644; V, 671, 672, darin, daß sie die Begriffe des Verstandes zu Ideen vereinigt, wie der Verstand das Mannigfaltige der Objekte zu Begriffen. Seite 646; V, 674, ist sie nichts anderes, als das Vermögen das Besondere aus dem Allgemeinen abzuleiten.
Der Verstand wird ebenfalls immer wieder von neuem erklärt: an sieben Stellen der "Kritik der reinen Vernunft", Seite 51; v, 75, ist er das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen. Seite 69; V, 94, das Vermögen zu urteilen, d. h. zu denken, d. h. durch Begriffe zu erkennen. Seite 137, fünfte Auflage, im allgemeinen das Vermögen der Erkenntnisse. Seite 132, V, 171, das Vermögen der Regeln. Seite 158; V, 197, aber wird gesagt: "er ist nicht nur das Vermögen der Regeln, sondern der Quell der Grundsätze, nach welchem alles unter Regeln steht"; und dennoch wurde er oben der Vernunft entgegengesetzt; weil diese allein das Vermögen der Prinzipien wäre. Seite 160; V, 199, ist der Verstand das Vermögen der Begriffe: Seite 302; V, 359, aber das Vermögen der Einheit der Erscheinungen mittels der Regeln.
Die von mir aufgestellten, festen, scharfen, bestimmten, einfachen und mit dem Sprachgebrauch aller Völker und Zeiten stets übereinkommenden Erklärungen jener zwei Erkenntnisvermögen werde ich nicht nötig haben gegen solche (obwohl sie von KANT ausgehen) wahrhaft konfuse und grundlose Reden darüber zu verteidigen. Ich habe diese nur angeführt als Belege meines Vorwurfs, daß KANT sein symmetrisches, logisches System verfolgt, ohne sich über den Gegenstand, den er so behandelt, genugsam zu besinnen.
Hätte KANT, wie ich oben sagte, ernsthaft untersucht, inwiefern zwei solche verschiedenen Erkenntnisvermögen, davon eines das Unterscheidende der Menschheit ist, sich zu erkennen gegeben, und was, gemäß dem Sprachgebrauch aller Völker und aller Philosophen, Vernunft und Verstand heißt; so hätte er auch nie, ohne weitere Autorität, als den in ganz anderem Sinn gebrauchten intellectus theoreticus und practicus der Scholastiker, die Vernunft in eine theoretische und praktische zerfällt und letztere zur Quelle des tugendhaften Handelns gemacht. Ebenso, bevor KANT Verstandesbegriffe (worunter er teils seine Kategorien, teils alle Gemeinbegriffe versteht) und Vernunftbegriffe (seine sogenannten Ideen) so sorgfältig sonderte und beide zum Material seiner Philosophie machte, die größtenteils nur von der Gültigkeit, Anwendung, Ursprung all dieser Begriffe handelt; - zuvor, sage ich, hätte er doch wahrlich untersuchen sollen, was den überhaupt ein Begriff ist. Allein auch diese so notwendige Untersuchung ist leider ganz unterblieben; was viel dazu beigetragen hat zu der heillosen Vermischung intuitiver und abstrakter Erkenntnis, die ich bald nachweisen werde. - Derselbe Mangel an hinlänglichem Besinnen, mit welchem er die Fragen überging: was ist Anschauung? was ist Reflexion? was Begriff? was Vernunft? was Verstand? - ließ ihn auch folgende ebenso unumgänglich nötige Untersuchungen übergehen: was nenne ich den Gegenstand, den ich von der Vorstellung unterscheide? was ist Dasein? was Objekt? was Subjek? was Wahrheit, Schein, Irrtum? - Aber er verfolgt, ohne sich zu besinnen oder umzusehen, sein logisches Schema und seine Symmetrie. Die Tafel der Urteile soll und muß der Schlüssel zu aller Weisheit sein.
Ich habe es oben als das Hauptverdienst KANTs aufgestellt, daß er die Erscheinung vom Ding-ansich unterschied, dies ganze sichtbare Welt für Erscheinung erklärte und daher den Gesetzen derselben alle Gültigkeit über die Erscheinung hinaus absprach. Es ist allerdings auffallend, daß er jene bloß relative Existenz der Erscheinung nicht aus der einfachen, so nahe liegenden, unleugbaren Wahrheit "Kein Objekt ohne Subjekt" ableitete, um so, schon an der Wurzel, das Objekt, weil es durchaus immer nur in Beziehung auf ein Subjekt da ist, als von diesem abhängig, durch dieses bedingt und daher als bloße Erscheinung, die nicht ansich, nicht unbedingt existiert, darzustellen. Jenen wichtigen Satz, hatte bereit BERKELEY, gegen dessen Verdienst KANT nicht gerecht ist, zum Grundstein seiner Philosophie gemacht und sich dadurch ein unsterbliches Andenken gestiftet, obwohl er selbst nicht die gehörigen Folgerungen aus jenem Satz zog und sodann teils nicht verstanden, teils nicht genugsam beachtet wurde. Ich hatte, in meiner ersten Auflage, KANTs Umgehen dieses BERKELEY'schen Satzes aus einer sichtbaren Scheu vor dem entschiedenen Idealismus erklärt; während ich diesen andererseits in vielen Stellen der "Kritik der reinen Vernunft" deutlich ausgesprochen fand; und hatte demnach KANT des Widerspruchs mit sich selbst bezichtigt. Auch war dieser Vorwurf begründet, sofern man, wie es damals mein Fall war, die "Kritik der reinen Vernunft" bloß in der zweiten, oder den nach ihr abgedruckten fünf folgenden Auflagen kennt. Als ich nun aber später KANTs Hauptwerk in der bereits selten gewordenen ersten Auflage las, sah ich, zum meiner großen Freude, alle jene Widersprüche verschwinden, und fand, daß KANT, wenngleich er nicht die Formel "kein Objekt ohne Subjekt" gebraucht, doch, mit eben der Entschiedenheit wie BERKELEY und ich, die in Raum und Zeit vorliegende Außenwelt für eine bloße Vorstellung des sie erkennenden Subjekts erklärt; daher er z. B. Seite 383 daselbst ohne Rückhalt sagt: "Wenn ich das denkende Subjekt wegnehme, muß die ganze Körperwelt wegfallen, als die nichts ist, als die Erscheinung in der Sinnlichkeit unseres Subjekts und eine Art Vorstellung desselben." Aber die ganze Stelle von Seite 348-392, in welcher KANT seinen entschiedenen Idealismus überaus schön und deutlich darlegt, wurde von ihm in der zweiten Auflage supprimiert [unterdrückt - wp] und dagegen eine Menge ihr widerstreitenden Äußerungen hineingebracht. Dadurch ist dann der Text der Kr. d. r. V., wie er vom Jahr 1787 an bis zum Jahr 1838 zirkuliert hat, ein verunstalteter und verdorbener geworden, und dieselbe ein sich sich widersprechendes Buch gewesen, dessen Sinn eben deshalb niemanden ganz klar und verständlich sein konnte. Das Nähere hierüber, wie auch meine Vermutungen über die Gründe und Schwächen, welche KANT zu einer solchen Verunstaltung seines unsterblichen Werkes haben bewegen können, habe ich dargelegt in einem Brief an Herrn Professor ROSENKRANZ, dessen Hauptstelle derselben in seiner Vorrede zum zweiten Band der von ihm besorgten Ausgabe der sämtlichen Werke KANTs aufgenommen hat, wohin ich also hier verweise. Infolge meiner Vorstellungen nämlich hat im Jahr 1838 Herr Professor ROSENKRANZ sich bewogen gefunden, die Kr. d. r. V. in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederherzustellen, indem er sie, in besagtem zweitem Band, nach der ersten Auflage von 1781 abdrucken ließ, wodurch er sich um die Philosophie ein unschätzbares Verdienst erworben hat, ja das wichtigste Werk der deutschen Literatur vielleicht vom Untergang gerettet hat; und dies soll man ihm nie vergessen. Aber keiner bilde sich ein, die Kr. d. r. V. zu kennen und einen deutlichen Begriff von KANTs Lehre zu haben, wenn er jene nur in der zweiten oder einer der folgenden Auflagen gelesen hat; das ist schlechterdings unmöglich: denn er hat nur einen verstümmelten, verdorbenen, gewissermaßen unechten Text gelesen. Es ist meine Pflicht, dies hier entschieden und zu jedermanns Warnung auszusprechen.
Mit der in der ersten Auflage der Kr. d. r. V. so deutlich ausgesprochenen, entschieden idealistischen Grundansicht steht jedoch die Art, wie KANT das Ding-ansich einführt, in einem unleugbaren Widerspruch, und ohne Zweifel ist dies der Hauptgrund, warum er in der zweiten Auflage die angegebene idealistische Hauptstelle supprimierte, und sich geradezu gegen den BERKELEY'schen Idealismus erklärte, wodurch er jedoch nur Inkonsequenzen in sein Werk brachte, ohne dem Hautgebrechen desselben abhelfen zu können. Dieses ist bekanntlich die Einführung des Dings-ansich, auf die von ihm gewählte Weise, deren Unstatthaftigkeit von G. E. SCHULZE im "Aenesidemus" weitläufig dargetan und bald als der unhaltbare Punkt seines Systems anerkannt wurde. Die Sache läßt sich mit sehr wenigem deutlich machen. KANT gründet die Voraussetzung des Dings-ansich, wiewohl unter mancherlei Wendungen verdeckt, auf einen Schluß nach dem Kausalitätsgesetz, daß nämlich die empirische Anschauung, richtiger die Empfindung in unseren Sinnesorganen, von der sie ausgeht, eine äußere Ursache haben muß. Nun aber ist, nach seiner eigenen und richtigen Entdeckung, das Gesetz der Kausalität uns a priori bekannt, folglich eine Funktion unseres Intellekts, als subjektiven Ursprungs; ferner ist die Sinnesempfindung selbst, auf welche wir hier das Kausalitätsgesetz anwenden, unleugbar subjekt; und schließlich sogar der Raum, in welchem wir mittels dieser Anwendung die Ursache der Empfindung als Objekt versetzen, ist eine a priori gegebene, folglich subjektive Form unseres Intellekts. Mithin bleibt die ganze empirische Anschauung durchweg auf subjektivem Grund und Boden, als ein bloßer Vorgang in uns, und nichts von ihr gänzlich Verschiedenes, von ihr Unabhängiges, läßt sich als ein Ding-ansich hineinbringen oder als notwendige Voraussetzung dartun. Wirklich ist und bleibt die empirische Anschauung unsere bloße Vorstellung: es ist die Welt als Vorstellung. Zum Wesen ansich dieser können wir nur auf dem ganz andersartigen, von mir eingeschlagenen Weg, mittels Hinzuziehung des Selbstbewußtseins, welches den Willen als das Ansich unserer eigenen Erscheinung kundgibt, gelangen: dann aber wird das Ding-ansich ein von der Vorstellung und ihren Elementen toto genere [völlig - wp] Verschiedenes; wie ich dies ausgeführt habe.
Das, wie gesagt, früh nachgewiesene, große Gebrechen des kantischen Systems in diesem Punkt ist ein Beleg zu dem schönen indischen Sprichwort: "Kein Lotus ohne Stengel." Die fehlerhafte Ableitung des Dings-ansich ist hier der Stengel: jedoch auch nur die Art der Ableitung, nicht die Anerkennung eines Dings-ansich zur gegebenen Erscheinung. Auf diese letztere Weise aber mißverstand es FICHTE; was er nur konnte, weil es ihm nicht um die Wahrheit zu tun war, sondern um Aufsehen, zur Beförderung seiner persönlichen Zwecke. Demnach war er dreist und gedankenlos genug, das Ding ansich ganz abzuleugnen und ein System aufzustellen, in welchem nicht, wie bei KANT, das bloß Formale der Vorstellung, sondern auch das Materiale der gesamte Inhalt derselben, vorgeblich a priori aus dem Subjekt abgeleitet wurde. Er rechnete dabei ganz richtig auf die Urteilslosigkeit und Niaiserie [Einfältigkeit - wp] des Publikums, welches schlechte Sophismen, bloßen Hokuspokus und unsinniges Wischiwaschi für Beweise hinnahm; so daß es ihm glückte, die Aufmerksamkeit desselben von KANT auf sich zu lenken und der deutschen Philosophie die Richtung zu geben, in welcher sie nachher von SCHELLING weiter geführt wurde und schließlich in der unsinnigen HEGELschen Afterweisheit [Pseudoweisheit - wp] ihr Ziel erreichte.
Ich komme jetzt auf den schon oben berührten großen Fehler KANTs zurück, daß er die anschauliche und die abstrakte Erkenntnis nicht gehörig gesondert hat, woraus eine heillose Konfusion entstanden ist, die wir jetzt näher zu betrachten haben. Hätte er die anschaulichen Vorstellungen von den bloß in abstracto gedachten Begriffen scharf getrennt, so würde er diese beiden auseinandergehalten und jedesmal gewußt haben, mit welchen von beiden er es zu tun hätte. Dies ist nun leider nicht der Fall gewesen, obgleich der Vorwurf darüber noch nicht laut geworden, also vielleicht unerwartet ist. Sein "Objekt der Erfahrung", davon er beständig rede, der eigentliche Gegenstand der Kategorien, ist nicht die anschauliche Vorstellung, ist aber auch nicht der abstrakte Begriff, sondern von beiden verschieden, und doch beides zugleich, und ein völliges Unding. Denn es hat ihm so unglaublich dies scheint, an Besonnenheit, oder aber an gutem Willen gefehlt, um hierüber mit sich selbst ins Reine zu kommen und sich und anderen deutlich zu erklären, ob sein "Gegenstand der Erfahrung, d. h. der durch Anwendung der Kategorien zustande kommenden Erkenntnis", die anschauliche Vorstellung in Raum und Zeit (meine erste Klasse der Vorstellungen) ist, oder bloß der abstrakte Begriff. Ihm schwebt, so seltsam es auch ist, beständig ein Mittelding von beiden vor, und daher kommt die unselige Verwirrung, die ich jetzt ans Licht ziehen muß: zu welchem Zweck ich die ganze Elementarlehre im allgemeinen durchzugehen habe.
Die transzendentale Ästhetik ist ein so überaus verdienstvolles Werk, daß es allein hinreichen könnte, KANTs Namen zu verewigen. Ihre Beweise haben so volle Überzeugungskraft, daß ich die Lehrsätze derselben den unumstößlichen Wahrheiten beizähle, wie sie ohne Zweifel auch zu den folgenreichsten gehören, mithin als das Seltenste auf der Welt, nämlich eine wirkliche, große Entdeckung in der Metaphysik, zu betrachten sind. Die von ihm streng bewiesene Tatsache, daß ein Teil unserer Erkenntnisse uns a priori bewußt ist, läßt gar keine andere Erklärung zu, als daß diese die Formen unseres Intellekts ausmachen: ja, dies ist weniger eine Erklärung, als eben nur der deutliche Ausdruck der Tatsache selbst. Denn a priori bedeutet nichts anderes, als "nicht auf dem Weg der Erfahrung gewonnen, also nicht von außen gekommen zu sein, im Intellekt vorhanden ist, ist eben das ihm selbst ursprünglich Angehörige, sein eigenes Wesen. Besteht nun dies so in ihm selbst Vorhandene in der allgemeinen Art und Weise, wie alle seine Gegenstände ihm sich darstellen müssen; nun, so ist damit gesagt, daß es die Formen seines Erkennens sind, d. h. die ein für allemal festgestellte Art und WEise, wie er diese seine Funktion vollzieht. Demnach sind "Erkenntnisse a priori" und "selbsteigene Formen des Intellekts" im Grunde nur zwei Ausdrücke für dieselbe Sache, also gewissermaßen Synonyma.
Von den Lehren der transzendentalen Ästhetik wüßte ich daher nichts hinwegzunehmen, nur einiges hinzuzusetzen. Besonders nämlich ist KANT mit seinen Gedanken nicht zu Ende gekommen darin: daß er nicht die ganze euklidische Demonstriermethode verwarf, nachdem er doch Seite 87; V, 120, gesagt hatte, alle geometrische Erkenntnis habe aus der Anschauung unmittelbare Evidenz. Es ist höchst fragwürdig, daß sogar einer seiner Gegner, und zwar der scharfsinnigste derselben, G. E. SCHULZE (Kritik der theoretischen Philosophie II, Seite 241), den Schluß macht, daß aus KANTs Lehre eine ganz andere Behandlung der Geometrie hervorgehen würde, als die wirklich übliche ist; wodurch er einen apagogisch Beweis gegen KANT zu führen vermeint, in der Tat aber gegen die euklidische Methode den Krieg anfängt, ohne es zu wissen. Ich berufe mich auf § 15 im ersten Buch der gegenwärtigen Schrift.
Nach der in der transzendentalen Ästhetik gegebenen, ausführlichen Erörterung der allgemeinen Formen aller Anschauung muß man erwarten, doch einige Aufklärung zu erhalten über den Inhalt derselben, über die Art, wie die empirische Anschauung in unser Bewußtsein kommt, wie die Erkenntnis dieser ganzen, für uns so realen und so wichtigen Welt in uns entsteht. Allein darüber enthält die ganze Lehre KANTs eigentlich nichs weiter, als den oft wiederholten, nichtssagenden Ausdruck: "Das Empirische der Anschauung wird von außen gegeben." - Deswegen gelang KANT dann auch hier von den reinen Formen der Anschauung, durch einen Sprung, zum Denken, zur transzendentalen Logik. Gleich am Eingang derselben (Kr. d. r. V. Seite 50; V, 74), wo KANT den materialen Gehalt der empirischen Anschauung zu berühren nicht umhin kann, tut er den ersten falschen Schritt, begeht das proton pseudos [erster Irrtum - wp]. "Unsere Erkenntnis" sagt er, "hat zwei Quellen, nämlich Rezeptivität der Eindrücke und Spontaneität der Begriffe: die erste ist die Fähigkeit Vorstellungen zu empfangen, die zweite die, einen Gegenstand durch diese Vorstellungen zu erkennen: durch die erste wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird er gedacht." - Das ist falsch: denn danach wäre der Eindruck, für den allein wir bloße Rezeptivität haben, der also von außen kommt und allein eigentlich "gegeben" ist, schon eine Vorstelllung, ja sogar schon ein Gegenstand. Er ist aber nichts weiter als eine bloße Empfindung im Sinnesorgan, und erst durch die Anwendung des Verstandes (d. h. des Gesetzes der Kausalität) und der Anschauungsformen des Raumes und der Zeit wandelt unser Intellekt diese bloße Empfindung in eine Vorstellung um, welche nunehr als Gegenstand in Raum und Zeit dasteht und von letzterem (dem Gegenstand) nicht anders unterschieden werden kann, als sofern man nach dem Ding-ansich frägt, außerdem aber mit ihm identisch ist. Diesen Hergang habe ich ausführlich dargelegt in der Abhandlung über den Satz vom Grunde, § 21. Damit ist aber das Geschäft des Verstandes und der anschauenden Erkenntnis vollbracht und es bedarf dazu keiner Begriffe und keines Denkens: da diese Vorstellungen auch das Tier hat. Kommen Begriffe, kommt Denken hinzu, welchem allerdings Spontaneität beigelegt werden kann, soe wird die anschauende Erkenntnis gänzlich verlassen und eine völlig andere Klasse von Vorstellungen, nämlich nichtanschauliche, abstrakte Begriffe, tritt ins Bewußtsein: dies ist die Tätigkeit der Vernunft, welche jedoch den ganzen Inhalt ihres Denkens allein aus der diesem vorhergegangenen Anschauung und Vergleichung desselben mit anderen Anschauungen und Begriffen hat. So aber bringt KANT das Denken schon in die Anschauung und legt den Grund zu der heillosen Vermischung der intuitiven und abstrakten Erkenntnis, welche zu rügen ich hier beschäftigt bin. Er läßt die Anschauung, für sich genommen, verstandlos, rein sinnlich, also ganz passiv sein, und erst durch das Denken (Verstandeskategorie) einen Gegenstand aufgefaßt werden: so bringt er das Denken in die Anschauung. Dann ist aber wiederum der Gegenstand des Denkens ein einzelnes, reales Objekt; wodurch das Denken seinen wesentlichen Charakter der Allgemeinheit und Abstraktion einbüßt und statt allgemeiner Begriffe einzelne Dinge zum Objekt erhält, wodurch er wieder das Anschauen in das Denken bringt. Daraus entspringt die besagte heillose Vermischung, und die Folgen dieses ersten falschen Schrittes erstrecken sich über seine ganze Theorie des Erkennens. Durch das Ganze derselben zieht sich die gänzliche Vermischung der anschaulichen Vorstellung mit der abstrakten zu einem Mittelding von beiden, welches er als den Gegenstand der Erkenntnis durch den Verstand und dessen Kategorien darstellt und diese Erkenntnis Erfahrung nennt. Es ist schwer zu glauben, daß KANT selbst sich etwas völlig Bestimmtes und eigentlich Deutliches bei diesem Gegenstand des Verstandes gedacht hat: dies werde ich jetzt beweisen, durch den ungeheuren Widerspruch, der durch die ganze transzendentale Logik geht und die eigentliche Quelle der Dunkelheit ist, die sie umhüllt.
Nämlich in der Kr. d. r. V., Seite 67 bis 69; V, 92-94; Seite 89,90; V, 122, 123; ferner V, 135, 139, 153, wiederholt er und schärft ein: der Verstand sei kein Vermögen der Anschauung, seine Erkenntnis sei nicht intuitiv, sondern diskursiv; der Verstand sei das Vermögen zu urteilen (Seite 69; V, 94), und ein Urteil sei mittelbare Erkenntnis, Vorstellung einer Vorstellung (Seite 68; V, 93); der Verstand sei das Vermögen zu denken, und denken sei die Erkenntnis durch Begriffe (Seite 69, V, 94); die Kategorien des Verstandes seien keineswegs die Bedingungen, unter denen Gegenstände in der Anschauung gegeben werden (Seite 89; V, 122), und die Anschauung bedürfe der Funktionen des Denkens auf keine Weise (Seite 91; V, 123); unser Verstand könne nur denken, nicht anschauen (V, Seite 135,139). Ferner in den Prolegomenen, § 20: Anschauung, Wahrnehmung, perceptio, gehöre bloß den Sinnen an; das Urteilen komme allein dem Verstand zu; und § 22: die Sache der Sinne sei anzuschauen, die des Verstandes zu denken, d. h. zu urteilen. - Schließlich noch in der Kr. d. r. V., vierte Auflage, Seite 247; Rosenkranzische Ausgabe Seite 281: der Verstand ist diskursiv, seine Vorstellungen sind Gedanken, nicht Anschauungen. - All das sind KANTs eigene Worte.
Hieraus folgt, daß diese anschauliche Welt für uns da wäre, auch wenn wir gar keinen Verstand hätten, daß sie auf eine ganz unerklärliche Weise in unseren Kopf kommt, welches er eben durch seinen wunderlichen Ausdruck, die Anschauung wäre gegeben, häufig bezeichnet, ohne diesen unbestimmten und bildlichen Ausdruck weiter zu erklären.
Aber nun widerspricht allem Angeführten auf das Schreiendste seine ganze übrige Lehre vom Verstand, von dessen Kategorien und von der Möglichkeit der Erfahrung, wie er solche in der transzendentalen Logik vorträgt. Nämlich Kr. d. r. V., Seite 79, V, 105, bringt der Verstand durch seine Kategorien Einheit in das Mannigfaltige der Anschauung, und die reinen Verstandesbegriffe gehen a priori auf Gegenstände der Anschauung. Seite 94; V, 126, sind "die Kategorien Bedingung der Erfahrung, es sei der Anschauung oder des Denkens, das in ihr angetroffen wird". V, Seite 127, ist der Verstand Urheber der Erfahrung. V, Seite 128, bestimmen die Kategorien die Anschauung der Gegenstände. V, Seite 130, ist alles, was wir uns im Objekt (das doch wohl ein Anschauliches und kein Abstraktum ist) als verbunden vorstellen, erst durch eine Verstandeshandlung verbunden worden. V, Seite 135, wird der Verstand von neuem erklärt, als das Vermögen a priori zu verbinden und das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen unter die Einheit der Apperzeption zu bringen: aber, nach allem Sprachgebrauch, ist die Apperzeption nicht das Denken eines Begriffs, sondern ist Anschauung. V, Seite 136, finden wir gar einen obersten Grundsatz der Möglichkeit aller Anschauung in Beziehung auf den Verstan. V, Seite 143, steht sogar als Überschrift, daß alle sinnliche Anschauung durch die Kategorien bedingt sei. Ebendaselbst bringt die logische Funktion der Urteile auch das Mannigfaltige gegebener Anschauungen unter eine Apperzeption überhaupt, und das Mannigfaltige einer gegebenen Anschauung steht notwendig unter den Kategorien. V, Seite 144, kommt Einheit in die Anschauung mittels der Kategorien, durch den Verstand. V, Seite 145, wird das Denken des Verstandes sehr seltsam dadurch erklärt, daß er das Mannigfaltige der Anschauung synthetisiert, verbindet und ordnet. V, Seite 161, ist Erfahrung nur durch die Kategorien möglich und besteht in der Verknüpfung der Wahrnehmungen, die dann doch wohl Anschauungen sind. V, Seite 159, sind die Kategorien Erkenntnisse a priori von Gegenständen der Anschauung überhaupt. - Ferner wird hier und V, Seite 163 und 165, eine Hauptlehre KANTs vorgetragen, diese: daß der Verstand die Natur allererst möglich macht, indem er ihr Gesetze a priori vorschreibt und sie sich nach seiner Gesetzmäßigkeit richtet usw. Nun ist aber die Natur doch wohl ein Anschauliches und kein Abstraktum; der Verstand müßte demnach ein Vermögen der Anschauung sein. V, Seite 168, wird gesagt, die Verstandesbegriffe seien die Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung und diese sei die Bestimmung der Erscheinungen in Raum und Zeit überhaupt; welche Erscheinungen dann doch wohl in der Anschauung da sind. Schließlich, Seite 189-211; V, 232-265, steht der lange Beweis (dessen Unrichtigkeit in meiner Abhandlung über den Satz vom Grunde, § 23, ausführlich gezeigt ist), daß die objektive Sukzession und auch das Zugleichsein der Gegenstände der Erfahrung nicht sinnlich wahrgenommen, sondern allein durch den Verstand in die Natur gebracht werden, welche selbst dadurch erst möglich wird. Gewiß ist aber doch die Natur, die Folge der Begebenheiten und das Zugleichsein der Zustände lauter Anschauliches und kein bloß abstrakt Gedachtes.
Ich fordere jeden, der mit mir die Verehrung gegen KANT teilt, auf, diese Widersprüche zu vereinigen, und zu zeigen, daß KANT bei seiner Lehre vom Objekt der Erfahrung und der Art, wie es durch die Tätigkeit des Verstandes und seiner zwölf Funktionen bestimmt wird, etwas ganz Deutliches und Bestimmtes gedacht habe. Ich bin überzeugt, daß der nachgewiesene Widerspruch, der sich durch die ganze transzendentale Logik zieht, der eigentliche Grund der großen Dunkelheit des Vortrags in derselben ist. KANT war sich nämlich des Widerspruchs dunkel bewußt, kämpfte innerlich damit, wollte oder konnte ihn dennoch nicht zu einem deutlicheren Bewußtsein bringen, verschleierte ihn daher für sich und für andere, und umging ihn auf allerlei Schleichwegen. Davon ist es vielleicht auch abzuleiten, daß er aus dem Erkenntnisvermögen eine so seltsame, komplizierte Maschine machte, mit so vielen Rädern, als da sind die zwölf Kategorien, die transzendentale Synthesis der Einbildungskraft, der innere Sinn, die transzendentale Einheit der Apperzeption, ferner der Schematismus der reinen Verstandesbegriffe usw. Und ungeachtet dieses großen Apparates wird zur Erklärung der Anschauung der Außenwelt, die dann doch wohl die Hauptsache in unserer Erkenntnis ist, auch nicht einmal ein Versuch gemacht; sondern diese sich aufdringende Anforderung wird recht ärmlich immer durch den nämlichen, nichtssagenden, bildlichen Ausdruck abgelehnt: "Die empirische Anschauung wird uns gegeben." Seite 145 der fünften Auflage erfahren wir noch, daß dieselbe durch das Objekt gegeben wird: mithin muß dieses etwas von der Anschauung Verschiedenes sein.
Wenn wir nun KANTs innerste, von ihm selbstnicht deutlich ausgesprochene Meinung zu erforschen und bemühen; so finden wir, daß wirklich ein solches, von der Anschauung verschiedenes Objekt, das aber auch keineswegs ein Begriffe ist, ihm der eigentliche Gegenstand für den Verstand ist, ja, daß die sonderbare Voraussetzung eiens solchen unvorstellbaren Gegenstandes es eigentlich sein soll, wodurch allererst die Anschauung zur Erfahrung wird. Ich glaube, daß ein altes, eingewurzeltes, aller Untersuchung abgestorbenes Vorurteil in KANT der letzte Grund ist von der Annahme eines solchen absoluten Objekts, welcher ansich, d. h. auch ohne Subjekt, Objekt ist. Es ist durchaus nicht das angeschaute Objekt, sondern es wird durch den Begriff zur Anschauung hinzugedacht, als etwas derselben Entsprechendes, und nunmehr ist die Anschauung Erfahrung und hat Wert und Wahrheit, die sie folglich erst durch die Beziehung auf einen Begriff erhält (im diametralen Gegensatz gegen unsere Darstellung, nach welcher der Begriff allein von der Anschauung Wert und Wahrheit erhält. Das Hinzudenken dieses direkt nicht vorstellbaren Objekts zur Anschauung ist dann die eigentliche Funktion der Kategorien. "Nur durch Anschauung wird der Gegenstand gegeben, der hernach der Kategorie gemäß gedacht wird." (Kr. d. r. V., erste Auflage, Seite 399). Besonders deutlich wird dies aus einer Stelle, Seite 125 der fünften Auflage: "Nun frägt es sich, ob nicht auch Begriffe a priori vorausgehen, als Bedingungen, unter denen allein etwas, wenngleich nicht angeschaut, dennoch als Gegenstand überhaupt gedacht wird," welches er bejaht. Hier zeigt sich deutlich die Quelle des Irrtums und der ihn umhüllenden Konfusion. Denn der Gegenstand als solcher ist allemal nur für die Anschauung und in ihr da: sie mag nun durch die Sinne, oder, bei seiner Abwesenheit, durch die Einbildungskraft vollzogen werden. Was hingegen gedacht wird, ist allemal ein allgemeiner, nicht anschaulicher Begriff, der allenfalls der Begriff von einem Gegenstand überhaupt sein kann: aber nur mittelbar, mittels der Begriffe, bezieht sich das Denken auf Gegenstände, welche selbst allezeit anschaulich sind und bleiben. Denn unser Denken dient nicht dazu, den Anschauungen Realität zu verleihen: diese haben sie, soweit sie ihrer fähig sind (empirische Realität) durch sich selbst; sondern es dient, das Gemeinsame und die Resultate der Anschauungen zusammenzufassen, um sie aufbewahren und leichter handhaben zu können. KANT aber schreibt die Gegenstände selbst dem Denken zu, um dadurch die Erfahrung und die objektive Welt von Verstand abhängig zu machen, ohne jedoch diesen ein Vermögen der Anschauung sein zu lassen. In dieser Beziehung unterscheidet er allerdings das Anschauen vom Denken, macht aber die einzelnen Dinge zum Gegenstand teils der Anschauung, teils des Denkens. Wirklich aber sind sie nur ersteres: unsere empirische Anschauung ist sofort objektiv; eben weil sie vom Kausalnexus ausgeht. Ihr Gegenstand sind unmittelbar die Dinge, nicht von diesen verschiedene Vorstellungen. Die einzelnen Dinge werden als solche angeschaut im Verstand und durch die Sinne: der einseitige Eindruck auf diese wird dabei sofort durch die Einbildungskraft ergänzt. Sobald wir hingegen zum Denken übergehen, verlassen wir die einzelnen Dinge und haben es mit allgemeinen Begriffen ohne Anschaulichkeit zu tun; wenn wir gleich die Resultate unseres Denkens nachher auf die einzelnen Dinge anwenden. Wenn wir dieses festhalten, so erhellt die Unzulässigkeit der Annahme, daß die Anschauung der Dinge erst durch das die zwölf Kategorien anwendende Denken eben dieser Dinge Realität erhalte und zur Erfahrung werde. Vielmehr ist in der Anschauung selbst schon die empirische Realität, mithin die Erfahrung gegeben: allein die Anschauung kann auch nur zustande kommen mittels einer Anwendung der Erkenntnis vom Kausalnexus, welche die einzige Funktion des Verstandes ist, auf die Sinnesempfindung. Die Anschauung ist demnach wirklich intellektual, was gerade KANT leugnet.
Die hier kritisierte Annahme KANTs findet man, außer der angeführten Stelle, auch noch vorzüglich deutlich ausgesprochen in der "Kritik der Urteilskraft", § 36, gleich anfangs; desgleichen in den "Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft", in der Anmerkung zur ersten Erklärung der "Phänomenologie". Aber mit einer Naivität, deren KANT bei diesem mißlichen Punkt sich am wenigsten getraute, findet man sie aufs deutlichste dargelegt im Buch eines Kantianers, nämlich KIESEWETTEs "Grundriß einer allgemeinen Logik", dritte Auflage, Teil 1, Seite 434 der Auseinandersetzung und Teil 2, § 52 und 53 der Auseinandersetzung; desgleichen in TIEFTRUNKs "Denklehre in rein deutschem Gewand" (1825). Da zeigt sich so recht, wie jedem Denker seine nicht selbstdenkenden Schüler zum Vergrößerungsspiegel seiner Fehler werden. KANT ist bei dieser Darstellung seiner einmal beschlossenen Kategorienlehre durchgängig leise aufgetreten, die Schüler hingegen dreist, wodurch sie das Falsche der Sache bloßlegen.
Dem Gesagten zufolge ist bei KANT der Gegenstand der Kategorien zwar nicht das Ding-ansich, aber doch dessen nächster Anverwandter: es ist das Objekt ansich, ist ein Objekt, das keines Subjekts bedarf, ist ein einzelnes Ding, und doch nicht in Zeit und Raum, weil nicht anschaulich, ist Gegenstand des Denkens, und doch nicht abstrakter Begriff. Demnach unterscheidet KANT eigentlich dreierlei:
1. die Vorstellung;
2. den Gegenstand der Vorstellung;
3. das Ding ansich
Erstere ist Sache der Sinnlichkeit, welche bei ihm, neben der Empfindung, auch die reinen Anschauungsformen Raum und Zeit begreift. Das zweite ist Sache des Verstandes, der es durch seine zwölf Kategorien hinzu denkt. Das dritte liegt jenseits aller Erkennbarkeit. (Als Beleg hierzu sehe man Seite 108 und 109 der ersten Auflage der Kr. d. r. V.) Nun ist aber die Unterscheidung der Vorstellung und des Gegenstandes der Vorstellung ungegründet: dies hatte schon BERKELEY bewiesen, und es geht hervor aus meiner ganzen Darstellung im ersten Buch, besonders Kapitel 1 der Ergänzungen, ja aus KANTs eigener völlig idealistischer Grundansicht in der ersten Auflage. Wollte man aber nicht den Gegenstand der Vorstellung zur Vorstellung rechnen und mit ihr identifizieren, so müßte man ihn zum Ding-ansich ziehen: dies hängt am Ende vom Sinn ab, den man dem Wort Gegenstand beilegt. Immer aber steht dies fest, daß, bei deutlicher Besinnung, nichts weiter zu finden ist, als Vorstellung und Ding-ansich. Das unberechtigte Einschieben jenes Zwitters, Gegenstand der Vorstellung, ist die Quelle der Irrtümer KANTs: mit dessen Wegnahme fällt aber auch die Lehre von den Kategorien als Begriffen a priori dahin; da sie zur Anschauung nichts beitragen und vom Ding-ansich nicht gelten sollen, sondern wir mittels ihrer nur jene "Gegenstände der Vorstellungen" denken und dadurch die Vorstellung in Erfahrung umwandeln. Denn jede empirische Anschauung ist schon Erfahrung: empirisch aber ist jede Anschauung, welche von Sinnesempfindung ausgeht: diese Empfindung bezieht der Verstand, mittels seiner alleinigen Funktion (Erkenntnis a priori des Kausalitätsgesetzes) auf ihre Ursache, welche eben dadurch in Raum und Zeit (Formen der reinen Anschauung) sich darstellt als Gegenstand der Erfahrung, materielles Objekt, im Raum durch alle Zeit beharrend, dennoch aber auch als solches immer noch Vorstellung bleibt, wie eben Raum und Zeit selbst. Wollen wir über diese Vorstellung hinaus, so stehen wir bei der Frage nach dem Ding ansich, welche zu beantworten das Thema meines ganzen Werkes, wie aller Metaphysik überhaupt ist. Mit dem hier dargelegten Irrtum KANTs steht in Verbindung sein früher gerügter Fehler, daß er keine Theorie der Entstehung der empirischen Anschauung gibt, sondern diese ohne weiteres gegeben sein läßt, sie identifizierend mit der bloßen Sinnesempfindung, der er nur noch die Anschauungsformen Raum und Zeit beigibt, beide unter dem Namen Sinnlichkeit begreifend. Aber aus diesen Materialien entsteht noch keine objektive Vorstellung: vielmehr erfordert diese schlechterdings Beziehung der Empfindung auf ihre Ursache, also Anwendung des Kausalitätsgesetzes, also Verstand; da ohne dieses die Empfindung immer noch subjektiv bleibt und kein Objekt in den Raum versetzt, auch wenn ihr dieser beigegeben ist. Aber bei KANT durfte der Verstand nicht zur Anschauung verwendet werden: er sollte bloß denken, um innerhalb der transzendentalen Logik zu bleiben. Hiermit hängt wieder ein anderer Fehler KANTs zusammen: daß er für die richtig erkannte Apriorität des Kausalitätsgesetzes den allein gültigen Beweis, nämlich den aus der Möglichkeit der objektiven empirischen Anschauung selbst, zu führen mir überlassen hat, und statt dessen einen offenbar falschen gibt, wie ich dies schon in meiner Abhandlung über den Satz vom Grunde, § 23, dargetan habe. - Aus obigem ist klar, daß KANTs "Gegenstand der Vorstellung" (Punkt 2) zusammengesetzt ist aus dem, was er teils der Vorstellung (Punkt 1), teils dem Ding-ansich (Punkt 3) geraubt hat. Wenn wirklich die Erfahrung nur dadurch zustande käme, daß unser Verstand zwölf verschiedene Funktionen anwendete, um durch ebensoviele Begriffe a priori die Gegenstände, welche vorher bloß angeschaut wurden, zu denken; so müßte jedes wirkliche Ding als solches eine Menge Bestimmungen haben, welche als a priori gegeben, sich, eben wie Raum und Zeit, schlechterdings nicht wegdenken ließen, sondern ganz wesentlich zum Dasein des Dings gehörten, jedoch nicht abzuleiten wären aus den Eigenschaften des Raums und der Zeit. Aber nur eine einzige dergleichen Bestimmung ist anzutreffen: die der Kausalität. Auf dieser beruth die Materialität, da das Wesen der Materie im Wirken besteht und sie durch und durch Kausalität ist (siehe Kapitel 4 des ersten Buches der Ergänzungen). Materialität aber ist es allein, die das reale Ding vom Phantasiebild, welches dann doch nur Vorstellung ist, unterscheidet. Denn die Materie, als beharrend, gibt dem Ding die Beharrlichkeit durch alle Zeit, seiner Materie nach, während die Formen wechseln, in Gemäßheit der Kausalität. Alles übrige am Ding sind entweder Bestimmungen des Raumes oder der Zeit, oder seine empirischen Eigenschaften, die alle zurücklaufen auf seine Wirksamkeit, also nähere Bestimmungen der Kausalität sind. Die Kausalität aber geht schon als Bedingung in die empirische Anschauung ein, welche demnach Sache des Verstandes ist, der schon die Anschauung möglich macht, außer dem Kausalitätsgesetz aber zur Erfahrung und ihrer Möglichkeit nichts beiträgt. Was die alten Ontologien füllt, ist, außer dem hier Angegebenen, nichts weiter als Verhältnisse der Dinge zueinander, oder zu unserer Reflexioin, und zusammengeraffte farrago [Misturen - wp].
Ein Merkmal der Grundlosigkeit der Kategorienlehre gibt schon der Vortrag derselben. Welch ein Abstand, in dieser Hinsicht, zwischen der transzendentalen Ästhetik und der transzendentalen Analytik! Dort, welche Klarheit, Bestimmtheit, Sicherheit, feste Überzeugung, die sich unverhohlen ausspricht und unfehlbar mitteilt! Alles ist lichtvoll, keine finsteren Schlupfwinkel sind gelassen: KANT weiß, was er will, und weiß, daß er recht hat. Hier hingegen ist alles dunkel, verworren, unbestimmt, schwankend, unsicher, der Vortrag ängstlich, voll Entschuldigungen und Berufungen auf Kommendes, oder gar Zurückbehaltenes. Auch ist der ganze zweite und dritte Abschnitt der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe in der zweiten Auflage völlig geändert, weil er KANT selbst nicht genügte, und ist ein ganz anderer, als in der ersten, jedoch nicht klarer geworden. Man sieht wirklich KANT im Kampf mit der Wahrheit, um seine einmal beschlossen Lehrmeinung durchzusetzen. In der transzendentalen Ästhetik sind alle seine Lehrsätze wirklich bewiesen, aus unleugbaren Tatsachen des Bewußtseins; in der transzendentalen Analytik hingegen finden wir, wenn wir es bei Licht betrachten, bloße Behauptungen, daß es so sei und sein müsse. Also hier, wie überall, trägt der Vortrag das Gepräge des Denkens, aus dem er hervorgegangen ist: denn der Stil ist die Physiognomie des Geistes. - Noch ist zu bemerken, daß KANT, so oft er, zur näheren Erörterung, ein Beispiel geben will, fast jedesmal die Kategorie der Kausalität dazu nimmt, wo das Gesagte dann richtig ausfällt, - weil eben das Kausalitätsgesetz die wirkliche, aber auch alleinige Form des Verstandes ist, und die übrigen elf Kategorien nur blinde Fenster sind. Die Deduktion der Kategorien ist in der ersten Auflage einfacher und unumwundener, als in der zweiten. Er bemüht sich darzulegen, wie nach der von der Sinnlichkeit gegebenen Anschauung, der Verstand, mittels des Denkens der Kategorien, die Erfahrung zustande bringt. Dabei werden die Ausdrücke Rekognition, Reproduktion, Assoziation, Apprehension, transzendentale Einheit der Apperzeption, bis zur Ermüdung wiederholt und doch keine Deutlichkeit erreicht. Höchst beachtenswert ist es aber, daß er bei dieser Auseinandersetzung nicht ein einziges Mal berührt, was doch jedem Zuerst einfallen muß, das Beziehen der Sinnesempfindung auf ihre äußere Ursache. Wollte er dasselbe nicht gelten lassen, so mußte er es ausdrücklich leugnen: aber auch dies tut er nicht. Er schleicht also darum herum, und alle Kantianer sind ihm ebenso nachgeschlichen. Das geheime Motiv hierzu ist, daß er den Kausalnexus unter dem Namen "Grund der Erscheinung" für seine falsche Ableitung des Dings-ansich ausspart; und nächstdem, daß durch die Beziehung auf die Ursache die Anschauung intellektual würde, was er nicht zugeben darf. Überdies scheint er geführchtet zu haben, daß wenn man den Kausalnexus zwischen Sinnesempfindung und Objekt gelten läßt, letzteres sofort zu Ding-ansich werden und den LOCKEschen Empirismus einführen würde. Diese Schwierigkeit aber wird beseitigt durch die Besonnenheit, welche uns vorhält, daß das Kausalitätsgesetz subjektiven Ursprungs ist, so gut wie die Sinnesempfindung selbst, überdies auch der eigene Leib, sofern er im Raum erscheint, bereits zu den Vorstellungen gehört. Aber dies einzugestehen verhinderte KANT seine Furcht vor dem BERKELEYschen Idealismus.
Als die wesentliche Operation des Verstandes mittels seiner zwölf Kategorien wird wiederholt angegeben "die Verbindung des Mannigfaltigen der Anschauung": jedoch wird dies nie gehörig erläuter, noch gezeigt, was denn dieses Mannigfaltige der Anschauung vor der Verbindung durch den Verstand sein soll. Nun aber sind die Zeit und der Raum, dieser in allen seinen drei Dimensionen, continua, d. h. alle ihre Teile sind ursprünglich nicht getrennt, sondern verbunden. Sie aber sind die durchgängigen Formen unserer Anschauung: also erscheint auch alles, was sich in ihnen darstellt (gegeben wird) schon ursprünglich als Kontinuum, d. h. seine Teile treten schon als verbunden auf und bedürfen keiner hinzukommenden Verbindung des Mannigfaltigen. Wollte man aber jene Vereinigung des Mannigfaltigen der Anschauung etwa dahingehend auslegen, daß ich die verschiedenen Sinneseindrücke von einem Objekt doch nur auf dieses eine beziehe, also z. B. eine Glocke anschauend, erkenne, daß das, was mein Auge als gelb, meine Hände als glatt und hart, mein Ohr als tönend affiziert, doch nur ein und derselbe Körper ist; so ist dies vielmehr eine Folge der Erkenntnis a priori vom Kausalnexus (dieser wirklichen und alleinigen Funktion des Verstandes), vermöge welcher alle jene verschienen Einwirkungen auf meine verschiedenen Sinnesorgane mich doch nur auf eine gemeinsame Ursache derselben, nämlich die Beschaffenheit des vor mir stehenden Körpers, hinleiten, so daß mein Verstand, ungeachtet der Verschiedenheit und Vielheit der Wirkungen, doch die Einheit der Ursache als ein einziges, sich eben dadurch anschaulich darstellendes Objekt apprehendiert. - In der schönen Rekapitulation seiner Lehre, welche KANT in der Kr. d. r. V., Seite 719-726, oder V, 747-754, gibt, erklärt er die Kategorien vielleicht deutlicher als irgendwo, nämlich als "die bloße Regel der Synthesis desjenigen, was die Wahrnehmung a posteriori gegeben hat". Ihm scheint dabei so etwas vorzuschweben, wie daß, bei der Konstrukton des Triangels, die Winkel die Regel der Zusammensetzung der Linien geben: zumindest kann man an diesem Bild sich was von der Funktion der Kategorien sagt am besten erläutern. Die Vorrede zu den "Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft" enthält eine lange Anmerkung, welche ebenfalls eine Erklärung der Kategorien liefert und besagt, daß sie "von den formalen Verstandeshandlungen im Urteilen in nichts unterschieden sind", als darin, daß in letzteren Subjekt und Prädikat allenfalls ihre Stelle vertauschen können: sodann wird daselbst das Urteil überhaupt definiert als "eine Handlung, durch die gegebene Vorstellungen zuerst Erkenntnisse eines Objekts werden". Hiernach müßten die Teire, da sie nicht urteilen, auch gar keine Objekte erkennen. Überhaupt gibt es, nach KANT, von den Objekten bloß Begriffe, keine Anschauungen. Ich hingegen sage: Objekte sind zunächst nur für die Anschauung da, und Begriffe sind allemal Abstraktionen aus dieser Anschauung. Daher muß das abstrakte Denken sich genau nach der in der Anschauung vorhandenen Welt richten, da bloß die Beziehung auf diese den Begriffen Inhalt gibt, und wir dürfen für die Begriffe keine andere a priori bestimmte Form annehmen, als die Fähigkeit zur Reflexion überhaupt, deren Wesen die Bildung der Begriffe, d. h. abstrakter, nichtanschaulicher Vorstellungen ist, welche die einzige Funktion der Vernunft ausmacht, wie ich im ersten Buch gezeigt habe. Ich verlange demnach, daß wir von den Kategorien elf zum Fenster hinauswerfen und allein die der Kausalität behalten, jedoch einsehen, daß ihre Tätigkeit schon die Bedingung der empirischen Anschauung ist, welche sonach nicht bloß sensual, sondern intellektual ist, und daß der so angeschaute Gegenstand, das Objekt der Erfahrung, eins ist mit der Vorstellung, von welcher nur noch das Ding-ansich zu unterscheiden ist.
Nach in verschiedenen Lebensaltern wiederholten Studium der "Kritik der reinen Vernunft" hat sich mir über die Entstehung der transzendentalen Logik eine Überzeugung aufgedrängt, die ich, als zum Verständnis derselben sehr förderlich, hier mitteile. Auf objektive Auffassung und höchste menschliche Besonnenheit gegründete Entdeckung ist ganz allein das Apercu [geistreiche Bemerkung - wp], daß Zeit und Raum a priori von uns erkannt werden. Durch diesen glücklichen Fund erfreut, wollte KANT die Ader desselben noch weiter verfolgen, und seine Libe zur architecktonischen Symmetrie gab ihm den Leitfaden. Wie er nämlich der empirischen Anschauung eine reine Anschauung a priori als Bedingung untergelegt gefunden hatte; ebenso, meinte er, würden auch wohl den empirisch erworbenen Begriffen gewisse reine Begriffe als Voraussetzung in unserem Erkenntnisvermögen zugrunde liegen, und das empirische wirkliche Denken allererst durch ein reines Denken a priori, welches ansich aber gar keine Gegenstände hätte, sondern sie aus der Anschauung nehmen müßte, möglich sein; so daß, wie die transzendentale Ästhetik eine Grundlage a priori der Mathematik nachweist, es auch für die Logik eine solche geben müßte; wodurch alsdann jene erstere an einer transzendentalen Logik symmetrisch ein Pendant erhielte. Von jetzt an war KANT nicht mehr unbefangen, nicht mehr im Zustand des reinen Forschens und Beobachtens des im Bewußtsein Vorhandenen; sondern er war durch eine Voraussetzung geleitet, und verfolgte eine Absicht, nämlich die, zu finden was er voraussetzte, um auf die so glücklich entdeckte tranzsdentale Ästhetik eine ihr analoge, also ihr symmetrisch entsprechende, transzendentale Logik als zweites Stockwert aufzusetzen. Hierzu nun verfiel er auf die Tafel der Urteile, aus welcher er, so gut es gehen wollte, die Kategorientafel bildete, als die Lehre von den reinen Begriffen a priori, welche die Bedingung unseres Denkens eben der Dinge sein sollten, deren Anschauung durch die zwei Formen der Sinnlichkeit a priori bedingt ist: symmetrisch entsprach also jetzt der reinen Sinnlichkeit ein reiner Verstand. Danach nun geriet er auf noch eine Betrachtung, die ihm ein Mittel darbot, die Plausibilität der Sache zu erhöhen, mittels der Annahme des Schematismus der reinen Verstandesbegriffe , wodurch aber gerade der ihm selbst unbewußte Hergang seines Verfahrens sich am deutlichsten verrät. Indem er nämlich darauf ausging, für jede empirische Funktion des Erkenntnisvermögens eine analoge apriorische zu finden, bemerkte er, daß zwischen unserem empirischen Anschauen und unserem empirischen, in abstrakten, nichtanschaulichen Begriffen vollzogenen Denken noch eine Vermittlung, wenn auch nicht immer, doch sehr häufig stattfindet, indem wir nämlich dann und wann vom abstrakten Denken auf das Anschauen zurückzugehen versuchen; aber bloß versuchen, eigentlich um uns zu überzeugen, daß unser abstraktes Denken sich vom sicheren Boden der Anschauung nicht weit entfernt hat und etwa überfliegend, oder auch zu bloßem Wortkram geworden ist; ungefähr so, wie wir, im Finstern gehend, dann und wann nach der leitenden Wand greifen. Wir gehen alsdann, eben auch nur versuchsweise und momentan, auf das Anschauen zurück, indem wir eine dem uns gerade beschäftigenden Begriff entsprechende Anschauung in der Phantasie hervorrufen, welche jedoch dem Begriff nie ganz adäquat sein kann, sondern ein bloßer einstweiliger Repräsentant desselben ist: über diesen habe ich das Nötige schon in meiner Abhandlung "Über den Satz vom Grunde", § 28, beigebracht. KANT benennt ein flüchtiges Phantasma dieser Art, im Gegensatz des vollendeten Bildes der Phantasie, ein Schema, sagt, es sei gleichsam ein Monogramm der Einbildungskraft, und behauptet nun, daß, so wie ein solches der Einbildungskraft, und behauptet nun, daß, so wie ein solches zwischen unserem abstrakten Denken empirisch erworbener Begriffe und unserer klaren, durch die Sinne geschehenden Anschauung in der Mitte steht, auch zwischen dem Anschauungsvermögen a priori der reinen Sinnlichkeit und dem Denkvermögen a priori des reinen Verstandes (also den Kategorien) dergleichen Schemata der reinen Verstandesbegriffe a priori vorhanden sind, welche Schemata er, als Monogramme der reinen Einbildungskraft a priori, stückweise beschreibt und jedes derselben er ihm entsprechenden Kategorie zuteilt, in dem wunderlichen "Hauptstück vom Schematismus der reinen Verstandesbegriffe", welches als höchst dunkel berühmt ist, weil kein Mensch je hat daraus klug werden können; dessen Dunkelheit sich jedoch aufhellt, wenn man es von dem hier gegebenen Standpunkt aus betrachtet, wo dann aber auch mehr als irgendwo, die Absichtlichkeit seines Verfahrens und im Voraus gefaßte Entschluß, zu finden was der Analogie entspricht und der architektonischen Symmetrie dienen könnte, an den Tag tritt: ja, dies ist hier in einem Grad der Fall, der die Sache an das Komische heranführt. Denn indem er den empirischen Schematen (oder Repräsentanten unserer wirklichen Begriffe durch die Phantasie) analoge Schemata der reinen (inhaltslosen) Verstandesbegriffe a priori (Kategorien) annimmt, übersieht er, daß der Zweck solcher Schemata hier ganz wegfällt. Denn der Zweck der Schemata beim empirischen (wirklichen) Denken bezieht sich ganz allein auf den materiellen Inhalt solcher Begriffe: da nämlich diese aus der empirischen Anschauung abgezogen sind, helfen und orientieren wir uns dadurch, daß wir beim abstrakten Denken zwischendurch einmal auf die Anschauung, daraus die Begriffe entnommen sind, einen flüchtigen Rückblick werden, uns zu versichern, daß unser Denken noch realen Gehalt hat. Dies setzt aber notwendig voraus, daß die uns zu beschäftigenden Begriffe aus der Anschauung entsprungen sind und ist ein bloßes Zurücksehen auf ihren materialen Inhalt, ja ein bloßes Hilfsmittel unserer Schwäche. Aber bei Begriffen a priori, welche noch gar keinen Inhalt haben, fällt offenbar dergleichen notwendig weg: denn diese sind nicht aus der Anschauung entsprungen, sondern kommen ihr von innen entgegen, um aus ihr einen Inhalt erst zu empfangen, haben also noch nichts, worauf sie zurücksehen könnten. Ich bin hierbei weitläufig, weil gerade dieses auf den geheimen Hergang des kantischen Philosophierens Licht wirft, der demnach darin besteht, daß KANT, nach der glücklichen Entdeckung der beiden Anschauungsformen a priori, nunmehr, am Leitfaden der Analogie, für jede Bestimmung unserer empirischen Erkenntnis, ein Analogon a priori darzutun sich bestrebt, und dies zuletzt, in den Schematen, sogar auf eine bloß psychologische Tatsache ausdehnt, wobei der anscheinende Tiefsinn und die Schwierigkeit der Darstellung gerade dienen, dem Leser zu verbergen, daß der Inhalt derselben eine ganz unserweisliche und bloß willkürliche Annahme bleibt: der aber, welcher in den Sinn solcher Darstellung endlich eindringt, wird dann leicht verleitet, dieses mühsam erlangte Verständnis für Überzeugung von der Wahrheit der Sache zu halten. Hätte hingegen KANT, wie bei der Entdeckung der Anschauungen a priori, auch hier sich unbefangen und rein beobachtend verhalten; so müßte er gefunden haben, daß was zur reinen Anschauung des Raumes und der Zeit hinzukommt, wenn aus ihr eine empirische wird, einerseits die Empfindung und andererseits die Erkenntnis der Kausalität ist, welche die bloße Empfindung in objektive empirische Anschauung verwandelt, eben deshalb aber nicht erst aus dieser entlehnt und erlernt, sondern a priori vorhanden und eben diese Form und Funktion des reinen Verstandes ist, aber auch seine einzige, jedoch eine so folgenreiche, daß alle unsere empirische Erkenntnis auf ihr beruth. - Wenn, wie oft gesagt worden ist, die Widerlegung eines Irrtums erst dadurch vollständig wird, daß man seine Entstehungsart psychologisch nachweist; so glaube ich dieses im obigen, im Hinblick auf KANTs Lehre von den Kategorien und ihren Schematen, geleistet zu haben. LITERATUR - Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Leipzig 1859
2) Hier sei bemerkt, daß ich die "Kritik der reinen Vernunft" überall nach der Seitenzahl der ersten Auflage zitiere, da in der Ausgabe von ROSENKRANZ der gesamten Werke diese Seitenzahl durchgängig beigegeben ist; außerdem füge ich, mit vorgesetzter V, die Seitenzahl der fünften Auflage hinzu; dieser sind alle übrigen, von dern zweiten an, gleichlautend, also auch wohl in der Seitenzahl.

References: § 31
 § 15
 § 21
 § 20
 § 22
 § 23
 § 36
 § 52
 § 23
 § 28