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Timestamp: 2020-02-17 19:00:39+00:00

Document:
Qualitätsmanagement im Jugendamt - Arbeitsfeld Kinderschutz - intranda GmbH
Qualitätsmanagement im Jugendamt - Arbeitsfeld Kinderschutz
Qualitätsrahmen Kinderschutz, Qualitätsmanagement und Wirkungscontrolling : Dokumentation der Tagungsergebnisse und Beiträge zum Thema / Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin. V.i.S.d.P.: Christa Möhler-Staat
Möhler-Staat, Christa [Hrsg.]
Qualitätsmanagement im Jugendamt - Arbeitsfeld Kinderschutz : 27.Januar 2012
Stand Februar 2012, Datum des Herunterladens: 25.04.2013
Elektronische Ressource (PDF-Datei: 104 S., 2.33 MB)
Kws 36 Kinder. Jugend: Kinderschutz
urn:nbn:de:kobv:109-opus-183537
Qualitätsrahmen Kinderschutz, Qualitätsmanagement und Wirkungscontrolling / Möhler-Staat, Christa [Hrsg.]
Zusammenarbeit im Kinderschutz mit Trägern der HzE
Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin Brandenburg, Königstraße 36 b, 14109 Berlin
Qualitätsrahmen Kinderschutz, Qualitätsmanagement und Wirkungscontrolling 1. Teil 27.Januar 2012 Qualitätsmanagement im Jugendamt Arbeitsfeld Kinderschutz
Dokumentation der Tagungsergebnisse und Beiträge zum Thema
V.i.S.d.P.: Christa Möhler-Staat Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg Königstraße 36 b, 14109 Berlin E-Mail: Christa.Moehler-Staat@SFBB.berlin-brandenburg.de Tel.: 030/48481-312 Stand Februar 2012
Seite Inhaltsverzeichnis................................................................................3
Programmüberblick.............................................................................................4-7
World- Café , Diskussionsergebnisse................................................................8-14
„ Und was nun ?“ – Mitschrift der Podiumsdiskussion.....................................15-20
Qualitätsmanagement und Wirkungscontrolling im Arbeitsfeld Kinderschutz, Aktuelles zur bundesweiten Diskussion Dr. Heinz Kindler............................................................................................21-42 Qualitätsmanagement im Jugendamt, Arbeitsfeld Kinderschutz RSD Fachkräfte und Leitungskräfte im Spannungsfeld zwischen Komplexität, Qualitätsanspruch, fachlicher Absicherung und Überforderung Marianne Desens...........................................................................................43-65 Leitung in komplexen Systemen am Beispiel des Arbeitsfeldes Fallmanagement bei Kindeswohlgefährdung im RSDHandlungs- und Entscheidungsstrategien Dr. Harald Tornow...........................................................(Präsentation)........66-81 (Textfassung).........82-90
Anhang...............................................................................................91
Aufsätze zum Themenbereich: Stolperfalle Falleinordnung Dr. Maria Lüttringhaus: 1. Was ist der Fall?- Die Fallen bei der Definition Fall Oder: Mit den Fällen in die Fallen?......................................................92-99 2. Kooperation der Eltern und Kinderschutz..........................................100-104
Qualitätsrahmen Kinderschutz, Qualitätsmanagement und Wirkungscontrolling
Das neue Bundeskinderschutzgesetz 1. Teil, 27.Januar 2012
Qualitätsmanagement im Jugendamt Arbeitsfeld Kinderschutz
Begrüßung und Erläuterung zum Ablauf des Tages Moderation Sabine Smentek Diplom-Kauffrau, selbständige OE-Beraterin RSD- Fachkräfte und Leitungskräfte im Spannungsfeld zwischen Komplexität, Qualitätsanspruch, fachlicher Absicherung und Überforderung 1. Aktuelles zum Stand der Bundes- weiten Fachdiskussion Referent: Dr. Heinz Kindler, DJI, Diplom-Psychologe, Fachpsychologe für Rechtspsychologie Umgang mit Anspruch und Wirklichkeit in Berlin Referentin: Marianne Desens, Jug Dir, Rdf., Ltg. der AG 12 „reaktiver Kinderschutz“
Pause, 20 Min.
World-Café: 1. Worin sehen Sie die Ursachen für das Auseinanderklaffen von fachlichem Anspruch und Wirklichkeit? 2. Welche Lösungsansätze sehen Sie?
Mittagspause, 1 Std. Leitung in komplexen Systemen am Beispiel des Arbeitsfeldes Fallmanagement bei Kindeswohlgefährdung im RSD: Verbesserte Wirkung durch einfache Organisation, Selbstorganisation und Führung im RSD – Handlungs- und Entscheidungsstrategien Referent Dr. Harald Tornow, Diplom-Psychologe, e/l/s-Institut GmbH für Qualitätsentwicklung sozialer Dienstleistungen Leiter des Projektes Wirkungsevaluation von HzE in Berlin
Pause, 15 Min. Zusammenfassung der Ergebnisse aus dem World Café Sabine Smentek Podiumsgespräch - “Und was nun?“ Thesen 1. zum Thema: Gefährdungseinschätzung 2. zum Thema: Aufgaben von Leitungskräften und Kinderschutzkoordination hinsichtlich Standardsicherung, Controlling und Personalentwicklung 3. zum Thema Dokumentation Gefährdungsanalyse und Hilfeplanung (Anschlussfähigkeit) 4. zur Qualität und Wirksamkeit von Hilfen: (Kriterien der Ergebnisqualität und Frühindikatoren im Prozess) Teilnehmer/-innen: Alle Vortragenden sowie Karla Range-Schmedes SenBJW, Oliver Gulitz, Kinderschutzkoordinator Jugendamt Stegl.-Zehl, Hannelore Kinder Regionalleiterin JA Temp-Schbg. Schlusswort
Qualitätsmanagement im Jugendamt Arbeitsfeld Kinderschutz Ergebnisse World Café 1
Ursachen Anspruch vs. Wirklichkeit: – Mangelnde Personalausstattung quantitativ und qualitativ, Einstiegsvergütung, Zeitverträge, Fluktuation, mangelhafte Ausstattung (nicht nur IT) Das verhindern Qualität (z.B. 4-Augen-Prinzip) neue – Zunehmende Zusammenarbeit mit Bundeskinderschutzgesetz Gerichten: im Jugendamt fehlt juristische Kompetenz – Fehlende Fehlerkultur (machen dürfen, lernen wollen) – Zunehmende Meldungen durch Dritte – Verantwortungsabgabe ans Jugendamt – Fallzahlen nehmen zu – Zunehmend „kultursensible Fälle“
Qualitätsmanagement im Jugendamt Arbeitsfeld Kinderschutz Ergebnisse World Café 2
Ursachen Anspruch vs. Wirklichkeit: – Leitbildkonfusion (Sozialarbeit vs. Sozialmanagement) Das Zunehmende Bürokratisierung („Hilfsmittel“ sind – neue nicht immer „Hilfsmittel“), zuviel top-down Bundeskinderschutzgesetz – Standards von Aus- und Fortbildung nicht immer praxistauglich – „Jeder macht alles“ ist nicht immer qualitätssteigernd – Fehlende Reflexion, Supervision – Kostendruck/Budgetierung verhindert oft Qualität
Qualitätsmanagement im Jugendamt Arbeitsfeld Kinderschutz Ergebnisse World Café 3
Lösungsansätze: – Personal/Organisation
Mehr Kinderschutz-Krisenteams, weitere Organisationsentwicklung/Fehlerkultur etablieren • Personalausstattung definieren und umsetzen; dabei Das neue berücksichtigen (z.B. Bevölkerungsstruktur) Spezifika • Mindestteamgröße und max. Anzahl Bundeskinderschutzgesetz Fälle/FK definieren zur Sicherung der Arbeitsfähigkeit • Ausbildung (Bachelor) verändern (praxistauglicher) • Spezifische Fortbildungen in hoher Qualität für alle • Zugang zu aktuellen Informationen sicherstellen • Supervision, Teamentwicklung als Standard • Ggf. Teilprozesse an freie Träger übergeben (auch Clearing) • (IT-) Ausstattung optimieren
Qualitätsmanagement im Jugendamt Arbeitsfeld Kinderschutz Ergebnisse World Café 4
Lösungsansätze: – Dokumentation/Statistik
• Verfahren und Regeln von/mit Praktikern erarbeiten Das• neue zusammenführen, IT-Lösungen Statistiken • Kinderschutzbogen nutzerfreundlicher Bundeskinderschutzgesetz gestalten (AG 12)
Qualitätsmanagement im Jugendamt Arbeitsfeld Kinderschutz Ergebnisse World Café 5
Lösungsansätze: – Steuerung
• Zentrale Richtlinienkompetenz (SenJug) Das• neue Standards definieren und umsetzen – Mut zur Fachliche Fachlichkeit auf allen Ebenen Bundeskinderschutzgesetz • SRO als Steuerung nutzen • Festlegen, wo die Grenzen des Jugendamtes sind, was nicht gemacht werden kann • Wirkungsanalyse und gelebter Qualitätsdialog mit Freien Trägern • Produkt „Sozialpädagogische Beratung“ auch als Wertschätzung
Qualitätsmanagement im Jugendamt Arbeitsfeld Kinderschutz Ergebnisse World Café 6
Lösungsansätze: – Leitung
AG 1 – 12 extern moderieren/begleiten und Abstimmung Das neue untereinander sicherstellen • Leitungskräfte müssen Vorbild sein, Bundeskinderschutzgesetzmotivieren und Belastungsgrenzen (an-)erkennen (Fürsorge!) • Unterstützung bei Strafermittlungen: Rechtschutzversicherung für MitarbeiterInnen •
Qualitätsmanagement im Jugendamt Arbeitsfeld Kinderschutz Ergebnisse World Café 7
Das neue „Wir müssen uns selber Bundeskinderschutzgesetz
wertschätzen!“
Und was nun? Podiumsgespräch 2 • • Zum Stichwort „Und was nun? Hannelore Kinder: Bei den mehrfachen Dilemmata, die im Vortrag von Herrn Dr. Tornow benannt wurden (die ich auch bei mir wiederfinde) muss ich klären: Was ist am Vordringlichsten? Vordringlich finde ich bzgl. der Fragen zu Verfahrensstandards und Wirksamkeit die Differenzierung zwischen „akuter Kindeswohlgefährdung“, die eine Krisenintervention benötigt, im Unterschied zur chronifizierten/anhaltenden Kindeswohlgefährdung, die prozesshaft zu gestalten (und zu beschreiben) ist. Es muss eine Klarheit erreicht werden, wie mit chronischen/anhaltenden Fällen von Kindeswohlgefährdung umzugehen ist (Studie NRW: Gespräche helfen hier nicht- was stattdessen?) Oliver Gulitz: Mir kommt das Wort Dilemma hier zu oft vor. Ich sehe keinen Widerspruch zwischen der helfenden wertschätzenden Rolle und der fordernden, kontrollierenden. Diese beiden Rollen können methodisch gut zusammengeführt werden. Dr. Harald Tornow: Ja, vielleicht kann es so gelöst werden, in dem ich schaue, welche Rolle ich gerade lebe. Allerdings wird es tatsächlich als anstrengend beschrieben.
Und was nun? Podiumsgespräch 1 • Karla Range-Schmedes: Ich nehme Hausaufgaben mit, insbesondere zu Fragestellungen: Was ist erforderlich und wie kann ich erreichen, dass die Erkenntnisse aus dem Bundesprojekt „ Aus Fehlern lernen“ (Fallanalysen) und konkrete Forschungsergebnisse, z.B. zu Risikoeinschätzungsverfahren sowie die Regelungen des BKischuG in Berlin implementiert werden? Die AV Kischu ist entsprechend auszurichten, ebenso wie Aus- und Fortbildung. Dr. Heinz Kindler: Ich denke, die modulare Anwendung der Kinderschutzbögen (Stuttgart, Düsseldorf, Berlin) entspricht den Erfordernissen der spezifischen Fall- Konstellationen und Fragestellungen im Prozess der Fallbearbeitung. Das (Zusatz-) Modul „Erziehungsfähigkeit“ ist z.B. bei der entsprechenden Fragestellung sehr nützlich. Marianne Desens: Ich denke, zum Thema „Fall- und Fehlermanagement“ gibt es einen „Strickfehler“. Wir haben in der AG 12 dazu einen intensiven Diskussionsprozess mit den Kinderschutzkoordinator/-innen geführt, haben aber die Leitungskräfte (Regionalleiter/-innen) „verloren“. Für mich ist wichtig zu klären, wie bekommen wir die Leitungskräfte mit ins Boot?
http://www.fruehehilfen.de/fileadmin/user_upload/fruehehilfen.de/pdf/Workshop_Lernen_aus_Fehlern.pdf
Und was nun? Podiumsgespräch 3
• Karla Range-Schmedes: Die AG BöJ überlegt gerade auch neu, welche Kooperations- und Kommunikationsstrukturen sinnvoll sind, die sich in den AG der Berliner öffentlichen Jugendhilfe abbilden sollten. Meine Anregung, die Regionalleiter/-innen- Sitzung zu nutzen, die mehrmals im Jahr in Glienicke stattfindet, um aktuelle und grundsätzliche Fragen, Aufgaben, Anforderungen und Ergebnisse im Kinderschutz zu besprechen. Oliver Gulitz: In Steglitz-Zehlendorf hat sich eine regelmäßig stattfindende AG mit Kinderschutzkoordination und Regionalleitern/-innen zur Sicherung des Qualitätsmanagement Kinderschutz bewährt. Zur Anwendung des Berliner Kinderschutzbogens: Mit Hilfe des Bogens ist es möglich, differenziert die Ursachen (Risiken, Ressourcen, Kooperationsfähigkeit) einer Kindeswohlgefährdung herauszufinden als Voraussetzung, die „richtigen“ Hilfen einzuleiten. Diese Kategorien einschließlich dem Hilfe- und Schutzkonzept und die Kategorien des Fallmanagements (Fallmanagementkreisläufe) müssen mit der Hilfeplanung (den Hilfeplanformularen) zusammengebracht werden (keine parallelen Hilfeplanverfahren bei Kinderschutzfällen). Das heißt, die Standards aus dem BKB sollten für die Hilfeplanung genutzt werden. Das erhöht die Chance, wirksame Hilfen bei Kindeswohlgefährdung zu gestalten. Deshalb richtet er die Bitte an die AG 12/Jugendamtsdirektoren und an SenBJW die AV Hilfeplanung entsprechend anzupassen. Dr. Harald Tornow: Das halte ich für wichtig. Die Kriterien des BKB müssen Eingang in die Hilfeplandokumente finden und mit Fallmanagementkreisläufen identisch gestaltet sein.
Und was nun? Podiumsgespräch 4 • • Dr. Harald Tornow: Eine weitere Unklarheit besteht zu dem Begriff „Graubereich“. Fälle, die „endlos“ dem Graubereich zugeordnet werden. Dr. Heinz Kindler: Das sind nach der Definition Fälle, die noch unklar (drohende oder vermutete Kindeswohlgefährdung) sind. Es ist der Überprüfungsbereich. Oft werden aus eigener Verfahrensunsicherheit zu viele Fälle dort zugeordnet bzw. dort belassen. Wir haben zwar die „Ankerbeispiele“ und doch gibt es noch zu unterschiedliche Einschätzungen, was „gewichtige Anhaltspunkte sind, z.B. bei Schulmeldungen. Immer noch ist es so, dass Jugendämter sich zu schnell Arbeit heranziehen, wenn andere Institutionen melden, ohne vorab die Frage zu klären, was die Meldende Institution gem. § 8a SGB VIII selbst tun kann. Marianne Desens weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es hierzu in Berlin hilfreiche abgestimmte Verfahrensklärungen zwischen JuG – SchuleKita- Freizeiteinrichtung gibt. „Es reicht kein Anruf“. Dr. Heinz Kindler: Die Definition von Begrifflichkeiten und Vereinheitlichung fällt nicht leicht.
Und was nun? Podiumsgespräch 5 Dr. Harald Tornow Appell, Standards einzuhalten! Bei Hilfen HzE ist gut begründete Diagnostik und Planung (Hilfe- und Schutzkonzept) wichtig, aber auch prozesshaft die Begleitung der Familie. Dr. Heinz Kindler; Druck gegenüber den Fachkräften funktioniert nicht, stattdessen Fachkräfte besser unterstützen. Viel stärker Rückmeldungen aus Fallverläufen aufnehmen. Es ist zu berücksichtigen, dass Veränderungsprozesse bzw. Umsetzung von neuen Standards und Lernprozessen auch Zeit brauchen bis sie die entsprechende Wirkung in der Praxis entfalten. Oliver Gulitz: Die Aufgabenvielfalt, z.B. Beratungstätigkeit einerseits und Krisenmanagement andererseits macht Stress. Viele Sozialarbeiter/-innen haben mit der Tätigkeit eher ein Berater/-innen- Profil verbunden und müssen nun im Berufsalltag manchmal bis zu 3X täglich „ausrücken“..... Allgemeine Diskussion: Gut, die Definitionen, Beschreibungen und Klärungsprozesse haben zusätzliche Stellen gebracht, aber durch den Standard, die Gefährdungseinschätzung zu zweit durchzuführen, wird auch dieses zusätzliche Personal gebunden.
Und was nun? Podiumsgespräch 6 Dr. Harald Tornow Der Gestaltungsraum muss erweitert werden, damit es gar nicht erst zu so vielen Extrem verlaufenen Kinderschutzfällen kommt. Hinweis auf Tätigkeiten nach § 16 SGB VIII. Marianne Desens, zu Umsetzungsmöglichkeiten § 16 SGB VIII, Frühe Hilfen, Hebammen, Familienbildung. Zu viele Erschwernisse, da jeder Bezirk sich die Finanzierungssystematik erkämpfen muss und nicht adäquat ausgestattet ist. Insofern können wir froh sein über BKiSchG, aber gespannt sein, wie die Geldströme fließen werden. Sabine Smentek: Abschließend, die wesentlichen Handlungsansätze/ die vorläufigen Stränge der Weiterarbeit: 1. Fehlermanagement, Erkenntnisse aus dem Bundesprojekt „ Aus Fehlern lernen“ 2. SenBJW - Karla Range-Schmedes in Verbindung mit AG 12 /Jugendamtsdirektoren der AGBÖJ: Zusammenführen/An- bzw. Abgleichen von Kinderschutzbogen mit Hilfeplansystematik/Fallmanagement, Neufassung AV Kischu 3. Regelungen des BKiSchG in Berlin implementieren 4. Auf- und Ausbau Präventiver Kinderschutz, Familienförderung, frühe Hilfen
Qualitätsmanagement und Wirkungscontrolling im Arbeitsfeld Kinderschutz
Aktuelles zur bundesweiten Duskussion
Grundlagen: Qualität und Qualitätsrahmen im Kinderschutz Gegenwärtige Systeme von Qualitätsstandards im KS Qualitätsrelevante Befunde und Entwicklungen in Deutschland
Qualität: Grad des Erreichens bestehender Ziele ISO9000:2005
Ziele im Kinderschutz
Verhütung des Entstehens von Kindeswohlgefährdung Schutz von Gefährdung betroffener Kinder Beachtung von Partizipationsrechten Schaffung der Grundlagen für ein reflexives Kinderschutzsystem
(Dokumentenanalyse: Kindler 2012)
In der Theorie (schlichte Variante)
Qualitätsindikatoren: Messgrößen, die den Grad der Zielerreichung abbilden sollen
Ableitung Überprüfen
Qualitätsstandards: Orientierung bietende u/o verbindliche Vorstellungen von der Gestaltung von Prozessen und Systemen
Systemevaluation Pflegekinderhilfe
gesunde psychische Entwicklung Soziale Integration und Bildungsteilhabe Wenn möglich: Wiederherstellung der elterlichen Erziehungsfähigkeit Wenn das nicht geht: Entwicklung einer dauerhaften Perspektive für das Kind
Notbehelfe im Kinderschutz
Mehr oder weniger selektive Konsensrunden Top-down Festlegungen mit mehr oder weniger Feedbackmöglichkeiten
→ Die inhaltliche Schwäche der bislang im Kinderschutz formulierten Standards macht diese anfällig für Infragestellungen, Potemkinsche Dörfer und Kriteriendrift
GEGENWÄRTIGE SYSTEME VON QUALITÄTS-STANDARDS UND –INDIKATOREN IM KINDERSCHUTZ
Systeme von Standards und Indikatorensystemen
International (Performance Indicators, z.B. Munro 2010) AFET (2007) ISA (2010) Amt f. Soziale Arbeit Bremen & Kronberger Kreis (2010) Vergleich: Kindler (2012)
PI‘s Munro (2010)
– Bestimmte Krankenhauseinweisungen Ki
– Mittlere Anzahl FK-Wechsel pro Fall
– Dauer bis zu bestimmten Entscheidung
Fallfluss
– Anzahl Ki mit 2 Intervetionen im Jahr
Nutzerfahrungen
29 – % Kinder die angeben, FK hat zugehört
AFET (2007)
5 Bereiche Diagnose und Verstehen
– Qualifizierte Verfahren und Instrumente – Leitung beteiligt FK
– – – – Instrumente unter Beteiligung FK Einweisung neuer FK Instrumente werden überprüft Einhaltung Verfahren wird überprüft
Institut f. Soz. Arbeit (2010)
10 Dimensionen Bearbeitung von Fällen
– Qualifizierte Hausbesuche zu zweit – Unkomplizierter Zugang zu Supervision – Regelmäßige Fallüberprüfungen
– Entwicklungspsy. Kenntnisse – Evaluiertes, umfassendes Diagnosev. – Risikoeinschätzungsv. erfüllt Mindeststandards 31
– Spezifische Vorgehensweisen für sex. Missbrauch, Misshandlung & Vernachl.
– Standardisierte Personalbemessung – Fallzahlen sind so festgelegt, dass Kriseneinsätze möglich sind – Regelmäßige Weiterbildung
ASD Bremen & KK (2010)
7 Dimensionen Bei Fachkräften und Teams
– – – – Personalentwicklung Fachaufsicht wird wahrgenommen Teams werden in Krisen unterstützt Teamkulturen werden untersucht & gefördert – Fachliche Konflikte werden thematisiert und ausgetragen
Auf der Ebene der Fallarbeit
– Allparteilicher und zugewandter Einbezug aller Beteiligten – Dialogische Gefährdungseinschätzung – Fachlich anerkannte & praktikable Verfahren – Kontinuierliche Fallreflexion
– Betonung Erreichbarkeit, Einbezug, Ressourcen, Fehlerlernen – Keine Herleitung der Standards – Schwacher Detaillierungsgrad
– Minimal- vs. Maximalstandards – Gewichtung von Schutzansprüchen Kinder gegen Eltern – Anforderungen an Verfahren
QUALITÄTSRELEVANTE BEFUNDE UND ENTWICKLUNGEN IN DEUTSCHLAND
Zusammenhänge Mitteleinsatz und Qualität
Im Kinderschutz
– Mittelverknappung wird eine Zeitlang von FK kompensiert, dann steigen die indirekten Organisationskosten – neg. Effekte va bei chronischen und nicht so dringenden Fällen
– Qualität und Ressourcen hängen zusammen, aber oberhalb von Mindestschwellen nur schwach
Situation von ASDFachkräften im KS
Fast alle (98%) beschreiben Arbeitsverdichtung Besondere Stressoren
– Unsicherheit – wenig Zeit für Fallkontakt – Wechsel zwischen Empathie und Kontrolle
Steigende indirekte Organisationskosten
– zB Krankkeitstage, Überlastungsanzeigen 38
Welle entsprechender Untesuchungen Beispiel „Personalbemessung der Jugendämter in Bayern“
– Erste Abklärung 80 Min – Sachverhaltsklärung 325 Min – Schutzkonzept 230 Min
Aber: Keine Differenzierung Fallschweregrad und Qualität
Ca. 60% der JA haben welche, aber nur 25% Ankerbeispiele, 1/3 Erläuterungen Viele ohne Interaktion, Erziehungsfäh. Sehr divergente Beurteilungen durch FK je nach Modus der Einführung und Zuordnung Generell niedrige Reliabilität, z.T. legitimatorischer Einsatz Verschlankung & E-Learning
Bekannte und wahrscheinliche Risikomechanismen für M&V in der frühen Kindheit
Lebensgeschichtlich verzerrtes Fürsorgebild Konflikt mit anderen Entwicklungsaufgaben Sucht (Verständnis Suchtmechanismen) Care-/ Control Conflict Generelle emotionale Instabilität Antisoziale Entwicklung Generell herabgesetzte Belastbarkeit Negative Selbstwirksamkeit 41
Bezirksamt Reinickendorf von Berlin Jugendamt
Qualitätsmanagement im Jugendamt, Arbeitsfeld Kinderschutz
RSD Fachkräfte und Leitungskräfte im Spannungsfeld zwischen Komplexität, Qualitätsanspruch, fachlicher Absicherung und Überforderung
JugFam Dir / Januar 2012
Umgang mit Anspruch und Wirklichkeit in den Berliner Jugendämtern
1. 2. Kinderschutz in der Praxis des RSD Rahmenbedingungen in den Realitäten der Jugendämter • Aufgabenvielfalt • Ausstattung • Dokumentation • Strafermittlungen ? Rolle von Leitungskräften Mögliche Lösungsstrategien, zu klärende Fragen
1. Kinderschutz in der Praxis des RSD
• Kinderschutz ist eine von vielen Aufgaben des Jugendamtes. Für den RSD ist es die Hauptaufgabe • Der Umgang mit einer eventuellen Kindeswohlgefährdung bedarf einer respektvollen und die Menschenwürde achtenden Haltung • Die Verantwortung bei der Sicherstellung von Kinderschutzaufgaben setzt ein hohes Maß an fachlicher Professionalität und ein fundiertes Methodenverständnis voraus. • der RSD benötigt in den Jugendämtern Ressourcen, Zeit und qualifiziertes Personal.
• Mit dem Netzwerk Kinderschutz, den Ausführungsvorschriften über die Umsetzung des Schutzauftrages nach § 8a SGB VIII (AV-Kinderschutz) wurden Verfahrensstandards definiert. • Berliner Kinderschutzgesetz und • seit dem 1.1.2012 das Bundeskinderschutzgesetz.
• Der vorliegende Berliner Kinderschutzbogen ist Bestandteil der Dokumentation entsprechend der AV Kinderschutz. • Ziel dieses Kinderschutzbogens war und ist jedoch, das fachliche Handeln von Fachkräften der Jugendhilfe zu unterstützen. • Er wurde als Diagnostikinstrument zur Gefährdungseinschätzung entwickelt!
• Vorgabe: „Für jedes Kind bei dem im Rahmen des 1 Check eine Kindeswohlgefährdung nicht ausgeschlossen werden kann, ist ein Kinderschutzbogen auszufüllen..“ • „Der Prozess der Risikoeinschätzung muss sich im Rahmen des Einzelfalles so oft wiederholen, bis eine Kindeswohlgefährdung ausgeschlossen werden kann“ Der Kindeschutzbogen wird oft als Zwang und nicht als Diagnostikinstrument gesehen.
• Die Einschätzung einer möglichen Kindeswohlgefährdung, ist eine auf den Einzelfall und jedes einzelne Kind bezogene sehr differenziert zu betrachtende Aufgabe. • Im Einzelfall ist bei der Vielzahl von Familienmitgliedern, Kindern und Problemlagen ein sehr strukturiertes Vorgehen erforderlich, um nichts aus dem Blick zu verlieren und wesentliche Informationen bei einer Einschätzung zu vergessen.
• Der Berliner Kinderschutzbogen besteht aus einzelnen Modulen. • Für eine Einschätzung sind nicht immer alle Module oder alle Gleichzeitig erforderlich • Die einzelnen Teile des Kinderschutzbogens beinhalten die Daten, die für die Beurteilung einer möglichen Kindeswohlgefährdung wichtig sind und geben der Fallverantwortlichen Fachkraft Hinweise, was evtl. an Wissen noch fehlt.
• Problem ist: Der Kinderschutzbogen wird als gutes Diagnostikinstrument betrachtet, jedoch in der Praxis anders als der 1 Check nicht so oft ausgefüllt. • Die AG 12 hat den Kinderschutzbogen überarbeitet und sich mit dem Thema des Einsatzes beschäftigt und ist dabei folgende Überlegungen anzustellen.
• ..Ergibt der 1. Check nach erfolgter Prüfung dass eine Kindeswohlgefährdung vorliegt oder nicht ausgeschlossen werden kann, erfolgt die erste weitere Überprüfung mit den Seiten „Risikoeinschätzung“ und „Hilfe- und Schutzkonzept“.
• Wenn bei erneuter Prüfung keine Verbesserung eingetreten ist und keine Kooperationsbereitschaft der Erziehungsberechtigten gegeben ist, werden die der Meldung entsprechenden Module des Kinderschutzbogens ausgefüllt… • Die Nutzung einzelner Module durch andere Fachkräfte der HzE gibt die Möglichkeit zum besseren fachlichen Austausch der Einschätzung einzelner. (4 Augenprinzip)
• Die überarbeitete Fassung soll die Möglichkeit bieten, bei einzelnen Modulen Beobachtungen prozesshaft einzuarbeiten sowie nur einzelne Module zu bearbeiten, um über Teilaspekte mehr Klarheit zu gewinnen.“
• Um ein passgenaues Hilfe- und Schutzkonzept entwickeln zu können ist Zeitnah eine Gesamteinschätzung zu den einzelnen Modulen des Berliner Kinderschutzbogens vorzunehmen, die alle Gefährdungsdimensionen, die Risikofaktoren, sowie die Ressourcen und Prognosen berücksichtigt. Der ausgefüllte Übertragungsbogen ist Bestandteil der Aktendokumentation.)
2. Rahmenbedingungen in den Realitäten der Jugendämter
• Aufgabenvielfalt
Betrachten wir die Aufgabenvielfalt im RSD so gibt es weitere Aufgaben die terminliche Vorgaben bzw. Zwänge bedeuten. Hier sei die Frage der HzE, der Fristgemäßen Kostenübernahmen und regelmäßigen Fortschreibung der Hilfepläne, aber auch das beschleunigte Familiengerichtsverfahren, was die Präsens des Jugendamtes bei angesetzten Gerichtsterminen vorschreibt genannt.
Ausstattung Hierzu gehört die Personalausstattung. Die Schwierigkeit der Stellenbesetzungen mit Außeneinstellungen und der damit einhergehenden Überalterung des Personals. Ein weiterer Punkt ist die technische Ausstattung mit IT aber auch mit entsprechenden Programmen. So fehlt die Möglichkeit den Kinderschutzbogen und vor allem die Einschätzungsbögen digital zu erfassen und Einschätzungen automatisch zusammen zu fassen.
In der Verwaltung gibt es klare Vorgaben der Dokumentation. Verwaltungshandeln muss nachvollziehbar sein. Verwaltungsakte und Bescheide müssen nachprüfbar sein. Dies bedeutet nicht, dass jeder einzelne Schritt dokumentiert werden muss. Dokumentation bedeutet z.B.: auch einen großen zeitlichen Aufwand an Statistiken, die oftmals mit der Hand ausgefüllt werden (Statistiken der Kinder- Jugendhilfe SGB VIII; Meldestatistik; neue Statistik des Bundeskinderschutzgesetzes;usw.) Auch Sozialarbeiter im RSD sind Teil dieser Verwaltung.
Strafermittlungen ?
Gesetze, Vorschriften, Verfahrensregelungen oder Fachstandards zum Kinderschutz können nicht verhindern, dass Kinder zu Schaden kommen ! Geschieht etwas, so braucht die Öffentlichkeit meist einen „Schuldigen“. Dies führt dazu, dass auch das Jugendamt und in Einzelfällen der Zuständige Sozialarbeiter des RSD oder der Vormund Bestandteil eines Strafermittlungsverfahrens werden. Hier geht es immer um das Handeln im Einzelfall und nicht um die Gesamtsituation. Also um die Fragestellungen ob die fachlichen und rechtlichen Vorgaben eingehalten wurden.
• Problemlagen werden z.T. verschärft oder ergeben sich durch politische Entscheidungen, wie z.B.: die Umgestaltung des Schulsystems oder die EU Erweiterung.
3. Rolle von Leitungskräften • Wir haben festgestellt, dass Kinderschutz eine von vielen Aufgaben des RSD ist, sie ist jedoch die wichtigste Aufgabe. • Leitungskräfte (Jugendamtsleitungen, Regionalleitungen usw.) sind beteiligte in dem Verfahren. • Sie sind ein wesentlicher Bestandteil bei der Implementierung und Anpassung der Verfahrensstandards.
4. Mögliche Lösungsstrategien, zu klärende Fragen
• Der Berliner Kinderschutzbogen muss als Diagnostikinstrument zur Gefährdungseinschätzung gesehen und so verwendet werden • Für die Dokumentation ist es erforderlich zu definieren was muss mindestens erfolgen. (Vorschlag der AG 12)
• Kinderschutz ist ein Teil von vielen Aufgaben der Jugendhilfe. Hier stellt sich die Frage der Organisation, dass nicht jeder Einzelne allein in die Situation gerät Prioritäten setzen zu müssen.
Fachstandards, wie 4 Augenprinzip, Fallbesprechungen im Fallteam oder Kollegiale Beratung sind selbstverständlich. Leitungskräfte müssen dafür sorgen, dass daran gedacht wird. Eine mögliche Kindeswohlgefährdung ist immer eine schwierige Situation und erfordert das Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte.
Leitung in komplexen Systemen ... Kinderschutz Handlungs- und Entscheidungsstrategien Harald Tornow Berlin, 27.1.2012
© e/l/s
Dilemmata beim Kinderschutz
© e/l/s Feb-12 Organisationsmodelle
Kindeswohl und Führung
Gemeinsame Bilanz NRW 2009
Es finden zwar Besprechungen statt, aber diese Gespräche sind weder für die fallführende Fachkraft hilfreich und stützend, noch dienen sie als kritisches Korrektiv in Fällen, in denen das Kindeswohl gefährdet ist und keine positive Entwicklung gelingt. Als Alternative zur kooperativen Fallreflexion und -bearbeitung im Kinderschutz werden z. B. vom Deutschen Jugendinstitut zunehmend sog. „evidenzbasierte“ Instrumente und Verfahren empfohlen. Ohne über diese Instrumente im Einzelnen urteilen zu wollen, ist doch auffällig, dass sie eine andere Form von Expertenschaft anstreben und unterstützen, als die des lernenden Teams. Zuverlässigkeit, Stringenz und Sorgfalt erhalten möglicherweise als Leitorientierungen ein Übergewicht gegenüber den bisherigen Leitwerten Kommunikation, Kooperation und Solidarität. Insofern sollte darauf geachtet werden, dass die Verbesserungen von Diagnostik und Fallverstehen dazu genutzt werden, auch die Zusammenarbeit der Professionen zu 72 7 © e/l/s Feb-12 unterstützen.
...Nicht selten besteht die Gefahr, dass verbindliche Ablaufschemata und Regelungen überbewertet werden – vor allem, wenn man sich ausschließlich auf sie fokussiert – und sie an die Stelle kreativer Prozessentwicklungen und -beschreibungen treten, in denen das gemeinsame Lernen an erster Stelle steht. Denn eines ist sicher: Kinderschutz in der modernen Gesellschaft kann keine Einzelaufgabe sein. Niemand kann Kinder erfolgreich schützen, ohne dies gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in der eigenen Organisation und mit Partnerinnen und Partnern in anderen Organisationen auf den Weg zu bringen.
Modell einer Organisation
BEDÜRFNISSE DER “KUNDEN” UND ANDERER INTERESSENSGRUPPEN
managerial Befähigung
Fachlichkeit Menschen
intrapersonal © e/l/s Feb-12
frei nach COVEY 75 Leadership Center
Führung – Rollen und Funktion
Bedürfnisse der “Kunden” und anderer Interessensgruppen Ergebnisse
© e/l/s Feb-12
(Vertrauenswürdigkeit)
Wahrgenommene Dienstleistungsqualität
Durch die Führung wahrgenommene Kundenerwartung
Kommunikation über die Dienstleistung
Erstellung der Dienstleistung
Umsetzung der Kundenerwartungen in Spezifikationen der Dienstleistungsqualität
Q-Systeme und Q-Methoden
Systemdynamisches Modell der Jugendhilfe
Werkzeuge Öfftl. Achtsamkeit Netzwerke Finanzen Team Führung Kompetenz Fachlichkeit Steuerung Hilfeangebote
© e/l/s Feb-12 Kindeswohl und Führung
Handlungssicherheit Vertrauen
Berlin, Senatsverwaltung, 27.1. 2012 Fachtagung Teil 1 Qualitätsrahmen Kinderschutz - Qualitätsmanagement und WirkungscontrollingHarald Tornow: Leitung in komplexen Systemen am Beispiel des Arbeitsfeldes Fallmanagement bei Kindeswohlgefährdung im RSD: Handlungs- und Entscheidungsstrategien.1
Ich möchte mein Referat in vier Teile gliedern, wobei ich einen Teil nur andeute und am 22.3. genauer ausführe. Jedem Teil liegt eine These zugrunde, die ich im Überblick zunächst einmal in Form einer Behauptung formuliere. In der Folge möchte ich darstellen,
  auf welcher theoretischen Grundlage man die Beobachtungen analysieren und besser verstehen kann und welche Folgerungen sich für die Qualitätsentwicklung der Jugendhilfe daraus ergeben können.
Da mein Referat an einer Stelle gehalten wird, an der dieser Fachtag bereits deutlich voran geschritten ist, will ich mich bemühen, Gesagtes nicht noch einmal in der gleichen Weise zu wiederholen und andererseits Gedanken mit aufzunehmen, die mir beim Hören der bisherigen Beiträge gekommen sind. Mein Ziel ist es nicht, abschließende Bewertungen oder gar Lösungen nahezulegen, sondern die Materie so aufzubereiten, dass das heute noch folgende Gespräche und die dem Fachtag hoffentlich folgenden methodisch-praktischen Entwicklungen die Fülle der zu bedenkenden Aspekte im Blick behalten. Thesen: 1. Die Sicherung des Schutzes für junge Menschen innerhalb der Jugendhilfe führt die Akteure in eine Reihe von Dilemmata. Die sich daraus ergebenden Aufgaben sind nicht nur komplex, sondern in gewisser Hinsicht unlösbar. 2. Organisationen, die mit sozialen Problemlagen erfolgreich umgehen sollen, müssen anders geführt werden als rational-technische Systeme. Dieses muss sich in der Art wiederspiegeln, die Organisationen geleitet werden. 3. Professionelles Handeln im alltäglichen Vollzug braucht arbeitsunterstützende Heuristiken und einfache Werkzeuge. (Davon im März mehr). 4. Komplexe Systeme sind nicht gezielt zu steuern. Wer mit der Systemdynamik vertraut ist, kann Dinge beeinflussen – wenigsten eine kleine Weile (auch davon im März mehr).
Teil 1: Entscheidungs-Dilemmata im Zusammenhang mit Kindeswohl:
Ein Dilemma entsteht dann, wenn man eine Entscheidung zu fällen hat, bei der ein Ziel nur auf Kosten eines anderen erreicht werden kann. Es gibt also keine Strategie, alle Ziele zu erreichen, sondern nur eine solche, bei der man sich zwischen unterschiedlichen Werten oder deren Gewichtungen entscheiden muss. Dilemmata bestimmen in vielen Bereichen unseren privaten und beruflichen Alltag. Wir sind es gewohnt, Abstriche und Kompromisse zu machen.
Gekürzte Fassung eines Referates. Zum Teil werden nur die Stichworte wiedergegeben.
Schwierig wird es nur, wenn ein Dilemma wesentliche, vielleicht sogar existentiell grundlegende Werte berührt. Solche Situationen bedeuten einen hohen Entscheidungsdruck, emotionalen Stress und Rechtfertigungszwang, vor sich selbst und vor anderen. Oft ist die Angelegenheit nach der Entscheidung nicht vorbei, sondern sie wirkt weiter, indem im Geiste Alternativen durchgespielt werden, Diskussionen um die Folgen weitergehen und im Falle eines Schadens Schuldvorwürfe hin und her wechseln.
1. Dilemma Freiheit und Gerechtigkeit
Grundlegend für die Moderne. Neoliberale Position: uneingeschränkte Freiheit bringt allgemeine Wohlfahrt bringt höchste Gerechtigkeit lässt sich immer weniger halten. Elternrecht und der Schutz vor staatlichen Eingriffen Dienstleistungsorientierung – Menschenrechte von jungen Menschen, Kinderrechte Wächteramt
Man sieht das an den Formulierungen in den Kindesschutzgesetzen, dass Elternrechte und Kinderrechte gleichermaßen berührt sind. Das Dilemma wird auf die Ebene der Entscheider verlagert. Nach schlimmen Vorkommnissen: Pendel schlägt gesellschaftlich/politisch zur Gerechtigkeit auf Kosten der Freiheit aus: Überwachung von Problemfamilien, Ruf nach Eltern-Führerschein und TÜV-Untersuchungen, Strafen, Kindesentzug --- Das Pendel würde genauso zur anderen Seite ausschlagen, wenn das Jugendamt tatsächlich Überwachungen durchführen würde oder Familiengerichte in Zweifelsfällen rigoros den Eltern die Kinder wegnähme. Ausgang des Dilemmas:
  Am liebsten: Elternrecht und Kinderrecht liegen nicht im Konflikt – Leistungsbereich. Deswegen das obere Ziel: Eltern dazu bewegen, Hilfe für sich und das Kind anzunehmen. Zweitbeste Lösung: Verharren im Graubereich (Grauzone). Unselige Erfindung: Graubereich ist keine Entscheidung, sondern das Vertagen einer Entscheidung. Folge: Verdächtigungen bleiben bestehen, Fallzahl steigt, wenn der Fallspeicher im Graubereich wächst. Drittbeste also schlechteste Lösung: Konflikt – Personensorge entziehen – Hilfe im Zwangskontext. Warum ist das in diesem Fall so schlimm im Gegensatz z.B. zu Notfallmedizin oder PsychKG?  Auf Dauer angelegt  Traumatisierung der Kinder (auch das Kindeswohl gefährdende Eltern sind Eltern)  Eltern – Kind – Beziehung ist die existentiellste Bindung überhaupt.
2. Dilemma: fiskalische Ziele – fachliche Ziele
Kostensteigerung nach Kevin. Aufruf an andere Berufsgruppen, aufmerksam zu sein. 8a. Präventionsprogramme. Motivation der Familien im Graubereich. Kostensteigerungen:
 Kosten für Infrastruktur (Schulungen, Verträge, Fachkräfte: insoweit erfahrene Fachkraft, Mehraufgaben in den Sozialen Diensten: Personalausweitungen, neue Berufsgruppen Familienhebammen, Netzwerke, Forschungsprojekte) – ist alles noch gar nicht vollständig erfasst. Präventive Programme: Frühe Hilfen, Schule und Erziehung mehr Hilfen zur Erziehung
Dilemma für JÄ: Kindeswohl sicherstellen – Kosten sparen. Zumindest Kostenauftrieb verhindern. Oszillierende Signale aus der Politik: Haushaltskonsolidierung, Finanzcontrolling – das Beste für Kinder und Familien.
Jede Entscheidung für oder gegen eine Hilfe zur Erziehung ist eine Entscheidung gegen oder für eine Kostenausweitung.
Es finden zwar Besprechungen statt, aber diese Gespräche sind weder für die fallführende Fachkraft hilfreich und stützend, noch dienen sie als kritisches Korrektiv in Fällen, in denen das Kindeswohl gefährdet ist und keine positive Entwicklung gelingt. Als Alternative zur kooperativen Fallreflexion und -bearbeitung im Kinderschutz werden z. B. vom Deutschen Jugendinstitut zunehmend sog. „evidenzbasierte“ Instrumente und Verfahren empfohlen. Ohne über diese Instrumente im Einzelnen urteilen zu wollen, ist doch auffällig, dass sie eine andere Form von Expertenschaft anstreben und unterstützen, als die des lernenden Teams. Zuverlässigkeit, Stringenz und Sorgfalt erhalten möglicherweise als Leitorientierungen ein Übergewicht gegenüber den bisherigen Leitwerten Kommunikation, Kooperation und Solidarität. Insofern sollte darauf geachtet werden, dass die Verbesserungen von Diagnostik und Fallverstehen dazu genutzt werden, auch die Zusammenarbeit der Professionen zu © e/l/s Jan-12 1 unterstützen.
3. Dilemma: Organisierter Standard – fachliche Eigenständigkeit
Instrumente der Technokratischen Strategie: Verfahrensanweisungen, Checklisten und Dokumentation, IT-Unterstützung, organisationales Wissen: evidence based social work, hierarchische Entscheidungen, Instrumente der persönlichkreativen Strategie: persönliches Wissen (Lebens- und Berufserfahrungen), Persönlichkeit, Fallsupervision – Teamentscheidungen, Dialoge in Netzwerken) Beide Strategien stehen nebeneinander. Offiziell: beides ist richtig und wichtig. Tatsächlich: die Strategien ärgern und behindern sich gegenseitig. Beispiele: Nichteinhalten (oder lustlos automatisiertes Einhalten) von Regeln und Verfahren. Ärger über Dokumentationsnotwendigkeiten und im Einzelfall unsinniges Standardvorgehen.
Vorteile eines konvergenten Systems: gibt Sicherheit. Ist darstell© e/l/s Jan-12 8 bar, erzielt durchschnittlich das bessere Ergebnis, als sich im Durchschnitt aus den individuellen Vorgehensweisen (ist noch nicht bewiesen), schneller, kostengünstiger. Nachteile: kann bürokratisch wuchern (Tätigkeiten ohne Nutzen, Beschäftigung mit sich selbst), unterkomplex = trivial, oder angemessen komplex = kompliziert. Innovation? Vorteile von divergenten System: Problemangemessenheit, Kreativität und Lernen, Emergenz von Ideen aus Gruppen und Netzwerken (setzt allerdings eine hohe Interaktionsqualität voraus), persönliches Engagement. Nachteile: Dauer, Kosten. Verantwortungsdiffusion. Im einzelnen Fehler. Unkontrollierte Macht. Unsicherheit für Mitarbeiter. In anderen Branchen 2 Phasen, je nach Aufgabe: 1. Notfall – retten, bergen, sichern – Standards, eingeübte Handgriffe, Standard-Dokumente, keine Zeit. Stress. Zeit- und Stressmanagement. 2. entspannte von Kooperation getragene Dienstleistungssituation – Fachliche Unabhängigkeit (außer Regeln der Kunst, handwerkliches Können) und Aushandeln. Raum für Kreativität. Zeit. Beispiel: Notarzt – behandelnder Arzt 3
Beispiel: Feuerwehr – vorbeugender Brandschutz Meistens aus unterschiedliche Personen. In den sozialen Diensten machen alle alles. Das ist möglicherweise eine strukturelle Überforderung.
Zusammenfassung: 3 Dilemmata.
© e/l/s Jan-12 Organisationsmodelle
Teil 2 Führung komplexer sozialer Dienstleistungssysteme
Im zweiten Teil meiner Ausführungen möchte ich auf Führung in Organisationen zu sprechen kommen. Er schließt insofern an den ersten Teil an, als ich behaupte, dass es die Aufgabe von Führung ist, Organisationen so auszurichten und zu managen und zu führen, dass in einer komplexen Welt voller widersprüchlicher Ziele und Vorgaben dennoch erfolgreiches Handeln möglich wird. Unter einer Organisation verstehe ich ein soziales System, das definierte Ziele durch abgestimmtes, kluges Verhalten der Mitglieder der Organisation bestmöglich erreicht. In der deutschen Sprache werden für die unterschiedlichen Ebenen und Funktionen von Führung verschiedene manchmal nicht klar definierte Begriffe genutzt: Management: „das Management“ als Bezeichnung der obersten Spitze, „Managergehälter“, „managen“ = organisieren, verwalten, „etwas managen“ = etwas hinbekommen. Leitung: deutet auf die formale oder faktische Hierarchie hin, Symbol für die Gesamtorganisation. Aber auch „Moderation“, „coach“, „Motivator“. Führung: Wie Leitung, aber mit dem Schwerpunkt von Personalführung. Der „Führer“ ist aus bekannten Gründen in Deutschland nicht mehr gebräuchlich. dagegen  In der englischen Literatur ist die Bezeichnung leader ein Zentralbegriff der Organisationsforschung: Wenn ich in der Folge von Führung spreche, meine ich leadership. Der Begriff umfasst Leitung, Management. Zunächst stelle ich einen Bezugsrahmen her, in den ich unterschiedliche Aspekte von Führung einordnen kann. Diese Aspekte unterschieden sich je nach Organisationsebene, Rolle und Funktion.
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Organisationale Ebene: pathfinding = Ziele ausmachen, Richtung bestimmen. In dieser Rolle von Führung werden die Ziele und Ausrichtung der Organisation bestimmt / Kunden und Interessensgruppen identifizieren und verstehen / Welchen Nutzen und Gewinn soll eine Organisation für andere bringen? Daraus werden Ausrichtung und Strategie der Organisation bestimmt. Im öffentlichen Bereich: Politische Führung Managerielle Ebene: Alignment: Die Organisation ausrichten. Ein Regelwerk einsetzen, mit dem die Ziele verfolgt und ein Nutzen erreicht werden kann. Dazu gehören Entscheidungsund Kommunikationsstrukturen, Verfahren und Ressourcen = Finanzen, Wissen, Partnerschaften, Technik und Werkzeuge. Dazu gehören Verfahren und Methoden des Vorgehens einsetzen. Interne Strukturen zusammenbinden. Logistik. Managen Führung = Management Im öffentlichen Bereich sind das öffentlich-rechtliche Institutionen, angefangen von der Ministerien bis zu unteren Behörden. Die Tätigkeit wird meistens als Management im Sinne von Steuern und Organisieren bezeichnet. Interpersonale und Personale Ebene: Empowering = Befähigung, Ermächtigung, Ermöglichung: Bedingungen schaffen, die auf der operativen Ebene Menschen in Stand setzen, Resultate und Lösungen zu erreichen, die die Erwartungen der Kunden und Interessensgruppen treffen. Ermöglichung bedeutet die Befähigung von Mitarbeitern und die Ermächtigung effektiven und effizienten Handelns. Führung bedeutet hier Personalführung und operatives Management, also Planen, Steuern und Kontrollieren.
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Die Ebenen müssen ineinandergreifen. Am Schluss zeigt sich, ob die Ziele der Organisation (stakeholder needs) befriedigt werden. Hier setzt die Wirkungsevaluation an. Wenn es eine Lücke zwischen 1 und 4 gibt, kann diese an unterschiedlichen Stellen entstanden sein. In der Organisationanalyse gibt es dafür Verfahren, z.B. das EFQM-Modell oder die
Wo können Lücken entstehen:
    Bedürfnisse und Werte nicht richtig eingeschätzt (für die Zukunft) Falsche Organisationsstruktur, Falsche Lenkung der Ressourcen, Falsche Personalpolitik Falsche Prozessorganisation, Falsche Methoden und Werkzeuge. Falsche Personalführung.
Organisationen entstehen nicht am Reißbrett. Sie entwickeln sich, angestoßen durch äußere Einflüsse und aus sich selbst heraus. Insofern sind Lücken zwischen Zielen und dem Erreichtem oder zwischen einzelnen Teilen oder Hierarchiestufen keine Konstruktionsfehler, sondern 6
Unzulänglichkeiten in der Organisationsentwicklung. Wenn Sie früh genug erkannt werden, lassen sie sich reparieren. Wenn eine Organisation nicht lernfähig ist, wird sie irgendwann sterben und durch anderes ersetzt. Was im Einzelnen zu tun ist, um eine Organisation erfolgreich auszurichten, aufzubauen und zu betreiben, ist sehr unterschiedlich. Es gibt aber ein allgemein gültiges Grundprinzip für erfolgreiche Organisationen, nämlich „Vertrauenskultur“. Ich zeige Ihnen noch einmal das Führungs-Modell von Stephan Covey in seiner Gesamtdarstellung. In der Mitte steht die Führungsfunktion Modeling = ein Modell sein für Vertrauenswürdigkeit. Ich weiß nicht, wie hoch das Vertrauensniveau im Jugendhilfesystem in Berlin ist: Das Vertrauen der Mitarbeiter in die Kolleginnen, direkten Vorgesetzten, die oberste Leitung und in die Politik, in die Klienten und in die Partner auf Seiten der Leistungserbringer, in Lehrer, Erzieherinnen, Ärzte, Therapeuten in die Polizei und Gerichte. Ich weiß nicht, was die oberste politische Führung von der Arbeit auf der mittleren Führungsebene hält und von der Kompetenz und der Motivation der Mitarbeiterinnen an der Basis. Keine Ahnung, was die mittlere Ebene vom Nachbarbezirk und von den Menschen oberhalb oder unterhalb ihrer Position hält. Sicher ist nur, dass der Aufwand an Kontrollen, Sitzungen, Regelungen und Dokumentationen exponentiell steigt, wenn das Vertrauensniveau absinkt. Wenn Problemlösung, Innovation und Kooperation nur mühsam voran kommen, liegt es meistens an dem mangelnden Vertrauen, das schlimmstenfalls auch zu einer Misstrauenskultur führen kann. Vertrauen ist keine Charaktersache, sondern eine Folge von Erfahrungen und Phantasien, also imaginären Erfahrungen. Mir selber leuchtet eine Denkfigur ein, die sich an einem Bankkonto orientiert. Jeder Mensch führt in diesem Bild ein sozial-emotionales Konto, dessen Währung Vertrauen heißt. Wenn man Einzahlungen erhält, steigt das Guthaben an Vertrauen: Einzahlungen sind: Eingelöste Versprechen, gefragt werden, informiert werden, Unterstützung erfahren, Entschuldigungen, erlebte Fairness, erfahrene Fehlertoleranz. Abhebungen sind: misstrauische Kontrolle, gebrochene Versprechen, indirekte Mitteilungen, unterstellte schlechte Absichten, willkürliche Entscheidungen, Ungerechtigkeit, generöses Schulterklopfen, geängstigt werden, widersprüchliche Erwartungen, emotionaler Druck, Unberechenbarkeit usw. Wie bei einem Bankkonto werden Zinsen verbucht. Ist das Konto in den roten Zahlen, gibt es eine Abwärtsbewegung nach unten, ohne dass weitere reale Kontobewegungen dazukommen. Auch eine normale Ansprache löst bereits Unbehagen und eine Misstrauenserfahrung aus. Umgekehrt vermehrt sich das positive Vertrauensniveau von allen. Selbst Kritik oder Fehler führen nur zu geringen Bewegungen nach unten, anders als wenn man bereits im Minus ist. Mit anderen Worten: ein Vertrauensklima macht eine Organisation robust gegenüber menschlicher Unzulänglichkeit, die in jeder Organisation vorkommt. Ein Misstrauensklima ist nur dagegen nur schwer zu überwinden. Wenn man einmal in der Schuldenfalle ist, hat die Organisation manche Menschen für sich verloren.
Zurück zu den Dilemmata, die sich beim Kinderschutz auftun.
Wenn die Mitarbeitenden mit den Widersprüchlichkeiten der Erwartungen allein gelassen werden, führt das zu Abhebungen auf dem sozial-emotionalen Vertrauenskonto. Das Erregungsniveau beim Thema Kindeswohlgefährdung oder Kindeswohlverletzung ist naturgemäß hoch. Hier geht um elementar existentielle Fragen.
Mitarbeiter brauchen Sicherheit im Vorgehen und für ihre Entscheidungen die Rückendeckung durch die Organisation. Umgekehrt brauchen Vorgesetzte die Sicherheit, dass Mitarbeiter die Regeln der Organisation und die Regeln der Kunst anwenden. Die Sicherheit in beide Richtun-
gen schafft Vertrauen. Und Vertrauen schafft Sicherheit. Insbesondere wegen des schmalen Grates zwischen einem engagierten Eintreten für Kinderrechte, Chancengerechtigkeit und Menschenwürde auf der einen Seite und der Freiheit des Bürgers, sein Leben, also auch die Erziehung der Kinder selber zu regelnn auf der anderen Seite, braucht der Mitarbeiter die Unterstützung der Vorgesetzten. Die Entscheidungen in diesem ersten Dilemma können kein Sozialraumnetzwerk und keine Teambesprechung abnehmen. Hier steht der Mitarbeiter allein und hoffentlich der Vorgesetzte hinter ihm.
Dazu muss klar sein, dass notwendige, auch kostenauslösende Maßnahmen durchgeführt werden. Budgets müssen notwendiges Handeln decken. Umgekehrt muss Leitung und Politik sicher sein können, dass Finanzen sparsam und sachgerecht eingesetzt werden. Wenn dieses gegenseitige Vertrauen nicht erreicht wird, kommt eine hektische Pendelbewegung von Finanzkontrollen und Sparmaßnahmen auf der einen Seite und erweiterten, gesetzlich geforderten fachlichen Ansprüchen auf der anderen Seite in Gang. Das Auseinanderdriften von Anspruch und vorhandener Ressource vernichtet in großem Ausmaß das Vertrauen, das das System braucht, um widersprüchliche Erwartungen auszuhalten und innovative Lösungen zu finden. Umgekehrt würde Politik bei den Akteuren sozialer Arbeit viel Vertrauen zurückgewinnen, wenn sie die Bedingungen eine Zeitlang konstant und verlässlich hielte, und nicht immer wieder mit Steuerungen und Gegensteuerungen Unsicherheit schaffen würde. Organisationen brauchen Phasen der Ruhe, um sich von innen heraus auf Lösungsfähigkeit hin orientieren zu können. Laotse schreibt im Daodejing über den idealen Führer: „Ein Land regieren ist wie kleine Fische braten.“ Darüber ist viel nachgedacht worden. Man muss dazu etwas von chinesischer Küche verstehen: Zuviel in der Pfanne herumzustochern verdirbt alles. Also: etwas weniger Konfuzius und etwas mehr Laotse wären angebracht.
Wenn Mitarbeiter den Auftrag bekommen, fachlich sorgfältig passende Angebote zu machen, die gut überlegt sind, die sozialräumliche Möglichkeiten erschließen, die im Team reflektiert worden sind, ausgiebig dokumentiert sind, dann brauchen sie Zeit. Das Zeitproblem ist mit Personalbemessungen und Vergleichszahlen nicht zu lösen. Gefordert sind Führungskräfte, die Erwartungen, organisationale Regelwerke und Zeitressourcen realistisch in Übereinstimmung bringen. Wenn Führungskräfte dieses als Problem anerkennen, gibt es bereits eine Einzahlung von Mitarbeitern auf deren Vertrauenskonto. Wenn das Problem gelöst wird, gibt es eine sehr hohe Einzahlung. Übrigens sollte man diese Lösungen nicht ausschließlich in Form von Personalaufstockungen denken. Man sollte auch daran denken, Erwartungen herab zu schrauben, Tätigkeiten wegzulassen oder zu vereinfachen, Arbeit anders zu strukturieren oder bessere Werkzeuge zur Verfügung zu stellen. Darüber werde ich im März gern mehr sagen.
Im Prinzip bin ich mit meinem Referat fertig. Ich hätte Ihnen noch ein Systemmodell gezeigt, in dem die einzelnen, Einfluss nehmenden Bedingungen (äußere wie innere) in einem Zusammenhang stehen, sich gegenseitig befördern und behindern können. Nicht nur das sie sich gegenseitig beeinflussen, es gibt auch zeitliche Verzögerungen der Wirkungen, es gibt Rückkoppelungen und jede Menge nicht beeinflussbarer Zufälligkeiten. Ich hätte Sie gern eingeladen, in diesem Modell Strategien der Veränderung auszuprobieren. Als Output Variable würde ich vorschlagen, die Wirksamkeit, Kinder zu schützen und ihre Entwicklungsbedingungen und Zukunftschancen nachhaltig zu verbessern und das Vertrauensniveau des Jugendhilfesystems (sprich: Fehlertoleranz und Lernfähigkeit). Viele Hebel zur Veränderung gibt es nicht: Methodenkenntnisse, Prozessmanagement, Kultur des Umgangs, Gestaltung der Partnerschaften, finanzielle Ausstattung. Die Einflussmöglichkeiten sind wahrscheinlich gering. In dem Modell könnte ich Ihnen aber zeigen, dass lebendige Systeme nur die richtigen Anstöße brauchen, um sich aus sich selbst heraus zu entwickeln. Davon vielleicht im März mehr. 8
Werkzeuge Handlungssicherheit
Öfftl. Achtsamkeit
Netzwerke Finanzen Team Führung Kompetenz
Fachlichkeit Steuerung Hilfeangebote
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Dr. Harald Tornow e/l/s-Institut Diakonissenweg 44 42489 Wülfrath harald.tornow@els-institut.de
Was ist der Fall? – Die Fallen bei der Definition Fall Oder: Mit den Fällen in die Fallen?
Maria Lüttringhaus „Können Sie sich vorstellen, einen Beitrag zu dem Thema: ‚Was ist der Fall?‘ zu schreiben?“ So die Anfrage der Herausgeber von unsere jugend an mich. Ausgangslage ist, dass der Fall als solcher im Sprachgebrauch allerorten vorkommt, jedoch nirgendwo konkret erklärt ist. Wann ist ein Fall ein Fall bzw. ab wann ist ein Fall definitiv ein „Fall“?
Als Trainerin im Bereich Case Management und Sozialraumorientierung in zahlreichen Kommunen und bei unterschiedlichen An­ bietern im Bereich Hilfen zur Erziehung bot es sich an, sich dieser Frage von der Praxis her zu nähern, insbesondere aus dem Blick des derzeit aufgrund der Kostende­ batte besonders ins Visier geratenen Feldes der Hilfen zur Erziehung (HzE). Begriff­ lichkeiten rund um den Fall gibt es genug, wie z. B.: Fallaufkommen, Fallzahlen, Fall­ budget, Fallmanagement, Falleingangs­ phase, HzE-Fall, Fallbesprechung, Fallein­ ordnung, Fallverteilung, Fallverständnis, Fallbelastung, Krisenfall, Fallvorlage, Fall­ zuständige u. v. m. Und dabei treffe ich im­ mer wieder auf die unterschiedlichsten In­ terpretationen und Umsetzungen in der Praxis. Diese kann ich hier in diesem Arti­ kel jedoch nicht „entschlüsseln“! Ich habe mich stattdessen dazu entschlossen, auf ei­ nige Kernbereiche der Falleingangsphase einzugehen, die vielerorts dazu führen, dass ein Mensch oder Menschen zum Fall wer­ den (Teil I). Dann will ich auf Stolpersteine aus der Praxis hinweisen, die ich zum Teil seit längerer Zeit, zum Teil aktuell verstärkt rund um den Fall beobachte (Teil II). Da ich
die Komplexität des Falles nur bruchstück­ haft erfassen werde, habe ich mit den He­ rausgebern überlegt, Sie – die LeserInnen dieses Beitrags – als ExpertInnen zu einer Debatte einzuladen (Teil III in einem Fol­ geheft).
Sie kennen Aspekte, mit der derzeitigen Praxis des Erfassens eines Falles, die anderen LeserInnen helfen können, ihre Praxis kritisch zu beleuchten? 	 Sie kennen Auswege, kennen Ideen, die die hier benannten kritischen Entwicklungen angehen? Dann schicken Sie uns bitte in der üblichen Kurzform einen Leserbrief. Wir veröffentlichen in einem Folgeheft die für diese Debatte hilfreichen Anmerkungen.
Dr. Maria Lüttringhaus Jg. 1964; Dr. phil., Dipl.-Sozialpädagogin und Dipl.-Pädagogin, Institut für Sozialraumorientierung, Quartier- und Case Management (DGCC) Essen, freie Mitarbeiterin beim ISSAB-Uni Duisburg-Essen
Unsere Jugend, 62. Jg., S. 317 –324 (2010) DOI 10.2378/uj2010.art34d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel
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Falleingangsphase: Was wird ein Fall?
Grundlagen der Fallarbeit zur Nachvollziehbarkeit der Diskussionspunkte
Um die Aspekte und Stolpersteine nach­ vollziehen zu können, wann ein Fall ein Fall wird, bedarf es einer gemeinsamen Re­ flexionsfolie. Deshalb will ich hier zunächst kurz ein paar Grundlagen der Fallarbeit im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe skiz­ zieren und bitte um Nachsehen, dass die sich dahinter verbergende Komplexität sehr verkürzt dargestellt ist (ausführlich dazu Lüttringhaus 2007).
a)	Die Falleinordnung
Beim Erfassen einer Situation ist es für die weitere Arbeit im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe unerlässlich, eine Falleinord­ nung vorzunehmen: Führen die Sachver­ halte, die Ressourcen und der „Koopera­ tions-Wille“ zu einer Einordnung in den sog. „Freiwilligenbereich“ oder zu einer Einordnung in den Bereich des Kindes­ schutzes („Grau- oder Gefährdungsbe­ reich“)? Der Kindesschutzbereich ist der Bereich, in dem Personensorgeberechtigte nicht mehr allein entscheiden, ob sie mit den Fachkräften im Kontakt stehen, son­ dern durch den Schutzauftrag, den die Fachkräfte haben, stehen sie mit ihnen in einem Zwangskontakt (weiteres hierzu in: Lüttringhaus/Streich 2010).
Vorgehen entsprechend der oben darge­ stellten Arbeitsbereiche systematisch: im „Freiwilligenbereich“ sind die Themen, der Wille und die Ziele der Betroffenen Ausgangspunkt für das weitere Vorgehen. Im Kinderschutzbereich werden entweder Informationen über eine mögliche Kindes­ wohlgefährdung geklärt oder drohende oder vorhandene Kindeswohlgefährdung abgewendet. Die vorhandenen Sachver­ halte der drohenden oder vorhandenen Kindeswohlgefährdung und die erteilten Auflagen und Aufträge sind dementspre­ chend Grundlage für das weitere Handeln. Exemplarisch will ich hier im Folgenden den Kreislauf des ressourcenorientierten Vorgehens im „Freiwilligenbereich“ skiz­ zieren, da der Großteil der Fälle der Ju­ gendhilfe überwiegend hier einzuordnen ist. Die Grafik soll beispielhaft dazu die­ nen, im weiteren Verlauf des Beitrags kla­ rer zu erfassen, an welchen Punkten in der Praxis die unterschiedlichen Definitionen eines Falles erfolgen.
c)	Die Falleingangsphase
Zunehmend ist festzustellen (in vielen Kommunen und Kreisen, in denen ich/wir beratend tätig bin/sind), dass KlientInnen überwiegend zu den MitarbeiterInnen der Sozialen Dienste (im folgenden zur Verein­ fachung vereinheitlicht ASD genannt) kommen, weil sie von anderen Institutio­ nen mehr oder weniger dringlich „ge­ schickt“ werden. KlientInnen erscheinen beim ASD weniger aus eigener Motivation oder eigener Antriebsfeder, sondern befol­ gen den Rat oder die „eindringliche“ Emp­ fehlung einer anderen Institution, wie z. B. Schule, Kindergarten, Psychiatrie etc. und starten damit vermeintlich unfreiwillig im „Freiwilligenbereich“. Zudem wird von den ASD-MitarbeiterInnen vermehrt be­ nannt, dass ihnen für die sogenannte „Fall­ eingangsphase“ vom „Erfassen der Situa­ tion“ bis zur „Planung der Schritte und
b)	Die systematische Fallbearbeitung
Das weitere Vorgehen der Fachkräfte ist abhängig von der Falleinordnung. In dem von uns in Beratungen angewendeten Ver­ fahren – das dem Fachkonzept Sozial­ raumorientierung (Hinte/Trees 2006; Hin­ te 2006) und dem ressourcenorientierten Case Management (Lüttringhaus/Streich 2007) verpflichtet ist – erfolgt das weitere
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Kreislauf: Ressourcenorientiertes Vorgehen (im Freiwilligenbereich)
Erfassung der Situation einschließlich Ressourcenerfragung Ergebnisauswertung bezogen auf:
a)	 die Zielerreichung b)	die Ressourcenaktivierung bezogen 	 auf die Ziele c)	 den sonstigen Ressourcenaufbau Zwischenauswertung
Wille des/der Betroffenen
Zwischenstand der Zielerreichung
Wille Handlungsziele
Erarbeitung der Richtungsziele einschließlich Aushandlungsprozess
Ressourcencheck bezogen auf die Handlungsziele
Vereinbarung/Kontrakt
Ressourcencheck bezogen auf die Ziele
Planung der Schritte/Maßnahmen
Quelle: Lüttringhaus/Streich/Welbrink, iSSAB, Essen 2007
Maßnahmen“ (s. o.) zunehmend weniger Zeit zur Verfügung steht. Auch wenn vie­ lerorts die Verfahren zur Sozialpädagogi­ schen Diagnose verfeinert wurden, werden aufgrund des Zeitmangels überwiegend entscheidungsorientierte-legitimatorische Verfahren sozialpädagogischer Diagnostik angewandt (auf Nachfrage zeigte sich, dass bis zur Entscheidung, ob eine Hilfe zur Erziehung eingerichtet wird, oft nur noch bis zu drei Gespräche geführt werden). Er­ fasst werden insbesondere relevante Infor­ mationen und Einschätzungen zu den Stö­ rungen und Defiziten einzelner Personen oder familiärer Systeme, psychische Belas­ tungssituationen, Vorgeschichte, Verläufe und Ressourcen (so Schrapper 2006). Die unterschiedlichen Verfahren zur Systema­ tisierung sollen überwiegend dazu dienen,
die Zuständigkeit geklärt zu haben, „nichts Wichtiges“ zu vergessen und alles Bedeut­ same dokumentiert zu haben (Bayrisches Landesjugendamt 2001). Aufgrund eines zunehmend im Wandel begriffenen Ar­ beitsfeldes des ASD erfolgt die weitere dif­ ferenzierte Diagnostik dann durch die Leistungserbringer im Bereich Hilfen zur Erziehung.
Fazit für die Falldefiniton:
Aufgrund veränderter zeitlicher Rahmen­ bedingungen wird ein Fall viel frühzeitiger ein Fall. Das Erfassen der Situation eines Falls muss daher zunehmend prägnanter erfolgen. Vertiefende Verfahren werden nach der Falleingangsphase beim ASD zu­ nehmend delegiert.
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Zu den Eckpunkten einer prägnanten systematischen Situationserfassung in der Falleingangsphase im Freiwilligenbereich gehören: •	 das Erfassen der Themen/Probleme: Wer hat welches Problem? Welche Themen und Situationen sind die Vordringlichsten aus dem Blick der KlientInnen? Wie sehen diese konkret aus? Was hat zum jetzigen Zeitpunkt Priorität aus dem Blickwinkel der Betroffenen? •	 das Erfassen der Gründe und Ursachen: Womit begründen die Betroffenen selbst, dass die Situation/das Verhalten von Personen so ist, wie es ist? Womit setzten sie es in Verbindung? Was sehen andere Personen oder Institutionen als Ursache für die in Angriff zu nehmende Situation? •	 das Erfassen der Folgen: Welche Auswirkung hat die vorhandene Situation auf die Personen selbst? Wie gewichtig ist diese Auswirkung? Welches Bild einer zukünftigen Veränderung entsteht dadurch bei wem. (Hier beginnt der Pfad zur Erkundung des Veränderungswillens und der Ziele!). Erst der Blick auf die Folgen ermöglicht eine Legitimation der Unterstützung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. •	 das Erfassen der Ressourcen: Welche Ressourcen gibt es rund um das Thema bzw. die Themen: aus der Vergangenheit und in der Gegenwart. Hierbei werden Ressourcen aus den vier Ressourcenbereichen persönliche Ressourcen, soziale Ressourcen, materielle Ressourcen und infrastrukturelle Ressourcen erkundet. Die Ressourcenerfassung läuft stets parallel zu den oben genannten Punkten.
Falleingangsphase: Erste Falldefinitionen im Verfahren der Fallbearbeitung
Vor dem Hintergrund der soeben skizzier­ ten Grundlagen können wir uns nun der Frage nähern: „Wann werden Menschen zu
Fällen?“ oder „Wann werden Fälle als sol­ che in der Kinder- und Jugendhilfe als Fäl­ le bezeichnet?“ 	 Die soeben skizzierten grundsätzlichen Eckpunkte des Erfassens der Situation klä­ ren die Fallzuständigkeit sowie die grund­ sätzliche Legitimation von Unterstüt­ zungsleistungen in dem jeweiligen Fall. Ist die Ausgangslage der Person/en kompati­ bel mit dem Auftrag der eigenen Jugend­ hilfeinstitution? 	 Falls nicht, wird der Person oder den Personen die „Nicht-Zuständigkeit“ er­ klärt und ggf. werden andere Weiterver­ mittlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Ist nun mehr die Kinder- und Jugendhilfe zustän­ dig, dann findet die Fallverteilung statt. Wer aus der Institution wird den Fall über­ nehmen? 	 In den Gesprächen zum Erfassen der Situation wird dann im weiteren Verlauf gecheckt, ob es ein „Beratungsfall“ ist im Sinne einer arbeitsfeldspezifischen Bera­ tung (z. B. Trennungs- und Scheidungsbe­ ratung). 	 Die vorhandene bzw. die fehlende Res­ sourcenlage entscheidet im Verlauf der Fall­ ingangsphase darüber, ob es sich in e diesem speziellen Fall um einen Kurzbera­ tungsfall handelt, der mit wenigen Gesprä­ chen beendet ist (vielerorts in etwa: ein bis zwei Gespräche), oder um einen „Bera­ tungsfall auf längere Sicht“, bei dem sich eine längerfristige unterstützende Beglei­ tung herauskristallisiert. 	 Reicht die Kurzberatung nicht, so wird in diesem Zuge zunächst geklärt, ob es ein „Delegationsfall“ wird: Wohin können sich die Personen mit ihrem Anliegen wen­ den und kann evtl. die konkrete Weiterver­ mittlung zu anderen (Fach-) Personen/ Institutionen/Vereinen/etc. stattfinden (z. B. Erziehungsberatungsstellen; Trai­ ningskurse etc.), die – z. B. im Vergleich zum ASD – oftmals niederschwelligere und „normalere“ Dienstleister darstellen?
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ie Frage, inwieweit an dieser Stelle schon von einer „Fall-Arbeit“ ge­ sprochen werden kann/muss, wird völlig unterschiedlich beantwortet: In einer Kommune erhielten wir die Antwort: „Ein Fall ist alles, wozu eine Akte ange­ legt wird – und zwar immer dann, wenn das Gespräch länger als eine Stunde ge­ dauert hat!“ Anderenorts wird erst ge­ zählt, wenn eine Hilfe zur Erziehung „eingerichtet“ wird. Letztlich könnte es ja egal sein, wann was als Fall gezählt wird (solange gut gearbeitet wird) – wenn nicht gerade die offiziell erfassten „Fall­ zahlen“ ein zentrales Steuerungsinstru­ ment für die Personalbemessung und Controllingverfahren wären. Darauf will ich im nächsten Unterkapitel ein­ e­ g hen.
Fazit: Bei der Falldefinition ist wichtig, klar zu definieren, ob es sich um einen Leistungsbereichsfall oder Kindesschutzfall handelt, denn unklare Definitionen führen häufig zu Irritationen im Beziehungsdreieck Betroffene – ASD-MitarbeiterIn – Hilfe durchführende Fachkraft. Sie begünstigen oft die (so bezeichneten) „Fallverschleppungen“, befördern in der Tendenz die „Gängelei“ von KlientInnen und verhindern Offenheit gegenüber den Anliegen aus der Sicht der betroffenen Personen.
Die Zählfalle
Fälle werden gezählt, Statistiken aufgestellt und ausgewertet. Auswirkungen solcher Statistiken sind Bereichszuschnitte, Perso­ nalzuschnitte, Fallverteilungen auf Mitar­ beiterInnen, Größe der Budgets etc. Wer­ den bei solchen Zählverfahren z. B. aus­ schließlich „HzE-Fälle“ als Fälle gezählt oder werden diese bei Auswertungen stär­ ker gewichtet, dann sind die nachfolgenden Auswirkungen nicht von der Hand zu wei­ sen: Der Arbeits- und Zeitaufwand im Be­ reich der präventiven Arbeit, sowie der Arbeit im Vorfeld von Hilfen zur Erzie­ hung wird nicht angemessen berücksich­ tigt. Die Folge: MitarbeiterInnen müssen gewissermaßen „HzE-Fälle“ vorweisen können, damit ihre Arbeitsbelastung auch offiziell oder statistisch darstellbar wird (werden Fälle gezählt, für die eine Akte angelegt wird, und bilden diese die Steue­ rungsgrundlage für die Personalbemes­ sung, hat dies ähnliche Konsequenzen zur Folge [s. dazu Hinte 2004; Hinte/Groppe/ Litges 2003]).
Fazit: Zählverfahren mit oben genannten Grundlagen stehen sogar im Gegensatz zu den von den Institutionen favorisierten Fachkonzepten der Ressourcen-, Lösungs- und
In welchen „Fallen“ die „Fälle“ landen können
Die unklare Falleinordnung
Werden Fälle bearbeitet, ohne klar zu unterscheiden, ob sich die Ausgangslage des Falles im „Freiwilligen-“ oder im „Kin­ desschutzbereich“ bewegt, so bleibt auch die weitere Vorgehensweise für alle Be­ teiligten im Hilfesystem diffus. Betroffene wie Hilfedurchführende schwimmen im Trüben. Kann die ASD-Fachkraft die Be­ troffenen jederzeit „ziehen lassen“, also den Fall beenden, wenn diese ihre Ziele nicht mehr erreichen wollen? Oder muss die ASD-Fachkraft oder die „Hilfe-durch­ führende Fachkraft“ einen Fuß in der Tür haben, um unklare Kindesschutz­ fragen zu klären, drohender Kindeswohl­ gefährdung entgegenzuwirken oder muss sie sofort aktiv werden, um die vorhandene Kindeswohlgefährdung abzuwen­ den?
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Sozialraumorientierung. Es ist die Verführung gegeben, dass Fälle schnell in „HzEMaßnahmen“ überführt werden, damit die aufkommende und durchgeführte Arbeit auch entsprechend bewertet wird. Personalkapazitäten werden vielerorts auf der Grundlage solcher Zählverfahren abgezogen, Bezirkszuschnitte vergrößert, Fallverteilungen zugunsten von „HzE- Fällen“ verändert.
Fazit: Der Fall wird i. d. R. nicht unterschiedlich im Arbeitsaufwand gewichtet. Dies be­ fördert vielerorts solche Fallverläufe, die zeitunaufwendiger für den ASD sind, jedoch nicht ressourcen- und lebensweltorientiert im Sinne der KlientInnen.
Die „Selbsthilfe“-Zeitfalle
In der Kinder- und Jugendhilfe gilt es Lö­ sungswege entsprechend des ressoucenori­ entierten Ansatzes zu nutzen und zu er­ schließen. Es gilt die Ressourcen der be­ troffenen Person selbst, die Ressourcen aus deren Umfeld und „normalere“ Lösungen des Sozialraums zu aktivieren, um die un­ ten skizzierte vierte Säule (die Fachebene der Institutionen der Jugendhilfe) über­ flüssig zu machen. 	 Ich kenne nun durchaus die Fälle, bei denen die Ressourcenaktivierung aus Zeitmangel, aufgrund mangelnden Wis­ sens um die Ressourcen des Sozialraums oder aufgrund einer allzu fürsorgerischen Haltung aus dem Blickfeld gerät. Zudem nehme ich aber auch wahr, dass der An­ satz der Ressourcenaktivierung manchmal zu einer neoliberalen Ideologie verkommt, bei dem die KlientInnen per se innerhalb eines zunehmend verkürzten Zeitfensters ohne Hilfe mit der vierten Säule klarkom­ men sollen. Fälle, die über einen längeren Zeitraum begleitet werden, schaden dann dem Image des/der Mitarbeiters/In des ASD („Die hat den Fall wohl laufen las­ sen!“) und des Leistungserbringers („Die verschleppen Fälle“ oder „Die hat keine Dis­ anz mehr“). t 	 Fakt ist: Ich erlebe vor allem im ambu­ lanten Bereich vermehrt Fälle, in denen psychische Erkrankungen und Bildungs­ defizite dazu führen, dass es oftmals nicht möglich ist, die vierte Säule schnell über­ flüssig zu machen: Die Person will viel­
Die Fallgleichmacherei
Ein Fall ist leider fast allerorts 1 (!) Fall: Unterschiede in der Intensität der Fallbe­ arbeitung werden beim Zählen der Fälle nicht berücksichtigt. Dies hat z. B. hohe Bedeutung bei sogenannten „Rückfüh­ rungsfällen“ vom stationären Bereich ins häusliche Umfeld. Sie sind i. d. R. für die ASD-MitarbeiterInnen aufwendiger als „stationäre Fälle“ und müssten – betrach­ tet man den Aufwand – weit höher als nur mit dem Faktor „1“ gezählt werden. Die Versuchung ist bei gleichen Zählanteilen entsprechend groß – häufig aus Gründen mangelnder Zeitkapazitäten –, solche Fäl­ le als „stationäre Fälle“ weiterlaufen zu lassen. 	 Entsprechendes gilt für die Leistungser­ bringer im stationären Bereich: „Rückfüh­ rungsfälle“ erfordern eine intensivere El­ ternarbeit und oft eine Kombination mit ambulanten Hilfen, um die Ressourcen der Eltern aktivieren zu können (in der Ten­ denz brechen sie ja bei Unterbringungen eher weg!). Finanzierungsmodelle, die „Doppelhilfen“ zulassen und bei Rückfüh­ rungsperspektiven die Pauschalen für den stationären Träger grundsätzlich erhöhen, sind immer noch die absolute Ausnahme. Zudem müssen vielerorts die Fallwieder­ vorlagen bei ambulanten Hilfen engma­ schiger erfolgen als bei stationären Hilfen, mit dem entsprechenden Mehraufwand für die fallführende Kraft.
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Subjektebene: Ebene der Familie und nahestehender Personen: Wille der Person und Ressourcen aus dem Umfeld Stadtteil- und Sozialraumebene: Wille der Person und fallübergreifende Ressourcen Fachebene der Institution: Wille der Person und Ressourcen der Institution
Wille und Ressourcen der Person
Quelle: Lüttringhaus/Lüttringhaus/Streich, iSSAB, Essen 2004
leicht, kann aber nicht mehr Ressourcen aktivieren, das soziale Umfeld hält kaum aktivierbare Ressourcen vor und das An­ gebot oder die Qualität der Ressourcen des Sozialraums reichen nicht aus. Ein langfristig angelegtes Unterstützungsset­ ting der Jugendhilfe ermöglicht hier oft­ mals, dass Kinder und Jugendliche in ih­ rem familiären Umfeld verbleiben können, und verhindert eine (teure) Fremdunter­ bringung.
s sind Fälle, für die wir anregen, in der Fallbearbeitung zu unterscheiden zwi­ schen den „Anteilen der Ressourcenakti­ vierung“ und den Anteilen, in denen es bestimmte Anteile im Bereich „Care-Ma­ nagement“ gibt (evtl. durch Prozentanteile in der Fallarbeit oder Skalierung). Deutlich wird dies mit Blick auf den Bereich der Krankenpflege: Beispielsweise wäre das bei einem Schlaganfallpatienten die Klärung, wo und bei was der Patient aktiviert wer­ den kann und will und welcher Anteile der Pflege es bedarf zur Verhinderung von weiteren Schädigungen.
•	 Ressourcenaktivierungsanteile: Die Anteile der Fallbearbeitung, in denen im oben skiz­ zierten Sinne eine Ressourcenaktivierung durch pädagogische Arbeit möglich ist, also aktivierendes Case Management (vgl. dazu Löcherbach/Mennemann/Hermsen 2009) •	 Care-Managementanteile: Die Anteile, in denen die vierte Säule eine stabilisierende, ressourcenerhaltende Funktion hat, um Schlimmeres zu verhindern (Anmerkung: Da die Anteile der aktivierenden pädagogi­ schen Arbeit hier an ihre Grenzen stießen, gilt es zugleich zu klären, wie die nichtpäd­ agogischen Anteile durch andere Hilfen er­ setzt werden können: z. B. Familienunter­ stützende Hilfen wie Haushaltshilfe, Paten­ systeme). Wie schon eingangs erwähnt: Mehr als einen rudimentären ersten Einstieg in die komplexe Welt des Falles konnten wir nicht leisten. Für den Fall des Falles: •	 dass Ihnen als LeserIn kritisch bereichernde Anmerkungen in den Sinn kamen, •	 Sie an der ein oder anderen Stelle etwas ergänzen oder gerade rücken möchten,
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•	 wenn Sie Hinweise für eine gelingende „Fallpraxis“ haben, die die oben benannten Klippen der Praxis (und natürlich auch die von uns unzureichend berücksichtigten) umschiffen können, sind Sie herzlich eingeladen, in diese Diskussion mit einzusteigen und Ihre Ideen an die im Impressum angegebene Adresse oder an schriftleitunguj@web.de zu senden.
Bayrisches Landesjugendamt (Hrsg), 2010: Sozial­ pägagogische Diagnose. Arbeitshilfe zur Fest­ stellung des erzieherischen Bedarfs. München Hinte, W., 2004: Sozialraumorientierung. Budgets und die Praxis integrierter Erziehungshilfen. In: Peters F./Koch, J. (Hrsg.): Integrierte erzie­ herische Hilfen. Flexibilität, Integration und Sozialraumbezug in der Jugendhilfe. Wein­ heim/München, S. 57 – 74 Hinte, W., 2006: Sozialraumorientierung und So­ zialraumbudgets – ein Plädoyer für begriffliche Klarheit. In: sozial extra, 18. Jg. H. 6, S. 28 – 31 Hinte, W./Kreft, D., 2008: Sozialraumorientie­ rung. In: Kreft, D./Mielenz, I. (Hrsg.): Wörterbuch Soziale Arbeit. Weinheim/München, S. 879 – 883 Hinte, W./Treeß, H., 2006: Sozialraumorientie­ rung in der Jugendhilfe. Weinheim/München Hinte, W./Groppe, J./Litges, G., 2003: Sozialräum­ liche Finanzierungsmodelle. Qualifizierte Ju­ gendhilfe auch in Zeiten knapper Kassen. Schriftenreihe Modernisierung des öffentlichen Sektors, Band 20. Berlin Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) (Hrsg.), 2010: Der Allgemeine Soziale Dienst.
Aufgaben, Zielgruppen Standards. München/ Basel Löcherbach, P./Mennemann, H./Hermsen, T. (Hrsg.), 2009: Case Management in der Jugend­ hilfe. München/Basel Lüttringhaus, M., 2007: Qualitätssicherung in der Jugendhilfe – trotz knapper Kassen: Grundla­ gen des Konzepts sozialraumorientierter Ju­ gendhilfe. In: Evangelische Jugendhilfe, 84. Jg., H. 2, S. 74 – 86 Lüttringhaus, M./Streich, A., 2010: Das Modell der Kurzberatung zur Risikoeinschätzung. In: ISS (Hrsg.): Der Allgemeine Soziale Dienst. Aufgaben, Zielgruppen Standards. München/ Basel, S. 123 – 138 Lüttringhaus, M./Streich, A., 2007: Zielvereinba­ rungen in der Sozialen Arbeit: Wo kein Wille ist, ist auch kein Weg. In: Gillich, S. (Hrsg.): Nachbarschaften und Stadtteile im Umbruch. Gelnhausen, S. 135 – 149 Schrapper, C., 2008: Sozialpädagogische Diagnos­ tik und Fallverstehen. In: Kreft D./Mielenz I. (Hrsg.): Wörterbuch der Sozialen Arbeit. Weinheim/München, S. 197 – 205 Wendt, W. R., 2001: Case-Management im Sozialund Gesundheitswesen. Eine Einführung. Frei­ burg im Breisgau
Dr. Maria Lüttringhaus LüttringHaus Institut für Sozialraumorientierung, Quartier- und Case-Management (DGCC) Dr. Maria Lüttringhaus Gervinusstraße 6 45144 Essen ml@luettringhaus.info
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Kooperation der Eltern und Kindesschutz
Kritische Anmerkungen zu einer Stolperfalle in der Praxis
■ Maria Lüttringhaus
Bei Fällen der Gefährdung des Kindeswohls in Familien hat sich die Einteilung in die drei Stufen bewährt, die unterschiedliche Handlungskonsequenzen erfordern. Eine Kooperationsbereitschaft der Personensorgeberechtigten stellt dabei allein kein geeignetes Merkmal zur richtigen Einstufung des konkreten Falles dar. »Die Eltern haben einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung gestellt. Jetzt sind wir im ›grünen‹Bereich, also im Freiwilligenbereich.« »Solange die Familie eine Sozialpädagogische Familienhilfe annimmt, sind wir ja raus aus dem Kinderschutzbereich.« »Das Kind ist ja im Heim - dann ist es ja nicht mehr im Gefährdungsbereich!« In meiner Praxis als Trainerin für Case Management und Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe werde ich vielerorts mit derartigen Aussagen konfrontiert. Im folgenden Beitrag werde ich deutlich machen, dass es sich dabei um Fehleinschätzungen mit weitreichenden Konsequenzen handeln kann und welche Schlussfolgerungen für das fachliche Handeln gezogen werden können.
Grundlagen der Falleinordnung in der Jugendhilfe
In den Kommunen, die nach dem Fachkonzept Sozialraumorientierung arbeiten (siehe dazu Hinte, Treeß 2007), haben sich in der Regel drei Arbeitsbereiche etabliert (z. B. in den Großstädten Münster, Saarbrücken, Augsburg, Berlin, Köln, Bonn und in den Landkreisen St. Wendel, Rosenheim, Rendsburg-Eckernförde): Der sogenannte Freiwilligenbereich (bzw. Leistungsbereich) und der Bereich Kindesschutz mit dem Grau- und dem Gefährdungsbereich, die entsprechend der unterschiedlichen Formen der Verantwortung differenziert betrachtet werden (siehe dazu Münder et al.: Frankfurter Kommentar zum § 8a SGB VIII; S.184). Entscheidend ist, dass sich je nach Falleinord-
Dr. Maria Lüttringhaus ist DiplomSozialpädagogin und DiplomPädagogin. Sie leitet die Beratungs- und Fortbildungseinrichtung »LüttringHaus: Institut für Sozialraumorientierung« in Essen und sie ist freie Mitarbeiterin beim Institut für Stadtteilentwicklung – Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) der Universität Duisburg-Essen. Internet http://www.luettringhaus.info
Blätter der Wohlfahrtspflege 5/2010
nung unterschiedliche Handlungskonsequenzen ergeben und eine falsche Einordnung entsprechende Konsequenzen hat (zum Verfahren der Risikoeinschätzung siehe Lüttringhaus/Streich 2010). Eine Unterteilung in lediglich zwei Bereiche der Jugendhilfe (z. B. Beratungsbereich und Kindesschutzbereich oder Förderbereich/Gefährdungsbereich) reicht nicht aus (siehe dazu auch Sonderausschuss zur Untersuchung des Falles Lea Sophie vom 10.12.2007; Punkt 3.2, Internet http://www.dbsh.de/untersuchung_Lea-Sophie.pdf). Es bedarf einer differenzierteren Falleinordnung, wie sie im Folgenden vorgestellt wird. 1. Der Freiwilligenbereich (bzw. Leistungsbereich): Hier werden Leute zwar oft von anderen Institutionen geschickt und kommen nicht aus eigenem Antrieb, greifen aber letztlich doch freiwillig auf eine Leistung der Jugendhilfe zurück (z. B. eine Beratung beim Allgemeinen Sozialdienst oder eine Hilfe zur Erziehung). Sie könnten sich jederzeit von der Jugendhilfe verabschieden, ohne dass vonseiten der Professionellen Konsequenzen ergriffen werden können (z. B. der Gang zum Familiengericht; siehe dazu ausführlich Lüttringhaus/Streich 2006). Im Freiwilligenbereich sind die Themen, der Wille und ausgehend davon die Ziele der Klientinnen und Klienten handlungsleitend (siehe Lüttringhaus/Streich 2007). 2. Kindesschutz-Graubereich: Während im Freiwilligenbereich der Jugendhilfe die Themen dominieren, die den Betroffenen, also den Personensorgeberechtigten, Jugendlichen und Kindern wichtig sind, geht es im sogenannten Graubereich in erster Linie um zwei Themen, die den Fachkräften gesetzlich vorgegeben sind: (A) die Überprüfung, ob derzeit eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, oder (B) dass eine drohende Kindeswohlgefährdung abgewendet wird. Im »Klärungsbereich« (A) gilt es zu überprüfen, ob aktuell tatsächlich eine Kindeswohlgefährdung vorliegt oder
nicht, und ob die von Dritten benannten oder den Professionellen selbst bekannten Sachverhalte einem der Gefährdungsbereiche der Jugendhilfe zugeordnet werden können: gesundheitliche Gefährdung, sexueller Missbrauch, körperliche Gewalt oder häusliche Gewalt (u. a. Erleben von massiver Partnerschaftsgewalt), Aufsichtspflichtverletzung, Autonomiekonflikte (u. a. aus kulturellen Differenzen), seelische Verwahrlosung (u. a. durch massive Vernachlässigung). Da geprüft wird, ob derzeit eine Kindeswohlgefährdung tatsächlich vorliegt, wird dieser Teilaspekt des Graubereichs mancherorts auch Klärungsbereich oder Überprüfungsbereich genannt. Nach einer Überprüfung bei der meldenden Person gehen die Fachkräfte ernsthaften Meldungen in der Regel im direkten Kontakt zu den Personensorgeberechtigten nach. »Auch bei anonymen Hinweisen sind die Familien erste Adressaten eines Gewinnens von Information und nicht außen stehende Dritte wie Nachbarn, die Schule, der Kindergarten etc.« (Münder et al, Kommentar zum § 8a; S. 169; siehe SGB VIII §62 Absatz 2, Satz 1). Fachkräfte der sozialen Dienste »werben bei den Kindern, Jugendlichen, sowie deren Eltern um eine Mitgestaltung des Hilfeprozesses« (Münder et al 2006; S.169), und klären dann ab, inwieweit die Personensorgeberechtigten hierzu bereit sind. Ist die Kooperationsbereitschaft geklärt, erteilen die Fachkräfte – sowohl die des Allgemeinen Sozialdienstes als auch die der Träger bei den Hilfen zur Erziehung – konkrete Aufträge an die Personensorgeberechtigten, die dem Sachverhalt entsprechend den Sinn haben, die vermutete Kindeswohlgefährdung zu überprüfen (siehe dazu Deutscher Verein 2006, S. 495). Bei Aufträgen, die der Überprüfung dienen, sollen Professionelle die Personensorgeberechtigten offensiv und beharrlich zur aktiven Aufklärung anhalten. Der Graubereich (A) soll also zügig abgeschlossen sein, um von einer »Verfolgung« mit andauernd neuen düsteren Prognosen abzusehen. Die Einführung des § 8a SGB VIII sollte dazu beitragen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sozialen Dienste nach Klärung der Situation zum jetzigen Zeitpunkt in den anderen Einrichtungen und Institutionen, des SGB VIII, in denen sich Kinder aufhalten, verlässliche Partner haben, die die Aspekte des Kinderschutzes – nun auch durch eine entsprechende gesetzliche Verpflichtung – berücksichtigen müssen. Im Graubereich (B) gilt es die »drohende Gefährdung« abzuwenden, bezogen auf bereits vorhandene (geklärte) konkrete Aspekte einer drohenden Kindeswohlgefährdung. Hier liegen konkrete Sachverhalte vor, die in der Risikoeinschätzung in Abwägung zur Problemeinsicht der Personensorgeberechtigten und deren Ressourcen (siehe dazu Lüttringhaus/Streich 2010) noch nicht so drastisch sind, den Fall als Gefährdungsfall einzustufen, die die Jugendhilfe aber immerhin verpflichten, »am Ball zu bleiben«. Gerichte können dieses »Dranbleiben« bei fehlender Kooperation anordnen: Familien werden dann in verpflichtet, Familienhilfe anzunehmen und mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten. Bei drohender Ge-
In der Fallarbeit der Jugendhilfe müssen unterschiedliche Formen der Verantwortung beim professionellen Kindesschutz unterschieden werden. Bewährt hat sich die Einteilung in die drei Arbeitsbereiche Freiwilligenbereich, Graubereich und Gefährdungsbereich, die unterschiedliche Handlungskonsequenzen erfordern. Eine Kooperationsbereitschaft der Personensorgeberechtigten ist selbstverständlich immer anzustreben, entlastet aber nicht von einem strukturierten Vorgehen, wie das Beispiel »Graubereich« zeigen kann.
fährdung haben die Professionellen durch entsprechende Hilfsangebote, darauf hinzuwirken, dass die in den Aufträgen beschriebenen zukünftigen Mindestzustände, die den Kindesschutz sicherstellen, von den Personensorgeberechtigten umgehend angestrebt werden oder weiter sichergestellt werden. In beiden Fällen (A und B) werden im Graubereich Aufträge erteilt (zu den Standards von Aufträgen und Auflagen siehe Lüttringhaus/Streich 2008). Kooperieren die Eltern nicht, hat das zunächst »weichere« Konsequenzen als im Gefährdungsbereich. Wenn die Personensorgeberechtigten sich verweigern (z. B. bei der Kontaktaufnahme), dann erfolgt eine Mitteilung an das Gericht als derjenigen Instanz, die dann bei diesen Sachverhalten die entsprechenden Weisungen aussprechen kann (oftmals die oben genannte Anordnung, dass die Familie mit dem Jugendamt kooperieren muss oder unklare Sachverhalte aufzuklären sind, beispielsweise durch Gutachten oder ärztliche Diagnosen). 3. Kindesschutz - Gefährdungsbereich: Hier ist geklärt, dass gegenwärtig konkrete gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung in den relevanten Bereichen des Kindesschutzes vorliegen (s. o.). Hier werden von Seiten der Jugendhilfe Auflagen, Anordnungen oder Anweisungen erteilt; »wenn die Eltern nicht gewillt sind oder in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden« (Peifer 2008, S. 396) erfolgt der Gang zum Familiengericht, das die Auflagen dann in Form von Geboten, Weisungen, Verboten oder durch Anordnung anderer Maßnahmen erteilt (vgl. Peifer 2008).
Kooperationsbereitschaft und Fremdunterbringung als Stolpersteine bei der Falleinordnung
Im Arbeitsalltag der Fachkräfte der Sozialen Arbeit zeigen sich die eingangs genannten Stolpersteine bei der Einordnung der Fälle in die Arbeitsbereiche: Eine Fremdunterbringung oder die Kooperation der Personensorgeberechtigten werden oftmals als Indikator gewählt, den Fall als »Freiwilligenfall« zu bewerten: • »Das Kind ist ja nun in Sicherheit, weil es untergebracht ist.« Was aber gilt am Wochenende, wenn es nach Hause fährt? Was, wenn die Eltern sich entscheiden das Kind zurückzuholen? • »Solange eine Familienhilfe drin ist, kann ja nichts passieren!« Was aber, wenn die nicht mehr angenommen wird, wenn die Termine unzureichend wahrgenommen werden? Ist den Eltern klar, dass sie selbst verpflichtet sind, den Schutz ihres Kindes zu gewährleisten? Wird klar ausgesprochen, welche konkreten Sachverhalte geändert und in welcher Form sicherzustellen sind? • »Ja, wenn die Eltern nicht mehr mitziehen, dann wären wir wieder im Graubereich oder Gefährdungsbereich und würden Aufträge oder Auflagen erteilen!« So meist die Antwort der Fachkräfte. Nun gilt (wie oben beschrieben) grundsätzlich: a) Ohne die Kooperation der Personensorgeberechtigten gäbe es auch im Grau- und Gefährdungsbereich kein Vorgehen mit den Personensorgeberechtigten (in der Regel erfolgt dann im Gefährdungsbereich bei akuter Ge-
Wie man »Fälle« richtig einordnet
Die Beantwortung Frage, ob eine bestimmte Fallkonstellation in den »Freiwilligenbereich«, in den »Graubereich« oder in den«Gefährdungsbereich« eingeordnet werden müssen, ist von entscheidender Bedeutung für das konkrete Handeln in der Praxis. Hilfreiche Kontrollfragen für Fachkräfte sind: • »Würde ich zum jetzigen Zeitpunkt beim Umzug der Familie bei dem dann zuständigen Jugendamt eine Meldung machen (selbst wenn mir die Familie wegen Datenschutz mit dem Rechtsanwalt droht)?« • »Würde ich beim Aufkündigen der Kooperation den Fall sofort in den Grau- und Gefährdungsbereich einordnen?« • »Würde ich mich in dem Fall bei einer stationären Unterbringung gegen Rückführungsansprüche der Eltern wehren? Würde ich den Fall dann wieder in den Grau- oder Gefährdungsbereich einordnen und die stationäre Unterbringung weiter als Maßnahme anordnen?« Falls die Fragen bejaht werden, wären die Fälle im Grau- oder Gefährdungsbereich einzuordnen! Maria Lüttringhaus
fährdung die Inobhutnahme oder die Anrufung des Familiengerichts und im Graubereich die Klärung ohne die Personensorgeberechtigten bzw. die Mitteilung an das Gericht mit der Aufforderung ein Gutachten, Familienhilfe etc. anzuordnen). Die Kooperationsbereitschaft (incl. Problemeinsicht) und Annahme einer Hilfe sind somit lediglich Indikatoren, ob in dem Familiensystem weitergearbeitet werden kann. Sie beeinflussen darüber hinaus natürlich auch den Grad der Risikoeinschätzung bei der Falleinordnung (siehe dazu Lüttringhaus/Streich 2010). b) Wenn eine Gefahrenlage beseitigt ist, heißt das nicht, dass »der Fall« raus ist aus dem Grau- oder Gefährdungsbereich. Um es etwas zu überspitzen: Die Jugendhilfe muss immer dafür sorgen, dass eine Gefahrenlage beseitigt wird, sobald sie von einer Gefahrenlage Kenntnis hat und »dran« ist. Das ist eine Kernaufgabe im Bereich Kindesschutz, für die sie bis zur Maßnahme der Inobhutnahme zurückgreifen kann. Würde die Beseitigung der Gefahrenlage ein Indikator sein für die Einordnung in den Leistungsbereich, gäbe es nur sehr kurzfristige Gefährdungsfälle. Dort, wo Fälle dennoch aufgrund der Kooperation der Eltern in den Freiwilligenbereich eingeordnet werden, müsste die Zielerarbeitung der Eltern im Vordergrund stehen. Es handelt sich aber weiterhin in erster Linie um Themen der Professionellen, die unabhängig der jetzigen Einsicht und Mitarbeit der Eltern am Ball bleiben müssen – auch um zu kontrollieren, inwieweit eine nachhaltige, verlässliche Änderung zu den festgestellten Sachverhalten eintritt. Dementsprechend müssten diese »Fälle« solange – auch unter Rückgriff auf Kontrollen – im Grau- oder Gefährdungsbereich bleiben, bis der Kinderschutz in der Familie so verlässlich gesichert ist, dass sich die Jugendhilfe zurückziehen kann. Für die Beurteilung des Einzelfalles bieten sich entsprechende Kontrollfragen an (vgl. Kasten »Wie man ›Fälle‹ richtig einordnet«). Gerade bei Fremdunterbringungen stoße ich häufig auf das Phänomen, dass Fälle vor allem dann dem Freiwilligenbereich zugeordnet werden, wenn das Kind in einer Einrichtung in Sicherheit ist. Ist die Unterbringung jedoch eine verpflichtende
Maßnahme, um das Kindeswohl zu sichern, ist das Kind zwar in Sicherheit, der Fall bleibt aber solange im Bereich Kindesschutz, solange sich an der gefährdenden Situation im Kontext der Personensorgeberechtigten nichts ändert oder sich noch nichts verlässlich und nachhaltig geändert hat. che Gewalt, Aufsichtspflichtverletzung, gesundheitliche Gefährdung 1. Karin, ein 12-jähriges Mädchen (mit alleinsorgeberechtigter 34-jähriger Mutter) muss die Zeit nach Schulschluss (oft schon ab circa 12.30 Uhr) bis 19.00 Uhr außerhalb der Wohnung verbringen, wobei nichts für sie organisiert wird. Dies wurde von einer Nachbarin gemeldet (für die letzten sechs Wochen mindestens dreimal pro Woche beobachtet); laut Aussage des Mädchens ist »die Mama da immer weg« und in der Regel erst wieder um 19.00 Uhr da. Der Lebensgefährte sagte der Fachkraft des Allgemeinen Sozialdienstes: »Das Mädchen kriegt keinen Schlüssel, damit sie nicht alleine in der Wohnung ist.« Von der Mutter ist bekannt, dass sie suchtkrank ist (alkoholabhängig). 2. Die Personensorgeberechtigte akzeptiert, dass Karin in der Kneipe, in der sie arbeitet, oder auch zu Hause Alkohol trinkt (Bier und Alcopops). 3. Es liegen zwei aktuelle polizeiliche Meldungen über massive häusliche Gewalt vor zwischen ihr und dem Lebensgefährten. 4. In der Wohnung wurden Pornomedien (Hefte, DVDs) gefunden – zugänglich für Karin. Karin zeigt sexualisiertes Verhalten und lud eine Freundin ein, Pornos zu schauen (»Mama kriegt eh oft nix mit.«). Auf Nachfrage zeigt sich, dass sie schon alleine entsprechende DVDs angeschaut hat. Die Fachkraft formulierte darauf basierend folgende Auflagen, also die zukünftigen Zustände, die es aus Sicht der Fachkräfte bei Karin sicherzustellen gilt. Zu 1. »Sie als Mutter müssen sicherstellen, dass Karin ab sofort für die Zeit nach Schulschluss bis 19.00 Uhr einen Ort hat, wo sie vor Wind und Wetter geschützt ist, wo sie was zu Essen und Trinken bekommt, ihre Hausaufgaben machen kann und einen vertrauten Ansprechpartner hat, der verlässlich für sie da ist.« Zu 2.: »Sie als Mutter sorgen ab sofort dafür, dass Karin in ihrem Beisein oder ihrem Wissen keinen Alkohol mehr trinkt, sondern ausschließlich alkoholfreie Getränke.« Zu 3.: »Sie als Mutter müssen ab sofort ihre Tochter davor schützen, dass sie die gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Ihnen und Ihrem Partner nicht mitbekommt. Im Beisein von Karin müssen Auseinandersetzungen gewaltfrei, beispielsweise mit Worten geregelt werden (nicht mit schlagen).« Zu 4.: »Sie als Mutter müssen dafür sorgen, dass ab sofort Pornos durch Sie und ihren Lebensgefährte unzugänglich für Karin aufbewahrt sind.« Terminierung: Alles gilt kontrolliert zunächst für mindestens sechs Monate. Die Mutter zeigt eine große Problemeinsicht und stellte einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung. Ihr spezieller Wunsch war eine Unterbringung der Tochter. Aufgrund der hohen Überforderungssituation und dem Wunsch des Mädchens, woanders zu wohnen, wurde diese Maßnahme auch von der Fachkraft und dem beratenden Team befürwortet. Karin kam in eine Mädchenwohngruppe. Die Mutter plant eine Therapie. Die Gefahrenlage ist nun beseitigt. Im Rahmen der Arbeit mit Karin erarbeitet
Praxisbeispiel: Wie man Auflagen richtig formuliert
Im Folgenden skizziere ich – reduziert auf das Wesentliche – ein Fallbeispiel, bei dem es bei einer Einordnung in den Gefährdungsbereich blieb – trotz erfolgter Unterbringung und großer Kooperationsbereitschaft. Es soll helfen die eben genannten Ausführungen beispielhaft zu untermauern. Sachverhalte in den Gefährdungsbereichen: Aufsichtspflichtverletzung, häusli-
Deutscher Verein (Hg.): Empfehlungen des deutschen Vereins zur Umsetzung des §8a SGB VIII. In: Nachrichtendienst des Deutschen Vereins 11/2006, S. 494-501. Hinte, Wolfgang/Treeß, Helga: Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe. Theoretische Grundlagen, Handlungsprinzipien und Praxisbeispiele einer kooperativ-integrativen Pädagogik. Weinheim/München 2007. Löcherbach, Peter/Mennemann, Hugo/Hermsen, Thomas (Hg.) (2009): Case Management in der Jugendhilfe. Ernst-Rheinhardt Verlag, München/Basel. Lüttringhaus, Maria/Streich, Angelika (2010): Das Modell der Kurzberatung zur Risikoeinschätzung. In: ISS (Hg.): Der Allgemeine Soziale Dienst. Aufgaben, Zielgruppen Standards. Ernst-Reinhardt, München/Basel. (Im Erscheinen). Lüttringhaus, Maria/Streich, Angelika (2007): Kindesschutz in der Jugendhilfe. Wie man Auflagen und Aufträge richtig formuliert. Blätter der Wohlfahrtspflege 4/2007, S. 145-150. Lüttringhaus, Maria/Streich, Angelika: Zielvereinbarungen in der Sozialen Arbeit: Wo kein Wille ist, ist auch kein Weg. In Gillich, Stefan (Hg.): Nachbarschaften und Stadtteile im Umbruch, Gelnhausen 2007, S. 135-149. Merchel, Joachim: Garantenstellung und Garantenpflicht: die Schutzfunktion des Jugendamtes zwischen Strafrecht, medialer Öffentlichkeit und fachlichen Konzepten. In: Recht der Jugend und des Bildungswesens (RdJB) 4/2005, S. 456-471. Merchel, Joachim/Schone, Reinhold: Vereinbarungen mit Trägern von Einrichtungen und Diensten gemäß § 8a Abs. 2 SGB VIII. In: Forum Erziehungshilfen, 12. Jg., Heft 2, S.109-114. Münder, Johannes/Baltz, Jochem/Kreft, Dieter/Lakies, Thomas/Meysen, Thomas/Proksch, Roland/Schäfer, Klaus/Schindler, Gila/Struck, Norbert/Tammes, Britta/Trenczeck, Thomas: Frankfurter Kommentar zum SBG VIII: Kinder- und Jugendhilfe. 5. vollständig überarbeitete Auflage 2006. Weinheim/München 2006. Pfeifer, Ulrike: Die Neuerungen im Bereich des familienrechtlichen Verfahrens. In: Nachrichtendienst des Deutschen Vereins 10/2008, S. 395-400. Wiesner, Reinhard: Zur Garantenpflicht des Jugendamtes in Fällen der Kindeswohlverletzung. In: Verein für Kommunalwissenschaften e. V. (Hg.) »:… und schuld ist im Ernstfall das Jugendamt«. Aktuelle Beiträge Heft 17, Berlin 1999, S. 7-20.
die Bezugsbetreuerin mit Karin Ziele. Dennoch bleibt der Fall mit Blick auf die Personensorgeberechtigten im Gefährdungsbereich. Die Unterbringung war (und ist noch immer!) eine verbindliche Maßnahme um alle vier Auflagen bezogen auf die vier Sachverhalte der Kindeswohlgefährdung abzusichern. Für die Wochenendkontakte bzw. Kontakte zur Mutter gelten die erteilten Auflagen. Im Rahmen der Elternarbeit gilt es also zu erarbeiten, wie die Auflagen dann dort umgesetzt werden können. Die stationäre Einrichtung hat zudem nach den Kontakten zur Mutter einen Kontrollauftrag. Personensorgeberechtigten, fehlende Kontrollaufträge an die beauftragten Träger, nicht berücksichtigter Zeitaufwand für erhöhte Elternarbeit u. a. auch für Kontrollen und Absprachen). In der Folge bleibt auch die Einhaltung des Kindesschutzes unklar. Zudem werden Rückführungen erschwert, da aufgrund der unklaren Auftragslage an den stationären Träger, die Wissenslage über die aktuelle Veränderung der Situation zu Hause schwerer einzuschätzen ist. Zudem wird der Freiwilligenbereich »verwässert«: Wo Auflagen und Aufträge mit Zielen vermengt werden, leistet das der Tendenz Vorschub, den Willen der Betroffenen und deren Themen unter den Tisch fallenzulassen – auch in »reinen« Leistungsbereichsfällen! 2. Politische Dimension: Eine derartige Praxis, bei der die genannten Fälle in den Freiwilligenbereich eingeordnet werden, führt zu Schieflagen bei der Bewertung der Fallzahlen. Da werden in einer Kommune beispielsweise 90 Prozent der Heimunterbringungen offiziell in den Akten als Freiwilligenfälle geführt (obwohl dies bei weitem nicht so wäre, würde man die oben aufgeführten Grundlagen der Falleinordnung berücksichtigen). Oder es wird im ambulanten Bereich den Leistungserbringern vorgerechnet, dass sie ja fast nur Fälle im Freiwilligenbereich haben, aber es doch erstaunlich sei, wieso die Stundenzahl im vergangenen Jahr so angestiegen sei. (Dabei gab es einen rasanten Anstieg von Kindesschutzfällen mit entsprechendem höherem Zeitaufwand!) Eine derartige Praxis verwässert die Entwicklung im Bereich Kindesschutz und dient nicht dazu, die tatsächlichen Dimensionen in der Arbeit im Bereich Kindesschutz widerzuspiegeln. Dies führt mancherorts zu ungerechtfertigten »Deckelungsdiskussionen«, unrealistischen Sparvorgaben und Frust bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ihre Arbeit in Belangen des Kindesschutzes nicht ausreichend gewürdigt sehen. Im Rahmen meiner Fortbildungsreihen insbesondere im Bereich Kindesschutz haben sich mittlerweile viele Kommunen und Einrichtungen dieser Argumentation angeschlossen. Dies war oft verbunden mit zunächst kontroversen internen – letztlich fachlich sehr befruchtenden – Diskussionen. Sollten diese Ausführungen auch bei anderen Jugendämtern und Einrichtungen ein Nachdenken auslösen und dann zu einer größeren Klarheit im Bereich Kindesschutz beitragen, hat der Artikel seinen Zweck erfüllt. ◆
Folgen der falschen Einordnung in den Freiwilligenbereich
Werden Fälle wie dieser oder die oben genannten aufgrund der Kooperation, der Beseitigung der aktuellen Gefahrenlage oder einer erfolgten Unterbringung fälschlicherweise in den Leistungsbereich eingeordnet, hat das unterschiedliche Folgen: 1. Fachliche Dimension: Das fachliche Handeln wird für die unterschiedlichen Beteiligten unklar (z. B. unklare oder fehlende Auflagen oder Anweisungen an die
Modernisierung sozialer Dienstleistungen
Wirtschafts- und Sozialpolitik |3
Vom Altenheim zum Seniorenservice
Institutioneller Wandel und Akteurkonstellationen im sozialen Dienstleistungssektor Von Dr. Katrin Schneiders 2010, 268 S., brosch., 54,– €, ISBN 978-3-8329-5347-8 (Wirtschafts- und Sozialpolitik, Bd. 3) Ökonomisierung, Professionalisierung und Ambulantisierung prägen seit den 1990er Jahren die Altenhilfe, insbesondere den Pﬂegesektor. Unter Einbezug veränderter Anforderungen der Älteren an Wohn- und Pﬂegeformen wird diskutiert, welche Rollen etablierte und neue Akteure im zukünftigen Welfare Mix übernehmen können.
Katrin Schneiders
Institutioneller Wandel und Akteurkonstellationen im sozialen Dienstleistungssektor
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