Source: http://substituieren.at/einleitung.html
Timestamp: 2019-02-20 15:38:42+00:00

Document:
﻿ Checkliste Substitution - Einleitung
Psychotropenverordnung & Psychoaktive-Substanzen-Gesetz
Versorgungslage Steiermark – Zugang zur Substitution
ÖBIG - Bericht zur Drogensituation 2013
ÖBIG - Epidemiologiebericht Drogen 2012/2013 + Annex
Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht - Europäischer Drogenbericht 2013
Im Bericht zur Drogensituation 2012/131 in Österreich spricht das Bundesinstitut für Gesundheitswesen von einer Lebenszeitprävalenz bei Opiatkonsum von ca. ein bis zwei Prozent. Die Prävalenzschätzungen für problematischen Drogenkonsum liegen laut Drogenbericht im oberen Bereich zwischen 30.000 bis 34.000 Personen. Rund die Hälfte dieser Personen geht vorwiegend injizierendem problematischem Drogenkonsum nach. 2012 befanden sich in Österreich 16.892 Personen in Substitutionsbehandlung.
In Ergänzung zum jährlichen Bericht zur Drogensituation, steht mit dem "Epidemiologiebericht Drogen“2 eine weitere Zusammenschau der aktuellen Daten aus dem epidemiologischen Routine-Monitoring im Drogenbereich zur Verfügung. Darin wird erstmals versucht ein möglichst klares und verständliches Bild der Epidemiologie des problematischen Drogengebrauchs in Österreich – basierend auf den verfügbaren Datenquellen – und der zukünftigen Entwicklungen zu zeichnen. In Ergänzung zu den Daten der österreichischen Drogensituation werden im „Europäische Drogenbericht“3 Datenanalysen zu Konsumzahlen, Trends und geografische Verteilungen in Europa vorgenommen.
Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin – SSAM, 2007
Opioidabhängigkeit ist „… eine psychische Störung, die als chronische, d.h. lang dauernde Erkrankung betrachtet wird.“4
Opiatabhängigkeit kann vor einer psychischen und somatischen Erkrankung, aber auch als Folge davon entstehen. Soziale Probleme und Stigmatisierung verstärken maßgeblich die Ausprägung der Erkrankung. Mit Opiatabhängigkeit geht sowohl eine hohe Mortalität als auch Komorbidität einher.
ICD 10, 2005
Die internationale Klassifikation psychischer Störungen5 bezeichnet Opiatabhängigkeit als psychische und Verhaltensstörung durch Opioide (Codierung F 11.2). Die Substitutionsbehandlung wird in diesem Klassifikationsschema unter F 11.22 als „gegenwärtig Teilnahme an einem ärztlich überwachten Ersatzdrogenprogramm (kontrollierte Abhängigkeit)“ bezeichnet. Opiatabhängigkeit und Substitutionsbehandlung können mit dieser Klassifikation anhand international gültiger klinischer Leitlinien beschrieben und diagnostiziert werden.
Die Erhaltungstherapie mit synthetischen Opioiden gilt als primäre Standard-Behandlungsmethode bei Opiatabhängigkeit. Die Zielsetzung ist die Überführung einer instabilen dekompensierten Abhängigkeit mit illegalem Konsum in eine stabile kompensierte mit legalem, begleitetem Konsum.
Meili, Dobar und Eyal, 2004
Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS e.V.): Leitlinien. Therapie der Opiatabhängigkeit 2013 – Teil 1: Substitutionsbehandlung
Von substitutionsgestützter Behandlung spricht man bei der Kombination der Substitution mit den zusätzlich notwendigen psychosozialen Behandlungselementen (vgl. SSAM, 2007). Der Begriff der substanzgestützten Behandlung kann dem ursprünglichen Begriff der palliativen Therapien zugeordnet werden. Es gilt, die Schädigungen, die durch die Erkrankung entstanden sind, zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern.6
Auch die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin hat 2014 Leitlinien zur Substitutionsbehandlung herausgegeben, welche evidenzgeleitete Empfehlungen zu zahlreichen wichtigen klinischen Fragen enthalten. 7
Galten jahrzehntelang abstinenzgestützte Behandlungen als das „non plus ultra“, so hat sich diese Sichtweise über die Jahre verändert. Die mittlerweile langjährige klinische Erfahrung hat gezeigt, dass Opiatabhängigkeit mit der Substitutionsbehandlung in der Schwere des Ausprägungsgrades gemildert werden kann (Stichwort „harm reduction“). Akute Komponenten können durch Dosis- und/oder Substanzanpassung stabilisiert werden.
Mit der Substitutionstherapie sinkt die Mortalitätsrate unter Opiatabhängigen: Eine geschätzte Sterberate bei Opiatabhängigen von 2,5 bis 3% pro Jahr (beinhaltet direkte Todesfälle durch Überdosierungen und indirekte durch Infektionen, Unfälle, Suizide u. a.) kann bei Personen, die in einer Substitutionsbehandlung stehen, auf rund 1% im Jahr reduziert werden (siehe auch Meili, Dobar u. Eyal, 2004).
Fischer & Kayer, 2006
Die stärkere Hinwendung zur Substitutionstherapie hat sich unter anderem auch aus der Beobachtung der Rückfallhäufigkeiten nach Entzugstherapien ergeben. Prof. Gabriele Fischer, Leiterin der Substitutionsambulanz im AKH Wien hält fest, „dass die Erkrankung nicht endet, nachdem ‚Drogen’ aus dem Körper entfernt oder die Entzugserscheinungen beseitigt wurden. Vielmehr dauert die Erkrankung an und Rückfälle gilt es als integrale Bestandteile anzusehen.“ Prof. Fischer bestärkt ebenso die Erhaltungstherapie mit synthetischen Opioiden als Standard in der Behandlung der Substanzabhängigkeit. Dennoch soll und kann „das Langzeitziel durchaus die Substanzfreiheit sein, wobei die erfolgreiche Umsetzung allerdings Jahre dauern kann.“8
Schwerpunktmäßig wird mit der Substitutionsbehandlung die Umsetzung folgender Bereiche angestrebt:
Abb. 1: Ziele der Substitutionsbehandlung (nach Meili, Dobar u. Eyal, 2004)
Sachverständigenkommission zur regionalen Koordination der Substitutionsbehandlung OÖ, 2011
Meili, 2011
Gesellschaftspolitisch kann die Substitutionsbehandlung zur Erreichung weiterer Ziele beitragen9:
Eindämmung von Beschaffungskriminalität und Beschaffungsprostitution
Reduktion der Infektionskrankheiten wie HIV und Hepatitis
Volkswirtschaftliche Kostenreduktion (pro in die Substitution investiertem Euro resultieren Einsparungen von zwei bis zehn Euro – abhängig von Substitutionsart und Land)10
Ergänzend zu rechtlich formulierten Zielen und Zielen, die in verschiedenen Konsensuspapieren aufgelistet werden, steht an erster Stelle das Ziel des Verweilens im ambulanten Behandlungsverhältnis (siehe auch Fischer u. Kayer, 2006).
Die ambulante Erhaltungstherapie mit synthetischen Opioiden ist aus gesundheitsökonomischer Sicht klar allen anderen Interventionen überlegen. Die Behandlung mit Buprenorphin als Medikament ist im Vergleich zur Therapie mit Methadon jedoch teurer. In ökonomischen Evaluationsstudien konnten aber keine signifikanten Unterschiede in den Gesamtbehandlungskosten erhoben werden (siehe auch Fischer u. Kayer, 2006).
Neben den behandelnden ÄrztInnen ist im Sinne einer interdisziplinären Verknüpfung eine Vielzahl an „ProtagonistInnen“ an der Durchführung dieser hochspezifischen Behandlungsform beteiligt. Vor dem Hintergrund einer juristischen Verankerung der Therapie, entstehen bei diesen Verknüpfungen auch Reibungspunkte. Die daraus resultierenden unterschiedlichen Standpunkte werden mitunter Theorie-, Erfahrungs-, aber auch Emotions-geleitet eingebracht. Substitutionstherapie polarisiert nicht nur innerhalb der nicht-fachkundigen Bevölkerung: PatientInnen, SuchtexpertInnen und Drogenpolitik vertreten teils stark gefestigte Argumente, um ein Für oder Wider zur Substitutionsbehandlung untermauern zu können. ÄrztInnen stehen bei der Betreuung Abhängiger immer mitten im Spannungsfeld der oben beschriebenen Kräfte. Eine Orientierung für ÄrztInnen liefert der schadensminimierende Ansatz, der sich an folgender Fragestellung orientiert:
ÖGABS, 2009
Welche Behandlungsschritte bzw. welche Maßnahmen verringern die Risiken für die Gesundheit und verbessern die Überlebenschancen von SuchtmittelkonsumentInnen bzw. welche bergen eher zusätzliche Risiken und Gefahren.11
Eppich, 2003
Das Konzept von „Ersatzdrogen zur Behandlung von Substanzabhängigkeiten“ war bereits im 19. Jahrhundert bekannt. Sigmund Freud versuchte beispielsweise 1884/85, einem Morphin-abhängigen Freund mit Kokain als Ersatzdroge zu helfen.12
Albrecht Erlenmeyer erörterte 1887, dass es bestimmte Umstände bei Opiatkranken geben könne, unter welchen die/der Kranke nicht von ihrem/seinem Gift entzogen werden sollte – etwa falls Morphium als Schmerzmittel gebraucht werde oder die Person langjährig morphiumabhängig wäre. 1924 wurde in England ein offizielles Therapiekonzept vorgestellt, das sich an den Vorstellungen von Erlenmeyer orientierte.
1955 forderte die New York Academy of Medicine in ihrem „Report on Addiction“ ein Umdenken im Umgang mit Opiatabhängigen. Die Psychiaterin und Psychoanalytikerin Marie Nyswander entwickelte gemeinsam mit dem Pharmakologen Vincent P. Dole 1965 die Idee, Opiatabhängigkeit mit dem „Heroin-Ersatzstoff“ Methadon zu behandeln. Beide gelten bis heute als Pioniere in der Substitutionsbehandlung. Allerdings wurde bereits 1959 – also vor Dole und Nyswander – ein entscheidender Schritt zur Substitutionsbehandlung in Vancouver vollzogen, indem der Arzt Robert Halliday die Genehmigung erhielt, das synthetische Oral-Opioid Methadon zur Detoxifikation von Opiatabhängigen zu verwenden. Bald darauf erweiterte er diese Behandlungsform zu einer langfristigeren Substitutionstherapie. 1960 sagte sich Halliday vom obersten Behandlungsziel Abstinenz los und erweiterte die medizinische Komponente der Substitutionsbehandlung um die psychosoziale Beratung. 1972 kam die Methadonbehandlung durch eine restriktive Drogenpolitik in Kanada aber fast gänzlich zum Erliegen.
In Europa erstreckte sich die Implementierung der Substitutionstherapie von 1967 in Schweden bis ins Jahr 2007 in Zypern. Es dauerte also 40 Jahre, bis sich die Substitutionsbehandlung über den Kontinent verteilte. … ein wahrhaft biblisches Zeitmaß im Zeitalter der Globalisierung, in dem sich die weltweite Verbreitung neuer medizinischer Erkenntnisse und Behandlungen eher in Monaten als in Jahren bemisst (siehe auch ÖGABS, 2009).
Zulassung der Substitution in Europa13
1968 Großbritannien, Niederlande
1970 Dänemark
1987 Österreich, Malta
1990 Spanien, Slowenien
1992 Deutschland (erster großer Pilot 1987), Irland
1993 Polen, Griechenland
1995 Frankreich, Ungarn, Litauen
1996 Bulgarien, Lettland
1998 Tschechische Republik, Norwegen, Rumänien
In den 80er Jahren kam es bei der Behandlung von Opiatabhängigen zu einem Umdenken: Die intravenös konsumierenden Opiatabhängigen wurden als Hochrisikogruppe für die Ansteckung und Verbreitung von HIV und Hepatitis C erkannt. Um die Rate der Neuinfizierungen zu minimieren, wurden die abstinenzorientierten Behandlungsansätze um akzeptanzorientierte Modelle erweitert.
Opiatabhängigkeit stellt meist eine Abhängigkeit von illegalen Substanzen dar. Kern der Substitutionsbehandlung ist die Abgabe sog. Substitutionsmedikamente.
Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für Suchtmittelgesetz
Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für Suchtgiftverordnung
Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für Weiterbildungsverordnung orale Substitution
BMGFJ, 2007
Sachverständigenkommission zur regionalen Koordination der Substitutionsbehandlung. Gesundheitsabteilung des Landes Steiermark (Email: thomas.amegah@stmk.gv.at)
Soyer, 2011
StGB, §110
Hinterhofer, 2010
Substitutionsbehandlung findet eine gesetzliche Verankerung im Suchtmittelgesetz14, in der Suchtgiftverordnung15 und in der Weiterbildungsverordnung orale Substitution16. Gesetzliche Regelungen schaffen für alle ProfessionistInnen klare Anhaltspunkte in der Durchführung. Unter der Wahrung des ärztlichen Spielraumes für die jeweils adäquate, auf den Einzelfall abgestimmte Behandlung ist somit der Rechtsrahmen für die möglichst sichere Gebarung deutlich abgesteckt17.
Rechtsanwalt Prof. Dr. Richard Soyer empfiehlt ÄrztInnen, die Substitutionsmedikamente verschreiben, sich mit den relevanten Bestimmungen vertraut zu machen. Darüber hinaus sei es hilfreich ein Problembewusstsein sowie ein strafrechtliches Risikomanagement zu entwickeln. Der breiten Palette möglicher „Fallen“ sei am besten mit besonderer Sorgfalt zu begegnen, so der Experte: „Besonders wichtig ist nicht nur eine klare Indikationsstellung, sondern vor allem auch eine penible Dokumentation, die im Ernstfall wichtige Beweise liefert.“
Weiters hat der Gesetzgeber in der Verordnung zur Regelung der Substitutionsbehandlung – §23i – vorgegeben, dass auf Landesebene eine „Sachverständigenkommission zur regionalen Koordination der Substitutionsbehandlung“ einzurichten ist, die ÄrztInnen im Falle von unterschiedlichen, auch strittigen Fragestellungen zur Substitutionsbehandlung kontaktieren können. Die steirische Sachverständigenkommission ist in der Gesundheitsabteilung des Landes angesiedelt, Anfragen können telefonisch und schriftlich eingebracht werden.18
Zum Risiko- und Krisenmanagement gehöre es auch, auf Situationen wie Hausdurchsuchungen und Zeugen- oder Beschuldigteneinvernahmen vorbereitet zu sein und im Zweifel professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.19
Bei Einhaltung der im Rahmen der Substitutionsbehandlung zu beachtenden medizinischen Sorgfaltsanforderungen kann eine Strafbarkeit der ÄrztInnen wegen fahrlässiger Körperverletzung oder Tötung ausgeschlossen werden.
Bei ordnungsgemäßer Aufklärung der PatientInnen über die Behandlung, die Risiken und Nebenwirkungen entsteht keine Strafbarkeit wegen eigenmächtiger Heilbehandlung.20
Bei Einhaltung der rechtlichen Vorgaben einer Substitutionsbehandlung nach dem Suchtmittelgesetz entsteht keine Strafbarkeit der ÄrztInnen wegen §27 Abs. 1 Z 1 SMG.21
1987 wurde der erste Substitutionserlass verabschiedet, der der Substitutionsbehandlung in Österreich eine eindeutig rechtliche Legitimation verlieh. Die Substitution wurde in diesem Erlass als „ultima ratio“ angesehen, wenn deren Anwendung medizinisch indiziert ist und das Auslangen mit anderen Arzneien nicht gefunden werden kann.
Der zweite Substitutionserlass 1991 definierte Methadon als Mittel der ersten Wahl. Ebenso wurde hier die Verschreibung von Codein an ein Suchtgiftdauerrezept gebunden.
1998 wurde im dritten Substitutionserlass Methadon als Mittel der ersten Wahl bestätigt. Die strengen Indikationsbedingungen für den Beginn einer Substitutionsbehandlung wurden erweitert. Substitution gewann als Behandlungsform für Opiatabhängige an Anerkennung …. Gegen Ende 1998 wurden retardierte Morphine und Buprenorphin für die Substitutionsbehandlung zugelassen. Die missbräuchliche iv-Verwendung von retardierten Morphinen und der damit entstandene Schwarzmarkt führten zu ausgiebigen Diskussionen unter den substituierenden ÄrztInnen.
Springer et al., 2008
Die breite Auseinandersetzung mündete 2007 schließlich im vierten Substitutionserlass, in dem Methadon und Buprenorphin als Mittel erster Wahl deklariert wurden. Die Indikation für retardierte Morphine wurde in diesem Erlass auf die Unverträglichkeiten der Mittel der ersten Wahl beschränkt22.
Im Suchtmittelgesetz findet man die Substitutionsbehandlung bei den §§8, 10 und 11 erwähnt.
§8 SMG
beschreibt, dass suchtmittelhaltige Arzneimittel nur nach den Erkenntnissen und Erfahrungen der medizinischen … Wissenschaft, insbesondere auch für Schmerz- sowie für Entzugs- und Substitutionsbehandlungen, verschrieben, abgegeben oder im Rahmen einer ärztlichen … Behandlung am oder im menschlichen … Körper unmittelbar zur Anwendung gebracht werden dürfen.
§10 (1) Z 5 SMG
fordert von der Bundesministerin für Gesundheit, Familie und Jugend nähere Vorschriften über die Verschreibung, Abgabe und Verwendung von Suchtmitteln einschließlich der Rahmenbedingungen, Qualitätssicherung und Kontrolle der Substitutionsbehandlung in einer Verordnung zu erlassen.
§11 (1) SMG
fordert Personen, die Suchtgiftmissbrauch betreiben oder an ein Suchtgift gewöhnt sind, auf, sich einer gesundheitsbezogenen Maßnahme zu unterziehen. Im Absatz (2) werden unterschiedliche gesundheitsbezogene Maßnahmen aufgelistet; darunter findet sich auch die ärztliche Behandlung einschließlich der Entzugs- und Substitutionsbehandlung.
Die Suchtgiftverordnung wurde 2007 mittels einer Novellierung um weitreichende Ergänzungen für die Substitutionsbehandlung verändert.
ÖGABS, 2007
Neuerungen, die mit der Novellierung der Suchtgiftverordnung in Kraft getreten sind: 23
Indikationsstellung: Erstbehandlung von unter 18 - Jährigen nur nach Einholung der Meinung einer/eines zur Substitutionsbehandlung berechtigten Fachärztin/Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Psychiatrie.
Behandlungsvertrag: Vor Behandlungsbeginn ist ein schriftlicher Behandlungsvertrag zwischen ÄrztInnen und PatientInnen abzuschließen. Er dient einerseits der Information und Aufklärung über die Therapie und deren Rahmenbedingungen, andererseits erklärt er, dass die Übertretung von bestimmten Regeln zum Therapieabbruch führen kann.
Mittel der ersten Wahl sind Methadon und Buprenorphin. Hinkünftig dürfen nur bei Unverträglichkeit dieser Arzneimittel andere Substitutionsmittel verschrieben werden.
Weiterbehandlung: Bei der Weiterbehandlung nach Ersteinstellung durch andere ÄrztInnen muss der Substitutionsnachweis (sofern vorhanden) kontrolliert und ausgefüllt werden. Das Wechseln auf ein anderes Substitutionsmittel ist bei medizinischer Indikation möglich.
Strenge Einnahme- und Mitgaberegelung: Die tägliche kontrollierte Einnahme unter Sicht ist die Regel (Ausnahme: Buprenorphin). In begründeten Ausnahmefällen und bei gegebener Zuverlässigkeit ist die Mitgabe möglich (Näheres siehe im Kapitel Mitgaberegelungen).
Die Stellung der AmtsärztInnen: Ihnen obliegt die Letztentscheidung hinsichtlich formaler Kriterien (Medikament, Dosis, Abgabemodus). Kommt es bei Auffassungsunterschieden zwischen verschreibenden ÄrztInnen und AmtsärztInnen trotz Rücksprache zu keiner Einigung, kann die Vidierung der Verschreibung verweigert werden.
Bei Streitfällen kann eine Sachverständigenkommission auf Länderebene angerufen werden. Ihr gehören neben den DrogenkoordinatorInnen auch VertreterInnen der Ärzte- und Apothekerkammer sowie weitere sachkundige ExpertInnen an.
Weiterbildungsverordnung: Substitutionsbehandlungen dürfen nur noch ÄrztInnen vornehmen, die eine spezielle Ausbildung absolviert haben. Die Inhalte und formalen Kriterien sind in der Weiterbildungsverordnung geregelt.
In der Novelle zur Suchtgiftverordnung sind die §§18, 21 und 23 von Interesse.
§18 (1) SV
hält fest, dass ÄrztInnen in jedem Fall durch Aufkleben der Suchtgiftvignette auf der Vorderseite des Rezeptes dieses als Suchtgiftverschreibung zu kennzeichnen haben. Abs. (2) sieht eine Ausnahme dafür vor: Nur im Notfall (bei Gefahr für das Leben der PatientInnen) ist die Verschreibung von Suchtgift ausnahmsweise auch ohne Aufkleben der Suchtgiftvignette … zulässig. Die Verschreibung ist in diesen Fällen durch den Vermerk „Notfall“ zu kennzeichnen.
§21 (1) SV
regelt die Gültigkeitsdauer des Suchtgiftrezeptes: Für Suchtkranke, die wegen ihres Gesundheitszustandes im Rahmen einer Substitutionsbehandlung Suchtgift … fortlaufend benötigen, sind Dauerverschreibungen – außer in begründeten Einzelfällen – mit einer maximalen Geltungsdauer von einem Monat auszustellen … (Genaueres siehe Suchtgiftverordnung §21 Abs. 2 bis 8).
§23 SV
regelt die Substitutionsbehandlung im Detail. Zum Beispiel: §23a (1) SV:
Das Risikoverhalten der Abhängigen zu reduzieren und ihr Leben in gesundheitlicher und sozialer Hinsicht zu stabilisieren und zu bessern
Die Abstinenz von Suchtmitteln schrittweise wiederherzustellen
Die Behandlung einer neben der Opiatabhängigkeit bestehenden schweren Erkrankung zu unterstützen
Die Risiken einer Opiatabhängigkeit während einer Schwangerschaft oder unmittelbar nach der Geburt zu verringer
§23b (1)
hält fest, unter welchen Umständen eine Substitutionsbehandlung begonnen werden darf. Wenn
PatientInnen von keinen anderen ÄrztInnen ein Substitutionsmittel erhalten
PatientInnen über die möglichen Risiken und Rahmenbedingungen der Behandlung einschließlich möglicher Nebenwirkungen des Substitutionsmittels aufgeklärt wurden
PatientInnen sich mit den Rahmenbedingungen der Behandlung nachweislich einverstanden erklärt haben
zwischen ÄrztInnen und PatientInnen ein schriftlicher Behandlungsvertrag … abgeschlossen wurde …
Bei der Indikation und Einstellung von Jugendlichen muss besondere Aufmerksamkeit auf die notwendige Zustimmung der Obsorgeberechtigten gelegt werden:
ABGB, §146c Abs 1
Einwilligungen in medizinische Behandlungen kann die/der einsichts- und urteilsfähige Minderjährige (Personen zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr) nur selbst erteilen; im Zweifel wird das Vorliegen dieser Einsichts- und Urteilsfähigkeit bei mündigen Minderjährigen vermutet. Mangelt es an der notwendigen Einsichts- und Urteilsfähigkeit, so ist die Zustimmung der Person erforderlich, die mit der Pflege und Erziehung betraut ist.24
Laut Strafgesetzbuch (§84) ist zur Durchführung einer „schweren“ Behandlung (Gesundheitsschädigung durch die Behandlung über 24 Tage) die Einwilligung jener Person notwendig, die mit der Pflege und Erziehung betraut ist. Diese stimmt nicht anstatt der/des Minderjährigen zu, sondern zusätzlich. Die Zustimmung eines Elternteils reicht. Das heißt, dass die/der Minderjährige zwar zu medizinischen Behandlungen selbst und ohne Zustimmung der Eltern einwilligen kann, da eine Substitutionsbehandlung aber eine 24 Tage übersteigende Gesundheitsschädigung impliziert, ist die zusätzliche Einwilligung eines Erziehungsberechtigten nötig. Die Zustimmung der Eltern (Obsorgeberechtigten) zur Substitutionsbehandlung einer/eines Minderjährigen sollte möglichst vor Beginn der Behandlung mittels einer Unterschrift am Behandlungsvertrag eingeholt werden.
ÄrztInnen, die in Zukunft planen Substitutionsbehandlung anzubieten, dürfen dies nur nach entsprechender Weiterbildung.
Die Verordnung regelt die Weiterbildung der/des zur selbstständigen Berufsausübung berechtigten, freiberuflich oder im Rahmen eines Dienstverhältnisses tätigen Ärztin/Arztes mit dem Ziel der Erlangung jener Kenntnisse und Fertigkeiten einer/eines mit Fragen des Suchtgiftmissbrauchs hinreichend vertrauten Ärztin/Arztes, die diese/n zur Durchführung der Substitutionsbehandlung qualifizieren.
die umfassende Qualifikation zur Substitutionsbehandlung (Indikationsstellung und Einstellung von PatientInnen auf ein Substitutionsmittel einschließlich Weiterbehandlung)
eine auf die Weiterbehandlung von bereits auf ein Substitutionsmittel eingestellten PatientInnen eingeschränkte Qualifikation.
Weiterbehandlung umfasst die Weiterverschreibung des Substitutionsmittels, auf das die PatientInnen eingestellt worden sind; Dosisänderungen und Änderungen des Mitgabemodus dürfen innerhalb eines begrenzten, von indikationsstellenden und einstellenden ÄrztInnen vorgegebenen Rahmens vorgenommen werden. Weitergehende Dosisänderungen oder Änderungen des Mitgabemodus, insbesondere die Festlegung eines Mitgabemodus, sowie die Umstellung auf ein anderes Substitutionsmittel sind von der Qualifikation zur Weiterbehandlung nicht umfasst.
Weiterbildungsverordnung orale Substitution, §§2 und 3
Voraussetzung für ÄrztInnen zur Erlangung der umfassenden Qualifikation zur Substitutionsbehandlung25
Berechtigung nach den ärzterechtlichen Vorschriften zu einer allgemeinmedizinischen Tätigkeit („Jus Practicandi“)
Absolvierung der Basisweiterbildung (Basismodul „Indikationsstellung und Einstellung“) im Umfang von zumindest 40 Einheiten
Absolvierung der regelmäßigen vertiefenden Weiterbildung (Weiterbildungsmodule) im Umfang von zumindest sechs Einheiten pro Jahr oder 18 Einheiten innerhalb von drei Jahren
Eintragung in die Liste der zur Durchführung der Substitutionsbehandlung qualifizierten ÄrztInnen
Voraussetzung für ÄrztInnen zur Erlangung der auf Weiterbehandlung von bereits auf ein Substitutionsmittel eingestellten PatientInnen eingeschränkten Qualifikation
Absolvierung der Basisweiterbildung (Basismodul „Weiterbehandlung“) im Umfang von zumindest sechs Einheiten
AmtsärztInnen dürfen mit der Kontrolle der Substitutionsbehandlung nur betraut werden, wenn sie das Basismodul „Indikationsstellung und Einstellung“ im Umfang von zumindest 40 Einheiten oder eine andere Weiterbildung absolviert haben, die diesem Basismodul gleichwertig ist.
Weiterbildungsverordnung orale Substitution, §1 (4) und §2 (2)
Ausnahmen bei der Weiterbildungsverordnung26
AmtsärztInnen, die das Basismodul „Indikationsstellung und Einstellung“ noch nicht absolviert haben, können maximal sechs Monate unter Supervision von bereits gemäß Weiterbildungsverordnung qualifizierten AmtsärztInnen Substitutions-Dauerverschreibungen vidieren. Innerhalb dieser sechs Monate muss jedoch bereits die Hälfte des Basismoduls absolviert sein.
Eine vertiefende Weiterbildung (Weiterbildungsmodul) ist für AmtsärztInnen nicht verpflichtend. In der Steiermark werden im Rahmen der internen AmtsärztInnen-Fortbildungen immer wieder Themen rund um die Substitution angeboten.
Ausgenommen von der Weiterbildungsverordnung sind weiters ÄrztInnen, soweit sie die Substitutionsbehandlung ausschließlich zur Überbrückung, insbesondere während des stationären Aufenthaltes einer opioidabhängigen Person in einer Krankenanstalt, durchführen und der stationäre Aufenthalt nicht hauptsächlich der Behandlung der Opioidabhängigkeit dient.
Eintragung in die Liste der berechtigten ÄrztInnen
Gemäß §5 (1) haben ÄrztInnen, die beabsichtigen sich der Substitutionsbehandlung zuzuwenden, der Bezirksverwaltungsbehörde das Vorliegen der entsprechenden Qualifikation nachzuweisen.
Die Liste ist gemäß Weiterbildungsverordnung in einer nach Bundesländern und Bezirken gegliederten Datenbank zu führen. Sie ist nicht öffentlich!
Laut §6 (1) erfolgt die Eintragung in die Liste (§5) bei Vorliegen der Qualifikationsnachweise für die Dauer von drei Jahren. Der Tag des Endes der Frist ist in die Liste einzutragen. Personen, die die Qualifikationsnachweise nicht erbringen, ist die Eintragung mit Bescheid zu versagen.
Die ÄrztInnen haben die Aufrechterhaltung der Eintragung für weitere drei Jahre längstens drei Monate vor Ablauf der Eintragungsdauer schriftlich zu beantragen. Wird dem Antrag stattgegeben, so bleibt die Eintragung für weitere drei Jahre aufrecht, andernfalls ist die Eintragung unverzüglich zu streichen. Wird über einen fristgerecht gestellten Antrag erst nach Ablauf der drei Jahre entschieden, so bleibt die Eintragung jedenfalls bis zu diesem Zeitpunkt aufrecht.
Mit der Novellierung der Suchtgiftverordnung wurde die Rolle der AmtsärztInnen in der Substitutionsbehandlung verändert. Laut §23g (1) SV unterliegt die formale Kontrolle der Behandlung den zuständigen AmtsärztInnen.
Die AmtsärztInnen werden grundsätzlich davon ausgehen können, dass eine verordnungskonforme Indikationsstellung vorgenommen wurde. Zu prüfen ist zunächst die Qualifikation der ÄrztInnen (laut Weiterbildungsverordnung). Bei Bedenken hinsichtlich der Verordnungskonformität der Indikationsstellung oder Behandlung ist Rücksprache mit den behandelnden ÄrztInnen zu halten. Die Rücksprache ist zu dokumentieren. Die behandelnden ÄrztInnen haben den AmtsärztInnen die erforderlichen Auskünfte zu erteilen und in den von diesen als erforderlich erachteten Fällen den Behandlungsvertrag vorzulegen.
Führt die Rücksprache zu keinem Einvernehmen, kann der Fall gem. §23i SV an die Landeskommission (Sachverständigenkommission) herangetragen werden. Beschlüsse der Kommission haben empfehlenden Charakter. Bei dennoch bestehenden Uneinigkeiten können die AmtsärztInnen die Fertigung der Dauerverschreibung verweigern.
Suchtgiftverordnung, §23g
Die AmtsärztInnen haben die Verweigerung der Vidierung zu dokumentieren und den behandelnden ÄrztInnen gegenüber zu begründen. Sie haben erforderlichenfalls die PatientInnen bei der Auffindung einer geeigneten Behandlungsalternative zu unterstützen.27
In der Steiermark tritt die Sachverständigenkommission 3x/Jahr zusammen. Meist werden gesammelte schwierige Fälle von den AmtsärztInnen zur Diskussion eingebracht. Da bei Unstimmigkeiten eine Lösung für die PatientInnen möglichst rasch erfolgen sollte, wird nicht immer auf das nächste Zusammentreffen der Sachverständigenkommission gewartet, sondern versucht, die betroffenen Parteien zeitnahe an einen Tisch zu laden, um mit Hilfe der LeiterIn der Sachverständigenkommission zu einer Einigung zu kommen. Die betroffenen PatientInnen werden in der Suchtmedizinischen- /Substitutionsambulanz LSF mittels eines Krisenmanagements kurzfristig überbrückt.
Durch die AmtsärztInnen zu prüfende Aspekte
Bei Minderjährigen wird geprüft, ob sich ein entsprechender Vermerk über die Einholung einer Zweitmeinung am Rezept befindet und ob der Einbezug der Obsorgeberechtigten stattgefunden hat.
Weiters wird geprüft, ob der Beginn der Behandlung gemeldet, der Substitutionsnachweis ausgestellt und das Rezept formal richtig verschrieben wurde.
Die AmtsärztInnen haben die Anschrift und Telefonnummer der für die Kontrolle der Behandlung zuständigen Bezirksverwaltungsbehörde auf dem Substitutionsnachweis zu vermerken und den Eintrag mit ihrer Unterschrift zu fertigen.
Stellen die AmtsärztInnen auf der Verschreibung offensichtliche Formalfehler (z. B. Schreibfehler, Datierungsmängel) oder sonstige offenbare Irrtümer, Mängel oder Ungereimtheiten fest, so haben sie diese zu beheben oder fehlende Angaben zu ergänzen. Die vorgenommenen Änderungen sind zu dokumentieren sowie den behandelnden ÄrztInnen zur Kenntnis zu bringen.
Formale Mängel der Verschreibung
Fehlende Versicherungsangaben
Fehlendes oder offensichtlich falsches Geburtsdatum
Fehlende oder unvollständige Adresse
Fehlende Beschäftigungsangaben (Dienstgeber, Dienstort)
Fehlender Vermerk („Zur Substitutionsbehandlung“)
Fehlende wörtliche Angaben (Menge, Packungsgröße und Anzahl der verschriebenen Packungen)
Fehlende Angaben bei „Tägliche Dosierung und Abgabemodus“
Geprüft wird die Berücksichtigung der Mittel der ersten Wahl. Der Einsatz von Morphinpräparaten ist an die Voraussetzung einer ärztlich festgestellten Unverträglichkeit von Methadon und Buprenorphin geknüpft. Das Vorliegen dieser Voraussetzungen gilt dann als hinreichend begründet und belegt, wenn sich auf dem vorgelegten Rezeptformular ein entsprechender Vermerk befindet.
Die Erstverschreibungen werden hinsichtlich der Initialdosis und der Aufdosierungsschritte geprüft. Bei Erstvidierungen, die die erste ärztliche Verschreibung an die PatientInnen darstellen, und falls nicht davon ausgegangen werden kann, dass von den einstellenden ÄrztInnen eine Harntestung vorgenommen wurde, wird eine Harnabnahme durchgeführt.
Die Vidierung der verordnungskonformen Substitutionsverschreibung erfolgt – wenn möglich – am Tag der Vorlage durch die PatientInnen, ansonsten am darauf folgenden Werktag (siehe auch BMGFJ, 2007).
Die AmtsärztInnen haben sich auch davon zu überzeugen, dass sich die PatientInnen erforderlichenfalls weiteren gesundheitsbezogenen Maßnahmen (§11 Suchtmittelgesetz) unterziehen und haben – wenn nötig – motivierend auf die PatientInnen einzuwirken.
In grundsätzlichen Fragen der Substitutionsbehandlung können der Ausschuss für Qualität und Sicherheit in der Substitutionsbehandlung (§23k SV) oder das Bundesdrogenforum befasst werden.
Bei der täglichen Ausgabe des Substitutionsmedikaments nehmen die Apotheken-MitarbeiterInnen Veränderungen bzw. Auffälligkeiten bei den PatientInnen in der Regel rasch wahr. Diese Beobachtungen sollten zunächst an die behandelnden ÄrztInnen weitergeleitet werden. In weiterer Folge sind die AmtsärztInnen zu verständigen.
Die Suchtgiftverordnung hält unter §23 h Z 1-4 fest, wie ApothekerInnen mit weiteren Beobachtungen und anderen Bereichen rund um die Substitutionstherapie vorzugehen haben.
Die Apotheke hat bei Verdacht von Unzukömmlichkeiten wie
Nichterscheinen zur Einnahme oder Abholung des Substitutionsmittels
missbräuchliche Einnahme von Substitutionsmitteln
Umgehung der kontrollierten Einnahme
Vorlage von Rezepten über nicht von SubstitutionsärztInnen ausgestellte Suchtmittel etc.
unverzüglich die behandelnden ÄrztInnen (und in weiterer Folge die zuständigen AmtsärztInnen) zu verständigen.
Versäumen die PatientInnen die tägliche Einnahme, so dürfen die nichtbezogenen Dosen des Substitutionsmittels nicht an einem anderen Tag abgegeben werden.
Geben die PatientInnen an, dass das abgegebene Substitutionsmittel in Verlust geraten oder erbrochen worden ist, ist dieses von der Apotheke nicht zu ersetzen. In diesen Fällen sind die verschreibenden ÄrztInnen zu verständigen. Diesen obliegt es zu beurteilen, ob eine medikamentöse Behandlung im Hinblick auf Entzugsbeschwerden angezeigt ist.
Suchtgiftverordnung, §23h
Die Aufteilung auf mehrere Tagesportionen ist in der Apotheke dann vorzunehmen, wenn diese Abgabeform auf der Substitutionsverschreibung vermerkt und die kontrollierte Einnahme sichergestellt ist.28
Im Fall, dass die PatientInnen auf Grund einer Erkrankung an der kontrollierten Einnahme oder Abholung des Substitutionsmittels verhindert sind, darf die Apotheke dieses an eine vertrauenswürdige Person ausfolgen. Diese Person hat sich durch einen amtlichen Lichtbildausweis auszuweisen und die Erkrankung der Substitutionspatientin bzw. des -patienten mittels ärztlicher Bestätigung nachzuweisen. Die Ausfolgung des Substitutionsmittels ist von der Apotheke zu dokumentieren.
Suchtgiftverordnung, §23h (4)
Apothekenbetriebsordnung, §11 Abs. 2
An Minderjährige darf das Substitutionsmittel nicht ausgefolgt werden.29
Bei Verdacht auf Arzneimittelmissbrauch oder bei Zweifeln an der Echtheit der Verschreibung muss die Abgabe verweigert werden.30
Die verschiedenen in die Substitutionsbehandlung involvierten Professionen unterliegen unterschiedlichen Verschwiegenheitspflichten.
Verschwiegenheitspflichten für ÄrztInnen
Ärztegesetz, §54
ÄrztInnen und deren Hilfspersonen sind zur Verschwiegenheit31 über alle ihnen in Ausübung ihres Berufes anvertrauten oder bekannt gewordenen Geheimnisse verpflichtet.
Die Verschwiegenheitspflicht besteht nicht, wenn nach gesetzlichen Vorschriften eine Meldung der ÄrztInnen über den Gesundheitszustand bestimmter Personen vorgeschrieben ist, oder die durch die Offenbarung des Geheimnisses bedrohte Person die ÄrztInnen von der Geheimhaltung entbunden hat.
Verschwiegenheitspflichten für Apotheken
Apothekenbetriebsordnung, §19
Alle in der Apotheke tätigen Personen sind – sofern nicht Durchbrechungen der Verschwiegenheit gesetzlich vorgesehen sind – verpflichtet32, alle ihnen ausschließlich aus ihrer Tätigkeit bekannt gewordenen betriebs- und kundenbezogenen Daten sowohl während ihrer Apothekentätigkeit, als auch nach deren Ende geheim zu halten. Die Entscheidung über die Übermittlung derartiger Daten liegt beim Apothekenleiter/bei der Apothekenleiterin.
Verschwiegenheitspflichten für Behörden
Art. 20 Österreichisches Bundes-Verfassungsgesetz 1920
Alle mit Aufgaben der Bundes-, Landes- und Gemeindeverwaltung betrauten Organe sowie die Organe anderer Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, soweit gesetzlich nichts anderes bestimmt ist, zur Verschwiegenheit über alle ihnen ausschließlich aus ihrer amtlichen Tätigkeit bekannt gewordenen Tatsachen verpflichtet, deren Geheimhaltung … im überwiegenden Interesse der Parteien geboten ist (Amtsverschwiegenheit).33
Weitergabe von Daten an die Führerscheinbehörde
BMSG, 2003
Da aus medizinischer Sicht bei SubstitutionspatientInnen nicht von einer ausreichend hohen Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen von Fahruntauglichkeit ausgegangen werden kann, ist festzuhalten, dass eine automatische Weitergabe der Daten von SubstitutionspatientInnen von der Gesundheitsbehörde an die Führerscheinbehörde unter dem Blickwinkel überwiegender berechtigter Interessen Dritter (mangels Rechtsgrundlage) nicht gedeckt ist. Im Einzelfall ist eine Meldung datenschutzrechtlich zwar nicht verboten, wenn eine entsprechende Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass sich die/der betreffende PatientIn durch Teilnahme am Straßenverkehr evident und aktuell einer lebensbedrohenden Selbstgefährdung aussetzt, eine gesetzliche Meldepflicht ist auch in diesem Fall aber nicht gegeben.34
Verschwiegenheitspflichten für Einrichtungen nach §15 SMG
Die in Einrichtungen und Vereinigungen gemäß §15 SMG beschäftigten Personen sind, ... zur Verschwiegenheit über das, was ihnen im Rahmen dieser Tätigkeit bekannt geworden ist, verpflichtet.
Suchtmittelgesetz, §8a (2) und (3)
Die an der Beratung, Behandlung oder Betreuung von PatientInnen, die sich einer Substitutionsbehandlung unterziehen, beteiligten ÄrztInnen, AmtsärztInnen, ApothekerInnen, BewährungshelferInnen, klinischen PsychologInnen, PsychotherapeutInnen oder Personen, die in einer Einrichtung gemäß §15 gesundheitsbezogene Maßnahmen (§11 Abs. 2 SMG) bei diesen PatientInnen durchführen, dürfen Wahrnehmungen (die für die Substitutionsbehandlung relevant sind) aus dieser Tätigkeit gegenseitig nur insoweit mitteilen35
als die PatientInnen der Mitteilung ausdrücklich zugestimmt haben, oder
die Mitteilung zum Schutz der Gesundheit der PatientInnen dringend erforderlich ist und deren ausdrückliche Zustimmung nicht rechtzeitig eingeholt werden kann.
Die Zustimmung oder der Grund, weshalb die ausdrückliche Zustimmung nicht rechtzeitig eingeholt werden konnte, ist zu dokumentieren.
Suchtgiftverordnung, §23h Abs. 1
Suchtgiftverordnung, §23g Abs. 1
Die Apotheke hat bei Verdacht von Unzukömmlichkeiten (siehe oben) unverzüglich die behandelnden ÄrztInnen und die zuständigen AmtsärztInnen zu verständigen.36
Bei Bedenken hinsichtlich der Verordnungskonformität der Indikationsstellung oder Behandlung haben die AmtsärztInnen Rücksprache mit den behandelnden ÄrztInnen zu halten. Die behandelnden ÄrztInnen haben den AmtsärztInnen die erforderlichen Auskünfte zu erteilen.37
Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für Psychotropenverordnung.
Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz
Auf Basis des Suchtmittelgesetzes wurde 2012 auch die Psychotropenverordnung – PV novelliert, diese bildet die gesetzliche Grundlage über den Verkehr und die Gebarung mit psychotropen Stoffen, d.h. sie regelt den Umgang mit psychotropen Stoffen von der Erzeugung bis zur Abgabe.38
Parallel dazu trat mit 1.1.2012 auch das Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz (NPSG) in Kraft, welche das Geschäftemachen mit synthetisch hergestellten Substanzen verbietet, die nicht der Drogengesetzgebung unterliegen aber darauf ausgerichtet sind, im Körper eine drogenartige Wirkung zu erzielen.39 Die Neue-Psychoaktive-Substanzen-Verordnung (NPSV) bestimmt wiederum, welche Substanzen unter das Verbot des NPSG fallen. In der NPSV werden einzelne Substanzen bezeichnet, und vorausschauend ganze Verbindungsklassen chemisch definiert. Dadurch kann das NPSG auf eine große Zahl psychoaktiv wirkender Substanzen sofort angewandt werden, egal ob es sich um eine neue Substanz handelt oder um Produkte, die daraus hergestellt worden sind.40
Das Hilfs- und Versorgungsangebot für Suchtkranke (und deren Angehörige) ist ebenso unterschiedlich wie die unterschiedlichen Phasen einer Suchterkrankung.
Die Eckpunkte des Suchthilfenetzwerkes sind:
psychosoziale Beratungseinrichtungen („§15 Einrichtungen“)
niederschwellige Angebote (Drogenstreetwork)
Für eine wirksame Suchthilfe besteht die Herausforderung, dass verschiedene AkteurInnen aus verschiedenen professionellen Feldern miteinander kooperieren müssen. Darüber hinaus kann der kollegiale Fachaustausch die eigene Psychohygiene bereichern oder wie Prof. Alfred Springer erläutert: „… habe ich stets in Kooperationen gearbeitet und sie stets als Mittel der Problembewältigung erlebt.“41
Ein institutionsübergreifender Austausch (soweit im rechtlichen Rahmen der Verschwiegenheitspflicht möglich) kann helfen, die PatientInnen optimal zu erreichen. Aus dem Suchthilfenetz zu fallen, mündet oft in der Rückkehr in die Suchtszene.
Abb. 2: Kooperationen – Behandlungsnetz (Kurz, Mai 2012)
Wo? (Kontaktdaten siehe Anhang)
Zentrum für Suchtmedizin LSF (Graz)
Zur Stabilisierung bei Intoxikationen und Krisenintervention
Teilentzüge von Alkohol, Benzodiazepinen und Stimulanzien
Therapiestation für Drogenkranke„Walkabout“ (Kainbach bei Graz)
Entzug und Teilentzug von illegalen Substanzen und Benzodiazepinen
Kurzzeitentwöhntherapie nach körperlichen Entzugsbehandlungen
Kurz- und Langzeittherapie nach körperlicher Entzugsbehandlung
PatientInnen mit Doppeldiagnosen
Langzeittherapie für SubstitutionspatientInnen und PatientInnen mit Anpassungsproblemen u/o Persönlichkeitsstörungen
bedarfs- und bedürfnisgerechte Vor- und Nachbetreuung sowie Angehörigenberatung zur Unterstützung der Entzugs- und Entwöhnbehandlung der Therapiestation für Drogenkranke Walkabout
Informationsstelle und Präventionseinrichtung
Vorbetreuung und ambulante Psychotherapie
Nachbetreuung stationärer PatientInnen aus der Lang- und Kurzzeittherapie nach abgeschlossener Therapie
Abklärung bzgl. Indikation zur Substitutionsbehandlung
Einstellung Substitutionsbehandlung
Weiterbehandlung in der Substitutionsbehandlung (je nach Kapazität)
Substitutionsbehandlung nach Haftentlassung und Therapieabbruch
Siehe Suchtmedizinische-/Substitutionsambulanz Ambulanz LSF
Weiterbehandlung in der Substitutionsbehandlung inkl. psychosoziale Beratung
Niederschwellige Hilfsangebote/Anlaufstellen
I. K. A. Interdisziplinäre Kontakt- und Anlaufstelle. Basismedizinische Suchtkrankenversorgung (Graz)
Basismedizinische Suchtkrankenversorgung, Gesundheitsförderung für multimorbide PatientInnen mit längerer Verweildauer im Suchthilfesystem
Weiterbehandlung in der Substitutionsbehandlung
Information, Vermittlung und Krisenintervention für KonsumentInnen illegaler Drogen und SubstitutionspatientInnen an Szeneplätzen
Kontaktaufbau zu DrogenkonsumentInnen, die bisher keinen Zugang zum Hilfssystem hatten
Kontaktladen für KonsumentInnen illegaler Drogen und SubstitutionspatientInnen
Psychosoziale Beratung und Betreuung im anonymen Rahmen
Gesundheitsförderung (Spritzentausch)
Streetwork Kapfenberg (ISOP)
Beratung, Vermittlung und Begleitung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen an Szeneplätzen
Streetwork (Hilfswerk Strmk.)
für Jugendliche an öffentlichen Plätzen
Unterstützung und Vermittlung bei Problemsituationen
s. Feldbach
für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen der 3 Städte (Judenburg, Knittelfeld, Murau) im Alter von 12 bis 25 Jahren
Jugendliche und junge Erwachsenen zw. 12 und 26 Jahren an Szeneplätzen
Kontakt- und Vertrauensverhältnis herstellen zur Verbesserung der individuellen Lebenssituation
Info, Beratung, Begleitung von Jugendlichen an Szeneplätzen
für Jugendliche bei Krisen, Schwierigkeiten, Konflikten zu Hause oder im Beruf
an Szeneplätzen
Streetwork Weiz (Area 52)
für Jugendliche von 9 bis 22 Jahren
Verschiedene niedergelassene AllgemeinmedizinerInnen und FachärztInnen in Graz und den steirischen Bezirken, die laut „Weiterbildungsverordnung orale Substitution“ Indikation, Einstellung u/o Weiterbehandlung anbieten können; (Anfrage beim Magistrat Graz bzw. Bezirksverwaltungsbehörden)
Opiatabhängige PatientInnen, die sich in Substitutionsbehandlung begeben wollen bzw. sich in Substitutionsbehandlung befinden
Psychosoziale Beratung und/oder Psychotherapie
Für Menschen, die den Konsum von Alkohol, Medikamenten oder illegalisierten Drogen als problematisch erleben bzw. abhängig sind
Für Menschen mit Essstörungen, Problemen mit exzessivem Glücksspiel
Angehörige, Freunde oder Bekannte, die mit diesen Menschen privat in Bezug stehen
Personen bzw. Teams, die beruflich mit diesen Menschen Kontakt haben
Betroffene, Angehörige, MultiplikatorInnen und Interessierte mit verschiedenen Angeboten (Information, Beratung, Psychotherapie, Schulungen etc.)
Themenbereiche: Illegale Substanzen, Nikotin, Medikamente, Essstörungen, Alkohol, Spielsucht und Internetsucht
SMZ – Liebenau
Angebot für Alkohol- und Suchtgefährdete, Abhängigkeitskranke, Angehörige und Personen mit einer Auflage nach dem Suchtmittelgesetz
siehe BAS – Graz
siehe Graz - Umgebung
Psychosoziales Netzwerk GmbH – Drogenberatung (Verein für psychische und soziale Lebensberatung)
Für Menschen bei Problemen mit Alkohol, illegalen Drogen, Medikamenten, Nikotin, Glücksspiel, Essen
Für deren Angehörige, FreundInnen und KollegInnen
Für alle anderen Interessierten zum Thema Abhängigkeiten/Süchte
für Menschen, die von Sucht betroffen sind und in Veränderungsprozessen Unterstützung suchen
für Menschen, die mit diesen in Beziehung stehen
Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Familien, die in Not geraten sind und Unterstützung brauchen
Die medizinische Versorgungslage zeigt in der gesamten Steiermark ein heterogenes Bild (siehe Abb.3).
Es lässt sich derzeit eine deutliche Unterversorgung der Regionen Mur- und Mürztal – vor allem in den Städten Murau, Knittelfeld, Mürzzuschlag – sowie im Südwesten der Steiermark erkennen, wenn es um ng. substituierende ärztliche Versorgung geht. Diese Unterversorgung wurde durch die Eröffnung der Substitutionsambulanz in Bruck/Mur deutlich entschärft. In fünf steirischen Regionen gibt es jeweils nur eine Möglichkeit zur Substitutionsbehandlung. In Liezen finden sich zwei Ärzte, gleiches gilt in Voitsberg, Feldbach, Weiz und Hartberg. Im Bezirk Graz-Umgebung können PatientInnen zwischen drei verschiedenen ÄrztInnen wählen. In Leoben bieten fünf SubstitutionsärztInnen diese Behandlung an. In Graz werden Substitutionsbehandlungen durch folgende Einrichtungen bzw. Strukturen durchgeführt:
Niedergelassene ÄrztInnen bzw. Praxisgemeinschaft
Suchtmedizinische- /Substitutionsambulanz LSF
I.K.A. (Interdisziplinäre Kontakt- und Anlaufstelle)
Die Indikation und Einstellung findet in Graz in drei verschiedenen Stellen statt.
Abb. 3: Substitutionsbehandlung in der Steiermark
(Suchtkoordination des Landes Steiermark/Referat Sanitätsdirektion/Medizinische Services)
Die Praxisgemeinschaft und die Suchtmedizinische-/Substitutionsambulanz LSF bzw. Bruck/Mur unterscheiden sich von den Angeboten der niedergelassenen ÄrztInnen. Die Weiterbehandlung kann (je nach verfügbaren Kapazitäten und medizinischer Notwendigkeit) in diesen Einrichtungen vor Ort durchgeführt werden. Durch das multiprofessionelle Team kann auch die psychosoziale Begleitung direkt angeboten werden.
Die Ambulanzen verfügen außerdem über eine eigene Anstaltsapotheke. Somit wird auch die Ausgabe des Substitutionsmedikamentes vor Ort durchgeführt. Die medizinische Notwendigkeit zur Weiterbehandlung in den Suchtmedizinischen-/Substitutionsambulanzen ergibt sich z. B. bei psychiatrischer Komorbidität, Schwangerschaft, in besonderen Krisensituationen wie Abbruch stationärer Entwöhnungstherapie oder Haftentlassung, aufgrund derer die PatientInnen eine engere Betreuungsdichte benötigen. Durch den täglichen Kontakt kann auf die Befindlichkeit der PatientInnen zeitnah reagiert werden. Die Suchtmedizinische-/Substitutionsambulanz im LSF ist Teil eines Krankenhauses mit stationären Behandlungsmöglichkeiten im Hintergrund. Kommt es zu einer massiven Verschlechterung des Zustandsbildes, kann eine stationäre Aufnahme zur Krisenintervention in die Wege geleitet werden.
Die rasche Ausgliederung von PatientInnen, die nicht in der Suchtmedizinischen- /Substitutionsambulanz LSF weiterbehandelt werden, gelingt in Graz derzeit durch das große Engagement von einigen wenigen Substitutionsstellen. Dennoch muss festgehalten werden, dass die Verteilung der Gesamtzahl der Substituierten in Graz auf die zur Verfügung stehenden ÄrztInnen unverhältnismäßig ist.

References: §110
 §23
 §27

§8

§10

§11

§18

§21
 §21

§23
 §23

§23
 §146
 §1
 §2
 §5
 §6
 §23
 §23
 §23
 §23
 §23
 §23
 §11
 §54
 §19

Art. 20
 §15
 §15
 §8
 §15
 §23
 §23