Source: https://www.auschwitz-prozess.de/zeugenaussagen/Lauffs-Hans/
Timestamp: 2020-05-30 23:58:17+00:00

Document:
Zeuge Hans Lauffs
Vernehmung des Zeugen Hans Lauffs
[+ Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre] Aussage auf ein Tonband nehme zum Zwecke der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?
Zeuge Hans Lauffs:
Ist es richtig, Herr Zeuge, daß Sie im Range eines SS-Hauptsturmführers an verschiedenen SS-Polizeigerichten tätig waren?
In welcher Eigenschaft waren Sie da tätig?
Und zwar sollen Sie vom 15.11.43 bis zum Kriegsende die Zweigstelle des SS- und Polizeigerichts Krakau in Lublin geleitet haben.
Bis Kriegsende, bis zum Fall von Lublin. Das war wohl im Juli, Ende Juli 44.
Ist es richtig, daß dort eine Anordnung des Hauptamtes SS-Gericht bestand, wonach Befehle, die die Begehung eines Verbrechens oder Vergehens verlangten, nichtig seien und daher nicht zu befolgen waren?
So eine Anordnung lag vor und wurde auch in den Mitteilungsblättern meines Wissens mehrfach veröffentlicht.
Also an sich ist es doch so, daß eine solche Anordnung gar nicht nötig gewesen wäre, denn das steht im Strafgesetzbuch drin, nicht, im § 47.
Das steht im Gesetz, ja. Diese Sachen waren ja auch zur Unterrichtung der Truppe gedacht, die nun die Gesetze nicht so kannte, und sollten eben dort bekanntgemacht werden.
Also Sie können sich darauf entsinnen, daß eine solche Anordnung sogar in den Mitteilungsblättern der SS gestanden hat?
Sie glauben es. Nun, ist denn auch nach dieser Anordnung verfahren worden? Also ich will sagen, es gab ja manche Anordnungen, wie wir hier feststellen mußten, die auf dem Papier standen, die aber in Wirklichkeit gar nicht befolgt worden sind.
Ob immer danach verfahren worden ist, weiß ich nicht. Ich habe danach verfahren als Richter.
Wir hatten gestern einen Zeugen hier, der die Auffassung vertrat, daß zum Beispiel der Befehl, Frauen und Kinder zu erschießen, kein Befehl sei, dem nach § 47 des Militärstrafgesetzbuches[1] ausgewichen werden konnte. Nun würde es mich interessieren, wie man den Begriff Verbrechen damals auslegte, ob ein solcher Befehl unter dem Gesichtspunkt des § 47 des Militärstrafgesetzbuchs zu befolgen war oder nicht.
Ich habe derartige Fälle in meiner Praxis nie zu Gesicht bekommen.
Nun, Herr Zeuge, haben Sie einmal einen Tatbericht gelesen, oder können Sie sich auf einen solchen Tatbericht entsinnen, der eine Befehlsverweigerung überhaupt generell zum Inhalt hatte?
Eine Befehlsverweigerung ganz allgemeiner Art?
Ja, ganz allgemein.
Eine Gehorsamsverweigerung?
Sicherlich, Gehorsamsverweigerung gab es schon mal, daß einer nicht [unverständlich] ziehen wollte oder daß einer irgend... Das gab es schon, aber
Also ganz im allgemeinen Sinn?
In ganz allgemeiner Form.
Und nun komme ich auf den engeren, speziellen Sinn, nämlich eine Befehlsverweigerung wegen solcher Befehle, die die Erschießung oder die Vernichtung von irgendwelchen Zivilisten zum Inhalt hatten.
Einen solchen Befehl habe ich nie gelesen, und eine Befehlsverweigerung habe ich auch nicht gesehen. Aber eigentlich konnten wir die auch nicht sehen, denn solche Dinge wurden ja offensichtlich... Mir ist kein Fall bekannt, auch in dem bisherigen Verfahren, daß ein SS-Gericht eine solche Gehorsamsverweigerung bekommen hätte. Und ich glaube, wir gehörten überhaupt nicht in den Kreis dieser Geheimnisträger, möchte ich sagen. Wir waren auf diese Dinge gar nicht vereidigt. Ich habe nie dergleichen gehört und auch keinen Fall in der Praxis erlebt.
Herr Zeuge, Sie haben eben gesagt: »Solche Fälle sind mir nicht vorgekommen, sie konnten mir auch gar nicht vorliegen.« Warum konnten Sie Ihnen nicht vorgelegt werden?
Ich schließe es daraus, daß die Betreffenden – oder wie sagt man das hinterher – gar nicht darüber Tatberichte oder was an SS-Gerichte erstellen durften, weil sie ja Geheimnisträger besonderer Art offenbar waren.
Und was wäre denn dann mit solchen Leuten geschehen?
Wenn ein solcher Befehl, also ein solcher Tatbericht gekommen wäre, hätte ich wahrscheinlich dem Hauptamt berichtet, würde ich sagen.
Ja, ich will das jetzt nicht wissen, denn Sie sagten ja: »Ich habe keinen Befehl bekommen.«
Ich habe keinen bekommen, ja.
Aber wissen Sie, was mit den Soldaten oder mit den SS-Führern geschehen ist, die sich geweigert haben, sich zum Beispiel an Exekutionen oder Judenermordungen zu beteiligen?
Das weiß ich nicht. Ich habe mal in ähnlichen Verfahren wie hier gehört, die wären versetzt worden zu einer anderen Truppe. Aber das ist alles aus den letzten Jahren irgendwie mir bekanntgeworden. Seinerzeit habe ich nichts dergleichen erfahren.
Noch eine Frage des Gerichts? Bitte schön.
Als Sie in Lublin waren, wie viele SS-Führer und SS-Männer unterstanden Ihrer Gerichtsbarkeit?
Das weiß ich nicht zahlenmäßig.
Und wie viele Einheiten?
Jedenfalls die Lager unterstanden mir nicht. Die waren an das SS- und Polizeigericht Kassel [unverständlich]
Also die Lager bei Lublin, also Majdanek und ähnliche, die unterstanden Ihnen nicht?
Was unterstand Ihnen denn? Ersatztruppe, Ersatzeinheiten?
Zeuge Hans Lauffs [unterbricht]:
Die Truppenverbände, jawohl.
Polizeieinheiten auch?
Unterstand Ihnen denn? Feldtruppe, Ersatztruppe?
Die Truppenverbände, ja.
Ersatzeinheiten?
Jawohl. Soweit sie dort im – ja.
Waren das auch Einheiten, die irgendwelche sogenannten Säuberungsaufgaben hatten?
Partisanenbekämpfung oder ähnliches?
Partisanenbekämpfung, jawohl, das glaube ich schon.
Aber jedenfalls die Lagerbesatzung unterstand Ihnen nicht?
Lager nicht, nein.
Die gehörten nicht zu Ihrem Bereich?
Es war ein eigenes, ein zbV-Gericht.
Ja, die gehörten zum zbV-Gericht. Also konnten Sie davon schon gar nichts kriegen.
In welcher Dienststellung waren Sie denn vor Lublin?
Meinen Sie dienstgradmäßig oder an welchem Ort?
Nein, dienststellungsmäßig.
Vor Lublin war ich in Salzburg auch Richter.
Bei dem dortigen SS- und Polizeigericht?
Also auch wieder für die Ersatzeinheiten in erster Linie und für die dortige Polizei?
Und in irgendwelcher Stabsstellung bei der Truppe waren Sie nie?
Herr Staatsanwalt? Herr Rechtsanwalt Ormond? Herr Rechtsanwalt Raabe? Herr Rechtsanwalt Doktor Kaul? Die Verteidigung? Herr Rechtsanwalt Göllner.
Herr Zeuge, ist Ihnen als Leiter eines SS- und Polizeigerichts in Lublin bekanntgeworden ab 43, daß Himmler bestimmte Anweisungen gab in Fällen, in denen das Strafgesetzbuch oder das Militärstrafgesetzbuch Normalstrafen zum Gegenstand hatte – ich denke hier an den § 175[2] –, grundsätzlich von den SS- und Polizeigerichten die Todesstrafe für diesen Fall verlangte?
[Pause] An einen derartigen Befehl kann ich mich nicht erinnern. Mir ist er jedenfalls nicht zu Gesicht gekommen. Aber ich weiß, daß der Reichsführer derlei Wünsche hatte. Inwieweit die Gerichte dem nachgekommen sind, weiß ich nicht.
Herr Zeuge, waren das Wünsche, oder waren das Reichsführerbefehle?
Befehle, also nicht Wünsche?
Das weiß ich nicht. Ich habe einen solchen Befehl nicht bekommen.
Ist ein solcher Fall in Ihrem Distrikt vorgekommen?
Ich könnte könnte Ihnen hier zwei Witwen aus Frankfurt vorführen von Polizeiangehörigen, die wegen 175 erschossen worden sind.
Nein, nicht bei mir. Auch nicht in Lublin.
Ist es Ihnen weiter bekannt, daß Himmler anordnete, daß jeglicher Geschlechtsverkehr von SS- und Polizeiangehörigen mit Polinnen oder Russinnen mit der Todesstrafe zu ahnden war?
Herr Zeuge, ist das wirklich wahr, oder haben Sie das vergessen?
Ich kann mich daran nicht erinnern. Aber ich weiß, daß wir wegen Ungehorsams geringfügige Gefängnisstrafen gegeben haben.
In solchen Fällen, ja.
Es war der Verkehr mit Polinnen untersagt. Und wegen Ungehorsams, militärischem Ungehorsams, wurden in einigen Fällen Tatberichte eingereicht. Aber von den Strafen, die mir hier vorgehalten werden, ist mir nichts bekannt. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern.
Herr Zeuge, wenn ich Sie richtig verstanden habe, so haben Sie gesagt, daß Ihnen Fälle von Befehlsverweigerungen, und zwar wegen der Nichtbefolgung von Erschießungsbefehlen, nicht vorgelegt worden sind und nicht haben vorgelegt werden können, weil, so nehmen Sie an, es sich hierbei um Geheimnissachen gehandelt hätte. Sie sagten in dem Zusammenhang, wenn ich Sie richtig verstanden habe, wäre Ihnen ein solcher Fall vorgelegt worden, so hätten Sie nach Berlin berichten müssen.
Nach München wahrscheinlich. Nach München, ja.
Nach München. Welcher Stelle hätten Sie da berichten müssen?
Unserem Hauptamt SS-Gericht.
Herr Zeuge, wollen Sie damit sagen, daß in einem solchen Falle von Ihnen ein Gerichtsverfahren nicht ohne weiteres hätte durchgeführt werden können? [Pause] Sie haben vorhin gesagt: »Wäre mir ein solcher Tatbericht vorgelegt worden, so hätte ich nach München berichten müssen.«
Ich hätte berichtet, aber ob ich hätte berichten müssen, also das weiß ich nicht. Ich hätte zumindest einen derart schwerwiegenden Fall meinem vorgesetzten Richter gemeldet, über das SS- und Polizeigericht Krakau nach München, das
Und welches wäre der konkrete Grund dafür gewesen, daß Sie als Richter dann einen solchen Fall nicht hätten entscheiden können?
Die Frage eben, die Sie vorhin angeschnitten haben, ob darin ein Verbrechen im Sinne von 46 oder 47, ja?
47, Absatz 2 vorliegt, hätte doch geprüft werden müssen.
Herr Zeuge, darf ich Sie dann fragen: Bestand damals auch bei Ihrem Gericht, wie bei allen SS- und Polizeigerichten, die einheitliche Auffassung, daß Erschießungen von Zivilpersonen nicht Verbrechen im Sinne des § 211 Strafgesetzbuch sind?
Wie war diese Frage, Herr Rechtsanwalt? Das muß ich noch mal wissen.
Bestand damals demnach bei Ihnen und bei allen anderen SS- und Polizeigerichten die Auffassung, daß Erschießungen, beispielsweise von Häftlingen oder Zivilpersonen, nicht ohne weiteres Verbrechen im Sinne des § 211 Strafgesetzbuch sind?
Diese Auffassung bestand nicht.
Dann ist mir nicht ganz verständlich, Herr Zeuge, warum das Gericht in einem solchen Falle nicht hätte entscheiden können und weshalb ein solcher Bericht hätte erfolgen müssen an die vorgesetzte Dienststelle in München oder Berlin.
Ich hätte einen derartigen Bericht
Verzeihung, ich widerspreche der Frage. Der Zeuge hat nicht gesagt, daß eine Anfrage erfolgen mußte.
Sondern er hat ausdrücklich unterstrichen, daß es nicht der Fall war, daß es erfolgen mußte, sondern er hätte angefragt, wahrscheinlich, um eine einheitliche Rechtsprechung bezüglich des 47 zu bekommen.
Ich könnte mir auch vorstellen, daß er alleine schon deshalb angefragt hätte, weil ja der Befehl zu diesen Maßnahmen nicht von den einzelnen Leuten gegeben worden ist, sondern von oben herunter gekommen ist. Und deshalb hätte er wohl angefragt. Ich weiß es nicht.
Dann darf ich meine Frage dahin präzisieren, Herr Zeuge: Bestand eine allgemeine Anweisung, daß in solchen Fällen Geheimer Reichssachen das Einzelgericht nicht zu entscheiden und zu befinden hat, sondern die Dinge auf dem Dienstwege der vorgesetzten Behörde vorzulegen hat?
An eine solche allgemeine Anweisung kann ich mich nicht erinnern.
Ich darf dann folgendes zusammenfassen, Herr Zeuge: In einem solchen Falle hätten Sie jedenfalls selbst nicht den Mut zu einer eigenen Entscheidung gehabt
Zu einer Entscheidung über die Frage, ob § 47 Militärstrafgesetzbuch anzuwenden ist oder nicht.
Herr Rechtsanwalt Staiger
Dieser Vorwurf ist meines Erachtens nicht gerechtfertigt, den Sie eben machen.
Der Zeuge hat gesagt: »Ich habe so einen Fall nicht erlebt.«
Und was er uns nun aussagt, sind alles hypothetische Erwägungen, was wohl gewesen wäre, wenn ein solcher Fall eingetreten wäre. Und da hat der Zeuge aus seiner heutigen Sicht gesagt: »Ich glaube, daß ich in einem solchen Fall einen Bericht gemacht hätte.« Nicht deshalb, weil er nicht den Mut gehabt hätte zu entscheiden oder nicht den Mut gehabt hätte, etwas zu tun, sondern weil er das damals nach der ganzen Situation für richtig befunden hätte. So habe ich den Zeugen jedenfalls verstanden.
Jawohl. Außerdem haben wir ja bekanntlich nicht entschieden, sondern haben Vorschläge [+ unterbreitet]. Recht sprach ja in der Kriegsgerichtsbarkeit der Gerichtsherr. Und die Richter haben Vorschläge nur unterbreitet.
Moment, das Gericht hat keine Vorschläge unterbreitet, sondern das Gericht hat Urteile gesprochen. Und die Urteile mußten bestätigt werden vom Gerichtsherrn.
Und die wurden bestätigt oder abgelehnt, genauso, jawohl.
Wollen wir erst mal bei der Verteidigung bleiben, ja?
Herr Zeuge, kennen Sie den Namen Doktor Reinecke?
Was war dieser Mann?
Reinecke war Abteilungsleiter im Hauptamt SS-Gericht. Er hatte die Abteilung I, glaube ich.
Haben Sie im Jahre 1943 oder 44 Kenntnis erhalten von dem Urteil Täubner, das von dem Obersten SS-Gericht in München unter Vorsitz von Doktor Reinecke gefällt worden ist, in welchem der Führerbefehl zur Tötung der Juden im Osten als rechtsverbindlich angesehen wurde?[3]
Ich habe noch eine Frage, Herr Vorsitzender.
Habe ich Sie richtig verstanden, Herr Zeuge, daß Fälle, die Befehlsverweigerungen gegen unrechtmäßige Erschießungsbefehle betreffen, überhaupt generell damals zu den ordentlichen SS- und Polizeigerichten nicht gekommen wären?
Ich habe nur gesagt, daß mir nicht bekanntgeworden ist, daß solche Fälle einem Gericht vorgelegt worden sind.
Ich verstehe. Meine Frage geht dahin: Wissen Sie etwas darüber, ob in solchen Fällen besondere Gerichte eingerichtet waren?
Der Herr Ergänzungsrichter hat, soweit ich ihn richtig verstanden habe, vorhin von zbV-Gerichten gesprochen.
Was sind das für Gerichte, Herr Zeuge?
Das war ein Gericht, wo die KL-Fälle zusammengezogen wurden. Also kein besonderes Gericht, sondern ein ganz gewöhnliches, das aber für diese Dinge als örtlich zuständig erklärt worden ist durch Befehl.
Wenn Sie sich zum Beispiel an das Gericht des Rechtsanwalts Doktor Morgen erinnern, dann haben Sie ein solches zbV-Gericht.
Ist richtig. Doktor Morgen war ja eine besondere Untersuchungskommission zur Aufklärung eines ganz bestimmten Komplexes in Auschwitz selbst.
Er gehörte aber einem Gericht an. Und soviel ich weiß, haben sie sogar im Konzentrationslager Buchenwald den dortigen Kommandanten verurteilt.
Und [+ das Urteil] vollstrecken lassen, ja. Herr Rechtsanwalt Raabe, bitte schön.
Herr Boger, eine Frage. Sie sprachen gestern
Moment, wir sind eben bei der Vernehmung des Zeugen.
Ich dachte, die sei beendet.
Nein, die ist nicht beendet, der Zeuge sitzt noch da. Bitte schön.
Herr Zeuge, sind Sie im Rahmen Ihrer damaligen Tätigkeit mit den Dingen, die hier interessieren, vielleicht dadurch in Berührung gekommen, daß Ihnen beispielsweise eine Strafsache vorgelegt wurde, in der ein SS-Mann seine Verschwiegenheitspflicht gebrochen hatte, indem er also berichtet hatte über derartige Erschießungen?
Nein. Ich kann mich daran jedenfalls nicht erinnern.
Haben Sie damals von derartigen Erschießungen überhaupt etwas gehört?
Als ich nach Lublin kam, im November 43, hörte ich, daß kurze Zeit vorher Erschießungen dort vorgefallen sein sollten. Und da habe ich auch einen Bericht ans Hauptamt gemacht.
Und da haben Sie einen Bericht darüber gemacht?
Bericht, ja.
Ans Hauptamt SS-Gericht.
Nach München, über das SS- und Polizeigericht Krakau.
War das der einzige Fall, wo Sie von solchen Erschießungen gehört haben?
Darf ich nur eine ganz kurze Frage zu den Personalien stellen, Herr Präsident? Welches Alter hat der Zeuge angegeben?
53. Mein heutiges ist 53.
So, dann habe ich mich verhört.
Wann sind Sie geboren, Herr Zeuge?
Herr Zeuge, die Erschießungen, die Ihnen damals bekanntgeworden sind in Lublin, haben die in dem Konzentrationslager Lublin-Majdanek stattgefunden?
Können Sie sich noch erinnern, um welchen Personenkreis es sich gehandelt hat? Waren es Russen?
Der Erschossenen.
Ich weiß nicht. Ich habe damals gehört, das Lager wäre geräumt worden, weil ein Ausbruchsversuch – so wurde es jedenfalls seinerzeit dargestellt – zwischen Partisanen und Häftlingen da aufgedeckt worden ist oder sein soll. Das war aber, bevor ich hinkam. Und als ich das hörte, habe ich dann, wie ich schon erwähnte, einen Bericht über die Vorgänge ans Hauptamt gerichtet.
Sind im Zusammenhang mit Ihrer Tätigkeit, die sich auf diesen Bericht bezog, Vernehmungen durchgeführt worden?
Ich habe von dem Bericht dann später nichts mehr gehört. Dann kamen ja auch die Kriegsereignisse, einige Monate darauf schon der Fall von Lublin. Und ich habe von dem Bericht dann nichts mehr gehört.
Ich meine es so: Basiert der Bericht, den Sie gemacht haben, auf Zeugenvernehmungen?
Wie haben Sie das denn erfahren? Was war der Anlaß, diesen Bericht zu machen?
Eine Meldung über das, was ich bei Dienstantritt da vorgefunden habe.
Was war das, Herr Zeuge?
Das war, wie ich sagte, daß in Lublin bekannt war, daß im Lager Erschießungen vorgekommen sein sollen.
Ja, Herr Zeuge, ich wollte von Ihnen wissen: Wie haben Sie das erfahren? Was war der Anlaß für den Bericht? Ist jemand zu Ihnen gekommen und hat gesagt: »In dem Konzentrationslager Lublin finden Erschießungen statt«? Oder haben Sie das gesprächsweise gehört?
Nein. Gesprächsweise habe ich das [+ gehört].
Und das hat Sie veranlaßt, einen Bericht zu machen?
Und Sie haben den Gesprächspartner nicht vernommen in irgendeiner Form?
Können Sie sich noch erinnern, wer Ihnen das erzählt hat?
Haben Sie selbst einmal das Konzentrationslager Majdanek-Lublin damals besucht?
Eine letzte Frage bitte, Herr Präsident. Herr Zeuge, Sie sind von der Nebenklage benannt worden, und zwar zum Schluß auch dafür, daß Sie als Leiter eines SS- und Polizeigerichts, wenn Ihnen ein Fall einer Befehlsverweigerung vorgelegt worden wäre, eine Verurteilung nicht ausgesprochen hätten. Trifft das in diesem weiten Rahmen zu?
Eine Befehlsverweigerung dieser Art. Dieser Art. Also Juden, das... Ich glaube, daß ich keine Verurteilung ausgesprochen hätte. Aus subjektiven Gründen oder aus irgendwelchen. Aber das glaube ich sicher, daß ich keine Verurteilung ausgesprochen hätte.
Herr Zeuge, noch zwei Schlußfragen: Erinnern Sie sich noch, wie viele Urteile Sie insgesamt in Lublin gefällt haben?
Das weiß ich nicht. Augenblick. Das waren sieben Monate vielleicht. Das kann ich nach 25 Jahren [+ nicht mehr sagen]. Ich möchte annehmen, vielleicht 100, 150 oder wieviel, ich weiß nicht.
Sind diese Urteile sämtlich bestätigt worden durch den Gerichtsherrn, oder waren hierbei auch Fälle, in denen Himmler die Exekution angeordnet hat?
Nein, waren keine Exekutionen.
War keine dabei bei den etwa 100 Fällen, ja?
Herr Präsident, ich möchte betreffs des Mitteilungsblatts über den Befehl, daß ein Befehl, der ein Verbrechen vorsieht, nicht befolgt werden darf, eine Erklärung abgeben.
Während meiner ganzen Wehrdienstzeit ist ein solcher Befehl weder uns vorgelesen worden oder auch bekanntgegeben worden und auch nicht ausgehängt worden.
Ja, Sie waren ja auch nicht bei der Polizei. Und auch nicht beim Gericht.
Ja, die Mitteilungsblätter sollen ja auch zu der SS ins Lager gekommen sein.
Ja, ich meine, »vielleicht«, Herr Präsident, entschuldigen Sie mal. Wenn es auf sämtliche Stellen kommt, dann muß es doch an die Lagerkommandanten nach Auschwitz, nach Dachau auch gekommen sein, von diesem Befehl.
Sie sagen, es ist nicht hingekommen.
Denn Sie haben doch keinen bekommen. Sie haben doch einen solchen Befehl nicht verlesen bekommen.
Ich war ja auch kein Einheitsführer, ich war ja nur ein Befehlsempfänger.
Es kann ja möglich sein, daß der im Geheimfach geblieben ist und uns nicht bekanntgegeben wurde.
Aber heute nimmt man uns und setzt uns aber diese Sachen vor: Es hat ein Befehl bestanden, daß man nicht den Befehl auszuführen brauchte, der ein Verbrechen begeht. Uns ist so ein Befehl nicht vorgelesen worden und auch nicht bekanntgegeben worden.
Ich als kleiner Mann, ich habe kein Militärstrafgesetzbuch 47 nicht gekannt, und ich habe auch von dem Befehl nichts gewußt. Ich habe nur gewußt, daß es dazumal stur heißt: »Du mußt den Befehl ausführen, wo du hingestellt wirst, an welcher Stelle, ist egal.« So hieß dazumal der Befehl von unseren Vorgesetzten.
Sonst sind keine Fragen mehr an den Zeugen?
Da könnte ich vielleicht die Frage stellen an den Angeklagten Boger, bevor der Zeuge entlassen wird: Herr Boger, welches Gericht war es, von dem Sie gestern sprachen, das den SS-Mann Pestek abgeurteilt hat?
Ja. War zuständig für Auschwitz mit der Nebenstelle Kattowitz.
War das ein allgemeines SS- und Polizeigericht?
Ja. Ich glaube, es war Nummer XV. Ich kann es nicht mehr mit Sicherheit sagen.
Sind also doch Fälle von Konzentrationslagerangehörigen vor die normalen SS- und Polizeigerichte [+ gekommen]?
Ja, das trifft nur für Auschwitz zu, und zwar in den Fällen, für die nicht die Zuständigkeit der Sonderkommission von Herrn Doktor Morgen gegeben war, die ja nach Kassel gehörte, wozu auch der Gerichtsherr, Herr Prinz zu Waldeck und Pyrmont wieder zuständig war.
Also Auschwitz unterstand der Nebenstelle Breslau des
Nein, dem SS- und Polizeigericht Breslau mit einer Nebenstelle in Kattowitz.
Aha. Entschuldigung.
Ich glaube, der hier vernommene Zeuge Doktor Wiebeck war noch in letzter Zeit in Kattowitz auf der Nebenstelle tätig, wenn ich mich recht erinnere.
Herr Zeuge, Sie haben eben gehört, was der Angeklagte gesagt hat. Können Sie sich jetzt erinnern daran, daß insbesondere die SS-Angehörigen des Lagers Auschwitz nicht dem zbV-Gericht unterstanden, sondern dem SS- und Polizeigericht Kattowitz?
Ja, das kann damit zusammenhängen, daß dieses Kasseler Gericht ja erst sehr spät gegründet worden ist. In den ersten Jahren, da war Breslau vielleicht zuständig. Ich weiß nicht, ab wann Kassel eingerichtet wurde. Aber ich weiß, daß ich, während ich in Lublin war, eine solche Anordnung gelesen habe. Und wir haben dann keine Fälle bekommen, ja.
Das kann in zeitlicher Abgrenzung sein.
Herr Zeuge, sind Sie bereit, das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen zu beschwören?
Jawohl. Das kann ich beschwören.
StGB § 175: »1. Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft. 2. Bei einem Beteiligten, der zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war, kann das Gericht in besonders leichten Fällen von Strafe absehen.«.
Vgl. den Teilabdruck des Urteils gegen Max Täubner vom 24.05.1943, in: »Schöne Zeiten«. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer. Hrsg. von Ernst Klee, Willi Dreßen, Volker Rieß. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1988, S. 184-190.
Zeuge: Lauffs, Hans
SS- und Polizeigericht Krakau, Zweigstelle Lublin
Wohnort: Bonn (BRD)

References: § 47
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