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Timestamp: 2018-06-24 07:20:51+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: Stufenweise Anrechnung von Tariflohnerhöhungen sind mitbestimmungspflichtig
Stu­fen­wei­se An­rech­nung von Ta­rif­lohn­er­hö­hun­gen sind mit­be­stim­mungs­pflich­tig
Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats bei zeit­lich ge­staf­fel­ter An­rech­nung von Ta­rif­lohn­er­hö­hung auf über­ta­rif­li­che Zu­la­ge: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.03.2009, 1 AZR 55/08
09.09.2009. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat­te in ei­nem ak­tu­el­len Fall zu ent­schei­den, ob ei­ne stu­fen­wei­se vom Ar­beit­ge­ber um­ge­setz­te zu­sam­men­hän­gen­de An­rech­nung von Ta­rif­lohn­er­hö­hun­gen auf den ar­beits­ver­trag­lich ge­schul­de­ten Lohn der Ar­beit­neh­mer der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats un­ter­liegt.
Im Er­geb­nis müs­sen Ar­beit­ge­ber bei ei­ner sol­chen Um­set­zung von Ta­rif­er­hö­hun­gen be­ach­ten, dass sie ei­ne schritt­wei­se oder teil­wei­se Um­set­zung der An­rech­nung vor­neh­men wol­len, den Be­triebs­rat be­tei­li­gen müs­sen: BAG, Ur­teil vom 10.03.2009, 1 AZR 55/08.
Festlegung von Entlohnungsgrundsätzen: Mitbestimmung des Betriebsrats
Um zu ga­ran­tie­ren, dass in­ner­halb des Be­trie­bes das Lohn­gefüge durch­sich­tig und an­ge­mes­sen bleibt, hat der Be­triebs­rat ein Mit­be­stim­mungs­recht gemäß des § 87 Abs. 1 Nr. 10 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG), wenn der Ar­beit­ge­ber Ent­loh­nungs­me­tho­den und Ent­loh­nungs­grundsätze fest­legt. Hier­zu zählen auch Grundsätze zur Ver­tei­lung über­ta­rif­li­cher Zu­la­gen und um­ge­kehrt auch de­ren Rück­nah­me, bzw. An­rech­nung von Ta­rif­loh­nerhöhun­gen.
Miss­ach­tet der Ar­beit­ge­ber die er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­ra­tes, kann das kol­lek­tiv­recht­li­che Gre­mi­um sei­ne Be­tei­li­gung ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber ge­richt­lich durch­set­zen und vom Ar­beit­ge­ber ver­lan­gen, dass die­ser mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Maßnah­men zukünf­tig un­terlässt und be­reits rechts­wid­rig um­ge­setz­te Maßnah­men rückgängig macht.
Im Hin­blick auf den ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer wird der igno­ran­te Ar­beit­ge­ber da­durch be­straft, dass ein­sei­ti­ge Maßnah­men, die den Ar­beit­neh­mer be­las­ten und ge­gen die Mit­be­stim­mungs­recht des § 87 Abs. 1 Be­trVG ver­s­toßen, un­wirk­sam sind (Theo­rie der Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung). Gewährt der Ar­beit­ge­ber über­ta­rif­li­che Zu­la­gen, oh­ne mit dem Ar­beit­neh­mer aus­drück­lich zu ver­ein­ba­ren, dass ei­ne An­rech­nung von Ta­rif­erhöhun­gen aus­ge­schlos­sen ist oder Zu­la­gen ei­nem be­stimm­ten Zweck die­nen, kann er zwar grundsätz­lich frei ent­schei­den, ob er Erhöhun­gen des Ta­rif­ge­halts auf die­se Zu­la­gen an­rech­net oder nicht. Hier­von ist abhängig, ob der Ar­beit­neh­mer von der Ta­rif­erhöhung tatsächlich et­was in sei­ner Lohntüte hat, oder die Erhöhung von be­reits gewähr­ten Zu­la­gen auf­ge­zehrt wird.
Ob ei­ne sol­che vom Ar­beit­ge­ber ein­sei­tig vor­ge­nom­me­ne An­rech­nung auch oh­ne die Mit­be­stim­mung des Be­triebs­ra­tes zulässig war, hat­te das BAG mit Ur­teil vom 10.03.2009, 1 AZR 55/08, zu ent­schei­den.
Der Fall: Anrechnung einer Tariflohnerhöhung auf eine übertarifliche Zulage
Der Kläger war als Be­triebs­rat im Be­trieb der Ar­beit­ge­be­rin frei­ge­stellt und er­hielt ne­ben sei­nem Grund­ge­halt ei­ne ta­rif­li­che Leis­tungs­zu­la­ge so­wie ei­ne über­ta­rif­li­che Zu­la­ge. In sei­nem Ar­beits­ver­trag wur­de auf die ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen der Me­tall­in­dus­trie Nord­rhein-West­fa­len Be­zug ge­nom­men. Die An­rech­nung der Zu­la­gen auf ei­ne Ta­rifände­rung be­hielt sich der Ar­beit­ge­ber vor. Im April 2006 ei­nig­ten sich die Ta­rif­par­tei­en auf ei­ne Erhöhung der Ta­rif­gehälter und leg­ten da­zu fol­gen­des fest:
"§ 2 Ta­rif­gehälter
1. Für die Mo­na­te März bis Mai 2006 gel­ten die bis­he­ri­gen Ge­halts­ta­bel­len, gültig ab 1. März 2005, wei­ter.
2. Die An­ge­stell­ten er­hal­ten nach Maßga­be des § 5 für die­se drei Mo­na­te mit der Ab­rech­nung für Mai 2006 ei­nen Ein­mal­be­trag, der für Voll­zeit­beschäftig­te 310,00 Eu­ro beträgt.
3. Mit Wir­kung ab 1. Ju­ni 2006 wer­den die Ta­ri­fent­gel­te der An­ge­stell­ten um 3 % erhöht. Die­se Ta­rif­erhöhung fließt in ei­ne sog. fes­te ERA-Leis­tungs­zu­la­ge gemäß § 4.
§ 5 Ein­mal­be­trag
1. Die Be­triebs­par­tei­en können den Ein­mal­be­trag gem. § 2 Nr. 2 bei un­ter­durch­schnitt­li­cher, schlech­ter Er­trags­la­ge zeit­lich in­ner­halb der Lauf­zeit des Ta­rif­ver­tra­ges ver­schie­ben oder bis auf Null re­du­zie­ren oder bei über­durch­schnitt­li­cher, gu­ter Er­trags­la­ge bis auf das Dop­pel­te durch frei­wil­li­ge Be­triebs­ver­ein­ba­rung erhöhen. Ver­ein­ba­ren die Be­triebs­par­tei­en kei­ne Ab­wei­chung, ist der Ein­mal­be­trag in der ta­rif­lich vor­ge­schrie­be­nen Höhe nach § 2 Nr. 2 aus­zu­zah­len.
6. Mit dem Ein­mal­be­trag sind al­le Ansprüche ab­ge­gol­ten, die sich aus de Erhöhung der Ta­ri­fent­gel­te gemäß § 2 für die Mo­na­te März bis Mai 2006 er­ge­ben.…“
Ent­spre­chend ei­ner mit dem Be­triebs­rat ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­rung zahl­te die Ar­beit­ge­be­rin den Ein­mal­be­trag in Höhe von 310,00 Eu­ro brut­to mit der Ent­gel­tab­rech­nung für den Mo­nat Ju­ni 2006 an al­le Mit­ar­bei­ter, dar­un­ter auch den Kläger. Ab Au­gust 2006 rech­ne­te sie die Erhöhung des Ta­ri­fent­gelts um 3 Pro­zent - wie auch bei al­len an­de­ren Mit­ar­bei­tern - auf die über­ta­rif­li­che Zu­la­ge des Klägers an.
Durch die An­rech­nung ver­min­der­te sich die über­ta­rif­li­che Zu­la­ge des Klägers von zu­vor 301,66 Eu­ro brut­to auf 158,17 Eu­ro brut­to. Den Be­triebs­rat be­tei­lig­te die Be­klag­te bei der An­rech­nung nicht. Für die Mo­na­te Ju­ni und Ju­li 2006 nahm sie wie­der­um kei­ne An­rech­nung vor. Mit sei­ner Kla­ge möch­te der Ar­beit­neh­mer die Zah­lung der sich aus der An­rech­nung er­ge­ben­den Dif­fe­renz der Ta­rif­erhöhung er­rei­chen.
Das Ar­beits­ge­richt Dort­mund sah kei­ne Ver­let­zung der Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­ra­tes und wies die Kla­ge ab, das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm gab der Kla­ge hin­ge­gen statt, da es der Auf­fas­sung war, die Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­ra­tes sei­en ver­letzt wor­den.
BAG: Die stufenweise Anrechnung von Tariflohnerhöhungen ist mitbestimmungspflichtig
Das BAG hat die Ent­schei­dung des LAG bestätigt und ge­gen die Ar­beit­ge­be­rin ent­schie­den. Im We­sent­li­chen stützt das BAG sei­ne Ent­schei­dung dar­auf, dass der Ar­beit­ge­ber der Durchführung der ta­rif­li­chen Loh­nerhöhung ei­ne ein­heit­li­che Ge­samt­kon­zep­ti­on zu Grun­de leg­te, als er sich da­zu ent­schied, die Ein­mal­zah­lung und die Erhöhung für Ju­ni und Ju­li 2006 nicht an­zu­rech­nen, je­doch ab Au­gust ei­ne al­le Ar­beit­neh­mer be­tref­fen­de An­rech­nung vor­nahm.
Bei der Ent­schei­dung über die An­rech­nung han­del­te es sich ge­ra­de nicht um ei­ne ein­heit­li­che An­rech­nungs­ent­schei­dung, bei der für ei­ne Mit­ge­stal­tung des Be­triebs­ra­tes kein Raum ge­we­sen wäre. Ge­ra­de die Tat­sa­che, dass ein­zel­ne Be­stand­tei­le der Ta­rif­erhöhung ver­schie­den be­han­delt wur­den, spre­chen nach der Auf­fas­sung des BAG, dafür dass die Ar­beit­ge­be­rin ei­ne ein­heit­li­ches Kon­zept um­ge­setzt hat, bei des­sen Er­stel­lung er den Be­triebs­rat hätte be­tei­li­gen müssen.
Fa­zit: Ar­beit­ge­ber müssen bei der Um­set­zung von Ta­rif­erhöhun­gen be­ach­ten, dass sie so­fern sie kei­ne ein­heit­li­che An­rech­nungs­ent­schei­dung tref­fen, son­dern ei­ne schritt­wei­se oder teil­wei­se Um­set­zung der An­rech­nung vor­neh­men wol­len, den Be­triebs­rat be­tei­li­gen.
An­de­ren­falls lau­fen sie Ge­fahr, auf Zah­lung der Dif­fe­renz der durch die An­rech­nung auf­ge­zehr­ten Ta­rif­erhöhung durch die Ar­beit­neh­mer in An­spruch ge­nom­men zu wer­den. Be­triebsräte und Ar­beit­neh­mer soll­ten im Fall von Ta­rif­erhöhun­gen ge­nau dar­auf ach­ten, auf wel­che Wei­se der Ar­beit­ge­ber die Erhöhung um­setzt und in wel­chem Maße er sie tatsächlich an die Ar­beit­neh­mer wei­ter­gibt.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.03.2009, 1 AZR 55/08

References: § 87
 § 87
 § 5
 § 4

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 § 2
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