Source: http://archiv.jura.uni-saarland.de/repetitorium/ws06/ws06fb111.html
Timestamp: 2019-11-15 08:51:38+00:00

Document:
JIPS / Repetitorium / WS 2006/2007 / Fall 11
// Home / Staats- und Verwaltungsrecht Repetitorium / WS 2006/2007 / Fall 11 (111)
Fallbesprechung 11: "Grenzen einer Zuwendung"
Allgemeines Verwaltungsrecht, Wirtschaftsverwaltungsrecht, Verfassungsrecht (111/WS06/07)
In der saarländischen Stadt S. betreibt der K-Verein e.V. das Kabarett "Die Quengler" das sich in wöchentlichen gut besuchten Veranstaltungen in einer von K. gemieteten aufgelassenen Industriehalle kritisch mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in S. und dem Saarland insgesamt befasst. Seine satirischen, regelmäßig sehr polemischen schauspielerischen und musikalischen Einlagen werden zwar von den Zuschauern, nicht aber von den "Regierenden" geschätzt. Seit vielen Jahren erhält K von S. eine Unterstützung in Höhe der Jahresmiete zuzüglich der Nebenkosten für die Industriehalle (12.000 Euro). Der Mietvertrag ist gerade im Oktober 2006 um weitere drei Jahre bis Ende 2009 verlängert worden. Die Mietaufwendungen betragen monatlich 1000 ?.
Nach Bekanntwerden des neuen Programms für das Jahr 2007, in dem verschiedene kommunalpolitische Handlungen und Unterlassungen "aufgespießt" werden sollen, beschließt der Stadtrat am 2.11.2006 mehrheitlich, die Zuwendung für 2007 um die Hälfte zu kürzen. Zur Begründung wird ausgeführt, die in den Haushaltsplan unter dem Titel "Zuwendungen an Kultur treibende Vereine" eingestellten Mittel seien "das Äußerste", was die Stadt S. sich angesichts ihrer zutreffend dargestellten Haushaltslage leisten könne. Die Stadt müsse aber von dem Kabarett des K abgesehen zahlreiche weitere kulturelle Einrichtungen subventionieren. Zwar betreibe K das einzige Kabarett in S. Das städtische Theater, die städtische Kunstgalerie und die Stadtkapelle verschlängen indessen durch langfristige Verpflichtungen das Gros des städtischen Kulturhaushaltes und erwarteten für 2007 eine Erhöhung der Subventionen; dort seien Kürzungen auch nicht möglich.
S. stellt K am 14.11.2006 daraufhin einen Zuwendungsbescheid zu, der einen Betrag von 6.000 ? ? auszuzahlen am 1.7.2007 ? bewilligt. In dem Zuwendungsbescheid heißt es, dass die Auszahlung im Rahmen der verfügbaren Mittel der Stadt erfolge, sobald der Zuwendungsbescheid insgesamt bestandskräftig geworden sei. Mit dem Auszahlungstermin will die Stadt, die einen beträchtlichen Teil ihres Haushalts über Kreditaufnahmen finanziert, Zinslasten ersparen. K, der über keine Eigenmittel verfügt wohl aber ab Januar Miete in Höhe von 1000 ? monatlich bezahlen muss, erhebt Widerspruch gegen den Zuwendungsbescheid mit der Begründung, er habe ? auch verfassungsrechtlich ? einen Anspruch auf uneingeschränkte Förderung seiner künstlerischen Darbietungen. Das folge aus Artikel 5 Abs. 3 GG, Artikel 34 Abs. 1 SVerf und den Grundsätzen des Vertrauensschutzes. Auch sei die in dem Zuwendungsbescheid enthaltene Bedingung unzulässig.
Mit einer Widerspruchsentscheidung ist alsbald nicht zu rechnen. K beantragt deshalb vor dem Verwaltungsgericht des Saarlandes vorläufigen Rechtsschutz mit dem Begehren, der Stadt S. aufzugeben, ab 1.1.2007 monatlich bis zur Entscheidung über seinen Widerspruch 1/12 des Zuwendungsbetrages auszuzahlen.
Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (UNI-111/WS/06/07), Stand 1/07:
Zulässigkeit einer einstweiligen Anordnung nach § 123 VwGO
Anspruch auf Subventionierung
Rechtswidrigkeit einer Bedingung
Die Aufgabe beruht auf Entscheidungen des VGH Mannheim -> Lesen: NJW 2004, 624 und des VG Münster -> Lesen: NWVBl 2006, 436. Sie war im Kern Gegenstand verschiedener Examensklausuren in jüngerer Zeit. Verf. müssen sehen, dass es allein um ein Begehren des vorläufigen Rechtsschutzes geht, das auf die Fortzahlung der in der Vergangenheit gewährten Subventionierung um 12.000 Euro geht. Dabei müssen sie sich mit Fragen eines Anspruchs auf eine Subventionierung befassen. Das zusätzliche Problem betrifft den Inhalt des Zuwendungsbescheids. Verf. müssen erkennen, dass, würde er vollzogen, K zumindest für die ersten Monate des Jahres 2007 in seinen Subventionierungsinteressen befriedigt würde. Dem stehen allerdings die Bedingung und die Befristung des Zuwendungsbescheides und der Widerspruch des K gegen ihn entgegen.
A. Zulässigkeit des Antrags des K
I. Eröffnung des Verwaltungsrechtswegs (§ 40 Abs. 1 VwGO)
Da sich ein Anspruch des K auf Fortführung der Subventionierung nur aus öffentlich-rechtlichen Vorschriften ? Art. 5 Abs. 3 GG, Art. 34 SVerf, § 5 KSVG, Artikel 3 GG, der Haushaltssatzung der Gemeinde unter den Grundsätzen des Vertrauensschutzes ? herleiten lässt, ist der Verwaltungsrechtsweg eröffnet.
§ 123 Abs. 5 VwGO verweist für die Statthaftigkeit eines Antrags auf Erlass einer einstweiligen Anordnung auf §§ 80, 80 a VwGO. Ein Antragsteller kann den Erlass einer einstweiligen Anordnung folglich dann beantragen, wenn er sich nicht gegen die Wirkungen einer belastenden Anordnung wendet, also in der Hauptsache regelmäßig Anfechtungsklage zu erheben wäre, sondern wenn es um Verpflichtungen oder Leistungen der öffentlichen Verwaltung geht. K will einen Anspruch auf Fortsetzung der Subventionierung durchsetzen.
Die tatbestandlichen Voraussetzungen des § 123 Abs. 1 Satz 1, 23 VwGO liegen nicht vor, weil es nicht um die Verhinderung der Vereitelung oder wesentlichen Erschwerung von Rechten des K geht und auch nicht um die Regelung eines vorläufigen Zustandes. Jedoch gestattet die Rechtsprechung auch den Erlass einer einstweiligen Anordnung, Leistungen zu erbringen, wenn ohne ihn dem Antragsteller schwere, unabänderliche und ihn existenziell bedrohende Gefahren entstehen können. Da K seine Mietzahlungen nicht fortführen kann, der Kabarettbetrieb also sofort eingestellt werden müsste, liegen diese Voraussetzungen vor.
In analoger Anwendung von § 42 Abs. 2 VwGO ist Voraussetzung der Zulässigkeit, dass K durch die Verweigerung der Subventionierung in seinen Rechten verletzt sein kann. Das hat er plausibel geltend gemacht.
In analoger Anwendung von § 78 Abs. 1 Nr. 2 VwGO i.V.m. § 19 Abs. 2 a VwGO ist der Antrag gegen den Oberbürgermeister von S zu richten. Denn in der Hauptsache wäre eine Verpflichtungsklage, gerichtet auf den Erlass eines Zuwendungsbescheids ohne Beschränkungen, statthaft.
K ist nach § 61 Nr. 1 VwGO, der Oberbürgermeister von S nach § 61 Nr. 3 VwGO i.V.m. § 19 Abs. 1 AGVwGO beteiligtenfähig.
VI. Ordnungsgemäße Durchführung eines Widerspruchsverfahrens?
Zum Teil wird vertreten, dass Voraussetzung des Erlasses einer einstweiligen Anordnung die ordnungsgemäße Durchführung eines Widerspruchsverfahrens ? jedenfalls in Fällen, in denen in der Hauptsache eine Verpflichtungsklage zu erheben wäre ? erforderlich ist. Dabei muss allerdings bedacht werden, dass die Eilbedürftigkeit gerade bedeuten kann, dass ein Widerspruchsverfahren noch gar nicht durchgeführt sein kann. Voraussetzung des Erlasses einer einstweiligen Anordnung ist allerdings, dass in den Fällen, in denen in der Hauptsache eine Verpflichtungsklage in Form der Versagungsgegenklage zu erheben wäre, der ablehnende Bescheid noch nicht bestandskräftig geworden ist.
Einfachere Möglichkeiten des K sein Begehren durchzusetzen sind nicht erkennbar.
Der Antrag, K aufzugeben ab 1.1.2007 monatlich bis zur Entscheidung über seinen Widerspruch 1/12 des Zuwendungsbetrages an ihn auszuzahlen, ist begründet, wenn K einen Anspruch auf Fortsetzung der früheren Subventionierung hat.
I. Anspruch des K auf Fortsetzung der früheren Subventionierung (12.000 Euro)
1. Kunstfreiheit
Ein solcher Anordnungsanspruch könnte sich aus Artikel 5 Abs. 3 Satz 1 GG ergeben. Dabei handelt es sich jedoch zunächst nur um ein Grundrecht, das hoheitliche Eingriffe in die Freiheit der Kunst abwehrt. Daraus kann die Zulässigkeit der finanziellen Förderung der Kunst, nicht aber ein Rechtsanspruch auf eine solche Zuwendung abgeleitet werden.
2. Staatszielbestimmung
Gleiches gilt für einen zu erwägenden Anspruch aus Artikel 34 Abs. 1 SVerf. Die dort enthaltene Staatszielbestimmung, die dem kulturellen Schaffen dient, begründet kein subjektiv öffentliches Recht von Kunstschaffenden auf finanzielle Förderung.
3. Förderung durch Gemeinde
Gleiches gilt für § 5 Abs. 2 Satz 1 KSVG.
4. Art. 3 Abs. 1 GG
Fraglich ist allerdings, ob ein Anspruch aus Artikel 3 Abs. 1 GG besteht. Er könnte daraus folgen, dass S das städtische Theater, die städtische Kunstgalerie und die Stadtkapelle weiterhin wie bisher zu fördern beabsichtigt.
Bei der Vergabe von Subventionen müssen Hoheitsträger allerdings den Gleichheitssatz beachten. Insoweit steht einem Antragsteller aber lediglich ein Anspruch auf ermessensfehlerfreie Entscheidung über seinen Antrag auf Zuwendung zu. Ob das Ermessen fehlgebraucht wird, wenn ein Theater, eine Galerie und eine Kapelle, nicht aber ein Kabarett gefördert werden, richtet sich zunächst danach, ob eine solche Vergabepraxis eine Verletzung des Gleichheitssatzes darstellt. Er verlangt, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Das bedeutet, dass Hoheitsträger nicht eine Gruppe von Normadressaten anders als eine andere Gruppe von Normadressaten behandeln können, ohne dass Gründe solcher Art und solchen Gewichtes vorliegen, die die Ungleichbehandlung rechtfertigen. Fraglich ist schon, ob Theater, Galerie, Kapelle und Kabarett in allen förderungsrelevanten Hinsichten als gleich zu betrachten sind. Zwar darf ein Hoheitsträger grundsätzlich nicht auf das staatsfreie Kunstgeschehen differenzierend einwirken. Das schließt indessen nicht aus, aus kunstunabhängigen Gründen Sparten kulturellen Geschehens differenziert zu fördern. Theater, Galerie und Kapelle verfügen regelmäßig über personelle und sächliche Mittel, die mit hohen Investitionen aufgebaut und auch nicht leicht umzuwandeln sind. Sie erreichen typischerweise deutlich weitere Kreise als ein Kabarett. Das könnten legitime Erwägungen sein, bei der Förderung zu differenzieren. Darüber hinaus versagt es die Förderung aus Gründen der Haushaltslage, die zutreffend dargestellt ist, nur in dem früheren Umfang. Auch das wäre eine im Rahmen der Abwägung legitime Überlegung.
Im Ergebnis wird eine zu einem Ermessensfehler führende Verletzung des Gleichbehandlungsgebots schwerlich zu begründen sein.
5. Anspruch auf der Grundlage rechtsstaatlichen Vertrauensschutzes
Allein der Umstand bisheriger Subventionierung und der Umstand, dass ohne deren Fortführung Einschränkungen oder gar Stilllegungen des künstlerischen Betriebs erfolgen müssten, führt nicht zu einer Verpflichtung zur Fortsetzung der Subventionierung. Vielmehr müssen darüber hinausgehende Umstände Dispositionen von K verursacht haben, die sich kurzfristig nicht rückgängig machen lassen. Davon kann ungeachtet der Verlängerung des Mietvertrages ? an der S nicht beteiligt gewesen ist ? nicht ausgegangen werden.
Ein Anspruch auf Fortsetzung der bisherigen Subventionierung ist nicht hinreichend glaubhaft gemacht.
II. Fortzahlung für die Dauer vom 1.1.2007 bis 30.6.2007
K könne allerdings einen Anspruch auf Fortzahlung für die Dauer vom 1.1.2007 bis 30.6.2007 haben. Rechtsgrundlage eines solchen Anspruchs könnte der Zuwendungsbescheid sein, der immerhin eine Subventionierung in Höhe von 6.000 Euro vorsieht.
Ein Anspruch kann sich durch einen begünstigenden Verwaltungsakt ergeben, durch den sich die Verwaltung zu einer bestimmten Leistung verpflichtet. Voraussetzung ist allerdings, dass dieser Verwaltungsakt wirksam ist. K hat indessen Widerspruch gegen diesen Verwaltungsakt eingelegt, der ausdrücklich nicht auf die inzidente Versagung einer "vollständigen" Fortführung der Zuwendungspraxis beschränkt ist. Jedoch greift S erkennbar den Zuwendungsbescheid nur mit dem Ziel an, eine zusätzliche Förderung zu erreichen. Das schließt zwar eine reformatio in peius im Widerspruchsverfahren nicht aus. Jedoch sind keinerlei Anhaltspunkte dafür erkennbar, dass es zu einer solchen Verschlechterung kommen könnte.
Der Auszahlung könnte allerdings die aufschiebende Bedingung des Zuwendungsbescheides, nach der die Auszahlung des Betrages von 6.000 Euro erst in Betracht kommt, wenn der Zuwendungsbescheid bestandskräftig geworden ist in seiner Gänze, einem Anspruch entgegenstehen. Fraglich ist allerdings, ob diese Bedingung (§ 36 Abs. 2 Nr. 2 VwVfG) rechtmäßig oder rechtswirksam ist. Nebenbestimmungen dürfen nach § 36 Abs. 3 VwVfG dem Zweck des Verwaltungsaktes nicht zuwiderlaufen. Weil die Zuwendung aber ausdrücklich die Fortsetzung des Kabarettbetriebes ? jedenfalls im Jahr 2007 ? sicherstellen soll, widerspricht eine Nebenbestimmung, die gerade dies verhindert, dem Zweck der Zuwendung. Es besteht kein sachlicher Zusammenhang zwischen der zeitlichen Verzögerung der Wirksamkeit des Zuwendungsbescheides und der Zuwendung selbst. Die aufschiebende Bedingung ist also rechtswidrig. Das kann im Rahmen des Antrags auf Erlass einer einstweiligen Anordnung dazu führen, dass ein Anordnungsanspruch glaubhaft gemacht ist.
Die gleichen Erwägungen gelten für die in dem Zuwendungsbescheid enthaltene Befristung.
Das Vorliegen eines Anordnungsgrundes ist nicht zweifelhaft.
Der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung wird für den Zeitraum Januar bis Juni 2007 Aussicht auf Erfolg haben.

References: § 123
 Art. 5
 Art. 34
 § 5

§ 123
 § 123
 § 42
 § 78
 § 19
 § 61
 § 61
 § 19
 § 5
 Art. 3
 § 36