Source: http://m.hensche.de/Urteil_Kuendigung_Fristlose_Kuendigung_wegen_uebler_Nachrede_BAG_2AZR265-14.html
Timestamp: 2017-06-22 20:44:55+00:00

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HENSCHE Arbeitsrecht: 2 AZR 265/14
Arbeitsgericht Jena, Urteil vom 20.09.2012 - 2 Ca 128/12Thüringer Landesarbeitsgericht, Urteil vom 26.11.2013 - 7 Sa 444/12
2 AZR 265/14 7 Sa 444/12Thürin­gerLan­des­ar­beits­ge­richt Im Na­men des Vol­kes!
Verkündet am18. De­zem­ber 2014
Nach Be­tei­li­gung des Per­so­nal­rats kündig­te der be­klag­te Land­kreis das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en mit Schrei­ben vom 21. April 2012 außeror- - 3 - dent­lich, hilfs­wei­se or­dent­lich zum 30. Ju­ni 2012. Er warf der Kläge­rin üble Nach­re­de und Be­lei­di­gung sei­nes Re­präsen­tan­ten vor.
Sie hat be­an­tragt 1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en we­der durch die frist­lo­se Kündi­gung noch durch die hilfs­wei­se erklärte or­dent­li­che Kündi­gung vom 21. April 2012 auf­gelöst wur­de;
- 4 - re­de. Der Land­rat müsse dies auch im Wahl­kampf nicht hin­neh­men. Sol­che Vorwürfe ha­be es in der Pres­se nicht ge­ge­ben. Der Per­so­nal­rat sei ord­nungs-gemäß be­tei­ligt wor­den. Zu­min­dest sei das Ar­beits­verhält­nis nach § 9 KSchG auf­zulösen. Der Be­triebs­frie­den sei nach­hal­tig gestört. Schon früher ha­be es we­gen ei­ner Kon­kur­ren­ten­kla­ge Span­nun­gen mit der Kläge­rin ge­ge­ben. Die­se müsse sich außer­dem das Ver­hal­ten ih­res Va­ters zu­rech­nen las­sen. Der ha­be die Land­rats­wahl an­ge­foch­ten. Sei­ne ver­ba­len Ausfälle ge­gen den Kreis­wahl­lei­ter und die Mit­ar­bei­ter des Kreis­wahlbüros zeig­ten deut­lich, dass ei­ne ge­deih­li­che Zu­sam­men­ar­beit auch mit der Kläge­rin nicht mehr möglich sei.
Die Kläge­rin hat be­an­tragt, den Auflösungs­an­trag ab­zu­wei­sen. Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat ihr statt­ge­ge­ben, den Auflösungs­an­trag des Be­klag­ten hat es ab­ge­wie­sen. Mit sei­ner Re­vi­si­on be­gehrt der be­klag­te Land­kreis die Wie­der­her­stel­lung der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung.
- 6 - Äußerun­gen, die nicht Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, son­dern ein Wert­ur­teil ent­hal­ten. Sie fal­len in den Schutz­be­reich des Rechts auf Mei­nungs­frei­heit. Das­sel­be gilt für Äußerun­gen, in de­nen sich Tat­sa­chen und Mei­nun­gen ver­men­gen, so­fern sie durch die Ele­men­te der Stel­lung­nah­me, des Dafürhal­tens oder Mei­nens ge­prägt sind (BVerfG 25. Ok­to­ber 2012 - 1 BvR 901/11 - Rn. 18; 8. Mai 2007 - 1 BvR 193/05 - Rn. 21). Dar­auf kann sich auch ein Ar­beit­neh­mer be­ru­fen. Mit der Be­deu­tung des Grund­rechts auf Mei­nungs­frei­heit wäre es un­ver­ein­bar, wenn es in der be­trieb­li­chen Ar­beits­welt nicht oder nur ein­ge­schränkt an­wend­bar wäre (BAG 31. Ju­li 2014 - 2 AZR 505/13 - Rn. 42; 24. No­vem­ber 2005 - 2 AZR 584/04 - Rn. 24 mwN). Der Grund­rechts­schutz be­steht da­bei un­abhängig da­von, wel­ches Me­di­um der Ar­beit­neh­mer für sei­ne Mei­nungsäußerung nutzt und ob die­se ra­tio­nal oder emo­tio­nal, be­gründet oder un­be­gründet ist. Vom Grund­recht der Mei­nungs­frei­heit um­fass­te Äußerun­gen ver­lie­ren den sich dar­aus er­ge­ben­den Schutz selbst dann nicht, wenn sie scharf oder über­zo­gen geäußert wer­den (vgl. BVerfG 28. No­vem­ber 2011 - 1 BvR 917/09 - Rn. 18 mwN).
- 7 - aa) Im Rah­men der Abwägung fällt die Rich­tig­keit des Tat­sa­chen­ge­halts, der dem Wert­ur­teil zu­grun­de liegt, ins Ge­wicht (BVerfG 25. Ok­to­ber 2012 - 1 BvR 901/11 - Rn. 19; 13. Fe­bru­ar 1996 - 1 BvR 262/91 - zu B II 2 der Gründe, BVerfGE 94, 1). Han­delt es sich bei ei­nem Wert­ur­teil um ei­nen Bei­trag zum geis­ti­gen Mei­nungs­kampf in ei­ner die Öffent­lich­keit we­sent­lich berühren­den Fra­ge, dann spricht die Ver­mu­tung für die Zulässig­keit der frei­en Re­de (BVerfG 22. Ju­ni 1982 - 1 BvR 1376/79 - zu B II 1 a der Gründe, BVerfGE 61, 1; 15. Ja­nu­ar 1958 - 1 BvR 400/51 - [Lüth] zu B II 4 der Gründe, BVerfGE 7, 198).
- 8 - a) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, die Aus­sa­gen der Kläge­rin in dem am 18. April 2012 ver­teil­ten Fly­er stell­ten nicht schon des­halb kei­ne Ver­trags­pflicht­ver­let­zung dar, weil sie außer­dienst­lich und über­dies im Wahl­kampf ge­fal­len sei­en. Die Kläge­rin hat die Amts­wahr­neh­mung des Land­rats kri­ti­siert. Das berührt un­mit­tel­bar die Be­lan­ge auch des be­klag­ten Land­krei­ses.
- 10 - (3) In der Ver­wen­dung ei­nes Rechts­be­griffs liegt nur dann ei­ne Tat­sa­chen­be­haup­tung, wenn die Be­ur­tei­lung nicht als bloße Rechts­auf­fas­sung kennt­lich ge­macht ist, son­dern beim Adres­sa­ten zu­gleich die Vor­stel­lung von kon­kre­ten, in die Wer­tung ein­ge­bet­te­ten tatsächli­chen Vorgängen her­vor­ruft, die als sol­che ei­ner Über­prüfung mit den Mit­teln des Be­wei­ses zugäng­lich sind. Da­bei kommt es auch hier ent­schei­dend auf den Zu­sam­men­hang an, in dem der Rechts­be­griff ver­wen­det wird (BVerfG 8. Mai 2007 - 1 BvR 193/05 - Rn. 28; BGH 27. April 1999 - VI ZR 174/97 - zu II 2 a der Gründe; 22. Ju­ni 1982 - VI ZR 255/80 - zu 2 b der Gründe).
- 11 - cc) Zu Recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt in der Äußerung der Kläge­rin über den am­tie­ren­den Land­rat ih­rem Schwer­punkt nach ein Wert­ur­teil ge­se­hen, und nicht ei­ne dem Wahr­heits- oder Un­wahr­heits­be­weis zugäng­li­che Tat­sa­chen­be­haup­tung.
- 12 - kre­ten, straf­recht­lich re­le­van­ten Vorgängen, die ei­ner Über­prüfung mit den Mit­teln des Be­wei­ses zugäng­lich wären. Die von der Kläge­rin ver­wen­de­ten For­mu­lie­run­gen dien­ten im Rah­men des Wahl­kampfs er­sicht­lich als poin­tier­te Schlag­wor­te zur Be­schrei­bung der von ihr aus­ge­mach­ten Missstände, um die Le­ser ggf. da­zu zu ani­mie­ren, sich über die frag­li­chen Vorgänge selbst näher zu un­ter­rich­ten. So­weit die Kläge­rin von „Sub­ven­ti­ons­be­trug“ spricht, ist da­mit er­kenn­bar al­len­falls ei­ne pau­scha­le Um­schrei­bung ge­meint, oh­ne dass die­se ei­nen fass­ba­ren Tat­sa­chen­kern zum Ge­gen­stand hätte. Es kommt da­her nicht dar­auf an, ob es, wie der Be­klag­te im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren gel­tend ge­macht hat, „un­strei­tig“ fest­steht, dass es „der­ar­ti­ge Straf­ta­ten“ we­der in B. noch in C. ge­ge­ben ha­be. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat im Übri­gen ei­ne sol­che Fest­stel­lung nicht ge­trof­fen; ei­nen An­trag nach § 320 Abs. 1 ZPO hat der Be­klag­te nicht ge­stellt, ei­ne zulässi­ge Ver­fah­rensrüge hat er nicht er­ho­ben.
- 13 - men­hang der Äußerung mit der von ihr so be­zeich­ne­ten Säule ih­rer Po­li­tik „Trans­pa­renz in der Ver­wal­tung“.
- 14 - für das Amt des Land­rats kan­di­die­ren und sich im Rah­men ih­rer Wahl­wer­bung mit der Amts­ausübung des sei­ner­seits kan­di­die­ren­den Land­rats aus­ein­an­der­set­zen. Durch ih­re Kan­di­da­tur und ih­re öffent­li­chen Äußerun­gen setz­te sich die Kläge­rin glei­cher­maßen selbst der kri­ti­schen Über­prüfung aus (vgl. zu die­sem Kri­te­ri­um EGMR 17. April 2014 - 5709/09 - Rn. 39). In ei­nem öffent­li­chen Wahl­kampf ist auch ein Ar­beit­neh­mer nicht dar­auf ver­wie­sen, Kri­tik an der Amts­ausübung ei­nes Ge­gen­kan­di­da­ten, der zu­gleich Re­präsen­tant sei­nes Ar­beit­ge­bers ist, zunächst nur in­tern zu äußern. Es geht ge­ra­de um den öffent­li­chen Mei­nungs­kampf, in des­sen Rah­men an­sons­ten zu be­ach­ten­de ver­trag­li­che Pflich­ten zur Rück­sicht­nah­me, so­weit im In­ter­es­se der Mei­nungs­frei­heit er­for­der­lich, zurück­tre­ten müssen. Die Kläge­rin war als Lei­te­rin der Er­he­bungs­stel­le Zen­sus nicht un­mit­tel­bar persönlich für den am­tie­ren­den Land­rat tätig. Es be­darf da­her kei­ner Ent­schei­dung, ob von ihr an­de­ren­falls ei­ne wei­ter­ge­hen­de Zurück­hal­tung auch in ei­nem öffent­li­chen Wahl­kampf hätte ver­langt wer­den können.
- 15 - dis­ku­tier­te Vorgänge auf­ge­grif­fen zu ha­ben. Ih­rer kri­ti­schen Be­wer­tung der Amts­ausübung des Land­rats lag da­mit zu­min­dest die Tat­sa­che zu­grun­de, dass die Vorgänge in B. und C. und die Rol­le des Land­rats­amts in der Öffent­lich­keit als aufklärungs­bedürf­tig an­ge­se­hen wor­den wa­ren. Der be­klag­te Land­kreis mag zwar zu­tref­fend gel­tend ge­macht ha­ben, der Land­rat sei in der Pres­se nicht „kri­mi­nel­ler Ma­chen­schaf­ten“ be­zich­tigt wor­den. Ein sol­cher Aus­sa­ge­ge­halt kommt aber - wie aus­geführt - auch dem Fly­er der Kläge­rin nicht zu. Han­delt es sich statt­des­sen um ein Wert­ur­teil - hier über die Amts­ausübung des Land­rats - und bei die­sem um ei­nen Bei­trag zum geis­ti­gen Mei­nungs­kampf in ei­ner die Öffent­lich­keit we­sent­lich berühren­den Fra­ge, spricht ei­ne Ver­mu­tung für die Zulässig­keit der frei­en Re­de (BVerfG 22. Ju­ni 1982 - 1 BvR 1376/79 - zu B II 1 a der Gründe, BVerfGE 61, 1; 15. Ja­nu­ar 1958 - 1 BvR 400/51 - [Lüth] zu B II 4 der Gründe, BVerfGE 7, 198). Sie be­schränkt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­klag­ten nicht auf spon­ta­ne, münd­li­che Äußerun­gen. Viel­mehr schützt Art. 5 Abs. 1 GG die freie Mei­nungsäußerung „in Wort, Schrift und Bild“ (vgl. BVerfG 15. Ja­nu­ar 1958 - 1 BvR 400/51 - [Lüth] aaO: ua. schrift­li­cher Boy­kott­auf­ruf; 24. Ju­li 2013 - 1 BvR 444/13, 1 BvR 527/13 -: Veröffent­li­chung ei­nes „Denk­zet­tels“ im In­ter­net). Bei ei­ner spon­ta­nen, münd­li­chen Erklärung mag außer­dem die mögli­che Un­be­dacht­heit ei­ner gewähl­ten For­mu­lie­rung zu berück­sich­ti­gen sein.
- 16 - (2) Ob der Vor­gang an­ders zu be­ur­tei­len wäre, wenn die Kläge­rin zur Un­terstützung ih­rer Äußerun­gen ih­ren Dienst beim Be­klag­ten in die Waag­scha­le ge­wor­fen und den Le­sern zB das Vor­han­den­sein dar­auf be­ru­hen­der be­son­de­rer Ein­bli­cke in die Zu­sam­menhänge sug­ge­riert hätte, be­darf kei­ner Ent­schei­dung. Ein Hin­weis auf ih­re Beschäfti­gung bei dem be­klag­ten Land­kreis war dem Fly­er nicht zu ent­neh­men.
III. Den Auflösungs­an­trag des Be­klag­ten hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu Recht ab­ge­wie­sen. Der be­klag­te Land­kreis hat kei­ne Umstände dar­ge­legt, die ei­ner wei­te­ren ge­deih­li­chen Zu­sam­men­ar­beit der Par­tei­en nach § 9 Abs. 1 Satz 2 KSchG ent­ge­genstünden. We­der genügen frühe­re Span­nun­gen auf­grund ei­ner Kon­kur­ren­ten­kla­ge als Auflösungs­grund, noch ist er­sicht­lich, war­um sich die Kläge­rin ein Ver­hal­ten ih­res Va­ters zu­rech­nen las­sen müss­te. - 17 -
F. Löll­gen Ger­scher­mann	m.hensche.de
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References: § 9
 BGH 
 § 320
 EGMR 
 Art. 5
 § 9