Source: http://agiw.fak1.tu-berlin.de/Auditorium/AntWirkG/Kap.8.html
Timestamp: 2017-11-21 00:35:35+00:00

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Kap8_der_LV_Gizewski_im_WS_2006/2007
Kap. 8: Antike Traditionen in heutigen Formen größerer Gemeinschafts- und Gesellschaftsbildungen.
1. Arten größerer strukturierter und abgegrenzter menschlicher Populationen - erfaßt in heutigen gesellschaftstheoretischen und in historisch-bewußtseinsbezogenen Begriffen.
2. Völker als Sprach-, Traditions- und Kulturgemeinschschaften.
3. Völker als politische, insbesondere als staatstragende oder staatlich beherrschte Populationen.
4. Gemeinschaftsbildungen und Konfliktverhältnisse im Rahmen sozialer Basisstrukturen, Hierarchien, Schichten und Klassen von Völkern.
A. Zur Nachwirkung antiker Muster gesellschaftsprägender Gemeinschaftsbildungen (Familien- und Verwandschaftsstrukturen. Bürgerschaften. Klientelen. Politische Parteibildungen).
B. Zur Nachwirkung antiker Muster bevölkerungsweiter sozialer Unterschiede und Spannungen im Verhältnis von Schichten und Klassen.
5. Völkereigene und völkerübergreifende Religions- und andere Weltanschauungs- und Glaubensgemeinschaften.
6. Völkerübergreifende Verkehrs- und Austauschbeziehungen und Konfliktverhältnisse zwischen Völkern.
Die menschliche Bevölkerung auf der Welt, mit deren geschichtlichen Strukturen und Bewußtseinsformen, Handlungen und Schicksalen sich die Geschichtswissenschaft beschäftigt, ist dabei notwendigerweise mit zwei Arten von Begriffen zu erfassen, die sich grundsätzlich unterscheiden, aber zugleich auch in einem komplementären Verhältnis zueinander befinden: den aus heutigen gesellschaftstheoretisch-wissenschaftlichen Intentionen gebildeten und denen, die historische Erscheinungen der objektiven Lebenswelt und des subjektiven Bewußtseins bestimmter Szenarien der Geschichte geschichtswissenschaftlich-verstehend erfassen wollen.
Zu den gesellschaftstheoretisch-wissenschaftlich intendierten gehören etwa die Begriffe 'Gesellschaft', soziale Herarchie', 'Schicht', 'Klasse', 'Weltanschauungs- und Glaubensgemeinschaft' (i. S. eines nicht-wertenden 'Ideologie'-Begriffs), 'Population' (i. S. eines neutral nach bestimmten Erkenntniszwecken abgrenzbaren und strukturierte Teile der menschlichen Bevölkerung zusammenfassenden Begriffs).
Zu den geschichtswissenschaftlich-verstehenden Begriffen gehören im allgemeinen: 'Volk', 'Tradition', 'Sprache', 'Kultur', 'Staat', 'Religion', 'Konflikt', 'Verkehr'. Sie sind generell dem Bewußtsein der jeweiligen historischen Epoche, in der sie vorkommen, auf irgendeine substanzielle Art präsent, die im einzelnen zu ermitteln Aufgabe verstehenden historischen Begreifens ist.
Ebenso wie in den Begriffsformen, in denen andere Epochen und Kulturräume historische Prozesse und Lebenszusammenhänge reflektieren, sowohl spezifische Perspektiven ihres Weltvorverständnisses als auch die in ihnen wirksamen sozialen und politischen Interessen als auch schließlich die in ihnen lebendigen Formen der Religion oder eines unreligiösen Glaubens zum Ausdruck kommen, so ist dies auch für die sozialtheoretisch gebildeten Begriffsformen der 'Gegenwart' der Fall oder dürfte - historisch-vorausschätzend, was ihre künftige Validität betrifft - in Rechnung zu stellen sein. Es gibt eine Anzahl historisch reflexiver Begriffe der Neuzeit, insbesondere solche, die politisch-ideologisch eine größere Bedeutung hatten, welche etwa wegen ihrer unzulässigen theoretischen Alternativlosigkeit und Überdehnung oder wegen der mit ihnen verbundenen gedanklich unzulässigen praktischen Festlegungen und Konsequenzen nach gewissen Zeiträumen - u. a. auch im Zuge politischer Auseinandersetzungen oder gar erst als deren Ergebnis - offenbar geworden sind. Auch für die Geschichtswissenschaft ist daher eine besondere problembewußte Vorsicht beim Umgang mit aktuell üblichen erkenntnisleitenden Grundbegriffen der Reflexion historischer Strukuren und Bewußtseinsformen angebracht.
Auch bei der Beurteilung wirkungsgeschichtlicher Beziehungen zwischen antiken und heutigen Formen größerer Gemeinschafts- und Gesellschaftsbildungen ist dies mitzubedenken. Gewiß ist es sinnvoll, für die Antike nach konsituierenden und abgrenzenden Momenten für - verschiedenartige - 'Gesellschafts'-Bildungen, nach deren 'Schichten'-Aufbau, nach den tieferen Gründen dauerhafter Konfliktverhältnisse zwischen 'Klassen', nach der Interessenbasis für 'Ideologien' zu fragen, so wie wir es für die Neuzeit einschließlich der Gegenwart tun. Aber diese Fragestellungen sind den überlieferten Äußerungen antiken Bewußtseins im wesentlichen fremd, und daher ist die Quellenbasis für ihre Beantwortung nicht selten zufällig und jedenfalls 'unsystematisch'. Vernachlässigte man dies, so stünden entsprechende Aussagen über 'antike Gesellschaften' in der Gefahr, vorurteilshaft-unbewußt gegenwärtige Strukturen gesellschaftlichen Lebens und Bewußtseins in die Antike zu übertragen.
Es seien deshalb an dieser Stelle in aller Kürze folgende Grundanahmen über antike und gegewärtige Gesellschaftsstrukturen ausgesprochen, von denen die den in diesem Kapitel beabsichtigten Aussagen über 'Antike Traditionen in heutigen Formen größerer Gemeinschafts- und Gesellschaftsbildungen' ausgehen.
1. Es gibt auch in der Antike 'Gesellschaften', d. h. nach bestimmten konstitutiven Gewohnheiten und Normen alle Lebensbereiche größerer Populationen strukturierende und abgrenzende, systemisch organisierte Teile der menschlichen Gesamtbevölkerung auf der Welt. Die auch in der Antike nachweisbaren Kontituentien für 'Gesellschaften' können - in häufiger, aber nicht zwingender Verbindung miteinander - sein:
a) sprachliche Kommunikation (in 'Sprachvölkern'),
b) politische Verfassungen (in 'Staatsvölkern'),
c) Wirtschaftsorganisation, Arbeitsorganisation, Güterverteilung (in 'ökonomisch-sozialen Gemeinschaften').
d) Grenzen geographischer Lebensräume (in 'Verkehrsgemeinschaften#),
e) ethnische, kulturelle und religiöse Traditionen (in 'Ethnien', 'Kulturvölkern' und Religionsgemeinschaften)
2. Es gibt auch in antiken Gesellschaften einen mit größeren Gemeinschaftsbildungen verbundenen sozialen Schichten-Aufbau der Bevölkerung. Faktoren der Schichtenbildung sind folgende:
a) Größe des Besitzes, Vermögens und Einkommens bzw. ihr partielles oder gänzliches Fehlen.
b) Umfang der Weisungsbefugnis, Macht und Autorität gegenüber anderen Menschen bzw. der Unabhängigkeit (Freiheit) von Weisungen, Macht und Autorität anderer bzw. der Unterstellung unter Weisungen, Macht und Autorität anderer.
c) Umfang nützlicher und sonst angesehener Wissens-, Bildungs-, Technik- und Kunstfähigkeiten.
d) Umfang von Würden und Ehren bzw. ihr Fehlen bzw. entwürdigende und entehrende Handlungen und Eigenschaften
3. Es lassen sich - bei heutiger theoretischer Analyse historisch-sozialer Interessenlagen - auch in antiken Gesellschaften mit größeren Gemeinschaftsbildungen verbundene Gesellschaftsklassen und zwischen ihnen den Interessengegensätzen nach dauerhaft bestehende Konfliktverhältnisse vermuten, selbst dann, wenn es - s. o., 5. Abs. - über weite Streckn der Geschichte an konkreten Quellenbelegen dafür fehlt. Plausibel erscheint ihre durchgängige Annahme dennoch, etwa im Hinblick auf antike Terminologien, in denen nicht nur eine Gliederung der Gesellschaft in Schichten, sondern generell eine Teilung in ein soziales Oben und Unten angesprochen wird ('superiores' - 'inferiores'; 'honestiores' - 'humiliores', 'plebeii'; potentes - sublimes; divites - inopes). Einer kleinen Oberklasse steht dabei eine sehr große Unterklasse gegenüber, deren soziales Bewußtseins allerdings wohl nicht in eine explizite ideologische oder dauerhafte politisch-praktische Konfrontation einmündet. Allerdings machen einige in ihrer schnellen Verbreitung und ihrem längere Zeit außerordentlich erfolgreichen Verlauf bemerkenswerte historische Ereignisse wie etwa der Spartacuskrieg d. J. 73 - 71 v, Chr. deutlich, daß sich Widerstandspotentiale gegen eine antike Staatsmacht in den weiten Kreisen sozial Unterdrückter auch einmal ausbilden konnten. Ferner gibt es in langdauernden geistigen Strömungen der Antike markante generelle, ja überzogen erscheinende Negativbewertungen von Reichtum, Macht, Ansehen usw., d. h den Statuskriterien der oberen sozialen Schichten, die auf ihre 'geistige' Weise, so etwa mit dem Christentum, eine durchaus beachtliche Verbreitung gewinnen konnten.
4. Es gibt auch in der Antike Ansätze zu völker- und staatenübergreifenden Glaubensgemeinschaften, Verkehrs- und Austauschbeziehungen und Konfliktverhältnissen. Religionen wie etwa das Christentum missionieren grenzüberschreitend und völkerverbindend. Die wirtschaftlichen Handelsbeziehungen überchreiten in ähnlicher Weise systematisch die Grenzen. Und auch die grenzüberschreitende Kriegführung verbindet auf ihre Weise die Kontrahenten miteinander, nicht nur in Sieg oder Niederlage, sondern mehr noch in langauernden und unlösbaren Spannungsverhältnissen. die die Nachbarschaftsbeziehungen zwischen den kriegführenden Mächten formen und aus ihnen dennoch eine 'gemeinsame antike Welt' bilden, welche sich von einer diese umgebenden 'terra ignota' unterscheidet.
Von all den hier angesprochenen größeren Gemeinschaftsbildungen innerhalb antiker Gesellschaften sind traditionsbildende Wirkungen ausgegangen, welche, wie die nachfolgenden Abschnitte zeigen sollen, bis in unsere Zeit nachwirken.
Die Sprachen im heutigen Europa.
Diercke-Weltatlas. Bearbeitung und Kartographie: Ferdinand Mayer, Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Auflage 1986, S. 95.
a) Lesen Sie die in der Anlage wiedergegebenen, ins Deutshe übersetzten Texte einiger europäischer Nationalhymnen der Gegenwart aufmerksam durch und vergleichen Sie sie miteinander. Wie sind die gemeinten Völker im einzelnen charakterisiert? Auf welchen historischen Vorgängen beruht, soweit Sie es wisssen, das jeweils angesprochene Volksbewußtsein? Inwieweit ist dieses deutlich und zutreffend zum Ausdruck gebracht und inwieweit nicht?
b) Welche aus der Antike stammenden sprachlichen, gefühlsmäßigen und inhaltlichen Elemente können Sie in den einzelnen Texten ausmachen? Woher kommt, soweit auszumachen, Ihres Erachtens eine gedankliche Verbindung modernen politischen Bewußtseins mit dem Altertum?
Texte einiger Nationalhymnen Europas.
Deutsche Übersetzungen nach den in der 'Wikipedia' des Internets unter http://de.wikipedia.org zugänglichen Übersetzungen.
a) Versuchen Sie, mit Ihren gegebenen Lateinkenntnissen den in der Anlage wiedergegebenen Text aus den Digesten (l.195, §2 D. 50, 16) zu übersetzen oder in seinen Grundzügen zu verstehen.
b) In welchem wirkungsgeschichtlichen Verhältnis steht der Text Ihres Erachtens zu folgender Vorschrift des heutigen Bürgerlichen Gesetzbuches (§ 903): "Der Eigentümer einer Sache kann, soweit nicht Gesetz oder Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache nach Belieben verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen" ? Mit welchen Worten wird ein entsprechendes Recht in dem römisch-rechlichen Text bezeichnet? Welche Rechtsbeziehungen bezeichnen diese Worte dort außerdem?
c) Übersetzen Sie ferner folgenden weiteren Satz aus den Digesten (l. 1, § 2 D. 1, 1): "[Iuris] studii duae sunt positiones, publicum et privatum. Publicum ius est quod ad statum rei publicae spectat, privatum quod ad singulorum utilitatem; sunt enim quaedam publice utilia, quaedam privatim." Welchem Rechtsgebiet gehören die hier erörterten Rechtsbeziehungen des römischen Rechts an? Was verstehen wir heute unter 'öffentlichen Recht' und unter 'Privatrecht'? In welches Gebiet ist § 903 BGB (s. o.) Ihres Erachtens einzuordnen
d) Welche Rechte sind mit unserer heutigen verfassungsrechtlichen Garantie des Eigentums (Anlage) gemeint? Inwieweit gehen sie über den zivilrechtlichen Eigentumsbegriff hinaus? Ist die Garantie dieses 'Eigentums' öffentlichrechtlich oder privatrechtlich?
Texte aus den Digesten (l.195, §2 D. 50, 16) und dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (Art. 14 und 15).
Texte der Übung entnommen aus: Corpus Iuris Civilis. Institutionen, hg. von P. Krüger. Digesten, hg. von T. Mommsen, 7. Stereotypausgabe, Berlin 1895, Digesten S. 1 und 864 f.; Sartorius (I), Verfassungs- und Verwaltungsgesetze der Bundesrepublik, Stand: Oktober 2005, Nr. 1, Art. 14 f.; Schönfelder, Deutsche Gesetze. Sammlung des Zivil-, Straf- und Verfahrensrechts, Stand: Dez. 2005, Nr. 20, § 903.
Übung 8 C.
a) Ordnen Sie den unten wiedergegebenen Textausschnitt geistes- und politikgeschichtlich zu. In welchen philosophischen und politischen Auseiandersetzungen der Neuzeitgeschichte ist er entstanden? Was besagt das politische Programm im einzelnen?
b) In welchem Umfang bedient sich der Text Ihres Erachtens einer auf die Antike zurückführbaren Terminologie, wo ist diese mit neuen Bedeutungen versehen?
c) In welchen philosophischen und politisch-ideellen Aspekten des Textes lassen sich Ihres Erachtens Auswirkungen antiker Ideen vermuten?
Auszug aus: Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei .
Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1890), Verlag 'das europäische Buch', Literaturvertrieb GmbH Westberlin 1987, Printed in the USSR, S. 52 - 54.
Zur Analyse des wirkungsgeschichtlichen Antikenbezugs der oben zitierten Textpassage aus dem 'Kommunistischen Manifest'.
Der Text enthält grundsätzliche weltanschauliche und politische Aussagen, die einerseits in ihrem begrifflich-theoretischen Fundament stark akzentuiert, d. h. von anderen, als unrichtig eingeschätzten, abgesetzt und zum anderen stark programmatisch-praxisbezogen, d. h. hier auch politisch-konfliktorientiert, konzipiert sind. Um die aus der Antike stammenden wirkungsgeschichichtlichen Momente angemessen zu erfassen, kommt es zunächst darauf an, die wesentlichen Intentionen und Grundgedanken einer Kritik an der geistigen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verfassung der Welt zu benennen. Darauf aufbauend kann dann die Suche nach begrifflichen, theoretischen und praktischen Traditionen wichtiger Art beginnen, die bis in die Antike zurückreichen. Dabei stellen die verwendeten, zumeist antik geprägten Fremdworte oder Neologismen der von Marx und Engels verwendeten Bildungsprache - Hinweise auf solche Traditionsbezüge dar.
I. Zu den Grundgedanken (GG) des Textauszugs.
GG1. Im Mittelpunkt menschlicher Orientierung steht ein 'richtiges' 'menschliches Bewußtsein', dessen Nicht-Vorbelastung durch tradtionsbedingte Vorurteile und Irrtüner ('Ideologien') Voraussetzung für das Setzen richtiger Ziele und für das angemessene Erkennen der Probleme auch der 'gesellschaftlichen' Ordnungen ist.
GG 2. Im ganzen untauglich oder gar schädlich für eine Bewußtseinsbildung i. o. S. sind die 'Religion', ein 'unhistorischer Idealismus' (Denken in 'ewigen Ideen') und ein Denken in empirisch und analytisch unüberprüfbaren Geistestraditionen.
GG 3. Tauglich für die Gewinnung eines 'richtigen Bewußtseins' ist eine grundsätzlich 'gesellschaftskritische' Art, 'skeptische' Formen des Begriffsgebrauchs und des Erfahrungsgewinns zu verbinden mit einem 'naturwissenschaftlichen' 'historischen' und 'dialektischen' 'Materialismus'. Diese Kombination von Erkenntnisweisen vermag vor allem Ideologien zur Behauptung und Rechtfertigung an sich unakzeptabler Gesellschafts-, Wirtschafts- und Politikordnungen zu entschleiern, welche letztlich eigensüchtigen, d. h. nicht allgemeinwohlorientierten Interessen bestimmter politisch bevorrechtigter und materiell wie sozial begünstigter Gesellschaftsschichten dienen. Eine solche entschleierbare Ideologie ist Vorstellung von der Modernität, Allgemeinnützlichkeit und anthropologisch begründeten Unvermeidlichkeit der produktiven Kräfte eines weltweit agierenden Kapitalismus.
GG 4. Ein wesentliches Moment traditioneller Ordnung menschlichen Zusammenlebens ist die Bereicherung von Menschen aufkosten anderer im Wege von 'Profit': Zinsgewinnen, Handelsmargen, Rechtserwerb und Ausbeutung abhängiger Arbeitskraft. Der Bereicherte erwirbt so als Privatmann Eigentum und andere private Vermögensrechte, die prinzipiell uneingeschränkt seiner Verfügung unterstehen.
GG 5. Ein solches Privatvermögen ist als 'Kapital' auf Expansion angelegt und ermöglicht außer den wirtschaftlichen auch soziale und politische Einflußmöglichkeiten. Die in diesem Sinne einflußreichen Kapitalinhaber bilden eine gesellschaftliche 'Klasse', deren Interessen im Widerspruch zu denen anderer Bevölkerungsklassen stehen und politisch mit den Möglichkeiten größeren Einflusses durchgesetzt werden, und zwar sowohl im Inneren einer Staates als auch in seinem Verhältnis zu anderen Staaten.
GG 6. Ein Staat, der Interessenpolitik zugunsten der Kapitalistenklasse macht, ist ein tendenziell sozial ungerechter, undemokratischer und außenpolitisch ggf. kriegsgeneigter Staat.
GG 7. Ein solcher Staat und die von ihm verteidigte Gesellschaftsordnung entspricht nicht den Interessen der breiten Bevölkerung. Beide müssen im Wege einer Revolution beseitigt werden, die mit zunächst 'despotischen' Mitteln eine neue, nicht-kapitalistisch geprägte, sondern 'kommunistische' Gesellschaftsordnung und eine ihr entsprechende Form der Bildung politischen Willens ermöglicht und sichert.
GG 8. Dazu gehören: die generelle Auflösung des Bereicherungseigentums (d. h. des Kapitalvermögens) als Privatrechtskategorie und die politische Durchführung entsprechender großmaßstäblicher 'Enteignungen', die Verstaatlichung aller sonstigen wichtigen Produktionsfaktoren und -institutionen und die Zentralisierung aller Kompetenzen zu volkswirtschaftlich folgenreichen Entscheidungen beim Staat, insbesondere die politische Planung der Volkswirtschaft, und schließlich die gemeinschaftliche Mitwirkung der gesamten, entsprechend zu qualifizierenden Bevölkerung zu gleichen Rechten und Pflichten an den wirtschaftlichen und politischen Aufgaben der nunmehr schwerpunktmäßig sozietär - und nicht mehr kapitalistisch - organisierten Gesellschaft
GG 9. Am Ende dieser Entwicklung wird die Beseitigung sozialer Klassegegensätze und das Verschwinden staatlicher Herrschafts- und Gewaltausübung stehen.
II. Kurze Anmerkungen zu den oben formulierten Grundgedanken:
Zu GG1: a) Das Wort 'Bewußtsein' weist zurück auf 'Gewissen', deutsche Übersetzung des lat. 'conscientia', und damit auf die christliche Tradition.- b) DasWort 'Ideologie' ist ein Neologismus, welcher ausdrückt, daß es Spezialisten der Geistesarbeit gibt, deren Aufgabe oder selbstgestecktes Ziel darin besteht, geistig-kulturell materielle und politische Interessen zu vertreten. Er ist zusammengesetzt aus 'Idee', was zurückverweist etwa auf die platonische Ideenlehre, und '-logie', was soviel wie 'wissenschaftliche Kenntnis von' besagt und zurückverweist auf die antik-philosophische Logos-Lehre, welche die Möglichkit wissenschaftlichen Erkennens begründet..
Zu GG 2: a) Die Ablehnung von Gottesvorstellungen und Glaubenssystemen religiöser Art, wie sie in einem 'wissenschaftlichen Atheismus' Marx-Engelscher Art enthalten ist, weist zurück auf einen antiken Atheismus und eine antike Religionskritik, wie sie etwa bei Demokrit und Epikur bzw. in ihren Schulen formuliert ist: "tantum potuit religio suadere malorum" (Lukrez). - b) Eine 'materialistische' Kritik an einem 'Idealismus' weist zurück auf die antike Form eines 'atomistischen Materialismus' (Demokrit), aber auch auf die aristotelische Kritik an Platons Ideenlehre. - c) Ein ideologiekritischer Anti-Traditionalismus der Neuzeit beruht auf den 'aufklärerischen' Prinzipien 'Fortschritt','Rationalität', 'Liberalität' welche zurückverweisen auf entsprechende antike Denkansätze in Vorstellungen vom technischen, bildungsmäßigen und sittlichen 'Fortschreiten, d. h. Besserwerden - 'progressus' sowie an den antiken Begriffen 'ratio' (antiker Wortgebrauch auch i. S. von 'Wissenschaft') und 'liberalitas' (antike Bezeichnung auch für 'Freisinn', 'geistige Weite').
Zu GG 3: a) 'Skepsis' als modern-wissenschaftliches Verfahrensprinzip, welches einen grundsätzlichen Zweifel an der Richtigkeit einer [wichtigen] Annahme [dogma] zur Voraussetzung ihrer möglichen empirischen und deduktiven Widerlegung oder Bestätigung macht, weist zurück auf antike Formen skeptischer Philosophie, etwa bei den 'Akademikern (Karneades) oder Pyrrhoneern.- b) 'Kritik' als als Kunst der Beurteilung komplexer, eindrucksvoller oder einflußreicher menschlicher Systeme, Geistesäußerungen und praktischer Verfahrensweisen hat in der Antike in den ebenfalls 'Kritik' genannten Künsten des gerichtlichen Urteilens, der argumentativen Auseinandersetzung und der Beurteilung von Sprache, Literatur und Kunst ihre Vorläufer. - c) Die Begriffsverbindung 'Historischer Materialismus weist zurück einerseits auf eine antike 'pragmaton historia'sowie eine antike 'naturalis historia', andererseits auf unterschiedliche Richtungen antiker Philosophie, nämlich einen antiken 'Materialismus' und 'Atheismus' (s. o.), eine antike Philosophie der Dialektik der Ideen (Platon) und der Dialektik des Seins (Heraklit) bzw. der Bewegung und Veränderung [insbesondere auch der menschlichen Gestaltungen] (Aristoteles). - d) Zum Neologismus 'Ideologie' s. o., zu GG1. Es ist naheliegend, daß die 'Produkte' der 'Ideologen' in besonderem Maße der 'Kritik' bedürfen, zumindest aus der Perspektive und den Ineteressen derjenigen, gegen die sich die 'Ideologien' letztlich richten, und darüber hinaus ggf. auch des praktischen Widerstandes, wo sie gesellschaftlich gestalend wirken. - e) Das Wort 'Kapitalismus' ist ebenfalls ein Neologismus, zusammengesetzt aus dem Wort 'Kapital', das bei Marx und Engels eine Form gesellschaftlich besonders großen, einflußreichen, 'unternehmerisch'-expansiven 'Privateigentums' bezeichnet, und dem Suffix '-ismus/ -ismos', welches allgemein die mit einer zuvor bezeichneten Sache verbundenen Bedingungen, Überzeugungen und Verhaltensweisen zusammenfaßt. Das Wort 'Kapital' verweist zurück auf eine von mehreren Bedeutungen des lateinischen 'caput' oder 'capitale', welche ein durch Ausleihe gegen Zinsen ('usurae') genutztes Geldvermögen bezeichnen.
Zu GG 4: a) Das Wort 'Profit' (franz., engl. Herkunft) weist zurück auf die lateinischen Worte 'profectus' oder auch 'proficit', welche generell einen Nutzen, speziell einen im kaufmännischen Geschäftsverkehr gezogenen Nutzen bezeichenen. In der Bedeutung entsprechen sie anderen, ebenfalls im antiken Geschäftsleben verwendeten Worten - inspeziellen Bedeutungen - wie 'merces' (Verdienst, Gewinn, Zins, Handelsspanne) , 'lucrum' (Gewinn, auch Wucher), 'acquisitio'(Eigentums- und anderer Rechtserwerb, insbesondere vorteilhafter Art, für das private Vermögen) oder 'usurae' (monatl. Zinsen, insbes. für entiehenes caput i. S. von 'Geldsumme'), 'commodum' (wirtschaftlicher Nutzen, finanzieller Vorteil). - b) Das deutsche Wort Eigentum ist ein durch die Rezeption des römischen Rechts in Deutschland seiner Bedeutung nach geformtes Äquivalent einerseits des lateinischen Rechtsbegriffs 'dominium', soweit dieser ein Sachenrecht bezeichnet, und zum anderen der lateinischen Rechtsbegriffe 'proprium', 'res privata', 'familia' und 'patrimonium', soweit diese Rechtsgesamtheiten bezeichnen, welche der ausschließlichen Verfügung einer Privatperson unterstehen (Privatvermögen). - c) Der von Marx und Engels politisch und soziologisch verwendete Begriff 'Klasse' weist zurück auf das lateinische Wort 'classis'. Dieses bezeichnet in Rom einerseits eine Bürgerklasse im Rahmen des Systems der Steuerveranlagung, darüber hinaus aber auch eine markante Merkmale charakterisierbare Bevölkerungsgruppe wie z. B. die 'classis servorum' oder die 'classis proletariorum' oder die Klasse der sog. 'classici', d. h. 'die Vermögenderen'.
Zu GG 5: Die Differenz zwischen der 'Kapitalistenklasse' und den anderen - prinzipiell ausgebeuteten - Teilen der Bevölkerung, wie sie im Mittelpunkt der Kritik des 'Kommunistischen Manifests' weist zwar nicht speziell, wohl aber im allgemeinen in mehreren Aspekten auf antike Theorien zurück, in welchen die Unterschiede zwischen den Eigeninteressen der Mächtigen und Reichen auf der einen Seite und der Ohnmacht der anderen andererseits erörtert werden, wie etwa in der Staatslehre des Aristoteles von den mißbräuchlichen Formen der politischen Verfassung.
Zu GG 6: Antike Alternativmodelle zum Reichtum Mächtiger bzw. zur Macht Reicher (Platon) sind aus philosophisch-ehischen Gründen entwickelt in der Stoa und im Christentum ("Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon - Matth. 6, 24) und ihren praktischen Konsequenzen, nämlich einem 'einfachen Leben' und der Sympathie für die 'einfachen Leute' (Röm. 12, 16: "Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen."). Auf politischer Ebene ergeben sich Alternativmodelle aus dem 'Allgemeinwohlgedanken', wie er für die Konstruktion 'vernünftiger' Staaten etwa von Platon und Aristoteles entwickelt wird ('politeia'). Die Klassenherrschaft der Reichen ("die Oligarchie verfolgt den Vorteil der Reichen") spricht etwa Aristoteles an und will sie durch ein allgemeinwohlorientiertes Modell der Verfassung ersetzt wissen (pol. 3, 7).
Zu GG 7: a) Das heute übliche ebenso wie das speziell im 'Kommunistischen Manifest' verwendete Wort 'Revolution' hat in der Antike, soweit ersichtlich, keine bedeutungsähnlichen Vorläufer. Es ist denkbar, daß es ursprünglich aus der christlichen Vorstellungswelt stammt, wo es von der Wednung 'lapidem revolvere' in der Geschichte der Auferstehung Jesu Christi (Matth. 28, 2) ausgehend, allgemeinere Bedeutung angenommen haben könnte. Typische antike Begriffe wie 'anarchia' oder 'seditio' oder 'usurpatio' heben andere Aspekte einer Verfassungszerstörung als der heutige Revolutionsbegriff hervor. - b) Die im Kommunistischen Manifest verwendeten Begriffe 'Demokratie' und 'Despotie' weisen, auch wohl in ihrem zwiespältigen Charakter, zurück auf die antike Staatslehre (Platon, Aristoteles, Cicero). Der römisch-staatsrechtlich geprägte Begriff 'Diktatur' erschien den Verfassern des Manifests im übrigen offenbar zu schwach für das Modell einer temporären revolutionären Klassenherrschaft. - c) Das Wort 'Kommunismus' ist ein Neologismus, zusammengesetzt aus 'commune' (i. S. von: 'gemeinschaftliche Angelegenheit und Aufgabenwahrnehmung') und '-ismos' (griech. Suffix zur Kennzeichnung einer Denkrichtung oder prinzipiellen Verhaltensweise, s. o.)
Zu GG 8: Die konkret-programmatischen Vorstellungen, die das 'Kommunistische Manifest' enthält, haben keine gedanklichen Vorläufer in der Antike. Wohl aber ist der in ihrem Hintergrund stehende stark 'staatsinterventionistisch' modellierte 'Allgememeinwohlgedanke' in der Antike vorgeprägt, etwa in Modellen wie der spartanischen Verfassung. Aber auch die platonische Vorstellung von einer 'politeia' setzt im Interesse des Allgemeinwohls eine Vermögenslosigkeit der regierenden Klasse voraus.
Zu GG 9: Die Vorstellung vom Aufhören der Staatsgewalt und der Klassenherrschaft bei Marx und Engels ist deutlich eine historisch-utopische: derartiges hat es in der Geschichte der Kulturen seit der Antike nicht gegeben. Die Festigkeit der Überzeugung weist - abstrakt-modellhaft -zurück auf religiöse Glaubensvorstellungen wie sie etwa in der Eschatologie des Christentums vorliegen, in der die Neuschaffung der Welt von zentraler Bedeutung ist. Ferner ist ihre Entgegensetzung zum 'Selbstverständlichen und Gewohnten' offenbar eine Konsequenz dialektischen Denkens, wie es im antiken Platonismus vorgeprägt ist, und schließlich ist sie auch Ausdruck eines zumindest prinzipiell stark 'freiheitsorientierten' politischen Denkens, wie es in den Devisen der französischen Revolution ('Freiheit, Gleichheit. Brüderlichkeit') und weitergehend in verschiedenartigen antiken Vorgängervorstellungen ('libertas', 'liberalitas', 'libertinitas') enthalten ist.
Zur Bildung großer Interessengruppen mit gegensätzlichen Interessen in einer heutigen 'Marktwirtschaft': Gert von Eynern, Stichwort 'Marktmacht'.
Lexikonbeitrag entnommen aus: Wilhelm Bernsdorf (Hg.) unter Mitarbeit zahlreicher weiterer Autoren, Wörterbuch der Soziologie, 3 Bde., Frankfurt M, 1973, Bd. 2, S. 521 - 523.
Die Religionen im heutigen Europa.
6. Völkerübergreifende Verkehrs- und Austauschbeziehungen sowie Konfliktverhältnise zwischen Völkern.
Übung 8 D.
a) Ordnen Sie den Text seiner Entstehungszeit und seinen politisch-historischen Grundauffassungen nach ein.
b) Wo sieht der Text Ähnlichkeiten, wo grundsätzliche Unterschiede zwischen älteren und neueren Geschichtsepochen?
c) Welche Formen weltgesellschaftlicher Bildungen lassen sich Ihres Erachtens evtl. für vormoderne Geschichtsepochen ausmachen?
Zur Entstehung einer modernen Weltgesellschaft.
Auszug aus der deutschen Übersetzung einer bekannten politisch-theoretischen Stellungnahme zu Grundlinien der Entwicklung einer modernen weltweiten Gesellschaft. Die Belegstelle bleibt hier im Hinblick auf den Zweck der Interpretationübung ungenannt.
Hans-Joachim Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt M. 1992 (1998).
Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie. Mit Quellentexten, Bd. I: Altertum. Durchgesehen und mit einem Nachwort von Maximilian Forschner, Hamburg 1990.
Klaus E. Müller, Geschichte der antiken Ethnologie, Hamburg 1997.
Holger Sonnabend (Hg.), Mensch und Landschaft in der Antike. Lexikon der Historischen Geographie, Stuttgart, Weimar 1999.
Ulrich Manthe (Hg.), Die Rechtskulturen der Antike. Vom Alten Orient bis zum Römischen Reich, München 2003.
Hans-Ulrich Wehler, Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 2004 2.
Theodor Schieder, Nationalismus und Nationalstaat. Studien zum nationalen Problem im modernen Europa. Hg. von Otto Dann und Hans-Ulrich Wehler. Göttingen 1992 2, S. 65 ff. (Typologieund Erscheinungsformen des Nationalstaats in Europa) ud 87 ff. (Der Nationalstaat in Europa als Historisches Phänomen).
G. Krumeich, H. Leh,ann (Hg.), "Gott mit uns". Nation , Religion unf Gewalt im 19. und 20. Jh. Göttingen 2000.
Peter Collett, Der Europäer als solcher ... ist unterschiedlich. Deutschsprachihe Ausgbane, Hamburg 1994.
'Wikipedia' des Internets unter http://de.wikipedia.org (Nationalhymnen im europäischen Bereich)
Diercke-Weltatlas. Bearbeitung und Kartographie: Ferdinand Mayer, Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Auflage 1986, S. 95 (Sprachen und Relionen Europas).
Sartorius (I), Verfassungs- und Verwaltungsgesetze der Bundesrepublik, Stand: Oktober 2005, Nr. 1, Art. 14 f.; Schönfelder, Deutsche Gesetze. Sammlung des Zivil-, Straf- und Verfahrensrechts, Stand: Dez. 2005, Nr. 20, § 903.
Karl Marx, Friedrich Engels, Manifesr der Kommunistischen Partei. Deutsche Ausgabe von 1890. Nachdruck Berlin 1987, veranstaltet vom Verlag 'DasEuropäische Buch', S. 30 ff. [30 - 38].
Hans-Joachim Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt M. 1992 (1998) , S. 500 - 503.
Corpus Iuris Civilis. Institutionen, hg. von P. Krüger. Digesten, hg. von T. Mommsen, 7. Stereotypausgabe, Berlin 1895, Digesten S. 1 und 864 f.
LV Gizewski WS 2006/2007

References: §2
 § 2
 § 903
 §2
 Art. 14
 § 903
 Art. 14
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