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Timestamp: 2020-02-29 07:38:38+00:00

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Doping im Sport. Zum Zusammenhang von Kommerzialisierung und ...
von Jorge Pereira (Autor)
Examensarbeit 2002 172 Seiten
II. Das Magische Dreieck – Eine veranschaulichende Problemerfassung zur Kommerzialisierung des Hochleistungssports
III. Aufbau und Vorgehensweise
1. Doping – Eine Annäherung
1.1 Die uralten Praktiken
1.2 Das Dopingphänomen der Moderne
1.2.1 Versuch einer definitorischen Eingrenzung
1.2.1.1 Die Wesensdefinitionen von Doping
1.2.1.2 Die enumerativen Definitionen: Die „Dopinglisten“
1.2.2 Dopingkontrollen und Rechtliche Grundlagen
1.2.3 Zur Kontrolleffektivität
1.3 Der gesellschaftliche Umgang mit Doping
1.3.1 Doping als Thema der Massenmedien
1.3.2 Wirkungen und Konsequenzen beim Publikum
2. Der moderne Hochleistungssport – Entwicklung und Strukturen
2.1 Relevante Aspekte der englischen sports
2.1.1 Rationalisierung, Quantifizierung, Normierung
2.1.2 Höchstleistung, Konkurrenz und Rekord
2.1.3 Chancengleichheit und Fair play
2.1.4 Amateurismus versus Professionalismus
2.1.5 Exkurs: Der Olympismus
2.2 Zur Spezifizierung des Systems Hochleistungssport
2.2.1 Der Leistungsimperativ des Sportcodes
2.2.1.1 Der Sportcode als Kommunikationszusammenhang
2.2.1.2 Das evaluative Programm
2.2.1.3 Das normative Programm
2.2.2 Leistungsmaximierung, Körperlimit und Wissenschaftliche Kompensation
2.3 Zusammenfassung und Überleitung
3. Die Kommerzialisierung des Hochleistungssports
3.1 Gesellschaftspolitische Voraussetzungen
3.1.1 Die Spitzensportförderung des Staates
3.1.2 Historische Voraussetzungen
3.1.3 Politische Instrumentalisierung sportlichen Erfolgs
3.1.4 Der gesellschaftliche Wandel
3.2 Das Sportpublikum – Bedingungen des Zuschauerinteresses
3.2.1 Spannung, Unterhaltung, Geselligkeit
3.2.2 Rezeption, Identifikation, Projektion
3.2.3 Voyeurismus, Nervenkitzel, sportunspezifische Sozialität
3.3 Das Magische Dreieck – Zur Ausdifferenzierung von Kommerz und Fernsehen
3.3.1 Kommerzialisierung, Output und Kommunikationsprozess
3.3.2 Zum Stellenwert des Mediums Fernsehen
3.3.2.2 Entwicklung
3.3.3 Der Markt für Werberechte – Das Sportsponsoring
3.3.3.1 Zum Begriff des Sponsoring
3.3.3.2 Ziele des Sportsponsoring: Zur Kommunikationspolitik
3.3.3.3 Entwicklung
3.3.3.4 Der Markt für Lizenzrechte: Merchandising
3.3.3.4.1 Begriff
3.3.3.4.2 Lizenzverwertung von Namen und Marken
3.3.3.4.3 Lizenzverwertung von Veranstaltungen
3.3.3.5 Internationale Sport-Vermarktungs- Agenturen
3.3.3.6 Sportler-Agenturen
3.3.3.7 Auswahlkriterium Reichweite
3.3.4 Der Markt für Fernsehrechte
3.3.4.1 Strukturen der Fernsehvermarktung
3.3.4.2 Die Werbezeiten als Refinanzierung der TV-Rechte
3.4 Interpretierende Zusammenfassung
4. Sportlerkarriere und Doping – Abschließende Diskussion
4.1 Die Hochleistungssport-Karriere als biographische Falle
4.1.1 Spezifische Risiken
4.1.1.1 Erfolglosigkeit
4.1.1.2 Zukunftsunsicherheit
4.1.2 „Ich bereue nichts, ...“ – Zur Erfolgsorientierung
4.2 Das Dopingphänomen im Hochleistungssport - Eine Relativierung
4.2.1 Das Wesen von Doping und die Mär vom Ethos des Spitzenports
4.2.1.1 Chancen-Ungleichheit
4.2.1.2 Unfairness
4.2.1.3 „(Hochleistungs-)Sport ist Mord!“ – Unnatürlichkeit und oberflächliche Gesundheit
4.2.2 Zur Problematik der Dopinglisten
4.2.3 Grenzbereiche: Legal-Illegal-Substitution
4.3 Was ist Doping?
4.4. Doping und Hochleistungssport: Pädagogisch sehr wertvoll?
Dem modernen Hochleistungssport ist eine große Affinität zu Zahlen und Einheiten inhärent; die erste Konsequenz ist das daraus resultierende Interesse in der Allgemeinheit, welches sich ungefähr in derartigen Fragen äußert: „Haben die gewonnen? Ja?! Wie viel? Zwei-Null? Sehr gut!“ oder „Neuer Rekord? Ein Hundertstel? Spitze!“
Das Operieren mit dieser Art von Zahlen und die damit verbundenen Haltungen weisen auf eine gewichtige, wertgebundene Informationseinheit hin. Zehntel-, Hundertstel- und Tausendstelsekunden, Gramm und Kilogramm sowie Millimeter und Zentimeter stellen die Reduktion eines gesamten Sporttages auf die (sport-)physikalischen Größen des SI-Einheitensystems[1] dar; nicht zu vergessen ist natürlich das Torverhältnis, das am letzen Spieltag über den Titel entscheiden könnte, wenn zu diesem Zeitpunkt mindestens zwei Mannschaften die gleiche Punktzahl aufweisen sollten. Anscheinend stellen diese feinsten einheitlichen Differenzen jene Spannung dar, die ein großes Publikum dazu bewegt, alltäglich in Sportarenen oder vor den Fernsehgeräten zu sitzen.
„Ob es heute wohl endlich mit dem langersehnten Sieg meiner Mannschaft klappt?“ „Hoffentlich holt unsere Mannschaft heute wieder Medaillen! Langsam werden die zu einer Schande für unser Land!“ Man kann davon ausgehen, dass diese Gedankengänge alltäglich und global millionenfach – dies ist empirisch schwer zu belegen, dennoch angesichts des Massencharakters von Sportkonsum und -popularität weltweit denkbar – durch die Köpfe vieler Menschen jedenfalls dann gehen, wenn große Sportveranstaltungen anstehen wie etwa Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften, wie die soeben beendete in Südkorea und Japan. Bei der Betrachtung der folgenden, in tabellarischer Form dargestellten, nach Jahren sortierten und unterschiedlichen leichtathletischen Disziplinen zugeordneten SI-Größenordnungen erschließt sich nun ein ganz anderer Blickwinkel über Zeiten und Distanzen. Nicht die Dezimalzahlen sind hier entscheidend, sondern die Komplexität der Zuwächse insgesamt.
Tab. 1: Leistungszuwächse bei Weltrekorden von 1968 bis 1997. Eigene Darstellung (vgl. SINGLER/TREUTLEIN, 2000, S. 44)
Die aufgeführten Weltrekorde demonstrieren dabei die Umfänge der Verbesserungen im Fünfjahres-Rhythmus in unterschiedlichen Ausdauerdisziplinen. Besonders auffällig sind die parallelen, sprunghaft und vergleichsweise extrem zugenommenen Werte im Zeitraum von 1993 bis 1997.
Nun konstatiert man, dass in den letzten Jahrzehnten unterschiedliche Einflussfaktoren auf die Leistungsentwicklung eingewirkt haben, die im „Mikrobereich“, also in unterschiedlichen sportspezifischen Kategorien, eventuelle Positiveffekte hervorgebracht haben. Diese sind u.a. in den Bereichen Trainingsmethodik, Technik- und Materialentwicklung, aber auch in der Sportmedizin sowie in der Kommerzialisierung des Spitzensports zu finden. Deren Zusammenspiel erlaubte den Spitzensportlern in den letzten Jahren mitunter ein Höchstmaß an Leistungsmaximierung (vgl. SINGLER/TREUTLEIN, 2000, S. 39).
Die parallelen Verbesserungen ausgerechnet in den Ausdauersport- arten – im Weitsprung z.B. gibt es zwischen 1988 und 1992 ein Zuwachs um lediglich fünf Zentimeter (vgl. a.a.O., S. 45) – führt man jedoch auf das Wachstumshormon Erythropoietin[2] (EPO) zurück, das seit 1994 eine rasche Verbreitung erfahren hat und sich nachweislich einer immer noch großen, internationalen Beliebtheit bei Spitzensportlern erfreut (vgl. SINGLER/TREUTLEIN, 2000, S. 45).
Solche und ähnliche Begebenheiten erlauben die Annahme, dass „die Mehrzahl der heutigen Weltrekorde in Kraft-, Schnelligkeits- und Schnellkraftsportarten ... in Verbindung mit Hilfsmittel“ (HOLLMANN/ HETTINGER, 2000, S. 536 ) zustande gekommen sind; die öffentlich gewordenen und in den Massenmedien z.T. heftig diskutierten Dopingfälle der letzten Jahre und Jahrzehnte haben immer wieder auf drastische Weise verdeutlicht, dass man von einem weit verbreiteten Einsatz von Doping ausgehen muss, wenngleich es, wie dies noch verdeutlicht werden wird, häufig als Einzelfall-Hypothese an die Öffentlichkeit vermittelt wird. Aufgrund der problemspezifischen Unmöglichkeit empirischer Untersuchungen konnte das Internationale Olympische Komitee (IOK) im Jahre 1988 nur eine Schätzung wagen. Es traute rund 6% aller Spitzenathleten ein Missbrauch durch Drogen zu (vgl. BROCKAUS ENZYKLOPÄDIE, Band 30, 1996, S. 216).[3]
Die Glaubwürdigkeit des Sports und seiner Akteure wird dabei immer wieder aufs Neue einer Zerreißprobe ausgesetzt, wenn ein Spitzensportler des Dopings überführt wird. Nach BETTE/SCHIMANK (1995) erlebt der Spitzensport dabei regelmäßig eine kurzweilige „gesellschaftliche Delegitimierung“, die gekennzeichnet ist von einer „Skandalierung in den Massenmedien“ und zeitweiliger „Desillusionierung des Publikums“ und „Distanzierung politischer und wirtschaftlicher Ressourcengeber“ (vgl. S. 270-288).
Nach dieser ein, zwei Wochen andauernden, mit echauffierten Debatten angereicherten Phase und der eventuellen, anschließenden Wettkampfsperre des betreffenden Sportlers, wird die Angelegenheit ad acta gelegt; Ben Johnson[4] oder Jan Ullrich[5] sind diesbezüglich nicht mehr in den Medien präsent. Selbst Johnny Mühlegg,[6] der Antiheld der diesjährigen Olympischen Winterspiele in Salt Lake City, ist nach kürzester Zeit in die mediale Versenkung abgetaucht. Lediglich von Dieter Baumann, der nach seiner Sperre erneut an Wettkämpfen teilnimmt, ist wieder sporadisch die Rede in den Medien.
Alle Überführungen ertappter Sünder weisen einen idealtypischen und identischen Verlauf des öffentlich diskutierten Dopingskandals auf. Basierend auf bestimmten, durch die meisten Athleten chronologisch dargelegten Verhaltens- und Beschwichtigungsschemata nach dem positiven Kontrollenbefund, erfolgt anschließend der Entwurf einer häufig diffusen Fremdtäter-Implizierung (s.Abb.1). Während eines jeden solchen Verlaufs, und dies ist symptomatisch, erfreut man sich an neuen medial vermittelten Europa- oder Weltmeisterschaften, die wiederholt und garantiert unter größtem öffentlichen Interesse stehen.
Abb. 1: Idealtypischer Verlauf eines Dopingfalles (vgl. SINGLER/TREUTLEIN, 2001, S. 117)
Das ebenso garantierte Manko währenddessen: Auch hier werden wieder neue, konkrete Dopingvorwürfe an Sportler und ihre Leistungen herangebracht und bestätigt. Das Pech des neuen ist dabei das Glück des alten Dopingsünders, der längst aus dem Dopinginteresse der Öffentlichkeit ausgeschieden ist und geläutert (oder auch nicht) die Sportbühne wieder betritt.
Strukturell offenbart sich ein medial aufbereiteter Dopingskandal dabei immer identisch: Der überführte Sportler und sein Körper, das im wahrsten Sinne perfekte corpus delicti, bilden den einzigen Bezugs- und Kritikpunkt der auf diese Weise transportierten und vermittelten Medien - kampagne. Der Sport und seine ehrbaren Werte und Ideale, sein Image, wie dieses de facto auch immer aussehen mag, muss beschützt und schnellstmöglich wieder hergestellt werden, um die Austragung der nächsten Großveranstaltung nicht zu gefährden. Ein Hauch von medienpolitisch konzipierter Eigenrealität tut sich hier immer wieder auf.
Inwieweit diese Mediensportrealität den reellen Strukturen des Hochleistungssports entspricht oder nur den eigenen Interessen dienlich ist, wird noch zu erörtern sein. Vorwegnehmend kann so viel angedeutet werden: Es herrscht eine Apologie der Medien vor, die eine strukturell differenzierte Analyse des Dopingproblems und dem damit zusammenhängenden Gefüge des Hochleistungssports außer Acht lässt. Eine umfassendere Dopingdiskussion führte etwa den gedopten Sportler aus der Position des alleinigen Sündenbocks[7] und konstatierte Verantwortlich- keiten auf überpersonellen Ebenen (vgl. BETTE/SCHIMANK, 2000, S. 91).
Ben Johnson stellt sich in diesem Zusammenhang als ein Idealtypus von Athleten dar; sein Relaps liefert ein Musterbeispiel für diese Thematik. Demnach müssen die psychologische Doping-Anfälligkeit und diese beeinflussende Motive und Einstellungen sowie der sportbiographische Werdegang eines Athleten untersucht werden, welche bei Johnson den Rückfall begünstigt haben müssen.[8] Solche externen und internen Motive sind für das Dopingphänomen von Relevanz für das Diskussionsthema.
Leistungsmaximierung durch Doping im Hochleistungssport wird demnach als ein soziales Konstrukt behandelt werden müssen, in welchem Handlungen und Einflüsse mehrerer, aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen stammender Akteure ein Phänomen hervorbringen. ELIAS (1939) beschreibt dies soziologisch folgendermaßen, womit auch eine kurze Einführung in besagte externe Bedingungen ermöglicht wird:
Pläne und Handlungen ... der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. Diese fundamentale Verflechtung der einzelnen menschlichen Pläne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingender und stärker ist als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden.. (ELIAS, 1939/1969, S. 314)
Die zur Thematisierung der Dopingproblematik demnach relevanten Momente ergeben sich erst aus einer Strukturanalyse des gegenwärtigen Hochleistungssports und den ihn beeinflussenden unterschiedlichen gesellschaftlichen Subsystemen.[9]
Der Sport weist allgemein eine breite gesellschaftliche Anerkennung auf, die auf vielfältigen Ebenen und in unterschiedlichen Formen zu erkennen ist.[10]
Wenngleich in den letzten Jahren die traditionellen Sportvereine einen Mitgliederschwund verzeichnen, kann ein breites Sportinteresse in der Bevölkerung nicht von der Hand gewiesen werden. Der Rückgang der Mitgliederzahlen in den 90.000, dem Deutschen Sportbund (DSB) angehörenden Vereinen, von 29 Prozent (1990) auf 21 Prozent (2000) der Bevölkerung, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier von einem Massenphänomen gesprochen werden kann: ca. 20 Millionen Bundesbürger waren demnach im Verbandssport tätig (vgl. OPASCHOWSKI, 2000, S. 67).[11]
Die Abnahme der Vereinsmitglieder erklärt sich im Zusammenhang mit einem Wandel des ursprünglichen Sportverständnisses, hin zu einer neuen Sinnsuche mit und durch Sport. Im Sinne GRUPEs kann man dieses Phänomen einerseits als eine „Ausbreitung und Entwicklung des Sports als Teil einer Alltagskultur“ beschreiben und andererseits „die »Versportlichung« kulturellen Lebens insgesamt“ feststellen (GRUPE, 1990, S. 96). Der gesellschaftliche Trend zur Individualisierung hat auch den Sport erfasst, und das Fitness- und Gesundheitsbewusstsein hat Zuwächse an kommerziellen Sportanbietern hervorgebracht, welche den Kunden das persönliche Wohlbefinden, als einer zunehmend auf Spaß und Freizeit eingestellten Gesellschaft und frei von Vereinszwängen, anbietet; dabei wird immer wieder auf neue Sportarten zurückgegriffen, die zum Teil mit Erlebnis- und Thrill bedürfnissen korrelieren, die sogenannten Trend- und Risikosportarten (vgl. OPASCHOWSKI, 2000, S. 57ff.).
Das in der Gesellschaft weit verbreitete Sportinteresse besteht nun seit einigen Jahrzehnten, sodass man konstatieren kann, dass sich derzeit lediglich Interessensverlagerungen innerhalb sportspezifischer Umfelder in der Bevölkerung manifestieren. Bereits 1956 ging PLESSNER in seinem Aufsatz „Die Funktion des Sports in der industriellen Gesellschaft“ prägnant auf die Entwicklung dieses Massenphänomens, in seiner parallel zur Industrialisierung verlaufenden Genese, ein.
Nach seiner Ansicht erfüllt der Sport vor allem den Drang nach Bewegung und Selbstverwirklichung in einer zunehmend anonymisierten, intellektualisierten, zivilisatorisch und industriell begründeten Einengung des Einzelnen. „Darum tendieren die Bedürfnisse nach Erholung und sozialem Kontakt, nach Aggression und Spiel, nach Wettstreit und Selbstbestätigung, nach Heldenverehrung zur Öffentlichkeit und finden ihre Erfüllung im Sport. Er kann sie alle integrieren und in irgendeiner Weise auffangen und erfüllen“ (PLESSNER, 1956, S. 154).
Auch BOURDIEU (1986) erkennt, dass viele Menschen dem Sport positive Werte abgewinnen und ihn dementsprechend nutzen; in einer differenten Kategorie jedoch, von ihm als „Sportshow“ definiert, sieht er Sport und dessen Produktion als Massenware, ja „als Branche des show-business“ (S. 101), die einem vielfältigen und breitgefächertem Publikum, moderne Technologien nutzend, eine Ware via Fernsehgerät verkauft.
Große Teile dieses Publikums, so BOURDIEU weiter, zu denen auch die sogenannten »Fernsehsportler«[12] gehören, widmen sich dabei weniger der Virtuosität einer sportlichen Technik oder begreifen dargebotene taktische Finessen im Sinne des die Materie durchschauenden Kenners. In ihrer Position als Sportlaien, verfügt dieser große Teil des Sportpublikums nicht über „Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata“ des Dargebotenen und ist gegenüber „Feinheiten, Nuancen und Subtilitäten“ der sportlichen Darbietung nicht empfänglich:
Je oberflächlicher eine Wahrnehmung ist ..., umso weniger vermag sie sich an der Darbietung an sich zu ergötzen, umso mehr greift sie nach dem »Sensationellen«, huldigt sie den Kult der sichtbaren Leistung und Virtuosität, umso vehementer und ausschließlicher heftet sie sich an jene andere Dimension des Sportspektakels: Spannung und Bangen ums Resultat (BOURDIEU, 1986, S. 102).
Das Massensportspektakel nimmt also durch das große, zunehmende Interesse eines wie auch immer gearteten, den medial konsumierbaren Sport aber nutzenden Publikums immer mehr an gesellschaftlicher Relevanz zu, wobei anscheinend Prädispositionen bei einem großen Zuschaueranteil vorhanden sind, Spannungsmomente zu erleben, die eng gekoppelt mit dem Resultat zu sein scheinen.
Dieses spezifische Etwas des Sportspektakels, das Medien und Öffentlichkeit ein dermaßen enthusiastisches Interesse bereitet und diese Resonanz hervorruft, stellt ECO (1986) auf einer bewusst naiven – dennoch anthropologisch fundierten, Sport als Spiel, als zweckfreien Sport deutenden – Interpretationsebene folgendermaßen dar: „Wenn ich ein Stein werfe, aus purem Vergnügen am Werfen, nicht um irgendein nützliches Ziel zu erreichen [so ist das Spiel; wenn] während ich werfe, ein anderer neben mich tritt, um ihn noch weiter zu werfen, nimmt das Spiel die Form des »Wettkampfes« an.“ (S. 187) Die Herausstellung eines Über- und eines Unterlegenen, welche in Konkurrenz zueinander, um das ideell Wertvolle, den sportlichen Sieg kämpfen, wird explizit – als ein tragendes Moment des Spannung erzeugenden Wettkampfes und den an ihm interessierten gesellschaftlichen Gruppen – zu untersuchen sein.
Im Zusammenhang mit „dem Verlangen nach größtmöglicher Stei-gerung der Leistungsbilanz (gemessen an errungenen »Siegen«, »Titeln«, »Rekorden«)“ (BOURDIEU, 1986, S. 106) entwickelt sich der Wettkampf zusammen „mit einer expandierenden ... Sportveranstaltungsindustrie“ (a.a.O.), welche sich wiederum auf „Spekulationen und Märkte, Börsen und Transaktionen, Verkaufsstrategien und Konsumzwänge“ (ECO, 1986, S. 189) begründet. An dieser Stelle wird demnach das Wirtschaftsmoment in die Diskussion einzubinden sein.
BLÖDORN (1988) subsumiert die genannten Momente unter dem Begriff des Magischen Dreiecks, wonach Sport, Fernsehen und Kommerz in einer interdependenten Koalition walten, die sich peu à peu seit Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat; aus dem großen öffentlichen Interesse erst hervorgegangen, resultiere nach seiner Ansicht daraus eine politische, wirtschaftliche und innerstrukturelle Erpressbarkeit für den Sport (vgl. BLÖDORN, 1988, S. 117). Diese kann im Sinne der zu bearbeitenden Thematik nicht ohne Konsequenzen auch und vor allem für den sportlichen Akteur bleiben.
Hierbei wird die Kommerzialisierung des Sports als ein Prozess zu interpretieren sein, der zunächst von politischen und erst anschließend von wirtschaftlichen Interessen initiiert und gelenkt wurde. Im Sinne ECOs metaphorischer Wettkampfdeutung müssen diejenigen Kriterien herausgestellt werden, welche eine stetig zugenommene Leistungsentwicklung und -maximierung im Sport, bis hin zu Doping, begründet haben.
Resümierend: Die Involvierung eines massenhaften Publikums –zumal einer millionenfachen Vervielfältigung durch das Fernsehen – und die finanzielle, auch politisch bedingte Interdependenz zwischen Wirtschaft und Spitzensport[13] umgeben den sportlichen Akteur. Dieser gelangt hierdurch in eine für den einzelnen Beobachter diffizil zu interpretierende, dem Hochleistungssport aber de facto immanente und strukturell hervorgebrachte zwangs- und anspruchsbehaftete Stellung.
Diese Strukturen stellen sich bei der Analyse des eventuellen Griffs des Athleten zu leistungssteigernden Mitteln und Methoden als äußerst relevant heraus, da sie wohlmöglich die externen, von außen auf den Spitzensportler einwirkenden Hauptmomente darstellen, welche wohlmöglich seit Jahrzehnten für eine ständige Steigerung des Leistungs- oder Anspruchsniveaus [14] verantwortlich zeichnen.
Die durch die vielfältig angedeuteten systemischen Interdependenzen hervorgebrachte prekäre Situation, in der sich der Spitzensportler befindet, lässt sich vor diesem Hintergrund, vorwegnehmend und auf die Sachthematik bezogen, folgendermaßen darlegen:
Doping kann nicht als eine zufällige Aggregation von Einzelfällen, sondern muß als eine Alterserscheinung der Sportentwicklung gewertet werden. Die fortschreitende Vergesellschaftung des Spitzensports als Folge einer Ökonomisierung, Politisierung, Verwissenschaftlichung und Medialisierung leistungssportlichen Handelns hat offensichtlich zu Überforderungserscheinungen auf der Akteursebene geführt.. (BETTE, 1999, S. 225)
Erst vor diesem Hintergrund erscheint es notwendig und legitim an den einzelnen Spitzensportler heranzutreten, der in diesem diffusen Geflecht stehend, anscheinend spezielle Motivationen und Einstellungen erfahren hat, unsportliche Verfahren[15] anzuwenden, um Wettkampfvorteile zu erzielen.
In Deutschland haben unterschiedliche Umfragen immer wieder hervorgehoben, dass der Profifußball die größte Popularität in der Bevölkerung besitzt – dies gilt wohlmöglich für fast alle europäischen Gesellschaften und wahrscheinlich für die meisten Länder mit eigenem Fußballverband; die soeben zu Ende gegangene Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea hat verdeutlicht, wie ungeheuer groß auch dort der Enthusiasmus sich äußert.
Eine im Jahre 1998 durchgeführte Studie der UFA-SPORTS GmbH sollte hierzulande den Marktwert des Profifußballs feststellen; als Repräsentativ-Befragung wurde deutlich, dass „rund 47 Millionen aller Deutschen über 14 Jahre und damit fast drei Viertel der Bevölkerung sich für Fußball interessieren“ (SCHAFFRATH, 1999, S. 22).
Dass der Fußballsport auch die am häufigsten verbandsgebundene und praktizierte Sporttätigkeit im Lande ist, verdeutlichen die Zahlen der im Deutschen Fußball Bund (DFB) organisierten, knapp 6,2 Millionen Mitglieder in den ca. 27 tausend Fußballvereinen (vgl. a.a.O.).
Nach den Olympischen Sommer- (77%) und Winterspielen (75%) stehen die Fußball-Weltmeisterschaften (74%) an dritter Stelle der beliebtesten großen Sportevents; Fußball ist für 35% der Bevölkerung, also für 22,3 Millionen Menschen, ihre Präferenzsportart im Fernsehen, gefolgt von Tennis an zweiter Stelle mit “nur“ 14% (8,5 Mio.) Interessierten-Anteil. Auf die Frage, welches Medium zur Information über Fußball genutzt wird, nennen 34,7 Millionen Interviewte (34,7%) an erster Stelle das Fernsehen und 4,3 Millionen (7%) an zweiter Stelle die lokale Tageszeitung (vgl. a.a.O. S. 23ff.).
Aus diesen Gründen, und dies wird im Verlauf der Arbeit ersichtlich, bietet sich also zum Einen der Profifußballsport – als eine besonders professionalisierte und kommerzialisierte Sportart – an, immer wieder in Betracht gezogen zu werden; außerdem existieren hierzu auch vielfältige Beiträge und Berichte in der themenspezifischen Literatur, welche sachfundierte Exzerpte ermöglichen.
Zum Anderen werden die Olympischen Spiele und deren Ausrichter, das Internationale Olympische Komitee (IOK), in diesem und einem anderen Sinne, ebenso von Interesse sein. Auch hier spricht die weltumspannende Rezeption für das bestehende, globale Interesse. Vor allem aber auch die nach außen transportierten Ideen und Idealen des Olympischen Geistes, können der Thematik dienlich sein. Diese Sinngehalte, unter dem Begriff Olympismus subsumiert, werden traditionell mit dem Namen Pierre de Coubertin verbunden; sie spielen eine nicht unwesentliche Rolle bei der Kommerzialisierung des internationalen Spitzen- sports. Inwieweit sie mit politischen und wirtschaftlichen Kontexten kompatibel gemacht wurden, wird sich noch herausstellen.
Die empirisch fundierte Diskussion des konkreten Problemfeldes Doping erweist sich dabei prekärer. Doping stellt einen dubiosen Bereich zwischenmenschlicher Interessenskonstellationen dar, der allzu häufig mit Lügen, Täuschungen, Neutralisierungsrhetoriken und zweifelhaften Argumentationsgängen der unterschiedlichen Akteure behaftet ist, zumal der finanziellen Hochkostensituation, in der es systemspezifisch passiert. Empirische Feldforschung erweist sich in der Dopinganalyse dementsprechend als Mangelware. Aus diesem Grund werden modelltheoretische und idealtypische Überlegungen in den Vordergrund gestellt, welche gleichwohl sich einer empirischen Analytik definitiv nicht einzuordnen vermögen; den sportsoziologischen roten Faden stellt dabei in erster Linie das Werk „Doping im Hochleistungssport“ der Autoren Karl-Heinrich BETTE und Uwe SCHIMANK (1995) dar.
Dabei werden die oben bereits angedeuteten zwischengesellschaftlichen Zusammenhänge sozialwissenschaftlich unter die Lupe zu nehmen sein, weswegen relevante Umfeldakteure und ihre eigene Sicht zu gewichtigen Teilthematiken untersucht und relativierend gedeutet werden müssen; Politiker, Medienmacher, Firmen- und Vereinsmanager und natürlich Sportler werden zur Rede kommen und Gehaltvolles zur Verfügung stellen.
Unter der Prämisse, dass „jede sportliche Handlung sozialer Natur ist“ (ALFERMANN, 1993, S. 67), wird der zu untersuchende Gegenstandsbereich als soziales Konstrukt zu interpretieren sein. Dies ermöglicht eine losgelöste Betrachtung von Wirkungszusammenhängen, welche die an ihnen Beteiligten unterschiedlich wahrnehmen und unterschiedlichen Motivationslagen der Akteure und deren Informationsverarbeitung unterliegen (vgl. a.a.O., S. 69).
Da gerade Doping einen Sachverhalt darstellt, bei dem „keineswegs von vornherein klar ist, daß alle dasselbe darunter verstehen“ (BETTE/SCHIMANK, 1995, S. 143), wird es Ziel der Arbeit sein, Sinnzusammenhänge zwischen den einzelnen Bereichsakteuren herzustellen und die Konstruktion der sozialen Welt, zu der auch das Doping(kons- trukt) gehört, zu verdeutlichen; sportsoziologische, -politische, -psycho- logische sowie -pädagogische Aspekte rahmen die Arbeit dementsprechend synthetisch ein.
Demnach wird im ersten Kapitel eine Einführung in das Thema Doping gegeben. Das Dopingphänomen soll einerseits historisch betrachtet und andererseits soll seine Etablierung in der Gegenwart in definitorischer Hinsicht dargelegt und in medienpolitischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Belangen diskutiert werden.
Anschließend wird im zweiten Kapitel der Hochleistungssport ausführlich analysiert. Dies führt über die Genese der englischen sports ab dem 19. Jahrhundert zu bereits wichtigen Kriterien und Voraussetzungen für die gegenwärtigen Strukturen des modernen Hochleistungssports, welche dann systemtheoretisch weiter spezifiziert werden.
Die bereits ansatzweise unter dem Schlagwort des Magischen Dreiecks erarbeiteten Zusammenhänge werden im dritten Kapitel konkreter ausformuliert und gedeutet, wobei unterschiedliche gesellschaftliche Teilgruppen und deren Interessen am Spitzensport zur Sprache kommen werden; der Kommerzialisierungsprozess wird dabei in seiner historischen Genese untersucht, welche chronologische Parallelitäten zu den in den anderen Kapiteln bearbeiteten Teilthematiken aufzuweisen vermag. Das aktuelle Insolvenzverfahren der Kirch Media - Gruppe sowie der bereits vonstatten gegangene Konkurs der weltweit größten Sportagentur ISL ermöglichen spezifische Deutungen innerhalb des Sachverhaltes.
Zuletzt wird sich das vierte Kapitel mit dem Hauptakteur und seinen Motiven auseinandersetzen. Es kommen Sportler zur Sprache, die gedopt haben, und es werden Motive herausgestellt, die sich verstärkend auf Dopingeinnahme auswirken. Der idealtypische Verlauf eines Dopingskandals im Sinne der Abbildung 1 (vgl. S. 7) erstreckt sich über den Grossteil des Kapitels und wird dabei in die als Relativierung des Dopingphänomens konzipierte Schlussdiskussion eingebunden, bevor letztlich erzieherische Leitsätze zur adäquaten Problembewältigung beigesteuert werden.
Abschließend sei darauf verwiesen, dass aufgrund des Leseflusses grundsätzlich die männliche Form verwendet wird; lediglich bei konkreter Behandlung einer weiblichen Akteurin wird die weibliche Form benutzt. Grundsätzlich werden jedoch mit der männlichen Schreibweise sowohl weibliche als auch männliche Vertreter gemeint sein.
Zunächst soll eine deskriptive Analyse dessen, was Doping charakterisiert, eine kurze Einführung in dieses Phänomen ermöglichen.
Da sich, wie noch zu sehen sein wird, der Versuch, eine allgemeingültige Definition von Doping zu erstellen als äußerst prekär darstellt, bietet es sich zunächst an, einen kurzen historischen Abriss einer ähnlichen Thematik darzulegen. Aus dieser soziogenetischen Perspektive heraus, wird das heutige Dopingphänomen als ein die Menschheitsgeschichte begleitendes Lebensmuster erkennbar, aus welchem wiederum die moderne Problematik ersichtlicher zu werden vermag.
Anschließend sollen unterschiedliche definitorische Formen und ein chronologischer Verlauf des Dopingphänomens eine Interpretation in bürokratischer, wissenschaftlicher, rechtlicher und gesellschaftlicher Hinsicht ermöglichen.
Die Geschichte des Sports weist seit jeher Phänomene auf, die denen der heutigen Zeit ähneln; nicht nur Skandale um die Sportler und Korruption im Sport,[16] auch die “Vorläufer“ des modernen Dopings – heutzutage allgemein als die intentionale Einnahme bestimmter Substanzen oder die Verwendung entsprechender Methoden zur Erzielung einer Leistungs- steigerung im Sport gedeutet – sind kulturhistorisch belegt.
HOBERMAN (1994) bestätigt dies mit folgender Aussage, deren wissenschaftliche Gehalt weiter vorne sich noch bestätigen wird: „Wenn Doping definiert wird als die Bereitschaft, die modernsten leistungssteigernden Techniken einzusetzen, dann praktizierten die Griechen ihre eigene Version von Doping“ (S. 125). Im 3. Jahrhundert vor Christus, so die Überlieferung des Gelehrten Philostratos und des Arztes Galen, wurden unter anderem Stierhoden mit dieser Intention verzehrt (vgl. COURT/HOLLMANN, 1998, S. 98). Es sind also bereits die griechischen Spiele der Antike, die für eine der ersten dokumentierten Substanzeinnahmen zwecks Steigerung sportlicher Leistung verantwortlich zeichnen.
DIEM (1971) berichtet von den Tarahumara-Indianer, einem in Mexiko angesiedelten Stamm, dass sie während ihrer seit dem 15. Jh. bekannten sportlichen Läufe – sie legen auch heute noch bei diesen Nonstop-Kultrennen 200 km in 24 Stunden zurück – mehr als hundert unterschiedliche Mittel zu sich nahmen; neben Nahrungsmitteln auch die dem Strychnin ähnliche Stimulanz der Peyote -Wurzel und angeblich auch eine Mischung aus getrockneten Schildkröten und Fledermausblut (vgl. S. 57ff.).
Tierorgane insgesamt sind in diesem Zusammenhang schon immer sehr beliebt gewesen, weil davon ausgegangen wurde, dass die positiv assoziierten “animalischen“ Kräfte auch beim Menschen aufkämen. So war man etwa der Überzeugung, dass „der Mut des Löwen in seinem Herz lokalisiert sei, und durch den Verzehr dieses Organs hoffte man, diesen Mut auf sich übertragen zu können“. (WILLIAMS, 1990, S. 18)
Auch die Helden der europäischen Volksmythologien bedienten sich unlauterer Maßnahmen, die durch List und Hinterhalt Vorteile erbringen sollten. Es findet sich etwa im Nibelungenlied den von Siegried höchst unfair verfochtenen Kampf, bei dem er König Gunther, dank seiner Tarnkappe unsichtbar, gegen Brünhilde erfolgreich zur Seite stand (In: SCHNYDER, 2000, S. 70).
Die Spezies Mensch, das zeigt die Evolution, hat trotz ihrer anthropologisch begründeten Außenseiterrolle in der Natur nicht zuletzt wegen seiner List und seines Verstandes überlebt:
Die Sagen und Legenden der Menschheitsgeschichte wimmeln von Beschwörungen, die im Grunde alle nur den einen Zweck haben: sich eines Vorteils zu versichern, den der andere nicht hat. Der Mensch erscheint geradezu als ein Vehikel böser und guter Geister, und es geht darum, die richtigen rechtzeitig auf seiner Seite zu haben. (UMMINGER, 1972, S. 16)
Der Urmensch leitete sein Leben, sein Dasein vom Wohlwollen der Götter ab, die über die Fruchtbarkeit der Felder, die Naturgewalten, den Erfolg bei der Jagd und über die Gegner und Feinde bestimmten; im religiösen Zusammenhang dienten die damaligen kultischen Urformen des Sports und der Leibesübungen dem Überleben und der Beeinflussung der Wirklichkeit (vgl. DIEM, 1971, S. 4ff.). Dieser Aspekt wurde durch den Verzehr vermeintlich heilbringender Nahrungsmittel und sonstiger Substanzen und Stoffe unterstützt.
Wenngleich nun ein geschichtlich belegter ähnlicher Sachverhalt zu den heutigen Praktiken erkennbar wird, so darf dies nicht darüber hinweg täuschen, dass die aktuelle Dopingproblematik ein Phänomen der modernen Gesellschaft ist, „das erst im Zusammenhang mit der beginnenden Etablierung des modernen, professionellen Sports an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und durch eine neuartige, damit einhergehende Verflechtung medizinischer, juristischer und sportethischer Diskursstränge“ entstand (SCHNYDER, 2000, S. 73).
Die etymologisch genaue Herkunft des Begriffs Doping ist bislang ungeklärt; de facto erscheint das Wort erstmalig 1869 in einem englischen Wörterbuch (vgl. COURT/HOLLMANN, 1998, S. 98).
Wahrscheinlich stammt der Begriff aus einem Zulu-Dialekt von südostafrikanischen Eingeborenen ab, die ihren dop, einen einheimischen harten Schnaps, während kultischer Feiern als Stimulanz zu sich nahmen (vgl. PROKOP, 1972, S. 23). Vollständig in diese Richtung lässt sich Doping jedoch nicht zurückverfolgen, da das englische Verb to dope und das davon abgeleitete Partizip doping auch mit Flüssigkeit, Dummkopf und Information in Zusammenhang gebracht werden kann (vgl. SCHNYDER, 2000, S. 73ff.).
Nachdem der Begriff im 19. Jahrhundert in Europa Einzug fand, sollte er vor allem mit dem Pferdesport[17] in Zusammenhang gebracht werden, in dem schon seit längerer Zeit eine Mischung aus Opium und Narkotika Anwendung fand; von dort übertrug er sich auch auf den (menschlichen) Sport.
Im Jahre 1886 verzeichnet man den ersten, von derartigen Substanzen provozierten Todesfall.[18] Zu diesem Zeitpunkt soll es schon seit mindestens drei Jahrzehnten bekannte Dopingfälle gegeben haben; besonders beliebt dabei seien Koffein, Äther, Alkohol und Nitroglyzerin gewesen, so PROKOP (1972, vgl. S. 22). Anfang des letzten Jahrhunderts entwickelte man die ersten Untersuchungsmethoden zur Analyse von Speichelproben und kurze Zeit später wurde das Pervitin im weitesten Sinne im zivilen Leben eingenommen.[19]
In den 1950er Jahren verläuft kaum ein Radrennen noch ohne Dopingskandal, und 1961 ergibt eine Umfrage in der italienischen Fußball-Liga, dass 27% aller kontrollierten Spieler Amphetamine einnehmen; währenddessen sterben immer mehr Spitzensportler an den Folgen exzessiven Pharmakagebrauchs, vor allem durch die Einnahme von Anabolika. Zu dieser Zeit weist der Dopingmissbrauch bereits einen massenhaften Charakter auf; viele populäre Athleten sollen jedoch nicht durch Kontrollen diskreditiert werden (a.a.O.).
Gleichzeitig und zunächst vorrangig von Ärzten angeregt, entsteht erstmalig bei nationalen Sportverbänden und unterschiedlichen internationalen und politischen Institutionen Handlungsbedarf, um das Problem energisch zu bekämpfen.
In Deutschland kann im juristischen Sinne ab 1977 von Doping gesprochen werden, als der Deutsche Sportbund (DSB) seine Grundsatzerklärung für den Spitzensport postulierte und Anabolika verbot (vgl. HOLLMANN/HETTINGER, 2000, S. 537): „Die deutsche Sportbewegung ... lehnt jede medizinisch-pharmakologische Leistungsbeeinflussung und technische Manipulation am Athleten zum Zwecke der Leistungssteigerung ab“ (In: HAAG u.a., 1991, S. 42), so die vorläufige Definition.
Der angedeutete Handlungsbedarf auf internationaler Ebene äußerte sich zunächst in dem Versuch, eine Definition des Sachverhaltes aufzustellen und das Wesen von Doping begrifflich zu erfassen.
Der Grad der Problematik dieses definitorischen Vorgehens manifestiert sich bis dato, da die Begriffsbestimmung nicht nur zunächst inhaltlich verändert wurde, sondern auch formell bis heute modifiziert bzw. erweitert wird.
Ein früher Versuch einer definitorischen Zusammenfassung dessen, wodurch sich das Wesen von Doping charakterisieren lassen könnte, stammt aus dem Jahre 1952 vom Deutschen Sportärztebund:
Die Einnahme eines jeden Medikamentes - ob wirksam oder nicht - mit der Absicht der Leistungssteigerung während des Wettkampfes eingenommen, ist als Doping zu betrachten. (In: SEHLING u.a., 1989, S. 18)
Ausgehend von der zunehmenden internationalen Relevanz des Phänomens nahm sich einige Jahre später, genauer 1963, auch der Europarat dieses Problems an und stellte in Madrid eine umfassendere Definition auf:
Doping ist die Verabreichung oder der Gebrauch körperfremder Substanzen in jeder Form und physiologischer Substanzen in abnormaler Form oder auf abnormalem Weg an gesunde Personen mit dem einzigen Ziel der künstlichen und unfairen Steigerung der Leistung für den Wettkampf. Außerdem müssen psychologische Maßnahmen zur Leistungssteigerung des Sportlers als Doping angesehen werden. (In: a.a.O.)
Zu diesem Zeitpunkt kennzeichnet sich das Phänomen Doping vor allem noch durch seine latente Existenz und seine institutionelle Juvenilität aus. Nationale und internationale Verbände und Institutionen versuchen anhand der Definitionen rechtliche Vorgehensweisen zur Eindämmung des Problems zu statuieren. Chemisch-analytische Schwierigkeiten verhindern zunächst noch effektive Nachweismethoden, und die Absenz konkret definierter und als Dopingsubstanzen deklarierter Wirkstoffe erschweren die Einführung von das Problem eindämmenden, systematischen Kontrollen.
Diese analytischen Schwierigkeiten wirkten sich auch in juristischer Weise negativ aus, weswegen schon früh eine tendenzielle Neigung einsetzte, von den bisher dargestellten Wesens definitionen zu den enumerativen, verbotene Substanzen aufführenden Listen überzugehen, mit denen die rechtliche Handhabbarkeit mit gedopten Sportlern verbessert werden sollte (vgl. BETTE/SCHIMANK, 1995, S. 157).
Die Konsequenz besagter Schwierigkeiten manifestiert sich seit Ende der 1960er Jahre in einer zunehmend deklarierenden Form der Auflistung unterschiedlicher Wirkstoffe und Methoden, welche bis in die Gegenwart hinein konsistent geblieben ist.
Dazu gehört auch die seit 1968 bestehende und international anerkannte Liste der Medizinischen Kommission des IOK, welche – zwischenzeitlich formell verändert und quantitativ immer weiter ausgedehnt[20] – komplementär zur pragmatischen Richtlinie, dass Doping als „die Verwendung von Substanzen aus den verbotenen Wirkstoffgruppen und die Anwendung verbotener Methoden“ (In: DONIKE, 1996, S. 5) anzusehen sei, derer folgende aufweist (vgl. Tab. 2, S. 23):
Tab. 2: Übersicht über die verbotenen Wirkstoffgruppen und Methoden des IOK; Stand September 2001 (Vgl. : WADA, 2001, o.S.)
Jeder einzelnen Wirkstoffgruppe werden hierbei unterschiedliche konkrete Substanzen untergeordnet[21] und unspezifizierte, ähnlich konzipierte Abkömmlinge bzw. analoge Mittel[22] ebenso für verboten erklärt.
Die Erfassung von Substanzen erfolgt vorwiegend durch mittlerweile sehr genaue Kontrollen des Urins, primär auf massenspektrometischer oder gaschromatographischer Basis (vgl. HOLLMANN/HETTINGER, 2000, S. 538). Für einige Substanzen gelten Grenzwerte, deren Überschreitung einen positiven Befund darstellen (z.B. Koffein: 12 µg/ml Urin).
Mit diesen Dopinglisten wird eine normative Verhaltensstruktur vorgegeben, deren Übertritt als Devianz festgelegt wird, also als ein Ver- gehen bestehender Regelungen und Gesetze. Dopingkontrollen stellen in diesem Zusammenhang die Überführungsmethode dar, die eine nachträgliche Bestrafung verantwortbar gestalten; andererseits soll das Wissen über die Möglichkeit der Taterwiesenheit durch eine Kontrolle auch abschreckend und somit erziehend wirken (vgl. DONIKE, 1986, S. 409f.). Diese Kriterien stellen den eigentlichen Sachverhalt des gegen- wärtigen Dopingbegriffs dar – einen Tatbestand im Sinne einer Regelübertretung innerhalb eines gesellschaftlichen Subsystems.
Eine während der 20. Olympischen Sommerspiele 1972 in München an den teilnehmenden Sportlern durchgeführte Befragung hinsichtlich des Gebrauchs von Anabolika ergab, dass 68 Prozent aller Olympioniken diesen Wirkstoff einnahmen, was jedoch ohne Folgen blieb, da wegen des Gebrauchs dieser Substanz noch keine Sperren ausgesprochen wurden (vgl. KRÜGER, 2000, S. 16).
Was sich bereits für diesen Zeitpunkt als symptomatisch für das Dopingphänomen erweist, ist die Tatsache, dass Substanzen erst dann als Doping deklariert und verboten werden, nachdem sie zum Einen bereits seit längerer Zeit vorhanden und von den Sportlern verwendet wurden und zum Anderen dies meist dann erfolgen kann, wenn chemisch-analytische Verfahren die genaue Bestimmung des entsprechenden Stoffes erst garantieren und somit eine rechtlich fundierte Vorgehensweise im Hinblick auf die Sperren der Athleten voraussetzbar machen.
Aus der folgenden Tabelle wird ersichtlich, dass viele Sportler über eine lange Zeitspanne diese Konstellation nutzen konnten und noch können, da sie in dem Wissen, dass ihre neusten Substanzen nicht analytisch erfassbar sind, zunächst auf institutionell-juristischer Ebene unbedrängt und risikofrei agieren können.
Tab. 3: Zeitlicher Abstand zwischen dem ersten Gebrauch eines Dopingmittels im Spitzensport und dem ersten offiziellen (biochemisch und juristisch abgesicherten) Nachweis eines Verstoßes (vgl. SINGLER/TREUTLEIN, 2000, S. 244)
Wurden nach Einführung der Testproben in der BRD höchstens tausend solcher Kontrollen im Jahr durchgeführt, ist deren Zahl, nachdem bereits seit 1990 auch Trainingskontrollen durchgeführt werden, im Jahre 1999 mit 4.271 Trainings- und 3.525 Wettkampfkontrollen dokumentiert.[23] Die Gesamtausgabe für die Dopingbekämpfung beträgt zur Zeit in Deutschland jährlich ca. 2,1 Millionen Euro; der Bund lässt der Förderung der Dopinganalytik und -forschung dabei rund 1,2 Millionen Euro zukommen. Die restlichen 920.000 Euro werden von den Sportverbänden und der Anti-Doping-Kommission (ADK) aufgewendet (vgl. DOPING-SYNOPSE, 2000, S. 9).
Für die entscheidenden Kriterien der Abnahmeprozedur – diese beziehen sich etwa auf „die Auswahl der Athleten, ... die Analytik, die Behandlung von positiven Fällen einschließlich der Vorschriften für die Gegenanalyse und Sanktionen“ (DONIKE, 1996, S. 47) – existieren genaue Reglements. Diese sind von der Medizinischen Kommission des IOK vorgegeben und die Nationalen Komitees sowie die beauftragten Labors haben sich daran zu halten – insofern erscheinen Dopingkontrollen und deren Befunde auf den ersten Blick als relativ sicher und effizient in ihrer Durchführung und deren Ergebnissen.
Bedenkt man jedoch, dass bei tausend Kontrollen – zumindest gilt dies für Anabolika – die Wahrscheinlichkeit von sechs falschen positiven Befunden in Betracht zu ziehen sind (vgl. SCHNYDER, 2000, S. 16), können in Bezug zur hohen Gesamtzahl der Kontrollen auch viele Sportler als fälschlicherweise verurteilt angesehen werden.
Unterschiedliche Fälle weisen darauf hin, dass aufgrund fehlender Kompetenz die Abnahmeregeln nicht korrekt eingehalten wurden und falsche Kontrollergebnisse durch die untersuchenden Laboratorien und ihren Mitarbeitern zu Stande gekommen sind; als Beispiele hierfür seien die Leichtathletin Sandra Gasser (CH) und die Mittelstreckenläuferin Diane Modahl (GB) genannt[24].
Ein positiver Befund eines Dopingtestes kann nicht mit einem juristischen Fehlurteil in einem strafrechtlichen Prozess verglichen werden, bei welchem dem Verurteilten Jahre seines Lebens, oder gar in manchen Ländern das Leben überhaupt genommen wird; da jedoch auch die Dopingeinnahme als deviantes Verhalten postuliert, sollten demzufolge klare Gesetze existieren, die international auf ein Minimum miteinander abgeglichen werden; de facto sind Dopingrichtlinien en masse vorhanden, jedoch erscheinen sie gerade deshalb sehr undurchdringlich, da sie international verschiedenartig in Bestimmungen und Gesetzten sich ausgeprägt haben.
Während zum Beispiel in Frankreich, Italien oder Australien Gremien und Ausschüsse mit eigenen Erlassen aus politischer Initiative heraus konstituiert wurden, wird das Problem Doping im Hochleistungssport in Deutschland – ohne dies qualitativ-juristisch werten zu wollen –zum Einen nebenstrafrechtlich anhand des Arzneimittelgesetzes (AMG) gehandhabt; basierend auf dessen §2 (1) Nr. 5 werden hier diejenigen chemischen Substanzen abgehandelt, die „überwiegend oral oder parenteral zur Leistungsförderung im Sport eingesetzt werden“ (THÖNNEßEN, 2000, S.28).
Zum Anderen muss das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) in denjenigen Fällen herangezogen werden, bei denen Dopingmittel entsprechende Substanzen implizieren. Entsprechender § 29 handelt sämtliche Modalitäten ab, die im Zusammenhang mit Anbau, Herstellung, Veräußerung, Abgabe, Erwerb etc. solcher Substanzen stehen (vgl. MEHLE, 2000, o.S.).
Zuletzt könnte Doping in den folgenden Punkten im Sinne des Strafgesetzbuches (StGB) einen Tatbestand darstellen, zumindest wird dies so diskutiert (vgl. a.a.O.):
- Vorsätzliche Tötungsdelikte, §§ 212, 211 StGB,
- fahrlässige Tötung, § 222 StGB,
- vorsätzliche Körperverletzung, ggf. mit Qualifikationen, §§ 223, 224 und 226 StGB, schließlich § 227 StGB Körperverletzung mit Todesfolge,
- fahrlässige Körperverletzung, § 230 StGB und
- Betrug, § 263 StGB (vgl. a.a.O.).
Die juristische Crux wird im Hinblick auf (vorsätzliche) Tötungsdelikte die zu erweisende Tatbeteiligung eines Dritten, etwa des applizierenden Arztes sein, da theoretisch eine juristisch als vermeintliche Selbsttötung des Athleten nach Dopingkonsum vorliegende Interpretation möglich ist und der faktisch involvierte Dritte seine Verantwortung von sich weisen könnte (vgl. SEHLING u.a., 1989, S. 142). Im Sinne des Selbstbestimmungsrechtes des Athleten kann die mögliche Selbsttötung rechtlich nicht als strafbar angesehen werden; strafbar ist lediglich die Tötung eines anderen. (vgl. MEHLE, 2000).
Der Sachverhalt des Betrugs am Zuschauer wiegt juristisch nicht schwer, liegt im Doping kein für den Tatbestand notwendiger Vermögensschaden vor. Abgesehen davon, dass bereits durch die mediale Präsenz und die Diskussion des Themas in der Öffentlichkeit der Zuschauer damit rechnen muss, dass Doping im Spiel sein kann, erwirbt er „mit seinem Eintrittsgeld einen Anspruch auf das Erlebnis eines Wettkampfes. Dass dieser nicht regelgerecht durchgeführt wird, begründet aus wirtschaftlicher Sicht für ihn keinen Nachteil“ (vgl. MEHLE, 2000), kann der Sportler deswegen nicht bestraft werden.
Es wird hier deutlich, dass eine klare rechtliche Ausformulierung von Doping, im Sinne eines strafrechtlichen Tatbestandes, noch nicht eindeutig vorhanden ist; neben den hier kurz angesprochenen Punkten gibt es eine Vielzahl rechtlicher Fragen, die offen bleiben müssen, sodass man zu folgendem Schluss kommt:
Das geltende deutsche Strafrecht kann nur in Ausnahmefällen bemüht werden, Interessenkonflikte zu lösen, die mit der Einnahme von Dopingmitteln entstehen. Denn die Anwendung von Strafrecht muss ultima ratio sein. Strafwürdigkeit und Strafbedürftigkeit sind hierfür unverzichtbare Voraussetzungen. Beides vermag ich nicht zu erkennen, wenn der erwachsene, in seiner Einsichtsfähigkeit nicht beschränkte und umfassend aufgeklärte Sportler zum Doping greift. (a.a.O.)
Hinsichtlich der Effektivität der Kontrollen wird häufig von jedweden Beteiligten, seien dies Sportler, Funktionäre oder Sportjournalisten, auf die „Kontrolldifferenz-Hypothese“ verwiesen, wonach deutsche Olympiamedaillen sauber seien, da eine außerordentliche Kontrollsituation im Lande herrsche (vgl. SINGLER/TREUTLEIN, 2001, S. 51).
Anhand des europäischen Profi-Fußballs jedoch, kann BERENDONKs (1992) These untermauert werden, wonach „in anderen Ländern die Kontrollen offensichtlich effektiver [sind], da dort bei weniger Kontrollen mehr Sünder erwischt werden“ (S. 302).
2001 wurden in Italien mehrere Fußballprofis, darunter namhafte internationale wie der Niederländer Edgar Davids (Juventus Turin) oder der Portugiese Fernando Couto (Lazio Rom), des Dopings überführt und suspendiert (vgl. SCHNOBER-SEN, 2001, S. 338). Im Jahre 1998, in der Saison vor der Weltmeisterschaft, wurden in Frankreich acht Erstligaspieler aktenkundig; hierzulande halten sich die Kontrollergebnisse dagegen in suspekter Art zurück – zuletzt ist 1998 der Fall des Bochumers Thomas Ernst zu verzeichnen (vgl. EICHLER, 2000, S. 201).
Dieser Vergleich erklärt wohlmöglich, warum auch die Öffentlichkeit in Deutschland lediglich zu 31 Prozent annimmt, dass im Profifußball gedopt werde, während in Frankreich 90 Prozent diese Meinung vertreten (vgl. KRÜGER, 2000, S. 26). Wie im nächsten Abschnitt noch zu sehen sein wird, hängt dies in starkem Maße von der jeweiligen Medienlandschaft des Landes und deren Umgang mit der Dopingproblematik nach außen ab (vgl. a.a.O.).[25]
„Dopingfälle im Fußball sind seltene Einzelfälle“ wird der Schweizer Joseph Blatter, umstrittener und dennoch kürzlich wiedergewählter Präsident des Weltfußballverbandes FIFA 1998 diesbezüglich zitiert (In: VENUTTI, 2000, S. 130). Er ignoriert dabei oben besagte Fälle, um den Mythos vom dopingfreien Fußball zu verstärken; dabei dürfte ihm nicht entgangen sein, zumindest unterstellte dies der Rang und die Aufgabe seines Amtes, dass schon zuvor etwa Franz Beckenbauer 1977 über Bluttransfusionsversuche beim F.C. Bayern München berichtete, Toni Schumacher in seiner 1987er Veröffentlichung »Anpfiff« sein Coming out darstellte oder Diego Armando Maradona 1994 der Ephedrin-Einnahme überführt wurde.
Auch der damalige Fußballnationalspieler Paul Breitner befand Ende der 1980er Jahre in einem Spiegel -Interview: „Das ist nun einmal ein Thema [das Doping, der Verf.] in der Bundesliga – bei allen. Entweder die Profis machen es selbst, oder sie bemerken es bei Mitspielern und Gegnern ... Es ist deshalb verlogen, Doping abzustreiten. Das Aufputschen ist im Fußball genauso an der Tagesordnung wie in anderen Sportarten“ (In: BUDZISCH u.a., 1999, S. 38f). Im Juni 1999 gibt der französische Weltmeister und Spieler des Ex-Meisters Arsenal London, Emmanuel Petit in einem Interview in der englischen Zeitung The Mirror zu, dass einige seiner Berufskollegen unerlaubte Substanzen nehmen würden (vgl. PETIT, 1999, o.S.).
In diesem Zusammenhang müssen die in Deutschland relativ hohen Zahlen an Kontrollen also differenziert begutachtet werden;[26] es scheint nämlich so, als würden sich einige Verbände nicht nur selber kontrollieren (vgl. EICHLER, 2000, S. 202), sondern es wird auch „ein Pseudokontrolltheater mit Tausenden von negativen Testergebnissen vorgeführt. Gleichzeitig werden augenzwinkernd Lücken gelassen oder geschaffen“ (BERENDONK, 1992, S. 302), wozu etwa Vorankündigungen durch »Vorwarner« und das rechtzeitige Absetzen ins Auslandstrainingslager gehören (vgl. a.a.O., S. 306 ff.).
Die Entwertung von Kontrollproben oder die Mogelei bei deren Entnahme scheint dabei eine gängige Betrugspraxis innerhalb des (Doping-)Betrugs selbst zu sein, so der Kontrolleur Dr. Donike: 1991 stellt er etwa fest, dass der Harn in ca. 140 Proben (7%) der Trainings kontrollen einen deutlich geringeren Gehalt an den üblichen gelösten Stoffen aufweist. Diese geringere „Urindichte“ sei in den Wettkampf kontrollen nicht vorgefunden worden und stelle demnach, als „Urinpanscherei“, eine Manipulation an den Trainingskontrollen dar (In: a.a.O., S. 302).
Ähnlich mit Blatters Euphemismus ist der Umgang des IOK mit dem Dopingproblem; offizielle Verlautbarungen sollen die „aktive Vorreiterfunktion des IOK in der Dopingbekämpfung“ (KISTNER/ WEINREICH, 1996, S. 182) hervorstellen: „Unser Hauptziel besteht darin, junge Menschen vor tödlichen Gefahren zu schützen“ (In: WULZINGER, 1999, o.S.). So wird der ehemalige IOK-Präsident, der Spanier Juan Antonio Samaranch, im Spiegel anlässlich der im Lausanner Palais de Beaulieu im Februar 1999 stattfindenden „Conferénce Mondiale pour le Dopage“ zitiert. Die Veranstaltung solle, so der Redakteur des Spiegel weiter, Politikern und Sponsoren die Gründung der WADA, der mit 25 Millionen US-Dollar subventionierten Welt-Anti-Doping-Agentur des IOK vorstellen und Problembewusstsein und Handlungsstärke auf diesem Gebiet seitens des Komitees feststellen (vgl. WULZINGER, 1999, o.S.).
In diesem Zusammenhang wird vom Spiegel der Münchner Endokrinologe Christian Straßburger genannt, der erstmalig ein Verfahren zur Überführung des Gebrauchs künstlich hergestellter Wachstumshormone (HGH = Human Growth Hormone, die zur Gruppe der verbotenen Peptidhormone gehören) entwickelt hat. Dieses hätte bereits Anwendung bei den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sydney gefunden, wenn das IOK die letzten Verfahrensoptimierungen mit zusätzlichen 180.000 US-Dollar subventioniert hätte. Doch die WADA wiegelte, vertreten durch deren Medizinischen Direktor Patrick Schamasch ab. Die in Fachkreisen als Sensation gehandelten Erkenntnisse von Straßburger wurden ad acta gelegt (vgl. a.a.O.), wodurch höchstwahrscheinlich in Sydney einigen Athleten Sieg und Medaille ermöglicht wurde.
Man kann also feststellen, dass Verbände „mit frommen Regeln, Phrasen und Kampagnen vor allem eine skandalöse Außenwirkung“ (KISTNER/WEINREICH, 1996, S. 181) mit Doping erzielen und das bereits die Vergabe von „Dopingkontrollen ... ein lukratives Geschäft“ (KRÜGER, 2000, S. 21) darstellt. Hinsichtlich der neu organisierten WADA etwa gilt, dass so „manche Beobachter der Szene vermuten, daß viele Gelder wieder an Wissenschaftler fließen, die schon zum Inner Circle des IOK gehören“ (WULZINGER, 1999, o.S.), und mit diesen finanziellen Mitteln wenig Konstruktives erzielen. In manchen Fällen werden sie gar ein Fall für die Staatsanwaltschaft – dies zeigt etwa der Fall Conconi.[27]
Man beruft sich bei der Abhandlung von aufgedecktem Dopingmissbrauch vor allem auf bestimmte Ideale des Sports, welche ethisch fundiert sind.
Chancengleichheit und Fairness stellen dabei die prägnantesten Begriffe dar – auf diese wird konkreter noch im zweiten und relativierend im vierten Kapitel eingegangen – gegen die Dopingpraktiken verstoßen. Auch die bereits angesprochene Grundsatzerklärung für den Spitzensport des DSB (vgl. S. 22, Abschnitt 1.2) befindet hier, dass es die Spitzenleistungen des Leistungssports bejahe, dass aber auf einen humanen Sport auf allen Ebenen und auf die Wahrung der Chancengleichheit ebenso zu achten sei (vgl. HAAG u.a., 1991, S. 42).
Diese Haltung, wird durch den Sportjournalismus größtenteils übernommen und im Rahmen skandalöser Dopingaufdeckungen am betroffenen Sportler die Devianz in Form der Einzeltäterhypothese festgestellt; die Dopingfallmeldung als vereinzelte „Negativmeldung“ (vgl. SINGLER/TREUTLEIN, 2001, S. 53f.).
Die medialen Berichterstattungen spielen für die gesellschaftliche Bewertung von Doping eine nicht unwesentliche Rolle, da man eigentlich davon ausgeht, Sportjournalisten würden hier im Sinne einer journalistischen Aufklärungsarbeit tätig sein und am Dopingproblem journalistisch qualifizierte und sachliche Arbeit leisten. Meistens ist jedoch das Gegenteil der Fall.
Doping wird von den Journalisten aus deren Arbeit ausgeblendet; das Wissen um gedopte Sportler erschwert die journalistische Arbeit und wird deshalb im – Hinblick auf die noch näher zu untersuchenden Strukturen des Hochleistungssports – nur am Rande des sportlichen Wettkampfes kurz angesprochen, wenn überhaupt, um dem Zuschauer zu suggerieren, man nehme das Problem ernst und plädiere für einen sauberen, dopingfreien und fairen Sport, womit man sich gleichzeitig das Gewissen beruhigt (vgl. a.a.O., S. 49).
Da Sport, wie noch zu sehen sein wird, ein Marktgigant darstellt, an dem auch der Sportjournalist seine eigene Karriere orientiert hat, sehen sich viele in dieser Berufsbranche als Unterhalter des Zuschauers und weniger als komplexer Sachaufklärer der Gesellschaft (vgl. GÖRNER, 1995, S. 245ff.).[28]
Auf diese Weise machen sich Sportjournalisten für ein realitätsfremdes und verzerrtes Bild vom Spitzensport in der Gesellschaft verantwortlich, dessen fragwürdigen Entwicklungen in den Medien nur oberflächlich zur Sprache kommen können (vgl. a.a.O., S. 247).
Der Umgang mit dem Dopingphänomen in der Gesellschaft erschließt sich in diesem Zusammenhang als das in der Einführung angedeutete „soziale“ (BETTE/SCHIMANK, 1995, S. 143) bzw. „kulturelle Konstrukt“ (HOBERMAN, 1994, S.126), welches gleichwohl und primär durch die Art und Weise der Berichterstattungen in den Medien, unter Berufung auf ethisch nicht mit dem Sinn des Sports zu vereinbarenden Gedanken, erfolgt.
Die Medien, „die maßgeblich unser Wissen über die Welt, und damit auch über den Spitzensport und seine Probleme, bestimmen“ (BETTE/SCHIMANK, 2000, S. 92), bedienen sich dabei vornehmlich jener Themen und Informationen, die für den Rezipienten von Interesse erscheinen; die Beachtung durch den Zuschauer wird dann geweckt, wenn moralisierend und personalisierend Verfehlungen gegen Rechtschaffenheit im Sport festgemacht werden. Normverstöße durch Doping lassen sich moralisch aburteilen und an bestimmten Personen konkretisieren und stellen demnach Berichtenswertes dar, das „auf ein großes Interesse bei Zeitungslesern, Rundfunkhörern und Fernsehzuschauern“ (a.a.O., S. 93) stößt.
Hier klingt bereits eine durch wirtschaftliche Interessen zweckgelenkte Vermittlung eines vermeintlich sauberen Sports an, dass durch die Einzeltäterhypothese jedoch eine kontraproduktive und diametrale Wirkung auf eine verantwortungsbewusste Offenlegung hochleistungssportlicher Problemfelder ausübt. Insofern stellt man expressis verbis fest, dass „der Journalismus ... längst zum Teil des Dopingproblems geworden“ (SINGLER/TREUTLEIN, 2001, S. 53) ist, und dies lässt sich an bestimmten Verhaltensschemata im Sportjournalismus idealtypisch festmachen.
Mit der sporadisch auftretenden Einzelfallmeldung wird zunächst eine Problemverschiebung erzielt, die dadurch gekennzeichnet ist, dass eine unkritische Reflexion mit der Problematik in der Wortwahl sich äußert; so wird Marco Pantani s Überführung als „weiterer Rückschlag im Kampf gegen Doping“ (In: a.a.O., S. 54) beschrieben.[29] In dieser Logik wäre die Verhaftung eines Bankräubers – als gesellschaftliche Interpretation – auch ein Rückschlag in der Verbrechensbekämpfung.
Die Verharmlosung des Problems durch eine definitionsfremde Verwendung des Dopingbegriffs leistet weiterhin einer Bagatellisierung des Dopingproblems Vorschub, wenn etwa der Reporter bei seiner Anmoderation des DFB-Pokalspiels Eintracht Frankfurt gegen die Amateure des VFB Stuttgart feststellt: „Und als sei der Name nicht schon Doping genug ...“[30] (In: a.a.O.). Diese Umschreibung für den Ansporn der Stuttgarter Amateure, gegen einen damaligen Erstligisten zusätzliche Motivationen zu mobilisieren, ist in ihrer Verniedlichung vergleichbar mit der Rede von „Doping für die Seele“ in einem Bericht über gläubige Sportler, so einzusehen am 14.09.2000 in der Weltwoche (In: a.a.O.).
Die beim Sportjournalisten vorfindbare Ablegung eigener Verantwortung erkennt man an dem gesetzten Vertrauen auf Meinungen und Kommentare von Experten, die in den diesbezüglichen Diskussionsrunden zum Einsatz kommen. Olympiaärzte, Verbandsmediziner und sonstige wissenschaftliche Berater erweisen sich dabei weniger als sachliche und unparteiische Experten, da sie bereits Hochleistungssportvertreter sind und deshalb häufig ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit der noch näher zu ergründenden Spitzensportlogik preisgegeben haben; dennoch vertrauen die Medienvertreter kritiklos den Statements dieser Spezialisten und geben diese an die Öffentlichkeit weiter, ohne in Betracht zu ziehen, dass aus Gründen des „Imagemanagements“ hier verharmlosende Verbal-Expertisen ein „verlogenes Bild des Spitzensports“ (SINGLER/TREUTLEIN, 2001, S. 53) an die Gesellschaft vermitteln könnten.
Die oben bereits angeklungene Kontroll-Differenz-Hypothese wird dabei gerne hinzugezogen, wenn es darum geht, deutsche Medaillen von jeglichen Betrugsmomenten freizusprechen und einen Ethnozentrismus – als Methode dogmatischer, nationalistischer Beurteilung sportlicher Leistung im Sinne einer Mediensportrealität (vgl. VOM STEIN, 1988, S. 157ff.) – einzusetzen, um den Sportler als dopingfrei zu heroisieren, „weil er Deutscher ist“ (SINGLER/TREUTLEIN, 2001, S. 52).
Ignoriert wird dabei auch hier, dass ein Gebrauch von Mitteln vorliegen kann, die analytisch noch nicht identifizierbar sind. Ebenso wird nicht bedacht, dass Sportler aus den wohlhabenderen Industrienationen eher zu kostspieligen Substanzen und diese tarnendenden Methoden zu greifen in der Lage sind, als Sportler aus wirtschaftlich ärmeren Ländern (vgl. a.a.O.).
Die eigene Arbeit zu untergraben und zunichte zu machen und die Implizierung einer möglichen Manipulation in die Berichterstattung einzubeziehen, muss der Glorifizierung des Athleten und seiner Leistung vor den Kameras weichen – ebenso wie den häufigen guten Beziehungen, die Sportjournalisten bereits zu ihren Sportkollegen aufgebaut haben. Um rechtlich nicht in die Falle der Unterstellung und der üblen Nachrede zu geraten, wird das Interview vis-à-vis zum Alibi, zum Garant für den ehrlich erbrachten Erfolg genutzt, den die kritiklosen Rezipienten gemeinsam mit dem Moderatoren mit „Das ist ´ne Aussage“ goutieren.[31]
Dieser Boulevardisierung des Spitzensports gegenüber, steht die durch die Aufklärungsarbeit von Brigitte Berendonk – so ihre 1992 veröffentlichte Arbeit “Doping - Von der Forschung zum Betrug“ über die Dopingpraxis in Ost und West,[32] – in Gang gebrachte Öffentlichkeitsarbeit, welche das Nachrichtenmagazin Der Spiegel im Folgenden aufgriff und zu weitreichenden und differenzierten Enthüllungen beisteuerte; diese Form der deutschen (investigativen) Presse genießt nunmehr eine internationale und weltweite Beachtung und hat sich eine themenspezifische Reputation in den letzten Jahren erarbeitet (vgl. HOBERMAN, 1994, S. 275).
Anders als die auf Sensation setzende, weil von Auflagen- und Quotenabhängigkeit primär bestimmte, kommerziell abhängige Arbeit des Boulevard-Sportjournalismus, bedeutet sachliche gesellschaftliche Aufklärung, dass auch der Hochleistungssport differenziert zu betrachten ist. Dies sollte im Idealfall Aufgabe einer die demokratischen Grundrechte beaufsichtigenden vierten Gewalt (wie die Medien häufig genannt werden – womit letztlich nur ihre ihr inhärente gesellschaftliche Macht zum Ausdruck kommt, die weiter vorne ersichtlicher wird) sein.
Diese Forderung klagte Berendonk bereits Anfang der 1980er Jahre ein, und ihr diesbezüglicher Eklat[33] im Aktuellen Sportstudio zeugte dabei nicht nur von originärer Emotionalität, sondern auch von Gewissenhaftigkeit, wie ihr sportlicher Werdegang und ihre aufklärende und wissenschaftlich fundierte Arbeit nachträglich beweisen.
Das Vertrauen in die Hochleistungssportler schwindet auf Seiten des Publikums seit Jahren; die häufigen Meldungen über Doping haben die Einstellungen der Zuschauer verändert, wenngleich dem Hochleistungssport, wie in Kapitel 3 noch zu sehen, seine Popularität dennoch erhalten blieb.
Die aus der Zuschauerperspektive üblicherweise simple Begutachtung sportlicher Höchstleistungen wird durch Doping hintertrieben (vgl. BETTE/SCHIMANK, 2000, S. 101). Die unaufwändige Visualisierung körperspezifischer Bewegungsmuster und die Überschaubarkeit des Wettkampfsystems stellen die eigentliche Voraussetzung eines vorhandenen, den sportlichen Akteur beobachtenden Publikums dar; dieses muss nun allmählich erfahren, dass seine eigenen Sinne durch versteckte Praktiken in den Tiefen des Athletenkörpers hintergangen werden (vgl. a.a.O.).
Doping führt den Zuschauern „die Kluft zwischen Sein und Schein vor“ (BETTE/SCHIMANK, 1995, S. 273) in einem Bereich, der ehemals von einer Wahrnehmung körperlicher Ästhetik und einer klinisch sauberen Selbstbeschreibung gekennzeichnet war; „Körpersekrete, Hormone, Ausscheidungsprodukte, Pillen, Nadeln und in Körperhöhlen versteckte Urinbehältnisse“ machen den Spitzensport für das ihn verfolgende Publikum „im wahrsten Sinne des Wortes unappetitlich, wenn er mit Blut, ... Krankheiten und Tod in Verbindung gebracht wird.“ (a.a.O., S. 286)
Ein großes Misstrauen hinsichtlich der erbrachten Leistungen herrscht bei einem großen Teil der Zuschauer vor, weil auch immer öfter solche Sportler überführt werden, die sich öffentlich als strikte Dopinggegner geben und nachträglich als Heuchler dingfest gemacht werden – dies verdeutlicht der Fall Dieter Baumann am effektivsten. Derartige Überführungen bringen diejenigen in Verruf, die Vertrauen verdient hätten, weil sie de facto ohne Dopingmittel ihre Leistungen erzielt haben – denn auch solche Sportler wird es im Sinne der aufgeführten Dopingdefinitionen geben. Dennoch geraten auch diese Integren unter „Legitimations- und Erklärungsdruck“, wegen derjenigen, „denen falsche Aussagen gerichtsfest nachgewiesen werden konnten“ und die durch „Lüge, Täuschung, Intrige und Verheimlichung ... im Leistungssport und seinem Umfeld Misstrauen zeitlich und sozial flächendeckend erzeugt“ (BETTE/SCHIMANK, 1995, S. 282) haben.
Dennoch scheint es so, dass die Dopingskandale der letzten Jahre und Jahrzehnte nicht wesentlich zu einer Abwertung des Spitzensports beigetragen haben, was wahrscheinlich auch mit der Werthaltung nachfolgender Generationen zu tun hat; in Deutschland akzeptieren Jugendliche eher, dass der Sportler autonom über seine Vorgehensweise diesbezüglich entscheidet (vgl. KRÜGER, 2000, S. 26).
Die gesellschaftliche Wahrnehmung der Dopingproblematik differiert sehr stark und bereits in den europäischen Staaten herrschen aufgrund unterschiedlicher soziokultureller Norm- und Werteansprüche auseinandergehende Meinungen in den Gesellschaften; im Folgenden wird das Dilemma für das IOK und andere internationale Verbände deutlich, eine global geltende Norm für das Dopingproblem zu konstituieren.
Allgemein manifestiert sich diese kulturelle Relativität der Erwartungshaltung – wie bereits im vorigen Abschnitt angedeutet – im Umgang der Medien mit der Dopingproblematik. Daraus resultiert die gesellschaftliche Grundbereitschaft, bestimmte Sportarten per se mit Doping zu assoziieren bzw. Doping prinzipiell zu akzeptieren. So differierte 1998 die EPO - Akzeptanz in der deutschen Bevölkerung (17%) stark zu der spanischen (34%); europaweit wurde von Leichtathleten Doping eher erwartet (75%), als von Schwimmern (56%) (vgl. a.a.O.).
Am Beispiel des Dopingskandals bei der Tour de France 1999 können weitere Befindlichkeiten verdeutlicht werden:[34] Demnach änderten hierzulande lediglich 12 Prozent der Interessierten ihre positive Einstellung zum Radsport, während 58 Prozent sich diese Einstellung bewahrte – der Rest interessierte sich nicht für die Sportart oder gab keine Antwort. Im Zusammenhang mit der offiziellen Forderung nach einer zweijährigen Mindestsperre für drei bei dieser Tour überführte, prominente Radfahrer ergeben sich gewichtige Disparitäten im Hinblick auf eine angemessene Bestrafung dieser Sportler; europaweit hielten 47% der Befragten eine Sperre von acht Monaten für angemessen – in Deutschland waren 57% dieser Auffassung. Für eine längere Sperre plädierten dagegen 27% (D: 23%) und eine kürzere Suspendierung wollten 16% (D: 14%). Längere Strafen forderten vor allem Briten (54%) und kürzere primär Spanier (29%) (vgl. KRÜGER, 2000, S. 27).
Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass das internationale Dopingphänomen unterschiedliche gesellschaftsspezifische Wert- urteile impliziert, die es zu harmonisieren gilt, will man normativ dem Problem begegnen. Ein Teil des Publikums zumindest hat sich daran gewöhnt, dass das Idol Spitzensportler nicht der hehre Saubermann ist, hat „sich an die Inkonsistenz der Normen gewöhnt und [will] in [seinem] Genuss am Sport nicht gestört werden.“ (vgl. a.a.O. S. 26)
Wie noch zu sehen sein wird, benötigen Politik und Wirtschaft aus unterschiedlichen Gründen den Spitzensport, weswegen in einem ersten Schritt der im vorigen Abschnitt erläuterte Umgang der Medien, als Bündnispartner der Wirtschaft, mit dem Sachverhalt einem allzu großen Imageverlust des Spitzensports in der Gesellschaft entgegenzuwirken hat. Wird der Zuschauer neutralisiert, werden wirtschaftliche und politische Instrumentalisierungen erst ermöglicht; an die Oberfläche gekommenes Doping reduziert „den politischen und wirtschaftlichen Nutzen sportlicher Leistungen auf Null“ (BETTE/SCHIMANK, 1995, S. 291) und muss aus diesem Grund niedrig gehalten werden.
Die Konstruktion einer medial angetriebenen und etablierten Realität des Spitzensports durch die Medien erwirkt dabei beim Beobachter eine Sicht des Sports, „die häufig mit dem realen Ereignis nur noch peripher in Einklang gebracht werden kann“ (HACKFORT, 1987, S. 28), als weiteres Moment der Mediensportrealität.
An der Medienkonzentration des Fußballsports erkennt man vor allem, dass eine kommerzielle Inanspruchnahme des Spitzensports über diejenigen Sportarten verläuft, die das höchste Zuschauerinteresse hervorbringen; der Rezipient erfüllt dabei seine unbewusste, von Anderen gelenkte Funktion, indem er, zunächst lapidar gesprochen, „quasi zwischengeschaltet ist“ (CACHAY/THIEL, 2000, S. 149). Während die Zuschauereinnahmen eine immer unwesentlichere Rolle im Etat der Bundesligavereine spielen, wird der materielle Rückhalt durch Politik und Wirtschaft immer mehr vom medialen Interesse der am Fernsehgerät die Sportveranstaltung konsumierenden Rezipienten abhängig (vgl. VOM STEIN, 1988, S. 212).
Eine im Rahmen der Personalisierung verlaufende Demontage des einzelnen Athleten spiegelt ein weiteres Merkmal der Mediensportrealität wider. Der Fehltritt des Einzelnen gegen bestehende Normen, die Devianz des Einzeltäters lässt sich moralisch gut verkaufen; hier erzielt man zusätzliches Medieninteresse beim Zuschauer; andererseits verbleibt man auf der personellen Ebene, um nicht die eigenen (finanziellen) Strukturen mitunter zu riskieren. Die (Sport-)Welt wird danach wieder als geregelt deklariert, der Sport ist wieder sauber und das Interesse des Publikums wieder hergestellt; die Desillusionierung muss minimal gehalten werden. Das Problem darf nicht die Existenz von Doping sein, das Problem ist, wenn die Öffentlichkeit über Doping redet und damit eventuell die Ressourcengeber in ihrem Image beschädigt werden und Nachteile ideeller und finanzieller Natur für sie daraus resultieren (vgl. BETTE/SCHIMANK, 2000, S. 290).
Der aktiv ausgeführte Sport muss differenziert betrachtet werden, damit eine klare Abgrenzung des Hochleistungssports zu anderen Sportbereichen möglich ist; GRIESWELLE (1978) unterteilt etwa in Spitzensport, Leistungssport und Breitensport unter dem Kriterium der unterschiedlichen Zielsetzungen (vgl. S. 68ff.).
Eine Hinführung zum subsystemischen Bereich des gegenwärtigen Hochleitungssports führt über eine Analyse der soziogenetischen Entwicklung des Sports im angelsächsischen Raum seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie wird im Hinblick auf eine zunehmend leistungs- und erfolgsorientierte Haltung seiner Akteure zu interpretieren sein. Der auf Wachstum und Steigerung sportlicher Leistung ausgerichtete, einen schrankenlosen Fortschrittsoptimismus darstellende systemeigene Code von Sieg und Niederlage wird im weiteren Verlauf besonders im Vordergrund stehen.
Die konkrete Ausdifferenzierung der Systemstrukturen des Spitzensports in Abschnitt 2.2 weist dabei per se die genauen Abgrenzungskriterien zu den anderen oben genannten Erscheinungsformen von Sport auf.
Allgemein wird im englischen Sport ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Entwicklung und Verfestigung der basalen, strukturspezifischen Merkmale des gegenwärtigen Spitzensports festgestellt, deren Entwicklung auf die gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Situation Englands während der Industrialisierung zurückzuführen ist (vgl. EICHBERG, 1973, S. 30ff.).
Auch PLESSNER (1956) charakterisiert die anfangs angedeuteten Ähnlichkeiten zwischen der Industriegesellschaft und Sport, wenn er auf die Absolutierung der Leistung als einziges Selektions- und Wertungsprinzip, das Ethos der Arbeit, den Arbeitsdruck und das völlig davon eingenommene Leben hinweist: Spezialisierung, Bürokratisierung sind Kriterien der modernen Industriegesellschaft, deren Entwicklung in „einer industrialisierten, das heißt von Technik und weitgehender Arbeitsteilung geprägten städtischen Gesellschaft ... im wesentlichen parallel“ (S. 148) zur Ausbreitung des Sports verliefen.
Der Sport wird hier auf der Ebene eines regelgeleiteten und leistungsorientierten Systems zu betrachten sein, dessen nun nachfolgenden Entwicklungsmerkmale eine Verselbständigung zum Hochleistungssport ermöglichte (vgl. BECKERS, 1985, S. 31 ff.); entscheidende Grundlage gleichwohl, ist eine ursprüngliche Wirklichkeit des Sports als körper- und leibgebundenes Phänomen: „Nicht nur Bewegung, sondern menschliches Leben überhaupt ist an Körperlichkeit gebunden und in ihr verankert“. (a.a.O., S. 13) Dieser Aspekt wird in Kapitel 3 im Rahmen eines noch anzusprechenden Kommerzialisierungsprozesses aufzugreifen sein.
Für die Entwicklung der englischen sports sind langwierige Wandlungen der Werte, Normen und Motivationen in den menschlichen Gesellschaften und ihren Institutionen, auch im Hinblick auf die ursprünglichen Leibesübungen, grundsätzliche Voraussetzungen.
Die frühesten Leibesübungen – dies wurde in Abschnitt 1.1 bereits angedeutet – sind durch Laufen, Schreiten und Spiel zu charakterisieren, welche der Belebung der Sinne und einer kultisch begründeten Beeinflussung der Wirklichkeit dienten – Lärm beispielsweise sollte die bösen Geister vertreiben, womit die Hingabe zu Gott und die Unterwerfung ihm gegenüber signalisiert werden sollte (vgl. DIEM, 1971, 4ff.). GUTTMANN (1979) weist aber auch darauf hin, dass es vereinzelte Nachweise dafür gäbe, dass Urvölker Sport im Sinne einer zweckfreien, nicht religiös verhafteten Handlung, etwa Laufen, praktiziert hätten (vgl. S. 28).
Im Vergleich hierzu sieht EICHBERG (1978) die im Hinblick auf die Thematik wesentlichen Schwerpunkte des Sports im körperlichen Leistungsstreben, dem Leistungsvergleich und dem Wettkampf. Diese fußen auf einer 6.000 Jahre alten Form des Sports im weitesten Sinne (vgl. SCHERER, 1967, S. 12). Von Relevanz für EICHBERGs Kriterien sind bestimmte Impulse in den europäischen Gesellschaften seit der Neuzeit, welche für die Sachproblematisierung gravierenden und entscheidenden Charakter besitzen.
Hierzu gehört in erster Linie die Lockerung der ständischen Schranken im Rahmen einer zunehmenden Säkularisierung der Leibesübungen (vgl. EICHBERG, 1973, S. 35). Diese wiederum wird durch die geistigen Strömungen der Aufklärungsepoche ab dem 18. Jahrhundert ermöglicht, deren wichtigster Gehalt in der allen Bevölkerungsschichten zugestandenen vernunftorientierten, gleichwertigen Lebensweise anzusehen ist (vgl. UEBERHORST, 1978, S. 21).
[1] Das weltweit angewandte und vielfach auch gesetzlich vorgeschriebene SI-Einheitensystem (SI: franz. für S ystème I nternational d´Unités) mit den sieben Basiseinheiten Meter (Einheitszeichen: m), Kilogramm (kg), Sekunde (s) [und den für den Sportfan weniger relevanten] Ampere (A), Kelvin (K), Candela (cd) und Mol (mol) (vgl. BROCKHAUS ENZYKLOPÄDIE, Band 10, 1989, S. 577).
[2] Glykoprotein, das in das in der Niere gebildet wird, das aber auch gentechnisch erzeugt werden kann; sorgt für eine verbesserte Synthesegeschwindigkeit der roten Blutkörperchen (vgl. DONIKE, 1996, S. 16).
[3] Da, wie noch zu sehen sein wird, Doping nur sehr schwer definitorisch einzugrenzen ist, muss sich der Leser im Verlaufe der Arbeit seine eigenen Gedanken zu Qualität und Quantität eines Missbrauches machen.
[4] Bei den Olympischen Sommerspielen in Seoul 1988 und 1993 bei der Leichathletik-WM in Montreal des Dopings überführt.
[5] Durch die Spiegel enthüllungen 1999 und beim Giro d´Italia 2001 unter Verdacht gekommen, jedoch ohne Überführung.
In diesem Zusammenhang verweist jedoch der Belgier Willy Voet – ehemaliger Festina -Betreuer und 1998 rechtskräftig wegen Doping-Beschaffung und -Versorgung verurteilt – darauf, dass zu seiner Zeit 95 Prozent der Radfahrer der Tour de France und alle Toursieger Dopingsubstanzen einnahmen (vgl. VOET , 2001, o.S.).
Ullrich, selber Toursieger, dementiert dies und erklärt, dass er Asthmatiker sei und entsprechende von ihm benutzte Sprays, Tabletten etc. in seinem Gesundheitspass vermerkt seien. Zuvor hatten der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung erklärt, dass bis zu 80% aller Leistungssportler an Asthma zu leiden hätten, während der Bevölkerungs-Durchschnitt bei nur 4% läge (vgl. VOET , 2001, o.S.).
Interessant erscheint in diesem Zusammenhang, dass im Radsport häufig der anabole Wirkstoff Clenbuterol eingesetzt wird, um die Atemwege zu erweitern; der Stoff findet sich u.a. eben auch in Asthmamitteln und ist häufig Grund für Dopingüberführungen wie z.B. beim Usbeken Abduschaparow bei der 6. Etappe der Tour de France 1997 (vgl. KRÄMER, 1999, S. 108)
[6] Der Einnahme von Darbopoetin alfa – ein auch als NESP bekanntes, ausdauersteigerndes Blutdopingmittel – überführt (vgl. MÜHLEGG, 2002, o.S.); siehe hierzu auch Anmerkung 20, S. 24
[7] Dieter Baumann wirft trotz seines vermeintlichen Doping-Vergehens (hier drückt sich der „bleibende Zweifel“, wie in Abb. 1 dargestellt, aus) Konstruktives in die Doping-Diskussion ein. Dies ist ein Auszug eines Berichts mit Erklärungen von ihm, welches am ersten Tag nach seiner Sperre erfolgte:
„Positiv getestete Sportler fänden vor Sportgerichten kein rechtsstaatliches Gehör, hätten keine Akteneinsicht, dürften keine Zeugen benennen. »Ich möchte den Athleten nicht aus der Verantwortung rauslassen, ich möchte ihn nur nicht alleine lassen«, erklärte Baumann. Dass es keine Alternative zum Anti-Doping-Kampf gebe, betonte der Schwabe auch. Denn: »Es scheint im modernen Hochleistungssport normal geworden zu sein, mit allen erdenklichen medizinischen Hilfen die sportliche Leistung zu unterstützen«. Auf die Bekämpfung der Ursachen für Doping, so befürchtet Baumann, werde gänzlich verzichtet: »Stattdessen arbeiten die Funktionäre mit dem Prinzip des Heldenmythos und des Sündenbocks.«" (JOHN, 2002, o.S.)
[8] Ben Johnson in einem Interview, bevor er nach seiner Sperre erneut Wettkämpfe bestreiten sollte: „ Ich hatte einen Fehler gemacht, ich hatte betrogen und belogen. Und das will ich wieder gutmachen. ... zunächst will ich den Weltrekord bei den Weltmeisterschaften in Tokio im nächsten Jahr holen. ... Mein Körper hat das geschafft, und mein Kopf hat das geschafft, und deshalb weiß ich: ich kann es wieder schaffen – drogenfrei, sauber, ehrlich.“ (JOHNSON, 1991, S. 141ff.)
[9] Subsysteme – oder auch soziale Systeme – sind gesellschaftliche Teilbereiche, die stark miteinander verflochten, die Gesamtgesellschaft begründen; jede für sich stellt eine bedeutsame soziale Umwelt für die jeweils anderen dar, weswegen Interdependenzen entstehen (vgl. HEINEMANN, 1998a, S. 33).
[10] Nach BLÖDORN (1988, S. 100-128).
[11] TOKARSKI/STEINBACH (2001) sprechen von 25 Millionen Mitgliedschaften, wobei auch Mehrfachmitgliedschaften hier subsumiert werden (vgl. S. 17).
[12] Einhergehend mit dieser soziologisch provozierenden BOURDIEU´schen Eingrenzung des Sportpublikums verweisen einige Autoren im Zuge des gewachsenen Sportinteresses und der Versportlichung der Gesellschaft, aber auch durch die Identifizierung mit dem agierenden Sportler, meist spottend auf den Sesselzuschauer. Der dennoch ernsthafte und realistische Charakter dieser Begutachtung fußt auf der Eigeneinschätzung einiger Personen, seien sie nun der „Sektschlürfende VIP“ in der Ehrenloge des Stadions oder der „Drei-Streifen-Träger“ in der U-Bahn, der individuelle Lebensstil sei Grund genug, auch ohne wahrhaftig Sport zu treiben, sich selbst als sportlich zu definieren und sich auch so nach außen darzustellen (vgl. GRUPE, 1990, 99f. sowie STEINBACH, 1972, S. 52). Auch Robert MUSIL kommt darauf zu sprechen: „Wahrscheinlich ist aber gerade das Zuschauen von einem Sitzplatz aus, während andere sich plagen, die wichtigste Definition der heutigen Sportsliebe“ (MUSIL, 1925/26 oder später, S. 795)
[13] Ab diesem Zeitpunkt wird es erforderlich, den Begriff Sportler durch den des auf höchstem körperlichen Niveau arbeitenden Spitzen- oder Hochleistungssportlers zu ersetzen und auch von Spitzen- bzw. Hochleistungssport zu sprechen.
[14] HEINILÄ (1973) bezieht sich mit „Leistungs- oder Anspruchsniveau im Sport“ auf die „jeweilige Leistungsstärke, die erforderlich ist, um eine Erfolgschance bei einem bedeutenden internationalen Sportereignis haben zu können.“ (S. 383)
[15] Nicht im moralischen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes: nicht mittels trainingswissenschaftlich fundierter Erkenntnisse aus der Trainingslehre und deren physiologischer Umsetzung durch sportliches Training, sondern vielmehr naturwissenschaftlich-medizinische Kausalitäten nutzend.
[16] Die erste Bestechungsaffäre z.B. datiert auf das Jahr 388 v. Chr., als ein Sportler versuchte, während der antiken griechischen Spiele den Sieg zu erkaufen; Korruption soll schon damals eine gängige Praxis gewesen sein (vgl. DECKER, 1995, S. 150ff).
Platon und Aristoteles beteiligten sich an der Tadelung der „sportlichen Egozentriker“, wenn es darum ging, dass die „Starathleten“ sich durch Kriege nicht davon abhielten ließen, tüchtig für die nächsten Wettkämpfe zu trainieren, um den Kampf für das Vaterland bzw. für ihre Poleis dem gemeinen Volk zu überlassen (vgl. SINN, 1996, S. 95f.).
[17] MUSIL stellt in seinem Prosafragment „Durch die Brille des Sports“ (1925/1926 oder später) ironisch für den Sportler fest: „Es ist das Wunderbare, dass man wie ein Pferd ist; aber man soll nicht glauben, dies sei der Übermensch.“ (S. 794) Eine weise Vorausahnung?
[18] Der Radrennfahrer Linton geht in die Geschichte ein, als er aufgrund einer Überdosis Trimethyl beim Radrennen Bordeaux-Paris tödlich zusammenbricht (vgl. PROKOP, 1972, S. 23).
[19] Von Hauschild in Deutschland entwickelt, wird es zunächst in den Kriegsjahren von Piloten zur Steigerung der Ausdauerleistungsfähigkeit eingenommen, bevor es danach auch gesellschaftlich genutzt wird (vgl. KRÜGER, 2000, S. 15).
[20] „Ein neues, lebensgefährliches Blut-Dopingmittel nimmt Einzug in den Profi-Radsport. Nesp sei 20 Mal stärker und wirke drei Mal länger als Epo, erklärte der Chefarzt des Mailänder Maggiore -Krankenhauses Giorgio Lambertenghi gegenüber dem Fernsehsender. Bei Nesp handele es sich um ein neues Protein, das die Vermehrung der roten Blutkörperchen im Blut anrege. ... Nesp steht unmittelbar vor der Markteinführung, ist aber nach Angaben des Fernsehsenders bereits seit Monaten auf dem Schwarzmarkt erhältlich. ... Mehrere Profis sollen bereits bei der Spanien-Rundfahrt mit Nesp experimentiert haben “ (EPO, 2001)
[21] So werden den Stimulanzien (siehe Tab. 2, S. 23: verbotene Wirkstoffgruppe A) nicht weniger als 16 konkrete chemische Mittel untergeordnet, darunter etwa Amphetamine, Koffein und Kokain. Insgesamt umfasst diese Liste mittlerweile über 100 Substanzen (vgl. WADA).
[22] Dies sind Substanzen, „die durch ihre pharmakologische Wirkung und/oder ihre chemische Struktur mit der verbotenen Substanzklasse verwandt sind.“ (DONIKE, 1996, S. 6)
[23] Die Gesamtzahl aller deutscher Kontrollen, einschließlich international durchgeführter, beläuft sich auf 14.227. (vgl. DOPING-SYNOPSE, 2001, S. 9)
[24] Zu Gasser siehe HOBERMAN (1994, S. 266-275) und zu Modahl KRÜGER (2000, S. 22)
[25] „ »Ich bin fest davon überzeugt« sagte 1992 der Dopingexperte Dr. Manfred Donike, »dass in der Bundesliga gedopt wird«, und der Sportmediziner Klaus Steinbach, der einmal Mannschaftsarzt bei einem Verein von Profi-Fußballern war, pflichtete dieser Meinung bei. Doch hat sich das Problem des Dopings in Fußball und football nie zum öffentlichen Skandal ausgewachsen, weil die Sportpresse dies nicht zugelassen hat.“ (In: HOBERMAN, 1996, S. 200)
[26] Gesamtzahl der Trainings- und Wettkampfkontrollen in ausgewählten Ländern:
Frankreich: 5.630 ; Italien: 11.066; Australien: 3.325 ; Deutschland: 7.796 (vgl. DOPING-SYNOPSE, 2001, S. 9)
[27] „Wegen des Verdachts auf »Handel und Verabreichung von schädlichen Substanzen« wurde im vergangenen Jahr ein Ermittlungsverfahren gegen Francesco Conconi eingeleitet - die Behörden filzten seine Wohnung und sein Labor und stellten Erythropoietin sicher. Jahrelang kassierte Conconi, Präsident der Anti-Doping-Kommission des IOK und Vorsitzender der Medizinischen Kommission des Radsport-Weltver- bandes, Geld vom IOK, weil er an einem Epo-Nachweisverfahren arbeitete.“ (WULZINGER, 1999, o.S.)
[28] Mittlerweile ist es so, dass bereits populäre Sportjournalisten selbst Werbeträger der Wirtschaft geworden sind; siehe Jörg Wontorra (Telekommunikation).
[29] RTL-Nachrichten am 5.6.1999 (vgl. SINGLER/TREUTLEIN, 2001, S. 54)
[30] Johannes B. Kerner am 26.08.2000 im ZDF-Sport-Studio (vgl. a.a.O.), der ebenfalls einen Werbeträger darstellt (Grundnahrungsmittel).
[31] Der Moderator Michael Steinbrecher zu seinem Gast, dem Sprint-Weltmeister Maurice Greene, der zuvor erklärte, dank Gott und der Eltern es ohne Doping geschafft zu haben; am 24.09.2000 im ZDF-Sportstudio (In: SINGLER/TREUTLEIN, 2001, S. 52)
[32] Der Unterschied hierbei besteht letztlich nur im zentral geregelten, staatlich geförderten und geforderten Ost-Doping und dem verdeckten, das Problem kaschierenden West-Doping.
[33] Auf Blickensdörfer (1983) zurückgreifend, wird ihr die medienkritische Sicht von KNOBBE (2000, S. 103f.), im Sinne der Teilthematik wörtlich übernommen: „Auftritt Brigitte Berendonk: Da holt eine junge ehemalige Spitzensportlerin im Aktuellen Sportstudio, immerhin Deutschlands wohl renommierteste Sportsendung, zum Schlag gegen das Doping aus und klagt nicht nur Sportärzte, Funktionäre und Athleten an, sondern auch den gar nicht vorhandenen Moderator Hans Joachim Friedrichs und bezichtigt [ihn ,] in einem gewissen Interview Völkerverblödung durch Verharmlosung des Dopings betrieben zu haben. Harsche Kritik am Medium, welches sich nun selbst nicht wehren kann – höchstens durch eine äußerst unsouveräne Ausblendung des Geschehens. Was für ein Glück, dass Friedrichs noch im Hause ist und außerdem nicht lange fackelt: Er stürmt völlig programmwidrig die Diskussionsrunde, ungekämmt und ungeschminkt wie er ist, und stellt in barschem Ton klar, dass er niemals das Doping verniedlicht habe und er auf schulmeisterliche Belehrungen der berendonkschen Art verzichten könne. Schluss, aus – und halbwegs die Ehre gerettet. Und Brigitte Berendonk? Sie setzt nach dem zornigen Abgang Friedrichs‘ ihre Anschuldigungen im Beisein des diensthabenden Moderators Harry Valérien ungerührt fort. Bis zum bitteren Ende der Sendezeit. Abtritt Brigitte Berendonk.“
[34] Laut einer Studie des Gallup Instituts (vgl. KRÜGER, 2000, S. 27)
9783638196789
9783638717236
Doping Zusammenhang Kommerzialisierung Leistungsmaximierung Hochleistungssport

References: §2
 § 29
 § 222
 § 227
 § 230
 § 263