Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=2002-12-10&Aktenzeichen=XI%20ZR%2082%2F02
Timestamp: 2018-08-21 07:51:55+00:00

Document:
BGH, 10.12.2002 - XI ZR 82/02 - dejure.org
(Keine) Sittenwidrigkeit von Bürgschaften eines Minderheitsgesellschafters einer GmbH
Wirksamkeit einer Bürgschaft - Grundsätze zur Wirksamkeit ruinöser Gesellschafterbürgschaften - Bürgschaftserklärungen von GmbH-Gesellschaftern für Verbindlichkeiten der Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) - Fehlen eines persönlichen Näheverhältnis zu einem Mitgesellschafter - Sittenwidrigkeit einer Höchstbetragsbürgschaft - Krasse finanzielle Überforderung
Keine sittenwidrige Gesellschafterbürgschaft eines GmbH-Minderheitsgesellschafters mit 10 %-iger Beteiligung
Ruinöse Gesellschafterbürgschaften auch bei Minderheitengesellschaftern grundsätzlich wirksam
Grundsätzlich keine Anwendung des § 138 Abs. 1 BGB auf die Bürgschaft eines Minderheitsgesellschafters der kreditsuchenden GmbH
Ruinöse Bürgschaft eines Minderheitsgesellschafters
Keine sittenwidrige Gesellschafterbürgschaft eines GmbH-Minderheitsgesellschafters mit 10 %iger Beteiligung
Vertragliche Haftung der Gesellschafter
Keine sittenwidrige Gesellschafterbürgschaft bei GmbH-Minderheitsgesellschafter mit 10 %-iger Beteiligung
Sittenwidrigkeitskontrolle der Bürgschaftserklärungen von Minderheitsgesellschaftern einer GmbH
NJW 2003, 967
ZIP 2003, 288
MDR 2003, 342
WM 2003, 275
BB 2003, 326
DB 2003, 444
NZG 2003, 288
Hierfür spricht ferner, daß Gesellschafter einer kreditsuchenden GmbH gewöhnlich ohne weiteres in die Mithaftung genommen werden können (st.Rspr., siehe z.B. Senatsurteil vom 10. Dezember 2002 - XI ZR 82/02, WM 2003, 275, 276 m.w.Nachw.) und hierfür unter Umständen auch ein unmittelbar bevorstehender Erwerb einer bedeutsamen Beteiligung an der Hauptschuldnerin ausreichen kann.
Hierfür bedarf es keiner Erörterung der Frage, inwiefern die Maßstäbe, die der Bundesgerichtshof für eine sittenwidrige Überforderung eines Gesellschafters mit bloßer Minderheitsbeteiligung durch eine Bürgschaftsübernahme entwickelt hat (vgl. etwa BGH, Urteil vom 10. Dezember 2002 - XI ZR 82/02 - NJW 2003, 967 m.w.N.; VG Weimar, Urteil vom 4. Oktober 2000 - 8 K 2185/99.We - ThürVBl 2001, 91), auf die Würdigung eines öffentlich-rechtlichen Besicherungsvertrages übertragen werden können.
Insbesondere ist ein die Annahme der Sittenwidrigkeit hinderndes wirtschaftliches Eigeninteresse des Sicherungsgebers grundsätzlich anzunehmen, wenn der nicht nur unbedeutend beteiligte Gesellschafter einer kreditsuchenden Gesellschaft mit beschränkter Haftung oder Kommanditgesellschaft für die Gesellschaft bürgt (vgl. BGH, Urteil vom 10. Dezember 2002 - XI ZR 82/02, ZIP 2003, 288, 289; Urteil vom 17. September 2002 - XI ZR 306/01, ZIP 2002, 2249, 2251).
Im Übrigen gelten die zur Frage der Sittenwidrigkeit von Bürgschaften bei krasser wirtschaftlicher Überforderung von Bürgen entwickelten Grundsätze (vgl. BGH NJW 2002, 744) - unabhängig vom Vorhandensein aller anderen Voraussetzungen - nicht für Bürgschaftserklärungen von GmbH-Gesellschaftern für Verbindlichkeiten der GmbH (BGH Urt. v. 10. Dezember 2002, XI ZR 82/02 (MDR 2003, 342).
Ausnahmen zieht der Bundesgerichtshof nur bei unbedeutenden Bagatell- und Splitterbeteiligungen in Betracht (Urteil vom 10.12.2002, a.a.O., wo der BGH für die Anwendung von Ausnahmeregeln bei einem 10 %igen GmbH-Anteil noch keine Veranlassung gesehen hat).
Es entspricht der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, dass die Grundsätze zur Wirksamkeit ruinöser Bürgschaften naher Angehöriger für Gesellschafterbürgen nicht gelten, selbst dann nicht, wenn der Gesellschafter nur Minderheitsgesellschafter der kreditsuchenden GmbH ist und mit der Geschäftsführung nicht betraut ist (vgl. z. B. BGH, MDR 2003, 342).
Die Rechtsprechungsgrundsätze zur Anwendung des § 138 Abs. 1 BGB auf von Kreditinstituten mit privaten, dem Hauptschuldner persönlich nahe stehenden Bürgen oder Mitverpflichtete geschlossenen Bürgschafts- oder Mithaftungs-verträge gelten grundsätzlich nicht für Bürgschaftserklärungen von GmbH-Gesellschaftern für Verbindlichkeiten der GmbH (BGH vom 10.12.2002, WM 2003, 275-277; juris Rdziff. 13).
Dies gilt auch für Minderheitsgesellschafter, jedenfalls soweit sie einen Anteil von mindestens 10 % am Stammkapital der Gesellschaft (in Anlehnung an § 50 GmbHG ) besitzen (BGH WM 2003, 275-277; juris Rdziff. 16 und 17), d.h. es sich nicht lediglich um eine unbedeutende "Bagatell- oder Splitterbeteiligung" handelt.
b) Die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes zur krassen Überforderung eines dem Hauptschuldner nahe stehenden Bürgen oder Mitverpflichteten findet auf einen ( maßgeblichen ) Gesellschafter einer GmbH, der sich für Verbindlichkeiten der GmbH verbürgt hat, keine Anwendung ( BGHZ 137, 329 [ 336ff ]; BGH NJW 2003, 967 [ 968 mwN ]; BGH NJW 2003, 59; BGH NJW 2002, 1337 [ 1338 ];BGH NJW 2002, 956;… Palandt - Heinrichs, BGB, 64. Auflage, § 138 RdNr. 38g ).
Nach der inzwischen übereinstimmenden Rechtsprechung des IX. und des XI. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs hängt die Anwendung des § 138 Abs. 1 BGB auf von Kreditinstituten mit privaten Sicherungsgebern geschlossene Bürgschafts- oder Mithaftungsverträge regelmäßig entscheidend vom Grad des Mißverhältnisses zwischen dem Verpflichtungsumfang und der finanziellen Leistungsfähigkeit des dem Hauptschuldner persönlich nahe stehenden Bürgen oder Mitverpflichteten ab (BGHZ 125, 206, 211; WM 2003, 275 f.).

References: § 138
 BGH 
 BGH 
 § 138
 § 50
 BGH 
 BGH 
 BGH 
 § 138
 § 138