Source: https://www.amboss.com/de/wissen/Bakterielle_Durchfallerkrankungen
Timestamp: 2019-03-20 17:55:50+00:00

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Bakterielle Durchfallerkrankungen - Wissen für Mediziner
Bei anhaltenden Durchfällen, insbesondere mit Fiebersymptomatik, ist eine Infektion mit bakteriellen (oder parasitären) Erregern in Betracht zu ziehen. Eine Reiseanamnese ist dabei sehr wichtig, da die Infektion häufig in Endemiegebieten mit geringen hygienischen Standards stattfindet. Weitere mögliche Ursachen sind Lebensmittelinfektionen wie der Verzehr von kontaminiertem Ei, Geflügel oder ungewaschenem Obst und Gemüse. In der Regel bringt eine Stuhlprobe den direkten Erregernachweis. Meistens ist eine symptomatische Therapie ausreichend, kausal wird in der Regel nur bei schweren Verläufen und immunsupprimierten Patienten (zumeist als kalkulierte antibiotische Therapie mit Metronidazol und Ciprofloxacin) behandelt.
Ätiologie: Infektionsquellen sind v.a. kontaminierte Lebensmittel
Vereinfachte Charakteristik
Art des Durchfalls
Tage wässrig
Häufigster bakterieller Durchfallerreger in Deutschland [1]
Geringe Infektdosis
Stunden wässrig
Zweithäufigster bakterieller Durchfallerreger in Deutschland [1]
Sepsis bei Immunsuppression
Tage blutig
Massiver Flüssigkeitsverlust möglich
Impfstoff verfügbar
Weitere wichtige bakterielle Durchfallerreger
Siehe: Darmpathogene E.-Coli-Infektionen
Siehe: Clostridium-difficile-Infektion
Insb. Anamnese und klinische Untersuchung wichtig
Erregerdiagnostik nicht zwingend erforderlich
Erweiterte Diagnostik: Mikrobiologische Stuhlkultur, Abdomensonographie nur bei Warnsymptomen
Therapie: In der Regel selbstlimitierend, nur Volumen- und Elektrolytsubstitution notwendig
Präparate enthalten Glucose, Natriumchlorid, Kaliumchlorid und Natriumcitrat
Z.B.„WHO-Trinklösung“: 13,5 g Glucose + 2,6 g NaCl + 2,9 g Natriumcitrat + 1,5 g Kaliumchlorid auf 1 L Wasser
Kausale antibiotische Therapie nur bei schwerem Verlauf oder Erregernachweis und fortbestehender Symptomatik indiziert
Therapieoptionen für die kalkulierte Antibiotikatherapie wenn erforderlich
Ciprofloxacin (bei EHEC-Verdacht Azithromycin oder Meropenem vorziehen) [2]
Ceftriaxon [2]
Prävention: Namentliche Meldepflicht bei Nachweis eines der hier aufgeführten Erreger
Im Falle von Cholera und Personen mit beruflichem Kontakt zu Lebensmitteln ist bereits der Verdacht namentlich meldepflichtig!
Siehe Kapitel Durchfall
Zur Abgrenzung der toxinbedingten bakteriellen Gastroenteritis, siehe: Lebensmittelvergiftung und Übersicht: Gastroenteritiden nach Nahrungsmittelverzehr
Campylobacter-Enterokolitis (Campylobacter-Enteritis)
Inzidenz in Deutschland: ca. 80/100.000 Personen im Jahr
Häufigster bakterieller Durchfallerreger in Deutschland [1][4]
Erreger: Campylobacter jejuni, gramnegative Spirillen
Reservoir: Menschen, Geflügel, Schweine, Rinder, Katzen, Hunde
Infektionsweg: Fäkal-oral als Kontakt- und Schmierinfektion
Insb. indirekt über kontaminierte Lebensmittel (Geflügelfleisch, Milch, Trinkwasser, rohes Hackfleisch)
Oder direkt von Mensch zu Mensch oder Tier zu Mensch
Ggf. über das Baden in kontaminierten Gewässern
Infektiosität: Hoch
Ansteckungsrisiko bis Ausscheidung sistiert (i.d.R. 2–4 Wochen), selten finden sich Dauerausscheider
Inkubationszeit: 2–5 Tage, im Einzelfall 1–10 Tage
Frühphase: Grippeähnliche Symptome
Akutphase: Meist wässrige, aber auch blutige Diarrhö mit kolikartigen Unterbauchschmerzen (exsudativ-entzündliche Diarrhö), Fieber und Abgeschlagenheit
Stuhlprobe zum direkten Erregernachweis mittels Kultur
Antigennachweis mittels ELISA und PCR in Erprobung
In Einzelfällen: Histologie [5]
Alle Darmabschnitte betroffen
Entzündliche Infiltration der Mukosa mit Granulozyten
Ggf. Erosionen, Ulzerationen
Symptomatisch (i.d.R. ausreichend bei selbstlimitierendem Verlauf): Flüssigkeits- und Elektrolytgabe oral oder intravenös
Kausal (bei schwerem Verlauf): Antibiotische Therapie mit Makroliden, insb. Azithromycin [2]
Hände- und Oberflächenhygiene
Durchgaren von Lebensmitteln, insb. Geflügel, und Abkochen von Rohmilch
Verzicht auf rohe Tierprodukte, insb. für Kleinkinder, alte und immungeschwächte Menschen
Arztmeldepflicht nach IfSGMeldeVO (nur in Sachsen ): Namentliche Meldepflicht bei Krankheits- und Todesfällen sowie bei persistierender Ausscheidung von Campylobacter spp. mit dem Stuhl
Labormeldepflicht nach § 7 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis von darmpathogenen Campylobacter spp.
Salmonellose (Salmonellengastroenteritis)
Salmonella enterica, Subspezies: Salmonella enteritidis, Salmonella typhimurium
Gramnegatives Stäbchen, fakultativ anaerob
Salmonellen werden nach White-Kauffmann-Le-Minor-Schema aufgrund unterschiedlicher Oberflächenantigene (H, O und K) in unterschiedliche Subspezies, sog. Serovare, eingeteilt
Infektionsweg: Peroral über kontaminierte Lebensmittel (v.a. Geflügel, Eier, Milch)
Salmonellen sind resistent gegen Einfrieren, nur das ausreichende Erhitzen der Nahrung schützt vor Infektion
Geringe Keimzahlen führen nicht zur Erkrankung, erst hohe Infektdosen führen zu Durchfällen
Inkubationszeit: Wenige Stunden bis mehrere Tage
Die Inkubationszeit ist abhängig von der Infektdosis
Meist wässrige, manchmal auch blutige Diarrhö und grippeähnliche Symptome
Immunsuppression (z.B. HIV Stadium C): Septische lebensbedrohliche Verlaufsform bei Immunsupprimierung möglich
Indikation: Nur bei schwerem systemischen Verlauf oder immunsupprimierten Patienten
Antibiotische Therapie mit Fluorchinolonen (z.B. Ciprofloxacin) [2] oder Cephalosporinen der 3. Generation (z.B. Ceftriaxon [2])
Eine sichere Abtötung der Salmonellen wird bei Temperaturen über 70°C mit mind. zehn Minuten Garzeit erreicht
Rohe Fleisch- und Wurstwaren, Schlachtgeflügel, Seetiere, Eier, Cremes, Salate und Mayonnaisen mit Rohei sowie Speiseeis sind nach dem Einkauf stets im Kühlschrank aufzubewahren[6]
Arztmeldepflicht nach IfSGMeldeVO (nur in Sachsen ): Namentliche Meldepflicht bei Krankheits- und Todesfällen sowie bei persistierender Ausscheidung von Salmonella spp. mit dem Stuhl (Salmonellen-Dauerausscheider)
Labormeldepflicht nach § 7 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis von Salmonellen
Synonym: Bakterielle Ruhr
Shigella dysenteriae, -flexneri, -sonnei
Gramnegatives Stäbchen, Toxinbildner → Shiga-Toxin
Infektionsweg: Kontaminiertes Wasser und Nahrungsmittel (v.a. Milchprodukte und rohes, nicht gewaschenes Gemüse)
Seuchenerkrankung: Mangelnde Hygiene und verunreinigtes Wasser in Flüchtlingslagern und Kriegsgebieten führen nicht selten zu Shigellenepidemien
Inkubationszeit: 1–4 Tage
Leichter Verlauf: Wässrige Diarrhö und grippeähnliche Symptome
Schwerer Verlauf: Blutig-schleimige Diarrhö, Tenesmen und hohes Fieber (Exsudativ-entzündliche Diarrhö)
Kausale Therapie: Aufgrund hoher Infektiosität sollte immer antibiotisch behandelt werden; möglich sind Azithromycin , Fluorchinolone oder Ceftriaxon [2]
Arztmeldepflicht nach IfSGMeldeVO (nur in Sachsen ): Namentliche Meldepflicht bei Krankheits- und Todesfällen sowie bei persistierender Ausscheidung von Shigella spp. mit dem Stuhl
Labormeldepflicht nach § 7 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis von Shigella spp.
Erreger: Vibrio cholerae (Serogruppe O1 und O139)
Gramnegatives, fakultativ anaerobes Stäbchenbakterium
Bildet Choleratoxin (Exotoxin)
Meist über fäkal kontaminierte Nahrung oder Wasser
Seltener fäkal-oral von Mensch zu Mensch
Nach abgelaufener Infektion können die Erreger noch über Wochen ausgeschieden werden, selten finden sich Dauerausscheider
Pathophysiologie: Choleratoxin aktiviert als Enterotoxin im Darmepithel die Adenylatzyklase → cAMP-Bildung↑ → Aktivierung der Proteinkinase A↑ → Phosphorylierung des Chloridkanals CFTR → Chloridsekretion↑ → Sekundär Ausscheidung u.a. von Wasser in das Darmlumen → Diarrhö
Epidemiologie: In Deutschland sehr selten, vereinzelt Erkrankungen nach Infektion in Endemiegebieten (insb. Asien)[4]
Inkubationszeit: Wenige Stunden bis 5 Tage (i.d.R. 2–3 Tage)
Leichte Form (>90% der Fälle): Mäßige Diarrhö oder symptomloser Verlauf
Schwere Form: Wässrige Stühle mit Schleimbeimengung (sog. „Reiswasserstühle“) mit einer Frequenz von 20–30 pro Tag, nicht hämorrhagisch
Zusätzliche Symptome: Erbrechen, Bauchschmerzen, kein Fieber
Komplikationen (ggf. letal): Hypovolämischer Schock, Elektrolytverluste, Nierenversagen
Diagnostik: Direkter Erregernachweis mittels Mikroskopie und Stuhlkultur
Engmaschiges Monitoring der Vitalparameter und des Volumen- und Elektrolythaushalts
Orale Rehydratationslösung („WHO-Trinklösung“): 13,5 g Glucose + 2,6 g NaCl + 2,9 g Natriumcitrat + 1,5 g Kaliumchlorid auf 1 L Wasser
oder Metamizol/Novaminsulfon p.o. oder i.v.
Erwachsene: z.B.
Ciprofloxacin[7]
oder Doxycyclin[8]
oder Erythromycin[8]
oder Tetracyclin[8]
oder Cotrimoxazol[9]
Kinder[10]
Siehe auch: Pädiatrie - Antibiotika
Bereitstellen von sauberem Trinkwasser und Nahrungsmitteln
Expositionsprophylaxe (insb. für Reisende)
Zum Trinken und Zähneputzen nur abgekochtes Wasser oder Mineralwasser verwenden
Ungekochte Nahrungsmittel vermeiden, bspw. Meeresfrüchte und Salate sowie Früchte, die man nicht schälen kann
Keine generelle Impfempfehlung
Schutz vor Cholerainfektionen in Endemiegebieten
Gleichzeitige Schutzwirkung gegen das „cholera-like-toxin“ des ETEC (Reisediarrhö)
Impfstoff: Totimpfstoff zur Schluckimpfung - siehe auch: Choleraimpfstoff
Kinder 2–6 J.: 3 Impfdosen im Abstand von jeweils 1–6 Wochen
Erwachsene und Kinder ≥6 J.: 2 Impfdosen im Abstand von 1–6 Wochen
Auffrischimpfung: 1 Impfdosis nach 6 Monaten (Kinder 2–6 J.) bzw. 2 Jahren (Kinder >6 J. und Erwachsene)
Behandelt: Letalität ca. 1%
Unbehandelt (in schweren Fällen): Letalität 30–60%
Arztmeldepflicht nach § 6 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Verdachts-, Krankheits- und Todesfällen von Cholera
Nach IfSGMeldeVO (nur in Sachsen ): Zusätzlich namentliche Meldepflicht bei Ausscheidern
Labormeldepflicht nach § 7 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis von Vibrio cholerae O1 und O139
[7][4][8][9]
Erreger: Yersinia enterocolitica, -pseudotuberculosis, gramnegative Stäbchen
Infektionsweg: Zoonose (indirekt von Tieren über Lebensmittel, Milchprodukte, rohes Schweinefleisch)
Inkubationszeit: 3–10 Tage
Pseudoappendizitis (DD: Appendizitis) → mesenteriale Lymphadenitis insbesondere am Ileum mit den typischen Appendizitiszeichen
Enterokolitis (DD: Colitis ulcerosa, Morbus Crohn) → Durchfall über Wochen und kolikartige Bauchschmerzen, seltener blutig
Direkter Erregernachweis: Kälteanreicherung
Kausale Therapie (bei schwerem Verlauf): Antibiotische Therapie mit Fluorchinolonen (z.B. Ciprofloxacin ) oder Cephalosporine der 3. Generation (z.B. Ceftriaxon) [2]
Komplikationen: Vor allem bei HLA-B27-Patienten
Arztmeldepflicht nach IfSGMeldeVO (nur in Sachsen ): Namentliche Meldepflicht bei Krankheits- und Todesfällen sowie bei persistierender Ausscheidung von Yersinia enterocolitica mit dem Stuhl
Labormeldepflicht nach § 7 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis von darmpathogenen Yersinia spp.
Campylobacter (Campylobacter-Enterokolitis)
A00.-: Cholera
A00.0: Cholera durch Vibrio cholerae O:1, Biovar cholerae
Klassische Cholera
A00.1: Cholera durch Vibrio cholerae O:1, Biovar eltor
El-Tor-Cholera
A00.9: Cholera, nicht näher bezeichnet
A02.-: Sonstige Salmonelleninfektionen
Inklusive: Infektion oder Lebensmittelvergiftung durch Salmonellen außer durch Salmonella typhi und Salmonella paratyphi
A02.0: Salmonellenenteritis
Enteritis infectiosa durch Salmonellen
A02.1: Salmonellensepsis
A02.2: Lokalisierte Salmonelleninfektionen
Arthritis† (M01.3-*)
Meningitis† (G01*)
Osteomyelitis† (M90.2-*)
Tubulointerstitielle Nierenkrankheit† (N16.0*)
A02.8: Sonstige näher bezeichnete Salmonelleninfektionen
A02.9: Salmonelleninfektion, nicht näher bezeichnet
A03.-: Shigellose [Bakterielle Ruhr]
Shigellose durch Shigellen der Gruppe B
Shigellose durch Shigellen der Gruppe C
Shigellose durch Shigellen der Gruppe D
A04.5: Enteritis durch Campylobacter
A04.6: Enteritis durch Yersinia enterocolitica
Exklusive: Extraintestinale Yersiniose (A28.2)
1. Schielke et al.: Epidemiology of campylobacteriosis in Germany – insights from 10 years of surveillance. In: BMC Infectious Diseases. Band 14, Nummer 1, 2014, doi: 10.1186/1471-2334-14-30.
3. Robert-Koch-Institut: Campylobacter-Enteritis, RKI-Ratgeber für Ärzte. Robert-Koch-Institut. Stand März 2015. Abgerufen am 04.10.2017.
4. Robert-Koch-Institut: Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2016. Robert-Koch-Institut 2017, ISBN 978-3-896-06280-2.
5. Stolte et al.: Pathologie. Springer 2013, ISBN 978-3-642-02321-7.
6. Robert-Koch-Institut: Salmonellose, RKI-Ratgeber für Ärzte. Robert-Koch-Institut. Stand April 2016. Abgerufen am 09.10.2017.
7. Adam et al.: Die Infektiologie. Springer 2013, ISBN 978-3-642-18577-9.
8. WHO, Department of Child and Adolescent Health and Development: The treatment of diarrhoea : a manual for physicians and other senior health workers. World Health Organization (WHO) 2005, ISBN 9-241-59318-0.
9. Ritz et al.: The BlueBook - The Medical Guide for our Projects. Abgerufen am 14.12.2017.
10. Berner et al.: DGPI-Handbuch: Infektionen bei Kindern und Jugendlichen. 6. Auflage. Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) 2013, ISBN 978-3-131-44716-6.
Robert-Koch-Institut, Reiseassoziierte Infektionskrankheiten
Medbox - the aid library, Cholera toolbox
Folgende Kapitel sind mit dem Kapitel "Bakterielle Durchfallerkrankungen" thematisch verknüpft:
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References: § 7
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