Source: http://www.wellermusik.de/Musikgeschichte/ALKAN/alkan.html
Timestamp: 2017-07-22 08:48:42+00:00

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INHALT UND TEMPO DER KLAVIERMUSIK DES
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Motto: „Zu Ende gehen die Zeiten des thumben Spieles.” § 1
„Der Molossus, welcher seinen Nahmen von einer schweren Arbeit oder von einer Feldschlacht (lókos, labor, pugna), dabey wol keine geringe Arbeit ist, herführet, hat drey lange Sylben oder Klänge, und drücket eine Schwierigkeit, oder was mühseliges ziemlich wool aus. Die majestätischen Schritte diese Fusses könne auch füglich zu einem Marsch oder Aufzug dienen, absonderlich mit Pauken. In andern Vorfällen wird der Molossus wenig gebraucht, und zu lebhaften Sachen, oder Tänzen schickt er sich am wenigsten; desto mehr aber zu sehr ernsthaften, betrübten, oder gar bei schwermütigen Umständen. In Instrumental-Concerten wird derselbe Klang-Fuß oft mit kurtzen Sätzen, zwischen einem Allegro und einem Presto, zur Abwechslung eingeschaltet; doch nur gantz sparsam, in wenig Täcten, Staccato (auf Frantzösisch detaché, das getrennet ist, und nicht aneinander hängt. Das Wort taccare heißt nicht kleben, sondern klecken; beflecken; welches beym kleben gewisser maassen geschiehet. Staccare aber bedeutet hier Absondern), d. i. da die Bogen-Striche der geigen wol von einander abgesondert werden müssen, als ob Pausen zwischen den Noten stünden.” (Johann Mattheson, “Der vollkommene Kapellmeister”, 1739)
Das Studium der molossischen Etüde legt nahe, Alkan habe Matthesons Text als Gebrauchsanweisung oder Rezept benutzt - ja, ihr Manen Roberts, ich hör’ euch klagen! Der Meister schreibt für die punktierte Halbe im 6/4 - Takt die Metronom- zahl 58 vor. Schnellster und seitenlang vorkommender Notenwert: 16tel. Haupt- bewegung: 8tel in Oktaven und vollgriffigen Akkorden. Die zwei letzten Längen des Molossus (- - -) werden meist durch zwei Kürzen ersetzt. In der Literatur ist er Molossus eher selten und kommt nur in Verbindung mit anderen Werten vor. Es folgen Beispiele aus den „Hiketiden” des Aischylos:
1. ma ga ma / ga, boan 890 (Molossus + Creticus) _ _ _ / _ È _ 2. Kopfabhaun 840 (Molossus) _ _ _
3. Zeus, wie ward / Io, oh, / 162 (Molossus + Creticus) _ _ _ / _ È _ Heimgesucht / durch Göttergroll! 163 (Molossus + Iambus) _ _ _ / È _ È _
§ 8 Es ergeben sich acht witzenschaftliche Schlußfolgerung:
VII. Alkan war Weltmeister im unartikulierten Dauerschnellsprechen. In der molossischen Etüde werden bei falsch gelesener Metronomzahl sechs Silben je Sekunde verlangt. - Ein mittlerweile verstorbener früherer Präsident der Mozartgesellschaft erklärte, von Studenten in einer Vorlesung befragt, Mozart habe so schnelle Tempi komponiert (!), weil er so schnell und „lebhaft” gesprochen habe. Der gute Professor versuchte es auch noch vorzuführen, es ging aber nicht gut…
Der Techniker J. N. Mälzel schrieb in seiner Gebrauchsanweisung zum Metronom, eine 4tel-Note solle nicht einem Pendelschlag (= 1 Hin- und Her-Bewegung) entsprechen, sondern dem hörbaren Tick des Gerätes. Die erhaltene englische Gebrauchsanweisung heißt wörtlich: „...each single beat or tick forms the a part of the intended time and is to be counted as such; but not the two beats produced by the motion from one side to the other.” Mälzel wird wohl gewußt haben, warum er so formulierte. Musiker hatten immer nach der Fuß- oder Handbewegung die 4tel-Note in Auf und Abbewegung eingeteilt, nachzulesen in schöner Klarheit bei L’Affilard oder Quantz (a) „...und daß man die Hauptnoten, so das Zeitmaaß eintheilen, nämlich die Viertheile im Allegro, und die Achttheile im Adagio, mit der Spitze des Fußes sich bemerke...” (Flötenschule 1752, XVII/VII, § 32). b) „Wenn man sich aber die Hauptnoten in einem Stücke heimlich mit dem Fuße anmerket; ...ingleichen, ob die Noten, so nach den Pausen folgen, auf den Niederschlag oder das Aufheben des Fußes treffen, ...” (id. XVII/VII, § 34). c) „Nach Anleitung des Pulsschlages (80/Min., Anmerk. d. Verf.) wird der 4/4-Tact mit dem Fuße in Achtel eingeteilt. … Diese Einteilung in 8 Schläge kann in allen langsamen Stücken zur Regel genommen werden. In geschwinden Stücken aber kann man den gemeinen geraden Takt in 4 Theile, allwo denn das Niederschlagen und Aufheben des Fusses Achttheile ausmachen; den Tripeltact aber in drey Theile eintheilen.” (id. V, §18). d) „Man gewöhne sich erstlich, mit der Spitze des Fußes gleiche Schläge zu machen, wozu man den Pulsschlag an der Hand zur Richtschnur nehmen kann. Alsdenn theile man den gemeinen geraden, oder Vierviertheiltact, nach Anleitung des Pulsschlages, mit dem Fuße in Achttheile ein. Bey dem ersten Schlage stoße man die weißen Noten ohne Strich … mit der Zunge an, und unterhalte den Ton solange, bis man in Gedanken, nach dem Schlage des Fußes, 1.2.3.4.5.6.7.8 gezählet hat. … Bey den Viertheilen kommen zweene Schläge auf jede Note.” (id. V, § 17). e) „Um auch bey einem Concert eine proportionirliche Länge zu beobachten; kann man die Uhr dabey zu Rathe ziehen. Wenn der erste Satz … fünf Minuten, das Adagio fünf bis sechs Minuten und der letzte Satz drei bis vier Minuten einnimmt; so hat das ganze Concert seine gehörige Länge.” (id. XVIII, § 40). Man vergleiche hierzu das „Italienische Konzert” von J. S. Bach (Vorschlag des Verfassers: 1. Satz 4tel = 80: 5 Min., 2. Satz 8tel = 80: 3 Min. 45 Sek., 3. Satz 2tel = 88: 4 Min. 45 Sek ; Gesamtzeit 13 Min. 30 Sek.). Er, Mälzel, wollte die 4tel-Note nach dem Tick-Geräusch eingerichtet haben. Aber welcher musische Mensch liest schon technische Gebrauchsanweisungen, wenn er sowieso schon weiß, wie eine Pendelbewegung musikalisch zu interpretieren ist. Mälzel war leider kein Musiker, auch sein Umgang mit Beethoven hat da nicht abfärben können - oder vice versa: Beethoven war kein Techniker… Übrigens ist gerade der Umstand verdächtig, daß den Zuhörern die Allegro-Sätze des späten Beethoven besonders langsam vorkamen - zu einer Zeit, als der Meister begeistert seine Werke mit unglaublich hohen Zahlen zu metronomisieren begann.
Die bisherige Abhandlung gegen die Musik-Akademie des Landes Velocistan schwebe in zu hohen Sphären, incommodiert sich soeben ein velocistanischer Freund. Welcher Musiker kenne heutzutage noch Aischylos, welcher neuzeitliche und moderne Pianist beschäftige sich schon mit antiken Versmaßen, usw. Immerhin: Alkan tat es, lautet mein schüchterner Einwand, er komponierte gar in Vermaßen. Noch 1861 gab er als op. 63 Nr. 39 (48 Motifs) einen Klavierdialog „Héraclite et Démocrite” heraus. Außerdem war er ein ausgewiesener Verehrer der Musik des 18. Jahrhunderts, studierte seinen Brossard, Rameau, L’Affilard… höre ich da schon wieder Klagen? Nun, da ist es höchste Eisenbahn, endlich auch den einfacheren Gemütern etwas Handfestes zu bieten:
„Der mechanischen Beschleunigung entsprechen Stufen des Niedergangs. Die Technik hat auf Kosten der Substanz gewonnen.” (Ernst Jünger, Autor und Autorschaft)
Es geht nicht zuerst darum, irgendeiner Akademie Mores zu lehren. Die Crux der Akademien ist es nun einmal, am Status quo festzuhalten; was ihre Vertreter einmal gelernt haben - und sie haben es schließlich gelernt, um in Lohn und Brot zu kommen - geben sie ungern wieder preis und verteidigen es notfalls mit inquisitorischen Methoden, die heute kaum subtiler als Mittelalter sind. Denn auf die Preisgabe folgte der Verlust der (akademischen) Existenzberechtigung. Natürlich können und wollen sie auch keine Künstler bilden, sondern wiederum akademische Technokraten, die im heutigen Konzertleben und vor allem in der Schallplattenindustrie geradezu prädestiniert sind, den Ton anzugeben.
Man möchte mehr musikalische Argumente hören? Sehr gerne! Doch halt, da gibt es eine Schwierigkeit! Zur Erläuterung ein Beispiel für eine musikalische Begründung unserer neuen musikalischen Praxis: Beethoven, Sonate op. 106, 1. Satz. Ab Takt 235 müßten auch der rasanteste Klavierspieler ( Ja, ja haltet nur den Schnabel, wer ihn fängt, kriegt einen Guldan!) und der klügste Cäsar unter den Musikbe- sprechern merken, daß die Metronomzahl 2tel = 138 bei einem bloßen Allegro, dem der Komponist auch noch das zuvor beigefügte „assai” weggestrichen hatte, nur metrisch verstanden werden kann. Und wir könnten uns mit den „höheren” musikalischen Dingen (falls es höhere Dinge als das Metrum in der Musik geben sollte) beschäftigen. Wir könnten schwärmen über die seltsam verschlungene Polyphonie dieser Stelle, über wundersame Harmonie und sirenenhafte Melodey - aber wen überzeugt’s? (Man merkt, ich spreche hier gar nicht zu musikalischen Leuten…) Die Akademie des Landes Velocistan anerkennt nur harte Fakten - - tut sie das??
2. Geschwindmarsch:preußische Armee 108 (Deployjer-Schritt), sächsische Armee 115 Schritte/Min.
3. Sturmmarsch:120 Schritte/Min. z.B. bei Bajonnett-Attacken, nur vom Trommelschlag begleitet, „tambour battant”, d.h. „die Trommel schlagen”, doch Langenscheidts Lexikon gibt als Bedeutung einfach „im Sturmschritt”. Vgl. auch den Titel von Alkans op. 50bis: „Le Tambour bat aux Champs”, d. h. „Der Trommler (oder die Trommel) schlägt auf dem (Schlacht-)Feld.
a) Beethoven:Sonate op. 26, 3. Satz, 4/4, ohne direkte Tempoangabe, 4tel = 72 oder 66 (nach Czerny), kleinster Notenwert 32tel als Trommelwirbel im piano mit crescendo.
b) Beethoven:Eroica, 2. Satz, 2/4, „Adagio assai, 8tel = 80 (original?), kleinster Noten-wert 64tel (meist 32tel-Triolen).
c) Alkan:Trauermarsch op. 39 Nr. 5, 4/4, „Andantino”, 4tel = 88, kleinster Wert 32tel als Trommelwirbel im piano.
a) Beethoven:Sonate op. 101, 2. Satz, 4/4, „Ziemlich lebhaft. Marschmäßig”, 2tel = 76 oder 4tel = 152 (nach Czerny).
b) Beethoven:9. Symphonie, 4. Satz, 6/8, „Allegro assai vivace”, punktierte 4tel = 84 (original?).
c) BeethovenVariationen op. 76 („Türkischer Marsch”, 2/4, „Allegro risoluto”, nach Czerny 4tel = 112 (Franz Liszt muß das Originaltempo (metrisch 8tel = 112) noch bekannt gewesen sein, denn nur so ist sein „Capriccio alla Turca” SW 388, 1846 über dasselbe Thema mit all seinen Stringendi, Più Vivaces, etc. mit 32tel-Figurationen überhaupt ausführbar und musikalisch sinnvoll; Liszt gibt keine Metronomzahl).
Der Begriff „Movimento” taucht ab etwa 1550 in Italien auf; Zarlino spricht von „movimenti tardi e lenti”. Das kann einerseits „schwerfällige und lockere Bewegungen” (als Gegensatzpaar), andererseits „schwerfälligw (= langsame) und langsame Tempi” (als einander erläuterndes und bestätigendes Begriffspaar) bedeuten. Eine gewisse Zwiespältigkeit. liegt den Begriffen also bereits a priori zugrunde:
Daß nun Alkan keine doppelte Geschwindigkeit gemeint haben kann, dürfte klar sein (Natürlich gibt es auch in Velocistan die beharrenden Abderiten ...); auch die dichte pianistische Textur legt das nahe. Gemeint ist die Verdoppelung des Taktes bei gleichbleibender Geschwindigkeit. Das ist unüblich und originell. Der Feldherr wird im „großzügigeren” Takt dargestellt, man könnte den 4er-Takt hier gleichsam als aufgeblasenen 2er-Takt verstehen. Die ganze Hohlheit der Feldherrnherrlichkeit (schon das Feldherrn-Thema ist bewußt kurzatmig und banal gehalten, was bei der Taktverdoppelung um so karikativer wirkt) zeigt Alkan auch an stellen wie T. 214, linke Hand, die andererseits auch den Klang aufplustern.
Nachdem sich nun der Feldherr am Kampfgeschehen beteiligt hat, gibt es wieder Verwundete im halbierten Takt, die Alkan sich drastisch vor Schmerzen aufbäumen und in einem dunpf-modrigen Akkord darnieder sinken läßt. Der Feldherr zieht ab, und amn hört die sich entfernende, offensichtlich siegreiche Truppe ihr kühnes Kriegslied jetzt im höchsten Piccolo-Register mit Trommelbaß-Begleitung spielen. Die Reprise bringt den Tambour „più nubiloso, d. h. „wolkiger, rauchiger”. Wir stehen also auf der verlassenen Wallstatt, über der nur noch der dichte Pulverdampf hängt. Von großartig illustrierender Wirkung ist die Steigerung dieser stelle, die auch bei Mahler oder Schostakowitsch stehen könnte. Sie mag auch als letztes Indiz dafür dienen, daß die metronomzahl 4tel = 120 metrisch verstanden werden muß. Der Schluß ist im Tempo halbiert Lentement 4tel = 63, selbstverständlich hier ebenfalls metrisch zu verstehen.
Neues Motto: „Grau ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum.” (Goethe, Faust: Mephisto)
Kommentar:Von menschlicher Hand nicht spielbar, musikalisch in jeder Hinsicht unsinnig. Metrisch dagegen ergeben sich für die Achtel (207 : 2) ca. 104. Ergibt ein optimales Resultat. Und merkwürdig: viele Pianisten, die von der neuen Tempopraxis nichts halten, spielen dieses Tempo… Beim choralartigen Mittelteil sind die Viertel dann wie die vorhergehenden Achtel zu spielen.
Kommentar: (Die Noten sind zur Hand zu nehmen). „...und wenn sie nicht gestorben sind, dann üben sie noch heute.”
Übrigens lebte Czerny zu einer Zeit, als es noch keine ausgemachte Sache war, ob Andantino schneller oder langsamer sei als Andante. Noch Hummel (1828) galt Andantino für langsamer als Andante, und Chopin und der frühe Liszt knüpften unmittelbar an Hummel an. Der Andante-Begriff des Spätbarock (Niedt 1706: „gantz langsam”, Walther 1732: gleichmäßige Bewegung und „etwas geschwinder als Adagio”, u.v.a.), sollte er hier auch als ferne Ahnung noch mit hereinschwingen, kann außer acht gelassen werden. Seit Leopold Mozart geht der Begriff ganz auf das Tempo. Beethoven litt unter Zwiespältigkeit des Andantino. Viele seiner langsamen Sätze können metrisch verstanden werden; sogar bei dem Adagio der Hammerklaviersonate tut das fast jeder Pianist. Nimmt man Beethovens Ziffer wörtlich (8tel =92), ist doch die ganze Leidenschaft und Erhabenheit, die ihm und seinem Publikum soviel galten, beim - Teufel! © Wolfgang Weller 1996

References: § 1

§ 8
 § 32
 § 34
 §18
 § 17
 § 40