Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/kindergeldrueckforderung-und-der-billigkeitserlass-2-3139368
Timestamp: 2019-10-19 23:01:26+00:00

Document:
Die gericht­li­che Über­prü­fung einer den Bil­lig­keits­er­lass einer Kin­der­geld­rück­for­de­rung betref­fen­den Behör­den­ent­schei­dung hat u.a. zu berück­sich­ti­gen, ob und inwie­weit der Kin­der­geld­be­rech­tig­te sei­ne Mit­wir­kungs­pflich­ten erfüll­te. Dies erfor­dert jeden­falls nähe­re Fest­stel­lun­gen dazu, auf wel­chem Tat­be­stand die Kin­der­geld­fest­set­zung beruh­te und wor­in die Mit­wir­kungs­pflicht bestand.
Die Ent­schei­dung über den Erlass ist eine Ermes­sens­ent­schei­dung der Behör­de 1. Dem folgt die stän­di­ge Recht­spre­chung des BFH zu § 227 AO 2. Im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren kann die behörd­li­che Ermes­sens­ent­schei­dung nach § 102 FGO nur dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob die Gren­zen der Ermes­sens­aus­übung ein­ge­hal­ten wor­den sind 3.
Ob ein Geset­zes­über­hang, der einen Bil­lig­keits­er­lass recht­fer­tigt, anzu­neh­men ist, wenn ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter sei­ner Mit­wir­kungs­pflicht nach­ge­kom­men ist und das Kin­der­geld ohne des­sen Ver­schul­den wei­ter­ge­währt wur­de, ist bis­lang nicht höchst­rich­ter­lich ent­schie­den. Denk­bar sind Kon­stel­la­tio­nen, in denen der Rück­for­de­rungs­an­spruch auf­grund eines über Gebühr lan­gen Zuwar­tens der Fami­li­en­kas­se ent­stan­den ist oder sich erhöht hat 6 oder in denen die Fami­li­en­kas­se aus den ihr bekann­ten Tat­sa­chen die unzu­tref­fen­den Schlüs­se gezo­gen hat 7. Von Bedeu­tung kann auch sein, ob ein Betei­lig­ter eine fal­sche Aus­kunft erteilt, einen gebo­te­nen Hin­weis unter­las­sen hat 8 oder ob eine gebo­te­ne Rück­fra­ge an den Kin­der­geld­be­rech­tig­ten unter­blie­ben ist 9.
Im Streit­fall tra­gen indes­sen die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richts nicht des­sen Wür­di­gung, dass die Mut­ter ihre Mit­wir­kungs­pflich­ten gemäß § 68 Abs. 1 EStG erfüllt hat:
Die finanz­rich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung ist revi­si­ons­recht­lich zwar nur ein­ge­schränkt auf Ver­stö­ße gegen Denk­ge­set­ze und all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze über­prüf­bar. Das Finanz­ge­richt hat aber im Ein­zel­nen dar­zu­le­gen, wie und dass es sei­ne Über­zeu­gung in recht­lich zuläs­si­ger und ein­wand­frei­er Wei­se gewon­nen hat. Die sub­jek­ti­ve Gewiss­heit des Tatrich­ters vom Vor­lie­gen eines ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts ist nur dann aus­rei­chend und für das Revi­si­ons­ge­richt bin­dend, wenn sie auf einer logi­schen, ver­stan­des­mä­ßig ein­sich­ti­gen Beweis­wür­di­gung beruht, deren nach­voll­zieh­ba­re Fol­ge­run­gen den Denk­ge­set­zen ent­spre­chen und von den fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen getra­gen wer­den. Fehlt es an einer trag­fä­hi­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge für die Fol­ge­run­gen in der tatrich­ter­li­chen Ent­schei­dung oder fehlt die nach­voll­zieh­ba­re Ablei­tung die­ser Fol­ge­run­gen aus den fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen und Umstän­den, so liegt ein Ver­stoß gegen die Denk­ge­set­ze vor, der als Feh­ler der Rechts­an­wen­dung ohne beson­de­re Rüge vom Revi­si­ons­ge­richt bean­stan­det wer­den kann 10.
Im vor­lie­gen­den Fall fehlt es sowohl im Hin­blick auf die Annah­me des Finanz­ge­richt, es lie­ge im Streit­fall kei­ne Mit­wir­kungs- und Mit­tei­lungs­pflich­ten­ver­let­zung der Mut­ter vor, als auch bezüg­lich der Fest­stel­lung, die Fami­li­en­kas­se habe mit dem Auf­he­bungs­be­scheid über Gebühr zeit­lich zuge­war­tet, an der Nach­voll­zieh­bar­keit in die­sem Sin­ne. Das Finanz­ge­richt führt ledig­lich aus, dass laut einem Schrei­ben des Soh­nes vom 05.01.2012 die­ser der Fami­li­en­kas­se sei­nen Gesel­len­brief über­sandt habe. Eben­so wenig ist nach­voll­zieh­bar, wor­aus das Finanz­ge­richt fol­gert, dass die Fami­li­en­kas­se mit der Kin­der­geld­auf­he­bung zeit­lich über Gebühr zuge­war­tet habe, da aus den Fest­stel­lun­gen bereits nicht her­vor­geht, wann der Gesel­len­brief über­sandt wor­den sein soll. Hier­aus ergibt sich nicht, dass die Mut­ter ihre Mit­wir­kungs­pflich­ten gemäß § 68 Abs. 1 EStG erfüllt hat. Denn hier­zu hät­te zunächst fest­ge­stellt wer­den müs­sen, auf wel­chem Berück­sich­ti­gungs­grund die Kin­der­geld­fest­set­zung beruh­te und wor­in die Mit­wir­kungs­pflicht bestand. So könn­te bei einer Berück­sich­ti­gung des B durch die Fami­li­en­kas­se als arbeits­su­chend gemäß § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG von einer Erfül­lung der Mit­wir­kungs­pflicht gemäß § 68 Abs. 1 EStG erst dann aus­ge­gan­gen wer­den, wenn die Abmel­dung bei der Agen­tur für Arbeit im Inland als Arbeits­su­chen­der mit­ge­teilt wur­de. Die Über­sen­dung des Gesel­len­brie­fes erbräch­te hin­ge­gen kei­ne Aus­kunft über die Mel­dung bei der Agen­tur für Arbeit.
Das Urteil des Finanz­ge­richt, das auf den feh­ler­haf­ten Fest­stel­lun­gen beruht, kann nach den vor­ste­hen­den Grund­sät­zen kei­nen Bestand haben. Die Sache ist nicht spruch­reif und wird zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung an das Finanz­ge­richt zurück­ver­wie­sen (§ 126 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 FGO). Das Finanz­ge­richt wird die not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen bezüg­lich der Mit­wir­kungs­pflicht­ver­let­zung tref­fen müs­sen, um eine Ent­schei­dung unter Berück­sich­ti­gung der oben ste­hen­den Grund­sät­ze tref­fen zu kön­nen.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Sep­tem­ber 2018 – III R 48/​17
vgl. FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 06.03.2014 – 16 K 3046/​13 AO, EFG 2014, 977, Rz 24; FG Bre­men, Urteil vom 28.08.2014 – 3 K 9/​14 (1), EFG 2014, 1944, Rz 72; FG Müns­ter, Urteil vom 12.12 2016 – 13 K 91/​16 Kg, Rz 36[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 15.03.2007 – III R 54/​05, BFH/​NV 2007, 1298, Rz 36[↩]
vgl. FG Düs­sel­dorf, Urteil in EFG 2014, 977, Rz 24; FG Bre­men, Urteil in EFG 2014, 1944, Rz 72; FG Müns­ter, Urteil vom 12.12 2016 – 13 K 91/​16 Kg, Rz 36[↩]
BFH, Urteil vom 08.07.2015 – VI R 77/​14, BFHE 250, 518, BSt­Bl II 2016, 60, Rz 26[↩]

References: § 227
 § 102
 § 68
 § 68
 § 32
 § 68